The Project Gutenberg EBook of Tokio - Berlin, by Jintaro Omura

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Title: Tokio - Berlin
       Von der japanischen zur deutschen Kaiserstadt

Author: Jintaro Omura

Release Date: November 2, 2013 [EBook #44093]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

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  Tokio--Berlin.

  Von der japanischen zur deutschen Kaiserstadt.

  Von
  Jintaro Omura,
  Professor an der Kaiserlichen Adelsschule zu Tokio.

  _Mit 80 Illustrationen._

  Berlin 1903.
  Ferd. Dmmlers Verlagsbuchhandlung.

  Das Recht der bersetzung in fremde Sprachen ist vorbehalten.


  Frau
  HELENE VENN
  geb. KRAWEHL
  in #Berlin#
  in aufrichtiger Verehrung

  Der Verfasser.




Vorwort.


Das Buch eines Japaners, von ihm in deutscher Sprache und, wie man
hinzusetzen darf, auch in deutscher Art abgefat: nichts zeigt uns mehr
die engen geistigen Verbindungen zwischen dem Lande eines Humboldt und
Kant und dem fernen Reiche der aufgehenden Sonne! Und dieser Fremdling,
der mit scharfem Auge Menschen, Landschaften und Dinge prft und mit
sicherer Hand schildert, er weilte verhltnismig blo kurze Zeit
unter uns, um hier seine Anschauungen ber deutsches Leben und Weben
zu vertiefen, die er in seiner Heimat bereits aus Bchern gewonnen.
Mit erstaunlicher Leichtigkeit bedient er sich unserer Sprache, ein so
gewandtes Deutsch schreibend, da dem Unterzeichneten nur hier und da
eine ganz leichte stilistische Retouche brig blieb. Ja, die ersten
Abschnitte waren in deutscher Fassung bereits auf dem Schiff entstanden,
ehe unser Reisender je deutschen Boden betreten.

Freilich hatte Professor Omura sich schon in Japan viel mit deutschem
Wissen und den Geheimnissen unseres Sprachschatzes beschftigt und hat
als Lehrer an der Kaiserlichen Adelsschule in Tokio, die zum japanischen
Kaiserhofe gehrt, auf diesen Gebieten eine rege und fruchtbringende
Ttigkeit entfaltet, ebenso an der Deutschen Schule (Doidsugaku
Kiohaigaku), einem Gymnasium, das an tausend (japanische) Schler zhlt.
Eine deutsche Grammatik unseres Gelehrten erlebte binnen sechs Jahren
ber 20 Auflagen, woraus am besten die weite Verbreitung unserer Sprache
im meerumbrausten japanischen Insellande hervorgeht.

Mchte sein Buch: Tokio--Berlin uns und unserer Heimat neue Freunde
erwerben in dem zielbewut emporstrebenden japanischen Reiche, wie es --
des darf man gewi sein -- seinem Verfasser bei uns warme Zuneigung fr
seine liebenswrdige Persnlichkeit und sein ernstes Streben erringen
wird. Mchte das Buch ein neues Bindeglied bilden zwischen den beiden so
fernen und doch in manchen Zgen viel Gemeinsames aufweisenden Vlkern!

=Berlin=, im Frhjahr 1903.

  #Paul Lindenberg.#




Inhalt.


                                                                     Seite
  Vorwort                                                                V
      I. Abschied und Abfahrt von Tokio--Yokohama                        1
     II. Kobe                                                            9
    III. Nagasaki                                                       11
     IV. Shanghai                                                       17
      V. Hongkong                                                       39
     VI. Singapore                                                      51
    VII. Penang                                                         67
   VIII. Colombo                                                        71
     IX. Aden                                                           93
      X. Suez und der Suez-Kanal                                       108
     XI. Port Said                                                     118
    XII. Neapel                                                        124
   XIII. Allerlei Heiteres und Ernstes aus dem Leben auf dem Schiffe   131
    XIV. Genua                                                         188
     XV. Mailand                                                       196
    XVI. Fahrt durch die Schweiz                                       206
   XVII. Die ersten Eindrcke in Berlin                                209
  XVIII. Aufruf an unsere Jugend                                       227




I.

Abschied und Abfahrt von Tokio--Yokohama.


[Illustration: Tokio--Berlin.]

Am 6.April des vorvergangenen Jahres trat ich die langersehnte Fahrt
nach Europa und damit meine erste groe Seereise an. Mit Tagesanbruch
stand ich auf, verabschiedete mich von meiner Familie und fuhr dann in
Begleitung meiner Verwandten und Freunde nach dem Bahnhof Shinbashi.
Kopf an Kopf stand dort die Schar meiner Freunde und Schler. Gute
Reise! Frohe Fahrt! Glckliche Wiederkehr! -- so umbrauste es mich
von allen Seiten. Das Verabschieden wollte fast kein Ende nehmen,
bis ich mich durch die spalierbildenden Reihen meiner lieben Schler
durchdrngte und den Waggon bestieg. Da schlug es halb sieben, ein
schriller Pfiff ertnte, und unter den lebhaften Abschiedsgren der
Zurckbleibenden setzte sich der Zug in Bewegung. Lange noch lehnte ich
aus dem Fenster meines Coups und schwenkte meinen Hut, bis ich niemand
mehr erkennen konnte.

Nach dreiviertel Stunden kam ich in Yokohama an, wohin mir ein groer
Teil meiner Tokioer Freunde das Geleit gab. Auch dort auf dem Bahnhof
dieselben herzlichen Auftritte wie in Shinbashi -- hier wie dort Schler
und Freunde versammelt. Und nun ging's in hellen Scharen nach dem Hafen,
wo der Reichspostdampfer Knig Albert vor Anker lag. Auf der mehrere
tausend Fu ins Meer hineingebauten Landungsbrcke stand dichtgedrngt
eine groe Menschenmenge, durchweg Leute, die ihren nach Europa
reisenden Lieben ein letztes Lebewohl zurufen wollten. Auer mir fuhren
noch acht Landsleute mit: Herr Dr.Shiratori, Prof. an der Kaiserlichen
Adelsschule, Herr Dr.Omori, praktischer Arzt vom Japanischen Roten
Kreuz, Herr Musiklehrer Taki, Herr Takahashi, Prof. an der hheren
Normalschule, Herr Tanaka, Prof. an der landwirtschaftlichen Fakultt
der Universitt Tokio, die Herren Studenten Saionji, Miyajima und Kato.
Da alle uns bis in die Kajte begleiten wollten, so herrschte auf der
kaum einen Meter breiten Schiffstreppe solches Gedrnge, da schlielich
der Eingang abgesperrt werden mute. Ein Offizier mit zwei Matrosen
stand am Fue der Treppe Posten und lie nur die Mitfahrenden durch. Mit
dem Schlage neun wurden die Anker gelichtet. Rasselnd gingen die Ketten
in die Hhe, im Tauwerke schwirrte und knarrte es, Kommandorufe der
Offiziere ertnten, die Matrosen nahmen ihre Pltze ein, und unter den
Klngen einer deutschen Weise glitt der mchtig dampfende Kolo langsam
ber die Fluten hin.

In diesem Augenblick tnte von der Brcke her das dreimalige brausende
>Banzai<; ich stehe am Gelnder und berschaue ernsten Auges und
bewegten Herzens die rufende Menge. Ich schwinge meinen Hut und gre
zum letzten Male. Grer und grer wird die Entfernung zwischen dem
Schiff und dem Land; noch kann ich die Gesichter unterscheiden, noch
die Stimmen vernehmen, schon aber klingt das vom Winde herbergetragene
>Hurra< wie das leise Summen der Mcken, schwcher, immer schwcher und
schwcher wird es, bis es schlielich ganz verschwindet. Die Gestalten
der Menschen auf dem Gestade verkleinern sich mehr und mehr, ihre
Umrisse werden nach und nach undeutlicher, bis sie sich in das Blaue des
Meeres verlieren.

[Illustration: Blick auf den Hafen von Yokohama.]

Alles war nun erledigt, und getrosten Mutes fuhr ich in die weite
unendliche See hinaus. Befriedigt setzte ich mich auf das Sofa meiner
Kajte -- und nun zog ein Bild nach dem andern im Geist an mir vorber.
Ich gedachte des heutigen ereignisreichen Tages und ging dann weiter in
die Vergangenheit zurck, lebhaft stand mir wieder die Stunde vor Augen,
als ich den Auftrag erhielt, nach Europa zu fahren. Das war am Ende
des Jahres, am 28.Dezember 1900. Mit dem Beginn des neuen Jahrhunderts
sollte ich meine Reise antreten. O, welch ein Freudentag war es, als mir
der langersehnte Wunsch endlich in Erfllung ging! Auf zwei Jahre
nach Deutschland! Ich, der ich so lange mit der deutschen Sprache mich
beschftigt, der ich mich mit den deutschen Ideen und Anschauungen
so vertraut gemacht hatte, ich sollte nun in dem Heimatlande dieser
Sprache, dem Ausgangspunkte aller Wissenschaften und der modernen
Zivilisation meine Studien weiter fortsetzen und vertiefen! Deutsche
Sprache und deutsches Wesen sollte ich nun an der Quelle genauer
erforschen und untersuchen knnen! Werden die Vorstellungen, die ich mir
darber in Japan machte, bei der unmittelbaren Berhrung mit den
Dingen bleiben oder vergehen? Welche Licht- und Schattenseiten sind dem
deutschen Volke eigen? Welchen Einflu wird das Leben in Deutschland
auf mich ausben? Mit welchen Kenntnissen und Urteilen werde ich den
heimatlichen Boden wieder betreten? Alles Fragen, auf die ich Antwort in
Deutschland selber zu erhalten hoffte. Ist auch die Zeit von zwei Jahren
viel zu kurz, um obige Fragen erschpfend zu behandeln, so hoffte ich
doch, durch eine gute Einteilung und durch ein systematisches Vorgehen
alles, was von Wichtigkeit ist, zu besichtigen und zu untersuchen.
Mge es mir -- das war mein inniger Wunsch -- vergnnt sein,
diejenige Befriedigung zu finden, welche der schnste Lohn fr jeden
ernststrebenden Menschen ist! Mge doch mein Aufenthalt in Deutschland
unserem Vaterlande zum Nutzen und Segen gereichen! Mgen mir nur Tage
ungetrbten Glckes und schner Erinnerungen beschieden sein, auf da
ich diese zwei ersten Jahre des neuen Jahrhunderts zu den zwei schnsten
Perlen meines Lebens zhlen kann!

[Illustration: Japanische Landschaft zur Frhlingszeit. (Nach einem
japanischen lgemlde.)]

[Illustration: Blick auf den Fujiyama. (Nach einem japanischen
lgemlde.)]

Und weiter trumte ich, immer weiter. Die Abschiedsaudienz, die hchste
Auszeichnung, die der allergndigste Landesherr, S.Majestt der
Kaiser, mir zuteil werden lie -- der Besuch des heiligen Tempels
der kaiserlichen Ahnen und Vorfahren, woselbst mir der heilige Trank
gereicht wurde -- das Gefhl der hchsten Dankbarkeit und tiefsten
Ergebenheit, womit ich das kaiserliche Schlo verlie. Ununterbrochen
reihten sich daran: groe und kleine Abschiedsfestlichkeiten,
Einladungen und Besuche, Erledigung vieler angefangener Arbeiten. Und da
sehe ich mich mit einemmale wieder in den Vorbereitungen fr die Reise.
Ja, wache oder trume ich... was kommt denn da zur Tr herein? Aha,
der Schneider mit dem dicken Schmerbauch, der Schuster mit der kahlen
Platte, der bedchtige Zahlmeister des Agenten, der schlanke Bursche des
Spediteurs, die sonnenverbrunten Kulis u.a.m.

Das Schiff, das sich durch alle meine Trumereien nicht hatte
stren lassen, fhrt ruhig weiter und macht in einer Stunde
ca.15-17Seemeilen. Ich raffe mich jetzt auf und blicke umher und
betrachte mir das, was die Liebe mir mit auf die Fahrt gegeben hat. O,
was bin ich doch fr ein reicher Mann! Da liegen meine zwei Handkoffer,
ein paar Bchsen mit Senbei, eine Kiste mit Konserven, eine Flasche
Cognak, zwei Flaschen Wein, roter und weier, eine Flasche ungarischen
Mineralwassers, drei Krbe mit pfeln und Apfelsinen, alles noch wild
durcheinander. Ich kmmere mich nicht weiter darum, steige auf das
Promenadendeck und sehe vor mir die wunderschne Kste der Provinz
Totomi liegen, von den Strahlen der eben untergehenden Sonne matt
erleuchtet. Mit Hilfe des Opernglases kann ich noch die Kiefernbume
unterscheiden, die wie Zwerglein mit ausgebreiteten Hnden lngs des
Strandes stehen. Ein recht malerischer Anblick, den ich einrahmen und
nach Haus zu meinen Kindern schicken mchte! Unbeweglich verharre ich so
geraume Zeit. Die Wasserdnste werden immer dicker, dunkler und dunkler
frbt sich der Horizont, bis alles in Nacht und Nebel verschwindet. Nur
das Rasseln der Schrauben und das Pltschern der Wogen dringt an mein
Ohr und am weiten Himmelszelt erblicke ich ein paar leuchtende Sterne.




II.

Kobe.


[Illustration: Strae in Kobe.]

Am zweiten Tage vormittags um 9Uhr lief das Schiff in den Hafen
von Kobe ein. Ich hatte die Absicht, nach Kioto zu fahren, um
Sr.Durchlaucht dem Prinzen Konoye, unserm Prsidenten, der sich zur
Zeit dort aufhielt, einen Besuch abzustatten; da aber der Dampfer wider
Erwarten nur bis zum Abend vor Anker lag, so mute ich diesen Plan
aufgeben. Ich beschrnkte mich daher auf Anraten meines Reisegefhrten,
des Herrn Dr.Erdmannsdrffer -- frher Lehrer am Gymnasium in
Kumamoto und spter an der Kadettenschule in Tokio -- einen berhmten
Porzellanladen Bankinzan zu besichtigen. Ich sah dort viele schne
Porzellane, welche smtlich in der Provinz Satsuma wei gebrannt und in
Kobe fein bemalt unter dem Namen Satsumayaki sehr viel verkauft werden.
Besonders fiel mir ein kleines Tellerchen auf, das mit tausenden von
Schmetterlingen bemalt war, und zwar so fein, da man sie nur mit Hilfe
einer Lupe beobachten konnte, ebenso ein kleiner Becher mit vielen
hunderten spielender Knaben. Diese in Kobe bemalten Satsumaporzellane
sollen in Europa einen hohen Liebhaberwert haben, meinem Geschmack sagen
sie aber wenig zu, denn sie sind, meiner Ansicht nach, zu berladen. Die
ungeheuer mhevolle Arbeit ist ohne Zweifel daran bewundernswert, aber
das, was uns gefllt, ist das einfach Vornehme.

Mit der Besichtigung war ich gegen Mittag fertig. Es blieb mir daher
noch ein halber Tag brig; ich nutzte die Zeit am besten so aus, da
ich einen Abstecher nach Osaka machte. Osaka ist eine sehr belebte
Fabrikstadt, damit ist aber auch alles gesagt. Dem Auge bietet sie
nichts Besonderes dar: eine Menge Schornsteine -- enge Gassen -- Grben
-- Kanle -- hlzerne Brcken -- groes Leben auf den Straen... das
ist Osaka. -- Von dem vielen Umherlaufen mde, langte ich abends in
Kobe wieder an und ging sofort an Bord, wo sich zu meiner groen Freude
unsere japanische Kolonie um einen Landsmann vermehrt hatte. Mit dem
neuen Ankmmling, Herrn E. Otani, dem jngeren Bruder des gleichnamigen
Grafen von Higaschihonganji, waren wir also jetzt im ganzen zehn
Japaner.




III.

Nagasaki.


[Illustration]

Das berchtigte Genkainada oder die schwarze See, der gefhrlichste
Teil des japanischen Meeres, war diesmal glatt wie ein Spiegel. Das
volkstmlich gewordene Lied, da selbst Vgel nicht imstande seien, ber
dieses schwarze Meer hinwegzufliegen -- Torimo kayowanu Genkainada --
traf diesmal Gott sei Dank nicht zu, denn wir kamen schon am 6.April
frh morgens wohlbehalten in Nagasaki an. Hier sahen wir im Hafen je
einen deutschen, franzsischen und russischen Kreuzer liegen; ein paar
andere Kriegsschiffe ankerten so weit entfernt, da wir die Flaggen
nicht erkennen konnten. Fast gleichzeitig mit unserem Dampfer lief
auch eine englische Fregatte ein, deren eherner Gru von den im Hafen
liegenden Schiffen erwidert wurde. Der Donner der Kanonen und der
aufsteigende Pulverdampf, in dessen Mitte wir uns befanden, galt fr uns
als eine erquickende Unterbrechung der eintnigen Wasserfahrt und wir
lieen unsere Augen gern an diesem Schauspiel weiden.

In Nagasaki besah ich mit meinen Landsleuten die Schiffswerft des
Mitzubishikaisha, eine Privatanstalt des Baron Iwasaki. Ein Dampfer
von 6000 Tonnen, der als Schwesterschiff des Sanukimaru fr den
Nippon-Yusenkaisha bestimmt ist, war gerade im Bau begriffen. Der Kiel
war schon gelegt und die Hlfte des riesigen Rumpfes stand fertig da. Im
Dock lag ein franzsisches Kanonenboot zur Ausbesserung. Nachdem wir die
Gieerei, Schlosserei, Drechslerei, Tischlerei, kurz, alle Werksttten
der Reihe nach angesehen hatten, fhrte man uns in eine Schule, die
eigens fr die Knaben der zu dieser Schiffswerft gehrenden Beamten
und Arbeiter errichtet ist. Das steinerne massive Schulgebude ist
nach englischem Muster aufgefhrt und sah weit schner aus, als manche
Staatsschulen in Tokio. Die Ausstattung (Tische, Bnke, physikalische
und chemische Apparate, Wandkarten u.s.w.) war gut geordnet und
entsprach im groen und ganzen modernen Anforderungen. Was die
Personalverhltnisse anbelangt, so konnte ich bei der Krze der Zeit
nichts Genaueres erfahren; die Schule selber scheint so gedacht zu sein,
da sie auer der Einprgung des allgemeinen Wissens die Heranbildung
knftiger Fachleute fr die Schiffswerft ins Auge fat. Hoffentlich wird
die Schule sich noch weiter entwickeln und gedeihen.

[Illustration: Blick auf Nagasaki.]

Zu Mittag aen wir in einem Teehause Geiyoro mit gutem Humor und gutem
Appetit die echt japanisch zubereiteten Speisen; diese drften wohl auf
zwei Jahre die letzten sein. Wir langten also tchtig zu und wrzten
das Mahl mit ein paar Flschchen Sake. Auch das Auge blieb nicht
unbefriedigt, denn uns zu Fssen dehnte sich die Stadt und weiter hin
das Meer aus. Vor uns lag stolz und majesttisch auf der Rhede unser
Knig Albert, der sich in der Umgebung der anderen Schiffe wie ein
gewaltiger Riese ausnahm. Ob es uns auch so ergehen wird, wenn wir von
Europa aus unser Vaterland betrachten? Ob unser Vaterland mit anderen
europischen Lndern verglichen uns recht gro erscheinen wird und seine
Schnheiten ihnen gegenber noch mehr hervortreten werden?

Ehe wir an Bord gingen, stampften wir wie zum letzten Grue mit festem
Tritt den heimatlichen Boden, denn Nagasaki ist ja der letzte japanische
Hafen. Frh morgens, den 10. April, wurde der Anker gelichtet, und bald
hatten wir das prchtige Panorama hinter uns -- da pltzlich..... ja,
was war das? Welch' eine se Weise dringt an mein Ohr? Ich blicke umher
und sehe nicht allzuweit von unserem Schiff einen englischen Kreuzer
vorbeifahren und auf seinem Verdeck spielt die Musik ein Lied:

  Hotaruno Hikari Madono Yuki
  Fumiyomu Tsukihi kasanezuzu.

Ein japanisches Lied -- auf dem englischen Schiffe? Wie kommt denn das
aber? Mein Reisegefhrte, Herr Musiklehrer Taki, kam mir zu Hilfe und
sagte mir, da das wohlbekannte japanische Lied nach der Melodie der
englischen Nationalhymne komponiert sei. Wie in Andacht versunken stand
ich auf dem Verdeck und hrte wonnetrunken den holden Klngen zu. O
tnet fort, ihr sen Himmelslieder, die ich zu Hause so manchesmal von
der frhlichen Jugend habe singen hren! Musik im besten Sinne bedarf
weniger der Neuheit, ja vielmehr je lter sie ist, je gewohnter man sie
ist, desto mehr wirkt sie, hat Goethe gesagt und er hat recht; denn die
Melodie, an welche mein Ohr so lange gewhnt ist, bte jetzt auf mich
eine so groe Wirkung aus -- mag sie auch nach der englischen komponiert
sein oder nicht, der Erfolg ist und bleibt fr mich derselbe. Jetzt,
wo wir von der lieben Heimat Abschied nehmen -- ein japanisches Lied zu
hren! Mit Entzcken lauschte ich der mehrmals wiederholten Melodie
und unwillkrlich kamen mir die Worte in den Sinn, die einst Schiller
gesungen:

  Was ahnungsvoll den tiefen Busen fllet,
  Es spricht sich nur in meinen Tnen aus;
  Ein holder Zauber spielt um deine Sinnen,
  Ergie ich meinen Strom von Harmonien;
  In ser Wehmut will das Herz zerrinnen,
  Und von den Lippen will die Seele fliehen;
  Und setz' ich meine Leiter an von Tnen,
  Ich trage dich hinauf zum hchsten Schnen.
                       (Huldigung der Knste.)

Der Kreuzer war lngst meinen Blicken entschwunden, lngst war die liebe
Weise verhallt und nun blickte ich zurck, wo im Osten noch die grnen
Gipfel der heimatlichen Berge emporragten, als ob sie mit ihrem Grn
mir die Hoffnung zu einer glcklichen Reise einflen wollten. In voller
Begeisterung nahm ich den Hut ab, nahm in Gedanken den letzten Abschied
von dem Lande, wo meine Wiege stand und wo ich mein Teuerstes gelassen.
Lange verweilte ich so, bis die Gipfel, von dem Schleier des immer hher
aufsteigenden Meeres umhllt, am Horizont verschwanden. Immer und immer
wieder wandte ich mich um, um mir dieses entzckende Bild und dieses
Gefhl der Begeisterung unauslschlich einzuprgen. Vor mir lag wie eine
unendliche Ebene ausgebreitet das ruhige spiegelglatte Meer und ber dem
ewigen Meer die unendliche Blue.




IV.

Shanghai.


Am 12.April rasselte der Anker herab. Anfangs glaubten wir die groe
chinesische Hafenstadt Shanghai vor uns zu haben, es war aber nur das
kleine Stdtchen Wu-sung, das an der Mndung des Yantsekiang liegt; eine
halbstndige Dampfbootfahrt auf dem Wusungflusse, einem sehr breiten,
tiefen Nebenflusse des Yantsekiang, war erforderlich, wenn wir Shanghai
besehen wollten. Da der Dampfer eine groe Ladung einzunehmen hatte
und es uns infolgedessen vergnnt war, den ganzen folgenden Tag hier zu
verweilen, so verzichteten wir auf die Bootfahrt fr heute und zogen
es vor, an Bord zu bleiben, um morgen in aller Frhe mit desto
grerem Genu einen Streifzug auf dem Land unternehmen zu knnen. Wir
betrachteten vom Schiff aus mit Erstaunen den riesengroen Strom, dessen
mchtige, sich weit erstreckende Mndung eher den Namen eines Meeres
zu verdienen scheint. Mehr noch als diese gewaltige Breite setzt den
Fremdling etwas anderes in Erstaunen: die schmutzig-gelbe Flut. Die
beiden Ufer, die infolge der groen Entfernung kaum sichtbar sind,
machen die graue Wasserwste nur noch grauer. Schon der alte chinesische
Ausdruck Shitoku, d.h. die vier Unsauberkeiten, womit man die vier
grten Strme Chinas, den Kasui, Kosui, Waisui und Shisui, bezeichnet,
beweist, da ihr Anblick selbst den eingebornen Chinesen seit
Jahrhunderten her nicht gerade angenehm war. Mit Kasui wird Hoangho oder
der gelbe Flu, mit Kosui der Yantsekiang, mit Waisui der Whaiho und mit
Shisui der Shuho bezeichnet. Das chinesische Sprichwort: Hundert Jahre
warten, bis die gelbe Flut klar wird, womit man die Unmglichkeit
einer Sache bezeichnet, lt uns annehmen, wie auerordentlich trbe
und unrein die Schlammflut sein mu. Da die Chinesen in den Strmen
das Symbol des Unsauberen und Widerwrtigen, des Schmutzes und Abscheus
sehen, ist sehr charakteristisch.

Wenn es richtig ist, da der Charakter der Menschen von der ihn
umgebenden Natur beeinflut wird, so kann man sich nicht wundern, da
sehr viele Shne des Reiches der Mitte so schmutzig sind. Sollten die
beiden hervorstechenden Zge im Charakter der Chinesen: Unsauberkeit
und Gewinnsucht, welche beide untereinander wieder in einem engeren
Zusammenhang stehen, nicht in dem grauen, den Schmutz und Staub aller
Jahrhunderte aufwhlenden Wasser ihren Ursprung haben? Wie der Strom --
so das Volk! Und welch ein erhebendes Gefhl nun, wenn wir damit
unsere heimischen Gewsser vergleichen, wo jeder Bach, Flu oder See
durchsichtig wie ein Krystall ist und so rein und ungetrbt sich hlt,
da man bis auf den Grund sehen kann. Und so sind auch die Menschen. Bei
uns ist die Reinlichkeit und Sauberkeit eine der grten Tugenden, die
den Brger zieren, und mit dieser Tugend verknpft sich auch eine Reihe
von schnen Eigenschaften, wie z.B. jene unsrem Volke so eigentmliche
Freigebigkeit, die kein Opfer scheut und die schnde Gewinnsucht
verachtet.

[Illustration: Pagode bei Shanghai.]

Whrend wir so im Freundeskreise unsere Meinungen austauschten, wurde
uns ein Besuch gemeldet: Ein Herr N. vom Kajimayoko in Shanghai. Dieser
Herr war eigens an Bord gekommen, um uns zu einer Besichtigung von
Shanghai abzuholen. Da wir aber, wie bereits erwhnt, den Besuch der
Stadt auf morgen verschoben hatten, so blieb er die Nacht bei uns an
Bord zu Gast.

Am nchsten Morgen frh fuhren wir mit einem Dampfer stromaufwrts; bald
tauchten die beiden flachen Ufer des Wusungflusses als schmale Streifen
am Horizont auf. Allmhlich kamen wir nher und nun konnten wir die
Umgebung genauer ins Auge fassen. Auch hier ein des trostloses Grau,
das mit dem Flusse zu wetteifern scheint. Das einzig Grne, das sich
grell von dem Grau abhebt und unsere Augen einigermaen erfreut, ist die
Fluweide, die hier zwar nicht krftig, doch hinlnglich gedeiht. Weiter
oben lassen sich hier und da regellose Gebudemassen erkennen, aus denen
einige hohe Huser mit ihren freundlichen Fenstern uns entgegenleuchten.

Nach dreiviertelstndiger Fahrt kamen wir endlich in Shanghai an. Der
Wusungflu ist hier 400 bis 500 Meter breit und so tief, da er imstande
ist, Schiffe von bedeutendem Tonnengehalt zu tragen, so sahen wir hier
zu unsrer groen Freude das japanische Kriegsschiff Maya und weiter
hinten einen Dampfer Hakuaimaru, der in Diensten des japanischen
Roten Kreuzes steht und zur Zeit des japanisch-chinesischen Krieges als
Hospitalschiff gute Dienste geleistet haben soll, vor Anker liegen.
Noch einige Kriegsschiffe und mehrere Postdampfer, welche zum Teil
den Englndern gehrten, waren sichtbar und gewhrten einen imposanten
Anblick. Hoch auf dem Mast des Maya flatterte die Toppflagge mit der
lieblichen Sonne uns entgegen. Das Gefhl, fern der Heimat in einer
fremden Welt unsere Flagge zu erblicken, ist in der Tat etwas, was das
Herz erhebt; der edle Stolz, der uns innewohnt, ein Angehriger des
schnen Landes zu sein, der nationale Gedanke, von welchem jeder
Patriot so sehr beseelt ist, begeisterten uns, wir schwangen die Hte,
schwenkten die Tcher und begrten so unsere Flagge, und unser lautes
Hurra wurde von den auf den Rahen stehenden Matrosen freudig erwidert.
Unsere Marine, die sich in den letzten fnf Jahren auerordentlich
schnell entwickelt hat, wei sich in ihrer jetzigen Gestalt fern und nah
Achtung und Geltung zu verschaffen, was aber diejenigen, die zu Hause
kauern und der Ruhe pflegen, leider nicht gewahr werden. Auch ich
gehrte einst zu jenen, auch ich war der Meinung, da es tricht sei,
gerade fr das unproduktivste Glied eines staatlichen Krpers -- fr
Militr und Marine -- die meisten Mittel zu bewilligen; bei diesem
Anblick fhlte ich mich aber nicht wenig betroffen und aus der Kehle
drang mir unwillkrlich der Ruf: Unsere Marine lebe hoch! hoch! hoch!
in den meine Gefhrten frhlich einstimmten.

[Illustration: Der Bund in Shanghai.]

Oberhalb des kaiserlich japanischen Konsulatgebudes landeten wir und
bestiegen drei elegante Equipagen. Der erste Besuch galt dem Kajimayoko.
Bald wurden wir mit den bei dieser Firma angestellten Landsleuten
bekannt, schrieben Briefe, Ansichtskarten u.s.w. und fuhren dann
mit unserem Begleiter in die Stadt. Diese bedeutendste Handels- und
Hafenstadt Chinas, welche durch viele Flsse und Kanle mit den Seen im
Innern, dem Kaiserkanal und dem Yantsekiang in Zusammenhang steht und
ca.500000 Einwohner zhlt, wurde vor etwa sechzig Jahren von den
Englndern erobert und dem Fremdenverkehr bergeben. Bald darauf wurde
der Hafen auch fr den auswrtigen Handel erffnet, und seitdem ist
die Stadt in raschem Aufschwunge begriffen. Sie zerfllt in zwei
verschiedene Teile, nmlich in die Altstadt Shanghai, die eigentliche
Chinesenstadt, wo das Gouvernement liegt, und in die Neustadt oder die
Fremdenstadt.

[Illustration: Das Iltis-Denkmal in Shanghai.]

Es war dies das erste fremde Land, das ich betrat. Entgegen den
Vorstellungen, die wir von Haus mitgebracht hatten, machte die
Neustadt einen auerordentlich einladenden, modernen Eindruck. Sie ist
verhltnismig weitlufig gebaut; die Huser stehen nach dem Strome zu
in dichten Reihen nebeneinander, nach der Innenseite zu aber werden sie
lichter. Sie sind zum Teil aus Steinen hoch aufgebaut, die Straen
sind grtenteils gepflastert, ziemlich breit und teils mit Trottoirs
versehen. Besonders schn ist der sogen. Bund, von den Chinesen
Wan-poutang genannt, eine Strae, welche am Wusungflusse entlang fhrt
und grtenteils von Englndern bewohnt wird. Hier erhebt sich eine
Reihe stattlicher Gebude: der englische Gerichtshof, der englische
Klub, mehrere Konsulate, Banken u.s.w. Auch mehrere japanische Firmen,
wie die Filiale der Yokohama Speciebank, die der Nippon-Yusenkaisha und
noch einige andere, sind hier zu finden. Der Speciebank gegenber sehen
wir auf einem frischgrnen Rasenplatz des Parkes das deutsche
Iltis-Denkmal. Dieses sehr schne Monument, das zum Andenken an den
heldenhaften Untergang der Iltis-Mannschaft errichtet wurde, besteht
in der Hauptsache aus einem metallenen abgebrochenen Mast, dem der Rest
des Iltis-Wracks als Modell gedient hat.

[Illustration: Personenkarren in Shanghai.]

Die sogenannte French Town, dann die britische, amerikanische und
Hang-kou Settlements liegen der Reihe nach nebeneinander. Hohe massive
Huser, teils in englisch-indischem Baustil aufgefhrt, und prchtig
ausgestattete Verkaufslden mit Schaufenstern reihen sich aneinander;
auch Kirchen mit hohen Trmen ragen empor und laden mit ihrem ernsten
feierlichen Glockenklang die Andchtigen ein. Die Strae ist uerst
belebt: vornehme Damen in modisch feiner Tracht, elegante Herren im
hohen Cylinder gehen und kommen; zahllose Equipagen und Droschken rollen
hin und her; dazwischen drngen sich seltsame, von keuchenden Chinesen
geschobene Personenkarren und leichte Fahrrder; unter Trommelschlag
und Musik marschieren die Soldaten, japanische, englische, franzsische,
alle in den Uniformen ihrer Nation, schwarz, blau, grau etc. angezogen
-- ein buntes Bild, von dem sich die Augen schwer trennen knnen (wegen
der Wirren in Nordchina waren Truppen verschiedener Nationen in Shanghai
einquartiert). Wie wir so dahinfuhren, whnten wir fast, wir seien
schon in der uns vorderhand noch fremden Welt einer europischen Stadt;
indessen mahnten uns die Chinesen daran, da wir uns noch nicht weit von
unserer Heimat entfernt hatten.

[Illustration: Englische Kavallerie in Shanghai.]

[Illustration: Strae in Shanghai.]

Wir fuhren durch einige Straen der Neustadt, wo zu beiden Seiten
viele chinesische Verkaufslden stehen, und hatten Gelegenheit, das
Straenleben der Chinesen in Augenschein zu nehmen. Die Straen
sind ziemlich schmutzig, voller Lrm und Gedrnge. Die Huser sind
grtenteils aus Holz gebaut und mit grellen Farben angestrichen; rot,
die Lieblingsfarbe der Chinesen, wiegt vor, es findet auch grn und gelb
groe Verwendung. Aus den Fenstern sieht man hier und da Wsche,
alte Kleider u.dergl. herunterhngen, die, ber den Huptern der
Vorbeigehenden gemchlich flatternd, zu dem Schmuck der Stadt in
seltsamer Weise beitragen. Die Verkaufslden sind meist offen und
am Eingang hngen Schilder von verschiedener Farbe und Form, worauf
allerlei Worte, meistens langatmige Erklrungen oder grosprecherische
Lobpreisungen des zu verkaufenden Gegenstandes, zu lesen sind. Als
Einfuhrartikel werden Opium, Wolltuche, Metalle, Lampen, Uhren,
Zndhlzer, Petroleum u.s.w., als Ausfuhrartikel Seide, Tee,
Baumwolle, Felle, Schweinsborsten, Strohgeflechte, Talg u.s.w.
gehandelt.

[Illustration: Chinesischer Schuhmacher.]

Unter den Verkaufslden trifft man auch nicht wenige, in denen Fett-
und Ewaren feilgeboten werden; auch getrocknete Fische, Gemse, Frchte
u.s.w. liegen lockend ausgebreitet zum Verkauf. Hier drngen sich
viele Kufer, Stdter wie Landleute, grell geschminkte Frauen in
bunten Gewndern, geputzte Mnner mit langen Zpfen, jeder nach
seinem Geschmack gekleidet. Ferner findet man auch manch' schne,
nach europischem Muster eingerichtete Huser mit Schaufenstern, die
einheimische wie importierte Fabrikate bergen und wo man wirklich
gute Waren beziehen kann; aber im allgemeinen haben die chinesischen
Kauflden und das Straenleben, wie lebhaft sie auch den neugierigen
Augen eines Fremden erscheinen mgen, ein dsteres, trges und
unsauberes Aussehen.

Wir fuhren nun geradenwegs durch die Strae Damaro, auch Nankinro
genannt, zu deren Seiten sich die meisten eleganten Verkaufslden,
europische und chinesische, vorfinden, und gelangten in den Lustgarten
Gu-En[1]. Dieser Garten, den der Besitzer vielleicht aus Bescheidenheit
so genannt, sollte wahrhaft wundervoll angelegt sein, aber leider war er
nicht imstande, japanische Augen zu erfreuen; da er weder etwas
Schnes noch Neues bot, so verlohnt es sich nicht, ihn ausfhrlich
zu beschreiben. Ein paar Baumgruppen, deren fahles Grn nicht gerade
anziehend wirkt, ein altes Gebude chinesischen Stils, das so aussah,
als wre es nie mit einem Besen in Berhrung gekommen, ein kleiner Teich
mit trbem Wasser, worin etliche Goldfische ein elendes Dasein
fhrten, einige komisch geformte Felsblcke, die als Zeugen einer rohen
plastischen Arbeit dastehen, und am Ausgang eine Art von Theater, in
welchem dann und wann chinesische Operetten aufgefhrt werden... das ist
wohl alles, was man hier zu sehen bekommt. -- Zwei Dinge fielen mir
hier besonders auf: ein paar Opiumstuben -- sehr einfache, meist nur mit
einem Sofa ausgestattete Zimmer. Dort legt sich dann der Chinese aufs
Ruhebett, raucht Opium und vertrumt im Zustand der Betubung den lieben
langen Tag. Und weiter: ein paar irdene Becken, die im Garten unter
freiem Himmel standen und eine dunkle trbe Masse enthielten. Ich
glaubte, die Flssigkeit sei zum Begieen der Pflanzen da, aber zu
meinem Erstaunen erfuhr ich, da sie zum -- Trinken aufbewahrt werde.
Echt chinesisch!

[Illustration: Im chinesischen Teelokal in Shanghai.]

Nicht weit von Gu-En liegt Cho-En, ein in europischem Stile
aufgefhrtes Gebude, woselbst den Gsten Tee serviert wird -- ein
Teehaus im strengsten Sinne des Wortes; es hat einen gerumigen, mit den
Farben aller Nationen geschmckten Salon und sieht ganz nett aus; vor
dem Hause breitet sich ein frischer grner Rasenstreifen aus und ladet
den Vorbergehenden zum Besuche ein. In nchster Nachbarschaft sahen wir
auch eine mit allem Zubehr ausgestattete Kegelbahn.

