Project Gutenberg's Der Knig der dunklen Kammer, by Rabindranath Tagore

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Title: Der Knig der dunklen Kammer

Author: Rabindranath Tagore

Translator: Hedwig Lachmann
            Gustav Landauer

Release Date: November 21, 2013 [EBook #44250]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER KNIG DER DUNKLEN KAMMER ***




Produced by Norbert H. Langkau, Marc-Andre Seekamp and the
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RABINDRANATH TAGORE

    DER KNIG
   DER DUNKLEN
     KAMMER

     MNCHEN
 KURT WOLFF VERLAG


Einzig autorisierte deutsche Ausgabe. Nach der von Rabindranath Tagore
selbst veranstalteten englischen Ausgabe ins Deutsche bertragen von
Hedwig Lachmann und Gustav Landauer

       *       *       *       *       *

Das Recht der Auffhrung ist zu erwerben durch die Vereinigten
Bhnenvertriebe: Drei Masken Georg Mller * Erich Rei * Kurt Wolff
Verlag, Berlin W 30

14.--18. Tausend
Copyright 1915 by Kurt Wolff Verlag, Leipzig
Gedruckt im Frhjahr 1921 bei Poeschel & Trepte in Leipzig * Einbnde
von der Leipziger Buchbinderei A.-G., vorm. Gust. Fritzsche in Leipzig




PERSONEN


  Der Knig

  Knigin Sudarschana

  Knig von Kanya Kubja, ihr Vater

  Avanti      }
              }
  Koschala    }
              }
  Kantschi    }
              }
  Vidarbha    } Knige
              }
  Kalinga     }
              }
  Pantschala  }
              }
  Virat       }

  Surangama   } Ehrendamen der
              }
  Rohini      } Knigin

  Virupakscha }
              } Brger
  Vischu      }

  Janardan    }
              }
  Kaundilya   } Reisende
              }
  Bhavadatta  }

  Kumbha      }
              }
  Madhav      } Landleute
              }
  Vivajadatta }

  Der Grovater

  Der tolle Freund

  Minister    }
              }
  Bote        } des Knigs Kanya Kubja
              }
  Trhter    }

  Dienerin der Knigin Sudarschana

  Erster      }
              } Grtner
  Zweiter     }

  Stadtwchter

  Suvarna, der falsche Knig

  Erster      }
              } Herold des Knigs
  Zweiter     }

  Brger, Landleute, Grtner, Knaben

  Reisende, Wachen.




I.


Eine Strae.

Etliche Reisende und ein Stadtwchter.

_Erster Mann_

He, Mann!

_Stadtwchter_

Was wollt ihr?

_Zweiter Mann_

Welchen Weg haben wir zu gehn? Wir sind hier fremd. Bitte, sage uns,
welches die rechte Strae ist.

_Stadtwchter_

Wohin wollt ihr gehn?

_Dritter Mann_

Wo dieses groe Fest stattfinden soll, weit du. Welchen Weg gehen wir?

_Stadtwchter_

Eine Strae ist hier genau so gut wie die andre. Jede Strae wird euch
hinfhren. Geht geradeaus, und ihr knnt den Ort nicht verfehlen.

Ab.

_Erster Mann_

Hrt nur, was der Narr sagt: Jede Strae wird euch hinfhren! Was
htte das dann fr einen Sinn, so viele Straen zu haben?

_Zweiter Mann_

Du brauchst darber nicht so auer dir zu sein, mein Lieber. Es steht
einem Land frei, seine Sachen auf seine eigne Art einzurichten. Was
Straen betrifft in unserm Land -- nun, so sind so gut wie keine
vorhanden; enge, krumme Gchen, ein Labyrinth von Wagen- und Fuspuren.
Unser Knig glaubt nicht an freie Fahrstraen; er meint, so viele
Straen im Land, so viele Ausgnge fr seine Untertanen, seinem
Knigreich zu entfliehen. Hier ist es gerade das Umgekehrte; niemand
steht einem im Weg, niemand hat etwas dagegen, da man anderswohin geht,
wenn man Lust hat; und doch denken die Leute nicht daran, dieses Reich
zu verlassen. Bei solchen Straen wre unser Land sicher in krzester
Frist entvlkert.

_Erster Mann_

Mein lieber Janardan, ich habe immer bemerkt, da das ein groer Fehler
an deinem Charakter ist.

_Janardan_

Was denn?

_Erster Mann_

Da du immer auf dein Land sticheln mut. Wie kannst du glauben, freie
Landstraen knnten fr ein Land gut sein? Sieh einmal, Kaundilya,
da ist ein Mann, der tatschlich glaubt, freie Landstraen seien die
Rettung fr ein Land.

_Kaundilya_

Nun, Bhavadatta, ich brauche wohl nicht erst von neuem festzustellen,
da Janardan mit einem merkwrdig schiefen Verstand gesegnet ist, der
ihn sicher eines Tages in Gefahr bringen wird. Wenn der Knig von unserm
werten Freund zu hren bekommt, wird er es ihm nicht gerade leicht
machen, einen zu finden, der fr sein Begrbnis sorgt, wenn er tot ist.

_Bhavadatta_

Man hat doch das Gefhl, da das Leben in diesem Lande recht schwer sein
mu; man vermit die Freuden der Einsamkeit in diesen Straen -- dieses
Drngen und Schulterstreifen mit fremden Menschen bei Tag und Nacht lt
einen nach einem Bad verlangen. Und mit was fr einer Sorte Menschen mag
man auf diesen ffentlichen Wegen zusammenkommen -- puh!

_Kaundilya_

Und gerade Janardan hat uns berredet, in dieses kostbare Land zu
kommen! Wir hatten nie einen Zweiten seines Schlages in unsrer Familie.
Du hast meinen Vater natrlich gekannt; er war ein groer Mann, ein
frommer Mann wie nur einer. Er verbrachte sein ganzes Leben innerhalb
eines Kreises von 49 Ellen Radius, der mit peinlicher Befolgung der
Gebote der heiligen Schriften gezogen war, und nie berschritt er diesen
Kreis auch nur ein einziges Mal. Nach seinem Tode erhob sich eine
ernsthafte Schwierigkeit -- wie sollte man ihn innerhalb der Grenzen
der 49 Ellen und doch auerhalb des Hauses verbrennen? Schlielich
entschieden die Priester, da wir zwar nicht ber die Schriftzahl
hinausgehen durften, da es aber einen Weg aus der Schwierigkeit gab,
die Ziffer umzukehren und 94 Ellen zu nehmen; nur so konnten wir ihn
auerhalb des Hauses verbrennen, ohne die heiligen Bcher zu verletzen.
Auf mein Wort, _das_ war genaue Befolgung! Unser Land hat wirklich nicht
leicht seinesgleichen.

_Bhavadatta_

Und doch will Janardan, der dem nmlichen Boden entstammt, uns
weismachen, freie Landstraen seien das beste fr ein Land.

Die Fremden gehen ab.

Der Grovater mit einer Knabenschar tritt auf.

_Grovater_

Jungen, heute mssen wir es mit dem wilden Sdwind aufnehmen -- und wir
wollen uns nicht schlagen lassen. Wir wollen singen, bis wir mit unsern
Jubelliedern alle Straen berflutet haben.

_Lied_

  Das Sdtor ist entriegelt. Komm, mein Frhling, komm!
  Schwing' dich zum Schwung meines Herzens, komm, mein Frhling, komm!
  Komm in den lispelnden Blttern, in den Blten, die froh sich
      verschwenden;
  Komm in den Fltenliedern und den sehnenden Seufzern der Wlder!
  La dein loses Gewand wild flattern im trunkenen Wind! komm, mein
      Frhling, komm!

Ab.

Eine Schar von Brgern tritt auf.

_Erster Brger_

Schlielich kann man nur wnschen, da der Knig sich wenigstens an
diesem einen Tag htte sehen lassen. Es ist doch sehr schade: man lebt
in seinem Knigreich und hat ihn noch nicht ein einziges Mal gesehen!

_Zweiter Brger_

Kenntest du nur den wirklichen Sinn dieses Geheimnisses! Ich knnte ihn
dir sagen, wenn du schweigen knntest.

_Erster Brger_

Lieber Freund, wir wohnen beide im nmlichen Stadtviertel, aber hast
du je gehrt, da ich irgend jemandes Geheimnis ausgeplaudert htte?
Natrlich, die Sache damals, als dein Bruder beim Graben eines Brunnens
einen Schatz gefunden hatte -- nun, du weit ganz gut, warum ich darber
reden mute. Du kennst den ganzen Zusammenhang.

_Zweiter Brger_

Natrlich kenne ich ihn. Und weil ich ihn kenne, frage ich, knntest du
schweigen? Weit du, es knnte Verderben fr uns alle bedeuten, wenn du
ein einziges Mal davon sprchest.

_Dritter Brger_

Du bist mir ein netter Mensch, Virupakscha! Warum brennst du darauf, ein
Unheil herbeizufhren, das bis jetzt nur geschehen _kann_? Wer wird die
Verantwortung auf sich nehmen wollen, dein Geheimnis sein ganzes Leben
lang zu wahren?

_Virupakscha_

Es war nur, weil die Rede darauf kam -- also gut, ich werde nichts
sagen. Ich bin nicht der Mann, der unntz redet. Ihr hattet selbst
die Frage aufs Tapet gebracht, da der Knig sich nie zeigt; und ich
bemerkte blo, es sei nicht umsonst, da der Knig sich vor dem Blick
der ffentlichkeit verschliet.

_Erster Brger_

Bitte, sag uns, warum, Virupakscha.

_Virupakscha_

Natrlich nehme ich keinen Anstand, es euch zu sagen -- wir sind ja
alle gute Freunde, nicht wahr? Das kann nicht gefhrlich sein. (_Mit
leiser Stimme:_) Der Knig -- ist -- hlich --, so hat er den Entschlu
gefat, sich seinen Untertanen nie zu zeigen.

_Erster Brger_

Hah! Das ist es! Das mu es sein. Wir haben uns immer gewundert..., der
bloe Anblick eines Knigs lt die Menschen in allen Lndern vor Furcht
zittern wie Espenlaub; warum sollte da _unser_ Knig sich von keinem
sterblichen Auge je sehen lassen? Selbst wenn er nur herauskme, um uns
alle zum Galgen zu verdammen, knnten wir sicher sein, da unser Knig
kein Trug ist. Schlielich scheint mir Virupakschas Erklrung doch ganz
einleuchtend.

_Dritter Brger_

Nicht die Spur -- ich glaube keine Silbe davon.

_Virupakscha_

Wie, Vischu, willst du sagen, ich wre ein Lgner?

_Vischu_

Das gerade nicht -- aber ich kann deine Theorie nicht annehmen.
Entschuldige mich, ich kann nichts dafr, wenn ich ein bichen grob und
plump scheine.

_Virupakscha_

Kein Wunder, da du an meine Worte nicht glauben kannst -- wo du dich
weise genug dnkst, die Meinungen deiner Eltern und Oberen zu verwerfen.
Wie lange, glaubst du, httest du in diesem Lande bleiben drfen, wenn
der Knig nicht im Verborgenen bliebe? Du bist nicht besser als ein
offenkundiger Ketzer.

_Vischu_

Mein lieber Pfeiler der Rechtglubigkeit! Glaubst du, irgendein anderer
Knig htte gezgert, dir die Zunge abschneiden und sie den Hunden zum
Fra vorwerfen zu lassen? Und du hast die Stirne, zu sagen, unser Knig
wre den Augen ein Greuel?

_Virupakscha_

Hr einmal, Vischu, willst du deine Zunge im Zaum halten?

_Vischu_

Man braucht wohl nicht erst festzustellen, wessen Zunge einen Zaum
braucht.

_Erster Brger_

Jetzt wird die Sache gefhrlich. Da mache ich lieber nicht mit.

Ab.

Eine Zahl Mnner tritt auf, die in lrmendem bermut _Grovater_ mit
sich schleppen.

_Zweiter Brger_

Gropapa, etwas fllt mir heute auf...

_Grovater_

Was ist es?

_Zweiter Brger_

Dies Jahr hat jedes Land seine Leute zu unserm Fest entsandt, doch
jedweder fragt: Alles ist reizend und schn -- wo aber ist euer Knig?
und wir wissen nicht, was wir antworten sollen. Das ist die eine groe
Lcke, die sich jedem in unserm Lande fhlbar machen mu.

_Grovater_

Lcke, sagst du! Wie, das ganze Land ist ganz erfllt und geladen und
gestopft voll von dem Knig: und du nennst ihn eine Lcke! Wie, er hat
jeden einzigen unter uns zum gekrnten Knig gemacht!

_Gesang_

  Wir sind alle Knige im Knigreich unsres Knigs.
  Wr es nicht so, wie knnten wir hoffen, im Herzen ihm zu begegnen!
  Wir tun, was wir wollen, und tun doch, was er will;
  Nicht als furchtgefesselte Sklaven liegen wir ihm zu Fen.
  Wr es nicht so, wie knnten wir hoffen, im Herzen ihm zu begegnen!
  Unser Knig ehrt jedweden von uns, und dadurch ehrt er sich selbst.
  Keine Armseligkeit kann uns fr immer umschlieen mit ihren Wllen
      der Lge.
  Wr es nicht so, wie knnten wir hoffen, im Herzen ihm zu begegnen!
  Wir bahnen uns mhsam den eigenen Pfad und erreichen so seinen am
      Ende.
  Wir knnen nimmer verlorengehn im Abgrund der dunklen Nacht.
  Wr es nicht so, wie knnten wir hoffen, im Herzen ihm zu begegnen!

_Dritter Brger_

Aber wirklich, ich kann die sinnlosen Sachen nicht mit anhren, die die
Leute ber unsern Knig sagen, blo weil er sich nicht ffentlich zeigt.

_Erster Brger_

Stellt euch nur vor! Jeder, der mich beleidigt, kann bestraft werden,
whrend niemand einem Schuft den Mund stopfen kann, dem es einfllt,
auf den Knig zu schimpfen.

_Grovater_

Der Schimpf kann den Knig nicht treffen. Mit einem bloen Hauch kannst
du die Flamme ausblasen, die eine Lampe von der Sonne borgt, aber
wenn auch die ganze Welt versuchte, die Sonne auszublasen, bliebe ihr
strahlender Glanz unverdunkelt und ungeschwcht wie zuvor.

Vischu und Virupakscha treten auf.

_Vischu_

Da ist der Grovater! Hr doch, dieser Mann geht herum und erzhlt
jedem, unser Knig kme nicht heraus, weil er hlich wre.

_Grovater_

Aber warum macht dich das rgerlich, Vischu? _Sein_ Knig mu hlich
sein, denn wie knnte sonst Virupakscha in seinem Knigreich so ein
Gesicht haben? Er formt seinen Knig nach seinem Bilde, wie er es im
Spiegel sieht.

_Virupakscha_

Grovater, ich will keine Namen nennen, aber keinem wrde es einfallen,
dem nicht zu glauben, der mir die Neuigkeit anvertraute.

_Grovater_

Bist du selbst denn nicht die beste Autoritt?!

_Virupakscha_

Aber ich knnte dir Beweise geben...

_Erster Brger_

Die Unverschmtheit dieses Burschen kennt keine Grenzen! Nicht
zufrieden, mit dreister Stirn ein abscheuliches Gercht zu verbreiten,
will er seine Lgen mit Frechheit aufwgen.

_Zweiter Brger_

Warum nehmen wir ihm nicht in ganzer Lnge das Ma hier am Boden?

_Grovater_

Warum so hitzig, Freunde? Der arme Kerl feiert sein Fest auf seine Art,
indem er die Hlichkeit seines Knigs besingt. Geh nur, Virupakscha,
du wirst eine Menge Leute finden, die bereit sind, dir zu glauben! Viel
Glck in ihrer Gesellschaft.

Sie gehen ab.

Die _Gesellschaft der Fremden_ tritt wieder auf.

_Bhavadatta_

Mir kommt der Gedanke, Kaundilya, da dieses Volk berhaupt keinen Knig
hat. Sie haben es irgendwie zuwege gebracht, das Gercht in Umlauf zu
halten.

_Kaundilya_

Ich glaube, du hast recht. Wir wissen alle, da das Hchste, was einem
in jedem Lande ins Auge fllt, der Knig ist, der natrlich keine
Gelegenheit versumt, sich sehen zu lassen.

_Janardan_

Aber seht die gute Zucht und Ordnung, die in dem ganzen Orte herrscht --
wie erklrst du das ohne einen Knig?

_Bhavadatta_

So, das ist also die Weisheit, zu der du gekommen bist, und hast so
lange unter einem Herrscher gelebt? Wozu brauchte man einen Knig, wenn
man schon Zucht und Ordnung htte?

_Janardan_

All diese Menschen sind versammelt, um auf diesem Fest froh zu sein.
Meinst du, sie knnten dergestalt in einem Lande der Anarchie zusammen
kommen?

_Bhavadatta_

Mein lieber Janardan, du umgehst, wie gewhnlich, worum es sich in
Wirklichkeit handelt. Was Zucht und Ordnung anlangt, da gibt es keine
Frage und auch die Festesfreude ist klar genug: soweit besteht keine
Schwierigkeit. Aber wo ist der Knig? Hast du ihn gesehen? Das mut du
uns sagen.

_Janardan_

Was ich zu sagen habe, ist dieses: man wei aus Erfahrung, da Chaos und
Anarchie sein kann, selbst wo ein Knig da ist: aber was sehen wir hier?

_Kaundilya_

Immer kommst du mit deinen Ausflchten. Warum kannst du nicht auf
Bhavadattas Frage eine gerade Antwort geben -- Hast du den Knig
gesehen, oder hast du ihn nicht gesehen! Ja oder nein?

Sie gehen ab.

Eine Schar von Mnnern tritt auf und singt.

