The Project Gutenberg EBook of Die kleine Stadt, by Heinrich Mann

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Title: Die kleine Stadt
       Roman

Author: Heinrich Mann

Release Date: November 13, 2013 [EBook #44174]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

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                            Heinrich Mann


                                 Die
                             kleine Stadt


                                Roman




                              Erschienen
                    im Insel-Verlag  Leipzig 1909








I


Der Advokat Belotti trat schwnzelnd an den Tisch vor dem Caf zum
Fortschritt, wischte mit dem Taschentuch um seinen kurzen Hals und sagte
erstickt:

Die Post hat wieder Versptung.

Jawohl, machten Apotheker und Gemeindesekretr; und da nichts
Tatschliches mehr zu sagen blieb, schwiegen sie. Der Reisende warf hin:

Ihr wird doch nichts zugestoen sein?

Die andern stieen unwillig den Atem aus. Der Leutnant der Carabinieri
legte mit Nachsicht, weil es sich um einen Fremden handelte, die groe
Sicherheit der Straen dar. Zwei seiner Leute begleiteten stets zu Pferde
die Post, und nur einmal hatten sie einzugreifen gehabt. Damals wollte ein
Bauer seinen Platz nicht bezahlen und zog gegen den Kutscher das Messer.

Solche Leute haben wenig Erziehung, erklrte der Leutnant.

Ein langweiliges Handwerk, das eure, rief der Apotheker Acquistapace mit
seiner braven Stimme.

Betrunkene aus dem Graben ziehen und eine entlaufene Kuh zurckscheuchen.
Als wir dabei waren, gings anders zu. Wie, Gevatter Achille?

Der Wirt rief von drinnen: Zugegen.

Er stampfte heraus, sttzte die Last seines Bauches auf eine Stuhllehne und
wartete mit offenem Munde, worin die Zunge umherrollte.

Wie, mein Alter? und der Apotheker klopfte ihn auf den Bauch, vor
unseren Fen ist manche Granate geplatzt. In Bezzecca wars, als gleich bei
uns beiden der General Garibaldi selber stand. Die Granate platzt, wir
springen zurck, versteht sich; der General aber rhrt sich nicht; er sieht
in den Dampf, als ob er sinnt. >Keine Furcht, Freunde<, sagt er zu uns,
und, Achille, wir hatten keine mehr.

Das ist die reine Wahrheit, sagte der Wirt; und mit Wucht: Der General
war ein Lwe.

Er war ein Lwe, wiederholte der andere Alte, fuhr mit der Hand durch
seinen riesenhaften Schnauzbart und sah alle von oben an. Pltzlich machte
er sich klein und tat eine Gebrde, als streichelte er ein Kind.

Aber auch ein Engel war er: ja, unwissend in manchem, wie ein Engel.
Manches geschah, wie, Gevatter? was er nie erfahren hat. Alle wuten, da
jener Nino ein Weib war, nur der General nicht.

Der Advokat Belotti fragte: War er eigentlich ein schnes Weib, jener
Nino?

Der Apotheker zischte leise. Solche Frauen gibt es nicht mehr! Und als ihr
Geliebter gefallen war, da kams heraus, da sie eine war. Aber sie verlie
uns darum nicht. Hatte sie nun ihn nicht mehr, um dessentwillen sie
mitgezogen war, hatte sie doch uns alle. Und uns alle hat sie geliebt!

Seine braunen Hundeaugen jubelten in der Erinnerung. Der Wirt lachte
lautlos, da sein Bauch den Stuhl umherwarf. Sein Sohn, der schne Alf,
war herzugetreten, der junge Savezzo mit frisch gebrannten Locken vom
Barbier her ber den Platz gekommen; -- und alle, alle hatten, wie der Alte
endete, ein neidisches Gesicht.

Gleich darauf erinnerten sie sich, da die Geschichte sehr alt war und da
sie alle, sogar der Reisende, sie kannten, wie sie die Hhnerlucia kannten.
Ihre Stunde war da: schon klapperten ihre Holzschuhe in der Gasse neben dem
Caf. Mit ihrem Gegacker, das lauter war als das der Hennen, mit ihrer
Nase, die schrfer war als die Hhnerschnbel, flgelschlagend mit ihren
langen Armen, scheuchte sie das Federvieh zum Brunnen und lie es aus der
Pftze trinken. Die Kinder kreischten um sie her, stieen sie, zupften an
ihr und sprangen vor Lust, wenn die Alte in ihren bunten Lappen wie ein
groes mageres Huhn kopflos kreuz und quer flatterte. Ringsum gingen
Fensterlden auf; an der Ecke schrg vor dem Caf drngten ber den Arkaden
des Rathauses drei Beamte sich in eins der alten Pfeilerfenster; die dicke
Mama Paradisi sah aus ihrem Hause herab; dahinten im Corso sogar streckte
Rina, die kleine Magd des Tabakhndlers, den Kopf heraus, und dem Advokaten
Belotti schien es, da sie ein neues Halstuch trage. Er berlegte nicht
ohne Unruhe, wer ihr nun das wieder geschenkt haben knne. Inzwischen
schlo die Kleine ihr Fenster, Mama Paradisi das ihre; die Hhnerlucia und
all ihr Lrm waren bis morgen dahin in die Gasse; und der Platz schlief
weiter in seiner weien Sonne, winklig beleckt von den Schatten. Der des
Palazzo Torroni, am Eingang des Corso, lief spitz hinber zum Dom, und vor
der buckligen Kirchenfront malten die beiden sulentragenden Lwen ihr
schwarzes Abbild aufs Pflaster. Wildgezackt sprang der Schatten des
Glockenturmes bis an den Brunnen vor. Neben dem Turm aber wich das Dunkel
zurck, tief in den Winkel, worin man das Haus des Kaufmannes Mancafede
wute. Kaum da die Umrisse seiner Fenster zu erkennen waren; -- hinter
einem stand aber sicher auch jetzt, wie sie immer dort stand, die
Unsichtbare, das Rtsel der Stadt: Evangelina Mancafede, die niemals
ausging und dennoch alles wute, was geschah, es frher als alle wute. In
der Stadt tat jeder, was er tat, unter den Augen der Unsichtbaren. Durch
alle Huser am Platze schien sie, aus ihrem Schattenwinkel hervor,
hindurchsehen zu knnen: nur eins verdeckte ihr der Turm, den Palazzo
Torroni. Auch hie es, da sie von dort nichts wissen wollte, da ihr Vater
und ihre Magd -- denn sonst erblickte niemand sie -- den Namen des Barons
vor ihr nicht nennen durften, seit er, den sie geliebt hatte, die andere
geheiratet hatte. Seitdem ging sie nicht mehr aus! Sie war damals
vierundzwanzig gewesen und war jetzt dreiunddreiig. Eine schne Frau,
wisperte der Advokat dem Reisenden ins Ohr. Vom Stillsitzen soll sie
junonische Formen bekommen haben.

Seine Hnde, die diese Formen nachbilden wollten, lie er rasch wieder
sinken, denn zweifellos sah sie ihn. Der Reisende fragte:

Ist sie, seit ich zuletzt hier war, noch immer nicht ausgegangen?

Was denken Sie!

Alle bekamen gekrnkte Mienen.

Sie verspricht es, sooft der Alte es will, dann lt er ihr schne Kleider
kommen, sogar von Rom her, denn schlielich ist sie das reichste Mdchen
hier und htte hunderttausend Lire mitbekommen; ldt ihre ehemaligen
Freundinnen ein, bestellt den Wagen zur Ausfahrt . . . Die Stunde ist da,
der Wagen mit den Freundinnen steht vor dem Hause, Evangelina in ihren
schnen Kleidern steigt die Treppe hinab. In der Mitte aber hlt sie an,
sagt >Nicht heute, ein anderes Mal< und geht zurck in ihr Zimmer.

Mehrere lugten aus den Augenwinkeln hinber nach dem geheimnisvollen Hause.
Unten, wie in schwarzer Hhle, glomm ein Licht, und vor seinem Laden ging
der Kaufmann hin und her: langsam immer hin und her. Die Gste des Cafs
zum Fortschritt konnten ihm zusehen und bei seiner Bewegung fhlen, da
die Zeit vergehe.

Der Apotheker erhob sich, denn ein Kunde war bei ihm eingetreten: der Junge
des Gastwirtes Malandrini. Was konnte bei Malandrini vorgefallen sein?
Gewi handelte es sich um die Frau, die der Tabakhndler erst gestern mit
dem Baron Torroni in ziemlich verdchtiger Unterhaltung gesehen hatte. Wer
wei, was sie jetzt aus der Apotheke brauchte. Nun --? und alle Blicke
sogen an dem alten Acquistapace, der, sein hlzernes Bein schwingend,
zurckkam.

Die Schwiegermutter hat Sodbrennen.

Alle Kpfe senkten sich.

Wenig Bewegung ist hier am Ort, sagte der Leutnant der Carabinieri zu dem
Reisenden und nickte hinber, wo sich der Kaufmann Mancafede hin und her
bewegte. Der Reisende wollte hflich den Ort entschuldigen, aber der
Advokat Belotti sagte erstickt:

Was kann man tun, wenn diese verdammte Post eine Stunde Versptung hat!
Sonst she hier vielleicht alles anders aus. Denn schlielich -- sagen wir
nur die Wahrheit! -- knnen doch jeden Tag die grten Dinge geschehen. Die
Stadt steht vor Ereignissen, die . . .

-- nicht eintreten, schlo der Gemeindesekretr und lehnte sich zurck,
um seine Taille zu zeigen.

Wer sagt Ihnen das?

Der Advokat fuchtelte, bevor er sprechen konnte.

Bin nicht etwa ich der Vorsitzende des Komitees und mu ich nicht als
erster wissen, ob etwas geschieht, ob etwas, sage ich, geschehen kann?

Bevor die Post da ist?

Die Post! Die Post, mein Herr, war schon fter da. Die Post hat zum
Beispiel mir: verstehen Sie wohl, mein Herr, mir dem Vorsitzenden des
Komitees, einen Brief ihrer Exzellenz der Frau Frstin Cipolla gebracht,
mit der gtigen Erlaubnis der Frau Frstin, das Schlotheater zu benutzen
fr die Vorstellungen der Truppe, die wir, das Komitee, hierher zu
verschreiben gedchten. Und das war bereits kein geringer Erfolg, wenn Sie
bedenken --

Der Advokat wendete sich zum Reisenden; einen seiner mrben Finger, die ihn
lter machten als sein Gesicht, reckte er hinter sich, wo die Treppengasse
zum Kastell hinaufbog.

-- da das Theater seit fnfzig: seien wir genau, seit achtundvierzig und
dreiviertel Jahren unbenutzt steht, nmlich seit der Vermhlung des armen
Frsten . . .

War die Vorstellung gut, Advokat? fragte beiend der Gemeindesekretr.
Sie haben doch schon damals den Impresario gemacht? Denn wann waren Sie
unttig? Gewi nicht einmal in den Windeln.

Und der Advokat, mit verchtlichem Achselzucken:

Des armen Frsten, um den ihre Exzellenz noch trauert. Darum darf ich auch
die Bewilligung unseres Gesuchs mir ganz persnlich zuschreiben und dem
Umstande, da ich der Sachwalter der Frau Frstin bin.

Aber der Kapellmeister? fragte sein Gegner. Sollte nicht auch er einiges
Verdienst haben? Alf, sage unserm Freunde, ob du und die andern alle in
der >Armen Tonietta< eure Instrumente spielen knntet, wenn nicht unser
Maestro Dorlenghi wre!

Wer leugnet seine Tchtigkeit? brigens zahlt die Gemeinde ihm hundert
Lire monatlich und die Kirche fnfzig. Aber scheint es den Herren nicht,
da wir auf die Knstler, die er uns verschaffen wollte, recht lange warten
mssen?

Ich wette, da sie heute in der Post sitzen werden! rief der Apotheker.
Der Advokat bezweifelte es.

Vielleicht werde ich als Vorsitzender des Komitees mich noch selbst nach
ihnen umsehen mssen. Wer wei, wohin ich fahren werde: bis nach Rom
vielleicht.

Aber Advokat, sagte der Gemeindesekretr, was verstehen Sie vom
Theater?

Ich? Sie vergessen, Herr Camuzzi, da ich in einer Stadt wie Perugia
studiert habe. Dort hatten wir oft genug eine Truppe von Komdianten, und
wir Studenten verkehrten mit ihnen, kann ich den Herren sagen, nicht
anders, als ich mit Ihnen verkehre. Die Choristinnen: ah! ich sage nur dies
Wort, die Choristinnen . . . Natrlich hatte auch die Primadonna den ihren,
aber man mute reich sein, sehr reich; ich erinnere mich, ein Herr aus der
Stadt gab ihr dreihundert Lire im Monat. Begreifen Sie das? Dreihundert
Lire fr eine Frau!

Da der Advokat in lauter achtungsvolle Gesichter sah, blhte er auf. Er
ffnete seinen schwarzen Rock, obwohl keine Weste darunter war. Die Arme in
der Luft gerundet, mit rauhen gelben Manschetten, die bis ber die
Korallenknpfe herausfielen, und mit einer Flsterstimme, aus der manchmal
ein heiseres Bellen brach:

Aber so ist die groe Welt: man mu sie kennen. Die Herren Knstler sind
die groartigsten von allen. Man hat keinen Begriff von dem Leben, das
diese Schauspieler und Literaten fhren. Jede Nacht Champagner, schne
Weiber, soviel sie mgen, und nie vor zwlf aus dem Bett.

Als ich in Forl stand, sagte der Leutnant der Carabinieri, zeigte man
mir einen Maler, der zwei Fiaschi trinken konnte. Freilich war er ein
Deutscher.

Wozu auch, schlo der Advokat, da sie spielend mehr Geld verdienen, als
sie brauchen, und keine Sorgen haben. Fr uns Brger ists anders
eingerichtet auf der Welt. Aber es ist nicht bel, da es auch Menschen
gibt, die ein so leichtes Leben haben, nach Herzenslust ber die Strnge
schlagen drfen und immer guter Laune sind. Haben wir erst einige der Art
hier bei uns, wird es lustig werden.

Das kann nicht schaden! rief der Apotheker. Gleich darauf hielt er sich
den Mund zu und schielte nach seinem Hause hinauf. Man lchelte. Er
entschuldigte sich.

Immer sind Leute in der Nhe, die es mit den Priestern halten.

Der Advokat behauptete:

Wenn wir uns die Komdianten nicht zu unserm Vergngen kommen lieen,
sollten wir es tun, um die Priester zu rgern. Der Gemeindesekretr hob
die Schultern, der Wirt aber sagte drhnend:

Sind wir denn noch immer unter dem Papst?

Man schrie: Bravo, Achille! -- und dahinten sah man aus der Kathedrale
ber den Corso und in den Palazzo Torroni eine schwarze Gestalt huschen.
Der Apotheker seufzte.

Armer Baron! Auch ihn halten sie mittelst der Frau. Da kann man sich dann
nicht rhren, ohne da es weh tut. Glaubt mir, ihr Jungen, nehmt nie eine
Frau, die es mit den Priestern hat!

Der Advokat stellte die Hand an den Mund.

Und dennoch ist Don Taddeo betrogen, und der Baron hat mir heimlich, Sie
verstehen: unter einem Decknamen seinen Beitrag geschickt fr das Theater.

Funkelnd betrachtete er seine Wirkung, legte sich den Finger auf die Lippen
und machte eine Pause. Dann:

Der Beitrag ist sogar bedeutend genug, da wir den des alten Nardini
verschmerzen knnen.

Eine schne Familie, die Nardini -- und der Apotheker stie den Stock
aufs Pflaster.

Ihre Mitbrger halten sie ihres Verkehrs nicht wrdig, nie wollten sie dem
Klub beitreten, und die Enkelin stecken sie ins Kloster!

Noch ist sie nicht darin, sagte der junge Savezzo, mit plumper Eleganz an
das Haus gelehnt. Und als ich im Klub meinen Vortrag ber die Freundschaft
hielt, hat sie ihre Magd hingeschickt und sich darber berichten lassen.

Ah, Tot mchte sie drauen behalten.

Unter den spttischen Blicken begann das linke Auge des jungen Menschen auf
seine pockennarbige Nase zu schielen. Der schne Alf, des Wirtes Sohn,
sagte:

Ist sie schn, die Alba!

Dann sah er unbeirrt und eitel umher.

Ihr beide werdet keinen Erfolg haben -- und der Gemeindesekretr lachte
auf. Hat doch nicht einmal der Severino Salvatori sie bekommen, obwohl er
mit einem Korbwagen umherfhrt. Vielleicht, wenn ihr keine Mitgift
verlangt. Denn der Alte will sie billig los sein. Er ist noch geiziger als
fromm.

Auch fromm ist er, versicherte Savezzo. Und wohlttig. Der alte Brabr
lebt ganz vom Nardini, seit dreiig Jahren bald. Jeden Sonntag nach der
Messe wird dort unten in Villascura den Armen das Mehl ausgeteilt. Alba
selbst tut es.

Alba selbst, wiederholte Alf.

Aber als ich ihm die Liste brachte, sagte der Advokat mit steilem Finger,
wissen Sie wohl, was der Nardini mir geantwortet hat?

Alle wuten es, lieen sich aber gern zum zehntenmal dadurch aufbringen.

Er hat mir geantwortet: wenn er dafr zahlen solle, da die Komdianten
fortbleiben, dann wolle er zahlen.

Der Apotheker schlug auf den Tisch; das Schweigen der andern war strmisch.
Da sagte der schne Alf, und das einfltigste Lcheln legte seine weien
Zhne frei:

Dennoch will ich Alba heiraten.

Niemand wrdigte ihn einer Entgegnung.

Auch seinen Wasserfall, erinnerte sich der Gevatter Achille, hat er der
Stadt ein wenig teuer verpachtet.

Unsere Schuld -- und der Gemeindesekretr hob die Schultern; ich war
gegen die Elektrizittsanlage und bin es noch. Aber man hrt nicht auf
mich, sagte er mit einem Blick auf den Advokaten, der die Arme in die Luft
warf.

Wollen wir, ja oder nein, den Fortschritt? schrie er keuchend.

Und wem verdanken wir ihn, antwortete der junge Savezzo, als einzig dem
Advokaten?

Ist es einer Stadt wie der unsrigen wrdig, fragte der Advokat weiter,
die ffentlichen Pltze mit Petroleum zu erleuchten? Und wie sollen wir
vor den Fremden dastehen, die uns besuchen werden, wenn unsere
Theatersaison begonnen hat?

Versteht sich, machten die andern; nur der Sekretr schttelte die
zusammengelegten Hnde.

Da haben wirs. Weil wir eine Theatersaison haben, mssen wir elektrisches
Licht anlegen, und weil wir wie Venedig oder Turin das Verfassungsfest
feiern, muten wir in einem Feuerwerk fnftausend Lire abbrennen. So zieht
eine Tat des Grenwahns die andere nach sich, und das Ende, das ich
voraussehe, ist der Bankerott. Ah, Ihr Herren, unsern Brgermeister, den
wrdigen Herrn Augusto Salvatori, der das Haus nicht mehr verlt, trifft
keine Schuld: sie trifft nur einen!

Und er stie mit dem Finger nach dem Advokaten, der sich auf dem Stuhl
umherwarf.

Wollen wir, ja oder nein, den Fortschritt?

                   *       *       *       *       *

Da rundete der Leutnant die Hand am Ohr:

Mir scheint, ich hre sie knarren.

Sogleich bekamen alle lauschende Mienen. Savezzo und Alf strzten an die
Hausecke und sphten die Gasse hinab. Pltzlich schrien sie durch die
gerundeten Hnde:

He! Masetti! Langsamer!

Und unter wtendem Peitschenknallen hrte man die Post drunten auf der
Landstrae vorbeirasseln. Indes sie den Bogen zum Tor machte, wurden
Masettis phantastische Versptungen aufgezhlt; er habe keine Eile, zu
seiner Frau zu kommen; -- und nun er auf den Platz bog, begannen alle zu
pfeifen. Die beiden Carabinieri lieen sich von ihren Pferden herab und
hoben die Dreimaster, um sich die Kpfe zu trocknen. Die Diligenza fuhr mit
Krachen beim Postamt vor: da zeigte sich, da sie ganz gefllt war. Drinnen
saen acht Personen, und eine kletterte soeben vom Bock: ein gedrungener
Mann mit einem Csarenprofil, den der Handlungsreisende fast fr einen
Berufsgenossen gehalten htte. Nur hatte er blaurasierte Wangen und
Bewegungen von unbekannter Spannkraft und Form.

Kaum da die Pferde stillstanden, strzten ber die Fe der andern hinweg
zwei Nonnen aus dem Wagen und eilten, so da die Kreuze der Rosenkrnze von
ihren Hften aufflogen, nach dem Treppenweg zum Kloster. Dann stieg ein
schner bleicher junger Mensch heraus, der unbeteiligt umhersah.

Nello! rief eine Frauenstimme. Hilf mir heraus!

La lieber mich, sagte ein hagerer Alter, wei angezogen und rascher als
ein Jngling; -- und er streckte eine faltige Hand aus, worauf ein groer
Brillant blitzte.

Der Advokat bemerkte:

Aber das sind sie! Das sind die Komdianten. Ich als Vorsitzender des
Komitees mu sie begren.

Er erhob sich und schwnzelte ber den Platz. Die andern folgten im
Abstand.

Aus der Post ward eine schwarze lachende Person gehoben, aber wer sie von
hinten unter den Armen hielt -- der Advokat mute auf halbem Wege stehen
bleiben -- das war, mit dem blonden Schnurrbart ber dem roten Gesicht, der
Baron Torroni! Er wandte sich um; aus seiner Jagdtasche sahen die
Vogelschnbel; und er setzte noch eine Frau aufs Pflaster: ein kleines
unansehnliches Wesen in einem schmutzfarbenen Mantel, wie ein Sack, und die
Haare voll Staub. Hinterher, mit einem ausgelassenen und dennoch bestrzten
Gesicht, kam der Tabakhndler Polli.

He! Polli! Was ist denn mit dir geschehen? rief der Apotheker.

Der Tabakhndler gesellte sich ihnen zu.

Ach ja, das fragt nur! Die eine htte mir fast einen Ku gegeben: jene
groe Schwarze.

Ein prachtvolles Weib. Die wird eine Stimme haben! meinte der Advokat.

Ich sage euch, sie kann schreien! Geschichten sind heute in dem alten
Karren erzhlt worden! Ich mchte wissen, ob die beiden Nonnen sie schon
kannten. Immer lauter haben sie gebetet, -- und seht nur, wie sie laufen!

Wozu mssen diese heiligen Unterrcke immer unterwegs sein? fragte der
Advokat. Auf allen Straen sieht man nur sie.

Polli raunte:

Und seht euch den Alten an: er ist geschminkt!

Die Gruppe der Brger schielte zu den Komdianten hinber. Der Advokat fand
es schwerer als in seinen Studentenerinnerungen, mit ihnen anzuknpfen. Der
untersetzte Mann vom Bock, der ihm noch am meisten Vertrauen eingab, lie
den Kutscher das Gepck herabheben. Den brigen schttelte der Baron
Torroni die Hnde. Er versprach, ihnen seine Vgel ins Gasthaus zu
schicken, machte seine eckigen Kavalleristenverbeugungen und brach sich
einen Weg durch die Kinder und Mgde, die herumstanden. Wie er in seinen
Ledergamaschen auf sein Haus zuging, schlpfte eine schwarze Gestalt heraus
und in die Kirche.

Mehrere Geschftsleute stellten sich ein, um nach ihren Paketen zu sehen.
Der Kaufmann Mancafede bemhte sich lngst um die seinen. Trotz aller
Sptsommerhitze war er in seiner dicken braunen Jacke. Das gewlbte Auge in
seinem alten Hasenprofil suchte ngstlich und zh unter den Krben dort
oben.

Und das Petroleum? fragte er gelassen und richtete seinen trockenen
Finger auf den Kutscher Masetti. Der tat droben einen erbosten Sprung. Er
schrie hinab, fr so viel Mhe sei er nicht bezahlt; diese Fremden htten
Gepck fr einen ganzen Eisenbahnzug; noch ein Wagen komme mit Leuten und
Koffern: darauf werde, wenn Gott es wolle, auch das Petroleum sein. Und
durch den abflligen Empfang, der ihm bereitet worden war, noch tiefer
gefrbt als sonst, schwenkte er die ausgebreiteten Arme tobend ber der
Menge, vor dem blauen Himmel.

Der Kaufmann prfte ihn blinzelnd und wandte sich an den Tabakhndler.

Polli, deine Magd ist die letzte Nacht nicht zu Hause gewesen.

Der Tabakhndler rtete sich.

Sagt die Evangelina es?

Ja, erklrte Mancafede mit Ruhe und Sicherheit.

Und dann sagt meine Tochter auch, die Komdianten werden kommen . . . Das
sind sie wohl? -- und zum erstenmal schien er sich umzusehen.

Meine Lina wei, da der berhmte Tenor Giordano dabei ist.

Pltzlich drehte der wei angezogene Alte sich um. Leicht und doch gro
sagte er: Das bin ich: der Cavaliere Giordano.

Ein Augenblick, und der Advokat war ber die Hand des alten Sngers
hergefallen.

Sie, Cavaliere! Welch Wiedersehen! Sie erinnern sich doch unserer
Bekanntschaft in Perugia? Belotti, Advokat Belotti. Wir verkehrten beide im
Caf zur alten Treue. Wir spielten Domino, und ich besiegte Sie immer,
Sie zahlten all meinen Punsch . . . Wie, Sie wissens nicht mehr? Ach ja,
das sind wohl dreiig Jahre her, und was haben Sie seitdem erlebt! Der
Ruhm, die Frauen, die groen Reisen! Das nenne ich Leben. Hier in der
kleinen Stadt: -- nun, Sie werden uns kennen lernen; auch wir knnen lustig
sein, auch wir wissen die Kunst zu schtzen. Meine Freunde werden glcklich
sein, Sie kennen zu lernen.

Er winkte sie herbei.

Herr Acquistapace, unser Apotheker; Herr Polli, mit dem Sie die Reise
gemacht haben; Herr Cantinelli, der brave Anfhrer unserer bewaffneten
Macht . . .

Und um nicht seinen Gegner, den Gemeindesekretr, vorstellen zu mssen,
griff er aus den Umstehenden einen andern heraus.

Herr Chiaralunzi, hchst geschickter Schneider, der im Orchester das
Tenorhorn blasen wird.

Und wie! meckerte das hmische Stimmchen des Barbiers Nonoggi.

Aber der lange starkknochige Schneider trat vor, sah sich langsam und
ehrlich die Fremden an, -- und dann verbeugte er sich mit Wucht, da die
Spitzen seines hngenden, rostroten Schnurrbartes schaukelten vor dem
kleinen unansehnlichen Wesen im schmutzfarbenen Mantel. Sie stand, indes
ihre Kameraden zusammen flsterten und lachten, ganz allein; durch die
Taschenwnde sah man, da sie Fuste machte; und ihre weit voneinander
entfernten Augen gingen kalt ber die wachsende Menge, als prfte eine
Macht die andere. Beim Anblick des vor ihr gekrmmten Schneiders bekam sie
unvermutet ein Kinderlcheln und gab ihm eine kleine graue Hand.

Darauf schttelte er die Rechte des alten Tenors, der ber die andern
Snger eine Gebrde beschrieb, ohne da er dabei hinsah: wie ein Frst, der
sein Gefolge vorstellt.

Herr Virginio Gaddi, Bariton.

Der untersetzte Mann mit dem Csarenprofil mischte sich, eine Hand in der
Hosentasche, unter die Brger.

Frulein Italia Molesin, Sopran.

Die derbe Schwarzhaarige lachte mit groen Zhnen allen zu und stie dabei
kokett mit den Schultern, um den Schal zurckzuwerfen; denn sie trug einen
Schal, wie die Masse der Mdchen, und keinen Hut.

Herr Nello Gennari, lyrischer Tenor.

Da sahen die Frauen das mattbleiche Gesicht des jngsten Mannes sich ihnen
zuwenden. Weil es einfach und stark gemeielt war, erkannten die am
weitesten Entfernten es, reckten sich und sagten laut:

O! Ist er schn!

Seine Augen dankten ihnen allen, ohne berraschung und ohne Eifer, mit ein
wenig schwermtigem Spott.

Nun aber wendete der Cavaliere Giordano sich nach dem Mdchen um, das fr
sich stand, beugte leicht vor ihr den Rumpf und sagte mit entzckter
Stimme:

Und dies ist unsere Primadonna assoluta, das Frulein Flora Garlinda, eine
Knstlerin von unermelicher Zukunft, die Hoffnung der lyrischen Bhne
Italiens.

Dann sah er erwartungsvoll die Brger an. Der Advokat, der ihr am nchsten
stand, fuhr ein wenig zurck; und dann huldigte er der Primadonna um so
ehrfurchtsvoller, je weniger er sie vorher beachtet hatte. Er fragte sie,
ob sie schon in der Scala gesungen habe. Sie zuckte die Achseln und krmmte
den Mund, als verachtete sie die Scala. Darauf machte er einen groen
Kratzfu.

Ein Frulein wie Sie mu wohl Liebhaber haben, so viele es nur will.

Sie lachte auf und lie ihn stehen. Er schielte nach rechts und nach links,
ob man es gesehen habe; -- aber in diesem Augenblick schwankte die Menge:
jemand teilte sie, mit den Armen strmisch ber ihren Schultern rudernd.

Der Maestro!

Er war angelangt; er keuchte. Seine helle Gesichtshaut war unter seinem
leichten blonden Bart ganz rosig bewlkt, sein verlegen ehrgeiziges Lcheln
zerging manchmal, und dann sah man, da er zornig war. Er setzte an:

Das ist aber . . . Ich denke doch, ich bin hier der Kapellmeister . . .
Die von mir engagierten Knstler sind da, und niemand ruft mich? Herr
Advokat, ich mu Sie . . .

Der Advokat klopfte ihn auf den Rcken.

Mein lieber Dorlenghi, alles geht gut, ich habe mich als Vorsitzender des
Komitees mit diesen Herren bereits ins Einvernehmen gesetzt.

Aber ich begreife nicht, wie man ohne mich . . . Dann fhren doch Sie den
Kapellmeisterstab!

Seien Sie gut, Dorlenghi! sagte der Apotheker, und Polli, der
Tabakhndler, meinte:

Das alles ist doch nicht der Mhe wert.

Der Musiker warf die Arme noch hher.

Nicht der Mhe wert! Ah! Cavaliere: denn ich irre mich nicht, Sie sind der
Cavaliere Giordano, und ich heie Enrico Dorlenghi und bin Dirigent einer
Dorfkapelle, nichts weiter. Ich habe in meinem Zimmer gesessen, da hinten
in einem Winkel der Stadt, wo man nichts hrt noch sieht, und habe an einer
Messe geschrieben, die ich noch diesen Herbst in der Kirche auffhren soll.
Inzwischen ernten diese Herren die Frucht meiner Bemhungen; denn ich bin
stolz, Sie, Cavaliere, unserer Bhne gewonnen zu haben, Sie und Ihre
Kollegen. Nicht der Mhe wert! Wenn Sie ahnten, welch ein Ereignis fr
einen Verbannten, Geopferten --

Er ging mit dem alten Snger um den Postwagen herum; seine keuchende Stimme
versank manchmal, denn das Volk schrie ihm zu. Viele schrien auf einmal
bravo Maestro! andere: Seht, er ist verrckt geworden! Und die meisten
wuten nicht, wer gemeint war, und riefen he, Masetti! nach dem Kutscher,
der, stimmlos vom Schelten, an den Pferden zerrte. Er sa mit ihnen fest;
Jungen krochen zwischen den Beinen der Menge hervor und kniffen ihn. Er
schlug aus . . . Inzwischen ward der Kapellmeister wieder sichtbar, noch
immer fuchtelnd. Pltzlich stand er vor der Primadonna. Wie der Cavaliere
sie nannte, sahen sie sich an. Der Musiker war auf einmal verstummt, die
junge Sngerin sah aus, als glte es: und die Hnde, die sie sich htten
reichen sollen, noch in der Schwebe, traten beide ein wenig zurck. Dann
begrten sie sich: er rosig von verlegenem Ehrgeiz, sie mit dem
entschlossenen Blick von Macht zu Macht, den sie auch auf das Volk
gerichtet hatte. Der Kapellmeister sagte:

Ich wrde mich an die >Arme Tonietta< nicht heranwagen, htte ich fr die
Hauptrolle nicht Sie gewonnen, Frulein Flora Garlinda.

Sie lchelte gndig.

Auch Ihr Name, Maestro, fngt an, sehr bekannt zu werden. Noch neulich in
Sogliaco sagte der Direktor Cremonesi . . .

Er hatte ein Gesicht wie ein Hungernder. Aber ihre Worte gingen aus, wie er
kaum anfing, sie zu verschlingen. Der Gastwirt Malandrini bot ihr eins
seiner beiden Zimmer an. Der groe beleibte Mann war lautlos, man wute
nicht wie, durch das Gedrnge gelangt, lchelte breit und glatt und kannte
schon jeden beim Namen.

Ihnen, Cavaliere, meinen Ehrensalon! Gerade mu ich den Handlungsreisenden
haben, der immer herkommt; und zudem ist ein Fremder da, der nichts tut:
sonst wrde ich alle diese Damen und Herren zu mir einladen. Sie aber,
Frulein Flora Garlinda . . .

Die Primadonna lehnte ab; sie sei zu arm, um ins Gasthaus zu gehen.

Der Direktor Cremonesi, sagte angstvoll der Maestro, gilt fr
geschickt.

Der Perckenmacher Nonoggi kam dazwischen, dienerte auf einem Bein und
empfahl sich den Knstlern. Er hielt einen Haubenstock und rief zrtlich:

O! welch schne Percke. Wie sollte einen Mierfolg haben, wer solche
Percke trgt!

Was hre ich? sagte der Wirt, der Herr Cavaliere hat schon bei dem Herrn
Gemeindesekretr gemietet? Aber das Frulein Italia Molesin? Verstndigen
wir uns, Frulein! Sie sind die Schnste von allen . . .

Sein Urteil zhlt, sagte der Kapellmeister; ich glaube, da er als
Bhnenleiter heute --

Und die Herren, kreischte der kleine Barbier, bitte ich, mir nur einmal
ber die Wange zu streichen und dann zu sagen, ob man vermuten wrde, da
dort je ein Bart gewachsen ist. So rasiere ich!

Ah! so ists recht: auch Sie, Herr Nello Gennari. Das Frulein Italia und
der Herr Nello, rief der Wirt, das sind die geehrten Gste der Herberge
zum Mond. Masetti, das Gepck der Herrschaften! Ihr Leute, den Weg frei!

Die derbe Schwarze hieb einem halb Betrunkenen, der sie betastete, den
Fcher um den Kopf. Dazu lachte sie mit ihrer dicken Kehlstimme.

Ei seht, die Lustige! schrie es. Ist sie sympathisch!

Aber seht das bse Gesicht der andern! Kann man so bse sein! Sie wird die
Hexen spielen; -- und die Frauen traten ganz dicht an die Primadonna hinan
und starrten ihr tierisch feindselig in die Augen.

Ich werde dich nicht heiraten, erklrte Alf, der Sohn des Cafwirts, mit
seinem trichten Lcheln. Sie betrachtete ihn ohne Spott, die Hnde in den
Manteltaschen.

Und ich dich nicht, du Schner!

Er ist nicht mehr schn, sagte eine Frau und schlug sich auf die Brust.
Der Schne ist jetzt euer Tenor.

Man wrde sagen, ein junger Heiliger!

Wre er mein Sohn! Mein Sohn ist hlich und schlgt mich.

Zeig uns dein Gesicht! Ich will dich kssen.

O du Schamlose!

Und tief aus der Menge schallte eine Ohrfeige.

Bravo! sagten Mnnerstimmen. Sie sind verrckt, die Weiber.

Aber auch ich wrde mich verlieben! rief der biedere Ba des Apothekers
Acquistapace; und viele helle Stimmen, auf allen Seiten und weithin,
verstrt, selig, im Ton des Trumens:

Ah! seine Augen. Er sieht mich an!

                   *       *       *       *       *

Er stand allein; seine Kameraden waren von ihm weggetreten wie auf der
Bhne, wenn der Beifall nur ihm galt; und die Arme verschrnkt, die
Schultern hinaufgezogen, fhrte er sein leichtes und dennoch beschattetes
Lcheln ber die Gesichter der Menge. Sie antwortete:

Es lebe der Gennari!

Die Jungen kreischten:

Er lebe! -- und ein Hndeklatschen, irgendwo ausgebrochen, griff um sich,
sprang ber den Platz.

Es ward zerrissen von einem schweren Glockenschlag; und wie vom Turm nun
das Ave stieg, wendeten alle sich ab. Die Menge entfaltete,
auseinanderrauschend, zwei weite Flgel; zwischen ihnen, am Ende einer
stummen Gasse von Menschen, lag vor dem jungen Snger die kahle
Kirchenmauer. Nur auf ihr noch war ein Streif Sonne. Die einsamen Klnge
der Hhe; unten das Staunen der Stille: und da ging dorthinten im
Sonnenstreif, allein und rasch, eine Frau in Schwarz entlang. Sie war klein
und schlank, ging vor Eile ein wenig geneigt; und in dem schwarzen
Schleier, den die letzte Sonne durchleuchtete, sah Nello Gennari ein
weies, weies Profil, dessen Lid gesenkt war und sich nicht hob. Sie
langte beim Portal an, stieg zwischen den Lwen hinauf, und schon schwamm
vor dem Dunkel, das sie aufnahm, nur noch, kupferrot und besonnt, ihr
groer Haarknoten, -- da wendete sie sich um, ganz um und sah von oben die
Menschengasse hinab. Er dort am Ende hielt die Arme nicht mehr verschrnkt,
und sein wankendes Lcheln suchte in den Schleier einzudringen, zu jenem
verschwimmenden Oval aus fernem Alabaster . . . Ein Augenblick, dann endete
das Luten, die Menge schlo sich wie ein Tor, und aufschreckend sah der
Tenor all die Gesichter zurckgekehrt, die er vergessen hatte.

Sein Kamerad, der Bariton, stand vor ihm und sagte:

Ich war im Ort umher, nach Wohnungen fr uns. Wer sich begngt, zahlt
wenig.

Gaddi, wer war jene Frau?

Schon eine Frau? Immer Frauen! Ah, dieser Nello. Er verliert seine Zeit
nicht.

Wer war sie?

Ich habe nichts gesehen, mein armer Nello. Was willst du: ich bin ein
Familienvater voller Sorgen. Gleich werden die Meinen hier sein, vier
Kpfe, und es heit ihnen Obdach schaffen. Ich suche einen gewissen
Savezzo, der Zimmer haben soll.

Nichts gesehen! Und du mut -- nein bleibe! Dies ist wichtig: ganz nahe
mut du an ihr vorbeigekommen sein.

An wie vielen Frauen bin ich vorbeigekommen! Auch du, Nello, wirst
glcklich an dieser vorbeikommen, wie noch an jeder. Gehab dich wohl.

Und der Mann mit dem Csarenprofil nahm gesetzten Schrittes seinen Weg
wieder auf. Der Tenor drang planlos in die Menge ein. An ihr
vorbeikommen, dachte er. Niemals werde ich an ihr vorbeigelangen. Wenn
ich sie wiederfinde, werde ich sie lieben: immer, immer. Da schlug ein
riesiger Federfcher ihm eine parfmierte Luft ins Gesicht. Mama Paradisi,
flankiert von ihren beiden Tchtern, versperrte dem jungen Manne den Weg.

Das ist er! flsterten sie laut, alle drei; sahen ihn starr lockend an
aus ihren breiten, weichen, gepuderten Gesichtern, lieen die Fcher ruhen
und die durchsichtigen Blusen sich heben und quellen. Der junge Mann hatte,
bevor ers wute, entgegenkommend gelchelt. Mit Stimmen wie Federkissen
versicherten sie ihm, da sie um seinetwillen ins Theater zu gehen
gedchten.

Wir lieben so sehr die Kunst. Werden Sie, wenn wir recht laut klatschen,
uns zu Gefallen eine Arie wiederholen?

Er versprach es, hingerissen, die Hand auf dem Herzen, mit tiefen Blicken
in alle drei Augenpaare.

Ein schreckhafter Ruck in der Menge trennte ihn von den Damen. Dahinten, wo
ein Paar wachsblasser Hnde durch die Luft schwangen, brach ein hohes,
zorniges Jammern an.

Ihr werdets bereuen! Geht nach Hause, geht! Ah! ihr Gesindel, den
Komdianten lauft ihr nach, als hieltet ihr euch am Schwanze Satans fest,
um desto sicherer zur Hlle zu fahren.

Don Taddeo ist heute nicht gut aufgelegt, sagte jemand, und der Tenor sah
in ein Gesicht voll knstlich verwirrter Locken, mit einer pockennarbigen
Nase und einem linken Auge, das nicht stillhielt.

Ich bin der Savezzo; Ihr Kollege Gaddi wird bei uns wohnen. brigens bin
auch ich ein Knstler, wir werden uns schon verstehen.

Nello Gennari gab ihm zerstreut die Hand. Was wollten sie von mir, diese
Weiber? Ach, immer dasselbe. Und immer gehe ich ihnen auf den Leim. Es
fngt an, mich zu ekeln . . . Aber sie? Wer war sie?

Hren Sie, Herr Savezzo, ich sah vorhin . . .

Aber die schwache wtende Stimme, die Stimme jener in der Luft stehenden,
rckwrts gekrampften Hnde fuhr dazwischen; sie klang, als rennte sie in
einem hektischen Ansturm alles nieder.

Fort mit ihnen, ehe es zu spt ist! Sonst frit die Snde um sich, ihr
verbrennt darin! Wehe denen, die diese Leute gerufen haben! Und verdammt
sei, wer sie bei sich aufnimmt!

Mehrere Frauenstimmen antworteten:

Recht hat er, wir wollen nicht verdammt werden.

Der junge Savezzo hob die Schultern.

Was will denn der? Warum sollte ein Biedermann wie der Herr Gaddi . . .

Herr Savezzo, ich sah vorhin eine Frau in den Dom treten, wer war sie?

In den Dom? Es treten so viele in den Dom . . .

Ein schwarzer Schleier, ein kupferroter Haarknoten.

Wir haben hier keinen kupferroten Haarknoten. Wie dieser Priester schreit!
und immer dasselbe, man versteht einander nicht.

Sehr schlank, von sehr weier Haut, sagte flehend der Tenor. Die Miene
des andern blieb verschlossen. Pltzlich wendete er sich ab und machte
zwischen den Zhnen oho!

Was steht ihr und reibt euch am Laster! Packt euch! O! mchte doch der
Himmel auch ein Zeichen geben der Gefahr, ihr Blinden!

Und die Hnde dort ber den Kpfen schienen mit dem Himmel zu ringen in
letzter Not, wie heilige Jungfrauen beim Sterben.

Solch ein Fanatismus wirkt abstoend, sagte der Advokat Belotti erstickt.
Die Damen zweifeln doch nicht, da uns trotz diesem traurigen Herrn aus
der Sakristei sehr wohl bekannt ist, was wir der Kunst schulden. Ich fr
meinen Teil werde mir jetzt erst recht die Freiheit nehmen, Ihnen, Frulein
Flora Garlinda, mein Haus zur Verfgung zu stellen.

Die Primadonna erwiderte:

Ich danke Ihnen. Aber es wrde sich fr mich nicht ziemen.

Da wagte der Apotheker Acquistapace sich vor.

Wenn das Frulein denn zu einem Junggesellen nicht gehen will: ich bin
verheiratet, wir sind eine sehr ehrbare Familie, und wir wissen wohl, da
die Kunst und das Laster zweierlei ist . . .

Romolo! rief es sehr scharf hinter ihm.

Meine Liebe? -- und die Stimme des alten Kriegers versuchte tapfer zu
bleiben.

Pltzlich kreischte alles auf; die Menge schwankte und bekam Risse; einige
Jungen liefen heulend davon.

Der Priester hat sie ins Ges getreten, sagte der Advokat. Er geht zu
Gewalttaten ber. Soll man seine Kinder von diesem Elenden mihandeln
lassen?

Dabei zog er selbst sich ganz leise gegen den Laden des Barbiers Nonoggi
zurck. Der Apotheker war fort und viele der nchsten hatten sich
unauffllig in das gelichtete Volk gemischt. Vor den Sngern lag ein freier
Halbkreis. Der Schneider Chiaralunzi durchma ihn allein. Er trat vor die
Primadonna hin; aber ohne den letzten Schritt zu beenden, halb schwebend,
als wollte er ihr seine Gegenwart leicht machen, begann er zu sprechen. Er
rieb seine groen weien Hnde mit den Ballen aneinander, und sein
Lanzknechtschnurrbart schaukelte.

Weil nmlich doch das Frulein, wie es heit, die einzige unter den
Herrschaften ist, die noch nicht gemietet hat, und obwohl ich natrlich
nicht wrdig bin, aber was meine Frau kocht, lt sich essen, denn sie
kocht auf Genueser Art, denn sie hatte eine Tante in Genua . . .

Und ich soll bei Ihnen wohnen?

Ja, Frulein, ja, das wollte ich sagen.

Das tue ich gern. So gehen wir! Hier ist alles, was ich bei mir habe.

Der Schneider hob den leichten Koffer auf seine Schultern, wie auf einen
Turm, und ging vor der kleinen zerzausten und schnellen Person her ber den
Platz, von dem das Volk ablief.

Freilich blase ich das Tenorhorn, sagte er. Doch werde ich, um dem
Frulein nicht lstig zu fallen, damit auf die Akropolis steigen.

Ihr spielt hier wohl jeder ein Instrument? Und der Maestro bt euch?

O! mich braucht er nicht zu ben. Denn ich selbst bin Chef einer kleinen
Bande und spiele des Sonntags in den Drfern. Man lebt, wie man kann. Wre
nur nicht die schlechte Konkurrenz! Denn das Frulein hat wohl gehrt, was
der Barbier Nonoggi ber mich sagte. Denn er ist mein Feind. Denn auch er
hat solch eine kleine Bande . . .

Aber der Maestro, wie ists mit ihm?

Der Maestro, das ist etwas anderes. Er hat auf dem Konservatorium
studiert.

Ah, er hat studiert.

Er ist ein sehr groer Musiker und ein guter Mann.

Vielleicht ist er ein sehr groer Musiker, -- aber ein guter Mann? Er hat
mir nicht gefallen. Er sieht aus wie einer, der keinem andern etwas gnnt.
Ich wrde ihm nicht zu sehr trauen.

berrascht wandte sich der Schneider um und sphte von seiner Hhe nach dem
Gesicht, das solche ungeahnte Dinge sprach. Sie nickte ihm so fest und
streng in die Augen, da ihm ein Schauer ber den Nacken lief.

Wenn das Frulein meint, sagte er gehorsam. Man kennt die Menschen
niemals ganz. Einst, beim Militr, hatte ich einen Freund . . .

                   *       *       *       *       *

Sie betraten die Gasse der Hhnerlucia. Der Platz blieb fast leer zurck.
Eine letzte schwatzende Gruppe wurde von Frauen zerteilt: Kommt essen!
und ringsum in die Dunkelheit getrieben. Ein Alter trippelte nach dem
Rathaus, zndete zwei llampen an und machte sich quer ber den Platz an
die dritte beim Palazzo Torroni. Zur vierten am Dom gelangte er nicht: der
Tenor Nello Gennari war pltzlich da und erschreckte den Alten.

Hrt! kennt Ihr nicht alle Leute hier? Ihr mt mir sagen, wer jene
schwarz gekleidete Frau war. Sie ging, wie es Ave lutete, in den Dom.

Da der Alte nur grinste:

Wollt Ihr Geld? Ach, es ist umsonst. Mir geschieht etwas Unbegreifliches.
Sie ging hinein, sie allein, vor allem Volk, und niemand hat sie gesehen.
Gute Nacht, Alter, die ganze Welt ist stumm.

Mit einer weiten Geste enteilte er, hob die Matratze von der Domtr, glitt
hinein.

Wenn sie noch da wre? Vielleicht erwartet sie mich! Vielleicht aber war
sie ein Gesicht und nur ich hatte es?

Die schattigen Rume mit dem Blick durchirrend:

O Alba! Ses Morgenlicht, gehe mir auf! Ich liebe dich. Wenn ich dich
finde, will ich in dir verbrennen. Soll ich niemals lieben? Ich hasse die
Weiber, die ich gehabt habe. Ich bin zwanzig Jahre, und ich will dich
lieben, o Alba, immer, immer.

Er schwankte, im Rausch seines Herzens. Als er dann hinaustrat, ging beim
Glockenturm, wo es am dunkelsten war, irgend etwas hin und her, langsam
immer hin und her. Der Tenor machte sich rasch herzu.

Heda, guter Mann, sagt doch . . .

Wie? fragte der Kaufmann Mancafede und blieb stehen.

Verzeihen Sie, Herr . . .

Der junge Mann erwachte verwirrt. Seit einer Stunde lebte er in einer Welt
von Abenteuern, denen alles Volk beiwohnte und die doch nur ihm galten.
Diese Stadt und das Wunder in ihr hatten ihn erwartet. Er flog von einem
zum andern als einziger Fhlender zwischen verzauberten Steinen und fragte
nach der wunderbaren Frau.

Ich wollte nur . . . stammelte er. Mein Herr, ich bin fremd hier.

Man wei߫, sagte der Kaufmann. Der Herr ist einer der Komdianten.

Sie werden auch begreifen, mein Herr, da man in meinem Alter nicht immer
. . . da man . . . O, mein Herr, sie ging in den Dom.

Ah! in den Dom ging sie.

Sie kennen sie?

Das sage ich nicht. Aber um Ihnen gefllig zu sein, will ich mich bei
meiner Tochter erkundigen.

Sie wollen . . . O!

Der Kaufmann ging ins Haus. Der junge Mann fragte nicht, wer diese Tochter
sei, die das Erlebnis seines Herzens kannte. Er lie geschehen, da die
Schleier der Verzauberung wieder heraufstiegen. Mit beiden Hnden umfate
er seine Schlfen, tat zwei strzende Schritte und schttelte sich ganz.

O Alba! Ses Morgenlicht!

Der Kaufmann kehrte zurck.

Meine Tochter wei wohl, wen Sie meinen; aber sie sagt es Ihnen nicht.

Warum nicht?

Meine Tochter wird auch das wissen.

Aber die Frau hat mich angesehen! Sie wandte sich um, noch in der Domtr,
und sah mich an, mich allein.

Sie hat Sie also angesehen.

Der junge Mann stampfte auf.

Wen geht das alles an, als nur mich! Was will Ihre Tochter! Aber sie wei
gar nichts, Ihre Tochter!

Oho!

Der Kaufmann verlor seine Trockenheit.

Wenn meine Tochter nichts wei, dann haben Sie getrumt, junger Mann, und
es ist nichts geschehen. Was geschehen ist, das wei sie auch.

Warum sagt sies also nicht?

Soll sie jener Unglcklichen einen Menschen schicken, der sie verfhrt?
Meine Tochter ist nicht sehr eingenommen fr dergleichen. Aber wissen: o,
sie wei alles.

Mein Herr -- und Nellos Stimme schmeichelte. Hier habe ich einen schnen
Ring. Sie sind Kaufmann. Sie werden den Wert dieses Rubins zu bestimmen
verstehen. Wissen Sie, zu welchem Preise ich ihn Ihnen gebe? Fr den Namen,
mein Herr, fr den Namen!

Lassen Sie doch sehen!

Mancafede zog den jungen Mann am Ringfinger bis unter die Lampe vor dem
Dom. Pltzlich sah er auf, mit schwarzen Runzeln ber die Hornrnder seines
Klemmers hinweg.

Von wem haben denn Sie einen solchen Ring, junger Mann?

Nello errtete tief, zog den Finger zurck und machte sich mit einem
Gemurmel davon.

Ich bin ihrer unwrdig! Noch trage ich den Ring von der Frau des
Juweliers!

Und er suchte Dunkel auf.

Aber es blieb nicht dunkel. Aus dem Corso, ber den Platz und zum Tor
strmte ein Haufen Jungen mit Kerzen in Papierdten. Alle schrien:

Sie kommen! Es kommen noch mehr!

Sogleich klappten ringsum Fensterlden an die Mauern, und Licht fiel herab.
Die Huser begannen sich wieder zu leeren von Neugierigen, die noch die
Mnder wischten. Alle sammelten sich am Ausgange des Platzes, reckten die
Arme nach dem Tor und lrmten mit. Denn immer lauter ward dorthinten das
Gewirr von Lachen und Gekreisch, das Trommeln auf Holz, das Singen . . .
Und mit Rasseln, Knallen und Gebell und umtollt von den Windlichtern der
Jungen, brach, voll weiblicher Schreistimmen, ein ganz bunter Wagen herein
-- niemand begriff etwas vor Buntheit -- fuhr mitten auf den Platz und war
da. Schon standen, rckwrts gebogen, junge Leute darum her und breiteten
Arme aus, lauter Arme, die sich wiegten; -- und auf allen Seiten des hohen
Stellwagens blhten bunte Rcke und Blusen sich auf, wie die Mdchen hinab
in die Arme sprangen, mit geschlossenen Augen darauf los, als sei ringsum
Wasser. Dann kletterten die Mnner herab.

Die Choristen sind gekommen! rief man den Husern hinan; und die noch
droben waren, stiegen auf den Platz. Im Caf ward es ganz hell. Der
Konditor Serafini im Corso mute seinen Laden wieder aufgemacht haben, denn
der Karren mit dem Gefrorenen klingelte durchs Gedrnge. Der Advokat
Belotti wand sich hindurch, er keuchte.

Wir haben Wohnungen, meine Damen, wir sind das Komitee.

Wir sind das Komitee, heulten die Jungen ihm nach.

Der Advokat schwenkte immer krampfhafter seine Liste ber den Kpfen. Der
Schneider Chiaralunzi und der junge Savezzo riefen ihren Freunden zu, die
Musikinstrumente zu holen.

Gott! Hilf noch dies eine Mal! schrie eine Alte, die erdrckt ward; und
die Frau des Kirchendieners Pipistrelli:

Die Welt geht unter: er hat recht, Don Taddeo. O wir Snder!

Im Caf zum Fortschritt stand man Fu an Fu.

Gevatter Achille! Einen schwarzen Punsch! riefen die vordersten; aber der
Wirt war hinter seinem Schenktisch eingesperrt und durfte nicht einmal
seinen Bauch darber wegstrecken. Die gefllten Glser, die er hinhielt,
reichte einer dem andern. Er kam ins Feuer und verkndete drhnend:

Fr drei Konsumationen eine umsonst!

Drauen lie sein Sohn, der schne Alf, sich vom Gewhl umherwerfen und
konnte nicht mehr zurck. Er lchelte tricht, sooft ihm eine Frau
begegnete; aber wie er der kleinen Rina, der Magd des Tabakhndlers Polli,
einen Ku zuwarf, ward er von hinten grob angelassen. Er hatte jemand
getreten, den Tenor Nello Gennari, der an der Mauer lehnte, schon im
Gchen der Hhnerlucia, und im Dunkeln auf seine Lippe bi. Der schne
Alf entschuldigte sich freundlich.

Das kommt von all den Mdchen, die hier sind, mein Herr. Man hat so viel
zu tun, wenn man schn ist.

Der Tenor sah ihn an.

Es mu ein gutes Leben sein, sagte er auflachend, wenn man schn ist.

Nicht immer, mein Herr. Denn alle wollen einen heiraten, und ich werde
doch nur die Schnste heiraten: Alba Nardini, die schne Alba.

Wie heit sie, die Schnste?

Da brach die Musik los, als brsten alle Hrner.

Sie heit Alba? Reden Sie doch!

Der schne Alf nickte nur noch. Eine Volkswelle trug ihn weiter. Alles
strzte vor. Um die Musik her begann ein Drehen: die Stadt tanzte. Sie
lrmte in der Nacht, war bunt und tanzte. Nello Gennari ging, den Kopf im
Nacken, mit von sich gestreckten und gerungenen Hnden, ganz langsam in die
Gasse der Hhnerlucia hinein.

Sie heit Alba!

Pltzlich fiel er mit Brust und Gesicht gegen die feuchte schwarze Mauer
und weinte ber das Wunder.




II


Um fnf, bevor es hei ward, machte der Advokat Belotti, schon im schwarzen
Rock, der hinten spitz abstand, seinen Morgenspaziergang. Wie gewhnlich
wollte er, um auf die Strae zu gelangen, durch den Garten des Palazzo
Torroni hinabsteigen; hinter einer Sule im Flur kam aber Saverio hervor,
der Hausmeister, Kammerdiener und Grtner, und stellte die Hand an den
Mund.

Herr Advokat!

Was gibt es, Saverio?

Da der Diener flsternd sprach, tat auch der Advokat es.

Der Herr Baron ist die Nacht drauen gewesen. Noch immer ist er drauen.

Ah! diese Jger. Die Jagd, mein Freund, ist eine Leidenschaft, die einen
Mann ganz hinnimmt. Wenn ich Ihnen von mir selbst sprechen soll . . .

Aber es handelt sich nicht um Jagd, Herr Advokat. Er ist ins Gasthaus zum
Mond gegangen und noch nicht wieder herausgekommen.

Der Advokat ffnete den Mund und erhob den Zeigefinger.

Schau, schau, sagte er, -- und er begann zu lachen, zuerst ein lautloses
Lachen und dann wie ein heiser rasselndes, woraus Husten und Speien ward.
Als er zur Ruhe kam, mit aufgerissenen Augen:

Werden wir einen Skandal haben, Saverio?

Und er bot dem Diener die Zigarettenbchse.

Die Frau Baronin schlft. Ich habe im Schlafzimmer des Herrn alles
umhergeworfen, als sei er frh aufgebrochen, und ich habe die Nacht bei der
Haustr verbracht.

Wenn Sie nicht wren, Saverio! Mchte ers nicht zu weit treiben und
heimkehren, bevor alle auf der Strae sind. Ich gehe, damit uns niemand
beisammen sieht. Jetzt ist tiefes Schweigen geboten, Saverio.

Rckwrts machte der Advokat sich aus dem Hause. Den Morgenspaziergang
hatte er vergessen; der Schauplatz des Auerordentlichen verlangte seine
Gegenwart. Hinter ihm, im Corso, war ein eiliger Schritt: Don Taddeo. Der
Advokat grte herzhaft.

Ein schner Morgen, wie, Reverendo?

Der Priester sah ihn an mit ganz roten Augen, zog die Soutane enger um
seinen mageren Krper, als frchtete er eine Berhrung, und -- klapp, klapp
-- war er um die Ecke. Der Advokat starrte hinterher.

Kaum da er an die Kappe gegriffen hat. Wei er --? Und er steckt mit der
Baronin zusammen. Wir werden einen Skandal haben.

Ungewhnlich belebt, schwnzelte er den noch stillen Corso hin und drckte
sich, dem letzten Domfenster gegenber, pltzlich um die Ecke, wo es
abwrts zum Gasthaus ging. Nun lag es da, noch halb schlafend, beim Rinnen
des Brunnens, an seinem kleinen strohbesten Platz, mit den Stllen links,
der Weinlaube drben, -- und im zweiten Stock stand ein Fenster offen.
Sieh da, sagte sich der Advokat, sie lieben die frische Luft. Aber jetzt
wre es Zeit, zu erwachen. Er bckte sich nach einem Steinchen und warf
es, heftig keuchend, ins Fenster. Sie scheinen recht sehr ermdet und
werden auch wissen, wovon. Wie er das zweite Steinchen auflas, erschien
unter dem Haustor neben dem Wirt Malandrini der Baron Torroni selbst. Er
war wie immer im braunkarierten Jagdanzug, mit der Flinte ber der
Schulter, und strzte sich schon ein groes Glas Wein in den Schlund.

Ah! rief der Advokat sogleich. Herr Baron, was fr eine schne und
gesunde Beschftigung ist die Ihre! Wre ich nicht an meine Studierstube
gefesselt --. Und wohin geht es an diesem glnzenden Morgen? Aufs Feld,
nach Lerchen? Wohl gar ins Gebirge gegen den Eber?

Ich bin gekommen, erklrte der andere, um den jungen Mann abzuholen, der
hier wohnt: diesen Snger --

Den Herrn Gennari, ergnzte der Wirt. Ich werde Sorge tragen, da er den
Herrn Baron nicht warten lt. Bemhen Sie sich nicht!

Er hat mir versprochen, sogleich fertig zu sein. Inzwischen gehe ich
voran.

Er drckte dem Advokaten die weiche Hand und verschwand rasch.

Der Wirt rusperte sich vorsichtig.

Sehen Sie das offene Fenster?

Der Advokat zwinkerte.

Er ist gar nicht zu Hause gewesen, sagte der Wirt. Er ist berhaupt
nicht heimgekommen.

Ah! dann ist es also nicht dieses Zimmer?

Malandrini zwinkerte.

Das ist das andere, daneben. Das Frulein schlft jetzt weiter.

Es scheint, sie hat es ntig. Ah! dieser Baron.

Ein richtiger Edelmann, bemerkte der Wirt.

Sie sahen sich an, leise funkelnd.

Und der andere? begann der Advokat wieder. Der Komdiant? Auch er ist
drauen? Da gibt es vielleicht etwas noch Strkeres? Mein Freund, mir
beginnt zu ahnen, da wir Dinge erleben werden in der Stadt --

Der Wirt seufzte. Dann aber, mit Hndereiben:

Das Gute ist dabei, da wir ein wenig Bewegung herbekommen . . .
Entschuldigen Sie mich, ich decke lieber gleich selbst in der Laube die
Tische. Meine Frau wird erst spt herunterkommen. Sie schlft noch, denn
ihr ist etwas Auerordentliches zugestoen. Wie ich die Augen ffne und sie
vergeblich an meiner Seite suche, tritt sie ins Zimmer, sieht verwacht aus
und erklrt mir, da die Seele ihres Vaters sie hinausgerufen habe. Die
Seele habe verlangt, da ich nicht geweckt werde. So viel Rcksicht!

Das ist der Aberglaube der Frauen, sagte zornig der Advokat. Wie lange
noch werden wir ihre Erziehung den Nonnen berlassen! Sie glauben doch
nicht an diese alberne Geschichte, Malandrini?

Wie werde ich. In den Frauen geht manches vor, was wir nicht kennen. Man
mu Geduld haben.

Aber sagen Sie doch, dieses Mdchen! Gleich die erste Nacht! Htten Sie
das etwa geglaubt, Malandrini?

Warum nicht? -- und der Wirt fuhr auf. Ist das Gasthaus zum Mond denn
ein Kloster? Und brigens, was wei man. Nur was Sie erzhlen, Advokat.

Oh!

Der Advokat legte die Hand aufs Herz.

Dieser Priester scheint gewut zu haben, sagte er noch und drehte
nachdenklich von dannen, warum er die Komdianten nicht zu seinen
Schfchen hineinlassen wollte. Man mu zugeben, da seinesgleichen sich auf
Menschen versteht.

Wollen Sie auf die Strae? rief Malandrini ihm nach. Dann benutzen Sie
doch die Gartenpforte!

Sie haben recht -- und der Advokat kehrte um. Man mu bei seinen ruhigen
Gewohnheiten bleiben. Seit siebenundzwanzig Jahren habe ich meinen
Morgengang nicht sechsmal versumt, und ich hoffe ihn noch weitere
siebenundzwanzig Jahre zu machen.

Hinter dem Hause ging er den Weinhgel hinab, erreichte drunten die Strae
-- noch bergitterten die Schatten der Platanen sie dicht -- und nahm den
Hut ab, um sich zu trocknen. Ah, hier atmet man. Solche Luft haben sie
nicht in den groen Stdten, unsere braven Knstler . . . Der Baron wei
diese Weiber zu nehmen, wie es scheint. Man sagt, da er als Offizier --.
In Rondone soll er ein Kind haben . . . Aber schlielich, was ist dabei?
Alles wohl bedacht, knnte es sein, da auch ich --. Der Junge der
Andreina, mag sie es mit der Treue auch niemals genau genommen haben, der
Junge wird mir jedes Jahr hnlicher . . . soweit ein Bauer mir hneln kann.
Damals warf ich die Andreina einfach in das Korn. Mit der Komdiantin mu
man es ebenso machen.

Er hielt an, sah angstvoll umher, wie nach einem passenden Platz, und
trocknete sich nochmals. Unter der Strae stiegen die lbume,
schwachsilbern, die Erdstufen hinab und setzten ber den Flu, der um ihre
dunkeln Wurzeln glnzende Schleifen wand. Die letzten dahinten und die
weien Gehfte zwischen ihnen schienen vom Meer besplt: so tief blaute
schon die heie Ebene. ber ihm blickte dem Advokaten die Stadt nach, aus
blinkenden Scheiben, Mauern, die zwischen zwei Zypressen ein wenig
klafften, und ganz schwarzen Torbogen. Wo dieser Tenor steckt! Denn sagen
wir nur die Wahrheit: in einem Winkel der Stadt wird er wohl die Nacht
verbracht haben. Zu denken, da er bei der Frau eines meiner Freunde ist,
-- der einen sehr guten Schlaf haben mu. Sollte es nicht der Polli sein,
mit seinem Schnarchen? Vergangenen Herbst hat er sogar beim Erdbeben weiter
geschnarcht! Vielleicht lt sichs ihm ansehen. Das mte man einem Manne
doch ansehen! Eh, eh, es hat sein gutes, als Junggeselle zu leben. In jedem
der Huser dort oben kann jetzt der Komdiant seine Dinge treiben: nur in
meinem treibt er sie sicher nicht . . . Und beim Camuzzi? Wie steht es beim
Camuzzi? Das aufgeblhte Gesicht des Advokaten fiel ein, da er an seinen
Feind, den Gemeindesekretr dachte.

Er verdient es wie kein zweiter, dieser Ignorant, dieser Unverschmte! Ah!
setze noch einmal dein hhnisches Lcheln auf, Freund, -- und aus deiner
Stirne sieht man es indessen keimen!

Der Advokat tat einen tiefen, glcklichen Atemzug.

Das ist wirklich ein sehr schner Morgen.

Aber leider, bemerkte er dann, scheint diese kleine Frau Camuzzi
zufrieden. Dem Severino Salvatori, der sie in seinem Korbwagen umherfahren
wollte, hat sie geantwortet: nicht einmal ber den Platz bis vor die
Domtr! Und doch sollte ihre Mutter dabei sein. Aber die Camuzzi ist
bescheiden und stolz, sieht niemand an, geht immer nur zur Kirche. Nicht
viel, und sie gehrt zu der Garde des Don Taddeo . . . Nein, mute der
Advokat erkennen, von ihr lt sich nur wenig hoffen.

Er richtete sich sogleich wieder auf.

Aber auch andere wren nicht zu verachten, und ich meinesteils htte
nichts dagegen, wenn die Frau des Doktors --. Ah! die da ist eine
Lasterhafte: das fhlt man. Denn erstens ist sie zu dick, um tugendhaft zu
sein. Und hat sichs erst gezeigt, da sie dem Komdianten Geflligkeiten
erweist: -- denn was ist der Komdiant und sind andere etwa weniger gut?
Wenn ichs recht bedenke, hatte ich in betreff ihrer schon lngst meine
Vorstze gefat. Ihr Gatte soll sehen, da der Zucker, den er bei mir
feststellen wollte, so etwas nicht verhindert. Zucker, wenn noch so wenig,
bei einem Mann wie mir! Und ich soll etwas dagegen tun! Der Doktor wird
sehen, was ich tue! Ah! Ah!

Er rieb die Hnde, schwenkte sich herum und lachte keuchend nach der Stadt
hinauf. Dann fiel er in Nachdenken: sie sah ganz anders aus. Noch gestern
htte man manches nicht fr mglich gehalten. Natrlich gab es in ihr die
Dinge, die es berall gibt. Abgesehen von dem Hause in der Via Tripoli:
auch die Wscherinnen auf dem Bckerberg kannte jeder; und der Advokat war
persnlich besonders gut unterrichtet ber die Witwe eines stdtischen
Zollbeamten, die vorgeblich Hte aufputzte. Ferner bestanden die Gerchte
bezglich der Mama Paradisi und des alten Mancafede; neuerdings und
halblaut auch die ber Frau Malandrini und den Baron Torroni, -- die der
Advokat seit heute frh fr unwahrscheinlich hielt. Jetzt aber handelte es
sich nicht mehr um die oder jene. Kaum eine blieb, nun der Komdiant
umging, noch unerreichbar; und das Prickelndste wre vielleicht dennoch
gewesen, wenn im selben Augenblick, wo der Baron Torroni seine Frau mit
jenem Mdchen hinterging, die Baronin es ihm mit dem Tenor vergolten htte!
Der Advokat ward erfinderisch, sein Geist schweifte aus und verwandelte die
Stadt in sein freies Jagdgebiet. Dem Komdianten folgte er selbst auf dem
Fue, in jedes Schlafzimmer. Vor dem der Baronin hatte er eine alte Scheu
zu berwinden; aber dann hpfte er, mit einem Schnippchen, auch ber diese
Schwelle.

                   *       *       *       *       *

Von seiner Phantasie verjngt, war er dahingeeilt, ohne zu merken, wie
seine Arme ruderten und wie es unter seiner Percke hervortroff. Auf
einmal, schon hinter dem ffentlichen Waschhause und auf halbem Weg nach
Villascura, sah er sich dem Komdianten gegenber: ihm selbst. Jener grte
und wollte langsam vorbei; aber der Advokat fuhr auf, nach Luft schnappend.

Das ist doch . . . da sind Sie: also, da sind Sie.

Da bin ich, zu Ihrer Verfgung, besttigte der Tenor.

Das heit, -- und das lederfarbene Gesicht des Advokaten ging in ein
zynisches Lcheln auseinander, wer wei, zu wessen Verfgung Sie hier
sind.

Was wollen Sie sagen? fragte der junge Mann. Unvermittelt ward er drohend
aussehend.

Nichts, o nichts. Sie gehen spazieren, wie ich bemerke, Herr Gennari. Sie
sind frh auf. Ich habe, mssen Sie wissen, die kleine Eitelkeit, jeden
Morgen der erste drauen zu sein: aber was tut es einem Manne Ihres Alters,
auch einmal um fnf das Bett zu verlassen, wo er eine glnzende Nacht
verbracht hat.

Meine Nacht, sagte der Tenor mit feindseliger Zurckhaltung, war sehr
wenig glnzend. Gestern abend empfand ich ein Bedrfnis spazieren zu gehen
und wich dabei von der Strae ab. Dann bedeckte sich, wie Sie wissen, der
Himmel, ich fand nicht mehr zurck und habe irgendwo dort unten in den
Weinfeldern mich schlafen gelegt. Sie sehen die Erde an meinen Kleidern.

Der Advokat wandte ihn um und musterte alles.

Das ist erstaunlich.

Darauf machte er eine gleichgltige Miene.

Sie haben also ausgeruht. Dann schlage ich Ihnen vor, mich zu begleiten.
Ich zeige Ihnen unsere Gegend, mein Herr. An Villascura werden Sie
vorbeigekommen sein, wie?

Ich wei nicht, mein Herr, was Sie meinen. Ich sagte Ihnen schon, ich war
dort unten.

Der Advokat sah ihn vorwurfsvoll an, zog schweigend einen Taschenspiegel
heraus und hob ihn vor das Gesicht des andern.

Was soll das? fragte der Tenor, aber er sah hinein, -- und er fand seine
Augen darin noch finsterer, als er sie gewollt htte, denn sie waren
umrndert und das Gesicht sehr bla. Aus seiner krnigen Marmorblsse war
die Wrme gewichen, und die schwarze Haarwelle ber der Stirn, die Barren
der Brauen, der dickrote Mund sprangen gewaltsam hervor aus dem grellen
Wei.

Ich sage nicht, erklrte der Advokat, da es Ihnen schlecht stehe,
bernchtig auszusehen. Der Schnheit von euch Jungen schlagen die
Strapazen eurer Nchte gut an. Wehe uns reifen Mnnern! Aber was ich
andeuten wollte: ein ruhiger Schlaf auf der weichen Erde des Weinackers, in
lauer Nachtluft, htte Sie schwerlich so zugerichtet.

Er streckte, bevor der andere aufbrausen konnte, beide Handflchen hin.

Mein Herr, Sie halten mich offenbar fr Ihren Feind. Ich bin nicht Ihr
Feind, mein Herr. Im Gegenteil, ich billige durchaus, da die jungen Leute,
noch dazu wenn sie Knstler sind, sich unterhalten. Was tut es brigens
mir, der ich Junggeselle bin. Meine verheirateten Freunde freilich werden
in ihrer Anerkennung nicht so weit gehen -- und der Advokat wagte wieder
ein Lcheln.

Also ich bin Ihr Freund, mein Herr, und wenn Sie mir -- als Gentleman
werden Sie es natrlich nicht tun -- verraten wrden, in welchem Hause
unserer Stadt Sie diese Nacht verbracht haben: Sie knnten sich verlassen
auf den Advokaten Belotti.

Die Miene des Tenors rstete pltzlich ab, er sah friedlich, sogar
unbeteiligt aus.

Ach so, machte er. In der Stadt glauben Sie --. Warum auch nicht?

Und er begann zu lachen, mit leichter, heller Glockenstimme. Der Advokat
rieb sich die Hnde.

Sehen Sie wohl? Wir fangen an, uns zu verstehen. Wie sollten brigens zwei
Mnner wie wir sich nicht verstehen, wenn es sich um die Frauen handelt.

Sie haben recht! und der Tenor lachte strker. Der Advokat stie ihm
seinen Zeigefinger vor den Magen.

Ah! Spavogel! Unsere Stadt gefllt Ihnen wohl? Sie ist klein, aber das
hindert uns keineswegs an eleganten und heiteren Sitten. Unsere Frauen:
nun, wir sind unter uns jungen Leuten, nicht wahr?

Freilich! Sprechen Sie!

Wenn ich drfte! Nur das eine: die, bei der Sie diese Nacht waren, bin ich
sicher, auch meinerseits zu kennen.

Ich bin davon berzeugt! rief der Tenor und lachte beinahe verzweifelt.

Der Advokat war ganz in Feuer, er schlug die Luft mit beiden Handrcken.

Sie wrden staunen, wollte ich Ihnen die volle Wahrheit sagen ber mich
und ber die jngeren Kinder unserer besten Familien.

Er war stehengeblieben und zeigte dem jungen Manne seine aufgerissenen
Augen, die nicht zuckten.

Sie sind bewundernswert, versetzte der Tenor mit Nachdruck, und sie
gingen weiter. Als der Advokat verschnauft hatte:

Da ich nicht vergesse, in Villascura Eier zu kaufen.

Was haben Sie mit Ihrer Villascura?

O! Sie werden schon wieder so dster, wie der Name der Villa. Er gefllt
Ihnen nicht? Ich bringe von dort, um den Stadtzoll zu sparen, meiner
Schwester zwei Dutzend Eier mit. Es ist eine Gewohnheit.

Aber diese Villascura ist nirgends zu sehen. Wie lange sollen wir denn
gehen?

Warten Sie, bis die Strae sich um den Berg wendet! -- und betrachten Sie
inzwischen diese schnen Maispflanzungen, die lhaine bis weit ins Tal
hinein: sie gehren zu der Villa, die Sie nicht leiden mgen, mein Herr.
Der Herr Nardini ist unser grter lproduzent: dreihundert Hektoliter
jhrlich. Obwohl er mein politischer Gegner ist, werde ich niemals leugnen,
da er seine Geschfte versteht und dadurch der Gegend ntzt. Was seine
Gesinnungen betrifft, so sind sie beklagenswert. Dieser verstockte Alte
gibt sich als Sttze der hiesigen Priesterpartei her. Dabei htte er, fnf
Jahre sinds, Minister werden knnen! Die Bedingung war einzig, da er seine
Enkelin mit dem Neffen des ehrenwerten Macelli verheiratete, eines groen
Tieres aus der Deputiertenkammer, -- und daran scheiterte der Plan, denn
der alte Nardini ist darauf versessen, die Alba ins Kloster zu sperren.
Warum erschrecken Sie denn?

Ich erschrecke nicht. Ein Stein hat mir weh getan; diese Schuhe taugen
nicht fr das Land.

Aber unsere Straen sind gut! Es sind Distriktstraen, -- und nicht lnger
als sieben Jahre ist es her, da die Regierung zu ihrer Erneuerung fast
hunderttausend Lire ausgegeben hat.

Der Advokat lie mit der groen Zahl seinen Mund losgehen, wie eine Kanone.

Dazu kommt, da die Vizinalwege, auf meinen Antrag und gegen den Rat des
Gemeindesekretrs, zu gleichen Teilen von der Stadtgemeinde und der Frau
Frstin Cipolla --

Gibt es denn ein Frauenkloster hier? fragte der Tenor.

Warum? Die Frau Frstin, deren Besitzungen in dieser Gegend ich zu
verwalten die Ehre habe, lebt in der groen Welt, in Rom, mein Herr, in
Paris . . . Aber natrlich, auch ein Frauenkloster haben wir, obwohl wir
besser etwas anderes dafr htten; und ich werde es Ihnen zeigen. Sie
denken wohl Ihre Knste an jenen heiligen Unterrcken zu erproben? Ah! er
schreckt vor nichts zurck. Aber das eine drfen Sie immerhin verraten: die
Dame der vergangenen Nacht wird dick gewesen sein, wie?

Wer wei.

Denn ich verstehe mich darauf: Sie sind ganz der Typus der Dicken, -- die
brigens am wenigsten Widerstand leisten, wie allgemein bekannt. Aber hier
stehen wir vor der Villa, die Ihnen unauffindbar schien. Und da Sie sich in
der Gesellschaft des Advokaten Belotti aufhalten, ist es Ihnen erlaubt,
mein Herr, die Pforte zurckzustoen und zwischen diesen langen Hecken den
Duft der Rosen zu atmen.

Der Advokat fate Fu und atmete geruschvoll.

Scheint es nicht ein Traum? Am Ende dieses Ganges von Rosen und Zypressen
das stille Haus, mit seinen zwei weit vorgreifenden Flgeln und dem
verschwiegenen Trakt in ihrer Mitte, tief dahinten in grnlicher Dmmerung,
unter der Bergwand! Wenden Sie nicht ein, solche Lage nach Norden sei
ungesund: ich wei es zu gut; -- aber wie poetisch ist dieser Schatten,
feucht duftend, durchrauscht vom Wasserfall, ber dem Sie dort oben unser
neues Elektrizittswerk erblicken, und erfllt mit Blumen. Ah! mein Herr:
Blumen, Musik und Frauen!

Pltzlich begann er durch die Hnde zu keuchen:

He, Niccolo! die Eier!

Indes der Bursche nher kam, wickelte der Advokat hinter sich ein langes
Netz hervor.

Da du mir frische gibst, Niccolo! Da du richtig zhlst: zwei Dutzend!

Er rief hinterher:

Die Frau Artemisia denkt noch immer an jenes fertige Kcken, das in einem
deiner Eier auf den Tisch kam.

Dann fate er den Tenor unter den Arm.

Kommen Sie doch, mein Freund! Warum so schchtern? In meiner Begleitung
sind Sie hier zu Hause.

Nello Gennari strengte sich an, sein Zittern zu unterdrcken. Er erschrak
vor den Farben der Rosen, die in der Nacht, als er hier gekniet hatte,
erloschen gewesen waren. Das Haus war, dort innen zwischen seinen beiden
Flgeln, so schwarz gewesen, wie die Luft, und in jenem Winkel hatte, starr
und weich, das fast erstickte Licht gezgert, zu dem er gebetet hatte.

Der Advokat fhrte ihn, seitwrts vom Hause, gegen die weie Balustrade
hinauf. Die Bsche an der Treppe spritzten Tropfen, da Nello sie streifte,
und droben lie der Geruch uralter, nie besonnter Zypressen ihn erschauern,
wie vor dem Grabe. Die schweren Bume erstiegen, eine Schar dsterer
Pilger, in Paaren den Berg, und aufgehalten durch Klfte, zerstreuten sie
sich, um, seltener und schwcher, die Kuppe zu erreichen. Ein fast
fensterloses Gemuer starrte vom Rande des Felsens, dessen graue
Ausbuchtung es verlngerte, senkrecht auf die Villa herab: wachend und
drohend.

Das Kloster, erklrte der Advokat. Die hier knnen es aus ihren Fenstern
sehen und sich mit den heiligen Unterrcken guten Tag sagen. Sie tun es
auch, sie gehren zur Familie, -- und jede Frau dieses Hauses zieht
schlielich in jenes hinauf.

Er fhrte den jungen Mann eine Strecke fort und raunte:

Schon die Frau des Alten ist dort oben gestorben. O, das sind Geschichten,
die niemand mehr verbrgen kann. Sie soll ihm entflohen sein, mit einem
Offizier; und als sie, krank und reuig, zurckkam, hat er sie da oben
einquartiert . . . Auch seine Tochter ist, als ihr Mann tot war,
hinaufgestiegen und hat droben schnell geendet. Warum sterben hier alle,
sind traurig und halten es mit den Priestern? Es wird am Schatten liegen;
denn kaum, da den Rand des Gartens zur Mittagsstunde ein wenig Sonne
berhrt; -- und man mag sagen, was man will, das Leben im ewigen Schatten
verdirbt das Blut und verschlechtert den Charakter. Wollen Sie ein
Beispiel? Gehen Sie nach Spello hinunter: es liegt in der Sonne. Alle
Mnner haben dort Tenorstimmen, alle Frauen sind dick und schn. Gegenber,
am Nordabhang, ist Lacise. Nun wohl, mein Herr: die Frauen von Lacise sind
gelb und schmutzig und die Mnner allesamt Ruber.

Jawohl, jawohl. Aber Sie sagten, da aus diesem Hause jede Frau dort oben
--

Jede kommt ins Kloster, -- und der Advokat schob mit gespreizter Hand
alle Hoffnung fort.

Aber heutzutage --

Nello mute hinunterschlucken.

-- ist man aufgeklrt, nicht wahr?

Da der Advokat nur die Luft ausstie:

Auch wird ein alter, alleingebliebener Mann sich nicht frher als ntig
von seiner Tochter trennen.

Ntig? Sie wissen also nicht, was solch ein Fanatiker ntiger hat: die
Liebe einer Tochter oder den Segen der Pfaffen? O! mein Herr, es ist nur
allzu gewi, da unserer Gegend ein groer Schade bevorsteht und eine
unserer reichsten Erbinnen in strflicher Weise der Welt, der brgerlichen
Gesellschaft, dem Familienleben und dem gemeinen Nutzen entzogen werden
wird!

Die Miene des Fremden hatte auf einmal etwas Dunkles und Hhnisches.

Gewi wartete schon mancher auf sie? Und in der Stadt werden Sie einen
Zirkel haben, wo Alba als junge Frau getanzt und Gedichte hergesagt htte?
Und den Armen htte sie Suppe gekocht? Htte auch Liebhaber gehabt?
Vielleicht Sie selbst, Herr Advokat?

Eh! wei man das jemals? keuchte Belotti und ri Schultern und Arme
zurck. Der junge Mann wendete sich umher. Aber auflachend:

Auch die Klster wollen leben; und dort oben wird sie wenigstens allein
und frei sein!

Ah! tausendmal lieber wollte er sie dort oben verschwunden, begraben
wissen, als lebend unter Gemeinen, auf gemeinen Pltzen, in gemeinen Armen!

Sie wird rein sein, dachte er, indes der Advokat ihn enttuscht
betrachtete, -- und wunder und bebender: Nie werde ich sie wiedersehen.
Aber auch kein anderer wird sie sehen.

Da sprang er zurck und griff nach dem Gelnder.

Was ist geschehen? fragte der Advokat erschreckt. Der Tenor hielt die
Hand aufs Herz gedrckt und antwortete nicht. Der Advokat folgte seinem
verstrten Blick, der in die offene Terrassentr ging.

He! Niccolo! da sind wir, rief er, und der Bursche kam hervor mit dem
gefllten Netz.

Ah, Sie sind schreckhaft, junger Mann, -- und Belotti klopfte Nello auf
die Schulter. Sie haben Nerven: wie alle Knstler. Man wei auch, wovon.

Er zwinkerte und klopfte. Nello entri ihm die Schulter. Er beugte sich
ber die Balustrade und schlo die Augen. Sie htte es sein knnen! Was
sollte geschehen, wenn er sie wiedersah! Schon diese Nacht, verlebt in
ihrem Bereich, unter Dingen, die ihre waren, hatte ihn entzckt und
erschpft.

Er stieg, unbeachtet von den beiden, die ber den Preis der Eier stritten,
in den Garten hinab. War nicht dies die Bank, auf der er geruht hatte und
wo gewi auch sie sich niedersetzte? Im Dunkeln hatte er auf dem Wege nach
einer Spur ihres Fues getastet, hatte seine Hand darin gekhlt und seine
Lippen darauf gedrckt. Wo war nun die Spur?

Habe ich sie mir denn vorgetuscht? Ach, ich schmeichelte mir auch, der
Nachtwind bringe mir den Duft ihres Zimmers: ihren Duft; und blo das Beet
hier war es, das ich roch. Ich bin ein Narr, bin lcherlich. Habe ich nicht
auf diesen Brunnenstufen zu sterben gedacht -- und von ihr gefunden zu
werden, wenn sie am Morgen die Frische des Quells aufsuchte? Jetzt ist es
schon hei, mich drstet, und ich fhle mich, noch unter ihren Fenstern, so
fern von ihr und allein.

Er sah in der Schale, woraus er trank, seine schmerzerfllten Augen, hrte
auf den begrnten Quadern, die Zypressenreihe entlang, seinen dumpfen
Schritten zu und fand die kleine Pforte wieder, die er schon bei tiefer
Nacht in den Angeln gehoben hatte, damit sie nicht knarrte. Auf der
Landstrae ging er rasch davon; und im Gehen breitete er die Arme aus, und
nun wieder, und schttelte dazu den Kopf.

                   *       *       *       *       *

Als der Advokat Belotti ihn einholte, sah Nello verwirrt umher: wo war er
doch?

Mein armer junger Freund, Sie mssen taub geworden sein; ich schreie und
schreie: Sie laufen immer rascher . . .

Da der Tenor sich nicht entschuldigte, tat Belotti es. Er habe warten
lassen; aber wenn man wte, wie genau seine Schwester es mit den Eiern
nehme; -- und er wog das Netz in der Hand.

Die schlechten mu ich bezahlen. Ah, die Frauen! Aber beachten Sie das
stdtische Waschhaus! Ich bin es, der seine Errichtung beantragte und,
wieder einmal dem Ignoranten Camuzzi zum Trotz, durchgesetzt hat. Es hat
mir Genugtuung bereitet, zum Wohl der Frauen arbeiten zu knnen, und sie
sind mir erkenntlich dafr, sie verbreiten meinen Ruf als Volksfreund.
Guten Tag, Fania, guten Tag, Nan!

Der Barbier Nonoggi kam ihnen entgegen. Er ging wippend und ganz auf die
linke Seite gelegt. Rechts trug er seine abgeschabte Ledertasche und
schwenkte sie bei jedem Schritt, indes der linke Arm steif blieb. Bis auf
den Boden zog er schon von weitem den Hut, grimassierte und krhte dazu.

Guten Morgen den Herren! Welch glnzender Tag. An solchem Tage stirbt man
nicht!

Wir denken nicht daran, Nonoggi, erwiderte der Advokat. Ihr geht wohl
zum Nardini? Grt ihn von mir: ich sei heute bereits in Geschften bei ihm
gewesen.

Sie sehen schlecht rasiert aus, sagte der Barbier zu Nello Gennari. Das
mifllt den Frauen, mein Herr. Wenn Sie sich mit dem Sitz auf jenem Stein
begngen wollen -- er ist im Schatten --, bediene ich Sie sogleich . . .
Sie wollen nicht? Sie haben unrecht. Wir sehen uns also ein andermal. Euer
Diener, ihr Herren!

Der Advokat rief ihn zurck. Er wartete, bis der Barbier nahe herangekommen
war, sah sich um und sagte halblaut:

Nonoggi, habt Ihr den Baron gesehen? . . . Ich auch schon. Nonoggi, es ist
etwas vorgefallen zwischen ihm und jener Fremden im Mond, der Komdiantin
. . .

Ah! Ah!

Der kleine Mann ri seine unsauberen Augen auf und zu. Er zuckte; die roten
Rinnsale in seiner Gesichtshaut fhrten blutige Tnze auf.

Nonoggi, fuhr der Advokat fort, wir mssen in dieser Sache sehr
vorsichtig sein: es ist eine so alte Familie. Ihr erfahrt es doch, daher
erbitte ich Euer Schweigen.

Der Barbier hatte schon lngst die Hand auf dem Herzen; er hpfte,
dienerte, machte den Mund rund und streckte den Arm mit der Tasche von
sich.

Wie es bedauerlich ist, sagte er, wenn selbst die Herren sich vergessen.
Andererseits sieht man es gern. Genug, wir werden schweigen. O! der Herr
Advokat kennt mich, wie ich ihn kenne.

Wir haben sonst nicht mehr und nicht weniger als einen Skandal, Nonoggi,
-- obwohl es eine verzeihliche Verirrung ist. Aber wir mssen mit Leuten
wie jener Priester rechnen.

Ob wir damit rechnen, Herr Advokat! Was wrde sonst aus uns selbst? Wrde
unsereiner der Schwche seines Fleisches immer widerstehen? Denn was
insbesondere die Perckenmacher angeht, so haben sie alle hliche Frauen.
Es ist sonderbar, es ist rtselhaft, aber es ist eine Tatsache.

Er spreizte die Hand aus.

Lachen Sie nicht, Herr Knstler! Denn ich sage die reine Wahrheit. Wenn
wir unsere Frauen heiraten, scheinen sie uns schn, und nachher sind sie
hlich. Sehen Sie sich die Familien aller Barbiere der Stadt an: die Frau
des Bonometti, des Druso, des Macola, oder meine eigene. Nein! die sehen
Sie lieber nicht an. Ich selbst sehe sie gar nicht mehr an, aus Furcht, sie
abzunutzen.

Er ri den Mund bis ans linke Ohr hinauf, schwenkte Hut und Tasche und lief
weiter.

Mitten im Gelchter gewahrte der Advokat das Stadttor, fate sich und
schlug einen seiner Rockflgel ber das Netz mit Eiern. Er beeilte sich
nicht sehr.

Es ist immerhin besser, die Form zu wahren. Aber man kennt mich, und
niemand wrde wagen --

Der Beamte des Stadtzolls legte zwei Finger an seinen Federhut; der Advokat
sagte gndig:

Guten Tag, Cigogna.

Und zu seinem Begleiter ein wenig von oben:

Sehen Sie?

Leise pfeifend zog er die Eier wieder hervor.

Aber in der Gasse wandten sich Leute nach ihnen um, und zwischen den
zusammengelehnten Fensterlden sah der Advokat mehrmals aus weien
Gesichtern begierige Augen auf seinen Gefhrten herablugen, der nicht den
Kopf hob. Da nahm der Advokat den Arm des schnen jungen Menschen, sprach
und lachte ber ihn gebeugt und ganz mit ihm verbrdert. Wie sie, am
Ausgang nach dem Platz, die halbrunden Rathausarkaden abschritten, trat auf
den Balkon des zweiten Stockwerkes sanft singend die junge Frau Camuzzi,
hinter einem groen Fell, das sie ausgebreitet hielt und schttelte. Sie
lie es sogleich sinken.

O! entschuldigen Sie, Herr Advokat. Ich hatte Sie nicht gesehen.

Machen Sie nur! Es ist mir eine Ehre, rief der Advokat zurck und sprang
umher, um dem fliegenden Schmutz zu entgehen. Frau Camuzzi blieb ber das
Fell gebeugt, das nun auf dem Gitter lag, war errtet und sah unverwandt
dem Begleiter des Advokaten in die Augen. Der Tenor zog den Hut. Sie dankte
langsam und sehr ernst. Der Advokat schnaubte nach dem Staube, durch den er
gekommen war. Bevor sie das Caf erreichten, blieb er nochmals stehen und
flsterte, Takt schlagend:

berlegen wir ein wenig: wre es nicht eine wahre Schande, wenn ein
Ignorant wie der Camuzzi eine solche Frau htte, ohne auf die Dauer von ihr
betrogen zu werden? Aber so sind nun die Frauen: gerade diese ist die
treueste von allen.

In diesem Augenblick erschien hager, in Wei wie gestern und mit noch
dickeren Scken unter den Augen als gestern, der alte Tenor Giordano im Tor
des Rathauses und hob langsam, damit der Brillant Zeit zu funkeln habe, die
Hand an den Hut.

Ah! Cavaliere.

Der Advokat strzte sich auf ihn. Er keuchte am Ohr des Alten:

Sie haben das Glck, Cavaliere, bei einer unserer hbschesten Frauen zu
wohnen. Von einem Manne wie Sie erwartet man, da er solch Glck nicht
ungentzt vorbeilt! Alle Augen sind auf Sie gerichtet!

Der Alte winkte leichthin, als seien so viele Worte nicht ntig, -- aber
der Advokat legte, zurckweichend, den Kopf in den Nacken.

Ist es mglich! Was ist das, was bedeutet das!

Wissen Sie das nicht? fragte der Cavaliere Giordano. Eine Bogenlampe.

Ich sehe es zu gut, sagte der Advokat dumpf, eine Bogenlampe. Aber eine
Bogenlampe, mein Herr, die ohne mein Wissen hier aufgestellt ist. Es mu
ber Nacht geschehen sein, und ich erkenne in diesem Streich die Hand des
Camuzzi. Er hat den Augenblick benutzt, wo ich mich der Kunst widmete. Ein
ffentlicher Mann, mein Herr, ein Staatsmann kann nicht wachsam genug
sein.

Aus der Gasse der Hhnerlucia kam, festen Schrittes und eine Hand in der
Hosentasche, der Bariton Gaddi. Untersetzt pflanzte er sich bei den andern
auf und sagte mit seiner ehernen Stimme:

Wir sind doch wohl die ersten? Nello natrlich infolge eines Abenteuers,
ich, weil mir meine Familie keine Ruhe lt, -- und im Alter des Cavaliere
schlft man nicht mehr lange.

Der alte Giordano zog eine Grimasse. Gaddi erhob sein massiges
Csarenprofil zu den Gebuden ringsum und erklrte die Stadt fr
interessant. Der Advokat Belotti beschwor die Herren, sich von ihm
umherfhren zu lassen: sie wrden es nicht bereuen, er sei Spezialist fr
die Geschichte der Stadt, und das Material zu einem ungeheuren Werke liege
seit zwanzig Jahren in seinem Schreibtisch.

Zuerst las er den drei Komdianten die lateinischen Inschriften vor, die
auf alten Marmorbrocken in der Fassade des Rathauses staken. Um eine hoch
angebrachte lesen zu knnen, muten sie einem Burschen, den der Advokat
herbeirief, auf die Schultern klettern. Auch von dem alten Giordano
verlangte Belotti es und machte eine erstaunte Pause, als der Greis sich
weigerte. Die Stadt hatte ltere Ursprnge als Rom! Jahrhundertelang hatte
ein Venustempel ihren Platz eingenommen.

Ihren ganzen Platz! Denn das unsere war eins der grten Heiligtmer der
Gttin, aus ganz Italien strmten ihre Verehrer herbei.

Die drei horchten auf. Der Bariton bemerkte:

Das mu ein glnzendes Geschft gewesen sein.

Ah! machte der Advokat entzckt und klagend, als habe er den Verfall der
Zeiten miterlebt. Das war etwas anderes als jetzt, wo die Stadt eine
kleine Einnahme --

Mit der Hand am Munde:

-- nur aus dem Hause in der Via Tripoli bezieht.

Die drei nickten stumm.

O, eine elende Kleinigkeit! Damals aber: stellen Sie sich, meine Herren,
in den Grten, die diese ganzen Hnge bedeckten, das Heer der Priesterinnen
vor!

Allen drei war anzusehen, da sie sich die Priesterinnen vorstellten. Nello
Gennari hatte erweiterte Augen und einen bitteren Mund.

Bis nach Villascura dehnten ihre Wohnungen sich aus. Ja, wir haben Beweise
dafr, da gerade in Villascura die Huser der vornehmsten von jenen Damen
standen.

Er kicherte heiser, der Cavaliere Giordano meckerte ein wenig, Gaddi lachte
ehern. Der junge Tenor bi sich auf die Lippe und sah zu Boden.

Nun sind Sie also darber unterrichtet, setzte der Advokat noch hinzu,
von welchen talentvollen Mttern unsere Frauen abstammen.

Darauf fhrte er seine angeregten Zuhrer in den Hof des Rathauses, zu der
Madonna des Valvassore.

Unser groer Cinquecentist hat sie seiner Heimatstadt geschenkt. Beachten
Sie die Feinheit des Kolorits!

Aber so viele Wachskerzchen der Advokat entzndete, die Fremden sahen
hinter dem Drahtgitter nur etwas Schwarzes, Brchiges. Bevor ihre Stimmung
sinken konnte, drang er darauf, ihnen den hlzernen Eimer zu zeigen, den
die Brger der Stadt vor dreihundert Jahren denen von Adorna geraubt
hatten. Ein mchtiger Krieg war deswegen zwischen den beiden Stdten
entbrannt. Beide hatten Blut und Wohlstand an diesen Eimer gesetzt. Die
Gtter, hie es, hatten, unter die Heere der beiden Stdte verteilt, um ihn
mitgekmpft.

Und wir, denen Pallas Athene half, haben ihn behalten, und er hngt in
unserem Glockenturm, schlo der Advokat. Sie werden sehen, Sie werden
sehen!

Er hastete ihnen voran ber den Platz. Am Pfahl der Bogenlampe stie er
sich heftig und sah voll Zorn hinauf.

Sie steht an einer falschen Stelle. Ich wrde sie nicht dorthin gestellt
haben!

Als sie drben waren, zgerte er, wandte sich halb um und wisperte:

Im Winkel neben dem Turm das schwarze Haus: sehen Sie nicht hin, ich
beschwre Sie, wir werden beobachtet.

Er zog sie um die Ecke des Turms und sagte jedem einzeln ins Ohr:

Dort hinten ist eine unserer grten Merkwrdigkeiten, das Geheimnis der
Stadt, etwas Unerklrliches: ein Wunder, wrden die Fanatiker sagen.

Und er berichtete von Evangelina Mancafede, die seit neun Jahren nicht
ausgegangen war, aber alles in der Stadt sah und wute.

Erstaunlich, sagte der Bariton.

Schlimm genug, sagte Nello hinter geschlossenen Zhnen.

Noch mehr als das, setzte der Advokat hinzu, sie hat vorhergewut,
Cavaliere, da Sie kommen wrden!

Der alte Snger machte ein bedenkliches Gesicht. Solche Dinge konnten
Unglck bringen.

Mir ist prophezeit worden, ich werde in einer Stadt von weniger als
hunderttausend Einwohnern sterben, umgeben von Geheimnis. Also mu ich
vorsichtig sein.

Sie sehen aus, als knnten Sie gar nicht sterben, sagte Gaddi, mit einem
Blick auf die geschminkten Wangen des Alten.

Der Ruhm macht unsterblich, rief der Advokat und stie die Turmtr
zurck. Sie erstiegen, einer hinter dem anderen, eine schlpfrige Treppe.
Vor einer Tr mit eisernem Beschlag hielt der Advokat inne, streckte einen
Arm ber die Nachkommenden aus und prgte ihnen die Feierlichkeit der
Stunde ein.

In der Geschichte des Eimers finden Sie, meine Herren, die Sie dem Ruhm
dienen, ein groes Vorbild. Um diesen Eimer starben viele Brave. Was ist
ein Leben? Der Eimer dauert! Der Ruhm stirbt nicht!

Gut! gut! sagten alle drei. Der alte Giordano hatte feuchte Augen.

Aber der Schlssel fehlt uns noch, bemerkte der Advokat, und er rief in
den Turm hinauf:

He! Ermenegilda!

Es hallte leer. Der Advokat erstieg noch drei Stufen, und auf jeder schrie
er. Endlich beugte droben sich ein altes, finsteres Gesicht herber.

Was wollt Ihr? Der Schlssel ist nicht da. Fr den Eimer gibt es keine
Erlaubnis mehr.

Was denn? Bist du verrckt geworden, Ermenegilda? Kennst du mich nicht
mehr? Ich bin der Advokat Belotti.

Das wei ich. Aber den Schlssel hat Don Taddeo.

Was sagst du? Don Taddeo hat --. Aber das ist ein offenbarer bergriff!
Das ist erklrter Raub! Meine Herren, Sie sind Zeugen einer Gewalttat. Sie
werden dabei sein, wenn ich dem Munizipium das Vorgefallene berichte. Ah!
kaum, da ich es fasse.

Der Advokat hatte die Hnde ber dem Kopf. Er strzte -- und fast warf er
die drei Komdianten die Treppe hinab -- mit fliegenden Schen zum Turm
hinaus, zwischen den unbewegten Lwen ber die Stufen zum Dom und hinein.
Die andern liefen ihm nach.

Herr Advokat, rief der Bariton, bemhen Sie sich doch nicht! Wir erheben
keinen --

Der Advokat war schon in der Sakristei verschwunden, er kam schon wieder
heraus.

Glauben Sie, da dieser Priester sich blicken lt? Er frchtet sich und
tut wohl daran. Wir wollen sehen, wer der Strkere ist! So werden die Dinge
nicht verlaufen. Dort innen --

Er wies auf die Sakristei.

-- ist also nicht nur ein Herd von Lgen und Rnken, sondern auch eine
wahre Ruberhhle.

Schlielich haben auch Sie den Eimer einmal geraubt, wendete der Bariton
ein. Der alte Tenor vermutete:

Es wird ein Irrtum sein.

Liegt denn berhaupt so viel daran? fragte Nello Gennari.

Und da der Advokat die Arme hob:

Vielleicht hat brigens der Priester recht. Der Eimer befindet sich in
seinem Turm . . .

O! hat man je solchen Sophismus gehrt. Der Eimer, das Wahrzeichen der
Stadt! Von uns erobert! -- und ein Priester sollte wagen drfen --. Aber
ich werde ihn zu finden wissen: in der Schule ist er. Freunde, auf, zur
Schule! Er soll eine Niederlage erleben, die er nie vergessen wird.

                   *       *       *       *       *

Sie hielten ihn mit Mhe. Jungen sammelten sich um sie. Am Platz und in den
Eingngen der Gassen hrte Hmmern und Singen auf, und Leute traten auf die
Schwellen. Der Apotheker Acquistapace zeigte sich. Er meinte, Don Taddeo
wolle sich rchen, weil -- und er wies auf die drei Snger -- in der Stadt
jetzt die Kunst blhe.

