The Project Gutenberg eBook, Der Tunnel, by Bernhard Kellermann


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Title: Der Tunnel


Author: Bernhard Kellermann



Release Date: December 23, 2013  [eBook #44489]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1


***START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DER TUNNEL***


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DER TUNNEL

Roman

von

BERNHARD KELLERMANN







S. Fischer, Verlag, Berlin
1913

26.--35. Tausend.
Alle Rechte, insbesondere das der bersetzung, vorbehalten.
Copyright 1913 S. Fischer, Verlag, Berlin.




Der Tunnel




Erster Teil




1.


Das Einweihungskonzert des neuerbauten Madison-Square-Palastes bildete
den Hhepunkt der Saison. Es war eines der auerordentlichsten Konzerte
aller Zeiten. Das Orchester umfate zweihundertundzwanzig Musiker, und
jedes einzelne Instrument war mit einem Knstler von Weltruf besetzt.
Als Dirigent war der gefeiertste lebende Komponist, ein Deutscher,
gewonnen worden, der fr den einen Abend das unerhrte Honorar von
sechstausend Dollar erhielt.

Die Eintrittspreise verblfften selbst New York. Unter dreiig Dollar
war kein Platz zu haben, und die Billettspekulanten hatten die Preise
fr eine Loge bis auf zweihundert Dollar und hher getrieben. Wer
irgendwie etwas sein wollte, durfte nicht fehlen.

Um acht Uhr abends waren 26., 27. und 28. Strae und Madison Avenue
von knatternden, ungeduldig bebenden Automobilen blockiert. Die
Billetthndler, die ihr Leben zwischen den Pneumatiken von sausenden
Automobilen verbringen, strzten sich, schweitriefend trotz einer
Temperatur von zwlf Grad Klte, Bndel von Dollarscheinen in den
Hnden, tollkhn mitten in den endlos heranrollenden Strom wtend
donnernder Wagen. Sie schwangen sich auf die Trittbretter, Fhrersitze
und selbst Dcher der Cars und versuchten das Schnellfeuer der Motoren
mit ihren heiser heulenden Stimmen zu berbrllen. ~Here you are!
Here you are!~ Zwei Parkettsitze, zehnte Reihe! Ein Logenplatz! Zwei
Parkettsitze ...!! Ein schrger Hagel von Eiskrnern fegte wie
Maschinengewehrfeuer auf die Strae nieder.

Sobald ein Wagenfenster klappte -- Hierher! -- warfen sie sich
blitzschnell wie Taucher wieder zwischen die Wagen. Whrend sie aber
ihr Geschft abschlossen, Geld in die Taschen stopften, gefroren ihnen
die Schweitropfen auf der Stirn.

Das Konzert sollte um acht Uhr beginnen, aber noch ein Viertel nach
acht warteten unabsehbare Reihen von Wagen darauf, bei dem in Nsse
und Licht schreiend rot leuchtenden Baldachin vorzufahren, der in das
blitzende Foyer des Konzertpalastes hineinfhrte. Unter dem Lrm der
Billetthndler, dem Knattern der Motoren und Trommeln der Eiskrner
auf dem Baldachin quollen aus den einander blitzschnell ablsenden
Cars immer neue Menschenbndel hervor, von den dunkeln Mauern der
Neugierigen mit stets neuer Spannung erwartet: kostbare Pelze, ein
funkelndes Haargebude, aufsprhende Steine, ein seideglnzender
Schenkel, ein entzckender weibeschuhter Fu, Lachen, kleine
Schreie ...

Der Reichtum der fnften Avenue, Bostons, Philadelphias, Buffalos,
Chikagos fllte den pompsen, in Lachsrot und Gold gehaltenen
berhitzten Riesensaal, der whrend des ganzen Konzerts von Tausenden
von hastig bewegten Fchern vibrierte. Aus all den weien Schultern
und Bsten der Frauen stieg eine Wolke betubender Parfme empor,
zuweilen ganz unvermittelt von dem nchternen und trivialen Geruch
von Lack, Gips und lfarbe durchsetzt, der dem neuen Raum anhaftete.
Scharen und Aberscharen von Glhlampen blendeten aus den Kassetten
der Decke und Emporen ber den Raum, so gleiend und grell, da
nur starke und gesunde Menschen die Lichtflut ertragen konnten. Die
Pariser Modeknstler hatten fr diesen Winter kleine venezianische
Hubchen lanciert, die die Damen auf den Frisuren, etwas nach hinten
gerckt, trugen. Gespinste, Spinngewebe aus Spitzen, Silber, Gold, mit
Borden, Quasten, Gehngsel aus den kostbarsten Materialien, Perlen und
Diamanten. Da aber die Fcher unausgesetzt vibrierten und die Kpfe
stets in leichter Bewegung waren, so glitt fortwhrend ein Glitzern
und Flimmern ber das dichtgedrngte Parkett, und hundertfach sprhten
gleichzeitig an verschiedenen Stellen die Feuer der Brillanten auf.

ber diese Gesellschaft, ebenso neu und prunkvoll wie der Konzertsaal,
fegte die Musik der alten, lngst vermoderten Meister dahin ...

Der Ingenieur Mac Allan hatte mit seiner jungen Frau, Maud, eine kleine
Loge dicht ber dem Orchester inne. Hobby, sein Freund, der Erbauer des
neuen Madison-Square-Palastes, hatte sie ihm zur Verfgung gestellt und
Allan kostete diese Loge keinen Cent. Er war zudem nicht aus Buffalo,
wo er eine Fabrik fr Werkzeugstahl besa, hierhergekommen, um Musik
zu hren, fr die er gar kein Verstndnis hatte, sondern um eine zehn
Minuten lange Unterredung mit dem Eisenbahnmagnaten und Bankier Lloyd,
dem mchtigsten Mann der Vereinigten Staaten und einem der reichsten
Mnner der Welt, zu fhren. Eine Unterredung, die fr ihn von der
allergrten Bedeutung war.

Am Nachmittag, im Zuge, hatte Allan vergebens gegen eine leichte
Erregung gekmpft, und noch vor wenigen Minuten, als er sich durch
einen Blick berzeugte, da die Loge gegenber, Lloyds Loge, noch leer
war, hatte ihn die gleiche sonderbare Unruhe angefallen. Nun aber sah
er den Dingen wieder mit vollkommener Ruhe entgegen.

Lloyd war nicht da. Lloyd kam vielleicht berhaupt nicht. Und selbst
wenn er kam, so war damit noch nichts entschieden -- trotz Hobbys
triumphierender Depesche!

Allan sa da, wie ein Mann, der wartet und die ntige Geduld dazu
hat. Er lag in seinem Sessel, die breiten Schultern gegen die Lehne
gedrckt, die Fe ausgestreckt, so gut es in der Loge ging, und sah
mit ruhigen Augen umher. Allan war nicht gerade gro, aber breit
und stark gebaut wie ein Boxer. Sein Schdel war mchtig, mehr
viereckig als lang, und die Farbe seines etwas derben bartlosen
Gesichts ungewhnlich dunkel. Selbst jetzt im Winter zeigten seine
Backen Spuren von Sommersprossen. Wie alle Welt trug er das Haar
sorgfltig gescheitelt; es war braun, weich und schimmerte an den
Reflexen kupferfarben. Allans Augen lagen verschanzt hinter starken
Stirnknochen; sie waren licht, blaugrau und von gutmtig kindlichem
Ausdruck. Im ganzen sah Allan aus wie ein Schiffsoffizier, der gerade
von der Fahrt kam, vollgepumpt mit frischer Luft, und heute zufllig
einen Frack trug, der nicht recht zu ihm pate. Wie ein gesunder,
etwas brutaler und doch gutmtiger Mensch, nicht unintelligent, aber
keineswegs bedeutend.

Allan vertrieb sich die Zeit, so gut er konnte. Die Musik hatte
keine Macht ber ihn und anstatt seine Gedanken zu konzentrieren und
zu vertiefen, zerstreute und verflchtigte sie sie. Er ma mit den
Blicken die Dimensionen des ungeheuren Saales aus, dessen Decken-
und Logenringkonstruktion er bewunderte. Er berflog das flimmernde,
vibrierende Fchermeer im Parkett und dachte, da viel Geld in den
Staaten sei und man hier so etwas unternehmen knne, wie er es im
Kopf hatte. Als praktisch veranlagter Mensch unternahm er es, die
stndlichen Beleuchtungskosten des Konzertpalastes abzuschtzen. Er
einigte sich auf rund tausend Dollar und verlegte sich hierauf auf das
Studium einzelner Mnnerkpfe. Frauen interessierten ihn gar nicht.
Dann streifte sein Blick wiederum die leere Loge Lloyds und tauchte
in das Orchester hinab, dessen rechten Flgel er bersehen konnte.
Wie alle Menschen, die nichts von Musik verstehen, verblffte ihn die
maschinelle Exaktheit, mit der das Orchester arbeitete. Er rckte ein
wenig vor, um den Dirigenten zu sehen, dessen stabfhrende Hand und
dessen Arm nur zuweilen ber der Brstung erschienen. Dieser hagere,
schmalschulterige, distinguierte Gentleman, dem sie fr diesen Abend
sechstausend Dollar bezahlten, war Allan vollends ein Rtsel. Er
beobachtete ihn lange und aufmerksam. Schon das uere dieses Mannes
war ungewhnlich. Sein Kopf, mit der Hakennase, den kleinen, lebendigen
Augen, dem zusammengekniffenen Mund und den dnnen, nach rckwrts
stehenden Haaren erinnerte an den eines Geiers. Er schien nur Haut und
Knochen zu sein und nichts als Nerven. Aber er stand ruhig inmitten
des Chaos von Stimmen und Lrm und ordnete es nach Belieben mit einem
Wink seiner weien, anscheinend kraftlosen Hnde. Allan bewunderte ihn,
etwa wie einen Zauberer, in dessen Macht und Geheimnisse einzudringen
er nicht einmal den Versuch machte. Dieser Mann schien ihm einer
fernen Zeit und einer sonderbaren, unverstndlichen, fremden Rasse
anzugehren, die dem Aussterben nahe war.

Gerade in diesem Augenblick aber streckte der hagere Dirigent die Hnde
in die Hhe, schttelte sie wie in Raserei, und in den Hnden schien
pltzlich eine bermenschliche Kraft zu wohnen: das Orchester brandete
auf und verstummte mit einem Schlag.

Eine Lawine von Beifall rollte durch den Saal, hohl tobend in der
ungeheuren Ausdehnung des Raumes. Allan rckte aufatmend zurecht, um
aufzustehen. Aber er hatte sich getuscht, denn drunten leiteten die
Holzblser schon das Adagio ein. Aus der Nebenloge drang noch das Ende
eines Gesprchs herber.... ... zwanzig Prozent Dividende, Mann! Es
ist ein Geschft, wie es glnzender ...

Und Allan war gezwungen, wieder ruhig zu sitzen. Er begann abermals
die Konstruktion der Logenringe zu studieren, die ihm nicht ganz
verstndlich war. Allans Frau dagegen, selbst angehende Pianistin,
ergab sich mit ihrem ganzen Wesen der Musik. An der Seite ihres
Gatten erschien Maud zart und klein. Sie hatte den feinen braunen
Madonnenkopf in den weien Handschuh gesttzt, und ihr transparent
leuchtendes Ohr _trank_ die Tonwellen, die von unten herauf, von oben
herab, von irgendwoher kamen. Die ungeheure Vibration, mit der die
zweihundert Instrumente die Luft erfllten, erschtterte jeden Nerv an
ihrem Krper. Ihre Augen waren geweitet und ohne Blick in die Ferne
gerichtet. So stark war ihre Erregung, da auf ihren zarten, glatten
Wangen kreisrunde rote Flecke erschienen.

Nie, so schien es ihr, hatte sie Musik tiefer empfunden, nie hatte
sie berhaupt je solche Musik gehrt. Eine kleine Melodie, ein
unscheinbares Nebenmotiv konnte eine niegekannte Helligkeit in ihrer
Seele wecken. Ein einzelner Klang konnte eine unbekannte, verborgene
Ader von Glck in ihr anschlagen, da es hell daraus strmte und sie
im Innern blendete. Und alles Gefhl, das diese Musik in ihr auslste,
war reinste Freude und Schnheit! All die Gesichte, die ihr die Musik
entgegentrug, waren in Helligkeit und Verklrung getaucht und schner
als jede Wirklichkeit.

Mauds Leben war eben so schlicht und einfach wie ihre Erscheinung.
Es gab weder groe Ereignisse noch besondere Merkwrdigkeiten darin
und glich dem von Tausenden von jungen Mdchen und Frauen. Sie war
in Brooklyn, wo ihr Vater eine Druckerei besa, geboren und auf
einem Landgut in den Berkshire-Hills von ihrer sie verzrtelnden
Mutter, einer gebornen Deutschen, erzogen worden. Sie hatte eine
gute Schulbildung genossen, zwei Sommer lang Vorlesungen an der
~summerschool~ von Chautauqua gehrt, sie hatte eine Menge von Weisheit
und Wissen in ihren kleinen Kopf hineingestopft, um es wieder zu
vergessen. Obwohl nicht bermig musikalisch begabt, hatte sie sich
auf dem Klavier ausgebildet und ihr Studium in Mnchen und Paris bei
ersten Lehrern abgeschlossen. Sie war mit ihrer Mutter auf Reisen
gewesen (der Vater war lange tot), sie hatte Sport getrieben und mit
jungen Mnnern geflirtet wie alle jungen Mdchen. Sie hatte eine
Jugendschwrmerei gehabt, an die sie heute nicht mehr dachte, sie hatte
Hobby, dem Architekten, der sich um sie bewarb, einen Korb gegeben,
weil sie ihn nur wie einen Kameraden lieben konnte, und sie hatte den
Ingenieur Mac Allan geheiratet, weil er ihr gefiel. Noch vor ihrer
Verheiratung war ihre kleine, angebetete Mutter gestorben, und Maud
hatte bittere Trnen vergossen. Im zweiten Jahr ihrer Ehe hatte sie ein
Kind geboren, ein Mdchen, das sie abgttisch liebte. Das war alles.
Sie war dreiundzwanzig Jahre alt und glcklich.

Whrend sie in einer Art von herrlicher Betubung die Musik geno,
erblhte wie durch einen Zauber ein Reichtum von Erinnerungen in
ihr, einander scheinbar willkrlich ablsend, alle sonderbar klar,
alle merkwrdig bedeutungsvoll. Und ihr Leben erschien ihr pltzlich
geheimnisvoll, tief und reich. Sie sah die Zge ihrer kleinen Mutter
in unendlicher Vergeistigung und Gte vor sich, aber sie empfand
keine Trauer dabei, nur Freude und unaussprechliche Liebe. Als weile
die Mutter noch unter den Lebenden. Gleichzeitig erschien ihr eine
Landschaft in den Berkshire-Hills, die sie als Mdchen hufig auf dem
Rade durchquert hatte. Aber die Landschaft war voll geheimnisvoller
Schnheit und von einem merkwrdigen Glnzen erfllt. Sie dachte an
Hobby, und im gleichen Augenblick sah sie ihr Mdchenzimmer, das
vollgestopft mit Bchern war, vor sich. Sie sah sich selbst, wie sie
am Klavier sa und bte. Aber unmittelbar darauf tauchte Hobby wieder
auf. Er sa neben ihr auf einer Bank am Rande eines Tennisplatzes, der
schon so dmmerig war, da man nur die weien Streifen der Courts noch
unterscheiden konnte. Hobby hatte ein Bein bergeschlagen und klopfte
mit dem Rakett auf die Spitze seines weien Schuhs und plauderte. Sie
sah sich selbst, und sie sah, da sie lchelte, denn Hobby sprach
nichts als verliebten Unsinn. Aber eine heitere, bermtige, ein wenig
spttische Passage wehte Hobby hinweg und rief ihr jenes frhliche
Picknick ins Gedchtnis zurck, bei dem sie Mac zum erstenmal gesehen
hatte. Sie war zu Besuch bei Lindleys in Buffalo, und es war im Sommer.
Im Wald standen zwei Autos, und sie waren im ganzen wohl ein Dutzend,
Damen und Herren. Jedes einzelne Gesicht erkannte sie deutlich wieder.
Es war hei, die Herren waren in Hemdrmeln, und der Boden brannte.
Nun aber sollte Tee gekocht werden und Lindley rief: Allan, wollen
Sie das Feuer anmachen? Und Allan antwortete: ~All right!~ Und
Maud schien es jetzt, als habe sie schon damals seine Stimme geliebt,
seine tiefe, warme Stimme, die im Brustkorb resonierte. Da sah sie
nun, wie Allan das Feuer zurechtmachte. Wie er still, unbeachtet von
allen, ste zerbrach, zerknackte, wie er _arbeitete_! Sie sah, wie er
mit aufgestlpten Hemdrmeln vor dem Feuer kauerte und es behutsam
anblies, und pltzlich entdeckte sie, da er auf dem rechten Unterarm
eine blablaue Ttowierung trug: gekreuzte Hmmer. Sie machte Grace
Gordon darauf aufmerksam. Und Grace Gordon (dieselbe, die neulich
den Eheskandal gehabt hat) sah sie erstaunt an und sagte: ~Don't
you know, my dear?~ Und sie berichtete ihr, da dieser Mac Allan
der Pferdejunge von Uncle Tom war und erzhlte das romantische
Jugenderlebnis dieses braunen, sommersprossigen Burschen. Da kauerte
er, ohne sich um all die schwtzenden, frhlichen Menschen zu kmmern,
und blies das Feuer an, und sie liebte ihn in diesem Augenblick. Gewi
tat sie es, sie wute es nur nicht, bis heute. Und Maud berlie sich
nun ganz ihrem Gefhl fr Mac. Sie erinnerte sich an seine merkwrdige
Werbung, an ihre Trauung, die ersten Monate ihrer Ehe. Dann aber kam
die Zeit, da ihr Mdchen, die kleine Edith, zur Welt kommen sollte und
zur Welt kam. Nie wrde sie Macs Frsorge vergessen, jene Zrtlichkeit
und Ergebenheit in dieser Zeit, die fr jede Frau ein Mastab der Liebe
des Mannes ist. Es zeigte sich pltzlich, da Mac ein frsorgliches,
ngstliches Kind war. Nie wrde sie diese Zeit vergessen, in der sie
sah, wie wahrhaft gut Mac war! Eine Welle von Liebe strmte durch Mauds
Herz und sie schlo die Augen. Die Gesichte, die Erinnerungen versanken
und die Musik trug sie fort. Sie dachte nichts mehr, sie war ganz
Empfindung ...

Ein Getse, wie von einer einstrzenden Mauer, brach pltzlich an Mauds
Ohr und sie erwachte und holte tief Atem. Die Symphonie war zu Ende.
Mac war schon aufgestanden und reckte sich, die Hnde auf der Brstung.
Das Parkett brandete und toste.

Und Maud stand auf, ein wenig schwindlig und benommen, und begann ganz
pltzlich wild zu applaudieren.

So klatsche doch, Mac! jubelte sie auer sich, das Gesicht glhendrot
vor Erregung.

Allan lachte ber Mauds ungewhnliche Aufregung und klatschte einigemal
laut in die Hnde, um ihr eine Freude zu machen.

Bravo! Bravo! rief Maud mit ihrer hellen, hohen Stimme und beugte
sich mit vor Erregung feuchten Augen weit ber die Logenbrstung.

Der Dirigent trocknete sich das magere, vor Erschpfung bleiche Gesicht
ab und verbeugte sich wieder und wieder. Als aber der Beifall nicht
enden wollte, deutete er mit ausgebreiteten Hnden auf das Orchester.
Diese Bescheidenheit war offenbar geheuchelt und erweckte Allans
unausrottbaren Argwohn gegen Knstler, die er nie fr volle Menschen
nehmen konnte und, offen herausgesagt, fr unntig hielt. Maud aber
schlo sich dem neuen Beifallssturm hingerissen an.

Meine Handschuhe sind geplatzt, sieh, Mac! Was fr ein Knstler! War
es nicht wunderbar? Ihre Lippen waren verzckt, ihre Augen leuchteten
hell wie Bernstein, und Mac fand sie ungewhnlich schn in ihrer
Ekstase. Er lchelte und erwiderte, ein wenig gleichgltiger als er
wollte: Ja, das ist ein groartiger Bursche!

Ein Genie ist er! rief Maud und klatschte begeistert. In Paris,
Berlin, London habe ich nie so etwas gehrt -- Sie brach ab und wandte
das Gesicht der Tre zu, denn Hobby, der Architekt, trat in ihre Loge.

Hobby! schrie Maud, immer noch klatschend, denn sie wollte, wie
tausend andere, den Dirigenten nochmals herausrufen. Klatsche, Hobby,
er mu nochmals heraus! Hip! Hip! Bravo!

Hobby hielt sich die Ohren zu und lie einen ungezogenen
Gassenbubenpfiff hren.

Hobby! schrie Maud. Wie kannst du dich unterstehen! Und sie
stampfte emprt mit dem Fu auf. In diesem Moment lie sich der
Dirigent, schweitriefend, das Taschentuch im Nacken, nochmals sehen,
und sie klatschte von neuem rasend.

Hobby wartete, bis der Lrm nachlie.

Die Leute sind vollstndig verrckt! sagte er dann mit einem hellen
Lachen. So etwas! Ich habe ja nur gepfiffen, um Lrm zu machen, Maud.
Wie geht es dir, ~girl~? ~And how are you, old chap?~

Erst jetzt hatten sie Mue, sich richtig zu begren.

Die drei verband in der Tat eine aufrichtige und selten innige
Freundschaft. Allan kannte recht wohl die frheren Beziehungen Hobbys
zu Maud, und obwohl nie ein Wort darber gesprochen wurde, verlieh
dieser Umstand dem Verhltnis zwischen den beiden Mnnern besondere
Wrme und einen eigenen Reiz. Hobby war noch immer ein wenig in Maud
verliebt, war aber taktvoll und klug genug, es sich nie merken zu
lassen. Allein Mauds sicherer weiblicher Instinkt lie sich nicht
tuschen. Sie geno Hobbys Liebe mit leisem Triumph, der zuweilen
in ihren warmen braunen Augen zu lesen war, und entschdigte ihn
mit einer aufrichtigen schwesterlichen Zuneigung. Sie hatten sich
alle drei in verschiedenen Lebenslagen, voller Freude, sich ntzlich
sein zu knnen, Dienste erwiesen, und besonders Allan fhlte sich
Hobby gegenber zu groem Danke verpflichtet: hatte doch Hobby ihm
vor Jahren zu technischen Versuchen und zur Errichtung seiner Fabrik
fnfzigtausend Dollar verschafft und fr diese Summe persnliche
Brgschaft geleistet. Hobby hatte ferner in den letzten Wochen Allans
Interessen vor dem Eisenbahnknig Lloyd vertreten und das bevorstehende
Rendezvous vermittelt. Hobby htte alles fr Allan getan, was berhaupt
mglich war, denn er bewunderte ihn. Schon in der Zeit, da Allan nichts
geschaffen hatte als seinen Diamantstahl Allanit, pflegte Hobby zu
all seinen Bekannten zu sagen: Kennen Sie brigens Allan? Der das
Allanit erfand? Nun, Sie werden noch hren von ihm! Die Freunde sahen
einander jhrlich einigemal. Die Allans kamen nach New York oder Hobby
besuchte sie in Buffalo. Im Sommer verlebten sie regelmig drei Wochen
zusammen auf Mauds bescheidenem Landgut Berkshirebrookfarm in den
Berkshire-Hills. Ein jedes Wiedersehen war fr sie ein groes Ereignis.
Sie fhlten sich um drei, vier Jahre zurckversetzt, und alle jene
frhlichen und vertrauten Stunden, die sie zusammen verbracht hatten,
wurden irgendwie lebendig in ihnen.

Diesen ganzen Winter hindurch hatten sie sich nicht gesehen, und
ihre Freude war um so lebhafter. Sie musterten einander von oben bis
unten wie groe Kinder, und beglckwnschten sich in heiterem Ton zu
ihrem Aussehen. Maud lachte ber Hobbys dandyhafte Lackschuhe, die
auf den Kappen wahre Rhinozeroshrner aus glnzendem Leder trugen,
und Hobby begutachtete wie ein Modeknstler Mauds Kostm und Allans
neuen Frack. Wie bei jedem Wiedersehen nach lngerer Zeit mischten
sie hundert rasche Fragen und rasche Antworten durcheinander, ohne
ber irgend etwas eingehender zu plaudern. Hobby hatte, wie immer, die
sonderbarsten und unglaublichsten Abenteuer erlebt und deutete das eine
und das andere an. Dann kamen sie auf das Konzert, Tagesereignisse und
Bekannte zu sprechen.

Wie gefllt euch brigens der Konzertpalast? fragte Hobby mit einem
triumphierenden Lcheln, denn er wute schon, was die Freunde antworten
wrden. Allan und Maud hielten mit ihrem Lob nicht zurck. Sie
bewunderten _alles_.

Und das Foyer?

~Grand~, Hobby!

Nur der Saal ist mir ein wenig zu prunkvoll, warf Maud ein. Ich
htte ihn gern intimer gehabt.

Der Architekt lchelte gutmtig. Natrlich, Maud! Das wre richtig,
wenn die Leute hierher kmen, um Musik zu hren. Fllt ihnen gar nicht
ein. Die Leute kommen hierher, um etwas zu bewundern und sich bewundern
zu lassen. >Schaffen Sie uns eine Feerie, Hobby,< sagte das Konsortium,
>der Saal mu alles bisher Dagewesene totschlagen!<

Allan stimmte Hobby bei. Was er aber in erster Linie an Hobbys Saal
bewunderte, war nicht die dekorative Pracht, sondern die khne
Konstruktion des freischwebenden Logenringes.

Hobby blinzelte geschmeichelt. Das war keineswegs einfach, sagte er.
Es machte mir viel Kopfzerbrechen. Whrend der Ring genietet wurde,
schwankte die ganze Geschichte bei jedem Schritt. So ... Hobby wippte
sich auf den Fuspitzen. Die Arbeiter bekamen es mit der Angst --

Hobby! rief Maud bertrieben ngstlich aus und trat von der Brstung
zurck. Du erschreckst mich.

Hobby berhrte lchelnd ihre Hand: Keine Angst, Maud. Ich sagte den
Burschen: wartet nur, bis der Ring ganz geschlossen ist -- keine
Macht der Welt, hchstens Dynamit ist noch imstande ... hallo! rief
er pltzlich ins Parkett hinab. Ein Bekannter hatte ihn durch das
zusammengerollte Programm wie durch ein Sprachrohr angerufen. Und Hobby
fhrte eine Unterhaltung, die man durch den ganzen Saal htte verstehen
mssen, wenn nicht gleichzeitig berall Gesprche in dem gleichen
ungeniert lauten Ton gefhrt worden wren.

Allenthalben hatte man Hobbys auffallenden Kopf erkannt. Hobby
hatte die hellsten Haare im ganzen Saal, silberblonde, glnzende
Haare, die peinlich gescheitelt und glattgestrichen waren, und ein
leichtsinniges schmales Spitzbubengesicht von ausgesprochen englischem
Typus, mit einer etwas aufwrts gebogenen Nase und nahezu weien
Wimpern. Im Gegensatz zu Allan war er schmal und zart, mdchenhaft
gebaut. Augenblicklich richteten sich von allen Seiten die Glser auf
ihn, und aus allen Richtungen klang sein Name. Hobby gehrte zu den
populrsten Erscheinungen New Yorks und zu den beliebtesten Mnnern
der Gesellschaft. Seine Extravaganzen und sein Talent hatten ihn rasch
berhmt gemacht. Es verging kaum eine Woche, ohne da die Zeitungen
eine Anekdote ber ihn brachten.

Hobby war mit vier Jahren ein Genie in Blumen, mit sechs ein Genie in
Pferden (er konnte in fnf Minuten ganze Heere rasender Pferde aufs
Papier werfen) und nun war er ein Genie in Eisen und Beton und baute
Wolkenkratzer. Hobby hatte seine Affren mit Frauen gehabt und mit
zweiundzwanzig Jahren ein Vermgen von hundertundzwanzigtausend Dollar
in Monte Carlo verspielt. Jahraus, jahrein stak er bis ber seinen
weiblonden Scheitel in Schulden -- trotz seinem enormen Einkommen --
ohne sich eine Sekunde darber zu bekmmern.

Hobby war am hellichten Tag auf einem Elefanten durch den Broadway
geritten. Hobby war jener Mann, der vor einem Jahre vier Tage
Millionr spielte, in einem Luxuszug nach dem Yellowstonepark fuhr,
um als Viehtreiber heimzufahren. Er hielt den Rekord im Dauer-Bridge,
achtundvierzig Stunden. Jeder Trambahnfhrer kannte Hobby und stand mit
ihm nahezu auf Du und Du. Unzhlige Witze Hobbys wurden kolportiert,
denn Hobby war Spavogel und Exzentrik von Natur. Ganz Amerika hatte
ber einen Scherz gelacht, den er anllich der Flugkonkurrenz New York
-- San Franzisko in Szene setzte. Hobby hatte den Flug als Passagier
des bekannten Millionrs und Sportmanns Vanderstyfft mitgemacht und
ber alle Menschenansammlungen, die sie in einer Hhe von achthundert
oder tausend Meter passierten, Zettel ausgestreut, auf denen stand:
Komm herauf, wir haben dir was zu sagen! Dieser Scherz hatte Hobby
selbst derart entzckt, da er ihn whrend der ganzen Reise, zwei Tage
lang, unermdlich wiederholte. Vor wenigen Tagen erst hatte er New
York wiederum durch ein ungeheures, ebenso geniales wie naheliegendes
Projekt verblfft: New York -- das Venedig Amerikas! Er, Hobby, schlug
nmlich vor (da der Boden im Geschftsviertel einfach nicht mehr zu
bezahlen war), in den Hudson, East River und die New York-Bai riesige
Wolkenkratzer, ganze Straen auf Betonquader zu stellen, die mit
Klappbrcken verbunden waren, so da die groen Ozeanfahrer bequem
passieren konnten. Der Herald hatte Hobbys faszinierende Zeichnungen
verffentlicht und New York war von dem Projekt berauscht.

Hobby ernhrte allein ein Schock Journalisten. Er war Tag und Nacht bei
der Arbeit, fr sich zu tuten; er konnte nicht existieren ohne die
ununterbrochene Besttigung seines Daseins in der ffentlichkeit.

So war Hobby. Und nebenbei war er der begabteste und gesuchteste
Architekt New Yorks.

Hobby brach sein Gesprch mit dem Parkett ab und wandte sich wieder den
Freunden zu.

So erzhle doch, was die kleine Edith treibt, Maud? fragte er,
obschon er sich schon vorher nach dem Kinde, dessen Pate er war,
erkundigt hatte.

Mit keiner Frage konnte man Mauds Herz mehr berhren. In diesem
Augenblick war sie von Hobby ganz einfach entzckt. Sie errtete und
sah ihn mit ihren warmen braunen Augen schwrmerisch und dankbar an.

Ich sagte dir ja schon, da Edith mit jedem Tage ser wird, Hobby!
antwortete sie mit zrtlichem, mtterlichem Ton in der Stimme und ihre
Augen standen voll Freude.

Das war sie doch immer.

Ja! Aber -- Hobby, du kannst dir keinen Begriff machen -- und wie klug
sie wird! Sie fngt schon an zu sprechen!

Erzhle ihm doch die Geschichte von dem Hahn, Maud, warf Allan ein.

Ja! Und Maud erzhlte strahlend und glcklich eine kleine drollige
Geschichte, in der ihr Mdchen und ein Hahn die Hauptrolle spielten.
Alle drei lachten wie Kinder.

Ich mu sie bald wieder sehen! sagte Hobby. In vierzehn Tagen komme
ich zu euch. Und sonst war es langweilig in Buffalo, sagst du?

~Deadly dull!~ versetzte Maud rasch. Puh, todlangweilig, Hobby,
zum Sterben! Sie zog die feinen Brauen in die Hhe und sah einen
Augenblick aufrichtig unglcklich aus. Lindleys sind nach Montreal
bergesiedelt, das weit du ja.

Das ist sehr schade.

Grace Kossat ist schon seit dem Herbst in gypten. Und Maud schttete
Hobby ihr Herz aus. Wie langweilig doch so ein Tag sein knne! Und wie
langweilig ein Abend! Und in scherzhaft vorwurfsvollem Ton fgte sie
hinzu: Was fr ein Gesellschafter Mac ist, das weit du ja, Hobby!
Er vernachlssigt mich noch mehr wie frher. Manchmal kommt er den
ganzen Tag nicht aus der Fabrik. Nun hat er sich zu all den hbschen
Dingen noch ein Heer von Versuchsbohrern angeschafft, die Tag und Nacht
Granit, Stahl und Gott wei was bohren. Diese Bohrer pflegt er wie
Kranke, genau wie Kranke, Hobby! Er trumt nachts von ihnen ...

Allan lachte laut auf.

La ihn nur machen, Maud, sagte Hobby und blinzelte mit seinen weien
Wimpern. Er wei schon, was er will. Du wirst mir doch nicht auf ein
paar Bohrer eiferschtig werden, ~girlie~?

Ich hasse sie ganz einfach! antwortete Maud. Glaube auch nicht,
fuhr sie errtend fort, da er mit mir nach New York gefahren wre,
wenn er nicht Geschfte hier htte.

Aber Maud! beschwichtigte Allan.

Hobby dagegen hatte Mauds lchelnd geuerter Vorwurf an das
Wichtigste erinnert, was er Allan hatte sagen wollen. Er sah pltzlich
nachdenklich aus und fate Allans Frack.

Hre, Mac, sagte er etwas leiser, ich befrchte, da du heute
umsonst von Buffalo hierhergekommen bist. Der alte Lloyd ist nicht
wohl. Ich habe vor einer Stunde Ethel Lloyd angeklingelt, aber sie
wute noch nicht, ob sie kommen wrden. Das wre in der Tat fatal!

Es mu ja nicht gerade heute sein, entgegnete Allan, ohne seine
Enttuschung zu verraten.

Auf jeden Fall bin ich wie der Satan hinter ihm her, Mac! Er soll
keine ruhige Stunde mehr haben! Und nun adieu einstweilen!

Im nchsten Augenblick tauchte Hobby schon mit lautem Hallo in einer
Nachbarloge auf, in der drei junge rothaarige Damen mit ihrer Mutter
saen.

Der Dirigent mit dem mageren Geierkopf stand pltzlich wieder am Pult
und ein fein anschwellender Donner stieg aus den Kesselpauken empor.
Die Fagotte intonierten ein fragendes, s klagendes Motiv, das sie
wiederholten und steigerten, bis die Geigen es ihnen entrissen und in
ihre Sprache bertrugen.

Maud berlie sich wieder der Musik.

Allan aber sa mit khlen Augen in seinem Sessel, die Brust geweitet
vor innerer Spannung. Er bereute nun, hierher gekommen zu sein! Lloyds
Vorschlag zu einer kurzen Besprechung in der Loge eines Konzertsaales
hatte bei der Wunderlichkeit des reichen Mannes, der nur uerst selten
jemand in seinem Hause empfing, nichts Merkwrdiges an sich, und Allan
war ohne zu zgern darauf eingegangen. Er war auch geneigt, Lloyd
zu entschuldigen, im Falle er wirklich krank war. Aber er forderte
fr sein Projekt, dessen Gre ihn zuweilen selbst berwltigte, den
allergrten Respekt! Er hatte dieses Projekt, an dem er fnf Jahre
lang Tag und Nacht arbeitete, bisher nur zwei Menschen anvertraut:
Hobby, der ebensogut zu schweigen verstand, wenn es sein mute,
als er schwatzen konnte, wenn man ihm die Zunge nicht festband.
Sodann Lloyd. Nicht einmal Maud. Er verlangte, da Lloyd sich in
den Madison-Square-Palast _schleppte_, wenn es irgendwie anging! Er
verlangte, da Lloyd ihm zum mindesten eine Nachricht schickte, ihm ein
anderes Rendezvous vorschlug! Versumte Lloyd dies -- nun, so wollte er
nichts mehr mit dem launenhaften, kranken, reichen Mann zu tun haben.

Die von vehement bebender Musik, von Parfmen, blendenden Lichtfluten,
dem Glitzern von Edelsteinen erfllte Treibhausatmosphre, die ihn
umfieberte, steigerte Allans Gedanken zu hchster Klarheit. Sein Kopf
arbeitete rasch und przis, obwohl ihn pltzlich eine starke Erregung
ergriffen hatte. Das Projekt war alles! Mit ihm stand oder fiel er! Er
hatte fr Versuche, Informationen, tausend vorbereitende Arbeiten sein
Vermgen geopfert und mute, klar gesagt, morgen von vorn anfangen,
sobald das Projekt nicht ausgefhrt wurde. Das Projekt war sein Leben!
Er rechnete seine Chancen durch wie ein algebraisches Problem, bei dem
jedes einzelne Glied das Resultat der vorhergehenden Resultate ist. In
erster Linie konnte er den Stahltrust fr sein Projekt interessieren.
Der Trust hatte in der Konkurrenz mit dem sibirischen Eisen den
krzeren gezogen und lag in einer unerhrten Flaute still. Der Trust
wrde sich auf das Projekt strzen -- zehn gegen eins gewettet! --
oder aber Allan konnte mit ihm einen Krieg bis aufs Messer fhren. Er
konnte das Grokapital, die Morgan, Vanderbilt, Gould, Astor, Mackay,
Havemeyer, Belmont, Whitney und wie sie alle hieen attackieren. Den
Ring der Grobanken unter Feuer nehmen. Er konnte endlich, wenn alles
fehlschlagen sollte, sich mit der Presse verbnden.

Er konnte auf Umwegen sein Ziel erreichen; klar gesehen, brauchte er
Lloyd gar nicht. Aber mit Lloyd als Verbndeten war es eine gewonnene
Attacke, ohne ihn ein mhsames Vordringen, bei dem jeder Quadratfu
Terrain einzeln erobert werden mute.

Und Allan, der weder sah noch hrte, arbeitete hinter unerbittlichen,
halbgeschlossenen Augen seinen Feldzugsplan bis in die kleinsten
Einzelheiten aus ...

Pltzlich aber ging etwas wie ein Schauer durch den Saal, der ohne Laut
unter der Hypnose der Musik lag. Die Kpfe bewegten sich, die Steine
begannen strker zu flimmern, Glser blinkten. Die Musik flo gerade in
sanftem Piano dahin, und der Dirigent wandte irritiert den Kopf, da man
im Saale flsterte. Etwas mute geschehen sein, das grere Macht ber
das Auditorium hatte als die Hypnose der zweihundertundzwanzig Musiker,
des Dirigenten und des unsterblichen Komponisten.

In der Nebenloge sagte eine gedmpfte Bastimme: Sie trgt
den Rosy Diamond ... aus dem Kronschatz von Abdul Hamid ...
zweimalhunderttausend Dollar Wert.

Allan hob den Blick: die Loge gegenber war dunkel -- Lloyd war
gekommen!

In der dunkeln Loge war Ethel Lloyds bekanntes Profil schwach
sichtbar, zart, delikat gezeichnet. Ihr goldblondes Haar war nur an
einem unbestimmten Flimmern zu erkennen, und an der linken Schlfe
(die dem Publikum zugewendet war) trug sie einen groen Edelstein von
blartlichem Feuer.

Sehen Sie diesen Hals, diesen Nacken, raunte die gedmpfte Stimme des
Herrn nebenan. Haben Sie jemals solch einen Nacken gesehen? Man sagt,
da Hobby, der Architekt -- ja, der Blonde, der vorhin nebenan war ...

Nun, das lt sich denken! flsterte eine andere Stimme mit rein
englischem Akzent und ein leises Lachen drang herber.

Der Hintergrund von Lloyds Loge war durch einen Vorhang abgetrennt,
und Allan schlo aus einer Bewegung Ethels, da Lloyd dahinter sa. Er
beugte sich zur Seite und flsterte Maud ins Ohr: Lloyd ist nun doch
gekommen, Maud.

Aber Maud hatte nur Ohr fr die Musik. Sie verstand Allan gar nicht.
Sie war vielleicht die einzige im Saal, die noch nicht wute, da
Ethel Lloyd in ihrer Loge sa und den Rosy Diamond trug. In einer
momentanen seelischen Aufwallung, die die Musik in ihr entfachte,
streckte sie ihre kleine Hand tastend nach Allan aus. Und Allan nahm
ihre Hand und streichelte sie mechanisch, whrend tausend rasche, khne
Gedanken durch sein Gehirn jagten und sein Ohr Bruchstcke von dem
Geklatsch aufnahm, das die Stimmen nebenan raunten und flsterten.

Diamanten? fragte die flsternde Stimme.

Ja, erwiderte die raunende Stimme. Man sagt, so fing er an. In den
australischen Camps.

Er spekulierte?

Auf seine Weise. Er war Kantinenwirt.

Er hatte keine Claims, sagen Sie?

Er hatte seinen eigenen Claim. (Leises inneres Lachen.)

Ich kann Sie nicht verstehen.

Man sagt es. Seine eigene Mine, die ihm keinen Cent kostete ... die
Arbeiter werden, wie Sie wissen, genau untersucht ... verschlucken
Diamanten.

Das ist mir ganz neu ...

Lloyd, so sagt man ... Kantinenwirt ... er tat etwas in den Whisky ...
da sie seekrank wurden ... seine Mine ...

Das ist unglaublich!

Man sagt es! Und jetzt gibt er Millionen fr Universitten,
Sternwarten, Bibliotheken ...

Ei ei ei! sagte die flsternde Stimme, vollkommen totgeschlagen.

Dabei ist er schwerkrank, menschenscheu -- meterdicke Betonwnde
umgeben seine Wohnrume, damit kein Laut hereindringt ... wie ein
Gefangener ...

Ei ei ei ...

Pst! Maud wandte emprt den Kopf und die Stimmen verstummten.

In der Pause sah man den lichtblonden Hobby in Lloyds Loge treten und
Ethel Lloyd wie einer vertrauten Bekannten die Hand schtteln.

Sie sehen, da ich recht hatte! sagte laut die tiefe Stimme in
der Nachbarloge. Hobby ist ein Glckspilz! Da ist allerdings noch
Vanderstyfft da --

Dann kam Hobby herber und steckte den Kopf in Allans Loge.

Komm, Mac, rief er, der alte Mann wnscht dich zu sprechen!




2.


Das ist Mac Allan! sagte Hobby, indem er Allan auf die Schulter
klopfte.

Lloyd sa zusammengekauert mit gesenktem Kopf in der halbdunklen Loge,
von der aus man einen blendenden Ausschnitt des Logenringes voll
lchelnder, schwtzender Damen und Herren berblicken konnte. Er sah
nicht auf und es schien, als habe er nicht gehrt. Nach einer Weile
aber sagte er bedchtig und trocken, mit heiseren Nebengeruschen in
der Stimme: Ich freue mich aufrichtig, Sie zu sehen, Herr Allan! Ich
habe mich eingehend mit Ihrem Projekt beschftigt. Es ist khn, es ist
gro, es ist mglich! Was ich tun kann, das wird geschehen! Und in
diesem Moment streckte er Allan die Hand hin, eine kurze, viereckige
Hand, lasch und mde und seidenweich, und wandte ihm das Gesicht zu.

Allan war von Hobby auf diesen Anblick vorbereitet worden, aber er
mute sich trotzdem zusammennehmen, um das Grauen zu verbergen, das ihm
Lloyds Gesicht einflte.

Lloyds Gesicht erinnerte an eine Bulldogge. Die unteren Zhne
standen ein wenig vor, die Nasenlcher waren runde Lcher und die
trnenden, entzndeten kleinen Augen standen wie schrge Schlitze in
dem braunen, ausgetrockneten und bewegungslosen Gesicht. Der Kopf
war vollkommen haarlos. Eine ekelhafte Flechte hatte Lloyds Hals,
Gesicht und Kopf zernagt und ausgetrocknet und die tabakbraune Haut
und die eingeschrumpften Muskeln ber die Knochen gespannt. Die
Wirkung von Lloyds Gesicht war frchterlich, sie ging vom Erbleichen
bis zur Ohnmacht und nur starke Nerven vermochten den Anblick ohne
Erschtterung zu ertragen. Lloyds Gesicht war der tragikomischen Larve
einer Bulldogge hnlich und verbreitete gleichzeitig den Schrecken
eines lebendigen Totenkopfes. Es erinnerte Allan an Indianermumien,
auf die sie bei einem Bahnbau in Bolivia gestoen waren. Diese Mumien
hockten in viereckigen Kisten. Ihre Kpfe waren eingetrocknet, die
Gebisse erhalten, hinter den verschrumpften Lippen grinsend, die
Augen mit Hilfe von weien und dunklen Steinen grauenhaft natrlich
nachgeahmt.

Lloyd, der die Wirkung seines Gesichtes recht gut kannte, war zufrieden
mit dem Eindruck, den es auf Allan machte, und orientierte sich mit
seinen kleinen feuchten Augen in Allans Zgen.

In der Tat, wiederholte er dann, Ihr Projekt ist das khnste, von
dem ich je hrte -- und es ist mglich!

Allan verbeugte sich und sagte, er freue sich, Herrn Lloyds Interesse
fr sein Projekt erweckt zu haben. Der Augenblick war entscheidend
fr sein Leben, und doch war er -- zu seinem eigenen Erstaunen --
vollkommen ruhig. Noch beim Eintreten erregt, war er nun imstande,
Lloyds kurze, przise Fragen klar und sachlich zu beantworten. Er
fhlte sich diesem Mann gegenber, dessen Aussehen, Karriere und
Reichtum tausend andere verwirrt haben wrde, augenblicklich sicher,
ohne da er einen bestimmten Grund dafr htte angeben knnen.

Sind Ihre Vorbereitungen so weit gediehen, da Sie morgen mit dem
Projekt vor die ffentlichkeit treten knnen? fragte Lloyd zuletzt.

Ich brauche noch drei Monate.

So verlieren Sie keinen Augenblick! schlo Lloyd in bestimmtem Ton.
Im brigen verfgen Sie ganz ber mich. Hierauf zupfte er ein wenig
an Allans rmel und deutete auf seine Tochter.

Das ist Ethel Lloyd, sagte er.

Allan wandte Ethel, die ihn whrend des ganzen Gesprches betrachtet
hatte, den Blick zu und grte.

~How do you do~, Mr. Allan? sagte Ethel lebhaft und reichte Allan mit
der ganzen Natrlichkeit und Freimut ihrer Rasse die Hand, wobei sie
ihm offen ins Gesicht blickte. Das also ist er! fgte sie nach einer
kurzen Pause mit feinem, ein wenig schalkhaftem Lcheln hinzu, hinter
dem sie ihr Interesse fr seine Person zu verbergen suchte.

Allan verbeugte sich und wurde verwirrt, denn mit jungen Damen wute er
gar nichts anzufangen.

Es fiel ihm auf, da Ethel bermig stark gepudert war. Sie erinnerte
ihn an ein Pastellgemlde, so zart und weich waren ihre Farben, das
Blond ihrer Haare, das Blau ihrer Augen und das feine Rot ihres jungen
Mundes. Sie hatte ihn wie eine groe Dame begrt und doch klang aus
ihrer Stimme etwas Kindliches, als sei sie nicht neunzehn (das wute er
von Hobby), sondern zwlf Jahre alt.

Allan murmelte eine Hflichkeitsphrase; ein leicht verlegenes Lcheln
blieb auf seinem Munde stehen.

Ethel betrachtete ihn immer noch aufmerksam, halb wie eine
einflureiche Dame, deren Interesse eine Huld ist, und halb wie ein
neugieriges Kind.

Ethel Lloyd war eine typisch amerikanische Schnheit. Sie war schlank,
geschmeidig und dabei doch weiblich. Ihr reiches Haar war von jenem
seltenen zarten Goldblond, das die Damen, die es nicht besitzen,
stets fr gefrbt erklren. Sie hatte auffallend lange Wimpern, in
denen Spuren von Puder haften geblieben waren. Ihre Augen waren
dunkelblau und klar, erschienen aber infolge der langen Wimpern leicht
verschleiert. Ihr Profil, ihre Stirn, das Ohr, der Nacken, alles war
edel, rassig und wahrhaft schn. Aber auf ihrer rechten Wange zeigten
sich schon die Spuren jener entsetzlichen Krankheit, die ihren Vater
verunstaltet hatte. Von ihrem Kinn aus zogen hellbraune, vom Puder
fast zugedeckte Linien, wie Fasern eines Blattes, bis zur Hhe des
Mundwinkels, einem blassen Muttermal hnlich.

Ich liebe es, mit meiner Tochter ber Dinge zu plaudern, die mich
lebhaft interessieren, begann Lloyd wieder, und so drfen Sie es mir
nicht belnehmen, da ich mit ihr ber Ihr Projekt gesprochen habe. Sie
ist verschwiegen.

Ja, ich bin verschwiegen! versicherte Ethel lebhaft und nickte
lchelnd mit dem schnen Kopf. Wir haben stundenlang Ihre Plne
studiert und ich habe mit Papa so lange darber geplaudert, bis er
selbst ganz begeistert war. Und das ist er jetzt, nicht wahr, Papa?
(Lloyds Maske blieb bewegungslos.) Papa verehrt Sie, Herr Allan! Sie
mssen uns besuchen, wollen Sie?

Ethels leicht verschleierter Blick haftete an Allans Augen und ein
freimtiges junges Lcheln schwebte ber ihren schngeschwungenen
Lippen.

Sie sind in der Tat sehr liebenswrdig, Frulein Lloyd! erwiderte
Allan mit einem leisen Lcheln ber ihren Eifer und ihr munteres
Geplauder.

Ethel gefiel sein Lcheln. Ganz ungeniert lie sie den Blick auf
seinen weien starken Zhnen ruhen, dann ffnete sie die Lippen, um
etwas hinzuzufgen, aber in diesem Augenblick setzte das Orchester
rauschend ein. Sie berhrte flchtig das Knie ihres Vaters, um ihn um
Entschuldigung zu bitten, da sie noch spreche -- Lloyd war ein groer
Musikfreund -- und flsterte Allan wichtigtuerisch zu: Sie haben eine
Bundesgenossin an mir, Herr Allan! Ich gebe Ihnen die Versicherung, ich
werde nicht erlauben, da Papa seine Meinung ndert. Sie wissen, er tut
das zuweilen. Ich werde ihn zwingen, da er alles in Flu bringt! Auf
Wiedersehen!

Mit einem hflichen, aber etwas gleichgltigen Kopfnicken, das Ethel
einigermaen enttuschte, erwiderte Allan ihren Hndedruck -- und damit
war das Gesprch zu Ende, das ber das Werk seines Lebens und eine neue
Epoche in den Beziehungen zwischen der Alten und Neuen Welt entschied.

Funkelnd und stark im Innern unter dem Anprall von Gedanken und
Empfindungen, die dieser Sieg in ihm auslste, verlie er mit Hobby die
Loge Lloyds.

Vor der Tre stieen sie auf einen Mann von kaum zwanzig Jahren, der
gerade noch Zeit gehabt hatte, zurckzutreten und sich aufzurichten,
bevor er berrannt wurde. Offenbar hatte er versucht, an Lloyds Loge zu
lauschen. Der junge Mann lchelte, womit er seine Schuld eingestand und
um Entschuldigung bat. Er war ein Reporter des Herald und hatte den
gesellschaftlichen Teil des Abends zu bearbeiten. Ungeniert vertrat er
Hobby den Weg.

Herr Hobby, sagte er, wer ist der Gentleman?

Hobby blieb stehen und zwinkerte gut gelaunt. Sie kennen ihn nicht?
fragte er. Das ist Mac Allan, von den Allanschen Werkzeugstahlwerken,
Buffalo, Erfinder des Diamantstahls Allanit, Championboxer von Green
River und der erste Kopf der Welt.

Der Journalist lachte laut heraus: Sie vergessen Hobby, Herr Hobby!
erwiderte er, und indem er mit dem Kopf gegen Lloyds Loge deutete,
fgte er flsternd und ehrerbietig neugierig hinzu: Gibt es etwas
Neues, Herr Hobby?

Ja, antwortete Hobby lachend und ging weiter. Sie werden staunen!
Wir bauen einen tausend Fu hohen Galgen, an dem am 4. Juli alle
Zeitungsschreiber New Yorks aufgehngt werden.

Dieser Scherz Hobbys stand tatschlich am nchsten Tag in der Zeitung,
zusammen mit einem (geflschten) Portrt von Mr. Mac Allan, Erfinder
des Diamantstahls Allanit, den C. H. L. (Charles Horace Lloyd) in
seiner Loge empfing, um mit ihm ber eine Millionengrndung zu
verhandeln.




3.


Maud schwelgte noch immer. Allein sie war nicht mehr imstande, mit
jener heiligen Andacht zu lauschen wie vorher. Sie hatte die Szene
in Lloyds Loge beobachtet. Sie wute wohl, da Mac damit beschftigt
war, etwas Neues auszuarbeiten, eine groe Sache, wie er sagte.
Irgendeine Erfindung, ein Projekt, sie hatte ihn nie darber gefragt,
denn nichts lag ihr ferner als Maschinen und technische Dinge. Sie
begriff auch, wie wertvoll fr Mac eine Verbindung mit Lloyd sein
mute, aber sie machte ihm stille Vorwrfe, da er gerade diesen Abend
fr eine Besprechung gewhlt hatte. Den einzigen Abend des Winters,
an dem er mit ihr zusammen ein Konzert besuchte. Sie verstand nicht,
wie es ihm mglich war, whrend eines solchen Konzerts an Geschfte
zu denken! Zuweilen kam ihr der Gedanke, als ob sie nicht recht in
dieses Amerika hineinpasse, wo alles Busine war und nur Busine, als
ob sie glcklicher geworden wre da drben in der Alten Welt, wo sie
noch Erholung und Geschft zu trennen verstanden. Aber nicht das allein
beunruhigte Maud, der feine, ewig wache Instinkt der liebenden Frau
lie sie befrchten, da jene groe Sache, diese Lloyds und wie sie
hieen, mit denen Mac nun zu tun haben wrde, ihr noch mehr von ihrem
Gatten rauben wrden, als die Fabrik und seine Ttigkeit in Buffalo es
jetzt schon taten.

ber Mauds frhliche Laune war ein Schatten gefallen, und sie legte
die Stirn in Falten. Dann aber glitt pltzlich eine stille Heiterkeit
ber ihr Gesicht. Eine fugenartige, tndelnde und heitere Passage
hatte ihr -- dank einer rtselhaften Ideenverbindung -- ganz pltzlich
ihr Kind deutlich und in den reizvollsten, eine Mutter beglckenden
Situationen ins Gedchtnis gerufen. Es verlockte sie, in der Musik eine
Prophezeiung des Lebens ihres kleinen Mdchens hren zu wollen, und
anfangs ging alles herrlich. Ja, so glcklich sollte ihre Edith werden,
so sollte Ediths Leben sein! Aber die spielerische, sonnige Heiterkeit
ging unvermittelt in ein schweres, schleppendes ~majestoso sostenuto~
ber, das Beklommenheit und bse Ahnungen erweckte.

Mauds Herz klopfte langsamer. Nein, nimmermehr sollte das Leben ihres
kleinen sen Mdchens, mit dem sie wie ein Kind spielte und das sie
wie eine erfahrene alte Frau pflegte, dieser Musik hnlich werden.
Welch ein Unsinn, mit solchen Einfllen zu spielen! Sie breitete sich
in Gedanken ber die Kleine, um sie mit ihrem Krper gegen diese bange,
schwere Musik zu decken, und nach einiger Zeit gelang es ihr auch,
ihren Gedanken eine andere Richtung zu geben.

Die Musik selbst kam ihr zu Hilfe. Denn pltzlich ri die Brandung der
Tne sie wieder fort zu einer unbestimmten Sehnsucht, die hei und
herrlich war und alle Gedanken erstickte. Sie war Ohr, wie vorher.
Mit einer atemlosen, rasenden Leidenschaftlichkeit jagte die Musik
dahin, von heien, verfhrerischen Stimmen angefhrt, und Maud war wie
ein loses Blatt im Sturmwind. Pltzlich aber brach sich die wilde,
keuchende Leidenschaft an einem unbekannten Hindernis, so wie die Woge
an einem Felsen zerschellt, und die donnernde Brandung zerflatterte in
schreiende, wehklagende, zitternde und ngstliche Stimmen. Maud war
es, als ob sie pltzlich still stehen msse und gezwungen sei, ber
etwas nachzudenken, was unbekannt, geheimnisvoll und unergrndlich
fr sie war. Die Stille, die dem heien Sturm folgte, war so bannend,
da pltzlich alle vibrierenden Fcher im Parkett stehen blieben. Mit
einer Dissonanz setzten die Stimmen da drunten wieder unsicher, zgernd
ein (die Fcher bewegten sich wieder), und diese zusammengepreten,
gequlten Tne, die sich nur schwer und mhselig zur Melodie
durchkmpften, stimmten Maud nachdenklich und traurig. Die spottenden
Fagotte drunten sprachen zu ihr, und die Celli, die ganz ehrlich
litten, und es schien Maud, als ob sie pltzlich ihr ganzes Leben
verstnde. Sie war nicht glcklich, trotzdem Mac sie anbetete und sie
ihn abgttisch liebte -- nein, nein, es war da irgend etwas, was
fehlte ...

In diesem Augenblick, gerade in diesem Augenblick, berhrte Mac ihre
Schulter und raunte ihr ins Ohr: Entschuldige, Maud -- wir fahren am
Mittwoch nach Europa. Ich habe noch viel vorzubereiten in Buffalo. Wenn
wir jetzt gehen, knnen wir den Nachtzug noch erreichen. Was denkst du?

Maud antwortete nicht. Sie sa still und regungslos. Das Blut stieg ihr
ber Schultern und Nacken ins Gesicht. Ihre Augen fllten sich langsam
mit Trnen. So vergingen einige Minuten. Sie war in diesem Augenblick
Mac bitterbse im Herzen. Es erschien ihr roh, sie mitten aus dem
Konzert zu reien, nur weil seine Geschfte drngten.

Allan sah, da sie schwer atmete und ihre Wange rot geworden war. Seine
Hand lag noch auf ihrer Schulter. Er machte eine liebkosende Bewegung
und raunte begtigend: Nun, so bleiben wir, Liebling, ich machte nur
den Vorschlag. Wir knnen auch recht gut den Frhzug morgen nehmen.

Maud aber war die Laune grndlich verdorben. Die Musik qulte sie
jetzt und machte sie bang und unruhig. Sie schwankte noch, ob sie
nachgeben sollte oder nicht. Da sah sie zufllig, da Ethel Lloyd ganz
ungeniert das Glas auf sie gerichtet hatte, und augenblicklich schickte
sie sich an zu gehen. Sie zwang sich zu einem Lcheln, damit Ethel
Lloyd es she, und Allan war sehr erstaunt ber ihren zrtlichen (noch
feuchten) Blick, mit dem sie sich an ihn wandte. Gehen wir, Mac!

Es freute sie, da Mac ihr zuvorkommend beim Aufstehen behilflich war,
und heiter lchelnd, anscheinend in der glcklichsten Laune, verlie
sie die Loge.




4.


Sie erreichten Central-Station gerade, als der Zug aus der Halle zog.

Maud vergrub die kleinen Hnde in die Taschen ihres Pelzmantels und
lugte aus dem aufgestlpten Kragen zu Mac hin. Da fhrt dein Zug,
Mac! sagte sie lachend und gab sich keine Mhe, ihre Schadenfreude zu
verbergen.

Hinter ihnen stand ihr Diener, Leon, ein alter Chinese, den alle Welt
Lion rief. Lion trug die Reisetaschen und sah mit stupidem Ausdruck
seines welken, faltigen Gesichtes dem Zuge nach.

Allan zog die Uhr und nickte. Es ist zu schade, sagte er gutmtig.
Lion, wir fahren ins Hotel zurck.

Im Auto erklrte er Maud, da es ihm gerade ihretwegen unangenehm sei,
da sie den Zug versumt htten; sie habe gewi noch eine Menge mit dem
Packen zu tun.

Maud lachte leise. Weshalb? sagte sie und sah an Mac vorbei. Wieso
weit du, da ich berhaupt mitfahre, Mac?

Allan sah sie erstaunt an. Du wirst schon mitkommen, denke ich, Maud?

Ich wei wirklich nicht, ob es angeht, mit Edith im Winter zu reisen.
Und ohne Edith gehe ich auf keinen Fall.

Allan blickte nachdenklich vor sich hin.

Daran dachte ich im Augenblick gar nicht, sagte er nach einer Weile
zgernd. Freilich, Edith. Aber ich denke, es liee sich trotzdem
machen.

Maud entgegnete nichts. Sie wartete. So leicht sollte er diesmal nicht
davonkommen. Nach einer Pause setzte Allan hinzu: Der Dampfer ist ja
genau wie ein Hotel, Maud. Ich wrde Luxuskabinen nehmen, damit ihr es
bequem httet.

Maud kannte Mac genau. Er wrde nicht weiter in sie dringen,
mitzukommen, sie nicht bitten. Er wrde nun kein Wort weiter sagen und
es ihr auch gar nicht belnehmen, wenn sie ihn allein reisen liee.

Sie sah ihm an, da er sich jetzt schon mit diesem Gedanken abzufinden
suchte.

Er blickte nachdenklich und enttuscht vor sich hin. Es kam ihm gar
nicht in den Sinn, da ihre Absage nichts als eine Komdie war, ihm,
der nie in seinem Leben Komdie spielte und dessen Wesen so einfach und
aufrichtig war, da es sie immer von neuem berraschte.

In einer pltzlichen Aufwallung ergriff sie seine Hand. Natrlich
komme ich mit, Mac! sagte sie mit einem zrtlichen Blick.

Ah, siehst du! erwiderte er und drckte ihr dankbar die Hand.

Die berwindung ihrer schlechten Laune machte Mauds Herz pltzlich froh
und leicht, und sie begann rasch und heiter zu plaudern. Sie sprach von
Lloyd und Ethel Lloyd.

War Ethel sehr gndig, Mac? fragte sie.

Sie war wirklich sehr nett zu mir, entgegnete Allan.

Wie findest du sie?

Sie kam mir sehr ungeknstelt vor, natrlich, ein wenig naiv sogar,
fast wie ein Kind.

Oh! Maud lachte. Und sie begriff selbst nicht, weshalb Macs Antwort
sie wieder leicht gegen ihn verstimmte. Oh, Mac, wie du dich auf
Frauen verstehst! ~Lord~! Ethel Lloyd und natrlich! Ethel Lloyd und
naiv! Hahaha!

Nun mute auch Allan lachen. Sie kam mir in der Tat so vor,
versicherte er.

Maud aber ereiferte sich. Nein, Mac, rief sie aus, ich habe doch
nie so etwas Komisches gehrt! So seid ihr Mnner! Es gibt kein
geknstelteres Wesen als Ethel Lloyd, Mac! Ihre Natrlichkeit ist
ihre grte Kunst. Ethel ist, glaube mir das ruhig, Mac, eine ganz
raffinierte, kokette Person und alles an ihr ist Berechnung. Sie mchte
euch Mnner alle behexen. Glaube mir das, ich kenne sie. Hast du ihre
Sphinxaugen gesehen?

Nein. Allan sagte die Wahrheit.

Nicht? Aber sie sagte einmal zu Mabel Gordon: ich habe Sphinxaugen,
alle Leute sagen es. Und du findest sie naiv! Sie ist ja so schrecklich
eitel, dieses hbsche Geschpf, oh, du mein Gott! Jede Woche mindestens
einmal erscheint ihr Bild in der Zeitung. Ethel sagt: --! Sie macht
Tag und Nacht Reklame fr sich, genau wie Hobby. Sogar mit ihrer
Wohlttigkeit macht sie Reklame.

Vielleicht hat sie aber wirklich ein gutes Herz, Maud? warf Allan ein.

Ethel Lloyd? Maud lachte. Dann sah sie Mac pltzlich in die Augen,
whrend sie sich an den Nickelgriffen des sausenden, schleudernden
Autos festhielt. Ist sie wirklich so schn, Ethel?

Ja, sie ist schn, Maud. Aber, Gott wei, weshalb sie sich so stark
pudert!

Maud sah enttuscht aus. Hast du dich in sie verliebt, Mac? Wie alle
andern? fragte sie leise, mit geheuchelter Angst.

Allan lachte und zog sie an sich. Du bist ein kleiner Narr, Maud!
rief er aus und drckte ihr Gesicht an seine Wange.

Nun war Maud wieder ganz zufrieden. Wie kam es doch, da sie heute jede
Kleinigkeit irritieren konnte? Was ging Ethel Lloyd sie an?

Sie schwieg eine Weile, dann sagte sie in aufrichtigem Ton: Es kann
brigens sein, da Ethel wirklich ein gutes Herz hat, ich glaube es
sogar.

Aber gerade, als sie dies ausgesprochen hatte, fand sie, da sie im
Grunde nicht recht an das gute Herz Ethels glaubte. Nein, heute war
nichts mit ihr anzufangen.

Nach dem Diner, das sie sich auf dem Zimmer servieren lieen, ging Maud
gleich zu Bett, whrend Allan im Salon blieb, um Briefe zu schreiben.
Allein Maud konnte nicht sofort einschlafen. Sie war seit dem frhen
Morgen auf den Beinen gewesen und bermdet. Die trockene, heie Luft
des Hotelzimmers versetzte sie in ein leises Fieber. Alle Aufregungen
des Tages, die Reise, das Konzert, die Menschenmenge, Ethel Lloyd,
alles erwachte wieder in ihrem bermdeten Kopf. Sie hrte wieder
Konzert und Stimmen in ihren Ohren klingen. Drunten schwirrten die
Autos. Es tutete. In der Ferne rauschten die Hochzge. Gerade als sie
einschlummern wollte, weckte sie ein Knacken in der Dampfheizung. Sie
hrte, da der Lift im Hotel emporstieg und leise sang. Die Spalte an
der Tr war noch hell.

Schreibst du noch immer, Mac? fragte sie, fast ohne die Lippen zu
ffnen.

Mac erwiderte: ~Go on and sleep~. Aber seine Stimme klang so tief,
da sie, im leichten Fieber des Halbschlafes, lachen mute.

Sie schlief ein. Aber pltzlich fhlte sie, da sie ganz kalt wurde.
Sie wachte wieder auf, voller Unruhe und seltsamer Angst, und dachte
nach, was sie erschauern hatte lassen. Sofort fiel es ihr ein. Sie
hatte getrumt: sie kam in Ediths Zimmer, und wer sa da? Ethel Lloyd.
Ethel Lloyd sa da, blendend schn, den Diamanten auf der Stirn und
bettete die kleine Edith sorgfltig ein -- ganz als sei sie Ediths
Mutter ...

Mac sa in Hemdrmeln in der Sofaecke und schrieb. Da knackte es an der
Tre und Maud erschien in ihrem Schlafkleid, schlaftrunken ins Licht
blinzelnd.

Ihr Haar glnzte. Sie sah blhend und jung aus, wie ein Mdchen, und
Frische strmte von ihr aus. Aber ihre Augen flackerten unruhig.

Was hast du? fragte Allan.

Maud lchelte verwirrt. Nichts, entgegnete sie, ich trume solch
dummes Zeug. Sie setzte sich in einen Sessel und strich das Haar
glatt. Weshalb gehst du nicht schlafen, Mac?

Die Briefe mssen morgen mit dem Dampfer fort. Du wirst dich erklten,
Liebling.

Maud schttelte den Kopf. O nein, sagte sie, es ist im Gegenteil
sehr hei hier. Dann sah sie Mac mit wachen Augen an. Hre, Mac,
fuhr sie fort, warum verschweigst du mir, was du mit Lloyd zu tun
hast?

Allan lchelte und erwiderte langsam: Du hast mich nicht danach
gefragt, Maud. Ich wollte auch nicht darber sprechen, solange die
Sache noch in der Luft hing.

Willst du es mir jetzt nicht sagen?

Doch, Maud.

Da erklrte er ihr, worum es sich handele. Zurckgelehnt ins Sofa,
gutmtig lchelnd und in aller Ruhe setzte er ihr sein Projekt
auseinander, ganz als ob er nur eine Brcke ber den East River bauen
wolle. Maud sa in ihrem Schlafkleid da und staunte und verstand nicht.
Aber als sie anfing zu verstehen, staunte sie immer mehr, und ihre
Augen wurden immer grer und glnzender. Ihr Kopf wurde ganz hei!
Nun begriff sie pltzlich seine Ttigkeit in den letzten Jahren, seine
Versuche, seine Modelle und seine Ste von Plnen. Nun begriff sie
auch, weshalb er zur Abreise gedrngt hatte: er hatte keine Minute Zeit
zu versumen! Nun begriff sie auch, weshalb all die Briefe mit dem Boot
morgen fort muten. Es erschien ihr fast, als trume sie wieder ...

Als Allan zu Ende war, sa sie mit groen glnzenden Augen da, die
nichts als Strahlen und Bewunderung waren. Nun weit du es, kleine
Maud! sagte Allan und bat sie schlafen zu gehen. Maud trat zu ihm und
umschlang ihn, so fest sie konnte und kte ihn auf den Mund.

Mac, mein Mac! stammelte sie.

Als aber Allan sie nochmals bat, sich niederzulegen, gehorchte sie
augenblicklich und ging hinaus, noch ganz trunken im Kopf. Es war ihr
pltzlich der Gedanke in den Sinn gekommen, als ob Macs Werk ebenso
gro sei wie jene Symphonien, die sie heute gehrt hatte, ebenso gro
-- nur ganz anders.

Zu Allans Erstaunen kam sie aber nach einigen Minuten wieder herein.
Sie brachte eine Decke mit, und whrend sie flsterte: Arbeite!
Arbeite! bettete sie sich zusammengerollt neben ihm aufs Sofa. Den
Kopf an seinen Schenkel gelegt, schlief sie ein.

Allan hielt inne und sah sie an. Und er dachte, da sie schn und
rhrend sei, seine kleine Maud, und er sein Leben tausendfach fr sie
hingeben wrde.

Dann schrieb er eifrig weiter.




5.


Am folgenden Mittwoch schiffte sich Allan mit Maud und Edith auf dem
deutschen Drei-Tage-Boot nach Europa ein. Hobby begleitete sie; er kam
auf acht Tage mit.

Maud war in wunderbarer Stimmung. Sie hatte ihre heiterste Laune --
ihre Mdchenlaune -- wiedergefunden, und diese Laune hielt whrend der
ganzen Fahrt ber den winterlichen und ungastlichen Ozean an, obwohl
sie Mac nur bei den Mahlzeiten und am Abend zu Gesicht bekam. Lachend
und frhlich plaudernd stapfte sie, in Pelze eingehllt, in dnnen
Lackschuhen auf den eisigen Verdeckkorridoren hin und her.

Hobby war der populrste Mann auf dem Boot. Von den Kabinen der rzte
und Zahlmeister an bis hinauf zur geheiligten Kommandobrcke war er zu
Hause. Vom frhen Morgen bis zum spten Abend gab es keine Stelle auf
dem Schiff, wo man nicht seine helle, etwas nasale Stimme gehrt htte.

Von Allan dagegen hrte und sah man nichts. Er war den ganzen Tag
ber beschftigt. Zwei Typistinnen des Schnellbootes hatten whrend
der ganzen Reise alle Hnde voll zu tun, seine Briefe abzuschreiben.
Hunderte von Briefen lagen fertig und adressiert in Allans Kabine. Er
traf die Vorbereitungen zur ersten Schlacht.

Die Reise ging zuerst nach Paris. Von da nach Calais und Folkestone,
wo der Tunnel unter dem Kanal im Bau war, nachdem England seine
lcherliche Angst vor einer Invasion, die mit einer einzigen Batterie
verhindert werden konnte, berwunden hatte. Hier hielt sich Allan
drei Wochen auf. Dann gingen sie nach London, Berlin, Essen, Leipzig,
Frankfurt und wieder zurck nach Paris. Allan blieb an all diesen Orten
einige Wochen. Am Vormittag arbeitete er fr sich, nach Tisch hatte
er tglich Konferenzen mit Vertretern groer Firmen, Ingenieuren,
Technikern, Erfindern, Geologen, Geographen, Ozeanographen,
Statistikern und Kapazitten der verschiedensten Fakultten. Eine Armee
von Gehirnen aus allen Gegenden Europas, aus Frankreich, England,
Deutschland, Italien, Norwegen, Ruland.

Am Abend speiste er allein mit Maud, wenn er nicht gerade Gste bei
sich hatte.

Mauds Laune war noch immer ausgezeichnet. Die Atmosphre von Arbeit und
Unternehmungen, die Mac umgab, belebte sie. Sie hatte vor drei Jahren,
kurz nach ihrer Heirat, fast genau die gleiche Reise mit Mac gemacht,
und damals hatte sie ihm nur schwer verzeihen knnen, da er die meiste
Zeit mit fremden Menschen und unverstndlichen Arbeiten verbrachte.
Nun, da sie den Sinn all dieser Konferenzen und Arbeiten begriff, war
alles natrlich ganz anders geworden.

Sie hatte viel Zeit und sie teilte sich diesen berflu an Zeit
sorgfltig ein. Einen Teil des Tages widmete sie ihrem Kinde, dann
besuchte sie Museen, Kirchen und Sehenswrdigkeiten, wo sie auch immer
sein mochten. Auf ihrer ersten Reise war sie nicht oft zu diesen
Genssen gekommen. Mac hatte sie natrlich berallhin begleitet, wenn
sie es wnschte, aber sie hatte bald gefhlt, da ihn diese herrlichen
Gemlde, Skulpturen, alten Gewebe und Schmuckstcke nicht besonders
interessierten. Was er gerne sah, das waren Maschinen, Werke, groe
industrielle Anlagen, Luftschiffe, technische Museen, und davon
verstand sie ja nichts.

Nun aber hatte sie Mue und sie entzckte sich an all den tausend
Herrlichkeiten, die ihr Europa so teuer machten. Sie besuchte Theater,
Konzerte, so oft es anging. Sie sttigte sich fr Amerika. Sie
bummelte stundenlang in alten Straen und engen Gassen umher und
machte photographische Aufnahmen von jedem kleinen Kaufladen, den sie
entzckend fand, und jedem krummen alten Hausgiebel. Sie kaufte
Bcher, Reproduktionen aus den Museen und Ansichtskarten von alten
Husern und neuen. Diese Ansichtskarten waren fr Hobby bestimmt, der
sie darum ersucht hatte. Sie gab sich ehrliche Mhe, ihr Material
zusammenzubekommen, aber fr Hobby, den sie liebte, war ihr keine
Arbeit zu viel.

In Paris lie Allan sie acht Tage allein. Er hatte in der Nhe von
Nantes, bei Les Sables an der biskayischen Kste mit Geometern und
einem Schwarm Agenten zu tun. Dann schifften sie sich mit Geometern,
Ingenieuren und Agenten nach den Azoren ein, wo Allan ber drei Wochen
auf den Inseln Fayal, San Jorgo und Pico beschftigt war, whrend
Maud mit Edith den herrlichsten Frhling geno, den sie je erlebt
hatte. Von den Azoren fuhren sie mit einem Frachtdampfer (als die
einzigen Passagiere, was Maud entzckte!) quer durch den Atlantik
nach den Bermudas. Hier, in Hamilton, trafen sie zu ihrer groen
Freude Hobby, der eine kleine Reise herber gemacht hatte, um sie zu
erwarten. Die Geschfte auf den Bermudas waren rasch erledigt und im
Juni kehrten sie nach Amerika zurck. Allan mietete ein Landhaus in
Bronx, und die gleiche Ttigkeit wie in London, Paris und Berlin begann
nun in Amerika. Tglich konferierte Allan mit Agenten, Ingenieuren,
Wissenschaftlern aus allen Stdten der Staaten. Da er hufig lange
Besprechungen mit Lloyd hatte, so begann die ffentlichkeit aufmerksam
zu werden. Die Journalisten schnffelten in der Luft wie Hynen, die
Aas riechen. Gerchte von den abenteuerlichsten Grndungen schwirrten
durch New York.

Aber Allan und seine Vertrauensmnner schwiegen. Maud, die man
aushorchen wollte, lachte und sagte kein Wort.

Ende August waren die Vorbereitungsarbeiten beendet. Lloyd lie an
dreiig der ersten Vertreter des Kapitals, der Groindustrie und
Grobanken Einladungen zu einem Meeting ergehen; diese Einladungen
hatte er eigenhndig geschrieben und durch Spezialkuriere aushndigen
lassen, um die Bedeutung der Konferenz zu betonen.

Und am 18. September fand diese denkwrdige Konferenz im Hotel
Atlantic, Broadway, statt.




6.


New York briet in diesen Tagen in einer Hitzwelle, so da Allan sich
entschlo, die Versammlung auf dem Dachgarten des Hotels abzuhalten.

Die Geladenen, die grtenteils auswrts wohnten, waren im Laufe des
Tages und einige schon gestern eingetroffen.

Sie kamen in riesigen, staubbedeckten Tourencars mit Frauen, Tchtern
und Shnen angerollt aus ihren Sommerresidenzen in Vermont, Hampshire,
Maine, Massachusetts und Pennsylvania. Die Einsamen und Schweiger
flogen in Extrazgen, die glatt jede Station ignorierten, von St.
Louis, Chikago und Cincinnati herbei. Ihre Luxusjachten dockten am
Hudson-River. Drei Chikagoleute, Kilgallan, Mllenbach und C. Morris,
waren mit dem Expre-Luftliner, der die 700 Meilen von Chikago nach New
York-Centralpark in acht Stunden durchschneidet, angekommen, und der
Sportmann Vanderstyfft war im Laufe des Nachmittags auf dem Dachgarten
des Atlantic mit seinem Eindecker gelandet. Andere wieder trafen als
ganz unscheinbare Reisende, zu Fu, mit einer bescheidenen Tasche in
der Hand, vor dem Hotel ein.

Aber sie kamen. Lloyd hatte sie in einer Angelegenheit von allererster
Bedeutung gerufen, und jene Solidaritt, die das Geld in weit hherem
Mae als das Blut erzeugt, erlaubte ihnen nicht zurckzustehen. Sie
kamen nicht allein, weil sie ein Geschft witterten (es war sogar
mglich, da sie bluten muten!), sie kamen in erster Linie, weil sie
erwarteten, ein Projekt mit starten helfen zu knnen, dessen Bedeutung
ihren Unternehmungsgeist befriedigte, der sie gro gemacht hatte. Lloyd
hatte jenes mysterise Projekt in seinem Sendschreiben das grte
und khnste aller Zeiten genannt. Das gengte, um sie aus der Hlle
herauszuholen; denn das Schaffen neuer Werke war fr sie soviel wie
leben selbst.

Die Bewegung so vieler Huptlinge des Kapitals war natrlich nicht
unbemerkt geblieben, denn jeder einzelne war von einem ausgearbeiteten
Alarmsystem umgeben. Am Morgen schon war die Brse von einem leichten
Fieber geschttelt worden. Ein zuverlssiger Tip jetzt bedeutete ein
Vermgen! Die Presse verkndete die Namen all der Mnner, die im
Atlantic abgestiegen waren, und verga nicht hinzuzufgen, wieviel
jeder einzelne wert war. Nachmittag um fnf Uhr ging es schon hoch in
die Milliarden. Auf jeden Fall stand etwas Ungewhnliches bevor, eine
Riesenschlacht des Kapitals. Einzelne Zeitungen taten so, als kmen sie
gerade vom Lunch bei Lloyd und seien bis zum Halse mit Informationen
geladen, Lloyd aber habe ihnen einen Knebel zwischen die Zhne
getrieben. Andere gingen weiter und verffentlichten, was ihr Freund
Lloyd ihnen beim Dessert anvertraut hatte: es handele sich um nichts
Besonderes. Die elektrische Einschienen-Schnellbahn sollte von Chikago
weiter bis San Franzisko gefhrt werden. Das Netz des Luftverkehrs
sollte ber die ganzen Staaten erweitert werden, so da man nach jeder
beliebigen Stadt genau so fliegen knnte, wie heute nach Boston,
Chikago, Buffalo und St. Louis. Hobbys Idee: New York, das Venedig
Amerikas, stnde dicht vor ihrer Realisierung.

Die Reporter umschnupperten das Hotel wie Polizeihunde, die auf der
Spur liegen. Sie traten mit den Abstzen Lcher in das zerweichte
Asphalt des Broadways und starrten an den sechsunddreiig Stockwerken
des Atlantic empor, bis die gleiende Kalkwand ihnen Halluzinationen
ins Gehirn spiegelte. Ein ganz Gerissener kam sogar auf den genialen
Einfall, sich als Telephonarbeiter ins Hotel zu schmuggeln, und nicht
nur ins Hotel -- bis in die Zimmer der Milliarden, wo er an den
Zimmertelephonen herumbastelte, um etwa ein Wort aufzuschnappen. Aber
der Manager des Hotels entdeckte ihn und machte ihn hflich darauf
aufmerksam, da alle seine Apparate in Ordnung seien.

Umfiebert von glhender Hitze und Erregung stand das kalkweie
Turmhaus da und schwieg. Es wurde Abend und es schwieg noch immer.
Der Gerissene von heute nachmittag kehrte in seiner Verzweiflung mit
einem Schnurrbart im Gesicht als ein Monteur Vanderstyffts zurck, der
an der Maschine oben auf dem Dach etwas nachzusehen habe. Aber der
Manager erklrte ihm mit hflichem Lcheln, da Herrn Vanderstyffts
Marconi-Apparat ebenfalls in Ordnung sei.

Da trat der Gerissene auf die Strae und zerplatzte: er war pltzlich
irgendwohin verschwunden, um etwas Neues zu ersinnen. Nach einer
Stunde erschien er als Globetrotter in einem Automobil voll beklebter
Koffer und forderte ein Zimmer im 36. Stock. Da das 36. Stockwerk
aber von Hotelbediensteten bewohnt wurde, so mute er sich mit
Zimmer Nummer 3512 begngen, das ihm der Manager mit zuvorkommender
Geschftsmiene anbot. Hier machte er einem chinesischen Boy, der zur
Dachgartenbedienung gehrte, ein bestechendes Angebot, wenn er einen
unscheinbaren Apparat, nicht grer als ein Kodak, in irgendeines
der Kbelgewchse da droben schmuggele. Allein er hatte nicht damit
gerechnet, da Allanit ein Hartstahl war, den kein Gescho durchschlgt.

Allan hatte seine genauen Instruktionen gegeben, und der Manager
verbrgte sich dafr, da sie eingehalten wurden. Sobald alle Geladenen
den Roofgarden betreten hatten, durfte der Lift nicht weiter als bis
zum 35. Stock gefhrt werden. Die Boys der Bedienung durften den
Dachgarten nicht eher verlassen, als bis der letzte Gast sich entfernt
hatte. Nur sechs Vertretern der Presse und drei Photographen war der
Zutritt erlaubt (Allan brauchte sie ebenso wie sie ihn) -- allein gegen
die ehrenwrtliche Versicherung, whrend der Konferenz nicht mit der
Auenwelt in Verbindung zu treten.

Einige Minuten vor neun Uhr erschien Allan selbst auf dem Dachgarten,
um sich zu berzeugen, ob man all seine Anordnungen genau befolgt
habe. Er entdeckte augenblicklich den eingeschmuggelten drahtlosen
Telephonapparat im Gest eines Lorbeerbaumes, und eine Viertelstunde
spter hatte ihn der Gerissene wieder als ein hbsch verschnrtes und
versiegeltes Exprepaket auf Nummer 3512 -- ohne berrascht zu sein,
denn er hatte deutlich in seinem Empfangsapparat gehrt, wie eine
Stimme etwas unwillig sagte: Schaffen Sie das Zeug weg!

Von neun Uhr an begann der Lift zu spielen.

Die Geladenen tauchten schwitzend und pustend aus dem Hotelblock empor,
der trotz den Khlanlagen in allen seinen Poren glhte. Sie kamen aus
der Hlle ins Fegfeuer. Jeder einzelne, der aus dem Lift stieg, prallte
vor dieser Mauer von Hitze zurck. Dann aber legte er augenblicklich
den Rock ab, nicht ohne die anwesenden Damen vorher hflich um
Erlaubnis gebeten zu haben. Diese Damen waren Maud -- heiter, blhend,
schneewei gekleidet -- und Mrs. Brown, eine alte, kleine, rmlich
aussehende Frau mit gelbem Gesicht und dem argwhnischen Blick
schwerhriger Geizhlse: die reichste Frau der Staaten und berchtigte
Wucherin.

Die Geladenen kannten einander ohne Ausnahme. Sie hatten sich auf
verschiedenen Kriegschaupltzen getroffen, sie hatten jahrelang
Schlachten Schulter an Schulter oder gegeneinander geschlagen. Ihre
gegenseitige Hochachtung war nicht allzu gro, aber sie schtzten
sich immerhin. Sie waren fast alle schon grau oder wei, ruhig,
wrdig, abgeklrt und besonnen wie der Herbst, und die meisten hatten
gutmtige, freundliche, ja kindliche Augen. Sie standen in Gruppen
beisammen und plauderten und scherzten oder gingen zu Paaren auf und
ab und flsterten. Die Einsamen und Schweiger saen schon still in den
Klubsesseln und blickten khl, nachdenklich und mit etwas belgelauntem
Gesichtsausdruck auf den persischen Teppich, der ber den Boden
gebreitet war. Zuweilen zogen sie die Uhr und warfen einen Blick auf
den Lift: immer noch kamen Nachzgler ...

Drunten brodelte New York und das Brodeln schien die Hitze zu
verdoppeln. New York schwitzte wie ein Ringkmpfer nach getaner Arbeit,
es pustete wie eine Lokomotive, die ihre dreihundert Meilen hinter
sich hat und in einer Bahnhofhalle verschnauft. Die Autos, die im
zerweichten Asphalt der Strae klebten, surrten und brummten in der
Broadway-Schlucht dahin, die einander drngenden Zge der elektrischen
Cars hmmerten ihre Glockensignale; irgendwo, ganz fern, gellte eine
schrille Glocke: ein Feuerlschzug, der durch die Straen fegte. Es
war ein Summen wie von riesigen Glocken in der Luft, untermischt mit
fernen Schreien, als wrden irgendwo in der Ferne Haufen von Menschen
abgeschlachtet.

Ringsum standen und funkelten Lichter in der tiefblauen, heien
Nacht, von denen man auf den ersten Blick nicht sagen konnte, ob
sie dem Himmel oder der Erde angehrten. Vom Dachgarten aus sah man
einen Abschnitt der zwanzig Kilometer langen Broadway-Schlucht, die
ganz New York in zwei Teile spaltet: einen weiglhenden, klaffenden
Schmelzofen, in dem farbige Feuer schwangen und auf dessen Boden
mikroskopische Aschenteilchen entlang trieben: Menschen. Eine
Seitenstrae in nchster Nhe blendete wie ein Strom flssigen Bleis.
Aus ferner gelegenen Querstraen dampften lichte Silbernebel. Einzelne
Wolkenkratzer erhoben sich gespenstisch wei im Lichtscheine eines
Platzes. Wiederum aber standen Gruppen von eng aneinander gedrngten
Turmhusern dunkel, schweigsam, wie riesige Grabsteine, die ber die
eingesunkenen verschwindenden Zwerghtten von zwlf und fnfzehn
Etagen emporragten. In der Ferne am Himmel ein Dutzend Stockwerke
mattblinkender Fensterscheiben, ohne da das geringste von einem Haus
zu sehen gewesen wre. Da und dort vierzigstckige Trme, auf denen
matte Feuer lohten: die Dachgrten von Regis, Metropolitain, Waldorf
Astoria, Republic. Rings am Horizont glommen schwle Feuersbrnste:
Hoboken, Jersey City, Brooklyn, Ost-New York. In der Spalte zwischen
zwei dunklen Wolkenkratzern zuckte jede Minute ein doppelter
Lichtstrahl auf, wie elektrische Funkennhte, die zwischen den Mauern
bersprangen: die Hochbahn der sechsten Avenue.

Rings um das Hotel flimmerte das Feuerwerk der Nacht. Unaufhrlich
schossen Lichtfontnen und farbige Strahlengarben aus den Straen
empor zum Himmel. Ein Blitz zerri ein Turmhaus von unten bis oben und
setzte einen riesigen Schuh in Brand. Ein Haus ging in Flammen auf
und in den Flammen erschien ein roter Stier: Bull Durham Rauchtabak.
Raketen jagten zur Hhe, explodierten und bildeten beschwrende Worte.
Eine violette Sonne kreiste wie irrsinnig hoch oben in der Luft und
spie Feuer ber Manhattan, die bleichen Lichtkegel von Scheinwerfern
tasteten nach dem Horizont und beleuchteten kalkweie Huserwsten.
Hoch oben am Himmel ber dem blitzenden New York aber standen bla,
unscheinbar, elend, geschlagen, die Sterne und der Mond.

Von der Battery herauf kam ein Reklameluftschiff mit weichem Surren der
Propeller und zwei groen Augen, eulenhaft. Und auf dem Bauch der Eule
erschienen abwechselnd die Worte: Gesundheit! -- Erfolg! -- Suggestion!
-- Reichtum! -- Pinestreet 14!

Drunten aber, sechsunddreiig Stockwerke tief unten, wogte ein Heer
von Hten um den Hotelblock, Reporter, Agenten, Broker, Neugierige --
in der blendenden Lichtflut _alle ohne Schatten_ -- schwirrend vor
Spannung, die Augen auf die Lichtgirlanden des Dachgartens gerichtet.
Durch das fiebernde Stimmengewirr, das das Hotel umbrandete, drangen
deutlich die Rufe der Broadway-Ratten, der Zeitungsausrufer, herauf:
Extra! Extra! Die World hatte im letzten Moment ihren letzten
und besten Triumph ausgespielt, mit dem sie alle anderen Journale
berstach. Sie war allwissend und kannte das Projekt genau, das die
Milliarden, die da droben schwitzten, vom Stapel lieen: eine submarine
Postbefrderung! ~A. E. L. M.! America-Europe-Lightning-Mail~! Genau
wie heute die Briefe durch Luftdruck in unterirdischen Rhren von New
York nach San Franzisko gepret wurden, sollten sie durch gewaltige
Rhren, die wie Kabel gelegt werden wrden, nach Europa geschossen
werden. ber die Bermudas und Azoren! In drei Stunden! (Man sieht, die
World hatte Allans Reiseroute genau feststellen lassen.)

Selbst die ruhigsten Nerven hier oben konnten sich dem Eindruck der
fiebernden Strae, des brodelnden und glitzernden New Yorks und der
Hitze nicht entziehen. Alle wurden, je lnger sie warteten, mehr oder
weniger erregt und empfanden es wie eine Erlsung, als der blonde
Hobby, der sich sehr wichtig gebrdete, die Versammlung erffnete.

Hobby schwenkte ein Telegramm und sagte, da C. H. Lloyd bedaure,
durch sein Leiden abgehalten zu sein, die Herrschaften persnlich
zu begren. Er habe ihn beauftragt, ihnen Herrn Mac Allan, den
langjhrigen Mitarbeiter der Edison-Works-Limited und Erfinder des
Diamantstahls Allanit, vorzustellen.

Hier sitzt er! Hobby deutete auf Allan, der neben Maud in einem
Korbstuhl sa, in Hemdrmeln wie alle andern.

Herr Allan habe ihnen etwas zu sagen. Er wolle ihnen ein Projekt
vorschlagen, das, wie sie wten, C. H. Lloyd selbst das grte und
khnste aller Zeiten genannt habe. Herr Allan bese Genie genug, das
Projekt zu bewltigen, fr die Ausfhrung aber brauche er ihr Geld. (Zu
Allan:) ~Go on, Mac~!

Allan stand auf.

Aber Hobby machte ihm ein Zeichen, noch einen Moment zu warten, und
schlo, indem er einen Blick in das Telegramm warf: Er habe vergessen
... fr den Fall, da die Versammlung auf Mac Allans Projekt eingehe,
beteilige sich C. H. Lloyd mit fnfundzwanzig Millionen Dollar. (Zu
Allan:) ~Now, my boy!~

Allan trat an Hobbys Stelle. Die Stille wurde schwl und drckend.
Die Strae drunten fieberte wirrer und lauter. Alle Augen richteten
sich auf ihn: das war also er, der behauptete, etwas _Ungewhnliches_
zu sagen zu haben! (Mauds Lippen standen vor Spannung und Angst
weit offen!) Allan drckte seinem Auditorium durch nichts seine
Wertschtzung aus. Er lie den Blick ruhig durch die Versammlung
wandern, und niemand htte ihm die groe Erregung angemerkt, von der
er im Innern geschttelt wurde. Es war keine Kleinigkeit, diesen
Leuten den Kopf in den Rachen zu stecken, und sodann: er war alles,
nur kein Redner. Es war das erstemal, da er vor einer greren und
distinguierten Versammlung sprach. Aber seine Stimme klang ruhig und
klar, als er begann.

Allan sagte zunchst, da er, nachdem C. H. Lloyd die Erwartungen so
hoch gespannt habe, befrchte, die Versammlung zu enttuschen. Sein
Projekt verdiene kaum grer genannt zu werden als der Panamakanal oder
Sir Rodgers Palk-Street-Bridge, die Ceylon mit Vorderindien verbindet.
Es sei, recht besehen, sogar einfach.

Hierauf zog Allan ein Stck Kreide aus der weiten Hosentasche und warf
zwei Linien auf die Tafel, die hinter ihm stand. Das sei Amerika und
das sei Europa! Er verpflichte sich, im Zeitraum von fnfzehn Jahren
einen submarinen Tunnel zu bauen, der die beiden Kontinente verbinde,
und Zge in vierundzwanzig Stunden von Amerika nach Europa zu rennen!
Das sei sein Projekt.

In diesem Augenblick flammte das Licht der Photographen auf, die ihr
Schnellfeuer erffneten, und Allan machte eine kurze Pause. Von der
Strae herauf kam wirres Geschrei: sie wuten, da die Schlacht da
droben begonnen hatte.

Es schien zunchst, als ob Allans Projekt, das eine Epoche in
der Geschichte zweier Kontinente bedeutete und selbst fr diese
vorgeschrittene Zeit nicht alltglich war, nicht den geringsten
Eindruck auf die Zuhrerschaft gemacht habe. Manche waren sogar
enttuscht. Es schien ihnen, als htten sie dann und wann schon gehrt
von diesem Projekt, es lag in der Luft wie viele Projekte. Und doch
htte es niemand noch vor fnfzig -- wie sagst du? -- vor zwanzig
Jahren aussprechen knnen, ohne da man darber gelchelt htte. Es
gab hier Leute, die, whrend sie die Uhr aufzogen, mehr verdienten,
als die Mehrzahl der Menschen in einem Monat, es gab hier Leute,
die keine Miene verzogen, wenn die ganze Erde morgen wie eine Bombe
explodierte, aber es gab hier keinen einzigen, der erlaubte, da man
ihn _langweilte_. Und davor hatten sie sich alle am meisten gefrchtet,
denn, bei Gott, C. H. Lloyd konnte auch einmal versagen! Es wre ja
mglich gewesen, da dieser Bursche irgendeine alte Sache auskramte,
etwa, da er die Wste Sahara bewssern und fruchtbar machen wolle,
oder sonst etwas. Sein Projekt war wenigstens nicht langweilig. Das
war schon sehr viel. Besonders die Einsamen und Schweiger atmeten
erleichtert auf.

Allan hatte keineswegs erwartet, sein Auditorium durch sein Projekt
niederzustrecken, und war mit dem Eindruck, den seine Ankndigung
machte, vollkommen zufrieden. Mehr konnte er vorlufig nicht verlangen.
Er htte ja seine Idee langsam abbrennen knnen, aber er hatte sie
absichtlich wie eine Karttsche gegen seine Zuhrerschaft abgeschossen,
um diesen Panzer einer scheinbaren Indifferenz, die jeden Redner htte
entmutigen knnen, diesen Panzer aus Phlegma, Schulung, Ermattung,
Berechnung und Abwehr auf einen Schlag zu sprengen. Er mute diese
sieben Milliarden zwingen, ihm zuzuhren. Das war seine erste Aufgabe,
das und nichts anderes. Und es schien, als ob ihm dies gelungen sei.
Die ledernen Sessel knirschten, einige lehnten sich bequem zurecht, sie
zndeten sich eine Zigarre an. Mrs. Brown nahm den Hrapparat zu Hilfe.
Wittersteiner, von der New York-Central Bank raunte I. O. Morse, dem
Kupfermann, etwas ins Ohr.

Und Allan fuhr ermutigt und sicherer fort.

