The Project Gutenberg EBook of Briefwechsel zwischen Abaelard und Heloise, by 
Abaelard and Heloise

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Title: Briefwechsel zwischen Abaelard und Heloise
       mit der Lebensgeschichte Abaelards

Author: Abaelard
        Heloise

Release Date: October 27, 2013 [EBook #44051]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK BRIEFWECHSEL ZWISCHEN ***




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                             Briefwechsel
                               zwischen
                         Abaelard und Heloise
                               mit der
                     Leidensgeschichte Abaelards


                               Aus dem
                Lateinischen bersetzt und eingeleitet
                       von Dr. _P. Baumgrtner_


               _Verlag von Philipp Reclam jun. Leipzig_






               _Druck von Philipp Reclam jun. Leipzig_
                          Printed in Germany








Inhalt.


       _Einleitung_                                                  5--17
    1. Brief: Abaelard an einen Freund (Die Leidensgeschichte)      19--73
    2. Brief: Heloise an Abaelard                                   73--83
    3. Brief: Abaelard an Heloise                                   83--91
    4. Brief: Heloise an Abaelard                                  91--102
    5. Brief: Abaelard an Heloise                                 102--125
    6. Brief: Heloise an Abaelard                                 126--149
    7. Brief: Abaelard an Heloise                                 149--203
    8. Brief: Abaelard an Heloise                                 203--303
    9. Brief: Heloise an Abaelard                                 303--305
   10. Brief: Abaelard an Heloise (mit 2 Sammlungen von
              Hymnen)                                             305--312
   11. Brief: Abaelard an Heloise (mit einer Predigtsammlung)     312--313
   12. Brief: Abaelard an Heloise (Abaelards Glaubensbekenntnis)  313--315




Einleitung.


Die bersetzung dieser Briefe ist entstanden in einer Zeit, da krperliches
Leiden mir ein selbstndiges wissenschaftliches Arbeiten unmglich machte.
Ich las und bersetzte anfangs zu meiner eigenen Unterhaltung und bung;
doch je mchtiger diese Urkunden der Liebe und des geistigen Verkehrs
zweier so hochherziger Menschen mich selber anzogen, desto lebhafter regte
sich der Wunsch, auch anderen sie zugnglich zu machen. Unsere
kirchengeschichtliche Litteratur enthlt so manchen edlen Schatz, der in
staubiger Hlle vergessen in den Bibliotheken aufgespeichert steht -- so
manches Schriftdenkmal, das in seiner fremden Sprache nur zum Gelehrten
redet, whrend es ans Licht gezogen und verstndlich gemacht manchem
ernstergerichteten Leser Genu und Erbauung zu bieten vermchte.

So sind auch die Briefe, die von Abaelard und Heloise auf uns gekommen
sind, in Deutschland wenigstens, nur wenig bekannt, obwohl die beiden zu
jenen Liebespaaren von weltgeschichtlichem Rufe gehren, deren Namen
unauflslich miteinander verbunden sind, wie Hero und Leander, Tristan und
Isolde, Dante und Beatrice. Im Ausland dagegen und besonders in Frankreich
schenkte man diesen Briefen frhzeitig Aufmerksamkeit, und namentlich die
eigentlichen Liebesbriefe wurden mannigfach dichterisch bearbeitet und
romanhaft ausgeschmckt -- jedoch nicht zu ihrem Vorteil: man vergleiche
die Bearbeitungen, die diesem Gegenstand durch einen Pope und Colardeau --
bei uns durch eine formvollendete poetische bersetzung Brgers eingefhrt
-- zu teil geworden sind, mit unserem Original, und man wird leicht gewahr
werden, um wie viel edler und, bei aller Leidenschaftlichkeit, keuscher
dieses letztere ist als jene pikanten Leistungen.

Eine sehr elegante, dabei meist textgeme franzsische bersetzung der
Briefe giebt _O. Grard_ in seinem Buche: Lettres compltes d'Ablard et
d'Hloise, Paris, Garnier Frres. Der franzsischen bersetzung ist der
lateinische Text in der Recension von _Viktor Cousin_ beigegeben, die auch
unserer bersetzung zu Grunde liegt.

Im Jahre 1844 ist eine deutsche bersetzung des Briefwechsels erschienen
von _Moriz Carrire_,[1] und dieses Werk wrde meine bersetzung
berflssig machen, wenn es berhaupt noch im Buchhandel zu haben wre. Da
es jedoch gnzlich vergriffen ist -- ich selbst habe es nur nach
langwierigen Bemhungen zu Gesicht bekommen -- und eine neue Auflage nicht
in Aussicht steht, so glaubte ich mich zu dieser neuen Verffentlichung
berechtigt. -- Carrire schickt seiner bersetzung eine ausfhrliche,
ebenso gelehrte wie geistvolle Einleitung voraus, in der er mit dem Feuer
einer edlen Begeisterung Abaelards philosophischen und theologischen
Standpunkt darstellt. Diese Einleitung bildet nahezu ein Drittel des ganzen
Buches, so da eigentlich in ihr der geistige Schwerpunkt desselben zu
sehen ist. Ich meinerseits beschrnke mich in dieser kurzen Einleitung auf
das, was dem Leser zum Verstndnis der Briefe notwendig ist -- zumal uns in
den Briefen Abaelard doch mehr als Mensch, weniger als Gelehrter
entgegentritt.

[Funote 1: M. Carrire: Abaelard und Heloise. Ihre Briefe und
Leidensgeschichte bersetzt und eingeleitet durch eine Darstellung von
Abaelards Philosophie und seinem Kampf mit der Kirche. (Gieen 1844, 2.
Auflage 1853.)]

Die hier verffentlichte Briefsammlung umfat im ganzen zwlf Briefe. Dabei
ist als erster Brief mitgezhlt das unter dem Namen der Leidensgeschichte
(historia calamitatum) bekannte Schriftstck, das in Form eines Briefes,
der an einen unbekannten Freund Abaelards adressiert ist, das vielbewegte
Leben des letzteren schildert bis zu dem Zeitpunkt, wo er in den groen
Streit mit Bernhard von Clairvaux eintritt -- also ein Stck
Autobiographie, das die Einleitung zu dem folgenden Briefwechsel bildet.

berhaupt wurde dieser Brief die Veranlassung zu der ganzen folgenden
Korrespondenz: ber ein Jahrzehnt war seit der Trennung der Liebenden
vergangen, und allem Anschein nach hatte whrend dieser ganzen Zeit jeder
Verkehr zwischen ihnen aufgehrt. Da kam durch einen Zufall jener Brief
Abaelards in die Hnde Heloisens und weckte der alten Wunde unnennbar
schmerzliches Gefhl. Die Geschichte der Leiden des geliebten Mannes, zu
denen er auch mit vollem Recht seine Liebe zhlte, facht den Funken, der
noch immer in ihrem Herzen glimmt, zur hellen Flamme an, und noch einmal
durchlebt sie in der Erinnerung alle Freuden und alle Leiden einer hohen
Liebe. Aus der Hochflut dieser neuerwachten Gefhle heraus sind die Briefe
II und IV geschrieben: eine Beichte sondergleichen, ein Herzensaufschrei in
den unmittelbarsten, leidenschaftlichsten, khnsten Lauten, die je ber
Frauenlippen gekommen sind. Im Vergleich mit diesen Ergssen hat man von
jeher die Antwortschreiben Abaelards auffallend ruhig und khl gefunden. In
der That gleicht er in seinen Briefen (III und V) dem starren Felsenriff,
das unbewegt und fhllos bleibt, mitten in den ewig wiederholten
Umarmungsversuchen der Wogen. Man hat ihm aus dieser Klte schwere
moralische Vorwrfe gemacht, ja an sein Verhalten auch schon allgemeine
philosophische Betrachtungen darber angeknpft, wie verschiedenartig die
beiden Geschlechter lieben. So besonders Johannes Scherr in seiner
geistreich-extremen Weise (Menschliche Tragikomdie, Bd. 2, Heloise). Die
Art, wie Abaelard Heloisens hungriges Herz abzuspeisen sucht, wie er der
Frau gegenber, mit der er einst so wenig geistlich verfahren war, nun ganz
die Sprache des Geistlichen, des orakelnden Heiligen und Propheten fhrt,
macht im ersten Augenblick einen peinlichen, unangenehmen Eindruck, und hat
sogar stellenweise etwas Emprendes. Allein der Ton, den er anschlgt, ist
keine angenommene Maske; was er an Heloise schreibt, sind nicht blo fromme
Phrasen, sondern es ist ihm bitterer Ernst; er ist wirklich bekehrt, er
bereut und sieht von diesem Standpunkt aus sein und Heloisens ueres
Migeschick fr eine gndige Fgung Gottes zur Rettung ihrer Seelen an.
Sodann ist allerdings das Gefhl, das in Heloisens Herz eben jetzt in neuen
Flammen erwachte, in ihm gnzlich erstorben. Er macht daraus kein Hehl; er
sucht die einst Geliebte darber nicht hinwegzutuschen. Seine
Wahrhaftigkeit ist seine Entschuldigung. Wo aber eine Liebe erloschen ist,
da wird niemand glhende Liebesbriefe erwarten.

Man wird solche aber auch nicht erwarten, wenn man die Verschiedenheit des
Lebenswegs und der weiteren Geschicke der einst in Liebe Verbundenen in
Betracht zieht. Heloise war einst wider ihren Willen und wider ihre Natur
ins Kloster gegangen, nur aus Gehorsam gegen den geliebten Mann. Sie hatte
damit ein Opfer gebracht, dem ihre Natur nicht gewachsen war. Ruhe hatte
sie jedenfalls nicht gefunden hinter den Klostermauern. Zwar brachte sie es
durch ihre geistige und sittliche Energie dahin, da sie in den Ruf
besonderer Heiligkeit kam, aber man lese ihre erschtternden Selbstanklagen
im vierten Brief, um einen Einblick in dies ruhelose unbefriedigte Herz zu
gewinnen. Aus solchem Gemtszustand heraus sind jene leidenschaftlichen
Ergsse begreiflich, denen gegenber Abaelards Auslassungen und
beichtvterliche Ermahnungen freilich kalt erscheinen. Ferner ist zu
bedenken: mit dem Eintritt ins Kloster war Heloisens Leben eigentlich
abgeschlossen; neue gewaltige Eindrcke, durch die die alten verwischt
worden wren, erwarteten die Klosterfrau nicht mehr. Sie zehrte von einer
kurzen Vergangenheit. Was sie aber mitbrachte von Erinnerungen an die Welt,
von Lebenseindrcken, das alles war fr sie beschlossen in dem Namen
Abaelard. Dieser Name, ihr Ein und Alles, lebte in ihrem Herzen und mit ihm
die Liebe, und so bedurfte es nur eines zndenden Funkens, um die
zusammengesunkene Glut aufs neue zu entfachen. -- Abaelard dagegen war aus
dem friedlichen Port des Klosters, wohin auch er sich geflchtet hatte,
mehrmals wieder hinausgeschleudert worden auf die hochgehenden Wogen des
Lebens und der Hndel dieser Welt. Er hatte in seinem Beruf, der zwar groe
Aufregungen und gehssige Verfolgungen, aber auch glnzende Triumphe mit
sich brachte, einen gewissen innern Halt und Befriedigung gefunden.
Jedenfalls aber war sein Leben so reich an erschtternden neuen Eindrcken
und packenden Erlebnissen, da jene eine Erinnerung an seine Liebe, jenes
Erlebnis mit Heloise notwendig davor erblassen mute. Er fhlt sich
berhaupt zu der Zeit, da unsre Briefe geschrieben wurden, als ein
gehetztes Wild, das von allen Seiten bedroht ist. Er bittet Heloise und
ihre Nonnen um ihre besondere Frsprache im Gebet; er ist ein wegmder
Mann, hat Todesgedanken und will im Paraklet, dem Kloster, das er
Heloisen eingerumt, begraben sein. Da er in dieser Verfassung andere
Briefe schrieb, als Heloise, wird man begreiflich finden. Will man ihm
etwas anrechnen, so mag man ihm einen Vorwurf _daraus_ machen, da er einst
das Opfer einer geheimen Ehe (wiewohl dies immer noch besser war als die
damals unter Klerikern ganz gewhnlichen _wilden_ Ehen) -- und das noch
grere Opfer des Klostergelbdes von Heloise angenommen hat. --

Nicht ohne Rhrung liest man, wie Heloise nun im _sechsten_ Brief die
Stimme des Herzens, die bei Abaelard kein Echo zu wecken vermocht hatte, zu
bezwingen sucht -- wiewohl wir nichts so wenig in der Gewalt haben wie
unser Herz -- und um dennoch den Verkehr mit Abaelard aufrecht zu
erhalten, auf das wissenschaftliche Gebiet bergeht. Sie verlangt von
Abaelard Aufschlu ber die Entstehung des Mnchswesens, und bittet ihn um
Abfassung einer Klosterregel mit besonderer Rcksicht auf das weibliche
Geschlecht. -- Auf beide Anliegen bleibt Abaelard die Antwort nicht
schuldig, sondern er legt sie nieder in zwei ausfhrlichen Abhandlungen
(Briefe VII und VIII), von denen namentlich die zweite nach unseren
Begriffen eher ein Buch als ein Brief zu nennen wre. Ich habe sie dennoch
beide in ihrem ganzen Umfang aufgenommen, weil sie in kultur- und
kirchenhistorischer Beziehung von allgemeinerem Interesse sind und
besonders in die Anschauungen des Mittelalters und in den Betrieb des
Klosterwesens einen lebendigen Einblick gewhren.

Bezeichnend fr Abaelard ist es, da er am Schlu seiner Klosterregel im
Geiste Benedikts den Nonnen die Beschftigung mit der Wissenschaft aufs
nachdrcklichste anbefohlen hatte. Im _neunten_ Briefe nun schreibt Heloise
an Abaelard, da sie in dem Bestreben dieser seiner Vorschrift Folge zu
leisten, vielfach auf Hindernisse stoen, da es ihnen oftmals am ntigen
Verstndnis fehle und sie ber einzelne Fragen nicht ins reine kommen. Und
so legt sie ihm denn zweiundvierzig Fragen zur Beantwortung vor, die meist
im Zusammenhang mit der Bibellektre, wie sie von den Nonnen betrieben
wurde, stehen. Diese Fragen sind uns samt den Antworten Abaelards
berliefert; doch habe ich sie selbstverstndlich nicht in unsre
Briefsammlung aufgenommen. Denn dieses Frag- und Antwortbuch entbehrt jedes
persnlichen Charakters und ist von ausschlielich wissenschaftlichem
Interesse. -- Die Briefe X und XI sind Begleitschreiben Abaelards zu
litterarischen Sendungen an Heloise. Der zehnte Brief ist dadurch
interessant, da er ein Schreiben Heloisens an Abaelard rekapituliert, in
dem sie ber den Mistand klagt, der in Beziehung auf die
gottesdienstlichen Gesnge in ihrem Kloster herrsche. Abaelard verfate
infolge dieser Anregung selbst eine grere Anzahl von Hymnen zum
gottesdienstlichen Gebrauch fr die Nonnen und hngte dieser Sammlung in
seinem Begleitschreiben den blichen gelehrten Zopf an. -- Der _elfte_
Brief ist ein kurzes Billet, das Abaelard mit einer Sammlung eigener
Predigten an Heloise sandte. -- Der _zwlfte_ Brief endlich enthlt das
Glaubensbekenntnis Abaelards. Offenbar hatte er es fr ntig befunden, die
Freundin ber seine Rechtglubigkeit zu beruhigen, die von seinen Gegnern
so lebhaft bestritten wurde. Der Brief ist durch eine Schrift seines treuen
und streitbaren Schlers Berengar auf uns gekommen; das darin enthaltene
Bekenntnis klingt fr unsre Begriffe sehr orthodox. -- Auch an diese Briefe
hat man schon die Torturschraube der Echtheitsfrage angelegt, allein ohne
Erfolg: wenn irgend eine Urkunde aus dem Mittelalter, so tragen _sie_ den
Stempel der Echtheit an sich. --

Zum Verstndnis der Briefe ist es ntig, ein kurzes Wort ber _die
hauptschlichsten Stze und Lehren Abaelards_ zu sagen. Wir sehen aus der
Selbstbiographie, welchen Reiz litterarische Kmpfe, wissenschaftliche
Disputationen und Errterungen fr Abaelard hatten. Es scheint damals
berhaupt unter der studierenden Jugend eine wahre Disputierwut geherrscht
zu haben. Alles und nichts bewies man mittels der dialektischen Methode und
vielfach glaubte man wohl auch damals, wenn man nur Worte hrte, es msse
sich dabei auch etwas denken lassen. Abaelard war ein geborenes
Disputiergenie, und schon als junger unerfahrener Schler machte er mit
seiner Streitsucht den Lehrern zu schaffen.

Auf dem Gebiete der Philosophie war zu jener Zeit die Kardinalfrage, ber
der die Gelehrten sich in zwei Lager teilten, die Frage nach dem Verhltnis
der _Allgemeinbegriffe_ zu den _Einzeldingen_ (z. B. Menschheit -- Mensch).
Der Streit ging zurck bis auf Plato und Aristoteles. Nach Plato kommt nur
dem Allgemeinen, der Idee wirkliche Existenz zu, whrend die Einzeldinge
nur schwache unvollkommene Abbilder, gleichsam Schatten davon sind. So hat
z. B. die Idee, das Urbild der Schnheit (in einer andern Welt), _reale_
Existenz und alles Einzelne, was wir hier in dieser Welt schn finden, ist
nur ein Abglanz dieses Ideals. Im Gegensatz zu dieser Meinung lehrte
Aristoteles: _reales_ Sein kommt nur dem _Einzelding_ zu, die
Allgemeinbegriffe existieren nur im menschlichen Denken, sind nichts als
Kombinationen des menschlichen Verstandes, eben nichts als Begriffe
(nomina).

Realismus und Nominalismus wurden nun seit dem elften Jahrhundert die
Schlagworte, die die Parteien auf ihre Fahne schrieben, je nachdem sie sich
an Plato oder an Aristoteles anschlossen. Der eigentliche wissenschaftliche
Begrnder des Nominalismus ist Roscelinus; der Hauptvertreter des Realismus
Wilhelm von Champeaux. Beide waren Abaelards Lehrer, aber keiner konnte ihm
ganz Genge thun. Mit welcher Khnheit er Wilhelm von Champeaux ntigte,
seine Lehre zu ndern, lesen wir in Abaelards erstem Briefe. Da diese
philosophischen Theorien, je nachdem man sie auf die Theologie anwandte, zu
bedenklichen Resultaten fhren konnten, sieht man an dem Beispiel
Roscelins. Dieser leugnete als konsequenter Nominalist die wirkliche
Existenz des Allgemeinbegriffs Gottheit und es blieben ihm nur die drei
Einzelwesen Vater, Sohn, Geist als real existierend, whrend ihm die
Einheit in und trotz der Dreiheit verloren ging, so da er der Ketzerei des
Tritheismus (der Dreigtterlehre) beschuldigt wurde. Seitdem war der
Nominalismus den Vertretern der Kirchlichkeit verdchtig und anrchig. Aber
auch Abaelard selbst bekmpfte diesen Nominalismus seines ehemaligen
Lehrers, und in der schwebenden Frage nahm er seine Stellung in der Mitte
zwischen Roscelinus und Wilhelm von Champeaux, indem er lehrte: allerdings
sei der Begriff, das Allgemeine Grund und Wesen der Einzeldinge und drfe
nicht blo (wie die Nominalisten behaupteten) als bloe Abstraktion des
Verstandes und Vorstellung angesehen werden. Allein ebensowenig drfe man
den Allgemeinbegriffen eine von den Einzeldingen gesonderte Existenz
zuschreiben (wie die Realisten), vielmehr komme das Allgemeine in der Welt
der Wirklichkeit nur in Verbindung mit dem Individuellen zur Erscheinung.

War demnach Abaelards philosophischer Standpunkt unter dem Einflu der
Platonischen Ideenlehre eher realistisch (also nach damaligen Begriffen
korrekt) zu nennen als nominalistisch, so gingen auch auf dem Gebiete der
_Theologie_ seine wissenschaftlichen Bestrebungen nicht etwa auf Zersetzung
und Auflsung der kirchlichen Dogmen aus, sondern was die gesamte
scholastische Theologie anstrebte, die Vernnftigkeit der bestehenden
Dogmen verstandesmig nachzuweisen, das wollte auch er. Nur ging er dabei
mit einer Khnheit und Konsequenz zu Werke, die ihm in kurzer Zeit eine
scharfe Gegnerschaft erwecken mute. Schon sein _Erkenntnisprinzip_ drehte
die bisherige Anschauung geradezu um. Bis jetzt hatte in der Kirche der
Grundsatz gegolten: credo, ut intellegam (ich glaube, damit ich
verstehe), d. h. der Glaube mu dem Verstndnis vorausgehen. Abaelard
dagegen lehrte, der Ausgangspunkt alles Wissens sei _der Zweifel_; etwas zu
glauben, ohne es zuvor eingesehen, mit dem Verstande durchdrungen zu haben,
sei widersinnig und unwrdig.

Am heftigsten wurde Abaelard wegen seiner _Lehre von der Trinitt_
angegriffen; in seiner Leidensgeschichte schildert er aufs
anschaulichste, wie er das Buch, in dem diese Lehre enthalten war, auf der
Synode von Soissons (1121) verbrennen mute; und noch zwanzig Jahre spter,
auf der Synode zu Sens, wo er definitiv verurteilt wurde, hielt man ihm
diese Lehre als Ketzerei vor. Er lehrte nmlich ber die Dreieinigkeit
folgendes: Die Substanz der einheitlichen Gottheit werde im einzelnen
bestimmt durch die drei Namen Vater, Sohn, Geist. Vater heie die Gottheit
nach der ihr zukommenden Eigenschaft der Allmacht, Sohn nach ihrer
Weisheit, heiliger Geist nach ihrer Liebe und Gte. Gott ist also Vater,
Sohn und Geist, d. h. er ist allmchtig, weise und gtig. Diese Lehre
zeigte eine bedenkliche Verwandtschaft mit der von der Kirche verdammten
Trinittslehre des Sabellius, der die drei Personen der Gottheit als
verschiedene Offenbarungsformen der einen Gottheit nahm (Modalismus).

Groen Ansto muten auch _seine ethischen Grundstze_ und die daraus
resultierende _Lehre von der Snde_ erregen. Nach Abaelard kommt fr das
sittliche Urteil nicht die That als ausgefhrte in Betracht, sondern _die
Gesinnung_, aus der sie entspringt. Die Kriegsknechte, die den Herrn
kreuzigten und glaubten damit etwas Gutes zu thun, haben nicht gesndigt.
Andererseits kann Snde vorhanden sein, wo die sndige That noch gar nicht
geschehen ist. Eva hatte den Sndenfall bereits in dem Augenblick begangen,
als sie den Entschlu fate, den Apfel zu essen. Alles kommt darauf an, da
einer Liebe hat. Habe nur Liebe und du magst thun was du willst. Das Echo
dieser Lehre vernehmen wir in den Briefen wiederholt.

Whrend Abaelard so sehr den tiefen Ernst der Snde verkannte, trat er auch
mit seiner _Lehre von der Erlsung_ in scharfen Gegensatz zu der
Kirchenlehre. In der Kirche war anerkannt die Satisfaktionstheorie des
Anselm von Canterbury, wonach Gott durch Hingabe seines Sohnes die erste
Snde getilgt und die Menschheit von dem aus jener Snde entspringenden
ewigen Verderben erlst hat. Wie kann, ruft Abaelard aus, die
verhltnismig geringe Snde durch die unendlich grere geshnt werden,
wie sie sich in der Ttung Gottes darstellt! Vielmehr besteht die Erlsung
in einem innerlichen, rein sittlichen Proze. Nmlich im Leben, Leiden und
Sterben Jesu bekundet sich eine so mchtige Liebe zur Menschheit, da
dieselbe notwendig in uns eine Gegenliebe entzndet von solcher Kraft, da
wir dadurch von der Knechtschaft der Snde erlst und Kinder Gottes werden.
--

Dies waren die hauptschlichsten Irrlehren, die man Abaelard zum Vorwurf
machte, und solcher einzelner Stze bedurfte man freilich, wenn man ihn auf
Kirchenversammlungen der Ketzerei berfhren wollte. Im Grunde aber war der
Kampf, in dem Abaelard kmpfte und schlielich fiel, ein viel
prinzipiellerer. Es war der groe Gegensatz zwischen Dialektik und
kontemplativer Mystik, dem er zum Opfer fiel. Die letztere Richtung nahm
eben damals durch ihren geistesgewaltigen Vertreter, Bernhard von
Clairvaux, einen mchtigen Aufschwung. Er ist der eine der beiden Gegner,
die Abaelard am Schlu seiner Leidensgeschichte wie drohende Wolken an
seinem Horizont auftauchen sieht, und seinen Machinationen ist er erlegen.
Whrend die Dialektik durch Vermittelung des Verstandes zur
Glaubenseinsicht und Gotteserkenntnis zu gelangen strebte, wollte die
Mystik die Gottheit unmittelbar erfahren und erfassen. Als den Weg dazu
bezeichnet Bernhard _die Liebe_. Gott wird _erkannt_, soweit er _geliebt_
wird war sein Grundsatz. Nicht Nachdenken und logische Schlsse fhren in
die Nhe Gottes, sondern _die Heiligung_, deren hchste Blte die _Ekstase_
ist, die freilich nur wenigen in besonders geweihten Momenten zu teil wird,
und mittelst deren sich die Seele zum unmittelbaren Anschauen und Genieen
der Gottheit emporschwingt. In diesem Zustand werden ihr Offenbarungen
kund, wie sie durch Studium und Wissenschaft niemals erreicht werden.

Dieser gewaltige Mensch, von dem selbst das Haupt der Kirche willig
Belehrung annahm, lud den Vielverfolgten zum Entscheidungskampf auf die
Synode zu Sens im Jahr 1141. Der langvorbereitete Streich fiel vernichtend
auf Abaelards Haupt. Zwar appellierte er von dem Urteil der Synode, das ihn
der Ketzerei bezichtigte, an den Papst; allein vergebens. Der ppstliche
Spruch lautete auf Exkommunikation, lebenslngliche Klosterhaft und
Verbrennung seiner Schriften. Abaelard wollte selbst seine Sache in Rom
fhren und machte sich auf den Weg. Aber er kam nicht weit. Unterwegs
kehrte der mde Wanderer in der Abtei zu Clugny ein; Abt Petrus der
Ehrwrdige nahm ihn auf und bot ihm sein Kloster zum dauernden Asyl fr die
kurze Zeit, die ihm noch vergnnt war, an. Abaelard machte durch die
Vermittelung des Petrus seinen Frieden mit der Kirche und mit Bernhard, und
hat wenigstens sein letztes Lebensjahr unangefochten im Frieden des
Klosters verbracht.

ber seine letzten Lebenstage haben wir einen anschaulichen Bericht von
Petrus, den dieser an Heloise schickte. Voll Befriedigung weist der
ehrwrdige Abt darauf hin, wie glubig und kirchlich, wir mchten sagen,
wie orthodox der groe Gelehrte gestorben sei. Auf uns aber macht der
Bericht den wehmtigen Eindruck, da der einst so geistesmchtige khne
Streiter hingeschieden ist als ein krperlich und geistig gebrochener Mann.
Die in Betracht kommende Stelle in dem Brief des Abts Petrus lautet in der
bersetzung folgendermaen: Ich erinnere mich meines Wissens nicht, in
demtiger Haltung und Gebrde seinesgleichen gesehen zu haben, so da einem
aufmerksamen Beobachter weder Germanus niedriger, noch selbst Martinus
rmer erscheinen konnte. Wiewohl er in der groen Schar unsrer Brder auf
meine Veranlassung eine hhere Stellung einnahm, schien er doch in seinem
vernachlssigten Gewand der letzte von allen zu sein. Oftmals, wenn er bei
Prozessionen nach der Sitte mit mir den andern voranschritt, wunderte ich
mich und mute staunen, da ein Mann von solch hochberhmtem Namen sich so
sehr gering achten und demtigen knne. Es giebt in unserm Orden Leute,
denen ihr geistliches Gewand nicht kostbar genug sein kann; er war in
dieser Hinsicht so bescheiden, da er sich mit dem unscheinbarsten
begngte. So hielt er es auch mit Speise und Trank und mit allen leiblichen
Bedrfnissen. Nicht etwa blo das berflssige, sondern alles was nicht
unumgnglich notwendig war, verwarf er fr sich und andere in Wort und
Beispiel. Bestndig war er mit Lesen beschftigt, hufig im Gebet vertieft;
sein Schweigen unterbrach er nur, wenn der vertrauliche Verkehr mit den
Brdern oder ein ffentlicher Vortrag ber gttliche Dinge im Konvent ihn
dazu ntigten. Die himmlischen Sakramente feierte er so oft er konnte, Gott
das Opfer des ewigen Lamms darbringend; ja nachdem er durch meine Briefe
und Verwendung die ppstliche Gnade wieder erlangt hatte, nahm er fast
bestndig daran teil. Was soll ich viel Worte machen? Sein Geist, sein
Mund, seine Handlungsweise dachte, lehrte und bezeugte allezeit gttliche,
philosophische, wissenschaftliche Wahrheiten. Also lebte er mit uns noch
eine Zeitlang schlecht und recht, gottesfrchtig und meidend das Bse, und
weihte Gott die letzten Tage seines Lebens. Da er an einem starken
Hautausschlag und andern krperlichen Beschwerden litt, sandte ich ihn zur
Erholung nach Chlons. In der Nhe der Stadt, am Saneflu, einer der
schnsten Gegenden unsres Burgunder Landes, hatte ich ihm fr einen
passenden Aufenthalt gesorgt. Hier nahm er die gewohnten Studien wieder
auf, so weit die Krankheit es ihm gestattete und sa bestndig ber den
Bchern. Und wie man von Gregor dem Groen erzhlt, so lie auch er keinen
Augenblick verstreichen, ohne zu beten, zu lesen, zu schreiben oder zu
diktieren. In der Ausbung solch frommer Werke fand ihn bei seiner Ankunft
der Heimsucher, von dem das Evangelium spricht, und zwar nicht schlafend
wie viele, sondern wachend. Ja wachend fand er ihn und berief ihn zur
himmlischen Hochzeit, nicht als eine thrichte, sondern als eine kluge
Jungfrau. Denn er trug bei sich die Lampe, gefllt mit l, das ist ein
Gewissen erfllt vom Zeugnis heiligen Wandels. Den gemeinsamen Tribut der
Sterblichkeit zu entrichten, wurde er strker und strker von der Krankheit
ergriffen und gelangte in kurzer Zeit zum Ziele. Wie fromm, wie
gottergeben, wie ganz katholisch er seinen Glauben und seine Snden
bekannte, mit welcher Inbrunst sein sehnschtiges Herz die letzte
Wegzehrung und das Unterpfand des ewigen Lebens, nmlich den Leib des
Herrn, unsres Erlsers, empfing, wie glubig er Leib und Seele fr Zeit und
Ewigkeit ihm empfahl, das bezeugen alle Brder des Klosters, in dem der
Leib des heiligen Mrtyrers Marcellus ruht. Also beschlo Meister Petrus
die Tage seines Lebens. Er, der durch sein Wissen und sein Lehren fast der
ganzen Welt bekannt und berall berhmt war, hat in der Schule dessen, der
gesagt hat: 'lernet von mir, denn ich bin sanftmtig und von Herzen
demtig' -- sanftmtig und demtig ausgeharrt, und ist also, das drfen wir
glauben, zu ihm selbst hinbergegangen.

                   *       *       *       *       *

Ein _chronologischer berblick_ ber das Leben Abaelards und Heloisens
ergiebt nach dem heutigen Stande der Forschung folgende Daten: Abaelard ist
geboren zu Palais bei Nantes im Jahr 1079; Heloise[2] geboren zu Paris
1101. Im Jahr 1113 ist Abaelard das Haupt der Pariser Schule. Nach lngerer
Abwesenheit kehrt er 1117 nach Paris zurck und lernt im Jahr 1118 die
damals siebzehnjhrige Heloise kennen, ihr Verhltnis dauert whrend des
Jahrs 1118-19. Die Grndung des Klosters Zum Paraklet durch Abaelard
fllt ins Jahr 1123. Von 1125 an ist Abaelard im Kloster von St. Gildas. Im
Jahre 1129 wird Heloise mit ihren Nonnen aus St. Denis vertrieben. Vom
Jahre 1131 stammt die Bulle des Papstes Innocenz II., worin die berweisung
des Parakleten an Heloise besttigt wird. Aus dem Jahre 1132 ungefhr
datiert die Leidensgeschichte (Brief I). Im Jahre 1134 verlt Abaelard
das Kloster St. Gildas. 1136 ist er wieder Lehrer auf dem Berge der
heiligen Genoveva. Im Jahre 1141 wird er auf dem Konzil von Sens verurteilt
und stirbt 1142 im Kloster zu St. Marcel bei Chlons-sur-Sane. Heloise
folgt ihm im Jahre 1163.

[Funote 2: ber sonstige Personalien Heloisens sind wir ganz im Dunkeln.
Nicht einmal ihre Abkunft steht fest. Es sind darber schon alle mgliche
Vermutungen aufgetaucht: von der Behauptung, sie stamme aus dem Geschlecht
der Montmorency, einem der ltesten Adelsgeschlechter Frankreichs -- bis zu
der Ansicht, sie sei nicht sowohl die Nichte des Kanonikus Fulbert gewesen,
als welche sie in den Briefen figuriert, sondern dessen eigene Tochter.]

_Davos_, im Mrz 1894.

Dr. P. Baumgrtner.




I. Brief.

Abaelard an einen Freund.

(Die Leidensgeschichte.)


Gewhnlich sind es nicht Worte, sondern handgreifliche Vorbilder, die das
menschliche Herz am meisten erregen oder aber zur Ruhe bringen. Darum habe
ich mich entschlossen, dir zum Trost _die Geschichte meiner Leiden_
niederzuschreiben, nachdem ich schon durch mndlichen Zuspruch dich
aufzurichten versucht habe, als du das letzte Mal bei mir weiltest. Erkenne
aus diesen Zeilen, da das, was du Leiden nennst, im Vergleich mit den
meinigen berhaupt keine sind oder doch nur geringfgige Heimsuchungen --
und lerne sie geduldig tragen.

Ich bin geboren in der Stadt Palais, an der Grenze der Bretagne, ungefhr
acht Stunden stlich von Nantes gelegen. Ein lebhaftes Temperament und ein
leichtempfnglicher Sinn fr die Wissenschaft war das Erbe meines
heimatlichen Bodens oder des Blutes, das in meinen Adern rollte. Mein Vater
hatte sich etwas mit Wissenschaft befat, ehe er den ritterlichen
Waffenschmuck angelegt hatte, und spter war er so sehr fr das Studium
eingenommen, da er darauf sah, alle seine Shne zuerst wissenschaftlich
auszubilden, ehe sie sich im Waffenhandwerk bten. Und so geschah es auch.
Ich war der Erstgeborene, und je mehr er mich als solchen ins Herz
geschlossen hatte, desto mehr war er bei mir auf einen sorgfltigen
Unterricht bedacht. Die Fortschritte, die ich in den Wissenschaften mit so
leichter Mhe machte, spornten meinen Eifer nur an und schlielich war
meine Neigung zu ihnen so stark geworden, da ich allen kriegerischen Glanz
samt meinem Erbe und den Vorrechten meiner Erstgeburt drangab und die
Jngerschaft des Mars verlassend mich ganz in den Dienst Minervas stellte.
Und da ich allen Systemen der Philosophie die Rstkammer der Dialektik
vorzog, legte ich meine bisherige Waffenrstung ab und erkor mir statt der
Kriegstrophen die Kmpfe des Geistes. Ich wurde eine Art Peripatetiker,
indem ich disputierend die Gegenden durchwanderte, von denen es hie, da
dort die Kunst der Dialektik besonders ausgebildet sei.

So kam ich denn auch nach Paris, wo von alters her diese Wissenschaft in
hchster Blte stand. Wilhelm von Champeaux, der in diesem Fache einen
wohlverdienten Ruf geno, wurde mein Lehrer. Ich besuchte eine Zeitlang
seine Schule und war anfangs ganz wohl bei ihm gelitten; bald aber wurde
ich ihm hchst unbequem, da ich von seinen Stzen einige zu widerlegen
versuchte und mir wiederholt herausnahm, ihn mit Gegengrnden anzugreifen,
wobei ich ihm einigemale sichtlich berlegen war. Auch die bedeutendsten
meiner Mitschler gerieten darber hchlich in Entrstung, um so mehr als
ich der jngste war und von allen die krzeste Studienzeit hinter mir
hatte. Und so begann die lange Kette meiner Leiden, die noch immer ihr Ende
nicht erreicht haben, und je weiter mein Ruf sich verbreitete, desto
heftiger entbrannte der Neid meiner Widersacher. Es geschah, da ich meinen
jugendlichen Krften bermiges zumutend im Vertrauen auf meine
Geistesgaben noch als ganz junger Mann danach trachtete, eine eigene Schule
zu grnden und schon fate ich einen Schauplatz fr meine knftigen Thaten
in die Augen: nmlich Melun, einen Ort, der damals als knigliche Residenz
von ziemlicher Bedeutung war. Mein Lehrer merkte meine Absicht, und um
meine Schule mglichst entfernt von der seinigen zu halten, bot er, so
lange ich seine Schule noch besuchte, insgeheim alle Mittel auf, um die
Einrichtung meiner eigenen zu verhindern und mir den Ort, den ich gewhlt
hatte, unmglich zu machen. Allein er hatte sich mit einigen einflureichen
Herren des Landes verfeindet; mit ihrer Hilfe fhrte ich meinen Plan zum
Ziel, und gerade seine offenkundige Migunst verschaffte mir das Vertrauen
der Mehrzahl. Gleich durch die ersten Versuche, die ich im Unterrichten
machte, bekam ich einen solchen Namen als Meister der Dialektik, da der
Ruhm meiner Mitschler ja sogar der meines Lehrers selbst zu erbleichen
anfing. So wuchs mein Selbstvertrauen immer mehr und ich ruhte nicht, bis
ich meine Schule so schnell wie mglich nach Corbeil verlegt hatte, wo
wegen der Nhe von Paris meinem Ungestm zu dialektischen Kmpfen
reichlichere Gelegenheit geboten war.

Es dauerte jedoch nicht lange, bis ich infolge von beranstrengung
erkrankte und in meine Heimat zurckkehren mute. So war ich einige Jahre
aus Frankreich sozusagen verbannt und wurde von denen, die sich der
Dialektik befleiigten, lebhaft vermit. Nach Verflu einiger Jahre jedoch,
als ich mich lngst wieder erholt hatte, nderte Wilhelm von Champeaux,
mein berhmter Lehrer und Archidiakon von Paris, pltzlich seine
Lebensweise, indem er in den Orden der regulierten Chorherrn eintrat -- man
sagte mit der Absicht, auf diese Weise den Schein grerer Frmmigkeit zu
erwecken und sich dadurch zu um so hherer Wrde aufzuschwingen. Dies
gelang ihm denn auch in krzester Zeit: er wurde Bischof von Chlons, ohne
sich jedoch durch diese Umgestaltung seines Lebens von Paris oder von der
gewohnten Beschftigung mit der Philosophie abhalten zu lassen; vielmehr
hielt er eben in dem Kloster, in das er sich, um der Frmmigkeit zu
pflegen, zurckgezogen hatte, ffentliche Vorlesungen wie frher. Damals
kehrte ich zu ihm zurck, um Rhetorik bei ihm zu hren; abgesehen von
mancherlei sonstigen wissenschaftlichen Kmpfen, in denen wir uns
gegeneinander versuchten, brachte ich ihn durch unumstliche Beweisgrnde
dahin, da er seine von jeher vorgetragene Lehre von den Universalien
(Allgemeinbegriffen) abnderte, ja gnzlich aufgab. Seine Lehre von der
Gemeinsamkeit der Universalien bestand darin, da er behauptete, ein und
dieselbe Wesensbeschaffenheit liege allen Einzeldingen zu Grunde, so da
diesen nach seiner Meinung keine _eigentliche_ Wesensverschiedenheit
zukomme, sondern nur eine Mannigfaltigkeit, die von der Menge der
hinzutretenden Accidentien herrhre. Nun nderte er seine Lehre insofern,
da er nicht mehr die Identitt der Wesensbeschaffenheit behauptete,
sondern nur ihre Indifferenz. Dieser Punkt galt aber bei den Dialektikern
von jeher als einer der wichtigsten in der Lehre von den Universalien, so
da selbst Porphyrius in seinen Isagogen bei Gelegenheit der Besprechung
der Universalien hierber keine Entscheidung zu treffen wagt, sondern sich
damit begngt zu sagen: dies ist ein sehr heikler Punkt. Da nun Wilhelm
von Champeaux in diesem Punkt seine Lehre gendert, oder vielmehr
unfreiwillig aufgegeben hatte, kamen seine Vorlesungen dermaen in
Mikredit, da man ihm kaum noch gestattete, berhaupt Dialektik zu lesen,
als ob diese ganze Wissenschaft ihren Kernpunkt in der Frage von den
Universalien htte.

Unter diesen Umstnden wuchs das Ansehen meiner eigenen Schule nur
immermehr. Die eifrigsten Anhnger Wilhelms, die meine Lehre frher am
heftigsten bekmpft hatten, kamen nunmehr zu mir; ja, der Nachfolger
Wilhelms an der Schule zu Paris bot mir seinen Lehrstuhl an, um sich mit
den andern zu meinen Fen zu setzen, da wo einst unser gemeinsamer Lehrer
geglnzt hatte. Und so war ich denn dort nach kurzer Zeit unbeschrnkter
Herrscher auf dem Gebiete der Dialektik und als solcher ein Gegenstand
unsglichen Neides und Schmerzes fr meinen frheren Lehrer. Auer stande,
das Migeschick, das ihn betroffen hatte, lnger zu tragen, griff er zu
unlauteren Mitteln, um mich auch jetzt wieder zu verdrngen. Da er im
offenen Kampfe nichts gegen mich vermochte, setzte er auf Grund von
allerhand ehrenrhrigen Beschuldigungen die Entfernung des Mannes durch,
welcher mir seinen Lehrstuhl berlassen hatte, worauf einer meiner Gegner
an seine Stelle rckte. Daraufhin kehrte ich nach Melun zurck und begann
daselbst zu lehren wie frher, und je unverhllter sich die Migunst
Wilhelms gegen mich zeigte, desto mehr trug sie zum Wachstum meines Ruhmes
bei -- nach dem Dichterwort:

   Die Gre macht der Neid zu seinem Ziel,
   Am schrfsten weht der Sturmwind auf den Hhn.

Bald darauf merkte Wilhelm, da die Mehrzahl seiner Schler an der
Aufrichtigkeit seiner Frmmigkeit zu zweifeln begann und sich allerhand
ber seine Bekehrung zuraunte, da er sich nicht im geringsten veranlat
gesehen hatte, sich aus der Hauptstadt zurckzuziehen. Nun siedelte er mit
seinem Konventikel und mit seiner Schule an einen von der Stadt Paris
ziemlich entfernten Ort ber. Alsbald kehrte ich von Melun nach Paris
zurck, in der Hoffnung, nun Ruhe vor ihm zu haben. Da jedoch, wie gesagt,
mein Platz noch von meinem Gegner eingenommen war, so lie ich mich mit
meiner Schule auerhalb der Stadt auf dem Berg der heiligen Genoveva
nieder, als wollte ich jenen Eindringling belagern. Auf die Kunde davon war
Wilhelm unverfroren genug, alsbald nach Paris zurckzukehren; was er noch
an Schlern hatte, brachte er samt seiner kleinen Bruderschaft in seinem
alten Kloster unter; es sah aus, als wollte er den Posten, den er allein im
Feld gelassen hatte, von unsrer Belagerung befreien. Allein whrend er ihm
ntzen wollte, schadete er ihm nur. Vorher nmlich hatte der gute Mann noch
etliche Schler gehabt, hauptschlich wegen seiner Vorlesungen ber
Priscianus, fr die ihm ein gewisser Ruf zur Seite stand. Nach der Ankunft
des Meisters jedoch verlor er vollends alle und war so gentigt, sein
Lehramt aufzugeben, und es dauerte nicht lange, bis auch er, dem Ruhme
dieser Welt vllig entsagend, ins Kloster ging. Welche Schlachten auf dem
Felde der Wissenschaft meine Schler nach der Rckkehr Wilhelms mit ihm
selbst wie mit seinen Anhngern ausgefochten haben und wie die Gunst des
Schicksals in diesen Kmpfen mit mir und den meinigen war, das hat dir
lngst der weitere Verlauf der Ereignisse gezeigt. Khnlich, wenn auch
bescheidnern Sinnes, darf ich jenes Wort des Aiax auf mich anwenden:

   Und fragst du nach dem Ende dieses Kampfs,
   So sag ich stolz: er hat mich nicht besiegt.

Wollte ich darber schweigen, die Thaten wrden fr sich selbst sprechen
und der schlieliche Erfolg wrde laut genug fr mich zeugen.

Whrend dieser Vorgnge drang meine geliebte Mutter Lucia in mich, nach
Hause zu kommen. Mein Vater Berengar war nmlich ins Kloster gegangen, und
meine Mutter hatte das Gleiche im Sinn. Nach Erledigung dieser
Angelegenheit kehrte ich nach Frankreich zurck, hauptschlich mit der
Absicht, Theologie zu studieren. In diesem Fache geno Wilhelm von
Champeaux innerhalb seines Bistums Chlons eines ziemlichen Rufes. Die
grte Autoritt auf diesem Gebiete war jedoch seit lange sein Lehrer
Anselm von Laon.

Ich besuchte also die Schule dieses ehrwrdigen Mannes, der freilich seinen
Namen mehr einer langjhrigen Thtigkeit zu danken hatte als seinem Geist
und seiner Bedeutung. Wer ber irgend eine Frage im Zweifel war und an
seine Thr pochte, um sich Rats zu erholen, der wute nachher gewi weniger
als vorher. Der Masse der Zuhrer wute er zu imponieren, wenn man aber
unter vier Augen mit ihm sprach, machte er einen sehr drftigen Eindruck.
Er verfgte ber eine ungewhnliche Redegewandtheit, aber es steckte im
Grunde wenig dahinter. Das Feuer, das er entzndete, fllte sein Haus nur
mit Rauch, statt es zu erleuchten. Er glich einem Baum, der in seinem
reichen Bltterschmuck von weitem vielversprechend aussah, und doch wenn
man ihn aus der Nhe genauer betrachtete, keine Frchte aufzuweisen hatte.
Daher als ich hinzutrat, um Frchte bei ihm zu finden, fand ich in ihm
jenen Feigenbaum, den der Herr einst verfluchte, oder jene alte Eiche, mit
der der Dichter Lucanus den Pompejus vergleicht, indem er sagt:

   Von seinem Namen lebt nur noch ein Schatten,
   Wie im fruchtbaren Feld der hohe Eichbaum steht.

Nachdem ich dies herausgefunden hatte, blieb ich nicht lange mig in
seinem Schatten liegen, sondern besuchte seine Vorlesungen immer seltener.
Einige seiner bedeutendsten Schler waren nun darber emprt, da ich einem
Lehrer von solcher Bedeutung so wenig Achtung zollte und wuten ihn durch
allerlei Rnke und Verleumdungen gegen mich einzunehmen. Eines Tags nach
Abschlu einer wissenschaftlichen Besprechung unterhielten wir uns in
zwangloser Weise. Einer meiner Mitschler fragte mich bei dieser
Gelegenheit, um mich in Verlegenheit zu bringen, was ich vom Lesen der
heiligen Schrift halte. Ich, der ich bis jetzt nur weltliche Wissenschaft
getrieben hatte, antwortete, da es kein ersprielicheres Studium gebe als
das der Bibel, weil diese uns ber das Heil unserer Seele unterrichte; nur
msse ich mich darber hchlich wundern, da den Gelehrten zum Verstndnis
der heiligen Schriftsteller nicht der einfache Text und etwa die Glossen
dazu gengen, sondern da sie noch weitere Hilfsmittel ntig htten.
Darber erhob sich ein allgemeines Gelchter und man fragte mich, ob ich
mir getraue, einen solchen Versuch zu machen. Ich erwiderte, da ich zur
Probe bereit sei, wenn sie es darauf ankommen lassen wollten. Gewi wollen
wir, antworteten sie mir unter Geschrei und erneutem Gelchter; man wird
Euch zu einem weniger bekannten Text einen Ausleger anweisen und wir werden
sehen, wie Ihr Euer Versprechen haltet.

Sie vereinigten sich nun auf ein hchst schwieriges Kapitel des Propheten
Ezechiel; ich nahm den Ausleger an und lud sie schon auf den folgenden Tag
zu einer Vorlesung ein. Sie jedoch wollten mich gegen meinen Willen eines
Besseren belehren und meinten, eine so wichtige Sache drfe man nicht
bereilen; da ich in diesem Fache doch noch wenig bung habe, msse ich
mehr Zeit auf die Ausarbeitung meiner Erklrung verwenden. Allein ich
antwortete in gereiztem Tone, da ich gewohnt sei, mich nicht auf eine
mglichst lange Frist, sondern auf meinen Verstand zu verlassen, und ich
werde berhaupt die ganze Sache aufgeben, wenn sie sich nicht ohne Verzug
zu der Vorlesung einfinden wollten, wann ich es wnsche. Zu meiner ersten
Vorlesung fanden sich nun allerdings nur wenige ein; die meisten fanden es
lcherlich, da ich -- bisher ganz unbewandert im Studium der heiligen
Schrift -- damit so kurzer Hand verfahren wollte. Denen aber, die meiner
Vorlesung anwohnten, gefiel sie so gut, da sie sie nicht genug loben
konnten und mich drngten, meine Erklrung nach dieser meiner Methode
fortzusetzen. Als dies bekannt wurde, beeilten sich auch die, die bisher
ferngeblieben waren, in die zweite und dritte Vorlesung zu kommen, und
waren eifrig darauf bedacht, von dem, was ich am ersten Tag gelesen hatte,
sich eine Abschrift zu verschaffen.

Die Folge davon war, da der alte Anselm von gewaltiger Eifersucht befallen
wurde, und da er schon vorher infolge mignstiger Einflsterungen nicht
gut auf mich zu sprechen war, verfolgte er mich nun wegen meiner
theologischen Vorlesungen gerade so, wie es einst Wilhelm wegen der
philosophischen gethan hatte.

Fr seine beiden bedeutendsten Schler galten damals Alberich von Rheims
und Lotulph aus der Lombardei; jemehr diese von sich selber eingenommen
waren, destoweniger waren sie mir hold. Es hat sich nachmals
herausgestellt, da Anselm sich durch ihre Vorstellungen bestimmen lie,
mir die Fortsetzung meiner begonnenen Erklrung am Schauplatz seiner
Lehrthtigkeit kurzweg zu untersagen, unter dem Vorwand, es mchten, da
meine Erfahrung in diesem Fache noch mangelhaft sei, Verste vorkommen,
fr die er dann verantwortlich gemacht werden wrde. Als dies meinen
Schlern zu Ohren kam, war ihre Entrstung ber einen so unverblmten
Brotneid gro; denn deutlicher konnte sich ja die Eifersucht nicht zu
erkennen geben. Je mehr ich brigens unter solchen Verfolgungen zu leiden
hatte, desto grer wurde dadurch mein Ansehen und mein Ruhm.

So kehrte ich denn auch bald nach Paris zurck, und hatte dort den mir
schon lngst bestimmten und angebotenen Lehrstuhl, von dem ich vertrieben
worden war, einige Jahre in ungestrter Ruhe inne; gleich im Anfang meiner
Wirksamkeit ging mein Streben dahin, jene Glossen zu Ezechiel zu vollenden,
die ich in Laon begonnen hatte. Dieses Werk fand beim Publikum eine uerst
gnstige Aufnahme, und man hrte bereits das Urteil, da meine theologische
Begabung in nichts hinter meiner philosophischen zurckbleibe. Die
Begeisterung fr meine Vorlesungen in beiden Fchern vermehrte die Zahl
meiner Schler ganz erheblich; welcher Gewinn, welcher Ruhm mir daraus
erwuchs, das ist auch dir gewi nicht unbekannt geblieben. Allein das Glck
hat von jeher die Thoren aufgeblht; die Sicherheit dieser Welt schwcht
die Krfte der Seele und der Geist erliegt dann nur allzu leicht den
Lockungen des Fleisches. So ging es auch mir: schon hielt ich mich fr den
einzigen Philosophen in der Welt, der von keiner Seite mehr einen Angriff
zu frchten brauche, und ich, der bis jetzt die strengste Enthaltsamkeit
gebt hatte, begann nun meinen Leidenschaften die Zgel schieen zu lassen.
Je mehr ich in Philosophie und Theologie Fortschritte machte, desto weiter
blieb ich mit meinem unreinen Lebenswandel hinter den Philosophen und den
Heiligen zurck. So viel ist sicher, da die Philosophen und noch mehr die
Heiligen, d. h. die, die ihr Leben nach den Geboten der heiligen Schrift
einrichteten, ihr Ansehen hauptschlich ihrer Enthaltsamkeit verdanken. Ich
nun war ganz und gar von der Krankheit des Stolzes und der Sinnlichkeit
befallen, aber Gott hat mich in seiner Gnade von beiden beln geheilt,
freilich gegen meinen Willen, und zwar zuerst von der Sinnlichkeit, dann
vom Stolz. Von der Sinnlichkeit, indem er mich dessen beraubte, womit ich
ihr gefrnt hatte; vom Stolz, der sich auf mein Wissen grndete -- denn
Wissen blht auf, sagt der Apostel -- indem er mich die Demtigung
erleben lie, da mein berhmtestes Buch verbrannt wurde.

Ich mchte, da du mit der Geschichte dieser Vorgnge nicht blo durchs
Hrensagen bekannt wrdest, sondern durch eine getreue, dem Gang der
Ereignisse folgende Darstellung. Vor dem schmutzigen Verkehr mit
Buhlerinnen hatte ich von jeher einen Abscheu, andererseits lie mich mein
Studium, das mich ganz und gar in Anspruch nahm, nicht zum Umgang mit
edleren Frauen kommen, auch war ich in den Umgangsformen weltlichen
Verkehrs nicht bewandert. Da fand das Schicksal, mich scheinbar htschelnd,
in Wirklichkeit aber mir feindlich gesinnt, ein bequemes Mittel, um mich
von dem Gipfel meiner Gre herabzustrzen -- ja vielmehr die gttliche
Liebe wollte mich, der ich in meinem bermut des Dankes gegen die Gnade
Gottes vergessen hatte, durch eine tiefe Demtigung auf den rechten Weg
zurckbringen.

Es lebte in Paris eine Jungfrau Namens Heloise, die Nichte eines Kanonikus
Fulbert, der ihr zuliebe alles that, um an ihrer wissenschaftlichen
Ausbildung nichts zu verabsumen. Gehrte sie schon ihrem uern nach nicht
zu den letzten, so war sie durch den Reichtum ihres Wissens weitaus die
erste. Denn je seltener man den Vorzug wissenschaftlicher Bildung bei
Frauen findet, destomehr Reiz verlieh sie diesem Mdchen, das sich dadurch
bereits im ganzen Lande einen Namen gemacht hatte. Sie, die ich mit allem
geschmckt sah, was Liebe zu wecken pflegt, gedachte ich nun durch Bande
der Liebe an mich zu fesseln, und zweifelte keinen Augenblick an meinem
Erfolg. Mein Name war damals hoch gefeiert und ich stand in der Blte
mnnlicher Jugendschne, so da ich keine Zurckweisung frchten zu mssen
glaubte, wenn ich eine Frau meiner Liebe wrdigte, mochte sie sein, wer sie
wollte. Von Heloise aber glaubte ich, da sie sich mir um so lieber ergeben
werde, als sie wissenschaftliche Bildung besa und eine Vorliebe fr die
Wissenschaften hatte. Ich sagte mir, da wir infolgedessen selbst in die
Ferne schriftlich miteinander verkehren konnten, da man dabei der Feder
manches khne Wort vertrauen knne, das die Lippe nicht gewagt htte, und
da uns so allezeit Gelegenheit zum sesten Gedankenaustausch geboten sei.

Von glhender Liebe zu diesem Mdchen erfllt, suchte ich nach einer
Gelegenheit, um sie durch tglichen Verkehr in ihrem Hause nher kennen zu
lernen und sie meinen Wnschen gefgig zu machen. Ihres Oheims eigene
Freunde waren mir dabei behilflich; ich kam mit ihm berein, da er mich um
eine beliebige Entschdigung in sein Haus aufnehmen sollte, das ganz in der
Nhe meiner Schule lag. Ich gebrauchte dabei den Vorwand, da mir bei
meinem Gelehrtenberuf die Sorge fr meine leibliche Notdurft hinderlich sei
und mir auch zu teuer zu stehen komme. Nun war Fulbert ein groer Geizhals,
dabei aber doch darauf bedacht, da seine Nichte in ihrer gelehrten Bildung
mglichst groe Fortschritte mache. Beides zusammen verschaffte mir ohne
Schwierigkeiten die Einwilligung zu dem, was ich wollte: einerseits war der
Alte auf das Geld aus, andererseits versprach er sich von meinem Unterricht
einen Vorteil fr das Mdchen. Ja, er kam selber meinen Wnschen ber alles
Erwarten entgegen und leistete unbewut meiner Liebe Vorschub. Er berlie
mir Heloise ganz und gar zur Erziehung und bat mich obendrein dringend, ich
mchte doch ja alle freie Zeit, sei's bei Tag oder bei Nacht, auf ihren
Unterricht verwenden, ja, wenn sie sich trge und unaufmerksam zeige, solle
ich sie rcksichtslos bestrafen. Ich mute nur staunen ber eine solch
grenzenlose Einfalt, die das unschuldige Lamm dem hungrigen Wolf
anvertraute. Er gab sie mir also nicht blo in die Lehre, sondern bertrug
mir auch das Recht der Zchtigung. War damit meinen Wnschen nicht Thr und
Thor geffnet? Machte er es mir auf diese Weise doch mglich, ohne da ich
es wollte, mit Drohen und Schlagen zum Ziele zu gelangen, wenn die Worte
der Verfhrung nichts nutzten! Aber ein Zweifaches hielt jeden Verdacht
fern von ihm: die Liebe zu seiner Nichte und die allbekannte
Unbescholtenheit meines bisherigen Lebens.

Was soll ich weiter viel sagen? Zuerst Ein Haus, dann Ein Herz und Eine
Seele. Unter dem Deckmantel der Wissenschaft gaben wir uns ganz der Liebe
hin und unsere Beschftigung bot uns von selbst die Gelegenheit des
Alleinseins, wie Liebende sie wnschen. Da war denn freilich ber dem
offenen Buche mehr von Liebe die Rede als von Wissenschaft, da gab es mehr
Ksse als weise Sprche. Nur allzu oft verirrte sich die Hand von den
Bchern weg zu ihrem Busen, und eifriger als in den Schriften lasen wir
eins in des andern Augen; ja, um jeden Verdacht unmglich zu machen, ging
ich einigemale soweit, da ich sie zchtigte. Aber es war Liebe, die
schlug, nicht Grimm; Neigung, nicht Zorn, und diese Zchtigungen waren
ser als aller Balsam der Welt. Kurz: die ganze Stufenleiter der Liebe
machte unsre Leidenschaft durch, und wo die Liebe eine neue Entzckung
erfand, da haben wir sie genossen. Der Reiz der Neuheit, den diese Freuden
fr uns hatten, erhhte nur die Ausdauer unserer Glut und unsere
Unersttlichkeit. Je mehr ich ein Sklave der Lust geworden war,
destoweniger hatte ich mehr brig fr Wissenschaft und Schule. Es war mir
im Innersten zuwider, vor meine Schler hinzutreten und unter ihnen zu
weilen; zugleich war es ein aufreibendes Leben, das ich fhrte: meine
Nchte gehrten der Liebe, die Tage der geistigen Arbeit. Meine Vortrge
waren gleichgltig und matt, meine Rede sprhte nicht mehr von Funken des
Geistes, erhob sich nicht mehr ber das Gewhnliche. Ich konnte nur noch
wiederholen, was ich frher ausgedacht hatte, und wenn ich dann und wann
noch imstande war, ein Lied zu dichten, so sang ich vom Lob der Minne,
nicht von den Tiefen der Weisheit. Die meisten dieser Lieder leben noch
jetzt, wie du wohl weit, da und dort im Munde des Volkes und werden von
denen gesungen, die Gleiches erleben.

Von der Trauer, dem Jammer, den Klagen meiner Schler als sie entdeckten,
da ich innerlich in dieser Weise in Anspruch genommen, ja gestrt sei,
kann man sich kaum eine Vorstellung machen. Eine Sache, die so klar am Tage
lag, konnte ja unmglich ein Geheimnis bleiben, und ich glaube fast: nur
der Mann wute nichts davon, dessen Ehre dabei am meisten auf dem Spiele
stand, der Oheim des Mdchens selbst. Zwar wurde er mehrmals und von
verschiedenen Seiten gewarnt; allein er schenkte solchen Einflsterungen
keinen Glauben und zwar aus den oben genannten Grnden, wegen der
unbegrenzten Liebe zu seiner Nichte und wegen der unbezweifelten Reinheit
meines Vorlebens. Denn wohl fllt es uns schwer, von denen, die wir lieben,
Schlechtes zu glauben, und wahre Liebe wei nichts von dem schleichenden
Gifte des Argwohns. So schreibt auch der heilige Hieronymus in seinem Brief
an Sabinianus: Gewhnlich erfahren wir selbst es zuletzt, wenn in unserem
Hause etwas nicht in Ordnung ist, und wissen nichts von den Fehlern unserer
Kinder und Frauen, wenn die Nachbarn schon laut davon sprechen. -- Aber
wenn auch spt, einmal wird es doch offenbar; was alle wissen, bleibt einem
einzigen auf die Dauer auch nicht verborgen.

Dies war, nachdem einige Monate verflossen waren, auch das Schicksal
unserer Liebe. Ach, wie zerri diese Entdeckung dem Oheim das Herz! Wie
gro war der Schmerz, der die Liebenden selbst durch die nun folgende
Trennung traf! Welche Schande, welche Verlegenheit fr mich! Mit welcher
Verzweiflung erfllte mich das Unglck des Mdchens! Welche Qualen, welche
Trauer ber den Verlust meines eigenen guten Leumunds stand ich aus! Jedes
von uns beklagte nicht sein eigenes Migeschick, sondern nur das des
andern. Allein die krperliche Trennung befestigte nur das Band unserer
Seelen und unsere Liebe wurde um so glhender, je mehr die Befriedigung ihr
fehlte. Nachdem unsre Leidenschaft einmal die Fesseln der Scham
durchbrochen hatte, wurden wir unempfindlich gegen sie, und das Schamgefhl
hatte um so weniger Einflu auf uns, je lockender die Snde erschien, die
wir begangen. Wir erlebten an uns dasselbe, was der Dichter von Mars und
Venus erzhlt, als sie bei einander berrascht wurden.

Bald darauf fhlte Heloise sich Mutter; in der hchsten Freude
benachrichtigte sie mich davon und fragte mich um Rat, was nun zu thun sei.
Nachdem wir vorher darber eins geworden waren, entfhrte ich sie ihrem
Oheim in einer Nacht, da er nicht zu Hause war. Unverzglich geleitete ich
sie in meine Heimat zu meiner Schwester, bei der sie bis zur Geburt eines
Knbleins verblieb, dem sie den Namen Astralabius gab. Fulbert gebrdete
sich bei seiner Heimkehr wie ein Rasender; nur wer es selbst mit ansah,
kann sich eine Vorstellung machen von der Wut seines Schmerzes und von
seiner peinlichen Verlegenheit. Er wute nicht, was er mir anthun, welche
Rache er an mir nehmen sollte. Mir nach dem Leben zu stehen oder mir einen
leiblichen Schaden zuzufgen -- davon hielt ihn die Angst ab, seine
vielgeliebte Nichte mchte dies bei den Meinigen zu ben bekommen. Auch
konnte er sich nicht etwa meiner Person bemchtigen und mich mit Gewalt in
irgend einen Gewahrsam bringen. Denn gerade in dem Punkt war ich sehr auf
meiner Hut; ich kannte ihn als einen Mann, der sich nicht lange besinnen
wrde, wenn sich gute Gelegenheit zu einem Wagnis bte. Zuletzt aber bekam
ich selbst Mitleid mit dem ungemessenen Schmerz des Mannes, auch machte ich
mir Gewissensbisse ber die Art und Weise, wie ich ihn um meiner Liebe
willen hintergangen hatte, und klagte mich des schwrzesten Verrates gegen
ihn an. So ging ich denn zu Fulbert, bat ihn um Vergebung und bot ihm jede
beliebige Entschdigung an. Ich beteuerte ihm, da niemand ber meine That
befremdet sein knne, der die Macht der Liebe einmal erfahren habe und der
wisse, wie schmhlich von Anbeginn der Welt an selbst die grten Mnner
durch die Weiber zu Fall gebracht worden seien. Um ihn vllig zu
besnftigen, bot ich ihm eine Genugthuung an, die er nicht erwarten konnte:
nmlich das verfhrte Mdchen zu meiner rechtmigen Frau zu machen, unter
der einen Bedingung, da unsere Ehe geheim bleiben sollte, damit ich an
meinem Ruf keine Einbue erleide. Fulbert ging darauf ein und er sowohl als
seine Freunde gaben mir die Hand darauf und besiegelten durch Ksse den
Friedensschlu -- nur um mich desto sicherer zu verraten.

Ich kehrte nun in meine Heimat zurck und holte die Geliebte ab, um sie zu
meiner Frau zu machen. Aber Heloise war keineswegs damit einverstanden und
riet mir aus zwei Grnden dringend von meinem Vorhaben ab: nmlich wegen
der Gefahr und wegen der Unehre, der ich mich dadurch aussetze. Sie
versicherte mich, Fulbert lasse sich durch keine Genugthuung ber das, was
geschehen sei, beruhigen. Es zeigte sich spter, da sie recht hatte. Sie
fragte mich, wie sie sich meines Besitzes sollte freuen knnen, wenn sie
dadurch meinen Ruhm untergrabe und sich und mich zugleich erniedrige. Wie
knnte sie es vor der Welt verantworten, wenn sie ihr eine solche Leuchte
entzge! Wie viel Verwnschungen wrden diesem Ehebund nachgesandt werden,
welcher Schaden wrde der Kirche daraus erwachsen, wie viel Thrnen wrde
die Wissenschaft darber vergieen! Wie erbrmlich und klglich wre es,
wenn ein Mann wie ich, geschaffen fr die ganze Welt, sich durch ein Weib
binden lassen und sich unter ein schimpfliches Joch beugen wollte! Sie
verwarf diese Ehe aufs lebhafteste, da sie mir in jeder Hinsicht nachteilig
und eine Last sei. Sie hielt mir ferner die geringe Achtung vor, in der die
Ehe stehe und die Unannehmlichkeiten, die damit verbunden seien, zu deren
Vermeidung der Apostel uns mahnt mit den Worten: Bist du los vom Weib, so
suche kein Weib. So du aber freiest, sndigest du nicht, und so eine
Jungfrau freiet, sndiget sie nicht; doch werden solche leibliche Trbsal
haben; ich verschonete aber euer gerne. -- Und noch einmal sagt er: ich
wollte aber, da ihr ohne Sorge wret. -- Und wenn ich weder den Rat des
Apostels noch die Warnungen der heiligen Vter vor dem Joch der Ehe
annehmen wolle: so mchte ich doch wenigstens auf die Philosophen hren und
auf das, was in dieser Hinsicht entweder durch sie oder ber sie
geschrieben worden sei. Auch die Kirchenvter beziehen sich ja vielfach auf
sie, um uns zu warnen. Als Beispiel fhrte sie den heiligen Hieronymus an,
der im ersten Kapitel seiner Schrift Gegen Jovinianus von Theophrastus
erzhlt, da dieser in einer ausfhrlichen Besprechung der unertrglichen
Beschwerden und bestndigen Aufregungen, die der Ehestand mit sich bringe,
schlielich mit den berzeugendsten Grnden zu dem Schlu komme: der Weise
sollte berhaupt nicht heiraten. Am Schlu seiner Betrachtungen ber jene
uerungen des Philosophen sagt Hieronymus selbst: Welcher Christ mu sich
nicht beschmt fhlen, wenn er einen Theophrastus also reden hrt? In
derselben Schrift -- fuhr Heloise fort -- fhrt Hieronymus das Beispiel
Ciceros an. Als dieser sich von Terentia hatte scheiden lassen, redete ihm
sein Freund Hircius zu, er solle seine Schwester heiraten; allein er lehnte
dies entschieden ab, da er sich nicht zugleich einer Frau und der
Philosophie widmen knne. Er sagt nicht einfach sich widmen, sondern fgt
das Wort zugleich hinzu. Er wollte nichts thun, was ihn verhindert htte,
seine Aufmerksamkeit vllig auf die Philosophie zu beschrnken.

Doch ich will davon nicht weiter sprechen, welches Hindernis fr deinen
gelehrten Beruf eine brgerliche Ehe wre. Denke nur an das brige, was sie
in ihrem Gefolge htte. Was fr ein Durcheinander! Schler und Kammerzofen,
Schreibtisch und Kinderwagen! Bcher und Hefte beim Spinnrocken,
Schreibrohr und Griffel bei den Spindeln! Wer kann sich mit Betrachtung der
Schrift oder mit dem Studium der Philosophie abgeben und dabei das Geschrei
der kleinen Kinder, den Singsang der Amme, der sie beruhigen soll, die
geruschvolle Schar mnnlicher und weiblicher Dienstboten hren? Wer mag
die bestndige widerliche Unreinlichkeit der Kinder gern ertragen? Reiche
Leute wissen sich in dieser Beziehung zu helfen, das gebe ich zu, denn sie
sind in ihren frstlichen Rumen nicht beschrnkt, sie brauchen in ihrem
berflu nicht auf die Kosten zu sehen und die Sorge ums tgliche Brot
liegt ihnen fern. Allein die Lage der Philosophen ist eine andere als die
der Reichen und wiederum: wer nach irdischen Schtzen trachtet und in die
Sorgen dieser Welt verwickelt ist, hat keine Zeit fr gttliche oder
philosophische Dinge.

Darum haben auch die groen Philosophen der alten Zeit voll Weltverachtung
das Leben in der Welt aufgegeben, ja frmlich geflohen, jeden irdischen
Genu sich versagend, um allein in den Armen der Weisheit Ruhe zu finden.
Einer der grten von ihnen, Seneca, giebt dem Lucilius folgende Anweisung:
Nicht blo deine freie Zeit darfst du der Philosophie widmen: ihr zulieb
mu man alles andere hintansetzen, nie kann man auf sie zu viel Zeit
verwenden. Vernachlssigst du das Studium der Philosophie eine Zeitlang, so
ist dies fast ebenso, wie wenn du es ganz aufgeben wrdest; denn durch
zeitweise Unterbrechung geht der ganze Gewinn verloren. Anderweitigen
Ansprchen mssen wir aus dem Wege gehen und sie fern von uns halten, statt
sie zu befriedigen. Was noch jetzt unsere Mnche, wenigstens die diesen
Namen wahrhaft verdienen, aus Liebe zu Gott thun, das thaten in der alten
Zeit aus Liebe zur Weisheit die edlen heidnischen Philosophen. Denn in
jedem Volke, sei es heidnischen, jdischen oder christlichen Glaubens, hat
es von jeher Mnner gegeben, die durch Glauben oder Sittenreinheit ber den
anderen standen und durch einen besonderen Grad von Enthaltsamkeit und
Strenge von der groen Menge geschieden waren.

So gab es bei den Juden von alters her Nasirer, die sich nach einer
besonderen Gesetzesvorschrift Gott weihten; da waren ferner die Shne der
Propheten, die Jnger des Elia und Elisa, die uns im Alten Testament nach
dem Zeugnis des heiligen Hieronymus wie Mnche beschrieben werden. Etwas
hnliches waren auch jene drei philosophischen Sekten, die Josephus in
seinen Altertmern, Kapitel XVIII, aufzhlt und teils Phariser, teils
Sadducer, teils Esser nennt. Bei uns sind die Mnche an ihre Stelle
getreten, die entweder das gemeine Leben der Apostel nachahmen, oder nach
dem ltern Vorbild das Einsiedlerleben des Johannes. Die Heiden aber hatten
dafr, wie gesagt, ihre Philosophen. Denn unter dem Namen Weisheit oder
Philosophie verstanden sie weniger den Betrieb der Wissenschaft als eine
gottgeweihte Lebensfhrung; dies lehrt uns die ursprngliche Bedeutung des
Wortes und auerdem auch das Zeugnis der heiligen Vter. So sagt der
heilige Augustin im achten Kapitel seines Buches Vom Gottesstaat, wo er
die verschiedenen Philosophenschulen aufzhlt, folgendes: Der Stifter der
Italischen Schule ist Pythagoras von Samos; man sagt, da von ihm der Name
'Philosophie' herrhre. Frher nmlich wurden Mnner, die sich durch
tadellose Lebensfhrung irgendwie ber die andern erhoben, Weise genannt.
Pythagoras dagegen sagte, als man ihn nach seinem Beruf fragte, er sei ein
Philosoph, d. h. ein Jnger oder Liebhaber der Weisheit; sich einen Weisen
zu nennen, hielt er fr eine Anmaung.

Nun geht aus den Worten: die sich _durch tadellose Lebensfhrung_
irgendwie ber die andern erhoben -- deutlich hervor, da die heidnischen
Weisen, d. h. die Philosophen, ihren Namen nicht dem Ruhm ihres Wissens,
sondern der Vortrefflichkeit ihres Lebenswandels verdankten. Fr die
Nchternheit und Enthaltsamkeit ihres Lebens brauche ich dir aber nicht
erst Beispiele anzufhren: das hiee Eulen nach Athen tragen. Wenn aber
Laien, und dazu Heiden, durch kein religises Gelbde gebunden, also gelebt
haben, was wirst dann du zu thun haben, du, ein Geistlicher und Chorherr?
Wolltest du dem Dienste Gottes niedrige Sinnenlust vorziehen und dich in
ihren Strudel hineinziehen lassen, wolltest du in diesem Schlamm versinken,
jeder Scham bar und ohne Hoffnung auf Rckkehr? Wenn dich die Rcksicht auf
deinen geistlichen Beruf nicht zurckzuhalten vermag, so wirf wenigstens
die Wrde des Philosophen nicht weg. Lssest du die Gottesfurcht auer
acht, so mge doch das Ehrgefhl deine Begierde zgeln. Denke an die
unglckselige Ehe des Sokrates, und wie schwer er den Verrat an der
Philosophie ben mute, allen anderen zum abschreckenden Beispiel.
Hieronymus spricht davon im ersten Buch seiner Schrift Gegen Jovinianus,
wo er eben von Sokrates erzhlt: Xanthippe berschttete ihn einmal vom
Fenster aus mit einer endlosen Flut von Schimpfworten. Sokrates lie es
ruhig ber sich ergehen, und als ihm seine Ehehlfte auch noch schmutziges
Wasser auf den Kopf go, trocknete er sich ruhig ab und sagte: 'Ich wute
wohl, da ein solches Donnerwetter nicht ohne Regen bleiben werde.'

Heloise stellte mir auerdem noch vor, wie gefhrlich es fr mich sei, sie
nach Paris zurckzufhren, und wie viel lieber sie meine Geliebte als meine
Gattin heien wolle, abgesehen davon, da jenes fr mich ehrenvoller sei.
Einzig und allein der freien Liebe wolle sie meinen Besitz verdanken, nicht
dem Zwang des ehelichen Bandes. Und je seltener unsere Zusammenknfte
stattfinden knnten, desto ser werden die Freuden unserer Vereinigung
nach der zeitweiligen Trennung sein.

Da sie nun durch derartige Ratschlge und Warnungen meinen verblendeten
Sinn nicht umzustimmen vermochte und mich doch auch nicht beleidigen
wollte, brach sie ihre Vorstellungen unter Seufzen und Thrnen mit den
Worten ab: dies allein bleibt uns noch zu thun brig: so wird unser
gemeinsames Verderben besiegelt sein und ein Jammer ber uns kommen, so
gro wie einst unser Liebesglck war. Und auch darin -- die ganze Welt wei
es -- hatte ihr prophetischer Geist nur allzurichtig gesehen.

Wir lieen unser Kind in der Obhut meiner Schwester und kehrten heimlich
nach Paris zurck. Dort wurden wir bald nach unserer Ankunft eines Morgens
in aller Frhe getraut, nachdem wir die Nacht in einer Kirche mit der Feier
der Vigilien in der Stille verbracht hatten. Als Zeugen waren zugegen der
Oheim Heloisens, sowie einige Verwandte von meiner und ihrer Seite. Dann
trennten wir uns alsbald -- jedes ging still seines Wegs, und von da an
sahen wir uns nur noch selten und verstohlen, da unsere Ehe geheim bleiben
sollte.

Heloisens Oheim jedoch und seine Angehrigen, die den ihnen zugefgten
Schimpf immer noch nicht verschmerzt hatten, fingen an, unser Ehebndnis
bekannt zu machen und brachen damit das Versprechen, das sie mir gegeben
hatten. Heloise ihrerseits verschwor sich hoch und teuer, da jene lgen,
und zog sich dadurch vielfach Mihandlungen des erbitterten Fulbert zu. Als
ich davon hrte, brachte ich sie in das Nonnenkloster Argenteuil bei Paris,
in dem Heloise erzogen worden war. Ich lie sie auch die Gewandung anlegen,
die das Klosterleben erfordert -- mit Ausnahme des Schleiers. Nun aber
glaubten Fulbert und seine Verwandten, ich htte sie jetzt erst recht
hintergangen und Heloise zur Nonne gemacht, um sie los zu werden. Aufs
hchste entrstet vereinigten sie sich zu meinem Verderben. Nachdem sie
meinen Diener durch Geld gewonnen hatten, nahmen sie eines Nachts, als ich
ruhig in meiner Kammer schlief, die denkbar grausamste und beschmendste
Rache an mir, so da alles darber entsetzt war: sie beraubten mich dessen,
womit ich begangen hatte, worber sie klagten. Die Thter ergriffen alsbald
die Flucht, zwei von ihnen wurden jedoch festgenommen, geblendet und
entmannt. Einer davon war jener Diener, der stets in meiner Umgebung
gewesen und durch seine Geldgier zum Verrter an mir geworden war.

