The Project Gutenberg EBook of Wolkenberflaggt, by Ernst Wilhelm Lotz

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Title: Wolkenberflaggt
       Gedichte

Author: Ernst Wilhelm Lotz

Release Date: December 17, 2013 [EBook #44452]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK WOLKENBERFLAGGT ***




Produced by Jens Sadowski








                           WOLKENBERFLAGGT
                               GEDICHTE
                                  VON
                          ERNST WILHELM LOTZ


                                LEIPZIG
                           KURT WOLFF VERLAG
                                 1917

          Gedruckt bei E. Haberland in Leipzig-R. Herbst 1916
               als sechsunddreiigster Band der Bcherei
                           Der jngste Tag

             COPYRIGHT 1916 BY KURT WOLFF VERLAG  LEIPZIG




ERSTER TEIL.

I.

GLANZGESANG




GLANZGESANG


   Von blauem Tuch umspannt und rotem Kragen,
   Ich war ein Fhnrich und ein junger Offizier.
   Doch jene Tage, die vertrumt manchmal in meine Nchte ragen,
   Gehren nicht mehr mir.

   Im groen Trott bin ich auf harten Straen mitgeschritten,
   Vom Staub der Mrsche und vom grnen Wind besonnt.
   Ich bin durch staunende Drfer, durch Strme und alte Stdte geritten,
   Und das Leben war wehend blond.

   Die Biwakfeuer flammten wie Sterne im Tale,
   Und hatten den Himmel zu ihrem Spiegel gemacht,
   Von schwarzen Bergen drohten des Feindes Alarm-Fanale,
   Und Feuerballen zersprangen prasselnd in Nacht.

   So kam ich, braun vom Sommer und hart von Winterkriegen,
   In groe Kontore, die staubig rochen herein,
   Da mute ich meinen Rcken zur Sichel biegen
   Und Zahlen mit spitzen Fingern in Bcher reihn.

   Und irgendwo hingen die grnen Ksten der Fernen,
   Ein Duft von Palmen kam schwankend vom Hafen geweht,
   Wei rasteten Karawanen an Wsten-Zisternen,
   Die Hupter glubig nach Osten gedreht.

   Auf Ozeanen zogen die groen Fronten
   Der Schiffe, von fliegenden Fischen khl berschwirrt,
   Und breiter Prrien glitzernde Horizonte
   Umkreisten Gespanne, fr lange Fahrten geschirrt.

   Von Kameruns unergrndlichen Wldern umsungen,
   Vom mrderischen Brodem des Bodens umloht,
   Gehorchten zitternde Wilde, von Geieln der Weien umschwungen,
   Und schwarz von Kannibalen der glhenden Wlder umdroht!

   Amerikas groe Stdte brausten im Grauen,
   Die Riesenkrne griffen mit heiserm Geschrei
   In die Buche der Schiffe, die Frachten zu stauen,
   Und Eisenbahnen donnerten landwrts vom Kai. -- -- --

   So hab ich nachbarlich alle Zonen gesehen,
   Rings von den Pulten grnten die Inseln der Welt,
   Ich fhlte den Erdball rauchend sich unter mir drehen,
   Zu rasender Fahrt um die Sonne geschnellt. -- -- --

   Da warf ich dem Chef an den Kopf seine Kladden!
   Und strmte mit wtendem Lachen zur Tre hinaus.
   Und sa durch Tage und Nchte mit satten und glatten
   Bekannten bei kosmischem Schwatzen im Kaffeehaus.

   Und einmal sank ich rckwrts in die Kissen,
   Von einem angstvoll ungeheuren Druck zermalmt. --
   Da sah ich: Da in vagen Finsternissen
   Noch sternestumme Zukunft vor mir qualmt.




IN DEINEM ZIMMER


   In deinem Zimmer fand ich meine Sttte.
   In deinem Zimmer wei ich wer ich bin.
   Ich liege tagelang in deinem Bette
   Und schmiege meinen Krper an dich hin.

   Ich fhle Tage wechseln und Kalender
   Am Laken, das uns frisch bereitet liegt,
   Ich staune manchmal still am Bettgelnder,
   Wie himmlisch lachend man die Zeit besiegt.

   Bisweilen steigt aus fernen Straen unten
   Ein Ton zu unserm Federwolkenraum,
   Den schlingen wir verschlafen in die bunten
   Gobelins, gewirkt aus Kssen, Liebe, Traum.




DER TNZER


   Ich wei, da ich in lichtem Traume bin,
   Der mich bewege und mich himmlisch qule:
   Ich tanze ber blanke Treppen hin,
   Die auf und nieder gehn durch weite Sle.

   Ich gleite ungehllt auf nackten Fen,
   Viel Lichter breiten mir den Schaukelgang,
   Mein Krper biegt sich spielend in dem sen
   Gefhl der Wellen und der Glieder Drang.

   Und meine Augen langen in die Runde,
   Wo drunten viele Hundert Mnner stehn,
   Die aufwrts starren mit beschmten Munde
   Und lstern meine rhren Reize sehn.

   Vorber tanze ich den langen Blicken,
   Durchpulst von einem eigen-sichern Schwung:
   Ich wei, ich banne hundert von Geschicken
   In meines Leibes weien Wellensprung.

   Die Wnde dehnen sich. Die Sterne scheinen
   Vereist herein. Getilgt sind Raum und Zeit.
   Und aller Erde Mannheit, sich um mich zu einen,
   Umwogt die runde Fahne meiner Mannbarkeit.




LICHT


   Licht umzieht mich, umsingt mich, umfliet mich,
   Spielend lasse ich meine Glieder im Flieenden pltschern --
   Ein blankes Bassin umspannt mich die Strae,
   Weit, weich, wiegend
   Ich wasche mich ganz rein.
   Aus euren Kpfen, ihr schwimmenden Straenwanderer,
   Die ihr nichts von mir wit,
   Gebrauche ich schimmerndes Augenwei, meinen Leib zu bedecken,
   Hell zu beschumen,
   Meinen jung sich hinbiegenden Schwimmerleib.
   O wie ich hinfliee im Licht,
   O wie ich zergehe,
   Wie ich mich durchsichtig singe im Licht.




FRHLINGSATEM


   Eine Liebesfrohheit hat meine Wangen rot gepudert.
   Mein Atem mischt sich weich dem Tagwind.

   Wo ich die Straen betrete, sind sie zum Festzug bereitet,
   Ein blumiges Schauvolk festschreitet und gleitet.

