The Project Gutenberg EBook of Unter Palmen und Buchen. Erster Band., by 
Friedrich Gerstcker

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Title: Unter Palmen und Buchen. Erster Band.
       Unter Buchen. Gesammelte Erzhlungen.

Author: Friedrich Gerstcker

Release Date: November 20, 2013 [EBook #44239]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

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  Unter Palmen und Buchen.

  Erster Band.

  Unter Buchen.


  Gesammelte Erzhlungen
  von
  Friedrich Gerstcker.


  Leipzig,
  Arnoldische Buchhandlung.
  1865.




  Inhaltsverzeichni.


                                           Seite
  Eine alltgliche Geschichte                  1

  Die Vision                                  16

  Folgen einer telegraphischen Depesche      131

  Der Polizeiagent                           140

  Eine Heimkehr aus der weiten Welt          274

  Wenn wir einmal sterben                    289




Eine alltgliche Geschichte.


Es war auf einem Balle in der Erholung, da Dr. Kuno Brethammer Frulein
Bertha Wollmer kennen lernte -- oder vielmehr zum ersten Male sah, und
sich sterblich in sie verliebte.

Bertha Wollmer trug ein einfaches weies Kleid, einen sehr hbschen
Kornblumenkranz im blonden Haar und sah wirklich allerliebst aus. Aber
es bleibt immer ein gefhrlich Ding, wenn sich ein Mann eine Hausfrau
auf einem Balle sucht. Der Ballsaal sollte der letzte Ort dazu sein,
denn dort ist Alles in Licht gehllt, und er wird geblendet und
berauscht, wo er gerade Augen und Verstand nchtern und besonnen auf dem
rechten Fleck haben mte.

Diesmal hatte aber Dr. Brethammer seine Wahl nicht zu bereuen, denn
Bertha Wollmer war nicht allein ein sehr hbsches Mdchen, das sich mit
Geschmack zu kleiden wute, sondern auch auerdem wacker und brav,
ein wirklich edler Charakter und eine, wie sich spter herausstellte,
vortreffliche Wirtschafterin. -- Der Doctor htte auf der Welt keine
bessere Lebensgefhrtin finden knnen.

Gegen ihn selber lie sich eben so wenig einwenden. Er war etwa 34 Jahre
alt, Advocat mit einer recht guten Praxis, hatte also sein Auskommen,
galt in der ganzen Stadt fr einen braven, rechtschaffenen Mann,
schuldete keinem Menschen einen Pfennig und als er, vierzehn Tage
spter, um Bertha Wollmer anhielt, sagte das Mdchen nicht =nein=, und
Vater und Mutter sagten =ja=, worauf dann noch in der nchsten Woche
die Verlobungskarten ausgeschickt wurden. Zwei Monate spter fand die
Hochzeit statt.

So lebten die beiden Leute viele Jahre glcklich miteinander, und Dr.
Brethammer sah mit jedem Tage mehr ein, da er eine auerordentlich
glckliche Wahl getroffen und Gott nicht genug fr sein braves Weib
danken knne. Er liebte sie auch wirklich recht von Herzen, aber -- wie
das oft so im Leben geht -- das, was sein ganzes Glck hier bildete,
wurde ihm -- durch Nichts gestrt -- endlich zur =Gewohnheit= und er
=vernachlssigte=, was er htte hegen und pflegen sollen.

Es mag sein, da seine Liebe zu der Gattin deshalb nie geringer wurde,
aber er vernachlssigte auch =die Form=, die in einem gewissen Grade in
allen Lebensverhltnissen nthig ist: er war oft rauh mit seiner Frau,
ja heftig, und wenn er auch dabei nicht die Grenzen berschritt, die
jeder gebildete Mensch inne halten wird, that er ihr doch oft -- gewi
unabsichtlich -- recht wehe. Ja manchmal, wenn ihm ein heftiges Wort
entfahren war, htte er es von Herzen gern widerrufen mgen, aber -- das
ging leider nicht an, denn -- er durfte sich an seiner Autoritt nichts
vergeben.

Nur zu =einer= Entschuldigung lie er sich herbei: Du weit, ich
bin jhzornig, sagte er, wenn's aber auch oft ein Bischen rauh
herauskommt, so ist es ja doch nicht so schlimm gemeint und eben so
rasch vergessen.

Ja, das war allerdings der Fall; =er= hatte es eben so rasch vergessen,
aber =sie= nicht, und wenn sie ihm auch nie ein unfreundlich Gesicht
zeigte, wenn sie ihn immer bei sich entschuldigte und sein oft
mrrisches Wesen auf die Sorgen und den Aerger schob, den er auer dem
Hause gehabt -- ein =kleiner= Stachel blieb von jeder dieser Scenen in
ihrem Herzen zurck, so viel Mhe sie sich selber gab, die Erinnerung
daran zu bannen; =einen= kleinen Nebelpunkt lie jede solche Wolke
zurck, die an der Sonne ihres huslichen Glcks, sei es noch so schnell
vorbergezogen, und in einsamen Stunden konnte sie oft recht traurig
darber werden.

Sie hatten zwei Kinder mitsammen, an denen der Vater mit groer und
wirklich inniger Liebe hing -- und doch, wie wenig gab er sich mit ihnen
ab! -- Es ist wahr, am Tage war er sehr viel beschftigt und mute sich
oft gewaltsam die Zeit abringen, um nur zum Mittagsessen zu kommen, aber
Abends um sechs Uhr hatte er dafr auch jedes Geschft abgeschttelt,
und dann wre ihm allerdings Zeit genug geblieben bei Frau und Kindern
zu sitzen, um sich seines huslichen Glckes zu freuen, aber -- er
mute dann doch ein wenig Zerstreuung haben -- wie er sich selbst
vorlog -- er mute den Geschftsstaub abschtteln und mit einem Glas
Bier hinuntersphlen, und das geschah am besten im Wirthshaus, wo man
nicht gezwungen war zu reden -- wenn man nicht reden wollte -- wo
man einmal eine Partie Scat oder Billard spielte, um die rgerlichen
Geschftsgedanken aus dem Kopf zu bringen -- und wie die Ausreden alle
hieen, mit denen er allein =sich selber= betrog, denn seine Frau fhlte
besser den wahren Grund.

Er =amsirte= sich nicht zu Haus. Er hatte seine Frau und Kinder
unendlich lieb und wrde Alles fr sie gethan, jedes wirklich groe
Opfer fr sie gebracht haben aber -- er verstand nicht, sich mit ihnen
zu beschftigen, und suchte deshalb Unterhaltung bei Karten und Billard.

Und wie verstndig und lieb betrug sich seine Frau dabei! Er mochte noch
so spt Abends zum Essen kommen, nie zeigte sie ihm ein unfreundliches
Gesicht, nie frug sie ihn, wo er heute so lange gewesen. Die Kinder --
wenigstens das jngste -- waren dann schon meist zu Bett gebracht; er
konnte ihnen nicht einmal mehr gute Nacht sagen, und rgerlich ber
sich selber -- so sehr er auch vermied es sich selber einzugestehen --
verzehrte er schweigend sein Abendbrod.

Das waren die Momente, wo ihm der lteste Knabe ngstlich aus dem Weg
ging, denn hatte er irgend etwas versumt, und der Vater erfuhr es
in einer solchen Stunde, dann konnte er =sehr= bse und =sehr= heftig
werden -- und die arme Mutter =litt= besonders schwer darunter.

Wie oft nahm er sich vor, die Abende in seiner Familie, bei den Seinen
zuzubringen, und er wute ja, wie sich seine Frau darber gefreut haben
wrde. So lieb und gut sie dabei mit den Kindern war, so sorgsam sie
auf Alles achtete, was dem Gatten eine Freude machen oder zu seiner
Bequemlichkeit dienen konnte, so verstndig war sie in jeder andern
Hinsicht, und es gab Nichts, worber sich nicht ihr Mann htte mit ihr
unterhalten mgen, Nichts, worin sie nicht im Stande gewesen wre,
einen vernnftigen Rath zu ertheilen. Er kannte und schtzte diese
Eigenschaften an ihr -- er liebte sie dafr nur desto mehr, aber --
wenn der Abend, wenn die Zeit kam, wo er wute, da sich die Spieltische
besetzten oder die gewhnliche _quatre tour_ zusammenkam, dann lie es
ihn nicht lnger zu Hause ruhn.

Seine Frau war die letzten Jahre krnklich geworden, da sie aber nie
gegen ihn klagte und ein hufiger wiederkehrendes Unwohlsein stets so
viel als mglich vor ihm verbarg, um ihm die wenigen kurzen Stunden
nicht zu verbittern, die er bei ihnen zubrachte, achtete er selber nicht
viel darauf, oder hielt es doch keineswegs fr gefhrlich. Er hatte in
der That =sehr= viel zu thun und den Kopf zu Zeiten voll genug -- nur
seiner Frau daheim htte er es nicht sollen entgelten lassen. Sobald er
das aber ja einmal fhlte, wollte er es auch stets wieder gut machen,
und berhufte sie mit Geschenken -- ja, wo er einen Wunsch an ihren
Augen ablesen mochte, erfllte er ihn -- soweit er eben mit Geld erfllt
werden konnte -- nur seine Abende widmete er ihr nicht. -- Er wollte
auch eine Erholung haben, wie er meinte, und in seiner Heftigkeit gegen
die Seinen migte er sich eben so wenig.

Ihr mt mich nehmen, wie ich nun einmal bin, sagte er in einer halben
Abwehr, in halber Entschuldigung; Ihr wit wie's gemeint ist, und
damit war die Sache fr =ihn= abgemacht, aber nicht fr die Frau.

Er war auch jetzt zu Zeiten, in Gegenwart Fremder heftig gegen sie,
und fuhr sie rauh an. Er meinte es wirklich nicht so bs, wie die Worte
klangen, aber es trieb ihr doch manchmal die Thrnen in die Augen,
so sehr sie sich auch dagegen stemmte, ihm zu zeigen, wie weh er ihr
gethan.

So verging der Winter. Es war eine neue Gesellschaft in X. gegrndet
worden und Brethammer Vorstand dabei. Das Local wurde mit einem Ball
erffnet, und er htte seine Frau gern dort mit eingefhrt, ja er kaufte
ihr ein ganz prachtvolles Ballkleid und that wirklich Alles, um sie zu
berreden, ihm die Freude zu machen. Sie sagte ihm jetzt, da sie
unwohl sei, aber er wollte es ihr nicht glauben, und erst als sie ihm
mittheilte, wie viel sie den letzten Herbst gelitten, und wie groe Mhe
sie sich gegeben, es nicht zu zeigen, erschrak er, und jetzt fiel ihm
auch ihr bleicheres Aussehen, fielen ihm die eingefallenen Wangen auf.
Aber er nahm es trotzdem leicht. Sie war schon oft unwohl gewesen
und hatte sich immer wieder erholt, auch diesmal wrde es sicher
vorbergehen, wenn sie sich nur schonte. Es war unter solchen Umstnden
jedenfalls das Vernnftigste, da sie =nicht= auf den Ball ging.

Der Winter verging, Bertha wurde in der That nicht krnker, aber sie
blieb leidend, und ihr Gatte gewhnte sich zuletzt an diesen Zustand. Er
hatte anfangs seine Heftigkeit gemigt und sich Gewalt angethan -- und
ach, wie dankbar war ihm Bertha dafr! -- auf die Lnge der Zeit aber
verga er das wieder -- es war ja nicht mehr nthig. Seine _quatre tour_
und Scatpartie versumte er aber nie und amsirte sich ganz vortrefflich
dabei. Kam er dann Abends nach Haus -- ob er sich auch einmal um eine
halbe oder ganze Stunde versptet hatte -- fand er den Tisch gedeckt,
und war es so spt geworden, da die Kinder zu Bett geschickt werden
muten, so setzte sich sein Weib mit ihm allein zum Essen nieder.

Im Frhjahr schienen Bertha's Leiden heftiger wiederzukehren, und der
Arzt kam fast tglich, aber auch er sah keine Gefahr darin. Er wute
selber nicht, da Bertha ihr Leiden leichter nahm, als es wirklich war,
oder vielleicht mehr vor ihm verbarg, als sie htte thun sollen; aber
sie frchtete, dem Gatten das Haus dadurch noch ungemthlicher zu
machen, und trug deshalb lieber Alles allein.

Eines Abends, im Mai, sa Dr. Brethammer wieder am Kartentisch und zwar
in einem Garten, etwa drei Viertelstunden Wegs von X. entfernt, wohin
die kleine Gesellschaft bei schnem Wetter allabendlich auswanderte, als
ein Bote hereingestrzt kam und ihm einen kleinen Zettel berreichte. Es
standen nur wenige Worte darauf:

Komm zu mir. -- Bertha. Aber die Worte waren mit zitternder Hand
geschrieben, und den Mann berkam, als er sie gelesen, eine ganz
sonderbare Angst.

Was konnte da vorgefallen sein? war Bertha krank geworden? da sie
fortwhrend krank gewesen, wollte er sich gar nicht gestehen, aber der
Bote wute weiter nichts. Man hatte ihn auf der Strae angerufen und gut
bezahlt, damit er so schnell wie mglich diesen Brief bergeben sollte.
-- Mitten im Spiel hrte der Doctor auf, ein Beisitzender mute dasselbe
bernehmen, und so rasch ihn seine Fe trugen, eilte er in die Stadt
zurck. Und er hatte nicht zu sehr geeilt -- unten im Hause traf er sein
Mdchen, die eben aus der Apotheke kam und verweinte Augen hatte.

Was um Gotteswillen ist vorgefallen -- meine Frau--?

O gehen Sie hinauf, gehen Sie hinauf! rief das Mdchen. Sie hat so
danach verlangt, Sie noch einmal zu sehen.

Der Mann wute nicht, wie er die Treppe hinauf kam. Der Arzt stand neben
dem Bett, streckte ihm die Hand entgegen, drckte sie leise und verlie
das Zimmer, und neben dem Bett kniete der Unglckliche, die kalte Hand
seines treuen Weibes mit Kssen und Thrnen bedeckend.

Mein Kuno, flsterte die zitternde Stimme, o wie lieb das von Dir
ist, da Du noch einmal gekommen bist -- mir ist nur so kurze Zeit
geblieben -- das Alles brach so schnell herein.

Bertha, Bertha, Du kannst -- Du darfst mich nicht verlassen,
schluchzte der Mann und schlang seinen Arm krampfhaft um sie.

Du thust mir weh, bat sie leise, fasse Dich Kuno, es mu sein -- ich
mu fort von Dir und den Kindern -- o sei gut mit ihnen, Kuno -- sei
nicht so rauh und heftig mehr -- sie sind ja lieb und brav, und Du, --
hast sie ja auch so lieb.

Der Mann konnte nicht sprechen. In der leisen, mit bebender Stimme
gesprochenen Bitte lag ein so furchtbarer Vorwurf fr ihn, da er seinen
Gefhlen, seiner Reue, seiner Zerknirschung nicht mehr Worte geben
konnte. Nur seine Stirn prete er neben die Sterbende auf das Bett, und
ihre Hand lag auf seinem Haupt und drckte es leise an sich.

Kuno, hauchte ihre Stimme nach einer langen Pause wieder.

Bertha, meine Bertha! rief der Mann, sein Antlitz zu ihr hebend,
fhlst Du Dich besser?

Leb wohl!

Bertha! sthnte der Unglckliche, Bertha!

Mach mir den Abschied nicht schwer, bat die Frau, die Kinder habe ich
schon gekt, ehe Du kamst -- ich wollte noch mit Dir allein sein. La
mich ausreden, flehte sie, mir bleibt nicht mehr viel Zeit und das
Sprechen wird mir schwer -- leb wohl, Kuno -- habe noch Dank -- tausend
Dank fr all das Liebe und Gute, was Du mir gethan -- sei mir nicht bs,
wenn ich vielleicht--

Bertha, um Gottes willen, Du brichst mir das Herz--

Es ist gut -- es ist vorbei -- es wird Licht um mich -- leb' wohl Kuno
-- sei gut mit den Kindern -- auf Wiedersehen!

Bertha! ---- es war vorbei. Der Mann knieete neben der Leiche seiner
Frau, und es war ihm, als ob das Weltall ausgestorben wre und er allein
und trostlos in einer Wste stnde.

Die nchsten drei Tage vergingen ihm wie ein Traum. Fremde Leute kamen
und gingen ein und aus im Hause; er sah sie, wie man gleichgltige
Menschen auf offener Strae vorbeipassiren sieht, und selbst als sie die
Leiche in den Sarg legten, blieb er still und theilnahmlos. Die Kinder
kamen ber Tag zu ihm, hingen an seinem Hals und weinten; er prete
sie fest an sich und kte sie und blieb dann wieder allein bei der
Geschiedenen.

Endlich kam die Stunde, wo der Sarg fortgeschafft werden mute, und
jetzt war es, als ob er sich dem widersetzen wolle. Aber es traten eine
Masse Leute in's Zimmer; Freunde von ihm dazu, die herzlich mit ihm
sprachen und ihm zuredeten, da er sich den Unglcksfall nicht so schwer
zu Herzen nehmen solle. Er hrte ihre Trostgrnde gar nicht, aber er
fhlte, da was hier geschah -- eben geschehen =mute=, und duldete
Alles.

Nach dem Begrbni kehrte er mit seinen Kindern nach Haus zurck, schlo
sich hier in sein Zimmer ein und weinte sich recht von Herzen aus.
Danach wurde ihm etwas leichter -- und es ist ein altes und wahres
Sprchwort -- die Zeit mildert =jeden= Schmerz, denn das Menschenherz
wre sonst nicht im Stande zu tragen, was nach und nach ihm aufgehoben
bleibt. =Die Zeit mildert jeden Schmerz, aber -- die Zeit mildert und
shnt keine Schuld.=

Den =Verlust= der Gattin htte er ertragen -- mit bitterem Weh wohl, es
ist wahr, denn er hatte sie treu und innig geliebt, aber mit Jahr und
Tag wre die schwere Stunde des Verlustes, das Gefhl, nie mehr ihr
treues Auge wieder schauen zu knnen, mehr in den Hintergrund getreten,
und ihm nur die Erinnerung an ihre Liebe und Treue geblieben. Jetzt aber
nagte ein anderes Gefhl an seinem Herzen, nicht allein das Gefhl der
=Schuld=, nein auch die =Reue= ber vergangene Zeit mit dem Bewutsein,
diese nie zurckbringen, das Versumte nie, nie wieder nachholen oder
ungeschehen machen zu knnen, und das bohrte sich ihm in's Herz, nicht
mit der Zeit weichend, nein, mit den wachsenden Jahren fester und fester
und unzerstrbarer.

Drauen die Welt merkte Nichts davon; er war immer ernst und
abgeschlossen fr sich gewesen, und da er sich jetzt vielleicht noch
etwas zurckgezogener hielt, konnte nicht auffallen, aber daheim
in seiner jetzt verdeten Klause, da stieg die Erinnerung an die
Geschiedene mahnend vor ihm empor, und je weniger Vorwrfe sie ihm je im
Leben gemacht hatte, desto mehr machte er sich jetzt selber.

Wieder und wieder malte er sich die Stunden aus die er mit vollkommen
gleichgltigen Menschen drauen bei den Karten oder hinter dem
Wirthstische verbracht, whrend seine Bertha daheim mit einer wahren
Engelsgeduld auf ihn wartete, und so lieb, so freundlich ihn empfing,
=wenn= er endlich zurckkehrte. Wieder und wieder malte er sich die
einzelnen Flle aus, wo er rauh und heftig gegen sie gewesen, die nie
ein rauhes und heftiges Wort zu irgend einer Erwiderung gehabt, und vor
Scham und Reue htte er in die Erde sinken mgen, wenn er sich jetzt
berlegte, wie er damals immer -- immer Unrecht gehabt, und das nur,
=wenn= er es auch frher eingesehen, nicht frher hatte =eingestehen=
mgen.

Aber das Alles kam jetzt =zu spt= -- zu spt fr =ihn= wenigstens.
Er hatte einen Schatz gehalten, und miachtet, bis er von ihm genommen
wurde -- keine Reue brachte ihn je zurck, und da er sich jetzt elend
und unglcklich fhlte, war nur die Strafe fr eine begangene Snde.

Fr ihn war es zu spt -- =aber noch nicht fr Viele, die diese Zeilen
lesen=. Viele, viele halten in gleicher Weise einen hnlichen Schatz --
und vernachlssigen, mihandeln ihn ebenso, und es war der Zweck dieser
Zeilen, da sie sich den Moment jetzt, da es noch =fr sie= Zeit ist,
ausmalen mchten, wo die Gattin =pltzlich, unvorbereitet= abgerufen
wurde, und die Reue des Mannes dann =zu spt= kam, und =nie, nie= wieder
gut gemacht werden konnte.




Die Vision.


Erstes Capitel.

Die Sturmnacht.

In Alburg, einer nicht ganz unbedeutenden deutschen Stadt, lebte der
Justizrath =Bertling= in glcklicher und zufriedener Ehe mit seiner
jungen Frau.

Bertling war ein ruhiger, behbiger Charakter, der die Welt gern an
sich kommen lie, und nichts weniger liebte als unntze und unnthige
Aufregungen. Er hatte auch in der That besonders deshalb sein
Junggesellenleben aufgegeben, um sein Haus gemthlich zu machen, und
sich -- bisher vermite -- Bequemlichkeiten zu verschaffen; aber er
liebte nichtsdestoweniger seine Frau von ganzem Herzen und fhlte sich
glcklich in ihrem Besitz.

=Auguste= pate auch vortrefflich fr ihn, und zwar nicht etwa durch
eine Aehnlichkeit ihres Charakters, sondern eher durch einen Gegensatz,
durch welchen sich die beiden Gatten vollstndig ergnzten, denn man
darf ja nicht glauben, da zu einer glcklichen Ehe stets gleiche
Neigungen und Ansichten, gleiche Tugenden und Fehler gehren. Auguste
war denn auch, whrend ihr Mann ganz entschieden dem praktischen und
realen Leben angehrte, weit mehr schwrmerischer Natur, ohne jedoch im
Geringsten berspannt zu sein. Unermdlich thtig in ihrem Hausstand,
beschftigte sie sich aber auch gern mit Lectre, und vorzglich
mit solcher, die einer ideellen Richtung angehrte. Sie phantasirte
vortrefflich auf dem Piano, und liebte es sogar, selbst noch =nach=
ihrer Verheirathung -- was ihr Gatte entschieden mibilligte -- bei
mondhellen Nchten im Garten zu sitzen.

Lebhaft und heiter dabei, mit einem warmen Gefhl fr alles Schne, wob
sie bald mit diesen Tugenden und Vorzgen einen ganz eigenen Zauber um
ihre Huslichkeit, dem sich ihr Gatte nicht entziehen konnte und wollte,
so da er bald von anderen Frauen, =ihren= Mnnern gegenber, als das
Muster eines vortrefflichen Ehemannes aufgestellt wurde.

So hatten die jungen Leute -- denn der Justizrath zhlte kaum ein
und dreiig und seine Frau erst zwanzig Jahr -- etwa zwei Jahre
in glcklicher, durch nichts gestrte Ehe gelebt, als eine schwere
Krankheit -- ein damals in Alburg umgehendes Nervenfieber -- die junge
Frau erfate und lange Wochen auf das Lager warf.

Ihr Mann wich in dieser Zeit fast nicht von ihrer Seite und nur die
wichtigsten Geschfte konnten ihn abrufen -- ja oft versumte er selbst
diese und ganze Nchte hindurch wachte er neben ihrem Bett. Allerdings
pate ihm das nicht zu seinem sonst gewohnten, bequemen Leben, aber die
Angst, sein Weib durch irgend eine Vernachlssigung zu verlieren, oder
auch nur ihren Zustand gefhrlicher zu machen, lie ihn das Alles nicht
achten, und so ward ihm denn auch endlich die wohlverdiente Freude zu
Theil, die schlimmste Krisis berstanden und die geliebte Frau nach und
nach genesen zu sehen. Aber es dauerte lange -- sehr lange, bis sie sich
wieder vollstndig von dem berstandenen Leiden erholen konnte.

Der Krper gewann dabei noch verhltnimig am Schnellsten die frhere
Frische wieder, wenn auch die Wangen bleicher, die Augen glnzender
schienen, als sie sonst gewesen. Sie hatte aber in ihrer Krankheit
besonders viel phantasirt und dabei oft ganz laut und deutlich die
tollsten, wunderlichsten Dinge gesprochen. Darum bedurfte es weit
lngerer Zeit, ehe der Geist wieder Herr ber diese Trume wurde,
die sich mit der Erinnerung frherer wirklich erlebter Scenen so
vermischten, da sie oft anhaltend nachdenken mute, um das Wahre
von dem Falschen und Eingebildeten oder nur Getrumten zu sondern und
auszuscheiden.

Auch das gab sich nach und nach oder stumpfte sich doch wenigstens ab.
Die Erinnerungen an diese Trume wurden unbestimmter, wenn auch einzelne
von ihnen noch manchmal wiederkehrten und sie oft, mitten in der Nacht,
pltzlich und ngstlich auffahren machten, ja sogar wieder bestimmte
Bilder und Eindrcke annahmen.

Bertling behagte das nicht recht, denn er wurde dadurch ein paar Mal
sehr nutzloser Weise alarmirt. Einmal -- und noch dazu in einer sehr
kalten Nacht -- behauptete seine Frau nmlich bei ihrem pltzlichen
Erwachen, es wre Jemand im Zimmer und unter das Sopha gekrochen -- sie
habe es deutlich gehrt, ja sogar den Schatten durch das Zimmer gleiten
sehen. Bertling protestirte gegen die Mglichkeit, aber es half ihm
nichts; um seine Frau nur endlich zu beruhigen, mute er aufstehen und
die Sache untersuchen, was er denn grndlich mit Hlfe einer Elle that.
Natrlich fand er nicht das geringste Verdchtige, vielweniger einen
dort versteckten Menschen, und Beide lachten nachher ber dies kleine
Abenteuer, -- aber der Justizrath trug doch einen Schnupfen davon, der
ihn sogar auf ein paar Tage zwang das Bett zu hten.

Das andere Mal wollte Auguste im Nebenzimmer ein verdchtiges Flstern
gehrt haben und wenn sich auch dieses nach sorgfltiger nchtlicher
Untersuchung, die der Justizrath im Schlafrock, in der Linken das Licht,
in der Rechten den Feuerhaken, vornahm, als unbegrndet herausstellte,
so wurde der Mann doch durch diesen verschiedentlich erweckten Verdacht
endlich selber so mitrauisch gemacht, da er sich fr weitere derartige
Flle stillschweigend rstete. Er holte nmlich ein Paar alte, schon
lange zur Rumpelkammer verurtheilte Sattelpistolen hervor, reinigte
und lud sie und gab ihnen einen Platz in der obersten Schieblade
seiner Kommode, um sie bei einer etwa wieder vorzunehmenden Patrouille
wenigstens bei der Hand zu haben.

Wochen vergingen inde, ohne da sich eine derartige Scene wiederholt
htte, und Bertling beruhigte sich endlich vollstndig mit dem Gedanken,
da jene Ideen nur die Nachwehen der berstandenen Krankheit gewesen
seien; der jetzt krftig gewordene Krper nun aber alle derartigen
Phantasiebilder ausgestoen, und fr die Zukunft unmglich gemacht habe.

Auguste war in der That wieder so frisch und lebenslustig als je
geworden, wenn ihre Gesichtsfarbe auch etwas intressanter als frher
geblieben sein mochte. Sie sah bleicher aus, als sie sonst gethan, aber
keineswegs krnklich oder leidend und besuchte auch wieder gern und
oft Gesellschaften und Blle, wobei es manchmal einige Schwierigkeiten
hatte, den etwas phlegmatischen Gatten fr solche Vergngungen
mitzubegeistern.

Auch gestern Abend war in der Erholung ein brillanter Ball gewesen,
auf dem Auguste bis vier Uhr morgens getanzt, whrend ihr Gatte, als
treuer Gefhrte, bis etwa um zwei Uhr Whist gespielt, und noch ein paar
Stunden in einer bequemen Sophaecke vertrumt hatte. Heute sollte dafr
recht frh zu Bett gegangen werden, und die beiden Eheleute saen Abends
allein zusammen in der Stube am Theetisch.

Es war im Februar, aber ein ganz entsetzlich nakaltes und strmisches
Wetter. Noch vor wenigen Tagen hatte harter Frost die Erde gedeckt;
heute peitschte der Regen die kaum aufgethauten Fenster und die
Windsbraut heulte zwischen den Giebeln und ri an Thren und
Fensterflgeln, wie zornig darber, da es einen Platz geben solle, in
den man ihr, der Gewaltigen, den Eintritt verweigere.

Und wie das drauen durch die Straen fegte! Der Justizrath war
aufgestanden und ans Fenster getreten, denn die Unterhaltung wollte
heute nicht recht flieen. Seine Frau war abgespannt, klagte ber ein
leichtes Kopfweh und Brennen in den Augen und war schon ein paar Mal,
wie krampfhaft zusammengefahren -- jedenfalls in Folge des gestrigen
Balles.

Unten brannten die Gaslaternen, aber sie erleuchteten die Strae nicht,
sondern warfen nur einen matten, flackernden Schein auf das schmutzige,
von halbgeschmolzenem Eis bedeckte Pflaster, denn selbst die
Glasscheiben schtzten die Flammen nicht vor =diesem= Sturm, der sie
rastlos hin und her wehte und manchmal auszulschen drohte. Die Strae
selbst war menschenleer, denn wer heute nicht nothgedrungen =mute=,
verlie wohl nicht das schtzende Haus, um sich einem solchen Unwetter
preiszugeben. Nur dann und wann floh ein einzelner spter Wanderer
entweder mit dem Wind durch aufspritzenden Schmutz und Schlamm dahin,
oder kmpfte -- den Oberkrper weit vorn ber gebeugt -- =gegen= den
Sturm, und dem Wetter in die Zhne, seine beschwerliche Bahn.

In langen Zwischenpausen rollte auch wohl einmal ein festgeschlossener
Wagen vorber, aber das Gerusch desselben machte die gleich nachher
wieder eintretende Oede nur noch fhlbarer, als da es sie unterbrochen
htte.

Der Himmel war mit schweren jagenden Wolken bedeckt, und der hinter
ihnen stehende Vollmond konnte nicht mehr thun, als da er manchmal ihre
riesigen, beweglichen Massen in einem matten Phosphorschimmer sichtbar
werden lie. Aber selbst dies geschah nur auf Momente, und jedes
Mal darnach war es, als ob der Sturm nur Athem geholt und neue Kraft
gewonnen htte, um so viel rasender zum Kampf herbei zu eilen.

Merkwrdig, wie das da drauen tobt und giet, brach der Justizrath
endlich das lange Schweigen indem er den Rauch seiner Cigarre gegen die
Fensterscheiben blies. Das ist nun Februar mit Mondschein im Kalender
wo man eigentlich eine hellkalte, ruhige Winternacht zu fordern htte.
'S ist aber gerade, als ob die ganze Welt ihre Jahreszeiten umdrehte,
denn eingehalten werden sie wahrlich nicht mehr zur rechten Zeit.

Er hatte sich dabei wieder dem Tische zugedreht, und sah jetzt wie seine
Frau mit gespannter Aufmerksamkeit auf dem Sopha sa, als ob sie auf
irgend etwas horche. Zu gleicher Zeit drang, durch die Wnde und Decke
aber gedmpft, der Ton einer Menschenstimme zu ihnen herber, die
jedenfalls ein geistliches Lied in lang gezogenen, schnarrenden Tnen
sang. Der Justizrath lachte.

Das ist der verrckte Schuhmacher ber uns, der jedesmal bei einem
Sturm, aber besonders bei einem Gewitter, den Herr Zebaoth anschreit,
und sich als grten Snder des ganzen Weltalls denuncirt. Wenn diese
Narrheit nicht auch ihre komische Seite htte, knnte es Einem wirklich
unheimlich dabei werden.

Der Justizrath hatte Recht. Die Stimme klang in der That unheimlich in
diesem Aufruhr der Elemente und wenn der Wind dazu durch den Schornstein
heulte und in die Schlssellcher pfiff, gab es einen Dreiklang, der
Einem htte das Haar zu Berge treiben knnen. Die Frau schauderte
auch in sich selbst zusammen, allein sie erwiderte kein Wort, und der
Justizrath, dem ihr Zucken nicht entging, fuhr fort:

Man kann nur gar nichts dagegen machen; nicht einmal polizeilich
verbieten darf ich es ihm, denn geistliche Lieder zu singen ist eben
nichts Strafbares, und da der Mensch so eine gellende Stimme hat,
lieber Gott, dafr kann er nichts; ich bezweifle sogar, da er es selber
wei. Uebrigens -- es ist ihm vielleicht in anderer Weise beizukommen,
denn seine Frau soll sich auch mit Kartenschlagen und allem mglichen
anderen aberglubischen Hocuspocus beschftigen, und wenn ich darin
einmal einen Halt dafr bekomme, dann wollen wir der Geschichte rasch
ein Ende machen.

Was war das? flsterte die Frau und fuhr wie erschreckt halb von ihrem
Sitz empor.

Was? -- das Klappern? sagte der Justizrath, wahrscheinlich hat wieder
Jemand die Hausthr unten aufgelassen und was nicht festgenagelt
ist, rasselt bei dem Sturm hin und her. Das wird eine vergngte Nacht
werden.

Es war mir als ob Jemand klopfe--

Nun jetzt kommt kein Besuch mehr, lachte der Mann, und wenn--

In dem Augenblick war es, als ob der Sturm seinen ganzen Angriff nur auf
diesen Punkt concentrirt htte. Mit einem wahren Wuthgeheul fuhr es den
Schornstein herunter, und ri drauen an den Fenstern. Zu gleicher Zeit
flog die Stubenthr auf und der kalte Zug strmte voll ins Zimmer, da
die Lampe hoch und dster aufflackerte.

Alle Wetter! rief der Justizrath, erschreckt zur Thr springend und
diese wieder schlieend, das wird denn doch beinah zu toll und das alte
Nest so windschief, da weder Fenster noch Thren lnger in ihren Fugen
bleiben. Wenn der Wirth das nicht sptestens bis zum Frhjahr aus dem
Grunde wieder herstellen lt, kndige ich ihm wirklich das Logis. Man
kann ja die Stuben auch fast gar nicht mehr erheizen.

Die Frau war, als die Thr aufflog, allerdings erschreckt
zusammengefahren, hatte sich aber nicht weiter gerhrt und sa jetzt
still und regungslos. Nur mit ihrem Blick strich sie langsam, als ob sie
irgend Jemandem mit den Augen folge, von der Thr fort, durchs Zimmer,
bis zu dem Stuhl am Ofen, auf dem er stier und fest haften blieb.

Ihr Mann hatte nicht gleich auf sie geachtet. Er zog die neben der
Thr befindliche Klingel, um das Dienstmdchen herbeizurufen und befahl
diesem dann nach der Hausthr hinunter zu sehen, wie auch den Hausmann
zu bitten, da er dieselbe heute Abend verschlossen halte. Man konnte es
ja wahrlich hier oben im Hause vor Zug nicht aushalten.

Darnach trat er in die Stube zurck, und es fiel ihm jetzt auf, da
seine Frau noch keine Silbe ber die Strung geuert hatte. Wie er sich
ihr aber zuwandte, konnte ihm auch unmglich der stiere, staunende
Blick entgehen, den Auguste noch immer unverwandt auf den einen Punkt
gerichtet hielt. Unwillkrlich sah er rasch dort hinber, es lie sich
aber nicht das geringste Auergewhnliche erkennen. Dort stand nur
ein leerer Stuhl, und darber hing ein alter Kupferstich, der eine
Prgelscene aus irgend einer hollndischen Dorfschenke darstellte.

Nun? sagte er endlich und jetzt selber erstaunt -- was hast Du nur?

Statt aller Antwort und ohne den Blick von dem festgehaltenen Punkt
zu nehmen, hob die junge Frau langsam den rechten Arm in die Hhe und
deutete mit dem Zeigefinger auf die Stelle.

Ja aber mein Kind-- wiederholte der Mann bestrzt, denn er konnte
sich das wunderliche Betragen der Frau nicht erklren -- ich begreife
noch immer nicht, was Du willst. Was ist denn dort, und weshalb deutest
Du auf den Stuhl und siehst so bestrtzt aus, als ob Dir ein Geist
erschienen wre?

Siehst Du ihn nicht? sagte die Frau leise, ohne ihre Stellung auch nur
um eines Haares Breite zu verndern.

Wen denn? rief Bertling halb rgerlich und halb erschreckt noch einmal
den Kopf nach der bezeichneten Richtung zu drehend.

Den fremden Mann, erwiderte die Frau, die Worte aber viel mehr
hauchend als sprechend, der dort auf dem Stuhl am Ofen sitzt.

Den fremden Mann? -- aber Kind, ich bitte Dich um Gotteswillen.

Sprich nicht so laut. Wenn er die Augen zu mir hebt, ist es immer, als
ob mir ein Messer durch die Seele ginge.

Aber wie sollte denn der hierher gekommen sein, lachte Bertling
gutmthig -- sei doch vernnftig.

Wie die Thr aufging, flsterte die Frau trat er herein, ging still
am Ofen vorber und setzte sich dort nieder -- aber siehst Du ihn denn
nicht?

Mein liebes Herz suchte sie der Justizrath zu beschwichtigen -- wenn
dort irgend Jemand auf dem Stuhle se, so mte ich ihn allerdings
auch sehen, nicht wahr? Aber ich sehe Nichts als den leeren Stuhl. Komm
Schatz, das ist wieder einer von Deinen hlichen Trumen -- schttle
ihn ab -- Nun? -- ist er noch da? setzte er lachend hinzu, als die Frau
wie warnend die Hand gegen ihn hob.

Pst! sei ruhig! sagte sie tonlos -- jetzt regt er sich. Er sieht Dich
an.

Bertling wurde es, dieser so bestimmt ausgesprochenen Ueberzeugung
gegenber, selber ein wenig unheimlich zu Muthe, wenn er auch recht
gut wute, da das Ganze weiter Nichts sein konnte als eines jener
verworrenen Traumbilder, von denen er gehofft hatte, da sie bei seiner
Frau nie mehr wiederkehren wrden. Mglicher Weise hatten aber hier
verschiedene Factoren zusammengewirkt, um den Geist der noch nicht
vollstndig Genesenen zu berreizen und krankhaft aufzuregen. Die
Abspannung nach der gestern durchschwrmten Nacht -- das heutige
Unwetter mit dem fatalen Klappern der Fenster und Thren, der heulende
Sturm, der da oben seine Gesangbuchverse abwimmernde Schuhmacher,
vielleicht ein flchtiges Unwohlsein mit in den Kauf; wer konnte denn
wissen wie das Alles auf sie eingewirkt hatte und es blieb deshalb
vor allen Dingen nthig, sie von der Nichtexistenz ihres Traumbildes
thatschlich zu berzeugen -- nachher beruhigte sich ihre
Einbildungskraft schon von selber.

Aber mein liebes Herz, sagte er endlich -- so mach' doch nur einmal
diesem hlichen Traum ein Ende------

Traum? rief aber jetzt die Frau ungeduldig, wenn auch immer noch mit
vorsichtig gedmpfter Stimme -- was Du nur mit Deinem Traum willst. Man
trumt doch nur wenn man schlft, doch schlafe ich jetzt oder schlfst
Du?

Aber ich selber sehe doch gar Nichts.

Nichts? Siehst Du denn nicht den kleinen grauen Mann dort neben dem
Ofen sitzen, wie er den rechten Arm auf der Stuhllehne liegen hat und
hier herber sieht? Was er nur will.--

Aber meine liebe Auguste so sei doch vernnftig, rief der Justizrath,
durch den Zustand wirklich bengstigt. So berzeuge Dich doch nur
selber.--

Qule mich nur nicht, bat die Frau -- von was soll ich mich denn
berzeugen? Sehe ich ihn denn nicht da sitzen? -- Da sie ihn nur
hereingelassen haben.

Nun gut, rief Bertling, der wohl einsah, da bloe Vernunftgrnde
nicht das Geringste fruchten wrden, dann will ich Dir =beweisen=,
da Du Dich irrst, und nachher wirst Du mir doch Recht geben. Sitzt er
=noch= da?

Die Frau nickte mit dem Kopf.

Schn, sagte Bertling, indem er entschlossen um den Tisch herum ging
und der bezeichneten Stelle zuschritt, dann wollen wir doch einmal
sehen wie er sich =jetzt= benimmt.

Der Blick der Frau haftete aber nicht mehr auf dem Stuhl, sondern hob
sich ein wenig und strich dann wieder langsam durch die Stube und zur
Thr zurck.

Nun sieh, sagte ihr Mann jetzt, indem er sich -- wenn auch mit
einem unbehaglichen Gefhl auf denselben Stuhl niederlie, auf dem das
Traumbild sitzen sollte -- Du wirst mir doch jetzt zugeben, da der
Stuhl vollkommen leer war, oder Dein grauer Herr mte mich sonst auf
dem Schoo haben. -- Nun? -- was siehst Du denn jetzt wieder nach der
Thr?

Ja er ist fort, lachte die Frau still vor sich hin. Wie Du nur um
den Tisch herumgingst, stand er auf, glitt wieder der Thr zu -- und
hinaus.

Aber die Thr ist ja noch fest zu. Er kann doch nicht--

Bertling hatte kaum Zeit zuzuspringen und seine Frau aufzufangen, denn
ihr gehobener Arm sank matt am Krper herab, und die ganze Gestalt
schien in sich selbst zusammenzubrechen. Sie konnte nicht ohnmchtig
sein, aber es war als ob nach der gehabten Aufregung eine vllige
Erschlaffung ihrer Glieder eintrte. Er hatte sie auch kaum aufgehoben
und auf das Sopha gelegt, als sie in einen festen Schlaf fiel.

Der aber dauerte nicht lange. Schon nach kaum einer Viertelstunde wachte
sie wieder auf und sah sich etwas verstrt im Zimmer um.

Hab ich mich denn hier zum Schlafen niedergelegt? sagte sie leise und
sinnend -- es mu ja schon spt sein.

Bertling hielt es fr das Beste, von dem stattgefundenen Anfall heute
Abend gar nichts zu erwhnen, da er nicht wissen konnte, wie es die
Leidende aufnehmen wrde. Wenn sie morgen wieder frisch und munter war,
wollte er es ihr erzhlen, und sie lachte dann wahrscheinlich selbst
darber.

Es ist halb zehn, mein Kind, sagte er, und Du bist mde von der
gestern durchschwrmten Nacht. Ich glaube es ist das Beste wir gehen zur
Ruhe.

Ja, sagte die Frau nach einer kleinen Pause, in der sie, wie
berlegend, vor sich niedersah -- ich mu wirklich hier eingeschlafen
sein, denn ich habe schon getrumt. -- Was einem doch dabei fr
wunderliche Dinge durch den Kopf ziehen. -- Ich werde lieber schlafen
gehen.


Zweites Capitel.

Die Kaffeegesellschaft.

Am nchsten Morgen schien Auguste die gestrige Erscheinung vollstndig
vergessen zu haben; sie erwhnte wenigstens kein Wort davon, und
Bertling hatte sich in der Nacht ebenso berlegt, die ganze Sache weiter
gar nicht zu berhren. Es wrde sie nur beunruhigt haben, und konnte
doch zu weiter nichts ntzen. Er htte freilich gern gewut, ob ihr jede
Erinnerung an die eingebildete Traumform verschwunden sei -- und fast
vermuthete er das Gegentheil, denn sie blieb an diesem Tag besonders
nachdenkend, hrte manchmal mitten in ihrer Arbeit auf und sah eine
Weile still vor sich nieder. Aber er mochte sie auch nicht fragen, denn
hatte sie es wirklich vergessen, so mute sie dadurch nur mitrauisch
gemacht werden.

Auch der Arzt, mit dem er darber sprach, rieth ihm in keinerlei Weise
auf jenen Zustand hinzudeuten. Solche Erscheinungen kmen -- wie
er meinte -- im geistigen Leben der Frauen gar nicht so selten vor,
stumpften sich aber, wenn man ihnen Ruhe liee, gewhnlich mit der Zeit
von selber ab. Das einzige wirksame Mittel dagegen sei Zerstreuung --
leichte, am besten humoristische Lectre, geselliger Verkehr etc. -- Sie
drfte nicht zuviel allein gelassen werden, dann wichen diese Zustnde
auch von selber wieder.

Bertling irrte sich brigens, wenn er glaubte, jene eingebildete
Erscheinung wre spurlos und vielleicht unbewut an seiner Frau
vorbergegangen. Unmittelbar nach ihrer halben Ohnmacht besann sie sich
allerdings nicht gleich darauf und schlief in ihrer damaligen Abspannung
auch bald ein. Aber selbst schon in der Nacht kam ihr die Erinnerung
des scheinbar Erlebten, und am nchsten Morgen, als das schon fast
verschwommene Bild wieder klarer und deutlicher vor ihre Seele trat,
malte sie sich die Einzelheiten mehr und mehr im Stillen aus, bis sie
auch die kleinsten, unbedeutendsten Umstnde wieder scharf und bestimmt
herausgefunden hatte. -- Aber sie erwhnte gegen ihren Gatten nichts
davon.

Einmal wollte sie ihn nicht ngstigen, weil er jenem Phantasiegebild
vielleicht zu viel Wichtigkeit beigelegt htte, und dann -- war
sie selber noch nicht einmal mit sich im Klaren, ob es wirklich ein
Phantasiegebild gewesen sei oder nicht. Sie frchtete auch den Spott
ihres Mannes, wenn sie ihm nur eine Andeutung gemacht htte, da sie
eine solche Erscheinung fr mglich halte, und grbelte dabei im Stillen
weiter ber das Geschehene.

In dieser Zeit, in welcher sie sich auch immer noch etwas angegriffen
fhlte, ging sie wenig aus und da ihr Mann durch eine Masse dringender
Geschfte ber Tag abgehalten wurde, ihr Gesellschaft zu leisten, las
sie viel -- jetzt aber am liebsten Bcher, die sich mit dem geistigen
Leben des Menschen beschftigten und oft Dinge besprachen, die ihr
in ihrem berdie aufgeregten und reizbaren Zustand weit besser fern
gehalten wren. So kam ihr auch das Buch der Seherin von Prevorst in die
Hnde, und gab ihrem, schon auerdem zum Uebernatrlichen neigenden
Sinn, nur noch mehr Nahrung.

Wenn es berhaupt auf Erden Menschen gab, die mit jener, von anderen
Sterblichen nur geahnten Welt in unmittelbarer Verbindung standen, die
mit ihren krperlichen Augen das sehen konnten was um sie her =bestand=,
whrend es der Masse verborgen und unsichtbar blieb, warum sollte sie
dann nicht auch zu diesen gehren knnen? -- warum sollte gerade das,
was sie deutlich und klar =geschaut= hatte, nur allein bei ihr eine
Tuschung der Sinne gewesen sein? Da aber etwas Aehnliches nicht allein
mglich, sondern schon wirklich an den verschiedensten Orten =geschehen=
sei, davon liefert ihr gerade die Seherin von Prevorst den sichersten
Beweis, denn das Buch brachte beglaubigte Thatsachen, und immer fester
wurzelte bei ihr die Ueberzeugung, da auch sie zu jenen bevorzugten
Wesen gehre.

Keineswegs erweckte aber dies, sich nach und nach bei ihr bildende
Bewutsein, ihre Furcht vor dem, was ihr etwa noch begegnen knne. Im
Gegentheil freute sie sich viel eher einer solchen Kraft, und beschlo
sogar mit ruhigem kalten Blut Alles zu prfen, was ihr in solcher Art an
bernatrlichen Gebilden auftauchen und sichtbar werden sollte.

Trotz dieser geistigen Strke, die sie gewonnen zu haben glaubte, litt
aber doch ihr Krper unter der fast gewaltsam hervorgerufenen Aufregung,
und wenn auch Bertling den wahren Grund nicht ahnte, konnte ihm doch
nicht entgehen, da seine Frau in der letzten Zeit sichtbar bleicher und
leidender geworden sei. Er schrieb das aber dem vielen Stuben sitzen
zu, und bat sie mehr an die frische Luft zu gehen und sich Bewegung
zu machen. Ja er drang sogar in sie -- was er sonst nie gethan -- ihre
verschiedenen Freundinnen einmal wieder aufzusuchen, und dann und wann
auch bei sich zu sehen, da er mit Recht von einer solchen Zerstreuung
wohlthtige Wirkung fr sie hoffte.

Auguste, wenn sie auch nicht das Bedrfni danach fhlte, beschlo doch
seinen Wunsch zu erfllen. Die langen Stunden, die sie daheim allein
sa, wurden ihr selber zuletzt drckend, und auerdem hatte sie ja
manche Bekannte, mit der sie recht gern verkehrte und wo sie wute, da
sie gern gesehen war.

Am Besten von Allen hatte sie stets mit einer Jugendfreundin, der
jetzigen Hofrthin =Janisch=, harmonirt; Pauline Janisch war eine
prchtige junge Frau, aufgeweckt dabei und lebenslustig, und da sie in
mssigen Stunden auch gern ein wenig schwrmte und ganz vorzglich
fr alles Uebersinnliche leicht empfnglich war -- ohne sich aber davon
beherrschen zu lassen -- fhlte sie sich zu dieser besonders hingezogen.

Pauline wohnte in der nmlichen Strae mit ihr; als sie dieselbe aber
heute aufsuchte, bewegte sie sich in dem zwar kleinen, doch gewhlten
Kreis einer Caffeegesellschaft, wo allerdings nichts Uebersinnliches
gesprochen wurde. Nur ber die allergebruchlichsten Themata solcher
Zusammenknfte fand eine Verhandlung statt, als da sind: Theater und
was dazu gehrt -- nmlich das Privatleben der Bhnenmitglieder --
Dienstboten-Noth, Sittengeschichte der Stadt mit Vorlage einzelner,
besonders hervorzuhebender Beispiele, und Klagen ber die Vergngungen
und Beschftigungen der Mnner =auer= dem Haus.

Erst das eintreffende Tageblatt gab der Unterhaltung -- nachdem man
zwei Verlobungsanzeigen und ein Heirathsgesuch grndlich betrachtet
und erschpft hatte -- eine andere Wendung, und zwar durch einen
wunderlichen Vorfall in der Stadt selber, der in dieser Nummer eine
Erwhnung fand.

Ein in der uersten Vorstadt gelegenes Haus nmlich, das frher einmal
zu einer Knopffabrik benutzt worden, jetzt aber schon seit mehreren
Jahren, durch das Scheitern des Unternehmens leer und verdet stand, war
vor Zeiten in den Ruf gekommen, da es dort umgehe, und man hatte sich
Monde lang die merkwrdigsten Geschichten davon erzhlt. Anderes kam
aber dazwischen, das ganze Gebude wurde auerdem nicht mehr benutzt,
und da Niemand darin wohnte, schlief auch das Gercht endlich ein, bis
der jetzige Eigenthmer vor ganz kurzer Zeit die ziemlich vom Wetter
mitgenommenen Baulichkeiten an einen Fremden verkaufte, der dort eine
Kammergarnspinnerei anlegen wollte.

