The Project Gutenberg EBook of Zarastro, by Annette Kolb

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Title: Zarastro
       Westliche Tage

Author: Annette Kolb

Release Date: November 21, 2013 [EBook #44243]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

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Produced by Jens Sadowski








                               ZARASTRO


                            Westliche Tage
                                 von
                             Annette Kolb




                                1921
                     S. Fischer / Verlag / Berlin




                           1.--5. Auflage.
       Alle Rechte, besonders das der bersetzung, vorbehalten.
             Copyright 1920 by S. Fischer Verlag, Berlin.








Zarastro


Dieses Buch, das auf Grund tglicher Aufzeichnungen entstand, enthlt
Enttuschungen als sein Wesen. Es ist ein Tagebuch der Enttuschungen, ich
verhehle es nicht. Gerade sie sind das einzig wertvolle daran. Denn an
allen Erlebnissen whrend dieser Jahre, an allen Szenen, allen Ereignissen,
allen Episoden hat sich die Beobachtung ergeben, da im wachsenden Umfang
die besten Hoffnungen, die reinsten Zugehrigkeiten ihre dramatische
Zerstrung nach sich zogen. Zu sehen, wie sie immer sehr buchstblich
zuschanden kommen muten, versetzte mich erst in eine dumpfe,
herabgestimmte Unruhe, und nur allmhlich entdeckte ich, da sich in allem
die kleine wie die groe Hllenmaschine menschlicher Niedrigkeit gleichsam
eingebaut hielt, berall, auf dieselbe Weise und mit derselben Wirkung jede
edle, jede vernnftige Absicht, jede Harmonie im Keim vernichtete. Diese
Gefolgschaft, dies enge Schritthalten der Bsen -- jeder Zuflligkeit bar
-- zeigt sich vom Anekdotischen bis zur Entladung so konform, da es die
Schicksale des einzelnen zur genauesten Replik der Weltschicksale prgt.




Erster Teil.


Am 1. Februar 1917 kam ich gegen Abend definitiv nach Bern. Im Zug -- am
Fenster -- schlief ich zwischen Zrich und Baden auf einige Sekunden ein.
Dabei rckten sich Bilder aus meiner Wohnung, aber um ein Drittel
vergrert -- die sich also selbst vergrert hatten --, selbst an einer
Wand zurecht. --

Trotz dieser so unvermittelt aufblitzenden Vision wurde die Mutlosigkeit,
gegen die ich anzukmpfen hatte, immer drckender, und geradezu trostlos
gestaltete sich meine Einfahrt in die Bahnhofhalle. Es go so recht von
innen heraus, wie nur der Berner Himmel zu gieen versteht. So begibt man
sich wohl ins Gefngnis, wie ich in das Haus, um dessen anheimelnder alten
Stiege willen ich im zweiten Stock zwei kleine Zimmer mit einem Alkoven
gemietet hatte. brigens waren sie noch nicht frei, und indessen wurde mir
ein groes niedriges angewiesen, das sofort meine Abneigung erregte: bis
auf einen gewaltigen Tisch von wahrhaft trstlichem Umfang. Er stand mitten
in der Stube, ganz auf sich beruhend:

Sieh mein gerumiges Rund, und wie gefllig es ist! Sahst du ein weiteres
je?

Brde nur fglich mir auf, was immer du willst. Ich schaffe noch Platz dir.
Na also!

So redete er, halb in Hexametern, halb wie eine alte Kindsfrau zu mir, war
immer optimistisch und richtete mich auf.

Das Mnster aber, das so gut anhebt und so schlecht verluft, beschattet
und beherrscht den Platz, und die Aussicht hart vor meinen Fenstern ist
durch ihn versperrt. Auch mein Herz schlgt hinter Riegeln. Ich bin nicht
mit den Illusionen hergekommen wie das erstemal.

                   *       *       *       *       *

4. FEBRUAR. Kalte regnerische Tage, unfroh wie die Stunde meiner Ankunft,
welche Telramunds, als sei dies unvermeidlich, zuerst erfuhren. Die Lauben
sind, wie es scheint, ihr Jagdrevier, denn kaum trete ich vors Haus, so
schieen sie mir schon wie auf Rollschuhen der Neugierde entgegen, jedesmal
mit einer Einladung zum Tee. Ich bin entschlossen, ihr nicht zu folgen,
denn sie ist natrlich nur verhrsweise gedacht. Fortunio rt von einer so
schroffen Haltung ab. Wir diskutieren hin und her, und ich lasse mich
leider berreden.

6. FEBRUAR. Tee bei Telramunds. Ich trage meinen teuren Pelz, denn es ist
kalt, dazu aber ausgebesserte Schuhe, weil es regnet. Der Empfang ist
brigens von so glnzend imitierter Herzlichkeit, da er mich frs erste
ganz beschmt. Wie unverkennbar ist doch im Grunde Telramunds Zuneigung fr
mich! Er errtert meinen Roman in den hchsten Tnen, und wie freut sich
Ortrud, mich zu sehen! Wie ungerechtfertigt ist der Name, den ich ihnen
gebe! Wie funkeln Teekanne, Dose und rchaud! Wir sitzen ein wenig
merkwrdig zusammen, es ist wahr! unsere sechs Knie eng aneinander gerckt:
die meinen in der Mitte, wie die eines Delinquenten, von den beiden andern
flankiert. Doch ist das nur zufllig vielleicht.

Wenn aber drei Leute sich uerlich in so enger Gemeinschaft befinden, und
zwei von ihnen werfen sich Blicke zu, so wird es der Dritte bemerken, auch
ohne es zu wollen und ohne hinzusehen. Ortrud guckte wertschtzend von
meinem Mantel herab auf mein Schuhwerk. Der Pelz einerseits und die
Reparatur anderseits gaben zu denken. Wie aber konnten sich die beiden so
vergessen, da sie pltzlich anfingen, wie mit Fliegenklappen nach mir
auszuholen und sich hochbefriedigt ansahen, wenn sie glaubten, mich ertappt
zu haben?

Zwar lag es auf der Hand, da ein so leicht zu berfhrendes Geschpf
unmglich zugleich jene raffinierte Person sein konnte, fr welche ich
wute, da sie mich hielten. Aber wie resolut Leute von schlechten
Instinkten jegliche hemmende Logik von sich weisen, wute ich auch. Von
neuem auf der Hut, beantwortete ich jede Frage mit einem Kunstbogen; als
jedoch der Name Elisabeth Rotten fiel, hielt ich krampfhaft an diesem Thema
fest. Telramund konnte ihren politischen Scharfsinn nicht genug loben
(spter stritt er ihn ihr ffentlich ab). So erzhlte ich denn von ihrer
schwer angegriffenen Gesundheit und ihrem Wunsch nach einer Erholungsreise.
Diese aber sei nur durch List und Tcke zu erreichen. Es mte also, meinte
ich, mehr mitteilsam wie raffiniert, unter Vorspiegelung eines Vortrags,
welchen sie dann natrlich nicht halten wrde, ein Pa fr sie erschlichen
werden.

Die Idee wurde stillschweigend zur Kenntnis genommen. Blicke flogen . . .
und es war unverkennbar, da etwas nicht stimmte.

Bin ich nach Bern gekommen, dachte ich auf dem Rckweg, um mit Leuten zu
verkehren, die ich zu Hause nie ertragen htte?

Das Wetter hatte sich auf einige Stunden aufgehellt, und ber der Brcke
von Kirchenfeld flammten pltzlich die Alpen auf. Bla und verheiungsvoll
leuchtete die losgelste Jungfrau ber das Gewlk, das sich in schwarzen
Massen zu Tale schob. Wie ganz und gar nicht existierend, dachte ich da,
ist doch letzten Endes das Gemeine! Nur unser trges und verwischtes Sehen
leiht ihm den Schein von Wesenheit, und Leuten wie Telramunds das Gesicht.
Und zwei verschwisterte Seelen hatten da einen Bund geschlossen, wie die
Hlle ihn liebt. Dabei war Telramund Berliner und Ortrud, wie zum
Schulexempel, eine Franzsin aus der Provinz. Ach! Welch ein Schabernack
wird doch ber alle Grenzen hin mit unseren Gesetzen getrieben! Keine Feder
wiegen sie auf gegen die Schleuderwaffen, ber welche schlaue Unvernunft
gebietet. Wohl haben wir gelernt, Weingrten und cker zu bestellen,
veredelt hngen uns die Frchte von den Bumen hernieder, und wie
umsichtig, wie bewundernswert ist der Mensch angesichts seiner Felder! Nur
vor sich selbst ist er stehengeblieben. Da jtet er nicht. Da steht berall
goldener Weizen, von wild um sich greifendem, allgewaltigem Unkraut
erstickt. Gegen die Natur, die Elemente, die Erde, ja die Luft selber
schritten wir ein, nur vor uns selbst sinken uns die Arme, und wir lassen
geschehen. Dies ist die bisherige Logik der Welt, der Nationen. Nicht
einmal bis zu unseren Verbrecherstatistiken besannen wir uns -- wie htten
wir da bis zu den Tabellen unserer verkleideten und ganz undrastischen
belttern gedacht? --

                   *       *       *       *       *

Allseitige Verstimmung. Mein Wunsch, Frulein Rottens Wunsch zu erfllen,
hat schwrzesten Verdacht erregt. Ich kannte die in Bern geschaffene
Atmosphre noch zu wenig, um zu verstehen. Warum in aller Welt, beschwert
sich Fortunio bei mir, mischte ich mich da hinein! Welches Interesse hatte
ich an dieser Reise?

Und diese Idee eines Vortrags! (Sogar er, es war unverkennbar, hat Argwohn
geschpft!)

Nur ein Vorwand natrlich! ich sagte es ja Telramund.

Fortunio zuckte die Achseln: er hat es Ihnen natrlich nicht geglaubt.

Die beiden werden uns noch sprengen!, brach ich aus, alle unsere
Anstrengungen hintertreiben und uns alle zu Grabe tragen.

Mit Martin im Walde hatte ich ja meine Not. Die Verdchtigungen auf ihn
regneten ohne Unterla. Schon whrend jenes Diners, welches Aramis bei
meiner ersten Berner Ankunft gab, hatte ihn Telramund als einen Agenten mit
doppeltem Schubfach bezeichnet, und Ortrud pfiff frmlich vor Hohn wie eine
Maus. Da ich widersprach, fiel nur auf mich zurck. Fr einen ehemaligen
Kruppdirektor also machte ich Reklame! Sprach dies nicht Bnde? Da er
tatschlich seine Stellung seinen berzeugungen geopfert hatte, war ein
Beweis mehr fr seine Verschlagenheit. Den Bruder kannte er. Den Bruder
kenne ich! war sein Refrain.

                   *       *       *       *       *

9. FEBRUAR. Ich miete einen Flgel: ohne Schmelz, ohne Tiefe, es ist wahr,
und doch edel, weil immerhin ein Flgel. Gott sei Dank! Flgel sind jetzt
sehr schwer zu kriegen! Ich bin einen ganzen halben Tag glcklich. Welches
Glck! -- es ist ein Glck, das ich der Protektion eines jungen Berner
Pianisten verdanke. Wir hatten ein Zusammentreffen verabredet, um in die
Fabrik zu fahren. In den Lauben kam Ortrud auf mich zu und uerte den
Wunsch, mich zu besuchen, und da ich ungeheuer eilig tat, begleitete sie
mich, um zu sehen, ob es wirklich der junge Pianist war, der mich erwartet.
Da er es wirklich war, denke ich mir, sie beruhigt sich jetzt.

10. FEBRUAR. Telramund erzhlt mit vielsagender Miene, da ich einen Flgel
gemietet habe. Kein Zweifel mehr: ich bin eine Spionin.

11. FEBRUAR. Aramis gibt mir zu wissen, da er sich wundere, weil ich ihm
noch kein Lebenszeichen gebe. Ich unterlie es nur, denn er ist mir
sympathisch, weil mir versichert wurde, da er mir nicht mehr traue.

Es sei kein Grund, sagt mir Fortunio, ihn zu schneiden. Seufzend (da er mir
ja mitraut!) rufe ich ihn ans Telephon, und vor seiner Sprache, ach! wird
mein zerrissenes Herz sofort wie eine Geige, in welche diese Sprache (auch
die meine, ach!) hineingreift wie ein Bogen.

13. FEBRUAR. Gestern abend war ich bei Fortunio, und Martin im Walde fand
sich zum ersten Male bei ihm ein. Vor dem Kriege htte ich sie nicht
einander zugefhrt: Fortunio so musisch und sternengebannt, aber auch
stemschnuppenhaft, Martin im Walde so schwerbltig, so problematisch und so
vorbedacht! Heute aber mu alles zusammenstehen, was aufrecht blieb. Wie
errichten wir sonst jene Dmme gegen die blinde Gewalt, den Schutzmauern
vergleichbar, die sich so wacker gegen die Bergwnde stemmen, um zur Zeit
der Schmelze die Lawinen aufzuhalten? Auch unserem Planeten stand der
Frhling nahe bevor, als die Lawine sich entlud, die allen Schutt nach oben
warf und eine grnende Welt und alle Glocken der Vernunft mit ihren toten
Blcken und ihrem schmutzigen Gerll brllend und drhnend berzog. Jene
Mauern, Lawinenschutz genannt, sind natrlich nur roh aufeinander
geschichtete, jedoch wetterfeste Steine, die nichts anderes zum Ausdruck
bringen, als die Not des Augenblicks, dem sie entstanden sind. So scheint
mir heute, wo es den Kampf des menschlichen gegen das unmenschliche gilt,
das wichtige nicht, glattes einzufgen, nicht einmal der inneren
Gemeinsamkeit den Ausschlag zu lassen, sondern die Widerstandskraft und das
Gewicht der Dinge zu bedenken.

Doch ach! Der als Schachfigur so schwer festzulegende Fortunio war heute
auf meine Opportunismen nicht gestimmt, sondern wie zum Trotz in einer ganz
herausfordernden, ganz interpellierenden, ganz kontrren, um ihre eigene
Wirkung ganz unbekmmerten Laune. Zu machen war da gar nichts. Im stillen
nur nahm ich mir vor, auf dem Heimweg Fortunios Wesensart, welche Martin im
Walde nicht gelufig war, so beweglich wie mglich zu schildern. Aber nicht
einmal diese nachtrgliche Intervention sollte mir gelingen. Denn als ich
auf der Stiege in die Taschen meines Mantels griff, war mein Hausschlssel
nicht darin, die Nacht aber viel zu weit vorgeschritten, um meine Pension
durch Glockenreien zu alarmieren. Die bermdete Fortunia, ber die Rampe
gebeugt, rief mich wieder zurck. Neben dem groen Empfangsraum lag ein
schmales Zimmer. Ich bezog es ohne viel Worte und warf mich mit meinen
Kleidern auf den breiten Diwan, der dort stand, ganz erledigt fr den Rest
der Nacht. Immer verschrfter schwebte mir die Bilanz des miratenen Abends
vor und regte mich auf. Wie ungut lie sich doch alles an!

Eine tiefe Stille lag jetzt ber dem ganzen Hause, den Wnden, den Fenstern
und der Luft, als ob sie ein Signal erwarteten. Denn nebenan war pltzlich
ein anderes Leben erwacht, eine andere Unruhe, als die des Tages, ein
Rcken, Geknister, ein Gewisper, Disput und Ungeduld. -- -- Zwar ist dem
Herzen kein Organ verliehen, das unsichtbare zu sehen, aber so mancher
kennt gewi jenes aussetzen seines Schlages, bevor es tiefer zu horchen
beginnt . . . Es fiel mir ein, da die ganze Huserreihe dieser alten Gasse
fr mehr oder minder spukhaft galt; doch ein so wenig grauenhafter,
hchstens malitiser, nicht einmal boshafter Spuk war mir noch nicht
begegnet. Neugierde trieb mich endlich hin zur Tre, hinter der er sich
begab. Aber jenseits derselben hatte augenblicklich -- als sei nie Lrm
gewesen -- Totenstille eingesetzt, und die Klinke, von Tcke besessen,
widerstand allem drcken, drehen und schieben. Mit schmerzenden Hnden lie
ich sie los und kehrte auf meinen Diwan zurck. Alsbald war Geknister und
Getusche, rcken und huschen, Unruhe, Aufregung, heiseres Eifern und
Streiterei im verstrkten Grade wieder da. Offenbar wollte die Gesellschaft
von mir nichts wissen und boykottierte mich. Wie aber kam es, da ich
pltzlich wie unter freiem Himmel lag und den Arm aufsttzte, als schirmten
mich die Zweige eines Baumes, und als horchte ich statt zur Seite hin, tief
unter die Erde hinab? Was immer mir jetzt in den Sinn kam, bot sich wie
eine Zwiesprache dar. Dem Nixenbegriff lag wohl eine tiefe Erkenntnis
zugrunde. Wie diesseits des Menschengeschlechtes, so sind aber auch
jenseits desselben Geschpfe Gottes denkbar, die an der entgegengesetzten
Peripherie des Lebens beschattet stehen und hinausgerckt; und winzige,
kaum bemerkbare Dinge knnten es sein, die ihnen ein leises Grauen vor
ihrem eigenen Wesen entgegenhauchen: ihr unakkurater Sinn fr
Wirklichkeiten, ihr vorwegnehmen des Zieles ber Hindernisse hinweg, ist
wie ein gestrter Sehwinkel oder wie ein verkrzter Fu, den solche
Menschen durchs Leben ziehen, und sie erschauern, verzagen und vereinsamen
bis ins Mark, wenn sie daran erinnert werden. ber die fernest abliegenden
Dinge dachte ich hin und her. Aber warum in aller Welt berkam mich ein
Heimweh nach dieser verschlossenen Tr, und um was fr Dinge war mir denn
leid? Du lieber Gott, wollte ich denn von allem haben!

Der ganze tumultarische Betrieb setzte brigens mit einer spurlosen
Pltzlichkeit aus, als htte er nie geherrscht. Nur eins war deutlich:
durch die Tre verzog er sich nicht. Es kam etwas anderes: aus dem unteren,
nachts unbewohnten Stockwerk drangen sanfte Trommelwirbel, oh, so deutlich
zu mir, und dann ertnten gedmpft, aber klangvoll, tamponierte Posaunen.
Und dann kam das huschen und fegen eines Kleides, das schleifen einer
Schleppe, ja! im Takt dieser erstickten Musik. Ich horchte mit allen
Fasern. So fein, so spttisch, so leicht! oh! in der Tat geistreich war der
Rhythmus dieses pas-de-deux, waren die Fe, die Grazie, die
Unkrperlichkeit dieses balancierenden Krpers im Klang der wonnig
umhllten Posaunchen. Tod und Leben in lchelnder Umarmung -- Leben noch im
Tode? Liebe selbst bei ihm? -- Was verfing sich da eine Uhr, mit vier
groben Schlgen in den Zauber hineinzufahren? Nichts rhrte sich mehr. Im
Augenblicke alles lngst verflogen und verweht -- welchem Sterne, welcher
Nacht entgegen?

Nunmehr versank die Dunkelheit in ihrer eigenen Stille, und der Schlaf
atmete mir jetzt -- als kme er von auen -- seltsam genug! -- mit weiten
Flgeln entgegen. Ich fhlte noch den Wunsch, mich ihm ganz zu berlassen,
aber da er mich dahintrug, schon nicht mehr. Gespannten, wachen Sinnes
stand ich in der Mitte eines Saales -- nicht wissend, da ich schlief. Die
Wnde lagen im Zwielicht, und ein paar Leute saen dort als Zuschauer
herum. Ich fragte mich, was es zu sehen gab und merkte dann erst, da ich
es war, welche nun tanzte. Die Rhythmen nmlich, nach welchen ich mich
drehte, geschahen, ohne zu verlauten, als stnden hier die Gesetze am
Anfang aller Musik, noch ehe, oder ohne da sie sich vertonten. Dabei
geboten sie mit so wunderbarer und zwingender Macht, da es unmglich war,
ihnen nicht zu folgen, und unwiderstehlich kreiste ich dahin. Mit einem
Male hrte ich Fortunios Stimme von der Wand herber auf franzsisch sagen:
Comme elle danse bien! aber sehen konnte man ihn nicht, denn der Saal war
nur in der Mitte hell. Pourquoi dites-vous que je danse bien? rief ich
tanzend zurck. Und tanzte dahin, denn es gab nichts anderes mehr. Nur den
Tanz. Ganz allein nur ihn; ohne innehalten, ohne Unterla, den Tanz allein
in diesem Raume, der aufgehrt hatte, ein Saal zu sein, denn seine Wnde
traten ins Endlose zurck. Nur allmhlich merkte ich, da sich jemand zu
mir gesellt hatte und mich hielt und mit mir tanzte. Es kmmerte mich
nicht. Die Erfllung war zu tief, meine Augendeckel zu schwer, sie
aufzuschlagen die Mhe zu gro! In den Rhythmen lag alle Wonne. Und sie
gebaren ohne bergang eine neue Phase, denn halb abwesend, halb aufmerksam
sah ich nun doch meinem Tnzer gro ins Gesicht: matt von Farbe, mit
schwarzem, glattanliegendem Haar war er mir gnzlich unbekannt und zugleich
vollkommen vertraut; der sehr edle Umri von Kopf und Schultern so
geschlossen, da er fast ausschlo, was er nicht selber war, fast negierte,
was er nicht kannte. Was dnkte mir daran so fremd und so verwandt
zugleich? Die Melodie einer Rasse, der ich entstammte, und doch nicht mehr
die meine? von ihr hinausgerckt? verabschiedet von ihr? wiederum der
Boykott? Gleichviel! wir tanzten. Eines Schrittes! Diese Zeitmae kannten
keine Zeit. So mgen Sterne kreisen. Aber auch was ich dachte, war nicht
mehr aus seiner Bahn zu drngen: aus reinstem Lateinertum setzten sich die
Elemente dieses Tnzers zusammen. Nicht das Gesicht eines bestimmten
Menschen sah mich da an. Nicht dieses oder jenes -- was dann? Das Sinnbild
einer Rasse war zu mir hingetreten und tanzte mit mir. Jetzt wute ich's!
-- Aber die Entdeckung sprengte die Fesseln des Traumes: Ich lag auf dem
Diwan gerade ausgestreckt, vor mir das Fenster, in dessen Scheiben sich von
der Strae herauf der Reflex einer Laterne fing. Aber gleich darauf stand
ich auf den Fen. Noch nie so hoch aufgerichtet gewi! Die Trklinke
drehte sich lautlos und glatt, wie gelt. Aber die Klte der Frhluft nach
der Hitze der Nacht hatte vielleicht die Wandlung besorgt. Ich schlich
durch den Gang, die Stiege hinab und lie mich zum Tore hinaus. Ins Freie!
Hinter den Scheiben leuchtete hie und da schon ein Licht aus den Lauben
hervor. Im Hause, in dem ich wohnte, war eine Bckerei. Unbemerkt kam ich
in mein Zimmer. Es tagte noch nicht. Nach oben unkenntlich stand das
Mnster vor meinen Fenstern aufgerichtet, viel schner und gewaltiger so,
als mit dem bel verlaufenden Turm. Wie schien aber dies alles eine
Wirklichkeit zweiten Ranges, sozusagen, wenn ich sie mit jener verglich,
die mich in dieser Nacht umgab. Ich wute zur Stunde mit der letzten
Sicherheit, da mein Traum sich erfllen wrde. Die beiden Rassen, die
heute zu vereinigen solches Elend, solche Zerrissenheit bedeutet, werden
eines Tages, allen Hllenhunden zum Trotz, das Glck der Welt durch ihren
Bund begrnden. Ach! Danach darf man nicht fragen, ob man selbst lngst ein
Schatten sein wird, wenn diese Dinge sich ereignen. Nur Mut, mein Herz!
rief ich mir an diesem Morgen fters zu, denn mit seinem fahlen Licht
wuchsen die blichen Ernchterungen an.

Gegen Mittag kaufte ich Blumen und whlte Kuchen mit Bedacht, denn um vier
erwartete ich Monsieur Aramis zum Tee. Nicht ohne Bangigkeit. Seinen ersten
gnstigen Eindruck hatte ihm ja Telramund grndlich auszureden verstanden.
Als er in meine niedere Stube trat und mir die Hand entgegenstreckte und
mich ansah, wurde es mir wieder fhlbar. Das Echo der Worte: Sie lgt! sie
lgt!, die er von jener Seite unausgesetzt vernahm, war zu eindringlich,
um mir zu entgehen.

Da die unteren Zimmer nun endlich frei werden und mein Flgel sogar schon
unten steht, interessiert ihn gar nicht; wen ich in Deutschland gesehen
habe, um so mehr. Die Grenze hatte ich gerade am Vorabend des Tages
berschritten, an welchem der verschrfte Unterseebootkrieg verkndet
wurde; als diese Nachricht alle Anschlagmauern verfinsterte, wre ich am
liebsten umgekehrt, denn jetzt lag doch alles in Scherben.

Une btise capitale, sagte er, et qui fait bien notre affaire. Nichts
mehr von Klavier! Ich mchte mich gar nicht mehr mit Politik befassen, sage
ich, und lese: Sie lgt! sie lgt! in seinen Augen. Er blieb lange,
sprach jedoch nur wenig und hrte zu. Ich dagegen redete die ganze Zeit,
hemmungslos und aufs Geratewohl. Es berzeugte ihn auch dieses keineswegs.
Sie lgt! sie lgt! blieb das Echo, das zwischen dem Vertrauen, welches er
instinktiv zu mir gefat hatte, und den Dingen hallte, die er ber mich
hrt. Kaum ist er gegangen, so erscheint Fortunio auf dem Plan, gespannt zu
hren, wie der Besuch verlief. Ich komme ihm jedoch zuvor: Wenn Aramis mir
mitraut, so mitraue ich seiner Menschenkenntnis. Es ist zu leicht, mich
zu durchschauen, als da es erlaubt sein drfte, mich zu verkennen. Ich bin
so eindeutig wie ein Pferd. Seine Gangart ist unmiverstndlich genug!

Sie sind aber kein Pferd, sagte Fortunio, und gerade Ihre Eindeutigkeit
ist mit Ihrer sonstigen Art nicht so ohne weiteres in Einklang zu bringen.

Da er dabei eine so bedenkliche Miene beibehielt, ri an meinen ohnedies
zerzupften Nerven. Er erinnerte mich allzusehr an einen Schreibtisch, der,
mit groen und kleinen, inneren und ueren, ja sogar mit geheimen
Schubfchern ausgestattet, fr mich aber nur eine einzige Lade offen hielt.
Ich fhlte mich pltzlich tdlich gekrnkt. Und womit hlt er heute zurck?
Auch er, auch er! sage ich mir.

Ihr Roman kursiert jetzt in Bern, geruhte er mitzuteilen.

Um so besser. Zeit wr's, da hier das rechte Licht ber mich aufgeht.

Leider nein, sagte Fortunio. Das Buch schadet Ihnen.

Schadet mir!?

Ich htte es auch nicht gedacht. Aber die groe Zielbewutheit, welche Sie
Ihrer Heldin einverleiben . . .

Aber gerade die Natur dieser Zielbewutheit . . . unterbrach ich ihn.

Gewi, man sollte glauben . . .

Hren Sie, das ist nicht mglich! Und in hchster Ungeduld ri ich an
allen Schubladen zugleich.

Ich selbst, machte nun Fortunio mich vertraut, habe die Leute auf das
Buch hingewiesen. Ich glaubte, Ihnen nicht besser dienen zu knnen.

Es ist nicht mglich, da Aramis sich verdreht dazu stellt, rief ich
wieder. Es kann nicht sein!

Fortunio zuckte die Achseln.

Aber sogar Telramund, dieser Gruel, lobte es ber den Klee.

Er schwieg. Es entstand eine Pause.

Das ist furchtbar, sagte ich. Es geht also um ein Duell zwischen mir und
diesen Leuten.

Sie sind so ungeduldig! Die Dinge wollen ihre Zeit. Letzten Endes ist es
immer die gute Gesinnung, welche triumphiert.

Oh! letzten Endes, wehrte ich ab. Da meine Grabrede besser ausfallen
wird, glaube ich ohne weiteres. Mais d'ici l . . .

Fortunio wollte mich berreden, mit ihm auszugehen, doch ich blieb zurck.
Was ich ihm dabei nicht verriet, war meine Absicht, im Laufe des Abends
nach Martin im Walde zu sehen; denn mir lag das gestrige Zusammensein, dem
Fortunio keinen Gedanken mehr schenkte, schwer im Gedchtnis.

Frs erste war meine Niedergeschlagenheit zu gro, um nicht allein mit ihr
zu bleiben.

Die Tatsache, da in Ermangelung anderen Beweismaterials nun gar mein Roman
als Belastung herhalten sollte, war insofern der comble, als sich ja dann,
auf diesem krzesten Wege, so ziemlich alles auf den Kopf stellen lie.
Gegen solche Waffen war jedenfalls nicht aufzukommen. Sie waren zu alt
erprobt. Ich hatte zuviel erfahren. Ich wute zu viel.

Oh Fortunio! es ist dir nicht bekannt, warum ich lebe. Wie ein nach Sden
schauendes Ufer fngst du die Sonne auf; wie eine nach Norden aufgerichtete
Mauer stehe ich zu ihr.

Von allen Menschen weg, dachte ich da, und zur Sonne hin! Angebetete
Sonne! Ohne dich zu sein! Beseelt, doch unbeseligt steht mein Haus. Wo du
undeutlich werden und verflimmern lt, wo du begnstigest, ja, wo du
lgst, hast du doch immer recht, und nichts bestnde vor deiner Glorie.

Es hatte lngst durch alle Stockwerke gegongt, doch ich blieb wie ein
Wetterwinkel am Fenster haften, jenen Bergkuppen vergleichbar am Rande des
Tals, die alle Wolken an sich ziehen; so schien auch ich alle Dsterkeiten
heranzulocken. Und es gab dann nur zwei Mglichkeiten, um dagegen
aufzukommen: entweder die Arbeit, die auch wirklich die Atmosphre lutert,
oder der Umgang mit Menschen: ein Notbehelf nur, welcher zwar, wie der im
Unwetter aufgespannte Schirm die rgsten Gsse von uns abhlt, an der
Witterung aber nicht das geringste ndert.

Augenblicklich war mir jedoch der Mut so gnzlich ausgepustet, da ich mich
pltzlich im Sturmschritt zu Martin im Walde aufmachte, sehr in Sorge
sogar, ihn zu verfehlen. Ja, die Sorge steigerte sich zur Angst, so
windschief stand es um mich. Aber die Herrschaften lieen, Gott sei's
gelobt und gedankt, bitten, und ich jagte die Treppe zu ihnen hinauf. Die
Stimmung, welche dort betreffs der gestrigen Fete herrschte, war natrlich
schlecht. Mit sehr unerwarteter Schauspielkunst gab Martin im Walde alle
Figuranten des Abends in einer Person zum besten, wobei er die ihm
zugewiesene Rolle gar grimmig unterstrich. Ich lachte frs erste aus vollem
Halse, wenn auch mit recht halbem Herzen, brachte dann alle meine Gltt-
und Bgelknste zur Anwendung, zog meine Dschen, Flschchen und
Beruhigungstropfen hervor, mute mir aber dabei sagen, da hier wieder
einmal ein wnschenswerter Zusammenschlu vorbeigeglckt war.

14. FEBRUAR. Ich kann erst morgen die unteren Zimmer beziehen: ein hbscher
alter Sekretr, ein altmodisches Sofa und ein schnes Tischchen kommen mit
mir. Auch die Kiste mit meinen Sachen ist eingetroffen. Als ich nachmittags
die Lauben hinunterging und an die Zimmer dachte, wie sie mit ein paar
indischen Schals, der schier vergessenen blauen Seidendecke und ein paar
Bildern am besten auszustaffieren wren, lchelten pltzlich von rechts
Telramund, von links Ortrud auf mich ein: Wohin des Wegs?

Nach Hause, war meine erschrockene Antwort.

Wie sich das trifft! Wir sind gerade auf dem Weg zu Ihnen.

Das ist ja reizend, rief ich entsetzt. Leider bin ich mitten im Umzug
und darf Sie nicht heraufbemhen.

Das macht uns gar nichts! Wenn wir Sie nicht stren.

Im Gegenteil. Kommen Sie nur.

War es nicht besser, die kamen noch in meine alte Stube, als da sie mit
ihren malocchios meine neuen Rume behexten? Nur herauf, Ihr beiden! es
ist das letztemal. Und die Treppe voransteigend, fhrte ich sie zu mir.

Dort stand der altvterische Tisch, der mich beschtzte und nicht mit mir
ziehen wrde.

Wir nahmen Platz.

Aramis war gestern bei Ihnen, sagte Telramund. Er hat es uns erzhlt.

Warum auch? dachte ich.

Er wird immer launischer, bemerkte Ortrud.

Launisch?

Haben Sie das noch nicht herausgefunden? fragte Telramund und heckelte
ihn eine Weile durch. Im Grunde, klang es fast drohend von diesen
Berliner Lippen, ist er ein ganz germanophiler Bursche.

Ich go Tee ein und erwiderte nichts. Aber mir wurde bang und bnger ber
das Gesprch.

Da die beiden es wagten, vor mir, die selbst obenan und mit so fetten
Lettern auf ihrer Proskriptionsliste stand, derart rckhaltlos Leute
auszurichten, mit welchen sie scheinbar die besten Beziehungen
unterhielten, war das nicht ein Beweis fr die Rckversicherungen, deren
sie sich versehen hatten? Und wie weit mochten diese gehen?

Und woher wute -- von allen Deckungen abgesehen -- dies im wiedererzhlen
so blitzschnelle Paar, da sich unsere usancen voneinander unterschieden?

War es die starke Gegenwrtigkeit des wuchtigen Tisches, um den wir saen,
und der wohl einst am Waldesrand Jahrhunderte hindurch als mchtiger Baum
-- wissend und weise -- in rauschender Verschwiegenheit sein Gezweige
ausbreitete -- oder welch berspringender Funke war es nur, der mir da mit
der unbewiesenen und doch stahlharten Sicherheit intuitiver Erkenntnis die
Tatsache enthllte, da die Niedertrchtigen, aus ihrer, mit
Selbsterhaltungstrieb gepaarten Verdorbenheit heraus, die Menschen, welche
guten Willens sind, ungleich deutlicher erkennen, als diese sich unter sich
durchschauen. Fortunio, von Martin im Walde nicht zu reden, kannte mich
nicht entfernt so gut wie diese zwei: welche Waffen ich gegen sie anwenden
und welche nicht, ihnen war es nicht zweifelhaft, und fr sie war ich wie
durchsichtiges Glas. Indem sie mich haten, wuten sie sogar, da ich nicht
ihrer Person, sondern ihrer Schlechtigkeit den Ha vergalt, und wenn meine
hiesigen neuen Freunde vielleicht in ihrem Urteil ber mich noch
schwankten, diese meine erbittertsten Feinde werteten mich nach Verdienst.
Dies war der Grund, warum sie mich verfolgten. Wer in der Tat stand
einander im Wege, wenn nicht wir? Soweit ich zurckdenken konnte, und lange
ehe er ausbrach, dieser elende Krieg, und dann wieder vom Tage seines
Bestehens an, war ich fr einen Frieden um jeden Preis. Mich interessierte,
noch freute kein einziger Sieg. Nur dem Frieden gnnte ich den Sieg ber
eine so schmhliche Niederlage wie diesen Krieg.

Fr dieses Paar jedoch waren Vershnung und Verstndigung zwei Dinge, deren
Mglichkeit sie mit allen Mitteln zu hintertreiben entschlossen waren.
Dafr lebte es. Wehe dem Franzosen, der kein Jusqu'auboutiste war. Er hatte
allen Grund, vor diesem deutschen Telramund zu zittern, und wenn nur der
letzte Deutsche verblich, durfte fr diese franzsische Ortrud der
vorletzte Franzose unbesehen verbluten. Denn die Saite, auf welche sie
beide gestimmt waren, ihr Element war der Ha. In welcher Tropenluft aber
lebten wir heute, da die Gemter sich mit solcher Fieberhitze entfalten
oder zersetzen durften? Nie hat Gelegenheit rgere Diebe gemacht. Hier war
Telramund -- vor dem Kriege ein rnkespinnendes, sonst aber vielleicht ganz
traitables Mnnchen -- zum professionellen Verleumder und Verrter
entartet, und Ortrud, einstens eine gehssige Klatschbase und weiter
nichts, nunmehr zur angriffswtigen Ratte, zur erbarmungslosen
Menschenfresserin von Hokusai.

Mit solchen Wesen aber paktierte, tergiversierte, lavierte man.

Und zu denken (dachte ich), da doch sonst so viele Schutz- und
Trutzverbnde bestehen. Der Adel, die Juden, die rzte, Arbeiter, Bcker,
Schneider und Hoteliers, alle bilden sie ihre geschlossenen Gilden und
Vereine. Und nur ausgerechnet die Menschen, die guten Willens sind, sie
allein, die berall verstreuten und ausgelieferten, setzten sich noch nicht
zur Wehr, berieten und versammelten sich noch nicht. Ihr Klub ist der
einzige, der noch nicht zustande kam, ihre Statuten, ihre Geschlossenheit,
ihre Einigung, welche doch gleichbedeutend wre mit ihrer Vorherrschaft,
ber alle Grenzen hin. Denn nichts scheut ja das Geschmeie so sehr wie
seinen Namen und ihren Boykott.

Nicht uerste Vorsicht (die ntzte gar nichts!), sondern schroffste
Ablehnung war Telramund gegenber am Platze. Aus jedem Wort, das ich sagte
oder zu erwidern unterlie, wurden jetzt handfeste Stricke wider mich
gedreht. Solche Leute zu kennen, sie zu sehen, _dies_ war der kapitale
Fehler.

Ortrud kam immer wieder auf meinen Flgel zu sprechen, und als sie sich zum
Gehen anschickte, bezeigte sie eine Neugierde, ihn zu besichtigen, als
handelte es sich um einen neuentdeckten Raffael. Der Gedanke aber, da die
beiden als die ersten meine unteren Zimmer betreten sollten, bevor ich sie
noch bezog, versetzte mich in eine so aberglubische Verwirrung, da ich
die Treppe hinablief, um sie daran zu hindern. Allein die Tren standen
offen, und ehe ich sie schlieen konnte, hatten Telramunds meine Schwelle
berschritten und waren meine ersten Besucher gewesen.

Abends bei A. H. Pax. Ich rgere mich ber Bemerkungen, die dort fallen:
Brcke von Kirchenfeld; die msse ich doch kennen. Was ist das nun wieder?

18. FEBRUAR. Meine Wohnung ist ursprnglich ein groes Zimmer mit Alkoven
gewesen und nun durch eine eingebaute Wand so unwirsch in zwei geschnitten,
da sich das Auge an den falschen Massen immerwhrend stt. Aber die
Farben bringen einen gewissen Trost, eine Suleikaportiere, indisch mit
scharlachrotem Rand, fhrt in ein drittes vorgebliches Gemach, und der
Flgel macht sich ausgezeichnet.