Die Equipage fhrte uns nun nach Shumaro oder Fukushuro, die in einer
gewissen Bedeutung feinste Strae Shanghais; ein Karasumori oder
Yanagibashi in Japan, wo viele tausende jener berhmten Shanghaier
Sngerinnen wohnen und wo die feinen Herrschaften so gerne spazieren
gehen, um zu sehen und gesehen zu werden. Hier liegt auch das Teehaus
Kiokaro, in welchem wir zu Mittag aen. Es ist dies eines der besten
Wirtshuser in Shanghai. Die ganze japanische Kolonie Knig Alberts,
zehn an der Zahl, mit unserm Begleiter und einem Chinesen, der bei
der Firma Kajimayoko angestellt ist und inzwischen von uns zur Tafel
eingeladen war, nahmen nun mit knurrendem Magen an dem runden Tische
Platz und harrten in gespannter Erwartung der Dinge, die da kommen
sollten. Einen Speisezettel freilich gab es nicht, und wenn es auch
einen gegeben htte, wrde er uns wenig gentzt haben, da uns die Namen
der Gerichte fremd waren. Die Speisen werden in verschiedene Klassen
eingeteilt und danach bestellt; aber was jede von ihnen enthlt, das
gehrt zu den Geheimnissen des Koches. Nichts blieb uns weiter brig,
als diesem die Wahl mit der stillen Hoffnung zu berlassen, da nicht
nur das Gute von oben, wie es in der Glocke von Schiller heit,
sondern auch von unten aus der Kche kommen mge. Zuerst wurde uns eine
Tasse Tee serviert, nach wenigen Minuten kam die Suppe zum Vorschein
und nun folgten verschiedene Sorten von Fettspeisen, worunter Speck die
Hauptrolle spielte, ferner gebratene Fische von zwei, drei verschiedenen
Arten, Hummer, Muschel, Geflgel, Lammfleisch, fast alles mit l und
Fett zubereitet, Fadennudeln, Gemse und, was unter anderm auffiel,
Schwalbennester, Haifischflossen, Walfischbart u.a.m. -- alles
Erzeugnisse, die zu den Delikatessen der Chinesen gehren. Zum Schlu
gab es wiederum Suppe und dann gekochten Reis, Gebck, Frchte u.s.w.
Diese Speisen werden in einer groen Schssel mitten auf die Tafel
gestellt und jeder nimmt sich selbst daraus auf das eigene Tellerchen,
das bei jedem Gange von dem Servierkellner gewechselt wird.

[Illustration: Chinesischer Koch.]

Mit wahrem Heihunger machten sich alle daran, aber einigen wollten
schon nach den ersten Gngen die Speisen nicht in den Gaumen hinein,
da sie das allzu lige und Fette nicht ertragen konnten, wieder einige
hatten nach acht bis neun Gngen den Magen voll und konnten nicht
weiter. Ich, der in dem Kampfe mit Leckerbissen bisher den Rcken
nicht hatte sehen lassen, focht auch hier in aller Tapferkeit mit
zwei Stbchen -- denn Gabel und Messer gab es nicht -- gegen die
hintereinander losrckenden Feinde, aber schon bei dem elften
Zusammensto hatte ich einen harten Kampf zu bestehen. Bei dem zwlften
Angriff entschwand mir endlich der Mut, und vollgestopft wie ein
Maltersack konnte ich weder gehen noch stehen, ich schnaufte nur und sa
unbeweglich da. Selbst wenn alle Schtze des persischen Knigs hier
vor meinen Fen gelegen htten, wrde ich meine Hand nicht danach
ausgestreckt haben, um sie aufzuheben, denn auch bei der leisesten
Bewegung drohte der berspannte Sack zu zerplatzen! Doch zwei von uns
haben wacker gestritten bis zum 17. und letzten Angriff fr die Ehre
unserer Kolonie; da dies aber ein Kampf auf Leben und Tod war, verriet
schon der Schwei, der von ihren Stirnen herabrollte. Unser langzpfiger
Tischgenosse war, als die Haifischflossen aufgetragen wurden,
fortgeschwommen und lie sich nicht mehr sehen, was uns sehr leid tat.
Er schien ber unsere Unterhaltung verstimmt zu sein; wir hatten nmlich
u.a. gesagt, da die Sauberkeit der Chinesen sehr zu bewundern sei,
insbesondere beim Essen; denn sie lecken fortwhrend ihre Stbchen ab
und fahren dann wieder in die gemeinsame Schssel hinein, so da die
darin befindliche knstlich zubereitete Sauce sich mit der natrlichen
ihres Mundes vermischt und so einen chemischen Proze durchzumachen
scheint. Spter hrte ich zu meinem nicht geringen Erstaunen, da es bei
den Chinesen Sitte sei, beim Essen die Stbchen schn abzulecken, und
da derjenige, der seinen Tischgenossen eine besondere Aufmerksamkeit
erweisen will, dies auf chinesische Art nicht besser bezeigen zu knnen
glaubt, als da er seine Stbchen mglichst gut ableckt. Wirklich eine
recht feine Sitte, die vom Gesichtspunkt der Bakteriologie sehr zu
empfehlen ist! Wahrscheinlich verdanken die deutschen Wrter Lecker,
Leckerei, Leckerbissen u.s.w. ihren Ursprung den Chinesen! -- Eins
mchte ich hier noch hinzufgen, da nmlich alle Speisen ohne Ausnahme
warm aufgetragen werden; kalte und rohe Speisen, wie unser Sasimi,
kennt man dort berhaupt nicht; da sogar Wasser nur in heiem Zustande
getrunken wird, ist bekannt. Besonders fiel mir noch auf, da whrend
des ganzen Mahles die Chinesen in einem fort getrocknete Melonenkerne
aen, die sich in einer gemeinsamen Schssel in der Mitte des
Tisches befanden. -- Noch eins: wir wurden bei der Tafel leider der
zweifelhaften Ehre nicht teilhaftig, von jenen reich geschmckten und
doch so leichten elastischen Gestalten bedient zu werden.

Im groen und ganzen mu ich doch sagen, da die chinesischen Kche ihre
Kunst sehr gut verstehen. Von der geschickten Zusammenstellung des so
viele Gerichte umfassenden Mahles abgesehen, ist auch die Zubereitung
gut; ja, man wre versucht, es dem japanischen beinahe vorzuziehen,
wenn nicht zu viel Fett und l verwendet wrde. Mit dem europischen
und chinesischen Mahl verglichen, ist unser japanisches einfacher. Das
chinesische hnelt mehr dem europischen und ist ebenso nahrhaft und
gehaltreich. brigens war das Essen, das wir an jenem Tage genommen, ein
kantonsches, was dem europischen verwandter ist, wie das nankinsche,
das als ein echt chinesisches dem Gaumen der Eingeborenen wohl bekommen
soll, aber nicht dem unsrigen. Unsere Kche verstehen zwar das Kochen an
sich ganz gut, sie sollten aber ihr Augenmerk doch auf die Zubereitung
und Zusammenstellung recht krftiger und nahrhafter Kost richten. Ein
Gericht z.B. wie das Kuchitori -- jene kuchenartige, buntaussehende
se Speise -- sollte ganz abgeschafft werden, da es eher den Augen als
dem Magen zur Erquickung dient.

Das einzige, was bei der chinesischen Mahlzeit abstt, ist eben die
Unreinlichkeit, die auch hier, wie berall beim Chinesen, an den Tag
tritt. Die berreste von Speisen, wie Grten, Knochen, Schalen
u.dergl., werden whrend des Essens im Wirtshause von allen Gsten ohne
weiteres unter die Tafel geworfen; die beiden anderthalb Fu langen
Stbchen und berhaupt die Egeschirre sollte man selbst mit der
Serviette vorher sorgfltig reinigen, so unheimlich sehen sie aus; die
Servietten bieten manchmal ein derart trauriges Aussehen, da man sie
lieber unbenutzt lt. Schlimmer als diese sind aber die heien Tcher,
womit man whrend des Essens den Mund von allem Fett und l abwischt;
sie werden, ohne irgendwie ausgewaschen zu werden, in kochendes Wasser
getan und in heiem Zustande den Gsten mehrere Male dargereicht; sie
machen also einen Kreislauf bei vielen Gsten, fhlen sich infolgedessen
etwas klebrig an und haben gerade keinen angenehmen Geruch.

Etwas mchte ich hier einfgen ber jene Klasse der Chinesen, die
durch ihr elendes Handwerk, vor allem aber durch ihre Schmutzigkeit und
Dreistigkeit auffallen, ich meine die Kulis. Sie stehen fast berall mit
ihrem von Japan importierten Rollstuhl, Jinrikisha, auf der Strae und
fordern jeden Vorbergehenden zum Einsteigen auf; besonders wenn sie
einen Fremden gewahr werden, machen sie fr eine kurze Strecke Weges
eine unmige Forderung und suchen ihn tckisch und hinterlistig zu
bervorteilen. Ihre Forderung lassen sie auch auf ein Drittel ihrer
ersten Ansprche herabhandeln, aber sobald sie ihre Tour gemacht haben,
bitten sie dreist und zudringlich um Trinkgeld oder fordern, trotz der
vorhergegangenen Unterhandlung, das Doppelte und Dreifache. Wenn sie
dann abgewiesen werden, kommen sie noch eine Strecke Weges hinterher
gelaufen und betteln immer wieder oder schimpfen und schreien, bis man
am Ende gentigt wird, mit dem Stock ihrer Forderung Genge zu tun. Da
Menschen dieser Art von den dort lebenden Europern wie Tiere angesehen
und demgem behandelt werden, ist vom allgemeinen menschlichen
Standpunkte bedauerlich, unter den obwaltenden Verhltnissen aber
verstndlich. Zwar haben wir in Japan auch eine Klasse solcher Kulis,
diese sind jedoch weit artiger und zuvorkommender als jene. Schon ihr
Aussehen verrt, da sie mit ihren Kollegen in China nichts gemein
haben. In leichten, fest anschlieenden schwarzen Jacken, bedeckt bis
zu den Fen, stehen sie bei uns an einer Seite der Strae auf dem ihnen
zugewiesenen Platze und warten bescheiden, bis ein Vorbergehender sie
anruft. Und wie flink sie ihr Handwerk ben! Wie der Blitz fliegen sie
mit ihrem Rollwagen die Strae dahin, als ob sie die darauf sitzende
schwere Last garnicht sprten, whrend die chinesischen in weiten,
blau auf grau gestickten, losen Lumpen die Strae dahintappen; da
der Knttel in den Hnden der Polizisten mit diesem Gesindel gute
Bekanntschaft unterhlt, ist daher leicht erklrlich.

[Illustration: Indischer Polizist in Shanghai.]

Eine Eigentmlichkeit von Shanghai sind die verschiedenartigen
Polizisten, die aus Englndern, Franzosen, Amerikanern, Chinesen
und Indern bestehen. Die indischen Polizisten gewhren einen schnen
Anblick; sie zeichnen sich durch ihre stattliche Gestalt aus, sind gro,
krftig, ganz braun, tragen einen schwarzen Vollbart, sind europisch
gekleidet und gehen mit einem Knttel in der Hand gravittisch die
Strae einher. Was den Reiz dieser Erscheinung noch erhht, ist der
ungeheuer groe Turban. Selbst der kleinste von ihnen scheint zwei Meter
gro zu sein -- wahrlich, herkulische Gestalten! Ihr muskulses Aussehen
verleitet zu der Annahme, da sie ganz geeignet seien, einen Lwen zu
bndigen, da sie also spielend mit einem Verbrecher fertig wrden. Aber
wie ich hre, soll dies in Wirklichkeit nicht der Fall sein, denn so ein
Herkules soll feige sein und Reiaus nehmen, wenn ihm etwas Ernstes in
den Weg tritt. Was ihre Verstandeskrfte anlangt, so sollen sie auch
leider wrdige Sprlinge ihres Stammes sein, denn wenn ihnen irgendwie
schwierige Aufgaben gestellt werden, so wissen sie sich keinen Rat. Zwar
knnen sie unterscheiden, was schn und hlich, was gut und schlecht
ist, wenn sie es mit eigenen Augen angeschaut haben, darber hinaus
geht jedoch ihre Urteilskraft nicht. Ihr langzpfiger Kollege, der
chinesische Polizist, scheint in manchen Stcken geschickter zu sein,
obwohl er nicht so gut aussieht. Kurz, der indische Polizist ist mehr
zum Paradieren da. Einen guten Zug hat er aber auerdem doch, und das
ist seine Unparteilichkeit. Die weien Polizisten sind, wie man sagt,
nur zu leicht geneigt, in strittigen Fllen die Partei ihrer engeren
Landsleute zu ergreifen; das tut aber der indische Polizist nicht,
sondern hlt sich in lobender Weise neutral.

Wie im Fluge war die Zeit dahin geschwunden und darber war es Abend
geworden. Unsere Absicht, noch die Altstadt zu besichtigen, wurde leider
durch einen starken Regen vereitelt, deshalb traten wir die Rckfahrt
nach dem Knig Albert an, den wir erst spt in der Nacht erreichten.
Aber wir alle fhlten uns von dem Verlauf des Tages durchaus befriedigt,
so da ihn jeder von uns in seinem Tagebuch als einen genureichen
aufzeichnen konnte.




V.

Hongkong.


Die Hitze, die wir bisher in der frischen Seeluft nicht gesprt hatten,
machte sich schon recht bemerkbar, als unser stolzer Knig Albert am
16.April vormittags in den Hafen von Hongkong eindampfte. Hongkong,
d.h. der duftende Hafen, liegt sdstlich von Kanton hart an der
Grenze der tropischen Zone und ist eine kleine Insel von kaum 15km
Lnge und 7-8km Breite, welche durch einen schmalen Meeresarm vom
Festlande, der Halbinsel Kowloon, getrennt wird. Sie ist seit dem
Frieden von Nankin im Jahre 1842 an die Englnder abgetreten worden
und bedeutet jetzt eine Perle der britischen Kolonieen. Die Bewohner,
ca.300000, sind meist Chinesen neben etlichen tausend Indiern; unter
den Europern, deren Anzahl nur ein Dreiigstel der Gesamtbevlkerung
ausmacht, sind die Portugiesen am meisten vertreten, ihnen folgen die
Englnder mit ein paar tausend Mann Garnison. An der Nordkste der Insel
liegt die Stadt Viktoria, die amphitheatralisch angelegt ist und im
Schmuck ihrer hell leuchtenden Huser und grnen Bume, namentlich
vom Meer aus, einen herrlichen Anblick gewhrt. Was aber die Augen des
Reisenden am meisten anzieht, ist das Treiben im Hafen.

[Illustration: Hongkong (Hafen und Europisches Viertel).]

Fahrzeuge aller Art und aller Nationen erblickt man dort: mchtige
Kriegsschiffe, insbesondere britische, welche dem chinesischen
Geschwader angehren, groe und kleine Postdampfer, schwerbeladene
Handelsschiffe, zahllose Dschunken, Boote u.s.w. Hier luft ein Schiff
ein, dort sticht ein anderes in See, in dicken Sulen steigt der Rauch
aus den Schornsteinen empor, berall ein Tuten, Pfeifen, Rasseln,
Klirren, da einem von all dem Gerusch fast die Sinne benommen werden.
Und wie es im Hafen von Menschen wimmelt! Schwere Kisten werden auf-
und abgeladen, Fsser werden gerollt, Ballen gewlzt, Gepck geschleppt,
Karren mit Pferden fahren hin und her, Lasttrger mit Tonnen drngen
sich chzend durch die Menge -- kurz, alles ist in regster Bewegung.
Da Hongkong als Handelsplatz und als Seehafen des Weltverkehrs an der
ganzen ostasiatischen Kste tatschlich eine groe Rolle spielt, ist
schon daraus ersichtlich, da fast alle Handelsstaaten hier Konsulate
haben; Tee, Seide, Opium, Zucker, l, Salz, Baumwolle, Elfenbein,
Nahrungsmittel der verschiedensten Art sind die wesentlichsten
Gegenstnde des Handels.

Der reiche Mitsui, der auch hier seine Firma besitzt, holte uns mit
seinem Dampfboot ab, und unter der sicheren Fhrung eines seiner Beamten
betraten wir nun die Stadt. Wir besuchten zuerst Queen's Road, die
schnste und belebteste Strae. An beiden Seiten reihen sich chinesische
und europische Verkaufslden in buntem Gemisch aneinander; das
Stadthaus, das Theater, mehrere Banken, Konsulatsgebude u.s.w.
befinden sich hier. Die nicht eben hohen, aber doch stattlich
aussehenden Gebude sind meist in europischem Stil aufgefhrt. Die
Straen sind ziemlich sauber, aber leider ein bichen eng, was jedoch
die Lebendigkeit des Straenlebens bedeutend erhht. Zum Fahren dienen
zierliche Rollsthle, auch den Chinesen eigentmliche Tragsessel werden
viel gebraucht; Equipagen und Droschken sieht man verhltnismig wenig,
da die bergige Lage und die enge unregelmige Strae es nicht erlauben.
Das Straenleben hat mit seiner buntdurcheinandergewrfelten Bevlkerung
groe hnlichkeit mit jenem Shanghais.

[Illustration]

Nachdem wir die Straen durchwandert, die Sehenswrdigkeiten in
Augenschein genommen und auch einige Einkufe, wie z.B. Tropenhte
u.dgl., gemacht hatten, wollten wir zum Viktoria-Park, von dem die
Reisenden nicht genug zu erzhlen wissen, hinansteigen. Die groe Hitze
jedoch und die sprlich bemessene Zeit ntigten uns von dem Vorhaben
abzustehen und wir benutzten die Drahtseilbahn, die uns schnell auf den
Gipfel fhrte. In ungefhr einer Viertelstunde waren wir am Ziel.
Aber in diesem Augenblick kam leider der Nebel, eine sehr hufige und
unangenehme Erscheinung dieser Gegend, heraufgezogen, und ehe wir uns
versahen, bedeckte er mit seinem Schleier den ganzen Berg. Nicht zehn
Schritte konnte man vor sich schauen, man htte ihn mit einem Messer
durchschneiden knnen -- so dick war er! Von der groartigen Aussicht
nach dem Hafen war nun keine Rede mehr und es blieb uns nichts weiter
brig, als geduldig die Zeit abzuwarten, bis der Nebel sich gesenkt
hatte. Wir kehrten deshalb im Wirtshaus Peak-Hotel ein, lieen uns
die englische Kche gut schmecken und sahen zu, ob nicht durch die
flatternden Nebelgespinste sich irgend etwas unsern Blicken darbte. Und
sieh! Nach ungefhr einer Stunde teilte sich der Nebel und auf einmal
lagen zu unseren Fen Stadt, Hafen und weiter hinten die Halbinsel
Kowloon. Wir standen in stiller Bewunderung da, die Opernglser vor den
Augen haltend. Da unser Standpunkt nicht allzu hoch war, so konnte man
die Form und Farbe eines jeden Gegenstandes noch deutlich unterscheiden.
Ein entzckendes Panorama! An den Abhngen sieht man bereinander
aufsteigende Hfe von tropischen grnen Baumgruppen umgeben und
prchtige Villen mit herrlichen Gartenanlagen; aus den Straen der Stadt
erheben sich groe, stattliche, wie Palste und Schlsser aussehende
Gebude, darunter mischen sich die schwarzen Kuppeln und die rtlichen
Trme der Kirchen und Kapellen. Hinter dem Halbkreis des Hafens dehnt
sich der unendliche Ocean aus, auf dessen blauem Spiegel hunderte von
Schiffen wie weie Schwne umherschwimmen. Auf der anderen Seite
des Berges sieht man in einer talfrmigen Vertiefung ein groes
Wasserbecken, das im hellen Sonnenschein wie ein smaragdner See
leuchtet; hier wird das Regenwasser sorgfltig gesammelt und mittelst
Rhren in die Stadt geleitet, wo man es zum Trinkwasser verwendet.

[Illustration: Hongkong (Chinesisches Viertel).]

Aus dem einfrmigen Leben auf dem Schiff in die Mitte dieses schnen,
erhebenden Anblickes versetzt, fhlten wir uns so erquickt und blickten
wie gebannt immer und immer wieder in die weite Natur hinaus, als
wollten wir alle diese Schnheiten in unsere Brust einsaugen. Da
fllt aber mit einem Male der Vorhang vor unseren Augen: mit dem
wiederkehrenden Nebel ndert sich die Szene, und in einem Augenblick ist
von all dem Gebotenen nichts mehr zu sehen. Mit der Drahtbahn rollten
wir nun wieder mit haarstrubender Schnelligkeit den steilen Abhang
hinab bis zu der Station, die am Fue des Berges liegt, dann folgten wir
der freundlichen Einladung der Firma Mitsui, stiegen einen gewundenen
Weg hinauf und gelangten bald in eine schne Villa, die der Firma
gehrt. Von dem Umherlaufen des langen Tages und von der Hitze im
unheimlichen Nebelkreise mde, lehnte ich mich an das Gelnder der
Veranda und schaute in den Garten hinab, der mit den prchtigen bunten
Blumen, wie sie der tropischen Zone eigen sind, geschmckt war; ein
wenig unterhalb befand sich ein gerumiger Tennisplatz. Hier sah ich ein
paar kleine japanische Mdchen von sechs bis sieben Jahren, die sich
mit Spiel und Blumenpflcken vergngten -- liebliche Erscheinungen
sondergleichen, die ich schon jahrelang vermit zu haben glaubte.
Unverwandt ruhten meine Augen auf ihnen... was fr eine Gestalt schwebt
dir vor und woran denkst Du?...

Bei der Tafel wurden uns einige Herren und Damen von der Firma
vorgestellt und nun langten wir tchtig zu; zu unserer groen
berraschung und Freude bekamen wir hier japanische Kost vorgesetzt.
Kein Wunder, da deshalb bei Tisch die heiterste Laune herrschte; ja,
man konnte bei der gemtlichen Unterhaltung fast whnen, da man sich
daheim im trauten Kreise der Freunde befnde. Nach dem Essen spielte
Herr Musiklehrer Taki Klavier; er gab manch japanisches Stck zum besten
und trug dadurch wesentlich zur Erhhung der Stimmung bei. Vom Fenster
aus sahen wir tausende von Lichtern, die wie gesete Sternlein auf dem
Meere funkelten und feenhaft das Wasser beleuchteten.

Am 17. mittags wurden die Anker gelichtet. Ich stand auf dem
Verdeck, sah vor mir die schne Insel und konnte nicht umhin, an die
geschichtlichen Tatsachen zurckzudenken, wie und warum die Chinesen
gentigt wurden, den Englndern dieses Eiland abzutreten. Da der
chinesische Kaiser San die Auslieferung alles in den englischen
Schiffen und Magazinen befindlichen Opiums, dieses wichtigsten und
gewinnbringendsten Artikels der englischen Einfuhr, forderte, um
dem Opiumhandel mit einem Mal ein Ende zu machen und da er die
ausgelieferten 20000 Kisten im Wert von 4Mill. Pfd. Sterling
verbrannte, da Streitigkeiten darauf erfolgten, da England am Ende den
Krieg erklrte u.s.w., ist einem jeden zu bekannt, um hier wiederholt
zu werden. Zwar ist die Insel im Vergleich zu dem ungeheuer groen Reich
der Mitte ein kleines Stckchen Land, aber ein harter Verlust ist und
bleibt es doch fr die Chinesen, zumal wenn man bedenkt, da ihnen seit
der Zeit ein Stckchen Land nach dem andern verloren ging. Wehe ihnen,
wenn sie am Ende gar noch die Mandschurei einben sollten! Im groen
und ganzen ist aber die Abtretung Hongkongs fr den Weltverkehr ein
wahrer Segen gewesen, denn in den Hnden der Chinesen wre die Insel
bei weitem nicht zu ihrer jetzigen Blte gelangt. Die Menge an Kapital,
Arbeit und Flei, die die Englnder aufgewendet haben, um die Insel zu
dem zu machen, was sie heute ist, ist der hchsten Anerkennung wert. Die
groartigen Quai- und Dockanlagen sind ihr Werk, ebenso die mhevolle
Bepflanzung des Peak, den der Viktoria-Park schmckt.

[Illustration: Chinesische Kaufmannsfamilie in Festtracht.]

Auch Gewerbe und Industrie verdanken ihren Aufschwung wesentlich den
Englndern. Fabriken und Werksttten der verschiedensten Art, wie z.B.
Zuckerfabriken, Sgewerke, Seilereien, Ziegeleien, Zndholzfabriken,
Fabriken fr Maschinen- und Bootsbau, Glasereien, Frbereien u.a.m.,
sind meist von den Englndern angelegt oder angeregt worden. Kurz,
ihnen gebhrt mit Recht das Verdienst, Hongkong den Namen eines
ausgezeichneten Stapelplatzes und eines vorzglichen Freihafens gegeben
zu haben.

Nach allem, was ich in Shanghai und Hongkong gesehen habe, kann ich
meinen jungen Landsleuten nur den Rat erteilen: macht euch auf und
besucht diese Stdte! Dort erblickt ihr eine ganze fremde Welt,
andere Einrichtungen, Sitten und Gebruche! Wer die beschwerliche und
kostspielige Reise nach Europa sparen will, findet in diesen beiden
Stdten, die nur zwei Tage Dampferfahrt von Nagasaki entfernt liegen,
hinreichend Gelegenheit, um seine Kenntnisse zu erweitern. Insbesondere
seien diese wichtigen Handelspltze den jungen Japanern empfohlen, die
kaufmnnisch sich vervollkommnen wollen. Es ist entschieden gescheiter,
die Sommerferien auf diese Weise zu einer Studienreise auszuntzen, als
sie im Gebirge oder in den Seebdern zu verbummeln!

Leider war mein Aufenthalt in Hongkong nicht ungetrbt. Denn als ich
mich nach einem meiner ehemaligen Schler und Freunde, Herrn Dr.Okoshi,
erkundigte, erfuhr ich zu meinem groen Schmerz, da jener kurz vor
meiner Ankunft am Typhus gestorben war. Mit wehen Gefhlen betrachtete
ich das Bild des teuren Toten, der vielen noch als treues und ttiges
Mitglied des bekannten Vereins an der Adelsakademie, Hojinkai, in
Erinnerung sein drfte. Fern von den Seinen und der geliebten Heimat
ist er in einem Alter dahingeschieden, wo er erst anfangen sollte, seine
Kenntnisse und Erfahrungen recht ordentlich anzuwenden. Ich bat mir
die Photographie seines Leichenzuges aus und schickte sie nach Japan an
unsere Schule; dort soll sie zum bleibenden Andenken an diesen Braven
aufbewahrt werden.

Noch ein anderes trauriges Ereignis war der Tod eines Passagiers auf
unserm Knig Albert. Ein Englnder war mit Weib und Kind von
Yokohama an unser Reisegefhrte gewesen. Wie ich hrte, soll er an
Lungenschwindsucht gelitten und in der guten Hoffnung, die frische
Seeluft mge heilsam auf ihn wirken, seine Reise angetreten haben. Der
herzzerreiende Jammer der unglcklichen Hinterbliebenen ist gar nicht
zu beschreiben; alle Passagiere trauerten mit ihnen, die Schiffskapelle
stellte die Musik ein. Doch war es ein Trost fr die Trostlosen, da
die sterblichen berreste des Dahingeschiedenen in Hongkong beigesetzt
wurden, sonst htte er ein nasses Grab gefunden in dem unendlichen Meer,
wo weder Hgel noch Stein die Ruhesttte anzeigen.




VI.

Singapore.


[Illustration: Im Dock zu Singapore.]

Unser Knig Albert eilte nun rastlos nach Sden, so da wir schon nach
vier Tagen, den 21.April mittags 1Uhr, die Insel Singapore erreichten.
Die Einfahrt in den Hafen ist, wie bekannt, sehr reizend. Schon von
weitem erblickten wir die von Palmen bedeckte Kste der Halbinsel Malaka
und je weiter wir kamen, desto reicher entfaltete sich die Natur; hier
und da tauchten kleine malerische Inseln auf, die Wasserstrae verengte
sich immer mehr und das Schiff dampfte in den bogenfrmigen Hafen ein.
So schn nun dieser Hafen auch ist, er ist mit jenem von Nagasaki
nicht zu vergleichen, denn dort hat die Natur mit gtigeren Hnden ihre
prchtigen Gaben ausgestreut. Der romantische Anblick des Strandes, die
verschiedensten Arten und Gestalten der Vegetation, jene wunderbaren
Figuren der Felsblcke des Ufers und dergleichen fehlen hier gnzlich.
Was uns hier auffiel, ist nur das beraus ppige Wachstum der Palmen;
wohin das Auge auch schweift, sehen wir nur Palmen, nichts als Palmen,
diese hochstmmigen Vertreterinnen der echttropischen Natur.

Die Insel Singapore, welche an der Sdspitze der Halbinsel Malaka liegt,
steht wie Hongkong unter britischer Oberhoheit. Als die Englnder sie
vor etwa 80 Jahren ihrem ehemaligen Besitzer, dem malayischen Sultan,
abkauften, war sie noch unkultiviert. Dichter Urwald bedeckte sie und
die Bewohner waren in der Hauptsache Fischer und Seeruber. Jetzt aber
bildet ihr Hafen den Hauptstapelplatz fr Borneo, Sumatra, Malaka und
andere Inseln; seit der Erffnung der japanischen und chinesischen Hfen
hat er erneute, von Jahr zu Jahr steigende Bedeutung als Zwischenplatz
gewonnen. Die Bevlkerung, deren Zahl sich auf 250000 belaufen mag,
ist in stetem Zuwachs begriffen; sie besteht aus Chinesen, Malayen,
Javanern, Eurasiern, Tamulen und anderen Mischlingen. Die Chinesen sind
schon jetzt der Kopfzahl nach am strksten vertreten und werden es auch
wohl bleiben, da immerwhrend frischer Nachschub vom Mutterlande kommt.

[Illustration: Malayisches Dorf auf Singapore.]

Doch genug von diesen trockenen statistischen Angaben. Nachdem unser
Dampfer am Quai festgelegt, ging ich mit meinen Freunden an Land und
zwar voll der grten Erwartung, denn wir hatten erfahren, da der
Kronprinz von England auf seiner Rundreise durch die englischen
Kolonieen in Singapore eingetroffen sei; ihm zu Ehren sollte eine groe
Illumination stattfinden, ein groer pomphafter Aufzug sollte Tags
darauf folgen und Gott wei was nicht noch alles. Jetzt wurde es mir
klar, warum unser Knig Albert beim Einlaufen in den Hafen eine
englische Fahne gehit hatte, warum auf allen Masten der vor Anker
liegenden Schiffe Grobritanniens Wimpel flatterten. Man kann sich
denken, wie erwnscht mir dieser Zwischenfall war, gab er mir doch
Gelegenheit, dies bunte Volk in seiner Begeisterung und Freude zu
beobachten. Also vom Dampfer herunter und in die Stadt hinein. In die
Stadt? O nein! Von der eigentlichen Stadt war noch nichts zu erblicken,
die lag noch eine ziemliche Strecke landeinwrts, nur ein malayisches
Dorf mit rmlichen, im Wasser erbauten Htten war zu sehen. Wir muten
also einen Wagen nehmen. Und nun begann die Qual fr uns. Sogleich
umringten uns halbnackte malayische und indische Kutscher und kreischten
uns in ihrer Muttersprache an, die uns nur wie eine Sammlung von
Keif- und Zischlauten klang. In ihren Bemhungen, uns ihr Gefhrt
aufzuntigen, wurden sie sogar aufdringlich und frech. Was sollten wir
machen? Unser Bestreben war, so schnell als mglich fortzukommen. Nach
langer Unterhandlung mieteten wir endlich eine Droschke, bestiegen sie
und kamen bei Einbruch der Abenddmmerung in die Stadt. Wir stiegen ab,
gaben dem Kutscher den verabredeten Lohn und wollten schon weiter,
als dieser unverschmte Bursche lautschreiend das Vierfache des
Ausbedungenen verlangte. Wieso denn? fragten wir entrstet, und der alte
Gauner, der mit einem Mal ganz gut Englisch sprechen konnte, erklrte
verschmitzt, da sich der ausgemachte Preis fr eine Person, nicht aber
fr vier verstnde. Wir wollten uns durchaus nicht schrpfen lassen
und machten energisch Anstalt, uns fortzubegeben, doch da hub er ein
so wstes Geschrei an, da im Umsehen unsere kleine Gesellschaft von
drohendem Gesindel umgeben war. Da eine Hilfe nirgends zu erblicken
war, so blieb uns nichts weiter brig, als gute Miene zum bsen Spiel zu
machen und zu zahlen.

Nachdem das Volk sich verlaufen hatte, verlieen wir den Platz und
gingen eine ins Zentrum der Stadt fhrende Strae hinab. Eben bogen wir
um die Ecke -- und wie geblendet standen wir da! Soweit das Auge reichte
-- ein Lichtmeer die ganze Stadt. Von Balkonen und Fenstern, von eigens
fr dieses Fest hergerichteten Schaugersten, von Mauern und Masten, von
den Dchern sogar, kurz von berall her, wo sich nur irgendwie Lampen,
Laternen und Ballons hatten anbringen lassen, glhte es uns in allen
Farben entgegen. Auch die Bume hatte man mit ganzen Struen farbiger
Laternen geschmckt, welche wie funkelnde Sternchen im Grnen auf uns
herableuchteten. Alles schwamm in Licht und es war uns zu Mute, als ob
wir durch einen Zauber pltzlich in ein lichtes Feenreich, wie wir es
aus den Mrchen kennen, versetzt worden wren. Wirklich eine wahrhaft
himmlische Illumination!

[Illustration: Strae in Singapore.]

[Illustration: Verkaufsstand in Singapore.]

Und nun die Strae selbst, welch ein Blick nach oben und berallhin!
ber sie hinweg hatte man in ihrer ganzen Lnge und Breite aus roten und
weien Tchern eine sie berwlbende Decke ausgespannt, soda gleichsam
eine ungeheure lange farbige Festhalle gebildet war, die im Widerschein
von tausenden bunter Lichter erglnzte und prangte. Zu beiden Seiten zog
sich eine Menge von Schaugersten hin, deren Wnde und Gelnder man
mit prchtigen Teppichen ausgelegt hatte. Lustige Stcke wurden auf
den einen aufgefhrt, auf anderen sahen feiertglich geputzte Leute dem
vorbeiflutenden Menschenstrome zu und dort waren allerlei Gegenstnde
zur Schau und zum Verkauf gestellt. Die Menschenmenge, die hier
zusammenflo, war in der Tat bunt genug. Alle Vlker Asiens schienen
sich hier ein Stelldichein gegeben zu haben: Chinesen, Javaner, Eurasier
u.a.m. Besonders fielen mir die Tamulen und Malayen wegen ihrer
farbigen Tracht in die Augen. Grelle Tcher hatten sie um ihren Leib
geschlungen, trugen aber sonst kein Kleidungsstck, soda sie halbnackt
in dem Menschengewirr dahinschritten.

Bald waren wir mitten im Gewhl, aus allen Nebenstraen und Gchen
strmte neuer Zuflu in die Hauptader, soda binnen kurzer Zeit das
Gedrnge geradezu lebensgefhrlich wurde. Ein Zurck gab es nicht mehr;
wohl oder bel muten wir uns dem Strome berlassen. Wir kamen aber doch
dabei auf unsere Kosten, da wir reichliche Gelegenheit fanden, das Volk
in seinem Vergngen und in seiner Festtagsstimmung zu beobachten.
Arg genug ging es allerdings dabei her. Hben und drben ein
ohrenzerreiender Lrm! Hier staute sich die Menge vor einer Bude, in
der komische Tnze aufgefhrt wurden, dort umgab sie in dichtem Knuel
ein Brettergerst, auf dem eine bunt ausgeputzte Musikbande ihre
betubenden Klnge ertnen lie, und an anderen Stellen geberdete sie
sich derart toll, da es uns schlielich nicht belzunehmen war, wenn
wir so schnell als mglich aus diesem Treiben herauszukommen suchten.
Das gelang uns denn auch, wenn auch erst nach vieler Mhe. Aber wohin
gerieten wir?! Fast mchte ich sagen: vom Regen in die Traufe. Wir bogen
in eine Gasse ein und wurden nur zu bald inne, da wir uns in anrchiger
Gegend befanden. Sperrangelweit standen Tr und Fenster der Huser
offen, und in allen Sprachen der Welt riefen aufgedonnerte und
geschminkte Mdchen die Vorbeigehenden an und suchten sie zum
Nhertreten zu bewegen. Leider, leider sah ich auch unter diesen elenden
Geschpfen Kinder unseres Volkes, und so angenehm uns sonst der Anblick
einer Landsmnnin ist, hier ward er zur wehen Qual. Ich erkundigte mich
nach vielen Einzelheiten dieser hlichen Einrichtung und stellte vor
allem die Frage, woher es kme, da Zugehrige unseres Reiches in
diesen von der Heimat so fernen Sttten des Lasters zu finden seien, und
erhielt darauf die bittere Antwort, da diese Geschpfe zum groen Teil
auf dem Wege des abscheulichen Mdchenhandels in diesen Sumpf gelangten.
Oft zgen sie aus dem Vaterland in gutem Glauben fort, in der Fremde
bessere und zwar durchaus anstndige Stellen zu erhalten. Werden sie
dann eines Tages gewahr, wo sie sich befinden, so ist es gewhnlich
schon zu spt, um dem sicheren Verderben zu entgehen. Was die
Nationalitt anlangt, sollen hier leider unsere Landeskinder am meisten
vertreten sein, wieweit das zutrifft, wei ich nicht; ich habe aber bei
oberflchlicher Betrachtung gesehen, da so ziemlich alle mir bekannten
Vlker Prostitutionsmaterial stellen. Auch waren alle Altersstufen
vertreten -- von 13jhrigen Mdchen bis hinauf zu 50jhrigen Alten.