Jetzt erinnerte man sich allerdings wieder lebhaft der frheren
Gerchte, die aber in den ersten Wochen auch nicht die geringste
Besttigung fanden. Der Fabrikant war mit zwlf oder sechszehn Arbeitern
dort eingezogen und die Leute, die grtentheils noch nicht einmal von
den Gerchten gehrt haben konnten, hatten die Nchte, die sie dort
zugebracht, vortrefflich und ungestrt geschlafen. -- Es dachte schon
Niemand mehr an die frheren Spuckgeschichten.

Da erzhlte man sich in der Stadt, smmtliche Arbeiter in der Fabrick
htten ihrem Brodherren den Dienst gekndigt. Es wurde dem anfangs
widersprochen, aber das Gercht fand immer festeren Boden bis denn das
Tageblatt heute die Nachricht ganz sicher besttigte. Es geschah das
durch die Aufforderung des Fabrikherrn, um neue Arbeiter herbeizurufen,
da sich die bisherigen, wie hier gedruckt stand, durch aberglubischen
Unsinn htten bewegen lassen, seinen Dienst zu quittiren.

Es blieb jetzt keinem Zweifel mehr unterworfen, da die bisherigen
Gerchte nicht gelogen haben konnten, sondern etwas Wahres an der Sache
sein msse und die Aufregung der kleinen Gesellschaft wurde noch erhht,
als sich pltzlich herausstellte, da sie selbst in ihrer Mitte ein
Individuum entdeckten, das ihnen von dem, jetzt jedes andere Interesse
verschlingenden Platz die genauesten und direktesten Nachrichten geben
konnte.

Es war das die Frau Prsident Cossel, eine schon ltliche Dame mit etwas
rother Nase, aber einem sehr entschieden energischen Zug um den Mund.
Die Dame hielt sich auch in der That nie bei Vermuthungen auf, sondern
sprach stets was sie wute oder nicht wute auf das aller Bestimmteste
aus. Widerspruch duldete sie nie und wenn man behauptet, da die Haare
den Charakter des Menschen darthun, so mochte das recht gut auch bei der
Frau Prsidentin ihre Besttigung finden, denn eben so starr und fest
gerollt wie die vier falschen Locken, die sie vorgebunden trug, war ihr
Gemth.

Es ist richtig -- ich wei es; es spukt drben, sagte sie, indem
sie ihre Tasse zum vierten Mal zum Fllen reichte, und ihre schnen
Zuhrerinnen zweifelten viel weniger an der, jetzt als unumstlich
festgestellten Thatsache, als da sie sich wunderten, wie die Frau
Prsidentin diesen doch sicher hchst interessanten Fall so lange still
bei sich getragen und wirklich erst auf uere Veranlassung von sich
gegeben habe.

Die Frau Prsidentin wohnte aber dem besagten Fabrikgebude schrg
gegenber, und konnte also, als allernchste Nachbarin desselben --
wenn irgend Jemand, Nheres darber wissen. Die Neugier der Damen war --
hierbei sehr verzeihlich -- auf das Hchste gespannt.

Es ist richtig! Ich wei es! Es spukt drben! -- Gegen die =Thatsache=
war Nichts mehr einzuwenden, und es blieb jetzt nur noch brig die
Einzelheiten derselben zu erfahren. Die Frau Prsidentin wute Alles.

Die ersten Nchte waren die neu eingezogenen Leute vollkommen
unbelstigt geblieben, nur zu bald aber brach pltzlich -- und natrlich
genau um Mitternacht -- ein donnerndes Getse im ganzen Hause los, da
den Insassen das Haar auf dem Kopfe strubte. Ketten klirrten ber die
Treppen, die Balken krachten, als ob furchtbare Gewichte darauf geworfen
wrden, die Thren schlugen auf und zu, die Fenster klapperten -- und
das bei sternenheller Nacht und todter Windstille -- und ein unheimlich
flackernder Schein zuckte aus einer Stube in die andere durch das ganze
Haus. Das Nmliche wiederholte sich in den folgenden Nchten, nur
mit der Zugabe, da den Schlafenden die Decken weggerissen wurden.
Allerdings glaubten die Leute anfangs an einen Schabernack, den ihnen
muthwillige Gesellen spielten, und um kein Aufsehen zu erregen, wurde
die Polizei heimlich von dem Unfug in Kenntni gesetzt und traf in einer
der Nchte kurz vor zwlf Uhr dort ein, um die Urheber auf frischer That
zu ertappen. Ja ihr Aufpassen half ihnen nichts, denn erwischen konnten
sie Niemand, whrend gerade ihnen am tollsten mitgespielt wurde. Es
schlug ihnen die Hte vom Kopf und die Stcke aus der Hand, und die
Leute verlieen -- wie die Frau Prsidentin behauptete -- in Entsetzen
das Haus.

Von =der= Nacht an waren die brigen Arbeiter aber auch nicht mehr zu
halten, und obgleich der Fabrikherr -- aus leicht zu errathenden Grnden
-- ein tiefes Stillschweigen ber alles Vorgefallene beobachtete, und
die Leute selber sich ebenfalls schienen das Wort gegeben zu haben,
nichts ber die Sache verlauten zu lassen, war doch das allein der wahre
Thatbestand.

Und woher es die Frau Prsidentin wute? -- wie die etwas muthwillige
Frau Hofrthin Janisch frug. -- Die Dame blitzte sie zwischen den Locken
hervor mit einem wahren Dolchblick an.

Woher ich das wei, Frau Hofrthin? wiederholte sie, und absichtlich
mit etwas gehobener Stimme -- ich denke, ich habe meine Quellen --
selbst wenn mein Mann nicht Prsident wre, Sie wissen doch wohl --
oder =sollten= es wenigstens wissen, da es zwischen Ehegatten kein
Amtsgeheimni giebt. -- Aber noch mehr, setzte sie pltzlich mit
geheimnivollem Ton hinzu, Sie wissen doch, da sich der junge Belldan
gestern Morgen um's Leben gebracht hat?

Ei gewi, sagte die Frau Kreisrthin Barthels, das ist ja
stadtbekannt. Er soll ein paar falsche Wechsel ausgestellt haben, und
wie ihn sein Vater aus dem Hause stoen wollte, ging er in das Holz und
scho sich eine Kugel durch den Kopf.

Bah, sagte die Frau Prsidentin mit einer wegwerfenden Bewegung und
ganz entschiedener Betonung der nchsten Worte, der junge Mensch hat
nie falsche Wechsel gemacht, aber aus Uebermuth die letzte Nacht in dem
Spukhaus geschlafen und darnach -- konnte er nicht lnger leben.

Was er dort gesehen hatte vermochte die Frau freilich selber nicht zu
sagen, aber schon die Andeutung war interressant genug, um eine weitere
Besprechung derselben auer Frage zu stellen und das Gesprch, einmal in
diese Bahn gelenkt, blieb nun natrlich in dem nmlichen Gleis und
ging von dem Spukhaus auf Gespenstergeschichten und Erscheinungen im
Allgemeinen ber.

Der Abend rckte dabei heran, aber die Gesellschaft protestirte von der
kleinen lebhaften Hofrthin dabei warm untersttzt, gegen die Forderung
der Prsidentin, Licht herbeizuschaffen. Es ging Nichts ber eine solche
Unterhaltung in der Dmmerung und als jetzt die Gaslaterne drauen auf
der Strae angezndet wurde, und ein ordentlich unheimliches Streiflicht
in das dstere Zimmer warf, rckten die Damen nur desto nher zusammen
und die Frau Kreisrthin behauptete, es gbe doch gar kein wonnigeres
Gefhl in der Welt, als wenn es Einen so ein Bischen gruselte.

Nur Auguste, Bertlings Frau, hatte bis jetzt keinen Antheil an dem
Gesprch genommen, als vielleicht hie oder da einmal eine Frage
einzuwerfen, aber deshalb mit nicht weniger Aufmerksamkeit den
verschiedenen Geschichten gelauscht, die bald von dieser bald von
jener Dame zum Besten gegeben wurden und natrlich alle mit jener
bersinnlichen Welt in Verbindung standen.

In Alburg wurde auch noch das Tischklopfen und die Geisterschrift
mit Hlfe einer besondern mit Bleistift verbundenen Vorrichtung
leidenschaftlich getrieben und viele Damen beschftigten sich heimlich
damit -- ffentlich durften sie es ja nicht, weil man das vollkommen
Nutzlose dieser Experimente lange eingesehen hatte, und die auslachte,
die es trotzdem noch ausbten. Eine Masse von Beispielen wurden
jetzt von entzifferten Briefen, von Zahlen, Nachrichten Entfernter,
Schutzgeistern und all derartigen Ergebnissen der Zauberkunst erwhnt,
dann sprang das Gesprch auf Ahnungen, Doppelgnger, Erscheinungen ber
und die Frau Prsidentin erklrte mit ihrer gewhnlichen Bestimmtheit --
was die Thatsache auer allen Zweifel stellte, -- da ihr erster Mann --
Gott habe ihn selig -- ihr zwei Mal schon erschienen sei: Das erste Mal
als sie sich wieder verlobt habe. -- Das zweite Mal bei -- einer andern
Gelegenheit -- sie sagte nicht welcher -- und beide Male in seinem
grauen Schlafrock mit rothem Futter und hellblauen Quasten wie der
Selige immer daheim gekleidet gewesen.

Auguste lehnte schweigend in ihrem Fauteuil, anscheinend theilnahmlos,
aber mit ihrem Geist in reger Thtigkeit, und vor ihrem innern Auge
stieg die Gestalt wieder empor, die sie an jenem Abend gesehen hatte. --
Aber sie erwhnte kein Wort davon; es war das ihr eigenes Geheimni, und
es kam ihr der Gedanke, als ob sie jenes Wesen erzrnen msse, wenn
sie sein Dasein einem andern Menschen verrathe. So ganz mit sich selber
beschftigte sie sich dabei, da sie ordentlich erschrak, als die
kleine Gesellschaft pltzlich aufbrach, um in ihre eigenen Wohnungen
zurckzukehren. Es war sieben Uhr und damit Zeit geworden daheim
den Herren Ehegatten das Abendbrot zu bereiten. Der =Caffee= hatte
berhaupt, durch solch Gesprch gewrzt, weit lnger gedauert, als das
sonst je der Fall gewesen.

Die lebhafte Scene des Ankleidens und Abschiednehmens verdrngte jetzt
auch bald all die dsteren Gedanken und Bilder, die den ganzen Abend
ber dem kleinen Kreis geschwebt. Es war Licht gebracht, und die Meisten
hatten schon lange den ganzen heraufbeschworenen Spuk vergessen, --
Auguste nicht.

Sie nahm Abschied von der Freundin und ging die wenigen Schritte nach
ihrer eigenen Wohnung, kaum etwas mehr als ber die Strae hinber, --
allein immer aber war ihr Geist noch mit jenem Traumbild beschftigt,
das ihr durch die Unterhaltung da drben wieder in ihrer ganzen Schrfe
vor der Seele stand.

Still und schweigend stieg sie die Stufen hinan -- die Vorsaalthr war
offen -- auf dem Vorsaal selbst brannte kein Licht, aber die Gasflamme
der Treppe warf ihren Schein durch das ber der Thr angebrachte
Fenster. Sie wute bestimmt, ihr Mann war jetzt zu Haus und in seiner
Stube, wo er gewhnlich bis zum Abendbrot allein arbeitete. Sie ging
durch ihr eigenes Zimmer nach seiner Thr, ffnete dieselbe, stand einen
Moment in sprachlosem Entsetzen auf der Schwelle und brach dann mit
einem halblautem Schrei und ehe ihr Gatte zuspringen und sie halten
konnte, bewutlos in sich zusammen.


Drittes Capitel.

Der unheimliche Besuch.

Der Justizrath war an dem Abend beschftigt gewesen, eingelaufene
Actenstcke durchzusehen und zu erledigen. Die Zeit verging ihm dabei so
rasch, da er die Abwesenheit seiner Frau -- die er berdies bei Freund
Janisch gut aufgehoben wute, gar nicht bemerkte.

Im Verlauf seiner Arbeit war er auch genthigt gewesen ein paar Briefe
zu schreiben, die noch vor sieben Uhr auf die Post muten. Er hatte das
Mdchen damit fortgeschickt und sa wieder ber seinen Papieren als es
drauen klingelte und er selber hingehen mute, um zu ffnen.

Drauen stand ein Fremder -- anstndig angezogen, ein kleiner
schmchtiger Mann in dunkler Kleidung, der mit dem Hute in der Hand sehr
bescheiden frug, ob er die Ehre habe den Herrn Justizrath Bertling zu
sprechen.

Mein Name ist Bertling, was steht zu Ihren Diensten?

Wrden Sie mir gestatten ein paar Worte allein an Sie zu richten?
frug der kleine Mann, wie schchtern, und seine weiten, glnzenden Augen
hafteten dabei fragend auf dem Justizrath.

Diesem war die Strung eben nicht besonders gelegen, aber der Fremde sah
so bescheiden und anspruchslos aus und seine Frage klang so dringend,
da er ihm die Bitte auch nicht abschlagen mochte.

Dann sein Sie so gut und kommen Sie mit in mein Zimmer, sagte der
Justizrath und ging seinem, etwas spten Besuch voran, ohne jedoch die
Vorsaalthr wieder zuschlieen.

Im Studierzimmer Bertlings brannte die Lampe etwas dster, aber doch
hell genug, um die Zge des Fremden ziemlich deutlich erkennen zu
knnen. Er hatte eine hohe Stirn, von der er das schwarze schon dnn
gewordene Haar zurckgestrichen trug, und ein paar groe sprechende
Augen, aber seine Zge sahen bleich und leidend aus; die Backenknochen
traten auffallend hervor und in dem ganzen Wesen des Mannes lag etwas
Scheues und Gedrcktes. Der Justizrath nthigte ihn durch eine
Bewegung mit der Hand auf das Sopha, aber der Fremde schien diese Ehre
abzulehnen, denn er lie sich auf dem nchsten Stuhl am Ofen nieder,
und zwar seitwrts, um dem Justizrath sein Gesicht zuzukehren und dabei
legte er den rechten Arm ber die Lehne des nmlichen Stuhles.

Bertling entging brigens nicht, da sich sein Besuch durch irgend etwas
gedrckt fhlte, und theils aus angeborener Gutmthigkeit, theils mit
dem Wunsch die unwillkommene Strung so viel als mglich abzukrzen,
sagte er freundlich:

Und mit was kann ich Ihnen dienen?

Der Fremde hatte noch keine Zeit zum Antworten gehabt, als nebenan eine
Thr ging und da Bertling, der recht gut wute, da das Mdchen kaum von
der Post zurck sein konnte, eben aufstehen wollte, um nachzusehen,
wer da wre, ffnete sich die Seitenthr -- seine Frau stand auf der
Schwelle, hob langsam den rechten Arm und brach dann, ohne weiter
ein Wort, eben nur einen halblauten Schrei ausstoend, besinnungslos
zusammen.

In tdtlichem Schreck sprang ihr Gatte zu, hob ihren Kopf auf sein Knie,
strich ihr in seiner Herzensangst die Stirn, rieb ihr die Schlfe und
rief sie mit allen Liebesnamen, um sie zum Leben zurckzubringen. Als
das aber Alles vergeblich blieb, hob er sie auf und trug sie auf ihr
eigenes Sopha im nchsten Zimmer und sprang dann zurck nach der Lampe.
Er wollte dabei den Fremden bitten, ihm sein Anliegen ein ander Mal
vorzutragen, aber der Stuhl war leer -- der Fremde fort -- er hatte
ihn gar nicht weggehen sehen, aber auch jetzt wahrlich keine Zeit, sich
weiter um ihn zu bekmmern. Er trug die Lampe hinber und rieb Stirn und
Schlfe seiner Frau mit Eau de Cologne.

Glcklicher Weise kam auch jetzt das Mdchen, das recht frisches Wasser
bringen mute, und nach wenigen Minuten schlug Auguste die Augen wieder
auf. Anfangs freilich schaute sie noch scheu und wie furchtsam umher,
als sie sich aber in ihrem eigenen Zimmer fand, beruhigte sie sich bald
und lehnte jetzt nur noch etwas bleich und erschpft im Sopha.

Aber ich bitte Dich um Gottes Willen, liebes Kind, was hattest Du denn
nur auf einmal frug jetzt Bertling durch diese pltzliche Ohnmacht
nicht wenig beunruhigt -- warst Du denn schon vorher unwohl?

Nein, sagte die Frau leise, mir fehlte gar nichts, aber -- als ich in
Dein Zimmer kam--

Ich habe heut Nachmittag sehr viel geraucht, ergnzte Bertling,
und der rasche Wechsel aus der frischen Luft in den Tabacksqualm hat
vielleicht den Unfall herbeigerufen.

Nein, wiederholte die Frau mit dem Kopf schttelnd, das -- das war
es nicht -- ich war vollkommen gesund -- an den Tabacksgeruch bin ich ja
auch gewhnt, aber -- als ich in Dein Zimmer trat sah ich--

Aber was denn mein ses liebes Herz, bat der Mann, so sprich doch
nur; Du ngstigt mich ja noch viel mehr durch Dein Schweigen. -- Was
sahst Du denn?

Denselben grauen Mann, hauchte die Frau mit kaum hrbarer Stimme
--den ich bei dem Sturm in Deinem Zimmer sah--

Aber liebes, liebes Kind, bat der Mann erschreckt und zugleich
beunruhigt, da seine Frau jenes Traumbild, wie er im Stillen gehofft,
nicht etwa vergessen habe, sondern noch voll und scharf im
Gedchtni trage -- sieh nur, was fr einen tollen Streich Dir Deine
Einbildungskraft gespielt hat. Das war ja doch kein Gespenst, was Du
gesehen, sondern ein Mensch von Fleisch und Blut, der kurz vor Dir zu
mir kam und mich zu sprechen wnschte.

So hast Du ihn diesmal auch gesehen? rief die Frau rasch und
erschreckt.

Gewi, lchelte Bertling, und er ist auch gar nicht wie ein Geist
eingetreten, sondern hat drauen geklingelt und ich habe ihm selber die
Vorsaalthr aufgemacht.

Und ist er =noch= bei Dir? rief die Frau, sich rasch im Sopha
aufrichtend.

Nein, lautete die Antwort -- wie Du ohnmchtig wurdest, mu er
fortgegangen sein, denn als ich nach der Lampe zurcksprang, war er
verschwunden.

Verschwunden?

Nun hoffentlich nicht in die Luft, lachte Bertling, aber doch etwas
verlegen, denn es fiel ihm jetzt auf einmal ein, da der Fremde in
seinem ganzen Wesen wirklich etwas Rthselhaftes gehabt habe, und
dabei merkwrdig rasch aus dem Zimmer gewesen sei. Wie =war= er nur
hinausgekommen, denn er erinnerte sich nicht gesehen oder gehrt zu
haben, da die Thr geffnet wurde, was ihm doch kaum htte entgehen
knnen -- er -- er wird fortgegangen sein, als er sah, da ich mich
nicht weiter mit ihm abgeben konnte.

Seine Frau erwiderte nichts darauf. Sie schaute eine ganze Weile sinnend
vor sich nieder, endlich sagte sie leise:

Er sa auf dem nmlichen Stuhl, auf dem ich ihn damals gesehen habe
-- genau so wie in jener Nacht, mit dem rechten Arm auf der Lehne --
er trug den nmlichen grauen Rock und sah eben so bleich aus und hatte
dieselben groen geisterhaften Augen.

Aber liebe, liebe Auguste bat der Mann, jetzt wirklich beunruhigt, so
gieb Dich doch nur nicht solch thrichten kindischen Gedanken hin, und
mische nicht eine wirklich menschliche, wahrscheinlich sehr unbedeutende
Persnlichkeit, mit Deinen Traumbildern zusammen. -- Uebrigens, setzte
er rasch hinzu -- mu ihm ja auch die Rieke auf der Treppe begegnet
sein, denn sie kam unmittelbar nach Dir -- Rieke! rief er dann zur Thr
hinaus -- Rieke!

Jawohl--

Kommen Sie einmal einen Augenblick herein.

Die Gerufene steckte den Kopf zur Thr herein.

Soll ich was?

Wie Sie vorhin zurckkamen, ist Ihnen da Niemand im Haus begegnet?

Doch, Herr Justizrath--

Nun siehst Du, liebes Kind -- und wie sah er aus?

Er! sagte die Kchin etwas erstaunt -- es war die Hebergern, dem
Schuhmacher seine Frau von oben, die noch einmal unten in den Laden
ging, um fr ihren Mann Branntewein zu holen. Der kriegt Abends immer
Durst, und sie trinkt dann auch mit.

Unsinn, brummte der Justizrath -- was geht mich die Frau an -- ich
will wissen, ob Sie im Haus keinem =Mann= begegnet sind?

Einem Mann?

Einem anstndig gekleideten Herrn in einem grauen oder dunklen Rock,
der hier oben bei mir war?

Ich habe Niemanden gesehen, sagte das Mdchen erstaunt mit dem
Kopf schttelnd und so lange ich hier oben bin, ist auch Niemand
fortgegangen, denn ich habe die Thr gleich hinter mir zugeriegelt und
die Kette vorgehangen.

Die Frau nickte leise vor sich hin, Bertling aber, rgerlich darber,
da er eine verfehlte Zeugenaussage veranlat, rief:

Nun, denn ist er =vorher= gegangen; die Rieke kann ihm auch eigentlich
gar nicht begegnet sein, denn er mu doch eine ganze Weile frher die
Stube verlassen haben. So viel bleibt sicher, in den Boden hinein ist
er nicht verschwunden -- gehen Sie nur wieder an Ihre Arbeit Rieke -- es
ist gut--.

Die Rieke zog sich an das Heiligthum ihres Heerdes zurck, griff dort
die Wassereimer auf und ging nach dem Brunnen hinunter, um frisches
Wasser zu holen. Unten im Haus begegnet ihr des Schusters Frau und das
Mdchen, mit dem eben bestandenen Examen noch im Kopf sagte zu dieser:

Haben =Sie= denn vorhin einen Mann gesehen, Hebergern, der von uns
herunterkam, wie Sie aus dem Haus gingen?

Ich? -- nein, sagte die Frau -- was fr einen Mann?

Ja ich wei es auch nicht, er soll einen grauen Rock angehabt haben.

Und was ist mit dem?

Gott wei es, brummte die Rieke -- er mu auf einmal weggewesen sein
und Niemand hat ihn fortgehen sehen, und jetzt glaub ich, ngstigt sich
die Frau darber und ist sogar ohnmchtig geworden. -- Na Nichs fr
ungut und damit schwenkte sie mit ihren Eimern zur Thr hinaus.

Der Justizrath ging indessen ein paar Mal im Zimmer auf und ab, aber er
dachte dabei nicht an den vollkommen gleichgltigen Fremden, sondern der
Zustand seiner Frau beunruhigte ihn immer ernsthafter. So reizbar und
erregt war sie noch nie gewesen, und whrend er geglaubt, da sie all
die alten Phantasieen lngst und fr immer vergessen htte, fhlte er
jetzt da sie dieselben grade im Gegentheil still bei sich getragen und
darber vielleicht die ganze Zeit gebrtet habe. Wie um Gottes Willen
konnte er ihr das nur aus dem Kopf bringen!

Es ist doch merkwrdig sagte die Frau endlich nach lngerer Pause,
da =zwei= Personen denselben Gegenstand gesehen haben sollten.

Gegenstand -- Thorheit! brummte aber der Justiz-Rath. Thu' mir den
einzigen Gefallen, liebes Kind, und sprich nicht von Gegenstnden, wo es
sich um eine einfache vollkommen gleichgltige Persnlichkeit handelt.
Gedulde Dich nur eine kurze Zeit, der Mensch kommt wahrscheinlich morgen
frh wieder zu mir, und dann erlaubst Du mir wohl, da ich ihn Dir
vorstellen darf--

Und bist Du wirklich berzeugt, da es ein =Mensch= war?

Aber Auguste--

Hast Du ihn berhrt?

Ich? -- hm ich kann mich nicht besinnen -- es war auch keine
Gelegenheit dazu da, denn einem fremden Menschen giebt man doch
nicht gleich die Hand -- aber er ist doch wie andere Sterbliche
hereingekommen.

Hat er sich selber die Thr aufgemacht?

Der Justizrath sann einen Augenblick nach -- Nein sagte er dann,
das konnte er nicht, sie war ja verschlossen -- aber er mu sie selber
wieder aufgemacht haben, um hinaus zu kommen; das wirst Du mir doch
zugeben.

Auguste war aufgestanden, ging auf den Justizrath zu, legte ihren
rechten Arm um seinen Nacken und ihr Haupt an seine Brust lehnend, sagte
sie leise und bittend:

Sei nur nicht bse, Theodor, sieh ich kann ja Nichts dafr; und ich
-- mir mchte das Herz selber darber brechen, aber -- ich fhle es
deutlich in mir, es ist eine Ahnung aus jener Welt, gegen die wir nicht
ankmpfen knnen, mag sich der Verstand auch dawider struben wie er
will. -- Wenn mir der =graue Mann= zum =dritten= Mal erscheint -- so
=sterb= ich.

Auguste, ich bitte Dich um Gottes Willen rief jetzt der Mann in
Todesangst, indem er sie fest an sich prete -- gieb nicht solchen
furchtbaren Gedanken Raum. Sieh Kind, man hat ja Beispiele, da Menschen
nur allein einer solchen fixen Idee erlegen sind, wenn sie sich erst
einmal in ihrem Geiste festgesetzt hatte. Erst war Trbsinn, dann
Schwermuth die Folge und im Krper nahm Schwche zu, je mehr jene Idee
im Hirn seine verderblichen Wurzeln schlug.

Aber Du sprichst immer von einer =Idee=, Theodor, sagte die Frau --
habe ich denn die Gestalt nicht zwei Mal deutlich gesehen, so deutlich,
wie ich Dich selber hier vor mir sehe?

Das zweite Mal, ja, das gebe ich zu, sagte der Mann in verzweifelter
Resignation, und jetzt nur bemht diese Phantasie durch Vernunftgrnde
zu bannen -- denn das unglckselige Menschenkind, das gerade in der
Zeit zu mir kommen mute -- und ich wollte, Gott verzeih mir die Snde,
er htte sonst was gethan -- sa wirklich da. Aber das erste Mal, liebes
gutes Herz =mut= Du mir doch zugeben, da es nur das Spiegelbild einer
Deiner Trume gewesen sein kann.

Die Frau antwortete nicht, schttelte aber nur leise und kaum merklich
mit dem Kopf.

Sieh, liebes Kind, fuhr Bertling, der die Bewegung an seiner Schulter
fhlte, fort: Du wirst mir doch zugeben, da ein Geist -- wenn wir
wirklich annehmen wollen, es =gbe= derartige Wesen, denen verstattet
sei auf der Erde herumzuwandern und Unheil anzustiften -- krperlos sein
mu, also nur ein Hauch, verdichtete Luft hchstens. Was aber keinen
Krper hat, kann man ja doch nicht sehen, wenigstens nicht mit =unseren=
Augen, die ja doch auch nur krperlich sind.

Ich antworte Dir darauf durch ein anderes Beispiel, sagte die Frau,
sich von seiner Schulter emporrichtend. Wir wissen doch, da die Sterne
am Himmel stehen, aber trotzdem sieht sie das Menschenauge am Tag nicht,
mag der Himmel so rein sein wie er will -- aber man hat Vorrichtungen
fr das Auge, wodurch man sie doch erkennen kann, und warum sollte nicht
das Auge einzelner Menschen so beschaffen sein, da sie einzelne Dinge
sehen knnen, die Anderen unsichtbar bleiben.

Aber die Sterne sind auch =Krper=, liebes Herz, und noch dazu ganz
respectable.

Du weichst mir aus, rief die Frau, und ich leugne, da unser Auge nur
allein fr =Krper= geschaffen ist. Der Schatten ist kein Krper und wir
sehen ihn doch.

Aber nur, wenn er auf einem Krper liegt, doch nie allein und
selbstndig in der Luft.

Ich habe auch jene Gestalt nicht frei in der Luft gesehen, sagte die
Frau, die fest entschlossen schien, den einmal gefaten Gedanken auch
festzuhalten, sondern vielleicht nur auf dem Hintergrund der Wand--

Du bringst mich noch zur Verzweiflung, Herz, mit Deinem Gespenst,
sagte Bertling, whrend ein tiefer Seufzer seine Brust hob -- wer Dir
nur in aller Welt die tollen Gedanken in den Kopf gesetzt haben kann.

Und nennst Du eine feste, innige Ueberzeugung mit diesem Namen,
Theodor?

Meine liebe Auguste, flehte der Mann dringend, miverstehe mich
nicht. Ich will Dir ja bei Gott nicht wehe thun, aber wie in aller Welt
soll ich Dich nur berzeugen, da -- da Du Dich wirklich und wahrhaftig
geirrt und ein krperliches Wesen mit einem geistigen in eine ganz
unglckselige Verbindung bringst? -- Aber das htte Alles nichts zu
sagen, Herz, denn von =diesem= Irrthum hoff' ich Dich mit der Zeit zu
berzeugen; nur =Das= beunruhigt mich, und noch dazu in der peinlichsten
Weise, da sich bei Dir eine -- ich wei gar nicht, wie ich es nennen
soll -- eine solche unglckselige Idee festgesetzt hat, die Du fr eine
Ahnung nahen Todes hltst. Wenn Du mich nur ein ganz klein wenig liebst,
so bekmpfe diesen Gedanken mit allen Krften, und von dem Uebrigen
frchte ich Nichts fr Dich. Willst Du mir das versprechen?

Aber lieber Theodor, fragte die Frau -- kann man denn eine
=Ueberzeugung= noch bekmpfen?

Der Mann seufzte recht aus voller Brust. Endlich sagte er:

Dagegen lt sich nicht streiten, und wir knnen nur hoffen, da der
liebe Gott noch Alles zum Besten wendet. Ich selber werde mir aber
jetzt die grte Mhe geben, um Dir den Patron, der mich heute Abend mit
seinem Besuch beehrte, als ein sehr krperliches Wesen vorzustellen, und
wenn ich erst einmal =eine= Flanke Deines Luftschlosses niedergerannt
habe, dann hoffe ich auch mit dem Uebrigen fertig zu werden. Bis dahin
bitte ich Dich nur um eins und das mut Du mir versprechen: Dich nicht
absichtlich trben Gedanken hinzugeben, sondern sie, so viel das nur
irgend in Deinen Krften steht, zu bewltigen -- das Uebrige findet sich
dann. Thust Du mir den Gefallen?

Von Herzen gern, sagte die Frau seufzend, ach Du weit ja nicht,
Theodor, wie furchtbar schmerzlich mir selber das Gefhl ist und ich
will ja gern Alles thun um es zu ersticken.

Dann wird auch noch Alles gut gehen, mein Kind, erwiderte mit
erleichtertem Herzen Bertling, indem er sie an sich zog und kte --
und nun gilt es vor allen Dingen, meinen flchtig gewordenen Besuch
aufzutreiben, und da mir die Polizei zu Gebote steht, hoffe ich, da das
nicht so schwer sein soll.

Ich frchte, Du wirst ihn nicht finden, sagte Auguste.

Das la =meine= Sorge sein, lchelte ihr Mann -- und nun wollen wir
Thee trinken.


Viertes Capitel.

Die Kartenschlgerin.

Bertling stand sonst nicht gern vor acht Uhr Morgens auf, und liebte
es seinen Caffee im Bett zu trinken. Er gehrte auch zu den ruhigen
Naturen, die sich durch kein Ereigni, durch keine Sorge den Nachtschlaf
rauben lassen, sondern Alles, was sie bedrcken oder qulen knnte, ber
Tag abmachen. Heute war er aber doch schon um sieben Uhr auf den Fen
und vollstndig angezogen, und ging jetzt selber aus, um vor allen
Dingen der Polizei eine genaue Personalbeschreibung seines gestrigen
Besuches zu geben, wie ebenfalls eine gute Belohnung auf dessen
Ausfindigmachung zu setzen. Natrlich durfte der Mann, wenn wirklich
gefunden, durch Nichts belstigt werden; nur seinen Namen und seine
Wohnung wollte er wissen, und ihn dann selber aufsuchen.

Die Polizei entwickelte auch eine ganz besondere Thtigkeit, denn zehn
Thaler waren nicht immer so leicht zu verdienen. Nach allen Seiten
breiteten sich ihre Diener aus und hatten auch in der That schon
den ersten Tag in den verschiedenen Revieren einige zwanzig Leute
aufgetrieben, die der gegebenen Beschreibung allenfalls entsprachen, den
Justizrath aber in nicht geringe Verlegenheit setzten. Er bekam nmlich
dadurch einige zwanzig Adressen von ihm vllig unbekannten Leuten, die
in den verschiedensten Theilen der Stadt smmtlich die 3te oder 4te
Etage zu bewohnen schienen und wohl oder bel mute er seine Wanderung
danach beginnen, denn zu sich citiren konnte er sie natrlich nicht.

Wie man sich denken kann, fand er auch die Hlfte von ihnen nicht einmal
beim ersten Besuch zu Haus, und wenn er sie fand, sah er sich wieder
und wieder getuscht, denn der =Rechte= war nicht unter ihnen. Vier Tage
lang aber setzte er mit unverdrossener Mhe seine Versuche fort, immer
aufs Neue getuscht, aber immer auf's Neue hoffend, da ihm der nchste
Name den Gesuchten vorfhren wrde.

Dabei hegte er noch immer den stillen Glauben, da der Mann, der an
jenem Abend jedenfalls etwas von ihm gewollt, vielleicht sogar von
selber wiederkehren wrde -- aber er sah sich darin ebenso getuscht,
wie in seinen eigenen Versuchen ihn aufzufinden. Der rthselhafte Mensch
schien wie in den Boden hinein verschwunden.

Am Meisten beunruhigte ihn dabei seine Frau. Sie wute recht gut, wen er
die ganzen Tage ber, mit Vernachlssigung aller seiner nothwendigsten
Geschfte, gesucht habe; nie aber, wenn er krperlich ermattet und
geistig abgespannt zum Mittags- oder Abendbrot heim kam, frug sie ihn
nach dem Resultat seiner heutigen Suche -- sie schien das schon vorher
zu wissen, sondern nickte nur immer still und schweigend mit dem Kopf,
als ob sie htte sagen wollen: Es ist ja natrlich -- wie kannst Du ein
Wesen in der Stadt finden wollen, das gar nicht auf der Erde krperlich
existirt -- und dem Justizrath war es dann jedesmal, als ob er wie ein
Maschinenwerk frisch aufgezogen wre, und die Zeit gar nicht erwarten
knne, in der er wieder anfinge zu laufen.

Er war heute Nachmittag aber erst um vier Uhr fortgegangen, weil einige
nothwendige Arbeiten erledigt werden =muten=, um sieben Uhr hatte er
auerdem eine Sitzung und seiner Frau gesagt, da er heute nicht vor
neun Uhr nach Hause kommen knne -- wre er aber im Stande sich frher
loszumachen, so thte er es sicher. Dann ging er jedoch zu Janisch
hinber und bat die junge Frau, ob sie heute Nachmittag nicht ein
wenig die Freundin besuchen knne. Sie sei heute so merkwrdig
niedergeschlagen, und da er durch nothwendige Geschfte abgehalten
wre, wrde es ihm eine groe Beruhigung sein, wenn sie ihr Gesellschaft
leisten wollte.

Die stets heitere und freundliche Hofrthin versprach das von Herzen
gern, ja meinte, sie htte es sich heute sogar schon selber vorgenommen
gehabt, Augusten aufzusuchen, da sie -- einen Scherz vorhabe bei dem sie
ihre Mitwirkung wnsche.

Sie sind ein Engel, sagte der Justizrath mit einer, an ihm ganz
ungewohnten Galanterie, denn durch die freundliche Zusage schien sich
ihm eine Last vom Herzen zu wlzen, und vollstndig versichert, da
seine Frau jetzt fr den Nachmittag und Abend Zerstreuung und also keine
Zeit habe, ihren trben Gedanken nachzuhngen, ging er mit Ernst und
gutem Willen auf's Neue an die undankbare Arbeit, eine unbestimmte
Persnlichkeit, von der er weder Namen, Stand noch Wohnung wute, in der
ziemlich weitlufigen Stadt aufzusuchen.

Die Hofrthin Janisch hielt indessen Wort; kaum eine halbe Stunde spter
war sie drben bei der Freundin und hatte ihr so viel zu erzhlen und
plauderte dabei so liebenswrdig, da Auguste das sonst so schwer auf
ihr lastende Gefhl endlich ganz vergessen zu haben schien. Bertling
wrde seine herzinnige Freude daran gehabt haben, wenn er sie in dieser
Zeit htte sehen knnen.

Indessen war die Dmmerung hereingebrochen. Eben aber wie Licht gebracht
werden sollte, sagte Pauline:

Hr einmal, liebes Herz, ich -- ich habe etwas vor, bei dem Du mir
helfen sollst -- willst Du? -- es ist nur ein Scherz.

Von Herzen gern, was ist es?

In Eurem Hause wohnt eine Frau -- nun wie heit sie doch gleich -- eine
Frau Heling oder--

Heberger? Das ist die Schuhmachers Frau, gleich ber uns. Meinst Du
die?

Ganz recht. Ihr Mann arbeitet fr uns und die Frau -- aber Du darfst
mich nicht auslachen, Schatz -- die Frau soll ganz vortrefflich Karten
schlagen knnen.

Auguste lchelte. Ich habe auch schon davon gehrt, nickte sie leise
vor sich hin, und der Mann hat dabei die komische Eigenschaft, da
er das fr eine Kunst des Teufels hlt, es der Frau aber doch nicht
verbietet, weil sie Geld damit verdient. Um aber das Unheil abzuwenden,
das dadurch auf ihn fallen knnte, singt er jedes Mal, so lange die
Frau mit solch unheiliger Beschftigung hantirt, im Nebenzimmer und mit
lauter Stimme geistliche Lieder, die in der Nhe schauerlich klingen
mssen, denn schon aus der oberen Etage herunter haben sie uns oft zur
Verzweiflung getrieben. Bei Gewittern macht er es ebenso.

Das stimmt Alles, lchelte Pauline, und jetzt wollte ich Dir nur
mittheilen, Schatz, da ich gesonnen bin, Dich diesen musikalischen
Ohrenschmaus ganz in der Nhe genieen zu lassen.

Mich, frug Auguste erstaunt -- was hast Du denn vor?

Nichts weniger lachte Pauline, als mir von Frau Heberger heute Abend
die Karten legen zu lassen und in dem dunklen Buche des Schicksals
zu lesen, whrend ihr Gatte durch ein paar passende oder unpassende
Gesangbuchverse die bsen Geister fern hlt.

Aber Pauline--

Und Du sollst mich begleiten, rief diese muthwillig -- ich will mich
nicht umsonst schon die ganze Woche darauf gefreut haben.

Auguste schttelte nachdenkend mit dem Kopf -- es war ihr nicht ganz
recht; die Aufforderung kam ihr aber auch so unerwartet und pltzlich,
da sie nicht gleich einen richtigen Grund wute, sie abzulehnen.

Man soll doch eigentlich nicht mit den Geheimnissen der Zukunft sein
Spiel treiben sagte sie endlich leise.

Aber Herzensschatz, lachte Pauline, Du glaubst doch nicht etwa,
da Frau Heberger, die den ganzen Tag ber Schuhe einfat, oder
ihrem Gatten den Pechdrath zu seiner Arbeit zurecht macht, Abends
eine wirkliche Sybille wrde und mehr von den Geheimnissen der Zukunft
errathen knnte, als wir anderen armen Sterblichen auch?

Wozu dann aber einen solchen Versuch machen?

Verstehst Du denn keinen Spa? lachte Pauline -- ich freue mich wie
ein Kind darauf, ihre geheimnivollen Zubereitungen zu sehen und die
Orakelsprche, whrend ihr Gatte den Teufel fern hlt, -- aus ihrem
Munde zu hren. So was erlebt man doch nicht alle Tage, und bequemer wie
wir es von hier aus haben, bekommt man es auch sobald nicht wieder.

Aber was sollen die Leute dazu sagen, wenn wir hinauf zu der Frau
gehen?

Und wer braucht es zu erfahren? -- Deine Rieke schickst Du ein paar
Wege in die Stadt, wobei sie immer so viel fr sich selber zu besorgen
hat, da sie doch vor einer Stunde nicht wieder kommt, und in der Hlfte
der Zeit haben wir unseren Besuch gemacht.

Und wenn die Frau selber darber plaudert?

Das thun derartige Leute nie, denn sie wissen, da sie sich dadurch
ihre ganze Kundschaft vertreiben wrden. Wo es aber ihren eigenen Nutzen
betrifft, sind solche Menschen klug genug. Thu mirs nur zu Gefallen,
Auguste; ich habe mich schon so lange darauf gefreut und kann doch nicht
gut allein hinauf gehen.

Wenn es mein Mann erfahren sollte, wrde er bse darber werden -- ich
kenne Bertling.

Lachen wird er, rief Pauline wenn wir ihm nachher die ganze
Geschichte erzhlen -- es giebt ja doch einen Hauptspa und Du darfst
ihn mir nicht verderben. Auerdem brauchst Du Dir ja auch gar Nichts
prophezeihen zu lassen, wenn Du irgend glaubst, da es Deinem Mann --
den ich brigens fr vernnftiger halte -- fatal sein knnte. Du gehst
nur als Ehrendame mit, setzest Dich ruhig auf einen Stuhl -- oder wenn
der nicht da sein sollte, auf einen Schusterschemel und hrst zu.

Auguste lchelte still vor sich hin, als sie sich das Bild im Geist
herauf beschwor, die muntere Freundin lie auch mit Bitten nicht nach,
und wute alle ihre Bedenken so geschickt und mit solchem Humor zu
beseitigen, da sie sich endlich nicht lnger weigern konnte und mochte,
und Pauline sprang jetzt, frhlich in die Hnde schlagend ordentlich wie
ein Kind, das ein neues Spielzeug bekommen hat, in der Stube herum.

Ein Auftrag fr Rieke, um diese zu entfernen, war bald gefunden und kaum
sahen sie das Mdchen ber die Strae gehen, als die beiden Frauen ihre
Tcher umhingen und in die dritte Etage hinanstiegen.

Nach der Frau Heberger aber brauchten sie nicht lange zu fragen, denn
gleich rechts von der Treppe war die enge, dunkle Kche, in der die Dame
eben beschftigt schien die Abendsuppe anzurichten. Eine gewhnliche
Kchenlampe verbreitete ein mattes trbes Licht in dem niederen, eben
nicht besonders sauber gehaltenen Raum, in den aber des Schusters Frau
ganz vortrefflich hineinpate und sich auch wohl darin zu fhlen schien.

Wie sie die leichten Schritte auf der Treppe hrte, nahm sie aber mit
der Rechten, whrend die Linke noch immer in der Suppe rhrte, die Lampe
auf und hielt sie ber den Kopf, um darunter hinweg besser erkennen zu
knnen, wer der fremde Besuch sei. -- Unerwartet kam er ihr ja berhaupt
nicht, denn es geschah gar nicht etwa so selten, da sie von den
verschiedensten Damen der Stadt und zwar von Damen =jeden= Ranges in der
Gesellschaft, gerade um diese Zeit des Abends, oder auch noch spter,
aufgesucht und mit ihrer Kunst in Anspruch genommen wurde -- und sie
verdiente mehr damit wie ihr Mann, trotz allem Flei, mit Ahle und
Draht.

Auguste schmte sich fast ein wenig des Besuchs und hielt sich noch
immer scheu zurck, ihre keckere Freundin aber, die berhaupt die
Leitung des Ganzen bernommen hatte, trat auf die Frau zu und wollte
eben ihr Anliegen vortragen, als die Kartenschlgerin sie jeder
Ansprache berhob, indem sie mit einer Hflichkeitsbewegung, die als ein
Mittelding zwischen Knix und Verbeugung gelten konnte, sagte:

Nun, da kommen Sie ja doch noch, Frau Hofrthin; habe Sie schon eine
halbe Stunde erwartet, und dachte beinah es wre etwas dazwischen
gekommen. Bitte treten Sie nher Frau Justizrthin -- freut mich ja
recht sehr, Sie auch einmal oben bei mir zu sehen.

Auguste erschrak beinahe, denn sie stand noch in dem halbdsteren
Vorsaal und zum Theil von der Freundin gedeckt, Pauline aber wandte ihr
halblachend den Kopf zu und sagte dann:

Schn, meine liebe Frau Heberger, da Sie uns erwartet haben; dann ist
wohl auch bei Ihnen Alles hergerichtet?

Alles, beste Frau Hofrthin, Alles, erwiderte aber Frau Heberger,
ohne sich auer Fassung bringen zu lassen. Das versteht sich doch aber
auch von selbst, wenn man so vornehmen Besuch erhofft; die Sthle sind
schon zum Tisch gerckt; habe weiter nichts drin zu thun, wie nur die
Lichter anzuznden.

Pauline wurde selber ein wenig stutzig, die Frau lie ihr aber keine
Zeit zu weiteren Fragen und nur mit den Worten: Erlauben Sie, da ich
vorangehe -- ffnete sie die Thr zur Werksttte, in welcher ihr Gatte
und ein Lehrjunge hinter ein paar erleuchteten Glaskugeln arbeiteten.

Der alte Heberger, eine kleine untersetzte Gestalt mit einer schwarzen,
Gott wei wie alten, fettglnzenden Mtze und eine Brille auf, kauerte
auf seinem Schemel und schaute, als sich die Thr ffnete, von seiner
Arbeit gar nicht auf. Mrrisch sah er vor sich nieder, und machte auch
nicht den geringsten Versuch selbst zu irgend einer Art von Gru. Der
Besuch galt nicht ihm, so viel wute er recht gut, weshalb also brauchte
er sich darum zu kmmern.

Auch selbst der Lehrjunge warf nur einen raschen und scheuen Blick nach
den Damen hinber, denn der gegenber sitzende Meister beobachtete ihn
ber die Brille weg dann und wann, und ein, auf dem offenen Gesangbuch
dicht neben ihm liegender Knieriem mochte wohl eine versuchte Neugier
von seiner Seite schon manchmal auf frischer That ertappt und bestraft
haben.

Es ist mglich, da das mrrische Temperament des Alten die einzige
Ursache dieser Gleichgltigkeit war, viel wahrscheinlicher aber, da er
es eher aus Rcksichten fr den Besuch selber unterlie, von diesem die
geringste Notiz zu nehmen, oder nehmen zu lassen, denn er wute recht
gut, da die Damen, die solcher Art bei Nacht und Nebel zu seiner Frau
kamen, nicht erkannt und am Liebsten gar nicht gesehen sein wollten
-- warum ihnen also nicht darin willfahren, da sie doch immer gut
bezahlten.

Die Frau bog indessen rasch zwischen einem Haufen der verschiedensten
Leisten und Lederstcke und dem Ofen hindurch nach der dort befindlichen
Thr, ffnete diese und entzndete zwei auf dem mit einer alten
verwaschenen Caffeeserviette bedeckten Tisch stehende Talglichter;
Auguste und Pauline waren ihr inde gefolgt, und ehe sie die Thr hinter
ihnen schlo, rief sie nur noch dem Lehrjungen zu, die Suppe fr den
Meister herein zu holen und drehte dann den Schlssel im Schlo um.

Pauline, whrend ihre Freundin kaum aufzuschauen wagte, sah sich
indessen in dem kleinen Gemach um, das allerdings nicht glnzend
genannt werden konnte, aber doch sehr zu seinem Vortheil gegen Kche und
Werksttte abstach.

Es war ein nicht sehr groes Gemach, das allem Anschein nach zum Wohn-
und Schlafzimmer der Eheleute diente. Zwei Betten standen -- Fu- und
Kopfende an der einen Wand, durch nichts als ein paar alte Decken von
buntem Kattun verhllt. An den Fenstern hingen aber Gardinen, ja standen
sogar zwei Blumentpfe mit den ersten Kindern des Frhlings, Primeln und
Hyacinthen, und an beiden Seiten des kleinen Spiegels, aus dem eine Ecke
fehlte, waren ein paar schauerliche Oelgemlde angebracht, die
jedenfalls Herrn und Madame Heberger im Sonntagsstaat -- vielleicht
als junge Eheleute darstellen sollten. Waren sie indessen mit der Zeit
so nachgedunkelt, oder verhllte die jetzige Dsterheit des Gemachs ihre
vielleicht sonst sichtbaren Umrisse: in diesem Augenblick lie sich auf
dem einen Bilde Nichts als die Contour eines Kopfes und ein riesiges
Jabot erkennen, whrend auf dem anderen nur die weit ausflgelnde Haube
der Frau und eine Hand sichtbar blieb, in der sie ein weies Taschentuch
emporhielt.

Unter dem Spiegel hingen noch ein paar Silhouetten in unkennbaren
Formen.

Da die Frau brigens auf einen Besuch vorbereitet gewesen, wenn sie
das berhaupt nicht jeden Abend war, zeigte in der That die ganze
Vorrichtung des Tisches neben dem fr die beiden Gste zwei gepolsterte
Sthle mit altmodischen hohen Lehnen standen und auf diese nthigte auch
die Frau Heberger ihren Besuch und sagte freundlich:

Setzen Sie sich, meine Damen, Sie brauchen mir gar Nichts vorher zu
sagen, ich wei schon ohnedies weshalb Sie hergekommen sind -- bitte
nehmen Sie Platz, und wir wollen dann gleich einmal versuchen ob ich
Ihnen helfen kann.

Und wissen Sie wirklich was ich Sie fragen will, Frau Heberger?
frug Pauline, die in dem Augenblick doch etwas von ihrer vorherigen
Ausgelassenheit verloren zu haben schien.

Warum sollt ich nicht, Frau Hofrthin, warum sollt ich nicht und wie
knnte ich mich unterfangen Zuknftiges voraus zu sagen, wenn ich nicht
das Vergangene und wirklich Geschehene wte--

Aber ich begreife nur nicht--

Lieber Gott sagte des Schusters Frau, mit einem frommen Blick nach
oben, wir begreifen Manches nicht auf dieser Welt, Frau Hofrthin, und
leben in unserer Unschuld so in den Tag hinein. -- Wenn man aber ein
Bischen tiefer sehen lernt, Frau Hofrthin, dann bekommt man eine andere
Meinung von der Sache -- Gottes Wege sind wunderbar.

Es war ordentlich als ob das das Stichwort fr ihren Gatten im
Nebenzimmer gewesen wre, denn in demselben Moment begann er mit seinem
schauerlich nselnden Ton, das gewhnliche Prservativmittel gegen den
bsen Feind und dessen Einwirkungen, irgend ein endloses Lied aus dem
Gesangbuch. Der wrdevolle Vortrag wurde aber heute leider durch etwas
gestrt; der Schuhmacher hatte nmlich noch keine Zeit bekommen, um
seine Suppe zu essen, und da er Beides mit einander zu verbinden
suchte, that dem Einen Eintrag und lie ihn das Andere nicht recht
genieen -- aber es mute eben gehen.

Die Frau, ohne auf den pltzlichen Gesangsausbruch auch nur im Mindesten
zu achten, holte indessen von dem kleinen Tisch unter dem Spiegel, auf
dem einige vergoldete Tassen, zwei blaue Glasvasen mit Schilfblthen
und ein paar grell bemalte Gypsfiguren standen, ein Spiel ziemlich oft
gebrauchter Karten, mit denen sie sich in einer Art von geschftsmiger
Eile auf einen hohen Rohrschemel setzte und dabei links und rechts auf
die Lehnsthle wie, um die Damen dadurch einzuladen Platz zu nehmen.

