The Project Gutenberg EBook of Das Bildnis des Dorian Gray, by Oscar Wilde

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Title: Das Bildnis des Dorian Gray

Author: Oscar Wilde

Translator: Richard Zoozmann

Release Date: November 20, 2013 [EBook #44238]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DAS BILDNIS DES DORIAN GRAY ***




Produced by Norbert H. Langkau, Marc-Andre Seekamp and the
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Das Bildnis des Dorian Gray


  Oscar Wilde

  Das Bildnis des Dorian Gray

  Ins Deutsche bertragen von
  Richard Zoozmann

  Berlin ~W~ 50

  Schreitersche Verlagsbuchhandlung

  Alle Rechte vorbehalten

  Druck der Spamerschen Buchdruckerei in Leipzig




Vorbekenntnis


Der Knstler ist der Schpfer schner Dinge.

Kunst zu offenbaren und den Knstler zu verbergen, ist die Aufgabe der
Kunst.

Ein Kritiker ist, wer seinen Eindruck von schnen Dingen in eine andere
Form oder in einen anderen Stoff zu bertragen vermag.

Die hchste wie die niederste Form der Kritik ist eine Art
Autobiographie.

Wer in schnen Dingen einen hlichen Sinn findet, ist verderbt, ohne
anmutig zu sein. Das ist ein Fehler.

Wer in schnen Dingen einen schnen Sinn findet, hat Kultur. Er
berechtigt zu Hoffnungen.

Das sind die Auserwhlten, fr die schne Dinge lediglich Schnheit
bedeuten.

Ein moralisches oder unmoralisches Buch gibt's berhaupt nicht. Bcher
sind gut oder schlecht geschrieben. Sonst nichts.

Die Abneigung des neunzehnten Jahrhunderts gegen den Realismus ist die
Wut Calibans, der sein eigenes Gesicht im Spiegel erblickt.

Die Abneigung des neunzehnten Jahrhunderts gegen die Romantik ist die
Wut Calibans, der sein eigenes Gesicht im Spiegel nicht sieht.

Das sittliche Dasein des Menschen liefert dem Knstler einen Teil des
Stoffgebietes, aber die Sittlichkeit der Kunst besteht im vollkommenen
Gebrauch eines unvollkommenen Mittels.

Kein Knstler empfindet das Verlangen, etwas zu beweisen. Selbst
Wahrheiten knnen bewiesen werden.

Kein Knstler hat ethische Neigungen. Eine ethische Neigung beim
Knstler ist eine unverzeihliche Manieriertheit des Stils.

Kein Knstler ist an sich krankhaft. Der Knstler kann alles
aussprechen.

Gedanken und Sprache sind fr den Knstler Werkzeuge einer Kunst.

Laster und Tugend sind fr den Knstler Stoffe einer Kunst.

Was die Form betrifft, so ist die Kunst des Musikers die Urform aller
Knste. Was das Gefhl betrifft, so ist der Beruf des Schauspielers
diese Urform.

Alle Kunst ist gleichzeitig Oberflche und Symbol.

Wer unter der Oberflche schrft, tut es auf eigene Gefahr.

Wer das Symbol herausdeutet, tut es auf eigene Gefahr.

In Wahrheit wird der Betrachter und nicht das Leben abgespiegelt.

Meinungsunterschiede ber ein Kunstwerk beweisen seine Neuheit,
Vielfltigkeit und Lebenskraft.

Sind die Kritiker uneinig, so ist der Knstler einig mit sich selbst.

Man kann einem Menschen verzeihen, da er etwas Ntzliches schafft,
solang er es nicht bewundert. Die einzige Entschuldigung fr den, der
etwas Nutzloses schuf, besteht darin, da es uerst bewundert wird.

Alle Kunst ist vllig nutzlos.




Erstes Kapitel


Das Atelier schwamm in einem starken Rosendufte, und wenn der leichte
Sommerwind die Bume im Garten wiegte, so flo durch die offene Tr der
schwere Geruch des Flieders herein oder der zartere Duft des Rotdorns.

Aus der Ecke seines Diwans mit persischen Satteltaschen, auf dem Lord
Henry Wotton lag und wie gewhnlich unzhlige Zigaretten rauchte, konnte
er gerade noch den Schimmer der honigsen und honigfarbigen Blten
eines Goldregenstrauches wahrnehmen, dessen zitternde Zweige nur
seufzend die Last einer so flammenden Schnheit zu tragen schienen, und
dann und wann huschten die phantastischen Schatten vorbeifliegender
Vgel ber die langen bastseidenen Vorhnge, die vor das groe Fenster
gezogen waren. Das gab einen Augenblick lang eine Art japanischer
Stimmung und lie den Lord an die bleichen, nephritgelben Maler der
Stadt Tokio denken, die mit Hilfe einer Kunst, die notwendigerweise
erstarrt genannt werden mu, das Gefhl von Schnelligkeit und Bewegung
hervorzubringen suchen. Das tiefe Gesumme der Bienen, die ihren
zweifelnden Flug durch das hohe, ungemhte Gras nahmen oder mit
eintniger Zhigkeit um die bestaubten Goldtrichter des wuchernden
Geiblattes kreisten, lie die Stille noch drckender scheinen. Das
dumpfe Brausen Londons murrte dazu wie die Batne einer fernen Orgel.

In der Mitte des Gemaches stand auf einer hoch aufgestellten Staffelei
das lebensgroe Bildnis eines auerordentlich schnen Jnglings, und ihm
gegenber, ein paar Schritte entfernt, sa sein Schpfer, der Maler
Basil Hallward, dessen pltzliches Verschwinden vor einigen Jahren bei
der Menge so viel Aufsehen gemacht und zu so vielen seltsamen
Vermutungen Anla gegeben hatte.

Whrend der Maler die anmutige und liebenswrdige Gestalt betrachtete,
die seine Kunst so prachtvoll wiedergespiegelt hatte, huschte ein
freudiges Lcheln ber sein Gesicht und schien dort verweilen zu wollen.
Pltzlich aber fuhr er auf, schlo die Augen und prete die Lider mit
den Fingern zu, als frchte er, aus einem absonderlichen Traume zu
erwachen, und als suche er ihn im Gehirn einzuschlieen.

Es ist dein bestes Werk, Basil, das beste, was du jemals gemacht hast,
sagte Lord Henry schlfrig-mde. Du mut es nchstes Jahr unbedingt ins
Grosvenor schicken. Die Akademie ist zu gro und zu gewhnlich.
Jedesmal, wenn ich hinging, waren entweder so viele Leute da, da ich
die Bilder nicht sehen konnte, und das war schlimm, oder so viel Bilder,
da ich die Leute nicht sehen konnte, und das war noch schlimmer. Das
Grosvenor ist der einzig richtige Platz.

Ich denke berhaupt nicht daran, es auszustellen, antwortete der Maler
und warf den Kopf in jener merkwrdigen Art zurck, ber die schon oft
seine Freunde in Oxford gelacht hatten. Nein, ich will es nirgends
ausstellen.

Lord Henry hob die Augenbrauen und sah den anderen erstaunt durch die
dnnen blauen Raucharabesken an, die in so abenteuerlichen Wirbeln von
der starken opiumgetrnkten Zigarette aufstiegen. Nirgends ausstellen?
Ja warum, mein Lieber? Hast du einen Grund dafr? Was ihr Maler doch fr
Kuze seid! Ihr tut alles in der Welt, um euch einen Namen zu machen.
Habt ihr ihn endlich, so wollt ihr ihn scheinbar wieder loswerden. Das
ist albern von dir, denn es gibt nur ein leidiges Ding auf Erden, das
peinlicher ist als in aller Leute Munde zu sein, und das ist: nicht in
aller Leute Munde zu sein. Ein Portrt wie das da hbe dich weit ber
alle jungen Leute in England empor und wrde die Alten vor Neid platzen
lassen, soweit alte Leute berhaupt noch einer Empfindung fhig sind.

Ich wei, du wirst mich auslachen, entgegnete er, aber ich kann es
wahrhaftig nicht ausstellen. Es steckt da zuviel von mir selbst drin.

Lord Henry streckte sich auf dem Diwan aus und lachte.

Ja, ich habe das gewut; es bleibt aber doch wahr, ganz sicher.

Zuviel von dir soll darin sein? Auf mein Wort, Basil, ich htte nie
geahnt, da du so eitel bist; ich kann wirklich nicht die blasseste
hnlichkeit entdecken zwischen dir mit deinem groben, eckigen Gesicht
und deinem kohlschwarzen Haar und diesem jungen Adonis, der so aussieht,
als sei er aus Elfenbein und Rosenblttern erschaffen. Nein, mein
lieber Basil, es ist ein Narzi, und du -- natrlich hast du ein
geistvolles Gesicht und so weiter. Aber Schnheit, wirkliche Schnheit
hrt da auf, wo der geistvolle Ausdruck anfngt. Geist ist an sich eine
Art berma und zerstrt das Ebenma jedes Gesichts. Im Moment, wo man
sich ans Denken begibt, wird man ganz Nase oder ganz Stirn oder sonst
etwas Greuliches. Sieh dir doch mal alle die Mnner an, die in gelehrten
Berufen etwas geleistet haben. Sind sie nicht alle ausgesprochen
hlich? Natrlich die Mnner der Kirche ausgenommen. Aber in der Kirche
denken sie eben nicht. Ein Bischof sagt mit achtzig Jahren noch
unvernderlich dasselbe, was ihm als achtzehnjhrigem Bengel beigebracht
wurde, und infolgedessen sieht er immer entzckend aus. Dein
geheimnisvoller junger Freund, dessen Namen du mir nie verraten hast,
dessen Bild mich aber tatschlich bezaubert, denkt niemals. Davon bin
ich felsenfest berzeugt. Es ist irgendein hirnloses schnes Geschpf,
das wir im Winter immer bei uns haben sollten, wenn es keine Blumen zum
Anschauen gibt, und im Sommer, wenn wir etwas zur Abkhlung unseres
Geistes gebrauchen. Schmeichle dir also nicht, Basil: du siehst ihm ganz
und gar nicht hnlich.

Du verstehst mich gar nicht, Henry, antwortete der Knstler.
Natrlich sehe ich ihm nicht hnlich. Das wei ich selbst. In
Wirklichkeit wre ich sogar traurig, she ich ihm hnlich. Du brauchst
nicht mit den Achseln zu zucken. Ich sage dir die Wahrheit. Jede
krperliche und geistige Besonderheit umschwebt eine gewisse Tragik; so
eine Tragik etwa, wie sich das Schicksal der Knige auf ihren Irrwegen
in der Weltgeschichte an die Fe zu heften scheint. Es ist besser,
nicht anders zu sein als die Nebenmenschen. Die Hlichen und die Dummen
haben das beste Leben der Welt. Sie knnen ruhig dasitzen und das Spiel
sorglos begaffen. Sie wissen zwar nichts von Siegen, aber dafr bleibt
ihnen auch die Bekanntschaft mit den Niederlagen erspart. Sie leben
dahin, wie wir es alle sollten: ungestrt, gleichgltig und ohne
Mibehagen. Sie bringen anderen kein Unheil und empfangen es auch nicht
von fremder Hand. Dein Stand und dein Reichtum, Harry, mein Geist,
soviel ich davon habe, meine Kunst, soviel sie wert ist, Dorian Gray fr
sein schnes Aussehen -- wir mssen alle fr die Geschenke der Gtter
leiden, schrecklich leiden.

Dorian Gray? Heit er so? fragte Lord Henry und ging durch das Atelier
auf Basil Hallward zu.

Ja, so heit er. Ich wollte dir's eigentlich nicht sagen.

Aber warum nicht?

Oh, ich kann's nicht so erklren. Wenn ich einen Menschen sehr, sehr
lieb habe, verrate ich an niemand seinen Namen. Das kme mir so vor, als
lieferte ich damit einen Teil von seinem Selbst aus. In mir hat sich
allmhlich eine frmliche Liebe zu Geheimnissen entwickelt. Das scheint
noch die einzige Art zu sein, das Leben unserer Zeit mysteris und
wunderbar zu machen. Die gewhnlichste Begebenheit wird reich an
Schnheit, wenn man sie verbirgt. Ich sage auch nie, wohin ich reise,
wenn ich mal die Stadt verlasse. Wenn ich's tte, wre meine ganze
Freude daran hin. Das mag eine alberne Gewohnheit sein, aber sie bringt
doch irgendwie ein bichen Romantik ins Leben. Du denkst jetzt gewi,
ich bin furchtbar nrrisch?

Nicht im geringsten, antwortete Lord Henry, nicht im geringsten, mein
lieber Basil. Du scheinst zu vergessen, da ich verheiratet bin, und da
der Hauptreiz der Ehe darin liegt, da sie beiden Teilen ein Leben der
Tuschung zur Notwendigkeit macht. Ich wei nie, wo meine Frau ist, und
meine Frau wei nie, was ich tue und treibe. Wenn wir beisammen sind --
wir sind gelegentlich beisammen, wenn wir zu einem Diner eingeladen sind
oder zum Herzog aufs Land fahren -- so erzhlen wir uns die
verrcktesten Geschichten mit dem ernsthaftesten Gesicht. Meine Frau
versteht das vorzglich, ohne Frage besser als ich. Sie verwickelt sich
bei den Tatsachen nie in Widersprche, und bei mir kommt es bestndig
vor. Wenn sie mich aber ertappt, macht sie mir nie eine Szene. Ich
wnschte manchmal, sie tte es. Aber sie lacht mich nur aus.

Ich kann die Art nicht leiden, wie du ber deine Ehe sprichst, sagte
Basil Hallward und ging langsam auf die Tr zu, die in den Garten
fhrte. Ich glaube, du bist in Wirklichkeit ein ganz guter Ehemann und
schmst dich nur immer ber diese Tugend. Du bist berhaupt ein
sonderbarer Kauz: du sagst nie was Moralisches und tust nie was
Schlechtes. Dein Zynismus ist nichts als Pose.

Natrlichkeit ist immer eine Pose, und zwar die rgerlichste Pose, die
ich kenne, rief Lord Henry lachend aus, und die beiden jungen Mnner
gingen zusammen in den Garten und lieen sich auf einer langen
Bambusbank nieder, die im Schatten eines hohen Lorbeerbusches stand.
Das Sonnenlicht flirrte tanzend ber die glatten Bltter. Im Grase
zitterten weie Gnseblmchen.

Nach einer Weile zog Lord Henry seine Uhr: Ich frchte, ich mu gleich
fort, Basil, brummte er, aber bevor ich gehe, mut du mir noch
unbedingt die Frage beantworten, die ich vorhin an dich gerichtet habe.

Was war das? sagte der Maler, die Augen fest zu Boden gerichtet.

Na, du weit doch.

Sicher nicht, Harry.

Gut, dann will ich's dir nochmals sagen. Du sollst mir erklren, warum
du Dorian Grays Portrt nicht ausstellen willst. Ich bestehe darauf, den
wirklichen Grund zu wissen.

Ich habe dir den wirklichen Grund schon gesagt.

Nein, das hast du nicht getan. Du hast nur gesagt, weil zuviel von dir
selbst in dem Bilde stecke. Das ist aber kindisch.

Harry, sagte Basil Hallward und sah dem anderen gerade ins Gesicht,
jedes Portrt, das mit Gefhl gemalt ist, ist ein Portrt des
Knstlers, nicht des Modells. Das Modell ist nur der Anla, die
Gelegenheit. Nicht dies wird vom Maler enthllt; nein, der Maler
offenbart auf der farbigen Leinwand eher sich selbst. Ich will also dies
Bild darum nicht ausstellen, weil ich frchte, ich habe das Geheimnis
meiner eigenen Seele darin aufgedeckt.

Lord Henry lachte. Und worin bestnde das? fragte er.

Ich will es sagen, antwortete Hallward; aber in sein Gesicht trat ein
Ausdruck von Ratlosigkeit.

Ich bin uerst gespannt, Basil, fuhr sein Gefhrte mit einem Blick
nach ihm fort.

Oh, es ist wirklich nicht viel zu berichten, Harry, entgegnete der
Maler, und du verstehst es wohl kaum, wie ich frchte. Vielleicht auch
glaubst du mir nicht einmal.

Lord Henry lchelte und bckte sich dann, um ein rosa angehauchtes
Gnseblmchen aus dem Grase zu pflcken, das er betrachtete. Ich werde
dich ganz gewi verstehen, erwiderte er, die Blicke aufmerksam auf die
kleine, goldene, weigefiederte Bltenscheibe gerichtet, und was das
Glauben angeht, so kann ich alles glauben, vorausgesetzt, da es
unwahrscheinlich genug ist.

Der Wind schttelte ein paar Blten von den Bumen, und die schweren,
vielgesternten Traubendolden der Fliederbsche bewegten sich in der
schwlen Luft. Eine Grille begann an der Gartenmauer zu zirpen, und wie
ein blauer Faden huschte eine lange, dnne Wasserjungfer auf ihren
braunen Gazeflgeln vorbei. Lord Henry glaubte Basil Hallwards Herz
pochen zu hren und war neugierig, was wohl kommen mchte.

Die Geschichte ist einfach die, sagte der Maler nach einer Weile. Vor
zwei Monaten ging ich mal zu einem der Massenempfnge bei Lady Brandon.
Du weit, wir armen Knstler mssen uns von Zeit zu Zeit in der
Gesellschaft zeigen, um das Publikum daran zu erinnern, da wir keine
Wilden sind. Du sagtest mir einmal: in Frack und weier Binde kann
selbst ein Brsenmensch in den Verdacht von Bildung kommen. Nun also,
ich war etwa zehn Minuten da und redete mit korpulenten, aufgeputzten,
vornehmen Witwen und platten Akademikern, da merkte ich pltzlich, da
mich jemand anblickte. Ich drehte mich halb um und sah zum ersten Male
Dorian Gray. Ich sprte, wie ich bla wurde, als sich unsere Blicke
begegneten. Ein seltsames Angstgefhl berkam mich. Ich wute, ich stand
einem Menschen Aug-in-Auge gegenber, dessen bloe Erscheinung so
bezaubernd auf mich wirkte, da sie, wenn ich sie gewhren liee, meine
ganze Natur, meine ganze Seele, ja selbst meine Kunst an sich reien
mte. Ich bedurfte nie in meinem Leben irgendwelcher Einwirkung von
auen her. Du weit ja selbst, Harry, wie unabhngig ich von Haus aus
bin. Ich bin immer mein eigener Herr gewesen; war es wenigstens so
lange, bis ich Dorian Gray traf. Dann -- aber ich wei nicht, wie ich
dir das begreiflich machen soll. Irgend etwas schien mir im voraus zu
sagen, da ich an einem schrecklichen Wendepunkt in meinem Leben stand.
Ich hatte die eigentmliche Empfindung, das Schicksal halte fr mich die
ausgesuchtesten Freuden und die ausgesuchtesten Schmerzen in
Bereitschaft. Ich bekam Furcht, und ich wandte mich zum Gehen. Das
Gewissen trieb mich nicht dazu: es war eine Art Feigheit. Ich bilde mir
nichts darauf ein, da ich diese Flucht versuchte.

In Wirklichkeit sind Gewissen und Feigheit ein und dasselbe. Gewissen
lautet nur die eingetragene Firma. Weiter gar nichts.

Ich glaube das nicht, Harry, und ich glaube, du wohl auch nicht.
Einerlei aber, aus welchem Grunde es geschah -- es mag auch Stolz
gewesen sein, denn ich war schon immer sehr stolz -- jedenfalls eilte
ich der Tre zu. Natrlich prallte ich dabei mit Lady Brandon zusammen.
>Sie wollen doch nicht etwa schon davonlaufen, Herr Hallward?< kreischte
sie auf. Du kennst ja ihre schrille Stimme.

Ja, sie ist ein Pfau in allem, bis auf die Schnheit, sagte Lord Henry
und zerrupfte das Gnseblmchen zwischen seinen langen nervsen Fingern.

Ich konnte ihrer nicht loswerden. Sie zerrte mich zu den kniglichen
Hoheiten hin, zu den Leuten mit Orden und Sternen und zu den ltlichen
Damen mit riesenhaften Diademen und Papageiennasen. Sie nannte mich
dabei ihren besten Freund. Ich hatte sie nur ein einziges Mal vorher
gesehen, aber sie setzte es sich in den Kopf, aus mir den Lwen des
Tages zu machen. Ich glaube, damals hatte gerade ein Bild von mir groen
Erfolg gehabt, wenigstens hatten die Zeitungen allerhand Geschwtz
darber gebracht, und das ist ja im neunzehnten Jahrhundert das
Eichungsma der Unsterblichkeit. Pltzlich stand ich dem jungen Manne
gegenber, dessen ueres mich vorhin so merkwrdig erschttert hatte.
Wir standen ganz nahe beieinander und berhrten uns beinah. Unsere
Blicke trafen sich wiederum. Es war leichtsinnig von mir, aber ich bat
Lady Brandon, mich ihm vorzustellen. Vielleicht war es aber doch alles
in allem nicht so leichtsinnig. Es war einfach nicht zu umgehen. Wir
htten auch ohne Vorstellung miteinander gesprochen. Ich bin dessen
gewi. Dorian sagte es mir nachher. Auch er fhlte, da unsere
Bekanntschaft Schicksalsfgung war.

Und wie hat Lady Brandon den wunderbaren Jngling beschrieben? fragte
sein Gefhrte. Ich wei, es ist ihre Manier, von jedem ihrer Gste eine
kleine Skizze zu geben. Ich erinnere mich, wie sie mich mal einem
schrecklichen, alten Herrn mit puterrotem Gesicht vorstellte, dessen
Brust mit Orden und Bndern beklext war, und mir in einem tragischen
Flsterton, der fr jedermann im Zimmer hrbar war, die erstaunlichsten
Einzelheiten ber ihn ins Ohr zischelte. Ich mute einfach davonlaufen.
Ich entdecke die Leute gerne von mir selbst aus. Aber Lady Brandon
behandelt ihre Gste genau so, wie ein Auktionator seine Waren. Sie
erklrt sie einem entweder so lange, bis nichts mehr davon brigbleibt,
oder sie sagt alles, gerade mit Ausnahme dessen, was man wissen will.

Die arme Lady Brandon! Du bist hart gegen sie, sagte Hallward
zerstreut.

Mein guter Junge, sie wollte einen Salon grnden und hat es nur bis zu
einem Restaurant gebracht. Wie soll ich sie da bewundern? Aber sage nun
endlich, was sie ber Herrn Dorian Gray erzhlt hat?

Oh, so irgend was wie >Entzckender junger Mensch -- seine arme Mutter
und ich ganz unzertrennlich -- verga ganz was er treibt -- frchte fast
-- gar nichts -- ach ja, spielt Klavier -- oder war es die Geige, lieber
Herr Gray?< Wir muten beide lachen und wurden sofort Freunde.

Lachen ist wohl lange nicht der schlechteste Anfang fr eine
Freundschaft, und gewi ihr schnstes Ende, sagte der junge Lord und
pflckte sich noch ein Gnseblmchen.

Hallward schttelte den Kopf. Du hast ja keine Ahnung, was Freundschaft
ist, Harry, murmelte er, und ebensowenig, was Feindschaft ist. Du hast
alle Welt gern; mit anderen Worten: dir sind alle gleichgltig.

Wie grausam ungerecht von dir! rief Lord Henry, stie seinen Hut in
den Nacken und sah zu den Lmmerwolken empor, die gleich verwirrten
Knueln glnzendweier Seide ber das trkisfarbene Gewlbe des Himmels
dahinschifften. Ja, grausam ungerecht von dir. Ich unterscheide die
Leute sehr scharf. Ich whlte meine Freunde nach ihrem guten Aussehen,
meine Bekannten nach ihrem guten Charakter und meine Feinde nach ihrem
guten Verstande. Der Mensch kann nicht vorsichtig genug sein in der Wahl
seiner Feinde. Ich habe keinen einzigen, der ein Narr ist. Es sind
smtlich Leute von einer gewissen geistigen Hhe, und daher schtzen sie
mich auch alle. Bin ich sehr eitel? Ich glaube, es ist ein bichen
eitel.

Ich glaube auch, Harry. Aber nach deiner Einteilung zhlte ich nur
unter deine Bekanntschaften.

Mein lieber, alter Basil, du bist weit, weit mehr als ein Bekannter.

Und weit weniger als ein Freund! Wohl so eine Art Bruder?

Pah, Bruder! Bleibe mir mit Brdern vom Halse. Mein ltester will nicht
sterben, und meine jngeren tun scheinbar nichts anderes.

Harry! rief Basil mit gerunzelter Stirne.

Mein lieber Junge, ich meine es nicht so ernst. Aber ich kann mir nicht
helfen, ich verabscheue meine Verwandten. Ich vermute, das schreibt sich
daher, da kein Mensch bei einem anderen seine eigenen Fehler vertragen
kann. Ich verstehe durchaus die Wut der englischen Demokraten auf die
sogenannten Laster der oberen Stnde. Die Massen fhlen, da
Trunkenheit, Dummheit und Unsittlichkeit zu ihren Vorrechten gehren
sollten, und da jeder von uns, der sich darin blostellt, gewissermaen
auf ihrem Gebiete wildert. Als damals der Scheidungsproze des armen
Southwark spielte, war ihre Entrstung wirklich prachtvoll. Und trotzdem
lebt meiner berzeugung nach nicht der zehnte Teil des Proletariats der
Sitte gem.

Ich stimme keinem einzigen deiner Worte bei, und, was mehr ist, Harry,
du selbst glaubst ja auch nicht im mindesten daran.

Lord Henry strich seinen braunen Spitzbart und stie mit dem zierlichen
Spazierstock aus Ebenholz gegen die Kappe seines eleganten Lackstiefels.
Wie englisch du bist, Basil! Du machst heute zum zweitenmal diesen
Einwurf. Wenn man einem richtigen Englnder eine Idee mitteilt -- an
sich schon immer eine Unberlegtheit --, so fllt es ihm nicht im Traum
ein, zu erwgen, ob die Idee richtig oder falsch ist. Das einzige, was
ihm von Belang scheint, ist das, ob der Sprecher selbst daran glaubt.
Aber der Wert einer Idee hat nicht das geringste mit der Aufrichtigkeit
dessen zu schaffen, der sie ausspricht. Aller Wahrscheinlichkeit nach
wird die Idee um so geistreicher sein, je unaufrichtiger der Mann ist,
weil sie in diesem Fall weder die Frbung seiner Bedrfnisse noch seiner
Wnsche noch seiner Vorurteile annehmen wird. Indes habe ich nicht die
Absicht, politische, soziale oder metaphysische Diskussionen mit dir zu
fhren. Mir sind Menschen lieber als Grundstze und grundsatzlose
Menschen berhaupt das Liebste auf Erden. Erzhle mir mehr von Dorian
Gray. Wie oft siehst du ihn?

Jeden Tag. Ich wre unglcklich, wenn ich ihn mal einen Tag nicht she.
Er ist fr mich einfach ein Bedrfnis.

Wie merkwrdig! Ich glaubte immer, du kmmertest dich um nichts anderes
als um deine Kunst.

Er ist fr mich jetzt meine ganze Kunst, sagte der Maler ernsthaft.
Manchmal glaube ich, Harry, da es nur zwei wichtige Epochen in der
Weltgeschichte gibt. Die erste ist das Auftreten einer neuen
Kunsttechnik und die zweite die Erscheinung einer neuen Persnlichkeit
in der Kunst. Was die Erfindung der lmalerei fr die Venezianer war,
das war das Gesicht des Antinous fr die sptgriechische Bildhauerkunst,
und das wird eines Tages fr mich das Gesicht Dorian Grays sein. Worauf
es dabei ankommt, ist nicht, da ich ihn male, zeichne, skizziere.
Natrlich hab' ich das alles getan. Aber er ist weit mehr fr mich als
ein Modell oder ein Mensch, der mir sitzt. Ich will gewi nicht
behaupten, da ich unzufrieden mit dem bin, was ich nach ihm gemacht
habe, oder da seine Schnheit derart ist, da sie die Kunst nicht
ausdrcken knne. Es gibt berhaupt nichts, was die Kunst nicht
ausdrcken kann, und ich wei: was ich gemacht habe, seitdem ich Dorian
Gray kenne, ist gute Arbeit, ja, die gelungenste Arbeit meines Lebens.
Aber auf irgendeine seltsame Weise -- ich glaube kaum, da du das
verstehen wirst -- hat mir seine Persnlichkeit eine vollstndig neue
Art der Kunst, einen durchaus neuen Stil offenbart. Ich sehe die Dinge
anders, ich denke darber anders. Ich kann jetzt das Leben auf eine Art
festhalten, die mir frher nicht gegeben war. >Ein Traum von Form in
unseren Tagen des Denkens<: wer war es, der so sagte? Ich hab's
vergessen, aber das bedeutet Dorian Gray fr mich. Die bloe sichtbare
Gegenwart dieses Knaben -- denn fr mich ist er kaum mehr als das, wenn
er auch schon ber die Zwanzig -- seine bloe sichtbare Gegenwart --
ach! ich glaube nicht, da du einen Begriff davon hast, was sie fr mich
bedeutet! Ohne selbst es zu wissen, enthllt er mir die Linien einer
neuen Schule, einer Schule, in der enthalten ist die ganze Leidenschaft
der Romantik und die ganze Vollkommenheit des griechischen Geistes. Die
Harmonie von Seele und Leib, wieviel ist das doch! Wir in unserer
Verblendung haben die beiden voneinander gerissen und haben uns einen
Realismus erfunden, der gewhnlich ist, und einen Idealismus, der leer
ist. Harry! wenn du wissen knntest, was mir Dorian Gray ist! Erinnerst
du dich an die Landschaft von mir, fr die mir Agnew ein so wahnsinniges
Geld angeboten hat und von der ich mich doch nie trennen wollte? Es ist
sicher eins der besten Stcke, die ich je gemacht habe. Und warum? Weil
Dorian Gray neben mir sa, whrend ich sie malte. Irgendein ganz feines
Fluidum strmte von ihm zu mir, und zum erstenmal in meinem Leben
entdeckte ich in der simpeln Waldlandschaft das Wunder, nach dem ich
immer gesucht und das ich nie gefunden hatte.

Basil, das ist ja eine ganz auerordentliche Geschichte. Ich mu Dorian
Gray kennenlernen.

Hallward schnellte von der Bank auf und ging im Garten hin und her. Nach
einer Weile kam er zurck.

Harry, sagte er, Dorian Gray ist fr mich nichts als ein
knstlerisches Motiv. Vielleicht fndest du gar nichts in ihm. Ich finde
alles in ihm. Er ist in Wirklichkeit nie mehr in meiner Arbeit lebendig,
als wenn kein Schatten von ihm darin ist. Er ist fr mich, wie ich
sagte, die Anregung zu einem Stil. Ich finde ihn in den Schwingungen
gewisser Linien wieder, in der Lieblichkeit und Zartheit gewisser
Farben. Das ist alles.

Warum aber willst du dann sein Bild nicht ausstellen? fragte Lord
Henry.

Weil ich, ohne es zu wollen, einen gewissen Ausdruck all dieser ganz
merkwrdigen Knstlervergtterung hineingelegt habe, von der ich
natrlich nie zu ihm sprechen wollte. Er hat von alledem keine Ahnung.
Er soll nie etwas davon ahnen. Aber die Welt knnte es erraten; und ich
will meine Seele ihren seichten, sphenden Augen nicht entblen. Mein
Herz sollen sie nie unter ihr Mikroskop bekommen. Es ist zu viel von mir
selbst in dem Dinge, Harry -- zu viel von mir selbst.

Dichter nehmen's nicht so genau wie du. Die wissen, wie eintrglich es
ist, Leidenschaft zu verffentlichen. Ein gebrochenes Herz bringt es
heutzutage zu einer ganzen Reihe von Auflagen.

Ich finde sie darum eben abscheulich! rief Hallward aus. Ein Knstler
soll Schnes schaffen, aber er soll nichts von seinem eigenen Leben
hineintragen. Wir leben in einer Zeit, wo die Menschen aus der Kunst
eine Art Autobiographie zu machen wnschen. Wir haben eben den klaren
Begriff fr Schnheit verloren. Eines Tages will ich der Welt zeigen,
was sie ist, und deshalb soll die Welt mein Bild Dorian Grays niemals
sehen.

Ich glaube, du hast unrecht, Basil, aber ich will mit dir nicht
streiten. Nur die geistig Entkernten streiten sich gern. Sag' mir, hat
dich Dorian Gray sehr lieb?

Der Maler dachte ein paar Augenblicke nach. Er hat mich gern,
antwortete er nach einer Weile; sicher hat er mich gern. Natrlich
schmeichle ich ihm frchterlich. Ich finde eine ganz besondere Lust
daran, ihm Dinge zu sagen, die mir spter leid tun, wie ich ganz genau
wei. In der Regel ist er auch reizend zu mir, und wir sitzen dann im
Atelier und schwatzen von tausend Dingen. Dann und wann ist er
allerdings greulich gedankenlos und scheint groe Freude darin zu
finden, mir wehe zu tun. Dann, Harry, habe ich das Gefhl, da ich
jemand meine ganze Seele berantwortet habe, der sie behandelt wie eine
Blume fr das Knopfloch, wie ein kleines Ehrenzeichen, mit dem man seine
Eitelkeit befriedigt, wie einen Zierat fr einen Sommertag.

Sommertage, Basil, pflegen manchmal lange zu whren, murmelte Lord
Henry. Vielleicht wirst du seiner frher mde, als er deiner. Es ist
sehr traurig, daran zu denken, aber es ist ohne Zweifel wahr, da das
Genie die Schnheit berlebt. Das erklrt auch die Tatsache, da wir uns
soviel Mhe geben, uns mit Bildung vollzupfropfen. In dem wilden
Existenzkampfe ums Dasein wollen wir alle etwas Dauerhaftes haben, und
so fllen wir unser Gehirn mit Plunder und Tatsachen an, in der dummen
Hoffnung, dadurch unseren Platz zu behaupten. Der durch und durch
unterrichtete Mann -- das ist das moderne Ideal. Und das Gehirn dieses
durch und durch unterrichteten Mannes hat etwas Frchterliches. Es
gleicht einem Kuriosittenladen, in dem es lauter Ungeheuerlichkeiten
voll Staub gibt, und wo jeder Gegenstand ber seinen wahren Wert hinaus
ausgezeichnet. Immerhin, ich glaube, du wirst zuerst mde werden. Eines
Tages wirst du deinen jungen Freund anschauen und finden, da er etwas
verzeichnet ist, oder du wirst an seiner Farbe etwas auszusetzen haben
oder irgend so etwas. Du wirst ihm dann in deinem Herzen bittere
Vorwrfe machen und ganz ernsthaft berzeugt sein, da er sich recht
schlecht gegen dich benommen hat. Wenn er dich dann das nchstemal
besucht, wirst du vllig khl und gleichgltig gegen ihn sein. Das wird
sehr schade sein, denn es wird dich selbst verndern. Was du mir da
erzhlt hast, ist vllig ein Gedicht, eine Romanze der Kunst mchte man
es nennen, und das Schlimmste beim Erleben von Gedichten ist nur, da es
einen so ganz unpoetisch zurcklt.

Harry, ich bitte, sprich nicht so. Solang' ich lebe, wird mich die
Persnlichkeit Dorian Grays beherrschen. Du kannst meine Empfindung
nicht nachfhlen. Du wandelst dich zu oft.

Ah, mein lieber Basil, gerade darum kann ich sie nachempfinden. Die
treuen Menschen kennen nur die triviale Seite der Liebe; die Treulosen
allein erfahren die Tragdien der Liebe. Und Lord Henry zndete an
einem zierlichen silbernen Bchschen ein Streichholz an und begann eine
Zigarette zu rauchen, mit jener so selbstbewuten, zufriedenen Miene,
als htte er den Sinn der ganzen Welt in einen Satz zusammengefat. Man
hrte ein leises Rauschen von zirpenden Sperlingen in den grnen, wie
mit glnzendem Lack berzogenen Efeublttern, und die blauen
Wolkenschatten jagten wie Schwalben ber das Gras. Wie reizend war es
doch in dem Garten und wie entzckend waren die Gefhlsregungen anderer
Leute! -- weit entzckender als ihre Gedanken, so schien es ihm. Des
Menschen eigene Seele und die Leidenschaft seiner Freunde -- das sind
die fesselnden Dinge des Lebens. Er stellte sich mit geheimem Vergngen
das langweilige Frhstck vor, das er durch seinen langen Besuch bei
Basil Hallward versumt hatte. Wre er zu seiner Tante gegangen, htte
er dort sicher Lord Goodbody getroffen, und das ganze Gesprch htte
sich mit der Armenernhrung und der Notwendigkeit von Musterwohnhusern
beschftigt. Menschen jedes Standes htten die Wichtigkeit gerade jener
Tugenden gepredigt, fr die sie in ihrem eigenen Leben gar keine
Verwendung hatten. Der Reiche htte von dem Werte der Sparsamkeit
geredet, und der Trge mit wahrhafter Beredsamkeit ber die Wrde der
Arbeit. Es war reizend, all dem entgangen zu sein. Als er an seine Tante
dachte, schien ihm etwas einzufallen. Er wandte sich zu Basil und sagte:
Mein lieber Junge, ich erinnere mich jetzt.

Woran erinnerst du dich, Harry?

Wo ich den Namen Dorian Grays gehrt habe.

Wo war das? fragte Hallward mit leichtem Stirnrunzeln.

Schau' doch nicht so bse drein, Basil. Es war bei meiner Tante, Lady
Agatha. Sie erzhlte mir, sie sei einem wunderhbschen jungen Menschen
begegnet, der ihr im East-End helfen wolle, und er heie Dorian Gray.
Ich mu zugeben, sie hat mir nie etwas darber gesagt, da er so hbsch
sei. Frauen haben kein Verstndnis fr Schnheit, wenigstens gute Frauen
nicht. Sie sagte, da er sehr ernst sei und eine edle Seele habe. Ich
stellte mir natrlich sofort ein Wesen mit Brille und wallendem Haar und
grlich vielen Sommersprossen vor, das auf riesigen Fen umherstapfe.
Ich wnsche jetzt, ich htte gewut, da er dein Freund ist.

Ich bin sehr froh, da du es nicht gewut hast, Harry.

Warum?

Ich will nicht, da du ihn kennenlernst.

Du willst nicht, da ich ihn kennenlerne?

Nein.

Herr Dorian Gray ist im Atelier, sagte der Diener, der in den Garten
hinaustrat.

Jetzt mut du mich vorstellen! rief Lord Henry lachend. Der Maler
wandte sich zu seinem Diener, der blinzelnd in der Sonne dastand:
Bitten Sie Herrn Gray, zu warten, Parker; ich komme in ein paar
Minuten. Der Mann verbeugte sich und ging ins Haus.

Dann sah der Maler Lord Henry an. Dorian Gray ist mein teuerster
Freund, sagte er. Er hat eine schlichte und edle Seele. Deine Tante
hatte ganz recht mit dem, was sie ber ihn sagte. Verdirb ihn mir nicht.
Versuche nicht, Einflu auf ihn auszuben. Dein Einflu wre
verderblich. Die Welt ist gro, und es gibt eine Menge kstlicher
Menschen auf ihr. Raube mir nicht den einzigen Menschen, der meiner
Kunst ihren ganzen Zauber verleiht, den sie hat: mein Leben als Knstler
hngt von ihm ab! Denke daran, Harry, ich vertraue dir. Er sprach sehr
langsam, und die Worte schienen sich ihm gegen seinen Willen zu
entringen.

Was fr Unsinn du redest! sagte Lord Henry lchelnd, nahm Hallward
unter den Arm und fhrte ihn in das Haus.




Zweites Kapitel


Als sie eintraten, erblickten sie Dorian Gray. Er sa am Klavier, mit
dem Rcken ihnen zu, und bltterte in einem Notenbande mit Schumanns
Waldszenen. Die mut du mir leihen, Basil! rief er aus. Ich mchte
sie spielen lernen. Sie sind geradezu entzckend.

Das hngt ganz davon ab, wie du mir heute sitzen wirst, Dorian.

Ach, ich habe das Sitzen lange satt, und ich will gar kein lebensgroes
Bild von mir, antwortete der Jngling und schwang sich in dem
Musikstuhl auf eine eigensinnige, launische Knabenart herum. Als er aber
Lord Henry erblickte, stieg fr einen Augenblick ein schwaches Rot in
seine Wangen, und er sprang auf. Ich bitte um Entschuldigung, Basil,
ich wute nicht, da jemand bei dir ist.

Das ist Lord Henry Wotton, Dorian, ein alter Freund von Oxford her. Ich
habe ihm gerade erzhlt, wie musterhaft du sitzen kannst, und jetzt hast
du alles verdorben.

Mir haben Sie das Vergngen, Ihre Bekanntschaft zu machen, nicht
verdorben, Herr Gray, sagte Lord Henry, ging auf ihn zu und streckte
ihm die Hand entgegen. Meine Tante hat oft von Ihnen gesprochen. Sie
sind einer ihrer Lieblinge und, wie ich frchte, auch ihrer Opfer.

Ich stehe zur Zeit auf Lady Agathas schwarzer Liste, antwortete Dorian
mit einem komisch reuigen Gesichtsausdruck. Ich hatte ihr versprochen,
sie letzten Dienstag nach einem Klub in Whitechapel zu begleiten, und
ich habe dann die Abmachung vergessen. Wir sollten da miteinander
vierhndig spielen -- drei Stcke glaube ich. Ich wei nun nicht, was
sie mir dazu sagen wird. Ich habe Angst, ihr einen Besuch zu machen.

Oh, ich werde Sie mit meiner Tante vershnen. Sie ist Ihnen uerst
zugetan. Und ich glaube auch, es schadet nichts, da Sie nicht dort
waren. Die Zuhrer haben sicher angenommen, es sei vierhndig gespielt
worden. Wenn sich Tante Agatha ans Klavier setzt, macht sie fr zwei
Personen reichlich Lrm.

Sie sprechen sehr schlecht von ihr, und mir machen Sie auch gerade kein
Kompliment damit, antwortete Dorian lachend.

Lord Henry sah ihn an. Ja, er war wirklich wunderbar schn, mit seinen
feingeschwungenen dunkelroten Lippen, seinen offenen blauen Augen und
seinem gewellten, goldblonden Haar. In seinem Gesicht war ein Ausdruck,
der sofort Vertrauen erweckte. Aller Glanz der Jugend lag darin und
ebenso all die leidenschaftliche Reinheit der Jugend. Man fhlte, da er
bisher noch nicht von der Welt befleckt war. Kein Wunder, da ihn Basil
Hallward anbetete.

Sie sind viel zu hbsch, um sich mit Wohlttigkeit abzugeben, Herr Gray
-- viel zu hbsch! Und Lord Henry warf sich auf den Diwan und ffnete
seine Zigarettendose.

Der Maler hatte inzwischen eifrig seine Farben gemischt und seine Pinsel
zurechtgemacht. Er sah etwas geqult aus, und als er Lord Henrys letzte
Bemerkung hrte, blickte er zu ihm hin, sann einen Augenblick nach und
sagte dann: Harry, ich mchte das Bild heute fertig kriegen. Fndest du
es sehr grob von mir, wenn ich dich jetzt bte, uns allein zu lassen?

Lord Henry lchelte und sah Dorian Gray an. Soll ich gehen, Herr Gray?
fragte er.

Oh, bitte, nein, Lord Henry. Ich sehe, Basil hat wieder einen seiner
schlechten Tage, und ich kann ihn nicht vertragen, wenn er so brummt.
Auerdem mchte ich von Ihnen erfahren, warum ich mich nicht mit
Wohlttigkeit befassen soll?

Ich wei nicht, ob ich Ihnen das sagen soll, Herr Gray. Es ist ein so
langweiliges Thema, da man schon ernsthaft darber reden mte. Aber
jetzt geh ich auf keinen Fall, nachdem Sie mir erlaubt haben,
dazubleiben. Du hast doch nichts im Ernst dagegen, Basil? Du hast mir
oft genug gesagt, da es dir angenehm sei, wenn deine Modelle mit jemand
plaudern knnen.

Hallward bi sich auf die Lippe. Wenn es Dorian wnscht, wirst du
natrlich dableiben. Dorians Launen sind Gesetze fr jedermann, auer
fr ihn selbst.

Lord Henry nahm seinen Hut und seine Handschuhe. Trotz deiner
dringenden Aufforderung, Basil, frchte ich, gehen zu mssen. Ich habe
mit jemand eine Verabredung im Orleans-Klub. Adieu, Herr Gray! Bitte,
besuchen Sie mich doch mal eines Nachmittags in Curzon Street. Um fnf
Uhr treffen Sie mich fast immer. Schreiben Sie mir, bitte, wann Sie
kommen. Es tte mir sehr leid, wenn Sie mich verfehlten.

Basil, rief Dorian Gray, wenn Lord Henry Wotton geht, dann gehe ich
auch. Du bringst ja beim Malen nie die Lippen auseinander, und es ist
furchtbar ermdend, auf einem Podium zu stehen und sich anzustrengen,
freundlich auszusehen. Bitte ihn, dazubleiben. Ich bestehe darauf.

Bleib, Harry, du machst Dorian damit ein Vergngen und auch mir,
sagte Hallward, ohne von seinem Bilde aufzublicken. Er hat ganz recht,
ich spreche nie ein Wort whrend der Arbeit und hre ebensowenig zu, und
das mu sehr langweilig fr meine unglcklichen Modelle sein. Ich bitte
dich also, bleib.

Was fange ich aber mit meinem Mann im Orleans an?

Der Maler lachte. Ich glaube, damit wird es keine Schwierigkeit haben.
Setz dich nur wieder, Harry. Und jetzt, Dorian, geh auf das Podium und
bewege dich nicht zuviel und achte auch nicht auf das, was Lord Henry
sagt. Er hat einen sehr bsen Einflu auf alle seine Freunde, nur mich
ausgenommen.

Dorian Gray bestieg das Podium mit der Miene eines jungen griechischen
Mrtyrers und stie, zu Lord Henry gewandt, der ihm gleich gut gefallen
hatte, einen kleinen drolligen Seufzer aus. Dieser Mann war so ganz
anders als Basil. Die beiden bildeten einen entzckenden Gegensatz. Und
er hatte ein so schnes Organ. Nach ein paar Augenblicken sagte Dorian
zu ihm: Haben Sie wirklich einen so bsen Einflu, Lord Henry? Ist es
so arg, wie Basil sagt?

Es gibt keinen sogenannten guten Einflu, Herr Gray. Jeder Einflu ist
unmoralisch -- unmoralisch vom wissenschaftlichen Standpunkt aus.

Wieso?

Weil jemand beeinflussen soviel ist wie ihm die eigene Seele leihen. Er
denkt dann nicht mehr seine natrlichen Gedanken und brennt nicht mehr
in seinem natrlichen Feuer. Seine Tugenden sind gar nicht seine
Tugenden. Seine Snden, wenn es so etwas wie Snden gibt, sind nur
ausgeborgte. Er wird ein Echo fr die Tne eines anderen, Schauspieler
einer Rolle, die nicht fr ihn geschrieben wurde. Der Sinn des Daseins
ist: Selbstentwicklung. Die eigene Natur voll zum Ausdruck zu bringen --
diese Aufgabe hat jeder von uns hier zu lsen. Heutzutage hat jeder
Mensch Angst vor sich. Sie haben ihre heiligste Pflicht vergessen,
nmlich die gegen sich selbst. Natrlich sind sie wohlttig. Sie nhren
den Hungernden und kleiden den Bettler. Aber ihre eigenen Seelen darben
und gehen nackt. Der Mut ist unserem Geschlecht abhanden gekommen.
Vielleicht haben wir ihn nie wirklich besessen. Die Furcht vor der
Gesellschaft als der Grundlage der Sittlichkeit, und die Furcht vor
Gott, als dem Geheimnis der Religion -- das sind die zwei Dinge, die uns
beherrschen. Und doch --

Dorian, dreh den Kopf mal ein wenig mehr nach rechts, sei so gut,
sagte der Maler, der ganz in sein Werk vertieft war, aber doch gemerkt
hatte, da in des Jnglings Gesicht ein Ausdruck getreten war, den er
vorher nie darin gesehen hatte.

Und doch, fuhr Lord Henry mit seiner tiefen musikalischen Stimme fort,
whrend er die Hand in der anmutigen Art bewegte, die er schon
seinerzeit in Eton gehabt hatte, ich glaube, wenn die Menschen nur ihr
eigenes Leben voll, bis auf den letzten Rest ausleben wrden, jedes
Gefhl Gestalt bekommen lassen, jeden Gedanken ausdrcken, jeden Traum
in Dasein umsetzen wollten -- ich glaube, dann kme in die Welt ein
solcher Schwung von neuer Freudigkeit, da wir alle die Krankheiten des
Mittelalters vergen und zum hellenischen Ideal zurckkehrten, ja wir
kmen vielleicht zu etwas Feinerem und Reicherem, als das hellenische
Ideal war. Aber selbst der Tapferste unter uns hat Angst vor sich
selber. Die Selbstverstmmelung der Wilden hat ihr tragisches
berbleibsel in der Selbstverleugnung, die unser Leben verstmmelt. Wir
ben fr unsere Entsagungen. Jeder Trieb, den wir zu ersticken suchen,
frit im Innern weiter und vergiftet uns. Der Krper sndigt nur einmal
und hat sich durch die Snde befreit, denn Tat ist immer eine Art
Reinigung. Nichts bleibt davon zurck als die Erinnerung an ein
Vergngen oder die schmerzliche Wollust der Reue. Der einzige Weg, eine
Versuchung zu bestehen, ist, sich ihr hinzugeben. Widerstehen Sie ihr,
und Ihre Seele erkrankt vor Sehnsucht nach der Erfllung, die sie sich
selber verweigert hat, erkrankt vor dem Verlangen nach dem, was ihre
ungeheuerlichen Gesetze ungeheuerlich und ungesetzmig gemacht haben.
Es ist wohl gesagt worden, die groen Ereignisse der Welt gingen im
Gehirn vor sich. Im Gehirn und ganz allein im Gehirn werden auch die
groen Snden der Welt begangen. Sie, Herr Gray, Sie selbst mit Ihrer
rosenroten Jugend und Ihrer rosenblassen Knabenunschuld, Sie haben schon
Leidenschaften erlebt, die Ihnen Angst einjagten, haben Gedanken gehabt,
die Sie in Schrecken setzten, haben wachend und schlafend Trume gehabt,
deren bloe Erinnerung Ihre Wangen schamrot werden lie --

Hren Sie auf, stammelte Dorian Gray, hren Sie auf, Sie machen mich
ganz wirr. Ich wei nicht, was ich sagen soll. Es gibt eine Antwort
darauf, aber ich kann sie nicht finden. Sagen Sie nichts mehr! Lassen
Sie mich nachdenken. Oder vielmehr, lassen Sie mich versuchen, dem nicht
nachzudenken.

Etwa zehn Minuten stand er bewegungslos da, mit halboffenen Lippen und
seltsam leuchtenden Augen. Er war sich dumpf bewut, da ganz neue
Einflsse in ihm arbeiteten. Und doch schien es, als kmen sie in
Wirklichkeit aus seinem eigenen Innern. Die paar Worte, die Basils
Freund zu ihm gesagt hatte -- ohne Zweifel zufllig hingeworfene Worte
voll absichtlicher Paradoxie -- hatten eine geheime Saite seiner Seele
berhrt, die vordem nie berhrt worden war, die er aber nun zittern und
in seltsamer Wildheit schluchzen hrte.

Musik hatte ihn so hnlich aufgewhlt. Musik hatte ihn oft in Aufruhr
gebracht. Aber Musik war etwas Unbestimmtes. Sie bringt keine neue Welt
in uns hervor; schafft eher ein neues Chaos in uns. Worte! Bloe Worte!
Wie schrecklich die waren! Wie klar und lebendig und grausam! Man konnte
ihnen nicht entrinnen. Und doch, welch tiefer Zauber steckte in ihnen!
Sie schienen die Kraft zu haben, formlosen Dingen eine greifbare Gestalt
zu geben, und schienen eine Musik in sich zu bergen, so s wie die der
Geige oder der Laute. Bloe Worte! Gab es denn irgend etwas so
Wirkliches wie Worte?

Ja; es hatte in seiner Knabenzeit Dinge gegeben, die ihm unbegreiflich
geblieben waren. Jetzt verstand er sie. Pltzlich bekam das Leben fr
ihn lodernde Farben. Nun schien es ihm, als sei er mittenhin durch Feuer
gewandelt. Warum hatte er es nie gemerkt?

Lord Henry beobachtete ihn mit einem feinsprenden Lcheln. Er verstand
sich gut auf jenen psychologischen Moment, in dem man kein Wort sagen
darf. Er fhlte sich sehr stark interessiert. Die jhe Wirkung seiner
Worte machte ihn erstaunen; nun entsann er sich eines Buches, das er mit
sechzehn Jahren gelesen und das ihm viel bis dahin Unbekanntes enthllt
hatte, und er fragte sich, ob Dorian Gray jetzt wohl eine hnliche
Erfahrung erlebe. Er hatte nur einen Pfeil ins Blaue geschossen. Hatte
er das Ziel getroffen? Wie anziehend doch dieser Junge war!

Inzwischen malte Hallward in jenen wundervollen, khnen Zgen weiter,
die das Zeichen aller wahren Feinheit und Vollkommenheit sind, denn die
kann der Kunst nur aus der Kraft werden. Er merkte die wortlose Stille
gar nicht.

Basil, ich habe jetzt genug von dem Stehen! rief Dorian pltzlich aus.
Ich mu hinaus und mich im Garten hinsetzen. Die Luft hier ist zum
Ersticken.

Mein Bester, das tut mir wirklich leid. Wenn ich male, kann ich an
nichts anderes denken. Aber du hast nie besser Modell gestanden. Du
warst ganz ruhig. Und ich habe endlich den Ausdruck herausgebracht, den
ich gesucht habe -- die halb offenen Lippen und den Glanz in den Augen.
Ich wei nicht, was Harry dir erzhlt hat, aber sicher hat er es
bewirkt, da du den prachtvollsten Ausdruck hast. Ich vermute, er hat
dir Komplimente gemacht. Du darfst ihm nur kein einziges Wort glauben.

Er hat mir nicht das kleinste Kompliment gemacht. Vielleicht ist das
der Grund, da ich wirklich kein Wort von dem glaube, was er gesagt
hat.

Sie wissen selbst, da Sie jedes Wort davon glauben, erwiderte Lord
Harry, der ihn mit seinen weichen, trumerischen Augen ansah. Wir
wollen zusammen in den Garten gehen. Es ist furchtbar hei hier im
Atelier. Basil, la uns irgendein Eisgetrnk geben, irgendwas mit
Erdbeeren darin.

Gern, Harry. Klingele nur selbst, und wenn Parker kommt, will ich ihm
sagen, was Ihr haben wollt. Ich mu erst den Hintergrund hier noch
fertig machen und komme dann spter nach. Halte mir Dorian aber nicht zu
lange fest. Ich war nie in besserer Malstimmung als heute. Dies Portrt
wird mein Meisterwerk. Wie es da steht, ist es schon mein Meisterwerk.

Lord Henry ging in den Garten hinaus und fand dort Dorian Gray, wie er
sein Gesicht hinter den groen, khlen Bltenbscheln der
Fliederstruche versteckte und fieberhaft ihren Duft einsog, als trnke
er Wein. Er trat nahe an ihn heran und legte ihm die Hand auf die
Achsel. Sie haben ganz recht, so zu tun, sagte er leise. Nichts hilft
der Seele besser als die Sinne, sowie den Sinnen nichts besser als die
Seele helfen kann.

Der Jngling schreckte auf und trat einen Schritt zurck. Er war ohne
Hut, und das Blattgewirr hatte seine widerspenstigen Locken aufgewhlt
und ihre goldblonden Strhnen in Unordnung gebracht. In seinen Augen lag
ein Ausdruck von Furcht, wie ihn Menschen haben, die man jh aus dem
Schlaf reit. Seine zartgeformten Nasenflgel bebten, und ein geheimer
Nerv zuckte leis an den scharlachroten Lippen, so da sie bestndig
zitterten.

Ja, fuhr Lord Henry fort, das ist eines der groen Geheimnisse des
Daseins -- die Seele durch die Sinne und die Sinne durch die Seele
heilen knnen. Sie sind ein wunderbares Menschenkind! Sie wissen mehr,
als Ihnen bewut ist, gerade wie Sie weniger wissen, als Ihnen dienlich
ist.

Dorian Gray runzelte die Stirn und wendete den Kopf weg. Ein
unwiderstehlicher Reiz zog ihn zu diesem groen, anmutigen jungen Mann
hin, der da neben ihm stand. Sein romantisches, olivenfarbiges Gesicht
und der mde Ausdruck darin fesselten ihn. Es war etwas in dem mden Ton
seiner Stimme, was vllig in Bann schlug. Auch seine Hnde, khl, wei
und blumenhaft, zogen an. Sie bewegten sich bei seinen Worten,
begleiteten sie wie Musik und schienen ihre eigene Sprache zu reden.
Aber er hatte auch Angst vor ihm und schmte sich dieser Angst. Warum
hatte ein Fremder kommen mssen, um ihn sich selber zu offenbaren? Er
kannte Basil Hallward nun seit Monaten, aber diese Freundschaft hatte
ihn niemals verwandelt. Jetzt war pltzlich jemand in sein Leben
getreten, der ihm des Lebens Mysterium enthllt zu haben schien. Und
doch, wovor sollte er sich frchten? Er war kein Schulknabe und kein
kleines Mdchen. Es war tricht, Angst zu haben.

Kommen Sie und setzen wir uns in den Schatten, sagte Lord Henry.
Parker hat uns was zu trinken gebracht, und wenn Sie noch lnger in
solcher Sonnenglut stehenbleiben, werden Sie sich Ihren Teint verderben,
und Basil wird Sie nie mehr malen. Sie drfen sich wirklich nicht von
der Sonne verbrennen lassen. Es wrde Ihnen schlecht stehen.

Was lge weiter daran? rief Dorian Gray und lachte, als er sich auf
eine Bank am Ende des Gartens setzte.

Alles sollte Ihnen daran liegen, Herr Gray.

Wieso?

Weil Sie die wundervollste Jugend haben, und Jugend ist das einzige,
dessen Besitz einen Wert hat.

Ich empfinde das nicht, Lord Henry.

Nein, jetzt empfinden Sie es nicht. Spter einmal, wenn Sie alt,
runzlig und hlich sind, wenn das Denken Furchen in Ihre Stirne
gegraben und die Leidenschaft Ihre Lippen mit ihrem schrecklichen Feuer
verbrannt hat, dann werden Sie es empfinden, furchtbar empfinden. Jetzt
knnen Sie hingehen, wo Sie wollen, und Sie bercken die ganze Welt!
Wird das immer so sein?... Sie haben ein wundervoll schnes Gesicht,
Herr Gray. Runzeln Sie nicht die Stirn. Sie haben es. Und Schnheit ist
eine Form des Genies -- steht in Wahrheit noch hher als das Genie, da
sie keinerlei Erklrung bedarf. Sie ist eine der groen Lebenstatsachen,
wie das Sonnenlicht oder der Lenz oder wie in dunkeln Gewssern der
Widerschein der Silbermuschel, die wir Mond nennen. Sie kann nicht
bestritten werden. Sie hat ein gttliches, erhabenes Recht. Wer sie
hat, den macht sie zu einem Prinzen. Sie lcheln? Oh, wenn Sie sie
verloren haben, lcheln Sie nicht mehr... Die Leute sagen manchmal,
Schnheit sei nur etwas uerliches. Mag sein. Aber zum mindesten ist
sie nicht so uerlich wie das Denken. Fr mich ist Schnheit aller
Wunder Wunder. Nur die Hohlkpfe urteilen nicht nach dem ueren. Das
wahre Geheimnis der Welt ist das Sichtbare, nicht das Unsichtbare...
Ja, Herr Gray, die Gtter haben es gut mit Ihnen gemeint. Aber was die
Gtter schenken, rauben sie bald wieder. Sie haben nur ein paar Jahre,
wo Sie wahrhaftig vollkommen, restlos leben knnen. Indem Ihre Jugend
verrauscht ist, nimmt sie die Schnheit mit, und dann werden Sie
pltzlich entdecken, da Ihrer keine Siege mehr warten, oder da Sie
sich mit jenen traurigen Siegen werden begngen mssen, die Ihnen die
Erinnerung an die Vergangenheit bitterer machen wird als Niederlagen.
Jeder Monat, der dahingeht, bringt Sie nher einem schrecklichen Ziele.
Die Zeit ist eiferschtig auf Sie und kmpft gegen Ihre Lilien und
Rosen. Sie werden fahl und hohlwangig, und Ihre Augen werden sich
trben. Sie werden unsglich leiden... Ach! leben Sie Ihre Jugend,
solange sie da ist. Vergeuden Sie das Gold Ihrer Tage nicht, leihen Sie
Ihr Ohr nicht den Philistern, mhen Sie sich nicht, hoffnungslose
Verhngnisse zu verbessern, geben Sie Ihr Leben nicht den Unwissenden,
Niedrigen, den gemeinen Leuten hin! Das sind die kranken Ziele, die
falschen Ideale unserer Zeit. Leben Sie! Leben Sie das wunderschne
Leben, das in Ihnen ist! Lassen Sie sich nichts verloren sein! Suchen
Sie rastlos nach neuen Sinneseindrcken! Frchten Sie nichts... Ein
neuer Hedonismus -- der tte unserem Jahrhundert not. Sie knnten sein
sichtbares Symbol werden. Mit Ihrer Persnlichkeit knnen Sie alles
wagen. Die Welt gehrt Ihnen einen Sommer hindurch... Im Augenblick, da
ich Sie sah, merkte ich, da Sie keine Ahnung davon haben, was Sie
wirklich sind, was Sie wirklich sein knnten. So viel in Ihnen entzckte
mich, da ich frmlich gezwungen war, Ihnen etwas ber Ihre Natur zu
sagen. Ich dachte mir, welche Tragik darin lge, wenn Sie vergebens
lebten. Denn Ihre Jugend whrt nur so kurze Zeit -- so kurze Zeit. Die
alltglichen Wiesenblumen welken, aber sie blhen wieder. Der Goldregen
wird im nchsten Juni genau so gelb sein wie heute. In einem Monat setzt
die Klematis purpurne Sterne an, und Jahr fr Jahr umhllt die grne
Nacht ihrer Bltter solche Purpursterne. Aber wir Menschen bekommen
unsere Jugend nie wieder. Die Freude, die den Puls des Zwanzigjhrigen
peitscht, lt nach. Unsere Glieder versagen, die Sinne werden seicht.
Wir verkommen und werden greuliche Verpuppungen, werden verfolgt von den
Erinnerungen an die Leidenschaften, vor denen wir zurckgeschreckt sind,
und an die reizenden Versuchungen, denen zu erliegen wir nicht den Mut
hatten. Jugend! Jugend! Es gibt in der Welt nichts weiter als Jugend!

Dorian Gray hrte zu, mit aufgerissenen Augen und staunend. Der
Fliederzweig, den er in der Hand hielt, fiel auf den Kies. Eine Biene in
ihrem Pelzkleid scho her und umsummte ihn einen Augenblick. Dann
krabbelte sie eifrig auf den kleinen Blumensternen herum. Er beobachtete
sie mit dem seltsamen Interesse an gewhnlichen Dingen, das wir in uns
heranzubilden suchen, wenn wir uns vor entscheidenden Dingen frchten,
oder wenn uns ein neues Gefhl erschttert, fr das wir noch keine
Formel haben, oder wenn ein schrecklicher Gedanke das Hirn umklammert
und verlangt, da wir uns ihm ausliefern sollen. Nach einer Weile
schwirrte die Biene weg. Er sah sie in den bunten Trompetentrichter
einer tyrischen Winde kriechen. Die Blume schien zusammenzuzucken und
bewegte sich dann mit Grazie hin und her.

Pltzlich erschien der Maler unter der Tr des Ateliers und forderte sie
mit kurzen wiederholten Zeichen auf, hereinzukommen. Sie sahen sich
einander an und lchelten.

Ich warte! rief er. Kommt herein! Das Licht ist ganz prchtig, und
ihr knnt eure Glser mitbringen.

Sie standen auf und schlenderten den Weg zurck. Zwei grnlichweie
Schmetterlinge flatterten an ihnen vorber, und in dem Birnbaum an der
Gartenecke begann eine Drossel zu flten.

Es freut Sie, mich kennengelernt zu haben, Herr Gray? fragte Lord
Henry und blickte ihn an,

Ja, jetzt bin ich erfreut darber. Ich wei nicht, ob ich's immer sein
werde!

Immer! das ist ein schreckliches Wort. Ich schaudere, wenn ich es hre.
Die Frauen haben es so gern. Sie zerstren sich jedes Abenteuer, indem
sie ihm Ewigkeit verleihen wollen. Auerdem ist es ein sinnloses Wort.
Der einzige Unterschied zwischen einer Laune und einer Leidenschaft,
die ein Leben lang dauert, ist, da die Laune ein bichen lnger
dauert.

Als sie ins Atelier traten, legte Dorian Gray seine Hand auf Lord Henrys
Arm. Lassen Sie also unsere Freundschaft eine Laune sein, sagte er
leise und errtete ber seine eigene Khnheit. Dann bestieg er das
Podium und nahm wieder seine Stellung ein.

Lord Henry warf sich in einen bequemen Korbsessel und beobachtete ihn.
Das Hin- und Herfahren des Pinsels auf der Leinwand war das einzige, die
Stille unterbrechende Gerusch, nur manchmal hrte man den Schritt
Hallwards, wenn er zurcktrat, um sein Werk aus der Entfernung zu
prfen. In den schrgen Sonnenstrahlen, die durch die offene Tr
fluteten, tanzte der Staub in goldenen Schuppen. ber allem lagerte der
schwere Duft der Rosen.

Als etwa eine Viertelstunde vergangen war, hrte Hallward zu malen auf,
betrachtete Dorian lange Zeit, sah dann lange auf das Bildnis, nagte an
dem Stiel eines seiner groen Pinsel und runzelte die Stirn. Ganz
fertig, rief er endlich, bckte sich und schrieb in groen grellroten
Lettern seinen Namen in die linke Ecke der Leinwand.

Lord Henry trat heran und betrachtete das Bild mit Kennerblick. Es war
in der Tat ein wunderbares Kunstwerk und auch wunderbar hnlich.

Lieber Junge, sagte er, ich wnsche dir herzlich Glck. Es ist das
beste Portrt unserer ganzen Zeit. Herr Gray, kommen Sie und sehen Sie
selbst!

Der Jngling schrak wie aus einem Traume auf. Ist es wirklich fertig?
murmelte er, als er vom Podium herabstieg.

Ganz fertig, antwortete der Maler. Und du hast heute glnzend Modell
gestanden. Ich bin dir sehr, sehr dankbar.

Das ist nur mein Verdienst, warf Lord Henry ein. Nicht wahr, Herr
Gray?

Dorian gab keine Antwort, sondern trat, ohne hinzuhren, vor sein Bild
und wandte sich dem Werke zu. Als er es sah, zuckte er zusammen, und
seine Wangen rteten sich einen Augenblick vor Vergngen. Ein Ausdruck
der Freude blitzte in seinen Augen, als erkenne er sich selbst jetzt zum
ersten Male. Bewegungslos und in Staunen versunken, stand er da und
merkte dumpf, da Hallward zu ihm sprach, ohne da er den Sinn der Worte
erfate. Das Gefhl seiner eigenen Schnheit kam ber ihn wie eine
Offenbarung. Er hatte es nie vorher empfunden. Basil Hallwards
Komplimente hatte er nur fr liebenswrdige bertreibungen der
Freundschaft gehalten. Er hatte sie gehrt, ber sie gelacht und sie
vergessen. Sein Wesen hatten sie niemals beeinflut. Dann war Lord Henry
Wotton gekommen mit seinem sonderbaren Hymnus auf die Jugend, seiner
schrecklichen Warnung von ihrer Flchtigkeit. Das hatte ihn rechtzeitig
aufgerttelt, und als er jetzt dastand und das Abbild der eigenen
Schnheit betrachtete, durchdrang ihn die volle Wirklichkeit jener
Schilderung. Ja, der Tag mute kommen, da sein Gesicht verrunzelt und
verwelkt, die Augen trb und farblos, die Anmut seiner Gestalt geknickt
und entstellt sein wrde. Das Scharlachrot der Lippen wrde verblassen,
der Goldglanz des Haares sich wegstehlen. Das Leben, das von seiner
Seele gebildet wurde, zerstrte seinen Krper. Er wrde hlich,
abscheuerregend und formlos werden.

Als er daran dachte, durchfuhr ihn ein scharfer Schmerz wie ein
Messerstich und lie die feinsten Nerven seines Ichs erbeben. Seine
Augen verdunkelten sich zu Amethysten, und ein Trnenflor umschleierte
sie. Es war, als htte sich ihm eine eiskalte Hand aufs Herz gelegt.

Gefllt es dir nicht? rief endlich Hallward, ein wenig gereizt durch
das Schweigen des Jnglings, dessen Grund er nicht begriff.

Natrlich gefllt's ihm, sagte Lord Henry. Wem wrde es nicht
gefallen? Es gehrt zu den grten Werken der modernen Kunst. Ich gebe
dir jeden Betrag dafr, den du verlangst. Ich mu es haben.

Es gehrt nicht mir, Harry.

Wem denn?

Dorian natrlich, antwortete der Maler.

Da hat er Glck...

Wie traurig! flsterte Dorian und hielt die Augen noch immer fest auf
das Bild gerichtet. Wie traurig! Ich werde alt werden und hlich und
widerlich. Aber dies Bild wird immer jung bleiben. Es wird nie ber den
heutigen Junitag hinaus altern... Wenn es nur umgekehrt sein knnte!
Wenn ich ewig jung bliebe und dafr das Bild altern knnte! Dafr --
dafr -- gbe ich alles! Ja, nichts in aller Welt wre mir dafr
zuviel! Ich gbe meine Seele dafr!

Dieser Tausch wrde dir schwerlich passen, Basil, rief Lord Henry
lachend. Das wre schlimm fr dein Bild.

Ich wrde mich ernstlich dagegen wehren, Harry, sagte Hallward.

Dorian Gray wandte sich zu ihm und sah ihn an. Ich bin davon berzeugt,
Basil. Die Kunst ist dir mehr als deine Freunde. Ich bedeute fr dich
nicht mehr als eine grne Bronzefigur. Vielleicht kaum so viel, mte
ich sagen.

Der Maler war starr vor Erstaunen. So zu sprechen sah Dorian gar nicht
hnlich. Was war geschehen? Er schien ganz erregt. Sein Gesicht war
gertet, und die Wangen brannten.

Ja, fuhr er fort, ich bin dir weniger als dieser Hermes aus Elfenbein
oder der silberne Faun da. Die wirst du immer liebbehalten. Wie lange
wirst du mich liebhaben? Vermutlich bis die erste Runzel mein Gesicht
entstellt. Ich wei jetzt, wenn man erst seine Schnheit verliert, hat
man alles verloren. Dein Bild hat mich dies gelehrt. Lord Henry Wotton
hat ganz recht. Jugend ist das einzige, was Wert hat auf der Welt. Sowie
ich entdecke, da ich alt werde, bringe ich mich um.

Hallward wurde bleich und fate ihn bei der Hand. Dorian, Dorian! rief
er, sage so etwas nicht. Ich habe nie einen Freund gehabt wie dich und
werde nie wieder so einen haben. Du bist doch nicht auf leblose Dinge
eiferschtig? Du, der schner ist als irgendeines von ihnen.

Ich bin eiferschtig auf jedes Ding, dessen Schnheit nicht stirbt. Ich
bin eiferschtig auf das Bild, das du von mir gemalt hast. Warum darf es
behalten, was ich verlieren mu? Jeder Augenblick, der verfliegt, raubt
mir etwas und schenkt ihm etwas. Oh, wenn es doch umgekehrt wre! Wenn
sich das Bild verndern und ich immer bleiben knnte, wie ich jetzt bin!
Warum hast du es gemalt? Es wird mich dereinst verhhnen -- furchtbar
verhhnen! Die heien Trnen traten ihm in die Augen, er zog seine Hand
weg, warf sich auf den Diwan und vergrub sein Gesicht in den Kissen, als
betete er.

Das ist dein Werk, Harry, sagte der Maler bitter.

Lord Henry zuckte die Achseln. Es ist der wahre Dorian Gray -- sonst
nichts.

Das ist er nicht.

Wenn er es nicht ist, was habe ich damit zu schaffen?

Du httest weggehen sollen, als ich dich darum bat, grollte er.

Ich blieb, als du mich darum batest, war Lord Henrys Erwiderung.