   Menschen erwartungs-gro haben sich aufgestellt,
   Aus allen Fenstern kommen Blicke zu mir Sonntag-erhellt.
   Mit bloem Kopf und mit vor Jungkraft federnden Zehen
   Mu ich immer und immer wieder durch Sonnenstraen gehen.

   Ich habe ein fernblaues Mdchen, am Ende der Strae erschaut,
   Das liebruhelos Sulen von Sonnenstaub vor mir baut.

   Und whrend ich gehe, geht in meiner Herzbrust jemand mit viel
      schnelleren Fen.
   Und ruft: Wir werden heut kssen!
   Weichluft-umschlungen verzittert mein Jubelschrei hinab in die Brust.
   Und mein Atem strmt ab in den Wind.
   Von Dchern weht ein Gelchter.




DIE LUFT STEHT GRNVERSCHLEIERT . . .


   Die Luft steht grnverschleiert in der Sonnenzeit.
   Meine Fenster, die auf die Wasser zeigen,
   Holen in ihre Rahmen herber die Huserbnke,
   Die stromber wei in den Mittag schweigen.
   Meine Zimmer saugen in sich volle Sigkeit.
   Und meine Augen, die in der lauen Luft entschweben
   Mssen ihr eigenes Leben im Blauen leben.




DER ZRTLING


   Es werden Zeiten kommen, ernst, schwere,
   Die mich umpacken mit beschwielter Hand,
   Sie finden mich in unbereiter Wehre
   Und Gliedern, solchen Zwanges unbekannt.

   Dann werd' ich hingewhlt in Betten dmmern,
   In Traumflucht hten meinen mden Sinn
   Und an der Adern matt gewohntem Hmmern
   Verzrtelt whnen, da ich lebend bin.

   Und Tage werden nah vorberschreiten,
   Freigtige Hnde nach mir ausgestreckt,
   Ich aber, in des Blutes Heimlichkeiten
   Versponnen, trume weiter ungeweckt.

   O ernste Trume werden mich durchhallen,
   Und Sonnen werden pendeln durch mein Blut
   Und junge Sterne sich zusammenballen
   Um mich, gesugt von meiner Schpferglut.

   Es werden Zeiten kommen, ernste, schwere,
   Doch ich entgleite ihrer harten Zucht
   Und grnde fern, in selbstgewollter Leere,
   Ein Haus, durchdrhnt von meiner Trume Wucht.




BEGREIFT!


   Von Dumpfheit summt das halbe Kaffeehaus,
   Das halbe ist getaucht in leichtes Glhen
   Und flackert in den Lampentag hinaus,
   Wo dnne Nebel an die Scheiben sprhen.

   Es wollen ernste Freunde mich bedeuten,
   Ich sei zu leicht fr diese Grnderjahre,
   Weil ich, statt kampfgenssisch Sturm zu luten,
   Auf blauer Gondel durch den ther fahre.

   Ich sah bisher nur Zeitungsfahnenwische
   Und warte lngst auf Barrikadenschrei,
   Da ich mich hei in eure Reihen mische,
   Besonnt vom Wind des ersten Vlkermai!

   Den Kopf ganz rot, malt ihr Kulissenbrand
   Und bertrumt die Zeiten mit Besingung.
   Begreift: Ich wirke, spielend freier Hand,
   Mein helles Ethos silberner Beschwingung!




DER SCHWEBENDE


   Meine Jugend hngt um mich wie Schlaf.
   Dickicht, Lichter -- berieselt. Garten. Ein blitzender See.
   Und drber geweht die Wolken, die zgernden, leichten.

   Irrlichternd spiele ich durch greise Straen,
   Und aus dem Qualmen toter Kellerfenster
   Lacht dumpfe Qual im Krampfe zu mir auf.

   Da heb ich meine lchelnd schmalen Hnde
   Und breite einen Schleier von Musik
   Sehr s und mde machend um mich aus.

   Und meine Fe treten in den Garten
   Der Abend trank. Die Liebespaare, dunkel, tief, erglhend,
   Sthnen, verirrt ins Blut, auf vor der Qual des Mai.

   Da schttle ich mein weiches Haar im Winde,
   Und rote Dfte reifer Sommertrume
   Umwiegen meinen silberleichten Gang.

   Bla friert ein Fenster, angelehnt im Winde.
   Drau heiser greller Schrei und Weinen singen
   Um einen Toten auf der dunklen Fahrt.

   Ich schliee meine Augen, schwere Wimpern,
   Und sehe Lndereien grn vor Sden,
   Und Fernen zrtlich weit fr Trumereien.

   Ein glnzend helles Kaffehaus, voll Stimmen
   Und voll Gebrden, lichtet sich, zerteilt.
   An blanken Tischen sitzen meine Freunde.

   Sie sprechen helle Worte in das Licht.
   Und jeder spricht fr sich und sagt es deutlich,
   Und alle singen schwer im tiefen Chor:

   Drei Worte, die ich nie begreifen werde,
   Und die erhaben sind, voll Drang und Staunen,
   Die dunkle Drei der: Hunger, Liebe, Tod.




II.

WOLKENBERFLAGGT




WOLKENBERFLAGGT


   Blei-wei die Flche. Wolkenberflaggt,
   Darein zwei Segel schwarze Furchen graben.
   Zwei Uferbume ragen hochgezackt,
   Die frhes Traumgrn auf den Zweigen haben.

   Zwei Hunde keuchen bers Ufergras
   Und wollen eine heie Stunde jagen.
   Zwei Schler kommen, schlank und Bcher-bla,
   Die scheue Liebe wie zwei Leuchter tragen.

   Ein junger Dichter wacht auf einer Bank
   Und spricht, die Hnde um sein Knie gefaltet:
   Wie sind die Dinge heute Sehnsuchts-krank!

   Und als er aufblickt, hat sich neu gestaltet
   Die Welt und ist erschtternd trnenblank, --
   Was, ruft er, hat mein Herz denn so zerspaltet!




ICH FLAMME DAS GASLICHT AN . . .