Mir gilt es, der ich sie hergerufen habe, behauptete der Advokat. Dennoch
lie er sich bewegen, vor Beginn des Kampfes beim Gevatter Achille den
Vermouth zu nehmen. Auch Polli und Camuzzi erschienen. Der Barbier Nonoggi,
der sie aus seinem Laden hinausbegleitete, zog sich zurck, sobald er den
Advokaten gewahrte, und gleichzeitig kam der Leutnant der Carabinieri
vorber. Der Advokat forderte den Soldaten auf, sofort auf dem Gewaltwege
die Stadt in den Besitz des Schlssels zu bringen. Der Gemeindesekretr
hielt dies Verfahren fr ungesetzlich.

Also gehen Sie zu den Priestern ber! Ich wute wohl, Camuzzi, da Sie den
Fortschritt nicht lieben. Auch die Bogenlampe, an der sich jeder stt,
haben Sie, um mich zu verhhnen, ber Nacht an einen falschen Fleck setzen
lassen. Aber nie htte ich gedacht, Sie wrden so tief sinken.

Der Sekretr erklrte sich fr ganz unbefangen. Hier liege eine
Kompetenzfrage vor, denn wenn der Eimer der Stadt gehre, sei der Turm, in
dem er hnge, doch Eigentum der Kirche.

Sagte ich es nicht? bemerkte Nello Gennari. Der Streit dieser Leute, die
Wichtigkeit, die sie ihren Angelegenheiten beilegten, erbitterten ihn
eigentmlich. Es schien ihm, um sich und sein Gefhl drfe er eine weite,
ehrfurchtsvolle Stille verlangen. Mochten sie sich gegenseitig totschlagen!

Der Priester hat recht! rief er mit bser, heller Stimme. berhaupt
mssen wir Religion haben.

Der Advokat beachtete ihn nicht. Er sah auf einmal siegesgewi aus.

Wollt ihr Logik? Ihr sollt sie haben. Ah! ihr sollt sie haben.

Mit dem Finger an der Nase:

Der Eimer hngt im Turm: gut, aber er hngt. Den Boden berhrt er nicht,
und das Seil, das ihn mit der Decke verbindet, ist stdtisch: ich wei es,
denn ich selbst habe es beim Seiler Fierabelli gekauft, weil mir das alte
nicht mehr sicher genug schien. Nun wohl! Weder oben, noch unten, noch
ringsherum stt der Eimer auf kirchliches Gebiet, und wer wollte
behaupten, die Luft, in der er hngt, gehre der Kirche?

Das bleibt unentschieden, sagte Camuzzi, und Nello untersttzte ihn.

Sie werden mich nicht beirren. Die Luft ist frei. Aus der Luft ber Ihrem
Weingarten darf ich so viele Vgel schieen, als ich will, vorausgesetzt,
da ich Ihren Acker nicht zerstampfe.

Der Advokat fhrte seinen Vermouth an den Mund und betrachtete dabei,
genuschtig blinzelnd, die geschlagene Miene seines Gegners. Sein Sieg
hatte ihn beruhigt.

Setzt die Fe auf die Leisten eurer Sthle, ihr Herren! sagte er jovial.
So entgeht ihr unseren Flhen. Ah! an solch einem schnen Morgen hat man
einen guten Kopf, und es ist eine wahre Lust, sich unter Mnnern ber dies
und das zu unterhalten. Die Weiber taugen dafr nicht.

Indessen verbeugten sich alle vor Mama Paradisi, die eins ihrer Fenster
ganz ausfllte mit ihrem Wogen. Am nchsten stieen sich ihre beiden
schnen Tchter.

Sie sind schon angezogen, sagte der Apotheker, ob das nicht Ihnen gilt,
Herr Gennari? Ohne die andern Herren beleidigen zu wollen: aber auf mich
selbst beziehe ich es nicht.

Der Tenor sah weg.

Sie sind verwhnt, junger Mann, und der alte Krieger legte ihm seine
breite Hand auf. Nello brach aus:

Sollte man den Weibern nicht verbieten, ber Tag die Lden zu ffnen? Da
liegen sie rings um den Platz und wrden am liebsten gleich die Arme
ffnen. Eine Frau ohne Zurckhaltung stt mich ab: ich bin so.

Aber Nello! sagte der Bariton. Bisher konnte es dir nicht rasch genug
gehen. Noch gestern, gleich in der ersten halben Stunde, warst du auf eine
aus, die in den Dom ging.

Wer ging in den Dom? Schweige doch! Vielleicht bist du dafr bezahlt, mir
eine anzubieten?

Ich kenne dich nicht wieder, Nello! Dieser Rasende, ihr Herren, war sonst
ein Cherubim, die Freude der Frauen, aller Frauen in den Stdten, wo wir
sangen. Noch keiner hat er etwas abgeschlagen. Und jetzt, was ist ihm
begegnet?

Der alte Giordano verging sich in Handkssen nach allen Seiten.

Man behlt keine Zeit zu sprechen, sagte er. Es sind zu viele.

Warum bleiben an jenen Husern die Fensterlden geschlossen? fragte er
zwischendurch. Da man ihn ansah, gestand der Apotheker:

Das hier ist meins. Aber auch die Frau des Perckenmachers Nonoggi
handelt, wie Sie sehen, Cavaliere, indem sie ihre Lden schliet, im Sinne
des Don Taddeo, der die Kunst verbieten mchte. O! nicht meine Frau allein:
eine ganze Partei hlt zu ihm. Sie werden sehen.

Wir nehmen den Kampf auf! verhie der Advokat. Den Schlssel wird er
herausgeben: und sollte ich fr die Stadt Prozesse fhren, die mich mein
Leben lang auf den Beinen halten, er wird den Schlssel herausgeben. Ich
selbst, der Advokat Belotti, werde eure smtlichen Choristinnen in den Turm
fhren, werde ihnen den Eimer zeigen, und nicht einmal der heilige Agapitus
selbst soll mich hindern!

Sprechen Sie darber mit Ihrem Bruder! riet Camuzzi. Er hat einen
gesunden Kopf, und dort kommt er; es ist zehn Uhr.

Der Pchter ritt auf seinem trippelnden Eselchen zwischen zwei groen
Krben die Rathausgasse herauf. Beim Rathaus nahm er zuerst den blauen
Klemmer, dann den glockenfrmigen Strohhut ab und schwenkte beide. Vor dem
Caf stieg er ab.

Guten Tag, die Gesellschaft, sagte er.

Der Advokat behauptet . . . begann Camuzzi.

Ich behaupte nichts, sagte der Advokat rasch.

Der Pchter betrachtete ihn mitleidig.

Ah! der Advokat. Was will er schon wieder. Pappappapp . . .

Er ahmte in einer gehssigen Tonart die Sprechweise seines bedeutenden
Bruders nach. Der Advokat lehnte sich vornehm zurck.

Das sind Dinge, die ein Mann wie du nicht beurteilen kann.

Nun gut, man schweigt, erwiderte Galileo. Aber wer sind denn die da? --
und er rckte den Finger von einem der drei Fremden auf den andern. Bei der
Vorstellung scharrte er umstndlich mit den Fen, sthnte zwischen den
Komplimenten und erleichterte sich, als er wieder auf dem Stuhl sa, durch
gewaltiges Ausspeien. Er hielt die kurzen fetten Schenkel weit auseinander
und lie die kleinen goldbraunen Fuste dazwischen herabhngen. Unter
seinen weien Brauen blinzelte er alle verchtlich prfend an, verzog stumm
den Mund zu dem, was sie sagten, und verlangte schlielich, herauspolternd,
als sei seine Geduld erschpft, sein Nachbar solle, da er schon ein
Knstler sei, Zauberknste zum besten geben oder einen Witz. Der alte Tenor
stand auf und verwahrte sich. Er sei seit fnfzig Jahren Knstler, aber
eine solche Zumutung --. Sein ganzes Gesicht, jede Runzel darin, zitterte,
als sollte er in Trnen ausbrechen, und er hatte beim Bewegen seiner
faltigen Hnde den Brillanten sichtlich ganz vergessen.

Was will denn der? fragte Galileo. Was fr ein Dummkopf! Pappappapp!

Er machte dieselbe alberne Stimme, mit der er den Advokaten nachgeahmt
hatte. Der Cavaliere Giordano traf Anstalten, sich zu entfernen. Der
Advokat wendete ihn, mit zrtlichem Respekt, immer wieder zurck.

Tun Sie uns das nicht an, Cavaliere! In keiner Stadt ist Ihr Ruhm grer
als in unserer. Miverstehen Sie meinen Bruder nicht, auch er verehrt Sie.
Galileo, unsere Schwester hat nach dir gefragt, eine Ziege ist krank.

Warum hast dus nicht gleich gesagt? Aber die Advokaten verstehen nichts.

Er wischte sich den Mund mit der Hand, nahm das Eselchen, das mit der
Schnauze an seinem Nacken stand, und fhrte es in die Treppengasse. Der
Advokat fuhr mit Beschwrungen fort.

Cavaliere, ein Mann wie Sie ist ber solche Miseren erhaben. Ein Bauer hat
Sie nicht mit der schuldigen Achtung behandelt: was weiter? Denn mein
Bruder ist nur ein Bauer. Um sieben legt er sich schlafen, um ein Uhr
nachts reitet er aufs Feld, und um zehn, wenn die Hitze beginnt, kehrt er
heim. In der Zwischenzeit spielt er Mora mit seinesgleichen. Unter dem
Papst ging er zur Messe, jetzt freilich nicht mehr. Sein Geist ist trotzdem
wenig kultiviert, und er lt sich den Ausfall der Ernte von der
Hhnerlucia, einer verrckten Alten, vorhersagen. Aber --

Er lie den Snger los.

-- schweigen wir von diesen Kleinigkeiten. Der Augenblick, Cavaliere, ist
ernst. Ihr Herren, ich sehe auf dem Corso den Priester erscheinen.

Er setzte sich, schwach, wie es schien, vor Erregung. Auch der alte
Giordano nahm seinen Stuhl wieder ein. Das Erlittene berwltigte ihn
nachtrglich auf einmal ganz. Er sank zusammen und murmelte:

Seit fnfzig Jahren Knstler . . .

Er hat bei sich die Baronin Torroni, sagte Polli.

Zu seiner Bedeckung, setzte der Apotheker hinzu.

Was tut das, -- und der Advokat sprang auf. Ich werde der Baronin
einfach erklren, da ich mit diesem Priester -- Er verabschiedet sich,
sie betritt ihr Haus.

Der alte Tenor fuhr jh auf:

Ich, den seine Exzellenz Cavour zum Ritter der Krone von Italien gemacht
hat!

Sie hrten ihn nicht. Der Advokat stand sprungbereit. Wie er ihn erblickte,
verlie der Priester, zusammenzuckend, seine Linie. Der Advokat scho los
und schnitt ihm den Weg ab.

Gefangen, bemerkte der Apotheker.

Und ich habe ein Haus in Florenz!

Dabei setzte der Cavaliere Giordano wtend sein Glas hin. Was kmmern mich
alle diese Armseligkeiten? Mein Haus ist voll der Erinnerungen an eine
ruhmreiche Laufbahn, der Geschenke von Frsten und Damen . . .

Don Taddeo, Ihr Diener, hrte man den Advokaten sagen. Er hob den Hut und
schlug sogar mit dem Fu aus. Der Priester grte ebenso hflich und sah
ihn aus seinen roten Augen brennend an.

Ein Wort, Don Taddeo, wenn es Ihnen nicht unangenehm ist! Ein unliebsamer
Irrtum Ihrerseits . . .

Es ist kein Irrtum, mein Herr . . . und es war zu merken, da der
Priester kaum sprechen konnte. Der Schlssel: denn von ihm wollen Sie
gewi reden . . .

Freilich. Um Sie im Vertrauen auf Ihre Loyalitt --

Zweifellos. Aber es handelt sich einfach darum, mein Herr, da der
Schlssel von Rost zerfressen und kaum noch brauchbar war. Ich habe ihn dem
Schlosser Fantapi gegeben und einen neuen bei ihm bestellt.

Ah!

Der Advokat brachte einen Laut hervor, der nicht heiser klang. Wie leicht
mute es ihm sein! Polli, Acquistapace und der Leutnant wiederholten: Ah!
-- und auch der Bariton Gaddi machte: Ah! Nello Gennari achtete nur auf
den Cavaliere Giordano. Der berhmte Snger war nach seinem verpufften
Ausbruch ganz in sich zusammengefallen und sah alt aus: endlich unverhohlen
alt, mit herabhngendem Kiefer, Augen, die greisenhaft stierten, und
hilflosen Hnden. Sein junger Gefhrte dachte, und senkte finstere Blicke
in die arme Gestalt:

Ja, was tut er hier? Ein reicher, geehrter alter Mann -- und lt sich
herbei, in einem schmutzigen Nest die Rpel lustig zu machen! Aber er hat
keine Stimme mehr; in den groen Stdten wollen sie ihn nicht mehr; und da
man, scheint es, in unserem Leben das Hndeklatschen nie entbehren lernt,
mssen es nun die Fuste der Bauern besorgen, -- wie man vielleicht die
Mgde noch blenden kann, wenn einen die Herrinnen nicht mehr ansehen
. . . So geht es zu bei uns. Wir treiben es weiter, wie auch ich es so
lange trieb: immer kindisch weiter, armselig berauscht, ohne Anker, ohne
den Mut, zu landen; -- und eines Tages vor dem Caf einer Landstadt, wo
einem die Flhe ber die Fe springen, bemerkt man, wie weit man kam
. . . Ich aber: o! niemals wird es mit mir dorthin kommen. Ich bin jung,
und mein ganzes Leben soll Alba gehren. Ich werde sie von meiner Anbetung
berzeugen, werde etwas tun, eine Handlung ein Wagnis, das sie mir gewinnt
. . . Gefunden: aus dem Kloster; ich befreie sie aus dem Kloster! Wie
sollte sie mich nicht lieben! Wir fliehen. Dann werfen wir uns dem
Grovater zu Fen . . . Ich bin vielleicht tricht und romantisch? Aber
nichts, wenn ich sie denn nie besitzen soll, nichts doch hindert mich, zu
ihren Fen zu leben: als Bauer, ihr unbekannt, unter den Mauern ihrer
Zelle. Oder ob es hier ein Mnnerkloster gibt? An den Festtagen in der
Kirche knnten wir uns sehen: in weien Tchern ihr schner Kopf und ich
unter der Kutte -- knnten einander in die Augen sehen und singen . . .

Junger Mann, Sie trumen, sagte jemand, und der Cavaliere Giordano, der
sich erholt hatte, betrachtete Nello mit hoch berlegenem Lcheln.

Der Advokat und Don Taddeo waren jetzt dabei, sich voneinander zu
verabschieden. Ein Halbkreis von Zuschauern folgte ihren Bewegungen.

Ich kann also auf Ihr Wort rechnen, -- und der Advokat trat dienernd
einen Schritt zurck.

Aber wie denn. Zu Ihren Diensten, erwiderte der Priester, vorgeneigt und
mit der Kappe in der Hand.

Es ist immer gut, sich zu verstndigen, sagte der Advokat beim nchsten
Schritt. Und Don Taddeo:

Wir sollen niemand hassen.

So denke auch ich, Reverendo. Ihr Diener.

Dabei schlug der Advokat ein letztes Mal aus.

Mit feuchter Stirn und Augen, die noch gar nichts sahen, kehrte er zurck.
Unter den Zuschauern sagte der Barbier Bonometti:

Er hat es ihm gegeben, der Advokat.

Die Frau des Kirchendieners Pipistrelli stie den Krckstock aufs Pflaster.

Ihm hat es Don Taddeo gegeben, ihm!

Die Jungen pfiffen auf den Fingern hinter dem Priester her. Als er sich
umdrehte, spielten sie unschuldig am Boden.

Dort drckt er sich, der Feigling, sagte der Apotheker nicht sehr leise.
Auf den Schlosser redet er sich hinaus.

Wenn man sie anpacken will --, sagte Polli. Das kennt man.

Indessen, Advokat, sagte Camuzzi, Sie waren hflich mit jenem Herrn, er
kann sich nicht beklagen.

Hflich, ich? Ich habe ihm vollauf Bescheid gesagt. Freilich verhandelt
man in gesitteter Form . . .

Du httest ihn nicht Reverendo betiteln sollen, sagte der Tabakhndler,
wenn er dich nicht wenigstens Exzellenz nannte.

Aber was habt ihr? Er seinerseits hat meine Ironie sehr wohl gefhlt,
dessen bin ich sicher. Er wei zu dieser Stunde, da ich ihn fr einen
Schurken halte. Meint ihr, er wrde so vor mir gekrochen sein, htte er
kein bses Gewissen gehabt? Er hat Angst geschwitzt! Am liebsten wre er,
sobald er mich sah, davongelaufen!

Das ist wahr, sagte der Bariton, und die andern gaben es zu.

Der Sieg ist beim Advokaten, stellte der Leutnant fest. Der Apotheker
Acquistapace schlug auf den Tisch.

Bravo Advokat! An dem Tage, wo er den Schlssel herausgibt, zahle ich zwei
Flaschen A --

Asti, sagte er zu Ende und hatte schon ganz leise die Hand vom Tisch
gezogen. Aus der Apotheke war, ihr schwarzes Tuch ber Scheitel und
Schultern, seine Frau getreten; ihr Blick lie sich so schwer auf den alten
Krieger nieder, da er darunter kleiner ward; und sie ging auf Don Taddeo
zu. Der Priester stand noch beim Brunnen mit der Frau des Perckenmachers
Nonoggi, die klagend die Arme erhob. Und whrend Frau Acquistapace ihm
beide Hnde drckte, erschien auf dem Platz Frau Camuzzi. Drei Schritte vom
Tisch der Herren kam sie vorber, ohne die Lider zu heben, und gesellte
sich zu den anderen.

Ah, die Frauen, seufzte der Advokat, schmerzlich getroffen durch die
Mibilligung der hbschen Frau Camuzzi. Ihr Mann sagte:

Auch die Baronin Torroni wird sogleich zu der Partei des Priesters
stoen.

Der Advokat und seine Freunde sahen sich mit niedergeschlagenen Mienen nach
dem Palazzo Torroni um. Statt der Baronin zeigte sich dort hinten an der
Ecke zum Gasthaus Italia Molesin, die Komdiantin.

Wie sie um ihn her schnattern und Flgel schlagen, die Gnse! sagte der
Tabakhndler Polli, voll Mut durch die Abwesenheit seiner Frau. Warum sie
ihm nicht die Fettflecken von der Soutane schlecken!

Der Gemeindesekretr grub weiter in der Wunde.

Sie mssen nicht glauben, Advokat, da Sie mit Don Taddeo und den Seinen
leicht fertig werden. Er weicht Ihnen aus: um so schlimmer. Er versteckt
sich hinter dem Schlosser Fantapi, der alle Arbeiten fr die Kirche und
das Kloster macht und den Schlssel keinen Augenblick frher beendet haben
wird, als es dem Priester recht ist . . .

Ein Schwarm Schulkinder brach aus dem Corso hervor, wickelte Italia ein,
schnellte ber sie hinaus und lrmte so sehr, da nichts mehr zu verstehen
war. Die Tauben flchteten vom Pflaster in die Luft, zu den Vorsprngen am
Dom. Einige kehrten zurck und lieen sich auf den Rand der Brunnenschale
nieder. Italia kam nher; das Tuch war ihr von den Schultern geglitten,
Hften und Augen drehte sie hin und her und kaute dabei. Wie sie die Tauben
sah, machte sie sich heran und hielt ihnen, zrtlich kreischend, die
Handflche mit Brot hin. Zugleich hob sie den Kopf nach Beifall. Statt
dessen sagte Frau Acquistapace:

Ist es erlaubt, Reverendo, da eine verlorene Frau die Kirchentauben
fttert?

Indes Don Taddeo seufzte, fgte die Nonoggi hinzu:

Ich werde meinen Besen holen. In der ersten Nacht, wenn man denkt! Und mit
einem Edelmann!

Frau Camuzzi hielt immerfort die Lider gesenkt. Unversehens drckte sie
ihren Spitzenschal gegen den Hals und spie aus, -- was ihr gut stand. An
ihrem schwarzen Kleid vorbei sah man es silbern niederfallen. Italia
richtete sich fragend auf. Vor dem Caf sagte niemand ein Wort. Endlich
versuchte der Advokat:

Diese Damen scheinen etwas zu wissen. Sollte denn Nonoggi --

                   *       *       *       *       *

Ohne ihn anzusehen, erwiderte der Apotheker:

Auch ohne Nonoggi kommt schlielich alles heraus.

Das ist abscheulich, rief der Advokat. Ich wasche meine Hnde in
Unschuld, -- obwohl ich, wie ich hinzusetzen mu, der erste gewesen bin,
der die Sache erfahren hat.

Aber da Jole Capitani, die Frau des Doktors, denn inzwischen war sie
angelangt, sich mit ihrer trgen Stimme bei dem Priester erkundigte, ob man
die Komdiantin nicht einsperren knnte, damit sie niemanden mehr verfhre,
emprte sich der Advokat.

Die nun nicht! Ah! die nicht. Eine Frau, die so dick ist, sollte nicht von
andern Bses reden!

Italia war da, hatte Trnen in den Augen und fragte:

Was haben diese Damen?

Das Schweigen der andern machte den Advokaten noch betretener.

Nichts, brachte er hervor. Wir sind in einer kleinen Stadt, was wollen
Sie; man sieht hier nicht gern, da eine Frau lange schlft.

Aber das Frulein hat sich den Schlaf verdient, meinte Polli bieder.

Das glaube ich! Die Reise mit der Post, und in Sogliaco jeden Abend
gespielt . . .

Und vielleicht auch die Liebe? schlug der Leutnant vor und rckte sich
zurecht.

Die Leidenschaft! rief der Advokat eiferschtig. Denn die Knstlerinnen
lieben mit Leidenschaft, und das reibt sie auf. Ich kenne es.

Wie wahr! -- und Italia dankte ihm, indem sie ihn mit den Augen kitzelte.
Der Advokat schnaufte.

Diese hier, erklrte der Bariton Gaddi, ist nicht leicht aufzureiben,
sie it zu viele Makkaroni.

Man sollte sich ber die Frauen niemals lustig machen, erwiderte der alte
Giordano s. Sie sind eine zu ernste Angelegenheit.

Danke, Cavaliere, -- und sie kitzelte auch ihn. Ich liebe den galanten
Mann.

Man wei, man wei! -- mit einem Schlage zwischen die Glser; und der
Tabakhndler sah sich, krebsrot, nach dem Apotheker um. Der Baron!
wisperten sie erstickt und platzten gleichzeitig aus.

Was haben diese Herren? fragte Italia. Um sie fr sich zu gewinnen,
kitzelte sie beide mit den Augen und zur Sicherheit auch noch den Leutnant.

Der Advokat drohte ihr mit dem Finger; sie lachte; und inzwischen kam Frau
Camuzzi, vom Dom her, mit tief gesenkten Lidern vorber. Italia sah ihr
voll Spannung und Unterordnung nach.

Ist das die Dame, die ausspie? flsterte sie. Und warum spie sie vor mir
aus?

Auch ich bin beleidigt, sagte der alte Giordano dumpf und grbelte,
wieder ganz in Falten, vor sich hin.

Nello Gennari fuhr zusammen, als erwachte er, und starrte irgendeinen an.

Hier ist jemand, der alles wei. Alles, versteht ihr? Ist das nicht
schrecklich?

Ich hatte es vergessen, sagte der alte Giordano schaurig. Mein
Gedchtnis! Aber jetzt erkenne ich, woher hier das Unglck kommt. Dort im
Winkel hinter dem Turm --

Er zwang Italia, in seine aufgerissenen Augen zu sehen, und wies mit dem
Daumen rckwrts. Der Advokat machte leise Sst. Polli raunte:

Man sieht nicht hin.

Das ist doch schrecklich, immer solche Augen einer Unsichtbaren auf sich
zu haben, wiederholte Nello Gennari, den Blick gesenkt. Der Bariton nahm
seine Uhrkette in die Hand.

Ich sage nicht, da es eine groe Annehmlichkeit ist.

Was gibts? O was habt ihr? -- und Italia hatte den Handrcken am Munde.

Du hast Hornbreloques, Gaddi? fragte der alte Tenor. Man sollte sie nie
ablegen.

Rasch und ohne sich umzuwenden, spreizte er zwei Finger gegen das Haus
Mancafede.

Was gibts, mein Gott? flehte Italia. Ich will fort.

Was denn, machte der Advokat. Wir leben doch alle hier, und es tut uns
nichts. Es ist ein Mdchen, das seit neun Jahren, ohne krank zu sein, das
Haus nicht verlt und dennoch alles wei, was geschehen ist, und zuweilen
auch, was noch nicht geschehen ist . . .

Man mu zugeben, -- und der Gemeindesekretr lchelte spttisch, da es
ein wenig unheimlich sein mag, wenn man es noch nicht gewohnt ist.

Ich will fort.

Italia stie ihren Stuhl zurck. Der Advokat packte sie an und drckte sie
auf den Sitz.

Sie, eine Knstlerin, wollten fliehen vor einer einfachen Erscheinung der
menschlichen Natur?

Nun, einfach -- meinte der Sekretr. Italia sah, umklammert vom
Advokaten, nach Hilfe umher.

Darum bin ich beleidigt worden, begann wieder der alte Giordano. Ich,
der seit fnfzig Jahren --

Hat darum jene Dame vor mir ausgespien? fragte Italia erleuchtet.

Aber die Wissenschaft -- hob der Advokat an.

Wer ist also noch sicher! rief Nello Gennari, sprang auf und machte, die
Arme verschrnkt, eine strmische Runde um den Tisch. Sie wei, dachte er
in pltzlichem Erkennen, wo ich die Nacht war und da ich Alba liebe! Ich
wollte eher tot sein, als ein menschliches Wesen im Besitz meines
Geheimnisses sehen. Sie aber hat es: schon gestern wute sie den Namen! --
und kann mich verraten. Ich lebe von ihrer Gnade, wie ist das zu ertragen!
Er setzte sich wieder und nahm die Stirn in die Hnde.

Die Wissenschaft wird -- sagte der Advokat. Der alte Giordano hob
pltzlich die Arme und ri die Luft in seinen offenen Mund hinein.

Und meine Prophezeiung! Diese Stadt hat weniger als hunderttausend
Einwohner, und ich bin umgeben von Geheimnis. Ich werde hier sterben.

Ja, man mu vorsichtig sein, -- und der Bariton drehte unerschttert an
seinen kleinen Hrnern. Der Alte schrumpfte zusammen. Der Advokat bekam
unversehens eine Art Anfall. Er zuckte wild mit den Schultern, seine
Handrcken taten kleine krampfige Schlge in die Luft, die Adern schwollen
ihm, und seine Augen waren die eines Erstickenden.

                   *       *       *       *       *

Pltzlich stand der Kapellmeister Dorlenghi am Tisch und sagte, rasch
atmend:

Wenn es den Herren gefllt, zur Probe!

Niemand antwortete ihm. Italia zerrte ihr Taschentuch durch die Zhne, der
alte Giordano sah entrstet weg. Dann nahm der Advokat das Wort.

Guten Tag, Dorlenghi, setzen Sie sich!

Verlieren wir keine Zeit, ihr Herren! Diese elende Schule hat mich lange
genug aufgehalten. Denn ich bin ein kleiner Dorfmusiker und mu die Kinder
singen lehren. Kommen Sie!

Da nichts sich regte, fragte er, stockend und erblat:

Aber was ist geschehen? Ich verstehe nicht --

Der Advokat fuchtelte verzweifelt. Auf einmal klappte er die Arme herunter
und sagte leichthin:

Sie wollen nicht, Dorlenghi. Diese Herren haben den Plan gefat,
abzureisen.

Ach ja, abreisen! -- und Italia nickte fliegend und verzerrt, als sei sie
von Schlangen umwickelt.

Auch ich reise, sagte der alte Giordano. Ich will hier nicht sterben.

Der Kapellmeister griff nach einem Stuhl und griff daneben. Der Advokat
fing ihn auf und setzte ihn hin.

Mut, Dorlenghi! Auch mir ist dieser Zwischenfall peinlich; aber was wollen
Sie? Knstler sind Launen unterworfen, das wuten wir. Wer das Genie will,
mu auch die Launen wollen.

Immerhin, meinte der Bariton, der seine Anhngsel sorgfltig geprft
hatte, es wird vielleicht besser sein, wir reisen.

Nello Gennari nahm die Stirn aus den Hnden; er hatte einen wirren,
ringenden Blick; -- schttelte, die Lider eindrckend, langsam und stark
den Kopf und lie die Stirn zurckfallen.

Sie scherzen, brachte der Kapellmeister hervor und lchelte wie eine
Puppe. Ein gelungener Scherz. Aber sollten wir nicht gehen? Es wird spt
und zum Theater ists weit.

Es ist Ernst, mein armer Dorlenghi, -- und der Advokat klopfte ihn.
Unsere Knstler frchten sich vor der Unsichtbaren dort hinten. Sehen Sie
nicht hin! Und schlielich, wer wei; Grnde gibt es fr alles; und selbst
ich, Maestro, frage mich --. Denn, sagen wir die Wahrheit! die merkwrdigen
Dinge hufen sich ein wenig. Warum mute mir Don Taddeo just heute die
Ungelegenheit mit dem Schlssel bereiten? berdies hatte ich vergessen, da
der Frau des Wirtes Malandrini, ja, der Ersilia Malandrini, letzte Nacht
der Geist ihres Vaters erschienen ist.

Italia begann wild zu lachen. Alle sahen sie entsetzt an.

Ein Geist? fragte sie.

Gewi, ein Geist, Frulein, besttigte der Advokat ernst. Denn ich
gehre nicht zu denen, die die Seele leugnen. Ich bin kein Feind der
Religion, nur ein Gegner der Priester.

Aber solch ein Geist, o, solch ein Geist -- und Italia schttelte sich.

Eine Frau ohne Religion liebe ich nicht, bemerkte der Apotheker
Acquistapace mit seiner biederen Stimme. Sie war unvermittelt still und sah
ihm gesetzt und treu in die Augen.

Das Frulein lacht! Sehen Sie, da sie lacht? wiederholte der
Kapellmeister noch immer. Er war auf den Beinen, in seiner zarten Haut sah
man die Rte bis unter die blonden Kinnhaare flieen, und er sagte mit
einer Stimme, die aus dem Tiefsten bebte:

Ich habe es gewut, Sie wrden mich nicht im Stich lassen. Wo bleibt das
Frulein Flora Garlinda?

O, machte Gaddi, auf die knnen Sie zhlen, Maestro, die singt: auch
allein, ohne uns, und kein Unglck, bser Blick oder Geist hlt sie ab,
denn sie glaubt an nichts.

Also gehen wir voran! Das Klavier ist oben, -- und er wies nach der
Treppengasse; ich habe groe Mhe damit gehabt, bis es oben war . . . Wie?
Meine Herren, ich bitte Sie, ich bitte Sie.

Es wre vielleicht besser, an nichts zu glauben? vermutete der Advokat.

Wenn Sie nicht kommen: ja, was tue ich, sagte der Kapellmeister und griff
sich fliegend an die Stirn.

An gewisse Dinge nicht zu glauben, ist schwer, bemerkte der Cavaliere
Giordano. Beim Theater besonders.

Meine Zukunft! Sie werden nicht wollen, da alles umsonst war?

Ich habe sie erlebt, -- und der Bariton schlug sich auf die starke Brust.
In Pesaro verschwanden die Schminktpfe, die man soeben noch in der Hand
gehalten hatte, und in einer anderen Garderobe fand man sie wieder. Ich
mute die meinen mehrmals von der Primadonna zurckholen.

Das soll deine Frau erfahren, sagte Italia.

Werde ich denn niemals hier herauskommen? -- und der Kapellmeister schlug
hart auf seinen Stuhl auf und sah gebeugt seine Hnde an, die in drftigen,
zu langen rmeln staken, geschwollene Adern hatten und schwitzten.

Man erwiderte ihm mit Entrstung:

Sie waren froh genug herzukommen. Uns scheint, da hundertfnfzig --

Der Cavaliere Giordano bewog die Brger mit einer Handbewegung zum
Schweigen.

In Parma hat das Theater, wie viele selbst unter denen, die dort
aufgetreten sind, nicht wissen, -- aber es ist Tatsache, da das Theater
einen Geist hat. Ich habe ihn erblickt.

Er nickte allen nacheinander in die Augen.

Jener Geist war vor hundert Jahren eine Dame des Hofes und soll, obwohl
ein religises Gelbde es ihr verbot, einen Tenor geliebt haben. Nun kommt
sie, sooft ein junger, noch unbekannter Tenor singt, durch den Gang aus dem
Schlo ins Theater. Immer in derselben Loge sitzt der Geist, die er bei
Lebzeiten hatte, und wartet, ob der Fremde jenen Ton aushalten wird . . .

Jenen Ton? wiederholte man.

Der Kapellmeister war schon wieder aufgesprungen. Er tat einige Schritte,
schob wtend einen schreienden Haufen Jungen auseinander, ging dem Brunnen
zu.

Und meine Ouvertre! sagte er immer wieder, nun dumpf, nun ausbrechend,
nun knirschend. Er sttzte die Hnde auf die Brunnenschale und sthnte
laut.

Sie soll im Theater aufgefhrt werden! Die Garlinda soll meine Arie
>Trauriges Geschick< singen! Wozu ist sie da, wozu sind sie alle da! Ah!
Sie wollen mir nicht ans Licht helfen, das ich verdiene? Sie wollen mich
aufhalten?

Er griff sich ins Haar, er ballte die Faust.

Sie mgen sich hten! Ich habe ihre Kontrakte, ich werde sie damit
vernichten, ohne Gnade vernichten!

Und er spie in den Brunnen. Dann kehrte er zurck, etwas einwrts auf
seinen gekrmmten Beinen; und da er fhlte, da beim Nherkommen sein
Gesicht, er mochte wollen oder nicht, einen bescheidenen Ausdruck bekam,
zwang er es zu drohen.

Bei der Unmglichkeit, dies genau zu wissen, sagte der Cavaliere
Giordano, werden Sie verstehen, meine Herren, wie schwierig meine Lage
war.

Teufel!

Denken Sie sich: ahnungslos trifft man in Parma ein, singt frhlich drauf
los, -- um in der letzten Pause von irgendeinem guten Herzen zufllig zu
erfahren, da in der dritten Loge rechts eine geisterhafte Dame sitzt, die
darauf wartet, ob man jenen Ton aushlt, bei dem vor hundert Jahren ihr
Liebhaber gestorben ist. Hlt man ihn aus, stirbt man auch, das steht fest.
Man erstickt an ihm.

Schnes Vergngen!

Und man wei nicht, welcher es ist! Die berlieferungen stimmen nicht
berein. Es konnte auch das hohe d sein, meine Herren: das hohe d meiner
groen Arie >O bleiche Sterne< im letzten Akt der >Galathea.< Aber soll ich
auf mein hohes d verzichten? Mit ihm besiege ich jedes Publikum. Jetzt
werde ich dafr vielleicht sterben, elend ersticken? Es handelt sich um die
Wahl zwischen Leben und Ruhm . . . Meine Herren, ich war jung, ich nahm den
Ruhm.

Bravo! Bravo!

Der Advokat lachte keuchend dazwischen, ohne sich seiner Ungebhr bewut zu
sein, nur aus Aufregung, weil er unter dem Tisch auf einen Fu gestoen
war, der, wenn nicht alles tuschte, Italia Molesin gehrte. Der Cavaliere
Giordano sah ihn strafend an, und er ri, ertappt, die Brauen in die Hhe.

Freilich sagte ich mir auch; es wird nicht das d gewesen sein, an dem
jener Charlatan erstickt ist; denn das hlt niemand zwei Minuten lang aus,
als nur ich. Gleichviel: wie ich nun vor dem Souffleurkasten stehe, das
ganze Haus den Atem zurckdrngt und nur ich ihn hinausschmettere, lange,
lange, lange: -- o, ich sage die Wahrheit, mir war nicht wohl. Vielleicht
war ich ein wenig feucht, vielleicht verschwamm es mir ein wenig vor den
Augen. Es kann sogar sein, da meine Krfte nachlieen. Da aber lenkt Gott
meinen Blick, und ich sehe in der dritten Loge rechts eine Gestalt sich
erheben und lautlos Beifall klatschen. Das Blut schiet mir zum Herzen, mit
Macht breche ich ab, hre das Haus tausend Hnde bewegen und fhle, da ich
gerettet bin. Ich verbeuge mich vor der dritten Loge rechts in dem
Augenblick, da die Gestalt zurcktritt und verschwindet. Noch jetzt,
scheint mir, habe ich sie vor Augen: sehr bleich ist sie und gekleidet wie
eine btissin.

Wie eine --!

Nello Gennari stand auf einmal lang aufgereckt da, die Hand am Herzen und
verstrt und blutlos. Allmhlich erlangte er Atem.

Wie eine btissin: ja, das ist sie gewesen. Eine Nonne! -- und jener Tenor
starb fr sie. Ihre Geschichte ist wahr, Cavaliere! Ich glaube an sie!

Er setzte sich. Noch waren alle erschttert.

Cavaliere, ich mu Sie auffordern, begann der Kapellmeister, schwach und
atemlos. Der Advokat gab seinem Stuhl einen Sto und machte sich, die Hnde
ausgestreckt, eilig drehend ber den Platz.

Was hat er? fragte Italia enttuscht. Denn unter dem Tisch war inzwischen
auch ihr Knie dem des Advokaten begegnet. Mit wem ist er?

Das ist der Kaufmann Mancafede, der Vater jener Frau dort hinter dem Turm:
nicht hinsehen, sie sieht uns.

Er scheint nicht gefhrlich.

Meine Herren, begann wieder der Kapellmeister, Sie haben wohl nicht
bedacht, welche Folgen es haben wrde --

Die beiden nherten sich. Der Advokat redete keuchend und die Luft
schlagend am Ohr des andern. Pltzlich schob er ihn vor und lie ihn los.
Der Kaufmann dienerte und reichte seine trockene khle Hand umher. Sein
altes Hasenprofil mit dem gewlbten Auge wendete sich ruckweise.

Wenn die Herren es erlauben --

Jeder einzelne mute genickt haben, bevor Mancafede sich setzte. Man
betrachtete ihn milde, wie er sich in seiner dicken braunen Jacke, die
aussah wie sein Fell, rund und klein machte.

Sie haben eine Tochter? fragte der Cavaliere herablassend. Mancafede
schmunzelte bescheiden.

Meine Tochter hat von Ihnen gesprochen, Cavaliere.

Es wre nicht ntig gewesen.

Nach Ihrem Belieben. Indessen, da sie viel allein ist, beschftigt sie
gern ihren Geist, und so scheint es, da sie, mehr als wir andern, von der
Welt wei und von gewissen Dingen, die -- mit der Hand auf dem Herzen --
uns andern zu gro sind. Ihr Ruhm, Cavaliere, hat meine Evangelina nicht
schlafen lassen. Sie schlft sonst nach dem Mittagessen; gestern aber stand
sie, nach einigem Seufzen, wieder auf und sagte: >Papa, jetzt ist er
unterwegs hierher!< >Wer, Tchterchen?< >Er, der Cavaliere Giordano.< Und
tatschlich, bedenkt man es wohl, o meine Herren, soll man ihr dann nicht
recht geben, und ist es nicht ein wahres Wunder, da ein Mann, den sie in
Paris und in London mit Angst erwarten, alles ausschlgt, um gerade uns zu
erwhlen? Kaum glaubt man es, da er hier sitzt, mitten unter uns, wie
einer von uns!

Tatschlich, sagten die Brger nachdenklich. Der Advokat meinte:

Dies wre wirklich eine Gelegenheit, am Rathaus eine Gedenktafel
anzubringen.

Der Sekretr Camuzzi verzog zweiflerisch das Gesicht, aber er hatte die
Mehrheit der Brger gegen sich. Sie erklrten:

Ein guter Gedanke! Eine patriotische Tat! Die Stadt schuldet es sich!

Der Cavaliere Giordano verbeugte sich, gro und glcklich, nach allen
Seiten. Dann wandte er sich vertraulich an den Kaufmann:

Und, nicht wahr, mein Herr, irgendein Zufall wird es sein, der Ihrer
Tochter meine bevorstehende Ankunft enthllt hat? Sie hat diese Kenntnis
nicht aus sich selbst und nicht auf geheimnisvolle Art? Das alles hat
nichts zu bedeuten?

Mancafede hrte die Bitten des Cavaliere schweigend an. Wenn er sich den
alten Tenor zum Feind machte, drohte ein Ballen roten Flanells, den die
Bauern nicht gekauft hatten und den er jetzt an die Komdianten htte
loswerden wollen, noch lnger liegen zu bleiben. Aber sein vterlicher
Ehrgeiz siegte, und er hob die Schultern.

Welch Zufall denn wohl, -- da nur der Maestro darum wute. Sagen Sie
selbst, Maestro, ob Sie einer lebenden Seele einen Wink erteilt haben!

Um nicht beschmt zu sein, wenn der Cavaliere nicht kam. Aber was hat es
mir gentzt, -- und die blauen Augen des Kapellmeisters waren feucht und
zornig -- da er nun fort will, ohne gesungen zu haben!

Der Kaufmann schlug entsetzt die Hnde zusammen; ein Murmeln der Trauer
ging durch den Kreis der Brger. Der Cavaliere beschwichtigte sie mit einer
Geste von leichter Erhabenheit.

Frchten Sie nichts! sagte er, machte eine Pause und stellte sich die
Gedenktafel vor, ich werde bleiben.

Ah!

Ich habe bedacht, da ich auch in Parma blieb, trotz der Gefahr, die Sie
kennen. Mglich, da dies die Stadt mit nicht hunderttausend Einwohnern
ist, die mir verhngnisvoll werden soll: aber, nicht weniger entschlossen
als in Parma, whle ich statt des Lebens den Ruhm; -- und er senkte die
Hand im Bogen auf den Tisch. Der Kapellmeister ergriff sie mit seinen
beiden und schttelte sie wild.

Cavaliere, nie werde ich Ihnen danken knnen, was Sie fr mich tun!

Er stammelte mit feuchter Stimme:

Dann darf ich also hoffen, da auch die andern Herren --

Sie werden bleiben, ergnzte der Kaufmann. Das wissen wir, ohne meine
Tochter zu fragen.

Und er erinnerte den Familienvater Gaddi an die Erhhung der Gagen, sobald
das Theater ausverkauft wre. Der Bariton lchelte schwelgerisch. Dem
Frulein Italia Molesin verhie Mancafede einen reichen und mchtigen
Freund. Sie und der Advokat sahen errtet aneinander vorbei.

Was aber den Herrn Nello Gennari betrifft, sagte der Kaufmann, sind wir
sicher, da alle seine Trume sich erfllen werden.

Gaddi streckte schon die Hand aus, um seinen Freund zu halten, aber Nello
brach nicht los; er schluckte hinunter und senkte zu aller berraschung vor
dem spttisch blinzelnden Kaufmann die Lider.

Halten wir uns doch mit diesen Nebensachen nicht lnger auf! verlangte
der Kapellmeister und trat von einem Fu auf den andern. Meine Herren, ich
mache Sie dafr verantwortlich, wenn wir --

Schlielich hat der Maestro recht, sagte Italia, denn der Advokat trat
sie zu stark, und sie stand auf. Auch die brigen machten sich fertig.
Nello Gennari allein blieb sitzen.

Ich kann noch nicht singen, behauptete er hartnckig. Ich mu vorher
allein sein. Geht nur zu, erwartet mich in zehn Minuten! Ich mu allein
sein.

Er nahm den Kopf zwischen die Hnde und war nicht mehr zu sprechen. Die
Brger fhlten sich zu angeregt, um heimzugehen. Da der Kapellmeister sie
durchaus nicht mitnehmen wollte, beschlossen sie, ihr Zusammensein im Laden
des Tabakhndlers Polli zu verlngern.

                   *       *       *       *       *

Der Kapellmeister stolperte in seiner Hast ber Jungen, die am Boden mit
Steinchen warfen. Er ri sie auseinander und verlangte, da sie den Platz
rumten. Er hielt sich nicht mehr; alles war ihm im Wege: die Hunde, die
gaffenden Handwerker an den Mauern. Da schlug es zwlf, und sie verzogen
sich im bunten Getse des Mittaglutens.

Der Advokat begleitete Italia Molesin. Der Kapellmeister, der zwischen
Gaddi und dem Cavaliere Giordano ging, wandte sich auf den ersten Stufen
der Treppengasse um und rief: Sie wissen wohl, Herr Advokat, wir knnen
keinen Fremden bei der Probe gebrauchen.

Versteht sich, rief der Advokat zurck. Sie werden nicht kommen, ich
brge dafr, sie sind bei Polli.

Und er bckte sich, um eine Ziege zu entfernen, die seiner Dame im Wege
lag. Aber Italia hpfte kreischend ber sie hinweg.

Mir gefllt die Unerschrockenheit schner Frauen, sagte der Advokat.
Durch den Kot der Hhner, die gackernd flchteten, stiegen sie zwischen den
schwarzen Husern fort, aus deren Tren Rauch schwankte.

Gut, da wir dableiben, sagte Italia, und lachte; ich htte nicht
gewut, wie ich meine Reise bezahlen sollte, oder auch nur den Wirt.

Wie? Aber hat denn der Baron nicht --?

Er schlug sich auf den Mund.

Wer? fragte sie.

O, niemand!

Italia wandte einen raschen Seitenblick nach ihm um, schttelte lachend die
Schultern und sprang hher. Er keuchte, rechts und links winkend,
hinterdrein.

Bemerken Sie, wie alle auf die Schwellen treten? Jeder hat schon Rat und
Beistand von mir verlangt. Mit Recht oder Unrecht hlt man mich fr einen
mchtigen Mann . . . Und auch fr einen reichen, darf ich sagen. Denn sehen
Sie den Palazzo? Das Eckhaus mit den beiden Sulen: es ist das grte und
schnste; und da meine Schwester, die Witwe Pastecaldi, bei ihrer Heirat
abgefunden wurde, gehrt es meinem Bruder Galileo und mir, jedem zur
Hlfte. Ich habe darin eine Wohnung von vier schnen Zimmern --

Der Advokat blieb stehen und schmatzte.

-- und eine Sammlung von gewissen Bildern: ah! gewissen Bildern . . . Man
zeigt so etwas den Leuten nicht; Ihnen aber, Frulein: wenn Sie mich
besuchen wollen, -- o! keine Furcht, Sie betreten das Haus eines
Ehrenmannes; -- und er stellte die Hand steil zwischen sie und sich.
Italia lachte, aber voll Achtung. Einem Manne von solcher Ritterlichkeit
begegnete man selten; und einem, der sogleich seine ganzen Verhltnisse
darlegte, wie bei einem ernsthaften Antrag!

Nach der Probe will ich Sie besuchen, sagte sie, und mir Ihre schnen
Bilder ansehen . . . Auch Ihre schnen Zimmer, setzte sie hinzu und
zgerte, ob sie ihm noch weiter entgegenkommen sollte. Statt dessen machte
sie sich einen bescheiden lockenden Senkblick. Er lchelte galant und
fhrte seine welke Hand ans Herz.

O! Frulein Italia, wir knnten uns verstehen.

Sie versuchte ein paar Stufen hher zu gelangen, aber er hielt immer wieder
an.

Ich war stets ein Verehrer der Schnheit; und bei Ihrem Anblick --

Da ist er! Und die Eier? rief es aus dem Hause herab; und eine groe Frau
mit einem rot verschnrten Sammetmieder und kurzen Hemdrmeln stand im
Fenster und drohte mit dem Finger.

Ah! der Advokat, so ist er. Seine Familie wrde er Hungers sterben lassen:
er aber, immer mit den Frauen.

Meine Liebe, sagte der Advokat hinauf, es gibt gewisse Dinge, die du
nicht beurteilen kannst.

Immer derselbe, der Advokat! -- und die Schwester breitete verzweifelt
die Arme aus; aber ihr Kindergesicht, in das zwei graue Strhnen fielen,
lchelte bewundernd.

Welch schner junger Mann, nicht wahr, Frulein? Ah! geh, Taugenichts,
unterhalte dich! La deine Familie ohne die Eier!

Ich habe sie mitgebracht, im Caf kannst du sie abholen. Aber merke dir,
meine Liebe, da ich jetzt nicht immer Zeit haben werde fr deine
Angelegenheiten, da ich mit Wichtigerem sehr beschftigt bin.

Man sieht es, rief die Witwe Pastecaldi noch, indes sie sich zurckzog.
Der Advokat bemerkte:

Man mu Geduld haben. So ist das Leben in einer kleinen Stadt.

Er hatte schon wieder die Hand auf der Brust, und Italia, die gekichert
hatte, bekam sogleich ihre fromme Miene zurck.

Bei Ihrem Anblick, fuhr er fort, fhle ich deutlicher als je, da groe
Dinge in mir schlummern. Vielleicht war auch ich zum Knstler bestimmt? Ah!
haben Sie je ber das Schicksal nachgedacht?

Aber sie zeigte bestrzt auf die Gestalt, die hinter dem Palazzo Belotti
ganz allein auf dem breiten Treppenabsatz stand. Es war ein kleiner Uralter
in abgetragener Herrenkleidung. Mit seinen trockenen Falten, seinen
Greisenaugen schien er ber eine Menge hinzulcheln, die nicht da war,
bewegte dabei die Lippen, schlug mit dem Fu aus und schwenkte, die Linke
am Herzen, im Bogen seinen randlosen Hut.

Es ist nichts, erklrte der Advokat. Es ist der Brabr: so nennen sie
ihn nach dem Gerusch, das er verursacht, wenn er sprechen will. Ein armer
Alter, etwas verrckt, aber wenig interessant. Sehen Sie mich an! Ein Mann
von meinen Gaben! Ich htte wohl Grund, dem Schicksal --. Aber nein: da ich
Ihnen begegnet bin!

Er bot ihr fr die letzten, sehr steilen Stufen den Arm.

Da haben wir auf dem Plateau den Palast ihrer Exzellenz der Frau Frstin
Cipolla; ich bin in der Lage, ihn Ihnen zu zeigen wie mein eigenes Haus; --
und dort rechts das Nonnenkloster mit der Kirche. Ein Langobardenknig
namens -- Dingsda hat es gegrndet, fr seine Tochter, die einen Liebhaber
hatte.

So streng war er! -- und Italia sah ehrfrchtig an der wilden schwarzen
Mauer hinauf.

Nachdem wir gesiegt hatten, hat der Staat alles versteigert, aber die
Nonnen haben es zurckgekauft. Man wird sie nicht los, die heiligen
Unterrcke . . . Versumen Sie nicht, einen Blick auf die Landschaft zu
werfen! Sie sehen von hier zweiunddreiig Ortschaften. Welch wollstiges
Blau: wrde man nicht glauben, es sei das Meer, dem die Venus entsteigt?
Wer die Einknfte bese aus allem, was Sie hier mit zwei Augen fassen, der
htte jhrlich nicht weniger als drei Millionen zu verzehren.

Himmel! Es wre Snde, soviel auszugeben!

Fr eine Frau wrde ich es ausgeben! rief der Advokat, in Feuer, und
kroch ihr voran durch einen halb eingestrzten Bogen neben dem frstlichen
Palast. Meine Schwester hat vielleicht recht? Vielleicht wre ich fr eine
Frau zu allem fhig.

Er richtete sich auf und streifte die Sohlen an den Stufen ab.

Man htte den Zugang zum Theater reinigen sollen. Gerade diesen Ort haben
sich die Leute aus den nchsten Gassen seit langen Jahren ausersehen. Sie
besitzen nmlich noch keinerlei Bequemlichkeit im Hause . . .

Da sprhten Kalk und Kies die Treppe herab und oben stampfte und winkte der
Kapellmeister.

Wo bleiben Sie, Molesin? Geht das so weiter, werden wir die >Arme
Tonietta< niemals herausbringen! Ein Jahr meines Lebens kostet ihr mich!

Sie haben recht, Dorlenghi, sagte der Advokat und beschwichtigte mit der
Hand. Wir kommen, gleich sind wir da.

Ich sagte Ihnen schon, da ich Sie nicht brauchen kann. Aber die
Primadonna, nach der ich geschickt habe? Und der Gennari? Er sprach von
zehn Minuten, und das ist eine halbe Stunde her!

Der Kapellmeister berrannte den Advokaten, der sich auf den Schutt setzen
mute, und erwischte hinter dem Torbogen einen Buben.

Lauf zum Gevatter Achille! Ein Herr sitzt dort. Wenn er nicht sogleich
komme, koste es Strafe. Und lauf zum Schneider Chiaralunzi! Er soll mir
seine Mieterin schicken. Bist du in zwei Minuten drunten, wirst du sehen,
was ich dir schenke.

Der Junge rannte schon. Oberhalb des Hauses Belotti stie er mit dem alten
Brabr zusammen, schlug hin und lief zerschunden weiter. Beim Gevatter
Achille sa der Herr, aber er schttelte nur die Schultern und schickte ihn
fort. Sogar den Gevatter Achille, der mit ihm sprechen wollte, schickte er
fort . . .

                   *       *       *       *       *

Als es halb eins schlug, schrak Nello Gennari auf, reckte sich, tat ein
paar widerwillige Schritte nach der Treppengasse und bog wieder ab. Diese
Wege, die nicht zu ihr fhrten, diese Menschen, die sie nicht kannten oder
noch bei ihrem Namen gemeine Gedanken hatten: sie beleidigten Nello. Alles,
was nicht Alba war, beleidigte ihn. Voll Verachtung blinzelte er ber den
leeren Platz hin, mit seiner gewhnlichen Sonne und seinen alltglichen
Schatten. Jetzt hatten sie alle Fensterlden geschlossen. Am Abend ffneten
sie sie wieder. Was das fr ein Leben war! Und in ein solches war Nello
gebannt! Das edlere, nach dem ihn verlangte, lie ihn nicht ein. Wrde Alba
je von ihm erfahren? Sie war erschreckend hoch und fern. Die Nacht unter
ihren Fenstern lag schon weit dahinten, und kaum konnte man sich denken,
da sie wiederkehre . . . Aber oben im Rathaus hatte etwas sich geregt.
Eine Jalousietr im zweiten Stock hatte einen Spalt bekommen, darin
betrachteten ihn ein paar Augen, und das weie Gesicht -- hatte es nicht
genickt? Er trat hinan: es senkte sich langsam.

Ein Zeichen! Frau Camuzzi, die keuscheste von allen, gab ihm ein Zeichen!
Nello verschrnkte die Arme. Da hatte er, was ihm gehrt: Vergngen machen
und lgen! Warum nicht? War es nicht eine Rache an Albas zu fremder
Reinheit, wenn er sich beschmutzte? Und huldigte er nicht ihr, da er die
betrgerische Scham und den falschen Stolz der anderen Frauen zu Boden
warf, da nur die eine aufrecht blieb? Das Gesicht droben neigte sich
nochmals und verschwand. Nello betrat die Arkaden, er setzte den Fu auf
die Stufe. Ein Gerusch -- er wandte sich hastig; und Flora Garlinda sah
ihn an. Sie kam aus der Gasse beim Caf und berquerte den Platz mit ihrem
Eilschritt. Ohne ihn zu verzgern, hatte sie das Haus, den Spalt in der
Balkontr und den jungen Mann auf der Treppe gemustert, hatte verchtlich
gelchelt und war fort. Nello Gennari errtete tief. Dann warf er zornig
die Schulter zurck und ging hinein. Die Abstze der Primadonna klappten
schon in der Treppengasse.

So rasch, da der Junge, der sie fhren sollte, zurckblieb, lief sie in
ihrem langen, entfrbten Regenmantel, der schlenkerte, weil sie aus
Sparsamkeit nur den Unterrock darunter anhatte, und in ihrem
schmutzigweien Filzhut, den sie um des Haares willen trug: lief hinauf und
davon, um die Ecken, ber die engen Pltze zwischen zwei Stiegen, -- und
sooft durch eine Lcke der Huser ihr Blick in Grten hinabfiel, wo Kinder
spielten und eine Familie unter der Laube beim Essen sa, richtete sie den
Kopf noch hher. Droben sah sie nicht links noch rechts: unter dem Bogen
beim Schlo war ein kleiner Volksauflauf, und irgendwo aus einer
unentdeckbaren ffnung kam die Kreischstimme der Italia Molesin. Lat mich
durch! -- und auch ber den Kot unter dem Bogen sah sie hin.

                   *       *       *       *       *

Sie ri eine Tr auf; dahinter fand sie, vom Mittagslicht noch blind, alles
schwarz. An einer Wand entlang geriet ihre Hand auf etwas Menschliches.

Entschuldigen Sie! sagte jemand.

ffnen Sie mir doch die Tr zur Bhne! Ich sehe nichts. Wer sind Sie?

Ich bin der Advokat Belotti. Als Vorsitzender unseres Komitees wohne ich
der Probe bei.

Hier im Dunkeln? Kommen Sie doch fort! Kennen Sie den Weg nicht?

Ob ich den Weg kenne! Ich bin ja zu Hause im Palast!

Da fiel er hin.

Ja, hier waren Stufen. Ich wute es, nur dachte ich nicht daran.

Es ward immer finsterer, und Klavier und Gesang hrten sich weiter entfernt
an.

Wir sind falsch gegangen, entschied Flora Garlinda. Wir wollen umkehren,
und ich will fhren. Da es ein Theater ist, werde ich schon hinfinden
. . . Diesen Korridor hatten wir versumt . . . Und warum sind Sie nicht
mit drinnen?

Konnte ich denn? Lie man mich denn? -- und der Stimme des Advokaten
hrte man an, da er im Dunkeln die Arme schwenkte. Dorlenghi ist verrckt
geworden; er behauptet, da Fremde nichts dabei zu tun haben. Ich ein
Fremder! Der Vorsitzende des Komitees ein Fremder! Er vergit, da er
selbst hier fremd ist und da wir ihn fortschicken knnen.

Das ist unntig. Woher wollen Sie so rasch einen andern nehmen? Aber ich
werde Ihnen helfen.

Ah! Sie werden --. Frulein Flora Garlinda, ich habe sofort erkannt, da
Sie eine groe Knstlerin sein mssen. Ich sagte noch zu Polli, dem
Tabakhndler --

Nur gut, Advokat, da Sie nicht fortgegangen sind.

Ich wagte es nicht. Drauen, nicht wahr, steht das Volk. Vielleicht wrde
es erraten haben, da ich nicht --, da dieser Maestro mich --

Wir sind da, sagte Flora Garlinda.

Die Bhne lag vor ihnen. Im Halbdunkel schien sie endlos; der Schein der
Blechlampe auf dem Klavier verlor sich, die vier menschlichen Schattenrisse
sahen weithin verstreut aus. Der Kapellmeister stand in der Mitte des
Lichtkreises und stie die Faust in die Luft.

Ich kann keinen Widerstand dulden, auch von Ihnen nicht, Cavaliere. Sie
sind, der Sie sind. Aber ich bin hier der Maestro.

Das ist immerhin etwas, bemerkte der Bariton Gaddi, rittlings auf einem
Stuhl. Italia Molesin kam zur Tr.

Was fr ein schlecht erzogener Mann! sagte sie. Mich hat er bereits
Idiotin genannt.

Flora Garlinda trat ins Helle. Ihre Augen funkelten, ihr hhnischer Triumph
kniff ihr die Winkel der schmalen Lippen.

Maestro, -- ganz sanft -- ich bitte Sie fr meinen Freund, den Advokaten
Belotti. Er mchte uns zuhren.

Der Kapellmeister fuhr auf.

Noch immer er? Wenn ich ihn doch hinausgeworfen habe!

Man wirft einen Mann wie mich nicht hinaus, -- und der Advokat trat mit
Wrde vor.

Also nochmals, schrie der junge Musiker zitternd, der Herr bin hier ich.
Wer nicht gehorchen will --

Nun? -- und Flora Garlinda sah ihm grausam lchelnd in die Augen.

Kann gehen, ergnzte er viel leiser. Sie nickte.

Sie haben zweifellos eine andere Primadonna.

Erst gestern, stie er hervor, hat mir die Fusinati geschrieben.

Weil sie nmlich in anderen Umstnden ist. Da kommt man schwer unter. Sie
aber, Maestro, der Sie kein Kind erwarten, Sie fnden natrlich sofort ein
andres Engagement, wenn die Herren vom Komitee sich entschlieen wrden --

O bitte, Frulein Garlinda, davon ist nicht die Rede, -- und der Advokat
trat von einem Fu auf den andern. Sind wir nicht alle Freunde?

Das kommt darauf an. Ich bin die Primadonna, mir mu es erlaubt sein, zu
singen, vor wem ich will.

Es liegt mir fern --. Wir haben uns miverstanden --.

Ihr grausames Lcheln war noch immer da: er schwieg, eingezogen und auf
Schreckliches gefat.

berdies, begann sie wieder, bin ich gewohnt, nur mit dem Regisseur zu
verhandeln.

Sehr richtig, sagte der Cavaliere Giordano und schleuderte ein Heft auf
das Klavier. Von wem lasse ich mir hier sagen, da meine Stimme nicht
genge? Dieser junge Mann hat an meinem Geronimo auszusetzen, und dabei
singe ich ihn aus Geflligkeit, denn jedermann in Italien und drauen wei,
da meine Partie der Piero wre!

Kurz: was will man von mir?

Der Kapellmeister breitete die Arme aus und hatte rote Lider.

Man will einen Regisseur, beim Bacchus, sagte der Bariton.

Der bin ich! Der bin ich!

Meine Herren, stammelte der Advokat und beschwor sie mit den Hnden, ich
mchte um nichts in der Welt, da meinetwegen --

Maestro!

Flora Garlinda legte den Kopf auf die Schulter.

Sie waren noch bei keiner Bhne. O! Sie haben nicht ntig, es zu gestehen:
diese ganze Szene beweist es. Tun Sie uns und sich einen Dienst und
bescheiden sich! Wir machen unsern Gaddi zum Regisseur. Ohnedies ist er es,
der die Ausstattung beschafft hat.

Italia Molesin und der Cavaliere Giordano beglckwnschten schon den
Bariton.

Und ich, klagte der Kapellmeister, ich habe den Chor zusammengebracht
und Sie selbst. Ich habe den Gedanken der Auffhrung gehabt und die Brger
fr ihn gewonnen, habe alles mglich gemacht, alles ins Werk gesetzt. Das
ist nichts, das ist augenscheinlich nichts.

Er ging, eine Hand vor der Stirn, wankend um das Klavier herum.

Wer sagt das? -- und Flora Garlinda folgte ihm. Aber weil Sie ein Mann
von Verdienst sind, sollten Sie das Nebenschliche fahren lassen.

Aber ich verlange fnfzig Lire Zuschu߫, hrte man den Bariton sagen.

Er verlangt fnfzig Lire, wiederholte Flora Garlinda mit gesenkten
Mundwinkeln. Und in einem pltzlichen Blick des Einverstndnisses:

Wer kommt denn hier in Betracht, Maestro? . . . Sie haben eine Oper
geschrieben, nicht? Wenn ich Ihre Heldin snge?

Da er den Atem einzog und anhielt:

Mit mir oder ohne mich: vielleicht sieht schon das nchste Jahr Sie in
Mailand. Wir --

Sie knixte tief.

-- sind fr Sie nur Staffeln.

O! machte er, aufgeblht und gtig. Sie nicht, Flora Garlinda: Sie
nicht. Sie werden grer werden als ich.

Glauben Sie? fragte sie mit herabgelassenen Lidern und zog sich zurck.

Aber solange ich Dirigent bin, rief er den anderen zu, darf ich
vielleicht verlangen, da wir wiederholen, bis ich mich fr befriedigt
erklre?

Man beeilte sich, es ihm zuzugeben. Der Advokat verwahrte sich.

Nie, Maestro, habe ich an Ihrem groen Talent gezweifelt.

Dann also, Cavaliere, rief der Kapellmeister, noch einmal von vorn,
bitte: >Seid fruchtbar, meine Kinder . . .<

Der alte Tenor stellte sich wtend auf und begann, hohle, zitternde Tne
von sich zu geben.

Seid fruchtbar, meine Kinder! Das Feld, das meine Vter bebaut haben, auch
meine Enkel sollen es bebauen.

Hren Sie ihn etwa? -- und der Kapellmeister warf sich, die Stirn
trocknend, auf seinem Sitz umher. Und dies ist nur ein Klavier! Was wird
das Orchester von seiner Stimme briglassen?

Das Gesicht des Alten war von Entrstung so sehr verzerrt, als sollte es
weinen. Sein Kiefer arbeitete an Worten, die nicht kamen.

Ich habe doch alles verstanden, versicherte Italia Molesin mitleidig und
sah Flora Garlinda an, die schwieg und beobachtete. Der Bariton stellte
fest:

Ich als Regisseur finde den Cavaliere ganz auf seiner alten Hhe.

Wie sollte nicht ein so berhmter Knstler -- sagte der Advokat mit
Nachdruck. Der Kapellmeister hielt sich pltzlich mit beiden Hnden den
Kopf.

Wenn man den Advokaten nicht zum Schweigen bringt, stehe ich fr nichts!
Ich stehe fr nichts!

Der Advokat wich zurck. Der Kapellmeister legte die Hnde wieder auf die
Tasten.

Frulein Flora Garlinda!

Hier bin ich.

Sieh, Geliebter, unser umblhtes Haus . . . Aber der Piero! O Gott! ich
dachte nicht mehr an diesen Menschen, der nicht kommt. Begreift man eine
solche Gewissenlosigkeit?

Nun ja, meinte Gaddi. Nello wird jedem einen Vermouth zahlen mssen, und
das wird ihm zu denken geben.

Einen Vermouth! -- und der Kapellmeister stie die Luft aus.

Aber wir knnen ihn doch zwingen! Wir werden die Gendarmerie hinschicken!
Wo ist er? Wei niemand, wo er steckt? Frulein Flora Garlinda, Sie, die
Sie zuletzt gekommen sind!

Was habe mit diesen Dingen ich zu schaffen? -- und sie wandte sich ab.

Steckt er bei einer Frau? raunte Gaddi. Sie regte sich nicht. Der
Kapellmeister prludierte wtend und berschrie seinen Lrm.

Lassen wir uns nicht aufhalten! Frulein Flora Garlinda!

Sie fiel ein:

Sieh, Geliebter, unser umblhtes Haus heit uns blhen . . .

Nach ihren ersten Noten wurden die Hnde des Kapellmeisters behutsam und
weich, und er neigte das Ohr. Seine Miene versuchte, streng zu bleiben,
aber ein kindliches Entzcken drang aus ihr hervor. Und pltzlich berzog
Schmerz sie. Die Sngerin hatte abgebrochen.

Es ist unntz, sagte sie. Ich hre mich nicht, wenn mir der Partner
fehlt.

Ich gebe seine Partie mit an. Dieser Elende! Ich singe sie mit! Alles, was
Sie wollen!

O lassen Sie, Maestro! Ich mu spielen knnen. Wenn ich ihn nicht neben
mir fhle, ist es unntz. Zu Hause nehme ich mir den Buben meines Wirtes.
Geben Sie mir den Advokaten!

Herr Advokat! -- und der Kapellmeister streckte die Hand hin. Wir bitten
Sie. Ich hoffe, da Sie mir nichts nachtragen?

Aber wie denn, Maestro!

Der Advokat schttelte die Hand. Dann stellte Gaddi ihn zurecht, legte
seinen Arm unter den ausgestreckten der Primadonna, seine Fingerspitzen auf
ihre Schulter, und richtete ihm den Kopf.

Der alte Geronimo hierher! Italia geht umher mit dem Fcher. Advokat, Sie
starren in das Abendrot!

Der Advokat ri die Augen auf. Er konnte nicht zur Ruhe kommen und scharrte
mit den Fen.

Sind wir soweit? fragte der Kapellmeister scharf; -- und er nickte der
Sngerin zu . . . Wie die Melodie von ihr auf das Klavier berging und sie
schwieg, glaubte der Advokat seine Partnerin unterhalten zu sollen.

Ah! da ist nun endlich diese berhmte Arie, und ich bin der erste hier,
der sie zu hren bekommt. Jahrelang hatten wir sie nur auf Pollis
Phonographen.

Schweigen Sie! schrie der Kapellmeister, wei im Gesicht.

Aber er ist kaput, sagte der Advokat noch und erschrak dabei.

Flora Garlinda sang schon wieder. Sie hatte jetzt die gefalteten Hnde
unter dem Kinn und das Gesicht nach oben gelegt.

Verzeih mir, o Himmel, so viel Glck!

Knien Sie! befahl der Regisseur mit lauter Flsterstimme dem Advokaten,
aber der Advokat war nur darauf bedacht, mit den Fingerspitzen nicht die
Schulter der Primadonna zu verlieren und den Sonnenuntergang im Auge zu
behalten.

Knien Sie doch hin! -- und Gaddi drckte ihn zu Boden, da es krachte.

Au, au! machte der Advokat. Die Sngerin beendete gerade ihren
himmlischen Schluschrei und sank mit der Stirn auf seine.

Und wrde sterben fr dich!

Sie sind zu gtig, murmelte der Advokat, aus aller Fassung. Gaddi wandte
sich um und drckte die Hnde in die Seiten. Der Cavaliere Giordano lie
sich auf einen Stuhl fallen. Hinter Italias Fcher rang sich ein Kreischen
los. Der Kapellmeister stand da, mit hngenden Armen, und was er endlich
hervorbrachte, war ein Sthnen. Als er nun stammeln konnte:

Was ist denn das? Sind wir Buffonen? Ich finde die Worte nicht. Und das in
diesem Augenblick, in diesem!

Er kam hervor und verbeugte sich vor der Primadonna.

Frulein Flora Garlinda, ich bitte Sie um Verzeihung fr diese Herren.

Warum denn, sagte sie sehr kalt. Er errtete; er griff sich an die Stirn.

Was ich sagen wollte: wir sind fertig fr heute. Nachmittags habe ich den
Chor und am Abend das Orchester. Auf morgen!

Und er war fort. Man sah sich an.

Nun also, gehen wir essen! meinte der Bariton. Wollen Sie nicht
aufstehen, Advokat?

Als Gaddi und der Cavaliere Giordano drunten auf dem Platz sich von Flora
Garlinda verabschiedeten, bemerkten sie, da Italia und der Advokat
verschwunden waren.

Schon, sagte der Bariton; und der alte Tenor:

Italia hat recht. Das bringt der Beruf mit sich. In unserem Beruf ist es
empfehlenswert, jung zu sein.

Spricht nicht aus Ihnen, Cavaliere, der leere Magen? fragte Flora
Garlinda.

Die beiden Mnner riefen einander noch nach:

Um fnf im Caf!

                   *       *       *       *       *

Und um fnf saen sie dort: noch allein auf dem Platz. Der schne Alf
bediente sie, mit seinem von sich entzckten Lcheln. Drinnen lie der
Gevatter Achille die Arme ber das Bfett hngen und schnarchte. Lange Zeit
taten sie nichts, als hoffnungsvoll zusehen, wie der Schatten ihres
Zeltdaches sich langsam vergrerte. Der Gasse der Hhnerlucia entstrmte
eine belriechende Frische. Der Cavaliere Giordano zog aus dem Handgelenk
einen kleinen Papierfcher.

In der Rathausgasse ward Nello Gennari sichtbar; er ging gesenkten Kopfes,
Schritt fr Schritt, hatte nach seiner Gewohnheit die Schultern ein wenig
in die Hhe gezogen und hielt die Arme steif.

Du siehst aus wie ein trbsinniger Pierrot, rief Gaddi ihm entgegen. Der
junge Mensch hob langsam einen wehrlos klagenden Blick. Der andere stand
rasch auf, fate seinen Arm, zog ihn um die Hausecke.

Nello, sage mir, was dir seit gestern geschehen ist!

Und er drckte sich den Arm des Jungen an die Brust.

Nichts, brachte Nello hervor.

Aber du hast eine Miene, als httest du deine Mutter verloren, und gereizt
bist du den ganzen Tag, wie ein unglcklicher Spieler. Warum hast du die
Probe versumt?

Nello begann pltzlich die Schultern zu heben und zu senken, sein Blick
verlor den Halt, und er atmete ungeregelt. Mit einem Griff nach der Hand
des andern:

Virginio, du bist mein Freund: frage mich nicht!

Er prete, fiebrig bittend, die Hand.

Ich bin ein verlorener Mensch! Du weit nicht: mich ekelts, wenn ich an
deiner Hand die Wrme meiner eigenen fhle.

Du bist krank.

Nein, ich bin gesund: das ist schlimmer fr einen, wie ich bin. Ich habe
die Glckseligkeit verscherzt; nun heit es weiterleben.

Er beugte sich ber sich selbst, und der andre sah von seinem Gesicht die
Tropfen fallen. Er streichelte ihm das Haar.

Sie richteten sich auf und taten gleichmtig, denn ein Schritt ward laut:
der Kaufmann Mancafede kam ber den Platz und sah sie. Nun galt es, sich
hervorzuwagen und in sein schmunzelndes Gesicht zu sehen. Er wute schon
alles! Seine schreckliche Tochter wute schon alles! Jetzt machte es die
Runde in der Stadt, drang vors Tor und nach Villascura. Nello gab die Hand,
halb gewendet, als sollte sie ihm abgehauen werden, und mit einem Blick von
unten, der nicht standhielt. Aber der Kaufmann dienerte eifrig, als
beteuerte er seine Harmlosigkeit. Er habe heute sein Lager revidiert, sagte
er, und seine Tochter habe Tomaten eingekocht; man wisse gar nicht mehr,
was vorgehe. Und Nello senkte die Stirn, errtet, weil er begnadigt war.

Da zeigte sich der Apotheker Acquistapace auf seiner Schwelle und hob den
Daumen, als wisse er etwas. Durch Nello fuhr ein neuer Schreck. Aber nun er
seinen Kaffee mit Rum bestellt, umstndlich sein Holzbein unter dem Tisch
zurecht gelegt und jeden bedeutsam aufs Knie geklopft hatte, stie der
Apotheker aus:

Und der Advokat?

Da die drei Snger nur die Achseln zuckten, rieb er sich strmisch die
Hnde.

Sie werden es nicht glauben! Dieser Advokat! Aber ich habe Beweise. Er hat
sich aus der Apotheke Kirschen in Aquavita holen lassen. Er feiert Orgien,
der Advokat: Orgien, meine Herren, mit einer Frau, und Sie kennen sie.

Wir? fragte Gaddi.

Ich wei߫, erklrte Mancafede; meine Tochter hat es mir gesagt.

Nello machte sich steif.

So wiederholen Sie es doch!

Aber der Kaufmann schmunzelte nur, und Nello sank zusammen.

Wir haben keine Ahnung, sagte der Cavaliere Giordano.

Raten Sie nur! -- und der Apotheker legte den Finger an die Nase.

Sie haben eine schne Kollegin: das Frulein Italia . . .

Die, behauptete der Bariton, kann es nicht sein. Sie ist uerst
anstndig.

Und doch, und doch --

Die Hundeaugen des alten Kriegers leuchteten; er setzte sich den Finger auf
die Brust.

Ich habe es aus erster Quelle.

Denn die Schwester des Advokaten, die Signora Artemisia selbst, hatte bei
ihm die Kirschen geholt und ihm alles erzhlt. Zwischen Tr und Angel hatte
sie im Zimmer ihres Bruders einen Weiberhut entdeckt, der am Sofa hing; und
auf dem Sofa sa die Frau.

Ah! Ihr Herren, der Advokat!

Der Tabakhndler und der Gemeindesekretr trafen ein.

Ich kann es nicht glauben, versicherte Gaddi und zwinkerte dem Cavaliere
Giordano zu; eine so anstndige Person wie unsere Italia.

Eure Italia! rief Polli und schlug sich auf die Schenkel. Ah! reden wir
ein wenig von ihr. Der Schlchter Cimabue wei manches von ihr.

Hat er sie geschlachtet?

Er hat ihr so viel Filet geschickt, da sie eine dreitgige Indigestion
davon haben wird, -- und wer hat es geholt? Niemand anders als die
Schwester des Advokaten Belotti.

Der Sekretr spreizte die Hnde.

Ich glaube nicht daran. Der Advokat ist ein Prahlhans, ein Kapitn
Spavento. Nie ists ihm gelungen, eine Frau zu verfhren: alles blo
Erfindungen.

Polli und der Apotheker hoben die Arme.

Wenn doch die Andreina in Pozzo ein Kind von ihm hat!

Ein Kind vom Advokaten, das wird die Welt nie sehen, -- und Camuzzi
strich mit einem Finger alle Hoffnung fort. Ah, man stelle sich vor: ein
Kind vom Advokaten.

Schon? fragte der Leutnant Cantinelli, der grte. Bisher steht nur
fest, da der Junge vom Konditor Serafini ihnen Gefrorenes hingetragen hat.
Der Advokat hat ihm selbst die Schssel abgenommen, und der Junge konnte
erkennen, da er unter seinem Schlafrock nichts anhatte. Im Hintergrunde
aber schlpfte die Komdiantin vorbei, und sie hatte noch weniger an.

Ah! der Advokat.

Orgien: wie ich euch sagte! -- und der Apotheker schlug zwischen die
Tassen. Der Kaufmann Mancafede ward auf seinem Stuhl immer unruhiger. Er
erhob die Stimme.

Ich wei mehr als ihr alle. Meine Tochter hat mir gesagt, wie oft die
beiden --; wie oft der Advokat sie --: ihr versteht mich.

Der Sekretr lehnte es mit der Hand ab, zu verstehen; Polli aber, der
Leutnant und der Apotheker sahen sich an, rter und rter, -- und auf
einmal entlieen sie mit Geknatter die Luft aus ihren aufgeblasenen Backen.
Polli war auf den Beinen, er trampelte und erteilte sich Faustschlge ins
Ges. Der Leutnant stie chzend seinen Sbel aufs Pflaster. Der Apotheker
brach von Minute zu Minute in ein Gebrll aus, das die Leute um den Tisch
sammelte. Pltzlich rief eine schrille Stimme:

Da sind sie!

Und der Schwarm Buben mit dem weien Konditorjungen voran, strzte sich
nach der Treppengasse. Die am Brunnen schwatzten, kamen nach; schon traten
der Perckenmacher Nonoggi und der Konditor Serafini ber ihre Schwellen;
zwei Reihen entstanden: und da sah man den Advokaten Belotti mit der
Komdiantin auf den Stufen erscheinen. Bevor er die letzte verlie,
entsandte er, in die Brust geworfen, ein Lcheln des Triumphes ber die
Menge, die ihm huldigte, nach dem Caf, wo alle verstummt waren; -- und
dann bot er seiner Dame den galant zusammengerollten Arm, um sie durch das
Spalier zu fhren. Der junge Savezzo war da und applaudierte.

Die Herren auer Camuzzi, der lchelnd den Kopf schttelte, empfingen das
Paar stehend und alle Hnde hingestreckt. Italia, mit frischem Puder auf
einer Wange, gab die ihre hin, indem sie sich in den Schultern ein wenig
wand. Auch blinzelte sie dazwischen zum Advokaten auf, der strahlte und bei
jedem Hndedruck den andern eine kleine Ermutigung spendete:

Ah, mein braver Acquistapace . . . Immer munter, Polli!

Er bestellte einen besonders starken Kaffee fr seine Freundin, und sie
mute zugeben, da sie ermdet sei.

Es gibt so vieles zu sehen beim Advokaten, erklrte sie.

Die Bilder, die er hat! Sie wrden nicht glauben --

Sst! machte er.

Und das viele Essen! Man mu gestehen, da im Hause des Advokaten gut
gekocht wird. Er hatte nur Fleisch erster Qualitt.

Darauf hat er sich immer verstanden! schrie Polli. Er hat immer das
zarte und volle Fleisch zu finden gewut.

Der Advokat fand die schmeichelhafteste Seite seiner Leistung nicht
gengend beleuchtet.

Und der Baron, flsterte er dem Tabakhndler zu. Auch der Apotheker hatte
es gehrt und flsterte zurck:

Du hast sie ihm aufgesetzt, Advokat. Ah! wenn jemals einer sie ihm
aufgesetzt hat, bist du es.

Du bist gro, Advokat! sagte Polli voll ehrlicher Bewunderung.

Die schneidende Stimme des Gemeindesekretrs strte den Advokaten im Genu
der Huldigungen.

Da haben wirs! -- und Camuzzi wies nach dem Dom. Auf der Treppe drngten
die Jungen sich und folgten gierig den Vorfhrungen des Konditorlehrlings.
Seine Hnde sah man hier und dort aus dem Kreis steigen und hrte den Chor
lachen.

Es ist keine Kunst, zu erraten, wovon die Bande sich unterhlt.

Was meinen Sie denn, Camuzzi? fragte der Advokat, immerhin betroffen.
Ich habe keine Ahnung.

Ein Blick auf die tief errtete Italia machte, da er die Hand ans Herz
legte.

Ich versichere auf meine Ehre, da der Junge nichts gesehen hat.

Der Sekretr nickte ingrimmig.

Jetzt schlgt ihm das Gewissen, dem alternden Lstling, da er sein Werk
sieht. Denn er verdirbt uns die Kinder. Die Jugend, ihr Herren, ist in
Gefahr!

Das ist doch wohl bertrieben, meinte der Advokat; und da er in den
Gesichtern Zustimmung erkannte, richtete er sich khner auf.

Diese Rangen sind ja schlimmer als wir. Der Coletto vom Konditor Serafini
ist mit der Kleinen abgefat worden, die beim Malandrini die Teller
absplt. Ich rufe den Leutnant als Zeugen auf . . . Und im brigen, ihr
Herren, seht hier, seht den Priester!

Don Taddeo hatte die Ledermatratze von der Domtr gehoben und belauschte,
sprungbereit, die Buben. Unversehens war er ber ihnen und zersprengte sie
unter einem Hagel von Pffen. Die ersten, die sich gefat hatten, waren
schon davon, im Corso verschwand schon die weie Mtze des kleinen
Konditors, aber Don Taddeo hieb noch immer, und seine Soutane flog,
besinnungslos auf die Ungewandtesten und Schwchsten ein, die sich duckten
und schrien. Die Brger waren emprt.

Der Gevatter Achille schob seinen Bauch ins Freie und murrte:

Sieh doch, ei sieh doch, welch hliches Tier!

Wenn man ihn selbst einmal -- schlug Polli vor, und sogar der Kaufmann
Mancafede gestand, da der Priester es stark treibe.

Solche Verbndete, stellte der Advokat fest, hat der Herr Camuzzi.
Solchen Leuten besorgt er das Geschft.

Die moralischen Gesetze, versuchte der Sekretr einzuwenden, verlieren
dadurch nicht an Wert, da --

Ach was! -- und der Advokat schob seine Tasse weit fort. Lassen Sie doch
die moralischen Gesetze in Ruhe! Die freie Menschlichkeit, der wir anderen
huldigen --

Er sah auf Italia.

-- ist sittlicher und sicher auch gottgeflliger, als eure dstere
Verneinung!

Bravo, Advokat! sagte der Cavaliere Giordano.

Er hat gut gesprochen, besttigte Gaddi. Der junge Savezzo setzte hinzu
und schielte auf seine Nase:

Aufklrung, Fortschritt und Blte: wer wrde sie uns herbeifhren, wenn
nicht der Advokat es tte!

Und der Advokat konnte, mit strenger Miene, die Glckwnsche der Brger
entgegennehmen. Auch Italia hatte ein Gesicht voll Wrde bekommen und lie
den Blick, Anerkennung fordernd, um den Tisch gehen. Wie der letzte der
Jungen, heulend und die Hand am wehen Krperteil, herbeihinkte, holte der
Advokat ihn zum Tisch und trstete ihn entrstet, Italia steckte ihm Zucker
in den Mund. Der Gemeindesekretr betastete seine elegante Krawatte, begann
seinen Klemmer zu wischen und sah mit Fischaugen darein. Um nicht ganz
vernichtet zu erscheinen, knpfte er mit den Komdianten an.

Nicht, da ich ein Duckmuser oder Obskurant wre: aber ich liebe das
Prahlen nicht. Denn dem Anschein zum Trotz, glaube ich nicht, da der
Advokat eine Frau erobert hat, weil ich an keinen seiner Erfolge glaube;
weil ich nicht glaube, da bei uns irgend etwas geschieht oder geschehen
kann.

Der junge Savezzo murmelte und schielte gelb:

Es knnte immerhin manches geschehen, aber man drfte nicht auf den
Advokaten warten. Man drfte nicht erwarten, da gewisse Familien, unter
Ausschlu aller brigen, das Genie hervorbringen.

Unter dem spttischen Blick des Sekretrs verga er sich:

Man schmeichelt hier Unfhigkeiten; auch ich mu ihnen schmeicheln; und
Talente, die fr das ffentliche Leben unschtzbar wren, gehen verloren in
kleinen Geschftskabinetten, in irgendeinem Hinterhaus.

Zum Beispiel in dem Ihres Vaters? fragte der Sekretr.

Warum nicht in dem meines Vaters. Wei man von den politischen Plnen, die
ich im Kopfe wlze? Andere, bei Gott, als die Anlage von Waschhusern und
Vizinalwegen. Nichts fehlt mir, als grere Verhltnisse, Bewegung und
freier Wettbewerb. Aber weil sie mir fehlen, mu ich mich ducken vor
Mittelmigkeiten.

Er hatte dick gewulstete Brauen, und an seinen verschrnkten Armen stiegen
die Muskeln auf und nieder. Der Gemeindesekretr hob die Schultern.

Sie werden vielleicht noch davon abkommen, in irgend jemand einen groen
Mann zu sehen: sei es auch nur in sich selbst.

                   *       *       *       *       *

Nello Gennari bemerkte hinten in der Gasse der Hhnerlucia die kleine,
einsame Gestalt der Primadonna. Er strzte sich in die Gasse.

Hier ists khl, sagte er aufatmend; und ber sie geneigt:

Du bist ein sehr anstndiges Mdchen, da du mich nicht verraten hast.

Was htte ich davon? Ich lasse dir deine Schmutzereien.

Er bi sich auf die Lippe.

Du bist hart, Flora. Aber du hast wohl ein Recht dazu: der Schein ist
gegen mich.

Da sie Luft durch die Nase stie:

Dich beneide ich! Wer, wie du, nur in der Kunst lebte! Einen einzigen
Zweck, einen einzigen Ehrgeiz haben!

Sie betrachtete ihn mit ihren kalten, raschen Augen.

Das ist nicht deine Sache, mein Kleiner. Bleibe, wie du bist!

Aber auch ich -- und er schluchzte trocken auf, -- habe nun etwas
Einziges, etwas Groes --

Leise, und in den Worten weitete sich ein Herz:

-- fr das ich leben will, -- fr das ich sterben will. Ihre Miene ward
unruhig.

Willst du singen lernen? Sage, ob du singen lernen willst!

Ich werde wohl niemals viel mehr knnen als das, was ich von Natur kann.

Und so pat es fr dich, sagte sie befriedigt.

Beim Caf stand alles auf, um ihr Platz zu machen. Der Advokat legte die
Rechte aufs Herz und begann zu singen. Sieh, Geliebter, unser um --.

Die versagenden Tne ersetzte er durch Augenaufschlag.

Ah! Frulein Flora Garlinda, wer das von Ihnen gehrt hat, vergit es
nicht.

Da Sie es singen, Frulein, sagte Polli galant, brauche ich meinen
Phonographen nicht reparieren zu lassen; das ist immerhin eine Ersparnis.

Knnten Sie es nicht meiner Frau beibringen? fragte Camuzzi; und gerade
wollte auch der Leutnant fr die seine bitten, da fhrte der Apotheker die
Hand ans Ohr. Man hrte es knarren, dann knallen; die Jungen rannten die
Rathausgasse hinab; und endlich zeigte sich Masetti auf seinem Kutschbock.

Es wird niemand darin sein, sagte der Kaufmann.

Ich habe beobachtet, sagte Polli, wenn der vorige Tag zu gut war, dann
kommt gar nichts.

Da wir das Frulein schon unter uns haben, und der Advokat verbeugte sich
vor der Primadonna. Italia stie ihn vorwurfsvoll in die Seite, und er trat
sie, um seinen Fehler gutzumachen, auf den Fu.

Dem Postwagen entstiegen zwei Nonnen und verschwanden sofort in der
Treppengasse. Der Apotheker fluchte.

Es ist unbegreiflich, bemerkte der Advokat, wo diese Mdchen sich
umhertreiben. Was mgen sie --

Er brach ab; aus der Post schwang sich, in seinen Ledergamaschen, der Baron
Torroni.

O, machte der Leutnant, man wei von sehr sonderbaren Fllen . . .

Der Sekretr lchelte unbekmmert.

Ah! der Advokat sieht den Feind und zittert.

Tatsache ist, sagte Polli, da der Advokat gewisse Rechte des Barons
nicht ganz --

Und er warf einen Blick voll Bedenken auf Italia. Sie fuhr auf:

Aber was haben Sie alle? Mir scheint gar, Sie glauben --. O! seid ihr
schlecht! Wenig fehlt, und ich sage alles!

Sie schluchzte. Der Advokat erhob sich.

Das Frulein ist unter meinem Schutz, und Herr Camuzzi hofft vergebens,
da ich zittere. Habe ich etwa vor Don Taddeo gezittert? Und niemand wird
leugnen wollen, da die Kirche ein gefhrlicherer Feind ist als der Adel.

Immerhin mu man wissen, sagte der Apotheker, da heute frh ein Bauer
aus Borgo bei mir war, dem der Baron ein Loch in den Kopf geschlagen hat.
Denn er lt sich auf Prgeleien ein, wie ein Bauer.

Aber der Baron wird von der Baronin erwartet! rief Polli; und da du mit
dem Frulein Italia bist: was willst du noch von ihm?

Auch der Advokat sah die Baronin bei den Lwen stehen, und das machte
seinen Schritt noch tapferer. Italia holte ihn ein, sie legte die Hand auf
seinen Arm.

Keine Dummheiten, Advokat!

Und etwas weiterhin:

Du glaubst also noch immer, da ich mit dem Baron --? Trotz allem glaubst
dus, was ich dir gesagt und was ich fr dich getan habe? O ich
Unglckliche!

Die Zeit der galanten Beschnigungen schien dem Advokaten in dieser
kritischen Lage vorbei.

Versteht sich! Da ich es selbst gesehen habe! sagte er.

Aber sein strkster Beweis war, da Italia sich ihm ergeben hatte. Er war
berzeugt, da er sie nicht bekommen haben wrde, htte sie nicht mit dem
Baron den Anfang gemacht.

Du lgst! -- und sie ward bleich, mit einer Art zorniger Begeisterung,
weil man ihr, der schon so vieles vorzuwerfen war, endlich einmal etwas
Falsches zuschob. Was hast du gesehen?

Was Teufel! Er kam in aller Frhe aus dem Gasthaus, und der Wirt wute,
warum.

Nein, er wute es nicht; aber ich, ich will es dir sagen. Von der Frau des
Wirtes kam der Baron! Denn der Geist ihres Vaters, der ihr erschienen ist,
war der Baron Torroni: ich bin zu gtig, da ich es nicht allen erzhlt
habe.

Der Advokat murmelte:

Sprich wenigstens leiser! Wir sind nicht allein auf diesem Platz -- und
nachdem er berlegt hatte:

O Weiber! Und das soll ich dir glauben?

Er hob die Schultern, hielt die Handflchen hin und sah umher, als sollten
alle ihm besttigen, da dies zweifelhaft bleibe. Freilich, wenn sie die
Wahrheit sprach, war der Konflikt mit dem Baron aus der Welt geschafft!
Aber wo blieb der Stolz, ihn betrogen zu haben? Andererseits war es
schmeichelhaft, der erste zu sein, -- und sofort nahm er sich, khn
gemacht, vor, sie dafr zu verlassen.

Ich liebe nur dich, sagte Italia vershnlich.

Eh! machte er und kehrte um.

Liebst du mich nicht mehr? fragte sie. Er sagte herablassend:

Du bist ein gutes Mdchen.

Als sie wieder am Tische saen, raunte der Apotheker dem Advokaten zu:

Glcklicher Mann, der du bist! Sie liebt dich mehr als den Baron. Man sah
wohl, da sie Furcht um dich hatte.

Du glaubst? -- und der Advokat strich sich den Schnurrbart.

Man wei in betreff dieser reisenden Nonnen, begann der Leutnant wieder,
von sehr sonderbaren Fllen . . .

Nello Gennari sah sich pltzlich um. Wie? die Post war da? Mit ihr kam ich
gestern: ists mglich, erst gestern? Und dann stand ich dort drben und sah
Alba in den Dom gehen . . . kann das geschehen sein? Habe ich nicht
getrumt? O! nie wieder wird es geschehen. Ich sehe sie nie wieder! Und er
errtete bei der Erinnerung, da er gegen Flora Garlinda sich groer Dinge
gerhmt habe. Ich bin klein, klein und komme nur vorber und verwehe, wie
ein wenig Staub, den ihr Fu aufhebt. Aber hundertmal hatte schon in
seinem Herzen die Gewiheit geschlagen, er werde sie lieben und keine
Zukunft mehr haben, als diese! Und hundertmal schon war er verzweifelt!
Ich begreife mich nicht. Mein Geist hat das Fieber, und was ich denke, ist
abwechselnd wie Feuer und wie der Tod.

Wo bleibt der Maestro? fragte der Cavaliere Giordano, der die ganze Zeit
starre Augen gehabt hatte. Die Chorprobe mte aus sein.

Wohl, sagte Gaddi. Aber diese Anfnger haben einen solchen Eifer. Welche
ungesunde Aufregung heute morgen! Ich mchte wissen: wenn einer seine
Pflicht tut und seine Familie erhlt, ist das nicht genug?

Der alte Tenor prgte seiner Miene einen erhabenen Spott auf. Der Bariton
bemerkte es nicht, weil er einen seiner Shne von anderen Jungen bedroht
sah und hineilte, um ihm beizustehen. Als er sich allein fand, zog ber den
Blick des Alten sogleich wieder, dicht wie ein Tuch, die Sorge, und er
murmelte:

Vielleicht kommt es wirklich auf dasselbe hinaus?

Flora Garlinda betrachtete ihn, ohne da er es merkte. Sie sa in
schlechter Haltung an der Hausmauer, einen Arm auf dem Tisch und die Faust
unter dem alten weien Filzhut, so da er hinberrutschte, -- trank nicht,
rauchte nicht und ri manchmal, indes sie alles umher im Auge behielt,
anzusehen wie ein bses ffchen, mit den Zhnen ein Stck von ihrer Semmel
ab.

Der Advokat streckte die Hand aus.

Was Sie da von jenem Priester in Nodi erzhlen, Herr Leutnant, das knnte
auch unserem Don Taddeo zustoen. Schon oft, wenn ich ihn zu den Nonnen
hinaufsteigen sah --

Der Apotheker Acquistapace schttelte ehrlich den Kopf.

Ich glaube nicht. Er ist ein hassenswerter Fanatiker, aber in betreff der
guten Sitten lt sich ihm nichts vorwerfen. Wir hatten sogar eine Magd,
die mannstoll war, eine schne Person -- Italia unterbrach die Erzhlung.

Advokat, sagte sie zitternden Tones, der Blick des Priesters, als er uns
begegnete!

Versteht sich, er war neidisch! Ich hatte es vergessen, ihr Herren: er kam
die Gasse herab, wie wir aus meinem Hause traten. Vielleicht hatte er
Unglck bei den Nonnen gehabt, denn ich, der Advokat Belotti, glaube nicht
an seine Sittenstrenge; und genug, er sah das Frulein Italia mit gewissen
Augen an . . .

Sie schlug die Hnde vors Gesicht.

Ich will bei ihm beichten. Vielleicht stimmt es ihn milder, und er sieht
mich nicht wieder so an. Ohnedies ist es gut, am Anfang einer Saison zu
beichten.

Der Advokat entsetzte sich ber den Aberglauben, Camuzzi lobte Italia fr
ihre Religion, die den Frauen so gut stehe, und die anderen schwankten
zwischen den beiden Auffassungen. Flora Garlinda sagte unvermutet:

Auch ich werde beichten.

Man stutzte.

Sie sind fromm?

Warum nicht, erwiderte Gaddi. Auch beim Theater sind wir anstndige
Leute.

Ich komme gern mit mir ins reine, erklrte sie und bewegte die Augen hell
vom einen zum andern. Habe ich dort im Schatten gekniet und alles
ausgesprochen, dann wei ich ein wenig besser, wer ich bin und was mir
bestimmt ist.

Der Advokat hielt sich nicht mehr.

Und eine so gebildete Frau sollte glauben, da ein Priester ihr die Snden
vergeben kann?

Wenn er stark genug wre? sagte sie und sah ber die Kpfe hinweg. Aber
fast immer mu ich selbst sie mir vergeben knnen: er versteht mich nicht.

Sie sind eine sonderbare Person, bemerkte der Tabakhndler.

Denn meine Snden lassen sich nicht greifen wie ein Stck Fleisch -- und
sie erfate Italias weien Arm. Sie sind schwierig, -- und die Priester
sind grob. Da war in Sogliaco ein Pfarrer, ich ging an seinen Beichtstuhl
und sagte: >Mein Vater, ich habe eine Frau unglcklich gemacht. Es ist die
Zucchini, die, obwohl gro und fett, es sich einfallen lt, ehrgeizig zu
sein. Da sie die Geliebte des Direktors Cremonesi ist, wre sie, die nichts
kann, dennoch fast als Primadonna nach Parma gekommen. Ich habe es
verhindert, mein Vater, indem ich sie die Lucia singen lie, der sie noch
lngst nicht gewachsen ist. Ganz leise und aus dem Hinterhalt machte ich
ihr Lust darauf, und dann stellte ich mich krank: da lie sie sich die
Rolle geben und sang sie. Welch Fiasko, mein Vater! Auf lange ists aus mit
ihr. Und die Arme: am Abend ihrer Niederlage kommt sie weinend zu mir und
bittet mich um Verzeihung; sie habe verdiente Strafe erhalten fr das
Unrecht, das sie mir getan habe, als sie mir die Partie wegnahm!<

Welch guter Witz! rief der Apotheker, und alle schttelten sich. Flora
Garlinda lchelte in die Runde.

Seht ihr? So lachte auch jener Pfarrer, der nichts begriff. Die Gardine
des Beichtstuhls flog auf von seinem Schnauben.

                   *       *       *       *       *

Die Chorprobe ist aus: jetzt mu der Maestro kommen, sagte der Cavaliere
Giordano.

Aus der Treppengasse quoll eine bunte Masse, stob auseinander, -- und alle
die Farben der leichten Blusen, der gefrbten Haare und bemalten Gesichter
flatterten ber den Platz, setzten sich auf die graue Menge, wie ein
hergewehter Schwarm fremder Insekten.

Der Advokat flsterte Nello Gennari ins Ohr:

Diese Mdchen! Sind Sie glcklich, da Sie immer so viele zur Verfgung
haben!

Aber auch unsere Damen, fgte er hinzu, sind nicht zu verachten, und
nicht oft haben wir sie so zahlreich auf dem Platz beisammen wie heute.
Kommen Sie doch, ich werde sie Ihnen zeigen!

Sie gingen. Der Advokat blhte; er nahm mit einer Hand den Arm des schnen
Tenors und steckte den Daumen der andern in das rmelloch seiner Weste.
Lauter bewundernde Blicke fielen auf den Liebhaber der Komdiantin: er
fhlte, wie sie seinen glcklichen Bauch und sein glnzendes Gesicht
trafen.

Die kleine Paradisi, raunte er, hat es auf Sie abgesehen, mein Lieber.
Nur Mut! Ah! wir beide: wir knnen sagen, da wir begehrt sind.

Ich glaube sie schon zu kennen, erwiderte Nello, und nachdem er gezgert
hatte: Gehen in einer Stadt wie dieser nicht tglich zur selben Stunde
dieselben Personen ber den Platz? Werde ich nicht alle die wiedersehen,
die ich gestern gesehen habe?

Gewi, sagte der Advokat, und sogleich wird auch die Hhnerlucia da
sein. Sie kennen sie noch nicht, denn gestern kam die Post mit Versptung,
und die Hhnerlucia versptet sich nie. Ah! sie ist das Unterhaltendste,
was wir haben. Das heit, nun ihr Knstler da seid, hat sich alles
gendert. Da steht die Post: gestern brachte sie euch. Mein Herr, ich teile
Ihnen eine von mir gemachte Beobachtung mit: Man wei nie, was alles aus
einem Postwagen steigt mit den Personen, die daraus hervorkommen.

Er sah sich nach Beifall um.

Dort steht Frau Jole Capitani, die Frau unseres gesuchtesten Arztes. Er
ist fast immer abwesend, oft sogar nachts, Sie verstehen? Ich glaube, da
diese Frau sich in einer Krise befindet. Ich werde Sie mit ihr bekannt
machen, unter der Bedingung, da Sie mich jener groen Choristin
vorstellen, der mit den gelben Haaren, die mit dem jungen Polli spricht.
Was will der Dummkopf von ihr? Ah! und der Severino Salvatori mit zwei
anderen Komdiantinnen auf seinem Korbwagen. Er will auch die groe Gelbe
hineinheben: umsonst, mein Lieber, sie bleibt bei ihrem Olindo. Welch Glck
der kleine Polli hat! Sie mssen wissen, mein Herr, da der Severino
Salvatori unser elegantester junger Mann ist. Er bringt die Erbschaft
seines Vaters durch. Immer hat er die schnsten Pferde. Ich liebe zu sagen,
da er das vterliche Geschft vergrert hat, denn sein Monokel ist grer
als die Goldstcke des Alten.

Der Advokat verbeugte sich vor denen, die lachten. Nello dachte:

Dies ist die Stelle, von der ich sie gestern sah. Die Menge drngte sich
wie jetzt; und beim ersten Schlag des Avelutens teilte sie sich. O! wird
sie sich auch heute mit solcher Kunst zerteilen? Wird auch heute am Ende
einer Gasse von Menschen Alba vor mir vorbergehen: unter den einsamen
Klngen der Hhe und dem Staunen der Stille, allein und rasch, dort hinten
in dem Sonnenstreif, der ihren Schleier durchleuchtet? Ich sehe sie! Ihr
weies Profil! Ihr Haarknoten, kupferrot und besonnt!

Die Hhnerlucia! rief der Advokat und schttelte ihn. Da ist sie!

Man sah sie stehn und Flgel schlagen mit ihren langen Armen. Von allen
Seiten bedrngte sie Volk, das gackerte, und die Alte verrenkte umsonst ihr
krummschnbeliges, rotes kleines Gesicht, um lauter zu gackern als alle. Da
durchdrang ein Schrei von ihr den Lrm; sie strzte sich, die Arme voran,
ber den Brunnen nach einem Huhn, das aufgeflattert und hineingefallen war.
Die Jungen stieen sie mit dem Gesicht ins Wasser, sie spritzte es mit den
Hnden um sich, man kreischte, man floh . . .