Harry, ich kann nicht auf einmal mit meinen beiden besten Freunden
Streit anfangen, aber ihr beide habt schuld, da ich das beste Stck,
das mir je gelungen ist, hassen mu, und ich werde es vernichten. Ist es
schlielich mehr als Leinwand und Farbe? Ich will es nicht eingreifen
lassen in drei Leben und sie zerstren.

Dorian Gray hob seinen goldschimmernden Kopf von dem Kissen und blickte
ihn mit bleichem Gesicht und trnenfeuchten Augen an, als er zu dem
Maltische aus Kiefernholz trat, der unter dem hohen verhngten Fenster
stand. Was wollte Basil beginnen? Seine Finger whlten zwischen dem Wust
von Blechtuben und trockenen Pinseln herum, als suchten sie etwas. Ja,
sie suchten das lange Schabmesser mit der schmalen Klinge aus
schmiegsamem Stahl. Endlich hatte er es gefunden. Er wollte die Leinwand
zerschlitzen.

Mit einem erstickten Schluchzen sprang der Jngling vom Diwan auf, scho
auf Hallward zu, ri ihm das Messer aus der Hand und schleuderte es in
den uersten Winkel des Ateliers. Tu es nicht, Basil, tu es nicht,
schrie er. Es wre Mord.

Ich freue mich, da dir meine Arbeit endlich doch gefllt, Dorian,
sagte der Maler khl, als er sich von seinem Erstaunen erholt hatte.
Ich htte es gar nicht geglaubt.

Gefllt? Ich bin verliebt in dies Bild, Basil. Es ist ja ein Teil von
mir selbst. Ich fhle es.

Schn, sobald du trocken bist, sollst du gefirnit, gerahmt und zu dir
hingeschickt werden. Dann kannst du mit dir anfangen, was dir beliebt.
Er schritt durch den Raum und klingelte nach Tee. Du trinkst doch Tee,
Dorian? Du auch, Harry? Oder machst du dir nichts aus so einfachen
Genssen?

Ich bete einfache Gensse an, sagte Lord Henry. Sie sind die letzte
Zuflucht komplizierter Naturen. Aber fr Szenen schwrme ich nicht,
auer auf der Bhne. Was fr tolle Burschen seid ihr doch, ihr beide!
Wer war es doch gleich, der den Menschen als ein vernnftiges Tier
definiert hat? Das war eine der voreiligsten Definitionen, die je
aufgestellt wurden. Der Mensch hat eine ganze Menge Eigenschaften, aber
gewi keine Vernunft. Alles in allem brigens: Gott sei Dank, obwohl
mir's eigentlich lieber wre, ihr beiden Wirbelkpfe zanktet euch nicht
um das Bild. Du solltest es lieber mir gegeben haben, Basil. Dieses
trichte Knblein braucht es eigentlich gar nicht, und ich brauche es
sehr.

Wenn du es einem anderen geben willst als mir, Basil, verzeihe ich es
dir nie, rief Dorian Gray; und ich erlaube niemand, mich ein trichtes
Knblein zu nennen.

Du weit, Dorian, das Bild gehrt dir. Ich hab' es dir geschenkt, noch
ehe es vorhanden war.

Und Sie wissen, Herr Gray, da Sie ein wenig tricht waren und da Sie
ernstlich gar nichts dagegen haben knnen, an Ihre groe Jugend erinnert
zu werden.

Heute frh htte ich sehr viel dagegen gehabt, Lord Henry.

Ah! heute frh. Seitdem haben Sie einiges erlebt.

Es klopfte an die Tr, und der Diener trat mit einem besetzten Teebrett
ein und servierte auf einem kleinen japanischen Tisch den Tee. Die
Tassen und Lffel klapperten, und ein georgischer Samowar begann zu
summen. Zwei gewlbte chinesische Porzellanschsseln wurden von einem
jungen Diener hereingebracht. Dorian Gray ging hin und go den Tee ein.
Die beiden Mnner schlenderten zum Tische und sahen nach, was unter den
Deckeln der Schsseln war.

Wir wollen heute abend ins Theater gehen, meinte Lord Henry.
Irgendwo wird sicher was los sein. Ich habe zwar zugesagt, im
White-Klub zu soupieren, aber mich erwartet nur ein alter Freund; ich
kann ihm also ein Telegramm schicken, da ich nicht wohl sei oder
infolge einer spteren Verabredung nicht kommen knne. Das wrde ich fr
eine reizende Entschuldigung halten. Sie hat einen frmlich
berraschenden Duft von Aufrichtigkeit.

Es ist so lstig, sich den Frack anzuzerren, murmelte Hallward. Und
wenn man ihn anhat, sieht man so grlich aus.

Ja, antwortete Lord Henry trumerisch, die Kleidung des neunzehnten
Jahrhunderts ist abscheulich. Sie ist so dster, so deprimierend. Die
Snde ist noch das einzig Farbenfreudige, das im modernen Leben
briggeblieben ist.

Du solltest wirklich nicht solche Dinge vor Dorian sagen, Harry!

Vor welchem Dorian? Vor dem, der uns den Tee einschenkt, oder dem
anderen auf dem Bilde?

Vor keinem.

Ich ginge gerne mit Ihnen ins Theater, Lord Henry, sagte der Jngling.

Dann kommen Sie doch. Und du auch, Basil, nicht wahr?

Ich kann nicht, wirklich nicht. Es ist mir lieber so. Ich habe eine
Unmenge zu tun.

Schn also. Dann mssen wir zwei allein gehen, Herr Gray.

Ich freue mich riesig darauf.

Der Maler bi sich auf die Lippe und schritt, die Teetasse in der Hand,
zum Bilde. Ich bleibe hier bei dem wirklichen Dorian, sagte er
traurig.

Ist das der wirkliche? rief das Original und ging gleichfalls langsam
zu ihm hin. Bin ich wirklich so?

Ja, genau so bist du.

Wie wundervoll, Basil!

Du siehst wenigstens jetzt so aus. Aber das Bild wird sich nie ndern,
seufzte Hallward. Das ist schon etwas.

Was man heute fr ein groes Wesen aus der Treue macht! rief Lord
Henry aus. Und doch ist sie selbst in der Liebe eine rein
physiologische Frage. Sie hat auch nicht das mindeste mit unserem
eigenen Willen zu tun. Junge Mnner wren gerne treu und sind es nicht;
alte wrden gerne untreu sein und knnen es nicht: das ist alles, was
sich darber sagen lt.

Geh heute abend nicht ins Theater, Dorian, bat Hallward. Bleibe hier
und speise mit mir.

Ich kann nicht, Basil.

Warum?

Weil ich Lord Henry Wotton zugesagt habe, ihn zu begleiten.

Er wird dir darum nicht mehr zugetan sein, wenn du so treu deine
Versprechungen hltst. Er bricht seine immer. Ich bitte dich, nicht zu
gehen.

Dorian Gray schttelte lachend den Kopf.

Ich beschwre dich.

Der junge Mann schwankte und blickte zu Lord Henry hinber, der die
beiden mit einem belustigten Lcheln vom Teetische aus beobachtete.

Ich mu mit, Basil, antwortete er.

Schn, sagte Hallward und ging zum Tische hinber, wo er seine Tasse
hinstellte. Es ist ziemlich spt, und da ihr euch noch umziehen mt,
habt ihr keine Zeit mehr zu verlieren. Adieu, Harry! Adieu, Dorian! Komm
bald wieder. Komm morgen.

Bestimmt.

Aber nicht vergessen!

Nein, natrlich nicht! rief Dorian.

Und... Harry!

Ja, Basil?

Vergi nicht, was ich dir sagte, als wir am Vormittag im Garten saen.

Ich habe es vergessen.

Ich vertraue dir.

Ich wnschte, ich knnte mir selbst vertrauen, sagte Lord Henry
lachend. Kommen Sie, Herr Gray, mein Wagen steht unten, und ich kann
Sie an Ihrer Wohnung absetzen. Adieu, Basil! Es war ein sehr
unterhaltender Nachmittag.

Als sich die Tr hinter ihnen schlo, warf sich der Maler auf den Diwan,
und in sein Gesicht trat ein schmerzlicher Ausdruck.




Drittes Kapitel


Um zwlfeinhalb Uhr am nchsten Tage schlenderte Lord Henry Wotton von
Curzon Street nach Albany hinber, um einen Besuch zu machen bei seinem
Onkel Lord Fermor, einem heiteren, aber ziemlich rauhen alten
Junggesellen, den die Auenwelt einen Egoisten nannte, weil sie keinen
besonderen Nutzen aus ihm ziehen konnte, der aber in der Gesellschaft
als freigebig verschrien war, weil er die Leute, die ihn amsierten,
aufs beste ftterte. Sein Vater war britischer Gesandter in Madrid
gewesen, als Isabella noch jung war und man noch nichts von Prim wute,
hatte sich aber in einem Augenblicke launischen rgers aus dem
diplomatischen Dienste zurckgezogen, weil man ihm nicht den
Gesandtenposten in Paris angeboten hatte, zu dem er sich vollauf
berechtigt geglaubt hatte durch seine Geburt, seine Arbeitsunlust, sein
gutes Englisch in seinen Depeschen und durch seine zgellose
Vergngungssucht. Der Sohn, der des Vaters Privatsekretr gewesen war,
hatte mit seinem Chef zugleich den Abschied genommen, was man damals
ziemlich verrckt fand, und als der Titel einige Monate spter auf ihn
berging, hatte er sich ernstlich dem groen aristokratischen Studium
gewidmet, absolut nichts zu tun. Er besa zwei groe Huser in der
Stadt, zog es aber vor, in einer Junggesellenwohnung zu hausen, weil das
weniger Umstnde machte, und speiste meistens im Klub. Er beschftigte
sich ein wenig mit der Verwaltung seiner Kohlenminen in den
Midlandgrafschaften und entschuldigte diese verwerfliche industrielle
Ttigkeit damit, da er sagte, der einzige Vorteil, Kohlen zu besitzen,
sei der, es einem Gentleman mglich zu machen, in seinem eigenen Kamin
Holz zu brennen. Politisch war er ein Tory, auer wenn die Tories
Regierungspartei waren, denn in solchen Zeiten verlsterte er sie und
schimpfte sie radikales Gesindel. Er war ein Held fr seinen
Kammerdiener, der ihn drangsalierte, und ein Schrecken fr die meisten
seiner Verwandten, die er drangsalierte. Nur England konnte ihn erzeugt
haben, und er selber sagte immer, da das Land mehr und mehr auf den
Hund kme. Seine Grundstze waren altmodisch, aber an seinen Vorurteilen
war etwas dran.

Als Lord Henry ins Zimmer trat, fand er seinen Onkel in einem flockigen
Jagdrock, eine ziemlich wohlfeile Zigarre im Munde und brummend in den
Times lesend.

Na, Harry, sagte der alte Herr, was bringt dich so frh her? Ich
dachte immer, ihr Dandies steht nie vor zwei Uhr auf und werdet nie vor
fnf Uhr sichtbar.

Reine Familienliebe, auf mein Wort, Onkel Georg; ich brauche etwas von
dir.

Geld vermutlich, sagte Lord Fermor und machte ein saures Gesicht. Na
gut, so setz' dich und sag' mir alles. Ihr jungen Leute von heutzutage
bildet euch ein, das Geld wre alles.

Ja, brummelte Lord Henry, whrend er seine Blume im Knopfloch
zurechtrckte, und wenn sie lter werden, dann wissen sie es. Aber ich
brauche kein Geld. Nur Leute, die ihre Rechnungen zahlen, brauchen
Geld, Onkel Georg, und ich bezahle meine nie. Kredit ist das Kapital
eines zweitltesten Sohnes, und man kann brillant davon leben. Auerdem
kaufe ich immer bei Dartmoors Lieferanten, und daher habe ich nie
Scherereien. Was ich brauche, ist eine Auskunft, keine ntzliche
Auskunft natrlich, sondern nur eine wertlose.

Ich kann dir alles sagen, Harry, was je in einem englischen Blaubuch
gestanden hat, obwohl diese Bengels heutzutage einen Haufen Unsinn
zusammensudeln. Als ich noch Diplomat war, lagen die Dinge besser. Aber
ich hre, man stellt jetzt die Leute auf Grund einer Prfung ein. Was
kann man da noch erwarten? Prfungen, mein Bester, sind der reine Humbug
von A bis Z. Wenn einer Gentleman ist, wei er schon genug, und wenn er
kein Gentleman ist, so mag er alles Mgliche wissen, es hilft ihm doch
nichts.

Herr Dorian Gray hat nichts mit Blaubchern zu schaffen, sagte Lord
Henry in seinem schlfrigen Tone.

Herr Dorian Gray? Wer ist das? fragte Lord Fermor, seine buschigen
weien Augenbrauen zusammenkneifend.

Um das zu erfahren, bin ich gerade hergekommen, Onkel Georg. Oder
genauer gesagt, wer es ist, wei ich. Nmlich der Enkel des verstorbenen
Lord Kelso. Seine Mutter war eine Devereux, Lady Margaret Devereux. Ich
mchte, da du mir etwas ber seine Mutter erzhlst. Was weit du von
ihr? Wen hat sie geheiratet? Du hast zu deiner Zeit doch so ziemlich
alle Leute gekannt, also wahrscheinlich auch sie. Ich interessiere mich
gegenwrtig ungemein fr Herrn Gray. Ich habe ihn erst gestern
kennengelernt.

Kelsos Enkel! wiederholte der alte Herr, Kelsos Enkel! ... natrlich
... ich war mit seiner Mutter sehr intim. Ich glaube, ich war sogar bei
ihrer Taufe. Es war ein ganz auergewhnlich schnes Mdchen, diese
Margaret Devereux, und hat dann alle jungen Mnner toll gemacht, als sie
mit einem jungen Habenichts davonlief, einer absoluten Null, mein
Bester, einem Fhnrich bei der Infanterie oder so was hnliches.
Natrlich. Ich erinnere mich jetzt an die ganze Geschichte, als wre sie
gestern passiert. Der arme Kerl wurde dann ein paar Monate nach der
Hochzeit in einem Duell in Spa gettet. Man erzhlte damals eine
hliche Geschichte darber. Man sagte, der alte Kelso htte irgendeinen
Schuft, so einen Abenteurer aus Belgien gemietet, um seinen
Schwiegersohn ffentlich zu beleidigen, htte ihn dafr bezahlt, mein
Bester, einfach bezahlt, damit er es tte, und dieser Kerl spiete dann
sein Opfer auf wie eine Taube. Die Geschichte wurde natrlich vertuscht,
aber Kelso mute eine Zeitlang sein Kotelett allein im Klub essen. Ich
hrte, er brachte seine Tochter wieder mit, doch sie sprach nie mehr ein
Wort mit ihm. O jawohl, das war eine bse Sache. Das Mdel starb dann
auch, kaum ein Jahr spter. So, sie hat also einen Sohn hinterlassen?
Das hatte ich ganz vergessen. Was fr ein Junge ist es denn? Wenn er
seiner Mutter hnlich sieht, mu es ein hbsches Kerlchen sein.

Er ist sehr hbsch, stimmte Lord Henry bei.

Ich hoffe, er wird in die rechten Hnde kommen, fuhr der alte Mann
fort. Es mu ein Haufen Geld auf ihn warten, wenn Kelso pflichtgem an
ihm handelte. Seine Mutter hatte brigens auch Geld. Der ganze Selbysche
Besitz fiel ihr durch ihren Grovater zu. Ihr Grovater hate Kelso,
hielt ihn fr einen gemeinen Kter. War es brigens auch. Er kam mal
nach Madrid, als ich dort war. Na, ich mute mich des Kerls schmen. Die
Knigin pflegte mich nach dem englischen Edelmann zu fragen, der sich
immer mit den Kutschern ber die Taxe zankte. Man machte einen ganzen
Roman daraus. Ich wagte einen Monat lang nicht, bei Hof zu erscheinen.
Ich hoffe, er hat seinen Enkel besser behandelt als die
Droschkenkutscher.

Darber wei ich nichts, erwiderte Lord Henry. Ich vermute aber, der
junge Mann wird einmal wohlhabend werden. Er ist noch nicht volljhrig.
Selby gehrt ihm, das wei ich. Er hat es mir gesagt. Und... seine
Mutter war also sehr schn?

Margaret Devereux war eines der entzckendsten Geschpfe, die ich je
gesehen habe, Harry. Was in aller Welt sie dazu getrieben hat, so zu
handeln, habe ich nie verstehen knnen. Sie htte jeden Mann heiraten
knnen, den sie wollte. Carlington war wahnsinnig verschossen in sie.
Aber sie war romantisch veranlagt. Alle Frauen dieser Familie waren so.
Die Mnner waren ein trauriges Gesindel, aber beim Himmel! die Weiber
waren wunderbar! Carlington lag vor ihr auf den Knien. Hat's mir selber
gebeichtet. Sie lachte ihn aus, und es gab damals in London kein Mdel,
das nicht hinter ihm hergewesen wre. brigens, Harry, da wir schon ber
Mesalliancen reden: was ist das fr ein Unsinn, den mir dein Vater von
Dartmoor erzhlt, der eine Amerikanerin heiraten will? Sind englische
Mdels fr ihn nicht gut genug?

Es ist jetzt Mode, Amerikanerinnen zu heiraten, Onkel Georg.

Ich verteidige die englischen Frauen gegen die ganze Welt, Harry,
sagte Lord Fermor und schlug mit der Faust auf den Tisch.

Man reit sich um die Amerikanerinnen.

Sie halten sich nicht, hat man mir gesagt, brummte der Onkel.

Ein langes Verlobtsein erschpft sie, aber fr eine Steeplechase sind
sie brillant. Sie sind Flieger. Ich glaube nicht, da Dartmoor Chance
hat.

Was ist's fr eine Familie? murrte der alte Herr. Hat sie berhaupt
eine?

Lord Henry schttelte den Kopf. Amerikanische Mdchen sind ebenso klug,
ihre Eltern zu verbergen, wie englische Frauen im Verbergen ihrer
Vergangenheit, antwortete er und stand auf, um wegzugehen.

Also vermutlich Schweinefleischhndler.

Das hoffe ich, Onkel Georg, in Dartmoors Interesse. Man hat mir gesagt,
mit Schweinefleischbchsen zu handeln, soll nchst der Politik der
eintrglichste Beruf in Amerika sein.

Ist sie hbsch?

Sie benimmt sich so, als wre sie es. Das tun die meisten
Amerikanerinnen. Es ist das Geheimnis ihres magnetischen Reizes.

Warum bleiben diese amerikanischen Weiber nicht in ihrem Lande? Sie
sagen doch immer, es sei das Paradies fr Frauen.

Das ist es auch. Und das ist auch der Grund, warum sie wie Eva so gern
daraus weg wollen, sagte Lord Henry. Adieu, Onkel Georg! Ich komme zu
spt zum Frhstck, wenn ich noch lnger bleibe. Danke sehr fr die
Auskunft, die du mir gabst. Ich habe immer das Bedrfnis, von meinen
neuen Freunden alles zu hren und mglichst nichts von meinen alten.

Wo wirst du frhstcken, Harry?

Bei Tante Agatha. Ich habe mich mit Herrn Gray dort angesagt. Es ist
ihr neuestes Protektionskind.

Hm! sag' der Tante Agatha, Harry, sie soll mich mit ihrem
Wohlttigkeitskrempel ungeschoren lassen. Ich habe sie bis hierher! Wei
Gott, das gute Frauenzimmer meint, ich htte nichts zu tun als Schecks
fr ihre langweiligen Vereinsmeiereien auszuschreiben.

Abgemacht, Onkel Georg, ich werde es ihr bestellen, aber es wird nichts
nutzen. Wohlttigkeitsmegren verlieren alle Menschlichkeit. Das ist ihr
hervorstechendstes Merkmal.

Der alte Herr brummte zustimmend und klingelte seinem Diener. Lord Henry
schritt durch die niedrigen Arkaden nach Burlington Street und lenkte
dann seine Schritte in die Richtung nach Berkeley Square.

Das war also die Geschichte von Dorian Grays Eltern. So roh umrissen sie
ihm auch geschildert worden war, sie hatte ihn doch nach Art eines
seltsamen, geradezu modernen Romans erregt. Eine schne Frau, die alles
fr eine wahnsinnige Leidenschaft einsetzt. Ein paar wilde, wonnige
Wochen, jh abgeschnitten durch ein abscheuliches, heimtckisches
Verbrechen, Monate stummer Todesverzweiflung, und dann ein Kind unter
Schmerzen geboren. Die Mutter vom Tode weggemht, der Knabe der
Einsamkeit und der Tyrannei eines alten, lieblosen Mannes ausgeliefert.
Ja, das war ein interessanter Hintergrund. Er gab dem jungen Menschen
Relief, machte ihn noch vollkommener. Hinter allem Kstlichen in der
Welt lauert eine geheime Tragdie, Welten mssen in Schwingung sein,
damit die kleinste Blume erblhen kann... Und wie entzckend war er
gestern abend gewesen, als er ihm mit erschreckten Augen, die Lippen in
scheuem Verlangen geffnet, im Klub gegenber gesessen und die roten
Kerzenschirme das erwachende Wunder seines Gesichts in einen noch
rosenfarbenen Ton getaucht hatten. Mit ihm sprechen, das war wie auf
einer auserlesenen Geige spielen. Er gab jedem Druck nach, jeder
zitternden Berhrung des Bogens... Es lag doch etwas unerhrt
Knechtendes darin, auf jemand Einflu auszuben. Keine andere Ttigkeit
kam dem gleich. Seine eigene Seele in eine anmutige Form gieen und sie
darin einen Augenblick lang verweilen lassen: seine eigenen
Gedankenakkorde im Echo zurckbekommen, bereichert durch die Musik der
Leidenschaft und Jugend: sein eigenes Temperament in ein anderes
hineinversenken, als wre es das allertherischste Fluidum oder ein
seltener Wohlgeruch: darin lag eine wahre Lust -- vielleicht die
allerbefriedigendste Lust, die uns briggeblieben ist, in einer so
beschrnkten und ordinren Zeit wie die unsere, die so derbfleischlich
in ihren Genssen und so grobzufassend in ihren Begierden ist... Auch
war er ein wundervoller Typus, dieser junge Mensch, den er durch einen
so wunderbaren Zufall in Basils Atelier kennengelernt hatte, oder konnte
jedenfalls zu einem wunderbaren Typus umgemodelt werden. Anmut war ihm
verliehen und die schneeige Reinheit der Jnglingschaft, und eine
Schnheit, wie man sie bei alten griechischen Marmorbildern findet.
Nichts gab es, was sich nicht aus ihm machen liee. Man konnte einen
Titanen oder ein Spielzeug aus ihm machen. Welch Jammer, da solche
Schnheit dahinwelken mu... Und Basil? Wie interessant war doch er fr
den Psychologen! Diese neue Art von Kunst, diese neue Weise, das Leben
anzuschauen, die ihm auf das seltsamste durch die sichtbare Gegenwart
eines Menschen erweckt wurde, der von alledem nichts wute: der stille
Geist, der in einer dsteren Waldlandschaft wohnte und ungesehen ins
offene Feld entwandelte, enthllte sich pltzlich wie eine Dryade, und
ohne Scheu, weil in der Seele, die sehnschtig nach ihm suchte, jene
wundersame Vision wach geworden war, der nur die auerordentlichen Dinge
offenbar werden: die bloen Formen und Linien der Dinge wurden gleichsam
edler und bekamen eine Art von symbolischer Bedeutung, als wren sie
selbst nur Schatten einer anderen und vollendeteren Form, deren Abbilder
sie zur Wirklichkeit erhoben: wie merkwrdig das alles war! Er erinnerte
sich, da es in der Geschichte irgend etwas hnliches gab. War es nicht
Plato, dieser Knstler in der Welt der Gedanken, der es als erster
untersucht hatte? War es nicht Buonarotti, der es in den farbigen Marmor
seiner Sonettreihe gemeielt hatte? Aber in unserem Jahrhundert war es
etwas Seltenes... Ja, er wollte versuchen, fr Dorian Gray das zu sein,
was der Jngling, ohne es zu wissen, fr den Maler war, der das
prchtige Bildnis geschaffen hatte. Er wollte versuchen, in ihm zu
herrschen -- hatte es in Wahrheit schon zum Teil getan. Er wollte diesen
wunderbaren Geist zu seinem eigenen machen. Es war etwas unwiderstehlich
Magnetisches in diesem Abkmmling von Tod und Liebe.

Pltzlich blieb er stehen und sah an den Husern hinauf. Er entdeckte,
da er bereits an dem Hause seiner Tante vorbeigegangen sei, und ging
stillchelnd zurck. Als er in die etwas dstere Halle eintrat, sagte
ihm der Diener, die Herrschaften seien schon beim Frhstck. Er gab
einem Lakai Hut und Stock und ging in den Speisesaal.

Spt wie immer, Harry, rief seine Tante, ihm zunickend.

Er erfand eine glaubwrdige Entschuldigung, setzte sich auf den leeren
Platz neben sie und sah sich um, zu sehen, wer noch da war. Dorian
begrte ihn schchtern vom Ende des Tisches her, und seine Wangen
wurden vor geheimer Freude rot. Gegenber sa die Herzogin von Harley,
eine Dame von bewunderungswrdig guter Laune und ebensolchem Charakter,
die jeder gern hatte und deren Krper in jenen erhabenen
architektonischen Maen aufgebaut war, der von zeitgenssischen
Geschichtsschreibern bei Frauen, die nicht gerade Herzoginnen sind, als
Beleibtheit bezeichnet wird. Zu ihrer Rechten sa Sir Thomas Burdon, ein
radikales Parlamentsmitglied, das im ffentlichen Leben seinem
Parteichef Gefolge leistete und im privaten den besten Kchenchefs, der
nach einer weisen und allgemein verbreiteten Lebensregel mit den Tories
dinierte und mit den Liberalen geistig bereinstimmte. Den Platz an
ihrer Linken nahm Herr Erskine of Treadley ein, ein alter prchtiger und
gebildeter Herr, der sich die schlechte Gewohnheit des Schweigens
angeeignet hatte, da er, wie er einmal Lady Agatha erklrte, schon vor
seinem dreiigsten Lebensjahr alles gesagt hatte, was er berhaupt zu
sagen hatte. Seine Nachbarin war Frau Vandeleur, eine der ltesten
Freundinnen seiner Tante, eine vollendete Heilige unter den Frauen, aber
so geschmacklos verputzt, da man bei ihrem Anblick immer an ein
schlechtgebundenes Gebetbuch denken mute. Zu seinem Glck sa an ihrer
anderen Seite Lord Faudel, eine sehr intelligente Mittelmigkeit in den
besten Jahren, der so kahl war wie der Bericht eines Ministers auf eine
Interpellation im Unterhaus, und mit ihm unterhielt sie sich in jenem
intensiv-ernsten Tone, der, wie Lord Henry einmal selbst geuert hatte,
der eine unverzeihliche Irrtum ist, in den alle wirklich guten Menschen
verfallen, und den keiner von ihnen vllig vermeiden kann.

Wir sprechen ber den bedauernswerten Dartmoor, Henry, rief die
Herzogin, ihm vergngt ber den Tisch zunickend. Glauben Sie, da er
wirklich die berckende junge Dame heiratet?

Ich glaube, Frau Herzogin, sie hat sich fest vorgenommen, um das Jawort
zu bitten.

Wie schrecklich, rief Lady Agatha. Dann sollte sich wirklich jemand
ins Mittel legen.

Ich erfahre aus einer ganz vorzglichen Quelle, da ihr Vater ein
Kurzwarengeschft in Amerika hat, sagte Sir Thomas Burdon mit einem
berlegenen Blicke.

Mein Onkel hat behauptet: Schweinefleischlieferant, Sir Thomas.

Kurzwaren! Was sind amerikanische Kurzwaren? fragte die Herzogin und
erhob staunend ihre groen Hnde und dabei jede Silbe betonend.

Amerikanische Romane, antwortete Lord Henry und nahm von den Wachteln.

Die Herzogin machte ein erstauntes Gesicht.

Geben Sie nicht acht auf ihn, meine Liebe, wisperte ihr Lady Agatha
zu, er meint nie im Ernst, was er sagt.

Als Amerika entdeckt wurde, sagte der radikale Abgeordnete und lie
einige langweilige Tatsachen vom Stapel. Wie alle Menschen, die bestrebt
sind, ein Thema zu erschpfen, erschpfte er seine Zuhrer. Die Herzogin
seufzte und bentzte ihr Vorrecht, zu unterbrechen. -- Wollte Gott, es
wre berhaupt nicht entdeckt worden, rief sie aus. Unsere Tchter
haben heutzutage wirklich gar keine Chance mehr. Das ist geradezu
emprend!

Vielleicht ist Amerika berhaupt nicht entdeckt worden, wenn man's
recht betrachtet, sagte Herr Erskine. Ich wrde eher sagen, da es nur
aufgefunden worden ist.

Oh, ich mu aber gestehen, da ich einige Exemplare seiner
Bewohnerinnen gesehen habe, antwortete die Herzogin zerstreut, ich mu
zugeben, die meisten von ihnen sind ausgesprochen hbsch. Und auerdem
ziehen sie sich gut an. Sie beziehen alle ihre Kleider aus Paris. Ich
wollte, ich knnte mir das auch leisten.

Man sagt: wenn gute Amerikaner sterben, so fahren sie nach Paris,
gluckste Sir Thomas, der eine groe Kiste voll abgelegter Scherze sein
eigen nannte.

In der Tat? Und wohin gehen schlechte Amerikaner, wenn sie sterben?
fragte die Herzogin.

Sie gehen nach Amerika, murmelte Lord Henry.

Sir Thomas runzelte die Stirn. Ich frchte, Ihr Neffe hat Vorurteile
gegen dieses groe Land, sagte er zu Lady Agatha. Ich habe es ganz
bereist im Eisenbahnwagen, die mir die Direktionen zur Verfgung
stellten. Man ist da in diesen Dingen auerordentlich hflich. Ich
versichere Ihnen, es ist eine vorzglich bildende Reise da drben.

Aber mssen wir wirklich nach Chicago schwimmen, um unsere Bildung zu
vervollstndigen? fragte Herr Erskine wehmtig. Ich fhle mich
wirklich zu solcher Reise nicht aufgelegt.

Sir Thomas winkte mit der Hand. Herr Erskine of Treadley besitzt die
Welt auf seinen Bcherregalen. Wir Mnner des praktischen Lebens lieben
es, die Dinge zu sehen, nicht darber zu lesen. Die Amerikaner sind ein
auerordentlich interessantes Volk. Sie sind vollstndig
Vernunftmenschen. Ich glaube, das ist ihr Charaktermerkmal. Ja, Herr
Erskine, ein ausschlielich von der Vernunft beherrschtes Volk. Ich
versichere Ihnen, es gibt bei den Amerikanern keinerlei Unsinn.

Wie schrecklich! rief Lord Henry aus. Ich kann rohe Gewalt vertragen,
aber rohe Vernunft ist mir unertrglich. Ich finde immer, da ihre
Anwendung unbillig ist. Es heit den Geist unterjochen.

Ich verstehe Sie nicht, erwiderte Sir Thomas und wurde etwas rot.

Ich verstehe Sie, Lord Henry, murmelte Herr Erskine lchelnd.

Paradoxe sind ja an und fr sich recht schn und gut..., nahm der
Baronet wieder das Wort.

War das ein Paradoxon? fragte Herr Erskine. Ich habe es nicht dafr
gehalten. Vielleicht war es eins. Nun, der Weg zur Wahrheit scheint mit
Paradoxen gepflastert zu sein. Um die Wahrheit zu erkennen, mssen wir
sie auf gespanntem Seil tanzen sehen. Wenn die Wahrheiten Akrobaten
werden, knnen wir sie beurteilen.

Mein groer Gott! sagte Lady Agatha, was fr eine Art zu diskutieren
habt ihr Mnner. Ich verstehe nie ein einziges Wort von eurem Gerede.
Mit dir, Harry, oh! bin ich ganz bse. Warum versuchst du, unseren
lieben Herrn Dorian Gray zu berreden, nicht mehr ins East-End zu gehen?
Ich versichere dir, er wre dort fr uns unschtzbar; sein Spiel wrde
die Leute ungemein begeistern.

Mir ist es lieber, wenn er fr mich spielt, rief Lord Henry lchelnd,
sah am Tisch hinunter, wo ihn ein frhlich antwortender Blick traf.

Aber sie sind in Whitechapel so unglcklich, fuhr Lady Agatha wieder
fort.

Ich kann mit allem mglichen Mitgefhl haben, sagte Lord Henry, die
Achseln zuckend, auer mit Leiden. Damit kann ich keine Sympathie
haben. Es ist zu hlich, zu schrecklich, zu niederdrckend. In der heut
modernen Sympathie fr die Leiden liegt etwas schrecklich Krankhaftes.
Man sollte mit Farben sympathisieren, mit Schnheit, mit Lebensfreude.
Je weniger man ber das Elend des Lebens sagt, desto besser.

Aber das East-End ist ein sehr wichtiges Problem, bemerkte Sir Thomas
mit ernstem Kopfschtteln.

Sicherlich, antwortete der junge Lord. Es ist das Problem der
Sklaverei, und wir versuchen es derart zu lsen, da wir die Sklaven
amsieren.

Der Politiker sah ihn mit einem forschenden Blicke an. Welche nderung
schlagen Sie also vor?

Lord Henry lachte. Ich habe gar nicht das Verlangen, in England etwas
zu ndern auer dem Wetter, entgegnete er. Ich begnge mich mit
philosophischer Betrachtung. Da aber das neunzehnte Jahrhundert durch
bermigen Verbrauch von Sympathie Bankrott geworden ist, mchte ich
vorschlagen, da man sich an die Wissenschaft hlt, damit diese uns
wieder aufrichtet. Der Vorteil der Gefhle liegt darin, da sie uns in
die Irre fhren, und der Vorteil der Wissenschaft darin, da sie sich
mit Gefhlen nicht abgibt.

Aber auf uns liegen so ernste Verantwortlichkeiten, warf Frau
Vandeleur schchtern ein.

Entsetzlich schwere, stimmte Lady Agatha ein.

Lord Henry sah zu Herrn Erskine hinber. Die Menschheit nimmt sich
selber zu ernst. Das ist die Todsnde der Welt. Wenn die Hhlenmenschen
schon htten lachen knnen, htte die Weltgeschichte andere Wege
eingeschlagen.

Ihre Worte klingen sehr trstlich, trillerte die Herzogin. Ich habe
immer eine Art Schuldgefhl gehabt, wenn ich Ihre liebe Tante besuchte,
denn ich nehme nicht das geringste Interesse an East-End. In Zukunft
werde ich ihr ohne zu errten ins Gesicht sehen knnen.

Errten ist ein vorzgliches Schnheitsmittel, bemerkte Lord Henry.

Nur wenn man jung ist, antwortete sie. Wenn eine alte Frau wie ich
errtet, ist es ein sehr schlechtes Zeichen. Ach, Lord Henry, ich
wnschte, Sie knnten mir sagen, wie man wieder jung wird!

Er dachte einen Augenblick nach. Knnen Sie sich an irgendeinen groen
Fehler erinnern, den Sie in der Jugend begangen haben? fragte er dann,
sie fest ber den Tisch hin ansehend.

An eine ganze Menge, frchte ich! rief sie aus.

Dann begehen Sie sie wieder, entgegnete er ernst. Um seine Jugend
zurckzubekommen, braucht man nur seine Torheiten zu wiederholen.

Eine allerliebste Theorie! rief sie. Ich mu sie mal in die Praxis
umsetzen.

Eine gefhrliche Theorie, sagte Sir Thomas, seine dnnen Lippen
zusammenkneifend. Lady Agatha schttelte den Kopf, aber sie amsierte
sich doch. Herr Erskine lauschte.

Ja, fuhr Henry fort, das ist eines der groen Lebensgeheimnisse.
Heutzutage sterben die meisten Leute an einer Art von schleichender
Verstndigkeit, und erst, wenn es zu spt ist, kommen sie dahinter, da
die einzigen Dinge, die man niemals bereut, die Torheiten sind.

Nun lachte der ganze Tisch.

Er spielte jetzt mit diesem Einfall nach Willkr; warf ihn in die Luft
und nderte ihn um: lie ihn entwischen und haschte ihn wieder auf: lie
ihn phantastisch glitzern und gab ihm Paradoxe als Flgel. Als er
fortfuhr, rundete sich dieser Ruhm der Narretei in ein philosophisches
System und die Philosophie selbst wurde dabei jung und tanzte, begleitet
von der tollen Musik der Lust, in ihrem von Wein befleckten Gewande und
mit Efeu bekrnzten Locken, wie eine Bacchantin ber die Hgel des
Lebens und neckte den plumpen Silen, weil er nchtern blieb. Die
Tatsachen flchteten vor ihr wie das erschreckte Getier des Waldes. Ihre
weien Fe stampften in der ungefgen Kelter, an der der weise Omar
sitzt, bis der schumende Traubensaft in purpurblasigen Wellen an ihren
nackten Gliedern aufspritzte oder in rotem Gischt ber die dunkeln,
triefenden, gewlbten Seiten der Kufe herabrann. Es war eine ganz
brillante Improvision. Er empfand, da die Augen Dorian Grays auf ihn
gerichtet waren, und das Bewutsein, da es unter seinen Zuhrern einen
gab, dessen Temperament er zu bezaubern wnschte, gab seinem Witz
Wrzigkeit und seiner Phantasie Farbe. Er war geistreich,
phantasievoll, unwiderstehlich. Er begeisterte seine Zuhrer dahin, aus
sich heraus zu gehen, und lachend folgten sie seiner Rattenfngerpfeife.
Dorian Gray verwandte seinen Blick nicht von ihm, sondern sa wie unter
einem Zauberbanne da, whrend ein Lcheln nach dem andern auf seine
Lippen trat und sich das Staunen in seinen dunklen Augen immer mehr
vertiefte.

Endlich betrat die Wirklichkeit im Kleide des Alltags das Zimmer, und
zwar in Gestalt eines Lakaien, der der Herzogin meldete, da ihr Wagen
warte. Sie rang ihre Hnde in geschauspielerter Verzweiflung. Wie
schade! rief sie aus. Ich mu fort. Mu meinen Mann im Klub abholen
und mit ihm zu irgendeiner albernen Sitzung bei Willis fahren, wo er
prsidiert. Wenn ich zu spt komme, ist er sicher rgerlich, und in dem
Hut, den ich aufhabe, knnte ich eine Szene nicht vertragen. Er ist viel
zu gebrechlich dazu. Ein rauhes Wort und er wre ruiniert. Nein, liebe
Agatha, ich mu fort. Adieu, Lord Henry! Sie sind ein ganz entzckender
Mensch und frchterlich unmoralisch. Ich wei wahrhaftig nicht, was ich
zu Ihren Ansichten sagen soll. Sie mssen mal bei uns zu Abend essen.
Dienstag? Sind Sie Dienstag frei?

Fr Sie wrde ich jede andere Verabredung im Stich lassen, Frau
Herzogin, sagte Lord Henry, sich verbeugend.

Ah! Das ist sehr nett und sehr abscheulich von Ihnen, rief sie;
vergessen Sie also nicht zu kommen, und sie rauschte aus dem Zimmer,
von Lady Agatha und den anderen Damen begleitet.

Als sich Lord Henry wieder gesetzt hatte, kam Herr Erskine zu ihm, zog
seinen Stuhl ganz nahe zu ihm hin und legte die Hand auf seinen Arm.

Sie reden wie ein Buch, sagte er; warum schreiben Sie keins?

Ich lese Bcher viel zu gerne, als da ich Lust htte, eins zu
schreiben, Herr Erskine. Gewi mchte ich manchmal einen Roman
schreiben, der so entzckend und ebenso unwirklich sein mte wie ein
persischer Teppich. Aber in England gibt es ja kein literarisches
Publikum auer fr Zeitungen, Katechismen und Konversationslexika. Von
allen Vlkern des Erdballs haben die Englnder den am wenigsten
entwickelten Sinn fr die Schnheit der Literatur.

Ich frchte, Sie haben recht, antwortete Herr Erskine. Ich selbst
habe einstmals literarischen Ehrgeiz gehabt, aber ich habe ihn lngst
abgelegt. Und nun, mein lieber junger Freund, wenn Sie mir erlauben
wollen, Sie so zu nennen, darf ich Sie fragen, ob Sie wirklich alles im
Ernst meinten, was Sie uns bei Tisch gesagt haben?

Ich habe ganz vergessen, was ich gesagt habe, antwortete Lord Henry
lchelnd. Es war wohl sehr toll?

Allerdings, sehr toll! Ich glaube wirklich, da Sie ein uerst
gefhrlicher Mensch sind, und wenn unserer guten Herzogin irgend etwas
zustt, so werden wir alle Sie in erster Linie dafr verantwortlich
machen. Aber ich wrde mit Ihnen gern einmal lnger ber das Leben
debattieren. Die Generation, in die ich hineingeboren wurde, war sehr
langweilig. Wenn Sie mal londonmde sind, kommen Sie doch nach Treadley
und setzen Sie mir da Ihre Philosophie des Genusses auseinander bei
einem ganz kstlichen Burgunder, den zu besitzen ich so glcklich bin.

Das wird mir ein groes Vergngen sein. Ein Besuch in Treadley ist ein
groer Vorzug. Es hat einen vollkommenen Wirt und eine vollkommene
Bibliothek.

Die mit Ihnen vollstndig werden wird, antwortete der alte Herr mit
einer hflichen Verbeugung. Und jetzt mu ich Ihrer trefflichen Tante
adieu sagen. Ich mu ins Athenum. Es ist die Stunde, wo wir dort
schlafen.

Sie alle, Herr Erskine?

Vierzig von uns in vierzig Klubsesseln. Wir ben uns fr eine Akademie
anglaise.

Lord Henry lachte und stand auf. Ich gehe in den Park! rief er aus.

Als er durch den Trrahmen schritt, berhrte ihn Dorian Gray am Arm.
Erlauben Sie mir, mitzukommen, flsterte er.

Aber ich dachte, Sie haben Basil Hallward versprochen, ihn zu
besuchen, wandte Lord Henry ein.

Ich mchte lieber mit Ihnen gehen; ja ich fhle, ich mu mit Ihnen
mitkommen. Bitte, erlauben Sie es. Und versprechen Sie mir, die ganze
Zeit zu erzhlen? Niemand spricht so entzckend wie Sie.

Ah! Ich habe fr heute gerade genug geredet, sagte Lord Henry und
lchelte. Alles, was ich jetzt mchte, ist, das Leben zu beschauen. Sie
knnen mitkommen und mitanschauen, wenn Sie wollen.




Viertes Kapitel


Eines Nachmittags, einen Monat spter, sa Dorian Gray zurckgelehnt in
einem schwellenden Sessel der kleinen Bibliothek in Lord Henrys Hause in
Mayfair. Es war in seiner Art ein allerliebster Raum, bis hoch hinauf
mit olivenfarbigem Eichenholz getfelt, mit einem cremefarbigen
Deckenfries und mit Stuckverzierungen und mit einem ziegelfarbigen
Filzteppich, der in langen Seidenfransen auslief. Auf einem niedlichen
Tischchen aus Satinholz stand eine Figur von Clodion, und daneben lag
eine Ausgabe der Cent Nouvelles, die fr Margarete von Valois von Clovis
Eve eingebunden und mit goldenen Gnseblmchen verziert war, wie sie die
Knigin auf ihr Wappenzeichen gewhlt hatte. Auf dem Kaminsims standen
ein paar groe blaue Porzellanvasen mit Papageientulpen, und durch die
schmalen, bleigerahmten Rautenfelder der Fenster drang das
aprikosenfarbene Licht eines Londoner Sommertages.

Lord Henry war noch nicht nach Hause gekommen. Er kam grundstzlich zu
spt, da sein Grundsatz war, Pnktlichkeit stehle einem die Zeit. Daher
sah der junge Mann etwas gelangweilt aus, als er mit lssigen Fingern
die Seiten einer reichillustrierten Ausgabe von Manon Lescaut
durchbltterte, die er in einem der Bcherschrnke gefunden hatte. Das
abgemessene gleichfrmige Ticktack der Louis-Quatorze-Uhr machte ihn
nervs. Ein- oder zweimal machte er schon Miene, wegzugehen.

Endlich hrte er drauen einen Schritt und die Tr ffnete sich. Wie
spt du kommst, Harry! sagte er leisen Vorwurfs.

Zu meinem Bedauern ist es nicht Harry, Herr Gray, antwortete eine
schrille Stimme.

Er sah sich rasch um und sprang auf die Fe.

Ich bitte um Entschuldigung, ich glaubte --

Sie glaubten, es sei mein Mann. Es ist nur seine Frau. Ich mu mich
schon selbst vorstellen. Ich kenne Sie aus Ihren Photographien ganz gut.
Ich glaube, mein Mann hat ihrer siebzehn.

Nicht siebzehn, Lady Henry.

Schn, also achtzehn. Und dann habe ich Sie gestern abend mit ihm in
der Oper gesehen. Whrend sie sprach, lachte sie nervs und beobachtete
ihn mit ihren verschwommenen Vergimeinnichtaugen. Sie war eine
absonderliche Frau, deren Kleider immer so aussahen, als wren sie in
einem Wutanfall gezeichnet und whrend eines Gewitters angezogen worden.
Sie war gewhnlich in irgend jemand verliebt, und da ihre Leidenschaft
nie erwidert wurde, hatte sie sich alle ihre Illusionen bewahrt. Sie
machte den Versuch, malerisch zu erscheinen, aber es gelang ihr nur,
unordentlich auszusehen. Sie hie Viktoria und hatte eine krankhafte
Leidenschaft, in die Kirche zu laufen.

Das war im Lohengrin, Lady Henry, nicht wahr?

Ja, es war bei dem entzckenden Lohengrin. Ich liebe Wagners Musik mehr
als die irgendeines anderen. Sie ist so laut, da man sich die ganze
Zeit unterhalten kann, ohne da die Nachbarn hren, was man sagt. Das
ist ein dankenswerter Vorteil. Meinen Sie nicht auch, Herr Gray?

ber ihre dnnen Lippen kam wieder das nervse Stakkatolachen, und ihre
Finger begannen mit einem langen Papiermesser aus Schildkrot zu spielen.

Dorian schttelte lchelnd den Kopf. Ich bedaure, Lady Henry, das ist
nicht meine Meinung. Ich unterhalte mich nie, whrend man spielt --
wenigstens nicht, wenn es gute Musik ist. Wenn man schlechte Musik hrt,
ist man freilich verpflichtet, sie durch ein Gesprch zu ertrnken.

Ah, das ist eine von Harrys Sentenzen, nicht wahr, Herr Gray? Ich
bekomme Harrys Ansichten immer von seinen Freunden zu hren. Das ist die
einzige Art, wie ich sie berhaupt erfahre. Aber Sie drfen nicht
glauben, da ich nicht auch gute Musik liebe. Ich vergttere sie, aber
ich frchte mich vor ihr. Sie macht mich zu romantisch. Ich habe
Klavierspieler geradezu angebetet -- manchmal zwei auf einmal,
versichert Harry. Ich wei nicht, was es fr eine Bewandtnis mit ihnen
hat. Vielleicht rhrt es daher, da sie Auslnder sind. Das sind sie
doch alle, nicht wahr? Selbst die in England Geborenen werden nach
einiger Zeit Auslnder, nicht wahr? Es ist sehr gescheit von ihnen und
fr die Kunst sehr vorteilhaft. Das macht sie zu Kosmopoliten, nicht
wahr? Sie waren nie auf einer meiner Gesellschaften, Herr Gray. Sie
mssen einmal kommen. Ich kann mir zwar keine Orchideen leisten, aber
ich scheue in der Anschaffung von Auslndern keine Ausgabe. Sie geben
dem Hause ein so pittoreskes Aussehen. Aber da ist Harry. -- Harry, ich
kam her, um dich zu suchen, um dich etwas zu fragen -- ich habe ganz
vergessen, was -- und ich habe Herrn Gray hier getroffen. Wir haben so
entzckend ber Musik gesprochen. Unsere Ansichten darber sind die
gleichen. Nein, ich glaube, unsere Ansichten darber sind ganz
verschieden. Aber er ist ganz allerliebst gewesen. Ich freue mich so
sehr, ihn einmal gesehen zu haben.

Das ist ja reizend, meine Liebe, ganz reizend, sagte Lord Henry, seine
dunkeln geschwungenen Brauen hebend und beide mit vergngtem Lcheln
ansehend. Es tut mir so leid, Dorian, da ich mich versptet habe. Ich
war in Wardour Street, um mir einen alten Brokat anzusehen, und mute
stundenlang darum handeln. Heutzutage kennen die Leute den Preis von
jeder Sache und den Wert von keiner.

Ich mu leider gehen! rief Lady Henry aus und unterbrach ein
verlegenes Schweigen mit ihrem jhen, grundlosen Lachen. Ich habe
versprochen, mit der Herzogin auszufahren. Adieu, Herr Gray. Adieu,
Harry. Du speist wohl nicht zu Hause, wie? Ich auch nicht, vielleicht
sehe ich dich bei Lady Thornbury.

Hchstwahrscheinlich, meine Liebe, sagte Lord Henry und schlo die Tr
hinter ihr, als sie gleich einem Paradiesvogel, der die ganze Nacht dem
Regen ausgesetzt gewesen war, aus dem Zimmer hinausflatterte, einen
feinen Jasmingeruch hinterlassend. Harry zndete sich eine Zigarette an
und warf sich auf das Sofa. Heirate nie eine Frau mit strohgelbem Haar,
Dorian, sagte er nach einigen Zgen.

Warum nicht, Harry?

Weil sie so sentimental sind.

Aber ich habe sentimentale Menschen gern.

Heirate berhaupt nie, Dorian! Mnner heiraten, weil sie mde sind;
Frauen, weil sie neugierig sind: beide werden enttuscht.

Ich glaube nicht, da ich heiraten werde, Harry. Dazu bin ich zu
verliebt. Das ist einer deiner Aphorismen. Ich setze ihn in die
Wirklichkeit um, wie alles, was du sagst.

In wen bist du verliebt? fragte Lord Harry nach einer Pause.

In eine Schauspielerin, sagte Dorian Gray errtend.

Lord Henry zuckte die Achseln. Ein recht landlufiger Anfang.

Das wrdest du nicht sagen, wenn du sie kenntest.

Wer ist's denn?

Sie heit Sibyl Vane.

Nie von ihr gehrt.

Das hat niemand. Aber spter einmal wird man von ihr hren. Sie ist ein
Genie.

Mein lieber Junge, es gibt keine Frau, die ein Genie wre. Die Frauen
sind ein dekoratives Geschlecht. Sie haben niemals etwas zu sagen, aber
sie sagen es entzckend. Die Frauen bedeuten den Triumph der Materie
ber den Geist, wie die Mnner den Triumph des Geistes ber die
Sittlichkeit.

Harry, wie kannst du?

Mein lieber Dorian, es ist aber wahr. Ich beschftige mich gerade mit
der Analyse der Frauen, daher mu ich das wissen. Das Thema ist nicht
so verwickelt, wie ich glaubte. Ich finde, da es schlielich nur zwei
Arten von Frauen gibt, die einfachen und die geschminkten. Die einfachen
Frauen sind sehr ntzlich. Wenn du als ehrbarer Mensch gelten willst,
mut du nur eine von ihnen zu Tisch fhren. Die andern Frauen sind zum
Entzcken. Aber sie begehen einen Fehler. Sie schminken sich, um jung
auszusehen. Unsere Gromtter schminkten sich, um geistreich zu
plaudern. Rouge und Esprit gingen Hand in Hand. Das ist jetzt alles
vorbei. Solange eine Frau zehn Jahre jnger aussehen kann als ihre
Tochter, ist sie gnzlich zufrieden. Was die Konversation betrifft, so
gibt es in ganz London hchstens fnf Frauen, mit denen sich's zu reden
lohnt, und zwei davon sind in anstndiger Gesellschaft nicht mglich.
Aber genug, erzhl' mir was von deinem Genie! Wie lange kennst du sie?

Ach, Harry, deine Ansichten erschrecken mich!

Mach' dir darum keine Kopfschmerzen. Wie lange kennst du sie also?

Ungefhr drei Wochen.

Und wo hast du die Entdeckung gemacht?

Ich will dir's erzhlen, Harry, aber du mut nicht hlich darber
reden. brigens wr's gar nicht dazu gekommen, wenn ich dich nicht
kennengelernt htte. Du hast mich mit einer wilden Begierde, alles im
Leben kennenzulernen, angefllt. Noch viele Tage, nachdem ich dich
zuerst gesehen hatte, schien in meinen Adern etwas zu rumoren. Wenn ich
im Park spazierte oder Piccadilly hinunterschlenderte, schaute ich jeden
an, der mir entgegenkam, und wollte mit einer tollen Neugierde
herauskriegen, was fr eine Art Leben die Leute alle fhrten. Einige von
ihnen fesselten mich. Andere erfllten mich mit Schauder. Es schwamm ein
verfhrerisches Gift in der Luft. Mich hatte eine Leidenschaft nach
Erlebnissen gepackt... Eines Abends also gegen sieben beschlo ich,
mich auf die Suche nach einem Abenteuer zu begeben. Ich hatte solch
Gefhl, da unser graues, riesenhaftes London mit seinen vielen
Hunderttausenden schmutzigen Sndern und seinen schillernden Snden, wie
du dich mal ausdrcktest, irgend etwas fr mich in Bereitschaft halten
msse. Ich erfand mir tausenderlei Dinge. Schon die bloe Gefahr
schenkte mir einen gewissen Genu. Ich erinnerte mich an das, was du mir
sagtest an dem wunderbaren Abend, als wir das erstemal zusammen
speisten: da nmlich das Suchen nach Schnheit das eigentliche
Geheimnis des Lebens sei. Ich wei nicht, was ich erwartete, aber ich
ging drauflos und wanderte nach dem Osten, wo ich meinen Weg bald in
einem Wirrwarr von ruigen Straen und schwarzen, graslosen Pltzen
verlor. Gegen halb acht kam ich an einem kleinen, schnurrigen Theater
mit groen, flackernden Gasflammen und grellen Plakaten vorbei. Ein
widerlicher Jude, in dem erstaunlichsten Rock, den ich mein Lebtag
gesehen habe, stand an der Tr und paffte eine stnkrige Zigarre. Er
hatte fettige Peies, und ein riesiger Brillant glitzerte auf seiner
schmutzigen Hemdenbrust. >Eine Loge, Herr Baron?< fragte er mich und
nahm seinen Hut mit grandioser Unterwrfigkeit ab. Er hatte etwas an
sich, Harry, was mich belustigte. Er war das reine Monstrum. Du wirst
mich auslachen, ich wei schon, aber ich trat wirklich ein und erlegte
ein Zwanzigmarkstck fr die Proszeniumsloge. Ich kann mir noch heute
nicht erklren, warum ich das tat; und doch -- wenn ich's nicht getan
htte -- bester Harry, ich wre um das grte Ereignis meines Lebens
gekommen. Ja, lach du nur. Es ist hlich von dir.

Ich lache nicht, Dorian, wenigstens nicht ber dich. Aber du solltest
es nicht das grte Ereignis deines Lebens nennen. Sage lieber, das
erste Ereignis deines Lebens. Du wirst immer geliebt werden, und du
wirst in die Liebe immer verliebt sein. Die grande Passion ist das
Vorrecht aller Leute, die nichts zu tun haben. Das ist der einzige
Nutzen, den die Tagediebe eines Landes bringen. Habe keine Angst!
Himmlische Dinge warten noch deiner. Das ist der bloe Anfang.

Hltst du meine Natur fr so oberflchlich? rief Dorian Gray gekrnkt.

Nein, ich halte sie fr so tief.

Wie meinst du das?

Mein lieber Junge, die Leute, die nur einmal im Leben lieben, das sind
in Wirklichkeit die Oberflchlichen. Was sie Anstand und Treue nennen,
nenne ich entweder die Trgheit der Gewohnheit oder Mangel an
Einbildungskraft. Treue ist im Gefhlsleben dasselbe, was Konsequenz im
Geistesleben ist, nichts als das Zugestndnis von Schwche. Treue! Ich
mu ihren Begriff spter mal analysieren. Freude am Besitz liegt darin.
Welche Menge von Dingen wrden wir wegwerfen, wenn wir nicht frchten
mten, andere knnten sie auflesen. Aber ich mchte dich nicht
unterbrechen. Erzhle weiter.

Ich sa also in einer schauderhaften kleinen Loge, und ein ordinrer
Vorhang starrte mir gerade ins Gesicht. Ich schaute hinter der Gardine
vor und sah mich im Hause um. Es war ein schbig-elegantes Ding,
gestopft voll mit Amoretten und Fllhrnern, wie auf einem
Hochzeitskuchen billigster Sorte. Galerie und Stehparterre waren
leidlich voll, aber die zwei Reihen schmieriger Fauteuils vorne waren
ganz leer und auf dem Platze, den sie vermutlich ersten Rang
titulierten, sa kaum ein Mensch. Weiber gingen mit Orangen und
Ingwerbier herum, und eine unglaubliche Masse von Nssen wurde
verknackt.

Es mu ganz wie in der Glanzzeit des britischen Dramas gewesen sein.

Ganz so, vermute ich, und sehr niederdrckend. Ich begann, zu
berlegen, was um Himmels willen ich da anfangen sollte, als mein Blick
auf den Theaterzettel fiel. Was glaubst du, was sie spielten, Harry?

Ich vermute, der >kleine Kretin< oder >Bldsinnig, aber unschuldig<.
Unsere Vter liebten diese Art Stcke, glaube ich. Je lnger ich lebe,
Dorian, je strker fhle ich, da alles, was fr unsere Vter gut genug
war, fr uns noch lange nicht gut genug ist. In der Kunst wie in der
Politik ~les grandpres ont toujours tort~.

Das Stck war gut genug fr uns, Harry. Es war >Romeo und Julia<. Ich
mu zugeben, da mich der Gedanke, Shakespeare in einer so elenden
Spelunke zu sehen, rgerte. Und doch interessierte es mich irgendwie.
Jedenfalls entschlo ich mich, den ersten Akt abzuwarten. Es spielte da
ein schauderses Orchester, das ein junger Hebrer dirigierte, der an
einem schnarrenden Klavier sa, mich beinah zum Davonlaufen brachte;
aber schlielich ging doch der Vorhang in die Hhe und das Stck fing
an. Romeo war ein hahnebchener lterer Herr mit dick gemalten Brauen,
einer versoffenen Tragdenstimme und einer Falstaffgestalt wie eine
Biertonne. Mercutio war fast ebenso arg. Er wurde vom Komiker gespielt,
der Mtzchen eigener Improvisation einstreute und in der
verwandtschaftlichsten Beziehung zur Galerie stand. Sie waren beide
genau so grotesk wie die Szenerie, und die sah aus, als kme sie vom
Jahrmarktsrummel. Aber Julia! Harry, stell dir ein Mdchen vor, kaum
siebzehn Jahre alt, mit einem blumenhaften Gesichtchen, einem schmalen
griechischen Kopf mit dunkelbraunen Zpfen, mit Augen, wie veilchenblaue
Brunnen heier Leidenschaft, mit Lippen wie Rosenbltter. Das
entzckendste Geschpf, das ich je im Leben gesehen habe. Du sagtest mal
zu mir, Pathos ergreife dich nicht, aber Schnheit, keusche Schnheit an
sich, knnte deine Augen wohl mit Trnen fllen. Ich sage dir, Harry,
ich konnte dieses Mdchen kaum sehen, von dem Trnenflor ber meinen
Augen. Und ihre Stimme -- ich habe so eine Stimme nie gehrt. Zuerst
sehr leise in tiefen, vollen Molltnen, die langsam und jeder fr sich
allein ins Ohr zu trufeln schienen. Dann etwas lauter und erklingend
wie eine Flte oder eine ferne Hoboe. In der Gartenszene hatte sie jene
zitternde Inbrunst, die man hrt, wenn die Nachtigallen singen vor Tag
und Tau. Es gab dann Augenblicke, wo ihre Stimme die verhaltene
Leidenschaftsglut von Geigentnen hatte. Du weit, wie eine Stimme einen
erschttern kann. Deine Stimme und die Stimme von Sibyl Vane, die beiden
werde ich nie vergessen. Wenn ich meine Augen schliee, hre ich sie,
und jede von ihnen sagt etwas anderes. Ich wei nicht, welcher ich
folgen soll. Warum sollte ich sie nicht lieben? Harry, ich liebe sie.
Sie ist alles in meinem Leben. Abend fr Abend gehe ich hin, um sie
spielen zu sehen. An einem Abend ist sie Rosalinde, am nchsten Imogen.
Ich habe sie im Dster eines italienischen Grabgewlbes sterben sehen,
wie sie das Gift von den Lippen des Geliebten trinkt. Ich bin ihrer
Wanderung durch die Ardennen gefolgt, wie sie als hbscher Knabe mit
Hose, Wams und einem kleinen Barett verkleidet war. Sie war wahnsinnig
und ist vor einen schuldbewuten Knig hingetreten und lie ihn Rauten
tragen und bittere Kruter kosten. Sie war unschuldig, und die schwarzen
Hnde der Eifersucht haben ihren zarten Hals zusammengepret. Ich habe
sie in jedem Jahrhundert und in jeder Tracht gesehen. Gewhnliche Frauen
sagen unserer Phantasie nichts. Sie sind in ihre Zeit hineingebannt.
Kein Zauber kann sie umwandeln. Man kennt ihren Geist ebenso schnell wie
ihre Gte. Man kennt sie immer heraus. Es gibt kein Geheimnis in ihnen.
Sie reiten morgens in den Park und schnattern nachmittags beim Tee. Sie
haben ihr stereotypes Lcheln und ihre eleganten Modemanieren. Aber eine
Schauspielerin! Wie anders solche Schauspielerin! Harry! Warum hast du
mir nicht gesagt, da nichts geliebt zu werden verdient als eine
Schauspielerin?

Weil ich so viele von ihnen geliebt habe, Dorian.

Oh, gewi, grliche Geschpfe mit gefrbten Haaren und geschminkten
Gesichtern.

Schmhe nicht gefrbtes Haar und geschminkte Gesichter. Es liegt
zuweilen ein ganz besonderer Reiz darin, sagte Lord Henry.

Ich wollte, ich htte dir nie etwas von Sibyl Vane gesagt.

Du httest gar nicht anders knnen, Dorian. Dein ganzes Leben lang
wirst du mir alles sagen, was du tust.

Ja, Harry, ich glaube, es ist so. Ich bin geradezu gezwungen, dir alles
zu sagen. Du hast eine seltsame Macht ber mich. Wenn ich je ein
Verbrechen beginge, kme ich gleich zu dir und beichtete es dir. Du
wrdest mich verstehen.

Menschen wie du -- die khnen Sonnenstrahlen des Lebens -- begehen
keine Verbrechen, Dorian. Aber ich danke dir trotzdem fr dein
Kompliment. Und nun sag' mir -- bitte gib mir mal die Streichhlzer
herber; danke -- wie sind deine wirklichen Beziehungen zu Sibyl Vane?

Dorian Gray sprang mit gerteten Wangen und blitzenden Augen auf.
Harry! Sibyl Vane ist mir heilig.

Nur heilige Dinge sind wert, sie anzurhren, Dorian, sagte Lord Henry
mit einem merkwrdigen pathetischen Ton in seiner Stimme. Aber warum
fhlst du dich verletzt? Ich vermute, sie wird dir eines Tages gehren.
Wenn man verliebt ist, fngt man immer damit an, sich selbst zu
betrgen, und hrt immer damit auf, andere zu betrgen. Das nennt die
Welt eine Liebesgeschichte. Auf jeden Fall denke ich, du kennst sie?

Natrlich kenne ich sie. Schon am ersten Abend im Theater kam der
grliche alte Jude nach der Vorstellung in meine Loge und bot mir an,
mich hinter die Kulissen zu fhren und ihr vorzustellen. Ich war wtend
und sagte ihm, da Julia seit Hunderten von Jahren tot sei und da ihr
Krper in einem Marmorgrabe zu Verona liege. Nach dem bestrzten
Ausdruck in seinem Gesicht vermute ich, da er glaubte, ich htte zuviel
Champagner oder hnliches getrunken.

Kein Wunder!

Dann fragte er mich, ob ich fr irgendeine Zeitung schreibe. Ich sagte
ihm, da ich nicht mal eine lese. Das schien ihn furchtbar zu
enttuschen, und er vertraute mir an, alle Theaterkritiker htten sich
gegen ihn verschworen und jeder einzelne von ihnen wre kuflich.

Es sollte mich nicht wundern, wenn er ganz recht htte. Andererseits
aber, nach ihrem Aussehen zu schlieen, knnen sie meistens gar nicht
teuer sein.

Einerlei, sie schienen ber seine Mittel zu gehen, sagte Dorian
lachend. Inzwischen aber wurden die Lichter im Theater ausgedreht und
ich mute fort. Er bat mich noch, einige Zigarren zu probieren, die er
mir sehr warm empfahl. Ich dankte. Am nchsten Abend ging ich natrlich
wieder hin. Als er mich sah, machte er eine tiefe Verbeugung und
versicherte mir, ich sei ein edelmtiger Kunstmzen. Er ist eine hchst
abstoende Kreatur, obwohl er eine auerordentliche Leidenschaft fr
Shakespeare hegt. Er erzhlte mir mal mit einem Anflug von Stolz, seine
fnf Bankrotte verdanke er nur dem >Barden<; so nannte er nmlich
hartnckig Shakespeare. Er schien das fr ein Verdienst zu halten.

Es ist ein Verdienst, lieber Dorian -- ein groes Verdienst. Die
meisten Leute werden bankrott, weil sie zuviel in der Prosa des Lebens
angelegt haben. Sich mit Poesie ruiniert zu haben, ist eine ehrenvolle
Auszeichnung. Aber wann hast du Frulein Sibyl Vane zum erstenmal
gesprochen?

Am dritten Abend. Sie hatte die Rosalinde gespielt. Ich mute hinter
die Bhne gehen. Ich hatte ihr ein paar Blumen zugeworfen, und sie hatte
zu mir hingesehen, wenigstens bildete ich es mir ein. Der alte Jude war
beharrlich. Er schien entschlossen, mich mit nach hinten zu nehmen, und
so gab ich nach. Es war sonderbar, da ich sie nicht kennenlernen
wollte, nicht wahr?

Nein, ich glaube nicht.

Warum, lieber Harry?

Ich erklre dir das ein andermal. Jetzt mchte ich gern von dem Mdchen
hren.

Von Sibyl? Oh, sie war so schchtern und lieb. Sie ist noch fast wie
ein Kind. Ihre Augen ffneten sich in einem allerliebsten Staunen, als
ich ihr sagte, was ich ber ihr Spiel dachte, und sie schien sich ihres
eigenen Knnens gar nicht bewut zu sein. Ich glaube, wir waren beide
recht nervs. Der alte Jude stand grinsend an der Tr der staubigen
Garderobe und hielt theatralische Reden ber uns beide, whrend wir uns
wie Kinder anstarrten. Er bestand darauf, mich >Herr Baron< zu nennen,
so da ich Sibyl versichern mute, ich sei nichts der Art. Sie sagte in
ganz schlichter Weise zu mir: >Sie sehen mehr wie ein Prinz aus. Ich
will Sie Prinz Mrchenschn nennen<.

Mein Wort, Dorian, Frulein Sibyl versteht es, Schmeicheleien zu
sagen.

Du verstehst sie nicht, Harry. Sie betrachtete mich nur wie eine Figur
in einem Theaterstck. Sie wei gar nichts vom Leben. Sie wohnt bei
ihrer Mutter, einer verblhten, ltlichen Frau, die am ersten Abend in
einer Art trkisch-rotem Schlafrock die Lady Capulet spielte und den
Eindruck machte, als htte sie bessere Tage gesehen.

Ich kenne diese Art, auszusehen. Sie stimmt mich unbehaglich, sagte
Lord Henry mit verhaltener Stimme und betrachtete seine Ringe.

Der Jude wollte mir ihre Lebensgeschichte erzhlen, aber ich bemerkte,
sie interessiere mich nicht.

Da hattest du recht. Die Tragdien anderer Leute haben immer etwas
unglaublich Gewhnliches an sich.

Sibyl ist das einzige, um das ich mich kmmere. Was geht's mich an,
woher sie stammt? Von ihrem kleinen Kopf bis zu ihrem kleinen Fu ist
sie ein himmlisches Wesen. Jeden Abend, den ich erlebe, gehe ich hin, um
sie spielen zu sehen, und jeden Abend ist sie entzckender.

Ich vermute darin den Grund, weshalb du jetzt nie mehr mit mir zusammen
it. Ich dachte mir gleich, da dahinter irgendeine merkwrdige
Geschichte stecke. Das ist so, aber es ist nicht ganz, was ich
erwartete.

Lieber Harry, wir sind jeden Tag entweder beim Frhstck oder beim
Abendessen zusammen, und ich bin mehrere Male mit dir in der Oper
gewesen, sagte Dorian und ffnete verwundert seine blauen Augen.

Du kommst immer furchtbar spt.

Ja, ich mu hin und Sibyl spielen sehen, und wenn auch nur einen Akt
lang. Ich hungere nach ihrem Anblick, und wenn ich an die himmlische
Seele denke, die in diesem zierlichen Elfenbeinkrper eingeschlossen
ist, packt mich stille Ehrfurcht.

Kannst du heute abend mit mir essen, Dorian?

Er schttelte den Kopf. Heute abend ist sie Imogen, antwortete er,
und morgen abend Julia.

Wann ist sie Sibyl Vane?

Nie!

Da wnsche ich dir Glck.

Wie schrecklich du bist! Sie verkrpert alle die groen Frauengestalten
der Weltgeschichte in sich. Sie ist mehr als ein Geschpf. Du lachst,
aber ich sage dir, sie ist ein Genie. Ich liebe sie und ich will's
erreichen, da sie mich auch liebt. Dir sind alle Geheimnisse des Lebens
bekannt, du mut mir sagen, wie ich Sibyl Vane so bezaubern kann, da
sie mich liebt. Ich will Romeo eiferschtig machen. Ich will, da die
toten Liebhaber der Welt unser Lachen hren und sich grmen. Ich will,
da unsere strahlende Leidenschaft ihren Staub wieder beleben und ihre
Asche zu Schmerzen auferwecken soll. O Gott, Harry, wie bete ich sie
an! Er ging, whrend er sprach, im Zimmer auf und ab. Rote hektische
Flecken brannten auf seinen Wangen. Er war furchtbar erregt.

Lord Henry betrachtete ihn mit stillem Wohlbehagen. Wie anders war er
jetzt als jener verlegene, schchterne Knabe, den er in Basil Hallwards
Atelier angetroffen hatte! Seine Natur hatte sich entwickelt wie eine
Blume und trug Blten von brennendrotem Scharlach. Aus ihrem geheimen
Versteck war seine Seele hervorgekrochen, und die Wollust war ihr auf
halbem Wege entgegengekommen.

Und was hast du nun vor? sagte Lord Henry schlielich.

Ich will, du und Basil sollt mich an einem Abend begleiten und sie
spielen sehen. Ich setze nicht die leiseste Besorgnis in die Wirkung.
Ihr werdet zugeben mssen, da sie Genie hat. Dann mssen wir sie dem
Juden aus den Hnden winden. Sie ist noch drei Jahre -- genau zwei Jahre
und acht Monate -- an ihn gebunden. Natrlich werde ich ihm etwas zahlen
mssen. Wenn das alles in Ordnung ist, suche ich mir ein Theater im
Westend und lasse sie dort erst mal richtig auftreten. Sie wird die Welt
ebenso verrckt machen wie mich.

Das wird kaum gehen, lieber Junge.

Ja, sie wird es; denn in ihr ist nicht nur Kunst, vollendetster
Kunstinstinkt, sondern sie hat auch Persnlichkeit; und du selbst hast
mir oft genug gesagt, da nur Persnlichkeiten, nicht Prinzipien die
Welt beherrschen.

Schn, wann sollen wir also hingehen?

La mich mal nachdenken. Heute ist Dienstag. Wollen wir morgen
festsetzen? Morgen spielt sie die Julia.

Abgemacht! Morgen um acht im Bristol. Ich werde Basil mitbringen.

Bitte, nicht um acht Uhr, Harry. Halbsieben. Wir mssen dort sein, ehe
der Vorhang aufgeht. Du mut sie im ersten Akt bei der Begegnung mit
Romeo sehen.

Halbsieben Uhr! Was fr eine Tageszeit! Das wre ja gerade so, wie ein
Abendbrot am Nachmittag essen oder einen englischen Roman lesen. Vor
sieben Uhr geht's nicht. Kein Gentleman speist vor sieben. Siehst du
Basil bis dahin? Oder soll ich ihm schreiben?