Als es Tag wurde, strmte die ganze Stadt vor meiner Wohnung zusammen, und
es ist schwer, ja geradezu unmglich, die uerungen des Entsetzens, des
Jammers, des Geschreis, der Klagen zu beschreiben, die nun laut wurden.
Hauptschlich die Kleriker und ganz besonders meine Schler vermehrten
meine Qual durch ihre unertrglichen Lamentationen. Ihr Mitleid war mir
schmerzlicher, als meine Wunde selber; das Gefhl meiner Schmach war
lebendiger in mir als der krperliche Schmerz, ich dachte mehr an die
Schande als an die Verletzung. Der hohe Ruhm, dessen ich mich eben noch
erfreut hatte -- wie schwer war er in einem Augenblick geschdigt worden!
Ja, vielleicht war er fr immer dahin! Wie gerecht war Gottes Strafe, die
mich an dem Teil meines Krpers schlug, mit dem ich gesndigt hatte! Wie
recht hatte der, den ich zuerst verraten hatte, wenn er mir nun Gleiches
mit Gleichem vergalt! Wie werden -- so sagte ich mir -- meine Widersacher
die Gerechtigkeit preisen, die hier so offenbar waltete! In welch
untrstliche Betrbnis wird dieser Schlag meine Eltern und Freunde
versetzen! Wie wird die Kunde von dieser seltenen Schmach die ganze Welt
durchlaufen! Blieb mir berhaupt noch ein Ausweg? Wie konnte ich's noch
wagen, in der ffentlichkeit zu erscheinen, da alles mit Fingern auf mich
deuten und hinter mir herzischeln mute? Wrde ich nicht von allen als ein
ungeheuerliches Schauspiel betrachtet werden?

Nicht zum wenigsten ngstigte mich auch die folgende Erwgung: nach dem
ttenden Buchstaben des Gesetzes sind Eunuchen vor Gott ein solcher Greuel,
da Leute, die ihrer Mannheit beraubt sind, als anrchig und unrein den
Tempel nicht betreten drfen, und da sogar Tiere, bei denen dies der Fall
ist, nicht zum Opfer zugelassen werden. Im Levitikus heit es: Du sollst
dem Herrn kein Zerstoenes oder Zerriebenes oder Zerrissenes oder was
verwundet ist, opfern -- und 5. Mos., Kap. 23: Es soll kein Zerstoener
noch Verschnittener in die Gemeinde des Herrn kommen.

In dieser verzweifelten Lage trieb mich weniger ein aufrichtiges religises
Bedrfnis -- ich gestehe es offen -- als die Verlegenheit und die Scham in
den bergenden Schutz der Klostermauern. Heloise hatte schon vorher auf
meinen Wunsch bereitwillig den Schleier genommen. Und so trugen wir nun
beide das geistliche Gewand: ich in der Abtei von St. Denis, sie im Kloster
von Argenteuil. Noch erinnere ich mich: man hatte vielfach Mitleid mit
ihrer Jugend und stellte ihr, um sie abzuschrecken, das Joch der
Klosterregel als eine unertrgliche Last dar. Vergebens: unter Thrnen
schluchzend brach sie in jene klagenden Worte der Cornelia aus:

      O herrlicher Gatte,
   Besseren Ehbetts wert! So wuchtig durfte das Schicksal
   Treffen ein solches Haupt? Ach mut ich darum dich freien,
   Da dein Unstern ich wrd? -- Doch nun empfange mein Opfer
   Freudig bring ich es dir --

Mit diesen Worten trat sie vor den Altar, empfing aus der Hand des Bischofs
den geweihten Schleier und legte vor dem ganzen Konvent das Klostergelbde
ab.

Ich hatte mich kaum von meiner Verletzung erholt, als die Kleriker in Menge
herbeistrmten und sowohl meinen Abt wie mich selbst mit Bitten bestrmten:
ich solle das, was ich bisher aus Verlangen nach Geld oder Ruhm gethan
habe, jetzt aus Liebe zu Gott thun. Ich solle bedenken, da Gott das Pfund,
das er mir anvertraut, mit Zinsen von mir zurckverlangen werde! Bisher
habe ich mich fast nur mit Reichen abgegeben, jetzt solle ich meine Krfte
in den Dienst der Armen stellen. Ich mchte erkennen, da die Hand des
Herrn mich vor allem deshalb geschlagen habe, damit ich desto
unbehinderter, den Lockungen des Fleisches und dem unruhigen Treiben der
Welt entrckt, der Wissenschaft leben knne, und nicht mehr die Weisheit
dieser Welt, sondern die wahre Gottesweisheit lehren mge.

In dem Kloster, in das ich eingetreten war, herrschte zu jener Zeit ein
beraus weltliches, sittenloses Leben. Je hher der Abt selbst seinem Range
nach ber den andern stand, desto schlimmer und berchtigter war sein
Lebenswandel. Da ich nun ihre emprende Sittenlosigkeit teils im vertrauten
Kreis, teils ffentlich mehrmals aufs nachdrcklichste rgte, so wurde ich
ihnen beraus unbequem und verhat. Mit Vergngen sahen sie, wie meine
Schler Tag fr Tag unermdlich mit Bitten in mich drangen; denn dieser
Umstand gab ihnen Gelegenheit, sich meiner zu entledigen. Da nun jene mir
unaufhrlich zusetzten und mir keine Ruhe lieen, auch der Abt und die
Brder sich in den Handel mischten, gab ich endlich nach und zog mich in
eine Einsiedelei zurck, um meine gewohnte Lehrthtigkeit wieder
aufzunehmen. Hier strmte nun eine solche Menge von Schlern zusammen, da
es ebenso an Raum, sie zu beherbergen, wie an Lebensmitteln zu ihrem
Unterhalt fehlte.

Wie es meinem jetzigen Beruf entsprach, hielt ich hauptschlich
theologische Vorlesungen. Doch gab ich die Unterweisung in den weltlichen
Wissenschaften deshalb nicht ganz auf; in ihnen war ich einst am besten
bewandert gewesen und um ihretwillen suchte man mich hauptschlich auf. So
benutzte ich sie gleichsam als Kder, um durch diese etwas nach Philosophie
schmeckende Lockspeise meine Zuhrer fr das Studium der wahren Philosophie
zu gewinnen, wie denn die Kirchengeschichte dasselbe Verfahren von
Origenes berichtet, jenem grten aller geistlichen Philosophen. Da es nun
aber ersichtlich wurde, da Gott mich mit heiliger wie mit weltlicher
Wissenschaft in gleicher Weise begabt hatte, so vermehrte sich die Zahl
meiner Zuhrer in beiden Fchern, whrend die andern Schulen sich
bedenklich leerten. Dadurch zog ich mir den heftigsten Neid und Ha der
Lehrer zu, die nun alles aufboten, um mir Abbruch zu thun. Hauptschlich
zwei Vorwrfe waren es, die sie immer wieder gegen mich erhoben, whrend
ich fern war: da sich mit dem Beruf eines Mnchs das Studium weltlicher
Wissenschaft nimmermehr vertrage und da ich mir ein Lehramt in der
Theologie angemat habe, ohne vorher selbst in die Schule gegangen zu sein.
Sie htten es am liebsten gesehen, wenn mir die Ausbung meiner
Lehrthtigkeit ganz untersagt worden wre, und waren unablssig bemht,
Bischfe, Erzbischfe, bte und sonstige einflureiche Kirchenmnner fr
ihre Absicht zu gewinnen. Ich befate mich nun zuerst damit, das Fundament
unseres Glaubens selbst durch menschliche Vernunftgrnde falich zu machen.
Zu diesem Zweck schrieb ich eine theologische Abhandlung ber die
gttliche Einheit und Dreiheit fr den Gebrauch meiner Schler, die nach
vernnftigen, wissenschaftlichen Grnden verlangten, und nicht blo Worte
hren, sondern sich auch etwas dabei denken wollten. Sie meinten, es sei
vergeblich, viele Worte zu machen, bei denen sich nichts denken lasse; man
knne doch nichts glauben, was man nicht vorher begriffen habe; es sei
lcherlich, wenn einer etwas predigen wolle, was weder er selbst noch seine
Zuhrer mit dem Verstand fassen knnten; das seien die blinden
Blindenleiter, von denen der Herr spreche. Mein Buch gefiel allen meinen
Schlern auerordentlich, denn hier -- so schien es -- fand man auf alle
Fragen, die ber diesen Gegenstand schwebten, eine befriedigende Antwort.
Und gerade diese Fragen galten damals fr ganz besonders schwierig; je
greres Gewicht man ihnen aber beilegte, desto mehr wurde die Feinheit der
Lsung geschtzt. Meine Neider jedoch gerieten dadurch in gewaltige
Aufregung und sie beriefen gegen mich ein Konzil, an ihrer Spitze meine
beiden alten Widersacher, Alberich und Lotulf. Diese maten sich nach dem
Tode unserer gemeinsamen Lehrer Wilhelm und Anselm die Alleinherrschaft an
und wollten sich gleichsam in das Erbe der beiden berhmten Mnner teilen.

Alberich und Lotulf lehrten damals beide zu Rheims und sie brachten es bei
ihrem Erzbischof Radulf durch allerhand Einflsterungen in der That soweit,
da man unter Beiziehung des Bischofs von Prneste, Conanus, der damals
ppstlicher Legat in Frankreich war, eine drftige Versammlung unter dem
stolzen Namen eines Konzils in Soissons abhielt und mich einlud, mein
vielbesprochenes Buch ber die Dreieinigkeit dorthin mitzubringen. Und so
geschah es.

Indessen hatten mich meine beiden Hauptwidersacher bei Klerus und Volk noch
vor meiner Ankunft in ein so bles Licht gestellt, da ich mit meinen paar
Begleitern von der Menge beinahe gesteinigt worden wre; es hie, ich lehre
in Wort und Schrift drei Gtter -- das hatte man ihnen vorgeredet.

Sogleich nach meiner Ankunft in Soissons ging ich zum Legaten und bergab
ihm mein Buch zur Prfung und Beurteilung; zugleich erklrte ich mich
bereit, meine Lehre zu berichtigen oder zu widerrufen, falls sie mit dem
katholischen Glauben im Widerspruch stehe. Der Legat jedoch schickte mich
mit meinem Buch zum Erzbischof und zu meinen Gegnern; die Mnner sollten
ber mich zu Gericht sitzen, die mich angeklagt hatten, und an mir sollte
sich das Wort erfllen: Meine Feinde sind meine Richter.

Sie durchstberten nun mein Buch mehrmals von vorn bis hinten, fanden aber
nichts, das sie in der Versammlung gegen mich htten vorbringen knnen und
verschoben darum die Verdammung des Buchs, nach der sie lechzten, bis auf
den Schlu des Konzils. Ich meinerseits benutzte die Zeit ehe die Sitzungen
abgehalten wurden tglich zu ffentlichen Vortrgen ber den katholischen
Glauben, wie er in meinen Schriften zum Ausdruck kam, und unter meinen
Zuhrern war nur eine Stimme des Lobes und der Bewunderung fr meine
Redegewandtheit wie fr meinen Scharfsinn. Das Volk aber und die
Geistlichkeit fingen an zu murren: Sehet, nun redet er frei und offen vor
aller Welt und niemand widerspricht ihm! Das Konzil, das doch seinetwegen
vor allem berufen wurde, ist nchstens zu Ende. Sind vielleicht die Richter
zu der Einsicht gekommen, da sie selber irren, nicht er?

Infolgedessen stieg die Wut meiner Gegner von Tag zu Tag. Eines Tags nun
kam Alberich mit einigen seiner Schler zu mir, um mir eine Schlinge zu
legen. Nach einigen einleitenden hflichen Redensarten sagte er, eine
Stelle in meinem Buch habe ihn befremdet: nmlich, obwohl Gott Gott gezeugt
habe und nur ein Gott sei, leugne ich doch, da Gott sich selber gezeugt
habe. Unverzglich antwortete ich ihm: ich bin bereit, hierber
Rechenschaft abzulegen, wenn es euch genehm ist. Darauf versetzte er: In
solchen Fragen lassen wir nicht menschliche Vernunftgrnde oder unsre
eigene Weisheit gelten, sondern einzig und allein die Autoritt der Vter.
-- Schlaget nur in meinem Buche nach, erwiderte ich, und ihr werdet eine
solche Autoritt finden. -- Das Buch war zur Hand; er hatte es selbst
mitgebracht. Ich schlug die Stelle auf, die ich im Kopfe hatte und die dem
Alberich entgangen war, weil er nur nach solchen suchte, die mir schaden
konnten. Gott wollte es, da ich das Gewnschte alsbald fand. Es war ein
Citat aus dem ersten Buche von Augustins Werk ber die Dreieinigkeit und
lautete: Wer da glaubt, Gott habe die Macht sich selbst zu erzeugen, ist
in einem schweren Irrtum befangen, denn diese Fhigkeit kommt Gott so wenig
zu wie irgend einer anderen geistigen oder leiblichen Kreatur; es giebt
berhaupt kein Wesen, welches sich selbst erzeugen knnte.

Diese Worte versetzten die Schler Alberichs in peinliche Verlegenheit. Er
selbst, um nur irgend etwas zu sagen, meinte: Das ist allerdings
deutlich. Ich erwiderte ihm, diese Ansicht sei nicht neu, allein fr den
Augenblick falle sie nicht ins Gewicht, da er ja nur nach Worten suche und
nicht den tieferen Sinn, der ihnen zu Grunde liege. Falls er aber eine
Darlegung und Begrndung ihres eigentlichen Sinnes anhren wolle, so sei
ich bereit, ihm aus seinen eigenen Worten nachzuweisen, da er in die
Ketzerei verfallen sei, die annehme, da Gott-Vater sein eigener Sohn sei.
Daraufhin geriet Alberich in groe Wut, nahm seine Zuflucht zu Drohungen
und versicherte mich, da weder meine eigene Weisheit, noch meine Berufung
auf andere Autoritten mir etwas helfen sollten. -- Und damit ging er.

Der letzte Tag des Konzils war herangekommen. Vor der Sitzung hatten der
Legat und der Erzbischof von Rheims mit meinen Gegnern und einigen andern
Personen eine lange Beratung darber, was in Anbetracht meiner Person und
meines Buches zu thun sei; denn um dieser Sache willen war ja das Konzil
hauptschlich berufen worden. In meinen Worten oder in meiner Schrift, die
vorlag, fand man nichts, was man gegen mich htte vorbringen knnen. Einen
Augenblick herrschte allgemeines Schweigen und was sich hren lie, waren
nur schchterne Einwrfe. Da ergriff Gottfried, Bischof von Chartres, durch
den Ruf seiner Frmmigkeit und das Ansehen seines Stuhles den brigen
Bischfen berlegen, das Wort und sprach also: Wrdige Herren! Euch allen,
die ihr hier versammelt seid, ist es wohl bekannt, da die Lehre dieses
Mannes, welcher Art sie auch sein mag, und der Reichtum seines Geistes,
welchem Gebiet immer er sich zugewandt hat, viel Beifall gefunden und groe
Anziehungskraft ausgebt haben, so da dadurch selbst der Ruhm seiner und
unserer Lehrer verdunkelt worden ist und man fast sagen knnte, die Reben
seines Weinbergs seien von Meer zu Meer gerankt.

Wolltet ihr nun, was ich nicht glauben kann, einen solchen Mann ungehrt
verurteilen, so wrdet ihr mit einem solchen Urteil, selbst wenn es seinen
guten Grund htte, sicherlich vielen Leuten vor den Kopf stoen, und es
wrde nicht an solchen fehlen, die fr ihn Partei ergreifen wrden; zumal
sich in der Schrift, die er vorgelegt hat, nichts findet, was einer offenen
Ketzerei hnlich wre. Denken wir an das Wort des Hieronymus: 'Stets hat
die Tchtigkeit den Neid zum Begleiter' und daran, da 'der Blitz die
hchsten Gipfel trifft'! Hten wir uns davor, seinen Namen durch ein
gewaltsames Vorgehen noch mehr zum Gegenstand der allgemeinen Teilnahme zu
machen. Wir wrden uns selbst dadurch, da wir uns den Vorwurf des Neides
zuziehen, mehr schdigen, als wir dem Angeklagten durch unsern
Richterspruch schaden knnen. Denn 'falscher Ruhm' -- sagt der ebengenannte
Lehrer -- 'erlischt schnell und die Folgezeit richtet das Vorleben.'

Beliebt es euch aber, nach Recht und Brauch mit ihm zu handeln, so mge
seine Lehre oder sein Buch hier ffentlich vorgetragen werden und ihm
selbst soll gestattet sein auf die Fragen, die man ihm vorlegt, Rede und
Antwort zu geben, um dann, wenn er berwiesen und zum Widerruf bewogen
werden knnte, fr immer zu schweigen. Dies war schon die Meinung des
frommen Nikodemus, als er, um dem Herrn selbst die Freiheit zu ermglichen,
sagte: 'Richtet unser Gesetz auch einen Menschen, ehe man ihn verhret und
erkenne was er thut?'

Auf diese Worte hin erhoben meine Gegner einen gewaltigen Lrm: Schne
Weisheit, riefen sie, die uns zumutet, mit diesem Wortknstler zu
streiten, dessen Schlssen und Finten die ganze Welt nicht standhalten
kann! -- Und doch -- es war gewi noch viel schwerer, mit Christus selbst
zu streiten; trotzdem hat Nikodemus ihn vor seinen Richtern zum Wort kommen
lassen wollen, wie es das Gesetz gestattet.

Als nun der Bischof Gottfried die Anwesenden nicht fr seine Absicht
gewinnen konnte, suchte er ihre Migunst durch ein anderes Mittel zu
zgeln. Er machte geltend, da die Versammlung nicht vollzhlig genug sei,
um ber eine so wichtige Sache zu entscheiden, und da diese Angelegenheit
einer grndlichen Prfung bedrfe. Sein Rat gehe deshalb dahin, mein Abt
solle mich in das Kloster St. Denis zurckbringen, woselbst dann meine
Sache einer greren Anzahl von gelehrten Mnnern zu erneuter grndlicherer
Untersuchung vorgelegt werden solle. Dieser letzte Vorschlag fand den
Beifall des Legaten und aller brigen Anwesenden. Alsbald erhob sich der
Legat, um vor dem Beginn der Sitzung die Messe zu lesen, und lie mir durch
den Bischof Gottfried die frmliche Erlaubnis zur Rckkehr in mein Kloster
bermitteln, wo ich dann das weitere erwarten solle.

Nun aber fiel es meinen Gegnern ein, da fr sie nichts gewonnen wre, wenn
mein Proze auerhalb ihres Sprengels gefhrt wrde, wo sie dann auf das
Urteil keinen Einflu ausben knnten; denn bei dem Gedanken, einfach der
Gerechtigkeit den Lauf zu lassen, konnten sie sich freilich nicht
beruhigen. Darum stellten sie dem Erzbischof vor, da es eine groe Schande
fr sie wre, diese Sache an eine andere Behrde zu verweisen und da es
gefhrlich sei, mich so davonkommen zu lassen. Sie liefen auch zum Legaten
und wuten ihn, halb gegen seinen Willen, dahin umzustimmen, da er mein
Buch unbesehen verdammte, es vor aller Augen verbrannte und ber mich
lebenslngliche Haft in einem auswrtigen Kloster verfgte. Sie sagten
nmlich, zur Verurteilung meines Buches sei schon der Umstand hinreichend,
da ich mir erlaubt habe, es ohne die Genehmigung des Papstes oder der
Kirche ffentlich vorzutragen und da ich es schon vielen zum abschreiben
berlassen habe; es knne nur zur Krftigung des christlichen Glaubens
dienen, wenn einmal, um einer hnlichen Anmaung zuvorzukommen, an mir ein
Exempel statuiert werde. Der Legat war wissenschaftlich nicht so gebildet,
wie er htte sein sollen, und folgte deshalb in der Hauptsache dem Rate des
Erzbischofs; dieser seinerseits lie sich von meinen Gegnern bestimmen.

Als der Bischof von Chartres hiervon Kunde erhielt, setzte er mich alsbald
von diesen Umtrieben in Kenntnis und ermahnte mich eindringlich, ich mchte
diese Wendung geduldig tragen, um so mehr, als das Vorgehen meiner
Widersacher eine offenbare Vergewaltigung sei. Eine solche, klar am Tag
liegende, gewaltthtige Migunst knne jenen nur schaden, mir nur Nutzen
bringen -- davon drfe ich berzeugt sein; auch solle ich mir wegen der
Klosterhaft keine Sorgen machen: er wisse gewi, da der Legat, der sich
dieses Urteil nur habe abntigen lassen, mich nach seiner Abreise von hier
alsbald in volle Freiheit setzen werde. So suchte er mich zu trsten so gut
es ging, indem er selbst mit dem Weinenden weinte.

Ich wurde vor das Konzil berufen, und ohne Untersuchung, ohne Prfung zwang
man mich, mein Buch mit eigener Hand ins Feuer zu werfen. Und so ging es in
Flammen auf. Whrend dieses Vorgangs schien jedermann absichtlich zu
schweigen. Nur einer meiner Gegner machte schchtern die Bemerkung, er habe
in dem Buch den Satz gefunden, Gott-Vater allein sei allmchtig. Auf diese
Bemerkung antwortete der Legat hchlich erstaunt: einen solchen Irrtum
drfe man ja nicht einmal einem Kinde zutrauen, da doch der gemeinsame
Glaube ausdrcklich dahingehe, das alle drei Personen der Gottheit
allmchtig seien. -- Daraufhin citierte ein gewisser Terricus, Vorsteher
einer Schule, hhnisch den Satz des Athanasius: und dennoch nicht drei
allmchtig, sondern einer allmchtig. Und als ihn sein Bischof
zurechtweisen und zum Schweigen bringen wollte, als htte er ein
Majesttsverbrechen begangen, lie er sich nicht im mindesten
einschchtern, sondern sprach wie ein zweiter Daniel also: Seid ihr von
Israel solche Narren, da ihr einen Sohn Israels verdammt, ehe ihr die
Sache erforschet und gewi werdet? Kehret wieder um vors Gericht und
richtet den Richter selber. Denn der Richter, den ihr eingesetzt habt zur
Unterweisung im Glauben und zur Beseitigung des Irrtums, der hat sich
selbst gerichtet durch seinen eigenen Mund, da er andere richten sollte.
Den Mann, dessen Unschuld heute Gottes Barmherzigkeit an den Tag gebracht
hat -- befreiet ihn, wie einst die Susanna, von seinen falschen Klgern.

Nun erhob sich der Erzbischof, und indem er die Worte den Umstnden gem
leicht abnderte, besttigte er den Satz des Legaten mit den Worten: In
der That, ehrwrdiger Herr, allmchtig ist der Vater, allmchtig der Sohn,
allmchtig der heilige Geist, und wer von dieser Meinung abweicht, ist in
offenbarem Irrtum befangen und nicht anzuhren. Doch vielleicht drfte es
sich empfehlen, da dieser unser Bruder seinen Glauben vor der ganzen
Versammlung bekenne, damit er je nach Umstnden gebilligt oder beanstandet
und verbessert werde. Als ich mich daraufhin anschickte, mein
Glaubensbekenntnis abzulegen, und meinen Gedanken einen selbstndigen
Ausdruck geben wollte, da riefen meine Gegner mir zu, ich brauche nur das
Athanasianische Glaubensbekenntnis herzusagen, was jedes Kind ebensogut
htte thun knnen. Und damit ich nicht etwa die Ausrede gebrauchen knnte,
ich wisse den Wortlaut nicht auswendig, gab man mir den geschriebenen Text
zum Vorlesen. Unter Seufzern und mit thrnenerstickter Stimme las ich, so
gut es ging. Hierauf wurde ich wie ein seines Vergehens berwiesener
Verbrecher dem Abt von St. Medardus, der auf dem Konzil anwesend war,
bergeben und in dessen Kloster, als in mein Gefngnis, abgefhrt. Das
Konzil selbst wurde alsbald aufgelst.

Der Abt indessen und seine Mnche, die nicht anders glaubten, als da ich
nun fr immer bei ihnen bleiben werde, nahmen mich mit Freuden auf und
bemhten sich vergeblich, mich durch mglichst liebevolle Behandlung ber
mein Schicksal zu trsten. O Gott, der du gerecht richtest! So sehr war
mein Herz vergiftet und verbittert, da ich in verblendetem Wahn wider dich
selbst murrte und Klage erhob und unablssig jenen Seufzer des heiligen
Antonius wiederholte: Guter Jesus, wo warest du? Schmerz, Beschmung,
Verzweiflung -- damals habe ich all diese Gefhle durchgekostet, aber sie
zu beschreiben, ist mir nicht mglich. Was ich jetzt zu leiden hatte, hielt
ich zusammen mit dem frheren Unglck, das mir an meinem Krper widerfahren
war, und ich achtete mich fr das elendste aller Menschenkinder. Im
Vergleich mit diesem neuen Unglck erschien mir jene ruchlose That
geringfgig, und ich beklagte weniger den Schaden meines Leibes als den
Verlust meines Ruhms. Jenen hatte ich gewissermaen selbst verschuldet.
Dieser offenen Gewalt aber war ich zum Opfer gefallen, obwohl mich nichts
anderes als die lauterste Absicht und die Liebe zu unserem Glauben zum
Schreiben gedrngt hatte.

Wohin auch die Kunde von diesem grausamen und brutalen Verfahren gegen mich
gelangte, berall fand es lebhafte Mibilligung; von denen, die bei der
Verhandlung gewesen waren, schob nun jeder die Schuld auf den andern. Sogar
meine Feinde leugneten jetzt, da sie an dem Urteil der Synode schuld
seien, und der Legat bedauerte ffentlich die Migunst der Franzosen.
Whrend er fr den Augenblick ihrer feindseligen Absicht gegen mich
unfreiwillig nachgegeben hatte, bereute er gleich darauf seine Maregel und
lie mich nach einigen Tagen schon aus dem fremden Kloster in mein eigenes
nach St. Denis zurckkehren.

Freilich waren dessen Insassen mir fast alle schon von frher her feindlich
gesinnt. Bei der Unordentlichkeit ihres Lebenswandels und dem freien Ton,
der unter ihnen herrschte, war ich ihnen ein hchst unbequemer Mahner. Es
vergingen nur wenige Monate, da bot sich ihnen eine geschickte Gelegenheit,
mich zu verderben. Eines Tages fand ich nmlich beim Lesen zufllig eine
Stelle in Bedas Auslegung der Apostelgeschichte, worin die Ansicht
ausgesprochen war, da Dionysius Areopagita nicht Bischof von Athen,
sondern von Korinth gewesen sei. Dies mute natrlich die sehr befremden,
die in dem Schutzpatron ihres Klosters eben jenen Dionysius Areopagita
verehren, in dessen Lebensgeschichte ausdrcklich stand, da er Bischof von
Athen gewesen sei. Ich zeigte einigen der umherstehenden Brder halb im
Scherz jene Stelle des Beda, die gegen uns sprach. Sie aber erklrten in
hchster Entrstung den Beda fr einen Erzlgner und beriefen sich auf
ihren Abt Hilduin, als auf einen zuverlssigeren Zeugen. Dieser habe lange
Zeit in Griechenland selbst Forschungen gemacht und dann den wahren
Sachverhalt in einer Lebensbeschreibung des Dionysius ganz unanfechtbar
dargestellt. Einer der Umstehenden drang mit der Frage in mich, wem ich in
diesem Streite recht gebe, dem Beda oder dem Hilduin. Ich sagte, das
Zeugnis des Beda, dessen Schriften in der ganzen abendlndischen Kirche in
Ansehen stnden, scheine mir gewichtiger zu sein. Als die Mnche das
vernahmen, erhoben sie ein wtendes Geschrei: nun trete die feindselige
Gesinnung, die ich von jeher gegen unser Kloster gehegt habe, einmal
deutlich hervor; am ganzen Land werde ich zum Verrter, indem ich es seines
hchsten Ruhmestitels beraube, da ich leugne, da Dionysius Areopagita ihr
Schutzpatron sei. Ich erwiderte, das leugne ich ja gar nicht, und berdies
komme wenig darauf an, ob ihr Schutzpatron wirklich der Areopagite gewesen
sei oder ein Mann von anderer Herkunft, da er doch jedenfalls von Gott so
groer Ehre wrdig befunden worden sei. Sie aber liefen zum Abt und zeigten
ihm an, was sie mir zur Last legten. Dieser begrte die Gelegenheit, mich
einmal demtigen zu knnen, mit Freuden; denn da er ein sittenloseres Leben
fhrte als alle brigen, so frchtete er sich vor mir um so mehr. Vor
versammeltem Konvent erteilte er mir einen scharfen Verweis und drohte, er
wolle mich unverzglich vor den Knig schicken, damit mich die Strafe
treffe, die dem gebhre, der den Ruhm und die Ehre des Knigreichs antaste.
Inzwischen bis zu der Zeit, da er mich dem Knig vorfhren wollte, lie er
mich unter strenge Aufsicht stellen. Vergebens erklrte ich mich bereit,
die vorgeschriebene Bue auf mich zu nehmen, falls ich etwas verbrochen
htte. Und nun ergriff mich ein frmlicher Ekel vor der Schlechtigkeit
dieser Menschen, und ich, den seit so langer Zeit das Migeschick
unablssig verfolgte, geriet an den Rand der Verzweiflung: die ganze Welt
-- so schien es -- war gegen mich verschworen. So entwich ich denn mit
Wissen einiger Brder, die Mitleid mit mir hatten, und unter Beihilfe
einiger meiner Schler heimlich bei Nacht aus dem Kloster und flchtete in
das angrenzende Gebiet des Grafen Theobald, wo ich frher in einer
Einsiedelei gelebt hatte.

Der Graf selbst war mir nicht ganz unbekannt; auch hatte er mit groer
Teilnahme von meinem mannigfachen Unglck gehrt. Ich hielt mich zunchst
bei dem Schlo Provins auf, in einer Klause der Mnche von Troyes, deren
Prior mir vorzeiten befreundet gewesen war und mich ins Herz geschlossen
hatte. Dieser nahm den Flchtling mit Freuden auf und sorgte fr mich auf
die liebenswrdigste Weise.

Eines Tags nun kam mein Abt in geschftlichen Angelegenheiten zum Grafen
auf das Schlo. Als ich dies erfuhr, ging ich mit dem Prior ebenfalls zum
Grafen und bat ihn, er mchte sich bei meinem Abt fr mich verwenden, da
er mich absolviere und mir die Erlaubnis gebe, als Mnch zu leben, wo ich
einen passenden Ort finde. Der Abt und seine Begleiter zogen die Sache in
Erwgung und wollten den Grafen noch am gleichen Tage vor ihrer Heimkehr
darber Bescheid sagen. Als sie nun die Sache nher berlegten, kamen sie
auf die Meinung, ich wolle in ein anderes Kloster eintreten, was nach ihrer
Ansicht eine groe Schande fr sie gewesen wre. Denn sie thaten sich viel
darauf zu gut, da ich mich gerade in ihr Kloster zurckgezogen hatte, sie
sahen darin eine Bevorzugung des ihrigen vor allen andern Klstern, und
jetzt, frchteten sie, wrde es ihnen zu groer Unehre gereichen, wenn ich
ihr Kloster verliee und mich an ein anderes wendete. Deshalb hrten sie
weder mich noch den Grafen in dieser Sache an, sondern begngten sich
damit, mich mit der Exkommunikation zu bedrohen, falls ich nicht
unverzglich ins Kloster zurckkehre. Dem Prior aber, bei dem ich eine
Zuflucht gefunden hatte, untersagten sie aufs strengste, mich weiterhin bei
sich zu behalten, falls er nicht ebenfalls der Strafe der Exkommunikation
verfallen wolle. Dieser Bescheid erfllte den Prior und mich mit groer
Besorgnis. Da starb zum Glck mein Abt wenige Tage, nachdem er mit dieser
Drohung in sein Kloster zurckgekehrt war.

Als sein Nachfolger eingesetzt war, ging ich mit dem Bischof von Meaux zu
ihm und bat ihn, er mchte mir die Bitte gewhren, die ich schon an seinen
Vorgnger gerichtet habe. Als auch er zuerst nicht recht auf die Sache
eingehen wollte, gewann ich durch Vermittlung einiger Freunde den Knig und
seinen Rat fr mein Anliegen und erreichte so meinen Zweck. Der damalige
Seneschall des Knigs, Stephanus, nahm den Abt und dessen Vertraute
beiseite und stellte ihnen vor, warum sie mich gegen meinen Willen
zurckhalten wollten; sie knnten sich dadurch leicht in rgerliche Hndel
verwickeln und htten jedenfalls wenig Nutzen davon, da meine Lebensweise
und die ihrige nun einmal nicht zusammenpasse. Ich wute aber, da man im
kniglichen Rat dem Kloster absichtlich manche Unregelmigkeit hingehen
lie, um es dafr dem Knig desto gefgiger zu erhalten und es fr
weltliche Zwecke ausbeuten zu knnen. Darum glaubte ich auch, die
Zustimmung des Knigs und seiner Rte fr mein Vorhaben erlangen zu knnen.
Und wirklich, es gelang mir.

Damit aber unser Kloster des Ruhmes, den es an meiner Person hatte, nicht
verlustig gehe, sollte ich mich zwar zurckziehen drfen, wohin ich wollte,
aber unter der Bedingung, da ich nicht in ein anderes Kloster eintrete.
Dies wurde in Gegenwart des Knigs und seiner Rte von beiden Seiten
gutgeheien und bekrftigt. So begab ich mich in eine einsame Gegend im
Gebiet von Troyes, die mir von frher bekannt war. Dort wurde mir von
einigen Leuten ein Stck Land zur Verfgung gestellt, und mit Genehmigung
des Bischofs erbaute ich daselbst nur aus Binsen und Stroh eine Kapelle zu
Ehren der heiligen Dreifaltigkeit. In dieser Einsamkeit, mit einem
befreundeten Kleriker lebend, konnte ich allen Ernstes dem Herrn das Lied
singen: Siehe, ich habe mich ferne weggemacht und bin in der Wste
geblieben.

Bald kam die Kunde von meinem neuen Aufenthalt zu meinen Schlern. Und nun
belebte sich meine Einsamkeit. Sie verlieen die Stdte und festen Pltze
und ihre behaglichen Wohnungen, um sich hier elende Htten zu bauen; ihre
ausgesuchten Mahlzeiten vertauschten sie mit der drftigen Nahrung, die in
Krutern und trockenem Brot bestand; statt weicher Betten gab es hier nur
ein Lager aus Binsen oder Stroh und die Tische muten durch Rasenbnke
ersetzt werden. Man htte wirklich glauben knnen, sie wollen die alten
Philosophen nachahmen, deren Lebensweise dem heiligen Hieronymus im zweiten
Buch seiner Schrift Gegen Jovinianus zu folgender Betrachtung Anla
giebt: Durch unsere Sinne dringen die Laster wie durch eine Art Fenster
ins Herz ein. Die Stadt und Festung der Vernunft kann nicht genommen
werden, wenn das feindliche Heer nicht durch die Thore eindringt. Wenn
jemand seine Lust hat an Cirkusspielen, an Ringkmpfen, an Gauklerknsten,
an ppigen Frauen, an prchtigem Geschmeide, an Kleiderputz und dergleichen
Dingen, dessen Seele hat ihre Freiheit durch die Fenster der Augen verloren
und von ihm gilt das Wort des Propheten: 'Der Tod ist hereingekommen durch
unsere Fenster.' Wenn nun die Anfechtungen dieser Welt wie ein feindlicher
Keil durch solche Thore in die Burg unsres Herzens eingedrungen sind -- wo
wird dann unsre Freiheit bleiben, wo unsre Tapferkeit, wo der Gedanke an
Gott? Zumal das einmal geweckte Herz auch die vergangenen Freuden mit neuen
Farben sich ausmalt, mit der Erinnerung an einstige Leidenschaften neue
Schmerzen in der Seele weckt und sie gewissermaen etwas, was in
Wirklichkeit nicht mehr besteht, noch einmal durchzumachen ntigt. Aus
diesen Grnden haben viele Philosophen die volksbelebten Stdte und die
stdtischen Lustgrten verlassen, wo das bewsserte Land, das Grn der
Bume, das Zwitschern der Vgel, die krystallklare Quelle, der murmelnde
Bach und so manches andre Aug' und Ohr bezauberte; sie wichen der ppigkeit
und der berflle, die sich ihnen darbot, aus, damit die Kraft ihrer Seele
nicht erschlaffe und ihre Keuschheit nicht befleckt werde. Und in der That:
der ftere Anblick dessen, was uns bercken knnte, kann ja nur schdlich
wirken, und warum sollte man einen Genu kennen lernen wollen, auf den man
nachher nur mit Schmerzen wieder verzichten kann?

Auch die Schler des Pythagoras gingen dem Treiben der Welt aus dem Wege
und wohnten in der Einsamkeit und in der Wste. Selbst Plato, der mit den
Gtern dieser Welt gesegnet war und welchem Diogenes einmal sein Ruhebett
mit schmutzigen Schuhen bearbeitete, selbst er whlte, um ganz Philosoph
sein zu knnen, einen Ort auf dem Lande, fern von der Stadt, nicht blo in
abgelegener, sondern auch in ungesunder Gegend: durch die bestndige
Besorgnis vor Krankheiten sollten die Begierden erstickt werden, und seine
Schler sollten keinen anderen Genu kennen, als den des Studiums. Eine
hnliche Lebensweise sollen auch die Jnger des Propheten Elisa gefhrt
haben. Hieronymus stellt sie als die Mnche jener Zeit dar und schreibt
ber sie dem Mnche Rusticus unter anderem folgendes: Die
Prophetenschler, von denen das Alte Testament wie von Mnchen redet,
bauten sich an den Ufern des Jordan kleine Htten, verlieen die
Gesellschaft und die Sttten der Menschen und lebten von Mais und Krutern
des Feldes.

In dieser Weise bauten sich auch meine Schler ihre Htten am Ufer des
Flusses Arduzon, und man meinte eher Einsiedler vor sich zu haben als
Jnger der Wissenschaft. Je grer aber der Zulauf von Schlern wurde und
je hrter die Lebensweise war, die sie meinem Unterricht zuliebe auf sich
nahmen, desto ngstlicher sahen meine Nebenbuhler meinen Ruhm wachsen und
ihr eigenes Ansehen sinken. Zu ihrem groen Leidwesen muten sie es
erleben, da alles Bse, das sie mir zugedacht, zu meinem Vorteil
ausschlug, und obwohl ich nach dem Wort des Hieronymus fern von dem Treiben
der Stdte und Mrkte, fern von den Hndeln der Welt lebte -- dennoch fand
mich, wie Quintilian sagt, selbst in der Verborgenheit der Neid. Seufzend
und klagend sprachen jene zu sich selbst: Siehe, die ganze Welt luft ihm
nach; nichts haben wir ausgerichtet mit unseren Verfolgungen, ja, wir haben
seinen Ruhm nur noch grer gemacht. Wir gedachten, die Leuchte seines
Namens zu verlschen, und wir haben sie nur heller angefacht. In den
Stdten haben die Schler alles zur Hand, was sie brauchen, aber auf alle
Gensse menschlicher Kultur verzichtend, strmen sie hinaus in die
unwirtliche Einde und setzen sich freiwillig dem Mangel aus.

Zu jener Zeit ntigte mich meine drckende Armut, eine regelrechte Schule
einzurichten; denn graben mochte ich nicht und schmte mich zu betteln. An
Stelle der Handarbeit nahm ich darum, zu meiner eigentlichen Kunst
zurckkehrend, die Arbeit des Geistes wieder auf. Gern reichten mir meine
Schler dar, was ich an Nahrung und Kleidung brauchte, sie nahmen mir auch
die Bestellung des Feldes und die Errichtung notwendiger Baulichkeiten ab,
damit ich durch keine wirtschaftliche Sorge von der Wissenschaft abgezogen
wrde. Da unsere Kapelle nur den kleinsten Teil der Anwesenden fassen
konnte, so vergrerten sie dieselbe und verwandten zu dem Umbau nunmehr
ein besseres Material, nmlich Stein und Holz. Ich hatte die Kapelle einst
im Namen der heiligen Dreifaltigkeit gegrndet und sie ihr geweiht. Nun
aber gab ich ihr den Namen Paraklet (Trster),[3] in dankbarer Erinnerung
an die Wohlthat, die mir einst hier zu teil geworden war: denn an diesem
Ort hatte ich, ein schon verzweifelnder Flchtling, die Gnade des
gttlichen Trostes gefunden, hier hatte ich zuerst wieder aufatmen drfen.
Viele Leute erstaunten nicht wenig ber diesen Namen; ja einige griffen
mich deshalb heftig an und behaupteten, nach altem Herkommen knne man eine
Kirche nicht dem heiligen Geist im besonderen weihen, so wenig als Gott dem
Vater allein; sondern nur entweder dem Sohn allein oder der ganzen
Dreieinigkeit zusammen. Zu diesem Angriff lieen sie sich jedenfalls
dadurch verfhren, da sie zwischen den Begriffen Paraklet und Geist
Paraklet keinen Unterschied machten. In Wirklichkeit kann ja der Trinitt
und jeder einzelnen Person der Trinitt mit dem gleichen Recht, wie sie
Gott oder Helfer genannt wird, auch der Name Paraklet, d. h. Trster,
beigelegt werden -- nach dem Wort des Apostels: Gelobet sei Gott und der
Vater unsres Herrn Jesu Christi, der Vater der Barmherzigkeit und Gott
alles Trostes, der uns trstet in aller unsrer Trbsal -- und auch nach
dem Wort, das die Wahrheit spricht: Und er soll euch einen andern Trster
geben. -- Da doch jede Kirche im Namen des Vaters und des Sohnes und des
heiligen Geistes geweiht wird und sie alle drei an dem Besitz gleichen
Anteil haben -- warum soll man denn nicht auch einmal ein Gotteshaus Gott
dem Vater oder dem heiligen Geist im besondern zueignen drfen, so gut wie
dem Sohne? Wer wollte sich erlauben, den Namen dessen, dem das Haus gehrt,
ber dem Eingang zu tilgen? Oder wenn der Sohn sich dem Vater zum Opfer
darbringt und demgem bei der Messe die Gebete an Gott den Vater besonders
gerichtet werden, wie auch er es ist, dem das Opfer gebracht wird: sollte
da nicht der Altar ganz im besonderen ihm zu eigen sein, dem doch Gebet wie
Opfer gilt? Ist der Altar nicht mit grerem Rechte dem zuzusprechen,
welchem geopfert wird als dem, der geopfert wird? Oder wollte jemand
behaupten, da dem Kreuz oder Grab des Erlsers, oder dem heiligen Michael,
Johannes, Petrus oder sonst einem Heiligen ein Altar zukomme, da doch weder
sie selbst mit einem Opfer irgend etwas zu thun haben, noch auch Gebete an
sie gerichtet werden? Auch bei den Heiden wurden nur denjenigen Wesen
Altre oder Tempel zugeeignet, denen man Opfer und gttliche Ehren
darbringen wollte. Aber vielleicht mchte jemand glauben, es sei deshalb
nicht zulssig, Gott dem Vater Kirchen oder Altre zu weihen, weil es kein
Fest in der Kirche gebe, das zu seiner besonderen Feier eingesetzt wre.
Dieser Grund mag zwar gegen die Trinitt angefhrt werden, allein in
betreff des heiligen Geistes gilt er nicht, denn dieser hat zum Gedchtnis
an sein Herabkommen ein eigenes Fest, nmlich Pfingsten, so gut wie der
Sohn das Fest seiner Geburt hat. Denn wie einstens der Sohn in die Welt
gesandt wurde, so kam der heilige Geist auf die Jnger und hat zum Andenken
daran mit Recht sein eigenes Fest. Ja, wenn wir die Meinung der Apostel und
die Wirksamkeit des heiligen Geistes genauer ins Auge fassen, so mu es uns
natrlicher erscheinen, ihm einen Tempel zu weihen als irgend einer der
andern gttlichen Personen. Denn keiner der letzteren schreibt der Apostel
ausdrcklich einen geistigen Tempel zu, wie dem heiligen Geist. Denn er
spricht nicht von einem Tempel des Vaters oder des Sohnes, wohl aber von
einem solchen des heiligen Geistes, wenn er im ersten Korintherbrief sagt:
Wer dem Herrn anhngt, der ist ein Geist mit ihm und ferner: Oder wisset
ihr nicht, da euer Leib ein Tempel des heiligen Geistes ist, der in euch
ist, welchen ihr habt von Gott und seid nicht euer selbst. Und wer wollte
verkennen, da die Wohlthat der heiligen Sakramente, welche in der Kirche
verwaltet werden, ganz ausdrcklich der Wirkung der gttlichen Gnade d. h.
des heiligen Geistes zugeschrieben werden? Aus Wasser und aus Geist werden
wir ja in der Taufe wiedergeboren, und erst dadurch wird aus uns ein
eigentlicher Tempel Gottes. Und zum vollstndigen Ausbau dieses Tempels
wird uns in siebenfacher Gnadengabe der heilige Geist zu teil, und so
erhlt der Tempel Gottes seinen Schmuck und seine Weihe. Was hat es also
auf sich, wenn wir dem einen sichtbaren Tempel weihen, welchem der Apostel
einen geistigen zuteilt? Oder welcher Person der Dreieinigkeit knnte man
mit grerem Recht eine Kirche zueignen, als derjenigen, welcher alle
Gnadenwirkungen, die die Kirche vermittelt, vor anderen zugeschrieben
werden? -- Wenn ich brigens meiner Kapelle den Namen Paraklet beilegte,
so wollte ich sie damit nicht einer der drei gttlichen Personen geweiht
haben. Ich habe schon oben gesagt, warum ich sie so genannt habe: nmlich
zur Erinnerung an den Trost, den ich hier gefunden. Im brigen -- auch wenn
ich das Gotteshaus in jenem anderen Sinn so genannt htte, wre dies nicht
gegen die Vernunft, sondern nur gegen das gewhnliche Herkommen gewesen.

[Funote 3: Nach Joh. XIV., 16. 17. 26.]

Dieses Asyl gewhrte zwar meiner Person den Schutz der Verborgenheit, aber
Gerchte ber mich durchliefen gerade damals die ganze Welt und lieen sich
allerorten hren nach Art jenes Fabelwesens, Echo genannt, das viel Lrm
macht und doch ein wesenloses Ding ist. Meine alten Feinde, ihren eigenen
Anstrengungen keinen Erfolg mehr zutrauend, erweckten nun zwei neue Apostel
gegen mich, denen die Welt groen Glauben schenkte. Der eine von ihnen
rhmte sich, dem Leben der regulierten Chorherren, der andere, dem der
Mnche einen neuen Aufschwung gegeben zu haben. Diese Menschen liefen
predigend in der Welt herum, verketzerten mich mit der Unverfrorenheit, die
ihnen eigen war, und machten mich, wenigstens fr den Augenblick, bei
weltlichen und geistlichen Obrigkeiten verchtlich. Ja, sie sprengten ber
meinen Glauben und ber mein Leben so abenteuerliche Gerchte aus, da
selbst achtungswerte Freunde sich von mir abwandten und auch diejenigen,
welche mir ihre Freundschaft bis auf einen gewissen Grad erhielten, doch
aus Furcht vor jenen nicht den Mut hatten, dieselbe irgendwie zu bekennen.
Gott ist mein Zeuge: so oft ich vernahm, da eine Versammlung von Mnnern
der Kirche im Werk sei, frchtete ich schon, es geschehe zum Zweck meiner
Verurteilung. Wie einer, der jeden Augenblick frchten mu, vom Blitz
getroffen zu werden, so wartete ich in dumpfer Angst darauf, da ich als
Ketzer und rudiges Schaf vor ihre Versammlungen und Schulen geschleppt
wrde. Und in der That -- wenn man den Floh mit dem Lwen, die Ameise mit
dem Elefanten vergleichen darf -- ich wurde damals von meinen Gegnern mit
derselben unbarmherzigen Wut verfolgt, wie einst der heilige Athanasius von
den Ketzern. Ja oftmals -- Gott wei es -- kam ich in meiner Verzweiflung
auf den Gedanken, das Gebiet der Christenheit berhaupt zu verlassen und
mich zu den Heiden zu wenden, um bei den Feinden Christi in Ruhe christlich
zu leben, unter welcher Bedingung es auch sei. Ich sagte mir, sie werden um
so eher geneigt sein, mich bei sich aufzunehmen, als mein Christentum ihnen
wegen der Verfolgungen, die ich von Christen erlitt, verdchtig erscheinen
mute; vielleicht wrden sie aus demselben Grund auch meinen, sie knnten
mich zu ihrer Religion bekehren.

Whrend ich nun unausgesetzt von solchen Seelenngsten geqult wurde, so
da ich als letztes Mittel bereits den Gedanken gefat hatte, bei den
Feinden Christi eine Zuflucht zu Christus zu suchen: schien sich mir ein
Ausweg aus diesen Nten zu erffnen, der mich jedoch in Wirklichkeit nur in
die Hnde von Christen und dazu noch Mnchen fhrte, die unbndiger und
schlechter waren als die Heiden.

In der Bretagne, im Bistum Vannes, lag ein Kloster des St. Gildas von Ruys.
Dieses war durch den Tod seines Abtes verwaist, und die einstimmige Wahl
der Mnche rief mich mit Genehmigung des Landesfrsten an diese Stelle,
womit auch mein Abt und sein Konvent zufrieden waren. So trieb mich die
Feindschaft der Franken nach dem Westen, wie einst den Hieronymus die der
Rmer nach dem Osten. Denn niemals wre ich, bei Gott, auf jenen Vorschlag
eingegangen, wenn ich nicht gehofft htte, so den fortwhrenden
Anfeindungen, die ich zu leiden hatte, einigermaen aus dem Wege zu gehen.
Das Land war mir fremd, die Landessprache mir unbekannt, die Lebensweise
der dortigen Mnche wegen ihrer Unordentlichkeit und Zuchtlosigkeit weithin
berchtigt, die brige Bevlkerung roh und unkultiviert. Wie einer, um dem
drohenden Todesstreich zu entgehen, in seiner Angst sich in den Abgrund
strzt und so eine Todesart mit der andern vertauscht, nur um eine Sekunde
Frist zu gewinnen: so habe ich mich aus einer Gefahr wissentlich in eine
andere begeben. Dort wo des Oceans donnernde Wogen am Ufer sich brachen, am
Ende der Erde, darber hinaus es keine Flucht mehr gab, da hab ich, ach,
wie oft jenes Gebet wiederholt: Von den Enden der Erde habe ich zu dir
geschrieen, da meine Seele in ngsten war. Ich glaube, es ist niemand
verborgen geblieben, wie mich jene zuchtlose Herde von Mnchen, ber die
ich gesetzt war, Tag und Nacht qulte und ngstete und mich mit allen
Gefahren des Leibes und der Seele vertraut machte. Es stand mir zweifellos
fest, da ich mein Leben verwirkt habe, wenn ich sie zu dem kanonischen
Leben, dem sie sich doch geweiht hatten, zu zwingen versuchen wrde,
andererseits war ich zu verdammen, wenn ich in dieser Hinsicht nicht alles
that was in meinen Krften stand. Die Abtei selber hatte der in seiner
Macht unbeschrnkte Landesfrst, indem er sich die ungeordneten
Verhltnisse des Klosters zu nutze machte, so sehr unter seine Botmigkeit
gebracht, da er sich die Nutzniesung des gesamten Klostergebietes
angeeignet und den Mnchen schwerere Abgaben auferlegt hatte, als selbst
die steuerpflichtigen Juden zu entrichten haben.

Die Mnche lagen mir fortwhrend mit ihren tglichen Bedrfnissen in den
Ohren. Ein Gemeinschaftsbesitz, aus dem man diese Bedrfnisse htte
befriedigen knnen, war nicht vorhanden, und so unterhielt jeder von seinem
beigebrachten Eigentum sich und seine Konkubine mit Shnen und Tchtern. Es
war ihnen ein Vergngen, mir Verlegenheiten zu bereiten, ja, sie scheuten
sich selbst nicht davor, zu stehlen und an sich zu nehmen was sie konnten,
damit ich mit der Verwaltung nicht zurechtkme und so gezwungen wre, bei
der Ausbung der Disciplin ein Auge zuzudrcken, oder ganz von derselben
abzusehen. Da aber das ganze Land in seiner Barbarei in der gleichen
Gesetz- und Zuchtlosigkeit steckte, so konnte ich mich an niemand um Hilfe
wenden; allen stand ich gleich fremd gegenber. Drauen waren es der Frst
und seine Gefolgschaft, die mich fortwhrend bedrngten, drinnen wurde ich
unaufhrlich von den Brdern angefeindet. Das Wort des Apostels: Drauen
Streit, drinnen Furcht schien geradezu fr mich geschrieben zu sein. Oft
qulte ich mich mit dem Gedanken, wie nutzlos und elend mein Leben
dahingehe, wie weder ich noch sonst jemand etwas davon habe. Frher hatte
ich doch unter meinen Schlern eine groe Wirksamkeit gebt, jetzt, nachdem
ich sie verlassen hatte und zu den Mnchen gegangen war, war ich weder fr
diese noch fr jene von irgend welchem Nutzen. Fruchtlos und ohne Wert war
alles, was ich jetzt begann und versuchte und man konnte mir mit Recht den
Vorwurf machen: Dieser Mensch hob an zu bauen und kann es nicht
hinausfhren. Der Gedanke an das, was ich verlassen und was ich dafr
eingetauscht hatte, brachte mich zur Verzweiflung. Meine frheren
Migeschicke achtete ich fr nichts im Vergleich mit der traurigen
Gegenwart, und seufzend mute ich mir oftmals selber sagen: Ich leide nur,
was ich verdient habe; den Parakleten, das ist den Trster, habe ich
verlassen und habe mich der sicheren Trostlosigkeit ausgeliefert; Drohungen
frchtete ich und in offenbare Gefahren habe ich mich hineingestrzt. Das
aber war mein grter Schmerz, da in der verlassenen Kapelle jede
gottesdienstliche Feier unterbleiben mute, da die Drftigkeit jener Gegend
kaum fr die Bedrfnisse eines Menschen gengte. Allein der wahre Trster
selbst senkte in mein trostloses Herz den echten Trost und sorgte fr sein
eigenes Haus, wie es sich ziemte.

Es begab sich nmlich, da der Abt von St. Denis auf jenes Kloster
Argenteuil Ansprche erhob, in welchem Heloise, jetzt vielmehr meine
Schwester in Christo als meine Gattin, einst den Schleier genommen hatte.
Nachdem er es unter dem Vorwand, da es von alters her unter die
Gerichtsbarkeit von St. Denis gehrt habe, an sich gebracht hatte, vertrieb
er mit Gewalt den ganzen Konvent der Nonnen, deren btissin meine Freundin
gewesen war. Whrend diese sich nun heimatlos in alle Winde zerstreuten,
kam mir der Gedanke, da der Herr selbst mir hier eine Gelegenheit biete,
fr mein Oratorium zu sorgen. Ich kehrte nun dorthin zurck und lud Heloise
mit den wenigen Nonnen aus ihrer Kongregation, die bei ihr geblieben waren,
ein, nach dem Paraklet zu kommen. Hierauf setzte ich sie in den Besitz des
Oratoriums mit allem, was dazu gehrte. Und diese Schenkung wurde, dank der
Zustimmung und Verwendung des Landesbischof, von Papst Innocenz II. ihnen
und ihren Nachfolgerinnen durch ein Privilegium fr alle Zeiten besttigt.

Anfangs zwar fhrten die Frauen dort ein drftiges Leben und manchmal
wollten sie den Mut verlieren; allein Gott, dem sie in Frmmigkeit dienten,
sah barmherzig ihr Elend an und trstete sie in kurzem; auch ihnen zeigte
er sich als der wahre Paraklet und wandte die Herzen der benachbarten
Bevlkerung zur Barmherzigkeit und Mildthtigkeit. Und nach Verflu eines
Jahres -- Gott mag es bezeugen -- waren sie an irdischem Besitz reicher als
ich es geworden wre, wenn ich hundert Jahre dort gelebt htte. Denn eben
weil das weibliche Geschlecht das schwchere ist, regt seine hilflose Lage
das menschliche Mitgefhl an, und die Tugend der Frauen ist vor Gott und
Menschen um so angenehmer. Gott aber lie unsere geliebte Schwester, die
den anderen vorstand, in aller Augen so viel Gnade finden, da sie von den
Bischfen wie eine Tochter, von den bten wie eine Schwester, von den Laien
wie eine Mutter geliebt wurde, und alles rhmte gleicherweise ihre
Frmmigkeit, Klugheit und unvergleichliche Sanftmut und Geduld, die sie bei
jeder Gelegenheit bewahrte. Selten lie sie sich in der ffentlichkeit
sehen, um bei geschlossener Thr ungestrt dem Gebet und frommer
Betrachtung zu leben. Um so begieriger suchten Leute, die in der Welt
lebten, die Gelegenheit auf, sie zu sehen und ihre erbaulichen Reden zu
genieen.

Die Nachbarn des Klosters machten mir lebhafte Vorwrfe, da ich fr die
Bedrfnisse der Nonnen nicht in dem Grade besorgt sei, wie ich knnte und
mte, da ich doch in meiner Predigt ein leichtes Mittel dazu habe; daher
besuchte ich sie fters, um ihnen so viel wie mglich behilflich zu sein.
Allein auch so entging ich nicht mignstigem Gerede und dem, was die
reinste Liebe mich zu thun drngte, legte die Schlechtigkeit meiner Neider
die gemeinsten Beweggrnde unter; ich sei eben noch immer im Banne
sinnlichen Verlangens und knne den Verlust der einstigen Geliebten schwer
oder berhaupt nicht verschmerzen. Oft mute ich da an die Klage des
heiligen Hieronymus denken, die er in dem Brief an Asella ber falsche
Freunde erhebt: Nichts macht man mir zum Vorwurf als mein Geschlecht und
auch das nur, seitdem Paula mit mir nach Jerusalem gegangen ist. Ferner
sagte er: Ehe ich in das Haus der frommen Paula kam, war nur eine Stimme
des Lobes ber mich in der ganzen Stadt; ja, ich war nach dem Urteil aller
wrdig, das Amt des hchsten Priesters in der Kirche zu bekleiden. Aber ich
gedenke trotz guten und schlechten Geredes durchzudringen zum Himmelreich.
Indem ich mir die Ungerechtigkeit und Verleumdung vorstellte, unter der
selbst ein solcher Mann zu leiden hatte, schpfte ich daraus einen nicht
geringen Trost. Ich sagte mir: Wie wrde ich schlecht gemacht werden, wenn
meine Feinde einen derartigen Verdachtsgrund bei mir ausfindig machen
knnten! Nun aber, da Gottes Barmherzigkeit mich von der Mglichkeit
solchen Verdachtes befreit hat und mir die Fhigkeit in dieser Hinsicht
mich zu vergehen geradezu benommen ist, wie kommt es, da die Stimme der
Verleumdung trotzdem nicht schweigt? Was sollte diese neueste freche
Beschuldigung heien? Der Zustand, in dem ich mich befinde, beseitigt ja
doch sonst insgemein jeglichen Argwohn derartiger Ausschreitungen so
grndlich, da wer Frauen in sicherer Aufsicht wissen will, Eunuchen zu
diesem Zweck anstellt: so berichtet die heilige Geschichte von Esther und
von den anderen Frauen des Ahasverus. Wir lesen auch von jenem vornehmen
Schatzmeister der Knigin von Candace, da er ein Eunuch gewesen, zu dessen
Bekehrung und Taufe der Apostel Philippus vom Engel des Herrn angewiesen
wurde.

Solche Mnner standen bei ehrbaren unbescholtenen Frauen von jeher in hohem
Ansehen und genossen ihr besonderes Vertrauen, eben weil der Verkehr mit
ihnen jeden Verdacht unmglich machte. Von Origenes, dem grten aller
christlichen Philosophen, erzhlt die Kirchengeschichte im sechsten Buch,
er habe selbst Hand an sich gelegt, um bei dem Unterricht der Frauen, dem
er sich widmete, von jeder Verdchtigung verschont zu bleiben. Dabei mute
ich mir sagen, da es die gttliche Barmherzigkeit mit mir noch besser
gemeint habe als mit jenem. Denn bei Origenes kann man der Ansicht sein,
da er im bereifer gehandelt und so ein schweres Verbrechen an sich selbst
verbt habe. Mich dagegen lie Gott, um mich in hnlicher Weise wie jenen
freizumachen, durch fremde Schuld dasselbe erleben; auch die Schmerzen
waren bei mir geringer, da mein Geschick mich so rasch und pltzlich
ereilte; wurde ich doch im Schlaf berfallen, so da ich fast nichts von
Schmerz empfand, als man Hand an mich legte. Aber wenn damals mein
krperlicher Schmerz verhltnismig gering war, so leide ich jetzt um so
mehr unter der Verleumdung und der Verlust meines Ruhmes qult mich mehr
als der Schaden an meinem Krper. Denn so steht geschrieben: Ein guter
Name ist besser als groe Schtze Goldes -- und der heilige Augustin sagt
in einer Predigt ber Leben und Sitten des Geistlichen: Wer im Vertrauen
auf sein gutes Gewissen keine Rcksicht auf seinen Ruf nimmt, der ist
grausam gegen sich selbst. Und weiter oben: Wir wollen nicht nur vor
Gott, sondern auch vor den Menschen rechtschaffen dastehen. Fr uns gengt
das Zeugnis unseres Gewissens; aber der andern wegen darf unser guter Name
nicht befleckt werden, sondern mu fleckenlos bleiben. Gewissen und Ruf
sind zweierlei Dinge: an das eine magst du dich halten, an das andere hlt
sich dein Nchster.

Aber wrden jene Leute mit ihren bsen Zungen selbst Christum oder seine
Glieder, die Propheten und Apostel oder sonst die heiligen Vter, verschont
haben, wenn sie in jener Zeit gelebt htten? besonders wenn sie gesehen
htten, wie diese Mnner bei unversehrtem Krper gerade mit Frauen im
vertrautesten Umgang standen. Auch der heilige Augustin zeigt in seinem
Buch Vom Werk der Mnche, wie eben die Frauen die unzertrennlichen
Begleiterinnen Christi und der Apostel gewesen, und da sie ihnen berall
folgten, wo sie predigend umherwanderten. In ihrem Gefolge -- sagte er --
befanden sich glubige Frauen, die mit den Gtern dieser Welt gesegnet
waren, und ihnen von ihrem berflu Handreichung thaten, damit sie an dem,
was zum Unterhalt des Lebens ntig ist, keinen Mangel litten. Und wer es
etwa nicht glauben wollte, da die Apostel sich die Begleitung von frommen
Frauen auf ihren Wanderungen haben gefallen lassen, der mag aus dem
Evangelium selbst ersehen, wie sie hierin dem Beispiel des Herrn selber
folgten. Es steht nmlich im Evangelium zu lesen: Und es begab sich
danach, da er reisete durch die Stdte und Mrkte und predigte und
verkndigte das Evangelium vom Reich Gottes und die Zwlfe mit ihm. Dazu
etliche Weiber, die er gesund hatte gemacht von den bsen Geistern und
Krankheiten, nmlich Maria, die da Magdalena heiet, von welcher waren
sieben Teufel ausgefahren, und Johanna, das Weib Chusa, des Pflegers
Herodis, und Susanna und viel andere, die ihnen Handreichung thaten von
ihrer Habe. Auch Leo IX. sagt in seiner Erwiderung auf den Brief des
Parmenianus ber das Klosterleben: Wir halten durchaus daran fest, da
kein Bischof, Presbyter, Diakon oder Subdiakon unter dem Vorwande der
Religion sich der Frsorge fr seine Ehefrau entschlagen darf; und zwar
verstehen wir dies so, da er sie mit Nahrung und Kleidung versorgen, nicht
aber geschlechtlichen Umgang mit ihr haben soll. So haben es auch die
heiligen Apostel gehalten, wie denn Paulus sagt: Haben wir nicht auch
Macht, eine Schwester als Weib mit umherzufhren, wie die Brder des Herrn
und Kephas? Thorheit wre es zu behaupten, er habe gesagt: Haben wir
nicht auch Macht mit einer Schwester in der Ehe zu leben? Vielmehr heit
es 'sie mit herumzufhren'. Sie sollten also diese Frauen von dem Ertrag
ihrer Predigt unterhalten, ohne doch durch das Band ehelichen Verkehrs
vereinigt zu sein.

Jener Phariser, welcher von dem Herrn im stillen sagte: Wenn dieser ein
Prophet wre, so wte er, wer und welch ein Weib das ist, die ihn
anrhret, denn sie ist eine Snderin -- dieser Phariser konnte nach
menschlichem Urteil viel eher dazu kommen, ber Jesus einen schlimmen
Verdacht zu fassen, als meine Gegner mir gegenber Anla dazu hatten. Oder
wer an die Mutter des Herrn denkt, die dem Jngling anvertraut wird, und an
die Propheten, die so vielfach bei Witwen zu Gaste waren und mit ihnen
verkehrten, knnte ja am Ende darin noch viel eher etwas Verdchtiges
sehen.

Ja, was htten meine Neider erst gesagt, wenn sie jenen gefangenen Mnch
Malchus, von welchem Hieronymus erzhlt, mit seinem Weib unter einem Dach
htten leben sehen. Was htten sie fr ein Geschrei erhoben ber eine
Sache, von welcher der groe Kirchenlehrer mit groer Anerkennung spricht.
Nachdem er persnlich sich davon berzeugt hatte, lt er sich
folgendermaen darber aus: Es war da ein hochbetagter Mann, Namens
Malchus, in der dortigen Gegend selbst geboren. Eine alte Frau teilte mit
ihm seine Wohnung. Beide waren voll religisen Eifers und wichen nicht von
der Schwelle der Kirche; man htte sie fr Zacharias und Elisabeth im
Evangelium halten knnen, nur da ein Johannes fehlte. Warum, frage ich,
verleumden jene nicht auch die heiligen Vter, von denen wir so hufig
lesen oder auch mit eigenen Augen sehen, da sie Frauenklster einrichten
und sich in den Dienst derselben stellen -- nach dem Beispiel jener sieben
ersten Diakonen, welche von den Aposteln an deren eigener Stelle eingesetzt
wurden, um fr die leiblichen Bedrfnisse der Frauen zu sorgen. Das
schwchere Geschlecht ist auf die Hilfe des strkeren angewiesen. Darum
verordnet auch der Apostel, da der Mann stets des Weibes Haupt sein solle;
und des zum Zeichen sollen die Frauen ihr Haupt verhllt tragen.

Darum bin ich auch nicht wenig erstaunt, da in den Klstern diese alten
Bruche lngst vergessen sind, sofern man jetzt btissinnen ber die Nonnen
setzt, wie man fr die Mnche bte hat und da beide, Nonnen wie Mnche,
auf ein und dieselbe Regel verpflichtet werden, whrend diese doch manches
enthlt, was von Frauen niemals eingehalten werden kann, von den
Vorgesetzten so wenig wie von den Untergebenen. Vielfach kann man ja sogar
die Beobachtung machen, da das natrliche Verhltnis sich umgekehrt hat
und btissinnen und Nonnen ber die Kleriker herrschen, von denen das Volk
abhngig ist. Je unumschrnkter ein solches Weiberregiment ist, desto
leichter bietet sich die Gelegenheit, in den Mnnern unerlaubte Gelste zu
wecken und sie unter einem drckenden Joch zu halten. Darum sagt auch ein
satirischer Dichter mit Recht: Unertrglicher nichts, als Macht in den
Hnden des Weibes.

Nachdem ich mich mit solchen Gedanken des ftern beschftigt hatte, war ich
zu dem Entschlu gekommen, fr die Schwestern im Paraklet nach Mglichkeit
zu sorgen und mich ihrer anzunehmen; auch, da ihre Verehrung fr mich gro
war, durch persnliche Anwesenheit bei ihnen aufmunternd zu wirken, und auf
diese Weise ihren Bedrfnissen mehr Rechnung zu tragen. Gerade damals hatte
ich hufiger und heftiger unter der Verfolgung meiner eigenen Shne zu
leiden als in frheren Zeiten unter derjenigen meiner Brder; und so
flchtete ich mich aus der Drangsal dieses Sturmes zu den Schwestern wie in
einen stillen Hafen, um dort ein wenig Atem zu schpfen. Bei jenen Frauen
gedachte ich einigermaen im Segen zu wirken, der ich an den Mnchen keine
Frucht erlebt hatte. Und je notwendiger meine Wirksamkeit ihrer Schwachheit
war, desto segensreicher sollte sie fr mich selber werden. Aber der Satan
hat mir nicht vergnnt, irgendwo zur Ruhe zu kommen und ein
menschenwrdiges Dasein zu fhren; sondern der Fluch des Kain lastete auf
mir: unstet und flchtig umherzuirren von Ort zu Ort. Ich bin der Mann, den
-- wie ich schon sagte -- drauen Streit, drinnen Furcht unablssig
qulen, ja, vielmehr beides zugleich innen und auen Streit und Furcht.

Die Angriffe, die ich von meinen Shnen zu erleiden habe, sind viel
gefhrlicher und viel zahlreicher als die meiner Feinde. Denn mit meinen
Shnen mu ich fortwhrend leben, und habe mich unausgesetzt ihrer
Nachstellungen zu erwehren. Wenn mir mein Feind mit Gewalt nach dem Leben
steht, so kann ich die Gefahr bemerken, wenn ich auerhalb des Klosters
meines Weges ziehe. Aber im Kloster selber bin ich fortwhrend
gewaltthtigen wie hinterlistigen Angriffen ausgesetzt, und zwar von seiten
meiner eigenen Shne, d. h. der Mnche, die unter meiner, ihres Abtes,
vterlicher Obhut stehen. O wie oft suchten sie mich durch Gift aus dem Weg
zu schaffen, wie man es dem heiligen Benedikt bereitet hat. Derselbe Grund,
der den heiligen Mann veranlat hat, seine Shne zu verlassen, konnte auch
mich dazu treiben, seinem Beispiel zu folgen; denn andernfalls setzte ich
mich der sicheren Gefahr aus, und meine Verwegenheit konnte man mir eher
als Leichtsinn gegen mich selbst und als ein Gottversuchen auslegen, denn
als Liebe zu Gott.

Da ich vor derartigen Nachstellungen, die mir von seiten der Mnche tglich
drohten, auf der Hut war so gut ich konnte und namentlich Speise und Trank,
die ich zu mir nahm, sorgfltig berwachte, so suchten sie mich sogar
whrend des Hochamts am Altar zu vergiften, indem sie mir Gift in den Kelch
mischten. Als ich eines Tages nach Nantes ging, um den Grafen in seiner
Krankheit zu besuchen und bei einem meiner leiblichen Brder zu Gaste war,
so versuchten sie, mich durch einen Diener aus meinem eigenen Gefolge
vergiften zu lassen, in der Meinung, da ich auf einen Anschlag von dieser
Seite nicht gefat sein werde. Allein der Himmel fgte es so, da ich von
der Speise, die man mir vorsetzte, nichts anrhrte, whrend ein
Klosterbruder, den ich mitgenommen hatte, ahnungslos davon a und auf der
Stelle tot niederfiel, worauf jener Diener, durch sein Gewissen und durch
den unleugbaren Sachverhalt erschreckt, die Flucht ergriff. Da sich die
Ruchlosigkeit meiner Mnche so schamlos breit machte, so ergriff ich von
jetzt an ganz offen meine Vorsichtsmaregeln so gut ich konnte: ich
entfernte mich aus der Abtei und hielt mich mit wenigen Getreuen in kleinen
Zellen auf. Hatten jene in Erfahrung gebracht, da ich irgend wohin gehen
msse, so stellten sie gedungene Mrder auf meinen Weg, um mich auf die
Seite zu schaffen.

Whrend ich in solchen Gefahren schwebte, traf mich auch noch die Hand des
Herrn gar schwer: ich strzte eines Tages vom Pferd und verletzte mich
dabei an den Halswirbeln, und dieser unglckliche Sturz machte mir mehr zu
schaffen als meine einstige Verletzung.

Von Zeit zu Zeit versuchte ich der unbndigen Zuchtlosigkeit der Mnche
durch die Strafe der Exkommunikation entgegenzutreten, und einige von
ihnen, die ich am meisten zu frchten hatte, brachte ich dazu, da sie mir
durch einen feierlichen Eid vor Zeugen versprachen, die Abtei fr immer zu
rumen und mich in keiner Weise mehr zu beunruhigen. Allein sie brachen
ganz offen und in frechster Weise Wort und Eidschwur und erst als Papst
Innocenz selber sich der Sache annahm und einen besonderen Legaten deswegen
entsandte, brachte man sie dazu, da sie in Gegenwart des Grafen und der
Bischfe zu dem alten Versprechen und auerdem zu verschiedenen anderen
Bedingungen aufs neue sich eidlich verpflichteten. Aber trotz alledem gaben
sie noch immer keine Ruhe. Erst vor kurzem noch, als diese Menschen aus dem
Kloster vertrieben waren und ich dahin zurckkehrte, um mich den Brdern
anzuvertrauen, die ich weniger frchten zu mssen glaubte, mute ich die
traurige Erfahrung machen, da die Zurckgebliebenen noch schlimmer waren
als die anderen. Sie griffen allerdings nicht zum Gift, dafr aber
bedrohten sie mein Leben mit dem Schwert, so da ich mich unter dem Schutz
eines angesehenen Herrn mit Mhe und Not rettete. Und selbst jetzt noch
schwebt diese Gefahr ber mir, und Tag fr Tag sehe ich das Schwert ber
meinem Haupt hngen, so da ich kaum ruhig bei Tische sitzen kann. Es ging
mir wie jenem Mann, der die Macht und die Schtze des Tyrannen Dionysius
fr das hchste Glck der Erde hielt und durch den Anblick eines Schwertes,
das an einem Faden ber seinem Haupt hing, darber belehrt wurde, was es
mit dem Glck irdischer Macht fr eine Bewandtnis habe. Dieselbe Erfahrung
mu ich nun tagtglich machen, der ich vom unscheinbaren Mnch zu der Wrde
des Abtes emporgestiegen bin und mit der greren Ehre nur grere Mhsal
mir erkoren habe, auf da ich denen zum warnenden Beispiel dienen mge, die
ihr Ehrgeiz nach hohen Dingen zu streben treibt.

Geliebter Bruder in Christo und altbewhrter Freund! Was ich dir bis
hierher mitgeteilt habe von der Geschichte meiner Leiden, die mich von der
Wiege an ohne Aufhren heimgesucht haben, mge gengen, um dich ber dein
Migeschick zu trsten. Wie ich gleich im Anfang sagte, war es meine
Absicht, dich zu der berzeugung zu bringen, da dein Leiden im Vergleich
zu dem meinigen berhaupt nicht nennenswert oder doch ertrglich sei. Je
mehr es bei nherer Betrachtung an Schwere verliert, desto geduldiger magst
du es tragen und dich trsten mit dem Wort, das Christus seinen Gliedern
von den Gliedern des Satans vorausgesagt hat: Haben sie mich verfolgt, so
werden sie euch auch verfolgen. So die Welt euch hasset, so wisset, da sie
mich vor euch gehasset hat. Wret ihr von der Welt, so htte die Welt das
Ihre lieb. An einer andern Stelle sagt der Apostel: Alle, die gottselig
leben wollen in Christo, mssen Verfolgung leiden. Und ferner: Gedenke
ich Menschen zu gefallen? wenn ich den Menschen noch gefllig wre, so wre
ich Christi Knecht nicht. Und der Psalmist sagt: Die den Menschen
gefallen, sind zu Schanden geworden, weil Gott sie verworfen hat. In
diesem Sinn sagt auch der heilige Hieronymus, der mir die Leiden der
Verleumdung als ein besonderes Erbteil hinterlassen zu haben scheint, in
seinem Brief an Nepotianus: Der Apostel schreibt: wenn ich den Menschen
noch gefllig wre, so wre ich Christi Knecht nicht -- er hat aufgehrt,
den Menschen zu gefallen und ist ein Knecht Christi geworden. Derselbe
Kirchenlehrer schreibt an Asella in der Schrift ber falsche Freunde: Ich
danke meinem Gott, da ich wrdig bin, von der Welt gehat zu werden. Und
an den Mnch Heliodorus: Du bist sehr im Irrtum, lieber Bruder, wenn du
glaubst, da ein Christ jemals der Verfolgung entgehen werde. Unser
Widersacher schleicht umher wie ein brllender Lwe und sucht, wen er
verschlinge, und du glaubst an Frieden? Der Feind lauert im Hinterhalt mit
den Mchtigen dieser Welt.

Aus solchen Sprchen und Beispielen wollen wir Mut schpfen und das was uns
zustt tragen, je unverdienter es ist, desto mutiger. Wenn unsre Leiden
uns nicht zum Verdienst angerechnet werden, so dienen sie doch -- so viel
ist sicher -- zu unserer Luterung. Und weil doch alles nach Gottes
Ratschlu sich vollzieht, so kann sich jeder Glubige in aller Not
wenigstens damit trsten, da Gottes Gte nichts Unrechtes geschehen lt
und da er selber alles, was der gttlichen Ordnung widerspricht, zu einem
guten Ende fhrt. Darum ist es gut, in jeder Lebenslage zu sprechen: Dein
Wille geschehe.

Welch krftiger Trost fr die, so Gott lieben, in dem Wort des Apostels:
Wir wissen, da denen, die Gott lieben, alle Dinge zum besten dienen.
Dies meinte auch der Weiseste der Weisen, wenn er im Buch der Sprche sagt:
Es wird dem Gerechten kein Leid geschehen, was ihm auch widerfahre. Damit
sagt er deutlich, da diejenigen vom rechten Pfad abweichen, die sich gegen
irgend eine Prfung auflehnen, von der sie doch wissen, da Gottes Hand sie
ihnen auferlegt. Solche Menschen richten sich nach ihrem eigenen, statt
nach Gottes Willen; sie fhren wohl das Wort im Munde: Dein Wille
geschehe, aber die verborgenen Wnsche ihres Herzens stehen damit im
Widerspruch, da sie ihren eigenen Willen ber den Willen Gottes setzen. --
Lebe wohl!




II. Brief.

Heloise an Abaelard.

(Ihrem Herrn, ja vielmehr Vater; ihrem Gatten, vielmehr Bruder -- seine
Magd, nein, seine Tochter; seine Gattin, nein seine Schwester; ihrem
Abaelard -- Heloise.)


Der Brief, den Ihr einem Freund zum Trost geschrieben, innig geliebter
Mann, ist vor kurzem durch einen Zufall in meine Hnde gekommen. Gleich an
den ersten Worten erkannte ich Euch und mit wahrer Gier verschlang ich den
Brief; steht doch der Schreiber dieser Worte meinem Herzen so nahe! und
habe ich ihn selbst gleich fr immer verloren, so sollten doch seine Worte,
aus denen sein teures Bild mich ansah, mein Herz erquicken.