Pauline hatte im Stillen gehofft in dem Zimmer der Kartenprophetin eine
Menge wunderbarer und unheimlicher Dinge zu finden, die mit ihrer Kunst
in Verbindung standen -- einen schwarzen Kater z.B. der schnurrend
neben der Wahrsagerin sa und auf ihre Worte horchte -- dstere Tapeten
vielleicht und einen Todtenkopf von magischen Zeichen umgeben. Aber
von alledem zeigte sich nichts, denn der bunt gemalte Gipspapagei und
NapoleonI., die auf dem Tisch unter dem Spiegel standen und sich --
beide von einer Gre -- einander starr ansahen, konnten doch wahrlich
nicht als derartige Symbole gelten. Das ganze Zimmer zeigte berhaupt
Nichts, was nicht auch in der Wohnung jedes anderen Handwerkers zu
finden gewesen wre -- die Karten selber vielleicht ausgenommen.

Die Aufmerksamkeit der kleinen lebendigen Frau wurde aber bald
ausschlielich auf die Karten gelenkt, denn die Frau Heberger begann
jetzt in feierlicher Weise sie zu mischen, und dazu tnte der, nur
zeitweise von der Suppe unterbrochene Gesang des Schusters dazwischen
-- und wie laut die alte Schwarzwlder Uhr an der Wand da mit hinein
tickte.

Endlich war das Spiel gehrig vorbereitet und die Frau sagte pltzlich,
indem sie die Karten der rechts von ihr sitzenden Hofrthin zum Abheben
hinlegte:

Also Sie wollen vor allen Dingen wissen, meine verehrte Frau Hofrthin,
ob Sie etwas Gestohlenes wieder bekommen werden und -- wo der Dieb zu
suchen ist.

Das allerdings lchelte die kleine Frau -- aber es wird doch wohl
nthig sein zu sagen was es ist.

Das sehen wir ja aus den bunten Blttern erwiderte ruhig die
Kartenschlgerin.

In der That?

Die Frau antwortete nicht mehr; sie legte in der gewhnlichen Weise
ihre Karten auf den Tisch und whrend sie sich mit den gerade nicht
berreinlichen Fingern der rechten Hand das Kinn strich, betrachtete
sie die Kombination der verschiedenen Bltter mit leisem und prfendem
Kopfnicken.

Augustens und Paulinens Blicke hafteten jetzt wirklich mit Spannung auf
den Zgen der Alten, die aber ihre Gegenwart ganz vergessen zu haben
schien, wie sie selber auch in diesem Augenblick gar nicht mehr das
schauerliche Lied des Schuhmachers in der nchsten Stube hrten.

Endlich brach die Alte das Schweigen und sagte:

Jawohl -- ich hab es mir gleich gedacht -- das kann nur ein Hausdieb
sein -- aus dem Secretair heraus--

Hat sie Recht? frug Auguste nur mit einem Blick ber den Tisch hinber
die Freundin und diese nickte ihr halbverstohlen zu.

Nur ein Hausdieb -- aber er hat es schlau angefangen -- da die Treff
Sieben mit der Caro sechs, die den Coeur Buben in der Mitte haben ----
aber der Bube selber war es nicht, doch hat er es fortgetragen und es
wird nie wieder zum Vorschein kommen--

Ja aber beste Frau Heberger, sagte Pauline mit einem schelmischen
Blick auf die Knstlerin -- da es Jemand fortgetragen hat, wute ich
schon vorher, und jetzt mchte ich nur erfahren =wer=; dann ist es doch
vielleicht mglich dem gestohlenen Gegenstand auf die Spur zu kommen.

Nicht so leicht, sagte die Frau kopfschttelnd -- da liegt es, die
Caro zehn sagt es deutlich -- ein Corallen-Halsband mit goldenem
Schlo -- das ist leicht versteckt. -- Aber der Dieb hat seine Spuren
zurckgelassen -- da gehen sie Treff zwei, Pike zwei, Treff vier, Pike
vier, -- deutlich hin zu der Pike-Dame -- ich sehe ein Mdchen mit
grnem Band auf der Haube, die etwas in die Taschen steckt und dann
langsam die Strae hinunter geht.--

In den Karten?

Dort unten an der Ecke trifft sie mit dem Coeurbuben zusammen -- aber
den kann ich nicht deutlich erkennen, fuhr die Frau fort, ohne den
Einwurf zu beantworten. Er ist zu weit entfernt.

Also die Pike-Dame mit dem grnen Band auf der Haube, nickte Pauline
lchelnd, da wre schon eine ziemlich deutliche Spur gefunden, denn ich
kenne eine junge Dame, die ein grnes Band auf der Haube trgt. -- Wenn
wir nur den Coeur Buben ausfindig machen knnten, dem sie das Gestohlene
gegeben hat.

Das ist nicht so leicht, sagte die Kartenschlgerin, die ihre Bltter
indessen aufmerksam betrachtet hatte -- hier zieht sich eine lange
Linie von Treff und Pike zwischen ihm und Ihrer Karte durch, Frau
Hofrthin. -- Er kann nur durch die Pike-Dame mit dem grnen Band
ermittelt werden.

Der Wink ist deutlich genug, und ich werde ihn befolgen, lchelte die
Hofrthin -- herzlichen Dank Frau Heberger -- Sie haben mir gezeigt,
da Sie in Ihrer Kunst Meisterin sind und dabei drckte sie der
geschmeichelten Schusters Frau einen harten Thaler in die Hand.

Und soll ich Ihnen auch sagen, was Sie wissen mchten, Frau
Justizrthin? wandte sich die Kartenknstlerin jetzt an Auguste, die
ein wohl aufmerksamer, aber bis dahin doch theilnahmloser Zuschauer des
Ganzen gewesen war. Sie hatte dabei die ber den Tisch gelegten Karten
wieder zusammengerafft und fing von Neuem an zu mischen.

Ich danke Ihnen sehr, sagte aber Auguste, fast ngstlich, ich -- ich
habe meine Freundin nur begleitet.

Und doch liegt Ihnen etwas auf dem Herzen, Kind, was Sie um Alles in
der Welt davon herunter haben mchten, fuhr die Frau geschwtzig fort,
ohne sich irre machen zu lassen. -- Da heben Sie nur einmal ab, die
alte Hebergern wei oft mehr, als andere Leute zu glauben scheinen.

Augusten war es, als ob ihr Jemand einen Stich ins Herz gegeben. -- Oh,
wohl lag ihr etwas auf dem Herzen -- aber was wute die Frau davon --
was =konnte= sie davon wissen.

Heben Sie nur ab, Frau Justizrthin, drngte die Alte -- es ist ja
nichts Unrechtes, was man damit thut. -- Was wir vom Schicksal nicht
erfahren =sollen=, erfahren wir doch nicht, so viel Mhe wir uns auch
damit geben.

So thu ihr doch den Willen, lchelte Pauline -- oder soll ich fr
Dich abheben?

Nein, das mu die Frau Justizrthin selber thun, wandte aber die Frau
ein; sonst bekommen wir nachher Confusion. So ists recht -- danke Ihnen
Madamchen; nun wollen wir gleich einmal sehen, ob wir Ihnen nicht helfen
knnen und in der alten Weise die Karten auslegend, bedeckte Sie
mit ihnen den Tisch, schttelte dabei aber, wie ber die Reihenfolge
erstaunt, langsam mit dem Kopf.

Auguste hatte fast willenlos ihren Wunsch befolgt, aber das Herz schlug
ihr dabei so fieberhaft, die Brust war ihr so beengt, sie htte jetzt
Gott wei was darum gegeben, nur von hier fort zu sein.

Hm, hm, hm, hm murmelte da die Alte vor sich hin, indem sie die Karten
prfend betrachtete und immer strker dazu mit dem Kopf schttelte, das
ist ja eine ganz wunderliche Geschichte -- da geht Ihr Lebensfaden so
glatt durch das halbe Spiel, und da kommt auf einmal ein fremder Mann
mit einem grauen Rock dazwischen--.

Auguste wollte sich krampfhaft von ihrem Stuhl heben, aber sie vermochte
es nicht -- willenlos brach sie zurck; Pauline jedoch bemerkte zu ihrem
Schrecken, da Leichenblsse ihre Zge deckte, und sie kaum im Stande
war, sich noch aufrecht zu halten. Pauline behielt auch in der That nur
eben noch Zeit zuzuspringen und sie zu halten, sonst wre sie unfehlbar
von ihrem Stuhl herabgestrzt. Trotzdem wurde sie nicht ohnmchtig; es
schien nur als ob eine pltzliche Schwche ber sie gekommen sei und sie
bat mit leiser Stimme um ein Glas Wasser. Darnach fhlte sie sich
etwas gestrkt, aber jetzt bestand Pauline wieder darauf, da sie des
Schuhmachers Wohnung augenblicklich verlieen -- machte sie sich doch
lngst schon insgeheim Vorwrfe darber, die Freundin berredet zu
haben, sie hier herauf zu begleiten.

Fhlst Du Dich stark genug Herz, mit mir fortzugehen? frug sie leise,
indem sie ihren Arm um Augusten legte.

Ja, ja, rief diese rasch und heftig, indem sie sich ohne Hlfe
aufrichtete -- komm fort -- mir ist es als wenn ich hier sterben
mte.

Bitte leuchten Sie uns, bat Pauline, indem sie dabei Augusten umfat
hielt.

Aber beste Frau Hofrthin.

Wenn mir die Freundin hier krank wird, mache ich Sie dafr
verantwortlich, rief die kleine Frau heftig. -- Nehmen Sie Ihr Licht,
rasch!

Sie sprach das mit einem so befehlenden, ja drohenden Ton, da die bis
dahin noch so feierliche Frau Heberger ganz beweglich wurde. Sie
griff auch rasch ein Licht auf und whrend ihr Mann mit dem geleerten
Suppennapf neben sich, noch an den letzten Versen seines endlosen Liedes
brllte, schritten die beiden Damen durch die Werksttte. Aber erst
drauen auf der Treppe, als Auguste wieder freie und frische Luft
schpfte, athmete sie auf und schweigend stiegen die Freundinnen in die
untere Wohnung, wo sich die Justizrthin erschpft in einen Stuhl warf.

Aber lieber Herzensschatz, nahm hier Pauline das Wort, nachdem sie
sich vorher berzeugt hatte, da sie allein im Zimmer waren -- wie, um
Gottes Willen hat Dich das Gewsch der alten Kaffeeschwester auch nur
im Mindesten aufregen knnen. Du bist doch vernnftig genug an derlei
Unsinn nicht wirklich zu glauben.

Wir htten gar nicht hinauf gehen sollen, sagte Auguste leise -- ich
wute vorher wie es werden wrde.

Aber soll man sich denn nicht einmal derartige Dinge mit ansehen?
Ist es denn nicht interessant zu beobachten wie die Menschen einander
betrgen und wie sie betrogen sein wollen?

Aber hat sie Dir denn nicht von Deinem verlorenen Schmuck gesagt? Woher
konnte Sie das wissen?

Woher? lachte Pauline, als ob derartiges Volk nicht berall herum
spionirte, und mit ein klein wenig Mutterwitz begabt, leicht im Stande
wre, irgend etwas Glaubbares hinzustellen. Die Phantasie der Glubigen
trgt freiwillig dazu bei und der Ruf einer Prophetin ist fix und
fertig. -- Denkst Du nicht, da sie bei meinen Dienstboten schon herum
gehorcht hat, ja zehn gegen eins mchte ich wetten, da ein' oder die
andere Person schon bei ihr gewesen ist, um sich Raths zu erholen; aber
das will ich schon herausbekommen, verla Dich darauf.

Und die Frau mit der grnen Schleife?

Es geht allerdings eine Wscherin bei uns aus und ein, sagte die
Hofrthin, die eine grne Schleife auf der Haube trgt, und der wird
sie oft genug begegnet sein. Ich habe aber nicht den geringsten Grund
auf die in jeder Hinsicht achtbare Person irgend einen Verdacht zu
werfen. Jedenfalls hat sie auch nur ganz auf gut Glck hin die genannt,
eben so wie bei Dir den Mann im grauen Rock.

Nein, nein, rief aber Auguste rasch und heftig und warf den Blick
dabei scheu umher -- da liegt ein tieferes Geheimni zum Grunde und
=das= gerade drohte mir da oben die Besinnung zu rauben.

Es war so dumpf und hei in der Stube, da mir selber fast unwohl
geworden ist, sagte die Hofrthin.

Der graue Mann existirt, flsterte da Auguste und unerklrlich bleibt
es mir, wie sie davon wissen konnte, denn gegen keinen Menschen in der
Welt habe ich mich darber ausgesprochen, als gegen meinen Mann.

Pauline schttelte mit dem Kopf, endlich sagte sie:

Und darf ich wissen, was es damit zu bedeuten hat?

Ja, hauchte Auguste -- aber nicht heute -- nicht jetzt Pauline -- ich
bin schon berdies zu aufgeregt, und frchte, da -- da es noch mehr
der Fall sein wrde, wenn ich -- jene wunderliche Erscheinung frisch
herauf beschwren wollte. Morgen -- morgen frh, wenn die Sonne scheint
und alles licht und hell um uns ist -- nicht jetzt -- nicht jetzt.

Gut mein liebes Herz, sagte Pauline, die gar nicht daran dachte sie
jetzt zu drngen -- bis morgen kann ich Dir dann auch vielleicht
von mir Auskunft geben, wie weit die Prophezeihung der Schusters Frau
wirklich zutrifft und ob sie eben mehr wei wie andere Leute.

Auguste erwiderte nichts darauf: sie nickte nur schweigend mit dem Kopf
und Pauline fhlte, da sie ihr keinen greren Gefallen thun konnte,
als sie jetzt allein und ungestrt zu lassen. Sie nahm auch kurzen
Abschied von ihr und ging, sann aber unterwegs hin und her darber, was
der sonst so ruhigen Freundin geschehen sein msse, um sie in eine so
berreizte Stimmung zu versetzen, denn es war ja nicht mglich, da die
albernen Vermuthungen der Schusters Frau wirklich einen Einflu auf
sie ausgebt haben sollten. Doch das gedachte sie morgen Alles
herauszubekommen -- heute lie sich doch nichts mehr an der Sache thun.


Fnftes Capitel.

Die bse Nacht.

Als der Justizrath an diesem Abend um neun Uhr nach Hause kam, war seine
Frau schon zu Bett gegangen. Sie hatte, wie das Mdchen sagte, heftige
Kopfschmerzen gehabt und sich zeitig niedergelegt. Als Bertling hinber
ging, schlief Auguste und er trat noch in sein Arbeitszimmer, um die
heute eingelaufene Correspondenz zu lesen und zu beantworten -- hatte er
doch den ganzen Tag keine Zeit dazu gefunden.

Es war bald halb zwlf Uhr, ehe er selber sein Lager suchte und die Frau
schlief noch immer, aber unruhig. Sie schien zu trumen, hob den Arm
und ffnete die Lippen, sprach aber Nichts und lag gleich darauf wieder
still und ruhig. Sie hatte das in der letzten Zeit fter gethan, auch
wohl gesprochen, aber immer nur unzusammenhngende Worte, ohne sich
spter je eines Traumes bewut zu sein, und Bertling beunruhigte sich
also nicht weiter darber. Unwillkrlich fiel ihm aber doch wieder jener
wunderliche und so geheimnivoll verschwundene Besuch ein, den er
bis dahin vergeblich in der ganzen Stadt gesucht. War nicht die ganze
Polizei nach dem Mann im grauen Rock ausgewesen, ohne auch nur auf die
entfernteste Spur zu kommen? und schien es nicht fast, als ob er die
Stadt in gerade so rthselhafter Weise verlassen htte, wie damals
Bertlings eigenes Zimmer?

Mit den Gedanken suchte der Justizrath sein Lager und war bald, von den
vielen Arbeiten dieses Tages ermdet, sanft eingeschlafen. -- Seiner
Meinung nach konnte er aber kaum die Augen geschlossen haben, als er
seinen Namen rufen hrte:

Theodor! -- Theodor!

Noch schlaftrunken richtete er sich empor -- Weckst Du mich Auguste?
frug er.

Und Du kannst schlafen, sagte die Frau mit vorwurfsvollem aber weichem
Ton -- schlafen in der =letzten= Stunde, die wir noch beisammen sind?

Aber Auguste, sagte der Mann erschreckt und war in dem einen Moment
auch vollkommen munter geworden -- was hast Du nur -- was sprichst Du
da? Sicherlich hast Du getrumt -- ich bin ja bei Dir Herz, wache nur
ordentlich auf.

Ach ich war so glcklich, sagte da die Frau, mit einem Ton, der
ordentlich in seine Seele schnitt -- so glcklich die kurze Zeit mit
Dir -- und mu nun fort.

Bertling wute gar nicht wie er aus dem Bett kam, so rasch fuhr er in
seine Kleider und zndete dann ein Licht an.

Auguste lag, die Augen geschlossen, die Arme vor sich ausgestreckt, aber
die Hnde gefaltet, in ihrem Bett und groe helle Thrnen liefen ihr
ber die Wangen. Bertling aber hielt das immer noch fr einen einfachen,
schweren Traum, der ja augenblicklich weichen mute, so wie er sie nur
weckte.

Mein liebes Herz, sagte er, seinen Arm um ihre Schultern legend --
wach auf, Du trumst ja nur--

Und hast Du schon Jemanden gesehen, der mit offenen Augen trumt?
sagte sie, sich im Bett aufrichtend und ihn gro ansehend -- Trumst Du
denn jetzt?

Aber von was sprichst Du?

Sie antwortete ihm nicht gleich. -- Whrend er sich zu ihr auf die
Bettkante setzte, hatte sein Fu den Stuhl ein klein wenig verschoben
und sie schien dem Gerusch zu horchen.

Ich glaube sie kommen schon, flsterte sie scheu und fate seinen Arm
mit allen Krften.

Wer, mein Herz? wer? bat der Mann, der jetzt peinlich besorgt um die
Arme wurde, die wie er sich nicht mehr verhehlen konnte mit wachenden
Augen phantasirte. Wer soll denn jetzt mitten in der Nacht zu uns
kommen?

Mitten in der Nacht? -- ja es ist gerade zwlf Uhr vorbei, flsterte
sie -- das ist die Zeit, in der die schwarzen Mnner kommen und mich
abholen. -- Oh Gott, seufzte sie dabei -- und jetzt hat mich Alles
verlassen -- selbst Theodor ist fort und ich allein kann mich ja nicht
gegen sie wehren.

Aber beste Auguste rief Bertling bestrzt -- was sprichst Du nur --
ich bin ja bei Dir hier.

Fort -- fort -- wer bist Du? -- sagte sie und stie ihn mit beiden
Armen heftig von sich -- was willst Du hier -- und wie kommst Du hier
herein?

Aber ich bin es ja -- Dein Theodor -- kennst Du mich denn nicht?

Deine Stimme ist es -- ja, sagte die Frau, indem sie ihn ein paar
Momente ruhig und fest betrachtete -- aber das Gesicht kenne ich nicht
-- das ist mir fremd -- geh fort -- geh fort! und sie warf sich dabei
zurck und barg ihr Gesicht im Kissen. Dort lag sie still und regungslos
viele Minuten lang und Bertling wute nicht, was er beginnen sollte.
Vorsichtig legte er den Finger auf ihren Arm. -- Der Puls ging
vollkommen ruhig und eher langsamer als rascher wie gewhnlich. --
Vielleicht schlief sie jetzt ein; er wollte sie wenigstens unter keiner
Bedingung stren, setzte das Licht fort, da es ihr nicht auf die Augen
scheinen konnte und lie sich dann behutsam und geruschlos auf einem
Lehnstuhl nieder, um dort abzuwarten, ob sie noch einmal erwache.

So mochte er ber eine Stunde gesessen haben und dachte gerade daran,
das Licht auszulschen und selber wieder zu Bett zu gehen, als er die
Frau leise wimmern hrte.

Vorsichtig stand er auf -- sie lag noch genau so wie vorher, nur das
Gesicht hatte sie mehr nach oben gerichtet, damit sie frei athmen
konnte, aber beide Augen hielt sie mit den Hnden bedeckt und weinte
still und leise.

Auguste, sagte der Mann da, indem er wieder zu ihr trat, was hast Du
nur? -- Sage es mir -- ich bitte Dich darum.

Sie schien ihn nicht zu hren, aber ihr Weinen wurde heftiger und brach
endlich in nicht laute, doch deutliche Klagen aus.

Fort -- fort mu ich von hier, wo ich =so= glcklich war! wimmerte
sie. -- Ach nur so wenig Jahre durfte ich mit Theodor zusammen sein und
jetzt kommen die bsen schwarzen Mnner und wollen mich fortschleppen
und in die kalte hliche Erde legen. -- Oh was hab ich ihnen nur
gethan? -- Aber sie hassen mich hier -- Alle -- Keiner hat mich lieb --
Keiner -- und der Einzige, der mir gut war, Theodor, hat mich nun auch
verlassen.

Auguste, bat Bertling in Todesangst, Du brichst mir das Herz mit
solchen Reden. -- Ich bin ja hier -- bin bei Dir und werde Dich nie
verlassen. Dabei drckte er sie fest an sich und kte ihre Stirn aber
sie schien jetzt weder seine Worte zu hren, noch seine Berhrung zu
fhlen. Wieder lag sie viele Minuten lang still und regungslos, und
nur das schwere Athmen verrieth, da sie lebe -- endlich fuhr sie leise
fort:

Oh da Theodor von mir gegangen ist -- er war so lieb, so gut mit
mir -- und ich habe ihn so oft gekrnkt, aber es doch nie -- nie bse
gemeint. -- Er =mute= es doch wissen, wie ich ihn liebe -- und doch ist
er fort.

Aber ich bin ja bei Dir, Herz -- so hre doch nur! hier lege Deine Hand
auf mein Gesicht -- fhlst Du denn nicht, da ich bei Dir bin -- da ich
Dich nie verlassen werde?

Ja -- =Alle= haben mich verlassen, rief die Frau eintnig -- und
jetzt schleichen sich die schwarzen Mnner herein und tragen mich fort
-- und wenn dann Theodor zurckkommt -- wie er sich wundern wird, wenn
ich nicht mehr da bin! und wie traurig wird er sein, -- armer -- armer
Theodor.

Bertling war auer sich. Er fhlte, da alle seine Worte nichts halfen.
Die Unglckliche hrte in diesem eigenthmlichen Zustand weder was
er sagte, noch fhlte sie den um sie geschlagenen Arm und die heien
Thrnen, die auf ihr Antlitz fielen und sich mit den ihrigen mischten.

Wieder lag sie eine halbe Stunde etwa in einem solchen fast bewutlosen
Zustand und mit geschlossenen Augen. Das Licht brannte dster und
Bertling schritt leise zu der Lampe, um diese zu entznden. Er glaubte,
da vielleicht helleres Licht die aufgeregten Sinne eher beruhigen
wrde. Wie er die Glocke aber wieder aufsetzte, wobei ein leicht
klirrendes Gerusch nicht zu vermeiden war, richtete sich die Kranke
pltzlich rasch und erschreckt empor und horchte mit weit geffneten
Augen der Thr zu.

Was hast Du denn Auguste, -- Was horchst Du so nach der Thr? frug
ihr Mann um sie zu beschwichtigen. Sie verstand jetzt was er sagte, ja
schien ihn auch zu kennen und vergessen zu haben, da sie frher ber
seine Abwesenheit geklagt und scheu erwiderte sie:

Hrst Du denn nicht die Schritte auf der Treppe? -- sie kommen um
mich abzuholen und unten im Haus steht der graue Mann, der mich auch
erwartet. Oh ich wute ja, da sie noch kommen wrden, wenn es auch
schon zwlf Uhr vorbei ist.

Aber mein liebes ses Herz, bat Bertling, der sich schon dadurch
etwas beruhigt fhlte, da er doch jetzt mit ihr reden konnte. -- Zwlf
Uhr vorbei -- es ist schon fnf Uhr und die Sonne wird gleich aufgehen.
-- Er hoffte sie dadurch, da er sie glauben mache, es sei Morgen,
rascher zu beruhigen. Die Kranke aber schttelte unwillig mit dem Kopf
und rief:

Tusche mich nicht -- es fehlen nur noch ein paar Minuten an halb Zwei
-- sieh doch nach.--

Bertling sah unwillkrlich nach seiner Uhr und Auguste hatte vollkommen
recht. Sie wute genau, welche Zeit es war. Ehe er ihr aber noch etwas
erwidern konnte, nickte sie ernst und traurig mit dem Kopf und sagte:

Ja -- ja -- so mu es sein -- =Du= wirst jetzt oben wohnen und =ich=
unten -- und wir werden nie wieder zusammen kommen.

Aber, wo willst Du =unten= wohnen, mein Kind, lchelte der Mann, der
ihre Gedanken abzulenken suchte, -- das untere Logis hat ja der Doktor
Pellert gemiethet.

Wer spricht denn davon, sagte sie finster -- in der Erde, mein' ich
-- wenn sie mich begraben haben. Sie kommen ja gleich.

Aber meine Auguste!

Und ich war so glcklich fuhr sie leise, mit zum Herzen dringender
Stimme fort -- so unsagbar glcklich -- aber nur fr eine kurze --
kurze Zeit. Jetzt mu es sein und ich will mich auch nicht lnger
struben -- ich kann mich ja doch nicht gegen die vier schwarzen Mnner
wehren.

Und bin ich nicht hier Dich zu vertheidigen?

Was kannst =Du= gegen die =viere= ausrichten! erwiderte sie
kopfschttelnd, und sie sind stark -- =sehr= stark. Aber ich habe nicht
mehr viel Zeit -- hier den Ring nimm mir vom Finger -- den schwarzen
Ring -- den sollst Du Paulinen von mir geben.

Aber Auguste.

So nimm denn doch den Ring -- sie kommen ja, bat sie mit einer Stimme,
die ihm durch Mark und Bein schnitt und es blieb ihm Nichts brig, als
ihrem Wunsch zu willfahren und ihr den Ring abzunehmen; frchtete er
doch sie durch Widerspruch nur noch so viel mehr aufzureizen. Wie er
das aber gethan, strzten ihm selber die Thrnen aus den Augen und sie
umfassend jammerte er: Meine liebe -- liebe Auguste.

Lebe wohl Theodor, sagte sie da und schlang ihre Arme fest und fast
krampfhaft um seinen Nacken -- lebe wohl und tausend, tausend Dank fr
alles Liebe und Gute, das Du mir gethan.--

Aber Du gehst ja nicht von mir -- Du bleibst ja bei mir, nie -- nie im
Leben trennen wir uns mehr, flsterte der Mann in Todesangst.

Es mu ja sein, trstete sie ihn leise -- weine deshalb nicht -- oh
=Du= hast es ja auch gut -- =Du= kannst drauen im Sonnenlicht, auf der
schnen Erde bleiben -- aber mich -- mich legen sie in das dunkle kalte
Grab und ich bin noch so jung -- so jung und schon sterben -- oh es ist
recht, recht hart.

Auguste -- ich halte das nicht lnger aus, flehte der Mann, dem die
Aufregung fast den Athem nahm -- so komm doch nur zu Dir -- es ist ja
Alles nur ein bser Traum.

Unten auf der Strae rasselte in diesem Augenblick ein Wagen ber das
Pflaster; der Schall klang deutlich herauf.

Da sind sie, flsterte die Kranke erbebend -- oh Gott wie =schnell=
sie kommen -- wie furchtbar schnell. -- Jetzt mu ich fort -- oh Gott,
oh Gott schon jetzt. Nein ich will nicht -- sie sollen mich nicht weg
von Dir nehmen -- ich will bei Dir bleiben -- und krampfhaft klammerte
sie sich um seinen Hals.--

Du gehst auch nicht fort Herz -- nie im Leben lasse ich Dich, -- rief
Bertling, -- wir bleiben ja beisammen -- oh so komm doch zu Dir. --
Hier -- hier, sagte er und griff ein neben dem Bett stehendes Glas
Wasser auf, -- trink einmal Auguste -- das wird Dir gut thun -- trink
einen langen Zug -- viel -- mehr noch, mehr.

Er hatte sich fast gewaltsam von ihr losgemacht und ihr das Glas an die
Lippen gehalten. Wie sie das Wasser daran fhlte nahm sie einen kleinen
Schluck und als er es ihr wieder und wieder aufdrang, trank sie mehr,
bis sie das ganze Glas geleert. Dabei sah sie ihn mit einem wilden
verstrten Blick an.

Meine Auguste bat Bertling, ihr Haupt an sich pressend, ist Dir jetzt
besser? -- kannst Du Dich besinnen?

Sie drngte ihn langsam von sich -- sah ihn an -- blickte im Zimmer
umher und sagte leise:

Was ist denn mit mir vorgegangen?

Du hast getrumt Herz -- schwer und furchtbar getrumt rief ihr Gatte,
oh Gott sei ewig Dank, da es vorber ist.

Getrumt? -- von was? frug die Frau, die jetzt augenscheinlich ihre
volle Besinnung wieder erlangt hatte. Bertling htete sich aber wohl
irgend eines ihrer Traum-Bilder auch nur zu erwhnen und ausweichend
sagte er:

Oh nichts, Herz -- lauter tolles verworrenes Zeug; wild durch einander
hast Du gesprochen von Gesellschaften, Theater, Kleidern, Besuchen und
was wei ich.--

Sonderbar, flsterte die Frau nachdenkend vor sich hin ich kann mich
doch auf gar Nichts mehr besinnen. Aber mir ist mein Kopf so schwer --
so furchtbar schwer und die Augen brennen mir, als ob ich geweint htte.
Wie viel Uhr ist es?

Es wird bald zwei Uhr sein.

So spt schon und Du bist noch angezogen? -- Du hast wohl wieder so
lange gearbeitet?

Ja -- ich hatte so viele Briefe zu schreiben -- aber lege Dich jetzt
hin und schlafe. Ich will auch zu Bett gehen.

Oh wie mir mein Kopf brennt -- ich kann gar nicht mehr denken, sagte
die Frau und prete ihre Stirne mit beiden Hnden, -- am Ende werd ich
noch krank.

Mach Dir keine Sorge mein Herz, beruhigte sie aber der Mann, morgen
wird schon Alles wieder besser -- wieder ganz gut sein. -- Gute Nacht,
mein Kind.--

Gute Nacht, Theodor, sagte die Frau -- legte sich auf die Seite und
war auch in wenigen Minuten fest und sanft eingeschlafen.


Sechstes Capitel.

Die Begegnung.

Am nchsten Morgen, wo aber Auguste vllig gesund und mit keiner Ahnung
des Geschehenen, nur mit etwas Kopfschmerzen erwachte, ging Bertling in
aller Frh zu seinem Hausarzt, um diesem das Vorgefallene mitzutheilen.
Er hatte ihm schon frher einmal von der fixen Idee Augustens gesagt,
der Doctor nahm das aber damals -- vielleicht auch nur um den Mann nicht
zu beunruhigen -- auerordentlich leicht und versicherte ihn, da solche
Flle gar nicht etwa vereinzelt dastnden. Es sei ein Blutandrang
nach dem Kopf und viel Bewegung in freier Luft -- vielleicht auch eine
blutreinigende Kur das Beste dagegen. Keinesfalls sollte er sich Sorgen
deshalb machen. -- Heute jedoch, als der Arzt die Phantasien dieser
Nacht erfuhr, in denen der graue Mann auch wieder seine Rolle
gespielt, zeigte er sich schon bedenklicher und meinte, Gefahr sei nur
in so fern vorhanden, da die Phantasie der Kranken ihr noch einmal --
und also zu dem gefrchteten dritten Mal -- die Gestalt des Mannes im
grauen Rock vorspiegeln knne, ehe man im Stande sei sie zu berzeugen,
da die erste Erscheinung weiter Nichts als ein Phantasiebild, die
zweite aber ein wirklich menschliches Individuum gewesen sei -- wie das
aber zu thun, ohne da man des Grauen habhaft werde, vermge er nicht
abzusehen, und da der Graue nicht zu bekommen war, das wute der
Justizrath besser als irgend Jemand in der Stadt. Welche Mhe hatte er
sich deshalb nicht schon gegeben und welchen Erfolg damit erzielt? -- es
war wirklich zum Verzweifeln.

Der Doctor versprach brigens im Lauf des Vormittags bei der
Justizrthin vorzusprechen, um sich selber einmal von ihrem
Gesundheitszustand zu berzeugen. Vielleicht lie sich dann auch das
Gesprch -- natrlich mit der gehrigen Vorsicht -- auf das eigentliche
Krankheitsobjekt lenken und mglich, da ja doch die Vernunftgrnde
eines Dritten und vllig Unparteiischen irgend einen wohlthtigen
Einflu auf sie ausben konnten.

Bertling seufzte tief auf, denn er am Besten fhlte das Trgerische
einer solchen Hoffnung, aber was anderes lie sich thun und auch dieser
Versuch mute gemacht werden, wenn er auch nicht das Geringste davon
erhoffte. Er frchtete sich aber, lange von zu Haus fortzubleiben,
denn er wute nicht, wie sich Auguste heute morgen nach der furchtbaren
Aufregung der letzten Nacht befinden wrde. Er bat also den Doctor
seinen Besuch nicht zu lange zu verschieben und schritt dann sehr
niedergeschlagen und den Kopf voll trber, wirrer Gedanken die Strae
hinab, in der Richtung seiner eigenen Wohnung zu. Er achtete dabei auch
gar nicht auf die ihm Begegnenden und erst als Jemand an ihm vorber
ging, der ihn grte, fate er unwillkrlich an seinen eigenen Hut und
warf einen flchtigen Blick auf ihn, ohne sich jedoch in seinem Gang
aufzuhalten. Im Weiterschreiten fiel ihm aber der fast schchterne Gru
des vollkommen fremden Mannes auf -- wo hatte er nur das Gesicht -- wie
ein Messerstich traf es ihn pltzlich ins Herz -- =das war der Graue=
und mit dem Gedanken schon fuhr er auch herum und zurck, ihm nach --
da er dabei gegen eine alte wrdige Dame anrannte und sie beinah ber
den Haufen geworfen htte, fhlte er kaum, hielt sich wenigstens nicht
einmal lange genug, auch nur zu einer Entschuldigung auf, denn mit
peinigender Angst erfllte ihn in dem Moment der Gedanke, da ihm der
Fremde wieder wie damals, selbst unter den Hnden weg entschwinden
knnte. Wenn er jetzt irgendwo in ein Haus getreten wre -- wenn er die
nchste Quergasse erreicht htte -- nein -- Gott sei ewig Dank -- dort
ging er noch und mit wenigen hastigen Schritten war er an seiner Seite.

Der Fremde, als er Jemanden neben sich halten sah, schaute auch zu ihm
empor und der Justizrath htte laut aufjubeln mgen, als er in dem ihm
zugewandten Gesicht wirklich den Besuch von jenem Abend erkannte,
dessen Zge sich ihm in der Zwischenzeit oh, nur zu scharf und deutlich
eingeprgt. Er war aber auch fest entschlossen, den Mann jetzt nicht
wieder los zu lassen, bis er ihn seiner Frau gebracht, und wenn er nicht
gutwillig ging, ei dann htte er selbst die Polizei zu Hlfe gerufen,
sogar auf die Gefahr hin eine Klage wegen unverschuldeter Gefngnihaft
gegen sich anhngig gemacht zu sehen.

Der Fremde sah dabei etwas erstaunt, ja bestrzt zu ihm auf, denn
er ebenfalls hatte den Justizrath gleich beim ersten Begegnen wieder
erkannt und begriff jetzt natrlich nicht, was der Mann eigentlich von
ihm wolle. Dieser lie ihm aber nicht lange Zeit darber nachzudenken
und fast unwillkrlich die Hand auf seine Schulter legend (denn wenn
er es sich auch nicht selber gestehen mochte, war es doch ein fast
unbewutes Gefhl, das ihn leitete, sich vor allen Dingen zu berzeugen,
er habe es wirklich mit einem =krperlichen= Wesen zu thun), sagte er
freundlich:

Entschuldigen Sie, mein Herr, aber -- hatte ich nicht das Vergngen,
Sie vor einiger Zeit einmal Abends auf ganz kurze Zeit bei mir zu sehen?
-- Ich bin der Justizrath Bertling -- wenn Sie sich auf meine Person
nicht mehr besinnen sollten?

Der Mann schien etwas verlegen und sah den Justizrath fast wie scheu an;
endlich stotterte er:

Ich wei in der That nicht--

Ich will Ihrem Gedchtni zu Hlfe kommen, fuhr aber der Justizrath in
der neu erwachenden Angst fort, da der Mann leugnen knnte oder er sich
doch am Ende in der Person geirrt, meine Frau kam damals gerade nach
Haus und von einem leichten Unwohlsein ergriffen, wurde sie in der Thr
ohnmchtig. Sie besinnen sich gewi.

Herr -- Herr Justizrath, stammelte der Mann ich -- ich -- kann nicht
recht begreifen--

Bertling, der nicht ohne Grund frchtete, der Mann knne Bedenken
tragen, sein damaliges rasches, und allerdings etwas rtselhaftes
Verschwinden einzugestehen, denn wie konnte er wissen, in welchem
Zusammenhang das mit der jetzigen Frage stand -- suchte ihn nur vor
allen Dingen darber zu beruhigen. -- Lieber Herr, sagte er, Sie
mssen mir vorher die Bemerkung erlauben, da ich Ihre Antwort nur als
eine mir persnlich erwiesene Geflligkeit betrachte und ich sehe ein,
da es vorher nthig ist, Ihnen die Beweggrnde meines, Ihnen vielleicht
sonderbar erscheinenden Betragens mitzutheilen. Aber wir knnen das
nicht auf offener Strae abmachen, drfte ich Sie dehalb bitten mit
mir einen kurzen Moment in jenes Caffeehaus zu treten; wir sind dort
ungestrt und ich gebe Ihnen mein Wort, da Sie damit ein gutes Werk
thun.

Der Fremde war augenscheinlich in der grten Verlegenheit, wie denn
auch sein ganzes Wesen etwas Schchternes, ja Gedrcktes zeigte. Der
Einladung =konnte= er aber nicht gut ausweichen. Mit einer ziemlich
ungeschickten Verbeugung und ohne ein Wort zu erwidern, willigte er ein
und schritt neben dem Justiz-Rath dem Caffeehaus zu. Bertling lie ihn
auch dabei nicht aus den Augen, denn er hatte immer noch das unbestimmte
Gefhl, als ob ihm der eben so glcklich Aufgefundene durch einen der
Trottoirsteine, wie durch eine Versenkung auf dem Theater verschwinden
knnte, und wollte sich spter keine Vernachlssigung vorzuwerfen haben.

Im Restaurationslocal endlich angelangt, lie er zwei Tassen Caffee und
Cigarren bringen und als Beides vor ihnen stand und der Kellner sich mit
seiner Bezahlung zurckgezogen hatte, that Bertling das Vernnftigste,
was sich unter diesen Umstnden thun lie und erzhlte dem Fremden,
ohne vorher eine weitere Frage an ihn zu richten, das seltsame
Zusammentreffen eines Traumes seiner Frau mit seiner eignen Erscheinung,
wobei sein pltzliches und unbeachtetes Verschwinden natrlich alle die
berspannten Ideen der Kranken besttigen mute.

Der kleine Mann in dem dunklen Rock schien whrend dieses Berichtes
ordentlich aufzuthauen. Zuerst hatte er die angezndete Cigarre nur
schchtern und mit der uersten Spitze in den Mund genommen, da er
kaum daran ziehen konnte und seinen Caffee halb kalt werden lassen
-- jetzt begann er mit augenscheinlichem Behagen den Dampf des guten
Blattes einzuziehen und that auch einen Schluck aus seiner Tasse und als
der Justizrath ihm endlich gestand, da er die ganze Stadt schon habe
durch Polizei absuchen lassen, um seiner nur habhaft zu werden und seine
arme Frau von ihrem unglckseligen Wahne zu befreien, lchelte er sogar
still vor sich hin und leerte dabei seine Tasse bis zum letzten Tropfen.
Bei der nun wieder an ihn gerichteten Frage des Justizraths, ob er es
nicht gewesen sei, der ihn an jenem Abend besucht habe und zu welchem
Zweck, wurde er allerdings wieder ein wenig verlegen und sogar roth,
aber er leugnete nicht mehr und sagte:

Wenn Ihnen =das= eine Beruhigung gewhrt, Herr Justizrath, so kann ich
Ihnen gestehen, da ich wirklich an jenem Abend in Ihrer Stube war und
nur bedauere--

Kellner! Eine Flasche Wein -- von Ihrem Besten -- bringen Sie
Champagner! rief aber Bertling, der sich in diesem Augenblicke wirklich
Mhe geben mute, dem kleinen Mann nicht um den Hals zu fallen.

Aber Herr Justizrath--.

Thun Sie mir den einzigen Gefallen und trinken Sie ein Glas Wein mit
mir, rief aber dieser in grter Aufregung und, wenn Sie ein =Bad= von
Champagner haben wollten, ich verschaffte es Ihnen jetzt. Nun aber
sagen Sie mir auch, weshalb Sie so rasch verschwanden, mich nicht wieder
aufsuchten und wo Sie, vor allen Dingen, die ganze Zeit gesteckt haben,
denn kein einziger meiner Sprhunde konnte auch nur auf Ihre Fhrte
kommen.

Lieber Gott, sagte der kleine Mann mit einem schweren Seufzer -- die
Sache ist auerordentlich einfach und leicht erklrt, denn -- wenn ich
mich auch in einer gedrckten Lage befinde, habe ich doch nicht die
geringste Ursache mich derselben zu schmen, da sie mich ohne mein
Verschulden getroffen hat.

Darf ich es wissen? frug der Justizrath, whrend der Kellner Wein und
Glser auf den Tisch stellte -- vielleicht kann ich helfen.

Ich stamme aus Knigsberg erzhlte der kleine Mann, und hatte durch
Protection eine Anstellung als Lehrer in Mainz erhalten; dort ernhrte
ich mich aber nur kmmerlich, als ich die Nachricht erhielt, da in
meiner Vaterstadt ein guter Posten fr mich offen geworden und ich
dort an einem der ersten Gymnasien mit einem ganz vortrefflichen Gehalt
einrcken knne. Ich gab meine Stelle in Mainz auf und machte mich auf
den Weg. Schon seit lngerer Zeit aber krnkelnd, erfate mich hier
in Alburg ein heftiges Fieber, das eine Weiterreise unmglich machte.
Glcklicher Weise fand ich bei guten Menschen ein Unterkommen aber
meine kleine Baarschaft schmolz entsetzlich zusammen und kaum wieder
hergestellt, erfate mich die Angst, da ich, wenn ich nicht rechtzeitig
am Ort meiner Bestimmung eintreffen knnte, am Ende auch gar die
Anstellung verlieren und dann gnzlich brodlos sein wrde. Ich schrieb
nach Knigsberg, erhielt aber von dort nicht so rasche Antwort und in
meiner Herzensangst beschlo ich mich an =Sie=, Herr Justizrath, zu
wenden und Sie um ein Darlehn zu ersuchen, das ich Ihnen von meiner
Vaterstadt aus leicht zurckerstatten konnte.

Aber woher kannten Sie mich?

Nicht Sie, Herr Justizrath, aber Sie haben einen Bruder in Knigsberg,
bei dem ich ein Jahr Hauslehrer war und auf dessen Zeugni ich mich
mit gutem Gewissen berufen durfte. Wie aber der Unfall mit Ihrer Frau
Gemahlin stattfand, von dem ich keine Ahnung haben konnte, da ich
selber die unschuldige Ursache gewesen, da fhlte ich doch recht gut,
da das ein sehr schlecht gewhlter Moment sei, um ein Darlehn
zu erbitten und ich beschlo lieber am nchsten Morgen wieder
vorzusprechen. Wie ich Sie mit der ohnmchtigen Dame beschftigt sah,
verlie ich das Zimmer und ging nach Haus.

Aber warum kamen Sie nicht am nchsten Morgen?

Weil ich noch an dem nmlichen Abend einen Brief von Knigsberg
erhielt, worin mir angezeigt wurde, da es mit meinem Eintreffen dort
Zeit bis zum Ersten nchsten Monats habe. Jetzt war ich im Stande mir
mein Reisegeld vielleicht selber zu verdienen und brauchte Niemanden
weiter zu belstigen. Der Mann, bei dem ich die Zeit gewohnt, war
Copist, hatte aber in der letzten Zeit so viel drngende Arbeiten
erhalten, da er sich auer Stande sah, sie allein zu beendigen. Ich
bernahm einen Theil und da mir noch vierzehn Tage Zeit bleiben, so
hoffe ich bis dahin mein Reisegeld wenigstens zusammen gespart zu
haben.

Und wieviel brauchen Sie dazu? frug der Justizrath, der bis jetzt der
einfachen Erzhlung mit der gespanntesten Aufmerksamkeit gefolgt war,
ohne den Erzhlenden auch nur mit einer Sylbe zu unterbrechen. Nur
eingeschenkt und getrunken hatte er dazu und seinen Gast ebenfalls
stillschweigend durch Zuschieben des Glases genthigt.

Im Ganzen und mit dem, was ich hier noch zu zahlen habe, etwa 20
Thaler, aber 9 davon habe ich mir schon verdient -- oh ich bin sehr
fleiig gewesen die Zeit ber und in den langen Tagen gar nicht aus
meinem Zimmer, ja nicht ein einziges Mal an frische Luft gekommen. Nur
heute =mute= ich ausgehen und war eben im Begriff mir frisches Papier
zu holen, denn ich kann nicht gut einen Tag versumen.

Mein lieber Herr, sagte da der Justizrath, dagegen werde ich
Einspruch erheben. Ihren heutigen Tag mssen Sie mir widmen, aber Sie
sollen dadurch nicht zu Schaden kommen. Es gilt hier meine Frau zu
berzeugen, da sie sich durch einen Wahn, durch ein zuflliges Begegnen
hat tuschen lassen und wenn Sie mir dazu behilflich sein wollen, so
verfgen Sie ber meine Casse. Mit Vergngen steht Ihnen dann Alles
zu Diensten, was Sie zu Ihrer Reise und vielleicht noch fr sonstige
Ausrstung gebrauchen.

Herr Justizrath, stammelte der Mann.

Und glauben Sie um Gottes Willen nicht, setzte Bertling rasch hinzu,
da Sie mir dadurch zu irgend einem Dank verpflichtet wrden; nein
im Gegentheil, werde ich mich nachher noch immer als Ihren Schuldner
betrachten und sollten Sie je in Verlegenheit kommen, so bitte ich Sie,
sich vertrauensvoll an mich zu wenden.

Aber war ich nicht selber die Ursache dieses Unfalls?

Nein, versetzte der Justizrath -- in Ihnen reprsentirte sich nur die
frhere eingebildete Erscheinung und durch Sie hoffe ich deshalb meine
Frau nicht allein zu berzeugen, da ihre zweite Gespenstervision ein
Irrthum war, sondern sie wird, whrend sie hierin die Tuschung
erkennt, auch einsehen, da das =erste= Traumbild nur in ihrer Phantasie
gewurzelt haben konnte. Also wollen Sie sich mir heute zur Verfgung
stellen?

Von Herzen gern, sagte der kleine Mann, der durch den ungewohnten
Champagner seine ganze Schchternheit verloren zu haben schien.
Befehlen Sie ber mich und was in meinen Krften steht, will ich mit
Freuden thun, -- habe ich doch dadurch auch einen Theil dessen gut zu
machen, was ich, freilich vollkommen ahnungslos, selber ber Sie herauf
beschworen.

Gut, genehmigte Bertling, sich vergngt die Hnde reibend. -- So
kommen Sie denn jetzt mit zu meinem Arzt und dort wollen wir das Weitere
bereden, wie wir es am Besten anzufangen haben. Den Mittag sind Sie
ohnedies mein Gast, wenn wir vielleicht auch noch nicht bei mir zu
Hause diniren knnen. Vorher mu ich aber meine Frau jedenfalls auf Ihre
Begegnung vorbereitet haben.


Siebentes Capitel.

Schlu.

Der Doctor, eben im Begriff seine Patienten zu besuchen, war nicht
wenig erstaunt, den Justizrath mit dem erbeuteten und so lange ersehnten
Unruhestifter eintreffen zu sehen, nahm aber auch zu viel Interesse an
der Sache, um nicht seine eigenen, selbst sehr nothwendigen Gnge fr
kurze Zeit aufzuschieben und das Nhere mit dem Justizrath zu bereden.
Aufmerksam hrte er zunchst den kurzen Bericht an, der ihm ber das
Zusammentreffen gegeben wurde und die Frage war nur jetzt, wie Auguste
mit ihrem leibhaften Traumbild zusammen gebracht werden konnte, ohne ihr
einen neuen Schreck zu verursachen, der diesmal dauernde Folgen haben
konnte.

Das zeigte sich denn auch nicht so leicht und die Mnner berlegten
zusammen eine ganze Weile hin und her, wie es am zweckmigsten zu
arrangiren wre. Der Justizrath schlug vor, den grauen Mann gleich zum
Mittag-Essen mit nach Haus zu nehmen, um im hellen Sonnen-Licht
jeden Gedanken an den hlichen Spuck zu zerstren, -- aber dagegen
protestirte der Arzt.

Damit setzen Sie Alles auf eine Karte, rief er heftig aus, denn
Sie knnen gar nicht wissen, wie sich in dem Geist Ihrer Frau das Bild
dieser geglaubten Spukgestalt erhalten oder entwickelt hat; bringen
Sie ihr aber jetzt den Mann am hellen Tag, der dann natrlich mit einer
hflichen, alltglichen Verbeugung in's Zimmer tritt, so brgt uns kein
Mensch dafr, da sie ihn als denselben wieder erkennt, den sie in jener
=Nacht= gesehen und dann ist =Alles= verloren, denn nachher haben wir
=kein= Mittel weiter, ihr zu beweisen, da sie sich getuscht. Unser
Pulver ist verschossen und wir mssen der Natur und den Begebenheiten
eben ihren Lauf lassen, ohne im Stande zu sein, an irgend einer Stelle
hlfreich einzugreifen.

Aber was Anderes =knnen= wir thun? rief der Justizrath -- der
Gefahr, da sie ihn nicht wieder erkennt, sind wir ja doch immer
ausgesetzt.

Doch nicht immer, sagte der Doctor, der ein paar Minuten mit raschen
Schritten in seinem Zimmer auf- und abgegangen war -- ich glaube, ich
wei einen Ausweg.

Mein lieber Doctor--

Lassen Sie mich einmal sehen, fuhr dieser fort. -- Jetzt habe ich
keine Zeit, denn ich =mu= meine Patienten besuchen; vor Dunkelwerden
knnen wir aber auch gar nichts in der Sache thun, und bis dahin bin ich
in Ihrem Hause und bei Ihrer Frau. Bis dahin aber darf auch dieser Herr
Ihrer Frau nicht vor Augen kommen. Speisen Sie zusammen im Htel -- eine
Ausrede ist bald gefunden, machen Sie, was Sie wollen, aber bringen Sie
ihn nicht vor der Abenddmmerung in Ihr Haus.

Und dann?