Als die Hhnerlucia schon wieder in ihrer Gasse verschwunden war, wand sich
der Advokat noch immer erstickt vor Lachen.

Heute war sie gut. Haben Sie gesehen? Ich sehe das nun seit dreiig
Jahren, und es bleibt immer komisch.

Da kommt der Maestro die Treppe herab. He! Maestro, rief er.

Der andere ist der erste Chorist: o! ich kenne alle vom Theater, erklrte
der Advokat seiner Umgebung. Alles in Ordnung, Maestro? rief er durch die
Hnde.

Der Kapellmeister hrte nicht. Er winkte den Mnnern zu, die ihn begleitet
hatten, und ging rasch durch die Menge nach dem Caf zum Fortschritt.

Es ist gut gegangen, sagte er und nahm die Hnde, ich bin zufrieden.

Werden diese Chormdchen uns nicht blamieren? fragte Italia.

Sie werden besser sein als Sie, meine Teure. Das Volk ist immer das Beste
in diesem Lande; ich halte es mit dem Volk.

Er setzte sich neben Flora Garlinda, ohne sie anzusehen, -- lehnte den Kopf
an die Mauer, verschrnkte die Arme und lie sich, rosig durch die
heimlichen Wallungen seines besonnten Ehrgeizes, von den Leuten bestaunen.
Sie kannten ihn nur als den, der ihre Kinder das Singen lehrte und an
patriotischen Festtagen mit den Musik machenden Handwerkern durch den Corso
zog. Jetzt aber gehrte er zu diesen fremden und berhmten Knstlern, hatte
eine Unzahl Menschen zu befehligen, eilte umher als die beschftigteste
Person der Stadt, und auf seinen Schultern lag die groe, unerhrte und
feenhafte Sache, derer sie harrte: die Oper! Er griff sich ans Herz: es
sprang zu hoch.

Noch das Orchester, und der Tag wird nicht umsonst gewesen sein, sagte er
und seufzte.

Sie sind in der schnsten Zeit Ihres Lebens, junger Mann, erwiderte der
Cavaliere Giordano. Der Bariton Gaddi gab dagegen dem reiferen Alter den
Vorzug, wenn man vom Mittagsschlaf erwachte und die Kinder zogen einen an
den Beinen. Die Brger traten auf seiten des Cavaliere. Jung sein und
lieben! Die Poesie, was Teufel! Darber erhob sich ein bewegter Austausch
von Idealen. Inzwischen wandte der Kapellmeister sich mit einem kleinen
Ruck an Flora Garlinda.

Niemand sang doch >Sieh, Geliebter, unser umblhtes Haus< so gut wie Livia
Damanti, sagte er und schpfte Atem.

Flora Garlinda lchelte.

Sie finden?

Sie hatte so viel Gefhl.

Flora Garlinda krmmte die Lippe.

So drcken die Dilettanten sich aus, Maestro . . . Und wann haben Sie die
Livia gehrt?

Letzten Winter, sagte er rasch und errtete. In Parma.

Sie ist seit einem Jahr in Amerika.

Und immer mit ihrem reglosen Lcheln:

brigens ist das >Sieh, Geliebter< nicht ihr Fach, denn sie singt
Contralto.

Er hielt die Lider gesenkt und schwieg, pltzlich ganz bla. Sie zuckte
unmerklich die Achseln. Natrlich hatte es ihn gereut, da er sich heute
bei der Probe eine Ble gegeben hatte, als er sie so fassungslos lobte.
Daher diese Erfindung. Er war ertappt, und sein Schweigen gengte: sie sah
weg.

Ich werde mich geirrt haben, sagte er und schluckte hinunter. Auch
zhlt, seit ich Sie gehrt habe, das Frher nicht mehr. Das ist die
Wahrheit.

Wahrheit oder nicht -- und sie lachte kameradschaftlich, wir kennen uns
schon ein wenig, nicht, Maestro? und wissen wohl, wem jeder von uns die
grte Zukunft voraussagt. Denn was denken Sie ber sich, Maestro?

ber mich? ber mich? -- mit der Hand auf dem Herzen:

Was kann ich denken? Ich bin ein Dorfkapellmeister, der --

Der junge Savezzo reichte ihm elegant die Fingerspitzen.

Maestro, Ihr Ruhm durchluft die Stadt; bis in mein Studierzimmer ist er
gedrungen.

Sie sind aber selbst ein berhmter Mann, Advokat, sagte der Kaufmann
Mancafede.

Der junge Savezzo schielte vor Freude auf seine pockennarbige Nase.
Pltzlich schrak er auf und sah sich nach Belotti, dem wirklichen Advokaten
um. Da er ihn nicht fand, bewegte er, den Kopf im Nacken, anmutig die Hand.

Was wollen Sie, o meine Herren und Damen? Man bemht sich, soviel die
Geschfte es nur erlauben, um das geistige Leben der Stadt, in der man nun
einmal wohnt. Ist das ein Verdienst? Ich wei es nicht. Fr mich ist es ein
inneres Bedrfnis. Von Zeit zu Zeit kommt es ber mich. Ich verschliee
dann den Landleuten, die meinen Rat suchen, die Tr meines
Geschftskabinetts; und dort ganz hinten im Hause, wohin der Lrm der Welt
nicht dringt, blicke ich empor nach den Eingebungen, die mich suchen.

Er legte, eine Hand am Ohr, das Gesicht nach oben. Seine lauschende Haltung
benutzte der Kapellmeister, um weiterzusprechen.

Ich bin ein Dorfkapellmeister, der eine Oper schreibt. Wie viele mgen
gleichzeitig mit mir an einer Oper schreiben! -- und doch, ich fhle eine
Musik in mir, nach der es ein ganzes Volk verlangt, und manchmal, inmitten
des Fiebers der Arbeit, meine ich in der Ferne das dumpfe Gerusch dieses
Volkes zu hren, das wartet.

Und Sie, Herr Savezzo? fragte Flora Garlinda.

Ganz so! sagte er, fuhr sich durchs Haar und dachte, da er wohl daran
getan habe, in der Nacht das weiche Kopfkissen fortzulegen, denn nun waren
die gestern gebrannten Locken noch unzerstrt. Ganz so! Als ich ber die
Freundschaft meine Abhandlung, nein, mein Gedicht in Prosa schrieb, sah ich
fortwhrend die Mitglieder unseres Klubs vor mir sitzen und vernahm das
beifllige Gemurmel. Vorne saen die Damen und gerade unter meinem Podium
die schne Alba Nardini: alles, wie es dann wirklich kam, nur da Alba blo
ihr Dienstmdchen schickte. Aber sogar die Limonade hatte ich schon im
Geist erblickt.

Der Ehrgeiz! sagte der Kapellmeister. Der Ehrgeiz ist eins mit dem Drang
zu beglcken, und Ruhm und Liebe sind das gleiche. Sie verstehen mich,
Flora Garlinda! In die Welt hinausfahren, in die groen Stdte, ber das
Meer; mein Werk dirigieren und, indes sie jubeln, fhlen, da ich spende!
Nirgends fremd, berall schon bekannt sein durch die Taten meiner Seele
und, nun ich erscheine, tausend Geliebte vorfinden, die mir danken!

Tausend Geliebte! -- und der Savezzo stie ein Freudengelchter aus. Ich
sage nicht nein, da ich mir in dieser Beziehung manches zutraue. Aber auch
das ist schon etwas, wenn nach meinem Vortrage ber die Freundschaft eine
gewisse Dame, die Ehre verbietet mir, zu reden, aber eine unserer ersten
Damen sich mir --

Er schielte auf seine Nase und massierte seine klotzigen Finger, um sie
wei zu machen.

Die Herren verstehen sich, sagte Flora Garlinda und sah, reglos lchelnd,
gerade aus. Der Kapellmeister fuhr, die Hand gespreizt, vom Sitz; aber
seine emprten Worte schienen ihm, noch bevor er sie aussprach, widerlegt
durch dies Lcheln; schwer sank er zurck. Der Savezzo sagte:

Sie wollten die Flasche, mein Herr? Ich bin der hiesige Vertreter fr
diesen Vermouth.

Er redete weiter; der Kapellmeister dachte: Ists mglich, da sie mich mit
diesem verwechselt? Aber sie hat recht; denn wem will ich beweisen, da ich
ihm nicht gleiche? Die sichtbare Tatsache ist, da wir beide in einer
kleinen Stadt sitzen und uns besser glauben, als die brigen. Ich bins wohl
gar nicht. Ich werde nichts knnen. Meine Trunkenheiten, die von schlechter
Musik kommen, werden mir immer nur belkeit hinterlassen, wie der Rausch
nach geflschtem Wein. Ich will nicht mehr schreiben.

Er betrachtete ihr Lcheln.

Das wollte sie! Sie wollte mich demtigen und zur Verzweiflung treiben!
Sie ist bse, ich hasse sie! -- und wrde doch keinen Menschen so gern an
mich glauben machen wie sie!

Aus ratloser Pein sagte er:

Aber Sie selbst, Frulein Flora Garlinda?

Sie hob die Schultern.

Ich? O! ich bin bescheidener als die Herren, weniger berzeugt von meinem
Genie und seinem siegreichen Fluge. Ich werde sehr viel arbeiten: das ist
alles, was ich wei. Vielleicht werde ich wieder nach Sogliaco
zurckkehren, vielleicht verbringe ich noch Jahre an solchen Orten. Fnf,
mag sein sieben mu ich darangeben, bis ich Mailand erreiche. Dann aber --

Man sah ihre kleine Faust zittern, so fest ballte sie sie.

Haben sie mich einmal gehrt, werden sie mich nicht wieder vergessen. Ich
werde nicht vom Glck abhngen und werde nicht sinken. Ich bin jung, -- und
meine Stimme, mein Reichtum, mein Ruhm, alles, was ich mir erobere, wird
dauern, bis ich alt bin, bis ich sterbe.

Sie stand auf.

Ich will meinen Spaziergang machen.

Es ist noch zu warm, Sie werden sich schaden, sagten die Brger.

Sie lachte und ging.

Der Kapellmeister sah vor sich nieder. Ihr gehrt die Zukunft; darum
braucht sie die Trume nicht, die vorauseilen.

Der Cavaliere Giordano wandte sich pltzlich um und sagte wie vorhin:

Aber Sie sind in der schnsten Zeit Ihres Lebens, junger Mann.

Der Kapellmeister erblate . . . Nein, diese selbstgefllige Berhmtheit
hatte wohl nicht Geist genug, um ihn zu verhhnen.

                   *       *       *       *       *

Die Sonne war fort, der Himmel beschattete sich violett. Die Menge flo
rascher in den Corso hinein und zurck auf den Platz. Um den Brunnen
schwenkten sich lange Reihen von jungen Mdchen, wie Strahlen eines
Feuerrades. Pltzlich stand es still, alles Geschrei brach ab, und durch
die Schleier der Dmmerung schwang sich vom Turm das Ave.

Der Advokat Belotti suchte es zu berschreien; er stellte sich, am Arm des
Tenors Nello Gennari, beim Caf ein.

Der Camuzzi ist frher fortgegangen als sonst! schrie er erzrnt. Was
fllt ihm ein! -- denn der Advokat vermite seinen Feind ungern und hielt
auf die Gewohnheiten des andern wie auf seine eigenen.

Im brigen, sagte er, die Hhnerlucia, Don Taddeo mit seinem heiligen
Lrm: Sie sehen, mein Lieber, wir fhren ein regelmiges Leben.

Aber die Personen, sagte Nello, die zum Dom gingen, waren nicht
dieselben. Ich wei es gewi, ich habe sie beobachtet.

Der junge Savezzo lehnte an der Mauer und sphte unter seiner wulstig
gesenkten Stirne hervor.

Ach ja, sagte er, dieser Herr wnschte schon gestern eine der Personen
kennen zu lernen, die in den Dom gingen. Er mge sich merken, da ihre
Bekanntschaft nicht leicht zu machen ist und da andere davorstehen.

Was meint dieser Herr? -- und Nello tat einen raschen Schritt.

Dieser Herr hat mich sehr gut verstanden.

Darauf schlug der Savezzo einen leichten Ton an.

Man hat das Frulein Flora Garlinda allein gehen lassen. Sind wir denn
keine Ritter? Ich werde ihr nacheilen und sie unterhalten, indem ich ihr
meinen Vortrag ber die Freundschaft hersage.

Was hat er? ward gefragt, als er fort war.

Ich verstehe nicht -- stammelte Nello. Der Advokat bewegte den
Zeigefinger.

Das gilt nicht Ihnen, mein Lieber; es gilt mir, dessen Freund Sie sind.
Vor mir aber hat dieser Elende Furcht, weil er sich in gewissen, an die
Bauern gerichteten Zirkularen, die mir zu Gesicht gekommen sind, schon
wieder des Advokatentitels bedient hat. Sie mssen wissen, da dieser Sohn
eines Kseverkufers, dem man seine Herkunft anriecht, auf der Tr seines
sogenannten Geschftskabinetts sich den Namen Advokat gegeben hatte, und
da ich ihm mit einer Anzeige drohen mute, bevor er das Schild entfernte.
Drum knnen mich seine Kriechereien nicht darber tuschen, da er mich
beneidet und hat.

Er ist ein junger Mann von groem Genie, wandte Polli ein. Der Advokat
versuchte es zu leugnen, aber man hielt ihm die Erfolge Savezzos im Klub
vor. Darauf erwiderte er:

Das schnste Genie kann durch gewisse Charakterfehler befleckt werden.

Meine Hochachtung der ganzen Gesellschaft, sagte der Perckenmacher
Nonoggi und schleifte, bei seinem Kratzfu, den Hut ber den Boden.

Mein Kompliment insbesondere dem Herrn Advokaten!

Er dienerte immerfort vor Italia und grimassierte dabei, da die blutigen
Rinnsel in seinem Gesicht umherflogen.

Eh! eh! machte der Advokat, und alles an ihm dehnte sich.

Wenn ich gewut htte, versicherte der Barbier und drckte die
Pickelflte fester unter seinen Arm, ich wre gekommen und htte den
Herrschaften ein Stndchen gebracht.

Auch Sie sind ein Knstler, Nonoggi? fragte der Bariton Gaddi.

Dem Herrn zu dienen. Hier ben alle die Kunst. Wren nur nicht Unwrdige
darunter! Ich wei wohl, wen ich meine.

Ihr meint den Chiaralunzi, sagte der Apotheker. Aber wir alle wissen,
da er ein sehr braver Mann ist.

Der Barbier hpfte auf.

Der Schneider -- ein braver Mann? Ach ja! Wenn es sich darum handelt,
Rechnungen zu machen, ist er brav. Wenn es gilt, einen verschnittenen Rock
dem Besteller anzuprobieren, ist er brav. Aber Tenorhorn blasen, das lernt
sich nicht beim Wein.

Der Chiaralunzi ist der nchternste von allen.

Er? In Spaldine wollen sie ihn nicht mehr zum Aufspielen, weil er mit
seiner Bande zu viel trinkt.

Da haben wirs, bemerkte der Advokat. Ihr neidet euch gegenseitig die
Drfer, in denen ihr aufspielt. Darum seid ihr Feinde. Das ist nicht schn,
Nonoggi.

Der Barbier breitete die Arme aus und krmmte sich zu Boden.

Es wird nicht schn sein; aber der Schneider und ich, wir stehen so
miteinander, wie der Herr Advokat mit dem Herrn Gemeindesekretr.

Der Advokat legte den Kopf zurck.

Das ist etwas anderes, mein Freund. Bei uns ist es die Verschiedenheit der
Ideen! . . . Da kommt er, euer Feind. Um euch zu vershnen, werden wir euch
beiden einen Vermouth anbieten.

Ohne die Herren beleidigen zu wollen, aber dieser Vermouth wre mir zu
bitter. Meine Hochachtung der Gesellschaft! An der Ecke erwarten mich der
Tapezierer und mein Schwager Coccola. Wir gehen schon hinauf, Maestro!

Wie? fragte der Kapellmeister aufschreckend.

Der Schneider Chiaralunzi kam mit seinem Horn und einer Federboa. Auf
seiner groen Hand, die er offen hielt, um das zarte Ding nicht zu drcken,
und weit von sich streckte, damit es ihn nicht einmal streife, balancierte
er sie Schritt fr Schritt. Von der Anstrengung war er auer Atem.

Das Frulein Flora Garlinda ist fortgegangen? fragte er und setzte das
Horn auf das Pflaster, um den Hut zu ziehen. Die Boa lie er nicht aus dem
Auge.

Die Herren mgen entschuldigen, aber wohin ist das Frulein gegangen?
Gewi bleibt sie wieder lange aus; auch gestern tat sie es, und in der
Nachtluft wird sie sich erklten. Ich will ihr etwas bringen, um wenigstens
den Hals zu schtzen.

Und die Probe? fragten sie ihn. Er bedachte und sah die Boa an.

Ja, die Probe.

Sie mu schon ein gutes Stck Weg gemacht haben, Ihre Flora, sagte der
Tabakhndler. Pltzlich stand der Kapellmeister auf. Er war rosig bewlkt
und streckte die Hand hin.

Geben Sie sie mir, Chiaralunzi! Ich bringe sie ihr. Es macht nichts.
Ohnedies gehe ich ein wenig Luft schpfen.

Aber -- die Probe? Sie sind der Maestro!

Der Kapellmeister griff sich an die Stirn und setzte sich wieder.

Ich verga . . . Ich dachte an etwas anderes . . . Es war nur ein
Einfall.

Der Gevatter Achille erbot sich, die Boa in seinem Lokal aufzubewahren. Der
Schneider sprang entsetzt zurck.

Im Caf! Was denkt Ihr denn?

Alle muten ihm zureden. Endlich ging er selbst hinein, hngte seinen
Schatz an das Kleidergestell, trat davor von einem Fu auf den anderen,
zerrte abwechselnd am linken und am rechten Ende seines rostroten,
baumelnden Schnurrbartes.

Man wird sie anfassen. Hier kommen zu viele Leute, entschied er endlich
und nahm sie herab. Das beste wird sein, ich trage sie wieder nach Haus.
Entschuldigen die Herren!

Sein Horn lie er stehen, legte sich die Boa ber beide Hnde und trug sie
Schritt fr Schritt die Gasse zurck, die er gekommen war. Hinter ihm
zuckten sie die Achseln.

Verliebt, der Arme!

Die Orchesterpartitur, sagte der Kapellmeister, liegt noch in meiner
Wohnung, ich mu eilen.

Der Cavaliere Giordano stand rasch auf.

Wir haben denselben Weg, Maestro. Denn Sie kommen wohl am Gasthaus
vorbei?

Aber schon, als sie den Corso erreichten, sagte er:

Ich gehe noch nicht zum Essen. Ob jetzt oder spter, ich werde dabei
allein sein. Die Italia bleibt sicher mit ihrem Advokaten zusammen, Gaddi
hat seine Familie, Flora Garlinda begngt sich mit dem Diner der
Schneidersfrau, und Nello, ich wei nicht, wo der Junge immer steckt. Ich
knnte zu meiner Hausfrau, der kleinen Camuzzi, gehen; aber, Maestro, es
kommen Zeiten, die Sie noch nicht begreifen, wo die Nhe junger Frauen voll
Bitternis ist. Wenn Sie wollen, werfe ich einen Blick in das Manuskript
Ihrer Oper.

Cavaliere . . . ich wei nicht . . .

Der Kapellmeister griff sich an den Hals.

Sie wren der erste, der es zu sehen bekme . . .

Der alte Tenor lchelte mild.

Ich habe schon andere zu sehen bekommen und, es ist lange her, sogar die
von ihm selbst geschriebenen Noten des groen Maestro Rossini, -- die er
mir geschenkt hat.

Nach einem Schweigen murmelte der Kapellmeister:

Sie sind ein berhmter Mann . . . Ich fhle mich geehrt.

Vor der Unterprfektur stand Rina, die kleine Magd des Tabakhndlers, und
sah erschreckt und glcklich dem Kapellmeister entgegen. Da er vorbeikam,
hob ihre kleine rote Hand sich wie von selbst ein wenig von der Schrze und
blieb, von ihm unbemerkt, in der Luft stehen. Der Cavaliere Giordano wandte
lange den Kopf nach ihr. Sie hatte die Zhne in die Lippe gedrckt und
starre, feuchte Augen.

Am Ende des Corso bogen sie nach dem steilen Platz ein, mit dem Wirtshaus
zu den Verlobten und der Schmiede. ber dem Bruchstck der alten
Stadtmauer, die zwischen den letzten Husern stand wie ein groer
Efeustock, sah rauh der braune Berg herein. Der Kapellmeister zeigte auf
das Dach der Schmiede.

Dort oben.

Der Gipfel des Daches trug einen kurzen, breiten Aufsatz mit einer
geschwungenen Haube, Fenstern, beinahe so gro wie die Wnde, und den
heitersten Arabesken aus Gips. Als sie das dunkle Haus erklommen hatten:

Hier werden Sie sogleich wieder Atem erlangen, Cavaliere. An Luft fehlt es
hier nicht.

Der Alte bat im Gegenteil, vor der Zugluft zu schlieen.

Sie haben recht, es blst zu allen Seiten herein. Im Winter werde ich es
in meinem Bett ein wenig kalt haben. Aber das macht nichts. Tagsber ist
mir oft fast zu warm von meinen Gedanken. Ich laufe durchs Zimmer, wie viel
tausendmal wohl; berall scheint der Himmel herein; mir ist, als laufe ich
durch den Himmel; -- und aus den Glockentnen, die mir darin
entgegenschweben, aus dem Gehmmer der Schmiede, aus allem wird Musik. Aber
vielleicht ist es schlechte?

Er zog das Manuskript hervor, wog es in den Hnden und, rosig bis unter die
Barthaare, lieferte er es aus. Der andere bltterte und bewegte die Lippen.
Der Kapellmeister hielt nicht stand.

Ich spiele es Ihnen vor. Ich spiele Ihnen den zweiten Akt vor, wenigstens
den Schlu, wenigstens das Duett. Sie mssen es anhren!

Er setzte sich vor das Klavier und sprang wieder auf.

Nur ein einziger Stuhl! Was tun? O! Cavaliere, Sie wollen wirklich --?
Aufs Bett? . . .

Nach dem letzten Akkord sah er noch auf die Tasten und regte sich nicht.
Der berhmte Snger klatschte leicht in die Hnde und sagte:

Bravo, Maestro!

Darauf atmete der Kapellmeister wieder.

Es gefllt mir, ich mchte versuchen, die Partie des Tenors zu
improvisieren -- und der Cavaliere stand schon da und schlug mit dem
Zeigefinger den ersten Ton an.

Machen Sie den Bariton, Maestro! O! Ohne Komplimente. Es wird dunkel, aber
hier oben sieht man noch genug. Beginnen wir!

Noch als es aus war, hatte der Kapellmeister die Miene des Lauschens.
Endlich sah er, rosig lchelnd, auf.

Cavaliere, ich danke Ihnen, Sie haben mich heute glcklich gemacht.

Die Stimme des Alten war nicht mehr hohl gewesen. Sie war stark: Wo habe
ich heute morgen meine Ohren gehabt? Nie hatte sie tremoliert. Der
Kapellmeister schttelte noch immer die Hand seines Sngers.

Niemand hat diese meine Musik gesungen wie Sie!

Er hatte vergessen, da berhaupt noch niemand sie gesungen hatte. Mit
immer neuem Entzcken:

Das Crescendo, das Sie eingefhrt haben, tut die beste Wirkung!

Der alte Tenor lchelte klug.

Ganz dasselbe sagte mir auch der Maestro Verdi, als ich mir im >Don
Carlos< das Crescendo erlaubte, das seither alle singen.

Ihm selbst haben Sie vorgesungen!

Ich war bei ihm in Busseto, ich stand neben ihm, der sein Werk fr mich
spielte, wie nun Sie das Ihre, Maestro.

Ein Verdi!

Der Kapellmeister sprang auf und lief durch das Zimmer. Der Cavaliere
Giordano trat an das Fenster.

Hier hat man einen weiten Horizont, bemerkte er. Die vielen Dcher
bergab, und in der Dmmerung drunten, weithin verstreut, die Lichter. Sie
haben es gut, Maestro, Sie sind jung.

Wenn es nicht dunkel wre, wrden Sie sogar zwischen jenen blauen
Nebelwnden, die Berge sind, das Meer erkennen. Ich habe es bei meiner
Arbeit immer vor mir, als das Zeichen und das Versprechen meiner Zukunft,
eines weitreichenden Schicksals, der Unendlichkeit des Ruhmes!

Gewi ist es Ihnen bestimmt, Maestro, ber das Meer zu fahren und mit
Scken voll Dollars zurckzukehren.

Sie waren drben, Cavaliere.

Der berhmte Tenor bewegte die Hand, als schbe er dieses Erlebnis zu den
geringeren.

Meine besten Jahre hatte ich in Ruland. Um mich in Petersburg singen zu
hren, bestellten die Leute telegraphisch Pltze von Moskau aus und von der
Krim. Whrend der >Gioconda< kam der Kaiser zu mir auf die Bhne; und am
Abend meiner letzten Vorstellung schickte er eine Militrkapelle vor mein
Haus und eine an den Eingang des Theaters. Das alles aber ist nichts, wenn
ich mich erinnere, wie es war, als ich zwanzig war. Zusammen mit dem
Mustaf und dem Rosati sang ich zu Rom in der Kirche Santa Maria in
Vallicella den Sant' Eustachio, ein Oratorium des Maestro Salvatore
Capocci: und wie ich fertig war, begannen die Glubigen wtend zu klatschen
und >bis< zu schreien. Die bewaffnete Macht mute eingreifen und sie
beruhigen.

Als Sie zwanzig waren, wiederholte der Kapellmeister.

Ja, sagte der Alte; und als sei er allein:

Es ist nun bald fnfzig Jahre her.

Der Blick des jungen Mannes streifte hinber, wo er so lange das Meer und
die groe Ferne gewut hatte. War es noch dort? Ihm schien auf einmal
unntz, es zu suchen. Dieser Alte hatte es befahren; er war zurckgekehrt,
und was blieb ihm? Er sang hohl und zitternd, vorhin nicht anders als
sonst. Nur das Glck, meine eigene Musik gesungen zu hren, bestach mein
Gehr, -- und vielleicht wollte ers bestechen? Dem Kapellmeister kam der
Verdacht, der Cavaliere Giordano habe dieses Zusammensein in der Absicht
herbeigefhrt, ihn sich milder zu stimmen. Es ist wahr, ich habe ihn auf
der Probe blogestellt vor den andern. Welches Elend! Ich durfte das: ich,
ein Anfnger, -- und seinen Namen kannte eine Welt. Er war froh der
Dunkelheit, die diesen alten Mann nicht sehen lie, wie tief er errtet
war: ber sich, ber ihn, ber den menschlichen Stolz.

Ich mu eilen, murmelte er. Das Orchester wartet auf mich.

Der Cavaliere Giordano stolperte auf der Treppe.

Lassen Sie sich Zeit, Cavaliere, und entschuldigen Sie mich.

Der Alte sputete sich, um mitzukommen, um noch einige Minuten lang nicht
allein zu sein. Aber er blieb zurck.

                   *       *       *       *       *

An der Ecke beim Wirtshaus zu den Verlobten trat, als der Kapellmeister
heranstrmte, die kleine Rina aus dem Schatten und rief etwas. Er war schon
vorber und rief zurck:

Ein andermal. Ich bin aufs hchste beschftigt.

Er erreichte den Corso und zog im Laufen den Hut, denn in die Gasse drben
bogen der Advokat Belotti, der Tabakhndler Polli und der Apotheker
Acquistapace ein. Sie drohten ihm mit dem Finger und stieen sich an.

Ah! der Maestro. Wer wei, von welchem Abenteuer er kommt.

Sie selbst waren auf der Suche. Von Zeit zu Zeit blieben sie unter einem
Hause stehen, und einer von ihnen flsterte:

Dort oben wohnt eine.

Auch hier habe ich eine einquartiert, bemerkte der Advokat ein Stck
weiter; und alle drei gaben ein angeregtes Glucksen von sich. Die Reihen
der alten, schwarzen, von seltenen Lichtern gerteten Huser mit ihren
schweren und verzierten Portalen, aus denen es nach Gewrzen oder Handwerk
roch, mit ihren Balkonen, eng wie Kanzeln, ihren vergitterten Fenstern und
den weit vorstehenden Dchern, worunter in offenen Speichern Maiskolben und
Reisig trockneten: diese schmalen Steinlufe und ihre winklig umschatteten
Erweiterungen, die schon der Fu der Brger an den Schden des Pflasters
wiedererkannt htte, sie schienen ihnen verwandelt. Das alles machte sie
wieder neugierig, wie als Kinder. Sie hoben sich auf die Fuspitzen, um
ber die rote Gardine hinweg in ein Schenkenzimmer zu sphen, wo
Choristinnen mit ihren Kameraden saen, und sie berieten darber, ob die
Paare, die zusammenwohnten, wirklich verheiratet seien. Als der Tischler
Vittorino Baccal, im Arm ein ganz kleines, buntes Geschpf, das Haus bei
der nchsten Laterne betrat, seufzte der Tabakhndler und sagte dann:

Er hat recht.

Auch fr andere ist noch etwas da, erklrte der Advokat und klopfte ihn
auf die Schulter.

Aber woher kommen sie alle? setzte er hinzu, denn dort hinten schlpften
schon wieder zwei durch einen Lichtstreif. Man wei doch, da es nur
dreizehn sind, und die ganze Stadt scheint voll von ihnen.

berall riecht es nach Puder, sagte der Apotheker mit seiner biederen
Stimme. Die anderen beiden schnupperten.

Sie verlieren ihn in der Luft, sagte der Advokat, wie Insekten ihren
Flgelstaub -- und er sah sich um, denn ihm war, als schlge ber ihm ein
Flgel. Ja, wirklich, auf dem niederen Balkon des Hauses Filiberti fchelte
sich eine: eine groe, -- und jetzt roch man sie auch. Hinter ihr aber
verschwand ins Dunkel ein Mann; wer war es? Der Tabakhndler hatte ihn
erkannt.

He! Olindo! Willst du hervorkommen! -- und er stie mit dem Zeigefinger
nach dem Pflaster.

Soll ich dich holen, du frecher Bengel?

Der junge Polli zeigte sich am Gitter.

Papa, stotterte er, das Frulein wnschte Rucherkerzen gegen die
Mcken, und weil der Laden zu war, habe ich sie ihr gebracht.

Augenblicklich kommst du herunter!

Der junge Mensch wand sich umher. Man sah seine roten Haare und das
verstrte Liderklappen in seinem kalkigen Gesicht. Die Choristin stie ihn,
laut lachend, an.

So gehen Sie doch zu Ihrem Papa!

Darauf verlie er den Balkon. Der Tabakhndler erklrte:

Das denn doch nicht! Wenn diese Damen anfangen wollen, uns die Shne zu
verfhren, dann mag die Kunst zum Teufel gehen.

Der Advokat warnte vor bertreibungen; man reize die Instinkte der
Zwanzigjhrigen, wenn man sie in die Kinderstube sperre. Da erschien
Olindo, vorsichtig abgewendet, unter der Tr und schlich dicht an der
bauchigen Rundung des Hauses hin.

Ah! er will entwischen.

Der Vater mute aufhpfen, um den Sohn an den Schultern zu packen. Aus
Ehrfurcht machte Olindo es ihm leichter, indem er sich bckte, -- und nun
schleppte Polli den Besiegten am Rockscho herbei.

Ein Hosenmatz, der den Frauen nachstellt! Ein neuer Typus! Jetzt kommen
mir auch Vermutungen darber, weshalb heute die zehn Trabukos verschwunden
waren. Sie sind also doch verkauft, und das Geld war wohl fr diese Dame
bestimmt. Da hast du, da hast du! -- und sage zu Hause deiner Mutter, ich
liee sie bitten, dir von derselben Sorte zu geben.

Mit einem Futritt, fr den er ihn vorher zurechtstellte, schickte Polli
den Sohn von dannen. Erst beim Trocknen des vergossenen Schweies bemerkte
er das Gelchter, das ihn umgab. In das Gebrll des Apothekers und das
Keuchen des Advokaten stieen Kreischtne vom Ballon. Dem Tabakhndler ward
angst.

Seid vernnftig, bat er, und weckt nicht alle Weiber auf. Sie liegen
schon halbnackt in den Fenstern. Schickt solche Szene sich fr Leute, wie
wir sind? Kommt fort!

Aber es ist geradezu die Schnste, sagte der Advokat und war nicht vom
Fleck zu bringen. Dein Sohn hat sich geradezu die Schnste ausgesucht: die
mit den gelben Haaren. Schon heute nachmittag sah ich ihn mit ihr auf dem
Platz. Du hast recht, Polli, da das nichts fr Hosenmtze ist. Aber mit
uns, flsterte er durchdringend hinauf, wird das Frulein vielleicht im
Gasthaus zum Mond ein kleines gutes Souper einnehmen wollen. Ich bin der
Vorsitzende des Theaterkomitees und kann Ihnen ntzlich sein.

Dann bin ich sofort bei Ihnen, meine Herren, erwiderte sie. Man sah sie
drinnen im Schein einer Kerze den Puderquast schwingen. Die Rcke raffend,
die raschelten, erschien sie auf der Schwelle und streckte die Hand
sogleich dem Tabakhndler hin.

Ihr Sohn ist ein Kind, sagte sie; Sie aber, mein Herr, sind ein
wirklicher Mann.

Wir wollen es hoffen, erwiderte er mit grober Stimme und einem Lcheln,
das sich unwiderstehlich entfaltete. Dann besann er sich darauf, ihr den
Arm zu bieten. Der Advokat mute mit dem Apotheker hinterhergehen. Er
schnaufte.

Dieser Polli hat mehr Glck, als ihm zukommt -- und lauter:

Frulein, ich hatte schon von Ihnen gehrt, denn Sie sind die Schnste,
und ich habe Ihr Engagement durchgesetzt.

Sie wandte sich ber die Schulter ihres Begleiters nach ihm um.

Ah! der Herr ist der berhmte Advokat Belotti. Ich bin glcklich, mein
Herr, Ihre Bekanntschaft zu machen.

Pltzlich streckte sie ihm die Zunge heraus, -- und rasch machte sie sich
wieder an Polli, zu dem sie sich achtungsvoll bckte, wie Olindo getan
hatte.

Welch ein Weib!

Der Advokat ward zu einer Geste hingerissen, fr die kein Raum war; er
schlug heftig gegen die Mauer. Au au! . . . Ich fhle, da ich Tollheiten
fr sie begehen knnte.

Der Apotheker sagte vorwurfsvoll:

Und dabei wirst du von einer Frau wie die Italia geliebt! Denn die Italia,
ich scheue mich nicht, es zu sagen, hat etwas Gttliches, das dieser hier
trotz ihren gelben Haaren fehlt.

Soll ich dir etwas sagen?

Der Advokat drckte den Arm des alten Kriegers.

Nimm dir die Italia! Ich lasse sie dir. Ich fhle, da ich nicht werde
treu sein knnen, weder ihr noch einer andern. Mich verlocken sie alle, ich
schrecke vor dem Wort nicht zurck: alle. Die Bestndigkeit des Brgers hat
mich im Grunde immer gelangweilt; ich war zur Lebensweise des Knstlers
geboren, ich, und jetzt entdecke ich mein Temperament.

Damit lie er den Freund auf seinem Holzbein weiterstelzen, wie es ging,
und eilte dem gelben Schopf nach und den breiten schaukelnden Hften, die
im Corso verschwinden wollten.

Als Polli und der Advokat, die Choristin zwischen sich, auf dem
strohbesten Platz vor dem Gasthause anlangten, begannen beide zu schreien.
Polli schlug auf einen Tisch.

Jemand soll kommen! Da sind Leute, die etwas trinken wollen.

Der Advokat stellte die Hnde um den Mund.

Ah! Malandrini, es wird Zeit, da du dich zeigst, denn wir brauchen ein
kleines feines Souper. Zuerst Salami und Schinken, dann eine gehrige
Schssel voll Makkaroni, eine von den Schsseln, worin du die ganzen Ferkel
auftrgst; dann Escaloppes in Madeira . . .

Sie werden zufriedengestellt werden, sagte der Wirt und dienerte speckig.
Meine Frau wird fr eine solche Gesellschaft sogar Hhner  la Villeroy
machen, was eine schwierige, aber glnzende Sache ist.

Und Leber in l will ich, erklrte das Mdchen.

Leber in l, deine grte Pfanne, Malandrini! empfahl der Advokat, als
der Wirt schon ins Haus lief, und Polli schrie hinterher:

Sorge fr den Zabajone!

Der Apotheker hrte es von drauen und rief ber den Hof:

Ich werde die Eier schlagen und den Marsala hineinmischen. Niemand gibt
dem Zabajone die richtige Dicke als nur ich!

                   *       *       *       *       *

Was schreit er? sagte hinten im Corso Italia Molesin zu Nello Gennari. Er
zuckte die Achseln.

Sie werden sich betrinken wollen.

Und der Advokat schwnzelt um die gelbe Gina herum! Ist dieser Mann denn
unermdlich?

Unsere Ankunft, sagte Nello, hat belebend gewirkt auf die Einwohner
dieser Stadt. Auf einmal ist ihnen der Mut gekommen, ihre Laster in
Freiheit zu setzen.

Ob das nicht abscheulich ist! Da glaubt man fr sechs Wochen Ruhe gefunden
zu haben. Ich war entschlossen, ihm treu zu bleiben; und nun, am selben
Tage noch --

Italia hatte eine feuchte Stimme.

Diese Leute zwingen uns, ein unmoralisches Leben zu fhren.

Wem sagst du es, erwiderte der junge Mann mit geschlossenen Zhnen.

Aber dich hat doch niemand betrogen? fragte sie. Er murmelte:

Nur ich selbst mich. Ich nahm mir ein zu hohes Ziel. Zu Groes mutete ich
mir zu. Ich htte reiner sein mssen, als ich bin.

Ich verstehe dich nicht.

Ach, auch ich habe der Forderung einer dieser Brgerfrauen nachkommen
mssen.

Als ob wir dafr engagiert wren!

Ja, wir sind da, sie lustig zu machen. Es ist ein Handwerk fr Hunde.




III


Ob mein Mann luten kann! Wie? Sagt doch! verlangte die Frau des
Kirchendieners Pipistrelli, zog die schiefe Schulter noch hher und lugte
unter ihrem grnen Augenschirm ringsum. Und er wird droben bleiben und
ihnen vor der Nase die Glocken der Klosterkirche schwingen, solange ihr
verdammtes Theater whrt. Wir werden sehen, ob es ihnen gelingt, dem Teufel
eine Messe zu feiern.

Don Taddeo ist ein wahrer Diener Gottes, sagte der Schlosser Fantapi und
bekreuzte sich. Der Schlosser Scarpetta, der wie Fantapi an die Arbeiten
in der Sakristei dachte, bekreuzte sich eilig mit. Frau Nonoggi verdrehte
die Augen.

Und dennoch wird bald die ganze Stadt droben sein. Nicht rasch genug
knnen sie laufen. Da! falle nur ber die Treppe und brich dir das Bein,
bevor der Bse dir den Hals bricht!

Wie wir Guten wenige sind! bemerkte Frau Acquistapace. Sollte man die
Unglcklichen nicht zurckhalten?

Die Pipistrelli schwenkte schon ihren Krckstock.

He, ihr Mnner! Bleibt unten! Droben ist nichts Gutes zu holen, auer der
ewigen Verdammnis.

Galileo Belotti, der mit einem Haufen Bauern aus dem Caf kam, brllte
durch den Lrm der Glocken zurck:

Was willst du denn? Die Zeiten des Aberglaubens sind vorbei. Wenn brigens
eine Vogelscheuche wie du davor steht, wird niemand in den Himmel wollen.

Dabei stampften sie die Treppengasse hinan. Die kleine fromme Schar sah
trostlos um den Platz, der leer lag.

Zu denken, da zur Zeit des Papstes der Galileo zur Messe ging! sagte der
Schlosser. Aber wie Monsignore bei seiner letzten Anwesenheit uerte: die
Hoffnung der Kirche wird tglich kleiner!

Ach was, man mu handeln! behauptete Frau Acquistapace. Beachtet Don
Taddeo, er gibt ein Beispiel von Tapferkeit.

Man sah ihn von Zeit zu Zeit hinter der Ledermatratze der Domtr
hervorschlpfen und auf ein paar Jungen losschieen, die um die Ecke des
Corso kamen. Wild ri er sie fort und klappte hinter ihnen und sich die
Matratze zu. Kaum aber verlie er sein Versteck, um auf die nchsten zu
jagen, da drckten die vorigen sich unter der Matratze weg; und wie er den
Lehrjungen des Konditors Serafini gefangen mitschleppte, kamen ein kleiner
Chiaralunzi und der Michelino vom Barbier Druso wie Hasen daher und rannten
ber die Pipistrelli hin, da sie sich aufs Pflaster setzte.

Welche Schande fr unseren Beruf! rief Frau Nonoggi dem jungen Druso
nach, und der Schlosser Scarpetta holte aus. Aber wo waren sie hin?

Die Frau des Perckenmachers lie die Arme sinken; denn sah es nicht aus,
als wollte dort hinten ihr eigener Mann entwischen? Soeben noch hatte er
sich einen Stuhl vor den Laden gestellt, wie um die Zeitung zu lesen; und
nun strich er, die Klarinette fest unter dem Arm, ganz nahe an der Mauer
hin, schlenkerte die Faust, als eile er einfach zu einem Kunden, und kniff
doch in seinem zurckgewandten Gesicht ein Auge zu, wie immer, wenn er kein
reines Gewissen hatte.

He! Nonoggi, -- und als die Frau ihre Stimme wieder hatte, war sie ihm
auch schon nach. Er murmelte und versuchte das Gesicht zu verrenken, aber
das geschlossene Auge verhinderte es.

Kein Aufheben, meine Freundin, wir mssen mitmachen, was wird sonst aus
dem Geschft? Die Kunden werden sagen: ah, Nonoggi, der Abend ist
miglckt, denn das Orchester war schlecht, und das kommt, weil deine
Klarinette fehlte.

Dabei klopfte er ihr mit dem Instrument die Wange.

Man sagt anfangs wohl, was die Frau und der Priester wollen, erklrte er
den beiden Schlossern, die nachkamen, aber ein Barbier hat noch andere
Rcksichten zu nehmen. Au! rief seine Frau, denn sein freundschaftliches
Klopfen ward immer schrfer. Pltzlich ri er zum Zeichen, da er sich
wieder wohl fhle, auch das zweite Auge auf, tat einen Satz und war in der
Treppengasse.

Wir sind verraten, man mu das Schlimmste verhten -- und Frau Nonoggi
machte sich, die Hnde gerungen, hinterher. Die Zurckgebliebenen zhlten
einander stumm.

Nun sind wir noch vier, stellte Scarpetta fest; Frau Acquistapace wies,
aus ihrem schwarzen Tuch hervor, unheilvoll nach der Apotheke.

Mir soll es nicht so gehen. Er ist drinnen und macht Pillen, und ich brge
dafr, da er weiter Pillen macht.

Man nickte einander verbissen zu.

Aber seht doch den tapfern, heiligen Don Taddeo! sagte die Pipistrelli.
Soll man ihm nicht zu trinken bringen?

Denn er hing, vom Jagen erschpft und in der Dmmerung dort hinten ganz
allein, am Rcken eines der Lwen des Doms, und mit der Hand hielt er sich
die Stirn. Da nherten sich Schritte in der Treppengasse; der Advokat
Belotti erschien im Frack; und schon von weitem keuchte er:

Don Taddeo, dies Luten mu aufhren, ich erklre Ihnen im Namen des
Komitees und der Stadtgemeinde, da der Lrm aufhren mu.

Auf dem ganzen Wege ber den Platz schrie er immer dasselbe, als bte er
sich ein, bevor es ernst ward. Endlich bemerkte Don Taddeo ihn und richtete
sich auf.

Was wollen Sie von mir? schien er zu fragen; -- und im Getse des
Himmels, das ihre Stimmen verschlang, sah man die beiden mit den Armen
ausstoen, die Fuste schtteln und die Gesichter wie nach Zeugen blind
umherrcken. Als die Frommen herangekommen waren, sagte Don Taddeo eben:

Und ich erklre Ihnen, da es der Vorabend des Festes des heiligen
Theophrastus ist, dem in der Klosterkirche eine Kapelle gehrt.

Eine Kapelle! schrie der Advokat. Das ist etwas Rechtes! Und wenn Sie
nun jeden Ziegel auf dem Dach einem andern Heiligen weihen wrden, wie,
mein Herr, dann htten wir den Lrm alle Tage?

Der Priester erhob verzweifelt die hohle Stimme:

Ich verbiete Ihnen, mein Herr, sich ber die Religion lustig zu machen!

Dabei hatte er rotglimmende Augen und seine Arme zuckten in der Luft so
wild, da der Advokat sich aus ihrem Bereich zurckzog. Dennoch schlug er
die Rechte auf das steife Hemd:

Im Namen des Komitees, vielmehr im Namen des Volkes --

Wer ist das Volk? fragte der alte Fantapi und trat breit an den
Advokaten hin, der noch um zwei Schritte wich. Gleichzeitig aber holte er
tief Atem.

Das Volk bin ich! sagte er mit berzeugung. Und htet euch, da ich
nicht die >Glocke des Volkes< lute!

Auch wir haben Zeitungen, sagte Don Taddeo.

Auch wir sind das Volk, behauptete drohend Frau Acquistapace.

Und mein Mann, kreischte die Pipistrelli, wird wohl mit den heiligen
Glocken Gott anrufen drfen, wenn Ihre Komdianten dem Teufel Lieder
singen.

Der Schlosser Scarpetta verhielt sich hinter der Sule ganz still; nicht
umsonst hatte er von gewissen Arbeiten erfahren, die im Rathaus zu vergeben
waren. Don Taddeo und der Advokat Belotti konnten beide recht haben, denn
Kirche wie Rathaus brauchten einen Schlosser.

Der Advokat griff, nun ein gemessener Abstand zwischen ihm und dem Priester
lag, an seinen braunen Strohhut und zog ihn im Bogen.

So erfahren Sie denn, mein Herr, unser letztes Wort! Falls Ihr
Beauftragter mit der Strung einer ffentlichen Veranstaltung, wie eine
Theatervorstellung es ist, nicht aufhrt, sind wir entschlossen, die
bewaffnete Macht gegen ihn zu Hilfe zu nehmen.

Dabei entfernte er sich weiter rckwrts und eilig.

Die Frommen umdrngten den Priester. Sie hatten nur eine Stimme.

Soll mans geschehen lassen, Reverendo?

Er berblickte ihre Zahl und strich mit der Hand flach vor sich hin.

Das Ma wird nun bald voll sein, meine Freunde; wir brauchen nur zu
warten.

Frau Acquistapace begriff ihn.

Wir sind leider wenige, Reverendo. Die ganze Stadt haben wir hinaufpilgern
sehen. Welche Schande! Viele waren dabei, die versprochen hatten,
zurckzubleiben. Was soll man von der Nonoggi sagen, die ihrem Manne
nachgelaufen ist. Ob das nicht zwischen ihnen eine abgekartete Sache war?

Schien es doch auch mir, machten die andern.

Und die Jole Capitani hat es trotz allen Ihren Ermahnungen, Reverendo,
kaum erwarten knnen. Der Advokat Belotti hat sie abgeholt, was man bei der
Frau eines Arztes eigentmlich gefunden hat . . .

Don Taddeo erklrte durch eine schmerzliche Geste, da ers wisse.

Von allen guten Familien, schrie die Frau des Kirchendieners, haben nur
die Nardini dem bel widerstanden . . . auer dem Hause Acquistapace,
setzte sie hinzu, da die Frau des Apothekers sie furchtbar ansah.

Auch die gute, heilige Frau Camuzzi, sagte der Schlosser Fantapi,
bleibt der Snde fern. Niemand wird sagen wollen, da sie das Haus
verlassen habe.

Alle besttigten es; nur Don Taddeo schwieg und senkte den Kopf. Denn er
hatte sein Beichtkind aus dem Huschen der Wscherin Grattalupi in die
Treppengasse schlpfen, mit gerafften Rcken hineingleiten und hurtig
verschwinden sehen. Vom Hofe des Rathauses mute sie zu dem Huschen
hinaufgeklettert sein, obwohl die alten Stufen nur Gerll waren, und
heimlich war sie der Wollust nachgelaufen. Vielleicht enthielt dann auch
Wahrheit, was die Evangelina Mancafede ber Frau Camuzzi und den jngsten
der Komdianten wissen wollte?

Don Taddeo fuhr auf; ein Bild, das ihm wieder vor Augen kam, machte ihn
wei und wirr.

Wir werden alle verderben, stammelte er, und jene, die sie Italia
nennen, ist von allem Unheil das rgste!

Die Pipistrelli und Frau Acquistapace nickten erbittert. Der alte Fantapi
rief aus:

Sie ist das Weib von Babel.

Beim Bacchus, bemerkte der Schlosser Scarpetta; nachdem schon der
Advokat, der Baron, der Herr Polli und, wie man sagt, auch der Knecht des
Wirtes Malandrini bei der Italia daranwaren, wei niemand, ob nicht an ihn
selbst die Reihe kommt.

Da die beiden Frauen sich wtend von ihm abkehrten, schielte er vor sich
hin. Alle schwiegen, -- und Don Taddeo erblickte sie, das Weib, wie er sie
durch jenes Domfenster erblickt hatte, zu dem er hinaufgestiegen war, weil
Pipistrelli mit der Stange eine Scheibe zerbrochen hatte. Er hatte nicht
gewut, da sich von dort oben geradeswegs in ein Fenster des Gasthauses
zum Mond sehen lie; und dies Fenster war ihres, und was er antraf, war
eine Umarmung. Vor Zittern hatte Don Taddeo kaum die Leiter hinabgekonnt.
Noch hier im Dunkeln zitterte er, da jenes Bild wiederkehrte . . .

Don Taddeo, rief der Baron Torroni und kam rasch von seinem Hause her.
Wenn Sie Zeit haben, lt die Baronin um Ihren Besuch bitten.

Don Taddeo hob scheu die Stirn, grte, ohne den Baron anzusehen, und
machte nach dem Palazzo Torroni hin Schritte, bei denen ihm die Soutane
hrbar um die Beine schlug.

Die Baronin hatten wir vergessen. Noch ein frommes Schaf zum Trost des
Hirten, sagte die Pipistrelli.

Aber der Baron -- und man sphte ihm nach -- geht ins Theater, das sieht
man, denn er hat seine Ledergamaschen ausgezogen. Die arme Baronin! Welch
einen Kampf sie hinter sich hat!

Und jetzt ist alles aus, da jenes verdammte Komitee Gewalt anwendet!

Lutet Pipistrelli nicht etwa schon schwcher? fragte seine Frau. Ich
bin sicher, da sie ihn bedrohen!

Wir sind Mnner, sagten Fantapi und Scarpetta; und Frau Acquistapace
setzte hinzu:

Bei dieser Gelegenheit sind auch wir es. Die droben sollen es erfahren!

Sie setzten sich in Marsch. Hintereinander berquerten die vier den Platz.

Don Taddeo hat noch Streiter, erklrte die Pipistrelli, humpelnd; und
Scarpetta rief, um sich Mut zu machen, laut in den Schatten der
Treppengasse hinauf:

Wir werden sehen!

Als sie fort waren, entstieg den dunkeln Bogen des Rathauses der Advokat
Belotti und schwnzelte zur Apotheke hinber. Er hob den Vorhang auf und
flsterte durchdringend:

Komm! Wir sind befreit.

Ein rauher Freudenschrei, -- und der alte Acquistapace drang hervor,
stelzend, da der Platz davon hallte.

Sst! machte der Advokat. Die Feinde der Kunst nicht aufwecken! Bin ich
geschickt gewesen? Wie? Alles hat geklappt.

Und ich, jubelte der Apotheker, der ich unter meinem Arbeitskittel schon
den schwarzen Rock anhatte!

Sie hakten einander ein, schwenkten sich umher und tauschten Pffe aus.

Ah! alter Esel, der du bist!

Auf jeder zweiten Stufe blieben sie stehen und horchten nach den Schritten
der andern. Der Advokat sah zurck.

Ob auch die Hhnerlucia droben ist? die Stadt scheint ausgestorben. Kein
Mensch auf dem Platz! Doch: der gewohnte Brabr.

Ein Lichtschein, der sich im Schatten des Glockenturmes verlor, streifte
einmal den kleinen Uralten, wie er rings um den Platz, als umgebe ihn eine
unsichtbare Gesellschaft, einen weiten Gru beschrieb.

Heute knntest du mir bei der Italia ein wenig helfen.

Acquistapace flehte wie ein Knabe.

Ohnehin werde ich bald der letzte sein. Und wer so viele Frauen hat wie du
--; denn man sagt, da auch die groe Gelbe dir nicht lnger widerstanden
hat.

Eh! man sagt vieles -- und der Advokat kicherte fett.

Und von Jole Capitani sagt man noch nichts?

Wie? du httest --?

Ihr Gatte hat Zucker bei mir finden wollen: Zucker bei einem Mann wie mir!
Er sieht nun, da mich das nicht hindert --.

Du bist noch grer, als ich gedacht habe, Advokat.

Eh! . . . Aber sprechen wir von etwas Ernstem. Wie viel Zeit gibst du dem
Priester noch?

Nicht lange. Deine Artikel in der >Glocke des Volkes< werden gewirkt
haben.

Also du glaubst. Ich sage dir, ich --

Der Advokat setzte sich den Finger auf die Hemdbrust.

-- da Don Taddeo keine acht Tage mehr hat. Die Loge, mein Lieber, ist
durch mich auf die Sache mit dem Schlssel aufmerksam gemacht worden. Auch
habe ich an den Bischof geschrieben ber die Revolte in Borgo und habe ihn
von der Beteiligung des Don Taddeo an jenem Aufstand des Aberglaubens
unterrichtet.

Aber er --

Der alte Garibaldiner spreizte entsetzt die Hand.

-- er wars gerade, der den Bauern widersprach: nein, sie hat nicht die
Augen bewegt, eure Madonna, -- und fast htten sie ihn gesteinigt.

Der Advokat zuckte mit den Schultern und zog die Lippen von den Zhnen.

Ist er der Feind, ja oder nein? . . . Und wollen wir die >Arme Tonietta<
sehen?

Das wollen wir: ah! das wollen wir.

Der Apotheker schwang sein Holzbein ber die letzten Stufen.

Sst! machte der Advokat. Die Beleuchtung ist nicht glnzend; was will
man, unsere ganze Kraft muten wir auf das Innere des Theaters verwenden;
aber ich bersehe dennoch die Lage. Deine Frau befindet sich nicht unter
dem Volk, das den Palast der Frau Frstin belagert und auf die Ouvertre
wartet; sie ist in dem Haufen aberglubischer Aufrhrer, dorthinten unter
den Mauern des Klosters. Haben sie nicht alle die Kpfe im Nacken, als
kmen statt des Lrmes vom Glockenstuhl Makkaroni geflogen? Eh! sie haben
keine Zeit, uns zu erwischen, und sogleich werden wir dich in meine Loge
gerettet haben, armer Freund . . . He! ihr Leute, man mu die durchlassen,
die bezahlt haben.

Wir wollen auch hren, antwortete das Volk.

Unter dem Bogen neben dem Palast brannte eine elektrische Lampe.

Um so besser -- und der Advokat kletterte in seinem Frack, der von der
Anstrengung in den Nhten krachte, das Gerll hinan; da die Lampe gerade
hier angebracht ist, sieht man doch, wohin man tritt. Es ist fast
unbegreiflich, da diese Leute auch jetzt noch fortfahren, den Eingang des
Theaters fr ihre Bequemlichkeit zu benutzen. Man mu wirklich wenig
Erziehung haben . . .

Die Gnge wenigstens habt ihr gut beleuchtet, Advokat, man mte sonst
frchten, sich das letzte Bein zu brechen; -- und welch stolzer roter
Vorhang das Parterre verdeckt! Die goldenen Quasten!

Mancafede hat ihn uns geliehen. Er wollte ihn anfangs nur verkaufen; wir
muten drohen, seine Konzession fr die Diligenza nach Cremosine zu
hintertreiben. Welch alter Spitzbube!

Sie betraten den engen Gang um die Logen.

Guten Abend, Vater Corvi! -- und da der Schlieer die Hand hinhielt: wir
haben keine Eintrittskarten, aber Ihr wit, da die Loge mir gehrt.

Unmglich, Herr Advokat. Die Loge gehrt Ihnen; aber damit ich Sie
hineinlassen kann, mssen Sie den Eintritt bezahlen, und auch der Herr
Acquistapace mu ihn bezahlen.

Der Alte blinzelte aus seinem ungeheuren roten Gesicht die Herren zynisch
an, und sein Bauch versperrte ihnen den Durchgang.

Keine Dummheiten, Corvi, sagte der Advokat. Ihr wit wohl, da Ihr Euch
um die Stelle bei der ffentlichen Wage bewerbt.

Mag sein, Herr Advokat, und ich rechne dabei auf Ihre Protektion; aber ich
kann die zwei Lire fr Ihren Eintritt nicht aus meiner Tasche bezahlen,
denn ich habe sie nicht.

Wenn Ihr nicht dreimal Bankrott gemacht httet, -- und der Advokat begann
zu tanzen und die Luft zu klopfen, dann brauchtet Ihr heute abend die
Leute nicht um Karten zu belstigen.

Gott hat es so gewollt, sagte der Alte, indes der Advokat enteilte.

Treten Sie inzwischen nur ein, Herr Acquistapace, ich rechne auf Ihre
Empfehlung fr die ffentliche Wage.

In der Loge traf der Apotheker die Witwe Pastecaldi mit der kleinen Amelia;
aber er drckte die Hnde nur stumm, denn vor Glanz und Menschenmenge fand
er sich im Saal nicht zurecht. Einen solchen Saal hatte es doch in der
Stadt gar nicht gegeben! Ein Feuerreif lief um die Rnge, und die
Bogenlampe unter der Decke warf ein so wildes Licht umher, da man nicht
sah, wer dahinter sa.

Ah! was fr ein alter Narr jetzt dort unten hereingekommen ist! rief es
ganz oben, und der Apotheker errtete, denn er hatte die Stimme der Magd
Felicetta erkannt, auf die er, bevor seine Frau sie nach Don Taddeos Wunsch
entlie, verstohlen ein Auge geworfen hatte. Es war ihr also doch nicht
entgangen! Er mute hinaufschielen: Felicetta lachte ihn fortwhrend an,
indes sie sich ber das Ohr ihrer Nachbarin beugte. Und die Nachbarin war
Pomponia, vom Kaufmann Mancafede, die rgste Klatschbase!

Die beiden enthllten der linken Galerie die Skandale der Stadt. Felicetta
durfte nicht mehr wissen, als die Vertraute der Unsichtbaren, die alles
wute; und wenn Felicetta mit einer Geschichte kam, erwiderte Pomponia mit
zwei. Die Frau des Schneiders Chiaralunzi sa ohne Scham auf einem Sessel,
und doch hatte sie ihn nur bekommen, weil ihr Mann der Liebhaber der
Komdiantin war, die bei ihnen wohnte. Der Baron Torroni tat wohl daran,
seine Frau nicht mitzubringen, da seine Loge gleich neben der Bhne lag und
er es sich gewi nicht wrde entgehen lassen, mit seiner Geliebten, jener
anderen Komdiantin, Zeichen auszutauschen. Schrg ber dem Baron wartete
die Frau des Doktors Capitani (und der hatte bei dem Tischler in Via del
Torchio, der dreimal Witwer war, eine schwarze Leber gefunden!) auf ihren
Nello: den schnen Nello; und solange jener hinter dem Vorhang blieb,
konnte sie mit den jungen Herren kokettieren, denn natrlich hatte sie es
so eingerichtet, da sie neben der Loge des Klubs sa. War es zu glauben,
da Mama Paradisi die ihre neben dem Mancafede hatte? Und immerfort steckte
er den Kopf unter ihren Hut, der auf allen Seiten an die Logenwnde
anstie, so gro war er. Wenn noch diese Alten rgernis erregten, waren
armen jungen Leuten ihre Snden zu verzeihen. Die Rina vom Tabakhndler
hing in einem Drunter und Drber von Schulkindern vom hchsten Gelnder und
starrte immer auf den leeren Platz des Maestro. Welche Dummheit, gerade
diesen Knstler zu lieben, der sie mit all den Weibern vom Theater betrog!

Rina! Nicht hinunterfallen! riefen alle.

Sie hrt nicht; hier ist ein Lrm --! Der Gevatter Achille schreit aus
seiner Loge, wie ein Stier, hinter seinem Kellner her: He! Non, bist du
es! Ich will zu trinken. Ist das eine Art, da nur die Herrschaften bedient
werden? Keine Mglichkeit. Sie stimmen ihre Instrumente. Dieser Nonoggi
trillert wie eine Ziege; aber der Tapezierer Allebardi brllt mit seinem
Bombardon, da die Toten sich rhren . . . Ah! das Frulein Zampieri: sie
wird also wirklich die Harfe spielen. Man htte nicht geglaubt, da ein
Mdchen es wagen wrde. Soll man pfeifen?

Die Arme, wie sie hbsch ist! sagte der Michele vom Schlosser Fantapi.
Der Bckergeselle Carlino setzte hinzu:

Es scheint, da sie und die Mutter kein Geld haben, denn sie konnten
meinen Herrn nicht bezahlen; und vom Harfenspiel sollen die Finger der Nina
blutig sein.

Ah, Nina, du Liebe! riefen die Mdchen. In ihrem weien Kleid, wie sanft
sie lchelt! Wer ist es, der mit ihr spricht? Der mit der Geige und den
langen schwarzen Haaren? . . . Der Mandolini von der Volksbank: er ist
verliebt in sie, mge sie glcklich werden! . . . Aber er ist tatschlich
verrckt geworden, der schne Alf, er haut auf Pauke und Becken ein, als
wren alle nur gekommen, um ihn zu hren.

Er versteht nichts, der Arme; er ist dort hingestellt statt des Vittorino
Baccal, des Tischlers, der nicht kommen durfte wegen des Don Taddeo.

Meinem Onkel Coccola hat Don Taddeo gedroht, seine Gicht werde ihm ans
Herz greifen, wenn er ins Theater gehe.

Und damit wir andern nicht vom Teufel geholt werden, lt er luten. Sie
werden nicht anfangen knnen, solange es lutet. Niccolo, schliee doch das
Fenster hinter dir!

Die Fenster sind alle geschlossen; es ist bernatrlich, wie laut man die
Glocken hrt. Vielleicht hat er recht, Don Taddeo.

Es ist Ostwind, das ist alles; und man mu eine Demonstration gegen den
Priester machen. Nieder mit den Priestern!

Ruhig dort oben! rief man aus dem Parterre zur Galerie hinauf. Die Buben
um den weien Konditorjungen antworteten mit Pfeifen. In der Loge des Klubs
wurde geklatscht, und darauf lachten in anderen Logen die Frauen auf. Der
kleine alte Giocondi beugte sich rckwrts aus seiner und rief, an der des
Salvatori vorbei, zur Galerie hinauf:

Hast du mitgeschrien, Klothilde?

Seine Magd rief zurck:

Wir haben geschrien: Es leben Don Taddeo und die Komdianten!

Brav, Klothilde! Und schreie auch: Es lebe die Familie Salvatori!

Die Logen waren belustigt.

Ah der Spavogel von Giocondi! Der Salvatori hat ihm seine Zementfabrik
abgenommen, und so rcht er sich nun.

Der Salvatori mute sich wohl verbeugen, denn manche klatschten ihm lachend
zu. Auch der Steuerpchter Vallesi in seiner Loge ganz vorn ber der des
Advokaten Belotti verneigte sich fortwhrend vor allen guten Zahlern:
zuerst geradeaus vor dem Baron Torroni, weiterhin vor Mancafede, dann um
die Ecke, an der dritten leeren Loge vorbei, nach dem Wirt Malandrini hin
-- und pltzlich quer hinber zum Doktor Ranucci, der sich rasch vor seine
Frau stellte. Das Stehparterre lachte, und Galileo Belotti, der Bruder des
Advokaten, sagte laut zu den Bauern um ihn her:

Er ist glnzend, der Doktor, sich einzubilden, man htte Lust, ihm sein
hliches Weib wegzunehmen. Mir fehlte nichts weiter! Kommt man mit einem
Furunkel zum Ranucci: die Frau sitzt immer im Wartezimmer, denn sie scheint
ihm am sichersten, wenn mehrere dabei sind. Jeden Augenblick streckt er den
Kopf herein, -- und gib ihr nur die Hand, da drngt er sie zurck und tanzt
vor ihr herum: Pappappapp . . .

Galileo nahm die Stimme an, mit der nach seiner Meinung alle auer ihm
sprachen.

Sieht man sie noch ein wenig an, ists sicher, da er einem zwei Beine
abschneidet statt eines. Man sollte etwas unternehmen, um ihm seine alberne
Eifersucht abzugewhnen.

Derselben Meinung war der dicke Zecchini, der den Bazar gehabt hatte und
jetzt alle seine Habe in seinem Bauch umhertrug. Er versprach, sein Freund
Corvi werde etwas ausfindig machen fr den Chirurgen, und die Zechgenossen,
die mit ihm waren, freuten sich schon: da wich das ganze Stehparterre
auseinander.

Ja was denn . . . Mir scheint, ich trume . . . Das mu ein Scherz sein.

Aber sie hielten ihren Einzug so zuversichtlich, als wre es der Salon der
Via Tripoli gewesen: Raffaella, Theo und Lauretta, gedeckt von Mama
Farinaggi. In den Logen fuhr alles auf, einen Augenblick war es still, und
man hrte nur Galileo Belotti, der sagte:

Guten Abend, die Gesellschaft!

Da brach oben und unten das Gelchter los. Die Musiker im Orchester standen
auf und wollten die Damen kommen sehen. Sie kamen durch alle Leute bis zur
ersten Sesselreihe, wo noch die drei Pltze frei waren. Der Serafini nahm
aus Bestrzung nicht sofort seinen Hut von dem Stuhl der Raffaella; sie
mute ihm erst einen gemalten Blick zuwerfen, den er kannte und der ihn
schon manchmal zu Handlungen bewogen hatte. Er verbeugte sich.

Bravo Serafini! rief es von oben, und Coletto, sein Lehrling, pfiff auf
den Fingern.

Die Mama Farinaggi machte Versuche von mehreren Seiten, um ihre Formen auf
ihren Sessel in der zweiten Reihe zu schaffen. Zuletzt traten der
Stadtzolleinnehmer Loretani und die beiden Frulein Pernici samt dem
Leutnant Cantinelli in den Gang hinaus, um sie durchzulassen. Der Leutnant
legte sogar die Hand an den Helm. Der Kellner des Gevatters Achille drngte
hinzu, um seine Fruchtsfte anzubieten, und alle diese Personen verstopften
den Gang, so da der Schuhmacher Malagodi mit seiner Frau ihre Pltze in
der ersten numerierten Bank nicht erreichen konnten. Sie tauschten mit dem
Bcker Crepalini abfllige Bemerkungen aus, -- indes Mama Farinaggi kleine
Kreischtne von sich gab, weil ein Pchter von jenseits des Ganges sie
kniff. Dazu schrie es von der Galerie:

Lauretta hat den schnsten Hut!

Und:

Raffaella, du hast mich mit einem andern betrogen!

Die dicke Lauretta sah nicht einmal auf, sie steckte sich etwas in den
Mund; Theo zeigte den Herren vom Klub, die mit zwei Fingern applaudierten,
die Zungenspitze; Raffaella aber musterte ringsum die Frauen, wie eine
fremde Dame. Jede, die sie angesehen hatte, neigte sich zur nchsten, und
ohne Raffaella aus dem Auge zu lassen, sagten sie sich ein Wort: Skandal!
Es klapperte von Loge zu Loge: Skandal!, sprang ber den Rang: Skandal!
Skandal! -- und die Mnner im Stehparterre riefen: Skandal! Skandal! und
mit ihren Stcken stieen sie den Takt. Mama Farinaggi drckte sich wieder,
ganz einknickend auf ihrem Sessel, die Hand in den Busen und sandte
beteuernde Blicke nach allen Richtungen. Trotzdem saen die beiden Frulein
Pernici, aus Angst, sie zu berhren, aufeinander und drehten die Hlse
umher, wie Hennen in Not, und Frau Camuzzi in ihrer Loge gleich neben den
drei Mdchen bog sich langsam zur Seite, um auszuspeien. Darauf rckte sie
ihren Stuhl ganz nach rechts und sah unverwandt ins Orchester. Der Severino
Salvatori, der sein Monokel im Parkett umherfhrte, kam und stellte sich
zwischen sie und die drei.

Danke, mein Herr, sagte Frau Camuzzi mit ihrer sanften Stimme, danke fr
Ihre Aufmerksamkeit. Mein Mann versptet sich, aber wer konnte denken, da
in diesem Theater eine anstndige Frau nicht sicher vor Beleidigungen sein
wrde. Don Taddeo hat also recht, uns diese Vergngung zu verbieten und die
Glocken luten zu lassen, wie zum Jngsten Gericht.

Es ist ein wirklicher Skandal, gndige Frau, und die ganze Schuld trgt
der alte Sufer Corvi, der diesen Damen die Billetts verkauft hat.

Ah! -- und mein Mann wollte ihn bei der ffentlichen Wage anstellen. Er
wird nicht mehr angestellt werden.

Sie sind streng, aber gerecht, gndige Frau.

Auch sonst mute man sich ber die Zusammensetzung des Publikums beklagen.
Die Familie eines der Komdianten sa auf den vordersten der numerierten
Pltze. Dann freilich konnte man dem Bcker Crepalini nicht verdenken, da
er fr sich und die Seinen eine Loge beansprucht hatte.

Wir haben Mhe genug gehabt, erklrte der junge Salvatori, den Streich
abzuwenden, den der Mittelstand uns zudachte. Zuerst haben wir die Leute
glauben gemacht, jene berhmte dritte Loge rechts gehre dem Hause Nardini;
und als die Abneigung des alten Nardini gegen das Theater bekannt geworden
war, hielten wir sie mit dem Prfekten hin, der vielleicht kommen wrde.
Auf diese Weise ist die Loge nun leer geblieben, und mehr war nicht zu
erreichen. Die Filiberti und mehrere andere gute Familien haben auf eine
Loge verzichten mssen, aber wenigstens hat auch dieser Bcker keine. Von
rechts und links beugten die Herren Torroni und Mancafede sich herzu.

Aber dieses Luten! Man versteht einander nicht mehr. Sollte man nicht
etwas tun, um ein Ende zu machen?

Fr nichts in der Welt, sagte Frau Camuzzi. Ich wrde sofort nach Hause
gehen.

Aber Sie sind doch gekommen, die Komdianten zu hren und nicht diese
Glocken.

Ich bin bereit, beide gleichzeitig anzuhren. Man mu die weltlichen
Pflichten mit den religisen in Einklang bringen.

Sie fchelte sich strker: sie ward beleidigt durch das Benehmen dieser
kleinen Zampieri, die sich hinter den goldenen Saiten ihrer Harfe wei Gott
welche Wichtigkeit gab und ber den armen Mandolini hinweg, dessen sie ganz
sicher schien, mit allen Mnnern kokettierte.

Zu denken, da der alte Mandolini in dem Augenblick starb, als er Prfekt
werden sollte, -- und sein eigener Sohn opfert seine Zukunft einer kleinen
Intrigantin!

                   *       *       *       *       *

Die Herren gaben Frau Camuzzi recht; -- aber man bemerkte, da eine halbe
Stille im Saal entstand und da die Ursache der Advokat Belotti war, der in
der Loge des Unterprfekten heftig flsterte. Auch der so mavolle Herr
Fiorio schien erregt. Schlielich breitete er die Arme aus, als knne er
irgend etwas nicht lnger verhindern, und da strzte der Advokat aus der
Tr . . . Pltzlich wallte der Saal auf. Was ging vor? Das Theater sollte
wieder geschlossen werden, weil Don Taddeo die Regierung fr sich hatte?
Welch ein bergriff! Wir sind recht sehr zurck in Italien! Bekam man
wenigstens sein Geld heraus? . . . Alle die Stimmen sanken sogleich wieder
in sich zusammen, denn nun sah man den Advokaten ins Parterre hasten. Der
Leutnant Cantinelli war schon aufgestanden und ging sogleich, rasch und
gemessen, hinter dem Advokaten her. Fontana! Capaci! rief er halblaut,
und seine beiden Untergebenen verlieen ihre Posten zu beiden Seiten des
Einganges, um ihm zu folgen. An der Spitze der bewaffneten Macht, die ihre
groen Federn trug, die Rocksche breit in Rot gefat hatte und verhalten
klirrte, zog durch die sich teilende Menge, in die Brust geworfen, da das
steife Hemd knackte, der Advokat Belotti. Er sah voll Entschlossenheit
geradaus, und niemand wagte ihn etwas zu fragen.

Welch eine Persnlichkeit, der Advokat! bemerkte der Kutscher Masetti,
der von der Macht an die Wand des Ausganges gedrckt worden war; und der
Barbier Bonometti setzte hinzu:

Ich wute wohl, er sei ein groer Mann.

Dabei drngte er mit den andern hinterdrein.

Was denn, rief Galileo Belotti und stemmte sich gegen die Flut. Was
wollt ihr denn? Wit ihr nicht, da der Advokat ein Buffone ist?
Pappappapp! Das fehlte noch, den Advokaten ernst zu nehmen!

Aber seine eigenen Freunde, die Bauern, stieen ihn in den Rcken; er mute
Platz machen; und schon strmte drauen ber die Treppen hundertfaches
Getrappel. Mama Paradisi hatte sich in ihrer Loge erhoben, rechts und links
eine Tochter unter das weitlufige Dach ihres Hutes gezogen, und wartete,
ob man sich flchte. Der Kaufmann Mancafede versprach ihr -- und in der
allgemeinen Aufregung legte er die trockene Hand aufs Herz -- im Falle der
Gefahr seine Person als Deckung. Die Witwe Pastecaldi bat flehentlich ihren
Nachbar, den Apotheker, er mge ins Orchester rufen und ihren Sohn warnen,
der den Ba strich.

Acquistapace antwortete:

Es ist nichts, Signora, der Advokat bringt nur den Don Taddeo zum
Schweigen.

Der Advokat bringt den Don Taddeo zum Schweigen, wiederholte die junge
Amelia Pastecaldi, albern trumerisch, und himmelte aus ihrem steifen
Mullkleid hervor.

In die Loge der Frau Mandolini beugte sich der blinde Kopf des alten
Literaten Ortensi.

Beatrice, sagte er und kicherte, man bringt den Priester zum Schweigen.
Das erinnert an die guten Zeiten.

Wir sind noch am Leben, Orlando, sagte die Alte, steif aufgerichtet, mit
tiefer Stimme, und zwischen ihren weien Haarrollen lachten in ihrem langen
weien Gesicht nur die schwarzen Augen.

Nicht mglich! rief nebenan der Tabakhndler Polli und lief hinaus. Die
Haushlterin des alten Ortensi hngte sogleich ihre ppige Hand ber die
Logenwand, und als der junge Olindo Polli zitternd daran streifte, wendete
sie ihm ein gebieterisch laszives Gesicht zu, vor dem ihm der Schwei
ausbrach. Die beiden Frulein Giocondi sahen trotz der Wirrsal des Hauses
alles, was vorging, und feindselig stieen sie einander an.

Alle wie Papa, sagte Cesira und wendete sich um. Hinter ihnen hielt ihre
Mutter das schmutzig graue Haupt gesenkt und schlief wohl schon wieder.

Mit solchen Weibern machen sie die Familien unglcklich, die Frau wird
aussehen wie Mama, und wir verheiraten uns nicht.

Ich habe es satt, mich zu verheiraten, sagte die entlobte Rosina. Da ging
die Logentre, und der alte Giocondi schwenkte seinen lustigen kleinen
Bauch herein. Die Augen funkelten ihm.

Alles geht gut, rief er und machte mit der Hand einen freigebigen Bogen.
Sie holen Pipistrelli vom Glockenturm herunter. Ihr sollt Gefrorenes
haben, und wollt ihr einen Marsala? Ah, Mdels, kt mich, erst seit
gestern habt ihr euren Papa zurck.

Ich wute, du wrdest kommen: Blut ist dicker als Wasser, jubelte Cesira
und wiegte sich in seinem Arm. Die entlobte Rosina, die er in ihrer Schande
unbeachtet lie, sah weg und dachte: Da lt die Gans sich streicheln und
schreit! Als ob man davon eine Mitgift bekme! Was die
Versicherungsgesellschaft dem Papa gibt, dient ihm auf den Geschftsreisen
zu seinem Vergngen; Mama und wir mssen uns mit Pensionren durchbringen;
und hat man endlich einen kleinen Beamten zum Heiraten, dann reit er nach
dreijhrigem Warten wieder aus, weil Papa nie etwas fr die Einrichtung
zurcklegt . . .

He, Zecchini, wie steht es? rief ihr Vater ins Parterre. Er lutet also
immer noch?

Der Advokat fordert ihn gerade zum letztenmal auf: dann dringt die Macht
in den Turm! -- und der alte Schenkenheld stie mit seinem Bauch alle
beiseite, um wieder hinauszugelangen. Andere kehrten mit Botschaften
zurck, die sie in die Logen riefen. Die Frommen hielten den Glockenturm
umringt, aber der Advokat hatte sie in die Flucht getrieben! Die Nonnen,
deren weie Flgelhauben aus den Fenstern des Klosters sahen, hatte er
gezwungen, sich zurckzuziehen, weil ihr Anblick zum Aufruhr reize! Von
drauen kam Siegesgeschrei, dann das stille hastige Geraschel einer Menge,
die zurckweicht, und wieder Lrm triumphierenden Volkes. Da stieg vom
Parterre zur Galerie rauschend ein Ah!

Es hat aufgehrt! Bravo! Nieder mit den Priestern!

Jemand rief:

Es lebe der Advokat!

Was denn? Welcher Advokat? -- und Galileo Belotti arbeitete sich ab mit
Schultern und Armen. Im selben Augenblick ging das Luten wieder an.

Da habt ihrs! schrie der Bruder. Wenn ich euch doch sage, da er ein
Buffone ist, der Advokat! Pipistrelli wird ihm vom Turm herab etwas auf den
Kopf --

Er war nicht mehr zu hren, denn pltzlich brach drauen ein Geheul,
Pfeifen und Gebrll los, da den Damen in den Logen der Atem stillstand.
Frau Camuzzi bekreuzte sich.

Don Taddeo hatte recht. Wenn es noch einmal gut ginge! -- und der
Kaufmann Mancafede schielte, ganz wei, hinter sich nach seinen beiden
Kommis, die vor Mdigkeit auf der Wand lagen.

Das ist das Ende von allem. Man sollte das Volk nie entfesseln. Zuerst
scheint es nur gegen die Priester zu gehen, und dann, gute Nacht, handelt
sichs um unsere Logenpltze und unser Geld.

Mein Gott, wohin nun, seufzte drben die Witwe Pastecaldi, die vom
Apotheker Acquistapace allein gelassen war; wir Frauen sind hier
geopfert.

Die alte Mandolini sagte neben ihr, tief und ohne sich zu regen:

Keine Furcht vor dem Volk haben, meine Liebe! Das Volk ist hochherzig. Als
mein Mann in Cesena erschossen werden sollte, drngte ein Sto des Volkes
die Soldaten des Papstes auseinander, und in der Verwirrung nahm ein Gerber
namens Sciaccaluga die Stelle des Verurteilten ein. Aus Furcht, noch einmal
gestrt zu werden, erschossen sie ihn sogleich und ohne nher hinzusehen;
Mario aber entkam. Jenes Volk liebte ihn, weil er es geliebt hatte.

Was wollen sie nur? fragte Rosina Giocondi und fhrte in ihrem Gesicht,
das weich und durchsichtig wie Gelatine war, die blanken Kugelaugen ber
die Menge. Die Leute waren aufgesprungen, sie schrien durcheinander! Sie
klatschten, zischten und brllten die Zischer nieder! Was kam auf die
Priester an, denen sie Tod wnschten? Wozu war der Advokat Belotti, den sie
hoch leben lieen, denn ntz? Weder der Belotti noch Don Taddeo werden
mich heiraten, und Amadeo hat sich versetzen lassen.

Man konnte sich berzeugen, da die Glocken schwiegen: der Lrm legte sich.
Denn vorn links stand der Advokat Belotti hinter der Brstung seiner Loge;
sein steifes Hemd war in Falten gebrochen, die Percke sa ihm schief, und
mit seinem braunen Strohhut gab er Zeichen, er wolle reden. Zuerst lie das
Herz, das in den Hals schlug, nur heisere Anstze hinaus. Dann kam ein
Ausspruch.

Endlich knnen wir sagen, da wir frei sind.

Bravo! -- und der Advokat machte Kratzfe vor Galerie, Parterre und
Logen. Darauf fiel er dem alten Acquistapace in die Arme und keuchte:

Ich bin glcklich, o Freund, aber es ist gleich, drauen ging es hei zu.
Deine Frau war eine der Gefhrlichsten. Sie wollte hier eindringen, zum
Glck hat Corvi die Logen verteidigt; ich werde ihm die Stelle bei der
ffentlichen Wage verschaffen.

Der Advokat bringt den Don Taddeo zum Schweigen, flsterte die junge
Amelia, mit ungleich gerteten Wangen.

Es lebe der Advokat! schrie die Galerie.

Aber jenes Wort hat Garibaldi gesprochen, sagte der Gemeindesekretr
Camuzzi; und ber ihm, in der Klubloge verlangte man ironisch die Hymne an
Garibaldi. Darauf wollte der Apotheker Acquistapace sie im Ernst hren. In
der Gewiheit, seine Frau werde nicht bis zu ihm vordringen, schrie er sich
dunkelrot, und neben ihm klatschte die alte Mandolini. Jemand im Parterre
zischte: es war der Bcker Crepalini.

Zur Tr! rief die Galerie.

Wie? antwortete er und hielt sein Bulldoggengesicht hin. Ich habe sechs
Pltze bezahlt, die kosten mehr als eine Loge, und ich sollte nicht meine
Meinung sagen?

Er hat recht, der Bcker, sagte droben der Schlosser Fantapi zum
Schlosser Scarpetta, und beide sahen sich drohend um.

Ihr mchtet eine Tracht Prgel? fragte ein Mann im Fuhrmannskittel sie
und warf alle zur Seite, um heranzugelangen. Im Orchester schlug der
Schneider Chiaralunzi mit seinem Horn gegen die Rampe.

Die Hymne!

Sieh mal an! sagte der Baron Torroni zu Frau Camuzzi. Wir werden dem da
nichts mehr zu tun geben.

Die Galerie wird einbrechen von dem Getrampel, jammerte der Kaufmann
Mancafede, und uns auf die Kpfe fallen. Der Advokat war ein Narr mit
seiner Hymne.

Das alles ist nicht gut, -- und Frau Camuzzi drckte sich in den
Schatten. Was wird Don Taddeo sagen?

Auch Raffaella, Theo und Lauretta hatten die Tcher vor den Mund gedrckt
und betrachteten mit Angst und Mibilligung die Wellen, die dort oben und
dort hinten das Volk schlug.

Was denn! Was fr eine Hymne! Pappappapp! machte Galileo Belotti immer
wieder; und im Orchester ahmte der Barbier Nonoggi den Hahn nach. Pltzlich
hatte ihn seine Frau am Kragen und schttelte ihn.

Auch du hast die Hymne verlangt, du Heide!

Man lachte. Auf der Galerie klatschten Felicetta und Pomponia sich die
Schenkel und kreischten. Frau Salvatori und Frau Malandrini streckten
gleichzeitig den Fcher aus nach der Loge der Jole Capitani. Alle sahen
hin, sogar die alte Mandolini nahm ihr Lorgnon.

Der Advokat ist bei der Jole, sagte man rundum. Es ist also wahr . . .
Wie entzckt sie ihn betrachtet! Sie hat den Kopf verloren, die Arme.

Signora, sagte der Advokat, ich bin gekommen, um die Huldigung, die
dieses Volk mir darbringt, Ihnen zu Fen zu legen.

Sie rckte weich den Hals und schielte hinaus, voll Furcht und Begier, da
man sie sehe.

Htte ich nur ein Pflaster da, sagte sie girrend, fr Ihren Finger, der
blutet.

Der Advokat hatte sein Stichwort, er trat vor.

Mitbrger! schrie er, und vor Anstrengung hob er sich auf die Fuspitzen;
der Kampf um die Freiheit hat auch bei uns wieder einmal Wunden gerissen:
jetzt wird, wie ihr es verlangt, die Hymne erschallen, die den Helden der
Freiheit begrte, sooft er --

Was denn! Welche Hymne! keifte Galileo Belotti.

Ich brauche keine Hymne! rief der Bcker Crepalini. Ich brauche eine
Loge, fr sechs bezahlen und keine Loge!

Ihr habt gesprochen, ich kenne meine Pflicht, schrie der Advokat.

Nichts kennst du, Buffone!

Der Advokat fuhr zusammen; auf einmal schien der ganze Saal der Meinung
seines Bruders. Sie lachten, sie jubelten bse; da: ein Pfiff . . . Fahl,
mit lautlos plappernden Lippen und eiligen kleinen Dienern, zog der Advokat
sich zurck. Die Frau des Arztes sah ihm voll Grauen nach, bis er mit einem
letzten Kratzfu die Tr der Loge schlo.

Was ist denn geschehen? fragte er drauen und wischte sich die Stirn.
Was haben sie pltzlich? Soeben huldigten sie mir doch? Wer steckt
dahinter? . . . Und die Jole, die ich schon zu haben meinte! O treuloses
Glck!

Er stie, dahinschwankend, an die Wnde des Ganges. Eine Tr konnte
aufgehen, und man sah ihn in seiner Schwche! Er hastete die Treppe hinab,
wre gern ins Freie geflchtet, -- aber vor dem Theater wartete wieder nur
belwollende Neugier des Gefallenen! Auf den Zehen schlpfte er in den
linken Korridor, ffnete verstohlen seine Loge . . . Seine Schwester sagte
eben zum Apotheker:

Immer mit den Frauen, der Advokat! Wenn er Minister wre, er wrde nur
immer alles tun, was sie wollen, und das wre sein Unglck . . . Da ist
er!

Sie lchelte ihm mit schmollender Bewunderung entgegen.

Da hast dus, Advokat! Natrlich haben sie sich gergert, weil du bei einer
schnen Frau warst. Ich habe dirs immer gesagt: die Frauen werden dir zum
Verhngnis.

Der Freund Acquistapace drckte ihm die Hand, aber der Advokat lie sich
chzend auf das unbeleuchtete Ende der Bank nieder.

Der Advokat bringt Don Taddeo zum Schweigen, sagte es neben ihm verzckt,
und seine Nichte Amelia himmelte ihn an. Er nickte ihr zu, wie man in
schwerer Stunde auf ein sanftes Wasser hinabnickt, auf eine Blume, die zart
duftet, auf irgendein harmloses Stck unbewuter Natur.

Die Gunst des Volkes, sagte er, ist wechselnd. Noch jeder groe Mann hat
es erfahren.

                   *       *       *       *       *

ber ihm gingen leise Schritte: der Unterprfekt Herr Fiorio kehrte in
seine Loge zurck. Die Brger wiesen anerkennend darauf hin; er hatte als
Staatsmann gehandelt, indem er dem Zwist der Parteien aus dem Wege gegangen
war. Das Volk auf der Galerie fand ihn feige; mehrere zischten; aber da
rief die launige Stimme des Herrn Giocondi:

Und die >Arme Tonietta<?

Freilich, die >Arme Tonietta<, antwortete die Galerie, und im
Stehparterre setzte Galileo Belotti hinzu:

Genug mit den Buffonen!

Maestro! Maestro!

Auf der Galerie stampfte es.

Es ist halb zehn, wir warten eine Stunde, stellte der Kaufmann Mancafede
fest. Drben sagte Frau Polli:

Diese Komdianten machen sich ber uns lustig.

Um ihr gefllig zu sein, pfiff ihr Mann. Darauf pfiff es in allen Winkeln.

Wir wollen die >Arme Tonietta<!

Was liegt mir an der >Armen Tonietta<, dachten der Advokat Belotti und
die entlobte Rosina Giocondi.

Maestro! Maestro!

Pltzlich erschien er in der kleinen Tr unter der Bhne. Man klatschte
ironisch, man machte Ah!

Er hielt die Hnde ungeschickt vor sich hin, hastete gebckt und war
uerst bleich.

Der arme junge Mensch! sagten die Damen.

Die Kanaille! dachte er. Sie wei nicht, was fr eine Stunde sie mir
bereitet hat. Sie treiben ihren Unfug eine Stunde lang, -- indes ich hinter
einer dunklen Kulisse stehe und leide wie ein Tier. Dann lassen sie mich
kommen, indem sie pfeifen . . .

Er kletterte auf seinen Drehbock, klopfte mit dem Stock auf und sah, an den
Spitzen seines Kinnbartes reiend, im Orchester von einem zum andern.

Nonoggi, man spricht nicht mehr, wenn ich da bin! . . . Herr Zampieri,
geben Sie Obacht auf ihre Quinten!

Er wird sich vergreifen, wie gewhnlich, dachte der Kapellmeister. Alle
denken an etwas anderes, diese Auffhrung ist unmglich, warum lege ich den
Stab nicht hin und gehe. Wenn man dieses Publikum ansieht --

Er mute sich nach ihm umwenden.

-- fr wen hat dann der Maestro Viviani seine Oper geschrieben? Wir sind
wenige, und wir sollten in der Einsamkeit leben. Kein Volk ist, das uns
hrt . . . Alf! flsterte er wild, wenn du deine Pauke nicht ruhig
hltst, wei ich nicht, was ich tue!

Ganz sanft fgte er hinzu:

Lieber Mandolini, ich empfehle mich Ihnen.

Er lie seine Bartspitzen los und breitete die Hand aus. Sie lag in der
Schwebe; auf der anderen Seite schwebte der Stab. Der Kapellmeister hielt
den Atem an; und sein Drehbock schien ihm, inmitten einer ungeheuren
Stille, in die Luft gehoben.

Es wird nicht gut gehen, es wird noch etwas dazwischen kommen!

Die Hymne! schrie von der Galerie eine betrunkene Stimme. Wir wollen die
Hymne!

Zur Tr! Zur Tr!

Allebardi, Sie werden mich kennen lernen! -- und der Kapellmeister fuhr
so furchtbar verzerrt vom Sitz, da der Tapezierer sich, die Augen
niedergeschlagen, mit seinem Bombardon wieder zurechtsetzte.

. . . Und endlich konnte der Stab sich senken.

Was denn, Prludium! murrte Galileo Belotti. Wir sind gekommen, um zu
sehen!

Und als werde sein Befehl ausgefhrt, ging schon nach zwei Takten der
Vorhang auseinander.

Die Galerie hielt den Atem an. Allmhlich wisperte sie.

Was wollen sie? . . . Sie wollen Wein. Jene beiden vor dem Hause haben
gerade geheiratet, und die andern begleiten sie heim . . . Sie singen, wie
die Mdchen in Pozzo singen, bei der Weinlese. Brauchen wir dazu
Komdianten? Aber sie verstehen es besser. Wie sie es verstehen! Hre,
Felicetta, welche Stimmen! Ich dachte nicht, da die groe Gelbe zu etwas
anderem gut sei, als sich mit den Herren umherzutreiben . . . Was fr einen
Lrm die Instrumente gemacht haben! Der Allebardi war der rgste. Mir
drhnt der Kopf erst jetzt, da sie still sind und nur die Stimmen der
Kinder brig bleiben. Das ist, wie wenn ein groer Gewittersturm pltzlich
aus ist, und du hrst ein Vgelchen zwitschern . . . Sieh, mein Ninetto,
der vorderste ist der Carlino Chiaralunzi. Auch du knntest dort stehen und
das Paar beglckwnschen. Lat uns klatschen!

Bravo! und der dicke alte Zecchini stie sich im Stehparterre mit seinen
Zechbrdern an. Auch der da macht sich einen guten Tag. Fest stehen,
Gevatter! . . . Und er sagt die Dinge, wie sie sind, dieser Alte: Seid
fruchtbar, meine Kinder, zeugt mir Enkel! Bravo!

Die Pchter vorn erklrten einander:

Er will, da das Gut in der Familie bleibt. Man versteht ihn schlecht,
aber es scheint, da er ein vernnftiger Mann ist . . . Natrlich mu eine
Frau dazwischen sein! Was will sie von dem jungen Ehemann? Ach ja: er htte
lieber sie heiraten sollen. Und das Gut? Freilich ist sie ein schnes
Mdchen, schner als die andere.

Das sieht der Italia hnlich, bemerkte der Gastwirt Malandrini in seiner
Loge. Jetzt hetzt sie die Burschen gegen die Neuvermhlten: die Tonietta
habe ihn betrogen. Dabei hat sie selbst den Baron betrogen, mit dem
Advokaten und den andern.

Schweig! sagte Frau Malandrini, drckte ihr Kinn auf dem Halskragen breit
und bekam ein Gesicht wie ein roter Kegel. Schweig doch! Du weit nicht,
was du sprichst. Ein Mann wie der Baron denkt gar nicht an solche --

Sie bi sich auf die Lippen.

Was wollte ich denn da sagen? dachte sie. Diese Musik macht, da man den
Kopf verliert und plaudert.

Auf der Galerie kicherte es.

Sieh die Mdchen! Sie sehen durchs Fenster in das Schlafzimmer der
Neuvermhlten. Aber es ist gewi nicht wahr, da die Tonietta getan hat,
was ihr sagt. Ihr seid neidisch! Die kleine Blonde hat recht, die eine
Blume auf das Bett wirft. Jetzt werfen auch die andern Blumen. Warum ist
das eine Sache, die traurig macht?

Auch Mama Paradisi und ihre Tchter lieen Trnen flieen, und die Witwe
Pastecaldi schluchzte kindlich.

Es ist nichts. Es ist die Musik, erklrte der Advokat.

Aber nun mu das Bett aussehen wie ein Sarg, und sie sind so jung!

So jung!

Cesira Giocondi neigte ihre lange Nase ber ihre Schwester Rosina.

Gewi hat auch die Tonietta so viel von ihren Mbeln gesprochen, wie du
von den deinen, -- und du sollst sehen, auch mit ihr geht es schief.

Lauretta und Theo aus der Via Tripoli nickten gerhrt einander zu; nur die
groe Raffaella beunruhigte mit dem Augenwinkel den dicksten der Pchter
links hinter ihr. Mama Farinaggi flsterte ihr feucht in den Nacken:

Hast du denn kein Herz?

Frau Camuzzi wandte sich nach ihrem Gatten um, der eingetreten war und nach
der Handlung fragte.

Schweig! du hast kein Herz.

Und sie kehrte zurck zu dem Tenor.

Nur dies eine Mal hatte sie ihn aus dem Auge gelassen. Er hatte vor dem von
Blumen bunten Landhause neben seiner Tonietta gestanden, und wenn er den
Arm um die Geliebte legte, schlo Frau Camuzzi die Lider und senkte bitter
die Mundwinkel. Von seinem halblangen und glatten schwarzen Haar schwankte
eine Strhne auf seiner Stirn, ber dem breiten kurzen Sattel der Nase. Er
war bleich in seinem weien Anzug; und seine Blsse und sein schwarzer,
niemals lachender Blick machten, da er in der Flle seines Glckes, er
allein unter den Frhlichen, schon beschattet schien von dem Schicksal, das
bevorstand.

Und er strzte vor, weil er die Kameraden hrte, die von seiner Frau
schlecht sprachen. Er hatte einen Wortwechsel; er bi sich in die Knchel
der Finger; er richtete sich auf, trat fort von den anderen, vor die Rampe;
-- und die Handlung, die gekeucht hatte, holte tief Atem: er sang seine
Arie. Ich bin betrogen, sang er, nun soll ich lieben, die mich verriet.
Ich werde glcklich sein mit meiner Feindin. Morgen spreche ich mit ihrem
Liebhaber, und das Glck ist aus . . .

Aus, dachte Frau Camuzzi. Warum ist er nicht wiedergekommen? Er sagte
doch, ich sei schn und er liebe mich. Ich sagte ihm, wenn er sich nach dem
Mittagessen in das dunkle Gela unter der Treppe einschleiche, werde ich zu
ihm kommen. Nie hat er es getan; -- und statt meiner soll er andere lieben:
die Baronin, die Malandrini, bei der er wohnt, Mama Paradisi sogar. Seine
Treue brauche ich nicht; aber ich habe kein Glck. Mein Mann knnte doch
sterben; ich knnte hinausgelangen aus dieser Stadt, wo niemand mich
versteht. Aber ich selbst werde hier sterben, ohne genossen zu haben; --
und ich hasse alle: ihn, der mir nicht helfen will, und Camuzzi, der mich
hindert!

. . . das Glck ist aus zugleich mit der Lge. Es dauert eine Nacht. Die
Nacht wollen wir genieen, sie kostet vielleicht das Leben, die kostbare
Nacht!

Die kostbare Nacht! wiederholte der Chor. Er begleitete heiter die
drohenden und schmerzvollen Tne des Piero. Der Hochzeitszug kehrte
zwischen den Feldern ins Dorf zurck, wo es Abend lutete; und ihm voran
ward, wenn die Glocken schwiegen, die Flte der Pifferari laut, die
unsichtbar in der Ferne, als sei es Traum und Neckerei, eben die Weise
bliesen, in der, gro im Vordergrunde, die Leidenschaft des Liebenden
tobte. Nun war er auf der Bhne allein, hielt eine letzte Note aus; -- und
indes drunten das Tenorhorn des Schneiders Chiaralunzi seinen Schrei
wiederholte, umfate der Piero mit beiden Hnden seine Schlfen, tat zwei
strzende Schritte und schttelte sich ganz . . . Er war fort. Im Saal
blieb es noch so still, da das Schnarchen der Frau Giocondi hrbar ward;
aber noch bevor ihr Mann sie gezwickt hatte, waren alle Hnde in der Luft
und klatschten. Sie klatschten, als jagten sie hinter den verklungenen
Tnen her. Da das Orchester weiter wollte, erbitterte sie.

Noch einmal! Noch einmal!

Willst du still sein! zischte Frau Camuzzi ber die Schulter ihrem Gatten
zu.

Aber er hat sehr gut gesungen, meine Liebe, sagte der Gemeindesekretr.
Alle finden es.

Ich nicht, und sie zerbi sich die Lippe. Er ist glcklich, dachte sie;
aber ich werde mich rchen.

Er zeigte sich, mit seinem dunkeln Lcheln, an der Kulisse.

Noch einmal! Noch einmal!

Frau Camuzzi wandte sich liebenswrdig nach ihrem Gatten um.

Du bist zu gutmtig, mein Lieber. So glcklich dein Charakter eine Frau
machen kann, im ffentlichen Leben solltest du vielleicht rcksichtsloser
sein. Warum hast du dich gefgt, als der Advokat Belotti diese schlechten
Komdianten herholen wollte? Wenn du es aber nicht verhindern konntest,
dann mutest du dich an die Spitze des Unternehmens stellen.

Du findest, meine Liebe? Die Wahrheit ist, da ich an das Gelingen nicht
glaubte. Ich war sicher, der Advokat wrde sich blamieren . . . Ist dein
Fcher zersprungen? Ich hrte ihn krachen.

Nein. Jetzt bleibt dir eins, mein Freund. Du kannst die Sache des Don
Taddeo strken. Es ist die gute Sache; -- und warum soll man den Advokaten
so gro werden lassen? Sage es selbst! . . . Du hast gehrt, da der Bcker
Crepalini sich auflehnt, weil er keine Loge bekommen hat. Es gibt mehr
Unzufriedene in seiner Klasse. Setze dich mit dem Mittelstand in
Verbindung, mein Ghino!

Welch schner Gedanke, sagte der Gemeindesekretr, schob die Hnde in die
Hosentaschen und brachte, aufrecht neben seiner viel bewunderten Frau,
seine schlanke Bste zur Geltung. Auf diese Weise wrde man sehen, ob im
Streit der Parteien das Unternehmen des Advokaten standhlt. Ich glaube
nicht, da diese Theatersaison zu Ende gespielt werden wird. Schon habe ich
berechnet, da wir die elektrische Anlage aus Geldmangel werden auer
Betrieb setzen mssen.

Was wirst du also tun?

Tun? . . . Ich kann mit dem Schlosser Fantapi sprechen, der ein Anhnger
des Don Taddeo ist und seine Freunde im Sinne des Priesters bearbeiten
wird.

Also geh, mein Freund! -- und kaum war er hinaus, lie Frau Camuzzi ihren
zerbrochenen Fcher fallen und trat darauf. Das ist ein Mann! Sie grte
lchelnd mit zusammengebissenen Zhnen die Herren, die herbergrten.

                   *       *       *       *       *

Noch einmal! rief es unablssig.

Der Kapellmeister dirigierte mit Armen und Krper, als galoppierte er, als
mte er durch eine Meute dahin. Aber sie war ihm auf den Fersen, sie
brachte ihn zum Stehen. Erschpft lie er den Stab sinken; das Orchester
brach ab; die Tonietta zog sich rasch wieder in das Haus zurck; und der
Piero erschien. Er verbeugte sich und wollte verschwinden. Aber die
klatschenden Hnde holten ihn von neuem hervor. Der Kapellmeister erhob
Gesicht und Stab. Da gab der Tenor mit der Hand ihm ein Zeichen, man wute
nicht, ob gewhrend oder bittend. Er nahm seinen frheren Platz ein. Der
Chor kehrte zurck und ordnete sich. Der Kapellmeister klopfte auf. Die
jungen Leute im Stehparterre, mit den groen Hten und bunten Halstchern,
sahen beruhigt und glcklich zu, wie all diese Seligkeit sich dank der
Kraft ihrer Hnde, die die Zeit besiegt und zurckgestellt hatten, noch
einmal vollzog.

Als der Piero fertig war, berschrie die Galerie das Tenorhorn.

Bravo! Gut!

Viele sahen sich um, stolz, als htten sie selbst gesungen. Der
Stadtzolleinnehmer Loretani in der zweiten Parkettreihe, hinter der dicken
Lauretta, fing aus unerfahrener Begeisterung von neuem an:

Noch einmal!

Sofort ahmten die Familienshne in der Klubloge ironisch nach:

Noch einmal!

Und da ward gezischt. Der Piero verschwand. Die jungen Leute im Parterre
klatschten, um ihn zu rchen. Die Logen entrsteten sich. Ein Kampf der
Zungen und der Hnde durchwogte das Haus. Frau Camuzzi hielt das Tuch vor
und zischte. Bei jedem Zischlaut richtete sie sich steil auf, und ihr
kleines gedrcktes Gesicht hatte funkelnde Augen.