   Ich flamme das Gaslicht an.
   Aufrollendes Staunen umprallt die vier Zimmerwnde.
   Ich fhle mich dnn in der Mitte stehn,
   Verkrampft in Taschen klein meine Hnde,
   Und mu dies alles sehn:

   Die Mauern bauchen aus, von Drhnen geschwellt:
   Die Tafeln von Jahrtausend-Meistern drhnen in ihren Flanken,
   Von Halleluja-Geistern hinziehend musizierende Gedanken!
   Ich erblicke mich schwimmend klein da hinein gestellt
   Mit winzigem Sthnen und Krampf
   Vor solchem wogenhaft wuchtenden Tnen
   Und solchem siegsicher schwingenden Wolkenkampf!

   O so Gott zwingende Werke!
   Ein spitzer Pinselstrich zerstiebt mich blind
   Mit machtheiterm Wind und lssiger Strke!

   Meine Brust emprt sich ber dies brausende Sein.
   Tief ziehe ich die Luft der Wnde ein
   -- Diese Flut, diese Glut! --
   Und stoe sie aus mir mit Husten und Speien:
   Blut! Blut!

   Und versinke in eisdurchwehte Nchte.
   Und wei, der Tod reckt unten seine Arme aus. --
   Doch ber mich hin fhrt ein Gebraus
   Springender Hufen und Leiber und sonnhafter Prchte und Mchte!




WEISS BER DEN WEITEN . . .


   Wei ber den Weiten
   Blendet das Meer.
   Und blaue Wolken rauchen,
   Steht mit den Gezeiten
   Segel-fchert ein strmend groer Traum daher.
   Und hlt dumpf schattend. Die See geht schwer.
   Aus drren Masten hrst du graue Stimmen fauchen.
   Dann ebbt es weg. Und deine Angst, die dich umschnrte,
   Wird Sehnsucht, die Musik mit weichem Strahl berhrte. --
   Verstrt fhlst du die Segel untertauchen.




SCHLAF-WACH


   Zum Schlag der Nachtuhr schwingt mein Blut das Pendel.
   Ich liege ausgereckt.
   Und warte atmend. -- Stunden rauschen auf.
   Und jede Stunde hlt ein kreisendes Licht.
   Ein tief bedeckter Gang zeigt in die Ferne,
   Vom Stundenlicht bedmmert.

   Mein Auge starrt beglnzt.

   Nachthelle Stunden!

   Ihr knntet schaukelnde Schmetterlinge sein,
   Maibunt bemustert und Pfauenaug-gefiedert.

   Ihr knntet summen, getragen auf Akkorden,
   Dom-Hallend, weit, durch Tren, Lden und Stille,
   Herschwingende, versponnene Musik.

   Die Nacht ist bunt und glcklich.
   Vor meinen Augen baut sich ein taumelndes Kugelspiel aus Glaskugeln.

   Mit weichen Glckchen macht sie ein Ohrengeklingel.

   Dann zupft sie hoch von wasserrauschenden Bumen
   -- Das wogt und fchert --
   Viel erdbeergroe rote Beeren herab.
   Sie spielt damit umher und schnellt sie und fngt sie
   Und singt verweht einen Kinderreim.
   Und nimmt sie zusammen und reiht sie und schwingt sie
   Im Kreis bunt und rund
   Und wirft sie um meinen Mund. --

   Rotglhend brennt ein lutschend-ser Ku!

   Die Nacht ist bunt und zeitlos glcklich.




ABENDSPIEL


   Die kleinen Kinder sitzen auf den Stufen vor dem Haus,
   Sind eng gerckt und spielen Groe, die sich streng besuchen.
   Manchmal fllt einem Mdchen ein Lachen aus dem Halse heraus.

   Ich spiele auch. Ich spiele ein herzkindliches Spiel.
   Ich spiele eine Kette von Kindern, einen rosinfarbenen Kranz,
   Hinauf in die trunkene Luft, in der Sonne Untergangsspiel.
   Ich spiele mich eifrig und hei und rot und werde leuchtend in
      unnatrlichem Glanz,
   Mein Werkstaunen schwillt bergro und wird mir zuviel: --

   Stark in der Wolken hinschwingendes Lichten
   Werf ich, jh frei gekrallt aus meinem Leib, mein Herz, das Flammen
      facht!
   Zerdonnernd dumpf verschwimmt das Hhenspiel zu bleichen Schichten,
   Und wo ich hintraf, steht ein groer Stern und leuchtet und ist ein
      tiefes Auge in die Nacht.




UND SCHNE RAUBTIERFLECKEN . . .


   Bist du es denn?
   Gro aus dem Weltraum nachts, der Spiegel ist,
   Tnt dein zerwehtes Bildnis in meine Seele.
   Die Sterne durchziehen harfend deine Brust.
   Du aber . . .

   Du glnzt vielleicht versehnt im weien Federbett,
   Traum liegt dir hart im Scho. --

   Oder ein junger Liebling
   Zieht fhlsam mit zeichnendem Finger
   Die festen Runden deiner Brste nach.
   Ihr seid sehr hei.
   Und schne Raubtierflecken zieren eure Rcken.




ICH SCHLEPPE MEINE STUNDEN. . .


   La mich meine Hnde um deine Gelenke spannen
   Und meine Stirn an deine Schulter lehnen,
   O du umtrumte Geliebte!

   Ich schleppe meine Stunden durch Straen, Kontore und windige
      Treppenhuser,
   Und alle Augen, die mir begegnen, sind behauchte Scheiben,
   Hinter denen, in Rechnen-Folianten geduckt,
   Ein Seelen-Jemand vor grn verdeckter Lampe dmmert.

   Mdchen, wenn ich meine Augen in deine warmen Hnde presse,
   Dann steigt so dunkel und weich um mich auf,
   Da ich trume, ich sei bei meiner Mutter,
   Tief bei meiner Mutter in der Blutnacht.




SPT BER DEN HUSERN . . .


   Spt ber den Husern,
   Wann die Dcher von Farben tropfen,
   Kniest du bei mir am Fenster auf dem Schemel.
   Ein Wundern bebt in mir,
   Ich fhle deine Pulse klopfen,
   Als lebte dein Blut in mir. --

   Kannst du das fest begreifend sehen:
   Wie ich am Fenster lehne
   Und, weich beglht,
   Die Arme in das Licht hinberdehne.
   Mit meinen Fingern pflck ich aus den grnen Grften
   Die kleine abendfarbne Tanzmusik vom Kaffehaus.
   In meinen Hnden wird sie gro und lodert in den Sommerlften.