                   *       *       *       *       *

Besuch der Mi Annie A. Wir hatten uns seit dem Kriege nicht mehr gesehen.
Sie ist mtterlicherseits deutsch wie ich franzsisch, vterlicherseits
englisch wie ich deutsch. Nur ist sie nebenbei auch ein Engel von Gte, und
das bin ich nicht. Doch ach! andere werden schon mit mir bemerkt haben, da
gerade solche Engel von Gte es so oft nicht ber sich bringen, die
Vortrefflichkeit derjenigen anzuzweifeln, deren Instanz sie zunchst
unterstehen, ja die es fr eine Perfidie halten wrden, ihren eigenen
Zeitungen und eigenen Machthabern nicht zu glauben. Wer kennt sie nicht,
diese Engel von Gte, mit ihren they say, ihren man sagt, ihren on
dit und ihren si dice. Unbesehen ist fr sie der Teufel berall nur
drben.

Mein Deutschtum ist tot in mir, sagte sie. Auch Sie sollten sich
entscheiden.

Dasselbe Ansinnen, nur umgekehrt natrlich, war mir in Deutschland zu oft
gemacht worden, und ich war in solchen Dingen sehr abgebrht. Was brauchen
mich die Franzosen, seufzte ich, die ganze Welt steht ja auf ihrer
Seite.

Da sie mich traurig sah, schaute sie mich betrbt mit ihren guten und
veilchenblauen Augen an. I thank God on my knees, brach sie dann aus,
that I am English.

Auch die Variationen _dieser_ Formel waren mir vertraut. Und ich konnte
nicht umhin, ihr von den Halbenglnderinnen zu erzhlen, die in Deutschland
unter die Patriotinnen gegangen waren, von Marie von B . . ., die mich wie
keine andere deutsche Frau in den deutschen Blttern verri, und von jener
jungen englischen Gouvernante in Mnchen, die ich in Trnen fand, weil
ihre, an einen norddeutschen Offizier verheiratete Schwester soeben,
anllich eines Luftangriffes auf London, von den Zeppelinen als von our
glorious zeps geschrieben hatte. Aber kaum hatte ich meine Pfeile
abgeschossen, so war mir's schon leid. Unser Wiedersehen fand also nur
statt, um uns unsere Trennung nur um so fhlbarer zu machen.

Nichts ist mehr, wie es war! rufe ich aus, indem ich sie in meine Arme
schliee. Denn sie ist ein Engel.

                   *       *       *       *       *

Bevor Annie A. . . mich gestern verlie, zog sie ein Fnffrankenstck
hervor, das sie mir im Auftrage der Frstin Patschouli, einer gemeinsamen
rumnischen Bekannten, einhndigte, welche vorgab, es mir zu schulden.
Dieser so kurzerhand beim Schopf gefate Annherungsversuch war zum
mindesten originell. Ich machte ein sauberes Pckchen aus dem Geldstck,
bedankte mich fr die schne Gabe und bat um die Erlaubnis, ihr ein
ebensolches Gegengeschenk machen zu drfen. Daraufhin schlug sie per
Telephon die Brcke zu mir und lobte einen schwarzen Kaffee, den sie selber
braue. Bonjour, je vous attends! und damit hing sie das Hrrohr aus.

Ich wute in der Tat nicht, was erfrischender war, ihr Kaffee oder sie
selbst in ihrer herzstrkenden und vorgefaten Oberflchlichkeit. Die
Frstin, deren Rcke unten zusammengebunden schienen, ging mit kurzen und
kleinen, aber heftigen Schritten, war braun wie ein Maikfer, die
auffallendste Erscheinung von ganz Bern, brsk, witzig und ohne Stachel. Da
sie eine Villa in Tegernsee und Freunde in Mnchen hatte, war sie im Grunde
germanophil, jedenfalls bayernfreundlich, und stand auerdem stark unter
dem Eindruck der deutschen Siege. Je suis l'amie des bons jours, erklrte
sie.

                   *       *       *       *       *

25. FEBRUAR. Zwar scheint die Sonne hin und wieder, und die Zauberwand der
Berge stellt sich dann strahlend auf, doch das Licht bleibt sprde. Nie
trumt dieser kalte Himmel dahin, nie ermatten die Reflexe; stets rufen
sie: gedenk! und nie: vergi! und ewige Gegenwart ist die Fanfare. Oder
liegt es an mir? --

Mein gutestes Frulein, sagte mir einmal ein dickgebliebener Berliner
Aufsichtsrat, wer sagt Ihnen, da nicht am Ende mit dem Frieden so bunte
Zeiten kommen, da wir uns nach den Kriegszeiten zurcksehnen werden --,
bis auf die Schlachten natrlich, hing er mit einer Handbewegung an, als
wren sie ein Detail.

                   *       *       *       *       *

ENDE FEBRUAR. Die Tage haben soviel widerwrtiges gebracht, da mir das
Schreiben verging. Man sollte hier mit seiner Aufenthaltsbewilligung
zugleich ein Vorhngeschlo wie Papageno erhalten; statt dessen wird einem
ein Nessushemd bergeworfen. Schreckliche Ste mit Fortunio, schwere
Havarie mit Martin im Walde. Telramund, dessen Hochfen alle in Betrieb
stehen, erstattete ihm einen formellen Besuch und brachte ihm zugleich mit
dem Ausdruck seiner Hochachtung sein Bedauern vor, durch mich und meine
Darstellungen ein so falsches Bild von seinem Charakter gewonnen zu haben.
Halb lachend wird es mir erzhlt. Ich mache ihm Vorwrfe, da er den Mann
vorlt. Ihnen danke ich ja die angenehme Bekanntschaft. Das war im
Herbst, sage ich, wo man noch glauben durfte, es stecke vielleicht doch
etwas Gutes in ihm, an das man sich halten knne. Heute drfen Sie keinen
Umgang mehr mit ihm pflegen.

Einem Glcksfall, der allen Glanz eines Hintertreppenklatsches trgt, danke
ich es im brigen, da von dieser Seite wenigstens Fortunio nicht mehr irre
an mir werden kann: er sa mit einem Freunde, als Telramund sich zu ihm
gesellte und uerungen wiederholte, die er von mir vernommen haben wollte.
Und nun sehen Sie, schlo er, wie sie lgt, zahlte sein Schppchen und
ging. Aber in der Eile, mir zu schaden, bersah er, da Fortunios Freund
zufllig Zeuge gewesen war, wie ich jene Worte nicht nur nicht gesagt,
sondern heftig dagegen protestiert hatte, als sie vor mir fielen. Dies also
wre, gottlob, besorgt.

                   *       *       *       *       *

Es ist gewi nur recht und billig, da auch die berlebenden heute auf der
Verlustliste stehen. Wie man dem Kranken, der nicht teilnehmen kann an dem
Treiben der Gesunden, gerne darauf hinweist, wenn es drauen strmt und die
Fugnger gegen Frost und Wind ankmpfen, whrend er in der geschtzten
Stube liegt, so mchte man heute denen, welche fallen, nachrufen: Ihr habt
nichts verloren!

Ich schreibe der Knigin im Auftrage ihrer Mutter, die seit Monaten ohne
Nachricht von ihr ist. Die Idee des Knigtums ist gewi nur deshalb in
Diskredit geraten, weil ein verrohter, subalterner Mensch oder auch ein,
Idiot hchst widersinnigerweise zum Herrscher avancieren konnte. Wegen
meiner Ansichten werde ich hier viel ausgelacht. Aber wie wrden sie erst
lachen, wenn sie wten, wie gern ich selbst regieren mchte. Da wrde man
doch was Richtiges erleben! Kein mittelmiger Knstler kme bei mir hoch,
welche Unsummen aber flssen den andern zu; kein Lmpchen liee ich mir je
als ein Lumen aufschwtzen, also auch kein Talent, das sich zum Genie
aufblasen mchte. Herr Pfitzner bewrbe sich also vergebens um eine
Dirigentenstelle an meinem Theater, und gar Herr Weingartner, welcher die
Wiener Philharmonie herunterbrachte, wage es nicht, vor mich zu treten. Ich
verarge es heute noch der Pariser Kritik, welche ihn seinerzeit un jeune
dieu genannt hat. Denn nie hatten die Gtter das Geringste mit ihm zu tun.

Ach, und was fr schne Huser ich erbauen, was fr Grten ich anlegen
liee! was fr prachtvolle Katzen wrden meine Marmorbrunnen entlang
schweifen!

Doch genug ber meine Herrscherzeit.

ber Weingartner, dessen berschtzung ich der Pariser Presse verdenke,
fllt mir die uerung ein, die krzlich ein Pariser, den ich nicht nennen
werde, einem Deutschen gegenber, dessen Namen ich gleichfalls
unterschlage, gefllt hat: il y a une chose, monsieur, que nous ne vous
pardonnerons jamais, c'est de nous avoir forcs d'aimer les Belges.

                   *       *       *       *       *

Den Abend bei A. H. Pax verbracht. Bei ihm kann man sagen, was einem gerade
einfllt, ohne Gefahr zu laufen, da es entstellt in alle Winde
hinauswirbelt. Dieser Vorkmpfer des Friedensgedankens, der mit so
feierlichem Ernst seine Stimme zu erheben wei, ist bei strengster
Sachlichkeit der gemtlichste Mann der Welt, in dessen Atmosphre man sein
bichen Humor und sein verlorenes Lachen auf Augenblicke rettet. Gestern
sprach er zwar tief entmutigt ber die vollkommene Unmglichkeit, gegen den
so geschickt angerichteten, so eiferschtig gehegten und drinnen und
drauen immer neu genhrten Wirrwarr in den Kpfen der allermeisten
Deutschen auch nur das geringste auszurichten. Pltzlich tauchte ein
Nachmittag in Mnchen aus dem Sommer 1916, ein schattiger Garten, ein
gedeckter Tisch, zwei Damen, die davor saen, vor mir auf, und wie eine
phonographische Platte spielte sich in hemmungslosem Bayrisch ein
halbvergessenes Gesprch so getreulich in mir ab, da ich mit einem Male
alle Rollen in einer Person herunterspielte.

Wir brachen alle in ein schier trostloses Gelchter aus. Waren nicht ganze
Generationen mit allen brauchbaren Argumenten des Scheins in ein Wirrsal
gelockt, dessen Dunkel den Tag derer ausmachte, die es unterhielten, so da
sie jede anbrechende Helle augenblicklich verscheuchten?

Und muten nicht fast alle Gehirne vermodern, ohne zu erfahren, was denn
eigentlich los ist? Mit so teuflischem Geschick sind alle Ausgnge der
Lgenburg zementiert, in welcher sie sich narren lieen. Unschuldig
Betrte. War es nicht berall so?

Unter den Tagebchern, welche an den deutschen Gefallenen vorgefunden
wurden, erzhlte neulich Abigail von der agence, seien manche sehr schne
zum Vorschein gekommen. Warum verffentlicht Ihr diese nicht auch? rief
ich. Nous n'avons sagte er, qu' nous occuper des atrocits.

                   *       *       *       *       *

Dafr, da ich so viele Dinge nicht verstehe, werde ich mit den paar
Gedanken, die mir im Kopfe sitzen, viele Jahre nach meinem Tode
wahrscheinlich recht behalten, so zum Beispiel mit meiner Skepsis betreffs
der Demokratie. Aber natrlich ist es fr andere rgerlich, das, was immer
sie mich lehren, und was immer ich lerne, gerade nur eben jene paar
berzeugungen weiter ausbaut und nur ihnen zugute kommt. Jede Erkenntnis
geht nun einmal bei mir auf Kosten einer ganz exemplarischen Unbegabtheit.

Es mte einer blind sein natrlich, um an den Sozialismus und seine
Unerllichkeit nicht zu glauben. Aber in Wirklichkeit ist heute keiner
sozialistischer geworden, als er es von je gewesen ist. Es scheint nur so.
Machen wir uns nichts vor. Wir haben uns den Sozialismus eingebrockt. Dank
unserer Verkehrtheit nur ist er die einzig richtige Parole. Er ist kein
Ziel, sondern ein Weg. Keine andere Brcke ist stark genug, uns aus unserer
bauflligen Welt zu den neuen Ufern hinzutragen, wo die neuen Autokratien
auf ganz neuer Basis sich erheben werden. Nur durch den Sozialismus, dieser
fausse sortie aus einer Welt der Standesunterschiede, kommen wir zu einer
neuen Welt der Standesunterschiede, der Herrenkaste und der Knechteschar.

Fr diesen Glauben will ich mich gerne kpfen lassen, denn gekpft, sagen
die andern, werde ich ja doch, entweder von rechts oder von links.

Mittlerweile bin ich viel zuviel unter Menschen. Es geschieht aus Trgheit
und einer Art von Furcht. Denn bin ich nicht zufriedener allein und so viel
weniger allein, wenn ich allein bin? Fllt sich dann nicht die Luft mit
Geistern guter und hilfreicher Art? Und bin ich dann nicht umgeben?

28. FEBRUAR. Forsell als Don Juan: der Tod als Objekt der Kunst. Forsell
ruft ihn und mit sich mit ihm. Gewi ist der Tod nur was wir aus ihm
machen: der grte Individualist frwahr! Welche Feigheit jagt mich so oft
von mir selber fort zu den Menschen hin, oder hlt mich ab, mich ihnen zu
entziehen? Ist es das grauschleichende Verzagen vor jener eisigen
Verlassenheit, in die wir eingehen werden? Hinter dem ganzen
Geselligkeitstrieb der Menschen steckt ja viel mehr Todesangst, als man
glaubt. Die einen frchten sich vor dem Sterben, die andern vor dem
Gestorbensein; auf dieses, nicht auf jenes gilt es, sich zu bereiten.

3. MRZ. Ich fahre nach Lausanne und gehe dann nach Ouchy hinab, eine
Bekannte aus Mnchen zu besuchen. Beiend kalter Wind. Wir besprechen die
letzte Affre. Das Schreckliche ist, da immer alles aufkommt bei uns,
uerte sie. So ein Pech! Im brigen sagte mein guter Vater immer: In der
Politik gibt es keine Moral;  qui la faute, wenn die Deutschen dies fr
ein unabnderliches Weltgesetz halten, so feststehend wie Tag und Nacht und
die vier Jahreszeiten? gewi an ihrer Gedankenlosigkeit, aber gewi noch
mehr an den Vorbildern, welche sie haben. In der Politik gibt es keine
Moral. Sie sagen es wie: Ehre Vater und Mutter, oder: Du sollst nicht
stehlen. Ihre Fantasie liegt ja nicht auf diesem Gebiet.

8. MRZ. Besuch des sozialistischen Reichstagsabgeordneten W. H. Er ist
gegen den Unterseebootkrieg. Ich glaube, da er unter dem Krieg leidet.
Aber was mich an diesen Sozialisten so furchtbar erbittert, ist die
Preisgabe des deutschen Volkes, auf das sie sich berufen, indem sie
vorgeben, diese oder jene Konzession an die Gegner ihm nicht zumuten zu
knnen. Vor August 1914 gab es kein friedfertigeres auf der Welt: wie die
Posaune des letzten Gerichtes erscholl ihm der Schlachtenruf; es stand auf,
und von da ab glaubte es alles. Wre es unglcklicher und beunruhigter
gewesen, man htte es weniger leichtglubig gesehen. Aber weil es sich
belgen lie, sollte es nicht auch noch verleumdet werden. Im Januar 1917
lauerte ich im Hause einer Bekannten dem damaligen Staatssekretr
Zimmermann auf. Er trat ein mit der forschen Bonhomie eines
Kegelklubprsidenten, der mir jede Schchternheit benahm, und als ich mit
meiner Rede ber die elsssische Frage zu Ende war, nickte er ganz kulant
und bemerkte; Wir mssen nur bedenken, was wir dem deutschen Volk zumuten
knnen. In vier Tagen haben wir es hineingelogen, vielleicht lgen wir es
in acht Tagen wieder heraus, sagte ich. Er schien kein bichen choquiert.
In der Politik gibt es ja keine Moral.

10. MRZ. Heute kam Herr v. Sch. mit der erstaunlichen und fatalen
Erffnung zu mir, da sein Chef mich zu sehen wnsche. Herr v. Sch., den
ich von London her kenne, hatte sich groe Mhe um meinen Pa gegeben, und
im ersten Schrecken fiel mir keine Ausflucht ein. Ich wagte nicht, es
Fortunio mitzuteilen, der sicher dagegen gewesen wre, sondern spielte
wieder einmal mit dem Feuer und bat Aramis zu mir. Sollte ich wirklich ber
die Brcke von Kirchenfeld, so wollte ich keine Anspielungen darauf,
sondern wnschte um so mehr, da man es wisse, als man es ja doch wissen
wrde.

Aramis kam sofort zu mir. Wir verabreden ein paar sehr direkte Stze, die
ich whrend meines bevorstehenden Besuchs mglichst pointiert anzubringen
htte, und da ich nachher zu ihm kommen wrde, ihm die Wirkung jener Worte
mitzuteilen.

11. MRZ. Sonntag. Das Wetter ist schn und warm. Die Sonne lacht bis in
das Auto hinein, in dem ich neben Herrn v. Sch. Platz genommen habe.
Schafwlkchen treiben so zuversichtlich am Himmel, und er hngt so hoch,
da ich nicht sogleich die leise Hoffnung unterdrcke, der Besuch wrde am
Ende doch nicht ganz resultatlos sein. Aber nichts von Sonne an Herrn von
Rittersporn, vielmehr der Widerschein des sterbenden Tags. Ich hatte vor
mir einen jener persnlich uranstndigen, autorittsglubigen Deutschen
strengster Observanz, die vor lauter Gewissenhaftigkeit und Loyalitt und
Treue und Ehrenhaftigkeit zur Vertretung der unehrenhaftesten Methoden
unverbrchlich auf dem Posten ausharren, ein Mann, der privatim gewi nie
eine Lge sagte und nur offiziell und in Gottes Namen log. Mit seltsamer
Distanzierung, als sei ich die Angehrige eines fremden Staates, fing er
das ganze Weibuch mit einer so deprimierenden Weitschweifigkeit an
aufzusagen, da wirklich nur das fehlte, was es selber weglie. Er war
bleich, mde, sichtlich schwer unter dem Kriege leidend. Endlich wurde er
fertig mit seinem rcital, und ich hatte das Wort in diesem groen,
vielfenstrigen, hellen und doch so unfrohen Salon, in dem keine rechte
Zuversicht aufkommen wollte. Zwar schien auch ihm die franzsische Frage
vor allen andern am Herzen zu liegen, aber das Feuer, mit dem ich sprach,
dnkte mir selber deplaciert. Hier ist ein Stuhl, schlo ich, fate ihn mit
beiden Hnden und sprang auf, hier ist ein Tisch: nur eins ist heute
wichtig auf der Welt: die Formel zu finden, welche es den Franzosen
ermglicht, in diesem Stuhle Platz zu nehmen! Ich bin vollkommen Ihrer
Ansicht, sagte er. Und zum ersten Male schwante mir, wie wenig er
vermochte. Auf Aramis bergehend, hob ich jetzt seine Beziehungen, sein
Geschick, seinen guten Willen hervor, sowie die Chancen, die er als
Vermittler bot. Hier jedoch fiel ein Schatten. Ich fand keinen Anklang. Es
war die alte Kamarilla, ich merkte es wohl, vielleicht auf indirekte
Umtriebe Telramunds zurckzufhren, aber auch Widerstnde,
Unsachlichkeiten. Ich hatte Carry mit Aramis zusammengefhrt, ohne
Parteinahme, weil es sich von selbst ergab, und man mignnte ihm den
Vorsprung. Auch Carry war voll Ehrgeiz, aber er besa Schwung, eine
knstlerische Ader, Sinn fr Kameradschaft, Ritterlichkeit. Man wute, wie
man mit ihm dran war. Auf seine Fehler wie auf seine Tugenden fiel das
Mittagslicht. Il ne ment pas, hie es auf gegnerischer Seite von ihm. Dies
besagte so viel in Tagen wie den unsern! In der europischen Literatur
ungemein bewandert und von regstem Geiste, besa er zudem eine glckliche
und wohltuende Art mit Menschen umzugehen und hatte etwas Jnglinghaftes
bewahrt. Selbst ein Mischling, war er rassenmig den andern lange nicht so
fremd wie seine znftigeren Kollegen.

Es war nahe an zwei Uhr. Vergebens mahnte man zu Tisch. Da die Unterredung
sich so in die Lnge zog, unterstrich ihre Nutzlosigkeit nur noch mehr. Auf
dem Heimweg, in dem schneidend kalten Alpensonnenlicht wurde es mir mit
jedem Schritt bewuter. Die Aare flo so leuchtend blau wie vor zwei
Stunden, als ich ber die Brcke fuhr. Mutlosigkeit aber drckte mich in
diesem Augenblick zur Greisin nieder. Wie eine Hundertjhrige lehnte ich
ber das Gelnder und sah zu den Kindern hinab, die wie besessen schrien.
Dann raffte ich mich auf und rannte die kalten Schatten der Kelergasse
entlang zu mir hinauf. Pltzlich fhlte ich, wie verausgabt ich war, warf
mich auf den Diwan und schlief ein. Aber um vier Uhr erwartete mich Aramis,
und dies weckte mich beizeiten. Ich strich jetzt die Lauben auf der
Sonnenseite hinauf. Oh wie deutlich ist mir der Schein, in dem sie lagen!
Wie ein tobender Schmerz, der auf Sekunden aussetzt, ri er mich auf einen
langen Augenblick in seinen Bann, tauchte mich schonungslos unter in sein
Gold, lie mich bewutlos werden wie die uralten Huserreihen, die es
durchdrang: unempfindlich werden vor Empfindung.

Bei Aramis herrschte an diesem Vorfrhlingstage schon sommerliche Khle.
Eine leise Spannung lag in seinen Zgen, und die Wrme, mit der er mich
begrte, kontrastierte doch recht seltsam mit dem Empfang, der mir vor ein
paar Stunden zuteil geworden war. Was ich ihm aber zu sagen hatte, war so
verdammt unwesentlich, derart neben hinaus, da ich erschrak, indem ich es
formulierte. Es lie keine Spur von Bereitwilligkeit, ihn ernst zu nehmen,
verraten. Und da es vollkommen zwecklos gewesen wre, ihm etwas vorzulgen,
durchschaute er natrlich die ganze rettungslose Sturigkeit, in die man ihm
gegenber sich versteifte.

17. MRZ. Abends bei Dtwyler im kleinen Zimmer mit Carry und Fortunio.
Dieser entfaltet mir gegenber eine aggressive, ja feindselige Haltung
grten Stiles, die keinen Zweifel lt, da er von den Vorkommnissen der
letzten Tage gehrt hat. Heftige, immer heftigere Szenen auf dem Heimweg.
Ich bebe vor Zorn und sehe ihn so haerfllt an, da er erschrickt. Eine
schlaflose Nacht krnt die Explosion.

Wie ungerecht war Fortunio! Wie falsch wurde ich hier gesehen! Im Juni
wollte ich nach Mnchen fahren und dachte heute schon an das Schlchen im
bayrischen Vorgebirge wie an eine selige Insel. Waltete dann Telramund noch
hier -- soviel stand fest --, so kam ich nicht zurck.

Und ich suchte Trost, indem ich an das Schlchen dachte, angelehnt an den
ernsten Berg: an die lange hlzerne Laube mit dem hlzernen Gartensaal; wie
von Adalbert Stifter fr eine seiner Verlobungsszenen erdichtet. Und die
Freundin selbst, die immer Werdende mit der weiten Note der Leidenschaft,
wer, kam ihr gleich? Ging, blickte, lchelte, lebte sie ihren Tag von Jahr
zu Jahr nicht Gttinnen hnlicher? Wer kannte sie? Wie schn und insgeheim
war unsere Freundschaft verkapselt! Wie verlor die innere Einsamkeit so
manche Schrfe zwischen uns! Weil ich den Spiegel ihres Wesens
unausgesprochen mit mir fhrte und sie es wute, war ich, die immer
Zusammenbrechende, ihr Halt. Wer vergalt mir dies hier? -- Eine Fratze sah
man statt meiner.

18. MRZ. Sonntag. Fortunio in dunkelblau und Strohhut holt mich ab, um
nach Worb zu fahren. Es hat sich auf die Feindschaft von gestern wie ein
neuer Friede zwischen uns aufgetan. Wieder liegt das Land in jenem
schonungslosen Licht des Berner Oberlands, das, ich wei nicht warum, in
die Seele schneidet. Aber das Wetter war so warm und strahlend, da man
immer wieder innehielt, vor einer ersten Blume, ein paar Schafen, einem
Hause. Wir sprechen heute in aller Ruhe ber die Dinge, ber die wir
gestern stritten. Ich sagte ihm, da ich manchmal mit der Sicherheit einer
Mondschtigen Dachrinnen entlanglaufen msse; wenn sie dann herunterfllt,
ist es ganz und gar ihre Sache. -- Ich frchte weniger, da Sie vom Dach
als zwischen zwei Sthle fallen. -- Aber das ist ja gerade mein Platz!
Jeder von uns ist heute strker sich selbst, handelt unweigerlicher seiner
Natur nach als jemals zuvor, und ich habe es halt immer mit dem Vermitteln
gehabt. -- Er schttelte den Kopf: Es sieht nichts dabei heraus. Und
weil auch ich davon berzeugt bin, beteuerte ich, sind es nur mehr
Gelegenheiten, die sich mir aufdrngen, welche ich ergreife. Niemand htte
ungerner die Brcke passiert.

Ich htte es nicht getan, sagte Fortunio.

Es gibt Leute, die nicht dazu da sind, nein zu sagen. Zugegeben, sagte
ich, da es die Belangloseren sind.

Wir kehrten in ein dunkles, altes Gasthaus ein, und es gab wundervolles
Brot, wundervolle Butter und ebensolche Marmelade. Wahrscheinlich war es
heute auch in Deutschland schn, und die Menschen suchten das Freie dort
wie hier. Es sei denn, da sie es vorzogen, sich nicht hungrig zu laufen,
da es ja in keiner Herberge etwas Richtiges fr sie gab. Besonders die
Kinder . . . so ist einem heute alles vergllt.

21. MRZ. Der Brief einer Deutsch-Amerikanerin, die sich auf der Rckreise
nach New York in Zrich aufhielt, setzte mich in groes Erstaunen.
Kinderlos, von Haus aus eine biedere Wrttembergerin mit steinschweren
Augen, war sie, in Ermangelung jeglichen Ventils fr ihre natrliche
Schwermut, dem Okkultismus verfallen und ein Schreibmedium geworden. Sonst
ohne andere Interessen -- selbst whrend des Krieges -- als ihren Mann,
ihren Haushalt und allenfalls ihre letzte Hkelarbeit, pate dieser vom
Zaun gebrochene Brief -- wir kannten uns kaum -- in keiner Weise zu ihrem
Phlegma. Wie kam sie zu meiner Adresse? -- Sie schrieb mir, da sie mich
warnen msse.


Zrich.

22. MRZ. Der Brief der schwbischen Amerikanerin lie mir keine Ruhe, und
ich fuhr hierher. Am Berner Bahnhof kaufte ich Zeitungen fr unterwegs. Sie
waren alle von Berichten ber Verwstungen der deutschen Truppen auf ihrem
Rckzug aus Nordfrankreich erfllt: eine knstlich gestartete Agitation,
dachte ich erst, um dem, in den letzten Wochen abflauenden Ha neue Nahrung
zu geben und l in das abnehmende Feuer zu gieen. Denn leise, leise war
von der Mglichkeit zu vermitteln die Rede gewesen. Da koppelten sich denn
die Interessenten des Krieges zu neuen Prventivminen zusammen. Glich ihnen
dieses nicht auf ein Haar? Aber zu meinem Entsetzen fand ich da jene
Verwstungen, und zwar mit unleugbarer Genugtuung als militrische
Notwendigkeit in den deutschen Blttern besttigt. So war jenem so
aufgerissenen und gemarterten Boden eine neue Schmach zugefgt, und ein
genarrtes Volk gehorchte als sein eigener Henker den Befehlen, die ein Hut
voll toll gewordener Idioten, Oberste Heeresleitung genannt, ihm
erteilte. Diese militrischen Notwendigkeiten! Oh, wieviel deutsche
Landsmnner wrden ihretwillen klglich verderben! -- Ein Sturm brach in
mir los, um so heftiger nur, als er in Ohnmacht sich entfesselte und seinem
Rasen nichts im Wege stand, als die Wurzeln meines Seins, an welchen er ri
und, wilden Regentropfen gleich, kalte Trnen aus meinen Augen schlug.
Stupen htte ich sie lassen mgen, diese Herren Befehlshaber, keine Strafe
wre mir jmmerlich genug erschienen fr diese menschenunwrdigen Kpfe,
deren Nasen kurz ausliefen wie die Schnauzen der Hunde, oh! ebenso unfhig
wie Hunde den geistigen Gang der Dinge zu spren! Und die erbrmlichen
Blasen dieser infantilen Gehirne, durch ein Wunder des Teufels fr
wirkliche Felsengebirge gehalten, beherrschten und verrammelten heute als
militrische Notwendigkeiten alle Straen der Welt! Nein! das war kein
Leben! Es war nicht zu ertragen! Es war mir fremd das Geschlecht, das
solche Dinge befahl und sich nicht scheute, sie auszufhren. Und ich war
betroffen! und ich war mitgefangen. Mitgehangen war ich, ohne mitzugehen!
-- Der Zug lief in die Halle ein; die Passagiere verlieen ihn. Hatte der
Wahnsinn der Welt mir den Verstand geraubt? -- Ich konnte mich nicht
besinnen, weshalb ich da auf dem Zrcher Bahnhof stand. Er war von
beiendem Nebel erfllt, und mit hochgestlpten Kragen eilten alle dem
Ausgang zu, whrend ich, den Mantel am Arme, im dnnen Kleide dastand, in
unertrglicher Hitze und strmisch bereit, aus dieser Welt, wie sie sich
drehte, davonzulaufen. Ein Dienstmann fragte, wohin ich wollte, und ich
sagte, da ich es nicht wisse. Uralte Instinkte der Rachsucht und der
Wildheit tobten in mir wie einst die Peitschen des Xerxes gegen das Meer!
Ha! was wollten sie noch in der Weltgeschichte, diese verspteten
Hanswurste in dem lcherlichen Aufzug ihrer frisierten Helmbusche, ihrer
aus gelbem Blech gedrehten Achselrollen, den zurckgeschlagenen roten
Eselsohren ihrer Mntel, ihren albernen Sbeln, gut fr ein Possenstck,
gut fr ein Schaukelpferd, ein Ulk, bevor wir uns erniedrigten, davor zu
zittern.

Wie es zusammenhing, da ein fliegender Zeitungsstand die Erinnerung
zurckrief, welche mir doch gerade die Zeitungen geraubt hatten, mgen
andere erklren, ich telephonierte an Frau Eleonore Grell: sie war zu
Hause. Aber auch ihr Gatte, Onkel Sam aus Mannheim, der flinke
Geschftsmann mit dem schnurrigen Schnurr- und Vollbart, befand sich at
home. Er hatte sich das okkulte Getaste seiner Frau energisch verbeten und
glaubte es infolgedessen lngst unterdrckt. So trafen wir uns denn bei
Huguenin, aber sie beteuerte mir, nichts anderes sagen zu knnen, als was
sie mir auf ein inneres Drngen hin geschrieben hatte. Ich lie ihr aber
keine Ruhe und folgte ihr auf gut Glck in ihr Hotel. Und richtig war ihr
Mann inzwischen ins Freie spaziert.

Wir setzten uns ans Fenster, welches die Limmat berhing. Der See, die
Wolken und das ferne Bergland leuchteten im Abendschein grend und
vertrumt in dies hochgelegene Zimmer.

                   *       *       *       *       *

Hier schalte ich fr den Leser eine Warnung ein: die Unwirklichkeit spielt
in diesem Buch so stark in die grbste Wirklichkeit hinein, da ich gerade
die besten, an die ich mich doch wenden mchte, abzustoen befrchte. Aber
ich mu mich streng an die Begebenheiten und ihre Reihenfolge halten, und
wenn ich nicht ebenso chronologisch das groe Spiel der Schatten mit
hereinbeziehe, ist dieses Buch nicht wahr.

Sobald wird ja der Okkultismus seine besondere Peinlichkeit gewi nicht
los. Denn fr Namenloses ziehen da Benennungen mit groem Schwalle herauf,
und geistiger Brechreiz ist die unweigerliche Folge. Wer sich heute auf den
Weg zum Nichts aufmacht, ist jenen Steinklopfern vergleichbar, die auf ein
fragliches Echo hin die Felsenwand behmmern, und mitten im treibenden
Gerll Schutt ablagern, wo kein Liebhaber des Schnen seinen Fu noch
setzt. Und doch wird fr ihn vielleicht die Strae hier gelegt, die nach
dem dornenumwachsenen Reiche schaut, vor welchem Ferne, Wachstum und
Allmhlichkeit entstrzt. Denn ob dein Sarg noch auf den Schultern derer
lastet, die ihn hinaustragen, oder ob deine Grabesinschrift seit Jahr und
Tag verwitterte, ist gleich.

                   *       *       *       *       *

Ich kehre zurck in das hochgelegene Hotelzimmer, wo wir auf einem roten
Repssofa beim Fenster saen, das die Limmat und den See und Ferne und
Gebirge bersah. Von Heerscharen erfllte sich die Luft. -- Auf den Ruf
welches Jagdhorns -- uns Tauben nur unhrbar -- eilten sie her? -- Wie
durchsickertes Gestein so schwoll die Stube an. War der Ansturm der
Schatten das Neue, was es unter der Sonne gibt? -- Aber schon war ich des
einfachsten Denkens nicht mehr fhig: alle Poren des Gesichtes sanft
geblht, ergo sich unaussprechliche Verlorenheit, ein hintrumen,
unbeweglich wie ein Leben lang. Das Herz erstickte von all dem Sang und
Braus. Kein Miton trbte den unendlichen Chor. Ein Chor sage ich. Kein
Ungebetener darin. _Hier war die Sichtung:_ volles Orchester, nicht wie in
unserer Mitte unreines dazwischenfahren, grelles bertnen eines unbefugten
Soprans. _Ausgekmpft!_

Ganz versunken in den Vielen oder in mich, selbst? -- (ich unterschied es
nicht) -- fate ihr wissen und ihr begreifen das, ganze Herz. Des Mediums
hatte ich vergessen. Mir zu Liebe, es ist wahr, doch auf sein Gehei nur
waren sie hergewallt, so _dicht_! so feierlich gedrngt! Sieh dich vor, du
kannst nicht wissen, du bleibst allein, oh! . . . stammelte die Feder.

Wozu war ich denn hergereist, wenn nicht sie zu vernehmen? Und nun dnkte
mich dies so fremd und kindisch, ein Bilderbuchbegriff. Gab es denn im
Scheine dieser wogenden Luft etwas wie eine Zukunft? Fhrte man sie nicht
mit sich wie ein Geweih? Wuchs sie nicht an mit uns? War sie denn nicht der
eigene Hauch, der eigene emporstrebende oder schwankende, flackernde oder
in nichts zerrinnende Schatten? Stand sie nicht als der Wald, der aus
seinen Tiefen unsern eigenen Ruf zurckhallt? -- so die Vlker, so der
einzelne. Was immer ihnen glckliches oder grausames begegnet, jeden Zufall
riefen, beriefen sie herauf. Wir nennen's Zukunft! --

Frau Eleonore Grell hielt mir ein Blatt entgegen, das mit den Schriftzgen
eines zehnjhrigen Mdchens berzogen war. Es besagte immer dasselbe: Im Nu
war alle Weisheit abgeworfen und die Furcht, die mich hierher getrieben
hatte, wieder da.

Verwirre sie nicht, schrieb jetzt Eleonore, und als sie diese Worte gelesen
hatte, legte sie augenblicklich die Feder weg. Nichts htte sie vermocht,
sie wieder aufzunehmen. Die Sitzung war zu Ende.

23. MRZ. Ich fahre nach Bern zurck. Fortunio kommt mir entgegen, und ich
frage ihn, was von den Berichten ber die Verwstungen zu halten sei. Die
deutschen Communiqus geben sie ja selber zu, seufzte er, sie brsten
sich sogar. Wir berschritten den Platz zum Kasino. Das Gebirge strahlte
im vollen Ornat. Wir setzten uns ins Freie und starrten, Verbndete der
Verzweiflung, ohne zu reden, vor uns hin.

                   *       *       *       *       *

Fortunio fragte, warum ich in Zrich gewesen sei, und ich verweigerte die
Auskunft.

24. MRZ. Auch meine vier Wnde sind mir verleidet. Die Sonne scheint
grell, verletzend, und nachts fat mich der Schlaf nur wie eine Kranke, um
mich zu erschrecken. Ein Gesicht wendet mir so gemarterte Augen zu, da ich
erschttert frage: Hast du Arme denn nicht ausgelitten? und fahre
sthnend auf, weil es nur der Reflex von einem Kummer war, den diese Augen
spiegelten. Nur ein berschwngliches Mitgefhl.

25. MRZ. Gestern abend bei Fortunio war Abigail von der Agence, der
hartnckig am Thema der Verwstungen festhielt. Auf dem Heimweg wurde er
immer dringlicher. Logisch, folgerichtig wre es, zu den Ereignissen
Stellung zu nehmen; unvereinbar mit meiner bisherigen Haltung, wenn ich
schwiege. In der Tat! rufe ich in einem Tone, der bitterer ist als Galle.
Sie reden, als wte ich nicht, da Ihr die Dinge glaubt, die Telramund
Euch von mir sagt.

Doch Abigail nahm alsbald seinen Vorteil wahr: Sie haben es ja in der
Hand, Ihre Freiheit des Handelns zu dokumentieren! Je mehr er mich in die
Enge trieb, desto schwerer wurde mir zumute, hatte er mir doch meine
eigenen Gedanken verraten.

Es wird nicht gut. Und ich erzhlte ihm meine Zricher Reise.

Er war mchtig interessiert. Ich lie ihn trotz der spten Stunde zu mir
herauf und zeigte ihm das Blatt Eleonorens. Es enthielt nichts, was ihm
behagte. Die Hand eines Kindes, sagte er wegwerfend. Ich bereute schon,
es ihm gezeigt zu haben, und wnschte ihn die Treppe hinab, ri die Fenster
auf, als er gegangen war, und warf sie ruhlos, verlassen, gepeinigt wieder
zu.

25. MRZ. Wie in aller Welt haftete Pech meinen zehn Fingern an? Aber ich
tuschte mich ja! Es war ein Irrtum . . . ah, es war ein Traum, so lebhaft
aber, da ich mit beiden Hnden in die Hhe fuhr.

Nachmittags bei der Frstin, in der Hoffnung, ihre nchterne Atmosphre
wrde mir Ernchterung bringen.

Et la Calicie, sagte sie. Ah! ils se valent bien tous, allez!

Mir wurde nicht besser, und ich ging.

ber der Kornhausbrcke hing sehr niedrig eine Mondsichel, so wunderbar
ausgeprgt, so sprechend, so beseelt, so festlich!