So hatte denn leider unsere so heitere Festesstimmung einen hlichen
Nachgeschmack bekommen; wir hatten zu nichts mehr rechte Lust und
strebten dem Hafen zu.

Auf dem Rckweg entdeckten wir ein japanisches Restaurant, wie man uns
sagte, das einzige in Singapore. Es gehrt einem Japaner, der es in
Gemeinschaft mit seiner, gleichfalls aus Japan gebrtigen Frau leitet,
und gut leitet, wie uns die kurze Einkehr, die wir dort hielten, aufs
beste bewies. Wir tranken ein paar Flaschen Bier, unterhielten uns mit
den erfreuten Wirtsleuten in unserer Muttersprache und brachen dann zu
unserm Schiffe auf. An Bord angelangt, bemerkte einer von uns, da ihm
sein Portemonnaie abhanden gekommen war, unwillkrlich faten wir alle
in unsere Taschen -- und siehe da, auch ein zweiter unserer Kameraden
hatte einen Verlust zu beklagen, er vermite seine wertvolle
Zigarrentasche. Offenbar waren beide Freunde im Gedrnge das Opfer
geschickter Taschendiebe geworden.

[Illustration: Jinrikisha in Singapore.]

Am nchsten Morgen gingen wir wieder an Land, um den berhmten
Botanischen Garten von Singapore zu besichtigen. Er liegt jenseits der
Stadt und zwar in ziemlicher Entfernung von ihr. Auf dem Wege dorthin
sprachen wir in der Niederlage des reichen japanischen Kaufmannes
Mitsui vor, den ich bereits in meinen Reiseschilderungen ber Hongkong
erwhnte. Sein Vertreter, Herr N., der uns von frher her befreundet
war, bot sich uns als Fhrer an und stellte uns seine Geschftskutsche
zur Verfgung; leider aber war sie nicht gro genug, um uns alle
aufzunehmen. Wir sahen uns daher nach Mietsdroschken um, wohin wir aber
auch blickten, nirgends war eine aufzutreiben, sie waren lngst bei dem
gesteigerten Verkehr dieser Festtage mit Beschlag belegt. Wir muten
also etwas anderes ausfindig machen und mieteten mit Mhe und Not
endlich ein paar Rollsthle, setzten uns hinein, und heidi, ging es dem
Botanischen Garten zu. Schon waren wir eine Strecke gefahren, da
stellte sich ein neues Hindernis uns entgegen, diesmal in Gestalt von
Schutzleuten, die uns verboten, weiterzufahren, denn in krzester
Zeit sollte Seine Hoheit vorbeikommen. Wir muten uns also in das
Unvermeidliche fgen, stiegen aus, und nun verlangten die Kulis, obwohl
wir nur einen kleinen Teil der Strecke zurckgelegt hatten, den Betrag
fr die ganze Fahrt. Aus Furcht vor einer Szene, wie wir sie bereits
frher erlebt, wollten wir schon zahlen, als unser mit den dortigen
Verhltnissen genau vertrauter Herr N. uns zu Hilfe kam. Seinen
Geldbeutel ziehend und eine Hand voll Mnzen unter die Kulis werfend,
war eins. Gierig strzten die Leute darber her, wir aber wollten uns
dabei aus dem Staube machen, was uns jedoch nicht gelang, denn die Kerle
kamen uns nach und erhoben von neuem ihr Geschrei. Da aber machte Herr
N. kurzen Proze, nahm seinen Stock und teilte einige so tchtige Hiebe
aus, da das Gesindel endlich zurckblieb. Eine Weile gingen wir nun
zu Fu und sahen uns das Treiben nher an. Auf beiden Seiten der Strae
bildete das Volk dicht gedrngt Spalier, lange Schutzmannsketten standen
davor, und den Damm hinunter fuhr in stetem Hin und Her die offizielle
Welt: Equipagen mit Beamten in groer Uniform, Offiziere mit Orden und
Bndern, festlich gekleidete Damen u.s.w. Die drckende Hitze machte
das Gehen bald unertrglich, wir nahmen daher von neuem ein paar
Rollsthle, erlebten aber damit nur eine zweite Auflage unseres
Reinfalls. Denn bald riefen die Schutzleute wieder: >Halt! Aussteigen!<
-- und das Feilschen um das Fahrgeld mit den Kulis begann wieder. So
erging es uns noch ein paar Mal, bis wir uns trotz der groen Hitze
entschlossen, den Botanischen Garten zu Fu zu erreichen. Und das Ziel
war noch stundenlang entfernt! Die Sonne brannte senkrecht auf unsere
Scheitel, der alle Glut frmlich aufsaugende Boden blendete den Blick,
der bei jedem Schritt hochaufwirbelnde aschenartige Staub vollendete die
Hllenqual. Zwar standen auf beiden Seiten der Strae Palmen und andere
tropische Gewchse, sie halfen aber gegen diese Backofenhitze so gut wie
garnichts. In Schwei gebadet, die Kleidung von demselben durchtrnkt
bei 45Grad Celsius, kann man sich vorstellen, in welcher Verfassung wir
uns befanden. Uns wollten fast die Sinne schwinden, so standen wir eine
Weile still. Da mit einem Male hie es: >Der Prinz von Wales kommt!< Und
wirklich, er kam in prchtigem Aufzuge angefahren, in schner Kutsche
und umgeben von glnzendem Gefolge. Und dies Gefolge trug zumeist groe
Uniform. In dieser Hitze schwere, goldgestickte Uniformen! Was mgen die
Armen gelitten haben, wo uns, die wir doch leicht gekleidet waren, der
Schwei wie Wasser vom Krper rann!

Wir lieen den Zug vorber und machten uns wieder auf den Weg. Wir waren
ungefhr eine Stunde fortgeschritten und vor Mattigkeit und Abspannung
mehr tot als lebendig, als uns eine leere Droschke entgegenkam. Das
belebte unsere Sinne. Wir strzten uns auf den Rosselenker und wurden
auch nach vieler Mhe mit ihm handelseinig. Endlich stiegen wir ein und
fuhren nun noch anderthalb Stunden in der brennenden Sonne dahin, bis
wir ans Ziel gelangten und mit unseren Freunden, die Dank der Umsicht
des Herrn N. alle Beschwerlichkeiten der Straenabsperrung geschickt
umgangen hatten, wieder zusammentrafen.

[Illustration: Kokospalme.]

Von dem seinen groen Ruf durchaus rechtfertigenden Botanischen Garten,
der viele tropische Pflanzen enthlt, kann ich nichts Besonderes
mitteilen. Ich bin ja kein Fachmann, und das geringe, was ich zu sagen
htte, drfte zur Genge bekannt sein. Man wei hinlnglich, da sich
die Flora in den tropischen Lndern durch Schnheit, ppige Flle und
Artenreichtum auszeichnet. Das eine nur mchte ich erwhnen, da hier
neben den Pflanzen des indischen Kontinents auch die des indischen
Archipels zahlreich vertreten sind; namentlich fielen mir die vielen
Arten von Palmen und tropischen Fruchtbumen auf. Einer von den
Aufsehern, ein sehr liebenswrdiger Mann, fhrte uns herum; fr ein
Trinkgeld nicht unempfnglich, lie er es bei der bloen Fhrung nicht
bewenden, sondern gab uns auch dankenswerte Erluterungen an der Hand
von Experimenten. So pflckte er eine Mangofrucht ab, hackte sie mit
seinem Knttel in Stcke und erklrte uns die Frucht nher. Sie war noch
nicht reif, sah noch ganz grn aus und enthielt einen starken tzenden
Saft, dessen bloe Berhrung gefhrlich war. Der Aufseher berreichte
mir auch einen kleinen Zweig von schnen tropischen Blumen, die ich mit
aufs Schiff nahm und spter in gepretem Zustande nach Hause an meine
Kinder schickte. -- Im Garten sahen wir auch Zwinger, worin sich wilde
Tiere, z.B. Tiger, Riesenschlangen, Orang Utang u.a.m., befanden.

Der Stolz des Botanischen Gartens ist aber die einzig in ihrer Art
dastehende Sammlung von Orchideen. Hunderte von seltenen Exemplaren
sind in ihr vereinigt, und der Gesamteindruck, den diese wunderbare
Farbenpracht auf das Auge macht, ist berwltigend schn. Unser
Reisegefhrte, Herr Professor Takahashi, der sich hier als Botaniker
von Fach ganz in seinem Element befand, klrte uns ber den hohen
Wert dieser Sammlung auf; in Japan, meinte er, wre derartiges nicht
heranzuziehen und zu erhalten, weil unser Klima diesen Pflanzen
unzutrglich ist. Damit stand denn auch das in Einklang, was Herr N.
erzhlte. Aus Japan, so berichtete er, kommen oft Bestellungen
auf Orchideen. Namentlich hat es sich der bekannte Politiker und
Parteifhrer Graf Okuma, der auch als Gartenfreund und Pflanzenzchter
einen groen Namen hat, angelegen sein lassen, diese Pflanzen in unserer
Heimat einzubrgern, bisher aber leider mit nur geringem Erfolg. In den
weitaus meisten Fllen berdauern sie trotz sorgfltigster Pflege nicht
einmal den Transport und kommen welk am Bestimmungsort an.

Etwa zwei Stunden brachten wir im Botanischen Garten zu, ruhten unter
dem schattigen Dach der Palmen, der Mangos, der Bananen und Ananas eine
Weile aus und fuhren gegen Abend wieder in die Stadt zurck, wo wir samt
und sonders im grten Htel Raffles einkehrten. Die Nacht war schon
lngst hereingebrochen, als wir unsern Knig Albert wieder erreichten.
Am nchsten Morgen fuhren wir dann ab.

Einer von unserer japanischen Kolonie, Herr Professor Tanaka, blieb
in Singapore zurck. Als Berufsbotaniker wollte er auf kurze Zeit nach
Batavia fahren, um den dortigen Botanischen Garten, der jenen Singapores
noch bertreffen soll, zu besichtigen.




VII.

Penang.


ber die Fahrt von Singapore nach Penang, die anderthalb Tage dauerte,
wte ich nichts Besonderes zu erwhnen, es sei denn, da ich die
Qualen, die uns die furchtbare Hitze bereitete, nher ausmalte. Doch
will ich dies lieber unterlassen: soviel sei nur gesagt, da der
Aufenthalt in der Kajte eine Folter war. Viele entschlossen sich daher,
die Nacht auf Deck zuzubringen. Wir folgten indessen diesem Beispiel
nicht, weil der Temperaturunterschied whrend der Nacht so gro war, da
die, die sich der khlen Seeluft ausgesetzt hatten, empfindlich an ihrer
Gesundheit gestraft wurden.

Anfnglich sollte der Aufenthalt in Penang nur sechs Stunden dauern;
da indessen unvorhergesehene groe Ladung zu nehmen war, dehnte er sich
lnger aus. Sobald wir in den Hafen einliefen, nahten sich schon von
allen Seiten die verschiedensten Frachtschiffe, um so schnell als
mglich ihre Ladung an Bord zu bringen. Hauptschlich bestand diese
aus Tabakblttern. Wohl Hunderttausende von zusammengeschnrten Bndeln
wurden verladen. Mitten in der Ladung mute aber eine Pause eintreten,
denn ein heftiges Gewitter entlud sich ber uns. Unaufhrlich zuckte der
Blitz, rollte der Donner, und in Strmen go der Regen nieder. Nachdem
sich das Gewitter verzogen hatte, wurde die Arbeit wieder aufgenommen
und fast die ganze Nacht hindurch fortgesetzt. Unglcklicherweise
befanden sich unsere Kajten in unmittelbarer Nhe des Ladekrahns. Man
kann sich kaum eine Vorstellung von diesem Lrm machen. In einem fort
rollten die Fsser dahin, die Ketten rasselten mit lautem Getse auf und
nieder, dazwischen das Hin- und Hergelaufe der Arbeiter, das Fluchen und
Kommandieren der Aufseher -- kurzum, ein ohrenbetubender Lrm, der an
ein Schlafen, wenn auch nur auf ein Stndchen, nicht denken lie.

Am nchsten Tag, dem 24., war die Ladung beendigt und zur Mittagsstunde
konnten die Anker wieder gelichtet werden. Aller Gesichter heiterten
sich auf -- doch leider, leider nur auf kurze Zeit. Denn bald begann fr
uns eine neue Qual. Es machte sich nmlich in allen Schiffsrumen ein
ganz eigentmlicher Geruch bemerkbar, der vermutlich von den zum Teil
durchnt verstauten Tabaksballen herrhrte. berall schlug einem
sliche, widerliche Stockluft entgegen. Am rgsten war es im Esalon;
die Speisen wurden denn auch in vielen Fllen in Stich gelassen. Alles
flchtete sich an Deck, aber auch nach dort verfolgte uns der Geruch.
Einigermaen ertrglich war der Aufenthalt nur auf dem Promenadendeck.
So verbrachten wir denn dort, auf Rohrsthlen lagernd, diesen und die
folgenden Tage.

Der verlngerte Aufenthalt in Penang bot die Mglichkeit, an Land zu
gehen und die Stadt in Augenschein zu nehmen. Viele nahmen auch diese
Gelegenheit wahr. Wir Japaner aber zogen es nach der groen Abspannung,
die uns die schlaflos verbrachte Nacht bereitet hatte, vor, an Bord zu
bleiben. Und wir taten recht daran. Denn als unsere Mitreisenden von
ihrem Abstecher heimkehrten, bedauerten sie lebhaft, da sie nicht
unserem Beispiel gefolgt wren. So hatten sie beispielsweise den groen
Wasserfall, der eine Sehenswrdigkeit Penangs bildet, nicht in Ttigkeit
sehen knnen, weil ihn die anhaltende Drre der letzten Zeit fast ganz
ausgetrocknet hatte; was ber die Katarakte hinunter rieselte, war nicht
der Rede wert gewesen.

Soweit wre der Aufenthalt in Penang nichts als eine Kette von
Unerquicklichkeiten gewesen -- doch halt! Nein, es war nicht ganz so
schlimm. Es gab auch lichte Seiten. Und dazu rechne ich das Fest, das
der Kapitn des Knig Albert zu Ehren des Knigs gab, dessen Namen
unser Schiff trug. Knig Albert von Sachsen hatte am 23. seinen
Geburtstag, der festlich begangen werden sollte. Schon am frhen Morgen
wurde die schsische Fahne gehit. Am Abend sollte dann ein groes
Festmahl sein, darauf Illumination und Tanz auf dem Promenadendeck.
Das heraufziehende Gewitter machte indessen einen Strich durch dies
Programm; die Illumination sowie der Tanz muten ganz ausfallen. Das
Festmahl fand aber statt und verlief in wrdiger Weise. Kche und Keller
gaben ihr Bestes her, und in frhlicher Stimmung sprachen alle den
Kunststcken unseres Hans Kchenmeisters zu.




VIII.

Colombo.


[Illustration: Der Hafen von Colombo.]

Die Fahrt von Penang bis Colombo war die bisher zweitlngste. Vom 24.
mittags bis zum 28., also dreieinhalb Tage, waren wir auf offener See.
Die Hitze hatte eher zu- als abgenommen, wozu dann noch die sich von Tag
zu Tag steigernde Unruhe des Meeres kam. Auch konnten wir nicht sofort
in den Hafen einlaufen, sei es, da der Lotse nicht zeitig genug fr uns
frei wurde, sei es, da irgend ein anderer Grund vorlag -- genug, wir
muten vor der Einfahrt vor Anker gehen und dort zwei Stunden liegen
bleiben. Wir lieen uns diese Verzgerung nicht verdrieen, sondern
betrachteten aufmerksamen Auges unsere Umgebung. Von allen Hfen des
chinesischen und indischen Meeres, die ich bisher gesehen habe, ist der
von Colombo unstreitig der schnste. Von Natur ist er nicht allzu gut
gelegen, deshalb hat Menschenhand nachhelfen mssen; und so sind denn
groartige Schutzanlagen geschaffen worden. Gewaltige Molen -- groe
steinerne Dmme bekanntlich -- laufen eine weite Strecke ins Meer
hinein, und es ist ein herrlicher Anblick, wenn man sieht, wie Welle auf
Welle gegen den Damm hochaufspritzend anprallt oder mitunter auch wohl
ber die blitzblanken Steine gischend dahinfegt.

Der Blick auf Hafen und Stadt bietet ein wunderbares Panorama. Wie
mit Schiffen vollgepfropft breitet der Hafen sich aus. Kriegsschiffe,
Passagierdampfer, Kauffahrteischiffe aller Art und aller Nationen
ankern in buntem Durcheinander. Dazwischen schieen, den Hafenverkehr
vermittelnd, die einheimischen Dschunken. Und dahinter liegt dann
die Stadt! So malerisch gelegen ist wohl keine im indischen Archipel.
Terrassenartig steigt sie auf und wird von prchtigen Wldern
eingesumt. Es war wohl nicht zuviel gesagt, wenn man von Ceylon als dem
Paradies der Welt gesprochen hatte.

[Illustration: Rathaus in Colombo mit Hollndischem Turm.]

[Illustration: Dagoba in Colombo.]

Als nun unser Schiff endlich in den Hafen einlief, wiederholte sich das
nmliche Schauspiel wie bisher: von allen Seiten stieen unaufhrlich
kleinere Kstenschiffe auf uns zu, die eine schreiende Schar von
Hndlern an Bord brachten. Jeder wollte den andern im Geschftemachen
berbieten, und man braucht nicht erst auszumalen, welch' Konzert daraus
entstand. Auch an uns Japaner machten sich die Leute heran; wir lieen
uns aber nicht viel auf ihre Unterhandlungen ein. Wir htten keine
Zeit sagten wir, wir haben heute noch viel vor und wollen an Land!
An Land? rief es da aus der Menge -- und siehe, ein Inder trat hervor
und bot sich uns als Fhrer an. Er radebrechte besser englisch als die
andern und betonte, da er fr uns wie geschaffen sei, da er selber
lngere Zeit in Japan gewesen und schon des fteren die Ehre gehabt
htte, japanische Herren fhren zu drfen. So? fragten wir. Gewi!
erwiderte er, bitte, meine Herren, sehen Sie sich meine Papiere an,
und damit berreichte er uns einen Sto von losen Blttern.
Neugierig blickten wir hinein, fanden auch manch von japanischer Hand
geschriebenes Wort der Anerkennung darin, doch fehlten auch Warnungen
vor ihm nicht. Da uns aber der Mann keinen unblen Eindruck machte, so
verpflichteten wir ihn nach einer Weile Feilschens fr den ganzen Tag
und zwar fr einen ziemlich hohen Preis.

[Illustration: In der Altstadt von Colombo.]

Wir fuhren also mit unserem Fhrer dem Lande zu, das wir in ungefhr
zehn Minuten erreichten. Sofort mieteten wir uns zwei elegante Wagen
und begaben uns zuerst in die innerhalb der Festungswerke gelegene
Europische Stadt, die, wie der Name sagt, von Europern und zwar
besonders von hollndischen Abkmmlingen bewohnt wird. Die Huser sind
in europischem Stil erbaut, jedoch mit den Abnderungen, die das Klima
bedingt. Hier befinden sich die Regierungsgebude, eine protestantische
und eine katholische Kirche, ein Militrhospital u.s.w. Dieser
europische neue Stadtteil sowie die Festungswerke sollen von den
Hollndern errichtet worden sein, welche sich seit der Mitte des
17.Jahrhunderts hier niederlieen, nachdem sie die Portugiesen
vertrieben hatten. Nach ca.anderthalbhundert Jahren muten aber die
Hollnder den Englndern weichen. Jetzt wird die Insel Ceylon von einem
englischen Gouverneur verwaltet.

[Illustration: Japan! Japan!]

Wir fuhren aus den Festungswerken heraus und kamen damit in die
Altstadt, wo sich die portugiesischen und hollndischen Mischlinge --
die sogenannten Eurasier -- Singhalesen, Tamilen, Mohren, Malayen, Neger
u.a., niedergelassen haben. Die Strae, die wir hinabfuhren, war
zu beiden Seiten mit den hier wild wachsenden Brot-, Mango- und
Zimmetbumen besetzt, auch an zu imposanter Hhe aufsteigenden Palmen
fehlte es nicht. Ebenso verschieden wie die Flora war aber auch das, was
der Mensch hier hingebaut hatte: die Huser. Da gab es eine ganze Reihe
von Gebuden, auf die der Name >Haus< wohl kaum pate, Htten waren's
und zwar oft der rmlichsten Art. Daneben erhoben sich aber ansehnliche,
ja bisweilen prchtige Gebude in europischer Stilart. Die Besitzer
knnen sich den Luxus recht gut leisten. In der Mehrzahl sind es reiche
Englnder, die sich vom Geschft zurckgezogen haben und nun ganz ihrer
Ruhe und Bequemlichkeit leben. Und sie haben entschieden einen guten
Geschmack. Ringsum nichts als Wiese, wogende Felder und Wald. Weiter und
weiter fuhren wir ins Land hinein, berall neue Pracht und neue Wunder.
Wie betubt von all dem Herrlichen waren wir und wir glaubten, da
dieses kstliche Fleckchen Erde frei von menschlicher Armut, von
menschlichem Elend sein mte. Doch dem war nicht so. Die Eingeborenen,
die in dem schlechten Ruf stehen, Miggnger zu sein, schienen uns
davon einen Beweis geben zu wollen. Allenthalben kamen halbnackte
Kinder uns in den Weg gelaufen, hielten die Hand auf und schrieen
ununterbrochen: Japan! Japan! Einige von ihnen hielten auch Blumen
feil, aber selbst diesen kleinen Schelmen gegenber war Vorsicht ntig.
Kaum hatten sie nmlich das Geld in Empfang genommen, als sie sich auch
aus dem Staube machten und zwar ohne uns die Blumen zurckzulassen.

[Illustration]

Die Eingeborenen sollen auch, wie dies ja von den Bewohnern der
heien Zone bekannt ist, leidenschaftlich und genuschtig bis zur
Ausschweifung sein. Unsere Fahrt fhrte uns dann zum Buddhatempel, den
wir unter Fhrung eines Priesters besichtigen durften. Unsere ziemlich
hochgespannten Erwartungen wurden indessen wenig befriedigt. Der Tempel
bietet trotz seiner oft gerhmten Schnheit nichts Besonderes. Er soll
der Hauptsitz des Buddhismus sein; wir hatten uns daher auf ein Bauwerk
von hohem kulturhistorischen Interesse gefat gemacht, hatten gehofft,
einen von Kunstschtzen nur so strotzenden Tempelbau zu Gesicht zu
bekommen -- und statt dessen, was sahen wir? Ein Bauwerk in neuem und
nicht gerade schnem Stil. Die Wnde im Innern waren mit grellbunten
Farben angestrichen und mit allerhand komischwirkenden Figuren bemalt.
Die Beleuchtung war schlecht; belriechende und viel Rauch entwickelnde
Kerzen hellten blo schwach das Dunkel auf. In der Hauptpagode befindet
sich das in Holz geschnitzte Bildnis des Buddha in liegender Stellung,
in den Seitenrumen sind allerlei Gtzenbilder aufgestellt. Die Gemlde
an den Wnden stellen das Leben nach dem Tode vor, die Seelenwanderung,
wie die Buddhisten sie nach ihrer Lehre annehmen. Da sahen wir auf der
einen Seite die Hlle mit ihren teuflischen Gestalten, auf der andern
das Paradies mit den guten, frommen Menschen, die hier nach dem Tode ein
herrliches neues Leben fhren drfen. Hinter der Pagode, auerhalb des
Gebudes, befindet sich ein Grabmal -- eine Dagoba -- worin Buddhas
Zhne oder sonstige Andenken an ihn begraben liegen sollen. Es ist
recht stimmungsvoll angelegt. Von einem wundervollen Blumenflor ist
es umgeben, und groe Vasen, denen Weihrauch entstrmt, stehen davor;
besonders fiel mir ein Tisch ins Auge, auf dem sich kleine, weie und
uerst wohlriechende Blten in knstlerischer Anordnung befanden. Mein
Fhrer bedeutete mir, da dies Blten eines dem Buddha geweihten Baumes
seien, und glaubte seiner Hochachtung vor mir keinen besseren Ausdruck
geben zu knnen, als da er mir eine dieser Blten als Geschenk
berreichte. Mit Dank nahm ich dies Andenken an und habe es zusammen mit
anderen dieser Art meinen Lieben zugesandt.

Rechts am Eingang zum Tempel stehen kleinere Gebude, in welchen die
Bonzen wohnen; in ihrer Tracht gleichen sie ihren Brdern in Japan,
nur tragen sie mit Vorliebe Gelb. Wo man sie sieht, halten sie einen
Rosenkranz in der Hand, auch sonst scheinen sie es mit ihrer Aufgabe
recht ernst zu nehmen; Beten und Fasten ist augenscheinlich ihre
Hauptbeschftigung. Einen wohlgenhrten Bonzen habe ich nicht bemerkt,
hingegen viele bleiche, hagere und hohlugige Gestalten.

[Illustration: Fruchtladen in Colombo.]

Da aber dieser Ort nicht durchaus ernsten und weltabgewandten Dingen
geweiht ist, beweist das Vorhandensein einer ganz modernen Einrichtung:
es liegt nmlich ein Fremdenbuch aus. Selbstverstndlich verewigten auch
wir uns darin und befolgten damit nur das, was vor uns viele Landsleute
getan hatten. Ein flchtiges Durchblttern zeigte mir manchen Namen aus
meinem heimatlichen Freundeskreise. Das Fremdenbuch war denn auch fr
mich das Interessanteste, alles brige blieb weit hinter den Erwartungen
zurck. Ich hatte mir den Ort, der fr die Lehre des Buddha soviel
bedeutet, denn doch etwas imposanter ausgemalt. In den Lndern,
die Buddhas Lehre weiter entwickelt und vervollkommnet haben, wie
beispielsweise bei uns in Japan, sind zweifelsohne groartigere Anlagen
dieser Art, als hier in Colombo. Allerdings mu ich hinzufgen, da
das eigentliche buddistische Heiligtum Ceylons sich in Candy, der alten
Hauptstadt, befindet. Die Mglichkeit, dorthin zu gelangen, war uns
gegeben worden; unter den Reisenden hatte man nmlich eine Umfrage
gehalten, wer Candy besichtigen wolle. Da die Beteiligung gro war, so
lie die Eisenbahnverwaltung einen Sonderzug abgehen; wir Japaner hatten
aber unsere Zeit bereits eingeteilt und standen deshalb zu gunsten
anderer Besichtigungen davon ab. Nachher hat uns aber diese
Nichtbeteiligung gereut. Denn das Heiligtum in Candy soll wirklich
von groer Bedeutung sein. Einer meiner Reisegefhrten entwarf eine
begeisterte Schilderung davon. Auch befnde sich dort die Ruine eines
alten, zerfallenen Buddhatempels und Palastes. Die Fahrt zu diesen
Heiligtmern soll unbeschreiblich schn sein, Mutter Natur soll hier
ihr Meisterwerk getan haben. Mein Berichterstatter, der sonst ziemlich
nchtern war, war in Erinnerung an diese landschaftlichen Schnheiten
wie umgewandelt und Ausrufe wie Wunderbar! Hochromantisch!
unterbrachen in einem fort seine lebhafte Erzhlung.

[Illustration: Singhalese mit Bananen.]

Die Besichtigung des Tempels hatte uns recht mde gemacht; wir hielten
es aber nicht mit den Bonzen: Fasten war fr uns nichts! Wir begaben uns
vielmehr in ein Htel, das am Strand gelegen und europisch eingerichtet
war. Wir hatten die salzigen Gerichte an Bord herzlich satt bekommen und
freuten uns, nun wieder etwas Frisches zu erhalten, soda wir uns daher
das Vorgesetzte doppelt gut schmecken lieen und tchtig zulangten.
Hummern, Fische und Muscheln wurden mit vielem Appetit verzehrt; am
meisten sprachen wir aber den Frchten zu. Was fr Frchte waren das
aber auch! In so ppiger Flle und Form drften sie wohl nur hier an
der Quelle gedeihen. Da wir diese Frchte zum ersten Male genossen, so
legten wir uns anfangs eine wohl begreifliche Vorsicht auf, doch mundete
uns diese Gtterspeise so ausgezeichnet, da wir bald unsere Vorsicht
sein lieen -- und es ist uns auch alles gut bekommen. Besonders
angenehm schmeckte eine Melonenart. Sie war gro wie ein ausgewachsener
Menschenkopf und ihr frisches, saftiges, gelbes Fleisch war wirklich
etwas fr Feinschmecker. Es war daher kein Wunder, da wie aus einem
Munde das Gelbnis kam: Wenn wir auf der Rckreise nirgends einkehren
sollten, hier, wo so edle Gewchse reifen, tun wir es gewi! Auch
die Bedienung war gut. Braune eingeborene Kellner verrichteten sie
zur vollsten Zufriedenheit; sie sahen in ihrem sauberen weien Linnen
appetitlich aus, waren die Aufmerksamkeit selber und servierten flink
und geschickt. Aber es mute dafr auch ein hohes Trinkgeld gegeben
werden, dessen Hhe auf der Speisekarte pro Person genau festgesetzt
war. Wir zahlten denn auch willig und begaben uns auf die Veranda, die
einen herrlichen Ausblick auf die See gewhrte. Auf bequemen Lehnsthlen
pflegten wir dort der Ruhe. Was das Auge sah, war von Anfang bis zu
Ende eine entzckende Pracht. Bis an die See dehnte sich ein ppiger
Blumengarten aus, der hier und da von prchtigen Rasenflchen
unterbrochen wurde. Die Strandlandschaft gemahnte uns mit ihren
mchtigen Felsen, grnen Wldern und all dem andern Schnen an die
japanische Kste, und so schweifte denn der freudetrunkene Blick des
Europafahrers weit hinber ber die Fluten, die soeben durchfurcht
worden waren, und sah die Heimat in sonnenhellem Glanze schimmern, sah
die Lieben daheim, und sacht schlo sich das Auge in seligem Traum. Doch
whrte derselbe leider nicht lange, die Zeit mahnte zum Aufbruch.

[Illustration: Landschaft bei Colombo.]

Als wir aus dem Htel traten, kam uns ein Inder mit einem groen Korbe
voller Schlangen entgegen; er lie seine Reptile zischen und nach der
Musik einer Flte sich aus ihrem Korbe erheben, indem er sich erbot
uns fr Geld weitere Kunststcke vorzufhren. Uns war aber der Anblick
dieser Tiere widerlich, wir wehrten deshalb entschieden ab, bestiegen
unsere Wagen und wandten uns der zweiten Nummer unseres Pensums zu:
Besichtigung des Hindutempels. Das Schnste an ihm ist sein Eingang,
der reich mit Holzschnitzerei verziert und in allen mglichen Farben
angestrichen ist. Leider entspricht das Innere nicht den Erwartungen.
Besonders Sehenswrdiges wte ich darin nicht anzufhren. Auch soll
dieser Bau mehr ein bloer Versammlungsort als eigentlicher Tempel sein.
An den Besuch des Hindutempels schlo sich derjenige der Moschee, in der
die dem Mohamedanismus anhngenden Eingeborenen ihre Andacht abhalten.
Es ist ein erst in neuerer Zeit aufgefhrtes Gebude; das uere war so
einfach und schlicht wie nur mglich gehalten, und wir hatten wohl
nicht viel verloren, wenn uns, den Bekennern eines anderen Glaubens, die
Besichtigung des Innern vorenthalten wurde.

[Illustration: Schlangenbeschwrer.]

Wir fuhren daher weiter und kamen an dem sehr schnen sogenannten
goldenen Garten vorbei und sahen auf der rechten Seite einen reizenden
kleinen See liegen, welcher uns lebhaft an den Shinobazu no Ike in
Tokio erinnerte. Unterwegs fielen uns ganz sonderbare Gestalten auf.
Eingeborene, die auf das bunteste aufgeputzt waren und auf dem Kopf
gewaltige Hrner trugen. Wahre Teufelsfratzen! Sie stellten in der Tat
auch etwas hnliches dar. Nach Angabe unseres Fhrers waren es Leute,
die sich so fr ein Fest, bei dem sie als Teufelstnzer mitwirken
sollten, zugerichtet hatten.

[Illustration: Am See von Colombo.]

[Illustration: Teufelstnzer in Colombo.]

Bevor wir uns wieder zum Hafen zurckbegaben, berhrten wir noch einmal
die Stadt und machten dort Einkufe. Diese Gelegenheit gab uns einen
ungefhren Begriff von der groen wirtschaftlichen Produktivitt
Ceylons. Was war da nicht alles zu sehen! Von den Edelsteinen werden
Rubine, Saphire, Topase etc. hier gewonnen; auch Bergkrystalle,
wasserhelle und rosenrote, Granaten, rote und braune, finden sich
hier. Dazu gesellen sich verschiedene Metalle wie Eisen, Zinn, Nickel,
Arsenik, Gold (zwar in geringer Menge) u.s.w. Ferner ist Colombo ein
Hauptstapelplatz fr Hlzer, die nicht nur fr den Bau von Husern und
Schiffen, sondern auch, namentlich in ihren zarteren Arten, fr feinere
Tischler- und Schnitzerarbeit sehr gesucht sind. Der Reichtum der Insel
an Gewrz, namentlich an Pfeffer und Zimmt, ist von altersher bekannt.
Sodann gehren der berhmte Ceylontee, Kaffeebohnen, Kokosl und aus den
Fasern von Palmen gewonnenes Tauwerk zu den wichtigsten Ausfuhrartikeln;
auch kunstvolle Schnitzereien aus Elfenbein und Ebenholz, von denen
wir einige Stcke einkauften, findet man. Alle diese Waren sahen wir
in Hlle und Flle in den vielen Lden aufgespeichert. Da sich indessen
unter den wertvollen Sachen, insbesondere unter den Edelsteinen, viele
Flschungen befinden, so mu der Kufer sehr auf der Hut sein; auch
tut er gut, von vornherein mit einem hohen Aufschlag zu rechnen und die
unangenehme Kunst des Handelns tchtig in Anwendung zu bringen.

[Illustration: Tamule.]

Das Straenbild in Colombo ist uerst bunt; da sieht man die Bonzen in
ihrem gelben Gewande, die Araber und Trken mit roter Kopfbedeckung, die
Eingeborenen, halbnackt, ein rotes, weies oder anderes farbiges Tuch
um ihre Lenden gewickelt; dazu kommen noch die elegant angekleideten
Englnder, die Nachkommen der Hollnder, der Portugiesen u.s.w. --
Von den verschiedenen Klassen der Bevlkerung sind die Singhalesen
hauptschlich Handwerker und Bediente, die Parsen fast ohne Ausnahme
Kaufleute, die Mohren Kleinhndler, die Malayen Soldaten, die Tamulen
Feld- und Gartenarbeiter. -- Ebenso mannigfaltig wie die Bevlkerung ist
auch die Verschiedenartigkeit der Mundarten; doch sind Singhalesisch und
Tamulisch die beiden herrschenden Sprachen. Hollndisch ist schon
ganz ausgestorben, Englisch aber nimmt immer mehr zu und wird als
Umgangssprache von den meisten gebraucht und verstanden.

[Illustration: Tamulin.]

So waren wir nun mit der Besichtigung der Stadt fertig. Am Abend ruhten
wir im Indischen Htel dicht am Hafen aus und konnten von hier aus
das ganze weite Becken bersehen. Die soeben untergehende goldene Sonne
frbte mit ihrem Purpur die eine Hlfte des tiefblauen Himmels und des
weitausgestreckten Meeres. Wir erfrischten uns an einem Glase Exportbier
und kehrten erst spt in der Nacht zum Knig Albert zurck.

Was uns in Colombo noch besonders interessierte, waren die von den
Englndern gefangenen Buren, welche in armseligen Htten untergebracht
waren. Beim Vorberfahren bemerkten wir, da viele von diesen
Schwergeprften in drftiger Kleidung umhergingen. Ein wahres Bild des
Elends! Ein wehes, ach so unendlich wehes Gefhl beschlich uns.
Diese Helden, die an Tapferkeit, Vaterlandsliebe und Entsagung das
Menschenmglichste geleistet hatten, nun hier, fern von der ber alles
geliebten Heimat, in der Verbannung, in der Fremde, im Elend! In regem
Mitgefhl grten wir hinber und unser stiller Wunsch war, da ihrer
Sache doch noch der Sieg beschieden sein mge, ein Wunsch, der, wie die
weiteren Ereignisse gelehrt haben, leider ein frommer geblieben ist.

Doch waren die Buren nicht allein. Sie hatten noch einen
Schicksalsgefhrten: den Egypter Arabi Pascha, den bekannten Fhrer des
von den Englndern unterdrckten Aufstandes von 1881. Wir hrten jedoch,
da man die Absicht habe, ihn in kurzer Zeit freizulassen, da er bei den
inzwischen vernderten Verhltnissen der Regierung nicht mehr gefhrlich
sein wrde.

Leider war unsere Zeit fr die weitere Besichtigung von Ceylon zu
kurz bemessen, doch hatten wir von diesem einen Tag genug, denn die
erstickend heie Luft wirkte so erschlaffend auf uns, da wir froh
waren, diesen Tag endlich glcklich berstanden zu haben. Auch die
elend aussehenden Eingeborenen, die Art und Weise ihres Lebens u.s.w.
wollten uns nicht besonders imponieren. Zwar hatten wir hier manche
Naturschnheiten gesehen, aber die Ansicht derjenigen, welche uns gesagt
hatten, da diese Insel als Paradies der Welt zu betrachten sei, konnte
ich leider nicht teilen, zur Bewahrheitung eines solchen Ausspruches
gehrt doch noch etwas mehr!

[Illustration]




IX.

Aden.