   Auf einmal wchst vom goldnen Horizont,
   Wei, riesengro und spt besonnt,
   Dein hingetrumter Leib heraus:

   Da spanne ich meine Arme weit
   Durch bunt verhngte Abenddmmerungen
   Um deines Leibes Traumverlorenheit,
   Mdchen! und halte dich dort ber Dchern und der Zeit,
   Wie hier am Fenster, mrchenfest umschlungen!




DEINE HNDE


   Jetzt bin ich lstern nach deinen Hnden.
   Wenn sie die meinen begrend drcken,
   Knnen sie Weltraum-staunend beglcken.
   Deine Hnde fhren ein selbstgewolltes, stilles Leben,
   Ich habe mich deinen Hnden ergeben!
   Nun drfen sie mich begreifen und fassen,
   Zu deinen Hhen, mit Blicken nach Weiten,
   Mich geschenkgtig heben.
   Spielerisch aber werden sie mich bergleiten
   Und am Wege hier liegen lassen.




AN ERNST STADLER


   Ich gre dich in der Ferne, ich begre deine weit spannende Nhe!
   Du, den ich nicht kenne.
   Aber ich sehe und erkenne hell deine ziehende Stimme
   Hin durch die Abendzonen meines frhen Grams:

   Die braunen Lnder, die von Wolken triefen,
   Sind noch vom Weilen meiner Fe jung,
   Von Wnschen schwebend noch, die leuchtend aus mir riefen,
   Neu wie das Meer, das sich dahinter weitet,
   Darber noch von jngster Fahrt beschwingte Dnung kreisend gleitet.

   Meine Stimme, in deine Bezirke verschlagen,
   Ward ergriffen, begriffen von dir
   Und reif und gereinigt mir zugetragen.

   In mancher Stunde verwitterter Nacht,
   Bevor ich wute von deinem durchbluteten Wesen,
   Habe ich dich erdacht und lebendig gemacht
   Und deine Bruderverse mir vorgelesen.

   Und als ich dich sah, atmend nah, hell und zu glhenden Worten gekhlt,
   Wute ich: Alles ist da! Alles lebt, was man mit Wnschen erfhlt!




III.

BILDER




DIE HEIDE-TOURISTEN


   Sie liegen wie gemht im Heidekraut.
   In ihren Kpfen stecken kurze Pfeifen.
   Rauch quillt. Verweht. -- Ein harter Mittag blaut.
   Licht glht herab in breiten Strahlenstreifen.

   Einer sitzt wach mit vorgestrecktem Haupt.
   In seiner Hand blinkt eine Mandoline.
   Sein Blick stt vor, da er der Landschaft raubt
   Ein braunes Lied, das seiner Sehnsucht diene.

   Um ihn die Schlfer trumen von der Stadt.
   Der Traum warf sie zurck in ihre Zinnen,
   Ins Trbe, das sie sonst umdstert hat.
   Die helle Heide sank von ihren Sinnen.

   Doch jeder hat sein Mdchen dort. Das brennt
   Jetzt rtlich auf in ihren mden Hirnen.
   Und der, der einsam wacht und sieht, erkennt
   Das kleine Licht auf ihren braunen Stirnen.

   Und stark in gelbe Ferne spht er wieder.
   Schwl wogt sein Blut und trbt ihm sein Gesicht. --
   Hell auf den Hhen stehen viele Lieder,
   Doch er ist sehnsuchtsblind und sieht sie nicht.

   Die Mandoline blinkt auf seinen Knien.
   Noch stumm und wartend, da die andern wachen.
   Und langsam folgt er, als sie weiterziehn.
   Und sonderbar tnt ihm ihr gutes Lachen.




ELBSTRAND


   Der Strand glnzt prall besonnt und badehell.
   Es wimmelt um die Zelte wie von Maden.
   Die aufgesteckte Wsche blendet grell,
   Und Mondschein kommt von Leibern, welche baden.

   Vom Meere weht ein Wind mit Salz und Teer
   Und kitzelt derb die Stadt-verweichten Lungen.
   Da springt ein Lachen auf dem Strand umher,
   Und unvermutet redet man mit Zungen.

   Ein groer Dampfer kommt vom Ozean.
   Stark ruft sein Ba. Die Luft wird pltzlich trber.
   Man drngt ans Wasser kindlich nah heran.
   Ein Atem braust. Die Woermann schwimmt vorber.

   Die Zeltstadt glnzt bevlkert wieder bald.
   Wir wandern langsam durch die hellen Reihen.
   Und hren hier: Es kam ein Palmenwald,
   Ein ganzes Land mit Dften, Negern, Affen, Papageien.




ERSTER MAI


   Gesang der Scharen, vom Frhling geschrt, das wiegende Schreiten
      gegliederter Prozessionen,
   Schwank durch die Gartenbume flammten ihre Farben, hei und vom Winde
      geschleift,
   Irr in den Lften taumelten ihre Worte, ihr Ha und ihr Traum von
      zerbrechenden Thronen,
   Khn, malos war der Frhling zum Blhen und war verwintertes Blut zu
      drohendem Atem gereift!

   Klirrend erwachten aus Huserfenstern verziekelte Brte,
   Kaum erfhlbar geschttelt von bla gertetem Staunen ihr schchterner
      Halt,
   Brillenbepanzerte Professoren blinzelten schreckliche Hrte
   Und kauten manierliche Worte, belegt mit Attacken, mit Waffen, Qualm
      und Gewalt!

   Aber die Jnglinge, wirr entsprungene Shne der fenstergehaltenen
      Alten,
   Folgten mit ngstlichen Wundern von ferne den schwer Fortziehenden
      nach,
   Und sie fhlten sich heldisch durchglht, als sie verstohlene Fuste in
      Taschen ballten,
   Leuchtend von Trumen des Tages, der Barrikaden und Flammen versprach.




DER PROPHET


   Du schwankest gramvoll durch die Stadt, von Leuten
   In Zobel und dem grauen Volk verhhnt,
   Und achtest scheu, wie sie Verlstrung deuten
   Nach deinem Haupt, von Jahren grau gekrnt.

   Plakate tragen sie, Karikaturen
   Auf dich, der mhsam tastet, Schritt fr Schritt,
   Sie folgen kichernd deinen Spuren
   Und lockend tuschelnd deine Freunde mit. --

   Hell ein Barbier aus seinem Laden tnzelt,
   Er schlgt das Seifenbecken mit der Hand.
   Ein Schneidermeister kommt herangeschwnzelt
   Und mit zum Spott dich mit dem Meterband.