27. MRZ. Nicht nur in meinem, nein, ich darf es sagen: mehr noch im Namen
der vielen in Deutschland (oder der wenigen, gleichviel!), welche sich
nicht uern konnten, wollte ich gegen die neueste Kraftprobe der Herren
Militrs protestieren, und es dabei genau so halten wie die oberste
Heeresleitung, nur umgekehrt: das heit mit eben derselben Arroganz ber
militrische Notwendigkeiten hinwegsehen, wie sie ber menschliche und
moralische. Meine Wohnung aber, meine Sachen, meine zurckgelassenen
Briefe, ein gewisses Schlchen im bayrischen Vorgebirge, das selbst mitten
im Kriege so zauberhafte Kreise zog, dies alles sah ich vielleicht nicht
wieder. Und, die Trennung von meinen Freunden, meine Geborgenheit? Hier war
ich so fremd! Warum aber verhielt sich dies alles bleich, ohne Licht,
unvorhanden, ohne Resonanz, da mir doch wohl bewut war, da es wieder in
ganzer Kraft ausziehen wrde? Wie jene rein umrissene und sehnsuchtsvolle
Mondsichel, die gestern ber der Brcke so tief am Himmel hing und ihn
beherrschte. Was wei er noch von ihr, sobald die Sonne brennt? So waren
alle Beweggrnde, die mich zurckhielten, von einer strkeren Forderung
entkrftet und verdrngt.

29. MRZ. Kaum war an diesem 29. Mrz mein Protest an das Journal de Genve
abgeschickt, als mir eines jener erprobten Warnsignale bler Vorbedeutung,
die wie mit Hellebarden mein so ganz auf innere Stimmen angewiesenes Sein
umstellt halten, auf einem Rad, als htte es hchste Eile, entgegensauste.

30. MRZ. Schon verschieben sich sachte wie auf einer Wandelbhne die
Kulissen: Verstummtes, Unterdrcktes belebt sich aufs neue, findet wieder
Farbe und Gestalt.

31. MRZ. Eine Antwort. Schon! -- Die vielen Zuschriften, der Raummangel
. . . meinen Brief jedoch gedchte man zu bringen. Es steht nichts von
einem Termin. Aber ins Ungewisse ertrage ich diesen Zwiespalt nicht. Morgen
fahre ich nach Genf zu Romain Rolland.

1. APRIL. Sonntag. Unter strmendem Regen bin ich nach Champel gefahren.
Rolland wute schon, warum ich kam. Er war zufllig auf der Redaktion
gewesen, als mein Brief dort eintraf, hatte ihn gelesen und war unbedingt
fr dessen Verffentlichung.

Ich sprach dann beim Journal de Genve vor und erwirkte, da der Protest am
bernchsten Tage erscheinen wrde. Somit war die Sache erledigt, und ich
ging.

Das Wetter hatte pltzlich umgeschlagen. Es wehte eine schneidende Luft,
aber See und Himmel strahlten in frhlinghafter Blue. In mir derselbe jhe
Szeneriewechsel.

Ein erstickend schwerer Vorhang ri magisch in die Hhe. Nicht der Salve,
der sich hier an allen Straenecken trmte, sondern die bayrischen Berge in
ihrem seelenvollen Dunst und ihre Waldungen verstellten mir den Weg, und
die betrbten und bestrzten Mienen meiner zurckgelassenen Freunde. Es war
die Trennung von ihnen, das Exil. Drben im Vorgebirge das Schlchen, das
wie eine selige Insel auf dem dunkeln Meer dieser Zeiten trumte, die
schne und musenhafte Freundin, die mich dort erwartete, die dort
verbrachten Herbst- und Sommerwochen.

Tausend Erinnerungen setzten sich wie Trauerglocken in Bewegung. Oh teuer
erkaufte Ruh!

4. APRIL. Bern. Abigail besucht mich; sehr gespannt. Ich sage ihm, wie
Rolland, den er immer anschwrzt, sich verhielt.

5. APRIL. Der Protest ist heute erschienen. Ich kaufe das Blatt, ohne den
Mut zu finden, es zu entfalten.

                   *       *       *       *       *

Ich bergehe die nchsten Tage. Diese Aufzeichnungen sind ja nicht verfat,
um Gemtsbewegungen zu schildern. Ganz andere Zwecke verfolgt dieses Buch.
Auch ist die Zeit nicht mehr, und man wird hrter. Nur im Hinblick einer
Einsicht, einer Erkenntnis, wo Erfahrungen mit immer verstrkter
Deutlichkeit den Charakter des Lebens kennzeichnen und Kommentare stellen
zum Schicksal berhaupt, drfen wir dabei verweilen. Kein grerer Wahn als
der, zu glauben, man kenne das Leben, um es ausgekostet, sich mit allen
seinen Genssen, Schrecknissen und Abenteuern vertraut gemacht, viele
Mnner oder Frauen gekannt oder geliebt zu haben. Es starb so mancher
ahnungslos dahin, welcher die ganze Welt bereiste. Auch nicht wer Gefahren
berstand, nein, sondern wer die Gefhrlichkeit des Daseins, dessen
Gefhrdetheit durchschaute, die wie ein giftiger Trank sich unablssig
bereitet und immer die Hefe zurcklt, um sich neu zu mischen, nur wessen
Auge geschrft wurde fr die Schatten, die im Tageslicht aufpassen, nur der
wei ber diese Welt Bescheid, und in ihm lebt das Bewutsein -- bitter wie
die Aloe --, da er umsonst gelebt hat, wenn die Schule, durch die er ging,
anderen nicht zur Lehre dienen wird.

Das erste war brigens, da mich die Frstin ans Telephon rief: C'est
dsastreux! quelle folie! sagte sie unverblmt; und als ich sie besuchte:
Je dis ce que je pense, mais est-ce que j'cris, moi? -- Pas si bte!
empfing sie mich und kochte mir mit heftigen Bewegungen Kaffee.

Dann aber kam Besuch: eine offizise Englnderin, deren Mann mit atrocits
allemandes einen schwunghaften Handel trieb, und ein russischer Diplomat
von professioneller Verlogenheit, die mir Komplimente machten und mich
einluden. Wie schwl mir da wurde! Nein, so war es nicht gemeint, und ich
gehrte nicht hierher! Nicht hierher und nicht dorthin. Bevor die Frstin
mich mit einer ihrer Brskerien zurckhalten konnte, war ich ausgerissen
und die Treppe hinabgeeilt.

Fortunio, der mir auf der Strae begegnete, nahm dieses typische
Palaceerlebnis von der komischen Seite und lachte. Wir saen zusammen, als
Telramund im biederen Pelzrock, an seiner Rechten die Menschenfresserin von
Hokusai, mit jener so charakteristischen Verleumderwrme, die unbedingt
etwas anderes scheinen mchte, auf uns zueilte. Seine Hand weit
entgegenstreckend, brachte er mir rckhaltlose Schmeicheleien zu
herzhaftestem Ausdruck. Fortunio, welcher fhlte, wie bitter sie mir
mundeten, lenkte das Gesprch auf andere Dinge.

13. APRIL. Den Abend mit Fortunio und Abigail verbracht. Wir sprachen von
Trumen. Abigails sehr spekulatives Gehirn kann sich in so feinen Windungen
verlieren, da es sich beizeiten von seiner hchst stofflichen Person
vollkommen losgelst darstellt. Pltzlich, mitten in einem Satz, den er
sagte, lebte ein geradezu abscheulicher Traum der vergangenen Nacht in mir
auf, und schon begriff ich nicht mehr, da ich mich jetzt erst auf ihn
besann, unterbrach aber sofort das Gesprch, um ihn zu erzhlen. --
Achtung! rief ich, so etwas Widerliches habt Ihr noch nicht gehrt:

Ein Mann, von dessen schwarzem, fettem, unbeschreiblich schmutzigem Haare
dichte graue Schuppen auf seinen Anzug regneten, war dicht an meine Seite
getreten. Dabei zog er mit einem Kamm durch diese Strhne von nie
dagewesener Schmierigkeit, so da der graue Regen immer dichter fiel. Ich
rckte unwillkrlich von ihm weg, da fuhr er weitausholend mit diesem
treibenden Kamm in mein eigenes Haar, ich fhlte ihn noch darin stecken und
erwachte vor Ekel.

Fortunio schwieg. Auch der zu Kommentaren schnell bereite Abigail uerte
sich mit keinem Ton.

Es steht mir natrlich etwas hchst Widerwrtiges bevor! nahm ich selber
auf. Auch diese Bemerkung weckte kein Echo. -- Man ging auf konkrete Dinge
ber. Es wurde spt. Fortunio erwhnte das neue Blatt, welches Telramund
schon in den nchsten Tagen zu starten gedachte und wie jemand, der sich
ungern etwas zu sagen entschliet: Er, beabsichtigt brigens, eine
bersetzung Ihres Protestes in seiner ersten Nummer abzudrucken.

Was fllt ihm ein! rief ich. Das kann er nicht.

Er kann es schon, sagte Fortunio.

Die Friedenswarte bringt sie.

Er will ihr zuvorkommen.

Ungefragt? Ohne sie nur zu zeigen? fuhr ich im lichterlohen Zorne auf.
Sie sind Zeuge, da er mir nichts von einer solchen Absicht verriet, als
er vorgestern zu uns stie. Ich figuriere nicht in diesem Blatt.

Fassen Sie sich doch! sagte Fortunio.

Nein, ich fasse mich nicht. Oh Fortunio! rief ich, oh mein Traum!

Schreiben Sie ihm halt.

Ich lie sofort das Ntige herbeischaffen und schrieb zitternd vor
Aufregung, was er mir diktierte. Dann brachen wir auf. Der gnzlich
verstummte Abigail blieb an unserer Seite. Die Gefahr ist natrlich,
bemerkte Fortunio, da der Brief zu spt eintrifft.

Dies sagte genug. Er wute mehr. Meine Emprung, meine Wut steigerte sich
mit jeder Sekunde. Je ungezgelter ich mich ber den Charakter des
bevorstehenden Blattes auslie, desto reservierter wurde Fortunio. Je mehr
ich sah, da er sich rgerte, desto mehr rgerte ich mich ber seinen
rger. Der meine richtete sich besonders gegen Abigail, dessen Schweigen
mir mifiel. Nicht das Ungestm, mit welchem ich auf den mir zugedachten
Schlag reagierte, sondern die ausgemachte Tcke desselben schien mir das
wesentliche, was unbedingt eine Parteinahme fr mich verlangte. Auf eine
solche lie jedoch nichts in der, all die letzten Tage so berschwnglich
gewesenen Haltung Abigails schlieen.

Oben in meinen sorgfltig geschmckten, aber von Telramund behexten Rumen,
in welchen ich noch nicht eine einzige frohe Stunde verlebt hatte, noch
fernerhin erfahren wrde, brach ich in helle Flammen der Verzweiflung aus.
Dies also war das Resultat! Zu diesem Ende also hatte ich die Worte, zu
welchen ich glaubte, mich entschlieen zu mssen, so bang gewogen, so
behorcht. War ich dafr bis an die uerste Kante einer abschssigen Stelle
vorgetreten, so weit, als mein Fu noch Boden unter sich fassen konnte, um
hinterrcks diesen Sto zu erhalten? Denn was fr eine bersetzung und zu
welchem Zwecke sie fabriziert wurde, wute ich genau. Am Arme Telramunds,
dieses Verrters, sollte ich an die ffentlichkeit. Ich hatte mich, es ist
wahr, vom Anfang des Krieges an zur Opposition geschlagen. Aber sie galt
seinen Anstiftern und deren verworfener Gefolgschaft. Das Volk selbst tat
mir unabnderlich leid. In meiner, von kalten Wirbelwinden der Abneigung
durchsackten und durchkreuzten, aber dabei tiefen Liebe zu Deutschland, lag
das Band zwischen Fortunio und mir. Oft sprachen wir davon. Und dnkten uns
allein. Gerade unsere gallische Seite setzte uns ja auf Grund unserer
Abgercktheit in Besitz des Spiegels, den die unvermischt Deutschen nicht
fhren. Ihr Nationalismus ist ja Import, ihr Fremdenha unecht, imitiert,
immer bereit, wie Mrtel von ihnen abzufallen. Im brigen ist die Gefahr
derjenigen Deutschen, welche Selbstkritik ben, viel eher, da sie
erstarren. Wenn es kein franzsisches Wort fr Gemt gibt, so gibt es
noch weniger ein deutsches Wort fr affectueux. Die Deutschen -- und das
ist es, was einem oft an ihnen erbarmt -- sind nicht imstande, sich im
geringsten zu hegen. Weil jede Nation seine so typischen Unholde hat, war
Telramund, allen deutschen Germanophoben voran, gerade in dieser
Germanophobie ein so typischer Boche. Jedenfalls durfte der Mann von Glck
reden, da sein und seiner Gesponsin Leben an diesem Abend nicht in meine
Hand gegeben war. Statt dessen war es _ihr_ Trick natrlich, welcher aufs
beste gelingen mute, und weit entfernt, da die beiden verdienterweise und
auf meine Order hin vor Sonnenaufgang baumelten, haftete meinem
Frhstckstablett am Morgen dieses 14. April die erste Nummer der
Telramundschen Zeitung an. Sie umfate vier Seiten. Alle Beitrge waren
anonym. Nur mein fettgedruckter, im Reporterdeutsch bertragener Protest
trug meinen Namen. Ich bergehe den Zorn, mit dem ich diese wste
Revolverprosa las, welche hier als meine eigene stand; wie vortrefflich war
dabei ihre Wirkung auf mich selber berechnet! Denn die Feindschaft von
Leuten wie Telramund ist wie mit tausend Augen auf uns gerichtet, mit
tausend Fhlern in uns verbissen. Sie kennen ja die Ablenkung ins Reich der
Ideen nicht! Sie spinnen keine eigenen Gedanken! Ich Trin hatte, wie ber
einen Witz, lustig darber aufgelacht, da Telramund meinen Protest als
eine Manoeuvre allemande bezeichnet hatte, ohne zu erwgen, da er
natrlich auf Mittel und Wege sinnen wrde, dies zu bekrftigen. So galt es
denn, mich gewaltsam ber die Linie zu ziehen, die ich mir selbst gesteckt
hatte. Dies ergab sich ohne weiteres durch den gehssigen Ton der
bersetzung. Das andere wrde ich schon selber besorgen; denn da ich
reagieren, ja mich hinreien lassen und ihm in die Hnde arbeiten wrde,
wute niemand so gut wie dieser ausgezeichnete Kenner meiner Person. Ja, es
kam noch besser fr ihn, als er wohl dachte.

Fortunio, den ich sofort benachrichtigte, lie mir sagen, er knne mich
erst gegen zwlf Uhr sehen. Dies war mir viel zu spt. Gleich, in einer
Viertelstunde, bevor noch irgend jemand auf die Gasse trat, mute meines
Erachtens etwas geschehen. Wahn! berall Wahn! In der Redaktion des Bundes
bestand ich darauf, da meine Verwahrung sofort in der nchsten Nummer
stehen msse. Es wurde mir versprochen. Immer noch war es Morgen. Rckte
denn heute die Zeit nicht vor? Alle Hauptstraen meidend, kam ich im
Sturmtempo zu Fortunio, ihm das fait accompli mitzuteilen.

Wenn es wahr ist, da kein Sperling versehentlich vom Dache fllt, nun dann
steht gewi auch ein jeder unserer Tage unter einer bestimmten
Konstellation, und mein Unstern feierte gerade seinen Mittag. Fortunia, die
auf der Treppe stand, empfing mich mit einem unglcklich gewhlten Wort.
Schlielich war es ihr Haus, ich konnte sie nicht niederstoen. An ihr
vorbei, geradeswegs in Fortunios Arbeitszimmer, der die Mitteilung von
meiner zu erscheinenden Notiz mit einer Klte aufnahm, die mich unsagbar
erbitterte. Hier bin ich fehl am Ort, dachte ich, und nahm eilends
Abschied. Auf der Strae war es kalt. Ich sah mich um: sie war leer. Ich
bin verraten, sagte ich laut. Ich hatte nur ein paar Schritte bis zum
Haus, in dem ich wohnte. Die Hand vor den Augen haltend, als sei mir etwas
hineingeflogen, eilte ich die Treppe hinauf und schlo mich ein.

15. APRIL. Telramund (immer anonym natrlich) verffentlicht eine hmische
Erwiderung auf die meinige. Meinen franzsischen Text und seine bertragung
wrde die nchste Nummer seiner Zeitung zusammen abdrucken. Der Leser mge
sich dann selbst ein Urteil ber mich bilden. Ich sofort wie eine
Windsbraut, auf Flgeln des Zorns, in die Redaktion mit einer
Schluerklrung. Auch diese wollte ich sofort eingerckt sehen.

Daraufhin vertiefte sich das Waldesschweigen um mich her. Fortunio war ohne
ein Wort nach Lugano abgereist. Ich begriff es nicht. In meiner Unkenntnis
alles dessen, was mit Partei- oder Presseinteressen zusammenhing, wollte
mir ein berblick der besonderen Situation nicht gelingen. Ein paar Dinge
sah und erkannte ich mit unbeeinflubarer Sicherheit, gleichsam durch ein
Brennglas, mute aber jede Einsicht mit einer Unzulnglichkeit berzahlen,
jedes berbieten mit einem Versagen. Wer mich fr dumm erklrte, dem hatte
ich von jeher meinen Segen gegeben. Es will keine Geographie in meinen
Kopf; vergebens starre ich auf einen Globus; ein Morseapparat bleibt mir
ein unergrndliches Geheimnis; in scheuer Bewunderung starre ich whrend
einer Panne auf die Mechanikerknste des Chauffeurs, und so teilnahmslos
ist gewi kein Mensch, da er, ohne mir beizustehen, zusehen knnte, wie
ich meine Koffer packe. Durch Vorzge, wie durch Mngel isoliert, mu ich
mich selber auf mich nehmen wie ein Kreuz. Es kann geschehen, da ich vom
Blatt begleite auf eine Weise, die jeden Musiker empfinden lt, welche
Entbehrung es fr mich ist, ohne Musik zu leben, und mir selbst wird zumute
gewesen sein wie einem pltzlich freigelassenen Pferd, das ber eine Ebene
voll Sonnenlicht und Schatten fliegt. Nichts kommt seinem Rausche gleich.
Von solchen Augenblicken wahren Lebens erwache ich zum Tode des Alltags wie
ein Gefangener aus seinem Freiheitstraum. Gerade nach solchen seelischen
Abenteuern aber wird es am leichtesten vorkommen, da ich mit einer
aufgeregten Hilflosigkeit, viel eher eines Dorftrottels, als meiner wrdig,
nach meinen vergessenen oder verirrten Habseligkeiten suche, und keiner der
Musiker von vorhin wrde mich wiedererkennen.

                   *       *       *       *       *

21. APRIL. Besuch Abigails. Oh nichts von Komplimenten mehr! Nichts mehr
von femme exquise. Wir prasselten uns Vorwrfe, gro wie Taubeneier, ins
Gesicht. Meine Schluerklrung sei eine Abschwchung gewesen. Ob dies der
Moment wre, zu sagen, da es Boches in jedem Lande gbe.

Es sei die Wahrheit.

In der Tat htte ich die richtige Gelegenheit ergriffen, dies zu uern.

Ihr habt ja meinen Protest als eine manoeuvre allemande angesehen.

Cest donc une vengeance, sagte er, indem er sich zum Gehen anschickte.
Ich eilte zur Tr, und, vor ihr aufgepflanzt, gedachte ich das letzte Wort
zu haben, als mir pltzlich ein Licht aufging, auch Fortunios wortlose
Abreise mir erklrte. Sie haben das Wort >Abschwchung< gebraucht, sagte
ich, und werden dieses Zimmer nicht verlassen, bevor Sie mir selbst,
geholfen haben, einen Nachsatz aufzusetzen, der jede Mglichkeit einer
solchen Auffassung ausschliet. Alles andere ist mir im Augenblick egal.

Mein Entschlu einer neuen Bekrftigung konnte ihm nur erwnscht sein. Es
setzte ihn in den Stand, zum zweiten Male Heu einzufahren, nachdem das
erste verregnet war. Zum dritten Male schlug ich nun den Weg in die
Redaktion des Bundes ein. Nicht mit Unrecht wurde ich aber dort darauf
hingewiesen, da sich eine Schluerklrung mit keinen neuen Erklrungen
vertrge. Ich fhrte mit aller Vehemenz dagegen aus, sie sei fr mich
Ehrensache, und setzte endlich ihre Verffentlichung durch. Natrlich mute
sie wieder auf der Stelle her.

Da hiermit ein Loch an Stelle eines Fleckens trat, war mir zwar klar. Und
nach der deutschen Seite hin verschlechterte sich natrlich meine
Situation, war eine Herausforderung mehr. Doch auch die formvollendetste
Blamage durfte ich in diesem Augenblick riskieren, nur nicht, da behauptet
werden durfte, ich liefe vor meinem eigenen Mute davon. Ich war froh, da
jetzt um mich her eine solche Leere bestand, und niemand in Sicht, der mir
einen Rat erteilen konnte. Denn der Fall lag allzu klar. Hier war es nicht
le ridicule qui tuait.

23. APRIL. An der Schnelligkeit jedoch, mit welcher jetzt meine Stimmung
umschlug, merkte ich den Sto, den mein Gleichgewicht erfahren hatte: meine
Gemtsverfassung war eins mit dem herrschenden Wetter: Regen, Finsternis,
zerrissenes Gewlke, Himmelsblau, Sonne und wieder Sturm und Schnee. Kurz
entschlossen lste ich eine Karte, um einer Aufforderung A. H. Paxens nach
Lugano zu folgen.

Abigail, der sich nachmittags bei mir meldete, war sichtlich erfreut ber
die inzwischen schon erschienene Notiz. Aber ich hatte jetzt reichlich
genug von der leidigen Geschichte, deren dickes Ende ja noch bevorstand,
denn bis jetzt hatte noch kein deutsches Blatt auf meinen Vorsto reagiert.

23. APRIL. In Luzern unterbreche ich meine Fahrt und steige im Hotel Tivoli
ab, bei Glasenfrosts.

Warum aber fallen nachts Felsenblcke ber mich hin? Warum sehe ich einen
Baum an einem unsichtbaren und doch so verzehrenden Feuer verbrennen, da
er im Nu nur ein Gerippe ist von einem Baum? Ohne Flamme und ohne, da ein
Blitz ihn traf, nur ein gespaltener Stamm?

Warum strzt von zwei Leuchtern der eine mit herabgebrannter, erloschener
und trnender Kerze zu Boden? Eine trbe Bildersprache, die ich in diesem
Jahre noch nicht entziffern sollte.

Um Mittag fahre ich weiter. Jenseits des Gotthard gert der Himmel ins
Lachen. Er findet offenbar die Welt noch schn. Trstlich prangende
Bltenhnge und endlich, tief unten, das hingezauberte Blau des Sees, einem
verliebten Abendhimmel hingegeben. Und die Bume stehen hier wie sanfte,
begtigende Brute.

Der Weg nach Paradiso ist holperig genug, auf den Bergen oben leuchten
feurige Spieldosen auf. Die Natur ist ein Zwischenakt mit
Verwandlungsmusik, und die Nachtluft wird von Amoretten hingetragen. Oh
Plansee im bayrischen Gebirg! Du See auf dem Plan, so hoch oben im Wind!
Warum schwebst du, Verwunschener, mir vor? Vor mir liegt lchelnde
Erfllung. Du aber bist unbegrenzte Sehnsucht und Verweigerung.

Ein nachgesandter Brief von ihr, die von jenen Bergen spricht, hatte mich
in Luzern ereilt. Bald kommt der Sommer, schreibt sie, rcken wir ihm vor.
Der Flgel wird schon in der Halle aufgestellt, die Schwalben fliegen gewi
schon ein und aus.

Die Droschke rollt jetzt auf glatter Fhre den See entlang.

25. APRIL. Fortunio, welcher von meiner Ankunft bei Paxens erfahren hatte,
kommt, verfehlt mich, telephoniert und bittet mich zum Tee.

Ha! denke ich, diesen Tee soll er sich merken bis in sein achtzigstes Jahr.
Mit vielem Bedacht staffiere ich mich zu diesem Wiedersehen heraus, um die
Meinung, die ich mir von seinen Ritterdiensten gemacht habe, mglichst
wirkungsvoll zu unterstreichen.

Wie dem auch sei, ich trug an diesem Tage ein, wenn auch nicht neues, so
doch neu beschlagenes Kleid mit halblangen, weit auslaufenden rmeln. Weie
Bestze, federleicht und schwarz besumt, schlossen sie am Ellbogen in zwei
Reihen ab. Zwischen ihnen lag wieder eine Spanne Stoffes, den sie ein wenig
heruntergezogen, denn so dnn ihr Gewebe war, durch ihre Flle beschwerten
sie ihn doch. Beim Gehen glockten sie ganz leise ab und zu und hingen dann
still, bevor sie sich von neuem bewegten. Es war in der Tat ein sehr
rhythmisches und geglcktes rmelpaar. Vor allen Dingen aber -- andere
mgen dies gewi auch schon beobachtet haben -- knnen wir von einer
geistigen Schminke angeflogen werden, chimrisch wie jene, welche die
Kosmetiker bereiten -- denn auch sie, wenn sie von uns fllt, lt uns
fahler, aufgeriebener als zuvor. -- Indes gewhrte ich den ausgestandenen
Nten der vergangenen Tage ihr beredtes Schattenspiel, ja ein
selbstbewuter Schleier chiffrierte noch ein briges dazu. Also gepanzert,
hchst intangibel und durchaus bestechend ging ich, die ihm zugedachte
Szene wohl im Kopf, gewandten Schrittes, als htte ich soeben meine besten
Erfolge hinter mir, auf ihn zu.

Es gehrt jedoch irgendwie mit zum Leben, da im geringfgigen, wie im
groen die Dinge anders verlaufen, als man sie erwartete.

Zwar in der Tat eilte da Fortunio wie mit neubeschwingter Freundschaft mir
entgegen.

Seine Sympathie, erklrte er dabei, htte nun wirklich die Feuerprobe
bestanden.

Wie meinen?

Da nicht einmal die desastrse Erklrerei im Bunde vermocht htte, daran
zu rtteln. Sie kennen die letzte nicht, erwiderte ich mit der
erknstelten und flackernden Wrde einer berrumpelten.

Was!? schrie er entsetzt und fuhr mit den Armen in die Luft. Noch
eine?! Unglcklicherweise mute ich lachen, und da mir dies seit drei
Wochen nicht mehr vorgekommen war, hielt ich nicht sogleich inne, sondern
geriet ins lachen, wie einer ins laufen gert, und ehe Fortunios Arme sich
wieder gesenkt hatten, war er angesteckt. Es gab kein Aufhalten mehr.
Lachraketen stiegen jetzt in die verblaute Luft, in einer vor Wonne
irrsinnigen Natur. Wre ich zehnmal bedrckter noch gewesen, ich htte
gelacht.

Bald fingen denn auch die Berge wieder an, ihre funkelnden Spieldosen
aufzuziehen. Nicht einmal nachts wollte diese Landschaft zum Ernste
gelangen; des Krieges selber schien sie zu spotten. Wer hatte denn recht,
wenn nicht die Bume hier am Strand des Sees, die ihre Dfte einander
zuhauchten und vertauschten, und wenn sie welkten, wieder erblhten, und
wenn sie verdorrten, andere dafr erwuchsen. Es war mir ein Schlag ins
Wasser geglckt. Und was dann?

Ich zog Fortunio mit in den Kursaal, sah den Dmchen zu, wie sie tanzten,
gewann sechs Franken und verlor deren zwlf.

                   *       *       *       *       *

Und nunmehr ging ein Tag blitzender als wie der andere auf, und wie in
einer leuchtenden Schale der Vergessenheit zerflo der See. Vergi! Vergi!

Es hinderte nicht, da ich Fortunio bei Gelegenheit das alte Leitmotiv
vernehmen lie, solange Telramunds im Hintergrunde sen, sei jede Aktion,
jeder Versuch, dem Ha entgegenzuwirken, im vornherein eine gescheiterte
Sache. Er ist fr das abwirtschaftenlassen solcher Elemente, und ich
nicht. Denn bis sie abgewirtschaftet haben, ist ja zuviel verdorben,
aufgehalten, zugrunde gerichtet. Fortunio, in vielen Dingen weit
beschlagener als ich, sieht nicht, wo ich erfahrener bin als er. Gewi sind
ihm die Gtter hold. Taucht er unter, so fischt er gleich etwas Schnes,
hlt's gegen das Licht, freut sich des Prismas und lt sich von den Wellen
schaukeln.

Die paar Meinungen dagegen, die mir unverrckbar im Kopfe horsten, mu ich
zu Markte tragen, und habe keine Ruhe. Mue bleibt Miggang fr mich,
solange ich sie nicht formulierte. Und die Aufgabe ist doch so schwer, da
ich vor jedem Anlauf von neuem zgere. Bis mein Tagewerk gelingt, sofern es
mir gelingt, wird der Abend fr mich herangebrochen und meine Gastrolle in
dieser zweifelhaften Welt ausgespielt sein. Sollten meine Bcher mich
berleben und ich selber wiederkommen, so lese ich sie vielleicht, und
vielleicht wird mir dabei etwas sonderbar zumute. Ein Dirigent mchte ich
dann werden. Regieren mchte ich!

Die erste Katze mchte ich sein, die keine Vgel mordet. Ich bin in diese
beiden Tiere vernarrt und wnschte, sie schlssen Frieden.

Um auf Fortunio zurckzukommen: darber sei man sich vollkommen einig,
sagte er, wie Telramunds Verfahren mir gegenber zu qualifizieren sei.

Warum ergriff denn keiner meine Partei?

Er zuckte die Achseln, wie jemand, der es aufgibt, etwas zu erklren.
Gerade dieses Achselzucken aber gab mir endlich voll und ganz zu verstehen,
mit welch unsglich trbem Wasser in Politicis gekocht wurde; so zwar, als
mte es so sein. Diese Notwendigkeit war es gerade, die ich mich
anzuerkennen weigerte.

Ich kann gar nicht aussprechen, wie grausam mich der Plan von einem
Zusammenschlu der Geistigen anlchert . . . Wie sollte ein
Zusammenschlu der Geistigen zustande kommen, da noch ganz und gar kein
Zusammenschlu gegen die Ungeistigen besteht? Ach, kennt ihr Geistigen die
Welt noch immer nicht? Was redet ihr gro von eurem Zusammenschlu? Sprecht
von Aufgebot, von einem Kampfesruf gegen den Zusammenschlu jener, denen
alle Waffen zu Gebote stehen, welche die Gemeinheit fhrt, dem einzigen
Zusammenschlu, der sich bisher verwirklichte, denn dort gebietet der
Verworfene ber den Verworfeneren, und der Verworfenste ist es, der das
Zepter schwingt.

Sprecht von Ausschlu, sprecht von Sorge. Davon sprecht, da es keine gute
Sache geben kann, solange schlechte Elemente sich zu ihr bekennen drfen,
um sie zu untergraben, ist doch an ihrer eigenen nichts mehr zu verderben.
Zum Zerstren aber sind sie da.

Gelnge es mir, auf diese noch immer nicht gengend beachtete
Beschaffenheit der Dinge die Aufmerksamkeit zu lenken, ich htte nicht
umsonst gelebt. Ich wei ja, wie sehr mein Scharfblick auf Kosten von
Kurzsichtigkeiten geht. Welche Pein ist das! Ich strme nicht voran, ohne
ber das Nchstliegende zu stolpern. Von ausgemachter Selbstherrlichkeit,
wo ich meiner Sache sicher bin, unheilbar blde, unheimlich schlau, so
harmlos, da man kichert, so gerissen, da man mir mitraut . . .

27. APRIL. Ein Berliner Kriegsgewinnler, den Paxens von Wien her kennen,
meldete sich bei ihnen zu Besuch. Der erste, dem ich mit Bewutsein
begegne. Nie habe man bei Hiller so gut gegessen, nie bei Borchard soviel
Champagner getrunken. Die Welt habe jetzt die deutsche Faust
kennenzulernen. Was Ludendorff befahl, sei _unbesehen_ das Richtige, und
keine Kritik gestattet; (das galt mir!) Gott, wie gemtlich man hier
beisammen se, whrend die Vlker einander schlachteten. (Dies sagte er,
wie man am warmen Kamin vom Schneesturm spricht, der drauen wtet.) Allen
knne es nicht gut gehen, bemerkte er auch. Schweigen Sie, rief Frau A.
H. Pax. Er guckte etwas verdutzt. Das ist ja schrecklich mit unserer
Valuta, lenkte er dann ein. Und mit der geistigen erst! fuhr A. H. Pax
dazwischen.


Kunstwerk der Zukunft.

28. APRIL. Heute frh bin ich in einer Messe gewesen. Aber welche Messe! In
einem sehr alten, dem See gegenberliegenden und kstlichen Bau: Traumhafte
Fresken, das brige mit roten, langverjhrten, rosagewordenen Damasten
ausgeschlagen. So gut wie leer. Die Schellen, die der Ministrant in
Bewegung setzt, erklingen abgetnt und sind gewi aus Silber,
Weihrauchwolken steigen vom Altar. Dunkel -- nein nicht dunkel, von einer
lichten Penombra wie eine bedeckte Vollmondnacht, ohne Orgel und Gesang,
und dennoch brausend, unendlich gro, ja wie zum Firmament -- (wie wurde
mir?) weitete sich das stille und verlassene Haus und schwamm im All.

Endlich wieder eine schne Kirche. Die in Bern hatte ich aufgeben mssen,
denn so war die Messe wirklich nicht gemeint. Als ich aber jetzt durch die
schwerbehangene Tre ins Freie trat, auf den noch leeren Platz und den
besonnten Strand, wo die Platanen ihre eben erschlossenen Kronen so
brutlich dem Licht entgegenhielten, da schien dies alles, diese Natur mit
den dekorativ vor und wieder zurcktretenden Wnden ihrer Berge und das
gekruselte, wie in sich selbst verliebt hinziehende Gewsser, selbst der
Himmel, der darber hing, schien nicht so weit wie der eben verlassene,
leicht zu umspannende Bau mit den damastenen Wnden von verblatem Rot.

2. MAI. Die Pforte, die ins Weglose fhrt, wurde bisher nur im Vorbergehen
angekreidet. Ziemt es sich doch nicht, es zu beschreiten. --

Diejenigen aber, welche solange ber die Schiffbarmachung der Luft
gegrbelt haben, sind nicht dieselben, welche sich auf roplane schwingen,
sondern viele Jahrhunderte werfen ihre wilde Brandung zwischen sie. Und
doch, und doch . . .

Wie in der nunmehr erkrankten Luft die Menschheit eine infizierte oder
jedenfalls, auch ohne es zu merken, eine affizierte ist, wie vielleicht ein
Pesthauch so allmhlich unseren Planeten umschichtet, da wir es nicht
gewahrten, ebenso glaube ich, da bei vielen unter uns der innere Sinn dem
lautlos tumultarischen drngen und wogen (wo gbe es Worte?) der so zahllos
und so jh entstrmten Leben zugewandter ist, als sie es wissen. Da sind
Akzente, da sind Lockrufe, die noch nicht ergingen . . . Da treiben wehe
Schwingungen der Wonne von unaussprechlicher Pein, da greifen Klnge ans
Herz, zerspringen und ermatten wieder, ohne zu ertnen, und da sind uns
Zaubertrnke hingehalten, als htten wir geistige Lippen, sie zu genieen
. . .

Es war nicht mehr Nacht, aber der Tag dmmerte noch nicht. Ich schlief
nicht mehr und war noch nicht wach. Eine Gestalt, hchst eindrcklich in
ihrer Schattenhaftigkeit, erfllte die Atmosphre bis an den Rand, als
msse diese wie ein zu voller Becher berflieen, das Zimmer sprengen oder
sich entflammen. Und schon war das Unnennbare ungegenwrtig, und es wre
lcherlich unzureichend, wenn ich sagte, es htte sich entfernt, so ganz
auer jeder Beziehung stand es zu Zeit und Raum.

Was aber war inzwischen nochmals vor mir aufgeschimmert? Locken? -- von
einer Gelocktheit, die es nicht gab, von einer goldenen Blondheit, die
nicht vorkommt, ein Licht, das ich nicht kannte, schrfer, und dabei nicht
so grell wie das des Tages. Geisterhaft? Aber es war ja von einer
schrferen, wrmeren, pulsierenderen Lebendigkeit gewesen, als wir sie
kennen. Wir sind nicht lebendig genug, dachte ich bestrzt, und schlug die
Augen auf. Drauen hatte sich ein Wind erhoben. Die Fenster sahen auf den
Garten; der Himmel ganz bla, aber im vollen Staat. Kleine Wolken als
Vorreiter ausgesandt. Die Bahn war frei, die Vgel vollzhlig, Brust
heraus, in Positur und einzustimmen bereit. Hchste Spannung in den Bumen:
kommt sie schon? Blumengeflster: ist sie schon da? -- Es war alles wie am
ersten Tag.

                   *       *       *       *       *

3. MAI. Sicher haben die Menschen ihr Hofzeremoniell dem Sonnenaufgang
abgelauscht. An sich gewi eine hbsche Idee. Mit acht Jahren war ich im
Kloster Page der schnen Gelmini, die an Epiphania mit dem Beinamen die
Gerechte zur Knigin ausgerufen wurde. Meine Haare wurden Tage hindurch im
Hinblick der zu drehenden Locken mit gezuckertem Wasser gedrillt. Dem
Hofnarren fielen sie aus der Schellenkappe tief ins Gesicht. Denn gelockt
standen wir alle am Tage unseres Umzugs. Gelmini wurde zweimal gewhlt und
starb das Jahr darauf. Wie gro war mein Staunen, als ich spter erfuhr,
eine erwiesene Larve knne ihr Lebtag lang unter Zimbeln und Trompeten als
Majestt aufziehen. Und welches Gelchter erntete meine Entrstung! Aber
wie oft hat der verspottete recht! Jede Epoche hat ihren wahren
Frstenkonzern. Wir verkannten dies ganz: darum sind heute unsere goldenen
Kutschen remisiert. Groherzogliche Hoflieferanten, Palast- und
Schlsseldamen, wo seid ihr? Terror der Wiener Komtessen, wo bist du? Kurz,
kurz ist's her.

Abends im Kursaal bei Musik geschrieben. A. H. Pax will in der
Friedenswarte eine tongetreue bersetzung meines Protestes bringen, und
da er zugleich einen Beitrag fr das Maiheft wnscht, setze ich meinen
Apparat in Bewegung. Es ist, als trten ungeheure Wasserwerke in Kraft, um
einen Fingerhut voll zu kredenzen. Stirnrunzelnd sitze ich inmitten des Hin
und Her von Eisschokolade und Tangotnzen, um einige Stze ber die
elsssische Frage zu formulieren. Ich begann mit ein paar Anspielungen und
zitierte mich aus einem Essay, den ich ber die Markgrfin von Bayreuth
geschrieben hatte: der Frau fehle es zwar nicht an literarischer Begabung,
wohl aber an literarischer Perspektive, und fr die Realitt des
geschriebenen Wortes wohne ihr auch nicht entfernt dasselbe scharfe Gefhl
inne wie dem Mann. Heute sei hinzuzufgen, fuhr ich fort, ihr Interesse und
ihr Verstndnis fr Presse- und Parteiwesen sei in der Regel gering, und
auf jene allerletzten Endes so gedankenlose Parole: right or wrong my
country, wre die Frau nicht verfallen.