Nachdem wir noch eine Nacht vor Colombo gelegen hatten, verlie unser
Knig Albert den Hafen und setzte die Reise fort. Jetzt kam die
lngste Tour. Unsere Freude war daher gro, als am sechsten Tage der Ruf
erscholl: Land in Sicht! Schon beim Verlassen des Hafens am 29.April
vormittags 9Uhr war das Meer unruhig und zeigte einen ziemlich hohen
Wellengang; bei wolkenlosem Himmel blies der Wind so stark, da das
Schiff bald auf die rechte, bald auf die linke Seite geschleudert wurde.
Am folgenden Tage war es noch schlimmer; der Dampfer ging abwechselnd
vorn und hinten hoch wie ein Schaukelbrett, ab und zu schlug eine Welle
ber das Vorderdeck hinweg. Der Gischt sprang weit ber unsere Kpfe und
das unheimliche dumpfe Drhnen und Klirren der Schiffsschrauben mischte
sich in das Tosen der Elemente. Mit bedenklichen Gesichtern standen
die Offiziere auf dem Deck. Eine Zeit schwerer Arbeiten begann fr
die Mannschaften. Wir nahmen Zuflucht in unsere Kajte. Manche
Reisegefhrten zeigten recht blasse Gesichter, und die Unterhaltung
wollte nicht recht in Flu geraten. Die Mittagstafel im Speisesaal wies
bedenkliche Lcken auf; von unserer Kolonie waren nur zwei vertreten.
Wie uns der Offizier mitteilte, war das Unwetter auf einen heftigen
Sturm zurckzufhren, der einige Tage vorher hier gewtet hatte. Doch
unser seetchtiger Knig Albert arbeitete rastlos weiter, durchschnitt
stampfend mit unwiderstehlicher Kraft die drohenden Wogen, bis wir
endlich am 3.Mai die Insel Sokotra erreichten, an der wir nrdlich
vorberfuhren. Noch immer strzten die Wogen mit hohen Kmmen ber
die Wasserflche dahin, aber die eigentliche Kraft des Sturmes war
gebrochen. Die Hitze hatte bedeutend nachgelassen, ja, es herrschte eine
ganz angenehme Temperatur. Fliegende Fische schnellten aus dem Wasser
empor und durchschnitten in schnem Bogen die Luft; einige von ihnen
fielen auf das Verdeck nieder, und der dicke Hans Kchenmeister fing sie
als willkommene Beute schmunzelnd auf.

Im Laufe des Tages beruhigte sich die See vollstndig und nur kleine
Wellen kruselten ihre Oberflche. Es wurde Abend. Die Sonne neigte sich
zum Untergang und warf ihre Strahlen glhend ins Meer. Weit und breit
herrschte die tiefste Stille; nur das leise Gerusch der Wogen, die vom
Winde spielend hin und her bewegt wurden, war hrbar. Da -- welch ein
groartiges Schauspiel! -- steigt aus den feuchten Dnsten, gerade der
Sonne gegenber, leise der liebliche Vollmond herauf. Anfangs erblickt
man nur den oberen Rand der Mondscheibe, dann wchst sie langsam,
fortwhrend ihre Gestalt verndernd und immer neue Schnheiten
entfaltend, zu einem ungeheuer gro erscheinenden Halbkreis an. Jetzt
wird sie in ihrer ganzen Gre, in ihrem vollen Glanze sichtbar und
sendet ihre Strahlen auf die krystallenen Wellen, soda diese von einer
Seite wie mit Silber berschttet schienen, whrend sie auf der andern
Seite von den purpurnen Strahlen der untergehenden Sonne wie flieendes
Gold glitzerten. Die ungeheure Wasserflche, in deren Mitte wir uns
befanden, erscheint, so weit das Auge reicht, in einer Breite von
tausend und abertausend Meilen mit Millionen und Millionen funkelnder
Brillanten und Perlen berset. Und auf beiden Seiten des so wunderbar
beleuchteten, unendlich breiten Meeres die beiden herrlichen, teils
auf-, teils niedersteigenden Kugeln -- was htte uns ergreifender sein
knnen als diese Offenbarung der wunderwirkenden Kraft der Natur!
Bald senkt sich die Sonne auf das Meer herab, um schlielich ganz
unterzutauchen. Nur einzelne ihrer Strahlen und die herrliche
Beleuchtung des Himmels zeigen an, wo sie sich befindet. Eine Zeitlang
liegt der Wasserspiegel noch in stillem Dmmerlicht, bis auch dieses
verschwindet und die Nacht ihre dunklen Schatten ausbreitet.

Es ist unmglich, dieses erhabene Schauspiel der Natur in Worten
erschpfend auszudrcken und ich htte in diesem Augenblick gewnscht,
Dichter und Maler zugleich zu sein. In seliger Wonne lie ich meine
Blicke bald auf das unendliche Meer, bald auf das weite Firmament
schweifen und konnte mich nicht satt sehen an diesem Bilde herrlicher
Gottesnatur -- lange, lange stand ich trumend noch an Bord. -- Damals
hatte ich auch das Glck, das Sdliche Kreuz bewundern zu knnen,
welches an dem nchtlichen Himmel der Tropen allgemein als eins der
schnsten Sternenbilder bekannt ist. Wegen der hohen Durchsichtigkeit
der Tropenluft erscheint es viel grer und heller mit ruhigem
planetarischem Licht.

[Illustration: Am Hafen von Aden.]

Unser Schiff arbeitete sich weiter und weiter und brachte uns am 5.Mai
nach Aden. Wir sahen schon von weitem den gigantischen Leuchtturm, der,
mitten im Meere stehend, den brandenden Fluten und den Angriffen von
Wind und Wetter Trotz bietet -- ein Triumph der Baukunst! Nichts ist
erquickender, als der Anblick eines solchen Turmes, wenn man nach
mehrtgiger Fahrt ber eine salzige Meereswste, wo man nichts weiter
sieht als Wasser, endlich den Hafen erblickt und des freundlichen weit
hinaus strahlenden Lichtes gewahr wird. Der Hafen liegt am Sdostende
der Halbinsel und ist gerumig genug, um ganze Flotten zu bergen. Unser
Knig Albert lief geradenwegs in ihn ein, und so konnten wir nun von
Bord aus die englische Seestadt und Festung in Augenschein nehmen. Sie
liegt auf einem ziemlich hohen, kahlen und wild zerklfteten Felsblock,
dessen obere Kante wie ein Zickzack ausgeschnitten erscheint. In seiner
rtlich braunen Farbe bietet er aber dem Auge nichts Erquickendes
dar; kein Baum, kein Strauch ist zu sehen, welcher diesem den Felsen
Schatten geben knnte. Nur in einzelnen Felsspalten ein sprlicher,
halbdrrer Graswuchs -- sonst keine Spur einer Pflanzen-, noch weniger
einer Tierwelt. Um so reicher ist das Meer damit ausgestattet. Die
ganze Kste ist dicht bewachsen mit langen Schlingalgen, die von der
Oberflche des Wassers bis in eine enorme Tiefe hinabreichen. Diese
Pflanze, die fr die herannahenden Fahrzeuge natrlich eine groe Gefahr
bildet, ist fr das arme Land eine Wohltat infolge der zahllosen Tiere,
besonders Fischarten, die zwischen den Blttern dieser Schlinggewchse
leben. Auf diese Weise hat die Natur in reichlichem Mae das ersetzt,
was dem Lande gnzlich abgeht. Sonst wre es kaum begreiflich, wie
dieses Fleckchen Erde seit altersher in sich hat menschliches Leben
bergen knnen.

[Illustration: Cisternen von Aden.]

Von den Passagieren begaben sich nur wenige an Land; auch wir zogen es
vor, an Bord zu bleiben. Von einigen der ersteren hrten wir spter, da
wirklich nichts Sehenswrdiges auf dem Felsblock zu finden sei, es gbe
dort nur einige Kohlenmagazine, Werften und Faktoreien. Das einzige, das
ihr Interesse erregt htte, seien die Wasserbehlter. Man hat nmlich,
da es sehr schwer ist, auf dem Felsen Brunnenbauten vorzunehmen -- es
soll allerdings ca.fnfzig Brunnen geben, die sehr tief in den Fels
eingehauen sind -- mehrere groe Wasserreservoirs angelegt, um das vom
Gebirge herabstrmende Regenwasser aufzufangen. Dies wird dann durch
Rhrenleitungen an die Verbrauchsstelle befrdert und somit ist dem
groen belstand, dem Mangel an Trinkwasser, hinreichend Abhilfe getan.
Der Regen tritt hier zwar nicht sehr oft auf, jedoch wenn er kommt,
fllt er in ungeheuren Mengen und groen Tropfen nieder.

Wenngleich hier keine Landesprodukte gewonnen werden und demgem von
Handel berhaupt kaum gesprochen werden kann, so ist diese Stadt doch
wegen ihrer gnstigen Lage von altersher kein unwichtiger Punkt gewesen.
Aber erst in neuerer Zeit, seitdem die Englnder sie durch Gewalt
in ihre Hnde gebracht und den ohnehin von der Natur zu einer
uneinnehmbaren Feste geschaffenen Fels noch strker befestigt und die
Stadt zum Freihafen erklrt haben, ist sie sowohl in kommerzieller als
auch in politischer Hinsicht von groer Bedeutung geworden. Sie bildet
jetzt fr England ein Bindeglied mit Ostasien und Ostafrika. Seit der
Erffnung des Suezkanals hat sie noch mehr an Bedeutung gewonnen. Der
ungeheure Bedarf an Steinkohlen fr die hier passierenden Schiffe wird
allein von dieser Stadt gedeckt. So beherrscht jetzt England durch
Aden die Einfahrt vom Indischen Ozean in das Rote und hiermit in
das Mittellndische Meer, wie es durch Gibraltar die Einfahrt vom
Atlantischen Ozean in das Mittellndische Meer beherrscht. Mit Recht
nennt man daher Aden das Gibraltar des Orients.

[Illustration: Vor Aden.]

Unter den Bewohnern -- berwiegend mohamedanische Hindus -- herrschen
sehr viele ansteckende Krankheiten, weshalb man uns vorher schon davor
gewarnt hatte, von den an Bord kommenden Kaufleuten Zigarren, Kuchen
u.dergl. zu kaufen. Selbst durch diese sollen, wie ich hrte,
Krankheitskeime verbreitet werden; inwieweit hier eine Ansteckungsgefahr
vorliegt, kann ich aber nicht beurteilen. Jedenfalls hatten die in
Aden ansssigen Hindus und Araber, die an Bord kamen, zum Teil ein
schrecklich elendes Aussehen; nicht wenige waren mit Narben, Beulen und
Geschwren behaftet, so da wir den grten Ekel vor ihnen empfanden
und schon aus diesem Grunde auf die von ihnen angebotenen Waren
verzichteten. Drollig war es, die dunkelhutigen Knaben zu beobachten,
die in winzigen Khnen unser Schiff umkreisten und nach Silbermnzen im
Wasser tauchten. An diesem nicht gerade sehr genureichen Ort hielt
sich unser Schiff Gott sei Dank nur etwa fnf bis sechs Stunden auf; die
Abfahrt in das Rote Meer erfolgte den 5.Mai mittags.

Ich mu hier bemerken, da ich in Aden einen Brief von meinem lieben
Freunde, Herrn Professor Jamaguchi, aus Leipzig erhielt. Er war ein
halbes Jahr vor mir nach Deutschland abgereist und hatte fters ber
seine Reise Interessantes nach Japan berichtet, auch hatte er mir fr
meine Reiseausrstung verschiedene Winke gegeben, aus denen ich viel
praktischen Nutzen gezogen habe. Ebenso hatte er mir in betreff
der Reise und der whrend der Fahrt zu besichtigenden Stdte und
Sehenswrdigkeiten vieles geschrieben, was mir sehr ntzlich geworden
ist, wofr ich ihm sehr dankbar bin. Der Brief war vom 17.April datiert
und der erste, den ich whrend meiner Fahrt erhielt. Wie gro meine
Freude ber denselben war, kann man sich leicht denken. Als mein
Stubensteward ihn mir auf einem Tablett in die Kajte brachte, streckte
ich schnell meine Hand nach ihm aus, erbrach ihn in Hast und verschlang
frmlich seinen Inhalt, welcher im wesentlichen folgender war:

Deinen letzten Brief vom 10. Mrz habe ich richtig erhalten. Ich ersehe
daraus, da Du am 6.April von Japan abgefahren bist und freue
mich ungemein, da uns endlich ein frhliches Wiedersehen in nicht
allzulanger Zeit vergnnt ist. Diesen Brief schicke ich Dir durch den
deutschen Postdampfer Sachsen nach Aden, adressiert an Dich an Bord
des Knig Albert. Du wirst wohl Langeweile auf dem Indischen Ozean
gehabt haben, ebenso wie ich. Hoffentlich ist die Fahrt eine ruhige
gewesen und Dir nichts passiert. Wir hatten eine schwere berfahrt, denn
schon in der Nhe von Hongkong war das Meer sehr bewegt. Ein Gewitter
mit Sturm und Regen hatte sich erhoben, soda der Tisch beim Essen einen
Holzrahmen erhalten mute, um durch diesen das Herunterfallen der Teller
zu verhten. Sonst ging mir's auf dem Meere gut. In Aden wirst Du wohl
nicht lange bleiben; auch ich hatte dort keine Zeit, an Land zu gehen.
Von Aden wirst Du am Babelmandeb vorbei ins Rote Meer hineinfahren; da
werden die Wogen hher gehen und das Schiff stark hin und her werfen,
doch was knnen sie einem Schiffe wie Knig Albert anhaben? Im Roten
Meere wirst Du Schwrme von Delphinen und Springfischen bewundern
knnen. Jene wlzen sich wie dicke Fleischklumpen auf dem Wasser,
whrend diese wie weie Pfeile darber hinschnellen. Am 8.Mai etwa
wirst Du in Suez ankommen. Dieser Hafen ist, wie Du wohl weit, der
Eingang nach Europa. Als ich in Suez anlangte, kamen zwei rzte an Bord,
darunter eine Dame, die von den Passagieren mit unverhohlenem Interesse
betrachtet wurde. Smtliche Passagiere ohne Ausnahme muten sich einer
Untersuchung unterziehen.

Nun will ich Dir mitteilen, wie ich und meine Landsleute uns hier
eingerichtet haben. Ich hatte mich, wie ich Dir schon schrieb, seit
November vorigen Jahres in Berlin niedergelassen. Da ich aber dem Leben
in einer Grostadt die Stille und Ruhe vorziehe, war ich bald nach
Eberswalde bergesiedelt, einem von schnen Wldern umrahmten Ort, der
von Berlin per Bahn in 45Minuten zu erreichen ist. Jede Woche fuhr ich
viermal nach Berlin, um Colleg zu hren. Im Februar dieses Jahres jedoch
erhielt ich das Verzeichnis aller deutschen Universitten und ersah
daraus, da die Universitt Leipzig Berlin an Lehrkrften -- besonders
was meine Fcher anbetrifft -- berflgelt, und so habe ich mich nach
vorangegangener Einholung der Erlaubnis unseres Kultusministeriums in
Leipzig niedergelassen. Wie ich aus Deinem Briefe ersehen habe, willst
Du vorlufig in Berlin bleiben und dort die Lehranstalten besichtigen.
Ich mchte Dir aber hiermit gleich im voraus mitteilen, da diese
Besichtigung mit manchen Schwierigkeiten verknpft ist. Du mut nmlich
bei dem Kaiserlich Japanischen Gesandten in Berlin ein Schreiben
einreichen, mit Angabe der zu besichtigenden Schulen und der Bitte um
einen Erlaubnisschein. Dieses Schreiben wird von unserm Gesandten an
den preuischen Minister des uern gesandt und von diesem zum
Kultusminister. Die Genehmigung wird von diesem durch ein Dokument
erteilt, welches wieder denselben Weg rckwrts macht, um in Deine
Hnde zu gelangen. Dieses umstndliche Verfahren nimmt mehrere Wochen
in Anspruch; bei mir hat es sogar acht Wochen gedauert. Ich konnte diese
allzulange Zeit nicht abwarten und bat daher direkt den Kultusminister
um Erlaubnis, erhielt jedoch die Antwort, da ich den vorgeschriebenen
Weg durch die Gesandtschaft innehalten msse. Wenn Du also die Schulen
in Preuen besichtigen willst, so schlage diesen vorgezeichneten Weg
gleich nach Deiner Ankunft in Berlin ein. Die Zwischenzeit kannst Du
der Besichtigung der Sehenswrdigkeiten Berlins widmen oder bei mir in
Sachsen zubringen. In Sachsen ist der Besuch der Schulen ebenso wie in
Bayern und sterreich ohne weitere Umstnde gestattet.

Was die Universitten anbetrifft, so ist meiner Ansicht nach die
hiesige auch fr Dich viel geeigneter. Die uns interessierenden Fcher
sind hier besser vertreten und die Einrichtung des hiesigen
Seminars scheint mir den Vorzug zu verdienen. Auch hat Leipzig eine
Handelsakademie und spielt berhaupt als Industriestadt und als Zentrale
des Buchhandels eine groe Rolle. Das Studium der fremden Sprachen wird
hier sehr eifrig betrieben und Du kannst hier auch auf diesem Gebiet
Deinen Erfahrungskreis vergrern. Komm also doch zu mir herber nach
Leipzig!

Herrn Legationskanzler Ro, Deinen alten Bekannten aus Deiner Schule,
habe ich gebeten, da er sich fr Dich, sobald Du in Berlin angekommen
bist, um Wohnung u.s.w. bemhen und Dir mit Rat und Tat zur Seite
stehen mchte. Von Genua, wo Du Dein Schiff verlassen wirst, depeschiere
doch gleich an ihn; er wird Dich dann in Berlin auf dem Anhalter Bahnhof
erwarten und abholen. Alles andere findet sich dann von selbst und Du
kannst Dich getrost seiner Fhrung berlassen.

Nun zum Schlu habe ich Dir noch etwas recht Trauriges mitzuteilen,
nmlich, da unser verehrungswrdiger Freund, Herr Professor Tachibana,
am 23.Mrz von Berlin nach Japan abgereist ist, leider aber wegen
Krankheit. Er hat sich nmlich im Dezember vorigen Jahres eine Erkltung
zugezogen und seitdem fieberte er sehr stark. Es stellte sich heraus,
da er an Lungenschwindsucht leidet, und da gerade zwei Landsleute,
beide rzte, nach Japan zurckkehrten, so schlo er sich diesen an und
schiffte sich mit ihnen in Antwerpen auf einem japanischen Dampfer ein.
Diesem Dampfer Hitachimaru wirst Du wohl in Colombo oder in der Nhe
davon auf dem Meere begegnet sein. Was Professor Tachibana in England,
Frankreich, Deutschland und sterreich besichtigt hat, habe ich in
seinem Auftrage fr Dich notiert und werde es Dir spter mitteilen.

Herr Professor Haga hat sich seit Anfang April ebenfalls eine
starke Erkltung zugezogen; wir wollen wnschen, da es nur etwas
Vorbergehendes ist. Herrn Professor Fujishiro geht es sehr gut.

In Leipzig sind augenblicklich viele Deiner Freunde zu Studienzwecken
anwesend; das Leben ist hier wirklich sehr interessant. Den nchsten
Brief von mir wirst Du wohl in Suez oder Port Said erhalten.

Die Freude ber diesen Brief war gro, nur barg er einen Wermutstropfen
in sich: die Nachricht von der schlimmen Erkrankung meines teuren
Freundes und Kollegen Tachibana. Es war zwischen uns ausgemacht worden,
da er mich in Deutschland erwarten sollte, um von mir gewissermaen
abgelst zu werden. Diese Nachricht war daher eine groe Enttuschung
und ein harter Schlag fr mich. Eine dunkle Ahnung stieg in mir auf,
da wir uns vielleicht nicht mehr wiedersehen wrden. Htte ich doch in
Colombo oder auf dem Meere auf einen japanischen Dampfer geachtet, ich
htte ihn dann vielleicht noch sehen oder sprechen knnen! Ich hegte
damals den innigen Wunsch, da Gott ihm seine Gesundheit wiedergeben
mchte, auf da er, von der Fahrt gekrftigt, seine Lieben in der Heimat
umarmen knnte, ein Wunsch, der, wie ich spter erfuhr, leider nicht in
Erfllung gehen sollte.




X.

Suez und der Suez-Kanal.


[Illustration]

Das Rote Meer! Der Name schon hatte uns ein Grauen eingeflt, und
mit seltsamen Erwartungen waren wir dieser unheimlichen Fahrt
entgegengegangen. Man hatte uns nmlich gesagt, da die Hitze
hier auerordentlich gro sei, da das Wasser dieses Meeres in den
Wintermonaten ber 26 C. habe und da in der heiesten Periode die
Temperatur des Meeres und der Luft die Blutwrme bersteige, soda
die Postdampfer zur Umkehr gentigt seien u.s.w. u.s.w., alles
Nachrichten, die unserm Ohr nicht gerade angenehm klangen. Ich hatte
anfangs geglaubt, da die Hitze hier nicht grer als in Penang und
Singapore sein knnte, zumal das Meer viel weiter vom quator entfernt
ist. Da es aber in der Mitte der beiden Feuerbecken, der arabischen und
der afrikanischen Wste liegt, so scheint die Entfernung vom quator
keine besondere Rolle zu spielen. Wir waren also auf einen harten Kampf
mit nassen wie mit sengenden Elementen gefat und fuhren beklommenen
Mutes durch die breite Meerenge des Babelmandeb oder des Tores der
Trnen -- O, sie fhrt ihren Namen mit Recht, dachten wir bei unserer
jetzigen Stimmung -- in das Rote Meer hinein.

Wir konnten daher von Glck sagen, da wir whrend der ganzen Fahrt, die
volle vier Tage in Anspruch nahm, immer schnes Wetter hatten, da das
Meer infolgedessen so ruhig und spiegelglatt war, wie es nur selten der
Fall sein soll. Die so sehr gefrchtete Hitze war auch ertrglicher
als sonst und lange nicht so schlimm, wie man vermutet hatte. Zuerst
passierten wir einige Felseninseln, welche einen schnen Anblick
darboten und eine angenehme Abwechselung auf der eintnigen Wasserfahrt
bildeten. Sonst gab es nichts besonders Erwhnenswertes; es war immer
die alte Langeweile und die gewohnte Tagesordnung: essen, trinken,
Mittagsschlfchen halten, auf dem Deck auf- und niedergehen, der
Wellenbewegung zusehen und ins Meer hinausschauen, plaudern, ghnen
u.s.w. Eine von den Unterhaltungen mchte ich hier anfhren, die sich
von den mancherlei unsinnigen und albernen vorteilhaft unterschied,
nmlich die Frage, woher der Name des roten Meeres stamme. Einige
meinten in dem Worte rot die Bedeutung des Unheimlichen, drckend
Heien zu finden; andere suchten den Namen historisch zu erklren, indem
sie sagten, die mit Blut getrnkten Krieger der Pharaonen htten sich
hier gebadet, soda das ganze Meer davon rot geworden sei; wieder andere
meinten, da das Wasser des Meeres von dem rtlichen heien Sande der
Ufer eine rtliche Frbung erhalte und da der Name daher stamme. Wie
uns aber von den vielgereisten Schiffsoffizieren mitgeteilt wurde, hat
das Meer selbst eine sehr reine blaue Farbe, die aber des salzreichen
Kstenwassers wegen bei tiefem Stand der Sonne gelbrot erschiene.
berdies sollen hier auch die aus rtlichen Fden bestehenden Algen
so massenhaft auftreten, da sie oft die oberen Schichten des Wassers
bedecken und zur Ebbezeit als schleimige blutrote Masse am Ufer einen
breiten roten Saum bilden. Wir alle stimmten dieser Auslegung als der
wahrscheinlichsten bei -- vielleicht knnte in der Tat das Meer davon
seinen Namen erhalten haben.

Um die Langeweile zu vertreiben, wurde whrend der Fahrt ein groes
Tanzvergngen veranstaltet. Zu diesem Zweck wurde das Promenadendeck mit
Fahnen aller Nationen ausgeschmckt und mit bunten elektrischen Lampen
schn erleuchtet. Nach dem Abendessen fanden sich alle Herren und Damen
in Balltoilette in diesem improvisierten Tanzsaale ein und nach den
Klngen der Schiffskapelle wurde bis spt in die Nacht hinein getanzt.

Am 7.Mai, also kurz nach diesem Fest, fand ein anderes statt und zwar
ein Wohlttigkeitsfest, dessen Reinertrag fr verunglckte Seeleute des
>Norddeutschen Lloyd< oder deren Hinterbliebene bestimmt war. Auf jeder
Fahrt wird ein solches Fest veranstaltet, und die Einnahmen sollen nicht
unbedeutend sein. An diesem Abend wurden von verschiedenen Passagieren,
Damen und Herren, Vortrge aller Art gehalten, womit sie die Anwesenden
prchtig unterhielten, soda beim Einsammeln die freiwilligen Gaben
reichlich flossen. Auch dieses Fest whrte bis spt in die Nacht hinein
und es war schon frher Morgen, als sich die Teilnehmer ermdet in ihre
Kajten zurckzogen.

Mit der Fahrt auf dem Roten Meer war Gott sei Dank das schlimmste
berstanden und wir kamen am 9.Mai vormittags um 3Uhr wohlbehalten in
Suez an, wo gleich mit Anbruch des Tages rzte an Bord stiegen, um die
Passagiere zu untersuchen; es sollten nmlich whrend unserer Fahrt
in Ostasien Seuchen ausgebrochen sein. Die Untersuchung geschah auf
folgende Weise: wir Passagiere muten uns alle zunchst im Esalon
versammeln; dann muten wir, nachdem die Namen einzeln aufgerufen
worden waren, an den rzten, die sich an einer Seite aufgestellt hatten,
vorbeigehen. Soviel ich davon verstehe, hatte diese ganze Besichtigung
wenig Wert; denn wie kann ein Arzt durch einen Blick beurteilen, ob
jemand ansteckende Krankheitskeime in sich trgt oder nicht. Nur
ein Passagier, der ein bichen bla aussah und seit einigen Tagen an
Dysenterie litt, wurde gefragt, was ihm fehle, sonst niemand. In wenigen
Minuten war die ganze Angelegenheit erledigt. Da uns das Landen wegen
des kurzen Aufenthaltes nicht gestattet wurde, so konnten wir eine
Besichtigung des Ortes nicht vornehmen und muten uns damit begngen,
von Bord aus Umschau zu halten. Wir blieben bis 11Uhr hier liegen und
setzten um 12Uhr unsere Fahrt durch den Suezkanal fort.

[Illustration: Eingeborenen-Barke vor Suez.]

Die Hafenstadt Suez liegt bekanntlich am Ausgang des berhmten Kanals,
den der groe Franzose Lesseps mit unendlichen Mhen zustande gebracht
hat. Der Blick auf diesen Kanal gehrt mit zu dem Interessantesten, was
wir auf der ganzen Fahrt erlebt haben. Der Kanal ist 160km lang und
durchschneidet den Isthmus von Suez, welcher Afrika mit Asien verbindet,
und bringt so die beiden Meere, das Mittellndische und das Rote, in
Verbindung. Er ist nach zehnjhriger mhevoller Arbeit im Jahre 1869
erffnet worden. Seine Breite ist verschieden, an manchen Stellen ist
er so schmal, da unser Knig Albert fast die ganze Breite einnahm;
an einigen Stellen jedoch ist er ziemlich breit, besonders an den
Ausweichestellen fr die sich begegnenden Dampfer. Die Natur, die der
Kanal und seine Umgebung bietet, ist wenig rhmenswert, denn an beiden
Seiten sieht man nichts als de Sandwsten, nur hie und da unterbrochen
von Oasen mit ihrem frischen Grn. Einige der Seen, welche durch
den Kanal mit einander in Verbindung gesetzt werden und zugleich als
Ausweichestellen dienen, gewhren jedoch einen imposanten Anblick, so
z.B. der Bittersee, der grte von allen. Ein schlanker Leuchtturm, der
sich an dem Ein- und Ausgang dieses Sees befindet, trgt viel zu seiner
Verschnerung bei. Im allgemeinen kamen mir die Ansichten des linken
Ufers interessanter vor als die des rechten, obgleich man auch nichts
weiter als halbverdorrtes Gras und unfrmliche Sandhgel zu Gesicht
bekam. Doch der menschliche Verstand hat diese heie Sandwste zu
ntzlichen Zwecken zu verwerten gewut: man hat hier -- wie mir erzhlt
wurde -- natrliche Salzsiedereien angelegt. Man giet nmlich das hier
bedeutend salzhaltige Kstenwasser auf den glhend heien Sand, lt
es verdunsten und gewinnt so auf einfache Weise das Salz. Diese
Veranstaltungen konnten wir von Bord aus nicht sehen, aber einige
schwerbeladene Kamele mit ihren arabischen Treibern, die wohl zu den
Salinen wandern mochten, zeigten uns den Ort und die Stelle an, wo sie
lagen. Was der Mensch nicht alles auszunutzen versteht!

[Illustration: Beduinen am Suez-Kanal.]

Die beiden Ufer des Kanals sind aus knstlich aufgeworfenen Sanddmmen
hergestellt, und man konnte beim Passieren unseres Schiffes deutlich das
Auf- und Absteigen des Wassers erkennen und auch wie der Sand von den
Dmmen dabei abgesplt ward. Es versteht sich daher von selbst, da
Dampfbagger stndig in Ttigkeit bleiben mssen, damit der Kanal nicht
versandet.

[Illustration: Signalstation am Suez-Kanal.]

Unser Dampfer bewegte sich nur ganz langsam vorwrts, als wir pltzlich
versprten, wie derselbe mit einem Krach auf Sand geriet. Das Wasser
wurde trbe, und das Schiff schien sich ein klein wenig auf die eine
Seite zu legen. Mit einem Male geriet alles an Bord in Bewegung; es war
jedoch nichts zu befrchten, denn ein Blick auf die beiden Ufer, auf die
man im Notfalle ganz bequem hinberspringen konnte, gab jedem sofort das
Gefhl der Sicherheit zurck. Endlich erlangte das Schiff seine richtige
Lage wieder und wir vermochten mit ein paar Stunden Zeitverlust unsere
Reise langsam fortzusetzen. Wie wir spter von unserem Schiffskapitn
hrten, hat Knig Albert solchen Tiefgang, da der Boden des Schiffes
kaum einen Fu von der Kanalsohle entfernt bleibt, und der Lotse, der
fr die Fahrt durch den Kanal an Bord gekommen war, hatte aus Versehen
ein wenig zur Seite gelenkt und so etwas Boden mitgenommen. Eigentlich
ist der Suezkanal fr Schiffe von so groem Tiefgang, wie das unsrige,
viel zu klein angelegt. Wie langsam sich der Dampfer in diesem Kanal
bewegte, kann man schon daraus ersehen, da kleine Knaben, welche, bald
Money, Money rufend, bald die ihnen zugeworfenen Mnzen aufhebend,
halb nackt und barfu auf dem Sande des Ufers mitliefen, lange Strecken
mit dem Schiffe gleichen Schritt halten konnten, ferner erblickten wir
einige Beduinen auf schnverzierten Kamelen. Am Ufer sahen wir auch hier
und da bescheidene Huser, in welchen die Kanalwchter wohnen und von
denen aus Signale gegeben werden, da streng darauf geachtet werden mu,
da jedes Schiff seine Zeit innehlt, die zu jeder Durchfahrt genau
berechnet und angegeben werden mu. Nach den Signalen ziehen an den
breiten Ausweichestellen die entgegenkommenden Schiffe vorber; aber da
wir, wie vorher berichtet, etwa zwei bis drei Stunden Versptung hatten,
sammelten sich vor und hinter uns vier bis fnf Postdampfer an, soda
wir an einer dieser Ausweichestellen einige Zeit lang bleiben muten, um
dieselben vorbeipassieren zu lassen. Bei dieser Gelegenheit wurden wir
unseres japanischen Postdampfers mit der bekannten lieben Flagge gewahr.
Die Hitze, die so wie so schon gro genug war, wirkte durch dieses
mehrstndige Halten und die langsame Fahrt geradezu furchtbar, und
einige meiner Landsleute behaupteten, hier die grte Hitze whrend der
ganzen Fahrt versprt zu haben. Spt, sehr spt, erst gegen Mitternacht,
konnte die Abfahrt vor sich gehen, aber recht langsam, soda
eine Schnecke unser Vorreiter htte sein knnen. -- Die Nacht war
glcklicherweise sehr khl, was um so angenehmer empfunden wurde, je
grer die Hitze des vorangegangenen Tages gewesen. An dem Leuchtturm,
welcher mit wechselndem Licht versehen war, fuhren wir vorbei und
setzten unsern Weg fort.




XI.

Port Said.


[Illustration: Vor Port Said.]

[Illustration: Strae in Port Said.]

[Illustration: Araber.]

Am 10. Mai vormittags um 9Uhr kamen wir in Port Said an. In dieser
Hafenstadt, die ca. 50000 Einwohner hat, ging es sehr lebhaft zu.
Handel und Verkehr schienen hier ziemlich bedeutend zu sein. Als
unser Schiff in den Hafen einlief, drngte sich sogleich eine Menge
Handelsleute an Bord, um mit den Fahrgsten Geschfte zu machen, auch
viele Fhrer kamen herauf, um uns ihre Begleitung durch die Stadt
anzubieten. Diese umringten uns von allen Seiten und lugten mit ihren
hinterlistigen, habgierigen Augen umher, Geiern hnlich, die auf ihr
Opfer losstrzen wollen. Sie machten, wie die meisten Einwohner dieses
Ortes, einen recht unangenehmen Eindruck auf uns. Da die Stadt nur klein
ist, verzichteten wir gern auf so wenig vertrauenerweckende Begleiter
und hatten es auch nicht zu bereuen, denn in zwei Stunden waren wir mit
der ganzen Besichtigung zu Ende. Sehenswertes war gar nicht vorhanden.
Die Straen sind ziemlich unsauber, ebenso die Huser. Den Stadtteil, in
dem die Araber wohnen, konnten wir leider nicht in Augenschein nehmen,
denn bevor wir an Land gingen, war von unserm Kapitn bekannt gemacht
worden, da in Port Said und zwar im Araberviertel die schwarzen Pocken
wten sollten und da man sich vor diesen sehr in acht nehmen msse.
In einer der Hauptstraen sahen wir auer einigen japanischen Lden,
in denen von unseren Landsleuten echte japanische Waren feilgehalten
wurden, eine Menge Tabakslden. Der Tabak bildet hier das Hauptprodukt,
ist sehr billig und gut. Wegen des italienischen hohen Zolles --
denn wir muten ja spter ber Italien reisen -- durften wir jedoch
allzugroe Einkufe nicht machen. Besonders empfehlenswert sind hier
einige Cafs, in deren einem wir auch einen Mocca tranken und uns
etwas ausruhten. Nur mu man sich hier in acht nehmen, da man nicht
berteuert wird, wie es einem unserer Passagiere erging, der fr ein
Glas Bier, das er in einer Bierhalle nahm, den unerhrten Preis von
einem Schilling bezahlen mute. -- Die Straenjungen, die auf Schritt
und Tritt hinterher gelaufen kamen und gib Money, gib Money
schrien oder uns ihre Esel zum Reiten anpriesen, waren so dreist und
unverschmt, da wir mitunter unsern Stock zu Hilfe nehmen muten. Wir
waren froh, als wir mit heiler Haut aus diesem Sumpfnest wieder an Bord
unseres guten Schiffes gelangten.

[Illustration: gyptischer Eseljunge in Port Said.]

Bei der Besichtigung von Port Said darf man aber nicht unterlassen,
das Denkmal Ferdinand von Lesseps', des Erbauers des Suezkanals, zu
erwhnen. Das stattliche Monument ist aus Bronze gegossen und stellt die
ganze Figur dieses groen Mannes dar, der in zehn Jahren mit eiserner
Energie und unsglicher Mhe unter angestrengter Ttigkeit die
Durchstechung und Kanalisierung des Isthmus von Suez zustande gebracht
hat. Auf einem Granitsockel erhebt sich eine hohe Sule und auf dieser
steht das Standbild. Den Blick auf den Kanal gerichtet, hlt er in der
einen Hand, halb aufgerollt, die Karte desselben. Das Denkmal selbst ist
auf einem Ende eines aus Quadersteinen hergestellten Dammes errichtet,
welcher ziemlich weit ins Meer hineinluft, so da es von weitem den
Anschein hat, als erhebe sich das Denkmal direkt aus dem Wasser heraus.
Ein herrlicher Anblick! Der Gesichtsausdruck dieses Mannes zeigt einen
unbeugsamen Mut, verbunden mit Energie und Arbeitsamkeit. Ich schrieb am
Fue dieses Denkmals Ansichtspostkarten und zwar eine an meinen Freund
in der Heimat, die folgendermaen lautete: Vom Suezkanal und von
Lesseps hrt man oft, aber wenn man selber den Kanal passiert und
vor dem Denkmal dieses groen Mannes steht, kann man nicht umhin,
mit Hochachtung an ihn zu denken und seine groartige Willenskraft
zu bewundern. Bedenken und Hindernisse verschiedener Art: politischen
Widerstand, diplomatische Schwierigkeiten, heftige Beschuldigungen
seiner Gegner, argwhnische Vermutungen der Pforte, Eifersucht der
englischen Regierung und Gott wei was nicht noch alles hat der Mann
zu bekmpfen gehabt! Und der Segen erst, den die den Kanal passierenden
Reisenden und Schiffe heutzutage genieen! Mit Recht gilt der Mann als
ein Held des Friedens!

Eine zweite Karte sandte ich an meinen Jungen:

Von Lesseps kannst Du was lernen! In ihm findest Du wieder, was
Dir Zeit Deines Lebens nottut und vielen Menschen so sehr mangelt:
Beharrlichkeit und Unbeugsamkeit. Willst Du Sieger bleiben im harten
Wettstreit Deines Lebens, sieh Dir dieses Bild an und behalte fest im
Kopfe das eine Wort: Willensstrke!