Dann fhren Sie ihn heimlich, ohne da Ihre Frau etwas davon erfhrt,
in Ihr Zimmer, znden wie gewhnlich Ihre Lampe an, die auch ein wenig
dster brennen darf und lassen sich den Herrn dann auf den nmlichen
Stuhl setzen, auf dem er an jenem Abend gesessen hat und zwar genau in
der nmlichen Stellung, den rechten Arm ber der Lehne. -- Ich glaube,
Sie erwhnten das gegen mich.

Ja wohl.--

Schn. Sie selber kommen dann zu uns herber, oder geben mir ein
Zeichen da Alles bereit ist und berlassen das Andere mir. Wollen Sie
es so machen?

Bester Doctor, ich fge mich in Allem Ihrem Willen, sagte der
Justizrath, aber -- halten Sie es nicht fr mglich, da Auguste durch
die pltzliche Wiederholung der Erscheinung zum Tod erschrecken knnte?

Natrlich darf sie den Herrn da nicht unvorbereitet antreffen, rief
der Doctor -- doch Sie wollen das ja mir berlassen. Auerdem werde ich
noch vorher zu der kleinen Hofrthin Janisch gehen, sie in das Geheimni
einweihen und sie bitten uns zu untersttzen. Fr jetzt ersuche ich Sie
aber, mich zu entschuldigen, denn meine Zeit ist gemessen.

Und Sie vergessen nicht, noch vor Dunkelwerden zu mir zu kommen?

Ich vergesse nie etwas, sagte der Doctor, nahm seinen Hut und stieg
ohne Weiteres voran die Treppe hinunter.

Der Justizrath war jetzt ein wenig in Verlegenheit, was er mit seinem
Schutzbefohlenen oder eigentlich Gefangenen, bis zum Mittagsessen
anfangen solle, noch dazu da er auch gern einmal nach Haus gegangen wre
und ihn dorthin doch nicht mitnehmen konnte. Ueberlie er ihn aber bis
dahin sich selbst, so war er der Gefahr ausgesetzt, ihn nicht wieder zu
finden und das durfte er unter keiner Bedingung riskiren. Da blieb ihm
nur ein Ausweg, mit dem Fremden in dessen Behausung zu gehen, um sich
selber zu berzeugen, wo er wohne und wieder zu finden wre.

Das geschah denn auch und nachdem Bertling in einer vollkommen
abgelegenen Strae vier steile dunkle Treppen hinauf geklettert war,
konnte er mit einiger Ruhe seinen eigenen Geschften nachgehen. Er band
dem kleinen Mann aber noch einmal auf die Seele, das Haus um keinen
Preis zu verlassen, bis er selber zurckkme, was aber bald geschehen
wrde, da er ihn um ein Uhr zum Mittagessen abhole.

Seine Frau fand der Justizrath noch ziemlich abgemattet, aber doch
ruhig; sie hatte von dem, was sie die vorige Nacht mit wachenden Augen
getrumt, keine Ahnung und sie fhlte nur die Folgen der unnatrlichen
Aufregung, ohne sich dieser im Geringsten bewut zu sein.

Um ein Uhr oder etwas vorher, entschuldigte sich Bertling, da er mit
einem Geschftsfreund zu Mittag speisen msse, da sie Beide, auer der
Zeit, sehr beschftigt wren, und er Vielerlei mit ihm zu besprechen
htte -- zu sich htte er ihn aber heute nicht einladen mgen, da
Auguste doch noch so angegriffen sei.

Auguste dankte ihm dafr, denn sie befand sich in der That nicht in der
Stimmung einen fremden Besuch zu empfangen; sie fhlte sich auch nie
wohler, als wenn sie allein gelassen wurde und ihr Mann versprach ihr ja
auch auerdem noch vor Abend wieder zu Haus zu sein und dann heute ganz
bei ihr zu bleiben.

Sie a allein auf ihrem Zimmer und legte sich dann ein wenig auf das
Sopha, um auszuruhen; der Kopf that ihr weh und das Herz war ihr so
schwer, als ob irgend ein nahendes Unheil sie bedrohe. Sie fing auch
fast an, den dmmernden Abend zu frchten und bereute schon, Theodor
nicht gebeten zu haben, noch vor der Zeit zurck zu kehren. -- Aber
sie durfte auch nicht so kindisch sein. Wenn er seine Geschfte besorgt
hatte, kam er ja ohnedies schon immer von selber nach Hause.

Sie sollte aber ihren Nachmittag heute nicht allein verbringen, denn
etwa um fnf Uhr kam Pauline herber. Wenn diese aber auch lachend
das Zimmer der Freundin betrat, erschrak sie doch sichtlich ber deren
bleiches Aussehen, ber ihre tiefliegenden Augen und den schmerzlichen
Zug um den Mund. Auf ihre theilnehmenden Fragen gab ihr Auguste aber nur
ausweichende Antworten; sie scheute sich selbst der Freundin gegenber
das einzugestehen, was ihr die Brust beengte und ihr Herz mit einer wohl
unbestimmten, aber nichts desto weniger peinigenden Angst erfllte und
Pauline, die das herausfhlte, war freundlich genug, auf ihren Wunsch
einzugehen. Ihr lag aber jetzt besonders daran, die Freundin zu
zerstreuen, und ohne da Auguste es merkte, wute sie das Gesprch auf
das Abenteuer mit der Kartenschlgerin zu bringen. Nicht mit Unrecht
glaubte sie, da jene Aufregung wesentlich dazu beigetragen hatte, sie
niederzudrcken, und war das wirklich der Fall, so kannte sie ein Mittel
sie wieder aufzurichten.

Denke Dir nur Schatz, lachte sie, ganz wieder in ihrer, alten
frhlichen Laune, ich bin jetzt unserer Kartenschlgerin auf die Spur
gekommen.

Auf die Spur? -- wie so?

Oder ich habe wenigstens einen Beweis erhalten, was es mit ihrer Kunst
fr eine Bewandni hat.

In der That? -- aber durch was? frug Auguste gespannt.

Du erinnerst Dich doch, fuhr Pauline fort, da ich bei ihr anfragen
wollte, wo ein mir gestohlenes Corallen-Halsband hingekommen sei und
wo ich den Dieb zu suchen htte. Sie lie mich aber die Frage gar
nicht stellen, denn jedenfalls hatte sie am Brunnen von unseren Mgden
erfahren, da ich das Halsband vermisse. In den letzten drei Tagen war
auch wirklich bei uns von nichts Anderem gesprochen worden, und meine
Kchin, wie ich es mir gedacht, schon bei der Alten gewesen, um sie um
Rath zu fragen.

Also wirklich, sagte Auguste.

Du weit auch, da sie meinen Verdacht auf irgend eine Dame mit grnen
Haubenbndern lenken wollte.

Allerdings -- hatte sie sich geirrt?

Das Komische bei der Sache ist das, lachte Pauline, da gar Niemand
das Halsband gestohlen hat, sondern da ich es heute morgen selber
in einer kleinen Schieblade meines Secretairs fand, wohinein ich es
neulich, wahrscheinlich in groer Zerstreutheit gelegt.

Es war gar nicht gestohlen?

Gott bewahre, folglich konnte die Dame mit den grnen Haubenbndern
auch nicht der Dieb sein. Jetzt hab' ich der Sache aber nher
nachgeforscht und von meinen Leuten erfahren, da die alte Frau
Heberger eine ganz besondere Wuth auf meine Wscherin hat, weil
diese sie irgend einmal, wer wei aus welchem Grund, ich glaube wegen
Verleumdung, verklagt hat, und die Alte fnf Thaler Strafe zahlen mute.
Die Schusters-Frau scheint eine ganz durchtriebene Person zu sein und
ich glaube, es ist sehr unnthig, da ihr liebenswrdiger Gatte,
whrend sie ihre =Kunst= ausbt, geistliche Lieder singt, um den Teufel
fernzuhalten, es scheint Alles sehr natrlich zuzugehen.--

Aber woher wute sie-- wollte Auguste fragen, brach aber rasch und
pltzlich mitten darin ab.

Was, mein Herz? frug Pauline -- etwa das, was sie Dir von einem
=grauen Mann= sagte? Das wolltest Du mir ja heute erzhlen und ich bin
fest berzeugt, wir kommen der Sache ebenfalls auf die Spur. -- Sieh
mein Herz, mit all den Geistergeschichten luft es ja doch jedesmal auf
blinden Lrm hinaus, denn auch das was uns die Frau Prsidentin damals
als =Thatsache= von der Kammgarnspinnerei erzhlte, hat sich als ein
einfacher Betrug herausgestellt.

Als Betrug?

Gewi und gestern Abend haben sie die Thter erwischt. Aber nun erzhle
mir auch, was =Dich= drckt.

Auguste zgerte noch, aber sie hatte der Freundin einmal versprochen,
ihr das Geheimni mitzutheilen und es that ihr selber wohl, irgend
Jemand zu haben, dem sie ihr Herz vollkommen ausschtten konnte. So
erzhlte sie denn auch jetzt, whrend der Abend schon wieder zu grauen
begann, von der ersten Erscheinung, die sie in ihres Mannes Zimmer
gehabt und wollte eben zu dem zweiten Begegnen mit dem unheimlichen
Wesen bergehen, als sie laute Stimmen auf dem Vorsaal hrten.

Die Frau Justizrthin zu Haus? -- Es war des Doctors Stimme, die Magd
erwiderte etwas darauf und gleich darauf klopfte es an die Thr.

Es war der Arzt, der seine Patientin zu besuchen kam. Er freute sich
brigens sie so wohl und munter zu finden und meinte, nach ein paar
hingeworfenen Fragen: -- Aber wie mir scheint, habe ich die Damen in
einer wichtigen Unterhaltung gestrt -- thut mir leid, aber wir Aerzte
kommen oft ungelegen.

In einer Unterhaltung, sagte da Pauline, die auch =Sie= angeht,
lieber Doctor, denn sie betrifft Augustens Krankheit ebenfalls mit --
bitte, erzhle weiter, liebes Herz.

Aber Pauline, sagte die Frau erschreckt, das ist nicht Recht. Das was
ich Dir erzhlte, war nur fr =Dich= bestimmt.

Aber mein gutes Kind, sagte die junge Frau wenn ich nicht sehr irre,
so hat gerade diese Phantasie auf Dein krperliches Befinden den grten
und zwar nachtheiligsten Einflu ausgebt, und wie kann Dich ein
Arzt wieder herstellen, wenn er nicht die =Ursache= Deiner Krankheit
erfhrt.

Ich danke Ihnen, Frau Hofrthin, da Sie mir da beistehen, sagte der
Doctor und bitte Sie nun selber, beste Frau, mir nichts vorzuenthalten.
Auerdem wissen Sie, wie ich Ihnen und Ihrem Mann zugethan bin und schon
als =Freund= des Hauses, als der ich mich doch betrachten darf, ersuche
ich Sie dringend mir Alles mitzutheilen.

Die Justizrthin strubte sich noch ein wenig, aber es half ihr Nichts;
der Doctor versicherte sie dabei, da ihr eigener Mann ihm schon einen
Theil vertraut habe, er wisse also doch einmal, um was es sich handele
und solcher Art gedrngt, erzhlte Auguste denn das zweite, rthselhafte
Begegnen jener Erscheinung, ja verhehlte sogar nicht, da sie von einer
Wiederholung derselben das Schlimmste frchte.

Der Doctor hatte ihr schweigend zugehrt -- drauen wurde wieder eine
Thr geffnet und sein scharfes Ohr vernahm leise Schritte im Vorsaal.
Er wute, der Justiz-Rath war mit dem Mann im grauen Rock eingetroffen.
Der Abend brach dabei immer mehr herein und der Doctor bat, da man die
Lampe anznden mge, da eben die Dmmerstunden die besten Hlfsgenossen
solcher Phantasien seien. Pauline fgte jetzt auch noch die Geschichte
der Kartenschlgerin hinzu, zu der der Doctor nur lchelnd den Kopf
schttelte; endlich aber sagte er:

Also, Sie frchten eine =dritte= Erscheinung, liebe Frau Justizrthin,
weil Sie durch die zweite die Besttigung der ersten erhalten haben?

Ja, hauchte die Frau.

Sie wrden auch -- fuhr der Doktor fort, wie Sie mir ja selber
gestanden haben, ohne die zweite geneigt gewesen sein, die erste als
eine bloe Phantasie, als eine Ueberreizung Ihrer Nerven anzusehen,
nicht wahr?

-- Ja-- erwiderte die Frau wieder, doch etwas zgernd.

Schn, nickte der Doctor vor sich hin, wenn ich nun hier mit meinem
Zauberstab und er hob seinen Stock, den er noch in der Hand
hielt, Ihnen selber die Erscheinung zum dritten und letzten Mal
heraufbeschwren wrde, wobei ich Ihnen zugleich beweisen knnte, da
wir es mit nichts Anderem, als einem vollkommen compacten Wesen aus
Fleisch und Blut zu thun haben, -- wrden Sie mir dann zugestehen, da
Sie sich geirrt, und da solche Erscheinungen im Allgemeinen, und hier
auch im Besondern, nie und nimmer als etwas Anderes betrachtet werden
drfen, wie als krankhafte Ausgeburten der Phantasie?

Jene Erscheinung heraufbeschwren? frug Auguste ordentlich erschreckt.

Ja -- aber nicht etwa aus dem Boden, wie einen Geist, sondern wie es
sich gebhrt, die Treppe herauf, lachte der Doctor. Wrden Sie mir
versprechen, sich recht tapfer dabei zu halten und ehe Sie uns wieder
ohnmchtig werden, erst einmal genau zu prfen, ob Sie es mit einem
Geist oder einem wirklichen Menschen zu thun haben?

Ich begreife Sie nicht, -- stammelte die Frau.

Ist Ihr Mann nicht zurckgekehrt? sagte der Doctor und horchte nach
dessen Thr hinber -- ich dchte, ich htte ihn in seiner Stube gehrt
-- he Justizrath? rief er, indem er aufstand und an jene Thr klopfte.

Ja ich komme gleich -- antwortete Bertlings Stimme.

Und wann soll ich ihn sehen? rief die Frau, die sich einer leichten
Anwandlung von Furcht nicht erwehren konnte.

Wann? -- jetzt gleich, wenn Sie wollen, lachte der Arzt. Vorher mu
ich Ihnen aber noch bemerken, da der berhmte Mann im grauen Rock, vor
dem Sie einen solchen Respect haben, richtig aufgefunden ist -- denn was
sprte die Polizei nicht heraus, wenn man ihr nur ihre Zeit lt -- und
er hat sich als ein vollkommen achtbares, aber auch eben so harmloses
Individuum herausgestellt, das damals nicht etwa ein berirdischer
Auftrag, sondern ein sehr irdisches Verlangen nach einer kleinen Summe
Geldes zu Ihrem Gatten getrieben hatte. Der gute Mann ist aber etwas
schchterner Natur und da Sie bei seinem Anblick ohnmchtig wurden,
hielt er sich fr berflssig und ging seiner Wege. Diesmal wird er aber
nicht verschwinden und ich frage Sie jetzt noch einmal, fhlen Sie
sich in diesem Augenblick stark genug, Ihrem vermutheten Gespenst nicht
allein noch einmal zu begegnen, sondern ihm auch guten Abend zu sagen
und nachher sogar eine Tasse Thee mit ihm zu trinken?

Doctor -- wenn Sie mir =die= Ueberzeugung geben knnten! rief die
Frau, indem sie von ihrem Stuhl emporsprang.

Schn sagte der Doctor, dann bitte, geben Sie mir Ihren Arm. -- Sie
sind ja sonst ein vernnftiges Frauchen, setzte er herzlich hinzu, und
werden sich doch wahrhaftig Ihren klaren Verstand nicht von einer
bloen Einbildung todtschlagen lassen. -- Also jetzt kommt die
Geisterbeschwrung und danach hoffe ich Sie wieder so munter und heiter
zu sehen, wie nur je.

Er lie ihr auch keine Zeit zu weiteren Einwendungen, nahm ihren Arm und
fhrte sie der Thr von ihres Gatten Zimmer zu.

Knnen wir eintreten? rief er hier, indem er anklopfte.

Nur herein! tnte des Justizraths frische Stimme, allein als der
Doctor die Thr aufwarf, fhlte er wie die Justizrthin an seinem Arm
zusammenzuckte. Pauline war jedoch schon an ihre andere Seite getreten,
um sie im Nothfall zu untersttzen. Aber die junge Frau hatte nicht zu
viel versprochen, wenn sie sagte, da sie sich stark fhlte und
doch gehrte viel Willenskraft dazu, dem was sie bis dahin fr eine
furchtbare Wirklichkeit gehalten -- eine Botschaft aus der Geisterwelt
-- jetzt wieder, genau wie an jenem Abend, zu begegnen und ruhig dabei
zu bleiben.

Auf dem Tisch stand die Lampe und warf ihren dsteren Schein ber das
kleine Gemach, links neben dem Tisch sa der Justizrath -- rechts neben
dem Ofen, den rechten Arm ber die Stuhllehne, das etwas bleiche
Antlitz der Thr zugedreht -- Auguste mute tief Athem holen, denn ein
unsagbares Etwas schnrte ihr die Brust zusammen, -- sa der Mann im
grauen Rock, genau wie sie ihn an jenem Abend gesehen, in jeder Miene,
in jeder Falte seines Rockes.

So meine liebe Frau Justizrthin, rief aber der Doctor jetzt --
hier habe ich also das Vergngen Ihnen unseren Buzemann, unser
Schreckgespenst vorzustellen. Herrn Conrad Wohlmeier aus Knigsberg --
Herr Wohlmeier, Frau Justizrthin Bertling -- bitte reichen Sie ihr die
Hand, damit sie nicht etwa glaubt, Sie bestnden blos aus Kohlenstoff
und Stickstoffgas.

Der kleine Mann war etwas verlegen von seinem Stuhl aufgestanden und der
ihn noch immer starr ansehenden Frau die Hand entgegenreichend, sagte
er:

Frau Justizrthin, es sollte mir unendlich leid thun, wenn Sie mich fr
einen Geist gehalten haben. -- Ich bin nur ein armer Gymnasiallehrer,
der--

Bravo! rief der Doctor lachend aus, das war eine vortreffliche Rede,
die Sie da gehalten haben, und nun, meine liebe Frau Justizrthin, sind
Sie jetzt berzeugt, da Sie Ihrem guten Mann ganz nutzlos eine Menge
Sorge und Noth gemacht und sich selber in besonders thrichter Weise
geqult und gengstigt haben?

Lieber Doctor -- wie soll ich Ihnen danken? sagte die Frau, whrend
Bertling auf sie zu ging und sie umarmte und kte.

Und jetzt! rief Pauline lachend aus, wollen wir auch noch den letzten
Zeugen herein holen, der eine ganz vortreffliche Erklrung abgeben kann,
woher die Frau Heberger etwas von dem Mann im grauen Rock gewut --
und damit sprang sie nach der Thr des Doctors, um die Rieke herein
zu rufen -- aber die Thr war fest verschlossen und der Schlssel
abgezogen.--

Nun was ist das? frug sie -- die Thr ist ja zu.

Hm, ja, lachte der Justizrath, aber doch etwas verlegen, da ich -- da
ich doch nicht wissen konnte, wie die Sache heute ablief, so--

So hat er die Thr abgeschlossen, da ihm der Geist nicht wieder
davonlaufen konnte! jubelte der Doctor -- das ist vortrefflich.
Justizrath, Sie sind ein Schlaukopf.

Die Rieke wurde indessen hereingeholt und besttigte, was sie schon an
dem Nachmittag der Justizrthin gestanden, da sie an jenem Abend die
Frau Heberger unten im Haus getroffen und sie gefragt habe, ob sie
keinen Mann in einem grauen Rock gesehen, der so pltzlich weg gewesen
wre und ber den sich die Frau so gengstigt htte, da sie ohnmchtig
geworden wre. Danach konnte sich die Kartenschlgerin wohl denken,
da die Erwhnung jenes Mannes noch frisch in der Erinnerung der
Justizrthin sein wrde und in der Art solcher Frauen benutzte sie das
geschickt genug.

Der Doctor schwur brigens, da er der Gesellschaft da oben ber kurz
oder lang das Handwerk legen lassen werde, denn er versicherte, da ihm
in letzter Zeit schon verschiedene Flle vorgekommen wren, wo sie mit
ihren so genannten Prophezeihungen Unheil gestiftet oder den Leuten sehr
unnthiger Weise Kummer und Herzeleid bereitet htten.

Unter der Zeit deckte die Rieke den Tisch und die kleine Gesellschaft
setzte sich dann unter Lachen und heiteren Gesprchen -- die
Justizrthin zwischen den Doctor und den Mann im grauen Rock -- zu dem
frugalen aber frhlichen Mahle nieder. Von dem Abend an aber verlieen
jene bsen Trume die Justizrthin, denn zu fest hatte sie an die
Erscheinung geglaubt, um nicht jetzt, wo ihr der unleugbare Beweis des
Gegentheils geworden, auch nicht die ganze Gespensterfurcht fallen zu
lassen. Der Justizrath aber, seinem Wort getreu, und nur zu glcklich,
sein liebes Weib von jenem unheilvollen Gedanken geheilt zu sehen,
beschenkte den kleinen Lehrer noch an dem nmlichen Abend so reichlich,
da er am nchsten Morgen, jeder Sorge enthoben, seine Heimreise und
dann seine Stellung in der Vaterstadt antreten konnte.




Die Folgen einer telegraphischen Depesche.


      Telegraphische Depesche

  Dr. A. Mller Leipzig --strae 15.

Herzlichsten Glckwunsch -- heutigen Geburtstag noch oft wiederkehren --
Alle wohl -- tausendmal gren -- Inniger Freundschaft.

  =Mehlig=.

Obige Depesche war Morgens Frh, sieben Uhr in Berlin aufgegeben
worden, gelangte durch den Drath nach Leipzig und wurde dem erst
gestern angestellten Depeschentrger Lorenz als erste Besorgung zur
augenblicklichen Befrderung bergeben.

Lorenz lief was er laufen konnte, warf am richtigen Haus angelangt,
noch einen flchtigen Blick auf die Adresse, zog dann die Klingel an der
Hausthr, und wurde ohne Weiteres eingelassen.

Wie er die Hausflur betrat, ffnete sich rechts eine Thr. Ein ltliches
Frulein mit weier Haube und Schrze kam heraus, und trug einen
Prsentirteller in der Hand, auf dem das, wahrscheinlich eben gebrauchte
Kaffeeservice stand; Lorenz trat auf sie zu.

Telegrafische Depesche! sagte er und hielt ihr das Couvert mit dem
rothen Streifen entgegen.

Jesus Maria und Joseph! schrie die Dame, schlug in blankem Entsetzen
die Hnde ber den Kopf zusammen und lie das ganze Kaffeeservice auf
die Erde fallen.

Bitte tausendmal um Entschuldigung, sagte Lorenz, indem er sich bckte
und die halbe Kaffeekanne aufhob, den Prsentirteller aber liegen lie.

Von wem ist sie denn? schrie aber die Dame, ohne selbst in dem
Augenblick des zerbrochenen Geschirrs zu achten.

Ja das wee ich Sie werklich nich, sagte Lorenz, aber sie is fr den
Herrn Doctor Mller.

Doctor Mller? -- Sie Ungeheuer Sie, was bringen Sie mir denn da das
entsetzliche Papier? rief die Dame mit vor Zorn gertheten Wangen.

Aber ich bitte Sie um tausend Gottes Willen mein bestes Mamsellchen!

Jetzt kann mir Ihr Telegraph mein Service bezahlen, zrnte aber die
schne Wthende, das ist ja rger wie Einbruch und Diebstahl! oh, das
herrliche Porcellan! Sie kniete neben den Scherben nieder und begann
die auseinander gesprengten Stcke, allerdings vergebens, wieder
zusammenzupassen. Lorenz wurde es aber unheimlich und wenn er auch nicht
recht begriff weshalb die Dame so erschreckt sei, hielt er dies doch
fr einen passenden Moment sich aus dem Staub zu machen. Doctor
Mller wohnte jedenfalls oben. In Gedanken behielt er auch die
halbe Kaffeekanne bis zur Treppe in der Hand, dort legte er sie aber
vorsichtig auf die erste Stufe und stieg dann rasch hinauf in die
Bel-Etage.

Hier mute er wieder klingeln. Ein Dienstmdchen ffnete ihm die Thr.

Telegrafische Depesche! sagte Lorenz und hielt ihr das Papier
entgegen. Kaum war aber das Wort heraus, als das Mdchen ihm die Thr
wieder vor der Nase zuschlug und er hrte nur noch wie sie drin ber
den Gang strzte und in ein Zimmer hineinschrie: O Du lieber Gott eine
telegraphische Depesche. Ein lauter Schrei antwortete -- ngstlich hin
und wiederlaufende Schritte wurden drinnen laut und Niemand schien sich
weiter um Lorenz zu bekmmern.

Hm, dachte dieser, das is mer doch eene kuriose Geschichte -- was se
nur derbei haben? -- wenn se nich bald kommen, bimmele ich noch eenmal.

Schon hatte er die Hand zum zweitenmale nach der Klingel ausgestreckt,
als es drinnen wieder laut wurde. Deutlich konnte er die Schritte einer
Anzahl von Personen hren, die auf die Saalthr zukamen und diese wurde
endlich wieder halb geffnet.

Wenn Lorenz nicht selber so erschreckt gewesen wre, htte er gern
gelacht, denn auf dem Gang drinnen stand die wunderlichste Procession,
die er in seinem ganzen Leben gesehen. Vorn ein Herr mit einem dicken
rothen Gesicht und feuerrothem Backenbart, einem sehr schmutzigen
Schlafrock, darunter die zusammengebundenen Unterhosen und ein Paar
niedergetretene Pantoffeln. Hinter ihm stand eine Dame, ebenfalls im
hchsten Morgenneglige mit weier Nachtjacke und Unterrock. Rechts und
links von diesen beiden drngten sich zwei Dienstboten herbei, Neugierde
und Furcht in den bleichen Gesichtern und vier oder fnf Kinder schauten
dazu mit den noch ungewaschenen und ungekmmten Kpfen vor, wo sie
irgend Raum finden konnten diese durchzuschieben.

Telegrafische Depesche fr Herrn Doctor Mller, sagte Lorenz, um
diesmal keine Verwechslung des Namens mglich zu machen.

Mller? -- Holzkopf! schrie aber der Herr im Schlafrock und warf die
Thr von innen wieder dermaen in's Schlo, da Lorenz kaum Zeit behielt
zurckzuspringen.

Etwas erstaunt blieb er, mit seiner Depesche in der Hand, jetzt an der
Schwelle stehn, fing aber doch nun an zu glauben, da die ganze Sache
irgend etwas Furchtbares und Gefhrliches in sich trage, das mit den
geheimnivollen Telegraphendrhten natrlich in directer Verbindung
stehen mute, und da jetzt mehr als je daran liege, die richtige
Person dafr zu finden. Vor allen Dingen suchte er deshalb, ehe er sich
weiteren Miverstndnissen aussetzte, die Wohnung des besagten Doctor
Mller ausfindig zu machen und der Zeitungsjunge, der eben das Tageblatt
brachte, diente ihm dabei als untrgliche Quelle.

Doctor Mller? sagte dieser -- eine Treppe hher, knnen gleich das
Tageblatt mit hinaufnehmen -- doch Treppen genug zu laufen.

Lorenz bernahm die Besorgung und befand sich bald zu seiner innigen
Beruhigung an der rechten Thr. Ein kleines weies Schild mit dem Namen
des Dr. Mller darauf zeigte ihm, da er sein Ziel erreicht habe.

An dieser Vorsaalthr war keine Schelle. Er klopfte erst ein paar Mal,
und da ihm Niemand antwortete, drckte er die Klinke nieder und trat
ein. Auf dem Vorsaal sah er auch Niemanden und die Kche stand leer, in
der nchsten Stube hrte er aber Stimmen, ging dort hinber und klopfte
an.

Wie sich die Thr ffnete glnzte ihm ein mit Blumen, Torten und
Geschenken bedeckter Tisch entgegen und eine junge allerliebste kleine
Frau frug ihn freundlich was er wnsche. Lorenz, der auerordentlich
gutmthigen Herzens war, dachte aber mit Zagen an die Verwirrung, die er
parterre und im ersten Stock schon angerichtet hatte und wnschte, mit
dem unbestimmten Bewutsein, da er der Trger irgend einer furchtbaren
Nachricht wre, diese der jungen hbschen Frau so vorsichtig als mglich
beizubringen.

Ach heren Se, sagte er deshalb -- erschrecken Sie nich -- es is Sie
was vom Telegrafen.

Die junge Frau sah ihn stier an, hob langsam den rechten Arm in die
Hh und brach mit dem kaum hrbaren Schrei: Er ist todt! bewutlos
zusammen. Ihr Gatte hatte auch in der That kaum Zeit sie aufzufangen und
vor einem vielleicht schlimmen Sturze zu bewahren.

Um Gottes Willen, was ist? frug er dabei den wie halb vom Schlag
gerhrten Depeschentrger eine Telegraphische Depesche? -- woher?

Nun, da Sie's doch schon einmal wissen, sagte Lorenz, inniges Mitleid
in den erschreckten Zgen -- es is Sie richtig vom Telegrafen.

Der junge Mann trug sein armes, bewutloses Frauchen auf das Sopha, wo
er sie den Hnden der jammernd herbeistrzenden Schwiegermutter bergab.
Das Kind, das die Wrterin auf dem Arme trug, fing dabei an zu schreien,
die Kchin war ebenfalls herein gekommen und stand schluchzend und
hnderingend an der Thr und mit zitternden Hnden erbrach jetzt Dr.
Mller die Depesche, deren Buchstaben ihm im Anfang vor den Augen
flirrten und tanzten. Endlich las er leise vor sich hin:

Herzlichen Glckwunsch -- heutigen Geburtstag -- noch oft wiederkehren
-- Alle wohl -- tausendmal gren -- liebe Frau auch. Inniger
Freundschaft.

  Mehlig.

Erst am Schlu und wie ihm das Bewutsein dmmerte um was es sich hier
handele, knitterte er das Papier in der Hand zusammen, drehte einen Ball
daraus und schleuderte diesen mit aller Gewalt auf den Boden.

Ist er todt? sagte Lorenz in theilnehmendem Mitgefhl.

Gehen Sie zum Teufel, rief Dr. Mller in leicht verzeihlichem Aerger
-- Sie und Ihre telegraphische Depesche -- solchen Glckwunsch mcht
ich mir nchstes Jahr noch einmal zum Geburtstag wnschen -- meine arme
Frau kann den Tod davon haben.

Bitte tausendmal um Entschuldigung, sagte Lorenz, Niemand bekmmerte
sich aber mehr um ihn, denn die Uebrigen waren jetzt smmtlich um die
Ohnmchtige beschftigt, so da er die Gelegenheit fr passend hielt,
sich so rasch und unbemerkt als mglich zu entfernen. Durch das Haus
mute er aber noch einmal frmlich Spieruthen laufen.

Ach Sie Unglcksvogel, sagte das Kindermdchen, das ihm mit einer Vase
frischen Wassers, um der Frau zu helfen, an der Thr begegnete.

Das nchste Mal erkundigen Sie sich vorher nach dem Namen, Sie Dingsda
-- sagte der Herr in dem schmutzigen Schlafrock, der an der Saalthr
in der ersten Etage ganz besonders auf ihn gewartet haben mute, als
er dort rasch und geruschlos vorbeigleiten wollte, und unten in der
Hausflur sa die Mamsell noch immer bei den Scherben, die sie vergebens
zusammenpate.

Auch diese empfing ihn wieder mit einer Fluth von Vorwrfen, Lorenz
aber hielt sich nicht auf und floh aus dem Haus hinaus, als ob er htte
stehlen wollen und dabei erwischt worden wre.

Erst nach langer Zeit gewhnte er sich auch an diese unausbleiblichen
Folgen derartiger Depeschen, und als ich ihn neulich sprach, hatte er
sogar eine Art statistischer Tabelle aufgestellt, nach der er berechnet
haben wollte, da durchschnittlich auf je vier telegraphische Depeschen
-- denn nicht alle laufen so unglcklich ab, -- eine Ohnmacht und
zwei zerbrochene Tassen, nur auf die sechste oder siebente aber ein
ernstlicher Unfall folge.

S'is was Scheenes um en Telegrafen, sagte er dabei, aber Gott bewahre
Eenen vor ener telegrafischen Depesche!




Der Polizeiagent.


I.

Im Packwagen.

Es war im Juli des Jahres 18--, als der von Cassel kommende Schnellzug
in Guntershausen hielt und dort solch eine Unzahl von Passagieren
vorfand, da die Schaffner kaum Rath und Aushilfe wuten. Alle Welt
befand sich aber auch gerade in dieser Zeit unterwegs und die Zge --
da das andauernd schlechte Wetter bisher die Reisenden zurckgehalten
-- waren bei dem ersten warmen Sonnenstrahl gar nicht auf einen so
pltzlichen Andrang berechnet gewesen.

Uebrigens machte man mglich, was eben mglich zu machen war. Alle
vorhandenen Wagen wurden eingeschoben, jeder noch freie Platz dritter
Klasse -- zum groen Aergerni mit Hutschachteln und Reisetaschen reich
bepackter Damen -- auf das gewissenhafteste ausgefllt und dann in die
zweite, ja sogar selbst in die erste Klasse hineingeschoben was eben
hineinging. Die nchsten Stationen nahmen ja auch wieder Reisende ab,
und nach und nach regulirte sich alles.

Durch diesen Aufenthalt hatte sich der Schnellzug aber auch um eine gute
halbe Stunde versptet und war eben zum Abfahren fertig, als noch ein
leichter Einspnner angerasselt kam und ein einzelner Herr, eine kleine
lederne Reisetasche in der Hand, heraus und darauf zusprang.

Zu spt, rief ihm der Oberschaffner entgegen und gab den
verhngnivollen schrillenden Pfiff; wir haben alle Personenwagen
besetzt.

Der Fremde, der augenscheinlich kein Neuling auf Reisen war, warf einen
raschen, prfenden Blick ber die lange Wagenreihe und sah Kopf an Kopf
in den Fenstern -- aber die Schiebethr des Packwagens stand noch halb
geffnet.

Dann werde ich mich bis zur nchsten Station bei den Koffern
einquartiren, lachte er und ohne die Einwilligung des Schaffners
abzuwarten, der brigens auch nichts dagegen hatte, sprang er auf den
Wagentritt und in den Packwagen hinein. Bei einem solchen Andrang von
Personen mute sich ein jeder helfen so gut er eben konnte.

Das ist eigentlich nicht erlaubt-- sagte der Packmeister; aber der
Fremde kannte genau die Sprache, die hier alleinige Geltung hatte, und
dem Packmeister ein Stck Geld in die sich unwillkrlich ffnende Hand
drckend, lachte er:

Ich fhre ganz vortreffliche Cigarren bei mir und wenn ich nicht
im Wege bin, erlauben Sie mir wohl eine Viertelstunde Ihnen hier
Gesellschaft zu leisten.

Haben Sie denn ein Billet? frug der Mann und sein =Gefhl= sagte ihm,
da er ein groes Silberstck in der Hand hielt.

Noch nicht -- ich bin eben erst, wie der Zug abgehen wollte, mit einem
Einspnner von Melsungen herber gekommen. Mein Billet nehme ich auf der
nchsten Station.

Na da setzen Sie sich nur da drben auf den Koffer, in Treysa
gibt's Platz, bemerkte der Packmeister, whrend der Fremde seine
Cigarrentasche herausnahm und sie dem Manne hinhielt.

Mit Erlaubni -- danke schn -- die Bekanntschaft war gemacht, der Zug
berdies in Bewegung und der Passagier, bis ein anderer Platz fr ihn
gefunden werden konnte, rechtsgltig untergebracht.

Eine Cigarre wirkt berhaupt oft Wunder und die Menschen, die sich
diesen Genu aus ein oder dem andern Grunde versagen, wissen und ahnen
gar nicht, wie sehr sie sich oft selber dadurch im Lichte stehen. Mit
einer Cigarre ist jeder im Stande, augenblicklich auf indirecte Art eine
Unterhaltung anzuknpfen, indem man nur einen Reisegefhrten um Feuer
bittet. Ist dieser in der Stimmung, darauf einzugehen, so giebt er die
eigene Cigarre zum Anznden. Pat es ihm aber nicht, so bleibt ihm
immer noch ein Ausweg -- er reicht dann dem Bittenden einfach ein
Schwefelholz. Der Empfnger dankt, zndet seine Cigarre an, wirft das
Holz weg und betrachtet sich als abgewiesen.

Mit einer dargebotenen Cigarre gewinne ich mir auerdem das Herz
unzhliger Menschen, die der =nicht= rauchende Reisende in gemeiner
Weise durch schnde Fnf- und Zehn-Groschenstcke gewinnen mu. -- Sitz'
ich auf der Post neben dem Postillion auf dem Bock, so ffnet mir eine
Cigarre sein ganzes Herz; ich erfahre nicht allein die auerordentlichen
Eigenschaften seiner Pferde, sondern auch die Familiengeheimnisse des
Posthalters und erweiche ich dasselbe sogar noch mit einem Glase Bier,
so liegt sein eigenes Innere offen vor mir da. Selbst der grbste
Schaffner wird rcksichtsvoll, sobald er die ihm dargereichte
Cigarrentasche erblickt -- man soll nmlich derartigen Leuten nie eine
einzelne Cigarre hingeben, weil sie auerordentlich mitrauisch sind und
leicht Verdacht schpfen knnen, man fhre besondere Wasunger Sorten
bei sich fr solchen Zweck und das verletzt ihr Ehrgefhl.

Auch der Packmeister war gesprchig geworden -- die Cigarre schmeckte
ausgezeichnet -- und erzhlte von dem, was ihm natrlich am nchsten
lag, von der ewigen unausgesetzten Plackerei, so da man seines Lebens
kaum mehr froh werden knnte. Die ganze Welt reise jetzt -- wie er
meinte -- in die Bder. Er reiste auch in einem fort -- alle Wochen drei
Mal in die Bder, kam aber nie hin und hatte kaum Zeit, sich Morgens
ordentlich zu waschen, viel weniger zu baden. In seinem Packwagen stecke
er dazu wie eine Schnecke in ihrem Haus, nur da die Schnecke nicht
ununterbrochen Koffer und Hutschachteln ein- und auszuladen htte.
Sehen Sie -- setzte er dann hinzu -- so gewhnt man sich aber daran,
da ich schon Nachts in meinem eigenen Bett -- wenn ich meine Nacht
daheim hatte und ich schlafe dicht am Bahnhof -- im Traum, sowie ich nur
die verdammte Locomotive pfeifen hrte, Bettdecke und Kopfkissen in die
Stube hineingefeuert habe, weil ich glaubte, es wre Station und ich
mte ausladen. Es ist Sie ein Hundeleben.

Wieder pfiff diese nmliche Locomotive. Der Zug hielt an einer der
kleinen Stationen und drei Koffer gingen hier ab, und ein anderer Koffer
mit zwei Reisescken und eine Kiste kam hinzu. Der Fremde mute aber
noch sitzen bleiben, denn der Aufenthalt dauerte zu kurze Zeit, um ein
Billet lsen zu knnen.

Ich begreife nicht, sagte der Fremde, wie Sie sich da immer so
zurecht finden, da Sie gleich wissen was expedirt wird und was
dableibt. Kommt da nicht auch oft ein Irrthum vor?

Doch selten, meinte der Packmeister, indem er seine bei der Expedition
ausgegangene Cigarre wieder mit einem Schwefelhlzchen anzndete -- man
bekommt Uebung darin. Nur heute wr mir's in dem Wirrwarr bald schief
gegangen, denn in Guntershausen hatte ich aus Versehen den nmlichen
Koffer hinausgeschoben, auf dem Sie da sitzen. Glcklicherweise kriegte
ihn der Eigenthmer noch zur rechten Zeit in die Nase -- und das bischen
Spectakel, was der machte! Aber es war ja noch kein Malheur passirt und
so schoben wir ihn wieder herein. Den Packmeister mchte ich berhaupt
sehen, dem nicht schon einmal ein falscher Koffer entwischt ist -- der
Telegraph bringt das aber alles wieder in Ordnung. -- Staatseinrichtung
das mit dem Telegraphen.

Der Fremde hatte sich, whrend der Mann sprach fast unwillkhrlich den
Koffer angesehen, auf dem er sa, und stand jetzt auf und las das kleine
Messingschild. Es enthielt nur die zwei Worte _Comte Kornikoff_.

Und wie sah der Herr aus, dem der Koffer gehrte? frug er endlich.

Oh, ein kleines, schmchtiges Mnnchen, meinte der Packmeister, mit
einem pechschwarzen Schnurrbart und einer blauen Brille.

Wohin geht denn der Koffer heute?

Nach Frankfurt -- ich war ja ganz confus und glaubte, er ginge nach
Cassel, weil ich gestern den Packwagen dorthin hatte.

Wieder pfiff die Locomotive und whrend der Packmeister von seinem
Geschft in Anspruch genommen wurde, betrachtete der Fremde das Schild
noch genauer, aber er sprach nichts weiter darber und da sie gleich
darauf in Treysa hielten, mute er dort aussteigen und ein Billet lsen.
Hier war auch eine groe Zahl von Passagieren abgegangen und Platz genug
geworden.

Wohin fahren Sie?

Frankfurt--

Die vorderen Wagen.

Der Fremde schritt an der Reihe hinauf und sah in die verschiedenen
Coups hinein. In dem einen sa ein Herr und eine Dame. Der Herr trug
eine blaue Brille. Er ffnete sich selber die Thr, stieg ein, grte
und nahm dann in der einen Ecke Platz.

Der Herr mit der blauen Brille schien das nicht gern zu sehen -- er
schaute aus dem Wagenfenster als ob er einen Schaffner herbeirufen
wollte, und warf dann einen forschenden Blick auf den Fremden. Dieser
aber kmmerte sich nicht darum, legte seine kleine Reisetasche in das
Netz hinauf und machte es sich dann vollkommen bequem.

Bitte, Ihr Billet, mein Herr--

Hier--

Sie haben aber erste Klasse.

Es sitzen einige Damen erster Klasse, sagte der Fremde, und da ich
den Herrn da rauchen sah, nahm ich =hier= Platz. Die Dame wird mir wohl
das Anznden einer Cigarre erlauben.

Die letzten Worte waren, wie halb fragend an die Dame gerichtet, deren
Gesichtszge sich aber nicht im Geringsten dabei vernderten. Sie mute
den Sinn derselben gar nicht verstanden haben.

Der Schaffner coupirte das Billet und die Passagiere waren allein;
da aber der Fremde der Artigkeit Genge leisten wollte, nahm er seine
Cigarrentasche heraus und aus dieser eine Cigarre und sagte dann noch
einmal, sich an den Herrn wendend:

Die Dame scheint meine Frage nicht verstanden zu haben. Sie erlaubt mir
wohl, da ich rauche?

Sprechen Sie Englisch? frug der Herr in dieser Sprache zurck -- ich
verstehe kein Deutsch--

Ich mu sehr bedauern, sagte der Fremde achselzuckend, aber wieder in
deutscher Sprache. Die Unterhaltung war dadurch unmglich geworden, die
Pantomine inde zu deutlich gewesen und der Herr mit der blauen Brille
reichte dem, wie es schien eben nicht willkommenen Reisegefhrten seine
brennende Cigarre zum Anznden, die dieser dankend annahm und dann
zurckgab.

Die Dame hatte den Kopf halb abgewandt und sah zu dem geffneten Fenster
hinaus. Der Fremde warf unwillkrlich den Blick nach ihr hinber
und mute sich gestehen, da er selten, wenn je in seinem Leben,
ein schneres Gesicht, regelmigere Zge, feurigere Augen und einen
tadelloseren Teint gesehen habe. Und wie schn mute das Mdchen oder
die Frau erst sein, wenn sie =lchelte=, denn jetzt zog eine Mischung
von Trotz und Stolz -- vielleicht der Unwille ber des Fremden
Gegenwart, die fein geschnittenen Lippen zusammen und gab dem lieben
Antlitz etwas Finsteres und Hartes, was ihm doch sonst gewi nicht eigen
war.

Ein kurzes Gesprch entspann sich jetzt zwischen dem Herrn und der Dame,
auf welches der Fremde aber nicht zu achten schien, denn er nahm ein
Eisenbahnbuch aus der Tasche und bltterte darin. Die Dame sagte, ohne
jedoch den Blick von der Landschaft wegzuwenden, ebenfalls in englischer
Sprache:

Wer ist der Fremde?

Ich wei es nicht, lautete die Antwort, aber wir brauchen uns
seinetwegen nicht zu geniren; er versteht kein Englisch.

Aber er sieht englisch aus.

Bewahre, lachte der Mann -- er hat auch nicht ein einziges englisches
Stck Zeug an seinem Krper -- die Reisetasche ist ebenfalls deutsch,
gerade so wie sein Handbuch.

Er ist lstig, wir htten erster Classe fahren sollen.

Liebes Herz, das schtzt uns nicht vor Gesellschaft, denn der Herr hat
ebenfalls ein Billet erster Classe und ist nur hier eingestiegen, weil
er mich rauchen sah.

Dein fatales Rauchen. -- Die Unterhaltung stockte und der Herr mit der
blauen Brille warf noch einen prfenden Blick nach seinem Reisegefhrten
hinber, der aber gar nicht auf ihn achtete und sich vollstndig mit
seiner Cigarre und seinem Buch beschftigte. Nur dann und wann hob er
den Blick und schaute nach beiden Seiten auf die Landschaft hinaus und
streifte dann damit, wenn auch nur flchtig, den Fremden.

Es war eine kleine, aber zierliche schlanke Gestalt, sehr elegant, aber
fast zu sorgfltig gekleidet, auch mit mehr Schmuck als ein wirklich
vornehmer Mann zu zeigen pflegt. Die Hnde aber hatten etwas wirklich
Aristokratisches -- sie waren wei und zart geformt und wenn er den Mund
zum Sprechen ffnete, zeigte er zwei Reihen auffallend weier Zhne.
Sein Haar war braun und etwas gelockt, der Schnurrbart aber von tiefer
Schwrze, jedenfalls gefrbt. Die Augen lieen sich nicht erkennen,
da sie von der blauen Brille bedeckt wurden. Trotzdem aber, da er nur
englisch zu sprechen schien, war er vollkommen nach franzsischer Mode
gekleidet. Nur die junge Dame trug in ihrem Putz und Reiseanzug den
entschieden englischen Charakter, wie auch entschieden englische Zge.
Ihren Begleiter wrde man weit eher fr einen Franzosen als fr einen
Sohn Albions gehalten haben.

Mehrere Stationen blieben die Drei allein in ihrem Coup. Die Dame war
mde geworden und hatte -- soweit es die Bewegung des Wagens erlaubte --
ein wenig geschlafen. In Gieen aber kamen noch eine Anzahl Passagiere
hinzu und zwei von diesen, ein Herr und eine Dame, stiegen in dies
nmliche Coup. Wieder ein Paar Englnder und die Dame, wenn auch
schon ziemlich in den Jahren, doch mit den unvermeidlichen, langen
Hobelspahnlocken, die ihr vorn fast bis zum Grtel nieder hingen; der
Herr mit einem breitrnderigen, schwarzen Filzhut, einem kleinen, sehr
mageren Schnurrbart und einer Cigarre im Munde -- lauter continentale
Reiseerinnerungen, die wieder fallen mssen, sobald der Eigenthmer
derselben den Boden seines Vaterlandes aufs neue betritt.

Wenn sich die beiden Herren aber auch ziemlich kalthflich gegeneinander
verneigten, so schienen die Damen dagegen schon beim ersten Blick
die gemeinsame Nationalitt erkannt zu haben, und kaum sa die
Neuhinzugekommene, als sie auch ein lebhaftes Gesprch mit ihrer jungen
Nachbarin begann, an dem sich diese ebenfalls zu freuen schien, denn ihr
Gemahl oder Begleiter hatte sie wenig genug unterhalten.

Englnder auf dem Continent -- wie knnte es ihnen auch an Stoff zur
Unterhaltung fehlen -- Vereinigt sie nicht ein gemeinsames Leid und
Elend? Werden sie nicht gleichmig von allen Wirthen, Kellnern,
Droschkenkutschern, Gepcktrgern und Lohnbedienten geprellt, und
=kann= ein wirklicher Englnder ohne Lohnbedienten auf dem Continent
durchkommen, denn spricht er je die Sprache des Landes, auf dem er eine
freie Zeit zubringen will? -- Unter hunderten kaum einer.

Das Gesprch -- sowie nur die ersten Fragen ber woher und wohin
erledigt waren, drehte sich auch nur um diesen Gegenstand, und der Herr
mit dem breitkrmpigen Hut nahm bald lebhaften Theil daran.

Er kam mit seiner Frau natrlich von London, hatte vier Wochen zur
Reise bestimmt, zwei davon schon ntzlich verwandt, und schien fest
entschlossen, auch die andern beiden noch daran zu setzen, um sich in
jeder nur erreichbaren Stadt Deutschlands ber die Wirthe im Einzelnen
und das Volk im Allgemeinen zu rgern, und dann mit dem stolzen
Bewutsein nach Hause zurckzukehren, da es doch nur =ein= England in
der Welt gbe.

Die junge Frau kam, wie sie sagte, mit ihrem Mann von Hannover, wo sie
ein Jahr bei Freunden zugebracht. Sie beabsichtigten jetzt auf einen
Monat nach Frankfurt oder auch vielleicht in ein benachbartes Bad zu
gehen, um ihre Gesundheit, die durch den lngeren Aufenthalt in dem
rauhen Lande angegriffen sei, wieder herzustellen.

Und wo werden Sie in Frankfurt wohnen?

Sie wuten es noch nicht -- der Herr mit dem breitrndrigen Hut schlug
die Stadt Hull als ein sehr billiges, ihm besonders empfohlenes
Gasthaus vor. Uebrigens knne man ja vorher ber den Preis von _board
and lodging_ akkordiren -- =er= thte das immer, wenn es auch ein wenig
schbig aussehe -- den deutschen Wirthen gegenber sei man sich das
aber schuldig.

Beide Parteien beschlossen deshalb, in Stadt Hull zu bernachten und
gemeinschaftlich zu essen -- es sei das billiger. Morgen konnte man
dann auch zusammen einen Lohnbedienten nehmen, und sparte dadurch die
halbe Auslage -- der morgende Tag wrde berhaupt ein sehr angestrengter
werden, denn es gab in Frankfurt -- nach Murray -- eine Unmasse von
Sehenswrdigkeiten, die nun einmal durchgekostet werden =muten=, wenn
man nicht die Reise umsonst gemacht haben wollte.

Der Herr mit der blauen Brille hatte sich nicht sehr an der Unterhaltung
betheiligt. Er schien keine Freude daran zu finden. Auch die
Aufforderung, gemeinsam in Stadt Hull zu logiren, beantwortete er
zweideutig, whrend die junge Dame augenblicklich bestimmt zusagte.
Dann lehnte er sich in seine Ecke zurck und schlief -- er verhielt
sich wenigstens von da an vollkommen ruhig, wenn man auch der blauen
Brillenglser wegen nicht einmal sehen konnte, ob er nur die Augen
geschlossen hielt.

Es war indessen dunkel geworden -- die brigen Passagiere wurden
ebenfalls mde, und nur auf der vorletzten Station unterbrach der
Schaffner noch einmal die Stille, indem er die Billete nach Frankfurt
abforderte.