_Lied_

  Mein Geliebter ist nimmer in meinem Herzen,
  Darum erblick ich ihn allberall,
  Er wohnt in der Tiefe meiner Augen,
  Darum erblick ich ihn allberall.
  Ich wanderte weit, seine Worte zu hren,
  Ach, aber vergebens!
  Als ich heimkam, hrte ich sie
  In meinen eigenen Liedern.
  Wer bist du und suchst ihn wie ein Bettler von Tr zu Tr!
  Komm an mein Herz und erblicke sein Antlitz in den Trnen meiner
      Augen!

_Herolde_ und _Leibwchter_ des _Knigs_ treten auf.

_Erster Herold_

Platz da! Rumt die Strae, allesamt!

_Erster Brger_

Oho, Mann, wofr hltst du dich? Angeboren scheint dir dieser stolze
Schritt nicht gerade zu sein, mein Freund. -- Warum Platz da, werter
Herr? Warum sollen wir von der Stelle weichen? Sind wir Straenhunde,
oder was sonst?

_Zweiter Herold_

Der Knig kommt dieses Wegs.

_Zweiter Brger_

Knig? Was fr ein Knig?

_Erster Herold_

Unser Knig, der Knig dieses Landes.

_Erster Brger_

Wie, ist der Bursche toll? Wer hat je gehrt, da unser Knig herauskam
und sich solche Schreier zu Herolden whlte.

_Zweiter Herold_

Der Knig will sich nicht lnger seinen Untertanen entziehen. Er kommt,
um das Fest selbst zu leiten.

_Zweiter Brger_

Bruder, verhlt sich das so?

_Zweiter Herold_

Sieh hin, dort flattert sein Banner.

_Zweiter Brger_

Ah, wirklich, das ist eine Fahne.

_Zweiter Herold_

Siehst du die rote _Kimschuk_-Blte darauf gemalt?

_Zweiter Brger_

Ja, ja, es ist wirklich der _Kimschuk_! -- welch strahlende
Scharlachblte!

_Erster Herold_

Nun also, glaubst du uns nun?

_Zweiter Brger_

Ich hab nie gesagt, ich glaubte euch nicht. Der Bursche da, Kumbha, hat
den ganzen Lrm angefangen. Hab ich ein Wort gesagt?

_Erster Herold_

Einen dicken Bauch hat er ja, aber innen ist er vielleicht ganz leer; du
weit, ein leerer Topf drhnt am lautesten.

_Zweiter Herold_

Was ist das fr einer? Ist er irgendwie mit euch verwandt?

_Zweiter Brger_

Ganz und gar nicht. Er ist nur eben ein Vetter vom Schwiegervater
unsres Dorfschulzen, und er wohnt nicht einmal im selben Teil unsres
Dorfes wie wir.

_Zweiter Herold_

Aha! so sieht er auch aus! Wie der Vetter siebenten Grades von irgend
jemandes Schwiegervater, und sein Verstndnis scheint auch den Stempel
der Schwiegeronkelschaft zu tragen.

_Kumbha_

Ach, liebe Freunde, manch bitterer Kummer hat meinem armen Geist einen
Sto versetzt, bis er so geworden ist. Erst unlngst kam ein Knig
und prunkte in den Straen und sandte so viele Titel vor sich her wie
Trommeln, die durch ihren Lrm den Aufenthalt in der Stadt unertrglich
machten... Was tat ich nicht alles, um ihm zu dienen und zu Gefallen
zu sein! Ich berschttete ihn mit Geschenken, ich hing mich an ihn wie
ein Bettler -- und schlielich fand ich den Druck auf meine Einnahmen
zu schwer zu tragen. Aber was war das Ende der ganzen Pracht und
Majestt? Als man ihm mit Gesuchen und Bitten nahte, da konnte er im
Kalender keinen einzigen gnstigen Tag entdecken: obschon alle Tage rot
angestrichen waren, wenn _wir_ unsre Steuern zu zahlen hatten!

_Zweiter Herold_

Willst du etwa zu verstehen geben, unser Knig wre ein falscher Knig
wie der, den du beschrieben hast?

_Erster Herold_

Herr Schwiegeronkel, ich glaube, es ist an der Zeit fr dich, dem
Schwiegertantchen Adieu zu sagen.

_Kumbha_

Bitte, ihr Herren, seid nicht bse. Ich bin ein armes Geschpf -- ich
bitte ergebenst um Entschuldigung, ihr Herren: ich will alles dazu tun.
Ich bin gern bereit, so weit weg zu gehen, wie es euch beliebt.

_Zweiter Herold_

Schon recht, kommt hierher und bildet Spalier. Der Knig wird gleich
kommen -- wir wollen gehen und ihm den Weg bereiten.

Sie gehen weiter.

_Zweiter Brger_

Mein lieber Kumbha, deine Zunge wird noch einmal dein Tod sein.

_Kumbha_

Freund Madhav, es ist nicht meine Zunge, es ist Schicksal. Als der
falsche Knig auftrat, sagte ich kein einziges Wort, obwohl mich das
nicht abhielt, mit dem ganzen Selbstvertrauen der Unschuld ber meine
eigenen Fe zu stolpern. Und jetzt, wo vielleicht der wirkliche Knig
gekommen ist, mu ich glattweg Hochverrat in den Tag reden. Es ist
Schicksal, lieber Freund!

_Madhav_

Mein Grundsatz ist, dem Knig immer zu gehorchen -- es macht nichts aus,
ob er ein echter oder falscher ist. Was wissen wir von Knigen, da wir
ber sie urteilen sollten! Es ist gerade, wie wenn man im Dunkeln Steine
wirft -- man ist fast sicher, sein Ziel zu treffen. Ich gehorche immerzu
und huldige -- ist es ein richtiger Knig, gut und schn; wenn nicht,
was schadet es?

_Kumbha_

Mir wre es schon einerlei, wenn die Steine nichts weiter als Steine
wren. Aber es sind oft kostbare Sachen: hier, wie sonstwo, fhrt uns
Verschwendung schlielich zu Armut, mein Freund.

_Madhav_

Da sieh! Da kommt der Knig! Ah, ein Knig wahrhaftig! Was fr eine
Gestalt, was fr ein Gesicht! Wer hat je solch eine Schnheit gesehen
-- wei wie eine Lilie und sanft wie ein Pfirsich! Wie nun, Kumbha? Was
meinst du nun?

_Kumbha_

Er sieht schon recht aus -- ja, soviel ich beurteilen kann, mag er schon
der rechte Knig sein.

_Madhav_

Er sieht aus, als wre er frs Knigsein gegossen und geschnitzt, diese
Gestalt ist zu zart und erlesen fr das gemeine Licht des Tages.

Der Knig tritt auf.

_Madhav_

Heil und Sieg geleite dich, o Knig! Wir stehen hier seit dem frhen
Morgen, um dich zu Gesicht zu bekommen. Ew. Majestt zu Gnaden, verget
uns nicht!

_Kumbha_

Das Geheimnis wird tiefer. Ich will gehen und Grovater holen.

Ab.

Eine andere Schar Mnner tritt auf.

_Erster Mann_

Der Knig, der Knig! Kommt her, schnell, der Knig geht dieses Wegs.

_Zweiter Mann_

Vergi mich nicht, o Knig! Ich bin Vivajadatta, der Enkel Udayadattas
von Kushalivastu. Ich bin auf die erste Kunde, da du kmest, hierher
geeilt -- ich hielt nicht an, um zu hren, was die Leute sagten: all die
Untertanentreue in mir neigte sich dir zu, o Monarch, und brachte mich
her.

_Dritter Mann_

Unsinn! Ich bin frher hier gewesen als du -- vor dem Hahnenschrei. Wo
stecktest du denn da? O Knig, ich bin Bhadrasena, von Vikramasthali.
Geruhe, deinen Diener in deinem Gedchtnis zu bewahren!

_Knig_

Ich bin sehr befriedigt von eurer Treue und Ergebenheit.

_Vivajadatta_

Majestt, gro ist die Zahl der Klagen und Beschwerden, die wir dir
vorzutragen haben: an wen htten wir uns so lange mit unsern Gesuchen
wenden sollen, solange wir deiner erhabenen Gegenwart nicht nahen
durften?

_Knig_

All euren Beschwerden soll abgeholfen werden.

Ab.

_Erster Mann_

Es fhrt zu nichts, uns hinten herumzudrcken, Jungen -- der Knig wird
uns aus den Augen verlieren, wenn wir uns in den Pbel mischen.

_Zweiter Mann_

Seht einmal, was der Narr Narottam dort tut! Er hat sich durch uns alle
hindurchgedrngt und fchelt jetzt dem Knig eifrig mit einem Palmblatt
Khlung zu!

_Madhav_

Wahrhaftig! Nun, nun, die Dreistigkeit dieses Menschen nimmt einem den
Atem.

_Zweiter Mann_

Wir sollten den Kerl anpacken und von der Stelle schaffen -- ist er
berufen, neben dem Knig zu stehen?

_Madhav_

Bildest du dir ein, der Knig durchschaut ihn nicht? Seine
Untertnigkeit ist doch ein bichen zu dick aufgetragen.

_Erster Mann_

Unsinn! Knige knnen Heuchler nicht wittern wie unsereins -- es sollte
mich nicht wundern, wenn der Knig sich von dem unermdlichen Fcheln
dieses Narren einfangen liee.

Kumbha und Grovater treten auf.

Ich sage dir -- er ist jetzt eben durch diese Strae gekommen.

_Grovater_

Ist das ein ganz unfehlbarer Beweis seines Knigtums?

_Kumbha_

O nein, aber alle haben ihn gesehen! Nicht einer oder zwei, sondern
Hunderte und Tausende auf beiden Seiten der Strae haben ihn mit eigenen
Augen gesehen.

_Grovater_

Das eben macht die ganze Sache verdchtig. Wann wre _unser_ Knig
je drauf ausgegangen, die Augen des Volks durch Pomp und Geprnge zu
blenden? Er ist nicht der Knig, solch einen Spektakel zu erregen, wenn
er durch das Land reist.

_Kumbha_

Aber es mag ihm beliebt haben, es bei dieser wichtigen Gelegenheit zu
tun: das kann man nicht sicher wissen.

_Grovater_

O ja, man kann! Mein Knig kennt keine Wetterfahnenlaune und neigt nicht
zu phantastischen Einfllen.

_Kumbha_

Aber Grovater, ich wollte nur, ich knnte ihn dir beschreiben! So
sanft, so zart und fein wie eine Wachspuppe! Als ich ihn sah, verlangte
es mich, ihn vor der Sonne zu schirmen, ihn mit meinem ganzen Leibe zu
schtzen.

_Grovater_

Ach, du Narr, du kostbarer Esel, der du bist! _Mein_ Knig eine
Wachspuppe, und _du_ ihn schtzen!

_Kumbha_

Aber im Ernst, Gropapa, er ist ein herrlicher Gott, ein Wunder an
Schnheit: ich finde keine einzige Gestalt in dieser weiten Versammlung,
die neben seiner unvergleichlichen Lieblichkeit bestehen knnte.

_Grovater_

Wenn es meinem Knig beliebte, sich zu zeigen, wrden deine Augen ihn
nicht bemerken. Er wrde nicht dergestalt ber die andern hervorragen --
er ist einer aus dem Volk, er mischt sich unter den gemeinen Pbel.

_Kumbha_

Aber sagte ich dir nicht, da ich sein Banner gesehen habe?

_Grovater_

Was fr ein Zeichen trug sein Banner?

_Kumbha_

Es war eine rote _Kimschuk_-Blte darauf gemalt -- das hell leuchtende
Rot blendete meine Augen.

_Grovater_

_Mein_ Knig fhrt einen Donnerkeil in einem Lotus in seinem Banner.

_Kumbha_

Aber alle sagen sie, der Knig sei zu diesem Feste gekommen: _alle_.

_Grovater_

Gewi ist er das: aber er hat keine Herolde, kein Heer, kein Gefolge,
keine Musikbanden und keine Laternen, die ihn begleiten.

_Kumbha_

So knnte ihn, scheint's, niemand in seinem Inkognito erkennen.

_Grovater_

Vielleicht gibt es ein paar, die es knnen.

_Kumbha_

Und die ihn erkennen -- gewhrt ihnen der Knig alles, was sie begehren?

_Grovater_

Aber sie begehren nie etwas. Kein Bettler wird je den Knig kennen. Der
grere Bettler sieht in den Augen des kleineren Bettlers wie ein Knig
aus. O Narr, der Mann, der heute auf die Strae gegangen ist, in Purpur
und Gold angetan, um dich anzubetteln -- ihn posaunst du als deinen
Knig aus! ... Ah, da kommt mein toller Freund! O kommt, meine Brder!
wir drfen den Tag nicht mit eitlem Streiten und Schwatzen verbringen --
geben wir uns jetzt toller Lustbarkeit, wildem Entzcken hin!

Der tolle Freund tritt auf, singend.

Lchelt ihr, Freunde? Lacht ihr, Brder? Ich streife herum und suche
den goldenen Hirsch! Ja, ach ja, ich schaue den Leichtfu, und immer
entwischt er mir!

Oh, er flitzt und blinkt wie ein Blitz und schon ist er weg, der wilde
Waldvagabund! Nahe dich ihm, und im Nu ist er fern; ein Gewlk von
Dunst und Staub bleibt dir zurck! Doch streif ich herum und suche den
goldenen Hirsch, wenn ich ihn nimmer auch fangen mag in dieser Wildnis!
Oh, ich streife und wandre durch Wlder und Felder und namenlose Gefilde
wie ein rastloser Landstreicher und denk nicht an Umkehr.

Ihr alle kommt zum Kauf auf den Markt und kehrt heim mit Waren und
Vorrat beladen: mich aber haben die wilden Winde aus unerklimmbaren
Hhen gestreift und gekt; ich wei nicht wann und wo.

All meine Habe hab ich von mir geworfen, um zu erlangen, was nie mein
worden ist! Und ihr whnt, mein Klagen und meine Trnen gelten den
Dingen, die so ich verlor!

Mit Lachen und Singen im Herzen hab ich Kummer und Gram weit hinten
gelassen: Oh, ich streife und wandre durch Wlder und Felder und
namenlose Lnder -- und denk nicht daran, meine Fahrt zu enden.




II.


Ein dunkles Gemach. Knigin Sudarschana. Ihre Ehrendame, Surangama.

_Sudarschana_

Licht, Licht! Wo ist Licht? Wird in diesem Gemach nie die Lampe
entzndet werden?

_Surangama_

Meine Knigin, all deine andern Gemcher sind erleuchtet -- will es
dich nie verlangen, aus dem Licht in einen dunkeln Raum wie diesen zu
entrinnen?

_Sudarschana_

Aber warum soll dieser Raum dunkel gehalten werden?

_Surangama_

Weil du sonst weder Licht noch Dunkelheit kennen wrdest.

_Sudarschana_

Durch deinen Aufenthalt in dieser dunklen Kammer bist du dazu gekommen,
dunkel und seltsam zu reden -- ich kann dich nicht verstehen,
Surangama. Sag mir aber, in welchem Teil des Palastes liegt dies
Gemach? Ich kann weder den Eingang zu dieser Kammer erkennen noch den
Weg hinaus.

_Surangama_

Diese Kammer liegt tief drunten, ganz im Herzen der Erde. Der Knig hat
dies Gemach eigens um deinetwillen gebaut.

_Sudarschana_

Nun, er hat doch keinen Mangel an Gemchern -- warum brauchte er diese
dunkle Kammer eigens fr mich machen lassen?

_Surangama_

Du kannst andre in den hellen Zimmern empfangen: doch deinen Herrn nur
in diesem dunklen Gemach.

_Sudarschana_

Nein, nein -- ich kann nicht leben ohne Licht -- ich habe keine Ruhe in
dieser erstickenden Finsternis. Surangama, wenn du ein Licht in diese
Kammer bringen kannst, schenke ich dir mein Halsband hier.

_Surangama_

Es steht nicht in meiner Macht, o Knigin. Wie kann ich Licht an einen
Ort bringen, den er immer im Dunkel gehalten haben will!

_Sudarschana_

Seltsame Treue! Und doch -- ist es nicht wahr, da der Knig deinen
Vater bestraft hat?

_Surangama_

Ja, das ist wahr. Mein Vater hatte sich dem Spiel ergeben. Alle jungen
Leute des Landes pflegten in meines Vaters Haus zusammen zu kommen --
und da tranken sie immer und spielten.

_Sudarschana_

Und gab es dir nicht die Empfindung bitterer Bedrckung, als der Knig
deinen Vater in die Verbannung schickte?

_Surangama_

Oh, es machte mich ganz rasend. Ich war auf dem Weg zu Untergang und
Vernichtung: als diese Bahn mir verschlossen war, schien ich mir ohne
irgendeine Hilfe zurckgeblieben, ohne Beistand noch Schutz. Ich raste
und tobte wie ein wildes Tier im Kfig -- wie verlangte es mich alles in
Stcke zu zerreien in meiner ohnmchtigen Wut!

_Sudarschana_

Aber wie kamst du zu dieser Hingebung an eben den nmlichen Knig?

_Surangama_

Wie kann ich es sagen? Vielleicht fate ich Vertrauen zu ihm, gerade
_weil_ er so hart, so unbarmherzig war!

_Sudarschana_

Wann trat dieser Stimmungswechsel ein?

_Surangama_

Das knnte ich nicht sagen -- ich wei das selbst nicht. Es kam ein Tag,
wo all der Aufruhr in mir sich geschlagen gab, und dann beugte sich
meine ganze Natur in demtiger Ergebung in den Staub der Erde. Und dann
sah ich ... ich sah, da er an Schnheit ebenso ohnegleichen war wie an
Schrecknis. Oh, ich war gerettet, ich war erlst.

_Sudarschana_

Sage mir, Surangama, ich flehe dich an, willst du mir nicht sagen, wie
der Knig aussieht? Ich habe ihn noch nicht ein einziges Mal gesehen.
Er kommt zu mir in Dunkelheit, und lt mich wieder in diesem dunklen
Gemach zurck. Wie viele Menschen habe ich nicht gefragt -- aber sie
geben alle unbestimmte und dunkle Antworten -- es scheint mir, da sie
alle mit etwas zurckhalten.