Der liebe Basil! Ich habe mich eine ganze Woche lang nicht um ihn
gekmmert. Das ist sehr hlich von mir, denn er hat mir mein Portrt in
einem prachtvollen Rahmen, den er selbst entworfen hat, geschickt, und
obwohl ich ein bichen eiferschtig auf das Bild bin, weil es einen
ganzen Monat jnger ist als ich, mu ich doch zugeben, da es mich ganz
entzckt. Ich bitte, schreib lieber. Ich mchte ihn nicht allein
wiedersehen. Er sagt mir Dinge, die mich verstimmen. Er gibt mir gute
Lehren.

Lord Henry lchelte. Die Menschen haben eine starke Vorliebe, das
wegzuschenken, was sie selber am ntigsten htten. Ich nenne das den
Chimborasso Freigebigkeit.

Oh, Basil ist der beste Mensch, aber er scheint mir doch ein klein
bichen Philister zu sein. Seit ich dich kenne, Harry, hab' ich das
entdeckt.

Basil, mein lieber Junge, trnkt seine Werke mit allem, was an ihm
entzckend ist. Die Folge ist, da ihm frs Leben nichts brigbleibt als
seine Vorurteile, seine Grundstze und sein gesunder Menschenverstand.
Alle Knstler, die ich kennengelernt habe, und die persnlich von
Anziehungskraft sind, waren schlechte Knstler. Gute Knstler leben nur
in ihren Schpfungen und sind daher im Leben vollstndig uninteressant.
Ein groer Dichter, ein wirklich groer Dichter ist das unpoetischste
Geschpf von der Welt. Aber untergeordnete Dichter bezaubern immer. Je
schlechter ihre Reime sind, desto malerischer ist ihr Aussehen. Die
bloe Tatsache, eine Sammlung mittelmiger Sonette verffentlicht zu
haben, macht solchen Menschen einfach unwiderstehlich. Er lebt die
Poesie, die er nicht schreiben kann. Die anderen schreiben die Poesie,
die sie nicht zu leben wagen.

Ich mchte wissen, ob das wirklich so ist, Harry, sagte Dorian Gray,
der inzwischen aus einem groen goldgefaten Flakon auf dem Tische etwas
Parfm auf sein Taschentuch gegossen hatte. Es wird wohl sein, wenn du
es sagst. Jetzt aber mu ich fort. Imogen wartet auf mich. Vergi nicht,
morgen! Adieu!

Als er das Zimmer verlassen hatte, schlo Lord Henry die schweren Lider
und begann nachzudenken. Gewi hatten ihn wenige Menschen bisher so
interessiert wie Dorian Gray, und doch verursachte ihm die wahnsinnige
Leidenschaft des Jnglings fr eine andere Person nicht im entferntesten
rger oder Eifersucht. Es freute ihn. Dorian wurde dadurch nur noch
interessanter. Die Methoden der Naturwissenschaft hatten ihn immer
entzckt, aber der gewhnliche Gegenstand dieser Wissenschaft war ihm
kleinlich und belanglos erschienen, und so hatte er begonnen, sich
selbst zu vivisezieren und hatte damit geendet, andere zu vivisezieren.
Das Menschenleben -- das schien ihm der einzige einer Untersuchung werte
Gegenstand. Verglichen damit war alles andere ohne jegliche Bedeutung.
Freilich, wenn man das Leben in dem seltsamen Schmelztiegel des
Schmerzes und der Lust beobachtete, konnte man keine Glasmaske ber dem
Gesicht tragen, konnte auch nicht die Schwefeldmpfe abhalten, die einem
das Gehirn verwirrten und die Phantasie mit monstrsen Ausgeburten und
miratenen Trumen umwirbelten. Es gab so feine Gifte, da man an ihnen
erkrankt sein mute, um ihre Eigenheiten zu kennen. Es gab so seltsame
Krankheiten, da man sie durchgemacht haben mute, um ihre Art zu
begreifen. Und doch, welchen Lohn empfing man dafr! Wie wunderbar
wandelt sich einem dann die ganze Welt! Die merkwrdig strenge Logik der
Leidenschaft und das buntgefrbte Trieb- und Gefhlsleben des Geistes
anzumerken -- zu beobachten, wo sich die beiden Linien schneiden und wo
sie auseinandergehen, in welchem Punkte sie in Eintracht leben und in
welchem sie sich wieder bekriegen -- das ist ein Genu! Was liegt an dem
Preise dafr! Man kann nie einen zu hohen Preis fr ein Sinnenerlebnis
geben.

Er war sich bewut -- und dieser Gedanke brachte einen freudigen Glanz
in seine achatbraunen Augen -- da sich durch gewisse Worte, die er
gesprochen hatte, musikalische Worte in melodischem Tonfall, Dorian
Grays Seele diesem weien Mdchen zugewendet und sich in Verehrung vor
ihr gebeugt hatte. In hohem Mae war der Jngling sein Geschpf. Er
hatte ihn vor der Zeit reifen lassen. Das war schon was. Die
gewhnlichen Menschen warten, bis ihnen das Leben seine Geheimnisse
aufschliet, aber den wenigen Auserwhlten werden die Mysterien des
Daseins enthllt, bevor der Schleier weggezogen wird. Manchmal ist das
die Wirkung der Kunst, besonders der Dichtung, die ja unmittelbar die
Leidenschaften und den Intellekt behandelt. Ab und zu nimmt aber eine
komplizierte Persnlichkeit diesen Platz ein und bt das Amt der Kunst
aus, ist eigentlich auf ihre Weise ein richtiges Kunstwerk, denn das
Leben schafft ebenso seine vollendeten Meisterwerke wie die Poesie oder
die Bildhauerkunst oder die Malerei.

Ja, dieser Jngling war vor der Zeit reich. Er erntete, whrend er noch
lenzte. Der Puls und die Leidenschaft der Jugend wohnten in ihm, und er
begann, seiner bewut zu werden. Es war entzckend, ihn zu beobachten.
Mit seinem schnen Angesicht und seiner schnen Seele war er ein Stck
Leben zum Anstaunen. Es lag nichts daran, wie das alles endete, oder
enden sollte. Er glich einer der grazisen Gestalten auf einem Gobelin
oder in einem Schauspiel, deren Freuden von den unseren weit entfernt zu
sein scheinen, aber deren Schmerzen unseren Schnheitssinn erregen und
deren Wunden wie rote Rosen sind.

Seele und Leib, Leib und Seele -- wie geheimnisvoll das alles ist!
Animalisches ist in der Seele, und der Leib hat seine Augenblicke
geistiger Veredlung. Die Sinne knnen sich lutern, und der Intellekt
kann sich vergrbern. Wer kann sagen, wo die fleischlichen Triebe
endigen und die seelischen beginnen? Wie flach sind die willkrlichen
Erklrungen der handwerksmigen Psychologen! Und doch, wie schwierig
ist die Entscheidung zwischen den Lehren der einzelnen Schulen. Ist die
Seele ein Schatten, der im Hause der Snde wohnt? Oder ist der Krper
wirklich in der Seele eingeschlossen, wie es sich Giordano Bruno dachte?
Die Trennung von Geist und Stoff ist ein Geheimnis, und die Vereinigung
von Geist und Stoff ist abermals ein Geheimnis.

Er dachte darber nach, ob wir je die Psychologie zu einer so exakten
Wissenschaft machen knnen, da uns auch das kleinste Triebrdchen des
Lebens offenbar wrde. Wie die Dinge heute liegen, begreifen wir uns
selbst nie und die anderen nur selten. Die Erfahrung hat keinerlei
ethische Bedeutung. Sie ist nur das Firmenschild, das die Menschen ihren
Irrtmern anhngen. Die Moralisten haben sie meist als eine Art Warnung
betrachtet, haben fr sie eine gewisse ethische Wirksamkeit in der
Bildung der Charaktere beansprucht, haben sie als Mittel gepriesen, das
uns darber aufklrt, was wir tun und lassen sollen. Aber in der
Erfahrung liegt keine bewegende Kraft. Sie ist ebensowenig eine ttige
Ursache wie das Gewissen. Alles, was sie in Wirklichkeit lehrt, ist, da
unsere Zukunft ebenso sein wird wie unsere Vergangenheit, und da wir
die Snde, die wir dereinst mit Abscheu und Widerwillen begangen haben,
immer und immer wieder und dann mit Genu wiederholen werden.

Er war sich darber klar, da die Versuchsmethode die einzige sei, durch
die man zu irgendeiner wissenschaftlichen Erklrung der Leidenschaften
kommen knne; und sicher war ihm Dorian Gray ein bequemes Objekt und
schien reiche und wertvolle Erfolge zu versprechen. Seine jhe
sturmartige Liebe zu Sibyl Vane war eine psychologische Tatsache von
groem Interesse. Kein Zweifel, da die Neugier dabei stark im Spiele
war, Neugier und Lust an neuen Erlebnissen; doch es war keine einfache,
sondern eher eine recht komplizierte Leidenschaft. Was von dem rein
sinnlichen Triebe des Knabenalters in ihr war, das hatte die Mitarbeit
der Phantasie umgebildet, in irgendwas verwandelt, das dem Jngling
selbst ganz fern von allem Sinnlichen schien und gerade deshalb um so
gefhrlicher war. Alle Leidenschaften, ber deren Ursprung wir uns
selbst tuschen, ben die strkste Herrschaft auf uns aus. Unsere
schwchsten Triebkrfte sind die, ber deren Natur wir klar sehen. Es
kommt oft vor, da wir im Denken mit uns selbst Experimente anstellen
und glauben, sie mit anderen zu versuchen.

Whrend Lord Henry noch dasa und ber diese Dinge nachgrbelte, wurde
an die Tr geklopft; ein Diener trat ein und erinnerte ihn, da es Zeit
sei, sich fr das Abendessen umzukleiden. Er erhob sich und blickte auf
die Strae hinab. Der Sonnenuntergang hatte die oberen Fenster der
gegenberliegenden Huser in ein feuerrotes Gold getaucht. Die Scheiben
glhten wie erhitzte Metallplatten. Der Himmel drber glich einer
verwelkten Rose. Es erinnerte ihn an das junge, flammenlodernde Leben
seines Freundes, und er fragte sich, wie das alles enden wrde.

Als er dann gegen halb ein Uhr nachts nach Hause kam, fand er im Vorflur
auf dem Tische ein Telegramm liegen. Er ffnete es und sah, da es von
Dorian Gray war. Es teilte ihm mit, da er sich mit Sibyl Vane verlobt
habe.




Fnftes Kapitel


Mutter, Mutter, ich bin so glcklich! flsterte das Mdchen und barg
ihr Gesicht im Schoe der verblhten, mde aussehenden Frau, die mit dem
Rcken gegen das grell eindringende Licht in dem einzigen Armstuhl sa,
den ihr armseliges Wohnzimmer enthielt. Ich bin so glcklich!
wiederholte sie, und du wirst auch glcklich sein.

Frau Vane zuckte zusammen und legte ihre dnnen, wismutweien Hnde auf
den Kopf ihrer Tochter. Glcklich! echote sie, ich bin nur glcklich,
Sibyl, wenn ich dich spielen sehe. Du darfst an nichts anderes denken
als an deine Rollen. Herr Isaacs ist sehr gut gegen uns gewesen, und wir
sind ihm Geld schuldig.

Das Mdchen sah auf und lie die Lippen hngen. Geld, Mutter? rief
sie, was liegt an Geld? Liebe ist mehr als Geld!

Herr Isaacs hat uns tausend Mark Vorschu gegeben, damit wir unsere
Schulden zahlen und fr James eine anstndige Ausrstung anschaffen
knnen. Das darfst du nicht vergessen, Sibyl. Tausend Mark sind ein sehr
groer Betrag. Herr Isaacs benahm sich sehr anstndig.

Er ist kein Gentleman, Mutter, und ich hasse die Art, wie er mit mir
spricht, sagte das Mdchen, stand auf und trat ans Fenster.

Ich wte nicht, wie wir ohne ihn vorwrts kmen, entgegnete die alte
Frau weinerlich.

Sibyl Vane warf den Kopf in den Nacken und lachte: Wir brauchen ihn
nicht mehr, Mutter, der Prinz Mrchenschn bestimmt von jetzt ab ber
unser Leben. Dann schwieg sie. Eine Blutwelle scho in ihre Wangen und
tauchte sie in ein dunkles Rot. Der rasche Atem ffnete ihre blhenden
Lippen. Sie zitterten. Ein Sdwind heier Leidenschaft durchbrauste sie
und bewegte die glatten Falten ihrer Gewandung. Ich liebe ihn, sagte
sie mit einfachem Ausdruck.

Nrrisches Kind! nrrisches Kind! waren die papageienhaften Worte, die
ihr als Antwort entgegenflogen. Dabei machte die beschwrende Bewegung
ihrer gekrmmten, mit unechten Ringen gezierten Finger diesen Ausruf
noch komischer.

Das Mdchen lachte wieder. In ihrer Stimme lag etwas wie der Jubel eines
Vogels im Kfig. Ihre Augen fingen die Lachmelodie auf und wiederholten
sie in ihrem Glanze: dann schlossen sie sich einen Augenblick, als
wollten sie ihr Geheimnis verbergen. Als sie sich wieder ffneten, war
der Schimmer eines Traumes ber sie dahingegangen.

Aus dem abgenutzten Stuhl sprach die Weisheit zu ihr mit dnnen Lippen,
mahnte zur Besinnung und gab Ratschlge aus dem Buch der Feigheit, dem
sein Autor irrtmlich den Titel Gesunder Menschenverstand beigelegt
hat. Sie hrte nicht hin. Im Kerker ihrer Leidenschaft fhlte sie sich
frei. Ihr Prinz, der Prinz Mrchenschn, war bei ihr. Sie hatte das
Gedchtnis beschworen, ihn herbeizuschaffen. Sie hatte ihre Seele auf
die Suche nach ihm geschickt, und die hatte ihn wieder hergebracht.
Sein Ku brannte wieder auf ihrem Munde. Ihre Lider brannten wieder von
seinem Atem.

Dann zog die Weisheit andere Register auf und sprach von Erkundigen und
Nachforschen. Es mochte ja sein, da dieser junge Mann reich sei. Wenn
dem so wre, dann mte man ans Heiraten denken. Um die Ohrmuschel des
Mdchens pltscherten die Wellen weltlicher Schlauheit. Die Pfeile der
Weltklugheit schwirrten an ihr vorber. Sie sah, wie sich die dnnen
Lippen bewegten, und lchelte.

Pltzlich fhlte sie das Bedrfnis, zu sprechen. Die wortberfllte
Schweigsamkeit verwirrte sie. Mutter, Mutter, rief sie, warum liebt
er mich so innig? Ich wei, warum ich ihn liebe. Ich liebe ihn, weil er
so ist, wie die Liebe selbst sein mu. Aber was findet er an mir? Ich
bin seiner nicht wert. Und doch -- ich wei nicht, warum -- ich fhle
mich wohl tief unter ihm, aber ich fhle mich nicht gering. Stolz bin
ich, schrecklich stolz. Mutter, hast du meinen Vater so geliebt, wie ich
den Prinzen Mrchenschn liebe?

Die alte Frau wurde bleich unter dem dicken Puder, womit ihre Wangen
beklebt waren, und ihre verwelkten Lippen zitterten in krampfigem
Schmerz. Sibyl strzte zu ihr hin, schlang ihr ihre Arme um den Hals und
kte sie. Verzeih mir, Mutter! Ich wei, es schmerzt dich, an unseren
Vater zu denken. Aber es schmerzt dich nur, weil du ihn so lieb gehabt
hast. Sieh nicht so traurig drein. Heute bin ich so glcklich, wie du es
warst vor zwanzig Jahren. Ach, knnte ich fr immer so glcklich sein!

Mein Kind, du bist viel zu jung, um an eine Liebschaft zu denken.
Zudem, was weit du von diesem jungen Mann? Du weit nicht mal seinen
Namen. Die ganze Sache ist hchst unpassend, und wahrhaftig, gerade
jetzt, wo sich James nach Australien rstet, und ich an so viele Dinge
zu denken habe, da mu ich sagen, du httest mehr berlegung zeigen
sollen. Immerhin, wie ich schon sagte, wenn er reich ist...

Ach Mutter, Mutter, la mich glcklich sein!

Frau Vane blickte sie an und schlo sie pltzlich mit einer der unwahren
theatralischen Gesten in die Arme, wie sie den Schauspielern oft zur
zweiten Natur werden. In diesem Augenblick ffnete sich die Tr, und ein
junger Bursche mit struppigem, braunem Haar kam in die Stube. Er war von
untersetzter Gestalt, und seine Hnde und Fe waren gro und bewegten
sich etwas ungelenk. Er war nicht so gut erzogen wie seine Schwester.
Man htte kaum die nahe Verwandtschaft erraten knnen, die zwischen
beiden bestand. Frau Vane richtete ihre Augen auf ihn, und ihr Lcheln
verstrkte sich. In ihrem Geiste lie sie ihren Sohn die Rolle des
Publikums spielen. Sie war berzeugt, da das Tableau interessant war.

Du knntest dir wohl ein paar Ksse fr mich aufheben, Sibyl, sagte
der Bursche mit gutmtigem Knurren.

Ach, Jim, du machst dir doch gar nichts aus Kssen! rief sie. Du bist
ein greulicher alter Br! Und sie hpfte durchs Zimmer zu ihm hin und
umhalste ihn.

James Vane sah seiner Schwester zrtlich in das Gesicht. Ich mchte mit
dir spazieren gehen, Sibyl. Ich glaube kaum, da ich dies schreckliche
London jemals wiedersehe. Ich mache mir auch wirklich nicht im
geringsten was draus.

Mein Sohn, rede doch nicht so schreckliche Dinge, grollte Frau Vane,
whrend sie seufzend ein flitteriges Theaterkostm zur Hand nahm und es
auszubessern begann. Sie fhlte eine kleine Enttuschung, da er sich
der Gruppe nicht angeschlossen hatte. Es htte die malerische Wirkung
der Szene so hbsch erhht.

Warum nicht, Mutter? Ich meine es im Ernst.

Du krnkst mich, mein Sohn. Ich hoffe, da du von Australien als ein
gemachter Mann zurckkehrst. Ich vermute, es gibt in den Kolonien
sozusagen keine Gesellschaft, wenigstens nichts, was ich Gesellschaft
nenne; wenn du also dein Glck gemacht hast, mut du zurckkommen und
dich zur Geltung bringen in London.

Gesellschaft, brummelte der junge Mann. Will davon nichts wissen.
Mchte nur soviel Geld verdienen, um dich und Sibyl vom Theater
wegzukriegen. Ich hasse es.

O Jim, sagte Sibyl lachend, wie unfreundlich von dir! Aber, willst du
wirklich mit mir spazieren gehen? Das ist nett! Ich frchtete schon, du
wolltest dich bei deinen Freunden verabschieden, bei Tom Hardy, der dir
diese grliche Pfeife geschenkt hat, oder bei Nell Langton, der dich
auslacht, weil du sie rauchst. Es ist sehr hbsch von dir, da du mir
deinen letzten Nachmittag schenkst. Wohin werden wir gehen? Komm, wir
wollen in den Park.

Dazu bin ich zu schbig angezogen, antwortete er mit gerunzelter
Stirn. Nur Elegants gehen in den Park.

Unsinn, Jim, flsterte sie, und streichelte seinen rmel.

Er zauderte einen Augenblick. Schn denn, sagte er schlielich, mach'
aber nicht zu lang mit dem Anziehen.

Sie tanzte zur Tr hinaus. Man konnte sie singen hren, whrend sie die
Treppe hinauflief. Ihre kleinen Fe trippelten oben.

Er ging zwei oder dreimal durch die Stube, dann wandte er sich zu der
schweigsamen Gestalt im Lehnstuhl.

Mutter, sind meine Sachen gepackt? fragte er.

Alles fertig, James, antwortete sie, ohne von ihrer Arbeit
aufzuschauen. Seit einigen Monaten war es ihr unbehaglich, wenn sie mit
ihrem rauhen, finsteren Sohn allein war. Ihre oberflchliche Natur mit
ihrem unterdrckten Geheimnis wurde beunruhigt, wenn sich ihre Augen
trafen. Sie fragte sich, ob er einen Verdacht habe. Sein Schweigen, da
er sonst keine Bemerkungen machte, wurde ihr unertrglich. Sie fing also
zu jammern an. Frauen verteidigen sich, indem sie angreifen, gerade, wie
sie dadurch angreifen, da sie unvermutet die Waffen strecken. Ich
hoffe, James, dein Seefahrerleben wird dich befriedigen. Du darfst nie
vergessen, da es deine eigene Wahl war. Du httest in das Bureau eines
Anwalts treten knnen. Anwlte sind eine sehr geachtete Menschenklasse
und werden auf dem Lande oft in den besten Familien eingeladen.

Ich hasse Bureaus und ich hasse Schreiber, erwiderte er. Aber du
hast ganz recht, mein Leben habe ich mir selbst gewhlt. Alles, was ich
sage, ist: Wache ber Sibyl! La ihr kein Unglck zustoen. Mutter, du
mut ber sie wachen!

James, du hast eine merkwrdige Art, zu sprechen. Natrlich wache ich
ber sie.

Ich hre, ein Herr kommt jeden Abend ins Theater und geht hinter die
Kulissen und spricht mit ihr. Ist das wahr? Wie verhlt sich's damit?

James, du sprichst von Dingen, die du nicht verstehst. Wir in unserem
Beruf sind gewhnt, eine Menge wohltuender Aufmerksamkeiten zu
empfangen. Ich selbst habe zu meiner Zeit viel Blumen bekommen. Damals
verstand man noch etwas vom Spielen. Was Sibyl betrifft, so wei ich im
Augenblick nicht, ob ihre Neigung ernst ist oder nicht. Aber darber
besteht kein Zweifel, da der fragliche junge Mann ein vollendeter
Kavalier ist. Er ist immer ausgesucht hflich zu mir. Auch sieht er aus,
als ob er reich wre, und die Buketts, die er schickt, sind ganz
allerliebst.

Aber du weit nicht mal seinen Namen, warf der junge Mann barsch ein.

Nein, antwortete die Mutter mit gelassener Miene. Er hat uns seinen
wirklichen Namen noch nicht verraten. Ich finde das sehr romantisch von
ihm. Wahrscheinlich ist er ein Herr von Adel.

James Vane bi sich auf die Lippen. Wache ber Sibyl! schrie er.
Wache ber sie!

Mein Sohn, du verletzt mich ungemein. Sibyl steht unablssig unter
meiner besonderen Obhut. Natrlich, falls dieser Herr vermgend ist,
sehe ich den Grund nicht ein, um einer Verbindung mit ihm auszuweichen.
Ich bin fest davon berzeugt, er gehrt zur Aristokratie. Er sieht ganz
so aus, mu ich sagen. Es wird eine brillante Partie fr Sibyl werden.
Sie wrden ein entzckendes Paar abgeben. Seine Schnheit ist wirklich
ganz bedeutend; sie fllt jedem auf.

Der junge Mann brummte etwas in sich hinein und trommelte mit seinen
dicken Fingern gegen die Fensterscheibe. Er hatte sich gerade umgewandt,
um etwas zu sagen, als die Tr aufging und Sibyl hereinflitzte.

Was macht ihr beide denn fr ernste Gesichter! rief sie aus. Was
gibt's denn?

Nichts, antwortete er. Man mu auch mal ernst sein. Adieu, Mutter;
ich will um fnf essen. Alles ist gepackt bis auf die Hemden; du
brauchst dich also um nichts mehr zu kmmern.

Adieu, mein Sohn, antwortete sie mit einer Verbeugung gemachter
hoheitsvoller Wrde.

Sie war uerst gekrnkt durch den Ton, den er ihr gegenber
angeschlagen hatte, und in seinem Blick lag etwas, das ihr Angst
eingeflt hatte.

Gib mir einen Ku, Mutter, sagte das Mdchen. Ihre bltengleichen
Lippen berhrten die welken Wangen und wrmten ihre Frostigkeit.

Mein Kind! Mein Kind! rief Frau Vane und schaute zur Decke auf, als
suchte sie in ihrer Einbildung eine Galerie.

Komm, Sibyl, sagte ihr Bruder ungeduldig. Er konnte die Attitden
seiner Mutter nicht ausstehen.

Sie traten hinaus in den flimmernden, windbewegten Sonnenschein und
schlenderten die trostlose Euston Road hinab. Die Vorbergehenden
blickten verwundert auf den unfreundlichen, schwerflligen jungen
Menschen in den groben schlechtsitzenden Kleidern, den ein so
liebliches, fein aussehendes Mdchen begleitete. Er glich einem
Grtnerburschen, der eine Rose trgt.

Jim runzelte von Zeit zu Zeit die Stirn, wenn er den forschenden Blick
eines Fremden bemerkte. Er hatte jene Abneigung gegen das
Angestarrtwerden, die Menschen von Geist erst spt im Leben bekommen und
die den Herdenmenschen nie verlt. Sibyl dagegen wute nichts von der
Wirkung, die sie ausbte. Ihre Liebe zitterte auf ihren lchelnden
Lippen. Sie dachte an ihren Mrchenprinzen, und damit sie um so besser
an ihn denken knnte, sprach sie nicht von ihm, sondern plauderte nur
von dem Schiff, mit dem Jim abfahren sollte, von dem Gold, das er sicher
finden wrde, von der wunderhbschen Millionenerbin, deren Leben er
verruchten rotblusigen Buschrubern entreien sollte. Denn er wrde
nicht Matrose bleiben oder Verfrachter oder was er jetzt frs erste
werden sollte. O nein! Solch Matrosendasein war schrecklich. Er solle
nur daran denken, in ein schreckliches Schiff hineingepfercht zu sein,
wenn die brllenden, katzenbuckelnden Wellen immer eindringen wollen und
ein schwarzer Wind die Masten umblase und die Segel in lange,
klatschnasse Streifen zerreie. Er sollte in Melbourne das Schiff
verlassen, dem Kapitn hflich Lebewohl sagen und sich sofort in die
Goldfelder begeben. Bevor noch eine Woche um sei, werde er auf einen
groen Klumpen puren Goldes stoen, auf den grten, der je gefunden
worden sei, und werde ihn zur Kste schaffen in einem groen Wagen, den
sechs berittene Polizisten bewachen sollten. Die Buschklepper berfielen
sie dreimal, wrden aber nach einem ungeheuren Gemetzel zurckgeschlagen
werden. Oder nein! Er sollte berhaupt nicht in die Goldfelder wandern.
Das sind schreckliche rter, wo sich die Leute betrinken und einander in
Kneipen totschssen und eine schreckliche Sprache fhrten. Er sollte ein
friedsamer Viehzchter werden, und eines Abends, wenn er heimritte,
begegnete er der schnen Erbin, die gerade von einem Ruber auf einem
Rappen entfhrt wrde, und dann setzt er ihm nach und befreit sie.
Natrlich wrde sie sich in ihn verlieben und er in sie, und sie
heirateten dann und kehrten heim und wohnten in einem groen Palais in
London. Ja, entzckende Dinge warteten auf ihn. Aber er msse auch sehr
brav sein, nie die Geduld verlieren oder sein Geld vergeuden. Sie sei
nur ein Jahr lter als er, aber sie wisse schon gengend mehr vom Leben.
Er msse ihr auch zuverlssig an jedem Posttag schreiben und jeden
Abend, wenn er schlafen gehe, beten. Gott sei sehr gut und werde ber
ihn wachen. Auch sie werde fr ihn beten, und in ein paar Jahren werde
er reich und glcklich nach Hause kommen.

Der Bursche hrte ihr brummig zu und gab keine Antwort. Ihm tat das Herz
weh, weil er von der Heimat weg mute.

Aber es war nicht das allein, was ihn dster und verstimmt sein lie. So
unerfahren er war, fhlte er doch sehr die Gefahr, die in Sibyls
Stellung lag. Dieser junge Stutzer, der ihr den Hof machte, konnte es
nicht ehrlich mit ihr meinen. Es war ein vornehmes Herrchen, und das
trug ihm seinen Ha ein, einen Ha, der aus einem sonderbaren
Rasseinstinkt herrhrte, von dem er sich keine Rechenschaft geben konnte
und der ihn gerade deshalb um so strker beherrschte. Er kannte auch die
Oberflchlichkeit und Eitelkeit seiner Mutter und sah darin ungeheure
Gefahren fr Sibyl und Sibyls Glck. Kinder fangen damit an, ihre Eltern
zu lieben; wenn sie lter werden, sitzen sie ber ihnen zu Gericht,
manchmal vergeben sie ihnen auch.

Seine Mutter! Es brtete in ihm, sie ber etwas zu fragen, was er viele
schweigsame Monate hindurch mit sich herumgeschleppt hatte. Ein
zuflliges Wort, das er im Theater aufgeschnappt hatte, ein
hingeflstertes Scherzwort, das er eines Abends auffing, als er an der
Bhnentr wartete, hatte eine Flucht schrecklicher Gedanken entfesselt.
Die Erinnerung daran schmerzte ihn wie der Hieb einer Reitpeitsche in
sein Gesicht. Seine Brauen kniffen sich in eine tiefe Furche zusammen,
und in schmerzlichem Krampf bi er sich auf die Lippen.

Du hrst auch nicht ein einziges Wort, das ich sage, Jim! rief Sibyl,
und ich schmiede die entzckendsten Plne fr deine Zukunft. Sag' doch
mal was!

Was soll ich denn sagen?

Oh, da du ein braver Bursche sein willst und uns nicht vergessen,
antwortete sie und lchelte ihn an.

Er zuckte die Schultern. Es wre eher mglich, da du mich vergit, als
da ich dich vergesse, Sibyl.

Sie errtete. Wie meinst du das, Jim? fragte sie.

Du hast einen neuen Freund, wie ich hre. Wer ist es? Warum hast du mir
nicht von ihm erzhlt? Er meint es nicht gut mit dir.

Hr' auf, Jim, rief sie aus. Du darfst nichts gegen ihn sagen. Ich
liebe ihn.

Was, und du weit nicht mal seinen Namen? erwiderte er. Wer ist es?
Ich habe ein Recht, das zu wissen.

Er heit der Prinz Mrchenschn. Gefllt dir der Name nicht? Oh, du
trichtes Jungchen! du solltest ihn nie vergessen. Wenn du ihn nur ein
einzigesmal shest, mtest du ihn fr den entzckendsten Menschen auf
Erden halten. Eines Tages wirst du ihn kennenlernen: wenn du von
Australien zurckkommst. Er wird dir sehr gefallen. Allen Menschen
gefllt er, und ich ... ich liebe ihn. Ich wollte, du knntest heute
abend ins Theater kommen. Er wird kommen, und ich spiele die Julia! Oh,
wie ich sie spielen werde! Denk dir, Jim, lieben und die Julia spielen!
Wissen, da er dasitzt! Zu seiner Freude spielen! Ich frchte, ich werde
meine Kollegen erschrecken, erschrecken oder hinreien. Lieben heit,
hinauswachsen ber sich selbst. Der grliche Herr Isaacs wird seinen
Kumpanen am Schenktisch zuschreien, ich sei ein Genie. Er hat mich wie
ein Dogma ausposaunt; heute abend wird er mich als Offenbarung
verkndigen. Ich fhle das. Und all das ist sein Werk, nur sein, des
Prinzen Mrchenschn, meines wunderbaren Geliebten, meines Musengottes.
Aber ich bin ein armes Ding neben ihm. Arm. Was liegt daran? Schleicht
Armut in ein Haus, fliegt Liebe durchs Fenster hinaus. Unsere
Sprichwrter mssen umgendert werden. Sie sind im Winter erdacht
worden, und jetzt ist Sommer, fr mich freilich Frhling, ein Tanz von
Blten unter blauem Himmel.

Er ist ein Herr der feinen Gesellschaft, sagte der Bursche finster.

Ein Prinz! rief sie mit melodischer Stimme. Was willst du mehr?

Er wird dich zu seiner Sklavin machen.

Ich erschrecke bei dem Gedanken, frei zu sein!

Ich rate dir, dich vor ihm zu hten.

Ihn sehen, heit ihn anbeten, ihn kennen, heit ihm vertrauen!

Sibyl, deine Liebe macht dich verrckt.

Sie lachte und nahm seinen Arm. Du lieber, alter Jim, du sprichst, als
wrest du hundert Jahre alt. Eines schnen Tages wirst du selbst lieben.
Dann wirst du wissen, was das heit. Guck mich nicht so brummig an. Du
solltest dich freuen in dem Bewutsein, da du mich, obwohl du gehst,
glcklicher zurcklt, als ich je gewesen bin. Das Leben ist bisher
hart fr uns gewesen, furchtbar hart und schwer. Aber jetzt wird's
anders. Du gehst in eine neue Welt, und ich habe eine neue gefunden. --
Da sind zwei Sthle frei, wir wollen uns setzen und die eleganten Leute
Revue passieren lassen.

Sie setzten sich mitten in eine Menge von Zuschauern. Die Tulpenbeete
lngs des Weges flammten wie beschwrende Feuerglocken. Ein weier
Dunst wie eine zitternde Wolke von Veilchenpuder hing in der schwlen
Luft. Die hellfarbigen Sonnenschirme tanzten auf und ab wie
Riesenschmetterlinge.

Sie brachte ihren Bruder dazu, da er von sich, seinen Aussichten und
seinen Plnen sprach. Er redete zgernd und mhsam. Sie lieen ihre
Worte langsam aufeinanderfolgen, wie sich Spieler ihre Points ansagen.
Sibyl fhlte sich niedergedrckt. Sie konnte ihre Freude nicht
mitteilen. Ein schwaches Lcheln, das seinen vergrmten Mund umspielte,
war die einzige Antwort, die sie erhielt. Nach einiger Zeit verstummten
sie beide. Pltzlich erblickte sie den Schimmer goldenen Haares und
lachende Lippen, und in einem offenen Wagen fuhr Dorian Gray mit zwei
Damen vorbei.

Sie sprang auf. Da ist er! rief sie.

Wer? fragte Jim Vane.

Der Mrchenprinz, antwortete sie, und sphte dem Wagen nach.

Er sprang auf und fate rauh ihren Arm. Zeig' ihn mir. Welcher ist es?
Zeig' ihn mir, ich mu ihn sehen! rief er. Aber in diesem Augenblick
fuhr der Viererzug des Herzogs von Verwick dazwischen, und als die
Aussicht wieder frei war, hatte der Wagen schon den Park verlassen.

Er ist fort, murmelte Sibyl traurig. Ich wnschte, du httest ihn
gesehen.

Ich wnschte es auch, denn so wahr ein Gott im Himmel ist, wenn er dir
je ein Leides antut, bring' ich ihn um!

Sie sah ihn erschreckt an. Er wiederholte seine Worte. Sie
durchschnitten die Luft wie ein Dolch. Die Leute ringsherum fingen an,
auf sie hinzustarren. Eine Dame ganz in der Nhe kicherte.

Komm fort, Jim; komm fort, flsterte sie. Er ging ihr verbissenen
Mundes nach, als sie die Menge durchschritt. Er war zufrieden, da er
das gesagt hatte.

Als sie bei der Achillesstatue war, drehte sie sich nach ihm um. In
ihren Augen lag Mitleid, das auf ihren Lippen zu einem Lachen wurde. Sie
schttelte den Kopf ber ihn. Du bist verdreht, Jim, vllig verdreht;
ein ungezogener Bubi, sonst nichts. Wie kannst du so was Hliches
sagen? Du weit gar nicht, was du zusammensprichst. Du bist einfach
eiferschtig und unfreundlich. Ach! ich wollte, da du dich einmal
verliebst. Liebe macht die Menschen gut, und was du gesagt hast, war
schlecht.

Ich bin erst sechzehn, antwortete er, aber ich wei, was ich zu tun
habe. Mutter kann dir nicht helfen. Sie versteht es nicht, dich zu
beschtzen. Ich wnschte jetzt, ich ginge berhaupt nicht nach
Australien. Ich hab' nicht bel Lust, die ganze Sache zu lassen. Ich
tt's, wenn mein Vertrag nicht schon unterschrieben wre.

Ach, sei nicht so ernsthaft, Jim. Du bist wie einer von den Helden aus
den albernen Melodramen, in denen Mutter so gern gespielt hat. Ich will
mich mit dir nicht streiten. Ich hab' ihn gesehen, und ihn sehen, ist
vollkommenes Glck. Wir wollen nicht streiten. Ich wei, da du einem,
den ich liebe, nie etwas antun wirst, nicht?

Solange du ihn liebst, wohl kaum, war die finstere Antwort.

Ich werde ihn immer lieben! rief sie.

Und er?

Auch immer.

Das ist sein Glck!

Sie schrak vor ihm zurck. Dann lachte sie und legte die Hand auf seinen
Arm. Er war doch nur ein Junge.

Am Marble Arch bestiegen sie einen Omnibus, der sie in die Nhe ihrer
armseligen Wohnung in Euston Road brachte. Es war schon fnf Uhr
vorber, und Sibyl mute sich noch, bevor sie auftrat, ein paar
Stndchen niederlegen. Jim bestand darauf, da sie es tte. Er sagte, er
wrde lieber von ihr Abschied nehmen, wenn die Mutter nicht dabei wre.
Sie wrde sicher eine Szene machen, und er verabscheue Szenen aller Art.

Sie nahmen in Sibyls Zimmer Abschied. Im Herzen des jungen Menschen
brannte Eifersucht und ein grimmer, mrderischer Ha auf den Fremden,
der, wie er meinte, zwischen sie getreten war. Als sich aber ihre Arme
um seinen Hals schlangen, und ihre Finger durch sein Haar fuhren, wurde
er sanfter und kte sie mit wirklicher Zrtlichkeit. Als er
hinunterging, standen Trnen in seinen Augen.

Die Mutter wartete unten auf ihn. Als er eintrat, murrte sie ber seine
Unpnktlichkeit. Er gab keine Antwort, sondern setzte sich an sein
krgliches Mahl. Die Fliegen summten um den Tisch und krochen ber das
fleckige Tischtuch. Durch das Gerassel der Omnibusse und das Rackern der
Droschken konnte er die einfrmige Stimme hren, die ihn um jede Minute
beraubte, die ihm noch brig blieb.

Nach einer Weile schob er seinen Teller zurck und sttzte den Kopf in
die Hnde. Er fhlte, da er ein Recht habe, es zu wissen. Wenn die
Dinge lagen, wie er vermutete, htte man es ihm lngst sagen sollen.
Gepeinigt von Furcht, beobachtete ihn die Mutter. Die Worte trpfelten
ihr mechanisch von den Lippen. Ihre Finger zerknllten ein zerrissenes
Spitzentaschentuch. Als die Uhr sechs schlug, stand er auf und ging zur
Tr. Dann wandte er sich um und sah sie an. Ihre Blicke begegneten sich.
In den ihren las er ein inbrnstiges Bitten um Mitleid. Das machte ihn
erst recht zornig.

Mutter, ich mu dich was fragen, sagte er. Ihre Augen irrten im Zimmer
umher. Sie gab keine Antwort. Sag' mir die Wahrheit! Ich hab' ein
Recht, es zu erfahren! Warst du mit meinem Vater verheiratet?

Sie stie einen tiefen Seufzer aus. Es war ein Seufzer der
Erleichterung. Der schreckliche Augenblick, der Augenblick, vor dem sie
Tag und Nacht seit Wochen und Monaten gebangt hatte, war endlich
gekommen, und doch empfand sie keine Furcht. Ja, es war fr sie
gewissermaen eine Enttuschung. Die grobe Unumwundenheit der Frage
heischte eine unumwundene Antwort. Die Situation war nicht langsam
gesteigert worden. Es war roh. Es erinnerte sie an eine milungene
Deklamation.

Nein, antwortete sie, erstaunt ber die harte Einfachheit des Lebens.

Dann war mein Vater ein Schuft! schrie der Bursche und ballte die
Faust.

Sie schttelte den Kopf. Ich wute, da er nicht frei war. Wir haben
uns sehr lieb gehabt. Wenn er am Leben geblieben wre, htte er fr uns
gesorgt. Sage nichts gegen ihn, mein Sohn. Er war dein Vater und ein
Gentleman. Er hatte wirklich hohe Verbindungen.

Ein Fluch kam ber seine Lippen. Es bekmmert mich nicht meinetwegen,
rief er, aber la Sibyl nicht... Ist es ein Gentleman oder nicht, der
sie liebt, oder so sagt? Mit hohen Verbindungen, vermute ich.

Einen Augenblick lang kam ein schreckliches Gefhl der Demtigung ber
die Frau. Ihr Kopf sank herab. Mit zitternden Hnden wischte sie sich
die Augen. Sibyl hat eine Mutter, flsterte sie, ich hatte keine.

Der junge Mensch war gerhrt. Er ging zu ihr hin, beugte sich ber sie
und kte sie. Es tut mir leid, wenn ich dich mit der Frage nach meinem
Vater verletzt habe, sagte er, aber ich konnte nicht anders. Jetzt mu
ich fort. Lebewohl! Vergi nicht, da du jetzt nur noch ein Kind zu
beschtzen hast, und glaube mir, wenn dieser Mann meiner Schwester ein
Leid zufgt, dann bringe ich schon heraus, wer es ist, spre ihn auf und
schlage ihn tot wie einen Hund. Das schwre ich dir!

Die wahnwitzige bertreibung seines Schwurs, die leidenschaftlichen
Handbewegungen, die ihn begleiteten, die tollen, melodramatischen Worte
machten der alten Frau das Leben wieder interessanter. Diese Atmosphre
war ihr vertraut. Sie atmete wie erlst, und zum erstenmal seit vielen
Monaten bewunderte sie frmlich ihren Sohn. Sie htte die Szene gern auf
derselben Gefhlshhe fortgesetzt, aber er brach sie kurz ab. Koffer
muten heruntergebracht und Decken beschafft werden. Der Hausknecht des
Mietshauses rannte geschftig hin und her. Mit dem Kutscher wurde der
Preis abgehandelt. So wurde der Augenblick durch gemeine Einzelheiten
verzettelt. Mit einem erneuten Gefhl der Enttuschung stand sie am
Fenster und lie das zerrissene Spitzentaschentuch durch die Luft
wimpeln, als ihr Sohn wegfuhr. Es war ihr zumute, als sei eine groe
Gelegenheit verpat worden. Sie trstete sich, indem sie Sibyl sagte,
wie de knftig ihr Leben sein werde, da sie jetzt nur ein einziges Kind
zu behten habe. Diesen Satz hatte sie sich gemerkt. Er hatte ihr
gefallen. Von seinem Schwur sagte sie nichts. Er war lebendig und
dramatisch deklamiert worden. Sie hatte die Empfindung, da sie alle
eines Tages darber lachen wrden.




Sechstes Kapitel


Du hast doch schon die letzte Neuigkeit gehrt, Basil? sagte Lord
Henry am selben Abend, als Hallward in das kleine Separatzimmer im
Bristol trat, wo fr drei Personen zum Essen gedeckt war.

Nein, Harry, antwortete der Knstler, whrend er Hut und Rock dem
dienernden Kellner gab. Was ist es? Nichts ber Politik, hoffe ich. Die
interessiert mich nicht. Im ganzen Unterhause gibts keinen einzigen
Menschen, den man malen mchte; wenn auch einigen von ihnen zur
Aufbesserung etwas Firnis nicht schaden knnte.

Dorian Gray hat sich verlobt, sagte Lord Henry und beobachtete ihn,
whrend er sprach.

Hallward fuhr zurck und runzelte sofort die Stirn. Dorian verlobt!
rief er. Unmglich!

Es ist wahrhaftig wahr.

Mit wem?

Mit irgendeiner kleinen Schauspielerin.

Ich kann's nicht glauben. Dorian ist viel zu verstndig.

Dorian ist viel zu klug, um nicht von Zeit zu Zeit verrckte Sachen zu
begehen, lieber Basil.

Heiraten ist kaum eine Sache, die man von Zeit zu Zeit tun kann,
Harry.

Auer in Amerika, erwiderte Lord Henry nachlssig. Aber ich habe ja
nicht gesagt, da er verheiratet sei. Ich sagte, er sei verlobt. Das ist
ein groer Unterschied. Ich erinnere mich ganz deutlich, verheiratet zu
sein, aber ich kann mich nicht erinnern, verlobt gewesen zu sein. Ich
glaube fast, da ich mich nie verlobt habe.

Aber berlege doch Dorians Geburt, seine Stellung, sein Vermgen. Es
wre sinnlos, wenn er so tief unter seinem Stande heiraten wrde.

Wenn du willst, da er dies Mdchen heiratet, so brauchst du ihm das
nur zu sagen, Basil. Dann tut er's gewi. Wenn ein Mann etwas auserlesen
Dummes tut, tut er's immer aus den edelsten Beweggrnden.

Ich hoffe, es ist ein gutes Mdchen, Harry. Ich mchte Dorian nicht an
irgendein gewhnliches Wesen gefesselt sehen, das ihn herabzieht und
seinen Geist verdirbt.

Oh, sie ist mehr als gut -- sie ist schn, sagte Lord Henry und nippte
an einem Glas Wermut mit Pomeranzen. Dorian sagt, sie ist schn, und in
Dingen dieser Art irrt er nicht hufig. Sein Bild von ihm hat sein
Urteil ber die uere Erscheinung anderer Menschen geschrft. Es hat
unter anderem diesen glnzenden Erfolg gezeigt. Wir sollen sie heute
abend sehen, wenn der Junge seine Abmachung nicht vergit.

Ist das dein Ernst?

Vollstndig, Basil. Es wrde schlimm fr mich sein, wenn ich je im
Leben ernsthafter sein mte als jetzt.

Aber billigst du es denn, Harry? fragte der Maler, der im Zimmer auf
und ab ging und sich auf die Lippen bi. Du kannst es doch ganz
unmglich billigen. Es ist eine trichte Verblendung.

Ich billige oder mibillige nie wieder etwas. Sowas bringt einen in
eine ganz verrckte Stellungnahme zum Leben. Wir sind nicht in die Welt
geschickt worden, um unsere moralischen Vorurteile glnzen zu lassen.
Ich nehme nie Notiz von dem, was gewhnliche Leute sagen, und ich mische
mich nie in Dinge, die reizende Leute vorhaben. Wenn mich eine
Persnlichkeit fesselt, dann ist jede Ausdrucksform, die sich diese
Persnlichkeit aussucht, fr mich erfreulich. Dorian Gray verliebt sich
in ein schnes Mdchen, das die Julia spielt, und will sie heiraten.
Warum nicht? Wenn er Messalina heiraten wollte, wrde er nicht weniger
interessant sein. Du weit, ich bin kein Eheapostel. Der eigentliche
Nachteil der Ehe ist, da man selbstlos wird. Und selbstlose Menschen
sind farblos. Sie werden unpersnlich. Jedoch gibt es gewisse
Temperamente, die durch die Ehe komplizierter werden. Sie behalten ihren
Egoismus und erweitern ihn durch eine Reihe anderer Ichs. Sie sehen sich
gezwungen, mehr als ein einzelnes Leben zu fhren. Sie werden feiner
organisiert, und feiner organisiert zu werden, scheint mir der Zweck des
menschlichen Lebens. berdies hat jede Erfahrung ihren Wert, und was man
auch gegen die Ehe sagen kann, eine Erfahrung ist sie sicher. Ich hoffe,
Dorian Gray wird dies Mdchen heiraten, wird sie sechs Monate hindurch
leidenschaftlich anbeten, und dann wird ihn pltzlich eine andere
anziehen. Es wre prachtvoll, das zu beobachten.

Du glaubst kein einziges Wort von alledem, Harry; und das weit du
auch. Wenn Dorian Grays Leben zerstrt wrde, wre kein Mensch trauriger
als du. Du bist viel besser, als du vorgibst.

Lord Henry lachte. Der Grund, weshalb wir alle so gut von anderen
denken, ist der, da wir alle Angst vor uns selber haben. Die Grundlage
des Optimismus ist nichts als Furcht. Wir halten uns fr groherzig,
weil wir unserem Nachbar Tugenden zuschreiben, aus denen fr uns ein
Nutzen erwachsen knnte. Wir rhmen den Bankier, damit wir unser Konto
berschreiten knnen, und finden im Buschklepper gute Eigenschaften in
der Hoffnung, da er unseren Geldbeutel verschonen wird. Ich glaube
jedes Wort, das ich gesprochen habe. Ich habe die grte Verachtung fr
den Optimismus. Was das zerstrte Leben betrifft, so ist kein Leben
zerstrt, dessen Wachstum nicht gehemmt wird. Wenn man eine
Persnlichkeit verderben will, braucht man sie nur zu verbessern. Die
Ehe allerdings ist eine Narretei, aber es gibt andere und interessantere
Bande zwischen Mann und Frau. Natrlich wrde ich dazu eher raten. Sie
haben den Reiz, fashionabel zu sein. Aber da ist Dorian selbst. Er wird
dir mehr sagen, als ich es kann.

Lieber Harry, lieber Basil, ihr mt mir beide Glck wnschen, sagte
der Jngling, whrend er den Abendmantel mit den atlasgeftterten
Flgeln abwarf und den Freunden die Hand schttelte. Ich war niemals so
selig. Natrlich ist alles pltzlich gekommen; alles Entzckende kommt
pltzlich. Und doch scheint es das einzige gewesen zu sein, wonach ich
mein Leben lang auf der Suche war. Er glhte vor Aufregung und Freude
und sah auerordentlich hbsch aus.

Ich hoffe, du wirst immer sehr glcklich sein, Dorian, sagte Hallward,
aber ich kann es dir nicht ganz verzeihen, da du mir deine Verlobung
nicht mitgeteilt hast. Harry hast du es mitgeteilt.

Und ich kann es dir nicht verzeihen, da du zu spt kommst, fiel Lord
Henry lchelnd ein und legte seine Hand auf die Schulter des jungen
Mannes. Komm, wir wollen uns setzen und versuchen, was der neue Chef
hier kann, und dann erzhlst du uns, wie alles gekommen ist.

Da ist wirklich nicht viel zu erzhlen! rief Dorian, als sie sich um
den kleinen Tisch gesetzt hatten. Was geschah, war einfach so. Als ich
dich gestern abend verlie, Harry, zog ich mich an, a in dem kleinen
italienischen Restaurant in Rupert Street, das ich durch dich
kennengelernt habe, und ging um acht Uhr ins Theater. Sibyl spielte die
Rosalinde. Natrlich war die Dekoration greulich und der Orlando zum
Lachen. Aber Sibyl! Ihr httet sie sehen sollen. Als sie in ihren
Knabenkleidern auftrat, war sie einfach wunderbar. Sie trug ein
moosgrnes Samtwams mit zimtbraunen rmeln, eine kurze, braune, berm
Knie kreuzweise geschnrte Hose, ein reizendes grnes Barett mit einer
Falkenfeder, die von einem funkelnden Stein gehalten wurde, und war in
einen dunkelrot geftterten Kapuzenmantel gehllt. Sie war mir nie
schner vorgekommen. Sie hatte all die zarte Grazie der Tanagrafigur,
die du in deinem Atelier hast, Basil. Das Haar schlang sich um ihr
Gesicht wie dunkles Laub um eine blasse Rose. Und ihr Spiel -- nun, ihr
werdet sie heute abend sehen. Sie ist eben eine geborene Knstlerin. Ich
sa ganz verzaubert in der schmierigen Loge. Ich verga, da ich in
London war und im neunzehnten Jahrhundert lebte. Ich war mit meiner
Geliebten weit fort in einem Wald, den noch kein Menschenauge gesehen
hatte. Nach der Vorstellung ging ich hinter die Bhne und sprach mit
ihr. Als wir nebeneinander saen, trat pltzlich ein Ausdruck in ihre
Augen, den ich nie vorher gesehen hatte. Meine Lippen fhlten sich zu
ihr hingezogen. Wir kten uns beide. Ich kann euch nicht beschreiben,
was ich in dem Augenblick gefhlt habe. Mir schien, da all mein Leben
in einen vollkommenen Moment rosenfarbiger Wonne zusammengepret wre.
Sie zitterte am ganzen Leibe und bebte wie eine weie Narzisse. Dann
warf sie sich auf die Knie und kte meine Hnde. Ich wei, ich sollte
euch das alles nicht erzhlen, aber ich kann mir nicht helfen. Natrlich
ist unsere Verlobung tiefstes Geheimnis. Sie hat nicht einmal zu ihrer
Mutter davon gesprochen. Ich wei nicht, was meine Vormnder dazu sagen
werden. Lord Radley wird sicher wtend sein. Ist mir ganz gleich. In
weniger als einem Jahre bin ich volljhrig und kann dann machen, was ich
will. Hatte ich nicht recht, Basil, meine Geliebte aus dem Reich der
Dichtung wegzuholen und meine Frau in Shakespeares Stcken zu finden?
Lippen, die Shakespeare reden gelehrt hat, haben mir ihr Geheimnis ins
Ohr geflstert. Rosalindens Arme lagen um meinen Hals, und ich habe
Julia auf den Mund gekt.

Ja, Dorian, ich glaube, du tatest recht, sagte Hallward langsam.

Hast du sie heute schon gesehen? fragte Lord Henry.

Dorian Gray schttelte den Kopf. Ich verlie sie im Ardennenwald und
werde sie in einem Garten von Verona wiederfinden.

Lord Henry schlrfte nachdenklich seinen Champagner. In welchem
Augenblick hast du von Heirat gesprochen, Dorian? Und was erwiderte sie
darauf? Vielleicht hast du das schon ganz vergessen.

Lieber Harry, ich habe es nicht als Geschft behandelt und habe ihr
keinen frmlichen Antrag gemacht. Ich sagte ihr, da ich sie liebe, und
sie sagte, sie verdiene nicht, mein Weib zu sein. Nicht verdienen! Was
ist denn die ganze Welt fr mich, wenn ich sie mit ihr vergleiche!

Die Frauen sind wunderbar praktisch, murmelte Lord Henry -- viel
praktischer als wir. In Situationen dieser Art vergessen wir oft, etwas
von Heirat zu erwhnen, und sie erinnern uns immer daran.

Hallward legte die Hand auf seinen Arm. Nicht doch, Harry. Du krnkst
Dorian. Er ist nicht wie andere Mnner. Er wrde nie jemand unglcklich
machen. Seine Natur ist dafr zu edel.

Lord Henry blickte ber den Tisch. Dorian fhlt sich nie gekrnkt durch
mich, antwortete er. Ich habe aus dem besten Grund gefragt, den es
geben kann, aus dem einzigen Grund, der eine Entschuldigung fr eine
Frage ist -- einfach aus Neugier. Ich habe eine Theorie, wonach es immer
Frauen sind, die uns einen Antrag machen, und nicht wir den Frauen.
Natrlich ausgenommen die Mittelklassen. Aber die Mittelklassen sind
eben nicht modern.

Dorian Gray lachte und schttelte den Kopf. Du bist ganz
unverbesserlich, Harry; aber ich bin nicht bse. Man kann dir ja gar
nicht bse sein. Wenn du Sibyl Vane siehst, wirst du fhlen, da der
Mann, der ihr ein Leid antun kann, ein Tier sein mu, ein herzloses
Tier. Ich kann nicht begreifen, wie man es ber sich gewinnen kann, ein
Wesen, das man liebt, in Schande zu bringen. Ich liebe Sibyl Vane. Ich
mchte sie auf einen goldenen Sockel stellen und dann sehen, wie die
ganze Welt das Weib anbetet, das mir gehrt. Was ist Ehe? Ein
unwiderrufliches Gelbde. Du spottest deshalb darber. Ach, spotte
nicht! Ein unwiderrufliches Gelbde will ich ablegen. Ihr Vertrauen
macht mich treu, ihr Glaube macht mich gut. Wenn ich bei ihr bin,
verleugne ich alles, was du mich gelehrt hast. Ich werde ein ganz
anderer Mensch als der, den du in mir siehst. Ich bin verwandelt, und
die bloe Berhrung von Sibyl Vanes Hand lt mich alle deine falschen,
bezaubernden, vergifteten, entzckenden Theorien vergessen.

Und die wren? fragte Lord Henry, whrend er Salat nahm.

Oh, deine Theorien ber das Leben, deine Theorien ber die Liebe, deine
Theorien ber den Genu. Tatschlich alle deine Theorien, Harry.

Genu ist das einzige auf der Welt, das eine Theorie verdient,
antwortete er mit seiner sanften, musikalischen Stimme. Aber ich
frchte, es ist nicht meine eigene Theorie. Sie gehrt der Natur, nicht
mir. Genu ist das Siegel der Natur, das Zeichen ihrer Zustimmung. Wenn
wir glcklich sind, dann sind wir immer gut, aber wenn wir gut sind,
sind wir nicht immer glcklich.

Ah, doch, was verstehst du unter gut? rief Basil Hallward.

Ja, wiederholte Dorian, indem er sich in seinem Stuhl zurcklehnte und
ber den massigen Strau rotblutiger Schwertlilien in der Mitte des
Tisches zu Lord Henry blickte, was verstehst du unter gut, Harry?

Gut sein, heit mit sich selbst im Einklang sein, antwortete er, den
dnnen Stengel seines Glases mit blassen, feingespitzten Fingern
umfassend. Miklang heit es, mit anderen bereinstimmen mssen. Das
eigene Leben -- das ist es, worauf es ankommt. Was das Leben unserer
Nachbarn betrifft, nun, wenn man durchaus ein Affe oder ein Puritaner
sein will, dann mag man ihnen ja seine moralischen Ansichten ins Gesicht
schleudern, aber sie gehen einen schlielich gar nichts an. Abgesehen
davon, hat der Individualismus in der Tat die hheren Ziele. Die moderne
Sittlichkeit besteht darin, da man den Mastab seiner Zeit anerkennt.
Ich habe die Meinung, da jeder kultivierte Mensch, der den Mastab
seiner Zeit anerkennt, damit eines der grbsten Sittlichkeitsverbrechen
begeht.

Wenn man aber nur fr sich selbst lebt, Harry, mu man da nicht einen
furchtbaren Preis dafr zahlen? fragte der Maler.

Ja, heutzutage werden wir in allem berteuert. Ich glaube, die
wirkliche Tragdie der Armut ist die, da sich die Armen nichts leisten
knnen als Selbstverleugnung. Schne Snden sind wie alle schnen Dinge
ein Vorrecht der begterten Klassen.

Man mu in anderer Mnze zahlen als mit Geld.

In welcher Mnze, Basil?

Ich meine mit Gewissensbissen, mit Schmerzen, mit... na eben mit dem
Gefhl der Erniedrigung.

Lord Henry zuckte die Achseln. Mein lieber Junge, die mittelalterliche
Kunst ist etwas Entzckendes, aber mittelalterliche Gefhle sind nicht
mehr Mode. Man kann sie freilich in der Dichtung gebrauchen. Aber die
einzigen Dinge, die in Dichtungen zu verwerten sind, sind solche, um die
man sich in der Wirklichkeit nicht mehr kmmert. Glaube mir, kein
zivilisierter Mensch bereut einen durchlebten Genu, und kein
unzivilisierter Mensch wei, was ein Genu ist.

Ich wei, was ein Genu ist! rief Dorian Gray. Jemand anbeten.

Das ist jedenfalls besser, als angebetet zu werden, antwortete Harry,
whrend er mit einigen Frchten spielte. Angebetet zu werden, ist
peinlich. Die Weiber behandeln uns genau so wie die Menschheit ihre
Gtter. Sie beten uns an und qulen uns unaufhrlich, irgendwas fr sie
zu tun.

Ich wrde sagen, alles, was sie von uns verlangen, haben sie uns zuerst
geschenkt, sagte der Jngling ernst und leise. Sie erzeugen die Liebe
in uns. Sie haben ein Recht, sie dann zurckzuverlangen.

Das ist ganz richtig, Dorian, rief Hallward.

Ganz richtig ist niemals etwas, sagte Lord Henry.

Das ist es, unterbrach Dorian. Du mut zugeben, Harry, da nur die
Frauen den Mnnern das reinste Gold des Lebens schenken.

Vielleicht, seufzte er, aber unweigerlich verlangen sie es dann in
Kleingeld umgewechselt zurck. Das ist der Jammer dabei. >Die Frauen,<
hat einmal ein witziger Franzose gesagt, >regen uns an, Meisterwerke zu
schaffen, und verhindern uns immer, sie auszufhren.<

Harry, du bist schrecklich! Ich wei gar nicht, warum ich dich so gern
habe.

Du wirst mich immer gern haben, Dorian, antwortete er. Wollen wir
Kaffee trinken, Kinder? -- Kellner, bringen Sie Kaffee, fine Champagne
und Zigaretten. Nein, lassen Sie die Zigaretten, ich habe selbst bei
mir. Basil, ich kann dir nicht erlauben, Zigarren zu rauchen. Du mut
eine Zigarette nehmen. Eine Zigarette ist der vollendete Ausdruck eines
vollendeten Genusses. Er ist kstlich und lt dabei unbefriedigt. Was
will man mehr verlangen? Ja, Dorian, du wirst mich immer lieb haben. Ich
bin fr dich der Inbegriff aller Snden, die du zu begehen nie den Mut
haben wirst.

Was fr Unsinn du redest, Harry! rief der junge Mann, whrend er seine
Zigarette an dem feuerspeienden Silberdrachen anzndete, den der Kellner
auf den Tisch gestellt hatte. Wir wollen jetzt ins Theater. Wenn Sibyl
auftritt, werdet ihr ein neues Lebensideal bekommen. Sie wird euch etwas
offenbaren, das ihr noch nicht gekannt habt.

Ich habe alles kennengelernt, sagte Lord Henry mit einem mden
Ausdruck in den Augen, aber ich bin immer bereit, mir eine neue Emotion
zu verschaffen. Nur frchte ich, da es fr mich derlei kaum noch gibt.
Immerhin, dein wunderbares Mdchen wird mich vielleicht erschttern. Ich
liebe die Schauspielkunst. Sie ist soviel wirklicher als das Leben. Wir
wollen gehen. Dorian, du kannst bei mir einsteigen. Basil, es tut mir
leid, aber in meinem Brougham ist nur Platz fr zwei. Du mut schon in
einer Droschke nachfahren.

Sie standen auf, zogen ihre Rcke an und tranken den Kaffee im Stehen.
Der Maler war schweigsam und bedrckt. Ein dsteres Gefhl lastete auf
ihm. Er konnte diese Ehe nicht gutheien, und sie schien ihm doch besser
zu sein als manches andere, das htte geschehen knnen. Nach einigen
Minuten gingen sie gemeinsam die Treppe hinunter. Er fuhr, wie
verabredet, allein, und sah auf die blitzenden Lichter des kleinen
Wagens, der vor ihm dahinrollte. Das seltsame Gefhl eines groen
Verlustes berkam ihn. Er fhlte, da Dorian Gray nie wieder das fr ihn
sein wrde, was er ihm frher gewesen war. Das Leben war zwischen sie
getreten... Vor seinen Augen ward es dunkel, und die menschenvollen,
erleuchteten Straen verschwammen vor seinem Blick. Als seine Droschke
am Theater vorfuhr, schien es ihm, als sei er um viele Jahre lter
geworden.




Siebentes Kapitel


Aus irgendeinem Grunde war das Haus an diesem Abend besonders dicht
gefllt, und der fette jdische Direktor, der sie an der Tr empfing,
strahlte von einem Ohr zum anderen in einem ligen, zuckenden Lcheln.
Er begleitete sie zu ihrer Loge mit einer gewissen prahlerischen Demut,
die feisten, juwelenbedeckten Hnde hastig bewegend und sich mit der
Stimme beinahe berschlagend. Dorian verabscheute ihn mehr als je. Er
hatte das Gefhl, als sei er gekommen, um Miranda zu besuchen und
Caliban habe ihn empfangen. Dagegen hatte Lord Henry etwas fr ihn
brig. Wenigstens erklrte er, da er ihm gefiele, bestand darauf, ihm
die Hand zu schtteln und versicherte ihm, er sei stolz darauf, einen
Mann kennenzulernen, der ein bedeutendes Genie entdeckt habe und an
einem Dichter bankerott geworden sei. Hallward unterhielt sich damit,
die Gestalten im Stehparterre zu beobachten. Die Hitze war uerst
drckend, und der riesige Sonnenkronleuchter flammte wie eine
gigantische Dahlie mit Blttern von gelbem Feuer. Die jungen Leute auf
der Galerie hatten Rcke und Westen ausgezogen und sie ber die Brstung
gehngt. Sie riefen einander quer ber das ganze Theater zu und
ftterten die grell gekleideten Mdchen neben ihnen mit Orangen. Ein
paar Weiber unten im Stehparterre lachten. Ihre Stimmen waren
schrecklich schrill und unangenehm. Vom Bfett her hrte man Flaschen
entkorken.

Was fr ein sonderbarer Platz, um seine Gttin zu finden! sagte Lord
Henry.

Ja, erwiderte Dorian Gray. Hier habe ich sie gefunden, und sie ist
gttlicher als alles Lebendige. Wenn sie spielt, wirst du alles
vergessen. Diese gewhnlichen rohen Leute mit ihren alltglichen
Gesichtern und brutalen Bewegungen werden ganz verwandelt, sobald sie
auf der Bhne steht. Sie sitzen stumm da und beobachten sie. Sie weinen
und lachen, wenn sie es will. Sie hlt sie in Stimmung, wie man es mit
einer Geige tut. Sie veredelt sie, und man sprt, da sie vom selben
Fleisch und Blut sind wie man selbst.

Vom selben Fleisch und Blut wie man selbst? Oh, ich hoffe nicht! rief
Lord Henry, der die Leute auf der Galerie mit seinem Opernglas musterte.

Hre nicht auf ihn, Dorian! sagte der Maler. Ich begreife, was du
meinst, und ich glaube an dies Mdchen. Der Mensch, den du liebst, mu
wunderbar sein, und jedes Mdchen, das die von dir geschilderte Wirkung
erzielt, mu fein und edel sein. Seine Mitmenschen veredeln -- das
verlohnt der Mhe. Wenn dies Mdchen die beseelen kann, die seelenlos
gelebt haben, wenn sie in Menschen, deren Dasein schmutzig und hlich
war, einen Sinn fr Schnheit wecken kann, wenn sie sie aus ihrem
Eigennutze losreien und ihnen Trnen um Sorgen entlocken kann, die
nicht ihre eigenen sind, dann ist sie deiner Verehrung wert, dann ist
sie der Verehrung der ganzen Welt wert. Solche Heirat ist ganz das
Rechte. Ich dachte zuerst nicht so, aber jetzt gebe ich es zu. Die
Gtter haben Sibyl Vane fr dich geschaffen. Ohne sie wrst du nur
unvollstndig gewesen.

Danke, Basil, antwortete Dorian Gray und drckte ihm die Hand. Ich
wute, da du mich verstehst. Harry ist ein Zyniker, er erschreckt mich.
Aber da kommt das Orchester. Es ist furchtbar, aber es dauert nur knappe
fnf Minuten. Dann geht der Vorhang auf und du erblickst ein Mdchen,
dem ich mein ganzes Leben schenken will, dem ich alles berantwortet
habe, was gut ist in mir.

Eine Viertelstunde spter betrat Sibyl Vane unter einem geruschvollen
Beifallssturm die Bhne. Ja, sie war wirklich entzckend -- eins der
entzckendsten Geschpfe, dachte Lord Henry, die er je gesehen hatte. Es
lag etwas von einem Reh in ihrer scheuen Grazie und ihren erstaunten
Augen. Ein schwaches Errten wie der Widerschein einer Rose in einem
silbernen Spiegel trat auf ihre Wangen, als sie das berfllte und
begeisterte Haus erblickte. Sie trat ein paar Schritte zurck, und ihre
Lippen schienen zu zittern. Basil Hallward sprang auf und begann zu
klatschen. Bewegungslos, und wie in tiefem Traume, sa Dorian Gray da
und sah sie an. Lord Henry starrte unverwandt durch sein Glas und
murmelte: Entzckend! Entzckend!

Die Szene stellte die Halle in Capulets Hause dar, und Romeo war in
seinem Pilgerkleid mit Mercutio und seinen anderen Freunden aufgetreten.
Die Musik prludierte, so gut sie konnte, mit ein paar Akkorden, und der
Tanz fing an. Mitten in dem Gewimmel von ungeschickten, schbig
gekleideten Schauspielern bewegte sich Sibyl Vane wie ein Geschpf aus
einer hheren Welt. Ihr Krper schwebte im Tanze wie eine Blume auf dem
Wasser. Die Linien ihres Halses glichen denen einer weien Lilie. Ihre
Hnde schienen aus khlem Elfenbein zu sein.

Und doch schien sie von seltsamer Abwesenheit. Sie zeigte kein Zeichen
der Freude, whrend ihr Auge auf Romeo ruhte. Die wenigen Worte, die sie
zu sprechen hatte --

    Nein, Pilger, lege nichts der Hand zuschulden
    Fr ihren sittsam-andachtsvollen Gru;
    Der Heiligen Rechte darf Berhrung dulden,
    Und Hand in Hand ist frommer Waller Ku --

mit dem kurzen Dialog, der folgt, sprach sie in einem ganz geknstelten
Tone. Die Stimme klang wundervoll, aber der Ton ganz verfehlt. Er traf
die Stimmungsfarbe nicht. Er nahm den Versen alles Leben. Er machte die
Leidenschaft unwahr.

Dorian Gray erbleichte, als er es hrte. Er war verlegen und erschreckt.
Seine beiden Freunde wagten nicht, ihm etwas zu sagen. Sie schien ja
ganz talentlos zu sein. Sie waren furchtbar enttuscht.

Aber sie wuten, da der wahre Prfstein fr jede Julia die Balkonszene
im zweiten Akt sei. Darauf warteten sie. Wenn sie hier versagte, war
nichts an ihr.

Sie sah reizend aus, als sie im Mondschein auftrat. Das konnte niemand
leugnen. Aber das Theatralische ihres Spiels war unertrglich und wurde
im Verlauf immer rger. Ihre Gesten waren lcherlich geknstelt. Sie
bertrieb das Pathos von allem, was sie zu sagen hatte. Die wundervollen
Verse --

    Du weit, die Nacht verschleiert mein Gesicht,
    Sonst frbte Mdchenrte meine Wangen
    Um das, was du vorhin mich sagen hrtest --

deklamierte sie mit der peinlichen Genauigkeit eines Schulmdchens, das
einen mittelmigen Vortragslehrer in der Schule gehabt hat. Als sie
sich ber den Balkon lehnte und zu den herrlichen Versen kam --

    Obwohl ich dein mich freue,
    Freu' ich mich nicht des Bundes dieser Nacht:
    Er ist zu rasch, zu unbedacht, zu pltzlich,
    Gleicht allzusehr dem Blitz, der schon vorbei,
    Noch eh' man sagen kann: es blitzt. -- Schlaf s!
    Mag warmer Sommerhauch die Liebesknospe
    Zur Blume bis zum Wiedersehn entfalten --

sprach sie die Worte, als enthielten sie keinerlei Sinn fr sie. Es war
nicht Aufregung. Nein, weit entfernt davon, erregt zu sein, schien sie
ganz mit sich zufrieden. Es war einfach schlechte Kunst. Es war ein
richtiger Abfall.

Selbst das gewhnliche, ungebildete Publikum auf Stehplatz und Galerie
verlor sein Interesse am Stck. Man wurde unruhig und begann laut zu
sprechen und zu zischen. Der jdische Direktor, der im Hintergrunde des
ersten Ranges stand, stampfte mit den Fen und fluchte vor Wut. Einzig
und allein unbewegt war das Mdchen selbst.

Als der zweite Akt vorber war, brach ein Sturm von Zischen los, und
Lord Henry stand von seinem Stuhl auf und zog seinen Rock an. Sie ist
wunderschn, Dorian, sagte er, aber sie kann nicht spielen. Wir wollen
gehen.

Ich will das Stck zu Ende sehen, antwortete der junge Mann mit
harter, bitterer Stimme. Es tut mir uerst leid, da ich dich
veranlat habe, einen Abend zu vergeuden, Harry. Ich mu mich bei euch
beiden entschuldigen.

Mein lieber Dorian, ich glaube, Mi Vane war krank, unterbrach ihn
Hallward. Wir wollen an einem anderen Abend wiederkommen.

Ich wnschte, sie wre krank, erwiderte er. Aber ich glaube, sie hat
nur kein Gefhl und ist kalt. Sie ist vllig verndert. Gestern abend
war sie eine groe Knstlerin. Heute abend ist sie nur eine gewhnliche,
mittelmige Schauspielerin.

Sprich nicht so ber jemand, den du liebst, Dorian. Liebe ist etwas
viel Wunderbareres als Kunst.