Der Fremde mit der blauen Brille schien wirklich eingeschlafen zu sein.
Er fuhr, als ihn der Schaffner, der neben ihm durch das Fenster sah, auf
die Schulter klopfte, ordentlich wie erschreckt in die Hhe und sah sich
wild und verstrt um -- er hatte jedenfalls getrumt, und suchte dann,
als er begriff was man von ihm wolle, in der Westentasche nach seinem
Billet.

Ein kleiner weier Streifen Papier fiel dabei auf die Erde und der
Fremde mit der Reisetasche, der jenem schrg gegenber sa, stellte
den Fu darauf. Dann war wieder alles still; der mit der blauen Brille
lehnte sich in seine Ecke zurck und sein halbes _Vis--vis_ nahm sein
Taschentuch heraus, lie es wie zufllig fallen und hob den Zettel damit
auf -- es war der Gepckschein.

Bald darauf rasselte der Zug mit einem markdurchschneidenden Pfeifen
-- da Einem die eigene Lunge weh that, wenn man es nur hrte -- in den
Frankfurter Bahnhof ein, und der Fremde mit der kleinen Reisetasche war
der erste, der aus dem Wagen sprang und zu dem Gterkarren eilte.
Hatte er indessen unredliche Absichten dabei gehabt, so sollte er die
vereitelt sehen, denn es dauerte eine Ewigkeit, bis der, wie es schien,
wohlgemerkte Koffer, auf den der Schein lautete, zum Vorschein kam,
und bis dahin war der rechtmige Eigenthmer schon ebenfalls herbei
gekommen und erkannte sein Gepck. Vergebens suchte er indessen in
allen Taschen nach seinem Schein und fluchte auf deutsch, englisch
und franzsisch, da ihm die Beamten sein Gepck nicht ohne denselben
ausliefern wollten.

Der Fremde hatte sich etwas zurckgezogen und stand im Schatten eines
Pfeilers -- jedenfalls machte er da die Entdeckung, da der Herr mit
der blauen Brille nicht allein vollkommen gut deutsch, sondern auch
franzsisch sprach, und sich in beiden Sprachen erbot, seine Koffer zu
ffnen und dadurch zu beweisen, da er der Eigentmer sei.

Der Inspektor kam endlich heran und ersuchte ihn sehr artig, nur so
lange zu warten, bis das brige Gepck fortgenommen sei; wenn er dann
die passenden Schlssel producire, mge er seine Koffer mit fortnehmen.

Der Fremde zeigte Anfangs viel Ungeduld, und erklrte mit dem nchsten
Zuge nach Mainz noch weiter zu wollen, der Inspektor bedeutete ihm aber,
da er dann htte besser auf seinen Gepckschein Acht geben sollen --
den Zug nach Mainz erreiche er indessen doch nicht mehr, da derselbe
schon vor einer Viertelstunde abgegangen, weil sich der Schnellzug
versptet habe. Es blieb ihm zuletzt kein anderer Ausweg, als dem
gegebenen Rath zu folgen, und als seine Koffer wirklich zurckgeblieben,
und er sich durch seine Schlssel als der rechtmige Eigenthmer
legitimiren konnte, bekam er endlich sein Gepck und lie es -- einen
groen und einen kleineren Koffer -- in die durch die Dame schon in
Besitz genommene offene Droschke schaffen.

Dicht dahinter hielt noch eine verschlossene Droschke =ohne= Gepck;
sonst hatten smmtliche Wagen, selbst die Omnibusse, schon die Bahn
verlassen, und der Kutscher fuhr jetzt, auf die Anweisung des Reisenden,
nicht nach der Stadt Hull, sondern nach dem _Htel Methlein_.

Die andere Droschke folgte in etwa zwanzig Schritt Entfernung nach, und
hielt, als die erste in den Thorweg einfuhr. Ein Reisender mit einer
kleinen Reisetasche in der Hand stieg aus, befahl dem Droschkenkutscher
zu warten, und betrat dann zu Fu das nmliche Hotel.

Dort angekommen legte der Reisende nur eben in dem ihm bezeichneten
Zimmer sein geringes Gepck ab, bestellte sich unten im Speisesaal
etwas zu essen und verlie dann noch einmal das Hotel, um nach dem
Telegraphenbureau zu fahren. Dort gab er folgende Depesche auf:

  _Mr. Burton, Union Htel, Hannover._

Ist ein Graf Kornikoff ein Jahr in Hannover gewesen? -- Fremdenliste
nachsehen. Kommen Sie so rasch als mglich hierher. -- Bin ich
abgereist, liegt ein Brief im Hotel.--

  _H._

Dann kehrte er ins Hotel zurck und verzehrte sein Abendbrod, das ihm
der Kellner brachte.

Der Saal war leer; nur vier Herren saen an einem Tisch und schienen,
schon ziemlich angetrunken, den Geburtstag des einen zu feiern, der mit
schwerer Zunge noch eine Flasche moussirenden Rheinwein bestellte. Um
den Fremden bekmmerte sich Niemand.

Dieser a das ihm vorgesetzte Beefsteak, trank seine Flasche Wein dazu
und wartete es ruhig ab, bis ihm der Kellner das Fremdenbuch brachte. In
dasselbe schrieb er sich ein als W. Hallinger, Particulier aus Breslau
und bltterte dann die Seiten nach den dort eingetragenen Namen durch.

Ganz zuletzt -- dicht ber seinem eigenen Autograph -- standen seine
Reisegefhrten eingetragen: Comte Kornikoff und Frau, aus Petersburg --
von Hannover nach Frankfurt.

Der Kellner hatte dabei bemerkt Nr. 6 und 7.

Wollen Sie morgen frh geweckt sein? frug ihn der Portier, als er
seine Flasche beendet und seine Cigarre ausgeraucht hatte, und eben im
Begriff stand zu Bett zu gehen.

Wann geht der erste Zug?

Wohin?

Nach Mainz oder Wiesbaden.

Sechs Uhr.

Gehen da noch mehrere Passagiere ab?

Jawohl, erwiederte der Portier, auf die fr den Hausknecht bestimmte
Tafel zeigend -- Nr. 5, Nr. 17 und Nr. 37 lassen sich wecken. Soll ich
Sie ebenfalls notiren?

Ach, ich wei nicht; ich bin mde heut Abend. Ich werde wohl erst mit
dem zweiten Zug fahren.

Sehr wohl, mein Herr -- Kellner, Licht auf Nr. 8. Angenehme Ruhe.

Der Fremde stieg auf sein Zimmer hinauf und sah vor Nr. 7 ein Paar
Herrenstiefeln und ein Paar lederne Damenschuhe stehen. Im Hotel schlief
aber schon alles; es war spt geworden, da sich der Zug berhaupt
versptet hatte und der Particulier Hallinger suchte ebenfalls sein
Lager.


II.

Der Bundesgenosse.

Am nchsten Morgen war der Fremde, der sich in dem Fremdenbuch als
Particulier Hallinger eingeschrieben hatte, trotzdem da er nicht
geweckt wurde, ziemlich frh wieder munter, aber es schlug 8 Uhr, und
die Stiefel und die Damenschuhe standen noch immer vor Nr. 7, ohne
hereingeholt zu sein. Erst gegen neun Uhr schienen die Insassen jenes
Zimmers ordentlich munter zu werden, und um halb zehn Uhr wurde Kaffee
bestellt. Aber erst gegen zwlf Uhr ging der Herr aus, und zwar allein
-- die Dame blieb auf ihrem Zimmer. Wie der Kellner aussagte, fhlte
sich die Dame nicht ganz wohl, und wollte heute ausruhen -- er hatte
wenigstens nicht in das Zimmer gedurft, und das Stubenmdchen mute den
Kaffee hinein tragen. Wahrscheinlich lag sie noch im Bette.

Der Fremde blieb brigens den ganzen Tag zu Haus, und schickte nur einen
Brief an _Messrs. Burton & Burton, London, 12 Fleetstreet_ durch den
Hausknecht auf die Post. Thatsache war brigens, da er sich ungemein
fr seine Nachbarschaft zu interessiren schien, denn als der Herr wieder
nach Hause kam, rckte er sich leise einen Stuhl an die verschlossene
Verbindungsthr und horchte stundenlang mit einer merkwrdigen Ausdauer
dem da drben gehaltenen Gesprch, jedoch ohne besonderen Nutzen. Die
laut gesprochenen Worte waren vollstndig gleichgltiger Natur, und das
andere konnte er eben nicht verstehen.

Zu Mittag a er an der Table d'hte, aber von Nr. 6 oder 7 lie sich
niemand dabei blicken. Die Dame schien sich noch angegriffen von der
Reise zu fhlen und Beide speisten auf ihrem Zimmer.

Erst Nachmittags begegnete er dem Grafen Kornikoff auf der Treppe und
dieser sah ihn etwas berrascht durch seine blaue Brille an. Der Fremde
heuchelte aber vollstndige Gleichgltigkeit, nahm nicht die geringste
Notiz von ihm, und that wenigstens so, als ob er ihn gar nicht wieder
erkenne.

So verging der Tag, ohne da die beiden Reisenden Miene gemacht htten,
Frankfurt wieder zu verlassen. Der Oberkellner, mit dem sich Herr
Hallinger ber die bildschne junge Frau unterhielt, wute wenigstens
nicht das Geringste davon. Abends aber, als der Schnellzug von Hannover
erwartet wurde, ging Hallinger hinaus auf den Bahnhof, und brauchte, als
der Zug endlich einlief, auch nicht lange nach dem Erwarteten zu suchen.
Dieser hatte ihn schon von seinem Coup aus bemerkt und kam rasch auf
ihn zu.

Hamilton! nun, was Neues?

Ich glaube, ich bin auf der richtigen Spur, Mr. Burton, sagte dieser,
indem er achtungsvoll seinen Hut berhrte. Aber wo ist Ihr Gepck?

Nichts als die Reisetasche hier.

Desto besser, auf der Jagd darf man nicht unnthigen Plunder
mitschleppen. Kommen Sie, ich habe schon eine Droschke.

Gehen wir nicht lieber zu Fu?

Es ist zu weit -- und fahren ist sicherer.

Und was =haben= Sie nun entdeckt? frug der junge Englnder, als Beide
eingestiegen waren und davon rasselten -- die Unterhaltung wurde auch in
englischer Sprache gefhrt.

Das will ich Ihnen mit kurzen Worten sagen, berichtete der flschlich
als deutscher Particulier eingetragene Fremde. Durch einen reinen
Zufall war ich genthigt, ein Paar Stationen in einem Packwagen zu
fahren, und fand dort einen Koffer, dessen Messingschild den Namen
_Comte Kornikoff_ trug.

Und Sie glauben, da jener Schuft Kornik dahinter stecke?

Durch den Namen allein wre ich vielleicht nicht einmal darauf
gefallen, fuhr Hamilton fort, aber das franzsische Wort _Comte_ war
jedenfalls spter zu dem Namen gravirt, denn es nahm nicht den Raum
ein, den ihm der Graveur gegeben htte, wenn er es von Anfang an darauf
gesetzt. Ebenso schien das _off_ hinzugefgt.

Und die Beschreibung des Eigenthmers pat? rief Mr. Burton rasch.

Ja und nein. Wohl in der Gestalt, aber sonst nicht ganz; der
dunkelblonde Backenbart fehlt.

Der kann abrasirt sein.

Das ist mglich -- aber er trgt einen vollkommen schwarzen Schnurrbart
und eine blaue Brille.

Der Schnurrbart ist vielleicht gefrbt.

Das vermuthe ich selber. -- Die Dame ist bei ihm.

Miss Fallow?

Unter dem Namen der Grfin Kornikoff natrlich, -- wenn das nmlich der
von uns Gesuchte ist. Sie kennen ihn doch genau?

Als ob er mein leiblicher Bruder wre. Er war ja sieben Jahre in meines
Vaters Haus und die beiden letzten als Hauptcassirer, wo er sich -- wer
wei durch was, verleiten lie, diesen bedeutenden Kassendiebstahl zu
begehen.

Wahrscheinlich durch eben diese junge Dame, sagte Hamilton, von der
ich ganz allerliebste Sachen gehrt habe. Ihr eigentlicher Name ist Lucy
Fallow, Tochter eines Schneidermeisters in London, aber die Eltern sind
beide todt. Es sollen ganz ordentliche Leute gewesen sein. Das junge
Mdchen hatte, ihres anstndigen Benehmens wegen und da sie wirklich
nicht ungebildet ist, ein Paar Jahr mit einer vornehmen Familie reisen
knnen, und dann spter auch noch hie und da Unterricht in Musik
gegeben. Dadurch kam sie auch in Lady Clives Haus, von wo aus sie jetzt
beschuldigt wird, einen sehr werthvollen Schmuck entwendet zu haben.

Der sich dann vielleicht in ihrem Koffer findet.

Beinah htte ich diese beiden Koffer erwischt, lchelte Hamilton leise
vor sich hin, aber ich durfte kein Aufsehen erregen, bis ich nicht
durch =Sie= hier Gewiheit ber die Persnlichkeit erlangen konnte. Die
Dame kennen Sie nicht selber?

Nein -- ich habe sie nie gesehen.

Und von einem Grafen Kornikoff in Hannover auch nichts gehrt?

Nicht das Geringste. Kein Mensch wute dort etwas von ihm, und er stand
nicht einmal in einem Fremdenblatt. Er kann nur durchgereist sein, und
Sie werden gewi die richtige Spur gefunden haben. Uebrigens mssen wir
vorher die nthigen Schritte auf der Polizei thun.

Ist schon alles geschehen, sagte Hamilton. Ich habe den
Verhaftsbefehl fr das Prchen schon in der Tasche, und den Burschen mit
seiner Donna fest, sowie Sie mir nur besttigen, da er der Rechte ist.

Ich htte im Leben nicht geglaubt, sagte Mr. Burton, da Sie dem
Betrger sobald auf die Spur kmen. Es geht alles nach Wunsch. Apropos,
haben Sie denn die Dame auch zu sehen bekommen?

Ich bin ja mit ihnen in =einem= Coup gefahren, lachte Hamilton, und
sie ahnten dabei wahrscheinlich nicht, da sie einen geheimen Polizisten
bei sich im Wagen hatten. Nun ich denke, wir werden noch lnger
Reisegefhrten bleiben. Aber da sind wir -- jetzt haben wir nur darauf
zu sehen, da uns die Herrschaften nicht etwa morgen in aller Frh
durchbrennen. Wollen wir gleich auf Ihr Zimmer gehen?

Ich mu erst etwas essen; ich bin ganz ausgehungert.

Schn -- dann kommen Sie mit in den Speisesaal, wir finden ihn um diese
Zeit fast leer.

Sie bogen rechts ein, um den Saal zu betreten. Als aber Hamilton die
Hand nach der Thr ausstreckte, ffnete sich diese, und Graf Kornikoff
trat heraus, warf einen flchtigen Blick auf die Beiden und schritt dann
langsam ber den Vorsaal, der Treppe zu.

Das war er, flsterte Hamilton seinem Begleiter zu -- wenn er Sie nur
nicht erkannt hat.

Unwillkhrlich drehte Burton den Kopf nach ihm um, konnte aber die
schmchtige Gestalt des Herrn nur noch sehen, wie er eben um die Ecke
bog, ohne jedoch dabei zurckzuschauen.

Das glaub ich kaum, sagte Burton, denn der Moment war zu rasch, und
dann htte er doch auch jedenfalls irgend ein unwillkrliches Zeichen
der Ueberraschung gegeben. In der Verkleidung und mit der blauen Brille
und dem schwarzen Schnurrbart wrde ich selber aber nie im Leben diesen
Mr. Kornik vermuthet haben. Wenn Sie sich nur nicht geirrt, denn in dem
Fall versumen wir hier viel Zeit.

Ist es denn nicht wenigstens seine Gestalt? frug Hamilton.

Die nmliche Gestalt allerdings, besttigte Burton, aber das Gesicht
konnte ich -- unvorbereitet wie ich auerdem war -- unmglich in der
Geschwindigkeit erkennen. Wann geht der erste Zug morgen frh?

Erst um sechs Uhr.

Ah, dann ist ja voller Tag, sagte Burton, und im schlimmsten Fall
halten wir ihn mit Gewalt zurck. Wre es aber nicht besser, wir en
auf unserem Zimmer?

Jetzt kommt er nicht mehr herunter, meinte Hamilton. Jedenfalls
setzen Sie sich mit dem Rcken der Thr zu, und wenn er dann ja noch
einmal den Saal betreten sollte, so werde ich bald sehen, was er fr ein
Gesicht dabei macht.

Hamilton hatte brigens Recht. Graf Kornikoff lie sich nicht mehr
blicken und als die Beiden ihr Abendbrod beendet hatten, gingen sie auf
Mr. Burtons Zimmer hinauf, das einen Stock hher als Hamiltons lag, um
dort noch Manches zu besprechen.

Burton hatte sich jedoch vorher, auf Hamiltons Rath unter einem
franzsischen Namen in das Fremdenbuch eingetragen, um doch jede nthige
Vorsicht zu gebrauchen. Auch verabsumte der schlaue Polizeibeamte
nicht, vor Schlafengehen noch einmal die Tafel des Portiers zu
revidiren, ob sich vielleicht Nr. 6 oder 7 darauf befand, um frh
geweckt zu werden. Das war aber nicht der Fall, und Hamilton glaubte
jetzt selber, da jener Herr, wenn es wirklich der Gesuchte gewesen, Mr.
Burton in dem Moment ihres augenblicklichen und unerwarteten Begegnens
nicht erkannt haben =konnte=. Er brauchte also auch Nichts zu
berstrzen.


III.

Entwischt.

Mitternacht war lange vorber, als sich Hamilton endlich erschpft und
ziemlich ermdet auf sein Lager warf, aber trotzdem befand er sich schon
um fnf Uhr angekleidet wieder drauen auf dem Gang, denn heute sollte
er ja den Lohn seiner Bemhungen ernten, und die Zeit durfte ihn nicht
lssig finden.

Das Schuhwerk stand inde noch immer friedlich dort drauen, des
Hausknechts gewrtig, aber die Bewohner des Zimmers muten auf sein
-- sollten sie doch am Ende heute morgen abfahren wollen? Nein, mein
lieber Mr. Kornik, lachte der Englnder still vor sich hin, da wir Sie
so hbsch in der Falle haben, wollen wir auch Acht geben, da Sie uns
nicht wieder durch die Finger schlpfen.

In dem Augenblick wurde in Nr. 7 die Klingel gezogen und Hamilton trat
in seine Stube zurck, lie aber die Thr angelehnt. Er horchte --
aber er konnte nicht hren, da irgend jemand ein Wort sprach. Ein Paar
Sthle wurden gerckt und Schiebladen ziemlich geruschvoll auf- und
zugemacht, aber keine Sylbe wurde laut. Hatte sich das junge Ehepaar
vielleicht gezankt?

Drauen klopfte der Kellner an Nr. 7 an.

_Walk in_.

Die Thr ffnete sich.

_Do you speak english?_ lautete die Frage der Dame.

Der Kellner antwortete leise einige Worte, die Hamilton nicht verstehen
konnte, aber die Frage mute verneinend beantwortet sein, denn die Dame
erwiderte gleich darauf heftig:

_So send somebody with whom I can speak_.

Der Kellner -- Hamilton sah durch die Thrspalte, es war ein ganz junger
Bursch, der augenscheinlich gar nicht wute, was die Dame von ihm wollte
-- eilte wieder die Treppe hinab. Aber alle Wetter, wo stak denn Mr.
Kornik, der doch ganz vortrefflich deutsch sprach?

Hamilton erschrak. Hatte der Verbrecher wirklich gestern Abend Burton
erkannt und sich selber in Sicherheit gebracht? Darber mute er
Gewiheit haben -- aber seine Stiefeln standen noch vor der Thr. War er
vielleicht krank geworden?

Er stieg rasch die Treppe hinunter zum Portier, den er auch schon auf
seinem Posten fand.

Ah, Portier, wissen Sie vielleicht, wann der Herr auf Nr. 7 wieder
abreisen wird?

Auf Nr. 7?

Graf Kornikoff, glaube ich--

Ah -- ja der Herr Graf, kann ich wirklich nicht sagen. Er wollte heute
Abend wieder kommen.

=Wieder= kommen?

Ja -- er ist heute Morgen halb zwei Uhr mit Extrapost nach dem
Taunusgebirg gefahren.

_The devil he is_, murmelte Hamilton leise und verblfft vor sich hin,
und hat er Gepck mitgenommen? frug er laut.

Nur eine Reisetasche -- die Dame ist ja noch hier.

Haben Sie ihn denn gesehen?

Natrlich -- ich habe die Tasche ja an den Wagen getragen.

Aber wann, um Gottes Willen, schlafen Sie denn?

Ich? -- =nie=, lchelte der Mann in voller Ruhe. Aber Hamilton hatte
andere Dinge im Kopf, als sich mit dem Portier zu unterhalten. Mit
wenigen Stzen war er oben an Mr. Burtons Zimmer, den er auch schon
vollstndig angekleidet und seiner wartend traf.

Er ist fort, rief er diesem ganz auer Athem entgegen, richtig
durchgebrannt. Er =mu= Sie gestern Abend erkannt haben. Der Lump ist
mit allen Hunden gehetzt.

Und was jetzt?

Ich mu augenblicklich nach, denn der Postillon, der ihn gefahren hat,
wird zurck sein und wei jedenfalls die Station. Dort findet sich dann
die weitere Spur.

=Mit= der Donna?

Nein, die ist zurckgeblieben, die berlasse ich jetzt Ihnen.
Wahrscheinlich hat sie auch einen Theil von Ihres Vaters Geldern in
Verwahrung -- jedenfalls den Schmuck. -- Hier ist der Verhaftsbefehl fr
Kornik und seine Begleiterin -- mir kann er doch nichts helfen, denn
er gilt, von den Frankfurter Behrden ausgestellt, nur fr das hiesige
Gebiet. Das ist eine verzweifelte Wirthschaft in Deutschland, wo ein
Mann in einer einzigen Stunde in drei verschiedener Herren Lnder sein
kann.

Aber wie bekomme ich heraus, ob das auch in der That jene berchtigte
Miss Fallow ist, bester Hamilton? Die Flucht des Grafen, wenn er
wirklich geflohen, bleibt allerdings sehr verdchtig und ich zweifle
kaum, da Sie auf der richtigen Fhrte sind, aber es -- wre doch eine
ganz fatale Geschichte, =wenn= wir es nicht mit den rechten Leuten zu
thun htten, und jetzt einer wildfremden und ganz unschuldigen Dame
Unannehmlichkeiten bereiteten.

Machen Sie sich deshalb keine Sorgen! lachte Hamilton. Da ich Ihnen
aus diesem Grafen Kornikoff den richtigen und unverflschten Kornik
herausschle, darauf knnen Sie sich fest verlassen, und dies junge,
wirklich wunderhbsche Geschpf, was ihn begleitet, htte sich dem Lump
auch nicht an den Hals geworfen, wenn sie nicht schon vorher durch ein
=Verbrechen= mit einander verbunden gewesen wren. Nein, die einzige
Sorge, die ich habe, ist die, da =Ihnen= die junge Dame einmal ebenso
eines Morgens unter den Hnden fortschlpft, wie ich mir in fabelhaft
alberner Weise habe den Hauptschuldigen entwischen lassen, und wenn ich
ihn nicht wieder bekme, wre das ein Nagel zu meinem Sarg. Aber noch
hab' ich Hoffnung -- ich =kenne= den Herrn jetzt, denn ich habe ihn
mir =genau= angesehen und wenn er sich wirklich auch den schwarzen
Schnurrbart abrasirte und die blaue Brille in die Tasche steckte, so
denke ich ihm doch auf den Hacken zu sitzen, ehe er es sich versieht.

Er wird direkt ber die Grenze nach Frankreich fliehen.

Daran habe ich auch schon gedacht, denn Geld genug hat er bei sich,
aber dagegen hilft der Telegraph. An die beiden Grenzstationen werde ich
jetzt vor allen Dingen genau telegraphiren, und wenn ich da nur ein Wort
mit einflieen lasse, da der Herr mit dem Revolutionscomit in London
in Verbindung stnde, passen sie auf wie die Heftelmacher.

Und sie wollen dem Kornik nach?

Augenblicklich, so wie ich die Depeschen befrdert habe. Ich nehme
jetzt ohne weiteres Extrapost und treffe ich ihn, so telegraphire ich
ungesumt.

Und ich lasse unterdessen die Dame verhaften?

Das ist das Sicherste. Sie knnen ja Brgschaft leisten, wenn es
verlangt werden sollte. Auf dem Gerichte finden Sie auch Jemand, der
englisch spricht.

Abscheuliche Geschichte, murmelte der junge Burton zwischen den
Zhnen, da uns der Lump auch gestern Abend gerade so zur unrechten
Zeit in den Weg laufen mute.

Das ist jetzt nicht zu ndern, rief aber der weit entschiednere
Hamilton -- wir haben immer noch Glck gehabt, das Volk Hhner so rasch
anzutreffen und zu sprengen. Jetzt halten Sie nur Ihren Part fest, und
ich glaube Ihnen garantiren zu knnen, da ich =meine= Hlfte ebenfalls
zur rechten Zeit einbringe.

Und wissen Sie gewi, da Kornik die Stadt verlassen hat?

Gar kein Zweifel -- aber das erfahre ich ja auch gleich auf der Post.
Jetzt wollen wir nur noch einmal hinunter und sehen, ob wir nichts mehr
von der Donna zu hren bekommen.

Es war in der That das Einzige, was sie thun konnten. Sie fanden die
Thr aber wieder geschlossen und Hamilton wandte sich unten an den
Oberkellner, um womglich etwas Nheres zu erfahren.

Ach, Oberkellner, meine Rechnung -- ich reise ab.

Zu Befehl, mein Herr--

Apropos, was war denn das heute Morgen fr ein Lrm auf Nr. 7? Meine
schne Nachbarin schien ja sehr in Eifer.

Der Oberkellner lchelte.

Der Herr Gemahl hat die Nacht eine kleine Extrafahrt gemacht und die
Dame scheint eiferschtig zu sein.

Es scheint als ob er heimlich auf und davon gegangen wre, sagte Mr.
Burton leise zu Hamilton. Dieser zuckte die Achseln.

Gott wei es, erwiderte er, aber das werden Sie jetzt herausbekommen.
Lassen Sie sich nur nicht etwa von Thrnen rhren, denn wir haben es
hier mit einer abgefeimten Kokette zu thun, der auch Thrnen zu Gebote
stehen, wenn sie dieselben braucht. Ich aber darf keinen Augenblick
Zeit mehr verlieren. Auf die Koffer in Korniks Zimmer legen Sie
augenblicklich Beschlag und lassen sie visitiren. Kornik hat
wahrscheinlich alle Papiere entfernt und mitgenommen; aber in der Eile
bleibt doch noch manchmal ein oder die andere Kleinigkeit zurck, die
leicht zum Verrther wird.

Und wenn sie sich weigert? -- wenn sie sich auf ihren Rang, vielleicht
sogar auf einen, wer wei wie erhaltenen Pa beruft? Die Behrden hier
werden sie in Schutz nehmen.

Gott bewahre, sagte Hamilton, Sie haben ja das Duplicat unserer
englischen Vollmachten mit der Personalbeschreibung der beiden
Verbrecher in Hnden. Korniks Flucht hat ihn dabei schon verdchtig
gemacht und das wenigste, was man Ihnen zugestehen kann, ist eine
Durchsuchung der Effecten im Beisein eines Polizeibeamten, und dann
die Detenirung der Person selber in Frankfurt, bis ich mit ihrem
Helfershelfer zurckkomme. In dem Fall knnen Sie dieselbe meinetwegen
-- natrlich unter polizeilicher Aufsicht -- so lange hier im Hotel
lassen.

Eine unangenehme Geschichte bleibt es immer, sagte Mr. Burton, mit dem
Kopf schttelnd.

Unangenehm, _by George_, lachte Hamilton -- bedenken Sie, da 20,000
Pfd. Sterling Ihres Geschfts dabei auf dem Spiel stehen, von dem
Schmuck, der ebenfalls auf 3000 taxirt ist, gar nicht zu reden. Und nun
ade; hoffentlich bringe ich Ihnen bald den Patron selber. Verlassen Sie
nur die Stadt nicht -- und mit den Worten rasch zu dem kleinen Stehpult
tretend, hinter welchem sich der Oberkellner befand, berichtigte er
seine Rechnung und sprang gleich darauf drauen in eine Droschke, um
seine Verfolgung anzutreten.


IV.

Die schne Fremde.

Mr. Burton blieb in einer nichts weniger als behaglichen Stimmung
zurck, denn er hatte ganz pltzlich die =Leitung= einer Angelegenheit
bekommen, in der er bis jetzt nur gedacht hatte als Zeuge, und
vielleicht als Klger aufzutreten.

James Burton war berhaupt der Mann nicht, in irgend einer Angelegenheit
entschieden und selbstndig zu =handeln=; er verhielt sich am liebsten
passiv.

In einer der ersten brgerlichen Familien seines Vaterlandes erzogen,
in den besten Schulen herangebildet, in der besten Gesellschaft
aufgewachsen, war er von edlem, offenem Charakter, dem sich ein gesunder
Verstand und ein weiches Herz paarte. Das letztere lief ihm aber nur
zu oft mit dem ersteren davon, und selber unfhig eine unrechtliche
Handlung zu begehen, gab es fr ihn auch nichts Schrecklicheres auf der
Welt, als solche einem anderen zuzutrauen.

Nichtsdestoweniger bekam er es hier mit einer nicht wegzulugnenden
Thatsache zu thun, denn William Kornik, von seinem Vater mit Wohlthaten
berhuft und in eine ehrenvolle und eintrgliche Stellung gebracht,
hatte das Vertrauen seines Hauses auf eine so nichtswrdige Weise
getuscht und mibraucht, da ein Zweifel an seiner Unehrlichkeit nicht
mehr stattfinden konnte. Gegen diesen wrde er auch mit rcksichtsloser
Strenge vorgegangen sein, aber jetzt bekam er pltzlich den Auftrag,
gegen eine =Frau= einzuschreiten, deren Betheiligung an dem Raub
allerdings wahrscheinlich, aber keineswegs vllig erwiesen war. Und doch
sah er auch recht gut ein, da Hamilton Recht hatte, wenn er verlangte,
die jedenfalls sehr verdchtige Person wenigstens so lange fest
und unter Aufsicht zu halten, bis er mit dem wirklichen Verbrecher
zurckkehren knne. Nur da =ihm= dazu der Auftrag geworden, war ihm
fatal, und er htte vielleicht eine groe Summe Geldes gegeben, um sich
davon loszukaufen, aber das ging eben nicht, und es blieb ihm nichts
andres brig, als sich der einmal bernommenen Pflicht nun auch nach
besten Krften zu unterziehen. Er hoffte dabei im Stillen, da die
Dame sehr stolz und frech gegen ihn auftreten wrde, und war
fest entschlossen, sich nicht einschchtern zu lassen. Um den
verbrecherischen Erwerb des Geldes =mute= sie ja wissen, sie wre
sonst nicht heimlich mit ihm geflohen, und wenn sich dann auch noch
herausstellte, da sie den Schmuck der Lady Clive entwendet hatte,
dann brauchte er auch weiter kein Mitleiden mit ihr zu haben, und jede
Rcksicht hrte von selbst auf.

Nichtsdestoweniger konnte er sich doch nicht entschlieen, die
Hflichkeit soweit auer Acht zu lassen, als sich vor zwlf Uhr bei ihr
melden zu lassen. Aber er traute ihr deshalb doch nicht; denn Mr.
Kornik war ihm auf viel zu rasche Art abhanden gekommen, um nicht etwas
Aehnliches auch von seiner Frau oder Gefhrtin zu frchten. Er ging
deshalb, sehr zum Erstaunen des Portiers, der gar nicht wute, was er
von dem unruhigen Gast denken sollte, und ihn frug, ob er vielleicht
Zahnschmerzen habe, die langen Stunden theils auf dem Vorsaal, theils
auf der Treppe auf und ab -- denn das verzweifelte Haus hatte ja zwei
Ausgnge -- und horchte verschiedene Male oben an der Thr, um sich zu
versichern, da nicht der zweite Vogel ebenfalls heimlich ausgeflogen
sei.

Aber diese Furcht schien grundlos zu sein. Das Stubenmdchen, dem er auf
der Treppe begegnete, brachte das Frhstck hinauf, ein Glas Madeira und
ein Beefsteak, die verlassene Frau nahm also noch substantielle Nahrung
zu sich, und als es endlich auf smmtlichen Frankfurter Uhren -- was
bekanntlich eine lange Zeit dauert -- zwlf geschlagen hatte, fate
er so viel Muth, der Dame seine Karte hinaufzuschicken und anfragen zu
lassen, ob er das Vergngen haben knne, ihr seine Aufwartung zu machen.

Das klang allerdings nicht wie das Vorspiel einer criminellen
Untersuchung, aber die gewhnlichen Gesetze der Hflichkeit durften doch
auch nicht auer Acht gelassen werden. Hflichkeit schadet nie, und
man hat dadurch oft schon mehr erreicht, als durch sogenannte gerade
Derbheit, was man im gewhnlichen Leben auch wohl =Grobheit= nennt.

Die Antwort lautete umgehend zurck, da die Dame sich glcklich
schtzen wrde, ihn zu begren und nur noch um wenige Minuten bte, um
ihre Morgentoilete zu beenden.

Die wenigen Minuten dauerten allerdings noch eine reichliche halbe
Stunde, aber Mr. Burton war gar nicht bse darber, denn er bekam
dadurch nur noch so viel mehr Zeit sich zu sammeln, und sich ernstlich
vorzunehmen, diese Person allerdings mit jeder Artigkeit, aber auch
mit jeder, hier unumgnglich nthigen Strenge zu behandeln. Was half es
auch, Rcksicht auf ein Wesen zu nehmen, das sich an einen Menschen
wie diesen Kornik soweit weggeworfen hatte, sogar Theilnehmerin seiner
=Verbrechen= zu werden. Dabei berlegte er sich auch, da es weit besser
sein wrde, im Anfang keine einzige Frage derselben zu beantworten,
sondern vor allen Dingen erst alles herauszubekommen, was =sie= wute.
Volle Aufrichtigkeit konnte allein ja auch jetzt ihre Strafe mildern und
ihrem Vergehen das Gehssige der Verstocktheit nehmen, und durch =ihr=
Gestndni bekamen sie auerdem gleich ein Hauptzeugni gegen den jetzt
noch flchtigen Verbrecher.

Mitten in diesen Betrachtungen wurde er durch die Klingel auf Nr. 7
gestrt, die den Kellner herbeirief. -- Dieser erschien gleich darauf
wieder und meldete Herrn Burton, die Dame erwarte ihn.

Also der Augenblick war gekommen, und mit festen Schritten stieg er die
Treppe hinan. Wute er doch auch schon vorher, wie er die Dame finden
wrde, die so ewig lang gebraucht hatte, ihre Toilette zu machen: im
vollen Staat natrlich, um ihm zu imponiren und jede Frage nach einer
begangenen Schuld gleich von vorn herein abzuschneiden. Aber er lchelte
trotzig vor sich hin, denn er wute, da eine derartige plumpe List
bei ihm nicht das Geringste helfen wrde. Er lie sich eben nicht
verblffen.

Mit festen Schritten stieg er die Stufen hinan und klopfte an -- aber
doch nicht zu laut. _Walk in_, hrte er von einer fast schchternen
Stimme rufen, und als er die Thr ffnete, blieb er ordentlich bestrzt
auf der Schwelle stehen, denn vor sich sah er das lieblichste Wesen, das
er in seinem ganzen Leben noch mit Augen geschaut.

Mitten in der Stube stand die junge Fremde -- nicht etwa in voller
Toilette, mit Schmuck und Flittertand behangen, wie er eigentlich
gehofft hatte sie zu finden, sondern in einem einfachen, schneeweien
Morgenanzug, der ihre Schnheit nur um so reizender erscheinen lie, und
whrend ihr blaues Auge feucht von einer halbzerdrckten Thrne schien,
streckte sie dem Eintretenden die Hand entgegen und sagte, mit vor
Bewegung zitternder Stimme:

Sie sendet mir der liebe Gott, mein Herr -- Ihr Name ist mir zwar
fremd, aber aus Ihrer Karte sehe ich, da Sie ein Landsmann sind, also
ein Freund, der mich in der grten Noth meines Lebens trifft, und mir
gewi, wenn er nicht helfen kann, doch rathen wird.

Madam, sagte der junge Burton, durch diese keineswegs erwartete Anrede
ganz auer Fassung gebracht, indem er die ihm gereichte Hand nahm und
fast ehrfurchtsvoll an seine Lippen hob, ich -- ich begreife nicht
recht -- ich gestehe, da ich -- Sie entschuldigen vor allen Dingen
meinen Besuch.

Ich wrde Sie darum gebeten haben, sagte die junge Frau herzlich,
wenn ich gewut htte, da ein Landsmann mit mir unter einem Dache
wohnt; aber das Fremdenbuch, das ich mir heute Morgen bringen lie,
zeigte keinen einzigen englischen Namen -- doch ich darf nicht
selbstschtig sein, unterbrach sie sich rasch -- Sie sind da --
ich sehe in dem edlen Ausdruck Ihrer Zge, da ich auf Ihren Beistand
rechnen kann, und nun erst vor allen Dingen, =Ihre= Angelegenheit. Lsen
Sie mir das Rthsel, das Sie, einen vollkommen Fremden, gerade in dieser
Stunde zu mir hergefhrt -- und bitte, nehmen Sie Platz -- oh verzeihen
Sie der Aufregung, in der Sie mich gefunden, da ich Sie schon so lange
hier im Zimmer habe stehen lassen.

Damit fhrte sie ihn mit einfacher Unbefangenheit zu dem kleinen mit
rothem Plsch berzogenen Sopha und nahm dicht neben ihm Platz, so da
es dem jungen Manne ganz beklommen zu Muthe wurde. Auch die Frage diente
nicht dazu, ihm seine ruhige Ueberlegung wieder zu geben, denn konnte
er =dem= Wesen neben ihm jetzt mit kalten, drren Worten sagen, da er
hierher gekommen sei, um sie des =Diebstahls= zu bezchtigen und in Haft
zu halten? Es war ordentlich als ob ihm die innere Bewegung die Kehle
zusammenschnrte und er brauchte geraume Zeit, um nur ein Wort des
Anfangs zu finden.

Die junge Frau an seiner Seite lie ihm dabei vollkommen Zeit sich
zu fassen, und nur wie schchtern blickte sie ihn mit ihren groen
seelenvollen Augen an. Und diese Augen sollten jemals die Helfershelfer
eines Verbrechens gewesen sein? Es war nicht mglich; Hamilton hatte
den grten nur denkbaren Migriff gemacht, und ihn selber jetzt in eine
Lage gebracht, wo er mit Vergngen tausend Pfund Sterling bezahlt htte,
um nur mit Ehren wieder heraus zu sein.

Endlich fhlte er aber doch, da er nicht lnger schweigen konnte,
ohne sich lcherlich zu machen, und begann, wenn auch anfangs noch mit
leiser, unsicherer Stimme.

Madam -- Sie -- Sie mssen mich wirklich entschuldigen, wenn ich Sie
von vornherein mit einer Frage belstige, die -- die eigentlich Ihren
-- Ihren Herrn Gemahl betrifft -- dem auch -- dem auch vorzugsweise mein
Besuch galt; denn ich wrde nicht gewagt haben, =Sie= zu stren. Aber
-- seine so pltzliche Abreise -- und mitten in der Nacht hat einen
Verdacht erweckt, der--

Einen =Verdacht=?

Uebrigens, lenkte Burton ein, da ihm pltzlich wieder beifiel, da er
ja vorher Alles hatte hren wollen, was die Dame =ihm= sagen wrde, um
danach sein eigenes Handeln zu regeln -- hngt alles vielleicht mit dem
zusammen, wegen dessen Sie selber meinen Rath verlangen, und wenn Sie
nur die Freundlichkeit haben wollten--

Aber einen =Verdacht=? -- sagte die junge Dame rasch und erschreckt,
indem sie ihre zitternde Hand auf seinen Arm legte und in der
gespanntesten Erwartung mit ihren schnen Augen an seinen Lippen hing.
-- Welcher Verdacht knnte auf ihm ruhen? -- In welcher Verbindung
knnen Sie mit ihm stehen? Oh, spannen Sie mich nicht lnger auf die
Folter -- machen Sie mich nicht unglcklicher, als ich es schon bin.
Ach, ich hatte ja gehofft, da =Sie= gerade mir Hlfe und Trost
bringen sollten; tragen Sie nicht dazu bei, meine Unruhe durch lngeres
Schweigen noch zu vermehren.

Mr. Burton fand sich so in die Enge getrieben, da er schon gar keinen
mglichen Ausweg mehr sah. =Er= war ja auch eigentlich verpflichtet
zuerst zu sprechen. =Er= hatte eine Unterredung mit ihr erbeten, nicht
=sie= mit ihm, und wenn ihn auch ein wahrhaft verzweifelter Gedanke
einmal einen Moment erfate, sich aus der ganzen Geschichte durch
irgend eine Ausrede hinaus zu lgen, fiel ihm doch ums Leben nicht das
Geringste, auch nur einigermaen Glaubwrdige bei. Es blieb ihm also
nichts brig, als der jungen Dame -- natrlich so schonend wie das nur
irgend geschehen konnte -- die Wahrheit zu sagen, und dabei war er auch
im Stande zu sehen, welchen Eindruck die Beschuldigung auf sie machen
wrde -- danach wollte er dann handeln.

Madam, sagte er, aber noch immer verlegen -- beruhigen Sie sich --
es wird sich ja noch alles aufklren. -- Ich selber -- ich bin ja fest
berzeugt, da =Sie= der -- unangenehmen Sache, um die es sich handelt,
vollstndig fern stehen. -- Es ist auch noch nicht einmal ganz fest
bestimmt, ob ihr Herr -- Herr Gemahl auch wirklich jene Persnlichkeit
ist, die wir suchen -- die ganze Sache kann ja mglicher Weise ein
Irrthum sein, und nur der dringende Verdacht, den mein Begleiter gegen
mich ausgesprochen hat, veranlat mich--

Aber ich verstehe Sie gar nicht, sagte die junge Dame, und sah dabei
gar so lieb und doch so entsetzlich unglcklich aus, da ihm ordentlich
das eigene Herz weh that.

Ich =mu= deutlicher reden, fuhr Mr. Burton fort, der sie nicht lnger
in dieser Aufregung lassen durfte. Also hren Sie. Mein Name ist James
Burton. Ich bin seit diesem Jahre Theilhaber der Firma meines Vaters
Burton & Burton in London. Seit sieben Jahren hatten wir einen jungen
Mann in unserm Geschft, einen Polen, Namens Kornik, der sich durch
seine Geschicklichkeit und Umsicht so in meines Vaters Vertrauen
einschlich, da er ihn vor zwei Jahren zu unserm Hauptcassirer machte.
Mein Vater wute nicht, da er eine Schlange in seinem Busen nhrte. Vor
etwa acht Tagen verschwand dieser Mensch pltzlich aus London und zwar
an einem Sonnabend Abend, wodurch er etwa vierzig Stunden Vorsprung
bekam, denn da nicht der geringste Verdacht auf ihm lastete, fiel auch
sein Ausbleiben am Montag Morgen nicht so rasch auf, wie das sonst
vielleicht der Fall gewesen wre. Nur weil mein Vater frchtete, da er
knne unwohl geworden sein, schickte er in seine Wohnung hinber, die
sich unmittelbar neben uns befand, und hrte hier zu seinen Erstaunen,
da Mr. Kornik sowohl Sonnabend als auch Sonntag Abend nicht nach Hause
gekommen sei.

Aber was, um Gottes Willen, habe ich mit dem allen zu thun? unterbrach
ihn die junge Dame, erstaunt mit dem Kopf schttelnd.

Erlauben Sie mir, fuhr Mr. Burton, in der Erinnerung an das Geschehene
wrmer werdend fort: Der erste Gedanke meines Vaters war, da ihm ein
Unglck begegnet sein knne; ein anderer Commis aber in unserem Haus
mute doch etwas bemerkt haben, was ihm verdchtig vorkam. Er bat uns
dringend, keine Zeit zu versumen und die Kasse zu revidiren, und
da stellte sich denn bald das Entsetzliche heraus, da eine =sehr=
bedeutende Summe fehlte, die, nach den ber Tag eingegangenen
Erkundigungen, gegen 20,000 Pfd. Sterling betrug.

Mein Vater wandte sich augenblicklich an die Polizei, und ein sehr
gewandter Detective, der uns besuchte, und der zur Verfolgung bestimmt
wurde, gerieth noch an dem nmlichen Tag auf eine andere Spur, die,
wie er meinte, sicherer zur Entdeckung des Verbrechers fhren konnte.
Derselbe war nmlich, wie der Polizeiagent sehr rasch herausbrachte, mit
einer jungen sehr -- ge -- sehr gewandten Dame bekannt geworden und als
an dem nmlichen Tag eine andere Klage gegen diese einlief, da sie
in dem Haus einer Lady, wo sie Stunden gab, einen werthvollen Schmuck
entwandt haben sollte, ebenfalls aber nirgends aufzufinden war, und seit
dem nmlichen Abend fehlte, wie jener Kornik -- so blieb zuletzt kein
Zweifel, da beide mitsammen geflohen sein muten.

Jetzt war kein Augenblick mehr zu verlieren um der Verbrecher habhaft
zu werden. Lady Clive -- so hie jene Dame -- setzte selber eine
namhafte Summe fr den Polizeibeamten aus; da dieser aber weder die Dame
noch unsern frhern Kassirer persnlich kannte, entschlo ich mich ihn
zu begleiten, und wir begannen gemeinschaftlich unsere etwas ungewisse
Fahrt.

Und jetzt? frug die Fremde, anscheinend in grter Spannung.

Indessen, fuhr Mr. Burton fort, wurde kein mgliches Mittel versumt
um die beiden aufzufinden, falls sie sich noch in England aufhalten
sollten. Zugleich telegraphirten wir an die nchsten Hafenpltze. Mein
ganz vortrefflicher und gewandter Begleiter war aber schon auf eine
Spur gekommen, die ihn nach Hamburg fhrte. Mit dem Hamburg Packet
waren nmlich am Sonnabend Abend zwei Personen abgegangen, die der
Beschreibung vollkommen entsprachen. Einer der Kassenleute in dem
Office des Dampfboots behauptete sogar, Kornik an jenem Abend mit einer
Reisetasche an dem Landungsplatz des Dampfboots gesehen zu haben. Wir
folgten augenblicklich, verloren aber die Spur in Hamburg wieder, und
glaubten sie erst in Hannover -- freilich, wie sich spter erwies,
irrthmlich -- wieder zu finden. Dort lie mich Mr. Hamilton zurck,
whrend er selber, von einer Art polizeilichen Instinkts getrieben, nach
Frankfurt vorauseilte und hierher zu -- zuflliger Weise -- mit Ihnen
und Ihrem Herrn Gemahl die Reise in einem Coup machte.

Ein leises Zittern flog ber den Krper der Frau, aber ihre Zge
verriethen keine Spur von Ueberraschung, und nur mit mehr erstaunter als
bewegter Stimme sagte sie:

Und jetzt?--

Und jetzt, fuhr Mr. Burton verlegen fort, glaubte er, durch mehrere
sonderbar zusammentreffende Umstnde jenen aus London mit unserem Geld
entflohenen Kornik in dem -- Sie drfen mir nicht zrnen, denn Sie haben
die volle Wahrheit verlangt -- in dem -- Grafen Kornikoff wieder zu
finden, da sich dieser heute Nacht so heimlich--

Heiliger Gott der Welt! rief die junge Frau, entsetzt emporspringend:
reden Sie nicht aus. Darf ich denn meinen Ohren trauen? In dem Grafen
Kornikoff vermuthen Sie den entsprungenen Verbrecher? Und dann
ist, =Ihrer= Meinung nach -- seine Begleiterin jene Diebin des
Diamantenschmucks?

_But Madam!_ rief Mr. Burton, ebenfalls erschreckt von seinem Sitz
aufspringend, ich sage Ihnen ja--

O mein Vater im Himmel, selbst das noch, rief aber das schne Weib,
die Arme wie flehend emporstreckend, auch das noch -- auch das noch in
meinem Jammer und Elend. -- Aber kommen Sie, fuhr sie leidenschaftlich
fort, indem Sie pltzlich wieder Mr. Burtons Arm ergriff und ihn fast
mit Gewalt zu ihrem Koffer zog -- =ich= bin nur ein armes schwaches
Weib, hilflos und ohne Schutz im fremden Lande -- aber Sie
haben vielleicht ein Recht, der Spur eines verbten Verbrechens
nachzuforschen. =Ich= habe nichts als meinen ehrlichen Namen, aber
den kann ich, Gott sei Dank, mir erhalten und Ihnen bin ich noch dazu
verpflichtet, mir die Gelegenheit zu geben mich zu rechtfertigen. Mir
schwindelt der Kopf, wenn ich mir denke, da Sie auch nur eine Stunde
lnger mich in einem so furchtbaren Verdacht haben sollten.

_But, my dear Madam_, rief Burton, jetzt vergebens bemht, zu Worte zu
kommen. Die Frau lie ihn nicht.

Nein, nein, fuhr sie immer erregter fort und schlo mit vor Eifer
zitternden Hnden ihren Koffer auf, warf den Deckel zurck und ri die
dort sorgfltig und glatt eingepackten Stcke wild und leidenschaftlich
heraus. Da -- hier -- hier ist alles was ich auf der Welt mein nenne
-- da meine Wsche -- da meine Kleider, fuhr sie fort die genannten
Sachen, ohne da es Burton verhindern konnte, ber den Boden streuend,
hier mein Schmuck -- eine drftige Korallenkette mit einem goldenen
Kreuzchen, das Erbtheil meiner seligen Mutter -- und wie ich =frher=
ihren Tod beklagte, jetzt danke ich Gott, da sie diese Stunde nicht
erlebte. -- Hier meine-- sie konnte nicht weiter -- ihr Gefhl
berwltigte sie. Sie richtete sich auf und wollte zum nchsten Stuhl
schwanken, aber sie vermochte es nicht und wre zu Boden gesunken, wenn
sie nicht James Burton in seinen Armen aufgefangen htte.

Das war eine bse Situation fr den jungen Mann -- der warme Krper der
jungen Frau ruhte an seinem Herzen, und vergebens suchte er sie durch
tausend Trostesworte ins Leben zurckzurufen. -- Und wie ihr Herz dabei
schlug -- er wute sich keines Rathes, als sie aufs Sopha zu tragen --
und als er sie in die Hhe hob, trafen seine Lippen unwillkhrlich
auf die ihrigen und ruhten einen Moment darauf. Endlich raffte er sich
empor. Er wollte nach Hilfe rufen, aber er wagte es nicht -- was muten
die Leute im Hotel davon denken, wenn er in einer solchen Situation mit
der jungen Dame getroffen wurde? Auf dem Waschtisch stand ein Glas Eau
de Cologne -- damit benetzte er ihr Taschentuch, hielt es ihr unter
die Nase und rieb ihr Schlfe und Puls, und als das alles nicht helfen
wollte, tauchte er das Handtuch in kaltes Wasser und legte es ihr um
die Stirn. Aber es dauerte wohl zehn Minuten, ehe er sie zum Bewutsein
zurckrief, und =als= sie endlich erwachte, befand sie sich in einem so
furchtbar berreizten Zustande, da sie den ber ihr lehnenden Arm des
jungen Mannes ergriff, ihre Stirn dagegen lehnte und bitterlich weinte.