Der Tunnel sollte hundert Kilometer sdlich von New York von der Kste
New Jerseys ausgehen, die Bermudas und Azoren und Nordspanien berhren
und an der biskayischen Kste Frankreichs emporsteigen. Die beiden
ozeanischen Stationen, die Bermudas und Azoren, waren vom technischen
Standpunkt aus unentbehrlich. Denn mit ihnen, zusammen mit der
amerikanischen und den zwei europischen, waren fnf Angriffsstellen
fr die Tunnelstollen gegeben. Ferner waren die ozeanischen Stationen
fr die Rentabilitt des Tunnels von grter Bedeutung. Die Bermudas
wrden den gesamten Personenverkehr und die Post des mexikanischen
Beckens, Westindiens, Zentralamerikas und des Panamakanals aufsaugen.
Die Azoren den gesamten Verkehr Sdamerikas und Afrikas an sich reien.
Die ozeanischen Stationen wrden Angelpunkte des Weltverkehrs werden
von der Bedeutung New Yorks und Londons. Es war ohne jeden Kommentar
einleuchtend, welche Rolle die amerikanische und die europischen
Stationen in Zukunft auf dem Erdball spielen wrden! Die einzelnen
Regierungen wrden gezwungen sein, ihre Zustimmung zum Tunnelbau
zu erteilen, ja, er, Mac Allan, wrde sie zwingen, die Papiere des
Tunnel-Syndikats an ihren Brsen zuzulassen -- wenn anders sie nicht
gesonnen waren, ihre Industrien um Tausende von Millionen zu schdigen.

Der Tunnel der Behringstrae, der vor drei Jahren in Angriff genommen
wurde, sagte Allan, der Dover-Calais-Tunnel, der in diesem Jahr
seiner Vollendung entgegengeht, haben zur Genge bewiesen, da der Bau
submariner Tunnel der modernen Technik keine Schwierigkeiten bereitet.
Der Dover-Calais-Tunnel hat eine Lnge von rund fnfzig Kilometern.
Mein Tunnel hat eine Lnge von rund fnftausend Kilometern. Meine
Aufgabe besteht demnach lediglich darin, die Arbeit der Englnder und
Franzosen zu verhundertfachen, wenn ich auch keineswegs die greren
Schwierigkeiten verkenne. Aber ich brauche es Ihnen nicht erst zu
sagen: wo der Mensch von heute eine Maschine aufstellen kann, da ist
er _zu Hause_! Finanziell hngt die Ausfhrung des Projektes von Ihrer
Zustimmung ab. Ihr Geld brauche ich nicht -- wie Hobby sagte -- denn
ich werde den Tunnel mit amerikanischem und europischem Geld, mit
dem Geld der ganzen Welt bauen. Das Projekt technisch in der Zeit von
fnfzehn Jahren zu bewltigen, ist allein von meiner Erfindung bedingt,
die Sie kennen, dem Allanit, einem Hartstahl, der der Hrte des
Diamanten nur um einen Grad nachsteht, die Bearbeitung des hrtesten
Gesteins ermglicht und es erlaubt, eine unbeschrnkte Anzahl von
Bohrern in beliebiger Gre uerst billig herzustellen.

Das Auditorium folgte. Es schien zu schlafen, aber gerade das war
ein Zeichen, da es seine Arbeit aufgenommen hatte. Die meisten
der grauen und weien Scheitel hatten sich gesenkt, nur zwei, drei
schweiglnzende Gesichter waren nach oben zum Himmel gerichtet, wo die
Sterne wie Scherben glitzerten. Jemand drehte eine Zigarre zwischen den
gespitzten Lippen und blinzelte zu Allan empor, ein anderer nickte,
das Kinn in der Hand, nachdenklich vor sich hin. Fast aus allen Augen
war der gutmtige und kindliche Ausdruck gewichen und hatte einem
nachdenklichen, verschleierten oder gespenstisch wachen Blick Platz
gemacht. Mrs. Brown hing an Allans Lippen und ihr Mund zeigte einen
scharfen, hhnischen, fast bsartigen Ausdruck. All die Gehirne
der dreiig Sklavenhalter, in die Allan seine Ideen und Argumente
hineinhmmerte, da sie wie Keile festsaen, waren in Schwung gekommen.
Das Geld dachte, das Eisen, der Stahl, das Kupfer, das Holz, die Kohle.
Diese Sache Allan war nicht gewhnlich. Sie verdiente, da man sie
berlegte und erwog. Ein Projekt wie dieses fand man nicht tglich auf
der Strae. Und diese Sache Allan war nicht leicht! Es handelte sich
hier nicht um ein paar Millionen Bushel Weizen oder Ballen Baumwolle,
nicht um tausend King-Edward-Mines-Aktien, Australien. Es handelte
sich um weit mehr! Fr die einen bedeutete die Sache Allan einen Berg
von Geld ohne besonderes Risiko fr das Eisen, den Stahl, die Kohle.
Ihr Entschlu war kein Kunststck. Fr die andern bedeutete sie Geld
bei groem Risiko. Aber es hie Stellung nehmen. Stellung! Denn es
handelte sich hier um noch etwas, es handelte sich hier um Lloyd und
um keinen andern als Lloyd den Allmchtigen, der wie ein goldenes
Gespenst, schaffend und vernichtend, ber den Erdball schritt! Lloyd
wute recht wohl, was er tat, und dieser Allan wurde geschoben und
glaubte zu schieben. In den letzten Wochen waren in Wallstreet groe
Transaktionen in Montanwerten und Papieren der schweren Industrie vor
sich gegangen. Nun wuten sie, da es Lloyd war, der seine Armeen durch
Strohmnner hatte vorschieben lassen! Es lag auf der Hand, Lloyd, der
jetzt in seinem Tresor sa und seine Zigarre lutschte, hatte schon seit
Wochen losgeschlagen, und dieser Mac Allan war seine Faust! Immer war
Lloyd der erste, immer hatte er die besten Claims schon besetzt, wenn
der allgemeine Rush kam. Allein noch wre es ja Zeit, den Vorsprung
einigermaen einzuholen. Man brauchte nur heute abend noch seine
Depeschen ber die Welt zu jagen, sofort nach dem Meeting. Morgen frh
allerdings wre es schon viel zu spt.

Es galt Stellung zu nehmen ...

Einzelne, deren Gehirne sich heigelaufen hatten, unternahmen den
Versuch, dem Problem dadurch beizukommen, da sie Allans Person unter
die Lupe nahmen. Whrend sie genau hrten, was Allan ber den Bau des
Tunnels sagte -- wie er die Stollen vortreiben, ausbauen, belften
wolle -- studierten sie ihren Mann von den Patentlederschuhen an --
seine schneeweien Flanellhosen, seinen Grtel, sein Hemd, seinen
Kragen und seine Binde -- bis hinauf zu den soliden Stirnknochen, ber
die sich sein glatter, kupferrot schimmernder Scheitel spannte. Das
Gesicht dieses Mannes glnzte im Schwei wie Bronze, aber es zeigte
jetzt, nach einer Stunde, nicht die leiseste Abspannung. Im Gegenteil,
es war markanter und wacher geworden. Die Augen dieses Mannes hatten
kindlich und gutmtig ausgesehen, als er begann, nun aber, schwimmend
in Schwei, waren sie khn und klar, sthlern und blinkend wie jenes
Allanit, das dem Diamanten nur um einen Grad an Hrte nachstand. Und
es war gewi, da dieser Mann sich nicht oft so in die Augen blicken
lie! Wenn dieser Mann Nsse a, so brauchte er auf keinen Fall
einen Nuknacker. Die Stimme dieses Mannes hmmerte und rauschte im
Brustkasten, bevor sie herauskam. Allan warf eine Skizze auf die Tafel,
und sie studierten seinen gebrunten Unterarm mit den ttowierten
gekreuzten Hmmern, es war der Arm eines trainierten Tennisspielers
und Fechters. Sie studierten Allan wie einen Boxer, auf den man setzen
will. Der Mann war gut, ohne Zweifel. Man konnte auf ihn verlieren und
brauchte sich nicht zu schmen. Es war Lloyds Blick! Sie wuten, da
er mit zwlf Jahren Pferdejunge in einer Kohlengrube war und da er
sich im Laufe von zwanzig Jahren aus einer Tiefe von achthundert Metern
unter der Erde bis empor auf den Roofgarden des Atlantic gearbeitet
hatte. Das war etwas. Es war auch etwas, dieses Projekt auszuarbeiten,
aber das weitaus Schwerere und Bewunderungswrdigere war, da er es
fertiggebracht hatte, dreiig Menschen, fr die ein Tag ein Kapital
bedeutet, zu einer bestimmten Stunde hierher zu beschwren und sie
zu zwingen, ihm bei einer Temperatur von neunzig Grad Fahrenheit
zuzuhren. Vor ihren Augen schien sich das seltene Schauspiel
abzuspielen: einer kam den Glasberg herauf zu ihnen, gesonnen, seinen
Platz zu beanspruchen und zu verteidigen.

Allan sagte: Zur Verwaltung der Stollen und fr den Betrieb brauche
ich eine Stromstrke, die etwa jener der gesamten Niagara-Power-Works
gleichkommt. Der Niagara ist nicht mehr zu haben, so werde ich mir
meinen eigenen Niagara bauen!

Und sie erwachten aus ihren Gedanken und sahen Allan ins Gesicht.

Noch etwas fiel ihnen an diesem Burschen auf: er hatte whrend
des ganzen Vortrages weder gelchelt noch einen Scherz gemacht.
Humor schien nicht gerade seine Sache zu sein. Nur einmal hatte
die Gesellschaft Gelegenheit gehabt zu lachen. Das war, als die
Photographen ein wtendes Zwischengefecht erffneten und Allan sie
anherrschte: ~Stop your nonsense!~

Allan las am Schlu die Gutachten der ersten Kapazitten der Welt,
Gutachten von Ingenieuren, Geologen, Ozeanographen, Statistikern,
Finanzgren aus New York, Boston, Paris, London, Berlin.

Das grte Interesse erweckte Lloyds Resmee, der die Finanzierung
und die Rentabilitt des Projektes ausgearbeitet hatte. Allan las
es zuletzt, und die dreiig Gehirne arbeiteten mit ihrer grten
Geschwindigkeit und Przision.

Die Hitze schien sich urpltzlich verdreifacht zu haben. In Schwei
gebadet lagen sie alle in den Sesseln und das Wasser rann ihnen ber
die Gesichter. Selbst die Khlapparate, die hinter den Gebschen und
Struchern aufgestellt waren und ununterbrochen kalte, ozongesttigte
Luft aushauchten, schufen keine Linderung mehr. Es war wie in den
Tropen. Chinesische Boys, in khles, schneeweies Linnen gekleidet,
glitten lautlos zwischen den Sesseln hindurch und reichten Limonade,
~horses-neck~, ~gin-fizz~ und Eiswasser. All das half nichts. Die Hitze
stieg in Schwaden von der Strae herauf und wlzte sich als glhender
Brodem, den man mit den Hnden greifen konnte, ber den Dachgarten.
New York, aus Eisenbeton und Asphalt, war wie ein vieltausendzelliger
Akkumulator, der die Glut der letzten Wochen aufgespeichert hatte und
sie jetzt ausspie. Und ununterbrochen gellte und schrie die fieberige
Broadway-Schlucht tief unten. New York, von den Menschen zwischen
3000 Meilen Ozean und 3000 Meilen Kontinent aufgetrmt, dieses
kochende, schlaflose New York selbst schien zu fordern, zu beschwren,
anzupeitschen zu immer greren, immer unerhrteren Anstrengungen.
New York selbst, das Gehirn Amerikas, schien zu denken, einen
Riesengedanken hin und her zu wlzen, zu gebren ...

In diesem Augenblick hrte Allan auf zu sprechen. Fast mitten im Satze.
Allans Rede hatte gar keinen Schlu. Es war eine umgekehrte Rede, deren
Steigerung am Anfang lag. Der Schlu kam so unerwartet, da alle in der
gleichen Lage sitzen blieben und ihre Ohren noch arbeiteten, als Allan
schon gegangen war, um sein Projekt der Diskussion zu berlassen.

Das Reklameluftschiff kreuzte ber dem Dachgarten und trug die Worte
ber Manhattan dahin: 25 Jahre Lebensverlngerung! -- Garantie! -- Dr.
Josty, Brooklyn!




7.


Allan fuhr mit Maud bis zum zehnten Stock ab, um zu dinieren. Er war
vom Schwei derart durchnt, da er sich vollstndig umkleiden mute.
Aber selbst dann schlugen augenblicklich wieder die Schweiperlen aus
seiner Stirn. Seine Augen waren noch geweitet und blicklos von der
groen Anspannung seiner Krfte.

Maud trocknete ihm vorsorglich die Stirn und khlte seine Schlfen mit
einer Serviette, die sie in Eiswasser getaucht hatte.

Maud strahlte! Sie plapperte und lachte vor Erregung. Was fr ein
Abend! Die Versammlung, die Lichtgirlanden, der Dachgarten, das
zauberische New York ringsum, nie wrde sie diesen Anblick vergessen.
Wie sie alle im Kreise saen! Sie, die _Namen_, die sie seit ihrer
frhesten Jugend tausendmal gehrt hatte, deren bloer Klang eine
Atmosphre von Reichtum, Macht, Genie, Khnheit und Skandal erzeugte.
Und sie saen und hrten ihm zu, Mac! Maud war unendlich stolz auf Mac.
Sein Triumph begeisterte sie, sie zweifelte keinen Augenblick an seinem
Erfolg.

Welch schreckliche Angst ich doch hatte, Mac! sprudelte sie hervor
und umschlang seinen Nacken. Aber du hast gesprochen! Ich traute
meinen Ohren nicht! Guter Gott, Mac!

Allan lachte. Ich htte lieber zu einer Herde von Teufeln gesprochen
als zu diesen Burschen, Maud, das kannst du mir glauben! entgegnete er.

Wie lange wird es nun dauern, denkst du?

Eine Stunde, zwei Stunden. Kann sein, die ganze Nacht.

Maud ffnete berrascht den Mund.

Die ganze Nacht --?

Kann sein, Maud. Auf jeden Fall werden sie uns Zeit lassen, ruhig zu
Abend zu essen.

Allan war nun wieder vollkommen ins Gleichgewicht gekommen. Seine Hnde
zitterten nicht mehr und in seine Augen war der Blick zurckgekehrt.
Er erfllte seine Anstandspflicht als Gatte und Gentleman und legte
Maud das schnste Stck Beef vor, so wie sie es liebte, die schnsten
Spargel und Bohnen, und machte sich hierauf selbst ruhig an die Arbeit,
whrend ihm der Schwei in groen Tropfen auf der Stirn stand. Er
fand, da er auerordentlich hungrig war. Maud dagegen plauderte so
eifrig, da sie kaum zum Essen kam. Sie lie die ganze Gesellschaft
der Geladenen aufmarschieren. Sie fand, da Wittersteiner einen
wunderbaren und bedeutenden Kopf habe. ber Kilgallans jugendliches
Aussehen wunderte sie sich, und John Andrus, den Minenknig, verglich
sie mit einem Nilpferd; C. B. Smith, der Bankier, dagegen kam ihr wie
ein kleiner, grauer, schlauer Fuchs vor. Und diese alte Hexe Mrs. Brown
habe sie in der Tat gemustert, als sei sie ein Schulmdchen! Ob es wahr
sei, da diese Mrs. Brown aus purem Geiz nie Licht zu Hause brenne ...?

Mitten in der Mahlzeit kam Hobby ins Zimmer. Hobby, der es gewagt
hatte (und es sich leisten konnte), in Hemdrmeln im Lift des Atlantic
herunterzufahren.

Maud sprang sofort erregt auf. Wie steht es, Hobby? schrie sie.

Hobby lachte und warf sich in einen Sessel.

So etwas habe ich noch nicht erlebt! rief er aus. Sie liegen sich
in den Haaren! Es ist wie in Wallstreet nach den Wahlen! C. B. Smith
wollte gehen -- nein, das mt ihr hren! Er will gehen, sagt, die
Sache sei ihm zu gewagt und steigt in den Lift. Aber sie sind hinter
ihm her und ziehen ihn mit aller Gewalt an den Rockschen wieder aus
dem Lift heraus! Keine Lge! ~Ye gods and little fishes!~ Kilgallan
steht in der Mitte und schwingt die Gutachten, Mac, und schreit wie ein
Ausrufer: Dagegen knnen Sie nicht ankommen, dagegen knnen Sie nichts
sagen!

Natrlich Kilgallan! warf Allan ein. Er htte nichts dagegen!
(Kilgallan war das Haupt des Stahltrusts.)

Und Mrs. Brown! Es ist nur gut, da Photographen da sind! Sie sieht
aus wie eine Vogelscheuche in Ekstase! Sie ist verrckt geworden, Mac.
Sie hat Andrus fast die Augen ausgekratzt. Sie ist auer sich und
schreit fortwhrend: Allan ist der grte Mann aller Zeiten! Es wre
eine Schande fr Amerika, wenn sein Projekt nicht ausgefhrt wrde!

Mrs. Brown? Maud war starr vor Erstaunen. Aber sie brennt ja nicht
einmal Licht vor lauter Geiz!

Trotzdem, Maud! Hobby brach von neuem in helles Gelchter aus. Der
Teufel kennt die Menschen, ~girl~! Sie und Kilgallan, die zwei werden
dich durchsetzen, Mac!

Willst du nicht mit uns essen, Hobby? fragte Allan, der einen
Hhnerschenkel zwischen den Zhnen bearbeitete und Hobby aufmerksam
zuhrte.

Ja, komm doch her, Hobby! rief Maud und stellte Teller zurecht.

Aber Hobby hatte keine Zeit. Er war weitaus erregter als Allan, obwohl
ihn die ganze Sache wenig anging. Er strzte wieder hinaus.

Von Viertelstunde zu Viertelstunde kam er wieder, um ber den Stand von
Allans Sache zu berichten.

Mrs. Brown hat zehn Millionen Dollar gezeichnet, Mac! Es beginnt!

Mein Gott! schrie Maud mit schriller Stimme und schlug vor
berraschung die Hnde zusammen.

Allan schlte eine Birne und wandte sich ruhig an Hobby: Na, und?

Hobby aber war zu erregt, um sich setzen zu knnen. Er lief hin und
her, nahm eine Zigarre aus der Tasche und bi die Spitze ab. Sie
zieht also einen Notizblock aus der Tasche, begann er, whrend er mit
fliegenden Hnden die Zigarre in Brand steckte, einen Block, den ich
nicht mit der Feuerzange anfassen mchte, so schmutzig ist er -- und
zeichnet! Stille! Alles ist starr! Und nun greifen die anderen in die
Tasche und Kilgallan geht herum und sammelt die Zettel ein. Kein Wort
wird mehr gesprochen. Die Photographen arbeiten mit Hochdruck! Mac,
deine Sache ist gemacht, ~I will eat my hat~ ...

Dann lie sich Hobby lange nicht mehr sehen. Eine ganze Stunde verging.

Maud war still geworden. Sie sa aufgeregt da und lauschte mit Ohren
und Augen, ob sich nichts rege. Je lnger es dauerte, desto verzagter
wurde sie. Allan sa im Sessel und rauchte still und nachdenklich die
Pfeife.

Endlich vermochte Maud nicht lnger an sich zu halten, und sie fragte,
ein wenig kleinlaut: Und wenn sie sich nicht entschlieen knnen, Mac?

Allan nahm die Pfeife aus dem Mund, hob den Blick mit einem Lcheln
zu Maud und erwiderte ruhig und mit tiefer Stimme: Dann fahre ich
wieder nach Buffalo und fabriziere meinen Stahl! Aber mit einem
festen, sicheren Nicken des Kopfes fgte er hinzu: Sie werden sich
entschlieen, Maud!

In diesem Augenblick klingelte das Telephon. Es war Hobby. Sofort
heraufkommen!

Als Allan wieder auf dem Dachgarten erschien, kam ihm der
Stahltrustmann Kilgallan entgegen und klopfte ihm auf die Schulter.

~You are all right~, Mac! sagte er.

Allan hatte gesiegt. Er hndigte dem rotgekleideten Groom einen Sto
Telegramme ein und der Groom versank im Lift.

Einige Minuten darauf war der Dachgarten leer. Jeder einzelne ging
unverzglich an seine Arbeit. Hotelbedienstete schafften die Gewchse
und Sessel fort, um Platz fr Vanderstyffts groen Vogel zu machen.

Vanderstyfft kletterte in die Maschine und schaltete die Lampen ein.
Der Propeller prasselte, ein Sturmwind fegte die Hotelbediensteten in
die Ecke, der Apparat lief ein Dutzend Schritte vorwrts und stieg
in die Luft. Und der groe weie Vogel zog den Lichtnebeln New Yorks
entgegen und verschwand.




8.


Zehn Minuten nach dieser Sitzung spielte der Telegraph nach New Jersey,
Frankreich, Spanien, den Bermudas und Azoren. Eine Stunde spter
hatten Allans Agenten fr fnfundzwanzig Millionen Dollar Lndereien
aufgekauft.

Diese Lndereien befanden sich in der fr den Tunnelbau denkbar
gnstigsten Lage; Allan hatte sie schon vor Jahren ausgewhlt. Sie
bestanden aus dem schlechtesten und billigsten Boden: Dnen, Heiden,
Morste, kahle Inseln, Riffe, Sandbnke. Der Preis von fnfundzwanzig
Millionen Dollar war ein Spottgeld, wenn man bedenkt, da die
Lndereien zusammen das Gebiet eines Herzogtums umfaten. Einbegriffen
war ein ausgedehnter, tiefer Komplex in Hoboken, der mit einer Front
von zweihundert Metern an den Hudson stie. Die aufgekauften Gebiete
lagen alle entfernt von greren Stdten, denn Allan brauchte diese
Stdte nicht. Seine Heiden und Dnen waren berufen, in Zukunft selbst
Stdte zu tragen, die die Umgebung verschlangen.

Whrend die Welt noch schlief, flogen Allans Telegramme durch die Kabel
und durch die Luft und berrumpelten smtliche Brsen der Welt. Und am
Morgen erbebte New York, Chikago, Amerika, Europa, die ganze Welt, bei
dem Wort: _Atlantic-Tunnel-Syndikat_.

Die Zeitungspalste waren die ganze Nacht tageshell erleuchtet.
Die Rotationspressen der Druckereien arbeiteten mit ihrer grten
Geschwindigkeit. Herald, Sun, World, Journal, Telegraph, all die in New
York erscheinenden englischen, deutschen, franzsischen, italienischen,
spanischen, yiddischen, russischen Zeitungen hatten erhhte Auflagen
gedruckt, und Millionen von Zeitungsblttern gingen mit dem erwachenden
Tag ber New York nieder. In den sausenden Aufzgen, auf den rollenden
Trottoiren und kletternden Treppen der Hochbahnstationen, auf den
Perrons der Subway, wo sich der allmorgendliche Kampf um einen Platz in
den vollgestopften Waggons abspielte, auf den Hunderten von Ferrybooten
und in den Tausenden von elektrischen Cars -- von der Battery
angefangen bis hinauf zur Zweihundertsten Strae wurden frmliche
Schlachten um die nassen Zeitungen geschlagen. In allen Straen stiegen
Fontnen von Extrablttern ber Menschenknuel und ausgestreckte Hnde
empor.

Die Nachricht war sensationell, unerhrt, kaum fabar, khn!

Mac Allan! -- Wer war er, was hatte er getan, woher kam er? Wer war der
Bursche, der ber Nacht vor die Front der unbekannten Millionen trat?

Einerlei, wer er war! Er hatte es fertiggebracht, das Tag um Tag
gleichmig dahinsausende New York aus den Geleisen zu werfen.

Die Augen saugten sich fest an den Ansichten prominenter
Persnlichkeiten, die ihre Meinung ber den Tunnel im Telegrammstil
verffentlichten:

C. H. Lloyd: Europa wird ein Vorort Amerikas werden.

Der Tabakmann H. F. Herbst: Du kannst einen Waggon Waren von New
Orleans nach St. Petersburg schicken, ohne umladen zu mssen.

Der Multimillionr H. I. Bell: Ich werde meine Tochter, die in Paris
verheiratet ist, anstatt dreimal im Jahr, zwlfmal sehen knnen.

Verkehrsminister de la Forest: Der Tunnel bedeutet fr jeden
Geschftsmann ein geschenktes Lebensjahr an ersparter Zeit.

Man verlangte ausfhrliche Nachrichten und man hatte ein Recht, sie
zu verlangen. Vor den Zeitungspalsten stauten sich die Menschen,
so da die Fhrer der elektrischen Wagen mit den Stiefeln auf den
Glockenknopf hmmern muten, um ihre Trains durchschieben zu knnen.
Stundenlang waren die Augen des kompakten Menschenblocks auf die
Projektionsflche im zweiten Stock des Herald-buildings gerichtet,
obgleich seit Stunden die gleichen Bilder erschienen: Mac Allan, Hobby,
die Gesellschaft auf dem Dachgarten.

Sieben Milliarden sind vertreten!! Mac Allan verkndet sein
Projekt. (Kinematographisch). Mrs. Brown zeichnet 10 Millionen.
(Kinematographisch). C. H. Smith wird aus dem Lift gezerrt.

Wir sind die einzigen, die Vanderstyffts Ankunft auf dem Roofgarden
bis zur unmittelbaren Landung zeigen knnen. Unser Photograph wurde von
der Maschine niedergerissen. (Kinematographisch). New Yorks weie,
mit Fenstern punktierte Wolkenkratzer, aus denen dnner, weier Dampf
steigt. Ein weier Schmetterling erscheint, ein Vogel, eine Mwe, ein
Monoplan! Der Monoplan saust ber den Roofgarden hinweg, beschreibt
eine Kurve, kommt zurck, senkt sich, ein Riesenflgel schwenkt heran.
Schlu. Ein Portrt: Mr. C. G. Spinnaway, unser Photograph, den
Vanderstyffts Maschine zu Boden schleuderte und schwer verletzte.

Neueste Aufnahme: Mac Allan verabschiedet sich in Bronx von seiner Frau
und seinem Kind, um in die Office zu fahren.

Und wieder beginnt dieselbe Serie von Bildern.

Pltzlich -- gegen elf Uhr -- stockt die Serie. Etwas Neues?! Alle
Gesichter sind nach oben gerichtet.

Ein Portrt: Mr. Hunter, Broker, 37. Strae 212 East, buchte soeben
sein Billett fr die erste Fahrt New York--Europa.

Die Menge lacht, schwingt die Hte, schreit!

Die Telephonmter waren berarbeitet, die Telegraphen und Kabel konnten
die Arbeit nicht mehr bewltigen. In all den Tausenden von Bureaus New
Yorks ri man den Hrer vom Apparat, um mit Verbndeten die Lage zu
besprechen. Ganz Manhattan fieberte! Die Zigarre im Mund, den steifen
Hut im Nacken, in Hemdrmeln, schweitriefend, sa und stand man und
schrie und gestikulierte. Bankiers, Broker, Agenten, Clerks. Offerten
ausarbeiten! Es galt, seine Stellung einzunehmen, so rasch, so gnstig
wie mglich! Eine Riesenkampagne stand bevor, eine Vlkerschlacht des
Kapitals, bei der man niedergeritten wurde, wenn man sich umsah. Wer
wrde das Riesenunternehmen finanzieren? Wie wrde es geschehen? Lloyd?
Wer sagt Lloyd? Wittersteiner? Wer wute etwas? Wer war dieser Teufel
Mac Allan, der fr fnfundzwanzig Millionen Lndereien ber Nacht
aufkaufte, deren Bodenwert sich verdreifachen, verfnffachen, -- wie
sagst du! -- verhundertfachen mute?

Am erregtesten ging es in den vornehmen Geschftsrumen der groen
transatlantischen Schiffahrtskompanien zu. Mac Allan war der Mrder
des transatlantischen Passagierverkehrs! Sobald sein Tunnel fertig
war -- und es war ja recht wohl mglich, da er eines Tages fertig
sein wrde! -- konnte man die viermalhunderttausend Tonnen, die man
schwimmen hatte, einschmelzen lassen. Man konnte in Luxusschiffen
Reisende zu Zwischendeckpreisen befrdern, man konnte die Khne in
schwimmende Sanatorien fr Lungenkranke umbauen oder sie nach Afrika
zu den Schwarzen schicken. Innerhalb von zwei Stunden hatte sich ein
Anti-Tunnel-Trust zusammentelephoniert und -telegraphiert, der eine
Interpellation an die verschiedenen Regierungen entwarf.

Von New York aus verbreitete sich die Erregung ber Chikago, Buffalo,
Pittsburg, St. Louis, San Franzisko, whrend das Tunnelfieber drben in
Europa London, Paris, Berlin zu ergreifen begann.

New York flimmerte und glitzerte in der Mittagshitze und als sich
die Leute wieder auf die Strae wagten, donnerten ihnen von allen
Straenecken riesenhafte Plakate entgegen: Hunderttausend Arbeiter!

Endlich erfuhr man nun auch den Sitz des Syndikats:
Broadway-Wallstreet. Hier stand ein blendendweies, halbfertiges
Turmgebude, dessen zweiunddreiig Etagen noch von Handwerkern
wimmelten.

Schon eine halbe Stunde, nachdem das Riesenplakat New York berschwemmt
hatte, drngten sich auf den mit kalkbespritzten Brettern belegten
Granitstufen des Syndikatgebudes Scharen von Arbeitsuchenden
zusammen, und das gesamte Heer der Arbeitslosen, das zu jeder Zeit
gegen Fnfzigtausend betrgt, wlzte sich durch hundert Straen nach
Downtown. In den Parterrerumen, wo noch Leitern, Bcke und Farbkbel
herumstanden, stieen sie auf Allans Agenten -- kalte, erfahrene
Burschen mit dem raschen Blick von Sklavenhndlern. Sie sahen durch
die Kleider hindurch das Knochengerst ihres Mannes, seine Muskeln und
Sehnen. An der Stellung der Schultern, an der Beuge der Arme erkannten
sie seine Kraft. Eine Pose, Schminke und gefrbte Haare, waren vor
ihren Augen sinnlos. Was grau war und schwchlich, was die mrderische
Arbeit New Yorks schon ausgesogen hatte, das lieen sie liegen. Und ob
sie auch Hunderte von Menschen in wenigen Stunden sahen -- wehe, wenn
einer einen zweiten Versuch machte: ihn traf ein eiskalter Blick, da
ihm das Rckenmark gefror, und der Agent sah ihn hierauf berhaupt
nicht mehr.




9.


Noch am gleichen Tage erschienen auf allen fnf Stationen, an der
franzsischen, spanischen und amerikanischen Kste, auf den Inseln
Bermuda und San Jorgo (Azoren) Truppe von Mnnern. Sie kamen in
Wagen und Mietsautomobilen an, die sich langsam den Weg durchs
Gelnde suchten, in Smpfe einsanken und ber Dnen humpelten.
Bei einer gewissen Stelle, die sich nicht im geringsten von der
Umgebung unterschied, kletterten sie von den Sitzen herab, schnallten
Nivellierapparate, Meinstrumente, Bndel von Markierungsstben vom
Wagen und machten sich an die Arbeit. Mit ruhiger Konzentration
visierten, maen, rechneten sie, ganz als glte es nur einen Garten
anzulegen. Der Schwei tropfte ihnen von der Stirn. Sie steckten einen
Streifen Landes ab, der in einem genau festgelegten Winkel gegen das
Meer deutete und rckwrts weithinein ins Land lief. Bald waren sie
zerstreut an verschiedenen Punkten ttig.

In der Heide tauchten einige Wagen auf, beladen mit Balken, Brettern,
Dachpappen und verschiedenen Gertschaften. Diese Wagen schienen
ganz zufllig hierhergekommen zu sein und nicht das geringste mit
den Geometern und Ingenieuren, die nicht einmal aufsahen, zu tun zu
haben. Sie hielten. Balken und Bretter prasselten auf die Erde. Spaten
blitzten in der heien Sonne, die Sgen kreischten, Hammerschlge
drhnten.

Dann kam ein Auto angeholpert und ein Mann stieg aus und schrie und
gestikulierte. Der Mann nahm ein Bndel Mestangen unter den Arm und
stapfte zu den Geometern hinber. Er war schmal und hellblond, es war
Hobby, der Chef der amerikanischen Station.

Hobby schrie Hallo! lachte, wischte sich den Schwei ab -- er war in
Schwei _gebadet_ -- und rief:

In einer Stunde kommt ein Koch! Wilson schafft wie ein Wilder in Toms
River. Dann steckte er zwei Finger in den Mund und pfiff.

Von den Wagen herber kamen vier Mnner mit Mestangen auf den
Schultern.

Hier, die Herren werden euch ~chaps~ sagen, was ihr tun sollt.
Und Hobby kehrte wieder zu den Wagen zurck und sprang mitten in den
Holzhaufen hin und her.

Dann verschwand er in seinem Auto, um nach den Arbeitern in Lakehurst
zu sehen, die mit dem Bau einer provisorischen Telephonlinie
beschftigt waren. Er schrie und schimpfte und fuhr weiter, am
Bahnkrper Lakehurst-Lakewood entlang, der das Gelnde des Syndikats
durchschnitt. Mitten auf der Strecke, in einer Viehweide, auf der
Khe und Ochsen umherstanden, hielt ein qualmender Gterzug von zwei
Lokomotiven und fnfzig Waggons. Hinter ihm her kam ein Zug mit
fnfhundert Arbeitern. Es war fnf Uhr. Diese fnfhundert Arbeiter
waren bis zwei Uhr mittags angeworben worden und hatten um drei Uhr
Hoboken verlassen. Sie waren alle heiter, gutgelaunt, aus dem kochenden
New York heraus zu sein und eine Beschftigung in freier Luft gefunden
zu haben.

Sie strzten sich auf die fnfzig Waggons und warfen Bretter,
Wellbleche, Dachpappen, Kochherde, Proviant, Zelte, Decken, Kisten,
Scke, Ballen auf die Viehweide. Hobby fhlte sich wohl. Er schrie,
pfiff, kletterte rasch wie ein Affe ber die Waggons und Bretterhaufen
und heulte seine Befehle. Eine Stunde spter waren die Feldkchen
installiert und die Kche an der Arbeit. Zweihundert Arbeiter waren
beschftigt, in aller Eile Baracken zusammenzuschlagen fr die Nacht,
whrend die brigen noch ausluden.

Als es dunkel war, empfahl Hobby seinen ~boys~ zu beten und sich aufs
Ohr zu legen, so gut es ging.

Er fuhr zurck zu den Geometern und Ingenieuren und telephonierte
seinen Rapport nach New York.

Dann ging er mit den Ingenieuren hinunter an die Dnen zum Baden.
Und hierauf warfen sie sich in den Kleidern auf den Bretterboden der
Baracke und schliefen augenblicklich ein, um mit dem Grauen des Tages
wieder ihre Ttigkeit aufzunehmen.

Um vier Uhr morgens trafen hundert Waggons Material ein. Um ein halb
fnf tausend Arbeiter, die die Nacht im Zug geschlafen hatten und
hungrig und erschpft aussahen. Die Feldkchen arbeiteten schon im
Grauen des Tages mit Hochdruck und die Bckereien standen unter Dampf.

Hobby war pnktlich zur Stelle. Die Arbeit machte ihm Vergngen, und
obwohl er nur wenige Stunden geschlafen hatte, befand er sich in seiner
besten Laune, die ihm sofort die Sympathie seines Arbeiterheeres
gewann. Er hatte sich ein Pferd zugelegt, einen Grauschimmel, auf dem
er den ganzen Tag unermdlich hin und her galoppierte.

Neben der Bahnstrecke huften sich ganze Berge von Material an. Um
acht Uhr traf ein Zug von zwanzig Waggons ein, der nur Schwellen,
Schienen, Karren, zwei zierliche Lokomotiven fr eine Schmalspurbahn
enthielt. Und um neun Uhr kam der zweite. Er brachte ein Bataillon von
Ingenieuren und Technikern mit, und Hobby warf tausend Mann auf den
Bau des schmalen Bahnkrpers, der zur drei Kilometer weit entfernten
Baustelle fhren sollte. Am Abend traf ein Zug mit zweitausend eisernen
Feldbetten und Schlafdecken ein. Hobby wetterte ins Telephon und bat um
mehr Arbeiter, und Allan sagte ihm zweitausend Mann fr den nchsten
Tag zu.

In der Tat trafen beim Morgengrauen zweitausend Mann ein. Und hinter
ihnen her schleppten sich endlose Zge mit Material. Hobby fluchte das
Blaue vom Himmel herunter. Allan begrub ihn buchstblich! Dann aber
ergab er sich in sein Schicksal: er erkannte _Allans Tempo_! Es war
das an sich hllische Tempo Amerikas und dieser Zeit zur _Raserei_
gesteigert. Und er respektierte es, obwohl es ihm den Atem benahm, und
potenzierte seine Anstrengungen.

Am dritten Tage hatte die Feldbahn, auf der gerade ein Zug fahren
konnte ohne umzustrzen, die Baustelle erreicht, und am Abend des
dritten Tages noch pfiff eine kleine Feldlokomotive, die mit lautem
Hurra begrt wurde, mitten im Camp. Sie schleppte endlose Karren
voller Bretter, Balken und Wellblech herbei, und zweitausend Arbeiter
waren in fieberhafter Hast beschftigt, Baracken, Feldkchen, Schuppen
anzulegen. Aber in der Nacht kam ein Gewittersturm und fegte die ganze
Stadt Hobbys durcheinander.

Hobby hatte fr diesen Scherz nur einen langen gehaltvollen Fluch. Er
bat Allan um vierundzwanzig Stunden Frist, aber Allan nahm nicht die
geringste Rcksicht und sandte einen Materialzug nach dem andern, so
da es Hobby schwarz vor den Augen wurde.

An diesem Tag kam Allan selbst abends um sieben Uhr im Auto mit
Maud heraus. Und Allan fuhr umher, wetterte und fluchte und nannte
alles eine Bummelei und sagte, das Syndikat bezahle und verlange
angestrengteste Arbeit, und fuhr wieder ab und hinterlie ein
Kielwasser von Staunen und Respekt.

Hobby war nicht _der_ Mann, der sich rasch entmutigen lie. Er war
entschlossen, das fnfzehnjhrige tolle Rennen durchzuhalten und fuhr
nun wie ein Teufel dazwischen. Das Allansche Tempo ri ihn mit fort!
Ein Arbeiterbataillon war mit dem Bau eines Bahndammes nach Lakewood
beschftigt; fr regulre Zge; eine rostrote Staubwolke zeigte den
Weg seiner Arbeit. Ein zweites strzte sich auf die ankommenden
Materialzge, um in gepeitschtem Tempo die Gter abzuladen und
aufzustapeln, Schwellen, Schienen, Kabelmaste, Maschinen. Ein drittes
whlte beim Schacht; ein viertes zimmerte die Baracken. All diese
Bataillone wurden von Ingenieuren befehligt, die an nichts erkennbar
waren als dem unaufhrlichen Geschrei und den erregten Gestikulationen,
womit sie die Arbeiterrotten antrieben.

Hobby, auf seinem Grauschimmel, war allgegenwrtig. Die Arbeiter
nannten ihn Jolly Hobby, wie sie Allan Mac getauft hatten und
Harrimann, den Chefingenieur -- ein stiernackiger dsterer Mann, der
sein ganzes Leben auf den groen Baustellen aller Kontinente verbracht
hatte -- einfach Bull.

Zwischen all diesen Menschenknueln aber bewegten sich die Feldmesser
mit ihren Instrumenten, als ob sie der ganze Tumult nichts angehe, und
bersten das ganze Gelnde mit buntfarbigen Pflcken und Stangen.

Drei Tage nach dem ersten Spatenstich war die Tunnelstadt ein
Minen-Camp gewesen, dann ein Feldlager und eine Woche spter eine
ungeheure Barackenstadt, in der zwanzigtausend Menschen kampierten,
mit Schlachthusern, Molkereien, Bckereien, Basaren, Bars, Post,
Telegraph, einem Hospital und einem Friedhof. Abseits von ihr stand
schon eine ganze Strae fertiger Huser, Edisonsche Patenthuser, die
an Ort und Stelle gegossen wurden und innerhalb von zwei Tagen fix und
fertig waren. Die ganze Stadt war dick mit Staub bedeckt, so da sie
fast wei erschien; die wenigen Grasbschel und die vereinzelten Bsche
waren zu Zementhaufen geworden. Die Straen waren Eisenbahnschienen
und Schwellen, und die flachen Baracken versanken in einem Wald von
Kabelmasten.

Acht Tage spter erschien inmitten der Barackenstadt ein schwarzer,
heulender und gellender Dmon: eine riesige amerikanische
Gterzugmaschine auf hohen roten Rdern, die einen endlosen Zug von
Waggons nachschleppte. Sie stand fauchend in dem Trmmerfeld, stie
eine schwarze, hohe Rauchwolke in die grelle Sonne empor und sah um
sich. Alle blickten auf sie und schrien und heulten begeistert: es war
_Amerika_, das in die Tunnelstadt gekommen war!

Am andern Tag waren es Rudel und eine Woche spter waren es Schwrme
dieser schwarzen, rauchenden Dmonen, die die Luft mit der bebenden
Ausdnstung ihrer Leiber erschtterten, ihre Saurierknochen schwangen
und aus Kiefern und Nasenschlund Dampf und Rauch stieen. Die
Barackenstadt sah aus, als ginge sie in Qualm auf. Oft war der Qualm so
dick, da sich in der verdunkelten Atmosphre elektrische Entladungen
vollzogen und bei schnstem Wetter Donner ber die Tunnelstadt
hinrollte. Die Stadt tobte und schrie, sie pfiff, scho, donnerte,
gellte.

Aus der Mitte dieser tobenden, rauchenden, weien Schuttstadt aber
stieg eine ungeheure Staubsule empor, Tag und Nacht. Diese Staubsule
bildete Wolkenformationen, hnlich jenen, die man bei Vulkanausbrchen
beobachtet. Pilzfrmig, von den oberen Luftschichten zusammengedrckt,
und Wolkenfetzen zogen von ihr aus mit den Luftstrmungen.

Es kam ganz auf den Wind an. Aber die Dampfer haben diesen Staub auf
dem Meere beobachtet als eine viele Kilometer umfassende, kalkweie
schwimmende Insel, und zuweilen siebte der Tunnelstaub ber New York
herab wie ein feiner Aschenregen.

Die Baustelle war hier vierhundert Meter breit und zog sich fnf
Kilometer schnurgerade ins Land hinein. Sie wurde in Terrassen
abgebaut, die tiefer und tiefer stiegen. An der Mndung der
Tunnelstollen sollte die Sohle der Terrassen zweihundert Meter unter
dem Meeresspiegel liegen.

Heute eine sandige Heideflche mit einer Heerschar von buntfarbigen
Pflcken, morgen ein Sandbett, bermorgen eine Kiesgrube, ein
Steinbruch, ein ungeheurer Kessel aus Konglomeraten, Sandsteinen,
Tonen und Kalk, und zuletzt eine Schlucht, in der es wimmelte wie von
Maden. Das waren Menschen, winzig von oben gesehen, wei und grau vom
Staub, graue Gesichter, Staub in den Haaren und Wimpern und einen Brei
von Staubmasse zwischen den Lippen. Zwanzigtausend Menschen strzten
sich Tag und Nacht in diese Baugrube hinein. Wie ein See glitzert, so
glitzerten drunten die Picken und Schaufeln. Hornsignale: Staub wirbelt
empor, ein steinerner Kolo neigt sich vornber, strzt, zerfllt, und
Knuel von Menschen wlzen sich in die Staubwolke, die emporjagt. Die
Bagger kreischen und jammern, die Paternosterwerke winseln und rasseln
unaufhrlich, Krane schwingen, Karren sausen durch die Luft, und die
Pumpen drcken Tag und Nacht einen Strom von schmutzigem Wasser durch
mannsdicke Rhren empor.

Heere von winzigen Lokomotiven schieen unter den Baggern hindurch,
schleppen sich zwischen Gerll und ber Sandhaufen. Aber sobald sie
das freie Land und solide Schienen erreicht haben, fliegen sie wild
pfeifend und mit gellenden Glockensignalen zwischen den Baracken
dahin nach den Baustellen, wo man Sand und Steine braucht. Hier haben
die Zge Berge von Zementscken angefahren, und Arbeiterscharen sind
beschftigt, groe Kasernenbauten zu errichten, die vierzigtausend Mann
beherbergen sollen und zum Winter unter Dach sein mssen.

Fnf Kilometer vom Schacht entfernt aber -- wo die Trasse sich in
sanftem Winkel zu neigen beginnt -- stehen in einer Wolke von l, Hitze
und Rauch vier finstere Maschinen auf funkelnagelneuen Schienen und
warten und qualmen.

Vor ihren Rdern blitzen Schaufeln und Picken. Schweitriefende
Rotten heben den Boden aus und fllen ihn auf mit Steinblcken und
Schottersteinen, die aus Kippwagen die Bschung herunterpoltern. In
die Steine betten sie Schwellen, die noch kleben vom Teer, und wenn
sie eine Leiter von Schwellen gelegt haben, so schrauben sie die
Schienen darauf fest. Und wenn sie fnfzig Meter Schienen gelegt
haben, so pusten und zischen die vier schwarzen Maschinen und bewegen
die Stahlgelenke, drei-, viermal, und schon sind sie wieder bei den
blitzenden Schaufeln und Picken angelangt.

So wandern die vier schwarzen Ungeheuer jeden Tag vorwrts, und
eines Tages stehen sie tief zwischen hohen Gerllbergen, und eines
Tages stehen sie tief unter den Terrassen in einem Kamin von steilen
Betonwnden und starren mit ihren Zyklopenaugen auf die Felswand
vor ihnen, wo im Abstand von dreiig Schritten zwei groe Bogen
angeschlagen sind -- die Mndung des Tunnels.




Zweiter Teil




1.


Wie in der Tunnelstadt auf amerikanischem Boden, so fraen sich
Armeen schweitriefender Menschen in Frankreich, Finisterre und auf
den ozeanischen Stationen in die Erde hinein. Tag und Nacht stiegen
an diesen fnf Punkten des Erdballs ungeheure Rauch- und Staubsulen
empor. Das hunderttausendkpfige Arbeiterheer rekrutierte sich aus
Amerikanern, Franzosen, Englndern, Deutschen, Italienern, Spaniern,
Portugiesen, Mulatten, Negern, Chinesen. Alle lebenden Idiome
schwirrten durcheinander. Die Bataillone der Ingenieure bestanden zum
grten Teil aus Amerikanern, Englndern, Franzosen und Deutschen. Bald
aber strmten Scharen von Volontren aller technischen Hochschulen der
Welt herbei, Japaner, Chinesen, Skandinavier, Russen, Polen, Spanier,
Italiener.

An verschiedenen Punkten der franzsischen, spanischen und
amerikanischen Kste, der Bermudas und der Azoren erschienen Allans
Ingenieure und Arbeiterhorden und begannen wie an den Hauptbaustellen
zu whlen. Ihre Aufgabe war es, die Kraftwerke zu bauen, Allans
Niagara, dessen Gewalt er brauchte, um seine Zge von Amerika nach
Europa zu jagen, die ungeheueren Stollen zu beleuchten und zu belften.
Nach dem verbesserten System der Deutschen Schlick und Lippmann lie
Allan ungeheure Reservoire anlegen, in die das Meer zur Zeit der
Flut strmte, um von da in niedriger gelegene Bassins zu donnern,
niederschieend die Turbinen zu drehen, die aus den Dynamos den Strom
schlugen, und bei Ebbe ins Meer zurckzukehren.

Die Eisenhtten und Walzwerke von Pennsylvania, Ohio, Oklahoma,
Kentucky, Colorado, von Northumberland, Durham, Sdwales, Schweden,
Westfalen, Lothringen, Belgien, Frankreich buchten Allans ungeheure
Bestellungen. Die Kohlenzechen beschleunigten die Frderung, um
den erhhten Kohlenbedarf fr Transport und Hochfen zu decken.
Kupfer, Stahl, Zement erlebten eine unerhrte Hausse. Die groen
Maschinenfabriken Amerikas und Europas arbeiteten mit berschichten. In
Schweden, Ruland, Ungarn und Kanada wurden Wlder niedergemht.

Eine Flotte von Frachtdampfern und Segelschiffen war stndig
zwischen Frankreich, England, Deutschland, Portugal, Italien und den
Azoren, zwischen Amerika und den Bermudas unterwegs, um Material und
Arbeitskrfte nach den Baustellen zu transportieren.

Vier Dampfer des Syndikats, mit den ersten Kapazitten (zumeist
Deutschen und Franzosen) an Bord, schwammen auf dem Ozean, um die
Mae und Lotungen der nach den bekannten ozeanographischen Messungen
projektierten Tunnelkurve auf einer Breite von dreiig Seemeilen zu
kontrollieren und nachzuprfen.

Von all den Stationen, Arbeitsstellen, Dampfern, Industriezentren aus
liefen Tag und Nacht Fden nach dem Tunnel-Syndikat-Building, Ecke
Broadway-Wallstreet, und von hier aus in eine einzige Hand -- Allans
Hand.

In wenigen Wochen angestrengtester Arbeit hatte Allan die groe
Maschine in Schwung gebracht. Sein Werk fing an, die Welt zu umspannen.
Sein Name, dieser vor kurzem noch gnzlich unbekannte Name, leuchtete
wie ein Meteor ber den Menschen.

Tausende von Journalen beschftigten sich mit seiner Person und nach
geraumer Zeit gab es keinen Zeitungsleser in der Welt mehr, der nicht
ganz genau Allans Lebensgeschichte kannte.

Diese Geschichte aber war keineswegs alltglich: Von seinem zehnten bis
dreizehnten Jahr gehrte Allan zur Armee der unbekannten Millionen, die
ihr Leben unter der Erde verbringen und an die niemand denkt.

Er war in den westlichen Kohlenbezirken geboren, und der erste
Eindruck, der in seinem Gedchtnis haften geblieben war, war _Feuer_.
Dieses Feuer stand nachts an verschiedenen Stellen am Himmel, wie
feurige Kpfe auf dicken Leibern, die ihn schrecken wollten. Es kam
aus fen gegenber heraus in der Gestalt glhender Gebirge, auf die
glhende Mnner von allen Seiten Wasserstrahlen richteten, bis alles in
einer groen weien Dampfwolke verschwand.

Die Luft war voll von Rauch und Qualm, dem Geschrei von Fabrikpfeifen,
es regnete Ru, und zuweilen brannte nachts der ganze Himmel lichterloh.

Die Menschen erschienen immer in Haufen in den Straen geschwrzter
Backsteinhuser, sie kamen in Haufen, sie gingen in Haufen, sie waren
immer schwarz und selbst am Sonntag hatten sie Kohle in den Augen. In
allen ihren Gesprchen kehrte stets das eine Wort wieder: Uncle Tom.

Vater und Fred, der Bruder, arbeiteten in Uncle Tom, wie alle
Welt ringsum. Die Strae, in der Mac aufwuchs, war fast immer mit
glnzendschwarzem Morast bedeckt. Danebenher flo ein seichter Bach.
Die wenigen Grser, die an seinen Ufern wuchsen, waren nicht grn,
sondern schwarz. Der Bach selbst war schmutzig und meist schwammen
buntschillernde lflecken darauf. Hinter dem Bach standen schon die
langen Reihen der Koksfen, und hinter ihnen erhoben sich schwarze
Eisen- und Holzgerste, auf denen unaufhrlich kleine Karren liefen.
Am strksten aber fesselte den kleinen Mac ein groes, richtiges Rad,
das in der Luft hing. Dieses Rad stand zuweilen auf Augenblicke still,
dann begann es wieder zu schnurren, es wirbelte so rasch, da man die
Speichen nicht mehr sah. Pltzlich aber sah man die Speichen wieder,
das Rad in der Luft drehte sich langsamer, das Rad stand still! Und
darauf begann es wieder zu schnurren.

In seinem fnften Lebensjahre wurde Mac von Fred und den brigen
Pferdejungen in das Geheimnis eingeweiht, wie man ohne jegliches
Anlagekapital Geld machen knne. Man konnte Blumen verkaufen,
Wagenschlge ffnen, umgefallene Stcke aufheben, Autos herbeiholen,
Zeitungen aus den Trams sammeln und wieder in den Handel bringen.
Voller Eifer nahm Mac seine Arbeit in der City auf. Jeden einzelnen
Cent lieferte er an Fred ab und dafr durfte er die Sonntage mit
den Pferdejungen in den ~saloons~ verbringen. Mac kam nun in das
Alter, wo ein witziger Junge den ganzen Tag fhrt, ohne einen Cent
zu bezahlen. Wie ein Parasit lebte er auf allem, was rollte und ihn
vorwrtsbrachte. Spter vergrerte Mac sein Geschft und arbeitete auf
eigene Rechnung. Er sammelte leere Bierflaschen in den Neubauten und
verkaufte sie, indem er sagte: Vater schickt mich.

Aber er wurde abgefat, jmmerlich verprgelt und damit war das
blhende Geschft zu Ende.

In seinem achten Lebensjahr bekam Mac von seinem Vater eine graue
Kappe und groe Stiefel, die Fred getragen hatte. Diese Stiefel waren
so weit, da Mac sie mit einem einzigen Schlenkern des Fues in die
nchste Stubenecke befrdern konnte.

Der Vater nahm ihn an der Hand und fhrte ihn nach Uncle Tom. Dieser
Tag machte auf Mac einen unauslschlichen Eindruck. Noch heute
erinnerte er sich deutlich, wie er, erschreckt und aufgeregt, an der
Hand des Vaters durch den lrmenden Zechenhof schritt. Uncle Tom war
mitten im Betrieb. Die Luft bebte von Geschrei, Pfeifen, Krrchen
sausten durch die Luft, Eisenbahnwaggons rollten, alles bewegte sich.
Hoch oben aber schwirrte die Frderscheibe, die Mac schon jahrelang aus
der Ferne gesehen hatte. Hinter den Koksfen stiegen Feuersbrnste und
weie Rauchwolken empor, Ru und Kohlenstaub sank vom Himmel herab, es
surrte und zischte in mannsdicken Rhren, aus den Khlanlagen strzten
Wasserflle, und aus dem dicken, hohen Fabrikschlot quoll unaufhrlich
pechschwarzer Qualm in den Himmel empor.

Je nher sie aber den ruigen Backsteingebuden mit den geplatzten
Fensterscheiben kamen, desto lauter und wilder wurde das Getse. Es
schrie in der Luft wie tausend gemarterte kleine Kinder; die Erde
zitterte.

Was schreit so, Vater? fragte Mac.

Die Kohle schreit.

Nie hatte Mac gedacht, da die Kohle schreien knne!

Der Vater stieg die Treppe eines groen bebenden Hauses empor, dessen
Wnde Risse zeigten, und ffnete die hohe Tr ein wenig.

Tag, Josiah! Ich will dem Jungen deine Maschine zeigen, rief er
hinein, und dann wandte er sich um und spuckte auf die Treppe. Komm,
Mac!

Mac lugte in den groen reinlichen, mit Fliesen belegten Saal. Der Mann
namens Josiah wandte ihnen den Rcken zu. Er sa in einem bequemen
Stuhl, hatte die Hnde an blanken Hebeln und starrte regungslos auf
eine Riesentrommel im Hintergrunde des Saales. Ein Glockensignal
ertnte. Da bewegte Josiah einen Hebel und die groen Maschinen links
und rechts begannen ihre Schenkel zu schwingen. Die Trommel, die Mac
haushoch vorkam, lief immer rasender, und um sie herum sauste ein
schwarzes armdickes Drahtseil.

Der Korb geht nach Sohle sechs, erklrte der Vater. Er fllt rascher
als ein Stein. Er wird gerissen. Josiah arbeitet mit achtzehnhundert
Pferden.

Mac war ganz wirr im Kopfe.

An einer weien Stange vor der Trommel stiegen Pfeile auf und ab, und
als die Pfeile in nchster Nhe waren, bewegte Josiah wieder einen
Hebel und die sausende Trommel wurde langsamer und stand still.

Mac hatte nie etwas so Gewaltiges gesehen wie diese Frdermaschine.

~Thanks~, Josiah! sagte der Vater, aber Josiah wandte sich nicht um.

Sie gingen um das Maschinenhaus herum und stiegen eine schmale
eiserne Treppe empor, auf der Mac in seinen groen Stiefeln nur
mhsam vorwrtskommen konnte. Sie stiegen dem schrillen, winselnden
Kindergeschrei entgegen, und hier war der Lrm so gro, da man kein
Wort mehr verstehen konnte. Die Halle war riesig, dunkel, voller
Kohlenstaub und rasselnder eiserner Karren.

Macs Herz war beklommen.

Gerade da, wo die Kohlen winselten und schrien, bergab ihn der Vater
den geschwrzten Mnnern und ging davon. Da sah Mac zu seinem Erstaunen
einen Bach von Kohlen! Auf einem meterbreiten langen Band liefen
unaufhrlich Kohlenstcke dahin, um endlich durch ein Loch im Boden wie
ein endloser schwarzer Wasserfall in Eisenbahnwaggons hinabzustrzen.
Zu beiden Seiten dieses langen Bandes aber standen geschwrzte Knaben,
Knirpse wie Mac, und griffen hastig in den Kohlenstrom hinein und
suchten bestimmte Brocken heraus, die sie in eiserne Karren warfen.

Ein Junge schrie ihm ins Ohr, er solle zusehen. Dieser Knirps hatte
ein geschwrztes Gesicht und erst nach einer Weile erkannte ihn Mac an
einer Hasenscharte. Es war ein Junge aus der nchsten Nachbarschaft,
mit dem er erst gestern noch eine Schlgerei gehabt hatte, weil er ihm
seinen Spottnamen Hase nachrief.

Wir suchen die Berge heraus, Mac, schrie der Hase mit gellender
Stimme in Macs Ohr, wir drfen die Steine nicht mit verkaufen.

Am nchsten Tage schon sah Mac so gut wie die andern, was Kohle war und
was Stein war, am Bruch, am Glanz, an der Gestalt. Und acht Tage spter
war es ihm, als sei er seit Jahren in dieser schwarzen Halle voller
Lrm und Kohle gewesen.

ber den ewig gleitenden Kohlenbach gebeugt, mit den schwarzen Hnden
nach den Bergen fahrend -- so stand Mac zwei volle Jahre, jeden Tag,
an seinem bestimmten Platz, der fnfte von oben. Tausende von Tonnen
Kohlen glitten durch seine kleinen raschen Hnde.

Jeden Sonnabend holte er seinen Lohn, den er an den Vater (bis auf
ein kleines Taschengeld) abgeben mute. Mac war neun Jahre alt und
ein Mann geworden. Wenn er am freien Sonntag in den Saloon ging, so
trug er einen steifen Hut und einen Kragen. Eine Pfeife hing zwischen
den Haifischzhnen; er kaute Gummi und hatte allezeit ein reichliches
Reservoir von Speichel zwischen Zunge und Gaumen. Er war ein Mann,
sprach wie ein Mann und hatte nur die helle, gellende Stimme eines
Knaben, der die Woche in einem lrmenden Arbeitsraum verbringt.

Das war die Kohle ber der Erde, und er, Mac, kannte sie und wute
in allen Dingen Bescheid -- besser als der Vater und Fred! Es gab
hier Dutzende von Knaben, die nach einem Jahr keine Ahnung hatten,
woher die Kohle alle kam, dieser endlose Strom von Kohlenblcken,
die in die Waggons polterten. Tag und Nacht klirrten die eisernen
Tren des Schachtes und der triefende Frderkorb spie Tag und Nacht,
ohne Pause, vier eiserne Hunde voll Kohlen aus, fnfzig Zentner auf
einmal. Tag und Nacht rasselten die Hunde ber die Eisenplatten der
Halle, Tag und Nacht drehten sie sich an einer bestimmten Stelle ber
einer ffnung am Boden (wie Hhner am Spie!) und schtteten die Kohle
hinunter und liefen leer davon. Von da unten aber stieg die Kohle
auf einem Paternosterwerk herauf und wurde auf groen Sieben hin
und her gerttelt und hier _schrie_ die Kohle. Die groe Kohle, die
Frderkohle, ging in die Waggons und fort. Ja, ~well~, das wuten auch
die anderen Jungen, aber mehr nicht! Mac hatte sich schon nach einem
Monat gesagt, da die Hunde, die durch die Halle polterten, unmglich
all die Kohle bringen konnten! Und so war es. Tglich kamen Hunderte
von Waggons an -- von Uncle Tom II, Uncle Tom III und Uncle Tom IV
-- und sie alle kamen zu Uncle Tom I, weil hier die Wschereien und
Kokereien und der chemische Betrieb waren. Mac hatte sich umgesehen
und wute alles! Er wute, da die Kohle, die durchs Sieb fiel, durch
ein Paternosterwerk in die Wscherei transportiert wurde. Hier lief
sie durch Kessel, in denen das Wasser die Kohle fortsplte, whrend
die Steine sanken. Die Kohle aber lief in eine Riesentrommel aus fnf
Sieben, mit verschieden groen Lchern; hier ging sie herum, rasselnd
und scharrend und wurde sortiert. Und die einzelnen Sorten liefen durch
Kanle zu verschiedenen Trichtern und fielen als Stckkohle, melierte
Kohle, Nu I, II, III, in die Eisenbahnwaggons und gingen fort! Die
Feinkohle aber, all die Splitter und der Staub -- die warf man fort,
glaubst du? Nein! Frage Mac, den zehnjhrigen Ingenieur, und er wird
dir sagen, da man die Kohle aussaugt, bis nichts mehr von ihr da
ist. Dieser Kohlenschutt lief eine eiserne, durchlcherte Treppe empor.
Diese ungeheure Treppe voll grauen Schmutzes schien stillzustehen,
aber wenn man genau hinsah, so sah man, da sie sich langsam -- ganz
langsam bewegte. In genau zwei Tagen lief jede Stufe hinauf, kippte um
und schttete den Staub in ungeheure Trichter. Von da kam der Staub in
die Koksfen, wurde Koks, und die Gase wurden in den hohen schwarzen
Teufeln niedergeschlagen und Teer, Ammoniak und alles mgliche daraus
gemacht. Das war der chemische Betrieb von Uncle Tom I und Mac wute
alles.

In seinem zehnten Jahr bekam Mac vom Vater einen dicken Anzug aus
gelbem Tuch, eine wollene Halsbinde, und an diesem Tage fuhr er zum
erstenmal ein -- dahin, wo die Kohle herkam.

Die eisernen Schranken klirrten, die Glocke schlug an, der Korb strzte
ab. Zuerst langsam und dann rasend rasch, so schnell, da Mac glaubte,
der Boden, auf dem er sa, breche durch. Es wurde ihm einen Augenblick
schwarz vor den Augen, sein Magen schnrte sich zusammen -- dann aber
hatte er sich zurechtgefunden. Mit einem gellenden Lrm sauste der
eiserne Korb achthundert Meter tief hinab. Er schlug schwankend gegen
die Fhrungsschienen, da es klirrte und krachte, als springe er in
Stcke. Das Wasser klatschte auf sie herab, die triefende schwarze
Bretterverschalung des Schachtes flog im Schein ihrer Grubenlampen
an den offnen Tren des Korbes in die Hhe. Mac sagte sich, da es
so sein msse. Zwei Jahre lang hatte er tglich beim Schichtwechsel
die Hauer und Bergleute mit ihren Lmpchen -- die wie Glhwrmchen in
der dunklen Halle tanzten -- aus dem Korb steigen sehen und mit dem
Korb versinken, und nur zweimal war etwas passiert. Einmal war der
Korb gegen das Dach gefahren und die Leute hatten sich die Schdel
eingeschlagen, das andere Mal war das Seil gerissen und zwei Steiger
und ein Ingenieur waren in den Sumpf gestrzt. Das konnte vorkommen,
aber es kam nicht vor.

Pltzlich hielt der Korb und sie waren auf Sohle 8, und es war auf
einmal ganz still. Ein paar bis zur Unkenntlichkeit geschwrzte,
halbnackte Gestalten empfingen sie.

Du bringst uns deinen Jungen, Allan?

~Yep!~

Mac befand sich in einem heien Tunnel, der, beim Schacht schwach
erleuchtet, sich rasch in Finsternis verlor. Nach einer Weile
schimmerte in der Ferne eine Lampe, ein Schimmel erschien, Jay,
der Pferdejunge -- den Mac schon lange kannte -- an der Seite, und
hinterher rasselten zwanzig eiserne Hunde voller Kohlen.

Jay grinste. Hallo! Da ist er ja! schrie er. Mac, ich habe gestern
noch drei ~drinks~ im Pokerautomaten gewonnen. ~Hej, hej, stop Boney!~

Diesem Jay wurde Mac beigegeben und einen ganzen Monat lang stapfte er
wie ein Schatten an Jays Seite, bis er angelernt war. Dann verschwand
Jay, und Mac besorgte die Arbeit allein.

Er war auf Sohle 8 zu Hause und dachte gar nicht daran, da ein Junge
von zehn Jahren etwas anderes sein knne als ein Ponyboy. Anfangs hatte
ihn die Finsternis und mehr noch die unheimliche Stille hier unten
bedrckt. Ja, was fr ein ~fool~ war er doch gewesen, zu glauben, da
es hier unten von allen Seiten picken und klopfen wrde! Es war im
Gegenteil totenstill, wie in einer Gruft, aber man konnte pfeifen,
verstehst du? Nur beim Schacht, wo der Korb lief und ein paar Leute
die Hunde einschoben und herauszogen, bei den Flzen, wo die Hauer,
zumeist unsichtbar fr Mac, eingeklemmt zwischen dem Gestein hingen
und die Kohle schlugen, war ein wenig Lrm. Eine Stelle aber gab es
auf Sohle 8, wo ein furchtbarer Lrm war. Dort arbeiteten die Bohrer.
Zwei Mnner, die lngst taub sein muten, preten die pneumatisch
betriebenen Bohrer mit den Schultern gegen den Felsen, und hier war
kein Wort zu verstehen.

Auf Sohle 8 arbeiteten einhundertundachtzig Menschen -- und doch sah
Mac selten jemand. Zuweilen einen Steiger, den Schiemeister, das
war alles. Es war stets ein Ereignis, wenn irgendein Lmpchen im
finsteren Stollen auftauchte und ein einsamer Wanderer angestapft kam.
Seine ganze Schicht lang fuhr Mac in diesen den, schwarzen, niedern
Gngen hin und her. Er sammelte die Kohlenkarren bei den Flzen und
Bremsbahnen und fuhr sie zum Schacht. Hier hngte er sein Pferd vor
den fertigen Zug, leere Hunde, Hunde mit Gestein zum Ausfllen der
abgebauten Flze, mit Stempeln, Balken und Brettern zum Verzimmern
der Stollen, und brachte die Wagen an die betreffenden Stellen. Er
kannte das ganze Labyrinth der Stollen, jeden einzelnen Balken, den
der hereindrckende Berg geknickt hatte, alle Flze, sie mochten
heien George Washington, Merry Aunt, Fat Billy oder wie immer. Er
kannte die Wettervorhnge, aus denen schwere Grubengase stiegen. Er
kannte jeden Sargdeckel, ins Gestein eingesprengte kurze Sulen,
die pltzlich herausfahren knnen, um dich an die Wand zu nageln. Er
kannte die Wetterfhrung genau, Tren, die der strkste Mensch nicht
ffnen konnte, bevor er nicht die dagegenpressende Luft durch ein
kleines Fenster in der Tre hatte ausstrmen lassen -- dann pfiff die
Luft wie ein eisiger Sturmwind. Und wieder, da gab es Stollen voll
dumpfer, heier Luft, da einem sofort der Schwei vom Gesicht strzte.
Hundertmal in der Schicht durchquerte er diese eisigen und kochenden
Stollen, ganz wie es tausend Pferdejungen in diesem Augenblick tun.

Nach der Schicht fuhr er aus mit den Kameraden im aufwrtsschieenden,
klirrenden Korb, aus und wieder ein, ohne sich dabei etwas zu denken,
genau wie ein Clerk den Lift nimmt, um in seine Office und von der
Office auf die Strae zu kommen.

Da drunten auf Sohle 8 machte Mac die Bekanntschaft von Napoleon
Bonaparte, gekrzt Boney. So hie sein Schimmel. Boney hatte Jahre da
unten in der Dunkelheit zugebracht und war halb blind. Sein Rcken war
gebogen und der Kopf bis zum Boden gesenkt, von dem ewigen Bcken in
den niedrigen Stollen. Boney hatte sich in den Pftzen zwischen den
engen Schienen die Hufe breitgetreten, so da sie wie Kuchen waren.
Er war aus den besten Jahren heraus und die Haare gingen ihm aus. Um
die Augen und die Nstern hatte er fleischrote Ringe, die nicht hbsch
aussahen. Dabei aber ging es Boney prchtig, er war dick und fett und
phlegmatisch geworden. Er ging stets im gleichen Trott. Sein Gehirn
hatte sich auf diesen Trott eingestellt und er konnte jetzt nicht mehr
anders. Mac konnte mit der Brste (von ihr wird gleich die Rede sein)
vor ihm hertanzen -- Boney ging nicht rascher. Mac konnte ihn schlagen
-- da tat dann Boney, der alte Schwindler, als werde er eifriger,
er zeigte seinen Willen, nickte rascher mit dem Kopf, klatschte
nachdrcklicher in den Schmutz -- aber er ging nicht rascher.

Mac behandelte ihn nicht besonders zrtlich. Wenn er Boney zur Seite
haben wollte, so rannte er ihm den Ellbogen in den Wanst; anders tat
es Boney nicht, denn obwohl er sah, da er Platz machen sollte und die
Ohren spitzte, lie er es erst zu Rippensten kommen. Wenn Boney
einschlief, was hufig vorkam, so schlug ihn Mac mit der Faust auf die
Nase -- denn Mac mute frdern und flog hinaus, wenn er seine Karren
nicht bewltigte. Er konnte keine Rcksicht nehmen. Trotz alledem waren
sie gute Freunde. Zuweilen -- wenn Mac sein Repertoire abgepfiffen
hatte -- klopfte er Boney auf den Hals und plauderte mit ihm: ~He, old
Boney, how are you to-day, old fellow? All right, are you?~ --

Nach halbjhriger Bekanntschaft fiel es Mac auf, da Boney schmutzig
war. Er sah nur hier in der Finsternis, bei der Lampe, wie ein Schimmel
aus. Htte man ihn ans Tageslicht gebracht -- ~holy Gee!~ -- wie htte
Boney sich schmen mssen!

Mac nahm einen Anlauf und kaufte einen Striegel. In Boneys Kopf war
keine Erinnerung mehr an diesen Komfort, das sah Mac, denn Boney wandte
den Kopf. Das tat er aber selbst dann nicht, wenn neben ihm gesprengt
wurde. Dann schwang Boney seinen dicken Hngebauch vor Vergngen hin
und her, um die Wollust des Brstens auszugenieen. Mac versuchte es
auch mit Wasser, denn er hatte es sich in den Kopf gesetzt, Boney
schneewei herzurichten. Aber sobald Boney Wasser sprte, zuckte seine
Flanke, als fahre ein elektrischer Strom durch ihn, und er wechselte
unbehaglich die Fe. So blieb es beim trockenen Striegeln. Und wenn
Mac lange genug striegelte, so streckte old Boney pltzlich den Hals
vor und lie ein tremulierendes, weinerliches Hundeheulen hren -- die
Ruine eines Gewiehers. Dann lachte Mac, da der Stollen hallte. --

Mac hat Boney geliebt, ohne Zweifel. Noch heute spricht er zuweilen von
ihm. Er hat ein auergewhnliches Interesse fr alte, krummrckige,
fette Schimmel, und manchmal bleibt er stehen und klopft den Hals eines
Schimmels und sagt: So sah Boney aus, Maud, siehst du, genau so!
Aber Maud hat so viele verschiedene Boneys schon gesehen, da sie an
der hnlichkeit mit dem old Boney zweifelt. Mac versteht nichts von
Gemlden und hat nie einen Cent dafr ausgegeben. Aber Maud entdeckte
einen primitiv gemalten, alten Schimmel unter seinen Sachen. Sie war
brigens schon ber zwei Jahre mit Mac verheiratet, als ihr seine
Sympathie fr alte Schimmel auffiel. Einmal, in den Berkshirehills,
hielt er pltzlich das Auto an.

Sieh dir mal den Schimmel an, Maud! sagte er und deutete auf einen
alten Schimmel, der am Weg vor einem Bauernkarren stand.

Maud mute laut heraus lachen. Aber Mac, das ist ein alter Schimmel,
wie es Tausende gibt.

Das sah Mac natrlich ein und er nickte. Das mag schon sein, Maud,
aber ich hatte einmal genau den gleichen Schimmel.

Wann?

Wann? Mac sah an ihr vorbei. Es gab nichts, was ihm schwerer wurde,
als von sich selbst zu sprechen. Das ist schon lange her, Maud. In
Uncle Tom.

Noch etwas hat Mac aus Uncle Tom mitgebracht. Das ist ein gellender
Raubvogelschrei -- hej! -- hej! -- den Mac unwillkrlich ausstt, wenn
ihm jemand vor den Reifen des Autos herumluft. Diesen Schrei hat er in
Uncle Tom gelernt. Damit trieb er Boney an, wenn er abfahren wollte,
und damit stoppte er Boney, wenn ein Wagen aus den Schienen gesprungen
war.

       *       *       *       *       *

Mac war fast drei Jahre auf Sohle 8 und hatte den halben Erdumfang
in den Stollen von Uncle Tom zurckgelegt, als die Grubenkatastrophe
eintrat, an die sich heute noch viele erinnern. Sie kostete
zweihundertundzweiundsiebzig Menschen das Leben, aber sie sollte Macs
Glck werden.

In der dritten Nacht nach Pfingsten, um drei Uhr morgens, ereignete
sich eine Explosion schlagender Wetter in der untersten Sohle von Uncle
Tom.

Mac brachte seinen Zug leerer Hunde zurck und pfiff einen Gassenhauer,
den gegenwrtig der Phonograph in Johnsons Saloon jeden Abend
brllte. Pltzlich hrte er durch das Gerassel der eisernen Hunde
hindurch ein fernes Donnern und blickte sich ganz mechanisch um, immer
noch pfeifend: da sah er, wie die Stempel und Balken wie Streichhlzer
knickten und der Berg hereinbrach. Er ri Boney mit aller Gewalt
am Halfter und gellte ihm in die Ohren: Hej, hej! ~Git up -- giit
up!~ Boney, der erschrak und die Stempel hinter sich krachen hrte,
versuchte einen Galopp, old Bonaparte streckte seinen plumpen Leib,
da er ganz flach lag, warf die Beine hinaus zu einem verzweifelten
~finish~ -- dann verschwand er unter dem strzenden Gestein. Mac lief
wie besessen, denn der Berg kam hinter ihm her. Es galt! Aber zu
seinem Entsetzen sah er, da die Stempel und Balken vor ihm ebenfalls
knackten und die Decke sich senkte. Da drehte er sich ein paarmal
im Kreise, wie ein Kreisel, die Hnde an den Schlfen und strzte
in einen Seitenverschlag. Der Stollen brach donnernd zusammen, der
Seitenverschlag krachte, und gehetzt von strzendem Gestein flog Mac
dahin, rasend und flink. Endlich lief er nur noch im Kreise, die Hnde
am Kopf, und schrie!

Mac zitterte an allen Gliedern und war ganz ohne Kraft. Er sah, da er
in den Pferdestall gelaufen war, was Boney ebenfalls getan haben wrde,
wenn ihn der Berg nicht erfat htte. Er mute sich setzen, da ihn die
Knie nicht mehr trugen, und da sa er nun, betubt vom Schrecken, und
dachte eine Stunde lang gar nichts. Endlich beschftigte er sich mit
seiner Lampe, die ganz winzig brannte, und leuchtete die Umgebung ab;
er war vollkommen eingeschlossen von Gerll und Kohle. Er versuchte zu
denken, wie es gekommen war, aber es fiel ihm gar nichts ein.

So sa er lange Stunden. Er weinte aus Verzweiflung und Verlassenheit,
dann raffte er sich zusammen. Er nahm ein Stck Kaugummi und seine
Lebensgeister kehrten zurck.

Es war eine Schlagwetter- oder Kohlenstaubexplosion, das stand fest.
Boney hatte der Berg erschlagen -- und ihn, nun ihn wrden sie wohl
herausgraben!

Mac sa neben seiner kleinen Lampe am Boden und begann zu warten. Er
wartete ein paar Stunden, dann berschlich ihn eine eisige, kalte
Angst, und er fuhr erschrocken auf. Er nahm die Lampe und ging in die
Stollen links und rechts hinein und leuchtete das Gerll ab, ob kein
Weg offen sei. Nein! Es blieb also nichts brig, als zu warten. Er
untersuchte die Futterkiste, setzte sich auf den Boden, und lie die
Gedanken in seinem Kopfe tun, was sie wollten. Er dachte an Boney, an
Vater und Fred, die mit ihm eingefahren waren, an Johnsons Bar. An das
Lied des Phonographen. An den Pokerspielapparat in Johnsons Bar. Und in
Gedanken spielte er eine unendliche Serie von Spielen: er warf seine
fnf Cent ein, drehte die Kurbel, lie los -- und merkwrdig, immer
gewann er: ~full hand~, ~royal flush~ ...

Aus diesem Spiel erweckte ihn ein eigentmlicher Laut. Es zischte und
knackte wie im Telephon. Mac lauschte angestrengt. Da hrte er, da er
nichts gehrt hatte. Es war die Stille. Seine Ohren schliefen ein. Aber
diese schreckliche Stille war unertrglich. Er steckte die Zeigefinger
in die Ohren und schttelte sie. Er rusperte sich und spuckte laut
aus. Dann sa er, den Kopf gegen die Wand gelehnt und sah vor sich hin
auf das Stroh, das fr Boney da war. Schlielich legte er sich auf das
Stroh, und mit einem jmmerlichen Gefhl der grten Hoffnungslosigkeit
schlief er ein.

Er erwachte (wie er glaubte nach einigen Stunden) infolge von
Nsse; die Lampe war ausgegangen und er pltscherte mit den Fen
im Wasser, als er einen Schritt machte. Er war hungrig, nahm eine
Handvoll Hafer und begann zu kauen. Er setzte sich auf Boneys Barren,
zusammengekauert, in die Dunkelheit blinzelnd und kaute Korn um Korn.
Dabei lauschte er, aber er hrte weder Klopfen noch Stimmen, nur das
Rieseln und Trpfeln von Wasser.

Die Dunkelheit war furchtbar, und nach einer Weile sprang er herab,
knirschte mit den Zhnen und raufte sich das Haar, whrend er toll
vorwrtsrannte. Er stie gegen die Mauer, rannte zwei-, dreimal den
Kopf dagegen und hieb sinnlos mit den Fusten aufs Gestein ein. Seine
verzweifelte Raserei dauerte nicht lange, dann tastete er sich den Weg
zum Barren zurck und fuhr fort, Hafer zu kauen, whrend er die Trnen
laufen lie.

Stundenlang sa er so. Nichts regte sich. Sie hatten ihn vergessen!

Mac sa, kaute Hafer und dachte. Sein kleiner Kopf begann zu arbeiten,
er wurde ganz khl. In dieser furchtbaren Stunde mute es sich zeigen,
was an Mac war. Und es zeigte sich!

Pltzlich sprang er wieder auf den Boden und schwang die Faust in der
Luft: Wenn ~those blasted fools~ mich nicht holen, schrie er, so
werde ich mich selbst ausgraben!

Aber Mac begann nicht sofort zu whlen. Er nahm wieder auf dem Barren
Platz und dachte lange und sorgfltig nach. Er zeichnete sich im Kopf
den Plan der Sohle beim Pferdestall. Im Sdstollen war es unmglich!
Wenn er berhaupt herauskam, so konnte es nur durch Merry Aunt,
Pattersons Flz, sein. Die Abbaustelle dieses Flzes lag siebzig,
achtzig, neunzig Schritte vom Stall entfernt. Das wute Mac ganz genau.
Die Kohle in Merry Aunt war schon durch den Druck des Gebirges brchig
geworden. Das war von groer Wichtigkeit.

Noch um ein Uhr hatte er zu Patterson hinaufgeschrien: He, Pat,
Hikkins sagt, wir frdern nur noch Dreck!

Pats schwitzendes Gesicht war im Lichtkreis der Lampe erschienen und
Pat hatte wtend geheult: Hikkins ~shall go to the devil~, sag' ihm
das, Mac! ~To hell~, Mac! Merry Aunt ist nichts als Dreck, der Berg hat
sie zerdrckt. Hikkins soll das Maul halten, Mac, sag' ihm das, sie
sollen besser versetzen!

Pat hatte das Flz mit neuen guten Stempeln solid gesttzt, denn er
hatte befrchtet, da ihn das Gebirge totschlagen werde. Das Flz war
steil, zweiundfnfzig Meter hoch und fhrte ber eine Bremsbahn auf
Sohle 7.

Mac zhlte die Schritte ab, und als er siebzig gezhlt hatte, wurde ihm
eiskalt, und als er fnfundachtzig gezhlt hatte und ans Gestein stie,
jubelte er hell auf.

Eiskalt vor Energie, mit harten Sehnen und Muskeln machte er sich
sofort an die Arbeit. Nach einer Stunde hatte er -- knietief im
Wasser stehend -- eine groe Nische aus dem Gerll geschlagen. Aber
er war erschpft und wurde in der schlechten Luft seekrank. Er mute
ausruhen. Nach einer Pause arbeitete er weiter. Langsam und besonnen.
Er mute die Steine oben und zu beiden Seiten abtasten, um sich zu
sichern, nicht verschttet zu werden, Steinsplitter und Steine zwischen
gefhrlich hngende Brocken treiben, Stempel und Bretter aus dem Stall
zum Sttzen holen und die Felsstcke herauswlzen. So arbeitete
Mac stundenlang, keuchend, kurz und hei atmend. Dann war er total
erschpft und schlief auf dem Barren ein. Sobald er erwachte, lauschte
er, und als er nichts hrte, machte er sich wieder an die Arbeit.

Er grub und grub. Mac grub auf diese Weise einige Tage -- und im ganzen
waren es doch nur vier Meter! Hundertmal hat er spter getrumt, da er
grbt und grbt und sich durchs Gestein whlt ...

Dann fhlte er, da er an der Mndung des angeschlagenen Flzes war.
Er fhlte es deutlich an dem feinen Kohlenstaub, der da lag von den
abgerutschten Kohlen. Mac fllte sich die Taschen mit Hafer und stieg
in das Flz ein. Die meisten Stempel standen, der Berg hatte nur wenig
Kohle hereingedrckt, und Mac jauchzte und zitterte vor Freude, als
er merkte, da sich die Kohle leicht wegschieben lie, denn er hatte
zweiundfnfzig Meter vor sich. Sich von Stempel zu Stempel schiebend,
stieg er das schwarze Flz in die Hhe. Zurck konnte er jetzt nicht
mehr, denn er verschttete sich selbst den Weg. Pltzlich sprte er
einen Stiefel und am rauhen, abgeschrften Leder erkannte er sofort
Pattersons Stiefel. Old Pat lag da, verschttet, und der Schrecken und
das Entsetzen lhmten Mac derartig, da er lange Zeit unttig kauern
blieb. Noch heute wagt er es nicht, an diese grauenhafte Stunde zu
denken. Als er wieder zu sich kam, kroch er langsam hher. Dieses Flz
war in normaler Verfassung leicht in einer halben Stunde zu besteigen.
Aber da Mac erschpft und schwach war, die Kohle in ganzen Tonnen
wegrumen mute und vorsichtig erst zu untersuchen hatte, ob die
Stempel noch standen, so dauerte es lange bei ihm. Schweitriefend,
zerschlagen erreichte er die Bremsbahn. Diese Bremsbahn fhrte von
Sohle 8 direkt zur Sohle 7.

Mac legte sich schlafen. Er erwachte wieder und kletterte langsam die
Gleise hinauf.

Endlich war er oben: Der Stollen war frei!

Mac kauerte sich nieder und kaute Hafer und leckte seine nassen Hnde
ab. Dann machte er sich auf den Weg zum Schacht. Er kannte die Sohle 7
so genau wie die Sohle 8, aber verschttete Stollen zwangen ihn immer
wieder, den Weg zu ndern. Er wanderte stundenlang, bis das Blut in
seinen Ohren rauschte. Zum Schacht mute er, zum Schacht -- die Glocke
ziehen ...

Pltzlich aber -- als er schon zitterte vor Angst, nun _hier_
eingeschlossen zu sein -- pltzlich sah er rtliche Lichtfunken:
Lampen! Es waren drei.

Mac ffnete den Mund, um zu schreien -- aber er brachte keinen Ton
heraus und brach zusammen.

Es ist mglich, da Mac doch geschrien hat, obschon zwei von den
Mnnern schworen, nichts gehrt zu haben, whrend der dritte
behauptete, es sei ihm gewesen, als habe er einen leisen Schrei gehrt.

Mac fhlte, da ihn jemand trug. Dann fhlte er, da er sich im
ausfahrenden Korb befand, und zwar erwachte er, weil der Korb so
langsam ging. Dann fhlte er, wie man Decken ber ihn breitete und ihn
wieder trug -- und dann fhlte er nichts mehr.

Mac war sieben volle Tage im Berg eingeschlossen gewesen, obschon er
glaubte, es seien nur drei gewesen. Von allen Leuten auf Sohle 8 war
er der einzig Gerettete. Wie ein Gespenst kam der Pferdejunge aus der
zerstrten Sohle herauf. Seine Geschichte ging seinerzeit durch alle
Bltter Amerikas und Europas. Der Pferdejunge von Uncle Tom! Sein Bild,
wie man ihn hinaustrug, zugedeckt, und seine geschwrzte kleine Hand
hing herab, wie er im Hospital im Bett aufrecht sa, erschien in allen
Journalen.

Die ganze Welt lachte gerhrt ber Macs erste Bemerkung, als er
erwachte. Er fragte den Arzt: Haben Sie nicht etwas Kaugummi, Sir?
-- Diese Bemerkung war aber ganz natrlich. Macs Mundhhle war
ausgetrocknet, er htte ebensogut um Wasser bitten knnen.

Mac war in acht Tagen gesund. Als man ihm auf seine Frage nach Vater
und Fred ausweichend antwortete, schlug er die mageren Hnde vors
Gesicht und weinte, wie ein Knabe von dreizehn Jahren weint, der
pltzlich allein auf der Welt steht. Sonst aber ging es dem kleinen Mac
vorzglich. Er wurde gefttert, alle Welt schickte ihm Kuchen, Geld,
Wein. Damit aber wre Macs Erlebnis zu Ende gewesen, wenn nicht eine
reiche Dame in Chikago -- gerhrt durch das Schicksal des verwaisten
Pferdejungen -- sich seiner angenommen htte. Sie leitete fortan seine
Erziehung.

Mac kam es nicht in den Sinn, da man etwas anderes werden knne als
Bergmann, und so sandte ihn seine Patronesse auf eine Bergakademie.
Nach beendetem Studium kehrte Mac als Ingenieur nach Uncle Tom zurck,
wo er zwei Jahre blieb. Darauf ging er in die Silbermine Juan Alvarez
in Bolivia -- in eine Gegend, wo ein Mann genau wissen mute, wann
der richtige Moment fr einen gutsitzenden Faustschlag gekommen
war. Die Mine verkrachte und Mac leitete hierauf den Bau der Tunnel
der Bolivia-Anden-Bahn. Hier war ihm seine Idee gekommen. Die
Durchfhrung seiner Idee hing von verbesserten Gesteinsbohrern ab --
und so machte sich Mac an die Arbeit. Der Diamant der Diamantbohrer
mute durch ein billiges Material von annhernder Hrte ersetzt werden.
Mac trat bei den Versuchswerksttten der Edison Works Limited ein und
versuchte einen Werkzeugstahl auerordentlicher Hrte zu schaffen.
Nachdem er zwei Jahre mit Zhigkeit gearbeitet hatte und seinem
Ziele nahe war, schied er aus den Edison Works aus und machte sich
selbstndig.

Sein Allanit machte ihn rasch wohlhabend. Zu dieser Zeit lernte er Maud
kennen. Er hatte nie Zeit gehabt, sich um Frauen zu kmmern und machte
sich nichts aus ihnen. Maud aber gefiel ihm auf den ersten Blick! Ihr
zarter brauner Madonnenkopf, ihre warmen, groen Augen, die in der
Sonne bernsteinfarben aufleuchten konnten, ihre ein wenig versonnene
Art (sie trauerte damals um ihre Mutter), ihr rasch entzndetes und
entzcktes Wesen, all das machte einen tiefen Eindruck auf ihn.
Besonders ihr Teint tat es ihm an. Es war die feinste, reinste und
weieste Haut, die er je gesehen hatte, und er begriff nicht, da sie
nicht beim kleinsten Luftzug zerri. Es imponierte ihm, wie mutig sie
ihr Leben in die Hand nahm. Sie gab damals Klavierunterricht in Buffalo
und war von frh bis nachts ttig. Er hrte sie einmal ber Musik,
Kunst und Literatur sprechen -- lauter Dinge, von denen er gar nichts
verstand -- und seine Bewunderung ihres Wissens und ihrer Klugheit war
grenzenlos. Er verscho sich regelrecht in Maud und beging die gleichen
Dummheiten wie alle Mnner in dieser Lage. Anfangs hatte er gar keinen
Mut, und es gab Stunden, da er ehrlich verzweifelt war. Eines Tages
aber entdeckte er einen Blick in Mauds Augen -- was fr ein Blick war
es doch? -- und dieser Blick gab ihm Mut. Kurz entschlossen machte er
ihr einen Antrag, und einige Wochen darauf heirateten sie. Hierauf
widmete er drei weitere Jahre rastloser Ttigkeit der Ausarbeitung
seiner Idee.

Und nun war er Mac, ganz einfach Mac, den die Volkssnger in den
Concerthalls der Vorstadt besangen.




2.


In den ersten Monaten sah Maud ihren Gatten sehr selten.

Sie erkannte schon nach den ersten Tagen, da seine jetzige Arbeit von
ganz anderer Art war als seine Ttigkeit in der Fabrik in Buffalo, und
sie war klug und stark genug, Macs Werk ohne viele Worte ihr Teil zu
opfern. An vielen Tagen bekam sie ihn berhaupt nicht zu Gesicht. Er
war auf der Baustelle, in den Versuchswerksttten von Buffalo, oder
er hatte dringende Konferenzen. Allan begann seine Arbeit morgens um
sechs Uhr und sie hielt ihn hufig bis spt in die Nacht hinein fest.
Vollkommen ermdet, zog er es zuweilen vor, auf der Ledercouch seines
Arbeitsraumes zu bernachten, anstatt erst nach Bronx zu fahren.

Auch darein fgte sich Maud.

Damit er wenigstens einigen Komfort fr diese Flle habe, richtete sie
ihm ein Schlafzimmer mit Bad und ein Speisezimmer im Syndikatgebude
ein, eine richtige kleine Wohnung, in der er Tabak und Pfeifen, Kragen,
Wsche, kurz alles, was er brauchte, fand. Sie berlie ihm Lion, den
chinesischen Boy, zur Bedienung. Denn niemand vermochte so gut mit Mac
umzugehen wie er. Lion konnte mit asiatischem Gleichmut hundertmal
nacheinander sagen -- immer mit einer kleinen angemessenen Pause
dazwischen --: ~Dinner, sir -- Dinner, sir.~ Er verlor weder die
Geduld noch hatte er Launen. Er war immer da und man sah ihn nie. Er
arbeitete lautlos und gleichmig wie eine gutgelte Maschine und doch
war stets alles in peinlicher Ordnung.

Nun sah sie Mac allerdings noch seltener, aber sie hielt sich tapfer.
Solange es die Witterung erlaubte, arrangierte sie am Abend kleine
Diners auf dem Dach des Syndikatgebudes, das einen berckenden
Blick ber New York gewhrte. Diese Diners mit einigen Freunden und
Mitarbeitern Macs machten ihr groe Freude und sie verwandte den ganzen
Nachmittag auf die Vorbereitung. Es verdro sie auch nicht, wenn Mac
zuweilen nur auf einige Minuten kommen konnte.

Die Sonntage aber verbrachte Allan regelmig in Bronx bei ihr und
Edith; und dann schien es, als wolle er alle Versumnisse der Woche
wettmachen, so ausschlielich widmete er sich ihr und dem Kinde, heiter
und harmlos wie ein groer Knabe.

Manchmal auch fuhr er an den Sonntagen mit ihr nach der Baustelle in
New Jersey, um Hobby etwas Dampf aufzusetzen.

Es kam ein ganzer Monat voller Konferenzen mit den Grndern und
Groaktionren des Syndikats, mit Finanzleuten, Ingenieuren, Agenten,
Hygienikern, Baumeistern. In New Jersey waren sie auf groe Mengen
Wassers gestoen, in Bermuda verursachte der Bau des Serpentintunnels
unerwartete Schwierigkeiten. In Finisterra war das Arbeitermaterial
minderwertig und mute durch besseres ersetzt werden. Und dazu huften
sich die laufenden Arbeiten von Tag zu Tag mehr und mehr.

Allan arbeitete zuweilen zwanzig Stunden nacheinander, und es war
selbstverstndlich, da sie an solchen Tagen keine Ansprche an ihn
erhob.

Mac versicherte ihr, da es in einigen Wochen besser sein werde. Wenn
der erste Rush vorbei sei! Sie hatte Geduld. Ihre einzige Sorge war,
da Mac sich berarbeiten knne.

Maud war stolz, die Frau Mac Allans zu sein! In einer stillen
Begeisterung ging sie umher. Sie liebte es, wenn die Zeitungen ihn den
Eroberer der submarinen Kontinente nannten und die Genialitt und
Khnheit seiner Entwrfe priesen. brigens hatte sie sich noch nicht
ganz daran gewhnt, da Mac nun pltzlich ein berhmter Mann geworden
war. Sie betrachtete ihn zuweilen voller Staunen und Ehrfurcht. Aber
dann fand sie, da er ganz genau so aussah wie frher, schlicht, gar
nicht ungewhnlich. Sie befrchtete auch, da sein Nimbus in der
ffentlichkeit verblassen wrde, wenn die Leute wten, wie simpel sein
Wesen im Grunde genommen sei. Eifrig sammelte sie alle Aufstze und
Zeitungsnotizen, die sich auf den Tunnel und Mac bezogen. Zuweilen trat
sie auch in ein Kinotheater, wenn sie gerade vorbeikam, um sich selbst
zu sehen, ~Mac's wife~, wie sie in Tunnel-City aus dem Automobil
stieg und ihr heller Staubmantel flatterte im Winde. Die Journalisten
nahmen jede Gelegenheit wahr, um sie zu interviewen, und sie lachte
sich tot vor Vergngen, wenn sie am nchsten Tag in der Zeitung einen
Artikel fand: Macs Frau sagt, er ist der beste Gatte und Vater New
Yorks.

Obwohl sie es sich nicht eingestand, schmeichelte es ihr, wenn die
Leute in Geschften, wo sie Einkufe machte, sie neugierig anstarrten,
und ein groer Triumph ihres Lebens war es, als Ethel Lloyd ihren Wagen
am Union-Square abstoppen lie und sie ihren Freundinnen zeigte.

An den schnen Tagen fuhr sie Edith in einem eleganten Korbwgelchen
im Bronx-Park spazieren und dann besuchten sie stets den Tiergarten,
wo sie sich beide stundenlang vor den Affenkfigen amsieren konnten,
und zwar amsierte sich Maud nicht weniger als ihr Kind. Als aber der
Herbst kam und Nebel aus dem feuchten Boden von Bronx stiegen, hatte
dieses Vergngen ein Ende.

Mac hatte versprochen, an Weihnachten drei Tage ganz und gar -- ohne
jede Arbeit! -- mit ihnen zu verbringen, und Mauds Herz jubelte schon
Wochen vorher. Es sollte genau so werden wie ihr erstes gemeinsames
Weihnachtsfest. Hobby sollte am zweiten Feiertag kommen und sie wollten
Bridge spielen, bis sie umfielen. Maud hatte ein endloses Programm fr
die drei Tage ausgearbeitet.

Den ganzen Dezember hindurch bekam sie allerdings ihren Gatten fast
nicht zu sehen. Allan war tagtglich von Beratungen mit Finanzleuten
in Anspruch genommen, da sie die Vorbereitungen fr die finanzielle
Kampagne trafen, die im Januar erffnet werden sollte.

Allan brauchte -- vorerst! -- die hbsche Summe von drei Milliarden
Dollar. Aber er zweifelte keinen Augenblick daran, da er sie bekommen
wrde.

Wochenlang war das Syndikatgebude von Journalisten belagert gewesen,
denn die Presse hatte mit der Sensation glnzende Geschfte gemacht.
Auf welche Weise sollte der Tunnel gebaut werden? Wie verwaltet?
Wie sollten sie da drinnen mit Luft versorgt werden? Wie war die
Tunnelkurve berechnet worden? Wieso kam es, da die Tunnelkurve, trotz
kleiner Umwege, um ein Fnfzigstel krzer werden wrde als der Seeweg?
(Stich eine Nadel durch einen Globus und du weit es!) Das waren
alles Fragen, die das Publikum wochenlang in Atem hielten. Am Schlu
hatte man nochmals die Fehde um den Tunnel, einen neuen Tunnelkrieg
in den Zeitungen entfacht, der mit der gleichen Erbitterung und dem
gleichen Lrm gefhrt wurde wie der erste.