Freilich, ich wei, deine Worte waren voll Galle und Wermut, da du, mein
Einziger, die traurige Geschichte unserer Bekehrung und deine endlosen
Leiden erzhltest. In der That: du hast gehalten, was du dem Freund im
Anfang des Briefes versprochen: er konnte wirklich seine eigenen
Beschwerden, wenn er sie mit den deinigen verglich, fr nichts oder doch
fr gering ansehen. Du schilderst die Verfolgungen, die du von seiten
deiner Lehrer zu erdulden hattest und die ruchlose Schandthat, die man an
deinem Leibe verbt hat, endlich die verabscheuungswrdige Migunst und
Gehssigkeit deiner eigenen Mitschler, des Alberich von Reims und Lotulfs,
des Lombarden. Du erzhlst das traurige Schicksal, das infolge ihrer
Verleumdung dein ruhmvolles theologisches Werk ereilte, und wie du selbst
zur Kerkerhaft verurteilt wurdest. Alsdann kommst du an die Erzhlung von
der Tcke deines Abtes und deiner falschen Brder und von dem schweren
Schaden, den dir jene beiden Lgenapostel zufgten, aufgehetzt von den oben
genannten Nebenbuhlern, und gedenkst ferner des rgernisses, das viele
daran nahmen, da du dein Oratorium gegen das gewhnliche Herkommen dem
Parakleten weihtest. Und endlich beschlieest du die Geschichte deiner
Leiden mit der Schilderung jener schrecklichen Verfolgungen, die du durch
deinen unvershnlichen Feind und die ruchlosen Mnche, die du deine Shne
nennst, zu erdulden hattest und vor welchen du selbst jetzt noch nicht
sicher bist.

Niemand, glaube ich, kann diese traurige Geschichte trockenen Auges lesen
oder anhren. Je lebhafter und eingehender deine Schilderungen sind, desto
lebhafter ist das Gefhl des Schmerzes, das sie aufs neue in mir weckten;
ja, meine Angst wchst noch im Gedanken daran, da du selber von immer noch
wachsenden Gefahren sprichst. So mssen wir denn alle fr dein Leben
zittern, und mit klopfendem Herzen und bebender Brust Tag fr Tag der
Trauerbotschaft von deinem Tode gewrtig sein. Darum im Namen dessen, der
dich bisher aus allen Gefahren zu seiner Ehre gerettet hat, im Namen Jesu
Christi bitten wir dich, du mgest seinen und deinen Dienerinnen durch
ftere Nachricht Gewiheit verschaffen ber die Strme, von denen dein
Lebensschiff jetzt noch hin- und hergeworfen wird; so wirst du wenigstens
an uns, die wir allein dir treu geblieben, Genossinnen deiner Leiden und
deiner Freuden haben. Geteilter Schmerz, sagt man ja, ist halber Schmerz,
und jede Last wird leichter oder lt sich ganz vergessen, wenn andere
daran mittragen. Und wenn der gegenwrtige Sturm sich ein wenig gelegt hat,
dann la es uns um so frher wissen und solche Botschaft wird uns um so
willkommener sein. Im brigen: was es auch sei, das du uns schreibst, immer
werden deine Briefe eine Wohlthat fr uns sein schon darum, weil wir daran
sehen, da du unsrer gedenkst. Welche Freude uns Briefe von Freunden in der
Ferne bereiten, das besttigt Seneca aus eigener Erfahrung; in einem Brief
an seinen Freund Lucilius heit es: Ich bin dir sehr dankbar, da du mir
so fleiig schreibst. Ist dies doch unter den gegebenen Umstnden die
einzig mgliche Art, dich bei mir einzustellen. Jeder Brief, den ich von
dir erhalte, schlingt das Band der Gemeinschaft um uns. Wir erfreuen uns an
den Bildern der fernen Freunde, weil die Erinnerung an sie dadurch
aufgefrischt wird und weil uns der Anblick des Bildes fr die mangelnde
Gegenwart derselben ein Ersatz ist, wenngleich ein trgerischer und
drftiger. Wie viel wertvoller mssen uns erst Briefe sein, die uns
wirkliche Lebenszeichen von dem abwesenden Freunde geben! Gott sei Dank,
da du wenigstens auf diese Weise unter uns weilen kannst, ohne die
Verleumdung frchten zu mssen und ohne auf Hindernisse zu stoen: darum
beschwre ich dich, du wollest nicht gleichgltig sumen!

Den Freund hast du in einem ausfhrlichen Brief getrstet und hast ihm
deine eigenen Mhsale erzhlt, damit er die seinigen vergesse. Whrend du
aber ihn mit der ausfhrlichen Schilderung deiner Leiden zu trsten
suchtest, hast du uns jeder Hoffnung beraubt; whrend du _seine_ Wunden zu
heilen dich bestrebtest, hast du uns neue schmerzliche Wunden geschlagen
und die alten noch vertieft. Heile nun, ich bitte dich, wo du selber
verletzt hast, der du, was andre verbt haben, gut zu machen bestrebt bist.
Deinem Freund und Genossen hast du Genge gethan und hast ihm den Zoll der
Freundschaft und Brderlichkeit entrichtet: uns gegenber jedoch bist du
noch mehr verpflichtet; denn wir drfen uns nicht blo deine Freundinnen,
sondern deine Herzensvertrauten, nicht deine Genossinnen, vielmehr deine
Tchter nennen, oder wenn es einen anderen Namen giebt, noch ser, noch
heiliger: uns kommt er zu. Wie sehr du aber unser Schuldner bist, dafr
braucht es keine Beweise, keine Zeugen; hier ist ein Zweifel nicht mglich,
und wenn alle schweigen, die Sache selbst redet laut und deutlich. Du
allein bist, nchst Gott, der Grnder dieses Klosters, du allein der
Erbauer dieses Oratoriums, du und nur du der Stifter dieser heiligen
Gemeinschaft. Nicht auf fremden Grund hast du gebaut. Deine Schpfung ist
alles, was hier ist. Wildnis war ringsumher, nur wilden Tieren oder Rubern
eine Zuflucht gewhrend; nirgends eine menschliche Wohnung, kein Haus weit
und breit. Unter den Lagersttten des Wildes, bei den Hhlen der Ruber, wo
selbst der Name Gottes unbekannt war, hast du das gttliche Tabernakel
aufgerichtet und einen Tempel dem heiligen Geist geweiht. Nicht hast du zum
Bau desselben Knige und Frsten um ihre Schtze angegangen, obwohl du sie
in reicher Flle httest haben knnen; vielmehr alles was geschah, wolltest
du dir allein verdanken. Geistliche und Schler, die um die Wette hier
zusammenstrmten, um deinen Unterricht zu genieen, thaten die ntige
Handreichung. Leute, die selber auf Kosten der Kirche ihren Unterhalt
fristeten, die nicht ans Schenken denken konnten, sondern nur aufs
Empfangen angewiesen waren, und welche die Hand nicht zum Geben, sondern
nur zum Nehmen offen hatten: die waren jetzt mit Leistungen zur Hand und
waren verschwenderisch damit.

Dein also, ja wirklich dein eigen ist diese neue gottgeweihte Pflanzung und
das Wachstum ihrer zarten Sprossen erheischt reichliche Bewsserung. Schon
infolge der zarten Natur ihres Geschlechts ist es ja eine schwache
Pflanzung; sie wre nicht stark, auch wenn sie nicht so jung wre. Darum
hat sie sorgfltige und vielfache Pflege ntig nach jenem Wort des
Apostels: Ich habe gepflanzt, Apollo hat begossen, aber Gott hat das
Gedeihen gegeben. Gepflanzt hatte der Apostel und im Glauben begrndet
durch Lehre und Predigt die Korinther, denen er schrieb. Begossen hatte sie
spter des Apostels Schler Apollo mit frommen Mahnungen, und also wurde
ihnen durch die gttliche Gnade Wachstum in aller Tugend geschenkt. Den
fremden Weinstock, den du nicht gepflanzt und dessen Sigkeit sich dir in
Bitternis verwandelt hat, suchst du vergeblich mit Mahnung und frommer
Zurede zu erbauen. Denke doch an deine eigene Pflanzung, der du auf die
fremde so viel Sorgfalt verwendest. Du lehrst und mahnst die Emprer und
richtest nichts aus. Vergeblich wirfst du die Perlen des gttlichen Worts
vor die Sue. Der du fr Widerspenstige also viel brig hast, vergi nicht,
was du denen schuldig bist, die dir gerne gehorchen. Deinen Widersachern
schenkst du so reichlich, o gedenke auch deiner Tchter! Um von den
Schwestern zu schweigen: wge selbst die Schuld ab, die du mir gegenber
einzulsen hast, und was du den frommen Frauen allen zusammen schuldest,
das entrichte um so gewissenhafter der einen, die ganz und gar dein ist.
Die zahlreichen, ausfhrlichen Schriften der heiligen Vter zur Belehrung,
Mahnung und Trstung frommer Frauen, und die Liebe, mit welcher dieselben
geschrieben wurden, sind deinem hohen Wissen besser bekannt als meinem
geringen Gedchtnis. Darum hat es mich nicht wenig befremdet, da du das
von dir begonnene Werk unsrer gottgeweihten Lebensgestaltung sobald wieder
vergessen konntest. Nicht Gottesfurcht, nicht Liebe zu uns, nicht das
Beispiel der heiligen Vter konnte dich bewegen, selber zu mir zu kommen,
mich zu trsten oder doch durch Briefe mein unruhiges Herz aufzurichten,
das sich in seinem alten Gram verzehrt.

Und doch, du weit es wohl, da du mir vor andern verpflichtet bist; ist es
doch das heilige Band der Ehe, das uns verbunden hlt, und mein Schuldner
bist du um so mehr, als ich dich allezeit -- wer wei es nicht? -- mit
grenzenloser Liebe umfat habe. Du weit es, Geliebter, und die Welt wei
es, was ich in dir verloren habe, und wie jene allgemein bekannte
verrterische Schandthat mich so vernichtend getroffen hat wie dich, und
da mich die Art und Weise des Verlustes unendlich tiefer schmerzt als das
Unglck selbst. Aber wo viel Grund zum Schmerz vorhanden ist, da mssen
auch strkere Trostmittel angewandt werden. Aber nicht fremden Trostes
begehr' ich, sondern du allein, der du meines Leidens Grund bist, du allein
magst mich nun auch trsten. Du allein kannst mich elend machen, du nur
mein Herz erfreuen und mich trsten. Und du allein hast auch die Pflicht es
zu thun; war ich doch allezeit deinem Willen so blind ergeben, da ich auf
ein Wort von dir mich selbst vernichtet htte, denn dir zuwider zu handeln,
war mir unmglich.

Aber noch mehr widerfuhr mir, noch Seltsameres; meine Liebe selbst wurde
zum Wahnsinn, also da sie selber auf das, was sie einzig begehrte,
verzichtete ohne Hoffnung, es je wieder zu erlangen. Dies geschah damals,
als ich deinem Willen gehorsam zugleich mit dem Gewand auch mein Herz zu
ndern unternahm, um dir zu zeigen, da du allein Herr meines Leibes und
meiner Seele seist. Nichts habe ich je bei dir gesucht -- Gott wei es --
als dich selbst; dich nur begehrt' ich, nicht das, was dein war. Kein
Ehebndnis, keine Morgengabe hab ich erwartet; nicht meine Lust und meinen
Willen suchte ich zu befriedigen, sondern den deinen, das weit du wohl.
Mag dir der Name Gattin heiliger und ehrbarer scheinen, mir klang es
allzeit reizender, deine Geliebte zu heien; oder gar -- verarg es mir
nicht -- deine Buhle, deine Dirne. Je tiefer ich mich um deinetwillen
erniedrigte, desto mehr wollte ich dadurch Gnade vor deinen Augen finden,
und um so weniger dachte ich auf diese Weise deinem glnzenden Rufe zu
schaden. Und du selbst sprichst in jenem Trostbrief an deinen Freund von
dieser meiner Gesinnung. Du hast es nicht verschmht, einige der Grnde
anzufhren, mit denen ich versuchte, dir den unseligen Gedanken an ein
Ehebndnis auszureden; allein du hast diejenigen fast alle unerwhnt
gelassen, die mich bestimmten, die Liebe der Ehe, die Freiheit dem Zwang
vorzuziehen. Gott ist mein Zeuge: wollte mich heute der Kaiser, der Herr
der Welt, der Ehre seines Ehebetts wrdigen und mich fr immer ber die
ganze Welt gebieten lassen: fr ser und wrdiger achtete ich's, deine
Buhle zu heien als seine Kaiserin. Denn der Wert eines Menschen richtet
sich ja nicht nach seinem Reichtum und seiner Macht, diese sind Zufall,
jener ist Verdienst. Die mu sich ja selbst fr eine feile Person halten,
die einen Mann seines Goldes wegen einem Armen vorzieht und weniger den
Mann selber begehrt als das, was er hat. Gewi, die Frau, die ein solches
Gelste zur Ehe treibt, sollte man bezahlen, nicht lieben. Denn es liegt ja
auf der Hand, da sie nach dem Besitz verlangt, nicht nach dem Mann, und
da sie sich, wenn sie nur Gelegenheit htte, einem reicheren Mann noch
lieber preisgeben wrde. Diesen Sinn hat auch eine philosophische
Ausfhrung der berhmten Aspasia, die sie in einem Gesprch mit Xenophon
und seiner Gattin bei schines, einem Schler des Sokrates, vorbrachte. Die
Philosophin wollte die beiden Gatten miteinander ausshnen und schlo ihre
Beweisfhrung mit folgenden Worten: Sobald ihr es dahin gebracht habt, da
es in der ganzen Welt keinen Mann und kein Weib giebt, besser und
auserlesener als ihr, werdet ihr sicherlich das zu erlangen suchen, was ihr
fr das beste haltet: du wirst die beste Frau haben wollen und sie wird mit
dem besten Mann verheiratet sein wollen.

Wahrlich ein verehrungswrdiger und mehr als philosophischer Ausspruch, der
aus der Weisheit selbst, nicht blo aus der Liebe zur Weisheit stammt!
Heiliger Irrtum, selige Tuschung, wo die eheliche Liebe so gro ist, da
eins das andre fr vollkommen hlt; da wird das Band der Ehe unverletzt
erhalten bleiben nicht durch die Keuschheit des Leibs, sondern durch die
Einfalt der Seelen. Aber was bei den andern doch immer nur eine Einbildung
ist, das habe ich wirklich und wahrhaftig besessen. Denn was andere Frauen
in ihre Mnner nur hineinlegen, das habe ich, das hat die ganze Welt von
dir nicht blo geglaubt, sondern sicher gewut, und so ist denn meine Liebe
zu dir um so wahrhaftiger, je mehr der Irrtum von ihr ausgeschlossen ist.

Denn wo ist der Knig oder der Weise, der dir an Ruhm gleichkme? In
welchem Land, in welcher Stadt, in welchem Dorf war man nicht darauf
erpicht, dich zu sehen? Wer, frage ich, beeilte sich nicht, dich zu
erblicken, wenn du in der ffentlichkeit erschienst, und zogst du dich
zurck, folgte man dir da nicht nach mit gerecktem Hals und unverwandtem
Blick? Sehnte sich nicht jede Frau, jedes Mdchen nach dem Abwesenden?
Glhten sie nicht alle fr dich, wenn du zugegen warst? Welche Frstin,
welche hohe Dame beneidete mich nicht um meine Freuden, um das Lager meiner
Liebe?

Ein Zwiefaches war es vor allem, das dir die Herzen aller Frauen unfehlbar
gewann: die Gabe der Dichtung und des Gesanges, die man sonst meines
Wissens bei Philosophen nicht findet. Bei ihr erholtest du dich wie bei
einem Spiel von den Anstrengungen deiner geistigen Arbeit, und eine ganze
Anzahl von Gedichten und Liebesweisen sind von dir noch vorhanden, die um
ihres schnen Wortlauts und um ihrer lieblichen Melodie willen oft und viel
gesungen deinen Namen in aller Munde lebendig erhielten. Schon die Anmut
deiner Weisen machte auch ungebildete Leute mit deinem Namen vertraut. Und
das vor allem war der Zauber, mit dem du den Frauen Seufzer der Liebe
entlocktest. Die groe Mehrzahl dieser Gedichte feierte unsere Liebe und so
klang mein Name in kurzem weit hinaus in die Lande und weckte in mancher
Frau die Eifersucht. Denn welche Gabe des Krpers und des Geistes zierte
nicht deine Jugend? Welche Frau, die mich einst beneidete, wrde nicht
jetzt, da ich solcher Wonne beraubt bin, durch mein Unglck zum Mitleid
gestimmt? Wo ist der Mann, die Frau, und wren sie mir einst noch so feind
gewesen, die sich jetzt nicht erweichen lieen durch das natrliche Gefhl
des Mitleids mit mir?

Ganz schuldig bin ich, und doch auch, du weit es, ganz und gar schuldlos.
Denn nicht die bloe That fr sich, sondern die Gemtsverfassung des
Thters mu man in Betracht ziehen, und ein billiger Richter sieht nicht
allein darauf, was geschieht, sondern in welcher Gesinnung etwas geschieht.
Welche Gesinnung mich aber dir gegenber allezeit beseelt, das kannst du
allein beurteilen, der du's erfahren hast. Deinem Urteil berlasse ich
ruhig alles, deiner Entscheidung fge ich mich in allen Stcken.

Nur das eine sag mir, wenn du kannst: warum du nach meinem Eintritt ins
Kloster, der doch nur auf dein Gehei geschah, mich so ganz vernachlssigt
und vergessen hast, da mir weder die Erquickung des mndlichen Wortes,
noch der Trost eines Briefes von deiner Seite zu teil wurde. Warum das? sag
an, wenn du kannst, oder ich spreche aus, was ich denke, ja, was jedermann
argwhnt. Ach! Begierde mehr als Freundschaft gesellte dich zu mir,
glhende Sinnenlust mehr als Liebe. Nun dahin ist, was du begehrtest, ist
auch das Gefhl erloschen, das du einst an den Tag legtest, um dein Ziel zu
erreichen. Das, mein Geliebter, ist nicht etwa meine besondere Meinung,
sondern alle Welt denkt so.

Wre es doch nur ein Wahn von mir! Da es doch eine Rechtfertigung deiner
Liebe gbe, durch die mein Schmerz einigermaen besnftigt werden knnte!
Knnte ich doch Grnde entdecken, dich zu entschuldigen und zugleich mein
Elend zu decken!

Hre meine Bitte, ich beschwre dich! Ihre Erfllung ist dir ein Geringes
und Leichtes. Da ich nun einmal deiner Gegenwart beraubt bin, so la doch
in Worten der Liebe, die dir so reichlich zu Gebote stehen, dein ses Bild
bei mir einkehren! Wie darf ich auf deine Freigebigkeit hoffen, wenn es
sich einmal wirklich darum handelt, da du selbst mit deinen Worten geizest.
Ich hatte geglaubt, ich htte mir ein Recht auf deinen Dank erworben, da
ich um deinetwillen alles that und bis heute unter deinem Willen stehe.
Denn nicht Frmmigkeit, sondern dein Wille allein hat mich in blhender
Jugend dem dsteren Klosterleben zugefhrt; habe ich dadurch nicht deinen
Dank verdient, dann -- das mut du selbst sagen -- war mein Opfer
vergeblich. Denn von Gott versehe ich mich keines Lohns dafr, da
nimmermehr aus Liebe zu ihm geschehen ist, was ich gethan.

Da du bei Gott deine Zuflucht suchtest, bin ich dir gefolgt, nein,
vorangeeilt bin ich dir. Als dchtest du an Lots Weib, das sich einst
rckwrts wandte, hast du erst mich den Schleier nehmen und das Gelbde
ablegen lassen, ehe du selbst dich Gott zum Eigentum weihtest. Mit Schmerz
und Scham hat es mich erfllt, ich sage es offen, da du mir damals weniger
zutrautest als dir selbst. Und doch, bei Gott, ich wre auf dein Wort ohne
Zgern dir in die Hlle vorangeeilt oder gefolgt. Mein Herz war ja nicht
mehr mein, ich hatte es an dich verloren. Und wenn es jetzt auch bei dir
keine Statt mehr findet, dann hat es berhaupt keine Heimat mehr, denn ohne
dich mag es nirgendwo sein. Ach, la es bei dir geborgen sein, ich bitte
dich drum. Und wohlgeborgen wird es bei dir sein, wenn es dich gtig
findet, wenn du Liebe mit Liebe vergelten willst, Groes mit Kleinem, Opfer
mit Worten. Ach, wrst du, Geliebter, meiner Liebe doch nicht so sicher, du
wrdest dich mehr darum sorgen! Nun, da ich dich so sicher gemacht, mu ich
deine Gleichgltigkeit tragen. Ach, denke dran, was ich fr dich gethan
habe und vergi nicht, was du mir schuldest. Als ich des Fleisches Lust in
deinen Armen geno, da konnte man zweifeln, ob Liebe oder Lsternheit mich
dazu treibe. Jetzt aber zeigt ja der Ausgang, was fr Gefhle mich einstens
geleitet haben. Auf alle Freuden habe ich verzichtet, um deinem Willen zu
leben. Nichts habe ich mir zurckbehalten, als den Wunsch, ganz und gar nur
dir zu gehren.

Darum bedenke, wie ungerecht du an mir handelst, wenn du mir geringeren
Dank entrichtest als ich verdiene, oder wenn du berhaupt nichts fr mich
brig hast -- zumal da es ja ein Geringes und eine Kleinigkeit fr dich
ist, was ich verlange. Darum, bei dem Gott, dem du dich zu eigen gegeben,
beschwre ich dich: erfreue mich mit deiner Gegenwart, so gut es geht und
la mir zum Trost wenigstens eine schriftliche Kunde von dir zukommen,
damit ich, also gestrkt, mit neuer Freudigkeit dem Dienste Gottes mich
weihen mge.

Ach, einstens, da du die Freuden der Welt bei mir suchtest, spartest du
deine Briefe nicht, und der Name deiner Heloise, in so manchem Liede
gefeiert, war in aller Munde; auf allen Gassen, in jedem Hause erklang er.
Wie vielmehr solltest du mich jetzt zur Gottesliebe erwecken, da du mich
einst zur Wollust verlocktest!

Bedenke, was du mir schuldest und hre auf meine Bitte. Und so la mich den
langen Brief mit dem kurzen Worte beschlieen: Lebe wohl, du mein Ein und
Alles!




III. Brief.

Abaelard an Heloise.

(An Heloise, seine geliebte Schwester in Christo -- Abaelard, ihr Bruder im
Herrn.)


Da ich seit unserem Rckzuge aus der Welt zu Gott noch keine Worte des
Trostes und der Mahnung an dich geschrieben habe, darfst du nicht meiner
Gleichgltigkeit zuschreiben, sondern deiner eigenen Verstndigkeit, auf
welche ich allezeit groe Stcke gehalten habe. Ich dachte nicht, da du es
ntig httest, da dich die gttliche Gnade mit allem, was not thut,
berreichlich ausgestattet hat -- also, da du selber die Irrenden durch
Wort und Beispiel belehren, die Kleinmtigen trsten, furchtsame Seelen
aufrichten kannst; und dieses zu thun, bist du ja schon seit jener Zeit
gewhnt, da du noch einer btissin untergeben warst und das Amt einer
Priorin bekleidetest. Wenn du jetzt mit derselben Liebe fr deine Tchter
besorgt bist, wie ehemals fr die Schwestern, so wirst du gewi allen
Ansprchen gengen und einer Belehrung und Mahnung von meiner Seite wird es
dann sicher nicht bedrfen. Wenn du aber in deiner Bescheidenheit anderer
Meinung bist und auch in religisen Dingen meine schriftliche Belehrung
ntig zu haben glaubst, so teile mir mit, ber welchen Gegenstand du
belehrt sein willst und ich werde dir antworten, soweit der Herr mir die
Kraft dazu schenkt.

Gott aber sei gedankt, der eurem Herzen die Sorge um die schweren und
bestndigen Gefahren, denen ich ausgesetzt bin, eingeflt und euch zu
Genossinnen meiner Anfechtungen gemacht hat. So wird Gottes Barmherzigkeit
mich um eurer Gebete willen beschtzen und bald den Satan unter meine Fe
treten. Darum beeile ich mich, dir den Psalter zu schicken, den du so
dringend verlangtest, liebe Schwester, einst in der Welt mir so teuer und
noch viel teurer jetzt in Christo. Aus ihm magst du zur Shnung meiner
vielen schweren Snden und zur Abwehr der Gefahren, die mir tglich drohen,
dem Herrn ein bestndiges Gebetsopfer entrichten.

Wie viel aber bei Gott und seinen Heiligen das Gebet der Glubigen vermag,
insbesondere das Gebet von Frauen fr solche, die ihnen lieb sind und
dasjenige der Gattinnen fr ihre Mnner, dafr haben wir viel Zeugnisse und
Beispiele. Dies hat auch der Apostel im Auge, wenn er uns mahnt, ohne
Unterla zu beten. Wir lesen, da der Herr zu Moses sagte: La mich, da
mein Zorn ber sie ergrimme. Und zu Jeremia spricht der Herr: Du sollst
fr dies Volk nicht bitten und mir nicht widerstehen. In diesen Worten
gesteht der Herr selbst deutlich zu, da durch das Gebet der Gerechten
seinem Zorn gewissermaen ein Zgel angelegt werde, damit er nicht in
seiner ganzen Schwere ber die Snder komme, wie sie es eigentlich
verdienen. Seine Gerechtigkeit treibt ihn unwillkrlich zur Rache, aber die
Frbitte der Frommen stimmt ihn um und ntigt ihn gleichsam gegen seinen
Willen, einzuhalten. Und so wird dem, der bittet oder bitten will, gesagt:
La mich und widerstehe mir nicht! Der Herr verbietet also, da man fr
den Gottlosen bete. Allein der Fromme legt Frbitte ein gegen den Willen
Gottes, und wirklich erlangt er von ihm, was er bittet, und hebt den Spruch
des erzrnten Richters auf. So heit es denn weiter von Moses: Und der
Herr lie sich vershnen und strafte sein Volk nicht, wie er gesagt hatte.
An einer andern Stelle heit es von den Werken Gottes berhaupt: Er
spricht, so geschieht's. Hier aber wird erzhlt, Gott habe zwar gesagt,
da sein Volk Strafe verdiene, allein durch die Kraft des Gebetes
umgestimmt, habe er seine Drohung nicht ausgefhrt.

Erkenne daraus, wie gro die Wirkung des Gebets ist, wenn wir so beten, wie
wir sollen: hat doch der Prophet selbst durch ein Gebet, das Gott ihm
eigentlich verboten hatte, erreicht was er wollte, und hat den Herrn
dadurch von seinem Vorhaben abgebracht.

Ein anderer Prophet sagt zu ihm: Und wenn du erzrnt bist, so gedenke
deiner Barmherzigkeit. Das mgen die Frsten dieser Welt zu Herzen nehmen
und danach thun, die so oft unter dem Vorwand der unbeugsamen Gerechtigkeit
mehr eigensinnig als gerecht erfunden werden; die nicht barmherzig sein
wollen, weil sie frchten fr schwach gehalten zu werden oder fr
wortbrchig, wenn sie einen Befehl, den sie erlassen, abndern, eine
unberlegt getroffene Bestimmung nicht ausfhren, womit sie doch nur ihre
Worte durch ihre Handlungen verbessern wrden. Solche Menschen sind wie
Jephtha, der die Thorheit seines Gelbdes noch dadurch steigerte, da er es
erfllte und sein einziges Kind opferte. Wer aber ein Kind Gottes sein
will, der spricht mit dem Psalmisten: Deine Barmherzigkeit und dein
Gericht will ich preisen, o Herr. -- Die Barmherzigkeit -- heit es in
der Schrift -- rhmet sich wider das Gericht. Aber wohlgemerkt: die
heilige Schrift enthlt auch die Drohung: Es wird ein unbarmherziges
Gericht ber den gehen, der nicht Barmherzigkeit gethan hat.

So hat auch der knigliche Psalmsnger selber auf die Bitte der Gattin
Nabals, des Karmeliten, seinen Eid, den er nach dem Recht geschworen hatte,
ihren Mann und sein Haus zu vernichten, aus Mitleid rckgngig gemacht. Er
hat also das Flehen ber die Gerechtigkeit gestellt, und was der Mann
verbrochen hatte, wurde durch die Frbitte der Frau wieder gutgemacht.

Dies, liebe Schwester, mge dir ein Vorbild und eine sichere Brgschaft
sein: wenn schon das Gebet dieses Weibes bei einem Menschen so viel
vermochte, so kannst du daraus sehen, wie viel erst deine Frbitte fr mich
bei Gott auszurichten vermag. Gott, der unser Vater ist, liebt ja seine
Kinder mehr als David jenes bittende Weib liebte. David war ja wohl fromm
und barmherzig; Gott aber ist die Liebe und Barmherzigkeit selber. Und jene
Frau, die damals ihre Bitte vorbrachte, gehrte der Welt an und weltlichem
Volk, und war nicht, wie du, Gott geweiht durch ein heiliges Gelbde. Und
sollte dein eigenes Gebet nicht zum Ziele fhren, so wird die heilige Schar
der Jungfrauen und Witwen, die um dich ist, gewi das erlangen, wozu dein
Gebet allein nicht ausreicht. Jesus sagt zu seinen Jngern: Wo zwei oder
drei versammelt sind in meinem Namen, da bin ich mitten unter ihnen und
weiter: Wo zwei unter euch eins werden auf Erden, warum es ist, da sie
bitten wollen, das soll ihnen widerfahren von meinem Vater im Himmel. Ist
hieraus nicht deutlich zu sehen, wie viel das instndige Gebet einer
frommen Gemeinschaft bei Gott vermag? Der Apostel sagt: Das Gebet des
Gerechten vermag viel, wenn es ernstlich ist -- wie viel drfen wir dann
erst von dem Gebet einer frommen Gemeinde erwarten?

Aus der 38. Homilie des heiligen Gregor weit du, geliebte Schwester, wie
einem Bruder ganz gegen seinen Willen das Gebet der Mitbrder mchtig
geholfen hat. Deiner Klugheit ist wohl bekannt, was dort erzhlt wird: wie
der Mann schon in den letzten Zgen lag, wie seine arme Seele mit der
Todesangst rang, und wie er in seiner Verzweiflung im Lebensberdru die
Brder vom Gebet abhalten wollte. Mge dies Beispiel dir und dem Konvent
der frommen Schwestern Mut machen, fr mich zu beten, auf da der mich euch
am Leben erhalte, durch den, nach dem Zeugnis des Paulus, die Weiber haben
selbst ihre Toten von der Auferstehung wiedergenommen.

Schlage die Schriften des alten und neuen Bundes nach und du wirst finden,
da die groen Wunder der Totenerweckung allein oder vornehmlich Frauen
zulieb geschehen sind, fr sie oder an ihnen bewirkt wurden. Das Alte
Testament wei von zwei Toten, die auf die Bitte ihrer Mtter durch Elias
und durch dessen Schler Elisus erweckt wurden. Das Evangelium aber
erzhlt von drei Totenerweckungen, welche der Herr Frauen zuliebe vollzogen
hat, und jenes Wort des Apostels, das ich oben angefhrt habe, erhlt
dadurch seine Besttigung: Die Weiber haben ihre Toten von der
Auferstehung wiedergenommen. Den Sohn der Witwe von Nain hat Jesus vor dem
Thore der Stadt erweckt und hat ihn, von Mitleid bewegt, seiner Mutter
wiedergegeben. Auch Lazarus, seinen Freund, hat er auf die Bitten seiner
Schwestern Maria und Martha ins Leben zurckgerufen. Und wenn er dem
Tchterlein des Jairus dieselbe Gnade auch auf die Bitte ihres Vaters
erwiesen hat, so haben doch auch hier die Weiber ihre Toten von der
Auferstehung wiedergenommen; denn wie jene den Leichnam der Ihrigen, so
erhielt sie ihren eigenen Leib aus den Banden des Todes zurck. Und diese
Erweckungen geschahen alle auf die Bitte einer kleinen Anzahl von Leuten.
Wenn aber eure ganze fromme Gemeinschaft sich im Gebet fr die Erhaltung
meines Lebens vereinigt, so wird eure Bitte gewi erfllt werden. Je mehr
das Gelbde der Armut und Keuschheit, das ihr Gott abgelegt habt, angenehm
vor ihm ist, desto geneigter werdet ihr ihn finden. Und vielleicht waren
die meisten von denen, welche vom Tod erweckt wurden, nicht einmal
Glubige; wenigstens lesen wir von jener Witwe, der Jesus ihren Sohn
erweckte, ohne da sie darum bat, nicht, da sie glubig gewesen sei. Uns
aber verbindet miteinander nicht allein die Gemeinschaft des unverflschten
Glaubens, sondern auch ein und dasselbe heilige Gelbde.

Aber ich will von der heiligen Gemeinschaft eures Kollegiums schweigen, in
welchem die Schar frommer Jungfrauen und Witwen Gott bestndig dient. Ich
will allein von dir reden, deren Frmmigkeit gewi bei Gott viel vermag,
und die mir besonders jetzt ihre Hilfe nicht versagen darf, da ich mit so
viel Migeschick zu kmpfen habe. Gedenke in deinen Gebeten allezeit
dessen, der dein ist in ganz besonderem Sinn und wache mit um so grerem
Vertrauen im Gebet, als du ja weit, da es nur recht und billig ist, was
du thust, und da du dem, zu welchem du flehst, nur um so angenehmer bist
um deines Gebetes willen.

Hre mit dem Ohr des Herzens, was du schon so oft mit dem leiblichen Ohr
gehrt hast. In den Sprchen steht geschrieben: Ein fleiiges Weib ist
eine Krone ihres Mannes und Wer eine Ehefrau findet, der findet was Gutes
und bekommt Wohlgefallen vom Herrn. Weiter heit es; Haus und Gter
vererben die Eltern, aber ein vernnftiges Weib kommt vom Herrn. Der
Prediger aber sagt: Selig der Mann, dem ein gutes Weib beschieden ist,
und bald darauf: Ein gutes Weib, ein gutes Teil. Und die Meinung des
Apostels ist: Der unglubige Mann ist geheiligt durch ein glubiges Weib.
Diese Wahrheiten hat die gttliche Gnade gerade in unserer Heimat, im
Frankenreich, durch ein glnzendes Beispiel besttigt. Wurde ja doch der
Knig Chlodwig nicht durch die Predigt der Priester, sondern durch das
Gebet seiner Gemahlin dem christlichen Glauben zugefhrt; das ganze Reich
wurde infolgedessen unter das gttliche Gebot gestellt, und durch das
Beispiel der Groen wurden die Unterthanen zur Beharrlichkeit im Gebet
veranlat.

Zu solcher Ausdauer ladet uns gar dringend das Gleichnis des Herrn ein, in
welchem er sagt: Und ob er nicht aufstehet und giebt ihm darum, da er
sein Freund ist, so wird er doch um seines unverschmten Geilens willen
aufstehen und ihm geben, wieviel er bedarf. Mit dieser -- wenn man so
sagen darf -- Aufdringlichkeit des Gebetes hat Moses, wie ich oben erwhnt,
die Strenge der gttlichen Gerechtigkeit erweicht und Gottes Spruch
aufgehoben.

Du weit es, Geliebte, welche Liebesglut einst euer ganzer Konvent in den
Gebeten fr mich an den Tag legte, da ich noch unter euch weilte. Jeden Tag
pflegtet ihr zum Abschlu der Horen ein besonderes Gebet fr mich zu
verrichten und zwar so, da, nachdem Versus und Responsum gesungen war,
Gebet und Kollekte sich anschlo in folgendem Wortlaut:

_Responsum_: Verla mich nicht, o Herr, und weiche nicht von mir.

_Versus_: Sei allzeit zu meiner Hilfe bereit, o Herr.

_Gebet_: Errette deinen Knecht, o mein Gott, denn er harret auf dich.
Herr, erhre mein Gebet, und mein Geschrei komme vor dich.

_Kollekte_: O Gott, der du deine Mgde gewrdigt hast, durch deinen Knecht
in deinem Namen vereinigt zu werden, wir bitten dich, la ihn und uns in
deinem Willen beharren. Durch unsern Herrn Jesum Christum.

Jetzt aber bin ich fern von euch und habe den Beistand eures Gebetes um so
ntiger, als die Angst und Gefahr, in der ich schwebe, grer geworden ist.
Darum bitte ich euch herzlich und dringend, da ich gerade jetzt in der
Ferne die Wahrhaftigkeit eurer Liebe mge erfahren drfen; wollet also dem
Schlu der Horen noch das folgende besondere Gebet fr mich beifgen:

_Responsum_: Verla mich nicht, o Herr, Vater und Gebieter meines Lebens,
auf da ich nicht falle vor den Augen meiner Feinde, da sich mein
Widersacher nicht freue.

_Versus_: Nimm deine Wehr und Waffen und erhebe dich zu meiner Hilfe, da
mein Feind sich nicht freue.

_Gebet_: Errette deinen Knecht, o mein Gott, denn er harret auf dich.
Sende ihm Hilfe, o Herr, von deinem Heiligtum, und gewhre ihm Schutz von
Zion. Sei du ihm, o Herr, ein fester Turm, vor dem Antlitz seines Feindes.
Herr, erhre mein Gebet und mein Geschrei komme vor dich.

_Kollekte_: Gott, der du deine Mgde gewrdigt hast, durch deinen Knecht
in deinem Namen vereinigt zu werden, wir bitten dich, schtze ihn vor allem
Unheil und gieb ihn wohlbehalten deinen Mgden wieder. Durch Jesum Christum
unsern Herrn.

Sollte mich aber der Herr in die Hnde meiner Feinde fallen lassen -- sei's
da sie mich berwltigen und tten oder da ich sonstwie ferne von euch
den Weg alles Fleisches gehe -- so beschwre ich euch: lasset meinen
Leichnam, wo er auch begraben sei oder liege, in euren Friedhof berfhren.
Da mgen dann meine Tchter, meine Schwestern in Christo, mein Grab
besuchen und dann und wann Gebete fr mich zum Himmel schicken. Denn ich
wte fr eine schmerzvolle und ob des Irrtums ihrer Snden trauernde Seele
keinen weihevolleren heilsameren Ort als den, der dem Parakleten, das ist
dem Trster, zum Eigentum geweiht ist und dessen Namen trgt. Auch ruht ein
Christ wohl bei keiner glubigen Gemeinschaft so s, wie bei gottgeweihten
Frauen. Denn Frauen waren einst besorgt um das Begrbnis unseres Herrn und
salbten ihn vor und nach seinem Tod mit kstlichen Salben, und sie weinten
an seinem Grab, wie geschrieben steht: Frauen saen am Grab und weinten
und klagten um den Herrn. Dort wurden sie auch zuerst mit der Kunde von
der Auferstehung getrstet, durch die Erscheinung und Ansprache der Engel,
und gleich darauf durften sie zu ihrer Freude den Auferstandenen selber
sehen und mit Hnden berhren, der ihnen zweimal erschien.

Zum Schlu ber alles andere die eine Bitte: sorget dereinst mit der
gleichen Angst um das Heil meiner Seele, wie ihr jetzt um mein Leben fast
allzu ngstlich besorgt seid, und erweiset dem Toten die Liebe, die ihr dem
Lebenden nicht versagt habt, indem ihr ihm mit der besondern Hilfe eures
Gebets beistehet.

Lebe wohl, du und deine Schwestern, lebet dem Herrn und gedenket mein!




IV. Brief.

Heloise an Abaelard.

(Ihrem Ein und Alles nach Christus die Seinige ganz in Christus.)


Es befremdet mich, teuerster Freund, da du gegen den sonstigen Gebrauch,
ja gegen die natrliche Ordnung der Dinge selbst in der Anrede deines
Briefes meine Person vor die deinige zu setzen beliebtest: die Frau vor den
Mann, die Gattin vor den Gatten, die Magd vor den Herrn, die Nonne vor den
Mnch und Priester, die Diakonisse vor den Abt. Nach gutem Recht und Brauch
setzt man den Namen des Briefempfngers vor den eigenen, wenn man an
Vorgesetzte oder Gleichstehende schreibt. Schreibt man dagegen an
Untergebene, so richtet sich die Reihenfolge der Namen nach derjenigen des
Ranges der einzelnen.

Auch das hat uns nicht wenig befremdet, da du die Angst derjenigen noch
vermehrt hast, denen du den Balsam des Trostes httest reichen sollen, und
da du, statt Thrnen zu stillen, Thrnen geweckt hast. Denn wer von uns
kann mit trockenen Augen anhren, was am Schlu deines Briefes steht:
Falls mich Gott in die Hnde meiner Feinde fallen lt, da sie mich
berwltigen und tten u. s. w. O mein Geliebter, wie konntest du so etwas
denken und aussprechen! Mge Gott niemals seine Dienerinnen so weit
vergessen, da er sie deinen Tod erleben lasse. Mge er uns nimmermehr ein
Leben fristen lassen, das schwerer ist als alle Qualen des Todes. Dir ziemt
es, unsere Exequien zu feiern, du mut Gott unsere Seelen empfehlen und
diejenigen zu ihm vorangehen lassen, die du zu einer Gemeinde Gottes
vereinigt hast. Von keiner Sorge um sie wirst du dann mehr beunruhigt
werden, und um so freudiger wirst du uns nachfolgen, je gewisser du ber
unser Seelenheil geworden bist.

Verschone uns, ich beschwre dich, mein Gebieter, mit solchen Worten, die
unser Unglck zur Verzweiflung steigern; nimm uns nicht vor dem Tod, was
uns das Leben noch mglich macht. Es ist genug, da ein jeglicher Tag seine
eigene Plage habe, und jener Tag, ganz in Bitterkeit gehllt, wird jedem,
dem er anbricht, Angst genug bereiten. Denn wozu soll man, sagt Seneca,
bel heraufbeschwren und das Leben vor dem Tod verlieren?

Du bittest darum, mein einzig Geliebter, wir sollen deinen Leichnam, falls
du dein Leben fern von uns beschlieen solltest, nach unserer
Begrbnissttte berfhren lassen, auf da dir die Gebete, in welchen wir
deiner bestndig gedenken, eine reiche Frucht des Segens schaffen mgen.
Aber wie kannst du glauben, da dein Andenken berhaupt aus unserm
Gedchtnis schwinden knne? Oder wird es _dann_ Zeit zum Gebet sein, wenn
die hchste Seelenangst uns ruhelos umtreibt? wenn der Geist die Fhigkeit
zum Denken verliert und die Zunge nicht mehr der Rede mchtig sein wird?
Wenn das Herz in seinem Wahn sich gegen Gott emprt und ihn mit seinem
Murren zum Zorn reizt, statt ihn mit Gebeten zu begtigen? Dann werden wir
Armen nur noch Thrnen haben und kein Wort des Gebetes finden, und wir
werden grere Eile haben, dir im Tode nachzufolgen als dich zu bestatten,
und wir werden selbst fr das Grab reif sein, statt da wir dich begraben.
Da uns mit dir unser Leben verloren geht -- wie sollen wir weiter leben,
wenn du von uns scheidest? Ach wrde es uns erspart, auch nur bis dahin zu
leben! Schon der Gedanke an deinen Tod ist so gut wie Tod fr uns. Mge
Gott nicht zugeben, da wir am Leben bleiben, um an dir diese Liebespflicht
zu erfllen und diesen letzten Dienst dir zu erweisen, den wir vielmehr von
dir erwarten. Darin wollen wir dir vorangehen, nicht folgen!

Darum schone unser, ich beschwre dich, schone wenigstens derjenigen, die
nur in dir lebt; la uns nicht solche Worte hren, die gleich tdlichen
Schwertern durch unsere Seele gehen, also da was dem Tod vorangeht,
schwerer ist als der Tod selbst. Ein kummerschweres Herz findet keine Ruhe
und ein gengsteter Geist kann sich nicht wahrhaft mit Gott beschftigen.
Ich bitte dich, mach uns den Dienst des Herrn nicht unmglich, dem kein
anderer als du uns geweiht hat. Wenn uns eine schwere Heimsuchung droht,
die unvermeidlich ist, dann mge sie lieber schnell hereinbrechen, damit
nicht ein Geschick uns lange vorher mit unntzer Angst qult, das doch
durch keine Vorsicht abzuwenden ist. So meint es auch der Dichter, wenn er
Gott bittet:

   Pltzlich komme, was du verhngst, und blind fr die Zukunft
   Bleibe des Menschen Sinn, und Hoffnung lindre die Furcht ihm.

Aber welche Hoffnung bleibt mir, wenn ich dich verloren habe? Oder was
knnte mich dann noch bestimmen, meine irdische Pilgerschaft fortzusetzen,
in der ich keinen andern Trost habe als dich. Ja selbst von dir bleibt mir
ja nur noch das frohe Bewutsein, da du lebst, da die Wonne, die ich einst
bei dir fand, dahin ist. Ja, nicht einmal deine Gegenwart ist mir vergnnt,
in deren Genu ich doch von Zeit zu Zeit wenigstens mich wiederfinden
knnte.

Ja, wenn's kein Frevel wre -- wollte ich's hinausrufen in alle Welt: O du
grausamer Gott, grausam in allen Stcken! O unbarmherzige Barmherzigkeit! O
unseliges Geschick! Alle seine bitteren Geschosse hat es an mich
verschwendet, und es bleibt ihm keines mehr brig, um gegen andere zu
wten. Seinen ganzen vollen Kcher hat es an mir erschpft, so da niemand
mehr seine Pfeile zu frchten braucht. Ja, selbst wenn es noch ein Gescho
brig htte, es wre kein gesunder Fleck an mir, der noch verwundet werden
knnte. Nur das eine hat es bei so vielen Wunden zu frchten, da mein Tod
diesen Qualen ein Ende mache! und obwohl es nicht aufhrt, mich zu martern,
so frchtet es sich, da mein Tod, an welchem es arbeitet, zu schnell
herbeikommen mchte!

O ich Elendeste der Elenden! Ich aller Unglcklichen Unglcklichste! Stand
ich nicht hher als alle Frauen der Welt, da du mich ber alle stelltest?
Um so tiefer und schwerer war der Fall, den ich an dir und mir zugleich
erleben mute. Denn je hher einer emporgestiegen, desto tiefer ist der
Sturz, wenn er fllt. Gab es unter allen edlen und hohen Frauen eine, deren
Glck das meinige berstiegen htte oder ihm auch nur gleichgekommen wre?
Aber giebt es auch eine, die das Geschick so in die Tiefe gestrzt hat und
so mit Leid berschtten konnte? Den hchsten Ruhm hat es mir durch dich
gebracht und hat mir das tiefste Elend in dir bereitet. Nicht im Guten,
nicht im Bsen hat es Ma gehalten, grenzenlos hat es mir beides beschert.
Nur um mich zur elendesten aller Frauen zu machen, hat es mich vorher so
glcklich gemacht, damit ich im Gedanken an das Verlorene desto lauter
klagen sollte, je schwerer ich geschdigt worden war. Der Verlust sollte
mich um so mehr schmerzen, je teurer mir der Besitz gewesen war. Und das
Ende der hchsten Lust und Wonne sollte die tiefste Trauer sein.

Ja, um uns noch mehr zu reizen, wurden alle Gebote der Gerechtigkeit an uns
in Ungerechtigkeit verwandelt. Denn so lange wir sorglos die Freuden der
Liebe genossen und, um ein strkeres aber bezeichnenderes Wort zu
gebrauchen, der Buhlerei uns hingaben, so lange hat Gott seine Strenge
nicht gegen uns angewandt. Als wir aber an Stelle der verbotenen Liebe die
erlaubte setzten und das Anstige unseres freien Liebesverkehrs durch ein
ehrbares Ehebndnis gedeckt hatten, da erst hat uns der Herr in seinem
Grimm seine gewaltige Hand fhlen lassen, und das reine Ehebett fand keine
Gnade vor dem, der das befleckte vorher so lange geduldet hatte.

Fr Mnner, die man im Ehebruch betroffen htte, wre die Strafe hart genug
gewesen, die dich ereilt hat. Was andere durch das Vergehen des Ehebruchs
verdienen, das hast du infolge deiner rechtmigen Ehe erlitten, durch
welche du alle Snden glaubtest gebt zu haben. Was Buhlerinnen ihren
Mitschuldigen zuziehen sollten, das hat deine Gattin ber dich gebracht.
Unser Geschick hat uns auch nicht ereilt, so lange wir in den alten
Genssen schwelgten; vielmehr lebten wir ja gerade damals in keuscher
Trennung voneinander: du hieltest in Paris deine Schule, ich lebte auf
deinen Wunsch unter den Nonnen zu Argenteuil. So hatten wir unsere
Gemeinschaft aufgehoben, damit du desto eifriger dem Unterricht obliegen
knntest, ich um so ungestrter dem Gebet und frommer Betrachtung mich
widmete, und whrend wir keuscher und darum unstrflicher lebten als sonst,
hast du an deinem Leib die Schuld allein bezahlt, die wir beide gemeinsam
begangen hatten. Schuldig waren wir beide, gestraft wurdest nur du; du, der
weniger schuldig war, hast die ganze Strafe getragen. Du hattest aller
Gerechtigkeit genug gethan, da du dich um meinetwillen erniedrigtest, mich
aber und mein ganzes Geschlecht zu dir emporhobst, um so weniger durftest
du Strafe frchten von Gott oder gar von den Verrtern, denen du zum Opfer
gefallen bist.

Ich Unselige! mute ich geboren werden, um die Ursache eines solchen
Verbrechens zu werden? Da doch den grten Mnnern allezeit von Frauen das
tiefste Verderben droht! Darum steht auch in den Sprchen die Warnung vor
den Weibern: Mein Sohn, hre mich und merke auf die Worte meines Mundes:
la dein Herz nicht weichen auf ihren Weg und la dich nicht verfhren auf
ihrer Bahn. Denn sie hat viele verwundet und gefllet und sind allerlei
Mchtige von ihr erwrget. Ihr Haus sind Wege zur Hlle, da man
hinunterfhrt in des Todes Kammer. Und im Prediger heit es: Ich habe
alle Dinge durchforscht in meinem Geist und fand, da ein solches Weib,
welches Herz Netz und Strick ist und ihre Hnde Bande sind, bitterer sei,
denn der Tod. Wer Gott gefllt, der wird ihr entrinnen; aber der Snder
wird durch sie gefangen.

Schon das erste Weib im Paradies hat den Mann verfhrt und whrend sie ihm
von Gott zur Gehilfin geschaffen war, ist sie ihm zum grten Fluch
geworden.

Der starke Simson, der durch das Nasirergelbde dem Herrn geweiht war und
dessen Geburt seiner Mutter durch einen Engel verkndigt wurde -- Delila
allein hat ihn berwunden, sie war es, die ihn seinen Feinden in die Hnde
lieferte; sie war schuld daran, da er des Augenlichtes beraubt, endlich in
wildem Schmerz sich und seine Feinde unter den Trmmern des Tempels
begraben hat.

Salomo, aller Weisen Weisester, wurde allein durch das Weib, mit dem er
sich verbunden hatte, zum Thoren. Durch sie verlor er so gnzlich seinen
Verstand, da er, den doch der Herr zum Erbauer seines Tempels auserlesen
hatte, whrend der fromme David, Salomos Vater, nicht dazu gewrdigt worden
war, bis an sein Lebensende zum Gtzendienst sich verleiten lie und von
dem wahren Gott, den er in Wort und Schrift predigte und lehrte, abfiel.

Der fromme Hiob hatte den letzten und hrtesten Kampf mit seinem Weibe zu
bestehen, die ihn dazu verleiten wollte, Gott zu fluchen. Der schlaue
Versucher wute wohl -- er hatte es zu oft erprobt -- da die Mnner am
leichtesten durch ihre Frauen zu Fall kommen.

So hat er denn seine gewohnte Teufelei auch auf uns angewandt und hat dich
durch die Ehe zu Fall gebracht, da er dich durch die verbotene Liebe nicht
verderben konnte. Das Schlechte hatte er nicht zu unserem Schaden ausntzen
drfen, darum wirkte er aus dem Guten Schlechtes.

Gott aber sei Dank wenigstens dafr, da mich der Versucher nicht wie die
genannten Frauen mit meiner Zustimmung schuldig werden lassen durfte, wenn
schon er meine Liebe als Werkzeug fr seine Bosheit benutzt hat. Und doch,
wenn ich auch in diesem Punkt ein reines Gewissen habe und mich keine
Schuld an jenem Verbrechen trifft, so habe ich doch vorher so viele Snden
begangen, da ich mich auch nicht ganz von der Schuld an diesem Vergehen
freizusprechen wage.

Denn lange vorher schon hatte ich den Lockungen fleischlicher Lste
nachgegeben; schon damals htte ich verdient, was ich jetzt leide und das
Geschick, das mich spter ereilte, ist die gerechte Strafe fr meine
frheren Snden. Hat man schlimm angefangen, so mu man sich auch auf einen
schlimmen Ausgang gefat machen. Ja, knnte ich nur wenigstens recht
ernstlich bereuen, was ich gethan! Knnte ich durch anhaltende Reue und
Zerknirschung die schreckliche Wunde, die man dir geschlagen hat, nur
einigermaen gut machen. Den Schmerz, den du einen Augenblick lang an
deinem Krper aushalten mutest -- wie gerne wollte ich ihn -- es wre ja
nur recht und billig -- mein ganzes Leben lang in meinem trauernden Herzen
tragen und so, wenn nicht Gott, doch wenigstens dir Genugthuung leisten.

Allein, la mich die ganze Schwachheit meines gengsteten Herzens bekennen:
ich finde in mir nicht die Kraft einer wahren Reue, mit der ich Gott
vershnen knnte; ja, ich mu ihn vielmehr ob jener ungerechten Heimsuchung
der hchsten Grausamkeit zeihen, ich murre wider seine Fgung und reize ihn
durch meine Widerspenstigkeit zum Zorn, statt ihn durch aufrichtige
Bufertigkeit zu begtigen. Denn mag man den Leib noch so sehr kasteien:
kann man da von wahrer Reue sprechen, wo das Herz an der Lust zur Snde
noch festhlt und nach den alten Genssen noch immer glhend verlangt? Es
ist wohl leicht, seine Snden zu bekennen und sich selber anzuklagen, oder
dem Leib durch uerliche Bubung wehe zu thun; aber schwer, unendlich
schwer ist es, das Herz loszureien von der Sehnsucht nach den sesten
Genssen. Darum, wenn der fromme Hiob sagt: Ich will meine Klage bei mir
gehen lassen! d. h. ich will meinen Mund ffnen und mich frei und offen
meiner Snden anklagen -- so fgt er mit Recht alsbald hinzu: Ich will
reden von Betrbnis meiner Seele. Der heilige Gregorius erklrt diese
Worte also: Es giebt Leute, die mit lauter Stimme ihre Snden bekennen;
aber ihr Sndenbekenntnis entlockt ihnen keinen Seufzer, und mit frhlicher
Miene sprechen sie Dinge aus, ber die sie weinen sollten. So ist es denn
nicht damit gethan, da man seine Snden verurteilt und bekennt, sondern
man mu sie in der Betrbnis seiner Seele bekennen, und diese Betrbnis mu
eben die Strafe sein fr die Snden, welche die vom Gewissen geleitete
Zunge bekennt.

Aber wie selten dieses bittere Gefhl wahrer Reue sich finde, das spricht
der heilige Ambrosius aus in dem Satz: Ich habe mehr Leute kennen gelernt,
die ihre Unschuld unverletzt bewahrt als solche, die Bue gethan haben.
Ich fand in den Freuden der Liebe, die wir miteinander genossen, so viel
Wonne, da sie noch jetzt ihren Reiz fr mich haben und mich der Gedanke
daran kaum verlt. Wohin ich mich wende, immer stehen sie mir vor Augen
und wecken sehnschtiges Verlangen. Bis in meinen Schlummer verfolgen mich
die lockenden Phantasien. Mitten im feierlichen Hochamt, wo das Gebet
reiner zu Gott sich erheben soll als sonst, wird mein armes Herz so ganz
von jenen wohllstigen Gebilden eingenommen, da ich nur fr ihre
Lsternheiten Gedanken habe, nicht fr das Gebet. Ich sollte ber meine
Snden weinen und ich seufze nach dem, was ich verloren.

Und nicht allein was wir gethan steht lebendig vor meiner Seele; nein, auch
die Orte, die Stunden, in denen wir gesndigt, haben sich so fest meinem
Herzen eingeprgt, da ich immer wieder aufs neue alles mit dir durchlebe
und auch im Schlaf keine Ruhe finden kann. Dann und wann verrt eine
unwillkrliche Bewegung des Krpers meines Herzens Gedanken oder ein Wort,
das sich mir wider Willen auf die Lippen drngt. O gewi, mein Elend ist
gro! und ich darf wohl einstimmen in die Klage eines bangen Herzens: Ich
unglckseliger Mensch, wer wird mich erlsen von dem Leibe dieses Todes? O
knnte ich auch die darauffolgenden Worte aus vollem Herzen nachsprechen:
Ich danke Gott durch Jesum Christum, unsern Herrn.

Dir, mein Geliebter, ist die gttliche Gnade entgegengekommen und hat dich
auf einmal von all diesen Anfechtungen befreit, durch eine krperliche
Wunde hat sie dich aller Seelenleiden enthoben, und wo Gott es bse mit dir
zu machen schien, gerade darin hat sich seine Gte gegen dich gezeigt: nach
Art eines guten Arztes, der, um zu heilen, den Schmerz nicht erspart. Bei
mir dagegen werden die Reizungen des Fleisches, die Begierde nach Genu
noch verschrft durch die Glut meines jungen Blutes und durch die
Erinnerung an die wonnigen Gensse, die ich einst gekostet habe. Und je
schwcher die Natur ist, der der Angriff gilt, desto leichter erliege ich
dem Ansturm der Leidenschaften. Man nennt mich keusch, weil man nicht wei,
da alles nur Schein ist. Man rechnet mir die Reinheit des Fleisches als
Tugend an, aber nicht Reinheit des Leibes, sondern Keuschheit der Seele ist
Tugend! Menschen rhmen mich, vor Gott aber, der Herzen und Nieren prft
und ins Verborgene siehet, habe ich kein Verdienst. Man nennt mich fromm zu
einer Zeit, in der nur der geringste Teil der Frmmigkeit nicht Heuchelei
ist; wo der am meisten gelobt wird, der niemand vor den Kopf stt.

Es ist ja wohl lobenswert und vor Gott gewi angenehm, wenn jemand, was fr
eine Gesinnung er sonst habe, nicht durch seine Handlungen ein schlechtes
Beispiel giebt und der Kirche rgernis dadurch bereitet, oder wenn er sich
davor htet, da nicht um seinetwillen der Name Gottes gelstert werde
unter den Heiden oder da er den Kindern der Welt keinen Anla gebe, seinen
heiligen Stand zu verunglimpfen. Aber auch das ist eigentlich nur ein
Geschenk der gttlichen Gnade; von ihr allein kommt uns die Kraft, das Gute
zu thun und das Bse zu lassen. Vergeblich aber ist es, das erstere zu
thun, wenn das andere nicht auch geschieht; denn es steht geschrieben:
Wende dich ab vom Bsen und thue das Gute. Und beides ist wiederum
vergeblich, wenn uns nicht die Liebe Gottes dazu treibt.

Ich aber habe -- Gott wei es -- jederzeit mich mehr davor gescheut, dich
zu beleidigen als Gott. Du bist es, dem ich gefallen will, nicht Gott. Dein
Befehl hat mich zur Nonne gemacht, nicht die Liebe zu Gott. Ach sieh mein
Unglck an, fhre ich nicht das jammerwrdigste Leben, wenn das alles, was
ich leide, umsonst ist und kein Dank in der Zukunft mich erwartet? Auch du
hast dich, gleich vielen anderen, durch den Schein betrgen lassen und hast
meine Heuchelei fr Frmmigkeit gehalten. Darum empfiehlst du dich so
dringend fr mein Gebet und verlangst von mir, was ich von dir erwarte. Ich
beschwre dich, du wollest keine so hohe Meinung von mir haben und nicht
aufhren, deinerseits fr mich zu beten. Halte mich nicht fr gesund, damit
du mir nicht die Wohlthat deiner Arznei entziehest. Glaube nicht, ich
brauche nichts und zgere nicht, mir in meiner Not zu helfen. Denke nicht,
ich sei stark: ich mchte sonst strzen, ehe du mich halten knntest.
Vielen hat schon falsches Lob Schaden gebracht und ihnen die Sttze
genommen, die sie brauchten. Durch den Mund des Jesaias ruft der Herr:
Mein Volk, deine Trster verfhren dich und zerstren den Weg, den du
gehen sollst. Und bei Ezechiel heit es: Wehe euch, die ihr Kissen machet
den Leuten unter die Arme und Pfhle zu den Huptern, beides Jungen und
Alten, die Seele zu fahen.

Dagegen finden wir bei Salomo den Spruch: Die Worte der Weisen sind Spiee
und tief eingeschlagene Ngel, die nicht die Haut ritzen, sondern tiefe
Wunden reien.

Ich bitte dich, hre auf mich zu loben, damit du nicht den Vorwurf
niedriger Schmeichelei dir zuziehest oder des Vergehens der Lge dich
schuldig machest. Oder wenn du wirklich glaubst, da etwas Gutes an mir
sei, so gieb acht, da nicht das, was du an mir lobst durch den giftigen
Hauch der Eitelkeit zu nichte werde. Kein erfahrener Arzt beurteilt eine
innere Krankheit blo nach dem Befund des uerlichen Zustandes eines
Kranken. Leistungen, welche Verworfene so gut aufweisen knnen wie
Auserwhlte, haben vor Gottes Augen keinen Wert. Derart sind aber die
uerlichen guten Werke und keiner der Heiligen ist so eifrig darauf
bedacht, wie die Heuchler. Es ist das Herz ein trotziges und verzagtes
Ding, wer kann es ergrnden? Ferner: Es gefllt manchem ein Weg wohl;
aber endlich bringt er ihn zum Tode. -- Der Mensch soll nicht voreilig
ber Dinge urteilen, die allein dem Urteil Gottes vorbehalten sind. Darum
steht auch geschrieben: Man soll keinen Menschen loben, so lange er lebt.
Das ist so viel als: lobe keinen Menschen, weil zu frchten steht, da du
ihn durch dein Lob weniger lobenswert machest.

Fr mich selber ist ein Lob von dir um so gefhrlicher, je angenehmer es
mir ist; und es klingt mir um so verfhrerischer und schmeichlerischer ins
Ohr, weil ich dir in allem gefallen mchte. Ich bitte dich: la allezeit
deine Furcht um mich grer sein als das Vertrauen, das du auf mich
setzest, damit mir stets deine frsorgende Hilfe zur Seite stehe. Und jetzt
hast du ganz besonderen Grund, fr mich zu frchten, weil mein sinnliches
Verlangen bei dir keine Befriedigung mehr finden kann. Sage mir nicht: Die
Kraft ist in den Schwachen mchtig oder: Niemand wird gekrnt, er kmpfe
denn recht. Ich verlange keine Siegeskrone; es ist mir genug, wenn ich der
Gefahr entgehe. Es ist leichter, der Gefahr aus dem Wege zu gehen als den
Kampf aufzunehmen. Welchen Winkel seines Himmels Gott mir anweisen will --
ich werde zufrieden sein. Dort wird keiner den andern beneiden, jeder wird
mit dem was er hat, sich begngen. Um diese meine Ansicht durch das Gewicht
einer Autoritt zu sttzen, will ich das Wort des heiligen Hieronymus
anfhren: Ich gestehe meine Schwachheit ein, ich will nicht kmpfen in der
Hoffnung auf Sieg, damit ich des Sieges nicht verlustig gehe. Sollten wir
sicheres aufgeben und Unsicherem nachjagen?




V. Brief.

Abaelard an Heloise.

(An die Braut Christi -- der Knecht Christi.)


Dein letzter Brief zerfllt, so viel ich mich erinnere, der Hauptsache nach
in vier Abschnitte, in welchen du deinem Schmerz Ausdruck giebst. Frs
erste klagst du darber, da in der Anrede meines Briefes dein Name vor den
meinigen gesetzt sei, was in Briefen sonst nicht blich sei und sogar der
natrlichen Ordnung der Dinge widerspreche. Zum zweiten beklagst du dich
darber, da ich eure Seelenangst vermehrt habe, statt euch Trost zu
bringen, da ich, statt Thrnen zu stillen, solche geweckt habe durch jenes
Wort in meinem Brief: Falls mich Gott in die Hnde meiner Feinde fallen
lt u. s. w. Zum dritten wiederholst du jene alte Klage gegen Gott ber
die Art und Weise unserer Bekehrung und ber den ruchlosen Verrat, dem ich
zum Opfer gefallen bin. Endlich erhebst du im Gegensatz zu dem Lob, das ich
dir gespendet, eine Anklage wider dich selbst und bittest mich dringend,
ich solle in Zukunft keine so hohe Meinung mehr von dir haben.

Ich will dir nun auf jeden einzelnen dieser Punkte antworten, nicht um mich
zu entschuldigen, sondern um dich zu belehren und aufzurichten, und ich
denke du wirst meinen Forderungen um so bereitwilliger Gehr schenken, je
mehr du einsehen lernst, wie berechtigt sie sind. Du wirst die Wnsche, die
ich in Beziehung auf deine Person ausspreche, um so lieber erfllen als du
finden wirst, da ich mit denselben nur recht habe, und du wirst um so
weniger geneigt sein, meinen Rat gering zu achten, je weniger tadelnswert
ich dir erscheine.

Was nun zunchst die, wie du meinst, verkehrte Reihenfolge der Namen in der
Anrede meines Briefes betrifft, so stimmt dieselbe, wenn du nher zusiehst,
mit deiner eigenen Ansicht berein. Sagst du doch selbst in deinem Brief --
und niemand bezweifelt dies -- da, wenn man an Hhergestellte schreibt,
die Namen derselben vorangestellt werden. Bedenke, da du ber mir stehst
seit der Zeit, da du als die Braut Gottes meine Herrin geworden bist, wie
auch der heilige Hieronymus an Eustochium schreibt: Darum schreibe ich:
meine Herrin. Denn Herrin mu ich nennen die Verlobte meines Herrn.

Glcklicher Tausch des Ehebundes, der dich, einstmals die Gattin eines
armen elenden Menschen, nun in das Brautgemach des Knigs aller Knige
erhebt und dich durch diese hohe Ehre nicht allein ber deinen bisherigen
Gatten, sondern ber alle Knechte dieses Knigs setzt. Darum wundere dich
nicht, wenn ich mich fr Leben und Sterben in den Schutz deines Gebetes
befehle; denn nach dem allgemeinen Recht gilt ja bei den Herren des Hauses
die Frsprache der Ehefrau mehr als diejenige des Gesindes, die Herrin mehr
als die Knechte. Als das Urbild solcher Frauen wird uns jene Knigin und
Braut des hchsten Knigs beschrieben, wenn es im Psalm heit: Die Braut
steht zu deiner Rechten. Weiter ausgefhrt will dies besagen: Sie steht
mit ihm in trautem Verein Seite an Seite und schreitet neben ihm einher,
whrend alle anderen in ehrfurchtsvoller Ferne stehen oder nachfolgen.

Der Freude ber dieses hohe Vorrecht giebt die Braut im Hohenlied, jene
thiopierin, in den Worten Ausdruck: Ich bin schwarz, aber gar lieblich,
ihr Tchter Jerusalems; darum hat mich der Knig geliebt und in seine
Kammer gefhrt. Und weiter: Sehet mich nicht an, da ich so schwarz bin,
denn die Sonne hat mich so verbrannt. Diese Worte beziehen sich im
allgemeinen auf die beschauliche Seele, die im besonderen die Braut Christi
genannt wird; aber noch deutlicher bezeugt es das Gewand, das ihr traget,
da die Worte auf euch sich beziehen. Denn die Tracht eurer schwarzen
Gewnder aus grobem Stoff, hnlich dem Trauergewand der frommen Witwen,
welche um die Mnner, die sie geliebt hatten, trauern, bezeugt, da ihr
nach dem Wort des Apostels rechte, untrstliche Witwen in dieser Welt seid,
die von den Almosen der Kirche leben. Von der Trauer solcher Witwen um
ihren Brutigam am Kreuz spricht die Schrift, wenn sie sagt: Frauen saen
am Grab und klagten und weinten um den Herrn.

Die thiopierin erscheint uerlich allerdings von schwarzer Farbe und der
oberflchlichen Betrachtung mag sie hlicher scheinen als andere Frauen.
Aber an inneren Vorzgen steht sie ihnen nicht nach; ja einiges an ihr ist
sogar schner und weier als bei den andern, z. B. ihre Knochen und ihre
Zhne. Die weie Farbe der letzteren wird ja auch von ihrem Geliebten
gefeiert, welcher sagt: Und ihre Zhne sind weier als Milch. Sie ist
also uerlich angesehen schwarz, im Innern aber lieblich und schn. Denn
die vielfachen Widerwrtigkeiten und Anfechtungen dieses Lebens haben ihren
Krper angegriffen und lassen ihn uerlich schwarz erscheinen; sagt doch
auch der Apostel: Alle, die gottselig leben wollen in Christo Jesu, mssen
Verfolgung leiden. Wie nmlich durch die weie Farbe das Glck bezeichnet
wird, ebenso passend kann man Schwarz als Symbol des Unglcks ansehen. Im
Innern aber, gleichsam an den Gebeinen, ist sie wei, weil ihre Seele an
allen Tugenden reich ist, wie geschrieben steht, des Knigs Tochter ist
inwendig ganz herrlich. Denn die Gebeine, welche im Innern sind und nach
auen von Fleisch umgeben werden, bilden die Kraft und Strke eben des
Fleisches, welches sie sttzen und tragen und stellen so in einem
anschaulichen Bilde _die menschliche Seele_ dar, welche den Krper, in dem
sie wohnt, belebt, aufrecht erhlt, bewegt und lenkt und ihre Kraft ihm
mitteilt. Ihre Weie und Schnheit sind die Tugenden, mit denen sie sich
schmckt. uerlich angesehen ist freilich auch sie von schwarzer Farbe,
denn whrend ihrer Pilgerfahrt hienieden in der Fremde hlt sie sich
unscheinbar und gering, bis sie dereinst in jenem andern Leben, das mit
Christus in Gott verborgen ist, in ihre Herrlichkeit eingesetzt wird, wenn
sie die Heimat erreicht hat. Die Sonne der Wahrheit aber verfrbt sie, wenn
die Liebe ihres himmlischen Brutigams sie demtigt und mit schmerzlichen
Anfechtungen heimsucht, damit sie ihres Glckes sich nicht berhebe.

Die Sonne verfrbt sie, d. h. so viel als: sie macht sie den anderen Frauen
unhnlich, die nur auf irdisches Gut bedacht sind und nach weltlichem
Ansehen geizen, so wird sie durch ihre Demut in Wahrheit die Lilie im
Thale, nicht eine Lilie der Berge wie jene thrichten Jungfrauen, welche
auf ihre fleischliche Reinheit und uerliche Keuschheit eitel sind, in
ihrem Innern aber von glhenden Begierden verzehrt werden.

Mit gutem Recht aber redet sie die Tchter Jerusalems, d. h. die im Glauben
Schwachen -- daher sie Tchter heien, nicht Shne -- mit den Worten an:
Sehet mich nicht an, da ich so schwarz bin, denn die Sonne hat mich so
verbrannt. Mit diesen Worten will sie sagen: da ich mich demtige und
alle Widerwrtigkeiten so mnnlich trage, ist nicht mein Verdienst, sondern
das Gnadengeschenk dessen, dem ich diene. Ganz anders die Hretiker und
die Heuchler: vor dem Angesicht der Menschen pflegen sie sich gar demtig
zu gebrden und sich viel unntze Lasten aufzulegen. Eine solche Demut und
Selbstpeinigung kann nur unsern Widerwillen erregen; denn diese Menschen
sind ja bedauernswerter als alle anderen, da sie weder die Gter dieses
Lebens, noch die des zuknftigen genieen. Im Hinblick darauf sagt die
Braut: Wundert euch nicht, da ich also thue. Wundern mu man sich
vielmehr ber diejenigen, welche vergeblich glhend von Begierde nach
irdischen Ruhm sich doch alle irdischen Gter vorenthalten, und die darum
hienieden so elend sind wie einst im Jenseits. Ihre Enthaltsamkeit ist wie
diejenige der thrichten Jungfrauen, vor denen die Thr zugeschlossen
wurde.

Mit Recht sagt sie auch, da sie, weil schwarz und lieblich, vom Knig
geliebt und in seine Kammer gefhrt worden sei, d. h. in die geheimnisvolle
Ruhe der Betrachtung, und in jenes Bett, von welchem sie an einer andern
Stelle sagt: Ich suchte des Nachts in meinem Bette, den meine Seele
liebt. Denn wegen der Schwrze ihrer Farbe hlt sie sich lieber im
Verborgenen auf als in der ffentlichkeit und liebt mehr die Einsamkeit als
groe Gesellschaft. Ein solches Weib wird auch die verschwiegenen Freuden,
die sie mit ihrem Mann geniet, allen ffentlichen Vergngungen vorziehen;
sie wird sich lieber im Ehebett fhlbar machen, als bei Tische glnzen.

Vielfach ist auch die Haut dunkelfarbiger Frauen zwar weniger lockend fr
das Auge, aber um so reizvoller bei der Berhrung, und darum ist der
geheime Liebesgenu, welchen sie spenden, grer und ser als ffentliche
Freuden; und um ihn zu genieen, werden solche Frauen von ihren Mnnern
lieber in das Schlafgemach gefhrt als in die ffentlichkeit.

Nachdem die Seelenbraut in dieser bildlichen Weise die Worte
vorausgeschickt hat: Ich bin schwarz aber lieblich -- fgt sie alsbald
hinzu: Darum hat mich der Knig geliebt und in seine Kammer gefhrt, und
setzt so die einzelnen Worte in bestimmte Beziehung zu einander: Weil ich
schn, hat er mich geliebt -- weil schwarz, hat er mich in die Kammer
gefhrt. -- Schn bezieht sich, wie schon gesagt, auf ihre inneren
Vorzge, welche der Brutigam liebt; Schwarz -- auf die leiblichen
Anfechtungen und Widerwrtigkeiten. Diese Schwrze, d. h. diese
krperlichen Anfechtungen, lenken das Herz der Glubigen unwillkrlich
hinweg von der Unruhe des Weltlebens zur friedlichen Stille frommer
Betrachtung. So ging es nach dem Berichte des Hieronymus auch dem Paulus,
dem Begrnder des Klosterlebens, das wir erwhlt haben.

Auch die Drftigkeit unserer Ordenstracht ist mehr fr die Einsamkeit
berechnet als fr den Verkehr in der Welt und pat vortrefflich fr die
Rauheit und Abgeschiedenheit des Ortes, wie sie unsere Regel verlangt. Denn
nichts verlockt so sehr dazu, in der ffentlichkeit sich zu zeigen, als
eine kostbare Gewandung. Und da man nach einer solchen begehre einzig und
allein, um der nichtigen Eitelkeit und Grothuerei willen, dies besttigt
schon der heilige Gregorius mit den Worten: Niemand schmckt sich fr die
Einsamkeit, sondern um sich sehen zu lassen.

Unter dem obengenannten Brautgemach ist die Kammer gemeint, in welche uns
der Brutigam selbst im Evangelium zum Gebet einladet mit den Worten: Wenn
du aber betest, so gehe in dein Kmmerlein und schlie die Thr zu und bete
zu deinem Vater; mit andern Worten: nicht auf den Gassen und Mrkten wie
die Heuchler. Unter der Kammer ist also verstanden ein einsamer, dem Lrm
und den Augen der Welt entrckter Ort, da man gesammelter und reiner beten
kann als anderswo. Dies trifft zu bei der Stille klsterlicher
Zurckgezogenheit; auch da sollen wir die Thre schlieen, d. h. alle
Zugnge sperren, damit die Reinheit unseres Gebetes nicht gestrt werde und
unser Auge unsere arme Seele nicht verfhre. Schmerzlich empfinden wir's,
da es unter denen, die unser Gewand tragen, so viele Verchter dieses
Rates oder vielmehr dieser gttlichen Vorschrift giebt. Wenn sie das
heilige Hochamt feiern, sperren sie Thren und Chre auf und geben sich
ohne Scham den neugierigen Blicken der Frauen wie der Mnner preis, und
besonders benutzen sie die hohen Feste als Gelegenheit, um vor den Laien im
glnzenden Schmuck ihrer Gewnder zu prahlen. Nach ihrer Meinung ist ein
Fest um so schner, je mehr Pomp dabei entfaltet wird und je ppiger das
nachfolgende Festmahl ausfllt. ber die unselige Verblendung dieser Leute,
die zu der armen Religion Christi ganz und gar im Widerspruch steht, ist es
besser kein Wort zu verlieren, um kein rgernis zu erregen. Ganz in
jdischer Weise setzen sie an Stelle der Regel ihr eigenes Herkommen und
haben Gottes Gebot zu nichte gemacht durch Menschensatzungen; sie fragen
nicht danach, was Pflicht, sondern was Gewohnheit ist. Und doch -- der
heilige Augustin erinnert daran -- der Herr hat gesagt: Ich bin die
Wahrheit, nicht: Ich bin die Gewohnheit.

Ihrem Gebet, das bei offener Thr verrichtet wird, mag sich anbefehlen, wer
da will. Ihr aber, liebe Schwestern, die ihr, eingefhrt in das Gemach des
himmlischen Knigs und in seinen Armen ruhend, bei allezeit verschlossener
Thr ganz euch ihm hingebet: je inniger ihr euch mit ihm vereiniget -- nach
dem Wort des Apostels: Wer dem Herrn anhanget, ist ein Geist mit ihm --
desto reiner und wirksamer, das glaube ich fest, wird euer Gebet sein, und
darum bitten wir auch so dringend um seine Beihilfe, und ich meine: ihr
msset es um so andchtiger verrichten, je grer die Liebe ist, die uns
verbindet.