Es sind beides nur Formen der Nachahmung, bemerkte Lord Henry. Aber
wir wollen gehen. Dorian, du darfst nicht lnger hier bleiben. Es
schadet der Moral, schlechte Schauspielkunst zu sehen. Ich glaube
brigens nicht, da du deine Frau auftreten lassen wirst. Was liegt also
daran, ob sie die Julia wie eine Holzpuppe spielt! Sie ist wirklich
bezaubernd, und wenn sie so wenig vom Leben wei wie vom Theaterspielen,
wird sie dir eine kstliche Erfahrung sein. Es gibt nur zwei Arten
fesselnder Menschen -- solche, die alles wissen, und solche, die gar
nichts wissen. Groer Gott, mein lieber Junge, mach' kein so tragisches
Gesicht! Das Rezept, jung zu bleiben, besteht einfach darin, nie eine
Erregung haben, die unzutrglich ist. Komm mit Basil und mir in den
Klub! Wir wollen Zigaretten rauchen und auf Sibyl Vanes Schnheit
trinken. Sie ist schn. Was willst du noch mehr?

Geh, Harry! rief der Jngling. Ich will allein sein. Basil, geh! Ach,
knnt ihr nicht sehen, da mir das Herz bricht? Heie Trnen traten ihm
in die Augen. Seine Lippen bebten, er drckte sich in die dunkelste Ecke
der Loge, lehnte sich an die Wand und verbarg sein Gesicht in den
Hnden.

Komm, Basil, sagte Lord Henry mit seltsam zrtlicher Stimme; und die
beiden jungen Mnner gingen zusammen hinaus.

Ein paar Augenblicke spter flammte die Rampe wieder auf, und der
Vorhang rauschte zum dritten Akt in die Hhe. Dorian Gray ging auf
seinen Platz zurck. Er sah bleich, abwesend, gleichgltig aus. Das
Spiel schleppte sich weiter und schien endlos zu sein. Die Hlfte des
Publikums ging weg, auf schweren Stiefeln trampelnd und lachend. Das
Ganze war ein richtiges Fiasko. Der letzte Akt wurde beinah vor leeren
Bnken gespielt. Der Vorhang fiel unter Zischen und hhnischem Gegrunze.

Sobald es aus war, strzte Dorian Gray hinter die Kulissen in die
Garderobe. Das Mdchen stand allein da, mit einem triumphierenden Zuge
im Antlitz. Die Augen leuchteten in einem merkwrdigen Feuer. Eine Art
Glanz umschwebte sie. Ihre halbgeffneten Lippen lchelten wie ein
Geheimnis, das ihnen allein bewut war.

Als er eintrat, blickte sie ihn an und ein Ausdruck unsglichen Glckes
kam ber sie. Wie schlecht ich heute gespielt habe, Dorian! rief sie.

Schrecklich, antwortete er und sah sie voll Staunen an --
schrecklich. Es war geradezu frchterlich. Bist du krank? Du hast keine
Ahnung, wie es war. Keine Ahnung, was ich durchgemacht habe.

Das Mdchen lchelte. Dorian, antwortete sie und zog seinen Namen mit
einem musikalischen Klang in die Lnge, als wre er den roten Blten
ihres Mundes ser als Honig -- Dorian, du httest begreifen sollen.
Aber jetzt begreifst du, nicht wahr?

Was? fragte er heftig.

Warum ich heute abend so schlecht spielte. Warum ich immer schlecht
spielen werde. Warum ich nie mehr gut spielen werde.

Er zuckte die Achseln. Du bist gewi krank. Wenn du krank bist,
solltest du nicht spielen. Du machst dich nur lcherlich. Meine Freunde
haben sich gelangweilt. Ich ebenfalls.

Sie schien nicht zu hren, was er sagte. Sie war wie verklrt vor
Vergngen. Eine Ekstase des Glcks beherrschte sie.

Dorian, Dorian, rief sie, bevor ich dich kannte, war Spielen die
einzige Wirklichkeit in meinem Leben. Nur im Theater lebte ich. Ich
hielt das alles fr wahr. An einem Abend war ich Rosalinde und Portia am
andern. Beatrices Glck war mein Glck, und Kordelias Trnen waren die
meinen. Ich glaubte an alles. Dies gewhnliche Volk, das mit mir
spielte, schien mir gttlich. Die bemalten Kulissen bedeuteten fr mich
die Welt. Ich kannte nichts als Schatten, und ich nahm sie fr
Wirklichkeit. Da kamst du -- o mein schner Geliebter -- und befreitest
meine Seele aus der Kerkerhaft. Du hast mich gelehrt, was die wahre
Wirklichkeit ist. Heute habe ich zum erstenmal die ganze Hohlheit
durchschaut, den Betrug, die Albernheit des falschen, verlogenen
Flittertandes, zwischen dem ich bisher gespielt habe. Heute abend wute
ich zum ersten Male, da dieser Romeo abscheulich und alt und geschminkt
ist, da der Mond im Garten Blendwerk, die ganze Szenerie ordinr ist
und da die Worte, die ich zu sprechen hatte, nicht wahr, nicht meine
Worte sind, nicht, was ich htte sagen mssen. Du hast mir etwas Hheres
geschenkt, etwas, von dem alle Kunst nur Abglanz ist. Du hast mich
begreifen gelehrt, was Liebe ist. Mein Geliebter! Mein Geliebter! Prinz
Mrchenschn! Prinz meines Lebens! Ich kann die Schatten nicht mehr
ertragen. Du bist mir mehr, als mir alle Kunst je sein kann. Was hab'
ich mit den Puppen eines Spiels zu schaffen? Als ich heute abend
auftrat, konnte ich nicht begreifen, wie es gekommen war, da alles
verschwunden sein sollte. Ich hatte gedacht, ich wrde wundervoll sein.
Ich merkte, da ich durchaus versagte. Pltzlich dmmerte es meiner
Seele, was das alles bedeutete. Es war ein herrliches Wissen. Ich hrte
sie zischen und lchelte. Was konnten die wissen von einer Liebe wie die
unsere? Nimm mich fort, Dorian -- nimm mich mit dir irgendwohin, wo wir
allein sein knnen. Ich hasse das Theater. Ich konnte vielleicht ein
Gefhl darstellen, das ich nicht spre, aber ich kann doch nicht eins
spielen, das mich verbrennt wie Feuer. Ach, Dorian, Dorian, begreifst du
jetzt, was das bedeutet? Selbst wenn ich es zustande brchte, wr' es
Entweihung, zu spielen, whrend ich liebe. Du hast mich sehend gemacht.

Er warf sich auf das Sofa und wandte sein Gesicht ab. Du hast meine
Liebe gettet, murmelte er.

Sie sah ihn staunend an und lachte. Er gab keine Antwort. Sie kam hin zu
ihm und strich mit ihren kleinen Fingern durch sein Haar. Sie kniete
nieder und prete seine Hnde an ihre Lippen. Er schob sie weg, und ein
Schauder berlief ihn.

Dann sprang er auf und schritt zur Tr. Ja, rief er, du hast meine
Liebe gettet. Bisher hast du meine Phantasie gefesselt. Jetzt fesselst
du nicht einmal meine Neugier. Du wirkst einfach nicht. Ich liebte dich,
weil du ein Wunder warst, weil du Genie und Geist hattest, weil du die
Trume groer Dichter verkrpertest und den Schatten der Kunst Gestalt
und Krper verliehest. All das hast du weggeworfen. Jetzt bist du leer
und seicht. Mein Gott. Was fr ein Narr war ich, dich zu lieben! Wie
verblendet war ich! Jetzt bist du mir nichts mehr. Ich will dich niemals
wiedersehen. Nie mehr an dich denken. Nie mehr deinen Namen aussprechen.
Du weit nicht, was du mir einmal warst. Ja, einmal, einmal... Oh, ich
ertrage es nicht, daran zu denken. Ich wnschte, ich htte dich niemals
gesehen. Du hast die Poesie meines Lebens vernichtet. Wie wenig mut du
von Liebe wissen, wenn du sagst, sie lhme deine Kunst! Ohne deine Kunst
bist du nichts. Ich htte dich berhmt gemacht, zu einem Sterne, zu
etwas Herrlichem. Die Welt htte dich angebetet, und du httest meinen
Namen getragen. Was bist du jetzt? Eine Schauspielerin dritten Ranges
mit einem hbschen Gesichtchen.

Das Mdchen war totenbla geworden und zitterte. Sie prete die Hnde
zusammen, und die Sprache schien ihr in der Kehle erstickt zu sein. Du
meinst es doch nicht im Ernst, Dorian? flsterte sie. Du verstellst
dich nur.

Verstellen? Das berla ich dir. Du verstehst es ja so gut, entgegnete
er bitter.

Sie erhob sich von den Knien und ging mit einem wehen, qualvollen
Antlitz zu ihm hin. Sie legte ihm die Hand auf den Arm und sah ihm in
die Augen. Er stie sie zurck. Berhre mich nicht! schrie er.

Ein leises Sthnen brach aus ihr hervor, und sie warf sich ihm zu Fen
und lag da wie eine zertretene Blume. Dorian, Dorian, geh nicht fort
von mir! rief sie leise. Ich bin so betrbt, da ich nicht gut
gespielt habe. Ich dachte nur immer an dich. Aber ich will es wieder
versuchen -- wirklich, ich will es versuchen. Es kam so jh ber mich,
die Liebe zu dir. Ich glaube, ich htte nie etwas von ihr gewut, wenn
du mich nicht gekt httest -- wenn wir uns nicht gekt htten. K
mich wieder, Geliebter! Geh nicht von mir! Ich knnte es nicht
berleben. Oh, verla mich nicht! Mein Bruder... nein, nichts darber.
Er meinte es nicht im Ernst. Er scherzte nur... Aber du, oh! Kannst du
mir nie den heutigen Abend verzeihen? Ich werde so fleiig sein und mir
Mhe geben, besser zu werden. Sei nicht grausam gegen mich, weil ich
dich mehr liebe als alles in der Welt. Es ist doch nur ein einziges Mal,
wo ich dir mifallen habe. Aber du hast ganz recht, Dorian. Ich htte
mich mehr als Knstlerin zeigen sollen. Es war nrrisch von mir; und
doch konnte ich nicht anders. Ach, verla mich nicht, verla mich
nicht. Leidenschaftliches Schluchzen erschtterte sie. Sie kauerte sich
nieder wie ein wundes Tier, und Dorian Gray sah mit seinen schnen Augen
zu ihr herab, und seine feingeschnittenen Lippen kruselten sich in
tiefster Verachtung. Die Gefhlsregungen von Menschen, die man nicht
mehr liebt, haben immer etwas Lcherliches an sich. Sibyl Vane schien
ihm berspannt melodramatisch zu sein. Ihre Trnen und ihr Schluchzen
langweilten ihn nur.

Ich gehe, sagte er schlielich mit seiner klaren, ruhigen Stimme. Ich
mchte nicht hart sein, aber ich kann dich nicht mehr sehen. Du hast
mich enttuscht.

Sie weinte still weiter und sagte nichts, sondern kroch nher. Ihre
kleinen Hnde streckten sich ins Leere hinaus und schienen ihn zu
suchen. Er wandte sich stehenden Fues herum und verlie das Zimmer.
Wenige Augenblicke spter hatte er das Theater hinter sich.

Wohin er ging, wute er selber kaum. Er erinnerte sich, durch schwach
beleuchtete Gassen gewandert, an traurigen, in schwarze Schatten
getauchten Trbogen und elend aussehenden Husern vorbeigekommen zu
sein, Weiber mit heiseren Stimmen und schrillem Lachen hatten hinter ihm
her gerufen. Betrunkene waren fluchend und mit sich selber sprechend,
wie Riesenaffen, an ihm vorbeigetaumelt. Er hatte putzige Kinder auf den
Stufen kauern sehen und Schreien und Schimpfen aus dsteren Hfen
gehrt.

Als der Morgen graute, fand er sich dicht bei Covent Garden. Die
Dunkelheit schwand, die Luft rtete sich in blarotem Feuer, und der
Himmel wlbte sich zu einer vollendeten Perle. Mchtige Wagen voll
nickender Lilien rumpelten langsam die gerade, leere Strae hinab. Die
Luft war schwer vom Dufte der Blumen, und die Schnheit schien seinem
Schmerz Linderung zu bringen. Er trat in die Markthalle und sah den
Mnnern zu, die ihre Wagen ausluden. Ein Fuhrmann in weiem Kittel bot
ihm von seinen Kirschen an. Er dankte ihm, wunderte sich, warum er kein
Geld dafr annehmen wollte, und begann zerstreut davon zu essen. Sie
waren um Mitternacht gepflckt worden, und sie hatten die Khle des
Mondes in sich. Burschen in langer Reihe schleppten Krbe voll
gestreifter Tulpen und von gelben und roten Rosen herbei, trotteten an
ihm vorbei, als sie sich ihren Weg durch die groen, gelblichgrnen
Gemsestapel suchten. Unter den grauen, in der Sonne bleichen Sulen der
Vorhalle lungerte ein Trupp von schmuddeligen Mdchen ohne Hte und
warteten, bis die Versteigerung vorbei war. Andere drngten sich um die
auf- und zugehenden Tren des Kaffeehauses auf der Piazza. Die schweren
Lastgule glitten auf dem Pflaster aus und stampften ber die holperigen
Steine, ihre Glocken und Geschirre schttelnd. Einige Fuhrmnner lagen
schlafend auf einem Haufen von Scken. Mit regenbogenfarbenen Hlsen und
rtlichen Fen trippelten die Tauben mitten darin umher und pickten
sich Krner auf.

Nach einer Weile rief er sich eine Droschke und fuhr nach Hause. Ein
paar Augenblicke blieb er zgernd auf der Schwelle stehen, blickte ber
den schweigenden Platz und auf die Huser mit den blanken, geschlossenen
Fenstern und den hellen Gardinen. Der Himmel war jetzt ein wirklicher
Opal, und die Dcher der Huser glitzerten ihm wie Silber entgegen. Von
einem Schornstein gegenber stieg eine dnne Rauchsule in die Hhe. Sie
schlngelte sich wie ein violettes Band durch die perlmutterfarbene
Luft.

In der groen venezianischen Goldlaterne, einer Beute von der Barke
irgendeines Dogen, die von der Decke der groen eichengetfelten
Vorhalle herabhing, brannten noch drei flackernde Gaslichter: wie dnne
blaue Feuerblten, von weien Flammen umsumt. Er drehte sie aus, warf
Hut und Mantel auf den Tisch und ging durch die Bibliothek zur Tr
seines Schlafzimmers. Das war ein groer, achteckiger Raum zu ebener
Erde, den er in seinem neu erwachten Gefhl fr Luxus erst unlngst
einrichten und mit einigen schnurrigen Renaissancegobelins hatte
bespannen lassen, die er in einer nicht mehr gebrauchten Dachkammer in
Selby Royal entdeckt hatte. Als er eben nach der Klinke griff, fiel sein
Blick auf das Bildnis, das Basil Hallward von ihm gemalt hatte. Erstaunt
schrak er zurck. Dann ging er in sein Zimmer und sah nachdenklich und
betroffen aus. Nachdem er die Blume aus seinem Knopfloch genommen hatte,
schien er zu zgern. Schlielich ging er zurck, trat vor das Bild und
musterte es. In dem unbestimmten, gedmpften Licht, das durch die
mattgelblichen Seidenvorhnge drang, schien ihm das Gesicht ein wenig
verndert. Der Ausdruck war anders. Man htte sagen knnen, da ein
grausamer Zug um den Mund lge. Es war wirklich seltsam.

Er drehte sich um, ging zum Fenster und zog den Vorhang auf. Der helle
Morgen flutete durch das Zimmer und fegte die phantastischen Schatten in
dstere Winkel, wo sie zitternd liegenblieben. Aber der seltsame
Ausdruck, den er im Gesicht des Bildes bemerkt hatte, schien nicht nur
dazubleiben, sondern sich noch verstrkt zu haben. Das heie, zitternde
Sonnenlicht zeigte ihm den grausamen Zug um den Mund so deutlich, als
she er sich in einem Spiegel, nachdem er etwas Furchtbares verbt
htte.

Er fuhr zusammen und nahm vom Tisch einen ovalen Spiegel, dessen Fassung
von elfenbeinernen Liebesgttern gebildet wurde, eines der vielen
Geschenke Lord Henrys, und blickte hastig in die glnzende Tiefe. Keine
Linie solcher Art verunstaltete seine roten Lippen. Was sollte dies
bedeuten?

Er rieb sich die Augen und trat ganz nahe an das Bild heran, um es
abermals zu mustern. An der Technik der Malerei konnte man gar keine
Spur einer Vernderung bemerken, und doch war kein Zweifel, da sich der
Ausdruck im ganzen verndert hatte. Es war keine Einbildung von ihm. Die
Sache war schrecklich klar.

Er warf sich in einen Stuhl und begann zu grbeln. Pltzlich berkam ihn
die Erinnerung an die Worte, die er in Basil Hallwards Atelier an dem
Tage gesagt hatte, wo das Bild fertig geworden war. Ja, er erinnerte
sich ganz deutlich. Er hatte den sinnlosen Wunsch ausgesprochen, da er
selbst jung bleiben solle, und das Portrt altern: da seine eigene
Schnheit fleckenlos bleiben, und das Antlitz auf der Leinwand die Last
seiner Leidenschaften und Snden tragen solle: da das gemalte Bildnis
von den Linien des Leidens und Denkens durchfurcht werden und er selbst
den feinen Schmelz und alle Lieblichkeit seiner Jugend behalten solle,
deren er sich damals gerade bewut geworden war. Sein Wunsch war doch
nicht erfllt worden? Solche Dinge bleiben unmglich. Nur so etwas zu
denken, schien ungeheuerlich. Und doch, da stand das Bild vor ihm und
hatte den Zug von Grausamkeit um den Mund.

Grausamkeit! War er grausam gewesen? Das Mdchen hatte schuld, nicht er.
Er hatte von ihr getrumt, als einer groen Knstlerin, hatte ihr seine
Liebe geschenkt, weil er sie fr gro gehalten hatte. Dann hatte sie ihn
enttuscht. Sie war hohl und wertlos gewesen. Und doch berkam ihn ein
Gefhl unendlichen Mitleids, als er daran dachte, wie sie zu seinen
Fen gelegen und wie ein kleines Kind geschluchzt hatte. Er erinnerte
sich, mit welcher Gefhllosigkeit er sie betrachtet hatte. Warum war er
so geschaffen worden? Warum war ihm eine solche Seele verliehen worden?
Aber auch er hatte gelitten. In den drei schrecklichen Stunden, die das
Stck dauerte, hatte er Jahrhunderte von Schmerzen, Ewigkeiten ber
Ewigkeiten von Qualen durchlebt. Sein Leben war gewi soviel wert als
das ihre, wenn er sie fr das ganze Leben verwundet hatte. Sie hatte ihn
fr einen Augenblick vernichtet. Auerdem sind die Frauen besser dafr
geeignet, Leiden zu ertragen als Mnner. Sie leben von ihren Gefhlen.
Sie denken nur an ihre Gefhle. Wenn sie einen Geliebten haben, so ist
es nur, um jemand zu haben, dem sie Szenen machen knnen. Lord Henry
hatte ihm das gesagt, und Lord Henry wute, wie es mit den Frauen
bestellt war. Warum sollte er sich um Sibyl Vane beunruhigen? Sie war
ihm jetzt nichts mehr.

Aber das Bild? Was sollte er dazu sagen? Es barg das Geheimnis seines
Lebens in sich und erzhlte seine Geschichte. Es hatte ihn die Liebe zur
eigenen Schnheit gelehrt. Sollte es ihn lehren, seine eigene Seele zu
verabscheuen? Knnte er es je wieder anblicken?

Nein; es war nur eine Einbildung, ein Gewebe der verwirrten Sinne. Die
frchterliche Nacht, die er durchlebte, hatte Gespenster zurckgelassen.
Der winzige scharlachrote Fleck, der die Menschen zum Wahnsinn treibt,
war pltzlich auf seinem Gehirn zum Vorschein gekommen. Das Bild war
nicht anders geworden. Es war Wahnsinn, das anzunehmen.

Aber es blickte ihn an mit seinem wunderschnen, entstellten Gesicht und
seinem grausamen Lcheln. Sein helles Haar leuchtete im Sonnengold der
Frhe. Seine blauen Augen blickten in seine eigenen. Ein Gefhl
grenzenlosen Mitleids durchdrang ihn, nicht mit sich selbst, nein, mit
dem gemalten Abbild. Schon hatte es sich verndert und wrde sich noch
mehr verndern. Sein Gold wird zum Grau erbleichen. Seine roten und
weien Rosen werden welken. Fr jede Snde, die er begehen wrde, wird
ein Fleck hervortreten und seine Schnheit besudeln. Aber er wird nicht
sndigen. Das Bildnis, verwandelt oder unverwandelt, soll fr ihn das
sichtbare Wahrzeichen des Gewissens sein. Er wird jeder Versuchung
widerstehen. Er wird Lord Henry nicht wiedersehen -- wenigstens nicht
mehr seinen blendenden, giftigen Theorien lauschen, die in Basil
Hallwards Garten zum erstenmal in ihm die Leidenschaft fr unmgliche
Dinge aufgerttelt hatten. Er wird zu Sibyl Vane zurckeilen, sich
bestreben, sie in ihrer Kunst zu verfeinern, sie heiraten und versuchen,
sie wieder zu lieben. Ja, es war seine Pflicht, das zu tun. Sie mute ja
mehr gelitten haben als er. Armes Kind! Er war selbstschtig und grausam
gegen sie gewesen. Der Zauber, den sie auf ihn ausgebt hatte, wrde
wiederkehren. Sie wrden glcklich miteinander werden. Sein Leben mit
ihr wrde schon und rein sein.

Er stand von seinem Stuhl auf und schob einen groen Wandschirm vor das
Bildnis. Er schrak zusammen, als er es anblickte. Wie schrecklich,
flsterte er. Dann schritt er zur Glastr und ffnete sie. Als er in das
Grne hinaus trat, atmete er tief auf. Die frische Morgenluft schien all
die dsteren Leidenschaften zu verjagen. Er dachte nur noch an Sibyl.
Ein schwacher Glanz seiner Liebe kehrte zurck. Er wiederholte ihren
Namen immer wieder, immer wieder. Die Vgel, die in dem taubeperlten
Garten sangen, schienen den Blumen von ihr zu erzhlen.




Achtes Kapitel


Mittag war lngst vorber, als er erwachte. Sein Diener war mehrmals auf
den Fuspitzen in das Zimmer geschlichen, um zu sehen, ob er wach wre,
und er hatte sich gewundert, weshalb sein junger Herr so lange schlafe.
Schlielich klingelte es, und Viktor trat leise ein mit einer Schale Tee
und einem Sto Postsachen auf einer schmalen Sevresplatte und zog die
olivengelben Atlasvorhnge mit ihrem blauglnzenden Futter vor den drei
groen Fenstern zurck.

Monsieur hat heute morgen gut geschlafen, sagte er lchelnd.

Wieviel Uhr ist es? fragte Dorian Gray noch verschlafen.

Ein Viertel zwei, Monsieur!

Wie spt es war! Er setzte sich auf, schlrfte einige Zge Tee und
durchbltterte die Briefe. Einer davon war von Lord Henry und war diesen
Morgen von einem Boten abgegeben worden. Er zgerte einen Augenblick und
legte ihn dann zur Seite. Die anderen ffnete er zerstreut. Sie
enthielten die gewhnliche Sammlung von Karten, Einladungen zum Essen,
Ausstellungsbilletts, Programmen fr Wohlttigkeitskonzerte und
hnlichen Aufforderungen, wie sie einem jungen Mann der Gesellschaft
whrend der Saison jeden Morgen ins Haus regnen. Es war auch eine recht
groe Rechnung dabei fr ein Toiletteservice im Stile Louis des
Fnfzehnten, aus getriebenem Silber, die er noch nicht mutig genug
gewesen war, seinen Vormndern vorzulegen, die auerordentlich
altmodische Herren waren und nicht begreifen konnten, da man in einer
Zeit lebe, wo die unntigen Dinge unsere einzige Notwendigkeit sind; und
auerdem war eine Reihe sehr hflich abgefater Mitteilungen aus Jermyn
Street da, in denen man sich anbot, ihm in der krzesten Zeit jeden
Geldbetrag zu dem migsten Zinsfue vorzustrecken.

Etwa nach zehn Minuten stand er auf, schlpfte in einen raffinierten
Schlafrock aus Kaschmirwolle mit Seidenstickereien, und ging in das
onyxgepflasterte Badezimmer. Das kalte Wasser erquickte ihn nach dem
langen Schlaf. Er schien alles vergessen zu haben, was er hinter sich
hatte. Ein- oder zweimal durchzuckte ihn ein undeutliches Gefhl, als
wre er irgendwie in eine seltsame Tragdie verwickelt gewesen, aber die
Unwirklichkeit eines Traumes webte darber.

Sobald er angezogen war, ging er in das Bibliothekszimmer und setzte
sich zu einem leichten franzsischen Frhstck nieder, das auf einem
kleinen, runden Tische nahe beim offenen Fenster bereit stand. Es war
ein entzckender Tag. Die warme Luft schien mit Wohlgerchen gewrzt.
Eine Biene flog herein und summte um die Schale aus blauem
Drachenporzellan, die voller schwefelgelber Rosen vor ihm stand. Er
fhlte sich vollkommen glcklich.

Pltzlich fiel sein Blick auf den Wandschirm, den er vor das Bild
gestellt hatte, und er zuckte zusammen.

Ist es zu kalt fr den gndigen Herrn? fragte der Diener, whrend er
eine Omelette auf den Tisch stellte. Soll ich das Fenster schlieen?

Dorian schttelte den Kopf. Mir ist nicht kalt, antwortete er.

War es alles wahr? Hatte sich das Bild wirklich verndert? Oder war es
lediglich seine eigene Phantasie gewesen, die ihm einen Zug von
Schlechtigkeit vorgespiegelt hatte, wo nur ein Zug von Freude gewesen
war? Eine gemalte Leinwand konnte sich doch nicht verndern? Das war
doch Tollheit! Das wrde er eines Tages Basil als Mrchen erzhlen. Er
wrde darber lcheln.

Und doch, wie lebendig war die Erinnerung an die ganze Sache! Zuerst in
dem schwankenden Zwielicht und dann in der hellen Morgenfrhe hatte er
den Zug von Grausamkeit um die geschwungenen Lippen bemerkt. Er
frchtete sich frmlich davor, da sein Diener hinausgehen knnte. Er
wute, er wrde, sowie er allein sei, das Bild betrachten mssen. Er
frchtete sich vor dieser Gewiheit. Als der Diener Kaffee und
Zigaretten gebracht hatte und sich zum Gehen wandte, empfand er den
heftigsten Wunsch, ihn dableiben zu lassen. Als sich hinter ihm die Tr
geschlossen hatte, rief er ihn zurck. Der Mann stand da und wartete auf
seine Befehle. Dorian sah ihn einen Augenblick an. Ich bin fr niemand
zu Hause, Viktor, sagte er mit einem Seufzer. Der Mann verbeugte sich
und ging hinaus.

Dann stand er vom Tische auf, zndete sich eine Zigarette an und warf
sich auf eine ppig gepolsterte Ottomane, die gegenber dem Schirme
stand. Es war ein alter Wandschirm aus vergoldetem spanischen Leder, in
das ein blumiges Louis-Quatorze-Muster getrieben war. Er musterte ihn
forschend und fragte sich, ob der Schirm wohl schon jemals das Geheimnis
eines Menschenlebens verhllt habe.

Sollte er ihn berhaupt wegschieben? Warum ihn nicht da stehen lassen?
Was half die Gewiheit? War die Sache wahr, so war es schrecklich. War
sie nicht wahr, wozu sich darber beunruhigen? Aber wie, wenn durch
Schicksalstcke oder irgendeinen tdlichen Zufall andere Augen als die
seinen dahinter blickten und die frchterliche Vernderung shen? Was
wollte er tun, wenn Basil Hallward kam und sein eigenes Bild sehen
wollte? Das wrde Basil sicher tun. Nein, die Sache mute untersucht
werden, und zwar auf der Stelle. Alles war besser als diese schreckliche
Ungewiheit.

Er stand auf und verschlo beide Tren. Er wollte wenigstens allein
sein, wenn er die Maske seiner Schande betrachtete. Dann schob er den
Schirm zur Seite und sah sich selbst von Angesicht zu Angesicht. Es war
vollstndig wahr. Das Bildnis hatte sich verndert.

Er erinnerte sich spter oft und immer mit nicht geringer Verwunderung,
da er zuerst das Bild mit einem Gefhl von wissenschaftlichem Interesse
geprft habe. Da eine solche Vernderung mglich sei, schien ihm nicht
glaublich. Und doch war es Tatsache. Gab es irgendeine geheime
Verwandtschaft zwischen den chemischen Atomen, die auf der Leinwand Form
und Farbe werden, und der Seele, die in ihm lebte? Konnte es sein, da
sie in Wirklichkeit ausdrckten, was seine Seele dachte? -- da sie zur
Wahrheit machten, was sie trumte? Oder gab es eine andere schreckliche
Beziehung? Er schauderte zusammen und fhlte sich von Angst gepackt.
Dann ging er zu der Ottomane zurck und lag nun da, das Bildnis in
krankhaftem Schrecken anstierend.

Eine Wirkung aber, das fhlte er, hatte es gehabt. Es hatte ihm
klargemacht, wie ungerecht, wie grausam er gegen Sibyl Vane gewesen war.
Noch war es nicht zu spt, das wieder gut zu machen. Sie konnte noch
sein Weib werden. Seine unwahre, selbstschtige Liebe sollte einer
hheren Kraft den Platz einrumen, sollte sich zu einer edleren
Leidenschaft erhhen und das Bildnis, das Basil Hallward gemalt hatte,
sollte sein Fhrer durchs Leben, sollte das fr ihn sein, was Heiligkeit
fr einige ist, Gewissen fr andere und Gottesfurcht fr uns alle ist.
Es gab Schlafmittel fr Gewissensbisse, Medikamente, die das
Sittlichkeitsgefhl in Schlaf lullen konnten. Aber hier war das durch
Sndigkeit hervorgerufene sichtbare Symbol der Erniedrigung. Hier war
das ewig unauslschliche Zeichen des Verderbens, das Menschen der
eigenen Seele zufgen.

Es schlug drei und vier, und noch eine halbe Stunde lie das doppelte
Zeichen erklingen, aber Dorian Gray rhrte sich nicht. Er bemhte sich,
die scharlachroten Fden des Lebens zu entwirren und sie in ein Muster
zu verschlingen; seinen Weg zu finden aus dem blutroten Irrgarten der
Leidenschaft, den er durchwanderte. Er wute nicht, was er tun, nicht,
was er denken sollte. Endlich trat er an den Tisch und schrieb einen
leidenschaftlichen Brief an das Mdchen, das er geliebt hatte, flehte
sie an, ihm zu verzeihen, und beschuldigte sich des Wahnsinns. Er
bedeckte Seite um Seite mit wilden Worten der Sorge und noch heftigeren
des Schmerzes. Es gibt eine Wollust in Selbstanklagen. Wenn wir uns
selbst tadeln, haben wir das Gefhl, da uns kein anderer tadeln drfe.
Die Beichte, nicht der Priester, erteilt uns Absolution. Als Dorian den
Brief beendet hatte, fhlte er, da ihm vergeben worden sei.

Pltzlich pochte man an die Tr und er hrte Lord Henrys Stimme drauen.
Lieber Junge, ich mu dich sehen. La mich gleich herein! Ich kann es
nicht zugeben, da du dich so absperrst!

Er gab zuerst keine Antwort, sondern blieb ganz still. Das Klopfen
wiederholte sich und wurde lauter. Ja, es war besser, Lord Henry
einzulassen und ihm zu erklren, da er ein neues Leben fhren wolle,
mit ihm zu streiten, wenn Streit ntig wre, und sich von ihm zu
trennen, wenn Trennung stattfinden mute. Er sprang auf, schob den
Wandschirm hastig vor das Bild und schlo die Tr auf.

Es tut mir alles so sehr leid, Dorian, sagte Lord Henry, als er
eintrat. Aber du mut nicht zuviel daran denken.

Meinst du an Sibyl Vane? fragte der Jngling.

Ja, natrlich, erwiderte Lord Henry, lie sich in einen Stuhl nieder
und zog seine gelben Handschuhe langsam aus. Es ist gewi, einerseits
betrachtet, schrecklich, aber es war doch nicht deine Schuld. Sag' mal,
bist du hinter die Bhne gegangen und hast du sie gesehen, als das Stck
aus war?

Ja.

Ich war davon berzeugt. Hast du ihr eine Szene gemacht?

Ich war brutal, Harry, offen gesagt, brutal. Aber jetzt ist alles
wieder gut. Was geschehen ist, tut mir nicht mehr leid. Es hat mich
gelehrt, mich selbst besser kennenzulernen.

Ach, Dorian, da bin ich sehr froh, da du es so auffat. Ich frchtete,
dich von Gewissensbissen zermartert zu finden und wie du dir die
hbschen lockigen Haare zerraufst.

Das habe ich alles durchgemacht, sagte Dorian und schttelte lchelnd
den Kopf. Jetzt bin ich vollkommen glcklich. Vor allem wei ich jetzt,
was es heit, ein Gewissen zu haben. Es ist nicht das, was du mir gesagt
hast. Es ist das Gttlichste in uns. Spotte nicht darber, nie mehr,
Harry -- wenigstens nie mehr in meiner Gegenwart. Ich will jetzt gut
sein. Ich kann den Gedanken nicht ertragen, meine Seele befleckt zu
haben.

Wirklich eine entzckende, knstlerische Grundlage fr Moral, Dorian.
Ich gratuliere dir dazu. Aber wie willst du damit anfangen?

Indem ich Sibyl Vane heirate.

Sibyl Vane heiraten? schrie Lord Henry auf, erhob sich und sah ihn mit
der bestrztesten Verwunderung an. Aber mein lieber Dorian --

Ja, Harry, ich wei, was du sagen willst. Irgend etwas Hliches ber
die Ehe. Sag' es nicht. Sag' mir nie wieder solche Dinge. Vor zwei Tagen
habe ich Sibyl gebeten, mich zu heiraten. Ich werde mein Wort nicht
brechen. Sie soll meine Frau werden.

Deine Frau, Dorian... Hast du denn meinen Brief nicht bekommen? Ich
habe dir heute frh geschrieben und schickte die Mitteilung durch meinen
Diener her.

Deinen Brief? Ach ja, ich erinnere mich. Ich hab' ihn noch nicht
gelesen, Harry. Ich frchtete, da etwas drin stnde, was mir nicht
gefallen knnte. Du vivisezierst das Leben mit deinen Aphorismen.

Dann weit du also nichts.

Wovon sprichst du?

Lord Henry wanderte durch das Zimmer, setzte sich dann neben Dorian
Gray, nahm seine beiden Hnde und hielt sie fest. Dorian, sagte er,
mein Brief -- erschrick nicht -- sollte dir melden, da Sibyl Vane tot
ist.

Ein Schmerzensschrei gellte von den Lippen des Jnglings, und er sprang
auf und ri seine Hnde aus Lord Henrys Umklammerung los. Tot! Sibyl
tot! Es ist nicht wahr. Es ist eine furchtbare Lge. Wie wagst du es,
das zu sagen?

Es ist vllig wahr, Dorian, sagte Lord Henry ernst. Es steht in allen
Morgenblttern. Ich schrieb dir's gleich und bat, du solltest niemand
empfangen, bis ich kme. Es mu natrlich eine Untersuchung stattfinden,
und du darfst da nicht hineingezogen werden. Dinge dieser Art machen in
Paris einen Mann zum Helden des Tages. Aber in London haben die Leute
zuviel Vorurteile. Hier darf man nie mit einem Skandal debtieren. Man
mu sich das aufheben, um im Alter noch interessant zu sein. Ich nehme
an, man wei im Theater deinen Namen nicht. In dem Fall ist alles gut.
Hat dich jemand in die Garderobe gehen sehen? Das ist ein wichtiger
Faktor.

Ein paar Augenblicke lang antwortete Dorian nicht. Er war vor Entsetzen
gelhmt. Schlielich stammelte er mit erstickter Stimme: Harry, sagtest
du eine Untersuchung? Was meintest du damit? Hat sich Sibyl --? Oh,
Harry, ich kann's nicht ertragen. Mach's kurz. Sag' mir alles auf
einmal.

Ich zweifle nicht daran, da es kein Versehen war, Dorian, wenn man es
auch dem Publikum so darstellen mu. Es scheint, sie hat das Theater mit
ihrer Mutter verlassen, gegen halb eins ungefhr, und dann sagte sie
pltzlich, sie habe oben etwas vergessen. Man wartete einige Zeit auf
sie, aber sie kam nicht wieder herunter. Schlielich fanden sie sie tot
auf dem Boden in ihrem Ankleidezimmer. Sie hatte aus Versehen irgend
etwas getrunken, irgend solche grliche Sache, die man in den Theatern
braucht. Ich wei nicht genau, was es war, aber es mu entweder
Blausure oder Bleiwei gewesen sein. Ich vermute, Blausure, denn sie
scheint sofort tot gewesen zu sein.

Harry, Harry, es ist furchtbar! schrie der Jngling.

Ja; natrlich ist's sehr tragisch, aber du mut sehen, nicht mit in die
Sache verwickelt zu wenden. Ich habe im >Standard< gelesen, da sie
siebzehn Jahre alt war. Ich htte sie noch eher fr jnger gehalten. Sie
sah ganz wie ein Kind aus und schien so wenig von der Schauspielerei zu
verstehen. Dorian, du darfst die Sache nicht so an die Nerven gehen
lassen. Du mut mitkommen und mit mir essen, und nachher wollen wir noch
'n bichen in die Oper gehen. Die Patti singt, und alle Welt wird da
sein. Du kannst mit in die Loge von meiner Schwester kommen. Sie bringt
ein paar famose Frauen mit.

So habe ich also Sibyl Vane gemordet, sagte Dorian Gray halb zu sich
selbst -- sie gemordet, so sicher, als htte ich ihre zarte Kehle mit
einem Messer durchschnitten. Und doch sind darum die Rosen nicht weniger
entzckend. Die Vgel in meinem Garten singen genau so lustig. Und heute
abend geh' ich mit dir essen und dann in die Oper und nachher vermutlich
irgendwo soupieren. Wie merkwrdig dramatisch das Leben ist. Wenn ich
das alles in einem Buche gelesen htte, Harry, ich glaube, ich htte
darber geweint. Aber jetzt, wo es in Wirklichkeit geschehen ist, wo es
mir selbst geschehen ist, scheint es mir zu wunderbar fr Trnen. Da
liegt der erste leidenschaftliche Liebesbrief, den ich in meinem Leben
geschrieben habe. Seltsam, da mein erster leidenschaftlicher
Liebesbrief an ein totes Mdchen gerichtet ist. Ich mchte wohl wissen,
ob sie noch ein Gefhl haben, diese weien, verstummten Menschen, die
wir Tote nennen. Sibyl! Kann sie fhlen, oder wissen, oder hren? O
Harry, wie hab' ich sie einmal geliebt! Es scheint mir jetzt vor Jahren
gewesen zu sein. Sie war mir alles. Dann kam dieser schreckliche Abend,
-- war es wirklich erst gestern? wo sie so schlecht spielte und mir fast
das Herz zerri. Sie hat mir alles erklrt. Es war furchtbar rhrend.
Aber es machte nicht den mindesten Eindruck auf mich. Ich hielt sie fr
ein oberflchliches Geschpf. Dann geschah pltzlich etwas, was mir
Furcht einjagte. Ich kann dir nicht sagen, was es war, aber es war
furchtbar. Ich nahm mir vor, zu ihr zurckzukehren. Ich empfand, da ich
unrecht gehabt habe. Und jetzt ist sie tot. Mein Gott! Mein Gott! Harry,
was soll ich tun? Du kennst die Gefahr nicht, in der ich schwebe und es
gibt nichts, was mich aufrechterhalten knnte. Sie htte es fr mich
getan. Sie hatte kein Recht, sich umzubringen. Es war selbstschtig von
ihr.

Mein lieber Dorian, antwortete Lord Harry, whrend er eine Zigarette
aus dem Etui nahm und ein goldenes Streichholzbchschen hervorholte,
die einzige Art, auf die eine Frau einen Mann bessern kann, besteht
darin, sie langweilt ihn so grndlich, da er alles Interesse am Leben
verliert. Wenn du dieses Mdchen geheiratet httest, wrst du verdorben
worden. Natrlich httest du sie gtig behandelt. Menschen, fr die man
nichts brig hat, kann man immer gtig behandeln. Aber sie htte bald
herausgefunden, da du gar nichts fr sie brig hast. Und wenn eine Frau
bei ihrem Mann Gleichgltigkeit wittert, vernachlssigt sie sich
entweder schrecklich, oder sie trgt berelegante Hte, die der Mann
einer anderen Frau bezahlen mu. Ich will nichts ber das soziale
Miverhltnis sagen, das schauderhaft gewesen wre; ich htte
selbstverstndlich die Sache nie zugegeben, aber ich versichere dir, die
Sache wre in jedem Falle ganz verfehlt gewesen.

Vermutlich, murmelte der junge Mann, whrend er mit furchtbar blassem
Gesicht im Zimmer auf und ab schritt. Aber ich glaube, es sei meine
Pflicht. Es ist nicht meine Schuld, da mich dieses schreckliche
Trauerspiel verhindert hat, das Rechte zu tun. Ich erinnere mich, da du
einmal gesagt hast, ein sonderbares Verhngnis schwebe ber guten
Vorstzen -- da man sie nmlich immer zu spt fasse. Bei meinem war es
gewi der Fall.

Gute Vorstze sind nutzlose Versuche, Naturgesetze umzustoen. Ihr
Ursprung ist reine Eitelkeit. Ihr Erfolg ist absolut gleich Null. Sie
geben uns dann und wann etwas jener unfruchtbaren Lustempfindungen, die
auf schwache Menschen einen gewissen Reiz ausben. Das ist alles, was
man zu ihren Gunsten vorbringen kann. Sie sind bloe Schecks, die man
auf eine Bank ausstellt, bei der man kein Konto hat.

Harry, rief Dorian Gray, der sich nherte und neben ihn setzte. Warum
kann ich diese Tragdie nicht so stark empfinden, wie ich mte? Ich
kann nicht glauben, da ich herzlos bin. Glaubst du das von mir?

Du hast in den letzten vierzehn Tagen zuviel trichte Streiche
begangen, als da du einen Anspruch auf diesen Ehrentitel haben
knntest, Dorian, erwiderte Lord Harry mit seinem stillen,
melancholischen Lcheln.

Der Jngling runzelte die Stirn. Diese Erklrung besagt mir eigentlich
nichts, Harry, aber ich bin dennoch froh, da du mich nicht fr herzlos
hltst. Ich bin es gewi nicht. Ich wei, da ich es nicht bin. Und doch
mu ich zugeben, da dies Ereignis mich nicht so angreift, wie es
sollte. Es kommt mir wie der wunderbare Szenenschlu eines wunderbaren
Dramas vor. Es hat die schreckliche Schnheit einer griechischen
Tragdie, einer Tragdie, in der ich eine groe Rolle gespielt habe,
aber in der ich selbst nicht verwundet worden bin.

Es ist eine interessante Frage, sagte Lord Harry, dem es ein
ausgesuchtes Vergngen bereitete, mit dem unbewuten Egoismus des jungen
Mannes zu spielen -- eine auerordentlich interessante Frage. Ich
meine, die wahre Erklrung ist wohl die. Es kommt oft vor, da sich die
Wirklichkeits-Tragdien des Lebens in einer so unknstlerischen Form
abspielen, da sie uns durch ihre rohe Gewalt, ihren absoluten Mangel an
Zusammenhang, durch ihre lcherliche Sinnlosigkeit und ihre
auerordentliche Stillosigkeit verletzen. Sie betrben uns genau so, wie
es die Gemeinheit tut. Sie geben uns ein Gefhl einer jhen, brutalen
Gewalt, und wir lehnen uns dagegen auf. Manchmal aber kreuzt eine
Tragdie unser Leben, die knstlerische Schnheitselemente in sich
birgt. Wenn diese Schnheitselemente wirklich vorhanden sind, dann
ergreift die ganze Sache nur unseren Sinn fr dramatische Wirkung. Wir
entdecken auf einmal, da wir nicht mehr die Darsteller, sondern die
Zuschauer des Stckes sind. Oder richtiger, wir sind beides. Wir
beobachten uns selbst und werden von dem Wundersamen des Schicksals
erschttert. Was ist in vorliegendem Falle wirklich geschehen? Jemand
hat sich aus Liebe zu dir umgebracht. Ich wollte, mir wre je so ein
Erlebnis passiert. Ich wre den Rest meines Lebens in die Liebe verliebt
gewesen. Die Menschen, die mich angebetet haben -- es waren ihrer nicht
sehr viele, aber doch immerhin einige --, waren immer darauf versessen,
weiterzuleben, noch lange, nachdem ich aufgehrt hatte, mich um sie zu
kmmern, oder sie, sich um mich zu kmmern. Sie sind dann dick und
langweilig geworden, und wenn ich ihnen jetzt begegne, schwelgen sie
sofort in Erinnerungen. Dies furchtbare zhe Gedchtnis der Frauen! Was
fr 'ne schreckliche Sache das ist! Und was fr einen vlligen geistigen
Stillstand offenbart es. Man sollte die Farbe des Lebens in sich
aufsaugen, aber sich niemals an Einzelheiten erinnern. Einzelheiten sind
immer gewhnlich.

Ich mu Mohnblumen in meinen Garten sen, seufzte Dorian.

Das ist nicht notwendig, erwiderte sein Gefhrte. Das Leben selbst
hat immer Mohnblumen vorrtig. Natrlich, dann und wann halten die Dinge
lnger an. Einmal habe ich eine ganze Saison lang nichts als Veilchen
getragen, als eine Art knstlerischer Trauer fr einen Roman, der nicht
sterben wollte. Schlielich indessen ist er gestorben. Ich kann mich
nicht mehr erinnern, was ihn gettet hat. Ich vermute, es kam durch
ihren Vorschlag, mir die ganze Welt aufzuopfern. Das ist immer ein
schrecklicher Augenblick. Er erfllt einen mit den Schrecknissen der
Ewigkeit. Schon -- wrdest du es nun glauben? -- Vorige Woche, bei Lady
Hampshire, sa ich bei Tisch neben der fraglichen Dame, und sie konnte
wiederum nicht anders, als die ganze Sache durchzunehmen, die
Vergangenheit aufzuwhlen und die Zukunft auszumalen. Ich hatte den
ganzen Roman unter einem Asphodelosbeet begraben. Sie scharrte ihn
wieder aus und versicherte mir, da ich ihr Leben zerstrt habe. Ich
fhle mich verpflichtet festzustellen, da sie trotzdem mit
staunenswertem Appetite a, so da ich gar keine Gewissensbisse empfand.
Aber welchen Mangel an Taktgefhl bewies sie! Der einzige Reiz der
Vergangenheit liegt eben darin, da sie vergangen ist. Aber Frauen
wissen nie, wann der Vorhang gefallen ist. Sie wollen immer noch einen
sechsten Akt, und sowie das ganze Interesse an dem Stck erlahmt ist,
schlagen sie vor, weiterzuspielen. Wenn man ihnen ihren Willen liee,
erlebte jede Komdie einen tragischen Schlu, und jede Komdie gipfelte
in einer Farce. Sie sind oft entzckende Kunstprodukte, aber sie haben
keinen Sinn fr die Kunst. Du bist glcklicher als ich. Ich versichere
dir, Dorian, nicht eine einzige Frau, die ich gekannt habe, htte fr
mich getan, was Sibyl Vane fr dich vollbrachte. Gewhnliche Frauen
trsten sich immer. Einige von ihnen tun es, indem sie sich in
empfindsame Farben verlieben. Traue niemals einer Frau, die Malven
trgt, wie alt sie auch sein mag, oder einer Frau ber fnfunddreiig,
die rosa Bnder liebt. Das bedeutet immer, da sie eine Geschichte
haben. Andere finden starken Trost darin, pltzlich die Vorzge ihrer
Mnner zu entdecken. Sie reiben einem ihr eheliches Glck unter die
Nase, als wre das die fesselndste Snde. Einige wieder trstet die
Religion. Ihre Mysterien haben alle Reize einer Liebelei an sich, hat
mir einmal eine Frau versichert und ich kann es wohl verstehen. brigens
macht unsereinen nichts so eitel, als wenn einem gesagt wird, man wre
ein Snder. Das Gewissen macht uns alle zu Egoisten. Ja; die Trstungen
haben wirklich kein Ende, die die Frauen im modernen Leben finden. Die
wichtigste habe ich noch gar nicht erwhnt.

Welche ist das, Harry? fragte der junge Mann zerstreut.

Oh, der alltglichste Trost. Einer anderen Frau ihren Anbeter nehmen,
wenn man den eigenen verloren hat. In der guten Gesellschaft findet eine
Frau auf solche Weise immer ihr Fahrwasser wieder. Aber wirklich,
Dorian, wie anders mu Sibyl Vane gewesen sein als alle die sonstigen
Frauen, denen man begegnet. Fr mich liegt in ihrem Tod etwas ganz
Wunderschnes. Es freut mich, da ich in einem Jahrhundert lebe, wo
solche Wunder noch geschehen. Sie geben uns neuen Glauben an die
Wirklichkeit der Dinge, mit denen wir sonst spielen, wie Romantik,
Leidenschaft und Liebe.

Ich war furchtbar grausam gegen sie. Du vergit das.

Ich frchte, die Frauen schtzen die Grausamkeit, die ganz alltgliche
Grausamkeit mehr als irgend etwas anderes. Sie haben wundervoll
primitive Instinkte. Wir haben sie emanzipiert, aber sie bleiben
Sklavinnen, die den Blick auf ihre Herren gerichtet halten, trotz
allem. Sie lieben es, beherrscht zu werden. Ich bin berzeugt, da du
glnzend aufgetreten bist. Ich habe dich nie wirklich und durchaus
erzrnt gesehen, aber ich kann mir vorstellen, wie entzckend du
ausgesehen haben mut. Und auerdem sagtest du vorgestern etwas zu mir,
was mir damals nur ein phantastischer Einfall schien, aber jetzt sehe
ich, da es vllig wahr gewesen ist, und ich halte es fr den Schlssel
zu dem ganzen Ereignis.

Was war das, Harry?

Du hast zu mir gesagt, Sibyl Vane verkrpere dir alle Frauengestalten
der Romantik -- sie sei an einem Abend Desdemona und am anderen Ophelia;
wenn sie als Julia sterbe, erwache sie als Imogen wieder zum Leben.

Sie wird nie wieder zum Leben erwachen, chzte der Jngling und barg
sein Gesicht in den Hnden.

Nein, sie wird nie wieder zum Leben erwachen. Sie hat ihre letzte Rolle
gespielt. Aber du mut an diesen einsamen Tod in dem rmlichen
Garderobenzimmer denken wie an ein seltsam schauriges Fragment aus einer
Tragdie von der Zeit Knig Jakobs her, wie an eine wunderbare Szene bei
Webster oder Ford oder Cyril Tourneur. Das Mdchen hat nie wirklich
gelebt, also ist sie auch nie wirklich gestorben. Fr dich war sie ja
niemals mehr als ein Traum, ein Schattengeist, der durch Shakespeares
Dramen huschte und sie durch ihr Dasein noch reizvoller machte, der Ton
einer Flte, durch die Shakespeares Musik noch reicher und freudiger
ertnte. Im Augenblick, wo sie das wirkliche Leben berhrte, zerstrte
sie es, und es zerstrte sie, und so schied sie dahin. Trauere um
Ophelia, wenn es dir behagt. Streu Asche auf dein Haupt, weil Kordelia
erwrgt wurde. Schrei zum Himmel, weil die Tochter des Brabantio starb.
Aber verschwende deine Trnen nicht um Sibyl Vane. Sie war weniger
wirklich, als jene sind.

Es entstand ein Schweigen. Der Abend dmmerte im Zimmer. Geruschlos auf
silbernen Fuen schlichen die Schatten aus dem Garten herein. Die Farben
verschwanden mde aus allen Dingen.

Nach einer Weile sah Dorian Gray auf. Du hast mich mir selber
klargemacht, flsterte er mit einem Seufzer der Erleichterung. Alles,
was du gesagt hast, habe ich auch gefhlt, nur hab' ich mich davor
gengstigt, und ich konnte es mir selbst nicht ausdrcken. Wie gut du
mich kennst! Aber wir wollen, von dem was geschehen ist, nie wieder
sprechen. Es war ein wundersames Erlebnis. Das ist alles. Ich mchte
wissen, ob meiner noch etwas so Wunderbares im Leben harrt.

Das Leben hat alles fr dich vorrtig, Dorian. Es gibt nichts, was du
mit deiner auerordentlichen Schnheit nicht tun knntest.

Aber stelle dir vor, Harry, wenn ich hager und alt und runzlich wrde,
was dann?

Ach dann, sagte Lord Harry und erhob sich zum Gehen -- dann, mein
bester Dorian, wrdest du um deine Siege kmpfen mssen. Wie es ist,
werden sie dir noch entgegengetragen. Nein, du mut schn bleiben, wie
du noch bist. Wir leben in einer Zeit, in der zuviel gelesen wird, als
da sie weise wre, und in der zuviel gedacht wird, als da sie schn
wre. Wir knnen dich nicht entbehren. Und jetzt ttest du besser, dich
anzuziehen und in den Klub zu fahren. Wir kommen ohnehin schon zu spt.

Ich meine, ich treffe dich lieber in der Oper, Harry. Ich bin zu mde,
um etwas zu essen. Welche Nummer hat die Loge deiner Schwester?

Siebenundzwanzig, glaub' ich, sie liegt im ersten Rang. Du findest
ihren Namen an der Tr. Aber es tut mir leid, da du nicht mit essen
kommst.

Ich bin nicht aufgelegt dazu, sagte Dorian zerstreut, aber ich bin
dir sehr dankbar fr alles, was du zu mir gesagt hast. Du bist wirklich
mein bester Freund. Niemand hat mich je richtiger verstanden als du.

Wir stehen erst am Anfang unserer Freundschaft, Dorian, erwiderte Lord
Harry und schttelte ihm die Hand. Adieu! Ich hoffe, dich vor halb zehn
zu sehen. Vergi nicht: die Patti singt.

Als sich die Tr hinter ihm schlo, klingelte Dorian Gray, und nach ein
paar Minuten erschien Viktor mit den Lampen und lie die Vorhnge herab.
Er wartete ungeduldig, da der Diener wieder verschwnde. Der Mann
schien eine unglaubliche Zeit fr alles zu gebrauchen.

Sobald er wieder drauen war, strzte Dorian auf den Schirm zu und schob
ihn zurck. Nein, das Bild hatte sich nicht wieder verndert. Es hatte
die Nachricht von Sibyl Vanes Tod erhalten, bevor er selbst davon gewut
hatte. Es kannte die Ereignisse des Lebens, sobald sie sich ereigneten.
Dieser Zug bser Grausamkeit, der die feinen Linien des Mundes
verunstaltete, war zweifellos im Augenblick aufgetaucht, als das Mdchen
das Gift genommen hatte. Oder kmmerte sich das Bild nicht um die
Wirkungen einer Tat? Nahm es nur von Vorgngen in der Seele Kenntnis? Er
htte es gar zu gern gewut und hoffte, eines Tages solche Wandlung vor
seinen Augen geschehen zu sehen, und er schauderte, whrend er es
hoffte.

Die arme Sibyl! Wie sonderbar romantisch alles gewesen war! Sie hatte
oft den Tod auf der Bhne dargestellt. Dann hatte sie der Tod selbst
gepackt und weggeholt. Wie mochte sie die grauenvolle letzte Szene
gespielt haben? Hatte sie ihn im Sterben verflucht? Nein; sie war aus
Liebe zu ihm gestorben, und die Liebe sollte ihm von jetzt ab immer ein
Heiligtum bleiben. Sie hatte alles gebt durch das Opfer ihres Lebens.
Er wollte nicht mehr daran denken, was er ihretwegen an jenem
schrecklichen Theaterabend durchgemacht hatte. Wenn er an sie dachte,
sollte es sein wie an eine wundersam tragische Gestalt, die auf die
Weltbhne gestellt worden war, um die hchste Verwirklichung der Liebe
zu knden. Eine wundersam tragische Gestalt? Trnen traten ihm in die
Augen, als er sich ihres kindlichen Aussehens, ihrer frhlichen,
phantastischen Art, ihrer scheuen, zaghaften Anmut entsann. Er
verscheuchte alles hastig und blickte wieder auf das Portrt.

Er fhlte, da nun der Zeitpunkt gekommen sei, zu whlen. Oder war die
Wahl schon getroffen? Ja, das Leben hatte fr ihn entschieden -- das
Leben und seine unermeliche Neugier auf das Leben. Ewige Jugend,
unerschpfliche Leidenschaft, ausgesuchte, geheimnisvolle Gensse, wilde
Freuden und noch wildere Snden -- all das sollte er haben. Das Bildnis
sollte die Last seiner Schmach tragen: das war alles.

Ein peinliches Gefhl beschlich ihn, als er an die Entweihung dachte,
die dieses schnen Gesichtes auf der Leinwand harrte. Einmal hatte er in
knabenhafter Parodie des Narzissus die gemalten Lippen, die ihn jetzt so
grausam anlchelten, gekt oder doch zum Schein gekt. Morgen fr
Morgen hatte er vor dem Bild gesessen und seine Schnheit angestaunt; zu
Zeiten kam es ihm vor, als sei er in sein eigenes Bild verliebt. Sollte
es sich nun wandeln mit jeder Laune, der er nachgab? Sollte es ein
ungeheuerliches, widerliches Ding werden, das man im verhngten Winkel
verschlieen msse vor dem Glanz der Sonne, der so oft das lockige
Wunder seines Haares noch goldiger hatte aufleuchten lassen? Wie schade!
Wie schade!

Einen Augenblick dachte er daran, zu beten, da die entsetzliche
Beziehung zwischen ihm und dem Bilde aufhren mge. Es hatte sich
verwandelt, da er darum gebeten hatte; es knnte vielleicht, wenn er
darum bte, auch wieder unverndert bleiben. Und doch, wer, der eine
Ahnung vom Leben hat, wrde die Mglichkeit, immer jung zu bleiben,
aufgeben, mochte die Mglichkeit noch so phantastisch und mit noch so
verhngnisreichen Folgen verknpft sein? berdies, stand es wirklich in
seiner Macht? War wirklich das Gebet die Ursache der Verwandlung? Konnte
es fr die ganze Sache nicht irgendeine merkwrdige wissenschaftliche
Ursache geben? Wenn das Denken eine Wirkung auf einen lebenden
Organismus ausben konnte, konnte da nicht das Denken auch auf tote
unorganische Dinge Einflu haben? Ja, konnten nicht ohne Gedanken und
bewute Wnsche Dinge eingreifen, die ganz auerhalb unserer Person
stehen, im Einklange mit unseren Launen und Leidenschaftsanfllen
erzittern, konnte nicht Atom zu Atom sprechen in geheimer Neigung oder
seltsamer Verwandtschaft? Aber schlielich waren die Ursachen
gleichgltig. Er wollte durch Gebet nie wieder eine schreckliche Macht
versuchen. Wenn das Bildnis sich wandeln wollte, so sollte es sich
wandeln. Das war einmal so. Warum zu tief in ein Geheimnis eindringen?

Allerdings mte es ein starker Genu sein, solchen Vorgang zu
beobachten. Er wrde befhigt werden, seinem Geist in geheime
Schlupfwinkel zu folgen. Dies Bild sollte ihm der zauberhafteste Spiegel
werden. Wie es ihm seinen Krper geoffenbart hatte, so sollte es ihm nun
die Seele enthllen. Und wenn der Winter ber das Gemlde hereinbrach,
dann stand er immer noch da, wo der Frhling schwankt, ob er die zum
Sommer fhrende Schwelle berschreiten soll. Wenn das Blut aus seinem
Antlitz fortschliche und eine kreidebleiche Maske mit stummen Augen
zurckliee, dann bewahrte er immer noch den Glanz des Suglingsalters.
Keine Blte seiner Lieblichkeit sollte jemals welken. Kein Pulsschlag
seines Lebens jemals erlahmen. Wie die Gtter der Griechen wrde er
stark und behend und heiter bleiben. Was lag daran, was aus dem gemalten
Abbild auf der Leinwand wurde? Er selbst war seiner sicher. Darauf kam
alles an.

Er schob den Schirm wieder auf den alten Platz vor dem Bilde und
lchelte, indem er es tat. Dann ging er in sein Schlafzimmer, wo sein
Diener schon auf ihn wartete. Eine Stunde spter war er in der Oper, und
Lord Harry beugte sich ber seinen Stuhl.




Neuntes Kapitel


Als er am nchsten Morgen beim Frhstck sa, trat Basil Hallward ins
Zimmer.

Ich bin so froh, da ich dich treffe, Dorian, sagte er ernsten Tons.
Ich war gestern abend hier, und man sagte mir, da du in der Oper
seist. Ich wute natrlich, da es ja unmglich ist. Aber es wre mir
lieber gewesen, du httest ein Wrtchen hinterlassen, wo du wirklich
warst. Ich habe eine schreckliche Nacht verbracht, und frchtete halb,
da eine Tragdie der anderen folgen wrde. Ich meine, du httest mir
wohl depeschieren knnen, so wie du die Nachricht erhieltst. Ich hab' es
durch Zufall im letzten Abendblatt des Globe gelesen, das mir im Klub in
die Hnde geriet. Ich eilte sofort hierher und war unglcklich, dich
nicht zu Hause anzutreffen. Ich kann dir gar nicht sagen, wie tief mir
die ganze Sache ins Herz schneidet. Ich wei, was du leiden mut. Aber
wo warst du denn? Bist du hingegangen, um die Mutter des Mdchens zu
sehen? Einen Moment dachte ich daran, dir dorthin zu folgen. In der
Zeitung stand die Adresse. Irgendwo in Euston Road, nicht wahr? Aber ich
hatte Angst, zudringlich zu sein in einem Schmerze, wo ich doch nicht
abhelfen konnte. Die arme Frau! In was fr einem Zustand mu sie sein!
Und dazu ihr einziges Kind! Was hat sie zu all dem gesagt?

Mein lieber Basil, wie soll ich das wissen? sagte Dorian Gray, nippte
etwas hellgelben Wein aus einem reizenden bauchigen venezianischen
Glase, das mit Goldperlen inkrustiert war, und sah ganz unwillig aus.
Ich war in der Oper. Du httest auch hinkommen sollen. Ich habe dort
Harrys Schwester, Lady Gwendolen, kennengelernt. Wir waren in ihrer
Loge. Sie ist ein bezauberndes Weib; und die Patti hat gttlich
gesungen. Sprich nicht von schrecklichen Dingen! Wenn man ber eine
Sache nicht spricht, ist sie nicht geschehen. Nur was man uert, sagt
Harry, gibt den Dingen ihre Wirklichkeit. Erwhnen mcht' ich aber, da
sie nicht das einzige Kind der Frau war. Es ist noch ein Sohn da, ein
famoser Junge vermutlich. Aber er ist nicht beim Theater. Matrose oder
so was hnliches. Und jetzt erzhle mir was von dir, was malst du?

Du warst in der Oper? sagte Hallward gedehnt, und seine Stimme war
gepret vor Schmerz. Du warst in der Oper, whrend Sibyl Vane tot in
irgendeiner schmutzigen Stube lag? Du kannst mir von anderen
bezaubernden Weibern erzhlen, und da die Patti gttlich gesungen hat,
noch ehe das Mdchen, das du geliebt hast, die Ruhe des Grabes gefunden
hat, darin sie schlafen soll? Mensch, bedenke doch, welche Schrecknisse
auf den kleinen weien Krper warten!

Hr' auf, Basil, ich will davon nichts hren! rief Dorian und sprang
auf. Du darfst mir ber diese Dinge nichts sagen. Was geschehen ist,
ist geschehen, was vergangen ist, ist vergangen.

Nennst du gestern die Vergangenheit?

Was hat die wirklich verstrichene Zeit damit zu tun? Nur seichtes Volk
braucht Jahre, um ein Gefhl zu berwinden. Ein Mensch, der Herr ber
sich selbst ist, kann einen Schmerz ebenso leicht berwinden, wie er
einen Genu entdecken kann. Ich will nicht der Spielball meiner
Empfindungen sein. Ich will sie ausntzen, mich an ihnen freuen und sie
beherrschen.

Dorian, es ist schauderhaft! Irgend etwas hat dich ganz verndert. Du
siehst noch genau so aus wie der wunderhbsche Junge, der Tag fr Tag in
mein Atelier kam, um fr mein Bild zu sitzen. Aber damals warst du
einfacher, natrlich und herzlich. Du warst das unverdorbenste
Menschenkind auf der ganzen Welt. Ich wei nicht, was jetzt ber dich
gekommen ist. Du sprichst, als httest du kein Herz, kein Mitleid in
dir. Das ist Harrys Einflu. Ich sehe es.

Der junge Mensch wurde rot, ging ans Fenster, sah ein paar Augenblicke
auf den grn schimmernden, von der Sonne betupften Garten. Ich schulde
Harry sehr viel, sehr viel, Basil, sagte er schlielich -- mehr als
ich dir schulde. Du hast mir nur Eitelkeit beigebracht.

Ich bin bestraft worden dafr, Dorian -- oder werde es eines Tages
sein.

Ich wei nicht, was du meinst, Basil, rief Dorian aus und drehte sich
um. Ich wei nicht, was du willst. Was willst du?

Ich will den Dorian Gray wieder, den ich gemalt habe, sagte der
Knstler traurig.

Basil, erwiderte der Jngling, trat vor ihn hin und legte ihm die Hand
auf die Schulter, du bist zu spt gekommen. Als ich gestern hrte, da
sich Sibyl Vane gettet habe -- --

Sich gettet! Gott im Himmel! ist das ganz sicher? schrie Hallward und
stierte ihn mit dem Ausdruck uersten Schreckens an.

Mein lieber Basil! Du glaubst doch nicht, da es nur ein gewhnlicher
Unglcksfall war? Natrlich hat sie sich selbst gettet.

Der ltere Mann vergrub sein Gesicht in den Hnden. Wie schrecklich!
flsterte er und ein Schauer durchrann ihn.

Nein, sagte Dorian Gray, es ist gar nichts Schreckliches daran. Es
ist eine der grten romantischen Tragdien unserer Zeit. In der Regel
fhren Schauspieler das alltglichste Leben. Sie sind gute Ehemnner
oder treue Ehefrauen oder sonst irgendwas Langweiliges. Du verstehst,
was ich meine -- hausbackene Tugend und lauter solche Dinge. Wie anders
war Sibyl! Sie lebte ihre beste Tragdie. Sie war immer eine Heldin. Am
letzten Abend, wo sie spielte -- an dem Abend, wo du sie gesehen hast
--, spielte sie schlecht, weil sie die Liebe als Wirklichkeit erkannt
hatte. Als sie ihre Unwirklichkeit erfuhr, starb sie, wie Julia daran
gestorben wre. Sie entschwand wieder in das Reich der Kunst. Sie
umschwebt etwas von einer Mrtyrerin. Ihr Tod hat all die pathetische
Nutzlosigkeit der Mrtyrerschaft, all seine vergeudete Schnheit. Aber
wie gesagt, du brauchst nicht zu glauben, da ich nicht gelitten htte.
Wenn du gestern in einem bestimmten Augenblick, etwa um halb sechs oder
um drei Viertel sechs gekommen wrst -- dann httest du mich in Trnen
aufgelst gefunden. Selbst Harry, der hier war und mir erst die
Nachricht brachte, hat keine Ahnung, was ich durchgemacht habe. Ich litt
namenlos. Dann ging es vorber. Ich kann das Gefhl nicht wiederholen.
Niemand kann das, sentimentale Menschen ausgenommen. Und du bist
furchtbar ungerecht, Basil. Du kommst hierher, um mich zu trsten. Das
ist gut und lieb von dir. Du findest mich getrstet und bist wtend. So
sieht dein Mitgefhl aus! Du erinnerst mich an eine Geschichte, die mir
Harry ber einen Philantropen erzhlt hat, der sich zwanzig Jahre seines
Lebens damit abqulte, irgendeinen Mistand aus der Welt zu schaffen
oder ein ungerechtes Gesetz abzundern -- ich kann mich nicht mehr genau
erinnern. Schlielich gelang es ihm, und nichts konnte grer sein als
seine Enttuschung. Er hatte nun absolut nichts mehr zu tun, starb
beinah vor Langerweile und wurde ein unvershnlicher Menschenhasser. Und
auerdem, mein lieber, alter Basil, wenn du mich wirklich trsten
wolltest, so lehre mich lieber vergessen, was geschehen ist, oder lehre
mich's von rein knstlerischer Seite ansehen. War es nicht Gautier, der
gern ber die >~consolation des arts~< geschrieben hat? Ich erinnere
mich, da mir mal in deinem Atelier ein kleines Buch in Pergamentband
in die Hand fiel, und ich darin auf diesen entzckenden Ausdruck stie.
Nun, ich bin ja nicht wie der junge Mann, von dem du mir einmal in
Marlow erzhlt hast, und der zu sagen pflegte, gelber Atlas knne einen
ber alles Elend im Leben hinwegtrsten. Ich liebe schne Dinge, die man
in die Hand nehmen und angreifen kann. Alter Brokat, grnpatinierte
Bronzen, Lackarbeiten, Elfenbeinschnitzereien, eine erlesene
Zimmerkunst, Luxus, Prunk, das sind alles Dinge, die einem viel geben
knnen. Aber die knstlerische Seelenstimmung, die sie erzeugen oder
mindestens offenbaren, bedeutet mir doch noch mehr. Ein Zuschauer seines
eigenen Lebens sein, wie Harry sagt, das heit, den Schmerzen des Lebens
entrinnen. Ich wei, du bist erstaunt, da ich so zu dir spreche. Du
hast noch nicht bemerkt, wie ich mich entwickelt habe. Ich war ein
Schulknabe, als du mich kennenlerntest. Jetzt bin ich ein Mann. Ich habe
neue Leidenschaften, neue Gedanken, neue Vorstellungen. Ich bin anders,
aber du mut mich trotzdem nicht weniger lieb haben. Ich bin verndert,
aber du mut immer mein Freund bleiben. Natrlich habe ich Harry sehr
gern. Aber ich wei auch, da du besser bist als er. Du bist nicht
strker -- dazu ngstigst du dich zu viel vorm Leben -- aber du bist
besser. Und wie glcklich waren wir doch miteinander! Verla mich nicht,
Basil, und zanke nicht mit mir. Ich bin, was ich bin. Mehr kann ich dazu
nicht sagen.

Der Maler war seltsam bewegt. Der junge Mensch war ihm unsagbar teuer,
und seine Erscheinung war der groe Wendepunkt in seiner Kunst gewesen.
Er konnte den Gedanken nicht ertragen, ihm noch weitere Vorwrfe zu
machen. Am Ende war seine Gleichgltigkeit nur eine vorbergehende
Laune. Es steckte ja soviel Gutes, soviel Edles in ihm.

Gut, Dorian, sagte er endlich mit einem wehmtigen Lcheln, ich will
von heut an nie wieder ber diese furchtbare Sache sprechen. Ich hoffe
nur, dein Name wird nicht in Verbindung damit genannt. Die Leichenschau
soll heute nachmittag stattfinden. Bist du vorgeladen?

Dorian schttelte den Kopf, und eine unangenehme Empfindung glitt bei
dem Wort Leichenschau ber sein Gesicht. In all diesen Dingen lag
etwas so Rohes und Gemeines. Sie kennen meinen Namen nicht, antwortete
er.

Aber sie wute ihn doch?

Nur meinen Vornamen, und den hat sie gewi niemand gesagt. Sie erzhlte
mir einmal, da alle sehr begierig seien, zu erfahren, wer ich sei und
da sie ihnen bestndig sage, ich heie der Prinz Mrchenschn. Das war
hbsch von ihr. Du mut mir eine Zeichnung von Sibyl machen, Basil. Ich
mchte von ihr gern etwas mehr haben als die Erinnerung an ein paar
Ksse und einige gestammelte pathetische Worte.

Ich will versuchen, etwas zu machen, Dorian, wenn ich dir damit eine
Freude bereite. Aber du mut zu mir kommen und mir selbst wieder sitzen.
Ich komme ohne dich nicht vom Fleck.

Ich kann dir nie wieder sitzen, Basil. Das ist unmglich! rief Dorian
und schrak zurck.

Der Maler starrte ihn an. Mein lieber Junge, was fr ein Unsinn, rief
er. Willst du damit sagen, da du mein Bild nicht gut findest? Wo ist
es? Warum hast du den Wandschirm vorgestellt? La es mich sehen. Es ist
die beste Arbeit, die ich je gemacht habe. Nimm den Schirm weg, Dorian!
Es ist eine Schande, da dein Bedienter mein Bild so versteckt. Ich
merkte gleich, wie ich eintrat, da das Zimmer ganz verndert sei.