Mr. Burton that das unter solchen Umstnden Zweckmigste -- er lie sie
sich ausweinen und es gewhrte ihm sogar einige Beruhigung, da er
sie dabei mit seinem linken Arm sttzen und halten konnte. Aber diese
Schwche dauerte nicht lange. Die junge Frau zeigte eine ungemeine
Willenskraft, dieses augenblickliche Erliegen ihres Krpers zu
bewltigen, und mit leiser Stimme sagte sie:

Ich danke Ihnen -- ich fhle mich strker -- es ist vorbei. Lassen sie
mich jetzt Alles wissen -- o verhehlen Sie mir nichts -- ich =mu= es ja
erfahren und dann habe auch ich Ihnen ein Gestndni abzulegen. --
Ich fhle, da Sie es gut mit mir meinen. Zrnen sie mir nicht, meiner
Heftigkeit wegen.

Oh, da ich Ihnen beweisen knnte, wie innigen Antheil ich an Ihrem
Schicksal nehme, rief Mr. Burton bewegt aus.

Und wo ist ihr Begleiter jetzt? frug die junge Frau, die noch immer
halb von seinem Arm gehalten wurde.

Ich wei es nicht, sagte Mr. Burton mit einer gewissen Genugthuung,
ihr darauf keine bestimmte Antwort geben zu knnen. Er folgt jenem
Grafen Kornikoff, um sich sicher zu stellen, ob er es in diesem mit dem
vermutheten Kornik zu thun hat. Nun aber sagen sie auch mir, dear Madam
-- wie kommen Sie in die Gesellschaft jenes Mannes? -- wie lernten Sie
ihn kennen, und hatten Sie keine Ahnung, da er ein Betrger sei?

Ich kann es mir =jetzt= noch nicht denken, rief die Unglckliche
-- es ist nicht mglich -- er htte ja, =wenn= es wahr wre, ein
tausendfaches Verbrechen an mir selber verbt. O lassen Sie mich noch an
seine Unschuld glauben.

Wie gern wollte ich Sie in dieser Tuschung lassen, sagte Mr. Burton,
aber ich mu gestehen, da viele, viele Umstnde dagegen sprechen.

Dann finden wir auch in seinem Koffer Aufschlu ber das Vergehen,
rief da die Dame pltzlich, indem sie sich vom Sopha emporrichtete. Er
hat sein ganzes Gepck zurckgelassen und nicht allein zu Ihrer, nein
auch zu meiner Genugthuung mu ich jetzt darauf bestehen, da Sie es auf
das Genaueste untersuchen.

Mr. Burton wollte sie davon zurckhalten, weil er nicht mit Unrecht
frchtete, da sie sich dabei aufs neue zu sehr aufregen wrde, aber
sie bestand fest darauf und da ihm selber daran lag, das hinterlassene
Eigenthum jenes Menschen nachzusehen, gab er endlich ihrem Wunsche nach.
Vergebens aber durchsuchten sie jetzt den ganzen, ziemlich gerumigen
Koffer; es fand sich nichts, was irgend einen Aufschlu htte geben
knnen. Ganz unten aber in der Ecke lag ein zusammengedrcktes Papier
-- ein altes Couvert, in das ein Paar alte Hemdknpfchen und eine
Westenschnalle eingewickelt waren, und auf dem Couvert stand die
Adresse:

            _W. Kornik Esqre
  Care of Messrs. Burton & Burton -- London._

Mr. Burton entfaltete das Couvert, las es, und reichte es dann
schweigend, aber mit einem beredten Blick der Dame. Diese aber hatte
kaum das Auge darauf geworfen, als sie mit leiser, entsetzter Stimme
sagte:

Vater im Himmel! also doch, und ihr Antlitz in ihren Hnden
bergend, stand sie wohl eine Minute still und schweigend und wie
ineinandergebrochen. Endlich richtete sie sich wieder empor, und dem
jungen Mann noch einmal die Hand entgegenstreckend, sagte sie:

Ich danke Ihnen, Mr. Burton -- danke Ihnen recht von Herzen, da Sie
den Schleier gelftet haben, der mich von einem Abgrund trennte. Wenn
Sie aber jetzt Ihrer Gte gegen mich die Krone aufsetzen -- wenn Sie
mich fr ewig verpflichten wollen, dann lassen Sie mich jetzt nur fr
=eine= kurze Stunde allein, um mich zu sammeln. Ich kann jetzt nicht
danken -- ich bin es nicht im Stande -- meine Glieder versagen mir den
Dienst. In einer Stunde kommen Sie wieder zu mir, dann sollen Sie
alles erfahren, was mich betrifft, und wir knnen dann vielleicht
gemeinschaftlich berathen, was zu thun, wie Ihnen -- wie mir zu helfen
ist. Wollen Sie mir das versprechen?

Madam, sagte Mr. Burton mit tiefem Gefhl, und jetzt vollstndig
berzeugt, da dies liebliche Wesen nie und nimmer eine Mitschuldige
sein knne, -- Sie haben ganz ber mich zu befehlen und was in meinen
Krften steht, mich Ihnen ntzlich zu machen, soll gewi geschehen.
Fassen Sie Muth, und vor Allem, fassen Sie Vertrauen zu mir und ich
hoffe, es soll noch alles gut werden. Ich lasse Sie jetzt allein -- in
einer Stunde bin ich wieder bei Ihnen -- vielleicht ist auch bis dahin
schon Nachricht ber den Flchtling eingetroffen. -- Sorgen Sie nicht,
setzte er aber herzlich hinzu, als er dem wehmthigen Blick begegnete,
der auf ihm haftete. -- Sie haben einen =Freund= gefunden. -- Und die
Hand, die er noch immer in der seinen hielt, an seine Lippen pressend,
durchrieselte es ihn ordentlich wie mit sen Schauern, als er einen
leisen Druck derselben zu fhlen glaubte. Aber er lie sie los,
verbeugte sich vor der jungen Dame ehrfurchtsvoll und stieg dann rasch
in sein Zimmer hinauf, um die Erlebnisse der letzten Stunde noch einmal
an seiner Erinnerung vorberziehen zu lassen.


V.

Die Verfolgung.

Hamilton warf sich an dem Morgen, nachdem er sechs verschiedene
telegraphische Depeschen aufgegeben, in einer ganz verzweifelten
Stimmung in sein Coup, denn von dem zurckgekehrten Postillon hatte er
erfahren, da dieser den Passagier um 4 Uhr heute Morgen in =Soden=
vor der Post abgesetzt, und er konnte jetzt den Zug benutzen, um diesen
Platz so rasch als mglich zu erreichen. Aber wieder und wieder machte
er sich selber dabei die bittersten Vorwrfe, da er die Flucht des
schon ganz sicher geglaubten Verbrechers nur seinem eigenen Leichtsinn,
seiner eigenen bodenlosen Unachtsamkeit verdanke, denn wie dieser einmal
Mr. Burton selber begegnet sei, =mute= er wissen, da er sich verrathen
sah und deshalb keinen Augenblick versumen drfe, um sich der ihm
drohenden Gefahr zu entziehen. Und =das= hatte er bersehen -- er, der
sich selber fr so schlau und in seinem Fach geschickt gehalten -- auf
so plumpe Weise, nur durch die Geistesgegenwart des Diebes, der durch
keine Bewegung verrathen, da er seinen Verfolger erkannt habe, hatte er
sich tuschen und berlisten lassen.

Und wie war es jetzt mglich, in diesem Gewhl von Fremden einen
einzelnen Menschen wieder ausfindig zu machen, der weiter nichts zu
thun brauchte, als sich einen anderen Rock zu kaufen, die blaue Brille
abzulegen, den schwarzen Schnurrbart zu rasiren, um aufs neue vllig
unkenntlich zu sein; und da er derartige Vorsicht =nicht= versumen
wrde, darber durfte er kaum in Zweifel sein.

Das Einzige, was ihn noch einigermaen beruhigte, war, da sie
wenigstens die Dame unter sicherer Aufsicht hatten; denn es schien nicht
wahrscheinlich, da sich der Flchtling so leicht und fr immer von dem
schnen, verfhrerischen Wesen getrennt haben sollte, nur um sich selber
in Sicherheit zu bringen. In irgend einer Verbindung mit ihr blieb
er gewi, oder suchte eine solche auf eine oder die andere Art
wieder anzuknpfen, und wenn dann Mr. Burton nur einigermaen seine
Schuldigkeit that, so lief er ihnen schon dadurch wieder ins Netz.

Allerdings htte Kornik die Dame schon recht gut in dieser Nacht
entfhren knnen -- es wre das eben so leicht gewesen als allein zu
entfliehen, aber er mute auch wissen, da er den Verfolger dann dicht
auf den Hacken gehabt htte und so leicht er =jetzt= hoffen konnte, ihn
ber die Richtung zu tuschen, die er genommen, so ganz unmglich wre
das in der Begleitung seiner Frau gewesen, die seine Bewegung nicht
allein hemmte, sondern auch eine viel breitere und leichter erkennbare
Spur hinterlie. Schon mit all dem Gepck wre er nicht von der Stelle
gekommen.

Das alles aber machte es, je mehr er darber nachdachte, nur soviel
wahrscheinlicher, da er Deutschland nicht schon verlassen habe. Nur aus
dem Weg mute er sich fr kurze Zeit halten, und wo konnte er das
besser thun, gerade in der Saison, als in irgend einem der zahllosen
Seitenthler des Rheins oder der benachbarten Gebirge, wo eine Unmasse
von Fremden herber und hinber strmte, und ein einzelner Mann vllig
unbeachtet in der Menge verschwand.

Aber trotzalledem gab Hamilton die Hoffnung nicht auf. Das gehetzte Wild
hatte allerdings einen Vorsprung gewonnen, aber die Fhrte war doch
noch warm -- es lag keine Nacht darauf und er selber war gerade der Mann
dazu, ihr mit allem nur erdenkbaren Eifer zu folgen. Es stand ja auch
nicht allein ein reicher Lohn auf dem Erfolg, nein, seine Ehre als
Detective auf dem Spiel, den schon gehaltenen Verbrecher nicht wieder
entschlpfen zu lassen, und er gab sich selber das Wort, nicht Mhe
nicht Kosten zu scheuen, um ihn wieder zurck zu bringen.

In Soden angekommen erkundigte er sich aber vergebens auf dem Bahnhof
nach einem Herrn, der nur irgend zu seiner Beschreibung pate. Es war
freilich auch nicht wahrscheinlich, da er sich dort gezeigt habe,
denn nach Frankfurt wrde er nicht so rasch zurckkehren, aber Hamilton
wollte sich von jetzt an keine Vorwrfe mehr machen, auch nur das
Geringste versumt zu haben. Einquartirt hatte sich der Herr aber dort
=nicht=, so viel lag auer Zweifel; mit dem Mustern der Gasthuser
brauchte er deshalb keine Zeit zu verlieren und das Wichtigste blieb,
die Straen zu untersuchen, die von hier aus in die Berge und besonders
nach dem Rhein zu fhrten.

Das aber zeigte sich bald als ein sehr schwierig Stck Arbeit, denn es
hielten sich viele Fremde in Soden auf, und bei dem wundervollen
Wetter besuchte ein groer Theil derselben in frher Morgenstunde die
benachbarten Berge. Wer wollte da den Einzelnen controlliren, der sich
zwischen ihnen befunden hatte? Auerdem gab es eine Legion von
Fhrern in dem Badeort, die sich theilweis unterwegs, oder da und
dort einquartirt befanden; es wre rein unmglich gewesen, sie alle
aufzusuchen und einzeln auszufragen.

Hamilton lie aber deshalb den Muth nicht sinken. Unermdlich streifte
er Strae auf, Strae ab und frug bald da, bald dort in den Husern. Nur
in einem, in dem letzten Huschen, das auf dem Weg nach Knigstein lag,
hrte er, da ein einzelner Herr dort sehr frh vorbeigegangen sei,
ob er aber einen Schnurrbart gehabt oder eine blaue Brille und Gepck
getragen, wer sollte das jetzt noch wissen? Ein Fhrer hatte ihn nicht
begleitet.

Das war keine Spur und Hamilton wollte sich schon kopfschttelnd
abwenden, um in Soden erst etwas zu Mittag zu essen und dann seine
Versuche zu erneuern, als ein kleines Mdchen, das dabei gestanden
hatte, sagte:

Ja, en Schnorres hat er schon gehat, un en Tschche aa ungerm Arm
getrage.

Einen Schnorres? was ist das? frug Hamilton.

Nu Hoor unner der Nas, sagte die Frau.

Ja un ganz schwarz war er -- sagte die Kleine.

So mein Kind, sagte Hamilton, der sie aufmerksam betrachtete, also
ein Tschchen hat er unter dem Arm getragen? gro?

Na -- kleen -- vun =Ledder= -- en hibsch Tschche.

Und der ist dort hinaus zu gegangen?

Die Frau besttigte das -- eine Brille schien er aber nicht aufgehabt
zu haben; das Kind wollte wenigstens nichts derartiges bemerkt haben und
eine blaue Brille wre ihm gewi aufgefallen.

Das war allerdings eine Spur, wenn auch nur eine auerordentlich
schwache, Hamilton beschlo aber doch, ihr zu folgen und ohne weiter
einen Moment Zeit zu verlieren, drckte er dem Kinde ein Geldstck in
die Hand und eilte dann so rasch er konnte nach Soden wieder auf die
Post, um dort Extrapost nach Knigstein zu nehmen. Nur so viel Zeit
gnnte er sich, um etwas zu essen und zu trinken, so lange die Pferde
angespannt wurden -- dann ging es vorwrts, was die Thiere laufen
konnten.

In Knigstein selber -- denn unterwegs, so oft er sich auch nach
dem Gesuchten erkundigte, erhielt er doch keine Auskunft -- war die
Nachforschung nicht so schwer. Es gab dort nur zwei halbwegs anstndige
Wirthshuser und in dem einen erfuhr er denn auch, da ein einzelner
Herr mit einem sehr schwarzen Schnurrbart und etwas brauner
Gesichtsfarbe da gefrhstckt habe, dann aber weiter =gegangen= sei,
ohne da sich natrlich irgend Jemand um ihn bekmmert htte. Eine
lederne kleine Reisetasche mit Stahlbgel fhrte er bei sich, eine
Geldtasche hatte er umhngen, und auch noch einen Riemen umgeschnallt
gehabt -- das wollte der Wirth deutlich gesehen haben -- weiter wute er
nichts.

In was fr Geld hat er seine Zeche bezahlt?

In Gulden und Kreuzern -- der Landesmnze.

Hamilton war nicht halb sicher, da er wirklich auf der Spur des
Gesuchten sei, aber was blieb ihm jetzt anderes brig, als ihr, da er
sie einmal aufgenommen, auch weiter zu folgen, er wrde sich sonst immer
wieder Vorwrfe gemacht haben, eine wahrscheinliche Bahn aufgegeben zu
haben, um dafr wild und verloren in der Welt herumzusuchen.

Von hier aus schien der Flchtling aber wirklich den Waldweg
eingeschlagen zu haben, denn auf keiner Strae war er mehr gesehen
worden, auch konnte er sich keinen Fhrer genommen haben, denn das
htte sich jedenfalls ausgesprochen. Wohin jetzt? Es war bald Abend, als
Hamilton erschpft in das Gasthaus zurckkehrte, wo er mit einer Flasche
Wein und der Eisenbahnkarte vor sich, seinen weiteren Schlachtplan
berlegte. Er fhlte dabei recht gut, da er von jetzt an auf gut Glck
weiter suchen msse. Nur eine Andeutung seines zuknftigen Weges fand er
in der Richtung, in welcher Knigstein von Soden lag -- direkt nach dem
Lahnthal zu, und der beschlo er auch jetzt zu folgen. Allerdings mochte
sich der Flchtige rechts oder links abgewandt haben, um entweder
Gieen oder den Rhein zu erreichen. Das letztere blieb aber immer das
Wahrscheinlichste.

Zu Fu gedachte er aber die Tour nicht zu verfolgen, und er beschlo
deshalb, hier zu bernachten, und am nchsten Morgen mit einem
Einspnner, womglich noch vor Tag, aufzubrechen. Dazu war es aber
nthig, noch heute Abend einen Wagen zu bestellen. Ein Mann wurde ihm
da bezeichnet, der einen Einspnner zu vermiethen htte. Zu dem ging er
ungesumt und erkundigte sich.

Ja, mein lieber Herr, sagte dieser achselzuckend, wenn Sie ein paar
Stunden frher gekommen wren, so htten Sie mit einem andern Herrn
fahren knnen, der dieselbe Tour macht. Der hat aber meinen
einzigen Einspnner mitgenommen. Das Pferd htte Sie beide prchtig
fortgebracht.

Ein einzelner Herr? frug Hamilton rasch, heute Mittag?

Jawohl -- etwa um elf Uhr.

Und wie sah er aus?

Ja, lieber Gott, wie sah er aus -- wie ein Berliner, mit einem
schwarzen Schnurrbart und einer Reisetasche.

Und haben Sie nicht einen zweispnnigen Wagen?

Thut mir leid -- die Pferde sind jetzt alle drauen. Wenn Sie aber das
dran wenden wollen, warum nehmen Sie nicht Postpferde?

Ist denn eine Poststation hier im Ort? Ich hatte keine Ahnung davon,
denn ich bin im Gasthaus vorgefahren.

Ja gewi, und die =mssen= Ihnen Pferde schaffen.

Hamilton hrte nichts weiter und sa, kaum eine Viertelstunde spter
wieder in seiner Extrapost. Jetzt zweifelte er auch keinen Augenblick
mehr, da er auf der richtigen Spur sei und versprach dem Postillon ein
tchtiges Trinkgeld, wenn er ordentlich zufahren wrde.

Auf der nchsten Station fand er aber seine Nachtfahrt schon
unterbrochen. Die Wege kreuzten sich hier, und er =durfte= nicht weiter
fahren, aus Furcht, die falsche Strae einzuschlagen. Er mute dort
bernachten, aber schon vor Tag war er wieder auf, und wie er nun
die Gewiheit erlangte, da der Flchtige die Strae nach Norden
eingeschlagen, folgte er derselben mit Extrapost und versprach dem
Postillon ein frstliches Trinkgeld, wenn er den Gesuchten einholte, ehe
er die Eisenbahn erreichte.

Das wre freilich nicht mglich gewesen, wenn Kornik sich verfolgt
gewut und dann keine Zeit versumt htte. Er schien sich aber
vollkommen sicher zu fhlen, denn als sie nach Camburg kamen, hrten
sie da er dort geschlafen htte und ziemlich spt Morgens wieder
aufgebrochen sei.

Jetzt galt es, ihm den Vorsprung abzugewinnen und nher und nher
rckten sie auch hinan, bis sie dicht vor Limburg einem rckreitenden
Postillon begegneten, der ihnen sagte, da sie die Extrapost voraus
vielleicht noch vor der Stadt einholen knnten, wenn sie die Pferde
nicht schonten.

Und wahrlich sie schonten die Pferde nicht, was sie laufen konnten,
liefen sie. Aber nach der Bahn zu fhrte der Weg steil thalab, der
unglckselige Wagen hatte keinen Hemmschuh und mute mit der Kette
eingelegt werden; zu rasch =durfte= er da nicht fahren, wenn er nicht
riskiren wollte ein Rad zu brechen. Als sie endlich Limburg dicht vor
sich sahen, war die verfolgte Extrapost nirgend zu erkennen, wohl aber
pfiff gerade der von Gieen kommende Zug in den Bahnhof ein, und hielt
dort gerade lang genug, da ihn Hamilton, als er mit seinen, ordentlich
mit Schaum bedeckten Thieren heranrasselte, konnte wieder davonkeuchen
sehen. -- Er war zu spt gekommen.


VI.

Im Kursaal.

Es war ein verzweifelter Moment, aber Hamilton nicht der Mann, sich
dadurch beirren zu lassen. Da Kornik =diesen= Zug benutzt hatte, daran
zweifelte er keinen Augenblick, sowie er nur auf dem Bahnhof anfuhr und
ihn nicht traf. Zum Ueberflu fanden sie aber auch noch die Extrapost,
die ihn hierher gebracht, und der Postillon derselben besttigte,
da der Herr, den er gefahren, mit dem letzten Zug nach dem Rhein
abgegangen sei.

Es war 5 Uhr 55 -- der nchste Zug ging 6 Uhr 30 -- also noch eine
halbe Stunde Zeit. Hamilton fuhr mit seinem Wagen gleich vor dem
Polizeigebude vor, die Herrn hatten es sich aber schon bequem
gemacht, und er fand nur noch einen Aktuar, der Schriftstcke in einer
Privatsache durchsah.

Glcklicherweise schien dies ein ziemlich intelligenter Mann, der seinen
Bericht aufmerksam anhrte. Als er ihn beendigt hatte, sagte er:

Mein lieber Herr -- dieser Zug, der eben Limburg verlassen hat, geht
allerdings heute Abend noch nach Coblenz, aber ich wei nicht, ob
der Herr, dem Sie nachsetzen, gerade ein Interresse daran haben kann,
Coblenz diese Nacht zu erreichen. Er kann natrlich nicht ahnen, da
Sie ihm so dicht auf den Fersen sitzen -- vorausgesetzt nmlich, da es
wirklich der Richtige ist, und wenn Sie =meinem= Rath folgen wollen, so
thun Sie, was ich Ihnen jetzt sage. Fahren Sie mit dem nchsten Zug
nach Ems -- nicht weiter -- besuchen Sie dort heute Abend -- mit jeder
nthigen Vorsicht natrlich, den Spielsaal, und finden Sie dann -- was
ich aber bezweifele -- Ihren Mann =nicht=, dann nehmen Sie heute Abend
noch in Ems einen Wagen, den Sie fr Geld berall bekommen knnen,
fahren direkt nach Coblenz, und passen morgen frh an den Bahnzgen
auf. Ich wenigstens, wenn ich an Ihrer Stelle einen solchen Patron zu
verfolgen htte, wrde genau so handeln, und wenn ich nicht sehr irre,
gut dabei fahren.

Ems ist nassauisch, nicht wahr? frug Hamilton.

Allerdings, sagte der Aktuar.

Knnten Sie dann, fuhr Hamilton fort, indem er seine
Legitimationspapiere aus der Tasche holte, mir auf Grundlage dieser
Schriftstcke einen Verhaftsbefehl fr das betreffende Individuum
ausstellen?

Der Aktuar sah die Papiere, bei denen sich eine in Hamburg beglaubigte
Uebersetzung befand, aufmerksam durch und sagte dann lchelnd:

Eigentlich, und nach unserem gewhnlichen Gerichtsverfahren wrde die
Sache mehr Umstnde machen, und nicht so rasch beseitigt werden
knnen, unter den obwaltenden Verhltnissen aber denke ich, da ich die
Verantwortlichkeit auf mich nehmen kann. Sie =mssen= mit dem nchsten
Zug fort, wenn Sie den Gesuchten nicht versumen wollen. Setzen Sie
sich einen Augenblick; ich denke, wir knnen das alles noch in Ordnung
bringen.

Der alte Aktuar war ein wahres Juwel. Hamilton htte sich an keinen
besseren Menschen wenden knnen. In kaum zehn Minuten hatte er einen
Verhaftsbefehl fr die Nassauischen Lande gegen jenen Mr. Kornik
ausgestellt. Und nicht einmal einen Kreuzer mehr als die blichen und
nicht zu vermeidenden Sporteln wollte er dafr nehmen, und wie gern
htte ihm der junge Mann seine Arbeit zehn- und zwanzigfach bezahlt!

Jetzt war alles in Ordnung -- Hamilton beschlo, den ihm gegebenen
Rath gewissenhaft zu befolgen, und dem alten Herrn auf das herzlichste
dankend, eilte er so rasch er konnte nach dem Bahnhof zurck.

Seine Zeit war ihm auch nur eben knapp genug zugemessen; kaum hatte er
dort sein Billet gelst, so wurde der Zug schon signalirt; zehn Minuten
spter braute er heran, hielt, nahm seine wenigen Passagiere auf und
keuchte in ruheloser Hast weiter, das freundliche Lahnthal hinab.

Aber Hamilton hatte kein Auge fr die liebliche Scenerie, die ihn umgab
-- so war er in seine eigenen Gedanken vertieft, da er ordentlich
emporschrak als sie in den ersten Tunnel eintauchten. Nur das Bild des
Flchtigen schwebte vor seiner Seele, und selbst da er Schlaf und Ruhe
entbehrt hatte, um diesen zu erreichen und einzuholen, fhlte er nicht.
Der Zug flog mit reiender Schnelle dahin, aber ihm kam es noch immer
vor, als ob er in seinem Leben nicht so langsam gefahren wre. Jetzt
glitten sie an den grnen Hngen des freundlichen Thales dahin -- jetzt
wieder ffnete der Berg seinen Schlund, um sie in seine dstere Tiefe
aufzunehmen, und aufs neue schossen sie hinaus in den dmmernden Abend.
Aber Hamiltons Augen schienen fr das alles keine Sehkraft zu haben, so
theilnahmlos, so unbewut selbst streifte sein Blick darber hin, bis
endlich der schrille Pfiff der Locomotive die Nhe der Station Ems
anzeigte und eine Masse Spaziergnger, Herren zu Fu und Damen und
Kinder auf Eseln, in der unmittelbaren Nhe der Bahn sichtbar wurden. Es
war spt geworden und die Leute eilten jetzt nach Haus, denn so hei die
Tage auch sein mochten, die Nchte blieben khl und frisch genug.

Aber diese kmmerten den Polizeimann nicht, der recht gut wute, da
der, den =er= suchte, sich nicht unter ihnen befand, selbst =wenn= es
noch hell genug gewesen wre, einzelne Physiognomien der da drauen
Wandernden zu erkennen, an denen sich nur die lichten Kleider
unterscheiden lieen.

Der Zug hielt, aber selbst jetzt noch war Hamilton einen Augenblick
unschlssig, ob er nicht lieber sitzen bleiben und bis nach
Oberlahnstein und Coblenz mitfahren solle; denn lie es sich denken,
da der Flchtige gerade hier ausgestiegen sei? Derartige Menschen sind
allerdings furchtbar leichtsinnig, und der alte Aktuar hatte am Ende
doch Recht gehabt, wenn er ihm rieth, die Spielbank jedenfalls einmal
ein Paar Stunden zu besuchen. Verloren war immer kaum viel Zeit dabei,
denn kam er jetzt auch nach Coblenz, so mute er doch die Nacht dort
liegen bleiben, um bei dem Abgang des ersten Morgen-Zuges erst am
Bahnhof zu sein. Er folgte also dem Rath des alten Mannes, stieg aus und
ging in das dicht am Bahnhof gelegene Hotel zum Guttenberg, um dort erst
etwas andere Toilette zu machen. Er wollte sich nmlich nicht der Gefahr
aussetzen, da er von dem schlauen Verbrecher zuerst erkannt wrde, denn
er zweifelte keinen Augenblick daran, da Kornik ihn an jenem Abend eben
so gut bemerkt habe, wie seinen Begleiter Burton, und ihm deshalb jetzt
eben so rasch ausweichen wrde, wie jenem.

In seiner Tasche trug er einen leichten hellen Sommerrock, den zog er
an, setzte eine hellgrne Brille auf und borgte sich noch auerdem vom
Kellner einen Cylinderhut. Mit dieser ganz geringen Vernderung seiner
Toilette, die er dadurch vervollstndigte, da er ein weies Halstuch
statt seines bisher getragenen schwarzen nahm, fhlte er sich ziemlich
sicher, wenigstens nicht gleich auf den ersten Blick erkannt zu werden.
Kornik hatte ihn ja berhaupt nur die kurze Zeit im Coup gesehen, und
ihn dabei keineswegs seiner Beachtung so besonders werth gehalten.
Dann a er etwas und hielt es nun an der Zeit, das jetzt besonders
frequentirte Kurhaus zu besuchen.

Es war indessen vllig Nacht geworden; unterwegs traf er nur noch
einzelne Leute, die vom Kurhaus weg ber die Brcke in ihre am andern
Ufer liegende Quartiere gingen, das Kurhaus selber aber war noch hell
und brillant erleuchtet und auch in der That der einzige Platz in dem
ganzen Badeort, den man Abends besuchen konnte und wo man Gesellschaft
fand. Die anderen zahllosen Hotels schienen nur zum Essen zu dienen,
denn in ihren Slen versetzten riesige Tische, deren Zwischenraum
vollstndig mit Sthlen ausgefllt war, jeden nur einigermaen mglichen
Platz. Man konnte sich in keinen von ihnen wohnlich fhlen.

Das Kurhaus dagegen vereinigte alles, was sich von Pracht und Eleganz
nur denken lie -- ein reichhaltiges Lesezimmer mit bequemen Fauteuils,
einen prachtvollen Saal zu Concerten oder Spiel- und Tanzpltzen der
Kinder und Damen, und dann den unheilvollen Magnet fr die Spieler, die
grnen Tische, von denen der verfhrerische Klang des Metalls in
alle harmlosen Spiele und Vergngungen hinbertnte, und seine Opfer
erbarmungslos an- und nachher auszog.

Es ist eine Schmach fr Deutschland, da wir noch diese vergoldeten
Schandhhlen in unseren Gauen dulden -- es ist eine doppelte Schmach fr
die Regierungen, die sie begnstigen und gestatten, und alle die Opfer,
die jhrlich fallen, mssen einst auf ihren Seelen brennen.

NapoleonIII. hat die Spielhllen aus seinem Reich verbannt, und die
Spieler damit ber die Grenzen getrieben. Geschah das aber nur deshalb,
da sie in =Deutschland= ihre gesetzliche Aufnahme finden sollten?
und mssen wir nicht vor Scham errthen, wenn wir dieses franzsische
Unwesen mit franzsischen Marken und Marqueuren im Herzen unseres
Vaterlandes eingenistet finden? Aber es =ist= so. Trotz der gerechten
Entrstung, die allgemein darber herrscht, mssen wir jetzt geschehen
lassen, da andere Nationen die Achseln darber zucken und uns bedauern
oder -- verachten, =mssen= wir es geschehen lassen, sage ich, denn

  wollten wir alle zusammen schmeien
  wir knnten sie doch nicht Lgner heien.

Wenn wir es denn aber trotz allem und allem unter unseren Augen so frech
fortgefhrt sehen, so gehrt es sich, da sich jeder =rechtliche=
Mann wenigstens dagegen verwahrt, diese Schandbuden gut zu heien.
Das Ausland mge erfahren, da die =deutsche Nation= unschuldig ist an
diesem Werk, und keinen Silberling von dem Blutgeld verlangt, das es
einzelnen Frsten einbringen mag. Hammerschlag auf Hammerschlag folge
auf das Gewissen der Vertreter deutscher Nation, bis sie endlich wach
gerttelt werden -- sie sollen sich wenigstens nicht beklagen drfen,
da man sie nicht geweckt htte.

Hamilton dachte freilich an nichts derartiges, als er das hell
erleuchtete Portal betrat, an welchem ein gallonirter Portier und ein
sehr einfach gekleideter Polizeidiener -- zur Wache, da das heilige
Spiel nicht etwa gestrt wrde -- auf Posten standen. Der Portier wollte
brigens Schwierigkeiten machen, als er Hamiltons hellen Rock sah --
er schien ihm fr die Spielhlle nicht anstndig genug gekleidet, aber
neben ihm schritt eine bis auf den halben Busen decoltirte Franzsin
frech vorber, welcher der Lakai eine tiefe, ehrfurchtsvolle Verbeugung
machte. Hamilton wute indessen, welchen Zauber in einem solchen Fall
ein Guldenstck ausben wrde, und der augenblicklich zahm gewordene
Portier schmunzelte auch so vergngt darber hinweg, da seinem Eintritt
nichts weiter im Wege stand.

Wenige Secunden spter befand er sich, von dem jetzt dienstbaren Geist
willig geleitet, im Lesecabinet, aus dem eine Thr unmittelbar in den
groen Spielsaal fhrte.

Dort saen nur ihm vollkommen fremde Menschen, ein langbeiniger
Englnder, der gewissenhaft die Times durcharbeitete, ein kleiner
beweglicher Franzose, der ber dem Charivari schmunzelte, und ein Paar
andere Badegste, die gleichgltig und aus Langeweile die verschiedenen
continentalen Zeitungen durchbltterten.

Er hielt sich dort nicht auf und ffnete die Thr, die in den Spielsalon
fhrte, aber anfangs nur halb, um erst einen Ueberblick ber die
verschiedenen Gestalten zu gewinnen, und nicht frher gesehen zu werden,
als er selber sah. Aber es htte dieser Vorsicht nicht einmal bedurft,
denn die dort Befindlichen hatten nur Ohr fr den monotonen Ruf des
Croupiers, nur Auge fr den grnen Tisch, und die darauf genhten bunten
Lappen. Wer kmmerte sich von allen denen um den einzelnen Fremden, wenn
er nicht selber als stark Spielender -- mit Glck oder Unglck blieb
sich gleich -- ihr Interesse fr einen Augenblick in Anspruch nahm.

Hamilton trat an die Spieler dicht hinan, um die einzelnen Gesichter
derselben mustern zu knnen -- aber er fand kein bekanntes darunter.
Es war ein buntes Gemisch von leidenschaftlich erregten, abstoenden
Physiognomien, unter denen sich nur hie und da die kalten speculirenden
Zge alter abgefeimter, und ruhig ihre Zeit abwartender Spieler,
auszeichneten. Auch viele Damen standen dicht von den Uebrigen
gedrngt am Tisch, wenn solche Frauenzimmer den Namen von Damen
berhaupt verdienen. Eine von diesen sa sogar neben dem Croupier -- es
war der Lockvogel der Gesellschaft, ein junges, ppiges Weib, tief
decoltirt, mit dunklen vollen Locken und reichem Brillantschmuck; andere
drngten, jede Weiblichkeit bei Seite lassend, zwischen die ihnen nur
unwillig Raum gebenden Zuschauer hinein, um ihr Geld in wilder Hast auf
eine Nummer zu schieben.

Hamiltons Blick streifte gleichgltig darber hin, und wie er
sich langsam selber um den Tisch bewegte, entging kein irgendwo
eingeschobener Kopf seinem forschendem Auge. Da hrte er auch in einem
kleineren Nebenzimmer das Klimpern des Geldes und die monotonen Worte:
_le jeu est fait_ -- denen lautlose Stille folgte, und wollte eben
auch jenes Gemach betreten, als er wie festgewurzelt auf der Schwelle
blieb, denn =dort= stand Kornik -- bleich wohl jetzt, von der Erregung
des Spiels, und mit gierigem Blick an der abgezogenen Karte hngend --
aber unverkennbar derselbe, mit dem er an jenem Tag gefahren. Er
hatte es auch nicht einmal fr nthig gehalten, den verrtherischen
Schnurrbart abzurasiren, oder sein Haar anders zu tragen, er mute sich
heute Abend hier vollkommen sicher fhlen. Nur die blaue Brille fehlte.

Im ersten Moment frchtete Hamilton fast sich zu bewegen, da nicht
der Blick des Verbrechers ihn vor der Zeit traf. Aber es war das eine
vollkommen nutzlose Angst, denn der =Spieler= hatte nur Augen fr die
vor ihm abgezogenen Karten -- weiter existirte in diesem Moment keine
Welt fr ihn. Vorsichtig zog sich der Polizeiagent deshalb wieder
zurck, bis er sich im Nebenzimmer gedeckt wute, schritt dann durch den
Saal und auf den dort stationirten Polizeidiener zu.

Mit wenigen Worten machte er diesem auch begreiflich was er wollte --
derartige kleine Zwischenflle kamen gar nicht etwa so selten in
diesen Spielhllen vor -- und berraschte dabei den Portier auf das
angenehmste, indem er ihm zwei groe Silberstcke -- er sah gar nicht
nach, was -- in die Hand drckte, mit dem Auftrag, so rasch als irgend
mglich Polizeimannschaft zur Hlfe herbeizuholen. Die befand sich
brigens stets in der Nhe. Ein verzweifelter Spieler hatte sich wohl
schon dann und wann einmal, zum Letzten und Aeuersten getrieben, an der
heiligen Kasse selber vergriffen und nachher sein Heil in rascher Flucht
gesucht, und dagegen muten die Herren freilich geschtzt werden. Wenn
auch ein =Raub=, war das Geld doch ein =gesetzlich= gewonnener, und die
Regierung fhlte sich verpflichtet, dessen Schutz zu berwachen.

Hamilton traute indessen seinem Mann da drinnen noch lange nicht genug,
um ihn lnger, als unumgnglich nthig war, sich selber zu berlassen;
er war ihm damals in Frankfurt auf zu schlaue Weise durch die Finger
geschlpft, whrend er ihn eben so sicher geglaubt wie gerade jetzt.
Aber er selber kannte die Leidenschaft des Spiels noch viel zu wenig,
um zu wissen, da er in diesem einen viel sicheren Bundesgenossen hatte,
als in einem schnen Weibe, und als er in Begleitung des Polizeidieners
jenes Zimmer wieder betrat, stand Kornik noch eben so fest und
regungslos, eben so nur in dem einen Gedanken der Karten absorbirt, an
seinem Tisch, wie er ihn vorhin verlassen.

Der Polizeibeamte bereilte sich aber jetzt nicht im geringsten. Er
wute, da ihm sein Opfer nicht mehr entgehen konnte, und hielt es
fr viel gerathener, den Herrn nicht frher zu beunruhigen, als er der
herbeigerufenen Hilfe sicher war. Nur seine grne Brille nahm er ab.

Welcher ist es denn? flsterte ihm der dicht hinter ihm gehende
Polizeidiener zu. Hamilton machte eine beschwichtigende Bewegung mit der
Hand und trat dann, von jenem gefolgt, an Kornik hinan. Er stand jetzt
so nahe bei ihm, da seine Schulter die des Polen berhrte, der aber
nicht daran dachte, auch nur den Kopf nach ihm umzudrehen.

Jetzt hatte derselbe gerade gewonnen; es standen vielleicht 40 oder 50
Louisd'or auf dem grnen Tisch -- er lie den Satz stehen, die Karten
fielen und der Croupier zog mit seiner hlzernen Schaufel das Gold ein.

Mit einem leisen, zwischen den Lippen gemurmelten Fluch schob sich
Kornik seine Geldtasche vor, um wahrscheinlich neue Summen auf die
trgerischen Bltter zu setzen, als er eine Hand auf seiner Schulter
fhlte und Hamilton mit ruhiger, aber absichtlich lauter Stimme sagte:

Sie sind mein Gefangener, im Namen der Knigin.

Der Pole wandte ihm jetzt rasch und erschreckt sein Antlitz zu und
Leichenblsse deckte im Nu seine Zge, als er das nur zu wohl gemerkte
Gesicht des Mannes aus Frankfurt neben sich sah. Aber auch nicht fr ein
Moment verlor er seine Geistesgegenwart, und dem Blick desselben kalt
und ruhig begegnend, sagte er:

Das Spiel hat Ihnen wohl den Verstand verwirrt -- stren Sie mich
nicht, und in die Geldtasche greifend, wollte er, ohne den Fremden
weiter zu beachten, sich wieder ber den Tisch beugen, als sich Hamilton
aber, seiner Sache zu gewi, an den Polizeidiener wandte und sagte:

Verhaften Sie den Herrn -- ich werde Sie augenblicklich auf das Bureau
begleiten.

Keine Strung hier, meine Herren, wenn ich bitten darf, rief pltzlich
ein kleines hageres Mnnchen, das schon bei den ersten Worten an den
Spieltisch getreten war. Wenn Sie etwas mit einander auszumachen haben,
ersuche ich Sie, in ein Nebenzimmer zu treten.

Ich werde =Sie= nicht um Erlaubni fragen, wenn ich Ihre Wirthschaft
hier fr einen Augenblick unterbreche, sagte Hamilton trotzig -- ich
habe ein Recht diesen Mann zu verhaften, wo ich ihn finde.

Dann fhren Sie ihn ab, Polizeidiener, sagte der Kleine in seinem
braunen Rock ruhig -- oder ich mache Sie fr jede Unordnung hier
verantwortlich.

Ich habe mit den Herrn nichts zu thun, rief der Pole trotzig, was
wollen Sie von mir? -- lassen Sie mich los.

Eine Anzahl von Menschen sammelte sich um die beiden, und die Spieler
zogen ihr Geld ein, weil sie vielleicht einen Kampf und dadurch die
Sicherheit ihrer Bank gefhrdet frchteten, denn es gab leider eine
Menge von Menschen, die das dort aufgethrmte Geld fr =gestohlen=
hielten, und sich wenig Gewissen daraus gemacht htten, es fortzuraffen.

Bitte, meine Herren, gehen Sie in ein Nebenzimmer, drngte aber jetzt
nochmals der kleine Braune, Sie sind dort vollkommen ungestrt -- Jean,
Bertrand hierher -- sorgen Sie fr Ordnung.

Der Pole warf den Blick umher; er sah sich augenscheinlich nach einem
Weg zur Flucht um, aber Hamiltons Hand hatte seinen Arm wie eine
Schraube gefat und der Polizeiagent sagte mit leiser, aber drohender
Stimme:

Es hilft Ihnen nichts. Flucht ist fr Sie unmglich. Sie sind mein
Gefangener; ergeben Sie sich gutwillig, Sie haben keinen Ausweg mehr,
und Wiederstand kann Ihre Lage nur verschlimmern.

Es war einen Augenblick, als ob sich der Pole den drohenden Worten nicht
fgen wolle, und fast unwillkrlich zuckte er mit der Hand empor. Aber
ein umhergeworfener Blick mute ihn berzeugen, da er mit Gewalt
nichts ausrichten knne, denn eine Menge von Neugierigen, die sich im
benachbarten Salon umhergetrieben, hrten kaum die in einem Spielsaal
ganz ungewohnten, lauten Stimmen, als sie hereindrngten, und den
einzigen Ausgang vollstndig verstopften.

Der eine Blick gengte, und verchtlich lchelnd aber mit voller Ruhe
sagte der Mann:

Hier herrscht jedenfalls ein Irrthum. Ich bin Graf Kornikoff, hier ist
mein russischer Pa, und ich stelle mich damit unter den Schutz unseres
Gesandten. Nassau ist mit dem russischen Thron verwandt und wird dessen
Unterthanen nicht ungestraft beleidigen lassen.

Mit den Worten nahm er ein Papier aus seiner Brusttasche und hielt es
Hamilton vor.

Es kann sein, sagte dieser, da Ihr Pa in Ordnung ist. Die
gefhrlichsten Charaktere haben gewhnlich die besten Psse. In dem
Falle werden Sie sich aber um so weniger weigern mir zu folgen, da ich
bereit bin, Ihnen vollstndige Genugthuung zu geben, wenn ich Sie ohne
hinreichenden Grund verhaftet habe. Die Herren hier werden mir aber
zugeben, da man, auch selbst mit einem guten Pa versehen, doch stehlen
kann, und auf die Klage eines Diebstahls verhafte ich Sie hiermit.

Gut denn, fhren Sie ihn fort und bernehmen dabei die Verantwortung
fr alle Folgen, sagte der kleine Herr mit dem braunen Rock ungeduldig
-- aber Sie sehen doch ein, da Sie hier das Spiel und Vergngen vllig
dabei unbetheiligter Herren und Damen nicht lnger stren drfen. Herr
Polizeicommissar, ich bitte Sie, da Sie diesem Unfug ein Ende machen,
oder ich werde mich morgen ernstlich bei der Behrde deshalb beklagen.

Der Polizeicommissar war in der That herbeigekommen, und Hamilton, der
ihn an seiner Uniform erkannte, frug ihn leise:

Wer ist denn dieser kleine Tyrann?

Einer der Spielpchter, sagte der Mann mit einem verchtlichen Blick
auf den Braunen, und setzte dann laut hinzu, beklagen Sie sich bei
wem Sie wollen, Monsieur, Sie werden uns aber hier wohl noch erlauben,
unsere Schuldigkeit zu thun, selbst =wenn= Ihre achtbare Gesellschaft
einen Augenblick gestrt werden solle. Und Sie, mein Herr, wandte er
sich an den Gefangenen, folgen Sie uns jetzt auf das Bureau -- ich
werde die Sache dort untersuchen.

Sie werden mir bezeugen, da ich nicht den geringsten Wiederstand
geleistet habe, sagte der Pole ruhig -- kommen Sie, meine Herren. Ich
wnsche noch an dem Spiel hier Theil zu nehmen, und je eher wir diese
fatale Sache beendigen, desto besser.

Damit wandte er sich entschlossen dem Ausgang zu -- die Leute gaben ihm
Raum und wenige Secunden spter standen sie am Ausgang des Kurhauses.

Es wre besser, wir legten ihm Handschellen an, sagte Hamilton, sich
zu dem Polizeicommissar berbiegend.

Er kann uns hier nicht entschlpfen, erwiederte dieser kopfschttelnd
-- und ich mchte keine Gewaltmaregeln gebrauchen, bis ich die Sache
nher untersucht habe.

Der Pole schritt ruhig und festen Schrittes zwischen zwei Polizisten
dahin -- dicht hinter ihm folgte Hamilton mit dem Commissar, und eine
Anzahl von Neugierigen schlo sich dem Zuge an, um zu sehen, was die
Sache fr ein Ende nhme. So schritten sie langsam durch den Kurgarten
dem kleinen viereckigen Regierungsgebude zu, das dicht an der Brcke
liegt, und der Gefangene schien selber nichts sehnlicheres zu wnschen,
als diese Scene bald zu Ende gebracht zu sehen.

Haben wir noch weit? frug er einen der ihn escortirenden Leute.

Oh bewahre, sagte dieser, indem er mit dem ausgestreckten Arm auf
das vor ihnen liegende Gebude zeigte, das ist das Haus. In demselben
Moment stie er aber auch einen Schrei aus, denn ein schwerer Schlag,
jedenfalls mit einem sogenannten _life preserver_ gefhrt, schmetterte
ihn bewutlos zu Boden, whrend der Gefangene mit flchtigen Stzen ber
die schmale Brcke hinber eilte.

Aber er hatte flchtigere Fe hinter sich. Wie ein Tiger auf seine
Beute, so scho Hamilton hinter ihm drein, und noch ehe er das Ende der
Brcke erreichte, streckte er schon den Arm aus, um ihn am Kragen zu
packen. Da wandte sich der zur Verzweiflung getriebene Verbrecher, und
einen Revolver vorreiend, drckte er ihn gerade auf die Brust seines
Verfolgers ab.

Hamilton wre verloren gewesen, aber zu seinem Glck versagte
die Schuwaffe, und ehe Kornik zum zweiten Male abdrcken konnte,
schmetterte ihn der Schlag des Polizeimanns zu Boden. Aber selbst
damit begngte sich dieser nicht, und mit einer ganz auerordentlichen
Gewandtheit fate er ihm beide Hnde, legte sie zusammen und wenige
Secunden spter knackten die vortrefflichen Darbies oder Handschellen in
ihr Schlo und er wute jetzt, da er seinen Gefangenen sicher hatte.

Alle Wetter, sagte der nachkeuchende Polizeicommissar, das war doch
gut, da Sie schneller laufen konnten.

Wenn Sie =meinem= Rath gefolgt wren, konnte uns das erspart werden,
meinte Hamilton finster, denn ich verdanke mein Leben jetzt nur einem
schlechten Zndhtchen.

Er hat schieen wollen?

Dort liegt der Revolver -- Sie sehen, da Sie es hier mit einem
gefhrlichen Verbrecher zu thun haben.

Da wollen wir ihn doch lieber binden.

Bitte, bemhen Sie sich nicht weiter -- er ist fest und sicher. Sein
Sie nur so gut und lassen ihn jetzt durch Ihre Leute in festen Gewahrsam
bringen.


VII.

Die gerettete Unschuld.

Mr. Burton befand sich an dem Morgen in einer fast fieberhaften
Aufregung, denn wie er schon lange jeden Glauben an die Mitschuld des
armen -- oh so wunderbar schnen Weibes abgeschttelt hatte, gingen ihm
andere Plne wild und wirr durch den Kopf. Immer aufs neue malte er sich
den Augenblick aus, wo er sie in seinem Arm gehalten, wo seine Lippen
zum ersten Mal in Angst und Liebe die ihrigen berhrt, und nur der
Gedanke qulte ihn noch, in welchem Verhltni sie zu dem unwrdigen
Menschen gestanden haben, wie sie mit ihm bekannt werden konnte. Hatte
er sie unter seinem falschen Namen getuscht? -- ihrer Familie heimlich
vielleicht entfhrt? -- alle ihre Klagen schienen darauf hinzudeuten,
wie verworfen mute er dann -- wie elend sie, die arme Unschuldige,
Verrathene sein? und war es da nicht seine Pflicht, -- wo er wenn auch
selber unschuldiger Weise, all diesen Jammer ber sie gebracht -- ihr
auch wieder zu helfen so gut er konnte? Er schien fest entschlossen,
und von dem Augenblick an fhlte er sich auch wieder ruhiger und
zufriedener.

James Burton, kaum zum Mannesalter herangereift, war ein seelensguter
Mensch mit weichem, fr alles Gute und Schne leicht empfnglichem
Herzen. Er hatte dabei -- in den glcklichsten und unabhngigsten
Verhltnissen erzogen -- noch nie Gelegenheit bekommen, den Tuschungen
und Wiederwrtigkeiten des Lebens zu begegnen. Weil er selber gut und
ohne Falsch war, hielt er alle Menschen fr eben so rechtlich und brav,
und selbst an Korniks Schuld hatte er so lange nicht glauben mgen, bis
auch der letzte Zweifel zur Unmglichkeit wurde. Wie leicht vertraute
er da diesen lieben treuen Augen -- wie glcklich fhlte er sich selbst,
da es =ihm= verstattet gewesen, jenem holden Wesen den Schmerz und die
furchtbare Seelenqual erspart zu haben, von dem zwar geschickten und
tchtigen, aber auch vollkommen rcksichtslosen Polizeimann examinirt zu
werden. Er schmte sich jetzt fast vor sich selber, da er ihr auch nur
verstattet hatte, ihren Koffer auszupacken -- wie niedrig mute sie
von ihm denken! -- aber er war ja auch gar nicht im Stande gewesen, sie
daran zu verhindern, so leidenschaftlich erregt zeigte sie sich nur bei
der Mglichkeit eines Verdachts. Aber natrlich -- wenn er =sich= in
=ihre= Stelle dachte, wrde er genau so gehandelt haben.

Die Stunde, die sie erbeten hatte, um sich nur von den ersten
furchtbaren Eindrcken der ber sie hereingebrochenen Catastrophe
zu sammeln, verging ihm in diesen Gedanken rascher, als er es selbst
geglaubt. Gewissenhaft aber bis zur letzten Minute ausharrend, stieg
er dann wieder zu ihr hinab, klopfte leise an, und sah sich dem
zauberischen Wesen noch einmal gegenber.