Ich habe euch ferner durch die Erwhnung der Gefahr, in welcher ich schwebe
und durch meine Todesfurcht in Aufregung versetzt; allein das ist auf deine
eigene Aufforderung, ja, auf deine dringende Bitte hin geschehen. In dem
ersten Brief, den du an mich geschrieben, heit es folgendermaen: Darum
im Namen dessen, der dich bisher aus allen Gefahren zu seiner Ehre errettet
hat, im Namen Jesu Christi bitten wir dich, du mgest seinen und deinen
Dienerinnen durch ftere Nachricht Gewiheit verschaffen ber die Strme,
von denen dein Lebensschiff jetzt noch hin- und hergeworfen wird; so wirst
du wenigstens an uns, die wir allein dir getreu geblieben, Genossinnen
deiner Leiden und deiner Freuden haben. Geteilter Schmerz, sagt man ja, ist
halber Schmerz und jede Last wird leichter oder lt sich ganz vergessen,
wenn andere daran mittragen. Warum also wirfst du mir vor, da ich euch in
meine Angst eingeweiht habe, da du mich doch selbst so dringend dazu
aufgefordert hast? Wolltet ihr euch freuen, whrend ich unter ngsten und
Nten mein Leben friste? Wollet ihr nur Genossinnen meiner Freude, nicht
auch meines Leides sein, wollet ihr euch nur mit den Freuenden freuen,
nicht auch weinen mit den Weinenden? Darin eben unterscheiden sich wahre
Freunde von falschen, da jene im Unglck, diese nur im Glck uns treu
sind. Ich bitte dich, hre auf mit solchen Vorwrfen und halte an dich mit
derartigen Klagen, die dem Wesen der Liebe so fremd sind. Wenn aber dein
Herz noch immer verwundet ist durch die Beschreibung meiner Leiden, so
bedenke, da es bei der drohenden Gefahr, in der ich schwebe und bei der
Hoffnungslosigkeit, die mich jeden Tag am Leben verzweifeln lt, meine
Pflicht ist, mich ngstlich um das Heil meiner Seele zu kmmern, und so
lange es Zeit ist, fr dasselbe zu sorgen. Und du wirst mir diese Besorgnis
gewi nicht bel nehmen, wenn du mich wirklich liebst. Ja, wenn du dir von
der gttlichen Barmherzigkeit irgend etwas fr mich versprechen knntest,
dann solltest du mir die Erlsung von den Mhsalen dieses Lebens um so
lebhafter wnschen, als du weit, wie unertrglich sie fr mich geworden
sind. Du weit ja, da jeder, der mich vom Leben befreit, den grten
Qualen mich entreit. Was mir die Zukunft noch bringen wird, ist ungewi;
aber was ich hinter mir lasse, wenn ich befreit werde, das wei ich. Dem
Unglcklichen ist das Ende des Lebens stets willkommen, und wer wirklich
aufrichtiges Mitleid mit dem Gequlten hat, der kann ihm nur das Ende
wnschen; selbst in dem Fall, da jemand den Leidenden wahrhaft liebt und
sein Tod ihn schmerzt, soll er doch nicht sein eigenes Bestes wnschen,
sondern das des anderen. So wird selbst eine Mutter ihrem langsam
hinsiechenden Kind den Tod und damit das Ende des Siechtums wnschen, das
sie nicht mehr mit ansehen kann; lieber ertrgt sie den Verlust ihres
Kindes als da sie es leidend behalten mchte. Und wenn jemand noch so gern
der Gegenwart eines Freundes sich erfreuen mchte, so wird er ihn doch
lieber in der Ferne glcklich wissen als ihn zu seinem eigenen Nachteil in
der Nhe haben wollen; denn wenn wir die Leiden anderer nicht mildern
knnen, dann mgen wir sie lieber gar nicht leiden sehen. Dir ist der Genu
meiner Gegenwart, selbst einer unbefriedigenden, versagt. Ich sehe deshalb
nicht ein, warum du mir nicht lieber ein seliges Ende als ein elendes Leben
wnschen solltest, besonders da du ja gar nichts von mir hast. Wnschest du
aber nur in Rcksicht auf dein eigenes Wohlbehagen eine Verlngerung meiner
Leiden, dann wrdest du als Feindin, nicht als Freundin an mir handeln.
Willst du diesen schlimmen Schein meiden, dann, ich beschwre dich noch
einmal, hre auf mit diesen Klagen.

Da du mein Lob ablehnst, billige ich; denn du zeigst dich dadurch
desselben nur um so wrdiger. Es steht ja geschrieben: Der Gerechte klagt
sich selber zuerst an und: Wer sich selbst erniedrigt, der soll erhhet
werden. Nur da es auch in deinem Herzen wirklich so aussieht, wie du
schreibst! Ist dem wirklich so, dann ist deine Demut echt und kann durch
meine Worte nicht geschdigt werden. Aber sieh doch ja zu, da du nicht
eben, indem du das Lob vermeiden zu wollen scheinst, vielmehr nach Lob
trachtest, und das, was du mit dem Munde zurckweisest, im Herzen begehrst.
Der heilige Hieronymus schreibt darber unter anderem an die Jungfrau
Eustochium folgendes: Wir lassen uns durch unsere bse Naturanlage
verleiten. Denen, die uns schmeicheln, schenken wir nur zu gerne Gehr; wir
beteuern wohl unsere Unwrdigkeit und eine gemachte Schamrte bedeckt unser
Gesicht, aber dennoch freuen wir uns im innersten Herzen des uns
gespendeten Lobes. hnlich beschreibt Virgil die Schlauheit der lsternen
Galathea, die das was sie wollte durch die Flucht zu erlangen suchte und
den Geliebten durch scheinbare Zurckweisung nur begieriger nach ihrem
Besitz machte. Flchtet sich ins Gebsch mit dem Wunsch, er mchte sie
sehen. Ehe sie sich versteckt, mchte sie noch von ihm gesehen werden; die
Flucht selber, durch welche sie der Umarmung des Jnglings scheinbar sich
entziehen will, mu ihr zum Zwecke behilflich sein. So fliehen auch wir
oftmals scheinbar das Lob der Menschen und lenken es eben dadurch nur noch
mehr auf uns, und whrend wir so thun, als wollten wir unbemerkt bleiben,
damit niemand etwas an uns zu loben finde, tuschen wir dadurch thrichte
Menschen und veranlassen sie nur noch mehr dazu, uns zu loben, weil wir
durch unsere scheinbare Bescheidenheit in ihren Augen des Lobes um so
wrdiger werden. Dies sage ich nur, weil es gar hufig in der Welt so
zugeht, nicht etwa weil ich dir so etwas zutrauen wrde, denn an der
Echtheit deiner Demut zweifle ich nicht. Ich mchte dich nur davor warnen,
uerungen zu thun, die dir Leute, welche dich nicht nher kennen, so
auslegen knnten, als wolltest du, um mit Hieronymus zu reden, Ruhm
suchen, indem du vor ihm fliehst. Ein Lob von meiner Seite wird dich gewi
nicht eitel machen, sondern es wird dich nur zum Guten antreiben und du
wirst in den Stcken, die ich an dir lobenswert finde, immer mehr dich zu
vervollkommnen trachten, wenn es anders wirklich dein Wunsch ist, mir zu
gefallen. Wenn ich dich lobe, so bist du darum deiner Tugendhaftigkeit noch
lange nicht sicher und darfst dir nichts darauf zu gute thun. Die
Anerkennung der Freunde darf man nicht allzuhoch anschlagen, so wenig wie
Verunglimpfungen der Feinde.

Ich komme nun noch auf deine alte und ewig sich wiederholende Klage ber
die Art und Weise unserer Bekehrung zu sprechen, durch welche du dir
erlaubst, Gott zu beschuldigen, statt wie es sich ziemte, ihn zu preisen.
Ich htte gedacht, deine Verbitterung sei lngst gewichen vor dem Gedanken
an die sichtlich so barmherzige Fgung Gottes. Dieser Gemtszustand, in
welchem du dich an Leib und Seele verzehrst, ist fr dich selbst eine groe
Gefahr und ein Unglck, und fr mich eine Pein. Wenn es wirklich wahr ist,
da du in allen Stcken mir zu Gefallen leben willst, so hre wenigstens
auf, mich zu qulen, und wenn du mir einen Gefallen thun willst, stehe ab
von dieser Gesinnung, mit der du meinen Beifall nicht gewinnen kannst und
mit welcher du nicht mit mir die ewige Seligkeit erlangen wirst. Knntest
du's ertragen, wenn ich ohne dich dorthin ginge, du, die mir selbst in die
Hlle nachfolgen wollte? Thu was du kannst, um durch deine Frmmigkeit das
zu erlangen, da du nicht von mir getrennt werdest, wenn ich, wie du
glaubst, zu Gott eile; und der Gedanke an das selige Ziel, dem wir
entgegengehen, wird dich in deinem Eifer bestrken. Dann wird unsere
Gemeinschaft erst recht glcklich und selig sein.

Erinnere dich dessen, was du ber die Umstnde gesagt und geschrieben hast,
durch welche unser Leben ein anderes wurde. Gott, den man wegen jener
Fgung vielfach der Hrte gegen mich beschuldigt, habe sich mir vielmehr,
wie es ja offenbar ist, gndig erwiesen in seinem Thun. La dir seinen
Ratschlu wenigstens im Gedanken daran gefallen, da er zu meinem Heil
gedient hat; ja, nicht blo zu meinem, sondern gleicherweise auch zu deinem
Heil: das wirst du einsehen, wenn dein Schmerz dir erst wieder den Gebrauch
des klaren Verstandes verstattet. Bedauere nicht, die Ursache einer so
groen Wohlthat zu sein und glaube, da du eben damit den Zweck erfllt
hast, zu welchem du von Gott erschaffen bist. Klage nicht ber das, was ich
zu leiden hatte, weine vielmehr ber die Leiden der Mrtyrer und ber den
Tod des Herrn, der zu unserem Heil gestorben ist. Wenn ich mein Unglck
verdient htte, wrdest du es dann geduldiger tragen, wrde es dich weniger
empren? Wahrhaftig, wre es so, dann mte dein Schmerz noch viel grer
sein; denn dann wre mein Unglck fr mich wirklich eine Schande und meinen
Feinden ein Triumph; sie stnden gerechtfertigt da und auf mir lge die
ganze Schmach der Schuld: niemand wrde frder mehr bedauern, was mir
zugestoen ist, oder mich bemitleiden.

Um indes deinen bittern Schmerz noch weiter zu besnftigen, will ich
zeigen, da das, was uns zugestoen ist, ebenso gerecht wie heilsam fr uns
war, und da Gott uns mit vollem Recht strafte, als wir in rechtmiger Ehe
lebten und nicht whrend wir verbotener Liebe huldigten. Du erinnerst dich:
als du nach unserer Verheiratung bei den Nonnen im Kloster Argentueil
lebtest, kam ich einmal zu heimlichem Besuche zu dir und du weit wohl
noch, wie weit ich mich in meiner unbndigen Leidenschaft mit dir verga,
und zwar in einem Winkel des Refektoriums selber, da wir sonst keinen Ort
hatten, wohin wir uns htten zurckziehen knnen. Du weit, da wir damals
durch unser Thun den ehrwrdigen, der heiligen Jungfrau geweihten Ort
geschndet haben. Dies allein htte schon eine viel schwerere Strafe
verdient, abgesehen von allen unseren frheren Snden. Soll ich von dem
unkeuschen Leben, das wir fhrten und von dem Schmutz reden, mit welchem
wir uns ohne Scham befleckten, ehe wir den Ehebund geschlossen hatten? Soll
ich erinnern an den emprenden Verrat, dessen ich mich um deinetwillen
deinem Oheim gegenber schuldig machte, mit dem ich so lange unter einem
Dache gelebt hatte? Mu nicht jedermann zugeben, da ich mit vollem Recht
von dem Manne betrogen wurde, den ich vorher selbst so schndlich betrogen
hatte? Glaubst du, der kurze Schmerz meiner damaligen Verwundung sei eine
gengende Strafe fr solche Vergehen gewesen? Vielmehr: habe ich mit
solchen Schulden so viel Gnade verdient? Welcher Schlag, glaubst du, konnte
der gttlichen Gerechtigkeit Genge thun fr die Schndung des der Mutter
Gottes geweihten Ortes. Ja, wenn mich nicht alles tuscht, so be ich
diese Snden nicht durch jenen Schlag, der ja nur heilsam fr mich war,
sondern durch die Qualen, die ich jetzt noch tglich ohne Ende erdulde.

Du erinnerst dich auch wohl noch daran, wie ich dich damals, als du
schwanger warst, in meine Heimat gebracht habe, und zwar, um den Schein zu
erwecken, als seist du eine Nonne, angethan mit dem heiligen Gewand; durch
diese Vermummung habe ich damals den heiligen Stand verhhnt, dem du jetzt
angehrst. Wie richtig war es, wenn dich die gttliche Gerechtigkeit, ja,
vielmehr die gttliche Gnade gegen deinen Willen in den Stand versetzt hat,
welchen zu verhhnen du dich nicht gescheut hast: so mutest du in eben dem
Gewand ben, gegen welches du dich vergangen hattest, und der wirkliche
Verlauf der Dinge mute die Lge wieder gut machen und den Betrug
verbessern.

Wenn du, abgesehen von der Gerechtigkeit Gottes, noch das in Betracht
ziehen willst, was zu unserem Besten geschehen ist, so kann man das, was
Gott damals an uns gethan, schon nicht mehr Gerechtigkeit, sondern nur
Gnade nennen. Denke doch daran, Geliebte, wie uns der Herr mit Netzen
seiner Barmherzigkeit aus dem tiefen Meere des Verderbens gezogen hat; ja,
aus dem Strudel der Charybdis, in dem wir Schiffbruch gelitten, hat er uns
gegen unsern Willen errettet, und wir beide knnen ausrufen: Der Herr hat
sich Sorge gemacht um meinetwillen. Erinnere dich wieder und wieder daran,
in welche Gefahren wir uns hineinbegeben hatten und wie der Herr uns ihnen
entrissen hat; erzhle es allezeit mit innigem Dank, wie Groes der Herr an
uns gethan und trste mit unserm Beispiel alle Snder, welche an Gottes
Gte verzweifeln wollen, auf da alle inne werden, was denen zu teil wird,
die demtig bitten, da schon an Sndern und Undankbaren so Groes
geschieht. Erwge den hohen Ratschlu der gttlichen Liebe ber uns, die
Barmherzigkeit, mit welcher der Herr sein Gericht uns zur Besserung werden
lie und die Weisheit, der selbst das Bse zum Guten dienen mute, die aus
gottlos gottselig zu machen verstand, die, indem sie einen Teil meines
Leibes verletzte, wie es mir gehrte, zwei Seelen geheilt hat. Vergleiche
miteinander die Gefahr und die Art der Befreiung. Vergleiche die Krankheit
und das Heilmittel. Sieh an, was wir verdient und bewundere die liebevolle
Barmherzigkeit.

Du weit, mit welchen Schamlosigkeiten unser Leib durch meine zgellose
Begierde vertraut geworden war. Selbst in den Tagen der Passion unseres
Herrn und an den hchsten Festen wlzte ich mich im Schmutz der
Lsternheit, ohne mich durch Schamgefhl oder Gottesfurcht abhalten zu
lassen. Ja, mehr als einmal habe ich dich, selbst wenn du nicht wolltest,
obwohl du ja von Natur schwcher warst, mit Drohungen und Schlgen
gezwungen, mir zu Willen zu sein, trotz deines Strubens und deiner
Widerrede. Denn so widerstandslos kettete mich die Glut meiner Begierde an
dich, da ich ber jenen elenden Genssen, deren Namen uns schon errten
macht, Gott und mich selber verga; es war soweit gekommen, da die
gttliche Gnade mich offenbar nicht anders mehr retten konnte, als dadurch,
da sie mir jede Aussicht auf ferneren sinnlichen Genu von Grund aus
benahm. So hat die gttliche Gerechtigkeit und Milde den schmhlichen
Verrat deines Oheims als Werkzeug benutzt und hat mich, auf da ich in
vielen anderen Stcken wchse, um denjenigen Teil meines Krpers verkrzt,
welcher der Sitz der sndlichen Lust war und die Ursache meines unreinen
Begehrens. Es entsprach ganz der gttlichen Gerechtigkeit, da das Glied
getroffen wurde, welches mich zur Snde verleitet hatte, und da es durch
sein Leiden fr die strflichen Freuden ben mute, die es gewhrt hatte.
So wurde ich nach Leib und Seele von aller Unreinigkeit befreit, in die ich
versunken war wie in einen Sumpf; und fr den heiligen Dienst des Altars
wurde ich um so tauglicher, als mich nun kein fleischliches Gelste mehr
strte. Wie milde ist Gottes Fgung auch darin gewesen, da er mich nur an
dem Gliede strafte, dessen Verlust meiner Seele zum Heil diente und
zugleich den Krper nicht entstellte; auch an der Ausbung meines Amtes
mich in keiner Weise hinderte, sondern mich im Gegenteil zu jeglichem
ehrbaren Thun nur tchtiger machte, in dem Mae, als er mich von dem
schweren Joch der Sinnenlust befreite. Wenn mich also die gttliche Gnade
von diesen verchtlichen Gliedern, die wegen ihrer niedrigen Verrichtungen
nur Schamglieder heien und nicht einmal mit ihrem eigentlichen Namen
genannt werden knnen -- wenn mich die gttliche Gnade davon befreit hat --
eine Beraubung war es ja nicht --: hat sie damit nicht blo den Schmutz und
das Laster entfernt und die Reinheit und Tugend gerettet?

Im heftigen Verlangen nach solcher Reinheit und Keuschheit haben einige
weise Mnner, so wird uns berichtet, selbst Hand an sich gelegt, um die
Snde der Wollust mit der Wurzel in sich auszurotten. Man glaubt ja sogar
von dem Apostel Paulus, er habe den Herrn um Befreiung von diesem Pfahl im
Fleisch gebeten, ohne jedoch Erhrung zu finden. Ein anderes Beispiel dafr
ist jener groe christliche Philosoph Origenes, der sich nicht scheute,
selbst Hand an sich zu legen, um die Flamme in seinem Innern fr immer zu
ersticken. Nach dem strengen Buchstaben der Schrift hielt er wohl nur
diejenigen fr wahrhaft selig, die sich selbst verschneiden um des
Himmelreichs willen, und scheint der Meinung gewesen zu sein, da nur
solche Leute das Gebot wirklich erfllen, welches der Herr in betreff der
Glieder, die uns rgern, ausgesprochen hat: nmlich, da man sie abhauen
und von sich werfen solle. Auch hat er offenbar jenes prophetische Wort des
Jesaias wrtlich statt mystisch aufgefat, nach welchem der Herr die
Eunuchen den brigen Glubigen vorzieht. Dasselbe lautet: Den
Verschnittenen, welche meine Sabbathe halten, und erwhlen was mir
wohlgefllt und meinen Bund fest fassen: ich will ihnen in meinem Hause und
in meinen Mauern einen Ort geben und einen bessern Namen, denn den Shnen
und Tchtern; einen ewigen Namen will ich ihnen geben, der nicht vergehen
soll. Dennoch hat Origenes eine schwere Schuld auf sich geladen, da er, um
der Snde zu entgehen, seinen Leib verstmmelte. Er eiferte um Gott, gewi;
aber es war ein blinder Eifer, und so hat er die Schuld des Mordes auf sich
geladen, indem er gegen sich selbst wtete. Entweder war es teuflische
Eingebung oder ein hchst bedauerlicher Wahn, was ihn trieb, das an sich zu
vollstrecken, was die Barmherzigkeit Gottes an mir durch einen andern
Menschen hat verben lassen. Ich entgehe der Schuld, ohne anderweitig
Gefahr zu laufen. Ich verdiene den Tod und erlange das Leben. Gott ruft
mir, und ich widerstrebe. Ich beharre in meinen Snden, und die Verzeihung
wird mir aufgentigt. Der Apostel bittet und wird nicht erhrt; er hlt an
mit Flehen und erlangt nichts. Wahrlich: Gott hat sich Sorge gemacht um
meinetwillen. Darum will ich hingehen und verknden, wie groe Dinge der
Herr an mir gethan hat.

Tritt auch du herzu, meine treuverbundene Gefhrtin und vereinige dein
Dankgebet mit dem meinigen, die du Snde und Gnade mit mir geteilt hast.
Denn auch deines Heils vergit der Herr nicht; vielmehr gedenkt er deiner
vor anderen; ja, indem er dich nach seinem eigenen Namen, der Heloim
lautet, Heloissa genannt hat, wollte er schon durch deinen Namen wie durch
eine Art Prophezeiung andeuten, da du in ganz besonderem Sinne sein
Eigentum sein sollest. Er hat in seinem milden Rat beschlossen, durch das
eine von uns alle beide zu retten, whrend der Teufel uns miteinander zu
vernichten trachtete.

Denn ganz kurz, bevor das Ereignis eintrat, hatte er uns durch das
unlsliche Band der heiligen Ehe miteinander verbunden. Wohl war es mein
Wunsch, dich, die ich ber alles liebte, auf diese Weise fr immer an
meiner Seite festzuhalten; aber eigentlich war es doch Gott selber, der
diese Wendung der Dinge dazu benutzte, uns beide zu sich zu ziehen. Denn
htte dich nicht schon das Band der Ehe an mich gefesselt, als ich mich aus
der Welt zurckzog, du httest dich vielleicht durch das Zureden deiner
Angehrigen oder durch die lockende Aussicht auf des Fleisches Lust
bestimmen lassen, an der Welt hngen zu bleiben. Darum siehe, wie Gott sich
um uns bemht hat, als htte er uns noch zu groen Dingen bestimmt, als
wre er unwillig und bekmmert darber, da die reiche Gabe der
Gelehrsamkeit und Wissenschaft, die er uns beiden verliehen, nicht zur Ehre
seines Namens verwendet werde; oder als frchte er, es mchte bei der
Unenthaltsamkeit seines schwachen Knechtes auch auf ihn das Wort der
Schrift seine Anwendung finden: Die Weiber machen auch Weise abtrnnig,
wofr der weise Salomo ein treffendes Beispiel ist.

Welch reichliche Zinsen trgt das Pfund deiner Weisheit Tag fr Tag dem
Herrn! Wie viel geistliche Tchter hast du ihm schon geboren, whrend ich
gnzlich unfruchtbar bleibe und mich vergeblich abmhe mit den Kindern des
Verderbens! Welch unheilvoller Verlust, welch beklagenswerter Schaden, wenn
du dich den schmutzigen Lsten des Fleisches hingegeben, mit Schmerzen
wenige Kinder zur Welt gebracht httest, die du jetzt mit Freuden eine
zahlreiche Schar fr das Himmelreich gebierst. Ein Weib wrest du geblieben
wie alle anderen, die du jetzt hoch selbst ber den Mnnern stehst, die du
Evas Fluch in den Segen der Maria gewandelt hast! Wie wren diese heiligen
Hnde, die jetzt nur in Berhrung kommen mit den Blttern der heiligen
Bcher, entweiht worden durch die Beschftigung mit der Kleinlichkeit
weiblicher Sorgen!

Gott selbst hat geruht, uns der Berhrung mit dem Gemeinen und diesen
schmutzigen Freuden zu entreien und uns zu sich zu ziehen mit jener
Gewalt, durch die einst Paulus erschttert und bekehrt worden ist;
vielleicht wollte er durch unser Beispiel auch andere, die in den
Wissenschaften bewandert sind, von hnlicher berhebung abschrecken.

Darum, liebe Schwester, la dich unser Geschick nicht anfechten und werde
dem Vater, der uns so vterlich zurechtgewiesen, durch deine Klagen nicht
lstig. Denke an den Spruch: Welchen der Herr lieb hat, den zchtiget er;
er stupet aber einen jeglichen Sohn, den er annimmt und an den anderen:
Wer der Rute schonet, der hasset seinen Sohn. Unsere Strafe ist eine
zeitliche, nicht eine ewige; wir werden gelutert, nicht verurteilt. Richte
dich auf an dem Wort des Propheten: Der Herr geht nicht zweimal ins
Gericht mit Einer Snde; es wird das Unglck nicht zweimal kommen. Nimm zu
Herzen jene hohe und wichtige Mahnung dessen, der die Wahrheit selbst war:
So ihr geduldig seid, werdet ihr eure Seelen erretten. Daher auch Salomo
spricht: Ein Geduldiger ist besser denn ein Starker und der seines Mutes
Herr ist, denn der Stdte gewinnet.

Rhrt dich nicht das Bild des eingeborenen Gottessohnes zu Thrnen und
Trauer? Er, um deinet- und aller Welt willen von den Sndern ergriffen, vor
den Richter geschleppt, gegeielt, verhhnt, ins Angesicht geschlagen,
verspeit, mit Dornen gekrnt und zuletzt am Schandpfahl des Kreuzes unter
Mrdern aufgehenkt und erwrgt durch den martervollsten fluchwrdigsten
Tod? Ihn, liebe Schwester, deinen und der ganzen Kirche wahrhaftigen
Brutigam, habe stets vor Augen und im Herzen. Sieh auf ihn, wie er
hinausgeht, um fr dich sich kreuzigen zu lassen und wie er selber sein
Kreuz trgt. Mische dich unter das Volk und die Frauen, die um ihn weinten
und klagten, wie Lukas erzhlt: Es folget ihm aber nach ein groer Haufe
Volks und Weiber, die klageten und beweineten ihn. Und er, in milder Gte
zu ihnen gewandt, kndet ihnen das Verderben, das zur Strafe fr seinen Tod
hereinbrechen werde, vor dem sie sich aber retten knnen, wenn sie klug
seien und seinen Worten folgen: Ihr Tchter Jerusalems, sprach er, weinet
nicht ber mich, sondern weinet ber euch selbst und ber eure Kinder. Denn
siehe, es wird die Zeit kommen, in welcher man sagen wird: 'Selig sind die
Unfruchtbaren und die Leiber, die nicht geboren haben und die Brste, die
nicht gesuget haben. Dann werden sie anfahen zu sagen zu den Bergen:
Fallet ber uns! und zu den Hgeln: Decket uns! Denn so man das thut am
grnen Holz, was will am drren werden?'

Leide mit dem, der, dich zu erlsen, freiwillig leidet! und traure um ihn,
der um deinetwillen ans Kreuz geschlagen ist. Steh im Geist allezeit an
seinem Grabe und weine und klage mit den glubigen Frauen. Von ihnen heit
es, wie ich schon oben gesagt habe, in der Schrift: Frauen saen am Grab,
klagten und weinten um den Herrn. Bereite mit ihnen Spezereien zu seinem
Begrbnis, aber nicht stoffliche, sondern bessere, geistige: denn nur wer
diese nicht kennt, verlangt nach jenen. Von solchen Gedanken la dein Herz
bis ins Innerste erschttern.

Der Herr selbst ermahnt die Glubigen durch den Mund des Propheten Jeremia
zur herzlichen Teilnahme an seinem Leiden also: Ihr alle, die ihr
vorbergeht, schauet doch und sehet, ob irgend ein Schmerz sei wie mein
Schmerz; d. h. ob irgend ein Leidender so sehr Mitleid verdient wie ich,
der ich allein schuldlos die Snden anderer be. Er selbst aber ist der
Weg, durch den die Glubigen aus der Fremde eingehen zum Vaterland. Darum
hat er sein Kreuz, von dem herab er uns also zuruft, fr uns aufgerichtet
als eine Leiter des Heils. Er ist fr dich gettet, der Eingeborene Gottes
ist geopfert worden, also war es sein Wille. Er allein verdient dein
schmerzvolles Mitleid und deinen mitleidigen Schmerz. Mache wahr, was der
Prophet Zacharias von den frommen Seelen weissagt: Sie werden ihn klagen,
wie man klaget ein einiges Kind und werden sich um ihn betrben, wie man
sich betrbet um ein erstes Kind.

Sieh zu, meine Schwester, welche Klage unter den Freunden eines Knigs sich
erhebt, wenn sein erstgeborener und einziger Sohn stirbt. Betrachte, in
welchen Jammer, in welche Trauer die Knigsfamilie und der ganze Hof
versetzt wird, und das Wehgeschrei, das die Braut des Toten erhebt, wirst
du gar nicht mit anhren knnen. Also, meine Schwester, soll deine Trauer
und deine Klage beschaffen sein, denn du hast mit jenem herrlichen
Brutigam den seligen Ehebund geschlossen. Er hat dich erworben nicht mit
seinen Schtzen, sondern mit sich selber. Mit seinem eigenen Blut hat er
dich erkauft und hat dich erlset. Darum bedenke, welches Recht er auf dich
hat und vergi nicht, wie teuer du erkauft bist. Im Gedanken an diesen
Kaufpreis und in Erwgung der Frage, was der in Wirklichkeit wert sei, fr
den ein solcher Preis bezahlt wurde und was fr einen Dank er fr diese
hohe Gnade erstatten knne, sagt der Apostel: Es sei aber ferne von mir,
rhmen, denn allein von dem Kreuz unseres Herrn Jesu Christi, durch welchen
mir die Welt gekreuzigt ist und ich der Welt.

Mehr als der Himmel bist du, mehr als die Welt, du, fr welche sich der
Schpfer der Welt selbst zum Preis gegeben hat. Sprich, was hat er an dir
gefunden, er, der keines Menschen bedarf, da er, um dich zu gewinnen, die
Qualen des schrecklichsten, schimpflichsten Todes durchgekmpft hat? Was
sucht er an dir, ich frage noch einmal, wenn nicht dich selbst? Der ist
dein wahrer Freund, der nicht das deine begehrt, sondern dich selber. Das
ist der wahre Freund, der fr dich in den Tod gehend sprach: Niemand hat
grere Liebe denn die, da er sein Leben lsset fr seine Freunde. Er hat
dich wahrhaft geliebt, nicht ich. Meine Liebe, die uns beide in Snden
verstrickte, verdient den Namen Begierde, nicht den der Liebe. Befriedigung
meiner sndlichen Lste suchte ich bei dir, das war meine ganze Liebe. Fr
dich habe ich gelitten, sagst du, und vielleicht ist etwas Wahres daran;
aber noch mehr durch dich und auch das wider meinen Willen; nicht aus Liebe
zu dir geschah es, sondern weil ich der Gewaltthat erlag, und nicht zu
deinem Heil, sondern zu deinem Schmerz. Er aber hat um deines Heiles
willen, er hat aus eigenem Trieb fr dich gelitten. Er heilt durch sein
Leiden alle Krankheit, er stillt alles Leid. Ihm, ich bitte dich, nicht mir
weihe deine ganze Liebe, dein ganzes Mitleid, deinen ganzen Schmerz. Weine
ber die Grausamkeit und Ungerechtigkeit, die sich so an der Unschuld
vergreifen durfte, nicht ber die gerechte Strafe, die mich betroffen und
die fr uns beide, ich wiederhole es, die grte Wohlthat war. Denn die
Gerechtigkeit nicht lieben, heit ungerecht sein, und ganz ungerecht bist
du, wenn du mit Wissen dem Willen oder vielmehr der hohen Gnade Gottes
widerstrebst.

Klage um deinen Retter, nicht um deinen Verfhrer; um deinen Erlser, nicht
um deinen Buhlen; um den Herrn, der fr dich gestorben, nicht um den
Knecht, der noch lebt, ja, der erst jetzt wirklich vom Tode befreit ist.
Gieb acht, ich beschwre dich, da man nicht zu deiner Schande das Wort auf
dich anwenden knne, das einst Pompejus zu der trauernden Cornelia gesagt
hat:

   Noch lebt nach dem Kampfe die Gre;
   Aber das Glck ist tot: _das_ hast du geliebt, das beweinst du.

Daran denke und halte dein Schamgefhl wach: du mchtest sonst die
begangenen Frevel durch noch Frevelhafteres verstrken. Und so nimm denn
geduldig hin, meine liebe Schwester, ich bitte dich drum, was die gttliche
Barmherzigkeit ber uns geschickt hat. Das ist die Rute des Vaters, nicht
das Schwert des Verfolgers. Der Vater zchtigt, um zu bessern, damit nicht
der Feind schlage, um zu tten. Durch die Wunde fhrt er nicht den Tod
herbei, sondern rettet vor ihm; er wendet das Messer an, um abzuschneiden,
was krank ist. Er verwundet den Leib und heilt die Seele. Er htte tten
sollen und macht lebendig. Er entfernt die Unreinigkeit, bis alles rein
ist. Er straft einmal, um nicht ewig strafen zu mssen. Einer mu die
Verletzung erleiden, damit zwei mit dem Tode verschont werden. Zwei in der
Schuld, einer in der Strafe. Die gttliche Barmherzigkeit hat Nachsicht
gehabt mit der Unkraft deiner Natur, und das gewi mit Recht. Schon durch
dein Geschlecht warst du von Natur schwcher und dennoch strker in der
Enthaltsamkeit, und darum weniger strafwrdig. Auch dafr sage ich dem
Herrn Dank, da er dir die Strafe erlassen und dir die Ehrenkrone
aufbehalten hat. In mir hat er, um mich zu retten, durch einen einmaligen
krperlichen Schmerz fr immer alle Glut der Begierde erstickt, in der mich
meine unbndige Leidenschaft gefangen hielt. Dein junges Herz hat er durch
die bestndige Lockung des Fleisches vielen noch greren Leiden
anheimgegeben, um dich der Mrtyrerkrone teilhaftig werden zu lassen. Es
mag dich vielleicht verdrieen, dies zu hren; du mchtest mir vielleicht
das Wort verbieten, aber es ist die offenkundige Wahrheit selber, die hier
redet. Wer bestndig zu kmpfen hat, dem wird zuletzt auch die Krone zu
teil; denn keiner wird gekrnt, er kmpfe denn recht. Mir aber winkt
keine Krone, weil ich keinen Anla zum Kampfe mehr habe. Wem der Stachel
der Begierde genommen ist, dem fehlt der Grund zum Kmpfen.

Doch wenn ich schon hienieden keine Krone erlange, so ist es doch gewi
immer schon etwas, da ich keine Strafe mehr zu frchten habe und da mir
um den schmerzhaften Augenblick meiner Bestrafung auf Erden vielleicht
viele Strafen in der Ewigkeit erlassen werden. Denn von den Menschen, die
an dieses elende Leben sich hngen, gilt das Wort der Schrift, das von den
Tieren geschrieben steht: Das Vieh ist verfault in seinem Mist.

Ich will mich nicht darber beklagen, da ich mein Verdienst schwinden
sehe, weil ich dessen sicher bin, da das deinige zunimmt. Denn in Christus
sind wir beide eins, ein Fleisch durch das Band der Ehe. Alles was dein
ist, achte ich auch mir nicht fremd. Dein aber ist Christus, denn du bist
seine Braut geworden. Darum bin ich jetzt, wie ich schon oben sagte, dein
Knecht, ich, den du einst deinen Herrn nanntest: doch bin ich dir mehr in
geistiger Liebe verbunden, als in Furcht unterthan. Darum verspreche ich
mir auch so viel von deiner Verwendung fr mich bei Jesus Christus und
hoffe durch deine Frsprache zu erlangen, was mein eigen Gebet nicht
erwirken kann; vornehmlich in dieser bedrngten Zeit, wo tgliche Gefahr
und Anfechtung mir kaum Zeit zum Leben, geschweige zum Beten lt. Auch
kann ich nicht dem Beispiel jenes frommen Eunuchen folgen, jenes vornehmen
Mannes am Hofe der thiopenknigin Candace, der ber alle ihre Schtze
gesetzt war und die weite Reise gemacht hatte, um in Jerusalem anzubeten.
Zu ihm wurde auf dem Heimweg vom Engel des Herrn der Apostel Philippus
gesandt, da er ihn zum rechten Glauben bekehre: denn der Mann hatte es
verdient durch sein Gebet und durch fleiiges Lesen der heiligen Schrift.
Nicht einmal unterwegs lie er davon ab; darum fgte es Gott in seiner
gndigen Nachsicht, wiewohl jener ein reicher Mann und Heide war, also, da
er auf eine Stelle der heiligen Schrift stie, die dem Apostel eine
treffliche Gelegenheit zur Anknpfung bot.

Damit aber meiner Bitte nichts im Wege stehe und die Erfllung derselben
hinausschiebe, so beeile ich mich, den Wortlaut des Gebetes, welches ihr
fr mich in Demut vor den Herrn bringen mget, hier aufzusetzen und dir zu
bersenden:

O Gott, der du von Anbeginn der Schpfung, da du aus der Rippe des Mannes
das Weib gebildet, das heilige Sakrament der Ehe eingesetzt und es zu
unendlicher Ehre erhoben hast, indem du selbst durch ein Weib Mensch
geworden bist und dein erstes Wunder auf einer Hochzeit gethan hast; der du
auch meiner Unenthaltsamkeit und Schwachheit die Ehe als Heilmittel nach
deinem Wohlgefallen gewhrt hast: verschmhe nicht die Bitten deiner Magd,
die ich fr meine und meines Geliebten Vergehen in Demut vor dein heiliges
Angesicht bringe. Vergieb, o Allgtiger, der du die Gte selber bist,
vergieb uns unsere Snden, so gro und viel sie sind, und la an der Menge
unserer Schulden den Reichtum deiner unaussprechlichen Barmherzigkeit
offenbar werden. Ich flehe dich an: strafe die Schuldigen hienieden, damit
du sie drben schonen knnest. Strafe sie in der Zeit, da du nicht in der
Ewigkeit strafen mssest. Nimm die Rute der Zucht fr deine Knechte zur
Hand, nicht das Schwert deines Grimms. Schlage das Fleisch, da die Seelen
erhalten bleiben. Lutere uns, aber vergilt uns nicht nach unserer
Missethat: la deine Gte walten mehr als Gerechtigkeit; sei uns ein
barmherziger Vater, nicht ein strenger Herr.

Prfe und versuche uns so, wie der Prophet es fr sich selber von dir
erfleht mit Worten, die so viel sagen wollen als: siehe zuerst auf meine
Krfte und bemi nach ihnen die Last der Prfung. Auch der heilige Paulus
giebt ja seinen Glubigen den Trost: 'Denn Gott ist getreu, der euch nicht
lsset versuchen ber euer Vermgen, sondern macht, da die Versuchung so
ein Ende gewinne, da ihr es knnet ertragen'.

Du hast uns vereint, o Herr, und wiederum getrennt, wie und wann es dir
gefallen hat. Nun Herr, vollende in deiner groen Barmherzigkeit, was du so
gndig begonnen; die du in der Welt fr kurze Zeit auseinander gerissen,
vereinige sie mit dir im Himmel fr alle Ewigkeit. Denn du bist unsere
Hoffnung, unser Erbteil, unsere Sehnsucht, unser Trost, o Herr, gepriesen
in Ewigkeit. Amen.

Lebe wohl in Christo, du Braut Christi, in Christo lebewohl, und lebe
Christo! Amen.




VI. Brief.

Heloise an Abaelard.

(Ihrem unumschrnkten Herrn seine ergebene Dienerin.)


Damit du mich nicht in irgend einem Stck des Ungehorsams zeihen knnest,
so habe ich nach deinem Befehl den uerungen meines Schmerzes, so gro er
ist, Zgel angelegt und will mich wenigstens beim Schreiben davor hten,
Worte zu gebrauchen, die ich bei der mndlichen Rede schwerlich, ja
unmglich wrde zurckhalten knnen. Denn nichts haben wir so wenig in der
Gewalt als unser Herz und statt ihm gebieten zu knnen, mssen wir ihm
folgen. Darum, wenn wir den Stachel seiner Leidenschaften fhlen, ist
niemand imstande, seine ungestmen Triebe so zu dmpfen, da sie nicht
leicht zu Thaten werden und noch leichter durch Worte sich Luft machen,
welche stets die bereitwilligen Dolmetscher leidenschaftlicher Herzen sind,
nach dem Worte der Schrift: Wes das Herz voll ist, des gehet der Mund
ber. Darum will ich wenigstens beim Schreiben meiner Hand Halt gebieten,
wenn ich schon meiner Zunge das Wort nicht verbieten knnte. Wre doch mein
trauerndes Herz so bereit zu gehorchen, wie die schreibende Hand!

Etwas kannst du doch zur Milderung unseres Schmerzes beitragen, wenn du ihn
auch nicht ganz zu stillen vermagst. Wie nmlich ein Nagel durch den andern
ausgetrieben wird, so verdrngt ein Gedanke den andern, und der Geist, in
anderer Richtung in Anspruch genommen, mu die Erinnerung an Frheres
schwinden oder doch in Hintergrund treten lassen. Ein Gedanke beschftigt
aber den Geist um so lebhafter und ausschlielicher, je edler sein Inhalt
ist und je notwendiger die Angelegenheit erscheint, auf welche wir unser
Sinnen und Denken richten. Wir alle nun, Dienerinnen Christi und in
Christus deine Tchter, bringen in Demut zwei Bitten vor dich als unsern
Vater, deren Erfllung fr uns von der hchsten Wichtigkeit ist. Die erste
Bitte ist die: du mchtest uns ber den Ursprung des Standes der Nonnen und
ber das Wesen unseres Berufes aufklren. Die zweite: du mchtest uns eine
Regel aufstellen und zusenden, in welcher den besonderen Bedrfnissen des
weiblichen Geschlechts Rechnung getragen und die Einrichtung und Gestaltung
unseres Ordenslebens von Grund aus festgesetzt wrde: denn wir haben uns
berzeugt, da dies von den heiligen Vtern bis jetzt unterlassen worden
ist. Diese Versumnis hat die unangenehme Folge, da jetzt bei der Aufnahme
ins Kloster Mnner und Frauen gleicherweise auf ein und dieselbe Regel
verpflichtet werden, und da das schwache Geschlecht unter dieselbe
Klosterordnung sich beugen mu wie das starke. Zu der Regel des heiligen
Benediktus bekennen sich in der abendlndischen Kirche die Frauen genau so
wie die Mnner. Es ist aber klar, da sie ausschlielich fr Mnner
aufgestellt worden ist und darum auch nur von Mnnern eingehalten werden
kann, von Untergebenen wie von Vorgesetzten. Um von anderen Bestimmungen
der Regel zu schweigen: was sollen wir Frauen anfangen mit den Vorschriften
ber Kutten, Beinkleider, Skapulire? Wie knnen sich Frauen die Bestimmung
ber Unterkleider oder wollene Hemden zu eigen machen, da sie doch solche
wegen ihrer monatlichen Reinigung gerade gar nicht brauchen knnen? Was
soll ihnen ferner die Vorschrift, da der Abt das Evangelium selbst
verlesen und danach den Hymnus anstimmen solle? Und da der Abt mit den
Pilgern und Gsten abseits an einem besonderen Tische sitzen solle? Was
schickt sich fr unsern Stand? Sollen wir berhaupt keine Mnner gastlich
aufnehmen oder soll die btissin mit den Mnnern, die zu Gaste sind, an
Einem Tisch essen? O wie schnell ist es um ein Herz geschehen, wo Mnner
und Frauen unter Einem Dach zusammenwohnen! Vollends aber bei Tische, wo so
oft Vllerei und Trunkenheit herrscht und wo im sbethrenden Wein die
Lsternheit lauert. Davor warnt auch der heilige Hieronymus in seinem Brief
an eine Mutter und ihre Tochter: Schwer ist's, bei Schmausereien die
Keuschheit zu wahren. Auch Ovid, aller lsternen ppigkeit Snger und
Meister, beschreibt es in seinem Buch von der Kunst zu lieben des langen
und breiten, wie bei festlichen Gelagen die Buhlerei ihre Rechnung finde:

   Sind vom Wein erst benetzt die durstigen Flgel Cupidos,
   Dann verweilt er und weicht nimmer von selbigem Ort.
   Frohes Lachen ertnt, der Traurige hebet das Haupt nun
   Sorg' entweichet und Schmerz, glatt wird die faltige Stirn.
   Manchem Knaben ging so das Herz an die Mdchen verloren;
   Lieb' durchstrmet den Leib, Glut sich entzndet an Glut.

Ja, selbst wenn man nur Frauen Herberge und Tischgemeinschaft gewhrt:
lauert nicht auch hier schon die Gefahr? Wahrhaftig, das wirksamste Mittel,
ein Weib zu verfhren, sind die Schmeicheleien durch ein anderes Weib. Auch
vertraut am liebsten eine Frau der andern ihr verdorbenes Herz an. Darum
warnt auch Hieronymus Frauen, die sich einem heiligen Beruf geweiht haben,
nachdrcklich vor dem Verkehr mit weltlichen Frauen.

Wenn wir nun aber die Mnner von unserer Gastfreundschaft ausschlieen und
nur Frauen unsere Pforte ffnen, so werden wir -- das sieht jeder ein --
durch solche Unfreundlichkeit den Mnnern, auf deren Untersttzung die
Klster des schwcheren Geschlechts angewiesen sind, vor den Kopf stoen,
da es dann den Anschein hat, als wollten wir denen wenig oder nichts geben,
von denen wir das meiste empfangen.

Knnen wir aber nicht den ganzen Inhalt der Regel befolgen, so frchte ich,
es mchte in jenem Worte des Apostels Jakobus auch unsere Verurteilung
ausgesprochen sein: So jemand das ganze Gesetz hlt und sndiget an einem,
der ist's ganz schuldig. Das heit: Einer, der viel thut, wird gerade
dadurch schuldig, da er nicht alles erfllt. Zum bertreter des Gesetzes
wird er schon durch eine Versumnis; erfllt hat er das Gesetz erst dann,
wenn er alle Gebote desselben befolgt hat. Dies meint auch der Apostel,
wenn er sagt: Der gesagt hat: du sollst nicht ehebrechen, der hat auch
gesagt: du sollst nicht tten. So du nun nicht ehebrichst, ttest aber,
bist du ein bertreter des Gesetzes. Deutlicher ausgedrckt soll dies
heien: Weil der Herr selbst das eine Gebot so gut wie das andere
aufgestellt hat, darum macht sich der bertretung des Ganzen schuldig, wer
auch nur Eines nicht hlt, gleichviel was fr eines es sei. Und die
bertretung jedes einzelnen Gebotes ist eine Miachtung gegen den
Gesetzgeber, der sein Gesetz nicht etwa auf Ein Gebot gestellt hat, sondern
gleichmig auf alle zusammen.

Doch ich will nicht reden von den Bestimmungen der Regel, die wir berhaupt
nicht, oder doch nicht ohne Gefahr einzuhalten vermgen. Ich mchte nur
fragen: wo in aller Welt ist es Sitte, da Nonnen aufs Feld gehen, um die
Ernte einzuheimsen und den Acker zu bestellen? Ferner: ist ein einziges
Probejahr gengend fr die Frauen, die in den Orden aufgenommen sein
wollen, und sind sie hinreichend unterrichtet, wenn man ihnen die Regel
dreimal vorgelesen hat, wie dies die Regel selber verlangt? Was ist
thrichter, als einen unbekannten und noch nicht deutlich gezeichneten Weg
zu beschreiten? Was ist voreiliger, als ein Leben zu erwhlen und zu seinem
Beruf zu machen, das man noch gar nicht kennt, oder ein Gelbde zu thun,
das man doch nicht halten kann? Wenn die Klugheit die Mutter aller Tugenden
ist und die Vernunft die Vermittlerin aller Gter -- wer wird dann etwas,
das mit ihnen in Widerspruch steht, fr ein Gut oder fr eine Tugend
halten? Selbst die Tugenden, sagt Hieronymus, knnen zum Laster werden,
wenn sie Ma und Ziel berschreiten. Das ist aber ganz gewi ein unkluges
vernunftwidriges Verfahren, wenn man jemand eine Last auflegen will, ohne
vorher die Krfte dessen, der sie tragen soll, zu untersuchen, so da die
zugemutete Leistung im richtigen Verhltnis zur natrlichen Fhigkeit
steht. Wer wird einem Esel die gleiche Last zumuten wie einem Elefanten?
Wer wird Kindern und Greisen dieselbe Brde aufladen wie Mnnern? Schwachen
so viel wie Starken, Kranken so viel wie Gesunden, Frauen so viel wie
Mnnern? Dem schwcheren Geschlecht so viel wie dem starken?

Mit Rcksicht darauf hat der Papst Gregorius im 24. Kapitel seines
Pastoralis in Beziehung auf Ermahnungen und Vorschriften folgenden
Unterschied gemacht: Anders sind Mnner zu ermahnen, anders Frauen; jenen
kann man Schwereres zumuten, diesen nur Leichtes. Mnner mgen sich in
harter bung bewhren, Frauen werden am besten durch Sanftmut und Milde
gewonnen. Diejenigen aber, welche Klosterregeln aufgestellt haben, haben
nicht nur die Frauen mit gnzlichem Stillschweigen bergangen, sondern sie
haben auch Bestimmungen getroffen, von denen sie wissen muten, da sie fr
Frauen keineswegs passen: wuten sie ja doch auch sehr wohl, da man nicht
Stier und Kuh unter das gleiche Joch spannen darf, weil man denen, die von
Natur verschieden sind, nicht die gleiche Arbeit zumuten kann.

Diesen Unterschied hat der heilige Benediktus keineswegs vergessen, und
gleichsam vom Geiste aller Gerechten erfllt, trgt er in allem der
Verschiedenheit der Menschen wie der Zeiten Rechnung, damit alles, wie er
dies selbst in seiner Regel festsetzt, im richtigen Mae geschehe. Beim Abt
beginnend, verlangt er von demselben, er solle in der Weise das Regiment
fhren, da er dem Charakter und der Einsicht eines jeden seiner
Untergebenen Rechnung trage und sich so mit allen in ein gutes Einvernehmen
setze; so werde er es nicht erleben mssen, da die ihm anvertraute Herde
Schaden nehme, im Gegenteil werde er sich ihres Wachstums freuen drfen ...
Seine eigene Gebrechlichkeit solle er niemals vergessen und daran denken,
da man das geknickte Rohr nicht zertreten drfe. Er soll auch mit den
besonderen Zeitumstnden rechnen und sich die Klugheit des frommen Jakob
zum Beispiel nehmen, welcher sagte: Wenn sie einen Tag bertrieben wrden,
wrde mir die ganze Herde sterben. Solche und hnliche Beispiele von
kluger Erwgung, die aller Tugenden Mutter ist, soll er vor Augen haben und
in allem so mavoll handeln, da die Starken genug zu thun haben und die
Schwachen nicht zurckschrecken.

Diesem Bestreben, allen gerecht zu werden und berall das richtige Ma zu
halten, verdanken ihren Ursprung die Ausnahmebestimmungen fr Kinder,
Greise und berhaupt gebrechliche Leute, ferner die Verordnung, da der
Vorleser, der, welcher den Wochendienst hat und der Koch vor den brigen
ihr Essen bekommen sollen, endlich die Frsorge dafr, da beim gemeinsamen
Mahl Speise und Trank nach Gte und Menge mit Rcksicht auf die Art der
einzelnen Leute verteilt werden -- worber genaue Einzelvorschrift
vorhanden sind. Auch fr die festgesetzten Fastenzeiten sind in der
Ordensregel in Rcksicht auf die Jahreszeit oder ausnahmsweise Arbeitslast
mildernde Bestimmungen enthalten, wie die Schwachheit der menschlichen
Natur sie erfordert.

Der Mann, der in solcher Weise in allen Stcken der besonderen
Beschaffenheit der Menschen und der Zeiten Rechnung getragen hat, so da
seine Verordnungen von allen ohne Murren erfllt werden knnen: wie htte
der die besonderen Bedrfnisse der Frauen bercksichtigt, wenn er seine
Ordensregel, die ursprnglich nur fr Mnner bestimmt war, auch auf das
weibliche Geschlecht htte ausdehnen wollen! Sieht er sich schon in
Rcksicht auf Knaben, Greise und Kranke wegen der Hinflligkeit und
Schwachheit der menschlichen Natur gentigt, in einigen Stcken von der
Strenge der Regel etwas nachzulassen: wie viel mehr htte er Sorge getragen
fr das zarte Geschlecht, das von Natur -- wie jeder wei -- schwach und
kraftlos ist. Darum so erwge, wie es jedem vernnftigen Denken
widersprechen wrde, wollte man Frauen und Mnner auf ein und dieselbe
Regel verpflichten und die gleiche Last Schwachen wie Starken auflegen. Ich
glaube, da es in Anbetracht unserer Schwachheit genug ist, wenn wir in der
Tugend des Gehorsams und der Keuschheit den Leitern der Kirche und den
Geistlichen, die in frommen Gemeinschaften leben, gleichstehen; auch der
Mund der Wahrheit spricht ja: Es ist dem Jnger genug, da er sei wie sein
Meister. Schon das mte uns als Leistung angerechnet werden, wenn wir es
nur frommen Laien gleichthun knnten. Denn an Starken schtzt man manches
nicht sonderlich, was man am Schwachen bewundert, und nach dem Wort des
Apostels ist die Kraft in den Schwachen mchtig.

Wir wollen nur die Frmmigkeit von Laien, wie Abraham, David, Hiob, wiewohl
sie im Stand der Ehe lebten, nicht geringschtzen! Es fllt mir da eine
Stelle aus der siebenten Predigt des Chrysostomus ber den Hebrerbrief
ein: Es giebt mancherlei Mittel, womit man das wilde Tier im Innern
einschlfern kann. Was fr Mittel sind das? Der Hnde Arbeit, Lesen,
Nachtwachen. Aber was geht das uns an, die wir keine Mnche sind? Das
entgegnest du mir? Sag es doch dem Paulus, bei dem es heit: 'Haltet an mit
Wachen und Beten in aller Geduld'; oder: 'Wartet des Leibes nicht also, da
er geil werde'. Diese Worte sind nicht blo fr Mnche geschrieben, sondern
fr alle, die zu einem brgerlichen Gemeinwesen gehren. Denn ein Laie soll
vor einem Mnch nichts weiter voraushaben, als da er mit seiner Frau
zusammenleben darf. Das ist sein Vorrecht, ein anderes giebt es nicht fr
ihn, vielmehr soll er in allem anderen leben wie ein Mnch. Denn auch die
Seligpreisungen, die Christus ausgesprochen hat, sind nicht blo den
Mnchen verheien. Die ganze Welt mte ja zu Grunde gehen, wenn alles, was
Tugend heit, in den engen Raum eines Klosters eingeschlossen wre. Und wie
knnte der Stand der Ehe ehrlich sein, wenn sie ein so groes Hindernis fr
unser Seelenheit wre?

Daraus geht deutlich hervor: Wer zu den Geboten des Evangeliums noch die
Tugend der Enthaltsamkeit hinzufgt, der erreicht die sittliche
Vollkommenheit des Mnchs. Mchten wir es in unserm Stande doch nur dahin
bringen, da wir das Evangelium erfllten, ohne es berbieten zu wollen;
da wir doch nicht mehr sein wollten als gute Christen!

Von diesem Gedanken geleitet, haben, wenn ich mich nicht tusche, die
frommen Vter darauf verzichtet, auch fr uns Frauen, wie fr die Mnner,
eine besondere Regel, gleichsam als ein neues Gesetz aufzustellen und durch
schwere Gelbde unsere Schwachheit zu belasten. Sie dachten dabei wohl an
das Wort des Apostels: Das Gesetz richtet nur Zorn an; denn wo das Gesetz
nicht ist, da ist auch keine bertretung und ferner: Das Gesetz aber ist
neben einkommen, auf da die Snde mchtiger wrde. Derselbe strenge
Prediger der Enthaltsamkeit ntigt aber doch gewissermaen im Gedanken an
unsere Schwachheit die jungen Witwen zur zweiten Ehe, indem er sagt: So
will ich nun, da die jungen Witwen freien, Kinder zeugen, Haus halten, dem
Widersacher keine Ursach' zu schelten geben. Auch der heilige Hieronymus
hlt diese Verordnung fr ganz heilsam und giebt der Jungfrau Eustochium
mit Rcksicht auf unbedachte Gelbde von Frauen folgenden Rat: Wenn sogar
diejenigen, die ihre Jungfrulichkeit bewahrt haben, wegen ihrer sonstigen
Snden nicht vorwurfsfrei sind: was wird erst denen geschehen, die die
Glieder Christi preisgegeben und den Tempel des heiligen Geistes in ein
Freudenhaus verwandelt haben? Es ist dem Menschen besser, das Joch der Ehe
auf sich zu nehmen und auf der ebenen Erde zu bleiben als hoch hinaus zu
wollen und schlielich in den Rachen der Hlle hinabzustrzen. Auch der
heilige Augustin schreibt in seinem Buch ber die Enthaltsamkeit der
Witwen an Julian folgendes zur Warnung vor unbesonnenem Ablegen eines
Gelbdes: Die, welche sich noch nicht gebunden hat, soll es sich wohl
berlegen, hat sie aber einmal den Schritt gethan, dann soll sie auch dabei
bleiben. Man soll dem Widersacher keine Gelegenheit geben und Christus kein
Opfer entziehen. Darum steht auch in den Kanones mit Rcksicht auf unsere
Schwachheit die Bestimmung, da Diakonissen nicht vor dem vierzigsten Jahr
ordiniert werden drfen und auch dann nur, wenn sie ein gutes Zeugnis
haben; whrend man zum Diakon schon vom zwanzigsten Jahr an befrdert
werden kann.

In klsterlichen Vereinigungen leben aber auch die sogenannten regulierten
Chorherren, die sich, wie man sagt, zu einer Regel des heiligen Augustin
bekennen und sich in keinem Stck geringer achten als die Mnche, obwohl
sie, wie bekannt, Fleisch zu essen und linnene Gewnder zu tragen sich
erlauben. Wenn unsere Schwachheit wenigstens diese Stufe der Vollkommenheit
erreichen knnte, wre das fr nichts zu achten?

Man knnte uns, was die Nahrung anbelangt, schon deshalb ohne Gefahr alle
Speisen erlauben, weil die Natur selbst uns vor Ausschreitungen behtet,
indem sie unserem Geschlecht an der Tugend der Nchternheit einen
schtzenden Halt gegeben hat. Man wei, da Frauen zu ihrem leiblichen
Unterhalt weniger bedrfen als die Mnner und die Physik lehrt uns, da das
weibliche Geschlecht auch weniger leicht der Trunkenheit anheimfllt.
Macrobius Theodosius macht im 7. Kapitel seiner Saturnalia folgende
Bemerkung: Aristoteles sagt, die Weiber werden selten berauscht, die
Greise oft. Der Krper des Weibes hat einen sehr groen
Feuchtigkeitsgehalt. Ein Beweis dafr ist die Gltte und der Glanz ihrer
Haut, und ganz besonders sprechen dafr die regelmigen Reinigungen, durch
welche ihr Krper von berflssiger Feuchtigkeit entlastet wird. Der Wein
verliert seine Strke, wenn er mit so berreichem flssigem Stoff sich
mischt und steigt nicht so leicht zu Kopfe, da seine Wirkung auf diese
Weise gelhmt wird. Ferner heit es dort: Der weibliche Krper unterliegt
hufigen Reinigungen und hat an seiner Oberflche zahlreiche ffnungen und
Poren, durch welche die Feuchtigkeit ihren Ausgang sucht und findet. Durch
diese Poren entweicht auch der Dunst des Weines gar schnell. Alte Mnner
dagegen haben einen ausgetrockneten Krper, was man schon an der Rauheit
und der dunklen Farbe ihrer Haut sehen kann.

Du magst hieraus ersehen, wie durchaus ungefhrlich, ja, wie billig es ist,
uns in Anbetracht unserer schwachen Natur in Speise und Trank volle
Freiheit zu gewhren, da wir ja der Schwelgerei und der Trunkenheit nicht
leicht zum Opfer fallen knnen; vor jener bewahrt uns unsere
Bedrfnislosigkeit, vor dieser die Beschaffenheit des weiblichen Krpers,
wie oben ausgefhrt worden ist. Fr unsere schwachen Krfte mu es genug
sein und alles, was man verlangen kann, wenn wir enthaltsam und besitzlos
leben, mit dem Dienst Gottes unsere Zeit ausfllen und im Essen und Trinken
es halten, wie die Leiter der Kirche selbst oder wie fromme Laien oder
endlich wie die regulierten Chorherren, die vor andern ein apostolisches
Leben zu fhren behaupten.

Es ist ein Beweis von groer Klugheit, wenn die, welche sich Gott durch ein
Gelbde verpflichten, weniger versprechen und mehr halten, so da sie
allezeit einen berschu haben, den sie aus freien Stcken zu der
pflichtmigen Leistung hinzufgen knnen. Die Wahrheit selber spricht:
Wenn ihr alles gethan habt, so sprechet: Wir sind unntze Knechte, wir
haben gethan, was wir schuldig waren. Deutlicher ausgedrckt soll dies
heien: Darum sind wir fr unntz und unwert zu achten und ohne Verdienst,
weil wir, zufrieden mit der Erfllung des Notwendigen, nicht aus freien
Stcken mehr gethan haben. ber solche freiwillige Leistungen sagt der Herr
selbst an einer andern Stelle gleichnisweise: So du was mehr wirst
darthun, so will ich dir's bezahlen, wenn ich wiederkomme.

Mchten dies doch in unserer Zeit alle diejenigen zu Herzen nehmen, die
leichtsinnig das Klostergelbde ablegen; wollten sie sich's doch klar
machen, was es mit diesem Gelbde fr ein Bewandtnis hat und vorher die
Regel nach ihrem ganzen Inhalt genau durchforschen: dann kmen weniger
Verste gegen dieselbe und weniger Fahrlssigkeitssnden vor. Jetzt aber
drngt sich alles ohne Wahl zum Klosterleben; so oberflchlich die Aufnahme
solcher Leute vor sich geht, ebenso ist nachher das Leben, das sie fhren.
Leichtsinnig verpflichten sie sich auf eine Regel, die sie gar nicht
kennen, ebenso leichtsinnig lassen sie dieselbe nachher unbeachtet und
setzen an die Stelle des Gebotes das was ihnen beliebt. Darum wollen wir
Frauen uns hten, eine Last auf uns zu nehmen, unter der wir die Mnner
fast alle wanken, ja erliegen sehen. Es scheint, als wre die Welt alt
geworden, als htten die Menschen samt den anderen Kreaturen ihre
ursprngliche Jugendfrische verloren, als wre, nach dem Worte der
Wahrheit, die Liebe nicht blo in vielen, sondern in allen erkaltet. Da
sich die Menschen gendert haben, sollte man auch die sittlichen Gebote,
die fr sie aufgestellt sind, ndern oder ihre Strenge migen.

Diesen Unterschied hat der heilige Benediktus wohl beachtet; er giebt von
seiner Regel zu, die Strenge der mnchischen Askese sei durch dieselbe so
ermigt worden, da seine Regel im Vergleich zu den frheren Bruchen nur
eine Art Anleitung zur Rechtschaffenheit und eine Einfhrung ins
Klosterleben genannt werden knne. Diese Regel, sagt er, haben wir
verfat, damit sie uns, wenn wir nach ihr leben, ein Wegweiser zur
Rechtschaffenheit oder die Grundlage unserer Lebensweise werde. Im brigen,
wer nach Vollkommenheit strebt, dem stehen die Lehren der heiligen Vter zu
Gebote, deren Befolgung den Menschen zur Hhe der Vollendung emporfhrt.
Weiter sagt er: Wer du auch seist, der du der himmlischen Heimat
zustrebst: erflle zuerst mit Christi Hilfe zur Vorbung das Geringe, das
unsere Regel verlangt, alsdann erst wirst du unter Gottes Schutz zu den
erhabenen Gipfeln der Weisheit und Tugend gelangen. Whrend wir von den
heiligen Vtern lesen, da sie an Einem Tag den ganzen Psalter gebetet
haben, sagt Benedikt selber, er habe in Anbetracht der lauen Gemter die
bung des Psalmodierens dahin ermigt, da die Psalmen ber die ganze
Woche verteilt wurden, so da jetzt die Mnche sogar weniger zu thun haben
als die Kleriker.

Was ist dem frommen Stand und der Ruhe des Klosterlebens mehr zuwider als
das, was der ppigkeit Nahrung zufhrt und Streit und Zank erregt, ja, das
Ebenbild Gottes in uns, das uns von den andern Kreaturen scheidet, das
heit die Vernunft, zerstrt? Dies aber thut der Wein; darum versichert uns
die Schrift, da er von allem, was dem Menschen zur Nahrung dient, am
schdlichsten sei und warnt uns vor ihm. Der grte aller Weisen sagt im
Buch der Sprche von ihm: Der Wein macht lose Leute und starkes Getrnke
macht wild; wer dazu Lust hat, wird nimmer weise ... Wo ist Weh, wo ist
Leid? Wo ist Zank? Wo ist Klagen? Wo sind Wunden ohne Ursach'? Wo sind rote
Augen? Nmlich wo man beim Wein liegt und kommt auszusaufen, was
eingeschenket ist. Siehe den Wein nicht an, da er so rot ist und im Glase
so schn stehet. Er gehet glatt ein, aber danach beit er wie eine Schlange
und sticht wie eine Otter. So werden deine Augen nach andern Weibern sehen
und dein Herz wird verkehrte Dinge reden. Und du wirst sein wie einer, der
mitten im Meer schlft, wie ein Steuermann, der eingeschlafen ist und das
Ruder verloren hat. Und du wirst sprechen: Sie schlagen mich, aber es thut
mir nicht wehe, sie zerren mich hin und her, aber ich fhle es nicht. Wann
will ich aufwachen, da ich wiederum Wein finde? Und weiter heit es: O
nicht den Knigen, Lamuel, gieb den Knigen nicht Wein zu trinken, denn
nichts bleibt geheim, wo die Trunkenheit herrscht. Sie mchten trinken und
der Rechte vergessen und verndern die Sache irgend der armen Leute. Im
Buch Sirach steht geschrieben: Wein und die Weiber bethren die Weisen.

Auch Hieronymus, in seinem Brief an Nepotianus vom Leben der Kleriker,
hlt sich darber auf, da die Priester des alten Bundes in der
Enthaltsamkeit von allen berauschenden Getrnken strenger waren als die
heutigen. Er sagt: Rieche nicht an den Wein, damit du dir nicht das Wort
des Philosophen sagen lassen mut: hoc non est osculum porrigere, sed vinum
propinare (das heit nicht kssen, sondern die Schale zum Munde fhren).

Auch der Apostel verurteilt weinselige Priester, und das Gesetz Mosis
verbietet ihnen den Weingenu: Die den Dienst des Altars besorgen, sollen
nicht Wein und Gegorenes trinken. -- Sicera heit im Hebrischen jedes
berauschende Getrnk, gleichviel, ob es bereitet wird aus dem gegorenen
Saft von Frchten oder aus eingekochtem Honig und Krutern oder aus der
gepreten Frucht der Palme oder aus Frchten, die man zu Sirup zerkocht.
Alles was berauscht und dich um den Verstand bringt, das fliehe wie den
Wein.

Der Wein also, vor dessen Genu die Knige gewarnt werden, der den
Priestern gnzlich verboten wird, ist sicherlich von allen Nahrungsmitteln
das gefhrlichste. Gleichwohl sieht sich ein so geistbegnadeter Mann wie
der heilige Benedikt gentigt, den Bedrfnissen seiner Zeit Rechnung zu
tragen und fr die Mnche eine Ermigung eintreten zu lassen. Wir lesen
zwar, sagt er, da der Wein fr die Mnche berhaupt nichts sei, allein
weil man in unserer Zeit die Mnche davon doch nicht berzeugen kann u. s.
w.

Er hatte wahrscheinlich auch gelesen, was in dem Leben der Altvter
berichtet wird: Man hatte einem Vater von einem Mnche gesagt, da er
keinen Wein trinke, worauf dieser erwiderte: der Wein ist berhaupt nichts
fr Mnche. Ferner ist dort zu lesen: Eines Tages feierte man die Messe
auf dem Berge des Vaters Antonius, und fand daselbst ein Gef mit Wein.
Einer der Alten hob es auf und brachte einen Becher voll dem Vater Sisoi.
Der trank ihn aus, nahm zum zweitenmal und leerte ihn wieder. Als ihm aber
zum drittenmal angeboten wurde, wies er's zurck und sagte: 'La genug
sein, Bruder, vergissest du, da der Teufel darin steckt?' Und weiter wird
von dem Vater Sisoi berichtet: Abraham sagte zu seinen Schlern: 'Wenn man
an einem Feiertag oder Sonntag zur Kirche geht und trinkt drei Kelche Wein,
ist das nicht zu viel?' Und es antwortete der Alte: 'Es wre nicht zu viel,
wenn der Satan nicht wre'.

Wo in aller Welt, ich bitte dich, ist der Fleischgenu von Gott mibilligt
und den Mnchen verboten worden? Beachte wohl, wie Benedikt sich gentigt
sah, die Strenge seiner Regel zu ermigen, sogar in einem Stck, das fr
die Mnche noch viel gefhrlicher ist und wovon er wute, da es berhaupt
nichts fr sie sei; er that es, weil er die Mnche zu seiner Zeit schon
nicht mehr von der Notwendigkeit, in diesem Stck enthaltsam zu sein,
berzeugen konnte. Mchte man doch auch in unserer Zeit mit derselben
Schonung verfahren, und wenigstens die Dinge, welche in der Mitte zwischen
Gut und Bse liegen und darum Indifferentien heien, mit derselben
Unbefangenheit behandeln. Etwas, das jetzt niemand mehr einleuchtet, sollte
das Gelbde nicht verlangen; man sollte sich damit begngen, alles, was in
der Mitte liegt, zu erlauben, ohne Ansto daran zu nehmen und nur das
wirklich Sndhafte zu verbieten. Auch in Beziehung auf Nahrung und Kleidung
sollte man die Forderungen dahin ermigen, da man sich dessen bedienen
drfte, was billig zu haben ist; in allem sollte man auf das Notwendige
sehen und alles berflssige meiden. Denn was uns nicht tchtig macht fr
das Reich Gottes oder was uns vor Gott nicht besser macht, das ist auch
unserer Sorge nicht wert. Dazu gehren alle uerlichen Verrichtungen, an
denen Verworfene und Auserwhlte, Heuchler und Fromme in gleicher Weise
teilnehmen. In nichts unterscheiden sich Christen und Juden so sehr als in
den ueren und inneren Werken; denn die Liebe allein, die der Apostel des
Gesetzes Erfllung und Ende nennt, scheidet die Shne Gottes von denen des
Teufels. Darum setzt der Apostel auch den Ruhm der Werke so sehr herunter,
um dafr die Gerechtigkeit durch den Glauben zu erheben und ruft den Juden
zu: Wo bleibt nun der Ruhm? Er ist aus. Durch welch Gesetz? Durch der
Werke Gesetz? Nicht also, sondern durch des Glaubens Gesetz. So halten wir
es nun, da der Mensch gerecht werde ohne des Gesetzes Werke allein durch
den Glauben. Weiter heit es: Ist Abraham durch die Werke gerecht, so hat
er wohl Ruhm, aber nicht vor Gott. Was saget aber die Schrift? Abraham hat
Gott geglaubt und das ward ihm zur Gerechtigkeit gerechnet. Und wiederum
sagt er: Dem, der nicht mit Werken umgehet, glaubet aber an den, der die
Gottlosen gerecht macht, dem wird sein Glaube gerechnet zur Gerechtigkeit,
nach dem Vorsatz der Gnade Gottes.

Derselbe Apostel giebt auch den Christen volle Freiheit, alle Speisen zu
essen und unterscheidet davon das, was wirklich gerecht macht: Das Reich
Gottes, sagt er, ist nicht Essen und Trinken, sondern Gerechtigkeit und
Friede und Freude im heiligen Geist. Es ist zwar alles rein, aber es ist
nicht gut dem, der es isset mit einem Ansto seines Gewissens. Es ist viel
besser du essest kein Fleisch und trinkest keinen Wein oder das, daran sich
dein Bruder stt oder rgert oder schwach wird.

An dieser Stelle wird nicht der Genu einer Speise berhaupt verboten,
sondern das rgernis, das daraus entstehen knnte; wie denn wirklich einige
der bekehrten Juden rgernis daran genommen hatten, als sie sahen, wie die
anderen auch solche Speisen aen, die im Gesetz verboten waren. Diesen
Ansto wollte auch der Apostel Petrus vermeiden und wurde darum von Paulus
nach dessen eigenem Bericht im Galaterbrief schwer getadelt und heilsam
zurechtgewiesen. Dasselbe schreibt er den Korinthern: Die Speise macht uns
nicht besser vor Gott und wiederum: Alles was feil ist auf dem
Fleischmarkt, das esset ... denn die Erde ist des Herrn und was drinnen
ist. Und an die Kolosser schreibt der Apostel: So lasset nun niemand euch
Gewissen machen ber Speise oder ber Trank und gleich darauf: So ihr
denn nun abgestorben seid mit Christus den Satzungen der Welt, was lasset
ihr euch dann fangen mit Satzungen, als lebetet ihr noch in der Welt, die
da sagen: du sollst das nicht angreifen, du sollst das nicht kosten, du
sollst das nicht anrhren, welches sich doch alles unter Hnden verzehret,
und ist Menschengebot und Lehre.

Satzungen dieser Welt nennt er die Anfangsstufen des Gesetzes, welche sich
auf die uerlichen Regeln des Fleisches beziehen, in deren Befolgung die
Welt, das heit ein bislang noch fleischliches Volk, sich anfangs bte, wie
an einem Alphabet. Diesen Anfangsstufen, d. h. diesen Regeln des Fleisches
sind die abgestorben, die Christo angehren. Sie bedrfen ihrer nicht mehr,
da sie nicht mehr in dieser Welt leben, d. h. nicht mehr im Fleisch nach
dem Sichtbaren trachten und Unterschiede machen in den Speisen und in
anderen Dingen, indem sie sagen: rhret dieses und jenes nicht an. Solche
Dinge knnen durch die Art und Weise, wie man sie gebraucht, der Seele zum
Verderben werden, wenn man sie, um mit dem Apostel zu reden, angreift,
kostet, anrhrt; aber man kann sich ihrer auch in demtiger Gesinnung
bedienen; Menschengebot und Lehre soll heien: Gebot und Lehre
fleischlich gesinnter, das Gesetz nur in uerlichem Sinn verstehender
Menschen, nicht Lehre Christi und der Seinigen. Denn er hat seinen Jngern,
als er sie aussandte zu predigen, in Beziehung auf Essen und Trinken volle
Freiheit gelassen, obwohl es gerade fr sie besonders wichtig war, jeden
Ansto zu vermeiden. Wo sie gastlich aufgenommen wurden, da sollten sie
leben wie ihre Gastgeber, und essen und trinken, was man ihnen vorsetzte.
Paulus scheint indessen schon im Geiste vorausgesehen zu haben, da man von
dieser Vorschrift des Herrn, die zugleich seine eigene war, abkommen werde.
Denn an Timotheus schreibt er: Der Geist aber saget deutlich, da in den
letzten Zeiten werden etliche von dem Glauben abtreten und anhangen den
verfhrerischen Geistern und Lehren der Teufel durch die, so in Gleinerei
Lgenredner sind, und verbieten, ehelich zu werden und zu meiden die
Speise, die Gott geschaffen hat, zu nehmen mit Danksagung, den Glubigen
und denen die die Wahrheit erkennen. Denn alle Kreatur Gottes ist gut und
nichts verwerflich, das mit Danksagung empfangen wird. Denn es wird
geheiliget durch das Wort Gottes und Gebet. Wenn du den Brdern solches
vorhltst, so wirst du ein guter Diener Jesu Christi sein, auferzogen in
den Worten des Glaubens und der guten Lehre, bei welcher du immerdar
gewesen bist.

Wenn man allein das uere Werk der Enthaltsamkeit mit dem leiblichen Auge
ansehen wollte, mte man da nicht den Johannes und seine Jnger, die sich
mit bertriebener Kasteiung qulten, ber Jesus und seine Jnger stellen?
Haben doch eben die Jnger Johannes, weil sie noch in der uerlichen
Werkheiligkeit der Juden steckten, Christum und die Seinigen getadelt und
den Herrn selbst gefragt: Warum fasten wir und die Phariser so viel und
deine Jnger fasten nicht?

In Erwgung dieses Gedankens macht der heilige Augustin einen Unterschied
zwischen echter und uerlicher Tugend und urteilt, da durch rein
uerliche Werke kein besonderes Verdienst erworben werden knne. So sagt
er in seiner Schrift ber das Gut der Ehe: Keuschheit ist nicht eine
Tugend des Leibes, sondern der Seele. Tugenden der Seele aber zeigen sich
bisweilen am Krper, bisweilen bethtigen sie sich in der Gesinnung: so
wird die Tugend der Mrtyrer offenbar, wenn sie krperliche Leiden
erdulden. Weiter sagt er: Hiob besa schon vorher die Geduld, dem Herrn
war sie bekannt und er legte Zeugnis davon ab, aber die Menschen lernten
sie erst durch die Prfungen und Heimsuchungen kennen, die er durchzumachen
hatte. Ferner: Um aber ganz deutlich zu machen, da die Tugend in der
Gesinnung bestehen knne, auch ohne uerlich sichtbares Werk, so will ich
ein Beispiel anfhren, das jeden Glubigen berzeugen wird. Da der Herr
Jesus in Wirklichkeit gehungert und gedrstet, gegessen und getrunken habe,
daran zweifelt keiner, der an das Evangelium glaubt. Stand er darum in der
Tugend der Enthaltsamkeit von Speise und Trank vielleicht Johannes dem
Tufer nach? Denn: 'Johannes ist kommen, a nicht Brot und trank keinen
Wein, so sagten sie: er hat den Teufel. Des Menschen Sohn ist kommen, isset
und trinket, so sagen sie: Siehe der Mensch ist ein Fresser und Weinsufer,
der Zllner und Snder Freund'. Und nachdem er von Johannes und von sich
selber dies ausgesagt, fgte er noch bei: 'Die Weisheit ist gerechtfertigt
worden durch ihre Kinder, welche sehen, da es bei der Tugend der
Enthaltsamkeit allezeit in erster Linie auf die Beschaffenheit des Herzens
ankomme, da sie sich aber je nach Zeit und Gelegenheit auch uerlich
bethtige, wie die Tugend der heiligen Mrtyrer durch ihre Geduld im
Leiden.' Darum ist das Verdienst des Petrus, der den Mrtyrertod erlitten,
nicht grer als das des Johannes, der nicht gelitten hat; auch hat sich
Johannes, der nie verehelicht war, durch seine Enthaltsamkeit kein greres
Verdienst erworben als Abraham, der Kinder gezeugt hat: beide haben an
ihrem Teil und zu ihrer Zeit Christo gedient, der eine im ehelosen Stand,
der andere in der Ehe. Aber Johannes hat die Enthaltsamkeit auch uerlich
bethtigt, Abraham bte sie nur in der Gesinnung. Auf die Tage der
Patriarchen folgte eine Zeit, in welcher durch das Gesetz jeder verdammt
wurde, der in Israel keine Nachkommenschaft erzeugte; dennoch traf
denjenigen nicht der Fluch des Gesetzes, der unfhig war, Kinder zu
erzeugen. Nun aber ist die Flle der Zeiten erschienen, wo es heit: 'Wer
es fassen kann, der fasse es; wer da hat, der wirke Werke; wer aber nicht
Werke wirken will, der sage nicht, da er etwas in sich habe'. Aus diesen
Worten geht klar hervor, da vor Gott die tugendhafte Gesinnung allein ein
Verdienst hat und da alle, die an solcher Gesinnung einander gleich sind,
und wren sie in Ansehung der Werke noch so verschieden, von Christus
gleich belohnt werden. Darum sind alle wahren Christen so ganz mit ihrem
inneren Menschen beschftigt, ihn mit Tugenden zu zieren und von Fehlern zu
reinigen, da sie sich um das Auenwerk nicht oder wenig kmmern. So lesen
wir auch von den Aposteln, da ihr ueres Gebaren, selbst als sie dem
Herrn nachfolgten, so burisch und fast unanstndig gewesen sei, da es
aussah, als htten sie Ehrfurcht und Anstandsgefhl gnzlich vergessen.
Scheuten sie sich doch nicht, beim Gang durch die Felder hren zu raufen,
mit den Hnden zu zerreiben und zu essen, wie Kinder, und auch mit dem
Waschen der Hnde vor dem Essen nahmen sie es nicht genau. Als sie aber
deswegen von den Leuten der Unreinlichkeit gezeiht wurden, entschuldigte
sie der Herr mit den Worten: Mit ungewaschenen Hnden essen verunreinigt
den Menschen nicht. Und er fgt gleich den allgemeinen Satz hinzu, da
berhaupt durch uerlichkeiten die Seele nicht befleckt werden knne,
sondern nur durch das, was aus dem Herzen hervorkomme, nmlich arge
Gedanken, Ehebruch, Mord u. s. w. Denn wenn nicht durch den bsen Willen
die Seele vorher verderbt wrde, so knnte das, was uerlich mit dem Leibe
geschieht, nicht Snde sein. Darum heit es ganz richtig, da auch der
Ehebruch und der Mord aus dem Herzen komme. Denn keine krperliche
Berhrung ist dazu ntig -- nach dem Spruch: Wer ein Weib ansiehet, ihrer
zu begehren, der hat schon mit ihr die Ehe gebrochen in seinem Herzen und
nach dem andern: Wer seinen Bruder hasset, der ist ein Totschlger.
Andererseits bewirkt die bloe uere krperliche Berhrung oder Verletzung
noch keineswegs das Verbrechen: ein Weib, das der Gewalt erliegt, wird
niemand des Ehebruchs zeihen, so wenig wie einen Richter, der nach Recht
und Gerechtigkeit einen Verbrecher zum Tode verurteilt, des Mordes. Denn
kein Mrder -- steht geschrieben -- hat teil am Reiche Gottes.