Die gegnerische Presse fhrte wiederum ihre alten Argumente ins
Feld: da niemand diese ungeheure Strecke aus Granit und Gneis
herauszubohren imstande sei, da eine Tiefe von 4000 bis 5000 Metern
unter dem Meeresspiegel jede menschliche Ttigkeit ausschliee, der
ungeheuren Hitze und dem enormen Druck kein Material standhalten
wrde -- da aus all diesen Grnden der Tunnel ein klgliches Fiasko
erleiden wrde. Die freundlich gesinnte Presse aber machte ihren
Lesern zum tausendstenmal die Vorzge des Tunnels klar: Zeit! Zeit!
Zeit! Pnktlichkeit! Sicherheit! Die Zge wrden so sicher laufen wie
die Zge auf der Erdoberflche -- ja, sicherer! Man sei nicht mehr
vom Wetter, vom Nebel und Wasserstand abhngig und setze sich nicht
der Gefahr aus, irgendwo auf dem Ozean von den Fischen gefressen zu
werden. Man erinnere sich nur an die Katastrophe der Titanic, bei der
sechzehnhundert Menschen das Leben verloren, und an das Schicksal der
Kosmos, die mit ihren viertausend Menschen an Bord mitten im Ozean
verscholl!

Die Luftschiffe kmen berhaupt niemals fr einen Massenverkehr in
Betracht. Und zudem sei es bis heute erst zwei Luftschiffen gelungen,
den Atlantik zu berfliegen.

In jener Zeit konnte man keine Zeitung oder Zeitschrift in die
Hand nehmen, ohne auf das Wort Tunnel und auf Illustrationen und
Abbildungen zu stoen, die sich auf den Tunnel bezogen.

Im November wurden die Nachrichten sprlicher und schlielich erloschen
sie ganz. Das Pressebureau des Syndikats hllte sich in Stillschweigen.
Allan hatte die Baustellen gesperrt und es war unmglich, neue
Illustrationen zu verffentlichen.

Das Fieber, das die Zeitungen im Volk entfacht hatten, verflog, und
nach einigen Wochen war der Tunnel eine alte Geschichte, fr die
man kein Interesse mehr brig hatte. Etwas Neues stand momentan im
Vordergrund: internationaler Rundflug um die Erde!

Der Tunnel aber war vergessen.

Das war Allans Absicht! Er kannte seine Leute und wute recht gut, da
diese ganze erste Begeisterung ihm keine Million Dollar eingebracht
htte. Er selbst wollte, wenn er den richtigen Zeitpunkt fr gekommen
whnte, eine zweite Begeisterung entfachen, die nicht allein auf
Sensation beruhte!

Im Dezember ging eine ausfhrlich kommentierte Nachricht durch die
Zeitungen, die geeignet war, eine Ahnung von der Tragweite des
Allanschen Projektes zu geben: die Pittsburg-Smelting and Refining
Company erwarb fr die Summe von zwlfeinhalb Millionen Dollar das
Anrecht auf alle im Verlauf des Baus zutage gefrderten Materialien,
die sich httentechnisch verarbeiten lieen. (Die Aktien der P. S. R.
C. waren im sechsten Baujahr um 60 Prozent gestiegen!) Gleichzeitig
erschien die Notiz, da die Edison-Bioskop-Gesellschaft fr eine
Million Dollar das alleinige Recht erworben habe, photographische und
kinematographische Aufnahmen vom Tunnel whrend der ganzen Bauzeit zu
machen und zu verffentlichen.

Die Edison-Bio verkndete in grellen Plakaten, da sie das ewige
Denkmal des Tunnelbaus, vom ersten Spatenstich an bis zum ersten
Europa-Flyer schaffen wolle, um den kommenden Geschlechtern die
Geschichte des grten menschlichen Werkes zu berliefern. Sie
beabsichtige, die Tunnelfilme alle zuerst in New York vorzufhren,
um sie von da aus ber dreiigtausend Theater des ganzen Erdballs zu
schicken.

Es war unmglich, eine bessere Reklame fr den Tunnel zu ersinnen!

Die Edison-Bio begann ihre Arbeit am gleichen Tage und ihre zweihundert
Theater New Yorks waren bis auf den letzten Platz besetzt.

Edison-Bio brachte die bekannten Szenen auf dem Dachgarten des
Atlantic, sie zeigte die fnf gewaltigen Staubsulen der einzelnen
Baustellen, die Steinfontnen, die das Dynamit emporjagt, die
Abftterung von hunderttausend Menschen, den Anmarsch der
Arbeiterbataillone am Morgen, sie zeigte den Mann, dem ein Felsstck
den Brustkorb eingeschlagen hat und der noch leise atmet, bevor er
stirbt. Sie zeigte den Friedhof der Tunnelstadt mit fnfzehn frischen
Hgeln. Sie zeigte Holzfller in Kanada, die einen Wald fr Allan
niederschlagen -- sie zeigte die Heere von beladenen Waggons, die alle
die Buchstaben A. T. S. trugen.

Dieser Film, der zehn Minuten lang dauerte und den schlichten Namen
Eisenbahnwagen trug, machte den strksten und in der Tat einen
berwltigenden Eindruck. Gterzge, nichts sonst. Gterzge in
Schweden, Ruland, sterreich, Ungarn, Deutschland, Frankreich,
England, Amerika. Zge mit Erzen, Holzstmmen, Kohlen, Schienen,
Eisenrippen, Rhren, endlos. Ihre Maschinen qualmten und alle rollten
vorber -- alle rollten! -- ohne Aufhren rollten sie vorber, so da
man sie schlielich rollen und rauschen _hrte_.

Zum Schlu kam noch ein kurzer Film: Allan geht mit Hobby ber die
Baustelle in New Jersey.

Jede Woche brachte die Edison-Bio einen neuen Tunnelfilm, und am
Schlu erschien Allan stets in irgendeiner Situation in eigener Person.

Whrend Allans Name frher kaum mehr gewesen war als der Name eines
Rekordfliegers, der heute bejubelt wird und morgen das Genick bricht
und bermorgen vergessen ist, so verband die Menge jetzt mit seinem
Namen und seinem Werk festgefgte und klare Vorstellungen.

Vier Tage vor Weihnachten waren New York und alle groen und kleinen
Stdte der Staaten mit mbelwagengroen Plakaten berschwemmt, vor
denen sich die Menge trotz dem Geschftsfieber der Weihnachtswoche
ansammelte. Diese Plakate zeigten eine Feenstadt, einen Ozean
von Husern, aus der Vogelperspektive gesehen. Nie hatte ein
Mensch etwas hnliches gesehen oder ertrumt! In der Mitte dieser
Stadt, die in lichten Farben gehalten war (ganz wie New York an
einem dunstigen sonnigen Morgen erscheint), lag eine grandiose
Bahnhofanlage, im Vergleich zu der Hudson-River-Terminal, Central- und
Pennsylvania-Station Kinderspielzeuge waren. Ein Delta tiefliegender
Trassen ging von ihr aus. Die Trassen, ebenso die Haupttrasse, die zu
den Tunnelmndungen fhrte, waren von unzhligen Brcken berspannt,
von Parkanlagen mit Fontnen und blhenden Terrassen eingesumt. Ein
dichtgedrngtes Gewimmel tausendfenstriger Wolkenkratzer scharte sich
um den Bahnhofsquare: Hotels, Kaufhuser, Banken, Officebuildings.
Boulevards, Avenuen, in denen die Menge wimmelte, Autos, elektrische
Bahnen, Hochbahnen dahinschossen. Endlose Reihen von Huserblcken,
die sich im Dunst des Horizonts verloren. Im Vordergrund links waren
mrchenhafte, faszinierende Hafenanlagen zu sehen, Lagerhuser, Docke,
Kaie, auf denen die Arbeit fieberte, voller Dampfer, Schornstein an
Schornstein, Mast an Mast. Im Vordergrund rechts ein endloser, sonniger
Strand voller Strandkrbe, und dahinter riesige Luxusbadehotels. Und
unter dieser blendenden Mrchenstadt stand: Mac Allans Stdte in zehn
Jahren.

Die oberen zwei Drittel des Riesenplakates waren sonnige Luft. Und ganz
oben, am Rande, zog ein Aeroplan, nicht grer als eine Mwe. Man sah,
da der Pilot etwas mit der Hand ber Bord warf, das anfangs wie Sand
aussah, dann aber rasch grer wurde, flatterte, sich ausbreitete zu
Zetteln wurde, von denen einzelne dicht ber der Stadt so gro waren,
da man deutlich lesen konnte, was darauf stand: Kauft Baustellen!

Dieser Entwurf stammte von Hobby, der nur an den Kopf zu klopfen
brauchte und die groartigsten Dinge kamen heraus.

Am gleichen Tag lag das Plakat in entsprechendem Format allen groen
Zeitungen bei. Jeder Quadratfu New Yorks war damit bedeckt. In allen
Bureaus, Restaurants, Bars, Saloons, Zgen, Stationen, Ferryboats,
berall stie man auf die Wunderstadt, die Allan aus den Dnen stampfen
wollte. Man belchelte, bestaunte, bewunderte sie, und am Abend kannte
jedermann Mac Allans City ganz genau: ganz New York glaubte schon in
Mac Allan City gewesen zu sein!

In der Tat, dieser Bursche verstand es, von sich reden zu machen!

~Bluff! Bluff! Fake! The greatest bluff of the world!~

Aber unter zehn, die Bluff schrien, sah man immer einen, der die
Hnde rang, die andern an den Schultern schttelte und sich blau schrie:

~Bluff?~ ~Nonsense~, Mann! Nimm deinen Kopf zusammen! Mac macht es!!!
Wir sehen uns wieder! Mac ist ein Kerl, der alles macht, was er sagt!

Waren diese Riesenstdte in Zukunft berhaupt wahrscheinlich und
mglich? Das war die Frage, an der man sich die Kpfe einstie.

Schon am nchsten Tage brachten die Zeitungen die Antworten
der berhmtesten Statistiker, Nationalkonomen, Bankiers,
Groindustriellen. ~Mr. F. says~: --! Sie stimmten alle darin berein,
da allein schon die Verwaltung des Tunnels und der technische Betrieb
viele Tausende von Menschen erfordern wrde, die an und fr sich
respektable Stdte fllten. Der Passagierverkehr zwischen Amerika
und Europa wrde sich nach Ansicht der einzelnen Kapazitten zu drei
Vierteln, nach jener anderer zu neun Zehnteln dem Tunnel zuwenden.
Heute waren tglich rund fnfzehntausend Menschen zwischen den
Kontinenten unterwegs. Mit der Erffnung des Tunnels wrde sich der
Verkehr versechsfachen, ja -- nach einigen -- verzehnfachen. Die
Ziffern konnten ins Unfabare emporschnellen. Ungeheure Menschenmassen
wrden tglich in den Tunnelstdten eintreffen. Es war sogar mglich,
da diese Tunnelstdte in zwanzig, fnfzig und hundert Jahren
Dimensionen annehmen wrden, die wir Menschen von heute mit unseren
kleinlichen Mastben gar nicht auszudenken vermochten.

Allan fhrte nun Schlag auf Schlag.

Am nchsten Tag gab er die Bodenpreise bekannt!

Nein, Allan war nicht so schamlos, die gleichen Unsummen zu
verlangen, die man in Manhattan forderte, wo man den Quadratmeter
mit Tausend-Dollarnoten auslegen mute, nein, aber trotzdem waren
seine Preise unverschmt und machten den strksten Mann mundtot. Die
Real-Estate-Agenten tanzten, als ob sie Gift genommen htten. Sie
machten Bewegungen, als htten sie sich Finger und Mundwerk verbrannt.
Oh, hehe! Sie schlugen Beulen in ihre steifen Hte: Mac! Wo war er,
dieser Schurke, der ihre Hoffnungen zerschmettert hatte, in einigen
Jahren ein Vermgen zu verdienen! Woher nahm er das Recht, alles Geld
in die eigenen Taschen zu schieben?

Es lag haarklar auf der Hand: dieser Fall Allan war die grte und
khnste Bodenspekulation aller Zeiten! Allan, dieser Schurke, hatte
Sandhaufen hektarweise eingekauft und verzapfte sie in Quadratmetern!
-- In der billigsten Zone seiner verfluchten Schwindelstdte -- die
noch gar nicht existierten! -- verhundertfachte, in der teuersten Zone
vertausendfachte er sein Geld!

Die Spekulation versteinerte! (Aber die einzelnen Spekulanten behielten
einander argwhnisch im Auge. Sie witterten geheime Attentate, Truste,
Konzerne!) Wie eine feindselig geschlossene Phalanx stand sie Allans
unverschmten Forderungen gegenber. Allan hatte noch dazu die Nerven,
zu verkndigen, da er dieses gnstige Angebot nur drei Monate offen
lassen werde. Sollte er! Es wrde sich ja zeigen, ob es Liebhaber gab
fr seine Schmutzpftzen -- hoho! -- Narren, die einfaches Wasser fr
Whisky bezahlten -- -- --

Und es zeigte sich!

Gerade jene Schiffahrtskompagnien, die Allan mit Feuer und Gift auf
den Leib gerckt waren, sicherten sich die ersten Baustellen, Kaie,
Docke. Lloyds Bank schluckte einen ungeheuren Brocken, das Warenhaus
Wannamaker folgte.

Nun mute man! Man mute! Jeden Tag verffentlichten die Zeitungen neue
Ankufe -- sinnlose Summen fr nichts als Sand, Gerll -- in einer
Bluffstadt! -- aber man mute, wollte man nicht zu spt kommen. Es gab
Geschichten in der Welt, deren Ausgang man nie voraussagen konnte.

~Nearer my God to thee~, -- es gab kein Zurck mehr ...

Allan machte keine Pause. Er hatte die ffentlichkeit auf die ntige
Temperatur gebracht und er wollte von dieser Temperatur profitieren.

Am vierten Januar lud er die Welt auf einer Riesenseite in allen
Zeitungen zur Zeichnung der ersten drei Milliarden Dollar ein, von
welcher Summe zwei Drittel auf Amerika und ein Drittel auf Europa
entfallen sollten. Eine Milliarde sollte durch Aktien, der Rest durch
Shares aufgebracht werden.

Die Subskriptionseinladung enthielt alles Wesentliche ber Baukosten,
Erffnung des Tunnels, Rentabilitt, Verzinsung, Amortisation.
Dreiigtausend Passagiere tglich angenommen, wrde sich der Tunnel
schon rentieren. Es sei aber ohne Zweifel tglich mit vierzigtausend
und mehr zu rechnen. Dazu kmen die enormen Einnahmen fr Fracht,
Post, pneumatische Exprepost und Telegramme ...

Es waren Zahlen, wie die Welt sie noch nie gesehen hatte! Verwirrende,
beschwrende, unheimliche Zahlen, die einem Atem und Verstand raubten!

Die Zeichnungsaufforderung war von den Grndern und Groaktionren
des Syndikats, den blendendsten Namen der Staaten, den fhrenden
Banken unterzeichnet. Als Chef des finanziellen Ressorts tauchte zur
grten berraschung New Yorks ein Mann auf, der aller Welt als Lloyds
~right-hand-man~ bekannt war: S. Woolf, bisher Direktor von Lloyds
Bank.




3.


Lloyd selbst hatte S. Woolf an die Spitze des Syndikats geschoben, und
damit war S. Woolfs Name fr ewige Zeiten mit dem Tunnel verknpft.

Sein Portrt erschien in den Abendblttern: ein wrdevoller, ernster,
etwas fetter Gentleman von orientalischem Typus. Wulstige Lippen, eine
starke, gekrmmte Nase, kurzes, schwarzes, gekruseltes Haar und kurzer
schwarzer Bart; dunkle hervorquellende Augen von leicht melancholischem
Glanz.

Beginnt als Hndler mit alten Kleidern -- jetzt finanzieller Leiter
des A. T. S. mit zweihunderttausend Dollar jhrlich. Spricht zwlf
Sprachen.

Die Sache mit den alten Kleidern war ein Mrchen, das S. Woolf selbst
einmal scherzweise in die Welt gesetzt hatte. Aber ohne Zweifel kam S.
Woolf von da unten herauf. Bis zu seinem zwlften Jahre hatte er als
Samuel Wolfsohn den Schmutz eines ungarischen Nestes, Szentes, an den
Fen herumgeschleppt und sich von Zwiebeln ernhrt. Sein Vater war
Leichenwscher und Totengrber. Mit dreizehn Jahren kam er als Lehrling
in eine Bank nach Budapest, wo er fnf Jahre blieb. Hier in Budapest
begann ihn zuerst der Rock zu zwicken, wie er sich ausdrckte.
Ausgehhlt von Ehrgeiz, Verzweiflung, Scham und Machtgelsten war er,
krank von tollen Wnschen. Er sammelte sich zu einem verzweifelten
Sprung. Obacht, nun kam er! Und Samuel Wolfsohn schuftete Tag und
Nacht, die Zhne zusammengebissen, mit wtender Energie. Er lernte
Englisch, Franzsisch, Italienisch, Spanisch, Russisch, Polnisch. Und
siehe da, sein Gehirn saugte diese Sprachen ohne groe Schwierigkeiten
auf wie ein Lschblatt die Tinte. Er machte sich an Teppichhndler,
Orangenverkufer, Kellner, Studenten, Taschendiebe heran, um sich in
der Aussprache zu ben. Sein Ziel war Wien! Er kam nach Wien, aber auch
hier zwickte ihn der Rock. Er kam sich wie mit tausend Riemen gefesselt
vor. Sein Ziel war Berlin! Samuel Wolfsohn ahnte die Marschroute. Er
nagelte noch weitere hunderttausend Vokabeln in sein Gedchtnis und
lernte die auslndischen Zeitungen auswendig. Nach drei Jahren gelang
es ihm, gegen einen Hungerlohn als Korrespondent bei einem Brsenmakler
in Berlin anzukommen. Aber auch in Berlin zwickte ihn der Rock! Hier
war er pltzlich _Ungar_ und _Jude_. Er sagte sich, da der Weg ber
London fhren msse und bombardierte die Londoner Bankhuser mit
Offerten. Ohne Erfolg. Die in London brauchten ihn nicht, aber er,
Samuel Wolfsohn, wollte sie zwingen, ihn zu brauchen. Sein Instinkt
wies ihn auf Chinesisch hin. Sein Gehirn saugte auch diese schwierige
Sprache auf; die Aussprache bte er mit einem chinesischen Studenten,
dem er als Entgelt Briefmarken verschaffte. Samuel Wolfsohn lebte
elender als ein Hund. Er gab nie einen Pfennig Trinkgeld, er hatte
den Mut, die frechste Schnauze eines Berliner Kellners zu berhren.
Er nahm nie eine Elektrische, sondern schleppte sich heroisch auf
seinen elenden, schmerzenden Plattfen, die voller Hhneraugen waren,
dahin; er gab Sprachstunden fr achtzig Pfennig, er bersetzte.
Geld! Seine tollen Wnsche schttelten ihn, sein Ehrgeiz knirschte,
die khnsten Verheiungen blendeten sein Hirn. Keine Pause, keine
Erholung, kein Schlaf, keine Liebelei. Demtigungen und Zchtigungen,
die das Leben ber ihn verhngte, konnten ihn nicht mrbe machen,
er krmmte den Rcken und richtete sich wieder auf. Entweder, oder!
Pltzlich aber setzte er alles auf eine Karte! Er kndigte seine
Stellung! Er bezahlte einem Zahnarzt dreiig Mark fr eine Plombe und
das Reinigen seines Gebisses. Er kaufte elegante Schuhe, lie sich
bei einem ersten Schneider einen englischen Anzug bauen und dampfte
als Gentleman nach London. Nach vierwchigen fruchtlosen Bemhungen
stie er hier bei Tayler and Terry, Bankers, auf einen Wolfsohn, der
schon die Metamorphose hinter sich hatte. Dieser Wolfsohn sprach
genau so viele Sprachen wie er und machte sich einen Spa daraus, dem
jungen Schwung das Genick zu brechen. Aber er brach es nicht. Es war
der grte Erfolg seines Lebens. Der arrivierte Wolfsohn lie einen
chinesischen Dolmetsch kommen und versteinerte, als er hrte, da die
beiden eine regelrechte Unterhaltung fhrten. Drei Tage spter war
Samuel Wolfsohn wieder in Berlin, aber -- ~if you please!~ -- nicht,
um dazubleiben! Er war nun Mr. S. Wolfson (ohne h) aus London, sprach
ausschlielich Englisch und fuhr am selben Abend als nobler Reisender,
der die Bedienung des Schlafwagens tyrannisierte, nach Schanghai
weiter. In Schanghai fhlte er sich schon wohler. Er sah Luft, den
Horizont. Aber immer noch zwickte ihn der Rock ein wenig. Hier war
er _kein Englnder_, so peinlich genau er auch seine Klubgenossen
kopierte. Er lie sich taufen, wurde Katholik, obgleich es niemand
von ihm verlangte. Er machte Ersparnisse (der alte Wolfsohn konnte
seine Leichenwscherei aufgeben) und ging nach Amerika. Endlich konnte
er frei atmen! Er hatte endlich einen weiten Rock an, in dem er sich
wohlfhlte. Die Bahn war frei, alle Geschwindigkeitsenergien, die er in
sich aufgespeichert hatte, konnte er entfesseln. Resolut stie er die
Endsilben seiner Namen ab, wie eine Eidechse den Schwanz, und nannte
sich Sam Wolf. Damit aber niemand auf den Gedanken kommen sollte, er
sei ein _Deutscher_, schob er noch ein o ein. Er verleugnete seinen
englischen Akzent, lie sich den englischen Schnurrbart rasieren und
sprach durch die Nase; er gebrdete sich laut und gutgelaunt, er war
der erste, der den Rock auszog und in Hemdrmeln ber die Strae ging.
Er lag wie ein Vollblutamerikaner im Thronsessel der Schuhputzer. Damit
war aber die Zeit vorbei, da man ihn in jede beliebige Form pressen
konnte, dreieckig, viereckig, kugelfrmig, wie es sein mute. S. Woolf
stoppte ab. Er hatte diese Verwandlungen ntig gehabt, um er selbst
zu werden. Punktum! Einige Jahre schuftete er an der Baumwollenbrse
in Chikago, dann kam er nach New York. Ausgerechnet von hinten her,
um den Erdball herum, war er dahin gekommen, wohin er gehrte. Seine
Kenntnisse, sein Genie, seine unerhrte Arbeitskraft brachten ihn rasch
in die Hhe, und nun prete er mit seinen Patentsohlen fest und gehrig
auf die Schultern unter ihm, genau so, wie man ihn gepret hatte. Er
legte den lauten Brokerton ab, er wurde wrdevoll, und zum Zeichen,
da er arriviert sei und tun knne, was er wolle, schaffte er sich ein
individuelles Gesicht an: er lie sich einen kurzen Backenbart stehen.

In New York widerfuhr ihm ein zweites Mal ein hnliches Glck wie vor
Jahren in London. Er stie auf einen zweiten S. Woolf, aber auf einen
S. Woolf von ungeheurem Kaliber. Er stie auf Lloyd! Damals war er
bei der Union-Exchange, keineswegs in erster Stellung. Aber das Glck
wollte es, da er ein kleines Manver gegen Lloyd einzuleiten hatte. Er
machte ein paar geschickte Schachzge, und Lloyd -- beschlagen in allen
Erffnungen dieser Art von Schachspiel, ein Kenner -- fhlte, da er
es hier mit einem Talent zu tun hatte. Das war nicht die Taktik W. P.
Griffith' und T. Lewis', nein -- und als Lloyd anklopfte, kam S. Woolf
heraus, und er sicherte sich dieses Talent. S. Woolf stieg und stieg
-- sein Auftrieb war so gewaltig, da er nicht stillstehen konnte,
bevor er nicht ganz oben war. So landete er im Alter von zweiundvierzig
Jahren -- etwas fett schon und asthmatisch, hartgebrannt vom Ehrgeiz --
im Atlantik-Tunnel-Syndikat.

S. Woolf hatte auf seinem Weg nur einmal eine kurze Pause gemacht, und
sie war ihm teuer zu stehen gekommen. Er hatte sich in Chikago in eine
hbsche Wienerin verliebt und sie geheiratet. Aber die Schnheit der
Wienerin, die seine Sinne entzndete, war bald verblht, und nichts war
geblieben als eine znkische, arrogante, krnkelnde Ehefrau, die ihn
mit ihrer Eifersucht bis aufs Blut peinigte. Genau vor sechs Wochen
war diese Frau gestorben. S. Woolf trauerte ihr nicht nach. Er brachte
seine zwei Shne in eine Pension, nicht nach Europa etwa, sondern
nach Boston, wo sie zu freien, gebildeten Amerikanern erzogen werden
sollten. Er richtete einer lichtblonden Schwedin, die Gesang studierte,
ein kleines Appartement in Brooklyn ein -- und dann nahm er einen
tiefen Atemzug und begann seine Ttigkeit im Syndikat.

Am ersten Tag schon kannte er Namen und Personalien seines ungeheuren
Stabs von Subdirektoren, Prokuristen, Kassierern, Buchhaltern, Clerks,
Stenotypistinnen, am zweiten Tag hatte er smtliche Zgel in die Hand
genommen und am dritten Tage war es, als ob er diesen Posten schon seit
Jahren bekleidete.

Lloyd hatte S. Woolf empfohlen als den bedeutendsten Finanzpraktiker,
den er in seinem Leben kennen gelernt habe, und Allan, dem die
Persnlichkeit S. Woolfs fremd und wenig sympathisch war, mute schon
nach wenigen Tagen gestehen, da er, wenn nicht mehr, zum mindesten ein
bewundernswerter Arbeiter war.




4.


Die Subskriptions-Einladung war verffentlicht, und der Tunnel begann
zu schlucken!

Die Aktien lauteten auf tausend Dollar. Die Shares auf hundert, zwanzig
und zehn Dollar.

Die kahle Riesenhalle der New York-Stock-Exchange erdrhnte am Tage der
Emission von ungeheurem Lrm. Seit vielen Jahren war kein Papier mehr
auf den Markt gekommen, dessen Zukunft sich so wenig vorherbestimmen
lie. Sie konnte unerhrt glnzend sein, sie konnte keinen Cent
Wert haben. Die Spekulation fieberte vor Erregung, verhielt sich
aber abwartend, da niemand den Mut aufbrachte voranzugehen. Aber S.
Woolf hatte schon Wochen vorher in Schlafwagen zugebracht und die
Stellung sondiert, die die schwere Industrie, die das grte Interesse
am Tunnel hatte, dem Syndikat gegenber einnahm. Er ratifizierte
keinen Auftrags-Vertrag, bevor er sich nicht berzeugt hatte, da
sein Mann ihm sicher war. So kam es, da die Agenten der schweren
Industrie Punkt zehn Uhr einen Rush starteten. Sie erwarben fr rund
fnfundsiebzig Millionen Dollar Aktien.

Der Damm war gebrochen ...

Allan aber war es in erster Linie um das Geld des Volkes zu tun. Nicht
eine Rotte von Kapitalisten und Spekulanten sollte den Tunnel bauen, er
sollte Eigentum des Volkes, Amerikas, der _ganzen_ Welt werden.

Und das Geld des Volkes lie nicht auf sich warten.

Die Menschen haben stets die Khnheit und den Reichtum bewundert. Die
Khnheit ist ein Triumph ber den Tod, der Reichtum ein Triumph ber
den Hunger, und nichts frchten die Menschen mehr als Tod und Hunger.

Selbst unfruchtbar, strzten sie sich von jeher auf fremde Ideen, um
sich daran zu erwrmen, zu entflammen und ber die eigene Dumpfheit und
Langeweile wegzutuschen. Sie waren ein Heer von Zeitungslesern, die
dreimal tglich ihre Seele mit den Schicksalen unbekannter Menschen
heizten. Sie waren ein Heer von Zuschauern, die sich stndlich an
den tausendfltigen Kapriolen und tausendfltigen Todesstrzen ihrer
Mitmenschen ergtzten, in dumpfem Grimm ber die eigene Ohnmacht und
Bettelarmut. Nur wenige Auserwhlte konnten sich den Luxus leisten,
selbst etwas zu erleben. Den andern fehlte Zeit und Geld und Mut, das
Leben lie ihnen nichts. Sie wurden fortgerissen von dem sausenden
Treibriemen, der um den Erdball fegte, und wer das Zittern bekam und
den Atem verlor, strzte ab und zerschmetterte und niemand kmmerte
sich um ihn. Niemand hatte Zeit und Geld und Mut, sich um ihn zu
kmmern, auch das Mitgefhl war Luxus geworden. Die alten Kulturen
waren bankerott und die Masse war kaum der Beachtung wert: etwas
Kunst, etwas Religion, Christian Science, Heilsarmee, Theosophie und
spiritistischer Schwindel -- kaum genug, um den seelischen Bedarf einer
Handvoll Menschen zu decken. Ein bichen billige Zerstreuung, Theater,
Kinos, Boxkmpfe und Variets, wenn der sausende Treibriemen auf ein
paar Stunden stillestand -- um das Schwindelgefhl zu berwinden. Aber
viele hatten alle Hnde voll zu tun, ihren Krper zu trainieren, damit
sie Kraft genug hatten, die Reise morgen wieder mitmachen zu knnen.
Dieses Training nannten sie Sport.

Das Leben war hei und schnell, wahnsinnig und mrderisch, leer,
sinnlos. Tausende warfen es fort. Eine neue Melodie, wenn wir bitten
drfen, nicht die alten Gassenhauer!

Und Allan gab sie ihnen. Er gab ihnen ein Lied aus Eisen und
knisternden elektrischen Funken, und sie verstanden es: es war das Lied
ihrer Zeit und sie hrten seinen unerbittlichen Takt in den rauschenden
Hochbahnzgen ber ihren Kpfen.

Dieser Mann versprach keine Claims im Himmel, er behauptete nicht,
da die menschliche Seele sieben Etagen habe. Dieser Mann trieb
keinen Humbug mit endgltig vergangenen und unkontrollierbaren
zuknftigen Dingen, dieser Mann war die Gegenwart. Er versprach etwas
Handgreifliches, das jeder verstehen konnte: er wollte ein Loch durch
die Erde graben, das war alles!

Aber trotz der Einfachheit erkannte jedermann, wie unendlich khn das
Projekt dieses Mannes war. Und: es war umblendet von Millionen!

Zuerst flo das Geld des kleinen Mannes nur sprlich, dann aber in
Strmen. Durch New York, Chikago, San Franzisko, ganz Amerika schwirrte
das Wort Tunnel-Shares. Man sprach von den Viktoria-Rand-Mine-Shares,
den Continental Radium-Shares, die ihren Mann reich gemacht hatten.
Die Tunnel-Shares konnten alles bisher Dagewesene glatt hinter sich
lassen. Man konnte --! O, ~go on~, ja, und man brauchte es! Es handelte
sich nicht um tausend Dollar mehr oder weniger, es handelte sich darum,
sich den Rckzug ins Alter zu decken, bevor einem die Zhne aus dem
Kiefer fielen.

Wochenlang wlzte sich ein Strom von Menschen ber die Granittreppe
des Syndikatgebudes. Denn obwohl man die Shares an hundert anderen
Orten ebensogut kaufen konnte, wollte sie doch jedermann frisch aus
der Quelle haben. Es waren Kutscher, Chauffeure, Kellner, Liftboys,
Clerks, Ladenmdchen, Handwerker, Diebe, Juden, Christen, Amerikaner,
Franzosen, Deutsche, Russen, Polen, Armenier, Trken, alle Nationen
und Schattierungen der Haut, die sich vor dem Gebude des Syndikats
zusammenknulten und erhitzten durch Gesprche ber Shares, Minen,
Dividende, Gewinn. Ein Geruch von Geld lag in der Luft! War es nicht,
als ob solides Geld, solide Dollarnoten aus dem grauen Winterhimmel
ber Wallstreet herabregneten?

An manchen Tagen war der Andrang so gro, da die Beamten gar nicht
die Zeit hatten, das einkassierte Geld zu ordnen. Es war, bei Gott,
wie in den fernen Tagen des Franklin-Syndikats, den Tagen des seligen
520% Miller. Die Beamten warfen das Geld einfach hinter sich auf den
Boden. Sie wateten bis an die Knchel im Geld, und unaufhrlich waren
Diener beschftigt, das Geld in Waschkrben wegzuschleppen. Diese Flut
von Geld, die nicht abnahm, sondern stetig wuchs, zauberte einen Glanz
wahnsinniger Gier in die Augen der Kpfe, die sich in die Schalter
zwngten. Eine Handvoll -- soviel als sie mit einer Hand packen
konnten! -- und sie, die Nummern, Motoren, Automaten, Maschinen,
waren: Menschen. Schwindlig im Hirn wie nach Ausschweifungen gingen sie
weg, berauscht von Trumen, Fieber in den Augen; wie Millionre.

In Chikago, St. Louis, Frisko, in allen groen und kleinen Stdten der
Staaten spielten sich hnliche Szenen ab. Es gab keinen Farmer, keinen
Cowboy, keinen Miner, der nicht in A. T. S.-Shares spekulierte.

Und der Tunnel schluckte, der Tunnel trank das Geld, wie ein
Riesenungeheuer mit vorsintflutlichem Durst. Auf beiden Seiten des
Ozeans schluckte er.




5.


Die groe Maschine lief mit ihrer vollen Geschwindigkeit, und Allan
sorgte dafr, da sie das Tempo beibehielt.

Sein Prinzip war, da man alles in der Hlfte der Zeit tun knne, die
man zu brauchen glaubt. Alle Menschen, die mit ihm in Berhrung kamen,
nahmen unbewut sein Tempo an. Das war Allans Macht.

Der zweiunddreiigstckige menschliche Bienenkorb aus Eisen und Beton
roch von den Tresors im Souterrain bis hinauf zur Marconi-Station auf
dem flachen Dach nach Schwei und Arbeit. Seine achthundert Zellen
wimmelten von Beamten, Clerks, Stenotypistinnen. Seine zwanzig Lifts
schossen den ganzen Tag auf und ab. Es gab hier Paternosteraufzge,
in die man hineinsprang, whrend sie vorbeiflogen. Es gab Lifts, die
nicht bis zum zehnten, zwanzigsten Stockwerk hielten, D-Lifts, es gab
einen Lift, der bis zum obersten Stockwerk durchsauste. Kein einziger
Quadratmeter der zweiunddreiig Etagen lag brach. Post, Telegraph,
Kassen, Zentralen fr Hochbau, Tiefbau, Kraftwerke, Stdtebau,
Maschinen, Schiffe, Eisen, Stahl, Zement, Holz. Bis spt in die Nacht
hinein stand das Gebude wie ein feenhaft beleuchteter Turm im bunten,
klingenden Gewimmel des Broadway.

ber die ganze Breite der obersten vier Etagen spannte sich ein
enormes, von Hobby entworfenes Reklametableau, das aus Tausenden von
farbigen Glhlampen gebildet war. Eine Riesenkarte des atlantischen
Ozeans, umrahmt von den Farben der stars and stripes. Der Atlantik
blaue, ewig bebende Wellenlinien, links Nordamerika, rechts Europa mit
den britischen Inseln, kompakte, blitzende Sternhaufen. Tunnel-City,
Biskaya, Azora, Bermuda und Finisterra Kltze rubinfarbiger Lichter,
die wie Scheinwerfer blenden. Auf dem Ozean, etwas nher zu Europa,
ein Dampfer, getreu in Lichtern nachgeahmt. Dieser Dampfer aber kommt
nicht von der Stelle. Unter den blauen Wellenlinien ist mit roten
Lampen eine sanfte Kurve gezeichnet, die ber die Bermudas und Azoren
nach Spanien und Frankreich fhrt: der Tunnel. Durch den Tunnel aber
jagen unaufhrlich feurige Zge zwischen den Kontinenten hin und
her. Zge von sechs Waggons, in Abstnden von fnf Sekunden! Ein
Lichtnebel steigt aus dem glitzernden Tableau empor, das getragen
wird von ruhigen, selbstbewuten, breiten, milchweien Riesenlettern:
Atlantik-Tunnel.

Je erregter die Luft um Allan fieberte, desto wohler fhlte er sich.
Seine Laune war ausgezeichnet. Er sah stets hei und angeregt aus,
krftiger und gesnder denn je. Sein Kopf sa noch freier auf den
Schultern und diese Schultern waren noch breiter und strker geworden.
Seine Augen hatten den kindlichen, gutmtigen Ausdruck verloren,
ihr Blick war bestimmt und gesammelt. Selbst sein Mund, frher
zusammengepret, war erblht, gesttigt von einem unmerklichen und
undefinierbaren Lcheln. Er a mit gesundem Appetit, schlief tief
und traumlos und arbeitete -- nicht berstrzt, aber gleichmig und
ausdauernd.

Maud dagegen hatte eingebt an Glanz und Frische. Ihre Jugend war
vorbei, sie war aus einem Mdchen eine Frau geworden. Ihre Wangen
zeigten nicht mehr die alte frische Rte, sie waren etwas fahler und
schmaler geworden, gespannt, aufmerksam, und ihre glatte Stirn war
nachdenklich gefaltet.

Sie litt.

Im Februar und Mrz hatte sie einige herrliche Wochen verlebt, die sie
fr Langeweile und Leere des Winters entschdigten. Sie war mit Mac
auf den Bermudas, Azoren, und in Europa gewesen. Besonders whrend
sie auf See waren, hatte sie Macs Gesellschaft fast den ganzen Tag
ber genieen knnen. Nach der Heimkehr aber war es ihr um so schwerer
geworden, sich wieder in Bronx einzugewhnen.

Mac war wochenlang unterwegs. Buffalo, Chikago, Pittsburg, Tunnel-City,
Kraftwerke an der Kste. Er lebte in D-Zgen. In New York aber
erwartete ihn schon wieder ein Berg von Arbeit.

Zwar kam er nun hufiger nach Bronx, wie er versprochen hatte, aber
fast immer, und selbst an den Sonntagen, brachte er Arbeit mit, die
keinen Aufschub erlaubte. Hufig kam er nur, um zu schlafen, zu baden,
zu frhstcken, und wieder war er fort.

Im April stand die Sonne schon hoch am Himmel und einige Tage waren
sogar drckend hei. Maud promenierte mit Edith, die nun schon tapfer
an ihrer Seite einhertrippelte, im Bronx-Park, der von modernder Erde
und jungem Laub herrlich roch. Wie im vorigen Sommer stand sie wieder,
mit Edith auf dem Arm, stundenlang vor dem Affenkfig und lachte.
Die kleine Edith ritt, rotglhend vor Vergngen, auf einem zierlichen
Shetlandpony, sie warfen den Bren, die mit aufgesperrten Rachen an den
Gittern hockten, Brotstcke in die Muler, sie besuchten die Lwenbabys
-- so verging der Nachmittag. Zuweilen wagte sich Maud auch mit ihrem
Kind in die lrmende, staubende City hinein; sie hatte das Bedrfnis,
das Leben zu spren. Gewhnlich landete sie dann in den Anlagen der
Battery, wo die Hochbahnzge ber den Kpfen der spielenden Kinder
dahindonnern. Von dem ganzen endlosen New York liebte Maud diese Stelle
am meisten.

Neben dem Aquarium standen Bnke und hier nahm Maud Platz und trumte
ber die Bai hinaus, whrend ihr Mdchen mit bunten Geschirren im
Sand spielte und vor Anstrengung und Aufregung laut schnaufte. Die
weien Ferryboote pendelten unaufhrlich zwischen Hoboken, Ellis
Island, Bedloes Island, Staaten-Island und New York-Brooklyn hin und
her. Die milchige, weite Bai und der Hudson wimmelten von ihnen, oft
konnte sie dreiig zur gleichen Zeit zhlen. Auf allen bewegte sich
ein weier, doppelarmiger Hebel, dem Wagbalken einer Wage hnlich,
ohne Pause auf und ab. So sah es aus, als marschierten die Dampfer
in Siebenmeilenstiefeln dahin. Die Central of New Jersey Ferry
kam beladen mit Eisenbahnwagen vorber, Tugs und kleine Zollboote
schossen aufgeregt durch das Wasser. Fern im Sonnennebel stand die
lichte Silhouette der Freiheitstatue, und es schien, als schwebe sie
auf dem Wasser. Dahinter zog ein blauer Streifen, das war Staaten
Island, schon kaum mehr zu sehen. Aus den Kaminen der Dampfer scho
ein weier Dampfstrahl und nach einer Weile hrte man Tuten und
Pfeifen. Die Bai war voller Stimmen, vom schrillsten Winseln der
Tugs bis zum tiefen Brummen der Ozeandampfer, das die Luft weithin
erschtterte. Unausgesetzt rasselten Ketten und in der Ferne wurde
Eisen gehmmert. Der Lrm war so vielstimmig und mannigfaltig, da er
wie ein sonderbares Konzert wirkte und Trumereien und Nachdenklichkeit
erzeugte.

Pltzlich tutete es ganz nahe: ein riesiger Schnelldampfer schob sich
in der Sonne durch das schmutziggrne Wasser des Hudson; die Kapelle
spielte an Bord, alle Verdecke waren mit Menschenkpfen punktiert und
im Hinterschiff stand die schwarze Masse der Zwischendecker.

Winke, Edith, winke dem Dampfer!

Und Edith sah auf, schwang den kleinen Blecheimer und schrie -- genau
wie die Pfeife der Tugs.

Wenn sie aufbrachen, so wollte Edith stets zum Vater gehen. Aber Maud
erklrte ihr, da sie Vater nicht stren drften.

Maud nahm wieder eifrig ihr Klavierspiel auf. Sie bte fleiig und
nahm wieder Unterricht. Wieviel sie verlernt hatte! Ein paar Wochen
lang besuchte sie alle groen Konzerte; sie spielte selbst an zwei
Abenden im Monat im Heim der Verkuferinnen und Blusenarbeiterinnen.
Aber das Entzcken, das ihr mit der Musik ins Blut strmte, mischte
sich mehr und mehr mit einer qulenden, dumpfen Sehnsucht, so da
sie nach einiger Zeit immer seltener musizierte und es schlielich
ganz aufgab. Sie besuchte Vortrge ber Kindererziehung, Hygiene,
Ethik und Tierschutz. Ihr Name erschien sogar unter den Komiteedamen
von Vereinigungen fr Invalidenfrsorge und Waisenerziehung --
jene modernen Ambulanzen, wo die Wunden verbunden werden, die die
unbarmherzige Schlacht der Arbeit schlgt.

Aber es blieb eine Leere in ihr zurck, eine Leere, in der es brodelte
von Groll und Verlangen.

Gegen Abend klingelte sie Mac regelmig an, und sie fhlte sich schon
ruhiger, wenn sie seine Stimme hrte.

Wirst du heute abend zu Tisch kommen, Mac? fragte sie und lauschte
schon gespannt auf seine Antwort, whrend sie noch sprach.

Heute? Nein, heute ist es unmglich. Aber morgen komme ich, ich richte
es ein. Wie geht es Edith?

Besser als mir, Mac! Aber sie lachte dabei, um Mac zu tuschen.

Kannst du sie an den Apparat bringen, Maud?

Und Maud, glcklich darber, da er an ihr Kind dachte, hob die Kleine
in die Hhe und Edith mute irgend etwas in das Telephon plappern.

Nun adieu, Mac! Es schadet ja nichts, da es heute nicht geht, aber
morgen kenne ich keine Gnade -- hrst du?

Ja, ich hre. Morgen bestimmt. Gute Nacht, Maud!

Spter aber kam es hufig vor, da es Lion nicht gelang, Mac an den
Apparat zu bringen, da er unmglich abkommen knne.

Und Maud, unglcklich und zornig, warf den Hrer heftig hin und kmpfte
mit den Trnen.

An den Abenden las sie. Sie las ganze Bcherschrnke aus. Aber sie
fand bald, da die meisten Bcher nichts als Lge waren. ~No, my
dear~, das Leben war ganz anders! Zuweilen aber fand sie ein Buch,
das ihr ihren Jammer in seiner ganzen Gre besttigte. Sie ging
unglcklich, mit Trnen in den Augen, in den leeren, stillen Zimmern
hin und her. Schlielich kam sie auf die groartige Idee, selbst ein
Buch zu schreiben. Ein ganz eigenartiges Buch -- und damit wollte sie
Mac berraschen! Die Idee berauschte sie. Einen ganzen Nachmittag lief
sie in der Stadt umher, um ein Buch aufzutreiben, wie sie es im Kopfe
hatte. Endlich fand sie, was sie wnschte. Es war ein Tagebuch, in
Alligatorhaut gebunden, mit feinem gelblichen Papier. Gleich nach Tisch
begann sie ihre Arbeit. Sie schrieb auf die erste Seite: Leben meines
kleinen Tchterchens Edith und was sie sagte.

  Niedergeschrieben von ihrer Mutter Maud.

Gott mge sie beschirmen, die se Edith, schrieb sie auf das zweite
Blatt. Und auf dem dritten fing sie an.

~To begin with my sweet little daughter was born ...~

Das Buch sollte Mac zu Weihnachten bekommen. Die Arbeit entzckte sie
und vertrieb ihr viele einsame Abende. Jede Kleinigkeit aus dem Leben
ihres jungen Tchterchens buchte sie gewissenhaft. Alle drolligen
Aussprche und alle naiven und weisen Fragen, Bemerkungen und Ansichten
ihres Kindes. Zuweilen schweifte sie auch ab und verlor sich in ihre
eigenen Sorgen und Gedanken.

Sie lebte vom Sonntag auf den Sonntag, da Mac sie besuchte. Die
Sonntage waren ein Fest fr sie. Sie schmckte das Haus, sie entwarf
einen besonderen Speisezettel, der Mac fr die ganze Woche entschdigen
sollte. Aber zuweilen konnte Allan auch am Sonntag nicht abkommen.

An einem Sonntag wurde er pltzlich in die Stahlwerke nach Buffalo
gerufen. Und am folgenden Sonntag brachte er Herrn Schlosser, Chef
der Baustelle auf den Bermudas, mit nach Bronx und Maud hatte so gut
wie nichts von ihm, denn die beiden benutzten den Tag zur Errterung
technischer Fragen.

Da erschien Maud eines Nachmittags zu ungewhnlicher Stunde im
Syndikatgebude und lie Mac durch Lion sagen, da sie ihn sofort zu
sprechen wnsche.

Sie wartete im Speisezimmer, das an Macs Arbeitssaal stie und hrte
eine rasselnde, fettige Stimme eine Reihe von Banken nennen.

-- Manhattan -- Morgan Co. -- Sherman --

Sie erkannte die Stimme von S. Woolf, den sie nicht ausstehen konnte.
Pltzlich brach er ab und Mac rief: Sofort, sage sofort, Lion.

Lion trat ein und gab flsternd Bescheid.

Ich kann nicht warten, Lion!

Der Chinese blinzelte verlegen und schlich lautlos hinaus.

Gleich darauf trat Mac ein, hei von der Arbeit, in bester Laune.

Er fand Maud, das Gesicht in das Taschentuch gedrckt und heftig
weinend.

Maud? fragt er bestrzt. Was gibt es? Etwas mit Edith?

Maud schluchzte lauter. Edith! Edith! An sie dachte er gar nicht.
Konnte nicht mit ihr etwas sein? Ihre Schultern schttelte das Weinen.

Ich halte es ganz einfach nicht mehr aus! schluchzte sie und prete
das Gesicht noch tiefer ins Taschentuch. Immer heftiger weinte sie. Sie
konnte nun gar nicht mehr aufhren, wie ein Kind, das zu weinen anfing.
All ihr Groll und Kummer mute heraus.

Mac stand eine Weile ratlos. Dann berhrte er Mauds Schulter und sagte:
Aber hre doch, Maud -- ich konnte ja nichts dafr, da uns Schlosser
den Sonntag verdarb. Er kam von seiner Station herber und konnte
unmglich lnger als zwei Tage bleiben.

Das ist es ja gar nicht. Dieser eine Sonntag --! Gestern nun war
Ediths Geburtstag ... ich habe gewartet ... ich habe gedacht ...

Ediths Geburtstag? sagte Allan verlegen.

Ja. Du hast ihn vergessen!

Da stand nun Mac beschmt da. Wie konnte ich nur? sagte er. Noch
vorgestern dachte ich daran! Nach einer Pause fuhr er fort: Hre,
kleine Maud, ich mu soviel im Kopf haben in diesen Tagen; es ist ja
nur, bis der Anfang gemacht ist --

Da sprang Maud auf und stampfte mit dem Fue und sah ihn zornrot
an, whrend ihr die Trnen bers Gesicht liefen. Das sagst du immer
-- seit Monaten sagst du das! -- O, was fr ein Leben! schluchzte
sie und warf sich wieder in den Stuhl und bedeckte das Gesicht mit
dem Taschentuch. Mac wurde immer ratloser. Er stand da wie ein
ausgescholtener Schulknabe und errtete. Noch nie hatte er Maud so
aufgebracht gesehen.

Nun, hre doch, Maud, begann er wieder, es gibt mehr Arbeit, als
ein Mensch annehmen konnte -- aber das wird bald besser werden. Und
er bat sie, noch eine Weile Geduld mit ihm haben zu wollen, sich zu
zerstreuen, zu musizieren, Konzerte, Theater zu besuchen.

O, das habe ich alles schon versucht, es ist langweilig -- es wchst
mir zum Hals heraus -- und immer zu warten und zu warten --!

Mac schttelte den Kopf und sah hilflos auf Maud.

Ja, was sollen wir mit dir tun, ~girlie~ -- was sollen wir mit dir
anfangen? fragte er leise. Vielleicht gingst du besser einige Wochen
aufs Land? Nach Berkshire?

Maud hob rasch den Kopf und sah ihn mit nassen, blanken Augen an.

Willst du mich ganz los sein? fragte sie mit offenem Mund.

Ach, nein, nein. Ich will nur dein Bestes, liebste Maud. Du tust mir
leid -- ja, aufrichtig --

Ich will nicht, da ich dir leid tue, nein ... Und von neuem
schttelte sie dies heftige, dumme Weinen.

Mac nahm sie auf den Scho und bemhte sich, sie durch Liebkosungen zu
beruhigen, whrend er auf sie einsprach. Ich komme heute abend nach
Bronx! sagte er schlielich, als sei damit alles wieder in Ordnung
gebracht.

Maud trocknete ihr schwimmendes Gesicht ab.

Gut. Aber wenn du spter als halb neun Uhr kommst, so lasse ich mich
_scheiden_ von dir! Und sie wurde pltzlich tiefrot im Gesicht, als
sie dies sagte. Ich habe oft daran gedacht -- ja, Mac, lache nur,
das ist keine Art, seine Frau zu behandeln, das sage ich dir. Sie
umschlang Mac und prete ihre heie Wange an sein braunes Gesicht und
flsterte: O, ich liebe dich so, Mac! Ich liebe dich ja so!

Ihre Augen glnzten, als sie die zweiunddreiig Stockwerke im Lift
abstrzte. Sie fhlte sich wohl und hei im Herzen, aber schon schmte
sie sich ein wenig. Sie dachte an Macs Bestrzung, den Kummer in
seinen Augen, seine Ratlosigkeit und das versteckte Erstaunen, da
sie so wenig verstnde, wie notwendig all diese Arbeit war. >Wie eine
dumme Gans habe ich mich benommen< -- dachte sie -- >so tricht! Was
wird Mac nun wohl von mir denken? Da ich keinen Mut, keine Geduld
und kein Verstndnis fr seine Arbeit habe -- und wie dumm war es ihm
vorzulgen, da ich schon oft an Scheidung gedacht htte.< Das war ihr
erst in diesem Augenblick eingefallen.

Ja, in der Tat, wie eine Gans -- ~a real goose!~ -- habe ich mich
benommen, sagte sie halblaut, als sie in den Wagen einstieg und lachte
leise, um sich ber die beschmende Empfindung, sich tricht betragen
zu haben, wegzuhelfen.

Allan gab Lion den Auftrag, ihn ein Viertel vor acht aus dem Bureau
zu werfen. Pnktlich! Ein paar Minuten vor acht eilte er rasch in ein
Geschft und kaufte eine Menge Geschenke fr Edith und einige fr Maud,
ohne lange zu whlen, denn von diesen Dingen verstand er nichts.

>Sie hat recht, Maud,< dachte er, whrend er im Auto die sechs Meilen
lange schnurgerade Lexington Avenue hinaufschnurrte, und er grbelte
angestrengt darber nach, wie er es knftighin einrichten wolle, um
sich seiner Familie mehr widmen zu knnen. Aber er kam zu keinem
Resultat. Die Wahrheit war die, da die Arbeit von Tag zu Tag mehr
anschwoll, anstatt weniger zu werden. >Was soll ich tun?< dachte er.
>Wenn ich einen Ersatz fr Schlosser htte, er ist zu unselbstndig.<

Dann erinnerte er sich, da er einige dringliche Briefe in der Tasche
hatte, berlas sie und setzte den Namen darunter. Beim Harlem-River war
er damit fertig. Er lie halten und die Briefe einwerfen. Es war noch
zehn Minuten bis halb neun.

Nimm Boston Road, Andy, ~let her rip~, aber berfahre niemand.

Und Andy fegte Boston Road entlang, da die Passanten taumelten und ein
Berittener ihre Verfolgung im Galopp aufnahm. Mac legte die Fe auf
den Sitz gegenber, zndete sich eine Zigarre an und schlo bermdet
die Augen. Er war nahezu eingeschlafen, als das Auto mit einem Ruck
hielt. Das ganze Haus war festlich erleuchtet.

Maud rannte wie ein Mdchen die Treppe herab und fiel Mac um den Hals.
Noch whrend sie durch den Vorgarten lief, rief sie: Oh, ich bin eine
solche Gans, Mac!

Sie kmmerte sich nicht darum, da der Chauffeur es hrte.

Ja, nun wollte sie aber Geduld haben und nie mehr klagen.

Ich schwre es dir, Mac!




6.


Maud hielt Wort, aber es wurde ihr nicht leicht.

Sie beklagte sich nicht mehr, wenn Mac am Sonntag ausblieb oder so
viele Arbeit mitbrachte, da er ihr kaum eine Minute widmen konnte.
Mac hatte eine bermenschliche Arbeit bernommen, das wute sie, eine
Arbeit, die andere vollkommen verzehrt haben wrde, und es war ihre
Sache, ihm dazu nicht noch eine weitere Brde aufzuladen. Im Gegenteil,
sie mute versuchen, ihm die wenigen Feierstunden so schn wie mglich
zu gestalten.

So war sie heiter und guter Dinge, so oft er zu ihr kam, und verriet
mit keinem Wort, da sie sich all die Tage lang unsinnig nach ihm
verzehrt hatte. Und merkwrdig -- er, Mac, fragte nicht danach, es kam
ihm gar nicht in den Sinn, da sie leiden knnte.

Der Sommer kam, der Herbst, Bronx Park bekam gelbe Bltter und aus
den Wipfeln vor dem Haus fiel das Laub in Bndeln herab, ohne da ein
Windsto es berhrte.

Mac fragte sie, ob sie nicht etwa nach Tunnel-City bersiedeln wolle?
Sie verbarg ihr Erstaunen. Ja, er habe wchentlich ein paarmal dort zu
tun und beabsichtige fr die Sonntagvormittage eine Art Audienzstunde
einzurichten, in der jedermann, Ingenieur wie Arbeiter, ihm seine
Wnsche und Beschwerden vortragen knne.

Wenn du es wnschst, Mac?

Ich denke wohl, es wre das beste, Maud. An und fr sich will ich ja
meine Bureaus nach Tunnel-City verlegen, sobald es angeht. Freilich
frchte ich, da es etwas einsam fr dich sein wird --?

Es wird nicht schlimmer sein als in Bronx, Mac, antwortete Maud
lchelnd.

Die bersiedlung sollte im Frhjahr stattfinden. Aber whrend Maud die
Vorbereitungen traf, hielt sie oft inne und dachte: >Mein Gott, was
soll ich in dieser Zementwste anfangen?<

Sie mute etwas beginnen, etwas, das sie beschftigte und die trichten
Gedanken und Trumereien vertrieb.

Schlielich hatte sie eine wundervolle Idee und sie machte sich
voller Eifer an ihre Verwirklichung. Diese Idee belebte sie, und ihre
Laune war so heiter und ihr Lcheln so geheimnisvoll, da es sogar Mac
auffiel.

Maud ergtzte sich eine Weile an Macs Neugierde, dann aber konnte sie
ihr Geheimnis nicht mehr lnger bei sich behalten. Ja, die Sache sei
die: sie msse etwas zu tun haben, eine solide Beschftigung, eine
richtige Arbeit. Keine bloe Spielerei. Nun sei sie auf den Gedanken
gekommen, im Hospital von Tunnel-City zu arbeiten. Untersteh' dich
nicht zu lcheln, Mac! Ja. Es sei ihr ernst damit. Sie habe brigens
schon den Kursus begonnen. In der Kinderklinik von ~Dr.~ Wassermann.

Mac wurde nachdenklich.

Hast du wirklich schon angefangen damit, Maud? fragte er, immer noch
unglubig.

Ja, Mac, vor vier Wochen. Wenn ich nun im Frhjahr nach Tunnel-City
komme, so habe ich eine Beschftigung. Anders geht es nicht mehr.

Nun aber war Mac ganz Verblffung, Nachdenklichkeit und Ernst. Er
blinzelte vor berraschung und fand nicht sogleich die Sprache wieder.
Maud amsierte sich ganz groartig! Dann nickte er ein paarmal mit dem
Kopf. Vielleicht ist es ganz gut, wenn du etwas arbeitest, Maud!
sagte er breit und nachdenklich. Ob es aber gerade das Hospital sein
mu --? Pltzlich aber lachte er belustigt auf. Er sah seine kleine
Maud im Kostm einer Krankenpflegerin vor sich. Verlangst du eine hohe
Gage? Maud aber rgerte sich ein wenig ber sein harmloses Lachen.

Er nahm ihren Plan fr eine Laune, eine Spielerei. Er zweifelte an
ihrer Ausdauer. Er begriff gar nicht, da es fr sie eine Notwendigkeit
geworden war, zu arbeiten. Es krnkte sie, da er sich so geringe Mhe
gab, sie zu verstehen.

>Frher krnkte mich so etwas ganz und gar nicht,< dachte sie am
folgenden Tag. >Demnach mu ich anders geworden sein.< Und Maud, die
sich Tag und Nacht qulte, aus dem einfachen Grunde, weil sie die
Gewiheit ihres Glckes verloren hatte, fing an zu verstehen, da eine
Frau mehr wnscht als Liebe und Anbetung.

Am Abend war sie allein, es regnete herrlich und frisch drauen und sie
machte Eintragungen in ihr Journal.

Sie notierte einige Aussprche der kleinen Edith, die deutlich die
naive Grausamkeit und den kindlichen Egoismus ihres vergtterten
Tchterchens verrieten. Eigenschaften, die allen Kindern eigen sind,
was Maud nicht verga hinzuzufgen. Dann spann sie ihre Gedanken
weiter aus: Es scheint mir, schrieb sie, da nur Mtter und
Gattinnen wahrhaft selbstlos sein knnen. Kindern und Mnnern ist
diese Eigenschaft nicht gegeben. Die Mnner haben vor den Kindern nur
das eine voraus: sie sind selbstlos und aufopferungsvoll in kleinen,
uerlichen, ich mchte sagen, unwesentlichen Dingen. Ihre tiefsten und
wesentlichen Regungen und Wnsche werden sie aber nie zugunsten einer
geliebten Person aufgeben. Mac ist ein Mann und ein Egoist wie alle
Mnner, ich kann ihm diesen Vorwurf nicht ersparen, obgleich ich ihn
von ganzem Herzen liebe.

Sie berzeugte sich, da Edith schlief, nahm einen Schal und trat auf
die Veranda. Hier setzte sie sich in einen Korbsessel und lauschte dem
Rauschen des Regens. Im Sdwesten stand eine dstere Feuersbrunst: New
York.

Als sie in ihr Schlafzimmer gehen wollte, fiel ihr Blick auf das
aufgeschlagene Buch am Schreibtisch. Sie las ihr Aperu, und whrend
sie vorhin im Grunde ihres Herzens sogar ein wenig stolz gewesen war
auf all ihre Weisheit, schttelte sie jetzt den Kopf und schrieb
darunter: Eine Stunde spter, nachdem ich dem Rauschen des Regens
gelauscht habe. Mache ich Mac nicht ungerechte Vorwrfe? Bin nicht ich
es, die egoistisch ist? Verlangt Mac etwas von mir? Oder verlange nicht
ich von Mac, da er Opfer bringt? Ich glaube, da alles, was ich vorher
geschrieben habe, kompletter Nonsens ist. Heute kann ich das Rechte
nicht mehr finden. Schn rauscht der Regen. Er gibt Frieden und Schlaf.
-- Maud, Macs kleiner Narr.




Dritter Teil




1.


Unterdessen hatten sich Mac Allans Bohrmaschinen an den fnf
Arbeitszentralen schon meilenweit in die Finsternis hineingefressen.
Wie zwei schauerliche Tore, die in die Unterwelt hinabfhren, sahen
diese Tunnelmndungen aus.

Tag und Nacht aber, ohne jede Pause, kamen endlose Gesteinszge im
Schnellzugstempo aus diesen Toren heraufgeflogen, Tag und Nacht, ohne
Pause, strzten sich Arbeiter- und Materialzge in rasendem Tempo
hinein. Wie Wunden waren diese Doppelstollen, brandige schwarze Wunden,
die immerzu Eiter ausspien und frisches Blut verschlangen. Da drinnen
aber, in der Tiefe, tobte der tausendarmige Mensch!

Mac Allans Arbeit war nicht jene Arbeit, die die Welt bisher kannte,
sie war Raserei, ein hllischer Kampf um Sekunden. Er _rannte_ sich den
Weg durchs Gestein!

Die gleichen Maschinen, das gleiche Bohrermaterial vorausgesetzt,
htte Allan mit den Arbeitsmethoden frherer Zeiten zur Vollendung des
Baus neunzig Jahre gebraucht. Er arbeitete aber nicht acht Stunden
tglich, sondern vierundzwanzig. Er arbeitete Sonn- und Feiertage.
Bei den Vortrieben arbeitete er mit sechs Schichten; er zwang seine
Leute, in vier Stunden das zu leisten, was sie bei langsamem Tempo in
acht Stunden geleistet haben wrden. Auf diese Weise erzielte er eine
sechsfache Arbeitsleistung.

Der Ort, wo die Bohrmaschine arbeitete, der Vortrieb, hie bei den
~tunnelmen~ die Hlle. Der Lrm war hier so ungeheuer, da fast
alle Arbeiter mehr oder weniger taub wurden, trotzdem sie die Ohren
mit Watte verstopft hatten. Die Allanschen Bohrer, die den Berg
perforierten, setzten mit einem klirrenden Schrillen ein, der Berg
schrie wie tausend Kinder auf einmal in Todesangst, er lachte wie ein
Heer Irrsinniger, er delirierte wie ein Lazarett von Fieberkranken
und endlich donnerte er wie groe Wasserflle. Durch den kochend
heien Stollen heulten fnf Meilen weit schreckliche, unerhrte Tne
und Interferenzen, so da niemand es gehrt haben wrde, wenn der
Berg in Wirklichkeit zusammengestrzt wre. Da das Getse Kommando
und Hornsignale verschluckt htte, so muten alle Befehle auf
optischem Wege gegeben werden. Riesige Scheinwerfer schleuderten ihre
grellen Lichtkegel bald gleiend wei, bald blutrot in das Chaos von
schweiberstrmten Menschenknueln, Leibern, strzenden Steinen, die
selbst wieder Menschenleibern hnlich sahen, und der Staub wlzte
sich wie dicke Dampfwolken im Lichtkegel der Reflektoren. Mitten in
diesem Chaos von rollenden Leibern und Steinen aber bebte und kroch ein
graues, staubbedecktes Ungetm, wie ein Ungeheuer der Vorzeit, das sich
im Schlamm gewlzt hatte: Allans Bohrmaschine.

Von Allan ersonnen bis auf die kleinste Einzelheit, glich sie einem
ungeheuren, gepanzerten Tintenfisch, Kabel und Elektromotoren als
Eingeweide, nackte Menschenleiber im Schdel, einen Schwanz von Drhten
und Kabeln hinter sich nachschleifend. Von einer Energie, die der von
zwei Schnellzugslokomotiven entsprach, angetrieben, kroch er vorwrts,
betastete mit seinen Fhlern, Tastern, Lefzen des vielgespaltenen
Maules den Berg, whrend er helles Licht aus den Kiefern spie.
Bebend in urtierischem Zorn, hin- und herschwankend vor Wollust des
Zerstrens fra er sich heulend und donnernd bis an den Kopf hinein ins
Gestein. Er zog die Fhler und Lefzen zurck und spritzte etwas in die
Lcher, die er gefressen hatte. Seine Fhler und Lefzen waren Bohrer
mit Kronen aus Allanit, hohl, mit Wasser gekhlt, und was er durch die
hohlen Bohrer in die Lcher spie, war Sprengstoff. Wie der Tintenfisch
des Meeres, so nderte er pltzlich seine Farbe. Aus seinen Kiefern
dampfte Blut, seine Rckennarbe funkelte bse drohend, und unheimlich
wie der Tintenfisch des Meeres zog er sich zurck, in roten Dunst
eingehllt -- und wieder kroch er vorwrts. Vor und zurck, Tag und
Nacht, jahrelang, ohne Pause.

Sobald er die Farbe wechselt und sich zurckzieht, strzt sich eine
Rotte Menschen die Gesteinswand hinauf und windet fieberhaft die Drhte
zusammen, die aus den Bohrlchern hngen. Und wie vom Grauen gepeitscht
jagt die Rotte zurck. Es grollt, donnert, drhnt. Der zerschmetterte
Berg rollt den Fliehenden drohend nach, ein Steinhagel jagt vor ihm her
und prasselt gegen die Panzerplatten der Bohrmaschine. Wolken von Staub
wlzen sich dem roten Glutatem entgegen. Pltzlich blendet er wieder
grellwei und Horden halbnackter Menschen strmen in die brodelnde
Staubwolke hinein und strzen den noch rauchenden Schutthaufen hinauf.

Das gierig vorwrtsrollende Ungetm aber streckt Frewerkzeuge
schauerlicher Art aus, Zangen, Krane, es schiebt seinen sthlernen
Unterkiefer vor und in die Hhe und _frit_ Gestein, Felsen, Schutt,
den hundert Menschen mit verzerrten Gesichtern, glnzend von Schwei,
ihm in den Rachen werfen. Seine Kiefer beginnen zu mahlen, zu
schlingen, der bis zum Boden schleifende Bauch schluckt und zum After
kommt ein endloser Strom von Felsen und Steinen heraus.

Die hundert schweitriefenden Teufel da oben taumeln zwischen dem
rollenden Gestein, zerren an Ketten, schreien, brllen und der
Schuttberg schmilzt und sinkt sichtbar unter ihren Fen zusammen.
Fort, das Gestein mu aus dem Wege, das ist die Losung!

Schon aber meieln und bohren und whlen schmutzgetigerte
Menschenklumpen unter den Frewerkzeugen des Ungeheuers, um ihm den
Weg zu ebnen. Mnner mit Schwellen und Schienen keuchen heran, die
Schwellen werden gebettet, die Schienen festgeschraubt, und das
Ungeheuer wlzt sich vorwrts.

An seinem schmutzbedeckten Leib, seinen Flanken, seinem Bauch, seinem
gewlbten Rcken hngen winzige Menschen. Sie bohren Lcher in Decke
und Wnde, den Boden, in hervorstehende Blcke, so da sie jederzeit im
Augenblick mit Patronen gefllt und abgesprengt werden knnen.

So fieberhaft und hllisch die Arbeit vor der Bohrmaschine wtete, so
fieberhaft und hllisch tobte sie hinter ihr, wo der endlose Strom von
Gestein herausquoll. Eine knappe halbe Stunde spter mute die Maschine
zweihundert Meter rckwrts freie Fahrt haben, um das Sprengen abwarten
zu knnen.

Sobald das Gestein auf dem ewig wandernden Rost unter dem Bauch
der Maschine hervorkam, sprangen herkulische Burschen darauf und
versicherten sich der groen Blcke, die Menschenkraft nicht heben
konnte. Whrend sie auf dem Rost, der zehn Schritte hinter die Maschine
reichte, mitwanderten, befestigten sie die Ketten, die um die groen
Blcke geschlungen waren, an den Kranen, die aus der Rckwand der
Maschine starrten und die Blcke hoben.

Der ewig wandernde Rost aber schttete die Gesteinsmassen prasselnd
und krachend in niedrige, eiserne, verbeulte Karren, den Hunden in den
Kohlengruben hnlich, die, ein endloser Zug, vom linken Schienenstrang
auf den rechten mit Hilfe eines halbkreisfrmigen Verbindungsgeleises
gefhrt wurden und gerade so lange hinter dem Rost stockten, als
ntig war, um Gestein und Blcke aufzunehmen. Sie wurden von einer mit
Akkumulatoren gespeisten Grubenlokomotive gezogen. Klumpen von Menschen
mit bleichen Gesichtern, einen Brei von Schmutz auf den Lippen,
taumelten um Rost und Hunde, whlten, wlzten, schaufelten und schrien,
und das grelle Licht der Scheinwerfer blendete unbarmherzig auf sie
hernieder, whrend die Luft der Wetterfhrung wie ein Sturmwind in sie
hineinpfiff.

Die Schlacht bei der Bohrmaschine war mrderisch und tglich gab es
Verwundete und hufig Tote.

Nach einer vierstndigen Raserei wurden die Mannschaften abgelst.
Vollkommen erschpft, gekocht in ihrem eigenen Schwei, bleich und halb
bewutlos vor Herzschwche, warfen sie sich auf das nasse Gestein eines
Waggons und schliefen augenblicklich ein, um erst ber Tag zu erwachen.

Die Arbeiter sangen ein Lied, das einer aus ihren Reihen gedichtet
hatte. Dieses Lied begann:

    Drinnen, wo der Tunnel donnert
    In der heien Hlle, Brder,
    Gee, wie ist die Hlle hei!
    Einen Dollar extra fr die Stunde,
    Fr die Stunde einen Dollar extra
    Zahlt dir Mac fr deinen Schwei ...

Zu Hunderten flohen sie die Hlle und viele brachen nach kurzer Zeit
fr immer zusammen. _Aber es kamen immer neue_!




2.


Die kleine Grubenlokomotive aber rasselte mit den beladenen Hunden
kilometerweit durch den Tunnel, bis dahin, wo die Eisenbahnwaggons
standen, die die Hunde an Kranen in die Hhe zogen und entleerten.
Waren die Waggons gefllt, so fuhren die Zge ab -- in jeder Stunde
ein Dutzend und mehr -- und neue, mit Material und Menschen standen an
ihrer Stelle.

Die amerikanischen Stollen waren gegen das Ende des zweiten Jahres
fnfundneunzig Kilometer weit vorgetrieben worden und diese ganze
mchtige Strecke entlang fieberte und tobte die Arbeit. Denn Allan
peitschte unaufhrlich zur grten Kraftanspannung an, tglich,
stndlich. Rcksichtslos verabschiedete er Ingenieure, die ihre
geforderten Kubikmeter nicht bewltigen konnten, rcksichtslos entlie
er Arbeiter, die den Atem verloren.

Wo noch die eisernen Hunde rasseln und der zerfetzte Stollen von Staub,
Steinsplittern und einem donnernden Getse erfllt ist, sind Bataillone
von Arbeitern beim Schein der Reflektoren beschftigt, Balken und
Pfosten und Bretter zu schleppen, um den Stollen gegen hereinbrechendes
Gestein zu sichern. Eine Schar von Technikern legt die elektrischen
Kabel und provisorischen Schluche und Rhren fr Wasser und zugepumpte
Luft.

Bei den Zgen strzen Horden von Menschen hin und her, um das
Material abzuladen und ber die Strecke zu verteilen, so da man nur
hinzugreifen hatte, wenn man es brauchte: Balken, Bretter, Klammern,
Eisentrger, Schrauben, Rhren, Kabel, Bohrer, Sprenghlsen, Ketten,
Schienen, Schwellen.

Von dreihundert zu dreihundert Metern aber wtet ein Trupp schmutziger
Gestalten zwischen den Pfosten mit Bohrern gegen die Stollenwand. Sie
sprengen und schlagen eine Nische so hoch wie ein Mann und sobald ein
Zug gellend vorbeikommt, flchten sie zwischen die Pfosten. Bald aber
ist die Nische so tief, da sie sich nicht mehr um die Zge zu kmmern
brauchen, und nach einigen Tagen klingt die Wand hohl, sie strzt
ein und sie stehen im Parallelstollen, wo die Zge vorbeifliegen wie
drben. Dann marschieren sie ihre dreihundert Meter weiter, um den
neuen Querschlag in Angriff zu nehmen.

Diese Querschlge dienen zur Ventilation, zu hundert anderen Zwecken.

Ihnen auf den Fersen aber folgt ein Trupp, dessen Aufgabe darin
besteht, diese schmalen Verbindungsgnge kunstgerecht auszumauern.
Jahraus, jahrein tun sie nichts anderes. Nur jeden zwanzigsten
Querstollen lassen sie stehen wie er ist.

Weiter, vorwrts!

Ein Zug rauscht heran und hlt bei dem zwanzigsten Querschlag. Eine
Schar geschwrzter Burschen springt von den Waggons, und Bohrer,
Spitzhacken, Eisentrger, Zementscke, Schienen, Schwellen wandern ber
ihre Schultern blitzschnell in den Querstollen hinein, whrend hinten
schon die Glocken der aufgehaltenen Zge ungeduldig gellen. Weiter! Die
Zge rollen. Der Querstollen hat die geschwrzten Burschen verschluckt,
die Bohrer schrillen, es knallt, das Gestein birst, der Stollen wird
breiter und breiter, er steht schrg zu den Tunneltrassen, Eisen und
Beton sind seine Wnde, seine Decke, sein Boden. Ein Geleise fhrt
durch ihn hindurch: eine Weiche.

Diese Weichen haben den ganz unschtzbaren Wert, da man von sechs
zu sechs Kilometern nach Belieben die ewig rollenden Material- und
Gesteinszge des einen Stollens auf den anderen berfhren kann.

Auf diese hchst simple Weise ist eine Strecke von sechs Kilometern
isoliert fr den Ausbau.

Der sechs Kilometer lange Wald von Kronbalken, Pfosten, Stempeln,
Riegeln verwandelt sich in einen sechs Kilometer langen Wald aus
Eisenrippen und Eisenfachwerk.

Wo es eine Hlle gibt, da gibt es auch ein Fegfeuer. Und wie es beim
Tunnelbau ~hellmen~ gab, so gab es purgatorymen, denn diese
Baustelle hie ~purgatory~.

Hier ist freie Bahn und ein Meer von Waggons wlzt sich in diesen
Stollenabschnitt und Trauben von Menschen hngen an den Waggons.
An hundert Orten zugleich beginnt die Schlacht: Kanonenschsse,
Hornsignale, das Blitzen der Scheinwerfer. Der Stollen wird zur
erforderlichen Breite und Hhe ausgesprengt. Es drhnt, wie wenn
Geschosse in ein Panzerschiff einschlagen. Eisentrger und Schienen,
die auf den Boden donnern. Mennigrotes Eisen berschwemmt den Stollen,
Rippen, Platten, gewalzt in den Werken von Pennsylvania, Ohio, Oklahoma
und Kentucky. Die alten Schienen werden aufgerissen, das Dynamit
und Melinit schlitzt die Sohle auf, Pickel und Schaufeln wirbeln.
Achtung! Es heult und keucht, verzerrte Muler, geschwollene Muskeln,
zuckende Schlfenadern, wie Nattern geringelt, Leib hinter Leib:
sie schleppen die Sohlenstcke heran, mchtige Doppel-~T~-Trger,
die bestimmt sind, die Schiene der Tunnelzge (denn die Tunnelbahn
wird als Einschienenbahn gebaut) zu tragen. Rudel von Ingenieuren
mit Meinstrumenten und Apparaten liegen am Boden und arbeiten mit
Anspannung all ihrer Nerven, whrend der Schwei ihre halbnackten
Krper mit Schmutzstreifen tigert. Das Sohlenstck, vier Meter lang,
achtzig Zentimeter tief, an den Enden leicht aufwrts gebogen, wird in
Beton gebettet. Wie der Kiel eines Schiffes gelegt wird, so reiht sich
Sohlenstck an Sohlenstck und ein Betonstrom flutet ihnen nach, so da
sie darin versinken. Schwellen. Wie hundert Ameisen einen Strohhalm
schleppen, so schleppen hundert keuchende Mnner mit eingeknickten
Knien die mchtigen, dreiig Meter langen Schienen heran, die auf
den Schwellen befestigt werden. Hinter ihnen kriechen andere mit den
schweren Teilen der Rippen, die das ganze Tunneloval als Eisenfachwerk
umschnren sollen. Zusammengesetzt haben diese Rippen die Gestalt einer
Ellipse, die an der Sohle etwas flach gedrckt ist. Vier Teile bilden
eine Rippe: ein Sohlenstck, zwei Seitenstcke (die Widerlager) und
ein Deckenstck, die Kappe. Diese Stcke sind aus zolldickem Eisen,
und durch starkes Fachwerk untereinander verbunden. Die Nietmaschinen
prasseln, der Stollen drhnt. Rippe reiht sich an Rippe. Ein Gitterwerk
von mennigrotem Eisen umschnrt den Stollen. Schon aber, da hinten,
klettern die Maurer im Eisenfachwerk, um den Mantel des Tunnels
auszumauern, einen meterdicken Panzer aus Eisenbeton, den kein Druck
der Welt sprengen kann.

Zu beiden Seiten der mchtigen Schiene werden in angemessenem Abstand
Rhren in allen Dimensionen gelegt, verschweit, verschraubt. Rhren
fr Telephon- und Telegraphendrhte, fr Stromkabel, ungeheure Rhren
fr Wasser, mchtige Rhren fr die Luft, die die Maschinen drauen
ber Tag ohne Pause in die Stollen pressen sollen. Besondere Rhren
fr die pneumatische Exprepost. Sand, Schotter bedeckt die Rhren;
Schwellen und Schienen fr die gewhnlichen Materialzge werden darber
gelegt, solide Geleise, die den Material- und Gesteinszgen erlauben,
mit Schnellzugsgeschwindigkeit dahinzurasen.

Kaum haben sie da vorn die letzte Rippe genietet, so sind auch schon
die Geleise fr die Strecke von sechs Kilometern fertig. Die Zge
werden hereingeleitet und fliegen dahin, whrend die Maurer noch im
Eisenfachwerk hngen.

Dreiig Kilometer hinter dem Vortrieb, wo die Bohrmaschine donnerte,
war der Stollen schon fertig ausgebaut.




3.


Das aber war nicht alles. Tausend Dinge muten vorgesehen werden!
Sobald die amerikanischen Stollen mit den Stollen zusammenstieen,
die sich von den Bermudas aus durch den Gneis fraen, mute die ganze
Strecke betriebsfhig sein.

Allans Plne lagen seit Jahren bis auf die letzten Kleinigkeiten fertig
vor.

Von zwanzig zu zwanzig Kilometern lie er kleine Stationen in den Berg
schlagen, in denen die Streckenwrter hausen sollten. Alle sechzig
Kilometer plante er grere Stationen und alle zweihundertvierzig
Kilometer groe Stationen. All diese Stationen waren Depots fr
Reserveakkumulatoren, Maschinen und Nahrungsmittel. Die greren und
groen Stationen sollten Transformatoren, Hochvoltstationen, Khl- und
Luftmaschinen aufnehmen. Es waren ferner Seitenstollen ntig, in denen
abgeleitete Zge Platz fanden.

Fr alle diese Arbeiten waren verschiedene Arbeiterbataillone
ausgebildet worden und all diese Horden fraen sich in den Berg und
schlugen Lawinen von Gestein heraus.

Wie ein Vulkan in hchster Raserei spien die Tunnelmndungen Tag und
Nacht Gestein aus. Unaufhrlich, dicht hintereinander flogen die
vollen Zge aus den ghnenden Toren hervor. Mit einer Leichtigkeit,
die das Auge entzckte, nahmen sie die Steigung, um oben angelangt
einen Augenblick zu halten. Was aber nur Gestein und Schutt schien, das
bewegte sich pltzlich auf den Waggons und geschwrzte, beschmutzte,
unkenntliche Gestalten sprangen herab. Der Gesteinszug aber wand sich
ber hundert Weichen und scho davon. Er fuhr in einem groen Bogen
durch Mac City (wie die Tunnelstadt in New Jersey allgemein hie),
bis er auf eins der hundert Geleise am Meer einlenkte, wo er entladen
wurde. Hier am Meer waren sie alle laut und heiter, denn sie hatten die
leichte Woche.

Mac Allan hatte zweihundert Doppelkilometer Gestein herausgeschafft,
genug um eine Mauer von New York nach Buffalo zu bauen. Er besa den
grten Steinbruch der Welt; aber er verschwendete keine Schaufel
voll. Er hatte das ganze ungeheure Gelnde zweckmig nivelliert. Er
hatte das Gestade, das mhlich abfiel, geebnet und das seichte Meer
kilometerweit hinausgedrngt. Dort drauen aber, wo das Meer schon
tiefer war, versanken tglich Tausende von Waggonladungen Gestein im
Meer und langsam schob sich ein ungeheurer Damm ins Meer hinaus. Das
war einer der Kaie von Allans Hafen, der die Welt auf dem Plan der
Zukunftsstadt so verblfft hatte. Zwei Meilen entfernt davon bauten
seine Ingenieure den grten und gleichmigsten Badestrand, den
irgendein Ort der Welt besa. Hier sollten riesige Badehotels errichtet
werden.

Mac City selbst aber sah aus wie ein ungeheures Schuttfeld, auf
dem kein Baum, kein Strauch wuchs, kein Tier, kein Vogel lebte.
Es flimmerte in der Sonne, da die Augen schmerzten. Weithin war
diese Wste mit Geleisen bedeckt, bersponnen mit fcherfrmig sich
nach beiden Seiten ausbreitenden Geleisen, den magnetischen Figuren
hnlich, zu denen sich Eisenfeilstaub bei den Polen eines Magnets
ordnet. berall schossen Zge dahin, elektrische, Dampfzge, berall
qualmten Lokomotiven, heulte, schellte, pfiff und klingelte es.
Drauen im provisorischen Hafen Allans lagen Scharen von qualmenden
Dampfern und hohen Seglern, die Eisen, Holz, Zement, Getreide, Vieh,
Nahrungsmittel aller Art von Chikago, Montreal, Portland, Newport,
Charleston, Savanah, New Orleans, Galveston hierhergebracht hatten.
Und im Nordosten stand eine dicke Mauer von Rauch, undurchdringlich:
der Materialbahnhof.

Die Baracken waren verschwunden. Auf den Terrassen des
Trasseneinschnittes blitzten Glasdcher: Maschinenhallen,
Kraftstationen, an die turmhohe Bureaugebude stieen. Mitten in der
Steinwste erhob sich ein zwanzigstckiges Hotel: Atlantic-Tunnel. Es
war kalkwei, nagelneu und diente als Absteigequartier fr die Scharen
von Ingenieuren, Agenten, Vertretern groer Firmen, und fr Tausende
von Neugierigen, die jeden Sonntag von New York herberkamen.

Gegenber hatte Wannamaker ein vorlufig zwlf Stockwerke hohes
Warenhaus errichtet. Breite Straen, vollkommen fertig, liefen
schnurgerade durch das Schuttfeld, Brcken spannten sich ber den
Trasseneinschnitt. An der Peripherie der Steinwste aber lagen
freundliche Arbeiterstdte mit Schulen, Kirchen, Spielpltzen, mit Bars
und Saloons, die von ehemaligen Preisboxern oder Rennfahrern geleitet
wurden. Fernab, in einem Walde kleiner Zwergfhren, stand einsam,
vergessen und tot ein Gebude, das einer Synagoge hnlich sah: ein
Krematorium mit langen leeren Kreuzgngen. Nur ein Gang enthielt schon
Urnen. Und sie alle trugen die gleiche Inschrift unter den englischen,
franzsischen, russischen, deutschen, italienischen, chinesischen
Namen: Verunglckt beim Bau des Atlantic-Tunnels -- beim Sprengen --
verschttet -- von einem Zug berfahren: wie die Inschriften gefallener
Krieger.

Nahe am Meere lagen die weien neuen Hospitler, nach modernsten
Prinzipien erbaut. Hier unten, etwas abseits, stand in einem
frischangelegten Garten eine neue Villa: Mauds Haus.




4.


Maud hatte soviel Macht als mglich in ihren kleinen Hnden
zusammengerafft.

Sie war Vorsteherin des Rekonvaleszentenheims fr Frauen und Kinder von
Mac City geworden. Ferner gehrte sie einem aus rzten und rztinnen
gebildeten Komitee an, dem die Hygiene der Arbeiterwohnungen, die
Pflege von Wchnerinnen und Suglingen oblag. Aus eigener Initiative
hatte sie eine Handarbeits- und Haushaltungsschule fr junge Mdchen
gegrndet, einen Kindergarten und einen Klub fr Frauen und junge
Mdchen, in dem an jedem Freitag kleine Vorlesungen und musikalische
Vortrge stattfanden. Sie hatte reichlich zu tun. Sie hatte ihre
Office, genau wie Mac, und beschftigte eine Privatsekretrin und
eine Stenotypistin. Eine Schar von Pflegerinnen und Lehrerinnen --
brigens Tchter der ersten Familien New Yorks -- stand ihr zur Seite.

Maud tat niemand etwas zuleide, sie war rcksichtsvoll, freundlich,
sonnig, ihr Anteil an fremden Schicksalen war aufrichtig, und so kam
es, da alle Welt sie liebte und viele sie verehrten.

Sie hatte in ihrer Eigenschaft als Mitglied des Hygienekomitees
fast alle Arbeiterhuser betreten. Im italienischen, polnischen und
russischen Viertel hatte sie eine energische und siegreiche Kampagne
gegen den Schmutz und das Ungeziefer ausgefochten. Sie hatte es
durchgesetzt, da alle Huser von Zeit zu Zeit desinfiziert und von
oben bis unten ausgefegt wurden. Die Huser waren fast ganz aus Zement
und lieen sich auswaschen wie eine Waschkche. Ihre Besuche hatten sie
den Leuten nahe gebracht und sie stand ihnen mit Rat und Tat zur Seite,
wo immer sie konnte. Ihre Wirtschaftsschule war bis auf den letzten
Platz besetzt. Sie hatte ausgezeichnete Lehrerinnen engagiert, fr
die Kche sowohl als die Schneiderwerksttte. Maud versumte es nicht,
zu kontrollieren und zu inspizieren, um ihre Institute fortwhrend im
Auge zu behalten. Eine ganze Bibliothek der einschlgigen Literatur
hatte sie durchstudiert, um sich die ntigen theoretischen Kenntnisse
anzueignen. Und es war ihr, bei Gott, nicht leicht geworden, alles
so vortrefflich und gut zu schaffen, zumal sie von Natur aus keine
besonderen organisatorischen Talente besa. Aber es ging. Und Maud war
stolz auf das Lob, das die Zeitungen ihren Einrichtungen spendeten.

Das Feld ihrer hauptschlichen Ttigkeit aber war das
Rekonvaleszentenheim fr Frauen und Kinder.

Das Heim lag dicht neben ihrer Villa, sie brauchte nur zwei Grten zu
durchqueren. Sie erschien tglich Punkt neun Uhr morgens, um ihren
Rundgang zu machen, interessierte sich fr jeden einzelnen ihrer
Schtzlinge und half hufig aus eigener Kasse, wenn das Budget des
Hospitals erschpft war. Mit ganz besonderer Sorgfalt umgab sie die ihr
anvertrauten Kinder.

Sie hatte Arbeit, Freude, Erfolge, ihre Beziehungen zu den Menschen und
zum Leben waren fruchtbarer und reicher geworden, aber Maud war ehrlich
genug sich einzugestehen, da all das zusammen nicht imstande war, ihr
das eheliche Glck zu ersetzen.

Zwei, drei Jahre lang hatte sie im reinsten Glck mit Mac gelebt -- bis
der Tunnel kam und ihn ihr entri. Mac liebte sie ja noch, ja! Er war
aufmerksam, liebenswrdig, gewi, aber es war nicht mehr wie frher --
keine Lge!

Sie sah ihn jetzt hufiger als in den ersten Jahren des Baus. Er hatte
wohl seine Bureaus in New York beibehalten, sich aber Arbeitsrume
in der Tunnelstadt eingerichtet, wo er oft wochenlang mit kurzen
Unterbrechungen blieb. Darber htte sie nicht klagen knnen. Aber
Mac selbst hatte sich verndert. Seine Harmlosigkeit, sein naiver
Frohsinn, die sie im Anfang ihrer Ehe so berrascht und entzckt
hatten, verschwanden mehr und mehr. Ernst wie in der Arbeit und in der
ffentlichkeit war er auch zu Hause. Er gab sich Mhe, so heiter und
gutgelaunt wie frher zu erscheinen, aber es gelang ihm nicht immer.
Er war zerstreut, absorbiert von der Arbeit, und aus seinen Augen wich
nicht jener scheinbar geistesabwesende Ausdruck, den die Konzentration
auf ein und dieselbe Idee erzeugt. Seine Zge waren auch magerer und
hrter geworden.

Die Zeiten waren vorber, da er sie auf den Scho nahm und liebkoste,
er kte sie, so oft er kam und ging, sah ihr in die Augen,
lchelte -- aber ihr weiblicher Instinkt lie sich nicht tuschen.
Merkwrdigerweise hatte er, gehetzt von der Arbeit, all die Jahre
hindurch nie mehr einen der wichtigen Tage vergessen, wie Ediths oder
ihren Geburtstag, ihren Hochzeitstag, Weihnachten. Aber Maud sah einmal
zufllig, da in seinem Taschenbuche diese Tage rot angestrichen waren
-- sie lchelte resigniert: er merkte sie sich mechanisch, nicht mehr
mit dem Herzen, das ihn tglich daran erinnerte.

Es ging ihr nicht anders wie den meisten ihrer Freundinnen, deren
Mnner den Tag ber in Fabriken, Banken und Laboratorien schufteten,
sie anbeteten, mit Spitzen, Perlen und Pelzen behingen, sie
zuvorkommend ins Theater fhrten, aber mit den Gedanken doch bei der
Arbeit waren. Das Leben war nicht anders, aber sie, Maud, fand es
entsetzlich, wenn es nicht anders war. Lieber wollte sie arm sein,
unbekannt, fern von der Welt -- dafr aber forderte sie ewige Liebe,
ewige Zrtlichkeit. Ja, so wnschte sie es sich, obschon ihr das
zuweilen tricht erschien.

Maud liebte es, nach getaner Arbeit bei einer Handarbeit zu sitzen und
ihren Gedanken nachzuhngen. Dann kam sie immer auf die Zeit zurck,
da Mac um sie warb. Er erschien ihr in der Erinnerung unendlich jung
und naiv. Vllig unbewandert im Umgang mit Frauen, war er nicht auf
originelle Gedanken verfallen, ihr seine Liebe zu verstehen zu geben.
Blumen, Bcher, Konzert- und Theaterbillette, kleine Ritterdienste --
ganz wie der banalste Mensch. Und doch gefiel ihr das an ihm, jetzt
mehr als damals. Ganz unerwartet hatte er sein Benehmen aber dann
gendert und war mehr jenem Mac hnlich geworden, den sie jetzt kannte.
Eines Abends hatte er ihr nach einer ausweichenden Antwort bestimmt
und fast unhflich gesagt: Denken Sie darber nach. Ich lasse Ihnen
bis morgen um fnf Uhr Zeit. Wenn Sie sich dann noch nicht entschieden
haben, so sollen Sie nie wieder ein Wort von mir darber hren. ~Good
bye!~ Und siehe da, Punkt fnf Uhr hatte er sich eingestellt ...! Maud
erinnerte sich stets mit einem Lcheln an diese Szene, aber sie hatte
auch nicht vergessen, mit welcher Bangigkeit sie die Nacht und den Tag
darauf verbracht hatte.

Je weiter der Tunnel ihr Mac entfhrte, desto hartnckiger, mit desto
grerer Beharrlichkeit, die gleichzeitig wohltat und schmerzte,
verweilten ihre Gedanken bei ihren ersten Spaziergngen, Gesprchen
und harmlosen und doch so bedeutungsschweren kleinen Erlebnissen ihrer
jungen Ehe. Sie hatte einen Groll gegen den Tunnel im Herzen! Sie hate
den Tunnel, denn er war _strker_ gewesen als sie! Ach, die kleine
Eitelkeit der ersten Zeit war lngst verflogen. Es war ihr einerlei,
ob man Macs Namen in fnf Kontinenten kannte oder nicht. Wenn nachts
der gespenstische Widerschein der brennenden Tunnelstadt in ihr Zimmer
drang, so war ihr Ha dagegen oft so stark, da sie die Lden schlo,
um ihn nicht zu sehen. Sie htte weinen mgen vor Groll, und zuweilen
weinte sie auch, still und ungesehen. Wenn sie sah, wie die Zge sich
in die Stollen strzten, so schttelte sie den Kopf. Es war Tollheit!
Fr Mac aber schien es nichts Selbstverstndlicheres zu geben. Trotz
alledem aber -- und diese Hoffnung hielt sie aufrecht! -- hoffte sie
darauf, da Mac wieder mit seinem Herzen zu ihr zurckkehren wrde.
Eines Tages mute ihn der Tunnel doch wieder _freigeben_! Wenn der
erste Zug lief ...

Aber, o guter Gott, das waren noch Jahre! Maud seufzte. Geduld, Geduld!
Vorlufig hatte sie ihre Ttigkeit. Sie hatte ihre geliebte Edith, die
sich zu einem kleinen Dmchen entwickelt hatte und mit neugierigen,
klugen Augen ins Leben blickte. Sie hatte Mac fter als frher. Sie
hatte Hobby, der fast tglich bei ihr speiste, allerhand Schnurren
erzhlte und mit dem es sich so wunderbar plaudern lie. Auch ihr
Haushalt stellte grere Ansprche an sie als frher. Denn Mac brachte
hufig Gste mit, berhmte Leute, deren Name so gewichtig war, da
ihnen Mac den Zutritt in den Tunnel erlaubte. Maud freute sich ber
jeden derartigen Besuch. Diese Berhmtheiten waren meistens ltere
Herren, mit denen es sich leicht verkehren lie. Denn alle hatten
eine Eigenschaft gemeinsam: sie waren sehr einfach, um nicht zu sagen
schchtern. Es waren groe Gelehrte, die geologische, physikalische
und technische Fragen zu Mac fhrten und die oft wochenlang mit ihren
Instrumenten in einer Station tausend Meter unter dem Meeresspiegel
hausten, um irgend etwas herauszufinden. Mac aber verkehrte mit diesen
Berhmtheiten ganz wie er mit ihr oder mit Hobby verkehrte.

Aber wenn sich diese groen Tiere verabschiedeten, so verbeugten sie
sich vor Mac und drckten ihm die Hand und konnten ihm nicht genug
danken. Und Mac lchelte sein bescheidenes und gutmtiges Lcheln und
sagte: Allright, sir! und wnschte ihnen gute Reise. Denn diese Leute
kamen meist von weit her.

Einmal kam auch eine Dame zu ihr heraus.

Mein Name ist Ethel Lloyd! sagte diese Dame und hob den Schleier in
die Hhe.

Ja, es war Ethel, in der Tat! Sie errtete, denn sie hatte keinen
eigentlichen Anla, Maud einen Besuch zu machen. Und Maud errtete
ebenfalls -- weil Ethel errtete, und weil ihr der Gedanke durch den
Kopf scho, da Ethel sehr unverfroren sei, und weil sie dachte, Ethel
msse diesen Gedanken in ihren Augen lesen.

Ethel fate sich aber sofort. Ich habe soviel von den Schulen gelesen,
die Sie ins Leben riefen, Frau Allan, begann sie, gewandt und flieend
sprechend, da ich zuletzt den Wunsch hatte, Ihre Einrichtungen kennen
zu lernen. Ich stehe ja persnlich hnlichen Bestrebungen in New York
nahe, wie Sie wissen werden.

Ethel Lloyd trug einen angeborenen Stolz und eine natrliche Wrde
zur Schau, die nicht unangenehm wirkte, eine natrliche Offenheit
und Herzlichkeit, die entzckte. Sie hatte das Kindliche, das
Allan seinerzeit vor Jahren aufgefallen war, verloren und war eine
vollkommene Dame geworden. Ihre frher etwas sliche und zarte
Schnheit war reifer geworden. Hatte sie vor Jahren den Eindruck eines
Pastellgemldes erweckt, so erschien jetzt alles an ihr klar und
leuchtend, ihre Augen, ihr Mund, ihr Haar. Sie sah stets aus, als kme
sie gerade aus ihrem Toilettezimmer. Die Flechte an ihrem Kinn hatte
sich unmerklich vergrert und war um eine Nuance dunkler geworden,
aber Ethel suchte sie nicht mehr durch Puder zu verdecken.

Maud mute aus Hflichkeit persnlich die Fhrung bernehmen. Sie
zeigte Ethel das Hospital, die Schulen, den Kindergarten und die
bescheidenen Klubrume des Frauenklubs. Ethel fand alles ausgezeichnet,
ohne aber nach Art junger Damen bertriebenes Lob zu spenden. Und
schlielich fragte Ethel, ob sie sich irgendwie ntzlich machen knne?
Nein? Es war Ethel auch so recht. Zu Hause plauderte sie so reizend mit
Edith, da das Kind augenblicklich Zuneigung zu ihr fate. Nun berwand
Maud ihre unerklrliche und durch nichts begrndete Abneigung gegen
Ethel und bat sie, zum Diner zu bleiben. Ethel telephonierte an ihren
Pa und blieb.