Noch nach tausenden von Jahren wird dieses Denkmal hier stehen, werden
die Taten dieses Mannes der ganzen Menschheit zum Segen gereichen, man
wird ihn ewig preisen und nie vergessen.--

Nachdem wir uns wieder an Bord begeben hatten, kam ein Trupp
italienischer Musikanten, ein paar Mnner und Frauen, auf das Schiff,
welche die Passagiere teils mit Mandolinenspiel, teils mit Gesang
belustigten. Auch wir hrten einige Zeit zu und fanden, da sie ihre
Sache gut machten, wie auch, da die italienischen Mdchen hbsche
Gestalten hatten.

Nicht lange danach begrte unser Knig Albert das Mittellndische
Meer, das uns nunmehr unserem weiteren Ziele zufhren sollte.




XII.

Neapel.


[Illustration: Golf von Neapel.]

Bei der Abfahrt von Port Said wurden wir von einer hchst erfreulichen
Nachricht berrascht, die uns alle unangenehmen Eindrcke schnell
vergessen lie. Von neu hinzukommenden Passagieren erfuhren wir nmlich,
da unserem japanischen Kronprinzen ein Erbe geboren worden sei. Auch in
den Zeitungen, die wir in Port Said erhalten hatten, war zu lesen, da
das japanische Kaiserhaus am 5.Mai durch die Geburt eines Enkels und
Sohnes erfreut worden war, da also unserm Reiche ein weiterer Thronerbe
erstanden sei. Infolgedessen versammelte sich am Abend die ganze
japanische Kolonie zu einem Fest, bei dem wir auf das Wohl unseres
Kaiserhauses tranken und bei welcher Gelegenheit ich meiner Freude mit
folgenden Worten Ausdruck gab:

Meine Reisegefhrten und Freunde! Heute ist uns unerwartet die
erfreuliche Nachricht zugegangen von dem Glck, welches unserm
Kaiserlichen Hause zu teil geworden ist, nmlich da unserm Kaiser
ein Enkel, unserem Kronprinzen ein Sohn geboren sei. Diese Nachricht
gereicht uns umsomehr zur Freude, als sie uns noch whrend der
Fahrt erreicht hat, so da es uns noch an Bord, wo wir uns alle
zusammenbefinden, vergnnt ist, das Glas zu Ehren unseres Kaiserlichen
Hauses zu erheben. Wir knnen uns alle wohl vorstellen, wie gro
die Freude unseres Volkes in diesen Tagen gewesen sein mag. Unserem
Kaiserhause, das seit 2Jahrtausenden glcklich und weise das Land
regiert, mge mit diesem Prinzen ein weiteres bedeutsames Glied in der
langen Kette der Regenten hinzugefgt sein, auf da auch ihm, wenn
er dereinst dazu berufen wird, eine lange und segensreiche Regierung
beschieden sein mge!

Ich bat meine Reisegefhrten, sich mit mir zu erheben und einzustimmen
in den Ruf: Unsere Kaiserliche Familie lebe hoch! hoch! hoch!
welcher Aufforderung alle Anwesenden freudig nachkamen. So wurde unter
allgemeiner Freude fern der Heimat auf dem Mittellndischen Meere an
Bord eines deutschen Dampfers die Geburt unseres Kaiserlichen Enkels
gefeiert. Der Tag wird uns stets in lieber Erinnerung bleiben.

Am 10. Mai nachmittags zwei Uhr hatten wir Port Said verlassen und
passierten am folgenden Tage die Insel Kreta. Die Hitze, welche wir
lange Zeit zu erdulden gehabt, war nicht mehr zu spren. Wir muten
unsere leichten Kleider einpacken und wrmere hervorholen, so da der
Gepckraum viel in Anspruch genommen ward. Auerdem waren nicht wenige
mit Vorbereitungen fr die nahe bevorstehende Landung beschftigt, da
sie schon in Neapel das Schiff verlassen wollten. Auch wir freuten uns,
da wir nicht lange mehr an Bord zu bleiben brauchten, denn auch unsere
Reise zur See sollte in einigen Tagen ihr Ende erreichen.

Am 13.Mai mittags um 1Uhr kamen wir in Neapel an. Das Wetter war
recht khl, fast kalt zu nennen -- wir fhlten uns jedoch sehr wohl
dabei. Es kam uns nur so komisch vor, innerhalb sechs Wochen Sommer und
Winter durchmachen zu mssen.

Unser Schiff hielt sich hier nur einen halben Tag auf, so da uns
keine Zeit verblieb, Neapel eingehend zu besichtigen. Jedoch hatten
wir gehrt, da es dort viele Sehenswrdigkeiten gbe, insbesondere das
weltberhmte Aquarium -- von deutschen Gelehrten ins Leben gerufen und
von ihnen musterhaft verwaltet -- die Kniglichen Palste, Gallerien,
Museen, Kirchen, Konservatorien, Oper, Theater u.a.m. Es ist natrlich
rein unmglich, dieses alles in einem halben Tage in Augenschein
zu nehmen. Auerdem verloren wir durch ein gerade zu dieser Zeit
heraufziehendes Gewitter eine gute Stunde Zeit, so da wir es vorzogen,
auf dem Schiff zu bleiben und von Bord aus die schne Stadt zu
betrachten.

[Illustration: Strae in Neapel.]

Von den Passagieren unseres Knig Albert waren viele in die Stadt
gegangen, vor allem diejenigen, welche unser Schiff fr immer verlieen,
um von hier aus ihre Reise zu Land durch Italien fortzusetzen. Aber auch
an Bord wurde uns die Zeit nicht lang, denn wir hatten Mue, uns gehrig
umzusehen. Vor uns lag ein wunderbares Panorama: die majesttische Bai
von Neapel, in deren Hintergrund sich terrassenfrmig die Stadt mit
ihren weien, leuchtenden Gebuden erhebt; dazwischen herrliche Partien
mit immergrnen Bumen und dunklen Cypressen, welche dem Bilde eine
schne Harmonie verleihen, dann weiter hinten der feuerspeiende Berg,
der Vesuv, in seiner prchtigen, malerischen, einfachen Form, seine
schwarzen Rauchwolken gen Himmel sendend. Da Neapel, das alte Napolis,
die Hauptstadt des ehemaligen Knigreichs beider Sicilien, sich durch
seine reizvolle Lage vor allen andern Seestdten Italiens auszeichnet,
konnten wir also gleich beim ersten Anblick erkennen. Was uns an Bord
zuerst in die Augen fiel, war die ungeheuer groe Zollmauer und die fnf-
bis sechsstckigen Huser mit Balkonen und platten Dchern. Die Huser
am Strande sind, mit Ausnahme einzelner neuer Gebude, lteren Datums
und erinnern uns an die italienische Bauart, wie wir sie zu Hause
durch Bilder kennen gelernt haben. Die Stadt selbst sieht wie ein
gleichmiges Husermeer aus, nur unterbrochen durch die grnen Bume
oder andere Naturschnheiten. An Kirchen besitzt Neapel mehr als genug,
aber ihre Trme ragen nirgends hervor, auch die Palste verlieren sich
in dem unendlichen Husermeer. Am meisten machten sich die reizenden
Villen und Kasinos auf den Hgeln, die Arsenale und Hafenbauten, das
knigliche Schlo und vor allem die drei groen Kastelle bemerkbar. Wir
hatten geglaubt, unser Schiff wrde sich hier wenigstens 10-12Stunden
aufhalten und hatten uns vorgenommen, in diesem Falle die seiner Zeit
durch den Ausbruch des Vesuv verschttete und vernichtete, jetzt aber
zum Teil wieder freigelegte Stadt Pompeji anzusehen, muten den Plan
jedoch zu unserm Leidwesen aufgeben, da wir, wie schon gesagt, nur einen
halben Tag Zeit hatten.

Wie die Menschen hier aussehen, wie sie leben, was sie treiben u.s.w.,
konnten wir natrlich von Bord aus nicht gewahr werden; aber erzhlt
wurde uns, da das Volk hier im allgemeinen ernsten Beschftigungen
nicht gerne nachgeht, dafr aber umso lieber Belustigungen Auge und
Ohr leiht, da es auch allzuviel Zeit in den unzhligen Kaffeehusern
zubringt -- mit einem Wort, da es seiner Neigung und Laune mit
sdlicher Leidenschaftlichkeit gehorcht und da, als traurige Folge
davon, die Bevlkerung, zumal die niederen Klassen, sich in ziemlich
groer Armut und Unwissenheit befindet.

Auch viele Hndler kamen an Bord, um die verschiedensten italienischen
Gegenstnde anzubieten, wobei uns insbesondere die aus Lava gefertigten
Kunstwaren, ferner geschnittene Gemmen, marmorne Frauenkpfe u.a.m.
auffielen -- alles sehr kunstvoll gearbeitete, zierliche Gegenstnde.
Empfehlenswert sind besonders die aus Marmor gefertigten Sachen;
dieselben sind jedoch sehr teuer und man wird auf jeden Fall besser
daran tun, sie an Land und nicht auf dem Schiffe zu kaufen, da man dort
reeller bedient wird. Besonders vorsichtig mu man bei Gegenstnden aus
Lava sein, weil diese meistens verflscht sind.

So wurde unsere Zeit an Bord gut ausgefllt, bis wir abends acht Uhr --
wir schrieben den 13.Mai -- diese herrliche Bucht von Neapel verlieen
und nach Genua fuhren.

[Illustration: Lngs der italienischen Kste.]




XIII.

Allerlei Heiteres und Ernstes aus dem Leben auf dem Schiffe.


In einem deutschen Liede heit es: Wenn jemand eine Reise tut, dann
kann er was erzhlen. So geht es auch mir. Ehe ich Abschied nehme vom
Knig Albert, der uns so lange eine treue Unterkunft geboten, will
ich in Folgendem versuchen, meine Erlebnisse und Beobachtungen whrend
meines Aufenthaltes auf dem Schiffe niederzuschreiben; aber nur als
treuer Berichterstatter, ohne jede weitere Ausschmckung.

[Illustration: Reichspostdampfer des Norddeutschen Lloyd:
Knig Albert.]


Spiele auf dem Promenadendeck und im Rauchsalon.

Da wir auf dem Schiffe nichts zu tun hatten und die Langeweile uns
plagte, wurde alles hervorgesucht, was irgend einen Zeitvertreib oder
eine kleine Zerstreuung bot: Gesellschaftsspiele, wie z.B. Schach,
Domino, Dame, Kartenspiel, Wrfelspiel etc., mglichst harmlose Sachen,
nur um uns die Zeit zu vertreiben.

Bei gutem Wetter zog man selbstverstndlich Spiele im Freien vor, von
denen ich besonders das Reifenspiel und das Beutelchenwerfen erwhnen
mchte. Bei dem ersteren wird nach einem senkrecht aufgestellten Stab
mit Reifen aus strammem Seil geworfen und zwar so, da diese beim
Niederfallen den Stab einschlieen; bei den letzteren wird eine in
mehrere numerierte Felder geteilte Holztafel auf den Boden gelegt, nach
der man mit kleinen, gewhnlich mit Sand gefllten Beutelchen wirft --
derjenige, der am meisten Zahlen trifft, ist Sieger.

[Illustration: Spiele an Bord.]

Ein anderes Spiel ist dasjenige, bei dem man runde Holzplatten mit einem
Holzschieber -- das ist ein an einem Stabe in T-form befestigtes Brett
-- etwa 15Meter weit nach einem mit Kreide gezeichneten Platz stt.
Bei diesem Spiel werden die Mitspieler in zwei Parteien geteilt und dann
wird gewettet. Diejenige Partei hat gewonnen, welche die meisten Platten
in den abgegrenzten Raum gebracht hat.

Im Rauchsalon wurden Karten- und Wrfelspiele, Schach und anderes
gespielt. Was uns jedoch besonders auffiel, das waren die Glcksspiele
mit Karten und Wrfeln, bei denen sich besonders Englnder hervortaten.
Die Spieler setzten sich um den Tisch und dann wurde leidenschaftlich
und erregt das Spiel verfolgt. Da wir von Hause aus mit dieser Art
von Spielen nicht vertraut waren (bei uns sind dieselben gesetzlich
verboten) und uns dieselben recht unangenehm berhrten, so lehnten wir
stets die Aufforderung zur Beteiligung ab. Wir bemerkten, da nicht
selten diese Spiele einen ernsten Ausgang nahmen; denn manche verloren
dabei nicht wenig Geld, und in solchem Falle ging es nicht immer ohne
Schimpfen und grobe Bemerkungen ab. -- Am Dominospiel dagegen, welches
wir von einem an Bord befindlichen Deutschen erlernten, beteiligten wir
uns gern und zwar spielten wir dieses der Belebung halber um ein Glas
Bier. Bei dieser Gelegenheit fragte ich einige deutsche Passagiere, was
sie von dem Spielen um Geld hielten und wie es in Deutschland und
in andern Lndern Europas gehandhabt wrde, und da hrte ich denn so
mancherlei. In Deutschland sowie fast in ganz Europa sind Spiele um Geld
gesetzlich erlaubt. Glcksspiele jedoch, wie das Hazard, wobei es dem
Zufall berlassen bleibt, ob der Spieler gewinnt oder verliert, sind
streng verboten -- speziell in den ffentlichen Lokalen -- und
werden bestraft, besonders scharf die Spieler, bei denen es sich
um gewerbsmiges Spielen handelt. So vernahm ich von einem groen
Spielerproze in Deutschland, in den hochadlige junge Leute und
Offiziere verwickelt gewesen. Dieselben hatten einen Klub gegrndet mit
dem Namen Klub der Harmlosen, in welchem man fast nur Glcksspielen
gefrhnt. Ferner wurde mir erzhlt, da in einem der feinsten Klubs in
Wien hoch gespielt worden wre und da bei einem Spiel zwischen einem
ungarischen Baron und einem polnischen Grafen letzterer ungefhr zwei
Millionen Mark verloren habe. Aber auch ffentlich darf an einigen
Punkten Europas gespielt werden, und der bedeutendste Zufluchtsort der
Spieler soll Monte Carlo in dem kleinen Frstentum Monaco, unweit der
wegen ihrer Schnheit bekannten Stadt Nizza, sein. Hier wird in einem
nur fr diesen Zweck gebauten Kasino gespielt, das mrchenhaft schn
eingerichtet sein soll. Das Kasino gehrt einer Aktiengesellschaft,
durch deren Abgaben sogar das kleine Frstentum unterhalten wird und der
Frst des Landes groe Einnahmen bezieht.

Ferner werden in Europa bei Pferderennen groe Wetten abgeschlossen
und an eigens hierfr errichteten Wettmaschinen, Totalisator genannt,
Einstze in Geld fr den Sieger oder den Platz gemacht. Von diesen
Geldern, die dort angelegt werden, nimmt jeder Staat eine Steuer
fr sich in Anspruch. -- Aber auch selbst harmlose Spiele knnen zum
verwerflichen Glcksspiel werden, wenn die Betreffenden um Einstze
spielen, welche ihrem Vermgen oder Einkommen nicht entsprechen.


Echt deutsches Bier.

Aus lauter Langeweile und vor Durst wird an Bord ziemlich viel getrunken
und oft genug hrte man den Ruf: Spatz! -- so hie nmlich der
kleine Servierkellner im Rauchsalon. Wein, Schnaps, Brunnenwasser,
Citronenwasser, mitunter auch Champagner, wurden getrunken, am meisten
jedoch Bier. Von letzterem wurde jeden Tag eine Zahl Fsser geleert.
Bier trinken am meisten die Deutschen, die Franzosen lieben den Wein
und die Englnder ziehen allem andern den Schnaps oder Likr vor. Das
deutsche Bier wurde von smtlichen Passagieren hochgepriesen. Ich
habe mir zu Haus erzhlen lassen, da das Bier als Nationalgetrnk der
Deutschen in ihrem eigenen Lande vorzglich gebraut werde, und glaubte
auch in diesem Bier an Bord eine ausgezeichnete Braukunst zu erkennen.
Nun befand sich auf dem Schiff ein deutscher Braumeister, der seit
Jahren an einer japanischen Brauerei angestellt war und jetzt auf Urlaub
nach Deutschland fuhr. Auf meine Frage, ob er ein eben so gutes Bier in
Japan brauen knnte, sah er mich mit groen Augen an und sagte: Glauben
Sie, da dieses Bier, welches Sie hier jeden Tag trinken, ein echt
deutsches Bier ist? Auf meine bejahende Antwort erklrte er mir aber zu
meiner groen Verwunderung, da das Bier echt japanisch sei, worauf
mir der Ausruf entschlpfte: Sehr komisch! So erfuhr ich, da bei der
Fahrt von Deutschland nach Japan selbstverstndlich deutsches Bier, aber
bei der von Japan nach Deutschland japanisches Bier in deutschen Fssern
von den Schiffen mitgefhrt wird. Ich glaubte auf einem deutschen
Schiffe ein echt deutsches Bier, von dem man so viel Rhmens macht,
zu trinken und mute nun von einem Deutschen erfahren, da ich Bier
getrunken habe, welches in meinem eignen Heimatlande gebraut war. Die
Unwissenheit, welche ich hierbei an den Tag gelegt habe, bitte ich mir
zu gute zu halten, aber man ersieht daraus wieder, da das Fremde
von den Menschen, die nicht genau Bescheid wissen, blindlings hher
geschtzt wird, als das Heimatliche. Kein Prophet wird in seinem
Vaterlande geehrt. Seit dieser Geschichte bestellte ich nur noch:
Spatz, bringen Sie mir ein Glas sogenanntes deutsches Bier! worauf
er mir mit verstndnisvollem, verschmitzten Lcheln ein Glas echt
japanischen, goldklaren, schumenden Gerstensaftes reichte.


Ein unfreiwilliges Bad.

Die Badeeinrichtung auf dem Schiffe ist ganz anders, als man sie zu
Hause hat. Durch ein Rohr wird das Meerwasser in die Wanne geleitet und
je nachdem man hei oder kalt wnscht, hat man den einen oder den andern
Verschlu aufzudrehen. Fr Swasser befindet sich ein Behlter, woraus
fr jeden Badnehmer ein kleines Becken voll gefhrt wird. Da das salzige
Meerwasser sich unangenehm an dem Krper bemerkbar macht, so benutzt
man dieses Swasser zum Nachsplen und Nachwaschen. brigens ist
letzteres sehr kostbar auf den Schiffen und wird mit demselben uerst
sparsam umgegangen. Ich kannte die Einrichtung mit dem Auf- und Zudrehen
der Hhne nicht recht, und als das Schiff in der Mndung jenes trben
Flusses, des Jangtsekiang, vor Anker lag, ging ich zum ersten Male aus
Langeweile in die Badestube und drehte ahnungslos an dem einen Hahn. Da
erhielt ich auf einmal von der Decke einen Sprhregen des trben Wassers
ber meinen Kopf und die ganze Kleidung. Ich hatte unglcklicherweise
den Hahn der Brause gefat. Bevor ich noch recht zur Besinnung kam,
hrte ich mit Donnerstimme den Ruf: Was machen Sie da! und der
Badesteward trat herein. Er sah mich mit bser Miene an, sagte, da das
Rohr von dem trben Wasser des gelben Flusses verstopft werde, wenn man
ihn jetzt ffnete, da berhaupt das Baden nur whrend der Fahrt auf
offenem Meere erlaubt sei, aber nicht, wenn das Schiff stille lge
wie jetzt. Durchnt wie ein Pudel, von dem trben gelben Wasser des
Jangtsekiang von oben bis unten beschmutzt, von dem Donnerwetter des
Badestewards noch ganz niedergeschmettert, schlich ich davon in meine
Kajte, um wieder einen ordentlichen Menschen aus mir zu machen. Diese
Begebenheit ist unter meinen Landsleuten als mein unfreiwilliges Bad
bekannt geworden.


Beim Barbier.

Auf dem Knig Albert gab es auch einen Barbier und von diesem wollte
ich meine Haare schneiden lassen. Ich begab mich eines Tags zu ihm; er
war ein netter kleiner Kerl, und es entspann sich zwischen uns folgendes
Gesprch. Ich werde mich mit A. und den Barbier mit B. bezeichnen.

B. Mein Herr, sind Sie nicht krank gewesen?

A. Wieso denn?

B. Sie lassen ja Ihren Bart so wild wachsen. Wenn ich Sie so in den
Saal treten sah, habe ich immer geglaubt, Sie wollen Ihren Bart wegen
Krankheit nicht schneiden lassen.

A. Bewahre! Bin im Gegenteil so gesund und munter wie ein Fisch im
Wasser und auch immer gewesen. Aber wenn Sie meinen, da mein Bart
mir nicht gut steht, schneiden Sie ihn nach deutscher Mode, so gut Sie
knnen, damit ich recht ordentlich und chik aussehe.

B. Gut! Ich werde meine Kunst versuchen, aber es ist nicht so leicht,
aus einem wild gewachsenen Bart eine gute Form zu schneiden.

Nun begann der Barbier mir meinen Bart zu verschneiden, sprach
dabei ber dieses und jenes, fragte mich, wie es in Japan in einer
Barbierstube aussehe, was ein Barbier dort verdiene, wie gro der
Lohn eines Gehilfen sei u.s.w. u.s.w. Zuletzt zeigte er mir seine
Haarschneidemaschine und fragte mich:

B. Knnen Sie mir vielleicht angeben, wo diese Maschine gemacht worden
ist?

A. Keine Ahnung! Wie sollte ich so etwas wissen, ich verstehe ja von
Ihrem Fache nichts.

B. Das glaube ich gern, aber da diese gerade in Ihrer Heimat gemacht
ist, mchte ich Sie darauf aufmerksam machen. Die Maschine, die ich von
Hause mitgebracht hatte, ging entzwei und so mute ich diese in Yokohama
kaufen. Offen gestanden hatte ich anfangs zu ihr kein groes Vertrauen,
aber nun sehe ich zu meinem Erstaunen, da sie vorzglich ist. Schade,
da ich nicht noch mehr davon gekauft habe! Sie ist weit billiger als
die unsrige, aber trotzdem ist sie besser und bequemer zur Handhabung.
In der Tat sind die Herren Japaner ein wunderbares Volk! Alles knnen
sie leisten, nichts ist ihnen unmglich!

Dabei arbeitete er unentwegt weiter; der Bart ward krzer und krzer, er
besah ihn mit verstndnisvollem Gesicht von der Seite und von vorn, von
fern und nah, schnitt weiter, besah ihn wieder und so ging es eine Weile
fort, bis ich fast keinen Bart mehr mein eigen nennen konnte. Jetzt
rhmte er mir die Schnurrbarttracht: Es ist erreicht!

B. Nun mssen Sie aber Ihren Schnurrbart in die Hhe gewhnen.

A. Da ich mich einmal Ihren Meisterhnden anvertraut habe, so machen
Sie nur, wie es Ihnen gefllt! Die Verantwortlichkeit liegt ganz bei
Ihnen.

B. Sehr gut, mein Herr! Sie brauchen nicht im geringsten besorgt zu
sein! Mit diesem Brenneisen werde ich nun Ihren Schnurrbart ausziehen.
So...., ach wie schneidig Sie nun aussehen! Sie sehen wie ein echter
Deutscher aus! Aber zu einem eleganten Herrn ist ein Parfm wohl
unentbehrlich. Kaufen Sie doch ein Flschchen, ich habe alle Sorten in
meinem Schrank vorrtig -- hier, das ist Veilchen... o, wie schn das
riecht!... dies hier ist Heliotrop, auch was Feines... Das Kostbarste
ist aber dieses Flschchen, Herr! Das ist Rosenl... der edelste Tropfen
berhaupt, den es gibt!

A. Sie verstehen Ihre Sachen gut anzupreisen, Herr Barbier! Sie sind
ein tchtiger Geschftsmann, vor dem man auf seiner Hut sein mu. Doch
werde ich Ihnen zu Liebe ein Flschchen abkaufen, es sei denn, da Sie
Ihre Sachen nicht so teuer losschlagen.

B. I, Gott bewahre! Da ich der reellste Mensch bin, das wissen ja alle
Mannschaften und Passagiere des Knig Albert. Auerdem sind alle
meine Sachen zollfrei und Sie werden sie ebenso billig kriegen wie
in Deutschland... Ist Ihnen denn sonst nichts gefllig? Hier, diese
Schnurrbartbinde? Kmme? Pomade?

Da aber seine Aufmunterungen zu weiteren Ankufen bei mir nicht
verfangen wollten, so schlug er ein anderes Thema an, indem er sagte:

B. Hren Sie, mein Herr! Die Haare der Herren Japaner sind doppelt so
stark wie die der Europer. Meine Werkzeuge werden demnach doppelt so
schnell stumpf. Auerdem fliegen die struppigen Haare im Zimmer umher
und ich mu meine Augen wohl in Acht nehmen.

Ich merkte aus seinen Reden heraus, da er auf ein tchtiges Trinkgeld
reflektierte und sagte ganz verschmitzt:

A. Ganz recht! Die Arbeit eines Barbiers mag wohl eine recht schwere
sein, besonders wenn er einen unserer Landsleute unter seiner Schere
hat. Aber ein geschickter Meister wie Sie wei in allem Bescheid. Ihnen
macht wohl ein so eigenartiges Haar wie das unsrige viel Spa beim
Schneiden, nicht wahr?

In der Tat hatte aber der Barbier recht. Denn durch den Luftzug des
Ventilators, der sehr gut funktionierte und die drckend heie Luft der
Barbierstube bedeutend herabsetzte, flogen unsere struppigen Haare in
dem Raum umher, da die Insassen nicht wenig davon belstigt wurden. Im
groen und ganzen habe ich gesehen, da der deutsche Barbier bei
weitem ungeschickter ist als der unsrige. Auerdem ist letzterer viel
peinlicher und vorsichtiger. -- In Schwei gebadet, mit Haaren bedeckt,
kam ich, eine kleine Flasche Parfm in der Hand und unter dem Kinn den
winzigen Schnurrbart, den letzten Rest meines ehemaligen Vollbartes,
zurck. Einmal und nicht wieder! -- Spter erfuhr ich, da es allen
meinen Landsleuten ebenso ergangen war und da jeder eine Flasche Parfm
erstanden hatte.


Der japanisch-russische Krieg.

Unter den Passagieren befanden sich Englnder, Franzosen und Deutsche in
ziemlich gleicher Zahl und so oft diese auf dem Verdeck zusammenkamen,
wurden Gesprche ber allerhand politische Gegenstnde gefhrt. Wovon
man uns besonders oft erzhlte, das war der japanisch-chinesische Krieg
und die groe Tapferkeit der japanischen Soldaten, welche, wie man
meinte, in jeder Beziehung die chinesischen bedeutend bertreffen,
speziell im Punkte der Mannszucht und Disziplin. Es wurde auch viel
von der groen Beute erzhlt, welche die verbndeten Soldaten bei
den letzten Unruhen in Nordchina gemacht htten. Einige franzsische
Kaufleute, welche sich auf der Rckreise von China befanden, berichteten
uns genaue Einzelheiten und behaupteten, da bei diesen Wirren ein
ungeheurer Reichtum von China nach Europa transportiert worden sei: so
zeigte einer von ihnen eine sehr schne Uhr, eine goldene mit mehreren
Kapseln versehene Taschenuhr, verschwenderisch mit Edelsteinen und
Brillanten berset, und erzhlte hierbei, da dieselbe aus dem
kaiserlichen Palast in Peking stammen solle. -- Ein anderer, erst in
Singapore an Bord gekommener Passagier bemerkte mit ernster Miene, da
er bei seiner Abfahrt ein Gercht vernommen htte, da zwischen Japan
und Ruland ein Krieg ausgebrochen sei. Wir glaubten dies zwar nicht,
immerhin aber war ein neues Thema angeregt und von allen Seiten wurde
ber dasselbe lebhaft debattiert. Der Brennpunkt war die Frage: welche
der beiden Nationen Sieger bleiben werde? Wir hrten ruhig mit zu und
nach lngerem Hin- und Herraten stellte sich als Resultat heraus,
da Japan bei einem krzeren Kriege die meisten Chancen htte! Jedoch
wrden, falls der Krieg sich lngere Zeit hinziehen wrde, die Russen
wohl imstande sein, die Oberhand zu gewinnen, da sie bei der Gre
ihres Reiches im Verhltnis zu dem kleinen Japan dieses an Menschenzahl
bertreffen. Wir enthielten uns jeder uerung, da trat ein
hochgewachsener Mann mit groem Vollbart ungeduldig in den Kreis und
sagte mit ernster, drhnender Stimme: Was kann denn Ruland gegen
Japan ausrichten? Japan besitzt ja bei strengster Disziplin eine
ausgezeichnete Kriegsmacht und eine wohlgerstete Flotte von 25000
Tonnen. Die russischen Barbaren, die nur zum Sengen und Brennen, Rauben
und Morden geeignet sind, knnen gegen ein so vorzglich organisiertes
Heer nichts tun. Wenn einige behaupten, da die Japaner im Krperbau
kleiner sind als die Russen, und infolgedessen im Kampfe Mann gegen Mann
nicht standhalten knnten, so mu ich dies entschieden bestreiten, denn
im Kriege ist der Krperbau der einzelnen Soldaten nicht magebend,
sondern der in ihnen wohnende Geist, die Opferfreudigkeit, die
Ausdauer, der unerschtterliche Mut, der den Tod nicht scheut, das
Nationalbewutsein, welches sie, treu ergeben bis zum letzten Atemzuge,
ihr Leben hingeben lt. Alle diese Tugenden sind den japanischen
Soldaten eigen. Da brigens der moderne Krieg kein Kampf der einzelnen
Menschen gegeneinander, sondern ein Wettstreit der materiellen wie der
geistigen Krfte ist, ist jedem wohl bekannt. Der Umstand, da Ruland
infolge der Gre seines Landes viel mehr Menschen ins Feld stellen
knnte, hat auch nicht viel zu sagen; denn bei einem Kriege ist die
Beweglichkeit der Truppen ausschlaggebend und nicht ihre Zahl. Da die
Japaner die flinksten Soldaten waren, das haben sie bei den letzten
Unruhen in Nordchina vor den Augen der verbndeten Soldaten Europas und
Amerikas vortrefflich bewiesen. Bei einer noch so langen Lanze kann
nur die Spitze tten und die Ochsen knnen nicht mit Hasen um die
Wette laufen. Die Russen haben auch unser Land vernichtet, unser Volk
ermordet; ich habe mit meinen eigenen Augen gesehen, wie sie meine
Eltern und Geschwister gettet haben. Wir haben Rache geschworen gegen
diese Unmenschen. Wir haben noch zwei Millionen kriegstchtige Mnner,
die stets bereit sind, die Waffen gegen Ruland zu kehren. Wenn also
Japan mit Ruland in Krieg gert, so wrden wir die Russen von hinten
anfallen, auch wenn wir dieses Unterfangen mit dem Leben bezahlen
mten. Wir wrden alles opfern und Japan zur Seite stehen!

Wer ist denn der? fragten wir uns verwundert, worauf der Unbekannte
unter lautem Seufzer erwiderte, da er einer der unglcklichen,
mihandelten, heimatlosen Polen sei. Ob seine Reden Beifall fanden oder
nicht, wissen wir nicht; aber wir bemerkten, da, als er die Grausamkeit
der Russen erwhnte, seine Augen funkelten, seine Glieder zitterten, und
in dem Augenblick, als er seine geballte Faust erhob, konnte man wohl
ermessen, welch glhender Ha ihn gegen die Russen beseelte. Durch das
Feuer seiner Rede hingerissen, dachten wir unwillkrlich an das traurige
Ende seines Reiches und fhlten mit ihm. Wir konnten nicht umhin, uns im
Stillen zu sagen, da manches von dem Vorgebrachten wahr sei, wenn wir
auch nicht alles glaubten, was uns dieser Pole mit Feuereifer vortrug.


Die Mahlzeiten auf dem Schiffe.

Hans Kchenmeister, dem wir unsern leiblichen Teil anvertraut hatten,
verstand seine Sache vortrefflich, soda wir unter seiner Obhut gut
aufgehoben waren. Zudem war er sehr freigebig. Denn jeden Mittag und
Abend bestand die Speisenfolge aus vielen Gngen, soda man trotz des
gutes Appetites, den die frische Seeluft bei smtlichen Passagieren
erregte, nicht alles verzehren konnte. Morgens frh um 6Uhr gab es das
erste Frhstck mit Kaffee oder Tee, Brdchen, Frchten u.s.w., um
8Uhr das zweite, dazu eine warme Fleischspeise, um 11Uhr Kaffee mit
einem kleinen Imbi, mittags gegen 1Uhr das groe Mittagessen mit
vielen Gngen, dann nachmittags um 4Uhr wieder Kaffee und um 7Uhr das
Abendessen, dem um 9Uhr noch einmal Kaffee, Tee, Zitronenwasser oder
sonstige erfrischende Getrnke folgten. Ich mu wirklich gestehen, da
die Verpflegung auf dem Schiffe gut, sehr gut war, und doch hatte ich
eins zu tadeln und das waren die salzigen Speisen. Als ich am ersten
Tage meines Aufenthaltes an Bord den ersten Lffel Suppe zu Munde
fhrte, glaubte ich reines Salzwasser getrunken zu haben, soda ich
den Lffel sofort fortlegte, und so wie mir erging es meinen smtlichen
Landsleuten. Einige Tage konnten wir nichts essen, bis uns der Hunger
qulte und wir uns nach und nach an die salzige Kost gewhnen lernten.
Da der Hunger der beste Koch sei, gilt also erst recht auf dem
Schiffe! Zwar hatte ich schon in der Heimat gehrt, da die Gerichte der
Deutschen viel schrfer als die unsrigen wren, aber wir hatten nicht
geahnt, da die Speisen bei ihnen so salzig genossen wrden. Da wir
nach dem Essen immer ungeheuren Durst empfanden, ist selbstverstndlich
und wir konnten uns nun erklren, weshalb tglich soviel Bier verzapft
wurde und weshalb die Deutschen so groe Mengen dieses Gebrues
vertilgen.

[Illustration: Ein Schiff in Sicht.]


Charakterskizzen einzelner Nationen.

Unter den vielen Nationalitten, die sich an Bord befanden, traten die
verschiedensten Gebruche und Gewohnheiten hervor. So fiel es mir auf,
da die Englnder -- Damen wie Herren -- besonderes Gewicht auf die
Toilette legten. Beim Abendessen z.B. erschienen die Englnder stets in
schwarzer Kleidung, whrend die andern Passagiere sich so zeigten, wie
sie gerade angezogen waren, und sich nicht erst besonders
umkleideten. Ebenso erschienen die englischen Damen dekolletiert in
Gesellschaftstoilette. Am Sonntag zum Gottesdienst waren fast immer nur
Englnder zugegen, die der Predigt ihres landsmnnischen Predigers,
der lange als Missionar in China ttig gewesen sein sollte, andchtig
zuhrten. Andere Nationen erschienen zu dieser Feier hchst selten. Auch
waren es ausnahmsweise Englnder, die sich mit groer Beweglichkeit an
den Spielen beteiligten und sich dabei selbst alte Leute mit den Kindern
vergngten. Da die Englnder auch im Kartenspiel gro sind, habe
ich bereits oben erwhnt. -- In Colombo war eine englische
Schauspielertruppe an Bord gekommen. Das Benehmen derselben aber war
nicht gerade lobenswert zu nennen. Sie waren zwar lebhaft, hatten aber
wenig feine Manieren, wie sie bei andern ihrer Landsleute oft zu finden
sind; besonders war das Singen, Schreien, Trinken u.s.w. der Damen
recht unschn, soda wir ordentlich aufatmeten, als diese Gesellschaft
das Schiff verlie.

Die Deutschen sind stillerer Natur; sie sitzen gewhnlich bei einem
Glase Bier, rauchen Zigarren oder lesen irgend etwas, was sie auf
dem Schiff bekommen, wie Novellen, Reisebeschreibungen u.s.w., die
Bibliothek des Schiffes steht zwar jedem jederzeit zur Verfgung, wird
aber am meisten von Deutschen in Anspruch genommen. Die interessantesten
Bcher gehen stets von einem Deutschen zum andern, soda wir diese kaum
zum Lesen erhielten. Einige von ihnen sitzen im Winkel des Rauchsalons
und sind so in ihre Lektre vertieft, da sie kaum merken, was um sie
vorgeht. Um ihr ueres bekmmern sich die Deutschen bedeutend weniger
als die Englnder, sie geben sich ganz ungezwungen. Von ihnen kann man
sagen: wahrlich ein leselustiges Volk.

Die Franzosen sind immer aufgeweckt, frhlich und gesprchig, sie
gehen meistens in laut gefhrter Unterhaltung auf dem Promenadendeck
spazieren, mischen sich in jedes Gesprch, spielen Karten, trinken,
rauchen Cigaretten und sind immer vergngt und guter Dinge. Ich sprach
mit einem Franzosen und sagte, da seine Landsleute zwar sehr leutselig,
gewandt im Verkehr und witzig seien, aber da sie in mancher Beziehung
zu leichtlebig und ihrer Regierung allzuoft Sorgen bereiten, soda
diese stets darauf bedacht sein msse, neue Ablenkungen fr das Volk zu
finden, wenn es sich nicht allzuviel mit den politischen Angelegenheiten
beschftigen sollte. Da sagte mir der Franzose, da diese Ansichten fast
von allen Menschen geteilt, aber in Wirklichkeit nicht zutreffend seien.
Er meinte, man knne wohl die Pariser so beurteilen, aber wenn man von
dem ganzen franzsischen Volke sprche, so sei dies etwas bertrieben.
Paris ist eine Weltstadt, in der alle Nationen in groer Anzahl
vertreten sind; will man daher echte Franzosen kennen lernen, so darf
man diese nicht in Paris suchen. Wenn man einmal ins Innere des Landes
kommt, wird man ein Volk mit stillerem, ruhigerem Charakter antreffen,
das von den sogenannten Parisern sehr absticht. Schlicht, einfach und
gehorsam, sanft wie ein Lmmchen, kmmern sich diese Leute wenig oder
garnicht um Politik. Als ein Beispiel dafr knnte man jene merkwrdige
Begebenheit mit Dreyfus anfhren, ber den in Paris so viel geschrieben
und gesprochen wurde. Man nahm an, da dies die Stimme ganz Frankreichs
wre, in Wirklichkeit aber wute man auerhalb von Paris nur wenig
von ihm. Whrend die ganze Stadt in groer Aufregung war, als der
Verurteilte nach seinem Verbannungsorte geschickt werden sollte,
stand man dieser Sache im Lande ziemlich khl gegenber. Um den echten
Franzosen kennen zu lernen, sollte man also ins Innere gehen, nur dort
kann man Land und Leute richtig beurteilen. Ich gab seinen Ausfhrungen
Recht und versicherte ihm, da dieselben viel berzeugendes htten.