Wir mssen also weniger darauf sehen, was geschieht, als darauf, aus
welcher Gesinnung eine Handlung entspringt, wenn wir dem gefallen wollen,
der Herzen und Nieren prft und im Verborgenen siehet, der, wie Paulus
sagt, richten wird das Verborgene der Menschen laut meines Evangeliums,
d. h. nach der Lehre meiner Predigt. Darum ist auch die bescheidene Gabe
der Witwe, die zwei Scherflein einlegte, die machen einen Heller, allen
prunkenden Gaben der Reichen von dem vorgezogen worden, zu welchem wir
sprechen: Du bedarfst nicht meiner Gter, und der die Gabe nach dem Geber
beurteilt, nicht den Geber nach der Gabe, wie geschrieben steht: Der Herr
sah gndig an Abel und sein Opfer; das will sagen: er sah vorher an die
Frmmigkeit des Opfernden und um deswillen, der es gab, war ihm das Opfer
angenehm.

Wahre Herzensfrmmigkeit hat vor Gott um so hheren Wert, je weniger wir
unser Vertrauen auf uere Werke setzen. Darum schreibt auch der Apostel
dem Timotheus, nachdem er in der oben geschilderten Weise den Genu aller
Speisen freigegeben, ber leibliche bung und Kasteiung folgendes: be
dich selbst in der Gottseligkeit; denn die leibliche bung ist wenig nutz,
aber die Gottseligkeit ist zu allen Dingen ntze und hat die Verheiung
dieses und des zuknftigen Lebens. Denn die fromme Ergebung in Gott erhlt
von ihm die Notdurft dieses Lebens und dereinst die Gter der Ewigkeit.

Aus diesen Zeugnissen sollen wir nichts anderes lernen als die christliche
Weisheit; wir sollen, gleich Jakob, von den Tieren des Hauses unserem Vater
eine Labung bereiten, nicht wie Esau drauen nach Wildbret fahnden und in
jdischer Art am Auenwerk hngen bleiben. So ist auch jenes Wort des
Psalmisten gemeint: Vor mir sind, o mein Gott, die Gelbde, die ich dir
gethan, und ich will sie lsen, indem ich dich preise. Nimm dazu noch das
Wort des Dichters: Suche dein Wesen nicht auer dir selbst.

Viele, ja unzhlige Aussprche weltlicher und geistlicher Lehrer legen
Zeugnis dafr ab, da man sich um uerliche und gleichgltige Dinge nicht
gar sehr kmmern solle. Wo nicht, so mten ja die Werke des Gesetzes und
das nach dem Ausspruch des Petrus unertrgliche Joch seiner Knechtschaft
der Freiheit des Evangeliums vorzuziehen sein, und dem sanften Joch Christi
und seiner leichten Last. Christus selbst ladet uns ein zu diesem sanften
Joch, zu dieser leichten Last: Kommet her zu mir, ruft er, alle die ihr
mhselig und beladen seid. Darum hat auch der Apostel einige zum
Christentum bekehrte Juden scharf getadelt, als sie dafr hielten, man
msse die Werke des Gesetzes noch beibehalten. Nach dem Bericht der
Apostelgeschichte sagte er: Ihr Mnner, lieben Brder, was versucht ihr
denn nun Gott mit Auflegen des Jochs auf der Jnger Hlse, welches weder
unsere Vter noch wir haben mgen tragen. Sondern wir glauben durch die
Gnade des Herrn Jesu Christi selig zu werden, gleicherweise wie auch sie.

Dich selbst aber, der du nicht blo Christi Vorbild nachlebst, sondern auch
seinem Apostel durch deine Klugheit wie durch deinen Namen gleichst,
beschwre ich: halte in den Forderungen uerer Werke das Ma, welches
durch die Rcksicht auf unsere schwache Natur geboten ist, damit wir uns um
so mehr dem Dienste und Preise Gottes widmen knnen. Denn nachdem der Herr
alle uerlichen Opfer abgelehnt hat, empfiehlt er dieses ausdrcklich mit
den Worten: Wo mich hungerte, wollte ich dir nicht davon sagen; denn der
Erdboden ist mein und alles was darinnen ist. Meinest du, da ich
Ochsenfleisch essen wollte oder Bocksblut trinken? Opfere Gott Dank und
bezahle dem Hchsten deine Gelbde. Und rufe mich an in der Not, so will
ich dich erretten, so sollst du mich preisen.

Wir reden nicht davon als wollten wir berhaupt die Anstrengung uerlicher
Arbeit verwerfen, soweit dieselbe notwendig ist; nur wollen wir das, was
der leiblichen Notdurft dient und uns in der Verrichtung des Gottesdienstes
hinderlich ist, nicht gar zu hoch schtzen; besonders da durch apostolische
Autoritt frommen Frauen gerade das zugestanden wird, da sie mehr durch
fremde Handreichung ihren Lebensunterhalt bestreiten als durch eigene
Arbeit. Darum schreibt auch Paulus an den Timotheus: So aber ein Glubiger
Witwen hat, der versorge dieselbigen und lasse die Gemeine nicht beschweret
werden; auf da die, so rechte Witwen sind, genug haben. Unter rechten
Witwen versteht er nmlich diejenigen, welche sich Christo geweiht haben,
denen nicht nur ihr Mann gestorben, sondern denen auch die Welt gekreuzigt
ist und sie der Welt. Diese haben ein gutes Recht darauf aus den Mitteln
der Kirche, die gleichsam das Eigentum ihres himmlischen Brutigams sind,
unterhalten zu werden. Darum hat auch der Herr seine Mutter unter den
Schutz des Apostels gestellt, nicht unter den ihres Mannes, und die Apostel
haben sieben Diakonen, d. h. Diener der Kirche, eingesetzt, die den
glubigen Frauen Handreichung thun sollten.

Wir wissen zwar wohl, da der Apostel in seinem Brief an die Thessalonicher
einen Teil der Gemeinde, der sich einem migen, trumerischen Leben ergab,
scharf verurteilt hat und auch die Regel aufstellte: Wer nicht arbeiten
will, der soll auch nicht essen; auch ist uns bekannt, da der heilige
Benedikt, um dem Miggang zu steuern, Handarbeit vorgeschrieben hat.
Allein sa nicht auch Maria einst mig zu den Fen des Herrn, um ihm
zuzuhren, whrend Martha ihr und dem Herrn diente und mit einem gewissen
Neid ber die Saumseligkeit der Schwester murrte, welche sie allein des
Tages Last und die Hitze tragen lasse? So sehen wir noch heute oftmals
diejenigen, die mit uerlichen Geschften sich abmhen, murren, wenn sie
denen mit der irdischen Notdurft dienen sollen, welche sich dem Dienste
Gottes geweiht haben. Und oftmals beklagen sie sich ber einen Verlust, den
sie durch eine Gewaltthat erleiden, nicht so sehr, wie ber das, was sie
solchen migen Faulenzern, wie sie sagen, entrichten mssen. Und doch
sehen sie, da solche Leute nicht allein damit beschftigt sind, die Worte
Christi zu hren, sondern da ihre Zeit auch mit dem Lesen und Singen
derselben ausgefllt ist. Sie vergessen, da es, wie der Apostel sagt,
nichts besonderes ist, wenn sie diejenigen mit dem Leiblichen versorgen,
von denen sie geistliche Gaben erwarten, und da es nicht mehr als billig
ist, wenn die, deren Streben auf das Irdische gerichtet ist, denen dienen,
welche sich mit dem Geistlichen beschftigen. Darum ist diese heilsame Mue
und Freiheit auch vom Gesetz selber den Dienern der Kirche eingerumt
worden: der Stamm Levi sollte keinen Teil an dem erblichen Landbesitz
haben, um desto ungestrter dem Herrn dienen zu knnen; dafr sollten ihm
Zehnten und Abgaben von der Arbeit der anderen zufallen.

Was Fasten und Enthaltsamkeit betrifft, die der Christ mehr den Lastern
gegenber ben soll als in Beziehung auf Essen und Trinken, so wird es sich
fragen, ob es sich empfiehlt, hierin zu der kirchlichen Vorschrift noch
weitere Forderungen hinzuzufgen, und dann soll man diejenige Verordnung
geben, die fr uns am besten pat. Ganz besonders richte dein Augenmerk auf
die gottesdienstlichen Verrichtungen und auf die Verteilung der Psalmen,
und trage wenigstens in diesem Stck, wenn irgend mglich, unserer
Schwachheit Rechnung. Wir wollen nicht jede Woche den ganzen Psalter
durchmachen und so immer dieselben Psalmen wiederholen mssen. Auch der
heilige Benedikt, der die Woche so einteilte, wie er's fr angemessen
hielt, hat doch seinen Nachfolgern in diesem Punkt freie Hand gelassen,
indem er sie ermahnt, eine andere Ordnung einzufhren, wenn sie sich mehr
empfehlen sollte. Er war sich dessen bewut, da im Laufe der Zeit die
Herrlichkeit der Kirche immer schner sich entfalten werde und da sie,
anfangs gegrndet auf ein unscheinbares Fundament, dereinst zum herrlichen
Bauwerk sich erheben werde.

Das aber bitten wir dich vor allem festzusetzen, wie wir uns zu verhalten
haben in Beziehung auf die Verlesung des Evangeliums und auf die
nchtlichen Vigilien. Denn um diese Zeit Priester oder Diakonen zu solcher
Verrichtung bei uns einzulassen, scheint mir gefhrlich, da wir doch die
Nhe und den Anblick von Mnnern peinlich meiden sollen, um uns desto
aufrichtiger Gott widmen zu knnen und vor Versuchungen desto sicherer zu
sein.

Dir, mein Geliebter fllt die Aufgabe zu, so lange du noch lebst, uns eine
Regel zu geben, die fr alle Zeiten bei uns in Geltung bleiben soll. Du
bist ja doch nchst Gott der Grnder dieses Heiligtums, du warst durch
Gottes Hand der Schpfer unserer Gemeinschaft, du sollst jetzt mit Gottes
Hilfe der Gesetzgeber unseres Ordens sein. Vielleicht bekommen wir einst
nach dir einen andern Lehrer, der einen andern Grund legen und darauf bauen
mchte. Wir frchten, ein solcher mchte weniger fr uns besorgt sein oder
es mchte uns schwerer fallen, ihm zu gehorchen; auch knnte er vielleicht
wohl den guten Willen, aber nicht die Kraft zum Vollbringen haben. Rede du
zu uns und wir werden hren. Lebe wohl!




VII. Brief.

Abaelard an Heloise.


Geliebte Schwester! Deine Liebe verlangt in deinem und in deiner geistigen
Tchter Namen Aufschlu ber den Orden, welchem ihr angehret und ber den
Ursprung des Standes der Nonnen: ich will dir so kurz und knapp als mglich
darber Auskunft geben.

Die erste Grundlage seiner Lebensordnung hat der Stand der Mnche und
Nonnen von unserem Herrn Jesus Christus selber berkommen. Gleichwohl gab
es auch schon vor der Menschwerdung des Herrn unter Mnner und Frauen
gewisse Anfnge dieser Lebensform. So schreibt Hieronymus an Eustochium:
Die Shne der Propheten, von denen wir im Alten Testament lesen als von
Mnchen. Auch erzhlt der Evangelist von jener Hanna, die bestndig im
Tempel und beim Gottesdienst war und die zugleich mit Simeon den Herrn im
Tempel begren durfte und dabei vom prophetischen Geiste erfllt wurde.
Dann, als die Zeit erfllet war, kam Christus, das Ende des Gesetzes und
alles Guten Vollendung, um das angefangene Gute hinauszufhren und das, was
noch unbekannt war, auszurichten. Wie er gekommen war, um beide
Geschlechter zu sich zu rufen und zu erlsen, so hat es ihm auch gefallen,
beide Geschlechter in dem wahren Mnchtum seiner Gemeinschaft zu
vereinigen. Dadurch sollte dieser Beruf fr Mnner wie fr Frauen seine
weihevolle Bedeutung erhalten, und allen wurde durch Christus die
Vollkommenheit des Lebens vor Augen gestellt, der sie nachstreben sollten.
Und so lesen wir denn von einer Gemeinschaft frommer Frauen, die mit den
Aposteln und brigen Jngern und mit der Mutter des Herrn in Verbindung
standen. Diese Frauen entsagten der Welt und verzichteten auf jeden eigenen
Besitz, um Christum allein zu gewinnen, wie geschrieben steht: Der Herr
ist mein Erbteil. Sie erfllten in frommem Eifer die Bedingung, welche
nach der vom Herrn aufgestellten Regel alle erfllen mssen, die der Welt
den Abschied geben und in die Gemeinschaft dieses frommen Lebens eintreten
wollen. Wer nicht verleugnet alles was er hat, der kann nicht mein Jnger
sein.

Mit welcher Ergebenheit diese heiligen Frauen und wahren Nonnen dem Herrn
nachgefolgt sind, und wie ihre Frmmigkeit von Christus selbst und nachher
von den Aposteln anerkannt und in Ehren gehalten worden ist, das steht
ausfhrlich in der heiligen Geschichte zu lesen. Wir lesen im Evangelium,
wie der murrende Phariser, bei dem der Herr zu Gaste war, von diesem
getadelt und der Liebesdienst des sndigen Weibes weit ber die genossene
Gastfreundschaft gestellt wurde. Wir lesen weiter, wie Lazarus nach seiner
Auferweckung mit den andern bei Tische sa und seine Schwester Martha
allein die Bedienung bernahm, wie Maria ein Pfund kstlicher Salbe auf die
Fe des Herrn go und mit ihren eigenen Haaren sie abtrocknete, und wie
vom Duft dieser kstlichen Salbe das ganze Haus erfllt wurde, und wie im
Gedanken an ihre Kostbarkeit und weil hier eine unntige Verschwendung
getrieben zu werden schien, der Geiz des Judas und der Unwille der brigen
Jnger geweckt wurde. Whrend also Martha sich um die Bewirtung bemht,
bereitet Maria Wohlgerche, die eine erquickt den Mden innerlich, die
andere lt ihm uerliche Pflege angedeihen.

Nur von Frauen erzhlen die Evangelien, da sie dem Herrn gedient haben.
Sie gaben ihr Eigentum fr seinen tglichen Unterhalt hin und versorgten
ihn besonders mit der Notdurft dieses Lebens. Er selbst hat sich seinen
Jngern gegenber bei Tisch, bei der Fuwaschung zum Diener erniedrigt. Es
ist uns aber nichts davon bekannt, da ihm von einem seiner Jnger oder
berhaupt von einem Manne ein hnlicher Dienst erwiesen worden sei: die
Frauen allein stellten ihm, wie schon gesagt, in solchen und allen anderen
Fllen der Bedrftigkeit ihre Dienste zur Verfgung. Das Gegenstck zu der
dienenden Demut des Herrn bei Tische sehen wir in dem Walten der Martha,
und im Liebesdienst der Maria das Gegenstck zur Fuwaschung. Maria zeigt
dabei um so mehr frommen Eifer, je schuldvoller ihre Vergangenheit gewesen
war. Der Herr go Wasser in eine Schale, um die Fuwaschung zu verrichten:
sie aber netzte seine Fe mit Thrnen tiefinnerster Reue, nicht mit
uerlichem Wasser. Jesus trocknete mit einem Linnen den Jngern die Fe,
ihr muten die Haare statt des Tuches dienen. Maria fgte noch
wohlriechende Salben hinzu, whrend uns nicht bekannt ist, da der Herr
etwas hnliches gethan habe. Ferner wei ja jedermann, da sie im Vertrauen
auf seine Gte und Nachsicht sich nicht scheute, ihre Salbe ber sein Haupt
auszugieen. Und zwar wird berichtet, da sie die Salbe nicht aus dem Gef
habe trufeln lassen, sondern sie habe das Gef zerbrochen und so dessen
Inhalt ber den Herrn ausgegossen. Sie wollte damit der Glut ihres frommen
Eifers Ausdruck geben; denn ein Gegenstand, der so hohen Dienstes gewrdigt
war, sollte hinfort zu nichts anderem mehr benutzt werden. Durch diese That
stellte sie jenen Verbrauch der Salbe dar, von dem der Prophet Daniel
geweissagt hatte: wann der Heilige der Heiligen werde gesalbt werden.

Siehe da, ein Weib salbt den Heiligen der Heiligen und legt durch ihre That
Zeugnis ab, da er zugleich derjenige ist, an den sie glaubt und der,
welchen der Prophet im voraus angekndigt hatte. Welch unbegreifliche Gte
des Herrn, oder was fr ein besonderes Verdienst kommt den Frauen zu, da
er nur ihnen sein Haupt wie seine Fe anvertraut, sie zu salben? Wie kommt
das schwchere Geschlecht zu dem hohen Vorrechte, da ein Weib den Herrn
der Herrlichkeit salben durfte, der doch von seiner Empfngnis an mit dem
heiligen Geist gesalbt und geweiht war. Mit sichtbaren Weihemitteln durfte
sie ihn zum Knig und Priester weihen und ihn so auch uerlich zum
Christus, d. h. zum Gesalbten machen.

Wir wissen, da zuerst der Erzvater Jakob einen Stein gesalbt hat, in
prophetischem Hinweis auf den Herrn. Und auch spter war es nur den Mnnern
gestattet, die Salbung von Knigen oder Priestern vorzunehmen oder
berhaupt die Sakramente zu verwalten, nur das Recht zu taufen wurde den
Frauen unter Umstnden eingerumt. Der Erzvater hatte einst den Stein zum
Tempel geweiht, und noch jetzt weiht der Priester den Altar mit l ein.
Also die Mnner geben nur den Abbildern die Weihe, das Weib dagegen hat am
Urbild selbst ihre Wirkung ausgebt, wie denn die Wahrheit selbst bezeugt:
Sie hat ein gutes Werk an mir gethan. Christus selbst wird von einem
Weibe gesalbt, die Christen von Mnnern, das Haupt von einer Frau, die
Glieder von Mnnern.

Mit vollem Recht wird von ihr erzhlt, sie habe die Salbe auf sein Haupt
nicht getrufelt, sondern darber ausgegossen, nach jenem Wort, das die
Braut im Hohenlied von dem Herrn sagt: Dein Name ist eine ausgegossene
Salbe. Auf die berstrmende Flle dieser Salbe deutet auch der Psalmist
vorbildlich hin, wenn er von einer Salbe spricht, die vom Haupt bis zum
Saum des Kleides hinabflo: Wie der kstliche Balsam ist, der herabfliet
vom Haupt Aarons in seinen ganzen Bart, der herabfliet in sein Kleid.

Von David lesen wir, da er eine dreifache Salbung erhalten habe, und auch
Hieronymus erwhnt dies zu Psalm XXVI. Eine dreifache erhalten auch
Christus und die Christen: an den Fen und am Haupt ist der Herr von einem
Weibe gesalbt worden, seinen Leichnam haben, nach dem Bericht des Johannes,
Joseph von Arimathia und Nikodemus mit Spezereien bestattet. Und auch die
Christen werden durch dreifache Salbung geweiht: die erste geschieht durch
die Taufe, die zweite durch die Konfirmation, die dritte durch die letzte
lung.

Erkenne nun, wie die Frau hier bevorzugt wird: Zweimal wird der lebendige
Christus von ihr gesalbt, an Fen und Haupt, und erhlt von ihr die Weihe
des Knigs und des Priesters. Die Salbe aus Myrrhen und Aloe, die zur
Einbalsamierung der Leichen dient, deutet im voraus hin auf die
Unverweslichkeit des Leibes des Herrn, welche auch die Auserwhlten in der
Auferstehung erlangen. Die vorausgehende Salbung durch das Weib aber deutet
an die einzigartige Wrde seines Knigtums wie seiner Priesterwrde; und
zwar die Salbung des Hauptes bedeutet die hhere, die der Fe die
niedrigere Wrde. Siehe da! selbst die Weihe des Knigs empfngt er von
einem Weibe, der doch die von Mnnern ihm gebotene Krone ausschlug und
ihnen entfloh, als sie ihn mit Gewalt zum Knig machen wollten.
Himmlischen, nicht irdischen Knigtums Weihe vollzieht das Weib an ihm, der
selbst spter von sich gesagt hat: Mein Reich ist nicht von dieser Welt.

Bischfe rhmen sich, wenn sie unter dem Beifallsruf der Menge irdische
Knige salben, wenn sie, angethan mit ihren prchtigen goldglnzenden
Gewndern, sterbliche Priester weihen und dabei oftmals diejenigen segnen,
die Gott verflucht. Hier das einfache Weib in ihrem gewhnlichen Kleid,
ohne Pomp und Prunk; trotz des Unwillens der Apostel vollzieht sie an
Christus die Weihe; nicht hoher Rang giebt ihr das Recht dazu, sondern
allein ihre hingebende Frmmigkeit. O starke Glaubensbeharrlichkeit, o
unsagbare Liebesglut, die alles glaubet, alles hoffet, alles trget! Der
Phariser murrt, da des Herrn Fe von einer Snderin sollen gesalbt
werden; die Apostel mibilligen es laut, da das Weib selbst sein Haupt zu
berhren wagt. Aber ihr Glaube bleibt allenthalben unerschttert, sie traut
auf die Gte des Herrn, und der Herr lt sie nicht ohne Schutz und Hilfe.
Wie lieblich und angenehm ihm diese Salbung gewesen, gesteht er ja selbst,
indem er verlangt, man solle sie gewhren lassen, und zu dem entrsteten
Judas sagt: La sie mit Frieden, sie mag's so halten zum Tag meiner
Begrbnis. Als wollte er sagen: mignne nicht diesen Liebesdienst dem
Lebendigen, damit du nicht dadurch zugleich dem Toten das letzte fromme
Zeichen der Verehrung entziehest. Bekannt ist ja, da auch fr die
Bestattung des Herrn fromme Frauen Spezereien bereitet haben. Maria htte
dabei vielleicht nicht mitgewirkt, wenn sie bei jener ersten Gelegenheit
durch eine Zurckweisung in Verlegenheit versetzt worden wre. Ja, als die
Jnger ber die groe Khnheit des Weibes unwillig wurden und nach dem
Bericht des Markus sie anfuhren, besnftigte er ihren Zorn durch milden
Zuspruch und erhob dann des Weibes That also hoch, da er sie ins
Evangelium aufgenommen wnschte und voraussagte, da wo in aller Welt von
ihm gepredigt werden werde, man auch das sagen werde zu Lob und Gedchtnis
dieser Frau, die damals ihrer Khnheit wegen sich tadeln lassen mute. Wir
wissen von keiner andern That der Liebe, die in solcher Weise vom Herrn
selber gelobt und anerkannt worden wre. Auch an dem Beispiel der armen
Witwe, deren Almosen er allen reichen Kirchenstiftungen vorzog, hat er
deutlich gezeigt, wie angenehm vor ihm die Frmmigkeit der Frauen sei.

Petrus hat sich nicht gescheut, es laut auszusprechen, da er und seine
Mitjnger alles um Christi willen verlassen haben. Zachus, voll Sehnsucht
die Ankunft des Herrn erwartend, schenkt die Hlfte seiner Gter den Armen
und ist bereit, so er jemand betrogen hat, es vierfltig wiederzugeben.
Viele andere haben es sich im Namen Christi oder fr Christum noch viel
mehr kosten lassen und haben viel grere Herrlichkeiten in seinen Dienst
gestellt oder um seinetwillen verlassen. Und doch haben sie alle nicht das
hohe Lob des Herrn geerntet wie die Frauen.

Wie gro ihre fromme Hingabe fr ihn war, das lehren uns am deutlichsten
die Vorgnge beim Tode des Herrn. Sie, die Frauen, harren unerschrocken
aus, whrend das Haupt der Apostel seinen Herrn verleugnet, whrend der
Jnger, den der Herr lieb hatte, entflieht und die brigen sich zerstreuen.
Keine Furcht, keine Verzweiflung konnte die Frauen whrend seines Leidens
und in der Stunde des Todes von Christus trennen. Auf sie ganz besonders
scheint das Wort des Apostels zu passen: Wer will uns scheiden von der
Liebe Gottes? Trbsal oder Angst? Darum hat auch Matthus, nachdem er von
sich selber und von den andern Jngern gleicherweise berichtet hatte: Da
verlieen ihn alle Jnger und flohen von ihm -- im weiteren Verlauf seiner
Erzhlung das treue Ausharren der Frauen hervorgehoben, die selbst dem
Gekreuzigten noch zur Seite standen, soweit es ihnen verstattet wurde: Und
es waren viel Weiber da, die von ferne zusahen, die da Jesu waren
nachgefolget aus Galila und hatten ihm gedienet. Auch erzhlt derselbe
Evangelist getreulich, wie sie sich selbst vom Grabe des Herrn nicht
trennen konnten: Es waren aber Maria Magdalena und die andere Maria, die
setzten sich gegen das Grab. Von diesen Frauen berichtet auch Markus: Es
waren auch Weiber da, die von ferne solches schaueten, unter welchen war
Maria Magdalena und Maria des kleinen Jakobs und Joses Mutter, und Salome,
die ihm auch nachgefolget, da er in Galila war und gedienet hatten, und
viele andere, die mit ihm hinauf gen Jerusalem gegangen waren.

Johannes erzhlt, sie seien unter dem Kreuze gestanden, und auch er selbst,
der vorher geflohen war, sei bei dem Gekreuzigten gestanden; aber von dem
Ausharren der Frauen spricht er zuerst, wie wenn er durch ihr Beispiel
ermutigt und zurckgerufen worden wre. Es stund aber bei dem Kreuze Jesu
seine Mutter, und seiner Mutter Schwester, Maria, Kleophas Weib, und Maria
Magdalena. Da nun Jesus seine Mutter sahe und den Jnger dabei stehen u.
s. w.

Diese Ausdauer der heiligen Frauen und die Schwachheit der Jnger hat lange
vor dieser Zeit der fromme Hiob fr die Person Christi angedeutet in
prophetischen Worten: All mein Fleisch ist geschwunden und an meiner Haut
hngt das Gebein, und nur die Lippen an meinen Zhnen sind brig
geblieben. Auf den Gebeinen nmlich beruht die Rstigkeit des Krpers,
weil sie dem Fleisch und der Haut zur Sttze dienen. In dem Leib Christi
nun, d. h. in der Kirche, ist unter dem Gebein der feste Grund des
christlichen Glaubens gemeint oder jene glhende Liebe, von welcher es im
Lied der Lieder heit, da auch viel Wasserstrme die Liebe nicht mgen
verlschen; von welcher auch der Apostel sagt: Sie trget alles, sie
glaubet alles, sie hoffet alles, sie duldet alles. Das Fleisch aber bildet
am Krper das Innere, die Haut das uere. Die Apostel, die durch ihre
Predigt fr die Nahrung der Seele sorgen und die Frauen, die sich um die
Bedrfnisse des Krpers bemhen, werden mit dem Fleisch und mit der Haut
(am Leibe Christi) verglichen. Da nun das Fleisch dahinschwand, hing das
Gebein Christi unmittelbar an der Haut; das heit: als die Jnger am Leiden
ihres Herrn Ansto nahmen und ber seinen Tod in Verzweiflung gerieten,
blieb die fromme Ergebenheit der Frauen unerschttert und wich keinen Zoll
breit von dem Gebein Christi. Denn die Beharrlichkeit des Glaubens, der
Hoffnung, der Liebe hielt sie so fest bei ihm zurck, da sie selbst von
dem Toten sich nicht trennen konnten, weder in Gedanken noch krperlich.
Die Mnner sind ja von Natur an Geist und Krper den Frauen berlegen.
Darum wird mit Recht die mnnliche Natur unter dem Bilde des Fleisches
dargestellt, welches dem Gebein nher ist, die schwache Natur des Weibes
dagegen unter dem Bilde der Haut. Ferner: die Aufgabe der Apostel ist es,
die sndigen Menschen durch ihre Rge gleichsam zu beien, darum stellen
sie die Zhne des Herrn dar. Ihnen sind nur noch die Lippen brig
geblieben, das heit Worte statt Thaten; denn in ihrer Hoffnungslosigkeit
redeten sie wohl von Christus, thaten aber nichts fr ihn. In dieser
Verfassung waren auch die beiden Jnger, die nach Emmaus gingen und
miteinander redeten von allem, was in diesen Tagen geschehen war; denen
dann der Herr erschien und ihrer Mutlosigkeit aufhalf. Endlich: was hatten
Petrus und die brigen Jnger anderes als Worte, als der Herr seinen
Leidensweg betreten mute und der Herr selbst ihnen vorausgesagt hatte, da
sie sich an seinem Leiden rgern werden? Wenn sie auch alle, sprach
Petrus, sich an dir rgerten, so will ich doch mich nimmermehr rgern. Und
noch mehr: Und wenn ich mit dir sterben mte, so will ich dich nicht
verleugnen. Desgleichen sagten auch alle Jnger. Freilich: sie sagten mehr
als sie thaten. Jener erste und grte Apostel, der mit dem Munde so
standhaft war, da er zum Herrn sagte: Ich bin bereit, mit dir ins
Gefngnis und in den Tod zu gehen; dem der Herr seine Kirche im besonderen
anvertraut hatte mit den Worten: Wenn du dich dermaleins bekehrst, so
strke deine Brder -- er schmt sich nicht, auf das Wort einer Magd hin
seinen Herrn zu verleugnen. Und nicht blo einmal thut er das, sondern
dreimal hintereinander; whrend sein Meister noch lebt, verleugnet er ihn,
und ebenso fliehen alle brigen Jnger von ihm in alle Winde; die Frauen
dagegen lassen sich von ihm, auch nach seinem Tode, nicht trennen, weder
geistig noch krperlich. Eine von ihnen, jene fromme Snderin, spricht,
indem sie den Toten noch sucht und ihn ihren Herrn nennt: Sie haben meinen
Herrn weggenommen, und weiter: Hast du ihn weggetragen, so sage mir, wo
hast du ihn hingeleget, so will ich ihn holen. Die Widder, ja vielmehr die
Hirten, der Herde des Herrn, sie fliehen: die Schafe harren mutig aus.
Seine Jnger mute der Herr ihrer fleischlichen Schwche wegen tadeln, denn
sie vermochten selbst in seiner hchsten Leidensnot nicht eine Stunde mit
ihm zu wachen. Die Frauen brachten an seinem Grab eine schlaflose Nacht
unter Thrnen zu und wurden gewrdigt, die Herrlichkeit des Auferstandenen
zuerst zu sehen. Dem sie so treu waren bis in den Tod, sie haben ihm ihre
Liebe, whrend er lebte, nicht mit Worten, sondern mit Thaten bewiesen. Und
von der Angst, die sie um sein Leiden und Sterben erlitten hatten, wurden
sie zuerst befreit durch die frohe Kunde, da er auferstanden sei und lebe.

Whrend, nach Johannes, Joseph von Arimathia und Nikodemus den Leichnam des
Herrn in Leinwand wickelten und mit Spezereien bestatteten, sahen, nach dem
Berichte des Markus, Maria Magdalena und Maria, die Mutter Joses, mit Eifer
zu, wohin er gelegt wurde. Auch Lukas erzhlt von ihnen; Es folgten aber
die Weiber nach, die mit ihm kommen waren aus Galila und beschaueten das
Grab und wie sein Leib gelegt ward; sie kehreten aber um und bereiteten
Spezereien. Sie begngten sich nicht mit den Spezereien des Nikodemus, sie
wollten auch die ihrigen noch dazu thun. Und den Sabbath ber waren sie
stille nach dem Gesetz; nach Markus aber kamen, als der Sabbath um war, in
aller Frhe am Tage der Auferstehung selbst Maria Magdalena und Maria
Jakobi und Salome zum Grab.

Nachdem wir nun ihren frommen Eifer gezeigt haben, wollen wir weiter sehen,
welcher Ehre sie gewrdigt wurden. Frs erste wurden sie durch die
Erscheinung des Engels getrstet mit der Kunde, da der Herr schon
auferstanden sei; sodann durften sie zuerst den Herrn sehen und berhren.
Und zwar vor allen andern Maria Magdalena, deren Liebesglut die lebendigste
war; dann die andern mit ihr, von welchen es heit, da sie nach der
Engelserscheinung zum Grabe hinausgingen und liefen, da sie es seinen
Jngern verkndigeten, und siehe da begegnet ihnen Jesus und sprach: Seid
gegret. Und sie traten zu ihm und griffen an seine Fe und fielen vor
ihm nieder. Da sprach Jesus: Gehet hin und verkndiget es meinen Brdern,
da sie gehen nach Galila: daselbst werden sie mich sehen. Auch Lukas
berichtet darber in hnlicher Weise: Es waren aber Maria Magdalena und
Johanna und Maria Jakobi, und andere mit ihnen, die solches den Aposteln
sagten. Auch Markus verschweigt es nicht, da die Frauen zuerst von dem
Engel zu den Aposteln geschickt worden seien, um es ihnen zu verkndigen;
er lt den Engel zu den Weibern sagen: Er ist auferstanden, er ist nicht
hier. Gehet aber hin und saget es seinen Jngern und Petrus, da er vor
euch hingehen wird in Galila. Auch der Herr selbst, da er zuerst der
Maria Magdalena erscheint, sagt zu ihr: Gehe hin zu meinen Brdern und sag
ihnen, ich fahre auf zu meinem Vater.

Wir sehen aus diesen Berichten, da jene frommen Frauen gleichsam als
Apostelinnen ber die Apostel gesetzt wurden, da sie entweder vom Herrn
oder von den Engeln zu ihnen gesandt werden, um ihnen die Freudenbotschaft
der Auferstehung zu bringen, auf die alle warteten, so da die Apostel von
den Frauen zuerst erfuhren, was sie nachher aller Welt predigten.

Der Evangelist hat, wie wir oben sahen, erzhlt, da der Herr die Frauen
grte, als er ihnen nach seiner Auferstehung begegnete: durch seine
Begegnung wie durch seinen Gru wollte er ihnen zeigen, wie sehr sie
Gegenstand seiner frsorgenden Liebe seien. Wir erfahren nirgends, da er
anderen gegenber das ausdrckliche Begrungswort: seid gegret
gebraucht habe: im Gegenteil hat er ja frher seinen Jngern das Gren
untersagt mit den Worten: Und gret niemand auf dem Wege. Es ist, als
htte er dieses Vorrecht bis jetzt den frommen Frauen aufbehalten und
selbst an ihnen ausben wollen, nachdem er schon die Glorie der
Unsterblichkeit erlangt hatte.

Auch in der Apostelgeschichte, welche berichtet, da die Apostel alsbald
nach der Himmelfahrt des Herrn vom lberg nach Jerusalem zurckgekehrt
seien, und die Frmmigkeit jener heiligen Gemeinschaft ausfhrlich
schildert, wird der fromme Eifer und die Standhaftigkeit der Frauen im
Glauben nicht mit Stillschweigen bergangen, sondern es heit von ihnen:
diese alle waren stets bei einander einmtig mit Bitten und Flehen samt
den Weibern und Maria, der Mutter Jesu.

Aber wir wollen nicht weiter sprechen von den jdischen Frauen, die gleich
im Anfang, whrend der Herr selbst noch lebte und das Evangelium
verkndigte, zum Glauben kamen und den Grund legten zu der Lebensweise, die
ihr erwhlt habt. Sondern wir wollen auch der griechischen Witwen gedenken,
welche spter von den Aposteln in die Gemeinde aufgenommen worden sind; wir
werden da sehen, mit welcher Liebe und Sorgfalt die Apostel ihnen
entgegenkamen und wie jener ruhmreiche Bannertrger des christlichen
Hufleins, Stephanus, der erste der Mrtyrer, mit einigen anderen
geistbegabten Mnnern von den Aposteln zu ihrem Dienste aufgestellt wurde.
Auch hierber berichtet die Apostelgeschichte: In den Tagen aber, da der
Jnger viel wurden, erhub sich ein Murmeln unter den Griechen wider die
Hebrer, darum da ihre Witwen bersehen wurden in der tglichen
Handreichung. Da riefen die Zwlfe die Menge der Jnger zusammen und
sprachen: 'Es taugt nicht, da wir das Wort Gottes unterlassen und zu
Tische dienen. Darum, ihr lieben Brder, sehet unter euch nach sieben
Mnnern, die ein gut Gercht haben und voll heiligen Geists und Weisheit
sind, welche wir bestellen mgen zu dieser Notdurft. Wir aber wollen
anhalten am Gebet und am Amt des Wortes.' Und die Rede gefiel der ganzen
Menge wohl und erwhleten Stephanum, einen Mann voll Glauben und heiligen
Geistes und Philippum und Prochorum und Nikanor und Timon und Parmenam und
Nikolaum, den Judengenossen von Antiochia. Diese stellten sie vor die
Apostel und beteten und legten die Hnde auf sie. Es spricht gar sehr fr
die Enthaltsamkeit des Stephanus, da er zum Dienst und zur Frsorge fr
die frommen Frauen bestellt wurde. Was fr ein hohes Ehrenamt die
Verwaltung dieses Dienstes war und wie verdienstlich vor Gott und in den
Augen der Apostel, das haben sie selber bezeugt durch das Gebet, mit dem
sie die Handlung weihten, und durch Auflegung der Hnde, als wollten sie
diejenigen, die damit betraut wurden, beschwren, Treue zu halten, und
durch ihren Segen und ihr Gebet ihnen die Kraft dazu verleihen.

Auch der Apostel Paulus nimmt diesen Dienst als ein Recht seines
Apostelamtes in Anspruch: Haben wir nicht Macht, sagt er, eine Schwester
zum Weibe mit umherzufhren, wie die andern Apostel? Als wollte er sagen:
Ist es uns nicht erlaubt, ein Gefolge von frommen Frauen zu haben und sie
auf unsern Missionsreisen mit uns zu fhren, wie die andern Apostel, damit
sie, whrend wir das Wort Gottes predigen, von dem Ihrigen unsere ueren
Bedrfnisse befriedigen? Darum sagt auch der heilige Augustin in seinem
Buch Vom Werk der Mnche: Darum gingen glubige Weiber mit ihnen, die
mit den Gtern dieser Welt gesegnet waren, und thaten ihnen von dem Ihrigen
Handreichung, damit sie an dem, was zum Unterhalt des Lebens dient, nicht
Mangel litten. Ferner: Wer nicht glauben will, da die Apostel frommen
Frauen gestatteten, sie berall hin zu begleiten, wo sie das Evangelium
verkndigten, der mge das Evangelium selbst nachlesen und daraus ersehen,
da sie hierin dem Beispiel des Herrn selber folgten. Denn im Evangelium
heit es: 'Und es begab sich danach, da er reisete durch Stdte und Mrkte
und predigte und verkndigte das Evangelium vom Reich Gottes, und die
Zwlfe mit ihm; dazu etliche Weiber, die er gesund hatte gemacht von den
bsen Geistern und Krankheiten, nmlich Maria, die da Magdalena heiet, und
Johanna, das Weib Chusa, des Pflegers Herodis, und Susanna und viel andere,
die ihnen Handreichung thaten von ihrer Habe'. Hieraus geht also deutlich
hervor, da der Herr, whrend er predigend umherzog, von dienenden Frauen
mit den Bedrfnissen des uerlichen Lebens versorgt wurde und da diese
Frauen gleichwie die Apostel seine unzertrennliche Begleitung bildeten.

Als dann der Drang zu einem gottgeweihten Leben unter Mnnern und Frauen
sich hufiger einstellte, hatten schon in den Anfangszeiten der Kirche
Frauen wie Mnner besondere klsterliche Behausungen. So erwhnt die
Kirchengeschichte das Lob, welches der beredte Jude Philo ber die
alexandrinische Kirche unter der Leitung des Markus nicht nur
ausgesprochen, sondern auch schriftlich in hohen Ausdrcken niedergelegt
hat; es heit dort Buch II, Kapitel XVI unter anderem: In vielen Gegenden
der Erde leben solche Menschen. Und bald darauf: An jedem dieser Orte
befindet sich ein der Andacht geweihtes Haus, welches 'senivor' oder
'Monasterium' genannt wird. Ferner heit es weiter unten: Sie kennen
nicht blo die besten frommen Lieder der Alten, sondern dichten auch selbst
neue zur Ehre Gottes, welche sie nach verschiedenen Rhythmen und Tonarten
gar lieblich singen. Es wird dann verschiedenes von ihrer Enthaltsamkeit
und von der Art ihres Gottesdienstes berichtet, worauf es weiter heit:
Bei den Mnnern, von denen wir sprechen, befinden sich auch Frauen,
darunter mehrere schon hochbetagte Jungfrauen, welche ihren Leib unberhrt
und keusch bewahren, nicht aus irgend welchem Zwang, sondern aus
Frmmigkeit; die, whrend sie mit Eifer dem Studium der Weisheit obliegen,
nicht allein ihre Seele, sondern auch den Leib heiligen und es fr unwrdig
halten, da das zur Aufnahme der Weisheit bestimmte Gef der Lust diene,
oder da diejenigen sterbliche Kinder gebren, die nach der geheiligten
unsterblichen Frucht des gttlichen Wortes streben und die eine
Nachkommenschaft hinterlassen sollen, die nimmermehr dem Tod und der
Vernichtung anheimfllt. Weiter heit es von Philo: Er schreibt auch von
ihren Gemeinschaften, da Mnner und Weiber getrennt in besonderen
Vereinigungen leben, und da sie Vigilien halten, wie es bei uns jetzt noch
Sitte ist.

Hierher gehrt auch, was die Dreiteilige Geschichte zum Lobe der
christlichen Philosophie, d. h. des Mnchslebens sagt, dem Frauen wie
Mnner sich ergeben. Es heit da Buch I, Kapitel XI: Die Begrnder dieser
tiefsinnigen Philosophie waren, wie einige behaupten, der Prophet Elias und
Johannes der Tufer. Der Pythagorer Philo aber erzhlt, da zu seiner
Zeit fromme Hebrer aus verschiedenen Gegenden sich in einem Landhaus bei
einem Sumpf Maria, auf einem Hgel gelegen, vereinigt und dort der
Philosophie gelebt haben. Ihre Wohnung aber und die Art, sich zu ernhren
und ihre ganze Lebensweise schildert er so, wie wir sie bei den gyptischen
Mnchen jetzt noch beobachten. Er schreibt, da sie vor Sonnenuntergang
keine Speise zu sich nehmen, des Weines und des Fleisches sich gnzlich
enthalten, als Speise diene ihnen Brot, Salz und Ysop, als Trank Wasser.
Mit ihnen zusammen wohnen hochbetagte Weiber, die aus Liebe zur Philosophie
Jungfrauen geblieben waren und freiwillig auf die Ehe verzichtet hatten.

hnlich lautet, was Hieronymus im 8. Kapitel seines Buches Berhmte
Mnner zum Lobe des Markus und seiner Kirche schreibt: Er zuerst predigte
in Alexandria von Christus und grndete daselbst eine Kirche, durch Lehre
und Sittenstrenge so ausgezeichnet, da sich alle Christen an ihr ein
Beispiel nehmen muten. Endlich hat Philo, der gewandteste Schriftsteller
der Juden, welcher die erste damals noch judenchristliche Kirche zu
Alexandria erlebte, zur Verherrlichung seines Volkes ein Buch ber dessen
Bekehrung geschrieben, und wie Lukas erzhlt, da die Glubigen in
Jerusalem alles gemeinsam besessen haben, so hat auch Philo die Vorgnge in
der unter der Leitung des Markus stehenden alexandrinischen Kirche dem
Gedchtnis berliefert.

Ebenso sagt Hieronymus des weiteren im 11. Kapitel: Der Jude Philo, von
Geburt ein Alexandriner und einer Priesterfamilie angehrend, wird von uns
darum unter die Kirchenschriftsteller gezhlt, weil er in seinem Buch ber
die erste, vom Evangelisten Markus gegrndete Kirche von Alexandria sich in
Lobsprchen ber die Unsrigen ergeht und erwhnt, da dieselben nicht blo
hier, sondern auch in vielen anderen Provinzen sich aufhalten, und ihre
Wohnungen Klster nennt.

Daraus geht doch hervor, da im Anfang die Gemeinschaft der Christen von
der Art gewesen ist, wie sie jetzt die Mnche nachahmen und erstreben: da
besa keiner etwas fr sich, da gab es weder arm noch reich; was man hatte,
wurde unter die Bedrftigen verteilt, im brigen fllte man die Zeit aus
mit Gebet und Singen, mit Predigt und bung in der Enthaltsamkeit, wie dies
Lukas in hnlicher Weise von der ersten Christengemeinde in Jerusalem
berichtet.

Lesen wir die Geschichten des Alten Testamentes nach, so finden wir da, da
in allen Angelegenheiten, welche Gott oder besondere religise Leistungen
betreffen, die Frauen nicht hinter den Mnnern zurckgeblieben sind. Die
heiligen Urkunden berichten, da sie ebenso wie die Mnner Lieder zur Ehre
Gottes nicht blo gesungen, sondern auch selbst gedichtet haben. Das erste
Lied von der Befreiung Israels haben nicht die Mnner allein, sondern mit
ihnen die Frauen dem Herrn zum Preise gesungen, und sie haben sich dadurch
das Recht erworben, beim Gottesdienst im Tempel mitzuwirken. Denn also
steht geschrieben: Und Mirjam, die Prophetin, Aarons Schwester, nahm eine
Pauke in ihre Hand, und alle Weiber folgten ihr nach, hinaus mit Pauken am
Reigen und sie sang ihnen vor: 'lasset uns dem Herrn singen, denn er hat
eine herrliche That gethan'. Dort wird Moses nicht genannt und von ihm
wird nicht gesagt, da er wie Mirjam vorgesungen habe, berhaupt wird von
den Mnnern nicht berichtet, da sie gleich den Weibern mit Pauken am
Reigen gegangen seien. Wenn nun Mirjam die vorsingende Prophetin genannt
wird, so scheint sie jenen Gesang nicht blo vorgetragen und abgesungen,
sondern in prophetischer Begeisterung gedichtet zu haben. Wenn es ferner
heit, sie habe den brigen vorgesungen, so ist das ein Beweis fr die
strenge Ordnung und Harmonie ihres Spiels. Und da sie nicht blo einfach
sangen, sondern ihren Gesang mit Pauken begleiteten und besondere Singchre
bildeten, zeugt nicht allein fr ihren groen Eifer, sondern deutet auch
vorbildlich hin auf den geistlichen Gesang in den klsterlichen
Gemeinschaften. Auch der Psalmist ermuntert uns dazu mit den Worten: Lobet
ihn mit Pauken und Reigen, d. h. so viel als: durch Abttung des Fleisches
und durch jene eintrchtige Liebe, von der geschrieben steht: Die Menge
der Glubigen war Ein Herz und Eine Seele.

Auch das, womit die Frauen ihren Gesang nach dem Berichte begleitet haben,
ist nicht ohne sinnbildliche Bedeutung: es wird dadurch dargestellt der
Jubel der in Gott versunkenen Seele, welche, indem sie sich zu den
himmlischen Regionen emporschwingt, gleichsam die Htte ihrer irdischen
Behausung verlt und aus der tiefen Wonne ihrer Gottversunkenheit heraus
frohlockend dem Herrn ein Loblied singt.

Wir haben im Alten Testament auch noch Lieder von Debora, Hanna und von der
Witwe Judith, sowie im Evangelium eines von der Mutter des Herrn. Indem
Hanna ihren Knaben Samuel dem Tempel des Herrn geweiht hat, hat sie damit
den Klstern das Recht zur Aufnahme von Kindern gegeben. Daher schreibt
Isidorus in seinem Brief an die im Kloster des Honorianus lebenden Brder,
Kapitel V: Wer von seinen Eltern dem Kloster geweiht worden ist, der soll
wissen, da er daselbst fr immer zu bleiben hat. Denn auch Hanna hat ihren
Sohn Samuel dem Herrn dargebracht, und er blieb beim Dienste des Tempels,
zu welchem er von seiner Mutter bestimmt worden war, und diente an dem
Platze, auf den man ihn gestellt hatte. Es ist auch sicher, da die
Tchter Aarons am Dienste des Heiligtums und am Erbe Levis denselben Anteil
hatten wie ihre Brder; Gott wies ihnen ebenso ihren Unterhalt an, wie im
Buche Numeri geschrieben steht, wo der Herr selbst zu Aaron spricht: Alle
Hebopfer, welche die Kinder Israel heiligen dem Herrn, habe ich dir gegeben
und deinen Shnen und Tchtern samt dir zum ewigen Recht. Es scheint
demnach, als habe man auch fr den Stand der Kleriker keinen Unterschied
gemacht zwischen Mann und Weib. Sicher ist vielmehr, da die Frauen mit den
Mnnern durch Gleichheit der Benennung verbunden sind, denn man redet ja
von Diakonissen so gut wie von Diakonen, als sollten wir in diesen beiden
Namen Gegenstcke finden zu den Leviten und Levitinnen.

In demselben Buch finden wir auch, da jenes strenge Gelbde und die Weihe
der Nasirer ebenso fr Frauen wie fr Mnner seine Geltung hatte, denn der
Herr selbst spricht zu Mose: Sage den Kindern Israel und sprich zu ihnen:
Wenn ein Mann oder Weib ein Gelbde thut, dem Herrn sich zu enthalten, der
soll sich Weins und starken Getrnks enthalten. Weinessig oder starken
Getrnks Essig soll er auch nicht trinken, auch nichts, das aus Weinbeeren
gemacht wird. Er soll weder frische noch drre Weinbeeren essen, so lange
solches sein Gelbde whret; auch soll er nichts essen, das man vom
Weinstock machet, weder Weinkern noch Hlsen, so lange die Zeit solches
seines Gelbdes whret. Dieses Gelbde, glaube ich, hatten jene Weiber auf
sich genommen, die an der Thre des Heiligtums Wache hielten, aus deren
Spiegeln Moses ein Gef verfertigte, in welchem sich Aaron und seine Shne
waschen sollten, wie geschrieben steht: Moses stellte ein ehernes Becken
auf, da Aaron und seine Shne sich daraus wschen; das er verfertigt hatte
aus den Spiegeln der Weiber, die an der Thre des Heiligtums wachten.
Ausdrcklich wird hervorgehoben die Glut ihres frommen Eifers, mit welcher
sie selbst bei geschlossenem Heiligtum nicht von dessen Schwelle wichen,
sondern wachend die heiligen Vigilien einhielten, auch die Nacht im Gebete
verbringend und von dem Dienste Gottes nicht lassend, whrend die Mnner
schliefen. Durch die Erwhnung, da das Heiligtum ihnen verschlossen war,
wird treffend hingedeutet auf das Leben der Benden, welche sich von den
brigen Menschen absondern, um sich in reuevoller Bue desto hrter
anzugreifen. Dieses Leben ist ein besonders deutliches Abbild der
mnchischen Lebensweise, in welcher man im groen Ganzen eine mildere Form
der Bue sehen kann. Das Heiligtum aber, an dessen Thre die Frauen
wachten, ist das mystische Abbild dessen, wovon der Apostel im Brief an die
Hebrer spricht: Wir haben einen Altar, davon nicht Macht haben zu essen,
die der Htte pflegen, d. h. an welchem teilzunehmen diejenigen nicht
wrdig sind, die ihrem Krper, in welchem sie hienieden, als gleichsam in
einem Lager, dienen, zur Lsternheit verhelfen. Die Thr des Heiligtums
aber bedeutet das Ende dieses Lebens, wann die Seele vom Krper ausgeht und
die Schwelle des ewigen Lebens betritt. Die an dieser Thre wachen, sind
die, welche ber den Ausgang aus diesem Leben und ber den Eintritt ins
zuknftige sich Sorge machen und durch Bue diesen Ausgang also gestalten,
da sie dereinst jenes Eingangs gewrdigt werden. Auf diesen tglichen
Eingang und Ausgang der heiligen Gemeinde bezieht sich das Gebet des
Psalmisten: Der Herr behte deinen Eingang und Ausgang. Denn unsern
Eingang und Ausgang behtet er dann, wenn er uns, die wir von hier
ausziehen und vorher durch die Bue uns gereinigt haben, alsbald dort
einlt. Mit Recht aber nennt David den Eingang vor dem Ausgang, nicht
sowohl mit Rcksicht auf die Reihenfolge, als vielmehr auf das geringere
oder hhere Ansehen der beiden Begriffe. Denn dieser Ausgang des
sterblichen Lebens vollzieht sich nur unter Schmerzen, whrend jener
Eintritt ins ewige Leben mit der hchsten Wonne verbunden ist. Die Spiegel
der Frauen sind die ueren Werke, nach denen man die Hlichkeit oder
Schnheit der Seele beurteilen kann, wie man in einem wirklichen Spiegel
die Beschaffenheit des menschlichen Angesichtes erkennt. Aus diesen ihren
Spiegeln wird ein Gef verfertigt, in dem sich Aaron und seine Shne
waschen sollen; dies soll heien: die guten Werke der frommen Frauen und
die Treue des schwachen Geschlechts gegen Gott verurteilen aufs schrfste
die Lssigkeit der Priester und ltesten und veranlassen sie zu Thrnen der
Reue, und so erwirken die Frauen durch ihre Werke jenen die Gnade, durch
welche sie von ihren Snden reingewaschen werden. Aus solchen Spiegeln hat
gewi der heilige Gregorius sich ein Gef der Bue bereitet, als er die
Mannhaftigkeit frommer Frauen und das siegreiche Martyrium des schwachen
Geschlechts bewundernd mit einem Seufzer fragte: Was werden die rauhen
Mnner sagen, wenn sie zarte Jungfrauen solche Leiden um Christi willen
ertragen und das gebrechliche Geschlecht aus dem schwersten Kampfe
siegreich hervorgehen sehen, so da man ihm oft die doppelte Krone der
Jungfrulichkeit und des Martyriums zuerkennen mu?

Ich zweifle nicht daran, da zu den oben erwhnten Frauen, die an der Thre
der Stiftshtte wachen und die als eine Art Nasirerinnen ihre Witwenschaft
dem Herrn geweiht haben, auch jene fromme Hanna gehrt, die zugleich mit
dem heiligen Simeon gewrdigt wurde, den vornehmsten Nasirer, unsern Herrn
Jesum Christum, im Tempel zu begren und die, was keinem Propheten
vergnnt war, zur selben Stunde wie Simeon den Heiland durch Mitteilung des
Geistes erkennen, sein Erscheinen anzeigen und ffentlich verkndigen
durfte. Ihr zum Lobe erzhlt der Evangelist: Und es war eine Prophetin
Hanna, eine Tochter Phanuel, vom Geschlecht Aser. Die war wohlbetagt und
hatte gelebt sieben Jahr mit ihrem Mann nach ihrer Jungfrauschaft. Und war
nun eine Witwe bei vierundachtzig Jahren; die kam nimmer vom Tempel, diente
Gott mit Fasten und Beten Tag und Nacht. Dieselbige trat auch hinzu zu
derselbigen Stunde und preisete den Herrn und redete von ihm zu allen, die
da auf die Erlsung zu Jerusalem warteten.

Merke jedes einzelne Wort und sieh, wie der Evangelist sich Mhe giebt mit
dem Lob dieser Witwe, und in welch hohen Ausdrcken er ihre
Vortrefflichkeit erhebt. Alles ist hier sorgfltig aufgezhlt: die Gabe der
Prophetin, die ihr verliehen war, ihr Vater, ihr Geschlecht, die lange Zeit
ihres gottgeweihten Witwenstandes, welche auf die sieben Jahre folgte, die
sie mit ihrem Manne gelebt hatte, ihre Anhnglichkeit an den Tempel, ihr
anhaltendes Fasten und Beten, das Lob, das sie dem Herrn spendete, der
Dank, den sie ihm darbrachte und ihr ffentliches Reden von dem verheienen
und nunmehr geborenen Heiland.

Auch den Simeon lobt der Evangelist, aber nicht wegen der Gabe der
Prophetin, sondern wegen seiner Gerechtigkeit; auch erwhnt er nicht von
ihm, da er in der Tugend der Enthaltsamkeit so stark und im Dienste des
Herrn so eifrig gewesen sei, wei auch nichts davon, da er andern
gegenber vom Messias geredet habe.

Diesem Stand und Lebensberuf gehren auch jene rechten Witwen an, ber
welche der Apostel dem Timotheus folgendes schreibt: Ehre die Witwen,
welche rechte Witwen sind. Ferner: Das ist aber eine rechte Witwe, die
einsam ist, die ihre Hoffnung auf Gott stellet und bleibet am Gebet und
Flehen Tag und Nacht. Solches gebeut, auf da sie untadelig seien. Und
weiter: So aber ein Glubiger Witwen hat, der versorge dieselbigen und
lasse die Gemeine nicht beschweret werden, auf da die so rechte Witwen
sind, mgen genug haben. Rechte Witwen nennt der Apostel diejenigen,
welche ihren Witwenstand nicht durch eine zweite Heirat entweiht haben,
oder solche, die aus Frmmigkeit, nicht aus Zwang, in diesem Stande
verharrend, sich dem Herrn geweiht haben. Einsam nennt er sie, weil sie
allem entsagen und von irdischem Trost nichts mehr erwarten oder weil sie
niemand haben, der fr sie Sorge trgt. Solche Witwen sollen, nach der
Vorschrift des Apostels, geehrt und aus den Mitteln der Kirche unterhalten
werden, als aus dem Eigentum ihres himmlischen Brutigams.

Er bestimmt auch genau, welche von den Witwen zum Diakonissenamte zu whlen
seien: La keine Witwe erwhlet werden unter sechzig Jahren, und die da
gewesen sei Eines Mannes Weib und die ein Zeugnis habe guter Werke, so sie
Kinder aufgezogen hat, so sie gastfrei gewesen ist, so sie der Heiligen
Fe gewaschen hat, so sie den Trbseligen Handreichung gethan hat, so sie
allem guten Werk nachgekommen ist. Der jungen Witwen aber entschlage dich.

Diesen letzteren Punkt fhrt der heilige Hieronymus noch weiterhin also
aus: Vermeide es, sie mit dem Diakonissenamte zu betrauen, damit nicht ein
bses statt ein gutes Beispiel gegeben werde, wenn Jngere zu diesem Amt
gewhlt werden, die der Versuchung leichter zugnglich und von Natur noch
schwcher sind: sie mchten sonst, da sie noch nicht ein langes, an
Erfahrungen reiches Leben hinter sich haben, denen ein bles Beispiel
geben, welchen sie ein Vorbild im Guten sein sollten. Von dem blen
Beispiel, das durch junge Witwen gegeben werden knne, redet der Apostel so
offen, weil er in dieser Beziehung seine Erfahrungen gemacht hatte, und
diesem belstand will er durch seinen Rat vorbeugen. Nachdem er gesagt hat:
Der jungen Witwen entschlage dich, fgt er alsbald den Grund und das
Mittel zur Abhilfe hinzu, indem er weiter sagt: Denn wenn sie geil worden
sind wider Christum (d. h. trotz Christus), so wollen sie freien und haben
ihr Urteil, da sie die erste Treue gebrochen haben; daneben sind sie faul
und lernen umlaufen durch die Huser; nicht allein aber sind sie faul,
sondern auch schwtzig und vorwitzig und reden, das nicht sein soll. So
will ich nun, da die jungen Witwen freien, Kinder zeugen, Haus halten, dem
Widersacher keine Ursache geben zu schelten. Denn es sind schon etliche
umgewandt dem Satan nach.

Diese Vorsicht des Apostels in Beziehung auf die Wahl der Diakonissen teilt
der heilige Gregorius in seinem Brief an Maximus, den Bischof von Syrakus,
in welchem er sagt: Junge btissinnen wollen wir durchaus nicht; deine
brderliche Liebe mge daher den Bischfen gebieten, nur Jungfrauen, die
das sechzigste Lebensjahr erreicht haben und deren Leben und Sitten erprobt
sind, den Schleier zu geben. Was wir jetzt btissin nennen, nannte man
frher Diakonisse, da man sie mehr als Dienerinnen ansah denn als Mutter.
Diakon heit Diener und man hielt dafr, da die Diakonissen nach ihrem
dienenden Amt, nicht nach ihrer bevorzugten Stellung zu benennen seien, wie
uns dies der Herr durch sein Beispiel und Wort gelehrt hat, der da spricht:
Wer unter euch der Greste ist, der soll aller Diener sein. Und
wiederum: Welcher ist der Greste, der zu Tische sitzt oder der da
dienet? Ich aber bin unter euch wie ein Diener. Und an einer andern
Stelle: Des Menschen Sohn ist nicht gekommen, da er ihm dienen lasse,
sondern da er diene. Darum hat auch Hieronymus sich nicht gescheut, kraft
gttlicher Autoritt den Titel Abt, den damals schon viele mit Stolz
fhrten, zu verwerfen. In seiner Auslegung der Stelle des Galaterbriefs:
Der schreiet: Abba, lieber Vater, sagt er: Abba bedeutet im Hebrischen
'Vater'. Da nun Abba im Hebrischen und Syrischen 'Vater' heit und der
Herr im Evangelium gebietet, man solle niemand Vater nennen, als Gott, so
wei ich nicht, mit welchem Recht wir in den Klstern entweder andere bei
diesem Namen nennen oder uns selber so nennen lassen. Gewi ist derjenige,
welcher dieses Gebot ausgesprochen hat, doch derselbe, der auch gesagt hat:
du sollst nicht schwren. Wenn wir nicht schwren, so drfen wir auch
niemand Vater nennen. Wenn wir aber das Wort 'Vater' anders auslegen, so
mssen wir notwendig auch ber das Gebot vom Schwren anders denken.

Eine solche Diakonisse war jene Phbe, welche der Apostel Paulus der
rmischen Gemeinde so angelegentlich empfahl und fr die er folgendes gute
Wort einlegte: Ich befehle euch aber unsere Schwester Phbe, welche ist am
Dienst der Gemeine zu Kenchre, da ihr sie aufnehmet in dem Herrn, wie
sich's ziemet den Heiligen, und thut ihr Beistand in allem Geschft,
darinnen sie eurer bedarf. Denn sie hat auch vielen Beistand gethan, auch
mir selbst. Cassiodorius und Claudius, die diese Stelle erklren, sagen
ebenfalls aus, da sie in jener Gemeinde Diakonisse gewesen sei. Bei
Cassiodorius heit es: Der Apostel deutet an, da sie Diakonisse der
Muttergemeinde gewesen sei. Dieses Amt wird in der griechischen Kirche noch
heutzutage von Frauen gleichsam als ein Kriegsdienst des Herrn ausgebt;
auch das Recht zu taufen wird ihnen in dieser Kirche zuerkannt. Claudius
sagt darber: Diese Stelle beweist, da nach apostolischer Verordnung auch
Frauen im Dienste der Kirche verwendet wurden. Ein solches Amt bekleidete
in der Gemeinde von Kenchre Phbe, welche der Apostel so sehr lobt und
warm empfiehlt.

In seinem Brief an Timotheus rechnet er solche Frauen unter die Diakonen
selbst und giebt ihnen ganz hnliche sittliche Verhaltungsmaregeln. Er
sagt dort an einer Stelle, bei der Besprechung der verschiedenen
Abstufungen kirchlicher mter, indem er vom Bischof auf die Diakonen zu
sprechen kommt: Desselbigen gleichen die Diener sollen ehrbar sein, nicht
zweizngig, nicht Weinsufer, nicht unehrliche Handtierung treiben, die das
Geheimnis des Glaubens in reinem Gewissen haben. Ferner: Und dieselbigen
lasse man zuvor versuchen, danach lasse man sie dienen, wenn sie
unstrflich sind. Desselbigen gleichen ihre Weiber sollen ehrbar sein,
nicht Lsterinnen, nchtern, treu in allen Dingen. Die Diener la einen
jeglichen sein Eines Weibes Mann, die ihren Kindern wohl vorstehen und
ihren eigenen Husern. Welche aber wohl dienen, die erwerben ihnen selbst
eine gute Stufe und eine groe Freudigkeit im Glauben in Christo Jesu.

Also, was er dort von den Diakonen sagt: Sie seien nicht zweizngig! das
gilt hier von den Diakonissen: nicht Lsterinnen; wie er dort sagt:
nicht Weinsufer, so hier: nchtern, und was dort sonst noch nher
ausgefhrt wird, das fat er hier zusammen in den Worten: Treu in allen
Dingen. Wie er den Bischfen und Diakonen verbietet, mehr als eine Frau zu
haben, so gebietet er den Diakonissen, wie wir gesehen haben, Eines Mannes
Weib zu sein. La keine Witwe erwhlet werden, sagt er, unter sechzig
Jahren, und die da gewesen sei Eines Mannes Weib, und die ein Zeugnis habe
guter Werke, so sie Kinder aufgezogen hat, so sie gastfrei gewesen ist, so
sie der Heiligen Fe gewaschen hat, so sie den Trbseligen Handreichung
gethan hat, so sie allem guten Werk nachgekommen ist. Der jungen Witwen
aber entschlage dich.

Wie sorgfltig der Apostel in der Schilderung und Instruktion der
Diakonissen gewesen ist, kann man am besten beurteilen, wenn man die
vorangehenden Vorschriften fr Bischfe und Diakonen damit vergleicht. Von
dem ein Zeugnis haben guter Werke oder von gastfrei sein wird bei den
Diakonen nichts erwhnt. Oder wenn er bei den Diakonissen beifgt: so sie
der Heiligen Fe gewaschen hat, so sie den Trbseligen u. s. w., so
findet man bei den Bischfen und Diakonen von diesen Forderungen nichts.
Zwar verlangt er von Bischfen und Diakonen, da sie unstrflich seien.
Von den Diakonissen aber verlangt er nicht blo, da sie untadelig seien,
sondern auch, da sie allem guten Werk nachgekommen seien. Sehr
vorsichtig ist er auch in der Bestimmung ihrer Altersgrenze, damit ihr
Ansehen in allen Stcken um so grer sei: nicht unter sechzig Jahren;
nicht blo vor ihrer Lebensfhrung, sondern auch vor ihrem hohen, an
Erfahrungen reichen Alter sollte man Respekt haben. So hat auch der Herr
wohl den Johannes am meisten geliebt und doch den Petrus, weil er lter
war, ber ihn und die anderen Jnger gesetzt. Denn jedermann ertrgt
leichter einen lteren als Vorgesetzten, denn einen Jngeren, und lieber
gehorchen wir einem lteren Mann, welchen nicht blo zufllige
Lebensumstnde, sondern die Natur und die Zeitverhltnisse ber uns
gestellt haben.

So sagt auch Hieronymus im ersten Buch seiner Schrift Gegen Jovinianus,
indem er von der Bevorzugung des Petrus spricht: Einer wird erwhlt, damit
ein Oberhaupt da sei und so der Anla zu einer Spaltung beseitigt werde.
Aber warum ist nicht Johannes dazu erwhlt worden? Jesus hat dem Alter den
Vorzug gegeben. Petrus war der ltere, und es sollte nicht der Jngling,
der fast noch ein Knabe war, Mnnern von vorgerckterem Alter vorgezogen
werden. Der gute Meister, der seinen Jngern jeden Anla zum Streit
benehmen mute, wre ja sonst gewissermaen selbst schuld gewesen, wenn man
seinen Lieblingsjnger mit Migunst angesehen htte.

Von dieser Erwgung lie sich auch jener Abt leiten, der, wie in dem Leben
der Altvter erzhlt wird, dem jngeren von zwei Brdern, obwohl er frher
in den Orden eingetreten war, die hhere Stelle verweigerte und sie dem
lteren gab, aus dem einzigen Grunde, weil dieser vorgerckteren Alters war
als jener. Er frchtete, da selbst der leibliche Bruder durch die
Bevorzugung des Jngeren sich verletzt fhlen mchte. Er erinnerte sich,
da auch die Apostel ber die beiden Brder aus ihrer Mitte unwillig
wurden, die durch die Vermittlung ihrer Mutter von Christus eine
Bevorzugung erlangen wollten, wobei obendrein noch der eine von den beiden,
nmlich der obengenannte Johannes, jnger war, als die brigen Apostel.

Aber nicht blo bei der Einsetzung der Diakonissen verfuhr der Apostel mit
der grten Sorgfalt, sondern er war berhaupt bestrebt, den Witwen, die
ein gottgeweihtes Leben fhren wollten, jeden Anla zu einer Versuchung aus
dem Weg zu rumen. Denn seinen Worten: Ehre die Witwen, welche rechte
Witwen sind -- fgt er sogleich bei: So aber eine Witwe Kinder oder
Neffen hat, solche la zuvor lernen ihre eigenen Huser gttlich regieren
und den Eltern gleiches vergelten. Und einige Zeilen weiter unten heit
es: So aber jemand die Seinen, sonderlich seine Hausgenossen, nicht
versorget, der hat den Glauben verleugnet und ist rger denn ein Heide.

Mit dieser Verordnung trgt der Apostel zugleich den Pflichten der
Menschlichkeit und denen der Religion Rechnung. Er will verhten, da unter
dem Vorwand der Frmmigkeit hilflose Kinder verlassen werden, und da die
Stimme des Blutes in einer Witwe das Mitleid fr die Hilfsbedrftigen
wecke, sie dadurch in ihrem frommen Vorsatz irre mache und rckwrts zu
sehen ntige, ja, da sie unter Umstnden gar zum Verbrechen am Heiligtum
verleitet werde und, um den Ihrigen etwas zuzuwenden, die Gemeinde betrge.
Daher erscheint durchaus notwendig sein Rat, da solche, die noch mit
huslichen Sorgen zu thun haben, ehe sie mit ihrem Witwenstand wirklich
Ernst machen und sich ganz in den Dienst Gottes stellen, vorher ihren
Eltern gleiches vergelten sollen, d. h. da sie ihren Kindern vorher die
gleiche Frsorge zu teil werden lassen, mit der sie einst selbst von ihren
Eltern aufgezogen worden sind.

Um den Stand der Witwen zu vervollkommnen, verlangt er von ihnen, da sie
anhalten mit Gebet und Flehen Tag und Nacht. In der aufrichtigen Sorge um
ihre Bedrfnisse sagt der Apostel: So aber ein Glubiger Witwen hat, der
versorge dieselbigen und lasse die Gemeine nicht beschweret werden, auf da
die, so rechte Witwen sind, mgen genug haben. Dies soll so viel heien
als: wenn irgendwo eine Witwe ist, welche solche Angehrige hat, die sie
von ihrer Habe untersttzen knnen, so sollen diese fr sie sorgen, damit
fr den Unterhalt der brigen die Gemeindekasse ausreiche. Daraus geht
deutlich hervor, da diejenigen, welche sich weigern, ihre Witwen zu
untersttzen, auf Grund apostolischer Autoritt zu ihrer Verpflichtung
angehalten werden sollen.

Aber nicht allein auf ihre ueren Bedrfnisse, sondern auch auf ihre Ehre
ist der Apostel bedacht, wenn er sagt: Ehre die Witwen, welche rechte
Witwen sind. Solche waren gewi jene Frauen, deren eine der Apostel selbst
seine Mutter, deren andere der Evangelist Johannes seine Herrin nennt, aus
Ehrfurcht vor ihrem heiligen Berufe. Gret Rufum, schreibt Paulus an die
Rmer, den Auserwhlten in dem Herrn, und seine und meine Mutter -- und
Johannes beginnt seinen zweiten Brief: Der lteste der auserwhlten Herrin
und ihren Kindern. Er fgt auch weiter unten die Aufforderung bei, sie
mge ihn lieben: Und nun bitte ich dich, Herrin, da wir uns untereinander
lieben.

Im Vertrauen auf dieses Vorbild hat auch Hieronymus in seinem Brief an die
Jungfrau Eustochium, die sich demselben Lebensberuf gewidmet hatte, wie
ihr, sich nicht geschmt, sie seine Herrin zu nennen; ja, er fgt noch
sogleich hinzu, warum dies sogar seine Pflicht sei: darum nenne ich
Eustochium meine Herrin, weil ich die Verlobte meines Herrn also nennen
mu߫. Auch sagt er weiter unten in demselben Brief, indem er das Vorrecht
dieses heiligen Berufes ber alle Herrlichkeit irdischen Glckes stellt:
Ich will nicht haben, da du viel mit Damen verkehrst und in den Husern
vornehmer Frauen aus und ein gehst; ich will nicht, da du dasjenige hufig
siehst, was du gering geachtet, um im jungfrulichen Stande zu bleiben. Mag
die Schar ehrgeiziger Schmeichlerinnen sich um des Kaisers Gemahl drngen
-- solltest du darum deinem Manne sein Recht verkrzen? Du, Gottes Braut,
wolltest dienstfertig zu eines Menschen Gattin eilen? Lerne in diesem Stck
heiligen Stolz; wisse, da du mehr bist denn jene.

Derselbe Hieronymus schreibt an eine Jungfrau, die sich Gott geweiht hatte,
ber die himmlische Seligkeit und ber das hohe Ansehen, das gottgeweihten
Jungfrauen schon auf Erden zu teil werde, unter anderem folgendes: Welche
Seligkeit dem heiligen Stande der Jungfrauen im Himmel zu teil wird, das
sehen wir nicht blo aus den Zeugnissen der Heiligen Schrift, sondern auch
aus dem Brauch der Kirche, welcher uns zeigt, da die Jungfrauen, welche
die geistliche Weihe empfangen, ein ganz besonderes Verdienst dadurch
erwerben. Denn whrend von der groen Menge der Glubigen alle die gleichen
Gnadengaben empfangen und alle der gleichen Segnungen der Sakramente sich
erfreuen, so haben jene etwas vor den brigen voraus, denn aus der heiligen
und unbefleckten Herde der Kirche werden sie zum Lohn fr ihren heiligen
Entschlu vom heiligen Geist auserlesen als besonders heilige und reine
Opfer und werden als solche durch den hchsten Priester Gott vor seinem
Altar dargebracht. Und weiter heit es: Es besitzt also der jungfruliche
Stand etwas, das die andern nicht haben, da eine besondere Gnadengabe mit
ihm verbunden ist und er sich auch, sozusagen, bei seiner Weihe eines
besonderen Vorrechtes erfreut. Denn die Weihe der Jungfrauen darf ja -- es
sei denn bei drohender Todesgefahr -- zu keiner andern Zeit vollzogen
werden als an Epiphanias und an den Weien Ostern, oder an den Feiertagen
der Apostel. Auch drfen die Jungfrauen selbst wie die Schleier, die ihr
gottgeweihtes Haupt bedecken sollen, nur vom obersten Priester, d. h. vom
Bischof geweiht werden. Die Mnche dagegen, obwohl sie demselben Stande
und dem bevorzugten Geschlecht angehren knnen, auch wenn sie rein
geblieben sind wie Jungfrauen, an jedem beliebigen Tag vom Abt die
Einsegnung fr sich selbst und fr ihr Gewand, d. h. fr ihre Kutte,
erhalten. Priester und niedere Kleriker knnen whrend der Quatemberfasten,
Bischfe an jedem Sonntag die Weihe erhalten. Die Weihe der Jungfrauen ist
je kstlicher, je seltener und ist besonders hohen Fest- und Freudentagen
vorbehalten. Ob ihrer wunderbaren Tugend freut sich die ganze Kirche mit,
sowie der Psalmist prophetisch davon redet in den Worten: Jungfrauen
fhret man zum Knige, und weiter: Man fhret sie mit Freuden und Wonne
und gehen in des Knigs Palast. Man glaubt auch, da der Apostel und
Evangelist Matthus selber die Liturgie zu dieser Weihe niedergeschrieben
oder im mndlichen Gebrauch gehabt habe; wenigstens lesen wir dies in
seiner Leidensgeschichte, wo auch erzhlt wird, der Apostel sei fr die
Weihe und die Heiligkeit des jungfrulichen Standes den Mrtyrertod
gestorben. Fr Kleriker und Mnche aber haben uns die Apostel keine
Weiheformel hinterlassen.

Der heilige Stand der Frauen wird schon durch den ihnen eigentmlichen
Namen angedeutet; heien sie doch Sanktimonialen, und dieses Wort kommt her
von sanctimonia oder sanctitas, d. h. so viel als Heiligkeit. Denn je
schwcher das weibliche Geschlecht, desto angenehmer ist es vor Gott, desto
vollkommener ihre Tugend -- nach dem Zeugnis des Herrn selbst, der den
mutlosen Apostel ermahnt, auszuharren im Kampf bis zum Sieg, indem er
spricht: La dir an meiner Gnade gengen; denn meine Kraft ist in den
Schwachen mchtig. Er ist es auch, der durch den Mund des Apostels in
demselben zweiten Brief an die Korinther ber die Glieder seines Leibes, d.
h. der Kirche, so redet, als wollte er den Wert der schwachen Glieder
besonders hervorheben; es heit dort: Sondern vielmehr die Glieder des
Leibes, die uns dnken die schwchsten zu sein, sind die ntigsten, und die
uns dnken die unehrlichsten zu sein, denselbigen legen wir am meisten Ehre
an, und die uns bel anstehen, die schmcket man am meisten. Denn die uns
wohlanstehen, die bedrfens nicht. Aber Gott hat den Leib also vermenget
und dem drftigen Glied am meisten Ehre gegeben, auf da nicht eine
Spaltung im Leibe sei, sondern die Glieder freinander gleich sorgen.