Mein Diener hat nichts damit zu tun, Basil. Du glaubst doch nicht etwa,
da ich ihm irgendeine Anordnung in meinem Zimmer berlasse? Er ordnet
zuweilen meine Blumen -- das ist alles. Nein, ich habe es selbst getan.
Das Licht war zu stark fr das Bild.

Zu stark? Gewi nicht, mein Lieber. Es hat einen untadeligen Platz. La
mich's mal sehen! und Hallward schritt in die Zimmerecke.

Ein Schrei des Entsetzens entrang sich den Lippen Dorian Grays, und er
strzte sich zwischen den Maler und den Schirm. Basil, sagte er und
sah ganz bleich aus, du darfst es nicht sehen. Ich will es nicht.

Mein eigenes Bild nicht sehen? Du meinst das doch nicht im Ernst! Warum
soll ich es nicht sehen? rief Hallward lachend.

Wenn du versuchst, es anzusehen, Basil, gebe ich dir mein Ehrenwort,
da ich, solange ich lebe, nie wieder ein Wort mit dir spreche. Es ist
mein vlliger Ernst. Ich gebe keine Erklrung, und du wirst um keine
bitten. Aber denke daran, wenn du diesen Wandschirm anrhrst, dann ist
alles aus zwischen uns!

Hallward war wie vom Donner gerhrt. Er sah Dorian Gray ganz verblfft
an. So hatte er ihn vorher nie gesehen. Der Jngling war wirklich ganz
bleich vor Zorn. Seine Hnde waren zusammengeballt, und die Pupillen
seiner Augen sahen aus wie blaue Feuerrder. Er zitterte am ganzen
Leibe.

Dorian!

Sprich nicht!

Aber was ist los? Ich sehe das Bild natrlich nicht an, wenn du es
nicht willst, sagte der Maler ziemlich khl, drehte sich um und ging
zum Fenster hinber. Aber es scheint mir wahrhaftig ganz verrckt, da
ich mein eigenes Werk nicht sehen soll, besonders, wo ich es im Herbst
in Paris ausstellen will. Ich werde es wahrscheinlich vorher nochmals
firnissen mssen, werde es also eines Tages doch gewi sehen, also warum
nicht heute?

Es ausstellen? Du willst es ausstellen? rief Dorian Gray, den ein
seltsames Angstgefhl berkam. Sollte alle Welt sein Geheimnis erfahren?
Sollte das Volk das Geheimnis seines Lebens begaffen? Das war unmglich.
Irgend etwas -- er wute noch nicht was -- mute sofort geschehen.

Ja, ich denke nicht, da du etwas dagegen haben wirst. Georges Petit
will nchstens meine besten Bilder fr eine Sonderausstellung in der Rue
de Sze sammeln, die in der ersten Oktoberwoche erffnet werden soll.
Das Bild wird nur einen Monat lang weg sein. Ich meine, solange knntest
du es leicht entbehren. Du bist ohnehin whrend dieser Zeit nicht in der
Stadt. Und wenn du es berhaupt hinter einem Schirm versteckt halten
willst, kann dir ja nicht viel daran gelegen sein.

Dorian Gray fuhr sich mit der Hand ber die Stirn. Schweitropfen
standen darauf. Er fhlte, da er am Rande einer frchterlichen Gefahr
stehe. Du hast mir vor einem Monat gesagt, du wrdest es nie
ausstellen, rief er. Warum hast du dich anders entschlossen? Ihr
Leute, die ihr viel Aufhebens von der Konsequenz macht, habt genau
soviel Launen wie andere. Der einzige Unterschied ist der, da eure
Launen wenig Sinn haben. Du kannst nicht vergessen haben, da du mir
feierlichst versichert hast, nichts in der Welt knne dich bewegen, das
Bild auf eine Ausstellung zu bringen. Du sagtest zu Harry ganz
dasselbe. Er stockte pltzlich, und ein Glanz erwachte in seinen Augen.
Er erinnerte sich, da ihm Lord Harry einmal halb ernst und halb
scherzend gesagt hatte: Willst du mal eine merkwrdige Viertelstunde
erleben, dann la dir von Basil sagen, warum er dein Portrt nicht
ausstellen will. Er hat mir den Grund erzhlt, und es war fr mich eine
Offenbarung. Ja, vielleicht hatte auch Basil sein Geheimnis. Er wollte
ihn fragen und auf die Probe stellen.

Basil, sagte er, und trat ganz dicht zu ihm heran und sah ihm fest ins
Gesicht, jeder von uns hat ein Geheimnis. Sage mir das deine, und ich
la dich meines wissen. Was fr einen Grund hattest du, die Ausstellung
meines Bildes zu verweigern?

Der Maler erschauderte, ohne da er es wollte. Dorian, wenn ich es dir
sagte, httest du mich wahrscheinlich weniger lieb und wrdest mich
gewi auslachen. Keines von beiden knnte ich ertragen. Wenn du willst,
da ich nie mehr dein Bild ansehen soll, dann geb' ich mich zufrieden.
Ich kann dich selbst ja immer ansehen. Wenn du die beste Arbeit, die ich
je gemacht habe, vor der Welt versteckt halten willst, soll es mir recht
sein. Deine Freundschaft ist mir mehr wert als Ruhm und Anerkennung.

Nein, Basil, du mut es mir sagen. Ich glaube, ich habe ein Recht, es
zu wissen. Sein Angstgefhl hatte ihn verlassen, und Neugier war an
dessen Stelle getreten. Er war entschlossen, hinter Basil Hallwards
Geheimnis zu kommen.

Setzen wir uns, Dorian, sagte der Maler, der verwirrt aussah. Setzen
wir uns und beantworte mir eine Frage. Hast du an dem Bild etwas
Merkwrdiges bemerkt? -- etwas, das dir vielleicht anfnglich nicht
aufgefallen ist, was sich dir dann aber pltzlich enthllte?

Basil! schrie der Jngling, umklammerte die Armlehnen seines Stuhles
mit zitternden Hnden und starrte ihn mit wilden, verstrten Augen an.

Ich sehe, du hast es bemerkt. Sage nichts. Warte, bis du gehrt hast,
was ich zu sagen habe. Dorian, von dem Augenblick an, wo ich dich
kennengelernt habe, bte deine Persnlichkeit den auerordentlichsten
Einflu auf mich aus. Ich war beherrscht von dir, meine Seele, mein
Gehirn, meine ganze Kraft war es. Du wurdest fr mich die sichtbare
Verkrperung des unsichtbaren Ideals, dessen Bild uns Knstler wie ein
kstlicher Traum verfolgt. Ich habe dich angebetet. Ich wurde
eiferschtig auf jeden Menschen, mit dem du sprachst. Ich wollte dich
ganz fr mich allein haben. Ich war nur glcklich, wenn ich mit dir
zusammen war. Wenn du fort von mir warst, lebtest du trotzdem in meiner
Kunst weiter... Natrlich lie ich dich nie etwas davon wissen. Das
wre unmglich gewesen. Du httest es nicht verstanden. Ich selbst hab'
es kaum verstanden. Ich wute nur, da ich Auge in Auge die
Vollkommenheit gesehen hatte und da sich die Welt meinen Augen als ein
Wunder erschlossen hatte -- vielleicht als ein zu mchtiges Wunder, denn
in so wahnsinniger Anbetung liegt eine Gefahr, die Gefahr, da die
Anbetung aufhrt, und die Gefahr, da sie bleibt... Wochen und Wochen
verstrichen, und ich ging immer mehr und mehr in dir verloren. Dann kam
ein neues Stadium. Ich hatte dich als Paris in strahlender Rstung
gemalt und als Adonis im Jgergewand mit blitzendem Speer. Mit schweren
Lotusblten bekrnzt hast du auf dem Bug von Hadrians Barke gesessen und
in den grnen, schlammigen Nil geblickt. Du hast dich ber das stille
Gewsser einer griechischen Waldlandschaft gelehnt und im stummen
Silberspiegel das Wunder deines eigenen Antlitzes gesehen. Und es war
alles gewesen, wie die Kunst sein soll, unbewut, ideal und entrckt.
Eines Tages, manchmal denke ich, eines verhngnisvollen Tages, entschlo
ich mich, ein wundervolles Bildnis von dir zu malen, wie du wirklich
bist, nicht im Kostm toter Zeiten, sondern in deiner eigenen Tracht und
deiner eigenen Zeit. Ob es nun die Realistik der Methode war, oder der
Zauber deiner eigenen Persnlichkeit, der mir so ohne jeden Schleier und
Nebel entgegentrat, kann ich nicht sagen. Aber ich wei, da mir bei der
Arbeit jede Schicht Farben mein Geheimnis zu enthllen schien. Ich
ngstigte mich, andere knnten die Abgtterei, die ich mit dir trieb,
entdecken. Ich fhlte, Dorian, da ich zuviel gesagt, da ich zuviel von
mir selber hineingelegt hatte. Damals beschlo ich, das Bild nie
auszustellen. Es krnkte dich ein wenig, aber damals verstandest du eben
nicht, was es fr mich bedeutete; Harry, dem ich davon erzhlte, lachte
mich aus. Aber das machte mich nicht irrig. Als das Bild fertig war, und
ich allein vor ihm dasa, fhlte ich, da ich recht hatte... Schn, ein
paar Tage spter, als es mein Atelier verlassen, und ich alsbald den
unertrglichen Zauber seiner Gegenwart berwunden hatte, schien es mir,
da es verrckt von mir gewesen war, mehr darin zu sehen, als da du
sehr hbsch seist, und ich wohl malen knne. Selbst jetzt kann ich nicht
umhin, zu fhlen, da es ein Irrtum sein mu, wenn man glaubt, da die
Begeisterung, die man beim Schaffen hat, in dem Werke, das man schafft,
leibhaftig zum Ausdruck kme. Die Kunst ist immer abstrakter, als wir
uns einbilden. Form und Farbe erzhlen uns von Form und Farbe -- weiter
nichts. Es scheint mir oft, da die Kunst den Knstler viel mehr
verbirgt als offenbart. Und als ich dann den Antrag aus Paris bekam,
entschlo ich mich, dein Bild zum Hauptstck meiner Ausstellung zu
machen. Es fiel mir nie ein, da du es nicht zulassen wrdest. Ich sehe
jetzt, da du recht hast. Das Bild darf nicht ausgestellt werden. Du
mut mir nicht bse sein, Dorian, wegen der Dinge, die ich gesagt habe.
Ich habe frher einmal Harry gesagt, du bist dazu geschaffen, angebetet
zu werden.

Dorian Gray atmete tief auf. Seine Wangen bekamen wieder Farbe, und ein
Lcheln umspielte seine Lippen. Die Gefahr war vorbei. Fr den
Augenblick war er gerettet. Doch er mute unendliches Mitleid fhlen mit
dem Maler, der ihm eben diese seltsame Beichte abgelegt hatte, und er
fragte sich, ob er selbst jemals so stark von der Persnlichkeit eines
Freundes beherrscht werden knnte. Lord Henry hatte den Reiz, sehr
gefhrlich zu sein. Aber das war alles. Er war zu klug und zu zynisch,
als da man ihn wirklich lieben knnte. Wrde es je einen Menschen
geben, den er merkwrdig abgttisch anbeten knnte? War das eines von
den Dingen, die ihm das Leben noch aufsparte?

Es ist mir wirklich ein reines Rtsel, sagte Hallward, da du das dem
Portrt angesehen haben willst. Hast du es wirklich gesehen?

Ich habe etwas darin gesehen, antwortete er, etwas, das mir sehr
sonderbar vorkam.

Und jetzt hast du wohl nichts mehr dawider, es einmal zu betrachten?

Dorian schttelte den Kopf. Das darfst du von mir nicht verlangen,
Basil. Es ist mir unmglich, dich vor dem Bilde stehen zu sehen.

Aber doch ein andermal?

Nie!

Schn, vielleicht hast du recht. Und jetzt adieu, Dorian. Du bist der
einzige Mensch in meinem Leben gewesen, der wirklichen Einflu auf meine
Kunst ausgebt hat. Was ich je Gutes gemacht habe, danke ich dir. Ach!
Du kannst dir nicht vorstellen, was es mich gekostet hat, dir all das
zu sagen, was ich gesagt habe.

Mein lieber Basil, sagte Dorian, was hast du mir denn gesagt? Nichts,
als da du das Gefhl habest, mich zu sehr zu bewundern. Das ist nicht
einmal ein Kompliment.

Es sollte auch kein Kompliment sein. Es war eine Beichte. Jetzt, da ich
sie abgelegt habe, kommt es mir so vor, als ob ich etwas verloren htte.
Man sollte seiner Verehrung niemals das Kleid der Worte umhngen.

Deine Beichte hat mich enttuscht.

Ja, was hast du denn erwartet, Dorian? Du hast doch nicht sonst noch
etwas in dem Bilde gesehen? Es war doch nicht sonst noch etwas anderes
zu sehen?

Nein, es war sonst nichts anderes zu sehen. Warum fragst du? Aber du
solltest nicht von Verehrung sprechen. Das ist Narrheit. Du und ich, wir
sind Freunde, Basil, und mssen es immer bleiben.

Du hast jetzt Harry, sagte der Maler traurig.

Oh, Harry! rief der junge Mann mit einem frhlichen Lachen. Harry
verbringt seine Tage damit, unglaubliche Dinge zu sagen, und seine
Abende, unwahrscheinliche Dinge zu tun. Das ist genau die Art Leben, das
ich fhren mchte. Immerhin glaube ich nicht, da ich je zu Harry ginge,
wenn mich Kummer drckte. Ich wrde eher zu dir kommen.

Du willst mir wieder sitzen?

Unmglich!

Du vernichtest meine knstlerische Existenz, wenn du dich weigerst.
Kein Mensch begegnet zwei Idealen. Wenige finden eines.

Ich kann es dir nicht erklren, Basil, aber ich darf dir nie wieder
sitzen. Es schwebt etwas Verhngnisvolles um das Bildnis eines Menschen.
Es hat ein Leben fr sich. Ich werde zu dir kommen und mit dir Tee
trinken, das wird ebenso hbsch sein.

Fr dich hbscher, frchte ich, sagte Hallward bekmmert vor sich hin.
Und jetzt adieu. Es tut mir leid, da du mich nicht noch einmal das
Bild sehen lassen wolltest. Aber dabei ist nichts zu tun. Ich verstehe
sehr gut, was du dabei fhlst.

Als er das Zimmer verlassen hatte, lchelte sich Dorian Gray zu. Der
arme Basil! Wie wenig ahnte der doch von dem wahren Grunde! Und wie
seltsam es war, da er es, statt sein eigenes Geheimnis offenbaren zu
mssen, fast durch einen Zufall erreicht hatte, dem Freunde das seine zu
entreien. Wie viel erklrte ihm doch diese merkwrdige Beichte! Die
unverstndlichen Eifersuchtsanflle des Malers, seine ungestme
Verehrung, seine bertriebenen Lobeshymnen, sein sonderbares Verstummen
-- das alles verstand er jetzt, und er tat ihm leid. Einer Freundschaft,
die so stark von Romantik gefrbt war, schien ihm eine gewisse Tragik
inne zu wohnen.

Er seufzte und drckte auf die Klingel. Das Portrt mute um jeden Preis
versteckt werden. Er konnte sich nicht ein zweitesmal der Gefahr solcher
Entdeckung aussetzen. Es war wahnsinnig von ihm gewesen, das Ding da
berhaupt nur eine Stunde lang in einem Zimmer zu lassen, zu dem jeder
seiner Freunde Zutritt hatte.




Zehntes Kapitel


Als sein Bedienter eintrat, sah er ihn forschend an und fragte sich, ob
es ihm wohl schon eingefallen sei, hinter den Schirm zu blicken. Der
Mann sah aber ganz harmlos aus und wartete auf seine Befehle. Dorian
zndete sich eine Zigarette an, ging zum Spiegel hinber und sah hinein.
Er konnte Viktors Gesicht darin genau sehen. Es war eine reglose Maske
der Unterwrfigkeit. Daher war nichts zu frchten, daher nicht. Doch er
hielt es fr das beste, auf der Hut zu sein.

In sehr leisem Tone trug er ihm auf, die Haushlterin herein zu rufen
und dann zum Einrahmer zu gehen, damit er sofort zwei Gehilfen schicke.
Es schien ihm, da die Augen des Mannes, als er das Zimmer verlie, in
die Richtung des Schirmes gingen. Oder war das nur Einbildung von ihm?

Nach einigen Augenblicken trat Frau Leaf in ihrem schwarzseidenen Kleid,
altmodische Zwirnhandschuhe auf den runzligen Hnden, in die Bibliothek.
Er verlangte von ihr den Schlssel zum Schulzimmer.

Das alte Schulzimmer, Herr Dorian! rief sie aus. Ei, das ist ja
voller Staub. Es mu erst hergerichtet und in Ordnung gebracht werden,
bevor Sie hinein knnen. Es ist jetzt nicht in einem Zustand, da Sie es
sehen knnten, gndiger Herr. Wirklich nicht.

Es braucht nicht hergerichtet zu werden, gute Leaf. Ich will nur den
Schlssel.

Aber gndiger Herr, Sie werden sich voller Spinnweben machen, wenn Sie
hineingehen. Ei, es ist ja beinah seit fnf Jahren nicht geffnet
worden, seit seine Gnaden gestorben sind.

Er zuckte zusammen bei der Erwhnung seines Grovaters. Er hatte nur
gehssige Erinnerungen an ihn. Das macht nichts, erwiderte er. Ich
will das Zimmer nur sehen -- das ist alles. Geben Sie mir den
Schlssel.

Hier ist schon der Schlssel, gndiger Herr, sagte die alte Dame, die
ihren Schlsselbund mit zitternden, unsicheren Hnden durchmustert
hatte. Hier ist der Schlssel, ich werde ihn gleich vom Bund haben.
Aber Sie denken doch nicht daran, dort hinaufzuziehen, gndiger Herr, wo
Sie es hier so gemtlich haben?

Nein, nein! rief er ungeduldig. Ich danke, gute Leaf. Ich brauche
sonst nichts.

Sie verweilte noch ein paar Augenblicke und wollte ber irgendeine
Angelegenheit in der Haushaltung zu quengeln anfangen. Er seufzte und
sagte, sie solle alles so erledigen, wie sie es frs beste halte. Mit
strahlendem Gesichte verlie sie das Zimmer.

Als die Tr geschlossen war, steckte Dorian den Schlssel in die Tasche
und blickte sich im Zimmer um. Sein Auge fiel auf eine groe purpurne
Atlasdecke mit schweren Goldstickereien, ein kstliches Stck
venezianischer Arbeit vom Ende des siebzehnten Jahrhunderts, das sein
Grovater in einem Kloster nahe bei Bologna aufgestbert hatte. Ja, die
pate trefflich, um das schreckliche Ding damit zu verhllen. Sie hatte
vielleicht oft als Bahrtuch fr Tote gedient. Jetzt sollte sie etwas
verhllen, das eine eigene Art Verwesung in sich hatte, eine rgere als
die Verwesung des Todes -- etwas, das Schrecknisse ausbrten und doch
nie sterben wrde. Was Wrmer fr einen Leichnam sind, das wrden seine
Snden fr das gemalte Antlitz auf der Leinwand werden. Sie wrden seine
Schnheit zerstren und seine Anmut wegfressen. Sie wrden es beflecken
und schnden. Und doch wrde das Bild weiterleben. Es wrde immer am
Leben bleiben.

Er schauderte, und einen Augenblick lang tat es ihm leid, da er Basil
nicht den wahren Grund gesagt habe, warum er das Bild verstecken wolle.
Basil htte ihm helfen knnen, sowohl dem Einflu Lord Henrys zu
widerstehen, als auch den noch viel giftigeren Einflssen, die aus
seiner eigenen Natur herrhrten. Die Liebe, die Basil fr ihn hegte --
denn es war wirklich Liebe --, schlo nichts ein, was nicht edel und
vergeistigt wre. Es war nicht jene rein physische Bewunderung, die eine
Geburt der Sinne ist und mit der Ermdung der Sinne hinstirbt. Es war
eine Liebe, wie sie Michelangelo gekannt hatte und Montaigne und
Winkelmann und auch Shakespeare. Ja, Basil htte ihn retten knnen. Aber
jetzt war es zu spt. Die Vergangenheit konnte immer vernichtet werden.
Reue, Verleugnung oder Vergessenheit konnten das bewirken. Aber die
Zukunft war unabwendlich. Er hatte Leidenschaften in sich, die ihr
frchterliches Ausfalltor bei ihm finden wurden, Trume, die ihre
sndigen Schatten zur Wirklichkeit umwandeln wrden.

Er griff nach dem groen berwurf aus Purpur und Gold, der den Diwan
bedeckte, hob ihn mit beiden Hnden auf und ging damit hinter den
Schirm. War das Gesicht auf der Leinwand jetzt hlicher als vorher? Es
erschien ihm unverndert; und doch, sein Abscheu davor war noch
verstrkt. Goldiges Haar, blaue Augen, rosenrote Lippen -- das war alles
da. Nur der Ausdruck hatte sich verwandelt. Der war erschreckend in
seiner Grausamkeit. Im Vergleich zu den Vorwrfen und der Rge, die er
in dem Bilde sah, wie nichtssagend waren da Basils Vorhaltungen ber
Sibyl Vane gewesen -- nichtssagend und belanglos! Seine eigene Seele sah
ihn an aus der Leinwand und forderte ihn vors Gericht. Ein schmerzlicher
Zug legte sich ber sein Gesicht, und er warf die prunkvolle Sofadecke
ber das Bild. Whrend er dies tat, klopfte es an die Tr. Er kam hinter
dem Wandschirm hervor, als sein Bedienter eintrat.

Die Leute sind da, Monsieur.

Er hatte das Gefhl, da er den Mann jetzt los werden msse. Er durfte
nicht wissen, wohin das Bild sollte. Er hatte etwas Listiges an sich und
nachdenkliche, verrterische Augen. Er setzte sich an den Schreibtisch,
kritzelte ein paar Zeilen hin an Lord Henry, worin er bat, ihm etwas zum
Lesen zu schicken, und worin er ihn daran erinnerte, da sie sich um
viertel neun heut abend treffen wollten.

Warten Sie auf Antwort, sagte er, indem er ihm den Brief bergab, und
lassen Sie die Leute herein.

Nach zwei bis drei Minuten klopfte es wieder, und Herr Hubbard, der
berhmte Rahmenfabrikant aus South Audley Street, trat mit einem
struwwelig aussehenden Gehilfen herein. Herr Hubbard war ein blhend
aussehender, rotbckiger, kleiner Mann, dessen Bewunderung fr die Kunst
betrchtlich vermindert worden war durch den althergebrachten Geldmangel
bei den meisten Knstlern, die mit ihm zu tun hatten. In der Regel
verlie er seine Werkstatt nie. Er wartete, bis die Leute zu ihm kamen.
Aber bei Dorian Gray machte er immer eine Ausnahme. Es war etwas an
Dorian, was jeden entzckte. Ihn nur zu sehen, das war schon ein
Vergngen.

Was steht zu Ihren Diensten, Herr Gray? fragte er und rieb seine
fetten, sommersprossigen Hnde. Ich dachte, ich wollte mir selbst die
Ehre geben, herberzukommen. Ich habe gerade ein Prachtstck von Rahmen
da. Bei einer Auktion ergattert. Alt-Florentiner. Stammt aus Fonthill,
vermute ich. Wundervoll geeignet fr einen religisen Gegenstand, Herr
Gray.

Es tut mir leid, da Sie sich selbst herbemht haben, Herr Hubbard. Ich
werde gern mal vorbeikommen und den Rahmen ansehen -- obwohl ich mich
gerade jetzt nicht sehr fr religise Kunst interessiere -- aber heute
mchte ich nur ein Bild auf den Boden getragen haben. Es ist ziemlich
schwer, deshalb dachte ich mir, da Sie so gut wren, mir zwei von Ihren
Leuten zu leihen.

Hat gar nichts zu sagen, Herr Gray. Freue mich, wenn ich Ihnen den
kleinsten Dienst leisten kann. Wo ist das Kunstwerk, gndiger Herr?

Dies da, antwortete Dorian und schob den Schirm zurck. Knnen Sie es
so hinaufbringen, wie es jetzt ist, Decke und Bild zusammen? Ich mchte
nicht, da es die Treppen hinauf zerschrammt wird.

Das werden wir leicht kriegen, sagte der muntere Rahmenmacher und
begann mit Hilfe von seinem Gesellen das Bild von den langen
Messingketten loszumachen, an denen es aufgehngt war. Und wo soll es
jetzt hingebracht werden, Herr Gray?

Ich will Ihnen den Weg zeigen, Herr Hubbard, wenn Sie so gut sein
wollen, mir nur zu folgen. Oder vielleicht gehen Sie lieber voraus. Es
tut mir leid, aber es ist ganz oben. Wir wollen ber die Vordertreppe
gehen, die ist breiter.

Er hielt ihnen die Tr auf, und sie gingen in den Vorraum hinaus und
fingen an, hinaufzusteigen. Die ausladenden Verzierungen des Rahmens
hatten das Bild sehr umfangreich gemacht, und hin und wieder legte
Dorian mit Hand an, um ihnen zu helfen, trotz den unterwrfigen
Einwnden des Herrn Hubbard, der die lebhafte Abneigung des wirklichen
Handwerkers gegen jede ntzliche Beschftigung eines vornehmen Herrn
hatte.

Da hat man ein ziemliches Gewicht zu schleppen, pustete der kleine
Mann, als sie den letzten Treppenabsatz erreicht hatten. Und er
trocknete sich die glnzende Stirn.

Es tut mir leid, da es so schwer ist, murmelte Dorian, whrend er die
Tr zu dem Zimmer aufschlo, das dieses sonderbare Geheimnis seines
Lebens aufbewahren und seine Seele vor den Blicken der Menschheit
schtzen sollte.

Er hatte die Stube wohl lnger als vier Jahre nicht betreten -- in
Wirklichkeit nicht, seitdem sie ihm in seiner Kindheit zuerst als
Spielzimmer, und dann, als er etwas lter war, als Studierzimmer gedient
hatte. Es war ein groer Raum von schnen Verhltnissen, den der
verstorbene Lord Kelso eigens zur Benutzung fr seinen kleinen Enkel
angebaut hatte, den er wegen seiner fabelhaften hnlichkeit mit seiner
Mutter und auch noch aus anderen Grnden immer gehat hatte und
mglichst weit weg von sich haben wollte. Der Raum schien Dorian wenig
verndert. Da war der mchtige italienische Cassone mit den phantastisch
bemalten Fllungen und den abgenutzten goldenen Ornamenten, in dem er
sich als Junge oft versteckt hatte. Da stand der polierte Bcherschrank
aus Satinholz mit seinen Schulbchern voll Eselsohren. An der Wand
darber hing noch derselbe zerfaserte flmische Gobelin, auf dem ein
verblichener Knig und eine Knigin in einem Garten Schach spielten,
whrend ein Trupp von Falkenieren vorbeiritt, die auf ihren
Panzerhandschuhen Vgel mit kappenverhllten Kpfen trugen. Wie gut er
sich an alles erinnerte! Jeder Augenblick seiner vereinsamten Kindheit
kam ihm vors Gedchtnis, whrend er sich umsah. Er entsann sich der
fleckenlosen Reinheit seines Knabenlebens, und es schien ihm furchtbar,
da gerade hier das verhngnisvolle Bildnis verborgen werden sollte. Wie
wenig hatte er in diesen lngst verrauschten Tagen von alledem geahnt,
was seiner warten sollte!

Aber kein anderer Ort im ganzen Hause war so sicher vor neugierigen
Augen als dieser. Er hatte den Schlssel, und jetzt konnte niemand
weiter hinein. Hinter dem purpurnen Bahrtuch konnte nun das gemalte
Gesicht auf der Leinwand tierisch, gedunsen und lasterhaft werden. Was
lag daran? Niemand konnte es sehen. Er selbst wollte es nicht sehen.
Warum sollte er die grliche Verwesung seiner Seele verfolgen? Er
behielt seine Jugend -- das mute gengen. Und brigens, konnte sein
Wesen trotz allem nicht edler werden? Es war kein Grund vorhanden, da
die Zukunft so angefllt von Lastern sein msse. Die Liebe konnte in
sein Leben treten und ihn lutern und ihn vor den Snden beschtzen, die
ihm schon in Geist und Blut zu ghren schienen -- diese seltsamen, nicht
gemalten Snden, deren Unbekanntheit ihnen eben den Reiz und die
Verfhrung lieh. Eines Tages vielleicht verschwand der grausame Zug von
dem empfindlichen Scharlachmund, und dann wrde er der Welt Basil
Hallwards Meisterwerk zeigen knnen.

Nein, das war unmglich. Stunde fr Stunde und Woche fr Woche alterte
das Antlitz auf der Leinwand. Es mochte den Greueln der Snde
entfliehen, aber die Greuel des Alters muten es einholen. Die Wangen
mssen hohl oder schlaff werden. Gelbe Krhenfe mssen sich um die
glanzlosen Augen herumringeln und sie frchterlich machen. Das Haar
mute seinen Glanz verlieren, der Mund klaffen oder einfallen, blde
oder gewhnlich aussehen, wie eben der Mund alter Leute aussieht. Der
Hals mute verschrumpfen, die Hnde muten kalt und von blauen Adern
durchzogen werden, der Krper mute sich krmmen, wie er ihn bei seinem
Grovater gesehen hatte, der so streng gegen ihn gewesen war in der
Knabenzeit. Das Bildnis mute verborgen bleiben. Da konnte nichts
helfen.

Bitte, Herr Hubbard, bringen Sie es herein, sagte er abgespannt und
wandte sich um. Es tut mir leid, da ich Sie so lange aufhielt. Ich
dachte gerade nach ber etwas.

Immer angenehm, sich mal verschnaufen zu knnen, Herr Gray, antwortete
der Rahmenmacher, der noch immer nach Luft schnappte. Wo sollen wir es
hinstellen?

Ach, irgendwo. Vielleicht hierher: da wird's gut stehen. Ich will's
nicht aufgehngt haben. Lehnen Sie es nur gegen die Wand. Danke!

Darf man das Kunstwerk mal ansehen?

Dorian erschrak. Es wrde Sie nicht interessieren, Herr Hubbard, sagte
er und sah den Mann fest an. Er fhlte sich imstande, auf ihn
loszustrzen und ihn zu Boden zu werfen, wenn er es wagen sollte, die
schimmernde Hlle zu lften, die das Geheimnis seines Lebens barg. Ich
will Sie nicht lnger aufhalten. Schnsten Dank, da Sie so freundlich
waren, herberzukommen.

Kein Anla, kein Anla, Herr Gray! Es ist mir immer ein Vergngen, fr
Sie etwas tun zu drfen.

Und Herr Hubbard stapfte die Treppe hinab, sein Gehilfe hinterher, der
noch einmal nach Dorian zurckblickte, mit einem Ausdruck scheuer
Bewunderung in dem unschnen Alltagsgesicht. Er hatte nie einen Menschen
gesehen, der so wunderhbsch war.

Als das Gerusch ihrer Futritte verklungen war, schlo Dorian die Tr
zu und steckte den Schlssel in die Tasche. Jetzt fhlte er sich
gleichsam gerettet! Nie wrde jemand das Schrecknis sehen. Kein Auge als
seines wrde mehr seine Schande erblicken.

Als er wieder in die Bibliothek kam, sah er, da es gerade fnf Uhr war
und da der Tee schon bereit stand. Auf einem kleinen Tisch aus dunklem,
wohlriechendem Holz, das reich mit Perlmutter ausgelegt war, einem
Geschenk der Frau seines Vormundes, Lady Radley, einer hbschen Kranken
von Beruf und Gewohnheit, die den vergangenen Winter in Kairo zugebracht
hatte, lag ein Briefchen von Lord Henry und daneben ein Buch in gelbem,
leicht abgenutztem und an den Ecken nicht mehr ganz sauberem Umschlag.
Ein Exemplar der dritten Tagesausgabe der St.-James-Gazette lag auf dem
Teebrett. Offenbar war Viktor zurckgekehrt. Er fragte sich, ob er wohl
die Leute in der Vorhalle getroffen htte, als sie das Haus verlieen,
und ob er sie ausgeforscht htte, was sie getan htten. Er wrde sicher
das Bild vermissen -- hatte es ohne Zweifel schon vermit, als er den
Teetisch zurecht machte. Der Schirm war noch nicht an seinen Platz
zurckgestellt worden, und der leere Raum an der Wand war auffallend.
Vielleicht wrde er ihn eines Nachts ertappen, wie er hinaufschlich und
die Tr des Bodenzimmers zu sprengen versuchte. Es war schrecklich,
einen Spion im Hause zu haben. Er hatte von reichen Leuten gehrt, die
ihr ganzes Leben hindurch von den Erpressungen eines Bedienten
ausgesaugt wurden, der mal irgendeinen Brief gelesen oder ein Gesprch
mitangehrt oder eine Karte mit einer Adresse gefunden oder unter einem
Kissen eine verwelkte Blume oder einen Fetzen zerknitterter Spitze
entdeckt hatte.

Er seufzte, go sich etwas Tee ein und ffnete Lord Henrys Billett. Es
stand nur darin, da er ihm die Abendzeitung schicke und ein Buch, das
ihn vielleicht interessieren werde, und da er ihn um Viertel neun im
Klub zu treffen hoffe. Er ffnete langsam die St.-James und durchflog
sie. Ein Strich mit Rotstift auf der fnften Seite fiel ihm auf. Er
machte auf die folgende Notiz aufmerksam:

     _Leichenschau einer Schauspielerin._ Eine gerichtliche
     Untersuchung wurde heute morgen von Herrn Danby, dem
     Bezirks-Leichenbeschauer in der Bell Tavern, Hoxton Road, ber den
     Leichnam von Sibyl Vane, einer jungen Schauspielerin, die seit
     kurzem am Royal Theater in Holborn engagiert war, abgehalten. Es
     wurde auf Tod durch einen Unglcksfall erkannt. Reges Mitgefhl
     erweckte die Mutter der Verblichenen, die whrend ihrer Aussage und
     der des ~Dr.~ Birrel, der die Obduktion der Leiche vorgenommen
     hatte, ihrem Schmerz erschtternden Ausdruck gab.

Er runzelte die Stirn, zerri das Blatt, lief im Zimmer auf und ab und
warf die Papierfetzen weg. Wie hlich das alles war! Und was fr eine
schreckliche Wirklichkeit die Hlichkeit allem gab! Er rgerte sich ein
wenig ber Lord Henry, da er ihm den Bericht geschickt hatte. Und
sicher war es albern von ihm, ihn mit Rotschrift anzustreichen. Viktor
konnte ihn gelesen haben. Der Mann verstand dafr mehr als genug
Englisch.

Vielleicht hatte er ihn schon gelesen und angefangen, Verdacht zu
schpfen. Und wenn schon, was lag daran? Was hatte Dorian Gray mit Sibyl
Vanes Tod zu tun? Es war kein Grund zur Furcht. Dorian Gray hatte sie
nicht gettet.

Sein Auge fiel auf das gelbe Buch, das ihm Lord Henry geschickt hatte.
Er war gespannt, was es sein mochte. Er trat an den kleinen
perlfarbenen, achteckigen Hocker, der ihm immer wie das Werk seltsamer
gyptischer Bienen vorgekommen war, die ihre Waben in Silber trieben,
nahm den Band zur Hand, warf sich in einen Lehnsessel und begann zu
blttern. Nach einigen Augenblicken kam er nicht mehr davon los. Es war
das merkwrdigste Buch, das er je gelesen hatte. Es schien ihm, als
zgen in erlesenen Prachtgewndern und zum Klange von Flten die Snden
der Welt in stummem Reigentanze an ihm vorbei. Dinge, die er bestimmt
getrumt hatte, wurden pltzlich zur Wirklichkeit. Dinge, von denen er
vag getrumt hatte, wurden ihm mhlich enthllt.

Es war ein Roman ohne rechte Handlung, der sich um einen einzigen
Charakter drehte, eigentlich eine bloe psychologische Studie ber einen
gewissen jungen Pariser, der sein Leben mit dem Versuche hinbrachte, im
neunzehnten Jahrhundert alle Leidenschaften und Wandlungen der
Denkungsart in Wirklichkeit umzusetzen, die jedem Jahrhundert, auer
seinem eigenen, angehrt hatten, und so die verschiedenartigen
psychischen Zustnde, die irgend einmal die Weltseele durchgemacht
hatte, in sich selbst gewissermaen zu vereinigen, indem er jene
Entsagungen, die die Menschen in ihrer Torheit Tugend genannt haben,
ihrer bloen Knstlichkeit wegen ebenso heftig liebte wie jene
Emprungen gegen die Natur, die weise Menschen noch immer Snden nennen.
Der Stil, in dem das Buch geschrieben war, bestand in jener sonderbaren,
reich geschmckten Diktion, die lebendig und dunkel zugleich ist, von
Argotausdrcken und archaistischen Wendungen, von technischen Ausdrcken
und sorgsam gefeilten Umschreibungen strotzt, wie sie die Arbeiten
einiger der feinsten Knstler aus der franzsischen Symbolistenschule
kennzeichnet. Es waren Metaphern darin, so abenteuerlich an Form wie
Orchideen und auch so fein angehaucht wie deren Farbentne. Das Leben
der Sinne war mit einer Terminologie mystischer Philosophie beschrieben.
Man wute manchmal kaum, ob man von den vergeistigten Entzckungen eines
mittelalterlichen Heiligen las oder die krankhaften Beichtbekenntnisse
eines modernen Snders. Es war ein Buch voll Gift. Ein dicker
Weihrauchnebel schien ber den Seiten zu schweben und sein Gehirn zu
betuben. Schon der melodische Fall der Stze, die gesuchte Monotonie
ihrer Musik mit der Flle von komplizierten Refrains und Taktgefgen,
die sich in der raffiniertesten Weise wiederholten, erzeugten im Geist
des Jnglings, als er von Kapitel zu Kapitel weiterlas, eine Art
Trumerei, ja eine frmliche Krankheit des Trumens, so da er den
sinkenden Tag und die hereinkriechenden Schatten nicht merkte.

Wolkenlos, von den Strahlen keines einzigen Sternes durchstochen,
glimmerte ein kupfergrner Himmel durch die Fenster. Er las bei seinem
matten Licht weiter, bis er nicht mehr lesen konnte. Nachdem ihn sein
Diener mehrere Male an die spte Stunde erinnert hatte, stand er auf,
ging ins Nebenzimmer, legte das Buch auf das Florentiner Tischchen, das
immer neben seinem Bett stand, und begann sich zum Diner umzukleiden.

Es war fast neun Uhr, als er im Klub ankam, wo er Lord Henry allein und
sehr gelangweilt aussehend, im Frhstckszimmer sitzend, antraf.

Es tut mir zwar leid, Harry, rief er, aber es ist nur deine Schuld.
Das Buch, das du mir geschickt hast, hat mich wirklich so gefesselt, da
ich gar nicht merkte, wo die Zeit geblieben ist.

Ja, ich dachte mir, da es dir gefllt, antwortete der Freund, sich
vom Stuhle erhebend.

Ich habe nicht gesagt, da es mir gefllt, Harry. Ich habe gesagt, es
fesselte mich. Das ist ein groer Unterschied.

Ah, das hast du entdeckt? sagte Lord Henry. Und sie gingen zusammen in
den Speisesaal.




Elftes Kapitel


Jahre hindurch konnte sich Dorian Gray von dem Einflu dieses Buches
nicht losmachen. Oder es wre vielleicht richtiger zu sagen, er
versuchte gar nicht, sich von ihm loszumachen. Er lie sich aus Paris
nicht weniger als neun Luxusexemplare der ersten Auflage kommen und lie
sie verschiedenfarbig einbinden, damit sie zu den wechselnden Launen und
vernderlichen Stimmungen seiner Natur paten, ber die er bisweilen
jede Herrschaft verloren zu haben schien. Der Held, der wunderbare junge
Pariser, bei dem das romantische und das wissenschaftliche Temperament
so merkwrdig vermischt waren, wurde fr ihn eine Art vorbildlicher
Idealgestalt seiner selbst. Und in der Tat schien ihm das ganze Buch die
Geschichte seines Lebens zu enthalten, aufgeschrieben, bevor er selbst
es gelebt hatte.

In einer Beziehung aber war er glcklicher als der phantastische
Romanheld. Er kannte nie -- hatte in der Tat auch nie einen Grund dazu
-- das beinahe groteske Grauen vor Spiegeln und polierten Metallflchen
und unbewegten Wassern, das den jungen Pariser so frh im Leben berkam
und das durch den jhen Verfall einer Schnheit verursacht war, die
allem Anschein nach vorher ganz auerordentlich gewesen sein mute. Mit
einer fast grausamen Lust -- und vielleicht liegt in jeder Lust, wie
gewilich in jedem Genu, Grausamkeit -- pflegte er den zweiten Teil des
Buches zu lesen mit dem wirklich tragischen, wenn auch etwas bertrieben
geschilderten Bericht von den Leiden und der Verzweiflung eines
Menschen, der selbst verloren hatte, was er an anderen und an der Welt
am hchsten schtzte.

Denn die wundervolle Schnheit, die Basil Hallward so gefesselt hatte
und manchen anderen auch, schien ihn nie zu verlassen. Selbst jene, die
die hlichsten Dinge ber ihn gehrt hatten -- und von Zeit zu Zeit
schlichen seltsame Gerchte ber seine Lebensweise durch London und
wurden das Gesprch der Klubs -- konnten, wenn sie ihn sahen, nichts
glauben, was ihm htte zur Unehre gereichen knnen. Er sah immer aus wie
einer, der sich in der Welt unbefleckt erhalten hatte. Mnner, die sich
anstige Dinge erzhlten, verstummten, wenn Dorian Gray ins Zimmer
trat. In der Reinheit seines Antlitzes lag ein Etwas, das sie in
Schranken hielt. Seine bloe Gegenwart schien in ihnen die Erinnerung an
die Unschuld zu erwecken, die sie beschmutzt hatten. Sie staunten, da
ein so reizender und anmutiger Mensch wie er der Befleckung durch eine
Zeit hatte entgehen knnen, die zugleich unsauber und sinnlich war.

Oft, wenn er von einer der geheimnisvollen lngeren Abwesenheiten
zurckkehrte, die so merkwrdige Vermutungen bei seinen Freunden
erregten oder bei jenen, die sich dafr hielten, so schlich er hinauf in
die verschlossene Dachstube, ffnete die Tr mit dem Schlssel, der ihn
nun nie mehr verlie, und stand mit einem Handspiegel vor dem Bildnis,
das Basil Hallward von ihm gemalt hatte, und sah bald auf das
schndliche und gealterte Antlitz auf der Leinwand, bald auf das schne,
junge Gesicht, das ihn aus der glatten Spiegelflche anlchelte. Gerade
die Strke dieses Kontrastes pflegte seine Lustempfindung zu erhhen. Er
verliebte sich mehr und mehr in seine eigene Schnheit und empfand mehr
und mehr Teilnahme fr die Verderbnis seiner eigenen Seele. Er
untersuchte mit peinlicher Sorgsamkeit und manchmal mit ungeheuerlichem
und schrecklichem Wonnegefhl die hlichen Linien, die die runzlige
Stirn durchfurchten oder sich um den ppigen sinnlichen Mund
schlngelten, und fragte sich manchmal, ob wohl die Merkmale der Snde
schrecklicher seien oder die Spuren des Alters? Er legte seine weien
Hnde neben die rohen, gedunsenen Hnde des Bildes und lchelte. Er
machte sich lustig ber den verunstalteten Leib und die welkenden
Glieder.

Dann gab es in der Tat Augenblicke, nachts, wenn er schlaflos in seinem
mild durchdufteten Zimmer lag oder in der schmuddeligen Stube der
kleinen berchtigten Kneipe nahe den Docks, die er unter einem
angenommenen Namen und verkleidet zu besuchen pflegte, wo er mit einem
Mitgefhl, das um so beklemmender war, als es einen rein ethischen
Ursprung hatte, an das Elend dachte, das er ber seine Seele gebracht
hatte. Aber Augenblicke wie diese waren selten. Jene Neugier auf das
Leben, die Lord Henry zuerst in ihm aufgestrt hatte, als sie im Garten
ihres Freundes nebeneinander saen, schien mit ihrer Befriedigung nur zu
wachsen. Je mehr er wute, desto mehr wollte er wissen. Er hatte tolle
Hungeranflle, die immer ungestillter wurden, je mehr er sie nhrte.

Und doch war er nicht gerade liederlich geworden, wenigstens nicht in
seinen Beziehungen zur Gesellschaft. Ein- oder zweimal in jedem Monat
whrend des Winters und jeden Mittwochabend whrend der Saison ffnete
er der Welt sein schnes Haus, und immer waren die berhmtesten Musiker
da, um seine Gste mit ihrer erlesenen Kunst zu begeistern. Seine
kleinen Diners, bei deren Vorbereitung ihm Lord Henry immer half, waren
ebensosehr wegen der sorgsamen Auswahl und Tischordnung der Eingeladenen
berhmt, wie wegen des ausgesuchten Geschmackes, der sich in der
Tafeldekoration mit ihren fein abgetnten, symphonischen Anordnungen
exotischer Pflanzen, gestickter Decken und antiker Gold- und
Silbergerte aussprach. Tatschlich gab es eine groe Zahl, besonders
von ganz jungen Menschen, die in Dorian Gray die vollkommene
Verkrperung eines Typus sahen oder zu sehen whnten, von dem sie oft in
den Tagen von Eton oder Oxford getrumt hatten, eines Typus, der etwas
von der wirklichen Bildung des Gelehrten mit der Anmut, Vornehmheit und
den vollendeten Manieren eines Weltmannes vereinigte. Ihnen erschien er
als einer aus jener Menschengruppe, von denen Dante sagt, sie suchten
sich durch die Anbetung der Schnheit zu vervollkommnen. Gleich Gautier
war er einer von denen, fr die die sichtbare Welt da war.

Und gewi war fr ihn das Leben die erste, die grte Kunst, und alle
brigen Knste schienen nur die Vorschule dazu. Natrlich bte auch die
Mode, durch die das wirklich Phantastische einen Augenblick lang
Allgemeingut wird, und das Dandytum, das auf seine Weise einen Versuch
bildet, eine absolut moderne Art von Schnheit zu verkrpern, ihren Reiz
auf ihn aus. Seine Art, sich zu kleiden, und die besonderen
Stilabweichungen, die er von Zeit zu Zeit sehen lie, hatten einen
ausgesprochenen Einflu auf die jungen Stutzer der Blle in Mayfair und
der Fenster des Pall-Mall-Klubs, die ihm in allem, was er tat,
nachahmten und jede Exzentrizitt aufgriffen, die seine Anmut erhhte,
aber ihm selbst nur teilweis ernst war.

Denn er war nur zu leicht bereit, die Stellung anzunehmen, die ihm
unmittelbar nach seiner Volljhrigkeit geboten wurde, und er fand in
Wahrheit einen besonderen Genu in dem Gedanken, er knne fr das London
seiner Zeit das werden, was fr das Rom des Kaisers Nero der Verfasser
des Satyrikon gewesen war, aber er wnschte doch im innersten Herzen
mehr zu werden als ein arbiter elegantiarum, und nicht nur ber das
Tragen eines Schmuckstckes oder das Binden einer Krawatte oder die
Haltung eines Spazierstockes befragt zu werden. Er suchte ein neues
Schema fr die Lebensfhrung zu entwerfen, das seine philosophische
Grundlage und seine geordneten Prinzipien haben und in der Vergeistigung
der Sinne seine hchste Vervollkommnung erreichen sollte.

Die Pflege der Sinne ist oft und mit vielem Recht geschmht worden, da
die Menschen einen natrlichen, instinktiven Abscheu vor Leidenschaften
und Empfindungen haben, die strker scheinen als sie selbst und die sie
mit weniger hoch organisierten Formen des Lebendigen gemein zu haben
sich bewut sind. Doch kam es Dorian Gray so vor, als ob die wahre Natur
der Sinne noch nie verstanden worden sei und als ob sie nur deshalb wild
und tierisch geblieben seien, weil die Welt versuchte, sie durch Hunger
zur Unterwerfung zu bringen oder durch Schmerzen zu tten, statt
bestrebt zu sein, sie zu Bestandteilen einer neuen geistigen Welt zu
machen, in der ein edles Schnheitsbewutsein die vorherrschende
Triebfeder sein sollte. Wenn er auf den Gang der Menschen durch die
Weltgeschichte zurckblickte, verfolgte ihn ein Gefhl des Verlustes. So
vielem war entsagt worden und zu so geringem Zweck! Es hatte wahnsinnige
freiwillige Entsagungen gegeben, ungeheuerliche Formen von
Selbstqulerei und Selbstverleugnung, deren Ursprung die Furcht war und
deren Ergebnis eine Erniedrigung von unsglich schrecklicherer Art, als
jene nur eingebildete Erniedrigung, vor der sie sich in ihrer
Unwissenheit flchten wollten, da die Natur in ihrer wunderbaren Ironie
den Anachoreten hinausjagte, damit er sich in Gesellschaft der Bestien
der Wste nhrte, und dem Einsiedler die Tiere des Feldes zu Gefhrten
gab.

Ja: es mute, wie Lord Henry prophezeit hatte, ein neuer Hedonismus
kommen, um das Leben zu erneuern und es von jenem strengen, hlichen
Puritanertum zu erlsen, das in unseren Tagen seine sonderbare
Auferstehung feierte. Gewi, er wrde dem Intellekt gehorsam sein
mssen; aber niemals drfte er eine Theorie oder ein System anerkennen,
das irgendein leidenschaftliches Erlebnis zum Opfer forderte. Sein
wahres Ziel sollte gerade die Erfahrung selbst sein und nicht die
Frchte der Erfahrung, mochten sie nun so s oder bitter sein, wie sie
wollten. Von dem Asketentum, das die Sinne ttet, oder von der
gewhnlichen Ausschweifung, die sie abstumpft, wrde er nichts wissen
wollen. Aber er sollte die Menschen lehren, sich fr die Momente des
Lebens zu sammeln, da dieses selbst doch nur ein Moment ist.

Es gibt nur wenige unter uns, die nicht manchmal vor Tagesgrauen erwacht
wren, entweder nach einer jener traumlosen Nchte, die uns den Tod
lieben lassen, oder nach einer jener Nchte voll Schrecken und
wollstiger Albdrcken, wo durch die Kammern des Gehirns Gespenster
flattern, die schrecklicher sind als die Wirklichkeit selbst und erfllt
sind von dem lebendigen Dasein, das in allem Grotesken lauert und das
der gotischen Kunst ihre ewig lebendige Kraft gibt, weil gerade diese
Kunst, wie man sagen mchte, die besondere Kunst jener ist, deren Geist
durch die Krankheit von Fiebertrumen verwirrt worden ist. Nach und nach
strecken sich bleiche Finger zwischen den Vorhngen durch und scheinen
zu erzittern. In schwarzen, abenteuerlichen Formen kriechen stumme
Schatten in die Ecken des Zimmers und kauern dort nieder. Drauen regen
sich die Vgel im Gebltter, oder man hrt den Schritt der Menschen, die
zur Arbeit gehen, oder das Heulen und Schluchzen des Windes, der von den
Bergen kommt und das schweigsame Haus umwandert, als frchte er, die
Schlfer zu wecken, und msse dennoch den Schlaf aus seiner purpurnen
Hhle ans Licht rufen. Schleier nach Schleier aus feiner, dunkelfarbener
Gaze heben sich, und allmhlich erhalten die Dinge ihre Formen und
Farben zurck, und wir sehen es mit an, wie die Frhdmmerung der Welt
ihre alte Gestalt zurckgibt. Die verschwommenen Spiegel bekommen ihr
Scheinleben zurck. Die lichtlosen Lampen stehen, wo wir sie gelassen
haben, und neben ihnen liegt das halb aufgeschnittene Buch, darin wir
gelesen, oder die verwelkte Blume, die wir auf dem Ball getragen, oder
der Brief, den zu lesen wir uns gefrchtet oder den wir zu oft gelesen
haben. Nichts scheint uns gendert. Aus den unwirklichen Schatten der
Nacht tritt das wirkliche Leben hervor, das wir kannten. Wir haben es da
wieder aufzunehmen, wo wir es unterbrochen haben, und uns beschleicht
das frchterliche Gefhl der Notwendigkeit, seine Energien weiter
verbrauchen zu mssen in der gleichen ermdenden Tretmhle stereotyper
Gewohnheiten, oder vielleicht berschleicht uns eine wilde Sehnsucht,
da sich unsere Augen eines Morgens ffnen mchten fr eine Welt, die im
nchtigen Dunkel zu unserer Lust neu erschaffen worden sei, fr eine
Welt, in der die Dinge frische Linien und Farben htten, verndert seien
oder andere Geheimnisse brgen, fr eine Welt, in der die Vergangenheit
nur einen unbedeutenden oder gar keinen Platz htte oder wenigstens in
keiner bewuten Form von Verpflichtung oder Reue weiterlebte, wo die
Erinnerung selbst an die Freude ihre Bitterkeit enthlt und dem
Gedchtnis an den Genu ein Schmerz beigemischt ist.

Die Erschaffung solcher Welten schien fr Dorian Gray der wahre
Lebensinhalt oder wenigstens sein hauptschlichster Inhalt zu bedeuten;
und auf seiner Suche nach Sinnenerlebnissen, die zugleich neu und
genureich sein sollten und jenes Element der Seltsamkeit enthielten,
die fr die Romantik so wesentlich ist, eignete er sich oft gewisse
Arten zu denken an, von denen ihm wohl bewut war, da sie seinem Wesen
in Wirklichkeit fremd waren, gab sich ihren subtilen Einflssen hin und
verlie sie dann, wenn er sozusagen ihre Farbe in sich eingesogen und
seine geistige Neugier befriedigt hatte, mit jener eigentmlichen
Gleichgltigkeit, die nicht unvereinbar ist mit einem wirklich glhenden
Temperament, und die in der Tat nach der Meinung gewisser moderner
Psychologen oft eine Bedingung dafr ist.

Einmal ging ein Gercht von ihm, er wolle katholisch werden; und gewi
hatte der katholische Kult eine groe Anziehungskraft fr ihn. Das
tgliche Meopfer, das wirklich viel ehrfurchterweckender ist als alle
Opfer der antiken Welt, regte ihn ebensosehr an durch seine prachtvolle
Unbekmmertheit des sinnlichen Augenscheins wie durch die primitive
Einfachheit seiner Elemente und das ewige Pathos der menschlichen
Tragdie, die es zu symbolisieren versuchte. Er liebte es, auf das kalte
Marmorpflaster hinzuknien und den Priester zu beobachten, der in seiner
stimmungsvollen, blumengestickten Stola langsam und mit weien Hnden
den Vorhang vom Tabernakel hinwegzog, oder die laternenfrmige
edelsteingeschmckte Monstranz in die Hhe hob, die jene blasse Hostie
enthielt, von der man zuzeiten wirklich denken konnte, es sei der panis
coelestis, das Brot der Engel, oder der, in die Gewnder der
Christuspassion gehllt, die Hostie in den Kelch tauchte und sich um
seiner Snden willen die Brust schlug. Die rauchenden Weihrauchkessel,
die die ernsten Knaben in ihren Spitzen- und Scharlachmnteln in der
Luft schwangen und die wie groe, goldene Blumen aussahen, bten einen
tiefen Zauber auf ihn aus. Wenn er hinaustrat, pflegte er staunend die
dunkeln Beichtsthle anzublicken und empfand eine Sehnsucht, im dsteren
Schatten eines solchen zu sitzen und den Mnnern und Frauen zu lauschen,
die durch das abgenutzte Gitter die wahre Geschichte ihres Lebens
flsterten.

Aber er verfiel nie dem Irrtum, seine geistige Entwicklung durch die
frmliche Annahme irgendeines Glaubens oder Systems zu hindern oder
irrtmlich ein Haus, in dem man leben konnte, gleichsam fr eine
Herberge zu halten, die nur zu kurzem Aufenthalt whrend einer Nacht
oder nur fr ein paar Stunden whrend einer Nacht taugt, wenn keine
Sterne leuchten und der Mond im Wechsel begriffen ist. Die Mystik mit
ihrer wunderbaren Kraft, uns gewhnliche Dinge seltsam erscheinen zu
lassen, und jene tiefe Ketzersucht, die sie immer zu begleiten scheint,
reizte ihn eine Saison hindurch; und dann neigte er sich eine andere
Saison hindurch wieder den materialistischen Lehren der Darwinistischen
Bewegung in Deutschland zu und fand einen besonderen Genu darin, die
Gedanken und Leidenschaften der Menschen bis auf irgendeine perlgroe
Zelle im Gehirn oder auf irgendeinen weien Nerv im Krper
zurckzuleiten, schwelgte frmlich in der Vorstellung einer absoluten
Abhngigkeit des Geistes von gewissen physischen Bedingungen, mochten
sie krankhaft oder gesund, normal oder pathologisch sein. Aber, wie
schon frher von ihm berichtet wurde, so schien keine Lebenstheorie von
irgendeiner Bedeutung fr ihn, im Vergleich mit dem Leben selbst. Er war
sich haarscharf bewut, in welches Irrsal jede geistige Spekulation
fhren mute, wenn sie von Handlung und Experiment getrennt ist. Er
wute, da die Sinne nicht weniger als die Seele ihre geistigen
Geheimnisse offenbaren muten.

Und so ergab er sich zeitweilig dem Studium der Wohlgerche, bemhte
sich um die Geheimnisse ihrer Bereitung, destillierte schwerduftende le
und verbrannte wohlriechendes Gummi, das aus dem Orient stammte. Er
erkannte, da es keine Stimmung des Geistes gab, die nicht ihr
Seitenstck im Leben der Sinne fand, und mhte sich, die wirkliche
Beziehung zwischen beiden zu entdecken, um herauszuklgeln, weshalb der
Weihrauch den Menschen mystisch stimmte, warum die Ambra die
Leidenschaften aufstachele, woher der Veilchenduft die Erinnerung an
gestorbene Romantik erwecke, wieso der Moschus das Gehirn verwirre, und
wodurch der Tschampak die Phantasie beflecke: und so versuchte er
manchmal, eine genaue Psychologie der Wohlgerche auszuarbeiten und ihre
verschiedenen Wirkungen zu bestimmen, zum Beispiel sriechender
Wurzeln, duftiger, samentragender Blten, aromatischer Balsame, dunkler,
starkriechender Hlzer, des Baldrians, der zum Erbrechen reizt, der
Hovenia, die einen toll macht, und der Aloe, die imstande sein soll, die
Schwermut aus der Seele zu verjagen.

Ein andermal widmete er sich gnzlich der Musik und gab fter Konzerte
in einem langen, dmmerigen Saal, dessen Wnde mit olivengrnem Lack
berzogen waren, und dessen Decke aus einem rot und gold Muster bestand,
wobei tolle Zigeuner kleinen Zithern wilde Musik entlockten oder ernste,
in gelbe Tcher gehllte Mnner aus Tunis die gespannten Saiten seltsam
groer Lauten zupften, whrend grinsende Neger eintnig auf kupferne
Trommeln schlugen und schlankschmchtige, turbanbedeckte Inder auf
scharlachroten Matten hockten und auf langen Rohr- oder Messingpfeifen
bliesen und damit groe Brillenschlangen oder schreckliche Hornvipern
beschworen oder zu beschwren schienen. Die kreischenden Intervalle und
die schrillen Mitne barbarischer Musik reizten ihn zuweilen, wenn
Schuberts Lieblichkeit oder Chopins ses Schmachten und die gewaltigen
Harmonien des groen Beethoven machtvoll in sein Ohr schlugen. Aus allen
Weltteilen sammelte er die merkwrdigsten Instrumente, die sich finden
lieen, entweder in den Grbern toter Vlker oder unter den wenigen
wilden Stmmen, die noch die Berhrung mit der westlichen Kultur
berlebt haben, und er liebte es, sie zu befhlen und zu verfgen. Er
besa das mysterise Juruparis der Rio-Negro-Indianer, das die Frauen
nicht ansehen drfen und selbst die jungen Mnner erst dann, wenn sie
vorher gefastet und sich gegeielt haben, er besa die irdenen Klappern
der Peruaner, die den schrillen Ton des Vogelschreis wiedergeben, und
Flten aus Menschenknochen, wie sie Alfonso de Ovalle in Chile gehrt
hat, und die wohlklingenden grnen Jaspissteine, die bei Cuzco gefunden
werden und einen Ton von eigentmlicher Se hervorbringen. Er hatte
bemalte, mit Kieselsteinen gefllte Krbisse, die beim Schtteln
rasselten, er hatte die langen Zinken der Mexikaner, in die der Spieler
nicht hineinblst, sondern durch die er die Luft einatmet, das rauhe
Ture der Amozonenstmme, das die Wachen ertnen lassen, wenn sie den
ganzen Tag auf hohen Bumen sitzen, und das, wie man sagt, auf eine
Entfernung von drei Seemeilen gehrt werden kann, das Teponaztli, das
zwei zitternde Holzzungen hat und auf die man mit Stcken schlgt, die
mit einer Art elastischen Kautschuks eingesalbt werden, das aus dem
milchigen Saft von Pflanzen gewonnen wird, er hatte die Yotlglocken der
Azteken, die wie Trauben in Bscheln hngen, und eine groe
zylinderfrmige Trommel, die bespannt ist mit den Huten groer
Schlangen gleich der, die Bernal Diaz sah, als er mit Cortez in den
mexikanischen Tempel trat, und von deren wehklagendem Tone er uns eine
so lebendige Schilderung hinterlassen hat. Das phantastische Wesen
dieser Instrumente wirkte bezaubernd auf ihn, und er empfand einen
seltsamen Genu bei dem Gedanken, da die Kunst wie die Natur ihre
Ungeheuer hat, Dinge von tierischer Form und mit abscheulichen Stimmen.
Aber nach einiger Zeit wurde er ihrer mde und sa dann wieder in seiner
Loge in der Oper, entweder allein oder mit Lord Henry, lauschte
hingerissen dem Tannhuser und erkannte in dem Vorspiel zu diesem groen
Kunstwerk eine Verkrperung des Trauerspiels seiner eigenen Seele.

Wieder ein andermal warf er sich auf das Studium der Edelsteine und
erschien auf einem Maskenfest als Anne de Joyeuse, Admiral von
Frankreich, in einem Gewand, das mit fnfhundertsechzig Perlen bestickt
war. Diese Geschmacksrichtung hielt ihn jahrelang gefangen, ja, man kann
sagen, da sie ihn nie verlassen hat. Er verbrachte oft einen ganzen Tag
damit, die verschiedenen Steine, die er gesammelt hatte, aus ihren
Schachteln zu nehmen und wieder umzuordnen, wie beispielsweise der
olivengrne Chrysoberyll, der im Lampenlicht rot wird, der Cymophan mit
seinen haarfeinen Silberlinien, der pistazienfarbene Peridot,
rosenfarbige und weingelbe Topase, scharlachfeurige Karfunkelsteine mit
zitternden, vierfach ausstrahlenden Sternen, flammenrote Kaneelsteine,
orangenfarbene und violette Spinelle und Amethyste mit ihren regelmig
wechselnden Schichten von Rubin und Saphir. Er liebte das rote Gold des
Sonnensteins und die perlfarbene Weie des Mondsteins und den
gebrochenen Regenbogen des milchflockigen Opals. Er verschrieb sich aus
Amsterdam drei Smaragde von auerordentlicher Gre und wunderbarem
Farbenreichtum und besa einen Trkis ~de la vieille roche~, um den ihn
alle Kenner beneideten.

Er entdeckte auch wunderbare Geschichten ber Edelsteine. In Alfons
~Clericalis disciplina~ wurde eine Schlange erwhnt mit Augen aus
wirklichen Hyazinthsteinen, und in der romantischen Alexandersage hie
es von dem Eroberer Emathias, er habe im Jordantale Schlangen gefunden
mit Halsgeschmeiden aus wirklichen Smaragden, die ihnen auf dem Rcken
gewachsen waren. Im Gehirn des Drachen war nach dem Bericht des
Philostratus ein Edelstein, und durch das Entgegenhalten goldener
Lettern und eines scharlachroten Gewandes konnte das Ungeheuer in einen
magischen Schlaf versetzt und gettet werden. Nach der Meinung des
groen Alchimisten Pierre de Boniface sollte der Diamant den Menschen
unsichtbar und der indische Achat ihn beredt machen. Der Karneol
beschwichtigte den Zorn, und der Hyazinth schlferte ein, und der
Amethyst verscheuchte den Weindunst. Der Granat trieb Teufel aus, und
der Hydrophyt beraubte den Mond seiner Farbe. Der Selenit nahm mit dem
Monde zu und ab, und der Meloceus, der die Diebe entdeckte, verlor seine
Kraft nur, wenn man ihn mit dem Blut junger Ziegen betropfte. Leonardus
Camillus hatte einen weien Stein gesehen, den man aus dem Gehirn einer
frisch getteten Krte genommen hatte und der ein sicheres Gegenmittel
gegen Gift war. Der Bezoar, den man im Herzen des arabischen Hirsches
fand, war ein Zauber, der die Pest zu heilen vermochte. In den Nestern
arabischer Vgel kam der Aspilates vor, der nach der Angabe des Demokrit
seinen Trger vor jeder Feuersgefahr beschtzte.

Der Knig von Seilan ritt bei seiner Krnungsfeier, mit einem groen
Rubin in der Hand, durch seine Stadt. Die Tore zum Palast des Johannes,
des Priesters, waren aus Sarder verfertigt, in den das Horn der
Hornviper verarbeitet war, so da kein Mensch Gift in das Haus bringen
konnte. ber dem Giebel waren zwei goldene pfel, die zwei
Karfunkelsteine enthielten, so da am Tage das Gold glnzen konnte und
die Karfunkelsteine bei Nacht. In Lodges seltsamem Roman Eine
amerikanische Perle heit es, da man in dem Zimmer der Knigin alle
keuschen Frauen der Welt, wie in Silber getrieben, wahrnehmen konnte,
wenn man durch fleckenfreie Spiegel aus Chrysolithen, Karfunkelsteinen,
Saphiren und grnen Smaragden blickte. Marco Polo hatte gesehen, wie
die Einwohner von Zipangu den Toten rosenfarbige Perlen in den Mund
steckten. Ein Seeungeheuer war in die Perle verliebt, die ein Taucher
dem Knig Perozes brachte, und es hatte den Dieb gettet und sieben
Monate lang ber den Verlust getrauert. Als die Hunnen den Knig in den
groen Hinterhalt lockten, warf er die Perle weg -- Prokopius erzhlt
die Geschichte -- und sie wurde nie wieder gefunden, obwohl Kaiser
Anastasius dafr fnf Zentner Goldstcke aussetzte. Der Knig von
Malabar hatte einmal einem Venezianer einen Rosenkranz aus
dreihundertvier Perlen gezeigt, eine Perle fr jeden Gott, den er
verehrte.

Als der Herzog von Valentinois, der Sohn Alexanders des Sechsten, Ludwig
den Zwlften von Frankreich besuchte, war nach Brantme sein Pferd mit
goldenen Blttern bedeckt, und ein Barett trug eine doppelte Reihe von
Rubinen, die ein mchtiges Licht ausstrahlten. Karl von England ritt in
Steigbgeln, die mit vierhunderteinundzwanzig Diamanten besetzt waren.
Richard der Zweite hatte ein Gewand, das mit Balasrubinen besetzt war,
und auf dreiigtausend Mark geschtzt wurde. Hall beschrieb Heinrich den
Achten auf seinem Wege zur Krnung nach dem Tower folgendermaen: er
trug ein Panzerkleid aus erhabenem Gold, die Brust war mit Diamanten
und anderen Edelsteinen bestickt, und um den Hals hing ihm eine mchtige
Kette aus schweren Balasrubinen. Die Gnstlinge Jakobs des Ersten
trugen Ohrringe aus Smaragden, die in Goldfiligran gefat waren. Eduard
der Zweite schenkte dem Piers Gaveston eine vollstndige Rstung aus
rotem Golde, die mit Hyazinthsteinen besetzt war, eine Halsberge aus
goldenen Rosen, in die Trkise eingelassen waren, und eine mit Perlen
berste Sturmhaube. Heinrich der Zweite trug Handschuhe bis zum
Ellenbogen hinauf, die mit Edelsteinen besetzt waren, und er hatte einen
Falkenierhandschuh, den zwlf Rubinen und zweiundfnfzig groe Perlen
zierten. Der Herzogshut Karls des Khnen, des letzten Burgunder Herzogs
seines Geschlechts, war behngt mit birnenfrmigen Perlen und berstreut
mit Saphiren.

Wie kstlich das Leben einst gewesen war! Wie schwelgerisch in seinem
Pomp und Schmuck! Von dem Reichtum der Toten auch nur zu lesen war schon
wunderbar.

Dann wandte er seine Aufmerksamkeit wieder den Stickereien zu und den
Gobelins, die in den frostigen Rumen der nrdlichen Vlker Europas die
Stelle der Freskogemlde vertraten. Als er sich in dieses Gebiet
vertiefte -- und er besa immer eine auerordentliche Fhigkeit, sich
fr den Augenblick von allem absorbieren zu lassen, was er in Angriff
nahm -- wurde er ordentlich traurig bei dem Gedanken an die Vernichtung,
die die Zeit schnen und wundervollen Dingen bereitete. Er wenigstens
war ihr entronnen. Sommer folgte dem Sommer, die gelben Jonquillen
hatten geblht und waren viele Male verwelkt, und schreckliche Nchte
wiederholten die Geschichte ihrer Schande, aber er blieb unverndert.
Kein Winter entstellte sein Antlitz oder beschdigte seinen
bltengleichen Schmelz. Wie anders war das mit den materiellen Dingen!
Wohin waren die entschwunden? Wo war das groe krokusfarbene Gewand, auf
dem die Gtter die Giganten bekmpft hatten, das von braunen Mdchen der
Athene zur Freude gestickt worden war? Wo war das groe Velarium, das
Nero ber das Kolosseum in Rom hatte ausspannen lassen, dieses
gigantische Purpursegel, auf dem der Sternenhimmel abgebildet war, und
Apollo, wie er einen Wagen lenkt, den weie, von goldenen Zgeln
gebndigte Streitrosse ziehen? Er sehnte sich, die sonderbaren
Tischdecken zu sehen, die fr den Sonnenpriester gewebt worden waren,
und in die alle Leckerbissen und Speisen eingewirkt waren, die man fr
ein Festmahl nur wnschen konnte, das Sterbekleid des Knigs Hilperich
mit seinen dreihundert goldenen Bienen, die phantastischen Gewandungen,
die die Entrstung des Bischofs von Pontus erregten und auf denen
Lwen, Panther, Bren, Hunde, Wlder, Felsen, Jger -- kurz alles
dargestellt war, was ein Maler der Natur ablauschen kann, und den Rock,
den Karl von Orleans einstmals getragen hatte, auf dessen rmel die
Verse eines Gedichtes gestickt waren, das begann: ~Madame, je suis tout
joyeux~, whrend die Noten hierzu mit Goldfden eingestickt waren und
jeder Notenkopf, damals noch viereckig, aus vier Perlen gebildet war. Er
las von dem Zimmer, das man im Palast von Reims fr den Gebrauch der
Knigin Johanna von Burgund hergerichtet hatte, und das ausgeschmckt
war mit dreizehnhunderteinundzwanzig gestickten Papageien, die das
Wappen des Knigs trugen, und mit fnfhunderteinundsechzig
Schmetterlingen, deren Flgel auf dieselbe Weise mit dem Wappen der
Knigin geschmckt waren, das Ganze in Gold gearbeitet. Katharina von
Medici hatte sich ein Trauerbett machen lassen aus schwarzem Samt,
bestickt mit Halbmonden und Sonnen. Seine Vorhnge waren aus Damast, und
auf einem Grunde von Gold und Silber waren Zweige und Girlanden
gestickt, und die Bordren bestanden aus Fransen mit Perlen, und es
stand in einem Zimmer, das mit einem Silbertuch bespannt war, auf dem
reihenweise die Wahlsprche der Knigin in schwarzem, geschorenem Samt
appliziert waren. Ludwig der Vierzehnte hatte in seinem Gemach
goldgestickte, fnfzehn Fu hohe Karyatiden. Das Staatsbett Sobieskis,
des Knigs von Polen, bestand aus Smyrna-Goldbrokat, und Verse aus dem
Koran waren aus Trkisen hineingestickt. Seine Fe waren aus
vergoldetem Silber, schn getrieben und verschwenderisch mit Medaillons
aus Email und Edelsteinen besetzt. Es war bei der Belagerung von Wien
aus dem trkischen Lager erbeutet worden, und die Fahne Mohammeds war
unter dem flimmerigen Gold seines Baldachins angebracht.