So wird sie denn, erzhlte ich von ihr, und meinte _mich_, nur wenig von
bisheriger Politik verstehen, dafr um so mehr von der kommenden. Denn es
ist ganz gewi falsch, zu behaupten, man drfe Politik nicht mit dem Gefhl
treiben. Wie veraltet die ohne Gefhl betriebene sogenannte Realpolitik im
Grunde schon war, htten die zuletzt auf dem Plan erschienenen
jugoslawischen Vlker sehr wohl erkannt, als sie einst jenen brderlichen
Balkanbund zu grnden beschlossen, welcher dann am Widerstand der
europischen Kabinette gescheitert war.

Es lge auch ein vollkommen richtiger Instinkt einer Versinnbildlichung der
Nationen durch berlebensgroe Menschengestalten zugrunde: Marianne, John
Bull, Michel, Onkel Sam . . . Von hieraus zieht sich deutlich ein Weg zur
Einsicht, da den Beziehungen zwischen hochstehenden Vlkern genau
dieselben Grundstze unterliegen sollten wie zwischen hochstehenden
Menschen. Statt sich zu berlisten und brutal zu bervorteilen, suchen sich
diese im Gegenteil an Schonung, Gromut und Rcksicht gegenseitig zu
berbieten. Der Wetteifer um den Rcksitz hat als Ergebnis, da man sich
darin teilt; statt einander zu berauben, hilft man einander aus. Man
gesteht sein Unrecht und wird vernommen, statt verdammt. Wre somit eine
solche Politik nicht auch die praktischere?

Ich htte mir vorstellen knnen, fuhr ich fort, da auf einer solchen
Grundlage hin ein Dialog zustande gekommen wre zwischen Michel und der
unvershnlich von ihm abgewandten Marianne. Ich knnte mir wahrhaftigen
Gottes vorstellen, da er -- nach Art der Liebhaber -- zu ihren Fen
hingerissen, die elsssische Frage vor ihr zur Sprache brchte; ich knnte
mir vorstellen, da im Laufe dieses Dialogs endlich ein Wendepunkt sich
ergbe, von wo ab beteuert wrde, was verneint worden war . . . und in
dieser Tonart lange hin und wieder so beharrlich, bis die wunde Frage sich
zwischen ihnen isolierte, auf einen hheren Plan gehoben, langsam ber
ihren Huptern wie eine Morgengabe schillerte.

Aber den Realpolitikern dnkte die andere Alternative, der wir heute
zusehen mssen, die gerissenere. Sptere Europer werden sich freilich an
den Kopf greifen; dann aber wird vermutlich das andere Schlagwort aufkommen
vom Antagonismus der weien und der gelben Rasse; und dann wird sich der
Himmel verfinstern von den neuen Schrecknissen; und dann erst werden die
berlebenden nicht mehr bestreiten, da die europische Psyche durch
Assimilierung der asiatischen die endliche Bereicherung, ja ihre letzte
Vollendung erfhre.

Nicht allein, da die grauenvollen Erfahrungen, die geopferten
Generationen, die vergeudeten Jahrzehnte, Jahrhunderte notwendig sind, um
diese Welt zu Anschauungen zu bekehren, welche sich der einfachen
Nachdenklichkeit aufdrngen, sondern all diese Kriege, und die gewesenen
sind nur Vorstufen zu einem letzten Kampf, dessen Stunde zugleich mit der
Stunde der Vergeltung schlagen wird fr jene Elemente, welche von jeher die
schlechte Sache in der Welt betrieben oder die gute verdorben haben. Die
Leute also, schlo ich meinen Aufsatz, welche auf den ewigen Krieg
schwren, mgen zufrieden mit mir sein; denn bevor jene Elemente (und es
sind stets berall dieselben) nicht gekennzeichnet und untergeordnet
werden, glaube auch ich an keinen dauernden Frieden.

                   *       *       *       *       *

Um mich von der Anstrengung zu erholen, setzte ich zehn Franken und gewann
zwei. Pltzlich taucht der Kriegsgewinnler vor mir auf und fragt, ob er
mich nach Hause begleiten drfe. Es war sehr spt, ja, er drfe. Er
begleitet mich also, ich aber leuchte ihm heim. Und siehe da, in dieser
nchtlichen Weile scheinen ihm sehr andere Bilder vorzuschweben als die,
mit welchen er noch gestern renommierte. Es geht uns ja so lausedreckig,
jammerte er, warum verfolgt ihr das in den Brunnen gefallene Kind? Also
so steht es, rief ich. Mein fertiger Aufsatz stimmte mich frech. So steht
es, und ihr blufft weiter mit Schwertfrieden und Grenzverbesserungen in Tod
und Ruin hinein. Ich sehe schon, was fr Argumente ihr schmiedet, falls es
schief ausgeht mit eurem Verbrechen! Es lt sich gar nicht sagen, wie
weinerlich, wie persnlich gutmtig dieser eingepeitschte Alldeutsche sich
herausstellte; wahrscheinlich der beste Gatte und Vater dabei, ein
gewissenhafter Arbeitgeber vielleicht.

                   *       *       *       *       *

Melide. Fortunio hat drei Elssser getroffen. Im Schein der Windlichter
schlage ich ihm die Karten, er dagegen liest mir aus der Hand. Die
Edeljdin hat ein rotes Tuch umgeschlagen, und wir sind vergngt. Doch oh,
die Nachtigall, die wir am Heimweg schlagen hren. Mein Herz hing sich an
sie und drang in den Busch zu ihr. Ich htte mich so gern nicht mehr von
der Stelle gerhrt.

Der Himmel blieb die ganze Zeit ber so blau, da sich die Wolken in meinem
Gemt angesichts soviel Sonne nicht behaupten konnten. Der erste bedeckte
Tag war auch der unserer Abfahrt. Ich nahm den Frhzug mit Paxens und
steckte meine Post gerade noch zu mir. Frs erste galten dann meine Blicke
nur dem schwindenden See und den schnell sich verstellenden Bergen.

In Bellinzona trennten wir uns. A. H. Pax wnschte die Mitarbeit der Grfin
Reventlow, und ich sollte sie zu ernsterer Arbeit ermuntern. Es stellte
sich aber heraus, da nur 40 Minuten in Locarno blieben, so depeschierte
ich ihr auf gut Glck und fuhr dann durch das breite, lange Tal zum Lago
Maggiore. Sie stand am Bahnhof. Wir erkannten einander, ohne uns je gesehen
zu haben, und gingen mit einer Art von kalter Vertraulichkeit hinab zum
See. Ihr Zynismus kannte keine Grenzen, doch immer alles mit Grazie. Vom
Schreiben wollte sie nichts mehr wissen und hatte eine bersetzung
unternommen. Bei jeder Seite freue ich mich, da ich das nicht selber
geschrieben habe, sagte sie. Ich drngte sie zu grerem Flei, ohne
Anklang zu finden. Mein Ideal wre die Leitung eines groen Hotels,
versicherte sie. Ihre Augen waren wunderschn. Ich sprach von ihren
Schriften, und da keine Bcher dieses leichten Kalibers mit hnlicher
Qualitt geschrieben worden seien, so bla, so spttisch, so geistreich.
Aber sie schttelte den Kopf: es sei zu schwer.

Wir gingen in der Mittagsschwle den bergigen Weg zur Station zurck.
Einige Wochen spter sollte sie in Konstanz ihrem Sohn zur Desertion
verhelfen. Heute amsiert sie die Geisterwelt mit ihrem Witz. Schreiben
werden wir beide kein zweites Mal.

Ich hatte gerade Zeit, in den Zug zu springen: er bewegte sich schon, wir
riefen uns noch einmal auf Wiedersehen zu, bevor wir einander fr immer aus
den Augen verloren. -- Zu lesen hatte ich gar nichts mehr, mit Ausnahme
einer franzsischen Zeitung, die unter meiner Post gewesen war. Sie
enthielt auf der zweiten Seite einen Angriff gegen mich: Erbitterte Zeilen
mit dem deutlichen Wunsch, mich zu verletzen. Frwahr, dachte ich, das ist
wirklich zu unverdient. Aber der Verfasser tuscht sich: es ist mir egal.

Ich legte die Zeitung weg und sah in die Gegend hinaus. Merkwrdig
durchdrang mich da ganz und gar die Weite des Tals. Wie ein prchtiger
Festsaal der Natur, gemeint, als sei er auch bei Nacht zu erglnzen. Als
fehlten nur die Riesenkandelaber an den gleichmigen und feierlichen
Wnden der Berge.

Die Lokalbahn hatte Anschlu an den zweiten Zug, der von Lugano kam. Er war
schon eingelaufen. Fortunio und der Redakteur der Humanit standen auf dem
Perron. Ich reichte ihnen das Blatt, das mir unter Kreuzband zugeschickt
worden war, und wollte etwas dazu bemerken, es stellte sich jedoch heraus,
da meine Stimme zwischen Locarno und Bellinzona hngengeblieben war. Hatte
die Luft sich abgekhlt? Wie Fanfaren drang das Blau durch die dunstigen
Wolken. Dicht vor dem Platz am Fenster, den Fortunio mir gesichert hatte,
zogen jetzt die grauen Riesenwnde des Gotthard vorber, durchstrichen von
zahllosen Wildbchen, die aus ihren unversiegbaren Grnden senkrecht im
hellen Jubel herabschossen. Es war ein Hals ber Kopf sich berstrzendes
Geglitzer. Ich behielt sie im Auge, diese Flsse, einen nach dem andern,
und zhlte sie. Wie eine Rettung war's, als die table d'hte ausgerufen
wurde und alles in den Speisewagen ging, Fortunio ganz besonders und der
Redakteur. Der Wunsch, allein zu bleiben, brannte wie ein Durst. Welchen
Auges mag der Hirsch das Laub, das sein Geweih vom Aste schlgt, das Tal,
die Tiefe einbegreifen, bevor er sich getroffen wei? Wir wissen nicht, wie
seine Welt da vor ihm aufleuchtet. -- Was fr ein selbstherrliches Ding ist
doch das Herz! Du rufst ihm zu, und es vernimmt kein Wort, als gehrte es
sich selber und nicht dir.

Verstrickte und sich selbst widerstreitende Liebesgefhle haben ihre
eigentmlichen Reflexbewegungen wie Zerreiungen und Wunden. Ich hatte mich
getuscht: der Angriff in der franzsischen Zeitung war mir nicht egal. Und
wie aber htte die Erbitterung zwischen den Zeilen mich nicht bewegt?
Zwischen den Erbfeinden des Abendlandes stand in Wahrheit reinste und
einzigste Erotik am Spiel. Was hier von jeher, was von neuem auf
Menschenalter zertreten wurde, war der Keim aller Verjngung und Erneuerung
eines Kontinents, die Blume aller Allianzen. Alle andern sind unfruchtbare
Bndnisse dagegen, Geschwisterehen. Sagt mir nicht, da es anders sei. Ich
wei es besser.

Ach! Grund genug, wenn es jetzt den Augen unaufhaltsam entstrmte wie ber
die grauen Furchen der Gotthardfelsen. Oh! und nichts von bayrischem
Gebirg! Was sich da drben hinter Schleiern spiegelte, das war Paris am
lauen Septembertag, der eigenen Erfllung hingegeben, und einem Himmel, der
keine andere Stadt so berhing wie sie. War sie nicht meine eigenste
Heimat? War sie nicht die unerreichbarste Geliebte? War sie nicht eine
Gttin? Oh mein beraubtes Herz! Jedes Bild, jede Erinnerung an sie zerri
es neu.

                   *       *       *       *       *

Abends in Bern, wo inzwischen auch der Frhling gekommen, sozusagen
ausgebrochen ist, leidenschaftlich abgetrotzt wie etwas, das sich
keineswegs von selbst versteht wie im Sden. Ich liebe im Norden nur den
Sommer.

4. MAI. Abigail stattete mir eine richtige Sympathievisite ab. Es fehlte
nur der Zylinder. Dieser neue Ziegelstein auf mein Dach dnkt ihm
entschieden de trop. Erklren Sie mir nur, sage, ich, liegt denn eine
solche Ungerechtigkeit in eurem Interesse? Wir fragen heute nicht nach
Gerechtigkeit, erwidert er. Wir verlangen alles oder nichts, Sie bieten
uns die Hlfte, das ist zu wenig.

Sie vergessen, da ich Deutschland liebe.

Es sind Gefhle, die wir zu wenig teilen, als da sie uns interessieren
knnten, erwiderte er steif.

Wir sprachen dann von anderen Dingen.

6. MAI. Besuch von Frau Karfunkel. Sie fragt mich, ob ich eine
Revolutionrin sei, und ich bin im Augenblick zu mde, es zu wissen. Das
Wort gekrnte Republik fllt mir ein, das krzlich vor mir gefallen war.
Mochte es herhalten. Eine gekrnte Republik, sage ich und ghne.

Da Frau Karfunkel mich kaum kannte, hinderte sie nicht, mir jetzt eine
jener Szenen zu machen, die man wie ein Unwetter ber sich ergehen lt.
Die Worte wie krasse Ignoranz gehrten zu den mildesten, die sie mir
vorsetzte. Sollte ich ihr sagen, warum? ihr bekennen, in welchen Gedanken
sie mich unterbrochen hatte? ihr den Grund jener mangelhaften Kenntnis
eingestehen, die sie so richtig erraten hatte?

Welchen Kriegsbericht hatte ich zu Ende gelesen? Von welcher Phase des
Krieges mir auch nur einigermaen ein Bild gemacht? ber die erdrckende
Tatsache, da er herrschte und kein Friede kommen konnte, sah ich nicht
hinaus. Fr seinen Verlauf, seine Geschichte blieb mein Interesse ungefhr.

Was wollte die Frau bei mir?

Sie hatte mich aus der Arbeit gerissen, und ich war froh um die
Unterbrechung gewesen; so mhselig war die Pein, da ihr Stigma sich den
Schlfen aufdrckt, und da sie einsinken wie zermrbt. Oder gleicht eine
geistige Not der immerwhrenden Welle vielleicht und die Schlfen dem
Stein, der von ihr zernagt und bearbeitet wird? Von den Dingen selbst ist
mein Verstndnis so karg! Der Kommentar zu ihnen ist meine Sparte: ihn
stets von neuem, zergliederter, ausgreifender zu formulieren, ist der
Stachel, der mir keine Ruhe lt, meine Einzelhaft mitten im Leben. Denn
ber die Vielfltigkeit unserer Wege hin, sehe ich die Einfltigkeit der
Gefahr; die ewig selbe Fratze, die jeder edlen Bestrebung wie eine
verruchte Karikatur noch immer auf dem Fue folgte. So schmal, schwankend
und immerzu gefhrdet zieht unser Weg empor! Aber naiver als ein Soldat,
der mitten im Treffen nicht wei, wo er steht, fhrte der Mensch bisher
seinen Kampf. Auch ihn trafen die Geschosse, ohne da er sah, aus welchem
Hinterhalt sie stammten, und von der unheimlichen Geschftigkeit, mit
welcher in den Niederungen sein Verderben betrieben wurde, merkte er nur
das Resultat. Unermdlich und nahezu ungestrt drfen die Untermenschen,
von Herrschsucht besessen, in der Familie, dem Staat, der Gemeinde, der
Partei ihre zersetzende Arbeit verrichten. Aus Tausenden von Schlagwrtern
sind ihre Netze gewoben, der ganze ungeheure Nationalittenschwindel hlt
seit Jahrhunderten den Zusammenschlu der Vollwertigen auf. Notsignale zu
geben, bin ich hier. Unvernommen? Gleichviel! Ohnmchtig wie im Traum
hinauszurufen: Richtet Wlle auf! Seht euch vor! Achtet der Stufen! Schtzt
eure Huser! Mit unschuldiger Miene, ja mit dem Antlitz eines Engels
vielleicht, kauert das Unheil an euerm Herd. Oh Brder, Freunde, nehmt es
nicht in eure Arme, wie ihr den Fu nicht auf die sanft beschneite Stelle
setzt, ihr httet sie zuvor geprft.

Ich glaube, schreibt Ren Schickele, da der Sozialismus kommen mu mit
einer groen, tiefen Flut von Licht, die alle Menschen durchdringt.

Und ich sehe, wie emsig die Schatten sich sammeln, welche danach drsten,
dies Licht zu verschlingen.

8. MAI. Abigail klopft wieder an meine Tre. Er trgt sein breitestes
Lcheln, reicht mir die Mnchner Zeitungen und lacht noch strker. Sie
enthalten meinen Protest in der Telramundschen bertragung, wahrscheinlich
von ihm selbst eingesandt.

Und das sind die Leute, mit welchen Ihr Euch einlat, brach ich aus. Ihr
seid mir schne Richter!

Doch Abigail war in einer nicht zu verderbenden Laune. Einigen wir uns,
sagte er, mag er denn Telramund heien, unter einer Bedingung, verlangen
Sie nicht, da wir Sie Elsa nennen.

Die Pressestimmen lie er mir zum Geschenk. Ich las u. a., da ich ein
hysterisches Weib von abgrundtiefer Gemeinheit sei.

9. MAI. Beim bayrischen Gesandten; er kannte mich von Kind auf. Er empfing
mich. Aber der Verwirrtere, der Trostbedrftigere schien durchaus er. Es
war bei ihm wie bei den Hhnen der modernen Waschtische, die gleichzeitig
heies und kaltes Wasser ausstrmen: zwei Sprachen wie zwei Denkungsarten
entflossen da immer zugleich: seine eigene und die anbefohlene.

Vous tes dshonore! jammerte er.

So schlimm ist es nicht, redete ich ihm zu. Kommen Sie, lassen Sie Gras
wachsen ber die Geschichte.

Gras? Da wchst kein Gras. Je vous supplie ne rentrez pas en Allemagne; on
vous jettera dans les fers; je ne pourrai rien faire pour vous. Bleiben Sie
um Gottes willen da.

Ich bleibe schon da.

Ja, bleiben Sie da. Was wollen Sie in Mnchen? Es ist ja alles verpreut.
Diese entsetzlichen Preuen haben uns ja alle aufgefressen. Ich bin der
letzte Bayer.

Ich auch.

Sie sind gar nichts. Vous tes une criminelle. Ce n'est pas moi, qui vous
condamnerai, je suis votre ami. Vous tes une criminelle, unterbrach er
sich laut. Oh, so viel Phantasie zu haben und so wenig Verstand! Sie sind
erledigt. Wir sind gefressen.

Damit entlie er mich.

Da dem alten Herrn der Krieg so ber den Kopf wuchs, machte ihn mir nur
sympathisch. Es wre jedoch hartherzig gewesen, ihn praktisch in Anspruch
zu nehmen. Ich hatte es gar nicht versucht.

MITTE MAI. Gerade in diesen Tagen lud mich Frau v. Schreckenburg, ohne mich
zu kennen, zu sich ein. Englnderin von Geburt, trug sie dabei den
gefrchtetsten deutschen Namen. Ihr Mann, von dem die Franzosen sagten:
Heureusement qu'il n'en a pas l'air, und die Englnder: He is worth a
better name, stand an der Spitze der Gefangenenfrsorge. Durch seinen
unzeitgemen Mangel jeglichen Strebertums fiel er gnzlich aus dem Rahmen.
Still, unermdlich und geschickt verrichtete er sein humanitres Werk.

Es nahte Felix Mottls Todestag. Ich wollte die Mnchner erinnern, da ich
es nicht von ihnen verdiente, unvernommen und mit Knppeln vor das Stadttor
gewiesen zu werden, denn ich habe sie einmal vor einer groen Weltblamage
bewahrt. Einige Redakteure waren damals meinetwegen geflogen, und ich hatte
gesiegt. Waren solche Reminiszenzen angetan, den Herrn Chefredakteur zu
rhren? Er sandte mir meine Eingabe, obwohl durch Schreckenburg
bermittelt, mit dem Vermerk zurck, da er sich fr die Beitrge einer
Hochverrterin heute wie fernerhin bedanke.

An jenem Abend ging ich lange die beiden Brcken auf und nieder. Die
Jungfrau hatte eine Schrpe bergeworfen. Ein kalter Wind trieb von den
Gletschern herber. Ich ging und ging. Es war wieder bei Fortunio viel von
einem Zusammenschlu der Geistigen gesprochen worden, und wieder lie
keiner das Ausschlieen seine Sorge sein. Was aber ging aus dem ungeheuren
Trugwerk dieses Krieges hervor, wenn nicht der vollendete und riesenhafte
Triumph des Sklaven ber den Freien, wenn nicht die immer drohendere
Forderung, uns selbst jenes letzte Gericht erstehen zu lassen, von dem
geschrieben steht, da es auf immer die Scheidung zwischen den Menschen,
die guten Willens sind und den anderen bestimmen soll? Ja, nicht die groe
Einigung, den groen Bruch gilt es zuerst zustande zu bringen: die
herrische und heilige Offensive der menschenwrdigen Menschen, gegen jene
Untermenschen, welche Villiers de l'lle Adam als erster mit so groem
Nachdruck kennzeichnete. Erst gilt es, jenen allzulange geduldeten
Elementen das Stimmrecht zu entreien. Sahen wir nicht alle groen und
bahnbrechenden Ideen in Verwirrung ausarten, das Christentum selbst unter
die Rder geraten und eine Sache um so sicherer verderben, je edler sie
war, weil Unzulnglichkeit und Niedertracht das groe Wort zu fhren in der
Lage sind; Solange diese Gattung ihre Gleichberechtigung behlt, hat die
Menschheit nichts zu hoffen. Sie wird wie ein Kranker sein, der sein bel
zu betuben sucht, indem er sich auf seinem Schmerzenslager dreht und
wendet, oder hochaufgerichtet nach Atem ringt, um doch nur eine
illusorische Erleichterung zu finden. Sie wird alle Regierungsformen, eine
nach der andern, erproben, und ob sie auch ihre Knige gegen Republiken
eintauscht -- es werden doch nur falsche Republiken sein, und auch die
Anarchie wird sich als nichts anderes herausstellen als einen Mibrauch der
Macht.

Und wie knnte die einzig wirkliche Freiheit entstehen, wenn nicht durch
die Knechtung desjenigen Pbels, der allerorts alle Klassen, von den
hchsten bis zu den sogenannten niedrigsten verheert. Hierarchien aber sind
es ja gerade -- weniger rudimentr und kindisch nur als diejenigen, welche
man sich aufoktroyieren lie -- Hierarchien aber sind es, die auf neuer und
gerechtfertigter Basis zu errichten sind: geben wir uns keinen Tuschungen
hin: die Klasse der Knige, der Frsten und Herren, ja der ganze Tro der
kleinen Gentry sogar, er ist vorhanden (nur so anders!), und alle wahren
Adelsbriefe, die sich in unendlichen Fluktuationen aus der menschlichen
Wrde ergeben, existieren auch. In allen Kreisen aber und durch alle Zeiten
hindurch wurde die wahre Elite gepeinigt, geopfert oder zur Ohnmacht
verdammt, weil urteilslose oder niedriggesinnte Elemente, die sich weder in
Gleichheit, noch in Brderlichkeit zu ihr verhalten, dasselbe Stimmrecht
genieen.

Man rede mir also nicht von Zusammenschlssen, sondern vorerst von neuen
Gesetzbchern und neuen Statuten. Auf einen treibenden Sumpf, einer Welt
wie sie ist, Ringmauern aufzurichten, daran glaube ich nicht. Wozu fhrte
der vielgehegte voto pietoso Deutschland und Frankreich zu einigen? Statt
der stolzesten aller Galleonen ein Wrack, beiden nahezu unnennbar geworden.
Dieses Wrack ist mein eigenster Boden, ich verlasse ihn nicht. Die paar
Einsichten aber, die mich sehr bestimmte Erfahrungen lehrten mit der
Persistenz des Marktschreiers zu verknden, ist mein Beruf.

Ich lehnte ber der Brcke von Kirchenfeld. Hat die Nacht ihre eigene
Helle, da sie uns die Dinge mit grerer Schrfe zeigt? Sie deckte jetzt
den Flu, der unten den Bergen zurauschte. Von den Husern in der Tiefe, so
eng geschart, fast ein Germpel, auf zartesten Sulenarkaden gehoben, und
wie edel! leuchteten jetzt munter die tagsber so verschlossenen Fenster.
Wie wenig lste schlielich und endlich unsere zufllige Existenz von
unserem wirklichen Wesen aus! Vielleicht war sie nur eine Jahreszeit
unseres weitversteten Seins. Wozu sich alterieren, redete ich mir zu, wozu
die Hast, wozu die Ungeduld? -- Es wurde zuletzt ein Spazieren mit der
Nacht, statt in die Nacht hinein, und ich war um eine grere Fassung,
etwas mehr Gleichgltigkeit fr meine persnlichen Geschicke aus allen
Krften bemht.




Zweiter Teil.


Sie sah bezaubernd aus; ihre Achseln schienen der Ansatz zu Flgeln, und da
sie sozusagen zwischen zwei Fingern hochzuheben war, nannten wir sie mit
Fortunio das Zirkuspferdchen oder der Seidenaff. Wenn sie ernst zu sein
wnschte, waren wir grausam genug, sie auszulachen, doch nicht, um sie zu
verspotten, sondern weil ihr alles so gut stand. Ihr Gatte war San
Cividale, der Longobarde, wir hatten uns angefreundet, und es wurde ein
richtiger Anschlu.

Von den rzten ins Bad geschickt, depeschierte mir der Seidenaff aus
Rheinfelden, und nie kam eine Einladung gerufener. Ich suchte einen Mieter
fr meine Zimmer und hatte ihn schnell. Bern war mir verleidet, ich hatte
dort vieles zu vergessen, Geldsorgen besa ich auch. Nur die
Mozartauffhrungen, welche unter Richard Strauens Leitung bevorstanden,
wartete ich noch ab. Sein schpferisches Erschpfen eines Werkes ist
sicherlich ein neues und interessantes Moment in der Kunst des Dirigierens.
Einem Don Juan, der ein groer Erfolg war, folgte jedoch eine Zauberflte,
welche einige Kritik hervorrief; mich entzckte letztere weit mehr, so
zwar, da sie einem ersten Eindruck gleichkam. Strau hatte eine Pamina
mitgebracht, welche gesanglich und darstellerisch und durch eine merkwrdig
schne Erscheinung der Partie so wohl entsprach, da Symbolik wie Illusion
des Fabelreiches durchweg bestanden, bis der Vorhang vor dieser besseren
und geordneteren Welt endgltig fiel. Was bedeuteten Regiestrungen (tags
darauf hie es, sie sei einem Englnder zu danken, der sich zu diesem Zweck
als Maschinist fr den Abend verdingte) vor dem unvergleichlich hohen
Niveau dieser Vorstellung?

Am lautesten wurde am Schlu von jener Sorte Deutscher Beifall gespendet,
welche ihren schimpflichen Spitznamen so recht aus dem vollen verdienten.
Diese wandelnden Erreger des Deutschenhasses gingen mit dem deutlichen
Geprge von Leuten einher, welche zwar rechneten und berechneten, aber
nicht mehr dachten, dafr seit einer Generation zuviel gegessen hatten. Sie
waren die Regisseure und Leugner des groen Kindersterbens, das jetzt in
ihrem Lande hinter den Kulissen um sich griff, und Scharen Deutscher,
wrdig dieses Namens und liebenswert, gingen um jener Boches willen
zugrunde. Doppelt verrucht erschienen sie im Lichte der eben erfolgten
herrlichen Darbietung. Ich ersticke! sagte ich zu Fortunio, denn ein Knuel
dieser wohlbestallten Patrioten schlenkerte vor uns ber den Platz. Auch im
Dunkeln sah man ihnen an, da sie jetzt schmausen gingen.

                   *       *       *       *       *


Rheinfelden.

21. JUNI. Mute da dicht vor meinem Fenster hochgewlbt der Rhein
vorberrauschen? Eine Brcke mit Schilderhuschen in der Mitte legt schon
im Badischen an; freudlos, wie mit erblindeten Scheiben, sehen von dort die
Huser herber.

Heiterer war der Park. Wir lagen in Korbsthlen und schwatzten. Doch
Erinnerungen kamen nicht zur Ruhe. Aufgescheuchten Vgeln gleich schwirrten
sie hierher und dorthin und kehrten zurck . . . Der Sommer war im Land.
Das Schlchen der schnen Marguerite, das selbst mitten im Kriege
Zauberkreise zog, wartete unser, und die Schwalben nisteten lngst im
flachen Strohhut, der in der Halle von der Decke hing. Jetzt standen auch
ihre Koffer gepackt; . . . es trmten sich wohlgefaltet ihre schnen
Kleider . . . Die Unrast der Verbannten trieb mich aus dem Park ins
Stdtchen hinunter, wo von der viereckigen Plattform des Turmes aus die
Strche ins Blaue steuerten. Was gab es schneres wie ihren Flug? Klein
erschien mir die Schweiz. Wie ein herrlicher, aber fr mich nach allen
Seiten hin verbarrikadierter Garten. Ich ging den Weg zurck, der ganz
umwachsen unter Bumen fhrt. Wer nicht wollte, brauchte weder Flu noch
Land zu sehen. Im Hotel aber lag eine Depesche fr mich. Ich floh entsetzt
auf mein Zimmer. Die Freundin war tot. Mochte das Schlchen am Berg Tr
und Tor sperrangelweit offen halten und warten, solange es stand, ins Leere
starrte fortan sein breitschrtiges Trmchen. Sie zog die Strae nie mehr
herauf, kutschierte nie mehr aufmerksamen Auges ihr Wgelchen in den Wald.
Fort von Rheinfelden, dachte ich, nur fort!

Es traf sich, da die Kur nahezu beendet war. Wir fuhren nach Wengen. Der
Seidenaff durfte nicht steigen, ich kletterte drauflos. Hier waren alle
Hhen zur Hand. Hinter der kleinen Scheidegg setzten sie von neuem ein. In
weiten Senkungen kreiste ein Tal. Ich sa in einer Nische aus Fels und
Gras, die Fe hingen ins Leere.

Pltzlich, wie auf einen geheimnisvollen Anruf, ein lauter Sto, ein
Gegenruf des Herzens. Denn es hat ja Arme, ich sagte es schon, und Flgel,
schwerausgebreitete und leichte, es hat sein geheimnisvolles Dasein fr
sich allein. Vom Tode wei es so wenig wie wir, nur dies hat es erkundet:
da, wenn er uns nicht austilgt, der Lebende dem Toten zu Anfang mehr sein
kann, als dieser ihm. Dann wre unser Eingedenken der Halt vielleicht, an
dem er seine ersten Schritte geht, und unsere Trauer sein Gewand.

Es war fr die Verstorbene ein Gedenkbuch geplant, und ich hatte
versprochen, mich daran zu beteiligen.

Mag es noch so mannigfache Welten geben, sicherlich gebietet ber alle eine
einzige Natur, ein allmhliches Sprieen, eine Reife, von trben Himmeln
die sie aufzuhalten scheinen nur gezeitigt. Vor allen Dingen aber jenes
letzte und sehr tragische Zurckbleiben des Erreichten hinter dem
Gewollten. Wie ein letzter Same, der sich wieder in die Erde senkt, um
einer nchsten Ernte zu gedeihen.

Ich schrieb auf meinem hohen Sitz angesichts des kelchartigen Tales mit den
sanftanschwellenden Rndern. Die Sonne war gestiegen. Wie ein zieres Band
umschlang ein Pfad den ganzen Berg und lockte mich unwiderstehlich in die
Hhe. So kam ich zu einem kleinen Gasthaus und stapfte dann auf die Spitze
des Mnnlichen hinauf. Dort fing sich der Wind und wehte kreuz und quer;
dann aber strzte ein Steig, schmal wie ein Strich, so pfeilartig hinab,
da man, von einem Taumel erfat, zu rennen anfing und zu fliegen
verlangte. Von dem Tempo erfat, das von hier oben gesehen, die Jungfrau
entfaltete, die mit mchtiger Schulter die ganze Kette der Alpen mit sich
ri. Unglaublich schnell griffen jetzt die Schatten in dem verstrmenden
Gold dieses Tages um sich; schon profilierte sich diese oder jene
Bergeskante zu einem grotesken, dort zu einem erhabenen Riesenhaupt,
schlafend, offenen Mundes zurckgeworfen, oder wie entseelt mit
beschneiten, eingesunkenen Schlfen zur Seite gekehrt, die Luft darber wie
ein unendliches Gewlbe.

Auch manche Felsenburg tat jetzt entbrannte Zacken auf; kurz, eine andere
Welt als die des Tages stand schon gerstet. Pltzlich hielten mich
zwischen zwei scharf vorspringenden Felsen zahllose Schafe auf, die mchtig
wie ein Volk auf halber Hhe den Berg belagerten. Mit ihnen zog eine Anzahl
Widder, die innehielten, als sie mich kommen sahen, und mich aufmerksam,
wenn auch stolz, betrachteten. Nirgends ein Hirt zu sehen, als wren sie
die Fhrer. Ihre geschneckten Hrner abwartend mir zugekehrt, versperrten
sie den Weg. Um weiterzukommen, mute ich halb quer hindurch, halb mit der
Herde laufen. Eine berwltigende Ruhe, ja ein Glck ging von ihr aus, da
man, am liebsten auf vieren gestellt, eins mit ihr geworden wre.

Der Weg nahm gar kein Ende. Meine Schuhe gingen in Stcke. Meine Fe waren
zerschunden. Schwer hinkend erreichte ich endlich das schon a giorno
beleuchtete Wengen. Aus der Halle des Hotels trat der Seidenaff im
Tuchbrokat von silberigem Wei, hoch mit Zobel verbrmt. Doch der Jugend
kommt alles zugute; kostbare Gewnder unterstreichen sie nur. Die leichte
Gestalt wird durch den schweren Staat gehoben, nicht gedrckt. Lang und
gewichtig hing die Perlenschnur herab. Das Haar war braun. Gerade seinem
weichen Schimmer schmeichelte die Hrte des diamantenen Reifs. In
Treibhusern wird heute die gefllte, immer geflltere Nelke gezogen. Mit
solchen gefllten Nelkenaugen, gut und klug, doch fern dem Ziele, blickte
der Seidenaff.

Tags darauf fuhren wir zu Tale, San Cividale, dem Longobarden entgegen.
Fortunios schrieben aus Beatenberg, wo ich mich denn herumtriebe, und frs
erste blieb ich jetzt in Interlaken, um meinen Nachruf zu beenden. Da mir
keine Seele des Ortes bekannt war, verbrachte ich meine Tage ohne zu
sprechen, und schon lebte ich eingesponnen und wie unter Glas, als die
Lektre eines Zeitungsartikels mich ganz aus der Stimmung ri. Es war ein
Aufruf von Andreas Latzko, der wesentlich aus Vorwrfen, und zwar sehr
berechtigten Vorwrfen an die Frauen bestand. Nun haben diese ja im Kriege
versagt und die hrtesten Dinge zu hren verdient, doch nur ihnen selbst
kann es zustehen, sie zu uern, dem Manne heute mit keinem Wort. Ihre
Unzulnglichkeiten sind sein Werk, von ihm gezchtet und beabsichtigt,
selbst sein berdru an ihr war als Triumphgasse fr seine Eitelkeit
gedacht, was er vollends ihre Ungleichheit nannte, war seine Politik. Wie
stark seine Krone zerzaust ist, ahnen beide noch nicht. Die Penalty of the
war, von der soviel die Rede ist, wird noch eine ganz andere sein, als man
im allgemeinen glaubt. Die Frau wird ihre Chance haben. Mag der Mann noch
auf Jahrhunderte das berragende leisten, ihr Aufstieg wird sich
unaufhaltsam als eine Folgeerscheinung seines Bankrotts vollziehen. Bilder
schwebten mir vor . . . . war sie nicht schon im Begriff, mit jedem
Jahrgang schner, individueller zu werden? Erhob sich ihre Gestalt nicht
freier, knabenhafter, mehr auf sich selbst gestellt, von Jahr zu Jahr?

Schlimmstenfalls konnte ihr Regime zu keinem rgeren Chaos fhren, als das,
welches wir unter der ausschlielichen Fhrerschaft der Mnner und ihrer
Gesetzbcher erleben. Oh diese Gesetzbcher! Sie forderten, da man vom Tag
eines Krieges an nurmehr mit seinem Vater verwandt sei.

In meiner Aufregung, meiner Bedrcktheit, lief ich in der Mittagshitze den
Brienzer See entlang, bis zur Erschpfung. Und mit einem Male wurde mir das
Karthuserschweigen viel zu viel; da zudem schwere Regentage einsetzten,
brach ich auf und fuhr nach Beatenberg.


Beatenberg.

AUGUST. Ich wohnte eine halbe Stunde von Fortunios entfernt, und mein Hotel
stand zu Anfang der breiten Strae, die ber tausend Meter hoch ganz eben
dahinluft, den groen Rat der Gletscher stets im Angesicht. Wie zu einer
Riesenpolonse aufgestellt, schienen sie, je nach der Beleuchtung,
zurckzutreten oder loszuschreiten bereit. Nur der Regen sprengte den Bund.
Dann verschwand jeder einzeln in seinem Zelt und wute nichts mehr vom
andern. Wusch sich aber nachts der Himmel wieder rein, so hielt beim
Morgengrauen die Jungfrau entgeistert Cercle, als harre sie nur des
Zauberrufes, um der Sonne bei ihrem ersten Strahl ekstatisch
entgegenzutanzen. Leider kam auch hier die Arbeit nicht in Flu; das sehr
geruschvolle Haus bot keine Mglichkeit, sich abzusondern. Unmittelbar
daran grenzte der Wald und fhrte sogleich sehr steil ins Weglose hinab.
Und hier nun entdeckte ich eines Morgens, ganz hinter Tannen versteckt und
der Tiefe zugewandt, ein kleines, verlassenes Blockhaus. Ich rannte ins
Hotel zurck, forschte nach dem Schlssel und erlangte ihn. So gehrte das
Chalet mir, da ich es beziehen durfte. Den Schlssel ans Herz gedrckt,
eilte ich zurck. Im Raum des Erdgeschosses verbrachte ich nun meine Tage.
Die Lden blieben herabgelassen. Nur durch die Tre, die ins Freie fhrte,
drang das Licht; auch die Bume hielten es auf. Nur Tannen, Wald und Moos
und keine Aussicht auer sie. Hier hatte man vor den ewigen Gletschern Ruh.
Und keinen Laut als den der Vgel.

Oh Sommersmitte! Oh gttlicher Augenblick des Innehaltens, du ohne Zeitma,
ohne Intervall, mitten ins Jahr gesetzter Orgelpunkt!

Gro aber blieb die Not der unterbrochenen Arbeit.