_Surangama_

Die Wahrheit zu sagen, Knigin, so knnte ich nicht gut angeben, wie er
aussieht. Nein -- er ist nicht, was man schn nennt.

_Sudarschana_

Das ist doch wohl nicht dein Ernst? Nicht schn!

_Surangama_

Nein, meine Knigin, er ist nicht schn. Ihn schn zu nennen, wre viel
zu wenig von ihm gesagt.

_Sudarschana_

So sind all deine Worte -- dunkel, seltsam und unbestimmt. Ich kann
nicht verstehen, was du meinst.

_Surangama_

Nein, ich will ihn _nicht_ schn nennen. Und eben weil er nicht
schn ist, ist er so herrlich, so wunderbar!

_Sudarschana_

Ich verstehe dich nicht ganz -- obwohl ich dich gern von ihm reden hre.
Aber ich mu ihn um jeden Preis sehen. Ich besinne mich nicht einmal
auf den Tag, wo ich ihm angetraut wurde. Ich hrte Mutter sagen, da
vor meiner Hochzeit ein weiser Mann kam und sagte: Der eure Tochter
ehelichen will, ist ohnegleichen auf dieser Erde. Wie oft habe ich
sie gebeten, mir sein ueres zu beschreiben, aber sie antwortet nur
unbestimmt und sagt, sie kann es nicht sagen -- sie sah ihn durch einen
Schleier, schwach und dunkel. Aber wenn er der beste der Menschen ist,
wie kann ich stillsitzen, ohne ihn gesehen zu haben.

_Surangama_

Sprst du nicht ein leises Lftchen wehen?

_Sudarschana_

Ein Lftchen? Wo?

_Surangama_

Merkst du nicht einen leisen Duft?

_Sudarschana_

Nein!

_Surangama_

Das groe Tor hat sich geffnet ... er kommt; mein Knig naht.

_Sudarschana_

Wie kannst du es merken, wenn er kommt?

_Surangama_

Ich kann's nicht sagen: mir ist, als hrte ich seine Tritte in meinem
Herzen. Da ich die Magd seiner dunklen Kammer bin, habe ich einen Sinn
entwickelt -- ich kann erkennen und fhlen, ohne zu sehen.

_Sudarschana_

Ich wollte, ich htte diesen Sinn auch, Surangama!

_Surangama_

Du wirst ihn bekommen, o Knigin ... dieser Sinn wird in dir eines Tages
erwachen. Deine Sehnsucht, ihn zu sehen, raubt dir die Ruhe, und darum
ist all dein Sinn gespannt und in die falsche Richtung gelenkt. Wenn du
diesen Zustand fieberhafter Ruhelosigkeit hinter dir hast, wird alles
ganz leicht werden.

_Sudarschana_

Wie kommt das, da es dir, der Magd, so leicht ist, und mir, der
Knigin, so schwer?

_Surangama_

Eben weil ich eine bloe Magd bin, hemmt mich keine Schwierigkeit.
Als er am ersten Tag dies Gemach meiner Obhut vertraute und sagte:
Surangama, du wirst diese Kammer immer fr mich in Bereitschaft halten,
das ist deine ganze Aufgabe, da sagte ich nicht, nicht einmal in
Gedanken: Oh, gib mir die Arbeit derer, die fr das Licht in den andern
Gemchern sorgen. Nein, sondern sowie ich all meinen ganzen Sinn auf
diese Aufgabe richtete, erwachte eine Gewalt in mir und wuchs und wurde
ohne Widerstand Herr ber jeden Teil von mir... Oh, da kommt er!... er
steht drauen, vor der Tr. Herr! O Knig!

_Gesang von auen_

  ffne die Tr. Ich warte.
  Die Fhre des Lichts von Dmmrung zu Dunkel ist ruhen gegangen,
  Der Abendstern steht am Himmel.
  Hast du Blumen bereit, das Haar dir geflochten,
  Umfliet dich wei dein Kleid zur Nacht?
  Das Vieh kam heim in den Pferch und die Vgel in ihre Nester.
  Die wirr sich kreuzenden Pfade sind in Dunkel getaucht.
  ffne die Tr. Ich warte.

_Surangama_

O Knig, wer kann deine eignen Tore vor dir versperrt halten? Sie sind
nicht geschlossen oder verriegelt -- sie werden sich weit aufschwingen,
wenn du sie nur mit dem Finger berhrst. Willst du sie nicht nur ein
wenig berhren? Willst du nicht eintreten, bis ich gehe und die Tore
ffne?

_Gesang_

  Mit einem Hauch kannst du meine Schleier lften, Herr!
  Wenn ich im Staub entschlafe und deinen Ruf nicht hre, wrdest du
      warten, bis ich erwache?
  Wrde die Erde nicht beben unter dem donnernden Rad deines
      Streitwagens?
  Wrdest du nicht das Tor zertrmmern und ungebeten eingehn in dein
      eigenes Haus?

Dann geh du, o Knigin, und ffne die Tr fr ihn: er wird sonst nicht
eintreten.

_Sudarschana_

Ich sehe nichts deutlich im Dunkel -- ich wei nicht, wo die Tr ist. Du
kennst hier alles -- geh und ffne die Tr fr mich.

Surangama ffnet die Tr, verbeugt sich tief vor dem Knig und geht
hinaus. Der Knig bleibt whrend dieses ganzen Stckes unsichtbar.

_Sudarschana_

Warum erlaubst du mir nicht, dich im Licht zu sehen?

_Knig_

So willst du mich zwischen tausend Dingen im hellen Tageslicht sehen!
Warum sollte ich nicht das einzige sein, was du in dieser Dunkelheit
fhlen kannst?

_Sudarschana_

Aber ich _mu_ dich sehen -- mich verlangt es brennend nach deinem
Anblick.

_Knig_

Du wirst nicht imstande sein, meinen Anblick zu ertragen -- er wird dir
nur Qual bereiten, brennend heie Qual.

_Sudarschana_

Wie kannst du sagen, da ich deinen Anblick nicht zu ertragen vermchte!
Oh, ich kann schon in diesem Dunkel fhlen, wie lieblich und wunderbar
du bist: warum sollte ich im Licht vor dir erschrecken? Aber sage mir,
kannst du mich im Dunkel sehen?

_Knig_

Ja, ich sehe dich.

_Sudarschana_

Was siehst du?

_Knig_

Ich sehe, da die Dunkelheit der unendlichen Himmel, ins Dasein
geschleudert durch die Gewalt meiner Liebe, das Licht von
Sternenmyriaden in sich gesogen und sich verkrpert hat in einer Gestalt
von Fleisch und Blut. Und in dieser Form, was fr onen von Denken und
Ringen, was fr ungezhlte Sehnschte grenzenloser himmlischer Rume,
welche Flle der Gaben aus dem Meer der Zeiten!

_Sudarschana_

Bin ich so wunderbar, bin ich so schn? Hre ich dich so reden, so
schwillt mein Herz von Freude und Stolz. Aber wie kann ich die
wundervollen Dinge glauben, die du mir sagst? Ich kann sie in mir nicht
finden!

_Knig_

Dein eigener Spiegel kann sie nicht wiedergeben -- er setzt dich herab,
beschrnkt dich, lt dich klein und unbedeutend erscheinen. Doch
knntest du dich in meinem Geist gespiegelt sehen, wie gro erschienest
du! In meinem Herzen bist du nicht mehr das alltgliche Einzelwesen, das
du zu sein meinst -- du bist in Wahrheit mein andres Ich.

_Sudarschana_

Oh, zeig' mir fr einen Augenblick, wie man mit deinen Augen sieht! Gibt
es fr dich gar nichts wie Dunkelheit? Ich frchte mich, wenn ich daran
denke. Diese Dunkelheit, die fr mich wirklich und stark wie der Tod
ist -- ist sie fr dich einfach nichts? Wie kann dann berhaupt eine
Gemeinschaft zwischen uns sein, an einem Ort wie diesem? Nein, nein --
es ist unmglich: es besteht eine Schranke zwischen uns beiden: nicht
hier, nein, nicht an diesem Ort. Ich mu dich finden und sehen, wo ich
Bume und Tiere, Vgel und Steine und die Erde sehe --

_Knig_

Nun gut, du kannst versuchen, mich zu finden -- aber niemand wird mich
dir weisen. Du wirst mich erkennen mssen, wenn du kannst, du selbst.
Und selbst wenn jemand sich anheischig macht, mich dir zu zeigen, wie
kannst du gewi sein, da er die Wahrheit sagt?

_Sudarschana_

Ich werde dich kennen; ich werde dich wiedererkennen. Ich werde dich aus
einer Million Menschen herausfinden. Ich kann mich nicht irren.

_Knig_

Gut also, heute nacht, whrend des Frhlingsvollmondfestes, magst du
versuchen, mich von dem hohen Turm meines Palastes aus herauszufinden --
suche nach mir mit deinen eigenen Augen unter der Volksmenge.

_Sudarschana_

Wirst du unter ihr sein?

_Knig_

Ich werde mich wieder und wieder zeigen, berall unter der Menge.
Surangama!

Surangama kommt herein.

_Surangama_

Was gebietest du, Herr?

_Knig_

Heute nacht ist das Frhlingsvollmondfest.

_Surangama_

Was soll ich heute nacht tun?

_Knig_

Heute ist ein Festtag, kein Werktag. Die Lustgrten stehen in voller
Blte -- du wirst da an meinem Feste teilnehmen.

_Surangama_

Ich werde tun, was du wnschest, Herr.

_Knig_

Die Knigin will mich heute nacht mit ihren eigenen Augen sehen.

_Surangama_

Wo soll die Knigin dich sehen?

_Knig_

Wo die Musik am sesten spielt, wo die Luft von Bltenstaub schwer ist
-- dort im silbernen Hain voll weichem Dmmerlicht.

_Surangama_

Was kann dort, wo Dunkel und Licht Versteck spielen, zu sehen sein? Dort
ist der Wind wild und ruhlos, alles ist Tanz und rasche Bewegung -- wird
es die Augen nicht verwirren?

_Knig_

Die Knigin ist neugierig, mich herauszufinden.

_Surangama_

Die Neugier wird enttuscht und in Trnen heimkehren!

_Gesang_

  Ach, sie lstet's zu fliegen, die ruhlosen schweifenden Augen, die
      wilden Vgel des Waldes!
  Doch die Zeit der Ergebung wird fr sie kommen, zu Ende ihr Hin- und
      Herflug, wenn
  Die Zaubermusik sie verfolgt und ihre Herzen durchbohrt.
  Ach, die wilden Vgel verlangt's zu entflieh'n in die Wildnis!




III.


Vor den Lustgrten.

Es treten auf Avanti, Koschala, Kantschi und andere Knige.

_Avanti_

Wird der Knig dieses Ortes uns nicht empfangen?

_Kantschi_

Was ist das fr eine Art, ein Land zu regieren? Der Knig hlt ein Fest
in einem Wald, wo selbst das niedrigste und gemeinste Volk ungehindert
Zutritt hat!

_Koschala_

Wir htten wohl Anspruch auf einen besonders fr uns reservierten und zu
unserem Empfang hergerichteten Platz.

_Kantschi_

Wenn er einen solchen Platz nicht vorbereitet hat, werden wir ihn
zwingen, einen fr uns errichten zu lassen.

_Koschala_

All das macht natrlich zweifelhaft, ob dieses Volk berhaupt einen
Knig hat -- es sieht aus, als ob ein unbegrndetes Gercht uns
irregefhrt htte.

_Avanti_

Das mag sein, was den Knig angeht, aber Sudarschana, die Knigin dieses
Orts, ist durchaus kein unbegrndetes Gercht.

_Koschala_

Nur um ihretwillen hatte ich berhaupt Lust, hierher zu kommen. Es liegt
mir nichts daran, jemanden zu sehen, der sich nie sehen lt, aber es
wre ein trichter Fehler, wenn wir fortgingen, ohne das Wesen gesehen
zu haben, um dessentwillen sich eine Reise im hchsten Grade lohnt.

_Kantschi_

Lat uns denn einen bestimmten Plan entwerfen.

_Avanti_

Ein Plan ist ein treffliches Ding, solange man sich nicht selbst darein
verwickelt.

_Kantschi_

Zum Henker, was ist das fr ein Geschmei, das dort herumschwrmt? He!
wer seid ihr?

Grovater und die Knaben treten auf.

_Grovater_

Wir sind die lustige Schar der Habenichtse.

_Avanti_

Die Einfhrung war berflssig. Aber ihr werdet euch etwas weiter
zurckziehen und uns in Frieden lassen.

_Grovater_

Wir leiden nie unter Mangel an Raum: wir knnen es uns leisten, euch
einen so weiten Spielraum zu lassen, wie euch beliebt. Das Wenige, das
uns gengt, ist nie der Zankapfel zwischen streitenden Parteien. Nicht
wahr, meine kleinen Freunde?

Sie singen.

_Gesang_

  Wir sind die Habenichtse, frwahr, wir haben gar nichts!
  Wir singen lustig trallerala! trallerala!
  's gibt Leute, die bauen sich hohe Mauern aus Husern
  Auf Smpfen mit goldenem Sand.
  Wir stellen uns vor sie und singen
  Trallerala! trallerala!
  Taschendiebe kreisen um uns
  Und ehren uns mit lsternen Blicken.
  Wir schtteln die leeren Taschen und singen
  Trallerala! trallerala!
  Schleicht der Tod, der alte Knochenmann, vor unsre Tr,
  Wir schlagen ihm lachend ein Schnippchen,
  Und singen im Chor mit frhlichen Trillern
  Trallerala! trallerala!

_Kantschi_

Sieh da drben hin, Koschala, was sind das fr Leute, die da des Weges
kommen? Eine Pantomime? Der eine hat sich als Knig maskiert.

_Koschala_

Der Knig dieses Orts mag alle diese Narrenspossen dulden, wir aber
werden dagegen einschreiten.

_Avanti_

Es ist vielleicht ein Huptling vom Lande.

Wachen zu Fu treten auf.

_Kantschi_

Aus welchem Land stammt euer Knig?

_Erster Soldat_

Er ist der Knig dieses Landes. Er rstet sich, das Fest zu leiten.

Sie gehen weiter.

_Koschala_

Wie, der Knig dieses Landes kommt zum Fest!

_Avanti_

Wahrhaftig! Dann werden wir uns mit seinem Anblick begngen und umkehren
mssen -- ohne die reizvolle Knigin gesehen zu haben.

_Kantschi_

Glaubst du wirklich, da der Bursche die Wahrheit sagte? Jeder kann sich
als Knig dieses kniglosen Landes aufspielen. Kannst du nicht sehen,
da der Mensch wie ein aufgeputzter Maskenknig aussieht -- viel zu sehr
herausgeputzt?

_Avanti_

Aber er sieht hbsch aus -- seine Erscheinung ist nicht ohne einen
gewissen geflligen Reiz.

_Kantschi_

Er mag deinem Auge gefllig sein, aber wenn du ihn genau genug
betrachtest, kannst du ihn nicht verkennen. Du wirst sehen, wie ich ihn
vor euch allen entlarve.

Der falsche Knig tritt auf.

_Knig_

Willkommen, Frsten, in unserm Reich! Ich hoffe, meine Wrdentrger
haben geziemend fr euren Empfang gesorgt?

_Knige_ (mit verstellter Hflichkeit)

O ja -- es fehlte nichts am Empfang.

_Kantschi_

Wenn irgend etwas fehlte, so ist es reichlich aufgewogen durch die Ehre,
den Anblick Eurer Majestt genieen zu drfen.

_Knig_

Wir zeigen uns nicht vor der groen ffentlichkeit, aber eure groe
Ergebenheit und Treue macht es uns zum Vergngen, uns euch nicht zu
entziehen.

_Kantschi_

Die Gnade Euer Majestt ist wahrhaft berwltigend fr uns.

_Knig_

Wir frchten, wir werden hier nicht lange verweilen knnen.

_Kantschi_

Ich dachte mir es schon: Ihr seht nicht aus, als ob ihr es lange
aushieltet.

_Knig_

Wenn ihr indessen uns um irgendwelche Gunst bitten mchtet --

_Kantschi_

Das mchten wir: aber wir mchten Euch gern vor etwas weniger Zeugen
sprechen.

_Knig_ (zu seinem Gefolge)

Zieht euch etwas von unsrer Gegenwart zurck. (Sie ziehen sich zurck.)
Nun knnt ihr euer Begehren ohne Rckhalt vorbringen.

_Kantschi_

Wir werden uns schon keine Zurckhaltung auferlegen; wir frchten nur,
da ihr es fr euch selbst werdet ntig finden.

_Knig_

O nein, in der Hinsicht knnt ihr unbesorgt sein.

_Kantschi_

Komm also, huldige uns, indem du uns deinen Kopf zu Fen legst.

_Knig_

Es scheint, meine Diener haben den Varunibranntwein in den
Empfangslagern zu freigiebig verteilt.

_Kantschi_

Falscher Betrger, du bist es, der sich in einem Rausch der berhebung
befindet. Dein Kopf wird bald den Staub kssen.

_Knig_

Ihr Frsten, solche derben Spe sind eines Knigs nicht wrdig.

_Kantschi_

Mnner, die gebhrend mit dir scherzen werden, sind zur Stelle. General!

_Knig_

Nicht weiter, ich fleh' euch an. Ich sehe wohl, ich schulde euch allen
Huldigung. Der Kopf beugt sich von selbst hernieder -- es bedarf
nicht der Anwendung irgendwelcher scharfer Manahmen, um ihn zu Boden
zu legen. So, hier beuge ich mich tief vor euch allen. Wenn ihr mir
freundlich erlaubt, mich davonzumachen, werde ich euch mit meiner
Gegenwart nicht lnger lstig fallen.