Wer mchte behaupten, da die Flle der gttlichen Gnade und Nachsicht
irgendwo anders so reichlich sich ergossen habe wie ber das schwache
Geschlecht der Frauen, welches durch seine Schuld wie durch seine Natur
sich verchtlich gemacht hatte? Sieh die verschiedenen Stnde dieses
Geschlechts an und du wirst finden, da der Reichtum der Gnade Christi sich
erweist nicht blo an Jungfrauen, Witwen oder Ehefrauen, sondern selbst an
den verworfensten Dirnen, dem Abschaum ihres Geschlechts. Da geht es nach
dem Wort des Herrn und des Apostels: Die letzten werden die ersten und die
ersten werden die letzten sein -- wo aber die Snde mchtig ist, da ist
die Gnade noch viel mchtiger. Wenn wir uns die Gnadengaben und
Auszeichnungen vergegenwrtigen, die von Anbeginn der Welt Gott dem
weiblichen Geschlecht hat zukommen lassen, so finden wir, da schon bei der
Schpfung die hhere Wrde des Weibes sich zu erkennen giebt, sofern sie im
Paradiese selbst, der Mann dagegen auerhalb desselben erschaffen wurde.
Daraus sollten die Frauen lernen, da das Paradies ihre angestammte Heimat
sei und da es ihnen wohl anstehe, die Unschuld paradiesischen Lebens zu
pflegen. Ambrosius sagt in seinem Buch Vom Paradies: Und Gott nahm den
Menschen, welchen er gemacht hatte, und setzte ihn ins Paradies. Also der,
der schon war, wird ergriffen und ins Paradies gesetzt; demnach ist der
Mann auerhalb des Paradieses erschaffen worden, die Frau dagegen im
Paradies. Der Mann, der am geringeren Ort entstand, erweist sich als der
bessere, und die Frau, die am bevorzugten Ort geschaffen wurde, als die
geringere. Auch hat der Herr zuerst das, was Eva, die Urheberin aller
Snde, gesndigt hatte, durch Maria wieder gutgemacht, dann erst die Snde
Adams durch Christus. Und wie die Schuld von einer Frau herkam, so hat auch
die Gnade ihren Ursprung aus der Frau genommen, und das Ansehen der
Jungfrulichkeit ist aufs neue erblht. Zuerst ist die Form einer
gottgeweihten Lebensweise durch Anna und Maria den Witwen und den
Jungfrauen vorgebildet worden, dann erst haben Johannes und die Apostel den
Mnnern das Beispiel mnchischen Lebens gegeben.

Sehen wir, nach Eva, auf die Tugend einer Debora, Judith, Esther, so werden
wir finden, da das starke Geschlecht allen Grund hat, darber zu errten.
Debora, die Richterin des auserwhlten Volkes, hat Schlachten geschlagen,
als es an Mnnern gebrach, und nach dem Sieg ber den Feind und der
Befreiung ihres Volkes Triumphe gefeiert. Die wehrlose Judith hat mit ihrer
Dienerin Abra ein schreckliches Heer angegriffen und den Holofernes mit
seinem eigenen Schwert enthauptet; sie allein hat die ganze Feindesschar
geschlagen und ihr verzweifelndes Volk errettet. Esther, obwohl im
Widerspruch zum Gesetz mit einem heidnischen Frsten vermhlt, hat mittels
der geheimnisvollen Einwirkung des heiligen Geistes den Rat des gottlosen
Haman und das grausame Gebot des Knigs zunichte gemacht und hat in einem
Augenblick das Gegenteil von dem bewirkt, was bei dem Knig beschlossene
Sache gewesen war.

Man macht so viel Aufhebens davon, da David mit Schleuder und Stein den
Goliath angegriffen und besiegt hat. Judith, die Witwe, zog gegen das
feindliche Heer, ohne Schleuder und ohne Wurfgescho, ohne irgend ein
Waffenstck. Esther befreite ihr Volk durch ihr bloes Wort und wandte das
Verdammungsurteil auf ihre Feinde zurck, so da sie selbst in die Grube
fielen, welche sie gegraben hatten. Mit Recht ist bei den Juden zum
Andenken an diese Heldenthat ein jhrlich wiederkehrendes Freudenfest
eingesetzt worden, eine Verherrlichung, welche selbst den glnzendsten
Mannesthaten nicht zu teil geworden ist. Wer denkt nicht mit Bewunderung an
den Mut der Mutter jener sieben Shne, die nach dem Berichte des Buchs der
Makkaber zusammen mit ihrer Mutter gefangen genommen wurden, und welche
der grausame Knig Antiochus vergeblich zwingen wollte, Schweinefleisch zu
essen, was im Gesetz verboten ist. Diese Mutter, ihre eigene Natur
verleugnend und alles menschliche Gefhl vergessend, hatte nichts als nur
Gott vor Augen; so viel Shne sie unter frommen Ermahnungen den Todesweg
vorangehen lie, so viel Mrtyrerkronen hat sie selber sich errungen, und
zuletzt wurde sie vollendet durch ihren eigenen Mrtyrertod.

Wenn wir das ganze Alte Testament durchblttern -- wo findet sich etwas,
das dem beharrlichen Mute dieses Weibes gleichkme? Jener unerbittliche
Versucher, der dem frommen Hiob bis aufs uerste zusetzte, sagt im
Hinblick auf die menschliche Schwachheit dem Tode gegenber: Haut fr Haut
und alles wird der Mensch fr sein Leben geben. Denn uns alle erfllt der
Gedanke an die Schrecken des Todes unwillkrlich mit solcher Angst, da
wir, um das eine Glied zu schtzen, oft das andere preisgeben und keine
Mhsal scheuen, wenn wir nur unser Leben retten knnen. Diese Frau aber hat
nicht blo ihre Habe geopfert, sondern ihr und ihrer Kinder Leben mutig
drangegeben, nur um sich auch nicht gegen Eine Satzung zu verfehlen. Was
war es eigentlich, wozu man sie zwingen wollte? Sollte sie Gott verleugnen
oder den Gtzen Weihrauch streuen? O nein, nichts anderes verlangte man von
ihnen als da sie das Fleisch essen sollten, das ihnen im Gesetz verboten
war. O meine Brder, durch Ein Gelbde mit mir verbunden, die ihr ohne
Scheu tagtglich nach Fleisch seufzet, im Widerspruch gegen die Regel und
gegen unser Ordensgelbde: was saget ihr zur Standhaftigkeit dieses Weibes?
Oder httet ihr euch so ganz jeden Schamgefhls entuert, da ihr dies
anhren knntet ohne zu errten? Denket daran, meine Brder, wie der Herr
die Unglubigen drohend auf die Knigin von Mittag hinweist: Die Knigin
von Mittag wird auftreten am jngsten Gericht mit diesem Geschlecht und
wird es verdammen. Bedenket, da ihr euch die Standhaftigkeit dieser Frau
um so mehr zur Aufmunterung dienen lassen msset, als ihre Leistung viel
grer war als die eurigen, und ihr durch euer Ordensgelbde viel enger an
euren heiligen Beruf gebunden seid.

Die Kirche hat der Tugend dieser Frau, die in so schwerem Kampfe sich
bewhrt hat, ein besonderes Vorrecht eingerumt, nmlich da ihr Martyrium
durch feierliche Schriftlektion und eigene Messe gefeiert wird, eine
Auszeichnung, die keinem der Frommen des alten Bundes zu teil geworden,
welche vor der Ankunft des Herrn gestorben sind: wiewohl eben in der
Geschichte der Makkaber berichtet wird, da der ehrwrdige Greis Eleazar,
einer der vornehmsten Schriftgelehrten, um derselben Ursache willen schon
vorher die Krone des Martyriums erlangt habe. Allein weil die Tugend des
schwcheren weiblichen Geschlechts, wie ich schon sagte, vor Gott um so
angenehmer ist und grerer Auszeichnung wrdig erscheint, so wurde dieses
Martyrium, bei welchem keine Frau beteiligt war, einer besonderen Feier
nicht gewrdigt, da man es fr nichts besonderes achtete, wenn das strkere
Geschlecht sich auch im Leiden strker zeigte. Darum verkndet auch die
Schrift das Lob jener Frau mit hohen Worten, indem sie sagt: Es war aber
ein groes Wunder an der Mutter, und ist ein Beispiel, das wohl wert ist,
da man's von ihr schreibe. Denn sie sah ihre Shne alle sieben auf Einen
Tag nacheinander martern, und litt es mit groer Geduld um der Hoffnung
willen, die sie zu Gott hatte. Dadurch ward sie so mutig, da sie einen
Sohn um den andern auf ihre Sprache trstete und fate ein mnnlich Herz.

Wer knnte, wo es den Preis der Jungfrauen gilt, die Tochter Jephthas
vergessen? Um den Vater nicht wortbrchig werden zu lassen an seinem
unberlegten Gelbde, und damit die Gottheit, die sich so gndig gezeigt
hatte, nicht um das versprochene Opfer kme, redet sie selber dem
siegreichen Vater zu, das Messer gegen sie zu zcken. Was glaubet ihr, da
sie als Christin fr ihren Glauben gethan htte, wenn sie von den
Unglubigen zur Gottesverleugnung und zum Abfall gentigt worden wre?
Htte sie wohl, ber Christus befragt, mit dem Haupt der Apostel
gesprochen: Ich kenne den Menschen nicht? Zwei Monate wurden ihr noch von
ihrem Vater freigegeben, und wie die Frist um ist, stellt sie sich bei ihm
ein, um zu sterben. Freiwillig geht sie in den Tod; statt ihn zu frchten,
verlangt sie danach. Sie bt mit ihrem Leben das thrichte Gelbde des
Vaters und lst sein Versprechen ein, aus lauterster Liebe zur Wahrheit.
Sie, die den Vater nicht wortbrchig sehen kann, wie ferne mu sie selbst
davon gewesen sein! Welch eine Liebesglut in diesem Mdchen fr den
irdischen wie fr den himmlischen Vater! durch ihren Tod will sie jenem die
Lge ersparen und diesem halten, was ihm gelobt war. Wohl hat dieses
hochherzige Mdchen die hohe Auszeichnung verdient, da alljhrlich die
Tchter Israels sich versammeln und mit feierlichen Liedern das Gedchtnis
an den Tod der Jungfrau feiern und in frommen Klagen der Trauer um ihr
leidvolles Schicksal Ausdruck geben.

Um aber von allem andern zu schweigen: Was war fr unsere Erlsung und fr
das Heil der ganzen Welt so notwendig als das weibliche Geschlecht, das uns
den Erlser selber gebracht hat? Diesen einzigartigen Ruhmestitel hat jenes
Weib, das zuerst mit ihrem Anliegen den heiligen Hilarion zu bestrmen
wagte, diesem zu seiner hohen berraschung entgegengehalten, indem sie ihm
zurief: Was wendest du dich ab? Was weichst du zurck vor meinem Flehen?
Sieh in mir nicht das Weib, sieh die Unglckliche in mir. Mein Geschlecht
hat den Heiland geboren.

Was ist dem Ruhme zu vergleichen, den dies Geschlecht in der Mutter des
Herrn sich erworben hat? Unser Erlser htte ja wohl, wenn er gewollt
htte, von einem Manne seine Krperlichkeit annehmen knnen, so gut als es
ihm beliebt hat, die erste Frau aus dem Krper des Mannes zu bilden. Allein
er hat durch die sonderliche Gnade seiner Erniedrigung das schwchere
Geschlecht geehrt. Auch htte er sich durch einen andern edleren Teil des
weiblichen Krpers gebren lassen knnen als derjenige ist, durch welchen
die brigen Menschen zugleich empfangen und zur Welt gebracht werden.
Allein um dem schwcheren Krper eine unvergleichliche Ehre zu erweisen,
hat er durch seine Geburt dem weiblichen Zeugungsorgan eine weit hhere
Weihe gegeben als dies dem mnnlichen durch die Beschneidung geschehen war.

Aber ich will nicht weiter reden von der einzigartigen Auszeichnung, die in
Sonderheit den Jungfrauen zukommt, sondern auch zu den andern Frauen mich
wenden, wie ich mir vorgenommen habe. So merke denn darauf, welche groe
Gnade alsbald mit der Ankunft Christi fr Elisabeth, die Ehefrau, und fr
Hanna, die Witwe, verbunden war. Dem Manne der Elisabeth, Zacharias, dem
Hohenpriester des Herrn, war zur Strafe fr seine Unglubigkeit die Zunge
noch gelhmt, als Elisabeth, voll heiligen Geistes, bei der Ankunft und
Begrung der Maria das Kind in ihrem Leibe hpfen fhlte und, indem sie
zuerst die erfolgte Empfngnis der Maria prophetischen Geistes verkndete,
mehr als Prophetin war. Ja, die bereits geschehene Empfngnis der Jungfrau
zeigte sie an und veranlate dadurch die Mutter des Herrn selbst, den Herrn
dafr zu lobpreisen. Die Gabe der Prophetin erscheint bei Elisabeth noch
vollkommener als bei Johannes, da sie imstande war, alsbald den erst
empfangenen Gottessohn zu erkennen, whrend er nur auf den lngst Geborenen
hinzuweisen brauchte. Wie wir also die Maria Magdalena gewissermaen einen
weiblichen Apostel nennen knnen, so tragen wir auch kein Bedenken, die
Elisabeth oder jene fromme Witwe Hanna, von der wir oben ausfhrlich
gesprochen haben, als Prophetin den Propheten an die Seite zu stellen.

Wollen wir unsere Beobachtungen ber die Gabe der Prophetie bis zu den
Heiden ausdehnen, dann mag vor allen die Seherin Sibylle hervortreten und
uns vernehmen lassen, was ihr ber Christus geoffenbart worden ist.
Vergleichen wir mit ihr smtliche Propheten, selbst den Jesaias, von dem
Hieronymus versichert, er sei mehr ein Evangelist als ein Prophet zu
nennen, so werden wir finden, da auch mit dieser Gnadengabe die Frauen
weit reichlicher bedacht worden sind als die Mnner. Augustinus beruft sich
auf sie gegen die Ketzer und sagt von ihr: Vernehmen wir auch, was die
Sibylle, ihre Prophetin, ber ihn sagt: Einen andern hat der Herr den
glubigen Menschen gegeben, da sie ihn anbeten. Ferner: Erkenne du selbst,
da dein Herr Gottes Sohn sei. An einer andern Stelle nennt sie den Sohn
Gottes Symbolum, d. h. Berater. Und der Prophet sagt: Sein Name ist:
Wunderbar -- Rat. Wiederum sagt derselbe Kirchenvater im 18. Kapitel seines
Buches vom 'Gottesstaat' folgendes ber sie aus: In jener Zeit soll nach
verschiedenen Berichten die Erythrische Sibylle -- manche behaupten auch,
es sei diejenige von Cum gewesen -- geweissagt haben. Man hat von ihr
siebenundzwanzig Verse, deren Inhalt er in lateinischen Versen angiebt, wie
folgt:

   Erde mit Schwei bedeckt, verkndet die Nhe des Richters
   Und vom Himmel herab naht, ewig zu herrschen, ein Knig,
   In leibhaftigem Fleisch erscheint er, zu richten den Erdkreis.

Fgt man die griechischen Anfangsbuchstaben dieser Verse aneinander, so
kommt heraus: Jesus Christus. Sohn Gottes, Heiland.

Auch Lactantius fhrt einige messianische Weissagungen der Sibylle an: Er
wird nachmals in die Hnde der Unglubigen fallen. Sie werden mit ihren
sndigen Hnden dem Gotte Backenstreiche geben und giftigen Speichel werden
sie ausspeien aus unreinem Munde. Er aber wird demtig seinen heiligen
Rcken darbieten und schweigend wird er sich ins Angesicht schlagen lassen,
damit keiner das Wort erkenne und niemand den Geistern der Hlle sage,
woher er gekommen, und mit einer Dornenkrone wird er gekrnt werden. Fr
den Hunger geben sie ihm Galle, und Essig zum trinken; also werden sie ihn
bewirten. O du verblendetes Volk, deinen Gott, den aller Sterblichen Geist
preisen sollte, hast du nicht erkannt; mit Dornen hast du ihn gekrnt,
Galle hast du ihm gemischt. Der Vorhang im Tempel wird zerreien, mitten am
Tag wird es finster sein drei Stunden lang und er wird sterben, drei Tage
wird ihn der Schlummer befangen, alsdann wird er aus der Unterwelt ans
Licht kommen, als Erstling der Auferstehung.

Diese sibyllinische Weissagung hat wohl, wenn ich nicht irre, der grte
unserer Dichter, Virgilius, gehrt und bei sich bewegt; denn in seiner
vierten Ekloge verkndigt er fr die nchste Zeit der Regierung des Kaisers
Augustus und fr das Konsulat des Pollio die wunderbare Geburt eines
Knaben, der vom Himmel auf die Erde gesandt werden solle, der auch der Welt
Snden tragen und ein neues Zeitalter wunderbar ber die Welt herauffhren
werde. Der Dichter selbst sagt, die Prophezeiung des Cumischen Gedichtes,
d. h. der Sibylle, welche die Cumische genannt wird, habe ihn zu dieser
uerung angeregt. Seine Worte klingen so, als wollte er alle Menschen
auffordern, sich mit ihm zu freuen, mit ihm zu singen und zu schreiben von
der Geburt dieses Kindes; alle andern Gegenstnde scheinen ihm im Vergleich
mit diesem unwichtig und gemein, und so sagt er:

   Lat mich ein hheres Lied anstimmen, Sicilische Musen;
   Denn nicht jeden erfreut Gestrpp und niedriges Buschwerk. --
   Schon bricht an des Cumischen Liedes uerstes Alter,
   Und von neuem beginnt gewaltiger Umschwung der Zeiten.
   Nun kehrt die Jungfrau zurck, Saturn beginnt wieder zu herrschen,
   Und ein neues Geschlecht wird aus himmlischen Hhen entsendet.

Betrachte die einzelnen Aussprche der Sibylle: wie vollstndig und wie
deutlich umfassen sie die Summe des christlichen Glaubens! Weder seine
Gottheit noch seine Menschheit, weder sein zweifaches Kommen noch das
zweifache Gericht hat sie in Weissagung und Schrift bergangen, nmlich das
erste Gericht, durch das er ungerecht verurteilt wurde in seiner Passion,
und das zweite, in dem er gerecht die Welt richten wird in seiner
Herrlichkeit. Ja, indem sie weder die Niederfahrt zur Hlle noch die
Herrlichkeit der Auferstehung bergeht, scheint sie nicht blo die
Propheten, sondern die Evangelisten selbst zu bertreffen, die von Christi
Hllenfahrt nichts berichtet haben.

Mssen wir ferner uns nicht alle hchlich wundern ber das vertrauliche,
lange Gesprch, in welchem Jesus die Heidin, die Samariterin, mit so viel
Liebe unter vier Augen zu belehren geruht hat, also, da darob selbst die
Apostel staunten? Von der Unglubigen, die noch dazu wegen ihrer vielen
Mnner anrchig war, hat er zu trinken verlangt, da uns doch sonst nicht
bekannt ist, da er von irgend jemand Speise erbeten htte. Die Apostel
kommen dazu, bieten ihm die eingekauften Speisen an und sprechen: Rabbi,
i߫ -- er aber nimmt das Dargebotene nicht an und gleichsam zu seiner
Entschuldigung sagt er: Ich habe eine Speise zu essen, da wisset ihr nicht
von. Von dem Weibe aber verlangt er selber zu trinken. Und sie will sich
dieser Dienstleistung entziehen mit den Worten: Wie bittest du von mir zu
trinken, so du ein Jude bist und ich ein samaritisches Weib? Denn die Juden
haben keine Gemeinschaft mit den Samaritern. Und weiter: Hast du doch
nichts, damit du schpfest und der Brunnen ist tief. So verlangt er also
von der Heidin, die's ihm verweigert, zu trinken, der doch die Speisen,
welche die Apostel ihm anbieten, nicht berhrt. Ist das nicht eine gndige
Bevorzugung des schwachen Geschlechts, wenn der, der allen das Leben
gebracht hat, ein Weib um Wasser bittet? Warum, frage ich, that er dies,
wenn nicht mit der Absicht, deutlich zu zeigen, da ihm die Tugend der
Frauen um so angenehmer sei, je schwcher sie eingestandenermaen von Natur
sind, und da er um so mehr nach ihrem Heil verlange und drste, je
bewundernswerter ihre Tugend sei. Daher, indem er von einer Frau zu trinken
verlangt, giebt er zu verstehen, da er diesen seinen Durst vorzglich
durch die Rettung weiblicher Seelen gestillt wissen wolle. Diesen Trank
nennt er auch Speise, indem er sagt: Ich habe eine Speise zu essen, da
wisset ihr nicht von. Und was er unter dieser Speise verstehe, setzt er im
folgenden auseinander: Meine Speise ist, da ich thue den Willen meines
Vaters -- und deutet damit an, da der Wille seines Vaters in Sonderheit
da geschehe, wo es sich um das Seelenheil der Frauen handelt.

Es ist uns berichtet, da Jesus auch mit Nikodemus, jenem Obersten der
Juden, ein vertrautes Zwiegesprch gehalten habe, in welchem er auch
diesen, der im geheimen zu ihm gekommen war, ber das Heil seiner Seele
belehrte; aber es wird zugleich erzhlt, da dieses Gesprch keinen ebenso
guten Erfolg gehabt habe. Die Samariterin, das ist sicher, wurde damals von
prophetischem Geist erfllt, der ihr eingab, da Christus bereits zu den
Juden gekommen sei und da er auch zu den Heiden kommen werde; und so
sprach sie: Ich wei, da Messias kommt, der da Christus heit. Wenn
derselbe kommen wird, so wird er es uns alles verkndigen. Und viele Leute
aus jener Stadt, heit es, seien auf das Wort des Weibes hin zu Christus
hinausgelaufen und haben an ihn geglaubt und ihn zwei Tage bei sich
behalten, der doch selbst an einer andern Stelle zu seinen Jngern sagt:
Gehet nicht auf der Heiden Strae und ziehet nicht in der Samariter
Stdte.

Derselbe Johannes erzhlt ein andermal, einige Heiden, die nach Jerusalem
gekommen seien, um das Fest mitzufeiern, haben durch Philippus und Andreas
dem Herrn sagen lassen, sie mchten ihn gerne sehen. Er sagt aber nichts
davon, da sie wirklich zugelassen wurden und da ihnen, die doch darum
baten, so reiche Gelegenheit gegeben wurde, Christus zu sprechen, wie der
Samariterin, die gar nicht danach verlangte. Mit ihr scheint er seine
Wirksamkeit unter den Heiden angefangen zu haben, und er hat nicht blo sie
allein bekehrt, sondern hat durch sie -- so wird berichtet -- viele andere
gewonnen. Die Magier, durch den Stern erleuchtet und zu Christus gefhrt,
haben, so heit es, viele andere durch ihre Aufmunterung und Belehrung zu
ihm gezogen: aber selbst zu ihm gekommen sind nur sie. Auch daraus geht
hervor, in welch hoher Gunst das heidnische Weib bei Christus stand, das
nach Hause eilend und in der Stadt seine Ankunft und was er ihr gesagt
hatte verkndigend, so schnell eine ganze Menge ihrer Landsleute fr ihn
gewonnen hat.

Wenn wir die Schriften des Alten Testaments oder die Evangelien
nachschlagen, so finden wir, da die gttliche Gnade, jene hchste Wohlthat
der Auferweckung eines Toten, insbesondere Frauen erwiesen wurde, und da
nur ihnen zulieb oder an ihnen solche Wunder verrichtet worden sind. So
lesen wir zunchst, da auf die Bitte der Mtter von Elia und Elisus ihre
Shne auferweckt und ihnen wiedergegeben wurden. Und der Herr selbst lt
die Wohlthat dieses unerhrten Wunders mit Vorliebe Frauen zu gute kommen,
wenn er den Sohn einer Witwe, die Tochter des Synagogenvorstehers, und den
Lazarus auf die Bitten seiner Schwestern auferweckt. Darum sagt der Apostel
in seinem Brief an die Hebrer: Die Weiber haben ihre Toten aus der
Auferstehung wiedergenommen. Denn das auferweckte Mdchen hat seinen toten
Krper wieder zurckbekommen so gut wie die brigen Frauen durch die
Auferweckung und Rckgabe ihrer Toten, die sie beweinten, getrstet wurden.
Es geht daraus hervor, wie sehr der Herr stets die Frauen bevorzugte, indem
er sie zunchst durch ihre eigene und durch der Ihrigen Wiederbelebung
erfreute und zuletzt sie bei seiner eigenen Auferstehung dadurch ganz
besonders auszeichnete, da er ihnen, wie schon erwhnt wurde, zuerst
erschien. Diesen Vorzug hat dieses Geschlecht vielleicht verdient durch das
natrliche Gefhl des Mitleids, das es dem Herrn inmitten eines
feindseligen Volkes zollte. Denn nach dem Berichte des Lukas, whrend die
Mnner ihn zur Kreuzigung fhrten, folgten die Frauen nach und klagten und
weinten um den Herrn. Und er wendet sich nach ihnen um und wie zum Dank fr
ihre Liebe verkndigt er ihnen in der drohenden Leidensgefahr selbst aus
Mitleid, damit sie ihm entrinnen mchten, den bevorstehenden Untergang:
Ihr Tchter von Jerusalem, ruft er ihnen zu, weinet nicht ber mich,
sondern weinet ber euch selbst und ber eure Kinder. Denn siehe, es wird
die Zeit kommen, in welcher man sagen wird: Selig sind die Unfruchtbaren
und die Leiber, die nicht geboren haben.

Ferner erzhlt Matthus, da die Frau des ungerechten Richters treulich an
der Befreiung des Herrn gearbeitet habe; er sagt von ihr: Und da er auf
dem Richtstuhl sa, schickte sein Weib zu ihm und lie ihm sagen: Habe du
nichts zu schaffen mit diesem Gerechten; ich habe heute viel erlitten im
Traum von seinetwegen. Und wiederum war es von der ganzen Schar, die der
Predigt Jesu zuhrte, eine Frau, die ihre Stimme zu dem hohen Lobe erhob,
da sie ausrief: Selig der Leib, der dich getragen hat und die Brste, die
dich gesuget haben. Und alsbald mute sie sich fr ihr Bekenntnis, so
richtig es war, eine Zurechtweisung vom Herrn gefallen lassen, der ihre
Worte also verbesserte: Ja, selig sind, die Gottes Wort hren und
bewahren!

Unter den Aposteln geno allein Johannes das Vorrecht der besonderen Liebe
des Meisters, so da er der Lieblingsjnger des Herrn genannt wurde. Von
Martha aber und Maria schreibt Johannes selber: Denn Jesus hatte Martha
lieb und ihre Schwester Maria und Lazarus. Derselbe Apostel, der infolge
besonderer Bevorzugung, die er geno, sich als den Lieblingsjnger des
Herrn bezeichnet, schreibt den Frauen dasselbe Vorrecht zu, das er doch
keinem der andern Apostel zugesteht. Und wenn er auch den Bruder derselben
an der gleichen Ehre teilnehmen lt, so nennt er doch die Frauen vor ihm,
als wollte er damit andeuten, da sie dem Herzen Jesu nher standen.

Endlich will ich auf die Frauen zurckkommen, die der christlichen Kirche
bereits angehrten, und die Barmherzigkeit Gottes, die sich bis zur
Verworfenheit ffentlicher Dirnen herablt, staunend verknden und sie
verkndigend anstaunen. Hatten nicht Maria Magdalena oder Maria gyptiaca,
die nachmals durch die gttliche Gnade zu Ehren und Wrden erhoben wurden,
ein Vorleben der verworfensten Art gefhrt? Jene lebte spter, wie schon
erwhnt, bestndig in der Gemeinschaft der Apostel; von der andern wird
berichtet, sie habe als Einsiedlerin einen bermenschlich harten Bukampf
durchgekmpft, so da der Tugend der heiligen Frauen die erste Stelle
gebhrt, wenn man die Mnche beiderlei Geschlechts ins Auge fat, ja da
das Wort, welches der Herr an die Unglubigen richtete: Die Huren werden
eher ins Reich Gottes kommen als ihr -- seine Anwendung selbst auf
glubige Mnner zu finden scheint, und da die, welche ihrem Geschlecht und
ihrem Leben nach die letzten waren, die ersten werden und die ersten -- die
letzten. Endlich, wer wei es nicht, mit welch heiligem Eifer die Frauen
die Mahnung Christi und den Rat des Apostels zur Keuschheit befolgt haben,
so da sie, um Leib und Seele unverletzt zu erhalten, sich im Mrtyrertod
Gott zum Opfer dargebracht haben und im Schmuck der zweifachen Krone dem
Lamm, das den Jungfrauen verlobt ist, zu folgen begehrten, wohin es ging.
Solche Vollkommenheit finden wir selten bei Mnnern, hufig dagegen bei
Frauen. Ja, einige von ihnen, so wird uns erzhlt, hielten mit solchem
Eifer an dieser hheren Wrde ihres keuschen Leibes fest, da sie nicht
zgerten, selbst Hand an sich zu legen, um nicht ihre Jungfrulichkeit, die
sie Gott geweiht hatten, zu verlieren, sondern als Jungfrauen zu ihrem
jungfrulichen Brutigam zu kommen.

Und er hat zu erkennen gegeben, wie angenehm vor ihm die Frmmigkeit
heiliger Jungfrauen sei. Als bei einem Ausbruch des tna die Menge des
heidnischen Volkes hilfesuchend zur heiligen Agathe eilte, wurden sie durch
den Schleier der Heiligen, den diese dem furchtbaren Feuer entgegenhielt,
vom Verderben des Leibes und der Seele gerettet. Wir wissen nichts davon,
da dem Gewand irgend eines Mnches solche Segenskrfte verliehen worden
wren. Zwar lesen wir, da durch Elias' Mantel der Jordan geteilt wurde, so
da er und Elisus trockenen Fues hindurchgingen: dort aber wird durch den
Schleier einer Jungfrau die gewaltige Menge eines bisher unglubigen Volkes
an Leib und Seele gerettet und den dadurch Bekehrten der Weg zum Himmel
erffnet.

Auch das ist bezeichnend fr die hohe Wrde heiliger Frauen, da sie bei
ihrer Weihe die Worte aussprechen: Durch seinen Ring hat er mich erworben,
seine Braut bin ich. Es sind dies Worte der heiligen Agnes, durch welche
die Jungfrauen, die ihr Gelbde ablegen, sich mit Christus vermhlen.

Will man bis auf die heidnischen Zeiten zurckgehen, um zu erfahren, welche
Gestalt und welches Ansehen euer Stand damals gehabt habe, und zu eurer
Ermunterung einige Beispiele aus jener Zeit anfhren, so ist die
Beobachtung leicht zu machen, da es schon damals einige Einrichtungen gab,
die diesem Beruf hnlich waren, abgesehen davon, da der richtige Glaube
noch fehlte, und da unter Heiden und Juden manches bestand, was die Kirche
von ihnen herbergenommen und in verbesserter Form beibehalten hat. So ist
allgemein bekannt, da die Kirche die ganze Stufenleiter des geistlichen
Standes vom Thrhter bis zum Bischof, den Gebrauch der Tonsur, dem sich
die Geistlichen unterwerfen mssen, die Quatemberfasten, das Fest der sen
Brote, ja sogar die Verzierungen an den priesterlichen Gewndern und manche
heiligen Gebruche bei Weihungen und anderen Gelegenheiten -- von der
Synagoge bernommen hat. Ebenso bekannt ist, da die Kirche mit weiser
Migung nicht blo die Stufenleiter der weltlichen Wrden, wie die der
Knige und Frsten, ferner manche Gesetzesbestimmungen und moralische
Anschauungen und Vorschriften unter den bekehrten Vlkern weiter bestehen
lie: sondern sie hat sogar einige kirchliche Wrden, die Art und Weise der
Ausbung der Enthaltsamkeit und Vorschriften in Beziehung auf krperliche
Reinigungen von ihnen angenommen. Es ist sicher, da jetzt Bischfe und
Erzbischfe im Amt sind, wo damals die Flamines und Archiflamines waren,
und da die Tempel, welche damals den Dmonen gehrten, spter dem Herrn
geheiligt und dem Gedchtnis der Heiligen geweiht wurden.

Man wei auch, da bei den Heiden der jungfruliche Stand besonderes
Ansehen geno, whrend die Juden durch ihr Gesetz zur Ehe angehalten
wurden; ja, bei den Heiden wurde diese Tugend fleischlicher Unbeflecktheit
so hoch gehalten, da in ihren Tempeln groe Gemeinschaften von Frauen sich
aufhielten, die dem ehelosen Leben sich ergeben hatten. Daher Hieronymus im
dritten Buch seines Kommentars zum Galaterbrief sagt: Was werden wir zu
thun haben, wenn uns zur Beschmung Juno ihre geweihten Frauen, Vesta ihre
Jungfrauen, und andere Gtzen ihre Enthaltsamkeit benden Verehrer haben?
Wenn er Frauen und Jungfrauen nennt, so versteht er unter den ersteren
solche, die einst mit Mnnern verkehrt hatten, nun aber fr sich leben,
unter den letzteren solche, die von jeher als Jungfrauen fr sich gelebt
hatten. Denn die Worte monos und monachos, welch letzteres vom ersten
abgeleitet ist und soviel wie Einsiedler bedeutet, haben ein und denselben
Sinn.

Derselbe Schriftsteller sagt im ersten Buche seiner Schrift gegen
Jovinianus, nachdem er viele Beispiele von der Keuschheit und
Enthaltsamkeit heidnischer Frauen angefhrt hatte: Ich bin bei der
Aufzhlung dieser Frauen absichtlich so ausfhrlich gewesen, damit
diejenigen, welche die christliche Schamhaftigkeit gering achten,
wenigstens von den Heiden Keuschheit lernen. Weiter oben in derselben
Schrift erhebt er die Tugend der Enthaltsamkeit so hoch, da es scheinen
knnte, als htte Gott an der Reinheit des Fleisches bei allen Vlkern ein
ganz besonderes Wohlgefallen, und als habe er diese Tugend durch besondere
Belohnung ihres Verdienstes oder gar durch Wunderthaten in ihrem ganzen
Wert anerkannt. Was soll ich reden, sagt er, von der Erythrischen und
Kumischen Sibylle und von den anderen acht? Denn Varro behauptet, es seien
zehn gewesen. Was sie von andern unterscheidet, ist ihre Jungfrulichkeit
und die Sehergabe, die ihnen zum Lohn dafr verliehen ist. Weiter heit es
da: Als die Vestalin Claudia des Vergehens der Unzucht verdchtigt wurde,
soll sie an ihrem Grtel ein Flo fortgezogen haben, das Tausende von
Menschen nicht hatten von der Stelle bringen knnen. Und Sidonius, Bischof
von Clermont, sagt im Vorwort zu seinem Buch folgendes:

   So war Tanaquil nicht, noch auch die Jungfrau,
   Deren Vater du warst, o Tricipitinus;
   So nicht war die Geweihte der phrygischen Vesta,
   Die durch der Albula hochaufschwellende Fluten
   Mit jungfrulichem Haar das Flo gezogen.

Augustinus sagt im 22. Buch seiner Schrift vom Gottesstaat: Kommen wir
nunmehr zu ihren Wundern, welche sie als von ihren Gttern verrichtet
unsern Mrtyrern entgegenstellen -- werden wir da nicht finden, da auch
sie nur unsern Zwecken dienen und unserer Sache frderlich sind? Unter den
groen Wunderthaten ihrer Gtter ist gewi eine der grten die, welche
Varro erzhlt: eine vestalische Jungfrau habe, als sie flschlicherweise
der Unkeuschheit verdchtigt wurde, ein Sieb mit Wasser aus dem Tiber
angefllt und vor ihre Richter getragen, ohne da ein Tropfen verloren
gegangen sei. Wer hat das schwere Wasser aufgehalten, trotz der vielen
ffnungen, durch die es htte abflieen knnen? Sollte nicht der
allmchtige Gott einem irdischen Krper sein Schwergewicht nehmen und
dasselbe Element mit Leben erfllen knnen, in welchem nach seinem Willen
der lebenschaffende Geist seinen Sitz hat?

Wundern wir uns nicht, da Gott durch solche und andere Wunder auch unter
den Heiden die Tugend der Keuschheit zu Ehren gebracht hat oder vielmehr
sie durch die Wirksamkeit der Dmonen zu Ehren hat bringen lassen. Es ist
geschehen, um die jetzt Glubigen destomehr fr sie zu begeistern, wenn sie
sehen, da diese Tugend selbst unter den Heiden schon so hochgehalten
wurde. Wir wissen ja, da auch dem Kaiphas die Gabe der Prophetie nicht um
seiner Person, sondern um seines Amtes willen verliehen worden, ja, da
selbst Lgenapostel bisweilen mit Wunderthaten prunken durften, und dies
wiederum nicht ihrer Person verstattet war, sondern dem Amt, das sie
fhrten. Was ist es also besonderes, wenn der Herr ein solch wunderbares
Ereignis verstattet hat nicht etwa der Person der unglubigen Frauen,
sondern ihrer tugendsamen Enthaltsamkeit, um eine unschuldige Jungfrau zu
retten und die Schlechtigkeit der falschen Anklger zunichte zu machen?

Es steht fest, da die Enthaltsamkeit auch unter den Heiden als ein hohes
Gut angesehen wird, wie auch das Verlangen nach strenger Bewahrung des
ehelichen Bundes allen Vlkern gleichmig von Gott als ein Geschenk
verliehen worden ist. Darum kann es niemand befremden, wenn Gott seine
eigenen wohlttigen Einrichtungen, nicht etwa den Irrtum des Unglaubens,
durch Wunderzeichen zu Ehren bringt, die in der Heidenwelt, nicht unter den
Glubigen, geschehen -- vollends wenn dadurch, wie gesagt, die Unschuld
gerettet und die Bosheit schlechter Menschen vereitelt wird, oder wenn
durch die Verherrlichung einer solchen Tugend die Menschen zu ihrer
Ausbung angefeuert werden; denn auch unter den Heiden kommen um so weniger
Verfehlungen in dieser Hinsicht vor, je mehr man bei ihnen die Lste des
Fleisches meidet.

So hat Hieronymus in bereinstimmung mit den meisten andern Kirchenlehrern
die Zgellosigkeit des obengenannten Hretikers (Jovinian) sehr passend
bekmpft, indem er ihm zurief, er mge unter die Heiden gehen, um bei ihnen
mit Errten die Tugenden zu finden, welche er an den Christen gering achte.
Wer wollte verkennen, da auch die Majestt unglubiger Frsten, selbst
wenn sie dieselbe mibrauchen, ihre Gerechtigkeitsliebe und Milde, die sie,
dem natrlichen Gesetze folgend, an den Tag legen und alles andere, was den
Frsten ziert, ein Geschenk Gottes sei? Wer wollte das Gute als solches
verkennen, weil es mit Schlechtem vermischt ist? -- besonders da doch, wie
der heilige Augustin bemerkt und der gesunde Menschenverstand es bezeugt,
bel nur in einer sonst guten Natur sein knnen? Wer stimmt nicht dem Worte
des Dichters bei: Gute fliehen das Laster aus Liebe zur Tugend? Wer
wollte nicht, statt es zu leugnen, vielmehr Zeugnis ablegen fr das Wunder,
welches nach dem Berichte des Suetonius Vespasian vor seiner
Thronbesteigung an einem Blinden und an einem Lahmen verrichtet hat oder
fr das, was der heilige Gregorius an der Seele Trajans gethan haben soll
-- die andern Frsten mgen sich dadurch zur Nachahmung solcher Tugenden
bewegen lassen!

Die Menschen verstehen es, im Schmutz die Perle zu finden und die Krner
aus dem Stroh zu lesen: so kann auch Gott die Gnadengaben, die er dem
Unglauben verliehen, nicht vergessen und nichts von dem, was er gemacht
hat, hassen. Je mehr die Welt in Wundern strahlt, desto deutlicher giebt er
sie dadurch als sein Werk zu erkennen, das durch die Schlechtigkeit der
Menschen nicht verderbt werden kann, und die Glubigen sollen daran
erkennen, was das fr ein Gott sei, der also selbst den Unglubigen sich
erweist.

Ein Beweis fr das hohe Ansehen, in welchem die dem Dienste des Herrn
geweihte Keuschheit bei den Heiden stand, ist die strenge Strafe, die auf
die Verletzung des Gelbdes gesetzt war. Worin dieselbe bestand, das sagt
Juvenalis in seiner vierten Satire, die gegen Crispinus gerichtet ist, mit
folgenden Worten: Mit dem sie noch neulich gebuhlt hat, wird die
Priesterin nun lebendigen Leibes begraben. So auch Augustin im dritten
Buche des Gottesstaates: Die alten Rmer begruben lebendig die ber dem
Vergehen der Unzucht betroffenen Vestalinnen. Ehebrecherische Frauen
dagegen bestraften sie zwar, aber nicht mit dem Tode. So shnten sie
strenger als die Befleckung des menschlichen Ehebettes die Verletzung
dessen, was in ihren Augen eine geheimnisvolle Verbindung mit der Gottheit
war. Bei uns aber lassen sich christliche Frsten den Schutz der Keuschheit
angelegen sein, um so mehr, als sie auf einem noch viel heiligeren Gelbde
beruht. Darum hat der Kaiser Justinianus folgende Bestimmung getroffen:
Wenn jemand sich untersteht, eine gottgeweihte Jungfrau, ich sage nicht
blo: zu entfhren, sondern nur zur Ehe zu verlocken, so soll er dies mit
dem Leben ben. Da auch die kirchliche Zucht, die doch den Snder zur
Bue leiten und nicht seinen Tod will, mit groer Strenge gegen
Verfehlungen von eurer Seite einschreitet, ist bekannt. Daher die
Verordnung des Papstes Innocenz an den Bischof Victricius von Rouen,
Kapitel XIII: Frauen, die sich geistig mit Christus vermhlt und den
Schleier genommen haben, drfen, wenn sie sich spter ffentlich
verheiratet haben oder im geheimen verfhrt worden sind, zur Bue nicht
zugelassen werden, auer wenn der, mit dem sie die Verbindung eingegangen
hatten, nicht mehr am Leben ist. Diejenigen aber, welche zwar noch nicht
eingekleidet waren, aber doch den Vorsatz gefat hatten, im jungfrulichen
Stande zu verbleiben, sollen, wenn schon sie den Schleier noch nicht
genommen haben, dennoch eine bestimmte Zeit lang Bue thun, weil Gott ihr
Gelbde angenommen hatte. Denn wenn man schon unter Menschen einen
abgeschlossenen Vertrag unter keinem Vorwand brechen soll, wie viel weniger
kann man ein Versprechen, das man Gott gegeben hat, straflos brechen? Wenn
der Apostel Paulus von den Frauen, die den Witwenstand aufgegeben, sagt,
sie seien verwerflich, weil sie die erste Treue nicht gehalten haben: wie
viel mehr gilt dies von den Jungfrauen, welche ihr zuerst gegebenes Wort
brechen? Daher schreibt auch der berhmte Pelagius an die Tochter des
Mauritius: Die an Christus zur Ehebrecherin wird, ist verwerflicher als
die, welche ihrem Mann die Treue bricht. Darum hat die rmische Kirche erst
vor kurzem mit Recht bestimmt, da diejenigen Frauen, welche ihren
gottgeweihten Leib durch Unkeuschheit beflecken, kaum der Bue mehr wrdig
zu achten seien.

Wollen wir untersuchen, welche Sorgfalt, Freundschaft und Liebe die
heiligen Lehrer der Kirche nach dem Vorbilde des Herrn selbst und der
Apostel stets den gottgeweihten Frauen gewidmet haben, so finden wir, da
sie mit dem liebevollsten Eifer ihre frommen Neigungen gehegt und gepflegt
und mit reichlicher Mahnung und Belehrung sie in ihrem gttlichen Berufe
unterrichtet und gefrdert haben. Um von den brigen zu schweigen, will ich
nur die bedeutendsten Kirchenlehrer anfhren: Origenes, Ambrosius und
Hieronymus.

Der erste derselben, jener grte christliche Philosoph, hat sich mit
solchem Eifer dem Stande der gottgeweihten Frauen gewidmet, da er sich
nach dem Bericht der Kirchengeschichte selbst entmannte, um nicht durch
irgendwelche Verdchtigung im Unterricht der Frauen behindert zu werden.
Wem wre es ferner nicht bekannt, welch reichliche Ernte von heiligen
Schriften Hieronymus auf die Veranlassung der Frauen Paula und Eustochium
der Kirche hinterlassen hat? Er selbst gesteht dies in seiner Abhandlung
ber die Himmelfahrt der Mutter des Herrn, welche er auf die Bitte der
Frauen schrieb, zu in den Worten: Weil ich aber, durch meine groe Liebe
zu euch, berwunden, nichts abschlagen kann, was ihr wnscht, so will ich
den Versuch machen, euer Verlangen zu stillen. Dagegen wissen wir, da
manchmal hochbedeutende, durch ihre Stellung und wrdige Lebensfhrung
ausgezeichnete Lehrer ausfhrlich an ihn geschrieben und nicht einmal eine
kurze Antwort, um die sie ihn gebeten, von ihm erhalten haben. Daher jene
uerung des heiligen Augustinus im 2. Buch der Retraktationen: Ich habe
an den Presbyter Hieronymus, whrend er in Bethlehem sich aufhielt, zwei
Schriften geschickt: eine 'ber den Ursprung der Seele' und eine zweite
ber den Satz des Apostels Jakobus: 'So jemand das Gesetz hlt und sndiget
an Einem, der ist's ganz schuldig.' ber beide Schriften bat ich ihn um
sein Urteil. In der ersten habe ich die Frage, die ich aufgeworfen, selbst
ungelst gelassen; in der zweiten habe ich meine Ansicht nicht
verschwiegen, fragte aber bei ihm an, ob er dieselbe billige. Er
antwortete, da er sich ber meine Frage gefreut habe, da er aber keine
Zeit habe, sie zu beantworten. Ich aber wollte die Bcher nicht herausgeben
so lange er lebte in der Erwartung, da er mir doch irgend einmal antworten
wrde und ich sie dann zusammen mit dieser Antwort herausgeben knnte.
Allein er starb darber, und erst dann habe ich sie verffentlicht. Man
sieht also, da der groe Mann so lange Zeit vergeblich auf eine, wenn auch
nur kurze Antwort des Hieronymus gewartet hat. Und doch wissen wir, da
derselbe Mann jenen Frauen zulieb viele umfangreiche Bcher im Schwei
seines Angesichts bersetzt oder geschrieben und ihnen demnach grere
Rcksicht erwiesen hat als dem Bischof. Vielleicht hat er ihre Tugend darum
so eifrig gepflegt und alles vermieden, was sie betrben konnte, weil er
die Empfindlichkeit der weiblichen Natur kannte. Die Lebendigkeit seiner
Liebe gegen solche Frauen erscheint manchmal so gro, da er bei seinen
Lobeserhebungen bisweilen fast die Grenze des Wahren berschreitet, und als
sei er sich dessen selber bewut, sagt er irgendwo; Die Liebe kennt keine
Grenze. In der Vorrede zum Leben der heiligen Paula sagt er, um die
Aufmerksamkeit des Lesers anzuspannen: Wenn alle meine Glieder sich in
Zungen verwandelten und alle meine Gelenke reden knnten, ich knnte doch
keine Worte finden, die Tugenden der heiligen, verehrungswrdigen Paula
wrdig zu preisen.

Er hat auch einige Lebensbilder von heiligen Vtern geschrieben -- der
hchsten Verehrung wrdig und im Glanz von Wunderthaten strahlend -- und
was hier berichtet wird, ist noch viel wunderbarer. Dennoch hat er, so viel
ich sehe, keinen derselben mit so hohen Ruhmesworten gefeiert, wie diese
Witwe. Auch seinen Brief an die Jungfrau Demetrias erffnet er sofort mit
einer so starken Lobeserhebung, da sie uns fast als eine bertriebene
Schmeichelei erscheinen mu. Von allen Gegenstnden, sagt er, ber welche
ich von meiner frhesten Jugend an bis zu meinem jetzigen Alter geschrieben
habe oder habe schreiben lassen, ist keiner schwieriger als das
gegenwrtige Werk. Denn ich schicke mich an, an Demetrias zu schreiben, die
Jungfrau Christi, die an Edelmut und an Reichtum die erste in Rom ist. Wenn
ich ihre Tugenden preise, wie sie's verdienen, wird man von mir sagen, ich
sei ein Schmeichler. Es war fr den heiligen Mann ein ses Amt, durch die
Kunst seiner Worte das schwache Geschlecht zur schweren bung der Tugend
anzuleiten. Weil aber Thaten sprechendere Beweise sind als Worte, hat er
sich seiner weiblichen Schutzbefohlenen mit solcher Liebe angenommen, da
sein eigener guter Ruf, trotz seiner ungemessenen Heiligkeit, darunter zu
leiden hatte. Er spricht selber davon in seinem Brief an Asella, wo er von
falschen Freunden handelt, die ihn verleumden: Mgen sie mich, heit es
da, immerhin fr einen Verbrecher halten, bedeckt mit allen Schandtaten; du
aber thust wohl daran, wenn du deinem Herzen folgend auch die Schlechten
fr gut hltst. Denn es ist gefhrlich, ber den Knecht eines andern zu
richten, und wer Gutes schlecht macht, dem wird nur schwer verziehen. Sie
haben mir die Hnde gekt und mich mit ihrer giftigen Zunge verleumdet.
Mit den Lippen bedauerten sie mich, im Herzen lachten sie. Sie mgen selbst
sagen, ob sie jemals etwas anderes an mir gefunden, als was einem Christen
sich ziemte. Was man mir zum Vorwurf macht, ist einzig und allein mein
Geschlecht, und auch das wrde man mir nicht vorwerfen, wenn Paula nicht
nach Jerusalem gekommen wre. Weiter heit es: Ehe ich in das Haus der
frommen Paula kam, war nur Eine Stimme des Lobes ber mich in der ganzen
Stadt; ja, ich war nach dem Urteil aller wrdig, das Amt des hchsten
Priesters in der Kirche zu bekleiden. Aber seitdem ich anfing, sie nach dem
Verdienst ihrer Frmmigkeit zu verehren und zu lieben, war ich auf einmal
aller Tugenden bar. Und etwas weiter unten sagt er: Gre Paula und
Eustochium, die mein sind in Christo, man sage was man wolle.

Lesen wir doch von dem Herrn selbst, er habe die fromme Snderin mit solch
vertraulicher Gte behandelt, da der Phariser, welcher ihn eingeladen
hatte, darob irre an ihm wurde und bei sich sagte: Wenn dieser ein Prophet
wre, wte er, wer und welch ein Weib das ist, die ihn anrhret. Was
Wunder also, wenn, um solche Seelen zu gewinnen, auch die Glieder Christi,
durch sein Beispiel angetrieben, die Verunglimpfung ihres guten Namens
nicht achten? Origenes, um dem zu entgehen, ist, wie schon erwhnt, nicht
davor zurckgeschreckt, an seinem Leib schweren Schaden zu nehmen.

Aber nicht blo in Belehrung und Unterweisung der Frauen haben die heiligen
Vter eine wunderbare Liebe an den Tag gelegt: auch wenn es galt, sie zu
trsten, ist dieser Liebeseifer zuweilen so heftig zum Ausbruch gekommen,
da es fast scheint, als htten sie sich durch ihr unbegrenztes Mitleid,
nur um den Schmerz der Frauen zu lindern, zu Versprechungen verleiten
lassen, die mit dem christlichen Glauben im Widerspruch standen. Derart ist
der Trost, welchen der heilige Ambrosius nach dem Tode des Kaisers
Valentinian dessen Schwestern zu schreiben wagte, indem er sie versicherte,
da ihr Bruder, der doch als Katechumen gestorben ist, der Seligkeit
teilhaftig geworden sei -- eine Behauptung, die mit dem katholischen
Glauben und mit der evangelischen Lehre durchaus nicht bereinstimmt. Sie
wuten wohl, wie angenehm vor Gott allezeit die Tugend des schwcheren
Geschlechtes gewesen sei.

So kommt es, da wir zwar eine unzhlige Schar von Jungfrauen dem Beispiel
der Mutter des Herrn folgen und den sittlich vollkommeneren Stand erwhlen
sehen, da wir aber nur wenige Mnner kennen, welche die Gnadengabe dieser
Tugend erlangt haben, vermge deren sie dem Lamme selbst berall hin folgen
konnten. Im Eifer um diese Tugend haben mehrere Frauen sogar Hand an sich
selber gelegt, damit sie die Keuschheit auch des Leibes, welche sie Gott
gelobt hatten, sich erhielten, und man hat sie darob nicht nur nicht
getadelt, sondern bei den meisten wurde ihr freiwilliger Opfertod Anla zu
ihrer kirchlichen Verehrung. Ja, sogar bereits verlobte Jungfrauen, wenn
sie sich vor der fleischlichen Vereinigung mit ihren Mnnern fr die Wahl
des Klosterlebens entschlieen, ihren Mann aufgeben und sich Gott verloben
wollen, haben darin freie Hand, whrend wir von einer solchen
Rechtsbestimmung fr die Mnner nichts wissen.

Einige Frauen waren von solchem Eifer fr ihre Keuschheit erfllt, da sie
nicht allein unerlaubterweise, um ihre Keuschheit zu wahren, sich fr
Mnner ausgaben, sondern dann auch, unter den Mnchen lebend, sich durch
ihre Tugenden also auszeichneten, da sie des Abtstuhls fr wrdig befunden
wurden, wie wir dies von der heiligen Eugenia lesen, welche mit Wissen, ja,
auf Zureden des frommen Bischofs Helenus Mnnerkleider anlegte, von ihm
getauft und in ein Mnchskloster aufgenommen wurde.

Die erste deiner Fragen, geliebte Schwester in Christo, das Ansehen eures
Standes und die Hoheit seiner ihm eigenen Wrde betreffend, glaube ich
hiemit gengend beantwortet zu haben. Je mehr ihr die Herrlichkeit eures
Berufes nun erkannt habt, mit desto grerem Eifer werdet ihr ihn erfassen.
Mchten eure Verdienste und Gebete bewirken, da ich weiterhin mit Gottes
Zustimmung auch deine zweite Frage beantworten kann. -- Lebe wohl!




VIII. Brief.

Abaelard an Heloise.


Zu einem Teil habe ich deine Bitte erfllt, so gut ich's vermochte. Es
bleibt mir noch brig, mit Gottes Beistand zu erledigen, was noch im
Rckstand ist und so deine und deiner geistigen Tchter Wnsche zu
befriedigen. Der weitere Inhalt eurer Forderung geht dahin: ich soll euch
eine bestimmte Vorschrift, die euch als Regel fr euren Orden dienen
knnte, aufsetzen und zusenden, damit ihr an dem geschriebenen Buchstaben
einen sicherern Anhaltspunkt fr euer Thun und Lassen habet als an dem
bloen Herkommen. So habe ich mir denn vorgenommen, teils altbewhrte
Gebruche, teils die Zeugnisse der heiligen Schrift und der Vernunft zu
Grunde zu legen und daraus ein Ganzes zu bilden. Den geistigen Tempel
Gottes, welcher ihr seid, mchte ich damit ausschmcken wie mit schnen
Malereien und aus verschiedenen Bruchstcken ein einheitliches Werk
aufbauen. Dabei will ich mir den Maler Zeuxis zum Vorbild nehmen und bei
der Ausschmckung meines geistigen Tempels so verfahren, wie er es einst
bei einem sichtbaren gemacht hat. Cicero erzhlt nmlich in seinem Buch
Rhetorica folgendes: Die Brger von Kroton beriefen den Zeuxis, um einen
Tempel, der ihnen besonders heilig war, von ihm mit prchtigen Gemlden
ausschmcken zu lassen. Zu diesem Zweck whlte er sich aus der Bevlkerung
die fnf schnsten Mdchen, die bei seiner Arbeit vor ihm standen und deren
Schnheit ihm zum Muster diente. Dies ist aus zwei Grnden ganz wohl
glaublich: einmal, weil dieser Maler nach der Mitteilung des genannten
Schriftstellers eine besondere Geschicklichkeit darin hatte, Frauen zu
malen; sodann auch, weil weibliche Formen selbstverstndlich einen
feineren, lieblicheren Eindruck machen als mnnliche. Mehrere Mdchen aber,
sagt der erwhnte Philosoph, habe er ausgewhlt, weil er nicht glaubte, da
er eine finden werde, bei der alle Glieder gleich formvollendet wren, und
da die Natur eine einzige mit so reicher Schnheit ausgestattet habe, da
sie lauter gleich schne Krperteile aufzuweisen htte. Die Natur, das war
seine Meinung, bilde in der Krperwelt nichts durchaus und gleichmig
Vollendetes, als frchtete sie, wenn sie alle Vorzge auf einen Gegenstand
vereinige, fr die anderen nichts mehr brig zu haben.

So will auch ich verfahren, indem ich mich anschicke, die Schnheit der
Seele zu malen und die Vollkommenheit der Braut Christi zu beschreiben.
Mget ihr mein Werk als einen Spiegel der rechten gottgeweihten Jungfrau
allezeit vor Augen haben und daraus eure Schnheit oder Hlichkeit
erkennen. Ich will zu dem Zweck aus den zahlreichen Schriften der heiligen
Vter und aus den bewhrtesten Klostergebruchen eine Regel fr euch
zusammenstellen. Von allem, was mir ins Gedchtnis kommt, will ich das
Beste nehmen und alles gleichsam in Ein Bndel sammeln, was mit eurem
heiligen Berufe sich berhrt. Und zwar werde ich dabei nicht blo die
Bestimmungen fr Nonnen bercksichtigen, sondern auch diejenigen fr
Mnche; denn wie euch Ein Name und dasselbe Gelbde der Enthaltsamkeit mit
uns verbindet, so gelten auch fast alle unsere Bestimmungen ebenso fr
euch. Aus diesem Vorrat, wie gesagt, will ich dieses und jenes auswhlen,
gleichsam eine Blumenlese, mit der ich die Lilien eurer Keuschheit
schmcken will, und zu dem Zweck werde ich auf die Beschreibung der Braut
Christi mehr Flei verwenden mssen als Zeuxis auf sein Gtzenbild. Er
glaubte es sei genug, wenn er fnf Jungfrauen habe, um ihre Schnheit
nachzubilden. Uns aber steht der ganze Reichtum von Schriften der Vter zu
Gebote und so hoffen wir im Vertrauen auf die gttliche Hilfe, euch ein
vollkommeneres Werk zu hinterlassen, das euch tchtig macht zu dem Los und
zu den Tugenden jener fnf klugen Jungfrauen, die uns der Herr im
Evangelium zeigt als Vorbilder christlicher Jungfrulichkeit. Mgen eure
Gebete mir dazu helfen, da dem Wollen das Vollbringen nicht mangle. Seid
in Christo gegrt, ihr Brute Christi!

Ich habe beschlossen, die Schrift, welche ich zu eurer Belehrung verfassen
will und in welcher ich euren frommen Stand beschreiben und fest umgrenzen,
sowie ber die wrdige Begehung des Gottesdienstes reden werde, in drei
Abschnitte einzuteilen. Denn drei Stcke sind, so glaube ich, der
Hauptsache nach wesentlich fr das klsterliche Leben: Keuschheit,
Besitzlosigkeit und Schweigen; das heit nach der Vorschrift, welche der
Herr im Evangelium giebt: die Lenden umgrten, allem entsagen, mige Worte
vermeiden. Unter Keuschheit aber ist diejenige Enthaltsamkeit zu verstehen,
welche der Apostel empfiehlt mit den Worten: Welche nicht freiet, die
sorget was dem Herrn angehret, da sie heilig sei, beide an Leib und auch
am Geist. Am Leib, sagt er, und meint damit den ganzen, nicht blo ein
einzelnes Glied, damit nicht irgend eines in Worten oder Handlungen zur
Unreinigkeit abirre. Heilig an der Seele ist sie dann, wenn weder in ihrem
Herzen ein unreiner Gedanke aufsteigen darf noch auch der Stolz sie
aufblht, wie die fnf thrichten Jungfrauen, die, whrend sie
zurckliefen, um l zu kaufen, hinausgeschlossen wurden. Und als sie nun
vergebens an die geschlossene Thr pochten und riefen: Herr, Herr, thue
uns auf! -- da wird ihnen von diesem selbst die furchtbare Antwort zu
teil: Wahrlich, ich sage euch, ich kenne euch nicht.

Sodann aber verlassen wir alles und folgen nackt dem nackten Christus nach,
wie es die heiligen Apostel gemacht haben. Dazu gehrt, da wir um
seinetwillen nicht blo irdischen Besitz oder Bande des Blutes, sondern
auch unsern eigenen Willen hintansetzen, so da wir nicht nach eigenem
Gutdnken leben, sondern durch den Willen unseres Vorgesetzten uns lenken
lassen und uns dem, der an Christi Statt unser Oberhaupt ist, vllig
unterwerfen wie Christo selbst. Er sagt selbst von solchen: Wer euch
hret, der hret mich, und wer euch verachtet, der verachtet mich. Selbst
wenn jener, was Gott verhte, einen blen Lebenswandel fhren sollte --
wenn er nur gute Vorschriften giebt; denn um der schlechten Menschen willen
darf man Gottes gute Absicht nicht verachten. In dieser Beziehung sagt der
Herr selbst: Was sie euch sagen, das haltet und thut, aber nach ihren
Werken sollt ihr nicht thun. Worin aber diese Bekehrung von der Welt zu
Gott bestehe, darber uert er sich deutlich also: Wer nicht entsagt
allem, das er hat, der kann nicht mein Jnger sein. Ferner: So jemand zu
mir kommt und hasset nicht seinen Vater, Mutter, Weib, Kind, Brder,
Schwestern, auch dazu sein eigen Leben, der kann nicht mein Jnger sein.
Seinen Vater oder seine Mutter hassen heit aber so viel als: sich nicht
durch die Rcksicht auf Bande des Blutes halten lassen; gleichwie sein
Leben hassen so viel ist als: auf seinen eigenen Willen verzichten. Dieses
Verlangen stellt der Herr selbst ein anderes Mal an uns mit den Worten:
Will mir jemand nachfolgen, der verleugne sich selbst und nehme sein Kreuz
auf sich und folge mir. Denn also gehen wir hinter ihm drein auf seiner
Spur, wir folgen ihm nach, indem wir mit Eifer sein Beispiel nachahmen, der
gesagt hat: Ich suche nicht meinen Willen, sondern des Vaters Willen, der
mich gesandt hat. Als wollte er sagen: wir sollen alles im Gehorsam thun.
Denn was heit sich selbst verleugnen anderes als: das Behagen des
Fleisches und den eigenen Willen hintansetzen und sich von fremdem, nicht
vom eigenen Gutdnken leiten lassen? Und so empfngt der Mensch sein Kreuz
nicht aus eines anderen Hand, sondern er nimmt es selbst auf sich, und
durch dasselbe ist ihm die Welt gekreuzigt und er der Welt, wenn er durch
ein freiwilliges Gelbde allen weltlichen und irdischen Wnschen entsagt,
d. h. auf seinen eigenen Willen verzichtet. Denn was wollen die, die vom
Fleische sind, anderes als _ihren_ Willen durchsetzen? Und giebt es eine
hhere irdische Lust, als die Befriedigung des eigenen Willens, wenn
dieselbe gleich mit hchster Mhe und Gefahr erkauft werden mu? Dagegen
das Kreuz tragen, d. h. eine Qual aushalten -- was ist es anderes, als
etwas geschehen lassen, was unserem Willen zuwider ist, wiewohl die
Durchsetzung desselben uns leicht und angenehm wre? Darum spricht ein
anderer Jesus, der freilich an den wahren nicht hinanreicht, im Buch Sirach
die Warnung aus: Folge nicht deinen bsen Lsten, sondern brich deinen
Willen, denn wo du deinen bsen Lsten folgest, so wirst du dich deinen
Feinden selbst zum Spott machen. Wenn wir aber so unsern Wnschen wie uns
selber ganz und gar entsagen, dann geben wir in Wirklichkeit jeden
Eigenbesitz auf und fhren jenes apostolische Leben, dem alles gemeinsam
ist, wie geschrieben steht: Die Menge aber der Glubigen war Ein Herz und
Eine Seele; auch keiner sagete von seinen Gtern, da sie sein wren,
sondern es war ihnen alles gemein, und es wurde jedem zugeteilt nach dem
ihm not war. Nicht alle hatten ja die gleichen Bedrfnisse, darum teilte
man nicht allen das gleiche Ma zu, sondern jedem, nachdem ihm not war.
Ein Herz -- im Glauben, denn mit dem Herzen glaubt man. Eine Seele --
denn aus Liebe kamen sie einander mit ihren Wnschen entgegen; jeder
wnschte dem andern das, was er selbst wollte, und niemand war mehr auf den
eigenen Vorteil bedacht als auf den des Nchsten, sondern alles wurde dem
allgemeinen Wohl dienstbar gemacht. Niemand suchte und erstrebte das Seine,
sondern das, was Jesu Christi ist. Denn anders wre ein Leben ohne
persnliches Eigentum nicht denkbar, das mehr im Ehrgeiz als im
eigentlichen Besitz seinen Grund hat.

Jedes berflssige, mige Wort ist ebensogut wie Schwatzhaftigkeit. Der
heilige Augustin sagt im ersten Buch seiner Retraktationen: Es sei ferne
von mir, den Vorwurf der Schwatzhaftigkeit zu erheben, wo Notwendiges
geredet wird, sei es auch mit groer Wortflle und Ausfhrlichkeit. Und
Salomo seinerseits sagt: Wer viel redet, der wird leicht in Snden fallen;
wer aber seine Zunge im Zaum hlt, der ist klug. Wir drfen uns also wohl
hten vor einem Ding, das so leicht zur Snde fhrt; je gefhrlicher die
Krankheit ist und je schwieriger zu vermeiden, desto ngstlicher mssen wir
vor ihr auf der Hut sein. Im Hinblick darauf sagt der heilige Benedikt:
Die Mnche sollen sich allezeit des Schweigens befleiigen. Aus dem
Schweigen eine frmliche bung zu machen, ist sicherlich mehr als einfach
Schweigen beobachten. Denn zum Begriff der bung gehrt es, da man den
Willen streng dazu anhlt, irgend etwas zu thun. Denn vieles thun wir
nachlssig oder unwillkrlich; soll aber etwas herauskommen, so mu unser
Wille und unsere Aufmerksamkeit dabei sein.

Wie schwer, aber auch wie ntzlich es ist, seine Zunge im Zaume zu halten,
das wei der Apostel Jakobus wohl und sagt deshalb: Wir fehlen alle
manchfltiglich; wer aber auch in keinem Wort fehlet, der ist ein
vollkommener Mann. Und weiter sagt er: Alle Natur der Tiere und der Vgel
und der Schlangen und der Meerwunder werden gezhmet und sind gezhmet von
der menschlichen Natur. Indem er sich aber deutlich macht, wie die Zunge
eine Urheberin von so viel Bsem und alles Guten Zerstrerin ist, sagt der
Apostel weiter oben und weiter unten in seinem Brief: Die Zunge ist ein
klein Glied, aber welch ein Feuer! Welch einen Wald zndet's an!... eine
Welt voll Ungerechtigkeit, ein unruhiges bel, voll tdlichen Giftes. Was
aber ist gefhrlicher und mehr zu frchten als Gift? Wie also durchs Gift
das Leben vernichtet wird, so zerstrt die Geschwtzigkeit alle
Frmmigkeit. Darum heit es im gleichen Briefe weiter vorn: So aber sich
jemand unter euch lsset dnken, er diene Gott und hlt seine Zunge nicht
im Zaum, sondern verfhret sein Herz, des Gottesdienst ist eitel. So heit
es auch in den Sprchen: Ein Mann, der seinen Geist nicht halten kann, ist
wie eine Stadt ohne Mauern. So meinte es auch jener Greis, als ihm
Antonius in Beziehung auf einige vielredende Brder, welche sich zu ihm
gesellt hatten, sagte: Du hast rechtschaffene Brder angetroffen, mein
Vater. Jener antwortete: Rechtschaffene wohl, aber ihr Haus hat keine
Thre. Wer nur will, kann in ihren Stall eintreten und den Esel losbinden.
Denn unsere Seele ist gleichsam angebunden an die Krippe des Herrn, und
nhrt und erquickt sich da mit frommen Betrachtungen. Von dieser Krippe
wird sie gelst und schweift mit ihren Gedanken in der ganzen Welt herum,
wenn das Gebot des Schweigens sie nicht zurckhlt. Durch Worte wird die
vernunftbegabte Seele veranlat, auf das, was sie hrt, aufzumerken und
darber nachzudenken. Mit Gott aber reden wir in Gedanken, wie mit den
Menschen in Worten. Whrend wir nun hier auf die Worte der Menschen hren,
mu unsere Aufmerksamkeit notwendig von dort abgezogen werden, denn wir
knnen nicht Gott und den Menschen zugleich unsere Aufmerksamkeit schenken.

Und nicht blo mige Worte sollen wir vermeiden, sondern auch solche, mit
denen vielleicht einiger Nutzen verbunden sein knnte; denn allzuleicht
kommt man vom Notwendigen aufs Unntze und vom Unntzen aufs Schdliche.
Denn die Zunge, sagt Jakobus, ist ein unruhiges bel. Je kleiner und
feiner sie ist als die brigen Glieder, desto beweglicher, und whrend die
andern durch Bewegung mde werden, ermattet sie, wenn sie nicht in Bewegung
gesetzt wird, und gerade die Ruhe ist ihr unertrglich. Je feiner und
biegsamer sie aber infolge der Weichheit unseres Krpers ist, desto
lebhafter ist ihre Neigung, sich zu bewegen und zu sprechen, und so kann
sie zur Pflanzsttte alles Bsen werden.

Der Apostel wute, da die Zunge hauptschlich euch viel zu schaffen mache
und untersagt deshalb den Frauen das Sprechen in der gottesdienstlichen
Versammlung, selbst das Reden ber religise Fragen; sie sollen zu Hause
ihre Mnner fragen, und auch wenn sie ber solche Dinge belehrt werden,
sollen sie, wie berhaupt bei all ihrem Thun, demtiges Schweigen
beobachten. Dem Timotheus schreibt er hierber: Ein Weib lerne in der
Stille mit aller Unterthnigkeit; einem Weib aber gestatte ich nicht, da
sie lehre, auch nicht da sie des Mannes Herr sei, sondern stille sei.
Wenn nun der Apostel Laien und verheirateten Frauen solche Vorschriften in
Betreff des Schweigens giebt -- was werdet dann ihr zu thun haben? Indem er
dem Timotheus solche Vorschriften giebt, will er damit sagen, da die
Frauen wortreich seien und gern reden, wo es nicht ntig ist.

Um diesem bel nun einigermaen zu steuern, soll die Zunge im Zaum gehalten
und vollstndiges Schweigen beobachtet werden an folgenden Orten und zu
folgenden Zeiten: beim Gottesdienst, im Kloster, im Schlafsaal, im
Refektorium, beim Essen, in der Kche und ganz besonders nach dem
Kompletorium. Wenn es notwendig ist, kann man an den genannten Orten und zu
den vorgeschriebenen Zeiten statt der Worte Zeichen anwenden. Man hat dafr
Sorge zu tragen, da jedermann diese Zeichen erlerne. Durch dieselben kann
man einander, wenn man notwendig etwas zu sagen hat, auch an einen
geeigneten, dazu bestimmten Ort bestellen. Und nachdem man sich mit
mglichst wenig Worten verstndigt hat, gehe man an seinen vorigen Platz
zurck oder thue, was zu thun ist. Auch soll man den Mibrauch von Worten
oder Zeichen schonungslos tadeln, besonders aber das berma von Worten,
weil hier die grte Gefahr droht.

In dem lebhaften Wunsche, dieser vielfachen und groen Gefahr zu steuern,
giebt uns der heilige Gregorius im achten Buch seiner Moralia folgende
Vorschrift: Wenn wir uns nicht vor berflssigen Worten hten, so kommen
wir bald bei den wirklich schdlichen an. Daraus entstehen dann Reibereien
und Streitigkeiten, der Zndstoff des Hasses gert in Flammen und mit dem
Frieden des Herzens ist es vorbei. Daher sagt Salomo mit Recht: Wer
Wasser verschttet, der ruft Streit hervor. Wasser verschtten, das heit:
seiner Zunge den Lauf lassen. Dagegen sagt er in lobendem Sinn: Tiefes
Wasser kommt aus dem Munde des Mannes. Also wer Wasser verschttet, der
ruft Streit hervor: denn wer seine Zunge nicht im Zaum hat, der st
Zwietracht. Darum heit es in der Schrift: Wer einem Narren Schweigen
gebietet, der lindert den Zorn.

Das ist eine deutliche Mahnung fr uns, gegen diesen Fehler die grte
Strenge walten zu lassen und ja keine Nachsicht ihm gegenber zu ben,
wodurch die Frmmigkeit schwer gefhrdet wrde. Denn aus dieser Quelle
entspringen Verleumdung, Streit, Verunglimpfung, ja manchmal
Zusammenrottungen und Verschwrungen, welche das Gebude der Religion
erschttern, ja ber den Haufen werfen. Ist dieses Laster ausgerottet, so
werden damit freilich nicht auch zugleich die bsen Gedanken unterdrckt,
doch werden wenigstens andere vor Ansteckung bewahrt.

Der Abt Macarius warnte vor diesem Laster so nachdrcklich, als glaubte er,
da die Vermeidung desselben allein schon zur Frmmigkeit genge. Es wird
von ihm erzhlt: Der Abt Macarius in Skythien gab seinen Mnchen die
Weisung: 'Nach der Messe meidet einander, meine Brder'. Da sagte einer der
Mnche: 'Vater, wohin sollen wir, um eine grere Einsamkeit zu finden als
diese?' Da legte er den Finger an die Lippen und sagte: 'Das ist es, was
ihr fliehen sollt'. Damit trat er in seine Zelle, schlo die Thr hinter
sich zu und blieb allein. Diese Tugend des Schweigens, die nach Jakobus
den Menschen vollkommen macht und von der Jesaias sagt: Schweigen ist
Pflege der Gerechtigkeit -- sie wurde von den heiligen Vtern mit so
glhendem Eifer gebt, da z. B. der Vater Agatho drei Jahre lang einen
Stein im Munde trug, bis er schweigen lernte.

Wiewohl die Seligkeit nicht am Ort hngt, so kann er doch unter Umstnden
zur Bewahrung und Festigung der Frmmigkeit frderlich sein, und je nachdem
trgt er zur Frderung oder zur Beeintrchtigung derselben bei. Darum zogen
sich auch die Schler der Propheten, von denen Hieronymus sagt, sie seien
die Mnche des alten Bundes, in die Einsamkeit zurck und bauten sich an
den Ufern des Jordans ihre Htten. Auch Johannes und seine Schler, die
Begrnder unserer Lebensweise, ferner Paulus, Antonius, Macarius und alle
hervorragenden Vertreter unseres Standes haben dem Lrm der an Versuchungen
so reichen Welt den Rcken gekehrt und haben sich in der Einsamkeit eine
Sttte frommer Betrachtung errichtet, um ganz ungestrt des Umgangs mit
Gott zu pflegen.

Selbst unser Herr, der doch fr keine Versuchung zugnglich war, giebt uns
in dieser Hinsicht ein Beispiel, indem er, wenn er etwas Groes vorhatte,
mit Vorliebe die Einsamkeit aufsuchte und dem Lrm des Volks aus dem Wege
ging. So hat der Herr selbst durch sein vierzigtgiges Fasten die Wste fr
uns geheiligt, in der Wste hat er die Menge gespeist, und um von seinem
Gebet jede Strung fernzuhalten, hat er sich nicht blo von der Menge,
sondern auch von seinen Jngern zurckgezogen. Auch die Jnger hat er
abseits auf einem Berg unterrichtet und erwhlt, die Einde war es, die vom
Glanze seiner Verklrung wiederstrahlte, auf einem Berge teilte er den
versammelten Jngern die freudige Gewiheit seiner Auferstehung mit, und
vom Berge fuhr er gen Himmel, und auerdem verrichtete er noch viele
mchtige Thaten in der Wste oder an einsamen rtern.

Auch dem Moses und den alten Vtern ist Gott in der Wste erschienen; durch
die Wste hat er sein Volk ins gelobte Land gefhrt, in der Wste hat er es
festgehalten, ihm sein Gesetz gegeben, Manna regnen lassen, Wasser aus dem
Fels gespendet, durch hufige Erscheinungen sein Volk getrstet und viel
Wunder gethan. Durch all das hat das einzigartige Wesen uns deutlich
gezeigt, wie sehr es die Einsamkeit fr uns liebe, weil wir in derselben
reineren Umgangs mit ihm pflegen knnen.

Ja, unter dem mystischen Bilde des Waldesels, der die Wildnis liebt, die
Freiheit beschreibend und preisend, spricht Gott zu dem frommen Hiob: Wer
hat den Waldesel so frei lassen gehen, wer hat die Bande des Wildes
aufgelst? Dem ich das Feld zum Hause gegeben und die Wste zur Wohnung. Er
verlacht das Getmmel der Stadt, das Pochen des Treibers hrt er nicht. Er
schauet nach den Bergen, da seine Weide ist und suchet, wo es grn ist.

Es ist als wollte er sagen: Wer hat das gemacht? Bin Ich es nicht? Unter
dem, was wir Waldesel nennen, ist der Mnch zu verstehen, der ledig aller
weltlichen Bande die ruhevolle Freiheit des einsamen Lebens aufgesucht hat
und der Welt entflohen ist. Er wohnt in der Wste, denn seine Glieder sind
ausgetrocknet und abgemagert vom Fasten. Das Pochen des Treibers hrt er
nicht, wohl aber seine Stimme, weil er seinen Magen nicht berladet,
sondern ihm nur das Notwendige zukommen lt. Denn wer ist tagtglich ein
ungestmerer Treiber als der Magen? Er erhebt ein Geschrei, d. h. er
verlangt mit Ungeduld nach berflssigen und leckeren Speisen, und darauf
darf man durchaus nicht hren. Die Berge, da seine Weide ist, das sind die
Lebensbilder und Lehren der ehrwrdigen Vter, die wir zu unserer Strkung
lesen und betrachten. Unter dem Grnen sind zu verstehen alle die
Schriften, die uns den Weg zum himmlischen, unverwelklichen Leben zeigen.

Eine Mahnung zur Einsamkeit enthlt auch das Wort, welches Hieronymus an
den Mnch Heliodorus schreibt: Besinne dich auf die Bedeutung des Wortes
'Mnch', d. h. des Namens, den du trgst. Was thust du unter der Menge, der
du der Einsamkeit gehrst? Derselbe Schriftsteller unterscheidet unsere
Lebensweise von derjenigen der Kleriker in einem Brief an den Presbyter
Paulus folgendermaen: Wenn du das Amt eines Presbyters verwalten willst,
wenn dir die Wrde oder vielmehr die Brde eines Bischofs gefllt, dann
wohne in Stdten und festen Pltzen und suche dein Glck im Seelenheil
anderer. Willst du aber sein, was du heiest, nmlich ein Mnch, d. h. ein
Einsamer, was thust du dann in den Stdten, die doch nicht Aufenthaltsorte
fr Einsame sind, sondern fr die Menge? Jeder Stand hat seine obersten
Vertreter ... um nun auf den unsrigen zu kommen: Bischfe und Presbyter
mgen sich die Apostel und apostolischen Mnner zum Vorbild nehmen und sich
bestreben, ihnen nicht blo an Rang, sondern auch an Tugend gleichzukommen.
Wir aber sollen als unsere Vorbilder betrachten Mnner wie Paulus,
Antonius, Hilarion, Macarius. Und um wieder auf das zu kommen, was die
Schrift uns sagt: unsere Oberhupter sind Elias, Elisus, auch die
Prophetenschler sind unsere Fhrer, welche wohnten im wsten Gefilde und
sich Htten bauten an den Ufern des Jordans. Zu ihnen gehren auch jene
Shne des Rechab, die keinen Wein und kein gegorenes Getrnke tranken, die
in Zelten wohnten und welche durch die aus Jeremias ertnende Stimme Gottes
gelobt wurden: es solle in ihrem Stamme nie an Mnnern fehlen, die in
Gottes Dienst stehen.