Wie sich nun unsere Landsleute auf dem Schiffe bewegten, was sie
trieben und wie sie lebten, brauche ich hier nicht zu errtern, denn
der japanische Charakter ist ja uns allen bekannt. Sollte jedoch irgend
jemand sein, der es wissen mchte, nun gut, der mag selbst die Reise
antreten.


Die Seekrankheit.

Ja, die Seekrankheit ist eine wunderbare Krankheit! Gottlob, da sie
auf unserer Fahrt nicht so schlimm auftrat, trotzdem wir von Colombo bis
Aden fast fnf Tage lang ziemlich hohen Wellengang hatten. Es ist ein
unheimliches Gefhl, wenn das Schiff so stark schaukelt, sich jetzt
auf diese, nun auf jene Seite legt; bald glaubt man in einen Abgrund zu
versinken, bald zu den Wolken emporgetragen zu werden. Und dann, wenn
sich das Hinterschiff aus dem Wasser erhebt, das dumpfe Getse der
Schrauben, das man noch lange nach beendigter Fahrt zu vernehmen glaubt.
An einem besonders strmischen Tage konnten die meisten den Speisesaal
nicht betreten. Eine Dame war vom Anfang der Fahrt bis zum Ende
seekrank, soda sie fortwhrend auf dem Verdeck liegen mute und weder
essen noch schlafen konnte; sie sah wirklich mitleiderregend aus. Ein
junger Deutscher pflegte sie sehr aufopfernd, soda man glauben konnte,
die beiden stnden sich auch im sonstigen Leben nher. Beide verlieen
das Schiff in Neapel, um ihre Reise von dort aus zu Land fortzusetzen.
Unsere besten Wnsche begleiteten sie, und wir hofften, da sie
glcklich und gesund ihre Heimat erreicht haben.

Gegen die Seekrankheit gibt es meiner Erfahrung nach zwei
Verhaltungsweisen, entweder man liegt ganz still oder man bewegt sich
fortwhrend so viel wie nur irgend mglich. Ich habe bemerkt, da
korpulente Personen mehr von dieser Krankheit geplagt wurden, als andere
Menschen. Unter meinen Landsleuten befand sich auch einer, der sehr
leicht seekrank wurde, er blieb die meiste Zeit in der Kajte und lie
sich selten sehen. Beim Essen erschien er -- da der Hunger ihn plagte --
a sehr schnell, fast ohne zu kauen und -- verschwand. Gingen wir jedoch
an Land, so war unsere Kolonie stets vollzhlig, soda wir es hinnehmen
muten, als ein Deutscher zu uns sagte: Eigentmlich, wenn Sie an Land
gehen, sind Sie vollzhlig, sonst nicht.

Ich habe stets mit meiner Seetchtigkeit geprahlt und sie auch auf
der ganzen Fahrt bewahrt, ausgenommen an einem Tage. An diesem Tage,
glcklicherweise dem einzigen whrend der ganzen Seereise, bin auch
ich ein Opfer dieser heimtckischen Krankheit geworden. Das wollte ich
eigentlich geheim halten, aber da ich versprochen habe, meine Erlebnisse
treu mitzuteilen, so fhle ich mich verpflichtet, der Wahrheit zu Ehren
auch dieses zu berichten. Die Seekrankheit verursacht ein geradezu
unbeschreibliches Gefhl, zumal wenn man, wie ich, beim Bade von ihr
berrascht wird. Eine groe Welle strmte heran, der ganze Schiffbau hob
und senkte sich in schaukelnder Bewegung; es hob und senkte sich auch
mir im Innern, soda ich das Gleichgewicht verlor und vergebens nach
einem Halt suchte... Der Angstschwei trat mir auf die Stirn... es
schwindelte mir vor den Augen... der Magen krampfte sich zusammen... ein
Pressen im ganzen Krper... und es wallet und brauset und siedet und
-- ich war seekrank, ich, der ich sonst mit mitleidigem Lcheln auf die
seeschwachen Passagiere herabschaute! Gottlob, da diese Krankheit sonst
keine nachteiligen Folgen hat! Glcklich derjenige, dem es vergnnt ist,
von einer solchen Reiseerinnerung verschont zu bleiben!

[Illustration: Auf dem Vorderdeck des Knig Albert.]


Der Nebel.

Eine der gefhrlichsten Erscheinungen whrend der Fahrt ist der Nebel,
und zwar am gefhrlichsten, wenn das Schiff sich in der Nhe eines
Strandes oder gar einer Klippe oder Sandbank befindet. Ein Sturm ist
zwar fr Schiffe ebenfalls gefhrlich, jedoch kann man bei der festen,
soliden Bauart der heutigen groen Dampfer und der theoretisch wie
praktisch hochstehenden Ausbildung der Fhrer einem Sturm mit Ruhe
entgegensehen, zumal wenn sich das Schiff auf hoher See befindet. Etwas
anderes ist es aber mit dem Nebel, da ntzt sowohl die Festigkeit des
Schiffes als auch die kunstgerechte Fhrung fast garnichts, denn bei
dichtem Nebel kann man ja kaum zwei Schritte weit sehen. Zwar werden
allerlei Mittel angewendet, um die Gefahr zu verringern; man hat auch
die verschiedensten Apparate erfunden, um die augenblickliche Lage des
Schiffes mglichst genau zu bestimmen, aber trotz alledem ist bei einem
Nebel die Gefahr fr Schiff und Besatzung bei weitem grer als bei
einem Sturm. Als wir von Hongkong nach Singapore fuhren und uns nicht
weit von der Insel Formosa befanden, wurden wir eines Morgens von
einem dichten Nebel berrascht. Dieser Teil des Meeres ist wegen der
zahlreichen Klippen, welche jene Insel umgeben, den Schiffern als
einer der gefhrlichsten bekannt. Es verursacht ein unheimliches und
angstvolles Gefhl, wenn auf dem Schiffe allerlei Anstalten getroffen
werden, die auf eine ernste Gefahr hindeuten. Die Fahrgeschwindigkeit
wird auf ein Minimum herabgesetzt, nur langsam bewegt sich das Schiff
vorwrts; von Zeit zu Zeit liegt es ganz still. Die Glocken werden in
einem fort gelutet; die Dampfpfeife und das Nebelhorn ertnen, um
bei etwaiger Annherung eines anderen Schiffes einen Zusammensto zu
vermeiden, dazwischen hrt man das Kommando der Offiziere. Zwar sind
die strksten elektrischen Lichter angezndet; da man sich jedoch
gegenseitig auf ein paar Schritte kaum erkennen kann, so ist klar, da
auch dies wenig hilft. In solch einer ernsten Stunde hrt alles lebhafte
Treiben an Bord auf; es wird totenstill und jeder hat mit sich selbst
zu tun. Er denkt an das, was ihm im Leben am nchsten steht, lt so
manches an sich im Geiste vorberziehen, sein fernes Heim, seine lieben
Angehrigen, die von dem furchtbaren Ernst der Stunde keine Ahnung
haben. Dieser angstvolle Zustand whrte etwa drei Stunden, und als dann
der dichte Nebelschleier zerri, sahen wir auf der einen Seite, nicht
allzuweit von uns, einen Postdampfer vorberfahren. Bei diesem Anblick
befiel uns unwillkrlich ein Grausen. Was htte uns zustoen knnen,
wenn sich der Nebel nicht aufgeklrt htte! Durch Gottes Hilfe war
diesmal ein Unglck vermieden, sonst htten wir vielleicht hier ein
nasses Grab in dem unendlichen Meere gefunden. Das schne Lied von
Goethe mchte ich hier anfhren, worin er die glckliche Fahrt --
freilich weniger nach gefhrlichem Nebel als nach lang anhaltender
Windstille -- besingt:

  Die Nebel zerreien,
  Der Himmel ist helle
  Und olus lset
  Das ngstliche Band.
  Es suseln die Winde,
  Es rhrt sich der Schiffer.
  Geschwinde! Geschwinde!
  Es teilt sich die Welle,
  Es naht sich die Ferne;
  Schon seh' ich das Land!


Die Schiffsbegleiter.

Wirklich interessante Erscheinungen sind die verschiedenen Tierarten,
welche dem Schiffe unterwegs begegnen oder dasselbe ein Stck begleiten.
Zunchst sind es die Mven, jene schne Art von Seevgeln, welche in
groer Anzahl das Schiff umkreisen. Wenn sich letzteres dem Strande oder
dem Hafen nhert, sieht man viele hunderte von diesen Vgeln, die auf
den Augenblick warten, wo alle berbleibsel der Speisen, wie Brot,
Fleisch u.dergl., ber Bord geworfen werden. Es ist ein sehr
anziehendes Schauspiel, wenn diese Seevgel, nachdem sie eine Zeitlang
durch die Luft geschwebt sind, mit einem Male zum Wasser hinabschieen,
um kleine Fische zu fangen. Einige tauchen unter, andere bleiben so
recht vergngt auf der Oberflche der Wellen. Wenn man von Bord aus
dieses lustige, harmlose Treiben zwischen dem blauen Himmel und dem
grnen Meere betrachtet, so knnte man diese zierlichen Tiere beinahe
beneiden und meinen, man mchte wohl auch solch ein Vogel sein, um so
recht vergngt und froher Dinge in der freien Luft zu schweben und sich
ohne Sorgen in Gesellschaft der Kameraden zu tummeln. Aber auch diese
Vgel haben ein Leben voller Gefahren. So sahen wir eines Abends einige
Mven, welche unserem Schiffe folgten und vor Mattigkeit kaum noch
zu fliegen vermochten. Diese hatten sich wahrscheinlich von ihrem
heimatlichen Strande zu weit entfernt und konnten ihn nicht
mehr erreichen. Sie waren so matt, da sie sich, ohne vor uns
zurckzuschrecken, am Schiffsgelnder niederlieen und sich mit bloen
Hnden fangen lieen. Am nchsten Morgen gaben wir unsere kleinen
Gefangenen, nachdem wir sie tchtig gefttert hatten, wieder frei, in
der Hoffnung, da sie den Weg zum heimatlichen Strande zurckfinden
wrden.

Die eintnige Fahrt wird ferner durch die fliegenden Fische
unterbrochen. Diese sind jedoch nicht berall anzutreffen; sie scheinen
bestimmte Strecken im Meere zu verschiedenen Zeiten aufzusuchen. So
sahen wir sie tagelang garnicht, an anderen Tagen dagegen konnten wir
sie in bedeutender Zahl beobachten. Sie schnellen mittels ihrer groen
langen Flossen ber die Oberflche des Wassers wie ein abgeschossener
Pfeil dahin. Von weitem hat ihre Fortbewegung viel hnlichkeit mit dem
Fluge einer Schwalbe.

Das Interessanteste von allem aber war unsere Begegnung mit einem
Walfisch. Ca.400-500m vom Schiffe entfernt, entdeckten wir eines Tages
ein schwarzes Etwas. Wir glaubten ein Wrack oder eine Klippe vor uns zu
haben, aber als wir einige Zeit aufmerksam hingesehen hatten, bemerkten
wir, da diese schwarze Masse sich immer mehr hob und dann pltzlich
verschwand. Dieses wiederholte sich mehrmals. Da auf einmal ragte ein
Riesenkrper empor, und nun erkannten wir einen mchtigen Walfisch.
Weil er sich von dem Meere fast senkrecht abhob, konnten wir die ganze
Gestalt sehr gut erkennen. Wenn wir auch bei der Entfernung die Lnge
des Tieres nicht genau nach Metern zu bemessen vermochten, so war uns
doch das eine klar, da wir einen mchtigen Riesen des Meeres vor uns
hatten. Es war ein imposanter Anblick, dieses Auf- und Untertauchen des
gewaltigen Tieres, und wir verfolgten dasselbe mit unseren Augen, so
lange es irgend mglich war. Ich htte gewnscht, die Fahrt des
Schiffes auf einige Augenblicke hemmen zu knnen, damit auch alle andern
Passagiere an diesem Schauspiel sich htten weiden knnen, aber leider
war es unmglich, und so muten die, die es nicht gesehen, mit unserer
Erzhlung frlieb nehmen.

Nicht so imposant wie diese Riesen sind die Delphine, aber auch sie
tragen zur Unterhaltung viel bei und bringen einige Abwechslung in das
Leben an Bord. Wir haben viele Delphine in einzelnen Gruppen beobachten
knnen, einmal sogar zu mehreren Hunderten. Sie scheinen ein bis zwei
Meter gro zu sein, tauchen mit ihrem plumpen Krper kopfber unter
oder schnellen aus dem Wasser heraus, um ber dem Meeresspiegel ihre
Kunststcke zu ben. -- So hat auch das Meer durch seine Bewohner seinen
Tribut zur Unterhaltung der Passagiere dargebracht.


Das Leben an Bord.

Demjenigen, der zum ersten Male zu Schiff reist und nun mehrere Wochen
an Bord zubringen mu, wird eigentmlich zu Mute, wenn er sich sein
neues Heim nher ansieht. So will ich denn hier versuchen, meinen Lesern
und besonders meinen jungen Freunden in der Heimat einen flchtigen
Einblick in dieses neue Leben zu verschaffen, damit sie bei einer
spteren Reise besser Bescheid wissen. Zunchst die Kajte. Man denke
sich einen Raum von 2 bis 3m im Quadrat, auf der einen Seite zwei
Bettstellen bereinander und neben diesen einen Kleiderschrank von etwa
m Breite und m Tiefe, auf der andern ein Sofa. Zwischen Sofa
und Betten befinden sich zwei groe Spiegel mit Waschtoilette schrg
gegenberliegend, soda zwischen diesen noch ein freier, allerdings
nicht groer Raum brig bleibt. Hier stehen die kleineren Koffer, das
sogenannte Handgepck, whrend die groen Koffer in dem Magazin fr
Passagiergepck aufbewahrt werden, das tglich zu einer bestimmten Zeit
den Reisenden zugnglich ist. Eine Leiter fr den Inhaber des oberen
Bettes ist selbstverstndlich auch vorhanden, damit sich derselbe in
seine in der ersten Etage liegenden Gemcher zurckziehen kann. Die
Waschtoilette besteht aus Waschschssel, Wasserkaraffe, Glsern,
Nachtgeschirr, Seife und Handtchern und ist uerst praktisch
eingerichtet; man braucht sie nur herunterzuklappen, dann hat man eine
hbsche groe Flche mit dem Ntigen vor sich. Nach Benutzung klappt man
alles wieder hoch und spart auf diese Weise viel Raum. Auf dem Schiffe
mu man sich berhaupt daran gewhnen, mit wenig Raum auszukommen, da
dieser das Kostbarste in der schwimmenden Wohnung ist. Zum Zudecken
des Krpers whrend des Schlafes benutzt man wollene Decken, welche vom
Schiffe geliefert werden. Das ist die ganze komfortable Einrichtung
einer Kajte. Anfangs schien es mir, als ob ich mich in dieser engen
Behausung nicht frei bewegen knnte, ohne irgendwo anzustoen, vermochte
ich doch mit ausgestreckten Armen die Decke zu berhren! Obwohl wir
Japaner so zierlich gebaut sind, kam mir meine neue Welt doch so winzig
vor, da ich glaubte, ich htte selbst fr meine kleine Person keinen
Platz darin. Aber wie der Mensch sich an alles gewhnt, so gewhnten
auch wir uns bald an unsere Kajte und meinten spter ein groes Reich
zu besitzen. Man bedenke, ein Handausstrecken gengt, und alles was
man haben will, kann man erreichen und fassen: kann es etwas bequemeres
geben? So fhlten wir uns in diesem engen Raum am Ende ganz wohl, vor
allen Dingen fanden wir ihn sehr praktisch. Wenn man an die vielen
Zimmer denkt, die man sonst zu Hause zu bewohnen pflegt, dann mu man
sich unwillkrlich sagen: Welch' eine Verschwendung, welch ein groer
Luxus ist eine so groe Wohnung! Kann man doch mit bedeutend weniger
auskommen! So dachten wir oft verstndnisvoll an den Griechen Diogenes,
der in einer Tonne gelebt haben soll, an Sokrates, der gesagt hat,
da Nichts bedrfen gttlich sei, da demnach derjenige, welcher am
wenigsten bedrfe, der Gottheit am nchsten sei.

Die Einrichtung der Kajten der ersten und zweiten Klasse ist so
ziemlich gleich, nur sind sie in der ersten Klasse etwas gerumiger und
haben eine bessere Ausstattung. Meine Kajte hatte einen Vorzug, das
waren zwei Luken, durch die sie frische Luft und Licht erhielt; bei
schnem Wetter blickte auch wohl die Sonne herein und verlieh dem
Raum ein freundliches Aussehen. Die Kajten aber, die in der Mitte
des Schiffes liegen, sind dunkel und ohne Luken, soda man stets
elektrisches Licht anznden mu, um einigermaen sehen zu knnen;
auerdem sind sie mit einem Ventilator versehen, welcher elektrisch
betrieben wird und fr frische Luft sorgt. Aber leider ist seine
Ttigkeit nur in einer bestimmten Hhe fhlbar, denn ober- und unterhalb
derselben entsteht kein Luftzug, soda im ganzen in einer solchen Kabine
keine angenehme Luft herrscht. Noch einen andern belstand bringt der
Ventilator mit sich, das ist sein Gerusch, welches recht unangenehm auf
die Nerven wirkt.

Nachdem man des Nachts in der Kajte der Ruhe gepflegt hat, fngt
mit Anbruch des Tages das Leben auf dem Verdeck an. Sobald die Glocke
lutet, steht man auf, geht eine Zeitlang auf dem Verdeck spazieren und
nimmt dann, wenn die Glocke zum zweiten Male ertnt, das erste Frhstck
ein. Einige jedoch standen schon vor dem ersten Glockenschlag auf
und wanderten auf dem Verdeck umher, denn es ist unstreitig von allem
Schnen das Schnste, wenn man sich frh morgens erhebt und die weite
unendliche See mit dem wunderbaren Aufgang der Sonne betrachtet. Die
erhabene Unendlichkeit des Meeres, von dem in mattem Rot gefrbten
Dunstschleier am Horizont begrenzt -- welche Herrlichkeit! Ich mute
dabei fters an ein Gesprch unseres verstorbenen Kultusministers
Vicomte Mori mit dem chinesischen Staatsmann Li-Hung-Tschang denken, als
jener noch als Gesandter von Japan am Pekinger Hofe weilte. Li fragte
ihn nmlich einmal, was er in der Welt fr das Schnste und Erhabenste
halte, worauf jener zur Antwort gab, da es fr ihn nichts Schneres und
Erhabeneres gbe, als wenn er sich mitten auf dem endlosen Meere befinde
und das Auge ber die weite, weite Flche schweifen liee. Nur in diesem
Augenblick fhle man, entrckt von allem irdischen Staube, das wahrhaft
Schnste und Erhabenste! Li-Hung-Tschang, der auf seine scheinbar
einfache Frage vielleicht eine politische Antwort zu erhalten geglaubt
hatte, war ob dieser unerwarteten gefhlvollen Entgegnung nicht wenig
erstaunt und konnte nicht umhin, sein Gegenber als einen ebenso
empfindungsreichen wie geschickten Diplomaten anzuerkennen.

Auf das erste Frhstck folgt, wie schon oben erwhnt, in langem Abstand
das zweite. Nach diesem wird durch Lesen oder Unterhaltung die Zeit auf
dem Promenadendeck vertrieben, bis die Glocke zum Mittagessen ruft und
auch diese Beschftigung unterbricht. Nach dem Essen folgt die Siesta
bis zur Vesperzeit. Da sieht man fast alle Passagiere langgestreckt auf
den Rohrsthlen liegen und schlafen. Erst am Abend, wenn es khler wird,
beginnt ein regeres Leben. Da wird der Rauchsalon stark besetzt, auf dem
Promenadendeck spaziert man paarweise plaudernd umher oder bildet hier
und da Gruppen, von denen Witzworte hin- und herfliegen. So geht es bis
spt in die Nacht hinein, um endlich ermdet seine enge Behausung
wieder aufzusuchen und, des glcklich berstandenen Tages froh, durch
erquickenden Schlaf sich zum nchsten Tage zu strken. Ein Tag gleicht
dem andern, nur das Ziel rckt immer nher und neugierigen Auges
betrachtet man den Ort, wo sich das Schiff befindet, auf der an Bord
befindlichen Landkarte. Jeden Tag einmal wird nmlich auf dieser
Karte angezeigt, wieviel Meilen das Schiff in den letzten 24Stunden
zurckgelegt hat und welche Stelle es augenblicklich einnimmt.

Im allgemeinen kann man sagen, da nchst dem Essen und Trinken das
Schlafen die Hauptbeschftigung der Passagiere ausmacht und da Morpheus
vor allen andern Gttern hier sein Szepter schwingt:

  Hoch vor allen
  Gaben des Himmlischen
  Sei mir gepriesen
  Du, der Seele
  Lebendes Wasser,
  Gliederlsender
  Heiliger Schlaf.
  -- -- -- -- -- -- --
  -- -- -- -- -- -- --
  Ein heilig Bad
  Bist Du, o Schlummer,
  Wrziger Kraft voll.
  Mut und Erneuung
  Atmet die Psyche,
  Wenn Deine Woge
  Sanft die bewutlos
  Schwimmende trgt
  Von Leben zu Leben,
  Von Strand zu Strand.

So priesen wir mit Geibel den sen erquickenden Schlaf. Er
hauptschlich verscheucht die furchtbare Langeweile whrend der den,
eintnigen Wasserfahrt, sei es, da er den Schlfer in die Heimat zu
seinen Lieben entfhrt, sei es, da er vor ihm in den prchtigsten
Farben Zukunftsbilder von dem Lande entrollt, wohin er fhrt, die aber
leider von ebenso kurzer Dauer sind, wie sie der rauhen Wirklichkeit
wenig entsprechen. Aber auch andere Bilder ziehen vor dem Geiste des
Trumers vorbei, und nur das Rasseln der Schrauben und das Pltschern
der Wellen erinnern ihn von Zeit zu Zeit an die Wirklichkeit, an das
rastlose Vorwrtsstreben des Dampfers.


Handel an Bord.

Jedesmal, wenn das Schiff in einen Hafen einluft, wird es von den
Landbewohnern besucht, die, mit den verschiedensten Produkten ihres
Landes reichlich beladen, auf das Deck kommen, um mit den Insassen
Handel zu treiben. Manchmal ist die Zahl dieser Geschftsleute so
ungeheuer und das Gedrnge an Bord so gro, da man sich kaum frei
bewegen kann. Sie verursachen auch gelegentlich so groen Lrm, da man
nicht imstande ist, sein eigenes Wort zu verstehen. Hierbei kann man
jedoch die verschiedensten Charaktere der Vlker sehr gut kennen lernen
und auch die Art und Weise studieren, wie sie ihre Waren feilbieten.

[Illustration: Ausladen der Fracht in einem Hafen.]

In Hongkong und Shanghai kommen die Chinesen. Gestickte Seide, Tusche,
Pinsel, Geldstcke, meistenteils alte Kupfermnzen, Schnitzereien aus
Ebenholz und Elfenbein, goldene und silberne Ringe, Knpfe, Nadeln,
Grtelschlsser u.s.w. sind ihre Spezialitten. In Penang bringen
ebenfalls die Chinesen Schmuckgegenstnde und insbesondere wunderhbsche
Kunstkistchen in verschiedenen Gren, aus schnem Holz verfertigt,
zum Verkauf. In Colombo erscheinen die braunen Eingeborenen mit den
verschiedensten Sachen aus Elfenbein, mit allerlei Arten von Edelsteinen
wie Rubinen, Saphiren, Topasen u.s.w., worunter natrlich auch
viele falsche sind, die aber die Verkufer mit ernster Miene als
echte Edelsteine anpreisen. Auch Bergkristalle und Granaten, metallene
Gegenstnde, ferner Gewrz, Tee, Kaffeebohnen, alle mglichen Frchte,
eigentmliche Waffen aus langen scharfen Knochen von Tieren und Fischen
u.s.w. werden hier angepriesen. In Port Said werden besonders Brokat,
goldgestickte Teppiche und Tischdecken in herrlichster Ausfhrung,
Korallen, kurze Uhrketten aus Metall mit Geldstcken, Strauenfedern,
Straueneierschalen, buntgeflochtene Krbe und anderes angeboten; ferner
gute und sehr billige Cigaretten, aber man darf leider nicht zu viel
davon kaufen, denn wenn man nach Italien kommt, werden sie verzollt und
der Zoll betrgt ungefhr das Doppelte von dem, was man dafr bezahlt
hat. In Neapel kann man auer verschiedenen feinen Schmuckgegenstnden
geschnitzte Figuren, Knpfe, Gemmen u.s.w. aus Lava und Marmor als
Spezialitten erwerben. Erwhnen mchte ich noch, da an jedem Orte
Photographien und Ansichtspostkarten zu haben sind. Die Verkufer sind
fast berall zudringliche, mitunter unsaubere Leute, so da sie Jedem
Abscheu einflen und man froh ist, wenn sie das Schiff verlassen haben.
In einzelnen Hfen kommt man diesen Hndlern sogar mit grtem Mitrauen
entgegen, da sie als unehrliche Leute bekannt sind, und vorsichtshalber
werden smtliche Behlter und Tren verschlossen. In Port Said z.B.
wurde mit ihnen sehr derb verfahren. Hier erwarteten die Matrosen,
an der Schiffstreppe mit Kntteln Posten stehend, die Ankmmlinge und
lieen niemanden herauf. Aber obwohl es Hiebe hagelte, wichen diese
Kerle nicht von dannen und schlielich gelang es doch einigen von ihnen,
hindurchzuschlpfen oder die Matrosen mit Geld oder Waren zu bestechen.
Gerade in Port Said, wo die Kaufleute den verschiedensten Vlkern
angehren, wie Indern, Arabern, Italienern u.a.m., widert einen die
Gesellschaft besonders an, so da man mit Ekel die angebotenen Sachen
zurckstt. Zudem sprechen diese Hndler eine eigentmliche, man
knnte sagen, eigene Weltsprache, d.h. ein Gemisch von allen Sprachen,
Englisch, Italienisch, Franzsisch, Deutsch, Arabisch u.s.w., von
jeder Sprache etwas. Im allgemeinen wird sonst Englisch gesprochen,
oder richtiger gesagt, geschrien. Doch geht der Handel mitunter auch
sprachlos mittelst Gestikulationen, Achselzucken u.s.w. gut von
statten. Wie unehrlich dieses Gesindel ist, mute einer von uns bei
folgender Gelegenheit erkennen: derselbe kaufte eine Photographie und
bezahlte mit einem Goldstck, worauf der Verkufer herausgeben sollte;
aber kaum hatte dieser das Goldstck in der Hand, so verschwand er in
der groen Menge und kam nicht wieder zum Vorschein. Aber auch, wenn
diese Kerle herausgeben, mu man vorsichtig sein und aufpassen, da sie
nicht selten falsches Geld bei sich fhren. Auch Wechsler erscheinen mit
groen Beuteln voll Gold und Silbermnzen an Bord. Diese erhalten zwar
wegen der hohen Prozente, die sie fr sich beanspruchen, wenig
Auftrge, verdienen aber doch immerhin ganz betrchtlich, da man in den
verschiedenen Gewssern mit verschiedenen Geldsorten zahlen mu. Auch
Schneider erscheinen mit Kleidungsstcken, die sie verhltnismig
billig ablassen. Sie kaufen auch von den Passagieren und Mannschaften
alte Kleider, Wsche u.s.w. Im allgemeinen sind die Preise der an Bord
feilgebotenen Gegenstnde auerordentlich hoch; man mu deshalb sehr
handeln und kann gewi sein, das betreffende Stck schon fr die Hlfte
des geforderten Preises zu erhalten. Die meisten Sachen sind auch
minderwertig. Die Verkufer preisen sie jedoch ungeheuer an und wissen
stets einige davon los zu werden. Natrlich kaufen die Passagiere in
vielen Fllen fr teures Geld Sachen, die keinen Pfennig wert sind --
ich, der ich imitierte gefrbte Glaskugeln fr echte Korallen hielt und
kaufte, gehrte auch leider zu diesen -- aber man befindet sich einmal
auf der Reise und da macht es doch Vergngen, etwas mitzubringen oder
seinen Lieben aus der Ferne Kleinigkeiten zu senden, auch wenn man diese
Freude teuer bezahlen mu.

In Singapore, Port Said und Colombo kommen auch viele kleine
Eingeborene, Knaben, unbekleidet, fast wie Affen aussehend, mit ihren
Khnen zum Schiff heran. In Colombo haben dieselben aus Baumstmmen
ausgehhlte, langgestreckte Fahrzeuge, welche sie geschickt bewegen.
Natrlich treiben diese Kinder keinen Handel mit den Schiffsinsassen,
machen aber ebenso wie die andern Kaufleute gute Geschfte. Sobald
sie die Passagiere am Schiffsgelnder erblicken, schreien sie mit
krchzender Stimme oder zeigen mit der Hand, da man Geldstcke ins
Wasser werfen mchte, wonach sie mit unglaublicher Geschicklichkeit
hinabtauchen. Einzelne von ihnen, die besonders gewandt sind, verdienen
hierdurch viel Geld. Da sie unbekleidet sind, infolgedessen keine
Taschen haben, stecken sie die aufgefischten Geldstcke in den Mund. --
In Neapel sahen wir gleichfalls derartige Taucher, doch waren es hier
erwachsene Mnner in hellen Badeanzgen, ganz fein aussehend. In dieser
Verschiedenartigkeit prgte sich recht deutlich der Gegensatz zwischen
den Naturvlkern und der zivilisierten Welt aus.


Tanzvergngen an Bord.

Auf unserer Fahrt fand fr die erste und zweite Klasse je ein groes
Tanzvergngen statt. Hierzu wurde das Promenadendeck mit farbigen
Tchern und Fahnen schn ausgeschmckt und abgegrenzt. Viele farbige
elektrische Lampen wurden angezndet, so da man glauben konnte, sich
nicht auf einem Schiffe, sondern in einem festlich geschmckten Saale zu
befinden. Smtliche Herren und Damen erschienen festlich gekleidet: die
Damen fast ohne Ausnahme in heller Toilette, die Herren in schwarzen
Gesellschaftsanzgen oder in hellen Sommerkostmen. Nach dem Abendessen
nahm die Schiffskapelle ihre Pltze ein und begann zu spielen. Als
Einleitung kam ein Promenadenstck, dann folgten die verschiedenen
Tnze wie Walzer, Polka, Rheinlnder, Quadrille und wie sie alle heien,
welche bis tief in die Nacht hinein getanzt wurden. Wir Japaner waren
auch dazu eingeladen und sahen diesem Treiben mit Vergngen zu, wenn
wir denselben auch kein allzugroes Interesse entgegenbrachten. Die
elastischen Gestalten drehten sich, einander mit dem Arm umschlingend,
oder bewegten sich nach dem Kommando eines Herrn von einer Seite zur
andern durcheinander. Bald glichen sie Schmetterlingen, die paarweis von
Blume zu Blume flattern, bald sich drehenden Kreiseln. Wie ich hrte,
sollen alle diese Tnze fast ber ganz Europa verbreitet sein, doch soll
fast ein jedes Land auerdem noch eigene Nationaltnze haben. berhaupt
wird in Europa das Tanzen sehr gepflegt und schon in frhester
Jugend erlernen Knaben und Mdchen diese Kunst entweder im geselligen
Zusammensein der einzelnen Familien oder bei einem Tanzlehrer, welchem
selbst Schulen, besonders Mdchenschulen sehr entgegenkommen, so da sie
ihm mitunter fr seine Tanzstunden die Turnhalle berlassen. So wird
in Europa fast jede Gelegenheit ausgenutzt, um ein Tanzvergngen zu
veranstalten, ungerechnet jene, die in vielen ffentlichen Lokalen
stattfinden. Ein guter Tnzer wird in Europa sehr gern gesehen und
eingeladen; er kommt dadurch leichter in die Gesellschaft hinein und
erhlt einen groen Bekanntenkreis, der ihm in mancher Beziehung von
Nutzen ist.

Im Zusammenhang mit Obigem erzhlte mir ein Deutscher, da in greren
Stdten groe, prachtvoll ausgestattete Sle seien, wo tglich getanzt
wird, die sogenannten ffentlichen Tanzhallen. Hier jedoch seien
fast nur Mdchen zu finden, die keinen guten Lebenswandel fhren und
leichtlebige Herren, die auf nicht gerade anstndige Art ihr Geld
verprassen. Die besseren Tanzvergngungen, d.h. diejenigen, die von
Familien, Vereinen oder aus einem bestimmten Anla fr engere Kreise
veranstaltet werden, haben jedoch -- wenn man so sagen darf -- einen
Vorteil, und das sind die vielen Ehen, die durch diese gestiftet werden,
insofern sie es ermglichen, da die jungen Leute sich kennen lernen.
Ich wei nicht, ob die Eheschlieung dem Tanzen wirklich so viel zu
verdanken hat, auf jeden Fall ist es aber klar, da der Mensch dadurch
aufgeheitert und angeregt wird, da bei manchem ein wirkliches Bedrfnis
befriedigt und ihm nach anstrengender Arbeit eine wohltuende Erfrischung
gewhrt wird. Gegen diese Lichtseiten hat der Tanz natrlich auch seine
Schattenseiten, nmlich die, da gerade dadurch viele Menschen, Mnner
wie Frauen, leichtsinnig werden, die Arbeit im Stich lassen, nur dem
Vergngen huldigen, wie denn auch wohl manche moralische Untugenden und
Laster hier ihre Brutsttte haben.

Auf dem Schiffe bemerkte ich, da sogar ltere Leute, besonders
Englnder, viel und gern tanzten, ein Beweis, wie rstig und gelenkig
man sich selbst bis ins hohe Alter hinein erhalten kann. Auch bei uns in
Japan haben wir bereits vor mehreren Jahren versucht, europische Tnze
einzufhren, aber da dieselben unserem Geschmack nicht entsprachen, so
werden sie jetzt nur wenig getanzt. Einzelne Kreise haben seiner Zeit
sogar einen Maskenball nach europischem Muster veranstaltet, jedoch ist
es auch hier bei diesem einen Versuch geblieben. Der Hauptgrund, da
wir uns an diese Tnze nicht gewhnen knnen, liegt wohl in der
Verschiedenheit unserer Kleidung, Wohnung und vor allen Dingen unserer
althergebrachten Musik, welche zum Tanze ungeeignet ist.

Im Zusammenhang hierzu mchte ich einiges ber die


Schiffskapelle

mitteilen. Auf dem Schiffe wird an jedem Tage mehrere Male konzertiert,
regelmig morgens und abends. Die Kapelle besteht aus Stewards, die
ihre Sache vortrefflich verstehen und sehr gut spielen. Nachdem sie beim
Essen aufgewartet und ihre Kellnerpflichten erfllt haben, begeben sie
sich auf das Verdeck und beginnen hier ihr Konzert, welches gewhnlich
mehrere Stcke umfat, jedoch werden vorwiegend lustige Sachen gespielt.
Ich hatte geglaubt, da die Kapelle nur aus Berufsmusikern bestnde,
habe mich jedoch davon berzeugt, da diese nur von den Stewards
gebildet wurde und konnte mir danach wohl vorstellen, wie weit
verbreitet und wie hochentwickelt die Musik in Europa sein mag. In
Europa scheint fast jeder Musiktreibender zu sein und besonders in
Deutschland, wo die meisten ohne Unterschied des Geschlechtes mindestens
ein Musikinstrument gut spielen sollen. Bei uns befassen sich fast nur
Frauen mit Musik, whrend Mnner blo unter den Berufsmusikern zu finden
sind. Auerdem fehlt unsern althergebrachten Instrumenten meistenteils
die Harmonie; sie klingen teils melancholisch, teils eintnig. Auch sind
sie wegen ihrer leisen Tne nur in einem kleinen Zimmer zu hren, in
einem groen Raum oder im Freien wrden sie einfach verhallen. Da nach
dem oben Gesagten unsere althergebrachte Musik nicht zum Tanze geeignet
ist, versteht sich von selbst.

[Illustration: Musik an Bord.]

In der Tat ist es eine Lcke in der Kultur unseres Landes, da man
bisher auf das sthetisch so bedeutsame Mittel der Musik keine
besondere Sorgfalt verwendet hat. Es werden jedoch jetzt in den Schulen
Gesangstunden abgehalten; in der Musikschule, in welcher ein deutscher
Kapellmeister angestellt ist, werden alle europischen Musikinstrumente
gelehrt; die Militr- und Marinekapellen sind ganz nach europischem
Muster eingerichtet, auch gibt es eine Hofkapelle und mehrere
Privatkapellen, die echt europische Musik vortragen. Aber da die Musik
ebenso wie die Malerei, ja wie jede Kunst, mit dem Charakter des Volkes
aufs innigste zusammenhngt, so werden noch Jahre vergehen, bevor sich
diese Musik in ihrer modernen Technik in unserm Heimatlande eingebrgert
haben wird. Von einem jungaufblhenden Lande kann man ja nicht
verlangen, da es mit einem Schlage in allen Dingen gleich die hchste
Stufe erreicht; man mu ihm vielmehr Zeit lassen und allmhlich wird
unser Volk sicher auch diese ihm bisher noch fehlenden Talente zur
Entwickelung bringen, um dann auch hier einen ehrenvollen Platz
einzunehmen. In materiellen Dingen kann man ja schnell Riesenschritte
machen, aber in Kunst und Wissenschaft, die dem Volke in Fleisch und
Blut bergehen sollen, da mu man sich schon in Geduld fassen; doch
die Zukunft wird auch hierin Wandel schaffen, ja vielleicht Wunder
vollbringen.