_Kantschi_

Warum solltest du dich davonmachen? Wir werden dich zum Knig dieses
Ortes machen -- fhren wir unsern Scherz zu seinem regelrechten Ende.
Hast du irgendwelchen Anhang?

_Knig_

O ja! Alle, die mich auf den Straen sehen, laufen hinter mir her. Als
ich ein mageres Gefolge hatte, betrachtete mich erst jeder argwhnisch,
aber nun mit dem wachsenden Haufen zerstreuen sich die Zweifel immer
mehr. Die Menge wird von ihrer eigenen Gre hypnotisiert. Ich brauche
nun gar nichts weiter zu tun.

_Kantschi_

Ausgezeichnet! Von diesem Augenblick geloben wir alle, dir zu helfen und
zu dir zu stehen. Doch wirst du uns einen Gegendienst leisten mssen.

_Knig_

Eure Befehle werden mir so heilig sein wie die Krone, die ihr mir aufs
Haupt setzt.

_Kantschi_

Gegenwrtig wnschen wir weiter nichts, als die Knigin Sudarschana zu
sehen. Du wirst dafr sorgen.

_Knig_

Ich werde mir alle Mhe darum geben.

_Kantschi_

Zu deinen Bemhungen haben wir nicht viel Vertrauen -- du wirst einfach
dich nach unsern Anweisungen richten. Nun aber kannst du gehen und dich
mit allem mglichen Glanz und Prunk an dem Fest im kniglichen Garten
beteiligen.

Sie gehen fort.

Grovater und eine Schar von Brgern treten auf.

_Erster Brger_

Grovater, ich kann mir nicht helfen -- ja, und fnfhundertmal will ich
es wiederholen -- unser Knig ist ein vollkommener Schwindel.

_Grovater_

Warum nur fnfhundertmal? Kein Grund zu so heldenmtiger
Selbstbeherrschung -- du kannst es fnftausendmal sagen, wenn das dein
Vergngen erhht.

_Zweiter Brger_

Aber du kannst eine tote Lge nicht fr immer aufrechterhalten.

_Grovater_

Sie hat mich lebendig gemacht, mein Freund.

_Dritter Brger_

Wir werden der ganzen Welt verknden, da unser Knig eine Lge ist, der
reinste und leerste Schatten!

_Erster Brger_

Wir werden es alle von unsern Dchern schreien, da wir keinen Knig
haben -- mag er tun, was er will, wenn er existiert.

_Grovater_

Er wird gar nichts tun.

_Zweiter Brger_

Mein Sohn wurde mit fnfundzwanzig Jahren innerhalb einer Woche von
einem hitzigen Fieber vorzeitig dahingerafft. Htte mich solch ein
Unglck unter der Herrschaft eines tugendhaften Knigs betreffen knnen?

_Grovater_

Aber dir sind immer noch zwei Shne geblieben: whrend ich all meine
fnf Kinder hintereinander verloren habe.

_Dritter Brger_

Und was sagst du dazu?

_Grovater_

Was denn? Soll ich meinen Knig dazu verlieren, weil ich meine Kinder
verloren habe? Fr so einen ungeheuren Narren mt ihr mich nicht
halten.

_Erster Brger_

Eine schne Sache, zu streiten, ob ein Knig da ist oder nicht, wenn man
aus Mangel an Nahrung einfach Hungers stirbt! Wird der Knig uns retten?

_Grovater_

Bruder, du hast Recht. Aber warum nicht den Knig suchen, dem all die
Nahrung gehrt. Mit deinem Jammern zu Hause wirst du ihn sicher nicht
finden.

_Zweiter Brger_

Sieh nur die Gerechtigkeit unsres Knigs! Dieser Bhadrasen -- ihr wit
was es fr ein rhrender Anblick ist, wenn er von seinem Knig spricht
-- der rhrselige Dummkopf! Er ist auf einen solchen Grad von Armut
herabgesunken, da selbst die Fledermuse, die bei ihm hausen, den Ort
zu ungemtlich finden.

_Grovater_

Nun, seht nur mich an! Ich schufte und rackre Tag und Nacht fr meinen
Knig, aber ich habe fr meine Mhen noch nicht einen roten Heller
bekommen.

_Dritter Brger_

Nun, und was hltst du davon?

_Grovater_

Was soll ich davon halten? Bezahlt denn jemand seine Freunde? Geht,
Freunde, und sagt, wenn ihr wollt, unsern Knig gebe es nirgends. Auch
das gehrt mit zur Feier dieses Festes.




IV.


Turm des Knigspalastes.

Sudarschana und ihre Freundin Rohini.

_Sudarschana_

Du magst dich irren, Rohini, aber ich kann mich nicht irren: bin ich
nicht die Knigin? Der dort, sicher der dort mu mein Knig sein.

_Rohini_

Er, der dir so hohe Ehre verliehen hat, kann nicht lange zgern, sich
dir zu zeigen.

_Sudarschana_

Seine Gestalt macht mich ruhlos wie einen Vogel im Kfig. Suchtest du,
dich zu vergewissern, wer er ist?

_Rohini_

Ja. Jeder, den ich fragte, sagte, es sei der Knig.

_Sudarschana_

Von welchem Land ist er der Knig?

_Rohini_

Von unserm, Knig dieses Landes.

_Sudarschana_

Du meinst doch den dort, dem ein Sonnenschirm aus Blumen ber das Haupt
gehalten wird?

_Rohini_

Eben den: der, auf dessen Banner die Kimschuk-Blte gemalt ist.

_Sudarschana_

Ich erkannte ihn natrlich sofort, aber du hattest deine Zweifel.

_Rohini_

Wir knnen uns leicht irren, meine Knigin, und wir frchten dich zu
erzrnen, falls wir unrecht haben.

_Sudarschana_

Ich wollte, Surangama wre da! Dann wre kein Zweifel mehr mglich.

_Rohini_

Hltst du sie fr klger als uns alle?

_Sudarschana_

O nein, aber sie wrde ihn sofort erkennen.

_Rohini_

Das kann ich nicht glauben. Sie tut nur so, als ob sie ihn kennte.
Niemand kann dafr brgen, da sie den Knig kennt. Wren wir so
schamlos wie sie, es wre nicht schwer fr uns gewesen, mit unserer
Bekanntschaft mit dem Knig zu prahlen.

_Sudarschana_

Aber nein, sie prahlt niemals.

_Rohini_

Bloe Ziererei, weiter nichts; damit kommt man oft weiter als mit
offenem Prahlen. Sie ist zu allen Streichen fhig: drum mochten wir sie
nie leiden.

_Sudarschana_

Aber sag, was du willst, ich htte sie gern gefragt, wenn sie hier wre.

_Rohini_

Sehr wohl, Knigin. Ich werde sie holen. Sie mu glcklich sein, wenn
sie der Knigin unentbehrlich ist, um den Knig zu erkennen.

_Sudarschana_

O nein -- es ist nicht darum -- aber ich hrte es gern von aller Welt
besttigt.

_Rohini_

Sagt es nicht alle Welt? Da, hre nur hin, die Jubelrufe des Volks
dringen sogar bis zu dieser Hhe empor.

_Sudarschana_

Dann tu mir den einen Dienst: lege diese Blumen auf ein Lotusblatt und
bringe sie ihm.

_Rohini_

Und was soll ich sagen, wenn er fragt, wer sie sendet?

_Sudarschana_

Du wirst nichts zu sagen brauchen -- er wird es wissen. Er meinte,
ich wrde nicht imstande sein, ihn zu erkennen: ich kann ihn nicht
fortlassen, ohne ihm zu zeigen, da ich ihn herausgefunden habe.

Rohini geht mit den Blumen.

_Sudarschana_

Mein Herz ist voll Unruhe heute abend: so war mir nie zuvor zumute. Das
weie, silberne Licht des Vollmonds berflutet den Himmel und perlt nach
allen Seiten wie der sprudelnde Schaum des Weins... Es fat mich wie
ein Taumel von Sehnsucht. Halt, wer ist da?

Eine Dienerin tritt auf.

_Dienerin_

Was befehlen Majestt?

_Sudarschana_

Siehst du dort die frhlichen Knaben, wie sie singend durch die
Laubgnge und Alleen der Mangobume ziehen? Rufe sie her, bring sie zu
mir: ich mchte sie singen hren.

Die Dienerin geht und kehrt mit den Knaben wieder.

Kommt, lebendige Sinnbilder des jugendfrischen Frhlings, hebt euren
Festgesang an! Meine ganze Seele und mein Leib ist heute abend Gesang
und Musik -- doch die unaussprechliche Melodie will mir nicht von der
Zunge: singt ihr denn an meiner Statt!

_Gesang_

  Mein Leid ist mir s, heut in dieser Frhlingsnacht.
  Mein Schmerz greift in die Saiten der Liebe und lt sie leise
      erklingen.
  Lockende Bilder, aus meiner Sehnsucht geboren, gleiten im Mondschein
      dahin.
  Der Duft aus der Tiefe der Wlder verirrt sich in meine Trume.
  Worte kommen flsternd an mein Ohr, ich wei nicht, woher,
  Und die Glckchen an meinen Fuspangen zittern und klingen im Takt zum
      Tanz meines Herzens.

_Sudarschana_

Genug, genug -- ich ertrag' es nicht lnger! Euer Gesang hat meine Augen
mit Trnen gefllt... Mich wandelt es an -- Sehnsucht kann nie ihren
Gegenstand finden -- sie braucht ihn nicht zu finden. Welch lieblicher
Snger der Wildnis hat euch dies Lied gelehrt? O, da meine Augen den
sehen knnten, dessen Gesang meine Ohren gehrt haben! Ach, wie ich mich
sehne -- mich sehne, in Liebesverzckung im Waldesdickicht des Herzens
mich zu verlieren! Liebe Knaben der Waldwildnis! wie soll ich euch
lohnen? Dieses Halsband ist nur aus Juwelen, aus harten Steinen gemacht
-- ihre Hrte wird euch weh tun -- ich besitze nichts dergleichen wie
die Blumenkrnze, die euch zieren.

Die Knaben verbeugen sich und gehen ab.

Rohini tritt auf.

_Sudarschana_

Ich habe nicht recht getan -- ich habe nicht recht getan, Rohini. Ich
schme mich, dich zu fragen, was geschah. Ich habe jetzt eben erkannt,
da keine Hand in Wahrheit die grte der Gaben geben kann. Doch la
mich alles hren.

_Rohini_

Als ich dem Knig die Blumen gab, sah er nicht so aus, als verstnde er
etwas davon.

_Sudarschana_

Das kann nicht sein! Er verstand nicht --?

_Rohini_

Nein; er sa da wie eine Puppe, ohne ein einziges Wort zu uern. Ich
glaube, er wollte nicht zeigen, da er nichts verstand, daher tat er den
Mund nicht auf.

_Sudarschana_

Pfui ber mich! Meine Schamlosigkeit ist gerecht bestraft worden. Warum
hast du meine Blumen nicht zurckgebracht?

_Rohini_

Wie konnte ich? Der Knig von Kantschi, ein sehr gewitzigter Mann, der
neben ihm sa, begriff alles mit einem Blick, und er lchelte nur eben
ein bichen und sagte: Majestt, die Knigin Sudarschana sendet Euch
ihre Gre mit diesen Blumen -- mit Blumen, die dem Gott der Liebe
gehren, dem Freund des Frhlings! Der Knig schien mit einem Male
aufzuwachen und sagte: Das ist die Krone all meiner Knigsherrlichkeit
heute Nacht. Ich wandte mich, ganz auer Fassung, zum Gehen, als der
Knig von Kantschi dem Knig dieses Juwelenhalsband abnahm und zu mir
sagte: Freundin, dies Knigsgeschmeide will zu dir, zum Dank fr das
frohe Glck, das du gebracht hast.

_Sudarschana_

Wie, Kantschi mute dem Knig all das begreiflich machen! Weh mir,
dies nchtliche Fest hat die Tore der Schmach und Schande weit vor mir
geffnet. Was andres konnte ich erwarten? Verla mich, Rohini; ich mu
eine Weile allein sein. (Rohini geht ab.) Ein furchtbarer Schlag hat all
meinen Stolz zu Staub zerschlagen, und doch ... ich kann diese schne,
bezaubernde Gestalt nicht aus dem Gedchtnis lschen! Kein Stolz ist mir
geblieben ... ich bin geschlagen, vernichtet, gnzlich hilflos ... ich
kann nicht einmal die Augen von ihm abwenden. Oh, wie mir wieder und
wieder der Wunsch kommt, Rohini um diese Kette zu bitten! Aber was wrde
sie denken! Rohini!

Rohini kommt.

_Rohini_

Was ist dein Wunsch?

_Sudarschana_

Welchen Lohn verdienst du fr deine heutigen Dienste?

_Rohini_

Nichts von dir -- aber ich bekam meinen Lohn von dem Knig, wie sich's
gebhrt.

_Sudarschana_

Das ist keine freie Gabe, sondern eine erzwungene Belohnung. Ich mchte
nicht etwas an dir sehen, was auf so gleichgltige Art gegeben wurde.
Leg es ab, ich gebe dir meine Armspangen, wenn du es hier lt. Nimm
diese Armspangen und geh nun. (Rohini geht ab.) Welch neue Schmach!
Ich htte dieses Halsband wegwerfen sollen -- aber ich kann nicht! Es
sticht mich, als ob es ein Dornenkranz wre -- aber ich kann es nicht
wegwerfen. Das also hat mir der Festgott heute zur Nacht beschert --
dieses Halsband der Schmach und Schande!




V.


Grovater nahe am Tor des Lusthauses.

Eine Gesellschaft von Mnnern.

_Grovater_

Habt ihr genug davon bekommen, Freunde?

_Erster Mann_

Oh, mehr als genug, Grovater. Sieh nur, sie haben mich ber und ber
rot gemacht. Keiner ist davongekommen[A].

_Grovater_

Wirklich? Haben sie die Knige auch mit rotem Puder beworfen?

_Zweiter Mann_

Wer konnte ihnen denn nahe kommen? Sie waren alle sicher auf ihrem
eingehegten Platz.

_Grovater_

So sind sie euch entkommen! Konntet ihr nicht die geringste Spur Farbe
auf sie werfen? Ihr httet euch den Weg dahin erzwingen sollen.

_Dritter Mann_

Mein lieber Alter, sie haben eine andere Sorte Rot, die ihnen
vorbehalten ist. Ihre Augen sind rot; die Turbane ihrer Wachen und ihres
Gefolges sind auch rot. Und die letztern schwangen ihre Schwerter so
in der Luft herum, da eine weitere Annherung von unserer Seite ein
reichliches Zutagetreten der grundlegenden roten Farbe bedeutet htte.

_Grovater_

Wohlgetan, Freunde -- haltet sie immer in einiger Entfernung. Sie sind
die Verbannten der Erde, und wir haben das Amt, dafr zu sorgen, da es
so bleibt.

_Dritter Mann_

Ich gehe heim, Gropapa; Mitternacht ist vorber.

Geht ab.

Eine Schar Snger kommt singend herbei.

  Schwarz und Wei ist nicht mehr geschieden,
  Ist rot geworden -- rot wie eure Fe gefrbt sind.
  Rot ist mein Wams und rot meine Trume,
  Mein Herz schwankt und schwingt wie ein roter Lotus.

_Grovater_

Vortrefflich, meine Freunde, glnzend! So hattet ihr wirklich
genureiche Stunden!

_Die Snger_

Oh, und wie sehr! Alles war rot, rot! Nur der Mond am Himmel lie uns im
Stich: er blieb wei.

_Grovater_

Er sieht nur von auen so unschuldig drein. Httet ihr nur seine weie
Maske weggenommen, ihr httet seine Schelmerei schon gesehen. Ich habe
beobachtet, was fr rote Farben er heute nacht auf die Erde wirft. Und
doch, sollte man es fr mglich halten, da er dabei die ganze Zeit wei
und farblos bleibt!

_Gesang._

  Auf dich seh ich's ab, Liebe, mein Lieb!
  Mein Herz ist toll, gibt sich nimmer besiegt,
  Meinst du, ungefrbt zu entkommen,
  Wenn du mich mit rotem Puder rtest?
  Knnt ich nicht dein Kleid frben mit dem roten Bltenstaub meines
      Herzens?

Sie gehen ab.

Der Knig und Kantschi treten auf.

_Kantschi_

Du mut genau tun, was ich dir gesagt habe. Da du mir nichts
bersiehst!

_Knig_

Ich werde nichts bersehen.

_Kantschi_

Die Gemcher der Knigin Sudarschana liegen in den...

_Knig_

Ja, Herr, ich habe den Ort gemerkt.

_Kantschi_

Was du zu tun hast, ist, im Garten Feuer anzulegen, und dann wirst
du aus dem Durcheinander und der Verwirrung Vorteil ziehen, um deine
Aufgabe zielbewut zu vollbringen.

_Knig_

Ich werde daran denken.

_Kantschi_

Sieh einmal, Herr Prtendent, ich glaube doch, da unsere Furcht ganz
unbegrndet ist -- es gibt in Wahrheit keinen Knig in diesem Lande.

_Knig_

Mein einziges Ziel ist, dieses Land aus der Anarchie zu retten. Der
gemeine Mann kann ohne Knig nicht leben, ob dieser nun echt ist oder
falsch! Anarchie ist immer eine Quelle der Gefahr.

_Kantschi_

Frommer Wohltter des Volkes, deine wundervolle Aufopferung sollte
wirklich uns allen ein Beispiel sein. Ich gedenke dem Volke diesen
auerordentlichen Dienst in eigener Person zu erweisen.

Sie gehen ab.




VI.


Im Garten.

_Rohini_

Was gibt es denn? Ich kann nicht herausbekommen, was all das ist! (Zu
den Grtnern) Wohin geht ihr alle in solcher Eile?

_Erster Grtner_

Wir gehen aus dem Garten.

_Rohini_

Wohin?

_Zweiter Grtner_

Wir wissen nicht, wohin -- der Knig hat uns gerufen.