Mac brachte Hobby mit zu Tisch. Hobbys Anwesenheit gab Ethel eine
groe Sicherheit, die sie nie und nimmer gefunden haben wrde, wenn
nur der stille und schweigsame Mac dagewesen wre. Sie fhrte die
Unterhaltung. Hatte sie am Nachmittag Mauds Institute sachlich gelobt
-- nicht nach Art junger Damen bertrieben --, so lobte sie sie jetzt
berschwenglich. Mauds Argwohn wurde wieder wach. >Sie hat es auf Mac
abgesehen,< sagte sie sich. Aber zu ihrer grten Befriedigung schenkte
ihr Mac kaum mehr als hfliches Interesse. Er betrachtete die schne
und verwhnte Ethel mit denselben gleichgltigen Augen wie er etwa eine
Stenotypistin betrachtete.

Die Bibliothek im Frauenklub scheint mir noch etwas drftig zu sein,
sagte Ethel.

Sie soll im Laufe der Zeit ergnzt werden.

Es wrde mir groe Freude machen, wenn Sie mir erlaubten, einige
Bcher beizusteuern, Frau Allan. Hobby, nehmen Sie meine Partei.

Wenn Sie einige Bcher brig haben, sagte Maud --

In den nchsten Tagen sandte Ethel ganze Ballen von Bchern, gegen
fnftausend Bnde. Maud dankte ihr herzlich, aber sie bereute ihr
Entgegenkommen. Denn seitdem kam Ethel fter herausgefahren. Sie tat,
als sei sie innig befreundet mit Maud und berhufte die kleine Edith
mit Geschenken. Einmal fragte sie Mac, ob sie nicht gelegentlich in den
Tunnel einfahren knne?

Mac sah sie erstaunt an, denn es war das erstemal, da eine Dame diese
Frage an ihn stellte.

Das knnen Sie nicht! antwortete er kurz und fast etwas schroff.

Aber Ethel war gar nicht gekrnkt. Sie lachte herzlich und sagte:
Aber, Herr Allan, habe ich Ihnen Anla gegeben, rgerlich zu werden?

Seitdem kam sie etwas seltener. Und Maud hatte nichts dagegen. Sie
konnte Ethel Lloyd nicht lieben, so sehr sie sich auch Mhe dazu gab.
Und Maud gehrte zu den Leuten, die nur mit jemand verkehren knnen,
wenn sie ihm aufrichtig zugetan sind.

Aus diesem Grunde war ihr Hobbys Gesellschaft so angenehm. Er verkehrte
tglich in ihrem Hause. Er kam zum Lunch und Diner, einerlei ob
Allan da war oder nicht. Es kam dahin, da sie ihn vermite, wenn er
ausblieb. Und das selbst in Zeiten, da Mac bei ihr war.




5.


Hobby ist immer bei so prchtiger Laune! sagte Maud des fteren.

Und Allan erwiderte: Er war von jeher ein wunderbarer Bursche, Maud.

Er lchelte dazu und lie sich nicht merken, da er aus Mauds hufigem
Hinweis auf Hobbys gute Laune einen leichten Vorwurf heraushrte. Er
war nicht Hobby. Er hatte nicht Hobbys Talent zur Frhlichkeit, nicht
Hobbys leichten Sinn. Er konnte nicht wie Hobby nach zwlfstndiger
Arbeit Niggertnze und Songs zum besten geben und allerlei lustige
Dummheiten inszenieren. Hat jemand Hobby schon anders gesehen als
lachend und scherzend? Hobby grinst ber das ganze Gesicht, Hobby
rollt die Zunge im Mund und eine witzige Bosheit kommt heraus. Wo
Hobby hinkommt, macht sich alles schon zum Lachen bereit, Hobby ist
verpflichtet, witzig zu sein. Nein, er war nicht Hobby. Das einzige,
was er konnte, war, kein Spielverderber zu sein und er gab sich alle
Mhe dazu. Viel schlimmer aber war es, da sein Verhltnis zu Maud im
Laufe der Jahre an Innigkeit eingebt hatte. Er belog sich nicht. Es
schien ihm, als ob es fr einen Mann wie ihn besser wre, keine Familie
zu haben -- trotzdem er Maud und sein Tchterchen innig liebte.

Hobby tat seine Arbeit und war fertig. Er aber, Allan, war nie fertig!
Der Tunnel wuchs und die Arbeit wuchs mit ihm. Und dazu hatte er noch
seine besonderen Sorgen, ber die er mit keinem Menschen sprach!

Schon jetzt zweifelte er daran, den Tunnel in fnfzehn Jahren fertig
bauen zu knnen. Nach seinen Berechnungen wre es im _gnstigsten_
Falle mglich gewesen. Er hatte kaltbltig diesen Termin angesetzt, um
fr sein Unternehmen die ffentliche Meinung und das Geld des Volkes
zu gewinnen. Htte er zwanzig oder fnfundzwanzig Jahre angegeben, so
wrde man ihm nicht das halbe Geld gegeben haben.

Kaum die Doppelstollen Biscaya-Finisterra und Amerika-Bermuda wrde er
in dieser Zeit bewltigen knnen.

Am Ende des vierten Baujahrs waren die Stollen der amerikanischen
Strecke zweihundertvierzig Kilometer weit von der amerikanischen
Kste aus vorgetrieben, achtzig Kilometer von Bermuda aus. Auf der
franzsischen Strecke waren rund zweihundert von Biscaya aus, siebzig
von Finisterra aus gebohrt. Von den atlantischen Strecken dagegen war
noch nicht der sechste Teil fertiggestellt. Wie sollten die gewaltigen
Strecken -- Finisterra-Azora, Azora-Bermuda -- bewltigt werden?

Dazu kamen finanzielle Schwierigkeiten. Die Vorbereitungsarbeiten, die
Serpentinen auf Bermuda hatten weitaus grere Summen verschlungen,
als er in seiner Kalkulation angenommen hatte. Vor dem siebten
Baujahr, frhestens dem sechsten, war aber unter keinen Umstnden an
die zweite Drei-Milliarden-Anleihe zu denken. Er wrde bald gezwungen
sein, den Tunnel auf groe Strecken vorlufig einstollig fortzufhren,
wodurch die Arbeit unendlich erschwert wurde. Wie sollte es bei der
einstolligen Bauweise mglich sein, das Gestein herauszuschaffen,
dieses Gestein, das wuchs und anschwoll und die Stollen heute schon
zu ersticken drohte. berall lag es, zwischen den Geleisen, in den
Querschlgen und Stationen und die Zge keuchten unter der Last.

Allan verbrachte Monate im Tunnel, um raschere Arbeitsmethoden
ausfindig zu machen. In den amerikanischen Stollen wurde jede einzelne
Maschine, jede neue Erfindung und Verbesserung ausprobiert, bevor
sie an den brigen Arbeitsstellen Verwendung fand. Hier wurden die
Mannschaften geschult, die Hllen-Mnner und Fegfeuer-Leute, um
sodann nach den anderen Stationen als Pacemaker verpflanzt zu werden.
Ganz allmhlich muten sie an das rasende Tempo und die Hitze gewhnt
werden. Ein untrainierter Mann wre in der ersten Stunde in der Hlle
niedergebrochen.

Jeden noch so unscheinbaren Handgriff suchte Allan mit dem geringsten
Aufwand an Kraft, Geld und Zeit zu leisten. Er fhrte eine bis ins
minimale gehende Arbeitsteilung ein, so da der einzelne Arbeiter
jahraus, jahrein dieselben Funktionen zu erfllen hatte, bis er
sie automatisch und immer schneller verrichtete. Er hatte seine
Spezialisten, die die Kolonnen schulten und drillten, bis sie
_Rekorde_ schufen (z. B. im Abladen eines Waggons) und diese Rekorde
wurden als _normale_ Arbeitsleistung gefordert. Eine verlorne Sekunde
war _nie_ mehr einzuholen, _nie_ mehr, und kostete ein Vermgen an
Zeit und Geld. Wenn ein Mann in der Minute nur eine Sekunde verlor, so
machte das bei einem Heer von 180000 Mann, wovon ununterbrochen 60000
ttig waren, an einem Arbeitstag 24000 Arbeitsstunden! Von Jahr zu Jahr
hatte Allan die Arbeitsleistung um fnf Prozent zu steigern vermocht.
Trotz alledem ging es zu langsam!

Besonders der Vortrieb machte Allan groe Sorgen. Es war absolut
unmglich, mehr Menschen in die letzten fnfhundert Meter zu werfen,
wenn sie sich nicht gegenseitig die Kniescheiben einrennen sollten.
Er experimentierte mit den verschiedensten Sprengstoffen, bis er ein
Mittel fand -- Tunnel 8 --, das den Berg in ziemlich gleichmige,
leicht wegzurumende Blcke zerri. Er hrte stundenlang die Vortrge
seiner Ingenieure an; ohne je zu ermden, diskutierte er ihre
Vorschlge, prfte, erprobte.

Unerwartet, wie aus dem Meer gestiegen, erschien er auf den Bermudas.
Schlosser flog. Er wurde in die Konstruktionsbureaus nach Mac City
gesandt. Ein junger, kaum dreiigjhriger Englnder namens John Farbey
trat an seine Stelle. Allan rief die Ingenieure, die schon atemlos
waren von dem jetzigen Arbeitstempo, zusammen und erklrte ihnen, da
sie ihre Arbeit um ein Viertel beschleunigen mten. Mten! Denn er,
Allan, msse seinen Termin einhalten. Wie sie das tten, sei ihre
Sache ...

Unerwartet erschien er auf den Azoren. Es war ihm gelungen, fr diese
Baustelle einen Deutschen, Michael Mller, zu gewinnen, der einige
Jahre eine leitende Stelle beim Bau des Kanaltunnels eingenommen hatte.
Mller wog zwei Zentner fnfzig Pfund und war allgemein unter dem
Namen der fette Mller bekannt. Er war beliebt bei seinen Leuten --
zum Teil lediglich dank seiner Fettleibigkeit, die Anla zur Komik
gab -- und ein unermdlicher Arbeiter! Mller drang gegenwrtig mit
seinen Stollen sogar rascher vor als Allan und Harriman in New Jersey.
Mller, dieser ewig lachende, rasselnde Fettberg, wurde frmlich vom
Glck verfolgt. Seine Baustelle war geologisch die interessanteste
und produktivste und bewies zur Genge, da diese Teile des Ozeans in
frheren Perioden trocken lagen. Er war auf mchtige Kalilager gestoen
und auf Eisenerze. Die Pittsburg-Smelting and Refining Company, die
seinerzeit das Verhttungsrecht fr alle gefrderten Materialien
erworben hatte, verdankte seinem Glck, da ihre Papiere um 60 Prozent
gestiegen waren. Die Frderung kostete sie dabei keinen Cent, ihre
Ingenieure hatten lediglich die betreffenden Waggons zu bezeichnen und
sie wurden ausrangiert. Und tglich, stndlich bebte sie vor Aufregung,
es knnten ihr unerhrte Schtze in den Scho fallen. In den letzten
Monaten war Mller auf ein Kohlenflz von fnf Meter Mchtigkeit
gestoen, prchtige Kohle, wie er sagte. Das aber war nicht alles.
Dieses Flz lag ausgerechnet in der Achse der Stollen und hatte kein
Ende. Mller scho durch den Berg. Sein einziger Feind, sein Erzfeind,
war das Wasser. Seine Stollen lagen nun achthundert Meter tief unter
dem Meeresboden und doch troffen sie von Wasser. Mller hatte eine
Batterie von Mammut-Kreiselpumpen stehen, die unaufhrlich einen
_Strom_ schmutzigen Wassers ins Meer preten.

Allan erschien in Finisterra und Biscaya und erklrte hier wie auf
den Bermudas, da er seinen Termin einhalten msse und beschleunigte
Arbeit fordere. Den Chefingenieur der franzsischen Baustelle,
Monsieur Gaillard, einen weihaarigen, eleganten Franzosen von groen
Fhigkeiten, sgte er ab und ersetzte ihn durch einen Amerikaner,
Stephan Olin-Mhlenberg, ohne sich um das Geschrei in der franzsischen
Presse zu kmmern.

Wie aus dem Boden gewachsen, erschien Allan in den einzelnen
Kraftstationen, und es entging ihm nichts, nicht das geringste, und
die Ingenieure atmeten auf, wenn er wieder fort war und sie noch ihren
Verstand behalten hatten.

Allan erschien in Paris und die Zeitungen brachten spaltenlange
Artikel ber ihn und zusammengelogene Interviews. Acht Tage spter
wurde bekannt, da eine franzsische Gesellschaft die Konzession
erhalten habe, eine Schnellbahn Paris-Biscaya zu bauen, so da also
die Tunnelzge direkt bis Paris laufen konnten. Gleichzeitig wurden
alle groen europischen Stdte mit Plakaten berschwemmt, die eine
von Hobbys Zauberstdten zeigten: die Tunnelstation Azora. Hobbys
Feenstadt erregte ein hnliches unglubiges Kopfschtteln, eine
hnliche Begeisterung auf der anderen Seite, wie seinerzeit die
Zauberstadt in Amerika. Hobby hatte wiederum seine Phantasie spielen
lassen. Besondere Verwunderung aber rief eine Skizze in einer Ecke des
Riesenplakats hervor, die den ursprnglichen Bestand an Grund zeigte
und den zuknftigen. Das Syndikat hatte einen Streifen der Insel
San Jorgo erworben, dazu ein paar kleine Inseln und eine Gruppe von
Sandbnken. In wenigen Jahren aber sollte sich der Grund vervierfachen.
Die Inseln waren durch enorme, breite Dmme miteinander verbunden,
die Sandbnke mit dem Hauptkomplex verschmolzen. Man dachte im ersten
Augenblick nicht daran, da Allan an dieser Baustelle viertausend
Doppelkilometer Gestein (und mehr, wenn er wollte) ins Meer strzen und
somit recht gut diese merkwrdig geformte groe Insel schaffen
konnte ...

Wie in der amerikanischen Phantomstadt gab es in dem zuknftigen
Azora einen ungeheuren, herrlichen Hafen mit Dmmen, Molen,
Leuchttrmen, und besonders fiel die zauberhafte Badestadt ins Auge:
Hotels, Terrassen, Parks, ein unbersehbarer Strand.

Die weitaus grte Bewunderung, um nicht zu sagen Bestrzung erregten
aber die vom Tunnel-Syndikat geforderten Bodenpreise. Sie waren fr
europische Verhltnisse exorbitant! Das Syndikat aber hatte seine
Blicke khl und unbarmherzig auf das europische Kapital geheftet, wie
die Schlange auf einen Vogel. Es war ja leicht einzusehen, da Azora
den gesamten Personenverkehr Sdamerikas verschlingen wrde. Es gehrt
auch nicht viel Verstand dazu, um zu begreifen, da Azora -- von Paris
in vierzehn, von New York in sechzehn Stunden zu erreichen -- der
berhmteste Badeort der Welt werden mute, das Rendezvous der vornehmen
Welt Englands, Frankreichs und Amerikas.

Und das europische Kapital kam. Es bildeten sich Ringe von
Terrainspekulanten, die groe Gebiete kauften, um sie in zehn Jahren in
Quadratruten zu verschachern.

Aus Paris, London, Liverpool, Berlin, Frankfurt, Wien flo das Geld und
strmte in S. Woolfs groe Tasche, in S. Woolfs big pocket, die im
Volke sprichwrtlich geworden war.




6.


S. Woolf strich dieses Geld ein, wie er die drei Milliarden des
Kapitals und des Volkes einstrich und die Summen, die Bermuda, Biscaya,
Finisterra und Mac City brachten. Ohne Danke zu sagen. Es hatte
seinerzeit nicht an Warnern gefehlt, die eine Lawine von Bankerotten
prophezeiten, wenn ein solch ungeheurer Strom von Geld einer Seite
zuflute. Diese Prophezeiungen von Finanzdilettanten hatten sich nur zum
allergeringsten Teil erfllt. Ein paar Industrien waren trocken gelegt
worden, hatten sich aber in kurzer Zeit wieder erholt.

Denn S. Woolfs Geld rostete nicht. Kein Heller rostete! Es begann
augenblicklich wieder den alten Kreislauf, kaum da es in seine Hnde
gelangt war.

Er sandte es um den ganzen Erdball.

Die Springflut von Gold rollte ber den Atlantik nach Frankreich,
England, Deutschland, Schweden, Spanien, Italien, die Trkei, Ruland.
Sie bersprang den Ural und rollte hinein in die Wlder Sibiriens, in
die Berge des Baikal. Sie flutete ber Sdafrika, Kapland, Oranje, ber
Australien, Neuseeland. Sie flutete nach Minneapolis, Chikago und St.
Louis, in die Rocky Mountains, nach Nevada, nach Alaska.

S. Woolfs Dollar waren Milliarden rasender kleiner Krieger, die sich
mit dem Geld aller Nationen und aller Rassen schlugen. Sie waren alle
kleine S. Woolfs, mit S. Woolfschem Instinkt bis zum Hals gefllt,
deren Losung: Money! war. Sie strzten sich in Heeren durch den
Draht auf dem Grund des Meeres, sie flogen durch die Luft. Sobald
sie aber den Kampfplatz erreicht hatten, verwandelten sie sich! Sie
wurden zu kleinen sthlernen Hmmern, die Tag und Nacht prasselten
vor Gier, sie wurden zu flinken Weberschiffchen in Liverpool, sie
rutschten als Hottentotten ber die Sandflchen der Diamantfelder
Sdafrikas. Sie wurden zu einer Pleuelstange an einer Maschine von
tausend Pferdekrften, zu einem Riesenschenkel aus blankem Stahl, der
vierundzwanzig Stunden jeden Tag wtend den Dampf besiegte und stets
vom Dampf zurckgeschleudert wurde. Sie wurden zu einem Zug voll
Eisenbahnschwellen, der von Omsk nach Peking unterwegs ist, zu einem
Schiffsbauch voller Gerste, von Odessa nach Marseille. Sie strzten in
Sdwales im Frderkorb achthundert Meter in die Tiefe und rasten mit
Kohlen herauf. Sie hockten auf tausend Gebuden der Welt und wucherten,
sie mhten Getreide in Kanada und standen als Tabakpflanzen in Sumatra.

Sie kmpften! Auf einen Wink Woolfs wandten sie Sumatra den Rcken und
pochten Gold in Nevada. Sie verlieen Australien im Fluge und fielen
als ein Schwarm in der Baumwollenbrse Liverpools ein.

S. Woolf gnnte ihnen keine Ruhe. Tag und Nacht hetzte er sie durch
hundert Verwandlungen. Er sa im Sessel seiner Office, kaute Zigarren,
schwitzte, diktierte gleichzeitig ein Dutzend Telegramme und Briefe,
den Telephonhrer am Ohr, nebenbei ein Gesprch mit einem Prokuristen
fhrend. Er lauschte mit dem rechten Ohr auf die Stimme im Apparat,
mit dem linken auf den Rapport des Beamten. Er sprach mit einer Stimme
zu dem Beamten, schrie mit einer zweiten in das Telephon hinein. Er
bersah mit einem Auge seine Stenographen und Typewriter, ob sie auf
die Fortsetzung warteten, mit dem anderen sah er auf die Uhr. Er
dachte, da Nelly nun schon zwanzig Minuten auf ihn warte und ein
Gesicht schneiden wrde, wenn er so spt zum Diner kme, er dachte
gleichzeitig, da der Prokurist im Falle Rand Mines ein Idiot sei,
im Falle Garnier frres aber weitsichtig denke, er dachte -- ganz
im Hintergrund seines haarigen, dampfenden Schdels -- an die groe
Schlacht, die er morgen an der Wiener Brse schlagen und gewinnen wrde.

Jede Woche hatte er ber eineinhalb Millionen Dollar flssig zu machen
fr Lhne und an den Quartalen fr Zinsen und Abschreibungen Hunderte
von Millionen. An diesen Zeitpunkten kam er tagelang nicht aus seiner
Office heraus. Dann war die Schlacht in vollem Gange und S. Woolf
erkaufte sich den Sieg mit einem groen Verlust an Schwei und Fett und
Atem.

Er rief seine Armeekorps zurck. Und sie kamen, jeder Dollar ein
kleiner heroischer Sieger, der Beute gemacht hatte, acht Cent oder
zehn, zwanzig Cent. Viele kehrten als Krppel heim und manche waren auf
der Walstatt gefallen -- das war der Krieg!

Diesen atemlosen, rasenden Kampf focht S. Woolf seit Jahren aus, Tag
und Nacht auf der Witterung nach dem gnstigsten Angriff, berfall
und Rckzug. Stndlich gab er seinen Befehlshabern in fnf Erdteilen
Befehle und stndlich prfte er ihre Schlachtberichte.

S. Woolf leistete erstklassige Arbeit. Er war ein Geldgenie, er roch
das Geld auf Meilen Abstand. Er hatte ungezhlte Millionen Aktien
und Anteilscheine nach Europa geschmuggelt, denn des amerikanischen
Geldes glaubte er sicher zu sein, wenn er seine goldenen Reservearmeen
unter Waffen rufen mute. Er hatte Prospekte verfat, die sich wie
Gedichte Walt Whitmans lasen. Er verstand es wie kein anderer, zur
rechten Zeit das rechte Trinkgeld in die rechte Hand zu drcken. Dank
dieser Taktik machte er in weniger zivilisierten Lndern (wie Ruland,
Persien) Geschfte, die fnfundzwanzig und vierzig Prozent abwarfen
und die nur im Finanzleben fr erlaubt gelten. Bei den jhrlichen
Generalversammlungen ging er aufgerichtet durchs Ziel und das Syndikat
hatte im Lauf der Jahre sein Gehalt auf dreihunderttausend Dollar
erhht. Er war unersetzlich.

S. Woolf arbeitete, da seine Lungen rasselten. Jedes Blatt Papier, das
er in die Hand nahm, zeigte den fetten Abdruck seines Daumens, trotzdem
er hundertmal am Tage die Hnde wusch. Er schied ganze Tonnen Talg aus
und wurde trotzdem immer fetter. Sobald er aber den schweifeuchten
Kopf unter kaltes Wasser gesteckt, Haare und Bart gebrstet, einen
frischen Kragen umgelegt hatte und die Office verlie, war er ein
wrdevoller Gentleman, der nie Eile und Hast verriet. Er bestieg
bedchtig seinen eleganten pechschwarzen Car, dessen silberner Drache
wie das Nebelhorn eines Ozeandampfers brummte und rollte den Broadway
hinab, um den Abend zu genieen.

Das Diner nahm er gewhnlich bei einer seiner jungen Freundinnen ein.
Er liebte es, gut zu speisen und ein Glas starken, kostbaren Weins dazu
zu trinken.

Jeden Abend um elf erschien er im Klub, um zwei Stunden zu spielen.
Er spielte besonnen, nicht zu hoch und nicht zu niedrig, schweigsam,
zuweilen mit den roten, wulstigen Lippen in seinen schwarzen Bart
plusternd.

Im Klub trank er stets eine Tasse Kaffee, nichts sonst.

S. Woolf war das Muster eines Gentleman.

Er hatte nur ein Laster und er verbarg es sorgfltig vor der Welt.
Das war seine auerordentliche Sinnlichkeit. Seinen dunkeln, tierisch
glnzenden, schwarzbewimperten Augen entging kein schner Frauenkrper.
Das Blut begann in seinen Ohren zu knacken, sobald er ein junges
hbsches Mdchen mit runden Hften sah. Er kam jedes Jahr viermal
mindestens nach Paris und London und in beiden Stdten hielt er ein
oder zwei hbsche Mdchen aus, denen er luxurise Wohnungen mit
spiegelverschalten Alkoven eingerichtet hatte. Er gab einem Dutzend
junger ser Geschpfe Sektsoupers, bei denen er im Frack erschien
und die Gttinnen in ihrer schnen schimmernden Haut. Hufig brachte
er von seinen Reisen Nichten mit, die er nach New York verpflanzte.
Die Mdchen muten schn, jung, schwellend und blond sein; besonders
Englnderinnen, Deutschen und Skandinavierinnen gab er den Vorzug.
S. Woolf rchte auf diese Weise den armen Samuel Wolfsohn, den die
Konkurrenz gutgebauter Tennisspieler und groer Monatswechsel vor
Jahren bei allen schnen Frauen aus dem Felde geschlagen hatte. Er
rchte sich an jener hochmtigen blonden Rasse, die ihn frher mit
dem Fu ins Gesicht trat, indem er jetzt ihre Frauen kaufte. Und er
entschdigte sich vor allem fr eine entbehrungsreiche Jugend, die ihm
weder Zeit noch Mglichkeit lie, seinen Durst zu stillen.

Von jeder Reise brachte er eine Anzahl Siegestrophen mit, Locken und
Strhnen, vom khlen silbrigen Blond bis zum heiesten Rot, die er in
einem japanischen Lackschrank in seiner New Yorker Wohnung aufbewahrte.
Aber davon wute niemand etwas, denn S. Woolf schwieg.

Auch aus einem anderen Grunde liebte er seine trips nach Europa. Er sah
seinen alten Vater, an dem er mit einer sonderbaren Sentimentalitt
hing. Zweimal im Jahre kam er auf zwei Tage nach Szentes und Telegramme
flogen vor ihm her. Ganz Szentes war in Aufregung. Der groe Sohn des
alten Wolfsohn! Der Glckliche! Dieser Kopf! Er kam.

S. Woolf hatte seinem Vater ein hbsches Haus gebaut und einen schnen
Garten anlegen lassen. Fast wie eine Villa. Musikanten kamen und
fiedelten und tanzten, whrend ganz Szentes sich gegen das eiserne
Gartengitter drngte.

Der alte Wolfsohn wiegte sich hin und her und wackelte mit dem kleinen,
abgemagerten Kopf und vergo Freudentrnen.

Gro bist du geworden, mein Sohn! Wer htt' gedacht! Gro, mein Stolz!
Ich danke Gott jeden Tag!

S. Woolf aber war ob seines freundlichen Wesens in ganz Szentes
beliebt. Mit hoch und niedrig, jung und alt verkehrte er mit der
gleichen amerikanisch-demokratischen Einfachheit. So gro und so
bescheiden!

Der alte Wolfsohn hatte nur noch einen Wunsch, bevor ihn Gott abrief.

Ihn mchte ich sehen! sagte er. Diesen Herrn Allan! Was fr ein
Mann!

Und S. Woolf entgegnete darauf: Du wirst! Kommt er wieder nach Wien
oder Berlin, und er kommt, so telegraphiere ich dir. Du gehst ins
Hotel, sagst, du bist mein Vater, er wird sich freuen!

Der alte Wolfsohn aber streckte die kleinen Greisenhnde empor und
schttelte den Kopf und weinte: Nie werd' ich ihn sehen, diesen Herrn
Allan. Nie werd' ich es wagen, bei ihm vorzusprechen. Die Fe trgen
mich nicht.

Der Abschied fiel jedesmal beiden sehr schwer. Der alte Wolfsohn
schlrfte noch ein paar kleine Schritte mit eingeknickten Fen neben
dem Salonwagen seines Sohnes einher und jammerte laut, und S. Woolf
rannen die Trnen bers Gesicht. Sobald er aber das Fenster geschlossen
und die Augen getrocknet hatte, war er wieder S. Woolf, dessen dunkler
Rabbinerschdel auf keine Frage Antwort gab.

S. Woolf hatte seine Bahn durchmessen. Er war reich, berhmt,
gefrchtet, die Finanzminister groer Reiche empfingen ihn mit Achtung,
er war, von dem bichen Asthma abgesehen, gesund. Sein Appetit und
seine Verdauung waren vorzglich und sein Appetit auf Frauen ebenso.
Und doch war er nicht glcklich.

Sein Unglck war, da er alle Dinge analysieren mute und da er
Zeit gehabt hatte nachzudenken, in Pullmancars, in Steamerchairs. Er
hatte an alle Menschen gedacht, denen er im Leben begegnet war und
die sein Gedchtnis kinematographiert hatte. Er hatte diese Menschen
untereinander verglichen und sich selbst mit diesen Menschen. Er war
klug und kritisch. Und er hatte zu seinem nicht geringen Schrecken
herausgefunden, da er ein _ganz alltglicher_ Mensch war! Er kannte
den Markt, den Weltmarkt, er war ein Kursbericht, ein Brsentelegraph,
ein Mensch mit Zahlen angefllt bis unter die Ngel seiner Zehen
-- aber was war er sonst? War er, was sie eine Persnlichkeit
nannten? Nein. Sein Vater, der zweitausend Jahre hinter ihm zurck
war, war trotz allem mehr Persnlichkeit als er. Er aber, er war
sterreicher geworden, Deutscher, Englnder, Amerikaner. Bei all
diesen Verwandlungen hatte er Haut gelassen und nun -- was war er
nun? Ja, der Teufel htte sagen knnen, was er nun eigentlich war!
Sein Gedchtnis, dieses abnorme Gedchtnis, das auf Jahre hinaus
mechanisch die Nummer eines Eisenbahnwaggons behielt, in dem er von San
Franzisko nach Chikago gefahren war, dieses Gedchtnis war wie ein ewig
waches Gewissen. Er wute, woher er diesen Gedanken hatte, den er als
originales Produkt vorfhrte, diese Art, den Hut zu ziehen, diese Art,
zu sprechen, diese Art, zu lcheln und diese Art, jemanden anzusehen,
der ihn langweilte. Sobald er all dieses erkannt hatte, begriff er,
weshalb sein Instinkt ihn gerade zu jener Pose gefhrt hatte, die die
sicherste war: Ruhe, Wrde, Schweigsamkeit. Und selbst diese Pose war
aus Millionen Elementen zusammengesetzt, die er von anderen Menschen
entlehnt hatte!

Er dachte an Allan, Hobby, Lloyd, Harriman. Sie alle waren Menschen!
Bis auf Lloyd hielt er sie alle fr beschrnkt, fr Leute, die
nur viereckig denken konnten, die berhaupt _niemals_ dachten!
Aber trotzdem waren sie Menschen, originelle Menschen, die man --
selbst wenn man es nicht definieren konnte -- als selbstndige
Persnlichkeiten empfand! Er dachte an Allans Wrde. Worin lag sie?
Wer konnte sagen, weshalb er wrdig erschien? Niemand. Seine Macht,
der -- Schrecken, den er einflte? Worin lag es? Niemand konnte es
sagen. Dieser Allan hatte keine Pose, er war stets natrlich, einfach,
er selbst und er wirkte! Er hatte oft Allans braunes, sommersprossiges
Gesicht beobachtet. Es drckte weder Adel noch Genie aus und doch
konnte er seinen Blick nicht sttigen an der Einfachheit, der Klarheit
dieser Zge. Wenn Allan etwas sagte, nur leichthin, so gengte das
schon. Niemand wrde auch nur daran gedacht haben, seine Anordnungen zu
ignorieren.

Nun, S. Woolf war nicht der Mann, der sich Tag und Nacht mit diesen
Dingen beschftigte. Zuweilen nur gab er sich damit ab, wenn der
Zug durch die Landschaft glitt. Dann aber geriet er stets in eine
unbehagliche und gereizte Verfassung.

Bei diesen Betrachtungen stie er immer auf einen Punkt: das war sein
Verhltnis zu Allan. Allan achtete ihn, er behandelte ihn zuvorkommend,
kollegial -- aber er behandelte ihn doch nicht wie die anderen, und er,
S. Woolf, bemerkte das wohl.

Er hrte, wie Allan fast alle Ingenieure, Chefingenieure und Beamte
einfach bei ihren Namen rief. Warum aber nannte er ihn stets Herr
Woolf, ohne sich je zu versprechen? Aus Respekt? O nein, mein Sohn,
dieser Allan hatte nur vor sich selbst Respekt! So lcherlich es S.
Woolf auch selbst erschien, es war einer seiner intimsten Wnsche,
da Allan ihn eines Tages auf die Schulter klopfte und sagte: Hallo,
Woolf, ~how do you do~? -- Aber er wartete seit Jahren darauf.

Dann wurde es S. Woolf stets klar, da er Allan _hate_! Ja, er hate
ihn -- ohne jeden Grund. Er wnschte, Allans Sicherheit erschttert
zu sehen, Allans Blick sollte einmal flackern, Allan sollte einmal
abhngig von ihm sein.

S. Woolf war ganz heie Leidenschaft, wenn er diese Gedanken erwog.
Es war ja auch recht wohl mglich! Es konnte ein Tag kommen, da er,
S. Woolf --! Weshalb sollte es nicht mglich sein, da seine Stellung
eines Tages einer absoluten Beherrschung des Syndikats gleichkme?

S. Woolf legte die orientalischen Augendeckel ber seine schwarzen,
glnzenden Augen und seine fetten Wangen zitterten.

Das war der khnste Gedanke, den er in seinem Leben gedacht hatte, und
dieser Gedanke hypnotisierte ihn.

Er brauchte ja nur eine Milliarde Aktien im Rcken zu haben -- und dann
sollte Mac Allan sehen, wer S. Woolf war.

S. Woolf zndete sich eine Zigarre an und trumte seinen ehrgeizigen
Traum.




7.


Edison Bio machte immer noch glnzende Geschfte mit ihrem wchentlich
neuen Tunnel-Film.

Sie zeigte die schwarze Wolkenbank, die ewig ber dem Materialbahnhof
in Mac City steht. Sie zeigte die unbersehbare Armee von Waggons,
die von tausend qualmenden Lokomotiven aus allen Staaten Amerikas
hierhergeschleppt wurden. Verladebrcken, Drehkrane, Laufkatzen,
Hochbahnkrane. Sie zeigte das Fegfeuer und die Hlle voll rasender
Menschen, der Phonograph gab gleichzeitig den Lrm wieder, wie er, zwei
Meilen hinter der Hlle durch die Stollen tobte. Obwohl durch einen
Dmpfer aufgenommen, war der Lrm so berwltigend und entsetzlich,
da das Auditorium sich die Ohren zuhielt.

Edison Bio zeigte die ganze Bibel der modernen Arbeit. Und alles mit
einem bestimmten Ziel: dem Tunnel!

Und die Zuschauer, die sich vor zehn Minuten an einem schauerlichen
Melodrama ergtzt hatten, fhlten, da all die bunten, rauchenden und
drhnenden Bilder der Arbeit, die die Leinwand zeigte, nichts anderes
waren als Szenen eines weitaus greren und mchtigeren Dramas, dessen
Held ihre Zeit war.

Edison Bio verkndete das Epos des Eisens, grer und gewaltiger als
alle Epen des Altertums.

Eisengruben in Bilbao, Nordspanien, Gellivara, Grngesberg Schweden.
Eine Httenstadt in Ohio, die Luft ein Aschenregen, die Schlte dicht
wie Lanzen. Flammende Hochfen in Schweden, Feuerzacken ringsum am
nchtlichen Horizont. Inferno. Ein Eisenhttenwerk in Westfalen.
Palste aus Glas, Maschinen, vom Menschen ersonnen, Mammute mit
ihrem zwerghaften Erzeuger und Lenker zur Seite. Eine Gruppe dicker
Teufel, turmhoch, schwelend, die Hochfen, umschnrt von Eisengrteln,
zuweilen Feuer gegen den Himmel speiend. Die Erzkarren sausen hinauf,
der Ofen wird beschickt. Die Giftgase brausen durch die Buche der
dicken Teufel und erhitzen den Wind auf 1000 Grad, so da Kohle und
Koks von selbst zu glhen beginnen. 300 Tonnen Roheisen schmilzt der
Ofen am Tage. Das Stichloch wird angestochen, ein Bach von Eisen
schiet in die Giehalle, die Menschen glhen, ihre Totengesichter
blenden. Die Bessemer- und Thomasbirnen, geschwollene Spinnenleiber,
Stockwerke hoch, bald stehend, bald liegend, vom Druck des Wassers
bewegt, Luft durch das Eisen blasend, Feuerschlangen und Funkengarben
weit hinausspeiend. Glut, Hitze, Hlle und Triumph! Die Martinsfen,
die Rollfen, die Dampfhmmer, die Walzwerke, Rauch, Funkentnze,
brennende Menschen, jeder Zoll Genie, Sieg. Der Eisenblock glht und
knistert, luft ber die Walzenstrae zwischen den Walzen hindurch,
streckt sich wie Wachs, wird lnger, lnger, luft zurck durch das
letzte Profil und liegt da, hei und schwitzend, schwarz, besiegt,
fertig: Krupp, Essen, walzt eine Tunnelschiene.

Zum Schlu: Ein Stollen in einem Kohlenbergwerk. Ein Pferdekopf, ein
Pferd, ein kleiner Junge in hohen Stiefeln, der daneben hergeht,
ein endloser Zug von Kohlenkarren dahinter. Ewig nickt das Pferd
mit dem Kopf, stapft der Junge, bis er ganz nahe ist und mit seinem
geschwrzten, fahlen Gesicht ins Publikum grinst.

Der Konferencier: Solch ein Kohlenjunge war Mac Allan, der Erbauer des
Tunnels, vor zwanzig Jahren.

Ein ungeheurer Jubel bricht los! Der menschlichen Energie und Kraft
jubelt man zu -- sich selbst, seinen eigenen Hoffnungen!

In dreiigtausend Theatern fhrte Edison Bio die Tunnelfilme tglich
vor. Es gab kein Nest in Sibirien und Peru, wo man die Filme nicht sah.
So war es natrlich, da all die Hchstkommandierenden des Tunnelbaus
ebenso bekannt wurden wie Allan selbst. Ihre Namen prgten sich dem
Gedchtnis des Volkes ein wie die Namen von Stephenson, Marconi,
Ehrlich, Koch.

Nur Allan selbst hatte noch nicht Zeit gehabt, sich den Tunnelfilm
anzusehen, obgleich die Edison Bio wiederholt versucht hatte, ihn an
den Haaren hineinzuziehen.

Denn die Edison Bio versprach sich einen besonderen Erfolg von dem
Film: Mac Allan sieht sich selbst im Edison Bio.




8.


Wo ist Mac? fragte Hobby.

Maud hielt im Schaukeln inne.

La sehen! -- In Montreal, Hobby.

Es ist Abend und sie sitzen beide auf der Veranda im ersten Stock
des Hauses, die auf das Meer hinausgeht. Der Garten liegt schweigend
unter ihnen im Dunkel. Die mde Dnung des Meeres rauscht und zischt
gleichmig, und fern braust und klingt die Arbeit. Sie haben vor Tisch
vier Games Tennis geklopft, zu Abend gegessen und nun ruhen sie noch
ein Stndchen aus. Das Haus liegt ganz ruhig und dunkel.

Hobby ghnt mde und klopft sich dabei auf den Mund. Das gleichmig
feine Zischen des Meeres schlfert ihn ein.

Maud aber sa und schaukelte sich und ihre Augen waren ganz wach.

Sie betrachtete Hobby. In seiner hellen Kleidung, mit seinen
lichtblonden Haaren, sah er in der Dunkelheit fast wei aus, und nur
sein Gesicht und sein Schlips waren dunkel. Wie ein Negativ. Maud
lchelte, denn sie erinnerte sich an die Geschichte, die ihr Hobby
beim Essen erzhlte -- eine Geschichte von einer der Nichten S.
Woolfs, die S. Woolf verklagte, weil er sie auf die Strae setzte. Von
der Geschichte kam sie aber sofort wieder auf Hobby selbst zurck.
Er gefiel ihr. Selbst seine Albernheiten gefielen ihr. Sie waren die
besten Kameraden, hatten keine Geheimnisse vor einander. Zuweilen
wollte er ihr sogar Dinge erzhlen, die sie gar nicht wissen wollte
und sie mute ihn bitten, den Mund zu halten. Hobby und Edith waren so
herzlich und vertraut miteinander wie Vater und Kind. Und oft sah es
aus, als ob Hobby der Herr des Hauses wre.

Hobby knnte ebensogut mein Mann sein wie Mac, dachte Maud und
fhlte, wie sie hei und rot wurde.

In diesem Augenblick lachte Hobby leise vor sich hin.

Warum lachst du, Hobby?

Hobby dehnte sich, da der Sessel knirschte.

Ich habe eben gedacht, wie ich die nchsten sieben Wochen leben werde.

Hast du wieder verloren?

Ja. Wenn ich full hand in der Hand habe, so werde ich doch halten? Ich
habe sechstausend Dollar verpulvert. Vanderstyfft gewinnt, die reichen
Kerle gewinnen immer.

Maud lachte.

Du brauchst ja nur ein Wort zu Mac zu sagen.

Ja, ja, ja -- erwiderte Hobby und ghnte wieder und klopfte sich auf
den Mund. So geht es, wenn man ein fool ist!

Und beide hingen wieder ihren Gedanken nach. Maud hatte einen Trick
ersonnen, wie sie mit dem Schaukelstuhl vorwrts und rckwrts wandern
konnte, whrend sie schaukelte. Bald war sie einen Schritt nher, bald
einen Schritt ferner. Und immer behielt sie Hobby im Auge.

Ihr Herz war voller Verwirrung, Resignation und Verlangen.

Hobby hatte die Augen geschlossen und Maud fragte pltzlich dicht neben
ihm: Frank, wie wre es geworden, wenn ich dich geheiratet htte?

Hobby ffnete die Augen und war sofort ganz wach. Mauds Frage hatte ihn
aufgeschreckt und der Klang seines Vornamens, mit dem ihn seit Jahren
niemand mehr angesprochen hatte. Er erschrak, denn Mauds Gesicht war
ganz nahe und doch war sie vor einem Augenblick noch zwei Schritt fern
gewesen. Ihre weichen, kleinen Hnde lagen auf der Lehne seines Stuhles.

Wie kann ich das wissen? entgegnete er unsicher und versuchte es mit
einem leisen Lachen.

Mauds Augen standen dicht vor ihm. Ein goldener Glanz leuchtete warm
und flehend aus ihrer Tiefe. Ihr Gesicht schimmerte bleich und schmal,
wie vergrmt, aus dem dunkeln Scheitel.

Warum habe ich dich nicht geheiratet, Frank?

Hobby holte Atem. Weil dir Mac besser gefiel, sagte er nach einer
Weile.

Maud nickte. Wren wir zusammen glcklich geworden, Frank?

Hobbys Verwirrtheit steigerte sich, zumal er sich nicht regen konnte,
ohne Maud zu nahe zu kommen.

Wer wei es, Maud? Hobby lchelte.

Hast du mich frher wirklich geliebt, Frank, oder tatest du nur so?
flsterte Maud.

Ja, wirklich!

Wrst du glcklich mit mir geworden, Frank, glaubst du?

Ich glaube es.

Maud nickte und ihre feinen Brauen zogen sich trumerisch in die Hhe.
Ja? flsterte sie, noch leiser, voller Glck und Weh.

Hobby ertrug die Situation nicht lnger. Wie konnte es Maud nur in den
Sinn kommen, an diese alten Dinge zu rhren? Er wollte ihr sagen, da
das alles Nonsens sei, er wollte einlenken. Ja, zum Teufel, Maud gefiel
ihm immer noch und er hatte seinerzeit bse Tage gehabt ...

Und nun sind wir gute Freunde geworden, Maud, nicht wahr? fragte er
in so harmlosem alltglichen Tonfall, als er es in diesem Augenblick
vermochte.

Maud nickte, ganz unmerklich. Sie sah ihn immer noch an und so saen
sie eine, zwei Sekunden und sahen einander in die Augen. Pltzlich
geschah es! Er hatte eine kleine Bewegung gemacht, weil er nicht lnger
stillhalten konnte -- ja, wie war es doch gekommen? --: ihre Lippen
berhrten sich wie von selbst.

Maud fuhr zurck. Sie stie einen kleinen, erstickten Schrei aus, stand
auf, stand eine Weile regungslos da und verschwand im Dunkel. Eine Tre
ging.

Hobby kletterte langsam aus dem Korbsessel und sah mit einem
verwirrten, geistesabwesenden Lcheln ins Dunkle hinein, whrend er
noch Mauds Mund auf seinen Lippen fhlte, weich und warm, und seine
Arme vor Mdigkeit abzufallen drohten.

Dann fand er sich zurecht. Er hrte pltzlich die Dnung wieder zischen
und einen Zug in der Ferne klingeln. Er zog gedankenlos die Uhr und
ging durch die dunklen Zimmer in den Garten hinunter.

Nie wieder! dachte er. ~Stop, my boy!~ Maud wird mich sobald nicht
wieder sehen.

Er nahm den Hut vom Nagel, zndete sich mit zitternden Hnden eine
Zigarette an und verlie das Haus, immer noch erregt, beglckt,
verwirrt.

Ja, zum Teufel, wie kam es nur? dachte er immer wieder und hielt den
Schritt an.

Unterdessen sa Maud zusammengeduckt in ihrem dunklen Zimmer, die Hnde
im Scho, blickte mit erschrockenen Augen vor sich auf den Boden und
flsterte: Die Schande -- die Schande -- o Mac, Mac! Und sie weinte
still und zerknirscht. Nie mehr wrde sie Mac in die Augen sehen
knnen, nie mehr. Sie mute es ihm sagen, sie mute sich scheiden
lassen, ja, das mute sie! Und Edith? Sie konnte wirklich stolz auf
ihre Mutter sein, in der Tat!

Sie erschrak. Hobby ging drunten. Er geht so leicht, dachte sie, sein
Schritt ist so leicht. Ihr Herz pochte im Hals. Sollte sie aufstehen,
rufen: Hobby, komm --! Ihr Gesicht glhte und sie rang die Hnde. O
Himmel, nein -- die Schande -- was war ber sie gekommen? Den ganzen
Tag ber hatte sie schon trichte Gedanken im Kopf gehabt und am Abend
die Augen nicht von Hobby losreien knnen und gedacht -- ja, nun
wollte sie schon ganz ehrlich sein! -- wie es wre, wenn er sie
kte ...

Maud weinte noch im Bett vor Kummer und Reue. Dann wurde sie ruhiger
und fate sich. Ich werde es Mac sagen, wenn er kommt, und ihn bitten,
mir zu verzeihen, ihm schwren ... La mich nicht so allein, Mac, werde
ich sagen. brigens war es doch schn -- Gott, Hobby erschrak bis ins
tiefste Herz hinein. Schlafen, schlafen, schlafen!

Am andern Morgen, als sie mit Edith zusammen badete, sprte sie nur
noch einen kleinen Druck im Herzen, der auch blieb, wenn sie gar nicht
an den gestrigen Abend dachte. Es wrde alles wieder gut werden, gewi.
Es kam ihr vor, als habe sie Mac nie heier geliebt. Aber er sollte sie
nicht so vernachlssigen! Nur manchmal versank sie in Nachdenken und
sah mit blickleeren Augen vor sich hin, von heien, raschen, unruhigen
Gedanken erfllt. Wenn sie nun aber Hobby wirklich liebte ...?

Hobby kam drei Tage nicht. Er arbeitete am Tage wie ein Teufel und
abends war er in New York und spielte und trank Whisky. Er borgte sich
viertausend Dollar und verlor sie bis auf den letzten Cent.

Am vierten Tag sandte ihm Maud eine Note, da sie ihn bestimmt erwarte
am Abend. Sie habe mit ihm zu reden.

Hobby kam. Maud errtete, als sie ihn sah, empfing ihn aber heiter und
lachend.

Wir wollen nie wieder eine solche Dummheit begehen, Hobby! sagte sie.
Hrst du? O, ich habe mir solche Vorwrfe gemacht! Ich habe nicht
geschlafen, Hobby. Nein, nie wieder. Ich bin ja schuldig, nicht du, ich
lge mich nicht an. Zuerst dachte ich, ich msse es Mac beichten, nun
aber bin ich entschlossen, ihm nichts zu sagen. Oder meinst du, ich
sollte?

Du kannst es ja gelegentlich tun, Maud. Oder ich --

Nein, du nicht, hrst du, Hobby! Ja, gelegentlich -- du hast recht.
Und nun wollen wir wieder die alten, guten Kameraden sein, Hobby!

~All right!~ sagte Hobby und nahm ihre Hand und dachte, wie hbsch
ihr Haar glnze und wie hbsch ihr diese leichte Rte und Verwirrtheit
stehe und wie gut und treu sie sei, und da ihn dieser Ku viertausend
Dollar gekostet habe. ~Never mind!~

Die Balljungen sind da, willst du spielen?

So waren sie wieder die alten Kameraden, und nur Maud konnte dann und
wann nicht umhin, Hobby durch einen Blick daran zu erinnern, da sie
ein Geheimnis zusammen htten.




Vierter Teil




1.


Mac Allan stand wie ein geielschwingendes Phantom ber der Erde und
peitschte zur Arbeit an.

Die ganze Welt verfolgte voller Spannung das atemlose Rasen unter dem
Meeresboden. Die Zeitungen hatten eine stehende Rubrik eingefhrt, auf
die sich alle Augen zuerst richteten, wie auf die Nachrichten von einem
Kriegschauplatz.

In den ersten Wochen des siebten Baujahres aber wurde Allan vom
Geschick eingeholt. In den amerikanischen Stollen ereignete sich die
groe Oktoberkatastrophe, die sein Werk ernstlich gefhrdete.

Kleinere Unglcksflle und Strungen waren alltglich. Es wurden
Arbeiter von niederbrechendem Gestein verschttet, beim Sprengen in
Stcke gerissen, von Zgen zermalmt. Der Tod war im Tunnel zu Hause
und holte sich die Tunnelmnner ohne viele Umstnde heraus. In allen
Stollen waren wiederholt groe Mengen Wasser eingebrochen, die die
Pumpen nur mit Mhe bewltigen konnten, und Tausende von Menschen
liefen Gefahr zu ertrinken. Diese Tapferen standen zuweilen bis an die
Brust im Wasser. Und oft waren diese einbrechenden Wasser kochend hei
und dampften wie Geiser. Allerdings lieen sich groe Wassermengen in
den meisten Fllen vorherbestimmen, so da man seine Manahmen treffen
konnte. Mit besonders konstruierten Apparaten, den Sendeapparaten der
drahtlosen Telegraphie hnlich, wurden nach einem von Doktor Lvy,
Gttingen, zuerst angeregten Verfahren elektrische Wellen in den Berg
gesandt, die, sobald Wassermengen (oder Erzlager) vorhanden waren,
reflektiert wurden und mit den ausgesandten Wellen in Interferenz
traten. Wiederholt waren die Bohrmaschinen verschttet worden und bei
diesen Unfllen ging es nicht ohne Tote ab. Denn wer in der letzten
Sekunde nicht flchten konnte, wurde zermalmt. Kohlenoxydvergiftung,
Anmie waren alltgliche Erscheinungen. Der Tunnel hatte sogar eine
neue Krankheit hervorgerufen, hnlich jener, die man bei den Arbeitern
in den Caissons beobachtet, der Caissonkrankheit; sie wurde im Volk
~the bends~, die Beuge, genannt. Allan hatte am Meer ein eigenes
Erholungsheim fr diese merkwrdigen Kranken eingerichtet.

Alles in allem aber hatte der Tunnel in sechs Jahren nicht mehr
Opfer gefordert als andere technische Grobetriebe. In Summa 1713
Menschenleben, eine verhltnismig niedrige Ziffer.

Der zehnte Oktober des siebten Baujahrs aber war Allans schwarzer
Tag ...

Allan pflegte alljhrlich im Oktober eine Generalinspektion der
amerikanischen Baustelle vorzunehmen, die mehrere Tage in Anspruch
nahm. Bei den Ingenieuren und Beamten hie sie das jngste
Gericht. Am 4. Oktober inspizierte er die City. Er besuchte die
Arbeiterhuser, Schlachthuser, Bder und Hospitler. Er kam auch
in Mauds Rekonvaleszentenheim, und Maud war den ganzen Tag ber in
Aufregung und wurde purpurrot ber das Kompliment, das er ihrer
Leitung machte. Er besuchte in den nchsten Tagen die Brogebude,
Materialbahnhfe und Maschinenhallen, in denen in endloser Reise die
Dynamos schwangen und knisterten, die Expre- und Drillingspumpen,
Grubenventilatoren und Kompressoren arbeiteten.

Am nchsten Tag fuhr er mit Hobby, Harriman und Ingenieur Brmann in
den Tunnel.

Die Tunnelinspektion dauerte mehrere Tage, denn Allan kontrollierte
jede Station, jede Maschine, jede Weiche, jeden Querschlag, jedes
Depot. Sobald sie an einer Stelle fertig waren, stoppten sie durch
Signale einen Zug ab, schwangen sich auf einen Waggon und fuhren ein
Stck weiter.

Die Stollen waren dunkel wie Keller. Zuweilen huschten Lichtschwrme
vorbei: Eisengerste, Menschenleiber, die in den Gersten hingen;
eine rote Lampe blendete, die Glocke des Zuges gellte und Schatten
flchteten zur Seite.

Die dunkeln Stollen rauschten von den Zgen, die dahinflogen. Sie
knackten und krachten, gellende Schreie flatterten in der fernen
Finsternis. Es heulte irgendwo wie Wlfe, es blies und schnob wie ein
Nilpferd, das auftaucht, dann hrte man mchtige, rauhe Stimmen von
Zyklopen wtend streiten und man glaubte selbst einzelne Worte deutlich
zu verstehen. Ein Gelchter kollerte durch die Stollen und schlielich
vereinigten sich all diese sonderbaren und unheimlichen Laute, der
Tunnel mahlte, rauschte, grhlte und ganz pltzlich fuhr der Zug in
ein Donnerwetter von Gellen und Getse hinein, da man sein eigenes
Wort nicht mehr vernahm. Vierzig Kilometer hinter der Bohrmaschine
drhnte der Tunnel wie ein riesiges Widderhorn, in das die Hlle stie.
Hier gleiten die Arbeitssttten von Licht und Scheinwerfern wie
weiglhende Schmelzfen.

Die Nachricht, da Allan im Tunnel war, hatte sich wie ein Lauffeuer
verbreitet. Wo er hinkam -- unkenntlich von Staub und Schmutz und doch
sofort erkannt -- begannen die Rotten das Lied vom Mac zu singen:

    ~Three cheers and a tiger for him!~
    Nehmt die Kappe ab vor Mac,
    Mac ist unser Mann!
    Mac ist ein Bursche, der alles kann,
    ~God damn you, yes~, solch ein Kerl ist Mac,
    ~Three cheers and a tiger for Mac!~

Auf den Gesteintransporten saen die abgelsten Mannschaften und die
Zge lieen in dem Rollen und Grollen des Stollens ein Echo von Gesang
zurck.

Mac war populr und -- soweit es der fanatische Ha zwischen Arbeiter
und Kapital zulie -- bei seinen Leuten beliebt. Er war einer wie sie,
aus ihrem Stoffe, wenn auch von hundertfltiger Kraft.

Mac --! sagten sie, ja, Mac ist ein Bursche --! Das war alles, aber
es war das hchste Lob.

Besonders seine Sonntagsaudienzen hatten viel zu seiner Popularitt
beigetragen. Auch ber sie gab es ein Lied, das diesen Inhalt hatte:
Schreibe eine Zeile an Mac, wenn du Sorgen hast. Er ist gerecht und
einer von uns. Besser noch, geh zur Sonntagsaudienz. Ich kenne ihn, er
wird dich nicht fortschicken, ohne dich gehrt zu haben. Er versteht
das Herz des Arbeiters.

Im Fegfeuer prasselten und surrten die elektrischen Nietmaschinen,
wie Propeller bei Vollgas, das Eisen drhnte. Auch hier sangen die
Leute. Das Weie der Augen blinkte aus den schmutzigen Gesichtern, die
Muler ffneten sich gleichmig, aber man hrte keinen Ton.

Die letzten dreiig Kilometer des vorgeschobenen Sdstollens muten sie
fast ganz zu Fu zurcklegen oder auf langsam rollenden Materialzgen.
Hier war der Stollen ein Wald roher Pfosten, ein Gerst von Balken,
erschttert von einem unfabaren Getse, dessen Wucht man immer wieder
verga und stets neu erlebte. Die Hitze (48 ~C.~) zerri Pfosten
und Balken, trotzdem sie hufig mit Wasser bespritzt wurden und die
Wetterfhrung unaufhrlich frischen, gekhlten Wind hereinschleuderte.
Die Luft war schlecht, verbraucht, eine elende Grubenluft.

In einem kleinen Querschlag lag ein lbeschmutzter halbnackter
Leichnam. Ein Monteur, den der Herzschlag getroffen hatte. Umtobt von
Arbeit lag er da und eilige Fe stiegen ber ihn hinweg. Nicht einmal
seine Augen hatte man geschlossen.

Dann kamen sie in die Hlle. Mitten in den heulenden Staubwirbeln
stand ein kleiner, erdfahler Japaner, bewegungslos wie eine Statue, und
gab die optischen Befehle. Bald rot, bald wei, blendete der Lichtkegel
seines Reflektors und zuweilen scho er einen grasgrnen Lichtstrahl in
eine Rotte whlender Menschen hinein, so da sie wie Leichen, die noch
schufteten, aussahen.

Hier beachtete sie niemand. Kein Gru, kein Gesang, vllig erschpfte
Menschen, die halb bewutlos rasten. Vielmehr muten sie hier auf die
andern achten, um nicht von einem Pfosten, den keuchende Mnner bers
Gerll schleppten oder von einem Steinblock, den sechs Paar nervige,
zerschundene Arme auf einen Karren schwangen, niedergeschlagen zu
werden.

Der Stollen lag hier schon sehr tief, viertausendvierhundert Meter
unter dem Meeresspiegel. Die glhende Atmosphre, von Staubsplittern
erfllt, ri die Luftwege wund. Hobby ghnte unaufhrlich aus
Lufthunger und Harrimans Augen traten aus seinem roten Gesicht
hervor, als ersticke er. Allans Lungen aber waren an sauerstoffarme
Luft gewhnt. Die donnernde Arbeit, die hin- und herstrzenden
Menschenhaufen machten ihn lebendig. Unwillkrlich bekamen seine Augen
einen herrischen und triumphierenden Ausdruck. Er ging aus seiner Ruhe
und Schweigsamkeit heraus, glitt hin und her, schrie, gestikulierte
und sein muskulser Rcken glnzte von Schwei.

Harriman kroch mit einer Gesteinsprobe in der Hand zu Allan und hielt
sie ihm vor die Augen. Dann legte er die Hnde vor den Mund und heulte
in Allans Ohr: Das ist das unbekannte Erz!

Erz? tutete Allan auf dieselbe Art zurck. Es war ein rostbraunes,
amorphes Gestein, das sich leicht brechen lie. Geologisch die erste
Entdeckung whrend des Tunnelbaus. Das unbekannte Erz, das den Namen
Submarinium erhalten hatte, war stark radiumhaltig und die Smelting and
Refining Co. erwartete jeden Tag, da man auf groe Lager stoen wrde.
Harriman heulte das Allan ins Ohr.

Allan lachte: Das knnte ihnen passen!

Aus der Bohrmaschine schlpfte ein rothaariger Mensch von ungeheurem
Knochenbau, mit langen Gorillaarmen. Eine Sule von Dreck und l,
grauen Staubbrei auf den schlfrigen Augendeckeln. Er sah wie ein
Gesteinschlepper aus, war aber einer der ersten Ingenieure Allans,
ein Irlnder namens O'Niel. Sein rechter Arm blutete und das Blut
vermischte sich mit dem Schmutz zu einer schwarzen Masse, wie
Wagenschmiere. Er spie unausgesetzt Staub aus und nieste. Ein Arbeiter
berspritzte ihn mit Wasser, wie man einen Elefanten duscht. O'Niel
drehte und bckte sich im Wasserstrahl, vollkommen nackt, und kam
triefend zu Allan heran.

Allan gab ihm die Hand und deutete auf seinen Arm.

Der Irlnder schttelte den Kopf und strich mit den groen Hnden das
Wasser aus den Haaren.

Der Gneis wird grauer und grauer! tutete er Allan ins Ohr. Grauer
und hrter. Der rote Gneis ist ein Kinderspiel dagegen. Wir mssen jede
Stunde neue Kronen auf die Bohrer setzen. Und die Hitze, pfui Teufel!

Wir gehen bald wieder in die Hhe!

O'Niel grinste. In drei Jahren! heulte er.

Habt ihr kein Wasser voraus?

Nein.

Pltzlich wurden sie alle grn und gespenstisch fahl: der Japaner hatte
seinen Lichtkegel auf sie gerichtet.

O'Niel schob Allan ohne weiteres zur Seite, die Bohrmaschine kam zurck.

Allan wartete drei Ablsungen ab, dann kletterte er auf einen
Gesteinszug und fuhr mit Harriman und Hobby zurck. Sie schliefen
augenblicklich erschpft ein, aber Allan empfand, obschon er schlief,
noch lange Zeit jede Strung, der der Zug auf seiner vierhundert
Kilometer langen Reise nach oben begegnete. Die Bremsen schlugen an,
die Waggons stieen zusammen, da Steine auf die Geleise rollten.
Gestalten kletterten herauf, Rufe, ein rotes Licht blendete. Der Zug
schleppte sich ber eine Weiche und hielt lange Zeit. Allan erwachte
halb und sah dunkle Gestalten, die ber ihn stiegen.

Das ist Mac, tritt nicht auf ihn.

Der Zug fuhr, hielt, fuhr wieder. Pltzlich aber begann er zu rasen
und es schien Allan, als flgen sie dahin und er fiel in einen tiefen
Schlaf.

Er erwachte, als das grelle, grausame Licht des Tages wie ein
gleiendes Messer nach seinen Augen stie.

Der Zug hielt vor dem Stationsgebude und Mac City atmete auf: Das
jngste Gericht war vorber und es war glimpflich abgelaufen.

Die Ingenieure gingen in den Baderaum. Hobby lag wie schlafend in
seinem Bassin und rauchte eine Zigarette. Harriman dagegen plusterte
und zischte wie ein Nilpferd.

Kommst du mit zum Frhstck, Hobby? fragte Allan. Maud wird schon
wach sein. Es ist sieben Uhr.

Ich mu schlafen, erwiderte Hobby mit der Zigarette im Mund. Heute
nacht mu ich wieder hinein. Aber ich komme bestimmt zum Abendessen.

Schade, dann bin ich nicht hier.

New York?

Nein, Buffalo. Wir probieren einen neuen Bohrertyp, den der fette
Mller erfunden hat. Hobby interessierte sich nicht sehr fr Bohrer
und so sprang er auf den fetten Mller ber. Er lachte leise.
Pendleton hat mir gestern aus Azora geschrieben, Mac, sagte er
schlfrig, dieser Mller soll ja schrecklich saufen!

Diese Deutschen saufen ja alle wie die Stiere, warf Allan ein und
behandelte seine Fe mit der Brste.

Pendleton schreibt, er gibt Gartenfeste und suft alle unter den
Tisch.

In diesem Augenblick ging der kleine Japaner an ihnen vorbei,
geschniegelt und gebgelt; er hatte schon die zweite Schicht hinter
sich. Er grte hflich.

Hobby ffnete ein Auge. ~Good morning, Jap!~ rief er.

Das ist ein tchtiger Kerl! sagte Allan, als der Japaner die Tre
hinter sich zuzog.

Vierundzwanzig Stunden spter war der tchtige Kerl schon lngst tot.




2.


Am nchsten Morgen, einige Minuten vor vier Uhr, ereignete sich die
Katastrophe.

Der Ort, an dem die Bohrmaschine des vorgetriebenen Sdstollens an
diesem unglckseligen 10. Oktober den Berg zermalmte, war genau
vierhundertundzwanzig Kilometer von der Mndung des Tunnels entfernt.
Dreiig Kilometer dahinter arbeitete die Maschine des Parallelstollens.

Der Berg war soeben geschossen worden. Der Scheinwerfer, mit dem der
kleine Japaner von gestern die Befehle erteilte, blendete kreidewei
in das rollende Gestein und die Rotte halbnackter Menschen, die den
rauchenden Schuttberg emporjagte. In diesem Augenblick streckte einer
die Arme empor, ein zweiter strzte hintenber, ein dritter versank
urpltzlich. Der rauchende Schuttberg rollte rasend schnell vorwrts,
Leiber, Kpfe, Arme und Beine verschlingend wie eine wirbelnde Lawine.
Der tobende Lrm der Arbeit wurde verschlungen von einem dumpfen
Brummen, so ungeheuer, da das menschliche Ohr es kaum noch aufnahm.
Ein Druck umklammerte den Kopf, da die Trommelfelle zerrissen. Der
kleine Japaner versank pltzlich. Es wurde schwarze Nacht. Niemand
von all den Hllenmnnern hatte mehr gesehen als einen taumelnden
Menschen, einen verzerrten Mund, einen sinkenden Pfosten. Niemand hatte
etwas gehrt. Die Bohrmaschine, dieses Panzerschiff aus Stahl, das die
Kraft von zwei Schnellzugslokomotiven vorwrts bewegte, wurde wie eine
Wellblechbaracke aus den Schienen gehoben, gegen die Wand geschleudert
und zerdrckt. Die Menschenleiber flogen in einem Hagel von Felsblcken
wie Projektile durch die Luft, die eisernen Gesteinskarren wurden
weggefegt, zerfetzt, zu Klumpen geballt; der Wald aus Pfosten krachte
zusammen und begrub mit dem niedergehenden Gestein alles unter sich,
was lebte.

Das geschah in einer einzigen Sekunde. Einen Augenblick spter war es
totenstill und das Drhnen der Explosion donnerte in der Ferne.

Die Explosion richtete auf eine Entfernung von fnfundzwanzig
Kilometern Verwstungen an und der Tunnel brllte achtzig Kilometer
weit auf -- als donnere der Ozean in die Stollen. Hinter dem Gebrll
aber, das wie eine groe eherne Kugel in die Ferne rollte, kam die
Stille, eine _frchterliche_ Stille -- dann Staubwolken -- und hinter
dem Staub Rauch: der Tunnel brannte!

Aus dem Rauch kamen Zge gerast, mit Trauben von entsetzten Menschen
behangen, dann kamen unkenntliche Gespenster zu Fu angestrzt, in der
Finsternis, und dann kam nichts mehr.

Die Katastrophe trat unglcklicherweise gerade bei Schichtwechsel ein
und in den letzten zwei Kilometern waren rund zweitausendfnfhundert
Menschen zusammengedrngt. Mehr als die Hlfte war in einer Sekunde
zerschmettert, zerfetzt, erschlagen, verschttet und niemand hatte
einen Schrei gehrt.

Dann aber -- als das Drhnen der Explosion in der Ferne verhallte --
wurde die Totenstille des nachtschwarzen Stollens von verzweifelten
Schreien zerrissen, von lautem Jammern, von wahnsinnigem Gelchter,
von hohen winselnden Tnen des letzten Schmerzes, von Hilferufen,
Verwnschungen, Rcheln und tierischem Gebrll. An allen Ecken begann
es zu whlen und sich zu regen. Gerll rieselte, Bretter splitterten,
es rutschte, glitt, knirschte. Die Finsternis war entsetzlich. Der
Staub sank wie dicker Aschenregen herab. Ein Balken schob sich zur
Seite und ein Mensch kroch keuchend aus einem Loch heraus, nieste und
kauerte betubt auf dem Schutthaufen.

Wo seid ihr?! schrie er, In Gottes Namen!! Fortwhrend schrie er
dasselbe und nichts antwortete ihm als wilde Schreie und tierisches
Sthnen. Der Mensch aber brllte lauter und lauter vor Entsetzen und
Schmerzen und seine Stimme klang immer schriller und irrsinniger.

Pltzlich aber schwieg er still. In der Finsternis flackerte ein
Feuerschein. Eine Flamme leckte aus der Spalte eines haushnlichen
Trmmerhaufens und pltzlich scho eine schwelende Feuergarbe
empor. Der Mensch, ein Neger, stie einen Schrei aus, der in ein
entsetztes Rcheln berging: denn -- Gott sei mir gndig! -- mitten
in der Flamme erschien ein Mensch! Dieser Mensch kletterte durch die
Flamme empor, ein qualmendes Bndel mit gelbem Chinesengesicht, ein
schreckenverbreitendes Gespenst. Das Gespenst kroch lautlos hher
und hher, so da es haushoch oben zu hngen schien, dann rutschte
es herab. In diesem Augenblick stellte sich eine Erinnerung in dem
verstrten Hirn des Negers ein. Er erkannte das Gespenst.

Hobby! brllte er. Hobby!

Aber Hobby hrte nicht, antwortete nicht. Er taumelte, strzte in die
Knie, klopfte sich die Funken von den Kleidern, rchelte und schnappte
nach Luft. Eine Weile kauerte er betubt am Boden, ein dunkler Klumpen
im Feuerschein. Es sah aus, als wolle er fallen, aber er fiel nur auf
beide Hnde und begann nun langsam, mechanisch, vorwrts zu kriechen,
instinktiv der Stimme entgegen, die unaufhrlich seinen Namen schrie.
Unerwartet stie er auf eine dunkle Gestalt und hielt inne. Der Neger
hockte mit blutberstrmten Gesicht da und brllte. Bald blinkten ihn
zwei weie Augen an, bald eines. Das kam daher, weil das Blut immer
wieder ein Auge des Negers anfllte und er es krampfhaft aufreien
mute.

Sie hockten einander eine Weile gegenber und sahen sich an.

Fort! flsterte dann Hobby, ohne Sinne, und richtete sich automatisch
auf.

Der Neger griff nach ihm.

Hobby! heulte er entsetzt. Hobby, was ist geschehen?!

Hobby leckte sich die Lippe ab und versuchte zu denken.

Fort! flsterte er dann wieder mit heiserer Stimme, immer noch
betubt.

Der Neger klammerte sich an ihn und wollte sich aufrichten, strzte
aber schreiend zu Boden. Mein Fu! heulte er. Groer Gott im Himmel
-- was ist mit meinem Fu --?!

Hobby vermochte nicht zu denken. Ganz instinktiv tat er, was man tut,
wenn ein Mensch niederfllt. Er versuchte den Neger aufzuheben. Aber
sie strzten beide zu Boden.

Hobby fiel mit dem Kinn gegen einen Balken, so heftig, da sein Schdel
krachte. Der Schmerz rttelte ihn auf. In seiner Betubung war es ihm,
als habe er einen Schlag gegen den Kiefer erhalten, und er richtete
sich, halb bewutlos, zu einer verzweifelten Gegenwehr. Da aber --
da aber ging etwas Merkwrdiges mit ihm vor. Er sah keinen Gegner,
seine Hnde hatten sich im Schutt geballt. Hobby wurde wach. Pltzlich
_wute_ er, da er im Stollen war und da etwas Furchtbares geschehen
sein mute --! Er begann zu zittern, all seine Rckenmuskeln, die sich
nie in seinem Leben so bewegt hatten, zuckten konvulsivisch wie die
Muskeln eines erschrockenen Pferdes.

Hobby verstand.

Katastrophe ... dachte er.

Er richtete sich halb auf und sah, da die Bohrmaschine brannte. Zu
seinem Erstaunen sah er Haufen nackter und halbnackter Menschen in
den erschreckendsten Verrenkungen auf dem Schutt liegen und sie alle
regten sich nicht. Er sah, da sie berall lagen, neben ihm, rings
umher. Sie lagen mit offenem Mund, lang hingestreckt mit zermalmten
Kpfen, eingeklemmt zwischen Pfosten, aufgespiet, in Stcke zerfetzt.
berall lagen sie! Hobbys Haare flogen. Sie lagen verschttet bis zum
Kinn, zusammengerollt zu einem Knuel, und soviele Steinblcke, Balken,
Pfosten und Karrentrmmer es hier gab, ebenso viele Kpfe, Rcken,
Stiefel, Arme und Hnde starrten aus dem Schutt. Mehr! Hobby schrumpfte
ein vor Grauen, es schttelte ihn, da er sich festhalten mute, um
nicht hinzuschlagen. Jetzt verstand er auch die sonderbaren Laute, die
nah und fern den halbdunklen Stollen fllten. Dieses Miauen, Greinen,
Winseln, Schnauben und Brllen wie von Tieren -- diese unerhrten, nie
gehrten Laute --: das waren Menschen! Seine Haut, sein Gesicht und
seine Hnde erstarrten wie vor Klte, seine Fe waren gelhmt. In
seiner nchsten Nhe sa ein Mensch, dem das Blut aus dem Mundwinkel
lief wie aus einem Brunnen. Der Mensch atmete nicht mehr, aber er
hielt die hohle Hand darunter und Hobby hrte das Blut pltschern und
rieseln. Es war der kleine Japaner. Er erkannte ihn. Pltzlich sank
seine Hand herab und sein Kopf neigte sich, bis er aufschlug.

Fort, fort! flsterte Hobby, vom Grauen geschttelt. Wir mssen fort
von hier!

Der Neger griff nach Hobbys Grtel und half mit seinem unverletzten
Fu nach, so gut es ging. So krochen sie zusammen durch das Gewirr von
Pfosten und Leichnamen und Gestein, den Schreien und tierischen Lauten
entgegen.

Hobby! sthnte der Neger und schluchzte vor Angst und Entsetzen.
Mister Hobby, ~the Lord bless your soul~ -- verlassen Sie mich nicht,
lassen Sie mich nicht hier! O, ~Lord, mercy~ --! Ich habe eine Frau und
zwei kleine Kinder drauen -- verlassen Sie einen armen Nigger nicht. O
Barmherzigkeit!

Die brennende Bohrmaschine warf grelle, bse Lichtzacken und schwarze
flatternde Schatten in das dunkle Chaos und Hobby mute darauf
achten, nicht auf Gliedmaen und Kpfe zu treten, die aus dem Gerll
hervorragten. Pltzlich tauchte zwischen zwei umgeworfenen Eisenkarren
eine Gestalt auf, eine Hand tastete nach ihm und er fuhr zurck. Da sah
er in ein Gesicht, das ihn mit idiotischem Ausdruck anstarrte.

Was willst du? fragte Hobby, zu Tode erschrocken.

Hinaus! keuchte das Gesicht.

Geh weg! antwortete Hobby. Das ist die falsche Richtung!

Der Ausdruck des Gesichts nderte sich nicht. Aber es zog sich langsam
zurck. Und ohne jeden Laut verschwand die Gestalt, wie verschluckt vom
Schutt.

Hobbys Kopf war klarer geworden und er versuchte seine Gedanken zu
sammeln. Die Brandwunden schmerzten ihn, sein linker Arm blutete, aber
sonst war er heil. Er erinnerte sich, da Allan ihn zu O'Niel mit einem
Auftrag geschickt hatte. Zehn Minuten vor der Explosion hatte er noch
bei den Gesteinskarren mit O'Niel, dem roten Irlnder, gesprochen. Dann
war er in die Bohrmaschine geklettert. Weshalb, wute er nicht mehr.
Er hatte die Maschine kaum betreten, als er fhlte, wie pltzlich der
Boden unter ihm schwankte. Er sah in ein Paar erstaunter Augen -- dann
sah er nichts mehr. Soweit wute er alles, aber es war ihm rtselhaft,
wie er wieder aus der Bohrmaschine herausgekommen war. Hatte ihn die
Explosion herausgeschleudert?

Whrend er den sthnenden und jammernden Neger hinter sich herzerrte,
berdachte er die Lage. Sie schien ihm nicht hoffnungslos zu sein.
Wenn er den Querschlag erreichte, in dem gestern der tote Monteur
lag, so war er gerettet. Dort gab es Verbandzeug, Sauerstoffapparate,
Notlampen. Er erinnerte sich deutlich, da Allan die Lampen probiert
hatte. Der Querstollen lag rechts. Aber wie weit entfernt? Drei Meilen,
fnf Meilen? Das wute er nicht. Gelang es ihm nicht, so mute er
ersticken, denn der Rauch wurde mit jeder Minute strker. Und Hobby
kroch verzweifelt vorwrts.

Da hrte er dicht in der Nhe eine Stimme seinen Namen keuchen. Er
hielt inne und lauschte mit fliegenden Lungen.

Hierher! keuchte die Stimme. Ich bin es. O'Niel!

Ja, O'Niel, der groe Irlnder war es. Er, dessen Knochen sonst
soviel Platz wegnahmen, sa eingerammt zwischen Pfosten, die rechte
Gesichtshlfte von Blut berstrmt; grau, wie mit Asche bedeckt sah er
aus und seine Augen waren rote schmerzhafte Feuer.

Ich bin fertig, Hobby! keuchte O'Niel. Was ist geschehen? Ich bin
fertig und leide schrecklich. Erschiee mich, Hobby!

Hobby versuchte einen Balken zur Seite zu schieben. Er nahm alle Kraft
zusammen, strzte aber pltzlich auf unerklrliche Weise zu Boden.

Es hat keinen Wert, Hobby, fuhr O'Niel fort. Ich bin fertig und
leide! Erschiee mich und rette dich!

Ja, O'Niel war fertig, Hobby sah es. Er nahm den Revolver aus der
Tasche. Die Waffe wog zentnerschwer in seiner Hand und er konnte den
Arm kaum heben.

Mach' die Augen zu, O'Niel!

Warum sollte ich, Hobby --? O'Niel lchelte ein verzweifeltes
Lcheln. Sage Mac, ich habe keine Schuld -- danke, Hobby!

Der Rauch beizte, aber der Feuerschein wurde immer schwcher, so da
Hobby hoffte, er werde erlschen. Dann gab es keine Gefahr mehr.
Da aber ertnten zwei kurze, heftige Detonationen. Das sind die
Sprenghlsen, dachte er.

Gleich darauf wurde es heller. Ein hoher Pfosten brannte lichterloh
und leuchtete weithin durch den Stollen. Da sah Hobby, wie einzelne
sich auswhlten und andere langsam, Schritt fr Schritt vorwrts
kletterten, nackte, schmutzige Rcken und Arme, schwefelgelb im
Feuerschein. Es winselte und schrie aus dem Gestein, Hnde ragten
heraus und winkten mit verkrampften Fingern, und dort hob sich der
Boden ruckweise in die Hhe, aber die Schuttlage sank immer wieder
herab.

Hobby kroch stumpf weiter. Er keuchte. Der Schwei tropfte aus seinem
Gesicht und er war halb bewutlos vor Anstrengung. Er achtete nicht auf
den Arm, der aus dem Schutt ragte und ihn am Fu festhalten wollte,
apathisch kletterte er durch eine Traufe von Blut hindurch, die von der
Decke herabkam. Wieviel Blut ein Mensch hat! dachte er und nahm seinen
Weg direkt ber einen Toten hinweg, der auf dem Bauche lag.

Der Neger, den ihm das Schicksal in dieser schrecklichen Stunde
zugeteilt hatte, klammerte die Arme um seinen Nacken und heulte und
weinte vor Schmerzen und Angst und zuweilen kte er seine Haare und
flehte ihn an, ihn nicht zu verlassen.

Mein Name ist Washington Jackson, keuchte der Neger, ich stamme aus
Athens in Georgia und heiratete Amanda Bell aus Danielsville. Vor drei
Jahren nahm ich den Tunnel-Job, als Steintrger. Ich habe zwei Kinder,
sechs und fnf Jahre alt.

Halt's Maul, Boy! schrie Hobby. Klammere dich nicht so fest.

O, Mister Hobby, schmeichelte Jackson, Sie sind gut, man sagt es --
o, Mister Hobby -- und er kte Hobbys Haar und Ohr. Pltzlich aber,
da ihn Hobby auf die Hnde schlug, berfiel ihn eine wahnsinnige Wut:
er glaubte, Hobby wolle ihn abschtteln. Mit aller Kraft schraubte er
die Hnde um Hobbys Hals und keuchte: Du meinst, du kannst mich hier
verrecken lassen, Hobby! Du meinst -- ach! Und er fiel mit einem
lauten Schrei zu Boden, denn Hobby hatte ihm die Daumen in die Augen
gedrckt.

Hobby, Mister Hobby, flehte er winselnd und weinte und streckte die
Hnde aus, verlassen Sie mich nicht, bei Ihrer Mutter, Ihrer guten,
alten Mutter --

Hobby rang nach Luft. Seine Brust schraubte sich zusammen, er wurde
steif und lang und glaubte, es gehe nun dahin mit ihm.

Komm! sagte er, als er wieder Atem bekam. Du verfluchter Teufel! Wir
mssen unter diesem Zug durch! Wenn du mich wieder drosselst, so schlag
ich dich nieder!

Hobby, guter Mister Hobby! Und Jackson kroch wimmernd und sthnend,
mit einer Hand an Hobbys Riemen hngend, hinter Hobby her.

~Hurry up you idiot~! Hobbys Schlfen waren nahe am Zerspringen.

       *       *       *       *       *

Der Stollen war in einer Lnge von drei Meilen nahezu vollkommen
zerstrt, von Pfosten und Gestein verschttet. berall kletterten
Gestalten, blutig, zerfetzt, schreiend, wimmernd, wortlos, und
keuchten so rasch wie mglich vorwrts. Sie kletterten ber Gesteins-
und Materialzge, die aus den Schienen gehoben waren, sie krochen
Schutthaufen hinauf und hinunter, zwngten sich zwischen Balken
hindurch. Je weiter sie vordrangen, desto mehr Gefhrten begegneten
sie, die alle vorwrts hasteten. Hier war es ganz dunkel und nur ein
fahler Lichtzacken leckte zuweilen herein. Der Rauch drang vorwrts,
beizend, und sobald sie ihn in der Nase sprten, schlugen sie ein
verzweifeltes Tempo an.

Sie stiegen brutal ber die Leiber der langsam kriechenden Verletzten
hinweg, sie schlugen einander mit den Fusten zu Boden, um einen
einzigen kleinen Schritt zu gewinnen, und ein Farbiger schwang sein
Messer und stie jeden blind nieder, der ihm in den Weg kam. Bei einer
engen Passage zwischen einem umgestrzten Waggon und einem Gewirr von
Pfosten gab es eine richtige Schlacht. Die Revolver knallten und die
Schreie der Getroffenen vermischten sich mit dem Wutgeheul jener, die
einander drosselten. Aber einer nach dem andern verschwand durch die
Spalte und die Verwundeten krochen sthnend nach.

Dann wurde die Strecke freier. Hier standen weniger Zge im Wege und
die Explosion hatte nicht smtliche Pfosten eingerissen. Aber hier
war es vollkommen dunkel. Keuchend, zhneknirschend, schwei- und
blutberstrmt rutschten und kletterten die Fliehenden vorwrts. Sie
rannten gegen Balken und schrien auf, sie strzten von einem Waggon
und suchten. Vorwrts! Vorwrts! Die Wut des Selbsterhaltungstriebes
lie langsam nach und allmhlich erwachte wieder ein Gefhl der
Kameradschaft.

Hierher, hier ist der Weg frei!

Geht es hier durch?

Rechts an den Waggons!

       *       *       *       *       *

Drei Stunden nach der Katastrophe erreichten die ersten Leute aus
dem zerstrten Holzstollen den Parallelstollen. Auch hier war die
Lichtleitung zerstrt. Es war finstere Nacht und alle stieen ein
Geheul der Wut aus. Kein Zug! Keine Lampen! Die Mannschaften des
Parallelstollens waren lngst geflchtet und alle Zge fort.

Der Rauch kam und das wahnwitzige Rennen begann von neuem.

Die Rotte glitt, lief, strzte eine Stunde lang durch die Finsternis
vorwrts, dann brachen die ersten erschpft zusammen.

Es hat keinen Sinn! schrien sie. Wir knnen nicht vierhundert
Kilometer laufen!

Was sollen wir tun?

Warten, bis sie uns holen!

Holen? Wer soll kommen?

Wir verhungern!

Wo sind die Depots?

Wo sind die Notlampen?

Ja, wo sind sie?

Mac --!

Ja, warte Mac --!

Und pltzlich flammte ihre Rachegier auf. Warte Mac! Wenn wir
hinauskommen --!

Aber der Rauch kam und sie strzten wieder vorwrts, bis abermals ihre
Knie wankten.

Hier ist eine Station, hallo!

Die Station war dunkel und verlassen. Die Maschinen standen, alles war
von der Panik hinausgerissen worden.

Die Horde drang in die Station ein. Mit den Stationen waren sie
vertraut. Sie wuten, da hier plombierte Kisten mit Nahrungsmitteln
standen, die man nur zu ffnen brauchte.

Es krachte und knackte in der Finsternis. Niemand war eigentlich
hungrig, denn das Entsetzen hatte den Hunger verscheucht. Aber
inmitten der Vorrte erwachte in ihnen ein wilder Instinkt, sich den
Magen anzufllen, und sie strzten sich wie Wlfe auf die Kisten.
Sie stopften die Taschen voll Nahrungsmittel. Noch mehr, sinnlos vor
Entsetzen und Wut verstreuten sie Scke von Zwieback und getrocknetem
Fleisch, zerschlugen sie Flaschen zu Hunderten.

Hier sind die Lampen! schrie eine Stimme.

Es waren Notlampen mit Trockenbatterien, die man nur einzuschalten
hatte.

Halt, nicht andrehen, ich schiee!

Warum nicht?

Es knnte eine Explosion geben!

Dieser Gedanke allein gengte, um sie erstarren zu lassen. Vor Angst
wurden sie ganz still.

Aber der Rauch kam und wieder begann die Jagd.

Pltzlich hrten sie Geschrei und Schsse. Licht! Sie strzten durch
einen Querschlag in den Parallelstollen. Und da sahen sie gerade noch,
wie in der Ferne Haufen von Menschen um einen Platz auf einem Waggon
kmpften, mit Fusten, Messern, Revolvern. Der Zug fuhr ab und sie
warfen sich verzweifelt auf den Boden und schrien: Mac! Mac! Warte,
wenn wir kommen!




3.


Die Panik fegte durch den Tunnel. Dreiigtausend Menschen fegte sie
durch die Stollen hinaus. Die Mannschaften in den unbeschdigten
Stollen hatten augenblicklich, als sie das Brllen der Explosion
vernahmen, die Arbeit eingestellt.

Das Meer kommt! schrien sie und wandten sich zur Flucht. Doch die
Ingenieure hielten sie mit Revolvern in der Faust zurck. Als aber eine
Wolke von Staub hereinblies und verstrte Menschen angestrzt kamen,
hielt sie keine Drohung mehr zurck.

Sie schwangen sich auf die Gesteinszge und jagten davon.

Bei einer Weiche entgleiste ein Zug und die nachfolgenden zehn Zge
waren pltzlich aufgehalten.

Die Horden drangen in den Parallelstollen ein und hielten hier die Zge
auf, indem sie sich mitten auf die Schienen stellten und schrien. Die
Zge waren aber schon gehuft voller Menschen und es gab erbitterte
Kmpfe um einen Platz.

Die Panik war um so grer, als niemand wute, was sich ereignet hatte
-- man wute nur, da etwas ganz Schreckliches geschehen war! Die
Ingenieure versuchten die Leute zur Vernunft zu bringen, als sich aber
immer mehr Zge voll entsetzter Menschen heranwlzten, die schrien:
Der Tunnel brennt! -- und als der Rauch aus den finstern Stollen
hervorkroch, wurden auch sie von der Panik ergriffen. Alle Zge rollten
auswrts. Die einfahrenden Zge mit Material und Ablsungsmannschaften
wurden durch das wilde Geschrei der vorbeijagenden Menschenhaufen
abgestoppt und begannen hierauf ebenfalls auswrts zu fahren.

So kam es, da zwei Stunden nach der Katastrophe der Tunnel auf hundert
Kilometer vollkommen verlassen war. Auch die Maschinisten in den innern
Stationen waren entflohen und die Maschinen standen still. Nur da und
dort waren ein paar mutige Ingenieure in den Stationen zurckgeblieben.

Ingenieur Brmann verteidigte den letzten Zug.

Dieser Zug bestand aus zehn Waggons und stand im fertigen Teil des
Fegfeuers, wo die eisernen Rippen genietet wurden, fnfundzwanzig
Kilometer hinter dem Ort der Katastrophe. Die Lichtanlage war auch hier
zerstrt. Aber Brmann hatte Akkumulatorenlampen aufgestellt, die in
den Rauch hineinblendeten.

Dreitausend Mann hatten im Fegfeuer gearbeitet, zweitausend etwa
waren schon fort, die letzten tausend wollte Brmann mit seinem Zug
befrdern.

Sie kamen in Truppen angekeucht und strzten sich toll vor Schrecken
auf die Waggons. Immer mehr kamen. Brmann wartete geduldig und
zh, denn manche Fegfeuerleute hatten drei Kilometer bis zum Zug
zurckzulegen.

Fahren! Abfahren!

Wir mssen auf sie warten! schrie Brmann. ~No dirty business now!~
Ich habe sechs Kugeln im Revolver!

Brmann war ein ergrauter, kleiner Mann, kurzbeinig, ein Deutscher, und
verstand keinen Spa.

Er ging hin und her, am Zug entlang, und wetterte und fluchte zu den
Kpfen und Fusten hinauf, die sich droben im Rauch aufgeregt bewegten.

Keine Schweinereien, ihr kommt alle hinaus!

Brmann hatte den Revolver schubereit in der Hand. (Bei der
Katastrophe zeigte es sich, da alle Ingenieure mit Revolvern
ausgerstet waren.)

Zuletzt, als die Drohungen lauter wurden, postierte er sich neben
dem Maschinisten der Fhrungsmaschine auf und drohte ihm, ihn
niederzuschieen, wenn er ohne Befehl abfahren sollte. Jeder Puffer,
jede Kette des Zuges hing voller Menschen und alle schrien: Fahren,
fahren!

Aber Brmann wartete immer noch, obschon der Rauch unertrglich wurde.

Da krachte ein Schu und Brmann schlug zu Boden und nun fuhr der Zug.

Horden verzweifelter Menschen rannten ihm nach, rasend vor Wut, um
endlich atemlos, keuchend, Schaum vor dem Mund, stehenzubleiben.

Und dann machten sich diese Horden der Zurckgebliebenen auf den
vierhundert Kilometer langen Weg ber Schwellen und Schutt. Und je
weiter sie sich wlzten, desto drohender wurde der Ruf: Mac, du bist
ein toter Mann!

Hinter ihnen aber, weit hinter ihnen, kamen noch mehr, immer noch mehr,
immer andere.

Es begann das schreckliche Laufen im Tunnel, dieses Laufen um das
Leben, von dem spter die Zeitungen voll waren.

Die Horden wurden wilder und toller, je lnger sie liefen, sie
zerstrten die Depots, die Maschinen, und selbst dann, als sie die
Strecke erreichten, wo noch das elektrische Licht brannte, nahm ihre
Wut und Angst nicht ab. Und als der erste Rettungszug erschien, der
alle, fr die gar keine Gefahr mehr bestand, hinausbringen sollte,
kmpften sie mit dem Messer und dem Revolver, um zuerst auf den Zug zu
kommen.

       *       *       *       *       *

Zur Zeit als sich tief drinnen im Tunnel die Katastrophe ereignete, war
es noch Nacht in Mac City. Es war dster. Das schwere massige Gewlk
des Himmels glomm dsterrot im hellen Nachtschwei der schlaflosesten
Stadt dieser schlaflosen Zeit.

Mac City fieberte und lrmte wie am Tage. Bis zum Horizont war die
Erde bedeckt von ewig bewegten glhenden Lavastrmen, aus denen
Funken, Feuerblitze und Dampf stiegen. Myriaden wimmelnder Lichter
schossen hin und her, wie Infusorien im Mikroskop. Die Glasdcher der
Maschinenhallen auf den Terrassen des Trasseneinschnittes funkelten wie
grnes Eis in einer mondhellen Winternacht. Pfeifen und Glocken schrien
gierig und ringsum hmmerte das Eisen und die Erde bebte.

Die Zge schossen hinab, herauf, wie sonst. Die ungeheuren Maschinen,
Dynamos, Pumpen, Ventilatoren spielten und klangen in den blitzblanken
Hallen.

Es war khl und die Mannschaften, die aus dem backofenwarmen Tunnel
kamen, rckten frierend zusammen und strzten, sobald der Zug hielt,
zhneklappernd in die Kantine, um heien Kaffee oder Grog zu trinken.
Dann sprangen sie laut und polternd in die elektrischen Cars, die sie
nach ihren Kasernen und Husern brachten.

Schon wenige Minuten nach vier Uhr ging das Gercht um, da im Tunnel
ein Unglck passiert sei. Ein Viertel nach vier Uhr wurde Harriman
aufgeweckt und erschien verschlafen und fast zusammenbrechend vor
Mdigkeit im Zentralbro.

Harriman war ein energischer und entschlossener Mann, hart geworden
auf den Schlachtfeldern der Arbeit. Gerade heute aber befand er sich
in einer elenden Verfassung. Er hatte die ganze Nacht ber geweint.
Denn ein Telegramm hatte ihn abends erreicht, da sein Sohn, das
Einzige, was ihm aus seinem Leben geblieben war, in China dem Fieber
erlegen sei. Schwer und schrecklich hatte er gelitten und schlielich
eine doppelte Dosis Schlafpulver genommen, um einschlafen zu knnen.
Er schlief jetzt noch, whrend er in den Tunnel hineintelephonierte,
um nheres ber die Katastrophe zu erfahren. Niemand wute etwas
und Harriman sa apathisch und teilnahmlos im Sessel und schlief
mit offenen Augen. Zur selben Zeit wurde es Licht in Hunderten von
Arbeiterhusern in den Kolonien. Stimmen sprachen und raunten in den
Straen, jenes erschreckte Raunen, das man sonderbarerweise im tiefsten
Schlaf hrt. Weiber liefen zusammen. Von der Sd- und Nordkolonie her
bewegten sich dunkle Truppe von Weibern und Mnnern den funkelnden
Glasdchern der Terrassen entgegen zum Zentralbureau.

Sie sammelten sich vor dem nchternen, hohen Gebude an und als sie ein
groer Haufe geworden waren, begann dieser Haufe ganz von selbst zu
rufen. Harriman! Wir wollen wissen, was geschehen ist!

Ein Clerk mit aufreizend gleichgltiger Miene erschien.

Wir wissen selbst nichts Bestimmtes.

Fort mit dem Clerk! Wir wollen keinen Clerk! Wir wollen Harriman! --
Harriman!!

Immer mehr sammelten sich an. Von allen Seiten krochen die dunkeln
Bndel heran und vereinigten sich mit der Menge vor dem Brogebude.

Harriman erschien endlich selbst, bleich, alt, mde und verschlafen und
Hunderte von Stimmen schrien ihm die Frage entgegen, in allen Sprachen
und Tonarten: Was ist passiert?

Harriman machte ein Zeichen, da er sprechen wollte, und es wurde ganz
still.

Im Sdstollen hat bei der Bohrmaschine eine Explosion stattgefunden.
Mehr wissen wir nicht. Harriman vermochte kaum zu sprechen, die Zunge
lag ihm wie ein metallner Klpfel im Mund.

Ein wildes Geheul antwortete ihm. Lgner! Schwindler! Du willst es uns
nicht sagen!

Harriman stieg das Blut ins Gesicht und seine Augen traten aus dem Kopf
vor Zorn; er besann sich, wollte sprechen, aber sein Gehirn arbeitete
nicht. Er ging und schlug die Tr hinter sich zu.

Da flog ein Stein durch die Luft und zertrmmerte eine Scheibe im
Parterre. Man sah, wie ein Clerk sich erschrocken davonmachte.

Harriman! Harriman!

Harriman erschien wieder in der Tre. Er hatte sich kalt gewaschen
und war etwas wacher geworden. Krebsrot sah sein Gesicht unter den
grauweien Haaren aus.

Was fr ein Unsinn ist das, die Fenster einzuschmeien?! schrie er
laut. Wir wissen nicht mehr, als ich sagte! Seid vernnftig!

Stimmen schrien durcheinander.

Wir wollen wissen, wie viele tot sind. Wer ist tot? Namen!

Ihr seid ein Pack von Narren, ihr Weiber! schrie Harriman zornig.
Wie soll ich das jetzt schon wissen. Und Harriman drehte sich langsam
um und ging wieder ins Haus zurck, einen Fluch zwischen den Zhnen.

Harriman! Harriman!

Die Weiber drngten nach.

Es hagelte pltzlich Steine. Denn das Volk, das sich sonst der Justiz
ohne zu denken unterwirft, schafft sich in solchen Augenblicken aus
eingeborenem Rechtsgefhl eigene Gesetze und bringt sie augenblicklich
an Ort und Stelle in Anwendung.

Harriman kam wieder, voller Wut. Aber er sagte nichts.

Zeig uns das Telegramm!

Harriman blieb stehen. Telegramm? Ich habe kein Telegramm. Eine
telephonische Nachricht hatte ich.

Her damit!

Harriman verzog keine Miene. Gut, ihr sollt sie haben. In einer
Minute kam er wieder zurck, mit einem Zettel von einem Telephonblock
in der Hand und las laut vor. Weithin vernahm man die Worte, die er
hervorhob: Bohrmaschine -- Sdstollen -- Explosion beim Schieen -- 20
bis 30 Tote und Verletzte. -- Hobby.

Und Harriman bergab den Zettel den Zunchststehenden und ging ins Haus
zurck.

Im Nu war der Zettel in hundert Stcke zerrissen, so viele wollten ihn
gleichzeitig lesen. Die Menge beruhigte sich fr einige Zeit. 20 bis 30
Tote -- das war gewi schrecklich, aber keine groe Katastrophe. Man
konnte wieder hoffen. Es war ja nicht gesagt, da gerade _er_ bei der
Bohrmaschine gearbeitet hatte. Am meisten beruhigte der Umstand, da
Hobby die telephonische Nachricht gesandt hatte.