Der Kapellmeister dirigierte immer weiter, und er lchelte dabei voll
tiefen Hohnes.

Wir wollen die Tonietta hren! rief es von der Galerie; -- und da merkten
die meisten erst, da sie sang. Sie kniete vor dem Madonnenbild am Hause,
mit einer Schulter nach dem Saal.

Das ist ja das Gebet! rief der alte Giocondi. Still doch.

Nun verstand man sie, und da sie, indes ein Mondstrahl aus Bumen hervor
auf ihrem offenen Haar zerstubte, den Himmel um Erhaltung ihres Glckes
bat. Der Lrm sank von ihrer Stimme zurck, wie die fleischliche Hlle von
einer Seele, und sie stieg auf. Das Volk sah, die Mnder halb offen, weich
glnzenden Auges ihrem Fluge nach. O Gott! seufzte da und dort eine Frau.
Nachher hngten sie sich ber die Galerie und langten mit den klatschenden
Hnden recht tief hinunter, damit sie nher dem kleinen Geschpf wren, das
sich dort unten verneigte. Auf den ersten Laut des Beifalls hatte sie sich
von den Knien erhoben, lssig, wie ermdet von ihrem Aufschwung und noch
gleichgltig gegen das Irdische.

Welche Stimme! Noch einmal!

Erst jetzt sieht man, da sie schn ist! Ihr Haar glnzt wie ein goldenes
Fell. Noch einmal!

Mit jedem Schritt ward sie wacher und rascher. Jetzt war sie vorn und
grte mit kalter Geschmeidigkeit, zuerst die Galerie, dann den Saal und
dann die Logen. Ihr Lcheln hatte etwas Ungreifbares; es gehrte allen und
keinem. Manchmal setzte es aus, und ein strenger Blick fiel auf den
Kapellmeister.

Noch einmal! Noch einmal!

Er schlug unbeirrt Takt. Diesmal sollten sie ihn nicht zu Fall bringen!
Mochten sie lrmen!

Und wenn von dem ganzen Akt niemand mehr einen Ton hrt: ich lasse ihn zu
Ende spielen.

Er sah die Primadonna berlegen an, er merkte nicht, wie sie, inmitten
ihres Umherlchelns, aufstampfte. Pltzlich lief sie -- und abgewendet
stie sie die Hand nach dem Platz des Dirigenten -- zum Hause zurck und
kniete hin.

Brava! Da seht ihrs, da sie von vorn anfngt!

Statt dessen erschien der Piero, sie erblickten einander und gingen sich,
von Mondschein getroffen, entgegen. Droben heulte es auf:

Noch einmal! Noch einmal!

Morgen noch einmal! rief Galileo Belotti, und das brachte sie vollends
auf.

Die beiden standen, die Arme schwach erhoben, voreinander. Man sah ihre
geffneten Mnder und hrte nichts.

Von vorn! Die Tonietta!

Die Primadonna fhrte ihren hellen Blick ber das Publikum, senkte ihn
verchtlich auf den Kapellmeister und hob, immer singend, die Schultern.
Auch der Tenor hob sie, und er hielt der Menge beteuernd seine flache Hand
hin. Dem Kapellmeister war es kalt geworden. Er sah nicht mehr vom Pult
auf. Die Einsamkeit um ihn her ward tdlich. Einen Augenblick schien ihm,
als habe ihn sogar sein Orchester verlassen und schweige. Auf der Flucht
vor der Meute dahinten war er an den Rand eines Abgrundes gelangt.
Ermdeten sie und blieben zurck? . . . Also gut! Er war im Begriff
gewesen, die Hand fallen zu lassen, sich zu ergeben. Mit der Linken wischte
er sich die Stirn.

Man hrt nichts! Buffonen! Auch wir haben bezahlt!

Ruhe! jetzt kommt ja das Schnste! rief die joviale Stimme des Herrn
Giocondi. Von droben kamen die der Mgde:

Achtung auf die Harfe der Nina!

Und um ihretwillen ward es still. Frau Zampieri in der ersten Parkettreihe
beugte sich vor, um verklrten Gesichtes durch die Saiten der Harfe zu
sphen. Dahinter sa, wei wie eine Blte, ihr Kind und machte, da alle
schwiegen. Wir konnten keinen Puder kaufen, aber dennoch sind ihre Arme
sehr wei. Alle schwiegen; nur noch ganz leise Violinen umhauchten Ninas
Tne, die wie Mondstrahlen dahinzogen und zergingen. Endete sie, dann war
gewi auch von der Bhne droben der Mondschein gelscht und Tonietta und
Piero waren stumm. Frau Zampieri zog in ihrem grau gewordenen schwarzen
Kleid die Schultern nach vorn, aus Furcht, diese Klnge mchten enden.

Wenn Luciano endgltig die Hilfslehrerstelle bekommt, haben wir fast schon
zu essen . . . Wird der junge Mandolini Ernst machen? Er blickt ber seine
Geige hinweg immer auf Nina. Spiele weiter, Ninetta!

Siehst du, sagte nebenan Lauretta zu Theo, ich wute, da diese Tonietta
ein anstndiges Mdchen sei und keine --. Jetzt glaubt auch er ihrs, wie es
scheint, und sie zeigen sich durch das Fenster ihr Bett mit den Blumen. Wie
das rhrend ist!

Aber sie wollen sterben.

Das sagt er; die Mnner sagen das oft; und man glaubt es ihnen, solange
man noch wenig Erfahrung hat.

Mama Paradisi neigte sich, von ihren Tchtern ungesehen, ber die Wand der
Nachbarloge, und sie seufzte.

Die Tonietta hat recht: das beste ist, sich auch im Unglck lieben.

Der Kaufmann Mancafede nickte -- in der Hoffnung, seine Kommis wrden es
nicht bemerken.

Rosina Giocondi wandte sich ab. Wie viele Lgen! Und wenn sie nicht das
Haus als Mitgift htte? Sie tut wohl, ihn daran zu erinnern: Sieh,
Geliebter, unser umblhtes Haus! Ein Flstern ging um.

Ah! Da ist es. Ich warte schon lngst darauf . . . Still doch, Elenuccia,
etwas Schneres wirst du niemals hren . . . Eine Minute, Signora: dies
Duett ist das berhmteste Stck in der ganzen Oper . . . Ah! Ah! Was ist
denn das? Sind dies noch Menschenstimmen? Singen nicht auch die Bume?
Singt nicht der Mond? . . . Diese Musik ist aus Seide!

Der alte Literat Ortensi sagte zu seiner Freundin, der alten Frau
Mandolini:

Dieses Stck ist gut, denn es macht, da mir Ideen kommen. Ich sehe zu
wenig, um die Bhne zu unterscheiden; aber in diesen Klngen erweitert sie
sich mir zu einem Lande unendlicher Liebe. Ein ganzes Volk hlt sich
umschlungen und verbrdert sich. Es hat gtigere, geistigere Gesichter, als
sonst Menschen haben. O! nun ffnet es sich, und hervor tritt ein Engel
. . . Planten wir nicht solches, Beatrice, als wir jung waren?

Aber wir hatten es ja! erwiderte die Alte. Noch immer haben wirs,
Orlando!

Kein Vergleich mit unserem Phonographen, sagte der Tabakhndler Polli zu
seiner Frau. Bei uns singen Tamagno und die Berlendi; was sind daneben
diese armen jungen Leute?

Ihr Sohn Olindo dachte ganz still unter seinem roten Schopf:

So viel Liebe! Gibt es das? Wie mu man sein, was mu man tun?

O Rina! flsterte auf der Galerie der Geselle des Schlossers Fantapi;
wenn du mich nicht liebst, werde ich mich tten.

Woran hast du jetzt gedacht, Klothilde? -- und der Doktor Ranucci stellte
sich mit ausgebreiteten Armen vor seine Gattin. Ich sehe dir an, du denkst
an den Tenor. O, wren wir nie hergekommen!

Ihre blassen Augen glitten ab; sie hob schchtern die Schultern.

Bravi! Noch einmal!

Das Parkett war auf den Fen. ber die beiden Frulein Pernici hinweg, die
weinten, sagte der Leutnant Cantinelli, auer sich, zu Mama Farinaggi, der
Hausfrau aus der Via Tripoli:

Das ist geradezu gttlich!

Wie? Wir haben es gehrt! -- und die jungen Leute hinten, mit den groen
Hten und den bunten Halstchern, schttelten die Hnde der Bauern um
Galileo Belotti. Er schalt:

Was denn noch einmal? Morgen noch einmal!

Aber niemand achtete auf den andern. Der Advokat Belotti keuchte vom Freund
Acquistapace zur Schwester Artemisia.

Habe ich euch nicht gesagt, dies sei das Schnste? Und ich bin der erste
gewesen, der es gehrt hat: schon auf der Probe! . . . Signora, und er
dienerte ber die Scheidewand zur Frau Mandolini, ich htte Ihnen den
Erfolg dieses Duettes vorhersagen knnen, denn ohne mich rhmen zu wollen
--

Sie hrte ihm nicht zu, und der Advokat sah sich sehnschtig nach seinem
Feinde Camuzzi um. Die Loge, worin nun die alte Mandolini sa, hatte er
doch den Camuzzi vorbehalten! Was war denn geschehen? Warum fand er nicht
neben sich den Camuzzi, der gewi alles fr schlecht erklrte?

Ein schner Schwindel, der Komdiant mit seiner Liebe! Ich kenne sie!
dachte Frau Camuzzi. Und Frau Zampieri:

Das alles tut Nina, meine Ninetta!

Heraus! Noch einmal!

Und die beiden traten, noch immer die Arme umeinander, wieder aus dem
Hause. Der Kapellmeister hatte schon abgeklopft. Wie sie wollen! Dann
verbringen wir hier also die Nacht. Ich werde ganz sicher keinen Versuch
mehr machen, es zu hindern. Er befragte die Snger mit dem Blick und lie
sogleich wieder anfangen. Diesmal blieb der Saal ohne Laut. Nachher
vergaen viele zu klatschen; sie schttelten die Kpfe. Es war noch
schner. Man wrde es nicht glauben.

                   *       *       *       *       *

Die Primadonna und der Tenor verneigten sich, jeder nach seiner Seite, und
in der Mitte gaben die Hnde, an denen sie sich hielten, einander manchmal
einen Ruck, als leitete einer auf den andern den ganzen Beifall ab. Dann
verschwanden sie, umarmt, im Hause. In der Klubloge ward gelacht.

Zur Tr!

Die Bhne stand leer, und das Orchester spielte.

Das einzige Mittel, erklrte der Unterprfekt hinter der vorgehaltenen
Hand dem Steuerpchter, um anzudeuten, was jetzt drinnen vor sich geht.

In der Klubloge berlegte der junge Savezzo:

Von der Harfe geht die Melodie auf das Cello ber: da wirkt sie schon
weniger platonisch, -- und so weiter bis zur Pauke. Ich verstehe. Auch ich
werde eine Oper schreiben.

Sst! machte der Advokat Belotti angstvoll, denn seine Schwester
schluchzte so laut, da es bald durch alle Musik zu hren sein mute. Sie
brachte hervor:

Wenn Pastecaldi den Wein nur etwas weniger gern gehabt htte, er lebte
noch!

Drben sann Jole Capitani weich:

Armer Advokat! Dennoch liebt er, scheint es, nur mich.

Die junge Salvatori traf in der Klubloge die Augen des jungen Serafini und
lie die ihren rasch in den Scho fallen; Rosina Giocondi begegnete nebenan
denen des Olindo Polli, und pltzlich zuckte ihr etwas zum Herzen,
erschreckend, wie Hoffnung, die den schon verlernten Weg wiederfindet; --
indes der Schustergeselle Dante Marinelli den Arm um sein Mdchen wand, das
den ihren auf die Galerie sttzte, und ihr in das staubige Haar sprach.

Ich kenne doch diese Musik, Clestina! Hast du sie mir nicht vorgesungen?

Die groe Raffaella wendete ihre spttische Miene langsam durch den
erhitzten Saal.

Im Stehparterre schttelten der Barbier Bonometti und der Schneider Coccola
die Kpfe.

Wie machen sies nur? Der Nonoggi und der Chiaralunzi knnen nur wenig
spielen, wie jeder wei.

Was denn! Gar nichts knnen sie, behauptete Galileo Belotti.

Und dennoch klingt es gut. Man sollte glauben, da auch wir, wenn wir
statt ihrer --. Es ist eine Ehre fr den Stand. Gut, Chiaralunzi! Gut,
Nonoggi!

Auf den vordersten Sitzpltzen sagte Frau Nonoggi zu Frau Chiaralunzi:

Hrt Ihr Nonoggi? Euren Mann sieht man von Zeit zu Zeit die Backen
aufblasen, als ob etwas besonderes los wre, aber dann lrmen auch die
andern; den meinen dagegen hrt man immer heraus, und er schneidet lustige
Gesichter dabei, als ob er einen rasierte. Er ist die wichtigste Person
hier, knnt Ihr mir glauben.

Die Frau des Schneiders sagte, still lchelnd:

Wenn mein Mann einmal tchtig loslegen wollte --

Die Frau des Baritons Gaddi, in der dritten Reihe, prfte schon lngst die
Frau des Schuhmachers Malagodi von der Seite, sah weg, rckte umher und
machte sich wieder heran. Endlich wagte sie:

Jetzt kommt die Hauptsache: gleich tritt mein Mann auf. Er wird ein Graf
sein, die hchste Person im Stck, und wenn er dazukommt, wird die Handlung
tragisch. Er hat eine Stimme wie keiner.

Frau Malagodi blinzelte sie verstndnislos an, aber die Gattin des Sngers
vollendete:

Da jetzt die Musik so bse wird, das kommt, weil er hinter der Kulisse
steht. Ich wei es.

Mama Farinaggi wendete sich um, feuchte Rinnsel in ihrer Schminke.

Soll er doch wieder fortgehen! Noch ist er nicht da, und schon sieht man
den Mond nicht mehr, der so poetisch war. Gewi werden seinetwegen die
armen jungen Leute, die sich doch so sehr lieben, noch Unannehmlichkeiten
haben. Das gefllt mir nicht.

Sie schrak zusammen, denn es ward heftig mit der Peitsche geknallt. Eine
eherne Stimme rief nach Piero, gespornte Stiefel stampften auf, und ein
strammer Bauch in einer roten Weste ward sichtbar.

Bravo Maestro! riefen die jungen Leute dahinten. Noch einmal das
Orchester!

Was denn! antwortete es. Wir wollen sehen, was kommt.

Wie der da schmutzig ist! Ist das ein Herr? Es wird ein Fuhrmann sein.

Aber er hat ein Stck Glas im Auge und einen gelben Bart, also ist er ein
Herr.

Welche Fuste! Welche Stimme! Was fr ein Messer! Der arme Piero! Gerade
kommt er aus den Armen seiner Tonietta, und jetzt hat ers mit jenem zu tun.
Verdammt, der schlgt auf den Tisch, er will Wein.

Er ist betrunken. Und dann spricht er davon, da er in der Hauptstadt
seine Kse verkauft hat. Ein schner Herr!

Erkennt ihr ihn denn nicht? Gerade so sieht der Conte Fossoneri in Calto
aus. Wenn man recht hinsieht, hat auch der Baron Torroni --

Aber die Stimme des Piero ist immer ber seiner, er mag schreien, wie er
will. Der Piero wird ihn besiegen. Fest, Piero!

Er sagt, er habe ein Recht auf unsere Weiber? Er sei der Herr? Ein Hund
bist du! Pfeift! Pfeift doch!

Glaube ihm nicht, Piero! Er ist nichts als ein Prahlhans, wir Frauen
merken das gleich, und nie hat er die Tonietta gehabt.

Nieder mit ihm!

Die Sachen gehen schlecht, du verlierst den Kopf, Piero. Ach! da rennt er
ins Haus und wird ihr etwas antun. Wie die Mnner dumm sind!

Und warum klatschen sie? Weil der da gut gesungen hat? Aber solche Sachen
singt man nicht, zum Teufel!

Sollte man nicht ein Ende mit ihm machen, bevor es zu spt ist?

Ach! welch Unglck. Der Piero zerrt die Tonietta aus dem Hause. Er ist von
Sinnen! Ja, natrlich bist du sein Weib, er drfte das nicht tun! Knie nur
vor die Madonna hin: auch sie ist eine Frau, und sie wird dir deine
Unschuld bezeugen. Wir alle werden es . . . Ach! es ist umsonst, schon
reit er sie den Hgel hinab, in der Dorfgasse laufen schon die Leute
zusammen, und der alte Geronimo steht in seiner Tr. Lauf zu ihm, Tonietta,
er ist dein Vater! . . . Ist es mglich, er lt dich nicht ein? Die Mnner
stecken alle zusammen, das ist es!

Wie sie ihn anfleht, wie sie sich bumt! So sang man in unserer Jugend,
Orlando. Ich habe Herzklopfen.

Bist du mir wirklich immer treu gewesen, Clestina?

O Dante, schon wieder willst du mich qulen!

Welche Wirrnis! Seht ihr! Die Mnner sind alle gegen sie, und die dummen
Mdchen schwatzen es ihnen nach, die Tonietta habe es mit dem Grafen.
Recht! da springt sie einer an die Kehle. Der groen Gelben! Recht, sie
verdient es. Ach! die ist strker; und nun die nchste. Tonietta, es ntzt
nichts, la ab!

Sind die im Orchester verrckt geworden? Mich selbst macht es verrckt,
ich mu schreien!

Ruhig dort oben! Zur Tr!

Endlich! Eine erbarmt sich ihrer, die kleinste. Arme Tonietta: ja, du
sprichst wahr, sie ist eine arme Tonietta. Sieh, nun steht sie und weint.
Seht ihr nun, da sie nicht schlecht ist?

Ich habe nie etwas Bses von ihr geglaubt, Pomponia.

Ich auch nicht, Felicetta. Ich glaube nicht gleich jeden Klatsch. Ach! wie
sie weint. Man mu mitweinen.

Sie geht fort, durch alle Leute dahin, die schweigen. Den Rock schlgt sie
ber den Kopf, wie zu einer weiten Reise, und geht doch auf bloen Fen,
die arme Kleine.

Komm her zu uns! Hier wollen alle dir wohl!

Wie? Der Vorhang fllt? Aber wohin geht sie denn? Das mu man doch
wissen!

Wir werden es erfahren. He, Corvi, deine Bogenlampe summt wie ein Schwarm
Heuschrecken und geht doch nicht an.

Heraus! Alle heraus! Bravi! Bravo Maestro!

Aber hast du nicht gesehen, Malandrini, wie der Piero bereut hat? Er hatte
das Gesicht in den Hnden.

Wenn man einmal einen Verdacht hat, meine Liebe --

Es ist unrecht, einen Verdacht zu haben. Du siehst, da man ihn bereut.

Eh! machte der Tabakhndler Polli zu seinem Sohn Olindo, solche Dinge
kommen vor. Mit dem Leben ist nicht zu spaen, merke dir das!

Der alte Giocondi mischte sich ein.

Ich wei sogar, aus Rom, einen ganz hnlichen Fall. Ein Bauer hatte --

Bravi! Bravo Maestro!

Kaffee, Gefrorenes, Limonade! Frisches Wasser mit Anis!

Rauchen wir drauen eine Zigarette?

Bravi!

Als Vorsitzender des Komitees habe ich die Pflicht, die Darsteller zu
beglckwnschen, sagte der Advokat Belotti. Der Apotheker zog rasch sein
Holzbein hervor.

Auch ich gehre zum Komitee. Gehen wir! Denn es scheint, sie klatschen
nicht mehr.

                   *       *       *       *       *

Soeben schlo sich die Gardine im Vorhang zum fnftenmal hinter dem
Kapellmeister und seinen Sngern. Flora Garlinda ri sogleich ihre Hand aus
seiner.

Danke, -- und sie fauchte ihn an.

Wofr? fragte er, tief errtet und dennoch, aus Kopflosigkeit, noch immer
mit dem Lcheln, das er den Zuschauern gezeigt hatte.

Sie fragen?

Die Primadonna setzte die Hnde auf die Hften und warf die Bste nach
vorn. ber die entblte Haut sah man rote Schauer laufen, das Gesicht war
in die Lnge gezogen von Ha und Wut.

Ich wei freilich, da Sie nichts gelernt haben. Von guten Freunden, die
Ihre Vergangenheit kennen, erfahre ich, da Sie berhaupt kein
Konservatorium besucht haben. Nicht wahr, Maestro?

Er wich erbleicht zurck.

Aber das knnten Sie trotzdem wissen, da man bei einem Beifall wie dem
meinen die Arie wiederholen lt!

Wir haben das Duett wiederholt, sagte er und zog an seinen Fingern.

Stellen Sie sich nicht kindisch! Was habe ich davon, wenn ich mit einem
andern teilen mu? Dem Nello werfe ich nichts vor.

Wie? Was soll ich? fragte der junge Mann, ohne mit dem Auge das Loch im
Vorhang loszulassen.

Nichts . . . Er mu Ihnen sehr unschdlich vorkommen, da Sie seine Arie
wiederholen lassen und meine nicht.

Aber auch mein Intermezzo habe ich nicht zum zweitenmal gespielt.

Weil niemand es hren wollte. Nochmals: danke. Ich habe Sie kennen
gelernt, das ist viel wert. Jetzt ist es an Ihnen, mich kennen zu lernen.

Sie flog davon. Die Tr ihrer Garderobe schlug krachend zu. Gaddi und der
Cavaliere Giordano gingen, die Schultern hebend, an dem Kapellmeister
vorber.

Schlielich hat sie recht . . . Man ist Knstler oder nicht . . . Sie
konnten das voraussehen, Maestro.

Auch ich wrde es mir nicht gefallen lassen, sagte Italia mit groen
Fcherschlgen. Der Kapellmeister warf die Arme empor.

Aber keiner der Herrschaften luft Gefahr, etwas wiederholen zu mssen!

Wenn Sie solche Meinung von uns haben, was tun wir hier?

Dieser Ausspruch war ein Fehler, Maestro -- und Italia lachte
verchtlich. Der alte Tenor erklrte:

Ich habe mich noch geschont, das ist mein Recht, nicht wahr? Wer, wie ich,
in jedem Akt eine andere Rolle zu singen hat --

Was ist dahinten fr ein Lrm?

Der Bariton eilte hin.

Was sehe ich -- Herr Advokat?

Ich habe dem Herrn gesagt, rief der Inspizient, man betrete die Bhne
nicht.

Aber ich bin der Vorsitzende des Komitees, chzte der Advokat und hob
sich vom Boden auf. Er las die Fetzen seines Blumenstraues zusammen.

Das Frulein Flora Garlinda mu sich in der Person geirrt haben, bemerkte
er.

Oder sie ist gerade bei schlechter Laune, meinte Gaddi. Der Apotheker
nahm dem Freunde die Blumen ab.

Ich habe dir gleich gesagt, Advokat, man sollte sie dem Frulein Italia
bringen.

Ah, meine Herren, -- und der Unterprfekt Herr Fiorio erschien mit dem
Steuerpchter, auch Sie bieten ohne Zweifel der Kunst Ihre Huldigung an.
Kann man unsere Primadonna sehen?

Es wird ihr eine hohe Ehre sein, erwiderte der Advokat mit einem
Kratzfu. Nachdem sie soeben mich selbst so liebenswrdig --

Da ging ihre Tr auf: die Sngerin streckte ein strahlendes Lcheln hervor.

Herr Prfekt, -- und sie knixte tief, Eure Exzellenz mge meine
Frisierjacke verzeihen. Ich bin stolz, Sie bei mir zu begren. Herr
Advokat --

Sie reichte auch ihm die Hand mit dem Rcken nach oben, und er drckte
eifrig den verlangten Ku darauf.

Ein Miverstndnis hat zwischen uns gewaltet. Sie begreifen die Aufregung
einer Anfngerin. Auch werden Sie mir glauben, da ich Ihr Lob nicht
vermissen mchte . . . und auch Ihre Blumen nicht, setzte sie mit einem
schelmischen Blick hinzu.

Herr Fiorio war dabei, der Knstlerin seine volle Bewunderung auszudrcken.

Aber -- sie haben ein wenig gelitten, stotterte der Advokat. Sie streckte
die Hand aus.

Das macht nichts, sie kommen von einem Freunde, -- und sie entri dem
Apotheker die Blumen.

Wenn ich je Gelegenheit habe, der grten Sngerin zu ntzen, deren
Anfngen ich beiwohnen durfte -- sagte der Unterprfekt.

Ich bin belohnt durch Ihre Worte, mein Herr . . . Ich darf die Herren
nicht bitten, es sich bequem zu machen: Sie sehen mich beim Umkleiden.

Herr Fiorio verabschiedete sich. Der Advokat wollte gleich den anderen
hinterdrein, aber beim Betreten der Bhne hielten zwei Arbeiter ihn auf;
alles schrie, lief durcheinander und verwirrte ihn, und eine Kulisse, die
hereingeschoben ward, wre ihm fast gegen den Schdel gefahren. Flora
Garlinda war pltzlich da und zog ihn rechtzeitig fort. Er hatte einen
groen Schreck bekommen.

Sie haben mir das Leben gerettet! Wie kann ich Ihnen danken!

Sie werden mich rchen, lieber Freund. Denn ich darf als sicher annehmen,
da Sie es sind, der den Bericht fr die >Glocke des Volkes< schreibt. Sie
werden also den Versuch des Maestro, mich zu unterdrcken, als die feige
Tat kennzeichnen, die er ist.

Mit Vergngen, erwiderte er, das heit, um Ihnen gefllig zu sein. Aber
freilich auch die Verdienste des Maestro drften nicht --

Herr Advokat --

Sie trat einen Schritt zurck.

-- ich mute Ihnen nicht zu, gegen Ihre berzeugung zu schreiben. Wenn Sie
ihn loben, wei ich, da Sie seinen Ha gegen mich teilen. Wir haben uns in
diesem Falle nichts mehr zu sagen.

Da er bestrzt abwehrte:

Oder irre ich mich? Stehe ich dennoch endlich einem Manne gegenber, der
nicht wie die anderen ist und der fr die Wahrheit ein Opfer bringen kann?
Sie werden vielleicht angefeindet werden; der Maestro ist ein Intrigant;
wie ich erfahren habe und beweisen kann, gibt er sich fr etwas anderes
aus, als er ist, und hat nie ein Konservatorium besucht; -- und Sie sollten
wirklich Ihren ganzen Lohn in dem Bewutsein finden, da Sie einer Frau
Gerechtigkeit verschafft haben?

Der Advokat warf sich in die Brust und prete die Hnde darauf.

Meine bisherigen Erfahrungen verbieten mir, es zu glauben, sagte die
Primadonna und bewegte langsam das Gesicht hin und her, dessen verschmte
Weichheit ihn bezauberte. Die blauen, verschleierten Augen waren die eines
Kindes.

Ich habe nichts als meine Kunst, sagte sie mit einer Stimme, in der ihr
Stolz wankte. Der Advokat haschte erschttert nach ihrer kleinen Hand.

Niemand wei besser als ich, Frulein Flora Garlinda, wie einem Manne
zumut ist, der, nur auf den eigenen Wert gesttzt, fr eine groe Sache
gekmpft hat, um endlich durch unfabare Intrigen und den Wankelmut eines
Volkes sich verlassen und in einem Augenblick der Ohnmacht zu sehen. Aber
wirkliche Gre zeigt sich erst in einer Niederlage! Unsere Geschicke
machen uns zu Verbndeten. Zhlen Sie auf mich, Frulein Flora Garlinda!

Er bckte sich tief und hatte, zurcktretend, noch immer ihre Fingerspitzen
an den Lippen. Als er sie nicht weiter mitnehmen konnte, lie er sie los,
und die Sngerin verschwand, den Kopf gesenkt, in ihrer Garderobe. Noch
bevor der Advokat sich aufgerichtet hatte, stie ihn schon wieder etwas von
hinten. Er eroberte sein Gleichgewicht zurck und dachte: Die Frauen! Sie
geben uns groe Handlungen ein, die ihren Lohn in sich tragen! . . . Aber,
wer wei --

Und sein Gang ward schwnzelnd.

Diese da wollte mir vielleicht noch etwas anderes anbieten?

                   *       *       *       *       *

He! Advokat! rief Polli ihm nach, aber vor Hmmern und Poltern hrte man
nicht.

Lassen Sie, sagte der junge Savezzo, der mit ihm kam. Ich wei hier
Bescheid.

Der kleine alte Giocondi stapfte frhlich nach dem Hintergrund.

Die Garderoben kennen auch wir. Das lernt man auf Reisen.

Munter pfeifend klopfte er an eine Tr, blinzelte den beiden andern zu und
ffnete.

Wer ist da? rief Flora Garlinda, und sie sprang vom Toilettentisch auf.
Noch jemand? Ah! genug. Jetzt ists genug! Ich kenne Sie nicht und will
allein sein. Verstehen Sie? Ich singe euch vor, was wollt ihr noch von
mir?

O gar nichts, entschuldigen Sie nur, plapperte Giocondi noch immer, als
die Tr schon dicht vor seiner Nase zugefallen war. Polli sagte:

Aber das ist ja ein Dmon! Habt ihr gesehen: Sie hatte ein Gesicht wie
eine alte Hexe. Nie wieder glaube ich, da sie zweiundzwanzig Jahre alt
ist. Sie hat uns getuscht, indem sie sich anmalte.

Das ist eben die Kunst, sagte der junge Savezzo. Man sieht, da die
Herren keine Knstler sind.

Wie die drei sich davonmachten, kam leise der Schneider Chiaralunzi hervor.
Er klopfte und wartete dann in gebckter Haltung, mit baumelndem
Schnurrbart und ehrfrchtiger Miene. Seinen ungeheuren Blumenstrau
streckte er sorgfltig von sich. Drinnen polterte es, die Primadonna fuhr
heraus, dem Schneider an den Magen. Aber sie prallte zurck, ohne da er
wankte.

Ach Ihr, sagte sie, und ihre Miene spannte sich pltzlich ab. Sogar
Blumen! Nun, gebt her! Und kommt nur herein, ich kann Euch gebrauchen; Ihr
mgt mir die Kmme reichen. Die Frau habe ich fortgeschickt, sie verstand
nichts, und ich hasse die, die nichts verstehen. Ihr habt Euer Solo gut
geblasen. Wenn Ihr blast, hrt man, da Ihr ein ehrlicher Mann seid.

Wer ist denn bei ihr? fragte Polli. Mir ist doch --

Wer wirds sein, sagte Giocondi. Ein Liebhaber. Daher hat sie uns so
empfangen. Versteht sich, wir strten.

Sollte man nicht herausbekommen, wer es ist? versetzte der Savezzo mit
dstrem Neid.

Sie schlichen hinter dem Prospekt um die Bhne. Drben zwischen den
Kulissen fanden sie den Advokaten umflattert von kleinen Choristinnen, die
ihre mehlwei und braun gescheckten rmchen vor ihm umherwendeten, se
Augen und schiefe Kpfe machten und ihm pltzlich ins Gesicht lachten.
Sie, Advokat, der Sie der Freund der Frauen sind, sagen Sie, ob es gerecht
ist, da ich ein kaffeebraunes Kleid tragen mu!

Sie also sind es, der uns heute abend vom Tode errettet hat? Welch
tapferer Mann!

Ein wohlerzogener Mann, der den Frauen keinen Vorschu abschlgt, -- mit
ihrem bunten Gesicht dicht unter seinem Munde. Aber als er zufuhr, war sie
fort und streckte die Zunge heraus. Da zeigte der Inspizient seine drohende
Miene. Alle kreischten auf, und nichts war mehr von ihnen da, als eine
kleine Puderwolke.

Polli raunte dem Advokaten zu:

Die Garlinda hat einen Liebhaber bei sich: wir haben sie mit einem Manne
sprechen hren. Wer mag es sein?

Der Advokat wehrte diskret ab.

Wer wei es.

Er holte Atem.

brigens komme auch ich von drben. Ich bin quer ber die Bhne gegangen
und darum ein wenig frher angekommen als Ihr.

Polli ri die Augen auf. Als er sich gefat hatte:

Ah! Advokat!

Ich habe nichts gesagt, -- und der Advokat glnzte gro.

Gerade gingen der Apotheker und der Unterprfekt vorber, und Acquistapace
trachtete auf seinem Holzbein mit Herrn Fiorio Schritt zu halten, denn von
hinten kam, Fcher schlagend, Italia. Der Unterprfekt verbeugte sich
zuerst.

Frulein, Sie sind sicherlich die grte Sngerin, deren Anfngen ich
beiwohnen durfte.

Und er liebkoste seinen gepflegten Bart. Der Apotheker kniff den Advokaten
in die Seite; er verdrehte die Augen.

Aber --

Sie sind rascher umgekleidet als alle anderen, sagte Herr Fiorio, das
ist erstaunlich. Und welch malerisches Kostm! Sie stellen eine Romagnolin
vor?

Ich bin die Frau des Wirtes, mein Herr: des Wirtes an Piazza Montanara,
den ich inzwischen geheiratet habe, obwohl er alt ist, nur weil ich ber
meine Freundin Tonietta triumphieren wollte, die mir den Piero weggenommen
hatte, die ich verleumdet habe und die nun auf Piazza Montanara die Dirne
macht.

Das alles ist nicht recht von Ihnen, und ich glaube nicht, da Sie in
Wirklichkeit dazu fhig wren, bemerkte der Unterprfekt. Die Brger
lachten beifllig, am lautesten der Advokat.

Nein! Wahrhaftig nicht! Sie ist ein viel zu gutes Mdchen: mir knnen Sies
glauben, mein Herr!

Der Regierungsvertreter sah unzufrieden aus. Italia kitzelte ihn und den
Advokaten abwechselnd mit den Augen. Auch lenkte sie das Gesprch ins
Unpersnliche.

Was wollen die Herren: in diesen neuen Opern ist nun einmal alles schlecht
und traurig. Nicht einmal das schne Kostm drfte ich anhaben, denn eine
Wirtin in einer groen Stadt wie Rom geht natrlich angezogen wie alle
andern. Aber soll man denn ganz auf die Schnheit verzichten?

Gewi nicht, sagte der Unterprfekt ernst und warm; und nach kurzem
Zgern: Ich komme sogar ausdrcklich, um ihr zu huldigen. Denn Sie
vereinigen wahrhaftig Schnheit und Kunst. Ihr Leben, Frulein, mu voller
Genugtuungen sein.

Ach, mein Herr, es ist nicht alles, wie es sein sollte. Man hat sich ber
manches zu beklagen. Wrden Sie glauben, da mir der Maestro noch soeben
eine Arie gestrichen hat? Freilich habe ich im zweiten Akt zwei, dafr aber
habe ich im ersten Akt keine. Er sagt, wir haben anderthalb Stunden
Versptung; bei der zweiten Auffhrung solle ich meine Arie wiederhaben.
Was ntzt mir das? Dies ist die Premiere! Und warum bin ichs, der man die
Arie streicht? Der Garlinda lt der Maestro jede Note; und er wird sehen,
wie sie es ihm dankt! Die ganze Oper besteht aus ihren Arien und ihren Duos
mit dem Piero. Kaum sehen sie sich wieder, um unter dem antiken Bogen dort
miteinander schlafen zu gehen, da verschwinden wir andern . . .

Wie sehen sie sich wieder? fragte Polli.

Versteht sich, auf der Strae, erklrte Giocondi.

Wie kann ich Ihnen helfen? fragte der Unterprfekt. Italia verzog den
Mund.

Was ist zu machen, da die Garlinda dahintersteckt und der Maestro in sie
verliebt ist.

Er sucht sie, fuhr Giocondi fort, weil er sie nicht vergessen kann, der
Unglckliche, und wird von ihr angesprochen, ganz wie irgendeiner. Es ist
eine klgliche Geschichte.

Was denn! keuchte der Advokat. Das ist unmglich! Der Maestro verliebt
in die Primadonna?

Warum nicht. Es ntzt ihm ja nichts. Denn sie ist kalt . . . oder --

Italia machte ein angewidertes Gesicht.

-- sie hat unnatrliche Neigungen.

O, gar so unnatrlich werden sie nicht sein, erwiderte der Advokat mit
heiterer Stirn.

Da sich mir Gelegenheit bietet, der grten Knstlerin zu ntzen, deren
Anfngen ich beiwohnen durfte --, und der Unterprfekt verbeugte sich
gegen Italia, die vor ihm die Hften hin und her drehte, so spreche ich
also wegen Ihrer Arie, Frulein, mit dem Maestro, noch in dieser Pause.
Auch auf mich wird der junge Mensch ein wenig hren.

Er verbeugte sich endgltig. Italia eilte ihm nach. Der Bariton Gaddi war
herzugekommen und sagte:

Da sehen Sie, wie dieses Metier die Seelen verdirbt! Sogar Italia wird
bsartig.

Man hrte sie noch sagen:

Sie wollten wirklich, mein Herr? Dann tun Sie es rasch, denn wir haben nur
die eine Pause; der zweite und der dritte Akt sind durch ein Orchesterstck
verbunden.

Herr Fiorio bot ihr den Arm.

Ich werde stolz sein, mein Frulein, Ihnen das Ihre zurckzubringen.

Wie soll ich Ihnen danken, mein Herr!

Sie fragen: wie? Wollen Sie nicht lieber fragen: wo? Auf der
Unterprfektur, liebe Kleine.

Und Herr Fiorio gab Italia zart ihren Arm zurck. Die Brger sahen ihm
bewundernd nach.

Ah! er wei genau, wie weit er gehen darf. Jetzt zeigt er sich wieder im
Saal. Welche Geschicklichkeit!

Der Apotheker Acquistapace hielt nicht lnger an sich; er fluchte laut. Wie
Italia zurckkehrte, stelzte er ihr polternd entgegen.

Wissen Sie, Frulein, da jener Mann Sie belogen hat?

Aber Romolo! sagten die Freunde.

Was Romolo! Soll ich etwa die Wahrheit verschweigen? Hat er nicht der
Primadonna wrtlich dieselben Komplimente gemacht wie dem Frulein Italia?

Aber fr mich wird er doch handeln? sagte Italia, eingeschchtert durch
seinen roten Kopf mit der zitternden Unterlippe.

Ich bin ein alter Soldat Garibaldis, rief er und ging, um zu atmen, ein
Stck weiter. Auf das Rnkeschmieden verstehe ich mich nicht!

Da sie ihm bittend gefolgt war:

Aber wenn ich jemand liebe, tue ichs ordentlich.

Herr Apotheker, sagte sie schmeichlerisch, glauben Sie, auch ich trume
zuweilen von einer groen Leidenschaft . . .

Kein Glck, der arme Romolo, -- und der Advokat feixte still und heftig.

Polli fragte:

Sollte man nicht seine Frau holen?

Der alte Giocondi bemerkte:

Der Tenor scheint sehr aufgeregt. Ich sehe ihn schon die ganze Zeit vor
dem Vorhang hin und her laufen. Jetzt sieht er wieder durch das Loch.
Vorhin hatte er sich sogar in die Gardine gewagt; drauen mssen sie ihn
wahrgenommen haben, denn sie begannen zu schreien.

He! Herr Nello! rief der Advokat.

Lassen Sie ihn, sagte Gaddi. Es ist sein gewohnter Zustand am ersten
Abend. Betrachten Sie lieber den Cavaliere: er hat eine gute Maske.

Der Cavaliere Giordano nahm, um die Herren zu begren, mit einer
Verbeugung, groartig und dabei zitternd, den durchlcherten Filz von
seinem Kopf, der spitz und ganz kahl war. Frostig in seinen entfrbten
Mantel gerollt, machte er kleine, schlrfende Schritte, die ihn nicht von
der Stelle brachten. Auf der Hand am Rand des Mantels blitzte sein groer
Brillant auf.

Nun? fragte er, atemlos vor Anstrengung, erkennen Sie, Gaddi, wie es
sich herausarbeitet? Sie, der Sie etwas verstehen? Wie? Diesmal werde ich
alle schlagen! Ich gebe zu, meine Herren --

Er kam hastig herbei mit einem starren Lcheln von einem zum andern und
kleinen bedrngten Handbewegungen.

-- im ersten Akt kam ich nicht voll zur Geltung.

Nachdem er vergeblich auf Widerspruch gewartet hatte:

Das liegt an der Rolle des alten Geronimo. Dieser Bettler aber, das ist
ganz etwas anderes. Man sieht ihm an, nicht wahr, da er eine gefallene
Majestt ist.

Wie? Stellen Sie denn einen Knig vor?

Ich will sagen, da er groe Tage gesehen hat und sich eines
ungewhnlichen Geschickes bewut ist. Als die Liebenden ihn unter seinem
Bogen aufstren: ah! meine Herren, das ist der entscheidende Augenblick, in
dem die Tragik des Stckes und auch des Lebens sich enthllt. Ich darf
sagen, da ich die wichtigste Figur der Oper darstelle. Drum habe ich es
auch abgelehnt, vorher und nachher noch den Schenkwirt zu spielen. Mag es
ohne Schenkwirt gehen: ich werde dem Bettler all meine Kunst und die ganze
Kraft meiner Empfindung geben. Sie werden mich bewundern! Was sage ich:
weinen werden Sie!

Teufel.

Wozu rede ich! Ich will es Ihnen lieber vormachen.

Der Cavaliere Giordano legte sich unter den Bogen, an den Fu der Stufen,
die hinabfhrten. Unsichtbar rief er:

Gaddi, das Stichwort!

Unser Schlafgemach! Erkennst du es, Geliebter?

Und der Alte, auffahrend wie aus einer Attrappe:

Ich bin frher gekommen.

So werden wir weiter suchen, sagte Gaddi ehern.

Unntig, -- und der Cavaliere Giordano stieg lang und klapprig aus der
Dunkelheit. Mit Gespensterstimme trllerte er:

-- da ich sehe, da ihr Liebende seid. Als ich jung war, wie ihr, hatte
ichs weicher, und Michelina, mein Weib, mit mir. Sie ist tot, mir blieb
dieser Stein. Seid ihr glcklich, wird er euch weich sein.

Dabei hpfte der alte Snger aus dem Bogen hervor: hpfte auf einem Fu
schief zur Seite, -- und von den halb erhobenen Armen schwankten ihm die
Hlften des Mantels wie gebrochene Flgel.

Hahaha! machte Polli. Der Advokat erstickte insgeheim, indes der kleine
Herr Giocondi sich schallend die fetten Schenkelchen klatschte.

Ist das komisch! Gut, da etwas zum Lachen dazwischen kommt. Man will
das.

Der Cavaliere Giordano war zurckgewichen; die Hand hatte er an der Stirn.

Wie? Sie lachen? Aber das ist --!

Er schluckte hinunter und kam nher.

Wenn Sie denn lachen --. Ich werde sehen. Es wirkt also auf Sie?

Er ging, den Kopf gesenkt, umher.

Vielleicht kann man es auch so auffassen? . . . Sollen Sie also lachen!

                   *       *       *       *       *

Da der Tenor etwas hat, sagte der junge Savezzo, die Brauen
zusammengezogen, das werden Sie uns nicht ausreden.

Was soll er haben? erwiderte Gaddi; aber Nello beunruhigte ihn. In seinem
Lauf den Vorhang entlang, war er pltzlich stehen geblieben, das Ohr
geneigt, als unternhme er, aus der Wirrnis von Stimmen dort drauen eine
einzige zu erhorchen, und mit einem solchen Ausdruck der Entferntheit im
Gesicht, da der Bariton einen raschen Schritt machte, um ihn zu rtteln.

Es war ihre Stimme! dachte Nello. Sie ist nicht in der Loge, und dennoch
habe ich dorther, ja dorther ihre Stimme gehrt. Ist sie denn tot? Spricht
denn ihr Geist zu mir, wie der Geist jener btissin in Parma? Mein Gott, es
ist die dritte Loge rechts: dieselbe Loge! . . . Welcher Wahnsinn! Die
Mrchen des Cavaliere Giordano wiederholen sich nicht, und Alba ist mir
ferner, als wre sie vor hundert Jahren gestorben.

Er wandte den Kopf und sah, fieberhaft klagend, in das Gesicht des
Freundes.

Sieben Tage der Angst, murmelte er. Wie man hoffen kann! Es ist
lcherlich. Immer zitternd in ihrer Nhe, nie sie sehen, -- und im Herzen
wissen, da der Abend bevorsteht, an dem sie mir erscheint: mir, der ich
ihr dort hinauf alles, alles --

Still, Nello!

Und nun ists aus? Kann sie nicht noch kommen?

Schweig! Man hrt uns . . . Er fragte nach der dritten Loge im ersten Rang
rechts, rief Gaddi den andern entgegen. Warum steht sie leer im
ausverkauften Haus? Ich mu sagen, da auch mich --

Das ist ja die Loge der Familie Nardini, erklrte Polli.

Aber -- machte der Advokat von fern.

Nello wandte sich, die Finger ineinander geschlungen, dem Tabakhndler zu.

Ist das wahr? fragte er.

Eh! Beim Bacchus!

Da fate, zwischen seinen gestrubten Brauen, der junge Savezzo den Tenor
ins Auge. Seine pockennarbige Nase hpfte frohlockend ein wenig auf, und er
sagte:

Ich glaube nicht. Der alte Nardini ist bei seiner Weigerung geblieben. Man
hat jene Loge ihm zugeschrieben, dem Mittelstand gegenber, der sie
beanspruchte --

-- und dem man sie hoffentlich nicht geben wird, setzte der Herr Giocondi
hinzu.

Ich habe fr das Volk gearbeitet, aber wie dankt mir das Volk? fragte der
Advokat, indes Nello sich an die Stirn griff.

Soviel ist sicher, die Familie Nardini kommt nicht, sagte der Savezzo
noch, -- da sah man den jungen Snger schwanken. Gaddi griff zu, aber Nello
lag schon mit geschlossenen Augen am Boden. Alle waren zurckgesprungen,
nur Gaddi beugte sich ber ihn. Als sie dann herandrngten: Was hat er?
-- schnellte der Bariton wtend auf.

Man darf wohl nervs sein, hoffe ich. Ich selbst bin aberglubisch, und
jene einzige leere Loge gefllt mir nicht.

Ja, sagte Savezzo und sah mit breitbeinigem Hohn auf Nello nieder, sie
sind zarter Natur, die Knstler.

Man sollte einen Arzt holen, verlangte der Cavaliere Giordano.

Aber es ist nichts, behauptete der Apotheker.

Man wei nicht, meinte der Advokat. Auch ich habe einmal --

Einen Arzt! rief Polli, umherfuchtelnd, unter die Arbeiter, die gafften.
Laufend erschien der Kapellmeister.

Was ist geschehen? -- und er war tief erbleicht.

Gar nichts, sagte Gaddi und rttelte Nello. Bringen Sie Wasser,
Dorlenghi!

Der Kapellmeister griff sich in die Taschen. Pltzlich warf er sich neben
dem Ohnmchtigen auf die Knie.

Wird er singen knnen? Sagen Sie nur das eine!

Er sprang wieder auf.

Mein Gott, ich bin verloren!

Der Herr Giocondi stie den Apotheker in die Seite; dem Advokaten blinzelte
er zu.

brigens, Maestro, uerte er, hat auch die Primadonna sich geweigert,
weiterzusingen. Sie schien sehr unzufrieden, wie, ihr Herren?

Der Kapellmeister blieb stumm, und der Advokat fand es ntig, mit
ausgebreiteten Armen hinter ihn zu treten. Aber der Kapellmeister fiel
nicht um, er lachte laut auf und begann mit einer Stimme, die man an ihm
nicht kannte, zu schreien:

Wute ichs nicht? Wute ichs nicht?

Gaddi richtete sich von Nellos Schlfen auf, die er rieb. Werden Sie nicht
schweigen? Merken Sie nicht, da man sich ber Sie lustig macht? Auch
dieser hier hat schon die Augen geffnet!

Gleichviel, machte der Advokat. Wer, wie ich, auergewhnlichen
Gemtsbewegungen unterworfen ist, wird ihre Folgen nicht leicht nehmen. Wie
fhlen Sie sich, mein Freund?

Einen Arzt, rief der Tabakhndler hinter den Kulissen. Er war falsch
gelaufen und stand unversehens vor seinem Sohn Olindo, der die groe
gelbhaarige Choristin unter den Achseln hielt und sie mit angstvollem
Entzcken prete. Einen Augenblick blieb der Vater, so sehr er mit den
Armen vorwrts ruderte, am selben Fleck, als seien ihm die Fe
eingesunken. Dann tat er einen Satz.

Wie? Du bemerkst mich und lt sie nicht einmal los? Ich will doch sehen,
ob ich noch dein Vater bin!

Und seine Hand klatschte rechts und links in Olindos Gesicht, das malose
Enttuschung malte.

Ich liebe sie so sehr, stie er, wirr jammernd, aus. Ich will sie
heiraten.

Und du wagst es mir zu sagen! Welch ein Typus!

Aber warum schlagen Sie ihn? fragte das Mdchen. Was ist Schlimmes
dabei? Geben Sie mir lieber eine Zigarette!

Fort! Beine! -- und Polli hob sich auf den Zehen, um den jungen Menschen
zu wenden und ihm den Fu in das Ges zu setzen. Als er ihn abgeschnellt
hatte:

Ich verbiete Ihnen, mein Frulein --

Du bist doch nur eiferschtig, mein Alterchen, sagte sie und griff ihm
unter das Kinn. Aber ich liebe noch immer nur dich.

Hoffen wirs! Du darfst brigens nicht wieder in den Laden rufen. Wehe,
wenn meine Frau drinnen gewesen wre . . . Auf morgen um drei! -- aber wenn
du mir den Jungen nicht in Ruhe lt, sind wir keine Freunde mehr.

Das wre schrecklich, rief sie ihm nach. Und die Zigarette?

Unglcklicher, was tust du noch hier?

Denn Olindo sa auf einem Versatzstck und weinte.

Anstatt ein Menschenleben zu retten, indem er einen Arzt holt, jammert
dieser Unglckliche um eine Komdiantin! Eine Frau ohne einen Heller, die
dir niemals treu sein wrde!

O ja! das wre sie!

Ah! Und der Advokat? Und der Baron? Frage sie einmal nach den beiden!

Das ist nicht wahr! -- und Olindo sprang auf, den Blick voll blinden
Opfermutes. Der Vater lehnte sich zurck; er setzte sich den Finger auf die
fette Brust und lchelte breit.

Dann frage sie also nach mir!

Darauf lie Olindo, rot bis in die roten Haare, die Lider sinken und
knickte ein. Polli klopfte ihn auf die Schulter.

Da du hier so gut Bescheid weit, zeige mir, wo es hinaus geht!

                   *       *       *       *       *

Durch die kleine Tr unter der Bhne gelangten sie ins Orchester, das leer
war. Nur Nina Zampieri und der junge Mandolini saen ineinander versunken
bei der Harfe, und der alte kleine Beamte Dotti schnarchte mit seiner
Klarinette unter dem Arm. Im Parterre erklrte der Tabakhndler jedem:

Wir brauchen einen Arzt, auf der Bhne ist einem etwas zugestoen.

Aber niemand verstand ihn in dem allgemeinen Gelchter, das Galileo Belotti
entfesselte. Er stand vor einem ganz kleinen Menschen, der beim Eingang
unter der Loge der Familie Giocondi an der Wand lehnte.

Sie sind ja bucklig, sagte Galileo mit erhobenen Brauen.

Der Kleine schrak auf.

Was wollen Sie? Ich kenne Sie nicht.

Ich aber habe sogleich erkannt, da Sie bucklig sind -- und Galileo hielt
unerbittlich den Finger auf ihn gerichtet.

Wenn Sie mich nicht in Ruhe lassen, werfe ich Ihnen das Glas an den Kopf,
schrie der Krppel schrill, und seine Hand, die zitterte, verschttete die
Hlfte des Wassers.

Vielleicht werden Sie mir das Glas an den Kopf werfen, antwortete
Galileo, darum sind Sie aber immer noch bucklig.

Wie viel Witz er hat! sagten die Pchter und drngten herzu.

Aber ich rufe die Carabinieri herein! kreischte der Verwachsene.

Rufen Sie die Carabinieri! Das hilft Ihnen jedoch nichts: Sie bleiben
bucklig -- und Galileo pflanzte sich fester auf. Der dicke Zecchini und
seine Zechbrder brllten. Von drauen eilten die Leute herein, um
mitzulachen.

Ich werde Sie verklagen! Sie kommen ins Gefngnis! Was! Ich bringe Sie
um!

Das lange Gesicht des Zwerges war grn. Mit seinem Hcker schlug er
taumelnd gegen die Wand; das Glas entfiel seinen Hnden, die sich
krampften, und auf die Lippen trat ihm Schaum.

Wenn Sie auch alles tun, was Sie sagen, erklrte ihm Galileo, bucklig
sind Sie, und bucklig bleiben Sie.

Unerschttert sah er ringsum, whrend sein Opfer sich am Boden wlzte. Der
Barbier Bonometti und der Schneider Coccola waren mit dem Ausgang nicht
zufrieden; sie nahmen den Menschen, der um sich schlug, und trugen ihn
hinaus.

Vor der Tr standen groe Gruppen. Am Rande der Terrasse, in der lauen
dunklen Luft unter den Steineichen duckten Mdchen, die sich in Ketten
umherschwenkten, den Nacken bei den Scherzen der Burschen. Mtter und
Kinder umringten im Lampenschein am Palast den Eiskarren. Hier und da stieg
eine Tenorstimme auf, mit zwei Takten aus dem Gebet der Tonietta, mit den
ernst und selig schwebenden Tnen des Duetts: Sieh Geliebter, unser
umblhtes Haus . . . Welche Musik! sagte einer der jungen Leute in
groen Hten und bunten Halstchern. Es geschieht viel Trauriges in dem
Stck, und dennoch, wenn man die Musik hrt, scheint es einem, da es keine
Unglcklichen mehr auf der Welt gibt.

Trotzdem bringen sie dort einen, sagte ein anderer; und alle zusammen:

Kennt niemand ihn? Was ist ihm passiert? . . . Das ist ja der Schreiber
des Notars in Spello. Ich war fr meinen Herrn bei seinem . . . Wie soll er
in seinem Zustand die drei Stunden zurckgehen? Hat er Geld, um zu
bernachten? Gleichwohl, Gevatter Felipe, mt Ihr ihn bei Euch aufnehmen.

Der Wirt zu den Verlobten weigerte sich. Bei so vielen Fremden, an einem
solchen Tage! Jedes Bett sei drei Lire wert.

So gebe ich eine! sagte der junge Mann. Und ich bin ein Arbeiter, der
zwei Lire fnfundsiebzig am Tag verdient.

Er schlug sich auf die Brust und sah umher.

Auch ich gebe eine.

Auch ich.

Sie luden sich den Kranken auf die Schultern und liefen mit ihm die
Treppengasse hinunter. Aus dem Theater scholl noch immer Gelchter. Die
Frauen in den Logen wollten sehen, was geschehen ist. Die beiden Frulein
Giocondi gackerten durchdringend; ihr Vater sagte ihnen:

Dieser Galileo! Sein Bruder, der Advokat, ist eine Persnlichkeit, aber
auch er hat groes Talent.

Galileo kugelte, die weien Brauen emporgezogen, inmitten seines Erfolges
umher und polterte.

Pappappapp, man wird sich wohl einen Spa machen drfen! Und du, Polli,
sagte er zu dem Tabakhndler, der sich die Seiten hielt, du wolltest einen
Arzt? Fr den Tenor? Nun, da schickt man den Ranucci, und inzwischen macht
man seiner Frau den Hof. Ihr werdet noch ganz anders lachen.

Doktor! rief er in die erste Parterreloge rechts, auf der Bhne stirbt
jemand. Rasch! Sie mssen hin.

Ich kann nicht, rief der Doktor zurck und stellte sich vor seine Frau.
Sagen Sie es dem Kollegen Capitani!

Er ist nicht da. Wenn Sie nicht gehen, ist ein Mensch dahin, was Deixel!

Galileo schrie so sehr, da es ringsum still ward. Alle sahen in die Loge
des Arztes, der die Arme ausbreitete und leise tanzte. Sein massiger Krper
war ihm nicht gro und breit genug, um die kleine demtige Frau vor allen
diesen Augen zu verdecken.

Sie sollten gehen, sagte neben ihm Mama Paradisi, es scheint ernst.

Drben sah er Frau Salvatori einen mibilligenden Blick mit Frau Malandrini
wechseln. Die alte Frau Mandolini schlug mit dem Fcher hart auf die
Brstung ihrer Loge, und von der Galerie rief es:

Lat ihn! Er ist kein Arzt fr die Lebenden, er ist einer fr die Toten.

Unter dem Druck der ffentlichen Meinung griff Ranucci pltzlich nach
seinem Hut und eilte hinaus. Sogleich setzte Galileo Belotti sich in
Bewegung.

Holt mir den schnen Alf! verlangte er. Ich brauche ihn, denn ich
selbst bin nicht schn genug.

Und als er ihn hatte:

Ich werde dich einer Frau vorstellen, die dir gefallen wird.

Gemeinsam sah man sie in der Loge erscheinen. Frau Ranucci zog sich hinter
ihrem Fcher ganz zusammen, indes Galileo unter fetten Seufzern kleine
kurzbeinige Kratzfe machte und der schne Alf eitel in den Saal
lchelte. Man erhob die Hnde gegen ihn, als wollte man klatschen, man
stie sich an, halblaute Ermunterungen flogen hin. Der kleine alte Giocondi
in seiner Loge gerade gegenber platzte lrmend los:

O Gott, ich kann nicht mehr. Wie das komisch ist! Und es ist meine Idee:
ja, gewi, ich bin es, der sie Galileo eingegeben hat.

Sogar die entlobte Rosina schttelte sich; Cesira aber kniff den Vater in
den Arm.

Du bist ein unbezahlbarer Papa!

Ihr Jauchzen weckte ihre Mutter, die das schmutziggraue Haupt erhob.

Und die Miete, Ottone? fragte sie blechern. Wie soll ich sie bezahlen?

Wer denkt an die Miete? Hier gibt es zu lachen.

Aber die Tchter waren auf einmal still.

Welch gute Erfindung, rief der Vater frhlich. Da dieser Tenor krank
werden mute! Der Bucklige krank, der Tenor krank, alle krank: nur ich
nicht.

Die Tchter sahen sich, die Zhne auf der Lippe, aus den Augenwinkeln an.
Beunruhigt schielte der Vater nach ihnen hin.

Oder bin ich vielleicht jemals krank gewesen?

Da sie weiter schwiegen:

Denn da ich mir auf der Treppe das Bein gebrochen habe, das kann man doch
nicht Krankheit nennen.

Er lie die Backen hngen und hatte einen bettelnden Ton.

Habe ich nicht erst neulich in Adorna mit einem Handlungsreisenden
gewettet, ich wrde dreiig kleine Vgel essen, und habe die Wette
gewonnen?

Pltzlich schlug er sich wieder auf die Knie.

Dieser Galileo streichelt ihr schon das Gesicht! Ah! das ist noch eine
ganz andere Komdie, als die der Komdianten. Man mte dabei sein. Was
meint ihr, wenn ich hinginge?

Bleibe lieber da, sagte Frau Giocondi. Wer wei, was der Doktor tut,
wenn er zurckkommt . . . Da ist er schon.

Man hielt den Atem an, und man hrte den Doktor Ranucci sagen:

Was tun Sie?

Er griff sich an den Kopf.

Sie schicken mich zu einem Kranken, der seit einer halben Stunde wieder
auf den Beinen ist, und inzwischen --

Unversehens rtete er sich heftig; er tat einen drohenden Schritt. Der
schne Alf wich -- und sein trichtes Lcheln verging ihm -- bis an die
Brstung zurck. Wie der Doktor die Hand ausstreckte, war er schon hinber
und sprang in den Saal.

Bravo, Alf! rief man, was den Doktor zu erbittern schien. Voll Wucht
trat er zwischen seine Frau und Galileo Belotti, der mit hohen Augenbrauen
unverfroren weiterpolterte.

Pappappapp, krank oder gesund, aber die Bekanntschaft Ihrer Frau haben wir
gemacht. Mein Kompliment, Doktor, ein schnes Stck Frau . . .

Er gurgelte; denn der Doktor hatte eine Faust in seinem Munde, und mit der
andern griff er ihm ans Gebi. Galileo brllte dumpf: -- da schwang der
Doktor einen Zahn. Klatschen erhob sich; dann ward ein Sturm daraus, und
Ranucci mute sich verbeugen. Galileo war verschwunden.

Siehst du, Ottone, wie es dir ergangen wre? sagte Frau Giocondi. Ihr
Mann hatte die Hand an der Wange, als wre der Eingriff bei ihm selbst
vollzogen worden. Er suchte die Augen der Tchter. Rosina hielt die ihren
im Scho, Cesira hatte zwischen den gekniffenen Lidern ein dnnes, spitzes
Lcheln. Der Vater stie mit dem Fu einen Schemel fort und schalt:

Nun, eine Krankheit wre auch das noch nicht!

Das Lachen ging in Sten durch den Saal; wenn es oben endete, begann es
unten. Auf der Galerie, die sich wieder gefllt hatte, rief man:

Wie er tchtig ist, der Doktor!

Und die Vter hoben ihre Kinder auf die Schultern, damit sie ihn sehen
konnten. Der Advokat Belotti wandte sich ironisch an seine Nachbarn in der
Klubloge:

Es scheint, da der Doktor Ranucci den grten Erfolg des Abends hat.

Sein Bruder Galileo zeigte sich wieder im Parterre, lehnte alle
Bemitleidungen ab und sagte:

Unterhalten habe ich mich doch. Und der Zahn war nicht mehr gut.

                   *       *       *       *       *

Wie man vom Lachen hei wird! bemerkte Mama Paradisi. Wie Mancafede
wegsah, nahm sie ihr Flschchen und befeuchtete sich unter den Achseln.

Frau Polli schlug mit ihrem Fcher mchtige Luftwellen.

Welche Hitze! Werden sie denn niemals wieder anfangen?

Und die Haushlterin des Herrn Ortensi, flsterte der Tabakhndler, hat
ein gewisses Parfm an sich --! Ich wei wohl, da er blind ist, aber hat
er denn auch den Geruch verloren? Keines von jenen Mdchen auf der Bhne
roch so stark. Du weit, als Mitglied des Komitees konnte ich es nicht
vermeiden, dort einmal nachzusehen. Aber was man nicht glauben wrde, ist,
da auch dein Olindo sich dort umhertrieb. Ah! Schlingel, da du dich nicht
aus deiner Ecke rhrst!

Das Theater ist zu voll, sagte Frau Camuzzi zu dem Halbkreis junger Leute
unter ihrer Loge. Die Dfte der Galerie gelangen bis zu uns. Man sollte
nicht erlauben, da hier Knoblauch gegessen wird. Aber was ist von einem
Komitee zu verlangen, das vor mich hin, gerade vor mich gewisse Damen
setzt.

Sie deutete mit dem Kopf, ohne hinzusehen, ins Parkett. Die groe Raffaella
war des Pchters schrg hinter ihr sicher und bekmmerte sich nicht mehr um
ihn. Sie machte Augen nach vorn ins Orchester, wo der Tapezierer Allebardi
ihr zu Ehren in sein Bombardon stie. Aber der Mechaniker Blandini stach
ihn aus mit einem frei erfundenen Thema auf seiner Klarinette.

Der Nonoggi hat es auf dich abgesehen, sagte Lauretta zu Theo. Er
schneidet dir Gesichter.

Sie antwortete:

Ich will nicht. Ich bin wegen der Musik hier, und jener Tenor nimmt einem
den Mut, auf andere zu hren. Ah! ihm wrde ich nicht nein sagen. Die
Madonna wird nicht erlauben, da ihm ein Unglck zugestoen ist.

Wie viel Mitleid ich mit dem lieben jungen Menschen habe! wimmerte Mama
Farinaggi ganz s und fromm; aber die beiden Frulein Pernici fuhren
dennoch zurck, gegen den Leutnant Cantinelli.

Wie brigens unsere heilige Religion es vorschreibt, setzte die
Eigentmerin des Hauses in der Via Tripoli hinzu und drehte die Bste allen
Umsitzenden zu, whrend sie sich bekreuzte.

ber die Galerie ging pltzlich ein Raunen.

Man sagt, Pomponia, da er tot ist, der Tenor.

Dann ist an seinem Tode die Primadonna schuld, Felicetta; denn der Arme,
aus Liebe zu ihr ist ihm so bel geworden.

Hast dus von deiner Herrin?

Die Magd des Kaufmannes Mancafede zuckte die Achseln und schlo sich mit
dem Finger die Lippen.

Also er liebt die Primadonna, sagte unter ihnen Frau Salvatori zu Frau
Malandrini. Die Evangelina wei es. brigens sieht man an seinem
ausdrucksvollen Spiel, da er wie wahnsinnig ist. Sie aber ist kokett und
behandelt ihn schlecht.

Die Frau des Steuerpchters neigte sich zu der Schwester des
Unterprfekten.

Die Primadonna hat ein Kind, wie ich hre, von dem Tenor. Die guten Sitten
finden sich nicht auf dem Theater.

Im Gegenteil, meine Liebe. Die beiden sind verheiratet, aber sie sagen es
nicht, weil es die Illusionen verhindern wrde.

Frau Camuzzi erklrte:

Dieser Tenor: wie heit er noch --

Sie sah auf dem Zettel nach.

Er taugt noch weniger, als ich erwartete. Vor allem ist er vllig ohne
Empfindung.

Aber mir scheint, wandte der Gemeindesekretr ein, da er gerade infolge
von allzuviel Empfindung in Ohnmacht gefallen ist.

Ah! sprechen wir ein wenig von seiner Ohnmacht. Was glauben die Herren:
hat das Komitee sie bei dem Knstler bestellt, oder hat er selbst gefhlt,
da es vielleicht besser sei, der Wirkung seiner Kunst ein wenig
nachzuhelfen?

Wie viel Geist die gndige Frau hat! sagte der junge Salvatori. Der junge
Savezzo kreuzte die Arme und beobachtete mit Senkblicken das gehssige
Aufleuchten in den Augen der Dame.

Die alte Frau Mandolini berhrte ihren blinden Freund mit dem Fcher.

Orlando, ich denke immer an jene Auffhrung der >Celimena< im Pagliano zu
Florenz: sind es nicht fnfundvierzig Jahre? Diese kleine Garlinda ist die
einzige, die mich je an die Branzilla erinnert hat: an die Branzilla, als
sie jung war.

Was sagst du, Beatrice! War es doch auch mir so. Ich hrte, whrend jenes
junge Mdchen sang, eine alte, sehr geliebte Stimme zurckkehren, wie in
einem Traum, den ich beim Erwachen vergessen hatte.

Der Gennari ist sympathisch, ohne viel gelernt zu haben, denn es scheint,
man lernt heute nichts mehr; und der arme Cavaliere Giordano htte besser
getan, sich nicht hren zu lassen.

Denn es ist, als snge er uns immerfort in die Ohren, wie alt wir selbst
nun sind.

Nur diese kleine Garlinda scheint noch von den groen Zeiten zu wissen.

Aber sie ist nicht schn, sagte die Haushlterin des Blinden. Er rief:

Nicht schn? Wunderbar schn ist sie!

Sie sehen sie doch nicht.

Aber wie schn mu sie sein!

Heraus! rief droben der Schustergeselle Dante Marinelli.

Maestro!

Und pltzlich trampelte und schrie die ganze Galerie.

Macht man sich ber uns lustig? Es ist eine Schande!

Der Lehrling des Konditors Serafini pfiff gellend auf den Fingern. Der
Advokat Belotti trat an den Rand der Klubloge und entblte mit einer
Verbeugung das Haupt vor ihm und vor dem Volk.

Meine Herren, haben Sie Geduld . . .!

Es ward still, und da hrte man in der letzten Parkettreihe den Bcker
Crepalini:

Auch noch in der Klubloge, der Advokat! Wie viele Logen hat er denn? Ich
aber, der ich sechs Pltze --

Schweig! -- und droben wurden Fuste geschttelt. Du hungerst uns aus.
Er ist der einzige Bcker, weil er die Herren bezahlt; und dafr darf er
uns aushungern mit seinem teuren Brot. Rede, Advokat!

Denn, keuchte der Advokat, wir sind noch neu in diesen Dingen: es ist
die erste Vorstellung in unserer Stadt seit achtundvierzig und dreiviertel
Jahren. Dann der Unglcksfall, den die Herren verzeihen mgen, mit jenem
jungen Knstler, der so viel Talent hat . . .

Der Arme! Ja, wir werden Geduld haben, riefen die Frauen.

Aber wir werden alles tun, was mglich ist, und in fnf Minuten, o meine
Herren, werden Sie befriedigt werden.

Bravo, Advokat! -- und es ward geklatscht. Der Barbier Bonometti rief:

Er ist ein groer Mann, der Advokat!

Da ist Brabr! Bravo, Brabr! -- und pltzlich lachte alles. Die jungen
Leute mit groen Hten und bunten Halstchern sagten:

Er stand, als wir den Buckligen forttrugen, ganz allein auf dem Platz und
machte dem Mond seine Komplimente: da haben wir ihn mitgebracht. Du sollst
Musik hren, Brabr!

Und der Advokat mute sehen, wie der kleine Uralte, als parodierte er ihn,
das Volk grte. Er fhrte seinen Hut, der keinen Rand mehr hatte, im Bogen
ber die Rnge, er legte die Hand aufs Herz, schlug mit dem Fu aus, -- und
unter dem Jubel der Galerie schienen die Gesichte, denen er in den leersten
Gassen nachging, zur Wirklichkeit geworden, und die Menge war da, die ihn
feierte.

Aber der Mittelstand wird gefhrlich! sagte Frau Camuzzi zum Baron
Torroni.

Denn der Bcker Crepalini fuhr fort zu agitieren. Man sah ihn mit seinen
herausquellenden Augen und seinem furchtbaren Gebi im Parterre sich
abarbeiten, die Leute um sich her zusammenziehen und unter wtenden
Schlgen in die Luft, Aufruhr bei ihnen stiften.

Warum steht Ihr hier unten und lat Euch stoen, Gevatter Felipe? Ihr wit
es nicht. Dann fragt also den Malandrini. Er ist der Wirt zum Mond, Ihr
seid der Wirt zu den Verlobten; eine Loge aber ist nur fr ihn da.
Versteht sich, denn seine Frau ist eine Schwester der Frau Polli, und der
Tabakhndler ist ein Onkel des Doktors Capitani, dessen Frau eine
Gronichte des Brgermeisters ist!

Die Herren halten zusammen, sagte der Schlosser Fantapi, der mit dem
Schlosser Scarpetta von der Galerie herabgestiegen war; und der einzige,
der dem Volk helfen kann, ist Don Taddeo.

Der Schuhmacher Malagodi bekam einen roten Kopf.

Man kann sagen, da wir im Nepotismus umkommen. Warum bin ich nicht
Gemeinderat geworden? Weil die Elena, mein Lehrmdchen, sich geweigert hat,
zu tun, was der Severino Salvatori von ihr verlangte. Die Herren machen
Ansprche . . .

Die Herren! schnaubte der Bcker, und der dicke Nuknackerkopf wackelte
vor Zorn auf seinen engen Schultern. Wenn es noch Herren wren! Aber seht
nur jenen Giocondi an, der nun die zweite Frau zugrunde gerichtet hat und
als Versicherungsagent umherzieht: wer ist mehr Herr, er oder ich, der
fnftgrte Steuerzahler der Stadt? Aber weil seine erste Frau eine
Pastecaldi und Schwgerin der Schwester des Advokaten Belotti war, hat die
Loge der Giocondi, nicht ich. Und da eine brig ist, lt man sie lieber
leerstehen, als da man sie einem Manne wie mir gibt.

Die Herausforderung gilt mir -- und der alte Schenkenheld Zecchini schob
seinen Bauch in den Haufen. Denn wenn man eine Loge bekommt, weil man
Bankerott gemacht hat, mu auch ich eine bekommen.

Was denn? Welche Loge? polterte Galileo Belotti. Wit ihr denn nicht,
da jene leere Loge dem Advokaten gehrt? Denn sonst htte er nur die
unserer Schwester, die der Jole Capitani und die Klubloge, und ihr begreift
wohl, da ein Mann von seiner Wichtigkeit eine vierte ntig hat.

Der junge Savezzo schien unabsichtlich in den Haufen geraten.

Wir haben den Advokaten Belotti, wie Rom den Csar hatte, erklrte er.
Ist das nicht genug? Aus Bewunderung fr unsern groen Mann verschmerze
ich es leicht, da meine Mutter und meine Schwestern zu Hause bleiben
muten, weil keine Loge fr sie da war.

Man mte ein Lamm sein wie Ihr, Herr Savezzo, sagte der alte Seiler
Fierabelli, um nicht zu sehen, da keine Gerechtigkeit in der Welt ist.

Der Barbier Druso besttigte es; der Barbier Bonometti wandte ein:

Der Advokat tut viel fr das Volk. Es ist, wie der Herr Savezzo sagt: er
ist ein groer Mann.

Was, groer Mann! -- und Galileo hpfte auf. Wenn einer den Advokaten
kennt, bin ich es, und ich sage dir, da er noch nicht einmal der Dreck
eines groen Mannes ist!

Frau Malagodi mischte sich ein:

Ich habe meinen Hut abnehmen mssen, der nicht weniger gekostet hat als
das Ungeheuer, das die Paradisi auf dem Kopf trgt. Aber sie sitzt in einer
Loge.

Sitzen nicht auch die Kommis des Mancafede mit ihm in der Loge? schrie
ihr Gatte. Damit erspart er ihre Gratifikationen, der alte Geizhals!

Gegen die Herren kann niemand helfen, als Don Taddeo, wiederholte
hartnckig der Schlosser Fantapi. Der Bcker brach vor:

Ich wei noch einen, der mir hilft, und das bin ich.

Er holte seine Frau und seine vier Kinder von den Sitzpltzen und schob die
ganze Herde vor sich her.

Wohin, Crepalini?

Ich will ein wenig nachsehen, wem die leere Loge gehrt. Komm mit,
Malagodi!

Auch der Schuhmacher trieb die Seinen zusammen.

Wir alle sind dabei, wenn es lustig wird! rief der dicke Zecchini und
hieb mit seinem Bauch ein Loch in die Menge. Das ganze Parterre schlug
Wogen, die aufbrllten.

Seid ihr dort unten etwa verrckt geworden? rief die Galerie. Ruhe! Du
willst wohl Prgel, Volksaushungerer? Keinen Ton hrt man. Lauter, Maestro!
Bring sie mit den Trompeten zum Schweigen!

Die meisten bemerkten erst jetzt, da der Kapellmeister da war und da er
dirigierte. Er sah sich nicht um nach dem Getse und lie, geneigten
Kopfes, ganz sanft die Arme schweben, als sei er mit seinem Orchester
allein. Der Bcker Crepalini, der den Ausgang fast erreicht hatte, fuhr
zurck, denn ein abgenagter Apfel war ihm heftig ans Ohr geflogen. Der
Schuster Malagodi fhlte etwas Feuchtes auf seine Glatze klatschen, und
droben jubelte eine Jungenstimme:

Ins Zentrum!

Auf einmal erstickte der ganze Lrm: es war dunkel, keine Lampe brannte
mehr. Erschreckt suchte man einander ins Gesicht zu sehen. Im Saal war ein
unterdrcktes, unbekanntes Hinundher von Keuchen und Scharren. Etwas
Drohendes wlzte sich heran! Was gibt es! In den Logen sprang man auf.
Eine Frau rief:

Himmel! man ermordet mich.

Und Stimmen auf der Galerie:

Feuer! Hinaus! Wir sind alle verloren.

Nicht doch! schrie eine Fistel, und man erkannte, aufhorchend, den
Advokaten Belotti. Es ist nichts, lassen Sie mich machen!

Der Herr Giocondi brach pltzlich in tobendes Lachen aus; seine Tchter
muten ihn auf dem Stuhl halten; -- und darauf begriff auch die Galerie:

Das hat der Advokat getan! Ein Streich des Advokaten! Spavogel, geh!
. . . Genug! Wir wollen Licht. Wo ist Elenuccia hin? . . . Bravo Advokat!

Seht ihr jetzt, da er ein groer Mann ist? rief der Barbier Bonometti,
-- indes der Advokat im Dunkeln sich verbeugte.

                   *       *       *       *       *

Da es schon wieder hell war:

Ah! Aber wir wollen auch die Bogenlampe.

Ruhig! Man spielt!

Da ist der Piero, da ist er! Bravo! du bist schn.

Es lebe die Madonna, weil es ihm gut geht!

Ruhig die Weiber! . . . Ein Platz in Rom, sagst du? Aber das ist unser
Brunnen! Nur jenen Bogen haben wir nicht, aber die Stadt sollte ihn bauen.

So also steht es jetzt mit deiner Tonietta, o Piero. Warum hast du sie
fortgejagt und nicht auf uns gehrt, denn sie war unschuldig, sonst will
ich blind werden!

Noch einmal! Noch einmal!

Wie er bleich ist, Dante!

Es kommt, weil es Nacht wird. Die Freunde sind fort, die ihm gesagt haben,
was aus der Tonietta geworden ist. Er steht allein, das Gesicht im Mantel,
und weint . . . Er singt. O Clestina, hre das, hre! Ich wei nun wieder,
wie es war, als ich glaubte, du betrgest mich!

Und an der Ecke? Das ist sie! Das ist die Tonietta!

Sprich nicht! Was wird geschehen?

. . . Lege mir deine Hand auf das Herz; ich bin auer Atem: sie hat ihn
erkannt!

Rufini, was meinst du? Ich bin in die Stadt gekommen, um ein Kalb zu
verkaufen, nicht, um ber erfundene Dinge zu weinen. Auch weine ich nicht
ber sie, sondern ber mein Haus, das mir vor drei Jahren abgebrannt ist,
und mein Shnchen, das darin umkam. Ist es die Musik, die sie machen? Mir
ist, als steige ich wieder in den Trmmern umher. Und doch will ich nicht
fort; denn dies ist der erste richtige Trost, den jemand mir gibt.

Wird er ihr glauben? Wird er? . . . Er glaubt ihr!

Es ist ein wenig spt. Ich wrde sie nicht mehr nehmen.

Du hast keine Poesie, Malandrini. Hre doch, was sie einander vorsingen.
Ihnen scheint, da sie vor ihrem Hause stehen, wie in ihrer Hochzeitsnacht,
unter den lbumen, durch die der Mond scheint. Man hat solche
Einbildungen, wenn man liebt.

Woher weit du das?

Da, Polli, wieder >Sieh, Geliebter, unser umblhtes Haus<.

Aber es ist entschieden kein Vergleich mglich mit unserem Phonographen.
Das ist brigens gut: La uns unser Bett aufsuchen. Ich sehe kein Bett:
alles Stein, und der Himmel sieht nach Regen aus. Ah! Sie meinen, da sie
sich unter jenen Bogen legen wollen. Einverstanden; aber ob sie sich so
auffhren werden, da wir Olindo hier lassen knnen? . . . Was gibts,
Giocondi?

Der Bettler, da ist er. O! ist der Cavaliere komisch. Seht ihn euch an,
Tchter! Ich kenne ihn schon. Er hat es mir vorgemacht, und ich habe ihm
Ratschlge gegeben . . . Bravo, Cavaliere!

Bravo! Noch einmal! Wie man lacht! Ich kann nicht mehr.

Jetzt sind sie allein, kaum erkennt man sie im Schatten; und immer wieder
hrst du es durchklingen: >Sieh, Geliebter, unser umblhtes Haus heit uns
blhen< . . .

O Nina, deine Harfe!

Man wrde nicht glauben, da man noch auf Erden ist.

Es wrde sich lohnen, unglcklich zu sein, um dann so glcklich zu werden,
wie diese.

Aus . . . Was haben sie? Warum soll man nicht klatschen: der Vorhang ist
zu.

Aber das Orchester spielt weiter. Man sagt, da sie spielen werden, bis
die auf der Bhne sich ausgeruht haben und wieder singen.

Pappappapp, ich gehe hinaus und rauche eine Zigarette. Es passiert doch
nichts.

Die jungen Leute in groen Hten und bunten Halstchern nickten, die Arme
verschrnkt, einander in die Augen.

Wie viele Dinge jetzt vorgehen! Ist es mglich? Solch Leben! So also wird
es sein, wenn einmal das Volk sich Gerechtigkeit schafft.

Dies aber, -- und der alte Literat Ortensi breitete zitternd die Arme
aus, o dies geht hinaus ber die glckliche Liebe jenes Volkes, das einen
Engel gebar. Denn dies, o Beatrice, ist die Abdankung und die elende
Herrlichkeit des Helden, der das Land verlt, das er erkmpfte. Die Liebe
der Sterbenden! Ists nicht zuletzt dies, was wir haben?

Die alte Frau schwieg, und sie streichelte seine Hand.

Wie schade, sagte der Apotheker Acquistapace zu der Witwe Pastecaldi,
da der General Garibaldi diese Musik nicht gekannt hat! Gewi htte er
sie spielen lassen, wenn er uns das Ziel, die Freiheit, vor Augen rufen
wollte. Welche Begeisterung! Ist mir doch, nun ich zuhre, als she ich
wieder dem Helden selbst ins Gesicht.

Der junge Savezzo schielte in der Klubloge auf seine Nase.

Was schiert mich die Sache der andern und ob sie vor oder hinter dem
Vorhang leben oder sterben. Nur mir gilt dies, denn nur ich habe Schicksal,
werde triumphieren ber die, die mich niederhalten, und werde mchtig und
berhmt sein . . . Diese Musik htte ich machen knnen; auch sie hat man
mir geraubt.

Hinten in der Loge der Frau Jole Capitani, der er einen heimlichen Besuch
machte, wippte der Advokat Belotti mit den Abstzen, suchte unruhig auf dem
Fuboden umher und dachte an die Niederwerfung des Don Taddeo, die Grndung
einer Zeitung, die Belebung der Stadt und ihre Beglckung. Niemals fhlte
ich, wie sehr ich ihr gehre! Seine Augen, die sich verschleierten, irrten
von unten ber die Hften der Doktorsfrau, als seien es die Pltze der
Stadt, und bis auf das entblte Stck ihres gepolsterten Nackens. Sie
wandte sich um, und er sagte:

Wer diese Musik geschrieben hat, der wute, was ein groer Mann ist.

Unter ihnen schluchzte eine Frau heftig auf. Sie horchten; es blieb still.

Frau Camuzzi? Unmglich. Sie ist zu wohlerzogen; und dann, welchen Grund
sollte sie haben, zu schluchzen?

O! jede Frau findet dazu Grund, erwiderte Jole Capitani, und der Advokat
erkannte mit Genugtuung, da ihr unsicherer Blick nur noch ein wehrloses
Flehen war.

Bravo, Maestro!

Der Kapellmeister fuhr auf seinem Sessel herum und machte im Sitzen mehrere
rasche Verbeugungen. Die Haare klebten ihm in der Stirn; den Stab fhrte er
jedesmal, als ntigte ihn ein unberechtigtes Gesetz dazu, flchtig und
bedeutungslos ber seine Mitarbeiter im Orchester hin.

Zum Schlu klang es dennoch wieder tragisch, stellte Rosina Giocondi im
stillen fest. Es wird sich zeigen, wenn der Vorhang aufgeht . . .
Natrlich, vor dem Wirtshaus ist der erste, den man sieht, der Conte
Tancredi, der damals die Tonietta verfhrt haben soll. Dem Piero dagegen,
der nun Schuhe flicken mu, bringt jene Frau, die ihn haben wollte und die
jetzt die Wirtin zu sein scheint, zu essen. Sie hlt ihm ihren Fu hin, sie
verfhrt ihn. Die Tonietta drben bemerkt es wohl, drum kokettiert sie auch
von ihrer zerbrochenen Treppe herab mit dem Tancredi. Es ist schon wieder
aus, meine Lieben, mit dem Glck. Das kennt man. Man hofft zu leicht; --
aber auch mit Olindo Polli ist es nichts, sonst htte er in der langen
Pause der Mama einen Besuch gemacht.

Pa doch auf, Piero! rief jemand auf der Galerie. Er nimmt sie dir weg!

Sei still! Er hat es schon bemerkt. Der Tancredi geht, alle Gste gehen:
jetzt bekommt sie das ihre.

Was, Dante! Wie kannst du so bse sein gegen die arme Tonietta. Ich, deine
Clestina, verstehe sie zu gut.

Du verstehst, da sie ihn, obwohl er Mitleid mit ihr gehabt hat, betrgt?

Ich verstehe, was sie sagt: du hast mir schon einmal unrecht getan, ich
war unschuldig.

Auch er aber hat recht: >Seither warst dus um so weniger!< Denn sie war
eine Dirne, wie?

Hat ers anders gewollt?

Gut! Er schliet sie ein und geht. Das verdient sie.

Nicht fortgehen, Piero! Der andere wird kommen! rief Clestina so laut,
da Nello Gennari den Fu anhielt und sich umwandte. In den Logen lachten
mehrere. Eine Sekunde lang sphte er mit dem dsteren Blick seiner Rolle
durch den Saal, dann stie er beide Fuste hinter sich und trat in die
Kulissen. An ihrem Rande blieb er stehen. Flora Garlinda sttzte sich dort
vorn auf das Fenster und sang ihre Arie: Welche Erlsung, nicht mehr von
Liebe zu wissen. Es war ihre schnste, und sie sang sie wie ein Engel:
ganz sicher mute sie sie wiederholen . . . Nein? Wenige klatschten, und
sie wurden zum Schweigen gebracht. Die Leute sind neugierig. Sie fhlen
eine Entscheidung kommen; wahrscheinlich klopft ihnen das Herz. Keine
Stimme ist mehr im Saal, kein Gerusch. Ja, starrt her! Gaddi ist
aufgetreten, mit seiner Peitsche und seinem strammen Bauch, den er
schwenkt, indem er die Hose hher zieht. Ein furchtbarer Kerl! Er hilft
meiner Tonietta aus dem Fenster, fhrt sie auf die Strae, will sie
fortschleppen. Noch widersteht sie; aber seid berzeugt, sie wird mitgehen:
ich habe Unglck.

Mein Lieber, sagte hinter ihm der Cavaliere Giordano, der schon
abgeschminkt war, was halten Sie von meinem Bettler? Welch Erfolg! Sagen
Sie nur!

Der junge Mann war zu tief in seinen Gedanken.

Gaddi ist groartig. >Ich bin nicht eiferschtig wie er; mir gefallen die
Dirnen<: seine Glanznummer . . . Und sie schweigen, keine Hand rhrt sich.
Armer Freund! er hatte schon die Linke auf der Brust, um sich zu verbeugen.
Aber du vergit, da wir da sind, um sie aufzuregen. Sie wollen durch uns
einen hohen Herzschlag bekommen: an unseres denkt keiner. Die dritte Loge
ist leer geblieben . . . Wie dort hinten die Augen glhen! Mir scheint, ich
fhle die Hitze ihres Atems bis hierher. Sogleich werdet ihr befriedigt
werden, meine Herren. Sogleich wird Italia, die Verrterin, mich rufen; ich
werde vorstrzen, ich werde sie beide --. O Alba!

Er zog die Schultern in die Hhe, schttelte, mit geschlossenen Lidern,
heftig den Kopf und stie das Gesicht in die Hnde.

Ist es mglich? Von allem, was meine Seele schreit, kein Echo? Vor einer
leeren Loge spielen? Und nachher? Was nachher?

Da bin ich! -- und er fuhr hinaus. Das Zittern des Hasses, des gehssigen
Elends, er fhlte, da es von ihm auf eine unbekannte Menge bergehe, auf
die in Dunkel versunkene Welt dahinten, deren Keuchen das seine war, deren
Leiden er seine Stimme gab. Wie er mit dem Verfhrer und Herrn kmpfte,
empfing er leise Zurufe der Angst. Nun streckte er ihn hin, -- und da
jauchzte es auf, und neben ihm fielen Blumen nieder.

Warst du sein? Sage die Wahrheit! Die Wahrheit!

Gnade! rief eine Frau von oben, aber er stach zu.

Ich habe nur dich geliebt, Piero, hauchte die sterbende Tonietta; und auf
der Galerie die Geliebte des Schusters: Hrst du es, Dante?

Bravi! Alle heraus! Maestro!

Der Kapellmeister lief schon. Die Kette der Darsteller zog ihn aus der
Kulisse hervor. Erst als die Hand, nach der er gegriffen hatte, die seine
drckte, merkte er, da sie Flora Garlinda gehre. Sie verbeugte sich, wie
sie dem Publikum dankte, halb zu ihm gewendet, mit einem Lcheln zrtlicher
Unterwrfigkeit. Der runde schwarze Mund des Baritons beteuerte seine
Ergriffenheit; Italia kitzelte alle, die, bis unter die Bhne gedrngt,
klatschten, mit den Augen; und Nello Gennari tat nichts, als da er sich
niederdrcken und wieder emporreien lie von dem Cavaliere Giordano, der
abgeschminkt, aber noch im Kostm des Bettlers, unermdlich
zusammenknickte. Mit seiner freien Hand winkte er in den Saal.

Bravo, Cavaliere! rief Frau Camuzzi sehr laut; und der Unterprfekt Herr
Fiorio kehrte noch einmal in die Loge zurck, um den Beifall zu Ehren des
berhmten Sngers zu verstrken.

Wie Frau Camuzzi ihrem Manne folgen wollte, stand der junge Savezzo vor der
Tr ihrer Loge und versperrte sie ihr.

Gndige Frau, -- und er sah ihr in die Augen, die Ohnmacht des Tenors
war echt. Ihm wurde schlecht, weil jene Loge leer blieb.

Da Frau Camuzzi erbleichte, schielte er, wie aus Diskretion, auf seine
Nase. Frau Camuzzi trat zurck.

Warum sagen Sie mir das? fragte sie halblaut. Er drckte die Hand auf die
Brust.

Ausschlielich, um Ihnen etwas Neues zu sagen. Ich hoffe, da ich der
erste bin?

Ihr Blick irrte in den Saal und traf unter denen, die noch klatschten, den
jungen Severino Salvatori. Er wollte die Nardini heiraten, dachte sie;
und er kann fechten. O Verrter! ich werde dich tten lassen . . .

Ihr schwindelte vor Gedanken; sie setzte sich.

Aber der Salvatori ist eitel und wird prahlen. brigens ist ein Duell
unmglich. Der alte Nardini wird erfahren, wer seine Enkelin in einen
Skandal verwickelt hat. Er ist einflureich, und mein Mann verliert seinen
Posten. O Elend, an das Interesse eines solchen Mannes gebunden zu sein!

Sie klatschte; sie rief:

Bravi! Bravo der Gennari!

Ich brauche einen Menschen, dachte sie, der etwas Strkeres hat als
seine Eitelkeit: einen Ha wie ich, damit er verschwiegen ist. Und das Geld
der Nardini mu ihm eine furchtbarere Begierde machen als dem Gecken
Salvatori; er mu arm und ehrgeizig sein, damit er ohne Bedenken ist.

Da berraschte sie den Blick, den der Mann neben ihr unter seinen
gewulsteten Brauen auf den jungen Tenor warf. Der vom Neid gekrmmte Mund
des Savezzo, die graue Blsse seiner pockennarbigen Haut schienen ihr Glck
zu versprechen, die Muskeln seiner verschrnkten Arme erquickten sie. In
seinen Lackschuhen sah sie schwarz verschmierte Sprnge: da entschlo sie
sich.

Mein Mann wird mich drauen suchen. Jetzt mssen Sie mich begleiten, Herr
Savezzo.

Es lebe der Advokat! rief es hinter ihnen her, und wie Frau Camuzzi sich
umsah, machte auf der Bhne, als mittleres Glied der Kette von Gefeierten,
der Advokat Belotti seine Kratzfe. Ihr Mann stellte sich gerade ein; Frau
Camuzzi lchelte ihm heiter zu.

Sie vergessen zu rufen: es lebe der Gemeindesekretr!

Bravo, Advokat! -- und auf der Galerie hing alles in einem Knuel hoch
ber seinem Kopf. Er sah verklrt hinauf.

O Volk! murmelte er.

Weine nicht mehr, Clestina, sagte droben der Schuster Dante Marinelli.
Sie konnten nicht lnger leben; es ist besser, da der Piero ein Ende
gemacht hat.

Aber ist nun etwa sie schuld?

Oder er? Es war ihr Schicksal.

Und was wird unseres sein, Dante?

Er umarmte ihre Schultern. Ein Strom Fortgehender ergriff sie. Aneinander
gedrngt, verschwanden sie darin.

Das Theater hat sich geleert, sagte die alte Frau Mandolini. Wir knnen
aufbrechen, Orlando, ohne Furcht, da sie dich stoen. Nimm meinen Arm: wir
sind auf dem Korridor, hier kommt die Treppe.

Der Schlu war wirklich aufregend, sagte die Haushlterin und erwiderte
ber die Schulter die Blicke der Herren Polli und Giocondi.

Er war mehr als aufregend, sagte der Blinde. Diese Vorgnge, nicht wahr,
Beatrice? haben uns tiefer bewegt, als eine Liebestragdie in unserm Dorf,
unter unserm Fenster. Warum? Was macht diese Dinge gro?

Da ein Volk sie mitfhlt, Orlando: ein Volk, das wir lieben! Denn es ist
noch dasselbe, dem wir unsere Jugend gegeben haben. Hast du gehrt, wie sie
jenen Unglcklichen anfeuerten, ihr Urteil zu vollstrecken an dem Herrn,
dem gelbbrtigen Herrn?

Ein Zeichen also! rief der alte Literat. Ein Zeichen fr das, was wir
getan haben! Aber auch was wir taten, ist nur ein Zeichen, denn immer aufs
neue wird die Menschheit Herren zu strzen haben, wird der Geist sich
messen mssen mit der Macht.

Wir werden zur Stelle sein.

Der Alte warf den Kopf zurck.

Aber dieser Piero ttet auch seine Tonietta. Heit das, da wir vergeblich
gekmpft haben werden und da das Ziel, die Freiheit, eins ist mit dem
Tod?

Gleichviel, erwiderte seine Freundin, wir werden kmpfen.

Sie gelangten ins Freie.

Ich komme mit dir, Orlando; denn mein Enkel wird die Nina Zampieri nach
Hause bringen. Gut so; mag er sie rasch heiraten, die liebe Kleine, damit
sie ihrer armen Mutter nichts mehr kostet.

Beginnen jetzt die Stufen, Beatrice?

Ja; und man hat die Treppengasse so schlecht beleuchtet, da ich kaum mehr
sehe als du. Sttze dich um so fester auf mich, Freund.

Es wird besser sein, gndige Frau, er nimmt meinen -- und die
Haushlterin drngte ihren Arm zwischen die beiden Alten. Nehmen Sie, Herr
Ortensi!

Und streng flsternd:

Du wirst kein Wort mehr mit ihr sprechen! Den ganzen Abend hast du dich
nur um sie bekmmert.

Die alte Frau lchelte barmherzig.

Nur voran, Orlando! Ich bleibe hinter dir.

Und sie stiegen langsam ins Dunkel.

Der Tabakhndler rief pltzlich:

Wo ist Olindo?

Er blieb stehen; die Familien Polli und Giocondi stauten sich in der
Treppengasse.

Wirst du denn niemals auf deinen Sohn achten, Klothilde?

Der alte Giocondi machte, den Kopf zurckwerfend: Eh! -- und seine
Tchter sahen sich, die Mnder herabgezogen, an: auch sie wuten wohl, was
aus einem jungen Manne ward, der zu solcher Stunde abhanden kam.

Wehe ihm, wenn er heimkommt! schlo Polli.

Olindo hrte es hinter dem Vorsprung des Hauses Belotti, und er zitterte.
Dennoch war er, kaum da die Seinen um die Ecke bogen, in vier Stzen
wieder oben und drang ins Theater. Gerade hpfte hinter der erloschenen
Rampe der Barbier Nonoggi umher, verrenkte das Gesicht und knickte
unvermittelt in zwei Teile.

Wie der Cavaliere! Bravo Nonoggi! riefen die Freunde hinauf aus einem
Winkel vorn im halbdunklen Saal und aus dem Dunst, den die Stadt
hinterlassen hatte.

Auch uns soll man beklatschen! Was wre die >Arme Tonietta< ohne uns,
frage ich. Hinauf Allebardi! Blandini hinauf!

Hinter ihnen schlpfte Olindo Polli durch die Bhnentr.

Was habt ihr da auf euren Notenbchern fr Bilder? fragten die Freunde.
Ah! der Allebardi stt so stark ins Bombardon, da ihm seine
Tapeziererfedern herausfliegen und die Hhner der Hhnerlucia krepieren.
Ah! die Klarinette des Artilleristen Blandini liegt auf der Lafette, und
Nonoggi blst seine Flte vor dem Rasierspiegel. Welche Fratze er
schneidet! Ihr seid groe Knstler!

Der Kapellmeister kam, um seinen Hut zu suchen. Er steckte den Kopf unter
alle Sthle, und wenn er hervorkam, sah man ihn stehen und lcheln.

Wie, Maestro? Wir haben ihnen gezeigt, was wir knnen! sagte der
Tapezierer.

Ja, ja, ihr seid sehr brave Leute -- und der Kapellmeister streifte die
Hnde nur und sah niemand an.

Ich habe alles aus euch herausgeholt, was mglich war.

Dabei nahm er seinen Hut vom Rande des Souffleurkastens und lief hinaus.

Wie? sagte der Tapezierer und sah den Schneider Chiaralunzi an, der die
Faust auf ein Notenpult fallen lie.

Er wird verrckt geworden sein, meinte Blandini. Den ganzen Abend schien
er mir seltsam.

Hat er nicht auch --? fragte Nonoggi und schien sich aus der hohlen Hand
etwas in den Mund zu gieen.

Der Schneider fand Worte.

Ein bser Mann ist er! sagte er schwer. Ich irrte mich, als ich ihn fr
einen guten Mann hielt. Aber ich bin noch rechtzeitig gewarnt worden.

Hrt den Schneider! rief Nonoggi. Er versteht mehr als der Maestro und
wir. Er wird mich die Pickelflte blasen lehren.

Ein bser Mann, wiederholte Chiaralunzi, mein Tenorhornsolo fand er
nicht gut, und sogar das Frulein Flora Garlinda hat er beleidigt, indem er
ihre Arie nicht noch einmal gespielt hat.

Sogar das Frulein! hhnte der Barbier. Ein Frulein zum Lachen. Es
heit, da sie in den Schenken gesungen hat. Nehmt sie doch mit,
Chiaralunzi, wenn Ihr mit eurer Bande den Bauern aufspielt!

Dunkelrot und wortlos holte der Schneider zum Schlagen aus, aber Nonoggi
war entwischt. Er fand den Kapellmeister drauen unter den Steineichen; er
tnzelte mit ausgebreiteten Armen auf ihn zu.

Welch Unglck, Maestro, da ein friedliches Leben mit dem Schneider nicht
mglich ist! Kein Tag, an dem er Euch nicht verleumdet. Ihr sollt getrunken
haben, Ihr sollt niemandem etwas gnnen. Hrt Ihrs, Maestro? Sich selbst
hlt der Schneider fr einen greren Knstler, als Ihr seid!

Der Kapellmeister hatte den Hut im Nacken; er lehnte an einem Baum.

Gut, mein Lieber, sagte er und lachte sonderbar. Alles ist gut gegangen;
ich bin zufrieden.

Aber der Schneider --

Der Kapellmeister machte eine Bewegung, die den andern wegschickte. Wie er
den Rcken von dem Stamm hob, schwankte er deutlich.

Er hat also doch getrunken, bemerkte der Barbier. Ich dachte es gar
nicht.

Erstaunt sah er den Kapellmeister die Treppe hinabspringen. Er nahm drei
der breiten Stufen auf einmal und setzte ohne Not ber die Prellsteine.

                   *       *       *       *       *

Auf dem schiefen kleinen Platz beim Hause Belotti schpfte er Atem,
aufgerichtet und das Gesicht zum Himmel gewendet. Ich habe also ein Volk
gesehen! Das Volk, fr das der Maestro Viviani seine Oper geschrieben hat.
Ich wute es, wir seien nicht allein; ein Volk hre uns! Wir wecken seine
Seele, wir . . . Und es gibt sie uns! Ich wei jetzt, welche Stimmen, wenn
ich komponiere, mit dem blauen Wind durch mein Zimmer streichen. Es
erfindet fr uns, dies Volk, es fhlt und tnt in uns. In der Musik der
>Armen Tonietta< hat es seinen eigenen Tonfall wiedererkannt, seine Gesten,
sein Tempo. Die ungeheure Wirklichkeit der Klnge und Gesichte bertraf
vielleicht, was sie je erlebten. Nie hatten sie von ihrer Akropolis in ein
so grndereiches Land gesehen und sahen es nie so voll Licht, noch so voll
Schrecken. Ein verklrtes Erdengefhl weitete sie mitten im Drang der
Leidenschaften; der Kampf, die Wonne und das Leiden gingen in die tnende
Harmonie ihrer Erde ein. Die singenden Gestalten waren strker und reiner
als sie, und doch sie selbst. Da waren sie glcklich, Menschen zu sein. Sie
liebten einander. Und wir -- und wir --

Ein Betrunkener? sagte auf dem nchsten Treppenabsatz Frau Camuzzi zu dem
jungen Savezzo. Er zuckte die Achseln.

Der Maestro: ein Mensch, der an nichts denkt.

Aber geben Sie acht, da mein Mann und der Advokat nichts hren; sie sind
gleich vor uns, hinter der Ecke. Dies mu geheimbleiben, das Interesse
einer unserer ersten Familien verlangt es. Und handelte es sich um Alba
allein: ich bin ihre beste Freundin, -- soweit man die Freundin einer armen
Kleinen sein kann, die schon halb Nonne ist. Und nicht einmal vor ihr hat
dieser Komdiant Halt gemacht . . . Denn -- wir drfen nicht hoffen, uns zu
irren -- er hat sie verfhrt. In diesem Augenblick und aufgeklrt durch
Sie, Herr Savezzo, wei ich zu gut, was es zu bedeuten hatte, wenn er in
der ersten Frhe zu einer Stunde, wo noch niemand und am wenigsten ein
fauler Komdiant auf der Strae ist, vom Tor her in die Stadt
zurckkehrte.

Da sie ihren Begleiter knirschen hrte, fhrte sie aus:

Er war jedesmal bleich und sehr in Unordnung; man sah ihm eine Nacht an,
die --, genug: eine Nacht.

Was tut das mir, sagte er zwischen den Zhnen.

Wie? Haben Sie denn kein Herz? Verstehen Sie nicht, da Alba gerettet
werden mu und da Sie sie retten mssen?

Ich bin nicht Jesus Christus, den sie heiraten soll.