Zwischen Tr und Fenster lief eine Ruhebank mit daraufgeschtteten Kissen
die Bretterwand entlang. Ich warf mich hin; chzend. Es roch nach Tannen,
Blumen, des Morgens im Walde gepflckt, hingen schon ermattet im Glase. In
diese holde Schwle tanzte ein geflammter Schmetterling herein. Mein
rechter Arm hing herab, ich war zu lssig, ihn zu heben. Vor Wonne fielen
mir die Augen zu. Hlt die Einsamkeit der Gemeinschaft Letztes, die wir
Lebende ersehen? Was war geschehen? Verloren blickte ich auf. Der Falter?
War er als Bote hereingeflogen? -- Wer war gegangen? --

Flchtig ist kein Wort. Und doch . . Von welcher Gegenwart und welch
durchdringendem Ton vibrierte nunmehr auf immer die Luft dieser Htte? War
sie, deren Bild ich festzuhalten suchte, ein Elf? Denn der Griff einer Hand
von elfenhafter Feinheit hatte deutlich die meinige erfat. In
unbeschreiblicher Rhrung hob ich den Arm, sprang auf, sa wieder vor dem
Tisch, das Gesicht in den Hnden vergraben, und fuhr nun endlich wie in
einen Schacht tief in meine Arbeit ein.

Da fiel ein Schatten -- jemand trat unter die Tre. Es war Fortunio. Ich
stie einen Schrei aus, als sei er ein Gespenst, und fhlte Nervenstrnge,
deren Vorhandensein mir jetzt erst zum Bewutsein kamen, zerreien. Wissen
Sie, wie spt es ist? lachte er. Seltsam. Sogar seine Stimme erfllte den
Raum mit Schrecken. Das Ganze war zu arg, es zu errtern. So machte ich
mich denn bereit, das Chalet zu verlassen, warf aber, die Tre
abschlieend, noch einen Blick zur Ruhebank zurck, zum Tisch mit den
Blumen im Glase, zu diesen Wnden, in welchen ich eins geworden war mit der
Luft und der Seele dieses Tages.

Was war noch immer kurzatmiger als wie mein Flug? Nicht von Schwingen
durfte da die Rede sein, die ausgebreitet und aus eigener Kraft die Hhen
beherrschen und sie behalten. Eher einer Rakete vergleichbar, die, wenn das
Glck es will, emporschnellt und hher! hher! ruft, weil sie doch gleich
verstiebt. Da ist es Pech natrlich, wenn man sie herunterholt.

Wir gingen nun zum Hotel hinauf und setzten uns auf die Veranda. In der
Tat, der Abend war sehr vorgeschritten. Beschaulich hing Fortunio an der
Gegend. Die eben noch umglhten Gletscher traten jetzt, als sei die Sonne
auf immer von ihnen geschieden, von Blsse wie erschpft, zurck. Welch ein
Tag! -- Und schon fate mich Grauen bei dem Gedanken, ihn einsam
beschlieen zu mssen oder ins Chalet zurckzugehen. Stand es noch? War's
nicht versunken? Oder nur ertrumt? So zog ich denn mit Fortunio die lange
Bergstrae zurck. Endlos dehnte sich hier der Ort. Ganze Strecken zeigte
sich kein Haus. Und siehe, schon herrschte der Mond. In seiner ganzen Flle
und unerschpflich berflieend, umschlang er streitschtig jeden Schatten
und brachte seine Schwrze ans Licht, kroch unter jeden Baum, durchquillte
alle Wlder und stieg und stieg in immer geharnischterem Glanz, bis eine
trunkene Erde, von ihm umsponnen und ganz mit ihm vermhlt, mit allen
Pulsen zum Himmel schlug. Voll Entzcken hatte sich die Jungfrau
aufgerichtet -- Mnch und Eiger an der Hand, loszutanzen bereit.

                   *       *       *       *       *

Tags darauf fuhren San Cividale, der Longobarde und der Seidenaff die
steile Hhe herauf. Von weitem schwang sie als Erkennungszeichen ihren
Schirm rundum. Jungfer und Kofferbestnde hatte sie unten gelassen und trug
eine uerst gerissene Sportjacke, in der ihre Figur zu zergehen schien,
und eine zwischen mausgrau und mauve spielende Hemdbluse aus japanischer
Seide, deren perfide kleine Mnnerkrawatte das ultrafeminine ihres
Gesichtes zu letzter Wirkung erhob. Die gefllten Nelkenaugen, die das
alles sehr wohl wuten, blickten unbeteiligt flchtig und beschattet. Es
war nur ein kurzer Besuch. Das Bhnchen trug sie bald wieder davon. Und mit
einem Male waren mir diese ewig hingerissenen Gletscher, die nie
marschierten, verleidet. Herrlich in der Tat war auch der Mantel der
Vorberge, der in so tiefen Falten ber sie hinschlug, und herrlich war's,
wie er -- von oben gesehen -- den See nachschleifte, gleich einem
kstlichen Saum. Beseelter aber blickte dennoch das Gebirge am Sntis, Jura
oder Engadin, als in dem gewaltigen und dekorativen, aber fast berall
stark abgekehrten Oberland. Ich sehnte mich nach mehr brderlichen Weiten,
und sehr pltzlich, ohne das Chalet wieder betreten zu haben, fuhr ich
hinab. In Spiez schrieb ich meinen Nachruf ins reine.


Marguerite Khlmann.

An den Kreis ihrer engsten Freunde wende ich mich, sie, die zu ihr standen
wie die Strahlen der Sternblume, deren Name sie trug; denn so hingen sie
ihr an, und so fat sie nunmehr die gemeinsame Klage zusammen. Wie
beneidenswert sind sie gewesen! --

Nicht, als seien sie sich dessen zu spt bewut. Hier trifft sie kein
Vorwurf. Vielmehr hegten sie ihr Wissen um das Werden dieser bedeutsamen
und seltenen Gestalt, die von ihrem schnen und guten Wesen so viel weniger
genieen durfte, als der gleichsam von ihr ausgestrahlte Kreis, dem sie es
zuwandte. Denn wieviel Sonne war in ihr verwoben, und wie beschattet ging
sie doch! Unter der rhythmischen und unzerstrbaren Ruhe ihrer Bewegungen
welch unaufhaltsames Vorwrtsschreiten! Wer hat sie je hastig gesehen? Und
doch welch ahnungsvolle Eile, sich zu erfllen!

Geistigen Dingen zugewandte Menschen finden sich gewi nicht selten; der
Maler und Musiker, auch der Liebhaber der Knste sind viele. Aber wie
wenige gibt es, die auf das Schne selbst Anziehungskraft besitzen, so da
es wie auf mystischen Ruderschlgen ihrer Atmosphre zugefhrt, immer mehr
Natur und Element bei ihnen wird, und tatschlich eine Art von
Wechselwirkung sich ergibt.

So aber war das Schne -- wie ein Meister an seinem Marmor -- bei ihr am
Werk. So umhing es ihre Erscheinung, so meielte es an ihren Zgen und hob
sie zu letzter Vollkommenheit der Linien und des Ausdrucks. Unsere Herzen
sind wund von der Erinnerung ihrer Hnde, so schwebend, einsam und
gesammelt, verklungen, auch sie mit der weiten Melodie ihres Seins.

Den wahren Hintergrund zu ihrem Bilde aber stellt einzig jene offene und
merkwrdige Gegend, in der sie sich so heimisch fhlte, weil sie ihr glich.
Dort, wo ihr kleiner Landsitz hart an der dunkeln Bergwand lehnte, von
Mauern lang umfriedet, vor dem Tor die hohe Linde schon den Bergflu
berhing, und sein Gestein, und schon wie vor den Almen leere Bergwiesen
ansteigen, auf welchen die Khe bis hin zu den nahen Wldern weiden; und
diese sind wenig begangen, schwer vertrumt und dster fast, weil hier
sogleich das Hochgebirge seinen feierlichen Zug beginnt.

Doch ffnete man das Tor zum Hause, ach! Wie rauschte es da von den
kunstvollen Brunnen und den Fontnen, in welcher Flle zogen sich die
Blumenreihen hochaufgerichtet durch den Garten hin! Und die Ebene ist's,
nach welcher dieser steile Garten niederfllt, und schaut: auf halber Hhe,
wie zur Freude hingemalt, der Kirchturm von Murnau, links die ersten Berge,
ansehnlich, aber noch vereinzelt, sanft umrissene Prludien des Gebirges.
Nach Osten aber, wo sich anstatt der Mauer die lange Wandelbahn und
hlzerne Gartenzimmer nachsommerlich hindehnen, wlbt sich als Abschlu der
finstere Berg.

Hier waltete sie im lichten Kleide inmitten ihrer Blumen, wenn in der Ferne
ein goldener Sonnenstaub den Tag begrub, oder sie sah wartend nach dem
Mond, der so pltzlich hinter dem schwarzen Grat aufging und dann sogleich
alle Grotten und Beete bergo, und nur die finstere Bergwand noch
finsterer belie. Und auf erhhtem Stande der Apfelbaum, wie sie ihn
zeichnete, mit den Windlaternen bunt ber dem Tische wehend!

Hier fhlte sie sich heimisch, hier drang das Lachen ihrer Kinder immer bis
zu ihr, und die Schwalben zogen durch die Fenster unermdlich ein und aus.
Und drinnen der Tisch vor den breiten Scheiben, ach Freunde: vor dem sie
sa -- niemals mig --, lesend oder malend, oder eine jener kunstvollen
Arbeiten zur Hand, mit welchen dieses Haus geschmckt ist, dessen Bau,
dessen edle Rume wie fr sie erdacht, durch ihre eigene Anmut etwas so
Zauberhaftes wurden, da sie durch ihren Tod fr uns verschttet liegen.
Die Tren, ach, durch die sie trat.

Doch jenseits der Vorberge, in einer versteinerten Welt, ganz klein und auf
unwahrscheinlicher Hhe steht die Jagdhtte, an deren winzigen Fenstern sie
die rot- und weigewrfelten Gardinchen hing; sie liebte das Frohe. Ganz
dem Schauen hingegeben, lief sie dort die Kanten der Berge entlang, denn
das einzig Verweilende an ihr, von allem Persnlichen unmittelbar
Losgelste war ihr Auge. Bald lockten sie die Hhen, bald die Weite und das
Moor, oder sie stellte dort ihren Malstuhl auf, wo der kleine, von der
Abendsonne warm getnte Flu so rasch den gemiedenen und immer trauernden
Hgel umfliet.

Diese reichhaltige Landschaft, die sich wie ein Fcher dem Auge entfaltet
und verschliet, glich ihr so ganz, da fr uns, die sie dort sahen, ihr
Bild wie eingetragen bleibt in diese Gegend.

Nicht auf Festen schwebt es uns vor, deren Glanz das sanfte Feuer ihrer
Schnheit so sehr erhhte, und nicht in groen Stdten, weder in Paris,
dessen geistiges und knstlerisches Leben ihr so nahe ging, noch in London,
wo sie gefeiert und bewundert wurde. Denn in ihr hatte Deutschland eine so
liebenswrdige und seltene Vertreterin gefunden, da die Sympathien, welche
sie sich erwarb, durch die Ereignisse nur verstummten, aber nicht verloren
gingen. Denn weit ber die Grben hin, welche die Nationen voneinander
trennten, klang ein Echo der Trauer ber die Kunde ihres Todes herber.

Es mag ja sein, da ihre groen Erfolge im Ausland ihr um so neidloser
zugestanden wurden, als man sah, welch flchtigen Gast sie krnten. Denn
ehe man sich's versah, lagen ihre viel bewunderten Kleider in Kisten
wohlverpackt, und sie selbst stand am Perron, Sehnsucht im Auge, um nach
ihrem geliebten Ohlstadt zurckzufahren. Sie erzhlte noch im letzten
Sommer ihres Lebens, sie habe mit Freudentrnen um sich her geschaut, als
sie den Raunerhof zum ersten Male und zugleich als ihr Eigentum
besichtigte.

So nah berhrte sie der Ort.

Es waren pantheistische Anklnge in ihr, die man nicht berhren durfte, um
sie zu kennen.

Denn so edler Natur war die zu weite Spannung ihres Wesens, die eine Lcke
lie zwischen dem Leben und ihr. Ein suchendes, verlorenes Etwas fand hier
seine Brandung, und was Wunder, da sich ihr Blick, allen Sicherungen zum
Trotz, so hufig aus dem Alltag, wie aus einem zu engen Hause stahl.

Und kannte ihn doch kaum.

Seine immer neu sich bereitende Unsicherheit, bse und gefhrlich wie die
Grungen der Gletscher, seine Verweigerungen, seine de erfuhr sie nicht.
Ja, sie blieb von einer zu deutlichen Kenntnis dieser Welt bewahrt; ob sie
es merkte oder nicht, ihr Kontakt mit ihr war immer umgeschaltet, ja sie
war geschtzt. Aber wir wissen heute, warum die so innig Umringte dennoch
einsam und beschattet ging, als sei alles vergebens; was dies heimliche,
innere Versagen und ihre unrobuste Art bedeutete. Denn wir wissen nicht,
was sich in denjenigen bereitet, die inmitten ihrer Jugend von den Hhen
des Lebens weg, einzeln und jh zu den Toren des Todes hintreten und in
seine Verlassenheit gehen. Keine letzte Verklrung, kein noch so sanftes
Verlschen nimmt einem solchen Los etwas von seiner Schwere.

Ach die besten Freundesherzen sind noch zu trge! Allzu leichten Sinnes
nahmen wir das schne Geschenk ihrer Gegenwart hin und bedachten die
deutlichen Merkmale eines frhen Scheidens an ihr nicht. --

Wer hat nicht jene Flugzeuge gesehen, die als dnner Korb, nur durch Taue
einem Riesenball verbunden, ganz ohne Geknatter vorberschweben? Ein
Windhauch streift die von ihm Getragenen. Je hher sie sich steigen sehen,
desto langsamer dnkt ihnen sein Flug. Da zieht vielleicht eine Wolke
vorber, von einer schwarzen Kugel pfeilschnell durchzuckt und alsbald
berflogen, die nichts anderes war, als der Schatten des Balles, der
unbewegt und still wie eine Ampel in der Luft zu hngen schien.

Dies aber war bei stillem und oft schwer vertrumtem Wesen das Tempo ihres
inneren Werdens; mit so verzehrender Eile durchma sie ihre Bahn, und nur
wer ganz zuletzt in ihrem Umkreis lebte, vermchte auch das Letzte ber sie
zu sagen. Denn immer merkwrdiger und geschlossener wurde die Harmonie
dieser, vom Dianenhaften so getragenen Gestalt. Nur tragischen Naturen aber
ist es gegeben, sich zu erfllen. Die Norm ringt sich vom Fragmentarischen
nicht los.

Oh Marguerite! Da meine Worte sich aufrichten drften wie Sulen, und da
sie sich zusammenschlssen dir eine Sttte zu bilden des Innehaltens und
der Rast, wo du -- staunend vielleicht, doch ohne Gram -- zurckblicktest
auf dein Leben; oh da es zwischen seinen Ufern an dir vorberzge und dein
sinnendes Auge so darauf verweilte, wie einst in deinem Garten auf das
Getrme der Wolken im verglhenden Tag.

                   *       *       *       *       *

SEPTEMBER. Meine Zimmer waren zum Glck bis in den Oktober hinein
vermietet, und ich trieb mich bald hier, bald dort herum, bald in Zrich,
bald in Luzern, in Montreux oder Genf, nur nicht in Bern.

Die ra Khlmann war ein Grund mehr, es zu meiden. Man erinnerte sich
prompt, da ich in London in seinem Hause verkehrt hatte, und meine
Stellung gestaltete sich noch um ein Stckchen schiefer. Ich hatte jetzt zu
schreiben wie ein Minister, und es regnete Briefe. Sie betrafen zumeist
Todesurteile, Deportationen, versprengte franzsische oder belgische
Kinder. Dabei hielten jetzt die Zensuren meine Korrespondenz scharf im
Auge; die harmloseste Post aus Deutschland erreichte mich erst in vier,
Exprebriefe erst in sechs Wochen. Um an Khlmann zu schreiben, mute ich
schon seinetwegen den Umweg ber die Gesandtschaft whlen. Meist wandte ich
mich an Schreckenburg oder an den Grafen Carry. Zu Anfang ging's. Zwei
junge Belgierinnen hatten ihren eigenen Landsleuten Warnungen zukommen
lassen; dafr sollte die eine erschossen werden. Khlmann erreichte
ziemlich rasch eine Rckgngigmachung des Urteils. Auch eine kranke Dame
aus Cambrai brachte er noch ber die Grenze. Als ich aber wegen der Familie
des Professors von L.-P. bestrmt wurde, die Frau und fnf Kinder, (der
lteste Sohn im deportationsfhigen Alter[1]), in die Schweiz zu retten,
schickte mir Khlmann ohne Kommentar den Zettel, auf welchem die hohe
Militrbehrde eine Bewilligung seines Gesuches kurz und bndig
verweigerte. Auch ohne dies -- acht Tage nach seiner Ernennung -- wute ich
ihn verloren.

[Funote 1: Als ich das erstemal in der Schweiz war, gab mir Aramis ein
Dossier ber die Deportationen, von deren Einzelheiten ich noch keine
Ahnung hatte. Wer die franzsische Familie kennt, und wei, wie sehr sie
ihre Tchter hegt und htet, der sah hier wahre Abgrnde des Hasses und der
Rachgier bereiten. Ich fuhr damals von Bern direkt nach Berlin, kannte aber
von den Ministern jener Tage nur Solf, und auch diesen nur ganz flchtig.
Ihn bat ich in einem aufgeregten Brief um eine sofortige Unterredung. Er
war gerade an einer Angina erkrankt und empfing mich zu Bett mit einem
hochroten Gesicht, Eisbeutel auf dem Kopf. Am Fenster, mit dem Rcken gegen
das Licht, stand ein Oberst. Ich kramte nun die Notizen hervor, die ich vor
der Grenzberschreitung in den Bodensee geworfen, und zwischen Lindau und
Kempten wieder ins reine geschrieben hatte; der Oberst sprach die
Befrchtung aus, da sie der Wahrheit nur allzusehr entsprachen.

Mit Hilfe dieses militrischen Freundes setzte Solf, obwohl gerade damals
grimmig von den Alldeutschen angefeindet eine enquete durch. Und schon
glaubte ich die Partie gewonnen und das Handwerk der Herren Ludendorff und
Konsorten gelegt. Denn wirklich konnten Tausende von Frauen damals nach
Hause zurck, und in ihrer rgsten Form wurde die Methode eingedmmt. Aber
das Hauptquartier war noch Trumpf. Meine Darstellungen, so hie es, seien
nicht nur die hellste bertreibung gewesen, oh nein! sondern die
deportierten Tchter wren sehr erfreut, sich dem den Einerlei ihres
unttigen Lebens entzogen zu sehen; man gewann richtig den Eindruck, als
mte es fr ein junges Mdchen von guter Familie geradezu eine Lust sein,
deportiert zu werden, und nur eine Bagatelle fr die Eltern, ihre Kinder --
manches Mal auf Nimmerwiedersehen -- aus ihrem Hause gerissen zu sehen,
ohne die Mglichkeit von ihnen zu hren und ohne zu wissen, wohin man sie
fhrte. Soll die Axt nie begraben werden? -- Eine Vershnung der beiden
Nationen ist eine so groe Notwendigkeit, da schon aus praktischen Grnden
nicht immer einseitig nur ber das erlittene Unrecht Buch gefhrt werden
sollte. Und es ist fr die Deutschen die groe Gelegenheit gekommen! Heute,
wo der franzsische Militarismus seine Stunde begeht, haben sie nur ein
Mittel, Frankreich von seiner Rachepolitik abzubringen, indem sie -- statt
wiederum von Rache zu reden -- es zu fhlen geben, da sie beklagen, es zu
dieser Rachepolitik so schwer gereizt zu haben.]

Ich mu hier bis in den Londoner Sommer 1913 zurckgreifen, und zwar bis zu
dem Abend meiner Abreise nach Irland. Khlmann war damals jener Plne stolz
und froh, welche ein Jahr spter in der von ihm inspirierten Broschre
Weltpolitik ohne Krieg ihren Ausdruck fanden. Ich erinnere mich jenes
Besuches noch sehr genau; die Teemaschine sang, wir besahen einige Bilder,
und dann fuhr mein Zug, der um Mitternacht die Kste erreichte. Alle
Kabinen des Schiffes jedoch waren besetzt, und ich hatte vergessen, eine zu
reservieren. So blieb nur der groe Schiffsalon, wo ein freundlicher
Steward mir in den tiefen Ecken des die Wnde entlanglaufenden Sofas ein
herrliches Lager bereitete. Der Lnge nach ausgestreckt, hatte ich auf
diese Weise eine Riesenkabine fr mich allein und konnte mich vor Freude
gar nicht beruhigen. In meine lange Lederschaukel tief hineingebettet wie
in eine Muschel, hoch hinauf und hinunter schwingend mit dem nchtlichen,
heftig bewegten irischen Meer als Wiege. Wie sang, wie rauschte es mich zur
Ruh! Wie segnete ich den Steward und meine eigene Vergelichkeit. Hin und
wieder waren mir die Gtter doch hold.

Doch weh, ach wie schlug ihre Gunst in die grausamste Ungnade um! Oh des
zerrissenen Schiffes, das schon aufgehrt hatte zu sein! In ein
Rettungsboot gestoen, auf eine Planke geworfen und nichts anderes als den
Tod von den eben so gepriesenen Wellen zu gewrtigen, whlten sie sich zu
Felsen auf, hart und unbarmherzig mich zu begraben. Vor mir ruderte
Khlmann wie besinnungslos, und seine Anstrengungen angesichts eines
solchen Orkanes dnkten mir lcherlich. Aber ich ruderte ja selbst
mechanisch aufs Geratewohl, und dann strzten die schwarzen Berge ber das
Boot.

Wieder rauschte das Meer im eintnigen Sang, ber mir war schon erkennbar
in der ergrauten Nacht die Decke des Schiffes, und ich lag wie zuvor in der
ledernen Muschel gewiegt. Aber fr kein anderes Lied als fr das finstere
Echo meines Traums hatte ich ein Ohr. Alle Freude war tot. Ich warf die
Decken fort und sa zusammengekauert, schlaflos, verwstet, uralt.

Durch den Krieg glaubte ich meinen Traum erfllt. Die Ernennung Khlmanns
hatte mich zuerst gefreut. Er hatte von Jugend auf mit allen Krften dem
Krieg entgegengearbeitet, und ich hoffte, es wrde ihm gelingen, sein Ende
herbeizufhren.

Aber er waltete noch keine acht Tage seines Amtes -- ich war in Wengen und
lag in der Sonne -- als im Halbschlaf das Bild eines hohen Gerstes sich
aufdrngte, hnlich dem Eiffelturm, und auf der Spitze Khlmann, aber schon
im Begriffe kopfber abzustrzen, so zwar, da er sich in der Luft zu drei
Malen berschlug.

                   *       *       *       *       *

Am Tage nach seinem Niemals kam Abigail mit einer stobereiten Miene, wie
ein Widder zu mir. Zur Annahme einer schroffen Haltung Khlmanns war ich
jedoch um so weniger berechtigt, als mein frhestes Buch Aufstze, welche
auf seinen Rat den franzsischen Titel L'me aux deux patries fhrten,
die Behauptung aufrechthielt (denn mit der Feder war ich von jeher sehr
dreist), die Annektion Elsa-Lothringens sei ein Fehler, den Bismarck, wenn
er noch lebte, kein zweites Mal begehen wrde: er htte ein anderes
quivalent dafr ersonnen. Dies Bchlein, das im brigen ganz unter den
Tisch fiel, fand nur durch ihn eine so krftige Verbreitung, da sich der
Verdacht regte, er sei dessen Verfasser.

Auch zu jener Unterredung mit Zimmermann im Januar 1917, die einzig der
Notwendigkeit einer Diskussion des elsa-lothringischen Problems galt,
hatte er mir verholfen, und im Nebenzimmer eine Unterhaltung gefhrt, damit
wir ungestrt blieben. Auch waren mir die Worte erinnerlich, welche er im
Jahre 1915 diesbezglich fallen lie, zu einer Zeit, wo die Aussichten fr
Deutschland noch gnstig erschienen. Sein Niemals, konnte ich daher nur
als einen Brocken ansehen, den man Klffern vorwirft, um sie von sich
abzuhalten und weitergehen zu knnen: ein nach innen und in die Kulissen,
nicht nach auen gerichtetes Wort.

OKTOBER. Statt der drei kleinen hatte ich jetzt ein einziges groes, fast
saalartiges Zimmer nach Norden, auf die Lauben hinaus. Schmuck, ja zierlich
stand hier der Flgel im Raum. Die Wnde hatten lichte Tfelungen, und der
indische Schal mit dem weien Feld fiel von der Decke bis zum Boden und
schien eine Tre. Der Toilettentisch blitzte im Schatten auf: sein
Hauptschmuck waren jetzt zwei silberne Renaissanceleuchter, vom Seidenaffen
beschert.

ber das Zimmer selbst ist weiter nichts zu bemerken, als da eine Reihe
von Unterredungen dort stattfanden, die alle zu nichts fhrten. Ein Wort
ber meine politische Wirksamkeit. Wir wollen sie so nennen. Eine ganze
Weile brachte ich gewi alle Spionagen und Gegenspionagen zur Verzweiflung.
Scheinbar fr eine jede ein kinderleichter Fang, war das Verwirrende gewi,
da ich gleichzeitig in Diensten _smtlicher_ Regierungen zu stehen den
Anschein haben mute. Wenn jemand keine Parteien kannte, so war ich es.
Auer Japan, China, Ruland und Marokko durften nur noch Schweden, Norwegen
und Dnemark sich rhmen, da keiner ihrer Staatsangehrigen bei mir
gewesen sei. Mein Zimmer war so recht die Halle der vergeblichen
Zusammenknfte, und wenn ich auch keine einzige vom Zaune brach, schob ich
doch auch keiner einzigen den Riegel vor, selbst als mir kein Zweifel ber
ihre Vergeblichkeiten blieb. Der Friede, ein Wort, das mich im Schlaf
elektrisierte, war wie das groe Los oder wie das Leben eines aufgegebenen
Kranken immer eine Mglichkeit. Und ob ich auch anfing, dem Kopfschtteln
Fortunios beizustimmen, strzte ich doch, wie Kundry im ersten Akt, bei
jeder Veranlassung nach dem Heilkraut davon, das keine Linderung mehr
bringen konnte. So setzte ich mich in Bewegung, so braute ich mit
Todesverachtung meine Tees, ob mich auch schon ein wahres Grauen vor all
den Nieten fate, die sich zu Bergen vor meinem Tische huften . . . Den
dmmsten und ungeschicktesten Leuten schenkte ich dennoch Gehr. Vielleicht
war gerade dieser Narr der reine Tor, vielleicht hatte ich doch recht.

Meine Verstndnislosigkeit fr Natur und Beschaffenheit dieses Krieges ging
ja so weit, da ich vom ersten Tage seines Bestehens an von Monat zu Monat
berzeugt war, lnger als sechs Wochen knne er nicht mehr dauern. Immer
schien mir alles sein nahes Ende zu knden. Als zum ersten Male von
zahlreichen Gefangenen die Rede war, dachte ich: jetzt ist bald Schlu. Als
Ruhleben entstand, dachte ich: jetzt wird man verhandeln. Wer liee seine
eigenen Leute so im Stich? Obwohl ich, was die Schlechtigkeit des einzelnen
anging, einen so radikalen Standpunkt vertrat und immer darauf aufmerksam
machte, da die Larven triumphierten und der Edle geopfert wrde, ja, da
es stets ein besonderer Glcksfall sei, wenn er nicht unterliege, so hatte
ich den so naheliegenden Schlu von der Familie zum Staat (und was ist sie
anders, wenn nicht die Welt und Geschichte im kleinen?) merkwrdigerweise
noch immer nicht gemacht. Immer noch whnend, es ginge um den Frieden, da
es ja gar nicht ihn, sondern Sieg und Niederlage galt, glaubte ich, durch
meine Absicht und durch meine Gesinnung alle endlich zu berzeugen und fr
mich zu gewinnen, bis ich mit Entsetzen merkte, da gerade meine Naivitt
Bedenken erweckte. Wie htte auch Aramis, da es mir keineswegs an
Menschenkenntnis gebrach, eine so groe Weltunkenntnis bei mir vermutet?
Und da ich unter Kapitalismus immer noch einige Bankiers verstand?
Vielmehr war es natrlich, da eine Gesellschaft, welche den Krieg als eine
Institution begriff, an meiner Friedensmanie rgernis nahm. Ich hielt mich
fr besser als sie, whrend ich vor allen Dingen unwissender war. Und diese
Unwissenheit stellte zu meiner Soloarie den verdrielichen Ba.

Dennoch war, als mir endlich ein Licht ber die Welt und zugleich ber mich
selbst aufging, die erste Folge die Furcht. Ging ich spt die Lauben
entlang, so fate mich Schrecken, wenn nur die Umrisse eines Mannes oder
nur sein Schatten hinter einer Sule sichtbar wurde. Da war ja eines jener
unerklrlichen und gefhrlichen Wesen, die es so eingerichtet hatten, da
ihresgleichen heute vielfach auf einem Beine durch die Lande hopsten.

Meine Ttigkeit, die sich vor jeder Offensive verdoppelt hatte, war nur
mehr mechanisch. Die letzte Zusammenkunft, die sich in meinem Zimmer begab,
fand mit Professor H. statt. Er berief sich auf wichtige Erffnungen auf
Grund amerikanischer Auftrge, die er zu machen habe. Es erfolgte noch
einmal ein Depeschenwechsel mit den Restbestnden dessen, was man noch
deutsche Regierung nannte, und was lngst unter den Hufen der
Militrkavalla zertreten lag.

                   *       *       *       *       *

In diesem ber alle Maen traurigen Winter strich ich eines Abends mde
durch die Lauben, als Abigail an mir vorberscho. Busoni spielt heute
Abend! rief er mir zu. Nun lief auch ich und kam noch gerade recht, bevor
er eine Orchesterfantasie von Weber zu spielen anfing. Und siehe da, man
lebte, war seiner Ketten ledig und richtete sich auf.

Von nun an befate ich mich stark mit seinen Kompositionen und fuhr nach
Zrich, wenn dort ein neues Werk von ihm zur Auffhrung gelangte. Eine
bequeme Gabe ist es ja nicht, den Wert eines berragenden Typs zu erkennen;
sie legt Verpflichtungen auf; es ist nicht, als ginge sein Wohl und Wehe
uns nichts an.

Verdrielich genug ist es ja vielfach mit seiner Anhngerschaft bestellt.
Wie an den Reichen die Profiteure, so drngen sich an den Schaffenden die
Parasiten des Geistes heran. Und vielleicht, wer wei, ist ihm in mancher
Feierstunde, die ohne Anregung verlief, der Chor seiner Widersacher minder
fatal wie der seiner Anbeter.

Von dem Unmut des alten und stark zensurierten Wagner, von einem
verzweifelten Versuch sogar, den, den Sockel auszureien, auf dem er sich
wie ein Gtze gestellt sah, drang nur durch Zufall etwas in die Auenwelt.
Whrend seine Umgebung den ungeheuren berdru der nachwagnerischen ra
bereiten half, lie er selbst seine Werke weit und ungeduldig hinter sich
zurck. Lange ehe seinem Lohengrin die grausige Popularitt beschieden war,
hatte er mit Ekel in die Partitur gestarrt[2]. Spter eilte er schnell
mit dem Nachtzug davon, wenn eine Stadt, die er bereiste, ihm zu Ehren eine
seiner Opern ansetzte. Er hatte den schnen und naiven, wenn auch natrlich
vergeblichen Wunsch geuert, seinen Ring ein einziges Mal auf einer
eigens errichteten Bhne in hchster Vollendung zur Auffhrung zu bringen,
um sodann Bretter und Partitur auf immer zusammenzuschlagen[3].

Wer ein einziges Mal Friedrichs, den unvergleichlichen Darsteller des
Alberich, whrend seiner kurzen Laufbahn vernommen hat, der vergit nie die
unheimliche Wirkung seines pltzlichen Vortretens, als er, hart vor der
Rampe, mit seinem dunklen und prachtvollen Organ den Fluchgesang erhob.
Sich selbst, die ganze Welt fhlte man da bedroht, und wer die Alberiche,
wer die Nibelungen sind, und welche Bewandtnis es hienieden mit ihnen hat,
wurde einem in unmiverstndlichster Weise gelehrt.

[Funote 2: Briefwechsel zwischen Wagner und Liszt.]

[Funote 3: Briefwechsel zwischen Wagner und Liszt.]

Was aber kann so nichtssagend gemacht werden wie das Bedeutsame?

Gerade von gro angelegter Musik gilt das Wort: La musique doit toujours
nous surprendre. Lat Dezennien des Schweigens und der Vergessenheit den
Ring begraben, damit sich von neuem offenbaren knne, welcher Vorhang da
zurckschlug vor einer bis auf den Grund durchschauten Welt . . .

Erst die Zge des spten, weltberhmten und gefeierten Wagner zeigen den
trben, resignierten und abgewandten Schein, als dnke ihm jetzt erst, da
alles erreicht war, alles vergebens. Mime und Cie. rchten sich, indem sie
ihn ableierten. Als Kassenstcke ausgebeutet, wurde das Wagnersche Werk zum
Unding, zur Sge, zur Obstruktion . . .

Schafft neues! war sein immerwhrender Ruf; dafr wurde  la Wagner
weiter komponiert.

Sehr wagnerisch bewegt und sehr unwagnerianisch (denn was knnte es
unwagnerischeres geben als den Wagnerianer?) ging ich eines Abends, von
Busonis Hause kommend, durch die nchtlichen Straen Zrichs, wo einst
Wagner gerungen hat und heute Busoni ringt, und wo beide ein Asyl gefunden
hatten. Mit letzter Gewiheit wute ich da, da der viel mibrauchte
Meister, der sich gerade ber den so weit von ihm abliegenden Mozart so
begeistert uerte, heute gerade an dem selbstherrlichen Busoni und dessen
von ihm sich entfernenden Wegen sein tiefstes Gefallen fnde. Weit ber das
Leben hin tragen sich ja die wichtigsten Gegenstze aus. Denn sachte nur
beliebt es den Gttern. Einen nach dem andern nur lassen sie zu Worte
kommen. Ihr Neid duldet nicht das gleichzeitige Auftreten zweier allzu
interessanter Fechter. Eher hielten sie ihnen eine Binde vor die Augen, als
zu gestatten, da sie ihre Klingen kreuzten.

Hchst merkwrdig aber ist es, da die Persnlichkeit nie wichtiger gewesen
ist, als jetzt in dieser Zeit der Massenschicksale der Hungers und der
Kohlennte. Nicht nur alle Spreu sehen wir heute inmitten der quinoktien
aufwirbeln, auch manche Gesetztafel zerschlgt aufs neue. Der Heilige des
Tages sucht nicht mehr die Wste, sondern tritt mitten unter die Menschen
und fllt unter ihren Streichen, nicht weil er die Abkehr predigt von der
Welt, sondern um seiner Beglckungstheorien willen.

Aber nicht lange mehr wird der Auserwhlte als ein Dulder gehen. Entweder
sehen wir ihn bald als eine verlorengegangene Spezies ganz um die Ecke
gebracht, oder sein Reich wird kommen. Es ist eine Tuschung, zu glauben,
da eine Welt, deren Schlechtigkeit und Gewaltttigkeit sich derart nach
oben kehrte, so bleiben knnte, wie sie ist.

Hier mag stehen, was ich zwei Jahre spter schrieb:


Busoni.

Ich hrte Busoni zum ersten Male vor zwei Jahren in Bern. Er sah mit einem
Blick weit hinausgerckter Vereinsamung, den man an diesem Gesicht sofort
begriff, gleichsam zu sich selber auf und fing an zu spielen.

Das gibt es also noch, dachte ich nach einer Weile. Da geht man mhselig
seinen Weg, und pltzlich dies -- dies pltzliche Angelangtsein, diesen
Schauer der Ruh, diese unvermutete Herberge.

Bei Busonis Spiel, so herrlich es ist, will ich jedoch nur kurz verweilen.
Er ist wohl deshalb der grte Pianist, weil er implizite einer ist, weil
unter der Zauberformel, welche seine Finger darber sprechen, die
Metamorphose eines an sich zweifelhaften Instrumentes sich ergibt.

Wir kennen so manche vorzgliche Pianisten. Aber wie wenige machten uns das
Klavier vergessen! Da ist Holz, sage ich, da sind Pedale, ein schner
Anschlag vielleicht und ein groes Knnen dazu. Aber fr den Hrer nicht
eben sehr nachhaltig: _Klavier_. Besinnt euch. Ist es anders?

Eher lie noch das orchestrale Klavier Illusionen zu; ich habe groe
Dirigenten gehrt, die es zu einem prachtvollen Notbehelf gestalteten. Von
solchen Vorspiegelungen jedoch kann bei Busoni nicht die Rede sein. Dazu
ist er zu sehr Kenner des Instrumentes, belauschte er es in allen Fibern zu
genau. Etwas ganz anderes ist hier am Werk: Mozart hatte sich eine
verzauberte Flte ausgedacht: hier nun wurde tatschlich das Piano
enchant zur Wirklichkeit. Wir brauchen dabei nur an seinen Vortrag, der
an sich kaum noch ertrglichen Pianofortekompositionen Liszts zu erinnern,
dieses riesenhaften und vermoderten Rosenbuketts mit verschossener
Bandschleife . . . statt dessen wird eine ganze Epoche, die des zweiten
Kaiserreichs, vor uns lebendig: Pracht, Tand und Duft, Fcherspiel,
lchelnde Augen, Krinoline, Vergessenheit; alles retrospektiv gesehen, mit
magischer Schrfe aufgerufen. Daher auch die ernste Maske im Hintergrund.

Schlielich, wenn alles gesagt ist, bleibt von einem Menschen immer nur das
Neue. Die Geschichte unseres Geistes sind weitergegebene Signale. Aber
nicht immer das zuletzt Gegebene wird von dem Kommenden aufgegriffen. Die
Schrift ist kraus. Und die, welche an ihr schreiben, haben vor allem ihr
_geistiges_ Elternpaar, ihre geistige Familie und ihre geistige Sippe.
Falls wir eine neue Zeit zusammenbringen, wird auch eine neue Heraldik mit
ihr aufkommen. Gar merkwrdige Erzhuser, Dynastien und ihre Nebenlinien
werden sich da herausstellen. Und kaum einen Stammbaum drfte es heute
geben, der weiter verzweigt und interessanter zu erforschen wre, wie der
des so universalen Busoni. Keine Vaterschaft, die ihm an der Wiege gesungen
wurde, sondern die sich vielmehr vor ihm verbarg, ihm vielmehr auferlegte,
sie zu entdecken.