Wohlttigkeitskonzerte,

deren Reinertrag fr verunglckte Angestellte des >Norddeutschen Lloyd<
oder deren Witwen und Waisen verwendet werden sollen, werden auf jeder
Fahrt einmal arrangiert und daran beteiligen sich smtliche Passagiere.
Fr das unsrige war ein vielseitiges Programm aufgestellt, von dem ich
hier einige Nummern anfhren mchte. Eingeleitet wurde das Fest durch
Ansprache des Kapitns und des fr dieses Fest gebildeten Komitees,
worin besonders der Zweck betont und schon im Voraus der Dank fr die
Mildttigkeit der Teilnehmer und Spender ausgesprochen wurde. Hierauf
folgten die heiteren Vortrge: ein Herr spielte vorzglich Klavier, eine
Dame trug einige Stcke auf der Zither vor, von mehreren Passagieren
wurden verschiedene kleine Possen aufgefhrt, eine junge Dame
erfreute die Zuhrer durch den Gesang einiger schner Lieder u.s.w.
Hervorzuheben war die Leistung eines amerikanischen Offiziers, der als
Dame verkleidet und schn geschminkt, die drolligsten Sachen vortrug und
bei smtlichen Zuhrern wahre Lachsalven erweckte. Hierauf wurden von
mehreren Damen die Gaben eingesammelt und jeder gab soviel er geben
konnte. Wie man uns beim Schlu des Festes mitteilte, war eine ziemlich
bedeutende Summe zusammengekommen.


Die entgegengesetzten Gefhle der Hin- und Herreise.

Welch' ein bedeutender Unterschied liegt in den Gefhlen, mit welchen
man die Hinreise macht und denen, die die Rckreise erweckt, und doch
wohnen diese beiden Gegenstze auf einem und demselben Schiffe friedlich
nebeneinander. Ein eifriger Beobachter knnte hier die schnsten Studien
machen. Um bei uns, die wir uns auf der Fahrt von der Heimat befanden,
anzufangen, so fhlten wir mit jedem Tage die Entfernung, welche uns von
unsern Lieben trennte, grer werden. In den ersten Nchten blieb uns
erquickender Schlummer fern. Denn ein eigentmliches Gefhl, gemischt
aus der freudigen Aussicht, viel Schnes zu sehen und zu lernen, und
aus dem Unbehagen, das Vaterland und die Seinigen so lange zu verlassen,
hielt uns wach. Ja, es war, als ob eine Leere im Herzen entstnde, und
in gleichem Mae, wie die Entfernung wuchs, glaubte man von Tag zu Tag
ein Fortschreiten dieser Empfindung wahrzunehmen. Es ist uns dabei zu
Mute, als ob jemand hinter unserem Rcken stnde und uns fortwhrend
nach hinten zge.

Wie anders dagegen ist das Gefhl derjenigen, die sich auf der Rckreise
befinden. Mit jedem Tage nhert man sich mehr und mehr der heimatlichen
Kste und man kann wohl sagen, mit jeder Meile wchst die Freude und die
Sehnsucht, die Lieben wieder vor sich zu haben, sie sprechen zu hren
und sie in die Arme schlieen zu knnen. Schon auf dem Schiff erzhlten
die auf der Rckreise Befindlichen gern und viel von der Heimat und man
fhlt hier so recht die Wahrheit des Wortes: We das Herz voll ist,
de luft der Mund ber, whrend die Dahinfahrenden -- besonders in
den ersten Tagen -- meist stumm und nachdenklich den Kopf hngen
lassen oder, die Hnde aufs Schiffsgelnder gesttzt, in das weite Meer
hinausstarren. Man knnte diese beiden Arten, die ich eben geschildert
habe, als die normalen bezeichnen, denn ein jeder, welcher eine Heimat
besitzt, wird beim Abschied Schmerz, beim Wiedersehen Freude empfinden.

Nun gibt es aber noch Menschen, die sozusagen keine Heimat haben,
d.h. die nach einem neuen Ziele streben und die Brcke hinter sich
vollstndig abgebrochen haben, oder solche, die aus reiner Reiselust
von einem Weltteil zum andern fahren, bald hier, bald dort ihr Heim
aufschlagen und berall zu Hause sind. Die Gefhle dieser Menschen sind
selbstverstndlich andere, oder vielleicht knnte man von ihnen sagen,
sie fhlen berhaupt nichts Besonderes, da sie ja nichts zu verlieren
und nichts zu gewinnen haben.


Unser Schiff.

[Illustration: Staatskabine des Knig Albert.]

Wie schon mehrfach erwhnt, hatten wir uns auf dem deutschen
Reichspostdampfer Knig Albert, dem >Norddeutschen Lloyd< gehrig,
eingeschifft, und da uns dieser Dampfer bei der berfahrt so gute
Dienste geleistet hat, so fhle ich mich verpflichtet, ber ihn zu
schreiben und ihn meinen Landsleuten, die nach mir die Fahrt nach
Deutschland unternehmen werden, zu empfehlen. Der Dampfer ist ca.150m
lang und 20m breit und ist der grte Dampfer des >Norddeutschen
Lloyd<, welcher von Japan nach Deutschland verkehrt. Er kann auer einer
ungeheuren Ladung noch etwa 2400 Passagiere (davon 2000 dritter Klasse)
beherbergen. Auf unserer Fahrt wurden an Kajtenpassagieren erster
und zweiter Klasse aufgenommen 54 Personen in Japan, 40 Personen in
Shanghai, 40 in Hongkong, 45 in Singapore, 13 in Penang und 15 in
Colombo. Wie viele Passagiere sich auerdem noch in der dritten
Klasse befanden, ist mir nicht bekannt. Auch eine ziemlich bedeutende
Schiffsbesatzung -- ungefhr 200 Kpfe -- war an Bord.

[Illustration: Promenadendeck des Knig Albert.]

Auf dem Dampfer unterscheidet man das Hauptdeck, ber diesem das
Oberdeck, hierber das untere, dann das obere Promenadendeck und
ganz oben das kleine Sonnendeck. Vorzglich eingerichtet und wahrhaft
knstlerisch ausgestattet ist der Speisesaal, welcher auf dem unteren
Promenadendeck liegt; ferner das sehr groe Musikzimmer, beide fr
Passagiere erster Klasse. Aber auch Speisesaal und Damenzimmer fr die
Passagiere zweiter Klasse, welche sich auf dem Oberdeck befinden, sind
uerst gerumig und schn eingerichtet. Fr die Passagiere erster
sowohl wie zweiter Klasse ist je ein Rauchsalon vorhanden. Smtliche
Rume werden mittels unzhliger elektrischer Glhlampen erleuchtet.
Einer besonders luxurisen Ausstattung erfreut sich die Staatskabine,
die ihrerseits wieder aus Wohn-, Schlaf- und Badezimmer besteht. Aber
auch die Kajten erster und zweiter Klasse sind gut und praktisch
eingerichtet und man kann in ihnen die lange berfahrt, auch wenn sie
sechs Wochen oder noch lnger dauert, bequem berstehen. Wir haben uns
darin jedenfalls sehr wohl gefhlt und ich glaube dasselbe von jedem
andern Passagier annehmen zu drfen. Auch die Verpflegung auf dem Schiff
ist -- wie ich schon einmal erwhnt habe -- geradezu ausgezeichnet,
ich will nicht verfehlen, auch an dieser Stelle meiner Zufriedenheit
Ausdruck zu geben. Es ist dies ja nur eine Besttigung dessen, was
man fters sagen hrt, da der >Norddeutsche Lloyd< und
die >Hamburg-Amerika-Linie<, diese beiden grten deutschen
Schiffsgesellschaften, alles aufbieten, um die schnellsten und
grten, zugleich aber auch die bequemsten und mit den neuesten
Sicherheitsmaregeln versehenen Schiffe in Dienst zu stellen. Hoffen
wir, da es ihnen noch lange gelingen wird, in diesem edlen Wettstreit
an der Spitze zu bleiben, denn davon wrden wir als Passagiere den
grten Vorteil haben; das Reisen wrde immer sicherer und angenehmer
werden.

[Illustration: Damensalon des Knig Albert.]


Trauriges whrend der Fahrt.

Wie uns auf unserer Fahrt viel Interessantes und Erfreuliches passiert
ist, so hat es uns aber auch am Gegenteil nicht gefehlt.

Bei einer langen Fahrt, die anderthalb Monate dauert, und bei der groen
Menge von Fahrgsten, die sich auf unserm Schiff befand, kann es nicht
vermieden werden, da manch' unangenehme Ereignisse vorkommen. So
erzhlte man mir, da fast jede Fahrt Unglcksflle, ja sogar nicht
selten Todesflle aufzuweisen hat. Leider traten diese beiden bei
unserer Fahrt in verstrktem Mae vor, denn sie fingen bereits nach
einer Fahrt von acht Tagen an. Zuerst berraschte uns der bereits
erwhnte Todesfall eines Passagiers, eines Englnders, der mit seiner
Familie von Japan nach Hause reiste. Der Verstorbene soll lungenleidend
gewesen sein und hatte wohl von der Seefahrt Strkung und Besserung
seiner Krankheit erwartet. Aber der Mensch denkt und Gott lenkt! Der
Leichnam des Verstorbenen wurde in Hongkong beigesetzt. In wie groer
Trauer seine Hinterlassenen zurckblieben, lt sich denken.

Bei der betreffenden Stelle meines Reiseberichts habe ich schon erwhnt,
wie unerwartet und erschreckend mich die Nachricht getroffen hatte, da
in Hongkong mein Freund und frherer Schler Dr.Okoshi, den ich
dort aufsuchen wollte, verstorben war, und da einen Tag vorher sein
Leichenbegngnis stattgefunden hatte.

Im Indischen Ozean hrten wir pltzlich, da ein Matrose verschwunden
sei. Es wurde berall nach ihm gesucht, aber vergebens; er konnte nicht
aufgefunden werden. Da entdeckte man nach etwa vier Tagen seine Leiche
im Kohlenlager auf dem Boden des Schiffes. Man nahm an, da er entweder
von der ungeheuren Hhe herabgestrzt oder da er durch Kohlengase
erstickt sei. Der Leichnam wurde nach Seemannsart in das Meer gesenkt.
Wohin man einen Leichnam zur Ruhe bestattet -- ob in die dunkle Erde
oder in das tiefe Meer -- scheint ziemlich gleich zu sein, und doch ist
es ein unheimliches Gefhl, wenn man sieht, wie in stiller Nacht beim
Mondschein der berrest eines unserer Mitmenschen in die Tiefe der
unendlichen weiten See versenkt wird. Die Erde hat den Menschen geboren
und es ist naturgem, da er wieder in die Erde hineingesenkt wird.
Heit es doch: Von Erde bist Du geworden, zur Erde sollst Du wieder
werden! Nur in der Erde findet man die rechte Ruhe, nur auf der Erde
kann man einen Grabhgel errichten, mit Denkmal und Blumen zieren, nur
vor dem Grabhgel haben die Hinterbliebenen das Gefhl, dem Toten immer
noch nahe zu sein. In dem ewig bewegten Meere, in dem wild strmenden
Element scheint uns ein sanftes Ruhen nicht mglich. Doch des Seemanns
Los ist es, da er fern von der Heimat in der Tiefe der See sein Grab
findet, wo kein Hgel, kein Stein spter an ihn erinnert. Aber trotzdem
wnscht sich jeder Seemann gerade den Tod auf der See und dort sein
Begrbnis.

In Aden mute ich erfahren, da mein Kollege, Prof.Tachibana, welcher
mich in Deutschland erwarten sollte, von einer schweren Krankheit
befallen, seine Rckreise nach Japan angetreten habe. Ich wollte diesen
Herrn auf seinem Posten in Deutschland ablsen und hatte geglaubt, ihn
in voller Gesundheit anzutreffen. In meiner auf dem Schiffe verfaten
Reisebeschreibung hatte ich der Hoffnung Ausdruck gegeben, da mein
Kollege, wenn auch nicht ganz gesund, so doch gestrkt und gekrftigt
sein Heimatland wieder erreichen und seine Lieben umarmen mge. Aber als
ich in Berlin ankam, erhielt ich die tief erschtternde Nachricht, da
er unterwegs auf dem Schiffe dahingeschieden sei -- eine Kunde, die mich
in groe Trauer versetzte. Aus den Briefen meiner Freunde, die ich zu
gleicher Zeit aus meiner Heimat erhielt, ersah ich, da mein Kollege
noch das japanische Meer erreicht und noch vor seinem letzten Atemzuge
am Horizont die blauen Gipfel seines teuren Vaterlandes emportauchen
gesehen hat. In stiller Wehmut soll er die Heimat mit seinen Blicken
verschlungen haben, als wollte er sie tief in sein Herz versenken. Mit
den Worten, da es ihm doch noch vergnnt gewesen, die heimatlichen
Berge zu schauen, soll er verschieden sein. Wrde er nur noch wenige
Stunden gelebt haben, so htte er noch den Heimatboden betreten und
seine Familie begren knnen. Allein, wie der deutsche Dichter sagt:
Mit des Geschickes Mchten ist kein ew'ger Bund zu flechten, das
Unglck kommt unerwartet und rasch tritt der Tod den Menschen an.

Die Frau und Kinder des Heimgegangenen, die ihn an der Landungsbrcke
mit Sehnsucht erwarteten, um ihn nach langer Abwesenheit in ihrer Mitte
zu bewillkommnen, konnten nur noch seine leblose Hlle umarmen.
Diese herzzerreiende, qualvolle Szene, welche sich entwickelte,
soll unbeschreiblich gewesen sein. Mein Freund, der mich hiervon
benachrichtigte, schrieb mir, da ihn selbst der Anblick dieser Trauer
so ergriffen habe, da er mir, statt einer eingehenden Beschreibung,
nur noch Trnen htte senden knnen. Dieses lt sich aber auch leicht
denken! Ein trostloseres und erschtternderes Bild kann man sich schwer
vorstellen. Auch ich kann nicht schildern, wie sehr mein Gemt bei der
Nachricht vom Tode meines Kollegen in Mitleidenschaft gezogen wurde.
Als ich meine diesbezglichen Aufzeichnungen in meinem Tagebuch
niederschrieb, war jede Silbe eine Trne!

So hat das unerbittliche Schicksal dafr gesorgt, da mir auf meiner
Reise auch das Traurige nicht erspart geblieben ist.


Die englischen Kolonien.

Da England die grte Seemacht ist und groe Kolonien besitzt, ist
allgemein bekannt. Wenn man aber eine Weltreise macht, so kann man sich
davon berzeugen, da die englischen Besitzungen tatschlich ber die
ganze Erde zerstreut liegen.

Der grte Teil meiner langen Fahrt ging auch an der Kste der
englischen Kolonien entlang. Die ganze Strecke, von Hongkong aus lngs
der indischen Kste, also Singapore, Penang, Colombo, Aden bis in das
Mittellndische Meer, gehrt den Englndern und so beherrschen sie den
ganzen Ozean. Wie die Englnder zu allen diesen Besitzungen gekommen
sind, ist zu bekannt, als da es hier wiederholt zu werden brauchte.
Ebenso braucht nicht erzhlt zu werden, welch' groe Reichtmer England
aus all seinen Kolonien zieht.

Sehe ich aber mit meinen eigenen Augen die Vlkerschaften lngs der
ganzen Kste, so kann ich nicht umhin, an ihren frheren Zustand
zurckzudenken, an die Zeiten, in welchen diese Nationen noch ihre
Freiheit und Selbstndigkeit besaen. Jetzt liegen sie da, von der
gewaltigen Macht niedergedrckt und zerquetscht, so da sie nur noch
als Tributpflichtige dem Gewaltherrscher zu Fen liegen. Nicht selten
findet man jedoch unter diesen Vlkern Mnner, welche ihr Los beklagen
und ihre Freiheit mit Wehmut zurcksehnen. Allein damit ist es wohl
fr immer vorbei, denn die Ketten, welche der Starke um sie geschlungen
hlt, sind felsenfest und knnen nicht mehr abgeschttelt werden.
Wenn es in der Welt so bleibt, wenn der Strkere immer den Schwcheren
niederzwingt, wenn stets nur Macht und Recht des Strkeren Geltung
finden: dann wird der Friede der Welt wohl immer gestrt werden, und dem
Schwachen wird nichts weiter brig bleiben, als sein Unglck in Demut zu
ertragen und dem Starken Handlangerdienste zu leisten. Wenn der Strkere
nur aus Egoismus handelt, wenn dieser der ausgesprochenste ma- und
rcksichtsloseste ist, verbunden mit Brutalitt und Barbarei, dann
werden alle Grundstze der Humanitt mit Fen getreten. Wie die
entsetzlichen Barbareien des jngsten sdafrikanischen Krieges, der sich
aus dem ruberischen Einfall des Jameson entwickelt hat, die Emprung
aller Parteien der zivilisierten Lnder wachgerufen haben, und bei
allen, die ein Herz in der Brust fhlen und denen die Grundstze
der Gerechtigkeit und der Menschlichkeit teuer sind, gerechten Zorn
entflammten, so wird auch jeder andere bergriff immer beurteilt werden,
und dem Schwcheren wird Beistand nicht fehlen.




XIV.

Genua.


[Illustration: Hafen von Genua.]

Die Fahrt zwischen Neapel und Genua war sehr schn, das Meer wie
gewhnlich sehr ruhig. Auf dieser Fahrt habe ich auch die Schnheit des
italienischen Himmels bewundern knnen mit seinem wunderbaren Blau, wie
man es nur hier sieht. Am 14.Mai abends 6Uhr kamen wir endlich in
dem von uns langersehnten Hafen von Genua an. Hier verlieen die meisten
Passagiere das Schiff, so da ein betrchtliches Gedrnge entstand. Noch
grer ward es dadurch, da jeder Reisende seine Koffer mit sich ans
Land nehmen mute; nachdem auch wir beinahe zwei Stunden gewartet
hatten, konnten wir endlich eine Gondel bekommen, in der die ganze
japanische Kolonie Knig Alberts Platz nahm, um zum europischen
Festland zu fahren und zum ersten Male den Boden Europas zu betreten.
Von unseren Landsleuten blieb Herr Kato an Bord, da er die Absicht
hatte, bis nach England weiter zu fahren, wo er mehrere Jahre Studien
halber zu verweilen gedenkt. Uns allen ward es schwer, diesen netten
Reisegefhrten mutterseelenallein an Bord zu lassen; doch wir konnten
nicht anders und so reichten wir uns, auf ein frhliches Wiedersehen
hoffend, die Hand zum Abschiede.

Wir wurden nun sogleich zum Zollamt gefhrt, wo man uns nach den zu
verzollenden Sachen fragte. Wir hatten nur unser Handgepck bei uns,
denn die greren Gepckstcke waren an Bord geblieben, um die Reise bis
Hamburg per Schiff zu machen und von dort nach Berlin weiter befrdert
zu werden. So wurden wir sehr schnell abgefertigt, denn auf unsere
Erklrung hin, da alles nur Reiseeffekten seien, wurde blo ein
Blick in unsere Koffer getan, und die Zollangelegenheit war somit bald
erledigt. Aber nicht bei allen ging es so glatt ab. So wurden bei einem
unserer Reisegefhrten, der ebenfalls auf die Frage, ob er verzollbare
Gegenstnde bei sich fhre, mit Nein geantwortet hatte, Zigarren
entdeckt, und die Strafe folgte hier sofort -- er mute als Zoll das
Mehrfache dessen erlegen, was die Zigarren gekostet hatten. Wie gro
das Gedrnge und Gewhl war, das bei der Landung und bei dem Zollamte
herrschte, kann man aus nachstehendem Erlebnis ersehen: ein x'scher
Professor, ebenfalls ein Reisegefhrte von uns, hatte mehrere Monate
in Ceylon als Naturforscher geweilt. Die Resultate seines langen
Aufenthaltes: photographische Aufnahmen, Sammlungen u.s.w., befanden
sich in einem Koffer, den er als ein unschtzbares Gut mit sich
fhrte. Aber in dem groen Gedrnge war mit einem Male der groe Koffer
verschwunden. Der sonst so gemtliche Herr war wie rasend, er bot eine
hohe Summe fr die Wiedererlangung des verschwundenen Gepckstcks,
doch umsonst. Der Koffer ist, soviel ich wei, auch whrend unseres
dreitgigen Aufenthaltes in Genua nicht wieder aufgefunden worden. Den
Schmerz und Jammer des Gelehrten ber diesen unersetzbaren Verlust kann
man sich wohl vorstellen.

Wir kehrten im Htel de la Ville, einem der grten Htels in Genua,
ein. Dieses Htel soll frher ein Palast gewesen sein, in dem auch
Vasco de Gama logiert haben soll. Die Zimmer waren alle sehr gro, sie
erschienen uns sogar unheimlich gro, da wir direkt vom Schiff, aus
unserer frheren engen Kajtenwohnung, in diese Rume versetzt wurden.
Die Decke und Wnde waren mit prchtigen Malereien geschmckt, die
Sulen von Marmor, ber den Betten waren Baldachine angebracht,
die grer waren als die Kajte unseres Schiffes. Der vierzigtgige
Aufenthalt in der kleinen Kabine, wo man so eng wohnen mute, wo man mit
den Hnden die Decke berhren konnte, war nun vorber, und uns kam es
vor wie ein gepreter Gummiball, der sich mit einem Male ausdehnen
kann, so weit er will. Beim Abendessen lieen wir uns den italienischen
Chianti gut schmecken, um mit dem Gedanken, in ein paar Tagen unser
Ziel, Berlin, erreichen zu knnen, in frhlicher Stimmung zu Bett zu
gehen. Im Schlaf whnten wir noch immer an Bord zu sein, fortwhrend
glaubte das Ohr das Stampfen der Maschinen und das Pltschern der Wellen
zu vernehmen.

Die Stadt Genua besitzt viele Sehenswrdigkeiten, wie das berhmte Campo
Santo, den kniglichen Palast, den Rigiberg, die Gallerien, Parkanlagen
u.s.w., deren Besichtigung aber ziemlich viel Zeit in Anspruch nimmt.
Glcklicherweise erwartete uns in Genua ein deutscher Herr, Namens
Erdmannsdrffer, der Bruder unseres bereits einmal erwhnten deutschen
Reisegefhrten. Unter der sicheren Fhrung dieses Herrn, der sich schon
mehrere Jahre in Italien aufhielt und mit den dortigen Verhltnissen
vollkommen vertraut war, konnten wir einige der genannten
Sehenswrdigkeiten mit Ruhe in Augenschein nehmen. Zuerst besuchten wir
das Campo Santo. Es ist wohl der schnste Kirchhof in Europa, sowohl was
seine paradiesische Anlage wie die herrlichen Grabdenkmler betrifft.
Diese reihen sich zu mehreren Hunderten in einem viereckig laufenden
marmornen Sulengang aneinander und sind fast alle in grazisen
Formen aus Marmor gemeielt. Einige von ihnen gewhrten zwar einen
grausenerweckenden Anblick, aber im allgemeinen kann man sagen, da
sie auf uns einen ungemein beruhigenden Eindruck machten und in uns ein
vershnendes Gefhl gegenber dem furchtbaren Tode, dem alle Menschen
einmal anheim fallen mssen, wachriefen. Eine dieser Figuren hat mich
bis in das innerste Mark erfat: am Sarge des geliebten Mannes ein
junges Weib und neben ihr ein zartes Knblein mit langem Lockenhaar. Wie
sie den schnen Kopf so wehmtig hngen lt! Wie sie mit ihrem sanften
Auge so tieftraurig auf den Leichnam des Geliebten blickt! Nichts
Grelles, nichts bertriebenes ist in ihren Zgen und doch so grenzenlos
der Schmerz, so sprachlos die innere Bewegung!.... Wie man in stiller
Andacht zum Grabe eines Freundes tritt, so trat ich vor all diese
Grabdenkmler und mit hnlichen Gefhlen verlie ich sie. Im Hintergrund
des Kirchhofs erhebt sich ein Hgel mit der Aussicht auf das herrliche
Panorama der Stadt und auf den Golf von Genua.

[Illustration: Marktplatz in Genua.]

Vom Campo Santo fuhren wir mit der Drahtseilbahn den Rigi hinauf, um
von oben die groartigste Aussicht ber die Stadt Genua mit dem Hafen zu
genieen. Die Fahrt bis zur Hhe des Berges dauerte ungefhr 20Minuten.
Die Lage von Genua ist nach der von Neapel, mit der sie eine auffallende
hnlichkeit hat, gewi eine der schnsten in Italien. Neapel hat
freilich die Inseln und den Vesuv voraus, sonst drfte Genua ihm
wohl den Rang streitig machen. Ein herrliches Amphitheater von
bereinanderliegenden Straen und Berghhen, liegt die Stadt Genua
mit ihren prchtigen Gebuden vor uns. Dazu die beiden groartigen
Hafendmme, welche wie zwei riesige Arme ins Meer hinausgreifen, mit dem
berhmten malerischen Leuchtturm an ihren Enden, der frei und stolz
wie eine Sule emporragt. Den Hafen fllen alle nur mglichen Arten von
Fahrzeugen, die ziemlich regelmig nebeneinander gereiht daliegen, in
der Mitte eine breite Wasserstrae brig lassend. Auch die den Hafen
umschlieende Verteidigungsmauer bemerkt man. Diese hngt mit der von
der Landseite die Stadt umgebenden Mauer zusammen, zieht sich bis
hinauf zu den Hhen, auf denen wir standen, und bildet ein mchtiges
Befestigungswerk, das aber jetzt blo als Zeuge vergangener Schanzkunst
dient. ber die Stadt und den Hafen hinweg schweift das Auge auf
das weite blaue Meer, auf dem hie und da weie Segel oder schwarze
Rauchwlkchen bemerkbar sind. Eine herrliche Aussicht, die in der Tat
ber jede Beschreibung erhaben ist!

Nach kurzem hatten wir die halbe Stadt durchwandert und bald dieses,
bald jenes -- Palste, Denkmler, Parkanlagen, Kirchen u.s.w. --
gesehen. An Palsten ist Genua wirklich reich; sie gleichen marmornen
Schmuckkstchen mit ihren prunkhaften Vorhallen und Sulenhfen, die
reich mit Bildhauerarbeit verziert sind; die Straen oder vielmehr
Gassen sind meist eng und unscheinbar. An ihren beiden Seiten reihen
sich hohe Huser von 6 bis 8 Stockwerken aneinander, welche zum Teil alt
sind und keinen schnen Anblick gewhren. Infolge ihrer ungeheuren
Hhe machen die Huser die Strae dunkler, was auch nicht wenig
dazu beitrgt, dem ganzen Straenbild ein dsteres, unsauberes,
unfreundliches Aussehen zu verleihen. Viele Straen sind treppenartig
gebaut und fhren zu den hher liegenden Stadtteilen hinauf -- natrlich
sind sie unfahrbar. berall aber herrscht ein ungeheures Leben, ein
buntes Durcheinander von Menschen, ein Gedrnge, ein Wirrwarr, da es
schon eine gewisse Geschicklichkeit und Kunst erfordert, durch dasselbe
seinen Weg zu finden. Die Lasttrger mit einem kurzen Beinkleid von
gestreiftem Segeltuch, die Matrosen mit blauen Hemden und breiten
Kragen, die Verkufer mit allerhand Waren, die sie laut ausrufen, die
Frauen mit schwarzem ppigem Haar und dunklen leuchtenden Augen, ihre
Schnheit durch weie wallende Schleier noch mehr erhhend, nebenher
die schneidigen, diensteifrigen Kavaliere und hie und da die recht
unschneidigen, unbeholfenen Reisenden in ihren grauen Jacken, die dieses
Straenbild ansehen und zu denen wir vielleicht auch gehrten... alle
diese Gestalten bilden zusammen ein groes Menschengewhl, welches gegen
Abend sogar noch grer wird.

Es hatte bereits Mitternacht geschlagen, als wir wieder nach unserm
Htel zurckkehrten, aber die Straen waren noch immer mit Menschen
gefllt.




XV.

Mailand.


Am 16.Mai frh 8Uhr brachen wir von Genua auf und kamen nach einer
prchtigen Fahrt von vier Stunden, auf der wir mehrere groe und kleine
Tunnel passierten, in Mailand an. In unserer Gesellschaft befand sich
der oben erwhnte deutsche Herr, soda wir auch hier die Stadt unter
sachkundiger Fhrung besichtigen konnten. Wir waren im Htel du Nord
abgestiegen und gingen dann sogleich in die Stadt hinein. Vor allem
andern sahen wir uns den berhmten Dom an, ein Meisterwerk der Baukunst,
ja, das wunderbarste, das ich je gesehen habe. Die schnen Glasmalereien
an den Fenstern, die Marmorschnitzereien in und auerhalb des Gebudes,
ein ganzes Heer von Bildsulen, der prchtige Marmorboden der weiten
Hallen, hunderte von schlanken Trmchen auf dem Dache u.s.w., dies
Werk von Menschenhand bertrifft an Pracht, Groartigkeit und Kunst
wirklich alles bisher Gesehene. Wir stiegen bis auf die hchste Spitze
des Turmes und sahen zu unseren Fen die ganze Stadt und die blhende
lombardische Ebene liegen. Gar manches ist bereits ber diesen Dom
geschrieben worden, aber nachdem ich ihn mit meinen eigenen Augen
gesehen, mu ich doch sagen, da es keinem gelungen ist, die wahre
Pracht und majesttische Gre dieses Wunderwerkes treffend zu
schildern. Lassen wir hier einige kurze Skizzen namhafter Autoren
folgen, die zeigen werden, was fr Mhe sich mancher gegeben hat, um
dieses Wunder aus Marmor zu beschreiben:

ber den Domplatz kamen wir zum Dom; langsam stiegen wir die schmalen
Stufen des Domes hinauf, um zur Hhe des Schiffes zu gelangen. Dann
hatten wir noch 900 Stufen, von denen allein 150 Stufen fr die Trme
sind. Die Treppen winden sich in den einzelnen Seitentrmen hinauf,
whrend die Trme durch offene Galerien miteinander verbunden sind. Auch
die Trme sind nach allen Seiten durchbrochen, von jeder Treppenstufe
hat man die freie Aussicht ber die lombardische Ebene, welche sich,
je hher man hinaufsteigt, in einem immer unvergleichlicheren Bilde
aufrollt. Die groartigen Einzelheiten des Baues selbst, den die
Mailnder mit Recht das achte Wunder der Welt nennen, kann man nur im
Hinaufsteigen betrachten und bewundern. Nchst der Peterskirche in
Rom und dem Dom zu Sevilla ist der Mailnder Dom die grte Kirche
in Europa; an Pracht und Reichtum, in ihren ueren Verzierungen und
Statuenschmuck keine von beiden mit ihr zu vergleichen. Der Dom zu
Mailand ist mit nicht weniger als 4500 Statuen an seiner Auenseite
geschmckt, ber dem Dach erheben sich, alle durch in den zierlichsten
Arabesken gewundene Galerien mit einander verbunden, 98 gotische
Spitzsulen, jede Sule ist auf ihren einzelnen Pfeilern und auf der
Spitze mit einer Statue geschmckt. Ganz oben auf der Spitze des Turmes,
der eine Hhe von 335Fu hat, thront die kollossale vergoldete Statue
der heiligen Jungfrau, der die Kirche geweiht ist. Der ganze Bau in
allen seinen Einzelheiten ist von weiem Marmor und unbedingt der
groartigste neugotischen Stils, welchen Italien besitzt. Endlich
standen wir oben, auf der obersten Galerie, ber der durchsichtigen
Guglia. Gerade ber uns thronte die goldene Statue, deren Fugestalt wir
mit der Hand berhren konnten. Ich blickte zuerst hinab. Ich habe schon
manchen hohen Berggipfel erstiegen, denn ich kenne die Alpen in ihrer
ganzen Ausdehnung durch Mitteleuropa. Auf wie viele Wlder habe ich von
all diesen Hhen herabgeschaut, auf dunkle schwarze Tannenwlder,
auf breite rauschende Tannenkronen, auf grne Buchengipfel, auf
breitblttrige Platanen und auf Lorbeer- und Cypressenwlder; von
dieser Hhe blicke ich zum ersten Male in meinem Leben auf einen weien
Marmorwald. Hunderte von gotischen Trmen und Spitzsulen und Tausende
von Statuen erhoben rings um mich ihre schneeweien Hupter... (Gustav
Rasch Frei bis zur Adria.)

Wenn man auf dem Marmordache des Doms von Mailand, etwa 300Fu ber
der lombardischen Ebene, bei heiterem Himmel sich umschaut, welch' ein
unvergeliches Panorama ffnet sich den Blicken! Im gewaltigen Halbbogen
umsumen von Westen nach Norden und Osten die langgestreckten Ketten
bedeutsamer Alpenglieder einen Garten, einem Walde gleich, aus dessen
Lichtungen tausende und abertausende von Ansiedlungen herabschimmern,
die dem Ganzen das Geprge eines Parkes verleihen... Welch' ein Blick
auf die Alpen, welche umfassende Alpenansicht! Schwerlich drfte ein
Punkt der Erde, selbst nicht der indischen Ebene auf die Riesenzinnen
des Himalaya, einen hnlichen umfassenden berblick, hnliche Schnheit
der Begrenzungslinien darbieten, als dieser ungeheure Halbbogen der
sdlichen Alpen von diesem eigentmlich schnen Standpunkte. Trunken
hngt der Blick an den Linien der Ferne, von welcher sich eine Menge
lebensspendender Wasseradern gleich silbernen Fden durch den grnen
Teppich der gesegneten Aue, der Po an ihrer Spitze, hindurchschlngelt.
Rings um uns aber ein Wald von Marmortrmchen mit den Tausenden ihrer
Bildsulen, und unter uns das Gewirr der von 180000 Menschen bewohnten
4000 Huser, ber deren flache Ziegeldcher eine Menge vielgestaltiger
Trme emporsteigt, mitten im Brennpunkte eines unvergleichlichen
Landschaftsbildes und Vlkerlebens. (K. Mller, Am Sdabhang der
rhtischen Alpen.)

Der ganze zauberische Bau ist wie ein Gebet, wie ein Opfer, das
alle Zungen und alle Herzen der ganzen Stadt dem Allerhchsten hier
dargebracht haben: ein solch Werk der Begeisterung und der Schnheit tut
wohl in der jetzt so vernchterten Welt. Wie verklrt und veredelt es
alles rund um: wie die Flammen der Abendrte auch die geringste Htte
ebenso wie die riesigen Gletscher mit ihrem Purpur bekleiden, so adelt
er mit seinem Schwung und seiner Schnheit die ganze Stadt, hlt sie
zusammen, ist ihr Knig, auf den sich alles bezieht, auf den man immer
wieder die Blicke zu richten sich gezwungen sieht (Fried. Pecht u.
Andere)...

[Illustration: Italienerin.]

Nachdem wir den Dom eingehend besichtigt hatten, sahen wir uns die Stadt
mit ihrem bunten Straenleben an. Es fand gerade eine Korsofahrt statt
und so hatten wir Gelegenheit, die schnen Mailnderinnen in ihren
eleganten Equipagen, gezogen von stattlichen, wohlgenhrten Pferden,
bewundern zu knnen. Alles in allem erschien uns Mailand weit
gemtlicher als Genua, und man wird sich daher nicht wundern, da wir
bis spt in die Nacht hinein durch die Stadt und den Park, in welchem
eine Militrkapelle durch ihre auerordentlich lebhafte Weise unsere
Ohren entzckte, spazieren gingen. Da die Italienerinnen sehr schn und
grazis seien, hatten wir schon vorher gehrt, hier aber konnten wir uns
davon mit unseren eigenen Augen berzeugen. Besonders gefielen sie durch
ihren ungezwungenen leichten Gang und ihr liebliches anmutiges Wesen,
noch mehr aber durch ihre feurigen, funkelnden schwarzen Augen, die
zusammen mit den schwarzen wallenden Haaren und der milchweien Haut
einen reizenden Anblick darboten. Wenn auch Salomo gesagt hat: Lieblich
und schn ist Nichts und Claudius: Ein Ding, das in sich keinen Wert
hat, das nur kurz whret, das im Hause nicht sonderlich ntzt und nicht
eigentlich Liebe macht, so ein Ding ist die Schnheit, mehr ist sie
nicht, und Ihr mt mir nicht bse sein, Ihr schnen Mdchen, da sie
nicht mehr ist -- so stimmte ich doch beim Anblick dieser schnen
Gestalten mehr den Worten Schillers bei, der da sang:

  Zrne der Schnheit nicht, da sie schn ist, da sie verdienstlos
  Wie der Lilie Kelch prangt durch der Venus Geschenk;
  La sie die Gttliche sein, du schaust sie, du bist der Beglckte,
  Wie sie ohne Verdienst glnzt, so entzcket sie dich.