Und so suchte er ein ganzes Jahr lang die erlesensten Proben zusammen,
die er von Webekunst und Stickereiarbeiten auftreiben konnte, er
verschaffte sich die duftigen Delhi-Musselins, die zart mit goldenen
Palmblttern und mit irisierenden Kferflgeln bestickt waren, die
Gazestoffe aus Dhaka, die man im Orient ihrer Durchsichtigkeit wegen
gewebte Luft, rieselndes Wasser und Abendtau nennt: Tcher aus
Java mit seltsamen Figuren: feine, gelbe chinesische Gardinen: Bcher,
die in lohfarbigen Atlas oder hellblaue Seide gebunden und eingeprete
heraldinische Lilien, Vgel und Schildereien zeigten
Pointslace-Schleiergewebe aus Ungarn: sizilianische Brokate und steife
spanische Sammete: georgische Arbeiten mit ihren goldenen Mnzen, und
japanische Fukusas mit ihren grnen Goldtnen und ihren gefiederten
Vgeln wunderbarster Arbeit.

Er hatte dann eine besondere Leidenschaft fr kirchliche Gewnder wie
fr alles, was mit dem religisen Ritus zusammenhing. In den langen
Ksten aus Zedernholz, die auf der westlichen Galerie seines Hauses
standen, hatte er viele seltene, schne Proben des wahrhaften Kleides
der Christusbraut angesammelt, die sich in Purpur, in Edelsteine und
feines Linnen kleiden mu, um den bleichen, abgezehrten Leib darin zu
verhllen, der erschpft ist von den Leiden, die sie sucht, und
verwundet von selbst zugefgten Schmerzen. Er besa einen prachtvollen
Chorrock aus karminroter Seide und goldgewirktem Damast, der mit einem
sich wiederholenden Muster von goldenen Granatpfeln geziert war, die
auf sechsblttrigen, regelmigen Blten saen, worunter auf jeder Seite
ein in Staubperlen gestickter Tannenzapfen war. Die Goldstickereien
waren in einzelne Felder geteilt, in denen Szenen aus dem Leben der
Jungfrau abgebildet waren und die Krnung der Jungfrau war in der dazu
gehrigen Kappe in farbiger Seide oben eingestickt. Es war italienische
Arbeit aus dem fnfzehnten Jahrhundert. Ein anderer Chorrock war aus
grnem Samt, bestickt mit herzfrmigen Bndeln von Akanthusblttern, aus
denen langgestielte weie Blten hervorsprossen, die zart mit silbernen
Fden und farbigen Kristallperlen ausgearbeitet waren. Auf der Spange
war der Kopf eines Seraphs in erhabener Goldstickerei ausgefhrt. Die
Borten waren fortlaufend auf blumigem Tuch in roter und goldener Seide
eingewebt und mit den Medaillonbildnissen vieler Heiligen und Mrtyrer
ausstaffiert, unter denen sich der heilige Sebastian befand. Er hatte
auch Megewnder aus bernsteinfarbiger Seide und blauer Seide und
goldenem Brokat und aus gelbem Seidendamast und goldenem Tuch, die
bedeckt waren mit Darstellungen der Passion und der Kreuzigung Christi,
und bestickt mit Lwen, Pfauen und anderen Emblemen, er hatte Dalmatikas
aus weiem Atlas und rosarotem Seidendamast, geziert mit Tulpen,
Delphinen und heraldischen Lilien: Altardecken aus karmoisinrotem Samt
und blauem Linnen, und viele Decken fr Megerte, Kelchhllen und
Schweitcher. In den mystischen Diensten, zu denen diese Dinge bestimmt
waren, lag etwas, das seine Einbildungskraft anregte.

Denn diese Schtze und berhaupt alles, was er in seinem wunderbaren
Hause ansammelte, waren fr ihn Mittel zum Vergessen, Liebhabereien,
durch die er eine Zeitlang der Angst entrinnen konnte, die ihm oft zu
gro erschien, um sie zu ertragen. An die Wand des verlassenen,
verschlossenen Raumes, worin er einen so groen Teil seiner Knabenzeit
verbracht hatte, hatte er mit seinen eigenen Hnden das frchterliche
Portrt aufgehngt, dessen Zge ihm in ihrer Vernderung die wahrhafte
Erniedrigung seines Lebens zeigten, und darber hatte er als Vorhang
das Bahrtuch aus Gold und Purpur angebracht. Wochenlang mochte er nicht
dahin gehen, wollte er das grliche Gemlde vergessen und gewann dann
wieder sein leichtes Herz zurck, seine wunderbare Frhlichkeit und
seine Kraft zu leidenschaftlicher Versenkung ins Leben. Dann aber
schlich er pltzlich in einer Nacht aus dem Hause, besuchte schaurige
Orte in der Nhe von Blue Gate Fields und blieb dort Tag um Tag, bis es
ihn wieder wegtrieb. Nach seiner Rckkehr sa er dann wohl vor dem
Bilde, manchmal voll Ha vor ihm und vor sich selbst, ein andermal aber
erfllt mit dem Stolze auf das eigene Wesen, der den halben Reiz der
Snde ausmacht, und er lchelte dann mit geheimem Vergngen das
verunstaltete Abbild an, das die Last zu tragen hatte, die eigentlich
fr ihn bestimmt war.

Nach einigen Jahren konnte er es nicht aushalten, lange von England weg
zu sein, und gab das Landhaus auf, das er gemeinsam mit Lord Henry in
Trouville innegehabt hatte, und ebenso das kleine, von weier Mauer
umrahmte Haus in Algier, wo sie mehr als einmal den Winter verbracht
hatten. Er konnte es nicht ertragen, von dem Portrt getrennt zu sein,
das jetzt gewissermaen ein Teil seines Lebens geworden war, und er
frchtete auch, es knne in seiner Abwesenheit irgend jemand Zutritt
bekommen trotz den sorgfltig gearbeiteten Sicherheitsschlssern, die er
an der Tre hatte anbringen lassen.

Er war sich vollauf bewut, da niemand etwas verraten knne. Allerdings
bewahrte das Bild unter all der Gemeinheit und Hlichkeit seines
Antlitzes noch eine deutliche hnlichkeit mit ihm, aber was konnte das
den Leuten sagen? Er wrde jeden auslachen, der es versuchen wollte, ihn
zu schmhen. Er hatte es ja nicht gemalt. Was ging es ihn an, wie
abscheulich und schndlich es aussah? Selbst wenn er jemand die Wahrheit
erzhlte, konnte sie einer glauben?

Und doch hatte er Angst. Wenn er manchmal in seinem groen Hause in
Nottinghamshire war und die eleganten jungen Leute, die meistens seine
Gesellschaft bildeten, bewirtete, und die Leute der Grafschaft durch den
ausschweifenden Luxus und den verschwenderischen Glanz seines Lebens in
Erstaunen setzte, dann verlie er wohl pltzlich seine Gste und eilte
zurck in die Stadt, um nachzusehen, ob sich niemand an der Tre zu
schaffen gemacht habe und ob das Bild noch da sei. Wie, wenn es jemand
gestohlen htte? Der bloe Gedanke erfllte ihn mit kaltem Entsetzen.
Gewi wrde dann die Welt sein Geheimnis erfahren. Vielleicht hatte sie
schon Verdacht geschpft.

Denn genau wie er viele fesselte, gab es auch nicht wenige, die ihm
mitrauten. Er wre fast schwarz ballotiert worden in einem
Westend-Klub, zu dessen Mitgliedschaft ihn soziale Stellung und Geburt
vollstndig berechtigten, und es hie, da einmal, als ihn ein Freund in
das Rauchzimmer des Curchill-Klubs mitgebracht hatte, der Herzog von
Berwick und ein anderer Herr in auffallender Weise aufgestanden und
hinausgegangen wren. Sonderbare Geschichten waren ber ihn im Umlauf,
als er sein fnfundzwanzigstes Jahr vollendet hatte. Man munkelte, da
man ihn in einer elenden Kaschemme in einem entlegenen Winkel
Whitechapels mit fremden Matrosen habe zechen sehen, und da er mit
Dieben und Falschmnzern umgehe und die Geheimnisse ihres Gewerbes
kenne. Seine auffallende Gewohnheit, zu bestimmten Zeiten zu
verschwinden, war bekannt, und wenn er dann wieder in der Gesellschaft
auftauchte, flsterte man sich in den Ecken Bemerkungen zu oder man ging
an ihm mit einem unzweideutigen Lcheln oder mit khlen, forschenden
Blicken vorbei, als wre man entschlossen, sein Geheimnis zu enthllen.

Von diesen Unverschmtheiten und versuchten Beleidigungen nahm er
natrlich keine Notiz, und in den Augen der meisten Leute war sein
offenes, freundliches Wesen, sein reizendes Knabenlcheln und die
unendliche Grazie der wundervollen Jugend, die ihn nie zu verlassen
schien, an sich eine gengende Antwort auf die Verleumdungen, denn so
nannte man es, die ber ihn im Umlauf waren. Indessen bemerkte man, da
einige von denen, die frher sehr innig mit ihm verkehrt hatten, ihn
nach einiger Zeit zu meiden anfingen. Frauen, die ihn glhend geliebt
hatten und um seinetwillen allem Tadel der Gesellschaft getrotzt und die
Konvention verachtet hatten, konnte man vor Scham oder Entsetzen
erbleichen sehen, wenn Dorian Gray ins Zimmer trat.

Doch dieses Skandalgeflster erhhte in den Augen vieler nur seinen
seltsamen und gefhrlichen Reiz. Auch sein groer Reichtum bot ein
gewisses Unterpfand der Sicherheit. Die Gesellschaft, wenigstens die
zivilisierte Gesellschaft, ist niemals schnell geneigt, etwas Schlechtes
von denen zu glauben, die zugleich reich und interessant sind. Sie
begreift instinktiv, da Manieren wichtiger sind als Moral, und ihrer
Meinung nach ist die hchste Ehrbarkeit weniger wert als der Besitz
eines guten Kchenchefs. Und schlielich ist es auch ein sehr schwacher
Trost, wenn einem gesagt wird, da der Mann, bei dem es ein schlechtes
Diner oder einen elenden Wein gegeben hat, in seinem Privatleben
unantastbar dasteht. Selbst die Kardinaltugenden knnen nicht fr kalt
gewordene Entrees entschdigen, bemerkte Lord Henry einmal, als man ber
dieses Thema sprach; und fr seine Ansicht spricht wahrscheinlich sehr
viel. Denn die Gesetze der guten Gesellschaft sind oder sollten
wenigstens dieselben sein, wie die Regeln der Kunst. Form ist fr sie
unbedingt wesentlich. Sie sollte die Wrde ebenso wie die Unwirklichkeit
einer Zeremonie haben und sollte den unaufrichtigen Schein eines
romantischen Schauspiels mit dem Witz und der Schnheit verbinden, die
fr uns das Entzcken solcher Spiele ausmachen. Ist Unaufrichtigkeit
denn etwas so Furchtbares? Ich glaube nicht. Sie ist nur ein Mittel,
wodurch wir unsere Persnlichkeit vervielfachen knnen.

Das war wenigstens die Meinung von Dorian Gray. Er pflegte sich ber die
seichte Psychologie derer zu wundern, die sich das Ich eines Menschen
als etwas Einfaches, Bestndiges, Verlliches und Einheitliches
vorstellen. Fr ihn war der Mensch ein Wesen mit Myriaden von Leben und
Myriaden von Gefhlen, ein kompliziertes, vielgestaltetes Geschpf, das
seltsame Erbschaften in seinen Gedanken und Leidenschaften mit sich
herumtrug und dessen Fleisch von den ungeheuerlichen Krankheiten der
Verstorbenen angesteckt war. Er liebte es, die kahle, kalte
Bildergalerie auf seinem Landsitze zu durchschlendern und die
verschiedenen Portrts der Menschen zu betrachten, deren Blut in seinen
Adern flo. Hier war Philipp Herbert, den Francis Osborne in seinen
Memoiren ber die Herrscherzeit der Knigin Elisabeth und des Knigs
Jakob als einen beschrieb, den der Hof seines hbschen Gesichtes wegen
lieb hatte, das ihm aber nicht lange Gesellschaft leistete. War es das
Leben des jungen Herbert, das er manchmal fhrte? Hatte sich irgendein
merkwrdiger, gifttragender Keim von Krper zu Krper bertragen, bis er
seinen eigenen erreicht hatte? War es eine dumpfe Erinnerung an diesen
verwelkten Liebreiz gewesen, die damals in Basil Hallwards Atelier so
jh und fast ohne Grund ber ihn hereinbrach, da er jenes wahnsinnige
Gebet sprechen mute, das sein Leben so sehr verndert hatte? Hier stand
in goldgesticktem rotem Wams, in einem mit Juwelen geschmckten berrock
und goldgefaten Hals- und rmelkrausen Sir Anthony Sherard, die Beine
mit silbernen und schwarzen Schienen gepanzert. Was war das Vermchtnis
dieses Mannes gewesen? Hatte ihm der Geliebte der Giovanna von Neapel
ein Erbteil der Snde und Schande hinterlassen? Waren seine eigenen
Handlungen nur die Trume, die der Tote nicht zu verwirklichen gewagt
hatte? Hier lchelte von einer verblaten Leinwand Lady Elisabeth
Devereux in ihrer Gazehaube, dem perlenbestickten Brustschmuck und den
roten Schlitzrmeln. Sie hielt in der rechten Hand eine Blume, und die
linke umfate einen emaillierten Halsschmuck aus weien und Damaszener
Rosen. Auf einem Tisch neben ihr lag eine Mandoline und ein Apfel. Auf
ihren kleinen, spitzen Schuhen saen groe, grne Rosetten. Er kannte
ihr Leben und die seltsamen Geschichten, die man ber ihre Liebhaber
erzhlte. Hatte er etwas von ihrem Temperament an sich? Diese ovalen
Augen mit den schweren Lidern schienen ihn so sonderbar anzublicken. Wie
stand es um George Willoughby mit seinem gepuderten Haar und seinen
phantastischen Schnheitspflsterchen? Wie bse er aussah! Das Gesicht
war melancholisch und brunlich, und die sinnlichen Lippen schienen
verchtlich zusammengekniffen. Kostbare Spitzenmanschetten rieselten
ber die mageren gelben Hnde, die mit Ringen so sehr berladen waren.
Er war im achtzehnten Jahrhundert ein Stutzer gewesen und in seiner
Jugend ein Freund von Lord Ferrars. Wie war es mit dem zweiten Lord
Beckenham, dem Gefhrten des Prinzregenten in seinen wildesten Tagen und
einem der Zeugen bei seiner heimlichen Eheschlieung mit Frau
Fitzherbert? Wie stolz und hbsch war er mit seinen kastanienbrauen
Locken und der herausfordernden Haltung! Welche Leidenschaften hatte er
ihm vererbt? Die Welt hatte ihn fr ehrlos gehalten. Er hatte bei den
Orgien in Carlton House den Vorsitz gefhrt. Der Stern des
Hosenbandordens strahlte auf seiner Brust. Neben ihm hing das Bild
seiner Gemahlin, einer blassen, dnnlippigen Frau in schwarzem Kleide.
Auch ihr Blut flutete in ihm. Wie merkwrdig schien das alles! Und seine
Mutter mit ihrem Lady Hamilton-Gesicht und ihren feuchten, wie vom Wein
benetzten Lippen -- er wute, was er von ihr mitbekommen hatte. Von ihr
hatte er seine Schnheit geerbt und seine Leidenschaft fr die
Schnheit anderer. Sie lachte ihn an in ihrem losen Bacchantinnenkleide.
In ihrem Haare waren Weinbltter. ber den Becher, den sie hielt,
schumte der Purpur. Die Fleischfarbe des Gemldes war verblat, aber
die Augen waren noch wunderbar in ihrer Tiefe und ihrem Farbenglanz. Sie
schienen ihm berall hin zu folgen, wo er auch ging.

Aber man hatte Vorfahren ebensogut in der Literatur wie in dem eigenen
Geschlecht, und viele davon standen einem vielleicht nher in ihrem
Menschentum und in ihrem Temperament und hatten sicher einen Einflu,
von dem man sich genauere Rechenschaft zu geben vermochte. Es gab
Zeiten, wo Dorian Gray den Eindruck hatte, als wre die ganze
Weltgeschichte nur ein Bericht seines eigenen Lebens, nicht wie er es
nach Taten und Umstnden gelebt hatte, sondern wie es seine Phantasie
fr ihn erschaffen hatte, wie es in seinem Gehirn und in seinen
Sinnentrieben war. Er fhlte, da er sie alle gekannt hatte, diese
merkwrdigen schrecklichen Gestalten, die ber die Weltenbhne
geschritten waren und die Snde so glnzend und das Bse so tief und
fein gemacht hatten. Es wollte ihm scheinen, da auf irgendeine
geheimnisvolle Weise ihr Leben auch sein eigenes gewesen sei.

Der Held des wunderbaren Romans, der sein Leben so stark beeinflut
hatte, war auch von diesem seltsamen Einfall ergriffen gewesen. Im
siebenten Kapitel erzhlt er: wie er, bekrnzt mit Lorbeer, damit ihn
der Blitz nicht treffe, als Tiberius in einem Garten von Capri gesessen
und die schndlichen Bcher von Elephantis gelesen habe, whrend Zwerge
und Pfauen um ihn herumstolzierten und der Fltenspieler den
Weihrauchschwinger verspottete: wie er als Caligula mit den
grnbeschrzten Stallknechten in ihren Stllen gezecht und aus einer
elfenbeinernen Krippe ein Mahl genommen habe mit einem Rosse, das ein
edelsteingeschmcktes Stirnband trug, und wie er als Domitian durch
einen Korridor gewandert sei, dessen Wnde mit Marmorspiegeln bedeckt
waren, in denen er mit verstrten Augen nach dem Widerschein des Dolches
gesucht habe, der seine Tage enden sollte, erkrankt an der Langeweile,
dem schrecklichen ~Taedium vitae~, das alle befllt, denen das Leben
nichts versagt: und wie er durch einen hellen Smaragd den blutrnstigen
Schlchterszenen im Zirkus zugeschaut habe und dann in einer Karosse aus
Perlen und Purpur, die von silberfarbig gesprenkelten Maultieren gezogen
wurde, durch eine Strae mit Granatbumen zu einem goldenen Hause
gefahren sei und gehrt habe, wie ihm die Menschenmenge zurief: Kaiser
Nero, als er vorbeifuhr, und wie er sich als Heliogabal das Gesicht
geschminkt, mit den Weibern am Spinnrocken gewebt und den Mond aus
Karthago geholt habe, um ihn in mystischer Ehe mit der Sonne zu
vermhlen.

Wieder und wieder las Dorian dieses phantastische Kapitel und die zwei
unmittelbar folgenden, in denen wie auf wunderlichen Gobelins oder
kunstvoll gearbeiteten Emaillen die greulich-schnen Gestalten jener
dargestellt waren, die Laster und Blut und bersttigung zu Ungeheuern
oder Narren gemacht hatte: Filippo, der Herzog von Mailand, der sein
Weib gettet und ihre Lippen mit scharlachrotem Gift gefrbt hatte,
damit ihr Geliebter von dem Leichnam, wenn er ihn liebkoste, den Tod
saugen mge: der Venezianer Pietro Barbi, bekannt als Paul der Zweite,
der in seiner Eitelkeit den Beinamen Formosus annehmen wollte und dessen
Tiara, die zweihunderttausend Gulden Wert hatte, mit einer furchtbaren
Snde erkauft worden war: Gian Maria Visconti, der Hunde benutzte, um
auf lebende Menschen Jagd zu machen, und dessen Leichnam nach seiner
Ermordung von einer Dirne, die ihn geliebt hatte, mit Rosen bedeckt
ward: der Borgia auf seinem Schimmel, neben dem der Brudermord hoch zu
Rosse sa, und dessen Mantel mit dem Blute Perottos befleckt war: Pietro
Riario, der junge Kardinalerzbischof von Florenz, das Kind und der
Liebling Sixtus des Sechsten, dessen Schnheit nur von seiner
Lasterhaftigkeit bertroffen wurde, und der Leonora von Aragonien in
einem Zelt aus weier und karmesinfarbener Seide empfing, das voll
Nymphen und Zentauren war, und der einen Knaben vergoldete, damit er bei
dem Feste als Ganymed oder Hylas aufwarte: Etzelin, dessen Schwermut nur
durch das Schauspiel des Todes geheilt werden konnte und der eine
Leidenschaft fr rotes Blut hatte, wie andere Menschen fr roten Wein --
den man den Sohn des Satans hie und der seinen Vater beim Wrfeln
betrogen hatte, als er mit ihm um seine Seele spielte: Giambattista
Cibo, der aus Hohn den Namen Innozentius annahm und in dessen verdumpfte
Adern ein jdischer Arzt das Blut von drei Jnglingen einpumpte:
Sigismondo Malatesta, der Liebhaber der Isotta und der Herr von Rimini,
der zu Rom im Bilde als ein Feind Gottes und der Menschen verbrannt
wurde, und der Polyssena mit einer Serviette erdrosselte, und der
Ginevra d'Este aus einem Smaragdbecher Gift zu trinken gab und, um eine
schndliche Leidenschaft zu ehren, einen heidnischen Tempel zur Anbetung
fr die Christen baute: Karl der Sechste, der fr das Weib seines
Bruders so ungestm erglhte, da ihm ein Ausstziger den Irrsinn
prophezeite, der ber ihn kommen werde, und der, als sein Geist krank
geworden war und sich verwirrt hatte, nur durch sarazenische Spielkarten
besnftigt wurde, auf denen Liebe, Tod und Wahnsinn abgebildet waren:
und in seinem gezierten Kamisol und in seinem edelsteingeschmckten
Barett und den akanthusgleichen Locken Grifonetto Baglioni, der Astorre
bei seiner Braut und Simonetto bei seinem Pagen erschlug, und dessen
Anmut so gro war, da, als er sterbend auf der gelben Piazza in Perugia
lag, selbst seine Hasser das Schluchzen nicht unterdrcken konnten, und
ihn Atalanta segnete, die ihn verflucht hatte.

Ein grauenhafter Zauber war in alledem. Er sah sie bei Nacht, und
whrend des Tages verwirrten sie seine Vorstellungen. Die Renaissance
kannte seltsame Arten, zu vergiften -- zu vergiften durch einen Helm und
eine angezndete Fackel, einen bestickten Handschuh und einen
edelsteinbesetzten Fcher, ein vergoldetes Riechbchschen und eine
Bernsteinkette. Dorian Gray war durch ein Buch vergiftet worden. Es gab
Augenblicke, in denen er die Snde einzig als eine Mglichkeit ansah,
seinen Schnheitsbegriff zu verwirklichen.




Zwlftes Kapitel


Es war am neunten November, am Vorabend seines achtunddreiigsten
Geburtstages, wie er sich spter oftmals erinnerte.

Er ging gegen elf Uhr aus Lord Henrys Wohnung, bei dem er gegessen
hatte, nach Hause und war in einen schweren Pelz gehllt, da die Nacht
kalt und neblig war. An der Ecke von Grosvenor Square und South Audley
Street ging im Nebel ein Mann sehr eilig an ihm vorbei, der den Kragen
seines grauen Ulsters hochgeschlagen hatte. Er trug eine Reisetasche.
Dorian erkannte ihn. Es war Basil Hallward. Ein seltsames Angstgefhl,
ber das er sich keine Rechenschaft geben konnte, befiel ihn. Er lie
nicht merken, da er ihn erkannt hatte und setzte rasch seinen Weg fort
in der Richtung seines Hauses.

Aber Hallward hatte ihn gesehen. Dorian hrte, wie er zuerst auf dem
Trottoir stehenblieb und ihm dann nacheilte. In ein paar Augenblicken
lag eine Hand auf seinem Arm.

Dorian! Was fr ein besonders glcklicher Zufall! Ich habe seit neun
Uhr in deiner Bibliothek auf dich gewartet. Schlielich tat mir dein
ermdeter Diener leid, und als er mich herunterlie, sagte ich ihm, er
mchte zu Bett gehen. Ich fahre mit dem Mitternachtszug nach Paris, und
ich hatte den dringendsten Wunsch, dich vor meiner Abreise noch zu
sehen. Ich dachte, das mut du sein, oder mindestens dein Pelz, als du
vorbeigingst. Aber ich war doch nicht ganz sicher. Hast du mich denn
nicht erkannt?

Bei so einem Nebel, lieber Basil? Ich kann nicht einmal Grosvenor
Square erkennen. Ich vermute, mein Haus ist hier irgendwo in der Nhe,
aber ich bin mir nicht ganz sicher. Es tut mir leid, da du verreist,
denn ich habe dich ja eine Ewigkeit nicht gesehen. Aber ich denke, du
kommst doch bald wieder?

Nein; ich bleibe sechs Monate von England fort. Ich will mir in Paris
ein Atelier mieten und mich darin einschlieen, bis ein groes Bild
fertig ist, das ich im Kopf habe. Aber ich wollte nicht ber mich reden.
Da sind wir an deiner Tr. La mich einen Augenblick mit herein. Ich
habe dir was zu sagen.

Es wird mir eine groe Freude sein. Aber versumst du auch deinen Zug
nicht? sagte Dorian Gray mit mder Stimme, als er die Treppe
hinaufstieg und die Tr mit seinem Drcker ffnete.

Das Lampenlicht kmpfte mit dem Nebel, und Hallward sah auf die Uhr.
Ich habe noch eine Menge Zeit, antwortete er. Der Zug geht zwlf Uhr
fnfzehn, und es ist eben elf. Offen gesagt, ich war gerade auf dem Weg
in den Klub, um dich zu suchen, als ich dich traf. Mein Gepck wird
mich, wie du siehst, nicht sehr aufhalten, weil ich die schweren Sachen
vorausgeschickt habe. Hier in der Tasche ist alles, was ich mitnehme,
und nach Victoria Station kann ich bequem in zwanzig Minuten kommen!

Dorian sah ihn lchelnd an. Fr einen berhmten Maler eine merkwrdige
Art, zu reisen! Eine Handtasche und ein Ulster! Komm herein, sonst
dringt der Nebel ins Haus! Und bitte, sprich ber nichts Ernsthaftes mit
mir. Nichts ist heutzutage ernsthaft. Wenigstens sollte es nichts sein.

Hallward schttelte den Kopf als er eintrat, und folgte Dorian ins
Bibliothekzimmer. Dort brannte in dem offenen Kamin ein helles
Holzfeuer. Die Lampen waren angezndet, und ein offenstehender
hollndischer Likrkasten aus Silber stand nebst ein paar
Sodawassersiphons und groen geschliffenen Glsern auf einem eingelegten
Tischchen.

Du siehst, dein Diener hat es mir gemtlich gemacht, Dorian. Er hat mir
alles gegeben, was ich brauchte, sogar deine besten Zigaretten mit
Goldmundstck. Es ist ein recht gastfreundlicher Mensch. Ich mag ihn
viel lieber als den Franzosen, den du vor ihm hattest. Was ist brigens
aus dem Franzosen geworden?

Dorian zuckte die Achseln. Ich glaube, er hat Lady Radleys
Kammermdchen geheiratet und sie in Paris als englische Schneiderin
etabliert. Ich hre, da Anglomanie zurzeit drben sehr Mode ist.
Scheint mir recht tricht von den Franzosen, nicht wahr? Aber -- weit
du noch? -- er war wirklich kein schlechter Bedienter. Ich mochte ihn
zwar auch nie so recht leiden, aber er gab mir keinen Grund zur Klage.
Man bildet sich oft Dinge ein, die ganz sinnlos sind. Er war mir
wirklich sehr ergeben und schien ganz traurig, als er wegging. Willst du
noch einen Kognak und Soda? Oder lieber Wein mit Selter? Ich nehme immer
Wein mit Selter. Es ist gewi etwas im Nebenzimmer.

Danke, ich nehme nichts mehr, sagte der Maler, legte Mtze und
berrock ab und warf sie auf die Reisetasche, die er in die Zimmerecke
gestellt hatte. Und jetzt, lieber Freund, mchte ich mit dir mal
ernsthaft sprechen. Du mut nicht so bse aussehen. Du machst es mir
dadurch nur schwerer.

Was soll das alles? rief Dorian, offen seine Verdrielichkeit zeigend
und warf sich auf das Sofa. Ich hoffe, es handelt sich nicht um mich.
Ich habe heute abend genug von mir. Ich wnschte, ich wre ein anderer.

Es handelt sich um dich, antwortete Hallward mit seiner ernsten,
tiefen Stimme, und ich mu es dir sagen. Ich werde dich kaum ein halbes
Stndchen aufhalten.

Dorian seufzte und steckte sich eine Zigarette an. Ein halb Stndchen,
flsterte er.

Das ist nicht viel von dir verlangt, Dorian, und ich spreche wirklich
nur zu deinem Besten. Ich halte es fr angebracht, da du endlich die
schrecklichen Dinge erfhrst, die ber dich in London geredet werden.

Ich will nicht das mindeste davon wissen. Ich habe Tratsch ber andere
Leute recht gern, aber Tratsch ber mich interessiert mich ganz und gar
nicht. Es hat nicht mal den Reiz der Neuheit.

Es mu dich interessieren, Dorian. Jeder anstndige Mensch ist an
seinem guten Ruf interessiert. Du darfst doch nicht die Leute von dir
reden lassen, wie von einem gesunkenen und abscheulich lasterhaften
Menschen. Natrlich hast du deine Stellung, deinen Reichtum und all
dergleichen. Aber Stellung und Reichtum sind nicht alles. Auf mein Wort,
ich glaube von diesen Gerchten nichts. Wenigstens kann ich ihnen nicht
glauben, wenn ich dich sehe. Die Snde steht jedem Menschen auf der
Stirn geschrieben. Man kann sie nicht verhehlen. Die Menschen schwatzen
manchmal von geheimen Lastern. So etwas gibt es nicht. Wenn ein
unseliger Mensch ein Laster hat, so zeigt sichs in den Linien seines
Mundes, in seinen herabgesunkenen Augenlidern, selbst in der Form seiner
Hnde. Jemand -- ich will seinen Namen nicht nennen, aber du kennst ihn
-- kam voriges Jahr zu mir und wollte sich malen lassen. Ich hatte ihn
nie vorher gesehen und damals nie etwas von ihm gehrt, seitdem aber hat
man mir eine Menge von ihm erzhlt. Er bot mir einen fabelhaften Preis
an. Ich habe abgelehnt. An der Form seiner Finger war etwas, das mir
ekelhaft war. Jetzt wei ich, da ich mit meiner Vermutung ber ihn ganz
recht hatte. Sein Leben ist frchterlich. Aber von dir, Dorian, mit
deinem reinen, leuchtenden, unschuldigen Gesicht und deiner wunderbaren
unberhrten Jugend -- ich kann nicht das Hliche glauben, das man gegen
dich vorbringt. Und doch, ich sehe dich jetzt so selten, und du kommst
gar nicht mehr in mein Atelier, und wenn ich nicht mit dir zusammen bin
und alle die abscheulichen Dinge hre, die sich die Leute ber dich
zuflstern, dann wei ich nicht, was ich sagen soll. Woher kommt es,
Dorian, da ein Mann wie der Herzog von Berwick aufsteht und das
Klubzimmer verlt, wenn du eintrittst? Warum wollen so viele Mnner in
London nicht zu dir kommen und dich niemals zu sich einladen? Du warst
doch mit Lord Staveley befreundet. Ich traf ihn vorige Woche bei einem
Diner. Dein Name tauchte zufllig im Gesprch in Verbindung mit den
Miniaturen auf, die du der Dudley-Ausstellung hergeliehen hast. Staveley
verzog die Lippen und sagte, es mag ja sein, da du einen uerst
knstlerischen Geschmack habest, aber du seist ein Mann, den kein reines
Mdchen kennenlernen solle und mit dem keine anstndige Frau im selben
Zimmer sein drfe. Ich gab ihm zu verstehen, da ich dein Freund sei,
und fragte ihn, was er damit meine. Er sagte es mir. Er sagte es mir vor
allen Leuten geradeheraus. Es war scheulich! Warum ist deine
Freundschaft fr junge Mnner solch ein Unglck? Da war der unselige
Bursch in der Leibgarde, der Selbstmord begangen hat. Du warst sein
bester Freund. Da war Sir Henry Ashton, der England mit einem besudelten
Namen verlassen mute. Du und er, ihr beide wart unzertrennlich. Wie ist
es mit Adrian Singleton bestellt und seinem furchtbaren Ende? Was war
das mit dem einzigen Sohn Lord Kents und seiner Karriere? Ich traf
seinen Vater gestern in St. James Street. Er schien vor Schande und
Herzleid gebrochen. Was hattest du mit dem jungen Herzog von Perth? Was
fr ein Leben fhrt er jetzt? Welcher Gentleman wollte noch mit ihm
Umgang haben?

Hr auf, Basil, du sprichst von Dingen, von denen du nichts weit,
sagte Dorian Gray, der sich auf die Lippen bi und in seine Stimme einen
Ton unsglicher Verachtung legte. Du fragst mich, warum Berwick aus dem
Zimmer geht, wenn ich eintrete. Er tut das, weil ich sein Leben durch
und durch kenne, nicht weil er etwas von mir wte. Wie knnte er bei
dem Blut, das in seinen Adern rollt, nicht viel auf dem Kerbholz haben?
Du fragst mich nach Henry Ashton und dem jungen Perth. Habe ich dem
einen seine Laster, dem anderen seine Ausschweifungen beigebracht? Wenn
sich Kents schwachkpfiger Sohn sein Weib von der Strae holt, was gehts
mich an? Wenn Adrian Singleton den Namen seines Freundes auf einen
Wechsel schreibt, bin ich sein Hter? Ich wei, wie die Leute in England
klatschen. Die Mittelklassen spreizen sich bei ihren endlosen Diners mit
ihren moralischen Vorurteilen und munkeln von etwas, das sie die
Ausschweifungen derer nennen, denen es besser geht, und um sich damit zu
brsten, da sie in der feinen Gesellschaft verkehren und intim mit den
Leuten sind, die sie durchhecheln. Bei uns zulande gengt es, da einer
Vornehmheit und Geist hat, damit sich jede gemeine Zunge an ihm wetzt.
Und was fr eine Art Leben fhren denn diese Menschen selber, die sich
so auf die Moral hinausspielen? Mein lieber Junge, du vergit, da wir
in der Heimat der Heuchelei leben.

Dorian, rief Hallward, darum handelt sich's nicht. Wie schlecht es um
England bestellt ist, wei ich selbst und wie die englische Gesellschaft
verrottet ist. Gerade deshalb wnsche ich, da du gut bleibst. Du bist
nicht gut geblieben. Man hat ein Recht darauf, einen Menschen nach der
Wirkung zu beurteilen, die er auf seine Freunde ausbt. Deine Freunde
scheinen alles Gefhl fr Ehre, fr Anstand, fr Reinheit zu verlieren.
Du hast sie mit einer wahnsinnigen Genusucht erfllt. Sie sind tief
gesunken. Ja: und du hast sie da hinabgefhrt, und doch kannst du
lcheln, und du lchelst jetzt noch. Und es gibt noch viel Schlimmeres.
Ich wei, du und Harry seid unzertrennlich. Schon aus diesem Grunde,
wenn aus keinem anderen, httest du den Namen seiner Schwester nicht zum
Spott machen drfen!

Nimm dich in acht, Basil. Du gehst zu weit.

Ich mu sprechen, und du mut mich hren. Als du Lady Gwendolen
kennenlerntest, hatte sie noch nicht der leiseste Hauch bler Nachrede
berhrt. Gibt es jetzt eine einzige anstndige Frau in London, die mit
ihr im Park spazieren fahren wrde? Ja, nicht einmal ihre Kinder drfen
bei ihr wohnen. Dann gibt es andere Geschichten -- Geschichten, da man
dich gesehen hat, wie du in der Dmmerung aus schrecklichen Husern
herausgeschlichen bist, da du dich verkleidet in den niedertrchtigsten
Kneipen Londons herumtreibst. Ist das wahr? Kann das wahr sein? Als ich
das erstemal so etwas hrte, lachte ich. Jetzt hre ich es mit
Schaudern. Wie steht es mit deinem Landhause und dem Leben, das dort
gefhrt wird? Dorian, du weit nicht, was man ber dich spricht. Ich
will dir das nicht vorhalten, ich will dir keine Predigt halten. Ich
erinnere mich, da Harry einmal gesagt hat, jeder Mensch, der sich als
Moralprediger versuchen will, fngt damit an, da er sagt, er wolle
nicht predigen und dann sein Wort bricht. Ich will dir also eine Predigt
halten. Ich mchte dich ein solches Leben fhren sehen, da die Welt
Achtung vor dir haben soll. Ich will, da du einen reinen Namen und
einen guten Ruf hast. Ich will, da du dich von den grlichen Menschen
losmachst, mit denen du jetzt fraternisierst. Zucke nicht mit den
Achseln. Sei nicht so gleichgltig. Du hast einen mchtigen Einflu. La
ihn zum Guten und nicht zum Bsen wirken. Man sagt, du verderbest jeden
Menschen, mit dem du intim wirst, und es sei vllig hinreichend, da du
ein Haus betrittst, damit dir Schande irgendeiner Art auf dem Fue
folge. Ich wei nicht, ob dem so ist oder nicht. Wie sollte ich's auch
wissen? Aber man sagte es von dir. Man sagte mir Dinge, die ich
unmglich lnger anzweifeln kann. Lord Gloucester war einer meiner
liebsten Freunde in Oxford. Er hat mir den Brief gezeigt, den ihm seine
Frau geschrieben hat, als sie allein in ihrer Villa in Mentone auf dem
Sterbebette lag. Dein Name war da in die frchterlichste Beichte
verwickelt, die ich je gelesen habe. Ich sagte ihm, da es Tollheit
wre, da ich dich durch und durch kennte und da du zu irgend etwas
Derartigem unfhig wrest. Kenne ich dich? Ich frage mich, kenne ich
dich! Bevor ich darauf antworten kann, mte ich deine Seele sehen.

Meine Seele sehen, murmelte Dorian Gray, stand vom Sofa auf und wurde
beinah wei vor Angst.

Ja, antwortete Hallward ernst und ein tiefschmerzlicher Klang zitterte
in seiner Stimme -- deine Seele sehen. Aber das kann nur Gott.

Ein bitter-hhnisches Gelchter brach aus dem Munde des Jngeren. Du
sollst sie selbst sehen, noch heute nacht! rief er aus und nahm eine
Lampe vom Tisch. Komm: sie ist das Werk deiner eigenen Hand. Warum
solltest du es nicht sehen? Du kannst nachher aller Welt davon erzhlen,
wenn du willst. Niemand wrde dir glauben. Wenn sie dir glaubten, haben
sie mich deswegen nur um so lieber. Ich kenne unsere Zeit besser als du,
obwohl du darber so langweilig faseln kannst. Komm, sag' ich dir. Du
hast genug ber Verderbnis geschwatzt. Jetzt sollst du sie von Angesicht
zu Angesicht sehen.

In jedem Wort, das er sprach, klang der Wahnsinn des Hochmuts. Er
stampfte in seiner knabenhaften, dreisten Art mit dem Fu auf die
Dielen. Er empfand ein furchtbares Vergngen bei dem Gedanken, da ein
anderer jetzt sein Geheimnis teilen solle und da der Mann, der sein
Bild gemalt hatte, das der Ursprung all seiner Schande war, fr den Rest
seines Lebens die Last der grlichen Erinnerung an seine Tat mit sich
herumschleppen msse.

Ja, fuhr er fort und trat nher zu ihm heran und sah ihm fest in die
ernsten Augen, ich werde dir meine Seele zeigen. Du sollst das Machwerk
sehen, von dem du glaubst, da es nur Gott sehen kann.

Hallward schrak zurck. Das ist Gotteslsterung, Dorian. Du darfst
nicht solche Dinge sagen. Sie sind schrecklich und unverstndig.

Glaubst du? Er lachte wieder.

Ich wei es. Was ich dir heute abend gesagt habe, hab' ich zu deinem
Besten gesagt. Du weit, ich war dir immer ein guter Freund.

Werde nur nicht rhrselig. Mach' Schlu mit dem, was du noch zu sagen
hast.

Ein wehevolles Zucken ging durch das Gesicht des Malers. Er schwieg
einen Augenblick und ein heftiger Mitleidsschmerz berkam ihn. Welches
Recht hatte er schlielich, in Dorian Grays Leben hineinzusphen? Wenn
er nur den zehnten Teil von dem getan hatte, wovon die Gerchte gingen,
wie qualvoll mute er gelitten haben! Dann richtete er sich auf, ging
zum Kamin hinber und blieb da stehen, versunken in den Anblick der
brennenden Holzscheite, die mit ihrer weien Asche wie bereift aussahen
und stierte ihre zuckenden Feuerherzen an.

Ich warte, Basil, sagte der junge Mann mit harter, spitzer Stimme.

Er drehte sich um. Was ich noch zu sagen habe, ist das, rief er. Du
mut mir eine Antwort geben auf diese frchterlichen Anklagen, die gegen
dich erhoben werden. Wenn du mir sagst, da sie von Anfang bis zu Ende
unwahr sind, werde ich dir glauben. Leugne sie ab, Dorian, leugne sie
ab! Kannst du nicht sehen, was ich durchmache? Mein Gott, sage mir
nicht, da du schlecht und verderbt und schndlich bist!

Dorian Gray lchelte. Seine Lippen krausten sich in Verachtung. Komm
hinauf, Basil, sagte er ruhig. Ich fhre da ein Tagebuch meines
Lebens, Tag fr Tag, und es verlt niemals das Zimmer, in dem es
geschrieben wird. Ich will es dir zeigen, wenn du mit mir kommst.

Ich komme mit, Dorian, wenn du es haben willst. Ich sehe, da ich
meinen Zug versumt habe. Das tut nichts. Ich kann morgen fahren. Aber
verlange nicht von mir, da ich heute nacht noch etwas lese. Was ich
will, ist eine klare Antwort auf meine Frage.

Die soll dir oben zuteil werden. Ich kann sie dir hier nicht geben. Du
wirst nicht lange zu lesen haben.




Dreizehntes Kapitel


Er verlie das Zimmer und begann die Treppe hinaufzugehen, Basil
Hallward folgte dicht hinter ihm. Sie gingen leise, wie man es bei Nacht
instinktiv tut. Die Lampe warf phantastische Schatten auf Wand und
Treppe. Im Winde, der sich erhoben hatte, klirrten einige Fenster.

Als sie den obersten Absatz erreicht hatten, stellte Dorian die Lampe
auf den Boden, nahm den Schlssel heraus und schlo auf. Du bestehst
auf einer Antwort, Basil? fragte er mit gedmpfter Stimme.

Ja.

Das freut mich, antwortete er lchelnd. Dann fgte er ziemlich scharf
hinzu: Du bist der einzige Mensch in der Welt, der alles ber mich
wissen darf. Du hast mehr mit meinem Leben zu schaffen gehabt, als du
dir denkst, und damit nahm er die Lampe auf, ffnete die Tr und trat
ein. Ein kalter Luftzug strich an ihnen vorbei, und das Licht zuckte
einen Augenblick in einer dstern Orangefarbe auf. Er schauderte.
Schliee die Tr hinter dir, flsterte er, whrend er die Lampe auf
den Tisch stellte.

Hallward blickte erstaunt umher. Das Zimmer sah aus, als wr' es seit
langen Jahren nicht bewohnt worden. Ein fadenscheiniger flmischer
Gobelin, ein verhngtes Bild, ein alter italienischer Cassone und ein
fast leerer Bcherschrank -- das war auer einem Stuhl und einem Tisch
alles, was darin zu sein schien. Als Dorian Gray eine halb abgebrannte
Kerze, die auf dem Kamin stand, angezndet hatte, sah der Maler, da der
ganze Raum mit Staub bedeckt und der Teppich zerfetzt und durchlchert
war. Eine Maus lief erschreckt hinter die Tfelung. Ein dumpfer
Modergeruch machte sich bemerkbar. --

Du glaubst also, da Gott allein die Seele sieht, Basil? Zieh den
Vorhang zurck, und du wirst die meine sehen.

Die Stimme, die das sprach, klang kalt und grausam.

Du bist wahnsinnig, Dorian, oder spielst Komdie, sagte Hallward und
runzelte die Stirn.

Du willst nicht? Dann mu ich es selbst tun, sagte der junge Mann, und
ri den Vorhang von seiner Stange und schleuderte ihn zu Boden.

Ein Entsetzensschrei kam von den Lippen des Malers, als er in der
dsteren Beleuchtung das grliche Gesicht auf der Leinwand erblickte,
das ihm entgegengrinste. In seinem Ausdruck war etwas, das ihn mit Ekel
und Abscheu erfllte. Gott im Himmel! Es war Dorian Grays eigenes
Antlitz, das er sah! Das Schreckliche, was es auch sein mochte, hatte
die wundervolle Schnheit noch nicht ganz zerstrt. Noch war etwas Gold
in dem gelichteten Haar und etwas Purpur auf dem sinnlichen Mund. Die
stumpfgewordenen Augen hatten noch etwas von ihrem lieblichen Blau
behalten, der edle Schwung der Linien um die feingewlbten Nasenflgel
und den plastischen Hals war noch nicht ganz verschwunden. Ja, es war
Dorian selbst. Aber wer hatte das gemalt? Er glaubte, das Werk seines
eigenen Pinsels zu erkennen, und der Rahmen war von ihm selbst
gezeichnet. Die Vorstellung war ungeheuerlich, und doch frchtete er
sich. Er nahm die brennende Kerze und hielt sie nahe an das Bild. In der
linken Ecke stand ein Name in langen, hellroten Lettern.

Es war irgendeine infame Parodie, eine niedertrchtige, elende Satire.
Er hatte das niemals gemalt. Und doch, es war sein eigenes Bild. Er
wute es und ihm war, als ob sich sein Blut in einem Augenblick aus
Feuer in starrendes Eis verwandelt htte. Sein eigenes Bild! Was sollte
das heien? Warum hatte es sich verndert? Er drehte sich um und sah
Dorian Gray mit krankhaften Augen an. Sein Mund zuckte, seine trockne
Zunge schien jedes Lautes ganz unfhig zu sein. Er fuhr sich mit der
Hand ber die Stirn. Khle Schweiperlen standen darauf.

Der junge Mann lehnte gegen den Kamin und beobachtete ihn mit dem
merkwrdigen Ausdruck, den man auf den Gesichtern von Menschen sieht,
die von dem Spiel eines groen Schauspielers hingerissen sind. In seinem
Gesicht war weder wirklicher Schmerz noch wirkliche Freude. Da war nur
die Leidenschaft des Zuschauers und hchstens in den Augen flackerte ein
triumphierendes Leuchten. Er hatte die Blume aus seinem Knopfloch
genommen und roch daran oder tat mindestens so.

Was bedeutet das? rief Hallward endlich. Seine eigene Stimme klang ihm
schrill und fremd in die Ohren.

Vor vielen Jahren, als ich noch ein Knabe war, sagte Dorian Gray,
whrend er die Blume in seiner Hand zerdrckte, hast du mich
kennengelernt, hast mir geschmeichelt und mich gelehrt, auf meine
Schnheit eitel zu sein. Eines Tages stelltest du mich einem deiner
Freunde vor, der mir das Wunder der Jugend erklrte, und damals
beendetest du ein Portrt von mir, das mir das Wunder der Schnheit
offenbarte. In einem Augenblick des Wahnsinns, und ich wei noch jetzt
nicht, ob ich ihn bedaure oder nicht, sprach ich einen Wunsch aus,
vielleicht wrdest du es ein Gebet nennen.

Ich erinnere mich! Oh, wie gut erinnere ich mich! Nein! so etwas ist
unmglich. Das Zimmer ist feucht. Die Leinwand ist stockig geworden. In
den Farben, die ich verwandte, war irgendein mineralisches Gift
enthalten. Ich sage dir, so etwas ist unmglich.

Pah, was ist unmglich? murmelte der junge Mann, ging zum Fenster und
prete seine Stirn an die kalte, nebelfeuchte Scheibe.

Du sagtest mir, du httest es zerstrt.

Ich habe mich geirrt. Es hat mich zerstrt.

Ich kann's nicht glauben, da es mein Bild ist.

Kannst du dein Ideal nicht darin erkennen? fragte Dorian bitter.

Mein Ideal, wie du es nennst...

Wie du es nanntest.

Es hatte nichts Schlimmes in sich, nichts Schndliches. Du warst fr
mich ein Ideal, wie ich ihm nie wieder begegnen werde. Dies ist das
Gesicht eines Fauns.

Es ist das Gesicht meiner Seele.

Jesus, mein! Was fr ein Ding habe ich angebetet! Es hat die Augen
eines Teufels.

Jeder von uns hat Himmel und Hlle in sich, Basil, rief Dorian mit
einer wilden, verzweifelten Gebrde.

Hallward wandte sich wieder dem Bilde zu und starrte es an. Mein Gott!
Es ist wahr, rief er aus, und das hast du aus deinem Leben gemacht und
danach also mut du noch schlechter sein, als die es ahnen, die gegen
dich sprechen. Er hielt das Licht wieder dicht an die Leinwand und
musterte sie scharf. Die Oberflche schien ganz unzerstrt und so, wie
sie aus seiner Hand gekommen war. Von innen also war die Fulnis und das
Entsetzliche hervorgedrungen. Durch einen sonderbaren inneren
Zeugungsvorgang fra der Aussatz der Snde langsam das ganze Bildnis
hinweg. Die Verwesung eines Leichnams in einem feuchten Grabe konnte
nicht so grauenvoll sein.

Seine Hand zitterte und die Kerze fiel aus dem Leuchter auf den Boden
und lag rauchend da. Er trat mit dem Fu darauf und erstickte sie. Dann
warf er sich selbst in den wackligen Stuhl vor dem Tische und vergrub
das Gesicht in seinen Hnden.

Groer Gott, Dorian, was fr eine Lehre! Was fr eine furchtbare
Lehre! Es kam keine Antwort, aber er konnte den jungen Mann am Fenster
schluchzen hren. Bete, Dorian, bete, sagte er leise. Was war es
doch, was man uns in der Kindheit hersagen gelehrt hat? >Fhre uns nicht
in Versuchung! Vergib uns unsere Snden! Nimm unsere Missetat von uns!<
Wir wollen das zusammen aufsagen. Das Gebet deines Stolzes ist erhrt
werden. Das Gebet deiner Reue wird auch erhrt werden. Ich habe dich zu
sehr geliebt. Ich bin dafr bestraft worden. Du hast dich selbst zu
sehr geliebt. Wir haben beide unsere Strafe.

Dorian Gray wandte sich langsam um und sah ihn mit trnenschimmernden
Augen an. Es ist zu spt, Basil, flsterte er.

Es ist nie zu spt, Dorian. Wir wollen niederknien und versuchen, ob
wir uns nicht an ein Gebet erinnern knnen. Steht nicht irgendwo ein
Vers: >Und wren deine Snden wie Scharlach, ich will sie wei machen
wie Schnee?<

Solche Worte haben fr mich keinen Sinn mehr.

Still! Sage nicht so etwas. Du hast genug Bses getan im Leben. Mein
Gott! Siehst du nicht, wie uns das frchterliche Ding anstiert?

Dorian Gray blickte nach dem Bild, und pltzlich berkam ihn ein
unbezwingliches Hagefhl auf Basil Hallward, als sei er ihm von dem
Bildnis auf der Leinwand eingeflt, von diesen grinsenden Lippen in
sein Ohr gewispert worden. Die wilde Zornwut eines gehetzten Tieres
kochte in ihm, und er hate den Mann, der da an dem Tisch sa, mehr als
er in seinem ganzen Leben irgend etwas gehat hatte. Er sphte wild um
sich. Auf der Platte der bemalten Truhe, die ihm gegenberstand,
glitzerte etwas. Sein Blick fiel darauf. Er erkannte, was es war. Ein
Messer war's, das er vor einigen Tagen mit hinaufgenommen hatte, um ein
Stck Schnur zu durchschneiden, und das er wieder mit herunterzunehmen
vergessen hatte. Er ging langsam darauf zu und mute dabei an Hallward
vorber. Sobald er hinter ihm stand, ergriff er das Messer und drehte
sich um. Hallward rhrte sich in seinem Stuhl, als wollte er soeben
aufstehen. Er strzte sich auf ihn und bohrte ihm das Messer tief in die
Schlagader hinter dem Ohr, prete den Kopf des Mannes auf den Tisch
herunter und stie immer und immer wieder zu.

Man hrte ein unterdrcktes Rcheln und den frchterlichen Ton eines
Menschen, der in seinem Blut erstickt. Dreimal schlugen die krampfhaft
ausgestreckten Arme um sich, und die Hnde fuhren mit eigentmlich
steifen Fingern durch die Luft. Er stie noch zweimal zu, aber der Mann
rhrte sich nicht mehr. Etwas begann auf den Boden zu trpfeln. Er
wartete einen Augenblick und drckte den Kopf immer noch nach unten.
Dann warf er das Messer auf den Tisch und horchte.

Er konnte nichts hren, als das Tropf-Tropf auf den fadenscheinigen
Teppich. Er ffnete die Tr und ging bis an den Treppenabsatz. Das Haus
war vollstndig ruhig. Niemand war wach. ber das Gelnder gebeugt,
stand er ein paar Augenblicke da und forschte hinab in den schwarzen
brodelnden Schacht von Dunkelheit. Dann zog er den Schlssel ab, ging in
das Zimmer zurck und schlo sich darin ein.

Das Wesen sa noch immer in dem Stuhl und hing mit gebeugtem Kopf und
gekrmmtem Rcken und langen phantastischen Armen ber den Tisch. Wre
nicht der rote, klaffende Ri im Nacken gewesen und die dunkle,
geronnene Lache, die sich nach und nach auf dem Tisch vergrerte, so
htte man glauben knnen, der Mann schlafe nur.

Wie schnell das alles geschehen war! Er fhlte sich merkwrdig ruhig,
ging zur Balkontr, ffnete sie und trat hinaus. Der Wind hatte die
Nebeltcher auseinandergeblasen, und der Himmel sah aus wie der Schweif
eines ungeheuren Pfaus, der mit Myriaden goldener Augen bestirnt war. Er
blickte hinab und sah, wie der Polizist seine Runde machte und das lange
Streiflicht seiner Laterne ber die Tren der schweigsamen Huser
gleiten lie. Das rotgelbe Licht einer vorbeitrdelnden Droschke glomm
an der Straenecke auf und verschwand wieder. Ein Weib in einem
flatternden Kopftuch schob sich langsam am Gitter des Platzes vorbei und
taumelte im Gehen. Dann und wann stand sie still und sah zurck. Auf
einmal begann sie mit heiserer Stimme zu singen. Der Schutzmann
schlenderte ber den Damm her und sagte etwas zu ihr. Sie humpelte
lachend weiter. Ein scharfer Luftzug fegte ber den Platz. Die
Gasflammen zuckten und wurden blau, und die entlaubten Bume schttelten
ihr schwarzes Geste hin und her, das wie ein Eisengeflecht aussah. Ihn
frstelte und er trat, das Fenster schlieend, wieder zurck.

Als er bei der Tre war, drehte er den Schlssel und ffnete sie. Er
blickte den Ermordeten mit keinem Blicke mehr an. Er empfand, da das
Geheimnis der ganzen Sache darin beruhe, sich die Sachlage nicht zu
vergegenwrtigen. Der Freund, der das verhngnisvolle Bild gemalt hatte,
von dem all sein Elend herrhrte, war aus seinem Leben verschwunden. Das
war genug.

Dann fiel ihm die Lampe ein. Es war eine ziemlich merkwrdige maurische
Arbeit, mattes Silber mit eingelegten Arabesken aus dunkelpoliertem
Stahl und besetzt mit ungeschliffenen Trkisen. Sie mochte vielleicht
von seinem Diener vermit werden und er knnte danach fragen. Er
zgerte einen Augenblick, dann ging er zurck und nahm sie vom Tisch.
Dabei mute er die tote Gestalt sehen. Wie ruhig sie war! Wie furchtbar
wei die langen Hnde aussahen! Es schien eine grliche Wachsfigur zu
sein.

Er schlo die Tre hinter sich und schlich langsam die Treppe hinunter.
Das Holz knarrte und schien wie vor Schmerz aufzusthnen. Er blieb
einige Male stehen und wartete. Nein, alles war still. Er hrte nur den
Widerhall seiner eigenen Schritte.

Als er in seinem Bibliothekszimmer war, erblickte er die Tasche und den
Rock in der Ecke. Die muten irgendwo verborgen werden. Er ffnete einen
Geheimschrank, der in der Holztfelung war, in dem er seine eigenen
Verkleidungen aufbewahrte, und schob die Sachen hinein. Er konnte sie
spter leicht einmal verbrennen. Dann zog er seine Uhr. Es war zwanzig
Minuten vor zwei.

Er setzte sich und begann nachzudenken. Jahr fr Jahr -- fast jeden
Monat -- werden in England Leute gehenkt fr so etwas, wie er soeben
getan hatte. Irgendeine wahnwitzige Mordlust hatte in der Luft gelegen.
Irgendein blutroter Stern war der Erde zu nahe gekommen... Und doch, wie
wollte man es ihm beweisen? Basil Hallward hatte das Haus um elf Uhr
verlassen. Niemand hatte ihn noch einmal wiederkommen sehen. Die meisten
Diener waren in Selby Royal. Sein eigener Diener war schlafen
gegangen... Paris! Ja. Basil war nach Paris gefahren, und zwar mit dem
Mitternachtszug, wie es seine Absicht gewesen war. Bei seinen
merkwrdigen Gewohnheiten, sich zurckzuziehen, wrden Monate vergehen,
bevor irgendein Verdacht entstehen wrde. Monate! Alle Spuren konnten
lange vorher getilgt sein.

Ein pltzlicher Einfall durchzuckte ihn. Er zog seinen Pelz an, setzte
seinen Hut auf und ging in die Vorhalle hinaus. Dort blieb er stehen,
weil er den langsamen, schweren Tritt des Schutzmanns drauen auf dem
Pflaster hrte und den tanzenden Widerschein seiner Blendlaterne im
Trfenster sah. Er wartete und hielt den Atem an.

Nach einigen Augenblicken schob er den Riegel zurck und schlpfte
hinaus, das Tor ganz leise hinter sich schlieend. Dann zog er die
Klingel. Nach etwa fnf Minuten erschien sein Diener, halb angezogen und
sehr verschlafen.

Es tut mir leid, da ich Sie wecken mute, Francis, sagte er
eintretend und ging die Stufen hinauf; aber ich habe meinen
Hausschlssel vergessen. Wieviel Uhr ist es?

Zehn Minuten nach zwei, gndiger Herr, sagte der Mann mit einem
blinzelnden Blick auf die Uhr.

Zehn Minuten nach zwei? Wie schrecklich spt! Sie mssen mich morgen um
neun Uhr wecken. Ich habe zu tun.

Zu Befehl, gndiger Herr.

War jemand heute abend hier?

Herr Hallward, gndiger Herr. Er hat hier bis elf Uhr gewartet und ging
dann, um seinen Zug nicht zu versumen.

Es tut mir leid, da ich ihn nicht getroffen habe. Sollen Sie mir etwas
bestellen?

Nein, gndiger Herr, nur, da er von Paris schreiben wrde, wenn er Sie
im Klub nicht treffen sollte.

Es ist gut, Francis. Vergessen Sie nicht, mich morgen um neun zu
wecken.

Nein, gndiger Herr!

Der Mann schlurfte in seinen Pantoffeln durch den Torweg die
Dienertreppe hinab.

Dorian Gray warf Hut und Stock auf den Tisch und trat ins Bcherzimmer.
Eine Viertelstunde lang ging er auf und ab, bi sich auf die Lippen und
grbelte. Dann nahm er das blaue Adrebuch von einem Regal und begann zu
blttern. Alan Campbell, Hertford Street 152, Mayfair. Ja, das war der
Mann, den er brauchte.




Vierzehntes Kapitel


Am nchsten Morgen um neun Uhr kam sein Diener mit einer Tasse
Schokolade auf einem Servierbrett herein und ffnete die Fensterlden.
Dorian lag auf der rechten Seite, eine Hand unter seiner Wange und
schlief ganz friedlich. Er sah aus wie ein Knabe, der beim Spiel oder
Lernen mde geworden ist.

Der Mann mute ihn zweimal an der Schulter berhren, bevor er aufwachte,
und als er die Augen ffnete, huschte ein leichtes Lcheln ber seine
Lippen, als wre er von einem entzckenden Traum befangen gewesen. Aber
er hatte gar nicht getrumt. Seine Nacht war weder von Bildern der
Freude noch des Grauens gestrt worden. Doch die Jugend lchelt ohne
Grund. Das ist einer ihrer besonderen Reize.

Er drehte sich um, sttzte sich auf den Ellbogen und begann seine
Schokolade zu schlrfen. Die matte Novembersonne strmte in das Zimmer.
Der Himmel war wolkenlos, eine heitere Wrme lag in der Luft. Es war
fast wie ein Maimorgen.

Allmhlich schlichen die Vorgnge der vergangenen Nacht auf lautlosen,
blutbefleckten Sohlen in sein Gehirn und bauten sich dort mit
furchtbarer Deutlichkeit wieder auf. Er erschauerte bei dem Gedchtnis
an alles, was er durchlitten hatte, und einen Augenblick lang kehrte in
ihm derselbe sonderbare Ha auf Basil Hallward zurck, der ihn dazu
getrieben hatte, ihn zu tten, als er im Stuhl sa, er wurde kalt vor
Wut. Der Tote sa noch immer da oben und jetzt dazu im Sonnenlicht. Wie
schrecklich das war! So grliche Dinge gehrten in die Dunkelheit,
nicht an den Tag.

Er fhlte, da er krank oder wahnsinnig wrde, wenn er ber das brtete,
was er hinter sich hatte. Es gibt Snden, deren Reiz mehr in der
Erinnerung liegt als in der Begehung, seltsame Siege, die mehr dem Stolz
Genge tun als der Leidenschaft und die dem Geist ein Lustgefhl geben,
das strker ist als jede Wonne, die sie Sinnen verschaffen oder jemals
verschaffen knnen. Aber diesmal war es keine von diesen. Dies war eine,
die man aus dem Geiste verjagen, die man mit einem Opiat vergiften, die
man ersticken mute, da sie einen sonst selbst ersticken wrde.

Als es halb schlug, fuhr er sich mit der Hand ber die Stirn, stand dann
rasch auf und zog sich beinahe mit noch grerer Sorgfalt an, als
gewhnlich, indem er die grte Aufmerksamkeit auf die Wahl seiner
Krawatte und seiner Nadel verwandte und seine Ringe mehr als einmal
wechselte. Er verbrachte auch beim Frhstck lngere Zeit, kostete von
den verschiedenen Gerichten, sprach mit seinem Bedienten ber neue
Livreen, die er der Dienerschaft in Selby machen lassen wollte, und sah
seine Briefschaften durch. Bei einigen Zuschriften lchelte er. Drei
deten ihn an. Einen Brief las er mehrmals durch und zerri ihn dann mit
einem leichten rger in seinen Mienen. Was fr ein grliches Ding das
Gedchtnis einer Frau ist, hatte Lord Henry einmal gesagt.

Als er seine Schale schwarzen Kaffee getrunken hatte, trocknete er die
Lippen langsam an seiner Serviette ab, gab dem Diener ein Zeichen zu
warten, ging zum Schreibtisch hinber, setzte sich und schrieb zwei
Briefe. Einen steckte er in die Tasche, den anderen reichte er dem
Diener.

Bringen Sie den nach Hertford Street 152, Francis, und wenn Herr
Campbell nicht in der Stadt ist, lassen Sie sich seine Adresse geben.

Sobald er allein war, zndete er sich eine Zigarette an und begann auf
einem Blatt Papier Skizzen zu machen, zeichnete zuerst Blumen, dann
Architekturstcke und dann menschliche Gesichter. Pltzlich bemerkte er,
da jedes Gesicht, das er entwarf, eine phantastische hnlichkeit mit
Basil Hallward zu haben schien. Er runzelte die Stirn, stand auf, ging
zum Bcherschrank und nahm auf gut Glck einen Band heraus. Er war fest
entschlossen, an das Geschehene nicht eher zu denken, als bis es
unbedingt notwendig war.

Als er sich auf dem Sofa ausgestreckt hatte, sah er auf den Titel des
Buches. Es waren Gautiers ~Emaux et Cames~, Charpentiers Ausgabe auf
japanischem Papier, mit Radierungen von Jacquemart. Der Einband war aus
zitronengelbem Leder mit einem Blinddruckmuster von goldenem Laubwerk
und Granatpfeln in Punktmanier. Es war ein Geschenk Adrian Singletons.
Als er darin bltterte, fiel sein Auge auf das Gedicht ber die Hand
Lacenaires, die kalte gelbe Hand ~du supplice encore mal lave~, mit
ihren rtlichen Flaumhrchen und ihren ~doigts de faune~. Er blickte
auf seine eigenen weien, spitzen Finger, schauderte unwillkrlich
zusammen, las dann weiter, bis er zu den lieblichen Versen auf Venedig
kam.

    ~Sur une gamme chromatique,
      Le sein de perles ruisselant,
    La Vnus de l'Adriatique
      Sort de l'eau son corps rose et blanc.

    Les dmes, sur l'azur des ondes
      Suivant la phrase au pur contur,
    S'enflent comme des gorges rondes
      Que soulve un soupir d'amour.

    L'esquif aborde et me dpose,
      Jetant son amarre au pilier,
    Devant une faade rose,
      Sur le marbre d'un escalier.~

Wie entzckend die Verse waren! Wenn man sie las, hatte man die
Empfindung, durch die grnen Wasserstraen dieser rot- und perlfarbigen
Stadt zu gleiten, in einer schwarzen Gondel mit silbernem Schnabel und
schleppenden Vorhngen. Schon die Zeilen sahen so aus wie die geraden,
trkisblauen Kiellinien, die einem folgten, wenn man nach dem Lido
hinausrudert. Die pltzlichen Farbenblitze erinnerten ihn an den
Schimmer jener Vgel mit opal- und regenbogenfarbenen Hlsen, die um den
schlanken, wabenartig durchlcherten Kampanile flattern oder mit
prchtiger Anmut durch die dstern, staubigen Arkaden trippeln.
Zurckgelehnt mit halb geschlossenen Augen sagte er immer und immer
wieder zu sich: --

    ~Devant une faade rose,
      Sur le marbre d'un escalier.~

Das ganze Venedig war in diesen zwei Versen enthalten. Er dachte an den
Herbst, den er dort verbracht hatte, und eine himmlische Liebelei, die
ihn zu wahnsinnigen, entzckenden Torheiten getrieben hatte. Es gab
Romantik in jedem Erdenwinkel. Aber Venedig hatte noch wie Oxford den
Hintergrund fr Romantik bewahrt, und fr den wahren Romantiker ist der
Hintergrund alles oder fast alles. Basil war einen Teil der Zeit bei ihm
gewesen und war ganz wild vor Bewunderung fr Tintoretto. Der arme
Basil! Was fr eine schreckliche Art, so zu sterben!

Er seufzte, nahm das Buch wieder auf und suchte zu vergessen. Er las von
den Schwalben, die aus- und einfliegen in dem kleinen Caf zu Smyrna, wo
die Hadjis sitzen und ihre Bernsteinperlen durch die Hand laufen lassen,
und wo die Kaufleute im Turban ihre langen, quastenbehngten Pfeifen
rauchen und ernsthaft miteinander sprechen: er las von dem Obelisk auf
der Place de la Concorde, der in seiner vereinsamten, sonnenlosen
Verbannung granitene Trnen weint und sich zurcksehnt nach dem heien,
lotosbedeckten Nil, wo die Sphinxe sind, und rosenrote Ibisse und weie
Geier mit goldenen Klauen und Krokodile mit kleinen Beryllaugen, die
durch den grnen, dampfenden Schlamm dahinkriechen: er fing an, den
Versen nachzusinnen, die ihre Musik aus Marmor locken, der von Kssen
fleckig geworden ist, und die uns von der sonderbaren Statue erzhlen,
die Gautier einer Altstimme vergleicht, von dem ~monstre charmant~,
das in dem Porphyrsaal des Louvre steht. Aber nach einiger Zeit entfiel
seinen Hnden das Buch. Er wurde nervs, und ein grlicher Angstanfall
schttelte ihn. Was nun tun, wenn Alan Campbell nicht in England war?
Tage knnten mglicherweise verstreichen, bevor er zurckkme.
Vielleicht weigerte er sich, zu kommen. Was sollte er dann tun? Jeder
Augenblick war von tdlicher Bedeutung.

Sie waren einmal sehr befreundet gewesen, vor fnf Jahren -- sogar fast
unzertrennlich. Dann hatte die Intimitt pltzlich ein Ende. Wenn sie
sich jetzt in Gesellschaft trafen, war es nur noch Dorian Gray, der da
lchelte, niemals Alan Campbell.

Er war ein auerordentlich begabter junger Mann, wenn er auch kein
eigentliches Verhltnis zu den sichtbaren Knsten hatte, und der geringe
Sinn fr Poesie, den er besa, vollstndig von Dorian herrhrte. Die
geistige Leidenschaft, die ihn beherrschte, erstreckte sich nur auf die
Wissenschaft. In Cambridge hatte er einen groen Teil seiner Zeit mit
Arbeiten im Laboratorium verbracht und hatte sein Examen in den
Naturwissenschaften mit vorzglich bestanden. Noch jetzt war er dem
Studium der Chemie ergeben und hatte ein eigenes Laboratorium, in das er
sich hufig den ganzen Tag einzuschlieen pflegte, zum groen Kummer
seiner Mutter, die sich darauf verbissen hatte, da er fr das Parlament
kandidieren sollte, und die eine unklare Vorstellung hatte, ein Chemiker
sei ein Mensch, der Rezepte anfertige. Indessen war er ein
ausgezeichneter Musiker und spielte Geige und Klavier besser als die
meisten Dilettanten. Die Musik war es denn auch wirklich, die Dorian
Gray und ihn zueinander gebracht hatte -- die Musik und die
unerklrliche Anziehungskraft, die Dorian ausben konnte, wenn er
wollte, und auch oft ausbte, ohne es zu wissen. Sie hatten sich bei
Lady Berkshire an dem Abend kennengelernt, als Rubinstein dort spielte,
und man sah sie von da an immer zusammen in der Oper und berall, wo es
gute Musik gab. Achtzehn Monate dauerte diese Freundschaft. Campbell war
regelmig entweder in Selby Royal oder in Grosvenor Square. Fr ihn wie
fr viele andere war Dorian Gray die Verkrperung alles dessen, was
wunderbar und bezaubernd im Leben ist. Ob zwischen ihnen ein Streit
vorgefallen war oder nicht, wute kein Mensch. Aber pltzlich bemerkten
die Leute, da sie kaum miteinander sprachen, wenn sie sich trafen, und
da Campbell jede Gesellschaft frhzeitig verlie, in der Dorian
anwesend war. Er war auch verndert -- bisweilen merkwrdig
melancholisch, schien kaum noch Musik hren zu knnen, spielte nie mehr
selbst und gab, wenn man ihn dazu aufforderte, als Entschuldigung an,
da ihn die Wissenschaft so stark in Anspruch nhme, da er keine Zeit
mehr zum ben habe. Und das war auch der Fall. Er schien jeden Tag mehr
Interesse fr biologische Studien zu gewinnen, und sein Name erschien
ein- oder zweimal in wissenschaftlichen Zeitschriften in Verbindung mit
gewissen auergewhnlichen Experimenten.

Das war der Mann, auf den Dorian Gray wartete. Jede Sekunde blickte er
auf die Uhr. Als Minute um Minute verstrich, wurde er furchtbar
aufgeregt. Schlielich stand er auf und begann im Zimmer hin und her zu
gehen wie irgendeine schne Bestie im Kfig. Er holte weiten Schrittes,
fast sprunghaft, aus und trat leise auf. Seine Hnde waren eigentmlich
kalt.