_Rohini_

Aber der Knig ist doch hier in diesem Garten. Welcher Knig hat euch
gerufen?

_Erster Grtner_

Das wissen wir nicht.

_Zweiter Grtner_

Der Knig, dem wir unser Lebtag gedient haben, natrlich.

_Rohini_

Wollt ihr alle gehen?

_Erster Grtner_

Ja, alle -- wir mssen sofort gehen. Sonst knnten wir zu Schaden
kommen.

Sie gehen ab.

_Rohini_

Ich kann ihre Worte nicht verstehen... Ich frchte mich. Sie rennen
davon wie wilde Tiere, die in dem Augenblick entfliehen, ehe die Flut
den Damm durchbricht.

Der Knig von Koschala tritt auf.

Rohini, weit du, wo dein Knig und Kantschi hingegangen
sind?

_Rohini_

Sie sind irgendwo im Garten, aber ich kann nicht sagen, wo.

_Koschala_

Ich verstehe wirklich nicht, was sie vorhaben. Ich habe nicht wohl daran
getan, mein Vertrauen auf Kantschi zu setzen. Ab.

_Rohini_

Was ist das fr eine dunkle Sache, mit der sich diese Knige abgeben?
Etwas Schreckliches bereitet sich vor. Werde ich in diese Sache
hineingezogen werden?

Avanti tritt auf.

_Avanti_

Rohini, weit du, wo die andern Frsten sind?

_Rohini_

Es ist schwer zu sagen, wo sie alle hingekommen sind. Der Knig von
Koschala ging jetzt eben in dieser Richtung hier vorbei.

_Avanti_

Ich denke nicht an Koschala. Wo sind euer Knig und Kantschi?

_Rohini_

Ich habe sie seit langer Zeit nicht gesehen.

_Avanti_

Kantschi weicht mir immer aus. Er plant gewi, uns alle zu betrgen. Ich
habe nicht wohl daran getan, meine Hand in diese Wirrnis zu stecken.
Freundin, knntest du mir freundlich einen Weg aus diesem Garten weisen?

_Rohini_

Ich wei keinen.

_Avanti_

Ist niemand hier, der mir den Weg hinaus zeigen kann?

_Rohini_

Die Diener haben alle den Garten verlassen.

_Avanti_

Warum taten sie das?

_Rohini_

Ich konnte nicht genau verstehen, was sie meinten. Sie sagten, der Knig
htte ihnen befohlen, den Garten sofort zu verlassen.

_Avanti_

Der Knig? Welcher Knig?

_Rohini_

Sie konnten es nicht genau sagen.

_Avanti_

Das klingt nicht gut. Ich mu um jeden Preis einen Weg hinausfinden. Ich
kann hier keinen Augenblick lnger bleiben.

Geht eilig ab.

_Rohini_

Wo kann ich den Knig finden? Als ich ihm die Blumen gab, die die
Knigin gesandt hatte, da schien er sich nicht viel um mich zu kmmern;
aber seit der Stunde hat er Gaben und Geschenke auf mich gehuft.
Diese grundlose Freigebigkeit macht mich noch ngstlicher... Wohin
fliegen die Vgel zu dieser Stunde der Nacht? Was hat sie pltzlich
aufgeschreckt? Das ist nicht die gewohnte Zeit ihres Fluges, gewi
nicht... Warum rennt der Knigin zahmes Reh dieses Wegs? Tschapata!
Tschapata! Es hrt nicht einmal meinen Ruf. Ich habe nie eine Nacht wie
diese gesehen. Der Horizont wird auf allen Seiten pltzlich rot, wie das
Auge eines Wahnsinnigen! Die Sonne scheint zu so ungewohnter Stunde auf
allen Seiten zugleich unterzugehen. Welcher Wahnsinn des Allmchtigen
ist dies! ... Oh, ich frchte mich! ... Wo kann ich den Knig finden?




VII.


Am Tor zum Palast der Knigin.

_Knig_

Was hast du getan, Kantschi?

_Kantschi_

Ich wollte nur diesen Teil des Gartens beim Palast in Brand stecken.
Ich hatte keine Ahnung, da das Feuer sich so schnell nach allen Seiten
verbreiten wrde. Sag mir schnell den Weg aus diesem Garten.

_Knig_

Ich kann ihn dir nicht sagen. Die uns hierher gefhrt haben, sind alle
entflohen.

_Kantschi_

Du bist ein Eingeborner dieses Landes -- du mut den Weg wissen.

_Knig_

Ich habe diese inneren Knigsgrten nie zuvor betreten.

_Kantschi_

Ich will davon nichts hren -- du mut mir den Weg zeigen, oder ich
spalte dich in zwei Teile.

_Knig_

Du kannst mir auf diese Weise das Leben nehmen, aber es wrde dir wenig
helfen, den Weg aus diesem Garten zu finden.

_Kantschi_

Warum liefst du dann herum und sagtest, du wrest der Knig dieses
Landes?

_Knig_

Ich bin nicht der Knig -- ich bin nicht der Knig.

Wirft sich mit gefalteten Hnden zu Boden.

Wo bist du, mein Knig? Rette mich, oh, rette mich! Ich bin ein Emprer
-- strafe mich, aber tte mich nicht!

_Kantschi_

Was ntzt es, sich zu krmmen und in die leere Luft zu schreien? Nutze
die Zeit lieber und such nach dem Wege!

_Knig_

Ich will mich hierher legen -- ich rhre mich nicht von der Stelle.
Komme was will, ich werde nicht klagen.

_Kantschi_

Ich will all diesen Unsinn nicht dulden. Wenn ich verbrennen mu, sollst
du mir zum letzten Ende Gesellschaft leisten.

_Stimme von auen_

Oh, rette uns, rette uns, Knig! Das Feuer kommt von allen Seiten ber
uns!

_Kantschi_

Narr, steh auf, verliere keine Zeit mehr.

_Sudarschana_ (tritt auf)

Knig, o mein Knig! rette mich, rette mich vor dem Tode! Ich bin vom
Feuer umzingelt.

_Knig_

Wer ist der Knig? Ich bin kein Knig.

_Sudarschana_

Du bist nicht der Knig?

_Knig_

Nein, ich bin ein Heuchler, ich bin ein Schuft.

Seine Krone zu Boden werfend.

Mag mein Trug und Heuchelei zu Staub zerstieben!

Ab mit Kantschi.

_Sudarschana_

Kein Knig? Er ist nicht der Knig? Dann, o du Feuergott, verbrenne
mich, vernichte mich zu Asche! Ich will mich dir selbst in die Arme
werfen, o du groer Reiniger; verbrenne meine Schmach, mein Verlangen,
meine Begierde zu Asche.

_Rohini_ (tritt auf)

Knigin, wohin gehst du? All deine innern Gemcher sind in rasendes
Feuer gehllt -- geh nicht hinein.

_Sudarschana_

Ja, ich will in diese brennenden Rume hineingehn! Es ist mein
Totenfeuer!

Sie geht in den Palast.




VIII.


Die dunkle Kammer. Der Knig und Sudarschana.

_Knig_

Frchte dich nicht -- du hast keinen Grund zur Angst. Das Feuer wird
nicht in dies Gemach dringen.

_Sudarschana_

Ich habe keine Angst -- aber oh, die Scham verfolgt mich wie ein
rasendes Feuer. Mein Gesicht, meine Augen, mein Herz, jeder Teil meines
Krpers wird von ihren Flammen versengt und verbrannt.

_Knig_

Es wird eine Zeit vergehen, ehe du ber diesen Brand hinwegkommst.

_Sudarschana_

Dieses Feuer wird nie aufhren -- wird nie aufhren!

_Knig_

Verzage nicht, Knigin!

_Sudarschana_

O Knig, ich will dir nichts verbergen... Ich trage eines anderen Kette
um meinen Hals.

_Knig_

Auch diese Kette ist mein -- wie sonst htte er zu ihr kommen sollen? Er
stahl sie aus meiner Kammer.

_Sudarschana_

Aber sie ist _sein_ Geschenk an mich: und doch konnte ich diese Kette
nicht fortschleudern! Als das Feuer brllend von allen Seiten kam,
dachte ich daran, diese Kette ins Feuer zu werfen. Aber nein, ich
konnte nicht. Mein Geist flsterte: Behalte diese Kette im Tode an...
Was fr ein Feuer ist das, o Knig, in das ich, die hinausgegangen war,
dich zu sehen, sprang, wie eine Motte, die der Flamme nicht widerstehen
kann! Welch eine Qual ist das, oh, welch ein Todeskampf! Das Feuer
brennt so wild weiter wie je, und doch lebe ich weiter in seinen
Flammen!

_Knig_

Aber du hast mich schlielich gesehen -- deine Sehnsucht ist gestillt
worden.

_Sudarschana_

Aber suchte ich dich denn mitten in diesem grauenhaften Verderben? Ich
wei nicht, was ich sah, doch mein Herz pocht noch wild vor Angst.

_Knig_

Was sahest du?

_Sudarschana_

Grauenhaft -- oh, es war grauenhaft! Ich frchte mich, auch nur noch
daran zu denken. Schwarz, schwarz -- o du bist schwarz wie die ewige
Nacht! Ich habe dich nur einen einzigen entsetzlichen Augenblick
gesehen. Der Feuerschein fiel auf deine Zge -- du sahst wie die
schaudervolle Nacht aus, wenn ein Komet unheilverkndend ber uns
schwebt -- oh, da schlo ich die Augen -- ich konnte deinen Anblick
nicht mehr ertragen. Schwarz wie die drohende Wetterwolke, schwarz wie
das uferlose Meer mit dem gespenstischen Rot des Zwielichts auf seinen
tosenden Wogen!

_Knig_

Habe ich dir nicht vorausgesagt, da man meinen Anblick nicht ertragen
kann, wenn man nicht schon darauf vorbereitet ist? Man mchte vor mir
zum Ende der Welt fliehen. Habe ich das nicht zahllose Male gesehen?
Darum wollte ich mich dir langsam und allmhlich enthllen, nicht gar zu
pltzlich.

_Sudarschana_

Aber es kam die Snde und vernichtete alle deine Hoffnungen -- die
bloe Mglichkeit einer Gemeinschaft mit dir ist fr mich nun undenkbar
geworden.

_Knig_

Sie wird mit der Zeit mglich werden, meine Knigin. Die grliche
dstere Schwrze, die dich heute bis in die Seele mit Furcht geschlagen
hat, wird eines Tages dein Trost und dein Heil sein. Wofr sonst kann
meine Liebe da sein?

_Sudarschana_

Es kann nicht sein, es ist nicht mglich. Was will _deine_ Liebe
allein noch tun? _Meine_ Liebe hat sich nun von dir abgewandt. Die
Schnheit hat ihren Zauber auf mich geworfen, diese Raserei, dieser
Rausch wird mich nie mehr verlassen -- sie hat meine Augen mit ihrem
Glanz geblendet und entflammt, sie hat ihren goldenen Schimmer bis in
meine Trume geworfen! Ich habe dir nun alles gesagt -- strafe mich, wie
dir beliebt.

_Knig_

Die Strafe hat schon begonnen.

_Sudarschana_

Doch willst du mich nicht strafen so stoe mich von dir. Ich will dich
verlassen --

_Knig_

Du hast vollkommene Freiheit, zu tun, was dir beliebt.

_Sudarschana_

Ich kann deine Gegenwart nicht ertragen! Mein Herz ist bse auf dich.
Warum warst du -- aber was hast du mir getan?... Warum bist du so?
Warum haben sie mir gesagt, du wrest stattlich und schn? Du bist
schwarz, schwarz wie die Nacht -- ich werde dich nie, ich kann dich nie
liebhaben. Ich habe gesehen, was ich liebe -- es ist sanft und weich wie
Samt, zart wie die _Schirischa_-Blume, strahlend wie ein Schmetterling.

_Knig_

Es ist falsch wie eine Fata Morgana, leer wie eine Seifenblase.

_Sudarschana_

Mag sein -- aber ich kann deine Nhe nicht ertragen -- ich kann einfach
nicht! Ich mu von hier fliehen. Eine Gemeinschaft mit dir, das kann
nicht mglich sein! Sie kann nichts anderes sein als ein falscher Bund
-- mein Geist mu sich unweigerlich von dir abkehren.

_Knig_

Willst du es nicht einmal ein wenig versuchen?

_Sudarschana_

Ich habe es seit gestern versucht -- aber je mehr ich versuche, um so
mehr emprt sich mein Herz. Wenn ich bei dir bleibe, werde ich bestndig
von dem Gedanken verfolgt und gehetzt, da ich unrein bin, da ich
falsch und treulos bin.

_Knig_

Nun wohl, du kannst so weit von mir gehen, als dir beliebt.

_Sudarschana_

Ich kann von dir nicht fliehen -- gerade weil du mein Gehen nicht
hinderst. Warum hltst du mich nicht mit Gewalt an den Haaren zurck
und sagst: Du sollst nicht gehen? Warum schlgst du mich nicht? O
strafe mich, triff mich, schlag mich mit gewaltiger Hand! Aber dein
widerstandsloses Schweigen macht mich wild -- oh, ich kann's nicht
ertragen!

_Knig_

Warum glaubst du, da ich in Wirklichkeit still bin? Woher weit du, da
ich nicht versuche, dich zurckzuhalten?

_Sudarschana_

Oh, nein, nein! -- Ich kann das nicht ertragen -- sag mir laut, befiehl
mir mit der Stimme des Donners, zwinge mich mit Worten, die alles andere
bertnen -- la mich nicht so leicht, so mild von dir!

_Knig_

Ich werde dich frei lassen, aber warum sollte ich zulassen, da du dich
von mir losreiest?

_Sudarschana_

Das willst du nicht zulassen? Wohlan denn, ich mu gehen!

_Knig_

Geh denn!

_Sudarschana_

So bin ich gar nicht zu tadeln. Du httest mich mit Gewalt zurckhalten
knnen, aber du tatest es nicht! Du hast mich nicht gehindert -- und nun
werde ich fortgehen. Befiehl deinen Wachen, mich nicht gehen zu lassen!

_Knig_

Niemand wird dir in den Weg treten. Du kannst so frei gehen wie die
zerrissene Wetterwolke, die vom Sturm gepeitscht wird.

_Sudarschana_

Ich kann nicht mehr widerstehen -- etwas in mir jagt mich vorwrts -- es
treibt mich von meinem Anker! Vielleicht werde ich versinken, aber ich
werde nie mehr zurckkehren.

Sie strzt hinaus.

Surangama tritt auf.

_Surangama_ (singt)

Was hat dein Wille mit mir vor, da er mich in die Weite sendet? Zu
deinen Fen werde ich wieder von meiner Wanderschaft zurckkehren.

Deine Liebe ist es, die sich hinter dem Schein der Nachlssigkeit
verbirgt, deine zrtlichen Hnde stoen mich fort, um mich wieder in
deine Arme zu ziehn! O mein Knig, was ist's fr ein Spiel, das du
berall in deinem Reiche treibst?

_Sudarschana_ (kehrt zurck)

Knig, o Knig!

_Surangama_

Er ist fortgegangen.

_Sudarschana_

Fortgegangen? Wohlan denn ... dann hat er mich endgltig verstoen! Ich
bin zurckgekehrt, aber er hat nicht einen einzigen kleinen Augenblick
auf mich warten knnen! Sehr gut denn, ich bin nun vollkommen frei.
Surangama, hat er dich geheien, mich zurckzuhalten?

_Surangama_

Nein, er hat nichts gesagt.

_Sudarschana_

Warum sollte er etwas sagen? Warum sollte er sich um mich kmmern?
... Ich bin also frei, vollkommen frei. Aber, Surangama, ich wollte
den Knig etwas fragen, konnte es aber in seiner Gegenwart nicht
herausbringen. Sag mir, ob er die Gefangenen mit dem Tode bestraft hat.

_Surangama_

Mit dem Tode? Mein Knig straft nie mit dem Tode.

_Sudarschana_

Was hat er ihnen denn getan?

_Surangama_

Er hat sie in Freiheit gesetzt. Kantschi hat seine Niederlage anerkannt
und ist in sein Knigreich heimgekehrt.

_Sudarschana_

Ach, was fr eine Erlsung!

_Surangama_

Meine Knigin, ich habe eine einzige Bitte an dich.

_Sudarschana_

Du brauchst deine Bitte nicht auszusprechen, Surangama. Alle Geschmeide
und Schmucksachen, die der Knig mir gab, lasse ich dir -- ich bin nicht
wrdig, sie von nun an zu tragen.

_Surangama_

Nein, ich brauche sie nicht, meine Knigin. Mein Herr hat mir nie
irgendwelchen Schmuck zu tragen gegeben -- mein schmuckloses Aussehen
ist fr mich gut genug. Er hat mir nichts gegeben, womit ich vor den
Leuten prahlen knnte.

_Sudarschana_

Was willst du sonst von mir?

_Surangama_

Ich will mit dir gehn, meine Knigin.

_Sudarschana_

Bedenke, was du da sagst; du verlangst, deinen Herrn zu verlassen. Was
fr eine Bitte ist das fr dich!

_Surangama_

Ich werde nicht weit von ihm fortgehen -- wenn du unbehtet fortgehst,
wird er bei dir sein, dicht dir zur Seite.

_Sudarschana_

Du redest Unsinn, mein Kind. Ich wollte Rohini mit mir nehmen, aber sie
wollte nicht. Was gibt dir den Mut zu dem Wunsche, mit mir zu kommen?

_Surangama_

Ich besitze weder Mut noch Kraft. Aber ich werde gehen -- der Mut wird
von selbst kommen, und auch die Kraft wird kommen.

_Sudarschana_

Nein, ich kann dich nicht mitnehmen; deine Gegenwart wird mich bestndig
an meine Schmach erinnern; ich werde das nicht ertragen knnen.

_Surangama_

O meine Knigin, ich habe wie all dein Gutes so auch all dein Bses mir
zu eigen gemacht; willst du mich noch als Fremde behandeln? Ich mu mit
dir gehn.