So sollen also auch wir unsere Wohnung in der Einsamkeit aufschlagen, damit
wir fhig sind, vor Gott zu stehen und seinem Dienste uns widmen knnen. Da
wird kein Zudrang von Menschen unsere Ruhesttte erschttern, unser
Stillleben stren, uns mit Versuchungen nahen und die Gedanken von unserem
heiligen Beruf abziehen.

Uns allen mag der heilige Arsenius ein deutliches Vorbild sein, den der
Herr zur Freiheit eines beschaulichen Lebens gefhrt hat. Von ihm wird
erzhlt: Der Vater Arsenius, als er noch in seinem Palast lebte, betete zu
Gott: 'Herr, fhre mich auf den Weg des Heils'. Da ertnte eine Stimme, die
sprach: 'Arsenius, fliehe die Menschen und du wirst gesund werden'. Er
ergab sich nun dem Mnchsleben und betete wieder einmal mit denselben
Worten: 'Herr, fhre mich auf den Weg des Heils'. Und er vernahm eine
Stimme, die sprach: 'Arsenius, fliehe, schweig, halte Ruh', das sind die
Wurzeln der Sndlosigkeit'. Diese gttliche Vorschrift machte er sich zu
seiner Regel und floh nicht blo selber die Menschen, sondern sorgte auch
dafr, da sie vor ihm flohen. Als einmal der Erzbischof in Begleitung
einer Magistratsperson ihn besuchen und ein erbauliches Gesprch mit ihm
fhren wollte, sagte Arsenius: Und wenn ich euch etwas sagen werde, werdet
ihr euch danach richten? Als sie dies bejahten, sagte er: berall, wo ihr
hren werdet: Arsenius ist da -- da bleibet ferne. Als ihn der Erzbischof
ein zweites Mal besuchen wollte, schickte er zuvor zu ihm, um zu sehen, ob
er ihn empfangen werde. Arsenius lie ihm sagen: Wenn du kommst, so werde
ich dir zwar meine Thr ffnen; habe ich aber dir geffnet, so mu ich auch
allen andern ffnen, und dann wird meines Bleibens hier nicht lnger sein.
Darauf sagte der Bischof: Wenn ihn mein Besuch nur vertreibt, so will ich
nie mehr zu dem heiligen Manne gehen. Einer rmischen Dame, die gekommen
war, um seiner Heiligkeit zu huldigen, sagte er: Was ist dir eingefallen,
eine so weite Reise zu machen? Weit du nicht, da du ein Weib bist und
nicht in der Welt herumfahren sollst? Oder willst du den andern Frauen in
Rom erzhlen: ich habe den Arsenius gesehen -- so da das Meer bald von
Weibern wimmeln wird, die mich besuchen wollen? Die Frau antwortete: Wenn
Gott mir die Rckkehr nach Rom verstattet, so will ich dafr sorgen, da
niemand hierher kommt. Aber bitte fr mich und gedenke allezeit meiner.
Darauf Arsenius: Ja, ich will Gott bitten, da er die Erinnerung an dich
aus meinem Herzen verwische. Als die Dame dies vernahm, entfernte sie sich
ganz betroffen.

Es wird weiter von ihm erzhlt: als der Vater Markus ihn fragte, warum er
den Menschen so sehr aus dem Wege gehe, habe er geantwortet: Wei Gott,
ich liebe die Menschen, aber ich kann nicht mit Gott und mit den Menschen
zugleich verkehren.

Die heiligen Vter scheuten den Verkehr und die Bekanntschaft mit den
Leuten so sehr, da einige von ihnen, nur um die Menschen ganz fern von
sich zu halten, sich wahnsinnig stellten, ja, was fast unglaublich ist,
sich selbst fr Ketzer ausgaben. In dem Leben der Altvter kann man es
lesen, was der Vater Simeon fr Anstalten machte, als der Statthalter der
Provinz ihn besuchen wollte: er bedeckte sich mit einem Sack, nahm ein
Stck Brot und Kse in die Hand, setzte sich unter die Thr seiner Zelle
und fing an zu essen. Man lese auch die Geschichte von jenem Einsiedler,
der, als er erfuhr, da Leute mit Fackeln zu ihm kommen, seine Kleider
auszog, sie in den Flu warf und alsdann ganz nackt sich anschickte, sie zu
waschen. Sein Diener errtete bei diesem Anblick und bat die Leute: Kehret
um, der Alte hat den Verstand verloren. Als er wieder zu ihm kam, fragte
er ihn: Was hast du denn gemacht, Vater? Alle, die dich sahen, sagten: der
Alte ist besessen. Da antwortete der Greis: Das eben wollte ich hren.

Von dem Vater Moses ist ferner zu lesen, da er, um dem Besuch des
Statthalters zu entgehen, sich in einen Sumpf flchtete. Unterwegs
begegnete ihm der Statthalter mit seinen Leuten und fragte ihn: Sag uns,
Alter, wo ist die Zelle des Moses? Dieser antwortete: Was wollt ihr von
ihm? Er ist ein Narr und ein Ketzer. Was soll man dazu sagen, da der
Vater Pastor sich nicht von dem Statthalter besuchen lie, obgleich er
dadurch den Sohn seiner Schwester, die ihn flehentlich darum bat, aus dem
Gefngnis htte befreien knnen? Wie seltsam! Die Mchtigen dieser Welt
kommen voll Verehrung und Demut, die Heiligen zu besuchen, und diese sind
bestrebt, sie gnzlich von sich fernzuhalten, selbst auf Kosten ihres guten
Rufes.

Damit ihr aber auch euer eigenes Geschlecht in der Ausbung dieser Tugend
kennen lernet: wer vermchte jene Jungfrau wrdig zu preisen, welche selbst
den Besuch des heiligen Martinus zurckwies, um in ihrer Andacht nicht
gestrt zu werden? Hieronymus schreibt darber an den Mnch Oceanus: Im
Leben des heiligen Martinus erzhlt Sulpitius: der heilige Martinus wollte,
da sein Weg ihn vorbeifhrte, eine durch ihre Sittenstrenge berhmte
Jungfrau besuchen. Allein diese wollte nicht, sondern schickte ihm ein
Geschenk und rief dem frommen Mann vom Fenster aus zu: bete dort, mein
Vater, denn noch niemals hat mich ein Mann besucht. Martinus, dies
vernehmend, dankte Gott, da sie, von solchem sittlichen Ernst erfllt,
ihrem keuschen Vorsatz treu geblieben war. Er segnete sie und ging frhlich
von dannen. Diese Jungfrau verschmhte es oder scheute sich, von dem Lager
ihrer frommen Betrachtung aufzustehen und war bereit, dem Freunde, der an
ihre Thr pochte, zu antworten: Ich habe meine Fe gewaschen, wie soll
ich sie wieder besudeln? Wie wrden sich Bischfe und Prlaten in unserer
Zeit gekrnkt fhlen, wenn sie eine solche Zurckweisung von Arsenius oder
von dieser Jungfrau erfahren htten! Mchten sich durch diese Beispiele die
Mnche beschmen lassen, die jetzt in der Einsamkeit leben und sich so sehr
ber den Besuch von Bischfen freuen, da sie zu ihrer Aufnahme eigene
Huser bauen. Statt die Herren dieser Welt, die gewhnlich groes Gefolge
mitbringen, zu meiden, laden sie dieselben ein, und unter dem Vorwand der
Gastfreundschaft vergrern sie ihre Niederlassungen und machen die
Einsamkeit, die sie aufgesucht haben, zur belebten Stadt. Gewi ist es das
Werk des alten listigen Versuchers, da fast alle heutigen Klster, whrend
sie in alter Zeit, um den Menschen zu entgehen, in der Abgeschiedenheit
gegrndet worden waren, spter, als die Glut der Frmmigkeit erkaltete,
Leute herbeigezogen, Knechte und Mgde in Menge angestellt und groe
Baulichkeiten an den der Einsamkeit geweihten Orten errichtet haben; so
sind sie selber in die Welt zurckgekehrt oder haben vielmehr die Welt bei
sich eingeschleppt. In die grten Erbrmlichkeiten verwickelt und von
weltlicher wie von geistlicher Gewalt geknechtet, haben sie zugleich Namen
und Wesen des Mnchs, d. h. des Einsiedlers, verloren, whrend sie mig
und von der Arbeit anderer leben wollten. Ihre Lage ist oftmals eine so
bedrngte, da sie, mit der Verteidigung ihrer Schutzbefohlenen und ihres
Eigentums beschftigt, oft ihr eigenes Besitztum einben, und da bei dem
hufigen Brande der benachbarten Huser auch die Klster selbst vom Feuer
ergriffen werden. Und dennoch legen sie ihrem bermut keine Zgel an.

Solche Menschen halten es innerhalb des Klosterbezirks nicht aus, sondern
selbzweit und selbdritt, manchmal auch allein, durchstreifen sie Drfer,
Schlsser und Stdte, ohne um eine Ordensregel sich zu kmmern. Sie sind
viel schlechter als die Weltmenschen, weil sie an ihrem Gelbde zu
Verrtern werden. Die Huser, in welchen sie wohnen, nennen sie
mibruchlich Obedientien, und doch wird hier keine Regel eingehalten und
nur dem Bauch und dem Fleische wird Gehorsam geleistet. Hier hausen sie mit
ihren Verwandten und guten Freunden und leben ungestrt nach ihres Herzens
Gelste, da sie von ihrem Gewissen nichts zu frchten haben. Solchen
frechen Verrtern werden gewi auch solche Ausschweifungen zum Verbrechen,
die bei anderen Menschen verzeihlich sind.

Mit derartigen Menschen drfet ihr nicht blo nicht in Berhrung kommen --
ihr solltet nicht einmal von ihnen hren. Fr eure Schwachheit aber ist die
Einsamkeit darum so notwendig, weil wir hier den Angriffen fleischlicher
Versuchungen weniger ausgesetzt sind und unsern Sinnen weniger Gelegenheit
geboten ist, uns zum Stofflichen hinabzuziehen. Darum sagt auch der heilige
Antonius: Wer in der Einsamkeit wohnt und ein beschauliches Leben fhrt,
dem bleiben dreierlei Kmpfe erspart, der mit dem Gehr, der mit der Zunge
und der mit den Augen, und nur Ein Kampf bleibt ihm zu bestehen: der mit
dem Herzen. Diese Vorzge der Einsamkeit hat auch der groe Kirchenlehrer
Hieronymus gar wohl erkannt, und dem Mnche Heliodorus sie vorhaltend, ruft
er aus: O Einsamkeit, die du dich des vertrauten Umgangs mit Gott
erfreust! Mein Bruder, was machst du dir in der Welt zu schaffen, der du
ber der Welt stehst!

Nachdem ich nun im allgemeinen darber gesprochen habe, wo ein Kloster
passend anzulegen sei, will ich noch zeigen, wie die Lage des Ortes selbst
des nheren beschaffen sein soll. Bei der Wahl des Ortes fr ein Kloster
ist, soweit dies irgend geschehen kann, der Rat des heiligen Benediktus zu
befolgen: innerhalb des klsterlichen Bezirkes soll womglich alles das
beschlossen sein, was fr ein Kloster unumgnglich notwendig ist: nmlich
Garten, Brunnen, Mhle, Bckerei mit Backofen und Rumlichkeiten, wo die
Schwestern ihre tglichen Geschfte verrichten knnen, so da kein Anla
vorhanden ist, drauen herumzuschweifen.

Wie im Kriegslager eines weltlichen Heeres, so mu auch in den Lagern des
Herrn, d. h. in den klsterlichen Gemeinschaften, ein Oberhaupt sein, das
den andern zu gebieten hat. Dort steht Ein Befehlshaber, dessen Wink in
allem befolgt wird, an der Spitze des Ganzen. Wegen der Gre des Heeres
und seiner zahlreichen Amtspflichten bertrgt er einen Teil seiner Last
auf andere und setzt zu diesem Zweck mehrere Unterbefehlshaber ein, welche
die einzelnen Abteilungen beaufsichtigen und den Dienst berwachen. So soll
es auch in den Klstern gehalten werden: eine wrdige Schwester soll die
Oberaufsicht ber die andern haben; nach ihrer Meinung und nach ihrem
Gutdnken sollen sich die andern richten, keine soll sich unterstehen, ihr
Schwierigkeiten zu machen oder gegen ihren Befehl zu murren. Denn keine
menschliche Gemeinschaft, nicht einmal die kleine Genossenschaft auch nur
Einer Familie kann bestehen, wenn man nicht streng auf Einigkeit hlt und
nicht das Regiment in der Hand eines Einzigen liegt. Darum schlo auch die
Arche, das Abbild der Kirche, mit Einer Elle ab, obwohl sie deren in die
Lnge und Breite viele hatte. Und in den Sprchen steht geschrieben: Um
ihrer Snden willen hat die Erde viele Herren. Auch nach dem Tod
Alexanders vermehrte sich mit den Knigen zugleich das Unheil, und in Rom
hatte die Eintracht keinen Bestand, als mehrere sich in die Herrschaft
teilten; daher sagt Lukanus im ersten Buch seiner Gedichte:

      Den Grund deiner Leiden
   Schufst du dir selbst, o Rom, da du drei Herren gehorchtest:
   Nie noch ward ein Vertrag, der die Herrschaft teilte, zum Segen.

-- -- -- Und einige Verse weiter unten heit es:

   Ja, so lange die Erde das Meer, der ther den Erdball
   Trgt, und die Sonne den Lauf in weiten Bahnen vollendet,
   Und den Tag ablsend die Nacht mit denselben Zeichen heraufzieht:
   _So lang_ traut von mehreren Herrn nicht einer dem andern,
   Und kein Herrscher trgt mit Geduld den Genossen der Herrschaft.

So ging es gewi auch mit den Jngern des frommen Abtes Frontonius. Er
hatte deren in seinem Geburtsort gegen siebzig um sich versammelt und groe
Gnade bei Gott und den Menschen erlangt. Auf einmal verlie er das Kloster
in der Stadt und alles, was er an Gtern besa, und nahm seine Jnger, von
allem entblt, mit sich in die Wste. Nach kurzer Zeit murrten sie, wie
einst das Volk Israel gegen Moses, weil er sie von den Fleischtpfen
gyptens und dem berflu des Landes in die Wste gefhrt habe, und
sprachen: Ist die Keuschheit nur in der Wste zu Hause, nicht auch in den
Stdten? Warum kehren wir nicht zurck in die Stadt, die wir nur auf kurze
Zeit verlassen wollten? Oder erhrt Gott nur in der Wste Gebete? Wer kann
von der Speise der Engel leben? Wer macht sich gern zum Genossen der wilden
Tiere? Was ntigt uns, hier zu bleiben? Warum kehren wir nicht zurck in
die Heimat, um dort Gott zu preisen?

Daher mahnt auch der Apostel Jakobus: Liebe Brder, unterwinde sich nicht
jedermann Lehrer zu sein und wisset, da wir desto mehr Urteil empfahen
werden. Und Hieronymus schreibt in der Lebensregel, die er dem Mnch
Rusticus gab: Keine Kunst lernt sich ohne Lehrer. Selbst die
unvernnftigen Geschpfe und die Rudel wilder Tiere haben ihre Fhrer,
denen sie folgen. Bei den Bienen geht Eine voran und die andern folgen. Die
Kraniche folgen ihrem Fhrer in geschlossener Ordnung. Ein Herrscher, Ein
Richter der Provinz. Als Rom gegrndet wurde, konnte es die beiden Brder
nicht zugleich als Herrscher ertragen, und es kam darob zum Brudermord. Im
Leib der Rebekka haben Esau und Jakob einander bekmpft. Jeder Bischof,
jeder Oberpriester, jeder Archidiakon und berhaupt der ganze hierarchische
Stand hat seinen Vorgesetzten. Im Schiff Ein Steuermann, im Haus Ein Herr.
Im grten Heere sieht alles auf den Wink eines Einzigen. Durch all dies
will ich nur soviel klar machen, da man im Kloster nicht nach seinem
eigenen Willen lebt, sondern unter der Zucht eines einzigen Vorgesetzten
und in der Gemeinschaft mit vielen.

Um aber die Einigkeit aufrecht zu erhalten, ist es notwendig, da Eine
Schwester allen andern vorstehe, und da ihr alle brigen gehorchen. Unter
ihr sollen dann wieder andere gleichsam als Hilfsbeamte stehen, welche sie
nach eigenem Ermessen whlen mag. Diese sollen ihres Amtes warten in dem
Umfang, wie es ihnen von der Oberin bertragen worden ist, und gleichsam
die Anfhrer und Berater im Heere des Herrn sein. Die Gesamtheit der
brigen aber soll als der Truppenkrper unter ihrer Leitung gegen den Bsen
und seine Trabanten tapfer ankmpfen.

Ich bin der Meinung, da fr die gesamte Verwaltung des Klosters nicht mehr
und nicht weniger als sieben Schwestern notwendig sind: nmlich eine
Pfrtnerin, eine Kellermeisterin, eine Kleiderbewahrerin, eine
Krankenpflegerin, eine Vorsngerin, eine Sakristane, endlich eine
Diakonisse, oder, wie man sie jetzt nennt, eine btissin. Diese Diakonisse
bekleidet gleichsam die Stelle des Feldherrn, dem alles gehorcht, in diesem
geistlichen Lager, in diesem Kriegsdienst des Herrn; steht ja doch
geschrieben: Des Menschen Leben auf der Erde ist ein Kriegsdienst -- und
anderswo: Schrecklich wie Heeresspitzen. Die sechs andern Schwestern, die
wir Offizialen nennen, stehen unter dem Befehl der ersten und nehmen den
Platz der Fhrer und Konsuln ein. Alle brigen Nonnen aber, die wir
Klausnerinnen nennen, verrichten nach Art von Kriegern den gttlichen
Dienst, in welchem sie stehen. Solche Schwestern aber, die sich bekehrt
und, ebenfalls der Welt entsagend, sich den Nonnen angeschlossen haben und
ein frommes, wenngleich nicht klsterliches Leben fhren, nehmen eine mehr
untergeordnete Stellung ein, wie der Tro bei einem weltlichen Heer.

Nun aber bleibt noch brig, unter der Leitung des gttlichen Geistes die
einzelnen Rangstufen in diesem Heerwesen genau festzusetzen, damit sie den
Angriffen der bsen Geister gegenber wirkliche Heeresspitzen seien.

Bei der Aufstellung unserer Regel wollen wir mit dem Oberhaupte, nmlich
mit der Diakonisse, beginnen und unsere Anordnungen ber diejenige Person
feststellen, die dann wiederum alles andere anzuordnen hat. Ich habe schon
in meinem letzten Brief erwhnt, wie der Apostel Paulus dem Timotheus ihre
Frmmigkeit als eine solche beschreibt, die ganz besonders hervorragend und
erprobt sein msse; nmlich also: La keine Witwe erwhlt werden unter
sechzig Jahren, und die da gewesen sei Eines Mannes Weib und die ein
Zeugnis habe guter Werke, so sie Kinder aufgezogen hat, so sie gastfrei
gewesen ist, so sie der Heiligen Fe gewaschen hat, so sie den Trbseligen
Handreichung gethan hat, so sie allem guten Werk nachgekommen ist. Der
jungen Witwen aber entschlage dich. Derselbe Apostel sagt in seiner
Unterweisung fr Diakonen ber die Diakonissen: Desselbengleichen ihre
Weiber sollen ehrbar sein, nicht Lsterinnen, nchtern, treu in allen
Dingen. Den Zweck und die Absicht, welche der Apostel mit diesen
Bestimmungen verfolgt, glaube ich in meinem letzten Brief gengend
besprochen zu haben, besonders auch die Frage, warum die Diakonisse nach
dem Willen des Apostels Eines Mannes Weib und vorgerckten Alters sein
soll. Darum knnen wir uns auch nicht genug wundern, da in die Kirche der
verderbliche Brauch sich eingeschlichen hat, lieber Jungfrauen als gewesene
Ehefrauen mit diesem Amte zu betrauen und fters Jngere den lteren
vorzuziehen, da doch der Prediger sagt: Wehe dir, Land, des Knig ein Kind
ist -- und da wir doch alle gewi dem Worte des frommen Hiob recht geben:
Bei den Grovtern ist Weisheit und Verstand bei den Alten. Darum heit
es auch in den Sprchen: Graue Haare sind eine Krone der Ehren, die auf
den Wegen der Gerechtigkeit gefunden werden. Und im Buche Sirach: O wie
fein steht's, wenn die grauen Hupter weise und die Alten klug und die
Herren vernnftig und vorsichtig sind! Das ist der Alten Krone, wenn sie
viel erfahren haben; und ihre Ehre ist, wenn sie Gott frchten. Weiter
heit es da: Der lteste soll reden, denn es gebhret ihm, als der
erfahren ist ... Ein Jngling mag auch wohl reden einmal oder zwei, wenn's
not ist; und wenn man ihn fragt, soll er's kurz machen, und sich halten als
der nicht viel wisse und lieber schweige. Und soll sich nicht den Herrn
gleich achten und wenn ein Alter redet, nicht drein waschen.

Darum nennt man auch die Priester, welche in der Kirche ber dem Volk
stehen, lteste; schon ihr Name will ausdrcken, was sie sein sollen. Und
in den Lebensbeschreibungen der Heiligen heien diejenigen, die wir jetzt
Vter nennen, Alte.

Mit allem Ernst also hat man darauf zu sehen, da bei der Wahl und Weihe
der Diakonisse vor allem der Rat des Apostels befolgt und eine Schwester
gewhlt werde, welche durch ihre Lebensfhrung und durch ihr Wissen den
andern berlegen ist; ihr reifes Alter soll eine Brgschaft sein auch fr
die Zuverlssigkeit ihrer Sitten; durch Gehorsam soll sie sich das Recht
zum Befehlen erworben haben; die Regel soll sie nicht blo vom Hrensagen,
sondern vom Ausben kennen gelernt und sich fest eingeprgt haben. Wenn sie
nicht durch Gelehrsamkeit glnzt, so mag sie sich darber trsten: sie ist
ja nicht zu philosophischen Verhandlungen und dialektischen bungen da,
sondern sie soll sich mit der Kunst des regelrechten Lebens und mit der
Ausbung guter Werke befassen. So heit es vom Herrn: er fing an zu thun
und zu lehren -- also zuerst thun, dann erst lehren. Denn die Kunst des
Handelns ist besser und vollkommener als die des Redens, die That ist mehr
wert als das Wort. Wir wollen uns das Wort merken, das vom Vater Ipitius
berliefert ist: Der ist der rechte Weise, der nicht durch Worte, sondern
durch Thaten andere belehrt. Diese uerung ist dazu angethan, uns in
dieser Hinsicht Kraft und Vertrauen mitzuteilen.

Wir wollen uns auch den Ausspruch des heiligen Antonius merken, mit dem er
phrasenreiche Philosophen abwies, die ber seine Art zu lehren spotteten,
als sei er ein einfltiger, ungebildeter Mensch. Antwortet mir -- sagte
er zu ihnen -- was ist lter: der gesunde Menschenverstand oder die
Gelehrsamkeit? Und welches von beiden ist aus dem andern entstanden, der
Verstand aus der Gelehrsamkeit oder die Gelehrsamkeit aus dem gesunden
Menschenverstand? Auf ihre Antwort, da der Verstand Urheber und Erfinder
der Gelehrsamkeit sei, erwiderte Antonius: Also braucht sich, wer gesunden
Menschenverstand besitzt, um Gelehrsamkeit nicht zu kmmern.

Man vernehme auch das Wort des Apostels, das uns Strke verleiht im Herrn:
Hat nicht Gott die Weisheit dieser Welt zur Thorheit gemacht? Und
wiederum; Was thricht ist vor der Welt, das hat Gott erwhlet, da er die
Weisen zu schanden mache, und was schwach ist vor der Welt, das hat Gott
erwhlet, da er zu schanden mache, was stark ist, und das Unedle vor der
Welt und das Verachtete hat Gott erwhlet, und das da nichts ist, da er zu
nichte mache, was etwas ist, auf da sich vor ihm kein Fleisch rhme. Denn
das Reich Gottes besteht, wie er selbst sagt, nicht in Worten, sondern in
Kraft.

Hlt es die btissin jedoch fr ntig, zu grndlicherer Erkenntnis dieses
oder jenes Gegenstandes sich an die Schrift zu wenden, so mag sie, ohne zu
errten, sachverstndige, gelehrte Leute darber befragen, etwas Neues
lernen und hierbei die Aufschlsse, welche die Wissenschaft giebt, nicht
gering achten, sondern sich dieselben bescheiden und sorgfltig aneignen;
hat doch auch das Haupt der Apostel sogar die Rge seines Mitapostels
Paulus geduldig hingenommen. Auch der heilige Benedikt besttigt es, da
der Herr oft gerade den Geringsten sich am herrlichsten offenbart.

Um aber dem gttlichen Willen, so wie der Apostel ihn oben gekennzeichnet
hat, noch weiter zu willfahren; so soll man bei der Wahl der btissin, wenn
nicht die gebieterische Not und triftige Grnde eine andere Maregel
erheischen, von vornehmen, in der Welt einflureichen Personen absehen.
Denn solche knnten im Vertrauen auf ihre Abkunft leicht hochfahrend,
anspruchsvoll und stolz werden; die Wahl solcher Frauen wrde dem Kloster
zum Verderben ausschlagen, besonders dann, wenn dieselben Landeskinder
sind. Denn es steht zu befrchten, da die Nhe ihrer Angehrigen sie in
ihrer Anmaung bestrke, da das Kloster durch den hufigen Besuch ihrer
Verwandten belastet und in seiner Ruhe gestrt werde, da sie selbst durch
die Ihrigen die Klosterordnung antasten lasse oder die Mibilligung anderer
sich zuziehe nach dem Worte der Wahrheit; Der Prophet gilt nirgends
weniger als in seinem Vaterlande.

Dies hat auch der heilige Hieronymus im Auge, wenn er nach Aufzhlung alles
dessen, was einem Mnche, der in seiner Heimat bleibe, zum Schaden
gereichen knne, in seinem Brief an Heliodorus sagt: Aus diesen Erwgungen
geht hervor, da ein Mnch in seinem Vaterlande nicht zur Vollkommenheit
gelangen kann. Nicht vollkommen werden wollen ist aber so viel wie Snde
begehen. Wie groen Schaden aber werden die anvertrauten Seelen nehmen,
wenn es diejenige mit den Pflichten der Religion nicht genau nimmt, die
dazu bestellt ist, ber die Erfllung derselben zu wachen? Fr die Menge
der untergeordneten Schwestern gengt es, wenn sie die eine oder andere
Tugend aufzuweisen haben. Die btissin mu alle Tugenden mustergltig in
sich vereinigen, so da sie in allem, was sie von den andern verlangt,
selbst mit gutem Beispiel vorangehen kann, und nicht etwa ihre Sitten mit
ihren eigenen Geboten im Widerspruch stehen, oder da sie nicht mit Worten
aufbaut und mit Thaten selbst wieder einreit und so das Wort der
Zurechtweisung aus ihrem Munde verloren gehe, da sie errten mte andere
zu tadeln ber Fehler, deren sie sich selber schuldig macht.

Diesem Fehler zu entgehen, bittet der Psalmist den Herrn: La die Wahrheit
nimmer ferne sein von meinem Munde; denn er gedenkt der schweren Drohung
des Herrn, die er an anderer Stelle erwhnt, wenn er sagt: Zu dem Snder
aber hat Gott gesprochen: Was verkndigest du meine Rechte und nimmst
meinen Bund in deinen Mund, so du doch Zucht hassest und wirfst meine Worte
hinter dich? Und der Apostel Paulus, diesem Vorwurf zu entgehen, sagt:
Ich betube meinen Leib und zhme ihn, da ich nicht den andern predige
und selbst verwerflich werde. Denn wessen Leben verchtlich ist, der darf
sich nicht wundern, wenn auch seine Predigt und Lehre miachtet wird. Und
wenn der, der einen andern heilen sollte, an der nmlichen Krankheit selbst
leidet, so kann ihm der Kranke mit Recht zurufen: Arzt, hilf dir selber!

Mchte sich doch jeder, der in der Kirche eine gebietende Stellung
einnimmt, klar machen, welch groe Zerstrung sein eigener Fall verursacht,
da er seine Untergebenen mit hinunterreit in den Abgrund des Verderbens.
Die Wahrheit spricht: Wer eines von diesen kleinsten Geboten auflset und
lehret die Leute also, der wird der Kleinste heien im Himmelreich. Es
lst aber das Gebot auf, wer das Gegenteil davon thut, und ein solcher
Mann, der durch sein schlimmes Beispiel auch andere verdirbt, sitzt auf
seinem Stuhl als ein Lehrer der Pestilenz. Wenn nun einer, der sich also
verschuldet, der Kleinste heien soll im Himmelreich: wofr soll dann ein
schlechter Vorgesetzter gelten, von dessen Pflichtvergessenheit der Herr
nicht blo das Blut seiner eigenen Seele, sondern auch aller ihm
untergebenen Seelen Blut verlangen wird?

Darum spricht die Weisheit folgende Drohung aus: Denn euch ist die
Obrigkeit gegeben vom Herrn und die Gewalt vom Hchsten, welcher wird
fragen, wie ihr handelt, und forschen, was ihr ordnet. Denn ihr seid seines
Reiches Amtleute; aber ihr fhret euer Amt nicht fein, und haltet kein
Recht, und thut nicht nach dem, das der Herr geordnet hat. Er wird gar
greulich und kurz ber euch kommen, und es wird ein gar scharf Gericht
gehen ber die Oberherrn. Denn den Geringen widerfhret Gnade; aber die
Gewaltigen werden gewaltiglich gestraft werden, und ber die Mchtigen wird
ein stark Gericht gehalten werden.

Der Untergebene hat genug gethan, wenn er seine eigene Seele vor Snde
bewahrt. Den Vorgesetzten droht der Tod auch fr fremde Vergehungen. Denn
mit der Gre der anvertrauten Gabe wchst auch die Verantwortung, und wem
viel gegeben ist, von dem wird auch viel gefordert werden. Das Buch der
Sprche warnt uns vor dieser groen Gefahr eindringlich mit den Worten:
Mein Kind, wirst du Brge fr deinen Nchsten und hast deine Hand bei
einem Fremden verhaftet, so bist du verknpft mit der Rede deines Mundes
und gefangen mit den Reden deines Mundes. So thue doch, mein Kind, also und
errette dich, denn du bist deinem Nchsten in die Hnde gekommen. Eile,
drnge und treibe deinen Nchsten. La deine Augen nicht schlafen noch
deine Augenlider schlummern.

Brge fr einen Freund werden wir, indem unsere Liebe irgend jemand in
unsere Lebensgemeinschaft aufnimmt. Wir sagen ihm unsere liebevolle
Frsorge zu, wie er seinerseits uns Gehorsam verspricht. Und unsere Hand
verhaften wir insofern bei ihm, als wir infolge des Gelbdes ihn zum
Gegenstand unserer thtigen Frsorge machen. Endlich sind wir ihm auch in
die Hnde gekommen, denn, wenn wir uns nicht vor ihm vorsehen, so kann er
zum Mrder unserer Seele werden. Um dieser Gefahr zu entgehen, ist der Rat
zu befolgen: Eile, drnge und treibe u. s. w.

So soll denn die btissin gleich einem umsichtigen, unermdlichen Feldherrn
bald hier bald dort sein und ihr Lager in Ordnung halten und mustern, damit
nicht durch Nachlssigkeit dem ein Zugang sich ffne, der umhergeht wie ein
brllender Lwe und sucht, wen er verschlinge. Alle Schden des Hauses soll
sie zuerst bemerken, damit sie von ihr gutgemacht werden knnen, ehe sie
von andern bemerkt werden und bses Beispiel geben. Mge es ihr nicht so
gehen, wie den thrichten oder nachlssigen Leuten, denen der heilige
Hieronymus den Vorwurf macht: Gewhnlich erfahren wir selbst es zuletzt,
wenn in unserem Hause etwas nicht in Ordnung ist und wissen nichts von den
Fehlern unserer Kinder und Frauen, wenn die Nachbarn schon laut davon
sprechen.

Die Schwester, die den andern vorsteht, mag allezeit bedenken, da sie die
Verantwortung fr Leib und Seele der Ihrigen bernommen hat. Fr die Obhut
des Leibes findet sich eine Mahnung im Jesus Sirach: Hast du Tchter, so
bewahre ihren Leib und zeige ihnen kein allzu heiteres Angesicht. Und
weiter: Eine Tochter macht dem Vater viel Wachens, davon niemand wei, und
das Sorgen fr sie nimmt ihm viel Schlaf, da sie mchte geschndet werden.
Wir schnden aber unsern Krper nicht blo durch Unzucht, sondern durch
jede unreine That, geschehe sie nun mit der Zunge oder mit irgend einem
andern Glied, indem wir es zu irgend einem flchtigen sinnlichen Genu
mibrauchen. Es steht geschrieben: Der Tod dringt ein durch unsere
Fenster, d. h. die Snde gelangt ins Herz auf dem Weg unserer fnf Sinne.
Giebt es einen schrecklicheren Tod als den Tod der Seele, und ist irgend
etwas schwerer zu behten als sie? Die Wahrheit spricht: Frchtet euch
nicht vor denen, die den Leib tten und die Seele nicht mgen tten. Von
allen, die diesen Rat vernehmen: wer frchtet nicht mehr den leiblichen Tod
als den der Seele? Wer flieht nicht ngstlicher das Schwert als die Lge?
Und doch steht geschrieben: Der Mund, der da lget, ttet die Seele. Was
ist so leicht zu tten wie die Seele? Welcher Pfeil ist so schnell fertig
wie die Snde? Wer ist auch nur ber seine Gedanken Herr? Wer ist fhig,
sich selbst vor Snde zu bewahren, geschweige denn andere? Welcher
menschliche Hirte ist imstande, seine geistlichen Schafe vor den
geistlichen Wlfen, eine unsichtbare Schar vor dem unsichtbaren Feinde zu
bewahren? Wer htte nicht Angst vor dem Ruber, der nicht aufhrt uns
anzugreifen, den kein Wall auszuschlieen, kein Schwert zu tten oder zu
verwunden vermag? der ohn' Unterla uns nachstellt und besonders die
Frommen verfolgt nach dem Wort des Propheten Habakuk: Seine Lockspeisen
sind auserlesen. Der Apostel Petrus warnt uns vor ihm mit den Worten:
Euer Widersacher, der Teufel, geht umher wie ein brllender Lwe und
suchet, welchen er verschlinge. Und wie sicher er in der Hoffnung ist, uns
zu verschlingen, das sagt der Herr in dem Wort an Hiob: Siehe, er schluckt
in sich den Strom und achtet es nicht gro; lt sich dnken, er wolle den
Jordan mit seinem Munde ausschpfen. Denn was sollte der nicht anzugreifen
wagen, der den Herrn selbst zu versuchen sich nicht gescheut hat? Der schon
die ersten Menschen im Paradies berlistet und aus der Schar der Apostel
dem Herrn einen Jnger geraubt hat? Welcher Ort wre sicher vor ihm?
Welches Schlo vermchte er nicht zu sprengen? Wer vermag sich zu schtzen
gegen seine Nachstellungen, wer seinen Anlufen zu widerstehen?

Er ist es, der durch Einen Sto die vier Wnde des frommen Hiob zu Fall
gebracht und seine unschuldigen Shne und Tchter gewaltsam umgebracht hat.
Was wird vollends das schwache Geschlecht gegen ihn vermgen? Wer hat seine
Verfhrungsknste mehr zu frchten als die Frau? Denn bei ihr hat er mit
der Verfhrung angefangen und hat durch sie den Mann und die ganze
Nachkommenschaft berlistet. Die Begierde nach dem Besitz eines noch
hheren Gutes hat das Weib auch um den des geringeren gebracht.

Diese Verfhrungskunst wird er auch jetzt noch beim Weib mit Erfolg
anwenden, da sie lieber herrschen als gehorchen will und sich durch das
Verlangen nach Besitz und Ehre bestimmen lt. Das was nachfolgt, wirft ein
Licht auf das, was vorangegangen ist. Wenn die Vorgesetzte ein
genureicheres Leben fhrt als die Untergebene oder wenn sie sich etwas
erlaubt, was ber das eigentliche Bedrfnis hinausgeht, so ist doch auer
Zweifel, da sie danach Verlangen getragen hat. Wenn sie jetzt nach
kostbarerem Schmuck trachtet als sie frher hatte, so mu ihr Herz doch
gewi von eitlem Wahn erfllt sein. Ihr Vorleben wird durch ihr spteres
Verhalten gerichtet. Ob das, was sie frher gethan hat, echte Tugend oder
nur Heuchelei war, das kommt nach ihrer Erhhung an den Tag. Sie soll sich
auf ihren hohen Ehrenplatz eher mit Gewalt ziehen lassen als von selber
kommen -- nach dem Worte des Herrn; Alle, die kommen, sind Diebe und
Ruber. -- Es sind gekommen, sagt Hieronymus, die nicht gesandt waren.
Man soll sich eine Ehre lieber aufzwingen lassen als sie erzwingen. Denn
niemand, sagt der Apostel, nimmt sich selbst die Ehre, sondern der auch
berufen sei von Gott, gleichwie Aaron. Wirst du berufen, so traure wie
eine, die zum Tode gefhrt wird, wirst du verschmht, so freue dich, als
wrest du dem Tode entgangen.

Wir errten ber Worte, durch welche wir uns anderen berlegen zeigen; wenn
wir aber zu einem Ehrenamt erwhlt werden, und durch die Verhltnisse
selbst unsere Tchtigkeit dargelegt wird, dann sind wir ohne Schchternheit
und Scham. Und doch wei jedermann, da es die Besseren sind, die den
anderen vorgezogen werden. Darum heit es in den Moralia, Kapitel XXIV:
Wer die Menschen nicht gut zu vermahnen und zurechtzuweisen versteht, der
soll auch nicht die Leitung derselben bernehmen. Wer dazu erwhlt wird,
da er die Fehler anderer verbessere, der darf nicht selber begehen, was er
ausrotten soll.

Wenn wir aber bei einer solchen Wahl einen oberflchlichen Widerstand
leisten mit angenommener Bescheidenheit und uns der angebotenen Ehre fr
unwrdig erklren, so klagen wir uns gewi nur darum an, weil wir dadurch
den Schein um so grerer Gerechtigkeit und Wrdigkeit erwecken wollen. Wie
viele habe ich bei ihrer Wahl mit den Augen weinen und mit dem Herzen
lachen sehen! Des Unwertes zeihen sie sich, um dadurch nur noch mehr
Beifall und Gunst bei den Menschen zu erjagen. Sie wissen, da geschrieben
steht: Der Gerechte klagt sich selber zuerst an. Und wenn sich spter
einmal wirklich eine Anklage gegen solche Leute erhebt und ihnen
Gelegenheit geboten wre zu weichen, dann halten sie aufs unpassendste und
unverschmteste an der Ehrenstelle fest, und doch haben sie einst mit
falschen Thrnen und wahren Anklagen gegen sich selbst bewiesen, da sie
ihnen aufgentigt worden sei.

Wie oft habe ich es mit angesehen, da Kanoniker ihren Bischfen, die ihnen
die heiligen Weihen aufntigen wollten, widerstrebt und erklrt haben, sie
seien eines solchen Amtes unwrdig und knnten es nicht mit gutem Gewissen
annehmen. Wenn sie dann der Klerus spter zum Bischofsamt erwhlte, fand er
geringen oder gar keinen Widerstand. Und solche, die gestern noch das
Diakonat ausschlugen, um, wie sie sagten, nicht fr ihre Seele Gefahr zu
laufen, frchteten sich schon am andern Tage nicht mehr vor dem Sturz von
viel hherer Stufe, als wren sie ber Nacht tchtig geworden. Von ihnen
gilt das Wort, das in den Sprchen geschrieben steht: Ein Thor klatscht
in die Hnde, wenn er fr seinen Freund Brge geworden ist. Denn der
Unglckliche freut sich da, wo er viel eher Ursache zur Trauer htte:
nmlich wenn er den Oberbefehl ber andere erhlt und sich selbst
verpflichtet, fr seine Untergebenen zu sorgen, von denen er mehr geliebt
als gefrchtet werden soll.

Um solchem Verderben nach Mglichkeit zu steuern, verbieten wir durchaus,
da die btissin ein besseres und gemchlicheres Leben fhre als ihre
Untergebenen. Weder beim Essen noch beim Schlafen soll sie sich von den
brigen absondern, sondern sie soll alles in Gemeinschaft der ihr
anvertrauten Herde thun und dadurch, da sie immer zugegen ist, Gelegenheit
haben, um so besser fr sie zu sorgen. Es ist uns zwar wohl bekannt, da
der heilige Benedikt, in seiner Frsorge fr Pilger und Gste, dem Abt
gestattete, mit diesen an einem besonderen Tische zu sitzen. Diese
Bestimmung ist damals in gutem Glauben getroffen worden, spter aber ist
sie zum Besten der Klster dahin gendert worden, da der Abt den Konvent
nicht verlassen, sondern da ein zuverlssiger Hausmeister die Sorge fr
die Pilger bernehmen solle. Denn whrend der Mahlzeit kann gar leicht ein
Versto vorkommen, und gerade bei dieser Gelegenheit mu besonders streng
auf Ordnung gehalten werden. Es kommt auch vor, da man unter dem Vorwand
der Gastfreundschaft mehr sich selber etwas Gutes gnnt als den Gsten.
Dadurch setzt man sich bei denen, die nicht dabei sind, dem schlimmsten
Verdacht aus und erregt ihre Unzufriedenheit. Je weniger die Lebensfhrung
des Abtes den Seinigen bekannt ist, desto geringer ist sein Ansehen. Jede
Art von Entbehrung erscheint dagegen allen dann ertrglicher, wenn alles
gleicherweise daran trgt, und in erster Linie die Vorgesetzten. Dies lehrt
uns das Beispiel Catos. Denn von ihm wird berichtet: sein Heer mute mit
ihm Durst leiden; als man ihm nun ein wenig Wasser anbot, verschmhte er
die Gabe und go es zur allgemeinen Befriedigung aus.

Da also den Vorgesetzten vor allen Dingen Nchternheit not thut, so mssen
sie selber um so gengsamer leben, da sie ja auch noch fr andere zu sorgen
haben. Um die Gabe Gottes, d. h. das ihnen verliehene Ehrenamt, nicht in
bermut zu verkehren und dadurch besonders bei ihren Untergebenen Ansto zu
erregen, mgen sie sich zu Herzen nehmen, was geschrieben steht: Sei nicht
ein Lwe in deinem Hause und nicht ein Wterich gegen dein Gesinde, denn
Hochmut ist bei Gott und Menschen verhat. Gott hat die hoffrtigen Frsten
vom Stuhl heruntergeworfen und demtige darauf gesetzt. Man hat dich zum
Lenker gemacht: wolle dich darum nicht berheben, sondern sei wie einer von
den andern. Auch der Apostel, indem er dem Timotheus Verhaltungsmaregeln
gegen Untergebene giebt, sagt: Einen Alten schelte nicht, sondern ermahne
ihn als einen Vater, die Jungen als die Brder, die alten Weiber als die
Mtter, die jungen als die Schwestern. -- Nicht ihr habt mich erwhlt --
spricht der Herr -- sondern ich habe euch erwhlt. Alle andern
Vorgesetzten werden von den Untergebenen gewhlt und eingesetzt, denn man
nimmt sie weniger zum Herrschen als zum Dienen. Gott allein ist der wahre
Herr und kann sich seine Unterthanen auswhlen zu seinem Dienst. Und doch
hat er sich weniger als Herrn denn als Diener gezeigt, und die Seinigen,
welche nach der hchsten Ehre trachten, weist er zurecht durch sein eigenes
Vorbild und indem er sagt: Die weltlichen Knige herrschen und die
Gewaltigen heiet man gndige Herrn. Ihr aber nicht also.

Die weltlichen Knige ahmt also nach, wer ber seine Untergebenen nur
herrschen will, statt ihnen zu dienen, und wer lieber gefrchtet als
geliebt sein will; wer, aufgeblht durch sein hohes Amt, bei Tische gern
oben sitzt und in der Synagoge auf dem vordersten Platz; wer sich gern
gren lt auf dem Markt und sich gern Rabbi nennen lt von den Leuten.
Diesen Ehrentitel verbietet der Herr anzunehmen, damit wir auch unserer
Namen uns nicht rhmen und in allen Stcken auf Demut gehalten werde. Darum
sagt er: Ihr aber sollt euch nicht Rabbi nennen lassen und niemand Vater
heien auf Erden. Und endlich, um allem Rhmen ein Ende zu machen, sagt
er: Wer sich selbst erhhet, der wird erniedriget werden.

Auch das mu vermieden werden, da die Herde durch Abwesenheit der Hirten
Gefahr laufe, und da, whrend die Vorgesetzten drauen herumschweifen, im
Kloster die Regel beiseite gesetzt werde. Wir bestimmen daher, da die
btissin mehr fr die geistlichen als fr die leiblichen Bedrfnisse ihrer
Schwestern sorgen und das Kloster nicht um uerlicher Angelegenheiten
willen verlassen soll. Vielmehr mge sie ihre ganze Sorgfalt mit allem
Eifer auf die ihr anvertrauten Seelen wenden; auch wird sie unter den
Menschen ein um so greres Ansehen genieen, je seltener sie sich unter
ihnen sehen lt -- wie geschrieben steht: Wenn du von einem Mchtigen
gerufen wirst, so halte dich ferne; denn er wird dich nur um so dringender
rufen. Wenn aber das Kloster eine Sendung zu verrichten hat, so mgen dies
Mnche oder deren Laienbrder besorgen. Denn allezeit sollen die Mnner fr
die Bedrfnisse der Frauen Sorge tragen. Und je frmmer die letzteren sind,
desto mehr Zeit verwenden sie auf den Dienst des Herrn, und desto mehr sind
sie auf die Hilfe der Mnner angewiesen. Darum wird auch dem Joseph die
Sorge fr die Mutter des Herrn vom Engel bertragen, wiewohl er ihr nicht
beiwohnen durfte. Und der Herr selbst hat seiner Mutter sterbend gleichsam
einen zweiten Sohn bestellt, der fr ihr zeitliches Wohl Sorge tragen
sollte. Wie sehr auch die Apostel fr die frommen Frauen besorgt waren, ist
allgemein bekannt, wir haben davon schon anderswo gesprochen. Zu ihrer
Untersttzung haben sie ja auch die sieben Diakonen eingesetzt. Ihrer
Autoritt folgend, und da die Verhltnisse es gebieterisch verlangen,
bestimmen wir, da Mnche und Laienbrder nach der Weise der Apostel und
Diakonen in den Frauenklstern diejenigen Besorgungen auf sich nehmen, die
zum ueren Leben notwendig sind. Und zwar braucht man die Mnche
hauptschlich fr die Messen, die Laienbrder fr die sonstigen Arbeiten.

Es ist also notwendig, da den Frauenklstern Mnchsklster zur Seite
stehen, und da die ueren Angelegenheiten der Frauen von Mnnern besorgt
werden, welche durch das gleiche Gelbde gebunden sind. Dieser Brauch
bestand schon in den Anfangszeiten der Kirche zu Alexandria unter der
Leitung des Evangelisten Markus. Und ich glaube, da in den Nonnenklstern
die Ordensregel strenger gehalten wird, wenn dieselben der Sorgfalt und
Leitung geistlicher Mnner unterstellt sind und fr Schafe und Widder ein
und derselbe Hirte eingesetzt wird, so da derjenige, der ber die Mnner
gebietet, auch ber die Frauen die Aufsicht fhre und die apostolische
Verordnung bestehen bleibe: Der Mann ist des Weibes Haupt, wie Christus
des Mannes Haupt ist, Gott aber ist Christi Haupt.

So wurde auch das Kloster der heiligen Scholastica, das auf dem Grund und
Boden eines Mnchsklosters lag, durch ihren Bruder geleitet, und seine oder
der anderen Brder hufige Besuche dienten den Frauen zur Belehrung und zum
Trost. Die Regel des heiligen Basilius giebt an irgend einer Stelle ber
eine derartige Oberleitung folgende Verhaltensmaregeln: Frage: Darf auer
der btissin auch der Abt eines benachbarten Mnchsklosters mit den Nonnen
seelsorgerliche Gesprche fhren? Antwort: Ja, wenn dabei die Vorschrift
des Apostels bewahrt wird: 'lasset alles ehrlich und ordentlich bei euch
zugehen'. Ebenso im folgenden Kapitel: Frage: Darf ein Abt mit einer
btissin hufig reden, besonders wenn einige von den Brdern daran rgernis
nehmen? Antwort: Der Apostel sagt zwar: 'Warum sollte ich meine Freiheit
lassen urteilen von eines andern Gewissen' -- aber es ist gut, sich nach
seinen folgenden Worten zu richten: 'Wir haben solcher Macht nicht
gebraucht, damit wir nicht dem Evangelium Christi eine Hindernis machten'.
Man soll die Frauen so selten wie mglich besuchen und die Unterredung
mglichst kurz machen.

Daher auch der Beschlu des Konzils von Hispalis: Einstimmig haben wir
beschlossen, da die Frauenklster in der Provinz Btica von Mnchen
bedient und verwaltet werden sollen. Denn wir glauben fr das Wohl der
Christo geweihten Jungfrauen zu sorgen, wenn wir geistliche Vter fr sie
erwhlen, nicht blo um ihnen durch eine solche Oberleitung einen Schutz zu
verschaffen, sondern auch damit sie von ihnen belehrt und erbaut werden.
Doch soll in Betreff der Mnche die Einschrnkung gelten, da sie in kein
nheres Verhltnis zu den Nonnen treten, auch keinen Zutritt in den Vorraum
des Kloster haben sollen. Auch soll der Abt, oder wer sonst die
Oberaufsicht hat, nicht mit Umgehung der btissin den Nonnen Anweisung ber
ihr sittliches Verhalten geben. Auch mit der btissin selbst soll er nicht
zu oft und nicht unter vier Augen reden, sondern in Gegenwart von zwei oder
drei Schwestern; sein Besuch soll selten sein, und die Unterredung kurz.

Ferne sei es von uns, zu wollen, was auch nur auszusprechen schon eine
Snde wre, da die Mnche mit den Jungfrauen Christi in vertrauten Umgang
kmen, sondern sie sollen gem den Bestimmungen der Regeln und
Vorschriften in strenger Geschiedenheit von ihnen leben. Wir stellen die
Frauenklster nur unter die Oberleitung von Mnchen und bestimmen, da aus
den Mnchen ein besonders erprobter Mann erwhlt werde, dessen Sorge es
sein soll, ihre Gter auf dem Lande oder in der Stadt zu berwachen, die
ntigen Bauten auszufhren und fr die sonstigen Bedrfnisse des Klosters
zu sorgen, damit die Dienerinnen Christi allein mit dem Heil ihrer Seele
beschftigt ausschlielich dem Dienste des Herrn leben und frommen Werken
obliegen knnen. Auch soll, wer von seinem Abte zu solchem Amte
vorgeschlagen wird, die Besttigung des Bischofs einholen.

Die Nonnen aber sollen den Mnchen, deren Schutz sie erwarten, die ntigen
Kleider anfertigen, wofr sie dann wiederum die Frchte ihrer Arbeit und
die helfende Frsorge derselben zu genieen haben sollen.

Dieser weisen Einrichtung folgend wollen wir, da die Frauenklster
allezeit Mnnerklstern unterstellt werden, damit die Brder fr die
Schwestern sorgen und beide Ein gemeinsames vterliches Oberhaupt haben,
auf dessen Frsorge beide Klster angewiesen sind: so wird dann Eine Herde
und Ein Hirte im Herrn sein. Eine solche brderliche geistige
Genossenschaft ist darum vor Gott und Menschen so angenehm, weil sie den
Bedrfnissen beider Geschlechter, soweit sie sich dem Klosterleben weihen,
entgegenkommt. Die Mnche sollen Mnner, die Nonnen Frauen aufnehmen, und
so wird jede Seele, die um ihr Heil bekmmert ist, finden, was ihr not
thut. Und wenn einer zugleich mit seiner Mutter oder Schwester oder Tochter
oder einer Pflegebefohlenen sich dem Klosterleben weihen will, so wird er
hier vollen Trost finden. Solche Mnchs- und Nonnenklster werden um so
liebevoller miteinander verbunden und freinander besorgt sein, je mehr
unter den Insassen derselben Freunde und Verwandte sich befinden, welche
nun dieses neue Band noch enger umschlingt.

Wir wollen aber, da der Vorgesetzte der Mnche, den man Abt nennt, die
Aufsicht ber die Nonnen in der Weise fhre, da er in ihnen, die Gottes
Brute sind -- und er ist Gottes Diener -- seine Herrinnen erblicke, ber
die er nicht gebieten, sondern denen er nur ntzen soll. Er soll sein wie
der Kmmerer im kniglichen Palaste, der auch nicht durch sein Regiment die
Frstin belstigt, sondern nur auf ihr Wohl bedacht ist. Was sie braucht,
wird er ihr ohne Widerrede beschaffen; fr das, was ihr nachteilig sein
knnte, wird er kein Ohr haben; alle ueren Angelegenheiten wird er so
erledigen, da er niemals das Innere ihrer Gemcher betritt, auer wenn er
befohlen wird.

In dieser Weise soll -- das ist unser Wille -- der Knecht Christi Sorgen
tragen fr die Brute Christi und ihnen an des Herrn Statt ein treuer
Haushalter sein. Alle ihre Bedrfnisse soll er mit der Diakonisse
besprechen und ohne sie zu Rat gezogen zu haben, soll er ber die
Dienerinnen Christi und ihre Angelegenheiten keine Bestimmung treffen, auch
soll er keiner von ihnen etwas vorschreiben und mit keiner reden ohne die
Vermittlung der btissin. So oft ihn die letztere ruft, soll er
bereitwillig kommen und soll das, was die btissin selbst oder ihre
Untergebenen ntig haben, unverzglich und so gut wie mglich erledigen.
Wird er von der btissin gerufen, so soll er stets nur ffentlich und in
Gegenwart erprobter Personen mit ihr reden, nicht allzu nahe zu ihr
hintreten und sie nicht mit langer Rede hinhalten.

Alles, was an Mundvorrten, Kleidern, auch an Geld vorhanden ist, soll bei
den Dienerinnen Christi niedergelegt und aufbewahrt werden, und von dem,
was den Schwestern brig bleibt, soll den Brdern mitgeteilt werden. Das,
was drauen zu holen ist, sollen die Brder beschaffen, und die Schwestern
sollen nur das thun, was im Innern des Klosters passenderweise von Frauen
besorgt werden kann: den Brdern Kleider anfertigen oder reinigen, Brot
bereiten, zum Backen einliefern und das Gebackene wieder in Empfang nehmen.
Ihnen liegt auch die Milchwirtschaft, sowie die Hhner- oder Gnsezucht ob,
berhaupt alle Verrichtungen, die besser fr Frauen passen als fr Mnner.

Der Abt selbst soll nach seiner Einsetzung in Gegenwart des Bischofs und
der Schwestern schwren, da er ihnen ein treuer Haushalter im Herrn sein
und sie vor aller Befleckung des Fleisches sorglich behten wolle. Und wenn
er, was ferne sei, vom Bischof ber der Vernachlssigung der bernommenen
Pflichten betroffen werden sollte, so soll er alsbald als ein Meineidiger
abgesetzt werden. Auch alle Brder sollen bei Ablegung ihres Gelbdes sich
den Schwestern gegenber eidlich verpflichten, da sie dieselben in keiner
Weise werden belstigen lassen und da sie zur Erhaltung ihrer Keuschheit
ihr mglichstes beitragen werden.

Keinem Mann soll der Zutritt zu den Schwestern verstattet sein ohne die
ausdrckliche Erlaubnis des Oberen, und alles, was ihnen von den Schwestern
zugeschickt wird, mu durch die Hand des Oberen gehen. Nie soll eine
Schwester die Umfriedigung des Klosters berschreiten, sondern alle ueren
Angelegenheiten sollen, wie gesagt, von den Brdern besorgt werden -- die
Starken mgen im Schwei ihres Angesichtes die schwere Arbeit verrichten.
Auch soll keiner der Brder den Bereich des Klosters betreten, er habe denn
die ausdrckliche Erlaubnis dazu vom Abt und von der Diakonisse im Fall
einer dringlichen, ehrbaren Angelegenheit. Wenn jemand sich untersteht,
diesem Gebote zuwiderzuhandeln, soll er ohne Verzug aus dem Kloster
ausgewiesen werden.

Damit aber die Mnner ihre berlegene Strke nicht zu irgend welchen
Bedrckungen der Frauen mibrauchen, so bestimmen wir, da sie nichts gegen
den Willen der btissin unternehmen drfen, sondern auch sie sollen in
allem ihres Winkes gewrtig sein. Alle, Mnner wie Frauen, sollen vor der
btissin das Gelbnis des Gehorsams ablegen! Friede und Eintracht werden um
so fester gewahrt werden, je weniger man dem starken Geschlecht erlaubt.
Und die Starken werden um so williger den Schwachen Folge leisten, je
weniger sie von den letzteren etwas zu frchten haben, und je gewisser es
ist, da der erhht wird, der sich hienieden vor Gott erniedrigt. Die
Bestimmungen, betreffend die btissin, mgen damit erledigt sein, und ich
will mich nunmehr zu den verschiedenen Klostermtern wenden.

Die _Menerin_, die zugleich auch Schatzmeisterin ist, hat die Aufsicht
ber das Gotteshaus; sie bewahrt die Schlssel dazu und alles was zum
Gottesdienst notwendig ist. Gaben, welche dem Kloster dargebracht werden,
hat sie in Empfang zu nehmen und fr alles, was im Gotteshaus zu machen
oder wiederherzustellen ist, sowie fr die gesamte Ausschmckung desselben
Sorge zu tragen. Auerdem fllt ihr die Sorge zu fr die Hostien, fr die
Gefe und Becher, die auf den Altar gehren und berhaupt fr dessen
Ausschmckung; ferner fr die Reliquien, fr den Weihrauch, fr die Kerzen,
fr den Stundenzeiger und fr die verschiedenen Glockenzeichen. Die Hostien
sollen womglich die Jungfrauen selbst bereiten und das Mehl dazu reinigen,
auch sollen sie die Altargefe reinhalten. Doch soll weder die Menerin
noch sonst eine der Nonnen die Reliquien oder die Altargefe oder
Altardecken berhren, wenn sie ihnen nicht zum Zweck der Reinigung
bergeben werden. Zu diesem Behuf soll man Mnche oder Laienbrder
herbeirufen und auf ihre Ankunft warten. Wenn ntig, sollen unter Aufsicht
der Menerin aus ihrer Zahl etliche zu diesem Geschft bestellt werden, die
wrdig sind, die Gefe zu berhren. Die Schwester soll die Schrnke
ffnen, und die Mnche sollen die Gefe daraus nehmen und wieder
hineinstellen. Diejenige Schwester, welche diese Aufsicht ber das
Sanktuarium hat, mu sich durch Reinheit ihres Lebenswandels besonders
auszeichnen. An Leib und Seele soll sie, soweit mglich, tadellos und von
erprobter Enthaltsamkeit und Keuschheit sein. Auch mu sie in der
Berechnung der kirchlichen Festtage nach dem Lauf des Mondes bewandert
sein, damit die Festzeiten im Gottesdienst genau eingehalten werden.

Die _Vorsngerin_ hat die Aufsicht ber den ganzen Chor; sie hat fr die
Musik beim Gottesdienst zu sorgen und lehrt die anderen singen, Noten
lesen, schreiben und diktieren. Sie fhrt auch die Aufsicht ber die
Bcherschrnke, giebt Bcher daraus ab und reiht solche ein und sorgt fr
das Abschreiben und Ausschmcken der Bcher. Sie ordnet an, wie man im Chor
zu sitzen hat, und verteilt die Pltze; sie bestimmt diejenigen, welche
vorzulesen oder zu singen haben, und hat ein Verzeichnis der Abschnitte,
die wchentlich im Kapitel gelesen werden sollen, anzulegen. Darum mu sie
im Schriftwesen wohl bewandert sein und vor allem Kenntnisse in der Musik
haben. Auch soll sie nchst der btissin fr die Aufrechterhaltung der
Klosterzucht berhaupt sorgen, und wenn diese anderweitig in Anspruch
genommen ist, soll sie ihre Stelle vertreten.

Die _Krankenwrterin_ hat den Dienst der Kranken unter sich und soll
dieselben vor Sndenschuld wie vor leiblicher Not bewahren. Was Kranke
ntig haben an Speise, an Bdern oder sonstigen Dingen, das soll ihr ohne
weiteres zur Verfgung gestellt werden. Denn hier gilt das bekannte
Sprichwort: Fr Kranke giebt es kein Gesetz. Fleisch soll ihnen nicht
vorenthalten werden, es sei denn am Freitag, an den Hauptfestvigilien, an
den Quatember- und an den Osterfasten. Vor Snde sollen die Kranken um so
mehr bewahrt werden, je nher es jedem liegt, an sein Ende zu denken. Vor
allem wird hier Schweigen zu beobachten sein, denn in diesem Punkt vergeht
man sich gar so leicht, und anhalten soll man am Gebet, wie geschrieben
steht: Mein Sohn, in deiner Krankheit verzweifle nicht an dir selbst,
sondern bitte Gott, und er selbst wird dich heilen. Wende dich ab von der
Snde und strecke die Hand nach ihm aus und reinige dein Herz von aller
Snde. Es ist notwendig, da eine Krankenwache eingerichtet werde, die
jederzeit zur Hilfeleistung fr die Kranken bereit ist, und das Haus mu
mit allem, was fr Kranke notwendig ist, versehen sein. Auch fr die
Beschaffung von Arzneimitteln soll man Sorge tragen, so gut es die
rtlichen Verhltnisse erlauben. Zu dem Zweck wird es sehr gut sein, wenn
die Krankenwrterin etwas von der Heilkunde versteht. Auch das Verfahren
der Blutentziehung ist ihre Sache. Sie mu zur Ader lassen knnen, damit
man nicht zu einer solchen Verrichtung einem Mann den Eintritt zu den
Frauen verstatten mu. Die Krankenwrterin hat auch fr die Einhaltung der
kanonischen Stunden und fr die Kommunion bei den Kranken zu sorgen; am
Sonntag wenigstens sollten sie kommunizieren nach jedesmal vorangegangener
Beichte und Bue, soweit dies mglich ist.

Die letzte lung der Kranken soll genau nach der Vorschrift des heiligen
Apostels Jakobus vollzogen werden. Wenn der Zustand einer Kranken
hoffnungslos geworden ist, soll man aus dem Mnchskloster zwei Priester von
gesetztem Alter und einen Diakonen holen. Die sollen das geweihte l
mitbringen und in Gegenwart der versammelten Schwestern, aber durch eine
besondere Wand von ihnen getrennt, die heilige Handlung vollziehen. hnlich
soll man es auch mit der Kommunion halten, wenn sie ntig geworden ist.

Das Krankenhaus mu daher so angelegt sein, da die Mnche zu diesen
Verrichtungen bequem ab und zu gehen knnen, ohne den Konvent der
Schwestern zu sehen und von diesem gesehen zu werden.

Zum mindesten einmal jeden Tag soll die btissin mit der Kellermeisterin
die Kranken, und in ihnen Christum, besuchen, um fr ihre Bedrfnisse zu
sorgen, sowohl in geistlicher als in leiblicher Hinsicht, damit das Wort
des Herrn von ihnen gelte: Ich bin krank gewesen und ihr habt mich
besucht. Geht es mit einer Kranken zu Ende, und tritt der Todeskampf ein,
so soll alsbald die dienende Schwester mit der Klapper in den Konvent
eilen, und durch das Gerusch, das sie mit derselben macht, den Tod der
Schwester ankndigen, und der ganze Konvent, zu welcher Stunde des Tages
oder der Nacht es auch sei, soll zu der Sterbenden eilen, auer wenn
kirchliche Pflichten davon abhalten. Ist das letztere der Fall, so gengt
es auch -- denn nichts geht ber den Dienst des Herrn -- da die btissin
mit einigen auserlesenen Schwestern herbeieile, und der brige Konvent
spter nachfolge. Alle aber, die auf den Ton der Klapper herbeikommen,
sollen alsbald die Litanei anstimmen und bei ihrer Anrufung die ganze Zahl
aller mnnlichen und weiblichen Heiligen durchmachen. Darauf mgen die
Psalmen folgen und die brigen Gesnge, die bei Leichenbegngnissen blich
sind.

Wie segensreich es sei, zu Kranken und Toten zu gehen, das spricht der
Prediger deutlich aus: Es ist besser in das Klagehaus gehen, denn in das
Trinkhaus; in jenem ist das Ende aller Menschen, und der Lebendige nimmt's
zu Herzen. Ferner: Das Herz der Weisen ist im Klaghause. Der Leichnam
der Verstorbenen soll alsbald von den Schwestern gewaschen, mit einem
einfachen aber reinen Hemd bekleidet und mit Schuhen angethan werden. Dann
soll man ihn auf eine Bahre legen und das Haupt mit einem Schleier
verhllen. Die Kleider sollen fest zusammengenht und dem Krper so
angefgt sein, da kein Spielraum brig bleibt. Der Leichnam soll von den
Schwestern in die Kirche getragen und, wenn es Zeit ist, von den Mnchen
bestattet werden. Whrend dessen sollen die Schwestern im Oratorium Psalmen
singen und beten. Die btissin soll bei ihrem Begrbnis nur das vor den
brigen voraushaben, da ihr Krper in ein hrenes Hemd gehllt und sie
darin eingenht werden soll wie in einen Sack.

Die _Kleiderverwalterin_ hat die Sorge fr die gesamten Kleidungsstcke auf
sich zu nehmen, sowohl was das Schuhwerk als was die andern Sachen
betrifft. Sie hat die Schafschur zu veranlassen und nimmt das Leder fr das
Schuhzeug in Empfang. Sie versieht alle Schwestern mit Faden, Nadel und
Schere. Sie hat den Schlafsaal zu beaufsichtigen und fr die Betten zu
sorgen. Ferner liegt ihr ob die Sorge fr Tischdecken, Handtcher und fr
die gesamte brige Wsche, sowie fr das Zuschneiden, Nhen, Waschen
derselben. Auf sie bezieht sich im besonderen das Schriftwort: Sie gehet
mit Wolle und Flachs um und arbeitet gern mit ihren Hnden. Sie streckt
ihre Hand nach dem Rocken, und ihre Finger fassen die Spindel. Sie frchtet
ihres Hauses nicht vor dem Schnee, denn ihr ganzes Haus hat zwiefache
Kleider, und sie lacht am letzten Tage. Sie schauet, wie es in ihrem Haus
zugehet, und isset ihr Brot nicht mit Faulheit. Ihre Shne kommen auf und
preisen sie selig. Die Werkzeuge, die sie zu ihren Arbeiten ntig hat,
sollen ihr zur Verfgung stehen, und sie soll jede der Schwestern mit der
fr sie passenden Arbeit versehen. Denn auch der Novizen soll sie sich
annehmen, bis zu ihrer Aufnahme in den Orden.

Die _Kellermeisterin_ hat Sorge zu tragen fr alles was ins Gebiet des
Lebensunterhaltes gehrt: sie hat die Aufsicht ber den Keller, das
Refektorium, die Kche, die Mhle, die Bckerei mit dem Backofen, ber den
Baum- und den Gemsegarten und ber den gesamten Feldbau, auch ber die
Bienenzucht, ber das Gro- und Kleinvieh und ber das Geflgel. Von ihr
wird geholt, was man zum Essen braucht. Sie darf vor allem nicht knauserig
sein, sondern freigebig und gern bereit, zu liefern was man braucht. Denn
einen frhlichen Geber hat Gott lieb. berhaupt warnen wir sie davor, da
sie nicht ihr Amt in eigenntziger Weise mibrauche, da sie nicht sich
selber eine bessere Schssel gnne oder etwas fr sich behalte auf Kosten
der anderen. Der beste Haushalter -- sagt Hieronymus -- ist der, der
nichts fr sich zurckbehlt. Judas, der sein Amt dazu mibrauchte, sich
selber zu bereichern, ging aus der Zahl der Jnger verloren. Auch Ananias
und Sapphira muten's mit dem Tode ben, als sie unrecht Gut
zurckbehielten.

Zum Amt der _Thrhterin_ oder _Pfrtnerin_ gehrt die Aufnahme der Gste.
Sie mu alle Ankmmlinge anmelden und dahin fhren, wohin sie begehren; ihr
liegt die Frsorge fr die Bewirtung ob. Sie mu reif an Alter und Verstand
sein, damit sie Red' und Antwort zu geben vermag und beurteilen kann, wie
und wer berhaupt aufzunehmen ist und wer nicht. Sie soll gleichsam der
Vorhof des Herrn sein, von dem aus ein lichter Schimmer aufs ganze Kloster
fllt, denn bei ihr empfngt der Ankmmling den ersten Eindruck vom
Kloster. Demgem sei sie freundlich in ihren Worten, mild in der Anrede.
Auch diejenigen, die sie abweisen mu, sollen durch die Art, wie sie ihre
Grnde darlegt, in der Liebe erbaut werden. Denn es steht geschrieben:
Eine linde Antwort stillet den Zorn, aber ein hart Wort richtet Grimm an.
Und anderswo: Ein gtiges Wort mehrt die Freunde und besnftigt die
Feinde. Sie soll auch fters nach den Armen sehen und je nachdem sie ihre
Bedrfnisse kennen gelernt hat, sie mit Speise oder Kleidern untersttzen.
Bedarf sie oder eine der andern Schwestern in ihrer Amtsfhrung eine Hilfe
oder Erleichterung, so sollen ihnen von der btissin Gehilfinnen zugewiesen
werden. Diese soll man womglich aus den Laienschwestern nehmen, damit
keine der Nonnen vom Gottesdienst abgehalten werde oder im Kapitel und
Refektorium fehle.

Die Pfrtnerin soll ihre Zelle neben der Eingangsthr haben, woselbst sie
oder ihre Stellvertreterin allezeit der Ankommenden gewrtig sein soll.
Doch sollen sie whrend dem nicht mig sein und sich des Schweigens um so
mehr befleiigen, je weniger ihre Geschwtzigkeit denen, die drauen sind,
verborgen bleibt. Die Aufgabe der Pfrtnerin ist es, nicht allein den
Mnnern unbefugten Eintritt zu versagen, sondern berhaupt jeden Lrm
fernzuhalten, damit er nicht die Stille des Klosters stre, und sie trgt
fr alle Ausschreitungen in dieser Hinsicht die Verantwortung. Hrt sie
etwas, was zu wissen wichtig ist, so hat sie es in aller Stille der
btissin zu hinterbringen, und diese mag dann, wenn es ihr der Mhe wert
scheint, darber beraten.

Sobald ans Thor geklopft oder drauen gerufen wird, soll die Schwester,
welche an der Pforte ist, die Ankmmlinge nach ihrem Namen und Begehren
fragen, und wenn es ntig ist, die Pforte ffnen und die Fremden
hereinlassen. Nur Frauen drfen im Innern des Klosters beherbergt werden;
die Mnner sind zu den Mnchen zu weisen; keiner darf unter irgend einem
Vorwand eingelassen werden, es sei denn, da die btissin vorher befragt
worden sei und es befohlen habe. Frauen dagegen sollen ohne weiteres
Zutritt haben. Die aufgenommenen Frauen und die Mnner, die wegen irgend
welcher besonderen Sache eingelassen worden sind, soll die Pfrtnerin
zunchst in ihre Zelle fhren, bis sie von der btissin oder von den
Schwestern, wenn dies ntig und ratsam ist, empfangen werden. Armen aber,
welche der Fuwaschung bedrfen, soll dieser Dienst der Gastfreundschaft
von der btissin selbst oder von den Schwestern mit Sorgfalt geleistet
werden. Denn auch der Apostel hat sich gerade durch diesen Liebesdienst den
Namen des Diakonen verdient. So sagt auch im Leben der Altvter einer von
ihnen: Um deinetwillen ist der Erlser Knecht geworden. Er hat sich mit
einer Schrze umgrtet und seinen Jngern die Fe gewaschen, und hat ihnen
geboten, den Brdern die Fe zu waschen. Und der Herr selbst spricht:
Ich bin ein Gast gewesen und ihr habt mich beherberget. So sagt auch der
Apostel von der Diakonisse: So sie gastfrei gewesen ist, so sie der
Heiligen Fe gewaschen hat. Alle mit mtern beauftragten Schwestern, die
sich mit den Wissenschaften nicht befassen, sollen mit diesen Pflichten
bekannt gemacht werden mit Ausnahme der Vorsngerin und derjenigen
Schwestern, die fr das Studium sich tauglich erweisen. Diesen soll man
freie Zeit fr die Wissenschaften lassen.

Der Schmuck des Gotteshauses soll sich auf das Notwendige beschrnken; es
ist mehr auf Sauberkeit als auf Prunk zu sehen. Nichts in demselben soll
aus Gold oder Silber gefertigt sein, auer ein silberner Kelch oder auch
mehrere, wenn es ntig ist. Verzierungen aus Seide sollen nur an den Stolen
und Armbinden angebracht sein. Keine Bildhauerarbeiten sollen im Gotteshaus
sein. Nur ein hlzernes Kreuz soll am Altar errichtet werden, worauf das
Bild des Erlsers gemalt werden kann, wenn man will. Aber andere Bildwerke
sollen den Altren fremd bleiben. Das Kloster soll sich mit zwei Glocken
begngen. Ein Gef mit Weihwasser soll auen am Eingang zum Oratorium
angebracht werden, damit sich die in der Frhe Eintretenden, und wer nach
dem Gottesdienst hinausgeht, damit weihen. Keine der Nonnen soll bei den
Horen fehlen; vielmehr sobald das Zeichen mit der Glocke gegeben wird,
sollen sie alles andere beiseite legen und zum Gottesdienst eilen, doch
bescheidenen Ganges. Beim Eintritt ins Oratorium sollen die, die es knnen,
fr sich sprechen: Ich gehe ein in dein Haus und bete an in deinem
heiligen Tempel u. s. w. Im Chor darf kein anderes Buch geduldet werden
als das, welches zum jedesmaligen Gottesdienst gerade ntig ist. Die
Psalmen sollen laut und deutlich gesprochen werden, die Psalmodie oder der
Gesang soll so gemigt sein, da auch die, welche eine schwache Stimme
haben, aufkommen knnen. In der Kirche soll nichts gelesen oder gesungen
werden, was nicht der Heiligen Schrift selbst entnommen ist, also dem Neuen
oder Alten Testament, welche beide so in Leseabschnitte einzuteilen sind,
da sie jedes Jahr in der Kirche einmal zur Verlesung kommen. Abhandlungen
oder Predigten der Kirchenlehrer oder sonst erbauliche Schriften werden bei
Tisch oder im Kapitel vorgelesen; doch soll das Lesen auch sonst berall
gestattet werden. Doch soll keine Schwester sich etwas vorzulesen oder zu
singen erlauben, wovon sie nicht vorher Kenntnis genommen hat. Wenn eine im
Oratorium etwas Unpassendes vor die Versammlung bringt, so soll sie in
Gegenwart aller Schwestern um Verzeihung bitten, indem sie fr sich die
Worte spricht: Verzeihe mir, Herr, auch dieses Mal meine Nachlssigkeit.

Um Mitternacht erhebt man sich nach der Anweisung des Propheten zu den
nchtlichen Vigilien. Es ist darum notwendig so frhe schlafen zu gehen,
da die zarte Natur der Schwestern diese Nachtwachen ertragen und das
Tagewerk mit Sonnenaufgang begonnen werden kann, wie dies auch der heilige
Benediktus vorschreibt. Nach den Vigilien soll man sich wieder zur Ruhe
begeben, bis das Zeichen zur Matutine ertnt. Whrend des brigen Teils der
Nacht soll die Natur zu ihrem Recht kommen. Denn der Schlaf vor allem
erquickt den mden Krper, macht ihn wieder arbeitsfhig und erhlt ihn
gesund und munter. Wer aber das Bedrfnis hat, ber die Psalmen oder irgend
welche Lektionen zu meditieren, wie dies auch der heilige Benediktus
erwhnt, der soll dies so thun, da die Ruhenden nicht im Schlafe gestrt
werden. Benedikt hat fr diesen Ort weniger das Lesen als das Meditieren
empfohlen, damit nicht durch das Lesen die Ruhe der anderen gestrt werde.
brigens hat er auch zu dieser Meditation die Mnche nicht gezwungen; er
sagt nur: Wer von den Brdern das Bedrfnis hat. Auch beim Einben von
Gesngen soll man diese Rcksichten walten lassen. Die Matutine soll beim
ersten Tageslicht gefeiert werden, und das Zeichen dazu beim Sonnenaufgang
selbst, wenn man ihn sehen kann, ertnen. Im Sommer, wo die Nacht kurz und
die Morgenzeit lang ist, verbieten wir den Schwestern nicht, vor der Prima
noch etwas zu schlafen, bis das Zeichen dazu ertnt. Von dieser Ruhe nach
den Matutinen spricht auch der heilige Gregorius im zweiten Kapitel seiner
Dialoge, wo er von dem ehrwrdigen Libertinus folgendes sagt: Auf den
folgenden Tag war eine fr das Kloster wichtige Manahme beschlossen
worden. Nach Vollendung der feierlichen Matutinen ging Libertinus an das
Bett des Abtes und erbat sich von ihm demtig den Segen. Diese Morgenruhe
soll also verstattet sein von Ostern bis zur Herbst-Tag- und Nachtgleiche,
von wo an die Tage wieder krzer werden.

Nach dem Verlassen des Schlafsaals sollen sich die Schwestern waschen, ihre
Bcher in Empfang nehmen und lesend oder singend im Kreuzgang sitzen, bis
es zur Prima lutet. Nach der Prima begiebt man sich in den Kapitelsaal;
dort setzt sich alles nieder und nach Verkndigung des Datums wird ein
Abschnitt aus der Mrtyrergeschichte vorgelesen. Darauf kann eine
erbauliche Besprechung folgen oder ein Abschnitt der Regel vorgelesen und
erklrt werden. Endlich soll hier erledigt werden, was etwa zu tadeln oder
neu anzuordnen ist.