   Ich messe, ruft er hhnisch, Ihre Gre:
   Ein Kilometer reichte kaum! -- --
   Aufbumt sich wiehernd ein Getse
   Und fllt mit Echo hoch den Straenraum.

   Ein groer Kaufmann schwenkt mit dem Zylinder,
   Verbeugt sich tief und hhnt dich: Herrlichkeit! --
   Das war ein Spa fr Narren und fr Kinder.
   Sie klatschen wild. Du gehst. Sie folgen breit.

   Schwarz ist die Strae ganz von ihrem Drngen,
   Wie Aufruhr laut und toll wie Karneval.
   Die Tollheit brach aus trg gewohnten Strngen
   Und feiert dir ein Narrenbacchanal.

   Ihr kommt vorbei an hohen Kirchenstufen.
   Du steigst hinauf. Dort bleibst du staunend stehn.
   Tief, vlkerstimmig brandet an ihr Rufen,
   Wie hohes Meer geht ihrer Mtzen Wehn.

   Dann zischen sie nach Stille in der Runde.
   Ein Schweigen kocht und summt zu dir heran.
   Und lstern starren sie nach deinem Munde:
   Ein Wort vom groen, Spott-verhaten Mann!

   Fanatisch, wie die Blicke an dir saugen!
   Sie fiebern schon. Und warten Gierde-steif.
   Und sind gebannt von deinen Strahlenaugen.
   Sind fromm. Und sind fr deine Gre reif.

   Wie liebe Kinder sind sie anzusehen,
   So folgsam nun, als vorher bertoll. --
   Ganz vorne konnte man ein Wort verstehen,
   Das dir entfiel: Gott! Sie sind wundervoll!




DIE STRASSE


   Auf violetten Dnsten schwimmen Lichter
   Von brennend hohem Gelb. Du tauchst hinein,
   Gewirbelt blindlings in ein Meer Gesichter,
   Bla, atmend nah. Versinkst. Und bist allein.

   Nur du. Zum Prfen fhlst du deine Hnde
   Und weit, du trumst. Der Traum steigt wei empor.
   Vor dir erkennst du steile Straenwnde,
   Behngt mit seltsam hellem Lichterflor.

   Dein Ohr ist zu. Nur deine Augen fhlen.
   Quer zeigt die Strae durch den Sternenwald.
   Die Sternenzweige, die vorbersphlen,
   Bildtuschen Gttergesten und manche Tiergestalt.

   Du selbst ein Stern. Du tnst. Dich kannst du hren
   Hinklingen durch das All. Du trumst und schwimmst
   In Tne-Trumen, die dich leuchtend schn betren,
   Da du sie fr der andern Wohllaut nimmst.

   Wo ist die Sonne, die dich zirkelnd bindet?
   Versumt. Du steuerst fort. Es ist zu spt.
   Um deine Feuerbahn nachschleifend windet
   Sich hell ein Schweif. -- Strm glhend fort Komet!




KEINE STERNE


   Die Strae dehnt sich lang in rote Ferne.
   Die Lampen glhen prall das Pflaster an.
   Ich blick hinauf. Sehr dringend. Doch die Sterne
   Sind lichtverwischt und zeigen sich nicht an.

   Das macht mich traurig in der lauten Gasse.
   Doch ich bin jung und grme mich nicht gern.
   Ich schau umher. Und finde lauter blasse,
   Totmatte Augen. Keinen Augenstern.

   Entmutigt lasse ich mich vom Strome treiben,
   Die Hnde tief in Taschen, durch die Stadt.
   Und wei, ich werde heute Verse schreiben,
   Verhngt wie Sterne und wie Augen matt.




ERSCHEINUNG


   Ich tanze die Treppen herab mit federnden Sehnen.
   Mit glnzend geffneten Augen fhle ich Straen hin.

   Aber der Tag ist schwierig im Winterdmmern.
   Die Straen biegen aus und flackern davon.
   Ein Schatten berspringt mich, ein schmerzliches Wundern:
   Die Wagen und Autos meiden mich in Flucht,
   Die Straenbahnen kreischen auf in den Strngen,
   Um die Ecke schnellend luten sie Not.
   Und Menschen, schwarz, heftig und windgeweht,
   -- Ihr rot umworbene Richter meiner Empfindungen! --
   Strmen vorber, wirr fuchtelnd mit Fluchtgebrde,
   Steif zeigen Finger nach meiner Stirn.
   Und alles, was da war begriffen, ungreifbar,
   Legt zwischen mich und sich einen Raum!
   Staub hebt sich auf und begibt sich von dannen!

   Nur -- O Traum besonnter Beruhigung! --
   Ein Fenster im Dach -- Auge, blinkend verirrt!
   Scheibe, zerscherbt und der Armen Lichtschenker! --
   Hlt sich, gern gebend, pltzlichem Strahl der Scheidesonne hin.
   Rhrend empfangen, senkt sich der Funke auf mich,
   Da ich in Geleucht starr stehe wie ein Gott in der Fremde. --

   Kommen da nicht aus allen Winkeln,
   Den Tren, Lden, den Fenstern und Wagen,
   Aus schwarz quellender Flle der Torwege,
   Aus Seitengassen, wo Janhagel pfiff --
   Kommen nicht lauter sehr schchterne Lichter,
   Still flackernde Augen her, her zu mir!

   Das was ich suchen ging: Suchende Augen!
   Was mich erschttert und emporfedert!

   Was mir wie schluchzendes Jauchzen nach Innen schlgt:
   Gefundene suchende Augen!

   Hell schwimmen sie mir entgegen, glitzernde Wellen.
   Ich bade mich, umtastet von ihrem Staunen.

   Heilig frierend, bin ich der Sieger, bin der Prophet und der Knig. --
   Denn seht: Ich schpfe die Frage aus euren Augen, den Glanz und das
      Leben.




MOTIV AUS DER VORSTADT


   Da nun die Stadt im fahlen Dampfe lagert
   Und schwebend berwlkt von gelber Glocke,
   Gehalten von den Lichtern tiefer Mauern,

   Da dnn der Mond und wirklos in den Wolken magert
   Und merklos sprlich manche Winterflocke
   Herniederschneit und bleicht und schmilzt nach kurzem Dauern:

   Wer hilft mir tragen dieses matte Scheinen
   Unwirklicher Gebrden solcher Nchte!
   Wer zndet mir den Schrei, der dies Gewebe

   Traumzager Mchte zerreie und diesen bleichen, feinen,
   Spinnfadendnnen Gesichtern Zerrttung brchte:
   Da pltzlich gro und glutdurchzuckt die Nacht auflebe!