IX.


Der Knig von Kanya Kubja, Vater von Sudarschana, und sein Minister.

_Knig von Kanya Kubja_

Ich hrte alles vor ihrer Ankunft.

_Minister_

Die Prinzessin wartet allein auerhalb der Stadttore am Ufer des
Flusses. Soll ich Leute senden, um sie zu Hause willkommen zu heien?

_Knig von Kanya Kubja_

Wie! Fr sie, die treulos ihren Gatten verlassen hat -- da willst du
ihre Schmach und Schande in aller Welt ausposaunen und ein Schaustck
fr sie in Szene setzen?

_Minister_

Soll ich dann Anordnungen treffen, um ihr eine Wohnung im Palaste
herzurichten?

_Knig von Kanya Kubja_

Du wirst nichts der Art tun. Sie hat ihren Platz als Knigin aus eigenem
Entschlu verlassen -- hier wird sie als Magd arbeiten mssen, wenn sie
in meinem Hause zu bleiben wnscht.

_Minister_

Es wird schwer und bitter fr sie sein, Euer Hoheit.

_Knig von Kanya Kubja_

Wenn ich versuche, sie vor Leiden zu bewahren, dann bin ich nicht wert,
ihr Vater zu sein.

_Minister_

Ich werde alles ordnen, wie Ihr wnscht, Euer Hoheit.

_Knig von Kanya Kubja_

Es soll verborgen bleiben, da sie meine Tochter ist, sonst geraten wir
alle in ein entsetzliches Unheil.

_Minister_

Warum frchtet Ihr Unheil davon, Euer Hoheit?

_Knig von Kanya Kubja_

Wenn das Weib vom rechten Weg abweicht, dann erscheint sie mit dem
furchtbaren Unheil beladen. Du weit nicht, welche tdliche Furcht diese
meine Tochter mir eingeflt hat -- sie ist heimgekommen, beladen mit
Schrecknis und Gefahr.




X.


Innere Gemcher des Palastes.

Sudarschana und Surangama.

_Sudarschana_

Geh fort von mir, Surangama! Ein tdlicher Zorn rast in mir -- ich
kann niemanden ertragen -- es macht mich wild, dich so geduldig und
unterwrfig zu sehn.

_Surangama_

Auf wen bist du zornig?

_Sudarschana_

Ich wei nicht; aber ich mchte alles vernichtet und unter Trmmern und
Elend begraben sehn! In einem Augenblick verlie ich meinen Platz als
Knigin auf dem Thron. Gab ich alles hin, um mich in dieser dsteren
Hhle als Sklavin abzuplagen? Warum flammen fr mich nicht die Fackeln
der Trauer ber die ganze Welt? Warum zittert und bebt nicht die Erde?
Ist mein Sturz nicht mehr als das unbemerkte Fallen der armseligen
Bohnenblte? Ist er nicht eher wie der Fall eines glhenden Sternes,
dessen flammende Lohe den Himmel in Stcke reit?

_Surangama_

Ein mchtiger Wald raucht und glimmt innen, ehe er in Flammen ausbricht:
die Zeit ist noch nicht gekommen.

_Sudarschana_

Ich habe Ehre und Ruhm einer Knigin in Staub und Winde gestreut -- aber
gibt es keinen Menschen, der kommen will, um meine trostlose Seele hier
zu besuchen? Allein -- oh, ich bin furchtbar, grauenvoll allein!

_Surangama_

Du bist nicht allein.

_Sudarschana_

Surangama, ich will nichts vor dir verbergen. Als er den Palast in
Flammen setzte, konnte ich nicht auf ihn bse sein. Eine groe innere
Freude machte mein Herz erzittern. Was fr ein staunenswrdiges
Verbrechen! Was fr eine glorreiche Khnheit! Dieser Mut machte mich
stark und befeuerte meine Lebensgeister. Diese furchtbare Freude gab mir
die Kraft, in einem Nu alles hinter mir zu lassen. Aber ist das alles
nur meine Einbildung? Warum ist nirgends ein Zeichen zu sehen, da er
kommt?

_Surangama_

Der, an den du denkst, hat den Palast nicht in Brand gesteckt -- der
Knig von Kantschi tat es.

_Sudarschana_

Der Feigling! Aber ist es mglich? So schn, so bezaubernd, und doch
keine Mannheit in ihm! Hab ich mich selbst betrogen um so eines
wertlosen Geschpfes willen? O Schmach! Pfui ber mich!... Aber
Surangama, meinst du nicht, dein Knig htte doch kommen mssen, um mich
zurckzuholen!

(Surangama verharrt in Schweigen.)

Du meinst, ich brenne darauf, zurckzukehren? Niemals. Selbst wenn der
Knig in Wirklichkeit kme, ginge ich nicht zurck. Nicht ein einziges
Mal verbot er mir fortzugehn, und ich fand alle Tore weit geffnet, um
mich hinauszulassen! Und die steinige, staubige Strae, auf der ich
wanderte -- es war ihr nichts, da eine Knigin auf ihr schritt. Sie
ist hart und gefhllos, wie dein Knig; der niedrigste Bettler gilt ihr
ebensoviel wie die hchste Knigin. Du schweigst! Nun, ich sage dir,
deines Knigs Benehmen ist -- niedrig, roh, schmhlich!

_Surangama_

Jeder wei, da mein Knig hart und unbarmherzig ist -- niemand ist je
imstande gewesen, ihn zu rhren.

_Sudarschana_

Warum rufst du dann zu ihm bei Tag und bei Nacht?

_Surangama_

Mge er immer hart und unnachgiebig bleiben wie Stein -- mgen
meine Trnen und Bitten ihn nie bewegen! Mgen die Leiden nur immer
_mein_ Teil sein und mge Ruhm und Sieg _ihm_ immerdar bleiben!

_Sudarschana_

Surangama, sieh! Eine Staubwolke scheint dort drben ber den Feldern am
stlichen Horizont aufzusteigen.

_Surangama_

Ja, ich sehe es.

_Sudarschana_

Ist das nicht wie das Banner eines Streitwagens?

_Surangama_

In der Tat, es ist ein Banner.

_Sudarschana_

Dann kommt er. Er ist endlich gekommen.

_Surangama_

Wer kommt?

_Sudarschana_

Unser Knig -- wer sonst! Wie knnte er ohne mich leben! Es ist ein
Wunder, wie er nur diese Tage her aushalten konnte.

_Surangama_

Nein, nein, das kann nicht der Knig sein.

_Sudarschana_

Nein, in der Tat! Als ob du alles wtest! Dein Knig ist hart, kalt,
unbarmherzig, nicht wahr? Wir wollen sehen, wie hart er sein kann. Ich
wute von Anfang an, da er kommen wrde -- da er hinter mir herlaufen
mte. Aber erinnere dich, Surangama, ich habe ihn nicht ein einziges
Mal gebeten, da er kme. Du wirst sehen, wie ich deinen Knig dazu
bringe, mir seine Niederlage zu bekennen! Geh nur hinaus, Surangama, und
la mich alles wissen.

Surangama geht hinaus.

Aber werde ich gehen, wenn er kommt und mich bittet, mit ihm
zurckzukehren? Gewi nicht! Ich will nicht gehen! Niemals!

Surangama kommt zurck.

_Surangama_

Es ist nicht der Knig, meine Knigin.

_Sudarschana_

Nicht der Knig? Bist du ganz sicher? Wie! er ist noch nicht gekommen?

_Surangama_

Nein, mein Knig wirbelt nie soviel Staub auf, wenn er kommt. Niemand
kann wissen, wann er berhaupt kommt.

_Sudarschana_

Dann ist es --

_Surangama_

Eben der: er kommt mit dem Knig von Kantschi.

_Sudarschana_

Weit du, wie er heit?

_Surangama_

Er heit Suvarna.

_Sudarschana_

Er ist es also. Ich dachte: Ich liege hier gleich weggeworfenen
Schlacken und Kehricht, die keiner auch nur anrhren mag. Aber mein
Held kommt nun, mich zu befreien. Hast du Suvarna frher gekannt?

_Surangama_

Als ich bei meinem Vater zu Hause war, in der Spielhlle --

_Sudarschana_

Nein, nein, du sollst mir nichts von ihm sagen, ich will nichts hren.
Er ist mein Held, meine einzige Rettung. Ich werde ihn kennenlernen,
ohne da du mir Geschichten von ihm erzhlst. Aber sieh nur, ein
netter Mann ist dein Knig! Er lie sich nicht einfallen, zu kommen,
um mich selbst aus dieser Entwrdigung zu retten. Danach kannst du
mich nicht tadeln. Sollte ich mein Leben lang hier auf ihn warten und
mich schimpflich wie eine Leibeigene abplagen? Nie werde ich Demut und
Unterwrfigkeit ben wie du.




XI.


Lager.

_Kantschi_

Zu Kanya Kubja's Boten.

Sage deinem Knig, da er uns nicht gerade als seine Gste zu empfangen
braucht. Wir sind auf dem Weg zurck zu unsern Knigreichen, aber
wir verweilen, um die Knigin Sudarschana aus der Knechtschaft und
Entwrdigung zu befreien, zu der sie hier verdammt ist.

_Bote_

Euer Hoheit, Ihr werdet Euch erinnern, da die Prinzessin in ihres
Vaters Hause ist.

_Kantschi_

Eine Tochter kann nur solange im Heim ihres Vaters bleiben, als sie
unvermhlt ist.

_Bote_

Aber ihre Beziehungen zur Familie ihres Vaters bleiben unverndert
bestehen.

_Kantschi_

Sie hat jetzt all solchen Verwandtschaftsbanden entsagt.

_Bote_

Solcher Verwandtschaft, Euer Hoheit, kann diesseits des Grabes niemals
entsagt werden: sie mag zu Zeiten auer Kraft treten, kann jedoch nie
ganz abgebrochen werden.

_Kantschi_

Entschliet sich der Knig nicht, mir seine Tochter auf friedlichem Wege
herauszugeben, so wird mich das Gebot der Ritterpflicht ntigen, Gewalt
anzuwenden. Du kannst das fr mein letztes Wort nehmen.

_Bote_

Euer Hoheit wollen nicht vergessen, da auch unser Knig an die
Ritterpflicht gebunden ist. Ihr erwartet umsonst, da er seine Tochter
nur auf eure Drohungen hin ausliefern wird.

_Kantschi_

Sag deinem Knig, da ich auf solch eine Antwort gefat war, als ich
herkam.

Der Bote geht ab.

_Suvarna_

Knig von Kantschi, es scheint mir, da wir zu viel wagen.

_Kantschi_

Was fr ein Vergngen bte dieses Abenteuer, wenn es anders wre?

_Suvarna_

Es braucht nicht viel Mut, Kanya Kubja zum Kampf herauszufordern --
aber...

_Kantschi_

Wenn du erst anfngst, dich vor Aber zu frchten, wirst du in dieser
Welt kaum einen Platz finden, der sicher genug fr dich ist.

Ein Soldat tritt auf.

_Soldat_

Euer Hoheit! ich habe soeben die Kunde erhalten, da die Knige von
Koschala, Avanti und Kalinga mit ihren Heerscharen des Wegs kommen.
(Ab.)

_Kantschi_

Gerade, was ich frchtete! Die Nachricht von Sudarschanas Flucht hat
sich berall verbreitet; jetzt wird man sich von allen Seiten um sie
reien und schlielich wird alles in Rauch aufgehn.

_Suvarna_

Es fhrt nun zu nichts, Euer Hoheit. Das sind keine guten Nachrichten.
Ich bin vllig gewi, da unser Knig selbst insgeheim die Kunde
allenthalben verbreitet hat.

_Kantschi_

Nun, was soll ihm das ntzen?

_Suvarna_

Die Gierigen werden einander in der allgemeinen Eifersucht in
Stcke reien -- und er wird sich die Lage zunutze machen, die Beute
heimzufhren.

_Kantschi_

Nun wird es klar, warum euer Knig sich nie sehen lt. Sein Kniff
ist, sich auf allen Seiten zu vervielfachen -- die Furcht sieht ihn
allenthalben. Aber ich will dabei bleiben, da euer Knig von Kopf zu
Fu nichts als eitel Schwindel ist.

_Suvarna_

Aber bitte, Euer Hoheit, wollt Ihr die Gte haben, mich zu entlassen?

_Kantschi_

Ich kann dich nicht gehen lassen -- ich habe noch eine Verwendung fr
dich in dieser Sache.

Ein Soldat tritt auf.

_Soldat_

Euer Hoheit, Virat, Pantschal und Vidarbha sind auch gekommen. Sie haben
auf der andern Seite des Flusses ihr Lager aufgeschlagen. (Ab.)

_Kantschi_

Im Anfang mssen wir alle vereinigt kmpfen. Ist erst die Schlacht mit
Kanya Kubja vorbei, so werden wir schon einen Weg aus der Schwierigkeit
finden.

_Suvarna_

Bitte, zieht mich nicht mit Gewalt in Eure Plne -- ich werde glcklich
sein, wenn Ihr mich mir selbst berlat -- ich bin ein armes, niedriges
Geschpf -- nichts kann --

_Kantschi_

Sieh einmal an, Knig der Heuchler, Mittel und Wege sind nie von so
hohem Range -- Straen und Stufen und so weiter sind stets dazu da, mit
den Fen getreten zu werden. Der Vorteil, wenn wir Mnner deiner Art in
unsern Plnen verwenden, ist, da wir keine Maske oder Tuschung ntig
haben. Wenn ich mich aber mit meinem Minister zu beraten htte, wre es
unsinnig, wollte ich dem Diebstahl einen weniger wrdigen Namen geben
als Gemeinwohl. Ich will jetzt gehn und die Frsten in Bewegung setzen
wie Bauern auf dem Schachbrett; das Spiel ist nicht mglich, wenn
_all_ die Schachfiguren sich wie Knige bewegen wollen!




XII.


Inneres des Palastes.

_Sudarschana_

Geht die Schlacht noch fort?

_Surangama_

So heftig wie je.

_Sudarschana_

Ehe er zur Schlacht aufbrach, kam mein Vater zu mir und sagte: Du
bist von einem Knig fortgelaufen, aber du hast sieben Knige dir
nachgezogen; ich habe Lust, dich in sieben Stcke zu schneiden und sie
unter die Frsten zu verteilen. Es wre gut gewesen, wenn er es getan
htte. -- Surangama!

_Surangama_

Ja?

_Sudarschana_

Wenn dein Knig die Macht htte, mich zu retten, knnte mein jetziger
Zustand ihn ungerhrt gelassen haben?

_Surangama_

Meine Knigin, warum fragst du mich? Habe ich die Macht, fr meinen
Knig zu antworten? Ich wei, mein Verstand ist nicht hell; darum wage
ich nie ber ihn zu urteilen.

_Sudarschana_

Wer ist alles an diesem Kampf beteiligt?

_Surangama_

Alle sieben Frsten.

_Sudarschana_

Sonst keiner?

_Surangama_

Suvarna machte den Versuch zu entfliehen -- insgeheim, ehe der Kampf
anfing --, aber Kantschi hat ihn als Gefangenen in seinem Lager
verwahrt.

_Sudarschana_

Oh, ich htte vor langer Zeit sterben sollen! Aber, o Knig, mein Knig,
wenn du gekommen wrest und httest meinem Vater geholfen, dein Ruhm
wre darum nicht geringer! Er wre strahlender und hher geworden. Bist
du ganz gewi, Surangama, da er nicht gekommen ist?

_Surangama_

Ich wei nichts sicher.

_Sudarschana_

Aber seit ich hier bin, hatte ich pltzlich manchmal die Empfindung, als
ob jemand unter meinem Fenster auf einer Laute spielte.

_Surangama_

Es wre nicht undenkbar, da jemand dort seiner Liebe zur Musik frnt.

_Sudarschana_

Es ist dort ein dichtes Gebsch unter meinem Fenster -- ich versuche
jedesmal, wenn ich die Musik hre, herauszubekommen, wer es ist, aber
ich kann nichts deutlich unterscheiden.

_Surangama_

Vielleicht ruht ein Wanderer im Schatten und spielt auf dem Instrument.

_Sudarschana_

Es mag sein, aber mein altes Fenster im Palast kommt mir ins Gedchtnis
zurck. Ich kam gewhnlich hin, nachdem ich mich abends umgekleidet
hatte, und stand an meinem Fenster, und aus dem blinden Dunkel
des lichtlosen Ortes unsrer Begegnungen strmten dann Akkorde und
Gesnge und Melodien heraus und tanzten und zitterten in endloser
Folge und berflieender Verschwendung, wie die leidenschaftliche
berschwnglichkeit eines unversieglichen Springquells.

_Surangama_

O tiefes, holdes Dunkel! Geheimnisvolles Dunkel, dessen Dienerin ich
war!

_Sudarschana_

Warum gingst du mit mir fort aus jenem Gemach?

_Surangama_

Weil ich wute, er wrde uns folgen und uns zurckholen.

_Sudarschana_

Aber nein, er wird nicht kommen -- er hat uns fr immer verlassen. Warum
sollte er nicht?

_Surangama_

Wenn er uns dergestalt verlassen kann, dann bedrfen wir seiner nicht.
Dann ist er fr uns nicht da: dann ist jene dunkle Kammer vllig leer
und de -- keine Laute hauchte dort je ihre Musik -- niemand rief dich
oder mich in jenem Gemach; dann ist alles ein Trug gewesen und ein
eitler Traum.

Der Trhter tritt auf.

_Sudarschana_

Wer bist du?

_Trhter_

Ich bin der Pfrtner dieses Palastes.

_Sudarschana_

Sag mir rasch, was du zu sagen hast.

_Trhter_

Unser Knig ist gefangen genommen worden.

_Sudarschana_

Gefangen? O Mutter Erde!

Sie wird ohnmchtig.




XIII.


Knig von Kantschi und Suvarna.

_Suvarna_

Ihr sagt also, da keine Notwendigkeit irgendeines Kampfes unter euch
selbst mehr besteht?