Das Warten wurde unertrglich. Die Zeit schien ihm mit bleiernen Fen
zu schleichen, whrend er von ungeheuren Wirbelwinden zum zackigen Grat
einer schwarzen Kluft oder eines Abgrundes hingefegt wurde. Er wute,
was dort seiner harrte; er sah es und prete schaudernd mit feuchten
Hnden seine brennenden Lider zusammen, als wolle er sein Gehirn der
Sehkraft berauben und die Augpfel in ihre Hhlen zurckdrngen. Es war
umsonst. Das Gehirn hatte seine eigene Nahrung, mit der es sich mstete,
und die durch den Schrecken grotesk gemachte Einbildungskraft krmmte
sich vor Schmerz wie ein lebendes Wesen, tanzte wie eine widerwrtige
Marionette in einer Schaubude und grinste durch bewegliche Masken
hindurch. Dann blieb auf einmal die Zeit fr ihn stehen. Ja, dieses
blinde, langsamatmende Wesen kroch nicht mehr, und da sie tot war,
strzten sich grliche Gedanken mit Blitzesschnelle ber ihn hin und
zerrten eine scheuliche Zukunft aus ihrem Grabe und zeigten sie ihm. Er
starrte darauf hin. Ihre Entsetzlichkeit versteinerte ihn.

Endlich ffnete sich die Tr, und sein Bedienter trat ein. Er wandte ihm
seine glsernen Augen zu.

Herr Campbell, gndiger Herr, sagte der Mann.

Ein Seufzer der Erleichterung kam von seinen trockenen Lippen und die
Farbe kehrte in seine Wangen zurck.

Bitten Sie ihn sofort herein, Francis. Er fhlte, da er wieder er
selbst war. Der Anfall von Feigheit war berwunden.

Der Diener verbeugte sich und ging. Nach einigen Augenblicken trat Alan
Campbell ein, mit sehr strengem Gesicht und etwas bleich, und seine
blasse Farbe wurde durch das kohlschwarze Haar und die dunkeln Brauen
noch verstrkt.

Alan! das ist freundlich von dir. Ich danke dir, da du gekommen bist.

Ich hatte die Absicht, dein Haus nie wieder zu betreten, Gray. Aber du
schriebst, es handle sich um Leben und Tod. Seine Stimme war hart und
kalt. Er sprach langsam und berlegt. Ein Zug von Verachtung lag in dem
festen, forschenden Blick, den er auf Dorian richtete. Er behielt die
Hnde in den Taschen seines Astrachanpelzes und schien die Bewegung, mit
der ihm die Hand entgegengestreckt worden war, nicht zu bemerken.

Ja, es handelt sich um Leben und Tod, und fr mehr als einen Menschen,
Alan. Setze dich.

Campbell nahm einen Stuhl am Tisch, und Dorian setzte sich ihm
gegenber. Die Augen der beiden Mnner trafen sich. In denen Dorians lag
unendliches Mitleid. Er wute, was er jetzt tun werde, war schrecklich.

Nach einem Augenblick peinlichen Schweigens beugte er sich nach vorn und
sagte sehr ruhig, die Wirkung jedes Wortes auf dem Gesicht des Mannes
ablesend, den er hatte holen lassen: Alan, in einem verschlossenen
Dachzimmer dieses Hauses, in einem Zimmer, zu dem kein einziger Mensch
auer mir Zutritt hat, sitzt ein toter Mann an einem Tisch. Er ist jetzt
seit zehn Stunden tot. Bleib' ruhig sitzen und sieh mich nicht so an.
Wer der Mann ist, warum er starb, wie er starb, sind Dinge, die dich
nicht kmmern. Was du zu tun hast, ist --

Halt, Gray! Ich will nichts mehr wissen. Ob das, was du mir gesagt
hast, wahr ist oder nicht, geht mich nichts an. Ich lehne es entschieden
ab, in dein Leben verwickelt zu werden. Behalte deine frchterlichen
Geheimnisse fr dich! Sie interessieren mich nicht mehr.

Alan, du wirst dafr Interesse haben mssen. Dies eine Geheimnis wird
dich interessieren mssen. Es tut mir furchtbar leid um dich, Alan.
Aber ich kann dir nicht helfen. Du bist der einzige Mensch, der mich zu
retten vermag. Ich bin gezwungen, dich in die Sache hineinzuziehen. Ich
habe keine Wahl. Alan, du bist ein Mann der Naturwissenschaft. Du
verstehst dich auf Chemie und diese Dinge. Du hast Experimente gemacht.
Was du zu tun hast, ist, das Wesen da oben zu vernichten, so zu
vernichten, da auch nicht eine Spur davon brigbleibt. Niemand hat
diesen Menschen in mein Haus kommen sehen. Man vermutet ihn im
Augenblick in Paris. Monatelang wird er nicht vermit werden. Wenn er
vermit wird, darf hier keine Spur von ihm gefunden werden. Alan, du
mut ihn, ihn und alles, was zu ihm gehrt, in eine Handvoll Asche
verwandeln, die ich in die Luft streuen kann.

Du bist wahnsinnig, Dorian.

Ah! wie ich darauf gewartet habe, da du mich wieder Dorian nennst.

Du bist wahnsinnig, sag' ich dir -- wahnsinnig, da du dir einbildest,
ich wurde auch nur einen Finger rhren, dir zu helfen, wahnsinnig, da
du mir dieses ungeheuerliche Gestndnis ablegst. Ich will damit nichts
zu tun haben, was es auch sei. Glaubst du, ich setze meine Ehre fr dich
aufs Spiel? Was geht's mich an, mit welchem Teufelswerk du zu tun hast.

Es war ein Selbstmord, Alan.

Das freut mich, aber wer hat ihn dazu getrieben? Du, vermute ich.

Weigerst du dich noch immer, das fr mich zu tun?

Natrlich weigere ich mich. Ich will absolut nichts damit zu schaffen
haben. Es liegt mir gar nichts daran, was fr eine Schande ber dich
kommt. Du verdienst es vollauf. Es wrde mir nicht leid tun, wenn ich
dich entehrt, ffentlich entehrt she. Wie kannst du es wagen, mich,
gerade mich von allen Menschen in der Welt in diese Scheulichkeit
hineinbringen zu wollen? Ich htte geglaubt, du verstndest mehr vom
Charakter der Menschen. Dein Freund, Lord Henry Wotton, kann dich nicht
sehr ber Psychologie aufgeklrt haben, worber er dich auch sonst
aufgeklrt hat. Nichts wird mich dazu vermgen, auch nur einen Schritt
zu tun, um dir zu helfen. Du bist an den falschen Mann gekommen. Geh zu
einem deiner Freunde, nicht zu mir.

Alan, es war Mord. Ich habe ihn umgebracht. Du weit nicht, was ich
durch ihn gelitten habe. Mein Leben mag sein, wie es wolle, er hatte
mehr damit zu tun, es zu erschaffen und zu zerstren, als der arme
Harry. Er mag es nicht gewollt haben, die Wirkung ist dieselbe.

Mord! Guter Gott, Dorian, bist du jetzt soweit gekommen? Ich werde dich
nicht anzeigen. Das ist meines Amtes nicht. Im brigen wird man dich
fassen, auch wenn ich mich nicht in die Sache mische. Niemand begeht ein
Verbrechen, ohne dabei eine Dummheit zu machen. Also ich will nichts
damit zu tun haben.

Du mut etwas damit zu tun haben. Warte, warte noch einen Augenblick;
hr' mich an. Nur anhren, Alan. Alles, was ich von dir verlange, ist
ein bestimmtes wissenschaftliches Experiment. Du gehst in Spitler und
Leichenhuser, und das Schreckliche, was du dort tust, rhrt dich
nicht. Wenn du diesen Mann in irgendeinem grlichen Seziersaal oder in
einem miduftenden Laboratorium auf einem rohen Tisch liegen shest, mit
roten Rhren, die man in ihn hineingebohrt hat, damit daraus das Blut
durchflieen kann, dann wrdest du ihn einfach als ein bewundernswertes
Objekt betrachten. Kein Hrchen wrde sich dir struben. Du httest
nicht die Empfindung, irgend etwas Unrechtes zu tun. Im Gegenteil, du
wrdest wahrscheinlich glauben, der Menschheit eine Wohltat zu erweisen,
oder die Summe des menschlichen Wissens zu vermehren oder den
intellektuellen Wissensdrang zu befriedigen oder so etwas dergleichen.
Was ich von dir fordere, ist nichts anderes, als was du schon oft getan
hast. Wahrhaftig, es mu viel weniger grlich sein, einen Leichnam aus
der Welt zu schaffen, als das, was du gewhnlich tust. Und bedenke, es
ist der einzige Beweis gegen mich. Wenn er entdeckt wird, bin ich
verloren; und er mu sicher entdeckt werden, wenn du mir nicht hilfst.

Ich habe keine Lust, dir zu helfen. Du vergit das. Die ganze Sache ist
mir gleichgltig. Ich habe nichts damit zu tun.

Alan, ich beschwre dich. Denke an die Lage, in der ich bin. Jetzt
eben, ehe du kamst, war ich fast ohnmchtig vor Schreck. Du kannst eines
Tages selbst einmal die Angst kennenlernen. Nein, denke nicht daran!
Betrachte die Sache vom rein wissenschaftlichen Standpunkte aus. Du
forschst doch sonst nicht danach, woher die toten Wesen kommen, mit
denen du experimentierst. Forsche auch jetzt nicht danach. Ich habe dir
ohnehin zuviel gesagt. Aber ich bitte dich, tu, um was ich dich bat.
Wir waren doch einmal Freunde, Alan.

Sprich nicht von jenen Tagen, Dorian; sie sind tot.

Die Toten verweilen manchmal. Der Mann da oben geht nicht weg. Er sitzt
am Tisch mit vorgebeugtem Kopf und ausgestreckten Armen. Alan! Alan!
wenn du mir nicht zu Hilfe kommst, bin ich verloren. Alan! man wird mich
hngen! Begreifst du nicht? Man wird mich hngen, fr das, was ich getan
habe.

Es hat keinen Sinn, diese Szene weiter auszudehnen. Ich weigere mich
ganz entschieden, etwas damit zu tun zu haben. Es ist Tollheit von dir,
mich darum zu bitten.

Du weigerst dich?

Ja!

Ich beschwre dich, Alan!

Es ist nutzlos.

Derselbe mitleidige Ausdruck kam in Dorian Grays Augen. Dann reckte er
die Hand aus, nahm ein Stck Papier und schrieb etwas darauf. Er las es
zweimal durch, faltete es sorgfltig zusammen und schob es ber den
Tisch. Nachdem er dies getan hatte, stand er auf und trat ans Fenster.

Campbell sah ihn verwundert an, nahm dann das Papier und ffnete es. Als
er es gelesen hatte, wurde sein Gesicht totenbla und er sank in seinen
Stuhl zurck. Ein frchterliches Gefhl der Schwche berwltigte ihn.
Ihm war, als ob sich sein Herz in einer leeren Hhle zu Tode schlge.

Nach zwei oder drei Minuten furchtbaren Schweigens wandte sich Dorian
um, ging zu ihm hin, stellte sich hinter ihn und legte ihm die Hand auf
die Schulter.

Es tut mir so leid um dich, Alan, flsterte er, aber du lt mir
keine Wahl. Ich habe den Brief schon geschrieben. Hier ist er. Du siehst
die Adresse. Wenn du mir nicht hilfst, mu ich ihn abschicken. Du weit,
was darauf erfolgt. Aber du wirst mir helfen. Es ist unmglich, da du
jetzt noch nein sagst. Ich wollte dir das ersparen. Du mut mir die
Gerechtigkeit widerfahren lassen, das zuzugeben. Du warst bitter, hart,
beleidigend. Du hast mich behandelt, wie es nie ein Mensch gewagt hat,
mich zu behandeln. Wenigstens kein lebender Mensch. Ich ertrug es alles.
Jetzt ist es an mir, Bedingungen zu diktieren.

Campbell vergrub sein Gesicht in den Hnden und ein Frsteln berlief
ihn.

Ja, jetzt ist die Reihe an mir, Bedingungen zu diktieren, Alan. Du
weit, was ich verlange. Die Sache ist ganz einfach. Komm, schraube dich
nicht in ein Fieber hinein. Die Sache mu geschehen. Schau ihr ins
Gesicht und vollbringe sie.

Ein Sthnen klang von Campbells Lippen, und er zitterte am ganzen Leibe.
Das Ticken der Uhr auf dem Kaminsims schien ihm die Zeit in einzelne
Atome eines Todeskampfes zu zerstckeln, von denen das kleinste schon zu
schrecklich war, um es zu ertragen. Er hatte das Gefhl, als ob ein
eiserner Ring um seine Stirn nach und nach festgespannt wurde, als ob
die Schande, mit der man ihn bedrohte, schon ber ihn kme. Die Hand auf
seiner Schulter beschwerte ihn wie ein Gewicht von Blei. Sie war
unertrglich. Sie schien ihn zu zerquetschen.

Komm, Alan, du mut dich gleich entscheiden.

Ich kann es nicht tun, sagte er mechanisch, als knnten die Worte
etwas ndern.

Du mut. Du hast keine Wahl. Zaudere nicht.

Er schwankte einen Augenblick. Ist ein Ofen da oben?

Ja, ein Gasofen mit Asbest.

Dann mu ich nach Hause gehen und einiges aus dem Laboratorium holen.

Nein, Alan, du darfst das Haus nicht verlassen. Schreib' auf ein Blatt
Papier, was du brauchst, und mein Diener nimmt eine Droschke und wird
dir die Sachen bringen.

Campbell kritzelte ein paar Zeilen hin, trocknete sie ab und adressierte
ein Kuvert an seinen Assistenten. Dorian nahm das Briefchen und las es
aufmerksam durch. Dann klingelte er und gab es seinem Diener mit dem
Auftrag, so rasch als mglich zurckzukommen und die im Schreiben
bezeichneten Sachen mitzubringen.

Als die Haustr ins Schlo fiel, zuckte Campbell nervs zusammen, stand
vom Stuhl auf und ging zum Kamin hinber. Er schttelte sich in einer
Art kalten Fiebers. Fast zwanzig Minuten lang sprach keiner der beiden
Mnner. Eine Fliege schwirrte summend durch das Zimmer, und das Ticktack
der Uhr klang wie der Fall eines Hammers.

Als es eins schlug, drehte sich Campbell um, blickte auf Dorian Gray und
sah, da seine Augen mit Trnen gefllt waren. In den reinen, edlen
Zgen dieses traurigen Gesichts lag etwas, was ihn wtend zu machen
schien. Du bist infam, ganz infam, rief er mit unterdrckter Stimme.

Ruhig, Alan, du hast mir das Leben gerettet, sagte Dorian.

Dein Leben? Gott im Himmel! Was fr ein Leben ist das! Du bist von
Verderbnis zu Verderbnis geschritten, und jetzt hast du mit Mord den
Gipfel erreicht. Wenn ich tue, was ich tun werde, was du mich zu tun
zwingst, so denke ich dabei wahrhaftig nicht an dein Leben.

Ach, Alan, flsterte Dorian seufzend, ich wnschte, du httest den
tausendsten Teil des Mitleids mit mir, das ich mit dir habe. Er kehrte
sich whrend dieser Worte ab und stand da und blickte in den Garten
hinaus. Campbell gab keine Antwort.

Nach etwa zehn Minuten klopfte es an die Tr, und der Diener trat ein
und brachte einen groen Mahagonikasten mit Chemikalien, eine lange
Rolle Stahl- und Platindraht und zwei absonderlich geformte
Eisenklammern.

Soll ich die Sachen hier lassen, gndiger Herr? fragte er Campbell.

Ja, antwortete Dorian. Und ich bedaure, Francis, aber ich habe noch
einen Weg fr Sie. Wie heit der Mann in Richmond, der Selby mit
Orchideen versorgt?

Harden, gndiger Herr.

Richtig -- Harden. Sie mssen gleich nach Richmond fahren, Harden
selbst sprechen und ihm sagen, er solle doppelt soviel Orchideen
schicken, als ich bestellt habe, und mglichst wenig weie dabei.
Eigentlich will ich berhaupt keine weien. Es ist ein schner Tag,
Francis, und Richmond ein hbscher Ort, sonst wrde ich Sie damit nicht
behelligen.

Nichts zu sagen, gndiger Herr. Zu welcher Zeit soll ich zurck sein?

Dorian sah Campbell an. Wie lange wird dein Experiment dauern, Alan?
fragte er mit ruhiger, gleichgltiger Stimme. Die Gegenwart eines
Dritten im Zimmer schien ihm auerordentlichen Mut einzuflen.

Campbell runzelte die Stirn und bi sich auf die Lippen. Es wird
ungefhr fnf Stunden beanspruchen, antwortete er.

Dann ist es frh genug, wenn Sie um sieben zurck sind, Francis. Oder
halt: legen Sie meine Sachen zum Umkleiden zurecht, Sie knnen dann den
Abend fr sich verwenden. Ich esse nicht zu Hause, brauche Sie also
nicht.

Ich danke, gndiger Herr, sagte der Mann und verlie das Zimmer.

Jetzt, Alan, ist kein Augenblick zu verlieren. Wie schwer der Kasten
ist! Ich will ihn dir tragen. Nimm du die anderen Sachen. Er sprach
hastig und in befehlendem Tone. Campbell fhlte sich von ihm beherrscht.
Sie verlieen das Zimmer gleichzeitig.

Als sie den obersten Treppenabsatz erreicht hatten, nahm Dorian den
Schlssel heraus und schlo auf. Dann blieb er stehen, und ein Ausdruck
von Unruhe zeigte sich in seinem Blick. Er schauderte. Ich glaube, ich
kann nicht hineingehen, Alan, flsterte er.

Das ist mir ganz gleich. Ich brauche dich nicht, sagte Campbell kalt.

Dorian ffnete die Tr zur Hlfte. Als er dies tat, sah er seinem
Portrt, das im hellen Sonnenlicht hing, grade ins Gesicht. Davor lag
auf den Dielen der herabgerissene Vorhang. Er erinnerte sich, da er in
der vergangenen Nacht zum ersten Male in seinem Leben vergessen hatte,
die verhngnisvolle Leinwand zu verhllen, und wollte eben nach vorn
strzen, als er schaudernd zurckprallte.

Was war das fr ein widerlicher, roter Fleck, der na und glnzend an
einer der Hnde klebte, als htte die Leinwand Blut geschwitzt? Wie
schrecklich das war! -- Schrecklicher schien es ihm in diesem Augenblick
als das schweigsame Ding, das, wie er wute, noch ber den Tisch gebeugt
dasa, das Ding, dessen grotesker, unglckseliger Schatten auf dem
fleckigen Teppich ihm zeigte, da es sich nicht bewegt hatte, sondern
noch da war, wo er es gelassen hatte.

Er atmete tief auf, ffnete die Tr etwas weiter und ging mit
halbgeschlossenen Augen und abgewandtem Kopf rasch hinein, entschlossen,
mit keinem einzigen Blick nach dem Toten hinzusehen. Dann bckte er
sich, nahm den gold- und purpurschimmernden Vorhang auf und warf ihn
gerade ber das Bild.

Dann blieb er stehen, voll Angst, sich umzuwenden und seine Augen
richteten sich auf die verschlungenen Muster des Vorhangs. Er hrte
Campbell den schweren Kasten hereinbringen, und die Eisenklammern und
die anderen Gerte, die er sich fr seine entsetzliche Arbeit hatte
kommen lassen. Er begann sich zu fragen, ob Campbell und Basil Hallward
einander je begegnet waren und wenn, welche Meinung sie voneinander
gehabt htten.

Lasse mich jetzt allein, sagte eine rauhe Stimme hinter ihm.

Er kehrte sich um und lief hinaus, eben noch gerade wahrnehmend, da der
Tote in seinen Stuhl zurckgelehnt worden war und da Campbell in ein
schimmerndes, gelbes Gesicht starrte. Als er die Stufen hinabging, hrte
er, wie der Schlssel im Schlo umgedreht wurde.

Es war lange nach sieben Uhr, als Campbell wieder in die Bibliothek
trat. Er war bla, aber vollstndig ruhig. Ich habe getan, was du von
mir verlangt hast, sagte er leise. Und jetzt adieu. Wir wollen uns nie
wiedersehen.

Du hast mich vorm Untergang gerettet, Alan, sagte Dorian ganz
schlicht. Ich kann das nie vergessen.

Sobald ihn Campbell verlassen hatte, ging er hinauf. Ein schrecklicher
Geruch von Salpetersure war im Zimmer. Aber das Ding, das am Tisch
gesessen hatte, war fort.




Fnfzehntes Kapitel


Am selben Abend um halb neun Uhr wurde Dorian Gray in sorgfltigster
Toilette, im Knopfloch einen groen Strau Parmaveilchen tragend, von
dienernden Lakaien in den Salon Lady Narboroughs gefhrt. Er hatte
heftiges Kopfweh und furchtbar berreizte Nerven, aber seine Gebrde,
als er sich ber die Hand seiner Gastgeberin beugte, war ebenso leicht
und anmutig wie sonst. Vielleicht sieht man nie gelassener aus, als wenn
man eine Rolle zu spielen hat. Gewi htte niemand, der Dorian Gray an
diesem Abend sah, geglaubt, da er eine Tragdie hinter sich habe, die
so schrecklich war wie irgendeine Tragdie unserer Zeit. Diese
feingeformten Finger konnten doch nie ein Messer gezckt haben, um eine
Snde zu begehen, diese lchelnden Lippen nie Gott und Gottes Gte
geschmht haben. Er selbst mute sich ber die Ruhe seines Benehmens
wundern und einen Augenblick lang sprte er in ganzer Strke den
grauenvollen Genu eines Doppeldaseins.

Es war eine kleine Gesellschaft, die Lady Narborough kurzer Hand
zusammengeladen hatte, und die Gastgeberin war eine sehr gescheite Frau
mit ansehnlichen berbleibseln einer unleugbar hervorragenden
Hlichkeit, wie es Lord Henry auszudrcken liebte. Sie hatte sich einem
unserer langweiligsten Botschafter als eine ausgezeichnete Frau
erwiesen, und nachdem sie ihren Gemahl, wie sich's geziemte, in einem
marmornen Mausoleum beigesetzt hatte, das nach ihren eigenen Entwrfen
erbaut worden war, und seitdem sie ihre Tchter an einige reiche, etwas
angejahrte Herren verheiratet hatte, widmete sie sich den Genssen
franzsischer Romane, franzsischer Kochkunst und franzsischen Geistes,
wenn sie ihn auftreiben konnte.

Dorian war einer ihrer erklrten Lieblinge, und sie sagte ihm immer, sie
sei uerst froh darber, ihn nicht in frheren Jahren kennengelernt zu
haben. Ich wei, mein Lieber, ich htte mich sinnlos in Sie verliebt,
pflegte sie zu sagen, und wre Ihretwillen der grten Tollheiten fhig
gewesen. Es ist ein groes Glck, da man damals noch gar nicht an Sie
dachte. Zu meiner Zeit waren die Tollheiten eine so seltene Ware, da
ich nicht einmal eine harmlose Liebelei mit jemand gehabt habe. Indessen
war das nur die Schuld Narboroughs. Er war schrecklich kurzsichtig, und
es ist alles andere als ein Vergngen, einen Ehemann zu betrgen, der
nie etwas sieht.

Ihre Gste waren an diesem Abend ziemlich langweilig. Die Sache war so,
wie sie Dorian hinter einem ziemlich schbigen Fcher erklrte, da eine
ihrer verheirateten Tchter pltzlich zu Besuch gekommen war, und, was
die Sache noch rgerlicher machte, obendrein ihren Mann mitgebracht
hatte.

Ich finde das sehr unliebenswrdig von ihr, mein Lieber, flsterte sie
ihm zu. Natrlich bin ich jeden Sommer mit ihnen zusammen, wenn ich von
Homburg komme, aber eine alte Frau wie ich mu eben manchmal frische
Luft haben, und auerdem rttle ich sie dann etwas auf. Sie ahnen ja gar
nicht, was die fr ein Leben da hinten fhren. Es ist das reine,
unverflschte Landleben. Sie stehen frh auf, weil sie so viel zu tun
haben, und gehen frh zu Bett, weil sie so wenig zu denken haben. In der
ganzen Gegend da hat es seit der Zeit der Knigin Elisabeth keinen
Skandal gegeben, und infolgedessen schlafen sie alle nach dem Essen ein.
Sie sollen aber nicht neben einem von ihnen sitzen. Sie sollen neben mir
sitzen und mich amsieren.

Dorian murmelte ein anmutiges Kompliment und blickte sich im Zimmer um.
Ja, es war wirklich eine de Gesellschaft. Zwei von den Anwesenden hatte
er vordem nie gesehen, und die anderen waren Ernest Harrowden, eine der
Mittelmigkeiten in mittleren Jahren, denen man so hufig in Londoner
Klubs begegnet, die keine Feinde haben, die aber keiner ihrer Freunde
leiden kann: dann Lady Ruxton, eine aufgeputzte Dame mit einer
Papageiennase, im Alter von siebenundvierzig Jahren, die sich unablssig
bemhte, sich zu kompromittieren, die aber so lcherlich hlich war,
da zu ihrer groen Enttuschung niemals einer etwas Schlechtes von ihr
glauben wollte: Frau Erlynne, eine zudringliche Nichtigkeit mit einem
entzckenden Lispeln und venezianisch rotem Haar: Lady Alice Chapman,
die Tochter der Wirtin, eine schlechtgekleidete, bedeutungslose Frau mit
einem der charakteristischen englischen Gesichter, an die man sich nie
wieder erinnert, wenn man sie einmal gesehen hat, und ihr Mann, ein
rotbckiges, weibrtiges Geschpf, das, wie so viele seiner Kaste, der
berzeugung lebte, da ungewhnliche Liebenswrdigkeit den vollstndigen
Mangel an Gedanken ersetzen knne.

Es tat ihm beinah leid, da er gekommen war, bis Lady Narborough einen
Blick auf die groe goldene Pendeluhr warf, die sich mit ihren
geschmacklosen Zieraten auf dem malvefarbig behngten Kamin spreizte,
und ausrief: Wie hlich von Henry Wotton, zu spt zu kommen! Ich
schickte heute frh auf gut Glck zu ihm hinber und er hat fest
zugesagt, mich nicht im Stich zu lassen.

Es war ein Trost, da Harry kommen sollte, und als sich die Tr ffnete
und er seine sanfte musikalische Stimme hrte, die irgendeine lppische
Ausrede bezaubernd hervorbrachte, schwand seine Verdrielichkeit.

Aber er konnte bei Tisch dennoch nichts essen. Platte nach Platte wurde,
von ihm unberhrt, weggetragen. Lady Narborough schalt ihn unaufhrlich,
weil sie darin eine Beleidigung sah fr den armen Adolphe, der das
ganze Men eigens fr sie erfunden htte, und dann und wann blickte
Lord Henry zu ihm herber und verwunderte sich ber sein Schweigen und
sein zerstreutes Wesen. Von Zeit zu Zeit fllte der Diener sein Glas mit
Champagner. Er trank hastig, und sein Durst schien zu wachsen.

Dorian, sagte Lord Henry endlich, als das Chaudfroid herumgereicht
wurde, was ist heute abend mit dir los? Du bist ja so verstimmt.

Ich glaube, er ist verliebt, sagte Lady Narborough, und er hat Angst,
es mir zu erzhlen, aus Furcht, da ich eiferschtig wrde. Er hat auch
ganz recht. Ich wrde es gewi.

Teure Lady Narborough, flsterte Dorian lchelnd, ich bin seit einer
vollen Woche nicht verliebt gewesen -- genau gesagt, nicht seitdem
Madame de Ferrol aus London weg ist.

Da ihr Mnner euch in diese Frau verlieben knnt! rief die alte Dame.
Ich kann es wirklich nicht verstehen.

Das kommt einfach daher, weil sie Sie an die Zeit erinnert, wo Sie ein
kleines Mdchen waren, Lady Narborough, sagte Lord Henry. Sie ist das
einzige Bindeglied zwischen uns und Ihren kurzen Rckchen.

Sie erinnert mich wirklich nicht an meine kurzen Rckchen, Lord Henry.
Aber ich entsinne mich ihrer sehr gut in Wien vor dreiig Jahren und wie
sie sich damals dekolletierte.

Sie dekolletiert sich noch immer, antwortete er und nahm eine Olive in
seine langen Finger, und wenn sie sehr elegant gekleidet ist, sieht sie
aus wie die Luxusausgabe eines schlechten, franzsischen Romans. Sie ist
wirklich wunderbar und voller berraschungen. Ihr Talent fr
Familienliebe ist auerordentlich. Als ihr dritter Mann starb, wurde ihr
Haar vor Trauer ganz goldblond.

Wie kannst du so etwas sagen, Harry! rief Dorian.

Das ist eine hchst romantische Erklrung, lachte die Gastgeberin.
Aber ihr dritter Mann, Lord Henry! Sie wollen doch nicht sagen, da
Ferrol der vierte ist?

Doch, Lady Narborough.

Ich glaube kein Wort davon.

Gut, dann fragen Sie Herrn Gray, er ist einer ihrer intimsten Freunde.

Ist das wahr, Herr Gray?

Sie versichert es mir, Lady Narborough, erwiderte Dorian. Ich fragte
sie, ob sie wie Margarete von Navarra ihre Herzen einbalsamiert habe und
am Grtel trage. Sie sagte mir, sie tte das nicht, weil keiner von
ihnen berhaupt ein Herz gehabt htte.

Vier Mnner! Auf mein Wort, das ist ~trop de zle~.

~Trop d'audace~ sagte ich ihr, entgegnete Dorian.

Oh! sie ist mutig genug, alles zu tun, mein Lieber. Und wie ist Ferrol?
Ich kenne ihn nicht.

Die Mnner sehr schner Frauen gehren zur Verbrecherklasse, sagte
Lord Henry und schlrfte seinen Wein.

Lady Narborough schlug ihn mit dem Fcher. Lord Henry, ich bin nicht im
mindesten berrascht, da die ganze Welt ber Ihre Ruchlosigkeit klagt.

Aber welche ganze Welt tut das? fragte Lord Henry, seine Brauen
hochziehend. Es kann nur die Nachwelt sein. Denn diese Welt und ich,
wir stehen brillant miteinander.

Alle meine Bekannten sagen, da Sie sehr ruchlos sind! rief die alte
Dame den Kopf schttelnd.

Lord Henry sah einige Augenblicke ernsthaft aus. Es ist ganz
abscheulich, sagte er schlielich, wie die Leute heutzutage herumgehen
und einem hinterm Rcken Dinge nachsagen, die ganz und gar auf Wahrheit
beruhen.

Ist er nicht unverbesserlich? rief Dorian und beugte sich in seinem
Stuhl vor.

Ich hoffe sagte die Wirtin lachend. Aber wenn Sie wirklich alle
Madame de Ferrol in dieser lcherlichen Weise anbeten, so mu ich auch
wieder heiraten, um in Mode zu kommen.

Sie werden nie wieder heiraten, Lady Narborough, unterbrach Lord
Henry. Sie waren viel zu glcklich. Wenn eine Frau wieder heiratet, so
tut sie es, weil sie ihren ersten Mann verabscheute. Wenn ein Mann
wieder heiratet, so tut er es, weil er seine erste Frau anbetete. Frauen
versuchen ihr Glck, Mnner setzen das ihre aufs Spiel.

Narborough war nicht vollkommen! rief die alte Dame.

Wenn er es gewesen wre, htten Sie ihn nicht geliebt, meine teure
Lady, war die Antwort. Frauen lieben uns um unserer Fehler willen.
Wenn wir ihrer genug haben, vergeben sie uns alles, selbst unseren
Geist. Ich frchte, Sie werden mich nie wieder zu einem Diner bitten,
nachdem ich das gesagt habe, Lady Narborough, aber es ist vllig wahr.

Natrlich ist es wahr, Lord Henry. Wenn wir Frauen euch nicht eurer
Fehler halber liebten, wo wret ihr alle? Nicht ein einziger von euch
wrde verheiratet sein. Und ihr wret eine Sekte unglcklicher
Junggesellen. Das wrde aber nicht viel an euch ndern. Heutzutage leben
alle Ehemnner wie Junggesellen und alle Junggesellen wie Ehemnner.

~Fin de sicle~, flsterte Lord Henry.

~Fin du globe~, entgegnete die Gastgeberin.

Ich wollte, es wre ~fin du globe~, sagte Dorian mit einem Seufzer.
Das Leben ist eine groe Enttuschung.

Ah, mein Lieber! rief Lady Narborough und zog ihre Handschuhe an,
sagen Sie mir nicht, da Sie das Leben erschpft haben. Wenn ein Mann
das sagt, wei man, da das Leben ihn erschpft hat. Lord Henry ist im
hchsten Grade ruchlos, und ich wnsche manchmal, ich wre es auch
gewesen; aber Sie sind geschaffen, um gut zu sein -- Sie sehen so gut
aus. Ich mu Ihnen eine hbsche Frau verschaffen. Lord Henry, meinen Sie
nicht, da Herr Gray heiraten sollte?

Ich sage ihm das immer, Lady Narborough, erwiderte Lord Henry mit
einer Verbeugung.

Schn, so wollen wir uns nach einer guten Partie fr ihn umsehen. Ich
werde heute nacht den Adelskalender aufmerksam durchgehen und eine Liste
aller in Frage kommenden jungen Damen aufstellen.

Mit ihrer Altersangabe, Lady Narborough? fragte Dorian.

Natrlich mit ihrem Alter, ein wenig retuschiert. Aber man darf nichts
bereilen. Ich will, da es genau das wird, was die Morning Post eine
passende Verbindung nennt, und ihr sollt beide glcklich werden.

Was die Menschen doch fr einen Unsinn ber glckliche Ehen reden!
rief Lord Henry. Ein Mann kann mit jeder Frau glcklich werden, solange
er sie nicht liebt.

Pfui! Was sind Sie fr ein Zyniker! rief die alte Dame, schob ihren
Stuhl zurck und nickte Lady Ruxton zu. Sie mssen bald wiederkommen
und bei mir essen. Sie sind wirklich ein wunderbarer Appetitanreger,
viel besser als das, was mir mein Hausarzt verschreibt. Sie mssen mir
sagen, was fr Leute Sie gern treffen wrden. Es soll ein entzckendes
Beisammensein werden.

Ich liebe Mnner, die eine Zukunft haben, und Frauen, die eine
Vergangenheit haben, antwortete er. Oder beabsichtigen Sie, eine
Weibergesellschaft zustande zu bringen?

Ich frchte fast, sagte sie lachend, indem sie sich erhob. Ach,
verzeihen Sie tausendmal, Lady Ruxton, fuhr sie fort, ich habe nicht
bemerkt, da Sie mit Ihrer Zigarette noch nicht fertig waren.

Macht nichts, Lady Narborough. Ich rauche viel zuviel. Ich mu mich
darin in Zukunft einschrnken.

Bitte, tun Sie das nicht, Lady Ruxton, sagte Lord Henry. Migung ist
eine unglckliche Sache. Genug ist nicht besser als eine Mahlzeit. Mehr
als genug ist so gut wie ein Festessen.

Lady Ruxton sah ihn neugierig an. Lord Henry, Sie mssen mich eines
Nachmittags besuchen und mir das erklren. Es klingt wie eine
verlockende Theorie, sagte sie, whrend sie aus dem Zimmer rauschte.

Jetzt bitte, sitzt mir nicht zu lange bei eurer Politik und euerm
Klatsch! rief Lady Narborough von der Tr aus. Wenn ihr das tut,
zanken wir sicher mit euch, wenn ihr nach oben kommt.

Die Mnner lachten, und Herr Chapman stand feierlich vom Ende der Tafel
auf und setzte sich oben hin. Dorian Gray wechselte seinen Platz und
setzte sich neben Lord Henry. Herr Chapman begann mit lauter Stimme ber
die parlamentarische Lage zu sprechen. Er heulte laut auf ber seine
Widersacher. Das Wort Doktrinr -- ein Wort voller Schrecken fr den
britischen Geist -- tauchte von Zeit zu Zeit in seinen Wutausbrchen
auf. Eine doppelt ausgesprochene Vorsilbe diente seiner Rede als
Alliteration zum Schmuck. Er hite den Union Jack auf dem Mast des
Gedankens auf. Die angestammte Dummheit der Rasse -- gesunder englischer
Menschenverstand nannte er sie wohlwollend -- wurde als das
Hauptbollwerk der Gesellschaft hingestellt.

Ein Lcheln kruselte Lord Henrys Lippen, und er drehte sich um und
blickte zu Dorian hin.

Geht dir's jetzt besser, lieber Junge? fragte er. Du schienst bei
Tisch gar nicht recht wohl zu sein.

Mir ist ganz wohl. Ich bin mde. Sonst nichts.

Du warst entzckend gestern abend. Die kleine Herzogin hat dich ganz in
ihr Herzchen geschlossen. Sie hat mir erzhlt, sie kme nach Selby.

Sie hat mir versprochen, am zwanzigsten zu kommen.

Wird Monmouth auch da sein?

Oh, gewi, Harry!

Er langweilt mich entsetzlich, fast ebenso sehr, wie er sie langweilt.
Sie ist sehr verstndig, zu verstndig fr eine Frau. Es fehlt ihr der
unbeschreibliche Reiz der Schwche. Die tnernen Fe sind's, die erst
das Gold der Bildsule wertvoll machen. Ihre Fe sind ganz allerliebst,
aber es sind keine Tonfe. Weie Porzellanfe, wenn du willst. Sie
sind schon im Feuer gewesen, und was das Feuer nicht zerstrt, macht es
hart. Sie hat ihre Erfahrungen.

Wie lange ist sie verheiratet? fragte Dorian.

Sie sagt, eine Ewigkeit. Nach dem Adelskalender, glaube ich, sind es
wohl zehn Jahre, aber zehn Jahre mit Monmouth mssen wie eine Ewigkeit
gewesen sein, wenn man die Zeit mitrechnet. Wer kommt sonst noch?

Oh, die Willoughbys, Lord Rugby und seine Frau, unsere Wirtin, Geoffrey
Clouston, die gewhnliche Aufmachung. Ich habe auch Lord Grotrian
gebeten.

Den habe ich recht gern, sagte Lord Henry. Viele Leute knnen ihn
nicht leiden, aber ich finde ihn reizend. Dafr, da seine Kleidung
manchmal bertrieben elegant ist, entschdigt er dadurch, da er immer
bertrieben gebildet ist. Es ist ein ganz moderner Typus.

Ich wei nicht, ob er kommen kann, Harry. Es ist mglich, da er mit
seinem Vater nach Monte Carlo mu.

Ach, was fr ein Kreuz die Familiensimpelei ist! Versuch doch, da er
kommt. brigens, Dorian, du bist gestern abend sehr frh weggelaufen. Du
hast uns vor elf Uhr sitzen lassen. Was hast du denn noch vorgehabt?
Bist du gleich nach Hause gegangen?

Dorian blickte ihn rasch an und runzelte die Stirn. Nein, Harry, sagte
er endlich, es war schon fast drei, als ich nach Hause kam.

Warst du noch im Klub?

Ja, antwortete er. Dann bi er sich auf die Lippen. Nein, das wollte
ich nicht sagen. Ich war nicht im Klub. Ich ging nur so herum. Ich wei
nicht mehr, was ich getan habe... Wie du einen ins Verhr nimmst,
Harry! Du willst immer wissen, was man getan hat. Ich will immer
vergessen, was ich getan habe. Wenn du aber die genaue Zeit wissen
willst, ich bin um halb drei nach Hause gekommen. Ich hatte meinen
Hausschlssel vergessen, und mein Diener mute mich einlassen. Wenn du
vielleicht noch eine Zeugenaussage ber mein Alibi wnschst, kannst du
ihn ja fragen.

Lord Henry zuckte die Achseln. Aber, lieber Junge, als ob mir daran
etwas lge? Wir wollen in den Salon hinauf. Keinen Sherry, nein danke,
Herr Chapman. Dir ist etwas zugestoen, Dorian. Sage mir, was es ist. Du
bist heute abend nicht du selber.

Sei nicht bse, Harry. Ich bin gereizt und bel gelaunt. Ich komme
morgen oder bermorgen zu dir. Bitte, entschuldige mich bei Lady
Narborough. Ich gehe nicht mehr hinauf. Ich gehe nach Hause. Ich mu
nach Hause gehn.

Schn, Dorian. Ich hoffe, dich morgen zum Tee zu sehen. Die Herzogin
kommt.

Ich will versuchen da zu sein, Harry, sagte er und verlie das Zimmer.
Als er nach Hause fuhr, merkte er, da das Angstgefhl wiedergekehrt
sei, das er erstickt zu haben glaubte. Lord Henrys zufllige Frage hatte
ihm fr einen Moment die Fassung genommen und nervs gemacht und er
brauchte seine Nerven noch. Dinge, die Gefahr bringen konnten, muten
zerstrt werden. Er schauerte zusammen. Der Gedanke, sie auch nur zu
berhren, war ihm furchtbar.

Und doch mute es geschehen. Er war sich darber klar, und als er die
Tr seines Bibliothekzimmers verschlossen hatte, ffnete er den geheimen
Schrank, in den er Basil Hallwards Mantel und Tasche gesteckt hatte. Es
loderte ein mchtiges Feuer. Er legte noch ein Stck Holz nach. Der
Geruch der sengenden Kleider und des schwelenden Leders war entsetzlich.
Er brauchte drei Viertelstunden, um alles zu verbrennen. Als es vorbei
war, fhlte er sich schwach und krank, und nachdem er einige algerische
Rucherkerzchen in einer durchbrochenen Kupferpfanne angezndet hatte,
wusch er sich Hnde und Stirn in kaltem, moschusduftendem Essig.

Pltzlich schrak er zusammen. Seine Augen bekamen einen merkwrdigen
Glanz und er nagte nervs an der Unterlippe. Zwischen zwei Fenstern
stand ein groer Florentiner Ebenholzschrank mit Elfenbein und
Lapislazuli eingelegt. Er starrte ihn an, als wr er ein Etwas, das
fesseln und ngstigen knne, als schliee er etwas ein, das er
sehnschtig begehrte und doch beinahe verabscheute. Sein Atem ging
schneller. Eine wilde Gier berkam ihn. Er zndete eine Zigarette an und
warf sie gleich wieder weg. Seine Augenlider senkten sich, bis die
langen Wimpern fast die Wangen berhrten. Aber er sah noch immer nach
dem Schranke hin. Endlich erhob er sich vom Sofa, auf dem er gelegen
hatte, ging zu dem Schrank hinber, schlo ihn auf und drckte an eine
geheime Feder. Ein dreieckiges Schubfach kam langsam zum Vorschein.
Seine Finger bewegten sich instinktiv danach, griffen hinein und faten
etwas. Es war ein kleines chinesisches Kstchen aus schwarzem,
goldbetupftem Lack, das sehr sorgfltig gearbeitet war, und dessen
Seiten gekrmmte Wellenlinien zierten, und an dessen seidenen Schnren
runde Kristalle mit Quasten aus geflochtenen Metallfden hingen. Er
ffnete das Kstchen. Eine grnlich-glnzende, wachsartige Masse von
seltsam schwerem und durchdringendem Geruch lag darin.

Er zgerte ein paar Augenblicke mit einem seltsam unbeweglichen Lcheln
auf seinem Antlitz. Dann schauerte er zusammen, obwohl es im Zimmer ganz
auergewhnlich hei war, raffte sich auf und sah nach der Uhr. Es
fehlten zwanzig Minuten an zwlf. Er legte das Kstchen zurck, schlo
die Tren des Schrankes und ging in sein Schlafzimmer.

Als die Mitternacht ihre metallenen Schlge durch die dunkle Luft
schickte, schlich Dorian Gray in ordinrer Kleidung und ein Tuch um den
Hals geschlungen, leise aus dem Hause. In Bond Street traf er eine
Droschke mit einem guten Pferd. Er lie sie halten und sagte dem
Kutscher mit leiser Stimme eine Adresse.

Der Mann schttelte den Kopf. Das ist mir zu weit, brummte er.

Da haben Sie ein Goldstck. Sie sollen noch eins kriegen, wenn Sie
rasch fahren.

Schn, Herr! antwortete der Mann, wir werden in einer Stunde da
sein, und nachdem sein Fahrgast eingestiegen war, lenkte er um und fuhr
rasch der Themse zu.




Sechzehntes Kapitel


Ein kalter Regen begann zu fallen und die flackernden Laternen sahen in
dem herabsickernden Nebel geisterhaft aus. Die Schenken wurden eben
geschlossen, und Mnner und Frauen drngten sich in schattenhaften
Gruppen vor den Tren. Aus einigen Wirtschaften scholl ein grliches
Lachen. In anderen lrmten und grlten Betrunkene.

In die Droschke zurckgelehnt, den Hut tief in die Stirn gezogen,
blickte Dorian Gray mit gleichgltigen Augen auf das Elend und den
Schmutz der Grostadt, und dann und wann wiederholte er sich die Worte,
die ihm Lord Henry am ersten Tage, wo sie sich kennengelernt hatten,
gesagt hatte: die Seele durch die Sinne und die Sinne durch die Seele
zu heilen. Ja, das war das Geheimnis. Er hatte es oft versucht und
wollte es jetzt wieder versuchen. Es gab Opiumkneipen, wo man
Vergessenheit kaufen konnte, Kneipen des Grauens, wo die Erinnerung an
alte Snden durch den Wahnsinn neuer ausgelscht werden kann.

Der Mond hing tief am Himmel wie eine gelbe Hirnschale. Von Zeit zu Zeit
streckte eine dicke, unfrmige Wolke einen langen Arm nach ihm aus und
verbarg ihn. Die Gaslaternen wurden sprlicher und die Straen enger und
dsterer. Einmal verlor der Kutscher seinen Weg und mute einige hundert
Meter zurckfahren. Das Ro dampfte, whrend es in den Pftzen patschte.
Die Seitenfenster des Wagens waren wie mit grauem Flanell ausgeschlagen.

Die Seele durch die Sinne und die Sinne durch die Seele zu heilen --!
Wie ihm die Worte in den Ohren klangen! Seine Seele war jedenfalls
todkrank. War es denkbar, da die Sinne sie heilen konnten? Unschuldiges
Blut war vergossen worden. Welche Shne konnte es dafr geben? Ach!
dafr gab es keine Shne; aber wenn auch Vergebung unmglich war,
Vergessen war doch mglich, und er war entschlossen, zu vergessen, die
Sache zu Boden zu treten, sie zu vernichten wie eine Natter, die einen
gebissen hat. Welches Recht hatte denn Basil gehabt, so zu ihm zu
sprechen, wie er es getan hatte? Wer hatte ihn zum Richter ber andere
gesetzt? Er hatte Dinge gesagt, die schrecklich waren, entsetzlich,
nicht zu ertragen.

Weiter und weiter rollte die Droschke, und es schien ihm, als fhre sie
mit jedem Schritt langsamer. Er ri das Schiebefenster auf und rief dem
Kutscher hinter ihm zu, schneller zu fahren. Der grliche Hunger nach
Opium fing an, in ihm zu nagen. Die Kehle brannte ihm, und seine zarten
Finger spielten nervs miteinander. Er schlug mit dem Spazierstock wie
toll auf den Gaul ein. Der Kutscher lachte und hieb mit der Peitsche zu.
Er lachte auch dazu, und der Mann auf dem Bocke schwieg.

Der Weg schien endlos zu sein und die Straen dehnten sich aus wie ein
schwarzes, durcheinander gewirrtes Spinngewebe. Die Eintnigkeit wurde
unertrglich, und als sich der Nebel dichter ballte, empfand er Furcht.

Dann fuhren sie an einsamen Ziegeleien vorber. Der Nebel ward hier
durchsichtiger, und er konnte die merkwrdigen, krbisflaschenartigen
Brennfen mit ihren orangefarbenen fcherartigen Feuerzungen erkennen.
Ein Kter schlug an, als sie vorbeirasselten, und weit entfernt in der
Dunkelheit schrie eine schlaflose Mwe. Das Pferd stolperte in
irgendeiner Rinne, scheute und verfiel in Galopp.

Nach einiger Zeit verlieen sie den Lehmweg und ratterten wieder ber
ein holpriges Straenpflaster. Die meisten Fenster waren dunkel, aber
dann und wann sah man phantastische Schatten wie Silhouetten hinter
einem erleuchteten Rouleau. Er sphte neugierig darauf hin. Sie bewegten
sich wie riesenhafte Marionetten und gestikulierten wie lebende Wesen.
Eine Art Ha auf sie berkam ihn. Ein dumpfer Zorn kochte in seinem
Herzen. Als sie um eine Ecke bogen, rief ihnen ein Weib aus einer
offenen Tr etwas zu, und zwei Mnner rannten ein paar hundert Meter
hinter der Droschke her. Der Kutscher schlug mit seiner Peitsche nach
ihnen.

Man sagt, die Leidenschaft wirble einem die Gedanken im Kreise umher.
Jedenfalls formten die zerbissenen Lippen Dorian Grays in endloser
Wiederholung die feingesetzten Worte von der Seele und den Sinnen und
formten sie immer wieder, bis er in ihnen sozusagen den vollsten
Ausdruck seiner Stimmung gefunden und durch die Zustimmung des
Verstandes Leidenschaften gerechtfertigt hatte, die auch ohne solche
Rechtfertigung sein Temperament beherrscht htten. Von Zelle zu Zelle
seines Gehirns kroch der eine Gedanke und die wilde Lebensgier, das
schrecklichste aller menschlichen Hungergelste, lie sich jeden
zuckenden Nerv und Muskel gewaltsam emporbumen. Das Hliche, das er
einst gehat hatte, weil es den Dingen Wirklichkeit verlieh, wurde ihm
jetzt aus demselben Grunde lieb. Das Hliche war das einzig Wirkliche.
Das rohe Geschrei, die ekelhafte Kneipe, die ordinre Gewaltttigkeit
eines liederlichen Lebens, die widerliche Verworfenheit der Diebe und
Verbrecher waren in der intensiven Wirklichkeit ihrer Eindrcke mehr vom
Leben erfllt, als all die anmutigen Formen der Kunst, die trumerischen
Schatten der Dichtung. Das war es, was er zum Vergessen brauchte. In
drei Tagen wrde er frei sein.

Pltzlich hielt der Mann am Ende einer finstern Strae mit einem Ruck
an. ber die niedrigen Dcher und gezackten Schornsteine der Huser
hinaus ragten die schwarzen Maste der Schiffe. Weie Nebelfetzen hingen
wie gespensterhafte Segel ber den Werften.

Irgendwo hier, nicht wahr, Herr? ertnte die rauhe Stimme des
Kutschers durch das Schiebefenster.

Dorian fuhr auf und blickte sich um. Schon gut, antwortete er, stieg
rasch aus, gab dem Kutscher Trinkgeld, das er ihm versprochen hatte, und
ging eilig dem Kai zu. Hier und da flimmerte eine Laterne am Heck eines
groen Kauffahrers. Das Licht zitterte und zersplitterte sich in den
Pftzen. Ein rotes Geglitzer kam von einem weit drauen ankernden
Dampfer, der Kohlen verlud. Das schlpfrige Pflaster sah aus wie ein
regenglnzender Gummimantel.

Er hastete nach links weiter und blickte sich dann und wann um, ob ihm
niemand folgte. Nach sieben oder acht Minuten erreichte er ein kleines,
elendes Haus, das zwischen zwei groe Faktoreien eingequetscht war. In
einem der Giebelfenster brannte eine Lampe. Er blieb stehen und klopfte
wie auf eine verabredete Art an.

Nach einer kleinen Pause hrte er Schritte im Flur und wie die Trkette
losgemacht wurde. Die Tr ffnete sich vorsichtig, und er trat hinein,
ohne ein Wort zu der kleinen erbrmlichen Gestalt zu sagen, die sich in
den Schatten drckte, als er vorbeischritt. Am Ende des Flurs hing ein
zerlumpter grner Vorhang, der sich in dem starken Luftzug, den er von
der Strae her mitbrachte, hin und her bauschte. Er schob ihn beiseite
und trat in einen langen, niedrigen Raum, der so aussah, als wre er
frher ein Tanzlokal dritten Ranges gewesen. Grell flackernde
Gasflammen, die in den fliegenbeschmutzten Spiegeln gegenber matt und
verzehrt erschienen, brannten rings an den Wnden. Schmierige
Reflektoren aus geripptem Wellblech waren dahinter angebracht und warfen
tanzende Lichtkreise. Der Boden war mit ockerfarbigen Sgespnen
bestreut, die an einzelnen Stellen zu Schmutzklumpen zertreten waren und
auf denen sich von vergossenen Getrnken schwarze Ringe abzeichneten.
Ein paar Malaien hockten mit untergeschlagenen Beinen an einem kleinen
Kohlenofen, spielten mit knchernen Wrfeln und zeigten beim Sprechen
ihre weilichen Zhne. In einem Winkel, den Kopf auf die Hnde gesttzt,
rkelte sich ein Matrose ber den Tisch, und an dem schreiend bemalten
Bfett, das eine ganze Seite des Raumes einnahm, standen zwei
heruntergekommene Weibspersonen und hhnten einen alten Mann, der mit
einem Ausdruck des Ekels die rmel seines Rockes brstete. Er denkt, er
hat sich Luse geholt, lachte die eine, als Dorian vorberging. Der
Mann sah sie erschreckt an und begann zu jammern.

Am Ende des Zimmers war eine kleine Treppe, die in eine verdunkelte
Kammer fhrte. Als Dorian die drei wackligen Stufen hinaufhastete,
schlug ihm der schwere Geruch des Opiums entgegen. Er holte tief Atem,
und seine Nasenflgel zitterten vor Lust. Als er eintrat, blickte ein
junger Mann mit glattgescheiteltem Blondhaar zu ihm auf, der sich ber
eine Lampe beugte, an der er eine lange, dnne Pfeife anzndete, und
zgernd nickte.

Du hier, Adrian? flsterte Dorian.

Wo soll ich sonst sein? antwortete er gleichgltig. Kein Mensch will
jetzt mehr mit mir sprechen.

Ich dachte, du wrst aus England fort?

Darlington wird nichts gegen mich unternehmen. Mein Bruder hat den
Wechsel schlielich gezahlt. George spricht auch nicht mehr mit mir ...
Ist mir auch einerlei, fgte er seufzend hinzu. Solange man noch das
Zeug da hat, braucht man keine Freunde. Ich denke, ich habe zu viele
Freunde gehabt.

Dorian zuckte zusammen und sah sich nach den grotesken Gestalten um, die
da in so abenteuerlichen Stellungen auf den zerlumpten Matratzen lagen.
Die verkrmmten Glieder, die offenen Muler, die stierenden, glanzlosen
Augen bten eine starke Anziehungskraft auf ihn aus. Er kannte die
absonderlichen Paradiese, in denen sie litten, und welche dumpfe Hllen
sie in das Geheimnis neuer Gensse einweihten. Sie waren besser daran
als er. Ihn hielten seine Gedanken eingekerkert. Die Erinnerung fra wie
eine frchterliche Krankheit an seiner Seele. Von Zeit zu Zeit glaubte
er die Augen Basil Hallwards auf sich gerichtet zu sehen. Aber er
fhlte, da er hier nicht bleiben konnte. Die Anwesenheit Adrian
Singletons strte ihn. Er wollte irgendwo sein, wo ihn niemand kennt. Er
wollte sich selbst entfliehen.

Ich gehe in das andere Lokal, sagte er nach einer Pause.

Auf der Werft?

Ja.

Die tolle Katze ist sicher da. Sie wollen sie hier nicht mehr haben.

Dorian zuckte die Achseln. Ich habe die Weiber, die einen lieben,
satt. Weiber, die einen hassen, sind viel interessanter. brigens ist
dort der Stoff besser.

Ganz derselbe.

Mir schmeckt er da besser. Komm, wir wollen was trinken. Ich mu was
haben.

Ich brauche nichts, murmelte der junge Mann.

Macht nichts.

Adrian Singleton stand schlfrig auf und folgte Dorian ans Bfett. Ein
Mischling in zerrissenem Turban und schbigem Ulster grinste ihnen einen
widerlichen Gru zu, als er zwei Glser und eine Branntweinflasche vor
sie hinstellte. Die Weiber torkelten herbei und begannen zu schwatzen.
Dorian kehrte ihnen den Rcken zu und sagte leise etwas zu Adrian
Singleton.

Ein Grinsen gleich einem krummen malaischen Dolch verzerrte das Gesicht
des einen Weibes. Wir sind sehr stolz heute abend, hhnte sie lachend.

Um Gottes willen, rede nicht mit mir! schrie Dorian und stampfte mit
dem Fu auf den Boden. Was willst du? Geld? Da! Aber sprich kein Wort
mehr zu mir!

Zwei rote Funken blitzten fr einen Augenblick in den wsserigen Augen
des Weibes auf, dann verloschen sie wieder und lieen sie trbe und
glsern erscheinen. Sie warf den Kopf in den Nacken und raffte mit
gierigen Fingern die Mnzen auf dem Schenktisch zusammen. Ihre Gefhrtin
beobachtete sie neidisch.

Es hat keinen Zweck, sagte Adrian Singleton seufzend. Ich will nicht
mehr zurck. Was macht's aus? Ich fhle mich hier ganz wohl.

Du wirst mir doch schreiben, wenn du was brauchst? fragte Dorian nach
einer Weile.

Vielleicht.

Dann gute Nacht!

Gute Nacht! antwortete der junge Mann, schritt die Stufen hinauf und
wischte sich den trockenen Mund mit dem Taschentuch ab.

Dorian schritt mit einem qualvollen Zug im Gesicht zur Tr. Als er den
Vorhang beiseitezog, scholl ein grliches Lachen von den geschminkten
Lippen des Weibes, das sein Geld genommen hatte. Da geht er hin, der
Seelenverschacherer! stie sie mit einer heiser glucksenden Stimme
hervor.

Der Satan hol' dich! antwortete er, du sollst mich nicht so nennen!

Sie schnippte mit den Fingern. Was, du willst wohl Prinz Mrchenschn
genannt werden, das pate dir, he? kreischte sie hinter ihm her.

Bei diesen Worten sprang der schlfrige Matrose auf und blickte sich
wild um. Das Gerusch der zufallenden Haustr drang an sein Ohr. Er
strzte hinaus, als ob er ihn verfolgen wollte.

Dorian Gray eilte rasch durch den herabstubenden Regen den Kai entlang.
Sein Zusammentreffen mit Adrian Singleton hatte ihn sonderbar bewegt,
und er grbelte darber nach, ob der Untergang dieses jungen Lebens
wirklich sein Werk war, wie ihm Basil Hallward mit so schndlicher
Beschimpfung schuldgegeben hatte. Er bi sich auf die Lippen, und fr
ein paar Augenblicke wurde sein Auge traurig. Aber schlielich, was
ging es ihn an? Das bichen Leben war zu kurz, als da man die Snden
anderer auf seine Schultern laden knnte. Jeder lebte sein eigenes Leben
und zahlte seinen eigenen Preis dafr. Das einzige Unglck war, da man
fr ein einziges Vergehen so oftmals zahlen mute. Man mute immer und
immer wieder zahlen. In seinem Handel mit dem Menschen glich das
Schicksal sein Schuldbuch nie aus.

Die Psychologen sagen uns, da es Augenblicke gibt, wo die Anreizung zu
Snden oder zu dem, was die Welt Snden nennt, eine Natur so beherrscht,
da jede Faser des Krpers, jede Zelle des Gehirns von frchterlichen
Krften gestachelt zu sein scheint. Mnner und Frauen verlieren in
solchen Augenblicken die Willensfreiheit. Sie bewegen sich wie Automaten
ihrem schrecklichen Ende zu. Die Wahl ist ihnen geraubt, und das
Gewissen ist entweder tot oder, wenn es noch lebt, so lebt es nur, um
der Emprung ihren Reiz und dem Ungehorsam ihren besonderen Zauber zu
verleihen. Denn alle Snden sind, wie die Theologen nicht mde werden,
uns vorzuhalten, Snden des Ungehorsams. Als jener hohe Geist, der
Morgenstern alles Bsen vom Himmel fiel, da fiel er, weil er ein Rebell
war.

Unempfindlich, nur mit dem einen Gedanken ans Bse erfllt, mit
verfinstertem Geist, mit einer Seele, die nach Emprung lechzte, hastete
Dorian Gray weiter, und beschleunigte, whrend er ging, seine Schritte
immer mehr; aber als er in einen dunkeln Torweg einbog, der ihm oft
genug als abgekrzter Weg zu dem berchtigten Orte gedient hatte, den
er jetzt aufsuchen wollte, fhlte er sich pltzlich von rckwrts
gepackt, und bevor er Zeit hatte, sich zu wehren, wurde er gegen eine
Mauer geschleudert und fhlte seinen Hals von einer brutalen Hand
umklammert.

Er kmpfte wie wahnsinnig um sein Leben, und mit furchtbarer Anstrengung
glckte es ihm, sich aus den umschnrenden Fingern loszureien. Einen
Augenblick darauf hrte er das Knacken eines Revolvers und sah den Glanz
eines blanken Laufes gerade gegen seinen Kopf gerichtet und die dunkle
Gestalt eines untersetzten Mannes vor sich.

Was wollen Sie? keuchte er.

Sei still, sagte der Mann. Wenn du dich rhrst, schie' ich dich
nieder!

Sie sind toll. Was hab' ich Ihnen getan?

Du hast das Leben Sibyl Vanes zugrunde gerichtet! war die Antwort,
und Sibyl Vane war meine Schwester. Sie hat sich gettet. Ich wei es.
Ihr Tod ist deine Schuld. Ich habe geschworen, dich dafr zu tten.
Jahrelang habe ich dich gesucht. Aber ich hatte keinen Anhaltspunkt,
keine Spur. Die zwei Menschen, die dich htten beschreiben knnen, waren
tot. Ich wute nichts von dir als den Kosenamen, den sie dir gab. Heute
nacht habe ich ihn durch Zufall gehrt. Mach' deinen Frieden mit Gott,
denn heute nacht mut du sterben.

Dorian Gray wurde fast ohnmchtig vor Furcht. Ich habe sie nie
gekannt, stammelte er. Ich habe nie von ihr gehrt. Sie sind
verrckt.

Gesteh' lieber deine Snden ein, denn so wahr ich James Vane heie, so
gewi sollst du jetzt sterben. Es war ein entsetzlicher Augenblick.
Dorian wute nicht, was er sagen oder tun sollte. Auf die Knie!
brllte der Mann. Ich geb' dir eine Minute, deinen Frieden zu machen --
nicht mehr! Ich mu heute nacht an Bord nach Indien, und mu vorher
meine Arbeit getan haben. Eine Minute. Mehr nicht!

Dorians Arme sanken herab. Von Todesangst gelhmt, wute er nicht, was
er beginnen sollte. Pltzlich zuckte eine jhe Hoffnung in seinem Gehirn
auf. Halt! schrie er. Wie lang ist es her, da Ihre Schwester
gestorben ist? Rasch, sagen Sie!

Achtzehn Jahre, sagte der Mann. Warum fragst du? Was machen die
Jahre?

Achtzehn Jahre! lachte Dorian mit einem triumphierenden Ton in seiner
Stimme. Achtzehn Jahre! Bringen Sie mich unter die Laterne und sehen
Sie mein Gesicht an!

James Vane zgerte einen Augenblick und begriff nicht, was er meinte.
Dann packte er Dorian Gray und schleifte ihn aus dem Torweg heraus.

So dunkel und flackernd das windverwehte Licht auch war, es gengte
doch, ihm den furchtbaren Irrtum zu zeigen, in den er geraten zu sein
schien. Denn das Antlitz des Mannes, den er tten wollte, wies die ganze
Bltenweichheit der Jugend auf, zeigte all die unbefleckte Reinheit der
Jugend. Er schien kaum lter als ein Jngling von zwanzig Lenzen, kaum
lter, als seine Schwester gewesen war, als sie vor so vielen Jahren
Abschied voneinander genommen hatten. Es war klar, da dies nicht der
Mann war, der ihr Leben zerstrt hatte.

Er lie seine Faust von ihm los und taumelte zurck. Mein Gott, mein
Gott! rief er aus, und ich htte Sie fast ermordet!

Dorian Gray schpfte tief Atem. Sie waren dicht daran, ein furchtbares
Verbrechen zu begehen, Mann, sagte er mit einem strengen Blick. Lassen
Sie sich das eine Warnung sein, eine Rache nicht mit eigener Hand zu
bernehmen.

Verzeihen Sie mir, Herr! stammelte James Vane. Ich habe mich tuschen
lassen. Ein zuflliges Wort, das ich in der verfluchten Kneipe hrte,
brachte mich auf die falsche Spur.

Sie sollten lieber nach Hause gehen und Ihre Pistole wegtun, sonst
kommen Sie noch in Ungelegenheiten, sagte Dorian, drehte sich um und
ging langsam die Strae hinunter.

James Vane stand voller Entsetzen auf dem Pflaster. Er zitterte von Kopf
bis Fu. Nach einer kleinen Weile bewegte sich ein schwarzer Schatten,
der lngs der regenfeuchten Wand hingeschlichen war, ins Licht hinaus
und glitt mit verstohlenen Schritten an seine Seite. Er sprte eine Hand
auf seinem Arm und drehte sich mit jhem Ruck um. Es war eines der
Weiber, die am Bfett getrunken hatten.

Warum hast du ihn nicht umgebracht? zischte sie und brachte ihr
verlebtes Gesicht ganz dicht an das seine. Ich wute, da du ihm
folgtest, als du aus Dalys Haus fortranntest. Du Narr! Du httest ihn
totschlagen sollen. Er hat einen Haufen Geld und ist schlechter als
sonst wer.

Er ist nicht der Mann, den ich suche, antwortete er, und ich suche
keines Menschen Geld. Ich such' eines Menschen Leben. Der Mann, dessen
Leben ich suche, mu jetzt an die Vierzig sein. Der da war fast noch ein
Knabe. Ich danke Gott, da nicht sein Blut an meinen Hnden klebt.

Das Weib stie ein bitteres Lachen aus. Fast noch ein Knabe! hhnte
sie. Wahrhaftig, Mensch, es ist fast achtzehn Jahre her, seit Prinz
Mrchenschn das aus mir gemacht hat, was ich heute bin!

Du lgst! schrie James Vane.

Sie hob die Hnde gen Himmel. Bei Gott, ich sage die Wahrheit! rief
sie.

Bei Gott?

Du kannst mich kaltmachen, wenn es nicht so ist. Er ist der
Schlechteste von allen, die herkommen. Sie sagen, er hat dem Teufel
seine Seele fr sein hbsches Gesicht verkauft. Es sind fast achtzehn
Jahre, da ich ihn kennenlernte. Er hat sich seitdem wenig verndert.
Ich um so mehr, fgte sie mit einem traurigen Blinzeln hinzu.

Beschwrst du das?

Ich schwre es, klang es wie ein heiseres Echo aus ihrem entstellten
Munde. Aber verrate mich ihm nicht, winselte sie; ich habe Angst vor
ihm. Gib mir 'n paar Groschen zum Nachtquartier.

Mit einem Fluch ri er sich von ihr los und strzte an die Straenecke;
aber Dorian Gray war verschwunden. Als er zurckblickte, war auch das
Weib schon weg.




Siebzehntes Kapitel


Eine Woche spter sa Dorian Gray im Gewchshaus von Selby Royal und
plauderte mit der hbschen Herzogin von Monmouth, die sich mit ihrem
Gatten, einem ermdet aussehenden Manne von sechzig Jahren, unter seinen
Gsten befand. Es war zur Teezeit, und das sanfte Licht der groen, mit
einem Spitzenschleier verhngten Lampe, die auf dem Tische stand,
erleuchtete das kostbare Porzellan und das getriebene Silberservice, das
neben der Herzogin stand. Ihre weien Hnde machten sich zierlich
zwischen den Tassen zu schaffen, und ihre vollen, roten Lippen lchelten
ber etwas, das ihr Dorian zugeflstert hatte. Lord Henry lag
zurckgelehnt in einem mit Silberseide bezogenen Rohrsessel und sah
beide an. Auf einem pfirsichfarbenen Diwan sa Lady Narborough und tat
so, als ob sie der Beschreibung des Herzogs zuhrte, die den letzten
brasilianischen Kfer betraf, den er seiner Sammlung einverleibt hatte.
Drei junge Leute in gewhlter Gesellschaftstoilette boten den Damen
Teekuchen an. Die Gesellschaft bestand aus zwlf Personen, und fr den
nchsten Tag wurden noch einige erwartet.

Worber sprecht ihr beide? fragte Lord Henry, whrend er gemchlich zu
dem Teetisch ging und seine Tasse niederstellte. Ich hoffe, Dorian hat
dir von meinem Plan, alles umzutaufen, erzhlt, Gladys. Es ist eine
allerliebste Idee.

Aber ich will nicht umgetauft werden, Harry, erwiderte die Herzogin
und sah ihn mit ihren reizend schnen Augen an. Ich bin mit meinem
Namen ganz zufrieden und ich denke, Herr Gray kann auch mit seinem
zufrieden sein.

Meine teure Gladys, ich wrde um keinen Preis der Welt einen der beiden
Namen umndern wollen. Sie sind beide vollendet. Ich dachte
hauptschlich an Blumen. Gestern schnitt ich mir eine Orchidee fr mein
Knopfloch. Es war eine wundervoll gesprenkelte Blume, so wirkungsvoll
wie die sieben Todsnden. In einem Anfall von Gedankentrgheit fragte
ich einen der Grtner, wie sie heie. Er sagte mir, es sei ein schnes
Exemplar der Robinsoniana oder irgendeine derartige grliche
Bezeichnung. Es ist eine traurige Wahrheit, aber wir haben die
glckliche Gabe verloren, den Dingen schne Namen zu geben. Und Namen
sind alles. Ich kmpfe nie gegen Taten an. Mein einziger Kampf richtet
sich gegen die Worte. Das ist der Grund, weshalb ich den vulgren
Realismus in der Literatur verabscheue. Der Mann, der imstande ist,
einen Spaten einen Spaten zu nennen, sollte gezwungen werden, selbst
einen in die Hand zu nehmen. Es ist die einzige Sache, zu der er
tauglich wre.

Wie sollen wir also dich nennen, Harry? fragte sie.

Sein Name ist Prinz Paradox, sagte Dorian.

Der wird sofort akzeptiert! rief die Herzogin.

Ich will ihn nicht hren, lachte Lord Henry und lie sich in ein
Fauteuil fallen. Vor einem solchen Etikettchen kann man sich nicht
retten. Ich weise den Titel zurck.

Frstlichkeiten knnen nicht abdanken, warnten ihn schne Lippen.

Du willst also, da ich meinen Thron verteidige?

Ja.

Ich sage die Wahrheiten von morgen.

Ich ziehe die Irrtmer von heute vor, antwortete sie.

Du entwaffnest mich, Gladys! rief er, entzckt von ihrer bermtigen
Laune.

Deines Schildes, Harry, nicht deines Speeres.

Ich kmpfe nie gegen Schnheit, sagte er mit einer huldigenden
Handbewegung.

Das ist dein Fehler, Harry, glaube mir's. Du berschtzest die
Schnheit.

Wie kannst du das sagen? Ich gebe zu, da ich es fr besser halte,
schn zu sein als gut. Aber andererseits ist niemand eher als ich bereit
zuzugeben, da es besser ist, gut zu sein als hlich.

Dann also ist Hlichkeit eine der sieben tdlichen Snden? rief die
Herzogin. Wie steht es nun mit deinem Orchideengleichnis?

Hlichkeit ist eine von den sieben tdlichen Tugenden, Gladys. Du als
gute Tory darfst sie nicht unterschtzen. Das Bier, die Bibel und die
sieben tdlichen Tugenden haben aus England gemacht, was es heute ist.

Du liebst also dein Vaterland nicht? fragte sie.

Ich lebe darin.

Damit du es besser tadeln kannst.

Shest du es lieber, da ich mir das Urteil Europas ber unser Land
aneigne? fragte er.

Was sagt man von uns?

Da Tartff nach England ausgewandert sei und dort einen Laden
aufgemacht habe.

Ist das von dir, Harry?

Ich schenke es dir.

Ich kann's nicht gebrauchen. Es ist zu wahr.

Du brauchst dich nicht zu ngstigen. Unsere Landsleute erkennen sich
nie in ihrem Steckbrief wieder.

Du bist so praktisch.

Eher gerissen als praktisch. Wenn sie ihr Kontokorrent abschlieen,
dann saldieren sie Dummheit mit Reichtum und Laster mit Heuchelei.

Und doch haben wir groe Dinge vollbracht.

Groe Dinge sind uns auferlegt worden, Gladys.

Wir haben ihre Last zu tragen vermocht.

Nur bis zur Brse.

Sie schttelte den Kopf. Ich glaube an unsere Rasse! rief sie.

Sie vertritt den berlebenden Ellbogenstreber.

Sie hat das Zeug zur Entwicklung.

Verfall reizt mich mehr.

Und die Kunst? fragte sie.

Eine Krankheit.

Liebe?

Einbildung.

Religion?

Modesurrogat fr den Glauben.

Du bist ein Skeptiker!

Niemals! Skeptizismus ist der Anfang des Glaubens.

Was bist du?

Definieren heit beschrnken.

Reich mir den Ariadnefaden!