Und doch gingen die Weiber nicht nach Hause. Merkwrdig! Ihre alte
Unruhe kam zurck, ihre Augen flackerten, ihre Herzen schlugen. Ein
Druck lastete auf ihnen und sie wechselten scheue Blicke.

Wenn Harriman log --?

Sie fluteten hinber zur Station, wo die Zge heraufkamen, und warteten
zitternd, frierend, in Tcher und Decken eingehllt. Von der Station
aus konnte man die Trasse hinab bis zur Tunnelmndung sehen. Die nassen
Geleise glnzten im Licht der Bogenlampen, bis sie zu dnnen Linien
zusammenschmolzen. Ganz unten ghnten zwei graue Lcher. Ein Licht
erschien in einem Loch, es blitzte unbestimmt auf, ein Feuerschein fuhr
heraus und pltzlich sah man das blendende Zyklopenauge eines Zuges die
Trasse herauffliegen.

Die Zge verkehrten noch ganz regelmig. In gleichen Abstnden
liefen die Materialzge hinab, in unregelmigen Zwischenrumen, wie
gewhnlich, jagten die Gesteinszge herauf, oft nur einer, oft drei,
fnf, zehn hintereinander, wie sie es seit sechs Jahren Tag und Nacht
taten. Es war das gleiche Bild, wie sie es alle tausendmal gesehen
hatten. Und doch starrten sie mit wachsender Spannung auf die Zge, die
heraufkamen.

Brachten sie Mannschaften mit, so wurden die Ankommenden umdrngt, mit
Fragen bestrmt. Aber sie wuten nichts, sie waren ja schon auf der
Ausfahrt gewesen.

Es ist unerklrlich, wie das Gercht kaum zehn Minuten nach der
Katastrophe schon ber Tag umgehen konnte. Ein unvorsichtiges Wort
eines Ingenieurs, ein unwillkrlicher Ausruf am Telephon -- es war
bekannt geworden. Nun aber hrte man gar nichts mehr, gar nichts, die
Nachrichten wurden sorgfltig gehtet.

Bis sechs Uhr fuhren die Materialzge und Mannschaften regelmig ein.
(Sie wurden laut Order bis zum 50. Kilometer gefhrt!)

Um sechs Uhr wurde den bereitstehenden Mannschaften mitgeteilt, da
ein Materialzug entgleist sei und die Strecke erst gerumt werden
msse. Sie htten sich aber bereitzuhalten. Da nickten die erfahrenen
Burschen und warfen einander Blicke zu: Es mute da drinnen bs
aussehen! Lord!

Den Weibern wurde befohlen, die Station zu rumen. Aber sie kamen dem
Befehl nicht nach. Sie standen unbeweglich, festgeschraubt von ihrem
Instinkt zwischen dem Netz von Geleisen und starrten die Trasse hinab.
Immer grere Truppe gesellten sich zur Menge. Kinder, halbwchsige
Burschen, Arbeiter, Neugierige.

Der Tunnel aber spie Gestein aus, immerzu, ohne Aufhren.

Pltzlich beobachtete die Menge, da die Materialzge seltener
einfuhren und ein wirres Durcheinander von Stimmen schwirrte auf. Dann
fuhren berhaupt keine Materialzge mehr ein und die Menge wurde noch
unruhiger. Niemand glaubte das Mrchen, da ein entgleister Zug die
Strecke blockiert habe. Alle wuten, da es tglich vorkam und die Zge
sich trotzdem in der gleichen Anzahl in den Tunnel hinabstrzten.

Nun war es Tag.

Die Zeitungen New Yorks machten bereits mit der Katastrophe Geschfte:
Der Ozean in den Tunnel eingebrochen! 10000 Tote!

       *       *       *       *       *

Kalt, blinkend, kam das Licht bers Meer her. Die elektrischen Lampen
erloschen mit einem Schlage. Nur weit drauen auf dem Kai, wo pltzlich
der Qualm der Dampferschornsteine sichtbar wurde, drehte sich noch das
Blinkfeuer, als habe man vergessen, es abzustellen. Nach einer Weile
erlosch es auch. Schrecklich nchtern lag die blitzende Mrchenstadt
pltzlich da: mit ihrem kalten Schienennetz, ihrem Meer von Zgen,
Kabelmasten und vereinzelten hohen Husern, ber die sich graue Wolken
schleppten. Die Gesichter sahen alle gelb und bernchtig aus,
erstarrt und blaugefroren, denn vom Meer kam mit dem kalten Licht ein
eisiger Luftstrom und kalter Sprhregen. Die Weiber schickten ihre
Kinder nach Hause, Rcke, Tcher, Decken zu holen. Sie selbst aber
rhrten sich nicht von der Stelle!

Die Gesteinszge, die von jetzt an heraufflogen, waren alle mit
Mannschaften besetzt. Ja sogar die erst vor kurzer Zeit eingefahrenen
Material- und Arbeiterzge kamen wieder zurck.

Die Erregung wuchs und wuchs.

Aber alle Mannschaften, die heraufkamen, waren vllig im unklaren ber
die Ausdehnung der Katastrophe. Sie waren nur ausgefahren, weil alle
hinter ihnen ausfuhren.

Und wieder starrten die Weiber voller Unruhe und schrecklicher Angst
auf die zwei kleinen schwarzen Lcher da unten, die in die Hhe
blickten wie zwei heimtckische zerfressene Augen, aus denen das Unheil
und das Grauen selbst starrte.

Gegen neun Uhr kamen die ersten Zge, auf denen _Mann neben Mann_ sa,
die alle erregt gestikulierten, bevor nur der Zug hielt. Sie kamen aus
dem Innern des Tunnels, wohin die Panik gerade ihre ersten Schrecken
geworfen hatte. Sie schrien und heulten: Der Tunnel _brennt_!

Ein ungeheures Geschrei und Geheul stieg empor. Die Menge wlzte sich
vorwrts, hin und her.

Da erschien Harriman auf einem Waggon und schwenkte den Hut und schrie.
Im Morgenlicht sah er wie ein Leichnam aus, fahl, ohne Blut, und
jedermann fhrte sein Aussehen auf das Unglck zurck.

Harriman! Ruhe, er will reden!

Ich schwre, da ich die Wahrheit spreche! schrie Harriman, als sich
die Menge beruhigt hatte, und dicke Dunstwolken stieen bei jedem Wort
aus seinem Mund hervor. Es ist ein Unsinn, da der Tunnel brennt!
Beton und Eisen kann nicht brennen. Infolge der Explosion sind ein paar
lausige Pfosten hinter der Bohrmaschine in Brand geraten und daraufhin
ist eine _Panik_ entstanden. Unsere Ingenieure sind schon bei der
Arbeit zu lschen! Ihr braucht nicht --

Aber man lie Harriman nicht ausreden. Ein wildes Pfeifen und Schreien
unterbrach ihn und die Weiber hoben Steine auf. Harriman sprang vom
Waggon und kehrte in die Station zurck. Er sank kraftlos in einen
Stuhl.

Er fhlte, da alles verloren sei und nur Allan allein eine Katastrophe
hier oben verhindern konnte.

Allan aber konnte nicht vor dem Abend hier sein!

Der nchterne, kalte Stationssaal war voll von Ingenieuren, rzten
und Beamten, die herbeigeeilt waren, um sich zur Hilfeleistung
bereitzuhalten.

Harriman hatte einen Liter schwarzen Kaffees getrunken, um die Wirkung
der Schlafpulver aufzuheben. Er hatte sich bergeben und war zweimal
ohnmchtig geworden.

Ja, was sollte er tun? Das einzig Vernnftige, was er gehrt hatte, war
eine Botschaft Brmanns, von einem Ingenieur in Brmanns Namen von der
sechzehnten Station aus telephoniert.

Nach Brmanns Ansicht seien die Pfosten im verzimmerten Stollen
infolge der Hitze von selbst in Brand geraten und das Feuer habe die
Sprenghlsen zur Explosion gebracht. Das war vernnftig, aber dann
konnte doch die Detonation nicht so heftig gewesen sein, da man sie
bis zur zwlften Station hrte?

Harriman hatte Rettungszge hineingeschickt, aber sie waren
zurckgekommen, da die Zge aller _vier_ Gleise nach auswrts liefen
und sie zurckpreten.

Harriman hatte dreiig Minuten nach vier Uhr an Allan telegraphiert,
den die Depesche im Schlafwagen New York-Buffalo erreichte. Allan
hatte geantwortet, da er mit einem Extrazug zurckeilen werde.
Eine Explosion sei ausgeschlossen, da die Sprengstoffe im Feuer nur
verbrannten. In der Maschine selbst sei die Menge der Sprengstoffe auch
uerst gering. Rettungszge! Alle Stationen mit Ingenieuren besetzen!
Den brennenden Stollen unter Wasser setzen!

Allan hatte gut reden. Es war ja gar nicht mglich, vorlufig einen
einzigen Zug in den Tunnel zu bringen, obgleich Harriman augenblicklich
die regulre Ableitung der Zge auf die nach auen fhrenden Geleise
angeordnet hatte.

Niemand telephonierte mehr, nur in der fnfzehnten, sechzehnten und
achtzehnten Station waren noch Ingenieure, die angaben, da alle Zge
vorbei seien.

Die Geleise wurden aber nach einiger Zeit frei und Harrimann sandte
vier Rettungszge hintereinander in den Tunnel.

Die Menge lie die Zge finster passieren.

Einzelne Weiber stieen gemeine Schimpfworte gegen die Ingenieure aus.
Die Stimmung wurde von Minute zu Minute erregter. Dann aber, gegen zehn
Uhr, kamen die ersten Zge mit Arbeitern aus dem Fegfeuer an.

Nun bestand kein Zweifel mehr, da die Katastrophe schrecklicher war,
als jemand htte ahnen knnen.

Immer mehr Zge kamen und nun kamen Mannschaften, die schrien: Alles
in den letzten dreiig Kilometern ist tot!!




4.


Die Mnner mit den beschmutzten gelben Gesichtern, die aus dem Tunnel
kamen, wurden umringt und mit tausend Fragen bestrmt, die sie nicht
beantworten konnten. Hundertmal muten sie erzhlen, was sie von dem
Unglck wuten, und es war doch mit zehn Worten zu sagen. Frauen, die
ihren Gatten fanden, warfen sich ihm an den Hals und zeigten ihre
Freude ganz offen den andern, die noch in entsetzlicher Ungewiheit
schwebten. Die Angst irrte in ihren Zgen, sie wiederholten hundertmal
die Frage, ob man ihren Mann nicht gesehen habe, sie weinten still,
sie liefen hin und her und schrien und stieen Verwnschungen aus, und
wieder standen sie still und starrten die Trasse hinab, bis sie die
Angst von neuem umhertrieb.

Man hoffte noch immer; denn da alle in den letzten dreiig Kilometern
tot waren, hatte sich schon als bertreibung herausgestellt.

Endlich kam auch jener Zug herauf, dessen Abfahrt Ingenieur Brmann so
lange verhindert hatte, bis man ihn niederscho. Dieser Zug brachte den
ersten Toten mit, einen Italiener. Aber dieser Italiener hatte nicht
bei der Katastrophe sein Leben eingebt. Er hatte mit einem Landsmann,
einem ~amico~, ein verzweifeltes Messergefecht um einen Platz auf einem
Waggon gefhrt und den Landsmann niedergestochen. Der strzende ~amico~
hatte ihm den Leib aufgeschlitzt und auf der Ausfahrt war er gestorben.
Immerhin war er der erste Tote. Der Photograph der Edison Bio kurbelte.

Als der Tote in das Stationsgebude getragen wurde, ereignete sich eine
seelische Explosion in der Menge! Die Wut flammte auf! Und pltzlich
schrien alle (genau wie die Leute im Tunnel): Wo ist Mac? Mac mu
bezahlen! Da bahnte sich eine hysterisch schreiende Frau den Weg durch
die Weiber und rannte dem Toten nach, whrend sie sich die Haare in
Bscheln ausri und den Bettkittel zerfetzte.

Csare! Csare --! Ja, es war Csare.

Als die erregten Arbeiterhorden des Brmannschen Zuges (zumeist
Italiener und Neger) aber erklrten, da kein Zug mehr kme -- wurde es
ganz still ...

Kein Zug mehr?

Wir sind die letzten!

Was seid ihr?

Die letzten!! Wir sind die letzten!

Es war, als sei ein Hagel von Karttschen ber die Menge
niedergegangen. Alle strzten hin und her, sinnlos, verstrt, die Hnde
an den Schlfen, als seien sie in den Kopf getroffen.

Die letzten!! Sie sind die letzten!!

Weiber fielen zu Boden und jammerten, Kinder weinten; bei andern
flammte aber sofort die Rachgier auf. Und pltzlich setzte sich die
ganze ungeheure Menge in Bewegung und eine Wolke von Geschrei und Lrm
zog ber ihr her.

Ein dunkelhutiger viereckiger Pole mit martialischem Schnurrbart stieg
auf einen Steinblock und brllte: Mac hat sie in einer Mausefalle
gefangen -- in einer Mausefalle -- Rache fr die Kameraden!

Der Haufe tobte. In jeder Hand befand sich pltzlich ein Stein, die
Waffe des Volkes, und Steine gab es hier genug. (Einer der Grnde,
weshalb man in Grostdten gerne asphaltierte Straen anlegt!)

In den nchsten drei Sekunden war kein Fenster des Stationsgebudes
mehr ganz.

Heraus mit Harriman!

Aber Harriman lie sich nicht mehr sehen.

Er hatte nach der Miliz telephoniert, denn die paar Polizisten der
Tunnelstadt waren machtlos. Nun sa er bleich und keuchend in einer
Ecke und vermochte nicht mehr zu denken.

Man stie Schmhungen gegen ihn aus und machte Miene, das Haus zu
strmen. Da aber hatte der Pole einen anderen Vorschlag: Die Ingenieure
alle zusammen waren ja schuld! Man sollte ihnen die Huser ber dem
Kopfe anznden und ihre Weiber und Kinder verbrennen!

Tausende, Tausende sind tot!

Alle mssen sie hin werden! schrie die Italienerin, deren Mann
erstochen worden war. Alle! Rache fr Csare! Und sie rannte voran,
eine Furie aus Kleiderfetzen und zerzausten Haaren.

Die Menge wlzte sich ber das Schuttfeld in den grauen Regen hinein,
umheult von wirrem Lrm. Die Gatten, die Ernhrer, die Vter tot --
Not, Elend! Rache! Aus dem Lrm klangen Fetzen von Gesang, Rotten
sangen an verschiedenen Stellen gleichzeitig die Marseillaise, die
Internationale, die Union-Hymne. Tot, tot, Tausende tot!

Eine blinde Wut zu zerstren, niederzureien und zu tten war in
dem erregten Volkshaufen entflammt. Geleise wurden aufgerissen,
Telegraphenstangen niedergemht, die Wchterhuser weggefegt. Sobald es
krachte und splitterte, brandete ein wilder Jubel empor. Die Polizisten
wurden mit Steinblcken bombardiert und ausgepfiffen. Es schien, als
htten alle in der Wut pltzlich ihren Schmerz vergessen.

Voran aber strmten die wildesten Rotten, wildgewordene fanatische
Weiber, den Villen und Landhusern der Ingenieure entgegen.

Zu dieser Zeit aber ging das verzweifelte Rennen unter dem Meer weiter.
Alle, die das strzende Gestein, Feuer und Rauch am Leben gelassen
hatten, rannten unaufhrlich vorwrts, vor den Zehen des Todes her,
der seinen beizenden Atem vorausschickte. Einzelne Wanderer gab es da
drinnen, die zhneklappernd, mit gestrubten Haaren vorwrtsstolperten,
Paare, die schrien und weinten, Horden, die mit pfeifenden Lungen
hintereinander herkeuchten, Verwundete, Krppel, die um Barmherzigkeit
bittend am Boden lagen. Manche blieben stehen, gelhmt von der
Angst, da niemand diese ungeheure Strecke zu Fu zurcklegen knne.
Manche gaben es auf. Sie legten sich hin, um zu sterben. Es gab aber
gute Lufer, die ihre Schenkel wie Pferde schwangen und die andern
berholten, beneidet, verflucht von den Erschpften, deren Knie wankten.

Die Rettungszge lieen die Glocken gellen, um zu signalisieren, da
sie kmen. Aus der Dunkelheit strzten Menschen auf sie zu, schluchzend
vor Erregung, gerettet zu sein. Da der Zug aber in den Tunnel
_hineinfuhr_, so wurden sie nach einer Weile von der Angst geschttelt
und sprangen ab, um den zweiten Zug zu Fu zu erreichen, der, wie man
ihnen sagte, fnf Meilen entfernt wartete.

Der Rettungszug kam nur langsam vorwrts. Denn die entsetzten
Mannschaften der letzten ausfahrenden Zge hatten, um Platz in den
Waggons zu gewinnen, viel Gestein hinausgeworfen, so da die Strecke
erst freigelegt werden mute. Und dann kam der Rauch! Er tzte,
beizte, das Atmen wurde schwer. Aber der Zug fuhr vorwrts, bis die
Scheinwerfer die Mauer von Qualm nicht mehr zu durchdringen vermochten.
Auf diesem Rettungszug befanden sich khne Ingenieure, die ihr Leben
in die Schanze schlugen. Sie sprangen vom Zug, eilten mit Rauchmasken
versehen weiter in den verqualmten Stollen hinein und schwangen
Glocken. In der Tat gelang es ihnen, kleine erschpfte Truppe, die
schon jede Hoffnung aufgegeben hatten, zu der letzten Anstrengung, noch
tausend Meter bis zum Zug zurckzulegen, anzupeitschen.

Dann mute auch dieser Zug weichen. Eine ganze Anzahl dieser Ingenieure
erkrankte an Rauchvergiftung und zwei starben ber Tag im Hospital.




5.


Maud schlief an diesem Tag sehr lange. Sie hatte eine verreiste
Pflegerin im Hospital vertreten und war erst um zwei Uhr zur Ruhe
gegangen. Als sie erwachte, sa die kleine Edith schon aufrecht in
ihrem Bettchen und flocht, um sich die Zeit zu vertreiben, ihr hbsches
blondes Haar zu dnnen Zpfchen.

Kaum hatten sie zu plaudern begonnen, als die Dienerin eintrat und
Maud ein Telegramm berreichte. Im Tunnel habe sich ein groes Unglck
ereignet, sagte sie mit unruhigen Augen.

Warum bringen Sie mir das Telegramm erst jetzt? fragte Maud etwas
unwillig.

Der Herr hat mir telegraphiert, Sie ausschlafen zu lassen.

Das Telegramm war von Allan unterwegs aufgegeben worden. Es lautete:
Katastrophe im Tunnel. Haus nicht verlassen. Ich komme gegen sechs Uhr
abends.

Maud erbleichte. Hobby! dachte sie. Ihr erster Gedanke galt ihm. Er war
nach dem Abendessen in den Tunnel eingefahren; heiter und scherzend
hatte er sich von ihr verabschiedet ...

Was ist, Mami?

Es ist ein Unglck im Tunnel geschehen, Edith.

Sind viele Menschen tot? fragte die Kleine leichthin, mit singender
Stimme, mit schnen kindlichen Gesten die Zpfchen flechtend.

Maud antwortete nicht. Sie blickte vor sich hin. War er um diese Zeit
tief drinnen in den Stollen gewesen?

Da schlang Edith die Arme um ihren Nacken und sagte trstend:

Du brauchst nicht traurig zu sein. Papa ist ja in Buffalo!

Und Edith lachte, um Maud zu berzeugen, da Papa in Sicherheit war.

Maud schlpfte in den Bademantel und telephonierte in das Zentralbro.
Erst nach geraumer Zeit bekam sie Anschlu. Aber sie wuten nichts oder
wollten nichts wissen. Hobby? Nein, von Mr. Hobby sei keine Nachricht
da.

Trnen traten in Mauds Augen, rasche Trnen, die niemand sehen durfte.
Beunruhigt und aufgeregt nahm sie mit Edith das Bad. Dieses Vergngen
genossen sie jeden Morgen. Es machte Maud ebenso kindliche Freude wie
Edith, im Wasser zu pltschern, zu lachen und zu rufen im Badezimmer,
wo die Stimmen so voll und merkwrdig widerhallten, die dampfende
Brause sprhen zu lassen -- und dann wurde sie klter und klter und
die kleine Edith lachte, als ob man sie kitzle, weil es so eisig kalt
wurde. Dann kam die Morgentoilette und dann das Frhstck. Das war
Mauds schnste Stunde, die sie sich nicht nehmen lie. Edith ging nach
dem Frhstck in die Schule. Sie hatte ihr eigenes Schulzimmer mit
einer schwarzen Tafel -- so wnschte sie es -- und einer richtigen
kleinen Schulbank, denn sonst wre es ja keine Schule gewesen.

Heute machte Maud das Bad kurz und mit dem Vergngen war es nichts.
Edith versuchte die Mutter auf alle erdenkliche Art aufzuheitern und
ihre kindlichen Bemhungen rhrten Maud fast zu Trnen. Nach dem Bad
telephonierte sie wieder ins Zentralbro. Endlich gelang es ihr,
Harriman zu sprechen, und er deutete ihr an, da das Unglck leider
grer sei, als man bis jetzt angenommen habe.

Maud wurde immer unruhiger. Nun erst fiel ihr Macs merkwrdige Weisung
auf. Das Haus nicht verlassen! Weshalb? Sie verstand Mac nicht.
Sie ging durch die Grten ins Hospital hinber und unterhielt sich
flsternd mit den diensttuenden Pflegerinnen. Auch hier Unruhe und
Bestrzung. Sie plauderte ein wenig mit ihren kleinen Kranken, aber sie
war so zerstreut, da ihr nichts Rechtes einfiel. Schlielich kehrte
sie nur unruhiger und erregter in ihr Zimmer zurck.

Warum soll ich das Haus nicht verlassen? dachte sie. Es ist nicht
recht von Mac, mir das Ausgehen zu verbieten!

Sie versuchte es wieder mit dem Telephonieren, aber ohne Erfolg.

Dann nahm sie ein Tuch. Ich will nachsehen, sagte sie halblaut zu
sich. Mac kann sagen, was er will. Warum soll ich zu Hause bleiben?
Gerade jetzt! Die Frauen werden in Angst sein und brauchen gerade jetzt
jemand, der ihnen zuredet.

Aber sie legte das Tuch wieder weg. Sie holte Macs Telegramm aus dem
Schlafzimmer und las es zum hundertstenmal.

Ja, warum denn? Warum denn eigentlich?

War die Katastrophe so gro?

Ja, aber gerade dann durfte sie unmglich zurckstehen! Es war ihre
Pflicht, den Frauen und Kindern beizuspringen. Sie wurde geradezu
zornig ber Mac und entschlo sich zu gehen. Sie wollte wissen, was
eigentlich geschehen war. Aber doch zgerte sie noch immer, Macs
sonderbare Weisung zu verletzen. Und dann war eine geheime Angst in
ihr, sie wute nicht warum. Endlich schlpfte sie entschlossen in den
gelben Gummimantel und band das Tuch bers Haar.

Sie ging.

Aber an der Tre berkam sie pltzlich ein unerklrliches Angstgefhl,
da sie heute, gerade heute, die kleine Edith nicht allein lassen
drfe. Ach, dieser Mac, all das hatte er angestiftet mit seiner dummen
Depesche!

Nun holte sie Edith aus der Schule, hllte sie in ein Cape und
stlpte der vergngten Kleinen die Kapuze ber das blonde Haar.

Ich komme in einer Stunde wieder! sagte Maud und sie gingen.

ber den nassen Gartenweg hpfte ein Frosch und Maud erschrak, da sie
beinahe auf ihn getreten wre.

Edith jauchzte. Hui, der kleine Frosch, Mama! Wie na er ist! Warum
geht er aus, wenn es regnet?

Der Tag war elend, mimutig und hlich.

Auf der Strae wurde der Wind heftiger, es blies und der Regen stob
schrg und kalt herab. Und gestern war es noch so hei, dachte Maud.
Edith amsierte es, mit groen Schritten ber die Pftzen wegzustapfen.
Nach wenigen Minuten sahen sie die Tunnelstadt liegen; mit ihren
Brohusern, Schlten und dem Wald von Kabelmasten lag sie grau und de
im Regen und Schmutz. Es fiel Maud sofort auf, da keine Gesteinszge
liefen! Seit Jahren war es das erstemal! Aber die Schlte qualmten wie
immer.

Es ist ja gar nicht wahrscheinlich, da er gerade am Ort der
Katastrophe war, dachte sie. Der Tunnel ist so gro! Trotzdem aber
irrten wirre und drohende Gedanken in ihr.

Pltzlich blieb sie stehen.

Horch! sagte sie. Edith lauschte und sah dabei zur Mutter empor.

Ein Gewirr von Stimmen drang hierher. Und nun sahen sie auch Leute,
eine graue tausendkpfige Menge, die sich bewegte. Es war aber im Dunst
gar nicht zu erkennen, welche Richtung sie nahmen.

Warum schreien die Leute? fragte Edith.

Sie sind wegen des Unglcks beunruhigt, Edith. Wenn die Vter all der
kleinen Kinder in Gefahr sind, so sind die Frauen natrlich in groer
Sorge.

Edith nickte und nach einer Weile sagte sie: Es ist wohl ein _groes_
Unglck, Mama?

Maud schauerte zusammen.

Ich glaube, ja, antwortete sie, in Gedanken. Es mu ein groes
Unglck sein! Wir wollen rascher gehen, Edith. Maud schritt aus, sie
wollte -- ja, was wollte sie? Sie wollte handeln ...

Pltzlich sah sie einigermaen erstaunt, da die Leute nher kamen! Das
Geschrei wurde lauter. Sie sah auch, da eine Telegraphenstange, die im
Augenblick noch aufrecht gestanden hatte, umsank und verschwand. Die
Drhte ber ihr zitterten.

Sie achtete nicht mehr auf Ediths lebhafte Fragen, sondern eilte rasch
und erregt vorwrts. Was taten sie? Was war geschehen? Ihr wurde ganz
hei im Kopf und einen Augenblick dachte sie daran, umzukehren und sich
ins Haus einzuschlieen, wie Mac ihr befohlen hatte.

Aber es erschien ihr feige, unglckliche Menschen zu fliehen aus Angst
vor dem Anblick fremden Unglcks. Wenn sie auch nicht viel ntzen
konnte, so konnte sie doch gewi etwas tun. Und alle kannten sie ja,
die Weiber und die Mnner und grten sie und erwiesen ihr kleine
Dienste, wo immer sie erschien! Und Mac? Was wrde Mac getan haben,
wenn er hier wre? Mitten unter ihnen wrde er stehen ...! dachte Maud.

Die Menge wlzte sich heran.

Weshalb schreien sie denn nur so? fragte Edith, die ngstlich zu
werden begann. Und warum singen sie, Mama?

Ja, in der Tat, sie sangen! Ein heulender, wirrer Gesang kam mit
ihnen nher. Schreie und Rufe drangen daraus hervor. Es war ein
ganzes _Heer_, verstreut ber das graue Schuttfeld, Kopf an Kopf. Und
Maud sah, da eine Rotte eine kleine Feldlokomotive mit Steinwrfen
demolierte.

Mama --?

Was war das? Ich htte nicht ausgehen sollen, dachte Maud und blieb
erschrocken stehen. Nun aber war es zu spt umzukehren ...

Man hatte sie entdeckt. Sie sah, da die vorderen die Arme gegen sie
reckten und pltzlich ihren Weg verlieen und auf sie zukamen. Zu ihrem
Schrecken bemerkte sie, da sie liefen und rannten. Aber sie fate
wieder Mut, als sie sah, da es meistens Frauen waren. Es sind ja nur
Frauen ...

Sie ging ihnen entgegen, pltzlich von grenzenlosem Mitleid fr diese
Armen erfllt. Oh, Gott, es mute etwas Grauenhaftes geschehen sein!

Der erste Trupp der Weiber keuchte heran.

Was ist denn geschehen? rief Maud und ihre Anteilnahme war
ungeheuchelt. Aber Maud erbleichte, als sie die Gesichter der Frauen
sah. Sie sahen alle irrsinnig aus, verstrt, triefend vom Regen, nur
halb angekleidet, und ein wildes Feuer brannte in all den hundert Augen.

Man hrte sie nicht. Man antwortete ihr nicht. Die verzerrten Muler
heulten triumphierend und schrill.

Alle sind tot! gellten ihr Stimmen entgegen, in allen Tonarten, in
allen Sprachen. Und pltzlich schrie eine Frauenstimme: Das ist Macs
Weib, schlagt sie tot!

Und Maud sah -- sie traute ihren Augen nicht -- da ein zerlumptes Weib
mit zerfetztem Kittel und vor Wut schielenden Augen einen Stein aufhob.
Der Stein schwirrte durch die Luft und streifte ihren Arm.

Sie zog instinktiv die kleine, blasse Edith an sich und richtete sich
auf.

Was hat euch denn Mac getan? rief sie und ihre Augen irrten voller
Angst umher. Niemand hrte sie.

Die Rasenden hatten sie erkannt, das ganze wilde Heer von tobenden
Menschen. Ein Geheul, das wie ein einziger Schrei klang, brandete
empor. Steine schwirrten pltzlich von allen Seiten durch die Luft und
Maud zuckte zusammen und zitterte am ganzen Krper. Nun sah sie, da
es Ernst war! Sie wandte sich um, aber berall waren sie, alle in zehn
Schritt Abstand, sie war umzingelt. Und in all den Augen, in die ihr
irrender entsetzter Blick hilfesuchend tauchte, brannte dieselbe Glut:
Ha und Wahnsinn. Maud begann zu beten und der kalte Schwei schlug aus
ihrer Stirn: Mein Gott -- mein Gott -- beschtze mein Kind!

Unaufhrlich aber gellte eine Weiberstimme, wie ein schrilles Signal:
Schlagt sie tot! Mac soll bezahlen!

Da traf ein Steinblock Ediths Brust, so heftig, da sie wankte.

Die kleine Edith schrie nicht. Nur ihre kleine Hand zuckte in Mauds
Hand und sie sah erschrocken zur Mutter empor, mit verwunderten Augen.

O Gott, was tut ihr? schrie Maud und kauerte sich nieder und
umschlang Edith. Und die Trnen strzten ihr vor Angst und Verzweiflung
aus den Augen.

Mac soll bezahlen!

Mac soll wissen, wie es tut!

Ho! Ho! O, all diese rasenden Krper und unbarmherzigen Augen. Und die
Hnde schwangen Steine ...

Wre Maud feige gewesen, htte sie sich in die Knie geworfen und die
Hnde ausgestreckt, vielleicht htte sie im letzten Augenblick noch in
diesen rasenden Menschen ein menschliches Gefhl entfachen knnen. Aber
Maud, die kleine sentimentale Maud, wurde pltzlich mutig! Sie sah, da
Edith aus dem Mund blutete und totenbleich geworden war, die Steine
hagelten, aber sie flehte nicht um Gnade.

Sie richtete sich pltzlich rasend auf, ihr Kind an sich gezogen, und
schrie mit funkelnden Augen in all diese haerfllten Gesichter hinein:
Ihr seid Tiere! Gesindel seid ihr, schmutziges Gesindel! Wenn ich
meinen Revolver htte -- niederschieen wrde ich euch, wie Hunde! O,
ihr Tiere! Ihr feigen, gemeinen Tiere!

Da traf Maud ein mit groer Wucht geschleuderter Stein an die Schlfe
und sie strzte, mit den Hnden ausgreifend, ohne Laut ber Edith
hinweg zu Boden. Maud war klein und leicht, aber es klang, als sei ein
Pfahl niedergestrzt und das Wasser spritzte empor.

Ein wildes Triumphgeheul erscholl. Schreie, Gelchter, wirre Rufe: Mac
soll bezahlen! Ja bezahlen soll er, am eigenen Leibe soll er fhlen --
in der Falle fing er sie -- Tausende --

Nun aber wurde kein Stein mehr geschleudert! Die rasende Menge zog
pltzlich weiter. Lat sie liegen, sie werden schon von selbst
aufstehen! Nur die fanatische Italienerin beugte sich noch mit ihren
entblten hngenden Brsten ber die am Boden Liegenden und spie
nach ihnen. Und nun die Huser der Ingenieure! Fort, vorwrts! Alle
sollten sie daran glauben! Aber die Wut war nach dem berfall auf Maud
abgekhlt. Alle hatten das dumpfe Gefhl, da hier etwas geschehen
sei, das nicht in Ordnung war. Truppe lsten sich ab und verstreuten
sich ber das Schuttfeld. Hunderte blieben unauffllig zurck und
stolperten quer ber die Schienen. Als die wtende Kopfgruppe, von der
Italienerin angefhrt, die Villen der Ingenieure erreichte, war sie so
zusammengeschmolzen, da ein einziger Polizist sie in Schach halten
konnte.

Sie zerstreute sich nach und nach.

Und nun brach wieder der Schmerz aus, das Elend, die Verzweiflung.
berall liefen Frauen, die in die Schrze weinten. Im Regen liefen sie,
im Wind, sie stolperten und achteten nicht auf den Boden.

       *       *       *       *       *

Alle hatten sich rasend, grausam und schadenfroh, fortgerissen von
einem dunkeln Massenwahnsinn, von Maud und Edith entfernt und die
beiden lagen eine lange Zeit im Regen, mitten im Schuttfeld, von
niemand beachtet.

Dann kam ein kleines Mdchen von zwlf Jahren mit herabhngenden roten
Strmpfen zu ihnen. Sie hatte mit angesehen, wie man Macs wife mit
Steinen beworfen hatte. Sie kannte Maud, denn sie war im vorigen Jahr
lange Wochen im Hospital gelegen.

Dieses Mdchen wurde von einem schlichten menschlichen Impuls
hierhergetrieben. Da stand sie nun mit ihren herabhngenden Strmpfen
und wagte sich nicht heran. In einiger Entfernung standen ein paar
Frauen und Mnner, die sich ebenfalls nicht heranwagten. Endlich ging
das Mdchen etwas nher, bleich vor Angst und da hrte sie ein leises
Wimmern.

Sie wich erschrocken zurck und begann pltzlich rasch zu laufen.

Das Hospital lag wie ausgestorben im rieselnden Regen und das Mdchen
wagte nicht zu klingeln. Erst als jemand aus der Tre kam, eine
Aufwrterin, trat das Mdchen ans Gitter und sagte, in die Richtung der
Station deutend: Sie liegen da drben!

Wer liegt da drben?

~Macs wife and his little girl!~

Drunten in den Stollen liefen sie aber zu dieser Zeit immer noch ...




6.


Allan erfuhr bei seiner Ankunft in New York durch eine Depesche
Harrimans, da Maud und Edith vom Pbel attackiert worden seien. Nicht
mehr. Harriman besa weder den Mut noch die Grausamkeit, Allan die
ganze schreckliche Wahrheit zu sagen: da Maud tot war und sein Kind im
Sterben lag.

Als der Abend dieses entsetzlichen Tages dmmerte, kam Allan im
Automobil von New York an. Er steuerte selbst, wie immer, wenn er eine
auerordentliche Geschwindigkeit fuhr.

Sein Wagen flog in einem Hllentempo mitten durch die unabsehbare Menge
von Weibern, Tunnelmnnern, Journalisten und Neugierigen, die ihre
Regenschirme aufgespannt hatten, zum Stationsgebude. Jedermann kannte
seinen schweren, staubgrauen Car und das Knarren seiner Hupe.

Im Augenblick war der Car von einer erregten Menge umringt. Da ist
Mac! schrien sie. Da ist er! Mac! Mac!

Aber als Allan sich erhob, schwiegen sie pltzlich still. Der Nimbus,
der seine Person umgab, dieser Nimbus aus Karriere, Genie, Kraft
erblate auch jetzt nicht und flte der Menge Scheu und Achtung ein.
Ja, nie erschien ihnen Allan achtunggebietender als in dieser Stunde,
da ihn das Schicksal zerschmetterte. Und doch hatten sie, als sie da
drinnen im Rauch um ihr Leben liefen, geschworen, ihn niederzuschlagen,
wo sie ihn auch trfen.

Macht Platz! schrie Allan mit lauter Stimme. Es ist ein Unglck
geschehen, das bedauern wir alle! Wir werden retten, was zu retten ist!

Nun aber schwirrten von allen Seiten Stimmen auf. Es waren die gleichen
Ausrufe, die man schon seit heute morgen ausstie. Du bist schuld ...
Tausende sind tot ... in einer Falle hast du sie gefangen ...

Allan blieb ruhig, den Fu auf dem Trittbrett. Mit einem ungehaltenen,
khlen Blick begegnete er den erregten Stimmen, whrend sich sein
breites Gesicht verfinsterte. Pltzlich aber -- als er die Lippen
ffnete zu einer Erwiderung -- zuckte er zusammen. Ein Ruf hatte sein
Ohr getroffen, der hhnische Wutschrei einer Frau, und dieser Schrei
schnitt durch seinen ganzen Krper und er hrte die anderen Stimmen gar
nicht mehr. Nur diesen einen gleichen Schrei, der wieder und wieder
unerbittlich und furchtbar an sein Ohr hmmerte:

Sie haben deine Frau und dein Kind erschlagen ...

Allan wuchs, streckte sich, als wolle er weiter sehen, sein Kopf
machte eine hilflose Drehung auf den breiten Schultern, sein dunkles
Gesicht wurde pltzlich fahl und sein gesammelter Blick zerrann in den
Augen und flackerte entsetzt. In allen Augen ringsum las er, da diese
schreckliche Stimme die Wahrheit sagte. Alle Augen schrien ihm das
Entsetzliche zu.

Da verlor Allan die Herrschaft ber sich. Er war der Sohn eines
Bergmanns, ein Arbeiter wie sie alle, und sein erstes Gefhl war nicht
Schmerz, sondern Wut.

Er warf den Chauffeur zur Seite und lie den Wagen anspringen, bevor er
noch hinter dem Steuerrad sa. Der Car strzte sich mitten in die Menge
hinein, die sich schreiend und entsetzt zur Seite warf.

Dann sahen sie ihm nach, wie er in die regengraue Dmmerung hineinscho.

Da hat er es nun! schrien hhnende Stimmen durcheinander. Nun wei
er, wie es tut!

Einzelne dagegen schttelten den Kopf und sagten: Es war nicht recht
-- eine Frau, ein kleines Kind ...

Die rasende Italienerin aber schrie hhnend und gellend: Ich habe die
ersten Steine geworfen. Ich! Ich habe sie an die Stirn getroffen! Ja,
hin muten sie werden.

Ihn httet ihr erschlagen sollen! Mac! Mac ist schuld! Aber seine
Frau? Sie war ja ein so gutes Mdchen!

Erschlagt Mac! schrie die Italienerin, nach Luft ringend, im hchsten
Diskant ihres schlechten Englisch. ~Kill him!~ Schlagt ihn tot wie
einen Hund!

Das Haus lag verlassen in der elenden Dmmerung. Allan sah es an und
wute genug. Whrend er ber den knirschenden Kiesweg des Vorgartens
schritt, drngte sich ihm ein Erlebnis in den Sinn, das er vor Jahren,
beim Bau der Bolivia-Anden-Bahn, gehabt hatte. Damals bewohnte er mit
einem Freund eine Baracke zusammen und diesen Freund hatten Streikende
erschossen. Er, Allan, kam ahnungslos von der Arbeit zurck, aber ganz
rtselhafterweise machte die Baracke, in der der ermordete Freund lag,
einen fremden, unerklrlich vernderten Eindruck auf ihn. Die gleiche
Atmosphre umlagerte sein Haus.

Im Vestibl roch es nach Karbol und ther. Als er Ediths weien kleinen
Pelzmantel hngen sah, wurde es pltzlich dunkel vor seinen Augen und
er wre fast zusammengebrochen. Da hrte er eine Dienerin schluchzend
rufen: Der Herr -- der Herr --! und bei dem Klang des Schmerzes und
hilflosen Jammers dieser fremden Stimme fate er sich wieder. Er trat
in das halbfinstere Wohnzimmer, wo ihm ein Arzt entgegenkam.

Herr Allan --!

Ich bin vorbereitet, Doktor, sagte Allan halblaut, aber mit solch
ruhiger, alltglicher Stimme, da ihm der Arzt mit einem raschen Blick
verwundert in die Augen sah. Auch das Kind, Doktor?

Ich befrchte, es ist nicht zu retten. Die Lunge ist verletzt.

Allan nickte stumm und ging zur Treppe. Es war ihm, als wirbele
das helle klingende Gelchter seines kleinen Mdchens durch das
Stiegenhaus. Oben stand eine Schwester, an Mauds Schlafzimmer, und gab
Allan ein Zeichen.

Er trat ein. Es brannte nur eine Kerze im Zimmer. Maud lag auf dem
Bett, langgestreckt, sonderbar flach, wchsern, starr. Ihr Antlitz war
schn und friedevoll, aber es schien, als ob eine kleine, demtige
und bescheidene Frage in ihren blutleeren Zgen stehen geblieben sei,
ein leises Erstaunen auf ihren halb geffneten fahlen Lippen. Der
Spalt ihrer geschlossenen Augen glnzte feucht, wie von einer letzten
kleinen Trne, die zerflossen war. Nie in seinem Leben verga Allan
dieses feuchte Glnzen unter Mauds fahlen Lidern. Er weinte nicht, er
schluchzte nicht, er sa mit offenem Mund neben ihrem letzten Lager und
sah Maud an. Das Unbegreifliche hatte seine Seele gelhmt. Er dachte
nichts. Aber die Gedanken gingen bla und wirr in seinem Kopfe hin und
her, er achtete ihrer nicht. Das war sie, seine kleine Madonna. Er
hatte sie geliebt, er hatte sie aus Liebe geheiratet. Er hatte ihr, die
aus einfachen Verhltnissen herauskam, ein glnzendes Leben geschaffen.
Er hatte sie behtet und ihr tglich gesagt, auf die Automobile acht
zu geben. Er hatte immer Angst um sie gehabt, ohne es ihr je zu sagen.
Er hatte sie in den letzten Jahren vernachlssigt, weil ihn die Arbeit
verschlang. Aber er hatte sie deshalb nicht weniger geliebt. Sein
kleiner Narr, seine gute, se Maud, das war sie nun. Verflucht sei
Gott, wenn es einen gab, verflucht sei das hirnlose Schicksal!

Er nahm Mauds kleine, runde Hand und betrachtete sie mit hohlen,
verbrannten Augen. Die Hand war kalt, aber sie mute es ja sein, denn
sie war tot, und die Klte schreckte ihn nicht. Jede Linie dieser Hand
kannte er, jeden Nagel, jedes Gelenk. ber die linke Schlfe hatte man
den braunen seidigen Scheitel tiefer gestrichen. Aber er sah durch das
Gespinst des Haares hindurch ein bluliches, unscheinbares Mal. Hier
hatte der Stein sie getroffen, dieser Stein, den er Tausende von Metern
tief unter dem Meere hatte aus dem Berge sprengen lassen. Verflucht
seien die Menschen und er selbst! Verflucht sei der Tunnel!

Ahnungslos war sie dem bsartigen Schicksal begegnet, als es blind und
weitausschreitend vor Wut des Weges kam. Warum hatte sie seine Weisung
nicht befolgt? Er hatte sie ja nur vor Schmhungen beschtzen wollen.

_Daran_ hatte er nicht gedacht! Warum war er nicht hier, gerade heute?

Allan dachte daran, da er selbst zwei Menschen niedergeschossen
hatte, als sie damals die Mine Juan Alvarez strmten. Er htte, ohne
sich zu besinnen, Hunderte niedergeschossen, um Maud zu verteidigen.
Er wre ihr ins tiefe Meer gefolgt, keine Phrase, er htte sie gegen
hunderttausend wilde Tiere verteidigt, solange er noch einen Finger
bewegen konnte. Aber er war nicht hier ...

Die Gedanken irrten in seinem Kopf, Liebkosungen und Flche, aber er
dachte gar nichts.

Da pochte es zaghaft an der Tr. Herr Allan?

Ja?

Herr Allan ... Edith ...

Er stand auf und sah nach, ob die Kerze fest im Leuchter stecke, damit
sie nicht etwa umfalle. Dann ging er zur Tr und von hier aus sah er
Maud nochmals an. In seinem Geiste sah er, wie er sich selbst ber die
geliebte Frau warf, sie umschlang, schluchzte, schrie, betete, sie um
Verzeihung bat fr jeden Augenblick, da er sie nicht glcklich gemacht
hatte -- in Wirklichkeit aber stand er an der Tr und sah sie an.

Dann ging er.

Auf dem Wege zum Sterbezimmer seines kleinen Mdchens holte er seine
letzten Krfte aus der Tiefe seines Herzens herauf. Er wappnete
sich, indem er sich alle schrecklichen Augenblicke seines Lebens ins
Gedchtnis zurckrief, all jene Unglcklichen, die das Dynamit zerfetzt
und Gesteinssplitter perforiert hatten; jenen einen, den das Schwungrad
mitnahm und an der Wand zerquetschte ... Und als er ber die Schwelle
trat, dachte er: Denke daran, wie du einst Pattersons abgeschabten
Stiefelschaft im verschtteten Flz gesprt hast ...

Er kam gerade noch recht, um die letzten erlschenden Atemzge seines
kleinen sen Engels zu erleben. rzte, Pflegerinnen und Dienstboten
standen im Zimmer umher, die Mdchen weinten und selbst die rzte
hatten Trnen in den Augen.

Aber Allan stand stumm und trocknen Auges da. Denke, im Namen der
Hlle, an Pattersons abgeschabten Stiefel, denke und schlage nicht hin
vor den Leuten.

Nach einer Ewigkeit richtete sich der Arzt am Bett auf und man hrte
ihn atmen. Allan dachte, die Leute wrden das Zimmer verlassen, aber
sie blieben alle.

Da trat er ans Bett und streichelte Ediths Haar. Wre er allein
gewesen, so htte er gerne nochmals ihren kleinen Krper in den Hnden
gefhlt, so aber wagte er nicht mehr zu tun.

Er ging.

Als er die Treppe hinabstieg, brach pltzlich lautes, jammerndes
Geschrei ber seinem Kopf zusammen, aber es war in Wahrheit ganz still
bis auf ein leises Schluchzen.

Unten stie er auf eine Pflegerin. Sie blieb stehen, da sie sah, da er
ihr etwas zu sagen wnschte.

Frulein, sagte er endlich mit groer Mhe, wer sind Sie?

Ich bin Frulein Evelin.

Frulein Evelin, fuhr Allan fort, fremd, flsternd, weich klang seine
Stimme, ich mchte Sie um einen Dienst bitten. Ich selbst will es
nicht, ich kann es nicht -- ich mchte eine kleine Strhne Haar von
meiner Frau und meinem Kind gern aufbewahren. Knnten Sie das besorgen
fr mich? Aber niemand darf es wissen. Wollen Sie mir das versprechen?

Ja, Herr Allan. Sie sah, da seine Augen voll Wasser standen.

Ich werde Ihnen mein ganzes Leben lang dankbar sein, Frulein Evelin.

Im dunklen Wohnzimmer sa in einem Sessel eine Gestalt, eine schlanke
Frau, die leise weinte und das Gesicht ins Taschentuch prete. Als
er vorbeikam, stand die Frau auf und streckte ihm die blassen Hnde
entgegen und flsterte: Allan --!

Aber er ging vorber und erst viele Tage spter fiel ihm ein, da die
Frau Ethel Lloyd gewesen war.

Allan ging in den Garten hinunter. Es schien ihm schrecklich kalt
geworden zu sein, tiefer Winter, und er wickelte sich fest in den
Mantel. Eine Weile ging er auf dem Tennisplatz hin und her, dann
schritt er zwischen nassen Bschen hinab zum Meer. Das Meer leckte
und rauschte und warf gleichmig atmend seine Gischtkrausen ber den
nassen, glatten Sand.

Allan blickte ber die Bsche und sah auf den Giebel des Hauses. Dort
lagen sie. Und er blickte nach Sdosten ber das Meer. Dort unten lagen
die andern. Dort unten lag Hobby, mit verkrampften Fingern und dem
zurckgebogenen Hals der Erstickten.

Es wurde immer klter. Ja, ein schauerlicher Frost schien vom Meer
herzukommen. Allan war ganz aus Eis. Er fror. Seine Hnde erstarrten
genau wie in grter Winterklte und sein Gesicht wurde steif. Er sah
aber ganz deutlich, da nicht einmal der Sand gefroren war, obwohl es
knisterte, als zertrete er feine Eiskristalle.

Allan ging eine Stunde im Sand auf und ab. Es wurde Nacht. Dann ging er
durch den vereisten, gefrorenen Garten hindurch und trat auf die Strae.

Andy, der Chauffeur, hatte die Lampen eingeschaltet.

Fahre mich zur Station, Andy, fahre langsam! sagte Allan, tonlos und
heiser, und stieg in den Wagen.

Andy wischte sich die Nase am rmel ab und sein Gesicht war na von
Trnen.

Allan vergrub sich in den Mantel und zog die Mtze tief ber den Kopf.
Es ist merkwrdig, dachte er, als ich von der Katastrophe hrte,
habe ich zuerst an den Tunnel gedacht und dann erst an die Menschen!
Und er ghnte. Er war so mde, da er keine Hand rhren konnte.

Die Menschenmauer stand wie vorher, denn sie wartete auf die Rckkehr
der Rettungszge.

Niemand schrie mehr. Niemand schwang die Faust. Er war ihnen ja jetzt
hnlich geworden, er trug am gleichen Schmerz. Die Leute machten von
selbst Platz, als Allan hindurchfuhr und ausstieg. Nie hatten sie einen
Menschen so bleich gesehen.




7.


Allan betrat das kalte Beratungszimmer der Station, fr gewhnlich ein
Wartsaal.

Auf den Baustellen gab es weder Zeremoniell noch Formalitten. Niemand
fiel es ein, den Hut abzunehmen oder sich irgendwie stren zu lassen.
Heute aber verstummten augenblicklich die erregten Gesprche, und jene,
die die Mdigkeit in einen Stuhl geworfen hatte, erhoben sich.

Harriman ging Allan mit verstrtem, erschpftem Gesicht entgegen.

Allan --? sagte er, lallend wie ein Betrunkener.

Aber Allan unterbrach ihn mit einer Handbewegung. Spter, Harriman.

Er lie sich aus der Kantine eine Tasse Kaffee bringen, und whrend er
den Kaffee schlrfte, hrte er den Rapport der einzelnen Ingenieure an.

Er sa mit geducktem Kopf, sprungbereit, sah niemand an und schien kaum
zuzuhren. Sein Gesicht war wie erstarrt vor Klte, farblos, die Lippen
blulich angelaufen und wei an den Rndern. Die bleigrauen Lider waren
ber die Augen gesunken, das rechte, das zuweilen nervs vibrierte,
tiefer als das linke. Seine Augen aber hatten keinen menschlichen Blick
mehr. Sie sahen aus wie Glasscherben, die bse glitzerten. Manchmal
zitterten auch seine unrasierten Wangen und seine Lippen bewegten sich,
als zerbeie er Krner zwischen den Zhnen. Bei jedem Atemzug zuckten
seine Nasenflgel, obgleich er lautlos atmete.

Es steht also fest, da Brmann erschossen wurde?

Ja.

Und von Hobby hat man nichts gehrt?

Nein. Aber man sah, da er zum Vortrieb fuhr.

Allan nickte und ffnete den Mund, als msse er ghnen. ~Go on!~

Der Tunnel war bis zum 340. Kilometer vollkommen in Ordnung und die von
Ingenieuren bedienten Maschinen im Gang. Robinson, der die Rettungszge
fhrte, hatte telephoniert, da der Rauch ein Vordringen ber den 370.
Kilometer hinaus unmglich machte. Er kehre mit 152 Geretteten zurck.

Wieviele sind demnach tot?

Nach den Kontrollmarken mssen es ungefhr 2900 sein.

Lange, tiefe Pause.

Allans blaue Lippen zuckten, als kmpfe er gegen ein krampfhaftes
Weinen. Er senkte den Kopf tiefer und schlrfte gierig den Kaffee.

Allan! schluchzte Harriman.

Aber Allan sah ihn erstaunt und khl an. ~Go on!~

Robinson habe ferner telephoniert, da Smith, der in der Station
am 352. Kilometer arbeite, behaupte, es msse tiefer drinnen eine
Luftpumpe arbeiten, die telephonische Verbindung sei aber gestrt.

Allan sah auf. Hobby? dachte er. Aber er wagte es nicht, diese
Hoffnung auszusprechen.

Dann kam Allan auf die Ereignisse ber Tag zu sprechen. Harriman
spielte keine glnzende Rolle. Mde, den schmerzenden Kopf in die Hand
gesttzt, sa er da, ohne einen Blick in den verquollenen Augen.

Als aber die Ausschreitungen und Zerstrungen errtert wurden, wandte
sich Allan mit einem pltzlichen Ruck an Harriman.

Und wo waren Sie denn, Harriman? fragte er schneidend und voller
Verachtung.

Harriman zuckte zusammen und hob die schweren Lider.

Glauben Sie mir, Allan, schrie er erregt, ich tat, was ich tun
konnte! Ich versuchte alles. Ich konnte doch nicht etwa schieen!

Das sagen _Sie_! rief Allan und seine Stimme wurde drohender. Sie
htten sich den rabiaten Leuten entgegenwerfen mssen, wenn sie Ihnen
auch ein paar Lcher in den Kopf geworfen htten. Sie haben doch Fuste
-- oder? Sie htten auch schieen knnen -- ja, zum Teufel, weshalb
nicht? Ihre Ingenieure standen da, Sie hatten nur zu befehlen.

Harriman wurde purpurrot. Sein dicker Nacken schwoll an. Der drohende
Ton Allans ging ihm ins Blut. Was reden Sie, Allan! erwiderte er
aufgebracht. Sie haben die Leute nicht gesehen, Sie waren nicht hier.

Ich war nicht hier, leider! Ich habe geglaubt, mich auf Sie verlassen
zu knnen. Ich habe mich getuscht! Sie werden alt, Harriman! _Alt_!
Ich brauche Sie nicht mehr. Gehen Sie in die Hlle!

Harriman fuhr auf und stellte die roten Fuste auf den Tisch.

Ja, gehen Sie in die Hlle! schrie Allan nochmals brutal.

Harriman wurde wei bis in die Lippen und starrte konsterniert in
Allans Augen. Diese Augen blendeten vor Verachtung, Unbarmherzigkeit
und Brutalitt. Sir! keuchte er und richtete sich tief beleidigt auf.

Da sprang auch Allan auf und pochte mit den Kncheln auf den Tisch,
da es prasselte. Verlangen Sie jetzt keine Hflichkeiten von mir,
Harriman! schrie er laut. Gehen Sie! Und Allan deutete zur Tre.

Harriman schwankte und ging. Sein Gesicht war vor Schmach grau
geworden. Es ging ihm durch den Sinn, Allan zu sagen, da sein Sohn
gestorben sei und er den ganzen Vormittag gegen eine doppelte Dosis
Schlafmittel angekmpft habe. Aber er sagte nichts. Er ging.

Wie ein alter, gebrochener Mann ging er die Treppe hinunter, die Augen
auf den Boden gerichtet. Ohne Hut.

Harriman ist geflogen! hhnten die Leute. Der Bull ist geflogen!
Aber er hrte es nicht. Er weinte leise.

Nachdem Harriman das Zimmer verlassen hatte, ging Allan noch mit fnf
Ingenieuren ins Gericht, die ihre Posten verlassen hatten und mit den
fliehenden Mannschaften ausgefahren waren. Er entlie sie auf der
Stelle.

Es blies ein verflucht scharfer Wind heute und die Ingenieure
erwiderten kein Wort.

Hierauf verlangte Allan Robinson telephonisch zu sprechen. Ein Beamter
rief die Stationen an und befahl ihnen, Robinsons Zug zu stoppen. Allan
studierte unterdessen den Plan des zerstrten Stollens. Es war so
still, da man durch die zerschlagenen Scheiben den Regen hereintropfen
hrte.

Zehn Minuten spter stand Robinson am Apparat. Allan fhrte ein langes
Gesprch mit ihm. Nichts von Hobby! Ob er, Robinson, es fr mglich
halte, da noch Leute in den verqualmten Stollen lebten? Das sei nicht
ausgeschlossen.

Allan gab seine Befehle. Nach ein paar Minuten flog ein Zug aus drei
Waggons mit Ingenieuren und rzten die Trasse hinab und verschwand im
Tunnel.

Allan fhrte selbst und der Zug raste in einem so tollen Tempo durch
den drhnenden leeren Tunnel, da Allans Begleiter, die an groe
Geschwindigkeiten gewhnt waren, unruhig wurden. Nach einer knappen
Stunde begegneten sie Robinson. Sein Zug war voller Menschen. Die Leute
auf den Waggons, die Allan Rache geschworen hatten, murrten laut, mit
finstern Mienen, als sie ihn in der Finsternis beim Schein der Lampen
erkannten.

Allan fuhr weiter. Er bog bei der nchsten Weiche auf Robinsons Geleise
ber, weil er sicher war, es frei zu finden, und verminderte sein
rasendes Tempo erst, als sie mitten im Rauch waren.

Selbst hier in den verqualmten Stationen arbeiteten Ingenieure. Sie
hatten die eisernen Schiebetren zugezogen, an denen sich der Rauch wie
ein Gebirge zusammengeballter Wolken vorberwlzte. Aber die Stationen
waren trotzdem so sehr mit Rauch angefllt, da ein lngerer Aufenthalt
nur mglich war, weil die Maschinen fortwhrend neue Luft einpreten
und gengend Sauerstoffapparate vorhanden waren. Wie fr Allan war der
Tunnel fr die Ingenieure ein Werk, fr das sie Gesundheit und Leben
einsetzten.

In der Station am 352. Kilometer trafen sie Smith, der hier mit zwei
Maschinisten die Maschinen bediente. Er wiederholte, da eine Luftpumpe
tiefer im Tunnel in Gang sein msse, und Allan dachte wieder an Hobby.
Wenn ihm das Schicksal doch wenigstens den Freund erhalten htte!

Er drang sofort tiefer in den Stollen ein. Aber der Zug kam nur langsam
vorwrts, denn hufig versperrten Steinblcke den Weg. Der Rauch war
so dick, da der Lichtkegel der Scheinwerfer wie von einer Mauer
abprallte. Nach einer halben Stunde wurde der Train von einer groen
Menge Leichen aufgehalten. Allan stieg ab und ging, die Rauchmaske vor
dem Gesicht, in den Rauch hinein. Im Augenblick war seine Blendlampe
verschwunden.

Es war vollkommen still um ihn. Kein Laut, nur das Ventil seines
Sauerstoffapparates knackte leise. Allan sthnte. Hier hrte ihn ja
niemand. Seine Brust war eine einzige tobende Wunde. Sthnend und
knirschend wie ein verwundetes Tier wanderte er vorwrts und zuweilen
wollte er zusammenbrechen unter der ungeheuren Last seines ungeheuren
Schmerzes.

Alle paar Schritte stie er auf Krper. Aber wenn er sie ableuchtete,
so waren es stets unzweifelhaft tote Menschen, die ihn anstarrten aus
grlich verzerrten Gesichtern. Hobby war nicht unter ihnen.

Pltzlich hrte er ein Keuchen und hob die Lampe. Gleichzeitig
berhrte eine Hand seinen Arm und eine keuchende Stimme flsterte:
~Sauv!~ Ein Mensch brach vor ihm zusammen. Es war ein junger
Bursche, der nur eine Hose trug. Allan nahm ihn auf die Arme und trug
ihn zurck zum Zuge und er erinnerte sich, da ihn einst ein Mann in
hnlicher Situation durch einen dunklen Stollen getragen hatte. Die
rzte brachten den Ohnmchtigen rasch ins Bewutsein zurck. Er hie
Charles Renard, Kanadier, und erzhlte, da die Wetterfhrung drinnen
funktioniere und er diesem Umstand sein Leben verdanke. Ob er noch
Zeichen von Leben in den Stollen beobachtet habe?

Der Gerettete nickte. Ja, sagte er, ich habe zuweilen Gelchter
gehrt.

Gelchter?? Sie sahen einander entsetzt an.

Ja, Gelchter. Ganz deutlich.

Allan verlangte telephonisch Zge und Ablsungen.

Augenblicklich drang er wieder vor. Die Glocke gellte. Es war eine
mrderische Arbeit und der Rauch trieb sie hufig zurck. Gegen Mittag
gelang es ihnen, bis in die Nhe des 380. Kilometers vorzudringen und
hier vernahmen sie pltzlich ein schrilles, fernes Lachen. Dieser Laut
in dem schweigenden, rauchenden Stollen war das Entsetzlichste, was sie
je gehrt hatten. Sie erstarrten und niemand atmete. Dann eilten sie
weiter. Das Lachen wurde immer deutlicher, es klang wild und irrsinnig,
so wie es die Taucher zuweilen aus verunglckten Unterseebooten gehrt
haben, in denen die Besatzung erstickte.

Schlielich erreichten sie eine kleine Station und drangen ein. Da
sahen sie im Dunst zwei, drei, vier Menschen, die sich am Boden
wlzten, tanzten unter schauerlichen Verrenkungen und dabei fortwhrend
ein schrilles, delirierendes Gelchter ausstieen. Die Luft pfiff
aus der Wetterfhrung in die Station, so da die Unglcklichen
am Leben geblieben waren. In ihrer nchsten Nhe befanden sich
Sauerstoffapparate -- unberhrt.

Die Unglcklichen aber schrien vor Entsetzen auf und wichen zurck, als
sie pltzlich Licht sahen und Menschen mit Masken vor dem Gesicht. Sie
flohen alle in eine Ecke, wo ein toter Mann ausgestreckt und still lag,
beteten und winselten vor Angst. Es waren Italiener.

Ist hier jemand, der italienisch spricht? fragte Allan. Nehmen Sie
die Masken ab.

Ein Arzt trat vor und begann, vom Husten erstickt, mit den Wahnsinnigen
zu sprechen.

Was sagen sie?

Der Arzt konnte vor Entsetzen kaum reden.

Wenn ich sie richtig verstehe, so glauben sie, sie seien in der
Hlle! sagte er mit Anstrengung.

So sagen Sie ihnen in Gottes Namen, wir seien gekommen, sie in den
Himmel zu fhren, rief Allan.

Der Arzt sprach und sprach und endlich verstanden sie ihn.

Sie weinten, sie knieten, sie beteten und streckten flehend die Hnde
aus. Als man sich ihnen aber nherte, begannen sie zu rasen. Sie muten
einzeln berwltigt und gebunden werden. Einer starb auf der Ausfahrt,
zwei kamen in eine Anstalt, der vierte aber erholte sich rasch und war
gesund.

Allan kehrte von dieser Expedition halb bewutlos nach Smiths Station
zurck. Wollte das Entsetzen kein Ende nehmen? Er sa da, rasch atmend,
vollkommen erschpft. Er war nun sechsunddreiig Stunden ohne Schlaf.

Aber die rzte drangen vergebens in ihn, auszufahren.




8.


Der Rauch kroch vorwrts. Langsam, schrittweise, wie ein bewutes
Wesen, das erst tastet, bevor es einen Schritt macht. Er leckte in die
Querschlge hinein, in die Stationen, schlpfte an der Decke entlang
und fllte alle Rume aus. Die Grubenventilatoren saugten, die Pumpen
preten Millionen von Kubikmetern frische Luft hinein. Und endlich,
ganz unmerklich, begann der Rauch dnner zu werden.

Allan erwachte und blickte mit schmerzenden, entzndeten Augen in
den milchigen Dunst hinein. Er wute nicht sofort, wo er war. Dicht
vor ihm lag eine niedrige, langgestreckte Maschine aus blankem Stahl
und Kupfer, deren Mechanismus lautlos spielte. Das halb in den Boden
versenkte Schwungrad schien still zu stehen, aber als er es lnger
betrachtete, entdeckte er auf und ab gleitende Glanzstreifen: es machte
neunhundert Umdrehungen in der Minute und war so genau gearbeitet, da
es den Eindruck des Stillstehens hervorrief. Da fiel ihm auch ein, wo
er sich befand. Er war noch immer in Smiths Station. Eine Gestalt wogte
im Nebel.

Sind Sie es, Smith?

Die Gestalt kam nher und er erkannte Robinson.

Ich habe Smith abgelst, Allan, sagte Robinson, ein langer, magerer
Amerikaner.

Habe ich lange geschlafen?

Nein, eine Stunde.

Wo sind die andern?

Robinson berichtete, da die andern die Strecke freizumachen
versuchten. Der Rauch verteile sich und werde ertrglicher. In der
neunzehnten Station (380. Kilometer) befnden sich noch sieben Menschen
am Leben.

Immer noch Lebende? Barg dieser schauerliche Stollen immer noch
Menschen?

Und Robinson berichtete weiter, da in der neunzehnten Station ein
Ingenieur namens Strom die Maschinen bediene. Er habe sechs Menschen
aufgenommen und alle befnden sich wohl. Die Ingenieure htten sie noch
nicht erreichen knnen, die telephonische Verbindung aber hergestellt
und mit der Station gesprochen.

Ist Hobby unter ihnen?

Nein.

Allan blickte zu Boden. Und nach einer Pause sagte er: Wer ist das --
Strom?

Robinson zuckte die Achseln.

Das ist das Sonderbare. Niemand kennt ihn. Er ist kein
Tunnelingenieur.

Da erinnerte sich Allan, da Strom ein Elektrotechniker war, der auf
einem der Kraftwerke auf den Bermudas arbeitete. Spter stellte sich
folgendes heraus: Strom hatte lediglich den Tunnel besichtigt. Er
war zur Zeit der Explosion in Brmanns Bezirk gewesen und hatte die
neunzehnte Station etwa drei Kilometer hinter sich. Diese Station hatte
er vor einer Stunde besichtigt, und da er der Bedienungsmannschaft
dieser Station kein groes Vertrauen schenkte, so war er sofort
zurckgekehrt. Strom war der einzige, der in den Tunnel _hinein_
wanderte, anstatt auswrts zu fliehen.

Ein paar Stunden spter traf ihn Allan. Strom hatte achtundvierzig
Stunden lang gearbeitet, aber niemand sah ihm eine Erschpfung an. Es
fiel Allan besonders auf, wie ordentlich sein Haar noch gescheitelt
war. Strom war nicht gro, schmalbrstig, kaum dreiig Jahre alt, ein
Deutschrusse aus den baltischen Provinzen, mit magerem bewegungslosen
Gesicht, dunkeln kleinen Augen und schwarzem Spitzbart.

Ich wnsche, da wir Freunde werden, Strom! sagte Allan zu dem jungen
Mann, dessen Khnheit er bewunderte, und drckte ihm die Hand.

Aber Strom vernderte keine Miene und machte nur eine kleine hfliche
Verbeugung.

Strom hatte sechs verzweifelte Lufer in seiner Station aufgenommen.
Die Trritzen gegen den Stollen hatte er mit lgetrnktem Werg
verstopft, so da die Luft verhltnismig ertrglich war. Strom hatte
ununterbrochen Luft und Wasser in den brennenden Stollen gepumpt. Er
htte seine Position aber hchstens noch drei Stunden halten knnen,
dann wre er elend erstickt -- und er wute es ganz genau!

Von dieser vorgeschobenen Station aus muten sie zu Fu vordringen.
ber entgleiste, umgestrzte Waggons, Gesteinshaufen, Schwellen und
geknickte Pfosten kletterten sie Schritt fr Schritt vorwrts, in den
Rauch hinein. Hier lagen die Leichname in Haufen! Dann kam eine freie
Strecke und sie schritten rasch aus.

Pltzlich blieb Allan stehen.

Horch! sagte er. War das nicht eine Stimme?

Sie standen und lauschten. Sie hrten nichts.

Ich hrte deutlich eine Stimme! wiederholte Allan. Lauschen Sie, ich
werde rufen.

Und in der Tat, auf Allans Ruf antwortete ein feiner, leiser Ton, so
wie eine Stimme ganz fern in der Nacht klingt.

Es ist jemand im Stollen! sagte Allan erregt.

Nun glaubten auch die andern einen feinen, fernen Ruf zu vernehmen.

Rufend und aufhorchend suchten sie den finstern Stollen ab. Zuletzt
stieen sie in einem Querschlag, in den die Wetterfhrung wie ein
Sturmwind hineinpfiff, auf einen _Greis_, der am Boden sa und den Kopf
gegen die Wand lehnte. Neben ihm lag ein toter Neger mit einem runden
offenen Mund voller Zhne. Der Greis lchelte schwach. Er machte den
Eindruck eines Hundertjhrigen, abgemagert, welk, mit schneeweien
dnnen Haaren, die im Luftzug flatterten. Seine Augen waren unnatrlich
aufgerissen, so da rings um die Pupillen die weie Hornhaut sichtbar
war. Er war zu erschpft, um sich noch bewegen zu knnen, er vermochte
nur noch zu lcheln.

Ich wute ja, Mac, da du kommen wrdest, um mich zu holen! flsterte
er kaum verstndlich.

Da erkannte ihn Allan.

Das ist ja Hobby! rief er erschrocken und erfreut aus und zog den
Greis empor.

Hobby? sagten die andern unglubig, denn sie erkannten ihn nicht
wieder.

Hobby -- --? fragte Allan, der seine Freude und Rhrung kaum
verbergen konnte.

Hobby machte eine matte Bewegung mit dem Kopfe. ~I am all right~,
flsterte er. Dann deutete er auf den toten Neger und sagte: Der
Nigger machte mir viele Arbeit, aber zuletzt ist er mir doch
gestorben.

Hobby schwebte wochenlang im Hospital zwischen Tod und Leben, bis ihn
seine krftige Natur durchri. Aber er war nicht mehr der alte Hobby.

Hobbys Gedchtnis war gestrt und er konnte nie sagen, wie er bis zu
diesem vorgeschobenen Querschlag gekommen war. Tatsache war nur, da
er Sauerstoffapparate und Lampen bei sich hatte, die aus jenem kleinen
Querschlag stammten, in dem am Tage vor der Katastrophe der tote
Monteur gelegen war. Jackson, der Neger, war brigens nicht erstickt,
sondern vor Hunger und Entkrftung gestorben.

Vereinzelt kamen die Zge aus dem Tunnel, vereinzelt strzten sie sich
hinein. Die Bataillone der Ingenieure schlugen sich drinnen heldenhaft
mit dem Rauch. Der Kampf war nicht ungefhrlich. Dutzende erkrankten
schwer an Rauchvergiftung und fnf starben, drei Amerikaner, ein
Franzose und ein Japaner.

Die Arbeiterheere selbst blieben unttig. Sie hatten die Arbeit
niedergelegt. Zu Tausenden standen sie in langen Reihen auf den
Terrassen und sahen zu, was Allan und seine Ingenieure trieben. Sie
standen und regten keine Hand. Die groen Lichtmaschinen, Ventilatoren
und Pumpen wurden von Ingenieuren bedient, die vor Ermdung kaum die
Augen offen halten konnten. Und unter die frierenden Arbeiterhorden
mischten sich die zahllosen Neugierigen, die die Atmosphre des
Schreckens angezogen hatte. Stndlich spien die Zge neue Scharen
aus. Die Strecke Hoboken-Mac-City machte glnzende Geschfte. Sie
nahm in einer Woche zwei Millionen Dollar ein; das Syndikat hatte
sofort die Fahrpreise erhht. Das Tunnelhotel war angefllt mit
Reportern der Zeitungen. Tausende von Automobilen rollten durch die
Schuttstadt, vollgepackt mit Damen und Herren, die einen Blick auf
die Sttte des Unheils werfen wollten. Sie plauderten und schwtzten
und brachten reichhaltige Frhstckskrbe mit. Alle aber starrten mit
geheimem Grauen auf die vier Rauchsulen, die unausgesetzt aus den
Glasdchern dicht ber der Tunnelmndung in den blauen Oktoberhimmel
emporwirbelten. Das war der Rauch, den die Ventilatoren aus den Stollen
saugten. Und doch waren da drinnen Menschen! Stundenlang konnten diese
Neugierigen warten, obschon sie nichts sahen, denn die Leichname wurden
nur in der Nacht herausgebracht. Ein slicher Geruch von Chlorkalk
drang aus dem Stationsgebude.

Die Aufrumungsarbeiten nahmen viele Wochen in Anspruch. In dem zum
grten Teil ausgebrannten Holzstollen war die Arbeit am schwersten.
Man konnte nur schrittweise vorwrtsdringen. Die Leichen lagen hier in
Haufen. Sie waren meistens schrecklich verstmmelt und zuweilen war es
schwer zu unterscheiden, ob man einen verkohlten Pfosten oder einen
verkohlten Menschen vor sich hatte. Sie waren berall. Sie lagen unter
dem Schutt, sie hockten hinter angekohlten Balken und grinsten den
Vordringenden entgegen. Die Mutigsten selbst berkam Furcht und Grausen
in dieser entsetzlichen Totenkammer.

Allan war immer an der Spitze, unermdlich.

In der Totenhalle und in den Slen der Hospitler spielten sich jene
erschtternden Szenen ab, die sich nach jeder Katastrophe ereignen.
Weinende Frauen und Mnner, halb wahnsinnig vor Schmerz, suchen nach
ihren Angehrigen, erkennen sie, schreien, werden ohnmchtig. Die
meisten Verunglckten konnten aber nicht festgestellt werden.

Das kleine Krematorium abseits von Mac City arbeitete Tag und Nacht.
Priester der verschiedenen Religionen und Sekten hatten sich zur
Verfgung gestellt und erfllten abwechselnd das traurige Zeremoniell.
Viele Nchte hindurch war das kleine Krematorium im Wald tageshell
erleuchtet und noch immer standen endlose Reihen von Holzsrgen in der
Halle.

Bei der zerschmetterten Bohrmaschine allein waren vierhundertachtzig
Tote gefunden worden. Im ganzen verschlang die Katastrophe
zweitausendachthundertsiebzehn Menschenleben.

       *       *       *       *       *

Als die Trmmer der Bohrmaschine weggerumt waren, wurde pltzlich ein
ghnendes Loch sichtbar. Die Bohrer hatten einen ungeheuren Hohlraum
angeschlagen. Im Lichte des Scheinwerfers zeigte es sich, da der
Hohlraum etwa hundert Meter breit war; die Hhe war gering; ein Stein
brauchte fnf Sekunden bis er aufschlug, was einer Tiefe von fnfzig
Metern entsprach.

Die Ursache der Katastrophe lie sich nie sicher feststellen. Aber die
bedeutendsten Autoritten waren der Ansicht, da der durch chemische
Zersetzung entstandene Hohlraum mit Gasen angefllt gewesen sei, die in
den Stollen eindrangen und beim Sprengen explodierten.

Allan ging noch an diesem Tage an die Erforschung des angeschlagenen
Hohlraumes. Es war eine Schlucht von knapp tausend Meter Lnge,
vollkommen trocken. Grund und Wnde bestanden aus jenem unbekannten,
lockeren Erz, das die Geologen Submarinium getauft hatten und das stark
radiumhaltig war.

Die Stollen waren in Ordnung gebracht, die Ingenieure befuhren
regelmig die Strecke.

Die Arbeit aber stand still.




9.


Allan verffentlichte eine Bekanntmachung an die streikenden Arbeiter.
Er gab ihnen drei Tage Bedenkzeit, die Arbeit wieder aufzunehmen,
andernfalls seien sie entlassen.

Ungeheure Meetings fanden auf den Schuttfeldern von Mac City statt.
Sechzigtausend Menschen drngten sich Kopf an Kopf und von zehn
Tribnen (Waggons) wurde zu gleicher Zeit gesprochen.

Unaufhrlich schallten die gleichen Worte durch die kalte dunstige
Oktoberluft: der Tunnel -- der Tunnel -- Mac -- Katastrophe --
dreitausend Mann -- das Syndikat, und wieder der Tunnel -- der
Tunnel ...

Der Tunnel hatte dreitausend Menschen verschlungen und flte den
Arbeiterheeren Schrecken ein! Wie leicht htten sie selbst drinnen in
der glhenden Tiefe verkohlen und ersticken knnen -- und wie leicht
war es mglich, da sich eine hnliche Katastrophe, eine grere
vielleicht noch, ereignete! Der Tod konnte auf noch grlichere Art
ber sie herfallen. Sie schauderten zusammen, wenn sie an die Hlle
dachten. Eine Massen_angst_ trat ein. Diese Angst griff auf die
Baustellen auf den Azoren, Bermudas und in Europa ber. Auch dort ruhte
das Werk.

Das Syndikat hatte einzelne Arbeiterfhrer gekauft und schickte sie auf
die Rednertribnen.

Die Gekauften traten fr die sofortige Wiederaufnahme der Arbeit ein.
Wir sind sechzigtausend! schrien sie. Mit den andern Stationen und
Nebenwerken sind wir hundertachtzigtausend! Der Winter steht vor der
Tr! Wo wollen wir hin? Wir haben Frauen und Kinder. Wer wird uns zu
fressen geben? Wir werden smtliche Lhne des ganzen Arbeitmarktes
drcken und man wird uns verfluchen! Das sah jeder ein. Sie wiesen
auf die Begeisterung hin, die man dem Werke entgegengebracht habe,
auf das gute Verhltnis zwischen den Arbeitern und dem Syndikat,
auf die relativ hohen Lhne. Im >Fegfeuer< und in der >Hlle< hat
mancher seine fnf, sechs Dollar tglich verdient, der sonst kaum
zum Schuhputzen und Straenkehren taugte. Lge ich oder nicht? Sie
deuteten in die Richtung der Arbeiterkolonien und schrien: Seht eure
Huser, eure Grten, eure Spielpltze. Bder habt ihr und Lesehallen.
Mac hat Menschen aus euch gemacht und eure Kinder wachsen rein und
gesund auf. Geht nach New York und Chikago und die Wanzen und Luse
fressen euch auf. Sie betonten, da sich in sechs Jahren kein
greres Unglck ereignet habe und die allergrten Vorsichtsmaregeln
vom Syndikat ergriffen werden wrden, um einer zweiten Katastrophe
vorzubeugen.

Dagegen war nichts zu sagen, nein! Aber pltzlich kam die Angst wieder
ber sie und keine Worte der Welt konnten etwas ausrichten. Man schrie
und pfiff und bewarf die Redner mit Steinen und erklrte ihnen ins
Gesicht hinein, da sie vom Syndikat bestochen seien.

Niemand soll mehr eine Hand rhren fr den _verfluchten_ Tunnel!
Das war der Tenor der brigen Redner. Niemand! Und ein donnernder
Beifall, der meilenweit hrbar war, drckte die allgemeine Zustimmung
aus. Diese Redner zhlten alle Gefahren des Baus auf. Sie sprachen von
all den Opfern, die der Tunnel schon vor der Katastrophe gefordert
hatte. 1800 rund in sechs Jahren! War das nichts? Dachte niemand an
die 1800, die berfahren, zerschmettert, zerdrckt worden waren? Sie
sprachen von der Beuge, an der Hunderte wochenlang gelitten htten
und manche ihr ganzes Leben lang leiden wrden.

Mac ist durchschaut! heulten diese Redner. (Zum Teil waren sie von
den Schiffahrtsgesellschaften bestochen, die die Vollendung des Tunnels
mglichst hinausschieben wollten.) Mac ist kein Freund der Arbeiter!
Nonsens und Lge! Mac ist der Henker des Kapitals! Der grte Henker,
den die Erde je trug! Mac ist ein Wolf im Schafspelz! 180000 Mann
beschftigt er! 20000 in seiner hllischen Arbeit niedergebrochene
Menschen pullt er jhrlich in seinen Hospitlern auf, um sie dann zum
Teufel zu jagen -- Krppel, fertig fr immer! Mgen sie auf den Straen
verfaulen oder in Asylen verrecken, Mac ist das egal! Ein ungeheures
Menschenmaterial hat er in diesen sechs Jahren vernichtet! Schlu! Mac
soll sehen, woher er Leute bekommt! Er soll sich Schwarze aus Afrika
kommen lassen, Sklaven fr seine >Hlle< -- er soll die Strflinge
und Zuchthusler von den Regierungen kaufen! Seht euch die Reihe von
Srgen da drben an! Zwei Kilometer lang ist die Reihe, Sarg an Sarg!
Entscheidet euch!

Tosen, Toben, Heulen! Das war die Antwort.

Tagelang tobte der Kampf in Mac City hin und her. Tausendmal wurden
dieselben Argumente wiederholt, fr und wider.

Am dritten Tage sprach Allan selbst.

Er hatte vormittags Maud und Edith eingeschert und am Nachmittag --
noch betubt von Trauer und Schmerz -- sprach er stundenlang zu den
Tausenden. Je lnger er sprach und je lauter er durch das Sprachrohr
schrie, desto mehr fhlte er seine alte Kraft und seinen alten Glauben
an sein Werk zurckkommen.

Seine Rede, die von meterhohen Plakaten angekndigt worden war, wurde
gleichzeitig an verschiedenen Stellen des Schuttfeldes in deutscher,
franzsischer, italienischer, spanischer, polnischer und russischer
Sprache ausgeschrien. In hunderttausenden von Exemplaren wurde sie
ber den Erdball geschleudert. Sie wurde zur selben Stunde in sieben
Sprachen in Bermuda, Azora, Finisterra, Biskaya durch das Sprachrohr
ber die Arbeiterheere ausgetutet.

Allan wurde mit Schweigen empfangen. Als er sich seinen Weg durch
die Menge bahnte, machte man ihm Platz und manche griffen sogar an
die Mtzen. Kein Laut war vernehmbar und eine Gasse eisiger Stille,
in der jedes Gesprch erfror, zeigte seinen Weg an. Als er auf dem
Eisenbahnwaggon inmitten des Meers von Kpfen erschien -- derselbe
Mac, den sie alle kannten, mit dem jeder schon gesprochen hatte, dem
jeder schon die Hand gedrckt hatte, dessen starkes, weies Gebi jeder
kannte -- als er erschien, der _Pferdejunge von Uncle Tom_ -- ging eine
ungeheure Bewegung durch das Feld, eine elementare Verschiebung der
Massen, ein Krampf des groen Heeres, das sich zusammenzog, wie Keile,
die von hydraulischen Pressen nach einem Mittelpunkt getrieben werden:
aber kein Laut wurde hrbar.

Allan schrie durch das Megaphon. Er tutete jeden Satz in die vier
Richtungen der Windrose. Hier stehe ich, um mit euch zu reden,
Tunnelmen! begann er. Ich bin Mac Allan und ihr kennt mich! Ihr
schreit, ich htte dreitausend Menschen gettet! Das ist eine Lge! Das
Schicksal ist strker als ein Mensch. Die Arbeit hat die dreitausend
gettet! Die Arbeit ttet tglich auf der Erde Hunderte! Die Arbeit ist
eine Schlacht und in einer Schlacht gibt es Tote! Die Arbeit ttet in
New York allein, das ihr kennt, tglich fnfundzwanzig Menschen! Aber
niemand denkt daran, in New York die Arbeit aufzugeben! Das Meer ttet
jhrlich 20000 Menschen, aber niemand denkt daran, die Arbeit auf dem
Meer aufzugeben. Ihr habt Freunde verloren, Tunnelmen, ich wei es!
Auch ich habe Freunde verloren -- genau wie ihr! Wir sind quitt! Wie
in der Arbeit sind wir auch im Verlust Kameraden! Tunnelmen ... Er
versuchte wieder die Begeisterung zu entfachen, die die Arbeiterheere
sechs Jahre lang zu einer fr unmglich gehaltenen Arbeitsleistung
angetrieben hatte. Er sagte, da er den Tunnel nicht zu seinem
Vergngen baue. Da der Tunnel Amerika und Europa verbrdern solle,
zwei Welten, zwei Kulturen. Da der Tunnel Tausenden Brot geben wrde.
Da der Tunnel nicht zur Bereicherung einzelner Kapitalisten geschaffen
werde, sondern dem Volk ebensogut gehre. Gerade das sei seine Absicht
gewesen. Euch selbst, Tunnelmen, gehrt der Tunnel da drunten. Ihr
seid selbst alle Aktionre des Syndikats!

Allan sprte, wie der Funke von ihm auf das Meer von Kpfen bersprang.
Ausrufe, Geschrei, Bewegung! Der Kontakt war da ...

Ich selbst bin ein Arbeiter, Tunnelmen! tutete Allan. Ein Arbeiter
wie ihr. Ich hasse Feiglinge! Fort mit den Feiglingen! Die Mutigen aber
sollen bleiben! Die Arbeit ist nicht ein bloes Mittel, satt zu werden!
Die Arbeit ist ein Ideal. Die Arbeit ist die Religion unserer Zeit!

Geschrei.

Alles stand gut fr Allan. Als er sie aber aufforderte, die Arbeit
wieder aufzunehmen, da wurde es pltzlich wieder eisig still ringsum.
Die Angst kam wieder ber sie ...

Allan hatte verloren.

Am Abend hielten die Fhrer der Arbeiter ein Meeting ab, das bis zum
frhen Morgen dauerte. Und am Morgen erklrten ihre Abgesandten, da
sie die Arbeit nicht wieder aufnehmen wrden.

Die ozeanischen Stationen und die europischen schlossen sich den
amerikanischen Kameraden an.

An diesem Morgen entlie Allan hundertachtzigtausend Mann. Die
Quartiere sollten innerhalb achtundvierzig Stunden gerumt werden.

Der Tunnel ruhte. Mac City war wie ausgestorben.

Nur da und dort standen Milizsoldaten, das Gewehr im Arm.




Fnfter Teil




1.


Edison-Bio verdiente in diesen Wochen ein Vermgen. Sie zeigte sogar
die Katastrophe im Tunnel selbst(!), das Laufen ums Leben in den
Stollen. Sie brachte die Versammlungen. Mac spricht. Alles.

Auch den Zeitungen fielen unschtzbare Summen in den Scho und
die Verleger blhten die Buche. Katastrophe, Bergungsarbeiten,
Riesenmeetings, Streik -- das waren Kanonenschsse, die das nach
Schrecken und Sensationen lsterne Riesenheer der Zeitungsleser, das
den Globus bevlkerte, aufschreckte. Man ri sich um die Bltter.

Die Arbeiterpresse der fnf Kontinente zeichnete Mac Allan als das
blut- und schmutzbesudelte Gespenst der Zeit mit Menschenkpfen im
Maul und gepanzerten Geldschrnken in den Hnden. Er wurde tglich von
den Rotationspressen aller Lnder zerfleischt. Sie brandmarkten das
Tunnelsyndikat als die schamloseste Sklaverei aller Zeiten, als die
unerhrteste Tyrannei des Kapitalismus.

Die entlassenen Arbeiter nahmen eine drohende Haltung an. Aber
Allan hielt sie in Schach. An allen Baracken, Straenecken und
Kabelmasten erschien eine Proklamation, die folgenden Wortlaut hatte:
Tunnelmen! Das Syndikat wird sich keine Schraube nehmen lassen, ohne
sie zu verteidigen. Wir erklren, da in allen Syndikatgebuden
Maschinengewehre aufgestellt sind! Wir erklren ferner, da wir nicht
spaen!

Woher hatte dieser Mac pltzlich Maschinengewehre? Es kam heraus, da
diese Geschtze schon seit Jahren im geheimen aufgestellt worden waren
-- fr alle Eventualitten! Dieser Mac war ein Bursche, dem nicht
beizukommen war!

Genau achtundvierzig Stunden nach der Entlassung gab es in den
Arbeiterkolonien weder Licht noch Wasser mehr. Es blieb nichts anderes
brig als zu gehen, wenn man es nicht zu einer Schlacht mit dem
Syndikat kommen lassen wollte.

Aber so ohne Sang und Klang wollten die Tunnelmnner nicht abtreten!
Sie wollten der Welt zeigen, da sie da waren, sie wollten sich sehen
lassen, bevor sie gingen.

Am folgenden Tag begaben sich 50000 Tunnelmen nach New York. Sie
fuhren in 50 Zgen ab und um 12 Uhr waren sie -- ein Heer! -- in
Hoboken angekommen. Die Polizei hatte keinen Anla, diesen Massen den
Eintritt in New York zu verbieten: jedermann, der nach New York wollte,
konnte kommen. Aber die telephonischen Apparate der Polizeistationen
waren ununterbrochen in Ttigkeit, um die Bewegung dieses Heeres zu
berwachen.

Hudson-River-Tunnel war zwei Stunden lang nahezu fr jeden Verkehr
gesperrt. Die Tunnelmen durchwanderten ihn, eine endlose Schlange von
Menschen, und der Tunnel donnerte von ihren Tritten und Gesngen.

Gleich nach dem Austritt aus dem Tunnel ordnete sich das Heer zur
Parade und schwenkte in die Christopher Street ein. Voran schritt
eine Musikkapelle, die einen barbarischen Lrm machte. Dann kamen
Bannertrger mit einer Flagge, die in roten Lettern die Aufschrift
trug: Tunnelmen. Hierauf folgten Scharen von roten Bannern der
Internationalen Arbeiterliga, dahinter ber den Kpfen Hunderte
von Flaggen aller Nationen der Welt: voran das Sternenbanner der
Vereinigten Staaten, der Union Jack, dann die Flaggen Kanadas, Mexikos,
Argentiniens, Brasiliens, Chiles, Uruguays, Venezuelas, Haitis,
Frankreichs, Deutschlands, Italiens, Dnemarks, Schwedens, Norwegens,
Rulands, Spaniens, Portugals, der Trkei, Persiens, Hollands, Chinas,
Japans, Australiens, Neuseelands.

Hinter dem bunten Wald von Flaggen trotteten Horden von Negern. Diese
Neger hatten sich teilweise in eine Wut hineingeschauspielert und
rollten die Augen und schrien sinnlos, teilweise aber waren sie gute
schwarze Burschen geblieben, die ihre weien Zhne zeigten und den
~ladies~, die sich sehen lieen, nicht mizuverstehende Liebesantrge
machten. In ihrer Mitte wanderte ein Plakat mit Riesenlettern:
~Hell-men!~ Dann kam eine Gruppe, die einen Galgen schleppte. An dem
Galgen baumelte eine Puppe: Allan!

Er war gekennzeichnet durch eine feuerrote Percke auf dem runden Kopf,
der aus einem alten Sack gemacht war, durch weie Zhne, die mit Farbe
ausgemalt waren. Ferner hatte man aus einer Pferdedecke einen weiten
Mantel zusammengeschneidert, der Macs bekanntem rehfarbenen Ulster
hnlich sah.

Ein Riesenplakat wanderte vor dem gehenkten Allan her, worauf stand:

    Mac Allan, Mrder von 5000.

ber der Flut von Kpfen, Kappen, Mtzen und verbeulten steifen Hten,
die durch Christopher- und Washingtonstreet dem Broadway zutrieb,
schwankte eine ganze Reihe derartiger Vogelscheuchen.

Hinter Allan baumelte Lloyd am Strick.

Der Kopf der Puppe war nubraun angestrichen, Augen und Gebi
schreckenerregend aufgemalt. Das Plakat, das diesem indianischen Totem
voranwandelte, lautete:

    Lloyd, Milliardendieb.
    Frit Menschenfleisch.

Dann kam Hobby mit blonder Strohpercke, so jmmerlich dnn, da er wie
eine Flagge hin- und herwehte. Sein Plakat lautete:

        Hobby.
    Dem Teufel knapp entronnen, gehenkt.

Es folgte S. Woolf! Er trug einen roten Fez auf dem Kopf, hatte
wulstige, rote Lippen und faustgroe schwarze Augen. Um seinen Hals
hing eine Anzahl von Kinderpuppen an Bindfden.

        S. Woolf mit Harem!
    Jude und Champion der Schwindler!

Dann kamen bekannte Finanzgren und die Chefingenieure der
verschiedenen Stationen. Unter ihnen erregte besonders der fette Mller
von Azora groes Aussehen. Er war rund wie ein Ballon, als Kopf trug er
nur einen alten steifen Hut.

    Ein fetter Bissen fr die Hlle!

Zwischen den trottenden Menschenhaufen marschierten Dutzende von
Musikbanden, die alle gleichzeitig spielten und die Schlucht des
Broadways mit einem Geplrr und Klirren anfllten, als zerschellten
gleichzeitig Tausende von Fensterscheiben auf dem Asphalt. Die
Arbeiterhorden johlten, pfiffen, lachten, alle Muler waren verzerrt
von der Anstrengung, Lrm zu machen. Einzelne Bataillone sangen
die Internationale, andere die Marseillaise, andere sangen wirr
durcheinander, was sie wollten. Den Unterton des ungeheuren Lrmes aber
bildete das Trappen und Stampfen der Schritte, ein dumpfer Takt der
schweren Stiefel, der stundenlang das gleiche Wort wiederholte: Tunnel
-- Tunnel -- Tunnel ...

Der Tunnel selbst schien nach New York gekommen zu sein, um zu
demonstrieren.

Eine Gruppe in der Mitte der Prozession erregte groes Aufsehen. Ihr
voran wanderten Flaggen aller Nationen und ein Riesenplakat:

    Macs Krppel.

Die Gruppe bestand aus einer Schar von Mnnern, denen eine Hand oder
ein Arm fehlte, oder ein Bein; Stelzfe, und selbst solche, die sich
an zwei Krcken vorwrts schwangen wie Glocken. Hinter ihnen trotteten
Mnner mit gelben, kranken Gesichtern. Das waren die, die an der
Beuge litten.

Die Tunnelmnner marschierten in Reihen von zehn zu zehn und die
Prozession war ber fnf Kilometer lang. Ihr Schwanz schlpfte gerade
aus dem Hudson-River-Tunnel, als der Kopf Wallstreet erreichte. In
vollkommener Ordnung wlzte sich das Heer der Tunnelmnner durch den
Broadway, und die Straen, die es passierte, diese von den Reifen der
Autos blankgeschliffenen Straen, waren noch am nchsten Tag getpfelt
mit den Abdrcken von Schuhngeln. Der Verkehr war unterbunden. Endlose
Zge von Trams, Wagen, Automobilen warteten auf das Ende des Zuges.
Alle Fenster und Auslagen waren von Neugierigen besetzt. Jeder wollte
die Tunnelmen gesehen haben, die mit ihren gelben Grubengesichtern,
ausgearbeiteten Hnden und gekrmmten Rcken in den schweren Stiefeln
dahintrotteten. Sie brachten aus dem Tunnel eine Atmosphre von Grauen
mit. Sie alle waren ja da drinnen in den dunklen Stollen gewesen,
wo der Tod ihre Gefhrten niedergemacht hatte. Ein Rasseln von
Ketten stieg aus ihren Reihen empor, ein Geruch von Strflingen und
Entrechteten.

Die Photographen visierten und knipsten, die Kinematographen drehten
die Kurbel. Aus den Lden der Barbiere strzten eingeseifte Kunden,
die Serviette am Kinn, aus den Schuhlden Damen mit einem Schuh, in
den Kleidermagazinen standen Kunden in Hemdrmeln und selbst solche
in Unterhosen. Die Verkuferinnen, Arbeitsmdchen und Kontoristinnen
der Waren- und Geschftshuser lagen rot vor Aufregung und zappelnd
vor Neugierde bengstigend weit ber die Simse gebeugt in den Fenstern
vom ersten bis zum zwanzigsten Stockwerk. Sie schrien und quiekten
und schwenkten die Taschentcher. Aber die Woge von Lrm, die von der
Strae heraufschlug, trug ihre hellen Schreie mit nach oben, so da man
sie nicht hren konnte.

In einem unscheinbaren Privatauto, das mitten in dem brandenden
Menschenstrom unter Hunderten von andern Gefhrten wartete, saen Lloyd
und Ethel. Ethel bebte vor Erregung und Neugierde. Sie schrie in einem
fort: ~Look at them -- just look at them -- look! look!~ Sie pries
den glcklichen Zufall, der sie mitten in die Parade hineingeraten lie.

Vater -- sie bringen Allan! Hallo! Siehst du ihn?

Und Lloyd, der im Hintergrund des Wagens zusammengekauert sa und durch
ein Guckloch blickte, sagte gleichmtig: Ich sehe ja, Ethel!

Als Lloyd selbst vorbeigetragen wurde, lachte sie hell auf, auer sich
vor Vergngen.

Das bist du, Papa!

Sie verlie ihren Sitz am Fenster und umarmte Lloyd. Du bist es,
siehst du denn?

Ich sehe, Ethel.

Ethel klopfte an das Fenster, als die Hllenmnner vorbeikamen.
Die Nigger grinsten sie an und drckten die abscheulich ziegelroten
Innenflchen der Hnde gegen die Scheibe. Aber sie konnten nicht stehen
bleiben, denn die Hintermnner traten sie auf die Hacken.

ffne nur das Fenster nicht, Kind! sagte Lloyd gleichmtig.

Aber bei Macs Krppeln zog Ethel die Brauen in die Hhe.

Vater! sagte sie in verndertem Ton. Siehst du sie?

Ich sehe sie, Kind.

(Am nchsten Tag lie Ethel zehntausend Dollar unter Macs Krppel
verteilen.)

Ihre Freude war wie weggeblasen. Eine unerklrliche Bitterkeit gegen
das Leben stieg pltzlich in ihrem Herzen empor.