Viele Jahre hindurch ist es in seinen Werken wie ein umsichblicken, ein
pltzliches horchen, sichunterbrechen und stillestehen. Konzessionen kennt
er nicht. Was das unvorbereitete Ohr noch grau, abstrus, bizarr anmutet,
sind die Schatten des Weges, auf dem er sich entfernt. Seine Zeitgenossen
verlieren ihn aus dem Gesicht. Mit dem embarras de richesse, welchen
Berlioz, Liszt und Wagner in das Orchester hineingetragen haben, lie sich
ja noch lange wirtschaften. Richard Strau buchtete das von den Vtern
Erworbene noch weiter aus, erstand noch die oder jene Pagode hinzu, und zum
Beweis, da er ein Allerweltsknner sei, schuf er in seiner Ariadne eine
antike Seite -- ich brauche sie nicht zu nennen -- von ewigem Wert.

Auch bei dem feinen, wenn auch kurzatmigen Debussy horchten wir auf. Einige
noch unvernommene Tne schlugen da an, wie in Farbe getaucht, morbid,
verzckt, nur scheinbar dekadent, nicht dekadenter, sagte ich schon, als
ein Mondreflex auf einem verrosteten Gitter. Jedoch viel zu sagen hatte er
nicht; auch er fragte sich nicht, wie es weitergehen sollte, und er
verstummte schnell.

Genie ist nicht nur Flei (neben vielem anderen), sondern auch ein
heroischer Ernst. Vielleicht ist Busoni nicht der einzige, welcher
erkannte, da die Musik in die wild berwuchernde Flora der Neuromantik
nicht mehr tiefer hineinfhrte. Aber man kutschierte fatalistisch in
derselben Richtung, demselben Kreise weiter, denn das Problem schien
unlslich. Nur nicht fr Busoni. Es reizte gerade den Schpfer in ihm.

Anfangs waren es nur Anregungen, welche er bot. Turandot; immer strkere
Anregungen, wie das Licht eines wachsenden Tages, in seiner Schrift Zur
sthetik der Musik, in Arlechino; in seinen immer erstaunlichen
Klavierkompositionen, welche dem Klavier -- dem einstigen Spinett -- so
neue Dinge entlocken: Klangeinlagen, Klangunterlagen, eingebaute,
eingetnte Perspektiven (wenn ich so sagen darf!) gren da aus
unvermuteten Tiefen, wie grnleuchtende Seen. Auch rein uerlich genommen,
verfhrt Busoni als Schpfer mit ihm; auch auf den rein ueren Ausbau
dieses Instruments (immer ist ja der Entdecker in ihm rege!) drngen seine
Kompositionen hin.

Scheint dies vielleicht von migem Belang?

Welche Stunden uerster Betrbnis mu das Genie durchleben! Wie mssen ihn
da die Zweifel berwltigen, ob die ewig geschftige und ewig unachtsame
Welt das Geschenk denn auch entgegennehmen wird, welches ihr zu bereiten er
sein Leben widmet!

Whrend sie von nichts anderem widerhallte, als ihrem sinnlosen
Waffengedrhn, hielt Busoni sein schweres Ziel im Auge, drang er immer
weiter vor, nahm er die Kurve, legte er die Schraube an. In seiner
Isolation fand er die schpferische Kraft, das Tor zu sprengen, und die in
ihrem Riesenapparat festgefahrene, ja welkende Musik fr eine neue Jugend
flgge zu machen. Es wurden uns bis jetzt nur Bruchstcke seines Faust
bekanntgegeben, aber sie knden ihn ganz. Die reine Linienfhrung, die
tempelhaften Umrisse einer neuen Klassizitt, sanft gerundet, erheben sich
wieder! Ein Faust um so faustischer nur durch die neuen Streiflichter,
die auf ihn fallen: die holde Blsse in der Feierlichkeit, ein in der Welt
noch nicht dagewesener Adel des Klanges das Sfumato in der Trauer,
Leonardisches, Latinismen . . .

Wenn ich sage, da mit diesem seinem und zugleich so sehr unserem Faust
das Erbe Mozarts angetreten wurde, befrchte ich kein Dementi von der
Zukunft.

Darf ich (so nebenbei) in Erinnerung bringen, da Bettina Brentano ber
Beethoven, da Julie de Lespinasse ber Gluck zu beider Lebzeiten das
Entscheidendste sagten?

Und wenn ich mich heute so gedrngt fhle, auf die Wichtigkeit Busonis
immer wieder aufmerksam zu machen, so mchte ich hinzufgen, da es in der
Kunst sowohl wie in der Politik so etwas gibt wie ein zu spt. Auch hier
sind die Gelegenheiten dahin, die man verpate -- auch den Herren
Klavierbauern rufe ich dies heute zu.

Busoni hat ja seinen Lohn sicher nicht dahin. Auf der von ihm freigelegten
Bahn geht es weiter, und der Dank der Kommenden erwartet ihn. Aber sollen
wir heute, wo die Kronen zu Dutzenden auf das Pflaster rollten, sie im
Staube verkommen lassen und wie im alten Regime die wahren Knige nicht
ausrufen und nicht unterscheiden?




Dritter Teil.


Das traurigste aller Jahre gehrte der Vergangenheit. Auch der Januar hatte
ein Ende genommen. Ich war die Sklavin meines Flgels. Ihm zuliebe behielt
ich das Zimmer der vergeblichen Zusammenknfte.

Mit England und den Vereinigten Staaten war der Briefwechsel besonders
schwierig geworden. Zuletzt wrde es Mhe geben, sich die Gesichter seiner
Freunde zu vergegenwrtigen, deren Bild nie eine Nachricht nher brachte.

Eines Nachmittags -- es fing schon an zu dmmern -- und meine Gedanken
zogen ber unerreichbar gewordene Ksten den gewohnten Weg, als statt
vertrauter Zge, die ich wachrief, ein blankes, behendes Pferd aufblitzte
von intensivstem Braun. Voll Ungestm, beredten Blickes, als htte es etwas
zu verknden, weckte es ein Echo groer Bangigkeit und verschwand.

Dafr blieb der ganze folgende Tag unter dem Eindruck eines so beseligenden
Traumes, da es ein Frevel wre, ihn zu schildern.

Wiederum dmmerte es, und diesmal sa Fortunio in meiner Sofaecke, und wir
unterhielten uns.

Das zwiefache an den Menschen, darber waren wir uns ja einig, betraf ihren
Ursprung. Insofern hatten die Extremisten recht, als sie nicht glaubten,
mit dem alten Karren ins gelobte neue Land einzufahren. Leider aber
brachten sie dabei ihre eigene Anhngerschaft ganz nach der alten Manier,
nicht etwa der Artung, sondern der oft so rein zuflligen Meinung nach als
wildes Durcheinander unter ein und dieselbe Flagge.

Wie wunderbar ist der Mensch! sagte ich pltzlich, was fr Eingebungen
er hat! Auf was fr Dinge er gert! Zum Beispiel in allen Sprachen
Vergleiche wie die folgenden zu ziehen: marchez comme sur des nuages; to
walk on clouds; wie auf Wolken gehen.

Warum? fragte er.

Weil es das gibt. Nicht etwa nur in euren Dichterphantasien, sondern einer
hheren, hchsten Physik zufolge. Wer ist der verwirrte Tropf gewesen, der
als erster Wort und Begriff des Wunders startete?

Ich wurde jetzt der Schneereflexe immer bewuter, welche in die Mollakkorde
eines unvergleichlichen Zwielichtes fuhren. Nur wenig Wintertagen eignet
dieser Schein, trauter als das von Sommerlften durchwrmte, hlzerne
Gartenhuschen. Lange schmeichelte er sich an den Fenstern hin.

Eine gesteigerte Natur, fuhr ich fort, Kontakte, es sind Fe denkbar,
zu welchen die Tragfhigkeit der Wolke sich verhielte wie Steg und Brcke
zu den unseren: Gewnder, die zu solchen Fen niederflssen, wrde durch
die Schrfe der Emulsion der ther zum natrlichsten Geleise: weite Geleise
solchen Fen, und so sehr ein Teil von ihnen, whrend sie auf ihren
Wolkensohlen reisten, da von einer zifferlosen Arithmetik beherrscht, der
ganze Himmel, und nicht etwa nur ein Stck von ihm, mit in den Raum sich
drngen wrde, ber dessen Schwelle sie zgen.

Hier verstummte ich, und so gebieterisch schwoll die Dmmerung an, da
meine Hnde, wie Orgelpunkte in der Schwebe gehalten, pltzlich
niederfielen, ihrer Unzulnglichkeit und Armut zurckgegeben.

Wollen Sie Licht machen? fragte ich.

Whrend er sich anschickte, das Zimmer der ganzen Lnge nach zu
durchschreiten, war ich innerlich erstaunt ber die Ausfhrlichkeit, mit
der sich das Detail eines Bildes, welches doch als Ganzes, ber alle
Zeitbegriffe schnell zu Hupten meines Bettes aufgeblitzt war, festhalten
liee.

Doch warum fate mich da wieder das unerklrliche Grauen, das nicht mehr
einzufangende Echo des Grams des gestrigen Nachmittags, als mir im
halbwachen Zustand das Pferd beredten Auges entgegenscho? Welche
Bewandtnis -- -- -- -- --

Aber da hatte Fortunio schon geknipst, die Lampe erstrahlte, und ich atmete
auf.

5. FEBRUAR. Am Morgen dieses Tages stand ich angekleidet zu Hupten des
Bettes und hielt meine Post. Sie war umfangreicher als sonst. Ein Brief mit
auslndischer Marke und fremder Handschrift, den ich zuerst ffnete,
umfate nur wenig Zeilen und meldete einen Tod, der schon vier Monate
zurcklag.

Der Zahnarzt erwartete mich schon sehr frh.

Ganz undeutlich, wie von einem andern Ufer herber, so da ich nicht daran
dachte, mich zu entschuldigen, schien er mir ungeduldig ber mein
versptetes Erscheinen.

Ich wollte ihn ersuchen, das graue Schmerzenslicht von der
gegenberliegenden Mauer zu entfernen. Dann besann ich mich: zeigten doch
alle Dinge, das Fenster, die Instrumente auf dem Tablett dieselbe bse und
stechende Schrfe.

Desgleichen die Luft, als ich nach der Sitzung unter die Lauben trat.
Sollte man sich es wirklich antun, sie hinabzugehen? War nicht vielmehr die
Erde, dieser schwarze und zertretene Schnee, sich in ihm einzubetten mit
zugekehrtem Gesicht, die einzige und unendliche Lockung? Die wehe Fackel
des Gedchtnisses zu lschen, so zu verlschen, als sei man nie gewesen,
dieses war der Himmel. Oh wer war das? Wer war die Kreatur, die diesen
ganzen Tag hindurch alle Gesten des Lebens so staccato verrichtete, an den
Speisen dieselbe entsetzliche und befremdende Miene wahrnahm, wie an den
Pinzetten auf dem Tablett des Zahnarztes, und wohin sie sich auch wandte,
die Flucht ergriff; als wre sie die aus Hoffmanns Erzhlung entronnene
Olympia -- die Lauben hinab, die Treppen hinauf -- in ihr Zimmer zurcklief
-- und sich umzog! -- Einen blauen Hut aufsetzte, einen blauen! -- und
einen blauen Schleier davorband, und in das betubte Antlitz starrte, dem
er so ungewhnlich stand -- und einen Besuch abstattete -- an einem Ofen
lehnte, an ein Fenster trat, und durch seine, vom leichten Druck getrbte
Scheiben sah, den die Wrme des Zimmers hervorrief. Es sa einer da, der
erzhlte, doch nur die Tre nahm sie wahr, durch welche sie wieder
entrinnen und ins Freie gelangen konnte . . .

Dort fing es an zu dunkeln. Es nahm auch dieser Tag ein Ende.

Nur auf dem freien Platz und ber der Brcke war es noch hell. Rauh, grell
und de brtete ein durchnter Wintertag. Ungemildert fing ihn der
Gurten auf: eine dunkle, ansehnliche Masse, und dennoch niedrig stellte
sich ihm oh, so traumlos entgegen! Tropfna alle Dcher, die Bume ein
wirres und aufgelstes Haar.

Das Uhrwerk war abgelaufen, und sie stand nun endlich still, wie
berwachsen von ihrer Not. Ein Martergriffel umri fr sie die ganze Stadt,
die sich im Widerscheine eines Sterbetages zur Krypta schlo, das Siegel
seiner Qual fr immer aufgebrannt. So fiel ein Tor.

Beim ersten Laternenschein prallte sie zurck. Jedes Licht war eine Tcke.
Kein Dunkel war tief und ununterbrochen genug. Und riefen ihre Wnde nicht
nach ihr? Zu ihnen nahm sie ihre Zuflucht, schlo ihre Tre und berlie
sich der Erschpfung. In ihren Kleidern wie auf einem Sarkophag, ohne sich
zu rhren, ausgestreckt, lag sie in den Armen und am Herzen dieser Nacht.

Siehe -- was tauchte da wieder vor ihr auf? -- Sturmentlassen, mit
verhngten Zgeln, wie einem geisterhaften Stalle zugekehrt, das entfrbte,
fahlgewordene Ro, dessen Botendienst geschehen war.

Zum ersten Male entsann sie sich da auch des andern Bildes, das sich
zwischen einer Kunde und ihrer Ankndigung gndig und wie eine Gnade
stellte.

                   *       *       *       *       *

Und nun, oh Leser, fasse meine Hand, da ich von dir selber gehalten, durch
Dornen und Gestrpp, Ziel, Sinn und Ende dieses Buches erreiche. Verlasse
auf immer mit mir das Zimmer der vergeblichen Zusammenknfte und folge mir
nach Genf. Ferne dem traumlosen Berg, ber der malerischen Stadt des
nchternen Lichtes, durch die Turmspitze versinnbildlicht, welche den
Unterbau des Mnsters niederdrckt, und seine Schnheit immerzu und immerzu
verneint.

Selbst bei der schrfsten Bise leuchtete die Luft in Genf so abgetnt. Dort
hauste ich nun, in einem unheizbaren Studentenstbchen im fnften Stock des
hotel de Russie. Ein kleiner Balkon berhing die stets von Schwnen
berzogene Insel Rousseau. Meine Taschen waren in diesen Tagen der
Brotkarten mit Krumen wohlgefllt, und mit heimlicher Befriedigung warf ich
ihnen die rargewordene Speise zu. Nicht vergeblich glitten sie mir da immer
sogleich, doch ohne jede unziemliche Eile entgegen. Ich sah ihnen oft lange
zu. Sie standen in der Tierwelt so abseits; fast ein wenig abgerckt von
der Natur. Bald wrden sie zwischen ihren stolz aufgerichteten Flgeln ihre
Jungen wie in einer geschlossenen Krone durchs Blaue tragen. Vielleicht gab
ihnen ihre Ungefhrdetheit die Mue, um den Tod zu wissen.

Die Zeiten waren derart, da der Ortswechsel selbst einer so unwichtigen
Person wie mir nicht unvermerkt blieb. Dinge aber, die mich vor kurzem in
Aufruhr versetzt htten, machten mir nicht das geringste. An der
Telephonkabine war eines Morgens der Trgriff ausgekurbelt und wurde nicht
wieder instand gesetzt. Dicht bei verbrachte ein dicker Herr seine Tage und
rauchte Zigarren, indem er unverfroren horchte.

Indessen wurde ich von Herrn L -- P. . . . dem Vater der im
deportationsfhigen Alter stehenden Kinder aufs neue bestrmt. Seiner Frau
blieben die Psse verweigert. Ich schrieb jetzt auf gut Glck dem Grafen
Carry, er mge mich ber den Sonntag besuchen. Und richtig stand er da. Es
war strahlendes Wetter, wir streunten ber die Kais und aen zusammen. An
seine natrliche Gte hatte ich nie vergebens appelliert, und schlielich
bildete sein Propagandawerk eine Art von Rettungsstation. An ihm klebte
kein Blut. Da mir aber seine Beziehungen zur obersten Heeresleitung bekannt
waren, log ich jetzt ber die politische Zweckmigkeit einer Paverleihung
an die Familie L . . P . . . einiges Blaue vom Himmel. Wir setzten uns ins
Freie. Erstaunliche Magnolien prangten schon in voller Blte; an eine
Tanne, grnblau, weiten Hauptes wie eine Pinie, und immerzu umschwirrt,
prete sich ein glckliches Vogelhaus. Carrys Augen hingen voll Entzcken
daran.

Da geht mein schlimmster Feind, sagte er pltzlich. Klein, mit
niedertrchtiger Visage, kam hinter den Magnolien ein Landsmann von uns
hervor. Von belster Vergangenheit, dabei Trger eines groen Namens, fr
den Nachrichtendienst also wie geboren, lauerte er dem Frieden um so
emsiger auf, als die Dauer des Krieges mit dem Interim seiner
Rehabilitierung zusammenfiel.

Natrlich hat er Sie, sagte ich zerstreut. Was erwarten Sie sonst?

Abends -- der Graf war schon abgereist -- kreuzte ich mich nochmals, ber
die Brcke zu den Schwnen gehend, mit der hochgeborenen Kraple, die mit
einem Basiliskenblick an mir vorberging. Tags darauf -- ich dachte gerade
an das blauzerflieende Grn der Tanne und an den groen Blumenbaum, der in
dieser Sonnenhelle wohl noch heller erblht war, als ich ans Telephon
gerufen wurde. Vor der Zelle sa trgen Auges der mir zugeteilte Herr mit
der Nachmittagszigarre im Mund. Heute aber sollte er auf seine Kosten
kommen. Denn im hchst aufgeregten Ton forderte mich eine Genfer Dame zu
sofortiger Aussprache auf. Ihr Haus sei mir offengestanden, sie habe mir
ihr Vertrauen geschenkt, und nun msse sie hren, da ich es mibrauchte.

Ich machte mich ziemlich gemchlich auf den Weg zu ihrem Hause. Seit jenem
Tage, als sich Bern fr mich zur Krypta schlo, war mir erst bewut, da
ich mit nichten ein verkannter oder verlassener, sondern einer der wenigen
innerlich wirklich beschtzten und durchschauten Menschen gewesen war.

Wie oft hatte -- weit vorgreifend, ach! -- mein Ohr das melodische Lachen
zu hren geglaubt, wenn ich dereinst alles erzhlen wrde, alle Zwickmhlen
und alle Abenteuer, in die ich geraten war.

Ein ganzer, ein wirklich unvergelicher Mensch, dachte ich, von Trauer
niedergedrckt, ist nirgends zu Ende. Unerschpft und ganz unausgespielt
sinkt er zu Grabe. Abgerissen, doch nicht abgesponnen, ist der Faden eines
solchen Lebens.

Wenn aber Kinder des Lichtes zusammentreffen, ist das schon ein Glck des
Himmels. In dem hin und her ihrer Blicke und ihres erkennens liegt das
Vorgefhl ihrer Macht. Zu uns komme ihr Reich.

Mit der Genfer Dame war ich schnell im reinen. Wir spielten beiderseits mit
offenen Karten. Die hochgeborene Kraple hatte verbreiten lassen, die
deutsche Propaganda arbeite nunmehr mit so raffinierten Mitteln, da sie
kompromittierte Personen, wie mich, zu Werkzeugen mache. Den Beweis hielte
er in der Hand. (Es war mein Frhstck mit dem Grafen Carry.) Natrlich war
seine Behauptung wohl geeignet, mich in Genf unmglich zu machen. Er hatte
sich nur insofern verrechnet, als meine dortigen Freunde sich unverweilt
mit mir ins Vertrauen setzten. Dieser Zwischenfall war also beigelegt.

Als ich wieder in die Allee einbog, welche von ihrem Hause bis hart an die
Strae fhrte, drangen durch ein offengebliebenes Fenster die Worte: Je
suis bien contente de le lui avoir dit laut und vernehmlich ins Freie; Mir
aber sa jetzt ein des Gefhl im Magen, ein Ekel, das wrgen einer allzu
krampfhaft unterdrckten Bitterkeit. Ein Durst zugleich; das lechzen des
Trinkers, der nach dem Becher vergeht; es mute etwas, das Palliativ, die
Betubung mute her. Es war das alte Laster, hui! Und lag sie nicht dicht
bei, die avenue de Florissant? wute ich nicht, zufllig, da sie dort
wohnte, sie, die den Schlssel zu den geheimen Toren hielt, die ich
begehrte? Heute noch, nein, sogleich mute ich hin.

Und schon betrat ich unangemeldet die groen Rume, in welchen die
malerische Franzsin zwischen ausgehobenen Tren nach allen Seiten hin den
Ausblick ber Grten und Bsche geno. Es war eine ganze Welt von Bumen in
ihrem ersten Grn. Mademoiselle S., eine Pariserin der ernsten und wenig
bekannten Art, trug einen orangefarbenen Foulard um ihren Kopf gewunden und
gestand ihre Kopfschmerzen, aber nicht ihr Befremden ber meinen Besuch.
Wir hatten uns ein einziges Mal whrend des Krieges flchtig kennengelernt,
und nun lagerte ich, jedem Argwohn zuvorkommend, indem ich ihn einfach
niedertrat, auf einem Diwan ihres Salons, den verwirrenden Frhlingszauber
ihres Parkes vor Augen.

Sie sind im Besitze der Adresse eines Mediums, sagte ich, die ich
suche. Und sie erhob sich, an ihnen Schreibtisch zu treten; eine hohe und
dunkle Gestalt, weder so schn, noch so jung vielleicht, als sie an diesem
Abend schien, den blassen und melancholischen Kopf vom seidenen Turban eng
umschlossen, und all die Wipfel, die in den Rosenhimmel ragten, als
Hintergrund. Sie reichte mir die Adresse, und wir sprachen von allgemeinen
Dingen.

Es mu heute doch ein eigener Segen auf allen Schlechtigkeiten ruhen,
sagte ich, da, was immer man Gutes und Hilfreiches unternehmen mchte,
sofort in Milingen und Gestank aufgeht.

Wie knnte es anders sein? gab sie zurck, das Geschwr ist noch lange
nicht reif. Vorerst mu alles ihm allein zugute kommen.

Es gibt aber Geschwre en permanence, meinte ich. Doch sie schttelte den
Kopf, unbeirrbar in ihrem Glauben an eine bessere Zukunft.

Es herrschte zwischen uns die kurzbefristete Vertraulichkeit zweier
Reisegefhrten eines nchtlichen Zuges. Nichts ist so unverbindlich wie ihr
Auseinandergehen.

Denn schon war ich wieder unterwegs, einer andern Himmelsrichtung, einem
Genf, das ich nicht kannte, zugewandt, nicht wissend, da es auch seine
anonymen Viertel hatte, die scheinbar nicht zu ihm gehrten, sondern in
ihrer Bedrcktheit ganz allgemein die Straen einer greren Stadt
darstellen. Zwischen solchen Huserreihen war ich jetzt auf der Suche, fand
die Nummer, stieg vier Treppen hoch und lutete und wartete. Eine im Dunkel
undefinierbare Gestalt ffnete endlich langsam die Tre.

Wollen Sie mich melden? sagte ich, ohne meinen Namen anzugeben. Sie
rhrte sich nicht. Wollen Sie mich melden? wiederholte ich. Sie schwieg.
Sie war es selbst. Stumm standen wir einander gegenber. Unsere Blicke
belauerten, betasteten sich. So tauschen wohl in einer Hhle des Lasters
zwei Eingeweihte zgernd ihre Erkennungszeichen: es waren die verschleppten
Schatten unserer Augen und ihr matter und verlschter Schein. Und wie
loderte schon die Luft! Oh welch ein Wellengang! Welcher Sturm inmitten der
Stille, die zwischen uns entstand. Ich folgte der Gestalt, die vor mir
zurckwich. Sie trat, als htte ich sie gestoen, in die Umrahmung einer
Tre, die hinter ihr nachgab, und taumelnd trat ich ein.

                   *       *       *       *       *

Dem glcklich Liebenden gleich streifte ich in jener Nacht, hingerissen,
berauscht, von trstlichen Schauern durchrieselt, die Kais entlang. Wie
Antus die Erde, hatte so mein Fu die belebende Leere berhrt? -- War's
ein geistiger Aderla gewesen? War's der letzten Hingabe entsetzliche
Betubung oder die eleusische Flut? Und wird sie einmal einer nennen
drfen, die einmaligen Gefilde ohne Wiederkehr und Verbieter des Wortes,
die ein Blick zu ihnen ein Wenden des Kopfes nur, zu ewiger Ungewesenheit
entstrzen lt . . . .

Oh Eurydike!

                   *       *       *       *       *

Am nchsten Morgen, es war ein Sonntag, nahm ich das Schiff. Als es in
Ouchy anlegte, zog mit einem Male Fortunio an Bord. Wir waren beide nicht
wenig erstaunt. Ihn aber schien die Blue des Tages und das in Verzckung
zurcktretende Ufer von sich selbst fortgerissen zu haben, und es war
ersichtlich, da er trumte. Das Leben hielt er dann fr schn, besann sich
des Augenblickes und der Weltgeschichte, wie auch seines eigenen Erwachens
nicht, sondern, ganz Echo, war er gefangen von ein paar Weisen, welche
manchen Tages die Natur anhebt, und den verwandelt, der sie hrt.

Lassen Sie sich das Neueste erzhlen, stie ich ihn an und gab mit allen
Details die Mine zum besten, von der ich in Genf htte auffliegen sollen.
Wie ergiebig Graf Carry dabei mit belegt worden war, kam erst spter ans
Tageslicht. Mit der Warnung an meine Schweizer Freunde nmlich, sich vor
einer deutschen Agentin wie mir etwas in acht zu nehmen, erging
gleichzeitig eine Meldung an deutsche Instanzen in Bern, Graf Carry wisse
so wenig die Wrde seines Amtes zu wahren, da er sich nicht scheue, mit
einer franzsischen Agentin wie mir ffentlich herumzuziehen. Aus dem
Mittagessen wurde der Pikanterie halber ein trautes Souper.

Diese Zeit, sagte ich zu Fortunio, hat den Untermenschen doch wirklich
den Maibaum ihrer Existenzen gebracht, und es gehrt mit zu den luternden
Wirkungen des Krieges, da ihn die Kraplen berleben. Denn wenn eine,
statt als sein Helfershelfer reklamiert zu werden, in die fatale Lage
gert, selbst an den Heldentod glauben zu mssen, so ist das doch ein ganz
seltenes Pech.

Fortunio fuhr mit dem Abendzug nach Bern zurck, und ich blieb in Clarens.

Um Ostern wollte ich Romain Rolland besuchen und sagte mich in Villeneuve
an. Allein es war jener Karfreitagmorgen, an welchem eine oberste
Heeresleitung, wie um seiner zu hhnen, die Kanonade von Paris nicht
unterbrach, eine Kirche whrend des Kultes einstrzte und die Anwesenden
unter sich begrub. Da mein angekndeter Besuch auf das hin unterblieb,
verstand sich von selbst. Fr mein Gefhl war dieser Karfreitagsvolltreffer
das schwarze A, das sich Deutschland selber ausgeworfen hatte. Eine solche
Absage an die tragende Idee des Christentums war zu zynisch, um nicht
omins zu sein. Sie war -- man verstehe mich recht -- wstester
Protestantismus. Luther galt mir nur deshalb als einer der Ahnherren des
Krieges, weil sein auftreten das bergewicht des nrdlichen ber das
westliche und sdliche Deutschland anbahnte, und ein kahles,
unknstlerisches, unmusisches und humorloses Element in den Pulsen der
Deutschen entsprang: Phantasielosigkeit und Unmusik. Wagt es vielleicht
einer, Sebastian Bach einen Protestanten zu nennen? Der Protestantismus
stak damals in seinen ersten Anfngen, noch belebt von der Wrme des
Stammes, von dem er sich losri: protestierender Katholizismus. Der
wirklich ausgewachsene konsistorialrtliche Protestantismus gedieh erst in
den letzten Dezennien zu der vollen Reife und dem gleichzeitigen Marasmus.
Die frchterlichen Lutherschen Kirchen, das toteste an Architektur, was in
der Welt zu sehen ist, sind Geist von seinem Geiste. Alle unfrohe
Geschmacklosigkeit, den Mangel an Grazie und Liebenswrdigkeit, das
Reformkostm, die Jgerwsche danken wir ihm. Undenkbar, da von Mnchen
aus die Reichsbriefmarke, als die hlichste der Welt, hinausgeflattert
wre. Nein! frwahr, diese Germania stieg so recht als die fille aine der
protestantischen Kirche. Sie brachte den unheilbaren Ri, ber den keine
uerliche Geeintheit hinweghalf. Denn ihr verdanken wir das
verstndnislose abrcken von der lateinischen und abendlndischen Welt, das
ein sdliches, frnkisches und westliches Deutschland nie herbeigefhrt
htte.

Statt des caf du Nord wurde jetzt der Kursaal von Montreux meine
Schreibstube. Den Nachmittag beschlo ich mit Vorliebe im kleinen Saal des
Konservatoriums, wo ich mit einem russischen Cellisten musizierte. Aber A.
H. Pax wollte wieder einen Beitrag. Es gibt heute nur ein Thema, schrieb
ich ihm:

Und wir htten alles von der Methode jener glcklichen Spekulanten zu
lernen, welche sich offenkundig als die weitaus schrfsten Psychologen
erwiesen, indem sie irgendein Prparat, eine Zahntinktur oder ein Extrakt
dadurch zu allgemeinster Geltung verhelfen, da sie deren Bezeichnungen in
grellen Riesenbuchstaben an Mauern, Sulen und Schlten anschlagen, sich
gleichsam an die Fersen des Vorbergehenden heften, selbst auf Bergeshhen
sich zwischen ihn und die Aussicht schieben, ja von Felswnden herab ihm
unerwartet Odol! Haarlin! oder Bovril! entgegenschreien.

Wre heute nicht die Beachtung gewisser Zustnde mit einer ebensolchen
vorbildlichen Hartnckigkeit zu erzwingen? Durch ein ungeheures
Preisausschreiben etwa, das an alle Maler, der ltesten wie der neuesten
Schule, erginge, um auf Bildern und Plakaten, mit beliebigem Raumverbrauch,
die Wirklichkeit zu illustrieren, allen Brcken und Wegen entlang sie
immerzu neu einer Allgemeinheit zu veranschaulichen, deren geistigen
Stumpfsinn nur jene Menschenkenner von Spekulanten voll ergrndeten. Da es
keine intellektuelle Notwehr gibt, und da wir lieber untergehen als da
wir dchten, hielten wir ja nicht fr mglich, bevor wir es erlebten. Wie
htte sonst ber unsere Kpfe hinweg jene Phalanx der Niedrigen zustande
kommen knnen, die sich heute mit so bewundernswerter Regie ber alle
Grenzen hin in die Hnde arbeiten? Auf uns, die sie gewhren lassen, fllt
der Fluch dieser Zeit zurck. Nicht auf die schlechten, deren Tun im
Einklang steht mit ihrem Wollen; auf uns, nicht auf die Knechte, welche
sich zu unseren Herren machten, sondern auf uns, die wir uns von ihnen
knechten lieen. Sollte der Tag hereinbrechen, an dem es zu spt sein wird
fr unser zusammengehen, so werden wir, die guten Willens sind, als die
Schuldigen stehen, weil uns der Mut unseres besseren Wissens gebrach, dem
Genius des Krieges die Siegermaske von der gedankenlosen Stirn zu reien.
Ah! wir bedachten nicht den tiefen Sinn jener Sage, welche den Drachentter
die Sprache der Vgel verstehen lie, als er vom Blut des erlegten
Ungeheuers geno!

Es waren stille Tage. Der Sommer reifte wie eine Frucht. Schon rissen
Gewitter den Himmel auf und schlugen die Wellen bis zu den herabhngenden
Blten am Ufer. Und die Nchte verstrmten betubend und lau. Es war ein
Wandeln wie im Traum, bedrckend und begeisternd zugleich. Meine
Unterredung mit dem Grafen Carry datierte vom 5. Mai. Schon am 17.
depeschierte er mir, die Psse fr Frau v. L . . . . und ihre fnf Kinder
seien gewhrt.

In den Weinbergen surrte das Licht, die goldenen Bienen waren eins mit ihm.
Ob man lebte oder gestorben war oder eben geboren wurde, machte keinen
Unterschied. Es war zu hei. Den schnen Damen standen die Koffer gerstet.
Ihre neuesten Kostme und Kleider, die seidenen Sweater und die Hte und
die Schuhe kannte man jetzt. Es war Zeit, in einem neuen Ort neu darin zu
erstehen.

Fr den 29. waren in Zrich Busonis Opern unter seiner Leitung angesagt.
Dort sollte ich mit Fortunio zusammentreffen, und dann an den Thuner See
mit ihm fahren. Aber statt seiner kam ein Brief, und meine Stirne umwlkte
sich beim Anblick seiner Adresse: Es war ein Migriff und eine Illusion,
da er die Villa des gelten Nibelungen bezog. Kurz herausgesagt, wir
beiden konnten einander nicht leiden. Ich grollte ihm nicht, weil er meine
Haltung verurteilt und mir versichert hatte, wir seien immer noch zu
anstndig; sein pltzlicher Radikalismus, vielmehr die Art, wie er sich als
unser Leithammel aufwarf, rgerte mich. Denn er war keiner von den Unseren.
Mit Lanze und Speer kam ich ins Spiezer Schlohotel, ihn zu bekmpfen. Dort
warteten A. H. Pax und seine unschtzbare Gattin seit einer Woche meiner.
In der Halle stand ein Bechstein, und von Paxens tiefer Loggia aus hatte
man den Blick nach Sden ber die Alpen und den See. Bei ihnen waltete
berblick, Wissen und Nchstenliebe, dazu ein Aroma von Wiener Kaffee und
Gemtlichkeit, die nicht zu berbieten waren.

Die Villa des Gelten lag unter den Tannen in der Tiefe, einen Kilometer
entfernt und in wundervoller Lage. Ein kurzer Weg bog vom Gitter bis zum
Hause, als wre er unendlich, ein. Die veredelten Kirschbume, die ihn
beschatteten, bestahl ich, soviel ich konnte. Es verdro Fortunio, doch ich
erklrte, Kirschen nur vom Baume essen zu knnen, und ri im vorbeigehen
immer welche herab. Es waren wirklich Kirschen fr Hesperiden. Die unteren
Zweige hingen schon leer.

Der gelte Nibelung gehrte dem Geschlecht derer an, die nicht nur
geschftskundig, sondern auch mit regen Sinnen fr das Schne begabt, zu
beraus tchtigen Faktoren berufen, dabei haarscharf an ihre Stelle zu
verweisen, ja niederzuhalten sind. Unsachlich, ungedanklich, nur der
Witterungen, aber keiner Erkenntnisse fhig, konnte er sich nach innerer
Herkunft und Bestimmung hchstens zum Sklavenhalter, niemals zum Herren
vermgen. Gtiger Regungen sehr wohl fhig, war der gelte Nibelung infolge
seines unbndigen Ehrgeizes der glcklose Knecht, auerstande sich zu
bescheiden. ber ihn wlbte sich der freie Himmel nicht unmittelbar,
zwischen ihm und dem ther, den Gttern und der Natur lastete eine
trennende Kuppel. Fortunio aber, und wenn er tausendmal zerschellte, war
ein Sohn des Lichts. An ihn klammerte sich der Gelte, von trben Stacheln
getrieben, und eiferte um die gleiche Stufe der Leiter mit ihm; von
Eifersucht und Zuneigung gleicherweise geqult, suchte er -- immer unbewut
-- ihn an sich zu reien oder ihn zu verderben. Seine Gattin liebte es,
vierhndig zu spielen, ihr Anschlag war eine Pein, und ich stand sehr bald
mit beiden bers Kreuz. So ging ich nicht mehr den kurzen Weg, der zwischen
Gitter und Haus ins Unendliche lief, und sah von dieser Stelle aus nicht
mehr den Niessen wie eine Riesenpyramide inmitten des fruchtbaren Tales
stehen.

Der Himmel freilich kam hier nie zur Ruh, und die Gegend war mehr eine
groartige, opernhafte Szenerie, denn eine Landschaft, das Licht ein
Beleuchtungsapparat; statt der Spiegelungen hatte man Effekte. Das
Schreckhorn leuchtete in der Verkrzung, der See war eine Arie.

Komm, komme! schrieb der Seidenaff aus St. Moritz. Wer wei, was mit uns
in einem Jahre geschieht. Und eines Morgens reie ich aus, um den Sommer
im Engadin zu beschlieen.

Mein Weg fhrt ber Bern, und ich mache bei Martin im Walde halt. Er ist
schwer niedergedrckt. Das deutsche Verhngnis war fr jeden, der auerhalb
des Landes wohnte, unaufhaltsam. Ich schreibe eine Depesche unter seinem
Diktat und renne damit zum bayrischen Gesandten. Dieser besteht darauf,
Martin im Walde selber zu sprechen: ich also mit Windeseile zu ihm zurck
und ihn so lange qulend, bis er mir folgt. Aber welch ein Interview! Alle
heien und kalten Wasserhhne sprhten um die Wette, da es nur so pfiff.

Die Depesche hat er aber abgeschickt, mache ich auf dem Heimweg geltend.

Sie bermittelte jedoch diejenige Brause, die man sich auf Wochen noch
verbat.

Fluchtartig verlie ich die Stadt der vergeblichen Zusammenknfte.

                   *       *       *       *       *


Palace Hotel, St. Moritz.

AUGUST 1918. Man htte sich auf dem Berge Arrarat glauben knnen, wren
unter den Geretteten nicht so viele gewesen, die mit einem Mhlstein am
Halse zu tiefst der angerichteten Sintflut zu liegen verdienten. Diese
Menschenmetzger, Gewinnler am Elend der Menschheit und gemstet von ihrem
Blut, hier machten sie sich breit und schlemmten.

Gleich bei meiner Ankunft hatte ich den Seidenaffen besucht und war auf der
Treppe gestrzt, so da ich bleiben mute, wo ich war. Doch inmitten des
Geschwirres begann da fr mich ein Leben wirklicher Beschaulichkeit. Ich
kannte niemanden, mit San Cividales verkehrte ich nur in den oberen Rumen,
unten mieden wir uns, denn wir waren ja Feinde. Auf den Stock gesttzt,
hinkte ich, wenn Sajani mit seiner kleinen Kapelle spielte, zu einem
Schreibtisch in der offenen Galerie, die Berge von Pontresina vor Augen,
die ekstatisch nach Sden trumten; unten der tiefgrne Bergsee und der
Waldweg seinen Ufern entlang; St. Moritzbad im Rcken, damit ich es nicht
zu sehen brauchte.

Es war sehr oft etwas los. Alles strmte dann nach derselben Richtung, um
sich im Sportkostm zu treffen, bevor man sich im Abendkleide wieder
begegnete. Dann spielte die Kapelle ins Leere, ich aber zog unter den
Baldachin, die Tangonoten verschwanden, und wir spielten Trios. Es
schlichen immer ein paar unbeschftigte Kellner herein, und dies
Kellnerpublikum war uns ein Sporn.