Fden zerreien. Du wurdest deinen Weg im Labyrinth verlieren.

Du machst mich wirre. La uns von einem anderen sprechen.

Unser Wirt ist ein entzckendes Thema. Vor vielen Jahren nannte man ihn
den Prinz Mrchenschn.

Ach! Erinnere mich nicht daran! rief Dorian Gray.

Unser Wirt ist recht greulich heute abend, antwortete die Herzogin und
errtete. Er denkt wohl, Monmouth habe mich nur aus wissenschaftlichen
Grnden geheiratet, weil ich das beste Musterbeispiel eines modernen
Schmetterlings bin.

Ich hoffe aber, er wird Sie nicht auf Stecknadeln spieen, Frau
Herzogin, lachte Dorian.

Oh! Das besorgt schon meine Kammerjungfer, Herr Gray, wenn sie sich
ber mich rgert.

Und worber rgert sie sich, Frau Herzogin?

ber die geringsten Dinge, Herr Gray, glauben Sie nur! Gewhnlich, wenn
ich zehn Minuten vor neun nach Hause komme und ihr sage, da ich bis
halb neun angezogen sein mu.

Wie unvernnftig von ihr! Sie sollten ihr den Laufpa geben!

Das wag' ich nicht, Herr Gray. Sie erfindet nmlich meine Hte. Sie
erinnern sich nicht an den Hut, den ich auf Lady Hilstones Gartenfest
getragen habe? Natrlich nicht, aber es ist hbsch von Ihnen, da Sie so
tun. Also der war geradezu aus nichts gemacht. Alle guten Hte werden
aus nichts gemacht.

Wie jeder gute Ruf, Gladys! unterbrach Lord Henry. Jede Wirkung, die
man erzielt, schafft uns einen Feind. Man mu eine Mittelmigkeit sein,
wenn man eine Beliebtheit sein will.

Nicht unter Frauen, sagte die Herzogin und schttelte den Kopf; und
Frauen regieren die Welt. Ich behaupte steif und fest, wir knnen
Mittelmigkeiten nicht vertragen. Wir Frauen, hat mal jemand gesagt,
lieben mit den Ohren, gerade so, wie ihr Mnner mit den Augen liebt,
wenn ihr berhaupt liebt.

Es scheint mir, da wir berhaupt nie etwas anderes tun, flsterte
Dorian.

Ach! Herr Gray, dann lieben Sie nie in Wirklichkeit, antwortete die
Herzogin wie in spttischer Trauer.

Meine liebe Gladys. rief Lord Henry. Wie kannst du das sagen? Die
Romantik lebt von Wiederholung, und die Wiederholung verwandelt jeden
Anreiz in Kunst. brigens, jedesmal, wenn man liebt, ist es das
erstemal, da man geliebt hat. Die Verschiedenheit des Objektes
verndert die Einzigkeit der Leidenschaft nicht. Sie macht sie nur
strker. Wir knnen im Leben bestenfalls nur ein einziges groes
Erlebnis haben, und das Geheimnis des Lebens besteht darin, dieses
Erlebnis so oft als mglich zu wiederholen.

Selbst wenn es einen verwundet hat, Harry? fragte die Herzogin nach
einer Pause.

Besonders wenn es einen verwundet hat, entgegnete Lord Henry.

Die Herzogin wandte sich um und sah Dorian Gray an mit einem seltsamen
Ausdruck in ihren Augen. Was sagen Sie dazu, Herr Gray? forschte sie.

Dorian zgerte einen Augenblick. Dann warf er den Kopf zurck und
lachte. Ich stimme mit Harry immer berein, Frau Herzogin.

Auch wenn er unrecht hat?

Harry hat nie unrecht, Frau Herzogin.

Und macht Sie seine Philosophie glcklich?

Glck habe ich nie gesucht. Wer braucht Glck? Ich habe Vergngen
gesucht.

Und gefunden, Herr Gray?

Oft. Zu oft.

Die Herzogin seufzte. Ich suche Frieden, sagte sie, und wenn ich
jetzt nicht gehe und mich anziehe, habe ich ihn heut abend nicht.

Lassen Sie mich Ihnen ein paar Orchideen holen, Frau Herzogin! rief
Dorian, sprang auf und ging ins Gewchshaus hinunter.

Du flirtest ganz schndlich mit ihm, sagte Lord Henry zu seiner
Kusine. Du solltest dich lieber in acht nehmen. Er kann sehr
faszinieren.

Wenn er es nicht knnte, gb's keinen Kampf.

Also Griechen kmpfen gegen Griechen?

Ich bin auf seiten der Trojaner. Sie kmpften fr ein Weib.

Sie wurden besiegt.

Es gibt rgere Dinge als Gefangenschaft, erwiderte sie.

Du galoppierst mit verhngtem Zgel.

Das Tempo macht Leben, war die Antwort.

Ich will mir das heut abend in mein Tagebuch schreiben.

Was?

Da ein gebranntes Kind das Feuer liebt.

Ich bin noch nicht einmal versengt. Meine Flgel sind unberhrt.

Du gebrauchst sie zu allem, nur nicht zur Flucht.

Der Mut ist von den Mnnern zu den Frauen gewandert. Das ist ein neues
Erlebnis fr uns.

Du hast eine Rivalin.

Wen?

Er lachte. Lady Narborough, flsterte er. Sie betet ihn an.

Du machst mir Angst. Die Beschwrung des Altertums ist fr uns
Romantiker stets gefhrlich.

Romantiker! Du hast alle Methoden der Wissenschaft.

Mnner haben uns erzogen.

Aber nicht erklrt.

Gib uns eine Definition unseres Geschlechtes, forderte sie ihn heraus.

Sphinxe ohne Geheimnisse.

Sie sah ihn lchelnd an. Wie lange Herr Gray wegbleibt, sagte sie.
Wir wollen ihm helfen. Ich habe ihm noch nicht einmal die Farbe meines
Kleides angegeben.

Pah! Du mut dein Kleid seinen Blumen anpassen, Gladys.

Das wre eine zu frhe bergabe.

Die romantische Kunst beginnt mit dem Hhepunkt.

Ich mu mir die Mglichkeit des Rckzuges offen halten.

Wie die Parther?

Sie fanden Schutz in der Wste. Mir wre das nicht mglich.

Man lt den Frauen nicht immer die Wahl, entgegnete er; aber kaum
hatte er den Satz zu Ende gesprochen, als von dem uersten Winkel des
Gewchshauses her ein unterdrcktes Sthnen kam, dem das dumpfe Gerausch
eines schweren Falles folgte. Alles sprang auf. Die Herzogin stand
regungslos da vor Schreck. Mit ngstlichen Augen strzte Lord Henry
durch die wehenden Fcher der Palmen und fand Dorian Gray in einer
todeshnlichen Ohnmacht am Boden liegend, mit dem Gesicht auf den khlen
Fliesen.

Er wurde sofort in den blauen Salon gebracht und auf ein Sofa gelegt.
Nach einer kurzen Weile kam er wieder zu sich und sah sich verstrt um.

Was ist geschehen? fragte er. Ach! jetzt fllt mir's ein. Bin ich
hier sicher, Harry? Er begann zu zittern.

Mein lieber Dorian, antwortete Lord Henry, es war ein
Ohnmachtsanfall. Weiter nichts. Du mut dich wohl bermdet haben. Komm
lieber nicht zum Diner hinunter. Ich werde dich vertreten.

Nein, ich will herunterkommen, sagte er und mhte sich, auf den Fen
zu stehen. Ich komme lieber herunter! Ich darf nicht allein sein.

Er ging in sein Zimmer und zog sich um. Als er bei Tisch sa, war in
seinem Gehaben eine wilde, bermtige Lustigkeit, aber hin und wieder
berlief ihn ein Angstschauer, wenn er sich erinnerte, da er, gegen die
Fensterscheiben des Gewchshauses gepret, das lauernde Gesicht James
Vanes wie ein weies Tuch erblickt hatte.




Achtzehntes Kapitel


Am nchsten Tage verlie er das Haus nicht und verbrachte den grten
Teil der Zeit in seinem Zimmer, durchrttelt von einer wilden
Todesfurcht und dem Leben gegenber doch gleichgltig. Das Bewutsein,
gejagt, umzingelt, aufgestbert zu werden, fing an, ihn gnzlich zu
beherrschen. Wenn nur die Vorhnge im Winde rauschten, schrak er
zusammen. Die toten Bltter, die gegen die verbleiten Scheiben gefegt
wurden, schienen ihm seine eigenen vergeudeten Vorstze und ungestmen
Gewissensbisse zu sein. Wenn er die Augen schlo, sah er wieder das
Gesicht des Matrosen vor sich, wie es durch das feuchtbeschlagene Glas
stierte, und das Entsetzen schien ihm noch einmal seine Hand aufs Herz
zu legen.

Aber vielleicht war es nur seine Phantasie gewesen, die die Rache aus
der Nacht heraufbeschworen und ihm die grliche Gestalt der Strafe
vorgetuscht hatte. Das wirkliche Leben war ein Chaos, aber es war eine
furchtbare Logik in der Phantasie. Die Phantasie hetzte die
Gewissensbisse hinter den flchtigen Sohlen der Snde her. Die Phantasie
lie jedes Verbrechen seine migestaltete Brut in sich tragen. In der
gewhnlichen Welt der Tatsachen wurden die Schlechten so wenig bestraft
wie die Guten belohnt. Der Erfolg gehrte den Starken, Unglck machte
die Schwachen unterliegen. Das war alles. Zudem, wenn ein Fremder um das
Haus herumgestrolcht wre, so htten ihn die Diener oder Wchter
entdeckt. Wren irgendwelche Futapfen in den Beeten bemerkt worden, so
htten es die Grtner gemeldet. Ja: es war alles bloe Einbildung. Sybil
Vanes Bruder war nicht zurckgekommen, um ihn zu ermorden. Er war mit
seinem Schiff abgesegelt, um in irgendeiner arktischen See zu ertrinken.
Vor dem war er also sicher. Der Mann wute gar nicht, wer er war und
konnte es nicht wissen. Die Maske der Jugend hatte ihn gerettet.

Und doch, wenn es eine bloe Ausgeburt der Einbildung gewesen war, wie
schrecklich war doch der Gedanke, da das Gewissen so frchterliche
Hirngespinste entstehen lassen und ihnen sichtbare Form und Bewegung
geben konnte! Was fr eine Art Leben wrde er fhren, wenn Tag und Nacht
die Schatten seines Verbrechens aus dsteren Winkeln nach ihm sphten,
ihn von geheimen Stellen aus neckten, ihm ins Ohr flsterten, wenn er
beim Mahle sa, ihn mit eisigen Fingern weckten, wenn er schlief! Als
dieser Gedanke durch sein Hirn kroch, wurde er bla vor Schrecken, und
die Luft schien ihm pltzlich klter geworden zu sein. Oh! in was fr
einer wilden Wahnsinnsstunde hatte er seinen Freund umgebracht! Wie
bluterstarrend war nur die Erinnerung an diese Szene! Er sah es alles
wieder. Jede grliche Einzelheit kam mit vermehrtem Entsetzen wieder zu
ihm. Aus dem schwarzen Grabverlies der Zeit stieg schrecklich und in
Scharlachrot gehllt das Bild seiner Snde empor. Als Lord Henry um
sechs Uhr eintrat, fand er ihn schluchzend, als ob ihm das Herz brechen
wolle.

Erst am dritten Tage wagte er auszugehen. Es lag etwas in der klaren,
tannenduftenden Luft dieses Wintermorgens, das ihm seine Frhlichkeit
und seine Lebenslust wiederzugeben schien. Aber nicht nur die physischen
Bedingungen seiner Umgebung hatten diese Wandlung zuwege gebracht. Seine
eigene Natur hatte sich gegen das berma der Angst emprt, die ihre
vollendete Ruhe zu stren und zu vernichten versucht hatte. Mit feinen
und subtil organisierten Temperamenten ist es immer so. Ihre heftigen
Leidenschaften knnen nur Hammer oder Ambo sein. Entweder tten sie den
Menschen oder sterben selbst. Oberflchliche Sorgen, oberflchliche
Liebesempfindungen knnen weiter leben. Tiefe Liebesempfindungen und
groe Sorgen gehen durch ihre eigene berflle zugrunde. berdies hatte
er sich jetzt berzeugt, da er das Opfer einer erschreckten
Einbildungskraft gewesen war, und sah jetzt auf seine ngste mit einer
Art Mitleid und nicht geringer Verachtung zurck.

Nach dem Frhstck ging er mit der Herzogin ein Stndchen im Garten
spazieren und fuhr dann durch den Park, um mit der Jagdgesellschaft
zusammenzutreffen. Der feinperlige Reif lag wie Salz auf dem Rasen. Der
Himmel sah aus wie ein umgestlpter Pokal aus blauem Metall. Ein dnner
Eisgallert umsumte den seichten, schilfbewachsenen Teich.

Am Eingang des Tannenwaldes erblickte er Sir Geoffrey Clouston, den
Bruder der Herzogin, der eben zwei verschossene Patronen aus seiner
Flinte stie. Dorian sprang aus dem Wagen, sagte dem Groom, er solle mit
dem Gespann nach Hause fahren, und ging durch das welke Farnkraut und
das gestrppige Unterholz auf seinen Gast zu.

Gute Jagd gehabt, Geoffrey? fragte er.

Nicht berhmt, Dorian. Die meisten Vgel, glaub' ich, sind auf die
Felder geflchtet. Vielleicht wird's nachmittag besser sein, wenn wir
auf frisches Revier kommen.

Dorian schlenderte neben ihm weiter. Die starke, aromatische Luft, die
braunen und roten Lichter, die den Wald durchflimmerten, das rauhe
Geschrei der Treiber, das von Zeit zu Zeit aufgellte, und der scharfe
Knall der Flinten, der dann folgte, das alles fesselte ihn und erfllte
ihn mit einem Gefhl entzckender Freiheit. Er war beherrscht von einem
sorglosen Glck, von einer groartigen Gleichgltigkeit der Freude.

Pltzlich brach aus einem dicken Bschel alten Grases, vielleicht
zwanzig Meter vor ihnen, ein Hase aus, die schwarzgesprenkelten Lffel
steif aufgerichtet und die langen Hinterlufe nach vorn werfend. Er
schnellte auf ein Erlendickicht los. Sir Goeffrey ri das Gewehr an die
Schulter, aber in der anmutigen Bewegung des Tieres lag etwas, das
Dorian Gray seltsam entzckte, und er rief hastig: Schie nicht,
Geoffrey. La ihn laufen!

Ach, Unsinn, Dorian, sagte lachend sein Gefhrte, und noch ehe der
Hase in das Dickicht setzte, scho er zu. Man hrte zwei Schreie, den
Schrei eines verwundeten Hasen, der schrecklich ist, und den Schrei
eines sterbenden Menschen, der noch schrecklicher ist.

Gott im Himmel, ich habe einen Treiber getroffen! rief Sir Geoffrey
aus. Was fr 'n Esel der Mann ist, einem direkt vors Gewehr zu laufen!
Hrt auf mit Schieen! rief er mit seiner lautesten Stimme. Ein Mann
ist getroffen worden!

Der Hegemeister kam mit einem Stock in der Hand herbeigelaufen.

Wo, Herr? Wo ist er? rief er. Im selben Augenblick hrte das Schieen
auf der ganzen Linie auf.

Hier! antwortete Sir Geoffrey rgerlich und rannte auf das Dickicht
zu. Warum, zum Kuckuck, halten Sie Ihre Leute nicht weiter zurck? Fr
heute hab' ich die ganze Jagd im Magen.

Dorian sah ihnen nach, wie sie in die Erlenbsche eindrangen und die
biegsamen Zweige zur Seite bogen. Nach einigen Augenblicken erschienen
sie wieder und zogen einen Krper ans Tageslicht. Er wandte sich
entsetzt ab. Es schien ihm, als folge ihm das Migeschick berallhin. Er
hrte, wie Sir Geoffrey fragte, ob der Mann wirklich tot wre, und
vernahm die bejahende Antwort des Hegemeisters. Es schien ihm, als
wimmele der Wald urpltzlich von Gesichtern. Er hrte das Gelaufe von
unzhligen Fen und das gedmpfte Flstern von Stimmen. Ein groer
Fasan mit kupferfarbener Brust rauschte durch die ste ber ihm dahin.

Nach einigen Augenblicken, die ihm in seiner Fassungslosigkeit wie
endlose, peinvolle Stunden vorkamen, fhlte er eine Hand auf seiner
Schulter. Er zuckte zusammen und wandte sich um.

Dorian, sagte Lord Henry, ich halt 's fr richtiger, die Jagd fr
heute beendet sein zu lassen. Es wrde nicht gut aussehen, sie
fortzusetzen.

Ich wollte, sie wre fr immer beendet, Harry, antwortete er bitter.
Die ganze Geschichte ist grlich und grausam ist der Mann...? Er
konnte den Satz nicht vollenden.

Ja leider, entgegnete Lord Henry. Er hat die ganze Ladung in die
Brust gekriegt. Er mu augenblicklich gestorben sein. Komm, wir wollen
nach Hause.

Sie schritten nebeneinander auf die Allee zu und sprachen etwa fnfzig
Meter weit kein Wort. Dann sah Dorian Lord Henry an und sagte mit einem
tiefen Seufzer: Das ist ein bses Omen, Harry, ein sehr bses Omen.

Was denn? fragte Lord Henry. Oh! diesen Unglcksfall meinst du.
Lieber Junge, daran ist nichts zu ndern. Der Mann hatte ja selber
schuld. Warum lief er in die Schulinie? berdies ist es nicht unsere
Sache. Fr Geoffrey ist es natrlich nicht gerade angenehm! Es ist
nicht hbsch, Treiber niederzupuffen. Die Leute denken gleich, man wre
ein Sonntagsjger. Und das ist Geoffrey nicht; er schiet sogar
brillant. Aber es hat keinen Zweck, ber den Unfall weiter zu reden.

Dorian schttelte den Kopf. Es ist ein bses Omen, Harry. Ich habe das
Gefhl, als mte einem von uns etwas Schreckliches zustoen. Mir selbst
vielleicht, fgte er hinzu und legte mit einer schmerzlichen Bewegung
die Hand ber die Augen.

Der ltere lachte. Das einzig Schreckliche in der Welt ist Langeweile,
Dorian. Das ist die einzige Snde, fr die es keine Vergebung gibt. Aber
wir werden darunter schwerlich zu leiden haben, wenn die Gesellschaft
bei Tisch nicht etwa noch ber die Sache viel Aufhebens macht. Ich mu
den Leuten sagen, da dieses Thema einfach Tabu ist. Und Omina --so was
wie Omina gibt's nicht. Das Geschick sendet uns keine Herolde. Es ist zu
weise dazu oder zu grausam. brigens, was in aller Welt sollte dir
geschehen, Dorian? Du hast alles, was sich ein Mensch hienieden wnschen
kann. Ich wte niemand, der nicht freudig mit dir tauschen mchte.

Es gibt keinen, mit dem ich nicht tauschen mchte, Harry. Lach' nicht
darber. Ich spreche die Wahrheit. Der elende Bauer, der da gestorben
ist, ist besser daran als ich. Ich habe keine Angst vor dem Tode. Das
Sterben ist's, wovor ich mich ngstige. Seine ungeheuren Flgel scheinen
mich rings in der bleiernen Luft zu umschatten. Herr des Himmels, siehst
du nicht, da da hinter den Bumen ein Mann auf mich lauert und mich
beobachtet?

Lord Henry sah in die Richtung, wohin die behandschuhte Hand zitternd
wies. Ja, sagte er lchelnd, ich sehe da den Grtner auf dich warten.
Er will dich vermutlich fragen, welche Blumen du heute auf dem Tisch
haben willst. Wie lcherlich nervs du heute bist, lieber Junge! Du mut
gleich meinen Doktor konsultieren, wenn wir wieder in der Stadt sind.

Dorian seufzte erleichtert auf, als er den Grtner herankommen sah. Der
Mann legte die Hand an den Hut, blickte erst zaudernd auf Lord Henry und
zog dann einen Brief hervor, den er seinem Herrn berreichte. Ihre
Gnaden hat mir aufgetragen, auf Antwort zu warten, sagte er halblaut.

Dorian steckte den Brief in die Tasche. Sagen Sie Ihrer Gnaden, ich
wrde kommen, sagte er khl. Der Mann kehrte um und schritt rasch dem
Hause zu.

Wie gern doch die Frauen gefhrliche Dinge tun! sagte Lord Henry
lachend. Das ist eine von ihren Eigenschaften, die ich am meisten
bewundere. Eine Frau ist mit jedem auf der Welt zu flirten bereit,
solange andere Leute dabei Zuschauer sind.

Wie gern du doch gefhrliche Dinge sagst, Harry! In diesem Falle bist
du aber ganz auf dem Holzwege. Ich habe die Herzogin sehr gern, aber ich
liebe sie nicht.

Und die Herzogin liebt dich sehr, aber sie hat dich nicht gern, also
pat ihr beide famos zusammen.

Du machst Klatschereien, Harry, und diesmal ist gar kein Grund zu
Klatschereien vorhanden.

Die Grundlage fr jeden Klatsch ist eine unmoralische Verllichkeit,
sagte Lord Henry und zndete sich eine Zigarette an.

Du wrdest jeden von uns blostellen, Harry, um einen Witz zu machen.

Die Welt legt sich aus freien Stcken auf den Opferaltar, war die
Antwort.

Ich wollte, ich knnte lieben! rief Dorian Gray mit einem
tiefpathetischen Klang in seiner Stimme. Aber es scheint, ich habe die
Glut der Leidenschaft verloren und die Sehnsucht des Begehrens
vergessen. Ich bin zu sehr in mich selber konzentriert. Meine eigene
Person ist eine Last fr mich geworden. Ich mchte entfliehen, weggehen,
vergessen. Es war albern von mir, berhaupt herzukommen. Ich denke, ich
telegraphiere an Harvey, da er die Jacht instand setzt. Auf einer Jacht
ist man sicher.

Wovor sicher, Dorian? Du hast Unruhe. Warum sagst du mir nicht, was es
ist? Du weit, da ich dir helfen knnte.

Ich kann es dir nicht sagen, Harry, erwiderte er traurig. Und es mag
wohl alles nur Einbildung sein. Der unglckselige Zwischenfall hat mich
aus dem Gleichgewicht gebracht. Ich habe eine schreckliche Vorahnung,
da mir etwas hnliches zustt.

Was fr Unsinn!

Ich hoffe, es ist Unsinn, aber ich kann dies Gefhl nicht loswerden.
Ah! da kommt die Herzogin und sieht aus wie Artemis in einem
Tailormade-Kleide. Sie sehen, wir sind zurck, Frau Herzogin.

Ich habe schon alles gehrt, Herr Gray, antwortete sie. Der arme
Geoffrey ist ganz auer Fassung. Und man sagt, Sie hatten ihn gebeten,
nicht auf den Hasen zu schieen. Wie seltsam!

Ja, es war sehr seltsam. Ich kann nicht mal sagen, warum ich es getan
habe. Eine Eingebung vermute ich. Er sah so niedlich aus, der kleine
Kerl. Aber ich bedaure sehr, da man Ihnen von dem Manne erzhlt hat. Es
ist ein peinliches Thema.

Es ist ein langweiliges Thema, unterbrach ihn Lord Henry. Es hat
keinerlei psychologischen Wert. Wenn es Geoffrey noch absichtlich getan
htte, wie interessant wre es dann! Ich wrde gern jemand kennenlernen,
der einen wirklichen Mord begangen hat.

Wie abscheulich von dir, schrie die Herzogin auf. Nicht war, Herr
Gray? Harry, Herrn Gray ist wieder unwohl. Er wird ohnmchtig.

Dorian hielt sich gewaltsam aufrecht und lchelte. Es ist nichts, Frau
Herzogin, murmelte er, meine Nerven sind schrecklich in Unordnung.
Nichts weiter. Ich frchte, ich bin heut morgen zuviel gegangen. Ich
habe gar nicht gehrt, was Harry gesagt hat. War es sehr toll? Sie
mssen es mir ein andermal erzhlen. Ich halte es frs beste, mich jetzt
ein bichen hinzulegen. Sie entschuldigen mich, nicht wahr?

Sie hatten die groe Treppe erreicht, deren Stufen vom Gewchshaus auf
die Terrasse emporfhrten. Als sich die Glastr hinter Dorian
geschlossen hatte, wandte sich Lord Henry um und sah die Herzogin mit
seinen schlfrigen Augen an. Bist du sehr in ihn verliebt? fragte er.

Sie gab eine Weile keine Antwort, sondern stand da und blickte auf die
Landschaft. Ich mchte es selber wissen, sagte sie endlich.

Er schttelte den Kopf. Wissen, wre ein Verhngnis. Nur die
Ungewiheit hat fr uns Reiz. Ein Nebel macht die Dinge wunderbar.

Man kann darin seinen Weg verlieren.

Alle Wege enden am selben Punkt, meine liebe Gladys.

Wie heit der?

Enttuschung.

So war mein Debt im Leben, seufzte sie.

Sie kam mit einer Krone zu dir.

Ich bin der Erdbeerbltter in unserer Krone mde.

Sie steht dir gut.

Nur in der ffentlichkeit.

Sie wrde dir fehlen, sagte Lord Henry.

Ich werde mich von keinem Blttchen trennen.

Monmouth hat Ohren.

Das Alter ist schwerhrig.

War er nie eiferschtig?

Ich wollte, er wre es. Dabei lachte sie. Ihre Zhne sahen aus wie
weie Kerne in einer scharlachfarbenen Frucht. Indessen lag oben in
seinem Zimmer Dorian Gray auf einem Sofa, Schrecken in jeder zuckenden
Fiber seines Krpers. Das Leben war fr ihn urpltzlich eine so schwere
Last geworden, da er sie nicht mehr tragen konnte. Der grliche Tod
des unglcklichen Treibers, der in dem Dickicht wie ein wildes Tier
niedergeknallt worden war, schien ihm selbst den Tod vorauszusagen. Er
war fast in Ohnmacht gefallen bei dem zynischen Scherz, den Lord Henry
in einer zuflligen Laune gemacht hatte.

Um fnf Uhr klingelte er seinem Diener und hie ihn seine Sachen fr den
Nachtschnellzug nach London zu packen und den Wagen fr halb neun vors
Tor zu bestellen. Er war entschlossen, keine Nacht mehr in Selby Royal
zu schlafen. Es war ein Ort voll bser Vorzeichen. Der Tod ging dort am
hellen Tage um. Das Gras des Waldes war mit Blut befleckt.

Dann schrieb er ein Billett an Lord Henry, in dem er ihm mitteilte, da
er in die Stadt fahre, um den Arzt zu konsultieren, und ihn bat, seine
Gste in seiner Abwesenheit zu unterhalten. Als er die Zeilen in ein
Kuvert legte, klopfte es an die Tr, und sein Diener meldete ihm, da
ihn der Hegemeister sprechen wolle. Er runzelte die Stirn und bi sich
auf die Lippen. Lassen Sie ihn eintreten, murmelte er nach einigem
Zgern.

Whrend der Mann eintrat, holte Dorian sein Scheckbuch aus einer
Schublade hervor und legte es vor sich hin.

Sie kommen vermutlich wegen des Unglcksfalles von heute morgen,
Thornton, sagte er und nahm eine Feder auf.

Ja, Herr, antwortete der Hegemeister.

War der arme Kerl verheiratet? Hatte er Angehrige zu versorgen?
fragte Dorian mit einem mden Gesicht. Wenn sich's so verhlt, mchte
ich nicht, da sie in Not zurckbleiben, und ich will ihnen jede Summe
schicken, die Sie fr notwendig halten.

Wir wissen nicht, wer es ist, gndiger Herr. Deshalb war ich so frei,
herzukommen.

Sie wissen nicht, wer es ist? sagte Dorian zerstreut. Wie meinen Sie
das? War es nicht einer von Ihren Leuten?

Nein Herr. Ich hab' ihn mein Lebtag nicht gesehen. Er sieht aus wie ein
Matrose, gndiger Herr.

Die Feder fiel Dorian Gray aus der Hand, und er hatte das Gefhl, als
hre sein Herz pltzlich zu schlagen auf. Ein Matrose! schrie er auf.
Sagten Sie, ein Matrose?

Ja, gndiger Herr. Er sieht aus wie ein Matrose; auf beiden Armen
ttowiert und berhaupt so in der Art.

Hat man irgend etwas bei ihm gefunden? fragte Dorian, beugte sich vor
und sah den Mann mit aufgerissenen Augen an. Irgend etwas, woraus man
seinen Namen erfhre?

Nur Geld, gndiger Herr -- nicht viel, und einen sechslufigen
Revolver. Nichts von Namen. Der Mann sieht sonst anstndig aus, aber
gewhnlich. Wir halten ihn fr eine Art Matrosen.

Dorian sprang auf die Fe. Eine furchtbare Hoffnung durchblitzte ihn.
Er klammerte sich wahnsinnig an sie an. Wo ist der Leichnam? rief er
aus. Rasch, ich mu ihn sofort sehen.

Er liegt in einem leeren Stall im Wirtschaftsgebude, gndiger Herr.
Die Leute wollen so was nicht in ihren vier Wnden haben. Sie sagen,
eine Leiche bringt Unglck.

Im Wirtschaftsgebude! Gehen Sie sogleich voraus und warten Sie da auf
mich. Sagen Sie einem der Grooms, er soll mein Pferd herbringen. Nein.
Lieber nicht. Ich will selbst in den Stall kommen. Das geht rascher.

Kaum eine Viertelstunde spter galoppierte Dorian, so rasch er konnte,
die lange Allee hinunter. Die Bume schienen in gespenstischer Parade an
ihm vorbeizufliegen und ihm wilde Schatten in den Weg zu schleudern.
Einmal scheute die Stute vor einem weien Pfahle und warf ihn fast ab.
Er schlug ihr die Gerte um den Hals. Sie durchschnitt die dunkle Luft
wie ein Pfeil. Die Steine stoben unter ihren Hufen.

Endlich erreichte er das Wirtschaftsgebude. Zwei Mnner lungerten im
Hof herum. Er sprang aus dem Sattel und warf einem die Zgel hin. In dem
letzten Stall flimmerte ein Licht. Irgend etwas schien ihm zu sagen, da
dort der Leichnam liege, und er ging rasch auf die Tr zu und legte die
Hand auf die Klinke.

Da hielt er einen Augenblick inne und wurde sich bewut, da er vor der
Schwelle einer Entdeckung stehe, die ihm entweder ein neues Leben gab
oder es zerstrte. Dann stie er die Tr auf und trat ein.

Auf einem Haufen Scke im entferntesten Winkel lag der tote Krper eines
Mannes, bekleidet mit einem groben Blusenhemd und blauen Hosen. Ein
unsauberes Taschentuch war ihm bers Gesicht gebreitet worden. Eine
billige Kerze steckte in einer Flasche und flackerte dster.

Dorian Gray schauerte. Er fhlte, da er nicht mit eigener Hand das
Taschentuch wegziehen knne, und rief nach einem der Stallknechte.

Nehmen Sie das da vom Gesicht weg. Ich will es sehen, sagte er und
hielt sich an dem Trpfosten fest.

Als es der Knecht getan hatte, machte er einen Schritt nach vorn. Ein
Freudenschrei kam von seinen Lippen. Der Mann, der im Dickicht
erschossen worden war, war James Vane.

Er stand einige Minuten da und starrte auf den toten Krper. Als er nach
Hause ritt, waren seine Augen von Trnen umschleiert, denn er wute
jetzt, da er gerettet war.




Neunzehntes Kapitel


Es hat gar keinen Sinn, mir zu erzhlen, da du gut werden willst!
rief Lord Henry und tauchte seine weien Finger in eine rote, mit
Rosenwasser gefllte Kupferschale. Du bist vollkommen. Bitte ndere
dich nicht.

Dorian Gray schttelte den Kopf. Nein, Harry, ich habe zuviel grliche
Dinge getan in meinem Leben. Ich will keine mehr tun. Ich habe gestern
mit meinen guten Taten den Anfang gemacht.

Wo warst du gestern?

Auf dem Lande, Harry. Ich war mutterseelenallein in einem kleinen
Gasthof.

Lieber Junge, sagte Lord Henry lchelnd, auf dem Lande kann jeder
Mensch gut sein. Dort gibt's keine Versuchungen. Das ist der Grund,
warum Leute, die nicht in der Stadt wohnen, so gnzlich unzivilisiert
sind. Zivilisation ist wahrhaftig nicht leicht zu erreichen. Es gibt nur
zwei Wege, um zu ihr zu kommen. Der eine ist Kultur, der andere
Korruption. Die Landbevlkerung hat keine Gelegenheit zu dieser noch zu
jener, und so bleiben sie so in ihrer Entwicklung stehen.

Kultur und Korruption, wiederholte Dorian. Ich habe von beiden etwas
kennengelernt. Es scheint mir jetzt schrecklich, da man sie immer
beisammen findet. Denn ich habe ein neues Ideal, Harry. Ich will anders
werden. Ich glaube, ich bin schon anders geworden.

Du hast mir noch nicht berichtet, worin deine gute Handlung bestand.
Oder sagtest du nicht, du httest mehr als eine getan? fragte der
Freund und schttete sich eine kleine rote Pyramide Erdbeeren auf seinen
Teller, auf die er aus einem muschelfrmigen Sieblffel weien Zucker
streute.

Ich kann dir's ja erzhlen, Harry. Es ist eine Geschichte, die ich
einem anderen nicht erzhlen knnte. Ich habe jemand verschont. Es
klingt eitel, aber du verstehst, was ich meine. Sie war sehr schn und
hatte eine wunderbare hnlichkeit mit Sibyl Vane. Ich glaube, das war
das erste, was mich bei ihr anzog. Du erinnerst dich doch noch an Sibyl,
nicht? Wie lange das her ist! Also Hetty gehrte natrlich nicht unserem
Stand an. Sie war eine Dorfschne. Aber ich liebte sie wirklich. Ich
wei bestimmt, da ich sie liebte. In dem ganzen wundervollen Maimonat,
den wir jetzt hatten, bin ich zwei-, dreimal in der Woche hingefahren,
um sie zu sehen. Gestern erwartete sie mich in einem kleinen Obstgarten.
Die Apfelblten schneiten auf ihr Haar herab, und sie lachte. Heute
morgen in aller Herrgottsfrhe sollte sie mit mir kommen. Pltzlich
entschlo ich mich, sie so einer Blume gleich zu lassen, wie ich sie
gefunden hatte.

Ich vermute, die Neuheit der Empfindung mu dir einen frmlichen
Wonneschauer bereitet haben, Dorian, unterbrach ihn Lord Henry. Aber
ich kann dir dein Idyll zu Ende erzhlen. Du gabst ihr gute Lehren und
brachst ihr das Herz. Das ist der Anfang deiner Besserung.

Harry, du bist schrecklich! Du darfst so hliche Dinge nicht sagen.
Hettys Herz ist nicht gebrochen. Natrlich weinte sie und dergleichen.
Aber keine Schande ist auf sie gekommen. Sie kann weiterleben wie
Perdita in ihrem Garten bei Pfefferminze und Ringelblumen.

Und einem treulosen Florizel nachweinen, rief Lord Henry lachend und
lehnte sich in seinem Stuhl zurck. Teuerster Dorian, du hast manchmal
die sonderbarsten Knabenanwandlungen. Glaubst du, dieses Mdchen wird
sich jemals mit einem ihres eigenen Standes glcklich fhlen? Ich
vermute, sie wird eines schnen Tages einen rohen Fuhrmann oder einen
grinsenden Bauernlmmel heiraten. Schn also, die Tatsache, da sie dich
kennengelernt und geliebt hat, wird sie dahin bringen, ihren Mann zu
verachten, und sie wird unglcklich werden. Vom moralischen Standpunkte
aus kann ich also nicht finden, da deine Entsagung sehr wertvoll war.
Selbst als ein Anfang ist sie armselig. Auerdem, woher willst du
wissen, ob Hetty in diesem Augenblick nicht in einem sternbeglnzten
Mhlteich schwimmt, von lieblichen Wasserlilien umkrnzt wie Ophelia?

Ich kann es nicht aushalten, Harry! Du spottest ber alles und
beschwrst dann die ernsthaftesten Tragdien herauf. Es tut mir jetzt
leid, da ich es dir erzhlt habe. Es kmmert mich auch nicht, was du
sagst. Ich wei, ich habe recht gehandelt. Arme Hetty! Als ich heute
frh am Gehft vorbeiritt, sah ich ihr Gesicht wei wie einen
Jasminzweig am Fenster. Wir wollen nicht lnger davon reden, und du
sollst nicht versuchen, mich zu berzeugen, da die erste gute Handlung,
die ich seit Jahren getan habe, das erste kleine Opfer, das ich jemals
gebracht habe, in Wahrheit eine Art Snde wre. Ich will mich jetzt
bessern. Und ich werde mich bessern. Erzhle mir etwas von dir. Was geht
in der Stadt vor? Ich war tagelang nicht im Klub.

Die Leute sprechen noch immer ber das Verschwinden des armen Basil.

Ich sollte meinen, da sie inzwischen davon genug bekommen htten,
sagte Dorian, whrend er sich etwas Wein einschenkte und leicht die
Stirn runzelte.

Mein lieber Junge, sie reden ja erst seit sechs Wochen davon, und das
englische Publikum ist wirklich nicht der geistigen Anstrengung
gewachsen, alle drei Monate mehr als ein Gesprchsthema zu haben.
Immerhin haben sie in der letzten Zeit Glck gehabt. Sie hatten meinen
eigenen Ehescheidungsproze und Alan Campbells Selbstmord. Jetzt haben
sie das geheimnisvolle Verschwinden eines Knstlers. In Scotland Yard
bleibt man hartnckig dabei, da der Mann im grauen Ulster, der in der
Nacht des neunten November mit dem Zwlfuhrzug nach Paris fuhr, der arme
Basil war, und die franzsische Polizei erklrt, Basil wre berhaupt
nie in Paris eingetroffen. Vermutlich wird man uns etwa in vierzehn
Tagen auftischen, da er in San Francisco gesehen worden ist. Es ist
eine schwierige Geschichte, aber von jedem Menschen, der verschwindet,
heit es, da er in San Francisco gesehen worden ist. Das mu eine
entzckende Stadt sein, die alle Reize der zuknftigen Welt ihr Eigen
nennt.

Was glaubst du, da Basil zugestoen sei? fragte Dorian, hielt seinen
Burgunder gegen das Licht und wunderte sich, da er ber diese Sache so
ruhig plaudern konnte.

Ich habe nicht die leiseste Ahnung. Wenn sich Basil ein Vergngen
daraus macht, Versteck zu spielen, so ist das nicht meine Sache. Wenn er
tot ist, will ich nicht weiter an ihn denken. Der Tod ist das einzige,
was mir Angst macht. Ich hasse ihn.

Warum? fragte der jngere mde.

Weil, sagte Lord Henry und fhrte die vergoldete Netzffnung eines
Riechbchschens zur Nase, weil man heutzutage alles berleben kann,
ausgenommen den Tod. Tod und Philisterei sind die zwei einzigen
Tatsachen des neunzehnten Jahrhunderts, die man nicht wegerklren kann.
Wir wollen den Kaffee im Musikzimmer trinken, Dorian. Du mut mir Chopin
vorspielen. Der Mann, mit dem meine Frau durchbrannte, spielte Chopin
hinreiend. Die arme Viktoria! Ich habe sie recht gern gehabt. Das Haus
ist ohne sie recht einsam. Natrlich ist das Eheleben nur eine
Gewohnheit, eine schlechte Gewohnheit. Aber schlielich bedauert man den
Verlust selbst seiner schlechtesten Gewohnheiten. Vielleicht bedauert
man die gerade am meisten. Sie sind ein so wesentlicher Teil unserer
Persnlichkeit.

Dorian sagte nichts, sondern stand vom Tisch auf, ging in das
Nebenzimmer, setzte sich an das Klavier und lie seine Finger ber das
weie und schwarze Elfenbein der Tasten gleiten. Als der Kaffee gebracht
wurde, hrte er auf, sah zu Lord Henry hinber und sagte: Harry, ist es
dir nie eingefallen, da Basil ermordet worden sein knnte?

Lord Henry ghnte. Basil war sehr populr und trug immer nur eine
Waterburyuhr. Warum htte man ihn ermorden sollen? Er war nicht klug
genug, um Feinde zu haben. Freilich hatte er ein wunderbares Genie als
Maler. Aber ein Mensch kann malen wie Velasquez und doch so langweilig
als mglich sein. In Wirklichkeit war Basil ziemlich langweilig. Er
interessierte mich nur ein einziges Mal, und das war damals, als er mir
vor vielen Jahren gestand, da er dich so ungestm anbete und da du das
Leitmotiv seiner Kunst seist.

Ich habe Basil sehr gern gehabt, sagte Dorian mit einem traurigen
Klang in seiner Stimme. Aber behauptet denn das Publikum nicht, da er
ermordet worden ist?

Pah, in einigen Zeitungen steht es. Es scheint mir nicht im geringsten
wahrscheinlich. Ich wei, es gibt frchterliche Orte in Paris, aber
Basil war nicht die Art Mensch, sie aufzusuchen. Er war nicht neugierig.
Das war sein Hauptfehler.

Was wrdest du dazu sagen, Harry, wenn ich dir versicherte, da ich
Basil ermordet habe? fragte der jngere. Er beobachtete ihn scharf,
nachdem er das gesagt hatte.

Lieber Freund, ich wrde sagen, da du einen Charakter posierst, der
dich nicht kleidet. Jedes Verbrechen ist ordinr, gerade wie alles
Ordinre ein Verbrechen ist. Du hast nicht die Gabe, Dorian, einen Mord
zu begehen. Es sollte mir leid tun, wenn ich dich durch diese Meinung in
deiner Eitelkeit krnkte, aber ich versichere dich, es ist wahr. Das
Verbrechen ist ein ausschlieliches Vorrecht der unteren Klassen. Ich
will sie damit durchaus nicht tadeln. Ich vermute einfach, das
Verbrechen ist fr sie, was die Kunst fr uns ist, einfach ein
Verfahren, um sich auerordentliche Empfindungen zu verschaffen.

Ein Verfahren, sich Empfindungen zu verschaffen? Glaubst du also, da
ein Mensch, der einmal einen Mord begangen hat, imstande wre, das
nmliche Verbrechen zu wiederholen? Das rede mir nicht ein.

Oh! Alles wird zu einem Vergngen, wenn man es zu oft tut! rief Lord
Henry lachend. Das ist eines der wichtigsten Geheimnisse des Lebens.
Immerhin bin ich des Glaubens, da der Mord stets ein Migriff ist. Man
sollte nie etwas tun, worber man sich nicht nach dem Essen unterhalten
kann. Aber wir wollen jetzt den armen Basil lassen. Ich wollte, ich
knnte glauben, da er ein so romantisches Ende genommen hat, wie du
durchblicken lt; aber ich kann es nicht. Ich glaube eher, da er von
einem Omnibus in die Seine gefallen ist und der Kondukteur hat den
Skandal vertuscht. Ja, ich glaube wirklich, so war sein Ende. Ich sehe
ihn jetzt auf dem Rcken liegen unter dem dunkelgrnen Wasser, und die
schweren Lastkhne schwimmen ber ihm hin, und lange Tangflechten
verwickeln sich in sein Haar. Weit du, ich glaube nicht, da er noch
viel Gutes gemacht htte. In den letzten zehn Jahren ist seine Malerei
nicht mehr berhmt gewesen.

Dorian seufzte und Lord Henry schlenderte durch das Zimmer und
unterhielt sich damit, einem merkwrdigen Papagei aus Java den Kopf zu
krauen, einem groen, graugefiederten Vogel mit rotem Schopf und
Schwanz, der auf einem Bambusstab balancierte. Als ihn seine spitzen
Finger berhrten, lie er die weie Nickhaut seiner Liderfalten ber die
schwarzen Glaskugelaugen fallen und begann sich hin- und herzuwiegen.

Ja, fuhr er fort, whrend er sich umdrehte, und sein Taschentuch aus
der Tasche nahm, seine Malerei ist nicht mehr weither gewesen. Es
schien mir so, als htte sie irgend etwas eingebt. Sie hatte ein Ideal
verloren. Als ihr beide aufhrtet, intime Freunde zu sein, hrte er auf,
ein groer Knstler zu sein. Was hat euch auseinander gebracht? Ich
vermute, er langweilte dich. Wenn das der Fall war, dann hat er dir nie
verziehen. Das ist gewhnlich so bei langweiligen Menschen. Was ist
brigens aus dem wundervollen Portrt geworden, das er von dir gemacht
hat? Ich kann mich nicht erinnern, es jemals wiedergesehen zu haben,
seit es fertig wurde. Ah! Jetzt besinne ich mich, da du mir vor Jahren
erzhlt hast, du httest es nach Selby geschickt und es wre unterwegs
auf irgendeine Weise gestohlen worden oder in Verlust geraten. Hast du
es nie wieder bekommen? Wie schade! Es war faktisch ein Meisterwerk. Ich
entsinne mich, da ich es kaufen wollte. Ich wnschte, ich htte es
jetzt. Es stammte aus Basils bester Zeit. Seitdem bestanden alle seine
Arbeiten aus dem eigentmlichen Gemengsel von schlechter Malerei und
guten Absichten, das einen Mann berechtigt, ein britischer Knstler von
Bedeutung genannt zu werden. Hast du deswegen eigentlich gar nicht
annonciert? Das httest du tun sollen.

Ich wei es nicht mehr, antwortete Dorian. Ich glaube, ich tat es.
Aber ehrlich gesagt, ich habe das Bild nie gemocht. Es tut mir berhaupt
leid, da ich dazu gesessen habe. Schon die Erinnerung an das Ding ist
mir greulich. Warum sprichst du davon? Es hat mich immer an ein paar
merkwrdige Zeilen aus einem Theaterstck erinnert -- aus Hamlet, glaube
ich -- wie heien sie? --

    >Gleich dem Bildnis eines Grams,
    ein Antlitz ohne Herz.<

Ja, so sah es aus.

Lord Henry lachte. Wenn ein Mensch das Leben knstlerisch behandelt,
ist sein Hirn sein Herz, antwortete er und lie sich in einen Armsessel
fallen.

Dorian Gray schttelte den Kopf und schlug ein paar sanfte Akkorde auf
dem Klavier an. Gleich dem Bildnis eines Grams, ein Antlitz ohne Herz,
wiederholte er, ein Antlitz ohne Herz.

Der ltere Freund sa zurckgelehnt und blickte mit halbgeschlossenen
Augen zu ihm hinber. brigens, Dorian, sagte er nach einer Pause,
was hlfe es einem Menschen, so er die ganze Welt gewnne und -- wie
heit die Stelle doch? -- seine eigene Seele verlre?

Die Musik brach schrill ab und Dorian Gray schnellte auf und starrte
seinen Freund an. Warum fragst du mich das, Harry?

Aber bester Junge, sagte Lord Henry und zog verwundert die Augenbrauen
in die Hhe, ich habe dich gefragt, weil ich dachte, du knntest mir
eine Antwort geben. Das ist alles. Ich bin letzten Sonntag durch Hyde
Park gegangen, und nahe beim Marble Arch stand eine kleine Ansammlung
schbig aussehender Menschen, die irgendeinem ordinren Straenprediger
lauschten. Als ich vorbeiging, hrte ich den Mann diese Frage seinen
Zuhrern entgegenschreien. Es berhrte mich ordentlich dramatisch.
London ist sehr reich an seltsamen Wirkungen solcher Art. Ein
regnerischer Sonntag, ein unmanierlicher Christ in einem Regenmantel,
ein Kreis krankhafter, bleicher Gesichter unter dem wellenfrmigen Dach
tropfender Regenschirme und ein wunderbarer Satz, von schrillen,
hysterischen Lippen in die Luft geschleudert, das war auf seine Art
wirklich sehr gut, es lag geradezu eine gewisse Suggestion darin. Ich
dachte zuerst daran, dem Propheten zu sagen, da die Kunst eine Seele
habe, aber nicht der Mensch, aber ich frchte, er htte mich doch nicht
verstanden.

Nein, Harry. Die Seele ist eine frchterliche Gewiheit. Sie kann
gekauft werden und verkauft und umgetauscht. Sie kann vergiftet werden
oder vervollkommnet. In jedem von uns lebt eine Seele. Ich wei es.

Bist du dessen ganz sicher, Dorian?

Ganz sicher.

Pah! Dann mu es Einbildung sein. Die Dinge, die man fr ganz sicher
hlt, sind nun und nimmer wahr. Das ist das Verhngnis des Glaubens und
die Weisheit der Romantik. Wie feierlich du tust! Sei nicht so
ernsthaft. Was hast du oder ich mit dem Aberglauben unserer Zeit zu tun?
Nein: wir haben unseren Glauben an die Seele aufgegeben. Spiel' mir was
vor. Spiel' mir ein Nokturno, Dorian, und whrend du spielst, sage mir
mit leiser Stimme, wie du es mglich gemacht hast, dir deine Jugend zu
erhalten. Du mut irgendein Geheimmittel haben. Ich bin nur zehn Jahre
lter als du, und bin runzlig und verwelkt und gelb. Du bist in der Tat
wundervoll, Dorian. Du hast nie entzckender ausgesehen als heute abend.
Du rufst mir den Tag ins Gedchtnis zurck, an dem ich dich zum
erstenmal sah. Du warst etwas schnippisch, sehr scheu und ganz und gar
auergewhnlich. Seitdem hast du dich natrlich verndert, aber nicht im
Aussehen. Ich wnschte, du verrietest mir dein Geheimnis. Um meine
Jugend zurckzubekommen, tte ich alles auf der Welt, auer Gymnastik
treiben, frh aufstehen oder ehrbar sein. Jugend! Nichts kommt ihr
gleich. Es ist absurd, von der Unwissenheit der Jugend zu schwatzen. Die
einzigen Leute, deren Ansichten ich jetzt mit einigem Respekt anhre,
sind Leute, die viel jnger sind als ich. Die scheinen mir weit voraus
zu sein. Das Leben hat ihnen sein letztes Wunder enthllt. Was die
lteren betrifft, denen widerspreche ich immer. Ich tue es aus Prinzip.
Wenn du einen um seine Meinung ber etwas fragst, das gestern passiert
ist, dann gibt er dir feierlichen Aufschlu ber die Meinungen, die Anno
1820 im Schwunge waren, als die Leute hohe Halsbinden trugen, an alles
glaubten und absolut nichts wuten. Wie hbsch das ist, was du da
spielst! Ich mchte wohl wissen, ob es Chopin in Majorca geschrieben
hat, whrend das Meer seine Villa umklagte und der Salzschaum klatschend
gegen die Fensterscheiben spritzte. Es ist entzckend romantisch. Was
fr ein Segen es ist, da es doch die eine Kunst gibt, die nicht aus
Nachahmung besteht. Hr' nicht auf. Ich brauche Musik heut abend. Es
kommt mir so vor, als ob du der junge Apollo bist und ich Marsyas, der
dir zuhrt. Ich habe meine eigenen Sorgen, Dorian, von denen nicht
einmal du etwas weit. Die Tragdie des Alters beruht nicht darin, da
man alt ist, sondern da man jung ist. Ich bin manchmal ganz erschrocken
ber meine eigene Aufrichtigkeit. Ach, Dorian, wie glcklich bist du!
Was fr ein kstliches Leben hast du gehabt! Du hast tief aus jedem
Quell getrunken! Du hast die Trauben an deinem Gaumen zerdrckt. Nichts
ist dir verborgen geblieben. Und all das ist dir nicht mehr gewesen als
ein Klang von Musik. Es hat dir nichts anhaben knnen. Du bist noch
heute derselbe.

Ich bin nicht derselbe, Harry.

Ja, du bist derselbe. Ich bin gespannt, wie dein Leben weiter verlaufen
wird. Verdirb es nicht durch Entsagung. Jetzt bist du ein vollkommener
Typus. Mach' dich nicht unvollkommen. Du bist jetzt ganz ohne Tadel. Du
brauchst den Kopf nicht zu schtteln: du weit, du bist es. Und dann,
Dorian, betrge dich nicht selbst. Das Leben wird nicht durch Willen
oder Absicht regiert. Das Leben ist eine Angelegenheit der Nerven und
Muskeln und der langsam aufgemauerten Zellen, in denen die Gedanken
hausen und die Leidenschaft ihren Trumen nachhngt. Du redest dir ein,
sicher dazustehen und stark zu sein. Aber ein zuflliger Farbenton in
einem Zimmer oder ein Morgenhimmel, ein besonderer Geruch, den du einmal
geliebt hast und der versteckte Erinnerungen aufweckt, eine Zeile aus
einem vergessenen Gedicht, die dir pltzlich wieder einfllt, ein paar
Tonreihen aus einem Musikstck, das du lngst nicht mehr spielst -- ich
sage dir, Dorian, von solchen Dingen hngt unser Leben ab. Browning hat
irgendwo mal darber geschrieben, aber unsere eigenen Sinne geben uns
ohnehin davon Gewiheit. Es gibt Augenblicke, da durchblitzt mich
pltzlich der Geruch von weiem Flieder, und ich mu wieder den
sonderbarsten Monat meines Daseins durchleben. Ich wollte, ich knnte
mit dir tauschen, Dorian. Die Welt hat ber uns beide gezetert, aber sie
hat dich immer bewundert. Sie wird dich immer bewundern. Du bist eben
der Typus dessen, wonach unsere Zeit sucht und was sie frchtet gefunden
zu haben. Ich bin so froh darber, da du nie etwas getan hast, nie eine
Statue gemeielt oder ein Bild gemalt oder irgend etwas aus dir heraus
produziert hast. Das Leben war deine Kunst. Du hast dich selbst in Musik
gesetzt. Deine Tage sind deine Sonette.

Dorian stand vom Klavier auf und fuhr sich mit der Hand durchs Haar.
Ja, das Leben ist himmlisch gewesen, sagte er vor sich hin, aber
dieses Leben werde ich nicht fortsetzen, Harry. Und du sollst nicht so
berspannte Dinge zu mir sagen. Du weit nicht alles von mir. Ich
glaube, wenn du es wtest, so wrdest selbst du dich von mir abwenden.
Du lachst. Lache nicht!

Warum hast du zu spielen aufgehrt, Dorian? Geh wieder ans Klavier und
spiel' mir nochmal das Nokturno. Sieh den groen honigfarbenen Mond, der
in der dunklen Luft hngt. Er wartet, da du ihn bezauberst, und wenn du
spielst, wird er sich der Erde nhern. Du willst nicht? Dann la uns in
den Klub gehen. Es war ein reizender Abend, und wir mssen ihn reizend
beenden. Bei White wartet jemand, der darauf brennt, dich kennenzulernen
-- der junge Lord Pool, der lteste Sohn von Bournemouth. Er kopiert
schon deine Krawatten und hat mich bestrmt, ihn dir vorzustellen. Er
ist ganz entzckend und erinnert mich ein bichen an dich.

Ich hoffe nicht, sagte Dorian mit einem wehmtigen Blick in den Augen.
Aber ich bin heute abend mde, Harry. Ich gehe nicht mehr in den Klub.
Es ist fast elf, und ich will frh zu Bett gehen.

Bleibe noch, du hast nie so schn gespielt wie diesen Abend. In deinem
Anschlag lag etwas, es war ganz wundervoll. Es hatte mehr Ausdruck, als
ich jemals bei dir gehrt habe.

Das kommt daher, weil ich jetzt gut werden will, antwortete er
lchelnd. Ich bin schon ein bichen anders.

Fr mich kannst du kein anderer werden, Dorian, sagte Lord Henry. Du
und ich, wir werden immer Freunde sein.

Aber einstmals hast du mich mit einem Buch vergiftet. Ich sollte das
nicht vergeben. Harry, versprich mir, da du dieses Buch nie wieder
jemand leihen willst. Es stiftet Unheil.

Mein lieber Junge, du fngst wirklich an, Moralpredigten zu halten. Du
wirst bald umherlaufen, wie ein Bekehrter und ein Erweckungsprediger,
und wirst die Menschen vor all den Snden warnen, deren du mde geworden
bist. Aber dazu bist du viel zu entzckend. Auerdem hat es keinen
Zweck. Du und ich, wir sind, was wir sind, und werden immer sein, was
wir sein werden. Und vergiftet werden durch ein Buch, sowas gibt es
einfach nicht. Kunst hat keinen Einflu auf die Tat. Sie vernichtet den
Trieb zu handeln. Sie ist auf eine herrliche Art zeugungsunfhig. Die
Bcher, die die Welt unmoralisch nennt, sind Bcher, die der Welt ihre
eigene Schande vorhalten. Sonst nichts. Aber wir wollen nicht ber
Literatur streiten. Komm morgen wieder her! Ich reite um elf aus. Wir
knnen zusammen reiten, und ich nehme dich nachher zum Frhstck zu Lady
Branksome mit. Es ist eine entzckende Frau und sie will dich zu Rate
ziehen ber ein paar Gobelins, die sie kaufen mchte. Vergi nicht zu
kommen. Oder wollen wir bei unserer kleinen Herzogin frhstcken? Sie
sagt, sie sieht dich jetzt gar nicht mehr. Vielleicht hast du genug von
Gladys? Ich dachte mir's, da es so kommen wrde. Ihr gewandtes
Zngelein fllt einem auf die Nerven. Also, jedenfalls bist du um elf
hier.

Mu ich wirklich kommen, Harry?

Unbedingt. Der Park ist jetzt herrlich. Ich glaube nicht, da es wieder
solchen Flieder gegeben hat seit jenem Jahr, wo ich dich kennenlernte.

Gut. Ich werde also um elf hier sein, sagte Dorian. Gute Nacht,
Harry! Als er an der Tr war, zgerte er einen Augenblick, als htte er
noch etwas zu sagen. Dann seufzte er und ging.




Zwanzigstes Kapitel


Es war eine wundervolle Nacht, so warm, da er seinen Mantel ber den
Arm hing und nicht einmal das seidene Halstuch umlegte. Als er nach
Hause schlenderte, seine Zigarette rauchend, gingen zwei Herren in
Gesellschaftstoilette an ihm vorbei. Er hrte, wie der eine dem anderen
zuflsterte: Das ist Dorian Gray. Er erinnerte sich, wie
schmeichelhaft es ihm frher gewesen war, wenn man auf ihn zeigte oder
ihn anstarrte oder ber ihn sprach. Jetzt war er es mde, seinen eigenen
Namen zu hren. Der halbe Reiz des kleinen Dorfes, wo er krzlich so oft
gewesen war, bestand darin, da dort niemand wute, wer er war. Er
hatte dem Mdchen, das er zur Liebe verlockt hatte, oft gesagt, da er
arm sei, und sie hatte es geglaubt. Er hatte ihr einmal gesagt, da er
schlecht sei, und sie hatte ihn ausgelacht und geantwortet, schlechte
Menschen seien immer sehr alt und sehr hlich. Was fr ein Lachen sie
hatte! -- gerade wie der Gesang einer Drossel. Und wie hbsch sie
ausgesehen hatte in ihren Kattunkleidern und groen Hten! Sie wute
nichts, aber sie besa alles, was er verloren hatte.

Als er nach Hause kam, wartete sein Diener auf ihn. Er schickte ihn zu
Bett und warf sich auf das Sofa in der Bibliothek und begann ber
einiges von dem nachzudenken, was ihm Lord Henry gesagt hatte.

War es wirklich wahr, da man nie anders werden konnte? Er fhlte eine
wilde Sehnsucht nach der makellosen Reinheit seiner Knabenzeit -- seiner
rosenweien Knabenzeit, wie Lord Henry einmal gesagt hatte. Er wute, er
hatte sich besudelt, hatte seinen Geist mit Verderbnis angefllt und
sein Gewissen mit Entsetzen belastet, er war ein schlimmer Einflu fr
andere gewesen und hatte eine schreckliche Freude daran gehabt; und von
den Menschenleben, die das seine gekreuzt hatten, waren es die reinsten
und verheiungsvollsten gewesen, die er in Schande gestrzt hatte. Aber
war da nichts wieder gut zu machen? Gab es keine Hoffnung mehr fr ihn?

Ah! In was fr einem ungeheuerlichen Augenblick von Hochmut und
Leidenschaft hatte er gebetet, es mchte das Bildnis die Last seiner
Tage auf sich nehmen und er sich den ungetrbten Glanz ewiger Jugend
bewahren! Das war an seinem ganzen verfehlten Leben schuld. Es wre
besser fr ihn gewesen, wenn jede Snde seines Lebens ihre gewisse und
schnelle Strafe mit sich gebracht htte. In der Strafe lag Reinigung.
Nicht Vergib uns unsere Snden, sondern Zchtige uns fr unsere
Missetaten sollte das Gebet des Menschen zu einem allgerechten Gotte
lauten.

Der mit merkwrdigen Schnitzereien umrahmte Spiegel, den ihm Lord Henry
vor so vielen Jahren geschenkt hatte, stand auf dem Tisch, und die
weigliedrigen Liebesgtter lachten ringsherum wie ehedem. Er nahm ihn,
wie er es in jener Schreckensnacht getan hatte, als er zum ersten Male
die Vernderung in dem verhngnisvollen Bildnis bemerkt hatte, und
blickte mit verzweifelten, trnenfeuchten Augen auf die glatte Flche.
Einmal hatte ihm jemand, der ihn abgttisch geliebt hatte, einen
wahnsinnigen Brief geschrieben, dessen Schlu lautete: Die Welt ist
anders geworden, weil du aus Elfenbein und Gold geschaffen wurdest. Der
Linienschwung deiner Lippen schreibt die Weltgeschichte um. Diese Stze
kamen ihm ins Gedchtnis zurck, und er wiederholte sie immer und immer
wieder. Dann hate er seine eigene Schnheit und schleuderte den Spiegel
zu Boden und zertrat ihn unter seinem Fue in silberne Splitter. Seine
Schnheit war es, die ihn zugrunde gerichtet hatte, seine Schnheit und
Jugend, um die er gefleht hatte. Wren diese beiden nicht gewesen, so
htte er sein Leben wohl fleckenlos erhalten knnen. Die Schnheit war
fr ihn nur eine Maske gewesen, die Jugend nur ein Blendwerk. Was war
Jugend im besten Falle? Eine grne, unreife Zeit, eine Zeit seichter
Stimmungen und kranker Einflle. Warum hatte er ihre Tracht angelegt?
Die Jugend hatte ihn zugrunde gerichtet.

Es war besser, nicht an die Vergangenheit zu denken. Er mute an sich
selber und an seine Zukunft denken. James Vane war in einem namenlosen
Grabe auf dem Kirchhof in Selby geborgen. Alan Campbell hatte sich eines
Nachts in seinem Laboratorium erschossen, aber das Geheimnis nicht
verraten, das ihm aufgezwungen worden war. Die Erregung ber Basil
Hallwards Verschwinden wrde sich bald legen. Sie hatte schon
nachgelassen. Da war er vllig sicher. Es war auch in der Tat nicht der
Tod Basil Hallwards, der sein Gemt am schwersten belastete. Es war der
lebendige Tod seiner eigenen Seele, der ihm die Ruhe raubte. Basil hatte
das Bildnis gemalt, das sein Leben vernichtet hatte. Er konnte ihm das
nicht vergeben. Das Portrt war an allem schuld. Basil hatte ihm Dinge
gesagt, die unertrglich waren und die er doch geduldig ertragen hatte.
Der Mord war nur der Wahnsinn eines Augenblicks gewesen. Was Alan
Campbell anlangte, so war der Selbstmord seine eigene Tat gewesen. Er
war sein freier Entschlu. Das ging ihn nichts an.

Ein neues Leben! Das war es, was er wollte. Das war es, worauf er
wartete. Gewi hatte er es schon begonnen. Ein unschuldiges Wesen hatte
er jedenfalls geschont. Nie wieder wollte er die Unschuld in Versuchung
fhren. Er wollte gut sein.

Als er an Hetty Merton dachte, begann er sich zu fragen, ob sich das
Bild in dem verschlossenen Zimmer oben wohl verndert habe. Es konnte
doch sicher nicht mehr so hlich sein, wie es gewesen war. Vielleicht
knnte er, wenn sein Leben jetzt rein wrde, imstande sein, jedes
Anzeichen niedriger Leidenschaften aus dem Antlitz zu tilgen. Vielleicht
waren die Spuren des Bsen schon verschwunden. Er wollte hinauf und
nachsehen.

Er nahm die Lampe vom Tisch und schlich die Treppe hinan. Als er die Tr
aufschlo, huschte ein frohes Lcheln ber sein seltsam junges Gesicht
und verweilte einen Augenblick auf seinen Lippen. Ja, er wollte gut
sein, und das grliche Ding, das er verborgen hatte, wrde dann nicht
lnger ein Schrecken fr ihn sein. Ihm war, als wre diese Last schon
jetzt von ihm genommen.

Er ging ruhig hinein, schlo die Tr nach seiner Gewohnheit hinter sich
ab und zog den Purpurvorhang von dem Bildnis hinweg. Ein Schrei voll
Schmerz und Entrstung scholl von seinen Lippen. Er konnte keine
Verwandlung bemerken, auer da ein schlauer Ausdruck in den Augen lag
und um den Mund der gekniffene Zug des Heuchlers. Das Ding war noch
immer abscheulich, womglich noch abscheulicher als vordem -- und der
scharlachrote Tau, der die Hand befleckte, schien heller zu glnzen und
mehr wie frisch vergossenes Blut auszusehen. Er erzitterte. War es bloe
Eitelkeit gewesen, die ihn dazu getrieben hatte, einmal etwas Gutes zu
tun? Oder die Begier nach einer neuartigen Empfindung, wie Lord Henry
mit seinem spttischen Lachen angedeutet hatte? Oder das Verlangen,
eine Rolle zu spielen, das uns manchmal Dinge begehen lt, die edler
sind als wir selbst? Oder vielleicht das alles zusammen? Und warum war
der rote Fleck jetzt grer als er vorher war? Er schien sich wie ein
frchterlicher Aussatz ber die runzligen Finger weiter gefressen zu
haben. Es war Blut auf den gemalten Fen, als wre es von den Hnden
herabgetropft -- Blut selbst auf der Hand, die das Messer nicht gefhrt
hatte. Bekennen? Bedeutete dies, da er bekennen sollte? Sich selbst
aufgeben und hingerichtet werden? Er lachte. Er fhlte, da der Einfall
ungeheuerlich wre. berdies selbst wenn er es eingestnde, wer wrde
ihm glauben? Nirgends gab es eine Spur des Ermordeten. Alles, was zu ihm
gehrte, war zerstrt. Er selbst hatte verbrannt, was unten geblieben
war. Die Welt wrde einfach sagen, da er wahnsinnig sei. Sie wrden ihn
irgendwo einsperren, wenn er bei seiner Erzhlung beharrte... Aber doch
war es seine Pflicht, ein Gestndnis abzulegen, ffentlich Schande zu
erleiden und ffentlich Bue zu tun. Es war ein Gott, der den Menschen
zurief, ihre Snden der Erde so gut wie dem Himmel zu beichten. Nichts,
was er sonst tun konnte, wrde ihn reinigen, bis er seine Snde selber
bekannt htte. Seine Snde? Er zuckte die Achseln. Der Tod Basil
Hallwards schien ihm nur unwesentlich. Er dachte an Hetty Merton. Denn
es war ein ungerechter Spiegel. Dieser Spiegel seiner Seele, in den er
hineinblickte. Eitelkeit? Neugier? Heuchelei? War sonst nichts in seinen
Entsagungen gewesen? Es war noch etwas darin gewesen. Er glaubte es
wenigstens. Aber wer konnte das sagen...? Nein. Es war weiter nichts
darin gewesen. Aus Eitelkeit hatte er sie geschont. Aus Heuchelei hatte
er die Maske der Gte getragen. Aus Neugier hatte er es mit der
Verzichtleistung versucht. Er erkannte das jetzt.

Aber dieser Mord -- sollte er ihn sein ganzes Leben lang verfolgen?
Sollte er immer die Last seiner Vergangenheit tragen mssen? Sollte er
wirklich eingestehen? Niemals. Es gab nur einen einzigen Beweis gegen
ihn. Das Bildnis selbst -- das war ein Beweis. Er wollte es zerstren.
Warum hatte er es solange aufgehoben. Frher einmal war es ihm ein
Vergngen gewesen, seine nderung, sein Altern zu beobachten. In der
letzten Zeit hatte er dieses Vergngen nicht mehr empfunden. Es hatte
ihm schlaflose Nchte bereitet. Wenn er auer dem Hause war, erfllte
ihn eine Todesangst, da fremde Augen das Bild erblicken knnten. Es
hatte Schwermut in seine Leidenschaften getrpfelt. Die bloe Erinnerung
daran hatte ihm manchen Augenblick der Freude vergllt. Es hatte bei ihm
die Rolle des Gewissens bernommen. Ja, es war sein Gewissen gewesen. Er
wollte es zerstren.

Er sah sich um und erblickte das Messer, das Basil Hallward erstochen
hatte. Er hatte es oft gereinigt, bis kein Fleck mehr darauf war. Es war
blank und glitzerte. Wie es den Maler gettet hatte, sollte es des
Malers Werk tten und alles, was es bedeutete. Es sollte die
Vergangenheit tten, und wenn die tot war, wrde er frei sein. Es sollte
dieses ungeheuerliche Seelenleben tten, und sobald diese grlichen
Warnungen nicht mehr vorhanden waren, wrde er Frieden haben. Er
ergriff es und durchbohrte damit das Bildnis.

Man hrte einen Schrei und einen Fall. Der Schrei war mit seinem
Todesrcheln so schrecklich, da die Dienerschaft erschreckt aufwachte
und aus ihren Kammern strzte. Zwei Herren, die auf dem Platze unten
vorbeigingen, blieben stehen und sphten an dem stattlichen Hause empor.
Sie gingen weiter, bis sie einen Schutzmann trafen und dann mit ihm
umkehrten. Der Mann zog mehrmals die Klingel, aber es erfolgte keine
Antwort. Bis auf ein Licht in einem der Giebelfenster war das ganze Haus
dunkel. Nach einiger Zeit ging er weg, stellte sich unter einen Torweg
in der Nhe und verhielt sich abwartend.

Wem gehrt das Haus, Herr Wachtmeister? fragte der ltere der beiden
Herren.

Herrn Dorian Gray, antwortete der Schutzmann.

Sie sahen einander an, gingen weiter und lchelten. Einer von ihnen war
Sir Henry Ashtons Onkel.

Drinnen in den Dienerzimmern sprachen die halbangezogenen Bedienten in
leisem Wispern miteinander. Die alte Frau Leaf weinte und rang die
Hnde. Francis war bleich wie der Tod.

Nach etwa einer Viertelstunde holte er sich den Kutscher und einen der
Lakaien und schlich mit ihnen hinauf. Sie klopften, aber es kam keine
Antwort. Sie riefen. Alles war still. Schlielich, nachdem sie erfolglos
versucht hatten, die Tr zu sprengen, kletterten sie auf das Dach und
lieen sich auf den Balkon herab. Die Glastr gab leicht nach; ihre
Riegel waren alt.

Als sie eintraten, sahen sie an der Wand ein wunderbares Bild ihres
Herrn hngen, so wie sie ihn zuletzt gesehen hatten, in all dem Glanz
seiner entzckenden Jugend und Schnheit. Auf dem Boden lag ein toter
Mann im Gesellschaftsanzug, mit einem Messer im Herzen. Er war welk,
runzlig und hlich von Angesicht. Erst als sie die Ringe untersuchten,
erkannten sie, wer es war.

_Ende_




Anmerkungen zur Transkription:

Die folgende Liste enthlt alle genderten Textstellen, jeweils zuerst
im Original und darunter in der genderten Fassung.

  Seite   9: wolllt
             wollt
  Seite  80: Dramas gewesen sein.
             Dramas gewesen sein.
  Seite  80: >Romea und Julia<
             >Romeo und Julia<
  Seite  85: gesprochen?
             gesprochen?
  Seite 106: Name nicht.
             Name nicht?
  Seite 121: Miklang heit es, mit
             Miklang heit es, mit
  Seite 132: Warum ich nie mehr gut spielen werde.
             Warum ich nie mehr gut spielen werde.
  Seite 166: Harrys Schwester Lady Gwendolen
             Harrys Schwester, Lady Gwendolen
  Seite 180: wird ebenso hbsch sein.
             wird ebenso hbsch sein.
  Seite 205: gegestorbene
             gestorbene
  Seite 217: eleganganten
             eleganten
  Seite 296: Orchideengleichnis?
             Orchideengleichnis?
  Seite 308: Er hat die ganze
             Er hat die ganze
  Seite 309: wovor ich mich nstige
             wovor ich mich ngstige





End of Project Gutenberg's Das Bildnis des Dorian Gray, by Oscar Wilde

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