ZWEITER TEIL.

IV.

SDEN




GEBT MIR PARKETT.

ICH WILL DEN GANGES TANZEN . . .


   Gebt mir Parkett. Ich will den Ganges tanzen.
   Ich bin beschwingt und reif entkernt.
   Von meinen Fen kreisle Wstenwind
   In eure Unterrcke sanfte Damen.
   Ich hre Sommer brodeln. Und die Affen
   Schrieen die ganze Nacht in meinem Haar.
   Mein Mund ist heiser von dem Rot der Wnsche,
   Und meine Wellenhand ist blank von Krampf. --
   Fallt, Uferlose! Oder atmet Sden.
   Aus meiner Lenden hochgestrengtem Rausch! --
   Ihr dumpfen Feinde meiner Leidenschaft:
   Ich wei von Gott nichts als das Amen,
   Das meine Stirn im Niedersinken lallt.
   Wenn glnzend fremde Zonen sie besonnten.
   Und mein Gebet ist das besternte Staunen,
   Das ich nicht sagen darf: -- Denn alle Weiten
   Der Ebenen, Meere und der Liebe Blutgestammel
   Traten wie Traum heraus vor meinen Mund.




IN GELBEN BUCHTEN SOGEN

WIR DER FERNEN . . .


   In gelben Buchten sogen wir der Fernen
   Versphlte Lfte, die von Stdten wissen,
   Wo Lste grnen, angerhrt vom Wahnsinn.
   Wir schwammen auf dem Fieberschiff stromauf
   Und sonnten unsre Leiber an dem Buhlen
   Waldheier Panther, die der Sommer qult.
   Der Klapperschlange nacktes Schlammgeringel
   Wand sich verstrt, als wir vorberkamen,
   Und in verschlafenen Drfern gurgelte die Lust.
   Ein warmer, satter Wind strich durch die Palmen. --
   Ich sah dich wei von Schlaf.
   Und als ich von dir ebbte, hoch gehoben
   Von meinem stolzen, satt gestrmten Blut:
   O Sturm der Nchte, der mich Blut-wrts zog
   Zu khnen, nie entdeckten Lndergrteln:
   O schwl Geliebte! Strom der Geheimnisse!
   Verschlafenes Land! Im Sden! O Sommer-Qual!




TORKELTE MIR VOM KOPF DER

SCHLAF . . .


   Torkelte mir vom Kopf der Schlaf,
   Stie ich das Fenster auf in die Nacht,
   Kamen die Schte mit schneidendem Flgelschlagen
   Und haben im Niederstrzen mich brandig gemacht.

   Da die Abende drftiger flammen!
   Und die Nchte windig und dster durchbrannt! --
   Ehemals in verschlafenen Wasserbuchten
   Wei kamen die Trume und zitterten silbern zum Land,

   Zogen die Vgel in sonnigen Streifen
   Unter dem Nachtlicht nach Norden verweht,
   Unsere Glieder tranken das Buchtengrn,
   Und die Wlder der Tiefe vermhlten uns spt. --

   Haben wir uns im Rausche verloren,
   Mde versphlt vom Wasser, als Schlaf auf uns fiel? --
   Meine Gesnge durchhallen die Meere
   Und rufen nach Dir, meine Nchte versilberndes Spiel!




DEINE HAARE WAREN MIR SOMMER

UND GARTENGLCK . . .


   Deine Haare waren mir Sommer und Gartenglck,
   An die Vorstadt gebaut. Weite und Wehen.
   Da fand ich Traum und Krper. Und den Wind,
   Der meine frhen Nchte berflammte. --
   Nun gleite ich manchmal khl in Booten,
   Mit hartem Hals:
   Und ich begreife, da ich einsam bin.




ICH BIN EIN HAUS

AUS TIEF GEFGTEM GLAS . . .


   Ich bin ein Haus aus tief gefgtem Glas.
   Nun kommen alle Menschen, khl wie Schatten,
   In meine Brunst und feiern weiche Feste.
   Glanz, meine Kuppel, die im Klaren tnt,
   Ein leiser Ri durchzittert ihre Stimme:
   Du Ferne. Gleitende. Du Klang im Wind!

   Die Wagen, die in wachen Straen
   Schwebten,
   Wissen um deinen Gang
   In zager Nacht.

   In dunklen Trmen, die den Abend riefen,
   Versammeln sich die ungekhlten Fernen:

   Ich wnsche Dich!
   Das Eis zerri in Schollen:
   So schrien meine Hnde
   Nach dem Zwei!

   Schon krnten junge Lauben meinen Schlaf,
   Doch schrille Lichter blendeten den Frhling. --
   O Taumellose. Gro. Im Stdtewald!




WIR FANDEN GLANZ, FANDEN EIN MEER,

WERKSTATT UND UNS . . .


   Wir fanden Glanz, fanden ein Meer, Werkstatt und uns.
   Zur Nacht, eine Sichel sang vor unserm Fenster.
   Auf unsern Stimmen fuhren wir hinauf,
   Wir reisten Hand in Hand.
   An deinen Haaren, helles Fest im Morgen,
   Irr flogen Ksse hoch
   Und stachen reifen Wahnsinn in mein Blut.
   Dann dursteten wir oft an wunden Brunnen,
   Die Trme wehten sthlern in dem Land.
   Und unsre Schenkel, Hften, Raubtierlenden
   Strmten durch Zonen, grnend vor Gerchen.




EINE FRANZSIN IM SCHSISCHEN

SCHWARME . . .


   Eine Franzsin im schsischen Schwarme,
   Khne Frhlinge zngelt ihr Blick,
   Seichte Gewsser
   Spielen die Finger ber den Tisch,
   Trumen die Winde von ihrem Gelchter, --
   Doch das Caf, die Musike und wir und mein flackernder Stift
   Kreisen belichtet, verebben, mit Bcklingen flieend,
   Und lassen gekruselt
   Im Lcheln Madonna zurck.




NACHTWACHE. ROT.

EIN ATEM RINGT IN UNS . . .


   Nachtwache. Rot. Ein Atem ringt in uns.
   Ein Wind will auf. Voll Fremde, Heimweh-Schluchzen.
   Wir suchen irr. Nach Fleisch, nach Welt. Nach Lachen.
   Wir sind umragt von uns.
   Der Durchbruch stockt. Die Fesseln. Schwer das Blut.
   Versenkt die Brunst, die sthnt und aufwrts mchte.