Sie ffnete die Klappe zum Chauffeur und herrschte ihn an: ~Go on~!!

Ich kann nicht! antwortete der Chauffeur.

Aber Ethel fand ihre gute Laune bald zurck.

ber ein Bataillon von Japanern, die mit hastigen Schritten wie gelbe
Affen dahertrippelten, mute sie schon wieder lcheln.

Vater, siehst du die ~japs~?

Ich sehe, Ethel, antwortete Lloyd stereotyp.

Lloyd wute genau, da sie in unmittelbarer Lebensgefahr schwebten,
aber er verriet sich mit keinem Wort. Er befrchtete nicht,
totgeschlagen zu werden, nein, aber er wute, da, sobald eine Stimme
rufen sollte: Das ist Lloyds Wagen! folgendes eintreten mute: die
Neugierigen wrden seinen Wagen umdrngen und zerdrcken. Man wrde
sie (ganz ohne Arg!) herausholen und sie wrden totgedrckt werden.
Im besten Fall hatten Ethel und er das Vergngen, auf zwei Paar
Negerschultern die Prozession durch New York mitzumachen -- und das
war keineswegs nach seinem Geschmack.

Er bewunderte Ethel, die er stets bewunderte. Sie dachte gar nicht an
Gefahr! Sie war in dieser Beziehung wie ihre Mutter.

Er erinnerte sich an eine kleine Szene, die sich in Australien zutrug,
damals, als sie noch kleine Leute waren. Eine wtende Dogge strzte
sich auf Ethels Mutter. Was aber tat sie? Sie bot der Dogge Ohrfeigen
an und sagte hchst indigniert: ~You go on, you!~ Und der Hund wich
aus irgend einem Grunde tatschlich zurck. Daran dachte er, und seine
Haut legte sich in Falten, weil er lcheln mute.

Pltzlich aber surrte der Motor und der Wagen setzte sich in Bewegung.

Lloyd streckte seinen ausgetrockneten Mumienkopf vor und lachte, wobei
seine Zunge stoweise durch die Zhne fuhr. Er klrte Ethel ber die
Gefahr auf, in der sie eben (eine Stunde lang) geschwebt hatten.

Ich habe keine Furcht, erklrte Ethel, und lachend fgte sie hinzu:
Wie sollte ich berhaupt vor Menschen Furcht haben?

So ist es gut, Kind. Ein Mensch, der Furcht hat, lebt nur halb.

Ethel war sechsundzwanzig Jahre alt, vollkommen selbstndig, die
Tyrannin ihres Vaters, aber Lloyd behandelte sie immer noch als kleines
Mdchen. Und sie lie ihn gewhren, denn am Ende tat er doch, was sie
wollte.

Als der rote Flaggenwald das Syndikatgebude erreichte, fanden die
Tunnelmnner die schwere Tre des Gebudes geschlossen und die beiden
ersten Stockwerke mit eisernen Lden versehen. Kein einziges Gesicht
zeigte sich an den vierhundert Frontfenstern. Auf der Granittreppe, vor
der schweren Eichentre, stand ein _einziger_ Schutzmann. Ein riesiger
fetter Irlnder in grauer Tuchuniform, das Lederband des grauen
Tuchhelmes unter dem rosigen Doppelkinn. Er hatte ein vollmondrundes
Gesicht mit rtlich goldenen Bartstoppeln, betrachtete mit blauen
lustigen Augen das heranflutende Arbeiterheer und hob beschwichtigend
und gutmtig lchelnd die Hand empor -- eine riesige Hand in einem
weien Wollhandschuh, einer Schaufel voll Schnee hnlich -- und
wiederholte mit einem fetten rasselnden Lachen immerfort: ~Keep your
shirt on, boys! Keep your shirt on, boys!~

Wie zufllig rasselten in langsamem Tempo drei blanke Dampfspritzen
(mit dem Zeichen heimkehrend) durch Pine Street, und da sie sich
aufgehalten sahen, stoppten sie ab und warteten geduldig, whrend
dnner weier Rauch aus ihren blitzenden Messingkaminen in die klare
Luft emporstieg und die Hitze ber ihren Stahlleibern zitterte.

Es darf allerdings nicht verschwiegen werden, da der gutmtig
lchelnde Irlnder mit den groen weien Hnden, der nicht die kleinste
Waffe trug, nicht einmal einen Knttel, eine Pfeife in der Tasche
hatte. Sollte er gezwungen sein, diese Pfeife trillern zu lassen,
so wrden innerhalb einer Minute diese drei blanken, unschuldig und
hflich wartenden Dampfspritzen, die sich vor verhaltener Kraft leise
auf den Federn wiegten, 9000 Liter Wasser in der Minute in die Menge
abschieen; ferner wrde sich jene vier Meter breite Rolle, die an den
Fenstersimsen des ersten Stockwerkes hing und die niemand beachtete,
aufrollen und in groen Lettern in die Strae hinausschreien: Achtung!
Zweihundert Konstabler im Innern des Buildings. Achtung!

Der riesige rosige Irlnder hatte aber keinen Grund, nach der Pfeife zu
greifen.

Zunchst brandete ein ungeheures Geschrei an den vierhundert
Fenstern des Syndikatbuildings empor, ein wetternder Lrm, in dem der
wahnsinnige Radau der Musik glatt versank. Darauf wurde Mac gehenkt!
Er wurde unter tobendem Lrm einige Male am Galgen auf und abgezogen.
Dabei ri der Strick und Mac strzte mit einer hilflosen Gebrde ber
die Kpfe. Der Strick wurde wieder gebunden und die Exekution unter
gellenden Pfiffen wiederholt. Dann hielt ein Mann, auf zwei Schultern
stehend, eine kurze Ansprache. Keines seiner Worte, auch nicht ein
Laut seiner Stimme war in der Brandung von Lrm zu vernehmen. Der Mann
aber sprach mit dem verzerrten Gesicht, mit den Armen, die er in die
Luft warf, mit den Hnden, in deren verkrampften Fingern er die Worte
knetete und sie ber die Menge schleuderte. Er schttelte, Schaum auf
den Lippen, beide Fuste gegen das Syndikatbuilding und damit war seine
Rede zu Ende und jedermann hatte sie verstanden. Ein Orkan von Geschrei
fegte empor. Man vernahm diesen Aufschrei bis zur Battery.

Es wre am Ende doch mglich gewesen, da die Dampfspritzen in
Ttigkeit htten treten mssen, denn die Erregung vor dem Building
steigerte sich zu wildem Fanatismus. Aber es lag in der Natur der
ganzen Demonstration, da es nicht bis zu einem Ausbruch kommen
konnte, der den fetten Irlnder plattgedrckt und die drei blanken
Dampfspritzen hinweggefegt htte. Denn whrend zweitausend vor dem
Gebude demonstrierten, drngten achtundvierzigtausend nach -- mit
einer automatischen, gleichmigen Energie. So mute es kommen, da
stets die Zweitausend, die sich angesichts des toten Gebudes erhitzt
hatten, nachdem der hchste Punkt der Kompression erreicht war, wie ein
Bolzen in einem Luftdruckgewehr durch Wallstreet hinausgepret wurden.

ber zwei Stunden war das Syndikatbuilding von hllischem Lrm
umbrandet, so da die Clerks und Stenotypistinnen es mit der Angst
bekamen.

Der Lrm zog durch die Pearlstreet, Bowery hinauf zur 3. und von da zur
5. Avenue, wo die geschmacklosen Palste der Millionre stehen. Die
Palste lagen still, ohne Leben. Es war der dampfende, laute Schwei,
der sich an den verschanzten und stillen Millionen vorbeiwlzte.
Vor Lloyds gelbem, etwas verwittertem Renaissance-Palast, den ein
Gartenstreifen von der Strae trennte, staute sich der Zug wieder,
da Lloyd gehenkt wurde. Lloyds Haus lag tot wie die andern. Nur im
Eckfenster des ersten Stockes stand eine Frau und sah heraus. Das war
Ethel. Aber da kein Mensch glaubte, da jemand den Mut haben knnte,
sich zu zeigen, so hielt man Ethel allgemein fr ein Dienstmdchen.

Die Prozession bewegte sich am Zentralpark vorbei nach Columbus-Square.
Von da zurck zum Madison-Square. Hier wurden die Puppen angezndet und
unter fanatischem Geschrei verbrannt.

Das war das Ende der Demonstration. Die Tunnelmen zerstreuten sich. Sie
verloren sich in den Saloons am East-River, und nach einer Stunde hatte
das groe New York sie aufgesaugt.

Es war die Losung ausgegeben worden, sich um zehn Uhr vor der
Tunnelstation Hoboken wieder einzufinden.

Hier aber stieen die Tunnelmnner auf eine groe berraschung: die
Station war verschanzt hinter breiten Konstablerbrsten. Da sie aber
erst nach und nach zusammenstrmten, ihr Unternehmungsgeist durch das
lange Wandern, durch Schreien und Alkohol gebrochen war, so hatten sie
keine Stokraft mehr. Plakate verkndeten, da unverheiratete Arbeiter
nichts mehr in Mac City zu suchen htten. Nur die verheirateten wrden
zurckbefrdert werden.

Eine Schar von Agenten bte genaue Kontrolle, und in Abstnden von
einer halben Stunde rollten Zge nach Mac City zurck. Frh um sechs
Uhr wurden die letzten abgefertigt.




2.


Whrend der Lrm das Syndikatgebude umtobte, hatte Allan eine
Konferenz mit S. Woolf und dem zweiten finanziellen Direktor des
Syndikats, Rasmussen.

Die finanzielle Lage des Syndikats war keineswegs alarmierend,
aber auch nicht befriedigend. Fr den kommenden Januar war die
zweite Milliardenanleihe vorbereitet gewesen. Unter den momentanen
Verhltnissen war natrlich nicht daran zu denken. Niemand wrde einen
Cent zeichnen!

Das Drhnen der Explosion im amerikanischen Sdstollen, der Lrm des
Streiks war in allen Brsen der Welt widergehallt. Die Papiere strzten
in wenigen Tagen um fnfundzwanzig Prozent, denn jedermann wollte sie
so rasch wie mglich loswerden und niemand hatte Lust, sich daran
die Finger zu verbrennen. Acht Tage nach der Katastrophe schien ein
Krach unvermeidlich. Aber S. Woolf warf sich mit einer verzweifelten
Anstrengung gegen den wankenden finanziellen Riesenbau -- und er stand
wieder! Er zauberte eine verfhrerische Bilanz vor die ffentlichkeit,
er bestach ein Heer von Brsenberichterstattern und berschttete die
Presse der alten und neuen Welt mit beruhigenden Communiqus.

Die Kurse zogen an, die Kurse blieben fest. Und S. Woolf begann die
mrderische Schlacht, die Kurse zu halten und wieder langsam in die
Hhe zu schrauben. In seiner Office im zehnten Stock des Buildings
arbeitete er mit verbissener Energie, schnaufend und rasselnd wie ein
Nilpferd, die Plne dieser Kampagne aus.

Whrend die Horde drunten heulte, unterbreitete er Allan seine
Vorschlge. Die Kali- und Eisenerzlager des fetten Mllers sollten
ausgebeutet werden. Die elektrische Energie der Kraftstationen
verwertet. Das Submarinium der Unglcksschlucht gefrdert. Nach den
Bohrresultaten lag es in einer durchschnittlichen Mchtigkeit von
zehn Metern -- ein Vermgen! S. Woolf hatte der Pittsburg Smelting
and Refining Co. Vertrge unterbreitet. Die Company sollte die Erze
herausbrechen, das Syndikat wrde die Frderung an Tag bernehmen.
Dafr forderte S. Woolf 60 Prozent vom Reingewinn. Die Company wute
recht gut, da das Syndikat ~hard up~ war und bot 30 Prozent. S.
Woolf aber schwor, da er sich eher lebendig einmauern lasse, als auf
die Schamlosigkeit einzugehen. Er wandte sich sofort an die American
Smelters und die Pittsburg Co. kam zurck und bot 40 Prozent.

Woolf ging auf 50 Prozent herab und drohte, da das Syndikat in
Zukunft berhaupt keine Handvoll Erz mehr frdern werde; es wrde
einfach die Stollen unter den Lagern durchfhren oder darber hinweg,
einerlei. Endlich einigte man sich auf 46-1/3 Prozent. Um das letzte
Drittel kmpfte S. Woolf wie ein Massaikrieger und die Pittsburg-Leute
erklrten, sie htten lieber mit dem Teufel zu tun als mit diesem
~shark~.

S. Woolf hatte sich in den letzten zwei Jahren auffallend verndert.
Er war noch fetter geworden und noch asthmatischer. Zwar hatten seine
dunklen Augen immer noch den leicht schwermtigen, orientalischen
Glanz und den Kranz schwarzer langer Wimpern, die stets gefrbt
erschienen. Aber ihr Feuer war verdstert. S. Woolf begann stark zu
ergrauen. Er trug den Bart nicht mehr kurz geschnitten, sondern als
dicke Zotteln am Kinn und auf den beiden Backen. Mit seiner mchtigen
Stirn, den weitstehenden, vorquellenden Augen und der breiten gebogenen
Nase hatte er hnlichkeit bekommen mit dem amerikanischen Bffel --
ein Einzelgnger und Einsiedler, den die Herde ausgestoen hatte, weil
er zu tyrannisch war. Diesen Eindruck verstrkte das blutunterlaufene
Auge. S. Woolf hatte in den letzten Jahren mit einem konstanten
Blutandrang gegen den Kopf zu kmpfen.

So oft das Geschrei drunten anschwoll, zuckte S. Woolf zusammen und
seine Augen bekamen einen flackernden Blick. Er war nicht feiger als
andere Menschen, aber das atemraubende Tempo der letzten Jahre war ihm
an die Nerven gegangen.

Und dann: S. Woolf hatte noch ganz andere Sorgen, _ganz andere_, die er
wohlweislich vor aller Welt verschwieg ...

Nach der Beratung war Allan wieder allein. Er ging auf und ab in
seinem Arbeitsraum. Sein Gesicht war abgemagert und seine Augen trb
und elend. Sobald er allein war, berfiel ihn die Unruhe und er mute
wandern. Tausendmal ging er hin und her und schleppte seinen Gram von
einer Zimmerecke in die andere. Zuweilen blieb er stehen und sann nach.
Aber er wute selbst nicht, was er dachte.

Dann telephonierte er ins Hospital nach Mac City und fragte nach Hobbys
Befinden. Hobby lag im Fieber und niemand wurde zugelassen. Endlich
raffte er sich auf und fuhr aus. Am Abend kam er etwas erfrischt zurck
und nahm wieder seine Arbeit auf. Er arbeitete an verschiedenen
Projekten fr den Ausbau der submarinen Schlucht. Eine groe Station,
ungeheure Depots und Maschinenrume sollte sie aufnehmen. 80
Doppelkilometer Gestein konnte er in sie strzen. Recht besehen, war
die Unglcksschlucht, in der der Tod Jahrmillionen auf die Tunnelmnner
gelauert hatte, von unschtzbarem Wert. Die Projekte beschftigten ihn
und verdrngten dstere Visionen. Keine Sekunde durfte er an die Dinge
denken, die hinter ihm lagen ...

Spt in der Nacht legte er sich schlafen und er war froh, wenn er ein
paar Stunden ruhte, ohne von entsetzlichen Trumen gemartert zu werden.

Ein einzigesmal speiste er bei Lloyd zu Abend.

Ethel Lloyd sprach mit ihm vor Tisch. Sie zeigte einen solch
aufrichtigen Schmerz ber den Tod Mauds und Ediths, da Allan sie
fortan mit ganz anderen Augen betrachtete. Sie schien ihm pltzlich um
viele Jahre lter und reifer geworden zu sein.

Allan verbrachte einige Wochen ununterbrochen im Tunnel.

Eine Unterbrechung von einigen Wochen, die sich bei regulrem Betrieb
nur durch ungeheure finanzielle Opfer htte ermglichen lassen, war
ihm im Grunde genommen ganz erwnscht. Durch die atemlose jahrelange
Arbeit waren alle Ingenieure erschpft und brauchten Ruhe. Dem
Arbeiterausstand legte er keine groe Bedeutung bei. Nicht einmal dann,
als die Union, die Gewerkschaften der Monteure, Elektriker, Eisen-
und Betonarbeiter, Maurer, Zimmerleute die Sperre ber den Tunnel
verhngten.

Vorlufig galt es, die Stollen zu verwalten, wenn sie nicht in kurzer
Zeit verwahrlosen sollten. Fr diese Arbeit stand ihm ein Heer von
achttausend Ingenieuren und Volontren zur Verfgung, das er ber die
einzelnen Strecken verteilte. Mit einer heroischen Anspannung der
Krfte verteidigten diese achttausend das riesige Werk.

Monoton gellten die Glocken vereinzelter Zge durch den den Tunnel.
Der Tunnel schwieg, und alle brauchten lange Zeit, um sich an die
Totenstille der Stollen zu gewhnen, die frher drhnten von Arbeit.
Die Truppe der Tiefbautechniker, Eisenkonstrukteure, Elektrotechniker,
Maschineningenieure fuhren die europischen, atlantischen und
amerikanischen Stollen ab. Jede Schiene, jede Schwelle, jede Niete und
jede Schraube wurde sorgfltig revidiert und notwendige Korrekturen
und Verbesserungen gebucht. Geometer und Mathematiker prften genau
Lage und Richtung der Stollen. Die Mae wichen nur um geringes von den
berechneten ab. Am grten waren die Abweichungen der atlantischen
Strecke des fetten Mllers, wo sie drei Meter in der Breite und
zwei Meter in der Tiefe betrugen -- Differenzen, die sich auf
Ungenauigkeiten der Instrumente, die von den enormen Massen von Gestein
beeinflut wurden, zurckfhren lieen.

In der verhngnisvollen Schlucht waren Tag und Nacht tausend
halbnackte, schweitriefende Arbeiter der Cleveland Mining Co. mit
dem Bohren, Sprengen und Frdern des lockergelagerten Submariniums
beschftigt. Die tropisch-heie Schlucht heulte und brandete von
Arbeit, ganz als sei nie etwas geschehen. Die Tagesproduktion hatte
einen ungeheuren Wert.

Im brigen aber war alles tot. Die Tunnelstadt war wie ausgestorben.
Wannamaker hatte sein Warenhaus geschlossen, das Tunnelhotel die
Pforten zugemacht. In den Arbeiterkolonien hausten Weiber und Kinder,
die Witwen und Waisen der Verunglckten.




3.


Das gerichtliche Verfahren, das gegen das Syndikat eingeleitet worden
war, wurde nach einigen Wochen wieder eingestellt, da es sich bei der
Katastrophe ganz offenbar um ~force majeure~ handelte.

Allan war solange in New York zurckgehalten worden. Nun aber war er
frei und reiste augenblicklich ab.

Er verbrachte den Winter auf den Bermudas und Azoren und blieb einige
Wochen in Biskaya. Zuletzt erschien er auf der Kraftstation Ile
Ouessant, dann verlor sich seine Spur.

Allan verlebte den Frhling in Paris, wo er unter dem Namen C. Connor,
Kaufmann aus Denver, in einem alten Hotel der Rue Richelieu wohnte.
Niemand erkannte ihn, obwohl jeder hundertmal sein Portrt gesehen
hatte. Er hatte dieses Hotel absichtlich gewhlt, um jener Klasse von
Menschen zu entgehen, die er am meisten hate: die reichen Miggnger
und lauten Schwtzer, die sich von Hotel zu Hotel durchschlagen und die
Mahlzeiten mit einer lcherlichen Feierlichkeit einnehmen.

Allan lebte ganz allein. Er sa tglich nachmittags vor dem gleichen
Boulevard-Caf an seinem runden Marmortischchen, trank seinen Kaffee
und blickte still und gleichgltig in den lauten Strom der Strae.
Von Zeit zu Zeit wandte er den Blick empor zu einem Balkon im zweiten
Stock des gegenberliegenden Hotels: dort hatte er vor Jahren mit Maud
gewohnt. An manchen Tagen erschien dort oben eine hellgekleidete Frau;
dann konnte Allan den Blick nicht von dem Balkon abwenden. Tglich
begab er sich in den Jardin de Luxembourg, in jenen Teil, wo die Kinder
zu Tausenden spielen. Dort stand eine Bank, auf der er einmal mit
Maud und Edith gesessen hatte. Und auf dieser Bank sa Allan jeden
Tag und sah zu, wie sich die Kinder um ihn her tummelten. Jetzt, nach
einem halben Jahre, begannen die Toten und der Schmerz allmhlich eine
merkwrdige Macht ber ihn zu bekommen. Im Laufe des Frhlings und
Sommers absolvierte er die gleiche Reise, die er mit Maud und Edith vor
Jahren unternommen hatte. Er war in London, Liverpool, Berlin, Wien,
Frankfurt, begleitet von dsteren und schmerzlich-sen Erinnerungen.

Er wohnte in den gleichen Hotels und hufig sogar in den gleichen
Rumen. Oft hielt er den Schritt an vor Tren, die Mauds Hand einst
ffnete und schlo. Es fiel ihm nicht schwer, sich in all den fremden
Hotels und Korridoren zurechtzufinden. Die vielen Jahre, die er in den
finstern unterirdischen Labyrinthen der Bergwerke verbrachte, hatten
seinen Ortsinn geschult. Die Nchte verbrachte er schlaflos in einem
Sessel, im dunkeln Zimmer. Da sa er mit offenen, ausgetrockneten
Augen, ohne sich zu regen. Zuweilen richtete er an Maud halblaut kleine
Ermahnungen, wie er es zu tun pflegte, als sie noch lebte. Geh jetzt
schlafen, Maud! -- Verdirb dir die Augen nicht. Er qulte sich
mit Vorwrfen, da er Maud an sich gefesselt habe, obgleich er doch
damals schon sein groes Werk plante. Es schien ihm, als habe er ihr
niemals seine Liebe ganz enthllt, als habe er sie berhaupt nicht
gengend geliebt -- nicht so, wie er sie jetzt liebte. Voller Pein
und Selbstanklage erinnerte er sich daran, da ihm Mauds Vorwrfe,
er vernachlssige sie, sogar lstig geworden waren. Nein, er hatte
es nicht verstanden, seine kleine se Maud glcklich zu machen. Mit
brennenden Augen, berschattet von seinem Gram, sa er in den toten
Rumen, bis es Tag wurde. Es wird schon Tag, die Vgel zwitschern,
hrst du? sagte Maud. Und Allan erwiderte raunend: Ja, ich hre sie,
Liebe. Dann warf er sich aufs Bett.

Schlielich verfiel er auf den Gedanken, Gegenstnde aus diesen
geheiligten Rumen zu erwerben, einen Leuchter, eine Uhr, ein
Schreibzeug. Die Hotelbesitzer, die Mr. C. Connor fr einen spleenigen
reichen Amerikaner hielten, forderten schamlos hohe Summen, aber Allan
bezahlte, ohne zu feilschen, jeden Preis.

Im August kehrte er von seiner Rundreise wieder nach Paris zurck und
stieg wieder in dem alten Hotel in der Rue Richelieu ab, noch stiller,
trber, ein dsteres Feuer in den Augen. Er machte den Eindruck eines
gemtskranken Mannes, der das Leben ringsum nicht mehr bemerkt und in
seine eigenen Grbeleien versunken ist. Wochenlang sprach er kein Wort.

Eines Abends ging Allan im Quartier latin durch eine krumme,
geschftige Strae und pltzlich blieb er stehen. Jemand hatte seinen
Namen gerufen. Aber ringsum hasteten fremde gleichgltige Menschen.
Da sah er pltzlich seinen Namen, seinen frheren Namen, in riesigen
Lettern dicht vor den Augen.

Es war ein grellfarbiges Plakat der Edison-Bio: ~Mac Allan,
constructeur du Tunnel et Mr. Hobby, ingenieur en chef conversant
avec les collaborateurs  Mac City.~

~Les tunnel-trains allant et venant du travail.~

Allan sprach nicht Franzsisch, aber er verstand den Sinn der Affiche.
Von einer merkwrdigen Neugierde getrieben, trat er zgernd in den
dunklen Saal. Er kam gerade mitten in ein Rhrstck hinein, das ihn
langweilte. Allein in diesem Stck trat ein kleines Mdchen auf, das
ihn entfernt an Edith erinnerte und dieses Kind vermochte ihn eine
halbe Stunde in dem berfllten Raume festzuhalten. La petite Yvonne
hatte die gleiche Art, wichtigtuerisch und mit dem Ernst erwachsener
Leute zu plaudern ...

Pltzlich hrte er den Confrencier seinen Namen nennen und in diesem
Augenblicke stand auch schon seine Stadt vor ihm. Flimmernd in Staub
und Rauch und Sonne. Eine Gruppe von Ingenieuren stand vor der Station,
lauter bekannte Gesichter. Sie wandten sich alle wie auf ein Signal
um, um ein Automobil zu erwarten, das langsam heranrollte. In dem
Automobil sa er selbst und neben ihm Hobby. Hobby richtete sich auf
und schrie den Ingenieuren etwas zu, worauf alle lachten. Allan wurde
von einem dumpfen Schmerz erfat, als er Hobby sah: frisch, bermtig
-- und jetzt hatte ihn der Tunnel vernichtet wie viele andere. Das
Automobil rollte langsam weiter und pltzlich sah er sich aufstehen
und zurcklehnen ber den Wagen. Ein Ingenieur griff an den Hut, zum
Zeichen, da er verstanden habe.

Der Confrencier: Der geniale Konstrukteur gibt seinen Mitarbeitern
Befehle!

Der Mann aber, der an den Hut griff, sah unvermutet forschend ins
Publikum, gerade auf ihn, Allan, als habe er ihn entdeckt. Da erkannte
er ihn: es war Brmann, den sie am 10. Oktober erschossen hatten.

Pltzlich sah er die Tunnelzge laufen: sie flogen die schiefe Ebene
hinab, sie jagten herauf, einer hinter dem anderen und eine Wolke von
Staub fegte ber sie hin.

Allans Herz pochte. Er sa gebannt, unruhig, mit heiem Gesicht, und
sein Atem kam so gepret aus der Brust, da man neben ihm lachte.

Die Zge aber flogen ... Allan stand auf. Er ging augenblicklich. Er
nahm ein Auto und fuhr ins Hotel. Hier erkundigte er sich bei dem
Manager nach dem nchsten auslaufenden Amerika-Schnelldampfer. Der
Manager, der Allan stets mit der zartesten Rcksicht behandelte, wie
einen Schwerkranken, nannte ihm den Cunardliner, der am nchsten
Vormittag von Liverpool in See ging. Der Abendschnellzug sei aber schon
abgegangen.

Bestellen Sie augenblicklich einen Extrazug! sagte Allan.

Der Manager sah Mr. C. Connor an, berrascht von Allans Stimme und Ton.
Was hatte diesen Menschen seit heute mittag so verndert? Ein ganz
neuer Mensch schien vor ihm zu stehen.

Gerne, erwiderte er. Allerdings mu ich Mr. Connor um bestimmte
Garantien bitten ...

Allan trat an den Lift. Wozu? Sagen Sie, Mac Allan aus New York
bestellt den Zug!

Da erkannte ihn der Manager und trat verblfft zurck und verbarg sein
Erstaunen in einer Verbeugung.

Allan war wie umgewandelt. Er sauste dahin in einem vorwrtsstrmenden
Zug, der alle Stationen in einem Tempo passierte, da die Luft klirrte,
und die Schnelligkeit der Bewegung allein brachte ihn wieder auf sich
selbst zurck. Er schlief vorzglich in dieser Nacht. Zum erstenmal
seit langer Zeit. Nur einmal wachte er auf. Als der Zug durch den
Kanaltunnel donnerte. >Sie haben die Stollen viel zu klein gebaut,<
dachte er und schlief weiter. Am Morgen fhlte er sich frisch und
gesund, voller Entschlossenheit. Er sprach vom Zug aus telephonisch mit
dem Kapitn des Dampfers und der Direktion der Gesellschaft. Um zehn
Uhr erreichte er den Cunardliner, der, fiebernd vor Ungeduld, pfeifende
Wolken von Wasserdampf durch die Kamine ausstoend, auf ihn wartete. Er
stand erst mit einem Fu auf dem Schiff, als die Schrauben schon das
Wasser zu flssigem Marmor peitschten.

Nach einer halben Stunde wute das ganze Schiff, da der versptete
Passagier kein anderer als Mac Allan war.

Auf hoher See begann Allan fieberhaft zu depeschieren. ber Biskaya,
Azora, Bermuda, New York und Mac City ging ein Regen von Depeschen
nieder. Durch die finsteren Stollen unterm Meer zuckte ein belebender
Strom: Allan hatte das Steuer wieder in die Hand genommen.




4.


Allans erster Besuch galt Hobby.

Hobbys Landhaus lag etwas abseits von Mac City. Es bestand in der
Hauptsache aus Loggien, Balkonen und Veranden und stie an ein Wldchen
junger Eichen.

Niemand ffnete, als Allan klingelte. Die Klingel schien nicht zu
funktionieren. Das Haus machte den Eindruck, als sei es schon seit
langer Zeit verlassen. Aber alle Fenster standen weit offen. Auch
die Gartentre war verschlossen, so da Allan sich kurz entschlossen
ber den Zaun schwang. Er stand kaum im Garten, als ein Schferhund
angestrzt kam und ihn wtend klffend stellte. Allan sprach auf den
Hund ein, und der Hund gab schlielich den Weg frei, wenn er ihn auch
nicht aus den Augen lie. Der Garten war voll welker Eichenbltter und
verwahrlost wie das Haus. Hobby schien ausgegangen zu sein.

Um so grer war Allans Freude und berraschung, als er Hobby pltzlich
vor sich sah. Er sa auf den Stufen, die in den Garten fhrten, das
Kinn in die Hand gesttzt, in Gedanken versunken. Er schien nicht
einmal gehrt zu haben, da der Hund anschlug.

Hobby war elegant wie immer gekleidet, aber die Kleidung wirkte
stutzerhaft, denn es war die Kleidung eines jungen Mannes, und
der sie trug, war ein Greis. Hobby trug teure Wsche mit farbigen
Streifen, Lackschuhe mit breiten Sohlen und koketten Seidenschleifen,
gelbseidene Strmpfe und eine hechtgraue Hose mit Bgelfalten und
Hftenschnitt. Eine Jacke hatte er nicht an, obschon es empfindlich
khl war.

Er sa in der Haltung eines gesunden, intelligenten Menschen und Allans
Freude wallte schon auf. Aber als Hobby den Blick zu ihm emporhob und
er seine entstellten kranken Augen sah und sein runzeliges fahles
Greisengesicht, wute er, da es mit Hobbys Gesundheit noch nicht zum
besten stand.

Da bist du ja wieder, Mac, sagte Hobby, ohne Allan die Hand zu geben
und ohne sich zu regen. Wo warst du? Und um seine Augen und seinen
Mund ordneten sich die Falten zu kleinen Fchern. Er lchelte. Seine
Stimme klang immer noch fremd und unrein, wenn auch Allan deutlich
Hobbys alte Stimme heraushrte.

Ich war in Europa, Hobby. Und wie geht's, mein Junge?

Hobby sah wieder vor sich hin wie vorhin. Es geht besser, Mac. Auch
mein verfluchter Kopf arbeitet schon wieder!

Wohnst du denn ganz allein, Hobby?

Ja, ich habe die Dienstboten hinausgeworfen. Sie machten zu viel Lrm.

Nun aber schien Hobby pltzlich zu begreifen, da Allan da war. Er
stand auf und drckte ihm die Hand und sah erfreut aus. Komm herein,
Mac! Ja, so geht es, siehst du!

Was sagt der Arzt?

Der Arzt ist zufrieden. Geduld, sagt er, Geduld.

Weshalb sind alle Fenster offen? Es zieht ja schauderhaft, Hobby.

Ich liebe den Luftzug, Mac! entgegnete Hobby mit einem fremden
Lachen.

Er flatterte am ganzen Krper und seine weien Haare flogen, als sie in
sein Arbeitszimmer hinaufstiegen.

Ich arbeite schon wieder, Mac. Du wirst sehen. Es ist etwas ganz
Ausgezeichnetes! Und Hobby blinzelte mit dem rechten Auge, ganz als ob
er den alten Hobby nachahme.

Er zeigte Mac einige Bltter, die mit zitternden wirren Strichen
bedeckt waren. Die Zeichnungen sollten alle seinen neuen Hund
darstellen. Aber sie waren kaum besser als Zeichnungen von Kindern
-- und ringsum an den Wnden hingen Hobbys groartige Entwrfe von
Bahnhfen, Museen, Warenhusern, die alle die Hand des Genies zeigten.

Allan machte ihm die Freude, die Skizzen zu loben.

Ja, sie sind wirklich gut, sagte Hobby stolz und go mit bebenden
Hnden zwei Glser ~black and white~ zusammen. Es beginnt wieder,
Mac. Nur werde ich rasch mde. Bald wirst du Vgel zu sehen bekommen.
Vgel! Wenn ich so dasitze, so sehe ich hufig die sonderbarsten Vgel
in meinem Kopf -- Millionen, und alle bewegen sich. Trink, mein Junge!
Trink, trink, trink.

Hobby lie sich in einen abgeschabten Ledersessel fallen und ghnte.

War Maud mit in Europa? fragte er pltzlich.

Allan schrak zusammen und erbleichte. Ein leichtes Schwindelgefhl
berkam ihn.

Maud? sagte er halblaut, und der Name klang merkwrdig in seinen
Ohren, als sei es ein Unrecht, ihn auszusprechen.

Hobby blinzelte und dachte angestrengt nach. Dann stand er auf und
sagte: Willst du noch Whisky haben?

Allan schttelte den Kopf. Danke, Hobby! Ich trinke nichts am Tage.
Mit trben Blicken sah er durch die herbstlichen Bume hindurch hinaus
aufs Meer. Ein kleiner schwarzer Dampfer zog langsam sdwrts. Er
beobachtete ganz mechanisch, da der Dampfer pltzlich zwischen einer
Astgabel stehen blieb und sich nicht mehr rhrte.

Hobby setzte sich wieder und eine lange Zeit waren sie ganz still. Der
Wind blies durch das Zimmer und schttelte das Laub von den Bumen.
ber die Dnen und das Meer liefen rasche Wolkenschatten hintereinander
und erweckten ein Gefhl von Hoffnungslosigkeit und ewig neuer Qual.

Dann begann Hobby wieder zu sprechen.

So ist es zuweilen mit meinem Kopf, sagte er, siehst du? Ich wei
natrlich alles, was geschehen ist. Aber manchmal verwirren sich meine
Gedanken. Maud, die arme Maud! Hast du brigens gehrt, da Doktor Herz
in die Luft geflogen ist? Mit seinem ganzen Laboratorium. Er hat ein
groes Loch in die Strae gerissen und dreizehn Menschen mitgenommen.

Doktor Herz war ein Chemiker, der an Sprengstoffen fr den Tunnel
arbeitete. Allan hatte die Nachricht schon auf dem Dampfer erhalten.

Es ist zu schade, fgte Hobby hinzu, diese neue Sache, die er da
hatte, mu sicher gut gewesen sein! Und er lchelte grausam. Zu
schade!

Allan brachte hierauf das Gesprch auf Hobbys Schferhund und eine
Zeitlang folgte Hobby. Dann sprang er wieder ab.

Was fr ein ses Mdchen Maud doch war! sagte er unvermittelt. Ein
Kind! Und doch tat sie immer, als sei sie klger als alle Menschen. Sie
war in den letzten Jahren nicht sehr zufrieden mit dir.

Allan streichelte, in Gedanken versunken, Hobbys Hund.

Ich wei es, Hobby, sagte er.

Ja, sie klagte zuweilen, da du sie so allein hier sitzen lieest.
Nun, ich sagte ihr: sieh, Maud, es geht nicht anders. Einmal haben wir
uns auch gekt. Ich wei es wie heute. Zuerst spielten wir Tennis und
dann fragte Maud alle mglichen Dinge. Gott, wie deutlich ich ihre
Stimme jetzt hre! Sie sagte >Frank< zu mir ...

Allan starrte Hobby an. Aber er fragte nichts. Hobby sah in die Ferne
und sein Blick war erschreckend glnzend.

Nach einer Weile erhob sich Allan, um zu gehen. Hobby begleitete ihn
bis zur Gartentr.

Nun, Hobby, sagte Allan, willst du nicht mit mir kommen?

Wohin?

In den Tunnel. Da verfrbte sich Hobby und seine Wangen zitterten.

Nein -- nein ... erwiderte er mit einem scheuen, unsicheren Blick.
Und Allan, der seine Frage bereute, sah, da Hobby am ganzen Krper
zitterte.

Adieu, Hobby, morgen komme ich wieder!

Hobby stand unter der Gartentr, den Kopf leicht geneigt, fahl, mit
kranken Augen, und der Wind spielte mit seinen weien Haaren. Gelbe,
drre Eichenbltter wirbelten um seine Fe. Als der Hund Allan wtend
nachbellte, lachte Hobby -- ein krankes, kindisches Lachen, das Allan
noch am Abend in den Ohren klingen hrte.

Schon in den nchsten Tagen trat Allan wieder mit der Arbeiter-Union
in Verbindung. Er hatte das Empfinden, als ob man jetzt zu einer
Verstndigung geneigter sei. In Wirklichkeit konnte die Union die
Sperre ber den Tunnel nicht lnger aufrecht erhalten. Die Farmhands
kamen mit dem Eintritt des Winters zu Tausenden vom Westen und suchten
Beschftigung. Die Union hatte im vorigen Winter ungeheure Summen fr
Arbeitslose ausgeschttet und dieser Winter wrde sie noch teurer zu
stehen kommen. Seit die Arbeit im Tunnel still stand, war auch die
Beschftigung in den Bergwerken, Eisenhtten und Maschinenfabriken
unerhrt zurckgegangen und ein Heer von Menschen war auf die Strae
geworfen worden. Die Lhne sanken infolge des groen Angebots von
Arbeitskrften, so da selbst die Beschftigten nur ein karges
Auskommen fanden.

Die Union berief Meetings und Versammlungen ein, und Allan sprach in
New York, Cincinnati, Chicago, Pittsburg und Buffalo. Er war zh und
unermdlich. Seine Stimme rauschte wie ehedem durch den Brustkorb und
seine Faust sauste gewaltig durch die Luft, whrend er sprach. Nun, da
sich seine elastische Natur wieder aufgerichtet hatte, schien auch jene
alte Macht wieder von ihm auszustrmen wie frher. Die Presse hallte
wider von seinem Namen.

Seine Sache stand gnstig. Allan hoffte die Arbeit im November,
sptestens Dezember wieder aufnehmen zu knnen.

Da aber zog sich -- fr Allan ganz unerwartet -- ein zweites Ungewitter
ber dem Syndikat zusammen. Ein Ungewitter, das weitaus verheerendere
Folgen haben sollte als die Oktober-Katastrophe.

Durch den finanziellen Riesenbau des Syndikats ging ein bses
Knistern ...




5.


S. Woolf fuhr mit der gleichen Wrde wie frher in seinem 50 ~HP~.-Car
den Broadway entlang. Er erschien wie sonst Punkt elf Uhr im Klub zum
Poker und trank seine Tasse Kaffee. Er wute recht wohl, da nichts
die Welt argwhnischer macht als eine nderung der Lebensfhrung, und
so spielte er nach auen hin seine Rolle in allen Einzelheiten weiter.

Aber er war nicht mehr der alte. S. Woolf hatte seine Sorgen, die
er ganz allein tragen mute. Das war nicht leicht! Es gengte ihm
nicht mehr, zur Erholung mit einer seiner Nichten und Gttinnen zu
Abend zu speisen. Seine berreizten Nerven brauchten Orgien, Exzesse,
Zigeunermusik und Tnzerinnen zur Betubung. Nachts, wenn er zuckend
vor bermdung auf dem Bett lag, brannte sein Hirn lichterloh. Es kam
dahin, da er sich Abend fr Abend an schwerem Wein berauschte, um
Schlaf zu finden.

S. Woolf war ein guter Haushalter. Sein enormes Einkommen gengte
vollkommen zur Deckung seiner Extravaganzen. Das war es nicht. Aber er
war vor zwei Jahren in einen Mahlstrom ganz anderer Art geraten und
trotz seinen gewaltigen Schwimmsten, mit denen er wieder das glatte
Wasser zu erreichen suchte, trieb er Monat fr Monat dem kreisenden
Strudel nher.

S. Woolfs zottiger Bffelschdel hatte einen napoleonischen Gedanken
ausgebrtet. Er hatte mit diesem Gedanken gespielt, er war verliebt
um ihn herumgeschlichen. Er hatte ihn gepflegt und grogefttert. Zu
seinem Vergngen, in seinen Muestunden. Der Gedanke war gewachsen
wie der Dschinn aus der Flasche, die der arabische Fischer fand,
ein Phantom aus Rauch. S. Woolf konnte ihm befehlen, wieder in die
Flasche zurckzukriechen und ihn in der Westentasche mit sich tragen.
Aber eines Tages sagte der Dschinn: Stop! Der Dschinn hatte sich
ausgewachsen zur normalen Gre, er stand da wie ein Wolkenkratzer,
blitzte mit den Augen und donnerte und wollte nicht mehr in die Flasche
zurck.

S. Woolf mute sich entscheiden!

S. Woolf pfiff auf Geld. Die klglichen Zeiten waren lngst vorber,
da ihm das Geld an sich etwas bedeutete. Er konnte es aus dem Schmutz
der Strae schpfen, aus der Luft, es lag in seinem Hirn zu Millionen
angehuft und er brauchte es nur herauszuschlagen. Ohne Namen, ohne
einen Pfennig in der Tasche, verpflichtete er sich, in einem Jahr ein
Vermgen zu schaffen. Das Geld war nichts! Nur Mittel zum Zweck. S.
Woolf war ein Trabant, der um Allan kreiste. Er wollte ein Mittelpunkt
werden, um den die andern kreisten! Das Ziel war erhaben, wrdig, und
S. Woolf entschied sich.

Weshalb sollte er nicht dasselbe tun, was all die andern getan hatten,
diese Lloyds und Gromchte ringsum? Es war nichts anderes, es war
genau das gleiche, was der junge Wolfsohn vor zwanzig Jahren getan
hatte, als er alles auf eine Karte setzte, sich elegant kleidete,
dreiig Mark in sein Gebi steckte und nach England abdampfte. Es war
sein Gesetz, das ihm eingeborene Gesetz, das ihn zwang, in bestimmten
Perioden gleich zu handeln.

S. Woolf wuchs in diesem Moment ber sich hinaus, sein Dmonium
streckte ihn ins berlebensgroe.

Sein Plan war fertig, eingraviert in seinen Schdel, haarscharf,
unsichtbar fr andere Menschen. In zehn Jahren wrde es eine neue
Gromacht geben, die Gromacht S. Woolf. In zehn Jahren wrde die
Gromacht S. Woolf den Tunnel annektieren.

Und S. Woolf machte sich ans Werk.

Er tat, was Tausende vor ihm taten, niemals aber tat es jemand in
seinem ungeheuren Mastab! Er ging nicht auf ein Vermgen. Er hatte
berechnet, da er 50 Millionen Dollar fr seinen Plan ntig hatte.
Und so ging er auf 50 Millionen Dollar. Er handelte khn, kalt, von
Gewissensbissen und Vorurteilen verschont.

Er spekulierte auf eigene Rechnung, obgleich sein Vertrag ihm das
ausdrcklich untersagte. Nun, sein Vertrag war ein Stck Papier,
tot und nichtig, und diese Bedingung war gerade von jenen andern
Gromchten eingefgt worden, um ihm die Hnde zu binden. Er kmmerte
sich nicht darum. Er kaufte die gesamte Baumwolle Sdfloridas und
verkaufte sie eine Woche spter und verdiente zwei Millionen Dollar.
Mit dem Syndikat im Rcken machte S. Woolf seine Geschfte, ohne da
er einen Dollar des Syndikats dazu bentigte. In einem Jahre brachte
er fnf Millionen Dollar auf seine Seite. Mit diesen fnf Millionen
ging er in geschlossener Reihe auf den westindischen Tabak los. Aber
ein Zyklon zerstrte die Tabakkulturen und die fnf Millionen waren
bis auf ein Bataillon von Krppeln aufgerieben. S. Woolf gab den Kampf
nicht auf. Er versuchte es wieder mit der Baumwolle und siehe da, die
Baumwolle blieb ihm treu. Er gewann. Er geriet in eine Gewinnserie,
gewann immerzu und lieferte erstklassige Schlachten. Dann aber fiel er
unerwartet in einen Hinterhalt. Das Kupfer schlug ihn, das er umzingelt
hatte. Es waren unbekannte Kupfervorrte da, die ihm in den Rcken
fielen und ihn total aufrieben. Er verlor viel Blut und war gezwungen,
eine Anleihe bei den Reserven des Syndikats zu machen. Der Strudel
hatte ihn erfat. S. Woolf pumpte sich die Brust voller Luft und stach
in See -- aber der Strudel saugte. S. Woolf schwamm groartig, aber er
kam nicht von der Stelle. Blickte er zurck, so mute er konstatieren,
da er Terrain zugesetzt hatte. S. Woolf schwamm verzweifelt und schwor
sich, wenn er wieder ins glatte Wasser kme, vorlufig Luft schpfen
und sich von weiteren Abenteuern fernhalten zu wollen.

Das waren S. Woolfs Sorgen, die ihm niemand abnehmen konnte.

Im vorigen Jahre war es ihm noch gelungen, eine befriedigende Bilanz
hinzuzaubern. Noch geno er das volle Vertrauen des Syndikats.

Die Zeiten waren schlecht, die Oktober-Katastrophe hatte den Markt
verwstet, und S. Woolf ergraute, wenn er an den kommenden Januar
dachte.

Es ging auf Leben und Tod.

Geld! Geld! Geld!

Es fehlten ihm drei bis vier Millionen Dollar. Eine Kleinigkeit
verhltnismig. Zwei, drei gelungene Coups und er hatte wieder Boden
unter den Fen.

Es galt, und S. Woolf verteidigte sich heroisch.

Er strzte sich vorerst in einen weniger gefhrlichen Kleinkrieg, aber
als der Sommer kam und er nur schrittweise Boden gewonnen hatte, war er
gezwungen, ein groes Treffen anzunehmen. S. Woolf zgerte nicht, ins
Feuer zu gehen. Er versuchte es nochmals mit der Baumwolle und legte
seine Hand gleichzeitig auf das Zinn. Wenn diese Riesenspekulationen
nur einigermaen gelangen, so war er gerettet.

Monatelang lebte er in Schlafwagen und Schiffskabinen.

Er bereiste Europa und Ruland, um nach Stellungen auszusphen, die
einen Sturm lohnten. Seine persnlichen Ausgaben schrnkte er nach
Mglichkeit ein. Weder Extrazge noch Salonwagen mehr, S. Woolf
begngte sich mit einem regulren Kupee erster Klasse. In London und
Paris kndigte er seinen Kniginnen, die groe Summen verschlangen. Sie
verteidigten ihre Festungen mit Schaum vor den bleichen Lippen. Allein
sie hatten nicht daran gedacht, da sie mit S. Woolf kmpften, der mit
der Mglichkeit einer pltzlichen Auflsung seines Hofstaates seit
einem Jahr gerechnet hatte und die Gttinnen schon seit Monaten durch
Detektive beobachten lie. Er wies ihnen mit vorzglich gespielter
Emprung nach, da sie am 10. Mai, 15. Mai, 16. Mai -- an dem und jenem
Datum -- mit Herrn X. und Z. da und da gewesen seien -- auf kleinen
Erholungsreisen -- er lie aus Sprechmaschinen alle Gesprche, die
gefhrt worden waren, vor den Entsetzten wiederholen, er zeigte ihnen,
da Bden und Decken angebohrt waren und an jeder ffnung Tag und Nacht
ein Auge und ein Ohr gelauert hatte -- bis die Kniginnen Herzkrmpfe
bekamen. Dann setzte er sie auf die Strae.

Er fuhr wie ein Rachegott ber Europa hin und entlie eine Schar seiner
Befehlshaber und Agenten.

Er verkaufte die Zechen in Westfalen und die Eisenhtten in Belgien,
er zog sein Geld von der schweren Industrie zurck, wo immer es anging
und warf es auf andere Werte, die momentan mehr Aussichten hatten. Mit
brutaler Rcksichtslosigkeit stellte er die Grundstckspekulanten in
London, Paris und Berlin, die Bodenwerte in Biskaya und Azora besaen
und infolge der Krise mit den Zahlungen in Rckstand gekommen waren.
Sie muten den tiefen Sturz machen. Eine Menge kleiner Banken ging in
Splitter. S. Woolf kannte keine Gnade, er kmpfte um sein Leben. In
Petersburg hatte er gegen das hbsche Trinkgeld von drei Millionen
Rubel eine hundert Millionen Rubel Holzkonzession in Nordsibirien
erhalten, die sich mit zwanzig Prozent rentierte. Er verwandelte
das Unternehmen in eine Aktiengesellschaft und zog die Hlfte des
Syndikatkapitals zurck. Aber unter solch gerissenen Bedingungen,
da das Syndikat in Zukunft nahezu das gleiche Einkommen hatte. Die
Manipulationen streiften das Gesetzbuch -- aber fr den uersten Fall
hatte er seine Trinkgelder bei der Hand. Er schuf Geld, wo immer er
konnte.

Ein Mann wie S. Woolf kann sich -- bei einer ununterbrochenen
schrfsten Einstellung auf alle Erfahrungen, alles Wissen -- nur
auf seinen Instinkt verlassen. Wie ein Mathematiker in dem Wald
komplizierter Formeln verloren wre, wenn er den Gedanken Herr ber
sich werden liee, da am Anfang ein Fehler sei, so wurde ein Mann wie
S. Woolf nur durch die berzeugung aufrecht erhalten, da alles, was er
getan hatte, das einzig Richtige gewesen war. S. Woolf folgte seinem
Instinkt. Er _mute_ siegen, er glaubte es.

Die europische Hetzjagd lie ihm zu nichts anderem Zeit. Aber er
konnte es nicht bers Herz bringen, nach Amerika zurckzukehren, ohne
seinen Vater besucht zu haben. Er gab ein dreitgiges Fest, an dem ganz
Szentes teilnahm. Hier in seiner Heimat, in dem gleichen ungarischen
Nest, in dem ihn eine arme Frau zur Welt gebracht hatte, sollten ihn
die ersten beunruhigenden Telegramme einholen.

Einige seiner kleineren Spekulationen waren miglckt, die Vorposten
seiner Armee geschlagen. Das erste Telegramm schob er gleichmtig in
seine weite amerikanische Hosentasche. Beim zweiten hrte er pltzlich
die Snger nicht mehr, als sei er fr Momente taub geworden, und beim
dritten lie er anspannen und fuhr zur Station. Er hatte kein Auge fr
die in der Sonne rstende, wohlbekannte Landschaft, sein Auge sah in
die Ferne, bis New York, in Mac Allans Gesicht!

In Budapest erwartete ihn eine neue Hiobsbotschaft: der
Baumwollen-Corner war nicht lnger ohne Riesenverluste zu halten und
der Agent wollte wissen, ob er verkaufen solle. S. Woolf zgerte. Er
schwankte, aber nicht aus berlegung, sondern aus Unsicherheit. Vor
drei Tagen noch htte er Millionen an der Baumwolle gewonnen und doch
hatte er keinen Ballen unter seinem Preis abgegeben. Warum? Er kannte
die Baumwolle, denn er hatte drei Jahre nur in Baumwolle gearbeitet.
Er kannte den Markt, Liverpool, Chikago, New York, Rotterdam, New
Orleans -- jeden einzelnen Broker -- er kannte das Gesetz der Kurse,
tauchte tglich in die Zahlenwlder der Brsen unter, er lauschte
mit seinem feinen Ohr ber die Welt und empfing tglich ungezhlte
drahtlose Telegramme, die durch die Luft gehen und die nur jene
aufnehmen und entziffern knnen, die mit den Chiffern vertraut sind.
Er war wie ein Seismograph, das die feinsten Erschtterungen und Beben
aufzeichnet, und registrierte jede Schwankung des Marktes.

In Budapest nahm er den Expre nach Paris und erst in Wien gab er dem
Agenten in Liverpool Order zu verkaufen. Er verlor Blut dabei -- es war
eine aufgeflogene Festung! -- aber er hatte pltzlich nicht mehr den
Mut, alles zu riskieren.

Eine Stunde spter schon bereute er diese Order, aber er konnte
sich nicht entschlieen, sie zu widerrufen. Zum erstenmal in seiner
Ttigkeit _mitraute_ er seinem Instinkt.

Er fhlte sich matt, schlaff wie nach einer Orgie, ohne Entschlu und
wartete auf etwas. Es kam ihm vor, als sei schwchendes Gift in sein
Blut gekommen. Bse Ahnungen durchschauerten ihn und zuweilen hatte er
leichtes Fieber. Er fiel in Halbschlaf, aber bald wachte er wieder auf.
Er trumte, er spreche durch seinen Officeapparat mit den Vertretern
der groen Stdte und alle -- einer nach dem andern -- riefen ihm durch
das Telephon zu, da alles verloren sei. Er erwachte, als die Stimmen
sich zu einem lamentierenden Unglckschor vereinigten. Aber was er
gehrt hatte, war nichts als das Schleifen des Zuges, der bei einer
Kurve die Bremsen angeschlagen hatte. Er sa und starrte in die kalte
Lampe an der Decke des Abteils. Dann nahm er sein Notizbuch zur Hand
und begann zu rechnen. Whrend er rechnete, schlich sich eine Lhmung
durch seine Fe und Arme und kroch auf das Herz zu: er wagte nicht,
die Verluste in Liverpool mit nackten Zahlen hinzuschreiben.

>Ich darf nicht verkaufen!< sagte er zu sich. >Ich will telegraphieren,
sobald der Zug hlt. Warum haben sie kein Telephon im Zug, diese
Hinterwldler? Wenn ich jetzt verkaufe, so bin ich tot, im Fall das
Zinn nicht vierzig Prozent bringt und das ist unmglich! Ich mu alles
riskieren, das ist die letzte Mglichkeit!<

Er sprach Ungarisch! Auch das war merkwrdig, denn gewhnlich machte er
seine Geschfte in Englisch, die einzige Sprache, in der man ber Geld
richtig reden kann.

Als aber der Zug pltzlich stillstand, hielt ihn eine Lhmung auf
dem Polster zurck. Er dachte daran, da seine ganze Armee mit allen
Reserven jetzt im Feuer stand. Und er glaubte nicht an diese Schlacht,
nein! Sein Kopf war voller Zahlen. Wo er hinblickte standen Posten,
sieben-, achtstellige. Zahlenstaffeln, Summen von enormer Lnge. Diese
Zahlen waren alle akkurat gedruckt, kalt, aus Eisen geschnitten. Diese
Zahlen erschienen ganz von selbst, sie vernderten sich willkrlich,
sie schwenkten eigenwillig von der Debet- zur Kreditseite ber, oder
sie verschwanden pltzlich, als seien sie erloschen. Ein verwirrendes
Kaleidoskop, in dem Zahlen rasselten. Wie Schuppenpanzer klirrten sie
nieder, winzig klein, oder sie glommen in gigantischer Gre einsam
und dster drohend im den schwarzen Raum. Sie setzten ihn in kalten
Schwei und er befrchtete, irrsinnig zu werden. So gro und grausam
war ihre Wut, da er in seiner Hilflosigkeit weinte.

Totgehetzt von Zahlen kam er in Paris an. Nach einigen Tagen erst fand
er seine Ruhe einigermaen zurck. Es ging ihm wie einem Mann, der
ohne jedes Anzeichen von Krankheit pltzlich auf der Strae umsinkt
und, obwohl nach einigen Stunden wieder hergestellt, doch nur mit
Bangen an dieses Symptom von Verfall denkt.

Eine Woche spter erfuhr er, da sein Instinkt ihn nicht betrogen hatte.

Der Baumwollen-Corner war, sobald er verkaufte, in andere Hnde
bergegangen. Ein Konsortium hatte ihn an sich gebracht, eine Woche
gehalten und mit einem Millionengewinn verkauft.

S. Woolf schumte vor Wut! Wenn er seinem Instinkt gefolgt wre, so
wre er jetzt auf solidem Grund!

Das war sein erster groer Fehler. Aber in den nchsten Tagen beging
er den zweiten. Er hielt das Zinn zu lange. Drei Tage zu lange und
verkaufte dann. Er gewann noch immer, aber vor drei Tagen htte er
das Doppelte gewonnen. Er gewann zwlf Prozent, vor drei Tagen htte
er fnfundzwanzig gewonnen. Fnfundzwanzig! und er wre in Sicht des
Festlandes gewesen! S. Woolf wurde grau im Gesicht.

Was war es, da er nun Fehler ber Fehler machte? Die Baumwolle
verkaufte er eine Woche zu frh, das Zinn drei Tage zu spt! Er war
unsicher geworden, nichts sonst. S. Woolfs Hnde waren fortwhrend mit
Schwei bedeckt und zitterten. Er taumelte zuweilen auf der Strae, von
einer pltzlichen Schwche berfallen, und hufig fehlte ihm der Mut,
ber einen Platz zu gehen.

Es war Oktober. Es war genau der zehnte Oktober, der Jahrestag der
Katastrophe. Er hatte noch drei Monate Zeit und es gab noch immer eine
geringe Mglichkeit, da er sich rettete. Aber er mute ein paar Tage
ruhen und sich erholen.

Er reiste nach San Sebastian.

Aber gerade als er drei Tage da war und sich sein Zustand schon soweit
gebessert hatte, da ihn die Damen zu interessieren anfingen, erreichte
ihn ein Telegramm Allans: seine persnliche Anwesenheit in New York sei
unbedingt erforderlich. Allan erwarte ihn mit dem nchsten Dampfer.

S. Woolf nahm den nchsten Zug.




6.


Eines Tages im Oktober hatte sich zu Allans groer Verwunderung Ethel
Lloyd bei ihm anmelden lassen.

Sie trat ein und warf einen raschen Blick durchs Zimmer. Sind Sie
allein, Allan? fragte sie lchelnd.

Ja, Frulein Lloyd, ganz allein.

Das ist gut! Ethel lachte leise. Haben Sie keine Angst, ich bin
kein Erpresser. Pa schickt mich zu Ihnen. Ich soll einen Brief an Sie
abgeben, aber nur, wenn Sie allein sind.

Sie zog einen Brief aus dem Mantel.

Danke, sagte Allan und nahm den Brief in Empfang.

Es ist gewi etwas merkwrdig, fuhr Ethel lebhaft fort, aber Pa ist
so sonderbar in manchen Dingen. Und Ethel begann frisch und ungeniert,
wie es ihre Art war, zu plaudern und hatte Allan, der mit den Worten
sparsam umging, bald in ein Gesprch gezogen, dessen Kosten sie
grtenteils bestritt. Sie sind in Europa gewesen? fragte sie. Ja,
wir haben eine wunderbare Sache diesen Sommer gemacht, zu fnft, zwei
Herren, drei Damen. Wir fuhren in einem Zigeunerwagen bis nach Kanada
hinauf. Immer in frischer Luft. Schliefen im Freien, kochten selbst, es
war wunderbar! Wir hatten ein Zelt mit uns und ein kleines Ruderboot
auf dem Dach des Wagens. -- Das sind wohl Plne?

Mit der ihr eignen Freimut lie Ethel den Blick durch den Raum gehen,
ein nachdenkliches Lcheln auf den schngeschwungenen, lebhaft rot
gefrbten Lippen. (Das war momentan Mode.) Sie trug einen seidenen
Mantel von der Farbe angereifter Pflaumen, einen kleinen runden Hut,
der eine Nuance heller war und von dem eine graublaue Strauenfeder bis
zur Schulter herabhing. Das matte, verwischte Graublau ihres Kostms
lie ihre Augen viel blauer erscheinen, als sie wirklich waren. Wie
dunkeln Stahl.

Allans Arbeitsraum war erschreckend nchtern. Ein abgetretener
Teppich, ein paar Ledersessel, ohne die es nicht geht, ein Tresor. Ein
halbes Dutzend Arbeitstische mit Sten von Schriftstcken, die mit
Bruchproben von Stahl beschwert waren. Regale mit Rollen und Mappen.
Ein Wust von Papieren, scheinbar willkrlich durch den Raum gefegt. Die
Wnde des groen Raumes waren vollkommen mit riesigen Plnen bedeckt,
die die einzelnen Baustrecken darstellten. Mit den fein eingezeichneten
Meerestiefenmaen und der angetuschten Tunnelkurve sahen sie aus wie
Zeichnungen von Hngebrcken.

Ethel lchelte. Wie hbsch Sie Ordnung halten! sagte sie.

Die Nchternheit des Raumes enttuschte sie nicht. Sie dachte an Pa's
Bureau, dessen ganze Ausstattung aus einem Schreibtisch, einem Sessel,
Telephon und Spucknapf bestand.

Dann sah sie Allan in die Augen. Ich glaube, Allan, Ihre Arbeit ist
die interessanteste, die je ein Mensch ausfhrte! sagte sie mit einem
Blick voll aufrichtiger Bewunderung. Pltzlich aber sprang sie entzckt
auf und klatschte in die Hnde.

Ja, Gott, was ist das! rief sie begeistert aus. Ihr Blick war durchs
Fenster gefallen und sie sah New York liegen.

Aus tausend flachen Dchern stiegen dnne weie Dampfsulen empor in
die Sonne, schnurgerade. New York arbeitete, New York stand unter Dampf
wie eine Maschine, die aus allen Ventilen pfeift. Die Fensterfronten
der zusammengerckten Turmhuser blitzten. Tief unten im Schatten
der Broadwayschlucht krochen Ameisen, Punkte und winzige Krrchen.
Von oben gesehen sahen Huserblcke, Straen und Hfe wie Zellen
aus, Waben eines Bienenstockes, und man wurde unwillkrlich zu dem
Gedanken gedrngt, da die Menschen diese Zellen aus einem hnlichen
animalischen Instinkt erbauten, wie die Bienen die Waben. Zwischen zwei
Gruppen von weien Wolkenkratzern sah man den Hudson und darauf zog ein
winziger Dampfer, ein Spielzeug mit vier Kaminen, ein Ozeangigant von
50000 Tonnen.

Ist es nicht herrlich! rief Ethel wieder und wieder aus.

Haben Sie New York noch nie von der Hhe aus gesehen?

Ethel nickte. Doch, sagte sie, ich bin zuweilen mit Vanderstyfft
darber geflogen. Aber in der Maschine zieht es so, da man immer den
Schleier festhalten mu und nichts sieht.

Ethel sprach natrlich und schlicht und ihr ganzes Wesen strmte
Einfachheit und Herzlichkeit aus. Und Allan fragte sich, weshalb er
sich in ihrer Nhe nie ganz behaglich fhlte. Er vermochte es nicht,
ohne Rckhalt mit ihr zu plaudern. Vielleicht irritierte ihn nur ihre
Stimme. Im groen und ganzen gibt es in Amerika zwei Arten weiblicher
Stimmen: eine weiche, die ganz tief im Kehlkopf klingt (so sprach
Maud), und eine scharfe, etwas nasale, die sich keck und aufdringlich
anhrt. So war Ethels Stimme.

Dann ging Ethel. Unter der Tre fragte sie Allan noch, ob er nicht
gelegentlich auf ihrer Jacht einen kurzen Ausflug mitmachen wolle.

Ich habe gegenwrtig viele Verhandlungen, die meine ganze Zeit
beanspruchen, lehnte Allan ab und ri Lloyds Brief auf.

Nun, dann ein andermal! ~Good bye!~ rief Ethel frhlich und ging.

Der Brief Lloyds enthielt nur ein paar Worte. Er war ohne Unterschrift:
Haben Sie ein Auge auf S. W.

S. W. war S. Woolf. Allan hrte pltzlich das Blut in den Ohren sieden.

Wenn Lloyd ihn warnte, so geschah es nicht ohne Grund! War es Lloyds
Instinkt, der Verdacht schpfte? Lloyds Spione? Schlimme Ahnungen
erfllten ihn. Geldgeschfte waren nicht seine Sache und er hatte sich
nie um S. Woolfs Ressort gekmmert. Das war Sache des Verwaltungsrates
und es war all die Jahre ausgezeichnet gegangen.

Er rief sofort Rasmussen, den Vertreter S. Woolfs, zu sich. Ganz
unauffllig bat er ihn, eine Kommission vorzuschlagen, die zusammen
mit ihm, Rasmussen, den gegenwrtigen finanziellen Stand des Syndikats
genau festsetzen sollte. Er wolle die Arbeit bald aufnehmen und wissen,
welche Summen sich in nchster Zeit flssig machen lieen.

Rasmussen war ein distinguierter Schwede, der seine europischen
Hflichkeitsformen whrend eines zwanzigjhrigen Aufenthaltes in
Amerika bewahrt hatte.

Er verbeugte sich und fragte: Wnschen Sie die Kommission noch heute
vorgeschlagen zu erhalten, Herr Allan?

Allan schttelte den Kopf. So eilig ist es durchaus nicht, Rasmussen.
Aber morgen vormittag. Werden Sie bis dahin Ihre Wahl treffen knnen?

Rasmussen lchelte. Gewi!

An diesem Abend sprach Allan mit Erfolg in der Versammlung der
Gewerkschafts-Delegierten.

An diesem Abend erscho sich Rasmussen.

Allan erbleichte, als er es erfuhr. Er rief augenblicklich S. Woolf
zurck und ordnete sofort eine geheime Revision an. Der Telegraph
spielte Tag und Nacht. Die Revision stie auf ein unentwirrbares
Chaos. Es zeigte sich, da Veruntreuungen, deren Hhe sich im Moment
nicht feststellen lie, durch falsche Buchungen und raffinierte
Manipulationen vertuscht worden waren. Ob Rasmussen oder S. Woolf
oder andere dafr verantwortlich waren, lie sich nicht sofort
erkennen. Ferner fand es sich, da S. Woolfs letztjhrige Bilanz eine
Verschleierung war und der Reservefonds ein Minus von sechs bis sieben
Millionen Dollar aufwies.




7.


S. Woolf fuhr ber den Ozean, ohne den leisesten Verdacht zu haben, da
ihn zwei Detektive begleiteten.

Er war zur berzeugung gekommen, da es das beste war, Allan von den
Verlusten in Kenntnis zu setzen. Allein er fgte hinzu, da sich
diese Verluste durch andere gewinnverheiende Transaktionen bis auf
eine Lappalie ausgleichen drften. Danach fhlte er sich freier. Als
er funkentelegraphisch von Rasmussens Selbstmord hrte, berkam ihn
das Grauen. Er jagte eine Depesche hinter der anderen nach New York.
Er erklrte, da er fr Rasmussen einstehe und sofort eine Revision
anbahnen werde. Allan antwortete, er solle nicht weiter telegraphieren,
sondern ihn augenblicklich nach seiner Ankunft in New York aufsuchen.

S. Woolf ahnte nicht, da das Messer fr ihn schon bereit lag. Er
hoffte immer noch, die Revision persnlich leiten zu knnen und
einen Ausweg zu finden. Vielleicht war der tote Rasmussen sogar
seine Rettung! Er war, um sich aufs Trockene zu schwingen, zu allem
entschlossen -- wenn es sein mte, zu einer Schurkerei. Und was er an
dem toten Rasmussen sndigte, das konnte er ja an der hinterbliebenen
Familie wieder gutmachen.

Der Dampfer hatte in Hoboken kaum festgemacht, als Woolf schon in
seinem Car sa und nach Wallstreet fuhr. Er lie sich sofort bei Allan
anmelden.

Allan lie ihn warten, fnf Minuten, zehn Minuten, eine Viertelstunde.
Woolf war befremdet. Und mit jeder Minute sank sein Mut, mit dem
er sich bis zum Hals vollgepumpt hatte. Als ihn Allan endlich
eintreten lie, verbarg er seine erschtterte Sicherheit hinter einem
asthmatischen Schnaufen, das sich bei ihm ganz natrlich anhrte.

Den steifen Hut im Nacken, die Zigarre im Mund, trat er ein und begann
schon unter der Tr zu reden. Sie lassen Ihre Leute warten, Herr
Allan, das mu ich sagen! rasselte er vorwurfsvoll, mit einem fetten
Lachen, und nahm den Hut ab, um sich die Stirn zu trocknen. Wie geht
es Ihnen?

Allan erhob sich. Da sind Sie ja, Woolf! sagte er ruhig, ohne einen
verrterischen Klang in der Stimme, und suchte mit den Blicken etwas
auf seinem Arbeitstisch.

Der Ton Allans ermutigte Woolf wieder, er sah wieder Licht, aber
es fuhr ihm pltzlich wie ein eiskaltes Messer am Rcken entlang,
da Allan ihn nur Woolf und nicht Mr. Woolf nannte. Diese
Vertraulichkeit war einst einer seiner intimen Wnsche gewesen, nun
aber schien sie ihm kein gutes Anzeichen zu sein.

Er warf sich chzend in einen Sessel, bi eine neue Zigarre ab, da
seine Zhne klappten, und setzte sie in Brand.

Was sagen Sie zu Rasmussen, Herr Allan? begann er, nach Atem ringend
und schwenkte das Streichholz, bis es erlosch, und warf es auf den
Boden. Ein solch auerordentlich begabter Mensch! Schade um ihn! Er
htte uns eine hbsche Sache zusammenmischen knnen, bei Gott! Wie ich
schon telegraphierte, ich stehe fr Rasmussen ein!

Er brach ab, denn Allans Blick hatte ihn getroffen. Dieser Blick war
khl, nichts sonst. Er war so bar aller menschlichen Anteilnahme,
alles menschlichen Interesses, da er beleidigend wirkte und S. Woolf
augenblicklich den Mund verschlo.

Rasmussen ist ein Kapitel fr sich, entgegnete Allan in
geschftsmigem Ton und nahm einen Sto Telegramme vom Tisch, wir
wollen keine Umwege machen und von Ihnen reden, Woolf!

Um Woolfs Ohren pfiff ein eisiger Wind.

Er beugte sich vor, plusterte mit den Lippen und nickte, wie ein
Mensch, der einen Tadel entgegennimmt und seine Blamage zugibt. Dann
holte er einen tiefen Atemzug aus der Brust hervor und sagte mit einem
ernsten, glhenden Blick: Ich habe Ihnen schon telegraphiert, Herr
Allan, da ich diesmal keine glckliche Hand hatte. Die Baumwolle
verkaufte ich eine Woche zu frh, weil ich mich von meinem Liverpooler
Agenten, diesem Idioten, ins Bockshorn jagen lie. Das Zinn zu spt.
Ich bedaure die Verluste, aber sie lassen sich wieder gutmachen.
Es ist kein Vergngen, zugeben zu mssen, da man Dreck im Kopfe
hatte, glauben Sie mir das! schlo er und richtete sich chzend im
Sessel auf und lachte leise. Aber das Lachen, das selbstanklagend und
nachsichtheischend klingen sollte, gelang ihm nicht recht.

Allan machte eine ungeduldige Bewegung mit dem Kopfe. Er kochte
innerlich vor Wut und Emprung. Vielleicht hatte er nie einen Menschen
mehr gehat als diesen haarigen, fremdrassigen Asthmatiker in diesem
Augenblick. Nun, nach einem Jahre -- einem elendiglich verlorenen Jahre
-- da er mit uerster Anstrengung alles wieder auf solide Geleise
gesetzt hatte, mute dieser verbrecherische Brsenjobber ihm von
neuem alles ber den Haufen werfen! Er hatte keinen Grund, ihn sanft
anzupacken, und so machte er seinen Mann schonungslos und rasch nieder.
Darum handelt es sich nicht, entgegnete er ruhig wie vorhin und nur
seine Nasenflgel blhten sich auf. Das Syndikat wird keine Minute
zgern, Sie zu decken, wenn Sie im Dienste der Gesellschaft Verluste
erleiden. Aber -- und Allan lie den Arbeitstisch los, an dem er
lehnte und stand aufrecht und sah Woolf mit Augen an, die nichts waren
als Pupille und beherrschte Mordgier -- Ihre vorjhrige Bilanz war
Humbug, mein Herr! Humbug! Sie haben auf eigene Rechnung spekuliert und
sieben Millionen Dollar unterschlagen!

S. Woolf sank wie ein Baum. Er wurde grau wie Erde. Seine Zge
vermoderten. Er griff mit der fleischigen Hand an sein Herz und fiel,
nach Luft schnappend, zurck. Sein Mund stand fassungslos und lppisch
offen und seine blutunterlaufenen Augen quollen aus dem Kopf.

Allan wechselte die Farbe; er wurde bla und rot vor Anstrengung, sich
zu beherrschen. Dann fgte er mit der gleichen Ruhe und Klte hinzu:
Sie knnen ja selbst nachsehen! Und er warf den Sto von Telegrammen
nachlssig vor Woolfs Fe, da sie ber den Boden flatterten.

S. Woolf lag noch immer nach Luft ringend im Sessel. Der Boden sank
unter ihm, seine Fe wurden zu Wolken, sein rasselnder Atem klang ihm
in den eigenen Ohren wie das Brausen eines Wasserfalls. Er war so
berrumpelt, so betubt von diesem turmhohen Sturze, da er fr die
Beleidigung, die in dem nachlssigen Hinwerfen der Telegramme lag, gar
keine Empfindung hatte. Die grauen Lider senkten sich wie Deckel ber
seine Augen. Er sah nichts. Er sah Nacht, kreisende Nacht, dachte, er
wrde sterben, flehte den Tod herbei ... und dann erwachte er wieder
und fing an zu begreifen, da es keine Lge mehr gab, die ihn aufs
Trockene trug.

Allan --? stammelte er.

Allan schwieg.

S. Woolf tauchte wieder in den Strudel hinab, keuchte wieder empor
und schlug endlich die Augen auf, eingesunkene Augen, verfault wie
bei Fischen, die lange liegen. Dann setzte er sich keuchend aufrecht.
Unsere Lage war verzweifelt, Allan, stammelte er und seine Brust warf
sich stoweise vor Luftmangel, ich wollte Geld schaffen -- Geld um
jeden Preis --!

Allan fuhr emprt auf. Das Recht der Lge hat jeder Verzweifelnde.
Aber er hatte kein Mitleid mit diesem Mann, er empfand nichts fr
ihn, _nichts_, nichts als Ha und Wut. Er wollte kurzen Proze mit
ihm machen und dann fort mit ihm! Seine Lippen waren schneewei vor
Erregung, als er entgegnete: Sie hatten bei der Budapester Bank
eineinhalb Millionen auf den Namen Wolfsohn deponiert, in Petersburg
eine Million und vorbergehend in London und an belgischen Banken zwei
bis drei Millionen. Sie haben Geschfte auf eigene Rechnung gemacht und
sich zuletzt das Genick gebrochen. Ich gebe Ihnen Zeit bis morgen abend
um sechs Uhr. Keine Minute frher und keine Minute spter lasse ich Sie
verhaften.

Woolf erhob sich taumelnd, leichengelb, um in einem instinktiven
Verteidigungsdrang auf Allan einzuschlagen. Aber er konnte keine
Hand heben. Er war am ganzen Krper lahm und zitterte schrecklich.
Pltzlich kehrte ihm fr Sekunden ganz klar das Bewutsein zurck. Er
stand schwer atmend, das fahle Gesicht mit Schweitropfen punktiert,
und starrte zu Boden. Sein Auge nahm mechanisch die Namen einer Anzahl
europischer Banken auf, die auf den Depeschen da unten standen. Sollte
er Allan sagen, weshalb er sich auf diese Spekulationen einlie?
Sollte er ihm seine Motive auseinandersetzen? Da es ihm keineswegs
um _Geld_ zu tun gewesen war? Aber Allan war zu einfltig, zu simpel,
um zu begreifen, wieso ein Mensch nach _Macht_ verlangen konnte --
er, der die Macht besa, ohne je nach ihr gestrebt zu haben, ohne
es zu wissen, ohne es zu wollen, der sie ganz einfach hatte! Dieser
Maschinenkonstrukteur hatte nur drei Gedanken im Kopf und nie ber
die Welt nachgedacht und verstand nichts. Ja, und selbst wenn er ihn
verstand, selbst wenn, so wrde er gegen eine Granitmauer rennen,
gegen die Mauer des brgerlichen, hanebchenen Ehrlichkeitsbegriffes,
der im kleinen berechtigt ist, aber im groen Dummheit, gegen diesen
Begriff wrde er rennen und nicht durchkommen. Allan wrde ihn nicht
weniger verachten und verdammen. Allan! Ja, wirklich derselbe Allan,
der fnftausend Menschen auf dem Gewissen hatte, Allan, der dem Volk
Milliarden aus der Tasche nahm, ohne sicher zu sein, ob er je seine
Versprechungen einlsen konnte. Auch Allans Stunde wrde noch kommen,
er prophezeite sie ihm! Dieser Mann aber richtete ihn heute und glaubte
ein Recht dazu zu haben! S. Woolfs Kopf arbeitete verzweifelt. Einen
Ausweg! Rettung! Eine Mglichkeit! Er erinnerte sich an Allans bekannte
Gutmtigkeit. Warum packte er ihn mit Haifischzhnen an? Gutmtigkeit
und Barmherzigkeit waren verschiedene Dinge.

So tief dachte dieser verzweifelte Mensch, da er sekundenlang alles
ringsum verga. Er hrte nicht, da Allan seinen Diener rief und ihm
befahl, ein Glas Wasser zu bringen, da Herr Woolf sich nicht wohl
fhle. Und je lnger er dachte, desto leichenfarbener und fahler wurde
er.

Er erwachte erst, als ihn jemand am Arm zupfte und eine Stimme sagte:
Sir? Da sah er, da Allans Diener, Lion, ihm ein Glas Wasser reichte.

Er trank das ganze Glas aus, dann schpfte er Atem und sah Allan
an. Es schien ihm pltzlich alles weniger schlimm zu sein. Wenn es
ihm gelnge, Allans Herz zu packen? Und er sagte, ganz gefat und
beherrscht, mit tiefer Stimme: Hren Sie, Allan, das kann nicht Ihr
Ernst sein. Wir arbeiten nun seit sieben, acht Jahren zusammen, ich
habe dem Syndikat Millionen verdient ...

Das war Ihre Arbeit.

Gewi! Hren Sie, Allan, ich gebe zu, es war eine Entgleisung. Es war
mir nicht um Geld zu tun. Ich will es Ihnen erklren. Sie sollen meine
Motive erfahren ... Aber es kann doch nicht Ihr Ernst sein, Allan!
Die Sache lt sich ordnen! Und ich bin der _einzige_ Mensch, der sie
ordnen kann ... Wenn Sie mich fallen lassen, so fllt das Syndikat ...

Allan wute, da S. Woolf die Wahrheit sprach. Die sieben Millionen
konnte seinetwegen der Teufel holen, der _Skandal_ aber war eine
Katastrophe. Trotzdem blieb er unerbittlich.

Das ist meine Sache! entgegnete er.

Woolf schttelte den zottigen Bffelkopf. Er konnte es nicht begreifen,
da Allan ihn tatschlich aufgeben, strzen wollte. Es war unmglich.
Und er wagte es nochmals, sich in Allans Augen zu erkundigen. Aber
diese Augen schrien ihm in ihrer stillen Sprache entgegen, da von
diesem Manne keine Nachsicht und Gnade zu erwarten war. Nichts! Gar
nichts! Pltzlich erkannte er, da Allan ein Amerikaner war, ein
_geborener_ und er nur ein _gewordener_, und Allan war strker.

Die leise Hoffnung, die er sich vorgelogen hatte, war eitel. Er war
verloren. Und von neuem berfiel ihn sein Elend.

Allan! schrie er pltzlich, von Verzweiflung gepackt, das knnen Sie
nicht wollen. Nein! Sie treiben mich in den Tod! Das knnen Sie nicht
wollen!

Er kmpfte jetzt nicht mehr mit Allan, er kmpfte mit dem Schicksal.
Aber das Schicksal hatte Allan vor die Front geschickt, einen kalten
Fechter, der nicht wich.

Das knnen Sie nicht wollen, Allan! wiederholte er wieder und wieder.
Sie treiben mich in den Tod! Und er schttelte seine Fuste unter
Allans Gesicht.

Ich habe Ihnen alles gesagt. Allan wandte sich zur Tre.

S. Woolfs Gesicht war von kaltem Schwei wie mit Schleim berzogen,
sein Bart klebte.

Ich werde das Geld ersetzen, Allan --! schrie er wild und seine Arme
fuhren durch die Luft.

~Tommy rot~! rief Allan und ging.

Da schlug Woolf die Hnde vors Gesicht und sank mit dumpfem Aufschlag
in die Knie, wie ein geschlagener Stier.

Eine Tre krachte ins Schlo.

Allan war gegangen.

S. Woolfs fetter Rcken zuckte. Er erhob sich halb betubt. Seine Brust
wurde von einem trnenlosen Schluchzen erschttert. Er nahm den Hut,
strich mit der Hand ber den Filz und ging langsam zur Tre.

An der Tre blieb er nochmals stehen. Allan war im Nebenzimmer und
mute ihn hren, wenn er rief. Er ffnete den Mund, aber er brachte
keinen Laut hervor. Es war auch einerlei. Denn es hatte keinen Wert!

Er ging. Er knirschte mit den Zhnen vor Zorn, Erniedrigung und Elend.
Trnen der Wut traten ihm in die Augen. Oh, wie er Allan jetzt hate!
Er hate ihn so sehr, da er Blut auf der Zunge sprte ... Auch Allans
Stunde wrde noch kommen ...!

Als toter Mann fuhr er im Lift ab.

Er stieg in den Car. ~Riverside-Drive!~

Der Chauffeur, der kaum das Gesicht seines Herrn mit einem Blick
gestreift hatte, dachte: >S. Woolf ist fertig!<

Zusammengeduckt, grau, mit eingesunkenen Augen sa Woolf im Wagen,
ohne etwas zu hren, zu sehen. Er fror vor kaltem Schwei und kroch in
seinen Mantel zurck, wie ein Tier in die Muschel. Dann und wann dachte
er, bittern Ekel auf dem Mund: Er hat mich kalt niedergemacht. Er hat
mich _geschchtet_! Etwas anderes vermochte er nicht zu denken.

Es wurde Nacht und der Chauffeur hielt an und fragte, ob er nicht nach
Hause fahren solle.

S. Woolf dachte angestrengt nach. Dann sagte er mit tonloser Stimme:
Hundertzehnte!

Das war die Adresse Renes, seiner momentanen Mtresse. Er hatte
niemand, mit dem er reden konnte, keinen Freund, keinen Bekannten, und
so fuhr er zu ihr.

Woolf befrchtete, sich vor dem Chauffeur verraten zu haben und ri
sich zusammen. Vor Renes Haus stieg er aus und sagte gleichmtig und
etwas herrisch wie immer: Sie warten!

Der Chauffeur aber dachte: >Trotzdem bist du fertig!<

Rene zeigte mit keiner Miene Freude darber, da er zurckgekehrt
war. Sie schmollte. Sie tat tdlich gelangweilt, sie tat unglcklich.
So sehr war sie mit ihrem hochmtigen, verzogenen und eigensinnigen
Persnchen beschftigt, da ihr seine Verstrtheit gar nicht auffiel.

ber diesen Grad von weiblichem Egoismus mute Woolf laut auflachen.
Und dieses Lachen, das mit sehr viel Verzweiflung gemischt war, brachte
ihn auf den Ton zurck, in dem er mit Rene zu verkehren pflegte. Er
sprach Franzsisch mit ihr. Die Sprache schien einen andern Menschen
aus ihm zu machen. Auf Sekunden -- auf ganz kurze Sekunden -- verga er
zuweilen ganz, da er ein toter Mann war. Er scherzte mit Rene, nannte
sie sein kleines verzogenes Kind, sein bses Pppchen, sein Kleinod
und Spielzeug und gab ihr mit seinen feuchten kalten Lippen einen Ku
auf den schnen, schwellenden Mund. Rene war eine auerordentliche
Schnheit, eine rotblonde Nordfranzsin aus Lille, die er im vorigen
Jahr aus Paris importiert hatte. Er log ihr vor, da er ihr ein Wunder
von einem Schal und die prchtigsten Federn aus Paris mitgebracht habe,
und ein Lichtschein glitt ber Renes Mienen. Sie befahl den Tisch zu
decken und schwatzte von all ihren Sorgen und Launen.

Oh, sie hate dieses New York, sie hate dieses Volk von Amerikanern,
die eine Dame mit uerster Rcksicht und uerster Gleichgltigkeit
behandelten. Sie hate es, auf ihrer Etage zu sitzen und zu warten.
~Oh, mon dieu, oui~, sie wre viel lieber eine kleine Modistin in Paris
geblieben ...

Vielleicht kannst du bald zurckkehren, Rene, sagte Woolf mit einem
Lcheln, das unter Renes niedriger Stirn weiterarbeitete.

Bei Tisch vermochte er keinen Bissen ber die Lippen zu bringen, aber
er trank groe Mengen Burgunder. Er trank und trank, wurde hei im
Kopf, aber nicht betrunken.

Wir wollen Musik und Tnzer bestellen, Rene, sagte er. Rene
telephonierte an ein ungarisches Restaurant im Judenviertel und nach
einer halben Stunde waren die Tnzer und Musiker da.

Der Primas der Kapelle kannte Woolfs Geschmack und hatte ein junges
schnes Mdchen, das direkt aus der ungarischen Provinz kam,
mitgebracht. Das Mdchen hie Juliska und sang ein kleines Volkslied,
so leise, da man sie kaum hrte.

Woolf versprach der Truppe hundert Dollar unter der Bedingung, da auch
keine Sekunde Pause entstehe. Ohne Unterbrechung wechselten Musik,
Gesnge und Tnze ab. Woolf lag wie eine Leiche im Sessel, nur seine
Augen glnzten. Er schlrfte immerzu Rotwein und wurde doch nicht
trunken. Rene kauerte mit angezogenen Beinen in einem Fauteuil, in
einen prchtigen zinnoberroten Schal eingewickelt, die grnen Augen
halb geschlossen, wie ein roter Panther. Sie sah immer noch gelangweilt
aus. Gerade ihre beispiellose Indolenz hatte ihn gereizt. Kam man ihr
nahe, so wurde sie bsartig wie eine Idiotin, bis endlich die Hlle aus
ihr loderte.

Die schne junge Ungarin, die der smarte Primas mitgebracht hatte,
gefiel S. Woolf. Er richtete hufig seinen Blick auf sie, aber sie
wich scheu mit den Augen aus. Darauf winkte er den Primas heran und
flsterte mit ihm. Eine Weile spter verschwand Juliska.

Punkt elf Uhr verlie er Rene. Er schenkte ihr einen seiner
Brillantringe. Rene liebkoste mit ihren Lippen sein Ohr und fragte ihn
flsternd, weshalb er nicht bleibe. Er gebrauchte seine alte Ausrede,
er habe zu arbeiten, und Rene runzelte die Stirn und verzog das
Mndchen.

Juliska wartete bereits in Woolfs Wohnung. Sie zitterte, als er sie
berhrte. Ihr Haar war braun und weich. Er go ihr ein Glas Wein
ein und sie nippte gehorsam daran und sagte sklavisch: Auf Ihre
Gesundheit, Herr! Dann sang sie auf seinen Wunsch ihr kleines
melancholisches Volkslied, wiederum so leise, da man sie kaum hrte.

~Kt lnya volt a falunak~ -- sang sie -- ~kt virga; mind a kett gy
vgyott a boldogsagra~ ...

Zwei Mdchen hatte das Dorf, zwei Blumen. Beide sehnten sich nach dem
Glck; die eine fhrte man zum Traualtar, die andere brachte man zum
Friedhof.

Hundertmal in seiner Jugend hatte S. Woolf das Lied gehrt. Aber
heute drckte es ihn nieder. Seine ganze Hoffnungslosigkeit hrte er
daraus. Er sa da und trank und bekam Trnen in die Augen. Er weinte
aus Mitleid mit sich selbst und die Trnen liefen langsam ber seine
wchsernen, schwammigen Wangen.

Nach einer Weile schnaubte er sich die Nase und sagte weich und leise:
Das hast du gut gemacht. Was kannst du sonst, Juliska?

Sie sah ihn mit traurigen, braunen Augen an, die an die Augen eines
Lamas erinnerten. Sie schttelte den Kopf. Nichts, Herr, flsterte
sie verzagt.

Woolf lachte nervs. Das ist nicht viel! sagte er. Hre, Juliska,
ich will dir tausend Dollar geben, aber du mut tun, was ich dir sage?

Ja, Herr, antwortete Juliska ergeben und ngstlich.

So kleide dich aus. Geh ins Zimmer nebenan.

Juliska neigte den Kopf: Ja, Herr.

Whrend sie die Kleider ablegte, sa S. Woolf regungslos im Sessel und
starrte vor sich hin. Wenn Maud Allan noch am Leben wre, so htte
ich eine Hoffnung! dachte er. Und er sa und sein Unglck brtete
dunkel ber ihm. Als er nach einiger Zeit aufblickte, sah er Juliska
ausgekleidet, halb in die Portiere gewickelt, unter der Tre stehen. Er
hatte sie ganz vergessen gehabt.

Komm nher, Juliska. Juliska trat einen Schritt vor. Die rechte Hand
hielt noch immer die Portiere fest, als wolle sie die letzte Hlle
nicht aufgeben.

S. Woolf betrachtete sie mit Kennerblicken und der nackte Mdchenkrper
brachte ihn auf andere Gedanken. Obwohl noch nicht siebzehn Jahre alt,
war Juliska doch schon ein Weibchen. Ihr Becken war breiter, als die
Kleider ahnen lieen, ihre Schenkel runde Sulen, ihre Brste klein
und fest. Ihre Haut war dunkel. Wie aus Erde gebacken und in der Sonne
getrocknet war sie.

Kannst du tanzen? fragte S. Woolf.

Juliska schttelte den Kopf. Sie sah nicht auf. Nein, Herr!

Hast du nie bei der Weinlese getanzt?

Doch, Herr!

Hast du Tschardas getanzt?

Ja, Herr!

So tanze Tschardas!

Juliska sah sich hilflos um. Dann tanzte sie, mehr aus Angst als um des
hohen Lohnes willen. Sie machte ungeschickt die Bewegungen der Arme und
Beine. Unbekleidet wute sie mit ihrem Krper nichts anzufangen. Sie
trippelte, als ginge sie auf Scherben. Ihre Augen standen voll Wasser
und ihre Wangen brannten vor Scham. Ach, ihre Fe, ihre Fe, die
nicht ganz rein waren, wo sollte sie sie denn hin tun?

Sie war herrlich. Viele Jahre lang hatte S. Woolf diese rhrende
Schamhaftigkeit nicht mehr gesehen. Er konnte sich nicht sttigen an
ihrem Anblick. Tanze, Juliska!

Und Juliska hob ungeschickt Beine und Hnde und die Trnen tropften aus
dem zurckgeworfenen Kopf auf ihre Brust herab. Dann stand sie still
und zitterte.

Wovor hast du Angst, Juliska?

Ich habe keine Angst, Herr!

So komm nher!

Juliska kroch nher. >Jetzt wird er es tun!< dachte sie und sie dachte
an das Geld.

Aber S. Woolf tat es nicht. Er zog sie auf seine Knie. Habe keine
Angst und sieh mich an. Sie tat es, ihr Blick flackerte und brannte.
S. Woolf kte sie auf die Wange. Er prete sie an sich in einer
Aufwallung von vterlichem Gefhl und Trnen traten in seine Augen.
Was willst du hier in New York tun?

Ich wei es nicht.

Wer hat dich hergebracht?

Mein Bruder. Aber er ist jetzt nach dem Westen gegangen.

Was tust du jetzt?

Ich singe mit Gyula.

Lasse Gyula fahren und singe nicht mehr mit ihm. Er ist ein Lump. Du
kannst auch gar nicht singen.

Nein, Herr.

Ich will dir Geld geben und du wirst tun, was ich sage?

Gewi, Herr!

Gut. Lerne Englisch. Kaufe dir hbsche einfache Kleider und suche
dir eine Stellung als Verkuferin. Gib hbsch acht, was ich dir sage.
Ich will dir zweitausend Dollar geben, weil du so _schn_ tanztest.
Davon kannst du drei Jahre leben. Besuche einen Abendkursus. Lerne
Buchfhrung, Stenographie und Maschinenschreiben. Das andere findet
sich dann von selbst. Willst du das tun?

Ja, Herr! antwortete Juliska ngstlich, denn Woolf kam ihr unheimlich
vor. Sie hatte gehrt, da in New York viele junge Mdchen ermordet
wrden.

Kleide dich wieder an. Und S. Woolf streckte Juliska eine Hand voller
Scheine hin. Aber sie wagte sie nicht zu nehmen. Sobald ich danach
greife, wird er mich niederschlagen, dachte sie.

Nimm doch! sagte S. Woolf lchelnd. Ich brauche das Geld nicht mehr,
denn morgen abend Punkt sechs Uhr bin ich tot.

Juliska erschauerte.

S. Woolf lachte nervs. Hier hast du noch zwei Dollar. Nimm das erste
Auto, das du siehst und fahre nach Hause. Gib Gyula hundert Dollar und
sage ihm, mehr htte ich nicht gegeben. Sage niemand, da du Geld hast!
Die Hauptsache in der Welt ist, Geld zu haben -- aber die andern drfen
nichts davon wissen! Nimm doch! Er stopfte ihr die Scheine in die Hand.

Juliska ging, ohne Dank zu sagen.

S. Woolf war allein und seine Zge erschlafften sofort. Ein bldes
Frauenzimmer, murmelte er. Sie wird ja doch untergehen. Das Geld
reute ihn. Er rauchte eine Zigarre, trank einen Kognak und ging in
seinen Zimmern auf und ab. Er hatte smtliche Lampen eingeschaltet,
weil er nicht das geringste Halbdunkel ertrug. Vor einem japanischen
Lackschrnkchen blieb er stehen und ffnete es. Es war voller Locken,
blonder, goldener, roter Mdchenlocken. Jede Locke trug einen Zettel
wie eine Arzneiflasche. Ein Datum stand darauf. Und Woolf sah diese
Flut von Haaren und lachte voller Verachtung. Denn er verachtete und
verabscheute die Frauen, wie alle Mnner, die sich viel mit kuflichen
Frauen abgegeben haben.

Aber das Lachen machte ihn stutzig. Es erinnerte ihn an ein Lachen, das
er einmal irgendwo gehrt hatte. Da fiel ihm ein, da sein Onkel so
gelacht hatte, genau so, und diesen Onkel hatte er am meisten gehat.
Das war merkwrdig.

Und wieder ging er auf und ab. Aber die Wnde und Mbel erblaten immer
mehr. Die Zimmer wurden grer, der. Er ertrug das Alleinsein nicht
mehr und fuhr in den Klub.

Es war drei Uhr nachts. Die Strae lag verdet. Aber drei Huser weit
entfernt stand ein Auto, das eine Panne hatte. Der Chauffeur kroch
unter dem Motor herum. Sobald aber Woolf abfuhr, rollte das Auto hinter
ihm her. Woolf lchelte bitter. Allans Spione? Beim Klub angelangt gab
er dem Chauffeur zwei Dollar Trinkgeld und schickte ihn nach Hause.

>Wie fertig er ist, ~Lord~!< dachte der Chauffeur.

Im Klub waren noch drei Pokertische in voller Arbeit und Woolf setzte
sich zu Bekannten. Es war merkwrdig, was fr Karten er heute in die
Hand bekam! Karten, wie man sie sonst nie sah! >Da sind Juliskas
zweitausend Dollar wieder!< dachte er und steckte das Geld in die
Hosentasche. Um sechs Uhr wurde das Spiel abgebrochen und Woolf ging
den ganzen weiten Weg zu Fu nach Hause. Hinter ihm her trotteten
plaudernd zwei Mnner mit Schaufeln auf den Schultern. An seinem Hause
traf er einen angeheiterten Arbeitsmann, der an den Husern entlang
rollte und leise und falsch wie ein Betrunkener sang.

~Have a drink~? redete ihn Woolf an.

Aber der Betrunkene reagierte nicht. Er hatte den Mund voll
unverstndlicher Worte und torkelte vorbei.

Allans Verwandlungen!

Zu Hause trank er einen Whisky, der so stark war, da es ihn
schttelte. Er war nicht betrunken, aber er war in einen bewutlosen
Zustand geraten. Er nahm ein Bad und schlief im Bad ein und erwachte
erst, als der Diener besorgt klopfte. Er kleidete sich vom Kopf bis
zum Fu neu an und verlie das Haus. Nun war es lichter Tag geworden.
Gegenber stand ein Auto und Woolf trat heran und fragte, ob der Wagen
frei sei.

Ich bin bestellt! sagte der Chauffeur und Woolf lchelte verchtlich.
Allan umgab ihn, Allan hatte ihn umzingelt. Aus einer Haustre trat
ein Gentleman mit einer kleinen schwarzen Mappe unter dem Arm und
folgte ihm auf der andern Seite der Strae. Da sprang Woolf pltzlich
auf eine Tram und glaubte damit den Detektiven Allans entkommen zu sein.

Er trank Kaffee in einem Saloon und wanderte den ganzen Vormittag in
den Straen hin und her.