O, mein Herr, Sie lstern . . . Aber wir knnen es nicht verantworten,
ihren Grovater aufzuklren: es wre gefhrlich fr den armen Alten; und
Alba zu warnen, ist unntz, denn mu sie nicht wahnsinnig sein, wenn sie
handelte, wie sie handelte? Kein Mittel bleibt, als den Komdianten zu
beseitigen.

Sie fhlte, wie der Mann neben ihr mit dem Kopf zuckte, und sie flsterte
rasch:

O! mit leichter Hand, ohne Gefahr fr sein Leben.

Darauf schwiegen sie und verlangsamten den Schritt, denn unter ihnen war
der Advokat stehen geblieben. Er wandte Brust und Handflche seinem Gegner
zu.

Ich verstehe Sie nicht mehr, Camuzzi, -- obwohl ich gewohnt bin, da Sie
unglaubliche Dinge sagen. Unsere Auffhrung war also mittelmig und
kleinstdtisch? Gut. Orchester und Chre schlecht diszipliniert, die Snger
teils zu jung, teils zu alt? Gut. Und die >Arme Tonietta< des Maestro
Viviani, dieses Meisterwerk, das dem Genius unserer Rasse die Welt
unterworfen hat, es soll wenig wert sein, Jahrmarktsmusik und Operette?
Auch das sei wahr. Aber nun sagen Sie mir eins: wo bleibt, wenn wir uns
nicht rhren, der Verkehr unserer Stadt, die geistige Wachheit, der
Fortschritt?

Mit erhobener Stirn und offenem Munde erwartete der Advokat die Antwort.
Der andere feixte lautlos.

Fragen Sie lieber: wo bleibt die Befriedigung des Ehrgeizes einzelner?

Und der Advokat, nach Luft schnappend:

Der Ehrgeiz einzelner, mein Herr, ist eine Forderung des ffentlichen
Wohles. Sahen Sie schon je einen Staatsmann gro werden, ohne da auch sein
Land gro ward?

Er schrie, da sogar der Kapellmeister es hrte. Aber der Kapellmeister
schob es mit der Hand fort, und er wiederholte strmisch:

Wir, die wir aus dem Reichtum eines Volkes schpfen drfen, wie mssen wir
es lieben! Wird es mein Werk als das seine anerkennen? Von dort unten aus
der dunklen Stadt steigen Stimmen: >Sieh, Geliebter, unser umblhtes Haus<
--. Wird auch meine Oper einst in allen Gassen, auf allen Lippen sein?
Werden sie mich gro nennen, -- weil ich sie geliebt habe? . . . Gott, mir
schwindelt. Entschuldigen Sie, mein Herr. O gndige Frau, verzeihen Sie
mir!

Wie denn, Maestro. Wir lassen Sie vorbei . . . Er scheint nicht vom Wein
berauscht, sondern von seiner Musik, der Arme. Sie aber, Herr Savezzo,
haben weniger Mut, als ich dachte. Wie? Sie wollten nicht um eines guten
Zweckes willen einige Rebstcke zerbrechen und dem Bauern die Meinung
beibringen, der Komdiant, der sich bei Villascura umhertreibt, sei der
Tter? Wie leicht und wie dankbar fr einen Mann von so viel Geist, solchem
rohen Menschen den Arm zu lenken! Er selbst wird nachher nicht wissen, da
Sie es waren; -- und inzwischen hat der Verfhrer eine Warnung erhalten: o,
nichts Ernsthaftes, unsere Bauern sind zu geschickt, -- aber doch genug, um
ihn im Augenblick unschdlich zu machen und ihm fr spter die Lust zu
nehmen nach den Tchtern unserer ersten Familien. Der Herr, dem Sie eine
Magd erhalten, wird es Ihnen vergelten.

Er lachte hart.

Fr den Herrn wage ich nicht meine Freiheit; und die Belohnung verlange
ich nicht von ihm, sondern, gndige Frau, von Ihnen.

Frau Camuzzi seufzte.

Ich habe es erwartet, denn ich wute wohl, welch energischen Charakter Sie
haben. Wenn Alba denn nicht dem himmlischen Gatten gehren soll, ist es
immer noch besser, sie wird die Ihre, als da jener Landstreicher sie ins
Elend fhrt. Ich verspreche Ihnen, da ich fr Sie handeln werde, wie Sie
fr mich. Ich habe Alba etwas zu sagen, das ihr gegen ihren Liebhaber Ha
machen und sie in die Arme dessen treiben wird, der ihn gettet hat. Zhlen
Sie auf mich! . . . Und bleiben wir nicht zu weit zurck! Dieser Narr von
Maestro ist mit meinem Mann und dem Advokaten zusammengestoen.

Es tut nichts, schrie der Advokat. Sie drfen zuhren, Maestro. Wir
haben keine Geheimnisse. Es ist nur eine kleine Abrechnung, die ich mit
Freund Camuzzi halte. Denn, Herr Camuzzi, sehen wir nur genau zu, und wir
werden finden, da in dieser Stadt keine Neuerung, kein Fortschritt, kein
dem Volke zu leistender Dienst je anders bewirkt worden ist, als gegen Sie
und durch mich. Wer hat sich gegen die Wiederherstellung der Vizinalwege
gestrubt und wer sie durchgesetzt? Wer hat den armen Frauen ihr
wohlverdientes Waschhaus vorenthalten wollen, und wer hat es ihnen
verschafft? An die kaum beendeten Kmpfe um das elektrische Licht und das
Theater brauche ich Sie nicht zu erinnern. Sie waren nie dafr, da irgend
etwas geschhe. Man kann sagen, da Sie, Herr Camuzzi, der Geist der
Verneinung selbst sind, und ich, der Advokat Belotti, der Genius der Tat!

Aber mein Mann, sagte droben Frau Camuzzi, trgt einen besser gemachten
Frack. Finden Sie nicht, da dieser Advokat etwas sehr Vulgres hat?

Savezzo erwiderte:

Also ich zhle auf Sie, gndige Frau. Sollte ich aber falsch gezhlt
haben, -- und er verschrnkte die Arme; sie sah seine Muskeln anschwellen
-- dann wrde ich freilich machen, da der Komdiant alles ausplaudert,
was er von den Damen der Stadt wei.

Sie begegnete seinem drohenden Blick leise von unten, indes sie mit dem
Fcher spielte.

Und auch von den Mnnern? fragte sie sanft. Dann erhob sie mit einem
offenen Lcheln den Kopf.

Wir verstehen uns, Herr Savezzo, und wenn wir uns niemals miverstehen,
knnen wir sehr stark sein. Wer wei, was aus uns geworden wre, aus einem
Manne von so groem Talent, aus einer vielleicht nicht ganz gewhnlichen
Frau, wenn wir anderswo htten leben knnen, in einer groen Stadt --

Er fiel ein:

-- unter Menschen ohne Vorurteile, in einem wtenden Spiel von Interessen
und Leidenschaften. Wem sagen Sie es? Sie treiben vom Grunde meines Daseins
mit einem Hebeldruck alle Bitterkeit herauf. Dort wre man vielleicht ein
Politiker, der eine Welt in Bewegung setzt, der Liebhaber mchtiger Damen,
ein groer Dichter, durch den das nationale Gewissen spricht. Zu allem
fhle ich mich berufen. Hier gehrt man keiner der herrschenden Familien
an, und damit ist man abgetan und zum Neide verdammt auf jeden, der
hervorragt.

Hier hat man einen Mann, der Gemeindesekretr ist und bleibt. Hier mu man
heucheln: heucheln um sein Vergngen, heucheln um seinen Schmerz.

Ist es vielleicht die Falschheit des ganzen Jahres, die uns heute abend
gegeneinander so offen macht?

Oder, murmelte Frau Camuzzi und drckte, sehr bleich, die Lider zu, damit
die Trne nicht hinausrinne, ist nicht nur der Maestro durch jene Musik in
Aufruhr gebracht?

Schweigend stiegen sie die letzten Treppen hinab; drunten fuchtelte der
Advokat.

Wre ich die Persnlichkeit geworden, fr die alle mich halten, wenn ich
nicht Sie gehabt htte, Camuzzi? Vielleicht mute Ihr Widerspruch meinen
schpferischen Drang anstacheln, damit Waschhaus und Theater, Vizinalwege
und Licht entstehen konnten. Zuweilen denke ich mir: wenn einst der greise
Vertreter unserer politischen Whlerschaft zurcktritt --. Sie verziehen
das Gesicht, Camuzzi, aber der Cavaliere Lanzerotti wird dennoch
zurcktreten, und kann sein, da das Volk mir selbst die Ehre erweist, mich
als seinen Deputierten in die Hauptstadt zu schicken --: dann, so denke ich
mir, wre es gut, wenn ich auch in der Kammer Sie, Camuzzi, wiederfnde;
denn Sie wrden mich grer machen . . . Ich sei gro in Worten, sagen Sie?
Sie wissen nicht, Freund, was Begeisterung ist, sonst wren Sie heute abend
begeistert!

Er streckte den Ankommenden die Hnde hin.

Wie gndige Frau? Bewegung und Ttigkeit, das ist alles, und das lehrt uns
die Musik des Maestro Viviani!

Eine Frau kann nicht handeln, sagte sie; und da ich bei den Komdianten
war, werde ich morgen dem Don Taddeo beichten mssen. Inzwischen werden die
Gewissensbisse mich nicht schlafen lassen.

Ich wute, meine Liebe, da es so enden wrde, sagte Camuzzi.

Und der Maestro? rief der Advokat die Gasse hinauf. Wir haben ihn
verloren?

Der Kapellmeister winkte, bevor er sich von der Rampe losri, noch einmal
in das Dunkel der Hfe und Huser hinab, das ihm voll lauschender Atemzge
schien.

Ja, ich werde euch wohltun! Durch mich werdet ihr glcklicher werden und
einander lieben. Ein Mdchen, das meine Arie aus einem Fenster singt! Ein
Junge, der mit seinem Korb voll Gipsfiguren durch den Staub zieht und dem
eine Melodie von mir die Strae weniger hei macht! Werde ich nicht sein
wie ein Knig, dessen Bild auf allen Mnzen, in allen Hnden ist? -- und
dessen Bild ein Sinnbild des ganzen Volkes ist!

Er lief die Treppe zu Ende.

Da wren wir alle beisammen, bemerkte der Advokat; und wenn unser
Theater auch nicht sehr zentral liegt, -- der Bau eines neuen stdtischen
Theaters hier im Mittelpunkt wird trotz Ihrem Hnderingen, Camuzzi, eine
unserer nchsten Aufgaben sein --: so verschafft uns das doch einen
Spaziergang, der hoffentlich allerseits angenehm war.

Jeder geniet solchen Spaziergang auf seine Art, erwiderte Frau Camuzzi.

                   *       *       *       *       *

Sie bestand darauf, nach Hause zu gehen. Vor ihrer Tr trennte man sich.
Wie der Advokat mit Savezzo und dem Kapellmeister zu der bewegten
Versammlung beim Caf zum Fortschritt stoen wollte, sah er aus der
Treppengasse Flora Garlinda biegen. Sofort entschuldigte er sich und eilte
ihr durch das festliche Gedrnge entgegen. Sie kam seinen Komplimenten
zuvor.

Ah! Advokat, Sie sind ein Mann, auf den man sich verlassen kann, Sie
wollen mir Ihre Rezension vorlesen . . . Wie? Sie haben sie noch nicht
geschrieben? Sie haben die Zeit verschwatzt, gleich all dem Volk hier?

Da er stammelte:

Ach, Herr Advokat, ich habe Sie in meiner Einbildung so hochgestellt, da
Sie vielleicht Mhe haben werden, sich dort zu behaupten . . . Treten wir
unter die Rathausbogen: es ist schattig darin, und ich hasse das Girren
dieser Geputzten, ihr nutzloses Umhertreiben . . . Sagen Sie mir also, was
Sie schreiben werden!

Und obwohl er beteuerte, er msse sich in der Mue seines Kabinetts darauf
vorbereiten:

Sie werden mit Recht das meiste ber den Cavaliere sagen. Er ist berhmt;
seine Kunst ist zweifellos die grte und seine Stimme die glnzendste.
Vergessen Sie das nicht, Herr Advokat! Fr Gaddi ist das Lob nicht zu viel,
da er sich seit zehn Jahren auf der Hhe seines Knnens befindet.

Dieses Lob erregt nirgends Neugier, dachte sie und streifte mit einem
feinen, hellen Blick den Advokaten, der leise keuchend die Lippen bewegte,
als lernte er ihre Worte auswendig.

Was Italia angeht, stellen Sie zu ihrem Ruhme fest, da das Publikum,
geblendet durch ihre Erscheinung, die Streichung ihrer beiden Arien nicht
einmal bemerkt hat. Der arme Nello sodann bietet Ihnen Gelegenheit, Ihre
Leser als Menschen zu rhren: ist er doch, weil er die Anstrengung des
Singens nicht ertrgt, in eine schwere Ohnmacht gefallen. Der Maestro --

Ich erwhne ihn gar nicht -- und der Advokat spreizte voll Eifer die
Hand. Er dachte: Sie wird mich nicht umsonst bis hierher gefhrt haben:
ich wute es -- und er trat ihr voran in den ganz dunkeln Hof des
Rathauses.

Die Primadonna sagte:

Das geht nicht. Sagen Sie, er sei trotz seinem Mangel an regelmiger
Vorbildung, also sozusagen als Dilettant, berraschend gut gewesen, so da
das Publikum nicht nur aus Lokalpatriotismus der Freundlichkeit der
Hauptdarsteller zustimmte, die bei Empfang des Beifalls auch den Maestro in
ihrer Mitte sehen wollten.

Aber das ist ja beinahe gerecht! rief der Advokat. Ich bewundere Sie
immer mehr. Und von Ihnen selbst --

O! nur wenig. Aber schlieen Sie mit mir!

Ich werde sagen, da Flora Garlinda ein Stern ist, der vorlufig nur erst
ber den Dchern unserer kleinen Stadt leuchtet. Bald aber geht er ber
denen der Hauptstadt auf, ja ber denen von Paris, London und New York!

Sie haben Talent, Advokat.

Ich setze hinzu, da ich lieber schweigen wrde, um Sie nicht zu rasch zu
verlieren. Aber die Wahrheit drngt ans Licht.

Die Hand auf dem Herzen, tat er einen Schritt. Sie wich einen zurck.

Und da Sie das im Ernst meinen, Herr Advokat, habe ich Ihnen nicht zu
danken. Mnner wie Sie wren beleidigt, wenn man tte, als erwiesen sie
Gunst, wo sie nur gerecht sind.

Wie wir uns verstehen! -- und heftig schnaufend trat er noch einmal vor.
Sie bog sich weg, bis ihr Rcken die Mauer berhrte. Links und rechts hatte
sie seine gerundeten Arme. Ihre Hnde staken in den Taschen ihres
Staubmantels, die Schultern hielt sie hochgezogen, als ob es sie frre; --
aber mit ruhiger, warmer Stimme sprach sie zu ihm:

So habe ich auch keinen Augenblick den Verdacht gehegt, Sie seien wie die
andern Mchtigen, die sich von der Frau fr das belohnen lassen, was sie
fr die Knstlerin tun. Wissen Sie doch selbst um den groen Ehrgeiz und
die ungeheuren Pflichten, die das Talent uns auferlegt. Ich kenne Sie,
Advokat: Sie wrden durch die Demtigung einer Frau, die ihresgleichen ist,
auch sich gedemtigt fhlen.

Wie wahr! sagte er erstickt, das ist meine Art zu denken; Sie lehren sie
mich erst richtig kennen.

Man kann nicht oft so zu einem Menschen sprechen. Nehmen Sie diese Hand,
mein Freund!

Der Advokat entfernte die seine vom Augenwinkel, den er gedrckt hatte.

Ich danke Ihnen fr Ihre Worte, Frulein Flora Garlinda, und ich darf
behaupten, da ich sie verdiene.

Er hob ihre Hand zwischen den seinen auf und lie sie nachdrcklich wieder
hinunter.

Sie tun mir weh, Herr Advokat.

O Verzeihung! -- und er sank tief zusammen, um ihre Fingerspitzen zu
kssen. Darauf trat er mit einer groen Gebrde beiseite. Sie ging vorber,
den Kopf schief, mit einem leisen, unbestimmbaren Lcheln aus dem Profil.

Eine so groe Knstlerin, murmelte er unter dem Schauer, womit seine
eigene Ritterlichkeit ihn berzog.

Sie, Herr Advokat, wren einer greren wrdig, sagte Flora Garlinda und
gelangte mit einem letzten, rascheren Schritt ber die Schwelle.

                   *       *       *       *       *

Da sind sie, sagte Nello Gennari, ich will sie holen.

Er verlie hastig den Tisch, tat, als trachtete er auf dem Umwege um
mehrere Gruppen mit der Primadonna und ihrem Begleiter zusammenzutreffen,
verfehlte sie aber und schlpfte pltzlich selbst in den Rathaushof.

Wrde man glauben, -- und der Apotheker Acquistapace lchelte, vor
Bewunderung starr, in die Runde, da dort eine so groe Knstlerin kommt?

Der Herr Giocondi entgegnete und verzog diskret die Lippe:

Tatsache ist, da sie mit aufgestecktem Haar nach nichts aussieht.

Sie hat eine schne Hand, meinte der junge Savezzo und zeigte die eigene
umher mit allen ihren abgerissenen Ngeln. Italia erklrte rasch noch:

Wenn man immer die vier Finger in der Mitte teilt, wird jede Hand schn.

Dabei lchelte sie schon fr die Ankommende. Von der andern Seite traf
Camuzzi ein, schlank und elegant in einem neuen Herbstmantel mit enger
Taille. Savezzo musterte ihn mit dster leidender Miene und sagte dem
Sekretr voraus, da er schwitzen und sich erklten werde. Der Advokat
lobte vielmehr Camuzzi, weil er dem einheimischen Handwerk zu verdienen
gebe. Polli stellte fest:

Tatsache ist, da wir alle -- kurz, wir haben uns verndert. Entweder irre
ich mich, oder sogar dein Bruder, Advokat -- und er nickte nach dem
Nebentisch, wo Galileo Belotti und der Baron Torroni mit den Pchtern eine
lrmende Unterhaltung fhrten: ja doch, er hat eine andere als seine
Arbeitshose an.

Und was die Frauen betrifft, begann der Leutnant Cantinelli. Der Advokat
unterbrach ihn:

Und warum haben wir uns verndert, meine Herren? Weil wir durch unser
Theater endlich ein wenig Bewegung in die Stadt bekommen haben. Daher Ihr
neuer Mantel, Herr Camuzzi, mit dem Sie selbst fr meine Ansicht kmpfen;
daher die neue Blte unseres ffentlichen Lebens!

Er rundete die Arme, als wollte er den wei beleuchteten, vollen und
schwatzenden Platz damit umfangen.

Nie sah man so viele Frauen mit Hten! rief der Apotheker.

Freilich sagen die beiden Frulein Pernici, begann der Leutnant wieder,
da einige Hte nicht von ihnen bezogen und darum nicht schn seien.

Jeder nannte, ohne den andern zu hren, die Frau, die ihm am besten
angezogen schien. Hinter den Brgern, an der Mauer, fragte Flora Garlinda
den Kapellmeister:

Und Sie, Maestro? Denken Sie an Ihren Ruhm, den die >Glocke des Volkes<
verbreiten wird? Denn Sie haben es so einzurichten gewut, da neben Ihnen
wir andern heute abend ganz verschwanden.

Und er, mit weichem Lcheln:

Ich bitte Sie um Verzeihung, wenn ich Ihnen gegen meinen Willen weh getan
habe. Ich wei nicht, was andere denken, was andere fhlen: fr mich hat es
heute nur eine gegeben, nur eine, bei der Schnheit und Gre waren. Flora
Garlinda, die falsche Scham sollte uns nicht hindern, die Wahrheit zu sagen
. . .

Seine blauen Augen glnzten feucht in seinem rosig bewlkten Gesicht. Sie
musterte ihn kalt.

Es war ein groer Abend, stammelte er. Vielleicht waren wir alle nur
dazu da, Sie noch grer zu machen. Aber auch ich habe gelebt heute abend,
und ich danke allen dafr --

Mit einer zitternden Geste:

Allen.

Sie sah, die Mundwinkel gesenkt, dster weg.

Auch noch danken, murmelte sie. Ich hasse alle, weil ich sie nicht
einfach verachten kann. Ich hasse sie, und ich -- liebe sie. Vielleicht
mchte ich, da sie mir zujubeln und daran ersticken. Danken? Bilden Sie
sich ein, da, was geschieht, um Ihren Dank geschieht? Fhlen Sie nicht,
wie alles bse und gefhrlich ist?

Sie zuckte die Achseln und drehte ihm den Rcken.

Den schnsten Hut -- und der Advokat verbeugte sich mit Wucht nach dem
Tisch zur Linken, ah! nur Frau Aida Paradisi hat ihn.

Die beiden Tchter lugten unter der weiten schwarzen Spitzenwolke hervor,
die ber dem Haupte der Mutter schwebte, und auch der Kaufmann Mancafede
zeigte sich darunter. Er erhob ein Glas Punsch und schlug vor, die Tische
zusammenzurcken. Es geschah; und sogleich fragten die Damen nach dem Tenor
Nello Gennari. Man suchte ihn vergeblich.

Aber ist es zu glauben, sagte der Advokat, da dort hinten eine Nonne
umherstreicht? Nach Mitternacht noch sind diese heiligen Unterrcke
unterwegs! Sollte man nicht der kirchlichen Behrde einen Wink geben?

Er ist so zart, der arme junge Mensch -- Mama Paradisi wand sich nach
allen Seiten, um ihrer Stimme den delikatesten Fall zu geben. Sein
Unwohlsein von vorhin wird er noch spren; und vielleicht vertrgt er auch
die Nachtluft nicht.

Der junge Savezzo verfolgte unter gewulsteten Brauen den Zipfel einer
weien Flgelhaube, der aus dem Schatten des Bogenganges hervorhuschte und
wieder darin verschwand. Wie der schne Alf mit Kaffeegeschirr
vorberlief, hielt Savezzo ihn an.

Alf, raunte er, man nimmt dir die Alba weg.

Der Sohn des Cafwirtes lchelte glcklich.

Die schne Alba, ich werde sie heiraten.

Bist du so gewi, da sie dich liebt?

Warum kommt sie sonst tglich zur Messe? Nur um hier vorberzugehen und
mich anzusehen.

Aber seit einer Woche kommt sie nicht mehr.

Sie kommt nicht mehr, -- und die Augen des jungen Mannes strahlten vor
Eitelkeit -- weil sie mit mir schmollt; denn das letztemal habe ich
versumt, sie anzusehen, weil ich den Wein aufwischte, den der Schlchter
Cimabue verschttet hatte. Im Mai aber bin ich zwanzig Jahre alt und
heirate sie, sie mag ruhig sein.

Alf, man verfhrt dir die Alba. Es ist der jngste der Komdianten, jener
Tenor, der sie dir verfhrt.

Alf schttelte glucksend den Kopf.

Du glaubst mir nicht? sagte der Savezzo. Ich habe es gesehen. Der
Komdiant ist heute in Ohnmacht gefallen, weil er alle Nchte, verstehst
du, dort drauen verbringt.

Das Lcheln des schnen Alf ward nachdenklich. Pltzlich fletschte er die
Zhne.

Wo ist der Komdiant? -- und er griff unter schnarchenden Lauten in die
Hosentasche. Der Savezzo zog ihm die Hand heraus.

Wenn er da wre, htte ich nicht mit dir gesprochen; denn ich will nicht,
da ein Unglck geschieht. Auch kann ich mich irren. Vielleicht hat er sie
noch nicht verfhrt, deine Alba. Ntigenfalls werde ich dich warnen, ja,
ich werde dir die beiden zeigen. Aber du mut versprechen, vernnftig zu
sein.

Der schne Alf lchelte wieder vollkommen glcklich.

Wie sie mich liebt, die Alba!

Ein Jubelgeschrei erhob sich. ber allen Huptern erschien in den Hnden
des Gevatters Achille ein Tablett mit drei Flaschen Asti. Unbemerkt hatte
der Apotheker sie bestellt. Der Herr Giocondi lie sich von ihm einschenken
und erklrte:

Da deine Frau dich nicht mit Asti empfangen wird, ist es gut, wir trinken
ihn jetzt.

Welch glnzendes Leben wir fhren! rief der Advokat. Wer das alles noch
vor acht Tagen vorhergesagt htte! Auf taghell erleuchtetem Platz stoen
wir mit schnen, prachtvoll geschmckten Frauen an, und um uns her bewegt
sich eine Gesellschaft, auf die manche bedeutende Stadt stolz wre. Unsere
alten Monumente sehen sich mit Staunen verjngt durch die Wogen des
Verkehrs, die sie umfluten; das Blut pulst heftig in den Adern unserer
Stadt; und wehe dem --

Er stie den Arm nach dem Dom aus.

-- der es wagen wollte, den Fortschritt aufzuhalten.

Auch die andern waren in diesem festlichen Augenblick der Zuversicht, da
Don Taddeo den Eimer werde herausgeben mssen. Camuzzi allein uerte
Zweifel. Der Mittelstand sei unzufrieden, er drohe die Reihen der
klerikalen Opposition zu verstrken. In all dem Glanz erweitere sich,
setzte der Sekretr hinzu, ein dunkler Fleck. Niemand hrte auf ihn; der
Apotheker schwenkte sein Glas vor der Primadonna.

Es lebe die >Arme Tonietta<! Ich glaubte immer, solch einen Tag wrde ich
nicht wieder sehen; denn dies ist ein Tag wie zu Zeiten Garibaldis. Der
Advokat hat recht: wir sind hier in einer kleinen Stadt, aber was fr groe
Dinge erleben wir!

Man trank einander zu; man trank den Pchtern nebenan zu. Galileo Belotti
und der Baron Torroni kamen mit ihren Glsern und forderten die Damen auf,
auch ihnen und ihrer Gesellschaft die Ehre eines Besuches zu geben. Italia
war eben dabei, dem Apotheker zu schwren, da sie keinen Fu in die
Unterprfektur setzen werde. Galileo zog sie, unter Kratzfen, am Arm. Sie
folgte; aber bei jedem Schritt kitzelte sie mit den Augen den Apotheker,
der sich rtete.

Der Kapellmeister bemerkte pltzlich, da zu seiner Linken der Cavaliere
Giordano mit hngender Lippe und Falten auf der Brust teilnahmslos
hinausstarrte. Er mute den Alten anstoen, damit er aufhorchte.

Ihre Leistung war schn, Cavaliere, sagte er warm; sie war ergreifend:
ich danke Ihnen.

Der alte Snger bewegte mit einem mde spottenden Lcheln die Hand.

Ich htte es nicht tun sollen, sagte er.

Aber Sie sind ein groer Knstler! sagte der Kapellmeister erschreckend.
Wenn es Abende gibt, an denen Sie sich nicht ganz auf Ihrer gewohnten Hhe
fhlen --

Der berhmte Tenor legte ihm die Hand auf den Arm.

Sie sind ein guter junger Mann, Dorlenghi; Sie haben Mitleid mit mir.
Glauben Sie aber nicht, da ich zu jeder Stunde in Unwissenheit darber
bin, wie es mit mir steht! Morgen werde ich zweifellos mich dieser Worte
nicht mehr erinnern und wieder auftreten. Was kann man tun.

Der Kapellmeister sah auf seine Knie; er wagte nicht zu atmen. Der
Cavaliere Giordano hob mehrmals die Schultern; dann griff er nach seinem
Glas. Als es leer war, richtete er sich auf und lachte gewaltsam.

Ich rede Dummheiten: Sie werden es bemerkt haben, Maestro, und sie
hoffentlich vergessen. Wie Sie selbst wissen, hat man schlechte Abende, und
ich hatte sie schon vor dreiig Jahren. Was beweist das? Und selbst wenn
man sich eine Zeitlang zum Singen nicht disponiert fhlt, bleibt man darum
etwa nicht Mann? Gewisse Frauenblicke geben mir zu verstehen, da ich noch
heute einem Jngeren gefhrlich werden knnte. Sie machen groe Augen,
Maestro: Sie haben Grund dazu.

Was fr eine Frechheit! schrie der Apotheker mit einem mchtigen Schlag
zwischen die Glser. Dieser Bauernlmmel untersteht sich, das Frulein
Italia auf den Hals zu kssen!

Was denn, Bauernlmmel! keifte Galileo Belotti und trat ihm watschelnd
entgegen. Versteht sich, wir sind weder Gecken noch Schwtzer, aber wir
haben Fuste, wir!

Seine lndlichen Freunde besttigten dies.

Wir werden sehen! rief der Apotheker und stapfte auf seinem Holzbein der
feindlichen Schlachtreihe entgegen . . .

Der Cavaliere Giordano kicherte.

Sie sollten sich hten, Maestro. Ihre kleine Rina: ich bin ihr in diesen
Tagen fter begegnet, und es ist nicht sicher --. Sie hat mir gestanden,
da Sie sie vernachlssigen, und versteht sich, da ich mich daran gemacht
habe, sie zu trsten. Das Kind ist schchtern; dennoch scheint es, da die
Liebe zu mir im Werden ist; und wenn nun Sie, Dorlenghi --

Ein Krach: mehrere Sthle waren umgefallen, und Galileo Belotti kugelte
sich, vom Apotheker hingestreckt, im Staube. Die Pchter drangen auf den
alten Krieger ein. Er brllte, whrend er um sich stie, vor Wut, denn
einer von ihnen lud dort hinten Italia, die kreischte, auf seinen Wagen!
Der Baron Torroni kam, vom Wein brandrot, dazwischen: sie gehre ihm, er
sei ein Herr.

Was denn Herr, keifte Galileo Belotti zwischen den Beinen der Kmpfenden
hervor.

Seht ihr nicht? Das ist der Conte Tancredi mit der >Armen Tonietta<!
keuchte der Advokat in den Lrm. Alle Brger hatten die Arme in der Luft
und feuerten den Apotheker an. Mama Paradisi flchtete kreischend mit ihren
Tchtern; der Gemeindesekretr brachte seinen neuen Mantel in Sicherheit;
in weitem Umkreise zogen sich die nchtlichen Spaziergnger zurck; die
streitenden Pchter benutzten die Gelegenheit, ohne Zahlung zu
verschwinden; -- da ging, festen Schrittes und eine Hand in der
Hosentasche, der Bariton Gaddi auf die beiden Bewerber Italias los, stie
den Edelmann und den Bauern vor die Brust, da sie hintenber in den Wagen
fielen, und hieb auf das Pferd ein. Dann fhrte er, ohne sich umzusehen,
Italia, die in die Hnde weinte, durch die Gasse der Hhnerlucia von
dannen.

Lassen Sie doch jene Leute! -- und der Cavaliere Giordano stie den
Kapellmeister an. Unsere Angelegenheit ist wichtiger. Die Kleine wrde
mich gewi lieben, wenn Sie, Dorlenghi --

Der Alte murmelte etwas dazwischen; durch das Pergament seiner Wangen drang
ein wenig Rot, schn rund und kirschenfarben, wie frisch geschminkt.

-- wenn Sie ihr sagen wollten, da sie -- frei ist, da sie sich ohne
Furcht, die arme Kleine, ihrer Neigung zu mir hingeben darf.

Er schielte angstvoll auf den jungen Mann hinunter, der die Lider nicht
aufschlug und stumm schluckte. Pltzlich stand der Kapellmeister auf,
drckte dem Snger, immer ohne ihn anzusehen, die Hand und entfernte sich
schnell.

                   *       *       *       *       *

Welch hlicher Zwischenfall, sagte der Advokat Belotti; wir werden uns
hten, der >Glocke des Volkes< darber zu berichten. Solche Dinge, sagen
wir nur die Wahrheit! -- knnen in jeder Stadt vorkommen. berall gibt es
immer noch schlecht erzogene Leute; um so schlimmer, wenn man in seiner
eigenen Familie --

Ich habe so gut gelacht, sagte Flora Garlinda; es war so unterhaltend.

Wie? Aber man hat die Achtung vor Ihrem Geschlecht verletzt!

Sie warf die Lippe auf.

Ich freue mich, wenn ich es sehe. Ich selbst verlange nicht darum Achtung,
weil ich eine Frau bin, und ich hasse die Weiber.

Aber es war gefhrlich! Jene Bauern tragen Messer!

Warum haben sie sie nicht gezogen? Wie unterhaltend es gewesen wre! Wozu
ntzen alle diese Leute! Was knnen sie? Sie htten einander einmal stechen
sollen, das wre das beste gewesen, was sie je getan htten.

Die Mienen des Advokaten, des Tabakhndlers und des Herrn Giocondi trugen
entsetzte Mibilligung. Gleichzeitig rafften alle drei sich zurecht,
griffen nach den Glsern und stieen sie auf dem Tisch zusammen.

Auf die Gesundheit! sagten sie krftig.

Whrend sie tranken, erlosch die Bogenlampe; -- und pltzlich, wie aus dem
Schatten geboren, stand auf dem leeren Platz inmitten des seltsam scharfen
Gepltschers vom Brunnen ein kleiner Uralter und zog mit einer klapprigen
Verbeugung seinen randlosen Hut von fern vor dem Cavaliere Giordano -- und
dann noch einmal vor Flora Garlinda. In einem wankenden Tnzeln nherte er
sich; sein winziges Gesicht lchelte aus allen Runzeln, die glanzlosen
Augen versuchten eine stumpfe Schelmerei; -- und wie er beim Tisch
anlangte, legte er die Hand aufs Herz und ffnete, ohne da ein Laut
entstand, einen weiten, dunklen Mund, der das Gesicht zu verschlingen
schien. Der Advokat bemerkte, wie die Primadonna zurckschrak, und wendete
sich um.

Ah! da ist Brabr. Keine Furcht: es ist ein harmloser Verrckter, seit
dreiig Jahren ernhrt ihn der Herr Nardini in Villascura. Man hat nie
erfahren, wie er zu uns geraten ist. Sage den Herrschaften deinen Namen,
Brabr! Denn Sie mssen wissen, da dies der einzige Laut ist, den er je
von sich gibt. Sage Brabr!

Statt dessen kam aus dem gereckten Hals, woran lange, schlaffe
Sehnenstrnge schaukelten, ein feiner Fistelton: ein Ton, wie von einem
Kinde, das schwrmt und singen mchte.

Was fllt ihm ein, sagte der Advokat. So hat er noch nie getan. Was will
er?

Auch ich -- sagte eine erloschene Stimme; und der kleine Greis tastete
sich immerfort, mit Fingern aus lauter schwarzen Hautringen, ber Brust und
Hals. Auch ich --

Polli vermutete:

Er war im Theater: das scheint ihm geschadet zu haben.

Ah! machte der Advokat; und in der Erinnerung an das Benehmen des
Verrckten, der die Huldigung der Menge von ihm abgelenkt und, als
parodierte er ihn, das Volk gegrt hatte, lie er ihn streng an:

Was tatest du im Theater, Brabr?

Theater! -- und der Greis zuckte auf. Mit den Fingern am Hals: Auch ich
. . . Theater . . .

Der Cavaliere Giordano erkannte:

Er will sagen, der arme Teufel, da er frher einmal gespielt hat. Wie
hieest du denn damals, mein Freund? fragte er mit Wohlwollen und groer
berlegenheit. Der Uralte schlo die Lider, erhob tastend die Hand; und
alle seine Runzeln, die Faltenscke, zwischen denen der Mund verschwand,
sein ganzes eingeschrumpftes Gesicht stand angstvoll still. Auf einmal
ffnete es sich, begann zu arbeiten, den Augen entstieg eine schwache
Flamme, und der Mund kam herauf, um zu sagen:

Der Montereali.

Der Cavaliere Giordano lehnte sich zurck.

Der Montereali -- es ist lange, da ich den Namen nicht mehr gehrt habe.
Der Montereali, erklrte er dem Advokaten, war, als ich anfing, nicht
mehr auf der Hhe, aber man sagte, da er groe Zeiten gehabt habe. Seit
mehr als dreiig Jahren ist er tot.

Der Montereali, wiederholte der Uralte und deutete sich zitternd auf die
Brust.

Auf was fr Dinge die Verrckten verfallen! bemerkte der Advokat. Der
Herr Giocondi sagte:

Er ist gut aufgelegt. Bravo, Brabr!

Der zahnlose Mund stand wieder schwarz offen. Der Cavaliere Giordano legte
die Hand ans Ohr.

Er singt etwas: ja, eine Melodie, die ich -- vielleicht -- gekannt habe.
Welche Oper war doch das? Welche -- Oper --

Pltzlich hrte man Flora Garlinda laut auflachen. Alle fuhren herum: sie
lag mit den Armen auf dem Tisch und schrie gellend. Ihr schmaler Krper
ward geschttelt, aus dem blulichen Gesicht traten die Adern. Man
versuchte umsonst, ihre Finger vom Rande des Tisches loszumachen: ihr
Blick, voll der Verlassenheit einer nie gesehenen Angst, schreckte die
Helfer zurck, und sie lachte . . . Wie der Advokat sich die Stirne
trocknete, erschien in der Gasse der Hhnerlucia der Schneider Chiaralunzi.

Das Frulein ist nicht nach Hause gekommen, sagte er. Wo ist denn das
Frulein Flora Gar --

Da stockte sein Schritt, die Farbe verlie sein Gesicht, seine groen Hnde
schlotterten.

Ich habe ihre Stimme nicht erkannt, sagte er. Wie ist das mglich?

Kaum berhrte er ihre Hnde, und sie lsten sich. Sie lie sich von ihm
aufheben; er fhrte und trug sie, und dabei wiederholte er:

Das Frulein verzeihe die Freiheit, die ich mir nehme.

Polli, Giocondi und der Advokat sahen einander an.

Teufel, man wei nie, mit diesen Knstlern. Sie scheinen in bester Laune,
und dann auf einmal machen sie solche Sachen . . . Es wird vielleicht
besser sein, nicht darber zu reden? Wer wei, was die Leute vermuten, wenn
man dabei war . . . Hoffen wir nur, da sie niemand aufgeweckt hat . . .
Das ist sicher: die Unsichtbare hat einen guten Abend gehabt . . . Freund
Acquistapace ist lngst bei seiner Frau: er wird seine schwere Stunde
berstanden haben . . . Gute Nacht, Cavaliere. Sie bleiben also sitzen? Es
ist ein Uhr. Ah! wer wie diese Knstler am Morgen schlafen knnte.

Der Advokat kehrte nochmals um; er stellte sich dem kleinen Uralten
gegenber, der nun wieder allein inmitten des Platzes sein Gren und
Lcheln bte, und sprach zu ihm mild, aber bestimmt:

Das nchste Mal, Brabr, wirst du dir eine Art Verrcktheit aussuchen, die
den Leuten weniger auf die Nerven geht. Auch die Verrcktheit, Brabr, lt
sich regeln und organisieren. Du hast heute abend einen hlichen Epilog an
ein schnes brgerliches Fest gehngt. Aber die Tatsache, da du verrckt
bist, bedenke dies wohl, Brabr, gibt dir noch nicht das Recht, ein
schlechter Brger zu sein.

Da der Uralte, als sei nichts geschehen, weiterdienerte, verlor der Advokat
die Geduld, nahm ihn beim Kragen und befrderte auch ihn in die Gasse der
Hhnerlucia.

                   *       *       *       *       *

Der Gevatter Achille kam aus seiner Tr, um dem Cavaliere Giordano am
vereinsamten Tisch gute Nacht zu wnschen und ihn um Verzeihung zu bitten,
wenn er jetzt sein Lokal schliee. Der Platz lag dunkel und leer. In seinem
tiefsten Schatten, am Hause des Kaufmannes Mancafede, regte ein halboffener
Fensterladen sich, zitterte ein wenig und begann sich zu senken. Aber
dahinten aus der Nacht des Rathaushofes kam ein Schritt: -- und der Laden
am Hause Mancafede blieb stehen.

Nello Gennari hielt, den Kopf gesenkt, unter dem Torbogen an: da flsterte
etwas Weies, das fortflatterte:

Ihr sollt sogleich ins Theater zurckkehren und --

Er hrte nicht mehr. Eine kleine Nonne wendete sich nach ihm um, sie lief
noch einmal ganz nahe vorber.

-- und singen. Man wird Euch hren.

Die btissin? fragte er und langte nach der Erscheinung. Aber sie flog
schon die Treppengasse hinan. Er lief hinterdrein, die Arme erhoben. Die
Fe schienen ihm in Erde einzusinken, und doch hie es nun in den Himmel
folgen! Er merkte nicht, da er ber lagernde Ziegen fiel. Die Zhne
klapperten ihm, er dachte wirr: Alba ist gekommen, sie wartet auf mich.
Werde ich sterben mssen, wenn ich singe: >Die kostbare Nacht<? Sie kostet
vielleicht das Leben, die kostbare Nacht. Die btissin entscheidet nun. Wie
immer du entscheidest: Alba, ich bin dein!

Der Satz ber die letzten Stufen fhlte sich an wie ein Flug. Er sah sich
auf der weiten Terrasse vor dem Palast; die Nonne war fort. Habe ich
getrumt? Wie sollte zu dieser Stunde Alba herkommen; was wei sie von mir?
Jemand verhhnt mich. Da drckte er die Augen zu und strzte hinein.

Die Gnge waren nicht ganz dunkel; und zwei Kerzen in Laternen an den
Kulissen sandten eine schwachrote Bahn zwischen den getrmten Schatten von
Saal und Bhne, die Rampe entlang. Nello Gennari betrat, die Hnde um die
Schlfen, in zwei strzenden Schritten die Bhne und schttelte sich ganz.
Die Tne versagten ihm, sein Atem flog. Er zgelte ihn, um hervorzubringen:

Die Nacht wollen wir genieen, sie kostet vielleicht das Leben, die
kostbare Nacht!

Er gelangte, stockenden Schrittes, bis in die Lichtbahn vor der Rampe und
erhob, die Handflchen hingewendet wie ein zum Sterben Bereiteter, den
Blick. Das Dunkel droben war undurchdringlich. Zwischen ihren beiden
schlanken Sulchen deuchte ihm jene Loge dort, die dritte rechts, schwrzer
als alle: eine Galerie von Nchten, hindurchgeleitet durch Rtsel voll
Grauen und voll Entzcken.

Er wiederholte, den Kopf in den Nacken gebogen: Die kostbare Nacht; und
wie er die letzte Note aushielt, fhlte er eine Hand an der Kehle. Sie
wrgte ihn, weich und stark. Die btissin, dachte er und schlo die
Augen. Sie ist es, ich sterbe . . . Und soll dich nicht sehen, Alba? Als
er aber die Lider voneinander lste, entschwebten droben der Finsternis
zwei kleine weie Hnde, die lautlos applaudierten. Das ist das Glck:
jetzt wei ich, da es mir bestimmt ist! -- und Nello sank auf die Knie.

Kniend sang er: Sieh, Geliebte, unser umblhtes Haus heit uns blhen! --
und fhlte die Tne seiner Brust entstrmen, wie die unerschpflichen
Fluten des Glcks. Das Ohr geneigt, erwartete er den Einsatz seiner
Partnerin. Ihre Stimme! Ihre Stimme! Da fielen auf seine Hnde Blumen.
Gleich darauf ging eine Tr. Er sprang auf, strzte hinaus und erreichte
die Treppe frh genug, um sie zu versperren. Leichte Schritte liefen ganz
oben ein paar Stufen herab, wieder zurck, und enteilten. Er war hinterher.
Um eine Ecke flatterte eine Rockfalte. Unter der Tr eines Zimmers erkannte
er die dunkel fliehende Gestalt. Dort hinten, wo eine lange Galerie in
Schatten zusammenfiel, spreizte eine unsicher schimmernde Hand sich
beschwrend rckwrts. Durch die himmelhohen Fenster eines Saales warf
sich, zwischen zwei Wolken, die es berjagten, ein kleines angstvolles
Sternenlicht auf einen eingesunkenen Thron, zersprungene Bilder und ein
weies Profil, das dahingleitend in einem Schrei ohne Laut den Mund aufri.
Den Augen des Verfolgers entstrzten Trnen; vor Trnen sah er die nicht,
die dicht vor ihm laut atmete, strauchelte, ein Fenster aufri. Er blieb
stehen, er erhob langsam die gefalteten Hnde. Seine Augen, die sich
entschleierten, trafen den Schatten unter ihren Brauen. Einander gegenber,
schwiegen sie und blieben reglos. Sie hielt die Arme ber die
Gitterschranke des bis zum Boden offenen Fensters gebreitet. Der Umri
ihres Kopfes zerging in dunkler Luft. Ein Wasser rauschte, vom Felsen
hinter ihr, in groe Tiefe.

Aus einer jagenden Wolke glitt wieder jener Sternenschein, da sagte Alba:

Du hast geweint.

Denn ich mute dich ngstigen, sagte Nello. Aber wenn ich jetzt nicht
bis zu dir drang, wars aus. Verstehst du, was das heit?

Ich wei alles.

Alba!

Sogleich ri er den Fu wieder zurck: ihr Nacken lag weit drauen, sie
rief:

Rhre mich nicht an!

Schaudernde Stille; -- und dann, unmerklich zuerst, sank sie nach vorn,
seinen Armen entgegen.




IV


Es schlug vier.

Wir mssen fort, sagte Alba. Zwei Stunden noch, und wir kommen nicht
mehr ungesehen ber den Platz.

Zwei Stunden noch, sagte Nello. Bleibe doch, bleibe! Du hast mich so
lange warten lassen auf diese Stunde.

Und beim nchsten Glockenschlag, der sie aufschreckte:

Fnf Uhr! O Nello, ich bin verloren.

La mich in den Abgrund springen, und du bist gerettet!

Er lehnte sich schon hinaus; sie hngte sich an ihn.

O Nello, du liebst mich nicht!

Sie schlo die Augen. Als sie sie ffnete:

Ich bin bereit. Wir werden ber den Platz gehen und uns zeigen.

Alba! verzeih mir. Warum nicht hier bleiben bis zur Nacht? Wir wren so
glcklich! In der Nacht trage ich selbst dich fort, ich verspreche es dir.

Es geht nicht, man wrde mich vermissen. Jetzt mssen wir durch das
Kloster und den Berg hinab nach Villascura. Komm, deine Hand, mein
Geliebter!

Am Tor des Klosters:

Um halb sechs wird eine der Schwestern ffnen: wird es Amica sein? Amica
ist die Tochter unseres Grtners, sie war zu Hause meine Dienerin und
sollte es nun hier sein.

Alba sah das Tor des Klosters an und schlug die Augen nieder.

Als um Mitternacht alle in der Kirche beteten, hat Amica sich
fortgeschlichen, um dir zu sagen, da ich dich erwartete. Wird heute die
Pfrtnerin Amica sein?

Sie war es. Wie sie ihr folgten, mit heimlichem Hndedruck:

Sind wir nicht zu glcklich? Wie gro mu einst das Migeschick sein, das
unser Glck endet.

Rasch durch den Garten! flsterte Alba. Wenn man hier einen Mann she --
und mit mir! . . . Gottlob, der Baumgang schtzt uns . . . Jetzt hinab. O
frchte nicht fr mich! Es sieht steil aus wie eine Mauer, aber ich wei
Stufen, und vielleicht wei nur ich sie. Dies ist ein vergessener Weg. Die
Stufen sind zerfallen: gib acht! Hier unterbricht eine Schlucht sie, aber
ich finde sie wieder. Deine Hand, mein Geliebter!

Alba, an deiner Hand ist Blut. Ich sehe es kaum im Zwielicht, aber meine
Lippen schmecken es . . . Wir sind in einer Hhle aus groen Steinen.
Willst du nicht rasten? Dein Mund, meine Geliebte!

Wir mssen weiter. Werde ich das Haus offen finden? Wirst du entkommen?
. . . Gleich haben wir die Terrasse erreicht. Die Tr auf der Terrasse
steht offen. Jetzt soll es also sein?

Jetzt soll es also sein? Noch einmal, bevor ich dich nicht mehr sehe,
deine Augen, Alba!

Nein! ich kanns nicht. Wir steigen nicht weiter hinab. Jenes Gebsch
verdeckt einen Vorsprung des Felsens; es steht eine Bank dort.

Auf seiner Brust:

Wie oft, o Nello, habe ich mich, als ich Kind war, an dieser Stelle vor
den andern versteckt, vor Gespielinnen, die mich holen wollten. Ich fhlte
mich von ihnen verschieden. Wenn sie spter vom Heiraten sprachen, dachte
ich: >Mein Gatte wird also grer sein, als die euren alle< . . . Nun
gehre ich dir; und das scheint mir noch seltsamer, furchtbarer und ser,
als wenn ich Christus gehrte.

Du machst mir beklommen, Alba. Denn ich, ach, ich bin wie alle. Wir sind
so viele in Verona, die das Singen lernen und durch das Land ziehen. Ich
bin arm. Glcklich war ich, wenn ich vier Monate im Jahr singen durfte fr
wenig Geld. Die brige Zeit sah ich den Himmel an und lie das Leben
vergehen. Was aber geschieht mir, seit ich dich liebe!

Sie lste sich von ihm, richtete sich auf, sah gerade aus. Ihr bleiches
Profil, die Nase zierlich und scharf gebogen, das Kinn in gerade Schatten
gefat, erblickte er im dstern Glanz des Auges geschliffen wie einen
Dolch.

Wirst du mich immer lieben? fragte sie und sah ihn an. Er drckte die
Lider zu, betastete das Herz, als schmerzte es, und schttelte heftig den
Kopf.

Immer.

Sage mir, welche Frauen du vor mir geliebt hast!

Keine! keine! Ich schwre es dir. Ich wei von keiner andern Frau, ich
werde von keiner wissen. Alba, wie ich dich liebe!

Nello, wie ich leide!

Auch du?

Und wie wir glcklich sind!

Sie saen sich zugewandt, die Knie verschrnkt, die Hnde eines jeden
gespreizt auf dem Rcken des andern, und atmeten einander, aus tdlich
gespannten Gesichtern, leise keuchend in die halboffenen Mnder.

Um Vergebung! wisperte es; und immer durchdringender:

Um Vergebung!

Aufseufzend lieen sie sich los. Drunten auf der Terrasse tanzte der
Barbier Nonoggi, zwei Finger prete er unter schwindelnden Grimassen ans
Herz, auf die Lippen und wieder aufs Herz.

Ich wollte, da ich gerade dem Herrn Nardini den Bart gemacht habe, die
Herrschaften nur warnen, weil Gefahr droht. Meine Absichten sind die
redlichsten, und niemand kann schweigen wie ich. Sogleich aber wird der
Advokat Belotti hier sein, und Sie wissen wohl, da er das bseste
Klatschmaul der Stadt ist . . . Nicht dorthin! Gehen Sie das Haus entlang,
nach dem Wasserfall. Sie werden zufrieden sein mit meinem Rat, -- und wenn
ich Ihnen sonst mit etwas dienen kann: ich habe Parfmerien, Zpfe, Fcher
. . .

Sie klommen, und riefen einander leise Mut zu, ein Stck hinan, um den
Abstieg nach dem dunkelsten Flgel des Hauses zu finden, wo der Wasserfall
vorbeischnellte. Sie liefen hinab: unversehens war der Berg nach innen
gekrmmt; Steine rollten in die Hhlung; unter ihren Fen schwankte es.
Sie wagten sich nicht mehr zu rhren. Der Staub des niederschieenden
Wassers sprhte sie an. Da zischelte es von der ebenen Erde her:

Vorsicht! Wir sind nicht allein.

Der Advokat Belotti machte drunten einen Krafu; er rundete die Hnde um
den Mund.

Auf mich knnen Sie sich verlassen, wie Sie wohl wissen; aber das Unglck
will, da der Barbier Nonoggi in der Nhe ist, der die bseste Zunge von
allen hat. Fliehen Sie!

Da sie regungslos hinuntersahen:

Wie? Sie werden mir doch nicht mitrauen? Ich bin, wie gewhnlich, der
Eier wegen da, und zum Beweise kann ich Ihnen sagen, da sie heute um zwei
Soldi teurer sind.

Dabei begann er, sich hinten ein langes Netz herauszuwickeln.

Pltzlich krachte der Boden und sprang ihnen fort. Der Busch vor ihnen ward
von steiniger Erde hinuntergerissen.

Halten Sie sich an jener Pinie! rief der Advokat. Aber sie griffen nicht
um sich: sie faten nur nach einander. Die Arme einer um des andern
Schulter, strzten sie.

Nello ffnete die Augen und tastete nach Alba. Sie glitt von ihm herab;
dann richtete auch er sich auf; sie sahen sich um. Droben ber dem
Wasserfall, beim Elektrizittswerk, standen Arbeiter und bogen sich vor
Lachen auf ihre Knie. Unten lehnte der Advokat Belotti breitbeinig
hintenber und schmunzelte fett. Der Barbier Nonoggi lief, die Hand vor dem
Munde, davon. Alba und Nello stiegen, und bei jedem Schritt betrachteten
sie einander ernst, auf den Weg hinab.

Der Herr Nardini kommt, zischelte der Advokat, -- und sie flchteten das
Haus entlang, ber die Terrasse, in die Tiefe des Gartens und das Dunkel
des Zypressenganges. Auf einer begrnten Bank sanken sie einander an die
Brust.

                   *       *       *       *       *

Hat nicht vor langer Zeit eine Uhr geschlagen: viele Schlge? fragte
Alba. Ich hrte sie wohl, aber mir war, es sei nicht wirklich und es gelte
nicht. Nun werde ich gehen mssen.

. . . O Himmel! Die Stunde des Essens ist versumt, der Grovater wird
mich suchen, was tun? . . . Mein Geliebter, tritt in die groe
Brunnennische an der Bergwand. Der Knabe und das Mdchen auf dem
Brunnenrand blasen einander nur einen schwachen Strahl ins Gesicht; sie
werden dich nicht na machen, wenn du hinter den hohen Pflanzen in der
Nische stehst.

Ich kenne sie. Wie oft habe ich darin gestanden, wenn Schritte durch den
Garten kamen. Aber nie, o Alba, waren es deine!

Hinter der Terrassentr stand ich und sah dich. Ich habe dich meine
Fuspuren kssen gesehen, Schner, der du bist.

Sie hielt an, um sein Gesicht mit ihren Hnden zu umrahmen.

Alba, dein Haar! Als ich es zuerst sah, glnzte es darin rot wie Kupfer.
Jetzt ist es ganz schwarz.

Es war niemals wie Kupfer. Mchtest du, da es schner wre?

Du bist eine Hexe! Ich frchte mich vor dir.

Da bemerkten sie, da sie ganz nahe beim Hause standen. Sie ri sich los;
er entwich in den Schatten.

Er hatte kaum das Versteck erreicht, da kehrte sie zurck. Er strmte ihr
entgegen; sie erwartete ihn mit einem flammenden Lcheln; und um ihn
aufzufangen, knickte sie ein wenig ins Knie und schnellte wieder auf, wie
beim Kommen und beim Sturz einer groen Welle.

Der Grovater ist gleich nach dem Essen fortgegangen; wir sind allein und
frei. Begreifst du es? Begreifst du es?

Ah! Wir knnen uns also auf die Bank bei den Blumen setzen.

Die Hyazinthen duften so s, da man sterben mchte, sagte Alba.

Ich brauche mich nicht mehr hinter euch zu verstecken, rief er den beiden
Figuren auf dem Brunnenbecken zu. Ihr knnt gehen!

Er warf dem Knaben einen Stein in den Mund. Der Wasserstrahl brach ab. Ein
Schrei.

Er hat sich nach uns umgesehen! Sie hat geschrien! O Nello, was tust du,
wir werden Unglck haben.

Du, Alba, hast geschrien: du, -- und er schlo ihre angsterfllten Augen
an seiner Brust. Ihre Hand erhob sich, wei langend, nach seinem Kopf; er
drckte den Mund in ihre Schulter; und durchtrnkt mit dem beienden,
schmerzlich berauschenden Geruch ihres feuchten, halb wahnsinnigen Krpers,
erschrak er, weil er hatte spielen knnen.

Sie begann zu sprechen.

Sonst, wenn ich am Abend aus der Kirche kam und in unserem schwarzen Hause
ein Fenster hell sah, dachte ich: wie lange wird mein Grovater sein Licht
noch anznden, dann brennt meins dort oben, in dem Hause auf der Bergkuppe.
Es war mir befreundet, ich nickte ihm zu. Jetzt -- sieh hinauf, ich kann es
nicht --, hat es nicht eine furchtbare Gestalt? Will es mich nicht tten?

Bauchig und grau in den Felsenrand gekrallt, mit krummschnabeligem Dach und
zwei bse blinkenden Fenstern daran, hockte das Kloster in der Hhe wie ein
Raubvogel, der den Fang abpat.

Es will mich nur noch tot. Im Leben habe ich einzig dich. Was soll aus mir
werden, wenn du mich verlt? Noch niemals wute ich, was es heit, allein
zu sein: jetzt ahnt mirs.

Er griff fester um sie, die der Schauder schttelte.

Nie, nie verla ich dich!

Sie legte das Gesicht nach oben, bewegte es langsam und stark hin und her,
und groe Trnen stockten auf ihren Wangen.

Es ist unmglich, da du mich liebst, wie ich dich.

Sie machte sich los, sie tat, die Hnde vor den Augen, zwei wankende
Schritte in den Schatten hinein.

Wir sollten sterben, sagte sie. Schon jetzt.

Da sind Blumen, sagte er, ein weicher Teppich. Wenn wir heute nacht
darauf einschliefen?

Du willst? Du liebst mich also?

Wir wrden tun, was die Tonietta und ihr Piero nicht taten, setzte er
hinzu und lchelte stolz.

Wer sind die?

Berhmte Liebende. Werden auch wir einst berhmt sein?

Ich will dich singen hren, ich will dich wieder singen hren! und sie
hngte sich, zitternd, an seine Schulter. Nello! das ganze Leben fr deine
Stimme. Meine ist schwach, ich kann nicht sagen, wie ich liebe. Du kannst
es!

Die Probe! rief Nello. Der Maestro war nicht zufrieden mit mir, und
heute abend soll ich vor dir singen! Denn du wirst kommen: sage, da du
kommen wirst!

Da du es willst . . . Ich werde ber den Berg zurcksteigen. Vom Kloster
fhrt ein Gang ins Schlo, Amica wird mich begleiten. Werde ich mich bis
vor die Tr der Loge wagen, deren Schlssel der alte Corvi mir heimlich
verkauft hat, und die Lichter, die Menge, das Fest des Saales wie eine
Glorie um dich her sehen, mein Geliebter?

Ich fhle, da ich zum erstenmal gut singen werde. Komm mit mir, gleich
jetzt! Solange ich dich habe, bin ich mir solcher Kraft bewut, als wre
ich ein Held.

Ich gehe mit! Die Strae ist leer, es ist hei, -- und kmen auch Leute;
was wissen sie? Was knnen sie gegen uns?

Was knnen sie gegen uns!

Ein Ebereschenbaum flammte im blauen Himmel. Alba lief hin; -- da schrie
sie laut auf: eine groe Schlange lag, quer ber der Strae, schwarz im
Staube. Nello hob einen Stein auf; und da Alba ihn zurckhielt:

O la! Was kann mir geschehen: mir, den du liebst.

Er ging, und holte schon zum Schlage aus, rasch auf die Schlange los. Seine
Hand zuckte schon: da sah er am Halse der Schlange Blut. Sie war tot! Im
selben Augenblick flog der Stein. Alba lief herbei.

Du hast mich gengstigt, Bser. Wie tapfer du bist! Ein Held, mein
Geliebter ist ein Held!

Sie kte ihm die Hand. Er entzog sie ihr und sthnte.

Was hast du, mein Nello?

Dieses Tier ist widerwrtiger tot als lebend. Steige nicht darber weg,
Alba. Kehre um, ich sehe Leute. Kommst du ins Theater? O komm! Ich werde
singen knnen heute abend, und vielleicht kann ich nur das?

Er ging, den Kopf gesenkt zwischen den heraufgezogenen Schultern, allein
weiter.

Ich habe Alba belogen! . . . Aber ich hielt die Schlange, als ich
zuschlug, fr lebend. Habe ich Alba also belogen? Ich bin nicht feige. Wie
sie mich liebt! Wie wir uns lieben! Sterben wre nichts . . .

                   *       *       *       *       *

Der Platz war noch unbelebt; vor dem Caf las Gaddi eine Zeitung.

Auch du kommst umsonst! rief er ihm entgegen. Die Probe ist abgesagt.
Der Maestro hlt lieber eine Probe fr seine Messe ab. Versteht sich: der
Maestro Viviani ist ihm weniger wichtig als der Maestro Dorlenghi.

O Virginio! -- und Nello prete die Hand des Freundes, als wollte er sie
zermalmen: Wie wir uns lieben!

Gemacht? Meinen Glckwunsch. Da es ein reiches Mdchen ist, wirst du dich
nun nicht struben, sie zu heiraten. Ohnedies lese ich da gerade von dem
Bankrott der dramatischen Gesellschaft Valle-Bonisardi, von der ich mich
fast htte engagieren lassen.

Nello lachte, klar wie Gold.

Du weit ja nicht: ich singe ihr vor, ihr ganz allein. Ah! du weit nicht:
ich habe eine Schlange gettet, die daran war, sie zu beien.

Er strich sich das Haar zurck, seine Brust dehnte sich, ein kraftvolles
Lcheln ging durch seine Zge. Gaddi betrachtete ihn.

Ich leugne nicht, da du aussiehst wie ein Gott. Aber man kann nicht alle
Tage Schlangen tten; und auch das Singen ist eigentlich keine
Beschftigung fr das ganze Leben.

Das Lcheln des Glcklichen erlosch auf einmal; er lie ein bleiches,
abgespanntes Gesicht auf die Brust sinken.

Was ist frs ganze Leben, murmelte er. Wenn ich umkehrte und
zurckginge, gleich jetzt, gleich jetzt: bin ich denn sicher, sie noch zu
finden, noch die Liebende zu finden, die ich erst eben verlie? War nicht
alles ein heftiger Traum?

Da Gaddi ehern lachte:

Ich bin verrckt, wie? Sage mir, da ich einfach verrckt bin! -- und er
stimmte ein. In den Fenstern ihres Hauses keuchte Mama Paradisi: Sieh,
Geliebter, unser umblhtes Haus; eine ihrer Tchter schrie blechern ber
den Platz das Gebet der Tonietta, indes die andere brummte: Ich habe ein
Recht auf eure Weiber, ich bin der Herr.

Und meine Frau! sagte der Barbier Nonoggi, der herbeihpfte. Sie singt
schon, seit sie aufgewacht ist: >Welche Erlsung, nicht mehr von Liebe zu
wissen<, und doch erinnere ich mich nur zu gut, da sie noch diese Nacht
davon gewut hat.

Nello schttelte sich. Die Herren Polli und Giocondi trafen ein und
klopften dringend auf den Tisch.

Einen Vermouth, Gevatter Achille, der Tag wird hei werden. Siehst du, wie
hoch es bei der Konkurrenz hergeht?

Der Wirt des Cafs zum Fortschritt hob seine schweren runden Schultern.

Eine Konkurrenz nennt ihr das? Habt ihr, die ihr doch schon fnfzig Jahre
in der Stadt seid, schon je gewut, da hinter dem Vorsprung des Hauses
Mancafede noch ein Caf steckt? Das Caf >zum heiligen Agapitus<: ich habe
erst heute meinen Alf hinbergeschickt, um zu sehen, wie es heit.

Und er spie aus. Trotz seiner Verachtung atmete er krzer als sonst und
hatte die Stuhllehne ntig, um seinen Bauch zu sttzen.

Das Caf >zum heiligen Agapitus<! rief Nello hell. Bekommt man dort
Weihwasser zu trinken?

Wie viel Geist der Herr hat! sagte der Gevatter Achille und kicherte.
Nonoggi zog einen Zopf aus der Brust.

Sie sind ein glcklicher Mann, Herr Nello Gennari. Da habe ich alles, was
Sie wnschen. Auch Fcher sind da.

Nello lachte, ohne zu hren.

Das hindert nicht, erklrte Polli, da sie schon jetzt dort drben zu
Haufen sitzen, und der Freund Giovaccone fngt erst an, seine Tische auf
den Platz hinauszustellen. Der ganze Mittelstand ist in Aufruhr: man sollte
es nicht glauben, wegen der leeren Loge!

Und es scheint, da sie sich mit Don Taddeo verbnden, setzte der Herr
Giocondi hinzu.

Fr Sie! kreischte Nonoggi. Alles fr den Herrn Nello! Und wenn Sie
meinen Laden beehren --

Er zerrte den jungen Mann am Arm.

-- werden Sie ein hochelegantes Necessaire finden, wie es fr einen Mann
in Ihrer Lage pat.

Nello wehrte ab. Er sah sich leuchtend um. Wie alles belustigend war!

Ah! dieser Don Taddeo! -- und Polli verschrnkte die Arme. Es scheint,
er will den Entscheidungskampf.

Ein Demagoge, rief Giocondi, der heute frh bei der Predigt das Volk
aufwiegelt gegen die Herren! Sie waren nicht in der Kirche, Herr Gaddi?
Auch ich setze keinen Fu mehr in die Bude. Ist es etwa erlaubt, dem Volke
zu predigen, es solle das Theater demolieren?

Der Barbier ri eine Hlfte seines Gesichtes schwindelnd hoch.

Was hre ich, Herr Nello? Sie wollen nichts kaufen? Wissen Sie denn, was
das heit? Es heit, da Sie mich ruinieren! Denn habe ich nicht alle diese
feinen Waren nur fr Sie kommen lassen und auf Ihren ausdrcklichen
Wunsch?

Das Theater demolieren! rief Nello und warf den Zopf in die Luft.

Wir werden zuerst das Caf >zum heiligen Agapitus< demolieren, sagte der
Gevatter Achille. Es ist lngst baufllig.

Ich bin ruiniert! kreischte Nonoggi und rannte einem Jungen nach, der mit
dem Zopf davonlief.

Polli nickte ernst.

In einem hat der Priester nicht unrecht: die guten Sitten sind bei uns
sichtlich im Schwinden begriffen. Man wei nicht, wen er mit der groen
Babel gemeint hat, die er so viele Male verflucht hat . . .

Die groe gelbe Choristin wird er gemeint haben, schlug Giocondi vor und
stie Polli vor den Magen.

Man mu zugeben, erklrte der Gevatter Achille, als ich heute frh
meinen Laden aufmachte, fand ich auf dem Sofa ein Liebespaar, das bei mir
die Nacht verbracht hatte.

Auch ich habe eins berrascht, sagte der Tabakhndler, auf meiner
Treppe, wie ich heimkam.

Giocondi erhob die Handflche gegen ihn.

Fange nicht davon an! In meiner Gasse: -- ich versichere euch, da man
darauf tritt. Und ich spreche noch nicht vom Hof des Rathauses, wo es so
dunkel ist.

Sie platzten aus; sie muten sich auf die Knie sttzen.

In diesem Augenblick kam der kleine Uralte vorbei, vor sich hinlchelnd,
mit einem dnnen Trllern.

Brabr! schrie der Herr Giocondi. Auch er war unterwegs heute nacht, und
ich brge euch dafr, da er manches zu sehen bekommen hat. Noch immer
amsiert er sich darber. Der Barbier tanzte vor Nello umher; er verzog
den Mund zum Weinen.

Sie werden begreifen, mein Herr: ich habe eine Familie zu ernhren, und
wenn der Herr darauf besteht, mich zu ruinieren, dann bleibt mir nur brig,
allen Leuten zu sagen, was ich wei . . .

Dabei hielt er an und sphte dem jungen Mann von unten in die Augen. Die
Frauen sahen aus den Fenstern: Nello stand, die Hnde auf den Hften, und
lachte, da es wie Gesang klang. Die andern lachten mit.

Und der Advokat! brachte Polli hervor. Man wei wohl, warum er an diesem
wichtigen Tage noch nicht auf dem Platz ist. Er hat die ganze Zeit in
seinem Studierzimmer zu tun. Er sitzt, weil es warm ist, in Unterhosen an
seinem Schreibtisch und empfngt die kleinen Choristinnen, die um einen
Vorschu bitten . . .

Ah! ihr Schweinigel, was singt ihr da? rief donnernd der Gevatter
Achille.

Sie wird vielleicht das Leben kosten, die kostbare Nacht, sang die Rotte
von Buben, aber mit vernderten Worten, und marschierte im Eilschritt
vorbei. Nello Gennari folgte ihnen lachend um den Platz. Vor dem Hause des
Kaufmannes Mancafede ri es ihn zurck: im ersten Stock hatte ein
Fensterladen sich bewegt; und Nello stand, sein letztes Lachen noch im
Halse, blinzelte scheu und hatte eine lange, ermattete Miene.

Die Unsichtbare! Ich hatte sie vergessen, sie aber hat mich immer im Auge
behalten. Sie kennt meine Schritte, sie wei auch, wohin ich den letzten
tun werde. Wohin? Wohin? -- und er richtete einen leidenschaftlichen Blick
auf die Dunkelheit zwischen den Brettern des Ladens. Gleich darauf, den
Hals abgewendet, die Hand gespreizt:

Nein! Nichts sagen! Lieber sterben, wenn es sein mte: sterben, ohne zu
wissen . . . Aber sterben?

Er verschrnkte die Arme, senkte das Gesicht auf sie, und ein Schauder
durchlief ihn heftig.

Albas Hnde nicht lnger um meinen Kopf spren, noch den Geruch ihrer
feuchten Haut je wieder einatmen; ihr Lcheln, dies weie Feuer, nie mehr
brennen fhlen . . . Ich htte gestern sterben sollen: gestern war es zu
ertragen . . . Welche Angst, wie viele Gefahren! Und ich konnte lachen?
Nonoggi hat mir gedroht; ich verstand es nicht; mir war, er triebe seine
Spe dort ganz unten, irgendwo am Boden. Jetzt sehe ich die grausame List
in seinen blutigen Augen. Ich mu zu ihm, ich kaufe alles, was er will!

Aber wie er herumfuhr, stand in der Ladentr der Kaufmann und lchelte
bedeutsam. Er wute alles, -- da seine Tochter alles wute! Das Schicksal
beschwichtigen! Sich Frist erkaufen!

Htten Sie nicht, mein Herr -- stammelte Nello. Htten Sie nicht --

Mancafede rieb sich die Hnde.

Ich htte einen Posten rotes Flanell, sehr geeignet fr dramatische
Knstler. Auch Stoff fr Herbstanzge htte ich. Aber berstrzen Sie nicht
Ihre Wahl, Herr Nello Gennari. Wenn ich meinen Laden am Sonntag schlsse,
wrde ich ihn doch fr einen Kunden wie Sie wieder ffnen.

Dieser Anzug gefllt mir; aber er wird fr mich zu teuer sein.

Der Kaufmann fiel ein:

Ich schicke ihn Ihnen -- und werde mich hten, einen Kunden von Ihrer
Bedeutung, mein Herr, wegen der Bezahlung zu drngen. Ich wei zu gut, da
man an Ihnen nichts verliert. Auch diesen Anzug vielleicht, der Ihnen
bezaubernd stehen wrde, oder diesen, an dem die Liebe jeder Frau sich
weiden mu?

Wie Sie wollen, murmelte Nello.

Also beide. Gut, mein Herr, Sie werden bedient werden. Dafr bekommen Sie
den roten Flanell zu einem Ausnahmepreis, -- und auf den grauen Wangen des
Kaufmannes zeigte sich etwas wie ein Widerschein seines roten Flanells.

Zu welchem Preis also? fragte Nello ergeben. Mancafede antwortete nicht;
er dienerte in der Tr. Darauf entschuldigte er sich. Sein altes
Hasenprofil lchelte zahm und schlau.

Eine Kundin ging vorber, mein Herr: nichts als eine Kundin.

Und indes Nello ber die grokarierten Stoffe gebeugt stand, fiel die
Matratze der Domtr hinter Alba zu.

                   *       *       *       *       *

Die Kirche war ganz leer. Alba strich den Schleier von den Augen, sah,
leise keuchend, umher wie nach Verfolgern und sank in der nchsten Bank auf
die Knie. Sie legte die Stirn in die Hnde. Als die kalte Luft ihren heien
Nacken wollstig erschauern machte, zog sie das Tuch darber. Ihre
Schultern zuckten, ihre Stirn prete, als wrde sie immer schwerer, die
schmerzenden Hnde gegen das harte Holz. Mit einem Ruck richtete sie sich
auf, betrachtete diese Hnde, betrachtete den See von Trnen, den ihre
beiden Augen auf der Bank zurckgelassen hatten, und schttelte langsam den
Kopf . . . Ein Gerusch in der Vorhalle: Alba flchtete in den Schatten
eines Beichtstuhles.

Sie glitt hervor, stahl sich bis hinter die Nonne, die vor der Kapelle des
heiligen Agapitus kniete, und tastete leise nach ihrem Saum: tastete und
stockte. Die Hand fuhr zurck, angstvoll um den Hals, woraus ein Schluchzen
brechen wollte. Die Augen hei auf der im Frieden Anbetenden, schlich Alba
rckwrts davon in das Dunkel.

Die Nonne war fort. Weite Stille: -- aber der lange gelbe Vorhang des
letzten Fensters dort hinten bewegte sich; etwas Schwarzes raschelte herab;
und unter der Trffnung zur Seite des Hochaltars erschien Don Taddeo. Er
beugte die Schultern, worauf Kalk lag; wie gebrochen ging er; sein
entzndeter Blick irrte durch das Schiff. Wie unversehens Alba hervortrat,
erschrak er, da seine Soutane schlotterte. Bei ihrer bittenden Gebrde
nach dem Beichtstuhl wich er jh aus und zog, als sei ihm bel, das Gesicht
zusammen. Sie legte die Finger aneinander und fhrte ihre Spitzen an die
Lippen. So ging sie, die erweiterten Augen geradaus, vorber. Auf der
Schwelle zgerte sie, wandte sich um nach ihm: ihre Blicke fielen
ineinander, unmerklich nickten ihre Lider sich zu. Der Priester schlo
seine. Er strich mit der Linken ber sie hinab; die Rechte stie er
unsicher in die Luft; mit groen, flatternden Schritten erreichte er die
Sakristei.

Alba, auf der Schwelle, stand atemlos . . . Endlich senkte sie die
Schultern mit Kraft, lie ber die Augen den Schleier und hob von der Tr
die Matratze auf, die den Lrm des Platzes erstickt hatte.

Eine Frau mit dem Spitzentuch auf den Haaren, eine Fremde, streckte drauen
soeben die Hand aus. Alba reichte ihr die Matratze, -- und Italia neigte
sich, um mit groen, neugierigen Tieraugen hinter der verhllt Fliehenden
dreinzuschauen.

                   *       *       *       *       *

Hier kommen Sie nicht durch, Frulein, sagte die Magd Felicetta; denn den
Dom entlang staute sich quer ber den Platz ein Haufe Frauen, die Kinder
hinaufhoben und durcheinander riefen.

Obwohl ich bei keinem der Herren mehr diene, sondern beim Bcker
Crepalini, der mit den Herren Krieg fhrt, gebe ich Ihnen doch einen Rat,
Frulein, denn Sie haben Mitleid mit den armen Leuten. Steigen Sie also vom
Corso die Gassen hinunter und kommen Sie beim Rathaus wieder herauf. So
werden Sie keine Unannehmlichkeiten haben. Denn der Platz ist voll von
Mnnern, die sich schlagen wollen. Sehen Sie meinen Herrn, den Bcker, vor
dem Caf des Freundes Giovaccone sitzen? Die Seinen sind zahlreich, und er
hat einen gewissen roten Kopf, den ich kenne. Wehe dem Advokaten Belotti!
Er wird nicht mehr lange das Wort fhren drben beim Gevatter Achille.

Frau Nonoggi und die Frau des Schusters Malagodi schrieen einstimmig:

Seht die Gottlosen! Sie sind die Feinde des Don Taddeo, und sie wollen ihm
den Eimer nehmen.

Das Gebell des Bckers drang durch.

Ah! die Herren wollen uns die Schlssel zu den Logen nicht verkaufen,
dafr werden sie den Schlssel zum Eimer nie zu sehen bekommen.

Er begann sogleich von vorn:

Ah! die Herren wollen uns --

Der Advokat Belotti keuchte seinerseits etwas herber, immer dasselbe, das
niemand verstand; aber man sah die Herren drben hhnisch lachen.

Pappappapp, machte sein Bruder Galileo am Tisch des Bckers.

Pltzlich kreischte aus ihrem Fenster die Frau des Apothekers Acquistapace
und schttelte die Faust:

Ah! Lgner, ah! Verrter, er sagt, Don Taddeo habe den Eimer verkauft, an
einen Amerikaner habe er ihn verkauft.

Vor dem Caf zum heiligen Agapitus war sogleich alles auf den Beinen;
alle Fuste waren in der Luft. Die Frauen vor dem Dom zeterten.

Der Advokat wird recht haben, schrie vor dem Rathaus aus Leibeskrften
der Barbier Bonometti, und er stie in der Schar von Mnnern den alten
kleinen Beamten Dotti an.

Schreit mit! Der Advokat wird recht haben mit dem Eimer. Er enthllt die
Intrigen der Sakristei. Er ist ein groer Mann, der Advokat!

Die Beamten schrien:

Es lebe der Advokat!

Der dicke alte Corvi setzte hinzu:

Er ist ein groer Mann, der Advokat, denn er wird mir die Stelle bei der
ffentlichen Wage geben.

Hat er uns nicht das Waschhaus erbaut? fragten die Mgde Fania und Nan
die Frau des Schusters. Es lebe der Advokat!

Die kleinen Choristinnen riefen im Gedrnge der Weiber:

Und er gibt Vorschsse, soviel man will! Er lebe!

Der Advokat winkte seinen Anhngern mit dem Hut; er sagte zu den Herren um
ihn:

Die braven Leute! Bei solcher Gesinnung eines Volkes ist es nicht
zweifelhaft, wer recht behlt: die Widersetzlichkeit, verbndet mit der
Reaktion, oder die Ordnung, die eins ist mit der Freiheit.

Immer die groen Worte, murmelte der Gemeindesekretr. Wer wei, auf
welcher Seite hier die Freiheit ist. Freiheit ist nicht dasselbe wie
Zgellosigkeit.

Beabsichtigen Sie eine persnliche Anspielung, Herr Camuzzi? fragte der
Advokat. Dann erfahren Sie, da ich mich eines Lebens, das frei von
Heuchelei ist, nicht schme. Ich wei mich einer ruhmreichen Tradition
verbunden. Offenbar ist Ihnen unbekannt, mein Herr, von welchen Mttern wir
stammen. An der Stelle unserer Stadt hat ein Heiligtum der Venus gestanden,
mein Herr.

Nun, es ist abgebrochen, -- und der Sekretr zuckte die Achseln.

Freuen Sie sich darber mit Ihrem Don Taddeo, diesem Demagogen im
Priesterkleid. Hat er nicht heute frh in seiner Predigt dem Volk
angeraten, wenn die Mchtigen sich der Wollust ergeben, solle es sie
niederreien? Ich wei wohl, welche Mchtigen gemeint sind --

Der Advokat wies sich auf die Brust.

-- und Ihr Don Taddeo soll bei dieser Gelegenheit erst merken, was Macht
heit!

Er schwenkte eine Zeitung. Der Tabakhndler kratzte sich den Kopf.

Sehr gut. Aber inzwischen sind wir wenige, -- und der Mittelstand lt
ganze Regimenter aufmarschieren. Man mu unsere Freunde holen. Auch werde
ich meinen Olindo suchen. Wenn er sonst nichts taugt, hat er doch Fuste.

Der Stadtzolleinnehmer erklrte, ebenfalls werben zu wollen und betrat die
Apotheke. Der alte Acquistapace stapfte heraus; er stie mit dem Stel
seines Mrsers um sich.

Romolo! rief es schrill von oben.

Es gibt keinen Romolo! brllte er. Es gibt nur einen Soldaten
Garibaldis, der die Sache der Freiheit in Gefahr sieht.

Und immer tapferer:

Wo sind die Feiglinge, die sich, aus Furcht vor ihren Weibern, in ihren
Lden verstecken? Wo ist Mancafede?

Er machte sich, seinen Stel schwingend, auf den Platz hinaus, dem
feindlichen Heer entgegen und mitten hindurch; niemand beim Caf zum
heiligen Agapitus wagte, so sehr sie fuchtelten, den alten Krieger
anzurhren; -- und wie Mancafede gerade den Rolladen herabzog, ward er
gepackt. Zitternd kam er mit.

Wucherer! schrie der Tapezierer Allebardi mit einer Stimme, wie sein
Bombardon, dicht unter der Nase des Kaufmannes, der erbleicht zurckfuhr.
Das Volk wiederholte:

Wucherer!

Dieb! -- und der alte Kneipenheld Zecchini war blau vor pltzlicher Wut;
Dieb, der allen Wein aufkauft, so da niemand ihn bezahlen kann und wir
verdursten mssen!

Wir wollen nicht verdursten! grlten seine Zechbrder.

Und wir hier wollen nicht verhungern, rief vom Rathaus her ein riesiger
Fuhrmann. Nieder mit dem Bcker!

Nieder mit dem Bcker! wiederholte das Volk; und Crepalini verschwand
rasch zwischen den Seinen.

Und die Kuchen des Serafini! gellte hinter dem Rcken des Fuhrmanns der
Konditorlehrling Coletto. Wollt ihr wissen, was er statt Zimt hineingibt?
Zerstoene Wanzen! Wanzenkonditor! Wanzenkonditor!

Ein Schrei des Abscheus; -- und ber allem jammerte eine Frauenstimme:

Isidoro! Mein Isidoro!

Mama Paradisi hing, alles vergessend, aus ihrem Fenster. Flieh, mein
Isidoro, sie werden dir weh tun. Lauf, lauf!

Mancafede sandte ihr einen trostlosen Blick hinauf; sein Hscher lieferte
ihn schon beim Caf zum Fortschritt ein.

Der Herr Giocondi fhrte den Baron Torroni herbei. Auch die Herren
Salvatori, Onkel und Neffe, folgten ihm.

Sie haben mir meine Fabrik wegeskamotiert, sagte er zum Salvatori und
klopfte ihn vor den Bauch; aber hier handelt es sich um die Freiheit, das
ist ein anderes Paar rmel.

Der Apotheker war hinter dem Barbier Nonoggi her, der unter blutigen
Grimassen wie ein Wiesel um den Platz lief. Beim Caf des Freundes
Giovaccone kreischte er, das Kreuz schlagend:

Don Taddeo ist ein Heiliger.

Und wenn er sich den Tischen des Gevatters Achille nherte:

Es lebe der Advokat!

Da der Apotheker ihn nicht fangen konnte, brachte er den Wirt Malandrini
und den Lehrer Zampieri mit, die nur gekommen waren, um etwas zu sehen. Der
Kapellmeister Dorlenghi stellte sich von selbst ein; er warf die Arme.

Und meine Messe? Nicht ein einziger ist zur Probe in den Dom gekommen!

Der Lehrer sagte:

Es gibt Tage, mein Herr, an denen auch wir Mnner des Geistes unsere
Studien verlassen mssen, um, den grten Ideen zuliebe, auf den Platz
hinabzusteigen.

Aber jene dort vermehren sich, rief drben der Mechaniker Blandini. Es
wird Zeit, da auch wir uns sammeln.

Sogleich liefen die Barbiere Macola und Druso nach dem Corso, der Schlosser
Fantapi zur Treppengasse, und sie schrien die Huser hinan:

Alle auf den Platz!

Von den Herbergen zum Mond und zu den Verlobten kam ein Trupp Bauern.

Hierher! keifte Galileo Belotti, in der Mitte beim Brunnen. Es geht
gegen die Buffonen!

Aber als der schne Alf, man wute nicht warum, zhnefletschend gegen ihn
losbrach, rollte Galileo auf seinen kurzen Beinen ganz schnell in das
befreundete Lager zurck. Der schne Alf trug, eitel lchelnd, den blauen
Klemmer des Pchters als Beute heim.

Dennoch schlugen sich die Bauern auf die Seite des heiligen Agapitus.

Wie der Schlosser Scarpetta vom Tor her zu der Partei des Mittelstandes
stoen wollte, trat der Advokat Belotti ihm in den Weg und versprach ihm
den Teil der Arbeiten im Rathaus, der sonst Fantapi zugefallen wre; und
darauf blieb Scarpetta. Auch den Schneider Chiaralunzi, der aus der Gasse
der Hhnerlucia kam, wollte der Advokat durch Auftrge verlocken. Der
Schneider antwortete:

Der Herr Advokat mge mich entschuldigen, denn ich habe die grte Achtung
vor dem Herrn Advokaten, aber der ist kein guter Mann, der es nicht mit
seiner Klasse hlt.

Und er ging hinber.

Polli kehrte zurck. Er brachte niemand als nur seinen Sohn, den er vor
sich herstie. Beide waren gertet und schienen erschpft. Der Tabakhndler
keuchte:

Da ist mein Sohn Olindo, er soll fr die Freiheit kmpfen. Glaubt ihr
vielleicht, er wre von selbst gekommen? Ah! mein Sohn ist ein Typus, dem
an der Freiheit wenig gelegen ist. Statt dessen hat er, indes sein Vater um
die ffentliche Sache bemht ist, in meinem Hause, ja, in meinem eigenen
Hause jenes Weibsbild, die groe gelbe Choristin bei sich und tut mit ihr,
was ihr euch denken knnt.

Olindo bekam einen Rippensto.

Als seine Mutter dazukam, ist sie in Ohnmacht gefallen. Was mich betrifft:
eine solche Verderbnis unserer Kinder macht mir geradezu Lust, jenem
Priester recht zu geben.

Auch der Herr Salvatori uerte Besorgnisse um seinen Neffen. Um nicht
weitere Verwirrung in den Geistern aufkommen zu lassen, nahm der Advokat
den Tabakhndler ernst beiseite.

Wir sind Freunde, wie, Polli?

Freundschaft, soviel man will, aber --

Es gibt kein Aber. Denn, sagen wir nur die Wahrheit: den menschlichen
Schwchen sind wir alle unterworfen. Dein Gewissen, Polli, wird dir sagen,
ob du gegen deinen Sohn nur als Vater eingeschritten bist oder auch als
Rivale. In jedem Fall, Polli, besinne dich auf deine Brgerpflicht!

Polli murrte nur noch leise, und der Advokat musterte stolz und
zuversichtlich seine verstrkte Truppe. Der Gevatter Achille ging mit der
Vermouthflasche umher, weil man Mut ntig habe.

Hohoho! schrien alle gleichzeitig. Vom Caf des heiligen Agapitus
antwortete es:

Huhuhu!

Das Volk vor dem Dom und am Rathaus schrie mit, klatschte in die Hnde und
pfiff. In allen Fenstern schrien die Frauen. Da donnerte der alte
Acquistapace:

Ist es mglich! Die da drben haben bei sich den Savezzo!

Er wird sich geirrt haben, meinte der Herr Giocondi. Der Gevatter Achille
stie in seine hohlen Hnde:

Schmeckt das Weihwasser, Herr Savezzo?

                   *       *       *       *       *

Als der junge Savezzo sich entdeckt sah, trat er, die Arme verschrnkt, auf
den Platz hinaus. Eine Zeitlang sah er unter gewulsteten Brauen mit
dsterer Genusucht ringsum.

Was willst du? rief das Volk. Darauf redete er mit unvermitteltem
Augenrollen und groen, gezierten Gesten:

Es ist aus, es soll aus sein in unserer Stadt mit der
Protektionswirtschaft, mit der Diktatur einer Klasse!

Es ist aus! rief das Volk.

Ah! Volk -- und Savezzo breitete die Arme aus, wie an einem Kreuz, du
wirst knftig das Opfer des Talentes empfangen knnen, auch wenn es nicht
aus gewissen Familien kommt. Von den nchsten Listen fr die Gemeindewahlen
werden die Namen verschwunden sein, die Korruption und Volksausbeutung
bedeuten. Denn ihre Trger --

Der Bcker! schrieen Bonometti und der Fuhrmann. Das Volk wiederholte:

Den Bcker meint er!

Den Konditor! kreischte Coletto. Den Wanzenkonditor!

-- werden erschrocken sein vor der Gre eurer Rache, -- und der Savezzo
arbeitete sich ab.

Willst du ein Glas Wasser? rief eine Frau.

Er braucht es. Er hlt seinen Vortrag ber die Freundschaft, sagte der
Advokat Belotti, verchtlich lchelnd.

-- eurer Rache, fuhr Savezzo fort und zeigte dem Volk sein Profil, die
frchterlich zerstrt haben wird den Sitz der Gottlosigkeit, des Lasters
und der Tyrannei: das Theater!

Huhuhu! machte es beim Caf zum Fortschritt.

Was fr eine Sprache spricht er? fragte die Magd Felicetta ihre Nachbarn,
die die Achseln zuckten.

Genug! Wir wollen die >Arme Tonietta<, rief der Fuhrmann, und er stimmte
an:

Sieh, Geliebte --

Man lachte. Der Savezzo griff sich noch einmal ins Haar, schnellte noch
einmal die gespreizte Hand ber das Volk hin, stie sie geballt gegen das
Caf zum Fortschritt aus und zog sich zurck. Der Baron spie hinter ihm
aus.

Welch feiger Heuchler! Er hat sich also zu erkennen gegeben.

Mich hat er nie getuscht, behauptete der Advokat. Ich habe aus seiner
Demut wie aus seiner Dsterkeit immer den Neid dessen herausgefhlt, der
nicht zu den Gttern gehrt.

Die Komdiantin! Lat sie nicht entwischen! heulte vor der Domtreppe die
Frau des Kirchendieners Pipistrelli; -- und verfolgt von den Weibern,
rannte Italia mit kleinen behinderten Schritten und kreischend wie ein Pfau
ber den Platz. Der Apotheker Acquistapace stapfte ihr entgegen; obwohl es
von droben mit entsetzlicher Stimme Romolo rief, fing er sie auf. Die
Weiber wichen nicht, sie blockierten das Caf zum Fortschritt. Der junge
Severino Salvatori trat ihnen elegant gegenber und lispelte
Anzglichkeiten.

Da ist er! rief die Frau des Schuhmachers Malagodi. Der da hat etwas
Schlechtes von unserer Elena verlangt, und sie hat ihn vor die Tr
gesetzt.

Ah! was fr ein schner junger Mann, -- und eine entri ihm sein Monokel.
Darauf machten alle sich davon, unter schreiendem Gelchter und Gesten, die
nicht alle anstndig waren.

Habe ich denn verdient, da man mich totschlgt? jammerte Italia auf der
ledernen Bank im Innern des Cafs, wo der Herr Giocondi unter schelmischen
Seitenblicken auf die Zuschauer ihr die Bste freimachte. Auch der Kaufmann
Mancafede hatte sich in den Saal gerettet; er rang die drren Hnde.

Der Brgerkrieg ist etwas Hliches; er schadet den Geschften, und wenn
Gott will, bekommt man sogar Schlge.

Glauben Sie? stammelte im dunkelsten Winkel der Cavaliere Giordano.

Der Herr Giocondi behauptete, auf Italias Nacken eine Quetschung gefunden
zu haben, und rief nach Essig. Der Gevatter Achille brachte ihn und sagte:

Wenn man bedenkt, da ein einziger Priester so viel Unheil stiftet.

Es gibt gute Priester, -- und der Cavaliere Giordano streckte beschwrend
die Hand aus. Es gibt gute Priester, und es gibt schlechte Priester.

Italia schluchzte.

Don Taddeo ist kein schlechter Priester. Er mag nicht, da man sndigt:
darin hat er recht. Ach, ber mich!

Nicht weinen, murmelte der Apotheker. Er stand, die Hnde am Leib, neben
ihr und weinte selbst.

Als ich ihm das erstemal beichtete, sagte Italia feucht, war er sehr
streng; er wollte alles wissen, alles, alles.

Versteht sich, bemerkte der Gevatter Achille. Das ist ihre
Unterhaltung.

Und er stellte so schreckliche Fragen, da es fast schien, er wisse schon
alles. Ist er denn ein Heiliger?

Nein; aber er wird unter dem Bett gesteckt haben, schrie der Baron
Torroni und lachte drhnend.

Und dann befahl er mir, zur Madonna von Loreto zu gehen. Ich werde gehen,
sonst bringt es mir Unglck . . . Aber als ich heute wiederkam --

Armes Mdchen, auch sie ist in den Hnden der Priester! seufzte der
Apotheker.

-- da wollte er mich nicht anhren.

Der Herr Giocondi vermutete:

Er frchtet, da Sie ihn zum besten halten.

Er betete in der Sakristei, und seine Augen waren rot wie Kohlen.

Der Schlaukopf! rief der Wirt Malandrini. Uns schickt er den Mittelstand
auf den Hals, er aber stellt sich, als habe er es nur mit den Heiligen des
Paradieses zu tun.

Man wrde ihn umsonst auf dem Platz suchen, den Heuchler! sagte der
Advokat, der herzukam.

Ich strte ihn noch einmal; da -- und Italia schttelte sich, sprang er
vom Betstuhl auf wie eine Katze. Welche Furcht! Ich lief, und er mir nach.
Er rief, ich solle kommen und beichten. Beim ersten Wort sagte er: >Genug<
und erlie mir alles. Ich glaubte, er irrte sich, und fing wieder an. Er
aber sthnte auf eine gewisse Art, da mir nichts Gutes ahnte, und rasch
machte ich mich davon.

Sie sah alle erschttert an. Der Advokat erklrte:

Er wird noch immer in seinem Beichtstuhl hocken, und wahrscheinlich unter
der Bank. Ah! keine Gefahr, da er das Kommando ergreift ber das Caf >zum
heiligen Agapitus<.

Der Gemeindesekretr war dem Advokaten gefolgt.

Man mag von Don Taddeo denken, was man will, sagte er und wiegte den
Kopf, so ist er doch ein mutiger Mann. Wie wollen Sie das leugnen? Er hat
uns nicht gefrchtet, sogar Sie nicht, Herr Advokat, und er war allein:
sein Kaplan sammelt Pflanzen.

Wollte Gott, er tte dasselbe, mein Herr.

Er baut keine Waschhuser, sondern vertritt das Interesse der Religion.

Und er hngt sie als Mantel um den Klassenha.

Hngen nicht wir ihm den der Freiheit um?

Ah! -- und der Advokat warf sich umher; ich habe in diesem Augenblick
nicht Zeit, mit Ihnen zu philosophieren, Herr Camuzzi: die Stadt erwartet,
da ich handle!

Er trieb alle aus dem Caf.

Halt! Wohin? -- und er packte Nello Gennari, der durch eine Lcke in der
Menge entwischen wollte; am Rande des Gchens gegenber dem Rathaus hatte
er Alba erblickt.

Eine wichtige Angelegenheit, sagte er fieberhaft und wand sich in den
Armen des Advokaten.

Alba konnte nicht weiter; vom Balkon am zweiten Stock des Rathauses fiel
ein Blick auf sie, der ihr den Mut, den Fu zu heben, nahm, den Mut, zu
atmen. Nie habe ich in solche Augen gesehen! Nello! Sie rief den
Geliebten an, sie nahm ihre ganze Liebe zusammen: umsonst; der Ha dort
oben war ungeheurer als ihre Liebe; die Angst berwltigte sie, in seinem
Dunstkreis zu erlahmen und unterzugehn; sie floh zurck in die Gasse.

Es gibt keine wichtigen Angelegenheiten, sagte der Advokat, auer dem
Kampf um die Freiheit; -- und wer, mein junger Freund, er lchelte
verstndnisvoll, wre mehr als wir beide interessiert an der Freiheit
unter dem Schutze der Venus.

Der Bariton Gaddi trat mit Wucht heran.

Du mut bleiben, Nello! Auch wir haben unsere Ehre, und man ruft mir nicht
ungestraft ins Gesicht, da die Komdianten die Wsche stehlen.

Er ging, die Hand in der Hosentasche, das Csarenprofil erhoben, rstig auf
den Platz hinaus. Der Bcker Crepalini hatte sich vorgewagt und schalt,
weinrot, mit Nuknackergebi und Kugelaugen, in den Lrm der Menge.
Unversehens hing er in der Luft und zappelte mit den rmchen. Gaddi warf
ihn den Seinen zu und zog sich ohne Eile zurck. Der Schlosser Fantapi
wollte, den andern vorauf, ber ihn herfallen; von drben aber holten
Acquistapace und der Baron Torroni ihren Kameraden ein. Der Gevatter
Achille rckte nach mit einem geschwungenen Stuhl. Als er vor dem Feind
ankam, war er auer Atem und setzte den Stuhl hin, um seinen Bauch auf die
Lehne zu sttzen. Er rief:

Ah! Freund Giovaccone, Schwein, das du bist, die Geschfte gehen wohl gut,
denn das Weihwasser kostet dich wenig!

Der Lehrling Coletto hpfte kauernd hinter ihm umher, und pltzlich warf er
seinem Herrn, dem Konditor Serafini, sein Gebetbuch an den Kopf. Der
Kaufmann Mancafede, den die Herren Giocondi und Polli vor sich herschoben,
brach mit einem Aufschrei in die Knie, von einem Flaschenstpsel getroffen.

Hohoho!

Huhuhu!

Nieder die >Arme Tonietta<!

Nieder die Priester!

Was will denn euer Don Taddeo? rief der Wirt Malandrini. Als er heute
frh meinen Jungen durchprgelte, hat er selbst die >Arme Tonietta<
gepfiffen.

Schweig! brllte der Tapezierer Allebardi. Und mge dein Bauch verfaulen
wie deine Beefsteaks!

Der Schlosser Fantapi fate den Schlosser Scarpetta ins Auge und schrie
durch die Hnde:

Gemeiner Sykophant!

Schlsselfresser! -- und Scarpetta spie weithin. Er hat den Schlssel
des Eimers gefressen und betet nun zum heiligen Agapitus, damit er keine
Leibschmerzen bekommt.

Der Herr Giocondi hrte:

Schwindler! Bankerotteur!

Und er sprang auf:

Ah! die Volksausbeuter, die Diebe. Da bin ich, Chiaralunzi, du hast mir
von meinem Stoff zum Mantel die Hlfte gestohlen!

Huhuhu!

Hohoho!

Ganz hinten, im breitesten Gedrnge der Verteidiger des Cafs zum
Fortschritt, schwang der Kaufmann Mancafede sein Meterma. Seine grauen
Falten hatten sich gertet.

Wer es wagen will! heulte er. Wer es wagen will!

In den schmaleren Reihen sah der Kapellmeister Dorlenghi zerstreut umher;
da rief es drben:

Die >Arme Tonietta< ist keine Musik! Der Maestro wei nicht, was Musik
ist!

War das der Blandini? fragte der Kapellmeister und strzte vor an die
Spitze, wo der Apotheker zwischen Gaddi und Torroni den Feinden seinen
Stel zeigte.

Sakristeiflhe, donnerte Acquistapace, die ihr das Werk Garibaldis nicht
respektiert!

Garibaldi war ein hlicher Typus! Er hat den heiligen Vater umgebracht,
keifte vom Dom her Frau Nonoggi, aber die Mgde Fania und Nan verboten es
ihr mit geschwungenen Fusten.

Fest, Cimabue! heulte die Pipistrelli, obwohl sie ihr die Kehle
zuhielten. Denn der Schlchter drehte sich mit dem Lehrer Zampieri im
Gemenge. Drauf los, Allebardi! Drauf los, unsere Mnner!

Coletto wlzte sich unter dem ltesten Chiaralunzi, den der junge Gaddi von
hinten zwickte. Ein kleiner Nonoggi rief: Es lebe Don Taddeo! und rannte
davon. Sogleich brach ein ganzer Haufe Buben ber ihm zusammen, und die
dicke Wirtin zu den Verlobten ward mit hineingerissen.

Der schne Alf schwenkte den blauen Klemmer des Galileo Belotti und der
Schuster Malagodi das Monokel des jungen Salvatori, das er seiner Frau
abgenommen hatte. Der Lehrer Zampieri rief noch:

Wer an die groen Ideen rhrt, ist tot!

Da mute er unter der Umarmung des Schlchters Cimabue das Pflaster kssen.
Die beiden Kneipbrder Zecchini und Corvi holten mit mchtigen Fusten
gegeneinander aus, im Augenblick aber, als sie sich berhrten, ward ein
kleiner freundschaftlicher Schlag auf den Bauch daraus.

La es dir gut gehen, sagten sie.

Die Bauern schlugen, weil sie niemand kannten, auf alle ein. Hin und her
gestoen von den Ringenden, polterte Galileo Belotti unaufhrlich:

Wo ist der Advokat? Wo ist der Buffone?

Der Advokat eilte mit anfeuernden Armsten vor dem Rathaus auf und nieder.

He, Dotti! He, Cigogna! Es ist Zeit, die gute Sache braucht euch . . . Ich
kenne dich, -- und er zog dem Fuhrmann die Bluse ber der Brust zusammen,
du hast mir Holz gebracht und in meiner Kche ein Glas getrunken. Wir sind
Freunde.

Freunde! brllte der Fuhrmann und streckte mit einem Faustschlag den
alten Seiler Fierabelli nieder, der eines Bedrfnisses wegen unter die
Rathausbogen getreten war. Der Barbier Bonometti schlug sich auf die Brust.

Sie sind ein groer Mann, Herr Advokat. Wenn der Schlchter Cimabue auch
noch zehnmal strker wre, als er ist, der Advokat wre dennoch ein groer
Mann! . . . Das Leben fr den Advokaten Belotti! rief er und durchbrach,
mit der Mtze wehend, die Reihen, tdlich angezogen von dem Schlchter, der
ihn mit einer Hand vom Boden hob. Schon verlor Bonometti Mtze und Krawatte
. . . Der Advokat wandte sich ab, grau im Gesicht. Er sagte heiser zu
Polli:

Der Ruhm will, da man nicht rechts noch links sieht. Aber glaube mir,
Polli, zuweilen stnde man lieber mit den andern allen in Reih und Glied.

Polli kratzte sich den Kopf.

Inzwischen scheint es, da wir Prgel bekommen. Meinem Olindo werden sie
guttun, aber was mich betrifft --

Und er zog sich in das Caf zurck.

                   *       *       *       *       *

Den alten Acquistapace dort vorn belstigten zehn Feinde und griffen nach
seinem Stel. Er wich ihnen schrittweise. Die vorderen Glieder traten,
zurckdrngend, auf die Fe der hinteren; man beschimpfte einander in den
eigenen Reihen; -- und unter Jubel- und Wutgeschrei der Frauen ward die
Pyramide der Freiheitskmpfer von den Scharen des heiligen Agapitus
eingedrckt. Mhsam deckte der Gevatter Achille mit wildem Schwingen seines
Stuhles den Rckzug.

Nun, Advokat, sagte der Herr Giocondi erbost, mir haben sie alle Knpfe
abgerissen bis auf diesen: scheint es dir jetzt Zeit, unsere Suppe zu
essen?