   Wir wollen Glanz und Weite, helle Hhen,
   Vom Meer umweht. Und Ksse, tief ins Fleisch
   Lechzende Jagd durch flammende Gebirge
   Nach Panthern, Affen, Frauen
   Und nach Schlaf.
   Nach sen Nchten, die uns schlafen lassen.
   Wir sind nach Inseln toll in fremden Welten.
   Denn wir sind auer uns: Vor unsrer Enge!
   Und bauen immer hei an unserm Traum.




MEINE NCHTE SIND HEISER

ZERSCHRIEEN . . .


   Meine Nchte sind heiser zerschrieen.
   Eine Wunde, die ri. Ein Mund
   Zerschneidet glsernes Weh.
   Zum Fenster flackerte ein Schrei herein
   Voll Sommer, Laub und Herz.
   Ein Weinen kam. Und starke Adern drohten.
   Ein Gram schwebt immer ber unsern Nchten.
   Wir zerren an den Decken
   Und rufen Schlaf. Ein Strom von Blut wellt auf.
   Und splt uns hoch, wenn spt der Morgen grnt.




V.

JUGEND




HART STOSSEN SICH DIE WNDE

IN DEN STRASSEN . . .


   Hart stoen sich die Wnde in den Straen,
   Vom Licht gezerrt, das auf das Pflaster keucht,
   Und Kaffeehuser schweben im Geleucht
   Der Scheiben, hoch gefllt mit wiehernden Grimassen.

   Wir sind nach Sden krank, nach Fernen, Wind,
   Nach Wldern, fremd von ungekhlten Lsten,
   Und Wstengrteln, die voll Sommer sind,
   Nach weien Meeren, brodelnd an besonnte Ksten.

   Wir sind nach Frauen krank, nach Fleisch und Poren,
   Es mten Pantherinnen sein, gefhrlich zart,
   In einem wild gekochten Fieberland geboren.
   Wir sind versehnt nach Reizen unbekannter Art.

   Wir sind nach Dingen krank, die wir nicht kennen.
   Wir sind sehr jung. Und fiebern noch nach Welt.
   Wir leuchten leise. -- Doch wir knnten brennen.
   Wir suchen immer Wind, der uns zu Flammen schwellt.




WIR WACHEN SCHON EIN WENIG

HELLER AUF . . .


   Wir wachen schon ein wenig heller auf,
   Wenn uns der Mittag um die Stirnen lodert,
   Wir sind schon etwas khner und heier gespannt.
   Wenn wir im Spiegel erstrahlen noch jung von Schlaf,
   Unsere Glieder betastend, prfend das Spiel unserer Sehnen,
   Sehen wir jedesmal silbriger uns erstarkt.
   Die Huser kommen, geflaggt mit Licht,
   Leicht und befedert trgt uns das Pflaster,
   Alle Passanten flammen auf und sind nah.
   Elektrisch fhlen wir: Wir sind da!
   Wir knnen schon sehen.
   Wir knnen verstehen.
   Wir knnen schon zeichnen
   In unsern Augen,
   Hart und zum Schreien wahr.
   Und unterscheidend, entscheiden wir uns:
   Wir haben uns unsre Verachtung gemerkt schneidend,
   Und unser Ja.
   Nachts,
   Heimlich,
   Kommen wir mit unsern Brdern zusammen.
   Wir haben den Wein aus dem Kreise verbannt:
   Rausch ist unsre Gemeinsamkeit, unser Wunsch und das Schweben der Tat,
   Beide umflackerten unsere Heimlichkeit.
   Ein Wille schiet aus uns. -- Erblat vom Warten:
   Wir wissen schon den Tag. Wir fiebern schwer.
   Und sind verdammt, verschwiegen uns die Zeit zu krzen.
   Wir sind in Grten und Terrassen mig hingelehnt,
   Und oft will hei das Blut nach unsern wilden Hnden strzen,
   Weil sich der Tag zu langsam weiter dehnt.




DIE NCHTE EXPLODIEREN IN

DEN STDTEN . . .


   Die Nchte explodieren in den Stdten,
   Wir sind zerfetzt vom wilden, heien Licht,
   Und unsre Nerven flattern, irre Fden,
   Im Pflasterwind, der aus den Rdern bricht.

   In Kaffeehusern brannten jhe Stimmen
   Auf unsre Stirn und heizten jung das Blut,
   Wir flammten schon. Und suchen leise zu verglimmen,
   Weil wir noch furchtsam sind vor eigner Glut.

   Wir schweben mig durch die Tageszeiten,
   An hellen Ecken sprechen wir die Mdchen an.
   Wir fhlen noch zu viel die greisen Kstlichkeiten
   Der Liebe, die man leicht bezahlen kann.

   Wir haben uns dem Tage bergeben
   Und treiben arglos spielend vor dem Wind,
   Wir sind sehr sicher, dorthin zu entschweben,
   Wo man uns braucht, wenn wir geworden sind.




AUFBRUCH DER JUGEND


   Die flammenden Grten des Sommers, Winde, tief und voll Samen,
   Wolken, dunkel gebogen, und Huser, zerschnitten vom Licht.
   Mdigkeiten, die aus verwsteten Nchten ber uns kamen,
   Kstlich gepflegte, verwelkten wie Blumen, die man sich bricht.

   Also zu neuen Tagen erstarkt wir spannen die Arme,
   Unbegreiflichen Lachens erschttert, wie Kraft, die sich staut,
   Wie Truppenkolonnen, unruhig nach Ruf der Alarme,
   Wenn hoch und erwartet der Tag berm Osten blaut.

   Grell wehen die Fahnen, wir haben uns heftig entschlossen,
   Ein Sto ging durch uns, Not schrie, wir rollen geschwellt,
   Wie Sturmflut haben wir uns in die Straen der Stdte ergossen
   Und splen vorber die Trmmer zerborstener Welt.

   Wir fegen die Macht und strzen die Throne der Alten,
   Vermoderte Kronen bieten wir lachend zu Kauf,
   Wir haben die Tren zu wimmernden Kasematten zerspalten
   Und stoen die Tore verruchter Gefngnisse auf.