So sehr Italien einerseits durch seine herrliche Natur und Kunst unser
Gefallen erregte, so sehr hat uns leider andrerseits ein Teil seiner
Landeskinder durch ihre allzugroe Gewinnsucht und geschftliche
Verschmitztheit Verdru bereitet. Ich htte davon am liebsten
geschwiegen, jedoch mit Rcksicht auf die vielen Landsleute, die noch
nach uns dieses schne Land besuchen und durchreisen werden, halte ich
es fr meine Pflicht, diesen unerfreulichen Punkt hier zur Sprache zu
bringen. Um ein Beispiel anzufhren, so wurden wir fast berall, wenn
wir Einkufe machten, Sehenswrdigkeiten besuchten oder sonst etwas
unternahmen, ungeheuer bervorteilt, und da die meisten der Italiener
auer ihrer Muttersprache kein Wort verstanden oder verstehen wollten,
muten wir, weil wir ihrer Sprache nicht mchtig waren, immer den
Krzeren ziehen. Einmal muten wir z.B. fr zehn Stck Zigarren, die
wir im Htel durch den Kellner bringen lieen, den geradezu enormen
Preis von 30Franks erlegen; hnlich war es berall, soda wir fast
immer Unannehmlichkeiten hatten, wenn es ans Bezahlen ging. Nichts von
warmer Gastfreundlichkeit und wohltuender Liebenswrdigkeit, welche die
unkundigen, von dem uersten Zipfel der Erde kommenden Fremdlinge so
sehr erfreut haben wrden! Italien, dieses an Natur und Kunst so schne
und reiche Land, wre doch im wahren Sinne des Wortes nur dann schn
und reich zu nennen, wenn auch der Charakter vieler seiner Landeskinder
etwas von diesen Eigenschaften offenbarte... meinten wir. Und doch
sollte man glauben, da eben dieses Volk am meisten Ursache htte,
den Fremden, die das Land besuchen, freundlich und rcksichtsvoll
entgegenzukommen, denn diese bringen bei ihrer groen Zahl jhrlich
recht ansehnliche Summen Geldes in das Land. Die Freude am Schnen wird
jedem sehr leicht verdorben, wenn ihm fortwhrend Unannehmlichkeiten in
den Weg kommen; nur da, wo freundliche Menschen anderen ein frhliches
und aufrichtiges Entgegenkommen bezeigen, wird man sich wohl und
glcklich fhlen. Hoffen wir, da sich auch dieses Volk im Laufe der
Zeit zu seinem Vorteil verndern werde, da es seine unveruerlichen
Gter, die Schnheiten der Natur und der Kunst, durch eigene seelische
Vorzge erst wirkungs- und wertvoller machen lerne! Da auch unser Land
den Ruf hat, ein herrliches Land der Knste wie der Natur zu sein und da
es auch von so vielen Reisenden aus aller Herren Lnder besucht wird,
so mgen die Japaner das italienische Volk nicht zum Vorbilde nehmen,
sondern im Gegenteil danach streben, ihre edlen Tugenden, wie die
Gastfreundlichkeit, Hflichkeit, Opferfreudigkeit u.s.w., die ihnen
ja eigen sind, noch weiter zu entwickeln, damit jeder, dessen Fu einmal
ihr Land betritt, in frohem Entzcken ausrufen mge: Ach, wie ist es
hier doch so schn!

Wir wollten uns von Mailand noch nach Venedig begeben, aber da wir dem
italienischen Volke nach dem eben Gesagten kein allzu groes Interesse
mehr entgegenbrachten, so zogen wir es vor, direkt nach Berlin zu
fahren. Am 17.Mai frh 8Uhr waren wir also auf dem Bahnhof, um den
Zug zu besteigen. Dieser war jedoch schon berfllt, wenigstens die eine
Hlfte desselben, die direkt nach Deutschland durchfhrt, soda wir
nur mit Mhe ein Unterkommen darin finden konnten. Da bemerkte ich auf
einmal, da einige von uns in der anderen Hlfte des Zuges, die nicht
nach Deutschland fuhr, Platz genommen hatten; ich erschrak, stieg hurtig
aus, rannte hin und her, fand sie endlich heraus und nur mit knapper Not
kamen wir, eng aneinander gedrckt, in einem Coup unter. Aber o weh!
In diesem groen Gedrnge und in der Aufregung hatten wir unsere Koffer
vollstndig auer acht gelassen und da wir keine Zeit mehr hatten,
muten wir sie alle stehen lassen. Was tun? In dieser schlimmen
Verlegenheit fiel glcklicherweise mein Blick auf Herrn Erdmannsdrffer,
der uns freundlichst bis nach dem Bahnhof begleitet hatte. Ich
hatte kaum Zeit, ihm durch das Fenster schnell von dem Vorgefallenen
Mitteilung zu machen, worauf er mir versprach, da er die Koffer direkt
nach Berlin nachsenden werde. Diesem Herrn waren wir schon fr seine
Begleitung und Fhrung in Genua und Mailand zu groem Dank verpflichtet,
und nun erwies er uns noch diesen Dienst! Sicherlich ein besonderes
Glck fr uns, denn ohne ihn wre unser Gepck wahrscheinlich verloren
gegangen.

Der kurze Aufenthalt in Italien war somit ein recht mhsamer und die
Abfahrt von Mailand der aufregendste Teil der ganzen Reise von Japan
nach Deutschland gewesen, namentlich fr mich, der ich smtliche
Besorgungen fr all meine Landsleute allein bernommen hatte und daher
auch die geschftlichen Unannehmlichkeiten am meisten empfinden mute.
Aber in der frohen Hoffnung, da wir nach ca. dreiig Stunden Berlin,
unser letztes Ziel, erreichen wrden, fuhren wir, eng gepret zwar --
es war ja auch ein Ex-Prezug! -- aber doch getrost ab. An der Grenze
Italiens und der Schweiz hatten wir abermals eine Zollrevision, jedoch
verlief dieselbe sehr schnell, weil ja unser Gepck in Mailand stehen
geblieben war.




XVI.

Fahrt durch die Schweiz.


Auf der Reise von Mailand nach Berlin kamen wir durch die schne
Schweiz. Das Wetter war herrlich und vom Fenster unseres Coups
erblickten wir zu beiden Seiten die herrlichen Alpenlandschaften. Bald
ging die Fahrt ber Hhen, bald durch Tler, oben sahen wir auf
dem Gipfel die schneebedeckten Hupter der Bergriesen, unten die
weitgestreckten Wiesen mit den Obstbumen im zauberhaften Bltenschmuck.
Die grnen Matten unten am Fue und die weien Gipfel oben in den Hhen
machten einen geradezu imposanten Eindruck auf uns. Der Zug fhrt
immer weiter. Mit jeder Minute verndert sich die Landschaft: groe
Felsblcke, die ber unseren Huptern herunterhingen, reiende Flsse
und Bche, Wasserflle, groe und kleine Seen, von Sennerinnen bewohnte
Alpenhtten, die vereinzelt auf ziemlicher Hhe liegen, wohlgenhrte
Khe mit ihren Glocken, die zahlreich auf den Matten weideten und deren
Gelut unseren Ohren wie liebliche Musik ertnte -- alles dieses machte
auf uns einen unvergelichen Eindruck. Von der groen Naturschnheit der
Schweiz hatten wir schon oft viel Rhmenswertes gehrt, nun sahen wir
diese Schnheiten vor unseren Augen ausgebreitet und berzeugten uns,
da sie mit Recht zu den grten Europas gezhlt werden. Ich hatte
manchmal daran gedacht, einen Vergleich zwischen der Natur dieses Landes
und der unserer Heimat anzustellen, aber jetzt, nachdem ich alles
selber angeschaut habe, bin ich zu dem Schlu gekommen, da beide Lnder
eigentlich gar nicht mit einander verglichen werden knnen, denn im
groen Ganzen sind unsere Naturschnheiten idyllischer und lieblicher
Art, whrend diejenigen der Schweiz romantischer und groartiger
sind. Natrlich kann ich noch kein richtiges und abschlieendes Urteil
abgeben, da ich die Schweiz nur vom Fenster des Zuges aus whrend der
Fahrt gesehen habe. Im stillen aber gelobte ich mir, spter einmal, wenn
es die Zeit irgend erlaubt, eine Schweizerreise zu unternehmen, um die
Natur dieses Landes genauer zu studieren, und meine damaligen Plne
verwirklichten sich denn auch.

[Illustration: Felspartie am St.Gotthard.]

Im Coup war es sehr angenehm, es war selbstverstndlich noch geheizt.
Als wir den berhmten St.Gotthard-Tunnel passierten -- die Durchfahrt
dauerte ungefhr 15Minuten -- aen wir gerade im Speisewagen zu Mittag,
wobei wir nicht versumten, uns den bekannten Schweizer Wein und Kse
vorsetzen zu lassen. Gegen Abend schon langten wir in Stuttgart an. Hier
nahmen wir im Schlafwagen Platz, in welchem wir eine ganz behagliche
Nacht verbrachten.

Am 18.Mai vormittags 10Uhr trafen wir wohlbehalten in Berlin
auf dem Anhalter Bahnhof ein, wo wir von mehreren Landsleuten erwartet
wurden. Als wir unter den herzlichsten Glckwnschen unserer Landsleute
einander die Hnde drckten, berkam uns ein recht angenehmes, freudiges
Gefhl bei dem Gedanken, endlich die Hauptstadt des Deutschen Reiches
betreten zu haben, wo wir nun fr lngere Zeit unser Heim aufschlagen
sollten. Wir nahmen eine Droschke und fuhren in das Htel Bellevue am
Potsdamer Platz, in dem wir einstweilen absteigen wollten. So war die
lange groe Reise glcklich berstanden und unser Ziel erreicht!




XVII.

Die ersten Eindrcke in Berlin.


[Illustration]

In Folgendem will ich versuchen, einiges von dem niederzuschreiben,
was mir in den ersten Tagen meines Berliner Aufenthaltes besonders
aufgefallen ist. Selbstverstndlich mute vieles meinen an europische
Verhltnisse nicht gewhnten Augen fremd erscheinen, wodurch vielleicht
meine Auffassung beeinflut wurde. Es darf dies jedoch nicht in Frage
kommen, da mir eben daran liegt, eine individuelle Schilderung meiner
ersten Eindrcke und Empfindungen wiederzugeben. Einem Fremdling, der
mehrere tausend Meilen von Osten hierher kommt und vom Schiff aus durch
die Bahn direkt in die Mitte der groen Weltstadt getragen wird, mu
vieles wie ein Wunder vorkommen und er wird Dinge und Menschen ganz
anders betrachten, als ein Einheimischer.

Wie jedem Fremden, erging es auch mir, der das westeuropische Leben und
Treiben nur vom Hrensagen und aus Bchern kannte. Meine Spannung hatte
natrlich den hchsten Grad erreicht, als ich nach der langen Reise
in Berlin auf dem Anhalter Bahnhof ankam, empfangen von mehreren
landsmnnischen Freunden. Eine innere Genugtuung erfllte mich nach der
unendlichen Fahrt. Die zehntausend tapferen Griechen knnen das Meer
mit ihrem Thalassa-Rufe nicht freudiger begrt haben, als ich mein
Endziel: die Kaiserstadt Berlin! Hier sollte ich endlich zur Ruhe
kommen, denn Berlin sollte fr lngere Zeit meinen Aufenthalt bilden.
Ich war freudig berrascht, da ich vom ersten Augenblick an dasjenige,
was ich von dem deutschen Volk schon in Japan gehrt, gedacht und
gelesen hatte, vollkommen besttigt fand, worber ich spter eingehend
zu schildern gedenke.

Vom Anhalter Bahnhof fuhr ich zum naheliegenden Potsdamer Platz, an
dem das Htel Bellevue liegt, woselbst ich Wohnung nahm. Der Potsdamer
Platz, in dem sich einige mchtige Arterien des Berliner Lebens einigen,
bietet mit seinem riesigen Verkehr -- wie ich mir erzhlen lie, soll
er ein Kreuzpunkt von vielen Dutzenden elektrischer Straenbahnlinien,
sowie von kolossalen Menschenmengen sein -- einen wahrhaft verblffenden
Anblick.

[Illustration: Reinigungsmannschaften.]

Was mir zuerst auffiel und mich angenehm berraschte, war die peinliche
Sauberkeit und Gleichmigkeit der Straen, die aus dem Fahrdamm und
den zu beiden Seiten laufenden Brgersteigen (Trottoirs) bestehen. Die
Straen sind ohne Ausnahme gepflastert oder asphaltiert und sehr breit,
an beiden Seiten mit Bumen geschmckt und mit Gasbeleuchtung oder
elektrischem Licht versehen. Die Straen werden so sauber gehalten, wie
ein Hausflur oder eine Stubendiele; berall, wohin man blickt, sieht man
die uniformierten Straenreiniger ihrer Beschftigung nachgehen und
mit Gummischiebern den Asphalt abwaschen, mit Besen und Schippe
den Straendamm reinigen. Groe Sprengwagen liefern das Wasser zur
Reinigung, kleine Handwagen beseitigen den Kehrricht, und so greift
eines ins andere, um eine wirklich ideale Straensuberung mit
unglaublicher Geschwindigkeit herbeizufhren. Es kann daher kein Wunder
nehmen, da diese Reinlichkeit auch auf die Luft in sanitrer Beziehung
vorzgliche Wirkungen ausbt und zum Gesundheitszustand Berlins viel
beitrgt.

Andererseits war es mir ein wahrer Genu, in den sauberen Straen
spazieren zu gehen, ohne frchten zu mssen, sich schmutzige Kleider
oder Stiefel zu holen. Unwillkrlich stellte ich einen Vergleich
zwischen meiner Heimat und Berlin an, der sehr zu Ungunsten der ersteren
ausfiel, wenn ich an den Zustand unserer heimatlichen Straen und Wege
dachte, von denen sich manche noch im Naturzustand befinden, so da man
bei Regenwetter nicht ohne gehrigen Schmutz wegkommt. Und dabei drngte
sich mir auch der Gedanke an die oft in letzter Zeit in Japan auf die
Tagesordnung gebrachte Frage der Reform unserer Frauenkleidung auf.
Nach dem, was ich hier gesehen habe, mchte ich nur meine Ansicht
wiederholen, da die Straen in gewissem Zusammenhang mit der Reform
der Kleidungstcke stehen, da zuerst unsere Straen und Wege verbessert
werden mten, bevor an die Kleiderreform gegangen werden kann. Also
in allererster Linie die Straenreform, ohne die eine Kleiderreform,
speziell hinsichtlich der Damenkleidung, illusorisch sein wrde.

[Illustration: Berlinerin.]

Zu beiden Seiten der Berliner Straen reihen sich die regelmig
aufgebauten Huser aneinander, alle ohne Ausnahme massiv aus Stein
erbaut und fast smtlich 4-5stckige Neubauten in modernem Stil. Ein
Beweis, da Berlin im Vergleich zu anderen Grostdten, wie London,
Paris oder Wien, noch eine jungaufblhende, im Wachstum begriffene Stadt
ist. Whrend bei uns die Huser sich in mannigfaltiger Auffhrung und
Gestalt zeigen und manche noch ihren villenartigen Charakter bewahren,
sind die Bauten in Berlin ziemlich gleichfrmig, wie nach einer
Schablone errichtet. Ein Haus hnelt im Groen und Ganzen dem andern und
fast an allen sieht man Balkone und Verzierungen aller Art, ohne da
sie dadurch in ihrer Einfrmigkeit beeintrchtigt werden. Was mir an
den Gebuden ganz besonders in die Augen fiel, war der Umstand, da
fast alle Huser nur nach der Vorder- und Hinterfront Fenster
besitzen, whrend an den Giebelseiten -- sofern zwei Huser nicht dicht
zusammengebaut sind -- blo glatte Mauerwnde zu sehen sind. Es knnte
dies einerseits damit zusammenhngen, da infolge des unmittelbaren
Nebeneinanderstehens der Huser keine Fenster angebracht werden knnen;
andererseits wrde die Ursache darin zu suchen sein, da man hier bei
Bauten an den Winter denkt, wie es ja bei uns den Anschein hat, als ob
unsere Huser fr den Sommer errichtet wren, weil sie -- wenn irgend
mglich -- nach allen Seiten mit vielen Fenstern ausgestattet sind und
dadurch viel luftiger und heller erscheinen. Jede dieser Bauarten drfte
ihre Vorteile und Nachteile haben. Sind die Gebude bei uns heller,
so sind dieselben hier wrmer, erscheinen die unsrigen luftiger und
leichter, so sind die hiesigen solider und massiver.

Beim Durchwandern der Berliner Straen, die Kleidung der Passanten
betrachtend, machte ich die Wahrnehmung, da Mnner und Frauen fast
durchweg schwarze oder graue Kleidung tragen, soda man wohl behaupten
knnte, diese beiden Farben seien vorherrschend Straenfarben. Bunte
Gewnder werden meistens vermit; die Farbenpracht auf der Strae, wie
man sie bei uns findet, scheint hier fast gnzlich zu fehlen. Vielleicht
sind sie doch im Sommer anzutreffen. Was ich noch vielfach bemerkt habe,
ist, da die Berliner Damen lange Schleppen lieben und mit ihnen die
Straen durchschreiten. Ich wnschte, da die Schleppen ein bischen
krzer oder die Beine ihrer Besitzerinnen ein bischen lnger wren! Am
Ende habe ich doch anerkennen mssen, da die langen Schleppen nebenbei
zur Polierung der Straen geschaffen sind. Jedenfalls haben sie mir
nach dem Regenwetter auf den Straen einen recht appetitlichen Eindruck
gemacht.

[Illustration: Jung-Berlin.]

Mnner wie Frauen durcheilen hier die Straen sehr geschftig und
scheinen keine Zeit brig zu haben, um an die Ausschmckung mit
farbenprchtigen Toiletten zu denken. Jeder strebt seinem Ziele zu. Nur
selten sieht man Leute, die ziellos die Straen durchschlendern; jeder
geht festen Schrittes einher, und einer eilt -- mit Ausnahme von einigen
Straen wie die Friedrichstrae und Unter den Linden -- an dem andern
vorber, ohne sich um ihn zu kmmern. Bei allen macht sich der Grundsatz
bemerklich: Zeit ist Geld. Sogar die Jugend hastet oft rasch dahin;
bewundernswert ist die Frhreife und Selbstndigkeit der Berliner
Kinder, die, wie ein Volkswort sagt, sich nicht die Butter vom Brot
nehmen lassen. Sechs- wie siebenjhrige Knaben und Mdchen schwingen
sich gewandt auf die Waggons der Straenbahnen, berschreiten mit
merkwrdiger Ruhe die schlimmsten Straenpassagen und benehmen sich
in der Stadtbahn genau so wie die Groen, die Tren der Wagen im
Fluge ffnend und schlieend. In gewissem Sinne berhmt wegen ihrer
schlagfertigen Antworten, die sie Niemandem schuldig bleiben, sind die
Berliner Lehrlinge, namentlich des Schusterhandwerks; aber ihnen mag
auch mancher Witz in die Schuhe geschoben werden, der auf das Conto von
Angehrigen anderer Berufszweige zu setzen ist.

[Illustration: Berliner Schusterjunge.]

Eine besonders bemerkenswerte Erscheinung ist, da man auf den Berliner
Straen weit mehr Frauen sieht, als bei uns, ja, man knnte wohl sagen,
man begegnet hier mehr Frauen als Mnnern, es ist also gerade das
Gegenteil von unserem Straenbilde. Da die Mnner auerhalb des Hauses,
die Frauen im Hause ihren Pflichten und Arbeiten nachgehen, scheint hier
im allgemeinen nicht der Fall zu sein. Ich hatte schon in Japan gehrt,
da es hier viele selbstndige Frauen gibt, d.h. solche, die sich
selbst ernhren und regelmige Beschftigungen haben wie Mnner. Davon
habe ich mich wirklich berzeugt. Das Arbeitsgebiet der Frauen scheint
hier ein ziemlich groes zu sein, und offenbar hat man hier dem zarten
Geschlecht viele Berufszweige geffnet, soda sich ihre Zugehrigen ihre
Selbstndigkeit bewahren knnen. Allerdings scheint die Selbsthilfe der
Frauen, wie mir mitgeteilt wurde, auf die Zahl der Ehen in verminderndem
Sinne einzuwirken. Ob dieser Umstand die Menschheit zur Seligkeit fhrt,
ob sie dadurch ihre Ideale verwirklicht sieht, lasse ich dahingestellt
sein. Die Frauenfrage und Frauenbewegung, die auch bei uns bereits
ihre Wurzeln geschlagen haben, ist hier, wie ja berall, eine der
brennendsten sozialen Fragen, auf die ich an dieser Stelle nicht nher
eingehen kann.

Da die Frauen hier viel mehr arbeiten, als bei uns, ist eine durchaus
lobenswerte Tatsache, die schon an ihrem ueren, in ihrem Gang und
Wesen und in ihrem starken Krperbau ersichtlich ist. Nicht selten hrte
ich auf der Strae hinter mir feste Schritte und glaubte anfangs, sie
rhrten von einem Soldaten her; zu meinem nicht geringen Erstaunen mute
ich jedoch bemerken, da dieser vermeintliche Soldat, als er an mir
vorberschritt, eine Dame war! Man kann hieraus entnehmen, mit welchen
derben Fen die Damen hier auftreten. Im allgemeinen habe ich gefunden,
da die deutschen Damen alle ziemlich fest einherschreiten.

Wie ich mir sagen lie und selbst bemerkt habe, legt man in Deutschland
auf die krperliche Erziehung beider Geschlechter sehr viel Wert.
Tatsache ist es, da die Menschen hier im allgemeinen grer sind, als
unsere Landsleute. Es liegt allerdings wohl schon in der Rasse, aber
auch die krperliche Pflege drfte zweifellos nicht wenig zur Erzielung
einer krftigen, gut entwickelten Menschengattung beitragen. Die
durchschnittliche Gre der Deutschen ist aber Gott sei Dank nicht so
bedeutend, wie ich sie mir daheim vorgestellt hatte. Ich hatte nmlich
geglaubt, da ich in Deutschland als ein Zwerg unter Riesen erscheinen
msse. Dem war jedoch glcklicherweise nicht so: als ich sah, da es
hier auch kleinere Menschen gibt wie ich und als ich dann bemerkte, da
ich noch nicht zu den kleinsten gehrte, fhlte ich mich sehr beruhigt.
Die Deutschen sind auch im Groen und Ganzen korpulenter als die
Japaner. Ich wurde wirklich manchmal durch kolossale Exemplare
berrascht, die nicht selten wandelnden Bierfssern gleichen. Besonders
sind mir unter der Damenwelt viele gewichtige Figuren aufgefallen;
einzelne von ihnen hatten eine solche Mchtigkeit, da sie sich kaum
fortbewegen konnten. Wie mir zu Mute ward, als ich zum ersten Mal mit
der Straenbahn fuhr und unglcklicherweise an der Seite eines
solchen Kolosses in die Ecke gedrckt sitzen mute, kann man sich wohl
vorstellen.

Aus unseren neuesten schulhygienischen Mitteilungen ist ersichtlich,
da die Krperlnge unseres jngeren Geschlechtes, namentlich beim
weiblichen, im Zunehmen begriffen ist, seitdem man fr die krperlichen
bungen, besonders in den Schulen, mehr Sorge getragen hat und im
modernen Leben Tische und Sthle verwendet. Ich empfehle meinen
Landsleuten krperliche Pflege und Bewegung auf das energischste und
rate ihnen entschieden das Hocken auf den Matten ab.

[Illustration: Schutzmann.]

Von allem, was ich hier in den ersten Tagen meiner Ankunft gesehen habe,
hat mir der riesige Verkehr am meisten Bewunderung abgerungen. Die
neuen Verkehrsmittel in Berlin sind geradezu phnomenal. Straenbahnen,
Stadtbahnen, Hoch- und Untergrundbahn, Omnibusse, Droschken, Automobile,
Fahrrder und noch vieles andere, all diese Fahrgelegenheiten
durchkreuzen die Stadt nach smtlichen Richtungen und machen das
Straenleben ungeheuer lebhaft.

[Illustration: Viel Zeit.]

In den unter sorgsamster polizeilicher Aufsicht stehenden
verkehrsreichsten Straen, wie z.B. der Friedrichstrae, war es mir
oft kaum mglich, meinen Weg durch die Menschenmenge zu finden. Anfangs
glaubte ich, diese Menschen strmten aus irgend einem besonderen Anla
herbei, aber dem war nicht so, denn bis spt in die Nacht ging es hier
so zu. Es knnte fast scheinen, als ob die meisten dieser Passanten
keinen besonderen Lebenszweck htten, aber man mu bercksichtigen,
da ein groer Teil davon -- wie man mir mitteilte -- nicht Berliner,
sondern Fremde sind, die sich des Vergngens wegen hier aufhalten.
Wie in einem Kaleidoskop sind hier alle Arten von Menschen
zusammengewrfelt: geschniegelte und gebgelte Mnner mit Cylinder,
geschminkte Weiber in auffallender Kleidung, schneidige Offiziere,
vornehme Damen, Studenten in ihren Couleurmtzen, Landleute mit
ihren kerngesunden, gerteten Gesichtern, Provinzler, Straenhndler,
Zeitungs- und Blumenverkufer u.a.m., alles strmt hier bunt
durcheinander und macht auf uns Auslnder einen ganz eigenartigen
Eindruck.

Eins von den eigentmlichsten Straenbildern, das man bei uns nie zu
sehen bekommt und uns viel Spa macht, ist auch der Hundehndler. Sie
stehen an der Seite der Strae, halten ein paar junge Hndchen auf
den Hnden oder fhren grere Hunde an der Leine und bieten sie
den Vorbergehenden feil. Ich wei nicht, ob sie mit diesem neuen
Berufszweige gute Geschfte machen oder nicht, kurz und gut, sie ben
auf uns eine drollige Wirkung aus. Noch eine andere eigentmliche
Erscheinung auf der Strae bilden die Soldaten mit ihren
Herzallerliebsten an der Seite -- auch ein possierlicher Anblick,
den man bei uns nicht hat. Ich habe oft beobachtet, wie ein solcher
Vaterlandsverteidiger Hand in Hand oder Arm in Arm mit seinem Schatz
durch die Straen wandelte oder dem Tanzboden zusteuerte. Ich hatte
immer geglaubt, die deutschen Soldaten, die durch ihre Tapferkeit und
Disziplin so weltberhmt sind, wrden sich solche Dinge nicht erlauben,
aber vielleicht tut es ihrem Ansehen keinen Abbruch. Jedenfalls
mutete es mich in der ersten Zeit seltsam an, weil, wie gesagt, solch'
ffentliche Liebeleien bei unseren Marsshnen nicht Mode sind.

[Illustration: Ein Hund gefllig?]

[Illustration: Militrische Annherung.]

Was dann meine Augen besonders in den Hauptstraen Berlins entzckte,
das sind die groartigen Schaufenster der Geschfte. Die Dekoration, die
Zusammenstellung und der Aufbau der Waren verraten wirklich eine groe
Kunst. Die Schaufenster gewhren einen uerst einladenden Anblick, wie
sie berhaupt ein groartiges Aushngeschild fr das Kaufhaus selbst
bedeuten. Wenn ich vor einem solchen schndekorierten Schaufenster
stand, wandelte mich stets die Versuchung an, in das Geschft zu gehen
und mir irgendwelche schne Sachen zu kaufen. Smtliche Gegenstnde
sind so bequem und gut zurechtgelegt, da man mit einem Blick sofort
bersehen kann, was in dem betreffenden Laden zu haben ist. Bei uns
liegen die Verhltnisse ganz anders. Da werden die Waren der greren
Geschfte gewhnlich im Magazin aufbewahrt und werden erst mhsam
einzeln auf Verlangen des Kufers hervorgeholt. Entschieden ist die
hiesige Art und Weise unseren Geschftsleuten sehr zu empfehlen; ich bin
fest berzeugt, da sowohl das Publikum, wie die Geschftsinhaber bei
der neuen, auf Berliner Art eingefhrten Ordnung ihre Rechnung finden
werden.

[Illustration: In einem Restaurant Unter den Linden.]

Der grte Teil der hiesigen offenen Lden besteht aus Restaurants,
Gastwirtschaften und Destillationen, in denen kolossale Mengen geistiger
Getrnke, am meisten Bier, vertilgt werden. In zweiter Linie folgen
die Cigarrenhandlungen, die fast jede Ecke besetzt halten. Aus dem
bergewicht dieser beiden Geschftsbranchen lt sich leicht der Schlu
ziehen, da der Genu von Bier und Tabak den Deutschen dringendes
Bedrfnis ist.

Angenehme Empfindungen erweckten in mir dann die vielen Blumengeschfte:
vor diesen blieb ich mit besonderer Freude regelmig stehen, weil sie
mich so lebhaft an meine Heimat mit ihrer wunderbaren Natur erinnerten
und mich ihr gleichsam nherten.

Was ich dann in jeder Strae zu Dutzenden antraf, sind die Verkaufslden
fr Ansichtspostkarten. Ihr Verbrauch soll sich hier auf Millionen
beziffern, soda sich infolgedessen ein besonderer Industriezweig
ausgebildet haben soll, der sich lediglich mit der Anfertigung von
Ansichtspostkarten befat. Anstatt einen Brief zu schreiben, kauft
man hier eine solche Karte, schreibt die Adresse und sendet sie als
Lebenszeichen in die Welt. Eine vortreffliche Einrichtung, von
welcher ich auch manchen Gebrauch zu machen gedenke, aber nicht aus --
Schreibfaulheitsgrnden!

Noch eins! Was mir in Berlin in den ersten Tagen recht imponierte, sind
die vielen kunstvollen Denkmler, Statuen, Bsten u.s.w., meist aus
Marmor oder Bronze. berall, wohin man kommt, auf den sogen. Pltzen,
in den Parkanlagen, auf den Brcken u.s.w. wird man dieser schnen
Verzierungen gewahr, dieser edlen, feinen Kunstprodukte, die wir zu
Hause leider noch so sehr vermissen!

Soviel in Krze! Die ersten Eindrcke, die ich oben im Vorbeigehen
geschildert habe, waren fr mich als Auslnder aus einer fremden
Kulturwelt so berwltigend, da ich tatschlich in den ersten Tagen
meines Hierseins nicht im stande war, alles richtig zu erfassen; erst
spter vermochte ich mich mit den verschiedenen Gegenstnden eingehend
zu beschftigen. In meinem nur Berlin gewidmeten Buche werde ich auf die
zahlreichen Einzelheiten nher eingehen und versuchen, sie der Wahrheit
gem zu schildern.




XVIII.

Aufruf an unsere Jugend.


Indem ich nunmehr zum Schlu meiner Reisebeschreibung schreite, mchte
ich als Resultat meiner Erfahrungen unserer Jugend die Mahnung dringend
ans Herz legen: Mge jeder, der es mit seinen Verhltnissen irgend
vereinbaren kann, Reisen ins Ausland unternehmen! Ich meine damit
natrlich nicht, da die jungen Japaner ihre Studien aufgeben und ihren
Vergngungen nachgehen sollen -- durchaus nicht! Allein unserer
Jugend, der mnnlichen nmlich, mangelt bis jetzt noch immer der
Unternehmungsgeist und frische Wagemut, hinauszugehen und fremde Lnder
und Leute mit ihren Sitten und Gebruchen aus eigener Anschauung kennen
zu lernen. Immer war unser Land seit alter Zeit ein abgeschlossenes
Inselreich und erst seit drei Jahrzehnten hat es den Verkehr mit fremden
Vlkern angebahnt, aber der Riesenfortschritt, den wir in dieser kurzen
Zeit gemacht haben, und die dadurch geschaffenen Verhltnisse erlauben
nicht mehr, lnger zu Hause zu sitzen und angenehm der Ruhe zu pflegen.

Von allem Nutzen abgesehen, den eine Studienreise auf wissenschaftlichen
Gebieten gewhrt, ist es fr junge Geschlechter von groem Wert, wenn
sich ihr Blick fr alles erweitert und sie sich daran gewhnen, Gefahren
und Zuflligkeiten aller Art zu begegnen. Kommt einem nicht schon
durch das Lesen einer Beschreibung aus dem Innern Afrikas oder einer
Nordpolfahrt der Gedanke, den khnen Forschern nachzuahmen und nicht
tatenlos zuzuschauen? Ich will selbstverstndlich damit unserer
Jugend nicht das Wort zu Abenteuern reden, ihr auch nicht dazu raten,
blindlings in die Ferne zu ziehen; ich mchte sie nur dringend
mahnen, nicht zu Hause mig sitzen zu bleiben, sondern auf dem groen
Schauplatz der Welt ihre Kraft auf die Probe zu stellen.

In Europa ist es etwas ganz Gewhnliches, da selbst knigliche Prinzen
weite Reisen unternehmen, um einerseits den Wissenschaften zu dienen,
andererseits aber ihre Erfahrungen und Kenntnisse zu bereichern. Die
Europer sind berhaupt zu Unternehmungen viel leichter geneigt als wir.
Auf meiner Reise durch Europa habe ich nicht selten gefunden, da sogar
junge Damen, ihre geschnrten Bndel und Rnzel selbst tragend, allein
in die weite Welt hinausreisten. Oben auf der Hhe der Jungfrau, die ich
erstieg, im Reiche des ewigen Eises und Schnees versetzte mich eins noch
mehr in Bewunderung als die kolossale Alpenlandschaft, nmlich, da
ich unter den Bergsteigern nicht wenig Vertreterinnen des zarten
Geschlechtes erblickte. In dieser schwindelnden Hhe, wohin man nur
mit Hilfe von Bergstcken, Haken und Seilen, sowie an der Hand sicherer
Fhrer gelangen kann, waren Frauen zugegen! Bei uns zu Hause wrde dem
schnen Geschlecht nie in den Sinn kommen, sich den Strapazen
einer derartigen Bergtour auszusetzen. Ob Damen berhaupt derartige
Anstrengungen zu empfehlen und zutrglich sind, will ich dahingestellt
sein lassen. Aber jedenfalls sprechen solche Vorkommnisse fr meine
Behauptung, da Europas Bewohner mehr von einem groen, vor keiner
Gefahr zurckschreckenden Unternehmungsgeist beseelt sind als wir.

Darum, japanische Jugend, erwache und gehe kraftvoll und hoffnungsfreudig
an die Arbeit! Die Konkurrenz im groen Vlkerwettstreit leidet keine
Ruhe -- und nur dem Mutigen gehrt die Welt!

[Illustration]


Druck von G. Bernstein in Berlin.




Funote


[1]: Gu = dumm, En = Garten.




[Hinweise zur Transkription


Offensichtliche Satzfehler wurden korrigiert, sonst der Originaltext
beibehalten. nderungen sind in der nachstehenden Liste ausgewiesen.


nderungen

  Seitenangabe
  originaler Text
  genderter Text

  Seite 4
  Alles war nun erledigt, und gestrosten Mutes
  Alles war nun erledigt, und getrosten Mutes

  Seite 12
  Bnke, physikalische und chemische Apparate, Wandkarten u.sw.
  Bnke, physikalische und chemische Apparate, Wandkarten u.s.w.

  Seite 24
  mehrere Konsulate, Banken usw.
  mehrere Konsulate, Banken u.s.w.

  Seite 42
  Straenleben hat mit seiner buntdurcheindergewrfelten Bevlkerung
  Straenleben hat mit seiner buntdurcheinandergewrfelten Bevlkerung

  Seite 47
  gewinnbringendsten Artikels der englichen Einfuhr
  gewinnbringendsten Artikels der englischen Einfuhr

  Seite 79
  wie beipielsweise bei uns in Japan
  wie beispielsweise bei uns in Japan

  Seite 110
  Frbung erhalte nnd da der Name daherstamme
  Frbung erhalte und da der Name daher stamme

  Seite 127
  die Hauptstadt des ehemaligen Knigsreichs beider Sicilien
  die Hauptstadt des ehemaligen Knigreichs beider Sicilien

  und die fnf bis sechsstckigen Huser
  und die fnf- bis sechsstckigen Huser

  Seite 133
  mit kleinen, gewhnlich mit Sand gefllen Beutelchen wirft
  mit kleinen, gewhnlich mit Sand gefllten Beutelchen wirft

  Seite 137
  und mute nun von einem Deutchen erfahren
  und mute nun von einem Deutschen erfahren

  Seite 138
  so benutzt man man dieses Swasser zum Nachsplen
  so benutzt man dieses Swasser zum Nachsplen

  Seite 144
  da die Japaner im Krperbau kleiner sind, als die Russen
  da die Japaner im Krperbau kleiner sind als die Russen,

  Seite 152
  und sie auch auf der ganzen Fahrt bewhrt
  und sie auch auf der ganzen Fahrt bewahrt

  Seite 157
  man mchte wohl anch solch ein Vogel sein
  man mchte wohl auch solch ein Vogel sein

  Seite 166
  Rubinen, Saphieren, Topasen
  Rubinen, Saphiren, Topasen

  Seite 179
  an Kajtenpassagieren erster nnd zweiter Klasse
  an Kajtenpassagieren erster und zweiter Klasse

  Seite 182
  mein Freund und frherer Schler Dr. Okoski
  mein Freund und frherer Schler Dr. Okoshi

  Seite 190
  ein x scher Professor, ebenfalls ein Reisegefhrte
  ein x'scher Professor, ebenfalls ein Reisegefhrte

  Seite 196
  brachen wir von Genua auf und und kamen
  brachen wir von Genua auf und kamen

  Seite 216
  In gegewissem Sinne berhmt wegen ihrer
  In gewissem Sinne berhmt wegen ihrer]






End of the Project Gutenberg EBook of Tokio - Berlin, by Jintaro Omura

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Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
throughout numerous locations.  Its business office is located at 809
North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887.  Email
contact links and up to date contact information can be found at the
Foundation's web site and official page at www.gutenberg.org/contact

For additional contact information:
     Dr. Gregory B. Newby
     Chief Executive and Director
     gbnewby@pglaf.org

Section 4.  Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
spread public support and donations to carry out its mission of
increasing the number of public domain and licensed works that can be
freely distributed in machine readable form accessible by the widest
array of equipment including outdated equipment.  Many small donations
($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United
States.  Compliance requirements are not uniform and it takes a
considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
with these requirements.  We do not solicit donations in locations
where we have not received written confirmation of compliance.  To
SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
particular state visit www.gutenberg.org/donate

While we cannot and do not solicit contributions from states where we
have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
against accepting unsolicited donations from donors in such states who
approach us with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make
any statements concerning tax treatment of donations received from
outside the United States.  U.S. laws alone swamp our small staff.

Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
methods and addresses.  Donations are accepted in a number of other
ways including checks, online payments and credit card donations.
To donate, please visit:  www.gutenberg.org/donate


Section 5.  General Information About Project Gutenberg-tm electronic
works.

Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm
concept of a library of electronic works that could be freely shared
with anyone.  For forty years, he produced and distributed Project
Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.

Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
unless a copyright notice is included.  Thus, we do not necessarily
keep eBooks in compliance with any particular paper edition.

Most people start at our Web site which has the main PG search facility:

     www.gutenberg.org

This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
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