New York hatte das Zwlfstundenrennen aufgenommen. New York _lag_ im
Rennen, von seinem Schrittmacher, der _Tat_, gefhrt. Autos, Cars,
Geschftswagen, Menschen, alles schwirrte. Die Hochbahnen donnerten.
Die Menschen strzten aus Husern, Wagen, Tramcars, sie strzten aus
Lchern in der Erde hervor, aus den zweihundertundfnfzig Kilometer
langen Stollen der Subway. Sie waren alle rascher als Woolf. >Ich
bleibe zurck,< dachte er. Er ging schneller, aber trotzdem berholten
ihn alle. Wie in Hypnose zappelten sie dahin. Manhattan, das groe
Herz der Stadt, saugte sie an, Manhattan schleuderte sie durch tausend
Adern von sich. Sie waren Splitter, Atome, glhend durch gegenseitige
Reibung, und besaen nicht mehr Eigenbewegung als die Molekle aller
Dinge. Und die Stadt ging ihren donnernden Gang. Von fnf zu fnf
Minuten passierte ihn ein grauer elektrischer Riesenomnibus, der den
Broadway hinabfegte wie ein Elefant, der brennenden Zunder unter dem
Schwanz hat. Das waren die Frhstcksomnibusse, in denen ein Mensch
eine Tasse Kaffee und ein Sandwich hinunterschlingen konnte auf seinem
Weg ins Bro. Zwischen den kleinen dahinfliegenden Menschen aber
gingen groe, freche Gespenster umher und schrien: Verdopple dein
Einkommen! -- Warum sollst du fett sein? -- Wir machen dich reich,
schreibe Postkarte! -- ~Easy Walker!~ -- ~Make your own terms~ -- ~Stop
having fits!~ -- ~Drunkards saved secretly~ -- Doppelte Kraft! --:
Plakate! -- Das waren die groen Dompteure, die diese zappelnde Menge
beherrschten. Woolf lchelte ein sattes, befriedigtes Lcheln. Er, der
die Reklame zur Kunst erhoben hatte!

Von der Battery aus sah er drei zitronengelbe Reklameaeroplane, die
hintereinander ber der Bai kreuzten, um die Kunden abzufangen, die
auf dem Weg nach New York waren. Auf ihren gelben Flgeln stand:
Wannamaker -- Restetag!

Wer von all den Tausenden von wimmelnden Menschen um ihn her wrde auf
den Gedanken kommen, da er vor zwlf Jahren das fliegende Plakat
grndete?

Er klebte an New York, angesaugt von der Zentripetalkraft des mahlenden
Ungetms. Den ganzen Tag. Er a zu Mittag, trank Kaffee, nahm ein
Glschen Kognak da und dort. Sobald er stehen blieb, berkam ihn ein
Schwindelgefhl und so ging er immer vorwrts. Um vier Uhr kam er
in den Centralpark, halb betubt, ohne zu denken. Er passierte die
Luftschiffhallen der Chicago-Boston-New York Airship-Co. und lie
sich von den Wegen ziehen. Es begann zu regnen und der Park war ganz
verlassen. Er schlief whrend des Gehens halb ein, aber pltzlich
weckte ihn ein heftiger Schreck: er war ber seinen Gang erschrocken.
Er ging gebckt, schlrfend, mit eingebogenen Knien, ganz wie der alte
Wolfsohn dahinschlrfte, den das Schicksal zur Demut zugeritten hatte.
Und eine Stimme hatte in ihm geflstert -- so deutlich: der Sohn des
Leichenwschers!

Der Schreck weckte ihn auf. Wo war er? Centralpark. Weshalb war er
hier? Weshalb war er nicht fort, ja, zum Teufel -- weshalb war er nicht
ber alle Berge? Weshalb klebte er den ganzen Tag an New York? Wer
hatte es ihm befohlen? Er sah auf die Uhr. Es war einige Minuten nach
fnf Uhr. Eine Stunde also hatte er noch Zeit, denn Allan hielt Wort.

Sein Kopf begann rasch zu denken. Er hatte fnftausend Dollar in der
Tasche. Damit konnte er weit kommen! Er wollte fliehen. Allan sollte
ihn nicht bekommen. Er blickte sich um -- niemand weit und breit! Es
war ihm also gelungen, Allans Detektive abzuschtteln. Dieser Triumph
belebte ihn und er begann blitzschnell zu handeln. In einem Barber-shop
lie er sich seinen Bart abnehmen und whrend der Barbier arbeitete,
berlegte er seinen Fluchtplan. Er befand sich am Columbussquare. Er
wollte mit der Subway bis zur Zweihundertsten Strae fahren, etwas
gehen und dann irgendeinen Zug besteigen.

Zehn Minuten vor sechs Uhr verlie er den Barbierladen. Er kaufte noch
Zigarren und sieben Minuten vor sechs Uhr stieg er zur Subway hinunter.

Zu seiner berraschung sah er auf dem Perron der Columbussquarestation
unter den Wartenden einen Bekannten stehen, einen Mitpassagier der
letzten berfahrt. Der Mann sah ihn sogar an, aber -- Triumph! -- er
erkannte ihn nicht! Und doch hatte er mit diesem Mann tglich Poker
gespielt im Rauchsalon.

Auf den inneren Geleisen klirrte blitzschnell ein Exprezug dahin und
fllte die Station mit Getse und Wind. Woolf wurde ungeduldig und sah
auf die Uhr. Fnf Minuten!

Pltzlich aber konnte er den Passagier von vorhin nicht mehr sehen.
Als er sich umblickte, sah er ihn hinter seinem Rcken stehen, in
die Lektre des Herald vertieft. Und gleichzeitig war Woolf an allen
Gliedern gelhmt. Ein entsetzlicher Gedanke erwachte in ihm! Wenn
dieser Passagier einer von Allans Detektiven wre, der ihm schon --
von Cherbourg herber gefolgt war --? Es fehlten noch drei Minuten bis
sechs. Woolf tat ein paar Schritte zur Seite und sah verstohlen nach
dem Passagier hin. Der las ruhig weiter, aber in der Zeitung war ein
Ri und durch diesen Ri starrte ein scharfes Auge!

In tiefster Herzensnot sah S. Woolf in dieses Auge hinein. Es war
vorbei! In diesem Augenblick flog der Zug herein und S. Woolf sprang
zum Entsetzen der Wartenden aufs Geleise hinunter. Eine Hand mit
gespreizten Fingern griff nach ihm.




8.


S. Woolf wurde zwei Minuten vor sechs Uhr von den Rdern der Subway
zermalmt und eine halbe Stunde spter war ganz New York schon erfllt
von erregtem Geschrei.

~Extra! Extra! Here you are! Ha! Ha! All about suicide of Banker
Woolf! All about Woolf!~

Die Zeitungsverkufer rasten wie wilde Pferde dahin, und die Straen,
die Woolf heute durchwandert hatte, hallten wider von seinem Namen.

Woolf! Woolf! Woolf!

Woolf in drei Teile geschnitten!

Der Tunnel verschlingt Woolf!

Woolf! Woolf! Woolf! Jedermann hatte hundertmal seinen 50 ~PS~-Wagen
den Broadway entlangrollen sehen, mit dem silbernen Drachen, der
wie ein Ozeandampfer brummte. Jedermann kannte seinen zottigen
Bffelschdel. S. Woolf war ein Teil von New York und nun war er tot!
S. Woolf, der das grte Vermgen verwaltete, das je ein Mensch unter
sich hatte! Die dem Syndikat gnstig gesinnten Bltter schrieben:
Unglcksfall oder Selbstmord? Die feindlichen: Erst Rasmussen! --
Jetzt Woolf!!

Woolf, Woolf, Woolf! Die Zeitungsboys bellten den Namen hinaus und
stieen Rauchwolken in die neblige Strae. Es hrte sich an wie das
heisere Heulen von Wlfen, die ihre Beute zerfleischen.

Allan erfuhr Woolfs schrecklichen Tod fnf Minuten nach dem Vorfall.
Ein Detektiv sprach ihn durchs Telephon.

Verstrt, unfhig zu arbeiten ging er in seinem Arbeitsraum hin und
her. Die Straen waren angefllt mit Nebel und nur die Wolkenkratzer
ragten ber das Nebelmeer hinaus, von der sinkenden Sonne dster
beleuchtet. New York tobte und heulte in der Tiefe: _der Skandal war
im Gang_! Erst nach geraumer Zeit war es ihm mglich, mit dem Chef des
Pressebros und dem interimistischen Leiter des finanziellen Ressorts
beraten zu knnen. Die ganze Nacht hindurch verfolgte ihn der letzte
Eindruck Woolfs, wie er leichenfarben, nach Atem ringend, im Sessel
lag ...

Es ist der Tunnel! sagte Allan zu sich. Er fhlte sich von Drohung
und Unglck umringt und frstelte. Er sah eine hoffnungslose Zeit
kommen. Nun wird es _Jahre_ dauern --! dachte er und wanderte
schlaflos auf und ab.

Der Tod Woolfs hielt Tausende in dieser Nacht wach. Als Rasmussen sich
erscho, war man nervs geworden, Woolfs Tod aber erschreckte die
ganze Welt. Das Syndikat wankte! Alle groen Banken der Welt waren
mit Milliarden am Tunnel beteiligt, die Industrie mit Milliarden, das
Volk, bis herab zu den Zeitungsverkufern, mit Milliarden. Die Erregung
fieberte von San Franzisko bis Petersburg, von Sidney bis Kapstadt.
Die Presse aller Kontinente schrte die Besorgnis. Die Papiere des
Syndikats fielen nicht, sie strzten! Woolfs Tod war der Beginn des
groen Erdbebens.

Die einberufene Versammlung der Groaktionre des Syndikats dauerte
zwlf Stunden und glich einer erbitterten, hllischen Schlacht, in der
sich frher besonnene Menschen zerfleischten. Das Syndikat hatte am 2.
Januar Hunderte von Millionen Zinsen und Teilzahlungen zu entrichten,
Riesensummen, fr die keine gengende Deckung vorhanden war.

Die Versammlung verffentlichte ein Communiqu, worin sie erklrte,
da die finanzielle Situation momentan wenig gnstig sei, die Hoffnung
einer Sanierung aber nicht von der Hand gewiesen werden knne. Dieses
Communiqu enthielt in notdrftig verschleierter Form die ganze fatale
Wahrheit.

Am nchsten Tage konnte man Zehn-Dollar-Shares fr einen Dollar
kaufen. Ein Heer von Privatpersonen, vor Jahren von der allgemeinen
Spekulationswut fortgerissen, war ruiniert. ber ein Dutzend Opfer
forderte dieser erste Tag. Die Banken wurden gestrmt. Nicht nur jene,
deren hohe Beteiligung am Syndikat bekannt war, auch viele, die gar
nichts damit zu tun hatten, wurden vom Morgen bis zum Abend belagert
und die Kunden hoben ihre Einlagen ab. Eine ganze Reihe von Instituten
sah sich gezwungen, die Schalter zu schlieen, da die Barmittel
erschpft waren. Die Krise von 1907 war ein Scherz gegen diese. Einige
kleine Bankhuser krachten schon beim ersten Ansturm zusammen. Aber
selbst die Grobanken erzitterten von unten bis oben in der Brandung,
die gegen sie anlief. Vergebens versuchten sie die ffentlichkeit durch
Bekanntmachungen zu beruhigen. New York City-Bank, Morgan Co., Lloyd,
American zahlten im Laufe von _drei_ Tagen Summen von schwindelnder
Hhe aus. Die Telegraphisten sanken um vor Erschpfung. Die Bankpalste
waren die ganze Nacht taghell erleuchtet, Direktoren, Kassierer,
Sekretre kamen tagelang nicht aus den Kleidern. Das Geld wurde immer
teurer. Hatte die Panik von 1907 den Zinsfu fr tgliches Geld auf 80
bis 130 Prozent getrieben, so kostete es heute 100 bis 180 Prozent! Es
war zuweilen berhaupt unmglich, tausend Dollar zu leihen. New York
City wurde von Gould gehalten, Lloyds Bank verteidigte sich selbst
bis aufs Messer, American erhielt Untersttzungen von der Bank of
London. Abgesehen von dieser Bank war kein Cent von europischen Banken
zu erhalten: diese Banken setzten sich selbst in fieberhafter Hast
in Verteidigungszustand. An den Brsen von New York, Paris, London,
Berlin, Wien trat eine beispiellose Deroute ein. Ein Heer von Firmen
stellte die Zahlungen ein. Kein Tag verging ohne Bankerotte, kein Tag
ohne Opfer. Woolfs Todesart wurde epidemisch, tglich warfen sich
Ruinierte vor die Rder der Subway. Der Finanzkrper von fnf Erdteilen
hatte eine klaffende Wunde erhalten und drohte sich zu verbluten.
Handel, Verkehr, Industrie, die groe Maschine der modernen Welt, die
mit Milliarden geheizt wird und Milliarden ausspeit, schwang nur noch
langsam und mhselig, so da es den Anschein hatte, als werde sie
pltzlich, jede Stunde, ganz stehen bleiben.

Die Tunnel-Terrain-Gesellschaft, die sich mit dem Kauf und Verkauf von
Baugelnden der Tunnelstationen befate, krachte ber Nacht zusammen
und erschlug Ungezhlte.

Die Zeitungen waren in diesen Tagen Schlachtberichte.

Der Tunnel verschlingt mehr und mehr!

Mr. Harry Stillwell, Bankier, Chikago, erschiet sich. -- Broker
Williamson, 26. Strae, ruiniert, vergiftet sich und seine Familie.
-- Fabrikant Klepstedt, Hoboken, wirft sich unter die Subway. --
Die Nachricht, da sich der alte Jakob Wolfsohn in Szentes erhngte,
verhallte vollkommen unbeachtet.

Es war die _Panik_! Sie sprang ber nach Frankreich, England,
Deutschland, sterreich und Ruland. Deutschland wurde zuerst von ihr
ergriffen und war innerhalb einer Woche, wie die Vereinigten Staaten,
in Unruhe, Angst und Schrecken getaucht.

Die Industrie, die sich kaum von den Folgen der Oktoberkatastrophe
erholt hatte, geriet auf Grund. Ihre Papiere, vom Tunnel zu unerhrter
Blte getrieben -- Eisen, Stahl, Zement, Kupfer, Kabel, Maschinen,
Kohle -- wurden von den strzenden Tunnelaktien mit in die Tiefe
gerissen. Die Kohlenknige und Httenbarone hatten am Tunnel enorme
Vermgen verdient, nun aber wollten sie keinen roten Heller riskieren.
Sie setzten die Lhne herab, fhrten Feierschichten ein und warfen
Tausende von Arbeitern auf die Strae. Die Beschftigten erklrten
sich mit den Kameraden solidarisch. Sie traten in Ausstand, gesonnen,
diesmal bis zum letzten Atemzug zu kmpfen und sich nicht wieder durch
Versprechungen verlocken zu lassen, die diese Meineidigen brachen,
sobald die Sonne wieder schien. Waren die Zeiten gut, so waren sie gut
genug, die Millionen vermehren zu helfen, waren die Zeiten schlecht,
so warf man sie hinaus. Sollten die Zechen ersaufen und die Hochfen
verschlacken!

Der Streik begann wie jeder andere. Er entflammte in den Becken von
Lille, Clermond-Ferrand und St. Etienne, wlzte sich hinber ins
Mosel-, Saar- und Ruhrgebiet und nach Schlesien. Die englischen
Bergarbeiter und Httenleute von Yorkshire, Northumberland, Durham
und Sdwales erklrten den Sympathiestreik. Kanada und die Staaten
schlossen sich an. Der gespenstische Funke sprang ber die Alpen nach
Italien und ber die Pyrenen nach Spanien. Tausende der blutroten und
leichengelben Fabriken aller Lnder standen still. Ganze Stdte waren
tot. Die Hochfen wurden gelscht, die Grubenpferde aus den Schchten
gebracht. Die Dampfer lagen in ganzen Flotten, Schlot an Schlot, in
den Friedhfen der Hfen. Jeder Tag kostete Unsummen. Aber da die
Panik auch den brigen Industrien das Geld entzog, so schwoll das
Millionenheer der Arbeitslosen von Tag zu Tag mehr an. Die Lage wurde
kritisch. Eisenbahnen, elektrische Kraftzentralen, Gasanstalten waren
ohne Kohle. In Amerika und Europa lief nicht ein Zehntel der Zge mehr
und der atlantische Dampferverkehr war fast gnzlich unterbunden.

Es kam zu Ausschreitungen. In Westfalen prasselten die Maschinengewehre
und in London lieferten die Dockarbeiter der Polizei eine blutige
Schlacht. Das war am 8. Dezember. Die Straen bei den West India Docks
waren an diesem Abend mit Toten, Arbeitern sowie Polizisten bedeckt. Am
10. Dezember erklrte die englische Arbeiter-Union den Generalstreik.
Die franzsische, deutsche, russische und italienische folgten und
zuletzt schlo sich die amerikanische Union an.

Das war der moderne Krieg. Nicht kleine Vorpostengefechte, es war
die Schlacht in vollem Umfang! In geschlossenen Fronten standen sich
Arbeiter und Kapital gegenber.

Schon nach wenigen Tagen zeigten sich die Schrecken dieses
Kampfes. Die statistischen Ziffern der Verbrechen, der Kinder- und
Suglingssterblichkeit stiegen ins Grauenhafte. Die Nahrung fr
Millionen von Menschen verfaulte und verdarb in Eisenbahnwaggons und
Schiffsbuchen. Die Regierungen nahmen das Militr zu Hilfe. Aber
die Truppen, aus Proletariern zusammengesetzt, leisteten passiven
Widerstand, sie arbeiteten und kamen nicht von der Stelle, und das
war nicht die Zeit zu strengen Repressalien. Gegen Weihnachten waren
die groen Stdte, Chicago, New York, London, Paris, Berlin, Hamburg,
Wien, Petersburg, vollkommen ohne Licht und in Gefahr, ausgehungert
zu werden. Die Menschen froren in den Wohnungen und was schwach und
elend war ging zugrunde. Tglich gab es Feuersbrnste, Plnderungen,
Sabotage, Diebsthle. Das Gespenst der Revolution drohte ...

Die internationale Arbeiterliga aber gab keinen Fu breit nach und
forderte Gesetze, die den Arbeiter vor der Willkr des Kapitals
schtzten.

Inmitten dieser Unruhen und Schrecken stand das Tunnelsyndikat immer
noch aufrecht. Es war ein Wrack, durchlchert, krachend in allen Fugen,
aber es stand!

Das war Lloyds Werk. Lloyd hatte eine Versammlung der Groglubiger
einberufen und war persnlich erschienen, um zu sprechen, was er
seit zwanzig Jahren wegen seines Leidens nicht mehr getan hatte. Das
Syndikat durfte nicht fallen! Die Zeiten waren verzweifelt und der Fall
des Syndikats wrde namenloses Unheil in die Welt bringen. Der Tunnel
sei zu retten, wenn man weise vorgehe! Wrde man jetzt einen taktischen
Fehler machen, so sei sein Schicksal entschieden, ein fr allemal, und
die Entwicklung der Industrie wrde um zwanzig Jahre zurckgeworfen
werden. Der Generalstreik knne keine drei Wochen mehr dauern, da die
Arbeiterheere am Hungertod seien, das Geld kme zurck, die Krise
wrde im Frhjahr ein Ende haben. Es mten Opfer gebracht werden.
Die Groglubiger mten stunden, Geld vorschieen. Die Aktionre
und Shareinhaber aber mten am 2. Januar ihre Zinsen bei Heller
und Pfennig ausgezahlt erhalten, wollte man nicht eine zweite Panik
heraufbeschwren.

Lloyd selbst brachte als erster groe Opfer. So gelang es ihm, das
Syndikat zu halten.

Diese Beratung war geheim. Die Zeitungen verkndeten am anderen
Tag, da die Sanierung des Syndikats in die Wege geleitet sei und
die Gesellschaft am 2. Januar wie immer ihren Verpflichtungen gegen
Aktionre und Shareinhaber nachkommen wrde.

Der berhmte 2. Januar kam heran.




9.


Am 1. Januar pflegen alle Theater, Konzerthallen, Restaurants in New
York berfllt zu sein.

Dieser 1. Januar aber war tot. Nur in einigen groen Hotels herrschte
Leben wie gewhnlich. Die Trambahnen verkehrten nicht. Die Hochbahnen
und die Subway lieen nur vereinzelte Zge laufen, die von Ingenieuren
gefhrt wurden. Im Hafen lagen die verdeten Ozeanriesen mit gelschten
Feuern in den Docken, eingepackt in Nebel und Eis. Die Straen waren am
Abend dunkel, nur jede dritte Lampe brannte, und die Reklametableaus,
die sonst mit der Regelmigkeit von Leuchtfeuern aufblitzten, waren
erloschen.

Schon um Mitternacht stand eine dichtgedrngte Menschenkette vor dem
Syndikatgebude, bereit die Nacht zu durchwachen. Sie alle wollten
ihre fnf, zehn, zwanzig, hundert Dollar an Zinsen retten. Es ging das
Gercht, da das Syndikat am 3. Januar die Pforten schlieen werde, und
niemand war geneigt, sein Geld zu riskieren. Immer mehr kamen.

Die Nacht war sehr kalt, zwlf Grad Celsius unter Null. Ein feiner
Schnee siebte wie weier Sand aus dem tiefschwarzen Himmel herab, der
die oberen Stockwerke der schweigenden Turmhuser verschlang. Frierend
und zhneklappernd schoben sich die Wartenden zusammen, um sich zu
wrmen, und erregten einander durch Befrchtungen, Vermutungen und
Gesprche ber das Syndikat, Aktien und Shares. Sie standen so eng, da
sie recht gut im Stehen schlafen htten knnen, aber niemand machte
ein Auge zu. Die Angst hielt sie wach. Die Tren des Syndikats knnten
am Ende doch geschlossen bleiben! Dann waren ihre Shares pltzlich
vollkommen wertlos! Mit blaugefrorenen fahlen Gesichtern, die Augen
voll von Angst und Besorgnis, harrten sie auf ihr Schicksal.

Das Geld! Das Geld! Das Geld!

Die Arbeit ihres Lebens, Schwei, Mhe, Demtigungen, schlaflose
Nchte, graue Haare, eine vernichtete Seele! Noch mehr: ihr Alter, ein
paar Jahre Ruhe bis zum Tod! Wenn sie verloren, so war alles vorbei,
zwanzig Jahre ihres Lebens fortgeworfen, Nacht, Elend, Schmutz und
Armut ...

Die Angst und Erregung wuchs von Minute zu Minute. Wenn sie ihre
Ersparnisse einbten, so wollten sie Mac Allan, diesen Champion aller
Schwindler, lynchen.

Gegen den Morgen kamen immer grere Scharen. Die Kette stand bis
hinauf zur Warrenstreet. So kam der graue Tag heran.

Um acht Uhr ging eine pltzliche Bewegung durch die Menge: im
schweigenden, von rauchender Klte umhllten Syndikat-Building
leuchteten die ersten Lampen auf!

Um neun Uhr -- mit dem Glockenschlage! -- ffneten sich die schweren
Kirchentren des Gebudes. Die Menge wlzte sich hinein in das
prunkvolle Vestibl und von da aus in die gleiend hellen Kassenrume.
Ein Heer von frischgewaschenen, ausgeschlafenen Beamten wimmelte
hinter den kleinen Schalterfenstern. Die Einlsung der Kupons ging
blitzschnell vonstatten. An allen Schaltern wurden von fliegenden
Hnden die Dollarnoten auf die Marmorplatte geblttert, das Kleingeld
klirrte. Alles wickelte sich ruhig ab. Wer bedient war, wurde von
selbst durch die nachschiebende Menge zum Ausgang hinausgepret.

Etwas nach zehn Uhr aber gab es eine Stockung. Drei Schalter schlossen
gleichzeitig, da ihnen das Wechselgeld ausgegangen war. Das Publikum
wurde unruhig und die Beamten der brigen Schalter wurden von zehn und
zwanzig Ungeduldigen gleichzeitig bestrmt. Da lie der Kassenvorstand
verknden, da die Schalter auf fnf Minuten geschlossen wrden. Die
Herrschaften mchten Kleingeld bereithalten, da sich die Auszahlung
sonst zu sehr verzgere. Die Schalter schlossen.

Die Situation der Wartenden im Schalterraum war keineswegs angenehm.
Denn die Menge, von den Zeitungen auf 30000 geschtzt, drngte von
drauen gleichmig nach. Wie ein Baumstamm vom Mechanismus eines
Sgewerks in die Sge geschoben wird, so gleichmig wurde die
Menschenkette in das Syndikat-Building hineingepret und -- in Teile
aufgelst -- durch den Ausgang nach Wallstreet gedrckt. Ein Mann
setzt den Fu auf die erste Granitstufe. Nach einer Minute hebt ihn
die nachdrngende Menge in die Hhe, er steht mit beiden Fen auf der
ersten Granitstufe. Nach zehn Minuten ist er oben und wird langsam
durchs Vestibl gemahlen. Nach weiteren zehn Minuten wird er in den
Schalterraum gedrckt. Er ist eine mechanische Figur ohne Eigenbewegung
geworden, und Tausende vor ihm und hinter ihm absolvieren genau die
gleichen Bewegungen in genau der gleichen Zeit.

Infolge der Stockung aber war der riesige Schaltersaal in wenigen
Minuten gedrckt voll. Die Leute im Vestibl wurden zum Teil die Treppe
zu den oberen Stockwerken hinaufgeschoben.

Die Wartenden an den Schaltern aber konnten die Position nicht lnger
halten und hatten die hbsche Aussicht, nach zehnstndigem Warten an
den Schaltern vorbeigepret und gegen den Ausgang gedrckt zu werden.
Dann konnten sie sich wieder hinten anreihen.

Sie alle hatten die Nacht schlaflos verbracht, gefroren wie Hunde,
nicht gefrhstckt, sie versumten Zeit, hatten Unannehmlichkeiten in
ihren Bros und Geschften zu erwarten -- ihre Laune war die denkbar
schlechteste. Sie schrien und pfiffen, und der Lrm setzte sich durchs
Vestibl auf die Strae hinaus fort.

Eine ungeheure Erregung ging durch die Menge.

Die Schalter werden geschlossen!

Das Geld ist ihnen ausgegangen!

Und das Drngen wurde ungeduldiger und gewaltsamer. Kleider wurden
abgerissen, und Menschen, die keine Luft bekamen, schrien und fluchten.
Manche aber, die getragen wurden und bis zur Brust ber die Kpfe
hinausragten, heulten laute Verwnschungen.

An den Schaltern stauten sich die Massen zum Ersticken. Schreie,
Flche wurden laut. Ein Chauffeur schlug mit der Faust die Scheibe
des Schalters ein und schrie, dunkelrot vor Atemnot im Gesicht: Mein
Geld, ihr Schwindler. Ich habe hier dreihundert Dollar! Gebt mir meine
dreihundert Dollar, ihr hundsgemeinen Diebe und Halsabschneider!

Der Beamte drinnen sah den Schreihals bleich und abweisend an: Sie
wissen genau, da die Shares unkndbar sind. Sie haben Ihre Zinsen zu
fordern, das ist alles!

Die Scheiben klirrten pltzlich an allen Ecken und Enden und die Clerks
begannen nunmehr wieder fieberhaft rasch Geld auszuzahlen. Allein es
war zu spt. Das Geschrei, das sich erhob, als die Auszahlung wieder
begann, wurde von dem zusammengepreten Menschenhaufen im Saal und
Vestibl mideutet, und das Gedrnge wurde noch schrecklicher.

Wer den Ausgang erreichen konnte, machte sich so rasch wie mglich
davon. Aber auch das gelang nur einzelnen. Pltzlich krachten die
Schaltertren und die Menge wurde in den Kassenraum gepret. Die Clerks
und Beamten flchteten, Bcher und Kassetten und Geld zusammenraffend,
so gut es ging. Die Menge brandete hinein und im Nu waren die eichenen
Schalterwnde eingedrckt. Auf diese Weise war Luft entstanden. Die
Menge rannte durch alle denkbaren Tren hinaus. Aber nun wirkte
der Druck von hinten um so strker, die Menschenhaufen wurden
hineingeschossen. Hier aber fanden sie zu ihrer grten Verblffung
eine zerstrte und geplnderte Bank vor. Umgeworfene Pulte, verstreute
Papiere, ausgeschttete Tinte und Haufen von Kleingeld und zertretenen
Dollarscheinen.

Eines aber war klar fr sie: ihr Geld war verloren! Hin! Kaputt! Ihr
Geld, ihre Hoffnungen, alles!

Das ganze Gebude heulte vor Wut und Emprung. Man begann zu
demolieren, was zu demolieren war. Fenster klirrten, Tische, Sthle
zerkrachten und ein fanatischer Jubel brauste auf, so oft es Trmmer
gab.

Das Syndikat-Building wurde gestrmt!

Dreiigtausend Menschen -- und nach manchen mehr -- drngten hinein und
wurden die Treppen empor in die oberen Stockwerke geworfen. Die wenigen
Schutzleute, die zur Ordnung da waren, waren vollkommen machtlos.
Die friedlich Gesinnten suchten irgendwo einen Ausweg, die Wtenden
aber suchten sich festzukeilen, wo immer es ging, und ihren Zorn zu
befriedigen.

Das Gebude war an diesem zweiten Januar fast vollkommen verlassen
und die meisten Stockwerke gnzlich leer. Um Geld zu sparen hatte man
beschlossen, nur die notwendigsten Rume beizubehalten und die frei
werdenden Etagen zu vermieten. Die meisten Ressorts waren schon nach
Mac City bergesiedelt, andere im Umzug begriffen, die an Anwlte und
Firmen vermieteten Etagen aber heute noch nicht im vollen Betrieb.

Das zweite und dritte Stockwerk war angefllt mit Ballen von
Briefschaften, Rechnungen, Quittungen, Plnen, die in den ersten Tagen
des Jahres nach den neuen Bros transportiert werden sollten.

Sinnlos in seiner Wut begann der Pbel diese Ballen durch die Fenster
auf die Strae zu werfen und das Treppenhaus damit anzufllen.

Bis hinauf zum siebenten Stockwerk sah man pltzlich Gesichter an allen
Fenstern.

Drei junge, freche Burschen, Mechaniker, kamen sogar bis zu Allan im
32. Stockwerk hinauf!

Mac mu uns unser Geld geben! Hallo! Das war eine bestrickende Idee!

~Go on boy~ -- wir wollen zu Mac!

Der Liftboy weigerte sich, die lauten Frechdachse zu fahren. Da warfen
sie ihn zum Lift hinaus und fuhren ab. Sie lachten und schnitten dem
Liftboy, der vor Wut heulte, Grimassen. Der Lift stieg und stieg -- und
pltzlich wurde es ganz ruhig! Vom zwanzigsten Stock an hrte man das
Getse nur noch wie fernen Straenlrm.

Der Lift flog an verdeten Korridoren vorbei. Sie sahen nur wenig
Menschen, aber die wenigen, die sie sahen, schienen nicht zu ahnen,
was da drunten, zwanzig und fnfundzwanzig Stockwerke tiefer vor
sich ging. Ein Beamter schlo gleichmtig die Tr seines Bros auf,
im 30. Stockwerk saen zwei Herren mit der Zigarre im Mund auf einem
Fenstersims und unterhielten sich lachend.

Der Lift hielt, und die drei Mechaniker stiegen aus und brllten: Mac!
Mac! Mac, wo bist du! Heraus mit Mac!

Sie gingen an alle Tren und pochten dagegen.

Pltzlich aber erschien Allan in einer Tr und sie starrten ihn, den
sie im Bild so oft gesehen hatten, eingeschchtert an und konnten kein
Wort herausbringen.

Was wollen Sie? fragte Allan ungehalten.

Unser Geld wollen wir!

Allan hielt sie fr betrunken.

Geht in die Hlle! sagte er und warf die Tr ins Schlo.

Da standen sie und starrten die Tr an. Sie waren gekommen, um aus Mac
unter allen Umstnden ihr Geld herauszuschlagen, und nun hatten sie
keinen Cent erhalten und wurden noch dazu in die Hlle geschickt.

Sie berieten und entschlossen sich abzufahren.

In die Hlle gingen sie nicht, nein, aber durchs Fegfeuer muten sie
doch! Im zwlften Stockwerk strzten sie durch Rauch und im achten
sauste ein brennender Lift voller Feuer und Flammen an ihnen vorbei.

Verstrt und halb wahnsinnig vor Schrecken erreichten sie das Vestibl,
wo die Woge der nach auen fliehenden Menschen sie mit auf die Strae
ri.




10.


Niemand wute, wie es geschehen war. Niemand wute, wer es tat. Niemand
sah es. Aber es war doch geschehen ...

Im dritten Stock stieg pltzlich ein Mann auf das Fenstersims. Dieser
Mann hielt beide Hnde als Schalltrichter vor den Mund und gellte
unaufhrlich mit voller Kraft der Lungen auf das immer noch ins Gebude
drngende Menschenheer hinab: Feuer! Das Building brennt! Zurck!

Der Mann war James Blackstone, ein Bankclerk, den die Menschenmasse in
den dritten Stock emporgedrckt hatte. Im Anfang hrte ihn niemand,
denn alles ringsum schrie. Aber als das Gellen sich automatisch
wiederholte, wandten sich mehr und mehr Gesichter in die Hhe und
pltzlich verstand die Strae, was Blackstone im dritten Stock schrie.
Sie verstand nicht alles, nur das einzige alarmierende Wort: Feuer!
Die Strae sah auch pltzlich, da das, was wie neblige Klte aussah,
dieser graue Dunst, in dem Blackstone stand, nicht Klte war, sondern
Rauch. Der Rauch verdichtete sich und zog in breiten, trgen Streifen
zum Fenster hinaus, um ber Blackstones Kopf rasch in die Hhe zu
wirbeln. Dann aber begann der Rauch rasch dichter zu werden, zu
rollen, zu puffen, und Blackstone verschwand fast gnzlich. Blackstone
aber verlie seinen Posten nicht. Er war ein mechanisch gellendes
Warnungssignal, das die mit enormer blinder Energie vorwrtsdrngende
Masse langsam zum Stillstand und endlich zum Rckzug zwang.

Blackstones Besonnenheit ist es zu danken, da eine ungeheure
Katastrophe vermieden wurde. Sein gellender Schrei weckte die
berlegung der sinnlos gewordenen Masse. Im Building befanden sich
zurzeit viele Tausende. Sie strmten den Ausgngen zu, stieen aber
hier auf eine Mauer von Menschen. Es schien zunchst, als ob die
Menschen auf der Strae neugierig zusehen wollten, was jetzt geschehen
wrde. Endlich aber, aufgepeitscht durch Blackstones Schreie -- wandten
sie sich um und stieen hundertfltig Blackstones Warnungssignal aus:
Zurck, das Building brennt! Die Menge wurde in die Nebenstraen
gepret, sie flutete ab.

ber die breiten Granittreppen des Gebudes strzte ein wilder
Wasserfall von Kpfen, Armen und Beinen und Strudeln von Menschen,
die auf die Strae rollten, sich aufrafften und entsetzt flohen. Sie
alle hatten sie gesehen, whrend sie die Treppen hinabhagelten -- da
drinnen -- die schrecklichen: die brennenden Lifts! Lifts, drei, vier,
angefllt mit brennenden Papierbndeln, die in die Hhe schossen und
aus denen das Feuer herabtropfte.

Blackstone wurde pltzlich wieder im Rauch sichtbar. Er wurde rasch
grer und auf einmal kam er nher: er war gesprungen! Blackstone
strzte in eine Gruppe Fliehender, und es ist sonderbar, da niemand
verletzt wurde. Die Fliehenden spritzten auseinander wie Schmutz, in
den ein Steinblock fllt. Sie erhoben sich alle blitzschnell wieder und
nur Blackstone blieb liegen. Man trug ihn fort, aber er erholte sich
rasch, er hatte sich nur einen Fu ausgerenkt.

Von Blackstones erstem Ruf bis zu seinem Sprung waren keine fnf
Minuten vergangen. Zehn Minuten spter wimmelten Pinestreet,
Wallstreet, Thomasstreet, Cedar-, Nassaustreet und Broadway von
Lschzgen, qualmenden Dampfspritzen und Ambulanzen. Alle Depots New
Yorks spien Lschzge aus.

Kelly, der Kommandeur der Wehr, erkannte augenblicklich die groe
Gefahr, in der das Geschftsviertel schwebte. Er rief sogar Bezirk 66
zu Hilfe, das heit Brooklyn, was seit dem groen Brand des Equitable
Buildings nicht mehr geschehen war. Die Nordpassage der Brooklynbrcke
wurde gesperrt, und acht Dampfspritzen mit den zugehrigen Zgen
flogen ber die gespenstisch im Winterdunst hngende Brooklyn-Bridge
nach Manhattan. Das Tunnelgebude qualmte aus allen Fugen wie ein
32stckiger Riesenofen. Es war umtobt von Schlachtsignalen, warnenden,
schauerlichen Hornrufen, gellenden Glockenschreien, trillernden Pfiffen.

Das Feuer war im dritten Stock und in den Lifts gelegt worden, die
man in die Hhe sausen lie. Niemand konnte spter sagen, wer diese
Teufelei verbt hatte.

Die brennenden Lifts strzten ab, wie Bergsteiger, denen an einer
steilen Wand die Krfte ausgehen, einer nach dem andern. Aus dem
Souterrain prasselte nach jedem Sturz eine Wolke glhenden Staubs
empor. Im Vestibl, im Liftschacht drhnten Kanonenschsse und
knatterte Schnellfeuer: die Hitze zog unter Krachen die Dielen der
Schachtverschalung aus den Schrauben. Der Liftschacht wurde zu einer
heulenden Sule von glhender Luft, die die brennenden Briefballen
mit nach oben ri. Sie durchschlug den Lichtdom, und eine Fontne von
Funken stie aus dem Dach empor. Das Building verwandelte sich in einen
Vulkan, der brennende Papierfetzen und glhende Briefballen ausspie,
die wie Raketen in die Luft stiegen und wie Geschosse ber Manhattan
dahinsurrten.

Um den glhenden Krater da droben aber kreiste in tollkhner Nhe eine
Flugmaschine, wie ein Raubvogel, dessen Horst verbrannte: Photographen
der Edison-Bio, die das schneebedeckte Hochgebirge von Wolkenkratzern
mit dem aktiven Vulkan in der Mitte aus der Vogelperspektive
kinematographisch aufnahmen.

Von dem Liftschacht aus kroch das Feuer durch die Tren in die
einzelnen Stockwerke.

Die Fensterscheiben flogen mit einem hellen Knall heraus und
zerschellten an den gegenberliegenden Gebuden. Die eisernen
Fensterstcke wurden von der Hitze gebogen, herausgeschleudert und
wirbelten mit dem hohlen surrenden Gerusch von Aeroplanpropellern
durch die Luft. Das Zink, mit dem Fensterbleche und Dachrinnen geltet
waren, schmolz und prasselte als glhender Regen herab. (Fr diese
Zinkklumpen zahlte man spter hohe Preise!)

Kelly schlug eine heroische Schlacht. Er legte fnfundzwanzig Kilometer
Schlauchleitungen, aus hundertzwanzig Rohren scho er Hunderttausende
von Gallonen Wasser in das brennende Gebude. Im ganzen verschlang
dieser Brand fnfundzwanzig Millionen Gallonen Wasser und er kostete
der Stadt New York hundertdreiigtausend Dollar -- dreiigtausend mehr
als der groe Brand des Equitable-Buildings 1911.

Kelly kmpfte mit dem Feuer und mit der Klte zu gleicher Zeit. Die
Hydranten froren ein, die Schluche barsten. Fudick lag die Eiskruste
auf der Strae. Das Eis schlug einen dicken Mantel um das brennende
Gebude. Pinestreet war fuhoch mit Eiskrnern bedeckt, denn der Wind
verwehte das Wasser und verwandelte es in Eislapilli, die auf die
Strae herabregneten.

Kelly hatte mit seinen Bataillonen den Feind umzingelt und schlug acht
Stunden lang alle Ausflle zurck. Auf den Dchern ringsum fochten
Kellys Bataillone, halb erstickt vom Rauch, mit Eisklumpen bedeckt in
einer Klte von zehn Grad Celsius. Zwischen ihnen schossen Journalisten
hin und her und die Kinematographen drehten mit erstarrten Hnden die
Kurbel. Auch sie arbeiteten bis zur Erschpfung.

Das Gebude war aus Beton und Eisen und konnte nicht abbrennen, obwohl
es glhte, da Legionen von Fensterscheiben in der Nachbarschaft
platzten. Aber es brannte vollkommen aus.




11.


Allan flchtete ber das Dach der Mercantile Safe Co., das acht
Stockwerke unter ihm lag.

Er hatte einige Minuten, nachdem ihn die Frechdachse durch ihr Geschrei
herausgelockt hatten, den Ausbruch des Feuers bemerkt. Als Lion
taumelnd vor Angst und Aufregung zu ihm geeilt kam, hatte er schon den
Mantel angezogen und den Hut auf dem Kopf. Er war dabei, Briefschaften
von den Tischen aufzuraffen und in die Taschen zu stecken.

Das Building brennt, Sir! keuchte der Chinese. Die Lifts brennen!

Mac warf ihm Schlssel zu. ffne den Tresor und schreie nicht!
sagte er. Das Gebude ist feuersicher. Allan war gelb im Gesicht,
betubt von dem neuen Unglck, das ber ihn hereinbrach. Das ist
das Ende! dachte er. Er war nicht aberglubisch! Aber nach all den
Schicksalsschlgen drngte sich ihm der Gedanke auf, da ein Fluch auf
dem Tunnel liege! Ganz mechanisch, ohne recht zu wissen, was er tat,
raffte er Zeichnungen und Plne und Schriftstcke zusammen.

Der kleine Stift mit den drei Zacken, Lion, flenne nur nicht! sagte
er, und verwirrt und betubt wiederholte er ein paarmal: Flenne nur
nicht ...

Das Telephon schrillte. Es war Kelly, der Allan sagte, er solle ber
die Ostwand nach dem Dach der Mercantile Safe Co. absteigen. Von Minute
zu Minute schrillte das Telephon -- es sei hchste Zeit! -- bis Allan
den Apparat abstellte.

Er ging von Tisch zu Tisch, von Gestell zu Gestell und zog Plne und
Schriftstcke hervor und warf sie Lion zu.

Das mu alles in den Tresor, Lion! Vorwrts!

Lion war halb irrsinnig vor Angst. Aber er wagte keine Silbe mehr zu
sagen, nur seine Lippen bewegten sich, als ob er einen alten Hausgott
anrufe. Mit einem Seitenblick hatte er sich berzeugt, da ein Gewitter
im Gesicht seines Herrn stand, ein Hagelwetter, und er htete sich, ihn
zu reizen.

Pltzlich klopfte es. Sonderbar! In der Tre erschien der Deutschrusse
Strom. Er stand in der Tre, in einem kurzen Mantel, den Hut in der
Hand, nicht unterwrfig und nicht aufdringlich. Er stand, als habe er
die Absicht, geduldig zu warten, und sagte: Es wird Zeit, Herr Allan.
Es war Allan rtselhaft, wie Strom heraufgekommen war, aber er hatte
keine Zeit, darber nachzudenken. Es fiel ihm ein, da Strom in New
York war, um mit ihm ber die Verringerung des Heeres von Ingenieuren
zu sprechen.

Gehen Sie voran, Strom! sagte er unwirsch. Ich komme schon! Und er
whlte weiter in den Sten von Papieren. Drauen quoll der Rauch an
den Fenstern vorbei und in der Tiefe winselten die Signale der Wehren.

Da fiel Allans Blick nach einer Weile wieder gegen die Tre: Strom
stand immer noch still wartend, den Hut in der Hand.

Sie sind noch da?

Ich warte auf Sie, Allan, erwiderte der bleiche Strom bescheiden und
bestimmt.

Pltzlich drang eine Wolke von Rauch ins Zimmer und mit dem Rauch
erschien ein Offizier der Wehr mit einem weien Helm auf dem Kopf. Er
hustete und rief: Kelly schickt mich. In fnf Minuten knnen Sie nicht
mehr aufs Dach, Herr Allan!

Ich brauche gerade noch fnf Minuten, antwortete Allan und fuhr fort,
Papiere aufzuraffen.

In diesem Augenblick wurde das Knipsen eines photographischen Apparates
hrbar, und als sie sich umdrehten, sahen sie einen Photographen, der
Allan aufs Korn genommen hatte.

Der Offizier mit dem weien Helm wurde vor Erstaunen einen Schritt
zurckgeworfen.

Wie kommen Sie hierher? fragte er verblfft.

Der Photograph knipste den verblfften Offizier. Ich bin hinter Ihnen
hergeklettert, antwortete er.

Allan mute trotz seiner Niedergeschlagenheit laut auflachen. Lion,
Schlu, drehe ab! Nun, kommen Sie!

Ohne einen Blick in sein Arbeitszimmer zurckzuwerfen ging er durch die
Tre.

Der Korridor war eine dicke, finstere Masse von tzendem Qualm. Es war
hchste Zeit. Unter unausgesetzten Zurufen erreichten sie die schmale
Eisentreppe und das Dach, auf dem an drei Seiten graue Rauchmauern in
die Hhe wirbelten und die Aussicht benahmen.

Sie kamen gerade in dem Augenblick oben an, als der Glasdom einstrzte
und sich in der Mitte des Daches ein Krater ffnete, der Rauch,
Funkenregen, Feuerklumpen und brennende Papierfetzen ausspie. Dieser
Anblick war so entsetzlich, da Lion laut zu jammern anfing.

Der Photograph aber war verschwunden. Er photographierte den Krater. Er
richtete die Linse ber New York, hinunter in die Straenschluchten,
auf die Gruppe auf dem Dach. Er geriet in eine Raserei zu
photographieren, so da der Offizier sich schlielich gezwungen sah,
ihn am Kragen zu packen und zur Leiter zu schleppen.

~Stop, you fool!~ schrie der Offizier wtend.

Was sagen Sie: ~fool~? antwortete der Photograph entrstet. Dafr
werden Sie bezahlen. Ich kann hier photographieren, solange ich will.
Sie haben gar kein Recht --

~Now shut up and go on!~ schrie der Offizier.

Was sagen Sie: ~shut up~? Auch dafr werden Sie bezahlen. Mein Name
ist Harrisson vom Herald. Sie hren von mir.

Meine Herren, haben Sie Handschuhe? Das Fleisch bleibt Ihnen an den
eisernen Leitern hngen.

Der Offizier befahl dem Photographen, als erster abzusteigen.

Aber der Photograph wollte gerade den Abstieg aufnehmen und
protestierte.

Vorwrts, sagte Allan. Verlassen Sie das Dach. Machen Sie keine
Dummheiten!

Der Photograph warf den Riemen ber die Schulter und stieg ber die
Brstung.

Sie haben ja allein das Recht, mich von Ihrem Dach zu weisen, Herr
Allan, sagte er tief gekrnkt, whrend er langsam versank. Und als
nur noch sein Kopf sichtbar war, fgte er hinzu: Aber da Sie von
Dummheiten reden, das bedaure ich, Herr Allan. Von Ihnen htte ich das
nicht erwartet.

Nach dem Photographen stieg Lion ein, der ngstlich unter sich blickte,
dann Strom, hierauf Allan und den Schlu machte der Offizier.

Sie hatten acht Stockwerke abzusteigen, rund hundert Sprossen. Der
Rauch war hier gering, aber weiter unten waren die Sprossen so dick mit
Eis bedeckt, da man sie kaum mehr greifen konnte. Unaufhrlich stieb
Wasser ber sie, das augenblicklich zu Krnern auf den Kleidern und im
Gesicht gefror.

Dcher und Fenster der Nachbarschaft waren von Neugierigen punktiert,
die dem Abstieg zusahen, der gefhrlicher aussah, als er war.

Sie kamen alle wohlbehalten auf dem Dach der Mercantile Safe Co. an,
und hier erwartete sie schon der Photograph und kurbelte.

Das Dach sah einem Gletscher hnlich und ein kleiner spitzer Eisberg
nherte sich Allan. Das war der Kommandeur Kelly. Zwischen den beiden,
alten Bekannten, wurden folgende Worte gewechselt, die am selben Abend
noch in allen Zeitungen standen.

Kelly: ~I am glad I got you down, Mac!~

Allan: ~Thanks, Bill!~




12.


Bei diesem Riesenbrande, einem der grten Brnde New Yorks, verloren
wunderbarerweise nur sechs Menschen das Leben: Joshua Gilmor,
Kassendiener, mit Kassierer Reichhardt und Kassenvorstand Webster
in der Stahlkammer vom Feuer berrascht. Die Schutzgitter werden
durchsgt, gesprengt, Reichhardt und Webster gerettet. Als man Gilmor
herausziehen will, verschttet eine Lawine von Schutt und Eis das
Gitter. Gilmor fror am Gitter fest.

Die Architekten Capelli und O'Brien. Springen vom 15. Stock ab und
zerspritzen auf der Strae. Feuerwehrmann Riwet, vor dessen Fen sie
zerschellen, erleidet einen Nervenchok und stirbt drei Tage spter am
Schrecken.

Commander Day. Von einem einstrzenden Fuboden des dritten Stockwerkes
mit in die Tiefe gerissen und vom Schutt erschlagen.

Der Groom Sin, Chinese. Bei den Aufrumungsarbeiten in einem Eisklumpen
eingeschlossen aufgefunden. Zum nicht geringen Entsetzen aller kommt,
als man den Klumpen zerschlgt, der fnfzehnjhrige Chinese in seinem
hbschen blauen Frack zum Vorschein, die Mtze mit den Lettern ~A. T.
S.~ auf dem Kopf.

Heldenhaft war die Handlungsweise des Maschinisten Jim Buttler. Buttler
drang in das brennende Gebude ein und lschte die acht Kesselfeuer
in voller Gemtsruhe, whrend ber ihm das Feuer tobte. Er verhtete
eine Kesselexplosion, die verhngnisvoll htte werden knnen. Jim tat
seine Pflicht und verlangte kein Lob. Aber er war nicht so tricht, das
Angebot eines Managers zurckzuweisen, der ihn bei einer Monatsgage
von 2000 Dollar durch ganz Amerika schleppte und ihn in ~concerthalls~
auftreten lie.

Drei Monate lang sang Buttler jeden Abend sein kleines Lied:

    Ich bin Jim, der Maschinist vom ~A. T. S.~
    Die Flammen brausen ber mir,
    Ich aber sage: Jim, lsch deine Feuer ...

New York war erfllt von Feuerlrm und Brandgeruch.

Whrend sich noch der Qualm des Brandes ber Downtown wlzte und
verkohlte Papierstcke aus dem grauen Himmel herabregneten, brachten
die Zeitungen das brennende Building, Kellys kmpfende Bataillone, die
Bildnisse der beim Brand Verunglckten, den Abstieg Allans und seiner
Begleiter.

Das Syndikat wurde totgesagt. Der Brand war eine Einscherung erster
Klasse. Der Schade war trotz der Versicherungen enorm. Verhngnisvoller
aber war die Unordnung, die der rasende Pbel und das Feuer angerichtet
hatten. Millionen von Briefen, Quittungen und Plnen waren zerstrt.
Nach dem amerikanischen Gesetz mssen Generalversammlungen am ersten
Dienstag des Jahres abgehalten werden. Der Dienstag fiel vier Tage nach
dem Brand, und das Syndikat erklrte an diesem Tage den Konkurs.

Das war das Ende.

Noch am Abend der Konkurserklrung sammelte sich vor dem
Central-Park-Hotel, in dem Allan Wohnung genommen hatte, eine Rotte
von Gesindel an und pfiff und johlte. Der Manager frchtete fr seine
Fensterscheiben und legte Allan Briefe vor, in denen man drohte, das
Hotel auffliegen zu lassen, wenn es Allan noch lnger beherberge.

Mit einem bitteren, verchtlichen Lcheln gab Allan die Briefe zurck.
Ich verstehe! Er siedelte unter fremdem Namen ins Palace ber. Am
nchsten Tage aber mute er auch das Palace wieder verlassen. Drei Tage
spter nahm ihn kein Hotel in New York mehr auf! Dieselben Hotels, die
frher jeden regierenden Frsten an die Luft gesetzt haben wrden, wenn
Allan die Zimmer gewnscht htte, verschlossen ihm die Tr.

Allan war gezwungen New York zu verlassen. Nach Mac City konnte er
nicht bersiedeln, da man gedroht hatte, die Tunnel-Stadt in Brand zu
stecken, sobald er sich dort sehen lasse. So fuhr er mit dem Nachtzug
nach Buffalo. Die Mac Allanschen Steel Works wurden polizeilich
bewacht. Allans Anwesenheit konnte indessen nicht lange geheim bleiben.
Man drohte die Steel Works in die Luft zu sprengen. Um Geld zu schaffen
hatte Allan die Werke bis auf den letzten Nagel an Mrs. Brown, jene
reiche Wucherin, verpfndet. Sie waren nicht mehr sein Eigentum und er
durfte sie nicht in Gefahr bringen.

Er ging nach Chicago. Aber auch in Chicago gab es Hunderttausende,
die am Tunnel Geld verloren hatten. Man vertrieb ihn auch hier. Die
Fensterscheiben des Hotels wurden in der Nacht eingeschossen.

Allan war in Acht und Bann. Noch vor kurzer Zeit war er einer der
mchtigsten Mnner der Welt, von allen Souvernen mit Auszeichnungen
berschttet, Ehrendoktor einer groen Anzahl von Hochschulen,
Ehrenmitglied aller bedeutenden Akademien und wissenschaftlichen
Gesellschaften. Jahrelang hatte man ihm zugejubelt und zuweilen nahm
die Begeisterung Formen an, die an den Personenkultus frherer Zeiten
erinnerte. Kam Allan zufllig einmal in einen Hotelsaal, so schrie
sofort irgendeine begeisterte Stimme: Mac Allan ist im Saal! ~Three
cheers for Mac~! Eine Meute von Journalisten und Photographen war ihm
Tag und Nacht auf den Fersen gewesen. Er konnte kein Wort sprechen,
keine Bewegung machen, ohne da es die ffentlichkeit hrte und sah.

Nach der Katastrophe hatte man ihn gedeckt. Es handelte sich ja nur um
dreitausend Menschenleben! Nun aber handelte es sich um _Geld_, die
ffentlichkeit war ins Herz getroffen und zeigte ihm ihr geschliffenes
Gebi.

Allan hatte dem Volk Millionen und Milliarden gestohlen! Allan
hatte fr sein irrsinniges Projekt die Sparpfennige des kleinen
Mannes geplndert! Allan war nicht mehr und nicht weniger als ein
Highway-robber, ein Wegelagerer! Er und der saubere S. Woolf! Er
hatte ja die ganze Tunnelfarce lediglich zu dem Zweck inszeniert,
seinem Allanit einen Riesenabsatz zu schaffen -- jhrlich eine Million
Dollar Reingewinn! Sieh dir heute die Allanschen Steel Works in
Buffalo an, ~my dear~: eine Stadt! Und gewi hatte Allan sein Geld in
Sicherheit gebracht, bevor es zu krachen begann! Jeder Liftboy und
Trambahnkutscher schrie so laut, wie man es nur immer wollte, da Mac
der grte Gauner aller Zeiten war!

Im Anfang gab es noch einzelne Zeitungen, die Allans Partei ergriffen.
Aber es regnete Drohungen und nicht mizuverstehende Winke in die
Redaktionen -- und was mehr war: niemand kaufte diese Zeitungen mehr!
Ja, Tod und Teufel, man wollte doch nicht lesen, was man persnlich
nicht dachte und noch dafr bezahlen! Und die Zeitungen, die sich
verritten hatten, schwenkten ab und suchten aufzuholen. Es fehlte
S. Woolf, der ruhmlos Hinabgestiegene, dem die Gabe verliehen war,
Trinkgelder von richtiger Hhe in die richtige Hand zu drcken.

Allan tauchte in verschiedenen Stdten auf, aber immer mute er wieder
verschwinden. Er war der Gast Vanderstyffts in Ohio, aber siehe da,
einige Tage spter gingen drei Speicher von Vanderstyffts Musterfarm in
Flammen auf. Die Prediger in den Betslen ntzten die Konjunktur aus
und nannten Allan den Antichrist und machten gute Geschfte dabei.
Niemand wagte es mehr, Allan aufzunehmen. Auf Vanderstyffts Farm
erreichte ihn ein Telegramm Ethel Lloyds.

~My dear Mr. Allan,~ depeschierte Ethel, Papa bittet Sie, auf unserm
Gut Turtle-River, Manitoba, Wohnung zu nehmen, so lange Sie wollen.
Pa wrde sich sehr freuen, wenn Sie sein Gast wren. Sie knnen dort
Forellen fischen und finden gute Pferde vor. Besonders Teddy empfehle
ich Ihnen. Wir kommen im Sommer zu Ihnen. New York fngt schon an
ruhiger zu werden. ~Well, I hope you have a good time. Yours truly
Ethel Lloyd.~

In Kanada fand Allan endlich Ruhe. Niemand kannte seinen Aufenthalt. Er
war verschollen. Einige Zeitungen, die von sensationellen Lgen lebten,
brachten die Aufsehen erregende Nachricht, da er sich gettet habe.

Der Tunnel verschlingt Mac Allan!

Aber jene, die ihn kannten und wuten, da er sechs Leben habe wie der
Hai, prophezeiten, da er bald wieder auftauchen werde. Und in der Tat
kehrte er frher nach New York zurck, als jemand geahnt hatte.

Der Zusammenbruch des Syndikats hatte noch Hunderte mit in die Tiefe
gerissen. Viele Privatleute und Firmen, die der erste Sto erschttert
hatte, htten sich zu behaupten vermocht, wenn man ihnen ein paar
Wochen Frist gegeben haben wrde. Der zweite Sto rannte sie nieder.
Im groen und ganzen aber waren die Folgen des Bankrotts weniger
verderbenbringend, als man befrchtet hatte. Der Bankrott kam nicht
unerwartet. Sodann: die allgemeine Lage war so schlecht, da sie kaum
noch schlechter werden konnte. Es war die traurigste und elendeste Zeit
seit hundert Jahren. Die Welt war um zwanzig Jahre in ihrer Entwicklung
zurckgeworfen worden. Der Streik begann abzuflauen, aber Handel,
Verkehr, Industrie lagen noch immer in einer tiefen Ohnmacht. Bis
hinauf nach Alaska, bis hinein in die Berge des Baikal und die Wlder
am Kongo war die Betubung gedrungen. Auf dem Missouri-Mississippi,
dem Amazonenstrom, der Wolga, dem Kongo lagen Flotten von Dampfern und
Leichtern ohne Leben.

Die Asyle fr Obdachlose waren berfllt, ganze Stadtviertel in den
groen Stdten verarmt. Jammer, Hunger und Elend berall.

Es war Torheit zu behaupten, Allan habe diese Lage verschuldet.
Wirtschaftliche Krisen aller Art spielten herein. Aber man behauptete
es. Die Zeitungen hrten nicht auf, Allan anzuklagen. Sie schrien Tag
und Nacht, da er dem Volk mit falschen Vorspiegelungen das Geld aus
der Tasche gelockt habe. Nach siebenjhriger Bauzeit sei noch nicht ein
Drittel des Tunnels vollendet! Niemals, niemals habe er daran geglaubt,
den Bau in fnfzehn Jahren bewltigen zu knnen, und das Volk schamlos
belogen!

Endlich, Mitte Februar, erschien in den Zeitungen ein Steckbrief hinter
Mac Allan, Erbauer des Atlantic-Tunnels. Allan wurde angeklagt, das
ffentliche Vertrauen bewut getuscht zu haben.

Drei Tage spter hallte New York wider von dem Geheul der
Zeitungsverkufer: Mac Allan in New York! Stellt sich dem Gericht!

Die Konkursverwaltung des Syndikats bot eine ungeheure Kaution, ebenso
Lloyd, aber Allan wies beide Angebote zurck. Er blieb in den Tombs,
im Untersuchungsgefngnis der Franklinstreet. Tglich empfing er auf
einige Stunden Strom, in dessen Hnde er die Verwaltung des Tunnels
gelegt hatte und konferierte mit ihm.

Strom hatte mit keiner Miene, keinem Wort sein Bedauern darber
ausgedrckt, da Allan in diese miliche Lage gekommen sei, nicht mit
einem Lcheln seine Freude, ihn wiederzusehen. Er referierte, nichts
sonst.

Allan war angestrengt ttig, so da ihm die Zeit nicht lang wurde.
Er speicherte ein Depot an Gehirn auf, das sich spter (spter!) in
Muskelkraft umsetzen sollte. Whrend seiner Internierung in den Tombs
arbeitete er die Baumethode fr die einstollige Fortfhrung des Tunnels
aus. Auer Strom empfing er nur seine Verteidiger, sonst niemand.

Ethel Lloyd lie sich einmal bei ihm melden, aber er wies sie ab.

Der Proze Allans begann am 3. April. Schon Wochen vorher war jeder
einzelne Platz des Verhandlungssaales belegt. Man bezahlte Unsummen fr
die Vermittlung eines Platzes. Es kamen die frechsten und schamlosesten
Durchstechereien vor. Besonders die Damen gebrdeten sich wie toll: sie
alle wollten sehen, wie _Ethel Lloyd sich benehmen wrde_!

Den Vorsitz fhrte der gefrchtetste Richter von New York, Doktor
Seymour.

Mac Allan standen die vier ersten Verteidiger der Staaten zur Seite,
Boyer, Winsor, Cohen und Smith.

Der Proze dauerte drei Wochen, und drei Wochen lang befand sich
Amerika in ungeheurer Erregung und Spannung. Der Proze war die
minuzise Geschichte der Grndung des Syndikats, der Finanzierung, des
Baus und der Verwaltung des Tunnels. Auch smtliche Unflle und die
Oktober-Katastrophe wurden ausfhrlich errtert. Die Damen, die bei der
Vorlesung vollendeter Dichtungen einschlafen, blieben bei all diesen
Einzelheiten, die niemand verstehen konnte, der nicht mit der Materie
genau vertraut war, gespenstisch wach.

Ethel Lloyd fehlte keine Stunde. Whrend der ganzen Dauer der
Verhandlung sa sie, aufmerksam lauschend, fast ohne Bewegung in ihrem
Sessel.

Allan erregte groe Sensation und auch einige Enttuschung. Man hatte
erwartet, ihn, auf dem das Schicksal herumhmmerte, gebrochen und mde
zu sehen, um ihn bemitleiden zu knnen. Aber Allan dankte, er sah genau
aus wie frher. Gesund, kupferhaarig, breitschulterig, genau dieselbe
Art, scheinbar zerstreut und gleichgltig zuzuhren. Er sprach dasselbe
breite, langsame, wortkarge westliche Amerikanisch, das zuweilen noch
an den Pferdejungen von Uncle Tom erinnerte.

Groes Aufsehen erregte auch Hobby, der als Zeuge zugezogen worden war.
Sein Anblick, seine hilflose Art zu sprechen, erschtterten. War dieser
Greis Hobby, der auf einem Elefanten durch den Broadway ritt?

Allan brach sich selbst das Genick. Zum grten Schrecken seiner vier
Verteidiger, die seinen Freispruch schon beschworen hatten.

Der Angelpunkt des ganzen Prozesses war natrlich die von Allan
angegebene Bauzeit von fnfzehn Jahren. Und am siebzehnten Tage des
Prozesses tastete sich Doktor Seymour vorsichtig an diesen heiklen
Punkt heran.

Nach einer kurzen Pause begann er ganz harmlos: Sie verpflichteten
sich, den Tunnel im Laufe von fnfzehn Jahren zu bauen, also nach
Ablauf der fnfzehn Jahre die ersten Zge laufen zu lassen?

Allan: Ja.

Doktor Seymour, leichthin, dabei rgend ins Publikum blickend: Waren
Sie _berzeugt_, den Bau in dieser Zeit fertigstellen zu knnen?

Alle Welt erwartete nun, Allan wrde die Frage bejahen. Allan aber tat
es nicht. Seine vier Verteidiger rhrte nahezu der Schlag, als er den
Fehler beging, die Wahrheit zu sagen.

Allan erwiderte: _berzeugt_ war ich nicht. Aber ich hoffte unter
_gnstigen_ Verhltnissen den Termin einhalten zu knnen.

Doktor Seymour: Rechneten Sie mit diesen _gnstigen_ Verhltnissen?

Allan: Ich war natrlich auf die eine oder andere Schwierigkeit
gefat. Der Bau konnte unter Umstnden zwei, drei Jahre lnger dauern.

Doktor Seymour: Also waren Sie _berzeugt_, den Bau nicht in fnfzehn
Jahren fertigstellen zu knnen?

Allan: Das sagte ich nicht. Ich sagte, ich hoffte es, wenn alles gut
ging.

Doktor Seymour: Sie gaben den Termin von fnfzehn Jahren an, um das
Projekt leichter starten zu knnen?

Allan: Ja.

(Die Verteidiger saen wie Leichname.)

Doktor Seymour: Ihre Wahrheitsliebe macht Ihnen alle Ehre, Herr Allan.

Mac sagte die Wahrheit und hatte sich die Konsequenzen selbst
zuzuschreiben.

Doktor Seymour begann sein ~summing-up~. Er sprach von zwei Uhr
nachmittags bis zwei Uhr nachts. Die Damen, die bleich vor Zorn werden,
wenn sie in einem Geschft fnf Minuten warten mssen, hielten bis zum
Schlu aus. Er rollte das ganze schaurige Panorama von Unheil auf, das
der Tunnel in die Welt gebracht hatte: Katastrophe, Streik, Bankrotte.
Er behauptete, zwei Menschen wie Mac Allan seien imstande, die ganze
wirtschaftliche Welt zu ruinieren. Allan sah ihn erstaunt an.

Am nchsten Tag um neun Uhr morgens begannen die Pldoyers der
Verteidiger, die bis spt in die Nacht whrten. Die Verteidiger legten
sich flach ber den Tisch und streichelten die Geschworenen unter dem
Kinn ...

Dann kam der Tag der grten Spannung. Tausende von Menschen umdrngten
das Gerichtsgebude. Sie alle hatten durch Allan zwanzig, hundert,
tausend Dollar verloren. Sie verlangten ihr Opfer und sie bekamen es.

Die Geschworenen wagten es gar nicht, Allans Schuld zu verneinen. Sie
hatten keine Lust, mit einer Dynamitbombe in die Hhe zu gehen oder auf
der Treppe ihres Hauses niedergeschossen zu werden. Sie sprachen Allan
der bewuten Irrefhrung des Publikums, kurz des Betruges schuldig.
Wiederum fehlte S. Woolf, der ruhmlos Hinabgestiegene, dessen Hnde
golden abfrbten.

Das Urteil lautete auf sechs Jahre drei Monate Gefngnis.

Es war eines jener amerikanischen Urteile, die Europa nicht fassen
kann. Es war unter dem Druck des Volkes und der momentanen Lage
gegeben. Auch politische Motive spielten herein. Die Wahlen standen
bevor und die republikanische Regierung wollte der demokratischen
Partei schmeicheln. Allan hrte das Urteil mit ruhiger Miene an und
legte sofort Revision ein.

Das Auditorium aber war einige Minuten vllig erstarrt.

Dann aber sagte eine emprte, bebende Frauenstimme: Es gibt keine
Gerechtigkeit mehr in den Staaten. Die Richter und Geschworenen sind
von den Schiffahrtsgesellschaften bestochen!

Das war Ethel Lloyd. Diese Bemerkung kostete sie ein kleines Vermgen
und dazu zehntausend Dollar fr Anwlte. Und da sie whrend ihres
Prozesses, der enormes Aufsehen erregte, den Gerichtshof abermals
beleidigte, bekam sie drei Tage Haft wegen Ungebhr. Ethel Lloyd
bezahlte aber freiwillig keinen Pfennig. Sie lie sich pfnden. Und
zwar bergab sie dem Gerichtsvollzieher zwei Paar Handschuhe mit
Brillantknpfen.

Bin ich mehr schuldig? fragte sie.

Nein, danke, antwortete der Beamte und zog mit den Handschuhen ab.

Als aber die Zeit herankam, da Ethel ins Loch wandern sollte, hatte
sie keine Lust. Drei Tage ~jail~? ~No, Sir!~ Sie ri aus an Bord ihrer
Dampfjacht Goldkarpfen und kreuzte in zwanzig Meilen Entfernung von
der Kste, wo ihr niemand etwas anhaben konnte. Stndlich sprach sie
funkentelegraphisch mit ihrem Vater. Die Funkenstationen der Zeitungen
fingen alle Gesprche ab und New York amsierte sich acht Tage lang.
Der alte Lloyd lachte Trnen ber seine Tochter und vergtterte sie
noch mehr. Da er aber ohne Ethel nicht leben konnte, so bat er sie
schlielich zurckzukehren. Er sei nicht wohl. Sofort richtete Ethel
den Bug des Goldkarpfens gegen New York, und hier fiel sie prompt in
die Hnde der Gerechtigkeit.

Ethel brummte drei Tage und die Zeitungen zhlten die Stunden bis zu
ihrer Befreiung. Ethel kam lachend heraus und wurde von einem Park von
Automobilen empfangen und im Triumph nach Hause gebracht.

Unterdessen aber sa Allan im Staatsgefngnis von Atlanta. Er verlor
nicht den Mut, denn er nahm das Urteil nicht ernst.

Im Juni nahm die Revision des Prozesses ihren Anfang.

Der Riesenproze wurde abermals aufgerollt. Das Urteil aber blieb
unangetastet und Allan kehrte nach Atlanta zurck.

Die Sache Allan ging an den Supreme Court. Und nach drei weiteren
Monaten wurde der letzte Proze gefhrt. Es wurde Ernst und ging um
Allans Hals.

Die finanzielle Krise war unterdessen abgeflaut. Handel, Verkehr,
Industrie begannen sich zu erholen. Das Volk hatte seinen fanatischen
Ha verloren. Aus hundert Anzeichen merkte man, da jemand an der
Arbeit war, Allans Sache zu ordnen. Man behauptete, es sei Ethel
Lloyd. Die Zeitungen brachten gnstiger gefrbte Artikel. Die
Geschworenen waren ganz anders zusammengesetzt.

Allans Aussehen befremdete, als er vor dem Supreme Court erschien.
Seine Gesichtsfarbe war fahl und ungesund, seine Stirn von tiefen
Falten durchfurcht, die auch blieben, wenn er sprach. Er war grau
geworden an den Schlfen und stark abgemagert. Der Glanz seiner Augen
war erloschen. Zuweilen schien er ganz teilnahmlos.

Die Aufregungen der letzten Monate, die Prozesse hatten ihn nicht
niederwerfen knnen. Aber die Haft in Atlanta hatten seine Gesundheit
untergraben. Ausgeschaltet vom Leben und von Aktivitt mute ein Mann
wie Allan zugrunde gehen; wie eine Maschine zusammensackt, wenn sie zu
lange stillsteht. Er wurde ruhelos und schlief schlecht. Entsetzliche
Trume bekamen Gewalt ber ihn, so da er sich am Morgen gemartert
erhob. Der Tunnel verfolgte ihn mit Schrecknissen. Es donnerte in
seinen Trumen und das Weltmeer brach in die Stollen und Tausende
trieben wie ertrunkene Tiere zu den Tunnelmndungen hinaus. Der Tunnel
saugte wie ein Trichter: er verschlang Maschinenhallen und Huser, die
Tunnelstadt glitt in den Schlund hinein, Dampfer, Wasser und Erde, New
York begann sich zu neigen und zu sinken. New York brannte lichterloh
und er flchtete ber die Dcher der zusammenschmelzenden Stadt. Er
sah S. Woolf in drei Teile geschnitten und alle drei Teile lebten und
flehten ihn um Gnade an.

Der Supreme Court sprach Allan frei. Der Freispruch wurde mit groem
Jubel aufgenommen. Ethel Lloyd schwenkte das Taschentuch wie eine
Fahne. Allan mute unter Bedeckung zu seinem Wagen gebracht werden, da
man ihn in Stcke gerissen htte, um ein Andenken zu haben. Die Straen
rings um das Gebude hallten wider: Mac Allan! Mac Allan!

Der Wind blies wieder aus der andern Richtung.

Allan aber hatte nur noch einen Gedanken, den er mit dem letzten Rest
von Energie verfolgte: Einsamkeit, keine Menschen ...

Er begab sich nach Mac City.




Sechster Teil




1.


Der Tunnel war tot.

Ein Schritt hallte weithin in den den Stollen und eine Stimme
rumorte wie in einem Keller. In den Stationen sangen gleichmig
still Tag und Nacht die Maschinen, von schweigsamen, verbitterten
Ingenieuren bedient. Vereinzelte Zge klirrten hinein, hinaus. Nur
in der submarinen Schlucht whlten noch immer die Arbeiter der
Pittsburg Refining and Smelting Co. Die Tunnelstadt war verdet,
verstaubt und ausgestorben. Die Luft, die sonst wetterte vom Mahlen
der Betonmischmaschinen und Hmmern der Zge, war still, die Erde
zitterte nicht mehr. Im Hafen lagen Reihen von toten Dampfern. Die
Maschinenhallen, die frher wie Feenpalste glitzerten, lagen bis auf
einzelne in der Nacht schwarz wie Ruinen und ohne Leben. Das Blinkfeuer
des Hafens war erloschen.

Allan bewohnte das fnfte Stockwerk des Brogebudes. Seine Fenster
gingen auf ein Meer von Geleisen hinaus, die sich leer und staubbedeckt
hinzogen. In den ersten Wochen verlie er das Haus berhaupt nicht.
Dann verbrachte er einige Wochen in den Stollen. Er verkehrte mit
niemand auer Strom. Freunde hatte er nicht in Mac City. Hobby
hatte schon lange sein Landhaus verlassen. Er hatte seinen Beruf
aufgegeben und eine Farm in Maine gekauft. Im November hatte Allan
eine dreistndige Besprechung mit dem alten Lloyd, die seine
letzten Hoffnungen vernichtete. Entmutigt und bitter ging er noch am
gleichen Tage mit einem Dampfer des Syndikats in See. Er besuchte die
ozeanischen und europischen Stationen und die Zeitungen brachten
kurze Notizen darber. Aber niemand las sie. Mac Allan war tot wie der
Tunnel, neue Namen blendeten ber der Welt.

Als er im Frhjahr nach Mac City zurckkehrte, kmmerte sich kein
Mensch darum. Nur Ethel Lloyd!

Ethel wartete einige Wochen auf seinen Besuch bei ihrem Vater. Als
er aber nichts von sich hren lie, schrieb sie ihm ein kurzes,
freundliches Billett: Sie habe erfahren, da er wieder hier sei. Pa und
sie wrden sich sehr freuen, wenn er sie gelegentlich besuche. Tausend
Gre!

Allein Allan antwortete nicht.

Ethel war erstaunt und gekrnkt. Sie lie den ersten Detektiv New Yorks
zu sich kommen und gab ihm den Auftrag, augenblicklich Informationen
ber Allan einzuziehen. Am nchsten Tag erstattete ihr der Detektiv
Bericht: Allan arbeite Tag fr Tag im Tunnel. Zwischen sieben Uhr
und zwlf Uhr abends kehre er gewhnlich zurck. Er lebe vollkommen
abgeschlossen von der Welt und habe seit seiner Rckkehr keinen
Menschen vorgelassen. Der Weg zu ihm fhre ber Strom, und Strom sei
unerbittlicher als ein Gefngnisschlieer.

Am gleichen Tage noch erschien Ethel gegen Abend in der toten
Tunnelstadt, um sich bei Allan melden zu lassen. Man sagte ihr, sie
mge sich an Herrn Strom wenden. Ethel, die damit rechnete, hatte schon
ihre Vorbereitungen getroffen. Mit diesem Herrn Strom wollte sie schon
fertig werden! Sie hatte Strom bei Allans Proze gesehen. Sie hate und
bewunderte ihn zu gleicher Zeit. Sie verabscheute seine unmenschliche
Klte und Menschenverachtung, aber sie bewunderte seinen Mut. Heute
wrde er auf Ethel Lloyd stoen! Sie hatte sich ausgesucht gekleidet,
Pelz aus sibirischem Silberfuchs, Fuchskopf und Pranken auf der Mtze.
Sie setzte ihre verfhrerischste und siegreichste Miene auf, berzeugt,
Strom augenblicklich zu blenden.

Ich habe die Ehre, Herrn Strom zu sprechen? begann sie mit ihrer
einschmeichelndsten Stimme. Mein Name ist Ethel Lloyd. Ich mchte
gerne Herrn Allan besuchen.

Strom aber verzog keine Miene. Weder ihr allmchtiger Name, noch der
Silberfuchs, noch ihre schnen lchelnden Lippen machten auf ihn den
geringsten Eindruck. Ethel hatte das demtigende Gefhl, da ihr Besuch
ihn tdlich langweile.

Herr Allan ist im Tunnel, Frulein Lloyd! sagte er khl. Sein Blick
und die Frechheit, mit der er log, emprten Ethel und sie legte
augenblicklich ihre liebenswrdige Maske ab und wurde bleich vor Zorn.

Sie sind ein Lgner! antwortete sie mit einem leisen, emprten
Lachen. Man hat mir soeben gesagt, da er hier sei.

Strom regte sich nicht auf. Ich kann Sie nicht zwingen, mir zu
glauben, leben Sie wohl! entgegnete er. Das war alles.

So etwas hatte Ethel Lloyd noch nie erlebt. Bebend und bla vor Wut
erwiderte sie: Sie werden noch an mich denken, mein Herr! Bis heute
hat es noch niemand gewagt, mich so unverschmt zu behandeln! Eines
Tages werde ich, Ethel Lloyd, _Ihnen_ die Tre weisen! Hren Sie!

Ich werde dann weniger Worte machen als Sie, Frulein Lloyd,
erwiderte Strom khl.

Ethel sah in seine eisigen Glasaugen und sein totes Gesicht. Sie hatte
Lust, ihm geradeheraus zu sagen, da er kein Gentleman sei, aber sie
beherrschte sich und schwieg. Sie warf ihm ihren verchtlichsten Blick
zu (ein Blick, guter Gott!) und ging.

Und whrend sie mit Trnen der Wut in den Augen die Treppe hinabstieg,
dachte sie: >Er ist ja auch wahnsinnig geworden, dieser Basilisk! Alle
machte der Tunnel wahnsinnig, Hobby, Allan -- sie brauchen nur ein paar
Jahre dabei zu sein.<

Ethel weinte vor Zorn und Enttuschung, als sie in ihrem Wagen nach New
York zurckfuhr. Sie hatte sich vorgenommen gehabt, alle ihre Knste
gegen diesen Strom, hinter den sich Allan verschanzte, spielen zu
lassen, aber sein unverschmt kalter Blick hatte sofort ihre berlegung
weggefegt. Sie weinte aus Wut ber ihre schlechte Taktik. Nun, dieser
Patron wird an Ethel Lloyd denken! sagte sie rachschtig und lachte
zornig. Ich werde den ganzen Tunnel kaufen, nur um diesen Burschen
hinauswerfen zu knnen. ~Just wait a little!~

Bei Tisch sa sie an diesem Abend bla und schweigsam ihrem Vater
gegenber.

Reichen Sie Herrn Lloyd die Sauciere! herrschte sie den Diener an.
Sehen Sie denn nicht?

Und der Diener, der Ethels Launen recht wohl kannte, kam ihrem Befehl
nach und wagte keine Miene zu verziehen.

Der alte Lloyd blickte scheu in die kalten, herrischen Augen seiner
schnen Tochter.

Ethel lie sich durch Hindernisse nicht abschrecken. Sie hatte ihr Auge
auf Allan geworfen. Sie hatte sich vorgenommen, ihn zu sprechen, und
sie schwor sich es zu tun, koste es, was es wolle. Um keinen Preis der
Welt aber htte sie sich noch einmal an Strom gewandt. Sie verabscheute
ihn! Und sie war berzeugt, auch ohne diesen Strom, der kein Gentleman
war, ihr Ziel zu erreichen.

An den folgenden Abenden war der alte Lloyd in die ble Lage versetzt,
allein speisen zu mssen. Ethel lie sich entschuldigen. Sie fuhr jeden
Tag um vier Uhr nachmittags nach Mac City und kam um halb elf Uhr mit
dem Abendzuge zurck. Von sechs bis neun Uhr aber wartete sie in einem
Mietsautomobil, das sie von New York nach Mac City beordert hatte, zehn
Schritte vom Haupteingang des Brogebudes entfernt. Eingehllt in
Pelze sa sie im Wagen, zitternd vor Frost, eigentmlich abenteuerlich
erregt und gedemtigt durch die Rolle, die sie spielte, und sphte
durch die gefrorenen Scheiben, in die sie von Zeit zu Zeit Lcher
hauchen mute. Trotz einiger Bogenlampen, die gleiende Hhlen in die
Nacht rissen, war es drauen tiefdunkel und nur das wirre Netz der
Geleise schimmerte matt. So oft sich etwas regte und jemand kam, machte
Ethel ihre Augen ganz scharf und ihr Herz pochte.

Am dritten Abend sah sie Allan zum erstenmal. Er kam mit einem Herrn
quer ber die Trassen und sie erkannte ihn augenblicklich am Gang. Der
Herr aber, der ihn begleitete, war Strom. Ethel verwnschte ihn! Die
beiden gingen ganz nahe am Auto vorber und Strom wandte das Gesicht
gegen das glitzernde, vereiste Fenster. Ethel bildete sich ein, da er
erraten habe, wer im Wagen sa, und sie frchtete schon, er werde Allan
auf das Automobil aufmerksam machen. Allein Strom ging weiter, ohne ein
Wort an Allan zu richten.

Ein paar Tage darauf kam Allan schon um sieben Uhr aus dem Tunnel
zurck. Er sprang von einem langsam fahrenden Zug ab und stieg ohne
Hast ber die Geleise. Immer nher kam er, still und nachdenklich ging
er seiner Wege. Gerade als er den Fu auf die Stufen des Eingangs
setzte, ffnete Ethel den Schlag des Autos und rief seinen Namen.

Allan blieb einen Moment stehen und sah sich um. Dann machte er Miene,
die Stufen hinaufzusteigen.

Allan! rief Ethel nochmals und eilte nher.

Allan wandte sich ihr zu und forschte mit einem raschen Blick unter
ihrem Schleier.

Er trug einen weiten braunen Mantel, ein Halstuch und hohe Stiefel, die
voller Schmutz waren. Sein Gesicht war mager und hart. Eine Weile sahen
sie einander schweigend an.

Ethel Lloyd? fragte Allan langsam, mit tiefer gleichgltiger Stimme.

Ethel wurde verlegen. Sie hatte Allans Stimme nur undeutlich in der
Erinnerung gehabt und nun erkannte sie seine Stimme wieder. Sie
zgerte, den Schleier hochzunehmen, da sie fhlte, da sie rot geworden
war.

Ja, sagte sie unsicher, ich bin es, und schob den Schleier in die
Hhe.

Allan sah sie mit ernsten, klaren Augen an. Was tun Sie hier? fragte
er.

Aber da fand Ethel ihre Fassung. Sie sah ein, da ihre Sache verloren
wre, wenn sie in dieser Sekunde nicht den richtigen Ton trfe. Und sie
traf ihn, instinktiv. Sie lachte so froh und herzlich wie ein Kind und
sagte: Es fehlte gerade noch, da Sie mich auszankten, Allan! Ich habe
mit Ihnen zu sprechen und da Sie niemand vorlassen, habe ich Ihnen zwei
Stunden lang in diesem Wagen aufgelauert.

Allans Blick nderte sich nicht. Aber seine Stimme klang nicht
unfreundlich, als er sie bat einzutreten.

Ethel atmete auf. Der gefhrliche Augenblick war vorber. Sie fhlte
sich froh und leicht und glcklich, als sie den Lift betrat.

Ich habe Ihnen geschrieben, Allan? sagte sie lchelnd.

Allan sah sie nicht an. Ja, ja, ich wei, erwiderte er zerstreut und
blickte zu Boden, aber, offen gestanden, hatte ich damals -- Und
Allan murmelte etwas, was sie nicht verstand. Im gleichen Augenblick
hielt auch der Lift. Lion ffnete die Tr zu Allans Wohnung. Ethel tat
sehr erfreut und berrascht, Lion wiederzusehen.

Da ist ja unser alter Lion! rief sie aus und streckte dem alten,
dnnen Chinesen wie einem lieben Bekannten die Hand hin. Wie geht es,
Lion?

~Thank you~, wisperte der verblffte Lion kaum hrbar und verbeugte
sich schlrfend.

Allan bat Ethel, ihn einen Augenblick zu entschuldigen, und Lion fhrte
sie in ein groes, wohlgeheiztes Zimmer und entfernte sich sofort
wieder. Ethel knpfte den Mantel auf und zog die Handschuhe aus. Das
Zimmer machte einen nchternen und geschmacklosen Eindruck. Offenbar
hatte Allan die Mbel telephonisch bei einem Warenhaus bestellt und das
Arrangement einem Tapezierer berlassen. Dazu kam, da die Vorhnge
gerade abgenommen waren und man die Fensterstcke nackt erblickte,
schwarze Rechtecke mit drei, vier kalt glitzernden Sternen darin. Nach
geraumer Weile kam Lion wieder und servierte Tee und Toast. Dann trat
Allan ein. Er hatte sich umgekleidet und die hohen Stiefel mit Schuhen
vertauscht.

Ich stehe zu Ihrer Verfgung, Frulein Lloyd, sagte er ernst und
ruhig und nahm in einem Sessel Platz. Wie geht es Herrn Lloyd? Und
Ethel sah an seinem Gesicht, da er sie _nicht brauchte_.

Vater geht es gut, danke, antwortete sie zerstreut. Sie konnte nun
Allan deutlich sehen. Er war stark ergraut und sah um Jahre gealtert
aus. Seine scharf gewordenen Zge waren vollkommen bewegungslos,
steinern, voll verborgener Verbitterung und stummem Trotz. Seine
Augen waren kalt, ohne Leben und erlaubten dem Blick nicht, in sie
einzudringen.

Ethel htte nun, wenn sie berlegt gehandelt htte, vorerst ein
belangloses Gesprch mit Allan gefhrt, um ihn und sich selbst mit der
Situation nach und nach vertraut zu machen. Sie hatte es sich auch
vorgenommen, sie wollte sogar ber Strom Klage fhren, aber als sie
Allan so verndert, fremd und abweisend vor sich sah, lie sie sich von
ihrem Impuls fortreien. Ihr Herz sagte ihr, da es eine Mglichkeit
geben msse, Allan zu packen und festzuhalten.

Und augenblicklich schlug sie einen herzlichen und vertrauten Ton an,
als seien sie frher die allerbesten Freunde gewesen. Allan! sagte
sie mit einem leuchtenden Blick ihrer blauen Augen und streckte ihm
die Hand hin. Sie knnen nicht wissen, wie sehr ich mich freue, Sie
wiederzusehen! Sie hatte Mhe, ihre Erregung zu verbergen.

Allan gab ihr die Hand, die rauh und hart geworden war. Er lchelte ein
wenig, aber in seinen Augen stand eine leise, gutmtige Verachtung fr
diese Art weiblicher Sympathie.

Ethel kmmerte sich nicht darum. Sie war nun nicht mehr einzuschchtern.

Sie sah Allan an und schttelte den Kopf. Sie sehen nicht gut aus,
Allan, fuhr sie fort. Das Leben, das Sie gegenwrtig fhren, ist
nichts fr Sie. Ich begreife recht wohl, da Sie fr einige Zeit Ruhe
und Abgeschlossenheit ntig hatten, aber ich glaube nicht, da es fr
Sie auf die Dauer gut ist. Seien Sie nicht bse, da ich Ihnen das
sage. Sie brauchen Ihre Arbeit -- der _Tunnel_ fehlt Ihnen! Nichts
sonst!

Sie traf die Wahrheit, sie traf Allan mitten ins Herz. Allan sa da
und starrte Ethel an. Er erwiderte kein Wort und machte auch nicht den
geringsten Versuch, sie zu unterbrechen.

Ethel hatte ihn berrumpelt und sie ntzte seine Verblfftheit nach
Krften aus. Sie sprach nun so rasch und erregt, da es berhaupt
unmglich gewesen wre, ihr, ohne unhflich zu werden, ins Wort zu
fallen. Sie machte ihm Vorwrfe, da er sich selbst von seinen Freunden
vllig zurckgezogen habe, da er sich in dieser toten Stadt vergrabe;
sie schilderte ihm ihr Erlebnis mit Strom, sie sprach von Lloyd, von
New York, von Bekannten und kam immer wieder auf den Tunnel zurck. Wer
sollte denn den Tunnel vollenden, wenn nicht er? Wem wrde die Welt
diese Aufgabe anvertrauen? Und ganz abgesehen von all dem, sie wolle
es ihm offen heraussagen: er wrde zugrunde gehen, wenn er die Arbeit
nicht bald wieder aufnhme ...

Allans graue Augen waren dunkel und dster geworden, soviel Gram,
Schmerz, Bitterkeit und Verlangen hatte Ethel in ihm aufgewhlt.

Weshalb sagen Sie mir all das? fragte er, und ein unwilliger Blick
traf Ethel.

Ich habe gar kein Recht, Ihnen das zu sagen, das wei ich wohl,
antwortete sie, wenn nicht etwa das Recht einer Freundin oder
Bekannten. Aber ich sage Ihnen das, weil -- Jedoch Ethel konnte keinen
Grund angeben und fuhr fort: Ich mache Ihnen nur Vorwrfe, da Sie
sich in diesem grlichen Zimmer hier vergraben, anstatt Himmel und
Hlle in Bewegung zu setzen und den Tunnel fertig zu bauen.

Allan schttelte nachsichtig den Kopf und lchelte resigniert.
Frulein Lloyd, entgegnete er, Sie werden mir vollkommen
unverstndlich. Ich habe ja Himmel und Hlle in Bewegung gesetzt und
ich versuche noch tglich das Mgliche. Vorlufig ist an die Aufnahme
der Arbeit nicht zu denken.

Warum nicht?

Allan sah sie erstaunt an. Wir haben kein Geld, sagte er kurz.

Wer soll aber Geld schaffen knnen, wenn nicht _Sie_? versetzte
Ethel rasch, mit einem leisen Lachen. Solange Sie sich hier
einsperren, wird Ihnen allerdings niemand Geld geben.

Allan wurde des Gesprchs mde. Ich habe alles versucht, erwiderte er
und Ethel hrte am Ton seiner Stimme, da sie ihm lstig wurde.

Sie griff nach den Handschuhen, und whrend sie in den linken Handschuh
schlpfte, fragte sie: Haben Sie auch mit Papa gesprochen?

Allan nickte und wich ihrem Blick aus.

Mit Herrn Lloyd? Gewi! entgegnete er.

Nun, und?

Herr Lloyd machte mir nicht die geringsten Hoffnungen mehr! erwiderte
er und sah Ethel an.

Ethel lachte, ihr leichtes, kindliches Lachen.

Wann, sagte sie, Allan, wann war das?

Allan dachte nach. Das war im verflossenen Herbst.

Ja, im Herbst! fuhr Ethel fort und tat erstaunt. Papas Hnde waren
damals gebunden. Jetzt liegt die Sache ganz anders -- und Ethel Lloyd
feuerte nun ihre Breitseite ab -- Papa hat mir gesagt: ich wrde
vielleicht den Bau bernehmen. Aber ich kann natrlich nicht an Allan
herantreten. Allan mte zu mir kommen. Das sagte sie ganz leichthin.

Allan sa still und in sich versunken da. Er erwiderte gar nichts.
Ethel hatte ihm mit dieser Erffnung Feuer ins Herz geworfen. Das
Blut stieg ihm ins Gesicht. Pltzlich hrte er den donnernden Gang
der Arbeit in seinen Ohren. Sollte es mglich sein? Lloyd --? Seine
Erregung war so mchtig, da er aufstehen mute.

Er schwieg eine Weile. Dann sah er zu Ethel hin. Sie knpfte ihre
Handschuhe zu und dieses Geschft schien ihre ganze Aufmerksamkeit in
Anspruch genommen zu haben.

Ethel stand auf und lchelte Allan zu. Papa hat mir allerdings nicht
den Auftrag gegeben, Ihnen das zu sagen, Allan. Er darf nie erfahren,
da ich hier war, sagte sie leiser und streckte ihm die Hand hin.

Allan sah sie mit einem dankbaren, warmen Blick an. Es war in der
Tat sehr liebenswrdig von Ihnen mich aufzusuchen, Frulein Lloyd!
entgegnete er und drckte ihr die Hand.

Ethel lachte leise. Bitte, sagte sie, ich hatte in diesen Tagen
nichts zu tun und da dachte ich, ich will doch sehen, was Allan treibt.
~Good bye!~ Und Ethel ging.




2.


An diesem Abend war Ethel whrend des Diners in so vorzglicher Laune,
da dem alten Lloyd das Herz aufging. Und nach Tisch schlang sie die
Arme um seinen Nacken und sagte: Hat mein kleiner, lieber Pa morgen
vormittag Zeit, mit mir eine wichtige Sache zu besprechen?

Heute noch, wenn du willst, Ethel.

Nein, morgen. Und will mein lieber, kleiner Pa alles tun, worum seine
Ethel ihn bitten wird?

Wenn es mir mglich ist, mein Kind?

Es ist dir mglich, Pa!

Am nchsten Tage erhielt Allan eine eigenhndig geschriebene, uerst
freundschaftlich gehaltene Einladung von Lloyd, die deutlich Ethels
Diktion verriet.

Wir werden ganz unter uns sein, schrieb Lloyd, nur wir drei.

Allan fand Lloyd in vorzglicher Laune. Er war noch mehr eingeschrumpft
und Allan gewann den Eindruck, als ob er anfange, etwas kindisch
zu werden. So hatte er Allans Besuch im vorigen Herbst vollkommen
vergessen. Er erzhlte ihm wiederum alle Einzelheiten von Ethels
Prozessen und lachte Trnen, als er schilderte, wie Ethel der Behrde
ein Schnippchen schlug und auf dem Meere herumsegelte. Er schwatzte
ber all die neuen Dinge, die im Laufe des Herbstes und Winters
geschaffen worden waren, ber Skandale und Wahlen. Trotzdem sein
Gehirn zu verfallen begann, war er noch lebhaft, voller Interesse fr
alles Neue, listig und bauernschlau. Allan plauderte zerstreut, denn
er war zu sehr mit den eigenen Gedanken beschftigt. Indessen fand er
keine Gelegenheit, die Sprache auf den Tunnel zu bringen. Lloyd legte
ihm Plne zu Sternwarten vor, die er verschiedenen Nationen schenken
wollte, und als Allan gerade im Begriff stand, berzulenken auf das,
was ihm am Herzen lag, meldete der Diener, da Mi Lloyd die Herren zum
Diner erwarte.

Ethel war gekleidet wie zu einem Hofball. Sie blendete. Alles an ihr
war Glanz, Frische, Hoheit. Ohne die entstellende, wuchernde Flechte
auf dem Kinn wre sie die erste Schnheit New Yorks gewesen. Allan war
merkwrdig berrascht, als er sie sah. Denn er hatte nie gesehen, wie
schn sie war. Noch mehr aber verblffte ihn das schauspielerische
Talent, das sie bei der Begrung entfaltete.

Da sind Sie ja, Allan! rief sie aus und sah Allan mit strahlenden,
aufrichtigen, blauen Augen an. Wie lange haben wir uns nicht gesehen!
Wo in aller Welt steckten Sie nur die ganze Zeit?

Lloyd sagte rgend: Ethel, sei nicht so neugierig!

Und Ethel lachte! Bei Tisch war sie in prchtigster Laune.

Sie speisten an einem groen, runden Mahagonitisch, der zwei Meter im
Durchmesser ma und den Ethel selbst tglich mit Blumen schmckte.
Lloyds Kopf erschien grotesk, wie ein brauner Mumienschdel, zwischen
den Bergen von Blten. Ethel war unausgesetzt um den Vater bemht. Er
durfte nur essen, was sie ihm erlaubte, und lachte kindisch, wenn sie
ihm etwas verweigerte. Alles, was ihm schmeckte, hatten ihm die rzte
verboten.

Sein Gesicht verzerrte sich vor Vergngen, als ihm Ethel etwas
Hummermayonnaise vorlegte.

Heute wollen wir nicht so streng sein, Dad, sagte sie, weil Herr
Allan zu Gast ist.

Kommen Sie recht oft, Allan, gluckste Lloyd. Sie behandelt mich
besser, wenn Sie hier sind.

Bei jeder Gelegenheit, die sich bot, gab Ethel Allan zu verstehen, wie
erfreut sie ber seinen Besuch sei.

Nach Tisch nahmen sie den Kaffee in einem hohen Saal, der einem
Palmenhaus hnlich sah. In einem kolossalen echten Renaissancekamin,
einem wundervollen, kostbaren Werk, glhten tuschend nachgeahmte groe
Buchenscheite. Irgendwo pltscherte ein unsichtbarer Springbrunnen. Es
war hier so dunkel, da man einander nur in den Umrissen sah. Lloyd
mute seine entzndeten Augen schonen.

Singe uns etwas, Kind, sagte Lloyd und rauchte eine groe, schwarze
Zigarre an. Diese Zigarren wurden speziell fr ihn in Havanna
angefertigt und waren der einzige Luxus, den er sich erlaubte.