In der Umwertung der Gesellschaft selbst besteht heute die eigentliche und
tiefe Revolution. Ein rein uerlicher Staat hat merkwrdigerweise
aufgehrt, elegant zu sein; das Prestige einer Klasse als solcher, mag es
noch einmal aufflackern und sich noch eine Weile fortlppern, ist dahin.
Diejenige Klasse, die berall am Kriege die unschuldigste war, wird tglich
an Interesse gewinnen und ihren Tag erleben. Der Arbeiterstand als Magnet:
so schnell reiten die Toten! --

Wie faszinierend war es indes, die Herren von vorgestern zu beobachten,
welche whnten, da sie es noch seien, und die hchstens noch der Wirt, bei
dem sie abstiegen, in dem Glauben erhielt; diese Herren auf Abbruch, die
nicht merkten, da ihre Fe sich schon im Gerlle fingen. Migkeit und
Unwissenheit hatten ihre Norm so tief herabgedrckt, da, um ein Beispiel
zu geben, edle Musik eine Zumutung fr sie gewesen wre. In der Tat, es
lohnte sich, sie zu studieren. Sie machten noch die Gesten der Vter, aber
schon war der Pbel bei ihnen eingebrochen und schuf sich in diesem
uersten Rechteck der Gesellschaft ein Ventil. Nirgends vielleicht hatte
sich die Achtung fr inneren Wert so sehr verringert und kam innerer Adel
so wenig in Betracht. Wie viel ritterlich Gesinnte zhlte man unter diesen
Kavalieren? Wie viel Strebende? Was die Unbildung, die zunehmende Verrohung
dieser Clique betraf, so stand sie den von ihr verhhnten nouveaux riches,
welche Wurstkonserven zu Magnaten erhoben hatten, innerlich schon am
nchsten, und es war rhrend zu sehen, wie hier die Elite -- denn auch die
sogenannte Elite hat natrlich ihre Elite, und ich wei keine
liebenswertere -- von ihr abrckte und sich ihrer schmte.

Auch den Trost von ein paar wirklich schnen Frauen hatte man hier. Der
Seidenaff zwar verzog sich des Abends immer sehr bald. Sah man nach ihr um,
war sie wie ein Vogel schon weg.

Aber die leidende Sylvia, schn wie eine gestirnte Nacht, tanzte so gern.
Und ob man sich auch sagte, die Melancholie ihres Lchelns, ihres Lachens
sei nur Zufall, nur der Form ihrer gttlichen Lippen, dem Licht ihrer Zhne
entblht, sie entzckte darum nicht minder.

Eine andere kam zuweilen von Suvretta herber, ein Pppchen, so zierlich
gebildet, als wre sie in einer blitzend ausgeschlagenen Nuschale
dahergefahren.

Eine vierte war noch da, von der ich noch reden werde. Aber lat mich bei
der gestirnten Nacht noch einmal verweilen. Meistens trat sie erst, nachdem
der Tag zu Ende war, scheinbar ausgeruht, in ihrer dsteren Pracht hervor,
blieb dann bis zum Hahnenschrei, wie die Braut von Korinth, und hielt ihre
Tnzer in Atem.

                   *       *       *       *       *

ANFANG SEPTEMBER. Ich hrte lange nichts von euch, schrieb ich an
Fortunio. Was Sie nur treiben?

Mein Fu war endlich hergestellt und einer lngeren Futour gewachsen.
Eines Morgens verlie ich frh das Palace Hotel in Bluse und Rock, einen
Sack umgeschnallt, in dem ich eine ganze Reisetasche leerte, und einen
eigens dafr erstandenen Strohhut, der so tief hereinfiel, als man wollte.
Also ausgerstet, zog ich nach Maloja, schlug aber bald den Waldweg ein,
denn die zahlreich einherrollenden Wagen hllten die Strae in Staub. Frech
auf den Polstern ausgebreitet, mit befriedigten Mundwinkeln, fuhr ein
Schieber nach dem andern froh zu Tale, oder dem Julier entgegen; ein
feister und wohlgemuter Korso: der Krieg durfte noch dauern.

Am andern Ufer der Seen jedoch wand sich ein stiller Weg um jede Bucht,
nimmermde, sie zu umschreiben, leis umpltschert, geduldig und verliebt.

Ich ri den Hut vom Kopfe, steckte ihn in den Sack, und lie die Stirne
frei von den Gletscherwinden umwehen. Es war so schn, wieder schnellen und
gesunden Fues durch die Wlder zu gehen, die bis in ihren tiefsten
Schatten von Licht und Hitze durchhaucht, statt des Staubes einen Geschmack
von Harz und Erdbeeren auf die Zunge trieben. Ganz pltzlich wurde es kalt.
Hoch am Himmel hielten die Wolken Rat, ob sie sich zusammenballen und den
Herbst erffnen sollten. Dann zerstreuten sie sich wieder und lieen die
Sonne durch. Aber es war ganz deutlich, da sie sich nur vertagten.

Spt am Nachmittag sa ich in der berhmten Konditorei von Sils Maria, als
ein Wagen vorfuhr, dem die vierte Schne des Palace Hotels in Begleitung
ihres Liebhabers entstieg. Es war die notorische liaison des diesjhrigen
Sommers. Er, so stolz auf seine Figur, da er Modell stand, sowie man nur
hinsah, aber dabei das Entzcken seines Schneiders mit dem des Malers
verwechselte; die Stirn niedrig und leer, wie die eines Stallbediensteten,
und einen der Anlage nach gewi nicht groben, aber schon stark vergrberten
Kopf. Bald, sehr bald wrde von dem ganzen Zauber nur noch die Hengstallre
brigbleiben.

Die Schne hatte am nchsten Tische Platz genommen, so da ich ihre khle
und strahlende Erscheinung mit Mue betrachten konnte. Der Schmelz, die
Zeichnung der Brauen und des Ovals, die Augen, wie groe, kostbare
Edelsteine eingesetzt, waren die eines vollendeten Renaissancegesichtes.
Man konnte sich kein typischeres denken. Ihr Lcheln beunruhigte. Und doch
war sie so jung! Jugend hielt noch, wie die Staubfden einer Blte, Fesseln
und Gelenke zusammen. Sie hatte sich erst ihres Schleiers entledigt, nun
folgte der Hut. Sie legte ihn neben sich hin. Ihr Haar, mit unerhrt
raffinierter Schlichtheit getragen, umschmeichelte nur die Schlfen mit
seinem Gold und lie die Stirne frei, jetzt wandte sie den Kopf. Da aber
kam ein platter Hinterkopf zum Vorschein, der Kopf der Viper, da woben
schon unendlich leise Fden an ihrer knftigen Hlichkeit, und da kndete
sich von fern der nach auen gerichtete, erinnerungslose Blick der
Vierzigerin, ohne Rckwrtsschauen . . . Lange blieben die beiden nicht,
stand doch die lange Fahrt noch aus, und mute sie doch ruhen, bevor sie
sich langsam wieder schmckte zum sptesten aller Diners. Nicht nur mit
ihren Abendkleidern, auch durch sptes Erscheinen wetteiferten nmlich die
Damen im Palace. Konnte auf der Welt etwas ordinreres sein, als schon um
neun zu Nacht zu essen? Und war dies nicht der Gipfel?

Ihr Geliebter legte ihr jetzt den Umhang ber, mit jener tiefen
Ehrerbietung, die ein solcher Mann einer solchen Dame gegenber, die solche
Perlen mit in die liaison brachte, empfinden mute. Auf seine Hand gesttzt
und von den Kindern des Dorfes umstaunt, schwang sie sich auf das Gefhrt
und griff in die Zgel.

War es Einbildung? Hatte der Jammer des Krieges meine Augen geschrft? In
dieser zarten und kstlichen Gestalt hatte ich deutlich den Brustkasten der
Kindsmihandlerin gesehen. Welch ein Scheinleben kutschierte da dahin? Das
leichte Getrapp ihrer Pferde, dann das Echo ihres Getrappes hallte noch
lange von den Felsen herber.

Was war es, das mich so feierlich stimmte?

In den Gasthusern und Hotels ging jetzt berall ein Klappern von Tellern
und Bestecken los. Es wurde gelutet und gegongt, und wer nicht im
Restaurant a, der mute sich bescheiden, vorgekochtes der Reihe nach zu
essen; ein Zwang wie ein anderer. Da war es schner, noch etwas zu
streunen.

Ein ungewhnlich starker Mond stand in seiner ganzen Flle; es wuchsen die
Berge unter seinem Hauch, das Dorf erblate wunderbar, eine graue Bank ward
ganz sie selbst. Die Funksprche der sich bereitenden Nacht liefen wie toll
alle Tler entlang, und schon waren alle Tler berauscht. Auf dem Platze
hielt ein Gespann, die Gule hielten die Kpfe gesenkt, als ob sie
trumten. Ich lief hinzu. Es war die Post, die nach Maloja fuhr. Es gab
noch einen Platz. Ich sprang hinein. Die Pferde zogen an. Bevor wir noch
das Ufer erreichten, stieg ein Reisender aus. Auer mir blieb nur ein
Liebespaar, das sich an den Hnden hielt. Es war sich Mondschein genug.

Den Kopf hinausgestreckt, trank ich diese Nacht, und hatte sie fr mich
allein. Nichts war mehr, wie es war. Der See lag im Silberschleier
regungslos wie eine Tote, und der Mond go Myrthenstrue ber sie herab.
Nur das Gras des Ufers erhob sich in gespenstiger Lebendigkeit. Sicher war
es nur ein Spiel der Luft, da die Berge hier zerfielen. Blcke sich
lsten, als sei die Welt zu Ende; Felsensle bauten sich in die Klfte ein,
Riesengemcher warfen sich dazwischen. Es konnte nicht sein, und so sah die
Welt nicht aus. Auch die Liebesleute waren anders wie zuvor. Dieser edle
Pensieroso stieg als ein unscheinbarer Tourist in Sils Maria ein, und sie
hatte weder dieses Haar, noch diese Lippen gehabt. Morgen wrde hier die
Sonne auf des Schilf vielleicht hinbrten und das Paar nicht zu erkennen
sein.

Als um ein Uhr morgens der Wagen mitten in Maloja hielt, stieg es wortlos
aus. Ich hatte kein Quartier bestellt und kam nicht unter. Auerhalb des
Ortes lag noch ein Hotel. So marschierte ich jetzt allein die taghelle
Strae weiter, geradeswegs auf einen neuen Absturz zu. Dort stand das Haus.
Ein junges und verschlafenes Mdchen fhrte mich ber manche Treppe hinauf:
zufllig stnde das einzige Zimmer frei, das fr Gste reserviert blieb.
Alle andern hielt whrend des Krieges die Militrbehrde in Beschlag. Die
nchste Poststation sei italienisch.

Sie reichte mir eine Petroleumlampe und verschwand. Die Stube hatte zwei
Fenster und war schneewei. Ich warf den Kopf weit auf die mondbeschienenen
Kissen zurck. So angelangt!

                   *       *       *       *       *

Aber nicht lange, und der einsetzende Kampf zwischen dieser Mondnacht und
der Dmmerung weckte mich aus dem Schlaf, Nebel mischten sich hinein und
wollten alles fr sich. Endlich ragten Tannenspitzen ins Leere; der Absturz
war kein olympischer; eine Strae schwang sich, breite Kurven nehmend, in
die Tiefe.

Gedulde dich, Leser, auch dies Buch geht jh zu Ende. Folge mir noch. Hoch
steht schon die Sonne ber das Bergland, ein anderes freilich als der
vergangenen Nacht. Von ihrem Spiel erholt, verstrmt der See sein Blau,
nach allen Seiten, ganz verbuhlt. Myrthenstrue und Schleier sind
vergessen und hngen als weie Fden im Gestruch.

Wie seltsam ist die innere Stimme in uns! Welcher Stachel hatte mich zu dem
hart an der Schwelle des aufgerissenen Gebirges und kaum, da es tagte,
hinauf, hinab und wieder emporgetrieben, wo sich zu hchst der Wlder und
noch in ihrer Mitte der See entzieht, verborgener Trnen zerflossener
Kristall, ohne Kahn und ohne Erdenstaub; und dann wieder zurck in die
Gaststube, um zu zahlen, und dann wieder aufzubrechen, mit der umgehngten
Tasche und dem lcherlichen Hut, an der Waldseite des Sees den Weg
einzuschlagen, den ich jetzt lief. Es war ein Notbehelf! Ich lief, um nicht
zu tanzen. Denn ich war inmitten eines Festes. Umgeben und geborgen, als
sollte die Gehobenheit nicht wieder von mir weichen, erreichte ich ein
Dorf, das als Landzunge weit in den See hinausstie und jenseits der Zeiten
zu liegen schien. Eine alte Frau sa auf einer Bank vor ihrem Hause, und
ich bat sie, mich drinnen ausruhen zu drfen. Wir verstanden einander
nicht, aber die Mdigkeit spricht ihre eigene Sprache zwischen Frauen. In
einer Stube des Erdgeschosses, die durch ihre edle Sauberkeit den Eindruck
des Luxus erweckte, stand eine schmale, gepolsterte Bank. Dort schlief ich
auf der Stelle ein.

Als ich erwachte, war der Tag noch hell, aber schon gebrunt vom Golde des
Abends, und ich mute eilen, um vor Anbruch der Dunkelheit in Sils zu sein.
Auch fr mein Herz ging jetzt die Sonne unter, und das Fest verklang. Von
den Strapazen ausgeruht, war es zugleich, als sei mir durch den
krftigenden Schlaf, wie ein Alltagszwilch, ein grberes Ich bergeworfen
als das, welches seit gestern das meine gewesen war. Ob wohl mein Koffer
eingetroffen sei, wo meine Brotkarte stecken konnte, wo ich absteigen
sollte, derartiges beschftigte mich wieder. Aber ich spreche von
verloschenen Kronleuchtern, oh Leser, und du weit noch nicht, warum sie
brannten?

Aber vielleicht hast du erfahren, da es Trume gibt, deren Nachhall, statt
zu verklingen, sich bleibend, wie ein Echo zwischen Klften, in unserem
Innern fngt. -- Solcher Art war der durchdringende Ton der Mondnacht in
Maloja.

Es ist nicht gleich und nicht vergnglich, wie sich die Kurve eines Fues,
der Umri einer Schulter anlt, wie ein Knie sich rundet, wie eine Hfte
fllt. Es ist das Flchtigste nicht gleich. Und ganz und gar nicht gleich,
noch zufllig ist es, welchen Ganges wir den Hgel abwrtsgehen.
Hochzeitlich knnen solche bald versenkten Dinge unverloren
weiterschwingen.

                   *       *       *       *       *

Die Wolkenversammlung war noch immer nicht anberaumt; vielmehr vertiefte
sich am nchsten Tage das wei des Himmels und musizierte mit dem
Himmelsblau ber das Fextal, das bewegteste der Erde, auf und nieder
schwingend wie eine Schaukel. Ragte, von unten gesehen, ein Kirchlein zu
oberster Schneide fr sich allein, so stand es, war man oben, ganz
unsensationell in einem Wiesenviereck, und sein rostiges Gitter knarrte im
Winde, und nur die Berge rckten verndert und entschlossener zusammen.
Wieder in der Tiefe und weit hinausgeschoben, richtete ein Gasthaus seine
Glasveranda dem Gletscher entgegen. Auf ihn ging ich jetzt zu. Doch mit dem
Lichte wandelte sich mein Gemt. Es brtete milchwei von einem hohen, aber
sich berziehenden Himmel. Hinter mir fuhr ein kleiner Wagen her. Darin
saen zwei Herren, die angeregt mit einer noch jungen Dame plauderten. Aber
der Weg hrte bald auf, fahrbar zu sein, und ich verlor sie aus den Augen,
graugrnes Nadelgehlz war um mich her und der entfrbte Flu zu meinen
Fen. Stolperte ich jetzt und strzte ich hinab, wer wrde mich vermissen?
In welchem Hause entstand eine Lcke, wenn ich nicht wiederkam?

Kein Dach, kein Herd, kein Wesen; berall zu Gaste! keinem Menschen
ungeteilt und wirklich zugehrig; als immer wiederkehrenden Gefhrten die
entsetzliche, gefrchtete Melancholie, die ich so feige, so vergeblich
floh. Nun stellte sie mich angesichts dieses Tales der Verlassenheit. Wozu
bist du hier? herrschte mich seine Stille an.

Der sonnenlose Himmel ber dem Nadelgehlz, mehr noch der Flu, dem
Gletscher hier entlassen, und seinen Lauf so bla beginnend, griff ans
Herz.

Pltzlich stand die noch junge Dame vor mir und sprach mich bei meinem
Namen an. Nun war stets meine erste Sorge, da er in keine Hotelliste kam.
Woher wissen Sie, wie ich heie? fragte ich und wollte die Sprde
spielen; aber da gab sie mir zu wissen, da sie meine Bcher kenne. Sie
lebte in Genf und war Amerikanerin. Wir wechselten einige Worte, dann stieg
sie wieder hinab. Gleich darauf rollte das Wgelchen mhsam aufwrts, in
dem die noch junge Dame mit ihren Freunden plauderte. Gewi -- man sah es
ihr an -- standen, wenn sie nach Hause kam, ihre Abendschuhe bereit, und
ein freundliches, ihr ergebenes Zfchen half ihr, sie anzulegen. Wie
verwahrlost ich war!

                   *       *       *       *       *

Als ich am Morgen darauf erwachte, lag weithin Schnee. Ich klingelte
entsetzt. Der erste Postwagen brachte mich ans andere Ende des Tales, zum
Zuge, und schnell in eine vom Winter noch nicht heimgesuchte Welt hinab, wo
Zrich einer entbrannten Ebene zulief, die von der Glut des Sommers
weitertrumte. Hier reit der See ein weites Fenster nach dem Himmel auf:
es ist die hellste Stadt der Welt.

Aber von hier aus jagte mich eine dringende Depesche Fortunios fort, der
mich bat, sofort nach Spiez zu kommen, mit dem Zusatz: Besitzer auf zwei
Tage verreist.

So war ich abends unterwegs zur Villa des Gelten, die ich nicht wieder zu
betreten glaubte. Da war das Gitter, der Kiesweg, der sich so schnell
verlor. Man sah das Haus erst, wenn man davor stand.

Fortunio aber war schwer krank. Verfallen, zerfurcht, zerwhlt. Wir aen im
Schlohotel zur Nacht und besprachen die Abreise fr den morgigen Tag. Ich
fhlte meine Arme erstarken, in dem Wunsch, ihm zu helfen, und unser schier
geisterhaft geschwisterlicher Bund war durch die Trennung neu erhellt. Am
nchsten Tage aber lag er zerrttet, ohne Energie.

Morgen, morgen, sagte er. Ich reiste ab, nach Bern, Fortunia zu
alarmieren. Ihr Gesicht erinnerte an ein von schwerem Regen heimgesuchtes
Land. Ohne Schonung schilderte ich seinen Zustand und lie dann die Sache
bei ihr. Um nicht in Bern zu bleiben, fuhr ich abends nach Montreux.


HERBST 1918.


Montreux.

Nur lachenden Auges werden hier die Zeitungen gekauft. Der Belgier und sein
Kind waren ohne Schadenfreude. Die Filme arbeiten schon stark mit
elsssischen Hauben. Sie werden lebhaft beklatscht, in der Voraussetzung,
da sie nicht mehr lange deutsch bleiben. Schlielich ein begreiflicher
Jubel. Entsetzlich ist nur der Applaus, als englische Munitionskammern
aufziehen, emsig mit Granatendrehen beschftigte Frauen und Geschosse in
unabsehbaren Reihen. Gehen wir! rufe ich, und wir verlassen das Haus. S
schlagen die Wellen ans Land. Die Berge des andern Ufers erheben sich
unmittelbar, als grndeten sie in den Tiefen des Sees. Sie sind kahl und
scheinen dennoch weich, selbst im Dunkel der Nacht; wie Gesnge abgestuft,
steigen und fallen und treten zurck und verhallen die Berge Savoyens.

5. OKTOBER. Glasenfrosts in Villeneuve geben mir die Nachricht, da
Deutschland um einen Waffenstillstand nachgekommen ist: Mein einziger
Wunsch ist, es mge die Welt, die es als Sieger verloren hatte, als
Besiegter wieder fr sich gewinnen. Die In-die-Knie-Zwinger Britanniens,
die ohne Briey nicht leben konnten, sind mit einem Male still.


6. OKTOBER bis Anfang NOVEMBER.

Fortunios sind angekommen, sie wohnen in Vevey, und er erholt sich. Zum
ersten Male bildete sich unser Zusammensein als heller Punkt und geordnete
Flche heraus. Augenmerk und Sorge sind durch die Ereignisse zu sehr in
Anspruch genommen, um uns bewut zu werden, wie sehr es einem bekrnzten
Flo inmitten schwarzer und gestoener Fluten glich; Und wie htten wir da
anders als in der Erinnerung wahrgenommen, da wir schne Tage verlebten?

A. H. Pax ist aus Bern gekommen. Der Belgier und sein Kind finden sich
regelmig ein.

Dabei wtete die Grippe. Viele Srge harrten der Bestellung. In den
Blumenlden huften sich die Krnze, Halbgenesene, in tiefer Trauer, traten
leichenbla das erstemal vors Haus.

Doch die Zrtlichkeit des Herbstes, seine Zrtlichkeit und sein Verweilen,
seine Glorie ward unendlich.

Eines Nachmittags strichen wir in den Hhen des Weinberges entlang. Unter
einem silbern aufgerollten Himmel dehnte sich der See, schimmernd,
unbewegt, ein wenig mde . . .

Pltzlich, mit einem Ruck, fuhr der Wind weit und durchdringend auf, als
sthne er die ganze Erdkugel entlang das Ende der schnen Jahreszeit
hinaus.

Im Nu schlugen die Wolken ber die Sonne hin. Fortunio hatte den Kragen
aufgesteckt, sein Hut rollte den Berg hinab. Wir lachten. Doch der Weg war
weit. Schon wute der See nichts mehr von seinen Ufern. Unter Nebelschauern
waren alle Berge, ja wir selbst, unsichtbar.

Am nchsten Morgen war fr jedes Kind ersichtlich, da Fortunio die Grippe
hatte, aber wir taten nicht dergleichen. Statt im freien, versammelten wir
uns an seinem Lager. Man hielt es in jenen Tagen allein nicht aus. Bang und
frstelnd rckte man zusammen. Denn auf dem Streitro, dessen Nstern von
Hoffart, Ha und Vergeltung sprhten, und wie ein Sturmgott kam ja der
Friede heran. Wehe, es war jener Gewaltfriede, jener Macht- und Siegfriede,
von dem in Deutschland so viel geredet worden war, und den abwehren zu
wollen, den zu frchten, als ein Verbrechen galt.

Und indessen lsten sich in unserer kleinen Gruppe hineingetragene
Dissonanzen weiter aus, und statt der chronischen Trbungen stimmten sich
ganz ohne unser Zutun unsere Gemter wie Instrumente zu tglicher, reinerer
Melodie. Fortunias Gesicht glttete sich und erlangte seine Pinturichiotne
wieder, und whrend der Aufruhr stieg, bildeten wir eine uns selbst
unvergelich gewordene Insel des Friedens.

                   *       *       *       *       *

Als sich die Sonne nach einer Regenwoche wieder zeigte, war die Welt eine
andere. Das Renommierboot mit seinem rostbraunen Segel zog wieder auf, aber
es blhte sich ber ein gesteiftes und gepeitschtes Blau; die
weigeharnischten Berge waren nher gerckt, und wo das Laub noch grn
geblieben war, hatte es ausgetrumt, hing ohne Illusion, des Todes
gewrtig, und da es fallen wrde. Im Hotel spielte die Heizung, und ein
von sich berzeugtes Ehepaar: le Vicomte Edmond de la Province, einem Roman
von Claude de Bernard entlaufen: Madame korrekt bis ins Grab hinter der
vorangetragenen Corsage, Monsieur im Bart, Schlobesitzer, zogen schweigend
ber Flur und Treppe, und faszinierten durch ihre abgrndige
Zurckgebliebenheit.

Unsere Gruppe indessen hatte sich verkleinert. Erst war der Belgier und
dann sein Kind erkrankt. A. H. Pax sa wieder in der Choisystrae. Das alte
Deutschland strzte wie eine Kulisse zusammen, und Trmmer waren frs erste
der einzige Ausblick. Fortunio, von Ungeduld verzehrt, erklrte aufstehen
und nach Berlin reisen zu wollen. Fortunia fuhr nach Bern, das Haus fr die
Abwesenheit zu bestellen, und ich folgte mit ihm den Morgen darauf. Wir
saen einander im Zuge gegenber, sein Husten war ein Gebell. Am selben
Nachmittage brachten wir Fortunios mit Pax an der Spitze, zur Bahn und
lieen sie, wie Flammen ber das Moor, ins Weglose ziehen. Denn schon
fluteten die aufgelsten Heere in unbeschreiblicher Verwirrung aus den
besetzten Gebieten ins Land zurck. Die Lauben hinabsehend, unschlssig wo
ich absteigen sollte, versagten mir pltzlich die Knie, Frste wie graue
Blitze durchfuhren mich, und mein Husten war ein Gebell. Diese nicht zu
verkennenden Symptome jagten mich wieder an die Station, um mit dem letzten
Zuge nach Montreux zurckzufahren. Denn lieber, als angesichts des Gurten
wollte ich dort erkranken, wo im Hotel Suisse als chefesse de rception
eine so angenehme Erscheinung waltete, und ich den Nachtportier zum Freund
besa, ein komischer, alter Schwabe, den ich deutsch ansprach, sowie der
Lift ohne Insassen und in der Schwebe war.

Nun war es Sonntag. Das heie Wasser also lief. Vielleicht vertrieb mir
eine heie Dusche den Frost. Aber das Wasser war schon lau. Dafr gerieten
die grauen Zickzackblitze in Brand und drckten mir eine Feuermtze ins
Genick. Da lie ich mich denn grippekrank melden und stellte anheim, mich
aus dem Hause zu schaffen. Aber die angenehme Erscheinung aus dem Bureau
kam herauf, mich zu beruhigen. Dann uerte sie einige unverstndliche
Dinge und verschwand. Bald darauf trat ein Mann herein, den ich fr einen
Raubmrder hielt, gefolgt von einem frchterlichen und handfesten Weib ohne
Kopf, seiner Helfershelferin. Ich wollte rufen, da hatten sie mich schon
gepackt. Jetzt, dachte ich, ist doch alles eins.

Eine Stunde spter lag ich mit aufgerissenem Rcken, geschrpft wie ein
Hengst. Ich erzhle dies nur, weil ich dank dieser so immediaten und
buchstblichen Rokur schon nach zehn Tagen, statt vielleicht nach Wochen,
die Grippe spurlos berwand.

Mittlerweile erdrhnte dem so glcklich gewesenen Deutschland die im Lauf
seiner Geschichte noch immer zurckgekehrte Stunde seines Unheils. Es war
der eine Gedanke meiner leeren Tage und langen Nchte; ihn auszuschlagen
war unmglich.

Im ersten Stadium meines Fiebers fiel mir an dem Stubenmdchen, das hin und
wieder in mein Zimmer trat, nichts bemerkenswertes auf, als da sie mir
sehr einsilbig und nicht freundlich vorkam. Pech! dachte ich.

Am dritten Morgen aber, als sie das Zimmer rumte, folgte ich ihr mit den
Augen, whrend sie whnte, da ich schlief, und das Herz stand mir still.
Hermione! wollte ich rufen. Nein, Andromache im Palast des Priamus, ob
ihrer Anmut erstaunt, und der leichteste aller Tanagra zugleich! So stand
sie, den Besen fhrend, in der Mitte des Zimmers. War ich im Delirium
gelegen, da ich sie nicht gesehen hatte? Sie kam auf mich zu: tes-vous
plus mal? Aber ich wehrte ihr mit beiden Hnden ab. Cela m'est gal,
sagte sie, de prendre la grippe. Was war melodischer, dieser Mund, diese
Lippen oder diese Stimme? -- Und ein solches Geschpf umgab mich mit ihrer
Pflege. Welch unerhrter Luxus! Die Sonne ging vor meinem Fenster auf,
alles Leben im Geleite, und lachte des Todes bis zum Mittag. Pauline
Glasenfrost kam tglich aus Villeneuve, brachte die Zeitungen, beschenkte
mich und spottete der Ansteckung. Knirschend las ich alle Noten und Appelle
an die Gromut der Sieger. Welche Verkennung der Situation! Aber was
bedeutete dieses Versagen angesichts der Wrde, welche ein solches Unglck
gab? Und wiederum wrden nur die Unschuldigen leiden. Die Taktik der Sieger
wrde es den Schuldigen ermglichen, sich herauszureden. Schon damals sah
man es kommen. -- Ich lutete und bat Hermione, mir von sich zu erzhlen.
Sie stammte aus dem Wadtlande. Ihre Heimat lag hoch ber den Weinbergen und
hatte die Gletscher im Auge. Ich bat sie, einen hellen Mantel von mir
anzulegen. Wie er ihr stand!

8. NOVEMBER. Bevor mein Freund, der Nachtportier, zur Ruhe ging, brachte er
noch die erste Post. An diesem Morgen trat er ein, reichte mir ein
Extrablatt und verkndete lakonisch: In Bayern ist Republik. Mein erstes
Gefhl war kein gelinder Schrecken. Es mute kommen, sagte ich dann. Der
Portier war Demokrat. 's isch recht. Runter mit dem Zeug, sagte er und
ging. -- So war also Bayern Republik. Das Extrablatt war nur ein kurzer
Wisch; eins aber wute man sofort: da dieser so wenig sthetische Knig
nie wiederkehren wrde. Die Wittelsbacher waren stets Liebhaber des Schnen
gewesen, und in ihrer natrlichen Diskretion eines der sympathischsten
Frstenhuser der Welt. Da er aber auch nicht eine einzige ihrer typischen
Eigenschaften besa, sondern durch eine sture Haltung whrend des Krieges,
sowohl in der elsa-lothringischen, wie in allen politischen Fragen statt
vermittelnd zu wirken, berall nur Unheil anrichtete, flte die geradezu
unwiderstehliche Abneigung fr ihn ein.

Pltzlich blieben Briefe und Zeitungen ganz aus, und die Spannung wurde
unertrglich. Es wehte eine scharfe Bise, doch ich fuhr nach Villeneuve.
Vielleicht hatten Glasenfrosts etwas gehrt. Sie waren von den rhrend
beseelten Manifesten Eisners sehr eingenommen, und wirklich hatte man in
diesen Tagen die Illusion, am Anfange einer besseren Zeit zu stehen, ob es
sich auch nur um eine einzige, schnell aufgehaltene Stunde handeln sollte.
Und nicht einmal ihr lie man Zeit. Man verlange von uns nicht, beeilte
sich die die Politik Clemenceaus vertretende Freie Zeitung zu schreiben,
da wir uns mit dieser Sache da, genannt deutsche Revolution, ernstlich
befassen. Und man eiferte um die Wette, sie zu dieser Sache da zu
machen. Sie hatte es schwer, alle Konjunkturen dafr um so leichter. Schon
war sie wie eine Decke, um deren Enden sich die Schuldigen, die Unlauteren,
die Banditen rissen, und alle Karrierejger gerieten wieder ins Laufen. Wer
htte gedacht, da alle die dienstbeflissenen jungen Herren, die mit
umgeschnallter Seitentasche so flink und so stramm ins Hauptquartier
Meldungen berbrachten und entgegennahmen, berglcklich, bis zu Ludendorff
in Person vordringen zu drfen, da sie im Grunde ihres Herzens solche
Feinde des Systems und so demokratisch waren? Nie sah die Welt ein vom
alten Regime so gut besuchtes nouveau rgime!

Suchte man im eigenen Garten das scheue Pflnzchen, das mitten im Sturme
Morgenluft witterte, von allen Seiten an beliebige Stakete zu biegen, und
sah es das Ausland mit begreiflichem Mitrauen keimen, so erfuhr man in der
Schweiz infolge des gerade in diesen Tagen einsetzenden Generalstreikes
berhaupt nichts davon: er stand allein im Vordergrund und beschftigte
alle Gemter. So wurde hier, gerade in ihrer kurzen Glanzzeit, die deutsche
Revolution unterschlagen.

In jenen aufregenden Wochen kam ich wieder mit Romain Rolland zusammen.
Mehr als je zeigte er sich jetzt als der Mann ohne Illusion, was Wilson, ob
er auch dessen guten Willen nicht in Frage stellte, und was die Entwicklung
der Dinge betraf. Ich fand ihn viel zu skeptisch.

Im selben Hotel, wie Glasenfrosts und Rolland, wohnte auch eine Schweizer
Familie, die sich sehr fr ihn interessierte, durch seine groe
Zurckhaltung aber in Schach gehalten fhlte. Eines Mittags, da ich bei ihr
zu Gaste war, bat ich ihn, ein briges zu tun, und sich zu uns zu gesellen.

Ich sehe ihn so deutlich vor mir, wie er an jenem Tage, seine alte Mutter
am Arme fhrend, in seiner ruhigen und ein wenig geheimnisvollen Art zu uns
stie. Das Gesprch drehte sich natrlich um den Generalstreik und dann um
den Bolschewismus; fr die Westschweiz htte man zum Glck ein treffendes
Agitationsmittel gegen ihn, da er deutscher Import sei. Rolland schwieg.

Der hat der Welt gerade noch gefehlt, sagte ich, und sah einladend zu ihm
hinber, damit er sich uere. Vergebens. Er erwiderte nur auf direkte
Anfragen und ohne eine Meinung abzugeben. So sprachen halt in Gottes Namen
nur wir. Ich ging dann zu Glasenfrosts hinber und schilderte das
miglckte Beisammensein, bei dem ich zuletzt als verzweifelte Wortfhrerin
die Grippe, die Witterung und endlich die Tatsache errtert hatte, da jede
Stadt, ja jeder Ort ein anderes Modell fr seine Leichenwagen bese. Aber
auch diese originelle Wendung fiel unter den Tisch.

Es hatten Regenschauer eingesetzt, und Glasenfrosts hielten mich noch eine
Weile zurck. Wir waren uns in diesen Tagen noch sehr einig, und er hielt
sich bereit, nach Mnchen zu fahren und Eisner bei Seite zu stehen.
Vielleicht hatte doch die Geburtsstunde des tausendjhrigen Reiches
geschlagen, und die Gefallenen waren nicht umsonst an seiner Schwelle
geblieben. Waren sie nicht schon ein einziges Heer?

Aber Rollands rtselhafte Haltung lie mir keine Ruh, und als ich endlich
aufbrach und die langen, klosterhnlichen Gnge des Hotels entlangging,
machte ich pltzlich kehrt und klopfte, ohne mich zu besinnen, an seine
Tre. Es war ein kleines Durchgangszimmer, mit einem bescheidenen Pianino,
auf dem sich Musikalien huften. Rolland stand in Hut und Mantel, im
Begriffe auszugehen, und sah mich erstaunt an. Es tut mir sehr leid,
sagte ich, Sie so zu berfallen. Aber ich mchte wissen, was Sie
eigentlich denken. Sie schweigen sich aus, Sie lcheln ein wenig hmisch,
und das ist alles. Wer soll da klug daraus werden? -- Ich frage Sie nicht
aus Neugier.

Rolland legte seinen Hut auf das Klavier.

Sie sind so ahnungslos, sagte er, Sie wissen so wenig, was sich
bereitet.

Aber doch nicht der Bolschewismus, rief ich. Das ist doch nicht Ihr
Ernst! Und Sie sind doch kein Bolschewik.

Nein, sagte er, aber ich habe nicht Ihre summarische Auffassung des
Problems.

Das neuerwachte Deutschland, sagte ich, wird die Welt davor retten.

Rollands Zge nahmen einen mden Ausdruck an.

Ich bin voll guten Mutes, fuhr ich fort. Haben Sie die letzten Aufrufe
gelesen? Diese Absage an jegliche Gewalt? Eine neue ra hat ihren Anfang
genommen. Wir haben unseren Militarismus zum Teufel gejagt. Endlich schlgt
die Stunde, wo man sich angesichts eines wahren, befreiten und
sympathischen Deutschlands auch seiner unsglichen Leiden entsinnen wird.

Kommen Sie, lchelte Rolland, welches Interesse haben heute die Sieger
an einem sympathischen Deutschland?

Aber nicht nur die Sieger, versicherte ich. Die ganze Welt hat ein
Interesse daran, da die deutsche Revolution aus den Verirrungen der
franzsischen wie der russischen lerne und endlich jene vorbildliche und
mavolle sei, welche die Menschheit ihrem Glcke nherbringt. Und alle
Anzeichen sprechen dafr: Hren Sie doch, mit welch reinen Glockentnen sie
sich kndet. Oh sie wird schn! Rolland lchelte nicht mehr. Sie wird
furchtbar! sagte er. Morgen schon wird Eisner sich berrannt sehen und
seine Gegner zu beiden Seiten haben. Der Bolschewismus ist in Ruland nicht
nur durch die Stokraft der Linken, sondern mehr noch durch den Gegendruck
der Rechten das geworden, was er heute ist. Man kann die Deutschen nicht
genug verwarnen. Wenn auch bei ihnen die Reaktion eine Bewegung zu
unterdrcken unternimmt, die wie ein ausgetretener Strom heranbricht, so
werden sie ganz hnliche Zustnde herbeifhren. Es ist absurd, seiner
elementaren Gewalt morsche Dmme entgegenzustellen, statt sich seinem Lauf
anzupassen, und was er lebendiges herantrgt, zu vertreten. Unsere
Gesellschaft hat ihre Berechtigung gehabt, aber sie hat versagt, und ihre
Zeit ist um. Mgen wir es noch so sehr bedauern, mag viel Schnes mit ihr
untergehen, die Reihe ist nicht mehr an uns, sondern an den anderen. Nichts
kann diese Tatsache aus der Welt schaffen. Wir mssen uns zu ihr stellen.

Sollen wir denn alle Holzhacker werden? fragte ich betreten.

Der Typ des Literaten, entgegnete Rolland, dem wir seit einigen
Dezennien so vielfach begegnen, wird jedenfalls verschwinden, und ich weine
ihm nicht nach. Ein Gesprch mit nach Bildung strebenden Handwerkern ist
mir heute schon viel genureicher und interessanter. Was der Literat mir
sagen wird, wei ich von vornherein.

Mein Gott, seufzte ich, es pflegen nicht einmal die Knige freiwillig
abzutreten, viel weniger ganze Kasten. Sie werden den Kampf aufnehmen und
uns eine blutige Morgenrte bescheren. Was ist zu hoffen?

Nichts fr die Gegenwart, sie ist zu korrupt, sagte er. Aber alles fr
die Zukunft. Ich bin kein Pessimist.

Rollands Worte, die ich auf dem Heimweg berdachte, waren viel
reichhaltiger und prgnanter, als ich sie hier aus dem Gedchtnis
wiedergebe. Wenn aber eine neue Klasse zur Herrschaft gelangte, wrde sie
weniger versagen, als alle anderen, und war anzunehmen, da ohne furchtbare
Erschtterungen die frhere Gewalt sich von der neuen aus dem Sattel heben
liee und etwa mit Rolland eingestehen wrde, ihre Zeit sei um?