Der Advokat sah fliegend umher. In der Treppengasse entdeckte er seine
Schwester Artemisia, die Damen Salvatori, Giocondi, -- und hinter ihnen
hielt Jole Capitani die gerungenen Hnde vor sich hin. Der Advokat sthnte
auf; er legte aus, um allein sich dem siegreichen Feinde entgegenzuwerfen,
-- da traf in allem Lrm eine leise Musik sein Ohr: eine kleine rasche
Musik, die ganz fern zuerst nur zirpte und nun schon nahe war und klirrte,
wohllautend und unternehmend.

Wir sind gerettet, rief der Advokat leise; und aus voller Lunge:

Der Sieg ist unser! Mut, Freunde!

Der Apotheker schwang seinen Stel schon wieder zum Angriff; die nchsten
rckten vor; unter der Drohung einer noch unbekannten Gefahr ging der Feind
zgernd zurck: -- und aus der Rathausgasse kam im Eilmarsch mit Mandolinen
und Gitarren eine Kolonne junger Leute, zehn Arbeiter vom
Elektrizittswerk. Das Volk beim Rathaus machte ihnen Platz. Vor dem Caf
zum Fortschritt trat der Advokat Belotti ihnen entgegen. Er nahm den Hut
ab.

Meine Herren!

Sie hrten zu spielen auf und blieben stehen. Ringsum war es pltzlich
still.

Meine Herren, wir schlagen uns hier fr Ihre Interessen; denn welches
hhere Interesse htten Sie, htte das Volk, das wahre Volk, als die
Freiheit.

Buffone! keifte drben sein Bruder. Seht ihr nicht, da er euch zum
besten hlt?

Die Weiber heulten auf; der Wirt zu den Verlobten schrie:

Aber im Munizipium will er keinen Sozialisten.

Hren Sie nicht auf die Verleumder! rief der Advokat in der Fistel, und
seine aufgereckten Arme bebten. Ich bin der Freund des Volkes, der Advokat
Belotti, der die Anlage des Elektrizittswerkes bewirkt hat und die
Auffhrung der >Armen Tonietta<, die euch so sehr gefallen hat; denn ich
kenne euch, wie ihr mich, wir sind Freunde. Ihr beiden --

Er streckte seine Hnde hin.

-- euch habe ich bei einer edlen Tat beobachtet, bei einer hochherzigen
Tat. Jener arme Bucklige, ihr wit, den Schndliche mihandelt hatten --:
ah! Freunde, wir verstehen uns im Namen der Menschlichkeit.

Der Advokat hatte die Augen voll Trnen. Die beiden jungen Leute mit groen
Hten und bunten Halstchern schlugen in seine Hnde. Er schttelte die
ihren.

Sagt euren Genossen, da ich sie berall verteidigen werde und da eure
Feinde die meinen sind. Seht jene dort: sie wollen das Theater schlieen,
wo ihr eure edelsten Gensse sucht. Seht jene dort: sie werden euch, sobald
sie zur Macht kommen, die Arbeit nehmen und die Stadt an die Priester
ausliefern. Hat darum das Volk fr die Freiheit geblutet? Nieder die
Priester!

Die Herren hinter ihm wiederholten:

Nieder die Priester!

Die Arbeiter zuckten auf, sie sahen sich an.

Es lebe die Freiheit! riefen mehrere auf einmal.

Durch das Caf zum heiligen Agapitus ging ein langes Gemurmel. Die Weiber
drehten, nach vorn geworfen und durcheinander schreiend, die Arme in der
Luft. Das Volk und die Herren klatschten strmisch. Zwei kleine
Choristinnen wagten sich vor, in roten Blusen, zerzaust und zappelnd; sie
riefen hell:

Seht uns an, Jungen! Mut! Geht mit dem Advokaten!

Frau Nonoggi und die Pipistrelli fielen ber sie her und zerrten sie
zurck. Der Advokat glnzte breit; er hatte weite, siegreiche Gesten um
alle zehn Arbeiter her. Sie zauderten noch.

Legt eure Instrumente nieder! Formiert euch! Ich bin an eurer Spitze. Was
wir heute tun, tun wir fr die Geschichte.

Legen Sie uns nicht hinein? fragte einer. Bei den Wahlen nachher haben
die Dinge sich wieder gendert.

Der Advokat drckte die verschrnkten Hnde gegen die Brust, er hob sich
auf die Fuspitzen.

Sehe ich aus wie ein Brger? Bin ich ein Mensch, der die Soldi
aufeinanderhuft? Ich kenne Hheres als den hchsten Geldhaufen: das ist
das Glck des Volkes; und auch ich will strzen, was ihm entgegensteht!

Er schttelte Hnde. Die Arbeiter lehnten ihre Mandolinen an die Mauer des
Cafs zum Fortschritt. Zu den Herren, die Meinungen austauschten, sagte
der Gemeindesekretr:

Also ein Feind der Bemittelten ist der Advokat. Er verbndet sich zur
Befriedigung des Ehrgeizes mit dem Umsturz. Aus dem Herrschschtigen bricht
der Anarchist.

Der Advokat fuhr herum:

Und Sie, Herr Camuzzi, haben sich zur Genge verraten. Ihre Zweifelsucht,
Ihre Kritik an der Ttigkeit des Menschen, Ihr Quietismus: alle diese
schnen Dinge fhren schlielich in den Scho der Kirche. Begeben Sie sich
doch dort hinber! Tragen Sie doch gemeinsam mit Savezzo, dem Neidischen,
das Banner des heiligen Agapitus! Bei uns aber --

Mit der Rechten gen Himmel langend, setzte er sich an der Spitze der
Arbeiterkolonne in Bewegung.

-- kmpfen wie einst, als wir denen von Adorna den Eimer abgewannen, ber
unseren Kpfen schwebend Mars, Venus und Athene.

Der Apotheker, Gaddi und der Baron Torroni schlossen sich an. Die Herren
Giocondi und Polli sahen sich wild um; ein kriegerischer Wind strich
schwindelnd um die Stirnen; auf einmal brachen mit mchtigem Hohoho! alle
los.

Seht ihr, da jene Furcht haben? sagte der Advokat zu den Arbeitern
hinter ihm. Sie rhren sich nicht. Und sie glauben, sie werden heute abend
in den Logen sitzen? Ihr werdet darin sitzen, ihr. Dem Volk die Logen!
rief er und warf im Zusammenprall den Schuster Malagodi um. Die zehn
Arbeiter fanden vor ihrem Wege, wie eiserne Schranken, die nackten Arme des
Schlchters Cimabue. Der Gevatter Achille wlzte seinen Bauch ber den
Freund Giovaccone; er brllte:

Seit zwanzig Jahren erwarte ich diesen Tag. Ich will sehen, ob du auch in
den Adern Weihwasser hast!

Der Fuhrmann war daran, ber Galileo Belotti herzufallen, aber Galileo
machte, und schnappte dabei mit den Zhnen, so furchtbar Pappappapp und
Buffone, da der Fuhrmann bestrzt zurckschwankte.

Der Advokat sah sich dem Savezzo gegenber. Inmitten des Kampfgewhles
verschrnkten beide die Arme.

Jetzt wrden Sie vielleicht wnschen, sagte Savezzo, meine Fhigkeiten
frher erkannt zu haben. Dies ist mein Werk.

Der Advokat musterte ihn langsam. Savezzo fragte:

Bin ich noch ein Winkel-Advokat?

Mehr als je, sagte der Advokat und wandte sich ab. Savezzo erhob von
hinten die Faust; Nello Gennari fiel ihm in den Arm.

Ah Sie! keuchte Savezzo. Wagen Sie sich noch einmal nach Villascura, und
ich werde Sorge tragen, da Sie nie mehr dorther zurckkehren!

Ich warte nicht so lange! rief Nello und packte rascher zu als der
andere.

Fest, Cimabue, du, der du ein Lwe bist! kreischten die Nonoggi und Frau
Malagodi. Der Schlchter schttelte von seinen zehn Angreifern einen nach
dem andern ab, nur die beiden jungen Leute in groen Hten und bunten
Halstchern hielten, so sehr er sie umherschwenkte, mit Armen und Beinen
seine Gliedmaen umklammert. Die Pipistrelli schwang ihren Krckstock ber
dem Kapellmeister, der am Boden lag, aber die kleine Rina entri ihr,
bleich vor Zorn und Liebe, die Waffe und verscheuchte die Alte. Durch
riesige bermacht berwltigte der Mittelstand den Verrter Scarpetta.
Drunten, in dem Gewirr von Beinen, kroch Coletto mit den Buben und entzog
Freunden und Feinden der Freiheit den Fu, auf den sie sich sttzten.

Der Schlchter hatte sich losgerissen. Er hatte blutunterlaufene Augen und
Schaum vor dem Munde. Alles, was sich schreiend umherdrehte, wich
auseinander, der Schlchter berrannte Nello Gennari und den Savezzo, die
weiterrangen, und er strzte, dumpf brllend, mit ungeheuren blutigen
Fusten auf den Advokaten Belotti los. Der Schneider Chiaralunzi war es,
der sich dazwischen warf. Gleich darauf hatten die beiden jungen Leute den
Schlchter eingeholt und rissen ihn im Ansturm nieder.

Wer befreit mich von diesem Schwein? -- und der Gevatter Achille hieb mit
seinem Bauch von neuem auf seinen Konkurrenten los. Alles drehte sich
wieder: da heulte der Kaufmann Mancafede auf, und nie hatte man von ihm
solche Stimme gehrt:

Ich bin ermordet!

Er hatte im Nacken ein Huhn! Die Barbiere Macola und Druso schlugen mit
ihren Streichriemen blind um sich, aber die Hhner flatterten nur noch
wilder im Gedrnge. Coletto und die Buben scheuchten sie immer wieder
hinein. Man schrie, bedeckte sich die Gesichter, stob auseinander. Galileo
Belotti drehte einem Hahn den Hals um; aber da fiel mit ihrem Gegacker,
lauter als das der Hennen, mit ihrem Schnabel und ihren langen Armen, die
Flgel schlugen, die Hhnerlucia ber ihn her. Er rettete sich mit den
andern ins Caf zum heiligen Agapitus. Statt seiner erwischte sie den
Advokaten und fuhr ihm mit den Krallen ins Gesicht. Er rief, die Augen
geschlossen:

Zu mir! Zu mir!

Niemand kam; nach allen Seiten floh man; und von Panik ergriffen, warf der
Advokat sich zu Boden.

Die Hhnerlucia lie endlich ab von ihm; er hrte sie das Federvieh in ihre
Gasse zurckscheuchen: -- da berhrte ein feuchtes Tuch, wie eine
Liebkosung, sein Ohr, das blutete, und er fand das zrtlich gepolsterte
Gesicht der Frau Jole Capitani ber sich geneigt.

Sie sind doch nicht schwer verwundet, Advokat? sagte sie.

Ihr Anblick, schne Dame, heilt alles, erwiderte er und stand auf. Rasch
berzeugte er sich, da der Platz in der Mitte leer und an den Rndern voll
Verwirrung war. Sie waren unbeobachtet. Er streifte an ihren Arm und sagte:

Haben Sie mir in diesem schlimmen Augenblick das Zeichen geben wollen, um
das ich Sie so sehnschtig bitte?

Sie schlug nur die Augen nieder.

Man wird uns sehen, uerte sie dann und zog sich zurck. Der Advokat sah
ihr nach, er verga sich abzustauben.

Ah! die Frauen. Wrde man groe Dinge tun wollen, wenn nicht sie wren?

                   *       *       *       *       *

Und er wandte sich nach dem Caf zum Fortschritt. Dort umarmte alles
einander und rief nach Getrnken. Der Gevatter Achille war berall zugleich
mit seinen gelben, roten und grnen Glsern.

Wir haben sie in die Flucht geschlagen! verkndete er. Der >heilige
Agapitus< wird knftig wieder leerstehen, und der Freund Giovaccone wird
sein Weihwasser nicht sobald mehr los.

Aus dem Garten des Palazzo Torroni wurden Blumen gebracht; der Apotheker
raffte mit zitternden Hnden einen Strau zusammen und bergab ihn Italia,
die sich auf der Schwelle zeigte.

Ihnen zu Ehren, Frulein, stammelte er, haben wir den Priester besiegt.

Dann warf er sich, mit berflieenden Augen, dem Advokaten an die Brust.

O Freund! Welch ein Tag!

Wre nicht Mancafede gewesen, -- und der Herr Giocondi klopfte dem
Kaufmann den Bauch, wer wei, wie es gekommen wre. Er aber war der erste,
der sie mit seinem Huhn in Schrecken setzte.

Alle haben ihre Pflicht getan, hie es. Wo aber hat der Cavaliere
gesteckt?

Der Cavaliere Giordano kam entrstet aus dem Caf hervor. Er zeigte
Schultern und rmel seines weien Anzuges umher.

Die Hhner . . . Ich werde ihn waschen lassen mssen.

Auch der Cavaliere ist ein Held, entschied Polli, und Italia drckte ihm
und dem Advokaten einen Kranz auf.

Der Barbier Nonoggi stellte sich ein:

Wir sind also siegreich! . . . Wie? Die Herren haben mich nicht gesehen?
Aber ich war es doch, der den Schlchter abgehalten hat, den Advokaten zu
ermorden.

Mehrere erinnerten sich daran. Der Advokat selbst konnte nicht sagen, was
in jener Minute geschehen war. Nonoggi ward bewirtet.

Der Gemeindesekretr rckte den Klemmer zurecht.

Aber woraus schlieen die Herren, da wir die Sieger sind? Mir scheint,
da ich Sie am Boden gesehen habe, Herr Advokat?

Da der Advokat ihn keiner Antwort wrdigte:

In jedem Fall halten unsere Gegner sich nicht fr geschlagen. Da sie sich
ins Innere des Cafs >zum heiligen Agapitus< zurckgezogen haben, sollte
uns nicht zuversichtlich stimmen. Vielleicht schon im nchsten Augenblick
verlassen sie es, um, durch die Feier vermeintlicher Siege weniger
erschlafft als wir, das Caf >zum Fortschritt< im Sturm zu nehmen.

Der Kaufmann Mancafede, Polli, der Cavaliere Giordano setzten, verstummt,
ihre Glser hin. Da bog aus dem Corso ein Zug auf den Platz. Der
Konditorjunge Coletto war der erste; er blies qukend durch die Hnde. Die
Jungen hinter ihm pfiffen den Marsch der Mandolinen und Gitarren mit; und
in der Mitte der Arbeiter, gefhrt von den beiden jungen Leuten mit groen
Hten und bunten Halstchern, stampfte der Schlchter Cimabue.

Man sollte es nicht fr mglich halten, bemerkte der Stadtzolleinnehmer.
Warum schlgt er sie nicht nieder?

Sie kamen vorber, in ihrem unternehmenden Schritt, mit ihrer flinken
Musik. Die beiden jungen Leute hatten die Hnde fest im Grtel des
Schlchters.

Und der Grtel ist offen! Sobald er sich rhrt, reien sie ihm die Hose
herunter!

Der Advokat erhob sich und entblte den Kopf. Die Herren klatschten.

Ein kleiner Haufe, der hinter dem Brunnen noch immer sich hin und her schob
und Zurufe ausstie, ging pltzlich auseinander; man sah in seinem Innern
den Savezzo am Boden liegen; und das Haar zurckstreichend, richtete Nello
Gennari sich auf. Wie er, die Schultern ein wenig emporgezogen, zgernd
ber den Platz ging, riefen mehrere Frauen, die zurckgekehrt waren:

Es lebe der schne Komdiant! Auch tapfer ist er!

Die Herren beim Caf kamen ihm schon mit Glsern entgegen. Der Advokat sah
sich ber die Schulter nach dem Gemeindesekretr um; aber er war hinter den
andern verschwunden. Der Kaufmann Mancafede beantragte:

Dieser Savezzo mu aus dem Klub ausgestoen werden. Wir sind es der Sache
der Freiheit schuldig, unseren Sieg rcksichtslos auszuntzen.

Auch der Baron Torroni war der Meinung. Der Advokat widersprach.

Wir mssen unsere Gegner durch Milde in Erstaunen setzen und vershnen.
Das verlangt die Klugheit des wahren Staatsmannes, der ber den Parteien
steht.

Der Gevatter Achille untersttzte ihn.

Wer wird von dem Streit der Brger den Vorteil haben? Niemand als dieses
Schwein von Freund Giovaccone. Der Schlchter Cimabue hat immer zu meinen
besten Kunden gehrt; diese Arbeiter, die niemals etwas verzehren, hatten
nicht das Recht, ihn so zu behandeln.

Was denken die Herren darber, sagte der Lehrer Zampieri; er rckte bla
auf seinem Sitz umher, -- wenn man eine Abordnung zu Don Taddeo schickte?

Der Tabakhndler klopfte ihn auf die Schulter.

Keine Furcht, mein Lieber. Solange wir an der Macht sind, wird der
Priester uns nicht hindern, Sie fest anzustellen.

Gleichviel, sagte der Advokat. Es wre ein Akt hoher Diplomatie. Wir
wrden den Priester beschmen und entwaffnen, denn wir wrden ihm beweisen,
da wir, die wir Gott in der Natur anbeten, bessere Christen sind als er.

Die Meinungen teilten sich. Italia bat fr Don Taddeo.

Er ist kein schlechter Priester. Ihr solltet ihn nicht zu sehr krnken.

Der Herr Giocondi kniff ein Auge zu und raunte Italia ins Ohr:

Du selbst wirst ihn gewi noch heute mit dem Apotheker krnken.

Ah! rief Polli. Wenigstens wissen wir jetzt, wen er mit der groen Babel
gemeint hat. Es ist die Hhnerlucia, -- denn sie hat die Frommen in die
Flucht geschlagen.

Flora Garlinda traf ein.

Ich hoffte, ein Schlachtfeld voll Leichen zu finden, sagte sie. In der
>Bionda<, die ich studiere, werden so viele erschlagen, man mte das
einmal sehen. Statt dessen sind alle unversehrt, -- und sie lchelte
verchtlich. Der Priester riet, sie nicht zu schonen.

Er gefllt mir. Er ist ein bser Fanatiker und strker als ihr alle. Wir
beide knnten uns verstndigen, -- wenn er wollte. Die Prfungen werden ihm
guttun. Ah! seht doch, wie er sich qult.

Man erkannte ihn erst jetzt: in den dunkelsten Winkel, zwischen dem Turm
und dem Hause Mancafede, krmmte er sich mit dem Rcken schwarz ber die
Mauer hin, schnellte auf, um zwei flatternde Schritte zu tun, und fiel
zurck. Der Advokat nickte ber die Kpfe der anderen nach ihm hin; er
murmelte starr:

Da sieht man, was es heit, geschlagen zu sein.

Acquistapace und der Gevatter Achille erboten sich, hinzugehen.

Wir werden ihm vorstellen, da der Brgerkrieg nur dem Freund Giovaccone
ntzt, sagte der Wirt.

Und da wir, alles in allem, keine Feinde der Religion sind, sagte der
Apotheker. Der Advokat drckte ihnen die Hnde.

Ohne den Halt der Kirche wird der Mittelstand nur noch ein Haufe
auseinanderstrebender Interessen sein. Geht, meine Freunde, geht!

Sie machten sich auf.

Der Kapellmeister war schmerzlich in sich versunken. Pltzlich wandte er
sich mit bebender Lippe an Flora Garlinda.

Er gefllt Ihnen sehr? fragte er.

Wer?

Don Taddeo.

Sie hob die Schultern.

Ich bin ein Narr, sagte er fast laut.

Die Stimme des Priesters brach unvermutet los: hoch, gewaltsam und
angegriffen, als habe er schon stundenlang geschrien:

Ihr haltet euch fr Sieger? Wit ihr nicht, da Gott manchmal die siegen
lt, die er verderben will? Um so sicherer verharren sie bei ihrem Abfall.
Ah! ihr Sieger. Du, der du deiner heiligen Gattin durch deine Verfolgungen
ins Paradies hilfst, um selbst zur Hlle zu fahren! Du, der du jeden Tag
durch deinen Bauch, der dein Gott ist, dahingerafft werden kannst! . . .

Wie er sich abarbeitet! raunte man einander beim Caf zu. Er gleicht
einem Dmon. Man kann sagen, da Achille und Romolo sich opfern fr das
ffentliche Wohl.

Friede? -- und die Stimme des Priesters berschlug sich. Ich kenne
keinen Frieden mit den Feinden Gottes und seiner heiligen Kirche. Wie? Ich
soll den Eimer an einen Amerikaner verkauft haben! Mit den Nonnen habe ich
Unzucht getrieben und den Bauern Blendwerk vorgemacht mit einer Madonna,
die die Augen bewege! Das schreibt ihr, redet es umher, meldet es
Monsignore, um mich in seinem Geist zu vernichten, -- und ihr kommt und
sprecht von Frieden? Nhme ich ihn an, Gott schlge mich selbst. Nun aber
wird er euch schlagen, euch. Gott, wenn denn ein Wunder ntig ist --

Don Taddeo stie beide Arme weit von sich und breitete die Brust hin. Die
Abgesandten wichen zurck.

Tue es! schrillte der Priester gen Himmel.

Da entstand in der Rathausgasse Stampfen und Geschrei. Der Schlchter
Cimabue raste, und raffte dabei seine Hose zusammen, den zehn Arbeitern
voraus ber den Platz. Die Herren beim Caf zum Fortschritt wichen
seitwrts von ihren Sthlen. Der Schlchter war vorbei; er sprang ins Caf
zum heiligen Agapitus, da die Scheiben der Glastr zu Boden klirrten.
Gleich darauf quoll alles daraus hervor, fuchtelte, schlug auf die eisernen
Tische, schrie Drohungen herber. Hinter all dem Toben, worin die Stimme
des Priesters zerging, sah man seine bleichen Hnde, zum Dank heftig
verschlungen, durch den Schatten strzen.

Die Abgesandten kehrten eilig zurck.

Nicht fr eine Million wrde ich noch einmal mit ihm sprechen, uerte
der Gevatter Achille und wischte sich die Stirn.

Seid ihr feige! sagte Flora Garlinda, das Kinn auf der Faust, mit
funkelnden Augen. Warum seid ihr nicht ber den Priester hergefallen? Jene
dort wrden euch erschlagen haben. Es wre schn gewesen.

Auch die Arbeiter hatten sich zurckgezogen.

Hierher, Freunde! rief der Advokat, und er lie ihnen Wein geben.

Wir werden nach Haus gehn, Genossen. Mgen jene allein weiterschreien! Das
wird nicht ungeschehen machen, da wir sie vom Platz vertrieben haben.
Inzwischen rufen uns andere Aufgaben, -- und ein Gedanke der Wonne dehnte
sein Gesicht in die Breite.

Tatschlich fngt man an, genug hiervon zu haben, sagte der Baron
Torroni.

Und die Suppe wird kalt, ergnzte Polli. Malandrini und Sie, Maestro,
wir haben denselben Weg.

Der Advokat hielt den Kapellmeister zurck; er flsterte ihm dicht ins
Gesicht:

Mut, junger Mann! Ihre Sache steht besser, als Sie glauben. Wer mehr
Erfahrung als Sie in solchen Dingen hat, sieht ohne weiteres, da das
Mdchen Sie mit dem Priester eiferschtig machen wollte.

Sie glauben?

Er wird rot wie eine Jungfrau! So greifen Sie doch zu, was Deixel: man
wartet darauf. Es gilt jetzt, zu genieen!

Jole Capitani wartete! Der Advokat wnschte allen sein eigenes rosiges
Geschick und traute es ihnen zu.

Dem Kapellmeister schlug das Herz in den Hals. Stumm wehrte er Polli ab,
der ihn mitziehen wollte. Der Tabakhndler samt Malandrini und dem Baron
Torroni entfernten sich mit Italia, die vergebens nach Nello rief, in der
Richtung des Corso. Camuzzi, der Lehrer Zampieri und die beiden Herren
Salvatori gingen nach der anderen Seite, gegen die Rathausgasse. Der
Cavaliere Giordano wollte hinterher. Flora Garlinda folgte ihm zwei
Schritte weit.

Cavaliere, ich kenne eine Frau, die Sie liebt, sagte sie gedmpft; und da
er sie aufflackernd ansah: O, ich bin es nicht selbst; es ist die Frau des
Schneiders Chiaralunzi. Sie schlft nicht mehr, sie ist krank durch Sie.
Sie spricht nur noch davon, da sie von Ihnen den Gesang lernen will
. . . Aber jene laufen Ihnen weg. Eilen Sie!

Der alte Snger machte sich davon. Da traf ihn etwas Hartes ans Bein, und
von drben rannte jemand mit eingezogenen Armen gegen ihn los.

Wartet auf mich, um Gottes Liebe! kreischte der Alte und hastete steif,
ohne vom Fleck zu kommen. Der Tapezierer Allebardi warf noch einen
Gardinenring nach ihm, dann stemmte er die Arme in die Hften und bog sich.
Drben brllten sie, und auch der Advokat und der Herr Giocondi lachten.
Flora Garlinda sagte ernst, und ihre Augen funkelten wieder:

Auch diese Leiche sollte ich nicht sehen.

Es wird Zeit, da ich dich nach Haus bringe, bemerkte Gaddi und nahm sie
beim Arm. Der Kapellmeister wartete nicht, bis der Gevatter Achille ihm
herausgegeben hatte; er strzte ihnen nach in die Gasse der Hhnerlucia.

Wann kann ich Sie sprechen, Flora? Ich habe Ihnen etwas so Wichtiges zu
sagen.

Brave junge Leute, bemerkte der Advokat. Sie werden glcklich werden.
Gehen auch wir, Giocondi! -- und er vertauschte seinen Siegerkranz mit dem
Strohhut.

                   *       *       *       *       *

Die zehn Arbeiter griffen nach ihren Musikinstrumenten. Sie nahmen den
Advokaten und seinen Begleiter in ihre Mitte und geleiteten ihn unter den
Klngen der Arbeiterhymne zur Treppengasse. Vor dem Caf zum heiligen
Agapitus war alles auf den Beinen und schttelte die Fuste; aber niemand
wagte sich heran. Der Advokat sagte:

Wir gehen unter dem Schutze des Volkes, Giocondi. Welche groe Sache!

Besonders fr dich, Advokat, der du gewi unter dem Schutze des Volkes in
die Arme einer Choristin gehst.

Der Advokat schmunzelte.

Ich gehe zum Doktor Capitani, -- da er ja behauptet, da ich Zucker habe.

Verflucht, das ist kein Vergngen.

Und dennoch gehe ich zu meinem Vergngen hin.

Den Finger hin und her bewegend, mit tief bedeutsamem Blick:

Was er mir gibt, nehme ich nicht; die rzte wollen immer nur die Macht an
sich reien.

Der Herr Giocondi rieb sich die Hnde.

Und statt dessen nimmst du dir etwas, das er freiwillig nicht hergeben
wrde. Wir haben verstanden. Ah! der Advokat . . .

Das Klirren, Zirpen und angeregte Lachen verschwand in der Treppengasse.
Der Kaufmann Mancafede sagte zu Acquistapace und dem Gevatter Achille:

Nun sind sie fort, alle zehn. Mag man vom Advokaten denken, was man will,
er ist ein hlicher Egoist, da er sie alle zehn mitgenommen hat. Er htte
fnf dalassen sollen, damit auch ich einen Schutz habe, wenn ich nach Hause
gehe.

Der Kaufmann verzerrte knirschend das Gesicht und schlug schwach auf den
Tisch.

Wie soll ich nun hinberkommen? Gleich vor meiner Tr warten jene Mrder
auf mich.

Er kroch ganz in seine braune, wollige Jacke zusammen.

Mich werden sie noch schlechter behandeln als den Cavaliere, denn sie
hassen mich.

Du solltest nicht mit dem Wein spekulieren, riet der Gevatter Achille.
Lieber mit allem andern, aber nicht mit dem Wein.

Sie beschrieben ihm, ohne Schwung, die Art, wie er sich vielleicht
ungesehen am Dom entlang drcken knne. Er murmelte nur:

Ihr habt gut reden, ihr seid hier zu Hause.

Da stand drben der Savezzo auf und kam herbei. Wie die Herren ihn stumm
empfingen, lchelte er dster.

Man hat sich hier wohl gergert, weil das Volk seine Rechte zu fordern
wagte und weil es Fhrer gefunden hat, die seinen Forderungen Worte gaben?
fragte er. Der Gevatter Achille erwiderte:

Das Weihwasser des Freundes Giovaccone schmeckt Ihnen wohl nicht mehr,
Herr Savezzo?

Da Sie gerade die Flasche in der Hand haben, geben Sie mir einen
Vermouth! -- und Savezzo machte es sich bequem.

Alle diese Scherze, meine Herren, galten nicht Euch: ich habe sie
veranlat, um dem Advokaten zu zeigen, da es noch andere Leute gibt als
ihn.

Der Advokat ist eine Persnlichkeit, sagte der Apotheker; Sie aber, Herr
Savezzo, sind ein Schurke und ein Verrter.

Savezzo neigte mitleidig den Kopf.

Sie, mein Herr, als alter Soldat, brauchen nicht zu wissen, wie man
politische Erfolge erreicht. Wer ich bin, sagt Ihnen die Macht, die ich
hinter mir habe.

Und er wies hinber. Der Kaufmann zuckte; die beiden andern verschluckten
ihren Widerspruch.

Trotzdem bin ich nicht der Meinung, fuhr der Savezzo fort, da wir
Feinde sein mssen. Um es Ihnen zu beweisen, werde ich auf den nchsten
Abend des Klubs gehen.

Man wird Sie hinauswerfen, rief der Apotheker. Der Kaufmann tastete
zitternd nach seinem Arm.

Um Gottes Liebe: Vorsicht! -- und zum Savezzo, mit der Hand auf dem
Herzen:

Mein Herr, ich bin der friedlichste der Menschen, ich hasse den Zwist der
Brger, habe immer die Vershnung gewollt, und nie wre ich, angesichts so
bedauerlicher Ereignisse, auf den Platz hinabgestiegen, wenn man mich nicht
gezwungen htte. Sie sind ein Mitglied des Klubs, ich werde fr Ihre Rechte
eintreten, sogar gegen den Advokaten.

Der Kaufmann machte Fuste.

Er ist ein Egoist, mein Herr, der alles fr sich nimmt. Keinen der zehn
Arbeiter hat er mir gelassen, damit ich nach Haus gelange.

Warum soll der Herr Savezzo seinen Vermouth drben trinken, wo er schlecht
ist, sagte der Gevatter Achille. Knnten Sie nicht auch dem Schlchter
Cimabue raten --?

Wir sind also Freunde.

Savezzo stand auf.

Herr Mancafede, ich begleite Sie hinber, verlassen Sie sich auf mich.

Der Kaufmann umklammerte, mit Trnen in den Augen, seine beiden Hnde.

Man hat Sie aus dem Klub ausstoen wollen, Herr Savezzo; aber nicht ich
war es. Wer Ihnen sagt, da ich es war, der lgt.

Ah, meine Herren, eine wichtige Sache, die wir nicht vergessen drfen, --
und der Savezzo begann auf seine Nase zu schielen. Am nchsten Abend des
Klubs sollen die Komdianten Musik machen: da mu ich aufgefordert werden,
auf dem Bleistift zu blasen. Wie? Ein Knstler, den die ganze Stadt kennt,
sollte zurckstehen hinter jenen schlechten Schreiern? Meine Ehre will, da
ich an jenem Abend meine Spezialitt vorfhre und auf dem Bleistift blase.

Sie blasen gttlich auf dem Bleistift! rief der Kaufmann. Der Gevatter
Achille sagte:

Man mu zugeben --

Der Savezzo schielte immer strker.

Als er mit Mancafede fort war, schritt der Apotheker, gesenkten Kopfes,
seiner Tr zu. Auf der Stufe wandte er sich um.

Alles geht dahin, sagte er traurig, auch die Liebe zur Freiheit. Jetzt
schliet man Pakte mit ihren Feinden. Alle werden schwach: du sogar bist
es, Achille. Und ich selbst: -- wer mir gesagt htte, ich wrde mit dem
Priester verhandeln! Aber so ist es, und die Zeiten Garibaldis kommen nicht
wieder.

Er trat ber die Schwelle und zog beschwerlich sein hlzernes Bein nach.

                   *       *       *       *       *

Das Caf zum Fortschritt stand leer; die Gste des Cafs zum heiligen
Agapitus wurden einer nach dem andern von ihren Frauen zum Essen geholt.
Als die letzten fort waren, erschien der Leutnant Cantinelli mit zwei
seiner Untergebenen. Sie machten mit ihren gefiederten Dreimastern, ihren
Sbeln und rotgesumten Frcken die Runde um den Platz, wobei sie die
Spuren des Kampfes vom Boden auflasen. Vom Gevatter Achille, der ihnen
etwas zu trinken anbot, lie der Leutnant sich ber den Verlauf berichten.

Wir haben nicht eingreifen wollen, erklrte er. Ein Zwist der Brger ist
ohnedies nichts Schnes; durch die Dazwischenkunft der bewaffneten Macht
wre er vielleicht grausam geworden, und wir sind nicht grausam . . .
Fontana, Capaci, beim Brunnen sehe ich einen Halskragen und eine Krawatte.

Der Gevatter Achille war der Meinung, sie gehrten dem Barbier Bonometti.

Er hat sich schlimme Pffe geholt. Der Apotheker hat ihn einreiben
mssen.

Was fr eine hliche Sache! sagte der Leutnant. Fontana, du wirst ihm
sein Zeug zurckbringen.

Darauf stellte man Vermutungen an, ob die zweite Vorstellung der Armen
Tonietta heute abend stattfinden werde. Der Gevatter Achille uerte
Zweifel, aber Cantinelli beruhigte ihn. Der Mittelstand sei noch mehr
interessiert an den Auffhrungen, als die Herren. Die Handwerker spielten
im Orchester, und keiner von ihnen werde seine zwei Lire verlieren wollen,
noch die halbe Lira fr seinen Jungen oder sein Mdchen, die im Chor
mitsngen.

Bevor es acht schlgt, werden wir sie kommen sehen.

Als es acht schlug, hallten schon Schritte aus allen Gassen. Von den
Herbergen beim Tor und von den Gasthusern zum Mond und den Verlobten,
am Corso, strmten Scharen von Fremden ber den Platz. Die Brger mischten
sich unter die Bauern; sie verstndigten sich mit Achselzucken.

Eh! man mu doch Musik machen.

Die Arbeiter erstiegen im Eilschritt die Treppengasse; die Mgde
hinterlieen den Nachklang ihres gellenden Lachens und einen Geruch von
Grnzeug und von Rauch; die Buben berrannten alles; -- und um halb neun
kamen die Herren. Der Apotheker Acquistapace brauchte keine Vorsicht mehr;
erhobenen Hauptes stapfte er in seinem besten Rock an seiner Frau vorbei.

Alle waren davon, da lief in ihrem schmutzfarbenen Regenmantel Flora
Garlinda ber den Platz. Der Kaufmann Mancafede zog rasch den Kopf wieder
in seine Haustr, und erst nach langem Horchen wagte er sich, husch husch,
hinterdrein.

Schon um elf war er zurck, vor allen andern.

Als das Durcheinander all der Singenden und Pfeifenden vorbei war, lief
Flora Garlinda dem Gchen der Hhnerlucia zu. Der Kapellmeister folgte ihr
hinein, einen halben Schritt hinter ihr.

Sind Sie denn auch diesmal nicht zufrieden mit mir? Ich habe Sie alles
wiederholen lassen, was Sie wollten.

Was das Publikum wollte. Und davon bin ich nun mde. Gute Nacht, Maestro!

Sie mssen mich anhren, Flora, -- und er legte seine Hand, die zuckte,
auf ihren Arm. Sie lief weiter.

Sie halten mich fr Ihren Feind: wie wren Sie sonst so bse gegen mich.
Aber ich bin nicht Ihr Feind, Flora: ich liebe Sie. Seit ich zum erstenmal
Ihre Stimme gehrt habe, o Gott! wie liebe ich Sie seitdem.

Ich glaube es nicht, sagte sie. Und dann habe ich Ihre Liebe nicht
ntig.

Jeder hat Liebe ntig. Sind Sie kein menschliches Wesen? Ach, da ich gro
wrde! Sie wrden sehen, wozu ich es geworden bin: nur um Sie gro zu
machen, Flora.

Sie hielt pltzlich an, sie sah ihm erbittert in die Augen.

Sind Sie nun fertig mit Ihren Unverschmtheiten? Ich gro durch Sie: es
ist zu lcherlich, ich will mich nicht rgern.

Sie lief schon wieder, die Schultern hinaufgezogen. Er stammelte in ihren
Nacken:

Die Liebe macht mich unvernnftig, ich wei es. Verzeihen Sie mir! Mchte
man nicht wohltun, wenn man liebt? Darum wei ich dennoch: Sie sind grer
als ich; vielleicht, da meine Musik berhmt wird, wenn Sie geruhen, sie zu
singen.

Er keuchte. Sie schttelte sich.

Ein gutes Wort, Flora, sagen Sie ein gutes Wort!

Da waren sie vor ihrer Tr. Flora Garlinda drehte sich um.

Sie wollen mich also benutzen, um berhmt zu werden. Ich soll im Schatten
Ihres Ruhmes leben. Das mag Liebe sein: ich erwarte nichts anderes von der
Liebe. Aber ich sage Ihnen, da Ihre Liebe mich beleidigt.

Und sie betrat das Haus. Er strzte hinterher.

Ah! ich erkenne Sie endlich. Nie will ichs wieder vergessen, wie Sie bse
sind!

Mit einer Stimme, die flog und sich berschlug:

Ich wute es, ich wute es. Immer haben Sie mich nur demtigen wollen, nur
zur Verzweiflung treiben, fr alle meine Liebe, die Sie doch fhlten, fr
alle meine Liebe. Das ist aus, Sie sollen nicht triumphieren. Sie sind
bse, ich hasse Sie!

Auf dem ersten Flur blieb sie atemlos stehen. Seine Fuste mit heftig
gerteten Kncheln hieben nach jedem Wort in die Luft, im verhrteten
Gesicht hatte er Augen wie Stahl. Sie sah sich hastig um, sie wich gegen
die Mauer zurck. Pltzlich lag er auf den Knien.

Ich habe Ihnen Furcht gemacht! Nie, solange ich lebe, werde ich mir das
verzeihen.

Er sthnte wild auf:

Nun mu ich freilich gehen.

Sie sah ihn noch aufstehen und, beide Hnde vor den Augen, die Stirn auf
die Wand senken. Schon war sie oben, ri die Tr ihres Zimmers zu,
verriegelte sie und brach in Lachen aus. Wie sie im Spiegel ihr verzerrtes
Gesicht sah, drckte sie das Tuch vor den Mund. Da hrte sie eine heftige
Flsterstimme. Das darf Sie nicht wundern, Maestro, denn sie liebt einen
anderen.

Flora Garlinda sphte durch den Fensterladen. Drunten zog der Barbier
Nonoggi den Kapellmeister auf die andere Seite und stellte die Hand an den
Mund.

Den Schneider liebt sie, bei dem sie wohnt, und er betrgt seine Frau mit
ihr, die arme Unglckliche. Wit Ihr nicht mehr, wie Euch der Schneider
verleumdet hat? Er hlt sich fr einen greren Knstler, als Ihr seid, und
am Sonntag macht er drauen in den Schenken seine elende Musik, die die
Bauern nicht hren wollen, weil sie die meine kennen . . .

Der Kapellmeister ri sich los.

Ah! Verrterin, -- und er warf sich ins Haustor. Flora Garlinda sprang
vom Fenster zurck, sie drehte in allen Tren die Schlssel um, stand und
hielt den Atem an.

Uff! Nein, er wagt nichts.

Und sie sah, die Mundwinkel herabgezogen, hinterdrein, wie der Barbier ihn,
der schluchzte, durch die mondweie Hlfte der Gasse von dannen schaffte.

Sie fhlte sich nicht schlfrig; sie lste das Haar auf, um es zu waschen;
und sie sah ber die Schultern zu, wie es im Spiegel ihren mageren Nacken
in Gold hllte, durch seinen Flu ihr Profil weich machte. Dann brachte sie
das Gesicht dem Glas ganz nahe und musterte ihre Zhne, die klein, wei und
wohlgeordnet in ihrem gerumigen Munde standen. Meine Schnheiten! -- und
sie lchelte sich spttisch zu. Es sind die dauerhaftesten und darum fr
mich die besten; denn sie sollen noch in dreiig, vierzig Jahren einer
Menge Glck vorzaubern . . . Wo sind dann die, die jetzt zu mir sprechen?
Ihre Stimme erreicht mich nicht mehr lange. Kme ich dann aus der groen
Welt einmal wieder hierher: er -- er zge vielleicht noch immer mit seiner
Kapelle von Schneidern und Barbieren zum Fest eines Heiligen.

Es klopfte; Frau Chiaralunzi stand drauen.

Wir wollen nicht stren, sagte sie und zeigte ihre Zahnlcken.

Sie sind noch auf, dann komme ich zu Ihnen; -- und die Primadonna ging im
Unterrock in die Kche des Schneiders. Er sa ber einer Zeitung, die den
Tisch bedeckte: pltzlich stand er lang da, mit den Hnden an den Nhten.
Flora Garlinda setzte sich, bevor noch der Schneider herbeigestrzt war, um
den Stuhl abzuwischen, neben den niedrigen Steinherd, woraus eine Flamme
zngelte. Die Frau zog den Kessel tiefer herab an seiner Kette; sie bot dem
Frulein eine Tasse Kaffee an.

Aber das Haar! Sieh das Haar, Umberto! Solches wirst du nie wieder sehen.

Die Frau schob die Finger in das Haar der Primadonna.

Und man fhlt es nicht, so weich ist es. Fhle auch du!

Das Frulein wird vielleicht nicht wollen.

Er rhrte sich nicht. Flora Garlinda legte selbst eine seidene Welle ber
seine Hand; und wie das Schwanken der groen, starkknochigen Hand das
leichte, wehende Haar auf und nieder warf, lchelte sie glcklich. Der da
verma sich nicht, an sie zu rhren. Er liebt mich so, wie wenn ich fort
wre und in allen Hauptstdten berhmt wre.

Der Schneider sagte:

Es ist gut, da nicht jede Frau solches Haar hat.

Die Frau stie ihn an.

Wenn die Rina, die Magd des Tabakhndlers, solches Haar htte, wrde er
sie nicht verlassen.

Da der Schneider nicht antwortete, fragte Flora Garlinda:

Wer?

Der Maestro, -- und die Frau setzte sich sogleich zu ihren Fen auf den
Herd.

Wie sie unglcklich ist, die arme Kleine! Man wei nicht, was er hat; er
sagt, er liebe keine andere, und dennoch will er sie nicht mehr. Sie aber:
er knnte sie schlagen, und sie wrde ihm die Hand kssen. Man sieht es
wohl, denn den Cavaliere Giordano, der doch ein Herr ist, hat sie
fortgeschickt.

Den Cavaliere?

Ja ihn, -- obwohl er verspricht, der arme Alte, alles fr ihren Maestro zu
tun, was sie fordern will. Aber das ist es: was soll sie fordern?

Der Schneider wendete sich hin und her.

Das Frulein will diese Dinge nicht hren, sagte er.

Im Gegenteil, sie interessieren mich --

Flora Garlinda lachte auf.

-- und ich will Euch sagen, was sie fr ihren Maestro fordern soll.

Die Frau legte die Hnde aneinander.

Sie wollten die Gte haben? Die Rina wagte nicht, Sie selbst zu bitten.

Sie soll von dem Cavaliere verlangen, da er dem Maestro ein Engagement
verschafft bei der Gesellschaft Mondi-Berlendi, die im Herbst nach Venedig
geht und zum Winter nach Bologna. Das ist ein schner Posten --

Ihre Augen begannen zu funkeln.

-- vielleicht ein wenig zu schn fr den Maestro Dorlenghi. Aber wenn er
hrt, da er ihn bekommen soll, wird er der Rina danken wollen: so wird sie
befriedigt sein, die arme Kleine; -- und ob er ihn dann wirklich bekommt,
was kmmert das uns, wie, meine Freunde?

Tatschlich, machte die Frau betroffen.

Denn er verdient nicht, da man ihm hilft: Euer Mann wei es.

Er ist ein bser Mann, sagte der Schneider. Ich wei es jetzt, -- obwohl
er, wenn man ihn ansieht, gut scheint. Aber er gnnt keinem andern etwas.

Und er hat von Eurem Mann gesagt, da er schlechter spiele als alle.

Welche hliche Lge! Wenn mein Mann loslegt mit seinem Tenorhorn, ist er
strker als das ganze Orchester.

Seht Ihr, da der Maestro bse ist? Ich gebe Euch meinen Rat nur, um dem
Cavaliere Vergngen zu machen, der so sehr die Frauen liebt. Hrt: wollt
Ihr Euch nicht den Gesang von ihm lehren lassen, -- da Ihr doch so gern die
>Arme Tonietta< singen wrdet? Er wird Euch den Hof machen, aber Euer Mann
braucht nicht eiferschtig zu sein.

Der Schneider lachte bieder.

Und unter der Leitung des Cavaliere werdet Ihr die >Arme Tonietta< bald
besser singen als ich.

Die Frau spreizte erschreckt die Hand; und dann lchelte sie albern. Flora
Garlinda stand auf, um ihren Hohn nicht sehen zu lassen.

Also ich schicke Euch den Cavaliere.

Wie sie an ihrer Tr sich umdrehte, stand drben noch der Schneider und
blinzelte, als seien ihm die Augen mde vom langen Starren auf ihr goldenes
Vlies.

Von neuem hielt sie es sich im Spiegel entgegen.

Dieses Haar! Immer andere Menschen werden es also sehen, immer andere
diese Stimme bewundern. Ich werde Geschlechter entzcken, Geschlechtern
gro scheinen, die noch nicht geboren sind. Was aber werde ich selbst
fhlen? Werde ich glcklich sein?

Die endlose Flucht unbekannter, einsamer Jahre ghnte pltzlich im Dunkel
hinter ihrem Spiegelbild. Ihr schauderte.

Warum mu ich allein sein. Warum ertrage ich niemand neben mir. Sind denn
wirklich alle meine Feinde? Ach, da ich bse bin!

Mit grbelndem Ekel sah sie sich in die Augen.

Sie besann sich. Das alles ist erledigt, ich habe gewhlt. ber den
kleinen eisernen Dreifu gebeugt, go sie sich das Flakon ins Haar. Aber
sie fhlte sich linkisch dabei.

Ich bin armselig, sobald ich nicht singe. Dies Haar ist zu schn fr mich,
es ist nur entliehen von der, die singt. Ich hasse es, da es mir nicht
gehrt, da ich es pflegen mu fr die fernsten, sptesten Blicke und nie
die Ksse des nchsten darauf empfangen darf.

Sie lie die Arme hngen und das Haar triefen.

Wie seine Augen sich ngstigten! Wie er bleich war von der Begierde, mich
glcklich zu machen! . . . Liebe ich ihn? . . . Erlaube es mir!

Welchen Geist flehte sie an? Sich selbst?

Erlaube mir, ihn zu lieben! Welch gutes, leichtes Geschick es wre!

Da warf sie sich mit fliegenden Armen ber das Bett. Unter ihrem weiten,
nassen Haar zuckte sie; ihre Brust arbeitete wie zum Sterben; -- und in dem
ungeheuren Schluchzen, das ihr die Kehle sprengte, fhlte sie das grte
Glck ihres Lebens hervorbrechen. Sie wute: Es wre das leichte Geschick
der andern, nicht meins. Meins ist hart, und ich bin stolz auf seine
Hrte. Dennoch weinte sie kstlich.

                   *       *       *       *       *

Unter ihrem Fenster sagte sich der Cavaliere Giordano:

Die Frau des Schneiders liebt mich also wirklich. Sie allein hat noch
Licht bei sich, und sie weint.

Er neigte den Kopf auf die Seite, und solange das Schluchzen whrte, blieb
er genuschtig lchelnd stehen. Das Licht erlosch; der Alte schlich zurck
auf den Platz. Er setzte sich vor dem Caf zum Fortschritt an einen der
mondbeschienenen Tische. Es schlug hallend ein Uhr.

Alle schlafen. Da ich nicht schlafe: htte ich nicht die Frau des
Schneiders trsten sollen? Der Schneider freilich ist stark, und ich
zweifle, ob ich noch jetzt aus dem Fenster springen knnte, wie damals in
Rom. Die Contessa Riotti! Sie verliebte sich in mich, als ich den Herzog im
>Rigoletto< kreierte. Sie war die schnste Frau von Rom, und sie nannte
mich den schnsten Mann, den sie je gesehen habe. Viele Jahre spter sagte
mir die Bouboukoff dasselbe. Es war zur Zeit des Caino, der letzten Rolle,
die ich kreierte. War nicht die Bouboukoff die letzte Frau, die mich
wirklich liebte? Die letzte Rolle, die letzte Frau . . .

Er sa, die Schlfe in der Hand, ganz reglos.

Still: da ist jemand, flsterte Nello an Albas Ohr. Sie flsterte:

Setze mich auf den Boden, dann sind wir leichter.

Einander sttzend, lieen sie langsam, langsam den Fu von der letzten
Stufe der Treppengasse in das Dunkel unter dem Rathaus.

Wer ist es?

Der Cavaliere Giordano. Aber er schlft.

Sollen wirs wagen? -- und sie schlpften durch den Mondstreif in den
nchsten Bogen.

O Himmel! Er hat sich gerhrt.

Warum die letzten? dachte der Alte. Noch manche Frau hat mir gehrt.
Viele Volksmengen haben mir zugejauchzt . . . Oder gehrten und jauchzten
sie meinem Ruhm? Denn ich bin berhmt . . .

Er sah ringsum an den Schatten hin, als erstaunte er. Alba und Nello
hielten den Atem an.

Alle schlafen dorthinten, unbekannt. Mich kannten Tausende, die schon
starben. Frauen, die noch jung sind, haben von mir getrumt und Knaben sich
an mir begeistert.

Warum geht dieser Alte nicht zu Bett? Wie sollen wir vorberkommen? Das
Kloster droben ist geschlossen, und nicht Amica ist morgen frh die
Pfrtnerin.

Auch hier, o Alba, lieben wir uns.

Der Alte wendete das Ohr dem dnnen Pltschern des Brunnens zu.

Ja, das war das beste: im Garten meines Meisters; ich hatte schwarze Hnde
von der Arbeit, und ich sang. Niemand achtete auf mich, -- Giulietta aber
lie ihre Wsche liegen und hrte mir zu. Vom Waschbrunnen rann es: ja, so
rann es, und dies war meine Stimme . . .

Wir wollen es wagen. Ganz sacht, mein Geliebter, durch den Mondschein. Um
die Ecke ists dunkel, und wir sind in Sicherheit.

O, da mehr Gefahren kmen, damit ich dich mir aus ihnen rette, meine
Geliebte!

Giulietta war fnfzehn Jahre alt, ich siebzehn. Hatte sie wirklich an
ihren bloen Fen diese rosigen Ngel? Wie sie auf meinen Hnden welk
sind! Weder die Frau des Schneiders, noch Rina, die Magd, werden mich
wollen, wenn sie meine Ngel sehen.

Jener Alte mag nun weiter schlafen. Was wei er, wie du kt. Ksse mich,
Alba!




V


Der Gemeindesekretr trat an den Tisch vor dem Caf zum Fortschritt.

Die Herren wissen noch nicht die Neuigkeit? . . . Ich sage sie Ihnen im
Vertrauen. Wir haben Grund, sie dem Publikum so lange wie mglich
vorzuenthalten, denn wir mssen Unruhen befrchten.

Mancafede ist erbleicht, sagte der Herr Giocondi. Welchen Schlag werden
Sie uns versetzen?

Camuzzi nahm umstndlich Platz; er setzte an, lchelte skeptisch, -- da kam
aus dem Innern des Cafs mit hartem Schritt der junge Savezzo, pflanzte
sich, die Arme verschrnkt, vor den Tisch hin und sagte:

Der Advokat hat seinen Proze gegen Don Taddeo verloren.

Nicht der Advokat: die Stadt hat ihn verloren, sagte der Sekretr.

Gleichviel, -- und der Savezzo zeigte seine schwarzen Zhne; die Stadt:
das ist der Advokat. Sie verliert, weil sie auf ihn gehrt hat.

Ich leugne es nicht, sagte der Sekretr. Polli und Giocondi sahen sich
an.

Ist das der Grund, weshalb der Advokat sich heute nicht sehen lt?

Herr Savezzo --

Der Kaufmann legte seine drre Hand instndig auf den Arm des jungen
Mannes.

Welche Absichten hat Don Taddeo? Wird er das Volk gegen uns schicken?

Man hat ihn schwer beleidigt; -- und Savezzo hob unheilvoll die
Schultern. Der Kaufmann bumte sich wimmernd.

Nur der Advokat hat ihn beleidigt. Mag er empfangen, was er verdient. Wie,
Ihr Herren? Wir werden uns, da das Wohl der Stadt es verlangt, lossagen von
ihm, wir werden ihn ausliefern.

Der Apotheker Acquistapace schlug auf den Tisch.

Wir alle haben den Proze gefhrt, und wenn die Gerichte uns unrecht
geben, will es heien, da sie an die Priester verkauft sind.

Tatschlich, uerte Polli, wei alle Welt, da der Eimer der Stadt
gehrt, die ihn erobert hat.

Noch dazu mit Hilfe der Gtter, setzte der Herr Giocondi hinzu.

Der Gemeindesekretr betrachtete sie mit spttischen Augen.

Man sieht, da die Herren das Gesetz nicht kennen. Das Gericht der ersten
Instanz hat erwogen, da die Kirche, die ihn Jahrhunderte hindurch
verwaltet hat, durch die so lange getragene Verantwortung fr das
ruhmreiche Erinnerungsstck gewisse Rechte auf den Eimer erworben habe
. . .

Der Apotheker fiel ein:

Alles das beweist nur, da heute die Priester wieder obenauf sind.

Aber wir knnen appellieren, meinte der Tabakhndler. Camuzzi erwiderte:

Ich wei nicht, ob die Gemeinde sich dazu entschlieen wird. Der Advokat
wird es verlangen, aber werden wir ihm folgen? Die Tatsache spricht nicht
dafr, da sein Antrag, am Rathaus eine Gedenktafel fr den Cavaliere
Giordano anzubringen, gestern abgelehnt worden ist.

Es gibt Leute, erklrte Polli, die von den Komdianten genug haben. Es
scheint, da sie morgen abziehen werden. Adieu, lat es euch gut gehen.

Auch der Herr Giocondi winkte Abschied.

Wir kennen jetzt ihre >Arme Tonietta.< Ob wir sie kennen! Wenn ich mir den
Mund aussple, klingt es wie >Sieh Geliebte, unser umblhtes Haus.< Niemand
will mehr dafr bezahlen, versteht sich, und damit man noch hingeht, machen
sie zwischen dem ersten und zweiten Akt ein Konzert, wobei die Garlinda im
Ballkleid und der Gennari im Frack herauskommen und die Musik des Maestro
Dorlenghi singen, der ein guter junger Mann ist.

Sollen sie sie singen, sagte Polli. Aber in den vier Wochen, die sie in
unserer Mitte sind, geschieht ein Unglck nach dem andern. Man spricht
besser nicht von den beiden Paradisi. Der Vittorino Baccal war seinerseits
immer ein ehrlicher Bursche, und dennoch hat er nun, weil solch ein kleines
Weib ihm auf dem Buckel sa, seinen Meister bestohlen. Wren wenigstens in
dieser Hinsicht die guten Familien verschont geblieben . . .

Der Tabakhndler sah mit Gramfalten zwischen seine Kniee. Savezzo stellte
brutal den Fu vor.

Und wem verdanken Sie das Unglck mit Ihrem Olindo? Denn man wei, da
auch er, um seine gelbe Choristin zu bezahlen, in die vterliche Kasse
gegriffen hat. Wer hat diese Bande von Abenteurerinnen auf die Stadt
losgelassen?

Es sind Knstler! rief der Apotheker. Sie hinterlassen uns eine
Erinnerung an die Ideale.

Und Schulden, sagte der Gemeindesekretr, -- die ich brigens
vorausgesagt habe. Aber wer vor Verschwendung warnt, ist ein Gegner des
Fortschritts, und wer die Entsittlichung nicht wnscht, ein Klerikaler.

Ein Dieb ist der Tenor! stie pltzlich der schne Alf aus, der um den
Tisch strich. Will der Leutnant ihn nicht einsperren, dann bringe ich ihn
um; -- und er knirschte mit entbltem Gebi. Savezzo legte einen schweren
Blick auf ihn; der schne Alf wich darunter ins Caf zurck, und Savezzo
folgte ihm. Im Gehen erklrte er:

Der Gennari bezahlt niemals sein Frhstck, -- da er ja alles zum
Parfmeur und zum Schneider trgt.

Welche Lebensweise! sagte Mancafede. Aber alle sind jetzt verrckt. An
dem Fest, das der Severino Salvatori den Komdianten gegeben hat, verdient
der Malandrini wenigstens zweihundertfnfzig Lire. Der Salvatori ist auf
dem Wege, sich zu ruinieren.

Und sein Dmon ist der Advokat, sagte Camuzzi. Man wrde glauben, da
dieser Mann nichts anderes sinnt, als wie er mit der eigenen Person, die
Ausschweifungen aufreiben, zugleich die Stadt zerstren knne.

Der Advokat! rief Acquistapace. Er ist tapfer und hat groe Gedanken.
Wenn wir einst das neue Theater, das ffentliche Schlachthaus, die
Eisfabrik und das Militr in Sommergarnison haben werden, dann werden wir
auf dem Platz, der nach seinem Plan schn viereckig reguliert und ringsum
mit Arkaden versehen sein wird, ein Standbild des Ferruccio Belotti
errichten, des grten Brgers der Stadt!

Polli kratzte sich den Kopf.

Alle diese schnen Dinge wren noch schner, wenn es nicht so viele
wren.

Um Fremde herzuziehen, bemerkte der Herr Giocondi, hat der Advokat die
Gemeinde vierhundert Lire ausgeben lassen. Man mu sagen, da der einzige
Englnder, der beim Malandrini wohnt, uns etwas zuviel kostet.

Der Gemeindesekretr bewegte elegant die Hand.

Ihre Enttuschung, meine Herren, wird von vielen geteilt. Der Advokat in
seinem Schaffensdrang, der in Vernichtungstrieb ausartet, merkt nicht, wie
er die Reste seines Ansehens verbraucht. Da er die Komdianten hergeholt
hat, bedaure ich nicht. Die Folgen ihrer Anwesenheit haben viele Augen
geffnet und viele Meinungen, die schwankten, befestigt. Man sieht sich
pltzlich der Anarchie und dem Bankerott gegenber und besinnt sich auf die
Migung und die Strenge, ohne die kein Gemeinwesen besteht.

Tatsache ist, bemerkte der Tabakhndler, da heute frh in der Messe so
viele Leute waren, wie seit zwanzig Jahren nicht mehr.

Der Unterprfekt soll dagewesen sein, sagte Giocondi. Man mu also
vielleicht wieder hingehen?

Der Apotheker schnob zornig.

Das ist nicht nur bei uns so. berall regt sich die Reaktion, und die
Regierung in ihrer Furcht vor der Demokratie, der sie doch entstammt,
untersttzt sie. Hat nicht bei der Festvorstellung, die der Knig dem
Kaiser von Deutschland in Rom gab, den ganzen ersten Rang die ppstliche
Aristokratie eingenommen? Das liberale Brgertum war gut genug, die
Monarchie zu errichten; ihre Ehren empfangen nicht wir, sondern ihre alten
Feinde. Es gibt Augenblicke, wo man bereuen mchte. Denn, sagen wir nur die
Wahrheit, mit Garibaldi wre das nicht mglich gewesen; und vielleicht war
der Held zu gro, als er abdankte und uns verlie.

Sie haben recht; -- Camuzzi feixte -- unter Garibaldi und der Republik
gbe es keinen Streit, weder um einen Eimer noch um sonst etwas.

Der Alte breitete die Arme aus.

Denken Sie, ich zweifelte daran? Dann mu ich Ihnen sagen, was ich glaube.
Dies mein Bein, das ich im Dienst der Republik verloren habe: -- ah! die
Republik bleibt jung, wie ich selbst damals war, und kme sie nun, sie
liee mir mein Bein wieder wachsen!

Camuzzi erhob sich vornehm.

Sie sind ein Dichter, Herr Acquistapace.

Zu Giocondi, der ihn begleitete, sagte er:

Was soll man diesen Radikalen antworten? Sie glauben die Wahrheit fr sich
zu haben. Aber erstens: gibt es eine Wahrheit? Und dann wrde sie zu weit
fhren.

                   *       *       *       *       *

Wohin, Alf? rief Polli; aber der Sohn des Gevatters Achille ballte nur,
ohne sich umzusehen, die Fuste und ging mit langen Schritten in die
Rathausgasse.

Was hat der schne Alf? fragten, wo er vorbeikam, die Frauen. Anstatt
uns zuzulcheln, zieht er sich den Hut auf die Nase, als dchte er an
bles.

Ein groes Stck hinter dem Tor, schon jenseits des Waschhauses, trat
hinter einem Busch der Savezzo hervor. Der schne Alf begann zu
schlottern.

Ich wei alles, was du denkst, -- und der Blick des Savezzo lastete dumpf
auf ihm. Wehe, wenn du je verrtst, du habest mit mir gesprochen. Du weit
nicht, was ich kann; an deinem eigenen Wort wrdest du sterben.

Aber wenn es wahr ist, sagte Alf, scheu geduckt, wenn er sie verfhrt
hat, dann ermorde ich ihn.

Ermorde ihn! Du kommst auf die Galeere.

Der Savezzo zog ihn in den Feldweg.

Leute wie du gehen nicht auf der Landstrae, sagte er, dster lachend;
und auf der Kreuzung der langen Buschgnge, vor einer Kapelle:

Hier habe ich sie gestern belauscht. Sie sagte zu ihm: >Du sollst die
Madonna nicht ansehen, ich bin eiferschtig auf sie.< Dann schwor er ihr
Treue, und sie versprach ihm, da sie zu ihm entfliehen wolle, gleich
morgen, kaum da die Komdianten fort seien . . . La das Messer in der
Tasche! -- und der Savezzo trat, die Arme verschrnkt, einen Schritt vor.
Der schne Alf wich, leise winselnd, zurck.

Da sind sie, flsterte der Savezzo vor Villascura. Sie verstecken sich
nicht einmal mehr. Alle Bauern, die vorbeikommen, haben sie umarmt gesehen,
und du, Dummkopf, willst noch zweifeln?

Der schne Alf warf sich lang hin; er erstickte sein Gewimmer im Staub.

Wenn du ihn ermordest, kommst du auf die Galeere -- und der Savezzo zog
sich lautlos zurck, indes der schne Alf, flach am Boden, ber die Strae
und durch den Spalt im Gatter kroch. Er warf sich seitwrts auf die weiche
Erde zwischen den Zypressen, wand sich von einer zur anderen, und
dazwischen, die Zhne gefletscht, sphte er.

Nello lie einen silbernen Spiegel in der Sonne glnzen.

Welche feinen Dinge du mir schenkst! O! ich habe eine elegante Frau zur
Geliebten, eine Dame der groen Welt.

Ich? sagte Alba und hob sich, schwach errtet, an seinen Schultern empor.
Ach, ich Arme! Du aber kennst die Frauen der groen Stdte.

Wie deine Hnde duften!

Hast du mir nicht das Parfm gegeben, das die Grfinnen gebrauchen? Mein
Nello, du weit so vieles, was ich nicht wei.

Ein armer Gesangknstler! Wie kommt es, da du mich liebst?

Sie lie ihn pltzlich los. Die Augen dunkel und hei in seinen, schttelte
sie schwer den Kopf. Er ging ihr nach in den Schatten.

Was hast du? . . . Hier ist es khl, man atmet.

Findest du? Mir macht meine Liebe Fieber, sie erstickt mich. Sie ist
schwer wie der Mond. Sie treibt mir Stacheln ins Fleisch, wie dieser
Busch.

Alba, was tust du? Deine armen Hnde!

Siehst du? Ich kann keinen anderen Schmerz mehr fhlen, als nur die Liebe
zu dir.

Und ich? rief Nello. Was geschieht mir, was nicht von dir kme? Ich sehe
niemand, nichts bewegt mich; aber wenn ich allein zwischen den Feldern
gehe, mu ich pltzlich anhalten und lechzend blinzeln, denn in der heien
Luft kommt dein blendendes Gesicht, o Alba, khl hauchend auf meinen Mund
zu.

Sie sah ihn, einsam grbelnd, an.

Ich glaube dir nicht.

Du glaubst mir nicht?

Die Ersilia und die Mina Paradisi haben sich auf offenem Platz geohrfeigt:
deinetwegen, sagt man.

Er schnellte auf.

Aber ich kenne sie nicht! Und sie knnten einander vor meinen Augen tten,
so wrde ich ber sie hinwegsteigen, um zu dir zu gelangen!

Ist das wahr? -- und sie breitete ihm, schwelgerisch zurckgeneigt,
Gesicht und Arme hin. Unter seinen Kssen begann sie zu zittern.

Und wenn dies die letzten wren? Nello! Die letzten Ksse?

Du willst mich also im Stich lassen, du Bse! Hat nicht der Pchter uns
den Wagen verschafft und haben wir ihn nicht gesehen? Denselben Wagen,
worin du mir morgen frh nachkommen wirst und in den ich einsteigen werde
zu dir, morgen frh!

Als ich gestern zwischen Tr und Angel meiner Loge heimlich lauschte, wie
du sangst, ward pltzlich das Herz mir schwach von der Angst, dies seien
die letzten Tne, die ich von dir hren solle. Ich hngte mich an jeden,
ich erschrak, wenn der nchste fiel; und ganz umschmiegt von deiner Stimme,
sehnte ich mich nach ihr.

Meine Alba!

Du schwiegst; ich hatte nichts mehr zu hoffen; meine Kniee verlie die
Kraft. Aus den Kulissen kamen in weien Percken die Diener und brachten
dir auf Samtkissen in offnen Schatullen die Geschenke. Von welchen Frauen
kamen sie?

Du weit doch, da das Komitee sie jedem gibt und da sie nichts wert
sind.

Mag sein. Aber wie viele Frauen warten, dahinten in der Welt, auf dich mit
ihren Gaben? Wie vielen wirst du dafr singen? Ach, Nello! vielleicht haben
wir alles gehabt, was uns gegnnt war. Vielleicht wirst du nie zu mir in
jenen Wagen steigen, und ich werde, allein und vergessen, darin
zurckkehren.

Alba! Was fat dich an.

Er schttelte sie an den Armen. Sie sah ber seinen Scheitel fort. Er
erblickte unter dem dsteren Glanz ihres Auges ihr geschliffenes Profil,
als stehe es drohend ber ihm. Schaudernd bckte er sich. Sie sagte hinauf
in die Luft:

Nicht aber werde ich dich jenen zurcklassen. Hre! Du hrst die
ernstesten Worte, die je dein Ohr treffen knnen. Jene werden ihn umsonst
suchen, der Alba liebte und der keine mehr lieben soll. Du wirst verstummt
sein. Das Echo deiner letzten Tne schliee ich in dies Herz, das
versteinen wird.

Ein Schwindel ergriff ihn. Er schlug sich auf die Brust, er warf sich in
die Knie.

Wenn ich je dich betrgen kann, will ich nicht mehr leben: tte mich!

Sie lie sich nieder zu ihm, sie umarmte weich seinen Kopf. Sie weinten.

Alba richtete sich auf, lchelnd mit nassem Gesicht.

Du Bser siehst nichts. Ich habe Schuhe an, die aus Paris kommen. Kt du
nun meine Fe? Ksse sie! Ach! Es heit schn sein . . . Und du, Schner,
glaubst du, ich wte nicht, da du schon wieder einen neuen Anzug trgst?
La dich bewundern!

Er ging mit glcklichem Schritt vor ihr her, die Terrasse entlang. Da
schnellte neben ihm aus der Erde etwas Schwarzes, Fletschendes: ein Messer
blitzte. Nello lief; er lief und schrie:

Hilfe! Mrder!

Auf die Terrasse! rief Alba. Ins Haus!

Der Verfolger hatte schon den Weg zur Tr abgeschnitten, Nello hastete den
Berg hinauf, hinter sich das Schnarchen einer Bestie. Er stolperte ohne
Weg, er hatte keinen Atem mehr, ihm ward bel. Er blieb stehen, ihn
verlangte nur noch, dem Mrder zugewendet die Arme zu heben. Pltzlich,
schon schlo er die Augen, lag vor ihm ein Stein: der Stein, auf den er
sich mit Alba gesttzt hatte, damals, als sie auf der Flucht vor Nonoggi
und dem Advokaten die Einsenkung des Berges hinabgerutscht waren; er
erkannte die Pinie, an der sie sich gehalten hatten. Das Vergangene, alles
Vergangene, alles, was Leben gewesen war und noch nicht die Spitze eines
Messers auf der Brust gehabt hatte, war auf einmal wieder da; Nello stie
einen langen Schrei aus, er tat einen Sprung und fhlte eine Stufe. Hoch
oben sah er sich um: der schne Alf wlzte sich am Grunde der Grube, in
die sie einst beide gestrzt waren, und Alba war da, die ihm das Messer
entri. Nello warf sich hinter den letzten Zypressen in die Schlucht. In
einer Hhle aus groen Steinen sank er zu Boden, prete sich das Herz und
atmete. Er sah umher. Er atmete.

Hier kte ich ihr das Blut vom Finger! Unsere ersten Ksse schmeckten
nach ihrem Blut, und fr die letzten htte ich bald all meins gelassen.

Er bebte pltzlich; angstvoller Ha verzerrte ihn.

Sie wollte mich immer nur verderben. Sie hat mich geliebt, aber ihre Liebe
ist tdlich. Was geht sie mich an, ich will nicht sterben.

Er erschrak, besann sich, -- und dann schlug er mit der Faust auf den
Boden.

Ich war ein Narr! Seit vier Wochen will ich um ihretwillen bald Mnch
werden, bald in einen Abgrund springen, tte Schlangen und setze mich allen
Messern der Stadt aus. Aber ich bin, nun ich daran denke, nicht so gro,
wie sie mich will, und ich werde abreisen. Sie mag ohne mich Tragik um sich
her brauen: ich tauge nur zu den Dolchsten, bei denen man singt!

Er wagte sich hervor: drunten war niemand zu sehen; und senkrecht ber ihm
stand das Kloster. Er suchte die Treppe.

Mich schwindelt. Da mich das erste Mal nicht geschwindelt hat!

ber die letzten Stufen kroch er auf den Hnden. Im Klostergarten war
niemand; zwischen den Sulen des Hofes schlug einsame weie Sonne das
Pflaster; das Tor stand offen. Drauen sah Nello sich verwundert um; er
hatte Lust, zu laufen und zu lachen. In der Treppengasse lchelte er jeder
Frau zu. Manchmal blieb er stehen und berzeugte sich, da der Himmel weit
und blau war.

Auf dem Platz bewegte sich wenig, vor dem Caf sa nur der Leutnant
Cantinelli. Der schne Alf ordnete die Sthle. Nello ging mit
leichtsinnigem Lachen auf ihn zu, aber der schne Alf verschwand rasch.

Vom Balkon des Rathauses sah Frau Camuzzi unverwandt herab. Nello bog
hastig den Kopf weg; dann wendete er ihn langsam zurck und erwiderte ihren
Blick. Schlielich lchelten sie beide ein wenig.

Ich gre Sie, Signora, sagte Nello.

Guten Abend, mein Herr, sagte Frau Camuzzi; und nach einer Minute des
Blickens und Lchelns:

Heute abend also werden wir Sie zum letztenmal hren?

Ich singe doch nicht mehr.

Wie? Sie haben unser Fest im Klub vergessen?

Sie lchelte schrfer.

Was nimmt Ihnen denn alle Gedanken und macht Sie unsichtbar?

Es ist wahr, ich soll singen!

Frau Zampieri, sagte sie hinber, wo die Witwe am Fenster erschienen war,
denkt vielleicht auch ihre Nina nicht mehr an ihr Harfenspiel? Da sehen
Sie den Knstler, der nichts davon wei, da alle ihn erwarten.

Aber Sie brauchten mich nur daran zu erinnern, da unter meinen Hrern --

Frau Camuzzi grte ihn hinter ihrem vorbeischwingenden Fcher mit einem
raschen, tiefen Blick, -- und ehe er beendet hatte, war sie fort. Nello
knallte mit zwei Fingern, er schwenkte sich auf den Abstzen herum.

Sieh doch! dachte er, und: Warum nicht . . . Oder eine andere! Oder
mehrere!

Er grte zu den leeren Fenstern hinauf; vor dem verschlossenen der
Unsichtbaren machte er eine kleine spttische Verbeugung.

Adieu, o Schicksalsgttin. Ich habe kein Schicksal mehr; alles ist wieder
Spiel und Abenteuer; -- und morgen gehts in die Welt hinaus.

Er schlenderte leichtfig durch den Corso. Von der anderen Seite kam
ungefge flatternd der Pfarrer Don Taddeo. Wo es nach dem Gasthaus zum
Mond hinabging, maen sie sich, und der entzndete Blick des Priesters
wich aus. Wie er verstaubt, schweiig und elend aussieht! dachte Nello.
Ist das Retten von Seelen eine so schwere Arbeit? Dann ist er ein Narr,
da er die Seelen rettet.

                   *       *       *       *       *

Don Taddeo strzte sich in seine Haustr. Am Ende des schwarzen Ganges
horchte er, und da alles still blieb, packte er den Knauf des
Treppengelnders und bettete die Stirn auf den Stein.

Erst als droben eine Tr ging, fuhr er auf. Er gelangte ungesehen in sein
Zimmer und lief darin umher: die Fliesen machten seinen Schritt laut
klappern zwischen den kahlen Mauern. Immer wieder ertappte er sich, wie er,
mit einer Miene aus Abscheu und Gier, ber das Brevier hinweg in die Ecken
sphte. Seine Wirtschafterin ffnete die Tr und setzte die Fuste auf die
Hften.

Wie, Reverendo? Ihr seid da, und inzwischen verbrennt mir das Essen? was
fr Dinge treibt Ihr eigentlich jetzt?

Vor diesem tauben, argwhnischen Gesicht sich verstecken drfen!

Ich habe nichts, Ermenegilda, bring nur das Essen.

Sie blieb murrend vor dem Tisch stehen, ob er auch esse. Er tat es mit
verhaltenem Geschmack; wenn die Wrze des Gerichtes durchdrang, hielt er
erschrocken ein. Der elende Kitzel!

Schmeckt es Euch nicht? fragte die Alte. Ist Euch bel?

Er nickte mehrmals, mit geschlossenen Augen, und flchtete ins
Schlafzimmer. Vor dem Bilde des heiligen Aloisius warf er sich nieder. Nach
einer Weile hob er lauschend den Kopf; mit einem Lcheln der Erlsung
reckte er die gefalteten Hnde hinauf. Pltzlich zog er sie zurck,
erstarrt. O mein Gott! Ich glaubte, du lieest in meinem armen Kopf, um
mich zu retten, den Gesang deiner Engel entstehen; nun aber wars das Gebet
der Tonietta. Vor dem Schutzpatron der Reinheit liege ich in einer letzten
Anstrengung, -- und was ich finde, ist Lsterung! Ich bin verloren!

Er schrie auf:

Ich bin verloren!

Ihr habt geklopft? fragte die Alte. Madonna! was tut Ihr, Ihr habt den
Waschtisch umgeworfen.

Whrend sie den Boden trocknete:

Wie Ihr ausseht, Reverendo! Seit einiger Zeit vernachlssigt Ihr Euch.
Unversehens fllt es Euch ein, Euer bestes Kleid anzuziehen und es
schmutzig zu machen. Was tun wir nun? -- und sie sah ihn pltzlich scharf
an. Er wich bis an die Wand zurck und lie den Kopf auf die Brust fallen.

Ich wei nichts mehr zu tun, sagte er und hrte seine Stimme metallisch
und angestrengt nachzittern, wie das fieberhafte Schwingen des
Sterbeglckchens.

Hier ist die Lampe, sagte die Alte. Mge das Licht Eure Gedanken
zerstreuen.

Als sie ihm gute Nacht gewnscht hatte, ging er gesenkten Kopfes durchs
Zimmer. Dann wurden drunten Stimmen laut, -- und hastig lschte er das
Licht. Er lauschte. Mit geschlossenen Augen und lauschend rckte er dem
Fenster immer nher: da kreischte, inmitten der Sprechenden, die
vorbeikamen, ein Frauenlachen auf. Sie! Ach sie! -- und Don Taddeo brach
zusammen.

Er kam zu sich; tief dunkel war es; und ihm fiel wieder ein, da er
verloren sei.

Vielleicht zeigte sie ihnen, indes sie lachte, das Fenster des verlorenen
Priesters? Denn sie wei es! Sie wei, da ich sie in der Beichte begehrt
habe. Wie? Du wolltest behaupten, es sei nur Zufall gewesen, da ich an ihr
Kleid streifte? Gestehe! Ich gestehe . . . Whrend ich dann voll Angst den
Kopf gewendet hielt, durchlief michs, als berhrte auch sie mich. Wir haben
uns berhrt, wir haben einander Wollust mitgeteilt, und ich, der Priester,
der die Handlung seines Amtes entweihte -- o! niemand als Gott wei darum,
und dennoch bin ich nun exkommuniziert.

Er betastete sich, -- und er warf die Arme in die Luft.

Es ist nicht mglich: ich trume. Was ist denn geschehen, da ich
verstoen wre aus der Gesellschaft der lebendigen Seelen, verstoen und
verdammt! Ach, ber mich!

Er brach sein Entsetzensgeschrei ab, lauschte und sphte hinaus.

Niemand . . . Was ich getan habe, ist meine Sache. Wer wei denn, wie es
kam? Ist es nicht ein auerordentliches Geschick, das mich getroffen hat?
Der Papst hat leicht verdammen. Es soll nicht gelten! Ich will wieder
werden, der ich war. Kennen mich nicht alle? Bin ich nicht unter ihnen ein
Verteidiger des heiligen Geistes? Mich selbst nennen sie einen Heiligen
. . .

Pltzlich schlug er die Hnde vor die Augen; er lachte sthnend.

Ein Heiliger! Ein Heiliger, der sich in den Kalk eines Kirchenfensters
krallt, um einer Komdiantin zuzusehen, die Unzucht treibt! Ein Heiliger,
dem es nichts ntzt, auf dem nackten Stein zu schlafen, so sehr brennt ihn
die Begierde nach ihr! In den Augen jeder Frau ersprt er die scheuliche
Lockung der einen; denn auch die Hnde der armen Baronin Torroni werden
hei in meinen, sie sieht mich an und wei nicht, was von mir ausgeht. Was
sage ich? Die Madonna! Ich darf der Madonna nicht mehr ins Gesicht sehen!

Er krmmte sich, lautlos schluchzend, ber sich selbst.

Wohin, mein Gott? Ich bin verpestet, mein Hauch ttet Seelen. Mein Laster
hat die Stadt ergriffen, da sie sich mit den Komdianten zugrunde
richteten, von Gott abfielen und meinem Feinde, dem Advokaten, zuliefen.
Die Verderbnis der Stadt ist meine Strafe und das Abbild meiner eigenen
Verderbnis. Denn das Namenlose ist geschehen, und ich, der Hter des
Geistes, bin dem Fleische erlegen. Der Geist, der heilig ist und mich
erfllte, konnte den Bildern des Fleisches weichen! Was spreche ich vom
Papst und von den Strafen? Es knnte weder Papst noch Gott geben; keine
Ewigkeit knnte der Menschen warten; und dennoch bliebe der Geist -- o!
welche Erkenntnis und welche Niederlage -- er bliebe heilig, und ich, der
ihm geweiht war und gleichwohl meine Gedanken in die gemeine Lust der
Ungeweihten gemischt habe, ich bin nun schrecklicher verdammt, als je ein
der Hlle Verfallener.

Er reckte die Arme hinauf.

Vernichtung! Gott! Reinige mich und vernichte mich! Wir mssen brennen:
sie, die mich zu Fall gebracht hat, ich selbst -- und alle, die hier
sndigten: die Stadt mu brennen! Du willst es, Herr!

Er stand steif; droben zitterten die Spitzen seiner bleichen Hnde wie
Pfeile zum Himmel. Vom Himmel flo es hei an ihnen herab. Don Taddeo
fhlte sich verzehrt und gereinigt. Er schlo die Augen, umwogt von
gttlichen Flammen. Sie hoben ihn auf. Die Stadt war unter ihm, und sie
brannte, auch sie. Don Taddeo war vor dem Tode noch so mchtig gewesen, da
sein Gedanke sie in Brand gesteckt hatte. Nun starb er, erlst . . . Er
seufzte und ffnete die Augen. Er lebte noch, drben glomm das Licht vom
Gasthaus zum Mond, nichts war geschehen. Don Taddeo taumelte auf sein
Bett.

Ich bin machtlos. Und ich werde wahnsinnig. Was wird kommen?

Er horchte entsetzt. Ihre Stimme! Sie nahte, schwoll an, sie lachte wie der
Dmon. Don Taddeo hielt sich die Ohren zu, aber er hrte. Er drckte die
Lider aufeinander und dennoch sah er das Weib mit dem Manne ihr Zimmer
betreten, sah sie die Kleider lsen, erblickte den Glanz des Fleisches. Er
krmmte sich unter den Bildern. Ein Schrei der Lust traf ihn so heftig, da
er aufsprang und sich umsah. Er hatte rote Wellen vor den Augen und in den
Ohren Lrm.

Sie mu brennen!

Er suchte keuchend umher, setzte mit wirrem Flattern durch die Zimmer, ber
die Treppe, und drauen -- niemand da? -- huschte er auf die Schattenseite
und die Gasse zum Gasthaus hinab. Es hatte nur ein helles Fenster. Don
Taddeo starrte, zurckweichend, hinauf. Da ging ein Laden; der entblte
Arm glnzte auf, der ihn anzog. Don Taddeo warf sich, und die Zhne
klapperten ihm, zu Boden; er schaufelte mit den Hnden auf dem Pflaster das
Stroh zusammen . . .

Still! Welche Stimmen? Der Tenor, der im Gasthaus wohnte! Kam er?

                   *       *       *       *       *

Wei ichs? sagte Nello Gennari.

O nein, sagte Flora Garlinda, -- und sie gingen weiter.

Die Leute klatschen nicht immer ohne Grund. Ich will dir gestehen, Nello,
da ich mich in letzter Zeit vor dir gefrchtet habe. An deinem Ehrenabend
warst du geradezu erstaunlich.

Daher also wurde dir schlecht? Du tust mir leid, Flora.

Kein Grund, mein armer Nello. Denn ich frchte nichts mehr von dir. Seit
heute abend bist du wieder so mittelmig wie je.

Sie betrachtete, die Lippen fest geschlossen, aus den Winkeln seine vor
Enttuschung einfltige Miene. Er stie hervor:

Aber sie klatschten auch heute abend.

Natrlich gab es Frauen, die klatschten, da du ja schn bist, -- und
Flora Garlinda zuckte die Achseln. Er fuchtelte.

Wenn du wtest . . . Man hat wohl das Recht, einmal schlecht zu singen,
wenn man --. O Flora, ich war der Glcklichste von allen, heute aber wre
ich fast ermordet worden.

Er fuhr zusammen und sah sich hastig um, aber die letzten Gste des Klubs
betraten dort hinten, jenseits des leeren Platzes, die Treppengasse. Flora
Garlinda bog in die Gasse der Hhnerlucia.

Fast ermordet: o! was fr Abenteuer.

Pltzlich verschwand ihr spttisches Lcheln, ihr Ton war mde.

Das ist es. Wer zuviel erlebt, kann niemals wissen, wie er am Abend singen
wird . . . Gute Nacht.

Von der Schwelle ihres Hauses rief sie ihm mit leichter Stimme nach:

Trume von deiner groen Vergangenheit, Kleiner!

Er ging, die Stirn gesenkt, dem Corso zu. Auf einmal warf er sich herum,
stockte wieder, atmete heftig in die Nacht hinauf. Seine Hnde hoben sich,
langsam und zuckend: -- da lie er das Gesicht hineinfallen; im Nacken flog
sein halblanges Haar, worin dunkel der Mond glitzerte, und Nello sthnte:

Alba!

Seine Seufzer erstickten, in der weien Stille rieselte der Brunnen. Jener
Fensterladen hinter dem Glockenturm zitterte ein wenig.

. . . Mit einem Ruck richtete Nello sich auf, er lie laut die Finger
knallen und strzte vor nach der Rathausgasse. Hinter der geschlossenen Tr
des Cafs zum Fortschritt entstand Gerusch: Nello schrak wild zurck.
Gleich darauf streckte er der Tr die Zunge aus und lief . . . Vorber. Er
warf die Schultern in die Hhe, lachte metallisch auf. Im zweiten Stock des
Rathauses ward ein Vorhang weggezogen. Nello sah sich, schon nahe beim Tor,
nach dem Lichtschein um. Er schttelte lachend den Kopf; er drckte die
Hnde vor den Mund, woraus Jauchzen brach:

Alba!

Vor dem Tor hrten unvermittelt die Lichter auf; Nello sah sich um.

Ich glaubte die Strae zu kennen wie sonst keine, aber wie viele
Verstecke, die ich nie bemerkt habe, gibt es unter diesen Bschen!
Pltzlich schauderte ihn; er hielt an, die Arme steif am Leibe . . . Nein,
ein Schatten. Aber es war dennoch kein Spiel gewesen, als heute morgen
jener Verrckte mit dem Messer hinter ihm her war. Ein Verrckter, ja, und
vielleicht schlft er jetzt mit einem Besenstiel im Arm statt Alba, um die
er mich beneidet; -- aber darum sticht dennoch sein Messer. Ich habe
dennoch um Albas willen den Tod gesehen. Soll ich ihn wiedersehen? O Gott!
Noch nicht! . . . Gleichwohl war ich gro, auch ich! Sie haben es gefhlt,
als sie klatschten; und ich selbst fhlte es. Alba war es, die mich gro
machte: weil ich sie liebte. Ich liebe sie. Zu ihr! Er hatte den Weg nun
sicher unter den Fen. Die Stirn hoch, ging er zwischen den Mauerschatten
hin, die ihm jh entgegensprangen, zwischen schwarzen Hecken, worin
manchmal ein Mondstrahl aufblitzte, als sei es ein Dolchstrahl. Ein
Lufthauch wehte ihn an; Nello ffnete die Nasenflgel. Ihr Duft! Er kommt
aus ihrem Garten, aus ihrem Haar, von ihrem Krper, der leidenschaftlich
auf meinen Ku wartet! Aber dieser Duft durchdrang ihn bitterer glhend
als sonst; nicht nur Liebe brachte er mit. Ich werde sterben! Er schlo
die Augen, bog den Kopf zurck. Das Gesicht der schwarzen Nachtwelle
hingebreitet, und mit geffneten Armen:

Alba!

Da bin ich, Nello! -- und aus dem Schatten langten diese geliebten Hnde.

Du hast mich erwartet: ich wute es, meine Alba!

Du kamst: ich wute es, mein Nello!

Aber wenn ich nicht mehr bis zu dir gelangte? Denn ich habe vergessen,
mich zu bewaffnen.

Sie lie eine Klinge funkeln.

Das ist das Messer, das dich treffen sollte. Ich bin da: wehe den Feinden
meines Geliebten!

Und weich, die Hnde gefaltet auf seiner Schulter:

Du hast mich vor der Schlange errettet: jetzt lasse zu, da ich dich
verteidige. Ich werde es besser knnen als du. Denn dein Leben ist mir
teurer als dir.

Sie fhrte ihn rasch ber den mondhellen Platz vor der Villa. Als sie
hinter ihnen das Gitter verschlossen hatte:

Hier sind wir allein. Kann man auf Erden so allein sein wie wir?

Sie sanken sich Brust auf Brust, sie betasteten die Umrisse ihrer
Gesichter.

Die Nachtigall singt ganz leise: nur wir sollen sie hren. Die Rosen
duften heute so schwach, als sei es im Schlaf. Es ist still, sogar unsere
Herzen gehen ruhig vor Glck. Hrst du, mein Geliebter, um uns her das Meer
sich wiegen? Sanft splt es an unsere Insel, an unsere dunkle kleine Insel.
La uns hinaussehen!

Sie traten unter den silbern blitzenden Rand der Laube aus Steineichen.
Ohne Ufer wogten Schleier des Mondlichtes vor ihnen dahin.

Und morgen lst sich unsere Insel und treibt von dannen, o Glck! Wir
stehen, und ich habe alles vergessen, was nicht du bist, und du hast alles
vergessen, was nicht ich bin, o Glck!

Halte die Spitzen deiner Finger in das Licht hinaus: siehst du, nun haften
Blten aus Mond daran. Willst du mir nicht einen Kranz daraus machen?

Denn ich vergesse alles, was nicht du bist, Geliebter. Habe ich nicht die
Armen weggeschickt, die um ihr Mehl kamen? Zum erstenmal tat ich das, und
tat es, weil wir das Geld zur Reise brauchen, drum ist es keine Snde. Denn
die Religion will, da wir zuerst unsere Pflichten erfllen, dann Gott
dienen. Meine Pflicht aber bist du, weil ich dich liebe.

Und ich dich, o Alba!

Nie habe ich es so sicher gewut, da du mich liebst, o mein Geliebter,
und da wir immer glcklich sein werden.

O Glck!

. . . Warum hat, whrend wir uns kten, die Nachtigall geschwiegen?

Ich hrte sie nicht verstummen, unsere Ksse, du Lieber, waren zu tief;
nun aber ist es mir, sie habe geschluchzt, immer ser, immer
schrecklicher, und dann aufgeschrien . . . Da liegt sie.

Sie ist tot!

Wir wollen sie mit Blttern zudecken. Wir wollen sie beneiden: sie ist
durch Liebe gestorben.

Auch ich werde sterben durch Liebe, Alba!

Was hlfe es dir? Meinst du, ich liee von dir im Tode? . . . Schon
verlieen wir wohl die gewohnte Erde, denn sieh, dort drben geht, mitten
ber dem Mondlande, die rote Sonne auf.

Wie gewaltig der Himmel sich frbt! Eine unbekannte Stadt mit zauberhaften
Palsten drckt ihre schwarzen Umrisse in das brennende Rot. Sehnst du dich
nicht dahin, meine Geliebte?

Aber wenn es ein Brand wre?

Ein Brand? Welcher? Wo?

In der Stadt. Horch, sie luten schon, und da, der Rauch! . . . Links vom
Dom steigt er auf, am Corso . . . Vielleicht unterhalb des Corso?

Alba! Es ist das Gasthaus!

Ich wollte es nicht sagen.

Das Gasthaus brennt, worin ich wohne! Jetzt vermissen sie mich. Wir sind
verloren, was tun!

Du mut hingehen, dich ihnen zeigen.

La uns fliehen, Alba, sogleich fliehen!

Man wrde uns zurckholen. Wer wei, was man denken wrde.

Was denn! Ja was denn!

Und da sie schwieg:

Nein. Ich eile hin. Leb wohl! Ich laufe am Flu entlang und springe ber
die Gartenpforte.

Am Flu werden sie Wasser holen und dich kommen sehen. Gehe lieber ber
den Corso. Er wird voll erregter Leute sein; vielleicht, da sie dich nicht
beachten . . . Geh, Lieber, wenn wir uns wiedersehen, ists fr immer.

Fr immer, rief Nello zurck.

                   *       *       *       *       *

Schon beim Rathaus roch er den Rauch. Drben im Corso drngte sich das Volk
und quoll bis auf den Platz hinaus. Auf der Treppe vor dem Dom stand eine
Gruppe: Nello suchte umsonst, voller Befrchtungen, die Gesichter zu
erkennen. Auf dem Platz war kein Licht. Die schwarzen Formen der Menge
wurden flackernd eingefat vom Schein der roten Sule ber den Dchern, der
alle Hlse sich nachreckten. Nello Gennari drckte sich an den Husern hin.
Vor dem ganz verstopften Eingang des Corso tat er pltzlich einen Sprung,
ri zwei Mnner an den Schultern auseinander und schrie:

Platz! Platz fr den Advokaten Belotti!

Was denn! Buffone! keifte die Stimme des Galileo Belotti von der
Domtreppe herab. Kommen etwa wir durch? Und ist der Advokat wichtiger als
wir?

Der Advokat ist schon beim Gasthaus, sagte jemand im Gedrnge.

Ich wei es! rief Nello verzweifelt. Ich habe einen Auftrag vom
Advokaten und mu zurck zu ihm.

Der Advokat hat keine Auftrge mehr zu geben, sagte grollend der
Schlosser Fantapi. Htte er statt euch Komdianten eine Dampfspritze
angeschafft! Jetzt brennen wir auf.

Hilfe! Unsere Federboas! Unsere Hte! Alles wird zerdrckt!

Die beiden Frulein Pernici jammerten durchdringend. Sie trugen den ganzen
Inhalt ihres Ladens auf den Armen. Fertig ist der Advokat! brllte der
Schlchter Cimabue. Er hat den Proze verloren, und Don Taddeo behlt den
Eimer. Komm her, Komdiant, ich will dich deinem Advokaten an den Kopf
werfen.

Da Nello bis unter die Domtreppe zurckwich, hrte er eine unheimlich
sanfte Stimme.

Sie glauben doch nicht, da dieser Komdiant einen Auftrag vom Advokaten
hat? Er ist nur davongelaufen, als es brannte: nein, seltsam, einen
Augenblick vorher; denn ich habe ihn laufen gesehen.

Entsetzt fuhr Nello herum: Frau Camuzzi sah ihm von oben gierig in die
Augen. Ihm stockte der Atem vor der Glut dieses Hasses. Ich bin verloren!
dachte er, ganz starr.

Glauben Sie denn wirklich, fragte droben der Cavaliere Giordano, da die
ganze Stadt aufbrennen wird?

Sprechen Sie doch nicht davon! flehte der Kaufmann Mancafede und rieb
sich die Beine; denn er hatte nicht Zeit gefunden, die Unterhosen
anzuziehen. Mein unversichertes Lager! -- und mein Haus wird das erste
sein, das brennt.

Wie wollen Sie, da das Feuer hinter den Turm dringt? meinte Frau Camuzzi
mit Achselzucken; aber Mama Paradisi warf sich wogend gegen die Schulter
des Kaufmannes.

Mein Isidoro, wenn unsere Huser in Flammen aufgehen, werden wir zusammen
in die Welt hinauswandern und ein neues Leben anfangen.

Und Ihre Tchter? fragte Frau Camuzzi. Aber Mama Paradisi wehrte,
fessellos, mit der Hand ab.

Auch ihnen wird Gott helfen. Ach! Ach! ich frchte, mein Isidoro, dies
Feuer ist eine Strafe fr uns beide, weil wir zusammen glcklich waren,
ohne uns um die Religion zu kmmern.

Der Cavaliere Giordano rang seinerseits die Hnde.

Welch Unglck fr mich, wenn das Rathaus zerstrt wrde! Das Rathaus,
woran ich meine Gedenktafel haben sollte!

Ihre Gedenktafel!

Das rote Nuknackergesicht des Bckers Crepalini schalt herauf.

Sie wissen also noch nicht, mein Herr, da der Gemeinderat sie heute
abgelehnt hat? Ah! die Zeiten des Advokaten sind vorber, er hat den Proze
verloren. Man errichtet nicht mehr, sobald es ihm pat, Gedenktafeln fr
Landstreicher.

Landstreicher? Ich? der ich ein Haus habe in Florenz, voll von Geschenken
der Frsten und der --

Der Barbier Nonoggi stie den Alten unehrerbietig beiseite, er machte sich
an den Savezzo, der abseits, die Arme verschrnkt, am Dom lehnte, und er
wisperte:

Masetti hat entdeckt, da das Feuer gelegt worden ist: ja, an der
Holztreppe zum Balkon ist es gelegt worden. Er hat es dem Allebardi gesagt,
denn er und der Kutscher arbeiten an der Spritze, und der Allebardi --

Nonoggi rang nach Atem und tanzte.

Nun? fragte Savezzo und nickte schwer.

-- hat mich zu Euch geschickt, im tiefsten Schweigen, damit ich Euch
frage, was man tun soll, ob man sprechen soll; denn da Don Taddeo sich
nicht sehen lt, seid Ihr, Herr Savezzo, seit dem Unglck des Advokaten
der grte Mann der Stadt!

Und Nonoggi strich, tief gebckt, mit der Hand im Bogen ber das Pflaster
hin. Der Savezzo trennte die Brauen voneinander, unwiderstehlich ffnete
sich sein Mund zu einem schwarzen Lcheln, und er schielte heftig auf seine
Nase.

Ich werde mich Eurer zu erinnern wissen, Nonoggi, sagte er mit einer
groen Gebrde. Und leiser:

Es wird ein gnstigerer Augenblick kommen, dem Volk die Wahrheit zu sagen.
Wir mssen als Politiker handeln, die sich ihrer Verantwortung bewut sind.
Geht, Nonoggi, und schweigt! schweigt!

Und Ihre Tochter, Herr Mancafede? fragte Frau Camuzzi. Wird sie, wenn
Ihr Haus brennt, herauskommen?

Was denken Sie? antwortete er gekrnkt. Neun Jahre sind es, da sie
nicht ausgeht . . . Wehe, wehe! -- und er hielt sich, wieder ganz
zusammengesunken, die Ohren zu. Eine Funkengarbe scho dahinten aus dem
Dunkel; es knatterte; das Volk schrie auf. Die Kleinen des Schusters
Malagodi, droben in ihrem Fenster, klatschten; und auch auf der Strae
durchbrach den Schrecken heller Jubel.

Nun sage, Pomponia, rief die Magd Felicetta, ob das nicht schner ist
als das Feuerwerk am Verfassungsfest!

Ich werde dir ein Feuerwerk machen! -- und der Bcker kniff sie, da sie
schrie.

Ihr Herr brennt ab, und sie unterhlt sich. Aber die Gemeinde soll mir
mein Pachtgeld zurckgeben, wenn sie mich abbrennen lt. Der Advokat! Er
ist mir verantwortlich, er, der gegen die Dampfspritze gestimmt hat!

Nieder der Advokat! rief man, er hat den Eimer verloren! Don Taddeo
gehrt der Eimer!

Der Barbier Bonometti widersprach allein:

Es lebe der Advokat! Glaubt nicht den Verleumdern! Er ist ein groer Mann,
der Advokat!

Aber sobald er gerufen hatte, mute er von seinem Platz weichen. Jeder
stie ihn weiter, und er wiederholte, einsam und verzweifelt:

Es lebe der Advokat!

Nieder der Advokat! schrie man einander in den Nacken, immer tiefer in
den Corso hinein, bis vor die Brandsttte; die Pipistrelli schrie es im
Takt mit Frau Nonoggi und Frau Acquistapace:

Nieder der Advokat!

Don Taddeo hat es vorausgesagt: das ist das Gericht Gottes, weil ihr die
Komdianten hergerufen habt! -- und die Pipistrelli schwang ihren
Krckstock ber der Menge. Es ward gemurmelt:

Don Taddeo hat es vorausgesagt.

Aber jemand rief:

Da ist einer von ihnen!

Und mit gellendem Geheul fiel die Frau des Kirchendieners den Tenor Gennari
an, der fast schon bis zum Gasthaus hindurchgeschlpft war. Sie griff ihm
mit der Krcke unter den Rock, und sie lie sich von ihm schleifen.

Haltet ihn! Das Gericht Gottes! Haltet ihn!

Schon faten Hnde zu.

Lat mich! rief Nello. Ich wohne im Gasthaus!

So wollen wir dich hineinwerfen, damit du es warm hast, du schner
Kleiner! -- und die Weiber, roten Feuerschein in den verzerrten
Gesichtern, hoben ihn auf. Pltzlich flogen sie heulend auseinander; der
Bariton Gaddi war da und verteilte Ste. Rasch und sicher zog er den
Freund ins Freie.

Wir brauchen noch einen bei der Spritze, erklrte er dem Leutnant
Cantinelli, der mit seinen Untergebenen Fontana und Capaci die Menge von
der Brandsttte abdmmte. Die Pipistrelli, Frau Nonoggi und Frau
Acquistapace versuchten, die bewaffnete Macht zu berrennen, fanden sie
aber unerschtterlich. Von weitem riefen sie den Wirt an, der, die Hnde um
den Kopf, durch den Hof seines brennenden Hauses irrte.

He! Malandrini! Da habt Ihrs. Warum beherbergt Ihr die Feinde Gottes. Nun
lat Euch von den Komdianten Euer Haus bezahlen! Gewi haben sie es
angesteckt. Sind denn wenigstens Eure Gste gerettet?

Das Vieh ist aus den Stllen gezogen, antwortete er.

Aber die Gste!

Der Englnder ist mit der Komdiantin hinuntergelaufen.

Ah! htte er sie doch brennen lassen. Aber natrlich brauchte er sich nur
zu rhren, und sie war wach. Es wird nicht viel Platz gewesen sein zwischen
den beiden.

Man hat sie gesehen, sagte Frau Nonoggi. Die Felicetta und die Pomponia
haben sie gesehen. Sie werden jetzt anderswo weiterschlafen.

Der Wirt griff mit beiden Hnden aus, als machte er sich Platz.

Meine Frau! rief er. Findet mir meine Frau wieder!

Wie? Ihr habt Eure Frau verloren?

Ich habe das Haus durchsucht, sie ist fort. Ich wache auf, es brennt, sie
ist fort.

Die Frauen sahen sich gierig an. Frau Acquistapace sagte:

Sie wird die Kinder gerettet haben und Euch in der Eile vergessen haben.
Ich begreife das.

Die Kinder, sthnte der Wirt, sind da, sie aber --

Au, au! O ber uns! Rettet euch! -- und die Weiber rannten, die Hnde im
Nacken, zurck, -- indes, in einem langen Aufschrei des Volkes, der
hlzerne Balkon herunterkrachte und eine hohe Flamme vom Boden aufscho.

Der Schuppen! schrie donnernd der Apotheker Acquistapace und schwang die
Faust. He, Masetti, Allebardi! Eure Spritze auf den Schuppen!

Ihr Komdianten, kommandierte der Apotheker, und Ihr, Chiaralunzi,
richtet Euren Schlauch auf das Dach, denn diese verdammten drren
Maiskolben, die darunter liegen, brennen schon . . . Aber ihr anderen,
rettet mir den Schuppen! Sonst wird er das Haus Polli in Brand setzen, und
die Stadt ist zum Teufel . . . Mit Macht! ffnet ihn! Reit ihn doch auf!

Aber er selbst ri vergebens.

Malandrini, den Schlssel!

Gebt mir meine Frau wieder!