Zeit zum Aufrumen schien sie allerdings noch nicht gefunden zu haben,
denn die umhergestreuten Sachen der beiden Koffer lagen noch immer
so wild und wirr durch einander, wie er sie verlassen hatte. Aber wer
mochte ihr das verdenken? Auch in ihrem leichten, reizenden Morgenanzug
war sie noch; -- wenn unsere Seele zerrissen ist, wie knnen wir da an
den Krper denken?

Trotzdem schien sie sich gesammelt zu haben. Sie sah etwas bleich aus,
aber sie war ruhiger geworden, und dem Eintretenden lchelnd die Hand
entgegenstreckend, sagte sie herzlich:

Oh wie danke ich Ihnen, da Sie, um den ich es wahrlich nicht verdient
habe, mir diese zarte Rcksicht gezeigt. In dem Gedanken fand ich auch
allein meinen Trost, da Gott mich doch noch nicht verlassen haben
knnte, da er =Sie= mir zugefhrt.

Verehrte -- =liebe= Frau, sagte Burton bewegt, sein Sie unbesorgt.
Wenn auch in einem fremden Lande, steht Ihnen doch jetzt ein Landsmann
zur Seite, und ich habe mir nur erlaubt, Sie jetzt noch einmal zu
stren, um mit Ihnen gemeinschaftlich zu berathen, welche Schritte wir
am besten thun knnen, um -- das Geschehene gerade nicht ungeschehen zu
machen, das ist nicht mglich, aber Sie doch jedenfalls aus einer Lage
zu befreien, die Ihrer unwrdig ist. Um mir das zu erleichtern, mu ich
Sie aber bitten, mir Ihr =volles= Vertrauen zu schenken. Nur dann bin
ich im Stande die Maregeln zu ergreifen, die fr Sie die zweckmigsten
sein wrden. Da es dabei nicht an meinem guten Willen fehlt, davon
knnen Sie sich versichert halten.

Mein =volles= Vertrauen soll Ihnen werden, sagte die junge Frau,
leicht errthend -- aber bitte, setzen Sie sich zu mir, Sie sollen
alles erfahren -- und nun, fuhr sie fort, whrend sich Burton neben ihr
auf dem Canap niederlie, indem sie ihre Hand auf seinen Arm legte --
erzhlen Sie mir vorher ausfhrlich, wie Sie dem Verbrecher auf die
Spur gekommen sind, und welche Hoffnung Sie jetzt haben, ihn seiner
Strafe zu berliefern. Es ist das Einzige jetzt, worauf ich hoffen kann,
da sein Gestndni Ihnen beweisen mu, wie doppelt nichtswrdig er an
mir selber dabei gehandelt.

Aber, verehrte Frau, sagte Burton etwas verlegen -- schon vorher
theilte ich Ihnen alles mit, und der Eindruck, den die traurige
Erzhlung auf Sie machte--

Vorher, sagte die junge Frau -- und in der entsetzlichen Aufregung,
in der ich mich befand, tnten die Worte nur wie Donnerschlge an mein
Ohr -- ich begriff wohl ihre Furchtbarkeit, aber nicht ihren Sinn und
vieles ist mir dabei unklar geblieben -- besonders, welche Spur Sie
=jetzt= von dem Verbrecher haben, da Sie hoffen knnen ihn einzuholen,
und wer der Herr ist, der ihn verfolgt.

Der Bitte, whrend =diese= Augen so treu und vertrauend in die seinen
schauten, konnte Burton nicht wiederstehen. Es war ihm dabei sogar
Bedrfni geworden, sich -- ihr gegenber -- seines bisherigen eigenen
Verhaltens wegen zu rechtfertigen, wobei er hervorhob, da er mit der
Verfolgung der Dame eigentlich gar nichts zu thun und Lady Clive im
Leben nicht gesprochen habe, noch persnlich kenne. Auch von dem
Schmuck selber wute er nichts, als was ihm Hamilton darber beilufig
mitgetheilt.

Und jetzt? frug die junge Dame weiter, die der Erzhlung mit der
gespanntesten Aufmerksamkeit gefolgt war -- wo jener Betrger -- dem
Gott verzeihen mge, was er an mir gethan, und wie er mich =doppelt=
verrathen hat -- wo jener Betrger geflohen ist, haben Sie noch
Hoffnung, ihn wieder zu ereilen?

Allerdings, sagte Burton -- Mr. Hamilton, mein Begleiter, ist einer
der schlauesten und gewandtesten Detectivs Englands. Er spricht drei
oder vier verschiedene fremde Sprachen, und hat schon daheim die
scheinbar unmglichsten Dinge ausgefhrt. Dieser Kornik hatte auerdem
viel zu kurzen Vorsprung, um mich nicht fest glauben zu machen, da ihn
Hamilton ereilt, da er noch dazu die unbegreifliche Unvorsichtigkeit
beging, von hier mit Extrapost zu fliehen. Wir finden das aber so oft im
Leben, da schlechte Menschen irgend ein Verbrechen mit der grten
und raffinirtesten Schlauheit ausfhren, und jede Kleinigkeit, jeden
mglichen Zufall dabei bercksichtigen, und nachher, wenn ihnen
alles nach Wunsch geglckt, sich selber auf die plumpste Weise dabei
verrathen.

Aber ehe er ihn eingeholt hat, kehrt er nicht hierher zurck?

Ich glaube kaum, sagte Mr. Burton, doch fehlt mir darber jede
Gewiheit. Er wird mir unter allen Umstnden in der nchsten Zeit schon
telegraphiren, denn ich habe ihm versprechen mssen, hier zu bleiben,
bis er zurckkehrt.

Und glauben Sie, da er den Verbrecher, wenn er ihn einholen sollte --
mit hierher bringt?

Ich zweifle kaum -- aber auch darber bin ich nicht im Stande, Ihnen
eine bestimmte Auskunft zu geben. Nur davon drfen wir berzeugt sein,
da Mr. Hamilton alles in der praktischsten Weise ausfhren wird, denn
er versteht sein Fach aus dem Grunde. =Hat= er die Spur gefunden, so ist
Mr. Kornik auch verloren.

Es schien fast, als ob die junge Dame um einen Schatten bleicher wurde
-- und wer konnte es ihr verdenken, da ihr die Erinnerung an den Mann,
der sie so furchtbar hintergangen, entsetzlich war? Endlich sagte sie
leise:

Wenn sich das alles besttigt, was Sie mir erzhlt, verehrter Herr --
und ich kann kaum mehr daran zweifeln, dann =verdient= er die Strafe,
die ihn erreichen wird, im vollem Mae. Aber wie er auch =Ihr= Haus
betrogen und hintergangen haben mag, es ist nichts im Vergleich mit dem,
was er an mir und meinem zuknftigen Leben verbrochen.

Aber wie konnte er Sie so lange tuschen? frug Burton und errthete
dabei fast selber ber die Frage.

Du lieber Gott, seufzte die Unglckliche -- was wei ein armes
unerfahrenes Mdchen von der Welt? Er kam in meiner Eltern Haus, in das
ihn zuerst mein Bruder eingefhrt -- es mgen jetzt zwei Monate sein --
und sein offenes, heiteres Wesen gewann ihm mein Herz -- sein angemater
Rang schmeichelte meiner Eitelkeit. Er erzhlte mir dabei von seinen
Gtern in Polen, und wie glcklich -- wie selig ihn mein Besitz machen
wrde, und ich -- war schwach genug, es ihm zu glauben. Aber mein Vater
verweigerte seine Einwilligung. Er kannte die Menschen besser, als
seine thrichte Jenny. Er verlangte von Kornikoff den Ausweis eines
hinreichenden Vermgens sowohl, wie die Erlaubni seiner eigenen Eltern
zu unserer Verbindung, und dieser, ungeduldig und strmisch, drang in
mich, mit ihm zu fliehen.

Jenny barg beschmt ihr Antlitz in ihren Hnden und James Burton hrte
der Erzhlung mit einiger Verlegenheit schweigend zu. Er htte das
liebliche Wesen so gern getrstet, aber es fielen ihm in diesem
Augenblick um die Welt keine passenden Worte dafr ein und es entstand
dadurch eine kurze peinliche Pause. Endlich fuhr die junge Frau, aber
jetzt tief errthend, fort:

Schon unterwegs fing ich an, an dem Charakter meines Brutigams zu
zweifeln. Wir entkamen glcklich auf einem Dampfer, der nach Hamburg
bestimmt war, und er hatte mir versprochen, da jenes Fahrzeug in
Helgoland anlegen wrde, wo wir uns trauen lassen knnten -- aber es
legte nicht an, und in Hamburg, wo er ausging, um einen Geistlichen zu
suchen, wie er sagte, kehrte er ebenfalls unverrichteter Sache zurck,
versicherte mich aber, er habe bestimmt gehrt, da wir hier in
Frankfurt -- einer freien deutschen Stadt -- unser Ziel leicht erreichen
knnten. Ich folgte ihm auch hierher -- immer noch als Braut -- nicht
als Gattin -- setzte sie mit leiser, kaum hrbarer Stimme hinzu -- und
ich danke jetzt Gott, da ich standhaft blieb und meinem guten Engel
mehr folgte als jenem Teufel.

Es wre unmglich, die Gefhle zu schildern, die James Burtons Seele
bei dieser einfachen und doch so ergreifenden Erzhlung bestrmten;
sein Herz schlug hrbar in der Brust, und fast seiner selbst unbewut,
ergriff er mit zitterndem Arm die Hand seiner Nachbarin, die sie ihm
willenlos berlie.

Gott sei Dank, flsterte er endlich mit bewegter Stimme -- so brauche
ich mir auch lnger keine Vorwrfe zu machen, denn unser Erscheinen hier
war ja dann nur zu Ihrem Heil.

=Ihnen= verdanke ich meine Rettung, sagte da Jenny herzlich, und
wie sie sich halb dabei zu ihm berbog, umfate er mit seinem Arm die
bebende Gestalt des Mdchens. Aber nicht einmal auf ihre Stirn wagte er
einen Ku zu drcken, aus Furcht sie zu beleidigen, und sich gewaltsam
aufrichtend, rief er leidenschaftlich bewegt aus:

Dann ist auch noch alles, alles gut. Trocknen Sie Ihre Thrnen, mein
liebes, liebes Frulein -- die Vershnung mit Ihren Eltern bernehme ich
-- bernimmt mein Vater, Sie kehren zu ihnen zurck und die Erinnerung
an das Vergangene soll eine frhliche Zukunft Sie vergessen machen.

Und auch Sie wollen nach England zurck? frug rasch die junge Fremde.

Gewi, rief Burton -- sobald ich nur Nachricht von Hamilton habe.
Aber noch heute schreibe ich nach Haus -- wie heien Ihre Eltern, mein
bestes Frulein -- was ist Ihr Vater? Halten Sie diese Fragen nicht fr
bloe Neugierde; es giebt keinen Menschen auf der Welt, der jetzt ein
innigeres Interesse an Ihnen nhme, als ich selber.

Mein Vater, sagte Jenny leise, ist Geistlicher, der Reverend
Benthouse in Islington. Vielleicht ist Ihnen der Name bekannt. Er hat
viel geschrieben.

Das nicht, sagte Hamilton errthend, denn ich mu leider zu meiner
Schande bekennen, da ich mich bis jetzt, und in jugendlichem Leichtsinn
weniger mit einer religisen Lectre befat habe, als ich vielleicht
gesollt -- aber erlauben Sie, da ich mir den Namen notire -- und
jetzt, sagte er, als er sein Taschenbuch wieder einsteckte, verlasse
ich Sie. Wir drfen den migen Leuten hier im Hotel Nichts zu reden
geben -- schon Ihrer selbst wegen, aber Sie sollen von nun an auch nicht
mehr allein sein. Ich werde augenblicklich ein Kammermdchen fr Sie
engagiren, die Ihnen zugleich Gesellschaft leisten kann. Junge
Mdchen, der englischen Sprache mchtig, sind gewi genug in Frankfurt
aufzutreiben; der Wirth kann mir da jedenfalls Auskunft geben. Keine
Widerrede, Mi, setzte er lchelnd hinzu, als sie sich -- wie es schien
mit dem Plan nicht ganz einverstanden zeigte -- Sie stehen von nun
an, bis ich Sie Ihren Eltern wieder zurckfhren kann, unter =meinem=
Schutz, und da mssen Sie sich schon eine kleine Tyrannei gefallen
lassen.

Aber wie kann ich Ihnen das, was Sie jetzt an mir thun, nur je im Leben
wieder danken, sagte das junge Mdchen gerhrt -- womit habe ich das
alles verdient?

Durch Ihr Unglck, erwiederte Burton herzlich, indem er ihre Hand an
seine Lippen hob, und wenige Minuten spter fand er sich schon unten mit
dem Wirth in eifrigem Gesprch, um eine passende und anstndige Person
herbeizuschaffen.

Das ging auch in der That weit rascher, als er selber vermuthet hatte.
Ganz unmittelbar in der Nhe des Hotels wohnte ein junges Mdchen, die
schon einige Jahre in England zugebracht und -- wenn sie sich auch nicht
auf lngere Zeit binden konnte, doch gern erbtig war, die Stelle einer
Gesellschafterin fr kurze Zeit zu bernehmen. Mr. Burton fhrte
sie selber der jungen Dame zu, und Elisa zeigte sich als ein so
liebenswrdiges, einfaches Wesen, da ein Zurckweisen derselben zur
Unmglichkeit wurde.


VIII.

Hamiltons Rckkehr.

Den brigen Theil des Tages verbrachte James Burton in einer
unbeschreiblichen Unruhe, denn immer und immer war es ihm, als wenn
er bei seiner jungen Schutzbefohlenen nachfragen msse, ob ihr
nichts fehle, ob sie nicht noch irgend einen Wunsch habe, den er
ihr befriedigen knne, und ordentlich mit Gewalt mute er sich davon
zurckhalten, sie nicht weiter zu belstigen.

Am allerliebsten htte er auch in der Stadt eine Unmasse von Sachen fr
sie eingekauft, um sie zu zerstreuen oder ihr eine Freude zu machen.
Aber das ging doch unmglich an, denn das htte jedenfalls ihr
Zartgefhl verletzt -- er durfte es nicht wagen. Eine ordentliche
Beruhigung gewhrte es ihm aber, zu wissen, da das arme verlassene
Wesen jetzt jemand habe, gegen den es sich aussprechen konnte, und
er begngte sich an dem Tage nur einfach damit, die Hlfte der Zeit
vollkommen nutzlose Fensterpromenade zu machen, denn es lie sich dort
niemand blicken, und die andere Hlfte unten im Haus und auf der Treppe
auf und ab zu laufen, um wenigstens ihre Thr anzusehen.

Wenn er es sich auch noch nicht gestehen wollte, so war er doch bis ber
die Ohren in seine reizende Landsmnnin verliebt.

Am nchsten Morgen war er allerdings zu frher Stunde wieder auf, aber
erst um zwlf Uhr wagte er es, sich zu erkundigen, wie Mi Benthouse
geschlafen htte.

Sie empfing ihn mit einem freundlichen Lcheln, aber -- sie sah nicht
so wohl aus wie gestern. Ihre Wangen waren bleicher, ihre Augen zeigten,
wenn auch nur leicht schattirte Ringe -- sie schien auch zerstreut und
unruhig und Burton, voller Zartgefhl, glaubte darin nur eine Andeutung
zu finden, da sie allein zu sein wnsche und empfahl sich bald wieder.
Vorher aber frug sie ihn noch, ob er keine Nachricht von Mr. Hamilton
erhalten habe, was er verneinen mute.

Jetzt aber, mit der Furcht, da sie erkranken knne -- und nach all den
letzten furchtbaren Aufregungen schien das wahrlich kein Wunder -- wich
er fast gar nicht mehr von ihrer Schwelle, und der Portier selber, der
eigentlich alles wissen soll, wute nicht aus dem wunderlichen Fremden
klug zu werden.

Dieser ruhte auch nicht eher, bis er gegen Abend die neue
Gesellschafterin einmal auf dem Gange traf, um sie nach dem Befinden der
jungen Dame zu fragen.

Sie scheint ungemein aufgeregt, lautete die Antwort derselben --
sie hat keinen Augenblick Ruhe, und wohl zehn Mal schon gesucht mich
fortzuschicken, um allein zu sein. Sie ist jedenfalls recht leidend und
ich werde eine unruhige Nacht mit ihr haben.

Mein liebes Frulein, sagte Burton, dadurch nur noch viel mehr
beunruhigt -- ich bitte Sie recht dringend, sie nicht einen Augenblick
auer Acht zu lassen. Stoen Sie sich nicht an das geringe Salr, was
Sie gefordert haben, es wird mir eine Freude sein, Ihnen jede Mhe nach
meinen Krften zu vergten.

Ich thue ja gern schon von selber, was in meinen Krften steht, sagte
das junge Mdchen freundlich -- die Dame wird gewi mit mir zufrieden
sein. Verlassen Sie sich auf mich -- ich werde treulich ber sie
wachen.

So verging der Abend und nur noch einmal schickte Mi Benthouse zu Mr.
Burton hinber, um zu hren, ob er noch keine Nachricht bekommen habe.
Er mute es wieder verneinen und wre gern noch einmal zu ihr geeilt,
aber Elisa sagte ihm, da sich die junge Dame aufs Bett gelegt htte, um
besser ruhen zu knnen, und er durfte sie da nicht stren.

Es war zwlf Uhr geworden, und er wollte sich eben zu Bett begeben,
als es an seiner Thr pochte. Er ffnete rasch, denn er frchtete eine
Botschaft, da sich Jennys Krankheitszustand verschlimmert htte, aber
es war nur der Diener des Telegraphenamtes, der ihm -- unter dem Namen,
mit dem er sich in das Fremdenbuch eingetragen -- eine Depesche brachte.
Sie mute von Hamilton sein.

Er hatte sich nicht geirrt. Sie enthielt die wenigen, aber freilich
gewichtigen Worte, von Ems aus datirt:

Ich habe ihn -- morgen frh komme ich -- Hamilton.

Gott sei Dank, rief Burton jubelnd aus, jetzt nehmen die Leiden
dieses armen Mdchens bald ein Ende.

Am nchsten Morgen lie er sich schon in aller Frhe erkundigen, wie
Miss Benthouse geschlafen htte -- sie schlief noch, und Elise kam
selber heraus, um ihm das zu sagen. Gern htte er sie auch jetzt die
Nachricht wissen lassen, die er noch gestern Nacht durch den Telegraphen
bekommen, aber er frchtete, das durch eine Fremde zu thun -- er wollte
es ihr lieber selbst sagen, wenn er sie um zwlf Uhr wieder besuchte.

Um die Zeit bis dahin zu vertreiben, frhstckte er unten und las die
Zeitungen.

So war endlich die lang ersehnte Stunde herangerckt, und unzhlige Mal
hatte er schon nach der Uhr gesehen. Er war in sein Zimmer gegangen,
um noch vorher Toilette zu machen und wollte eben hinuntergehen, als
es stark an seine Thr pochte, und auf sein lautes _Walk in_ -- diese
sich ffnete und =Hamilton= auf der Schwelle stand.

_Well Sir_, lachte dieser, _how are you?_

Mr. Hamilton, rief Burton, fast ein wenig bestrzt ber die so
pltzliche Erscheinung des Mannes. Schon wieder zurck? -- das ist
fabelhaft schnell gegangen.

So? beim Himmel! Sie machen gerade ein Gesicht, Sir, als ob es Ihnen zu
schnell gegangen wre, lchelte Hamilton. Aber ich habe wirklich Glck
gehabt -- die Einzelheiten erzhle ich Ihnen jedoch spter und nur fr
jetzt so viel, da ich ihn in Ems beim Spiel erwischte und ihn dort auch
fest und sicher sitzen habe. Mit Ausnahme von etwa zweitausend Pfund,
die er verreist oder verspielt, oder zum Theil auch wohl hier seiner
Donna zurckgelassen hat, fand sich noch alles Geld glcklich bei ihm,
was jetzt unter Siegel bei den Gerichten deponirt ist -- Apropos -- die
Dame haben Sie doch noch hier?

Allerdings, sagte Burton etwas verlegen, aber Mr. Hamilton, mit der
Dame--

Machen wir natrlich keine Umstnde, unterbrach ihn Hamilton
gleichgltig, und schaffen sie einfach nach England zurck. Dort mgen
die Gerichte dann das saubere Prchen confrontiren. Mr. Burton, ich gebe
Ihnen mein Wort, ich wre meines Lebens nie wieder froh geworden, wenn
ich diesen Hauptlump, diesen Kornik nicht erwischt htte. Haben Sie denn
indessen bei der Person hier etwas gefunden, und hat sie nicht auch etwa
Lust gezeigt, durchzubrennen?

Mein lieber Mr. Hamilton, sagte Burton jetzt noch verlegener als
vorher -- ich habe -- whrend Sie abwesend waren, eine Entdeckung
anderer Art gemacht, die als ziemlich sicher feststellt, da die --
junge Dame an der ganzen Sache vollkommen unschuldig ist.

Sie befindet sich doch noch hier im Hotel und in Nr. 7? frug Hamilton
rasch und fast wie erschreckt.

Allerdings, besttigte Burton, aber nicht als Gefangene. Miss Jenny
Benthouse ist die Tochter eines englischen Geistlichen -- ihr Vater
wohnt in Islington -- sie wurde von jenem Burschen unter seinem falschen
Namen und unzhligen Lgen entfhrt, und ich -- werde sie jetzt ihren
Eltern zurckgeben.

So? sagte Hamilton, der dem kurzen Bericht aufmerksam zugehrt hatte,
whrend es aber wie ein verstecktes Lcheln um seine Lippen zuckte --
aber bitte entschuldigen Sie einen Augenblick, ich bin gleich wieder
bei Ihnen. Apropos, Sie haben so vollstndige Toilette gemacht. Wollten
Sie ausgehen?

Nein -- auf keinen Fall eher wenigstens, als bis wir uns ber diesen
Punkt verstndigt haben.

Gut, dann bin ich gleich wieder da -- und mit den Worten glitt er zur
Thr hinaus und unten in den Thorweg, wo ein Paar Lohndiener standen.

Sind Sie beschftigt? redete er den einen an.

Ich stehe vollkommen zu Befehl.

Schn -- dann haben Sie die Gte und bleiben Sie bis auf weiteres in
der ersten Etage, wo Sie Nr. 7 und 6 scharf im Auge behalten. Sollte
dort eine Dame =ausgehen= wollen -- Sie verstehen mich -- so rufen Sie
mich, so rasch Sie mglicher Weise knnen, von Nr. 26 ab. Sie haben doch
begriffen, was ich von Ihnen verlange?

Vollkommen.

Gut -- es soll Ihr Schade nicht sein -- der Portier unten braucht
brigens nichts davon zu wissen -- und indessen schicken Sie mir einmal
einen Kellner mit einer Flasche Sherry und zwei Glsern und einigen
guten Cigarren auf Nr. 26.

Mit den Worten stieg er selber wieder die Treppe hinauf, horchte einen
Augenblick an Nr. 7, wo er zu seinem Erstaunen Stimmen vernahm, und
kehrte dann zu Mr. Burton zurck, der mit untergeschlagenen Armen, und
offenbar sehr aufgeregt, in seinem Zimmer auf und ab ging.

Unsere junge Dame da unten scheint Besuch zu haben, sagte er -- ich
hrte wenigstens eben Stimmen in ihrem Zimmer.

Bitte, setzen Sie sich, Mr. Hamilton, bat ihn James Burton, wir
mssen ber diese Sache, die das hchste Zartgefhl erfordert, erst ins
Klare kommen, nachher ist alles andere, was wir zu thun haben,
Kleinigkeit.

Sehr gut, sagte Hamilton -- ah, da kommt auch schon der Wein. Bitte,
setzen Sie nur dorthin. Mr. Burton, Sie mssen mich entschuldigen, aber
ich habe unterwegs solch nichtswrdiges Zeug von Cigarren bekommen, da
ich eine ordentliche Sehnsucht nach einem guten Blatt fhle -- nehmen
Sie nicht auch eine? -- und ein Glas Wein thut mir ebenfalls Noth, denn
ich habe die ganze Nacht keine drei Stunden geschlafen und berhaupt
eine abscheuliche Tour gehabt.

Und wie erwischten Sie diesen Kornik?

Das alles nachher -- jetzt bitte erzhlen Sie mir einmal vor allen
Dingen, welche wichtige Entdeckung Sie hier inde gemacht haben, und
mit den Worten setzte er sich bequem in einem der Fauteuils zurecht,
zndete seine Cigarre an und sippte an seinem Wein.

Mr. Burton nahm ebenfalls eine Cigarre und es war fast, als ob er nicht
recht wisse, wie er eigentlich beginnen solle. Aber der Beamte =mute=
alles erfahren, er =durfte= ihm nichts verschweigen, schon Jennys
wegen, und nach einigem Zgern erzhlte er jetzt dem Agenten die ganzen
Umstnde seines Zusammentreffens mit der jungen Dame, und gerieth
zuletzt dabei so in Feuer, da er selbst die kleinsten Umstnde mit
einer Lebendigkeit und Wahrheit wiedergab, die er sich selber gar nicht
zugetraut htte.

Hamilton unterbrach ihn mit keinem Wort. Nur den Namen von Jennys Vater
lie er sich genau angeben und notirte ihn, und whrend James
Burton weiter sprach, nahm er Dinte und Feder, schrieb etwas in sein
Taschenbuch und ri das Blatt dann heraus. Auf demselben stand nichts
weiter als eine telegraphische Depesche, die also lautete:

Burton und Burton, London. Existirt in Islington Reverend Benthouse --
religiser Schriftsteller -- ist ihm krzlich eine Tochter entfhrt --
Antwort gleich. Hamilton.

Mr. Burton dann um Entschuldigung bittend, da er ihn einen Augenblick
unterbreche, stand er auf und verlie das Zimmer. Am Treppengelnder
rief er den Lohndiener an.

Geben Sie diese Depesche an den Portier zur augenblicklichen Besorgung
auf das Telegraphenamt. Hier ist der Betrag dafr und das fr den Boten.
Nichts bemerkt bis jetzt?

Nicht das Geringste.

Gut -- =Sie= bleiben auf Ihrem Posten.

Als er in das Zimmer zu Mr. Burton zurckgekommen war, nahm er seinen
alten Platz wieder ein und lie seinen Gefhrten ruhig auserzhlen,
ohne ihn auch nur mit einem Wort darin zu stren. Erst als er vollkommen
geendet hatte und der junge Mann ihn mit sichtlicher Erregung ansah, um
sein Urtheil ber die Sache zu hren, sagte er ruhig:

Und wissen Sie nun, _my dear Sir_, welches der gescheuteste Streich
war, den Sie in der ganzen Zeit meiner Abwesenheit gemacht haben?

Nun? frug Burton gespannt.

Da Sie der jungen Dame eine Gesellschafterin gegeben haben.

Ich durfte sie nicht so lange allein und ohne weibliche Begleitung
lassen, rief Burton rasch.

Nein, sagte Hamilton, und ein eigenes spttisches Lcheln zuckte
um seine Lippen -- sie wre Ihnen sonst schon am ersten Tage
durchgebrannt, gerade wie ihr Begleiter mir.

Mr. Hamilton--

Mr. Burton, sagte Hamilton ernst, zrnen Sie mir nicht, wenn ich vom
Leben andere Anschauungen habe als Sie, glauben Sie einem Manne, der
in diesen Fach mehr Erfahrungen gesammelt hat, als Sie vielleicht fr
mglich halten. Danken Sie aber auch Gott, da ich gerade Ihnen
jetzt zur Seite stehe, denn Sie wren sonst von einer erzkoketten und
durchtriebenen Schwindlerin berlistet worden und htten nachher, auer
dem Schaden, auch fr den Spott nicht zu sorgen gebraucht.

Mr. Hamilton, sagte Burton gereizt, Sie mibrauchen Ihre Stellung
gegen mich, wenn Sie unehrbietig von einer Dame sprechen, die
gegenwrtig unter =meinem= Schutze steht.

Mein lieber Mr. Burton, sagte Hamilton vollkommen ruhig -- lassen Sie
uns vor allen Dingen die Sache kaltbltig besprechen, denn die Polizei
darf, wie Sie mir zugestehen werden, keine Gefhlspolitik treiben.

Die Polizei ist gewohnt, sagte Burton, in jedem Menschen einen
Verbrecher zu suchen.

Bis er uns nicht wenigstens das Gegentheil beweisen kann, lchelte
Hamilton -- aber jetzt lassen Sie mich auch einmal reden, denn Sie
werden mir zugeben, da ich =Ihrem= Bericht ebenfalls mit der grten
Aufmerksamkeit gefolgt bin.

So reden Sie, aber hoffen Sie nicht--

Bitte verschwren Sie nichts, bis Sie mich nicht gehrt haben. Und
ohne seines Begleiters Unmuth auch nur im Geringsten zu beachten,
erzhlte er ihm jetzt seine Verfolgung des flchtigen Verbrechers,
sein Auffinden desselben und dessen Gefangennahme. Er setzte hinzu,
da Kornik, nachdem man die bedeutende Summe von Banknoten und andere
hinreichende Beweise fr seine Schuld bei ihm gefunden, vllig gebrochen
gewesen war und alles gestanden hatte. Ebenso sagte er aus, da er mit
einer jungen Dame, Lucy Fallow, von London geflchtet sei, obgleich er
von dem Raub des Brillantschmucks nichts wissen wollte.

Und legen Sie den geringsten Werth auf das Zeugni eines solchen
Schurken? frug Burton heftig.

Was die Aussage ber den Brillantschmuck betrifft, nein, erwiederte
ruhig der Polizeimann, denn ich bin fest davon berzeugt, =da= er
darum gewut hat, und erwartete sogar, denselben bei ihm zu finden. Er
fand sich aber auch nicht einmal in der Reisetasche, die der Herr, wie
sich spter auswies, beim Portier des Kurhauses deponirt hatte. Die Dame
hat ihn also noch jedenfalls in Besitz.

Aber ich habe Ihnen ja schon dreimal gesagt, da ich nicht allein
=ihren= Koffer, sondern auch den dieses Kornik bis auf den Boden
durchwhlt habe und nicht das geringste Schmuckhnliche hat sich
gefunden, als eine Korallenschnur mit einem kleinen Kreuz daran -- ein
Andenken ihrer verstorbenen Mutter.

Hamilton pfiff leise und ganz wie in Gedanken durch die Zhne.

Mein bester Mr. Burton, sagte er dann, auf Ihr Durchsuchen der
Koffer, in Gegenwart jener Sirene, gebe ich auch keinen rothen
Pfifferling -- ich werde das Ding selber besorgen.

Und ich erklre ihnen, Mr. Hamilton, sagte Burton mit finster
zusammengezogenen Brauen, da Sie das =nicht= thun werden. Sie haben
Ihren Auftrag erfllt; der Verbrecher ist gestndig in Ihren Hnden, und
meine Gegenwart dabei nicht lnger nthig, so werde ich denn, noch heut
Nachmittag, in Begleitung der jungen Dame, die Rckreise nach England
antreten.

Mit der Vollmacht fr ihre Verhaftung in der Tasche, lchelte
Hamilton.

Diese Vollmachten, rief Burton leidenschaftlich, indem er die beiden
Papiere aus der Tasche nahm, in Stcke ri, und vor Hamilton niederwarf,
sind auf eine =Verbrecherin= ausgestellt, nicht auf Miss Benthouse. Da
haben Sie die Fetzen und jetzt stehe ich frei und unabhngig hier und
will sehen, wer es wagen wird die junge Dame zu beleidigen.

Hamilton erwiederte kein Wort. Schweigend erhob er sich, las die auf
den Boden geworfenen Stcke auf, legte sie in ein Packet zusammen und
steckte sie in seine Tasche.

Ist das Ihr letztes Wort, Mr. Burton? sagte er endlich, indem er vor
dem jungen Manne stehen blieb -- wollen Sie sich nicht erst einmal
die Sache eine =Nacht= ruhig berlegen? Bedenken Sie, in welche hchst
fatale Lage Sie nur Ihrem Vater gegenber kmen, -- von Lady Clive
und den englischen Gerichten gar nicht zu reden -- wenn es sich spter
=doch= herausstellen sollte, da Sie sich geirrt haben.

Es ist mein letztes Wort, sagte der junge Mann bestimmt; denn ich mu
meine Schutzbefohlene diesem schmhligen Verdacht entziehen, der auf ihr
lastet. Um 4 Uhr 20 geht der Schnellzug nach Kln ab; diesen werde
ich benutzen, und es versteht sich von selbst, da ich auch jede
Verantwortung fr diesen Schritt einzig und allein trage.

Hamilton war aufgestanden und ging mit raschen Schritten in dem kleinen
Gemach auf und ab. Endlich sagte er ruhig:

Sie wissen doch, Mr. Burton, welchen =Doppel=auftrag =ich= von London
mit bekommen habe und wie ich, wenn ich danach handle, nur meine Pflicht
thue.

Das wei ich, Mr. Hamilton, sagte Burton, durch den viel milderen Ton
des Polizeimannes auch rasch wieder vershnend gestimmt, und ich gebe
Ihnen mein Wort, da ich Ihnen deshalb keinen Groll nachtragen werde.
Aber auch mir mssen Sie dafr zugestehen, da ich -- wo mir keine
Pflicht weiter obliegt -- mein Herz sprechen lasse.

Es ist ein ganz verzweifeltes Ding, wenn das Herz mit dem Verstande
durchgeht -- sagte Hamilton trocken.

Haben Sie keine Furcht, da das bei mir geschieht.

So erfllen Sie mir wenigstens die Bitte, wandte sich Hamilton noch
einmal an den jungen Mann, den ersten Schnellzug nicht zu benutzen und
den Abend abzuwarten. Ich habe vorhin nach London telegraphirt -- warten
Sie erst die Antwort ab, Mr. Burton; es ist auch Ihres eigenen Selbst
wegen, da ich Sie darum ersuche.

Ich bin alt genug, Mr. Hamilton, lchelte James Burton, auf mein
eigenes Selbst vollkommen gut Acht zu geben. Es thut mir leid, Ihren
Wunsch nicht erfllen zu knnen, denn mir brennt der Boden hier unter
den Fen. Um 4 Uhr 20 fahre ich und werde dann daheim meinem Vater
Bericht abstatten, mit welchem Eifer und gnstigem Erfolg Sie hier
unsere Sache betrieben haben. In London hoffe ich Sie jedenfalls
wiederzusehen.

Es lag eine so kalte, abweisende Hflichkeit in dem Ton, da Hamilton
die Meinung der Worte nicht falsch verstehen konnte: Mr. Burton wnschte
allein zu sein und Hamilton sagte, ihn freundlich grend:

Also auf Wiedersehen, Mr. Burton, und verlie dann, ohne ein Wort
weiter, das Zimmer.


IX.

Die Catastrophe.

James Burton sah nach seiner Uhr -- es war schon fast zwei geworden,
ohne da er Jenny gesehen -- was mute sie von ihm denken? Aber jetzt
konnte er ihr auch gute Nachricht bringen, und ohne einen Moment lnger
zu sumen, griff er nach seinem Hut und eilte hinab.

Auf dem Gang wanderte ein Lohndiener hin und her, der stehen blieb,
als er auf die Thr zuging. Er hielt aber einen Moment davor, ehe er
anklopfte, denn er hrte eine ziemlich heftige Stimme, die in Aerger zu
sein schien. War das Jenny? -- hatte vielleicht Hamilton gewagt? -- er
klopfte rasch an. Es war jetzt pltzlich alles ruhig da drinnen. Da ging
die Thr auf und Elise schaute heraus, um erst zu sehen wer klopfe. Sie
ffnete, als sie den jungen Mann erkannte.

Jenny stand an ihrem Koffer, emsig mit Packen beschftigt, als er
das Zimmer betrat, und errthete leicht, aber sie begrte ihn desto
freundlicher und gab auch ber ihr Befinden hinlnglich befriedigende
Antwort.

Elise zog sich in die Nebenstube zurck und Jenny frug jetzt, mit ihrem
alten, gewinnenden Lcheln:

Und so lange haben Sie mich auf Ihren Besuch warten lassen? Ich wute
vor langer Weile gar nicht, was =ich= angeben sollte und habe deshalb
meine Sachen wieder zusammengepackt.

Aber nicht meine eigene Unachtsamkeit hielt mich von Ihnen entfernt,
Miss Jenny, sagte Burton herzlich, sondern eine wichtige Verhandlung,
die ich mit unserem Agenten hatte. Mr. Hamilton ist zurckgekehrt.

In der That? sagte die junge Dame, aber jeder Blutstropfen wich dabei
aus ihrem Gesicht, und so vielen Zwang sie sich anthat, mute sie doch
die Stuhllehne ergreifen, um nicht umzusinken.

Aber weshalb erschreckt Sie das? sagte Burton erstaunt. Die
Erinnerung an jenen Elenden, den jetzt seine gerechte Strafe ereilen
wird, mag Ihnen peinlich sein, aber sie darf nie wieder als Schreckbild
vor Ihre Seele treten.

Und er hat ihn gefunden? sagte Jenny, sich gewaltsam sammelnd -- oh,
wenn ich nur das Schreckliche vergessen knnte?

Er hat ihn nicht nur gefunden, besttigte der junge Mann, sondern der
Unglckliche hat auch sein ganzes Verbrechen eingestanden. Was half
ihm auch Leugnen seiner Schuld, wo man die Beweise derselben in seinem
Besitz fand?

Und jetzt?

Lassen wir den Elenden, sagte Burton freundlich, Mr. Hamilton,
der mit allen nthigen Papieren dazu versehen ist, wird seine
Weiterbefrderung nach England bernehmen. Ich selbst reise heute
Nachmittag mit dem Schnellzug nach London ab, und da Sie Ihren Koffer
schon gepackt haben, setzte er lchelnd hinzu -- so biete ich Ihnen,
mein werthes Frulein, an, in meiner Begleitung und unter meinem Schutz
nach England zurckzukehren.

Sie wollten--

Sie drfen sich mir wie einem Bruder anvertrauen, sagte James Burton
herzlich, und ich brge Ihnen dafr, da ich durchfhre, was ich
unternommen -- trotz allen Hamiltons der Welt, setzte er mit leisem
Trotz hinzu.

So wiedersetzte sich der Herr dem, da ich Sie begleiten drfe? fragte
rasch und mitrauisch die Fremde.

Lassen wir das, lchelte aber Burton, ich bin mein eigener Herr und
in =meiner= Begleitung steht Niemandem ein Recht zu, Sie auch nur nach
Pa oder Namen zu fragen. Und Sie gehen mit?

Wie knnte und drfte ich einer solchen Gromuth entgegenstreben?
sagte das junge Mdchen demthig -- ich vertraue Ihnen ganz.

Herzlichen, herzlichen Dank dafr, rief Burton bewegt, und Sie sollen
es nicht bereuen. Jetzt aber lasse ich Sie allein, um noch alles Nthige
zu ordnen, denn ich mu selbst noch packen und die Wirthsrechnung, wie
Ihrer Gesellschafterin Honorar, in Ordnung bringen. Sie mssen mir auch
schon gestatten, fr die kurze Zeit unserer Reise Ihren Cassirer zu
spielen. Beruhigen Sie sich, setzte er lchelnd hinzu, als er ihre
Verlegenheit bemerkte -- ich gleiche das spter schon alles mit Ihrem
Herrn Vater wieder aus, und werde Sorge tragen, da ich nicht zu Schaden
komme. Also auf Wiedersehen, Miss -- aber beeilen Sie sich ein wenig,
denn wir haben kaum noch anderthalb Stunden Zeit bis zu Abgang des
Zuges, und ihre Hand leicht an seine Lippen hebend, verlie er rasch
das Zimmer.

Sobald er unten mit dem Wirth abgerechnet und seine Sachen gepackt
hatte, wollte er noch einmal Hamilton aufsuchen, um von diesem Abschied
zu nehmen. Es that ihm fast leid, ihn so rauh behandelt zu haben. Der
Polizeiagent war aber, gleich nachdem er ihn verlassen, ausgegangen und
noch nicht zurckgekehrt.

Eigentlich war ihm das lieb, denn er fhlte sich ihm gegenber nicht
recht behaglich; zu reden hatte er berdies weiter nichts mit ihm, und
was Kornik betraf, so besa er ja selber alle die nthigen Instruktionen
und Vollmachten. Er hatte ja nur die Reise nach dem Continent
mitgemacht, um die Identitt seiner Person zu besttigen -- jetzt, mit
all den vorliegenden Beweisen und dem eigenen Gestndni des Verbrechens
war seine Anwesenheit unnthig geworden.

Die Zeit bis halb vier Uhr verging ihm auch mit den nthigen
Vorrichtungen rasch genug -- jetzt war alles abgemacht und in Ordnung,
und ebenso fand er Jenny schon in ihrem Reisekleid, aber in merkwrdig
erregter Stimmung. Sie sah bleich und angegriffen aus, und drehte sich
rasch und fast erschreckt um, als er die Thr ffnete.

Sind Sie fertig?

Und gehen wir wirklich?

Zweifeln Sie daran? Es ist alles bereit, und bis wir am Bahnhof
sind und unser Gepck aufgegeben haben, wird die Zeit auch ziemlich
verflossen sein -- Miss Elise, wandte er sich dann an das junge
Mdchen, indem er ihr ein kleines Packet berreichte -- Ihre
Anwesenheit ist auf krzere Zeit in Anspruch genommen, als ich selbst
vermuthete, so bitte ich denn, dieses fr Ihre Mhe als Erinnerung
an uns zu betrachten. Und nun, fuhr Burton fort, als sich das junge
Mdchen dankend und errthend verbeugte -- indem er die Klingelschnur
zog -- mag der Hausknecht Ihr Gepck hinunterschaffen. Eine Droschke
wartet schon auf uns, und ich will selber recht von Herzen froh sein,
wenn wir erst unterwegs sind.

Drauen wurden Schritte laut -- es klopfte an.

Herein! rief Burton -- die Thr ffnete sich und auf der Schwelle,
seinen Hut auf dem Kopf, stand -- Hamilton und warf einen ruhigen,
forschenden Blick ber die Gruppe.

Er sah den Ausdruck der Ueberraschung in Burtons Zgen, aber sein Auge
haftete jetzt fest auf der jungen Dame an seiner Seite, deren Antlitz
eine Aschfarbe berzog.

Sie entschuldigen, meine Herrschaften, sagte der Polizist mit eisiger
Klte, wenn ich hier vielleicht ungerufen oder ungewnscht erscheinen
sollte, aber meine Pflicht schreibt es mir so vor. Mein Herr -- Sie sind
mein Gefangener, im Namen der Knigin!

=Ihr= Gefangener? lachte Burton trotzig auf, aber Hamilton trat zur
Seite und drei Polizeidiener standen hinter ihm, whrend er auf Burton
zeigend, zu diesen gewandt, fortfuhr:

Den Herrn da verhaften Sie und fhren ihn auf sein Zimmer oder bewachen
ihn hier, bis Ihr Commissr kommt. Er wird sich nicht wiedersetzen,
denn er wei, da er der Gewalt weichen mu -- im schlimmsten Fall aber
brauchen =Sie= Gewalt, und jene Dame dort--

Die junge Fremde hatte mit starrem Entsetzen den Eintritt des nur zu
rasch wiedererkannten Reisegefhrten bemerkt, und im ersten Moment
war es wirklich, als ob der Schreck sie gelhmt und zu jeder Bewegung
unfhig gemacht htte. Wie aber des Furchtbaren Blicke auf sie fielen,
schien es auch, als ob sie erst dadurch wieder Leben gewnne, und ehe
sie Jemand daran verhindern konnte, glitt sie in das Nebenzimmer, neben
dessen Thr sie stand, warf diese zu und schob den Riegel vor.

Einer von Ihnen auf Posten drauen, da sie uns nicht entwischt, rief
Hamilton rasch, indem er nach der Thr sprang, aber sie schon nicht mehr
ffnen konnte -- und alarmiren Sie die Leute unten, da sie vor den
Fenstern von Nr. 6 Wache halten.

Mr. Hamilton, Sie werden mir fr dieses Betragen Rede stehen! rief
Burton auer sich --=wer= giebt Ihnen ein Recht, mich zu verhaften?

Mein bester Herr, rief Hamilton, indem er vergebens versuchte, die
Thr aufzudrcken -- von einem =Recht= ist hier vorlufig gar keine
Rede. Sie weichen nur der Gewalt. Alles andere machen wir spter ab.

Aber ich dulde nicht-- rief Burton und wollte sich zwischen ihn und
die Thre werfen, um die Geliebte zu schtzen.

Halt, mein Herzchen! riefen aber die Polizeidiener, ein Paar
baumstarke Burschen, indem sie ihn mit ihren Fusten packten -- nicht
von der Stelle, oder es setzt was.

Um Gottes Willen, rief Elise, zum Tod erschreckt, was geht hier vor?

Mein liebes Frulein, sagte Hamilton, sich an sie wendend in deutscher
Sprache -- beunruhigen Sie sich nicht -- gar nichts was =Sie= betreffen
knnte. Gehen Sie ruhig nach Hause, Sie haben nicht die geringste
Belstigung zu frchten. Soviel kann ich Ihnen aber sagen, da jene
Dame =keine= Begleitung weiter nach England braucht, da ich das selber
bernehmen werde. -- Ah, da ist der Herr Commissr -- Sie kommen wie
gerufen, verehrter Herr -- das hier, fuhr er fort, indem er auf James
Burton zeigte -- ist jener Kornik, von dem ich Ihnen sagte, und seine
Dulcinea hat sich eben in dies Zimmer geflchtet, von wo aus sie uns
aber ebenfalls nicht mehr entwischen kann.

Kornik? -- ich? rief Burton, indem er sich wie rasend unter dem Griff
der Polizeidiener wand -- Schuft Du -- ich selber bin hergekommen,
jenen Kornik zu verhaften.

Und wo haben Sie die Beweise? sagte Hamilton ruhig in englischer
Sprache.

In Deiner eigenen Tasche sind sie, schrie Burton wie auer sich --
das Papier, das ich Dir vor die Fe warf.

Hamilton achtete gar nicht auf ihn.

Herr Commissr, sagte er, sich an den Polizeibeamten wendend -- jener
Herr da, dem ich von England aus nachgesetzt bin, hat sich schon unter
fremdem Namen in das hiesige Gasthofsbuch geschrieben. Sie haben meine
Instruktionen und Vollmachten gelesen. Sie werden Sorge dafr
tragen, da er uns nicht entwischt, whrend ich jetzt die =Dame=
herbeizuschaffen suche. Und ohne weiter ein Wort zu verlieren nahm er
den dicht neben ihm stehenden kleinen Koffer und stie ihn mit solcher
Kraft und Gewalt gegen die Fllung der Thr, da diese vor dem schweren
Sto zusammenbrach. Im nchsten Moment griff er durch die gemachte
Oeffnung hindurch und schlo die Thr von innen auf.

Wie es schien, hatte aber die junge Fremde gar keinen Versuch zur Flucht
gemacht. Sie stand, ihre Mantille fest um sich her geschlungen, mitten
in der Stube, und den Verhaten mit finsterem Trotz messend, sagte sie:

Betragen Sie sich wie ein Gentleman, da Sie zu einer Lady auf solche
Art ins Zimmer brechen?

Miss, erwiederte der Polizeibeamte kalt, ich bin noch nicht fest
berzeugt, ob ich es hier wirklich mit einer =Lady= zu thun habe. Vor
der Hand sind Sie meine Gefangene. Im Namen der Knigin, Miss Lucy
Fallow, verhafte ich Sie hier auf Anklage eines Juwelendiebstahls.

Und welche Beweise haben Sie fr eine so freche Lge? rief das junge
Mdchen verchtlich.

Danach suchen wir eben, lachte Hamilton, jetzt, da ihm der Ueberfall
gelungen war, wieder ganz in seinem Element -- Herr Commissr, haben
Sie die Gte gehabt, die Frauen mitzubringen?

Sie stehen drauen.

Bitte, rufen Sie die beiden herein -- ich wnsche die Gefangene
=genau= durchsucht zu haben, ob sie den bewuten Schmuck an ihrem Krper
vielleicht verborgen hat. Wir beide werden inde die Koffer revidiren.

Eine handfeste Frau -- die Gattin eines der Polizeidiener, trat jetzt
ein, von einem anderen jungen Mdchen, wahrscheinlich ihrer Tochter,
gefolgt, beide aber von einer Statur, die fr einen solchen Zweck nichts
zu wnschen brig lie, und Hamilton betrat jetzt wieder das Zimmer,
in dem Burton dem englisch sprechenden Commissr seine eigene Stellung
erklrte und ihn dringend aufforderte, nicht zu dulden, da =zwei=
unschuldige Menschen in so niedertrchtiger Weise behandelt wrden.
Seine Erklrung aber, die er dabei gab, da er seine Vollmacht selber
zerrissen habe, der falsche Namen, unter dem er selber zugestand sich
in das Fremdenbuch eingetragen zu haben, und die Thatsache, die er nicht
lugnen konnte oder wollte, da Hamilton wirklich ein hochgestellter
Polizeibeamter in England sei, sprachen zu sehr gegen ihn. Der Commissr
zuckte die Achseln, bedauerte, nur nach den Instruktionen handeln zu
knnen, die er von oben empfinge, und ersuchte Mr. Burton dann in seinem
eigenen Interesse, sich seinen Anordnungen geduldig zu fgen, da sonst
fr ihn daraus die grten Unannehmlichkeiten entstehen knnten.

Er wollte ihn jetzt auch auf sein eigenes Zimmer fhren lassen, als
Hamilton zurckkehrte und den Commissar ersuchte, dem Herrn zu erlauben,
hier zu bleiben. Er wnsche, da er Zeuge der Verhandlung sei.

Ohne weiteres ging er jetzt daran, den Koffer der Dame auf das genaueste
zu revidiren; obgleich sich aber, in einem geheimen Gefach darin, eine
Menge der verschiedensten Schmuck- und Werthsachen vorfanden, waren die
gesuchten Brillanten doch nicht dabei. Auch in Korniks Koffer lie sich
keine Spur davon entdecken. Fortgebracht konnte sie dieselben aber nicht
haben, da sie ja gerade, im Begriff abzureisen, berrascht war, also
gewi auch alles werthvolle Besitzthum bei sich trug. Auerdem wute
Hamilton genau, da sie -- wenigstens seitdem er zurckgekehrt war --
kein Packet auf die Post gegeben hatte, also trug sie es wahrscheinlich
am Krper versteckt.

Aber auch diese Vermuthung erwies sich als falsch. Die Frau kehrte,
whrend der Gefangenen unter Aufsicht des jungen Mdchens gestattet
wurde, wieder ihre Toilette zu machen, in das Zimmer zurck, und brachte
nur ein kleines weiches Pckchen mit, das sie bei ihr verborgen gefunden
hatten. Sie berreichte es dem Commissr, der es ffnete und englische
Banknoten zum Werth von etwa achthundert Pfund darin fand. Vier Noten
von 100 Pfund Sterling waren darunter.

Da bekommen wir Licht, rief aber Hamilton rasch, als er sie erblickte
-- von den Hundert Pfund-Noten habe ich die Nummern, und die wollen
wir nachher einmal vergleichen. Vorher aber werden wir das Zimmer
untersuchen mssen, in da sich Madame geflchtet hat. Mglich doch, da
sie die Zeit benutzte, in der sie dort eingeschlossen war, um ein oder
das andere in Sicherheit zu bringen.