   Nun kommen die Scharen Verbannter, sie strammen die Rcken,
   Wir pflanzen Waffen in ihre Hand, die sich frchterlich krampft,
   Von roten Tribnen lodert erzrntes Entzcken,
   Und trmt Barrikaden, von glhenden Rufen umdampft.

   Beglnzt von Morgen, wir sind die verheinen Erhellten,
   Von jungen Messiaskronen das Haupthaar umzackt,
   Aus unsern Stirnen springen leuchtende, neue Welten,
   Erfllung und Knftiges, Tage, Sturmberflaggt!




_NACHWORT_


Am 26. September 1914 fiel der Leutnant und Kompagniefhrer E. W. _Lotz_
auf dem westlichen Kriegsschauplatz.

E. W. Lotz wurde 1890 in Culm a. d. W. geboren, lebte in Wahlstadt,
Karlsruhe, Pln und im Kadettenkorps Lichterfelde. Mit 17 Jahren wurde er
Fhnrich im Infanterie -Regiment Nr. 143 zu Hamburg, nach dem Besuch der
Kriegsschule in Cassel Leutnant im gleichen Regiment. Anderthalb Jahre war
er Offizier, dann nahm er den Abschied.

Das Gedichtbuch Wolkenberflaggt wurde von E. W. Lotz im Sommer 1914 fr
den Druck vorbereitet. Es enthlt im wesentlichen Gedichte aus seinem
letzten Lebensjahr.

Die Herausgabe des gesamten literarischen Nachlasses, soweit er bei
kritischer Durchsicht der Verffentlichung wert erschien, habe ich mir fr
die Zeit nach dem Kriege vorbehalten.

Henny Lotz




INHALT


   ERSTER TEIL
   I. Glanzgesang

   Glanzgesang                                                      5
   In deinem Zimmer                                                 7
   Der Tnzer                                                       8
   Licht                                                            9
   Frhlingsatem                                                   10
   Die Luft steht grnverschleiert . . .                           11
   Der Zrtling                                                    12
   Begreift!                                                       13
   Der Schwebende                                                  14


   II. Wolkenberflaggt

   Wolkenberflaggt                                                17
   Ich flamme das Gaslicht an . . .                                18
   Wei ber den Weiten                                            19
   Schlaf-wach                                                     20
   Abendspiel                                                      21
   Und schne Raubtierflecken . . .                                22
   Ich schleppe meine Stunden . . .                                23
   Spt ber den Husern . . .                                     24
   Deine Hnde                                                     25
   An Ernst Stadler                                                26


   III. Bilder

   Die Heide-Touristen                                             29
   Elbstrand                                                       30
   Erster Mai                                                      31
   Der Prophet                                                     32
   Die Strae                                                      34
   Keine Sterne                                                    35
   Erscheinung                                                     36
   Motiv aus der Vorstadt                                          38


   ZWEITER TEIL
   IV. Sden

   Gebt mir Parkett. Ich will den Ganges tanzen . . .              41
   In gelben Buchten sogen wir der Fernen                          42
   Torkelte mir vom Kopf der Schlaf . . .                          43
   Deine Haare waren mir Sommer und Gartenglck . . .              44
   Ich bin ein Haus aus tief gefgtem Glas                         45
   Wir fanden Glanz, fanden ein Meer, Werkstatt und uns . . .      46
   Eine Franzsin im schsischen Schwarme . . .                    47
   Nachtwache. Rot. Ein Atem ringt in uns . . .                    48
   Meine Nchte sind heiser zerschrieen . . .                      49


   V. Jugend

   Hart stoen sich die Wnde in den Straen . . .                 53
   Wir wachen schon ein wenig heller auf . . .                     54
   Die Nchte explodieren in den Stdten . . .                     55
   Aufbruch der Jugend                                             56

   _Nachwort_                                                      57





End of the Project Gutenberg EBook of Wolkenberflaggt, by Ernst Wilhelm Lotz

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electronic work or group of works on different terms than are set
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both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael
Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark.  Contact the
Foundation as set forth in Section 3 below.

1.F.

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effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
public domain works in creating the Project Gutenberg-tm
collection.  Despite these efforts, Project Gutenberg-tm electronic
works, and the medium on which they may be stored, may contain
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property infringement, a defective or damaged disk or other medium, a
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of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project
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LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR
INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH
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in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS', WITH NO OTHER
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WARRANTIES OF MERCHANTABILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.

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If any disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the
law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be
interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by
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that arise directly or indirectly from any of the following which you do
or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.


Section  2.  Information about the Mission of Project Gutenberg-tm

Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
electronic works in formats readable by the widest variety of computers
including obsolete, old, middle-aged and new computers.  It exists
because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
people in all walks of life.

Volunteers and financial support to provide volunteers with the
assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
remain freely available for generations to come.  In 2001, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
and the Foundation information page at www.gutenberg.org


Section 3.  Information about the Project Gutenberg Literary Archive
Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
Revenue Service.  The Foundation's EIN or federal tax identification
number is 64-6221541.  Contributions to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
permitted by U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
throughout numerous locations.  Its business office is located at 809
North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887.  Email
contact links and up to date contact information can be found at the
Foundation's web site and official page at www.gutenberg.org/contact

For additional contact information:
     Dr. Gregory B. Newby
     Chief Executive and Director
     gbnewby@pglaf.org

Section 4.  Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
spread public support and donations to carry out its mission of
increasing the number of public domain and licensed works that can be
freely distributed in machine readable form accessible by the widest
array of equipment including outdated equipment.  Many small donations
($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United
States.  Compliance requirements are not uniform and it takes a
considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
with these requirements.  We do not solicit donations in locations
where we have not received written confirmation of compliance.  To
SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
particular state visit www.gutenberg.org/donate

While we cannot and do not solicit contributions from states where we
have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
against accepting unsolicited donations from donors in such states who
approach us with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make
any statements concerning tax treatment of donations received from
outside the United States.  U.S. laws alone swamp our small staff.

Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
methods and addresses.  Donations are accepted in a number of other
ways including checks, online payments and credit card donations.
To donate, please visit:  www.gutenberg.org/donate


Section 5.  General Information About Project Gutenberg-tm electronic
works.

Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm
concept of a library of electronic works that could be freely shared
with anyone.  For forty years, he produced and distributed Project
Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.

Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
unless a copyright notice is included.  Thus, we do not necessarily
keep eBooks in compliance with any particular paper edition.

Most people start at our Web site which has the main PG search facility:

     www.gutenberg.org

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including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
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