Das ist aber kein Spa mehr! -- und der Tabakhndler Polli brach sich
Bahn. Wie? Ich soll keine Erlaubnis haben? Aber jene haben wohl die
Erlaubnis, mir mein Haus anzuznden!

Der Leutnant Cantinelli lie ihn durch, so sehr schrie er. Der Herr
Giocondi drang mit ein.

Ich habe ihn versichert! Malandrini, habe ich dich versichert oder nicht?
Keine vier Wochen sinds, -- und das ist nun dein Dank, da du mir
abbrennst!

Solange es sich nicht um mein Haus handelte, schrie Polli, sondern nur
um deins, Malandrini, habe ich nichts gesagt. Ich habe geschlafen, bis
meine Frau mich weckte. Habe ich nicht sogar beim Erdbeben geschlafen?
Niemand schlft wie ich . . .!

Wenn du auch nur eine einzige Prmie bezahlt httest! Ein schnes Geschft
fr die Gesellschaft! Sie wird mich vor die Tr setzen.

Und der Herr Giocondi stie den Wirt wieder dem Tabakhndler zu.

Aber es scheint, da ich gerade noch rechtzeitig komme! schrie Polli.
Einen Augenblick, und meine Zigarren fangen an, sich selbst zu rauchen. Es
fehlte nichts weiter. Setzt den Schuppen unter Wasser! Schlagt die Tr ein!
Ein Beil!

Die Arbeiter aus der Zementfabrik des Herrn Salvatori, die jungen Leute vom
Elektrizittswerk, die in einer langen Kette vom Flu her Wasser holten,
lieen die Eimer in der Luft schweben: solchen Lrm machten die beiden
kleinen Alten.

Kaltes Blut, Ihr Herren, sagte der Advokat Belotti und trat hinzu.
Freund Acquistapace sorgt schon dafr, da der Schuppen nicht Feuer fngt.
Seht ihr nicht, da die Trmmer des Balkons schon gelscht sind? Bravo,
Acquistapace! -- und der Advokat klatschte leicht in die Hnde. Giocondi
und Polli betrachteten ihn, die Fuste auf den Hften, mit Gesichtern, die
immer dunkler wurden, aber ohne einen Laut. Die Sachen gehen gut, ich
verbrge mich dafr, sagte der Advokat und legte sich die Hand auf die
Brust. Da brachen sie los:

Er verbrgt sich! Der Advokat verbrgt sich! Sieh ihn dir an!

Sie stieen sich, bse kichernd, mit den Schultern an.

Und worin besteht die Brgschaft, Advokat? Zahlst du mir einen schwarzen
Punsch beim Gevatter Achille, wenn ich abbrenne?

Darum also, fiel der Herr Giocondi ein, hat der Advokat die Dampfspritze
abgelehnt, weil er fr jeden Feuerschaden persnlich zu haften gedachte. So
sehr liebt er die Stadt! Solch guter Brger ist er!

Die beiden drehten pltzlich um. Die Buche heraus und mit erhobenen Armen,
wackelten sie laut scheltend um den Hof.

Der Advokat! Ein gefhrlicher Narr: jetzt sieht man es.

Der Advokat ist verurteilt, und der Eimer gehrt dem Don Taddeo! keifte
es dahinten im Corso. Der Advokat griff, zusammenzuckend, an die rote,
gestrickte Mtze, die sein Haupt bis zur Hlfte der Ohren berzog; es
schien, er wollte gren. Rechtzeitig lie er es; er nherte sich den
Spritzen. Aber Allebardi schrie ihn an: Achtung, Advokat! und spritzte
ihm ber die Fe. Da kehrte der Advokat, und er hielt den Rock zusammen,
als frre ihn, ganz allein auf die Mitte des Hofes zurck. Der
Unterprfekt, Herr Fiorio, der vorberkam, nahm rasch den Arm seines
Begleiters, des Steuerpchters, und machte einen Bogen. Der Advokat schnitt
ihm den Weg ab.

Die Sachen gehen gut, Herr Unterprfekt. Man sollte meinen, da es
Ahnungen gibt, denn noch vor acht Tagen habe ich meinen Freund Acquistapace
veranlat, eine Spritzenprobe abzuhalten. Drum arbeiten seine Braven auch
glnzend. Das Feuer ist, kann man sagen, eingedmmt. Mag noch das Dach
einstrzen: was kmmert uns das Dach, nicht wahr, Herr Unterprfekt?

Da man ihn allein reden lie, wurden die Gesten des Advokaten immer grer.

Und auch das Dach wrde niemals brennen, wenn nicht dieser Esel von
Malandrini in dem offenen Speicher gerade darunter seine Maiskolben zum
Trocknen hingelegt htte. Jetzt fehlt freilich wenig, und das Feuer dringt
vom Speicher ins Haus. Welch Unglck, Herr Unterprfekt!

Er betastete seine rote Mtze. Der Unterprfekt sah sich ungewi um. Vom
Dach rasselten Schindeln herunter. Das Volk antwortete:

Nieder der Advokat! -- und dahinten das Vieh brllte unheilvoll.

Da entschlo sich der Beamte; seine Miene ward unverkennbar khl, und er
sagte:

Die Nacht ist schon frisch in dieser Jahreszeit, finden Sie nicht, Herr
Advokat? Mge der Morgenwind die Luft nicht noch mehr abkhlen.

Bei dem Gedanken an den Wind ward der Advokat fahl. Die Stadt brannte! Der
Himmel war ein Feuermeer, darin verkohlten auf immer seine Gre und sein
Ruhm! Mit geschlossenen Fen sprang er auf ein loderndes Stck Holz.

Ihre Jagdstiefel eignen sich vorzglich dafr, sagte der Unterprfekt.
Der Advokat bemerkte erst jetzt, was er in der Eile angezogen hatte: nur
einen berzieher und keinen Kragen! Er begann zu plappern:

Mssen mir diese Stiefel in die Hand geraten, die ich seit drei Jahren
nicht angehabt habe. Oder wie lange ist es schon, da das ffentliche Wohl
mir keine Zeit mehr lt, auf die Jagd zu gehen.

Der Unterprfekt sah wohlgefllig an seiner untadeligen Kleidung hinab. Er
strich sich den Bart, warf dem Steuerpchter einen Blick zu und versetzte:

Sie haben vielleicht heute nacht im Traum vorausgefhlt, da das
ffentliche Wohl Ihnen jetzt bald wieder Zeit lassen werde, diese Stiefel
anzuziehen.

Sofort richtete der Advokat sich auf. Mit gefesteter Stimme:

Dann, Herr Fiorio, werde ich stolz sein, dem ffentlichen Wohl diesen
letzten Dienst zu erweisen. Wir alle, Herr Unterprfekt, sind nur
Beauftragte des Volkes, und wenn es uns fortschickt --

Nieder der Advokat!

Eine Sekunde schlo er die Augen; dann:

-- werden wir unserer Wrde am besten dienen, wenn wir ihm danken und
gehen.

Der Advokat wandte sich und verlie den Beamten. Im selben Augenblick
brach, um den Schornstein her, das Dach ein. Dicke Ballen Rauch wlzten
sich aus den Fenstern des oberen Stockwerkes. Alles hielt den Atem an; --
pltzlich eine gelle Stimme aus dem Haufen und gleich darauf ein Schreien
durcheinander:

Jemand ist drinnen! Seht am Fenster! Seht am Fenster! Jemand brennt
lebendig!

Und jetzt erkannten alle im Rauch, der sich lichtete, etwas Weies.

Meine Frau, da ist sie! -- und Malandrini warf sich, die Arme erhoben,
vorwrts, als wollte er hinauffliegen. Die Arbeiter fingen ihn ab.

Die Treppe brennt. Man mu zuerst die Spritze hinauffhren.

Ersilia! Komm herab, Ersilia! schrie er, weinend und winkend.

Es ist nicht Ersilia! antwortete dahinten eine Stimme. Es ist die
Komdiantin!

Eine Minute der Starrheit. Alle staunten zu dem Gesicht im Fenster hinauf,
das blde und unwissend ber die Kpfe hinging. Gleich danach zuckte es
auf, ein Schrei zerri es; und indes man es noch schreien hrte, verschlo
schon wieder der schwarze Rauch es.

Das Frulein Italia! rief der Apotheker. Helft mir sie retten! -- und
er strzte umher. Vom Corso kam es schrill wie eine Pfeife.

Romolo!

Und der Alte griff sich an den Kopf, fand nicht mehr nach links, noch nach
rechts. Chiaralunzi und die Komdianten waren dabei, die Spritze ber die
Treppe zu ziehen; die Arbeiter hasteten mit Wassereimern hinein; -- da
schnellte etwas Schwarzes an ihnen vorbei: rannte oder kroch, man wute
nicht, denn es war schon droben und fort im Rauch. Man sah nur, da der
Kutscher Masetti in einem Eimer sa, und er erklrte, Don Taddeo habe ihn
hineingestoen.

Don Taddeo! Ah! Don Taddeo! -- ein Aufschrei; und das ganze Volk reckte
sich nach jenem Fenster im Rauch, von dem er die Komdiantin fortri. Er
lud sie sich auf, er strzte davon, eine Flamme scho ihm entgegen. Man sah
einander eine strmische Stille lang in die Augen.

Beim Bacchus! sagten die Mnner.

Er ist verloren, Don Taddeo, sagten die Frauen; und:

Wenn aber die Komdiantin lebend herabkommt, bringe ich sie um.

Man mu beten! -- und der Chor schwoll an. Pltzlich:

Da ist er! Wunder! Wunder!

In einem mchtigen Sto brach das Volk ber die bewaffnete Macht hinweg in
den Hof. Don Taddeo war aufrecht gegen die Mauer gefallen, gleich neben der
Tr, aus der er die Komdiantin getragen hatte. Als die klatschenden Hnde
auf ihn zustrmten, schlo er die Augen; Italia flatterte in ihrem Hemd,
laut kreischend, um den Hof. Die Frauen hielten sie auf.

Falle ihm zu Fen! Wenn du ihm das Leben gekostet httest, meinem Don
Taddeo: weh dir!

Sie schien auf einmal zu erschlaffen; gehorsam sank sie vor ihn hin. Er
ward, ohne da er die Augen ffnete, ganz wei, sobald ihre Lippen seine
Hand berhrten. Seine lange Nase ward wei und zitterte; unter der
zerrissenen Soutane zitterten seine Schultern. Seine Hand flog so heftig,
da ihre Lippen sie verloren.

Wrde man nicht sagen: Jesus und die Magdalena? fragten die Frauen, indes
die Mnner bis dicht vor das Gesicht des Priesters in die Hnde klatschten.

Aber er mu ruhen, er wird krank werden. Ein Heiliger, der sich opfert! Da
seht ihn an, ihr Mnner! Wo wart ihr, die ihr breite Schultern habt und so
viel Wein trinkt? Cimabue, wo warst du? Ein Heiliger mute kommen, sonst
war diese Arme verloren . . . Erlaube nur, da ich deinen rmel ksse, und
meine kleine Pina wird gesund werden!

Sie schoben Italia fort, jede wollte ihn berhren; ihre Masse trug ihn; --
und erst, als sie ihn fortziehen wollten: Nach Haus, Reverendo, Ihr mt
ruhen, da merkten sie, da er ohne Bewutsein war. Sie legten ihn nieder,
rieben ihn, baten und schalten ihn.

Steht auf, Reverendo, was tut Ihr da. Es wird Morgen, und Ihr sollt uns
predigen.

Sie horchten. Dann erinnerten sie ihn:

Der Eimer ist Euch zugesprochen, er ist Euer. Der Advokat ist besiegt,
niemand hrt auf ihn. Euch aber lieben alle, denn Ihr habt die Komdiantin
vom Feuer errettet und seid ein Heiliger.

Eine Pause. Pltzlich griff die sanfte Frau Zampieri sich in die Haare. Da
schrien sie auf und warfen sich hin.

Er ist tot! Was soll aus uns werden!

Nein, er hat die Augen geffnet, sagte allein eine Stimme wie ein Engel;
und man sah Flora Garlinda, die Primadonna, ihre Augen, die glnzten,
unverwandt auf Don Taddeo halten. Don Taddeo seufzte, sah sich um und
schlo, zusammenzuckend, noch einmal die Lider. Dann erhob er sich, wehrte
denen, die mitwollten: Ich habe zu beten, meine Tchter, ich habe so viel
zu beten, und ging durch die Bahn, die sie ihm lieen, aus dem Hof.

Vorn und allein stand der Advokat Belotti. Er bewegte, als der Priester
vorbeikam, die Hnde wie zum Klatschen. Dabei nickte er stark.

So wird auch Judas Ischariot geklatscht haben, sagte an der Spitze eines
Haufens der Bcker Crepalini. Der Advokat wandte ihm das Gesicht zu, worin
eine Trne hing.

Fr einen redlichen Brger bleibt eine schne Tat eine schne Tat, auch
wenn ein politischer Gegner sie tut.

Ein redlicher Brger? wiederholte der Bcker und sein dicker Kopf, auf
dem es flackerte vom Schein des Feuers, wackelte hhnisch. Wir alle sind
redliche Brger. Immerhin kennt man gewisse Geschichten von Waschhusern,
die auf Terrains gebaut sind, die den Verwandten gewisser Witwen gehrten.

Gewisser Witwen, fuhr der Schuster Malagodi fort, die die Schwestern
gewisser Advokaten sind.

So da߫, ergnzte der Mechaniker Blandini, jene Verwandten ihr Terrain
aus ffentlichen Mitteln erstaunlich gut bezahlt bekamen.

Man erinnert sich auch, sagte der Schlosser Fantapi, mancher Vorgnge
bei den letzten Wahlen . . .

Eh! wie viele Umstnde mit einem Advokaten, rief in der Nachbarschaft
ganz laut Frau Malagodi. Als ob es nicht so viele kleine Advokaten gbe,
-- die er alle selbst gemacht hat, der Mdchenjger, der Verfhrer! Die
Andreina in Pozzo hat einen, aber bekmmert sich der Alte vielleicht um
ihn? Man sieht, was ein gottloser Wstling ist!

Der Advokat hob die Schultern; aber wohin er sich wandte, sprang es ihn an,
aus dem Dickicht des Volkes.

Wo sind die Gelder fr die Komdianten hergekommen? . . . Ist nicht das
Haus in der Via Tripoli eine Schande fr die Stadt? Aber der Advokat
verteidigt es.

Es werden seine Tchter sein, wisperte hinter dem Rcken des Advokaten
der Barbier Nonoggi den Weibern zu und verrenkte das Gesicht, da sie
lachten. Gleich darauf war er in einen anderen Haufen geschlpft und
wisperte etwas anderes. Pltzlich aber war auch er bei der Laube, wohin der
Advokat sich zurckzog, und hielt die Hand an den Mund.

Achtung, Herr Advokat! Die Leute denken nicht gut von Ihnen; ich sage es,
weil es die Wahrheit ist. Ich selbst aber: Sie wissen zu wohl, Herr Advokat
--

Ich kenne Euch, Nonoggi, sagte der Advokat, drckte ihm die Hand und
verschwand ins Dunkel. Der Barbier war schon drben, am Schuppen, beim
Savezzo, der ihm gewinkt hatte.

Sollen wir beginnen? Sollen wir sagen, da das Feuer --?

Der Savezzo schnappte zu, da es klappte. Er fuhr sich ins Haar; rauh
brachte er hervor:

Ich bersehe die Lage, dies ist der Augenblick: wir handeln!

Zurck! schrie vorn der Apotheker Acquistapace. Ihr Herren, Ihr Damen,
zurck! Es ist uns unmglich, zu manvrieren.

Die Arbeiter versuchten, mit gefllten Wassereimern, einen Ausfall gegen
die Menge. Sie wurden mit Entrstung zurckgeschlagen.

Das Haus wird abbrennen, wenn ihr es wollt! schrie Acquistapace. Sind
wir denn in Anarchie? Advokat, herbei!

Es gibt keinen Advokaten mehr! antwortete die Menge. Der Apotheker sah
sich vergebens nach seinem groen Freunde um. Die Menge gab ihm Befehle.

Steige aufs Dach und spritze von oben!

Als noch ein Dach da war, htte er hinaufsteigen sollen. Alles macht Ihr
verkehrt. Warum habt Ihr nicht zuerst die Maiskolben herabgeholt? Rettet
nun wenigstens die Betten!

Und sie drngten hinein. Der Schneider Chiaralunzi empfing sie mit einem
Wasserstrahl. Der Rest des hlzernen Balkons brach, funkensprhend, herab.
Alles warf sich mit Zetern im dichten Rauch durcheinander.

Das Ende der Welt! chzte flchtend der Wirt Malandrini. Wo ist meine
Frau? Ich bin ruiniert!

Malandrini, sagte der Advokat und zeigte sich in der Laube, es heit
nun, ein Mann sein. Glauben Sie mir, es gibt noch greres Ungemach als
Ihres.

Ach, ber mich! -- und er schlug sich mit den Fusten auf den Bauch, er
setzte die Ngel an seinen runden Kahlkopf. Auch die Mtze ist mir
verbrannt! Ich werde betteln gehen!

Der Advokat zog ihn in die Laube.

Sehen Sie her, Malandrini: hier auf dem Tisch liegen Ihre Kinder und
schlafen. Wenn sie denn wirklich keine Mutter mehr haben, was ich nicht
glauben will, so trsten Sie sie! Das wird auch Sie trsten. Denn im
Unglck ist es ein Trost, gtig zu sein.

Der Wirt schluchzte am Tischrand.

Das ist nicht alles . . . Advokat, ich will Ihnen etwas Schreckliches
sagen. Meine Frau -- sie ist fort mit allem Gelde.

Wie? Was sagen Sie, Malandrini? Sie haben doch nicht --

Der Advokat brach ab, denn drauen gingen Stimmen durcheinander.

Der Brand ist gelegt, sage ich euch . . . Der Wirt ist ein Schuft . . .
Unter der hlzernen Treppe zum Balkon ist das Feuer gelegt. Masetti hatte
es schon lngst bemerkt. Man hat ihm gedroht, damit er nichts sage. Man
will schweigen, weil hochgestellte Personen kompromittiert sind . . . Ah!
Das Volk soll belogen werden!

Malandrini schluchzte.

Denn alle meine Wertpapiere waren in ihr wollenes Unterhemd genht.
Nirgends sonst wollte ich sie aufbewahren. Eine Frau, nicht wahr, ist das
sicherste, was ein Mann hat: sicherer als ein eiserner Schrank. Was soll
man noch glauben!

Der Advokat setzte an, aber ber allem Wirrsal von Lauten schrie drauen
der Herr Giocondi:

Ah! Malandrini, Brigant, der du bist, darum also hast du dich versichern
lassen und noch keine Prmie gezahlt! Aber zeige dich nur, und du endest
schlimm! Wo bist du? Malandrini! Er ist geflohen, der Brandstifter!

Der Wirt richtete sich auf.

Wie? Er spricht von mir?

Lassen wir sie schwatzen, sagte der Advokat bitter. Es ist das Volk.

Was denn, der Wirt! sagte jemand. Ganz andere Leute sind verdchtig.

Und die Stimme der Pipistrelli:

Die Komdianten! Don Taddeo hat das Unglck vorausgesagt! Nun haben sie
die Stadt angezndet!

Du bist eine bse Alte!

Hat sie denn nicht recht? Wer sonst konnte denn stehlen, indes das Haus
brannte, wenn nicht der Komdiant, der darin wohnte.

Wir wissen es lngst; alle sagen es.

Ganz andere Leute! Was wit ihr von den hohen Geheimnissen. Es gibt Dinge
. . . Wer ist denn der Feind des Don Taddeo und will sich rchen? Wer hat
denn den Ankauf der Dampfspritze verhindert?

Man mu den Stolz des Advokaten kennen. Don Taddeo hat seine Macht
gebrochen, das macht ihn zu allem fhig. Lieber soll die Stadt untergehen,
als seine Herrschaft!

Ah! Der Advokat ein Schurke? . . . Wenn man es bedenkt . . . Die Herren
sind alle Schurken! Man mu sie alle auf die Galeere schicken!

Das Geschrei der Weiber kam wieder obenauf.

Der Komdiant! Es ist der schne! Wir werden ihn mit einer dicken Kette um
den Hals sehen!

Man merkt, da er euch nicht angesehen hat! Der Advokat ist es, der
Advokat!

Vielleicht, da der Komdiant ihm geholfen hat?

Der Advokat in der Laube warf die Schultern.

Da haben Sie das Volk! Sie, den Gennari, mich, es wei nicht, wen es noch
beschuldigen soll.

Aber der Wirt rckte, den Kopf schief, seitwrts Schritt fr Schritt aus
seiner Nhe. Der Advokat sah sich um: er war fort. Durch das einsame Dunkel
der Laube zuckten Lichter wie rote Schlangen. Zwischen den Blttern
erschien manchmal ein aufgerissenes, wild berflackertes Gesicht wie eine
hllische Maske. Zum erstenmal heute nacht seufzte der Advokat. Er beugte
sich ber sich selbst und bedeckte die Augen.

Drauen geschah ein groer Sto; eine Frau heulte auf, weil die andern sie
berrannten.

Der Komdiant! schrien sie. Was tun denn die Carabinieri? Soll er auch
unsere Huser anznden?

Nello Gennari war schon von der Spritze weggerissen, schon umringt und auf
einen Tisch geworfen. Sie trmten um ihn her die Sthle, die er selbst aus
dem Hause gerettet hatte. Gaddi, Chiaralunzi und der alte Acquistapace
muten die Barrikade strmen, um Nello zurckzuholen. Bestrzt sah er die
sanftesten Gesichter der Stadt, Ha fauchend, auf sich eindringen. Nina
Zampieri klatschte mit diesen weich gebogenen Hnden, die nur zum Tasten
auf den Saiten der Harfe bestimmt schienen, klatschte, weil er fiel und
sich verletzte. Ersilia und Mina Paradisi, die sich seinetwegen geohrfeigt
hatten, schrien nun gemeinsam auf ihn ein.

Er ist es! Man hat ihn gesehen. Er ist davongelaufen, einen Augenblick,
bevor es brannte. Alle haben gesehen, da er aus dem Tor lief!

Fontana! Capaci! Verhaftet ihn! Cantinelli, befiehl es ihnen!

Die Soldaten wurden vorwrts gestoen. Da trat ihnen der Advokat Belotti
entgegen und griff an seine rote Mtze.

Meine Herren, einen Moment! Meine Damen, Sie begehen einen Irrtum!

Er stellte seine Hand beschwrend gegen alle diese heulenden und pfeifenden
Kpfe, diese zum Sturm vorgeworfenen Leiber.

Ich tue meine Pflicht, o meine Damen, und leiste Ihnen einen Dienst --

Schweige! Du und deine Partei auf die Galeere! -- und dazu pfiff es.

-- da ich Sie davor bewahre, ein Unrecht zu begehen. Denn dieser junge
Mann ist unschuldig: glauben Sie mir, unschuldig. Ich kenne sein Leben, und
ich wei, welches Geschft er vor dem Tor hatte . . . Soll ich es ihnen
sagen? raunte er Nello zu.

Nein.

Sie sind in ernster Gefahr. Sie haben sich dem Volk verdchtig gemacht.

Um Gottes willen, schweigen Sie!

Sie sind ein tapferer junger Mann . . . Ich darf Ihnen nichts weiter
sagen, meine Damen, keuchte er angestrengt, als da dieser hier
unschuldig ist. Denken Sie denn nicht mehr an die Stimme, mit der er Sie so
oft gerhrt hat? Solche Stimme lgt nicht. Ich, der Advokat Belotti --

Er hob sich auf die Zehen, reckte die Hand hinauf und ffnete die Augen,
soweit er konnte.

-- ich brge euch fr diesen hier!

Auf einmal fuchtelten alle Arme nur noch gegen ihn. Das Pfeifen betubte
ihn. Er verstand nicht die Stimmen, die sich berschrien. Die Mnner warfen
sich durch die Frauen hindurch. An ihrer Spitze stand unversehens auf einem
Stuhl der Savezzo, massig, mit einer sthlernen Geste nach dem Advokaten
und auf seinem Gesicht die drohende und dunkle Kraft der ganzen Menge.

Ich bin da, um auszusprechen, was ihr alle denkt! rief er ehern. Hier
brgt ein Verdchtiger fr den anderen!

Du hast recht! So ist es!

Der Advokat verdient nicht mehr Glauben als der Komdiant! Auch er ist ein
Komdiant!

Gut!

Zu lange schon betrgt er das Volk!

Zu lange!

Der Savezzo schlug mit der linken dem Chor den Takt. Dann, die Faust gegen
seine Brust schmetternd, die vorgetreten war wie ein Panzer:

Ich, Mitbrger, nenne euch den Namen des ffentlichen Feindes, und wenn
ers nicht ist, dann richtet statt seiner mich selbst!

Nenne ihn!

Es ist der Advokat Belotti! -- und damit sprang der Savezzo hinunter in
das Wogen und Geheul, zeigte nach allen Seiten seinen schwarz aufgerissenen
Mund und legte sich, allen voran, zum Sturm aus. Der Advokat war von
Acquistapace, Gaddi und Chiaralunzi umringt. Sie hielten ihm die Arme, und
er zeigte der Menge seine offenen Hnde, wie um ihr zu beweisen, da sie
rein seien. Sie schrie trotzdem:

Das Waschhaus! Die Dampfspritze! Die Wahlen! Auf die Galeere mit ihm!
Werft ihn zu Boden! Ah! auch die Arbeiter hat er bestochen, da sie den
Schlauch gegen uns richten. Wehe, wenn wir dich erst haben! -- und dazu
brllte das Vieh, und die Glocken luteten immerfort Sturm.

Welch hlicher Narr, schrien Weiberstimmen, mit seiner roten
Nachtmtze!

Der Advokat bewegte heftig den Mund, ohne da man ihn hrte. Aber die Adern
schwollen ihm.

Ich bin euer Freund, hrten die, die seine Arme hielten, ihn keuchen.
Aber ihr sollt sehen, ob ich ein Mann bin und stark auch gegen euch. Ich
werde zu kmpfen wissen.

Reize sie nicht, Advokat! flsterte Acquistapace. Tue es fr mich!
Lieber will ich allen feindlichen Heeren der Welt gegenberstehen, als dem
Volk!

Es sind gute Leute, Herr Advokat, sagte der Schneider Chiaralunzi.
Teufel, in diesem Augenblick sind sie verrckt. Man mu Geduld haben.

Wo der Savezzo sich abarbeitete, brachen bermchtige Rufe hervor.

Was hat er mit dem Malandrini in der Laube gesprochen? Malandrini, rede!
Er hat dir dein Grundstck abkaufen wollen, damit er das Doppelte fordern
kann, wenn hier das stdtische Schlachthaus gebaut wird. Denn das will er!
Und darum hat er das Gasthaus in Brand gesteckt!

Auf die Galeere! Auf die Galeere!

Der Advokat keuchte:

Ich merke euch mir! Ihr werdet mich kennen lernen! Ah! sogar du,
Scarpetta, den ich genhrt habe. Wie? Giocondi, du hast das Herz, die Faust
gegen mich zu erheben? . . .

Er schwieg; denn dahinter fuchtelte auch Polli. Die Hand des alten
Acquistapace fhlte sich lockerer an um seinen Arm. Es gab keine Freunde
mehr. Der Advokat betrachtete, in einer stolzen Marter, jedes einzelne
dieser hundert vom Morgenlicht fahlen Gesichter, bis dahinten, wo im
erlschenden Widerschein des Brandes die letzten durcheinander flossen. Und
Jole Capitani, wo war sie? Liebe und Ruhm, wo waren sie? Alles verschlungen
von der despotischen Laune des Volkes. Der Advokat bumte sich. Ihr httet
eine Schreckensherrschaft ntig!

In der Nhe wiederholte sein Bruder Galileo den Schrei der Menge:

Auf die Galeere! Pappappapp, versteht sich, auf die Galeere: wohin denn
sonst mit den Buffonen! Er wollte prahlen, er wollte den groen Mann
machen, und das bringt ihn nun auf die Galeere.

Von unten, zwischen den Beinen hervor, rang sich manchmal ersticktes
Jammern.

Alles nur Verleumdung! Der Advokat ist ein --

Wie? ein groer Mann sagst du? Ah! du sollst einen sehen! -- und der
Barbier Bonometti bekam neue Futritte. Er jammerte lauter, -- indes im
Haufen der Weiber, den die Menge gegen die verschlossene Tr des Schuppens
drngte, die Witwe Pastecaldi ein Schluchzen erhob:

Der Advokat auf die Galeere. So endet er nun: ich habe es immer
gefrchtet.

Trstet Euch, sagte die Magd Felicetta. Euer Bruder ist nicht der
einzige. Auch der Komdiant geht auf die Galeere. Denn wir wissen jetzt,
da sie das Haus zusammen angesteckt haben.

Es ist wahr! schrien die Frauen. Denn der Advokat und der Komdiant sind
aneinander geraten, wie sie beide zu der Italia wollten. In ihrer
Eifersucht haben sie die Kerzen umgeworfen; und als es dann brannte, ist
die Ersilia Malandrini darber dazugekommen. Da haben sie sie, damit nichts
herauskme, gebunden und verschwinden lassen. Vielleicht haben sie sie
umgebracht, die Arme.

Sie haben sie umgebracht! Denn fr eine schlechte Frau wie jene
Komdiantin, sind die Mnner zu allem fhig.

Auf die Galeere die beiden! -- und ein letzter Sto drngte die
Verteidiger des Tenors und des Advokaten von ihrer Seite. Die Hnde der
Feinde packten sie an; -- da kreischten auf einmal alle Weiber auf. Sie
fielen in der Tr des Schuppens, die klaffte, durcheinander, kugelten, eine
ber die andere fort, in das Heu, und unter ihren umgeschlagenen Rcken
kreischten sie . . . Pltzlich schwiegen sie. Bewegung entstand im Dunkel
des Schuppens, dumpfe Rufe, eine fassungslose Stille. Die Menge hielt an
und sphte hin. Die ersten, erstarrten Gesichter erschienen in der Tr, und
zwischen ihnen, im Hemd, Frau Malandrini. Hinter ihr zeigte sich
widerwillig der Baron Torroni.

                   *       *       *       *       *

Ein Gelchter brach aus; zuerst waren es mchtige Ste, zwischen denen man
anhielt und sich besann, dann Wellen, ununterbrochen hin und her ber den
Hof, durch den Corso, bis dahinten auf den Platz. Die letzten setzten sich
vor Lachen auf das Pflaster: Die Frau des Malandrini hat -- ah! das ist
ein wenig stark, sein Haus brennt, sie aber und der Baron zerstreuen sich;
-- und sie lachten weiter, indes die vordersten beim Schuppen das Paar
applaudierten. Frau Malandrini rief zornig ihrem Manne entgegen:

Was machst du denn? Du lt unser Haus abbrennen, und mich sperrst du in
den Schuppen?

Meine Frau! -- und mit einem rauhen Schrei hing der Wirt an ihren
Schultern.

Die Papiere? Du hast sie? keuchte er.

Wie denn, wer soll sie sonst haben?

Darauf wandte Malandrini ein jh beseligtes Gesicht der Menge zu.

Wir leben noch, schluchzte er. Wir sind noch da.

Auch der Baron, antwortete man ihm.

Er war zufllig da, sagte die Frau. Der Baron erklrte barsch, er habe
den Brand gerochen und im Schuppen nachgesehen.

Du aber stt mich, deine Frau, hinein und sperrst ab!

So ist es! Du hattest den Kopf verloren, armer Malandrini! schrie die
Menge und schttelte sich. Der Wirt griff sich an die Glatze. Die Frau
schalt weiter, weil er sie all die Zeit im Hemd bei einem Herrn gelassen
habe.

Konnte ich etwa hervorkommen und der ganzen Stadt zeigen, was nur du sehen
darfst? Gib mir deinen Rock, und fort ins Haus, da wir Kleider suchen!

Die Menge trat in Reihen auseinander wie bei Don Taddeo, dem Heiligen, und
klatschte an ihrem Wege. Pltzlich riefen mehrere zugleich:

Aber die Komdiantin! Dann war nicht sie es, die der Baron besuchte, so
oft er ins Gasthaus kam!

Augenscheinlich, -- und was den Baron betrifft, ist sie unschuldig.

Wie, nur den Baron? Und wird auch der Advokat nicht etwa nur mit ihr
geprahlt haben?

Die Komdiantin ist ein ehrbares Mdchen!

Wie die Mnner uns verleumden! rief Mama Paradisi.

Wir Mdchen sind recht sehr zu beklagen, bemerkten Felicetta und
Pomponia. Die Komdiantin, wir haben es immer gesagt, ist so ehrbar wie
wir.

Wer will noch behaupten, sagte mit sanftem Nachdruck Frau Zampieri, da
sie ihm etwas gewhrt habe, was nicht erlaubt ist?

Wer will es behaupten? wiederholte die Menge drohend.

Die Herren Polli, Giocondi und Cantinelli sahen einander nachdenklich an
und schwiegen.

Sie hat es verdient, von einem Heiligen aus dem Feuer gerettet zu werden!
rief Frau Nonoggi.

Wo hat sie sich versteckt? Wenn wir sie finden, wollen wir sie belohnen.

Da ist sie! -- und die Mgde Fania und Nan zogen sie aus der Laube, wo
der junge Severino Salvatori sie mit seinem Mantel bedeckt hatte. Die Menge
lobte ihn dafr. Italia, rot und wirr, wie sie war, ward von ihr geherzt.

Sie hat eisige Fe, die Arme!

Die Frauen rieben sie ihr.

Wer htte es gedacht, da die Komdiantinnen ehrbar sind, sagte der alte
Seiler Fierabelli zum Schlosser Fantapi. Wer einen Sohn htte, knnte ihn
ihr zum Manne geben.

Der Schneider Coccola rief:

Und Polli, der sich weigert, seinem Sohn Olindo die gelbe Choristin zu
geben!

Das ist nicht recht von Euch, sagten die Mnner; und die Frauen:

Ihr beleidigt uns alle.

Der Tabakhndler wollte entwischen, aber sie stellten ihn.

Da sieh, wie sie sich lieben! -- und die Menge zog Olindo mit der Gelben
hinter dem Schuppen hervor, sie fhrte die beiden dem Vater zu. Polli
rtete sich; er drang auf seinen Sohn ein. Die Menge ri ihn zurck; er
zappelte wtend. Ihr wollt wohl sagen, da auch diese ehrbar ist?

Warum nicht?

Aber wenn doch ich selbst sie --

Der Aufschrei der Frauen deckte seine Stimme zu.

Ah! wir wissen wohl, weshalb er nicht will: sie ist arm.

Und von allen Seiten:

Wir Armen sind Eurer Herrlichkeit nicht gut genug. Nieder die Reichen!

Man mu die Mdchen nicht nach dem Gelde fragen, riet der Herr Giocondi,
im Gedanken an die eigenen Tchter. Sieh nur auf das Herz!

Gib ihnen deinen Segen! rief das Volk; -- und da dorthinten schon ein
unheilvolles Pfeifen ausbrach, entschlo sich Polli.

Mir htte statt dessen das Haus abbrennen knnen, brummte er. Da die
Nacht nicht ohne ein Unglck vorbergehen soll --

Aber beim Zusammenlegen der Hnde kniff er seinen Sohn so heftig in den
Arm, da Olindo aufhpfte. Die groe Gelbe fchelte sich erstaunt.

Welche sympathische Familie! rief das Volk und klatschte.

Alle hinaus! befahl dahinten der Apotheker Acquistapace seinen Leuten.
Der Schornstein wird ins Haus fallen.

Gaddi aber zog Nello hinter die Tr.

Nello, du bist in Gefahr.

Ich wei es, aber ich war heute schon in grerer, und man gewhnt sich
daran.

Du scherzest, Nello, ohne zu wissen, worber. Ich bin den Verdchtigungen
nachgegangen, die gegen dich ausgeschickt sind; ich habe ihre Quelle
entdeckt . . . Die meisten haben sie von einem Kommis des Kaufmannes
Mancafede, und der Kommis hat sie von seinem Herrn. Der Kaufmann aber stand
beim Dom mit Frau Camuzzi.

Und da Nello aufzuckte:

Es ist also wahr. Ich dachte es mir: der Ha einer Frau. Hre, Nello:
flieh! Flieh sogleich!

Heute morgen, wenn ihr andern fort seid.

Das ist nicht frh genug. Bis zur Stunde, wo wir fortziehen, wird sie
etwas Neues gegen dich erdacht haben. Was sie bisher schon gewagt hat,
beweist dir das nicht, da sie nicht eher einhalten wird, als bis sie dich
vernichtet hat?

Mit dem Arm um die Schulter des jungen Mannes:

Ich sehe dich verloren, Freund.

Nello senkte die Stirn.

Vielleicht bin ichs. Trotzdem, Virginio -- und er drckte die Hand des
Freundes, kann ich dir nicht folgen. Ich folge nur meinem Schicksal, und
es heit Alba. Oh! nie mehr wird es anders heien . . . Du weit nicht --

Mit heieren Hndedrcken, voll hastigen Glckes:

Dies war die letzte Nacht ohne sie: in wenig Stunden sind wir vereint fr
immer. Wenn ihr anderen die Stadt verlassen habt, -- ich verziehe noch, ich
verstecke mich. Werden nicht viele euch begleiten, wird nicht die Stadt in
Verwirrung sein? Dann enteile ich zu ihr, der Wagen steht bereit hinter der
Hecke, sie wartet darin, sie winkt: ich komme, ich komme: und, o Virginio!
wir leben trotz allem nicht umsonst: ich habe sie neben mir, sie ist bei
mir, wohin immer das Leben uns fhrt . . . Und wenn es --

Er warf den Kopf zurck, breitete leicht die Hand hin und lchelte rein.

-- wenn es selbst zum Tod fhrt, mit ihr!

Eine Pause; das Klatschen und Gelchter der Menge.

So willst du nicht fliehen? fragte Gaddi nochmals. Auch Nello lachte auf
und schlug in die Hnde.

Du bist gut! Fliehen, -- wenn ich doch im Schutz meiner Heiligen stehe.
Frau Camuzzi mag die Ratschlge der Hlle selbst haben: was kann sie gegen
Alba!

Er drngte den Freund hinaus ans Frhlicht.

Und sieh, ob irgend jemand hier Verderben sinnt. Die Menschen knnen nicht
lange bse sein, das Leben ist zu gut. Den Advokaten wollten sie auf die
Galeere schicken. Jetzt lachen sie, und er lacht mit ihnen!

Denn der Advokat ging umher und zeigte, da er lachte. Seiner Schwester
Pastecaldi raunte er zu:

Ich bitte dich, Artemisia, la das Weinen! Es wird mich kompromittieren.
Ein ffentlicher Mann mu heiter sein. Solange gelacht wird, ist nichts
verloren.

Der Advokat auf die Galeere? -- und seine Nichte Amelia starrte aus ihrem
weien Mullkleid entgeistert zum Himmel auf. Der Advokat machte Sch!
Sch! Er erstickte das Schluchzen der Witwe Pastecaldi mit der Hand.

Hast du wenigstens meine Percke mitgebracht? zischelte er. Da du sie
mir auch gerade gestern abend wegnehmen mutest, um sie zu kmmen . . .
Gottlob, da ist sie.

Er duckte sich hinter seine weiblichen Verwandten, um die rote Mtze
abzuziehen.

Das alles wre mir vielleicht nicht zugestoen, wenn ich nicht diese
gesegnete Mtze aufgehabt htte. Die Weltgeschichte ist reich an solchen
folgenschweren Zufllen . . . Es geht mir schon besser, -- und er kam mit
der Percke auf dem Kopf wieder zum Vorschein. Die Schwester zog aus ihrer
Schrze auch seinen braunen Strohhut; sofort schwenkte er ihn mit einem
Kratzfu gegen Flora Garlinda, die herzukam.

Sie sind ein tapferes Mdchen, Sie haben sich frisiert!

Sie haben einen Mierfolg gehabt, Advokat? Sie sind ausgezischt? Wie
werden Sie sich rchen?

Indem ich meine Pflicht tue, antwortete der Advokat und stie die
geffnete Hand edel nach unten. Bei ihrem spttischen Lcheln:

Dies Volk scheint Ihnen ein wenig eigenwillig, ein wenig zgellos. Aber
wenn es demtig wre, mchte ich nicht sein Beauftragter sein, weil ich es
verachten wrde, -- und nicht sein Herr, denn der Herr ist noch
verchtlicher als der Knecht, aus dessen Erniedrigung er Nutzen zieht
. . . Nicht doch! rief er in einen Kreis von Brgern hinein, worin die
Herren Salvatori, Mancafede, Torroni dem Leutnant Cantinelli zustimmten,
der eine Vermehrung der bewaffneten Macht verlangte.

Nicht doch, Ihr Herren! Je weniger Macht gebt wird in der Welt, desto
besser ist es!

Ihre Sache, sagte Flora Garlinda. Ich war nur gekommen, um Ihnen zu
Ihrer Rache zu verhelfen.

Wie?

Denn ich schulde Ihnen einen Gegendienst fr Ihren Artikel in der >Glocke
des Volkes.< Sie werden sehen, da niemand zu kurz kommt, der meine Partei
nimmt . . . Lassen Sie uns beiseite treten . . . Man hat Sie beschuldigt,
dieses Haus angezndet zu haben. Was wrden Sie sagen --

Sie senkte schief den Kopf. In den Taschen ihres schmutzfarbenen
Regenmantels ffnete und schlo sie die Hnde.

-- wenn ich Ihnen den wirklichen Brandstifter nennen wrde?

Da er nur mit dem Mund klappte, sagte sie und lie die Laute, jeden fr
sich, leicht und klar in die Luft gehen:

Es ist Don Taddeo, der Heilige.

Der Advokat prallte zurck. Er sah sie ruhig die Lippen schlieen, als ob
alles entschieden sei: -- da begann er wild den Krper umherzuwerfen, den
Hals nach allen Seiten hinauszustoen; die Augpfel quollen ihm hervor, und
er sthnte mehrmals schwer. Endlich wischte er sich den Schwei; er atmete
zischend aus.

Es wre unntig. Wer wrde mir glauben? . . . brigens glaube ich selbst
es nicht.

Sie lie ihn vollends zu sich kommen. Ihre Augen glitzerten.

Er ist es, Don Taddeo, wiederholte sie mit einem Lcheln, das sie schn
machte. Der Advokat brauste auf:

Aber woher wissen Sies? Haben Sie etwas gesehen?

Nicht mehr als Sie. Nicht mehr, als alle sehen konnten, hier auf dem Hof
voll Menschen, als Don Taddeo die Italia rettete und als er in Ohnmacht
lag.

Und daraus, da er ein Held ist; denn man mu die Wahrheit sagen: er ist
ein Held, dieser Priester, und wre er nicht ein Feind des Staates, wrde
ich ihn einen guten Brger nennen: -- daraus also ziehen Sie den Schlu, er
habe ein gemeines Verbrechen begangen? Sie wollen scherzen, Frulein.

Ich habe meine Beweise. Aber den wichtigsten finde ich darin, da es ihm
gut stehen wrde . . . Entrsten Sie sich nicht, Advokat! Es wrde ihm so
viel besser stehen, als Ihnen. Seit ich ihn, nach eurer Schlacht auf dem
Platz, besiegt wie er war, hinter seinem Turm sich krmmen und qulen sah,
kenne ich ihn; und wenn wir jetzt ber den Brand, Italia und das brige
miteinander nur einige Worte wechselten, ich bin sicher, wir wrden uns
verstndigen.

Ah! Ah!

Der Advokat legte sich breit zurck und stie ein tief beruhigtes Lachen
aus.

Jetzt verstehe ich alles. Ich hatte wahrhaftig vergessen, da Sie eine
Knstlerin sind.

Er holte ihre Hand aus der Tasche, um sie zu kssen.

Eine groe Knstlerin!

Wie es Ihnen gefllt, schlo Flora Garlinda und hob die Schultern.

                   *       *       *       *       *

Haltet ihn! schrie alles, und mehrere setzten sich hart hin, weil der
Brigadiere Capaci ber sie hinweggerannt war. Man sah dahinten noch seine
langen Beine schweben, aber Coletto, der Konditorjunge, war schon um die
Ecke.

Hast du den Salame? rief Malandrini dem Gendarmen entgegen, der
zurckkehrte. Seine Hnde waren leer, die Buben jubelten, und der alte
Zecchini schlug seinen Zechbrdern vor, den Keller des Wirtes zu
untersuchen.

Wer wei, ob das Feuer aus seinem Wein nicht Kognak gemacht hat.

Nonoggi, deine Frau hat unten ein Bettuch und oben ein Handtuch an; es
scheint, die Geschfte gehen schlecht.

Die Menge entdeckte erst jetzt, wie sie aussah.

Welche Furcht wir gehabt haben mssen!

Gina, was httest du getan, wenn die Stadt gebrannt htte?

Gib dein Ohr her: ich wre zu Renzo gelaufen.

Flstere nur, ich habe es doch gehrt; und wir wren uns auf halbem Wege
begegnet, Gina.

Der Doktor Ranucci! Der alte Narr hat seine Frau im Hause eingeschlossen,
um nachzusehen, was es gibt. Galileo Belotti aber hat ihr ins Fenster
gerufen, die Stadt brenne. Jetzt schreit sie. Wir wollen dem Alten sagen,
ein Mann sei bei ihr!

Ah! sind unsere Mnner tapfer gewesen. Masetti! Chiaralunzi! ihr habt uns
alle gerettet. Dir aber haben sie das Haus erhalten, Malandrini. Warum
jammerst du? Deine Betten sind ein wenig na geworden, das ist alles; aber
deine Frau hat nicht darin gelegen, sie lag im Schuppen.

Sie lag im Schuppen!

Und du knauserst mit dem Wein? Du Glckspilz? Unsere Mnner haben
geschwitzt fr dich!

Mein Mann schwitzt am meisten von allen, sagte die Frau des Baritons
Gaddi und zeigte dem Volk seine Hemdrmel.

Man mu sagen, da auch die Komdianten tapfer waren; sogar der junge, der
doch mit dem Advokaten das Feuer angelegt hat. Warum ist er noch nicht im
Gefngnis?

Redet keinen Unsinn! sagte der Schneider Chiaralunzi. Als der Balkon
herabfiel, wre ich fast erschlagen: dieser aber hat mich fortgezogen.

Nein, das war Virginio, sagte Nello.

Die Post geht ab! rief Masetti; aber er ward zur Ruhe verwiesen. Ob er
die Komdianten denn nackt mitnehmen wolle, da ihnen alles verbrannt sei?
Ob er so gottlos sei, da er nicht zuerst die Messe hren wolle, zum Dank
fr die Rettung der Stadt?

Aber nicht alle sind so gute Leute unter diesen Knstlern, setzte der
Schneider hinzu. Unser Spritzenwagen steckte einmal im brennenden Holz,
wir sind gerade nicht genug Leute: >Fasse einer mit an!< rufe ich; und
jener steht dabei, aber glaubt ihr, er rhrt sich?

Die Menge betrachtete mibilligend den Kapellmeister, der, eine groe Rolle
fest unter dem Arm, von einem Fu auf den andern trat. Der Schneider hatte
sich dunkelrot gefrbt.

Mag er ein Maestro sein und ich blase nur das Tenorhorn: hier aber sind
wir, um die Stadt zu retten, und das ist kein guter Mann, wer nicht helfen
will.

Auch der Kapellmeister war rosig berzogen. Er stie den freien Arm in die
Hhe, legte ihn aber sogleich behutsam auf seine Rolle. Sich abwendend:

Was wit ihr?! Lat mich gehen!

Hinter ihm wisperte der Barbier Nonoggi:

Seht Ihr, wie der Schneider das Volk gegen Euch hetzt? Er mchte Euch aus
der Stadt verdrngen, denn am liebsten wre er selbst der Maestro. Der
Tenor, mit dem seine Frau eine Liebschaft hat, will ihm dazu helfen.

Was kann ich tun? sagte der Kapellmeister zu den Umstehenden. Sollte
ich, um einen Spritzenwagen herauszuziehen, meine Messe verbrennen lassen
und meine Oper? Denn hier, das sind meine Kompositionen, und ich durfte sie
nicht aus der Hand lassen. Schlielich, wie auch Sie wissen, war es
mglich, da die Stadt abbrannte.

Er ist ein bser Mann, -- und Chiaralunzi schnob, da sein langer
Schnurrbart aufflog. Er denkt nur an sich und seine Musik. Wir sind gut
genug, sie ihm aufzufhren, dann drfen wir verbrennen, wenn es uns
gefllt.

Blandini und Allebardi erklrten, sie shen es wohl und htten keine Lust
mehr, heute morgen in der Messe des Maestro mitzuspielen.

Geben Sie mir recht, Herr Mancafede! rief der Kapellmeister und fuhr sich
durchs Haar, da der Hut hinabfiel. Sie selbst waren in Sorge um Ihr
Warenlager, das immer noch keine Opernpartitur ist. Sollte ich sie dem
Untergange aussetzen? Ich wei, wieviel ich der Stadt schulde, und diesem
Volk, das dieselbe Musik gefhlt hat wie ich, das ich liebe, von dem ich
das Beste empfange. Aber danke ich ihm nicht besser mit Werken, als indem
ich ein Haus rette? Was bedeutet ein Haus, das abbrennt, gegen Italien,
gegen die Menschheit, die auf meine Werke wartet!

Der Kaufmann Mancafede lchelte von unten, indes die andern murrten.

Immerhin, uerte Polli, zahlt Ihnen nicht die Menschheit Ihre
hundertfnfzig Lire, sondern wir.

Der Kapellmeister drehte die Augen nach oben. Dann ma er schweigend den
Schneider, der weiter schalt. Abseits bemerkte der Advokat:

Was alles mit uns vorgeht! Wie kommt es, da diese beiden braven Leute
sich hassen?

Ich benachrichtige die Herren, da der Kaffee fertig ist, rief der
Gevatter Achille und schob seinen Bauch durch die Menge. Man hat nicht
geschlafen heute nacht, da glaubte ich dem geehrten Publikum zu dienen,
indem ich meinen Kaffee extra stark machte.

Er stellte sich in die Mitte.

Alle ins Caf >zum Fortschritt<!

Aber wer noch da war, wollte den Schornstein einstrzen sehen; denn er
ragte kahl und ungesttzt aus dem offenen Dach und neigte sich schief und
schiefer. Alles wartete gedrngt am Ausgang des Hofes; nur Coletto und die
Seinen wagten sich vor und warfen mit Steinen nach dem Schlot. Der Wirt
fiel ber sie her, aber man rief ihm zu:

Eh! Malandrini! Er wird umfallen, ob du sie prgelst oder nicht. Wir haben
durch deine Schuld die ganze Nacht Angst gehabt, jetzt wollen wir uns
unterhalten.

Auch deine Frau hat sich unterhalten!

Und man feuerte einander an, vorzulaufen und Steine zu werfen. Pltzlich:

Er fllt! Hoho! Rettet euch!

                   *       *       *       *       *

Unter dem Knall und Geprassel des Kamines, der ins Haus sank, stob alles
mit Lachen und Gekreisch von dannen. Der Wirt nur irrte, die Hnde um die
Ohren, wehklagend durch seinen vereinsamten Hof. Der Advokat Belotti war da
und spendete ihm Trost; -- und obwohl es vergeblich war, lie er auch den
Freund Acquistapace samt seinen Leuten abziehen und blieb zurck.

Armer Freund, man sieht es ihm an, da er sich nicht gern an meiner Seite
zeigen wrde. Manchmal, sagen wir nur die Wahrheit, ist das Leben
schwierig.

Gleich darauf zuckte er zusammen.

Da ist Camuzzi!

Er tat, als habe er ihn nicht gesehen, und stberte in den Trmmern. Wie er
sich ins Haus stehlen wollte, rief der Gemeindesekretr ihn an:

Guten Morgen, Herr Advokat!

Der Advokat kam zgernd hervor. Der Sekretr hatte seinen neuen
Herbstmantel an, frisch glnzende Schuhe und duftete gut. Der Advokat
klopfte an seinem beschmutzten Rock, auch versuchte er, ihn zu schlieen,
es fand sich aber kein Knopf mehr.

Sie hier, Herr Camuzzi, brachte er hervor.

Ja, ich bin ein wenig frher aufgestanden. Die Leute erzhlen einem
Fabeln; knnen nicht Sie, Herr Advokat, mir sagen, was eigentlich geschehen
ist?

Sie haben geschlafen? fragte der Advokat und behielt den Mund offen.

Da hier, wie ich sehe, nur ein Dach eingestrzt ist, habe ich offenbar
wohl daran getan, die Nacht nicht unter den Gaffern und Schwtzern zu
verbringen. Sollte man jetzt nicht an das Frhstck denken?

Er kehrte wieder um.

Sie konnten schlafen! wiederholte der Advokat, ergriffen.

Vielleicht htte ich nicht geschlafen, erklrte der Sekretr, wenn ich
an den Brand geglaubt htte.

Wie? Sie haben nicht daran geglaubt? Aber die Glocken haben gelutet! Der
Himmel war rot!

Meine Frau sagte es mir, als sie mich weckte. Aber gewhnt, wie ich es
bin, an die bertreibungen dieses Volkes: -- denn dies Volk, Sie wissen es
wie ich, lebt von bertreibungen, Dunst und Lrm, und es bereitet dem
nchternen, die Ordnung liebenden Menschen nur Plage. Noch jetzt ist es
meine berzeugung, da der Eifer der guten Brger dem Hause Malandrini
greren Schaden zugefgt hat als das Feuer.

Eh! Eh! -- und der Advokat arbeitete, ohnmchtig krchzend, mit Schultern
und Hnden.

Sie leugnen also die Sonne, Herr Camuzzi! Nach Ihrem Gefallen leugnen Sie
sie! Ich antworte Ihnen nur, da ein Brand wohl nicht jeder Wirklichkeit
entbehren kann, wenn sogar jemand da ist, der ihn gelegt hat.

Der Gemeindesekretr hob die Schultern.

Man hat mir auch davon gesprochen. Man hat mir, unter mehreren anderen,
sogar Sie als den Brandstifter genannt, Herr Advokat.

Der Advokat begann mit knstlicher Wildheit zu kichern. Er schielte nach
dem Gesicht seines Begleiters.

Ich sehe, da Sie mich fr unschuldig halten, vielen Dank. Ich will Ihnen
gestehen, da ich soeben bei Ihrem Anblick nicht ohne Besorgnis war. Die
Verschiedenheit unserer Temperamente, Herr Camuzzi, hat es mit sich
gebracht, da wir uns im ffentlichen Leben zuweilen gegenbergestanden
haben. Freilich gibt mir das noch nicht das Recht, an der Klarheit Ihres
Denkens zu zweifeln . . . Wollen Sie das Absurdeste wissen, was eine
erhitzte Phantasie heute nacht erfunden hat?

Die Nacht der Dichter, sagte der Sekretr.

Wenn ich selbst, der Advokat Belotti, der seit dreiig Jahren all seine
Ttigkeit, sein Genie und seinen Ehrgeiz dem Wohl dieser Stadt widmet, sie
eines schnen Nachts in Brand gesteckt haben soll, will ich es noch als
reine und strenge Logik hinnehmen. Aber auch Don Taddeo soll sie angezndet
haben. Sie haben richtig gehrt: Don Taddeo!

Er lachte so strmisch, da mehrere Bewohner des Corso auf ihre Schwellen
traten. Der Sekretr begngte sich mit verchtlichem Feixen.

Man mu sich vor dem Landstreicher schmen, bemerkte er, der das Feuer
vielleicht gelegt hat: -- falls es gelegt worden ist und falls es ein Feuer
war. Er wird uns alle fr verrckt halten.

Wie viel Geist Sie haben, Herr Camuzzi!

Aber der Advokat seufzte pltzlich tief.

Das alles soll nicht heien, da ich mich den Verantwortlichkeiten zu
entziehen denke, die auf mich fallen. Das Volk hat recht, o wie recht, wenn
es Rechenschaft von mir fordert ber die Ablehnung der Dampfspritze.

Er drckte beide Hnde auf die Brust und nickte.

Soll man nicht an das Fatum glauben und an den Neid der Gtter? Hier sehen
Sie einen Mann, der im Dienst des Volkes hher gestiegen war, als die
meisten, und den ein Fehltritt herabgestrzt hat. Das Volk aber, weit
entfernt, ihn zu bemitleiden, setzt ihm den Fu auf die Brust. Und doch
bemitleidet es oft Unwrdige. Vielleicht hat es mich nur, weil wir uns zu
sehr geliebt haben und ich ihm einmal nicht gro genug war?

Der Advokat blieb stehen. Da der Gemeindesekretr die Frage unentschieden
lie, ging er weiter.

In jedem Fall hat es recht, das Volk. Ich beging ein unverzeihliches
Versumnis, als ich, sparsam aus Liebe zu Grerem, die Dampfspritze
ablehnte. Nicht nur der Ruin des Hauses Malandrini fllt mir zur Last,
sondern die Unsicherheit, in der ich die Stadt lie, die Ungeschtztheit
dieses Volkes, das mir vertraute!

Der Sekretr wiegte den Kopf. Er stellte lchelnd die Hand gegen den
Advokaten.

Ihr Kopf geht durch. Woher wissen Sie, da mit der Dampfspritze, die auch
ich abgelehnt habe, der Schaden geringer gewesen wre? Ich glaube es nicht,
und das Geschrei des Volkes beweist es mir nicht. brigens halte ich es mit
dem Satze, da die Dinge ihr Ma in sich tragen: auch das Feuer. Wir sollen
nicht zu viel handeln: nicht einmal gegen das Feuer.

Der Advokat schlug durch die Luft und sprach in die Rede des anderen
hinein:

Dies ist das Prinzip des bels: da ich zu strmisch den Fortschritt
wollte, um mich auf die Erhaltung dessen, was da war, noch besinnen zu
knnen. Der Geist der meisten aber ist vor allem auf Erhaltung gerichtet.
So teilte sich durch meine Schuld dies Volk, so kam, ach, ber mich! der
Brgerkrieg.

Da ist der Advokat! Er wagt sich zu zeigen. Nieder mit ihm! -- und beim
Caf zum heiligen Agapitus war alles auf den Beinen. Der Advokat, am
Rande des Platzes, nahm die Hand, mit der er sie beschattet hatte, von den
Augen, und sein Begleiter sah Trnen rollen.

Nicht das Unglck ist meine Strafe, sondern die Reue, sthnte der
Advokat.

Dort hinten berschrien sie einander, -- indes beim Caf zum Fortschritt
eine tdliche Stille lagerte. Die Herren wendeten sich nicht her; der alte
Acquistapace hielt den Kopf gesenkt.

Die Freunde, verfhrt und mitgerissen durch mich, leiden nun Furcht und
hassen mich dafr. Bemerken Sie, Camuzzi, den seltsamen Fall, da ich nur
noch mit Ihnen sprechen kann, der Sie immer mein Gegner waren. Sie haben
Mut!

Ph! machte der Sekretr. Da ich an das ffentliche Leben nicht glaube,
wird es mir nicht schwer, zu tun, was mir beliebt. Indessen --

Der Sekretr befestigte vor seinen halb geschlossenen Augen den Klemmer.

-- wre dies nicht der Augenblick fr Sie, sich zu fragen, wozu Sie soviel
gewollt, sich abgearbeitet und gehandelt haben? Was bleibt davon, nun Sie
im Dunkel des Privatlebens verschwinden sollen?

Und er wollte, befriedigt durch seine Frage, weitergehen. Aber der Advokat
verharrte noch auf der Mitte des Platzes; er nahm den Hut ab, und um den
Platz, der tobte und schwieg, sandte er einen gefaten Blick.

Was bleibt? antwortete er. Ich will nicht von den Werken sprechen, die
vielleicht bleiben. Aber es bleibt die Liebe. Andere, die mich kannten,
werden die Stadt lieben, wie ich sie geliebt habe. Und schlielich ist es
fr einen Mann wie fr ein Volk ehrenvoller, das Gute zu wollen und auf
halbem Weg unterzugehn, als immer weiter zu leben, ohne Schuld, weil ohne
Tat.

Sie umschritten den Brunnen; die Tauben flogen auf.

Sie fliegen auf und setzen sich wieder, sagte der Sekretr. Das ist der
menschliche Fortschritt. Die Stunde, als sie mit mir zusammen die
Dampfspritze ablehnten, jene Stunde, Advokat, war Ihre weiseste.

Ah! ich verwahre mich. Nicht aus denselben Grnden haben wir sie
abgelehnt. Ihnen, Herr Camuzzi, kam schon eine Dampfspritze zu schnell und
zu neu, ich aber war ihr voraus, voraus . . .

Gleichviel.

Gleichviel, wiederholte der Advokat und streckte die Hand hin. Wir sind
uns wenigstens einmal begegnet, -- als wir denselben Fehler machten. Lassen
Sie uns Freunde sein!

Er stieg, schleppenden Schrittes, in die Treppengasse hinein. Der
Gemeindesekretr wandte sich nach dem Caf zum Fortschritt. Von der
anderen Seite kam die alte Ermenegilda aus dem Pfarrhause. Eine Strecke vom
Tisch der Herren blieb sie stehen.

Ich gre die Dame, rief der Gevatter Achille. Wnscht Don Taddeo etwas
Strkendes? Und wie geht es dem heiligen Mann?

Ja, wie geht es ihm? fragten die Herren. Ihr taubes Gesicht bewegte sich
nicht unter der Haube; sie sagte:

Ist der Herr Giocondi da?

Was gibts? fragte der Herr Giocondi. Sie sah ihn sich mit ihren still
durchdringenden Augen an.

Kommen Sie mit mir, Herr, sagte sie. Der Reverendo will Sie sprechen.

Wie? -- und der Herr Giocondi setzte sich die Finger auf die Brust. Irrt
Ihr Euch nicht? Ich bin der Herr Giocondi.

Sie suche ich. Der Reverendo hat etwas fr Sie. Das sind seine Sachen.

Der Herr Giocondi lie die Backen hngen, als habe er etwas ausgefressen,
und sah von einem zum andern. Sie zuckten stumm die Achseln. Darauf gab er
sich einen Ruck.

Nun also. Es ist nur, wenn man so viele Jahre nicht in der Beichte war
. . .

Meinen Respekt dem Reverendo, wissen Sie, sagte ihm der Gevatter Achille
noch, und die andern riefen ihm nach:

Auch den meinen, weit du.

Darauf rusperten sie sich und rckten mit den Glsern. Der Leutnant
Cantinelli wagte zu sagen:

Eine sonderbare Geschichte; -- und der Kaufmann Mancafede, wispernd:

Was mag er wollen?

Eh! machte Polli, aber er hustete rasch. Der Gemeindesekretr wischte
seinen Klemmer ab, er vermutete gelassen:

Er wird wissen wollen, wieviel der Malandrini von der
Versicherungsgesellschaft bekommen wird. Die Priester sind neugierig, wie
man wei.

Die andern schwiegen vor Schrecken. Drben hatte sich der Lrm gelegt; die
Hnde in den Taschen, kam der Savezzo herber.

Was gibts? fragte er, ohne an den Hut zu greifen. Die Herren Salvatori
und Polli rckten sofort auseinander und zogen einen Stuhl zwischen sich.

Auch wir fragen uns umsonst, Herr Savezzo. Was hat Don Taddeo mit dem
Giocondi zu tun?

Ein Heiliger mit einem Versicherungsinspektor!

Die Sache ist einfach, erklrte der Savezzo, fate den Stuhl und stie
ihn auf das Pflaster. Don Taddeo will sein Leben versichern, denn er hat
gesehen, wessen der Advokat fhig ist.

Die Herren nickten starr; nur Camuzzi wiegte den Kopf, -- indes der
Apotheker nicht aufsah. Der Gevatter Achille rollte die Zunge im Munde.

Dahin also wre es mit dem Advokaten gekommen?

Der Advokat! und der Herr Salvatori lachte bitter auf. Wissen Sie, da
er meinen Arbeitern eine Lohnerhhung versprochen hat, wenn sie fr die
Freiheit wren?

Bezahlen Sie also die Freiheit! sagte der Savezzo. Der Kaufmann Mancafede
wimmerte:

Ihre Partei kauft nicht mehr bei mir, ich sehe keine Bauern kommen, ich
bin ruiniert, und doch habe ich nie etwas mit dem Advokaten zu tun gehabt.

So wenig wie ich, behauptete der Gevatter Achille. Der Advokat hat uns
alle ruiniert. Sie, Herr Savezzo, sind ein anderer Mann, Sie haben dem
Freund Giovaccone zu einer Teufelskundschaft verholfen.

Der Leutnant Cantinelli sagte:

Niemand sollte, wie der Advokat, die Parteien zum Brgerkriege antreiben.
Uns Soldaten kann der Brgerkrieg, so oder so, unsere Stellung kosten; in
Mailand sind die Carabinieri ins Gefngnis gesetzt; -- und ich habe eine
Frau.

Der Advokat wird sie trsten, sagte der Savezzo.

Polli schlug pltzlich zwischen die Glser. Sein Hals schwoll an, und er
schrie erstickt:

Jetzt habe ich eine Schwiegertochter! Und was fr eine!

Und Sie verdanken sie der Politik des Advokaten, sagte der Savezzo.

Die Komdianten packen ihre Koffer und hten sich hervorzukommen; sie
wissen wohl, da ich ihnen die Kpfe einschlagen wrde. Aber statt ihrer
werde ich den Advokaten durchprgeln! Ich werde ihn zwingen, die groe
Gelbe selbst zu heiraten!

Camuzzi bemerkte trocken:

Es war einfacher fr Sie, heute nacht in ihrem Bett zu bleiben; dann
wrden Sie noch immer keine Schwiegertochter haben. berhaupt, wenn die
Herren ruhig geschlafen htten wie ich --

Was denn! murrte der Herr Salvatori. Man kann nicht schlafen, wenn in
der Stadt ein Ruber umgeht, der den Arbeitern mehr Lohn verspricht. Als
heute nacht die Feuerglocke zu luten anfing, -- fragen Sie nur meine Frau,
ob nicht mein erstes Wort war: was wird der Advokat wieder angerichtet
haben.

So ist es! und alle riefen durcheinander. Wir sind in den Hnden eines
Rubers.

Wer rettet uns! wimmerte Mancafede.

Wir sind schon gerettet, sagte der Leutnant und verbeugte sich gegen den
Savezzo. Der alte Acquistapace richtete sich unversehens auf, er holte
unter dem Tisch die geballte Faust hervor. Aber als alle ihm auf den Mund
sahen, schlo er ihn wieder und senkte den Kopf. Nur der Gemeindesekretr
neben ihm verstand, was er murmelte.

Zwei Shne auf der Universitt . . . Die Zeiten sind vorbei . . . Man mu
leben . . .

Es ist eine Tatsache, Herr Savezzo, uerte der Gevatter Achille, da
Sie der einzige sind, der uns retten kann.

Angstvolles Schweigen; -- aber der Savezzo stemmte die Fuste auf die
Schenkel und lie sich Zeit.

Ihr habt den Zorn des Volkes verdient. Ihr habt dem Advokaten die Stange
gehalten, dafr mt ihr nun ben, in der Politik und in den Geschften.
Adieu, ich gehe dem Volk zu sagen, da ihr euren Untergang vorauswit und
ihn frchtet.

Er stand auf, aber die Herren Salvatori und Polli legten sich auf seine
Arme.

Ein Wort, Savezzo! Verstndigen wir uns! Was kostet es Sie, ein Wort
anzuhren. Der Advokat hat uns betrogen, er hat uns gedroht, durch
Schrecken hat er uns gezwungen, das Geld des Volkes zu verschwenden und mit
Don Taddeo und dem Mittelstand in Krieg zu leben.

Wie oft, -- und der Leutnant legte die Hand aufs Herz, haben wir
untereinander dem Advokaten geflucht!

Wre nicht der Advokat gewesen, rief der Gevatter Achille, niemand htte
uns gehindert, die ffentliche Sache in Ihre Hand zu legen, Herr Savezzo.

Und alle durcheinander:

Wer hat gegen Sie intrigiert? Wer hat Ihnen den Advokatentitel genommen
und Sie bei den Gemeindewahlen von der Liste gestrichen? Etwa ich? Etwa
ich? . . . Aber ich bin es, der Sie auf die Liste setzen wird . . . Ich
vielmehr, ich, denn ich habe im stillen die Sympathien des Advokaten
untergraben . . . Hren Sie mich, ich habe mehr getan! -- und der Kaufmann
Mancafede zeigte, ber den Tisch gereckt, seine blanken, flehenden Augen.
Ich bin heimlich beim Brgermeister gewesen. Ich habe ihn gebeten, er
solle Sie in den Gemeinderat bringen, er solle, wenn denn sein Alter ihn
zum Rcktritt ntige, nicht den Advokaten zu seinem Nachfolger machen,
sondern den Herrn Savezzo, unsern groen Mann.

Unsern Staatsmann, den Retter der Stadt! rief der Herr Salvatori und
schwang anfeuernd den Arm.

Einen Knstler, setzte der Gevatter Achille hinzu, der so gut auf dem
Bleistift blst!

Ah! machten alle, -- indes der Savezzo dastand und heftig auf seine Nase
schielte.

Was verlangen Sie? fragte der Herr Salvatori. Wir sind bereit, den
Advokaten zu opfern; -- und Polli besttigte es.

Beim Bacchus, hat nicht etwa er auch uns geopfert?

Wir liefern ihn aus! schrie Mancafede in der Fistel. Ich bin der erste
gewesen, der es verlangt hat. Wir schicken ihn, wie das Volk es will, auf
die Galeere!

Das ist nur gerecht, wenn er das Haus des Malandrini angesteckt hat,
meinte der Gevatter Achille. Nur mssen wir Zeugen haben.

Eure Sache, sie zu finden, lie der Savezzo vernehmen. Beseitigt den
Advokaten, und ich will an euch Gnade ben.

Wir haben Zeugen, so viele wir wollen, riefen sie; der Kaufmann packte
sich vorn an seiner wolligen Jacke und schttelte sich.

Ich! Ich habe es gesehen. Und meine Tochter: sie, die, wie die ganze Stadt
wei, alles sieht und hrt, meine Tochter sagt, es ist der Advokat.

Camuzzi drckte ihn an den Schultern auf seinen Stuhl.

Ihnen wird es sogleich sehr schlecht werden, das ist leicht vorauszusehen.
Auch Ihre Tochter sollte ihre Dit ndern, dann wrde ihr vielleicht
manches vergehen.

Sogleich fuhren alle gegen ihn los.

Wie? Sie, Camuzzi, wollen die Evangelina leugnen?

Noch niemand, -- und der Kaufmann schnellte den Finger gegen den
Sekretr, hat es je gewagt, auch Sie nicht; und es wird Ihnen Unglck
bringen!

Camuzzi hielt still und blinzelte nur; um ihn her strmte es.

Sie werden sehen, ob wir den Advokaten seinem Verderben preisgeben! Wer
sein Freund ist und nicht der des Herrn Savezzo, mu fallen. Hten Sie
sich, Herr Camuzzi!

Der Gemeindesekretr wehrte ab.

Von alledem wird nichts geschehen. Geht, ich kenne die Stadt; und ich
glaube nicht, da irgend etwas geschieht.

Da rief in den Lrm der Gevatter Achille:

Der Herr Giocondi! Seht ihr nicht, da er wieder da ist?

Alle fuhren herum, jeder mit seiner halb hinausgeworfenen Geste. Da der
Herr Giocondi mit umstndlichem chzen Platz nahm:

Nun, was sagt Don Taddeo?

Soll ich den Advokaten sogleich verhaften? fragte der Leutnant.

Keine Scherze, Giocondi! Was gibts?

Nichts, sagte der Herr Giocondi, bewegte flchtig eine Schulter und sah
weg. Nichts. Er ist verrckt geworden.

Wie? Von wem sprichst du?

Ich spreche von Don Taddeo. Er ist verrckt geworden, er will meiner
Gesellschaft den Schaden des Malandrini bezahlen.

Alle setzten sich, stumm, nur der Savezzo nicht. Nach einer Weile sagte
Polli und zog die Stirn in Falten:

Versteht sich, er ist ein Heiliger.

Der Herr Giocondi fuhr fort:

Er sagt, er sei an allem schuld . . . Nun ja, was wollt ihr von mir, ich
wiederhole, was ich gehrt habe. Der Advokat sei unschuldig, sagt Don
Taddeo, und er will zahlen.

Ein wilder Schrei des Jubels: und der Apotheker Acquistapace tanzte auf
seinem Holzbein um den Tisch.

Er wird nicht zahlen, meinte zgernd der Herr Salvatori.

Wenn er mir doch die Papiere schon in die Hand schieben wollte. Ich hatte
Mhe, ihm begreiflich zu machen, da zuerst die Gesellschaft sich
entscheiden msse, ob und unter welcher Form sie seine zwanzigtausend Lire
annehmen will. Denn das ist alles, was er hat.

Der Savezzo tat, die Arme verschrnkt, einen Schritt gegen den Herrn
Giocondi:

Was Sie sagen, ist nicht wahr! Sie wollen das Volk betrgen! Hierher!
rief er ber den Platz, da ist ein Spion des Advokaten!

Der Barbier Nonoggi lief schon herbei. Dahinten setzte das ganze Caf zum
heiligen Agapitus sich in Bewegung. Aber der Herr Giocondi polterte, rot
vor Entrstung:

Ich ein Spion? Ein Inspektor der >Gegenseitigen< bin ich, und wenn mir
jemand anbietet, er wolle fr die Gesellschaft zahlen, dann wei ich, was
ich zu tun habe.

Er wei, was er zu tun hat! brllte der Apotheker, und der Advokat
bleibt ein groer Mann!

Und warum will er zahlen? fragte der Barbier. Der Bcker Crepalini, an
der Spitze des murrenden Haufens, wiederholte gebieterisch:

Und warum will er zahlen?

Ah das -- und der Herr Giocondi zog Brauen, Schultern und Arme hoch, das
ist ein anderes Paar rmel. Er stand vom Betstuhl auf, wie ich kam, und
kaum da er sich auf den Beinen hielt. Wird Besuch gehabt haben von den
anderen Heiligen. Wie soll ich das wissen, ich bin ein Inspektor der
>Gegenseitigen<.

Er hat nicht gesagt, da der Advokat unschuldig ist!

Der Savezzo hielt dem kleinen Alten die beiden Fuste vors Gesicht. Der
Herr Giocondi schob sie weg.

Er hat sogar gesagt, er selbst sei sndhafter als der Advokat. Die ganze
Stadt sei sndhaft, er aber am meisten. Und er will keinen Brgerkrieg
mehr, sondern lieber zwanzigtausend Lire zahlen. brigens wird er euch
sogleich in seiner Predigt alles selbst erklren, also lat mich und geht
zum Teufel! . . . Zum Teufel! schnob er den Mnnern zu, die ihn
bedrngten.

Don Taddeo soll bezahlen, und der Advokat soll die Macht behalten! riefen
sie, einander ber die Kpfe weg, auf den Platz hinaus, der sich fllte.

Wir sind verraten! keifte der Bcker; und ein Gemurmel des Schreckens
griff um sich.

Don Taddeo soll hunderttausend Lire bezahlen, weil wir den Advokaten nicht
mehr wollten . . . Was denn, Don Taddeo: wir alle sollen zahlen. Der
Advokat wird uns aus Rache aushungern.

Wo ist Don Taddeo? kreischte in der Mitte des Gedrnges eine Frau auf.
Sie halten ihn gefangen!

Das ist ein wenig stark, sagten die Mnner, da es an den Mauern
hinrollte. Beim Turm stieg eine Stimme auf:

Der Advokat ist in der Unterprfektur; man hat ihn gesehen!

Und drben beim Rathaus eine andere:

Die Regierung steckt mit ihm zusammen; sie haben telegraphiert, und
sogleich wird ein Regiment Soldaten hier sein.

Wir sind verloren!

Was, verloren! Auf, nach der Unterprfektur!

Nein, zu Don Taddeo, ihn befreien!

Die Menge stie sich hin und her. Durch sie hindurch brach, die Stirn
vorgestreckt, der Savezzo.

Lgen! brllte er rauh und unfrmlich. Alles Lgen! Ich hole euch den
Don Taddeo, damit ihr die Wahrheit hrt. Auf die Galeere der Advokat! Oder
ich selbst auf die Galeere!

Aber beim Dom prallte er zurck: Don Taddeo erschien im Corso. Schon
umringten ihn Frauen, sie hngten sich an ihn: Unser Heiliger! Wer ihn uns
nehmen will, ist tot! Das Volk warf sich ihm, die Arme erhoben, entgegen:
Sprich, Don Taddeo! Er aber: mit einem gehetzten Lcheln, mit roten
Lidern, die zuckten, wich er im Zickzack den Anstrmenden aus; seine bleich
tastenden Hnde, auf die so viele Hilfesuchende sich strzten, schienen
selbst zu flehen.

Sprich, Don Taddeo!

Er ffnete die Lippen, fuhr mit der Zunge darber, man sah seinen Kehlkopf
arbeiten, aber niemand hrte etwas . . . Nun stand er oben auf der
Domtreppe; alle sahen ihn nun; ein Klatschen erhob sich -- und gleich fiel
es wieder. Er war fort.

Er hat etwas gesagt? Was ist es?

Er hat uns ein Geheimnis gesagt, denn es geschehen furchtbare Dinge.

Niemand hat es gehrt. Niemand wird es je hren. Der heilige Mann wird
sterben.

Er wird uns retten. Er wird predigen. Kommt alle in den Dom!

Alle in den Dom!

Sie ergossen sich hinein, ihr Strom gurgelte durch die Tr. Ihr Getrappel,
Gemurr, ihre Aufschreie waren schon verschlungen; die letzten Rinnsel
Volkes waren hinweg; -- und beim Caf zum heiligen Agapitus stand, das
Kinn ber den gekreuzten Armen, der Savezzo auf dem leeren Pflaster . . .
Pltzlich griff er um sich, ri vom Tisch eine Flasche und schmetterte sie
hin. Dann plumpste er auf einen Stuhl. Der Freund Giovaccone schlpfte aus
seinem dunkeln Spalt, dienerte schief, rieb sich die Schenkel und wollte
das Geld fr seinen Likr; aber der Savezzo nahm nicht die Faust von der
Schlfe. Der Freund Giovaccone berhrte sein Knie: da war der Savezzo mit
einem Krach auf den Beinen; er grub in den Taschen, zog die Finger leer
heraus, stie den Freund Giovaccone um und sprang polternd in den Dom.

Beim Caf zum Fortschritt sahen sie noch immer versteint einander an. Der
Apotheker schlug ein neues Freudengebrll auf und stampfte. Darauf schalt
Polli:

Es hat keinen Zweck, den Verrckten zu spielen. Es handelt sich darum, was
man jetzt tut.

Deixel, man geht in die Predigt, meinte der Herr Giocondi. Vielleicht,
da Don Taddeo von der >Gegenseitigen< spricht.

Der Herr Salvatori uerte starr:

Der Advokat ist entschieden strker, als man glauben konnte. Was hat er
nur angezettelt.

Wenn man es wte! sagte der Leutnant. Fr die bewaffnete Macht ist es
schwierig zu handeln, bevor wir den Ausgang kennen.

Der Kaufmann Mancafede wimmerte in sich hinein.

Ich habe genug davon. Ich schliee mich ein und lasse sie die Stadt
verbrennen oder beschieen, wie sie wollen.

Auf jeden Fall scheint es, -- und Polli kratzte sich den Kopf, da wir
uns bereilt haben. Der Savezzo ist vielleicht nur ein Prahlhans.

Der Gemeindesekretr betrachtete lchelnd seine Fingerngel.

Habe ich euch nicht vorausgesagt, da nichts geschehen werde? Jetzt
schlage ich den Herren vor, in den Dom zu gehen. Denn das einzige Sichere
ist schlielich die Religion.

Tatschlich, erklrte der Gevatter Achille, wird es das Klgste sein,
sich dort aufzuhalten, wo alle sind.

Polli schlug vor:

Wir werden uns nicht gerade so hinstellen, da alle uns sehen, und wenn
Don Taddeo siegt, sind wir dennoch dagewesen.

Auch verlangt der Sicherheitsdienst meine Gegenwart, schlo der Leutnant,
und man brach auf. Der Apotheker wollte sich davonmachen, um den Advokaten
vom Umschwung der Dinge zu unterrichten; alle muten ihn festhalten.

Du bist ein Mann ohne Gewissen, da du deine Freunde blostellen willst.

Beim Dom fing man den Kaufmann ein, der fast entwischt wre.

Das ist nicht hbsch, Mancafede. In einem solchen Augenblick!

                   *       *       *       *       *

Auf den Fuspitzen drckten sie sich durch den Schweif von Menschen im
Vorraum. Drinnen war es still zum Erschrecken, und nur die Stimme vom
Hochaltar:

Feuer! Alles wird brennen!

Sie fuhr durch die tausend, von ihrem Sturm gebeugten Kpfe hin. Ihr Echo
fiel von den Pfeilern herab und schlug mit ein auf die demtige Menge.

Nicht nur das Haus Malandrini wird brennen; auch das Haus Polli und alle
Huser am Corso! Der Platz wird brennen, und niemand wei mehr, wohin
flchten!

Die Menge zitterte. Die Ohren zuckten bei jedem neuen Schreckenswort. Polli
drehte wirr den Hals umher.

Vielleicht hat er recht, und es brennt bei mir?

Denn diese Stadt wars, ber die Jesus weinte, als er ber Jerusalem
weinte! Kein Stein, sage ich euch, bleibt auf dem anderen. Wehe! schon
strzt das Rathaus ein, und ich sehe, wie es euch erschlgt: dich,
Fierabelli, dich, Coccola, euch Weiber da, -- und haltet das Kind, haltet!

Ein langer Schauder. In der Kapelle Torroni fiel vom Schenkel des
Posaunenengels ein kleiner Druso herunter und winselte. Die Mutter
berrannte jammernd die Leute.

Die Sache wird ernst, murmelte unter dem Chor der Gevatter Achille. Hat
er nicht auch mich genannt?

In den Dom! rief Don Taddeo, und seine Stimme berschlug sich. Alle in
den Dom! Kein anderes Dach mehr gegen den Feuerregen. Vielleicht, da Gott
ihn aufhlt, wenn ihr betet. Nein, Gott zhlt euch: ist ein Gerechter unter
euch, einer? Dies ist die uerste Minute . . .

Die Augen des Priesters gingen von Mensch zu Mensch; jedem brach die Hitze
aus, niemand atmete mehr. Seine Lippen ffneten sich wieder; noch kam aus
ihnen kein Hauch, aber eine Frau schrie schwach auf: Frau Zampieri war in
Ohnmacht gefallen, -- und da kreischten sie, eine hinter ihr, eine drben,
kreischten, die Augen verdreht, in ihre gepreten Hnde, kreuz und quer
durch das Schiff bis vor die Fe des Priesters. Er lie langsam den Kopf
auf die Brust hinab und sagte, halb erloschen:

Keiner. Es komme das Feuer.

Ein Fall: alle lagen auf den Knien. Die gebckten Nacken zitterten, als
erwarteten sie einen Griff. Die Menge gab Laute von sich, wie der bewegte
Halbschlaf eines Sterbenden.

Nur ein Haus bleibt stehen! befahl Don Taddeo schrill. Von der ganzen
Stadt nur eins: das Haus in der Via Tripoli!

Wie? fragte man und richtete sich auf. Frauen kicherten. Junge Leute
sahen sich nacheinander um. In der Kapelle Cipolla entstand ein Gewhl; der
Konditor Serafini steckte den Kopf hinter das Grabmal der guten Prinzessin
Ginevra und sagte:

Da seid ihr. Heute abend komme ich und gehe gar nicht mehr fort, -- da ihr
die einzigen sein sollt, die brig bleiben.

Theo und Lauretta widersprachen.

Wir sind wie die anderen, und wenn Don Taddeo alle umkommen lt, ist es
nicht gerecht, da wir allein brig bleiben sollen.

Und sie schluchzten feucht ins Tuch, -- indes Mama Farinaggi, unbekmmert
um die Damen drauen in den Bnken, Kreuze schlug und die groe Raffaella
aus ihren gemalten Augen den Blick der Frau Camuzzi erwiderte, noch
verchtlicher und fremder als sie.

Der Kaufmann Mancafede nahm die Hnde vom Kopf, ber den er sie als Dach
gestellt hatte, und hob sich aus seiner hockenden Stellung.

Wie? Ah! welch schlechter Scherz. Ich glaubte wirklich, mein Haus stnde
nicht mehr, meine Tochter sei tot, und nun ginge es an mich.

Wer wei, wie es jetzt drauen aussieht, entgegnete Camuzzi. Es
geschieht so wenig, da wohl endlich Gott selbst eingreifen mu, damit
etwas geschieht.

Don Taddeo schlug mit der Hand wie nach Fliegen; er bekam rote Flecken, und
er schrie:

Es bleibt stehen und eure verdammten Seelen wohnen darin!

Gute Unterhaltung! sagten die Mgde Fania und Nan, und obwohl sie immer
fester an die Wand gedrckt wurden, glucksten sie laut. Hier und da
pruschte jemand ins Tuch. Don Taddeo brach ab; sein Gesicht entfrbte sich
ganz, -- und dann, wie einzeln ausgesandte Glockentne, und so sanft:

Darber am Himmel aber steht geschrieben: die Stadt ging unter durch ihre
Laster. Jesus hat ber sie geweint, aber sie hat nicht gehrt.

Die Tne zitterten dahin, bis in die dunkeln Winkel; -- und als alle die
Lider gesenkt hatten, senkte Don Taddeo selbst sie. Leiser, in der
gepreten Stille:

Denn alle Laster -- und die Stadt hat sie alle -- sind eins. Sie kommen
alle daher, da wir Gott nicht lieben. Das hchste Gebot heit, wir sollen
Gott lieben und unsern Nchsten. Aber wir liebten sie nicht: darum
verdarben wir.

Und mild eindringlich, berallhin, wo ein Schluchzen sich lste: Denn wir
lieben auch Gott nicht, wenn wir unsern Nchsten nicht lieben. Es ist nicht
wahr. Es gengt nicht, einen Geist zu lieben, der Gott heit. Liebt die
Menschen, dann liebt ihr Gott!

Er sah Frau Acquistapace an, in der vordersten Bank.

Sei gut und duldsam gegen deinen Mann, und du liebst Gott, auch wenn du
nicht jede Woche beichtest.

Vor den Bnken der Brgerfrauen, gleich zu seinen Fen, hockten hinter
ihren Strohsthlen die kleinen Leute. Er neigte die Augen zu ihnen.

Hasse den Krmer Serafini nicht, sagte er zu der Frau des kleinen
Zollbeamten Cigogna vom Tor; wenn er schlecht gewogen hat, denke, da er
sechs Kinder hat . . . Sprich Gutes von der Rina, sagte er zu Elena, der
Arbeiterin des Schusters Malagodi, obwohl sie dich verklatscht hat.

Und zu der Pipistrelli:

Verfolge die Snder nicht! Wir sollen weder die Komdianten noch den
Advokaten verfolgen, denn was sind wir selbst. Wenn die Stadt brennt, wo
ist dann der, der nicht mitschuldig wre, weil seine Snden das Feuer
herabriefen.

Don Taddeo seufzte und schlo die Lider.

Was sagt er? Was will er? -- und bei den Mnnern in dem Raum zwischen den
Bnken und den Pfeilern ward es unruhig.

Man erstickt, und Don Taddeo spricht nur zu den Weibern.

Er sagt, wir sollen den Advokaten lieben, erklrte der Schneider Coccola;
und der Schlosser Fantapi:

Es fehlte nichts weiter.

Er sagt, wer den Advokaten hat, ist mitschuldig an dem Brand beim
Malandrini.

Man mu gestehen, uerte der Wirt von den >Verlobten<, da Malandrini
bei der Partei des Advokaten ist. Sollte wirklich einer der Unseren --?

Du selbst, Gigoletti, wirst es getan haben, denn wer macht, nun der >Mond<
abgebrannt ist, so gute Geschfte wie du?

Alle, wenn man nher nachdenkt, alle sind verdchtig.

Es ist schrecklich.

Man hrt nichts, sagte hinten, unter dem Chor, der Herr Giocondi.
Spricht er von der >Gegenseitigen<?

An meinem Platz, -- und Polli hite sich auf die Fuspitzen, sitzt die
Frau des Schmiedes. Der Mittelstand nimmt uns die Kirchenbnke weg, dann
soll er uns wenigstens die Logen lassen.

Ihr alle seid mitschuldig, wiederholte Don Taddeo, wich gegen den Altar
zurck und spreizte die Hnde. Aber da traf er in ein Gesicht: mitten unter
den kleinen Leuten zu seinen Fen in ein Gesicht, das er kennen mute und
doch nicht kannte. Es hatte Augen, die forschten und forderten, still und
fest. Umsonst versuchte er fortzusehen; diese Augen riefen ihn zurck, wie
die einer vertrauten Heiligen, die viele Jahre lang ber seinem Betstuhl
gestanden htte, alles von ihm wute, ja, so sehr mit seiner Seele vermengt
war, da sie seine Schwester schien und tiefe Rechte an ihn hatte. Ihn
schauderte, er sagte rasch:

Nein! Sie haben keine Schuld. Was wissen sie? Einer nur war wissend genug,
um zu sndigen.

Er atmete, ohne es zu wollen, tief auf zwischen den Worten. In seiner Brust
quoll es, als sollte sie springen.

Denn einer nur liebte nicht die Menschen, liebte Gott im Geist, und das
heit, da er den Geist zu seinem Gott machte, und durch den Geist, seinen
Gott, stolz und einsam ward. Seine Strafe aber war, da noch immer eins ihn
an die Menschen band: das Niedrigste. Er hatte die Liebe verleugnet, da
mute er die Brunst leiden; mute sich hassen, der vom Geist abgefallen
war, und die Welt, die ihn verfhrt hatte; mute auf sie und auf sich das
Feuer herabrufen; mute mit eigener Hand es entznden . . .

Don Taddeo, man versteht ihn nicht, er mu sich sehr schlecht fhlen, --
und Frau Salvatori beugte sich aus ihrer Bank zu Mama Paradisi hinber. Es
ist kein Wunder, nachdem er sich fr die Komdiantin geopfert hat.

Man sagt, da er vom Altar aus predigt, weil er voll Brandwunden ist und
nicht die Kraft hat, auf die Kanzel zu steigen.

Und dennoch will er die Komdianten, noch bevor sie fortziehen, zu
Christen machen. Denn er spricht nur noch zu der Primadonna, -- als habe er
uns alle vergessen.

Die Blicke der Frauen hefteten sich, ergriffen, an den groen goldenen
Haarknoten dort vorn, unter dem weien, verbogenen Filzhut.

Er spricht zu ihr! Wie er zu ihr spricht! Er hat die Tropfen auf der
Stirn. Sie mu eine Frau von groem Verdienst sein. Ich werde niemals
wieder glauben, da eine Komdiantin keine anstndige Frau sei. Welch
Heiliger, Don Taddeo! Er lehrt uns die Menschen kennen und gerecht sein
gegen sie. Wie er leidet um unserer Snden willen! Seht seine Augen! Sie
erlschen . . .

Wie? fragte Don Taddeo, vorgebeugt, vorwrts gezogen von jenen hellen
unbeugsamen Augen. Mu ich noch mehr sagen? Alles denn?

Die Zhne schlugen ihm zusammen, er keuchte. Die Pipistrelli plapperte laut
aus ihrem Gebetbuch. Die Frauen ringsum raunten miteinander. Don Taddeo
griff sich an die Brust; er ri daran, er ri es heraus:

Ja, ich bins, ich habe es getan.

Da bewegten sich jene Lider, die nie gezuckt hatten. Jene schrecklichen und
erlsenden Augen senkten sich. Don Taddeo griff um sich.

Er schwankt! Er fllt! Wehe! Der Heilige stirbt.

Alles sprang auf, ein heier Sto warf alle nach vorn. Bevor sie ihn
erreicht hatten, rang Don Taddeo sich vom Altar empor. Das Chorhemd fiel
zurck.

Seht die Brandlcher in seiner Soutane!

Weinende Gesichter, betende Hnde strebten zu ihm herauf. Er streckte ber
sie hin die Arme.

Friede! rief er auf einmal mit lutender Stimme. Das Opfer ist gebracht,
wir sollen Frieden haben. Lat euren Zwist! Fragt nicht lnger nach dem
Brandstifter! Er hat gebeichtet, und er ist fort. Ihr habt ihn nicht
gekannt. Beschuldigt niemand! Seine Tat gehrt nicht ihm; wir selbst --
und Don Taddeo schlug sich, haben sie begangen! Denn wir hatten nicht
genug Liebe. Wir haten uns, wir befeindeten uns; jeder hielt sich fr den
Gerechten, und dadurch wurden wir eine Stadt von Ungerechten, die brennen
mute. Ich klage mich an --

Die Hand hinaufgereckt:

-- des Brgerkrieges, in den ich die Stadt gestrzt habe, des geistigen
Stolzes, der mich verdarb, -- und ich will Bue tun. Holt den Advokaten,
damit ich ihm den Schlssel zum Eimer ausliefere. Er ist ein groer Brger
--

Don Taddeo stockte, er schluckte hinunter, -- aber er breitete die Arme
aus.

-- den ich ungerecht habe leiden lassen.

Aus dem dichten Volk um den Altar stiegen Hnde, Stimmen setzten an:

Aber! Reverendo!

-- den ich ungerecht habe leiden lassen! rief Don Taddeo noch einmal,
hoch und zitternd. Niemand hat mehr fr euch getan als er.

Ihr! Ihr! antwortete es ihm.

Er reckte den Hals noch hher, als entflhe er den Stimmen dort unten.

Liebt euch! seid gtig! gtig!

Da geschah ein Krach, als strzte das Gewlbe ein. Es polterte, inmitten
eines groen Aufschreies, durch das Schiff. Man sah Weiber rennen und am
Boden einen Knuel. Alles stob fort vom Hochaltar; -- und ein Kopf rollte
herbei und blieb liegen vor Don Taddeo: der steinerne Kopf einer Frau.

Im weiten Halbkreis starrte das lautlose Gedrnge. Da lag in seinen
geflochtenen Weiberhaaren der Kopf und sah Don Taddeo an, der ihn ansah. Er
war wei wie der Kopf, und die Hnde hielt er gespreizt. Pltzlich schlug
er sie vors Gesicht und war fort. Kaum, da im Vorhang hinter dem Altar
noch eine Falte von ihm flatterte.

                   *       *       *       *       *

Was ist geschehen? Das war der Teufel, rettet euch! . . . Nein nein! es
kommt aus der Kapelle Cipolla. Es ist der Kopf der guten Frstin Ginevra.

Man lief hin. Die Buben hatten auf dem Grabmal der Frstin gehockt. Um Don
Taddeo zu sehen, waren sie ihr auf den Kopf geklettert, -- und welchen
dnnen Hals die Ginevra hatte! Sie waren heruntergestrzt, als der Kopf
abbrach, ber Fania und Nan, ber die Mdchen aus der Via Tripoli, und mit
ihnen allen gegen das Gitter der Kapelle, das zuschlug und einen Haufen
Leute von den Stufen fegte. Da wlzten sich noch welche.

Seht den Savezzo! Er hat den Schuh verloren und sucht ihn zwischen den
Beinen der andern. Wie du komisch bist! Ja, dein Schuh hat ein Loch
bekommen, es ntzt nichts, da du uns anblst wie ein Kater.

Die Frauen lachten. Der Savezzo hatte seinen Schuh wieder am Fu und
stampfte auf.

Seht ihr nicht, da das wieder eine Intrige des Advokaten ist? Er wollte
mich umbringen lassen, weil ich ihn gestrzt habe.

Die Mnner sahen sich an. Der alte Seiler Fierabelli uerte zgernd:

Eh! der Advokat wird kein Mrder sein.

Man redet nicht mehr gegen den Advokaten, sagte Frau Zampieri
entschlossen. Don Taddeo will es nicht.

Don Taddeo will es nicht, wiederholten die Frauen.

Was, Don Taddeo! Er ist krank, und er schwatzt.

Sofort war der Savezzo umringt und hatte gekrmmte, scharfe Finger vor den
Augen.

Nichts gegen den Heiligen, oder du bist tot!

Frieden! Frieden! rief der Seiler. Da kommt Don Taddeo mit dem Kelch.

Die Frauen drngten eilig in die Mitte.

Wie er doch schn ist in seinem Megewand!

Aber sie sahen, da ihm das Haar herabgefallen war und spitz bis ber die
Nase lief. Das linke Auge war ganz klein, sein Gesicht schien schief. Sie
flsterten:

Wie er sich zerwhlt hat! Er hat geweint um uns.

Der Barbier Nonoggi bohrte sich drehend durch die Menge.

Ich habe es euch von Anfang an gesagt, wie? da der Advokat wieder obenauf
kommen werde. Wer jetzt bei ihm in Gnade will, -- und er schnitt dem
Bcker Crepalini eine Fratze der wende sich an mich, seinen Freund.

Da er des Schneiders Chiaralunzi habhaft ward:

Rasch hinauf! Woran denkt Ihr denn? Der Maestro wartet nur noch auf Euch.

So wird er umsonst warten, entgegnete der Schneider, denn ich werde in
seiner Messe nicht spielen.

Der Barbier entsetzte sich. Der alte Zecchini griff ein.

Tut es fr mich, Chiaralunzi! Ich liebe die Musik, sie ist die Schwester
des Weines.

Alle redeten dem Schneider zu.

Es handelt sich nicht um den Maestro, den Ihr hat; es handelt sich um
unser aller Erbauung, was Deixel.

Die Frauen sagten:

Es handelt sich um Don Taddeo. Wollt Ihr ihn beleidigen?

Und sie schoben, indes vom Chor herab der Kapellmeister stumm und wild die
Arme warf, den Schneider vor sich her in die Wendeltreppe. Sie hielten
Wache, bis er droben war.

Immer Ihr!

Der Kapellmeister atmete regellos, er griff sich ans Herz.

Ich sehe es voraus: Euretwegen wird meine Messe durchfallen. Aber dann --:
ah! Wenn ich Euch vor mir habe, fhle ich, wessen ich fhig wre.

Der Lehrer Zampieri vor der Orgel sah in seinem Spiegel das Gesicht des
Maestro zerrissen, Lohe in den blauen Augen, und wandte sich erstaunt um.
Die Musiker lieen die Instrumente sinken. Der kleine alte Beamte Dotti
sagte:

Seien wir vernnftig, Maestro. Wir spielen zur Ehre Gottes.

Und meine Ehre? fauchte der Kapellmeister. Die groen Schulmdchen im
Chor stieen sich an und kicherten.

Der Schneider sagte kein Wort, aber er blies, wie er es probierte, so stark
in sein Horn, da alle auffuhren. Man lugte hinauf und lachte.

Still doch, Don Taddeo betet, er bekennt seine Snden . . . als ob er
welche htte, der heilige Mann.

Signora Eufemia, Eurem Kleinen ist das Chorhemd zu gro. Aber er
schwingt den Weihrauchkessel geschickter als Eurer.

Woran hast du whrend des Sndenbekenntnisses gedacht, Scarpetta? Ich habe
mich daran erinnert, da der Advokat meinem Bruder den Schreiberposten in
der Unterprfektur verschafft hat.

Der dicke alte Corvi brummte:

Soll es die letzte gute Tat des Advokaten bleiben, da er mir die Stelle
bei der ffentlichen Wage gegeben hat?

Der Schlosser Fantapi schttelte den Kopf.

Man mu gestehen, da wir seit vier Wochen nicht immer richtig gehandelt
haben. Ich glaubte wahrhaftig, der Advokat habe das Feuer gelegt. Wuten es
nicht alle, und war nicht der Advokat fr die Freiheit und fr die
Komdianten? Aber wenn Don Taddeo sagt, da es ein anderer ist und da er
ihn kennt --

Es wird der Englnder sein, denn er ist in aller Frhe abgereist.

Du redest Unsinn, Coccola: ein Englnder! Aber ein Landstreicher hat bei
Malandrini im Hof gelegen, sagt man; er ist verschwunden.

Warum schickt nicht Cantinelli seine Leute auf die Suche! Was tut die
Regierung! Brgerkrieg und Feuer: ah! man kann sagen, da wir in Not sind,
dank unsern Snden.

Und da vorn rief Don Taddeo die Hilfe Gottes an. Dreimal rief er um Hilfe
gegen das Elend der Unwissenheit. Ich habe dich nicht gekannt, o Herr, da
ich die Liebe nicht kannte; und ach, wie jene, die seufzen, mich bei dir
anklagen, weil ich dich ihnen nicht offenbarte! . . . Dreimal rief er um
Hilfe gegen das Elend der Schuld. Dreimal rief er um Hilfe gegen das Elend
der Strafe, -- rief langgezogen, nasal und zitternd; und sein letzter Ton
irrte noch, ein armer, suchender Miklang, durch das Aufbrausen der Orgel
hin, das wie der sthnende Atem von Tausenden war. Chorgesang brach aus
gleich einem groen Weinen, und alle Instrumente hoben leidenschaftlich zu
klagen an.

Das ist das Kyrie. Hrt Ihr mich, Signora Eufemia? Ach, ach, ich will Euch
nur bekennen, da Euer Carluccio hbscher ist als mein Lino. Darum sagte
ich, ihm sei das Chorhemd zu gro.

Ach, ach, ging es durch die Bnke. Das Volk in den Kapellen erbebte.

Don Taddeo aber brachte alle Laute des menschlichen Elends zum Schweigen.
Seine Stimme erhob sich, in einsamer Tapferkeit:

Gloria in excelsis!

Und es antwortete ihm der Chor:

Gloria in excelsis!

Der Strich der Violinen errichtete Staffeln nach oben, die Hrner strmten
feierlich. Wie der Wind schwang sich die Orgel auf.

Als es wieder still war, bekreuzte sich der Schlosser Fantapi.

Mir scheint, da Gott will, wir sollen den Advokaten zurckholen.

Ich sage nicht nein, antwortete der Krmer Serafini, aber wird Crepalini
wollen?

Denn der Bcker whlte umher.

Eh! Coccola, eh! Malagodi, scheint es euch so leicht, den ffentlichen
Feind zurckzurufen? Don Taddeo: ah! Don Taddeo mag reden; er ist nicht in
den Geschften. Wir aber; der Advokat wird sich an uns rchen! Dir,
Scarpetta, entzieht er die Arbeiten im Rathaus, und mir, wer wei, erneuert
er nicht das Monopol.

Welch Glck fr alle! riefen die jungen Leute mit bunten Halstchern; --
und der Bcker, kirschrot bis in die Augen, kollerte vergeblich gegen das
Volk an, das sich beglckwnschte.