Ich habe alles genau nachgesehen, sagte die Frau des Polizeidieners
kopfschttelnd -- in alle Polster hineingefhlt und die Gardinen
ausgeschttelt, selbst in den Ofen gefhlt und den Teppich genau
nachgesehen. Es steckt nirgends was.

Kann ich eintreten? rief Hamilton an die Thr klopfend, denn er war
nicht gewohnt sich auf die Aussagen Anderer zu verlassen. Das junge
Mdchen, das zur Wache dort geblieben war, ffnete. Die junge Fremde
stand fertig angezogen, aber todtenbleich, wieder mitten im Zimmer
und ihre Augen funkelten dem Polizeibeamten in Zorn und Ha entgegen.
Hamilton war aber nicht der Mann, davon besondere Notiz zu nehmen. Das
erste, was er that, war, die Jalousieen aufzustoen, um hinreichend
Licht zu bekommen, dann untersuchte er Tapeten und Bilder -- auch hinter
den Spiegel sah er, rckte sich den Tisch zu den Fenstern und stieg
hinauf, um oben auf die Gardinen zu fhlen. Er fand nichts, aber
er ruhte auch nicht -- der Teppich zeigte nicht die geringsten
Unebenheiten. -- Er rckte das Sopha ab und fhlte daran hin -- aber es
lie sich kein harter Gegenstand bemerken.

Wie seine Hand an der mit grobem Kattun bezogenen Hinterwand des Sophas
hinfuhr, gerieth sein Finger in eine nur wenig geffnete Nath. Er zog
das Sopha jetzt ganz zum Licht, die Rckseite dem Fenster zugewandt,
nahm sein Messer heraus und trennte ohne Weiteres die Nath bis hinunter
auf. Whrend er mit dem rechten Arm in die gemachte Oeffnung hineinfuhr,
streifte sein Blick die Gestalt der Gefangenen, die augenblicklich
gleichgiltig auszusehen suchte, aber es konnte ihm nicht entgehen, da
sie seinen Bewegungen mit der gespanntesten Aufmerksamkeit folgte.

Ah, Mylady, rief er da pltzlich, indem seine Finger einen
fremdartigen Gegenstand trafen -- ob ich es mir nicht gedacht habe,
da Sie die Ihnen verstattete Zeit hier im Zimmer auf geschickte Weise
benutzen wrden. Sie sehen mir gerade danach aus, als ob Sie nicht zu
den Grnen gehrten -- was haben wir denn da? -- eine reizende Kette
und da hngt auch ein Ohrring darin -- da wird der andere ja wohl auch
nicht weit sein -- es kann nichts helfen, der Tapezierer mu wieder
gut machen, was ich jetzt hier verderbe -- und er ri, ohne weitere
Rcksicht auf den Schaden, den er anrichtete, Werg und Kuhhaare heraus,
bis er den gesuchten Ohrring, der etwas weiter hinabgefallen war, fand.
Auch eine Broche, aus einem einzigen groen Brillant bestehend, kam mit
dem Werg zu Tag.

Leugnen Sie jetzt =noch=, Madame? sagte Hamilton, indem er sich
aufrichtete und der Verbrecherin das gefundene Geschmeide entgegenhielt.
Aber die Gefragte wrdigte ihn keines Blicks; schweigend und finster,
wie er sie damals im Coup gesehen, starrte sie vor sich nieder, und nur
die rechte Hand hielt sie krampfhaft geballt, die Zhne fest und wild
zusammengebissen und die Augen, die von solchem Liebesreiz strahlen
konnten, sprhten Feuer.

Haben Sie etwas gefunden? rief ihm der Commissr entgegen.

Alles was wir suchen, erwiederte Hamilton ruhig -- aber ist denn der
Lohndiener noch nicht vom Telegraphenamt zurck?

Eben gekommen. Er wartet im anderen Zimmer auf Sie.

Gott sei Dank -- jetzt treffen alle Beweise zusammen, rief Hamilton
aus. Ich ersuche Sie inde, Herr Commissr, diese junge Dame in =sehr=
gute Obhut zu nehmen, denn sie ist mit allen Hunden gehetzt.

Haben Sie keine Angst -- wir werden das saubere Prchen sicher
verwahren.

Den =Herrn= kann ich Ihnen vielleicht abnehmen, lchelte der
Polizeiagent, indem er in das benachbarte Zimmer trat und dort die fr
ihn eingetroffene Depesche in Empfang nahm. Er erbrach sie und las die
Worte:

In Islington giebt es keinen Geistlichen Benthouse. -- In ganz London
nicht.

  Burton.

Mr. Hamilton, Telegraphenbureau Frankfurt a. M.

Hamilton trat zum Tisch, auf den er den Schmuck und die telegraphische
Depesche legte, dann nahm er aus seiner Tasche die Liste der gestohlenen
Banknoten, die er mit den bei der jungen Dame gefundenen verglich und
einige roth anstrich, dann fgte er diesen noch ein anderes Papier
bei, die genaue Beschreibung des im Hause der Lady Clive gestohlenen
Schmucks, und als er damit fertig war, sagte er freundlich zu Burton:

Drfte ich Sie =jetzt= einmal bitten, Mr. Burton, sich diese kleine
Bescheerung anzusehen? Es wird interessant fr Sie sein. -- Lassen Sie
den Gefangenen nur los, meine Herren.

Sie werden sich nie Ihres nichtswrdigen Betragens wegen entschuldigen
knnen, sagte Burton finster, indem er aber doch der Aufforderung Folge
leistete.

Auch dann nicht? frug Hamilton, wenn ich Sie berzeuge, da Sie einer
groen -- einer recht groen Gefahr entgangen sind? frug Hamilton.

Einer Gefahr? -- wie so?

Der Gefahr, das Schlimmste zu erleben, was ein anstndiger Mann, auer
dem Verlust seiner Ehre, erleben kann -- sich lcherlich zu machen.

Mr. Hamilton--

Bitte, lesen Sie hier die Depesche Ihres Herrn Vaters -- seine Antwort
auf meine Anfrage von heute Morgen. -- So -- und hier haben Sie die
Nummern der aufgefundenen Banknoten -- und hier endlich die genaue
Beschreibung des Schmucks, von Lady Clives eigener, sehr zierlicher
Hand. Zweifeln Sie =jetzt= noch daran, da Sie es nicht mit einer Miss
Jenny Benthouse, sondern mit der leichtfertigen Lucy Fallow zu thun
hatten? -- Pst -- lieber Freund, die Sache ist abgemacht -- sagte
aber der Agent, als er sah, wie bestrzt der junge Burton diesen nicht
wegzulugnenden Beweisen gegenber stand. -- Nur noch einen Blick
werfen Sie jetzt auf die junge Dame, fuhr er dabei fort, whrend er
zugleich die Thr aufstie und nach der trotzig und wild dastehenden
Gestalt des Mdchens zeigte. -- Glauben Sie, das =jene= Dame Ihnen bis
London gefolgt wre, und nicht vorher Mittel und Wege gefunden htte,
Ihnen unterwegs zu entschlpfen? Uebrigens habe ich schon von Ems aus,
so wie ich Korniks Gestndni erhielt, nach London an Lady Clive
telegraphirt und sie gebeten, mir Jemanden zur Recognoscirung des jungen
Frauenzimmers herzusenden. Der kann schon, wenn sie ihn rasch befrdert
hat, morgen Mittag eintreffen, und dann, nachdem jeder Vorsicht Genge
geleistet und die uerste Rcksicht genommen ist, um nicht eine
Unschuldige zu belstigen, werden Sie mir doch zugeben, Mr. Burton, da
ich meine Pflicht erfllt habe.

James Burton schwieg und sah ein Paar Secunden still vor sich nieder;
aber sein besseres Gefhl gewann doch die Oberhand. Er sah ein, da er
sich von einer Betrgerin hatte tuschen lassen, und Hamilton die Hand
reichend, sagte er herzlich:

Ich danke Ihnen, Sir -- ich werde Ihnen das nie vergessen.

Ein desto schlechteres Gedchtni werde =ich= dann fr unser letztes
kleines Intermezzo haben, lachte der Polizeiagent, die dargebotene Hand
derb schttelnd, und nun, mein lieber Mr. Burton, reisen Sie, wenn Sie
=meinem= Rath folgen wollen, so rasch Sie mgen, nach England zurck.
Fr die beiden Schuldigen werde ich schon Sorge tragen, und in sehr
kurzer Zeit denke ich Ihnen nachzufolgen.

Dem Commissr erklrte Hamilton bald den Zusammenhang der Verhaftung Mr.
Burtons, den er dadurch nur hatte so lange aufhalten wollen, bis er die
Beweise von der Schuld jener Person beischaffte -- das war geschehen und
er selber brachte jetzt die an dem Morgen von Burton zerrissene und von
ihm wieder sorgfltig zusammengeklebte Vollmacht zum Vorschein, die als
beste Legitimation fr ihn dienen konnte.

Am nchsten Tag traf richtig ein Polizeibeamter, der Miss Lucy
Fallow persnlich kannte, in Frankfurt ein, und Hamilton erhielt die
Genugthuung, seinen ersten Verdacht vllig besttigt zu finden. Gleich
danach reiste James Burton allein ab, whrend Hamilton noch einige Tage
brauchte, bis er die Uebersendung der Wertpapiere und Banknoten durch
die Nassauische Regierung nach England reguliren konnte. Dann erst
folgte er mit seinen Gefangenen nach England, von denen er aber nur das
Mdchen hinberbrachte.

Kornik machte unterwegs einen verzweifelten Fluchtversuch und sprang,
whrend der Zug im vollen Gange war, zwischen Lttich und Namr aus dem
Fenster des Waggons; aber er verletzte sich dabei so furchtbar, da er
starb, ehe man ihn auf die nchste Station transportiren konnte.




Eine Heimkehr aus der weiten Welt.


Was auch Andere dagegen sagen mgen; es ist schon der Mhe werth eine
grere Reise zu unternehmen, nur um wieder zu kommen.

Manche Freude, manches Glck blht uns armen Sterblichen hier auf
dieser schnen Welt, keine aber so voll und reich und herrlich, als die
Freude des Wiedersehens nach langer Trennung -- keine so rein und selig,
als die Rckkehr in das Vaterland. Soll ich dir deshalb, lieber Leser,
erzhlen wie mir zu Muthe war, als ich nach einer Abwesenheit von 39
Monden von Weib und Kind, zurck in die Heimath kehrte? -- Ich will's
versuchen.

Ich kam damals -- im Juni 52 -- nach einer ununterbrochenen Seereise von
129 Tagen direct von Batavia. Siebzehn von den 129 hatten wir uns allein
bei faulem Wetter in Canal und Nordsee herumgetrieben -- 17 Tage auf
einer Strecke, die wir recht gut htten in =dreien= zurcklegen knnen.
Und so dicht dabei an der heimischen Kste; es war eine verzweifelte
Zeit; doch sie ging auch vorbei, und endlich, endlich rasselte der Anker
in die Tiefe.

Das ist ein wunderbar ergreifender Ton, den man nicht allein =hrt=,
sondern auch =fhlt=, denn das ganze Schiff rasselt und zittert mit, und
wie die Eisenschaufel nur den Boden berhrt und mit einem Ruck festhakt,
fhlt man sich auch daheim.

=Ich war daheim!= ob Bremen, ob Sachsen, ob Oestreich, solchen
Unterschied kennt man nur innerhalb der verschiedenen Grenzpfhle: fr
uns Deutsche da drauen ist alles nur ein Deutschland, ein Vaterland,
und wie die Matrosen nach oben liefen, die Segel festzumachen, und
die Kette indessen, soweit das anging, eingezogen und um die Winde
geschlagen wurde, hing mein Blick an dem grnen Ufer des Weserstrandes,
an dem Mastenwald des nicht fernen Bremerhafens, und konnte sich nicht
losreien von dem lieben, lieben Bild.

Aber nicht lange sollte mir Zeit zum Schauen bleiben. Der Lootse
hatte uns schon gesagt, da wir wahrscheinlich noch zeitig genug nach
Bremerhafen kmen, um das Nachmittags-Dampfboot nach Bremen zu benutzen.
Alle unsere Sachen waren gepackt. Jetzt dampfte das Boot aus dem Hafen
heraus und legte bei -- jetzt kam ein kleines Boot vom Ufer ab, uns
hinber zu fhren. Kisten und Koffer wurden Hals ber Kopf hinunter
gehoben, kaum blieb mir noch Zeit, den Seeleuten, mit denen ich so lange
Monde als einziger Passagier verlebt, die Hand zu schtteln, und schon
glitten wir ber den stillen Strom, dem, unserer harrenden, Dampfer zu.

An Bord fanden wir eine groe Gesellschaft von Herren und Damen und hier
zum ersten Mal dachte ich daran, da ich ja in Bremerhafen, ehe ich
die Stadt selber betrat, meine etwas sehr mitgenommene Toilette hatte
erneuen wollen. Mein Schuhwerk besonders befand sich in hchst
traurigen Umstnden, und meine =besten= Schuh waren querber vollstndig
aufgeplatzt. Aber das ging jetzt nicht mehr an -- wer kannte mich auch
und wo behielt ich Zeit mich jetzt um =solche= Dinge zu bekmmern? --
Den Strom hinauf glitten wir, der fr mich der Erinnerungen so viele
trug, und wie Dorf nach Dorf hinter uns blieb, wie die Sonne tiefer und
tiefer sank, und hie und da schon einzelne Hgel aus dem flachen Land
hervorschauten, grten mich die Nachtigallen, die lieben Waldsnger
unserer Heimath mit ihrem zaubrisch sen Sang.

Und weiter flog das Boot; hinter dem Rad stand ich, aus dem die Wellen
schumten, horchte den Nachtigallen am Ufer, und schaute nach den alten
gemthlichen Dorfkirchthrmen hinber, bis von weitem, aber schon mit
einbrechender Dunkelheit, die Thrme der alten Handelsstadt Bremen
herber blickten.

Jetzt hielt das Boot; dicht unter den dunkeln Husermassen lagen wir, in
welche nur schmale schrge Einschnitte -- kleine Gchen, die zum Ufer
hinunterfhren -- einliefen; Karrenfhrer kamen an Bord, denen ich mein
Gepck bergab, und wenige Secunden spter stand ich zum ersten Mal
wieder nach 129 Tagen drauen auf =Pflaster=, auf =deutschem= Grund
und Boden, und es war mir zu Muthe, als ob ich htte ber den Boden
=fliegen= knnen.

Von da an war jeder Schritt, den ich weiter that, ein =Genu= fr mich
und langsam, ganz langsam verfolgte ich im Anfang meinen Weg, den frohen
Becher nun auch ordentlich auszukosten.

In vielen Husern war schon Licht angezndet, und die Leute saen drin
bei ihrem Abendbrod, hie und da aber standen sie auch noch plaudernd,
und sich des schnen Sommerabends freuend, in den Thren -- auch
=deutsch= sprachen sie, gutes ehrliches deutsch, nicht mehr malayisch
oder hollndisch, oder englisch, franzsisch, spanisch oder was sonst
noch, was ich seit den letzten Jahren gewohnt war, vor fremden Thren zu
hren -- die Mnner rauchten lange Pfeifen, die Frauen strickten lange
Strmpfe, und die Kinder hetzten sich ber den Weg hinber und herber,
und lachten und jubelten.

So wanderte ich mitten zwischen ihnen durch, noch ein Fremder und
Heimathloser in der weiten Stadt, und doch vielleicht der glcklichste
Mensch, den in diesem Augenblick ganz Bremen umschlo.

Jetzt hatte ich endlich das Handlungshaus erreicht, in dem ich Briefe
fr mich von daheim finden sollte. -- Die ersten wieder seit langer,
langer Zeit, denn die =letzten= Briefe, die ich vor sechs Monaten in
Batavia erhalten, waren noch auerdem ber sechs Monate alt gewesen.

Der Chef war nicht zu Haus, aber ein junger Mann vom Geschft, dem ich
meinen Namen nannte, sagte: er glaube, da ein Brief fr mich oben
liegen msse, und wie entsetzlich langsam ging er die Treppe hinauf,
danach zu suchen. -- Endlich waren wir oben -- zwei, drei Gefache suchte
er durch -- da war er richtig -- ich hielt ihn fest in der Hand und wei
wahrhaftig nicht, wie ich wieder aus dem Haus und durch die Stadt in
mein Hotel gekommen bin; aber ich sah die Leute nicht mehr, die vor den
Husern standen, oder an ihren hellerleuchteten Tischen saen. So rasch
mich meine Fe trugen, eilte ich in den Lindenhof, lie mir ein Zimmer
geben, bestellte Licht und Thee und sa kaum zehn Minuten spter am
geffneten Fenster vor den lieben, lieben Zeilen, die mir Kunde von den
Meinen brachten. -- Dann erst gab ich mich den brigen Genssen hin, und
wer nicht selber einmal solang von daheim fort und besonders so viele
Wochen, ja Monate hintereinander auf See gewesen, wird schwer begreifen
knnen, mit welch behaglichem Gefhl den seemden Wanderer alle jene
tausend Kleinigkeiten erfllen, die wir im gewhnlichen Leben gar nicht
mehr beachten, und deren =Dasein= wir oft nur bemerken, wenn sie einmal
=fehlen=.

Erstlich die Annehmlichkeit von frischem =Fleisch=, frischer =Butter=,
=Milch= und =Eiern= -- dann das Bewutsein, da das Theezeug =fest= auf
dem Tisch stand, und nicht brauchte in hlzerne Gestelle eingestemmt
zu werden -- und doch war ich mit meiner Tasse noch im Anfang
auerordentlich vorsichtig. Dazu das Gerusch rollender Wagen auf dem
Pflaster unten, das Schlagen der groen Thurmuhren, das ich in einer
Ewigkeit nicht gehrt, das Lachen und Plaudern der Menschen unten
auf dem groen freien Platz, und kein Schaukeln dabei, kein Hin- und
Wiederwerfen -- Alles das geno ich einzeln und mit vollem geizenden
Bewutsein dieser wenigen Momente, und wenn es mir auch im Anfang noch
manchmal so vorkommen wollte, als ob der Lehnstuhl auf dem ich sa leise
hin und herschwankte, -- das alte Gefhl noch von dem Schiffe her --
berzeugte ich mich doch bald, da das nur Tuschung sei.

Indessen war es dunkel und still drauen in der Stadt geworden; wieder
und wieder hatte ich den Brief gelesen und lag jetzt in meinem Stuhl am
offenen Fenster, eine ganze Welt voll Seligkeit im Herzen.

Unten wurden murmelnde Menschenstimmen laut -- ich hatte sie schon eine
Weile wie im Traum gehrt, aber nicht darauf geachtet; auch ein paar
Laternen sah ich ber den Platz kommen. Da pltzlich klangen von vier
krftigen Mnnerstimmen die Tne des herrlichen Mendelssohn'schen
Liedes:

  Wer hat dich, du schner Wald,
  Aufgestellt so hoch da droben ...

zu mir herauf, das =erste= deutsche Lied und Mnnerchor wieder, das
ich seit langen Jahren hrte, und wie hatte ich mich danach gesehnt. --
Neben mir ffnete sich ein Fenster -- es fiel mir jetzt wieder ein,
da eine berhmte Opernsngerin meine Nachbarin war, die hier in Bremen
gastirt hatte und morgen frh wieder abreiste. Der Kellner hatte mir
davon gesprochen, als er das Theegeschirr hinausnahm.

Und jetzt verklangen die Tne, um wieder mit einem anderen, lebendigeren
Liede zu beginnen; aber voll und weich klangen sie zu mir herauf --
voll und weich war mir das Herz dabei geworden und -- ich brauche mich
deshalb nicht zu schmen, da mir die hellen Thrnen in den Bart liefen.

Noch immer sa ich so, und die Snger waren schon lange fortgezogen; die
Uhren in der Stadt brummten die zehnte Stunde, als ein anderer, nicht so
harmonischer Ton all' die schwermthigen Gedanken im Nu verscheuchte.

Tuht! blies der Nachtwchter unten und sang sein melancholisch Lied,
und ich sah den dunklen Schatten des Mannes unten mit schwerem Schritt
ber den Platz schreiten, folgte ihm mit den Augen so weit ich konnte,
und horchte auf die, aus ferneren Stadttheilen herberschallenden
Antworten noch lange, lange. -- Und dann kamen Nachtschwrmer, die
einen Hausschlssel hatten und ich hrte wie die Thren auf- und wieder
zugemacht wurden -- und dann schlugen die Uhren wieder ein Viertel,
Halb, drei Viertel und Elf. Immer konnte ich mich noch nicht losreien
von dem Platz am Fenster, bis ich endlich lange nach elf mein
weiches Lager suchte. Und wie herrlich schlief ich, denn meine alte
Seegras-Matratze an Bord hatte ich in den vier Monaten so hart wie ein
Bret gelegen, und das weiche Rohaarbett bot einen neuen Genu.

Am nchsten Morgen war ich frh auf den Fen, Manches zu besorgen,
meine mitgebrachten Kisten auf die Fracht zu geben und liebe Freunde zu
besuchen. Eine Zeitung hatte ich noch nicht in die Hand bekommen und
das Einzige, was ich bis jetzt von einer politischen Neugestaltung der
letzten 8 Monate wute, war die Wahl Louis Napoleons zum Prsidenden der
Republik. Ein Fischerboot im Canal, das wir wegen Zeitungen anriefen,
hatte uns ein altes Stck englischer Zeitung -- halb durchgerissen, mit
einer tchtigen Steinkohle als Gewicht hineingewickelt -- zugeworfen
-- darauf fanden wir einen Theil der Einzugsfeierlichkeiten des neuen
Prsidenten beschrieben -- das war Alles was wir von Europa berhaupt
erfuhren -- und sonderbarer Weise gleich das Wichtigste.

Freund Andree, den ich in Bremen antraf, ersetzte mir aber alle
Zeitungen, denn mit kurzen bndigen Worten gab er mir einen flchtigen,
aber vortrefflichen Ueberblick des Geschehenen -- du lieber Gott, es war
wenig Trstliches, das ich erfuhr -- wie traurig sah es in dem armen
Deutschland aus, und was war aus der Freiheit, aus den Freiheiten
geworden, die wir 48 ertrumt. Der alte Fluch der Uneinigkeit hatte
wieder seine giftigen Frchte getragen, und Alles was ich aus dem
Sturm der letzten Jahre gerettet fand -- und das berhaupt der Mhe
des Aufhebens lohnte, war: die =Erinnerung= an das Parlament; das
Bewutsein, da wir ein solches wirklich =gehabt= hatten, da es also
nicht zu den Schattenbildern gehrte und uns einmal, es mchte nun
dauern so lange es wollte, wieder werden =mute=. -- Jetzt freilich
feierte der Bundestag wieder seine Ferien wie vordem -- ein Dorn im
Fleisch der Deutschen, ein Spott und Hohn fr das Ausland. -- Die
=deutschen= Schiffe, die noch drauen auf der Rhede von Bremerhafen
unter der schwarz-roth-goldenen Flagge lagen, warteten auf den Hammer
des Auctionators, die Schmach von Schleswig-Holstein und Olmtz brannte
auf unserem Herzen und -- was ich auerdem von Bekannten und Freunden
hatte, sa im Zuchthaus oder war verbannt. Trstliche Nachrichten fr
einen Heimkehrenden; aber es berraschte mich kaum. Als ich Deutschland
im Mrz 49 verlie, sa der mit den deutschen Farben bewimpelte
Staatskarren schon fest im Schlamm, und man brauchte damals kein Prophet
zu sein, ihm sein Schicksal vorher zu sagen. Das Alles hatte sich jetzt
erfllt, die Reaction grnte und blhte, und wie in der Argentinischen
Republik, that es den wrdigen Staatsmnnern nur leid, da sie nicht
auch Wald und Himmel mit ihren respectiven Landesfarben schwarz und wei
oder schwarz und gelb oder wei und blau anstreichen konnten.

Was half's! Es mute ertragen werden, und nur die =Hoffnung= konnte uns
selbst unser damaliger Zustand nicht rauben.

In Bremen besorgte ich so rasch als mglich was ich zu besorgen hatte,
fuhr dann nach Hamburg hinber, dort einige von Sidney herbergeschickte
Sachen, meist Indianische Waffen, in Empfang zu nehmen, und eilte nun,
so rasch mich Dampf und Eisenschienen bringen konnten, nach Leipzig,
meine damals in Wien lebende Familie wieder zu sehen.

Unterwegs mute ich erst noch an der Preuischen Grenze eine
Paplackerei berwinden. Mein Pa war seit drei Monaten verfallen und
auerdem in einem Zustand, wie ihn ein Preuischer Grenzbeamter
wohl kaum je unter Hnden gehabt. In Brasilien und besonders in der
Argentinischen Republik wie in Batavia, selbst von den franzsischen
Behrden auf Tahiti war freilich allen Anforderungen, die selbst
ein deutsches Postbreau stellen konnte, gengt; an allen brigen
Landungspltzen hatte sich aber kein Mensch um einen Pa bekmmert, und
ich war nicht leichtsinnig genug gewesen, mir unnthige Laufereien und
Geldausgaben zu machen. Nur um die ganze Route auf dem Pa zu haben
visirte ich ihn mir, aus angeborenem Pflichtgefhl, dort selbst, und
diese Miachtung eines =officiellen= Visum schien die Polizeibeamten am
meisten zu erschttern. Trotzdem behandelten sie mich humaner als ich
erwartet hatte, und mit einem sanften Verweis ber mein rcksichtsloses
Handeln: Aber lieber Herr, Sie reisen in der ganzen Welt herum und
lassen nirgends visiren, wurde mir erlaubt, meine Reise ungehindert
fortzusetzen.

In Leipzig, wo ich einen Tag bleiben mute, kam ich Abends spt an,
und wollte noch meinen dort wohnenden Schwager aufsuchen. Seine Adresse
hatte ich; ich wute nmlich die Strae und Hausnummer, es war aber
schon so dunkel, da ich die Nummer nicht mehr erkennen konnte, und die
vollkommen menschenleere Quergasse langsam niederschreitend, hoffte ich
an irgend einem Haus einen Menschen zu finden, den ich fragen konnte.

Da verlie Jemand vor mir eine Thr und ging die Strae hinab; es war
ein Mann in Hemdsrmeln, jedenfalls ein Markthelfer, mehr konnte ich in
der Dunkelheit nicht erkennen. Als ich ihn eingeholt, frug ich ihn, ob
er nicht zufllig wisse, in welcher Gegend hier Nr. 22 liege.

Ja wohl, Herr Gerstcker, sagte der Mann so ruhig, als ob er mir noch
gestern und alle Tage hier in derselben Strae begegnet wre, und wir
jetzt hellen Sonnenschein und nicht finstere Nacht gehabt htten. Es
lag ordentlich etwas Geisterhaftes in dieser Nennung meines Namens unter
solchen Umstnden, und unwillkhrlich frug ich, aber kennen Sie mich
denn? -- Na, werd' ich =Sie= nicht kennen, sagte der Mann -- da
drben ist gleich das Haus. -- Incognito htte ich =hier= nicht reisen
knnen.

Den nchsten Tag verbrachte ich, wie schon gesagt, in Leipzig, um vor
allen Dingen einen neuen Pa nach Oestreich zu bekommen. Ein
merkwrdiges Gefhl war es mir aber dabei, durch die alten bekannten
Straen zu gehen und in den Lden, in den Fenstern die nmlichen
Menschen mit der nmlichen Beschftigung zu sehen, wie ich sie vor
langen Jahren verlassen hatte. Die waren nicht fort gewesen in der
ganzen Zeit; die hatten Tag fr Tag ihrem Beruf an derselben Stelle
obgelegen und whrend mir eine Fluth von Erinnerungen durch die Seele
ging, kannte die ihre kein anderes Bild, als diese selben engen Straen
boten.

So sitzen hier Leute, die ich mich besinnen kann auf der nmlichen
Stelle gesehen zu haben, als ich noch, ein Knabe, da in die Schule ging.
Sie kamen mir damals schon alt und ehrwrdig vor und sahen heute genau
noch so aus; nur da sie frher keine grauen Haare hatten. Dieselben
Menschen sind immer dageblieben, und wo bin ich indessen herumgewandert
-- was hab' ich erlebt -- was gesehen -- und wie drngt es mich noch
immer neuen Scenen entgegen zu eilen, whrend diese still und gengsam
in dem engen Kreise sich bewegen, den ihnen die eigene Wahl oder das
Schicksal angewiesen. Und wenn wir sterben, ruhen wir vielleicht neben
einander, und die Erinnerung ist todt und fort.

Und soll ich dir, freundlicher Leser, jetzt erzhlen, wie ich nach Brnn
kam, bis wohin mir meine Frau mit dem Kind entgegen fahren wollte -- wie
ich mich von Nachtfahrten und bermiger Anstrengung zum Tod erschpft
in meinen Kleidern auf das Bett geworfen hatte, den um Mitternacht
eintreffenden Zug dann zu erwarten? Wie mich der Kellner nicht geweckt,
und pltzlich mitten in der Nacht Frau und Kind, die ich in 39
Monden nicht gesehen, im Zimmer standen, und wie der kleine, indessen
vierjhrig gewordene Bursch, seine Aermchen um meinen Nacken legte und
mit seiner lieben Stimme flsterte: du weggelaufener Papa? -- Es geht
nicht -- es geht wahrhaftig nicht, Worte sind nicht im Stande das zu
beschreiben; das mu erlebt, empfunden sein, und -- ich mchte gleich
wieder auf Reisen gehen, nur um =den= Augenblick noch einmal zu erleben.




Wenn wir einmal sterben.


Oft, wenn ich in meinem Zimmer sitze und mein Blick ber die aus allen
Welttheilen zusammengetragenen Gegenstnde schweift, die mir so lieb
sind, weil sich an jedes einzelne eine, oft freudige, oft bittere
Erinnerung knpft, fllt mir eine Scene aus frherer Zeit ein.

In einem groen alten Hause in ** hatte ein alter Herr viele lange Jahre
hindurch so abgeschlossen gelebt, da er mit Niemandem da drauen --
wenigstens nie direkt -- in Berhrung kam. Eine alte Haushlterin und
ein alter Grtner besorgten seine Arbeiten, und nur Abends, wenn in
dem obersten Erkerstbchen, wo die alte Haushlterin schlief, Licht
angezndet wurde, sah man, da die Leute drinnen noch lebten, denn
sonst lie sich den ganzen Tag keine Seele, weder an einem der dicht
verhangenen Fenster noch in der Thr blicken.

Der Eigenthmer selber verlie seine Wohnung nie -- einen Tag im Jahre
ausgenommen -- am ersten Weihnachtsfeiertag, und dann auch nur -- mochte
es wettern und strmen, wie es wollte -- um hinaus auf den Gottesacker
zu gehen und daselbst ein Grab zu besuchen. Allerdings hatten sich
die Miggnger in der Stadt schon die grte Mhe gegeben, um
herauszubekommen, wer unter dem kleinen einfachen Hgel ruhe, an dem
der Greis eine volle Stunde betete -- aber vergebens. Kein Kreuz, keine
Tafel kndete den Namen. Der frhere Todtengrber war gestorben, aus
dem Buch, das er mit wunderlichen Zeichen und Figuren gefhrt, lie sich
nichts Bestimmtes mehr herausfinden, und die Leute sahen sich gezwungen,
ihre eigenen Geschichten darber zu ersinnen. Es lt sich denken, da
die abenteuerlichsten Gerchte die Stadt durchliefen -- aber auch nur
eine Zeit lang. Wie der alte Herr Jahr nach Jahr das nmliche trieb,
dabei Niemandem etwas in den Weg legte, wurde man es endlich mde,
sich um ihn zu bekmmern, und erst sein Tod erweckte die schon fast
vergessenen Gerchte von Neuem -- allein auch sein Tod brachte keine
Aufklrung ber sein frheres Leben.

Wie es mit dem Testament gewesen war, wei ich nicht mehr, nur soviel
erinnere ich mich, da die Erben keineswegs zufrieden sein muten,
denn groe Legate waren den Dienern vermacht, und die auerordentlich
einfache und dadurch fast werthlose Einrichtung des Hauses sollte in
dessen Rumen selber ffentlich versteigert werden.

Nach alle dem lt es sich denken, da ein groer Theil der Bewohner
von ** neugierig war, die Rume zu betreten, die bis jetzt von dem alten
wunderlichen Mann als unnahbares Heiligthum verschlossen und verriegelt
gehalten waren. Die von dem Magistrat herbeorderten Beamten hatten
wirklich ihre Noth, die zudringlichen Gaffer in ihren Schranken zu
halten, damit sich im Gedrnge nicht auch verworfenes Gesindel mit
einschlich und die Hand an fremdes Eigenthum legte.

Stube nach Stube wurde deshalb nur derart geffnet, da man eine andere
erst aufschlo, wenn die in der einen befindlichen Gegenstnde verkauft
und ihren jetzigen Besitzern berwiesen waren. Dadurch bekamen es die
Neugierigen endlich satt, sich nur herumstoen und drngen zu lassen,
ohne weiter etwas zu sehen, als de Zimmer und altmodische Mbel und
Schrnke. Nach und nach verliefen sich die Meisten und es blieben fast
nur Solche zurck, die wirklich Lust zu kaufen hatten.

So gelangten wir endlich, nachdem eine Masse von Schrnken, Tischen,
Sthlen, alten Bildern, zu Spinneweb gewaschenen Gardinen und hundert
andern Kleinigkeiten verkauft oder vielmehr um einen Spottpreis
verschleudert waren, in die Studirstube des alten Mannes -- wenn
ein Platz so genannt werden kann, in dem ein nur wenig benutzter
Schreibtisch und ein kleines drftiges Regal mit einigen zwanzig, meist
franzsischen und hollndischen Bchern stand.

Der Verstorbene war augenscheinlich kein Gelehrter gewesen, das aber
hier jedenfalls der Platz, wo er seine meiste Zeit, die langen Jahre
seiner Einsamkeit, trumend und durch nichts gestrt verbracht, und
es berkam mich ein eigenes und drckendes Gefhl, als ich die kalten,
gleichgltigen Gesichter sah, die sich hier jetzt mit prfenden Blicken
in dem engen Raum umschauten und die Gegenstnde taxirten. Es war mir,
als ob ein Grab entweiht wrde, das Grab einer Seele, deren Trume bis
jetzt hier eingesargt gewesen.

Aber was kmmerte das die Kufer oder den Auctionator, der Stck nach
Stck ruhig und gleichmthig unter den Hammer brachte! Vor dem Tische
stand ein alter, mit Leder berzogener Lehnstuhl, ber dem Tisch hing
ein kleines, ziemlich mittelmig ausgefhrtes Bild, eine Landschaft
mit einer alten knorrigen Eiche im Vordergrund, die an dem Ufer eines
Weihers stand. Unter der Eiche lag ein Frauenhut und ein Brief. In
dem Lehnstuhl war der alte Mann gestorben, und auf dem Tisch stand ein
kleines flaches Mahagonikstchen.

Ein Jude kaufte den Tisch, den Lehnstuhl und nachher das Kstchen auch,
das Bild, da Niemand darauf bieten wollte, bekam er zu. In dem Kstchen
stak der Schlssel, er ffnete es, es lagen einige Sachen darin, und er
whlte mit der Hand darin herum. Als ihm das Kstchen zugeschlagen war,
drehte er es um und schttete den Inhalt auf den Boden. Es enthielt
auch nichts Aufhebenswerthes: ein paar trockene, schon fast verkrmelte
Blumen, ein Stckchen Holz mit ein paar drren Blttern, ein paar
Streifen vergilbtes Papier mit unleserlichen Zgen, ein kleines
blauseidenes Band, einen zerschnittenen Handschuh und noch eine Anzahl
anderer, eben so werthloser verwitterter Dinge. Was sollte der Kufer
mit dem Plunder machen? er wurde spter mit dem brigen Staub und
Gerumpel hinaus gekehrt, und doch war er das Heiligthum eines ganzen
Lebens gewesen.

Und wenn =wir= einmal sterben?

In meinem Zimmer hngen eine Unmasse von werthlosen Dingen, Waffen aus
allen Welttheilen von Stein, Holz, Stahl, Wallro- und Haifischzhnen,
und wenn ich einmal sterbe, finden sie vielleicht ihren Weg in ein
Naturaliencabinet, wo dann der Aufseher mit Hlfe des Katalogs den
Besuchern erklren kann: das Stck stammt dort, jenes von da her,
diese Waffen fhren die australischen Eingebornen, jene sind auf den
Sdseeinseln, in Afrika, in Californien, in Sdamerika, in China, in
Java daheim -- das bleibt Alles, denn die Erinnerung ist todt, die ihnen
jetzt Leben verleiht.

Jenes alte lederne Jagdhemd, mit seinen indianischen Ausfranzungen,
habe ich aus selbsterlegten Hirschdecken auch selber gegerbt und genht
und manches lange Jahr getragen; jenes alte Messer fhrte ich
zweiundzwanzig Jahr in Freud und Leid; jene Bolas holte ich mir aus den
chilenischen Cordilleren, und wie der Blick darauf fllt, sitze ich
wieder bei dem tollen Trinkgelage jener Stmme, sehe die mit trbem
Aepfelwein gefllten Kuhhrner im Kreis herumgehen und die junge dicke
Kazikentochter mir gegenber, die mir jenes Diadem von bunten Perlen
gab. Die Lanze dort schleuderte einst ein australischer Wilder nach mir;
jene Mumienhand steckte mir ein junger gyptischer Epigone unter den
Tempelsulen von Karnak in die Tasche, da ich sie ihm nicht um den
blichen Sixpence abkaufen wollte; jenen Bogen erhandelte ich von einem
californischen Indianer um selbstgegrabenes Gold aus seinen Bergen. Mit
diesen Stcken trockenen Guiavenholzes rieb sich ein bildschnes Mdchen
auf Tahiti einst Feuer, um ihre Cigarre daran anzuznden; jenen
Wallfischzahn brach ich selber aus dem Kiefer eines frischgefangenen
Cachelot; den Tabaksbeutel aus dem Fu eines Albatro arbeitete ich mir
inmitten eines furchtbaren Sturmes am Cap Horn; das Hirschgeweih da oben
holte ich mir aus der Bandong-Ebene in Java, und jene kleinen
ungeschickt geschnittenen Figuren aus vegetablischem Elfenbein kaufte
ich auf dem Markt zu Quito.

Und welche Unzahl von Kleinigkeiten, die ein Anderer unbedingt zum
Kehrichthaufen verdammen wrde, bilden die Schtze, die ich um mich her
aufgehuft! Vier Steinbrocken, die jeder Geologe verchtlich bei Seite
werfen wrde: ein gewhnliches Stck Kalkstein mit ein paar dunklen
Flecken darauf -- die Schweitropfen meines ersten starken Gemsbocks,
den ich hoch am Karwendelgebirg in Tyrol in voller Flucht durch's Herz
scho; ein gewhnlicher Kieselstein, aus den Wassern des Pozuzu in Peru
-- die Erinnerung an den Uebergang jenes reienden Bergstromes, an einer
einzelnen wilden Rebe; ein kleines Stck Granit vom 16,000 Fu hohen
Gipfel der Cordilleren in Peru; ein anderes verwittertes Gestein vom
hchsten Pa der La Plata-Staaten nach Chile; eine gelbe Feder vom
Kopf eines Kakadu, des ersten, leider nicht des einzigen, den ich im
australischen Wald erlegen und verzehren mute, um nicht zu verhungern;
ein langes Stck Koralle, das ein australisches Mdchen als einzigen
Schmuck und Kleidungsstck durch den Nasenknorpel trug; ein rothes Band,
das ich, in dem jetzt verschtteten Mendoza, im Knopfloch fhren mute,
um unter Rosa's Regierung einen Pa auf der Polizei zu bekommen; der
alte hlzerne Quirl und Lffel, mit dem ich in Ecuador tagtglich, lange
Monate hindurch meine Chocolade quirlte und rhrte; selbstgewaschenes
Gold aus Californien; Silber aus Cerro de Pasco, der hchsten Stadt der
Welt; Wstensand aus Aegypten; knstliche Federblumen aus Brasilien, und
was mein Schreibtisch an geheimen Schtzen birgt, an trockenen Blumen
und an Liebeszeichen aus der Jugendzeit, Du lieber Gott, was Anderes
ist das, als was der Trdler dort in dem alten Haus, aus jenem
Mahagonikasten auf die Erde schttete: -- und doch ein Lebensalter
hindurch mit dem eigenen Herzblut erkauft und gehegt und gepflegt!

Und wer von uns Allen hat nicht solche Liebeszeichen, wem von uns Allen
ruft nicht ein Band, ein trocknes Blatt, ein alter, wieder und wieder
gelesener Brief alte Liebe und, wenn auch schmerzliche, Erinnerungen
der Seele wach? und wenn wir einmal sterben? dann kommen rauhe Hnde
und zerstren diese Leichen unserer Erinnerung, denn das Leben fehlt
ihnen, was ihnen diese fr uns eingehaucht.

Und knnen wir uns deshalb von ihnen trennen? Nein, es ist nicht
mglich, denn sie bilden einen Theil, und zwar den edelsten Theil
unseres Selbst; sie sind die kleinen unscheinbaren, aber trotzdem
unzerreibaren Glieder jener Kette, die uns an die Heimath binden.
Sie sind die Trster in mancher bitteren, sorgenschweren Stunde, die
Mrchenerzhler unserer eigenen Jugend, und wie der Mensch, wenn ihm
die Hoffnung genommen wrde, zum Selbstmrder werden mte, und wie
er deshalb die Hoffnung hegt und pflegt, weil er mit ihr die Brcke zu
seiner Zukunft baut, so hlt er auch die kleinen Zeichen fest als theure
Gaben der Vergangenheit.

Wohl wre es besser, wir selber vernichteten diese kleinen unscheinbaren
Liebesboten, wenn wir einmal fhlen, da unser Ende naht; aber wer fhlt
das? Wer mag es sich bis zum letzten entscheidenden Augenblick wohl
eingestehen: Jetzt ist vorbei, jetzt weist der Zeiger auf die letzte
Stunde? Nicht Einer aus Tausenden. Noch mit zitternder Hand, mit
schon halbgebrochenem Auge fllt unser Blick darauf, und wenn wir dann
sterben, dann fliegt mit unsrer Seele auch die Seele unserer Reliquien
-- Gott nur wei wohin, und unsere Leichen werden Staub.




[Hinweise zur Transkription


Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt. Offensichtliche
Satzfehler wurden korrigiert, bei Zweifeln der Originaltext beibehalten.
Eine Liste der vorgenommenen nderungen befindet sich hier am Buchende,
nderungen der Zeichensetzung sind nicht aufgefhrt.


nderungen

  Seitenangabe
  originaler Text
  genderter Text

  Seite 1
  als er, vierzehn Tage spter, um Bertha Vollmer anhielt
  als er, vierzehn Tage spter, um Bertha Wollmer anhielt

  Seite 3
  und wenn sie ihn auch nie ein unfreundlich Gesicht
  und wenn sie ihm auch nie ein unfreundlich Gesicht

  Seite 14
  freundlich ihn empfing, wenn er endlich znrckkehrte
  freundlich ihn empfing, wenn er endlich zurckkehrte

  Schatz gehalten, und miachtet, bis er von ihn genommen
  Schatz gehalten, und miachtet, bis er von ihm genommen

  Seite 15
  wo die Gattin pltzlich, unvorbereiiet abgerufen wurde
  wo die Gattin pltzlich, unvorbereitet abgerufen wurde

  Seite 21
  ein ganz entsetzlich nakaltes und strmischs Wetter
  ein ganz entsetzlich nakaltes und strmisches Wetter

  Seite 36
  ihre verschiedenen Freundinen einmal wieder aufzusuchen
  ihre verschiedenen Freundinnen einmal wieder aufzusuchen

  Seite 39
  sie selbst in ihrer Mittee in Individum entdeckten
  sie selbst in ihrer Mitte ein Individuum entdeckten

  Seite 40
  als das sie sich wunderten
  als da sie sich wunderten

  diesen doch sicher hchsten interessanten Fall
  diesen doch sicher hchst interessanten Fall

  erst auf uere Veranlassang von sich gegeben
  erst auf uere Veranlassung von sich gegeben

  E ist richtig! Ich wei es! Es spukt drben!
  Es ist richtig! Ich wei es! Es spukt drben!

  Seite 43
  sagte die Frau Prsidentin mit einer einer wegwerfenden Bewegung
  sagte die Frau Prsidentin mit einer wegwerfenden Bewegung

  von der kleinen lehhaften Hofrthin dabei warm untersttzt
  von der kleinen lebhaften Hofrthin dabei warm untersttzt

  Seite 47
  Drittes Kapitel
  Drittes Capitel

  Seite 48
  um den Justizrath sein Gesicht zuzukehren
  um dem Justizrath sein Gesicht zuzukehren

  Seite 49
  neben nur einen halblauten Schrei ausstoend
  eben nur einen halblauten Schrei ausstoend

  Seite 54
  Bertling aber, rgerlich darber, das er eine verfehlte
  Bertling aber, rgerlich darber, da er eine verfehlte

  Seite 69
  wie ein Kind, da ein neues Spielzeug bekommen hat
  wie ein Kind, das ein neues Spielzeug bekommen hat

  Seite 72
  beobachtete ihn ber die Brlle weg
  beobachtete ihn ber die Brille weg

  Seite 73
  whrend ihre Freundin kam aufzuschauen wagte
  whrend ihre Freundin kaum aufzuschauen wagte

  Seite 74
  An den Feustern hingen aber Gardinen
  An den Fenstern hingen aber Gardinen

  Seite 77
  denn die Frau Hebeger begann jetzt in feierlicher Weise
  denn die Frau Heberger begann jetzt in feierlicher Weise

  Seite 81/82
  sonst bekommen wir nach-ihre Confusion
  sonst bekommen wir nachher Confusion

  Seite 116
  abgelegenen Strae vier steilen dunklen Treppen hinauf geklettert
  abgelegenen Strae vier steile dunkle Treppen hinauf geklettert

  Seite 118
  wute sie das Gespch auf das Abenteuer
  wute sie das Gesprch auf das Abenteuer

  Seite 119
  Du errinnerst Dich doch, fuhr Pauline fort
  Du erinnerst Dich doch, fuhr Pauline fort

  Seite 132
  mit vor Zorn gerrtheten Wangen
  mit vor Zorn gertheten Wangen

  Seite 138
  Bitte tausendmal um Entschnldigung, sagte Lorenz
  Bitte tausendmal um Entschuldigung, sagte Lorenz

  sagte das Kindermdchen, das ihm mit einer Lase frischen Wassers
  sagte das Kindermdchen, das ihm mit einer Vase frischen Wassers

  Seite 141
  werde ich ich mich bis zur nchsten Station bei den Koffern
  werde ich mich bis zur nchsten Station bei den Koffern

  Seite 144
  die Cigarre schmeckte ausgezeichet
  die Cigarre schmeckte ausgezeichnet

  Seite 150
  Reiseanzug den entschieden englichen Charakter
  Reiseanzug den entschieden englischen Charakter

  Seite 152
  Englnder auf den Continent
  Englnder auf dem Continent

  Gepcktrgern und Lohnbedienteu geprellt
  Gepcktrgern und Lohnbedienten geprellt

  Seite 155
  nach seinem Schein uud fluchte auf deutsch
  nach seinem Schein und fluchte auf deutsch

  Seite 156
  kein anderer Ausweg, als den gegebenen Rath zu folgen
  kein anderer Ausweg, als dem gegebenen Rath zu folgen

  Seite 164
  Gewiheit ber die Persnlichkiet erlangen konnte
  Gewiheit ber die Persnlichkeit erlangen konnte

  Seite 173
  meine Hlfte ebenfalls zur rechteu Zeit einbringe
  meine Hlfte ebenfalls zur rechten Zeit einbringe

  Seite 179
  um ihre Morgentoilete zu beenden
  um ihre Morgentoilette zu beenden

  Seite 181
  in voller Toilete, mit Schmuck und Flittertand
  in voller Toilette, mit Schmuck und Flittertand

  Seite 182
  verzeihen Sie der Aufregumg, in der Sie
  verzeihen Sie der Aufregung, in der Sie

  Seite 184
  schon gar keinen mglicheu Ausweg mehr sah
  schon gar keinen mglichen Ausweg mehr sah

  Seite 190
  Ich habe nichts als meinem ehrlichen Namen
  Ich habe nichts als meinen ehrlichen Namen

  Seite 196
  diesen Platz so rasch als mglich zu erreicheu
  diesen Platz so rasch als mglich zu erreichen

  Seite 197
  Unachtsamkeit verdanke, den wie dieser einmal
  Unachtsamkeit verdanke, denn wie dieser einmal

  Seite 200
  ob er aber einen Schnurrbatt gehabt
  ob er aber einen Schnurrbart gehabt

  Seite 201
  als ein kleines Mdchen, da dabei gestanden
  als ein kleines Mdchen, das dabei gestanden

  Seite 204
  J gewi, und die mssen Ihnen Pferde schaffen.
  Ja gewi, und die mssen Ihnen Pferde schaffen.

  Seite 211
  und borgte sich noch auerden vom Kellner
  und borgte sich noch auerdem vom Kellner

  Seite 213
  alle harmlosen Spiele nnd Vergngungen hinbertnte
  alle harmlosen Spiele und Vergngungen hinbertnte

  Seite 214
  wollten wir alle zusammen schmeieu
  wollten wir alle zusammen schmeien

  der Lakai eine tiefe, erfurchtsvolle Verbeugung machte
  der Lakai eine tiefe, ehrfurchtsvolle Verbeugung machte

  Seite 216
  jede Weiblichket bei Seite lassend
  jede Weiblichkeit bei Seite lassend

  Seite 217
  das Klimpern des Geldes und die montonen Worte
  das Klimpern des Geldes und die monotonen Worte

  Seite 234
  aber es fielen ihm in diesen Augenblick
  aber es fielen ihm in diesem Augenblick

  Seite 236
  und die Erinnnerung an das Vergangene soll
  und die Erinnerung an das Vergangene soll

  Seite 242
  nehmen die Leiden dieses armen Mdchen bald ein Ende
  nehmen die Leiden dieses armen Mdchens bald ein Ende

  Seite 243
  zweitausend Pfund, die er vereist oder verspielt
  zweitausend Pfund, die er verreist oder verspielt

  Seite 251
  zusammengezogenen Braunen, da Sie da nicht thun
  zusammengezogenen Brauen, da Sie das nicht thun

  Seite 255
  haben Sie mich auf Ihrem Besuch warten lassen
  haben Sie mich auf Ihren Besuch warten lassen

  Seite 262
  weiter nach England braucht, da ich da selber
  weiter nach England braucht, da ich das selber

  Seite 282
  Ein Fischerboot im Canal, da wir wegen Zeitungen
  Ein Fischerboot im Canal, das wir wegen Zeitungen

  Seite 295
  geschnittenen Figuren aus vegetablischen Elfenbein
  geschnittenen Figuren aus vegetablischem Elfenbein

  Seite 297
  Und knnnen wir uns deshalb von ihnen trennen?
  Und knnen wir uns deshalb von ihnen trennen?]





End of the Project Gutenberg EBook of Unter Palmen und Buchen. Erster Band., by 
Friedrich Gerstcker

*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK UNTER PALMEN UND BUCHEN. ***

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