_Kantschi_

Nein, du brauchst keine Angst zu haben. Ich habe alle Frsten dazu
gebracht, sich einverstanden zu erklren, da der, den die Knigin als
Gemahl erwhlt, sie bekommen soll, und die andern werden auf jeden
weiteren Kampf verzichten.

_Suvarna_

Doch dann braucht Ihr mich nicht mehr, Euer Hoheit -- so flehe ich Euch
an: entlat mich jetzt. Untauglich wie ich zu allem bin, hat die Furcht
vor drohender Gefahr mich entnervt und meinen Verstand betubt. Es wird
Euch daher schwer fallen, mich irgendwie zu verwenden.

_Kantschi_

Du wirst dasitzen und mir als Schirmtrger dienen.

_Suvarna_

Euer Diener ist zu allem bereit; aber was fr einen Nutzen wird Euch das
bringen?

_Kantschi_

Mann, ich sehe, da dein Verstand zu schwach ist, um mit einem hohen
Ehrgeiz zusammenzugehen. Du hast noch nicht bemerkt, mit welcher
Gunst die Knigin auf dich gesehen hat. Schlielich kann sie in einer
Gesellschaft von Frsten einem Schirmtrger nicht gut den Brautkranz
um den Nacken legen, und doch, ich wei, sie wird nicht imstande sein,
ihren Sinn von dir abzuwenden. So wird auf jeden Fall dieser Kranz unter
den Schatten meines kniglichen Schirmes fallen.

_Suvarna_

Euer Hoheit, Ihr hegt, was mich angeht, gefhrliche Phantasien. Ich
bitte Euch instndig, verwickelt mich nicht in die Netze so grundloser
Vorstellungen. Ich bitte Euer Hoheit ganz demtig, setzt mich in
Freiheit.

_Kantschi_

Sowie mein Ziel erreicht ist, werde ich dir nicht einen Augenblick mehr
deine Freiheit vorenthalten. Ist erst der Zweck erreicht, so ist es
unntz, sich mit den Mitteln zu beschweren.




XIV.


Sudarschana und Surangama am Fenster.

_Sudarschana_

Mu ich also in die Versammlung der Frsten gehn? Gibt es kein anderes
Mittel, meines Vaters Leben zu retten?

_Surangama_

Der Knig von Kantschi hat es gesagt.

_Sudarschana_

Sind das Worte, die eines Knigs wrdig sind? Sagte er das mit seinem
eigenen Munde?

_Surangama_

Nein, sein Bote, Suvarna, brachte die Nachricht.

_Sudarschana_

Weh, weh ber mich!

_Surangama_

Und er zog ein paar verwelkte Blumen hervor und sagte: Sag deiner
Knigin, da diese Andenken an das Frhlingsfest, je trockener und
verwelkter sie werden, um so frischer und blhender in meinem Herzen
wachsen.

_Sudarschana_

Halt ein! Sag mir nichts mehr. Foltre mich nicht lnger.

_Surangama_

Sieh! Da sitzen die Frsten alle in der groen Versammlung. Der keinen
Schmuck an sich hat, auer dem einzigen Blumenkranz um seine Krone --
das ist der Knig von Kantschi. Und der den Schirm ber sein Haupt hlt
und hinter ihm steht -- das ist Suvarna.

_Sudarschana_

Ist das Suvarna? Bist du ganz sicher?

_Surangama_

Ja, ich kenne ihn gut.

_Sudarschana_

Ist es mglich, da das der Mann ist, den ich damals sah? Nein, nein --
ich sah etwas, das war gemischt aus Licht und Dunkel, aus Windhauch und
Duft -- nein, nein, er kann es nicht sein; das ist er nicht.

_Surangama_

Aber alle geben zu, da er ausnehmend schn ist.

_Sudarschana_

Wie konnte _diese_ Schnheit mich bezaubern? Oh, was soll ich tun, um
meine Augen von der Befleckung zu reinigen?

_Surangama_

Du wirst sie in jenem unergrndlichen Dunkel baden mssen.

_Sudarschana_

Aber sage mir, Surangama, warum begeht man solche Fehler?

_Surangama_

Fehler sind nur die Vorspiele zu ihrer eigenen Vernichtung.

_Bote_ (eintretend)

Prinzessin, die Knige warten in der Halle auf Euch.

Ab.

_Sudarschana_

Surangama, bring mir den Schleier. (Surangama geht hinaus.) O Knig,
mein einziger Knig! Du hast mich allein gelassen, und du hast ganz
recht daran getan. Aber willst du nicht die innerste Wahrheit meiner
Seele erfahren?

Sie holt einen Dolch aus ihrem Busen hervor.

Dieser mein Leib hat einen Flecken bekommen -- ich werde ihn heute im
Staub der Halle, vor all diesen Frsten, zum Opfer bringen! Aber werde
ich dir nie sagen knnen, da die geheime Kammer meines Herzens durch
keine Treulosigkeit befleckt ist? Die dunkle Kammer, wo du mich zu
besuchen pflegtest, liegt heute kalt und leer in meinem Busen -- doch, o
mein Herr! keiner hat ihre Tore geffnet, keiner ist in sie eingegangen
als du, o Knig! Wirst du nie mehr kommen, um diese Tore zu ffnen? Dann
la den Tod kommen, denn er ist dunkel wie du, und seine Zge sind schn
wie deine. Er ist du -- du bist es selbst, o Knig!




XV.


Die Versammlung der Frsten.

_Vidarbha_

Knig von Kantschi, wie kommt es, da du nicht ein einziges Schmuckstck
an dir hast?

_Kantschi_

Weil ich gar keine Hoffnungen hege, mein Freund. Schmuckstcke wrden
die Schmach meiner Niederlage nur verdoppeln.

_Kalinga_

Aber dein Schirmtrger scheint sich dafr ausstaffiert zu haben -- er
ist ber und ber mit Gold und Edelsteinen beladen.

_Virat_

Der Knig von Kantschi will die Nutzlosigkeit und Minderwertigkeit
uerer Schnheit und Pracht dartun. Die Eitelkeit auf seine
Mannestugenden hat ihn vermocht, alle ueren Verschnerungen von seinen
Gliedern zu entfernen.

_Koschala_

Ich verstehe seine List schon; er sucht seine eigene Wrde zu zeigen,
indem er unter den mit Edelsteinen bersten Frsten eine strenge
Einfachheit betont.

_Pantschala_

Ich kann seine Klugheit in dieser Sache nicht rhmen. Alle Welt wei,
da die Augen eines Weibes wie eine Motte sind, sie strzen Hals ber
Kopf auf das Gefunkel und Geglitzer von Gold und Steinen.

_Kalinga_

Aber wie lange sollen wir noch warten?

_Kantschi_

Werde nicht ungeduldig, Knig von Kalinga -- je spter die Ernte, desto
ser die Frucht.

_Kalinga_

Wre ich der Frucht sicher, so knnte ich es aushalten. Weil jedoch
meine Hoffnung, die Frucht zu schmecken, uerst zweifelhaft ist, will
sich meine Begier, ihren Anblick zu genieen, nicht zgeln lassen.

_Kantschi_

Aber du bist noch jung -- aufgegebene Hoffnung kommt in deinen Jahren
wieder und wieder zu dir zurck wie ein schamloses Weib: wir indessen
haben diese Stufe lange hinter uns.

_Koschala_

Kantschi, sprtest du nicht jetzt eben etwas, als ob jemand an deinem
Sessel rttelte? Ist es ein Erdbeben?

_Kantschi_

Erdbeben? Ich wei nichts davon.

_Vidarbha_

Oder vielleicht zieht noch ein Frst mit seinen Bewaffneten daher.

_Kalinga_

Es spricht nichts gegen deine Vermutung, nur htten wir dann vorher die
Nachricht erst von einem Herold oder Boten vernehmen mssen.

_Vidarbha_

Ich kann dies nicht fr ein Zeichen guter Vorbedeutung nehmen.

_Kantschi_

Dem Auge der Furcht sieht alles wie schlechte Vorbedeutung aus.

_Vidarbha_

Ich frchte keinen auer dem Schicksal, vor dem Tapferkeit oder
Heldenmut so unntz wie sinnlos ist.

_Pantschala_

Vidarbha, wirf mit deinen unangenehmen Voraussagungen nicht einen
Schatten auf die glcklichen Geschehnisse dieses Tages!

_Kantschi_

Ich ziehe nie das Unsichtbare in Rechnung, bis es sichtbar geworden ist.

_Vidarbha_

Aber dann knnte es zu spt sein, etwas zu tun.

_Pantschala_

Sind wir nicht alle in einem besonders verheiungsvollen Augenblick ans
Werk gegangen!?

_Vidarbha_

Glaubst du dadurch, da du in verheiungsvollen Augenblicken ans Werk
gehst, gegen jede mgliche Gefahr versichert zu sein? Es sieht aus, als
ob --

_Kantschi_

Du wrdest besser das Als ob zu Hause lassen: es ist zwar unsre eigene
Schpfung, erweist sich aber oft als unser Verderben und Untergang.

_Kalinga_

Ist da nicht Musik irgendwo drauen?

_Pantschala_

Ja, es klingt wirklich wie Musik.

_Kantschi_

Dann mu es endlich die Knigin Sudarschana sein, die naht. (Beiseite
zu Suvarna.) Suvarna, du mut dich nicht so hinter mir ducken und dich
verstecken. Gib acht, der Schirm in deiner Hand zittert ja!

Grovater tritt ein, in kriegerischer Rstung.

_Kalinga_

Wer ist das? -- Wer bist du?

_Pantschala_

Wer ist es, der wagt, uneingeladen in diese Halle zu treten?

_Virat_

Unerhrte Frechheit! Kalinga, hindre doch den Kerl, nher heranzukommen.

_Kalinga_

Ihr seid alle lter als ich -- ihr seid berufener das zu tun, als ich.

_Vidarbha_

Wir wollen hren, was er zu sagen hat.

_Grovater_

Der _Knig_ ist gekommen.

_Vidarbha_ (aufspringend)

Der Knig?

_Pantschala_

Welcher Knig?

_Kalinga_

Woher kommt er?

_Grovater_

Mein Knig!

_Virat_

Dein Knig?

_Kalinga_

Wer ist das?

_Koschala_

Was meinst du?

_Grovater_

Ihr wit alle, wen ich meine. Er ist gekommen.

_Vidarbha_

Er ist gekommen?

_Koschala_

In welcher Absicht?

_Grovater_

Er ladet euch alle vor sich.

_Kantschi_

Ladet uns vor, wahrhaftig? Und in welcher Form hat es ihm beliebt, uns
vorzuladen?

_Grovater_

Ihr knnt seinen Ruf auf jede Art nehmen, ganz nach Belieben -- niemand
wird euch hindern -- er ist auf jede Art der Begrung gerstet, um
jedem Geschmack zu gengen.

_Virat_

Aber wer bist du?

_Grovater_

Ich bin einer seiner Generale.

_Kantschi_

General! Eine Lge ist es! Denkst du, uns zu schrecken? Bildest du dir
ein, ich knnte nicht durch deine Verkleidung hindurchsehen? Wir kennen
dich alle gut -- und du spielst dich vor uns als General auf!

_Grovater_

Du hast mich ganz richtig erkannt. Wer ist so unwrdig wie ich, Trger
der Befehle meines Knigs zu sein? Und doch ist er es, der mich mit
dieser Generalsrstung bekleidet und hierher gesandt hat; er hat mich
vor greren Generalen und mchtigeren Kriegern erwhlt.

_Kantschi_

Schon gut, wir werden bei geeigneter Gelegenheit kommen und bezeigen,
was Schicklichkeit und Freundwilligkeit erfordern -- aber gegenwrtig
sind wir mitten in einem dringenden Geschft. Er wird warten mssen, bis
diese kleine Angelegenheit erledigt ist.

_Grovater_

Wenn er seinen Ruf ergehen lt, wartet er nicht.

_Koschala_

Ich gehorche seinem Ruf; ich gehe sofort.

_Vidarbha_

Kantschi, ich kann deinem Vorschlag, zu warten, bis diese Angelegenheit
erledigt ist, nicht zustimmen. Ich gehe.

_Kalinga_

Ihr seid lter als ich -- ich folge euch.

_Pantschala_

Sieh hinter dich, Frst von Kantschi, dein kniglicher Schirm liegt im
Staub: du hast nicht beachtet, wie dein Schirmtrger sich fortgestohlen
hat.

_Kantschi_

Wohlan, General. Auch ich gehe -- aber nicht, um ihm Huldigung zu
leisten. Ich gehe, auf dem Schlachtfeld mit ihm zu kmpfen.

_Grovater_

Du wirst meinen Knig auf dem Schlachtfeld treffen: das ist kein
unwrdiger Platz fr deinen Empfang.

_Virat_

Gebt acht, Freunde, vielleicht fliehen wir alle vor einem
Schreckgespenst -- es sieht so aus, als ob der Knig von Kantschi den
Vorteil davon haben sollte.

_Pantschala_

Kann sein, wenn die Frucht so nahe winkt, ist es feige und tricht,
fortzugehen, ohne sie zu pflcken.

_Kalinga_

Es ist besser, sich dem Knig von Kantschi anzuschlieen. Er mu einen
bestimmten Plan und Zweck haben, wenn er soviel wagt.




XVI.


Sudarschana und Surangama.

_Sudarschana_

Der Kampf ist nun aus. Wann wird der Knig kommen?

_Surangama_

Ich wei es selbst nicht: ich sehe auch seinem Kommen entgegen.

_Sudarschana_

Mein Herz pocht so wild vor Freude, Surangama, da mir die Brust
tatschlich weh tut. Aber ich sterbe auch fast vor Scham; wie soll ich
ihm mein Gesicht zeigen?

_Surangama_

Geh zu ihm in uerster Demut und Entsagung, und alle Scham wird im Nu
verschwinden.

_Sudarschana_

Ich mu nun schon bekennen, da ich die uerste Demtigung fr mein
ganzes briges Leben gefunden habe. Aber der Stolz war schuld, da
ich so lange den grten Anteil an seiner Liebe begehrte. Alle Welt
sagte immer, ich bese eine so wunderbare Schnheit, solche Reize und
Tugenden; alle Welt sagte immer, der Knig zeigte unbegrenzte Gte gegen
mich -- das macht es fr mich so schwer, mein Herz in Demut vor ihm zu
beugen.

_Surangama_

Diese Schwierigkeit, meine Knigin, wird vergehen.

_Sudarschana_

O ja, sie wird vergehen -- der Tag ist fr mich gekommen, mich vor
der ganzen Welt zu demtigen. Aber warum kommt der Knig nicht, mich
zurckzuholen? Worauf wartet er noch?

_Surangama_

Habe ich dir nicht gesagt, da mein Knig grausam und hart ist -- sehr
hart frwahr?

_Sudarschana_

Geh, Surangama, und bring' mir Nachricht von ihm.

_Surangama_

Ich wei nicht, wohin ich gehen sollte, um etwas von ihm zu erfahren.
Ich habe Grovater gebeten, zu kommen; vielleicht hren wir, wenn er
kommt, etwas von ihm.

_Sudarschana_

Ach, mein bses Geschick! Es ist so weit mit mir gekommen, da ich andre
fragen mu, um etwas von meinem eignen Knig zu hren!

Grovater tritt ein.

_Sudarschana_

Ich habe gehrt, da du der Freund meines Knigs bist, so la mich dir
Ehrfurcht bezeugen und gib mir deinen Segen.

_Grovater_

Was tust du, Knigin? Ich nehme nie Ehrfurchtsbezeugungen an. Ich will
nichts weiter als jedermanns Kamerad sein.

_Sudarschana_

So schenk mir denn ein freundlich Lcheln -- gib mir gute Kunde. Sag
mir, wann der Knig kommt, mich zurckzuholen.

_Grovater_

Du fragst mich eine schwere Frage, frwahr! Ich verstehe noch kaum die
Wege meines Freundes. Die Schlacht ist geschlagen, aber niemand kann
sagen, wohin er gegangen ist.

_Sudarschana_

Ist er denn fortgegangen?

_Grovater_

Ich kann hier keine Spur von ihm finden.

_Sudarschana_

Ist er gegangen? Und nennst du solch einen deinen Freund?

_Grovater_

Deshalb schmhen und verdchtigen ihn die Leute. Aber mein Knig kmmert
sich einfach nicht im geringsten darum.

_Sudarschana_

Ist er fortgegangen? Oh, oh, wie hart, wie grausam, wie grausam! Er ist
aus Stein, er ist hart wie Diamant! Ich versuchte, ihn mit meinem Herzen
zu bewegen -- es ist zerrissen und blutet -- aber ihn konnte ich nicht
einen Zoll bewegen! Grovater, sag mir, wie kannst du mit solch einem
Freund auskommen?

_Grovater_

Ich kenne ihn nun -- ich habe ihn in meinen Leiden und Freuden
kennengelernt -- er kann mich nicht mehr zum Weinen bringen.

_Sudarschana_

Wird er sich mir nicht auch zu erkennen geben?

_Grovater_

Gewi wird er das, natrlich. Er wird nicht eher ruhen.

_Sudarschana_

Wohlan denn, ich werde sehen, wie hart er sein kann! Ich werde hier am
Fenster stehen, ohne ein Wort zu sagen; ich werde mich nicht einen Zoll
von der Stelle rhren; ich will sehen, ob er nicht kommt!

_Grovater_

Du bist noch jung -- du kannst es dir leisten, auf ihn zu warten; aber
fr mich alten Mann ist der Verlust eines Augenblicks eine Woche. Ich
mu hinaus, ihn zu suchen, ob ich ihn finde oder nicht.

Ab.

_Sudarschana_

Ich brauche ihn nicht -- ich will ihn nicht suchen! Surangama, ich
bedarf deines Knigs nicht! Warum kmpfte er mit den Frsten? Geschah es
berhaupt fr mich? Wollte er sein Heldentum und seine Strke zur Schau
stellen? Geh fort von hier -- ich kann deinen Anblick nicht ertragen. Er
hat mich in den Staub erniedrigt und ist noch nicht zufrieden!