Der Herr Giocondi wagte sich hervor:

Seitdem der Advokat nichts mehr zu sagen hat, ist Euer Brot noch viel
kleiner geworden, Crepalini. Wenn Ihr an der Macht wret, mten wir alle
verhungern; -- und der Herr Giocondi blinzelte dem Volk zu, das ihm recht
gab. Er kehrte, den Bauch heraus, zu den Herren unter dem Chor zurck.

Mut! sagte er. Ich haue euch alle heraus, und ich rette den Advokaten.
Seit ich mit Don Taddeo gesprochen habe, geht alles gut. Die Ttigkeit
eines Versicherungsinspektors ist die beste Schule fr Diplomaten.

Der Savezzo war da und sagte zwischen den Zhnen:

Und die Herren glauben, der Advokat werde nicht erfahren, da Sie alle von
ihm abgefallen waren? Er wird es erfahren, ich schwre es Ihnen.

Nicht antworten! raunte der Herr Giocondi dem Apotheker zu, der schon
losfuhr. Man mu vorsichtig sein in unserer verwickelten Lage.

Und alle zogen sich zurck von dem Savezzo. Er hrte ein Hsteln und fand
sich neben der Bank, worin Frau Camuzzi kniete. Der Spitzenschleier stand
weit um ihren Kopf; niemand konnte sie sprechen sehen.

Unsere Sachen gehen schlecht, wie es scheint . . . Blicken Sie auf Don
Taddeo! Er betet um unsere Wrdigung; beten auch wir.

Sie neigte sich tiefer; sie fingerte sanft am Rosenkranz. Er knirschte.

Man kann es nicht leugnen. Der Tenor ist mir entkommen, und der Advokat,
den ich gettet habe, kehrt zurck, wie ein Gespenst.

Sie blieb lange stumm; sie hob und neigte den Kopf, wie die Betenden. Dann,
flsternd:

Knien Sie hin!

Und als sein Ohr ganz nahe war:

Um den Tenor bekmmere ich mich: er mag ruhig sein. Er glaubt, er solle
heute abend eine groe Snde begehen und ein Mdchen entfhren, das dem
Herrn bestimmt ist. Ich aber werde ihn hindern, zu sndigen, und werde Alba
retten. Lassen Sie mich beten!

Nach einer Weile, mit Aufseufzen:

Ich fhle, da der heilige Agapitus mich hrt. Wissen Sie nicht, da er
schon einmal eine Jungfrau, die einem Verfhrer in die Hnde gefallen war,
rettete, indem er durch sein Gebet dem Verfhrer jede Fhigkeit nahm, einer
Frau gefhrlich zu werden?

Da sie den Savezzo schnauben hrte:

Htten Sie doch den Glauben! Dann htten Sie auch den Erfolg . . . Den
Advokaten lasse ich Ihnen. Sie haben nicht versucht, Don Taddeo
umzustimmen? Es wre auch unntig. Er ist krank, -- und die Leute verehren
ihn als Heiligen, das macht ihn noch schwcher. Sie mssen ihn aufgeben und
sich an den Advokaten halten.

An wen?

An den Advokaten. Sogleich mssen Sie zu ihm gehen, denn sonst kommen
andere Ihnen zuvor, -- und sich ihm anbieten. Sie sagen ihm, jetzt, da er
Ihre Kraft kennt, wollen Sie sie nicht mehr gegen ihn gebrauchen. Sie
machen sich anheischig, ihm Ihre Partei zuzufhren und gemeinsam mit ihm zu
herrschen.

Niemals, sagte der Savezzo ganz laut. Sie lie Zeit verstreichen. Dann:

Er wird zu glcklich sein, sich an Ihrer Hand halten zu knnen; und da Sie
den Frieden zurckbringen, werden alle Sie gut empfangen. Dann ist Zeit
gewonnen, etwas Neues anzuzetteln, das uns endgltig von dem Advokaten
befreit.

Sie neigte sich tiefer.

Libera nos a malo!

Niemals! wiederholte er. Ich hasse ihn zu sehr. Zu lange mute ich
heucheln. Fr einen von uns hat die Stadt nur Raum. Kehrt er zurck, dann
habe ich verspielt . . . Aber er wird nicht zurckkehren. Ich werde dem
Volk verbieten, ihn zurckzurufen. Ich werde Gewalt brauchen, ich werde --

Still da! -- und Frau Camuzzi wandte sich zur Frau Acquistapace. Finden
Sie nicht, man sollte nicht sprechen, whrend Don Taddeo betet?

                   *       *       *       *       *

Don Taddeo verneigte sich und faltete die Hnde, ergeben wie der, fr den
er handelte, dessen irdisches Leben seine Gesten zurckbannten. Er ging von
der linken Seite des Altars auf die rechte. Sein Wandel war noch
schwerer, dachte er; und wie aus den Kesseln der kleinen Nonoggi und
Coccola der Weihrauch um ihn her dampfte: Aber seine Werke duften. Seine
duften.

Es ist hchste Zeit, -- und der Savezzo packte den Schlosser Fantapi und
den Schuster Malagodi am Arm. Don Taddeo liest die Epistel, jetzt heit es
whlen. Wollt ihr die Macht nehmen oder den Tyrannen zurckrufen?

Eh! auch das kleine Volk ist noch da, sagte der Schuster.

Und Don Taddeo, setzte Fantapi hinzu. Druso, Scarpetta, die beiden
Serafini, alle sagten dasselbe.

Ohne Don Taddeo gibt es keine Partei des Mittelstandes; denn wie bekommen
wir ohne ihn das Volk?

Der Unterprfekt Herr Fiorio stand in der Nhe, der Savezzo tat einen
Schritt auf ihn zu. Sofort verschwand er hinter dem Pfeiler, -- und der
Savezzo sprte eine Klte auf dem Scheitel: geradeso hatte der Unterprfekt
-- wie viele Stunden wars her? -- den Advokaten fallen gelassen!

Jeder, nach dessen Hand er griff, steckte sie in die Tasche. Sie zuckten
die Achseln.

Fragt das Volk, ob es Euch will, statt des Advokaten. Fragt das Volk.

Der Savezzo stie, die Stirn nach vorn, in die Kapelle Torroni, ber deren
Stufen es, mit starkem Zwiebelatem, herausquoll. Es stand in Pyramiden bis
auf den Altar; es kniete, die Beine durcheinander; es trug Kinder auf den
Schultern; und in den verschrnkten Hnden eines jungen Mannes stand ein
Mdchen, fr das am Boden kein Platz mehr war.

Da bin ich! Da ist der, der euch befreit hat! -- und der Savezzo wollte
die Arme schwingen; die aber, die er damit getroffen hatte, schlugen sie
ihm herunter. Statt der Arme rollte er die Augen.

Der Advokat ist gestrzt! Jetzt sollt ihr die Freiheit kennen lernen!

Lat uns in Ruhe! Siehst du nicht, da du uns trittst?

Ich bin kein Herr, ich bin einer von euch: da seht! -- und er hpfte auf
einem Fu, um den andern aus der Enge herauszuziehen. Meine Schuhe sind
durchlchert. Und hier!

Er hielt ihnen seine plumpen Finger hin mit den abgerissenen Ngeln. Sie
antworteten:

Schon recht, die Schuhe und die Hnde. Aber dein Gesicht gefllt uns
nicht.

Der Mann, der das Mdchen trug, sagte:

Du denkst zu viel an dich selbst, um die Freiheit zu lieben.

Don Taddeo will dich nicht, er will den Advokaten, rief eine Frau; und
eine andere:

Der Advokat ist lustiger als du, er liebt die Frauen und das Volk.

Auf dem Altar hielt ein junger Mann in buntem Halstuch die Arme gekreuzt,
um Raum zu sparen fr seine Nachbarn. Von dort oben sah er dem Savezzo in
die Augen.

Der Advokat liebt die Freiheit, das fhlt man. Ihr, Herr Savezzo, wollt
bewundert werden; und wenn Ihr den Advokaten damit besiegen knntet, wrdet
Ihr vom Gipfel des Glockenturmes bis hinber zum Rathaus auf einem Seil
gehen.

Alle murmelten Beifall. Aus einem groen Zahntuch sagte jemand:

Der Advokat ist ein groer Mann.

Dort in der Ecke versuchte sogar einer zu klatschen. Der Kapellmeister,
droben im Chor, hrte es.

Ach ja, ich wei wohl, da das schn ist, -- und er dirigierte ganz
leise, den Kopf auf die Schulter gelegt, mit einem verkniffenen Lcheln.

Und es ist so schn, dieses Graduale, weil ich es in jener Nacht erfunden
habe, als Flora Garlinda so bse war und mich so unglcklich machte. Wie
gut, da ich jene schlimme Nacht gehabt habe! Damals zeigte sich, da
alles, was ich um sie gelitten hatte, in diesen >Fortschritt des
geistlichen Lebens< pate; und als er fertig war, da war ich sicher, ich
htte sie gewonnen, und vor Freude machte ich sogleich mein Halleluja.

Den Taktstock in der Schwebe, sah er nach Don Taddeo aus. Das Herz ging ihm
auf einmal heftig. Mein Halleluja! Jetzt kommt es! Nur diese Minute noch
leben! Und der Stock zitterte.

Halleluja! sang Don Taddeo.

Der Kapellmeister sah fliegend noch einmal alle an. Wie er langsam die Hand
senkte, ergriff ein Lcheln fiebriger Seligkeit ihn unwiderstehlich . . .
Da zuckte er auf. Das Tenorhorn! Ich wute es. Er war pltzlich wei, wie
der Pfeiler hinter ihm, hatte wirre Augen und streckte den Hals lang aus.

Falsch eingesetzt, Chiaralunzi! Versteht sich, Ihr mt falsch einsetzen.

Er tut es mit Absicht, um Euch den Erfolg zu verderben, zischelte der
Barbier Nonoggi ber seine Klarinette hinweg, whrend der Schneider,
dunkelrot, das Horn von sich stie.

Wie? Ihr wagt mittendrin aufzuhren? Ich tue Euch unrecht? Dann also --
und der Kapellmeister sprang, die Arme erhoben, vom Podium, nehmt doch Ihr
den Stock, Ihr werdet es besser machen, Ihr kennt meine Musik besser als
ich.

Einer nach dem andern senkte sein Instrument, der Chorgesang versiegte. Die
Orgel allein fhrte das Halleluja zu Ende, und nur noch Nina Zampieri lie
ein paar Harfentne hineinfallen, wie Tropfen in ein Gewitter. Der
Schneider hatte seinen Stuhl umgeworfen; sie standen sich gegenber. Dem
Kapellmeister quollen die Augen hervor, sein Gesicht lief blau an. Er griff
sich an den Hals. Ganz heiser:

Ihr glaubt, Ihr versteht etwas von Musik, weil Eure Frau mit einem Tenor
schlft.

Schon waren alle auf den Beinen. Blandini, Allebardi und der junge
Mandolini waren noch nicht genug, um den Schneider zu halten. Der schne
Alf hngte sich um seine Schenkel, -- indes Nonoggi und der kleine alte
Beamte Dotti in die Wendeltreppe flchteten. Der Chor drngte gegen die
Wnde. Jemand rief: Hilfe!

Was trampelt ihr dort oben? fragte man hinauf. Was gibts?

Der Lehrer Zampieri lehnte sich hinber.

Dem Maestro ist nicht wohl. Es ist ein so schwieriges Werk, und er hat es
selbst geschrieben.

Man mu jetzt still sein; Pipistrelli ist schon dabei, die Kerzen
anzuznden.

Don Taddeo ging zurck auf die linke Seite des Hochaltars. Wie er gebckt
geht! bemerkte Mama Paradisi; Frau Zampieri setzte hinzu:

Man wrde glauben, er steige einen Berg hinauf.

Und auf den Stufen der Kapelle Cipolla, hingekniet im Gewhl, mit Augen
bergro und voll Kerzenschein, drckten die Mgde Fania und Nan die
kleinen schwarzen Hnde vor die Brust.

Siehst du das Kreuz? Er trgt das Kreuz. Er trgt fr uns das Kreuz.

Nun brannten alle Kerzen und vermischten auf dem goldenen Grund der Apsis
ihre Flammen zum Geflirr. Die Kessel der kleinen Druso und Coccola
schwangen hher, dichter ballte sich der Weihrauch, woraus die Stimme des
Evangeliums erklang.

Blandini, Allebardi und der junge Mandolini schoben den Schneider hinunter.
Er keuchte nach seiner Frau; aber sie sa dahinten im Haufen, er mute in
der Vorhalle bleiben. Man hrte noch seine ungleichen Schritte hin und her,
man riet, was er habe, -- da stieg eine Melodie wie aus einer einzigen
befreiten Brust, schwungvoll und voll Zuversicht.

Das Kredo! Aber das ist glnzend!

Es ist aus der >Armen Tonietta<, behauptete Polli.

Sieh nur den jungen Mann, ich htte es ihm nicht zugetraut. Und da das
Stck aus war, unterdrckt, mit Hlserecken:

Bravo Maestro! -- indes Don Taddeo sich, schillernd und funkelnd in
seinem bestickten Gewand, demtiger ber den Altar neigte und seine Hnde
hher hinauftasteten.

Komm, heiliger Geist!

Er wusch sich murmelnd die Hnde. Sein Ruf:

Orate, fratres!

Ein jhes Aufschwellen des Chores:

Sanctus! Sanctus! Sanctus!

Und die bewegte Stille der Erwartung. Schnell flsterten die Frauen noch
miteinander, durch die Mnner ging eine letzte Unruhe . . . Das Klingeln.

In einem groen Rauschen rutschte alles von Bnken, Mauerwerk und Stufen.
Man hrte die Krcken der alten Nonoggi klappern, wie sie hinkniete. Frau
Giocondi, die schnarchte, bekam von ihren Tchtern einen Sto und tauchte
eilig nieder. Alle Stirnen senkten sich tief, nun Don Taddeo das strahlende
Gef erhob. Das kleine weie Rund darin sah ber alles Volk hin, wie des
Gottes gebrochenes Auge, -- und ihm zur Seite erloschen, in einer langen
Stille, vor Mdigkeit und Gram die Augen des Priesters.

Auch uns Sndern, sagte er schwach; mit Anstrengung, die Arme, wie am
Kreuz, weit offen gegen das Volk: Pax Domini! -- und indes alles sich
rusperte, Sthle umherstie und hinausdrngte, antwortete seinem Gebet der
Chor:

Sondern erlse uns von dem bel.

                   *       *       *       *       *

Der Apotheker Acquistapace ward unter den ersten aus der Tr geschoben.

Was hast du? Was gibts denn zu weinen? fragte Polli ihn. Ah! wie sie
schn das Agnus Dei spielen! Wie die Messe rhrend und erbauend war! Ich
bin so lange nicht in der Bude gewesen.

Und da in einem Schub seine Frau erschien, umfate er sie und drckte ihr,
links und rechts, zwei dicke Ksse auf. Sie hielt ganz still.

Es handelt sich nicht darum, sagte Polli. Es handelt sich um den
Advokaten. Wir mssen ihn holen.

Er trat an Malagodi, den Seiler und Scarpetta hinan.

Habe ich nicht recht, Ihr Herren? Dies ist die Stunde, Frieden zu
schlieen. Er ist besser fr die Geschfte, -- und schlielich sind wir
Menschen.

Eh! ich sage nicht nein, erwiderten sie. Denn wegen des Brgerkrieges
bleiben die Bauern aus, heute am Sonntag. Das trifft euch: gut; aber es
trifft auch uns.

Der Gevatter Achille sammelte auch den Bcker Crepalini und seine Freunde
vor dem Dom.

Ah! ihr glaubt, der Advokat werde sich an euch rchen? Ihr kennt ihn
nicht. Der Advokat ist ein Gentleman mit dem edelsten Herzen.

Ich verbrge mich fr meinen Freund, sagte der Apotheker, da er Euch
das Monopol erneuert.

Dennoch kratzte der Bcker sich den Kopf und verkroch sich sacht in den
Haufen, der den Kapellmeister beglckwnschte. Er lehnte am Dom, drckte
die heien Handflchen gegen die Mauer und lchelte verstrt. Ich habe sie
also erbaut, dachte er. Ich habe ihre Leidenschaften verklrt; sie fhlen
Frieden. Ich aber mute leiden, als ich meine Messe erfand, leiden fr
Flora Garlinda.

Da er nichts sagte, schwand der Haufe. Der Kapellmeister lehnte noch immer
und lchelte. Auf einmal streckte ihm, mit einem Gesicht voll glnzender
Gnade, der Cavaliere Giordano die beringte Hand hin.

Maestro, ich habe eine gute Nachricht fr Sie: -- gestern abend schon ist
sie mir mit der Post gekommen; aber ich wollte den Erfolg Ihrer Messe
abwarten, um Ihr Glck verdoppeln zu knnen. Maestro --

Mit einer Geste, leicht und glcklich, als bewegte sie einen Zauberstab:

-- Sie sind zweiter Orchesterdirigent bei der Gesellschaft Mondi-Berlendi
und werden zur Herbstsaison nach Venedig gehen.

Das Lcheln des Kapellmeisters erstarrte. Der Cavaliere Giordano winkte die
nchsten zu Zeugen herbei.

Wie? das ist eine wohlverdiente Auszeichnung. Denn unser Maestro Dorlenghi
ist nicht nur ein Talent, er ist ein sympathisches Talent.

Man stimmte bei. Frau Camuzzi stie Frau Paradisi an:

Ah! Signora Aida, noch soeben stellten wir fest, da uns nie so fromme
Gedanken gekommen sind, wie in der Messe des Maestro, und jetzt verlt er
uns.

Das ist zu natrlich, sagte Flora Garlinda. Sie hatte auf einmal groe
blasse Halbkreise unter ihren Augen, die todernst blieben, obwohl sie die
Lippen, wie zum Lcheln, von den Zhnen zog. Sie hob die schlaffe Hand des
Kapellmeisters auf und schttelte sie hart.

Es war leicht vorauszusehen, da er uns andere berholen werde. Ich, die
Sie hinter sich lassen, empfehle mich Ihnen, Maestro. Sie mssen wissen,
da ich Ihnen geholfen habe. Denn ich habe von der Gesellschaft
Mondi-Berlendi der kleinen Rina gesprochen: Sie erinnern sich, Maestro,
Ihrer Geliebten, der Dienstmagd Rina, die Sie dem Cavaliere Giordano
abgetreten haben.

Man kicherte. Der alte Zecchini pruschte aus. Der Kapellmeister warf sich
pltzlich herum; man sah seinen Nacken heftig zucken, whrend er sich auf
der Mauer um die Ecke drckte. Der Cavaliere Giordano ging ihm mit
ausgestreckten Hnden nach.

Mein lieber Dorlenghi, wie kann der Irrtum dieser braven Leute --. Ich
versichere Sie, da nur Ihr ungewhnliches Talent --.

Lassen Sie, Cavaliere, es ist das unverdiente Glck, dem meine Nerven
nicht widerstehen. Und bei alledem --

Unvermittelt stie er nach allen Seiten, er hielt sich die Stirn, er
sthnte wund.

-- habe ich Sie kompromittiert und in Gefahr gebracht: Sie, meinen
Wohltter!

Der Cavaliere begann zu schnuppern.

Wie denn, mein Lieber? Erklren Sie sich.

Der Kapellmeister machte, die Fuste an den Schlfen, fortwhrend:

O! O!

Vom Platz kam ein Durcheinander von Rufen:

Wir wollen Frieden! Wir wollen den Advokaten! -- und immer wieder das
Gebrll des Savezzo:

Wenn ihr ihn ruft, werde ich machen, da ihr die ersten seid, die seine
Rache spren!

Der Cavaliere Giordano sah sich unruhig um.

Was habe ich zu frchten? Sie mssen nun sprechen.

Der Schneider . . .

Der Kapellmeister legte die Hand um den Mund und prete die Worte zwischen
den Fingern hervor:

Ich war von Sinnen, ich wute seine Beleidigungen nicht mehr zu erwidern
. . . Da habe ich ihm gesagt, Sie betrgen ihn mit seiner Frau.

Der alte Tenor lachte meckernd.

Eh! und wenn es wahr wre.

Aber der Schneider tobt, er wird Sie vielleicht umbringen. Die Miene des
Alten fiel zusammen; er spreizte die Hand.

Es ist nicht wahr! Ich schwre, da es nicht wahr ist. Mglich, da ich es
versucht habe. Ich leugne nicht, da ich --

Wir wollen den Advokaten! Die Herren sollen ihn holen! Schweige,
Intrigant!

Der Kapellmeister und der Cavaliere Giordano irrten, die Hnde gerungen, im
Kreise umeinander her.

Ah! diese jungen Leute, jammerte der Alte. Immer gleich ist der Kopf
dahin. Die Leidenschaften! Das heie Blut! Schne Sache!

Was habe ich getan! sthnte der Kapellmeister. Der Alte blieb stehen,
sein Kopf wackelte vor Zorn.

Aber Sie schuldeten mir Rcksicht fr meine Wohltaten! Was Sie getan
haben, ist niedrig und gemein!

Gleich darauf, einknickend, zum Weinen verzogen:

Er bringt mich um. Wohin verkrieche ich mich jetzt. Ah! ich wute wohl,
da ich hier enden wrde: in einer Stadt mit weniger als hunderttausend
Einwohnern und umgeben von Geheimnis. Es ist jene verdammte Unsichtbare,
die mich umbringen wird durch die Hand des Schneiders!

Pltzlich lief er auf krummen Knien davon, in den Corso hinein, lief und
kam nicht von der Stelle. Frau Camuzzi erschien an der Ecke.

Cavaliere!

Sie holte ihn ein; sie flsterte:

Nicht dorthin. Der Schneider ist auf dieser Seite.

Da er sthnend herumfuhr:

Der Platz ist voller Leute: dort werden Sie am sichersten sein. Gut, da
Sie noch heute die Stadt verlassen.

Ich werde sie nie mehr verlassen.

Man mu Vorkehrungen treffen. Ich knnte Sie bei mir verstecken; aber da
der Schneider Ihre Wohnung kennt --.

Retten Sie mich!

Der Alte klammerte sich an ihren Arm. Sie wiegte nur den Kopf. Dem weiten,
strmischen Haufen, den, aus seinem Innern heraus, die Leidenschaften hin
und her ber den Platz schoben, entrangen sich Polli und Acquistapace.

Alle sind einig; wir gehen zum Advokaten.

Aber der Savezzo brach hervor:

Umsonst! Er ist verhaftet, er geht auf die Galeere.

Der Savezzo ri sich aus der Brust einen Packen schmutziger Papiere, machte
den Finger na:

Das ist sein Gestndnis! Er hat gestanden, da er das Feuer gelegt hat.

Die Menge wich zurck -- und pltzlich strzte sie vor.

La sehen! Wo!

Es ist falsch! rief donnernd der Apotheker und griff mchtig zu. Er hielt
das Papier in die Hhe. Der Schurke hat es geflscht. Da habt ihr den
Schurken. Jetzt wit ihr, wen ihr auf die Galeere schicken sollt.

Er stellte die Hand gegen das Geheul des Volkes, stampfte mit dem Holzbein
und schrie, da ihm die Adern schwollen:

Lat ihn! Vergreift euch nicht! Ah! bewundert die Milde des Advokaten. Er
verzeiht allen, die etwas gegen ihn unternommen haben: er verzeiht sogar
diesem und gibt ihm sein Papier zurck.

Und der Alte reichte es mit groer Geste dem Savezzo, der auf seine Nase
schielte. Das Volk klatschte.

Bravo! Hole den Advokaten!

Der Schneider, sagte Frau Camuzzi, hat vom Maestro nicht ihren Namen
gehrt, wie, Cavaliere? Nur, da ein Tenor bei seiner Frau ist, wei er.
Aber ihr seid zwei Tenore hier. Schicken Sie den andern hin!

Da er sie ansah:

Ja, schicken Sie ihn, damit er Sie bei der Frau des Schneiders
entschuldige. Er soll ihr eine Stunde geben statt Ihrer, er soll tun, was
ihm gut scheint; -- wir aber geben dem Schneider einen Wink. Ah! er wird
nicht lange fragen, wie die Sachen liegen; er wird die berlegung verlieren
. . .

Aber das wre ein Mord, sagte der Cavaliere Giordano und zog sich einen
Schritt zurck. Frau Camuzzi hob die Schultern. Ich rate Ihnen, weil Sie
es wnschen. Scheint es Ihnen nicht, da hinter allen diesen Leuten, bei
der Gasse der Hhnerlucia, der Schneider steht und herbersieht? Was er fr
Augen hat!

Hilfe! Ich will tun, wie Sie sagen.

Mut, Cavaliere! Ich gehe und versuche, ihn zu besnftigen . . . Ah! er ist
fort. Wo war er denn? Aber Sie sind nun gewarnt.

                   *       *       *       *       *

Der Kaufmann Mancafede strzte hinter Acquistapace und Polli drein.

Ihr werdet nicht ohne mich gehen! Bin ich nicht der treueste Parteignger
des Advokaten, der keinen Augenblick an ihm gezweifelt hat?

Auch der Herr Giocondi wackelte herbei.

Und ich? Denn, man mu gerecht sein, ohne meine Verhandlungen mit Don
Taddeo wre der Advokat niemals wieder an die Oberflche gelangt.

Sie erklrten ihm, seine diplomatischen Talente seien im Augenblick ntiger
auf dem Platz, um das Volk in seiner guten Gesinnung zu erhalten.

Vor der Treppengasse warf sich ihnen noch einmal der Savezzo in den Weg. Er
schlug blindlings sich selbst mit den Fusten, und wie er sprechen wollte,
spritzte es.

Feiglinge! Elende Feiglinge! heulte er. Doppelte Verrter, die abfallen
in der Gefahr und, wenn sichs wendet, wieder herbeikriechen. Ich: ah! ich
gehe unter. Aber ich gehe unter, indem ich euch verachte.

Mit einem Schlag auf seine Brust, da sie drhnte, machte er kehrt.

Sie stiegen schweigend . . . Der Kaufmann wandte sich zum Apotheker:

Du httest ihm antworten sollen. Warum hast du ihn nicht
niedergeschlagen?

Nach einer Weile seufzte Polli:

Es scheint, da wir den Kopf verloren und manches geredet haben, was wir
trotzdem niemals getan haben wrden. Ich wenigstens darf von mir sagen, da
ich auch in der Not zum Advokaten gehalten htte.

Der Apotheker blieb stumm und lie den Kopf gesenkt.

. . . Im Zimmer des Advokaten steht seine Nichte am Fenster, bemerkte
Mancafede. Der Tabakhndler meinte:

Er wird Trost gesucht haben im Scho der Familie. Sogleich aber soll er
sehen, da es auch noch Freunde gibt.

Und schon von weitem begann er hinaufzupfeifen. Die junge Amelia wandte
sich ins Zimmer zurck.

Advokat, da kommen drei Herren!

Der Advokat zuckte im Bett mit den Schultern. Er behielt die Augen
geschlossen. Die Witwe Pastecaldi sah hinaus.

Gottlob, es sind Freunde.

Was denn, Freunde, -- und Galileo Belotti zog die Brauen bis unter die
Haare hinauf. Es gibt keine Freunde mehr. Sie werden dem Advokaten sagen
wollen, da er auf die Galeere kommt.

Du bist gottlos. Siehst du nicht, da der Advokat krank ist? Du wrdest
besser tun, auf den Platz zu gehen, zu den anderen hlichen Leuten. Wrde
er nicht besser tun, Doktor?

Der Doktor Capitani, der das Nachtgeschirr des Advokaten untersuchte,
stimmte zu.

Du wrdest besser tun, du wrdest besser tun, pappappapp. Aber wenn der
Platz langweilig ist ohne den Advokaten.

Und Galileo kugelte polternd durchs Zimmer.

Galileo! rief, gleich unter dem Hause, die Stimme des Tabakhndlers.
Sage dem Advokaten, da wir gekommen sind, um ihn zu verhaften.

Die Witwe Pastecaldi stie, die Faust an der Wange, einen Schrei aus, wie
ein kleines Mdchen.

Was habe ich gesagt, -- und Galileo streckte die Brust heraus. Der
Advokat tat einen Ruck; rasch sttzte der Doktor ihn.

Auch das hrteste Geschick wird mich stark finden, sagte der Advokat und
beschrieb mit der Hand einen Bogen, der zitterte. Aber ich fhle mich
nicht verloren; denn --

Er fand Stimme:

-- ich glaube an die Gerechtigkeit des Volkes.

Da flog die Tr auf. Polli rief herein:

Guten Tag die Gesellschaft. Ist der groe Mann zu Hause? Aber sogleich
verstummte er und machte einen Schritt rckwrts.

Signora Artemisia, flsterte der Apotheker, was gibts? Der Advokat sieht
uns nicht an, geht es ihm sehr schlecht?

Da sie nur die gefalteten Hnde erhob:

Dann mssen wir dem Volk wohl sagen, da es ihn nicht haben kann. Denn das
Volk will ihn wieder haben.

Wie? Wollt ihr ihn nicht verhaften? fragte Galileo.

Was denn! Versteht Ihr nicht, da das ein Scherz war? sagte Polli. Das
Volk ruft dich, Advokat.

Da bin ich, sagte der Advokat und zog die Beine unter der Decke hervor.
Er schob den Doktor fort, -- aber dann sa er in seinen Unterhosen auf dem
Bettrand und konnte nicht weiter. Seine Schwester strzte herbei.

Du wirst dich ruinieren, Advokat. Der Ruhm bringt dich um.

Was, Ruhm! -- und Galileo erklrte den Herren:

Er hat zu viele warme Bder genommen, der Advokat. Immer gerade, wenn man
essen will, braucht er die ganze Kche fr sein heies Wasser. Und dann,
versteht sich, sieht man in seinem Bureau seit vier Wochen nichts anderes
mehr, als Unterrcke . . .

Die Schwester jammerte auf.

Ich habe es dir immer gesagt, Advokat, wenn du an der Macht wrest,
knntest du den Frauen nichts abschlagen und sie wrden dich ruinieren.
Jetzt ist es geschehen.

Denn der Advokat, schlo Galileo, hat heute morgen in der Badewanne
einen Schlaganfall gehabt.

Der Advokat war pltzlich auf den Fen, er klopfte die Luft mit dem
Handrcken.

Was fr Albernheiten! Einen Schlaganfall, ein Mann wie ich! Sagen Sie den
Herren, Doktor, da ich ganz gesund bin!

Es war nur ein wenig Schwche, entschied der Doktor; denn, Advokat, es
sieht ganz so aus, als htten Sie wieder mehr Zucker verloren!

Der Apotheker kam, schwer stelzend, herbei; er nahm die Hand des Advokaten.

Mein armer Freund, du hast gelitten. Wir, das Volk, haben dir Leiden
verursacht. Jetzt aber wollen wir dich wieder haben und dir danken. Komm!

Ich komme, es geht schon besser. Meine Kleider! Ah! das Volk ruft mich.
Sie, Doktor, wollen mich krank; aber das Volk will mich gesund, und es ist
strker als Sie, ich bin gesund.

Er umarmte den Freund, die Schwester und den Arzt.

Ihr Gesicht ist schon weniger grau, sagte der Doktor Capitani, Ihre
Augen haben schon Glanz. Ich lasse Sie also dem Volk, -- wenn Sie mir
versprechen, da Sie in Zukunft nehmen wollen, was ich Ihnen gebe.

Mehr als das! Ich nehme auch, was Sie mir nicht geben! -- und der Advokat
ttschelte ihm den Bauch, er kte ihn schallend auf die breiten blonden
Backen.

Wie Sie sympathisch sind, Doktor! Ah! wie wir alle glcklich sind. Ich
habe wohl gewut, es werde so kommen. Nie habe ich den Glauben verloren an
die Gerechtigkeit des Volkes.

Nicht diese Hose! rief Polli. Es ist ein groer Tag; der Advokat mu
gekleidet sein, wie zu seiner Hochzeit.

Wo hast du die neue? fragte die Witwe Pastecaldi. Sieh doch Galileo: er
hat sie gefunden.

Galileo polterte:

Wenn einer die Sachen des Advokaten kennt, bin ich es.

Die Schwester band dem Advokaten die Krawatte. Mancafede uerte:

Als ich sie dir verkauft habe, wer uns da gesagt htte, du wrdest sie auf
einem solchen Feste tragen. Denn wir haben alle besiegt. Don Taddeo hat uns
um Gnade gebeten.

Es ist nicht wahr, sagte der Apotheker. Er hat uns alle zum Frieden
ermahnt. Gott hat ihn vernnftig gemacht: so hat er nun eingesehen,
Advokat, da du ein Mann von groem Verdienst bist.

Und da auch er einer ist, sagte der Advokat, das wei ich seit heute
nacht.

Er lie sich vom Doktor den Rock anziehen und griff nach dem Hut.

Gehen wir! Artemisia, komm!

Sie betastete ihr lndliches Mieder.

Wie kann ich. Das Volk wird dich auslachen, wenn es mich bei dir sieht.

Er antwortete:

Sei ruhig, das Volk wird nicht verlangen, da ich etwas anderes sei, als
es selbst.

Der Advokat auf die Galeere? sagte am Fenster aus ihrem weien Mullkleid
die junge Amelia, die Augen weit verdreht. Man mute ihr einen Sto geben.

Wie sie aus dem Hause traten, ging gerade ein Schu los, und drunten schrie
das Volk auf.

Beim Bacchus, sagte Polli. Sie haben auch die Kanone aus dem Rathaus
geholt.

Wenn sie nur kein Unglck anrichten, sagte der Advokat. Ich werde
nachsehen mssen.

Eh! machte der Apotheker, glaubst du, es sei nichts Wichtigeres zu tun?
Don Taddeo will dir den Schlssel zum Eimer geben.

Da der Advokat mit offenem Munde stehen blieb, uerte Mancafede:

Du siehst, da er Furcht vor uns hat.

Der Advokat erlangte Worte:

Wie? Das Gericht hat ihm den Eimer zugesprochen, und er will --. Das ist
ja ein Dummkopf!

Sein Lachen brach ab, er ging weiter.

Ich wollte sagen, da ich das nicht getan haben wrde. Man sieht, da Don
Taddeo eine erlesene Seele hat.

Bis zur Ecke sprach er nicht mehr, -- und da ffnete drunten sich der
Platz, summend und schwarz, und schon strmten ausgestreckte Hnde herauf,
und Schreie knatterten:

Da ist er! Da ist der Advokat! Es lebe der Advokat!

Er hielt an auf dem letzten Absatz der Treppe; die Seinen zogen sich einige
Stufen zurck; und in weitem Bogen senkte er den Hut vor dem Volk, das ihn
begrte. Der Schatten des Rathauses fiel ber ihn, ber sein Gesicht, das
er zurcklehnte, -- und dennoch sah man breite Sonne darauf. Ja, sie dehnte
die Muskeln im Gesicht des Advokaten, verklrte die gegerbte Haut, machte
alle Runzeln hpfen und sandte weithin einen Schein aus.

Nie hat man den Advokaten so gesehen, riefen die Frauen. Er ist schn!

Die Mnner sagten einander:

Wir sollten den Advokaten wirklich ins Parlament schicken, damit sie in
der Hauptstadt sehen, welch einen groen Mann wir haben.

Meine lieben Freunde, sagte der Advokat erstickt und schttelte Hnde.
Der Apotheker drang vor: Platz, Ihr Herren! und vom Dom her bahnte der
Leutnant Cantinelli die Gasse. Wie der Advokat hineinging, sah er drben
einen andern sie betreten: Don Taddeo! Und ber den Dom herab hing die
ppstliche Fahne! Da fing auf dem Turm die Glocke an zu luten, und
sogleich drhnte auf der andern Seite ein Schu. Der Advokat fuhr herum:
vom Rathaus flatterte die Trikolore. Es lebe der Advokat!

Sie lieen ihn nicht weiter, bevor nicht jede Hand geschttelt war; und er,
bleich vor Glck, erkannte kaum noch die Gesichter. Pltzlich:

Camuzzi! Ah!

Mit einem Blick auf die Trikolore:

Mein lieber Freund Camuzzi!

Den Hymnus an Garibaldi! schrie der Apotheker. Denn vor seinem Hause,
hinter dem Wogen des Volkes blitzten die Musikinstrumente. Darber
schwenkte, auf einem Stuhl, der Gevatter Achille seine Fahne.

Den Hymnus an Garibaldi! wiederholte das Volk. Der Unterprfekt, Herr
Fiorio, konnte gerade noch dem Maestro in den Arm fallen. Er beschwor ihn
um den Knigsmarsch.

Der Marsch sprengte daher, man klatschte; der Advokat entri sich dem Volk;
er sah auf sich zu den groen rostigen Schlssel kommen, den Don Taddeo mit
beiden Hnden vor sich hinhielt. Don Taddeo war bleich, als sei er tot;
seine scharf roten Augen wichen nie von dem Advokaten. Wenn eine Frau sich
nach seiner Soutane bckte, um sie zu kssen, tat er eine rasche Wendung,
sonst aber hielt er, obwohl alle von ihm die Hnde lieen, seine Schritte
lange zurck, als wollte er diesen Gang verlngern, immer noch verlngern
. . . Der Advokat streckte pltzlich beide Hnde aus und begann zu eilen.
Er hatte eine achtungsvolle Miene, und fast lief er. So trafen sie sich,
noch ehe Don Taddeo beim Brunnen war. Er hielt den Schlssel weiter von
sich, der Advokat nahm ihn mit einem Kratzfu. Dann zogen sie sich leise
voneinander zurck. Das Volk wartete, verstummt. Der Advokat hstelte, und
Don Taddeo sah zu Boden. Auf einmal hatte er mit einem Lcheln die Augen
aufgeschlagen und der Advokat die Arme ausgebreitet. Der Beifall des Volkes
umstrmte sie, wie sie einander auf der Brust lagen. Am Dom klatschte die
Fahne des Papstes, gelb und rot gleiend, in ihre schweren Falten. Der
Gevatter Achille warf ber dem Gewimmel sein wei-rot-grnes Tuch rasend
hin und her durch die blaue Luft. Pipistrelli zog nun beide Glocken, er
lie sie tanzen. Die Musik setzte sich in Bewegung, im Eilschritt blies sie
ihr Stck, wie einen berauschenden Wind, um den Platz; -- und da ging zum
drittenmal die Kanone los. Don Taddeo und der Advokat hielten sich an den
Hnden; Es lebe der Advokat! Es lebe Don Taddeo! -- und indes jeder sich
nach seiner Seite verneigte, gaben in der Mitte ihre Hnde sich manchmal
einen Ruck, als leitete einer auf den andern den ganzen Beifall ab: gerade
wie man es in der Armen Tonietta an der Primadonna und dem Tenor gesehen
hatte.

Es lebe Don Taddeo!

Die Frauen brachen die Scheu, sie warfen sich ber ihn, er bekam schallende
Ksse auf die Wangen, stand da mit einem Fleck Rte unter den Augen und
einem flchtenden Lcheln.

Es lebe der Advokat!

Meine lieben Freunde! Da ist der Schlssel zum Eimer! -- und er reckte
sich hinauf. Wir haben ihn zurck; jetzt werden wir den Komdianten den
Eimer zeigen!

Wir werden den Komdianten den Eimer zeigen! rief das Volk. Der Advokat
drckte den Finger auf den Mund, er schielte nach Don Taddeo. Aber Don
Taddeo erklrte hastig, mit Spreizen und Einziehen der Hand, die
Komdianten sollten nur kommen, er wolle mitgehen.

Wie, Reverendo? -- und der Advokat lftete mehrmals nacheinander den Hut.

Welch Heiliger! sagte das Volk, indes Gaddi und der Cavaliere Giordano
herbeigeschoben wurden. Der Advokat stellte sie dem Priester vor.

Der Cavaliere ist ein ber den Erdkreis hin berhmter Mann, dem die
Menschheit fr hohe Dinge verpflichtet ist. Der Herr Gaddi aber hat heute
nacht an der Spritze gearbeitet wie einer von uns. Sie freilich, Reverendo,
der Sie mehr getan haben als alle --

Groe Snden, sagte Don Taddeo rasch und prete die Hand auf die Brust,
verlangen groe Tugenden; und was ich erkannt habe, ist, da unsere
Verdienste eins sind mit unserer Schuld.

Ich bin Ihrer Meinung, sagte der Advokat. Wir werden immer nur tun
knnen, was wir schulden, und das wenige Gute, das mir zu vollbringen
erlaubt ist --

Mit einem Bogen des Armes:

-- das kommt mir vom Volk.

                   *       *       *       *       *

Es ward geklatscht, -- und ein langer Schub befrderte die beiden samt
ihren getragenen Mienen bis vor die Tr des Turmes. Keiner wollte
vorangehen; sie drehten einander rundum und wurden drehend hineingestoen.
Die Menge quoll nach. ber die Stufen zum Dom schwemmte eine Welle Volkes.
Ihr entstieg der Savezzo und drckte sich unbemerkt unter die Matratze. Er
schlich durch die Vorhalle. Aus all den leeren Bnken dahinten erhob sich
ein einziges, dmmerweies Gesicht.

Sie hier, Herr Savezzo? fragte Frau Camuzzi.

Da Sie mir ein Zeichen gegeben haben --.

Ich, ein Zeichen?

Die Stimmen klappten von den Pfeilern zurck; Frau Camuzzi flsterte:

Sie irren sich . . . Aber Sie sind im Mantel, und Sie tragen ein Bndel?

Ja. Denn ich gehe; ich verlasse den Schauplatz meiner Niederlage. Lieber
in der Fremde einen neuen Kampf beginnen, als hier den frechen Triumph des
alten Feindes erleiden.

Gedmpfter Jubel drang in die Stille.

Hren Sie? -- und er knirschte. Er warf seinen Hut auf den Boden.

Heben Sie ihn auf, sagte Frau Camuzzi, wir sind in der Kirche. Da Gott
selbst fr den Advokaten ist, werden Sie die Dinge nicht ndern.

Ich werde sie ndern, -- nachdem ich drauen gesiegt habe und gro
geworden bin.

Ich, sagte Frau Camuzzi und seufzte still, habe einen Mann, der
Gemeindesekretr ist und bleibt. So mu ich wohl in der Stadt mein Leben
enden und warten, ob es den Heiligen gefllt, mich zu erhren.

Ich strze mich in die groe Welt! Welch andere Interessen und
Leidenschaften!

Glauben Sie? -- ganz sanft den Kopf geneigt.

Man wird von mir hren. Nachdem ich in der Hauptstadt ein groer
Journalist geworden bin, den alle frchten, kehre ich zurck, und der
Advokat wird dann sehen, wen man ins Parlament schickt. Ah! wie ich
aufrumen will in der Stadt. Zu welchem Brei ich die herrschenden Familien
zerstampfe! Ich sehe den Platz mit bankerotten Leichen bedeckt.

Er schielte schwarz, und das Knirschen verrenkte seinen Mund. Drauen
heulte es auf:

Zurck! Um Gottes Liebe! Man erstickt!

Die beiden sahen sich an.

Es scheint, sagte langsam Frau Camuzzi, da der Turm, der ein wenig eng
ist fr solch groes Fest der allgemeinen Vershnung, Ihnen die Mhe
abnimmt, Herr Savezzo, und alle umbringt.

Ihre Mundwinkel zitterten; durch ihre Augen strich ein Blitz, aber sie
deckte sogleich die Lider darber. Nach einer Weile:

Sie fahren also mit den Komdianten in der Post?

Er breitete die Flgel seines Mantels aus.

Ich gehe zu Fu, wie es sich fr einen harten und armen Eroberer schickt,
und in denselben Schuhen, die eine feindliche Menge mir zerrissen hat.

Dann wird es Ihnen um so leichter sein, unterwegs jemandem ein Wort zu
sagen . . . Der Alba Nardini in Villascura: Sie sagen ihr, der Tenor werde
sie warten lassen, er sei aufgehalten bei der Frau des Schneiders
Chiaralunzi.

Er schlo seinen Mantel ber den Armen, die er kreuzte. Forschend von
unten:

Wie haben Sie das gemacht?

Die Heiligen! Das taten die Heiligen . . . Vielleicht war es mein Gebet,
das sie bewog? Gleichviel, es handelt sich um die Interessen des Himmels,
dessen Braut die arme Alba ist, -- und sollen nicht, nun alle zur Eintracht
bekehrt sind, auch wir ein wenig Gutes tun?

So hat dieser eine Tenor Sie tiefer gekrnkt, als mich die ganze Stadt?

Da er einen schwarzen Blick bekam:

O lassen Sie! Ich wei nichts, und ich tue, wie Sie wollen. Was daraus
entsteht, kmmert es mich? Ich bin ein Fremder, der vorbergeht und ein
Wort fallen lt. Knnte davon die Stadt zusammenstrzen!

Er warf den Zipfel seines Mantels um sich her, da er ber die andere
Schulter wieder zurckflog.

Auf Wiedersehen, wenn ich Sieger bin!

Und er ging davon, mit Schritten, die wst hallten. Wie hinter ihm die
Matratze fiel, hob Frau Camuzzi leise die Schultern.

Drauen brach Geschrei aus:

Der Savezzo!

Der berschu von Volk, den der Turm zurckspie, umdrngte die Stufen zum
Dom.

Seht den hlichen Affen! Es scheint, da er es ist, der uns in den
Brgerkrieg gehetzt hat. Sollte er nicht auch das Gasthaus angezndet
haben? Ergreift ihn doch!

Der Savezzo grub das Kinn in den Mantel. Den Hut ber den Augen, die
Schultern nach vorn geworfen, sprang er polternd hinab, brach hindurch,
stampfte von dannen.

Hohoho! machten die Fortgeschleuderten und rieben sich. Der Savezzo
verschwand in der Rathausgasse. Eine Frau sagte:

Auch er will leben, der Arme; und wer wei, auf welche harte Reise er
geht.

                   *       *       *       *       *

Da kommt das Frulein Italia. Beeilen Sie sich, Frulein, der Advokat
zeigt euch Komdianten den Eimer. Warum sind Sie nicht frher gekommen?

Italia hatte ihr Kleid ausbessern mssen; alle anderen waren ihr durch
Feuer und Wasser verdorben.

Wie? riefen Frau Druso und die Magd Pomponia, so werden Sie die Stadt
rmer verlassen, als Sie gekommen sind? Kann man es dulden, Signora Aida?

Platz fr das Frulein Italia! -- und der dicke alte Corvi nahm sie bei
der Hand, er zwngte sich mit ihr in den Turm. Sein Bauch schob links und
rechts die Leute an die Wand; und auf jeder Stufe hie es:

Ah! das Frulein Italia. Sie ist gerade noch entwischt, dank Don Taddeo
. . . Es freut mich so sehr, Sie gesund zu sehen, Frulein . . . Er ist
droben, Don Taddeo, im Zimmer des Eimers. Der Advokat hat schon nach Ihnen
gefragt.

Man hrte ihn sprechen. Wie Italia auf der Schwelle erschien, brach er ab.

Treten Sie ein, Frulein! der Eimer erwartet Sie, er hat dreihundert Jahre
auf diese Stunde gewartet. Sehen Sie ihn an, Frulein, sehen Sie ihn gut
an!

Italia sah hinauf, wo er hing; es waren morsche kleine Bretter, die
auseinanderklafften und durch eiserne Ringe vor dem Herabfallen behtet
wurden; -- und dann suchte sie, zweifelnd, die Gesichter der andern. Don
Taddeo blickte, die Hnde zusammengelegt, durch das Fenster starr ins
Leere. Flora Garlinda verzog den Mund, und der Cavaliere Giordano hatte
einen Taschenspiegel hervorgeholt. Hinter der Menge sah sie Nello Gennari
sich heimlich wlzen, wie ein Junge; Gaddi mute ihn halten; da wagte
Italia es.

Mit dem Eimer knnte man kein Wasser schpfen, sagte sie.

Aber eine Lehre lt sich damit schpfen, erwiderte der Advokat
pnktlich. Dieser Eimer, ein so armes, verbrauchtes Ding er scheinen mag,
lehrt uns dennoch, -- und der Advokat erhob die Stimme, den Glauben an
den menschlichen Fortschritt!

Er bewegte die gerundeten Arme, als zge er alle herein, die ber die
Schwelle des vollgestopften Gelasses die Hlse reckten.

Denn als wir ihn zum erstenmal eroberten, da war es ein groer, grausamer
Krieg, in dem die von Adorna so viel Blut lassen muten, da man den Eimer
damit fllen konnte. Jetzt aber: niemand ist unterlegen. Wir alle bleiben
Sieger, da jeder sich selbst besiegt hat und jeder entschlossen ist, nur
noch im Wettstreit des Guten mit dem andern zu kmpfen!

Er lie, mit glnzendem Lcheln, den Beifall verrauschen.

Sie aber, Frulein Italia, umarmen Sie Ihren Retter, wie wir alle ihn
umarmen; denn er rettete nicht nur Sie.

Wo ist Don Taddeo?

Vergebens durchwhlte sich die Menge. Auf der Treppe rief jemand:

Er ist drunten auf dem Platz!

Gerade zog er, ganz oben, den Riegel von der Tr zur Plattform. Er huschte
hinaus, er hielt mit beiden Hnden die Tr zu, er zitterte vor jher
Auflehnung: Geht! Warum qult ihr mich noch! Ists nicht genug, was ich
euch geopfert habe?

Niemand hrte ihn. Der Advokat gelangte, von einer Welle Volkes
hinabgeschwemmt, auf den Platz. Er verlor, sooft er auch stolperte, sein
seliges Lcheln nie, und den Schlssel zum Eimer reckte er immer hoch aus
dem Schwall.

Der Advokat soll ihn um den Hals hngen! verlangte das Volk; und man
suchte nach einer Schnur.

Das Band, das du im Haar hast, wrde passen, sagte der Doktor Capitani zu
seiner Frau. Sie nahm es, mit hochroten Wangen, vom Kopf und zog es durch
den Schlssel. Als sie es ihm um den Hals knpfte, sagte der Advokat:

Man wei, wie ich denke: all unser Ruhm wre umsonst, ohne den Lohn der
Frauen!

Die Frauen klatschten. Der Advokat kte der Jole Capitani die Hand; im
Lrm flsterte er ihr zu:

Deine Liebe hat mich aufrecht erhalten.

Und er glaubte es, -- so gut er auch wute, da heute nacht, als alle ihn
verleugnet hatten, die Geliebte nicht strker gewesen war als alle. Er
drckte die Hnde, wie sie kamen; und wo er sie zaudern sah, als hielte ein
befangenes Gewissen sie auf, da zog er sie an sich.

Eh! Scarpetta, die Lieferungen fr das Rathaus sind heute nacht nicht
mitverbrannt . . . Wie denn, Malagodi! das sind menschliche Irrungen, und
im Grunde haben wir nie vergessen, da wir zueinander gehren . . . Man
sagt mir, Crepalini, Ihr frchtet fr Euren Vertrag? Welch seltsame
Einbildung. Dagegen bitte ich Euch, wenn die Komdianten wiederkommen, um
einen bescheidenen Platz in Eurer Loge, denn die mein war, wird dann Euer
sein.

Da er an den Apotheker geriet:

Und du, Freund Romolo? Diese Freudentrnen, man darf es sagen, haben wir
uns verdient.

Sie umarmten sich. Der alte Krieger stammelte am Hals des Freundes:

Ich kann in die Hlle kommen; aber das eine wei ich: aufhngen werde ich
mich niemals mehr, -- da ich es heute frh nicht getan habe.

Der Advokat drckte ihn fester; -- wie er aber dann das Schnupftuch zog,
hatte er pltzlich ein paar andere Arme um den Hals, und noch eins und noch
eins. Billiger Puder stubte ihn in die Nase, Federn kitzelten ihn; grelle
kleine Stimmen, mehlweie Stumpfnasen und bunte Fhnchen, alles wirbelte um
ihn her.

Du bist der schnste Mann der Stadt, Advokat, mit deinem Schlssel am
blauen Band . . . Wie glcklich bin ich, da Sie wieder gesund sind . . .
Nie werden wir unsern Direktor vergessen . . . Keiner mehr gibt uns solche
Vorschsse . . .

Der Advokat strubte sich, er lugte nach Jole Capitani umher. Seid gut,
Kinder, murmelte er. Die kleinen Choristinnen lachten auf, alle auf
einmal, und entflatterten. Die jungen Leute in groen Hten und bunten
Halstchern fingen sie ein.

Alle hierher! rief es vom Caf zum Fortschritt. Die Herren zahlen.

Auch hier wird bezahlt! schrie beim Caf zum heiligen Agapitus der
Bcker. Er setzte hinzu:

Aber nur ein Glas, und du warst schon einmal hier.

Es strmte rascher ber den Platz. Alle Gesichter waren heller, alle
Stimmen lauter. Mama Paradisi und ihre Tchter, Frau Camuzzi, die Damen
Giocondi kehrten frisch gepudert aus ihren Husern zurck. Man sagte:

Niemand wrde glauben, da wir die ganze Nacht auf den Beinen waren.

Welch schne Sache: die Eintracht und die Freigebigkeit! verkndete der
Herr Giocondi. Sogar der Herr Salvatori hat seinen Arbeitern den Lohn
erhht.

Ich denke nicht daran! rief der Herr Salvatori. Der Herr Giocondi will
mich hineinlegen, weil seine Fabrik jetzt mir gehrt.

Aber es ntzte ihm nichts; schon war er umringt, seine Arbeiter waren
herbeigeholt, und er ward beglckwnscht und gerhmt, bis er vor Stolz
weinte und den Arbeitern auch noch Wein gab.

Und seit zwanzig Jahren nennt man ihn einen Geizhals, sagte Frau Camuzzi,
sanft zischelnd. Wie viele Vorurteile mssen wir ablegen, arme Unwissende,
die wir sind. Ich meinesteils halte eine Komdiantin fr meinesgleichen.

Sie umarmte Italia, und man klatschte. Die Mgde Fania und Nan riefen
umher, da der armen Komdiantin alle Kleider verbrannt seien. Ringsum
wallte es auf vor Mitleid; Frau Nonoggi war sogleich mit einer Winterjacke
da, Frau Acquistapace mit einem Rock: Mge er Euch Glck bringen, ich habe
ihn fter in der Kirche getragen als im Theater; -- und Mama Paradisi zog
schon die Nadeln aus ihrem neuen Riesenhut. Ihre Hnde zitterten dabei,
aber obwohl man Einspruch erhob, er sei der Stolz der Stadt, beharrte sie
bei ihrem Opfer: Italia mute ihr erst weinend in den Arm fallen.

Wie wir alle gut sind! sagte Frau Camuzzi.

He! Freund Giovaccone! -- und der Gevatter Achille whlte sich hindurch.
Ich habe wohl gesehen, da der Dummkopf von Savezzo dir einen Strega-Likr
ausgeschttet hat, und kann mir denken, da es deine einzige Flasche war.
In einem Geschft wie meinem gibt es mehr davon; da hast du eine, ich helfe
dir aus. Man mu vernnftig sein, die Stadt wird uns beide nhren.

Alle glcklich! -- und der Herr Giocondi kniff seine Frau in die Wange,
so da sie mde lchelte. Unsere Tchter werden Mnner bekommen, denn in
meiner denkwrdigen Unterredung mit Don Taddeo hat er mir versprochen, euch
welche zu verschaffen. He, was sagt ihr zu eurem Vater, der an nichts denkt
als nur an euch?

Er machte den Mund spitz, und Cesira warf sich unter erstickten
Jubelschreien mit den Lippen darauf. Die Augen der entlobten Rosina wurden
blank und weich; sie dachte:

Sollte es dennoch ein Glck geben?

Das alles ist so schn, weil wir glcklich sind, Alba und ich, sagte
Nello sich und ging, allein und unermdlich, hin und her durch das besonnte
Volk. Wie alles schwebte, wie alles traumhaft leicht war! Man wnschte, und
es war da. Ich wute nicht, wo ich mich verstecken sollte, wenn die andern
fortziehen: da spricht mir der Cavaliere von dem Schneider! Es ist, als
habe Gott ihn geschickt, oder als komme er von Alba selbst. Aber ich wute
wohl, die Menschen knnten nicht bse bleiben, wie sie heute nacht waren;
sie mten glcklich werden wie wir. Nun wollen alle mir wohl . . .

Und er schickte dankbare Blicke zu den beiden Frulein Paradisi, die sich
frher seinetwegen geschlagen, in dieser Nacht aber tobend auf ihn
eingeschrien hatten und die jetzt fr ihn ihre Fcher spielen lieen. Nina
Zampieri hngte sich, wenn sie an Nello vorbeikam, fester in den Arm ihres
Verlobten, des jungen Mandolini, und sie schlug die Augen nieder, als
erinnerte sie sich an den Beifall, den sie in der Nacht dem Sturz des
jungen Sngers geklatscht hatte, wie an eine unkeusche Handlung.

berall aber war der Barbier Bonometti, starrte aus seinem groen Zahntuch
jeden stolz an und rief:

Der Advokat ist ein groer Mann!

Dann sahen viele weg oder verschwanden. Nello Gennari hielt ihn an.

Ihr habt recht behalten, Herr Bonometti, und die Euch mihandelt haben,
frchten Euch jetzt. Aber da alle sich vershnen, solltet nicht auch Ihr
sie lieber schonen?

Nello lchelte zrtlich, er dachte: Welch schner Gedanke!

Habe ich selbst ihn gefunden? Es ist Alba, die durch mich denkt: es ist
Alba! Er setzte noch hinzu:

Auch werdet Ihr dem Advokaten damit ntzen.

Wer recht hat, sind Sie! -- und Bonometti ri sich das Tuch ab, er warf
es in die Luft.

Es lebe der Advokat!

Da riefen alle mit, und der Advokat machte Kratzfe. Pltzlich strzte er
sich auf die beiden Frulein Pernici, die nicht mitriefen und die lange
Mienen hatten.

Wie? Es gibt noch Mitbrgerinnen, die nicht zufrieden sind? Ich wei,
meine Damen, Sie haben Schaden erlitten. Ich knnte Ihnen erwidern, da Sie
nicht ntig hatten, mit Ihren Federhten auf dem Arm sich ins Gedrnge zu
begeben; aber ich werde es nicht erwidern. Die Furcht verdunkelte in Ihren,
wie in unser aller Kpfen das Bild der Tatsachen. Auch war keine
Dampfspritze da. Das ist die Wahrheit, die ich niemals leugnen werde: es
war keine Dampfspritze da. Und darum, o meine Damen --

Er bewegte den Arm ber den Kreis der Zuhrer.

-- da Don Taddeo dem Malandrini sein Haus bezahlt: die Frauen nennen mich
ihren Freund, sie sollen sich nicht geirrt haben: ich bezahle Ihnen Ihren
Putz.

Alle Hnde rasten, -- und der Advokat, die Brust gewlbt unter dem groen
rostigen Schlssel, suchte weiter.

Gaddi! -- mit weit ausgestreckten Hnden. Sie, der Sie heute nacht an
Brgertugend uns alle bertroffen haben, wollen Sie uns denn wirklich
verlassen? Wir verlieren Sie, Freund, mit Schmerz.

Es sei nun so, erwiderte der Bariton, was solle man machen.

Eh! und wenn wir Sie dabehielten? Ich will mit unserm Gemeindesekretr
sprechen; er ist mein lieber Freund, ich bin sicher, da er Ihnen in einem
unserer Bureaus einen Posten als Vorstand gibt. Sie sind ein Familienvater,
Gaddi, ein tchtiger Mann. Wie? kein Umherziehen mehr, keine Sorgen!

Gaddi sagte:

Die Sache verdient, berlegt zu werden . . . Und doch, nein. Ich danke
Ihnen, Herr Advokat. Man stiege nicht lnger in Lokalzge, und die Zukunft
wre sicher, wohl wahr. Aber htte man noch solche Freunde? -- und wrde
man noch wie jetzt, so mittelmig man immer singen mag, zuweilen die
groen Dinge fhlen, die das Leben hat?

Eh! auch andere fhlen sie . . . Sie wollen nicht? Es ist schade, denn Sie
wren wert, einer der Unseren zu sein.

Und da er den Cavaliere Giordano gewahrte:

Sie wenigstens, Cavaliere, werden uns bleiben, auf marmorner Tafel. Ihr
groer Name verlt nie wieder die Stadt!

Der alte Tenor geriet in Bewegung.

Meine Gedenktafel ist also nicht abgelehnt?

Abgelehnt oder nicht: der Gemeinderat wird glcklich sein, seinen Irrtum
berichtigt zu sehen. Beim Bacchus, ich werde ihm keine Tafel am Rathaus
mehr zumuten. Man mu als Politiker handeln, der mit den menschlichen
Schwchen rechnet: ein Mann wie Sie, Cavaliere, versteht mich. Aber -- he,
Malandrini!

Er holte den Wirt herbei.

Sie, Malandrini, dem Don Taddeo sein Haus neu aufbaut, werden sich nicht
weigern, auf Ihre Kosten eine Gedenktafel fr Ihren berhmtesten Gast daran
zu befestigen.

Aber er war nicht mein Gast, sagte Malandrini.

Ich war nicht sein Gast, sagte der Cavaliere Giordano. Der Advokat
fuchtelte.

Wenn schon! Soll an solcher Kleinigkeit ein groer Plan scheitern? Die
Nachwelt, Cavaliere, wird Ihren Ruhm bewundern, wo immer sie ihn findet.

Ich sage nicht nein, erklrte der Wirt. Vielleicht, da die Englnder
kommen, um die Inschrift zu lesen.

Welch schnes Genie ist das Ihre! -- und der alte Snger fiel dem
Advokaten um den Hals.

                   *       *       *       *       *

Aber die Menge tat einen Sto gegen die Treppengasse. Dort in der Ecke
stand schimpfend auf seinem Postwagen das rote Gesicht des Kutschers
Masetti.

Man fhrt nicht ab! Die Komdianten sollen hier bleiben! befahl das Volk.

Der Advokat eilte hinber; er stellte den Antrag, vor der Abreise der
Komdianten sollten alle auf dem Platz frhstcken. Masetti schrie umsonst,
es sei zehn Uhr; wenn man schon das Ende der Messe abgewartet habe --

Herunter! schrie das Volk und holte ihn vom Bock. Schon hatte es die
Tische des Gevatters Achille und des Freundes Giovaccone schrg ber den
Platz geschoben, da sie unter den Rathausbogen zusammenstieen. Man deckte
sie, die Frauen schleppten ihr Geschirr herbei. Mama Paradisi trug selbst
ihre riesige Suppenschssel auf, der Krmer Serafini brachte Wrste, und im
Nu war die Witwe Pastecaldi mit ihren berhmten lkuchen zurck. Der alte
Zecchini und seine Zechbrder verfolgten den Kaufmann Mancafede, bis er von
seinem Wein hergab. Polli hatte seine Frau, Olindo und die gelbhaarige
Schwiegertochter mit Zigarren beladen.

Eh! an einem Tage wie diesem mu man wohl die Frau aus dem Laden holen und
ihn zumachen.

Die Armen trnkten, in den Schatten der Huser gelagert, ihr Brot mit l.
Coletto klingelte an seinem Karren mit Kuchen; er machte dabei Pipistrelli
nach, wenn er betete; und die Mdchen gingen fchelnd um den Karren herum,
blinzelten und warteten, da jemand ihnen etwas anbiete.

Komm her, Corvi! Es gibt zu essen auch fr die, die nichts haben.

Frau Zampieri, Nina und der junge Mandolini aen nicht, sie verteilten ihre
Vorrte unter eine groe Runde von Kindern, -- indes Gesellen und Mgde die
Hhnerlucia aus ihrer Gasse zogen.

Sie soll neben dem Advokaten sitzen! Die Hhnerlucia neben dem Advokaten!

Der Advokat empfing sie mit einer Verbeugung.

Was denn! Es war Scherz. Neben dem Advokaten ist der Platz des Don Taddeo.
Wo ist er?

Wie? rief Galileo Belotti und versperrte dem kleinen buckligen Schreiber
aus Spello die Rathausgasse, in die er entwischen wollte. Habe ich
vielleicht nicht recht? Sie sind buck --

Er verschluckte das Wort.

Aber darum sind wir doch alle gleich.

Und er ging Arm in Arm mit ihm zu Tisch.

Don Taddeo ist nicht zu finden! In der ganzen Stadt nicht!

Teufel, ihm war etwas zugestoen. Was denn! Gewi schlief er, und man
sollte ihn lassen, denn er hatte sich mehr ermdet als alle andern. Auf die
Gesundheit des Heiligen!

Der Advokat fhrte statt der Hhnerlucia, strahlend und schwnzelnd, Frau
Jole Capitani auf den Ehrenplatz unter den Bogen, und an seine andere Seite
nahm er den Cavaliere Giordano. Aber man lie ihn sich nicht setzen.

Der Chiaralunzi will weggehen, weil in seiner Nhe der Maestro sitzt!

Der Advokat griff ein.

Zwei Mnner wie ihr! Niemand htte euch zugetraut, da ihr dies
brgerliche Fest stren wrdet. Da Ihr Euch mit Eurer Frau vershnt habt,
Chiaralunzi --

Denn die Frau lchelte, wenn auch mit geschwollenen Augen.

Der Maestro habe sie verleumdet, wiederholte der Schneider strrisch, er
sei nun einmal sein Feind. Der Advokat behauptete, der Maestro habe das nur
gesagt, um etwas Witziges zu sagen.

Ihr wit wohl, Chiaralunzi, da es komisch ist, wenn die Frau den Mann
betrgt.

Der Kapellmeister spreizte die Hand.

Haltet mich fr einen Intriganten, obwohl ich nur zornig war, -- aber
glaubt nie wieder, o glaubt nie wieder, da ich die Wahrheit gesprochen
habe! Wie knnte ichs ertragen, Euch unglcklich gemacht zu haben, ich, der
ich jetzt so glcklich bin.

Er schluchzte; kaum verstand man ihn. Der Advokat sagte, mit erschtterter
Stimme:

Knnt Ihr zweifeln?

Der Schneider ward langsam rot, schnaufte unruhig, -- und pltzlich griff
er nach der Hand des andern. Der Advokat klatschte Beifall.

So hat ihr euch denn nicht mehr.

Haten wir uns wirklich? sagte der Kapellmeister. Es war wie der Ha
eines andern, durch Zufall aufgelesen. Man wirft ihn nicht weg, weil man
ihn hat. Es scheint, da der menschliche Ha in unserem Stolze wchst; weil
man ungerecht war, wird man noch ungerechter. Aber das grte Unrecht tut
man sich selbst. Wie htte ich noch meine Oper schreiben knnen!

Zum Advokaten:

Denn Sie glauben nicht, wie gut man sein mu, um zu schaffen.

Eh! wem sagen Sie das, erwiderte der Advokat.

Dahinten, im Winkel bei der Treppengasse, lehnte Flora Garlinda sich
zurck, betrachtete das Schmausen, unbedachte Schwatzen, das
vertrauensvolle Gelchter, die Verbrderungen . . . Welch rmlicher
Betrug! Als ob man etwas htte auer sich. Gte? Alles Groe ist ohne Gte.
Don Taddeo hat sich geirrt, als er herabstieg, und er wird es merken. Uns
gebhrt keine Gemeinschaft . . . Dennoch wird dem Unschuldigen dort der Weg
geebnet, er geht zur Gesellschaft Mondi-Berlendi, indes ich weiter vor
Bauern singe. Es ist anders gekommen, als ich dachte. Ich werde es wohl
schwerer haben als er? Trotz meiner Bereitschaft, und obwohl ich ein so
hartes Leben fhre?

Hrt doch, Frulein! riefen Zecchini und die Trinker, Ihr sollt etwas
singen. Da ist Wein, um Euch zu strken. Kommt her!

Flora! sagte, ihr gegenber, Italia und wendete sich um, soweit die
Aufmerksamkeit auf den jungen Severino Salvatori es ihr erlaubte, denn er
wollte sie kssen. Flora, man ruft dich! . . . Ah, sie hrt nicht. Sie ist
ein Mdchen, das zuviel denkt; drum hat sie auch schon Falten wie eine
Alte.

Die Primadonna sah hin, mit seltsam tiefen und starren Augen, die das
Gesehene sogleich wieder verloren hatten.

Er ist also sympathisch. Und er ist ihnen sympathisch, weil er sich ihnen
gleich macht; weil er ihnen gefllig ist, weil er mit ihnen das Herz
tauscht. Aber es gilt, um gro zu werden, sein Herz ganz fest zu halten
. . . Heute tritt er jenem Alten seine Geliebte ab und nimmt dafr den
Lohn. Morgen wird er den Leuten seine Musik verkaufen. Nein! Er hat mich
nicht berholt; und es knnte sein, da dies der Tag ist, an dem sein
Untergang begann. Mge er noch eine Weile die lustige Sympathie der Gassen
haben, -- bevor die groe Kunst meiner Leidenschaft darber hinfhrt.

Ihr Stuhl bekam einen Sto. Jungen, die auf allen vieren unter den Tischen
krochen, schnappten nach Bissen wie Hunde. Der weie Koch von den
>Verlobten< traf mit einem riesigen Kessel ein, und alles strzte sich
darauf. Der Cavaliere Giordano rief umher nach Nello Gennari. Frau Camuzzi
hielt ihn zurck.

Ich errate, Cavaliere, da Sie im Begriff sind, eine Dummheit zu machen.
Sie wollen dem jungen Manne sagen, er solle nicht mehr zum Schneider
gehen.

Sie haben sich vershnt! Ich bin gerettet, verstehen Sie? gerettet, --
und der Alte hpfte auf. Die Unsichtbare hat das Nachsehen, ich sterbe
noch lange nicht!

Ich werde fr Sie beten, sagte Frau Camuzzi. Aber darum trgt dennoch
der Schneider Hrner. Wie? Ein Mann von Ihrer Erfahrung merkt nicht den
Zusammenhang? Die Frau des Schneiders und der Gennari kennen sich schon
lngst.

Da der Alte zurckwich:

Machen Sie sich doch sogar Zeichen! Man hat die beiden Tenore verwechselt
und den Verdacht auf Sie geworfen, Cavaliere. Ist es zu verwundern, da man
den Besieger der Frauen in Ihnen sieht?

Frau Camuzzi seufzte. Der Alte wendete angstvoll den Kopf umher.

Er darf nicht mehr zu der Frau des Schneiders gehen, jammerte er. Wenn
der Schneider aufs neue Mitrauen fat, schlgt er, ohne hinzusehen, mich
tot. Ah! was fr verwickelte Dinge. Nello!

Frau Camuzzi packte hart seine Hnde.

Schweigen Sie! Schweigen Sie doch! zischelte sie, und ihr Mund stand
verzerrt offen in ihrem kleinen, bleichen Kopf. Er hielt auf einmal still,
er musterte sie aus gekniffenen Lidern. Sie lie ihn sofort los und schlug
die Augen nieder.

Wie Sie mich qulen, murmelte sie. Schon so lange, ach, verrate ich
Ihnen meine Eifersucht auf die Frau des Schneiders, aber Sie, Bser, wollen
nichts sehen.

Mit einem Ruck bekam der Alte eine Miene voll gndiger Zrtlichkeit.

Beruhigen Sie sich, nur meine allzu groe Liebe zu Ihnen war schuld, da
ich nichts sah.

Sie schickte vom Rande des Lides einen raschen Blick umher. Ihr Mann
fuchtelte zusammen mit dem Advokaten. Polli, der Bcker Crepalini,
Malagodi, der Apotheker, Herren und Mittelstand lagen sich ringsum
geruschvoll in den Armen.

Jetzt wissen Sie es, Grausamer. Sie werden geliebt.

Teure Frau! Welches Feuer ich fhle!

Da sah sie auf. Der Alte erbebte.

Wenn Sie nicht mehr an die andern denken wollen, nur noch an mich --.
Gehen Sie nach Hause, ich folge Ihnen.

                   *       *       *       *       *

In dem rauhen Gesang der Trinker schwebte, dnn und durchdringend, die
Stimme des Kaufmannes Mancafede.

Trinkt nur! Es ist mein Wein, und er kostet euch nichts. Wenn es nichts
kostet, wrde sich auch die Madonna betrinken. Dies Glas aber bekommt sie
nicht.

Und er go es hinunter. Die Hhlen in seinen Wangen waren rosig, und seine
gewlbten Hasenaugen glnzten wie Glas. Der alte Zecchini schlug ihn auf
den Rcken; ob seine Tochter es vorausgewut habe, da er heute am hellen
Tage betrunken sein werde.

Eh! machte der Kaufmann. Wenn sie es nicht gewut hat, sieht sie es auch
jetzt noch frh genug.

Aber das Unglck? fragte der Bariton Gaddi. Ihre Tochter hat doch
prophezeit, da ein Unglck geschehen solle, whrend wir Knstler da seien.
Heute reisen wir ab: wo ist nun das Unglck? Vielleicht kommt es noch?

Warum soll es noch kommen? Ist es nicht schon Unglck genug, da ich euch
meinen Wein geben mu?

Und der Kaufmann begann zu kichern. Er krmmte sich ber seinen Magen und
ward blau. Man wich mit den Sthlen zurck.

Ob man dich jemals so gesehen hat, Mancafede!

Gebt acht! Ich sage euch etwas.

Und als er genug Luft hatte:

Meine Tochter ist -- ist eine --

Der Schluckauf fuhr dazwischen. Mit unsicherer Hand machte der Kaufmann
nach dem verschlossenen Fensterladen seines Hauses eine lange Nase.
Entsetztes Murren erhob sich. Die Trinker brllten.

Still da! rief man. Der Tenor singt.

Denn Nello stand auf einem Tisch, hatte den Kopf in den Nacken gelehnt und
sang in den blauen Himmel hinein:

Sieh, Geliebte, unser umblhtes Haus --

Alle drngten sich zusammen unter den Rathausbogen, im schmalen Schatten
der Leinendcher: nur er hatte das weie Gesicht mit den scharfen kleinen
Spitzen der Wimpern nach der Sonne gebreitet, und wenn die Leidenschaft der
Tne seinen Kopf schttelte, schwankte ihm das Haar, dster glnzend, in
die Stirn.

Immer die >Arme Tonietta<, sagte der Herr Giocondi. Diese jungen Leute
wissen entschieden nichts weiter.

Tut nichts, -- und Polli ttschelte seine Schwiegertochter. Da nun
einmal diese in die Familie eintritt, soll sie manchmal des Abends mit dem
Phonographen zusammen die >Arme Tonietta< singen, und man ldt die Freunde
ein.

Wir wissen nicht von Schatten, noch Tod. Unser Himmel ist rein und ewig
unser Glck, schlo Nello, und sein hoher Ton dauerte, dauerte . . .
Zuletzt hielten alle den Atem an und starrten, dem Schrecken nah: als
schnitte durch den Himmel der unvergngliche Ruf eines Unsterblichen, eines
Marmors, glhend von ungeheurem Leben.

Pltzlich sprang er herab.

Welch tchtiger Junge! Wir werden ihn nie vergessen.

Alle griffen nach ihm. Mama Paradisi wogte fassungslos; sie kte ihn laut
auf beide Wangen. Wie er schwindlig unter der schwarzen Wolke ihres Hutes
hervortauchte, zog Gaddi ihn in das Tor der Post.

Auch ich, mein Nello, nehme nun von dir Abschied. Ich will dich nicht mehr
warnen . . .

Da Nello die Hand bewegte:

Ich wei, es wre umsonst. Auch kenne ich keinen vernnftigen Grund,
weshalb ich Furcht habe um dich. Aber ich habe Furcht. Ich ahne dich hier
in einem Netz. Durchbrich es! Komm mit uns! Nein: ich wei, da du nicht
kannst, und ich sollte schweigen. Aber ich sehe Blicke, die dich treffen,
ich bin seltsam hellhrig; ich erscheine mir wie eine Frau und lcherlich.

Du bist nicht lcherlich, Virginio, du bist mein Freund. So wohl wie du
will keiner mir von den Menschen. Alba: ah! das ist mehr als menschlich.

Die Sache ist, sagte Gaddi, da du der spteste Freund meiner Jugend
bist. Solange ich dich jung sehe --. Als wir Freundschaft schlossen, war
auch ich es fast noch. Erinnerst du dich an jenen Abend am Meer in
Sinigaglia? Wir hatten nichts zu essen und brachen Muscheln von den
Pfhlen. Fr die Nacht gingen wir in eine Sandgrube und fanden dort ein
Mdchen, in das wir uns teilten. Die Zeiten sind vorbei.

Nello lachte hell auf.

Ja, sie sind vorbei. Aber es kommen immer schnere.

So gre ich dich denn, -- und Gaddi umarmte ihn lange. Adieu, mein
Bruder!

                   *       *       *       *       *

Gerade keifte der Bcker Crepalini gegen den dicken Corvi, der noch immer
a. So sei es nicht gemeint, und er solle nicht die ganze Stadt bankerott
essen, weil er selbst es sei. Der dicke Alte blinzelte gelassen; er
erklrte:

Ich esse, weil der Advokat ein groer Mann ist. Lange genug hat man nicht
gewut, was man glauben, zu wem man halten sollte. Jetzt, Gott sei Dank,
habe ich wieder Appetit. Es lebe der Advokat, und es lebe die Freiheit!

Denn der Advokat, sagte der Apotheker Acquistapace, ist, und das findet
Ihr nicht wieder, ein groer Mann, der die Freiheit liebt.

Der Bcker bellte:

Er liebt die Freiheit, er liebt die Freiheit. Aber wir haben es ihn erst
lehren mssen, sie zu lieben, indem wir ihm die Zhne zeigten. Die Freiheit
ist eine gute Sache; darum soll man genau achtgeben, da niemand zuviel
davon nimmt.

Bravo Advokat! riefen alle, denn der Advokat erkletterte den Tisch in der
Sonne. Er stellte die Hand vor sich hin und hielt die Brauen ganz hoch, bis
es still wurde.

Mitbrger! Unsre Knstler ziehen ab! keuchte er, und schon ward
geklatscht. Er wiederholte und bewegte den steilen Finger hin und her:

Sie ziehen ab; aber sie verlassen uns anders, als sie uns gefunden haben.
Durch groe Dinge -- und er hob sich auf die Zehen, durch groe Dinge
sind wir hindurchgegangen . . . Aber so warte doch, Masetti!

Denn der Kutscher war nicht lnger zu halten. Er klapperte mit seinem
Gefhrt aus dem Tor der Post und drohte alles umzuwerfen, wenn man ihn
nicht durchlasse.

Auch du, Masetti, rief der Advokat, den Arm hingestoen, hast noch zu
lernen, da der Wille aller ehrwrdiger ist als ein einzelner, mag er sich
selbst auf Regeln und Gesetze berufen!

Er kehrte zum Volk zurck.

Und mehr Schlimmes, mehr Gutes hat in wenigen Wochen unsere Herzen und
Gassen erregt, als sonst durch Jahre.

Es ist wahr!

Was sind wir? Eine kleine Stadt. Was haben jene uns gebracht? Ein wenig
Musik. Und dennoch --

Der Advokat machte die Arme weit.

-- wir haben uns begeistert, wir haben gekmpft, und wir sind ein Stck
vorwrtsgekommen in der Schule der Menschlichkeit!

Er zog die Hnde vor die Brust und sah beglnzt in den Beifall. Dann, mit
einem groen Schwung und die Hnde schwenkend droben in der Luft:

Darum leben die Komdianten und lebe die Stadt!

Alle wollten ihm herunterhelfen und alle schrien: Sie leben! -- indes
schon die Tische fortgetragen wurden und die Hausfrauen ihr Geschirr
retteten, bevor Masetti hineinfuhr.

Warum weinst du denn? fragte Galileo Belotti seine Schwester Pastecaldi
und stie ihr die Knchel in die Seite. Kann etwa eine andere Familie sich
rhmen, da sie solch einen Buffonen in ihrer Mitte hat wie wir? Kein Grund
zu weinen.

Aber er selbst ri die Augen auf, damit sie nicht berschwemmt wurden.

                   *       *       *       *       *

Masetti knallte mit der Peitsche, und aus den Gassen eilten die
Komdianten. Der Wirt Malandrini drckte die Hnde seiner Gste, des
Fruleins Italia und des Herrn Nello Gennari, und er bat sie um
Entschuldigung wegen der Strung ihrer letzten Nachtruhe. Die Primadonna
Flora Garlinda kam, die Hnde in den Taschen ihres Mantels, aus der Gasse
der Hhnerlucia, und vor ihr her trug der Schneider Chiaralunzi wie bei
ihrer Ankunft ihren kleinen Koffer turmhoch auf seinen Schultern. Der
Cavaliere Giordano verabschiedete sich gndig von allen, er lie ringsum
den Brillanten blitzen. Und wie in einem Windsto flatterte aus allen
Spalten der Stadt, mit den leichten Farben der Blusen, der gefrbten Haare
und bemalten Gesichter der Schwarm der kleinen Choristinnen, fremde
Insekten, aufgestrt man wei nicht wovon, die noch einmal die alten Huser
entlang schillern und stuben und sogleich verweht sein werden, man wei
nicht wohin.

Sie sollten auf den Gepckwagen klettern; der Bariton Gaddi beaufsichtigte,
in fester Haltung, das Laden, er hob seine Familie hinauf; -- und
inzwischen muten sie den jungen Leuten, die ihnen die Bndel trugen, ewige
Treue schwren. Renzo, der Gehilfe des Barbiers Bonometti, lie seine
kleine Bunte nicht aus den Armen, er wollte bei ihr bleiben und Snger
werden; er versuchte seinen Tenor zu zeigen und brachte vor Aufregung
keinen Ton fertig. Die Freunde trsteten ihn; er solle ein Stck mitfahren,
auch sie kmen; und sie holten ihre Rder.

Wir alle kommen mit! -- und das Volk ntigte Masetti, der durchgehen
wollte, im Schritt zu fahren. Kaum in der Rathausgasse, mute er halten:
der Tenor Nello Gennari rief nach seinem Freund Gaddi, auch er wolle im
Leiterwagen nachkommen, und er stieg aus.

Masetti schrie auf die Pferde ein, da lief noch der Baron Torroni, zur Jagd
gerstet, hinterher. Auch Polli, Acquistapace, der Kaufmann Mancafede und
der Herr Giocondi wollten mit hinein. Italia schluchzte immerfort.

Und der Advokat? fragte sie, wehte mit dem Tuch und schluchzte.

Die Primadonna Flora Garlinda reichte noch einmal die Hand aus dem Fenster
nach dem Schneider Chiaralunzi, der reglos dastand und sie ansah. Er
strzte vor mit pltzlich verstrtem Gesicht; aber der Wagen rollte schon
wieder, der Schneider verfehlte die Hand, er stolperte. Alle lachten; aber
Flora Garlinda nahm ernst von ihrer Brust eine kleine staubige Rose aus
Leinen und warf sie an die Brust des Schneiders.

Der Kapellmeister Dorlenghi stand abgewendet und sah zu Boden. Man
verlangte, da er mit der ganzen Musik ausziehe, aber da begann er die Arme
zu werfen: Ich soll hinter diesen armseligen Komdianten hermarschieren?
Ich, der ich in Venedig die groen Opern dirigieren werde? -- und auf
einmal brach er in Trnen aus. Das Volk schwieg, es lie ihm eine Gasse; er
entkam.

Abfahrt! Alle hinterher! -- und als die Diligenza durch das Tor fuhr,
wimmelte schon die ganze Rathausgasse. Die jungen Leute mit groen Hten
und bunten Halstchern berholten im Eilschritt die Post, sie lieen die
flinke, klirrende Musik ihrer Mandolinen dem Zuge voranspringen. Mitten
darin tnzelte das Pferd des jungen Severino Salvatori, der leichte Korb
wippte zwischen seinen zwei groen Rdern, und, ah! er hatte sie aufsteigen
lassen, der schne Herr -- bunt schwirrend quoll es heraus von kleinen
Choristinnen. Sie saen bereinander, sie hingen dem jungen Salvatori um
den Hals, nahmen ihm, indes er auf seinem niedrigen Kutschbock die Beine
bis unter das Kinn hinaufzog, das Monokel aus dem Auge und setzten es, ohne
da er die elegante Miene verzog, wieder ein. Vor ihnen auf bliesen der
Chiaralunzi und seine Freunde aus vollen Backen in ihre Instrumente, und,
versteht sich, hinten lrmte um so mehr der Barbier Nonoggi mit seiner
Bande. Was die Damen in dem weiten Landauer des Wirtes zu den Verlobten
fr betubte Gesichter machten! -- und dennoch erklrten alle, sie wollten
bis Spello mitfahren. Eh! sie hatten es bequem, aber ringsum das Volk mute
sich wehren, weil der Schlchter Cimabue mit seinem Fleischwagen, worauf er
seine Freunde hatte, durchaus allen vorauswollte. Der Krmer Serafini sagte
zu seiner Frau:

Du glaubst doch nicht, da er sie zum Vergngen hinauskutschiert? Bei der
Rckkehr wird er ein Kalb mit einschmuggeln. Denn auch die vom Stadtzoll
sind ausgezogen.

Sie antwortete:

Dann knnten auch wir vom Rufini die Weintrauben holen. Und sie liefen
zurck, um den Karren zu nehmen. Noch immer kamen Leute. Die Mnner trugen
die Kinder, die Frauen fchelten sich, ihre hohen Abstze klappten, und:
Guten Tag, Sora Anna, so begleitet man denn die Komdianten nach Spello.
Welch schne Sonne! -- da schlug schon Staub hinter ihnen auf. Die letzten
eilten nach.

In der Stadt ist keine lebende Seele mehr! Die nicht gehen konnten, haben
sich wieder Beine gemacht. Seht nur! Die Frau Nonoggi fhrt ihre
Schwiegermutter auf einem Schubkarren. Man mu ihr helfen.

Sie waren beim Waschhaus, da kam von rckwrts Getrappel. Es scheint, da
es der groe Schimmel des Schmiedes ist; aber wer sitzt darauf? . . . Beim
Bacchus, der Advokat! Gru Ihnen, Herr Advokat!

Der Advokat grte zurck mit dem Strohhut und wippte dabei auf seinem
breiten Ro.

Ists erlaubt? fragte er das Volk. Es antwortete:

Ob es erlaubt ist! Das ist nicht wie mit dem Schlchter. Nur vorwrts,
Advokat, Sie gehren an die Spitze.

Der Advokat an die Spitze! -- und alles wich aus nach beiden Seiten. Den
Mund ein wenig offen von der Anstrengung, aber glorreich lchelnd, ritt der
Advokat hindurch.

Da ist auch Galileo! Es lebe der Esel des Galileo!

Versteht sich, da er lebt! polterte Galileo unter seinem glockenfrmigen
Strohhut; und streng hinaussphend ber den blauen Klemmer, durchma er, im
eiligen Getrippel seines kleinen braunen Tieres, die Spuren des Advokaten.

Der Advokat ist ein groer Mann, erklrte er. Aber auch wir sind nicht
von Pappe.

Den Damen im Landauer machte der Advokat, schief im Sattel, eine
Verbeugung.

Welch schner Tag! Welch Bild der brgerlichen Eintracht, Fruchtbarkeit
und Gre! -- und er fhrte die Rechte weithin ber Stadt, Felder und
Volk. Dann aber fragte er nach dem Tenor Gennari. Sein Freund auf dem
Gepckwagen wisse nichts von ihm. Aus der Post sei er ausgestiegen.

Aber er ist wieder eingestiegen, erklrte Frau Camuzzi.

Sie haben es gesehen?

Alle haben es gesehen, nicht wahr, Ihr Damen?

Der Advokat warf sich anmutig in die Brust fr Jole Capitani, bevor er
seinen Schimmel wieder in Trab setzte. Alles strahlte, wo er hindurchritt;
und die Kinder klatschten, nun Galileo auf dem Esel kam.

Aber -- der Gennari? rief der Advokat, sobald er bei der Diligenza
anlangte. Du hast ihn also nicht mit, Masetti? Weit du wohl, da wir fr
unsere Gste verantwortlich sind?

Beruhigen Sie sich, Advokat, -- und der Cavaliere Giordano winkte ihn ans
Fenster, es ist ein Zwischenfall von eher heiterer Art.

Er flsterte, und der Advokat schmunzelte.

Ah! ihr Knstler. Ich htte es mir denken knnen. Galante Abenteuer bis
zum letzten Augenblick! Aber die Schnste von allen -- das ist die Rache
von uns Brgern -- die Schnste hat keiner von euch zu sehen bekommen. Denn
sie tritt selten aus ihrem Schatten hervor . . .

Und er wies auf den schwarzen Garten, dessen Khle soeben die
Vorbeiziehenden ergriff. Sie legte sich einem auf die Schultern, sie hatte
den toten Duft uralter Zypressen; man wendete, zusammenschauernd, den Kopf,
und bis man aus dem Knie der Strae heraus und wieder in der Sonne war,
schwieg man. Dann sagte der Advokat:

Dort wohnen die einzigen, die sich um euch nicht bekmmert haben.
Bekmmern sie sich doch auch um uns nicht. Es ist erstaunlich, aber es gibt
Menschen, denen die Stadt nichts gilt; Fanatiker, die den groen Dingen der
Menschheit fremd bleiben. Ein enger Garten, und dann der Tod: das ist
alles.

Und eine Strecke weiterhin:

Aber es ist ein Ort mit schwerer Luft. Am selben Fleck, wo man jetzt im
Banne des Klosters lebt, haben einst die Huser jener Hetren gestanden,
die der Venus als Priesterinnen dienten und zuweilen sogar ihr Blut ber
den Altar der Gttin gossen.

Er schrie in die Musik hinein, denn jenseits des Gartens fing Chiaralunzi
mit den Seinen aus ganzer Kraft ein neues Stck an, und die Bande des
Barbiers lie sich nichts nehmen. Es war der Hochzeitsmarsch aus der Armen
Tonietta; alle sangen ihn mit: ein wenig leiser und unsicherer, solange
sie in dem dsteren Winkel gingen, und um so herzhafter, wenn sie drauen
waren. Und als die Rder und die Mandolinen, die Diligenza, der Advokat,
Galileo und das Volk, die beiden Banden, der Korb voll Choristinnen und das
Volk, die Damen im Landauer, das Gefhrt des Schlchters, der Gepckwagen
mit Gaddi und dem mnnlichen Chor, das Volk ringsum und das Volk dahinter,
bis zu den Kleinen, die die noch Kleineren im Staub nachschleppten, bis zu
einem Paar, das sich versumte, bis zu der alten Nonoggi auf ihrem
Schubkarren: als sie alle einige leisere Atemzge lang den Schatten von
Villascura auf sich getragen hatten und ihm entronnen waren ins Licht, da
bewegte er sich; ein Gesicht schimmerte hervor.

                   *       *       *       *       *

Alba hielt hinter sich die Hand am Gitter, zog den Schleier enger um den
Kopf, sphte vorgeneigt . . . Noch hing der Staub der Menge in der Luft.
Ein Zucken -- sie lief. Sie lief der Stadt zu, ungeschickt, als seis in
einem Gedrnge, mit ungeregeltem Atem, angstvoll geffnetem Munde, -- und
immer krampfte ihre Hand sich auf der Brust, zwischen den dichten Knoten
des Schleiers.

Pltzlich, ein Ebereschenbusch stand blutrot im Graben, ri sie den Schritt
zurck, sah entsetzten Blicks in den leeren Staub der Strae, als lge
irgend etwas Grauenhaftes quer darin, -- und dann taumelte sie, die Hnde
vor das Gesicht geschlagen, auf einen Stein.

Sie hob die Stirn; die Reste der Musik klangen herber, klein, ineinander
gezogen, schwankend, und dazu ging das Glckchen einer Kapelle in den
Feldern. Ihr war es, alle jene Stimmen sngen ihr nach; sie wiederholten,
als sei es Traum und Neckerei, ihren eigenen Schmerz. So hatte Piero, als
er die Tonietta verlor, im Hochzeitszuge weit dahinten die Flte der
Pifferari gehrt! Und das machte, da Alba aufstand und, den Kopf gesenkt,
auf den Heimweg trat. War ihr Schmerz nicht auch seiner? Gingen unser aller
Schmerzen nicht ein in die groe Harmonie der Welt?

Schwindelnd warf sie sich wieder herum und lief weiter: in Strzen, mit
Pausen der Atemlosigkeit, des Wankens. Einmal blieb sie stehen und sah,
langsam den Kopf schttelnd, umher. Der Wind roch noch immer nach dem Rauch
auf den Feldern, sanft wie je glnzte das llaub, der Himmel war blau, --
und Alba rang zu den khlen Bumen hinan die Hnde.

Vor dem Stadttor blieb sie, das Taschentuch in den Mund gewhlt, da
niemand sie atmen hre, hinter der schwarzen Sule und horchte. Keine
Stimme in der Zollwache, auf dem Pflaster kein Fu. Sie griff sich an die
Stirn; wars nicht vielleicht Lge und Wahnsinn? Wenn sie bis zwanzig zhlte
und es blieb still, wollte sie umkehren . . . Ein Hahn krhte, sie trat
ein.

Sie schlich auf den Zehen, sie tastete an den Husern hin. Von einem
Blinken in einer schwarzen Tr fuhr ihr Herz auf. Endlich: der Platz; sie
lugte hinaus, er lag grell und leer. Eine Katze, die in der Sonne ihren
Buckel machte, entfloh. Der Brunnen rann schwach. Welche zitternde
Mdigkeit! Wie schwer die Fe! Kaum da sie noch bis zur Gasse der
Hhnerlucia gelangte, und sie fiel auf die Mauer und schlo die Augen.

Die Stille fing an, zu schwingen und zu drhnen, als gingen alle Glocken
der Stadt; und durch den Lrm ihres Fiebers hindurch neigte sie das Ohr
nach der Ecke der Gasse. Die Sonne brannte ihr auf den Lidern, den
klaffenden Lippen; ihr Rcken glitt kraftlos von der Wand ab, in dem Knoten
des Schleiers krampfte sich ihre Hand; -- Alba wartete und lauschte.

                   *       *       *       *       *

In der leeren, verstummten Stadt, stumm, als wartete sie mit Alba, geschah
eine unmerkliche Regung: jener Fensterladen hinter dem Glockenturm
zitterte, ganz sacht zitterte er und hob sich ein wenig.

Und am Ende der Stadt, hinter dem Corso, in seinem luftigen Zimmer oben auf
der Schmiede setzte der Kapellmeister Dorlenghi ber die Sthle weg, hielt
sich keuchend das Herz, jagte weiter. Nur einmal stockte er jh, wie vor
etwas Unberschreitbarem, lie die Lippe hngen und die Hnde sinken
. . . Ein trotziger Satz: er hieb im Triumph auf das Klavier ein, und bei
jedem Takt schnellte er mit khnem Kopfrcken vom Sessel auf, als ritte er
und htte unter den Hufen die Welt.

Vom Glockenturm aber blickte Don Taddeo. Er stand in der engen Krone des
Turmes, er sah unter sich nur den Ring der Zinnen. Von unsichtbaren Dchern
stieen braune Falken zu ihm empor; um ihn wehte die Blue; -- und sein
instndiger Blick folgte jenseits der Stadt, im weiten Land einem kleinen
Gedrnge, einem Huflein Staub, das dahinschlich. Ein Korn dieses Staubes
war die Welt gewesen! Es war Sehnsucht und Ha, Brunst und Erkenntnis,
Snde und Abdankung gewesen. Wo war es nun? Wer fand es heraus? Sie ging
dahin, dahin. Welche Angst! Noch einmal! O Gott, zeige sie mir noch
einmal! Tue ein Wunder, zeige sie mir! . . . Da ward feierlich sein Herz
berhrt. Don Taddeo kniete hin; Gott war vorbeigegangen, seine Worte
klangen nach. Da sie ein Korn Staubes ist, nimm allen Staub an dein Herz!
Da du einen Menschen nicht lieben darfst, liebe alle Menschen!

                   *       *       *       *       *

Ein Gerusch in der Gasse: Alba schlug die Zhne in die Lippe. Ein Schritt:
der Kopf fiel ihr in den Nacken, sie griff um sich . . . Nein, noch nicht
sterben, nicht ungercht sterben! Sein unsichtbarer Schritt, nher und
nher: wie er dumpf und schrecklich war! Er ging ihr auf dem Herzen, es
spritzte Blut. Sie ri, verzerrt, am Schleier, sie wrgte sich, schnitt
sich, -- bis endlich, endlich ihre Hand aufblitzte gegen diese verhate
Brust.

Er brach in die Knie, gleich an der Ecke, mit einem erschreckten und
unwissenden Blick. Dann sah er sie, seine Lippen bildeten, indes er vor ihr
kniete, ohne Laut ihren Namen; und dann fiel er um. Er wlzte sich auf die
Seite, wollte sich aufsttzen . . .

Sie war taumelnd davongegangen, wenige Schritte, da drehte sie sich um sich
selbst, wendete den Hals umher. Allein? Allein? Ich wute nicht, da ich
allein sein wrde. Und sie strzte dahin, wo er lag, sie rttelte ihn.

Nello! Auf! -- den Atem angehalten.

Bser, warum rhrst du dich nicht?

Und zusammensinkend, mit einem Blick in die leere Runde: Habe ich es denn
getan?

Sie warf das Gesicht auf seine Brust, sie wimmerte, wimmerte . . .

Dahinten der Fensterladen zitterte heftig.

Alba trocknete sich das Gesicht an seinem Haar, sie kte ihn auf den Mund
und legte sich zu ihm, Leib an Leib. Indes ihre Hand am Boden suchte,
sprach sie zu ihm:

Die Sonne wrmt nun uns beide nie wieder. Wie es schon dunkel ist! Ich
sehe mich nicht mehr in deinen Augen.

Sie hatte das Messer gefunden; sie sagte:

Wir Armen, die wir das Leben lassen muten; -- und drckte es sich ins
Herz.

Der Fensterladen hinter dem Turm klappte zu. Von den beiden dort am Rande
des stillen, grellen Platzes zog sich, Strich um Strich, der Schatten
zurck. Dann lste sich ein Glockenschlag, langsam und vergessen hallend
. . . Als aber die zwlf gleichen Klnge vergangen waren, kam den Corso
herauf ein dnnes Singen, eine Gespensterstimme mit einer Melodie, die kein
Lebender kannte; -- und der kleine Uralte trippelte geziert auf den Platz
hinaus. Er zog den Hut, und er dienerte ringsum vor einer unsichtbaren
Gesellschaft. Wie er jene beiden umarmt am Boden sah, wich er weit aus und
legte, schelmisch lchelnd, den Finger auf die Lippen.

Dieses Buch wurde gedruckt bei Breitkopf und Hrtel in Leipzig

Folgende Bcher von _Heinrich Mann_ sind frher erschienen:

_Romane_ (bei Alb. Langen, Mnchen).

Im Schlaraffenland. Ein Roman unter feinen Leuten.

Die Gttinnen oder Die drei Romane der Herzogin von Assy.

Die Jagd nach Liebe.

Professor Unrat oder Das Ende eines Tyrannen.

Zwischen den Rassen.

_Novellen._

Das Wunderbare. (Bei Alb. Langen, Mnchen.)

Flten und Dolche. (Bei Alb. Langen, Mnchen.)

Strmische Morgen. (Bei Alb Langen, Mnchen.)

Schauspielerin. (Wiener Verlag.)

Mnais und Ginevra. (Bei Piper & Co., Mnchen.)

Die Bsen. (Inselverlag.)

Eine Freundschaft: Gustave Flaubert und George Sand. Essai. (Bei Bonsels,
Mnchen.)




Anmerkungen zur Transkription


Offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert wie hier aufgefhrt
(vorher/nachher):

   [p. 5]:
   ... hieher zu verschreiben gedchten. Und das war bereits kein ...
   ... hierher zu verschreiben gedchten. Und das war bereits kein ...

   [p. 5]:
   ... Der Advokat wendete sich zum Reisenden; einer seiner mrben ...
   ... Der Advokat wendete sich zum Reisenden; einen seiner mrben ...

   [p. 70]:
   ... nicht gehen? Es wird spt und zum Theater ists weit. ...
   ... nicht gehen? Es wird spt und zum Theater ists weit. ...

   [p. 85]:
   ... Fremder! Der Vorsitzende der Komitees ein Fremder! Er ...
   ... Fremder! Der Vorsitzende des Komitees ein Fremder! Er ...

   [p. 100]:
   ... Jungen, heulend und die Hand am wehen Krperteil, herbeihinket, ...
   ... Jungen, heulend und die Hand am wehen Krperteil, herbeihinkte, ...

   [p. 135]:
   ... Advokat Belotti konnten beiide recht haben, denn Kirche wie ...
   ... Advokat Belotti konnten beide recht haben, denn Kirche wie ...

   [p. 138]:
   ... Sie setzte sich in Marsch. Hintereinander berquerten die ...
   ... Sie setzten sich in Marsch. Hintereinander berquerten die ...

   [p. 141]:
   ... und welch stolzer rote Vorhang das Parterre verdeckt! Die ...
   ... und welch stolzer roter Vorhang das Parterre verdeckt! Die ...

   [p. 158]:
   ... ein Tier. Dann lassen sie mich kommen, indem sie pfeifen . . . ...
   ... ein Tier. Dann lassen sie mich kommen, indem sie pfeifen . . . ...

   [p. 284]:
   ... wird der Priester uns nicht hindern, Sie fest anzustellen. ...
   ... wird der Priester uns nicht hindern, Sie fest anzustellen. ...

   [p. 296]:
   ... Tr ihres Zimmes zu, verriegelte sie und brach in Lachen aus. ...
   ... Tr ihres Zimmers zu, verriegelte sie und brach in Lachen aus. ...

   [p. 306]:
   ... im Ballkleid und der Gennari im Frack herauskommen nnd die ...
   ... im Ballkleid und der Gennari im Frack herauskommen und die ...

   [p. 314]:
   ... Er erschrak, besann sich, -- und dann schlug er mit der ...
   ... Er erschrak, besann sich, -- und dann schlug er mit der ...

   [p. 320]:
   ... sie die Kleider lsen, er blickte den Glanz des Fleisches. Er ...
   ... sie die Kleider lsen, erblickte den Glanz des Fleisches. Er ...

   [p. 357]:
   ... Hinter ihm wisperte der Barbier Nonoggi: ...
   ... Hinter ihm wisperte der Barbier Nonoggi: ...

   [p. 367]:
   ... in der Polilik und in den Geschften. Adieu, ich gehe dem ...
   ... in der Politik und in den Geschften. Adieu, ich gehe dem ...

   [p. 378]:
   ... Giocondi. Spricht er von der >Gegenseitigen<? ...
   ... Giocondi. Spricht er von der >Gegenseitigen<? ...

   [p. 397]:
   ... Ich werde Sie nie mehr verlassen. ...
   ... Ich werde sie nie mehr verlassen. ...

   [p. 437]:
   ... Muais und Ginevra. (Bei Piper & Co., Mnchen.) ...
   ... Mnais und Ginevra. (Bei Piper & Co., Mnchen.) ...






End of the Project Gutenberg EBook of Die kleine Stadt, by Heinrich Mann

*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE KLEINE STADT ***

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