Meine Eindrcke von St. Moritz schwebten mir vor, und ich dachte an
Hermione, wie edel sie war. Aber war nicht alles erlesene prozentual? Was
also stand von den Massen zu gewrtigen? Die Macht selbst mute
abwirtschaften und sich auf neuer Basis konsolidieren. War nicht allem
Anschein nach die ra der schlechten Ppste geschlossen, weil sie
verhltnismig machtlos geworden waren? Anderseits htte der Papst die
Rolle Wilsons mit mehr Glck, mehr Einblick in die europischen
Verhltnisse bernehmen knnen, wre er so mchtig gewesen wie er. Macht
also war und blieb die Losung. Eine Macht jedoch, die keine Lockung dem
Gemeinen bte, ganz auf Erprobung ihrer Trger begrndet, ohne Vorteile fr
ihn, ohne Befriedigung des Ehrgeizes, anonym vielmehr, Verzicht und
Selbstentuerung bedingend, als Stein des Weisen der Weise selbst. Oh
Zarastro, Herr der weltabgewandten, namenlosen Gewalt!

Schwer und langwierig, immer wieder aufgehalten und die Anspannung von
Generationen erfordernd, aber nicht unmglicher als die endlich geglckte
Beherrschung der Luft, wre die gleichsam auf immer luftigeren Pfeilern
emporgehobene, in sich selbst beruhende Macht.

Ich ging, vom Winde frmlich vorangetragen, den Weg nach Montreux. Die
Wellen zogen in finsteren Reihen zum Angriff, und war dort nicht die Weide
von Territet, sie, die im Frhling in den Schleiern ihres jungen Grns vor
Entzcken ber sich selbst zerflo? Nun aber schlug der See mit groem
Getse bis zu ihnen auf, die mde niederhingen bis zu ihm; Und dort hinter
seinem Gatter hatte angesichts der Ufer ein Tulpenbeet geblht. Die
stillsten aller Blumen standen dort so sanft und so gerade! oh Weide von
Territet! Oh stille Tulpen, mit denen ich gewesen war! Was blieb ich am
Gitter hngen, die Hnde an die Schlfen gepret, der Knecht mit dem Talent
des einzigen Gedankens? Trichte Hoffnungen hatten mich schon wieder
hingerissen, denn der Winter unserer Leiden stand noch aus. Der Stein aber,
mit dem ich mich schleppe, zermalmt mir das Hirn. Wer legt das Fundament
des sich immer schroffer nach innen ziehenden Baues, mit den immer
abweisender sich schlieenden immer geheimeren Pforten, durch keine andere
Gewalt zu sprengen, als jene, welche der Himmel leidet.

Die Theorie einer immer strengeren Auslese -- der Natur selber entnommen
--, weit entfernt, eine hochfahrende zu sein, ist ja die demtigste der
Welt. Keine fhrt so tief in unser Inneres hinab, um aufs neue dasselbe
Schauspiel wie nach auen zu enthllen. Denn hier sieht sich der Berufene
noch einmal einem ganz hnlichen Kampfe berwiesen. Wie unbegreiflich sind
oft seine Schwchen! ebensovielen untergeordneten Wesen vergleichbar sind
sie gegen ihn in Aufruhr und sind bestndig die Schlingen gelegt. Da der
Gerechte siebenmal des Tages fllt, konnte nur ein Gerechter uern. Zwar
ist sein Merkmal, sich immer wieder aufzurichten und einzuholen. Aber jedes
versagen lt an Boden verlieren, die Gelegenheiten sind gezhlt, und eines
Tages ist man hinter sich zurckgeblieben. Keiner ist auserwhlt, der sich
nicht durch eigene Kraft dazu vermochte. Berufener und Auserwhlter, wie
gefhrdet sind beide! Denn so manchen, der seinen behielt, strzte ein
Laster von seiner Hhe.

                   *       *       *       *       *

Und nun kam ein Tag, an dem Montreux, bunt wie ein Jahrmarkt, den tollsten
Anblick bot, seitdem es stand. Alle Lnder der Erde -- bis auf die paar
niedergerungenen -- beflaggten das Ende des Krieges. Und nicht nur an den
Dchern und von den Fenstern, den Mauern und Toren, sogar an den Menschen
selbst schlugen Fahnen hin und her; von den Jacken, den Hten, ja den
Hnden der Kinder zogen Fhnchen auf. Schon sprangen die internierten
Offiziere mit sehr deutlicher Siegermiene (kannte man die nicht von Potsdam
her?) von den Autos ab. Es war ein allgemeiner Jubel, von Hohn und
Verwnschungen untermischt. Wer diesen Tag hier erleben mute, der
erwartete nichts. Dem kndete sich der Geist des Friedens von Versailles
und Saint Germain. Das jubelnde Gewoge, die Saturnalien von Fahnen raubte
mir die Fassung. Ich lief meinen hervorbrechenden Trnen davon, die Huser
entlang, am Bureau des Hotels vorbei, in mein Zimmer hinauf, wo ich mir den
Schleier vom Gesicht ri: ein Klageweib! -- Prophetin meines eigenen
Schicksals, als ich zu Anfang dieses Krieges schrieb: Leute wie wir,
werden am Tage des Sieges sich verkriechen mssen, denn immer wird es
Jerusalem und seine Kinder sein, um die wir weinen werden.

Die Hungerblockade blieb von den Siegern, die fr Recht und Menschlichkeit
gekmpft hatten, ber den erdrckten Gegner, auch nach Einstellung der
Feindseligkeiten, verhngt. Und es lag, wie Rolland mir vorhergesagt hatte,
nicht im Interesse der Sieger, die edle und gepeinigte Opposition in
Deutschland zu sttzen. Eine unsympathische Regierung als Aushngeschild
des deutschen Volkes aufrechtzuerhalten, gehrte vielmehr zu den
strategischen Notwendigkeiten dieses Winters der Friedensprliminarien von
Versailles. Da ich kein Kriegsbuch schreibe, seien die nchsten Monate
berschlagen.

Whrend dieser Zeit fuhren die Militaristen aller Lnder fort, sich wacker
in die Hnde zu arbeiten, und ber jede Hrte und Unmenschlichkeit der
Alliierten triumphierten die Anstifter der Verwstungen und Deportationen.
Denn so kam doch ihre Mhle wieder ins klappern, und das Wort von der
erdolchten Front schnupperte aushorchend in der Luft. Damals wurde ich
aufgefordert, so manchen ganz vergeblichen und wrdelosen Appell zu
unterzeichnen, mit dem Hinweise, frher htte ich zu protestieren gewut,
jetzt, wo die Untaten von der andern Seite geschhen, schwiege ich mich
aus. Ich zog es aber vor, auch hier meine Kundgebung solo zu verfassen; sie
erschien in der Neuen Zrcher Zeitung.

Denn sie hatten ja recht: es galt zu sagen, da diese ganze Welt
ununterschiedlich des Teufels war. Traurig stimmte es nur, da all die
Mahnrufe und das viele Aufbegehren aus den Reihen derer stammten, die
vielfach kein Recht dazu besaen, whrend sie schwiegen, die wirklich
Unschuldigen, abscheulich in Stich gelassenen, Betrogenen, die whrend des
Krieges auf Gefahr ihres Lebens ungenannt und langen Mutes vor Gottes
Angesicht das wahre Deutschtum vertraten.

In der Opposition entdeckten sie jetzt alle ihr Herz. Mit welch herrlichem
Gefhl und welch aufrichtendem Stolze stand Heinrich Mann der Republik zu
Pate! dort ri nicht ein einziger aus; bei dem vielverfolgten Lichnowsky,
laut des Friedensvertrages tschechisch gewordenen Magnaten, angefangen, der
sich als Deutscher erklrte; was ich wirklich nicht erwhnen wrde, htten
nicht so viele Patrioten aus ihren Papieren fremdlndische Patente
herausgeklgelt und sich mit einem Male als Schweden, Schweizer, Hollnder,
sogar als Englnder prsentiert. Die beste Illustration fr den
Nationalismus, die es geben kann.

Jenes Wort, welches mir seinerzeit so verbelt wurde, da es Boches in
jedem Lande gbe, sollte sich brigens nur zu sehr bewahrheiten. Jeder
Militarist, gleichviel welcher Staatsangehrigkeit, ist ein Boche. Und wenn
er Schimpanse zu Aufsehern eines Volkes bestellte, das der Welt einen
Grnwald geschenkt hat, so wre er eben ein Boche; jener Grnwald aber, ob
er sich ihn noch so oft holte, ei, der bleibt deutsch.

Als ich um die Bltezeit zum ersten Male wieder das deutsche Ufer des
Bodensees sah, war ich von der Pracht seiner Bume bewegt. Diese wenigstens
konnten dem armen und geschlagenen Lande nicht genommen werden. -- Und
diese eben hatte es dem andern mit groer Genugtuung meilenweit abgehackt.
Es ist ja das typische Merkmal des Militaristen, zu glauben, da er den
andern trifft, wo er sich selber entehrt.


FEBRUAR 1919.

Mit dem Berner Internationalen Sozialistenkongre, dem seit August 1914
einzigen Ereignis von wahrhaftem Sein, das mitzuerleben mir vergnnt war,
schliet dieses Buch.

Hoch ber den Bernina-Alpen und dem Julier trmten sich die Wolken zu
goldenen Toren und zu glhenden Rossen. Phaeton, wieder erstanden, lenkte
sie wieder, die italische Ebene im Angesicht. Die Spuren der Rder, waren
sie nicht der Rauch, der am Himmel verflog, whrend nach Norden hin das
Gebirge zu Tod erblate? Auch der nach Sden gerichtete Wald starrte unter
der Last des Schnees. Doch die Luft wehte so befiedert leicht ber ihn hin,
und es herrschte ein Licht wie ber Palmen. Man hatte Glatteis unter den
Fen und war dem Winter entronnen.

Aber Fortunios Gesicht war wie zerhhlt von Ungeduld. Haase ist schon in
Bern, sagte er, der Kongre ist im Gang. Wir mssen hinab.

Da es der erste war, dem ich beiwohnen sollte, verband ich weiter keine
Vorstellung mit ihm, als die mehr oder minder langweiliger Reden, und ohne
sonderliche Erwartungen betrat ich zum ersten Male den Saal. Kein
Delegierter aber drngte von nun an eiliger zu ihm zurck. Oft war er in
der Mittagspause noch geschlossen, als ich schon davor wartete.

Zu den Morgensitzungen ging Frau v. Schreckenburg mit mir. Nachmittags sa
ich am Tische mit Fortunios, vor uns die Franzosen. Da waren Renaudel,
Cachin, Longuet, Rappaport, Loriot, Faure, dann kam der englische Tisch mit
Henderson, Macdonald, Norman Angel. Von dort leuchtete das leichte Gold von
Mrs. Snowdens Haar. Sie trug keinen Hut. Der schne, zarte und energische
Kopf war der Lichtpunkt des Hauses. Die Deutschen und sterreicher saen
ganz vorn, zu weit entfernt, um sie zu unterscheiden, es sei denn, da sie
sich erhoben.

Bleich, abgezehrt, den schmalen und ehrwrdigen Kopf ein wenig seitwrts,
stahl sich im fahlen Schein des Wintervormittags der, eben von der Bahn
gekommene Eduard Bernstein bescheiden herein. Die franzsischen Sozialisten
sahen ihn zuerst, eilten auf ihn zu und begrten ihn strmisch. Daraufhin
erhob sich der ganze Saal zu einer Ovation. Wie frohlockte da mein
undemokratisches Herz!

Als Viktor Adler auf das Podium trat, gaben wiederum die Franzosen das
Zeichen zu einem lang andauernden Applaus. Adler war der Motor des
Kongresses. Unerbittlich die Mitte einhaltend, wies er jede Parteilichkeit
schroff zurck, von welcher Seite sie auch stammte; ihm war das gleich.
Sein blasser Lwenkopf tauchte dann zum Angriff auf: Un homme politique,
mais pas de bonne politique, forderte er Renaudel heraus. Seine Stimme
klang wie Erz. Aber allen Differenzen, Vorwrfen, Ausreden, Angriffen zum
Trotz fing eine Einigkeit sich herauszuschweien an, und wie unter einem
glhenden Hammer stoben Funken zu einer Garbe auf. Ha schmolz zu
Mitgefhl. -- Zwar wurde jenen deutschen Delegierten, welche die Politik
ihres Landes zu verteidigen suchten, prompt die Unmglichkeit eines solchen
Unterfangens zu Gemte gefhrt, stellten aber dann ihre Angreifer den
deutschen Militarismus immer wieder allein an den Pranger, so wurden sie
regelmig von Zwischenrufen wie: Et le militarisme franais! et le ntre!
et tous les militarismes! von der franzsischen Linken unterbrochen.

berhaupt war dieser franzsische Block der beste, der wrmste. Von ihm
ging das Unbehagen aus, wenn ausschlielich das deutsche Sndenregister
stieg. Scheu, Zartgefhl, Respekt (ja Respekt!) vor dem Geschlagenen (weil
geschlagen), sie stammten von dort. Und schon grte die Atmosphre wie ein
starker Wein. Klug wie ein Erzengel lie der hochaufgerichtete Huysmans mit
dem schnen Donatellokopf bei den Reden, die er franzsisch und englisch
bersetzte, alles Unwesentliche fallen. Oft waren sie lebendiger als im
Original. Behender lst kein Eichktzchen die Haselnu aus ihrer Schale.

Ach, so viele gute Menschen waren hier! Unbeweglich, als wre er nur eine
Zimmerpalme, hielt sich unser aller A. H. Pax im Hintergrund; und wie
Kerzenlicht im Mittagsscheine tauchte bald hier, bald dort Fortunio
unauffllig auf.

Hin und wieder kam in Frack und weier Binde, pour finir sa soire, ein
Attach gegangen und wirkte in dieser so weit vorgreifenden Luft wie eine
Varietnummer aus einer veralteten und komisch gewordenen Welt. Der eine
oder andere blieb gebannt, und die Geschniegeltheit fiel von ihm ab.

Die Frstin Patschouli aber war sehr ungehalten, was sie nicht hinderte,
mir zwischen zwei Sitzungen ihren strkenden Kaffee zu brauen. Sie wollte
wissen, wer mich denn so interessierte. Ich nannte einige. Quels noms!
sagte sie, zum Himmel emporblickend.

Als Partei interessierte mich ja der Sozialismus so wenig wie jede andere.
Aber das Ergebnis der kapitalistischen ra war ein wirrer Knuel ineinander
verbissener Verbrecher, und es war eine Welt, welche der Sozialismus
jedenfalls nicht bereiten half. Er hatte keinen Teil an ihr. Deshalb nur
gab es keine andere Brcke als ihn, denn er war nur ein Weg, der
weiterfhrt, indem er zurckgelegt und berwunden wird, niemals ein Ziel.

Woher kam es aber, da er, der angeblich auf rein materialistischer
Grundlage beruhte, er allein unter allen Parteien, ohne Ansto zu erregen,
christliche Gleichnisse anfhren durfte. Warum, statt Schamrte in die
Stirn zu treiben, war es so rhrend, wenn der geistvolle Longuet, der auf
dem Podium auf und ab zu gehen pflegte, whrend er sprach, ein Zitat aus
den Evangelien gebrauchte, oder wenn Mrs. Snowden eine Rede mit den Worten
schlo: denn wir sind Brder?

Nach ein paar Tagen kannten wir einander fast alle. Einmal fielen wir an
eine Tafel aus im geschlossenen Raum; eine unbndige Heiterkeit bemchtigte
sich unser, aber wir blieben sitzen. Ich spielte mich auf die Wirtin auf
und machte die Tischordnung, als sei das Essen von mir, A. H. Pax vermite
die Schnpse, und wir kamen nicht aus dem Gelchter. Etwas in unserer
Befreitheit erinnerte dabei ganz deutlich an jenes Gastmahl im Neuen
Testament, von welchem der nicht im Feierkleide erschienene Eindringling in
die uerste Finsternis zurckgewiesen wurde. So hatten auch wir keine
unsicheren Gestalten hereingelassen.

Ich werde mich schwer hten zu sagen, wer meine Tischnachbarn gewesen sind.
In streng geschiedenen Gruppen, die einander nicht mehr kannten, fanden wir
uns im Saale wieder ein. Denn wie der Chor der Gefangenen in Fidelio
wute man sich belauscht mit Aug' und Ohr, und vermied es, von Lager zu
Lager sich zu gren.


Der Sonntag.

Er bildete die groe Orgelpause des Kongresses. Um so lebhafter war in der
Stadt das hin und her. Als ich die Treppe des Hotels Bellevue hinabging
stie ich mit Kurt Eisner zusammen. Er war schwarz und ganz neu angezogen.
Auch der schwarze Schlapphut war neu. Wir wechselten ein paar Worte. Ich
kannte ihn zwar noch nicht, aber so hielt man es in jenen Tagen.

Leider war mein Zimmer winzig klein. Um Raum fr den Kaffeetisch zu
schaffen, mute das Bett zum Sofa werden, und ich schttete Kissen gegen
die Wand. Um fnf Uhr erschien Haase. Der niedere Kragen, Kleidung,
Struktur waren die eines Mannes aus dem Volk. Dabei lag in der Haltung des
Rckens und der Schultern eine ungemeine Wrde. Aber wenn sie Widerstand
und Energie ausdrckten, so sprachen sie auch von rcksichtslosem Verbrauch
sich verzehrender Krfte.

Auf dieser Figur eines Arbeiters sa ein Kopf, ganz beherrscht von stark
auseinanderliegenden, majesttisch geweiteten Augen. Psychologisch viel zu
neu, um an einen Rembrandt zu erinnern, schien er zugleich durch die
Straffheit der bis zum Reien gespannten Zge und ihr tragisches Kolorit
nach begeisterten Evokationen seines Pinsels zu rufen. Wie der Ratsherr
einer noch nicht errichteten Stadt -- die Leidenswerkzeuge unsichtbar im
Wappen eingetragen --, so blickte, so ging, so bewegte sich Haase, so sa
er jetzt in unserer Mitte, die Zeit besprechend und die Gefahren des
revolutionren Deutschlands. Wir hrten zu. Es wre falsch, von Ahnungen zu
reden. Die Bangigkeit um einen Mann von Haases Edelsinn und Gte war ganz
instinktiv.

Pltzlich klopfte es. Die Stimmung und Geborgenheit unseres Zusammenseins
war mit groem Geklirre dahin. Bestrzt sah ich Eisner eintreten, den ich
doch gebeten hatte. Aber eine so andere Zone des Geistes brach mit ihm ein.
Er trug sich wie am Morgen komplett in Schwarz, kein Stubchen, vom
schwarzen Schlapphut bis zu den Stiefeln (wie um die Reporter lgen zu
strafen, die seine nachlssige Kleidung verkndet hatten). Halb Wotan, halb
Konfirmand -- grau, nur der schttere Bart und die mde Farbe des
Gesichtes. -- Fortunios und ich saen jetzt zu dritt auf dem Bett, und alle
allgemeineren Themen traten vor dem besonderen der bayrischen Revolution
zurck.

Eisners romantische Schwche fr Bayern verriet sich sogar in einem hin und
wieder freiwillig angeschlagenen Dialekt, dessen Unnatur etwas rhrendes
hatte. Und so war es mit der Revolution; sie war das Abenteuer seines
Herzens, sein Geniestreich; was aber an dem Bilde fehlte, war die Kenntnis
Bayerns: die Bayern, die sich hinreien lassen, sind nicht dieselben, die
sich wieder eines anderen besinnen . . .

Etwas an Mnchen wird vielleicht noch lange bewirken, da neue Sterne
darber aufgehen, etwas bewirkt aber, da sie schnell wieder zu verlschen
drohen, gnstige Konstellationen geraten dort sogleich mit
entgegengesetzten in Brand. Eisner erzhlte wie ein Rhapsode und besa kein
Ohr fr das vielfltige Rauschen der mitten im Sturm entrissenen
Meeresmuschel. Dies gab seinem Liede den schrillen und bengstigenden Ton.
Haase das Wort abschneidend, erzhlte er von dieser und jener Episode, die
alles verderben sollte, und wider erwarten alles gelingen machte. Und Haase
lie ihn, wie ein lterer Bruder gewhren. Bei ihm war die Basis viel
breiter; er wirkte harmonisch wie eine Orgel, die Macht war die Sache fr
ihn, fr Eisner dagegen war sie die Arie, seine Bravourarie, an die sein
Ohr sich fing. Nur wer nher zusah, gewahrte inmitten der scheinbar
selbstgeflligen Glorie den erloschenen, weltabgewandten Blick und die
bereite, heroische Absage an das Leben. Zu Haase gewendet: Das wre der
Gipfel meiner Laufbahn, sagte er, mit blauweien Fahnen gegen Preuen zu
ziehen.

Aber Fahnen hatte er gesagt. Fahnen, Feste, Ansprachen, solcher Art waren
die sndenlosen Waffen, zu welchen er griff. Fr so ehrwrdige Ansichten
belehrte ihn die rohe Kugel eines besseren, und schlug sich dies musische
Haupt gegen das Pflaster zu Tode.

Spt verlieen wir an jenem aufregenden Abend meine Zelle: die beiden
Delegierten gingen noch zu einer Ausschusitzung; viel zu erschpft und
aufgewhlt, um allein zurckzubleiben, a ich mit Fortunio zu Nacht. Lange
sprachen wir noch von den beiden. Er meinte, Eisner sei viel zu feinfhlig,
als da ihm entgangen wre, wie sehr wir Haase vorgezogen hatten. Nun hatte
ich einen neuen Grund, bedrckt zu sein.

Leider reiste Haase schon am nchsten Morgen ab, und wir andern saen wie
gewhnlich im Volkshause, als, eine groe Stille entstand, weil Eisner
das Podium betrat. Es war aber der Morgen jenes Tages, an dem er seine
denkwrdige und verhngnisvolle Rede zugunsten der Gefangenen hielt. Sie
begann mit einer schonungslosen Preisgabe der deutschen Kriegfhrung, deren
Verbrechen er nicht beschnigte, deren Recht, etwas zu fordern, er vielmehr
verneinte. Dann eine abrupte Wendung nehmend, stellte er fest, da in
keinem Lande die Gegner des Krieges so tief gelitten htten wie die
deutschen, und mit jedem Worte wurde sein tonloses und dabei scharfes Organ
gebieterischer. Es war unerhrt, wie Eisner jetzt ber sich selbst
hinauswuchs. So buchstblich war der Geist ber ihn, da seine Person nur
mehr wie ein von ihm verlassener und vergessener Schatten die Tribne
behauptete. Was nun verlautete, war ein Pldoyer fr Deutschland, wie es
niemals ergreifender formuliert wurde. Seine kalte Stimme beibehaltend, die
in die Gemter schnitt, enthllte er die ganze Tragik seines unglckseligen
Volkes. Die Stimmen derer, welche im Kampf um die Ideen einer besseren
Welt namenlos in den Kerkern verblichen, rief er schneidend den fremden
Delegierten zu, drangen nicht bis zu euch! Stumm verbluteten sie.

Im Namen jener neuen und besseren Welt verlangte er die Freigabe der
zurckgehaltenen Gefangenen.

Man hielt den Atem an.

Da stand ein Entronnener aus eben jener Schar stummer Blutzeugen fr die
Ideen der Gewaltlosigkeit der Wahrheit und der Menschenliebe. Dies war ihr
Los wie vor 2000 Jahren!

In Eisner hatte der Kongre wohl seine eindrcklichste Figur. Mochte er
durch seine Parteilichkeit fr Renaudel bei den Radikalen einigen
Widerspruch erregen, so stellte sich bald heraus, da er gerade dadurch
seine Vorschlge durchzudrcken verstand, wie berhaupt die Taktik eine
groe Rolle bei ihm spielte.

Als ich das Haus verlie, standen Fortunios unten an der Treppe und
schienen auf jemanden zu warten. Ich wandte mich um; Eisner ging langsam,
allein und vollkommen versonnen die Treppe herab. Er hielt eine rote Nelke
mit etwas abstehender Geste, wie um sie zu schtzen, da sie nicht zu
Schaden komme. Steif, fast geziert, die Schultern mit barocker Wrde
tragend, bot er einen wahrhaft phantastischen Anblick. Wir begrten ihn.
Er sah uns erloschenen Auges an und erwiderte kein Wort. Htten aber
urpltzlich die Tren sich geteilt und Teppiche unter den Fen der mit
groem Zeremoniell vorgefhrten Esther entrollt, ich wre nicht erstaunt
gewesen. Assuerus! dachte ich. Ein fast gespensterhaft abstrakter,
beschmend unverjudeter, rein biblischer Jude stand da vor uns. Und siehe!
-- Hier war zum ersten Male wieder dasjenige Israel, aus welchem
merkwrdigerweise der Begriff des Christentums mit der Gestalt seines
Stifters, der Begriff des unjdischen also, die Welt der Mystik, des
erblassens, der Gotik hervorging. So dachte ich, stockenden Herzens . . .

Ich sah Eisner noch einmal, als er im Begriffe stand, mit Renaudel nach
Basel zu fahren. Wenn ich strze, sagte er, ist in Mnchen der
Bolschewismus unvermeidlich. Die geistige Verwirrung der Jugend ist zu
gro. berhaupt sprach er sehr oft von seinem Sturz. Ich glaube, die
Entfernung lie ihn die allgemeine, wie seine besondere Situation sehr
scharf und nchtern bersehen.

Gerade die Illusionen, die phantastischen Zge in diesem bedeutenden
Menschen, die springenden Schatten machten ihn zu der Shakespeareschen
Gestalt, als die wir ihn heute sehen. Wir aber, die in Bern Zeugen der
ungeheuren Wirkung seines Auftretens waren, welche Werbekraft fr
Deutschland er dort entfaltete, welch strmische Sympathien fr Deutschland
er dort erweckte, oh welch bitterlichen Eindruck machte es auf uns, in
Mnchen nicht etwa die Zge dieses heldenhaften Vorlufers, nein, das
unbesonnene Leutnantsgesicht seines Mrders in den Auslagen vorzufinden,
dessen hirnloses und unheilvollstes Verbrechen die Schrecken der
Rteregierung und alle Greuel, die von links, und dann von rechts daraus
erfolgten, verursachte. Mag ein Herr Studiosus die Frei(spruch)kugel gegen
mich drehen, dafr, da in diesem wahrscheinlich vielgelesenen Buche diese
Wahrheit steht.

Fr den letzten Tag war eine Rede Macdonalds ber den Bolschewismus
angesagt; aber der Tag verging, ohne da er hervortrat. Die Lichter
brannten schon lange, und es war Abend geworden, als man ihn endlich
erblickte. Es sprachen viele, deren Organ im Halse stecken und auf die
langweiligste Weise eins mit demselben blieb. Der deutsche Dolmetsch ging
deshalb schwer auf die Nerven. Bei jenen Delegierten hingegen, welche die
Rednergabe besaen, hob sich nach wenigen Minuten die Stimme von ihnen
fort, um wie ein Albatro ganz fr sich allein die gewichtigen Schwingen
auszubreiten. Dieser Proze vollzog sich auch bei Macdonald. Sein Organ
erfllte den Saal mit Wohllaut, als kme es gar nicht von ihm, sondern
hinge nur infolge eines rhythmischen Gesetzes mit seiner Miene und den
Bewegungen seiner Arme zusammen. Die Rede war ein Warnungsruf an den hohen
Rat in Versailles, die Zeichen der Zeit zu verstehen, und sie verglich den
Bolschewismus mit einem Brande, der, hier halb erstickt, dort scheinbar
gelscht, immer wieder hervorbrechend und unter der Asche weiterglimmend,
an der Verblendung des Imperialismus seine Nahrung fand.

Da ich kein Wort verlieren wollte, schlngelte ich mich langsam durch die
Zuhrer, hart bis zur Rampe vor, und hatte so zum ersten Male den ganzen
Zuschauerraum vor Augen. Der Saal verlor auch bei Lampenschein nichts von
seiner Schmucklosigkeit. Unschn war er und kahl. Sein Glanz, seine
Erlesenheit waren rein innerlich. Sie gingen von den Menschen aus, welche
hier tagten. Nicht die Zartheit freilich, noch der Reiz eines seit
Generationen vor rauhen Kontakten geschtzten Lebens, sondern Anstrengung,
Leidenschaft und Begeisterung durchleuchtete sie so stark, da jenseits
dieses alltglichen Raumes alle Alltglichkeit, jenseits seines nchternen
Scheines alle Nchternheit zu liegen schien. Der Winter der Menschheit sank
hier zu Grabe. Von Feuerzungen war die Luft durchbebt, und eine
Pfingstatmosphre brauste durch die Tren ber die Treppen dahin, bis hinab
in die Gassen des nchtlichen Bern. Und sie wrde, ob auch der kommende
Morgen diesem Fest das Ende bereitete, nach allen Himmelsrichtungen wehen.
Ich zweifelte daran nicht. Ich hoffte schon wieder!

Natrlich waren auch geringere zugegen. Aber nicht sie gaben den Ausschlag.
Hier herrschte der Wert. Rang und Vortritt waren hier durch das Talent, das
Verdienst, die Lauterkeit bestimmt, und ein Wille zur Gte hatte sich
durchgerungen.

Mit einem Blick des Hohnes war ich vorhin an Telramund vorbeigegangen, alle
Krallen gezckt, weil er sich vermessen wollte, mich zu gren, und fast
wre ich dabei ber seine Bocksfe gestolpert. Nein! Hier richtete der
nichts aus. Hier war er schachmatt. Warum kam er denn her? -- -- Auch er --
zum ersten Male fiel es mir auf -- hatte allen Sitzungen beigewohnt und war
einer der regelmigsten Besucher gewesen. Oh, nicht nur er! -- Die ganze
Rotte sa ja hier! -- und die Kontrolle war doch so streng! Aber die Rotte
war vollzhlig hier! -- Durch die Ritzen der Tre htte sie noch
einzudringen gewut. Wo hatte ich die Augen gehabt all die Tage hindurch,
ich Verblendete! Im Ernst whnend, hier wrde die Schwelle zu einer neuen
Welt gelegt, derweil sie tglich zerfiel.

Die Schtzlinge der Militrspionagen, von welchen erst die eine, dann die
andere den Verstndigungsfrieden hintertrieben hatte, tagten hier als
Delegierte des Teufels, den verschiedensten Nationen entspieen. Wie emsig
sie notierten! -- Oh wie fleiig sie die niedrigen Stirnen gesenkt hielten,
um alles zu nichte zu schreiben, was hier von Vlkervershnung gesprochen
wurde! Und wie gesittet sie dasaen, diese Wlfe im Schafpelz, die sich
innerlich eins lachten ber den sabotierten Kongre. Und sie waren
geduldet! -- selbst hier! -- Die Spreu durfte auch hier, ungesichtet, den
Weizen verderben. Ach, es gehrt zu den Merkmalen dieser Zeit, da die
Dinge noch schlimmer zu kommen pflegen, als die Schwarzseher sie knden,
und noch heier gegessen werden, als gekocht.

So ahnte ich noch nicht, da die verstmmelten Berichte der Eisnerschen
Rede, deren erster Teil einfach unterschlagen wurde, schon munter unterwegs
waren, und seine anonymen Mordanstifter, wohlgeschtzt unter der Flagge
einer Zeitung, sich fr die furchtbaren Wahrheiten und Anschuldigungen, die
er in diesem Hause der Presse aller Lnder ins Gesicht zu schleudern wagte,
ein fr alle Male gercht hatten.

Die Stimme Macdonalds drang nur mehr undeutlich zu mir. Es war doch jedes
Wort vergebens. Mochte er den Bolschewismus an die Wand malen! Mit ihm
stand es gewi, wie Rolland sagte. Bot nicht jede Partei genau dasselbe
Bild von ein paar ehrlichen und ehrenwerten Mnnern, die ein frchterlicher
Zulauf berschwemmt? jene paar Vortrefflichen, deren Kampf allein
ersprielich und von Interesse wre, tragen ihre Gegenstze abseits
voneinander aus. Sie sind nicht so zahlreich, Europa nicht zu gro fr eine
einzige Arena. In Wirklichkeit ist der Klassenha (statt des
Klassenkampfes) ein ebensolcher Humbug wie der Ha der nur nach Frieden
lechzenden Vlker. Wer aber diesen Saal mit den angeblich so scharf
bewachten Toren nher ins Auge fate, lie alle Hoffnung fahren. Den
Schleier Penelopens woben sie hier! Es gab ja keine gute Sache, solange der
Nichtswrdige sich zu ihr bekennen durfte und statt der Gesinnung die
Meinung den Ausschlag gab. Freie Bahn den Tchtigen! oh nein! Erst
geschlossene Bahn den Unwrdigen! Die andere Parole bleibt so lang die
leereste der Phrasen! Hatte nicht Telramund in seinem eigensten Blatt eine
Partei der anstndigen Leute beantragt, wie um diesem Gedanken den Fluch
der Lcherlichkeit auf immer anzuhaften. Oh Zarastro! Herr des Tempels mit
den unauffindbaren Toren, der nur den Geprften mit Macht belieh! Von
allen, die heute leben, wird keiner den Bau betreten, zu dessen Grundlegung
ich Steine herbeischleppen mchte. -- Das Gerst allein drfte die Arbeit
von Generationen sein, sein Ausbau die von Jahrhunderten vielleicht.
Vielleicht sind die ewig unvollendet gebliebenen Kathedralen sein Symbol.
Aber worauf es, wie gesagt, ankommt: er ist mglich.

Die richtige Einsicht, da es (merkwrdigerweise) niedrige und hohe
Menschen gibt, fhrte folgerichtig zu Rang- und Standesunterschieden. Bei
ihrer Aufrechthaltung aber gerieten jene Ungleichheiten, welche doch erst
die Berechtigung solcher Klassifikationen bilden, immer mehr auer acht,
und bei dem Schrittmachen, das im Schwunge blieb, mischte sich in immer
gemeinerer Weise das Bestreben ber jene Distanzen, welche der Wert
zwischen den einzelnen liegt, hinwegzusehen. Das Miverstndnis artete
immer wilder aus: der knigliche Mozart speiste mit dem Gesinde, und ein
lakaienhafter Kavalier warf ihn mit einem Futritt ohne weiteres vor die
Tre. In der Tat, wir wissen alle, was wir der franzsischen Revolution
verdanken. Doch, als sie das falsche Spiegelbild in edler Emprung
zerschlug, wurde mit diesem drastischen Vorgehen leider erst recht nur eine
halbe Manahme getroffen.

Kein Mibrauch wurde an der Wurzel gefat, vielmehr entrann der Missetter
froh durch die Tre. So brach die franzsische Revolution wie das
Christentum, dem sie entsprang, in sich selber zusammen, und wir sind heute
wie bankrotte Leute, die von vorn anfangen mssen. Wir stehen wieder am
Anfang aller Tage: das heit am Ende. Denn fr das erkennende Auge sind ja
die Menschen lngst in jene zwei Lager zerfallen, von welchen geschrieben
steht. Freilich ist vorlufig erst der Aufmarsch der Bcke geglckt. Unsere
Absicht, ihrem Konsortium entgegenzutreten, drfte ein frommer Wunsch
verbleiben, solange wir jene geheimnisvolle Tatsache nicht ergrndeten, da
die von schlechten Instinkten Gemeisterten so viel deutlicher die
Hochgesinnten herausspren, als diese sich unter sich erkennen. Diese
dunkle und rtselhafte Tatsache birgt Perspektiven, die sich wie weite
Zimmerflchte nach allen Richtungen, reich an Verborgenheiten, ziehen.

Um Machtfragen werden sich nach wie vor die Dinge drehen, und nach wie vor
wird sich herausstellen, da es nichts neues unter der Sonne gibt. Macht
wird vor Recht gehen, denn Macht geht vor Recht. Es ist Sache des Rechts,
die Macht an sich zu reien, eine neue Realpolitik zu ermglichen, nicht
ausdrckbar durch Lge, Feuer und Mord; eine Exekutive zu befestigen,
welche die aus Lge, Feuer und Mord errungenen Vorteile verachten, und
Lge, Feuer und Mord nicht ausspielen wrde gegen Lge, Feuer und Mord.
Sache des Rechts ist es, die Bahn solcher Gewalthaber zu bereiten. Ach die
Heftigkeit, mit welcher wir unsere Notsignale abgeben, hindert nicht, da
sie unter dem Druck grauser Langeweile aufziehen, und unser eigner Pathos
lastet mit der ganzen de eines Frondienstes auf uns. Denn es sind
zuknftige, fr ein feineres Ohr heute schon monstrse Gemeinpltze, die
wir hier uern.

_Ende_

Von _Annette Kolb_ erschien im gleichen Verlag:

DAS EXEMPLAR

Roman. 5. Auflage.

Man hat durchaus das Gefhl, da dieses Buch zu jenen gehrt, die unter
einem starken inneren Drange, einem unwiderstehlichen, geschrieben werden.
Ein Bekenntnis. Aber eins von solcher Keuschheit, solcher Verhlltheit,
trotz aller Enthllung subtilster seelischer Vorgnge, wie es uns nur zu
selten gemacht wird. Gerade diese Schilderungen erweisen die hohe
Vollendung von Annette Kolbs sprachlichem Ausdrucksvermgen, das ihr jedoch
nie zum Selbstzweck wird.

B. Z. am Mittag.

Der erste Eindruck des Buches, schon nach wenigen Seiten, ist Kultur. Es
gibt wenig Bcher, die so scharf wie dieses die Zeitseele enthllen. Und im
brigen ist das Buch reich an allerlei entzckenden Dingen. Man wird in ihm
sehr heimisch in London und auf den Landsitzen der Gesellschaft. Denn das
Buch vereint wirklich zwei selten vertrgliche Eigenschaften: geistige
Tiefe und Charme. Es ist nicht nur ein bedeutendes, sondern auch ein
liebenswrdiges Buch.

Die Zeit, Essen.

Ein feines, stilles Buch von einer romantischen Dichterin ber eine
romantische Frau. Es wird in diesem Buch von den letzten Dingen gesprochen.

Berliner Tageblatt.

Druck von Frankenstein & Wagner, Leipzig.




Anmerkungen zur Transkription


Offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert wie hier aufgefhrt
(vorher/nachher):

   [p. 33]:
   ... Hocusai. ...
   ... Hokusai. ...

   [p. 50]:
   ... mit Carry und Fortunio. Dieser enfaltet mir gegenber ...
   ... mit Carry und Fortunio. Dieser entfaltet mir gegenber ...

   [p. 114]:
   ... Gebirge am Sntis, Jura oder Engadin, als in den ...
   ... Gebirge am Sntis, Jura oder Engadin, als in dem ...

   [p. 117]:
   ... Arbeiten zur Hand, mit welchem dieses Haus geschmckt ...
   ... Arbeiten zur Hand, mit welchen dieses Haus geschmckt ...

   [p. 131]:
   ... Laufbahn vernommen hat, der vergit die nie unheimliche ...
   ... Laufbahn vernommen hat, der vergit nie die unheimliche ...

   [p. 142]:
   ... auf ihren Wolkensohlen reisten, das von einer zifferlosen ...
   ... auf ihren Wolkensohlen reisten, da von einer zifferlosen ...






End of the Project Gutenberg EBook of Zarastro, by Annette Kolb

*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK ZARASTRO ***

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