Ethel schttelte den Kopf. Nein, Dad, Allan liebt Musik nicht.

Der braune Mumienschdel Lloyds wandte sich Allan zu. Sie lieben Musik
nicht?

Ich habe kein Gehr dafr, erwiderte Allan.

Lloyd nickte. Wie sollten Sie auch? begann er mit der bedchtigen
Wichtigkeit des Greises. Sie haben zu _denken_ und brauchen keine
Musik. Bei mir war es frher genau so. Aber als ich lter wurde und
sich bei mir das Bedrfnis zu _trumen_ einstellte, da liebte ich sie
pltzlich. Musik ist nur fr Kinder, Frauen und schwache Kpfe --

Pfui, Vater! rief Ethel aus ihrem Schaukelstuhl.

Ich geniee das Privilegium des Alters, Allan, fuhr Lloyd schwatzhaft
fort. brigens hat mich Ethel fr die Musik erzogen -- meine kleine
Ethel, die nun dasitzt und ber ihren Vater lacht!

Ist Papa nicht lieb? warf Ethel ein und sah Allan an.

Dann -- nach einem kleinen, hitzigen Geplnkel zwischen Vater und
Tochter, wobei Lloyd jmmerlich geschlagen wurde -- begann Lloyd ganz
von selbst vom Tunnel zu sprechen.

Wie geht es mit dem Tunnel, Allan?

Aus all seinen Fragen war deutlich zu erkennen, da Ethel mit dem Vater
vorher alles besprochen hatte und Lloyd es ihm leicht machen wollte,
an ihn heranzutreten.

Die Deutschen wollen nun eine regelmige Luftschiffverbindung
einrichten, sagte Lloyd. Sie sollten sehen, da es bald wieder
vorwrts geht, Allan!

Der Augenblick war gekommen. Und Allan sagte klar und laut: Geben Sie
mir Ihren Namen, Herr Lloyd, und ich beginne morgen!

Darauf erwiderte Lloyd bedchtig: Ich wollte Ihnen schon lange
Vorschlge machen, Allan. Ich dachte sogar daran, Ihnen ein Wort in
diesem Sinne zu schreiben, als Sie verreist waren. Ethel aber sagte
>Warte, bis Allan selbst zu dir kommt<. Sie erlaubte es nicht!

Und Lloyd gluckste triumphierend, Ethel einen Hieb versetzt zu haben.
Unvermittelt aber zeigte sich in seinem Gesicht ein Ausdruck der
grten Bestrzung, denn Ethel schlug pltzlich emprt mit der flachen
Hand auf die Lehne des Sessels, stand auf, bleich bis in die Mundwinkel
und rief mit blitzenden Augen: Vater! Wie konntest du es wagen, so
etwas zu sagen!

Sie warf die Schleppe herum und ging und schlug die Tre so heftig zu,
da der Saal bebte.

Allan sa fahl und stumm: Lloyd hatte sie verraten!

Lloyd aber drehte bestrzt den Kopf hin und her.

Was tat ich ihr denn? stammelte er. Es war ja nur ein Scherz! Es
war gar nicht so gemeint. Was sagte ich denn Schlimmes? O, wie bse
sie werden kann! Er fate sich und gab sich Mhe, wieder heiter und
zuversichtlich zu erscheinen. Nun, sie wird ja wiederkommen, sagte
er ruhiger. Sie hat das beste Herz der Welt, Allan! Aber sie ist
unberechenbar und launisch, ganz wie ihre Mutter es war. Aber, sehen
Sie, nach einer Weile, da kommt sie dann zurck und kniet neben mir und
streichelt mich und sagt: >Verzeih, Pa, ich habe heute einen schlechten
Tag!<

Ethels Stuhl schaukelte noch immer. Es war ganz still. Der unsichtbare
Springbrunnen rieselte und gluckste. Auf der Strae tuteten die
Automobile wie Dampfer im Nebel.

Lloyd blickte auf Allan, der schweigend dasa, dann sah er nach der
Tre und lauschte. Nach einer Weile klingelte er dem Diener.

Wo ist Mi Lloyd? fragte er.

Mi Lloyd ist auf ihre Zimmer gegangen!

Lloyd senkte den Kopf. Dann sehen wir sie heute nicht mehr, Allan,
sagte er nach einer Weile leise und niedergeschlagen. Dann sehe ich
sie auch morgen nicht! Und ein Tag ohne Ethel ist verloren fr mich.
Ich habe nichts als Ethel!

Lloyd schttelte den kleinen, kahlen Kopf und konnte sich nicht
beruhigen. Versprechen Sie mir morgen wiederzukommen, Allan, damit wir
Ethel besnftigen. Wer versteht so ein Mdchen? Wenn ich nur wte, was
ich Schlimmes getan habe?

Lloyd sprach in traurigem Ton. Er war aufs tiefste niedergeschlagen.
Dann schwieg er und sah mit geneigtem Kopf vor sich hin. Er machte den
Eindruck eines unglcklichen, verzweifelten Menschen.

Nach einer Weile erhob sich Allan und bat Lloyd, ihn zu entschuldigen.

Auch Ihnen ist die Laune verdorben durch meine Albernheit, sagte
Lloyd und nickte und gab Allan die kleine Hand, die weich war wie die
eines Mdchens. Sie hatte sich so gefreut, da Sie kamen! Sie war in
so prchtiger Laune! Den ganzen Tag nannte sie mich Dad!

Und Lloyd blieb allein in dem halbdunkeln Palmensaal sitzen, ganz
klein in dem groen Raum, und starrte vor sich hin. Er war ein alter,
verlassener Mann.

Unterdessen aber zerri Ethel vor Zorn und Scham in ihrem Zimmer ein
halbes Dutzend Taschentcher und stie unzusammenhngende Vorwrfe
gegen ihren Vater heraus. Wie konnte Vater das sagen ... wie konnte er
nur ... was soll Allan jetzt von mir denken ...

Allan hllte sich in den Mantel und verlie das Haus. Auf der Strae
wartete Lloyds Automobil, aber er lehnte es ab. Er ging langsam die
Avenue hinab. Es schneite, der Schnee fiel in lautlosen, weichen
Flocken und Allans Schritt war unhrbar auf dem Schneeteppich.

Allan hatte ein bitteres, erstarrtes Lcheln auf den Lippen. Er hatte
verstanden! Sein Wesen war schlicht und offen und er dachte selten
ber die Motive seiner Mitmenschen nach. Er hatte keine Leidenschaften
und so verstand er die Leidenschaften anderer nicht. Er war ohne
Raffinement und so vermutete er nicht Intrigen und Raffinement bei den
andern.

Er hatte nichts Besonderes darin gefunden, da Ethel ihn in der
Tunnelstadt aufgesucht hatte. Sie hatte ja vor Jahren viel in seinem
Hause verkehrt und war mit ihm befreundet. Einen Freundschaftsdienst
hatte er darin erblickt, da sie zu ihm kam und ihm verriet, da Lloyd
zur Hilfe bereit sei. Nun aber durchschaute er Ethel pltzlich! Ihr
persnlich sollte er zu Dank verpflichtet sein! Er sollte den Eindruck
gewinnen, als ob sie, Ethel, ihren Vater zu groen finanziellen
Wagnissen berredet htte. Mit einem Wort, von Ethel Lloyd sollte
es abhngen, ob er weiterbauen knne oder nicht -- aber Ethel Lloyd
stellte ihre Bedingungen! Er selbst war der Preis! Ethel wollte ihn!
Aber, bei Gott, Ethel kannte ihn nicht!

Allans Schritt wurde immer langsamer. Es war ihm, als versinke er in
Schnee, Nacht, Bitterkeit und Enttuschung. Seine letzte Hoffnung war
Lloyd gewesen. Unter diesen Umstnden aber war nicht daran zu denken!
Elend war seine letzte Hoffnung heute abend zugrunde gegangen ...

Am nchsten Morgen erhielt er ein Telegramm von Lloyd, worin ihn der
alte Mann dringend bat, zum Abendessen zu kommen. Ich werde Ethel
bitten, mit uns zu speisen und ich bin sicher, sie wird nicht nein
sagen. Ich habe sie heute noch nicht gesehen, telegraphierte Lloyd.

Allan depeschierte zurck, da er diesen Abend unmglich kommen knne,
da groe Mengen Wassers im Nordstollen eingebrochen seien. Das war die
Wahrheit, aber seine Anwesenheit wre keineswegs notwendig gewesen.

Tag um Tag war er in den toten Stollen und sein Herz hing an der
Finsternis da drinnen. Die Unttigkeit, zu der er gezwungen war, fra
wie ein Gram in ihm.

Etwa acht Tage spter, an einem klaren Wintertag, kam Ethel Lloyd nach
Mac City.

Sie kam in Allans Bro, gerade als er mit Strom konferierte. Sie
war ganz in schneeweien Pelz gehllt und sah frisch und strahlend
aus. Hallo, Allan! begann sie ohne Umschweife, als sei gar nichts
vorgefallen. Wie reizend, da ich Sie antreffe! Papa schickt mich, ich
soll Sie abholen! Sie ignorierte Strom vollstndig.

Herr Strom! sagte Allan, von Ethels Sicherheit und Ungeniertheit
verblfft.

Ich hatte schon die Ehre! murmelte Strom, verbeugte sich und ging.

Ethel nahm nicht die geringste Notiz davon.

Ja, fuhr sie heiter fort, ich komme um Sie mitzunehmen, Allan. Heute
abend konzertieren die Philharmoniker und Papa bittet Sie, mit uns ins
Konzert zu kommen. Mein Auto steht unten.

Allan blickte ruhig in ihre Augen.

Ich habe noch zu arbeiten, Frulein Lloyd, sagte er.

Ethel prfte seinen Blick und tat betrbt.

Mein Gott, Allan, rief sie aus, ich sehe, Sie zrnen mir noch wegen
neulich! Ich war gewi unartig, aber hren Sie, war es denn nett von
Pa, so etwas zu sagen? Ganz als ob ich gegen Sie intrigierte? -- Nun,
Pa sagte, ich solle Sie unbedingt heute mitbringen. Wenn Sie noch zu
tun haben, kann ich ja warten. Das Wetter ist herrlich und ich fahre
unterdessen spazieren. Aber ich darf doch auf Sie rechnen? Ich werde Pa
sofort telephonieren ...

Allan wollte absagen. Aber als er in Ethels Augen blickte, wute
er, da diese Absage ihren Stolz tdlich verletzen wrde und damit
seine Hoffnungen fr immer begraben wren. Aber auch zu einer Zusage
konnte er sich nicht entschlieen und so antwortete er ausweichend:
Vielleicht, ich kann das jetzt noch nicht sagen.

Bis sechs Uhr aber knnen Sie sich wohl entscheiden? fragte Ethel
freundlich und bescheiden.

Ich denke. Aber ich glaube nicht, da es mir mglich sein wird.

Adieu, Allan! rief Ethel heiter. Ich werde um sechs anfragen und ich
hoffe, Glck zu haben.

Punkt sechs stand Ethel wieder vor dem Hause.

Allan bedauerte und Ethel fuhr ab.




3.


Allan hatte die Brcken hinter sich abgebrochen.

Trotz der Hoffnungslosigkeit der Situation entschlo er sich aber,
noch einen letzten Versuch zu machen. Er wandte sich an die Regierung,
was er schon frher, ohne Erfolg, getan hatte. Er blieb drei Wochen
in Washington und war Gast des Prsidenten. Der Prsident gab ihm ein
Diner und man erwies ihm Achtung und Respekt wie einem abgesetzten
Monarchen. Allein an eine Beteiligung am Tunnel konnte die Regierung
vorlufig nicht denken.

Hierauf versuchte es Allan ein letztes Mal mit den Banken und
den Finanzgromchten. Gleich erfolglos. Einzelne Banken und
Grokapitalisten gaben ihm aber zu verstehen, da sie sich eventuell
beteiligen wrden, wenn Lloyd vorangehe. So kam Allan wiederum zu Lloyd
zurck.

Lloyd nahm ihn sehr freundlich auf. Er empfing ihn in seinem stillen
Arbeitszimmer. Er sprach mit ihm ber die Brse und den Weltmarkt,
schilderte ihm haarklein das Petroleum, den Stahl, Zucker, die
Baumwolle und die Frachtstze. Eine unerhrte Baisse nach einer
unerhrten Hausse. Die Welt war immer noch um zehn Jahre in ihrer
wirtschaftlichen Entwicklung zurck, so verzweifelt sie auch aufzuholen
versuchte.

Sobald es Allan mglich war, Lloyd zu unterbrechen, ging er geradeswegs
auf sein Ziel los. Er schilderte ihm die Haltung der Regierung und
Lloyd lauschte mit geneigtem Kopf.

Das ist alles richtig! Man hat Ihnen nichts vorgeflunkert, Allan. Sie
knnen ja schlielich noch drei bis fnf Jahre warten.

Allans Gesicht zuckte. Ich kann das unmglich! rief er. Drei bis
fnf Jahre! Ich habe meine Hoffnung auf Sie gesetzt, Herr Lloyd!

Lloyd wiegte den Kopf nachdenklich hin und her. Es geht nicht! sagte
er dann bestimmt und prete die Lippen zusammen.

Sie schwiegen. Es war zu Ende.

Als Allan sich aber verabschieden wollte, bat ihn Lloyd, zum Diner zu
bleiben. Allan war unentschlossen -- aber es war ihm nicht mglich,
Lloyd jetzt zu verlassen. Trotzdem es vollkommen unsinnig war, log er
sich noch immer eine leise Hoffnung vor.

Ethel wird vor berraschung sprachlos sein! Sie ahnt ja nicht, da Sie
hier sind!

Ethel -- Ethel ... Nun, da Lloyd einmal den Namen seines Abgotts
genannt hatte, konnte er von nichts anderem mehr sprechen. Er schttete
Allan sein Herz aus.

Denken Sie, sagte er, Ethel war vierzehn Tage mit der Jacht fort,
gerade als das Wetter so schlecht war. Nun hatte ich den Telegraphisten
bestochen -- ja, bestochen, denn so mu ich es bei Ethel machen --
aber er telegraphierte nicht. Ethel hatte mich durchschaut. Sie ist in
schlechter Laune und wir haben uns wieder gezankt. Jeder Tag aber, da
ich Ethel nicht sehe, ist fr mich eine Qual. Ich sitze und warte auf
sie. Ich bin ein alter Mann, Allan, und habe nichts als meine Tochter!

Ethel war uerst verwundert, als sie Allan pltzlich eintreten sah.
Sie runzelte die Stirn, aber dann ging sie ihm rasch entgegen und gab
ihm erfreut die Hand, whrend sie leicht errtete.

Sie sind hier, Allan! Wie schn! -- Ich war nicht gut zu sprechen auf
Sie -- viele Wochen lang, das mu ich Ihnen sagen, wenn ich ehrlich
sein soll.

Lloyd kicherte. Er wute, da Ethel nun wieder besser gelaunt sein
wrde.

Ich konnte damals nicht mit ins Konzert kommen.

Allan, Sie lgen doch nicht? Hre doch, Pa, wie Allan lgt. Er wollte
nicht! Sie wollten nicht, Allan. Sagen Sie es offen.

Nun -- ich wollte nicht.

Lloyd machte ein erschrockenes Gesicht. Er frchtete ein Ungewitter.
Ethel konnte einen Teller zerschlagen und aus dem Zimmer laufen. Er war
erstaunt, als Ethel nur lachte.

Siehst du, Pa, so ist Allan! Er sagt stets die Wahrheit.

Und Ethel war den ganzen Abend frhlich und liebenswrdig.

Hren Sie aber nun, Allan, mein Freund! sagte sie, als sie sich
trennten. Ein zweites Mal drfen Sie nicht so hlich zu mir sein --
ich wrde es Ihnen nicht mehr verzeihen.

Ich werde mir alle Mhe geben! antwortete Allan scherzhaft.

Ethel sah ihn an. Der Ton, in dem er dies sagte, gefiel ihr nicht. Aber
sie verriet sich nicht und sagte lchelnd: Nun, ich werde sehen.

Allan stieg in Lloyds Wagen und hllte sich in den Mantel. Er sann vor
sich hin und sagte: Der alte Lloyd wird _nichts_ ohne sie tun -- und
_alles_ fr sie.

Einige Abende spter betrat Allan mit Ethel die Loge Lloyds im
Madison-Square-Palast.

Sie traten whrend des Konzerts ein und ihr Eintreten erregte solch
groes Aufsehen, da die Egmont-Ouvertre fast vollkommen verloren
ging.

Ethel Lloyd und -- Mac Allan!!

Ethels Robe reprsentierte ein Vermgen. Sie hatte die Phantasie der
drei ersten Bekleidungsknstler New Yorks angepeitscht. Die Robe war
ein Gewebe aus Silberstickerei und Hermelin und brachte ihren Hals und
Nacken herrlich zur Geltung. Im Haar trug sie einen Schopf Reiherfedern
an einer sprhenden Brillantagraffe.

Sie waren allein. Denn Ethel hatte es fertiggebracht, Lloyd, der schon
frs Konzert angekleidet war, im letzten Augenblick zu bestimmen, zu
Hause zu bleiben, da er nicht wohl ausshe. Sie hatte ihn ~my dear
little dad and pa~ genannt, ~my honey-father~, so da Lloyd in
seiner Affenliebe berglcklich war, drei Stunden im Sessel auf seine
Tochter zu warten.

Ethel wollte, da man sie allein mit Allan sah, und sie wollte, da die
Loge erleuchtet war. In der Pause richteten sich alle Glser auf die
Loge und Stimmen wurden laut: Mac Allan! -- Mac Allan!

Allans Glanz kam in dem Augenblick zurck, da er sich an der Seite
einer Milliardrin zeigte. Er zog sich beschmt tiefer in die Loge
zurck.

Ethel aber wandte sich an ihn mit einem intimen Lcheln, das nicht
mizuverstehen war, und dann beugte sie sich ber die Brstung und
zeigte ihre schnen Zhne und ihr schnes Lcheln und kassierte den
Triumph ein.

Allan berstand diese Szene nur mit Anspannung all seiner Krfte. Er
dachte an jenen Abend, da er mit Maud in der Loge gegenber sa und
darauf wartete, da Lloyd ihn zu sich rief. Er erinnerte sich deutlich
an Mauds transparentes rosiges Ohr und ihre vor Erregung gerteten
Wangen, an den vertrumten Blick, mit dem sie vor sich hinsah. Und
ebenso deutlich erinnerte er sich an die Stimme Ethels, als sie ihm zum
erstenmal die Hand reichte und sagte: ~How do you do, Mr. Allen?~ Er
fragte sich in Gedanken: Wrdest du wnschen, da Lloyd damals nicht
gekommen wre, da man den Tunnel niemals begonnen htte? -- Und er
entsetzte sich ber sich selbst, als sein Inneres antwortete: Nein! --
Selbst fr Maud und Edith wrde er nicht sein Werk hingeben.

Schon am nchsten Tage stiegen die Tunnelpapiere um sieben Prozent!
Eine unverschmte Zeitung brachte am Morgen die Notiz, da Ethel Lloyd
sich im nchsten Monat mit Mac Allan verloben wrde.

Am Mittag brachte eine andere Zeitung Ethels Dementi.

Mi Lloyd erklrte: Der Mann, der diese Nachricht verbreitete, ist der
grte Lgner der Welt. Ich bin eine gute Freundin Mac Allans. Das ist
die Wahrheit, und ich bin stolz darauf.

Aber die Zeitungsschreiber lagen im Hinterhalt. Nach einigen Wochen
ging die mit durchsichtigen Anspielungen gespickte Notiz durch die
Bltter, da Mac Allan wieder nach New York bergesiedelt sei.

Das entsprach der Wahrheit, hatte aber nicht das geringste mit Allans
Beziehungen zu Ethel Lloyd zu tun. Allan richtete sich im Gebude der
Tunnelstation Hoboken ein. Dieses Gebude war noch im Bau und wurde
nach Hobbys Entwrfen ausgefhrt. Es bestand aus einem Mittelbau von
dreiig Stockwerken bei einer Front von fnfzig Fenstern, den zu
beiden Seiten zehn Fenster breite Trme von fnfundzwanzig Stockwerken
flankierten. Mittelbau und Trme ruhten auf kolossalen Bogen, die
direkt in die Bahnhofhalle fhrten. Die Trme waren mit dem breiten
Mittelbau durch zwei Brckenpaare verbunden. Zur Abwechslung sollte das
Gebude Sulen auf den Dchern tragen, lustige Dachgrten-Arkaden.

Das Gebude war bis zum sechsten Stockwerk fertig -- und oben das
dreiigste und neunundzwanzigste. Dazwischen ragte das wirre
Gitterwerk der Eisenkonstruktion, in dem am Tage winzige Menschen
kletterten und hmmerten.

Allan bewohnte das erste Stockwerk, direkt ber dem groen Mittelbogen
der Halle. Er hatte seinen Arbeitsraum in den groen Restaurationssaal
verlegt, der einen herrlichen Ausblick auf den Hudson und die
Wasserfront New Yorks gewhrte.

Ethel hatte es sich nicht nehmen lassen, einiges zur Ausschmckung des
ungastlichen Riesensaales beizutragen, dessen bloer Anblick einen
Menschen melancholisch machen mute. Sie hatte Wagenladungen von
Zimmerpflanzen aus ihren Treibhusern in Massachusetts kommen lassen.
Sie hatte persnlich Ballen von Teppichen im Auto herbergebracht.

Das Aussehen Allans mifiel ihr. Seine Hautfarbe war fahl und ungesund.
Er ergraute rasch. Er schlief schlecht und a wenig.

Ethel schickte ihm einen Koch ihres Vaters, einen franzsischen
Knstler, der aus dem Aussehen eines Menschen auf den Speisezettel
schlieen konnte, der ihm zusagte. Sie erklrte ferner, da ihm nichts
mehr ntig sei als frische Luft, da die Stollen sein Blut vergiftet
htten. Ohne viele Worte zu machen, erschien sie jeden Tag Punkt sechs
Uhr mit ihrem elfenbeingelben Car und fuhr Allan genau eine Stunde
spazieren. Allan lie sie gewhren. Sie wechselten auf der Spazierfahrt
zuweilen kein Wort.

Das Gercht von der baldigen Verlobung tauchte wieder und wieder in
den Zeitungen auf. Die Folge davon war, da die Papiere des Syndikats
zu steigen begannen. (Lloyd hatte in aller Stille fr zehn Millionen
Dollar aufkaufen lassen, als man die Aktien nahezu umsonst bekam, und
verdiente jetzt schon ein Vermgen!)

Die Papiere der schweren Industrie zogen an. In allen Dingen -- den
kleinsten -- zeigte sich eine Besserung. Der bloe Umstand, da Ethels
Car jeden Tag um sechs Uhr vor Hoboken-Station stand, beeinflute die
_Weltbrse_.

Allan war der Komdie, die ihn peinigte und beschmte, berdrssig und
beschlo zu handeln.

Bei einer Spazierfahrt machte er Ethel einen Antrag.

Ethel aber lachte belustigt und sah Allan mit groen, erstaunten Augen
an. Sprechen Sie keinen Unsinn, Allan! rief sie aus.

Allan stand auf und klopfte dem Chauffeur. Er war totenbleich.

Was wollen Sie, Allan? fragte Ethel erschrocken und unglubig und
wurde rot. Wir sind dreiig Meilen von New York!

Das ist ganz einerlei! antwortete Allan brsk und stieg aus. Er ging
ohne jeden Gru.

Allan wanderte ein paar Stunden durch Felder und Wlder, knirschend
vor Grimm und Beschmung. Es war aus mit dieser Intrigantin! Aus! Nie
mehr, nie mehr in seinem Leben wrde sie sein Gesicht sehen! Der Teufel
mochte sie holen ...

Schlielich stie er auf eine Bahnstation und fuhr nach Hoboken zurck.
Mitten in der Nacht kam er an. Er bestellte sofort sein Auto und begab
sich nach Mac City.

Tagelang lebte er im Tunnel. Er wollte weder Menschen noch das Licht
sehen.




4.


Ethel Lloyd machte einen Trip mit ihrer Jacht und blieb acht Tage auf
See. Sie hatte Vanderstyfft eingeladen und qulte ihn, da er nahezu
ber Bord ging und heilige Eide leistete, Ethels Wege fortan nicht mehr
zu kreuzen.

Nach New York zurckgekehrt, fuhr sie noch am gleichen Tage bei der
Hoboken-Station vor und erkundigte sich nach Allan. Man sagte ihr, da
er im Tunnel arbeite. Augenblicklich jagte Ethel eine Depesche nach Mac
City. Sie bat Allan, ihr zu verzeihen. Sein Antrag habe sie berrascht
und sie habe in ihrer Hilflosigkeit eine groe Dummheit begangen. Sie
bitte ihn, morgen abend zum Diner zu kommen. Sie erwarte nicht einmal
Antwort und daraus mge er ersehen, da sie bestimmt auf ihn rechne.

Allan kmpfte nochmals den schweren Kampf. Er erhielt Ethels Telegramm
im Tunnel. Er las es im Lichte einer verstaubten Glhlampe. Ein Dutzend
solcher Lampen sah er aus der Finsternis des Stollens glimmen, nichts
sonst. Er dachte an die toten Stollen. Er sah sie! Die amerikanischen,
europischen und ozeanischen. Er sah all die tausend Maschinen, die
nutzlos liefen. Er sah die entmutigten Ingenieure in den einsamen
Stationen, erschpft von der Monotonie der Beschftigung. Viele
Hunderte hatten ihn schon verlassen, weil sie die einfrmige Arbeit
nicht mehr ertrugen. Seine Augen brannten. Whrend er Ethels Depesche
zusammenfaltete, begann es pltzlich in seinen Ohren zu brausen.
Er hrte die Zge durch die Stollen donnern, die Tunneltrains, die
triumphierend von Amerika nach Europa fegten. Sie klirrten und
rauschten in seinem Gehirn und berauschten ihn mit ihrem rasenden
Takt ...

Ethel empfing ihn mit scherzhaften Vorwrfen: Er msse doch wissen, da
sie ein verzogener, launischer Fratz sei! -- Von diesem Tage an stand
ihr Car wieder Punkt sechs Uhr vor der Tunnelstation. Ethel nderte
nunmehr ihre Taktik. Sie hatte Allan vorher mit Aufmerksamkeiten
berschttet. Das unterlie sie fortan. Dagegen verstand sie es, Allan
zur Erfllung _ihrer_ kleinen Wnsche zu bewegen.

Sie sagte: Die Blanche spielt morgen. Ich wrde gern hingehen, Allan.

Allan besorgte eine Loge und sah die Blanche spielen, wenn es ihn auch
langweilte, ein hysterisches Frauenzimmer von Wein- in Lachkrmpfe
bergehen zu sehen.

Von nun an sah New York Allan und Ethel Lloyd hufig zusammen. Ethel
fuhr fast tglich den Broadway entlang in Allans Car. Und Allan
steuerte selbst, wie in der Zeit, da seine Gesundheit noch nicht
gelitten hatte. Im Fond sa Ethel Lloyd, in Mntel und flotte Schleier
gehllt und blinzelte auf die Strae.

Ethel drngte Allan, sie einmal mit in den Tunnel zu nehmen. Allan
erfllte ihr auch diesen Wunsch.

Als der Zug die Trasse hinabflog, schrie Ethel vor Vergngen auf und im
Tunnel kam sie aus ihrer Verwunderung nicht heraus.

Sie hatte die ganze Tunnelliteratur studiert, aber ihre Phantasie war
in technischen Dingen nicht geschult genug, als da sie sich eine klare
Vorstellung von den Stollen htte machen knnen. Sie ahnte nicht, was
vierhundert Kilometer in einem nahezu dunkeln Tunnel bedeuten. Das
Donnern, das den Zug einhllte und so stark war, da man schreien
mute, um sich zu verstndigen, erschreckte sie angenehm. Die Stationen
rissen sie zu lauten Ausrufen der Bewunderung hin. Sie hatte keine
Vorstellung gehabt, welch ungeheure Maschinen hier standen und Tag und
Nacht arbeiteten. Das waren ja Maschinenhallen unter dem Meer! Und die
Wetterfhrung, pfeifend wie ein Sturmwind, der einen fast in Stcke
blies!

Nach einigen Stunden glhte ein rotes Licht wie ein Leuchtfeuer aus der
Finsternis.

Der Zug hielt. Sie waren bei der Unglcksschlucht angekommen. Beim
Anblick der Schlucht verstummte Ethel. Was bedeutete es fr sie, wenn
sie wute, da die Schlucht sechzig bis achtzig Meter tief war, hundert
Meter breit und da tausend Menschen Tag und Nacht Erz frderten.

Nun aber _sah_ sie, da sechzig bis achtzig Meter eine schauerliche
Tiefe, eine zwanzig Stockwerktiefe waren. Tief unten in dem Staubnebel,
der den bersehbaren Teil der Schlucht anfllte, zwanzig Stockwerke
tief unten glhten Scharen von Bogenlampen und unter ihnen wimmelte es
-- das waren Menschen! Pltzlich stieg eine kleine Staubwolke auf und
ein Kanonenschu rollte durch die Schlucht, in den Tunnel hinein.

Was war das?

Sie haben gesprengt.

Darauf bestiegen sie den Frderkorb und fuhren ab. Sie strzten an den
Bogenlampen vorbei und die Menschen schienen rasch senkrecht zu ihnen
emporzukommen. Sie waren unten und nun konnte Ethel nicht genug staunen
ber die _Hhe_, aus der sie kamen. Die Tunnelmndung erschien wie ein
schwarzes, kleines Tor. Riesenschatten, Schatten von turmhohen Dmonen
bewegten sich an den Wnden hin und her ...

Ethel kam verwirrt und entzckt aus dem Tunnel zurck und erzhlte
Lloyd den ganzen Abend, wie es da drinnen sei und da die Schleusen des
Panama Kinderspielzeuge im Vergleich zum Tunnel seien.

Am nchsten Tag wute ganz New York, da Ethel mit Allan im Tunnel war.
Die Zeitungen brachten spaltenlange Interviews.

Am bernchsten verkndeten sie die Verlobung Allans und Ethels. Ihr
Doppelbildnis erschien.

Ende Juni fand die Hochzeit statt. Am gleichen Tage stiftete
Ethel Lloyd einen Pensionsfonds von acht Millionen Dollar fr die
Tunnelleute. Die Hochzeit wurde mit frstlichem Aufwand im groen
Festsaal des Atlantic gefeiert, desselben Hotels, auf dessen Dachgarten
vor neun Jahren das berhmte Meeting stattgefunden hatte. Drei Tage
lang gab die sensationelle Heirat den Zeitungen Stoff. Sunday Mirror
beschftigte sich eingehend mit Ethels Trousseau. Zweihundert Paar
Schuhe! Tausend Paar Seidenstrmpfe! Ethels Wsche war bis ins Detail
beschrieben. Und wenn Allan in diesen Tagen die Zeitungen gelesen
htte, so htte er erfahren, welch ungeheures Glck der ehemalige
Pferdejunge von Uncle Tom hatte, eine Ethel Lloyd heimzufhren, deren
Strumpfhalter mit Brillanten besetzt waren.

Seit Jahren hatte New York keine so glnzende Gesellschaft vereinigt
gesehen wie die Hochzeitsgesellschaft. Der menschenscheue, alte Lloyd
aber fehlte. Er war mit seinem Arzt auf dem Goldkarpfen abgedampft.

Ethel glitzerte. Sie trug den Rosy Diamond und erschien jung,
strahlend, heiter und glcklich.

Allan schien ebenfalls glcklich zu sein. Er scherzte und lachte sogar:
niemand sollte die allgemeine Ansicht besttigt finden, da er sich
_verkauft_ habe an Ethel. Aber er tat alles wie im Fieber. Seine groe
Qual, diese Komdie spielen zu mssen, sah niemand. Er dachte an Maud,
und Gram und Ekel schnrten ihm die Brust zusammen. Niemand sah es. Um
neun Uhr fuhr er mit Ethel nach Lloyds Haus, wo sie die ersten Wochen
wohnen wollten. Sie sprachen kein Wort, und Ethel verlangte auch nicht,
da Allan sprach. Allan lag im Wagen, mde und erschpft, und blickte
mit halbgeschlossenen Augen teilnahmlos auf die wimmelnde Strae voll
tanzender Lichter hinaus. Einmal machte Ethel den Versuch, seine Hand
zu fassen, aber sie fand diese Hand eiskalt und ohne Leben.

Bei der dreiunddreiigsten Strae wurde ihr Car aufgehalten und mute
eine Minute stoppen. Da fiel Allans Blick auf ein Riesenplakat, dessen
blutrote Lettern in die Strae leuchteten:

Tunnel! Hunderttausend Mann!

Er ffnete die Augen, seine Pupillen weiteten sich, aber trotzdem
verlie ihn nicht eine Sekunde die schreckliche seelische Mdigkeit,
die ihn lhmte.

Ethel hatte den Palmensaal beleuchten lassen und bat Allan, ihr noch
ein wenig Gesellschaft zu leisten.

Sie kleidete sich nicht um. Sie sa in ihrer glitzernden Hochzeitsrobe
in einem Sessel, den Rosy Diamond auf der Stirn, und rauchte eine
Zigarette und hob von Zeit zu Zeit die langen Wimpern, um verstohlen
nach Allan zu sehen.

Allan ging hin und her, als sei er allein, und besah sich, dann und
wann innehaltend, zerstreut Mbel und Blumen.

Es war sehr still im Saal. Der verborgene Springbrunnen pltscherte
und schwtzte. Manchmal raschelte geheimnisvoll eine Pflanze, die
sich dehnte. Man glaubte die Worte zu verstehen, die auf der Strae
gesprochen wurden.

Bist du sehr mde, Mac? fragte Ethel nach langem Stillschweigen. Sie
fragte es ganz leise und demtig.

Allan blieb stehen und sah Ethel an.

Ja, sagte er mit klangloser Stimme, whrend er sich gegen den
Kamin lehnte. Es waren so viele Menschen! Von ihm zu ihr waren nur
zehn Schritte zu gehen, aber doch war es, als seien sie meilenweit
voneinander entfernt. Nie war ein Hochzeitspaar einsamer.

Allan sah fahl und grau im Gesicht aus. Seine Augen waren glanzlos und
erloschen. Er hatte keine Kraft mehr, sich zu verstellen. Ethel aber
erschien er nun endlich ein Mensch geworden zu sein, wie sie einer war,
ein Mensch mit einem Herzen, das fhlen und leiden konnte.

Sie stand auf und ging nher. Mac! rief sie leise.

Allan blickte auf.

Hre, Mac, begann sie mit ihrer weichsten Stimme, ich mu mit dir
sprechen. Hre zu. Ich will nicht, da du unglcklich bist, Mac. Im
Gegenteil, ich wnsche von ganzem Herzen, da du glcklich wirst -- so
gut es geht! Glaube nicht, ich sei so tricht anzunehmen, du habest
mich aus Liebe geheiratet. Nein, so tricht bin ich nicht. Ich habe
nicht das Recht, Ansprche an dein Herz zu stellen und ich stelle
sie auch nicht. Du bist genau so frei und ungebunden wie frher. Du
brauchst dir auch keine Mhe zu geben, mich glauben zu machen, da du
mich ein wenig liebtest, nein! Es wrde mich beschmen. Ich verlange
nichts von dir, gar nichts, Mac. Nur das Recht, das ich schon seit
Wochen geno, immer ein wenig in deiner Nhe sein zu drfen ...

Ethel hielt inne. Aber Allan sagte nichts.

Und Ethel fuhr fort: Ich spiele jetzt nicht mehr Komdie, Mac. Das
ist vorbei. Ich mute Komdie spielen, um dich zu bekommen, aber
nun, da ich dich habe, brauche ich es nicht mehr. Nun kann ich ganz
aufrichtig sein und du wirst sehen, da ich nicht nur ein launenhaftes
und garstiges Geschpf bin, das die Menschen qult. Hre, Mac, ich
mu dir alles sagen, damit du mich kennen lernst ... Du hast mir
gefallen, als ich dich zuerst sah! Dein Werk, deine Khnheit, deine
Energie bewunderte ich. Ich bin reich, ich wute es schon als Kind,
da ich reich sei. Mein Leben sollte gro und wunderbar werden, so
dachte ich bei mir. Ich dachte es nicht klar, aber ich empfand es.
Mit sechzehn Jahren trumte ich davon, einen Prinzen zu heiraten
und mit siebzehn wollte ich mein Geld verschenken an die Armen. Das
war alles Nonsens. Mit achtzehn hatte ich schon keinen bestimmten
Plan mehr. Ich lebte genau wie andere junge Leute, die reiche Eltern
haben. Aber das wurde bald schrecklich langweilig. Ich war nicht
unglcklich, aber ich war auch nicht gerade glcklich. Ich lebte
von einem Tag zum andern, amsierte mich und schlug die Zeit tot,
so gut ich es konnte. Ich dachte in dieser Zeit berhaupt nichts,
so scheint es mir wenigstens jetzt. Dann kam Hobby zu Pa mit deinem
Projekt. Aus purer Neugierde drang ich in Pa, mich einzuweihen, denn
die zwei taten sehr geheimnisvoll. Ich studierte mit Hobby deine Plne
und tat, als verstnde ich alles. Dein Projekt interessierte mich
auerordentlich, das ist die Wahrheit. Hobby erzhlte mir von dir
und was fr ein prachtvoller Mensch du seist und schlielich war ich
ungeheuer neugierig, dich zu sehen. Nun, ich sah dich! Ich hatte einen
solch riesenhaften Respekt vor dir, wie noch nie vor einem Menschen!
Du gefielst mir! So einfach, so stark und gesund sahst du aus. Und
ich wnschte: mchte er doch nett zu mir sein! Aber du warst ganz
gleichgltig. Wie oft habe ich an diesen Abend gedacht! Ich wute, da
du verheiratet warst, Hobby hatte mir ja alles erzhlt, und es kam mir
auch gar nicht in den Sinn -- damals -- da ich dir mehr werden knnte
als eine Freundin. Spter aber fing ich an, auf Maud eiferschtig zu
werden. Verzeihe, da ich ihren Namen nenne! Wo man stand und ging,
hrte und sah man deinen Namen. Und ich dachte, warum knntest du nicht
an Mauds Stelle sein. Das wre herrlich! Es htte dann auch Sinn,
reich zu sein! Das war nicht mglich, ich sah es ein und ich wollte
mich zufrieden geben, wenn ich zu deinen Freunden zhlen drfte. Um
das zu erreichen, kam ich damals fter zu euch hinaus, aus keinem
anderen Grund. Denn wenn ich auch verrckte Plne schmiedete: wie ich
es anstellen knnte, dich in mich verliebt zu machen, so verliebt, da
du Frau und Kind verlieest, so meinte ich das doch nicht ernst und
glaubte selbst nicht daran. Aber auch freundschaftlich kam ich dir
nicht nher, Mac! Du verschlossest dich, du hattest weder Zeit noch
Gedanken fr mich. Ich bin nicht sentimental, Mac, aber damals war ich
sehr, sehr unglcklich!

Dann kam die Katastrophe. Glaube mir, ich htte alles hingegeben, um
das Schreckliche ungeschehen zu machen. Ich schwre es dir! Es war
grausam und ich litt schrecklich damals. Aber ich bin ein Egoist,
Mac, ein groer Egoist! Und whrend ich noch weinte um Maud, kam es
mir zum Bewutsein, da du ja nun frei warst, Mac! Du warst frei! Und
von diesem Augenblick an trachtete ich dir nher zu kommen. _Mac,
ich wollte dich haben_! Der Streik, die Sperre, der Bankerott, all
das kam mir gelegen -- das Schicksal arbeitete mir pltzlich in die
Hnde. Ich drang monatelang in Vater, sich fr dich einzusetzen. Aber
Pa sagte: >Es ist unmglich!< In diesem Januar bestrmte ich ihn von
neuem. Aber Pa sagte: >Es ist ganz unmglich!< Da sagte ich zu Pa:
>Es mu mglich sein, Pa! Denke nach, du mut es mglich machen!< Ich
qulte Pa, den ich liebe, bis aufs Blut. Tagelang. Endlich sagte er
zu. Er wollte an dich schreiben und dir seine Hilfe anbieten. Da aber
dachte ich nach. Was dann? dachte ich. Mac wird Pas Hilfe annehmen,
ein paarmal bei uns speisen -- und dann wird er sich wieder in die
Arbeit vergraben und du siehst ihn nicht mehr. Ich sah ein, da ich nur
eine einzige Waffe gegen dich hatte -- und das war Pas Geld und Name!
Verzeih, Mac, da ich so offen bin! Ich zgerte nicht, diese Waffe zu
gebrauchen. Ich verlangte von Pa, nur zu tun, was ich wollte, einmal in
seinem Leben, und nicht nach meinen Grnden zu fragen. Ich drohte ihm,
meinem kleinen, lieben, alten Pa, da ich ihn verlassen wrde und er
mich nie, nie mehr sehen sollte, wenn er mir nicht gehorchte. Das war
schlecht von mir, aber ich konnte nicht anders. Ich htte Pa ja doch
nicht verlassen, denn ich liebe und verehre ihn, aber ich jagte ihn
ins Bockshorn. Mac, und das andere kennst du. Ich handelte nicht schn
-- aber es gab fr mich keinen anderen Weg zu dir! Ich habe gelitten
darunter, aber ich wollte bis ans uerste gehn. Wie du mir im Car den
Antrag machtest, htte ich gleich annehmen wollen. Aber ich wollte doch
auch, da du dir ein wenig _Mhe_ um mich gbest, Mac --

Ethel sprach mit halblauter Stimme und oft flsterte sie nur. Sie
lchelte dabei, weich und anmutig, sie zog die Wangen lang und legte
die Stirn in Falten, da sie traurig aussah, sie schttelte den schnen
Kopf, sie sah schwrmerisch zu Allan empor. Hufig hielt sie bewegt
inne.

Hrtest du mich, Mac? fragte sie nun.

Ja! sagte Allan leise.

Das alles mute ich dir sagen, Mac, ganz offen und ehrlich. Nun weit
du es. Vielleicht knnen wir trotz allem gute Kameraden und Freunde
werden?

Sie sah mit einem schwrmerischen Lcheln in Allans Augen, die mde und
vergrmt waren wie vorhin. Er nahm ihren schnen Kopf in beide Hnde
und nickte.

Ich hoffe es, Ethel! erwiderte er und seine fahlen Lippen zuckten.

Und Ethel folgte ihrem Gefhl und schmiegte sich einen Augenblick an
seine Brust. Dann richtete sie sich mit einem tiefen Atemzug auf und
lchelte verwirrt.

Eines noch, Mac! begann sie nochmals. Wenn ich dir schon das sagte,
mu ich dir alles sagen. Ich wollte dich haben und nun habe ich dich!
Aber hre nun: jetzt will ich, da du mir vertraust und mich _liebst_!
Das ist nun meine Aufgabe! Nach und nach, Mac, hrst du, es soll meine
Sache sein, und ich glaube daran, da es mir gelingen wird! Denn wenn
ich das nicht glaubte, so wre ich todunglcklich. -- -- Gute Nacht
nun, Mac!

Und langsam, mde, wie schwindlig ging sie hinaus.

Allan blieb am Kamin stehen und regte sich nicht. Whrend er mit mden
Augen durch den Saal blickte, in dem er ein Fremder war, dachte er,
da sein Leben an der Seite dieser Frau am Ende doch weniger trostlos
werden wrde, als er befrchtet hatte.




5.


    Tunnel!
    Hunderttausend Mann!

Sie kamen. Farmhands, Miner, Taglhner, Strolche. Der Tunnel zog sie an
wie ein Riesenmagnet. Sie kamen aus Ohio, Illinois, Iowa, Wiskonsin,
Kansas, Nebraska, Colorado, aus Kanada und Mexiko. Extrazge rasten
durch die Staaten. Aus Nord-Carolina, Tennessee, Alabama und Georgia
fluteten die schwarzen Bataillone herauf. Viele Tausende der groen
Armee, die einst der Tunnelschrecken verscheucht hatte, kehrten zurck.

Aus Deutschland, England, Belgien, Frankreich, Ruland, Italien,
Spanien und Portugal strmten sie den Baustellen zu.

Die toten Tunnelstdte erwachten. In den grnen, staubigen
Riesenglashallen glhten wieder die bleichen Monde; die Krane bewegten
sich wieder; weie Dampfschwaden jagten dahin, der schwarze Qualm
brodelte wie frher. Im Eisenfachwerk der Neubauten kletterten
Schatten, es wimmelte von Menschen oben und unten. Die Erde bebte,
gellend und brausend spien die Schuttstdte wieder Staub, Dampf,
schwarzen Qualm, Licht und Feuer zum Himmel empor.

Die schlafenden Dampfer in den Friedhfen der Hfen von New York,
Savannah, New Orleans und San Franzisko, von London, Liverpool,
Glasgow, Hamburg, Rotterdam, Oporto und Bordeaux stieen pltzlich
wieder dicken Rauch durch die Kamine, die Winden rasselten. Die
verdeten Httenwerke lrmten und tobten, bestaubte Lokomotiven
kamen aus ihren Schuppen und holten Atem. Die Frderkrbe der Zechen
klirrten mit erhhter Schnelligkeit in die Schchte hinab. Die groe
Maschine, die sich seit der Krise langsam dahingeschleppt hatte,
zog mit einem pltzlichen Ruck an. Die Asyle der Arbeitslosen, die
Sle der Hospitler leerten sich, die Vagabunden verschwanden von
den Landstraen. Die Banken und Brsen waren in lauter Erregung, als
platzten Granaten in der Luft. Die Industriepapiere kletterten in die
Hhe, Mut und Unternehmungslust kehrten zurck. Die Tunnelaktien kamen
wieder zu Ehren.

Lloyd bernimmt den Tunnel!

Lloyd ganz allein! Ein einzelner Mann!

Der Tunnel holte tief Atem. Wie eine Riesenpumpe begann er
Menschenleiber einzusaugen und auszuspeien und am sechsten Tage schon
arbeitete er mit seiner alten Geschwindigkeit. In den Stollen donnerten
die Bohrmaschinen, die glhenden, wtenden Nashrner aus Allanit rasten
wie frher trillernd und heulend ins Gestein. Die Stollen tobten,
lachten und delirierten. Die schweitriefenden Menschenhaufen wlzten
sich wieder im gleienden Licht der Scheinwerfer vor und zurck. Als
sei nie etwas geschehen. Streik, Katastrophe -- alles war vergessen!
Allan peitschte zu dem alten Hllentempo an und auch er dachte nicht
mehr daran, da es einst anders gewesen war.

Die amerikanische Strecke war am leichtesten zu bewltigen. Die
Unglcksschlucht nahm achtzig Doppelkilometer Gestein auf. Tag und
Nacht ergo sich eine Lawine von Gestein und Gerll in die Tiefe. Ein
dreihundert Meter breiter Damm berquerte sie. Er war bersponnen
von Geleisen und ohne Pause flogen die Gesteinszge aus den Stollen
und strzten ihren Inhalt hinab. Der nrdliche Abschnitt war nach
einem Jahre ausgefllt und planiert und trug riesige Maschinenhallen
mit Dynamos, Khlmaschinen und Ozonapparaten. Fnf Jahre nach
Wiederaufnahme der Arbeit hatten sich die Stollen Amerikas und der
Bermudas einander soweit genhert, da Allan drahtlos mit Strom, der
in Bermuda befehligte, durch den Berg telephonieren konnte. Er lie
Richtungsstollen vortreiben und die ganze Welt wartete voller Spannung
auf den Augenblick, da die Stollen zusammenstoen wrden. Es gab
selbst in wissenschaftlichen Kreisen Leute, die bezweifelten, da die
Stollen sich berhaupt treffen wrden. Die ungeheuren Gesteinsmassen,
die Hitze, die enormen Massen an Eisen und elektrischen Energien
muten die genauesten Instrumente beeintrchtigen. Aber schon, als
sich die Richtungsstollen bis auf fnfzehn Kilometer genhert hatten,
verzeichneten die Seismographen die Sprengungen in den Stollen.
Im fnfzehnten Baujahr stieen die Richtungsstollen zusammen. Die
Berechnungen ergaben eine Hhenabweichung von dreizehn Metern und eine
seitliche Abweichung von zehn Metern, Differenzen, die sich spielend
leicht ausgleichen lieen. Zwei Jahre spter waren die Doppelstollen
Amerika-Bermuda durchgeschlagen und mit dem Eisenbetonmantel umspannt.

Das war von ungeheurem Vorteil: Die Zge konnten Eisen, Zement,
Schienen und Mannschaften nach den Bermudas befrdern.

Die Tunnelaktien stiegen um zwanzig Prozent! Das Geld des Volkes kam
zurck.

Schwieriger gestaltete sich der Ausbau der franzsischen Strecke,
die Allan vorerst einstollig weiterfhren lie. Hier ereignete sich
im vierzehnten Baujahr ein groer Schlammeinbruch. Der Stollen war
auf eine der ozeanischen Falten gestoen. Drei Kilometer des
gebohrten Stollens muten preisgegeben werden mit kostbaren Maschinen
und Apparaten. Eine zwanzig Meter starke Mauer aus Eisenbeton wurde
gegen die eindringende Schlamm- und Wassermasse errichtet. Bei diesem
Schlammeinbruch verloren zweihundertzweiundsiebzig Menschen das Leben.
Der Stollen aber wurde in groem Bogen um die gefhrliche Stelle
herumgefhrt. Er stie hier wiederum auf Schlammmassen, aber sie wurden
nach verzweifelten Anstrengungen bewltigt. Fnf Kilometer dieses Teils
der Strecke kosteten die ungeheure Summe von sechzig Millionen Dollar.
Der Stollen wurde im einundzwanzigsten Baujahr vollendet.

Mit der Fertigstellung der franzsischen und amerikanischen Strecke
verringerten sich die Baukosten ganz betrchtlich. Von Monat zu Monat
konnten Arbeiterbataillone abgestoen werden. Aber trotzdem verschlang
der Tunnel noch Milliarden. Ethel hatte ihr ganzes ungeheures Vermgen
in den Tunnel geworfen, bis auf den letzten Cent! Sie war an dem Tage
bettelarm, an dem der Tunnel nicht vollendet wurde. Lloyd selbst war
am Bau so stark beteiligt, da er seine ganze finanzielle Strategie
aufbieten mute, um sich aufrechtzuerhalten.

Die schwerste Arbeit bereiteten die atlantischen Strecken mit
ihren enormen Ausdehnungen. Tag und Nacht, Jahre hindurch tobten
schweibedeckte Menschenhaufen gegen das Gebirge. Je tiefer sie
vordrangen, desto schwerer wurden Transport und Verpflegung, zumal
auch diese Strecken vorlufig grtenteils einstollig gebaut wurden.
Hier war der Feind der Tunnelmen nicht das Wasser, sondern die Hitze.
Die Stollen stiegen hier bis zu einer Tiefe von sechstausend Meter
unter dem Meeresspiegel hinab. Die Hitze war so ungeheuer, da zur
Verzimmerung nicht mehr Holz verwandt werden konnte, sondern nur noch
Eisen. Die Luft in dem heien, tiefen und langen Stollen war um so
schlechter, als nur durch Doppelstollen eine einigermaen gengende
Ventilation erzielt werden kann. Von zehn zu zehn Kilometern muten
Stationen in den Berg geschlagen werden, in denen Kltemaschinen,
Ozonapparate und Luftpumpen Tag und Nacht arbeiteten.

Es war die schwerste und gigantischste Arbeit, die jemals Menschen
vollbracht haben.

Von zwei Seiten fraen sich die Bohrmaschinen immer tiefer. Der dicke
Mller von den Azoren herber, Strom von den Bermudas. Strom leistete
bermenschliches. Er war nicht beliebt bei seinen Leuten, aber sie
bewunderten ihn. Er war ein Mensch, der tagelang ohne Essen, Trinken
und Schlaf sein konnte. Er war fast tglich im Stollen und leitete
stundenlang persnlich die Arbeiten am Vortrieb. Tagelang kam er
zuweilen nicht aus dem glhenden Stollen heraus. Seine Leute gaben ihm
den Namen der russische Teufel.

Tglich spien die Stollen viertausend Waggons Gestein nach Azora und
dreitausend Waggons nach Bermuda aus. Enorme Terrains waren geschaffen
worden. Klippen, Sandbnke, Untiefen, Inseln zu einem Kontinent
zusammengeschweit. Es war vollkommen neues Land, das Allan geschaffen
hatte. Seine Hafenbaumeister hatten die modernsten Hafenbauten, Molen
und Wellenbrecher, Docke und Leuchtfeuer geschaffen. Die grten
Dampfer konnten anlaufen. Seine Stdtebaumeister hatten neue Stdte
aus dem Schutt gezaubert. Es gab Hotels, Banken, Warenhuser, Kirchen,
Schulen -- alles ganz neu! Ein Merkmal aber hatten Allans fnf neue
Stdte: sie waren ohne jede Vegetation. Auf Schutt von Gneis und Granit
standen sie, ein blendender Spiegel in der Sonne und eine Staubwolke
im Wind. In zehn Jahren aber wrden sie ebenso grn sein wie andere
Stdte, denn es waren Pltze, Grten, Parke vorgesehen, wie London,
Paris und Berlin sie besitzen. Seine Baumeister importierten die Erde
in Schiffsladungen, Chile sandte den Salpeter, das Meer gab den Tang.
Seine Baumeister importierten Pflanzen und Bume. Und in der Tat,
es gab da und dort schon gespensterhafte Parkanlagen zu sehen: mit
bestaubten Palmen und Bumen und einer jmmerlichen Grasnarbe.

Allans Stdte hatten dafr aber etwas anderes. Sie besaen die
geradesten Straen der Welt und die schnsten Strandanlagen aller
Kontinente. Sie glichen einander wie Brder. Sie waren alle Ableger
Amerikas, vorgeschobene Forts des amerikanischen Geistes, gepanzert mit
Willenskraft und angefllt mit Aktivitt.

Mac City hatte gegen das Ende der Bauzeit schon ber eine Million
Einwohner!

Wiederholt ereigneten sich kleinere und grere Unglcksflle und
Katastrophen beim Bau. Aber sie waren nicht grer und hufiger als
bei anderen groen technischen Unternehmungen. Allan war vorsichtig
und ngstlich geworden. Er hatte nicht mehr die Nerven wie frher.
Am Anfang war es ihm nicht auf hundert Menschen angekommen, aber
jetzt lastete jedes einzelne Menschenleben, das der Tunnel forderte,
auf seiner Seele. Die Stollen waren voll von Sicherheits- und
Registrierapparaten, und beim geringsten Anzeichen, das zur Vorsicht
mahnte, verlangsamte er das Tempo. Allan war grau geworden, ~old gray
Mac~ hie er jetzt. Seine Gesundheit war untergraben. Er schlief fast
gar nicht mehr und war jeden Augenblick in Unruhe, irgendein Unglck
knne sich ereignen. Er war ein einsamer Mann geworden, dessen einzige
Erholung darin bestand, am Abend eine Stunde allein in seinem Park
spazieren zu gehen. Was in der Welt vorging, interessierte ihn kaum
mehr. Schpfer des Tunnels, war er zu seinem Sklaven geworden. Sein
Gehirn kannte keine anderen Ideenassoziationen mehr als Maschinen,
Wagentypen, Stationen, Apparate, Zahlen, Kubikmeter und Pferdekrfte.
Fast alle menschlichen Empfindungen waren in ihm abgestumpft. Nur
einen Freund hatte er noch, das war Lloyd. Die beiden verbrachten
hufig die Abende zusammen. Da saen sie in ihren Sesseln, rauchten und
_schwiegen_.

Im achtzehnten Baujahr brach ein groer Streik aus, der zwei Monate
whrte und bei dem Allan verlor. Nur der Kaltbltigkeit Stroms war
es zu danken, da eine zweite Panik und Massenangst im Keim erstickt
wurde. Eines Tages stieg die Hitze im Stollen um volle fnf Grad. Die
Erscheinung war unerklrlich und mahnte zur Vorsicht. Die Arbeiter
weigerten sich einzufahren. Sie befrchteten, der Berg werde sich jeden
Augenblick ffnen und ihnen glhende Lava entgegenspeien. Es gab Leute,
die den unsinnigen Gedanken verbreiteten, der Stollen nhere sich dem
glhenden Erdinnern. Viele Wissenschaftler vertraten den Gedanken,
da die Tunnelachse den Krater eines submarinen Vulkans tangiere. Die
Arbeiten wurden unterbrochen und genaue Forschungen der entsprechenden
Komplexe des Meeresgrundes angestellt. Die Temperatur am Meeresboden
wurde gemessen, aber von einem Vulkan oder heien Quellen fand sich
keine Spur.

Strom whlte Freiwillige aus und blieb vier Wochen Tag und Nacht im
Stollen. Der russische Teufel gab es erst auf, als er ohnmchtig
zusammenbrach. Acht Tage spter aber war er wieder in der Hlle.

Die Menschen arbeiteten hier vollkommen nackt. Wie schmutzige, lige
Molche glitten sie da unten im Stollen hin und her, halb bewutlos,
durch Reizmittel aufrecht erhalten.

Im vierundzwanzigsten Baujahr, da die beiden Stollenkpfe der
Berechnung nach sechzig Kilometer voneinander entfernt waren, gelang
es Strom, drahtlos mit dem fetten Mller von den Azoren durch den
Berg zu sprechen. Nach sechsmonatiger mrderischer Arbeit waren
beide Stollen soweit vorgetrieben, da sie sich in nchster Nhe
voneinander befinden muten. Aber die Seismographen registrierten keine
einzige Detonation, obwohl Mller tglich dreiigmal sprengte. Durch
alle Zeitungen ging die aufregende Depesche, da die Stollen sich
verfehlt htten. Die Ingenieure in den beiden Richtungsstollen waren
unaufhrlich miteinander in Verbindung. Die Entfernungen von Azora und
Bermuda waren bis auf den Meter bestimmt worden, ber und unter dem
Meere. Es konnte sich also nur um wenige Kilometer Abstand handeln. Man
hatte eigens empfindliche Apparate, die der Hitze standhielten, gebaut,
aber die Apparate reagierten nicht.

Gelehrte aus Berlin, London und Paris eilten herbei. Einige von ihnen
wagten sich sogar bis in den kochenden Stollen hinein, ohne Erfolg.

Allan lie Stollen schrg in die Hhe und schrg in die Tiefe treiben,
er lie ein Netz von Seitenstollen bohren. Es war ein vollkommenes
Bergwerk. Die Arbeit ins Dunkle und Ungewisse hinein war hllisch
und erschpfend. Die Hitze warf die Menschen nieder wie eine Seuche.
Wahnsinnsausbrche kamen fast tglich vor. Obwohl die Pumpen
unaufhrlich gekhlte Luft in die Stollen drckten, blieben die Wnde
doch hei wie Kachelfen. Blind von Staub und Hitze kauerten die
Ingenieure, vollkommen nackt, mit Staub und Schmutz bedeckt, in den
Stollen und beobachteten die Registrierapparate.

Es war das schrecklichste Stck Arbeit, das aufregendste, und Allan
fand keinen Schlaf mehr.

Sie suchten vier Monate lang, denn das Bohren der Seitenstollen
beanspruchte viel Zeit.

Die Welt lag in einem Krampf von Spannung. Die Tunnelpapiere aber
begannen zu sinken.

Eines Nachts jedoch wurde Allan von Strom angerufen, und als er durch
den Stollen kroch, kam ihm Strom entgegen, triefend von Schwei,
schmutzig und kaum mehr menschenhnlich. Und zum erstenmal sah Allan
diesen khlen Menschen in Erregung und sogar lcheln.

Wir sind Mller auf der Spur, sagte Strom.

Am Ende eines tiefgehenden Schrgstollens, wo die Luft durch den
Schlauch pfiff und khlte, stand ein Registrierapparat unter einer
Grubenlampe und zwei geschwrzte Gesichter lagen daneben.

Der Registrierapparat verzeichnete zwei Uhr eine Minute eine
millimeterfeine Schwankung. Mller mute in genau einer Stunde wieder
sprengen, und die vier hockten eine Stunde lang in atemloser Erregung
vor dem Apparat. Genau drei Uhr zwei Minuten zitterte die Nadel wieder.

Die Zeitungen gaben Extrabltter aus! Wre Mller ein groer Verbrecher
gewesen, dessen Spur eine Meute von Detektiven aufstberte, die
Sensation htte nicht grer sein knnen.

Die Arbeit war von nun an leicht. Nach vierzehn Tagen stand es
fest, da Mller unter ihnen sein mute. Mac telephonierte ihm
heraufzukommen. Und Mller lie den Stollen in die Hhe treiben. Nach
vierzehn weiteren Tagen waren sie einander so nahe, da der Apparat
sogar das Arbeiten der Bohrer verzeichnete. Nach drei Monaten hrte man
mit eigenen Ohren den Knall des Sprengens. Ganz dumpf und fein wie ein
Donner in der Ferne. Nach weiteren dreiig Tagen hrte man die Bohrer!
Und dann kam der groe Tag, da ein Bohrloch die beiden Stollen verband.

Die Arbeiter und Ingenieure jubelten.

Wo ist Mac? fragte der fette Mller.

Hier bin ich! antwortete Allan.

~How do you do~, Mac? sagte Mller mit fettem Lachen.

~We are all right!~ antwortete Allan.

Diese Unterhaltung stand noch am Abend in allen Extrablttern, die ber
New York, Chicago, Berlin, Paris und London niederregneten.

Sie hatten vierundzwanzig Jahre lang gearbeitet -- es war der
grte Augenblick ihres Lebens! -- und doch hatten sie keine Phrase
gesprochen! Eine Stunde spter konnte Mller eine gekhlte Flasche
Mnchner Bier an Allan schicken und am nchsten Tage konnten sie
durch ein Loch zusammenkriechen -- alle bermdet, schwitzend, nackt,
schmutzig, sechstausend Meter unter dem Meeresspiegel.

Allans Rckfahrt durch den Stollen war eine Triumphfahrt. Die
Arbeiterbataillone, die hier in der Finsternis whlten, schrien und
jubelten.

Nehmt die Kappe ab vor Mac, Mac ist unser Mann ...

Hinter Allan aber donnerten schon wieder die Bohrer gegen den Berg.




6.


Ethel war aus anderem Material als Maud. Sie lie sich nicht an
die Peripherie der Arbeit drngen, sie siedelte sich im lrmenden
Mittelpunkt an. Sie absolvierte einen regulren Ingenieurkursus, um
mitreden zu knnen.

Von dem Tage an, da sie Allan die Hand gereicht hatte, verteidigte sie
in wrdiger Weise ihre Rechte.

Es schien ihr genug zu sein, wenn sie Allan fr den Lunch freigab. Um
fnf Uhr aber, Punkt fnf Uhr war sie da -- ob Allan in New York weilte
oder in der Tunnel-City, einerlei -- und bereitete still, ohne ein
Wort zu sprechen, den Tee. Allan konferierte mit einem Ingenieur oder
Architekten, darum kmmerte Ethel sich nicht im geringsten.

Sie wirtschaftete lautlos in ihrer Ecke oder im Nebenzimmer, und wenn
der Teetisch fertig war, so sagte sie: Mac, der Tee ist fertig.

Und Allan mute kommen, allein oder in Gesellschaft, das war Ethel
einerlei.

Um neun Uhr stand sie mit dem Car vor der Tre und wartete geduldig,
bis er kam. Die Sonntage mute er bei ihr verbringen. Er konnte Freunde
einladen oder ein Rudel Ingenieure bestellen, ganz wie er wnschte.
Ethel fhrte ein gastliches Haus. Man konnte kommen und gehen, wann
man wollte. Sie hatte einen Park von fnfzehn Automobilen zu ihrer
Verfgung, die jeden Gast zu jeder Stunde des Tages und der Nacht
hinbrachten, wohin er wollte. An manchen Sonntagen kam auch Hobby von
seiner Farm herber. Hobby produzierte jhrlich zwanzigtausend Hhner
und Gott wei wie viele Eier. Die Welt interessierte ihn nicht mehr. Er
war religis geworden und besuchte Betsle. Zuweilen blickte er Allan
ernst in die Augen und sagte: Denke an dein Seelenheil, Mac --!

Wenn Allan reiste, so reiste Ethel mit ihm. Sie war mit ihm wiederholt
in Europa, auf den Azoren und den Bermudas.

Der alte Lloyd hatte ein Stck Land bei Rawley, vierzig Kilometer
nrdlich Mac City, gekauft und dort ein riesiges Landhaus, eine Art
Schlo fr Ethel bauen lassen. Das Land reichte bis ans Meer und lag
mitten in einem Park alter Bume, die Lloyd von japanischen Grtnern
hatte fr die Verpflanzung prparieren und nach Rawley bringen lassen.

Lloyd kam jeden Tag, um sie zu besuchen, und von Zeit zu Zeit brachte
er ganze Wochen bei seiner abgttisch geliebten Tochter zu.

Im dritten Jahre ihrer Ehe gebar Ethel einen Sohn. Dieser Sohn! Er
wurde von Ethel wie ein Heiland gehtet. Es war Macs Kind, Macs, den
sie liebte, ohne viele Worte zu machen, und er sollte in zwanzig
Jahren das Werk des Vaters bernehmen und vervollkommnen. Sie nhrte
ihn selbst, sie lehrte ihn die ersten Worte sprechen und die ersten
Schritte tun.

In den ersten Jahren war der kleine Mac zart und empfindlich. Ethel
nannte ihn rassig und aristokratisch. Im dritten Jahre aber ging er
in die Breite, sein Schdel wurde dick und er bekam Sommersprossen.
Sein blondes Haar wurde brandrot: er verwandelte sich in einen
richtigen kleinen Pferdejungen. Ethel war glcklich. Sie liebte zarte
und empfindliche Kinder nicht, stark und krftig muten sie sein und
tchtig schreien, damit die Lungen wuchsen -- genau wie der kleine Mac
es tat. Sie, die nie Angst gehabt hatte, lernte nun die Angst kennen.
Sie zitterte stndlich um ihr Kind. Ihre Phantasie war erfllt von
Entfhrungsgeschichten, die sich zugetragen hatten, da man Kinder von
Millionren gestohlen, verstmmelt, geblendet hatte. Sie lie eine
Stahlkammer, wie in einer Bank, in ihr Haus zur ebenen Erde einbauen.
In dieser Stahlkammer mute der kleine Mac mit der Nurse schlafen. Ohne
sie durfte er nie den Park verlassen. Zwei auf den Mann dressierte
Polizeihunde begleiteten ihn und stets schnffelte ein Detektiv die
Gegend drei Meilen im Umkreis ab. Nahm sie ihn mit sich, so fuhren zwei
Detektive im Wagen mit, bewaffnet bis an die Zhne. Der Chauffeur mute
ganz langsam fahren, und Ethel ohrfeigte ihn einmal auf offener Strae
in New York, weil er ~hundred miles an hour~ fuhr.

Jeden Tag mute ein Arzt den Kleinen, der prchtig gedieh, untersuchen.
Wenn das Kind sich nur rusperte, so depeschierte sie sofort nach einem
Spezialisten.

berall sah Ethel Gefahren fr ihr Kind. Aus dem Meer konnten sie
steigen, ja sogar aus der Luft konnten Verbrecher herabkommen, um den
kleinen Mac zu stehlen.

Im Park war eine groe Wiese, die, wie Ethel sagte, geradezu zur
Landung von Aeroplanen einlud. Ethel lie ein Rudel Bume darauf
pflanzen, so da jeder Aeroplan, der eine Landung versuchte, elend
zerschmettern mute.

Ethel stiftete eine Riesensumme fr die Erweiterung des Hospitals, das
sie Maud Allan Hospital taufte. Sie grndete die besten Kinderheime
der ganzen Welt in allen fnf Tunnelstdten. Schlielich war sie nahe
am Bankerott und der alte Lloyd sagte zu ihr: Ethel, du mut sparen!

Die Stelle, wo Maud und Edith gettet worden waren, lie Ethel umzunen
und in ein Blumenbeet verwandeln, ohne Allan ein Wort davon zu
sagen. Sie wute recht gut, da Allan Maud und die kleine Edith noch
nicht vergessen hatte. Es gab Zeiten, da sie ihn des Nachts zuweilen
stundenlang auf und abgehen und leise sprechen hrte. Sie wute auch,
da er in seinem Arbeitstisch sorgfltig ein vielgelesenes Tagebuch
aufbewahrte: Leben meines kleinen Tchterchens Edith und was sie
sagte.

Die Toten hatten ihre Rechte und Ethel dachte nicht daran, sie ihnen zu
schmlern.




Schlu


Die Bohrmaschinen zermalmten den Berg in den atlantischen Stollen und
tglich kamen die Tunnelkpfe einander nher und nher. Die letzten
dreiig Kilometer waren eine Strflingsarbeit. Allan war gezwungen, fr
zwei Stunden zehn Dollar zu bezahlen, denn kein Mensch wollte hinein
in den Krater. Der Mantel dieser Stollenabschnitte mute mit einem
Netz von Khlrhren bersponnen werden. Nach einem Jahr furchtbarer
Arbeit war auch dieser Stollen bewltigt.

Der Tunnel war fertig. Die Menschen hatten ihn unternommen, die
Menschen hatten ihn vollendet! Aus Schwei und Blut war er gebaut, rund
neuntausend Menschen hatte er verschlungen, namenloses Unheil in die
Welt gebracht, aber nun stand er! _Und niemand wunderte sich darber._

Vier Wochen spter nahm die submarine pneumatische Exprepost den
Betrieb auf.

Ein Verleger bot Allan eine Million Dollar, wenn er die Geschichte des
Tunnels schreiben wolle. Allan lehnte ab. Er schrieb lediglich zwei
Spalten fr den Herald.

Allan machte sich nicht bescheidener als er war. Aber er betonte wieder
und wieder, da er nur mit Hilfe solch ausgezeichneter Mnner wie
Strom, Mller, Olin-Mhlenberg, Hobby, Harriman, Brmann und hundert
andern den Bau habe vollenden knnen.

Ich mu indessen bekennen, schrieb er, da mich die Zeit berholt
hat. Alle meine Maschinen ber und unter der Erde sind veraltet und ich
bin gezwungen, sie im Laufe der Zeit durch moderne zu ersetzen. Meine
Bohrer, auf die ich einst stolz war, sind altmodisch geworden. Man hat
die Rocky-Mountains in krzerer Zeit durchbohrt, als ich es htte tun
knnen. Die Motorschnellboote fahren heute in zweieinhalb Tagen von
England nach New York, die deutschen Riesenluftschiffe berfliegen den
Atlantic in sechsunddreiig Stunden. Noch bin ich schneller als sie
und je schneller Boote und Luftschiffe werden, desto schneller werde
ich! Ich kann die Geschwindigkeit leicht auf 300-400 Kilometer die
Stunde steigern. Zudem fordern Schnellboote und Luftschiffe Preise,
die nur der reiche Mann bezahlen kann. Meine Preise sind populr. Der
Tunnel gehrt dem Volke, dem Kaufmann, dem Einwanderer. Ich kann heute
vierzigtausend Menschen tglich befrdern. In zehn Jahren, wenn die
Stollen alle doppelt ausgebaut sein werden, achtzig bis hunderttausend.
In hundert Jahren wird der Tunnel den Verkehr nicht mehr bewltigen
knnen. Es wird Aufgabe des Syndikats sein, bis dahin _Parallelstollen_
zu bauen, die relativ leicht und billig herzustellen sein werden.

Und Allan kndigte in seinem schlicht und unbeholfen geschriebenen
Artikel an, da er genau in sechs Monaten, am ersten Juni des
sechsundzwanzigsten Baujahrs, den ersten Zug nach Europa laufen lassen
werde.

Um diesen Termin einhalten zu knnen, peitschte er Ingenieure und
Mannschaften zu einem tollen Finish an. Monate hindurch rasten Zge
voll alter Schwellen und Schienen ans Licht. Die Geleise fr die
Tunneltrains wurden instand gesetzt, Probefahrten in allen Stollen
ausgefhrt. Ein Bataillon von Fhrern wurde ausgebildet, wozu Allan
Leute whlte, die an hohe Geschwindigkeiten gewhnt waren: Automobil-
und Motorrad-Rennfahrer und Flugzeugfhrer.

In den Stationen Biskaya und Mac City waren in den letzten
Jahren gespenstische Riesenhallen emporgewachsen: die
Tunnel-Wagenbau-Fabriken. Diese Wagen riefen eine neue Sensation
hervor. Sie waren etwas hher als Pullmancars, aber nahezu zweimal so
lang und doppelt so breit. Panzerkreuzer, die auf einem Kiel von vier
Doppelpaaren dicker Rder liefen und Kreisel, Khler, Behlter, Kabel
und Rhren, einen ganzen Organismus im Bauche hatten. Die Speisewagen
waren Prunksle. (Kinematographische und musikalische Vorfhrungen
sollten die Reise durch den Tunnel verkrzen.)

Ganz New York strmte Hoboken-Station, um in diesen neuen Wagen vorerst
wenigstens bis Mac City zu fahren. Die Tunneltrains selbst waren fr
die ersten drei Monate bis auf den letzten Platz seit vielen Wochen
belegt.

So kam der erste Juni heran ...

New York hatte geflaggt. London, Paris, Berlin, Rom, Wien, Peking,
Tokio, Sidney hatten geflaggt. Die ganze zivilisierte Welt feierte
Allans erste Fahrt wie ein Vlkerfest.

Allan wollte um Mitternacht die Reise antreten und um Mitternacht des
zweiten Juni (amerikanische Zeit) in Biskaya eintreffen.

Schon Tage vorher liefen Extrazge von Berlin, London und Paris nach
Biskaya, von allen groen Stdten der Staaten nach Mac City. Flotten
von Dampfern gingen nach den Azoren und Bermudas in See. Am ersten
Juni flogen von frhmorgens an stndlich zwanzig Zge nach Mac City,
vollgestopft mit Menschen, die mit eigenen Augen sehen wollten, wie
sich der erste Amerika-Europa-Flieger in den Tunnel hineinstrzte.
Die groen Hotels in New York, Chikago, San Franzisko, Paris, Berlin,
London veranstalteten Bankette, die um zehn Uhr ihren Anfang nehmen
und volle achtundzwanzig Stunden dauern sollten. Edison-Bio wollte in
allen diesen Hotels ihren Riesentunnelfilm vorfhren, der sechs volle
Stunden dauerte. In den Variets und Concerthalls traten Chre von
frheren Tunnelmen auf, die die Tunnellieder sangen. Auf den Straen
wurden Millionen von Postkarten mit Allans Portrt verkauft, Millionen
von Tunnel-charms, kleine in Metall gefate Gesteinsplitter aus den
Stollen.

Allan startete Punkt zwlf Uhr nachts. Die ungeheure Bahnhofhalle
von Hoboken-Station, die grte der Welt, war bis auf den letzten
Quadratfu mit erregten Menschen angefllt und alle reckten die Hlse,
um einen Blick auf den mchtigen Tunneltrain zu werfen, der zur Abfahrt
bereit stand. Grau war er wie Staub und ganz aus Stahl.

Der Zug, der mit dem Fhrungswagen aus sechs Waggons bestand, war hell
erleuchtet, und die Glcklichen, die nahe genug standen, blickten in
prchtige Salons. Es waren Salonwagen. Man vermutete, da Ethel die
erste Fahrt mitmachen werde, denn trotz phantastisch hoher Angebote
waren Passagiere abgelehnt worden. Ein Viertel vor zwlf wurden die
eisernen Rollden heruntergezogen. Die Spannung der Menge wuchs mit
jeder Minute. Zehn Minuten vor zwlf bestiegen vier Ingenieure den
Fhrungswagen, der an ein Torpedoboot mit zwei runden Augen am scharfen
Bug erinnerte. Allan mute nun jeden Augenblick erscheinen.

Allan kam fnf Minuten vor zwlf Uhr. Als er den Perron betrat,
brandete ein solch donnerndes Geschrei durch die Halle, da man htte
glauben knnen, Hoboken-Station krache in sich zusammen.

Als junger Mann hatte Allan den Bau begonnen und nun stand er da,
schneewei, verbraucht, mit fahlen, etwas schwammigen Wangen und
gutmtigen, blaugrauen Kinderaugen. Mit ihm kam Ethel heraus, die den
kleinen Mac an der Hand fhrte. Hinter ihr ein kleiner gebckter Mann
mit aufgestlptem Mantelkragen und weiter Reisemtze, die tief bers
Gesicht sank. Er war kaum grer als der kleine Mac und man hielt ihn
allgemein fr einen farbigen Groom. Es war Lloyd.

Die meterhohe Mumie gab Ethel und dem kleinen Mac die Hand und
kletterte behutsam in den Waggon: Lloyd also war der Passagier! Nicht
ein Kaiser oder Knig, nicht der Prsident der Republik, die Gromacht
Lloyd, das _Geld_, war der erste Passagier!

Ethel blieb mit ihrem Knaben zurck. Sie hatte den kleinen Mac von
Rawley herbergebracht, damit er diesen groen Augenblick miterlebe.
Allan verabschiedete sich von seinem Sohn und Ethel, und Ethel sagte:
~Well, good bye, Mac. I hope you will have a nice trip!~

Die Kreisel begannen zu rotieren und fllten die Halle mit einem
hohlen, pfeifenden Sausen. Die Sttzbacken lsten sich automatisch,
als die Kreisel die erforderliche Tourenzahl erreicht hatten -- und
der Zug glitt unter dem tobenden Jubel der Menge aus der Halle. Die
Scheinwerfer schleuderten ihre bleichen Lichtkegel ber Hoboken, New
York und Brooklyn, die Sirenen der Dampfer in den Docken, auf dem
Hudson, der Bai, dem East-River tuteten und heulten, die Telephone
klingelten, die Telegraphen spielten -- -- New York, Chikago, San
Franzisko brausten auf, der Jubel der ganzen Welt begleitete Allan auf
die Reise. Zur gleichen Zeit blieben alle technischen Betriebe der
Welt auf fnf Minuten stehen, alle Schiffsschrauben, die in diesem
Augenblick die Weltmeere peitschten, zur gleichen Zeit heulten und
tuteten die Pfeifen und Sirenen aller Eisenbahnzge und Dampfer, die
unterwegs waren: ein brutaler, gewaltiger Schrei der Arbeit, die ihrem
Werk zujubelte.

Der alte Lloyd lie sich entkleiden und legte sich zu Bett.

Sie waren unterwegs. --

In den Hotels hatten Tausende von Menschen um zehn Uhr diniert und
erregt ber den bevorstehenden Start gesprochen. Musikkapellen
konzertierten. Das Fieber wuchs und wuchs. Man wurde exaltiert und
sogar poetisch. Man nannte den Tunnel die grte menschliche Tat
aller Zeiten. Mac Allan hat das Epos vom Eisen und der Elektrizitt
gedichtet. Ja, Mac Allan wurde sogar im Hinblick auf seine Schicksale
in den fnfundzwanzig Jahren des Baus der Odysseus der modernen
Technik genannt.

Zehn Minuten vor zwlf flammte die Projektionsflche der Edison-Bio auf
und darauf stand: Ruhe!

Sofort wurde alles vollkommen still. Und augenblicklich begann der
Telekinematograph zu arbeiten. In allen Weltstdten der Erde sah man
zur gleichen Sekunde die Bahnhofhalle von Hoboken-Station, schwarz von
Menschen. Man sah den gewaltigen Tunneltrain, man sah, wie Allan sich
von Ethel und seinem Sohn verabschiedete -- die Zuschauer schwingen die
Hte: der Zug gleitet aus der Halle ...

Ein unbeschreiblicher, donnernder Jubel, der minutenlang whrte,
erhob sich. Man stieg auf die Tische, Hunderte von Sektglsern wurden
zerbrochen und zertreten. Die Musik intonierte das Tunnellied: ~Three
cheers and a tiger for him~!... Aber der Lrm war so ungeheuer, da
niemand einen Ton hrte.

Hierauf erschien eine Schrift auf der Leinwand: Die fnfundzwanzig
Kpfe. Allan, als er den Bau begann, Allan, wie er heute aussah. Ein
zweiter Orkan der Begeisterung brach los. Hobby, Strom, Harriman,
Brmann, S. Woolf, der fette Mller, Lloyd. Dann begann der
eigentliche Film. Er begann mit dem Meeting auf dem Dachgarten des
Atlantic, dem ersten Spatenstich, er fhrte im Laufe der Nacht
mit Unterbrechungen durch alle Phasen des Baus, und so oft Allans
Bild erschien, erhob sich neuer, begeisterter Jubel. Der Riesenfilm
zeigte die Katastrophe, den Streik. Man sah wieder Mac Allan durch das
Megaphon zu dem Heer von Arbeitern sprechen (und der Phonograph brachte
Teile seiner Rede!), die Prozession der Tunnelmen, den groen Brand.
Alles.

Nach einer Stunde, um ein Uhr, erschien auf der Projektionsflche ein
Telegramm: Allan in den Tunnel eingefahren. Ungeheure Begeisterung der
Menge! Viele Menschen im Gedrnge verletzt!

Der Film ging weiter. Nur von halber zu halber Stunde wurde er durch
Telegramme unterbrochen: Allan passiert den hundertsten Kilometer --
-- den zweihundertsten -- Allan stoppt eine Minute. Ungeheure Wetten
wurden abgeschlossen. Niemand sah mehr auf den Film. Alles rechnete,
wettete, schrie! Wrde Allan pnktlich in Bermuda eintreffen? Allans
erste Fahrt war zu einem Rennen geworden, zu einem Rennen eines
elektrischen Zuges und zu _nichts anderem_. Der Rekordteufel wtete! In
der ersten Stunde hatte Allan den Rekord fr elektrische Zge gedrckt,
den bis dahin die Zge Berlin-Hamburg behaupteten. In der zweiten war
er den Weltrekorden der Flugmaschinen auf den Leib gerckt, in der
dritten hatte er sie geschlagen.

Um fnf Uhr erreichte die Spannung einen zweiten Hhepunkt.

Auf der Projektionsflche erschien telekinematographisch bermittelt
die von greller Sonne durchflutete Bahnhofhalle der Bermudastation:
wimmelnd von Menschen und alle sehen gespannt in die gleiche Richtung.
Fnf Uhr zwlf taucht der graue Tunnelzug auf und fliegt herein. Allan
steigt aus, plaudert mit Strom, und Strom und Allan steigen wieder ein.
Fnf Minuten und der Zug fhrt weiter. Ein Telegramm: Allan erreicht
Bermuda mit zwei Minuten Versptung.

Ein Teil der Banketteilnehmer ging nun nach Hause, die meisten aber
blieben. Sie blieben ber vierundzwanzig Stunden wach, um Allans
Fahrt zu verfolgen. Viele hatten auch Zimmer in den Hotels gemietet
und legten sich auf ein paar Stunden schlafen, mit dem Befehl, sie
augenblicklich zu wecken, im Falle etwas passierte. ber die Straen
regneten schon die Extrabltter nieder. --

Allan war unterwegs.

Der Zug flog durch die Stollen, da sie meilenweit vor und hinter
ihm drhnten. Der Zug legte sich in den Kurven zur Seite wie eine
meisterhaft konstruierte Segeljacht: der Zug segelte. Der Zug stieg,
wenn es in die Hhe ging, gleichmig und ruhig wie eine Flugmaschine:
der Zug flog. Die Lichter im dunkeln Tunnel waren Risse in der
Dunkelheit, die Signallampen buntglitzernde Sterne, die sich in die
runden Bugfenster des sausenden Torpedoboots strzten, die Lichter
der Stationen vorbeischwirrende Meteorschwrme. Die Tunnelmnner
(verschanzt hinter den eisernen Rolltren der Stationen), feste
Burschen, die die groe Oktoberkatastrophe trockenen Auges mitgemacht
hatten, weinten vor Freude, als sie old Mac vorberfliegen sahen.

Lloyd lie sich um acht Uhr wecken. Er nahm sein Bad, frhstckte und
rauchte eine Zigarre. Er lachte, denn hier gefiel es ihm. Endlich
war er ungestrt, endlich war er fern von den Menschen und an einem
Ort, wohin niemand kommen konnte! Zuweilen promenierte er durch sein
lichterblitzendes Appartement, zwlf Gemcher, die die Maschine hinter
sich herschleppte und die von einer kstlichen, ozongesttigten Luft
erfllt waren. Um neun Uhr telephonierte ihn Ethel an und er unterhielt
sich zehn Minuten mit ihr. (~Don't smoke too much, Pa~! sagte Ethel.)
Dann las er die Telegramme. Pltzlich hielt der Zug. Sie stoppten in
der groen Station im heien Stollen. Lloyd sah durch ein Guckloch
und unterschied eine Gruppe von Menschen, in deren Mitte Allan stand.

Lloyd dinierte, schlief und wieder hielt der Zug und die Fenster seines
Salons waren geffnet: er sah durch eine Glaswand hindurch auf ein
blaues Meer hinaus und auf der andern Seite ber eine unbersehbare
Menschenmenge, die begeistert schrie. Azora. Sein Diener berichtete
ihm, da sie vierzig Minuten Versptung htten, da ein lbehlter leck
geworden sei.

Hierauf wurden die Fenster wieder geschlossen. Der Zug strzte sich
in die Tiefe, und der alte, vertrocknete, kleine Lloyd begann vor
Vergngen zu pfeifen, was er seit zwanzig Jahren nicht getan hatte.

Von Azora an fhrte Strom. Er schaltete den vollen Strom ein und der
Geschwindigkeitsmesser stieg auf zweihundertfnfundneunzig Kilometer
die Stunde. Die Ingenieure wurden unruhig, aber Strom, dem die Hitze
in den heien Stollen wohl die Haare abfressen konnte aber nicht die
Nerven, lie sich nicht ins Handwerk pfuschen.

Es wre eine Blamage, wenn wir zu spt kmen, sagte er. Der Zug fuhr
so rasch, da er stillzustehen schien; die Lichter schwirrten ihm wie
Funken entgegen.

Finisterra.

       *       *       *       *       *

In New York wurde es wieder Nacht. Die Hotels fllten sich. Die
Begeisterung raste, als das Telegramm die ungeheure Speed meldete.
Wrde man die Versptung einholen oder nicht? Die Wetten stiegen ins
Unsinnige.

Die letzten fnfzig Kilometer fhrte Allan.

Er hatte vierundzwanzig Stunden nicht geschlafen, aber die Erregung
hielt ihn aufrecht. Bleich und erschpft sah er aus, mehr nachdenklich
als freudig: viele Dinge gingen ihm durch den Kopf ...

In wenigen Minuten muten sie ankommen und sie zhlten Kilometer und
Sekunden. Die Signallampen fegten vorbei, der Zug stieg ...

Pltzlich blendete weies, grausames Licht ihre Augen. Der Tag brach
herein. Allan stoppte ab.

Sie waren mit zwlf Minuten Versptung in Europa eingetroffen.

_Ende_




                                _Werke
                                  von
                         Bernhard Kellermann_




Yester und Li

Die Geschichte einer Sehnsucht. (Fischers Bibliothek zeitgenssischer
Romane.) Geb. 1 M., in Leinen M. 1.25.


Die Geschichte einer Sehnsucht ist es, die der Verfasser erzhlt --
einer zarten, zitternden, tastenden Sehnsucht. Einer so verzehrenden,
wahnwitzigen, ungeheuerlichen Liebessehnsucht, wie sie nur ein Dichter,
ein Auserwhlter unter den Menschen, zu einem auserwhlten, seltenen,
wundervollen Weibe empfinden kann. -- Henri Ginstermann heit er. Und
sie heit Bianka Schuhmacher. Ganz einfache, alltgliche Namen. Aber
was fr Menschen! Ihre Seelen sind -- ein triviales Bild zu gebrauchen
-- wie uerst verfeinerte phonographische Platten. Und zwischen diesen
beiden Menschen schwebt eine innige, keusche, unausgesprochene Liebe.
Beide wissen: sie ist hoffnungslos, diese Liebe. Und doch trgt sie
jeder im Herzen, sorgsam, wie ein anvertrautes Gut, ein Heiligtum,
einen kstlichen Schatz. In stummer Duldung klammert er sich an sein
jmmerliches Leben, das ihn, den um unbesonnener Jugendstreiche willen
Verstoenen, Verfemten, so oft grausam geneckt. Seiner heiligen
Sehnsucht zuliebe tut er es. Sein ganzes Sein und Wesen strmt in dies
eine groe Gefhl zusammen. Er treibt einen Kultus mit dieser Frau.
Besingt sie in berschwenglichen, himmelhochjauchzenden Hymnen. Und
macht doch allem ein Ende durch einen leisen, mden Verzicht. Wunderbar
ergreifend ist dieser Schlu. Ein Dichter hat dies Buch geschrieben.
Ein wirklicher Dichter. Mit sanfter, zagender Hand sind die letzten
Hllen von menschlichen Seelen gezogen. Und doch erscheint alles wie
durch zarte Schleier, von einem seltsamen matten Glanz umsponnen.
Letzte Menschlichkeiten werden aufgedeckt. Feines, Leises wird gegeben,
wie mit dem Silberstift gezeichnet.

                                      (Knigsberger Allgemeine Zeitung)




Ingeborg

Roman. 18. Auflage. Geheftet 4 M., gebunden 5 M.


Frauen und Jnglinge, leset dies neue Buch -- Ingeborg --, diesen
zweiten Roman von Bernhard Kellermann. Die Liebe lebt darin und die
Romantik. Und der Wald lebt darin und alle Jahreszeiten. Wahrhaftig
ein nrrisches Buch, aber weise und klug bei aller Narretei, denn die
unerforschlichen, unabnderlichen Lebensgesetze sprechen daraus. Jung
ist es, ganz jung-jung, und das Blut macht es unruhig, es fiebert vor
Liebe. In einigen Mrznchten, als der Fhn vor den Fenstern strmte,
habe ich es gelesen; mein Herz kam vllig aus dem Takt, und ich glaube
nicht, da der Fhn allein schuld war ... Mit einer kindlich zarten und
zugleich unerhrt verfeinerten Gabe wird hier von den heiligsten und
besten Dingen gesprochen. Von Gott, von der Liebe, vom Wald ... Ich
will mich mit diesem Buche nicht allein freuen. Jedem mchte ich es in
die Hnde drcken, der berhaupt noch einen Roman lesen kann.

                                                       (Die Zeit, Wien)




Der Tor

Roman. 10. Auflage. Geheftet 5 M., gebunden 6 M.


Hier sind Menschen, eine Flle Menschen, nicht nur scharf voneinander
geschieden und als Einzelgestalten deutlich in der Phantasie,
sondern in Bewegung, im Zusammensein, im Gesprch in einer Vielzahl
von Aktionen. Ich sehe alle, die im Eisenbahnkupee den Selbstmord
des Dienstmdchens errtern -- wie hrt man das Laute ihrer Reden,
die Heftigkeit ihrer Diskussion und berzeugungssucht das Rasseln
und Knattern des Zuges bertnen! Der Liederkranzball, den fnf
Kapitel umschlieen, bleibt wie ein Erlebtes unverlschlich in der
Erinnerung: hier ist ein solcher Sturm, ein solches Getse, ein solches
Ineinanderspielen von Ttigkeiten und Gesprchen, von Trunk, Spiel,
Streit und Hohn, ein solches Chaos bewegter Menschlichkeiten, aus dem
die Gestalten des Helden und seiner Geliebten leuchtend hervortreten,
ein solches Auf- und Abstrmen des lebendigsten Lebens, da man im
Lesen den Atem anhlt, von der Flle und Intensitt einer ganz nahen
Wirklichkeit bis an das eigene Fhlen wunderbar beherrscht ... Nicht
Vergangenes erzhlt dieser Dichter, wie alle vor und neben ihm: er
trgt die Gegenwart. Sein Stil, knapp, rasch, ungeduldig, reit hin.
Kurze Stze jagen hintereinander her, berstrzen sich, erleuchten und
verdunkeln einander -- dann wieder langsam hintereinander schreitend,
lassen sie der Einbildungskraft Raum, das Bild, das sie halten, zu
betrachten, das Gefhl, die unsichtbare Gottheit, der sie dienen, zu
begreifen. Und wie sie dem Gefhl dienen! Jedes Wort, jeder Ausruf
glaubt sich stark genug, das Gttliche durch sich offenbaren zu
knnen, und ist doch so gering, da alles nur hingestammelt wird,
bebend, flehend, erstickt, berwltigt. Alles ist da, ist Leben, ist
Augenblick. Geschehnis und Gedanke gehen ineinander ber, eins aus
dem andern hervor. Eh man sich's versieht, biegt der Weg um: neue
Landschaft erschliet sich dem Staunenden -- man mu das Buch fr
Augenblicke sinken lassen, um sich zurckfinden zu knnen.

                                              (Neue Freie Presse, Wien)




Das Meer

Roman. 10. Auflage. Geheftet 4 M., gebunden 5 M.


Diese Schilderung des Ozeans, des ewig unruhigen, brausenden, tobenden,
gefrigen, gespenstischen Ozeans, ist so ungeheuer plastisch und
namentlich schon durch die Sprache so ausdrucksvoll, da dem Leser
gleichsam aus den Zeilen fortwhrend das Rollen und Grollen des Meeres
entgegentnt. Wie Wellen kommen die Stze daher, hufen, bersprudeln
sich, stehen still, pltzlich nur zu einem oder zwei Worten verdichtet,
die gleich einem Kahn auf einer Wogenreihe tanzen, dann wieder in
heftige, rasend schnelle, bizarr verknuelte Bilder sich auflsend
-- es ist eine Tonmalerei, die wie orchestrale Symphoniemusik wirkt.
Eine Sprachsymphonie: Das Meer! Und wir sehen und hren nicht nur
das Meer, an der bretonischen Kste -- nein! Mit einer grandiosen
Phantasie fhrt er uns auf den Boden der See, in die Geisterhhlen
der Klippen, zwischen die Eisberge der nordischen Strmung, in die
chinesischen Baien. Das Meer in der Mondnacht, im Sturm, in der Stille,
den Schiffbruch des Dampfers und den Kampf des Fischerboots -- alles
zaubert dieser Poet mit vollendeter Kunst vor die staunende Seele. Dazu
die Leute dieser Insel. Urzeit. Menschen ohne Kultur, aber auch ohne
Kulturfule. Prchtige, spitzbbisch-naive, tiertreue Menschen, die wie
Kinder dumm, morallos, vertrauensselig und heftig sind ... Es ist eine
Apotheose des Meeres, wie aus dem Munde heidnischer Priester. Gleichsam
die Apotheose alles Groen, Unbekannten, nie zu Entrtselnden, das wir
Natur nennen.

                                              (Augsburger Abendzeitung)




_Im gleichen Verlag ist erschienen_:

_Amerika Heute und Morgen_

_Reiseerlebnisse von Arthur Holitscher_

Fnfte Auflage.

Mit 69 Abbildungen. Geheftet 5 M., gebunden 6 M.


Das Beste des Buches liegt in der Unmittelbarkeit der Erlebnisse und
der Darstellung. Es geht ber ein paar Weichen hinweg, da uns manchmal
die Haare zu Berge stehen, aber die volle Fahrt ist doch das Besondere
an dem Buche. Man stutzt und mchte um Migung bitten, aber schon
ist man bei der nchsten Sache, und wir treiben wirklich hingerissen,
gerhrt, verfhrt, ergriffen und nur selten einer khl nachdenklichen
Stimmung berlassen, mitten durchs Leben der Staaten, mitten durch
die weiten, zukunfthellen Ebenen Kanadas. In den Hauptstdten Kanadas
erleben wir die Ankunft der Kolonistenzge mit ihren frisch vom
Schiff auf den neuen Boden gesetzten Insassen: irische Proletarier,
belgische Handwerker, slowakische und russische Bauern, denen nun ohne
Unterschied das Land, dem sie entgegenfahren, gehrt von diesem Morgen
an. Der Reisende besucht die neuen Siedler auf ihren Heimsttten, auf
ihren Drfern einsam drauen auf der Prrie. Und in den zauberischen
Stdten der Westkste am glitzernden Meer erleben wir den Tummel einer
harten jugendlichen Bevlkerung, in die zum berflu noch die kleinen
Vorluferscharen gelber und brauner Asiaten hineingemischt sind. Wir
lesen bei Holitscher Interessantes ber Literatur und Theater in
Amerika, ber die Frage der Juden, der Einwanderer, der Neger und
des Sozialismus, ber alle die Probleme, die impulsive und unruhige
Menschen drben mehr auf dem Weg der Revolte als der Staatskunst zu
lsen gedenken. Wir wissen, wie viele Dinge, die auch die unseren sind,
drben doch ganz anders liegen und ebenso anders gelst werden mssen
... Wir nehmen dieses neue Amerikabuch gern auf in unser Arbeitszimmer.
Es trgt uns, wie durch eine geffnete Saaltr, den groen verworrenen
Schall der Gegenwart herein, aber wir lassen uns nicht hindern,
Europa nur noch mehr zu lieben, weil es, auf einen andern Kontinent
verpflanzt, auch eine andere Welt zu erzeugen vermocht hat.

                                                  (Frankfurter Zeitung)


_Druck der Spamerschen Buchdruckerei in Leipzig_




      *      *      *      *      *      *




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