XVII.


Eine Schar von Brgern.

_Erster Brger_

Als so viele Knige zusammentrafen, dachten wir, es wrde eine rechte
Kurzweil fr uns geben; aber irgendwie nahm alles eine solche Wendung,
da niemand wei, was berhaupt geschehen ist!

_Zweiter Brger_

Saht ihr nicht, da sie untereinander zu keiner Verstndigung kommen
konnten? -- jeder mitraute dem andern.

_Dritter Brger_

Keiner hielt sich an ihre ursprnglichen Plne; einer wollte vorrcken,
ein anderer hielt den Rckzug fr die bessere Politik; einige wandten
sich nach rechts, andere liefen Sturm nach links: wie kann man das eine
Schlacht heien?

_Erster Brger_

Sie hatten keinen Sinn fr wirklichen Kampf -- jeder hatte seine Augen
auf den andern.

_Zweiter Brger_

Jeder dachte: Warum sollte ich sterben, um es den andern zu
ermglichen, die Ernte einzuheimsen?

_Dritter Brger_

Aber ihr mt alle zugeben: Kantschi kmpfte wie ein wirklicher Held.

_Erster Brger_

Er schien noch lange, nachdem er geschlagen war, nicht gewillt, seine
Niederlage anzuerkennen.

_Zweiter Brger_

Zuletzt wurde ihm von einem tdlichen Wurfgescho die Brust durchbohrt.

_Dritter Brger_

Aber vorher schien er nicht gewahren zu wollen, da er bei jedem Schritt
Boden verloren hatte.

_Erster Brger_

Die andern Knige aber -- nun, keiner wei, wohin sie geflohen sind; den
armen Kantschi lieen sie allein auf dem Feld.

_Zweiter Brger_

Aber ich habe gehrt, er sei noch nicht tot.

_Dritter Brger_

Nein, die rzte haben ihn gerettet -- aber er wird den Stempel seiner
Niederlage bis zum Tag seines Todes auf der Brust tragen.

_Erster Brger_

Keiner von den andern Knigen, die flohen, ist entkommen; sie sind alle
gefangengenommen worden. Aber was ist das fr eine Sorte Justiz, die an
ihnen gebt wurde?

_Zweiter Brger_

Ich habe gehrt, da jeder bestraft wurde, mit Ausnahme von Kantschi,
dem der Richter auf dem Thron der Gerechtigkeit den Platz zu seiner
Rechten anwies und ihm eine Krone aufs Haupt setzte.

_Dritter Brger_

So etwas Unfabares ist noch nicht dagewesen.

_Zweiter Brger_

Diese Sorte Justiz, frei herausgesagt, kommt uns launisch und
grillenhaft vor.

_Erster Brger_

So ist es. Der grte Snder ist ganz gewi der Knig von Kantschi; die
andern trieb einmal Gewinngier vorwrts, und das andre Mal zog sie die
Furcht zurck.

_Dritter Brger_

Was fr eine Sorte Justiz ist das, frage ich? Es ist, wie wenn der Tiger
ungestraft davonkme, whrend sein Schwanz abgeschnitten wrde.

_Zweiter Brger_

Wenn ich der Richter wre, glaubt ihr, Kantschi liefe zur Stunde heil
und gesund herum? Nicht das geringste wre mehr von ihm brig.

_Dritter Brger_

Das sind groe Oberrichter, Freunde; ihre Gehirne haben ein andres
Geprge wie unsre.

_Erster Brger_

Haben sie berhaupt ein Hirn, mcht' ich wissen? Sie frnen einfach
ihren Launen, da keiner ber ihnen ist, der ihnen etwas sagen drfte.

_Zweiter Brger_

Ihr knnt sagen, was ihr wollt, wenn die Regierungsgewalt in unsern
Hnden wre, htten wir sicher die Regierung besser gefhrt als so.

_Dritter Brger_

Kann darber berhaupt noch Zweifel bestehen? Das versteht sich
natrlich von selbst.




XVIII.


Die Strae. Grovater und Kantschi.

_Grovater_

Wie, Frst von Kantschi, du hier?

_Kantschi_

Dein Knig hat mich auf die Strae geschickt.

_Grovater_

Das ist eine stehende Gewohnheit bei ihm.

_Kantschi_

Und nun kann niemand eine Spur von ihm erblicken.

_Grovater_

Auch das gehrt zu seinen Vergngungen.

_Kantschi_

Aber wie lange will er mir noch so ausweichen? Als nichts mich dazu
bringen konnte, ihn als meinen Knig anzuerkennen, kam er pltzlich
daher wie ein schrecklich gewaltiger Sturm -- Gott wei, woher -- und
zersprengte meine Leute und Pferde und Banner in einen einzigen wilden
Aufruhr: nun aber, wo ich die Grenzen der Erde absuche, um ihm meine
demtige Huldigung zu erweisen, ist er nirgends zu sehen.

_Grovater_

Aber wie gro er als Knig auch sein mag, er hat sich dem zu fgen, der
sich unterwirft. Aber warum bist du bei Nacht hinausgewandert, Frst?

_Kantschi_

Ich kann ein geheimes Gefhl der Angst noch nicht loswerden, die Leute
knnten mich auslachen, wenn sie sehen, wie ich euerm Knig demtig
meine Huldigung darbringe und meine Niederlagen anerkenne.

_Grovater_

So sind die Leute in der Tat. Was andre zu Trnen rhren wrde, dient
nur dazu, ihr leeres Lachen hervorzurufen.

_Kantschi_

Aber du bist auch auf der Strae, Grovater.

_Grovater_

Ich bin auf der frhlichen Pilgerfahrt zu dem Land, wo man alles
verliert.

_Gesang des Grovaters_

  Ich warte mit all meiner Habe in Hoffnung, sie all zu verlieren.
  Ich laure am Straenrand auf den, der einen hinaus auf die Strae
      schickt,
  Der sich verbirgt und sieht, der ohne dein Wissen dich liebt,
  Ich hab ihm in heimlicher Liebe mein Herz gegeben,
  Ich warte in Hoffnung mit all meiner Habe, sie all zu verlieren.




XIX.


Eine Strae. Sudarschana und Surangama.

_Sudarschana_

Welche Erlsung, Surangama, welche Freiheit! Meine Niederlage ist es,
die mir die Freiheit gebracht hat. Oh, was besa ich fr einen ehernen
Stolz! Nichts konnte ihn rhren oder erweichen. Mein verfinsterter Geist
konnte auf keine Weise dazu gebracht werden, die schlichte Wahrheit zu
sehen, da nicht der Knig zu kommen hatte, sondern da ich zu ihm gehen
sollte. Die ganze Nacht hindurch gestern lag ich allein im Staub auf
dem Boden am Fenster -- lag da trostlose Stunden lang und weinte! Die
ganze Nacht bliesen die Sdwinde und schrien und sthnten wie die Qual,
die an meinem Herzen nagte; und immer hindurch hrte ich das klagende:
Sprich, Weib! des Nachtvogels, das in dem Aufruhr drauen als Echo
tnte!... Es war das hilflose Wehklagen der dunklen Nacht, Surangama!

_Surangama_

Die schwere melancholische Weise der letzten Nacht schien eine Ewigkeit
forttnen zu wollen -- oh, welch trbe dstere Nacht!

_Sudarschana_

Aber willst du es glauben -- mir war, ich hrte die sanften Akkorde
der Laute durch all den wilden Lrm und Aufruhr strmen! Konnte er so
se und zarte Weisen spielen, er, der so grausam und schrecklich ist?
Die Welt kennt nur meine Entwrdigung und Schmach -- aber keiner als
mein eigenes Herz konnte diese Akkorde hren, die durch die einsame und
klagende Nacht hin nach mir riefen. Hrtest du, Surangama, diese Laute
auch? Oder war das nur ein Traum von mir?

_Surangama_

Aber eben um die Musik dieser Laute zu hren, bin ich ja immer an deiner
Seite. Auf diesen Ruf der Musik, von dem ich wute, er wrde eines Tages
kommen und all die Schranken der Liebe zunichte machen, habe ich mit
gespanntem Ohr all die Zeit her gelauscht.

_Sudarschana_

Schlielich schickte er mich auf die Landstrae -- ich konnte seinem
Willen nicht widerstehen. Wenn ich ihn finde, werden die ersten Worte
sein, die ich ihm sage: Ich bin freiwillig gekommen -- ich habe nicht
abgewartet, bis du kamst. Ich werde sagen: Um deinetwillen bin ich die
harten beschwerlichen Straen gewandert, und bitter und unaufhrlich war
auf dem ganzen Weg mein Weinen. Ich werde wenigstens diesen Stolz in
mir haben, wenn ich zu ihm komme.

_Surangama_

Aber selbst dieser Stolz wird nicht dauern. Er kam vor dir -- wer sonst
htte dich auf die Strae schicken knnen?

_Sudarschana_

Vielleicht ist es so. Solange noch ein Gefhl gekrnkten Stolzes in
mir war, mute ich glauben, er htte mich fr immer verlassen; aber
als ich meine Wrde und meinen Stolz in die Winde schleuderte und auf
die gemeinen Straen hinausging, da schien es mir, als wre auch er
herausgekommen: ich habe angefangen, ihn zu finden, seit ich auf der
Strae bin. Ich frchte nun nichts mehr. All diese Leiden, durch die
ich um seinetwillen hindurchgegangen bin, gerade die Bitterkeit all
dieser Leiden bringt ihn zu mir. Ach ja, er ist gekommen, er hat mich
bei der Hand genommen, gerade wie er es in jener Kammer der Dunkelheit
gern tat, wo bei seiner Berhrung all mein ganzer Leib in pltzlicher
Wonne erbebte: es ist dieselbe, dieselbe Berhrung wieder! Wer sagt, er
sei nicht hier? -- Surangama, kannst du nicht sehen, da er gekommen
ist, schweigend und insgeheim?... Wer ist jener dort? Sieh, Surangama,
dort ist ein dritter Wanderer auf dieser dunklen Strae zu dieser
nchtlichen Stunde.

_Surangama_

Ich sehe, es ist der Knig von Kantschi, meine Knigin.

_Sudarschana_

Der Knig von Kantschi!

_Surangama_

Frchte dich nicht, meine Knigin!

_Sudarschana_

Frchten! Warum sollte ich mich frchten? Die Tage der Furcht sind fr
mich fr immer vorbei.

_Kantschi_ (tritt auf)

Mtterchen Knigin, ich sehe euch beide auf dieser Strae! Ich bin ein
Wanderer auf demselben Weg wie du. Habe keine Furcht vor mir, o Knigin!

_Sudarschana_

Es ist gut, Knig von Kantschi, da wir zusammen gehen, Seite an Seite
-- das ist nur in Ordnung. Ich kam dir in den Weg, als ich zuerst mein
Heim verlie, und nun begegne ich dir wieder auf dem Rckweg. Wer htte
sich trumen lassen, da diese unsre Begegnung voll so guter Verheiung
war?

_Kantschi_

Aber, Mtterchen Knigin, es gebhrt sich nicht, da du zu Fu ber
diese Strae wanderst. Willst du mir gestatten, einen Wagen fr dich zu
besorgen?

_Sudarschana_

Oh, sage das nicht: ich wre nie wieder glcklich, wenn ich nicht auf
meinem Rckweg nach Hause auf den Staub der Strae treten knnte, die
mich von meinem Knig weggefhrt hat. Ich wrde mich selbst betrgen,
wenn ich jetzt in einem Wagen fahren wrde.

_Surangama_

Knig, auch du wanderst heute im Staub: diese Strae hat niemals einen
gekannt, der Pferd oder Wagen ber sie gelenkt htte.

_Sudarschana_

Als ich die Knigin war, schritt ich auf Silber und Gold -- ich habe nun
fr das Unglck meiner kniglichen Geburt zu ben, indem ich auf Staub
und nackter Erde wandre. Ich htte mir nicht trumen lassen, da ich
heute bei jedem meiner Schritte im gemeinen Staub der Erde meinen Knig
finden wrde.

_Surangama_

Sieh, meine Knigin, dort im Osten dmmert der Morgen. Wir haben nicht
mehr lange zu wandern: ich sehe die Spitzen der goldenen Trme des
Knigspalastes.

Der Grovater tritt auf.

_Grovater_

Mein Kind, es tagt -- endlich!

_Sudarschana_

Du hast mir deinen Segen zum Geleit gegeben, und hier bin ich nun.

_Grovater_

Aber siehst du, was fr schlechte Manieren unser Knig hat? Er hat
keinen Wagen geschickt, keine Musik, nichts von Glanz und Pracht.

_Sudarschana_

Nichts von Pracht, sagst du? Sieh hin, der Himmel ist rosig und
purpurn ber und ber, und die Luft ist voll von dem Willkommgru der
Blumendfte.

_Grovater_

Ja, aber so grausam unser Knig sein mag, drfen wir doch nicht suchen,
mit ihm zu wetteifern: ich kann mich des Schmerzes nicht erwehren, wenn
ich dich in diesem Zustand sehe, mein Kind. Wie knnen wir ertragen,
dich in dieses arme zerlumpte Gewand gekleidet in den Knigspalast
eingehn zu sehen? Warte etwas -- ich laufe und hole dir deine
Knigsgewnder.

_Sudarschana_

O nein, nein, nein! Er hat diese Knigskleider fr immer von mir
genommen -- er hat mich vor den Augen der ganzen Welt in das Kleid einer
Magd gekleidet: welche Erlsung ist das fr mich gewesen! Ich bin nun
seine Magd, nicht lnger seine Knigin. Heute stehe ich tiefer als alle
die, die irgendeine Verwandtschaft mit ihm beanspruchen knnen.

_Grovater_

Aber deine Feinde werden nun ber dich lachen: wie kannst du ihren Spott
ertragen?

_Sudarschana_

La ihr Gelchter und ihren Spott unauslschlich sein -- la sie auf den
Straen Staub nach mir werfen: dieser Staub wird heute der Puder sein,
mit dem ich mich schmcken will, ehe ich meinem Herrn entgegentrete.

_Grovater_

Danach habe ich nichts mehr zu sagen. Nun wollen wir das letzte Spiel
unsres Frhlingsfestes spielen -- anstatt mit Bltenstaub soll der
Sdwind alles mit dem Staub der Demut berschtten! Wir werden zum Herrn
gehen, gekleidet in das gemeine Grau des Staubes. Und wir werden auch
ihn ber und ber mit Staub bedeckt finden. Denn, meint ihr, die Leute
schonen ihn? Selbst er kann ihren schmutzigen und staubigen Hnden
nicht entgehen, und er denkt nicht einmal daran, den Schmutz von seinen
Kleidern zu brsten.

_Kantschi_

Grovater, vergi mich nicht in deinem Spiel! Ich will auch dies mein
Knigsgewand beschmutzen lassen, bis es nicht mehr zu erkennen ist.

_Grovater_

Das wird nicht viel Zeit brauchen, mein Bruder. Nun du so tief
heruntergekommen bist, wirst du deine Farbe in krzester Frist wechseln.
Sieh nur unsre Knigin an -- sie geriet in Zorn gegen sich selbst und
dachte, sie knnte ihre unvergleichliche Schnheit zerstren, indem
sie all ihren Schmuck wegwarf: aber diese Beleidigung ihrer Schnheit
lie sie in zehnfachem Glanz erstrahlen, und nun ist sie in dieser
Schmucklosigkeit zur Vollendung gelangt. Unser Knig selbst ist
gestaltlos und ohne Schnheit, darum liebt er sie in seinen mannigfachen
Erscheinungen als seinen hchsten Schmuck. Und diese Schnheit hat heute
den Schleier von Stolz und Eitelkeit abgetan! Was gbe ich nicht darum,
wenn ich die wunderbare Musik und den Gesang hren drfte, der heute
meines Knigs Palast erfllt!

_Surangama_

Seht, dort geht die Sonne auf!




XX.


Die dunkle Kammer.

_Sudarschana_

Herr, gib mir die Ehre nicht zurck, die du mir einmal genommen hast!
Ich bin die Magd deiner Fe -- ich suche kein andres Vorrecht, als dir
zu dienen.

_Knig_

Wirst du jetzt imstande sein, mich zu ertragen?

_Sudarschana_

O ja, ja, das werde ich. Dein Anblick stie mich zurck, weil ich dich
im Lustgarten, in meinen frstlichen Gemchern gesucht hatte: da sieht
noch dein geringster Diener geflliger aus als du. Dieses Fieber des
Verlangens hat meine Augen fr immer verlassen. Du bist nicht schn, o
Herr -- du stehst ber allem Vergleich!

_Knig_

Was mit mir vergleichbar ist, liegt in dir selbst.

_Sudarschana_

Wenn es so ist, dann ist auch das unvergleichlich. Deine Liebe lebt in
mir -- du wirst gespiegelt in dieser Liebe, und du siehst dein Antlitz
abgebildet in mir: nichts davon mein, es ist alles dein, o Herr!

_Knig_

Ich ffne heute die Tr dieser dunklen Kammer -- das Spiel hier ist zu
Ende! Komm, komm jetzt mit mir, komm hinaus -- _ins Licht_!

_Sudarschana_

Ehe ich gehe, la mich dir zu Fen mich beugen, o Herr des Dunkels, du
Grausamer, Furchtbarer, Unvergleichlicher!

ENDE


Funote:

[A] Whrend des indischen Frhlingsfestes bewirft man sich
gegenseitig mit rotem Puder. In diesem Stck wird der rote Puder als
Symbol der Liebesleidenschaft genommen.]




Anmerkung zur Transkription:
Auf Seite 19 wurde ein doppeltes 'du' entfernt ('wie erklrst du du das
ohne einen Knig?').





End of the Project Gutenberg EBook of Der Knig der dunklen Kammer, by 
Rabindranath Tagore

*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER KNIG DER DUNKLEN KAMMER ***

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