Man darf brigens nicht vergessen, da weder ein Kloster noch sonst
berhaupt ein Haus ohne weiteres ungeordnet genannt werden darf, wenn
irgend etwas Ordnungswidriges darin geschieht, sondern nur dann, wenn
derartige Vorkommnisse nicht sorgfltig wieder gut gemacht werden. Denn
welcher Ort bleibt vllig rein von Snde? Dessen war auch der heilige
Augustinus wohl bewut, wenn er in einer Unterweisung an seinen Klerus
sagt: Mag ich die Ordnung in meinem Haus noch so streng aufrecht erhalten:
ich bin ein Mensch und mu mit Menschen leben. Ich wage auch nicht mir
anzumaen, da mein Haus reiner sein soll als die Arche Noah, da doch unter
den acht Menschen, die darin waren, sich ein Schlechter fand; oder besser
als Abrahams Haus, wo es auch einst hie: 'treibe aus die Magd mit ihrem
Kinde'; oder besser als Isaaks Haus, wo der Herr sprach: 'Den Jakob habe
ich geliebt und den Esau habe ich gehat'. Oder besser als das Haus Jakobs,
in dem der Sohn des Vaters Ehebett schndete; oder besser als das Haus
Davids, dessen einer Sohn sich mit seiner eigenen Schwester vergangen, und
der andere sich gegen seinen Vater emprt hat; oder besser als die
Gesellschaft des Paulus, der, wenn er mit guten Menschen zusammengelebt
htte, wohl kaum gesagt htte, er habe 'auswendig Streit, inwendig Furcht';
oder: 'niemand ist, der so herzlich fr euch sorget; denn sie suchen alle
das ihre'; oder besser als die Gesellschaft Christi selbst, in welcher die
elf Guten den Verrter und Dieb Judas ertragen muten; oder endlich gar
besser als der Himmel, von dem die Engel gefallen sind.

Derselbe Kirchenvater, der uns so eindringlich zur Befolgung der
klsterlichen Regel ermahnt, fgt die Worte bei: Ich bekenne vor Gott,
seitdem ich Gott zu dienen angefangen habe, habe ich selten vollkommenere
Menschen gesehen als die, welche in Klstern sich gut gehalten haben;
andererseits aber habe ich auch keine schlechteren gesehen, als Mnche, die
gefallen waren. So ist auch das Wort der Offenbarung zu verstehen; Wer
heilig ist, der sei immerhin heilig und wer unrein ist, der sei immerhin
unrein.

In der Bestrafung soll insofern ein Unterschied gemacht werden, als
diejenige, welche bei einer andern einen Fehler gesehen hat und ihn
verheimlicht, strenger bestraft werden soll als die eigentlich Schuldige.
Darum soll niemand sumen, seine eigenen Vergehen wie diejenigen der
anderen anzugeben. Diejenige Schwester, die der Anklage durch andere
zuvorkommt, indem sie sich selbst angiebt -- nach dem Worte der Schrift:
Der Gerechte klagt sich selber zuerst an -- soll mit einer milderen
Strafe wegkommen, wenn sie von ihrem Fehler ablt. Keine soll die andere
zu entschuldigen versuchen, wenn nicht die btissin, falls ihr der wahre
Sachverhalt unbekannt ist, danach fragt. Keine soll sich unterstehen, eine
Schwester wegen irgend einer Verschuldung zu schlagen, auer wer von der
btissin dazu beauftragt wird. Von der Strafe der Zchtigung aber steht
geschrieben: Mein Sohn, achte nicht gering die Zchtigung des Herrn und
verzage nicht, wenn du von ihm gestraft wirst. Denn welchen der Herr lieb
hat, den zchtiget er und hat Wohlgefallen an ihm wie ein Vater am Sohn;
ferner: Wer seiner Rute schonet, der hasset seinen Sohn; wer ihn aber lieb
hat, der zchtiget ihn bald. Schlget man den Sptter, so wird der Alberne
witzig; straft man den Sptter, so wird der Geringe verstndig. Dem Ro
eine Geiel und dem Esel einen Zaum und dem Narren eine Rute auf den
Rcken. Wer einen Menschen zchtiget, der findet hernach mehr Dank bei ihm,
als der ihn mit Schmeichelworten tuscht. Alle Zchtigung aber, wenn sie da
ist, dnkt sie uns nicht Freude, sondern Traurigkeit zu sein; aber danach
wird sie geben eine friedsame Frucht der Gerechtigkeit denen, die dadurch
gebet sind. Ein nrrischer Sohn ist seines Vaters Betrbnis, und eine
thrichte Tochter gereicht ihm zur Schande. Wer sein Kind lieb hat, der
hlt es stets unter der Rute, da er hernach Freude an ihm erlebe. Wer sein
Kind in der Zucht hlt, der wird sich seiner freuen und darf sich seiner
bei den Bekannten nicht schmen. Ein verwhnt Kind wird mutwillig wie ein
wild Pferd. Zrtle mit deinem Kinde, so mut du dich hernach vor ihm
frchten; spiele mit ihm, so wird es dich hernach betrben.

Bei gemeinsamer Beratung steht es jeder Schwester frei, ihre Meinung zu
uern, aber der Beschlu der btissin soll unumstlich sein, sollte sie
selbst, was ferne sei, in Irrtum verfallen und das weniger Zweckmige
beschlieen. Daher das Wort des heiligen Augustinus in seinen Konfessionen:
Schwer versndigt sich, wer seinen Vorgesetzten in irgend einem Stck
ungehorsam ist, selbst wenn das, was er selber zu thun erwhlt, besser sein
sollte, als das, was ihm befohlen worden ist. Es ist uns besser, recht zu
thun als das Rechte zu thun, und nicht darauf kommt es an, was geschieht,
sondern wie und in welcher Gesinnung etwas gethan wird. Alles was im
Gehorsam geschieht, ist gut, wenn es auch keineswegs so aussieht. In allen
Stcken mu darum den Vorgesetzten Gehorsam geleistet werden, selbst wenn
dies zum grten Schaden ausschlge, wenn nur die Seele nicht dadurch
gefhrdet wird.

Der Vorgesetzte soll darauf sehen, seine Befehle vernnftig einzurichten,
weil die Untergebenen einfach zu gehorchen haben und ihrem Gelbde gem
nicht nach ihrem eigenen Willen handeln, sondern nach dem ihrer
Vorgesetzten. Wir sind durchaus dagegen, da jemals die Gewohnheit den
Vorzug vor der Vernunft erhalte und da etwas damit entschuldigt werde, da
es Gewohnheit sei. Nicht weil etwas Herkommen ist, soll es festgehalten
werden, sondern weil es gut ist, und je besser eine Anordnung ist, desto
bereitwilliger soll sie aufgenommen werden. Sonst mten wir ja nach
jdischer Art dem alten Gesetzeswesen vor dem Evangelium den Vorzug geben.
So sagt auch der heilige Augustinus, indem er sich mehrfach auf das Zeugnis
des Cyprianus beruft: Wer die Wahrheit auer acht lt und blindlings der
Gewohnheit folgt, der handelt neidisch oder boshaft an den Brdern, denen
die Wahrheit geoffenbart ist, oder aber ist er undankbar gegen Gott, durch
dessen Eingebung die Kirche erleuchtet wird. Ferner sagt er: Im
Evangelium sagt der Herr: 'Ich bin die Wahrheit', nicht aber: 'Ich bin die
Gewohnheit'. Darum soll die Gewohnheit der offenbaren Wahrheit weichen.
Weiter: Ist die Wahrheit offenbar geworden, so soll der Irrtum der
Wahrheit weichen, wie auch Petrus, der zuerst fr die Beschneidung war, dem
Paulus, der die Wahrheit predigte, gewichen ist.

Derselbe Kirchenvater sagt in seinem Buch ber die Taufe Kapitel IV:
Vergebens halten uns diejenigen, die durch die Vernunft besiegt werden,
das Recht der Gewohnheit vor, als wre die Gewohnheit mehr als die
Wahrheit, und als mte man nicht in geistlichen Dingen dasjenige thun, was
uns vom heiligen Geist als das Bessere geoffenbart worden ist.

Das ist sicher wahr, da Vernunft und Wahrheit ber das Herkommen zu
stellen sind. Gregor VII. schreibt an den Bischof Vimund: Sicherlich, um
des heiligen Cyprianus' Meinung zu folgen, ist jede Gewohnheit, sei sie
auch noch so alt und noch so verbreitet, der Wahrheit ohne weiteres zu
unterwerfen, und ein Brauch, der mit der Wahrheit im Widerspruch steht,
abzuschaffen. Mit welcher Liebe wir an der Wahrheit auch in Worten
festhalten sollen, sagt uns Jesus Sirach: Schme dich nicht, fr deine
Seele das Recht zu bekennen; weiter: Rede nicht wider die Wahrheit; und
wiederum: La all deinem Werk das Wort der Wahrheit vorausgehen und all
deinem Thun einen festen Ratschlu߫. Man soll auch nicht darauf sehen, ob
viele etwas thun, sondern ob etwas den Beifall der Weisen und Guten hat.
Der Narren Zahl, sagt Salomo, ist unendlich. Und die Wahrheit versichert:
Viele sind berufen, aber wenige sind auserwhlt. Alles was kostbar ist,
ist selten, und was in berflu vorhanden ist, verliert an Wert. Niemand
soll in der Ratsversammlung der greren Partei folgen, sondern der
besseren. Nicht auf das Alter eines Menschen soll man sehen, sondern auf
seine Weisheit; nicht gutes Einvernehmen, sondern Wahrheit soll man suchen.
Daher das Wort des Dichters: Auch vom Feind sollst du dich lassen
belehren.

So oft eine Beratung ntig ist, soll sie ohne Verzug abgehalten werden. Bei
dringenden Angelegenheiten soll der Konvent zusammenberufen werden; bei
weniger wichtigen Dingen gengt es, wenn die btissin einige ltere
Schwestern zu sich beruft. Vom Rat steht auch geschrieben: Wo nicht Rat
ist, da gehet das Volk unter; wo aber viel Ratgeber sind, da gehet es wohl
zu. Der Weg des Narren ist recht in seinen Augen; aber ein vernnftiger
Mann verachtet nicht guten Rat. Mein Sohn, thue nichts ohne Rat, so
gereut's dich nicht nach der That. Wenn auch dann und wann eine
Angelegenheit ohne Beratung glcklich erledigt wird, so entbindet die
Wohlthat des Geschickes den Menschen doch nicht von seiner Aufgabe. Und
wenn umgekehrt auch nach gepflogener Beratung falsche Maregeln ergriffen
werden, so soll man den, der den Rat eingeholt hat, nicht der
Fahrlssigkeit beschuldigen. Denn ihn, der in gutem Glauben gehandelt hat,
trifft weniger Schuld als diejenigen, auf die er sich irrtmlicherweise
verlassen hat.

Haben die Schwestern den Kapitelsaal verlassen, so sollen sie die
vorgeschriebenen Arbeiten vornehmen und sich mit Lesen oder Singen oder mit
Handarbeit beschftigen bis zur Terz. Nach der Terz soll die Messe gelesen
werden, wozu ein Mnchspriester den Wochendienst hat. Dieser soll, wenn
Leute genug vorhanden sind, einen Diakon und Subdiakon mitbringen, welche
ihm administrieren und ihres Amtes walten. Sie sollen in der Weise kommen
und gehen, da sie mit den Schwestern nicht zusammentreffen. Sind mehrere
ntig, so ist auch dafr zu sorgen, und zwar soll man dabei darauf sehen,
da die Mnche niemals wegen der Messen im Nonnenkloster ihrem eigenen
Konvent beim Gottesdienst entzogen werden.

Wenn die Schwestern kommunizieren wollen, so soll dazu ein lterer Priester
ausgewhlt werden, der ihnen nach der Messe das Abendmahl giebt; vorher
aber sollen sich der Diakon und Subdiakon entfernen, um jeden Anla einer
Anfechtung zu entfernen. Mindestens dreimal im Jahr sollen alle Nonnen
kommunizieren, an Ostern, an Pfingsten und an Weihnachten, wie dies von den
Vtern auch fr die Laien angeordnet ist. Zu diesen Kommunionen sollen sie
sich so vorbereiten, da alle sich drei Tage vorher der Beichte und
entsprechenden Bue unterziehen, und in aller Demut und Furcht drei Tage
mit Fasten bei Wasser und Brot und unter anhaltendem Gebet verbringen,
immer wieder den furchtbaren Spruch des Apostels sich ins Gedchtnis
zurckrufend: Welcher nun unwrdig von diesem Brot isset und von dem Kelch
des Herrn trinket, der ist schuldig an dem Leib und Blut des Herrn. Der
Mensch prfe aber sich selbst, und also esse er von diesem Brot und trinke
von diesem Kelch. Denn welcher unwrdig isset und trinket, der isset und
trinket ihm selber das Gericht damit, da er nicht unterscheidet den Leib
des Herrn. Darum sind auch so viele Schwache und Kranke unter euch, und ein
gut Teil schlafen. Denn so wir uns selber richteten, so wrden wir nicht
gerichtet.

Auch nach der Messe sollen die Schwestern wieder zur Arbeit zurckkehren
bis zur Sext; berhaupt sollen sie nie mig sein, sondern jede soll
arbeiten, was sie kann und mu. Nach der Sext soll man zum Essen gehen,
falls nicht ein Fasttag ist. In diesem Fall soll man mit dem Essen warten
bis zur None, in der groen Fastenzeit bis zur Vesper.

Zu keiner Zeit soll im Konvent das Vorlesen unterbleiben. Will die btissin
aufhren, so sage sie: es ist genug. Und alsbald sollen sich alle zum
Dankgebet erheben. Im Sommer soll man nach dem Essen bis zur None im
Dormitorium ruhen, nach der None wieder an die Arbeit gehen bis zur Vesper.
Unmittelbar nach der Vesper wird das Abendessen eingenommen oder das
Fastenmahl, je nach den Zeitumstnden. Samstags findet vor dem Abendimbi
eine Reinigung statt, bestehend im Waschen der Fe und Hnde. Bei dieser
Verrichtung soll die btissin thtig sein im Verein mit den Schwestern,
welche den Wochendienst in der Kche haben. Nach dem Abendessen geht man
alsbald zur Komplett; hierauf begiebt man sich zur Ruhe.

In Nahrung und Kleidung halte man sich an das Wort des Apostels: Wenn wir
aber Nahrung und Kleider haben, so lasset uns begngen. Man begnge sich
mit dem Notwendigen und suche nicht den berflu. Was billig beschafft
werden kann und sich leicht trgt, ohne Ansto zu erregen, das wird sich
empfehlen. Nur die Verletzung des eigenen oder eines fremden Gewissens mit
den Speisen verbietet der Apostel, da er wohl wei, da nicht das Essen an
sich Snde ist, sondern die Begierde. Welcher isset, sagt er, der verachte
den nicht, der da nicht isset; und welcher nicht isset, der richte den
nicht, der da isset. Wer bist du, da du einen fremden Knecht richtest?
Welcher isset, der isset dem Herrn, denn er danket Gott; welcher nicht
isset, der isset dem Herrn nicht, und danket Gott. Darum lasset uns nicht
mehr einer den andern richten, sondern das richtet vielmehr, da niemand
seinem Bruder einen Ansto oder rgernis darstelle. Ich wei und bin's
gewi in dem Herrn Jesu, da nichts gemein ist an ihm selbst; ohne der es
rechnet fr gemein, demselbigen ist es gemein. Das Reich Gottes ist nicht
Essen und Trinken, sondern Gerechtigkeit und Friede und Freude im heiligen
Geiste. Es ist zwar alles rein, aber es ist nicht gut dem, der es isset mit
einem Ansto seines Gewissens. Es ist viel besser, du essest kein Fleisch
und trinkest keinen Wein oder das, daran sich dein Bruder stet oder
rgert oder schwach wird. Nach dem rgernis, das der Bruder nimmt, redet
der Apostel von dem Ansto, den sich derjenige selber bereitet, der gegen
sein Gewissen it: Selig ist, der ihm selbst kein Gewissen machet in dem,
das er annimmt. Wer aber darber zweifelt und isset doch, der ist verdammt;
denn es gehet nicht aus dem Glauben: was aber nicht aus dem Glauben gehet,
das ist Snde.

Zur Snde wird uns alles, was wir gegen unser Gewissen und gegen das, was
wir glauben, thun. Und durch das, was wir billigen, d. h. durch das Gesetz,
welches wir annehmen, richten und verurteilen wir uns selbst: wenn wir z.
B. solche Speisen essen, bei denen wir zweifeln, d. h. die wir durch das
Gesetz verbieten und als unrein ausschlieen. Denn das Zeugnis unseres
Gewissens ist so geartet, da es uns bei Gott anklagt oder entschuldigt.
Daher sagt auch Johannes in seinem ersten Brief: Ihr Lieben, so uns unser
Herz nicht verdammt, so haben wir eine Freudigkeit zu Gott. Und was wir
bitten, werden wir von ihm nehmen; denn wir halten seine Gebote und thun,
was vor ihm gefllig ist. Darum sagt auch Paulus an der obigen Stelle ganz
richtig, nichts sei gemein in Christus, nur fr den sei es so, der es
rechne fr gemein, d. h. der glaube, da etwas fr ihn unrein und verboten
sei.

Gemein nennen wir diejenigen Speisen, welche nach dem Gesetz unrein heien,
die das Gesetz seinen Glubigen verbietet und denen freigiebt, die auer
dem Gesetze leben. Daher sind auch die ffentlichen Frauen unrein, und
alles Gemeinsame und ffentliche ist gering und weniger kostbar. Der
Apostel versichert mit Berufung auf Christus, keine Speise sei gemein, d.
h. unrein, weil das Gesetz Christi keine verbietet, es sei denn, wie
gesagt, um den Ansto des eigenen oder des fremden Gewissens zu vermeiden.
In dieser Beziehung sagt er an anderer Stelle: Darum, so die Speise meinen
Bruder rgert, wollte ich nimmermehr Fleisch essen, auf da ich meinen
Bruder nicht rgerte. Bin ich nicht frei? Bin ich nicht ein Apostel? Das
heit soviel als: habe ich nicht die Freiheit, die der Herr seinen Aposteln
verliehen hat, alles Beliebige zu essen oder Untersttzung von anderen
anzunehmen? Denn als der Herr seine Jnger aussandte, sagte er: Esset und
trinket, was ihr bei ihnen findet, und er hat dabei nicht eine Speise von
der anderen unterschieden. Nach diesem Vorbild giebt der Apostel den
Christen alle Arten von Speisen frei, auch wenn sie von Unglubigen und vom
Gtzenopfer herrhren; nur will er, wie oben gesagt, das rgernis vermieden
wissen: Ich habe es zwar alles Macht, sagt er, aber es frommt nicht
alles; ich habe es alles Macht, aber es bessert nicht alles. Niemand suche,
was sein ist, sondern ein jeglicher, was des andern ist. Alles was feil ist
auf dem Fleischmarkt, das esset, und forschet nichts, auf da ihr des
Gewissens verschonet. Denn die Erde ist des Herrn und was darinnen ist. So
aber jemand von den Unglubigen euch ladet, und ihr wollt hingehen, so
esset alles, was euch vorgetragen wird, und forschet nicht, auf da ihr des
Gewissens verschonet. Wo aber jemand zu euch wrde sagen: das ist
Gtzenopfer -- so esset nicht um deswillen, der es anzeigte, auf da ihr
des Gewissens verschonet. Ich sage aber vom Gewissen nicht deiner selbst,
sondern des andern. Seid nicht rgerlich weder den Juden noch den Griechen
noch der Gemeine Gottes.

Aus diesen Worten des Apostels geht deutlich hervor, da uns nicht verboten
ist, was wir ohne Verletzung des eigenen oder eines fremden Gewissens essen
knnen. Ohne Verletzung des eigenen Gewissens handeln wir dann, wenn wir
bei unserem Thun unserem Lebensberuf, der uns zum Heil fhren soll, treu
bleiben knnen. Ohne Verletzung eines fremden Gewissens dann, wenn wir so
leben, da man von uns glaubt, da wir selig werden. Und so knnen wir
leben, wenn wir bei aller Nachsicht gegen die unumgnglichen Forderungen
der Natur die Snde meiden, und nicht im Vertrauen auf unsere Tugend unser
Leben durch ein Gelbde unter ein Joch beugen, das uns zu schwer ist, und
unter dem wir deshalb erliegen, wobei dann der Fall um so tiefer ist, je
hher die Stufe war, auf die das Gelbde uns htte heben sollen.

Diesem Fall und der Ablegung eines unbedachten Gelbdes zuvorzukommen, sagt
der Prediger: Wenn du Gott ein Gelbde thust, so verziehe nicht, es zu
halten. Denn er hat keinen Gefallen an den Narren. Was du gelobest, das
halte. Es ist besser, du gelobest nichts, denn da du nicht hltst, was du
gelobest. Dieser Gefahr will auch jener Rat des Apostels begegnen: So
will ich nun, da die jungen Witwen freien, Kinder zeugen, haushalten, dem
Widersacher keine Ursach' geben, zu schelten. Denn es sind schon etliche
umgewandt dem Satan nach. Die Natur des schwachen Geschlechtes bedenkend,
empfiehlt er als Mittel gegen die Gefahr, die ein sittlich hheres Leben
mit sich bringt, eine weniger strenge Lebensweise. Er giebt den Rat, unten
zu bleiben, damit nicht ein jher Sturz aus der Hhe erfolge. Dieser
Ansicht folgt auch der heilige Hieronymus, wenn er in seiner Unterweisung
an die Jungfrau Eustochium sagt: Wenn aber die, die wirklich Jungfrauen
sind, um anderer Snden willen nicht selig werden, was wird aus denen
werden, die die Glieder Christi zur Unzucht preisgegeben und den Tempel des
heiligen Geistes in ein Freudenhaus verwandelt haben? Besser wre es dem
Menschen, das Joch der Ehe auf sich zu nehmen und in der Ebene zu wandeln,
als in die Hhe zu streben und in den Abgrund der Hlle zu strzen.

Wenn wir smtliche Aussprche des Apostels nachschlagen, so werden wir
finden, da er eine zweite Ehe immer nur den Frauen gestattet hat. Die
Mnner dagegen ermahnt er zur Enthaltsamkeit und ruft ihnen zu: Ist jemand
beschnitten berufen, der zeuge keine Vorhaut, und: Bist du los vom Weibe,
so suche kein Weib. Moses dagegen rumt den Mnnern mehr Freiheit ein als
den Frauen und gestattet einem Mann mehrere Frauen, nicht aber einer Frau
mehrere Mnner. Auch bestraft er den Ehebruch bei Frauen strenger als bei
Mnnern. Ein Weib, sagt der Apostel, ist frei vom Gesetz, so der Mann
stirbet, da sie nicht eine Ehebrecherin ist, wo sie eines andern Mannes
wird. Und an anderer Stelle: Ich sage aber den Ledigen und Witwen: es ist
ihnen gut, wenn sie auch bleiben wie ich. So sie aber sich nicht enthalten,
so la sie freien; es ist besser freien denn Brunst leiden. Und wiederum
heit es: Ein Weib, so ihr Mann entschlft, ist sie frei, sich zu
verheiraten, welchem sie will; allein, da es in dem Herrn geschehe.
Seliger ist sie aber, wo sie also bleibet, nach meiner Meinung.

Nicht blo eine zweite Ehe gestattet der Apostel dem schwachen Geschlecht,
sondern er beschrnkt die Zahl der Eheschlieungen nicht einmal auf ein
bestimmtes Ma; vielmehr, wenn ihre Mnner entschlafen sind, gestattet er
ihnen, sich wieder zu verheiraten. Er schreibt fr die Eheschlieung keine
bestimmte Zahl vor, wenn die Frauen nur dadurch der Snde der Hurerei
entgehen. Lieber sollen sie mehrmals heiraten als einmal in Unkeuschheit
verfallen. Denn haben sie sich erst Einem preisgegeben, so werden sie bald
mit vielen anderen dem Verlangen nach geschlechtlichem Verkehr nachgeben.
Zwar ist auch die rechtmige Befriedigung dieses Verlangens nicht ganz
frei von Snde, allein man bt Nachsicht mit der kleineren Snde, um die
grere zu vermeiden. Was ist also dabei, wenn man ihnen, um anderweitige
Snde zu verhten, etwas verstattet, wobei gar keine Snde ist, nmlich die
notwendigen Speisen, nur nicht im berflu? Denn nicht die Speise wird uns
zur Snde, sondern die Begierde, die da will, was nicht erlaubt ist, die
begehrt, was verboten ist, die oftmals sich bernimmt und so viel rgernis
verursacht.

Welches von allen Nahrungsmitteln der Menschen ist aber so gefhrlich, so
schdlich und unserem Beruf und der frommen Beschaulichkeit so unzutrglich
wie der Wein? Der grte der Weisen warnt uns gar eindringlich vor ihm:
Der Wein macht lose Leute, und stark Getrnke macht wilde; wer dazu Lust
hat, wird nimmer weise. Wo ist Weh, wo ist Leid? Wo ist Zank? Wo ist
Klagen? Wo sind Wunden ohne Ursach'? Wo sind rote Augen? Nmlich, wo man
beim Wein liegt und kommt auszusaufen, was eingeschenkt ist. Siehe den Wein
nicht an, da er so rot ist und im Glase so schn stehet. Er geht glatt
ein, aber danach beit er wie eine Schlange und sticht wie eine Otter. So
werden deine Augen nach andern Weibern sehen und dein Herz wird verkehrte
Dinge reden. Und wirst sein wie einer, der mitten im Meer schlft, und wie
einer schlft oben auf dem Mastbaum, und wirst sagen: sie schlagen mich,
aber es thut mir nicht wehe; sie klopfen mich, aber ich fhle es nicht.
Wann will ich aufwachen, da ich's mehr treibe? Weiter: O nicht den
Knigen, Lamuel, gieb den Knigen nicht Wein zu trinken, denn wo
Trunkenheit herrscht, wird kein Geheimnis bewahrt; sie mchten trinken und
der Rechte vergessen und verndern die Sache der elenden Leute. Und im
Buch Sirach heit es: Ein Arbeiter, der sich gern vollsuft, der wird
nicht reich, und wer ein Geringes nicht zu Rat hlt, der nimmt fr und fr
ab. Wein und Weiber bethren die Weisen.

Auch der Prophet Jesaias, der sonst von keiner Speise redet, erwhnt doch
des Weines als einer Ursache zur Gefangenschaft seines Volkes: Wehe denen,
die des Morgens frhe auf sind, des Saufens sich zu fleiigen, und sitzen
bis in die Nacht, da sie der Wein erhitzt. Und haben Harfen, Psalter,
Pauken, Pfeifen und Wein in ihrem Wohlleben, und sehen nicht auf das Werk
des Herrn. Darum wird mein Volk mssen weggefhrt werden, weil es nicht
Vernunft angenommen hat. Weh denen, so Helden sind Wein zu saufen und
Krieger in Vllerei! Vom Volk bis zu den Priestern und Propheten dehnt er
seine Klage aus: Dazu sind diese auch vom Wein toll worden und taumeln von
starkem Getrnk. Denn beide, Priester und Propheten, sind toll von starkem
Getrnk, sind im Wein ersoffen und taumeln von starkem Getrnk; sie sind
toll im Weissagen und speien die Urteile heraus. Denn alle Tische sind voll
Speiens und Unrats an allen Orten. Wen soll er denn lehren das Erkenntnis?
Wem soll er zu verstehen geben die Predigt? Der Herr spricht durch den
Mund Jols: Wachet auf, ihr Trunkenen, und heulet alle Weinsufer!

In notwendigen Fllen wird ja der Weingenu nicht verboten; so rt der
Apostel dem Timotheus: Um deines Magens willen, und weil du oft krank
bist -- nicht blo 'krank', sondern 'oft krank'. Noah hat zuerst den
Weinstock gepflanzt, ohne noch das Laster der Trunkenheit zu ahnen, und im
Rausch hat er seine Scham entblt; denn mit dem Wein verbndet sich
schndliche ppigkeit. Vom eigenen Sohn verspottet, hat er ihn verflucht
und ihm das Joch der Knechtschaft auferlegt, was vorher niemals, soviel wir
wissen, geschehen ist. Die Tchter Lots wuten wohl, da sie den frommen
Mann nur in der Trunkenheit zur Blutschande verleiten konnten. Und Judith,
die selige Witwe, hat im Vertrauen auf dieses trgerische Mittel allein den
stolzen Holofernes zu Fall gebracht. Von den Engeln, welche den Erzvtern
erschienen und von diesen bewirtet wurden, lesen wir, da sie Fleisch zu
sich genommen haben, nicht aber Wein. Und dem Elias, unserem groen
Vorbild, haben die Raben, als er in der Wste sich verbarg, des Morgens und
des Abends Brot und Fleisch zur Speise gebracht, nicht Wein. Auch vom Volk
Israel lesen wir, da es in der Wste mit der kstlichen Speise der
Wachteln genhrt worden sei, aber keinen Wein gehabt und dessen auch nicht
begehrt habe. Und bei jenen Speisungen mit Brot und Fisch, womit in der
Wste das Volk gesttigt wurde, wird auch nichts von Wein berichtet. Nur
auf einer Hochzeit, wo man sich des Weines, der die Quelle der Wollust ist,
allerdings nicht enthlt, ist dem Wein zulieb ein Wunder geschehen. Aber
die Wste, die eigentliche Wohnung der Mnche, kennt mehr die Wohlthat des
Fleisches als die des Weins. Eine Hauptbestimmung im Gelbde der Nasirer,
womit sie sich Gott weihten, war die, Wein und geistige Getrnke zu meiden.

Denn was bleibt an einem Trunkenen noch tugendhaft und gut? Darum lesen
wir, da in der alten Zeit den Priestern nicht blo der Wein, sondern alle
geistigen Getrnke verboten waren. Hieronymus in seinem Buch vom Leben der
Kleriker, das an Nepotianus gerichtet ist, ereifert sich sehr darber, da
die Priester des alten Bundes darin, da sie sich aller geistigen Getrnke
enthielten, vollkommener waren, als die unsrigen. Er sagt: Rieche nicht an
den Wein, damit du dir nicht das Wort des Philosophen sagen lassen mut:
'Das heit nicht kssen, sondern die Schale zum Munde fhren'.

Auch der Apostel verurteilt weinselige Priester, und das Gesetz Mosis
verbietet den Weingenu. Die den Dienst des Altars besorgen, sollen nicht
Wein und Gegorenes trinken. -- Sicera heit im Hebrischen jedes
berauschende Getrnke, gleichviel, ob es bereitet wird aus dem gegorenen
Saft von Frchten oder aus eingekochtem Honig und Krutern oder aus der
gepreten Frucht der Palme oder aus Frchten, die man zu Sirup zerkocht.
Alles was berauscht und dich um den Verstand bringt, das fliehe wie den
Wein.

Nach der Regel des heiligen Pachomius soll niemand, mit Ausnahme der
Kranken, Wein oder sonst geistige Getrnke berhren. Und wem von euch
sollte unbekannt sein, da der Wein fr Mnche berhaupt nichts sei und da
die Mnche ihn einst so verabscheut haben, da sie ihn, um von ihm
abzuschrecken, den Satan selber nannten? So lesen wir im Leben der
Altvter: Es erzhlten einige Leute dem Vater Pastor von einem Mnch, der
keinen Wein trank, worauf dieser sagte: 'Der Wein ist berhaupt nichts fr
Mnche'. Ferner ist dort zu lesen: 'Man feierte eines Tags die Messe auf
dem Berg des Vaters Antonius, und fand daselbst ein Gef mit Wein. Einer
der Alten hob es auf und brachte einen Becher voll dem Vater Sisoi. Der
trank ihn aus, nahm zum zweitenmal und leerte ihn wieder. Als ihm aber zum
drittenmal angeboten wurde, wies er's zurck und sagte: La genug sein,
Bruder, vergissest du, da der Teufel darin steckt?' Und weiter wird von
dem Vater Sisoi berichtet: Abraham sagte zu seinen Schlern: 'Wenn man an
einem Feiertag oder Sonntag zur Kirche geht und drei Kelche Wein trinkt,
ist das nicht zu viel?' Und es antwortete der Alte: 'Es wre nicht zu viel,
wenn der Satan nicht wre.' Daran denkt auch der heilige Benediktus, wenn
er fr gewisse Flle seinen Mnchen den Weingenu gestattet. Er sagt: Wohl
lesen wir, da der Wein fr die Mnche berhaupt nichts sei; allein man
wird in unserer Zeit die Mnche nicht vllig davon berzeugen knnen.

Es wre nichts besonderes, wenn den Mnchen durchaus versagt wrde, was
auch den Frauen, die von Natur schwcher sind, wenn auch widerstandsfhiger
gegen den Wein, vom heiligen Hieronymus gnzlich verboten wird. Er schreibt
nmlich an die christliche Jungfrau Eustochium, indem er sie ber die
Bewahrung der Jungfrulichkeit belehrt, folgende dringende Mahnung: Wenn
mein Rat irgend etwas gelten soll und du meiner Erfahrung Glauben schenken
willst, so ist meine erste Mahnung und Bitte, da eine Braut Christi den
Wein fliehen mge wie Gift. Denn das ist die schrfste Waffe der Dmonen
gegen die Jugend. So sehr knechtet nicht der Geiz, so blht der Stolz nicht
auf, so viel Reize besitzt nicht der Ehrgeiz. Anderen Lastern entfliehen
wir leicht; diesen Feind tragen wir im Innern; wohin wir uns wenden, wir
tragen ihn bei uns. Wein und Jugend eine zwiefache Nahrung des Feuers der
Wollust. Sollen wir noch l in die Flamme gieen? Sollen wir dem brennenden
Leib noch neuen Zndstoff zufhren?

brigens belehren uns die Schriften der Naturforscher, da der Wein den
Frauen weit weniger anhaben knne als den Mnnern. Macrobius Theodosius
fhrt dafr im siebenten Buch seiner Saturnalia folgenden Grund an:
Aristoteles sagt, die Weiber werden selten berauscht, Greise oft. Der
Krper des Weibes hat einen sehr groen Feuchtigkeitsgehalt. Ein Beweis
dafr ist die Gltte und der Glanz ihrer Haut, und besonders sprechen dafr
die regelmigen Reinigungen, durch welche ihr Krper von berflssiger
Feuchtigkeit entlastet wird. Der Wein verliert seine Strke, wenn er mit so
berreichem flssigem Stoffe sich mischt, und steigt nicht mehr so leicht
zu Kopfe, da seine Wirkung auf diese Weise gelhmt wird. Ferner heit es
dort: Der weibliche Krper unterliegt hufigen Reinigungen und hat an
seiner Oberflche zahlreiche ffnungen und Poren, durch welche die
Feuchtigkeit ihren Ausgang sucht und findet. Durch diese Poren entweicht
auch der Dunst des Weines gar schnell.

Warum also sollte man den Mnchen gestatten, was dem schwcheren Geschlecht
versagt wird? Wie unvernnftig, es denen zu gestatten, die den greren
Schaden davon haben, und den andern es zu verbieten! Was wre thrichter
als wenn man unterliee, die Mnche von dem abzuschrecken, was ihrem
frommen Beruf am meisten zuwider ist und zum Abfall von Gott verfhrt? Ist
es nicht ein Frevel, wenn Christen in dem Stck, in dem die Knige und
Priester des alten Bundes Enthaltsamkeit bten, sich nicht nur nicht
kasteien, sondern sich sogar bis zur Schwelgerei vergessen? Denn man wei
ja, wie eifrig Kleriker und Mnche in unserer Zeit sich um den Weinkeller
bemhen, ihn mit den verschiedenen Sorten anzufllen; wie sie den Wein mit
Krutern, Honig und Wrzwerk zu mischen verstehen, um desto besser sich
berauschen zu knnen, und wie sie je mehr das Feuer der Sinnlichkeit
schren, je mehr sie beim Wein sich erhitzen. Welche Verirrung, nein,
welcher Wahnsinn, da die, welche durch ihr Gelbde sich zur Enthaltsamkeit
verpflichten, nicht nur nichts dazu thun, es zu halten, sondern
geflissentlich zum Bruch desselben beitragen! Zwar ihr Leib ist hinter
Klostermauern festgebannt, aber ihr Herz ist voll unreiner Lust und brennt
vor Verlangen nach Unzucht.

Zwar der Apostel schreibt an Timotheus: Trinke nicht mehr Wasser, sondern
brauche ein wenig Wein um deines Magens willen, und weil du so oft krank
bist. Also wegen seiner Krnklichkeit wird ihm miger Weingenu
verstattet; es versteht sich aber von selbst, da er keinen getrunken
htte, wre er gesund gewesen. Wenn wir uns das apostolische Leben zum
Vorbild nehmen, wenn wir ein Leben der Bue fhren und der Welt entsagen
wollen: warum hat gerade das den groen Reiz fr uns und erscheint uns
kstlicher als alle andern Nahrungsmittel, was doch unserem Beruf offenbar
am meisten hinderlich ist?

Der heilige Ambrosius, der das Wesen der Bue so trefflich beschreibt, hat
an der Lebensweise der Benden nichts auszusetzen als den Weingenu. Oder
glaubt jemand, sagt er, da da wahre Bue ist, wo der Ehrgeiz herrscht,
wo der Wein in Strmen fliet, wo man in ehelicher Gemeinschaft lebt? Man
mu der Welt gnzlich absagen. Leichter habe ich solche gefunden, die ihre
Unschuld bewahrt, als solche, die recht Bue gethan haben. Und in dem
Buche von der Weltflucht heit es: In Wahrheit fliehst du die Welt, wenn
dein Auge Becher und Trinkschalen meidet, da es nicht lstern werde, wenn
es beim Wein verweilt. Von allen Nahrungsmitteln erwhnt die Weltflucht
nur den Wein, und versichert uns, wenn wir ihn meiden, knnen wir der Welt
entfliehen, als wenn alle Reize der Welt im Wein beschlossen wren. Und er
sagt nicht: wenn euer Gaumen sich des Geschmackes enthlt, sondern: wenn
das Auge nicht danach sieht, damit es nicht von Lust und Verlangen sich
fangen lasse, wenn es fter hinsieht. Daher auch der Spruch Salomos, den
wir oben angefhrt haben: Siehe den Wein nicht an, da er so rot ist und
im Glase so schn steht. Aber was sagen wir dazu, die wir uns am Geschmack
wie am Anblick des Weines ergtzen, ihn mit Honig, Krutern und allen
mglichen Wrzen mischen und ihn aus groen Schalen trinken wollen?

Gentigt, dem Wein ein Zugestndnis zu machen, sagt der heilige Benediktus:
Wenigstens wollen wir das festhalten, da man nicht bis zur Sttigung
trinken soll, sondern weniger; denn der Wein macht auch die Weisen zu
Thoren. Wenn wir uns nur damit begngen knnten, bis zur Stillung des
Durstes zu trinken und uns nicht so leicht zur berschreitung des rechten
Maes verleiten lieen. Auch der heilige Augustinus sagt in der Regel fr
die Mnchsklster, welche er eingerichtet hatte: Nur Samstags und
Sonntags, wie es der Brauch ist, sollen die, die es wollen, Wein bekommen;
dies geschah zur Feier des Sonntags und der betreffenden Vigilie, welche
Samstags gehalten wird, und sodann, weil an diesem Tag die in ihren Klausen
zerstreut lebenden Brder sich versammelten. So sagt auch der heilige
Hieronymus, indem er von einem Ort redet, den er Cella nennt: Jeder lebt
fr sich in seiner Klause. Doch am Sonnabend und Sonntag kommen sie in der
gemeinsamen Kirche zusammen, und sehen hier einander wie im Himmel
Vereinigte. Diese Ausnahme war gewi berechtigt: die Brder sollten bei
ihrer Zusammenkunft durch eine Erfrischung erfreut werden, und wenn sie es
auch nicht aussprachen, doch das Gefhl haben: Siehe wie fein und lieblich
ist es, wenn Brder eintrchtig bei einander wohnen.

Wir enthalten uns des Fleisches; aber was haben wir fr ein Verdienst
dabei, wenn wir uns an andern Speisen bis zum berma sttigen? Wenn wir
mit vielen Kosten mancherlei Gerichte von Fischen bereiten, wenn wir
Pfeffer und andere starke Gewrze dreinmischen, wenn wir, trunken vom
gewhnlichen Wein, unsern Bechern und Schalen noch den Reiz besonderer
Wrzen verleihen, so mu fr all dies die Fleischenthaltung uns vor der
Welt entschuldigen: als ob es auf die Art und nicht vielmehr auf das Ma
der Speisen ankme, whrend uns doch der Herr nur Vllerei und Trunkenheit
verbietet, d. h. jedes berma in Speise und Trank, nicht aber eine
bestimmte Art von beiden.

Von dieser Einsicht geleitet sieht auch der heilige Augustin in keinem
andern Nahrungsmittel eine Gefahr, auer im Wein: er macht keinen
Unterschied zwischen den verschiedenen Arten von Speisen, und glaubt, da
fr die Abstinenz folgende kurze Vorschrift genge: Kasteiet euer Fleisch
mit Fasten und mit Enthaltsamkeit von Speise und Trank, soweit eure
Gesundheit es gestattet. Er hatte wohl den Satz des heiligen Athanasius in
dessen Mahnwort an die Mnche gelesen: Fr das Fasten soll dem freien
Willen keine bestimmte Grenze gesetzt werden; jeder mag fasten, soviel es
ihm mit Rcksicht auf seine Gesundheit mglich ist; alle Tage, auer am
Sonntag, kann man Fasten halten, aber sie sollen nicht Gegenstand eines
Gelbdes sein. Das heit so viel als: wenn die Fasten infolge eines
Gelbdes bernommen werden, knnen sie jederzeit mit Ausnahme der Festtage
gehalten werden. Hier werden also keine bestimmten Fasten vorgeschrieben,
man soll sich damit nach dem Stand der Gesundheit richten. Denn es heit:
Er sieht allein auf die Fhigkeit, die jeder von Natur hat, und es ist
jedem freigestellt, sich selbst sein Ma zu bestimmen; denn wo das rechte
Ma eingehalten wird, kommen keine Verfehlungen vor. Wir sollen uns nicht
allzusehr durch Gensse verweichlichen lassen, wie jenes Volk, das mit
Weizen und mit gutem Traubenblut genhrt war und von dem geschrieben steht:
Es ist fett und dick und stark geworden und hat Gott fahren lassen. Wir
sollen uns auch nicht ber das Ma mit Kasteiung qulen, damit wir nicht
entweder ganz erliegen oder aber durch Murren unseres Lohns verlustig gehen
oder uns unserer Trefflichkeit rhmen. Der Prediger warnt davor mit den
Worten: Ein Gerechter gehet unter in seiner Gerechtigkeit; sei nicht allzu
gerecht und nicht allzu weise, da du dich nicht verderbest, d. h. da du
nicht aus Bewunderung fr deine Vortrefflichkeit hochmtig werdest.

Aller Eifer in dieser Hinsicht soll geleitet werden von weiser Erwgung,
der Mutter aller Tugenden. Sie soll jedem die Last zuweisen, die er tragen
kann, die Natur nicht vergewaltigen, sondern sich nach ihr richten, nicht
die Notdurft verbieten, aber Schwelgerei und berflu fernhalten. So wird
das Laster ausgerottet, und die Natur doch nicht verletzt. Es ist fr die
Schwachen genug, wenn sie die Snde meiden, auch wenn sie nicht bis zum
Gipfel der Vollkommenheit emporsteigen. Wenn du nicht bei den Mrtyrern
Platz findest, la dir an einem Winkel im Paradiese gengen. Es ist
sicherer, ein bescheidenes Gelbde abzulegen, damit man aus freien Stcken
noch etwas berverdienstliches hinzuthun kann. Darum steht geschrieben:
Wenn ihr alles gethan habt, was euch befohlen ist, so sprechet: wir sind
unntze Knechte, wir haben gethan, was wir zu thun schuldig waren. -- Das
Gesetz, sagt der Apostel, richtet nur Zorn an; denn wo das Gesetz nicht
ist, da ist auch keine bertretung. Und weiter: Denn ohne das Gesetz war
die Snde tot. Ich aber lebte weiland ohne Gesetz. Da aber das Gebot kam,
ward die Snde wieder lebendig. Ich aber starb; und es befand sich, da das
Gebot mir zum Tode gereichte, das mir doch zum Leben gegeben war. Denn die
Snde nahm Ursache am Gebot und betrog mich und ttete mich durch
dasselbige Gebot; auf da die Snde wrde beraus sndig durch das Gebot.
Augustinus an Simplicianus sagt: Durch das Verbot ist das Verlangen
gemehrt worden und verlockender erschienen, und so sind wir verfhrt
worden. Derselbe Augustinus sagt in seinem Buch Qustiones in der 67.
Frage: Wir lassen uns durch unser Gelste leichter zur Snde verfhren,
wenn ein Verbot da ist. -- Was versagt ist, begehren wir stets, das
Verbotene reizt uns.

Hre mit Furcht und Zittern jeder diese Worte, der das Joch irgend einer
Ordensregel auf sich nehmen und sich durch ein neues Gesetz binden lassen
will. Er whle, was er durchzufhren vermag, und meide, was ber seine
Krfte geht. Niemand wird schuldig des Gesetzes, der nicht vorher sich zu
ihm bekannt hat. Ehe du dich bindest, besinne dich; hast du's gethan, dann
bleibe fest. Jetzt ist Freiheit, was nachher Zwang ist. In meines Vaters
Hause, sagt die Wahrheit, sind viele Wohnungen. Darum giebt es auch
vielerlei Wege, die dorthin fhren. Nicht werden die Ehegatten verdammt,
aber leichter werden selig, die sich enthalten. Nicht damit wir berhaupt
erst selig wrden, sind uns die Regeln der heiligen Vter gegeben, sondern
damit wir leichter den Weg zur Seligkeit finden und reineren Verkehr mit
Gott pflegen knnen. Und so eine Jungfrau freiet, sagt der Apostel,
sndiget sie nicht; doch werden solche leibliche Trbsal haben. Ich
verschonete aber euer gerne. Ferner: Welche nicht freiet, die sorget, was
dem Herrn angehret, da sie heilig sei, beide am Leib und auch am Geist;
die aber freiet, die sorget, was der Welt angehrt, wie sie dem Manne
gefalle. Solches aber sage ich zu eurem Nutzen, nicht da ich euch einen
Strick an den Hals werfe, sondern dazu, da es fein ist, und ihr stets und
unverndert dem Herrn dienen knnet.

Dies aber erreichen wir dann am leichtesten, wenn wir auch krperlich uns
von der Welt zurckziehen und uns hinter Klostermauern bergen, da nicht
der Lrm der Welt unsere Ruhe stre. Aber nicht nur, wer das Gesetz auf
sich nimmt, sondern auch der, der es auflegt, sehe sich vor, da er nicht
durch Hufung der Gebote auch die bertretungen mehre. Das Wort Gottes, das
im Fleisch erschienen ist, hat das Wort des Gesetzes abgekrzt. Moses hat
vieles geredet und doch, wie der Apostel sagt: Das Gesetz konnte nichts
vollkommen machen. Es hatte viele und so schwere Gebote, da der Apostel
Petrus sagte, niemand knne sie halten. Ihr Mnner, liebe Brder, sprach
er, was versuchet ihr Gott mit Auflegen des Jochs auf der Jnger Hlse,
welches weder unsere Vter noch wir haben mgen tragen. Sondern wir glauben
durch die Gnade des Herrn Jesu Christi selig zu werden, gleicherweise wie
auch sie. Mit wenig Worten hat Christus seine Jnger ber die sittliche
Haltung und heilige Lebensfhrung belehrt und ihnen den Weg zur
Vollkommenheit gewiesen. Das Strenge und Ernste beiseite lassend hat er
ihnen seine Vorschriften, in denen seine ganze Lehre beschlossen war,
lieblich und leicht gemacht: Kommet her zu mir alle, die ihr mhselig und
beladen seid, ich will euch erquicken. Nehmet auf euch mein Joch und lernet
von mir, denn ich bin sanftmtig und von Herzen demtig -- so werdet ihr
Ruhe finden fr eure Seelen. Denn mein Joch ist sanft und meine Last ist
leicht.

Denn bei den Werken der Frmmigkeit geht es oft wie bei weltlichen
Geschften. Mancher arbeitet sich mde in seinem Geschft und hat doch
wenig Gewinn davon, und mancher hat viel uere Anfechtung und doch wenig
Verdienst vor Gott, denn er sieht das Herz an, nicht das Werk. Solche
Leute, je mehr sie mit uerlichem sich beschftigen, desto weniger haben
sie Zeit fr innerliche Dinge; je mehr sie bei Leuten, deren Urteil in
Auendingen etwas gilt, bekannt werden, desto grer wird ihr Ruhm und
desto leichter lassen sie sich zum Hochmut verfhren. Diesem Irrtum zu
begegnen, setzt der Apostel die ueren Werke tief herunter und erhebt
dagegen die Rechtfertigung durch den Glauben. Ist Abraham durch die Werke
gerecht, so hat er wohl Ruhm, aber nicht vor Gott. Was saget denn die
Schrift? Abraham hat Gott geglaubt, und das ist ihm zur Gerechtigkeit
gerechnet. Und weiter: Was wollen wir nun hie sagen? Das wollen wir
sagen: die Heiden, die nicht haben nach der Gerechtigkeit gestanden, haben
die Gerechtigkeit erlangt; ich sage aber von der Gerechtigkeit, die aus dem
Glauben kommt. Israel aber hat dem Gesetz der Gerechtigkeit nachgestanden
und hat das Gesetz der Gerechtigkeit nicht berkommen. Warum das? Darum,
da sie es nicht aus dem Glauben, sondern als aus den Werken des Gesetzes
suchen.

Sie gleichen den Leuten, die ihre Gefe und Geschirre nur von auen
reinigen und sie innen schmutzig lassen, und mehr fr das Fleisch besorgt
als fr den Geist, sind sie fleischliche Leute, nicht geistliche. Wir aber,
die wir danach trachten, da Christus durch den Glauben in unserem inneren
Menschen Wohnung mache, achten das uere gering, an dem der Schlechte wie
der Gute teilhaben kann, und denken an das Wort: In meinem Herzen sind die
Gelbde und die Lobpreisungen, die ich dir, mein Gott, darbringen werde.

Und so ahmen wir auch jene uerliche gesetzliche Enthaltsamkeit nicht
nach, die zur wahren Gerechtigkeit sicherlich nichts beitrgt. Denn auch
der Herr giebt uns kein Speiseverbot; nur Vllerei und Trunkenheit, d. h.
den berflu, verbietet er. Darum sagte er von sich selber: Johannes ist
kommen, a nicht und trank nicht, so sagen sie: er hat den Teufel. Des
Menschen Sohn ist kommen, isset und trinket, so sagen sie: siehe, wie ist
der Mensch ein Fresser und ein Weinsufer. Er entschuldigt auch seine
Jnger, weil sie nicht, wie die Jnger Johannes, fasteten und mit
ungewaschenen Hnden zu Tische saen: Wie knnen die Hochzeitleute Leid
tragen, so lange der Brutigam bei ihnen ist? Und ein andermal: Was zum
Munde eingehet, das verunreiniget den Menschen nicht, sondern was zum Munde
ausgehet, das verunreiniget den Menschen. Was aber zum Munde herausgehet,
das kommt aus dem Herzen, und das verunreiniget den Menschen. Aber mit
ungewaschenen Hnden essen verunreiniget den Menschen nicht.

Keine Speise also verunreinigt die Seele, dies geschieht durch die Begierde
nach verbotener Speise. Denn wie der Leib nur durch leiblichen Schmutz
verunreinigt werden kann, so die Seele nur durch geistigen. Und nichts ist
zu frchten bei allem was der Leib verrichtet, wenn nur der Geist nicht
seine Einwilligung dazu giebt. Auf die Reinheit des Fleisches drfen wir
nicht pochen, wenn die Seele durch bsen Willen verderbt wird. Im Herzen
also liegt Tod und Leben der Seele beschlossen. Daher Salomo in den
Sprchen sagt: Behte dein Herz mit allem Flei, denn daraus gehet das
Leben. Und nach dem Worte der Wahrheit, das wir oben gehrt, kommt aus
dem Herzen, was den Menschen verunreiniget: denn nach ihren guten oder
bsen Gelsten wird die Seele gerettet oder verdammt. Weil aber die
Verbindung zwischen Seele und Leib so gar eng ist, mssen wir uns vorsehen,
da nicht die Seele von der Fleischeslust sich mit fortreien lasse, und
da nicht das Fleisch, wenn man ihm allzusehr nachgiebt, im bermut dem
Geist widerstrebe, und so das, was unterthan sein sollte, Herr werde. Dies
werden wir vermeiden, wenn wir alles Notwendige gestatten, allen berflu
aber, wie schon fters gesagt, fernhalten, und dem schwachen Geschlecht
erlauben, alle Speisen mit Ma, keine aber unmig zu gebrauchen.

Mgen sie alles gebrauchen, nichts aber mibrauchen. Denn, sagt der
Apostel, alle Kreatur Gottes ist gut, und nichts verwerflich, das mit
Danksagung empfangen wird. Denn es wird geheiliget durch das Wort Gottes
und Gebet. Wenn du den Brdern solches vorhltst, so wirst du ein guter
Diener Jesu Christi sein, auferzogen in den Worten des Glaubens und der
guten Lehre, bei welcher du immerdar gewesen bist. Auch wir wollen mit
Timotheus diese Lehre des Apostels befolgen und nach der Vorschrift des
Herrn uns nur hten vor Vllerei und Trunkenheit; in allem wollen wir so
Ma halten, da der leiblichen Schwche aufgeholfen, nicht aber das Laster
grogezogen werde. Und besonders bei den Dingen, die, im berflu genossen,
Gefahren mit sich bringen, soll ein strenges Ma angelegt werden. Es ist
ein greres Verdienst und lblicher, mit Ma zu essen, als ganz sich zu
enthalten. Daher auch der heilige Augustinus in seinem Buch ber das Gut
der Ehe, wo es von den Nahrungsmitteln handelt, sagt: Nur derjenige macht
einen richtigen Gebrauch von den Dingen, der sie so braucht, da er sie
auch entbehren kann. Vielen fllt es leichter, sich eines Genusses ganz zu
enthalten als denselben durch das richtige Ma zu regeln. Niemand aber
macht einen weisen Gebrauch von den Gtern dieser Welt, der nicht auch
imstande ist, sich ihrer zu enthalten. In dieser Gesinnung hat auch Paulus
das Wort gesagt: Ich kann beides: brig haben und Mangel leiden. Mangel
leiden, das kann jeden treffen, aber den Mangel recht ertragen knnen, das
ist Sache groer Menschen. So kann auch wohl jeder beliebige Mensch brig
haben; aber in der rechten Weise brig haben knnen nur die, die sich vom
berflu nicht verderben lassen.

Des Weines also, der, wie gesagt, lose Leute macht, und darum der guten
Zucht und der Schweigsamkeit feind ist, sollen sich die Frauen um Gottes
willen entweder ganz enthalten, wie sich heidnische Frauen desselben
enthalten aus Furcht vor dem Ehebruch; oder aber sollen sie ihn mit Wasser
mischen, was fr den Durst wie fr die Gesundheit zutrglich ist, und
wodurch er seine schdliche Wirkung verliert. Dies wird, glaube ich,
erreicht, wenn zu drei Teilen Wein ein Teil Wasser gemischt wird. Sehr
schwierig aber ist es, sich zu hten, da man von dem vorgesetzten Wein
nicht bis zur Sttigung trinke, wie dies der heilige Benediktus verlangt.
Darum achten wir es fr sicherer, wenn wir auch den Genu bis zur Sttigung
nicht verbieten, damit uns aus dem Verbot nicht eine neue Gefahr erwachse.
Denn, wie wir schon wiederholt gesagt haben, nicht die Sttigung ist Snde,
sondern die Unmigkeit. Auch ist nichts dagegen einzuwenden, da fr
Kranke gewrzte Weine bereitet werden, und da sie ungemischten Wein
bekommen. Doch im Konvent soll solcher nie getrunken werden, sondern allein
von den Kranken.

Da Brot aus reinem Weizenmehl gemacht werde, verbieten wir streng,
vielmehr soll stets mindestens ein Dritteil grberen Mehles darunter
gemengt werden. Auch soll man das Brot nicht essen, solang es noch warm
ist, sondern nur solches, das mindestens einen Tag alt ist. Die Frsorge
fr die brigen Nahrungsmittel soll die btissin in der Weise treffen, da
sie mit dem, was billig und leicht zu haben ist, den Bedrfnissen des
schwachen Geschlechts entgegenkommt. Denn wie thricht wre es, wenn wir
bei andern Leuten kaufen wollten, was wir selber haben, und wenn wir
drauen im berflu suchen wollten, was wir zu Hause zur Genge haben! Wenn
uns zu Gebote steht, was wir brauchen, warum sollten wir uns dann um das
berflssige bemhen?

Zu dieser weisen Migung werden wir nicht blo durch menschliches Vorbild
angehalten, sondern sogar durch dasjenige der Engel und des Herrn selbst,
und wir sehen daraus, da wir zur Befriedigung der Notdurft dieses Lebens
nicht lange whlerisch sein sollen, was die Speisen anbelangt, sondern
zufrieden sein mit dem, das da ist. So hat Abraham Fleisch zubereitet, und
die Engel haben es gegessen, und als in der Wste sich Fische vorfanden,
hat Jesus damit das hungernde Volk gespeist. Daraus sehen wir deutlich, da
zwischen Fleisch und Fisch kein Unterschied zu machen und beides nicht zu
verachten ist, und da man das nehmen soll, woran keine Snde hngt, was
sich leicht und ohne groe Umstnde darbietet und am wenigsten kostet.
Daher sagt auch Seneca, dieser groe Freund der Armut und Enthaltsamkeit
und unter allen Philosophen der grte Sittenlehrer: Es ist unsere
Aufgabe, der Natur gem zu leben. Der Natur zuwider ist es, seinen Krper
zu qulen, kostenlose Reinlichkeit zu scheuen, den Schmutz aufzusuchen und
Speisen zu sich zu nehmen, die nicht blo einfach, sondern schlecht und
ekelhaft sind. Wie es einerseits eine ppigkeit ist, ausgesucht feine Dinge
zu begehren, so ist es auch thricht, sich bescheidene und leicht zu
verschaffende Gensse zu versagen. Migkeit verlangt die Philosophie,
nicht Kasteiung. Man kann auch eine geordnete Migung walten lassen. Das
ist die Art, die mir gefllt. Daher auch Gregorius im 30. Buch seiner
Moralia lehrt, da es fr die Sitten der Menschen weniger auf die
Beschaffenheit ihrer Nahrung als ihrer Gesinnung ankomme, und wo er die
verschiedenen Gelste des Gaumens unterscheidet, folgendes sagt: Einmal
verlangt man nach den ausgesuchtesten Speisen, ein andermal begehrt man das
nchste Beste, aber gut zubereitet. Manchmal aber ist es etwas ganz
Gewhnliches, das man sich wnscht, und doch versndigt man sich dabei
durch die unmige Gier, womit man danach trachtet.

Das Volk, das aus gypten ausgefhrt wurde, ist in der Wste erlegen, weil
es das Manna verschmhte und nach Fleisch verlangte, weil ihm dies
schmackhafter erschien. Und Esau hat sein Erstgeburtsrecht verloren, weil
er mit heier Gier eine ganz gewhnliche Speise, nmlich ein Linsengericht,
begehrte; indem er sein Erstgeburtsrecht dafr drangab, hat er deutlich
gezeigt, welch heftiges Verlangen er nach jener Speise hatte. Denn nicht an
der Speise, sondern am Verlangen hngt die Snde. Wir knnen die
gewhltesten Speisen zu uns nehmen, ohne uns zu verschulden, und vielleicht
die geringsten nicht ohne Gewissensbisse essen. Der eben erwhnte Esau hat
durch ein elendes Linsengericht sein Erstgeburtsrecht verloren, Elias in
der Wste hat seine Tugend bewahrt, obwohl er Fleisch a. Darum hat auch
der alte Feind, wohl wissend, da nicht die Speise selbst, sondern die
Begierde danach die Ursache des Verderbens ist, den ersten Menschen nicht
durch Fleisch, sondern durch einen Apfel in seine Gewalt gebracht, und den
zweiten nicht mit Fleisch, sondern mit Brot versucht. Und so begehen wir
oftmals die Snde Adams, auch wenn wir geringe und gewhnliche Kost zu uns
nehmen.

Wir sollen also das zu unserer Nahrung whlen, was dem natrlichen
Bedrfnis entspricht, nicht das, was unser Gelste uns eingiebt. Unser
Verlangen ist aber nach solchen Dingen weniger stark, von denen wir sehen,
da sie weniger kostbar und im berflu vorhanden sind und darum billig
gekauft werden: wie dies bei der gewhnlichen Fleischspeise der Fall ist,
welche viel krftiger ist als das Fleisch von Fischen, weniger kostet und
leichter zuzubereiten ist.

Der Genu von Fleisch und Wein liegt, wie die Ehe, in der Mitte zwischen
gut und bse, d. h. diese Dinge werden fr indifferent geachtet, wiewohl
der eheliche Verkehr nicht ganz der Snde bar ist, und der Wein mehr
Gefahren in sich birgt als alle brigen Nahrungsmittel. Aber wenn selbst
der Wein, im rechten Mae genossen, dem gottgeweihten Stande nicht verboten
wird, was brauchen wir dann von den anderen Nahrungsmitteln zu frchten,
wenn nur das richtige Ma auch bei ihrem Genu nicht berschritten wird?
Der heilige Benediktus sieht sich gentigt, bei einem Gegenstand, von dem
er selbst sagt, da er eigentlich fr Mnche berhaupt nichts sei, in
Rcksicht auf unsere Zeit, da die erste Liebe schon erkaltet ist,
Zugestndnisse zu machen. Sollten wir also den Frauen nicht auch Freiheit
lassen in Dingen, die ihnen bis jetzt berhaupt in keiner Regel verboten
werden? Wenn die Bischfe und Leiter der heiligen Kirche, wenn die Kleriker
in ihren religisen Gemeinschaften ohne Ansto Fleisch essen drfen, weil
keine Regel sie bindet: wer wollte uns dann einen Vorwurf daraus machen,
da wir gegen die Frauen die gleiche Nachsicht ben, besonders da sie im
brigen grere Strenge bewahren? Es ist dem Jnger genug, da er sei wie
sein Meister, und es wre eine groe Thorheit, wenn man den Frauenklstern
versagen wollte, was den Mnchsklstern erlaubt ist. Es ist schon genug,
wenn die Frauen bei der sonstigen Strenge ihrer Regel, auch wenn sie in dem
Einen Punkte des Fleischessens Freiheit haben, im brigen nicht hinter der
Frmmigkeit glubiger Laien zurckbleiben, besonders da nach dem Zeugnis
des Chrysostomus den Weltleuten nicht mehr erlaubt sein soll als den
Mnchen, nur da jene mit einer Frau leben drfen. Auch der heilige
Hieronymus, der den Stand der Weltgeistlichen nicht geringer achtet als den
der Mnche, sagt: Als ob nicht alles, was fr die Mnche gilt, auch fr
die Weltgeistlichen zutrfe, die die Vter der Mnche sind.

Wer wte auch nicht, da es aller Vernunft widerstreitet, wenn man dem
Schwachen die gleiche Last aufbrdet wie dem Starken, wenn man von Frauen
dieselbe Abstinenz verlangt wie von Mnnern? Verlangt jemand hierber auer
dem Beweis, den die Natur selbst giebt, noch eine besondere Autoritt, so
mge er den heiligen Gregorius darber hren. Dieser groe Lenker und
Lehrer der Kirche hat auch ber diesen Gegenstand die brigen Lehrer der
Kirche genau unterwiesen und sagt im 24. Kapitel seines Liber Pastoralis
folgendes: Anders sind die Mnner zu ermahnen, anders die Frauen; jenen
kann man Schweres zumuten, diesen nur Leichtes. Jene sollen sich in harter
bung bewhren, diese werden am besten durch leichte Lasten und durch
sanften Zuspruch gewonnen. Denn was dem Starken eine leichte Sache ist, das
dnkt dem Schwachen ein gro Ding.

Freilich hat der Genu von gewhnlichem Fleisch weniger Reiz als das
Fleisch von Fischen und Vgeln, die doch der heilige Benediktus auch nicht
verbietet. Auch der Apostel unterscheidet mehrere Gattungen von Fleisch:
Nicht ist alles Fleisch einerlei Fleisch, sondern ein anderes Fleisch ist
der Menschen, ein anderes des Viehes, ein anderes der Fische, ein anderes
der Vgel. Und das Gesetz schreibt fr das Opfer zwar das Fleisch vom Vieh
und Vogel vor, nicht aber das von Fischen, damit niemand glaube, es sei vor
Gott reiner, Fische zu essen als Fleisch. Fische sind auch fr die Armen
schwieriger zu beschaffen und teurer, denn es giebt weniger, und ihr
Fleisch ist nicht so krftig; also auf der einen Seite ist es teurer, auf
der andern erfllt es seinen Zweck weniger gut.

Indem wir also zugleich die Auslagen und die Natur der Menschen
bercksichtigen, verbieten wir von Nahrungsmitteln berhaupt nichts, nur in
allem das berma. Wir setzen den Genu von Fleisch und anderen
Nahrungsmitteln aber auf ein solches Ma herab, da die Enthaltsamkeit der
Nonnen, trotzdem ihnen alles erlaubt ist, dennoch sich mehr bewhrt als die
der Mnche, denen einiges verboten ist. Und so wollen wir den Genu des
Fleisches in der Weise beschrnkt wissen, da im Tag nicht mehr als einmal
davon gegessen werden soll; auch darf nicht ein und dieselbe Person mehrere
Fleischgerichte erhalten, Gemse sollen nicht hinzugefgt werden und nicht
fters als dreimal in der Woche soll Fleisch erlaubt sein, nmlich am
ersten, dritten und fnften Wochentage, wenn auch hohe Feste auf die andern
Tage fallen. Denn je hher ein Fest ist, desto mehr soll es durch fromme
Enthaltsamkeit gefeiert werden. Der berhmte Lehrer Gregorius von Nazianz
ermahnt eindringlich dazu in seinem Buch: Von der Lichtmesse oder den
zweiten Epiphanien, Kapitel III: Den Festtag sollen wir feiern, nicht
indem wir dem Bauche dienen, sondern indem wir uns freuen im Geist.
Derselbe sagt im 4. Kapitel des Buches ber Pfingsten und den heiligen
Geist: Und das ist unser Festtag: in die Schatzkammer der Seele etwas
Dauerndes und Bleibendes sammeln, nicht was vorbergeht und verweht. Der
Leib ist schon so sndhaft genug, er braucht keine reichlichere Nahrung;
das wilde Tier wrde durch ppigere Nahrung nur noch wilder und wrde uns
hrter bedrngen. Darum soll man ein Fest in geistlicher Weise feiern.
Dieser Meinung ist auch der heilige Hieronymus, der Schler des Gregor; er
sagt in seinem Brief ber die Annahme von Geschenken: Darum mssen wir
uns sorgfltig davor hten, da wir den Festtag nicht durch reichliche
Mahlzeit feiern, sondern durch freudige Erhebung des Geistes, denn es wre
gewi verkehrt, durch bersttigung einen Mrtyrer ehren zu wollen, von dem
wir wissen, da er durch Fasten Gott wohlgefllig war. Augustinus in
seiner Schrift: ber das Heilmittel der Bue sagt: Siehe die Tausende
von Mrtyrern an! Warum feiert man ihren Todestag so gern mit schnden
Gelagen, die reinen Sitten ihres Lebens aber will man nicht nachahmen?

Wenn es kein Fleisch giebt, so gestatten wir zwei Gerichte von
irgendwelchem Gemse, und auch Fische knnen dazu gegeben werden. Kostbare
Gewrze sollen nicht zugesetzt werden, sondern die Schwestern sollen mit
den Erzeugnissen des Landes zufrieden sein. Frchte soll es nur abends zu
essen geben. Fr die, deren Gesundheit es verlangt, knnen jederzeit
Kruter oder Wurzeln oder Frchte oder sonstige Heilmittel aufgetragen
werden.

Ist eine fremde Nonne als Gast zugegen, so soll ihr aus gastfreundlicher
Liebe eine Schssel mehr verabreicht werden. Wenn sie will, kann sie davon
auch den andern mitteilen. Die Gste sollen an dem greren Tisch Platz
nehmen, und die btissin soll sie bedienen und dann nachher mit den
Schwestern, die bei Tische bedient haben, essen.

Will eine der Schwestern durch sprlichere Kost ihren Leib kasteien, so
soll sie dazu die ausdrckliche Erlaubnis einholen, und diese darf ihr
nicht versagt werden, wenn ihr Vorsatz nicht aus Leichtsinn, sondern aus
wirklichem Ernst entsprungen zu sein scheint, und ihre Gesundheit
voraussichtlich dabei keine Gefahr leidet. Keiner aber soll es gestattet
sein, ber diesem Zweck die Pflichten gegen den Konvent zu verabsumen oder
einen Tag ganz ohne Speise zu verbringen. Freitags sollen die Schwestern
nie Fleischkost genieen, sondern sich mit der Fastenspeise begngen, und
auf diese Weise durch Enthaltsamkeit gewissermaen an dem Leiden ihres
Brutigams teilnehmen, der an diesem Tag gelitten hat. Eine Unsitte, die in
vielen Klstern herrscht, ist mit aller Strenge zu bekmpfen: da man
nmlich an den briggebliebenen Stckchen Brot, die den Armen zugehren,
Hnde und Messer reinigt und abwischt und, um die Tischtcher zu schonen,
das Brot der Armen besudelt oder vielmehr das Brot desjenigen, der sich
selber zu den Armen rechnend gesagt hat: Was ihr gethan habt Einem unter
diesen meinen geringsten Brdern, das habt ihr mir gethan.

Was die Fasten betrifft, so mag fr die Schwestern die allgemeine
kirchliche Ordnung gengen; wir wollen sie in diesem Stck nicht schwerer
belasten als die glubigen Laien auch belastet sind, und wir nehmen es
nicht auf uns, von ihrer Schwche mehr zu verlangen als von dem starken
Geschlecht. Doch glauben wir, da von der Herbst-Tagundnachtgleiche bis
Ostern wegen der Krze der Tage Eine Mahlzeit tglich gengen wird. Wir
verordnen dies wegen der kurzen Dauer des Tages, nicht um zum Fasten zu
veranlassen, und machen dabei in den verschiedenen Arten der Speisen keinen
Unterschied.

Das Prunken mit Kleidern, das die Schrift berall verwirft, soll durchaus
vermieden werden. Der Herr warnt uns ausdrcklich davor, indem er den
reichen Mann derhalben tadelt und dagegen die Einfachheit des Johannes
lobt. Daher der heilige Gregorius in seiner vierten Homilie ber die
Evangelien sagt: Was will jenes Wort: 'Die da reiche Kleider tragen, sind
in der Knige Husern', anders, als klar und deutlich zeigen, da fr das
irdische, nicht fr das himmlische Reich kmpft, wer, statt um Gottes
willen zu leiden, allen Hrten aus dem Wege geht und nur den Auendingen
ergeben die Weichlichkeit und den Genu dieses Lebens sucht? Ebenso in der
elften Homilie: Es giebt Leute, welche das Tragen von feinen kostbaren
Kleidern nicht fr Snde halten. Und doch, wenn keine Schuld damit
verbunden wre, so wrde der Herr in seinem Gleichnis nicht so ausdrcklich
davon reden, da der Reiche, der zur Hlle verdammt wurde, mit Purpur und
Seide angethan war. Denn niemand schafft sich kostbare Gewnder an, wenn er
nicht eitlen Prunk entfalten und vornehmer scheinen will als andere Leute.
Nur um eitlen Prunkes willen ist man auf kostbare Gewnder aus. Der beste
Beweis dafr ist der Umstand, da niemand sich kostbar kleidet, wenn er
sich nicht vor anderen sehen lassen kann.

Auch Petrus in seinem ersten Brief warnt weltliche verheiratete Frauen vor
dieser Untugend: Desselbigengleichen sollen die Weiber ihren Mnnern
unterthan sein, auf da auch die, so nicht glauben an das Wort, durch der
Weiber Wandel ohne Wort gewonnen werden, wenn sie ansehen euren keuschen
Wandel in der Furcht. Welcher Geschmuck soll nicht auswendig sein mit
Haarflechten und Goldumhngen oder Kleider anlegen, sondern der verborgene
Mensch des Herzens unverrckt mit sanftem und stillem Geiste, das ist
kstlich vor Gott.

Mit Recht glaubte der Apostel, mehr die Frauen als die Mnner vor dieser
Eitelkeit warnen zu mssen, denn der ersteren unsteter Sinn begehrt
lebhafter nach Dingen, die ihrer ppigkeit Nahrung zufhren. Wenn aber
schon weltlichen Frauen in diesem Hang Einhalt gethan wird, was wird dann
denen ziemen, die sich Christo geweiht haben, deren Schmuck eben darin
besteht, da sie schmucklos sind? Darum, wer von ihnen nach solchem Schmuck
trachtet und ihn nicht zurckweist, wenn er ihr angeboten wird: die
verliert den Ehrentitel der Keuschheit. Von einer solchen mag man denken,
sie rste sich nicht zum Gebet, sondern zur Unzucht, sie ist nicht einer
Nonne, sondern einer Dirne gleich zu achten, der ihr Schmuck zum Herold fr
ihre Unkeuschheit dient und ihr buhlerisches Herz verrt, wie geschrieben
steht: Denn seine Kleidung, Lachen und Gang zeigen ihn an.

Wir lesen, da der Herr an Johannes, wie schon erwhnt, die Drftigkeit und
Rauheit seiner Kleidung mehr lobte als die seiner Nahrung: Was seid ihr
hinausgegangen zu sehen, sagt er, wolltet ihr einen Menschen in reichen
Kleidern sehen? Denn der Genu ausgesuchter Speisen hat manchmal einen
ntzlichen Zweck und ist darum zu entschuldigen, was bei den Kleidern nicht
der Fall ist. Je kostbarer sie sind, desto mehr mu man acht auf sie geben,
desto weniger sind sie etwas ntze, desto teurer kommen sie zu stehen; je
feiner der Stoff, desto empfindlicher sind sie und desto weniger Schutz
gewhren sie dem Krper.

Fr die ernste Tracht der Bue ist kein Stoff geeigneter als der schwarze,
und kein Pelzwerk kleidet die Brute Christi besser als das der Lmmer: so
zeigen sie schon durch ihr Gewand, da sie das Lamm, das den Jungfrauen
verlobt ist, angezogen haben oder anziehen sollen.

Die Schleier sollen nicht aus Seide, sondern aus einem gefrbten
Linnenstoff sein. Zwei Arten von Schleiern sind zu unterscheiden: die einen
fr die Jungfrauen, welche ihr Gelbde schon abgelegt, die andern fr
solche, die dies noch nicht gethan haben. Die Schleier der geweihten
Jungfrauen sollen mit dem Kreuz gezeichnet sein. Dies Zeichen soll
bedeuten, da sie mit der Unberhrtheit auch ihres Leibes ganz und gar
Christo angehren, und wie sie durch ihre Weihe von den brigen sich
unterscheiden, so soll auch ihr Gewand ein besonderes Zeichen tragen, das
die Glubigen abschrecken soll, ein irdisches Verlangen nach ihnen zu
tragen. Dieses Zeichen jungfrulicher Reinheit, aus weiem Faden genht,
soll die Jungfrau auf dem Haupte tragen, aber nicht eher als bis sie vom
Bischof die Weihe empfangen hat: kein anderer Schleier soll dieses Zeichen
tragen.

Auf dem bloen Leib sollen die Schwestern reine Hemden tragen, und auch in
denselben schlafen. Auch wollen wir in Anbetracht ihrer schwachen Natur den
Gebrauch von Matratzen und Betttchern nicht verbieten. Jede aber soll fr
sich schlafen und essen. Keine soll sich beschweren, wenn Kleider oder
sonstige Dinge, die ihr von andern berlassen wurden, einer Schwester
zugewiesen werden, die sie mehr ntig hat. Vielmehr soll sie sich darber
freuen, da ihr die Bedrftigkeit ihrer Schwester eine Gelegenheit zum
Almosen gegeben hat, und soll daran denken, da sie nicht fr sich, sondern
fr andere lebt. Wo nicht, so gehrt sie auch nicht zu der heiligen
Genossenschaft und ist schuldig des Frevels, eigenen Besitz zu haben.

Zur Bekleidung des Krpers scheint uns zu gengen ein Hemd, ein Pelz, ein
Gewand, und wenn es sehr kalt ist, darber ein Mantel. Diesen knnen die
Schwestern beim Schlafen auch als Decke benutzen. Wegen des Ungeziefers und
wegen notwendiger Reinigung sollen alle diese Kleidungsstcke doppelt
gehalten werden, so wie Salomo in seinem Lob der wackeren und sorgsamen
Hausfrau sagt: Sie frchtet ihres Hauses nicht vor dem Schnee, denn ihr
ganzes Haus hat zwiefache Kleider. Die Kleider sollen der Lnge nach nicht
weiter als bis zum Absatz reichen, damit kein Staub aufgewirbelt wird. Die
rmel sollen nicht lnger sein als Arm und Hand zusammen. Die Beine und
Fe sollen mit Schuhen und Strmpfen bekleidet sein, und nie sollen die
Schwestern barfu gehen, auch nicht unter dem Vorwand der Frmmigkeit. Fr
die Betten gengt eine Matratze, ein Polster, ein Kissen, eine Decke und
ein Leintuch. Auf dem Kopf sollen die Schwestern eine weie Binde tragen,
darber einen schwarzen Schleier, und wo es ntig ist, auf der Tonsur eine
Mtze aus Lammfell.

Aber nicht allein bei Nahrung und Kleidung soll alles berflssige gemieden
werden, sondern auch an den Gebuden und sonstigen Besitzungen. An den
Gebuden zeigt es sich deutlich, ob sie grer oder schner angelegt sind
als ihr Zweck es erfordert, oder ob wir, mit Werken der Bildhauerkunst und
der Malerei sie schmckend, Knigspalste bauen, statt Htten der Armut.
Des Menschen Sohn, sagt Hieronymus, hat nicht, da er sein Haupt hinlege,
und du baust weite Hallen und deckst gewaltige Huser ein? Wenn wir uns
teure und schne Pferde halten, so ist das nicht blo berflu, sondern
eitler bermut. Mit unsern Herden und unserm Landbesitz wchst unser Hunger
nach uerem Gut, und je mehr wir auf dieser Erde besitzen, desto mehr
mssen sich unsere Gedanken damit beschftigen und werden von der
Betrachtung der himmlischen Dinge abgezogen. Und ob wir auch den Leib
hinter Klostermauern verschlieen, die Seele mu doch dem nachgehen, was
drauen ist und was sie liebt, und zerstreut sich dahin und dorthin. Je
mehr Besitztum wir verlieren knnen, desto grer die Furcht, die uns
qult; je kostbarer der Besitz, desto mehr hngt man an ihm, desto mehr
fesselt er das arme Herz an sich.

Darum ist dafr zu sorgen, da wir unserem Haus und unserem Vermgen eine
bestimmte Grenze setzen und nichts, was nicht notwendig ist, begehren,
annehmen oder zurckbehalten. Denn alles was ber das eigentliche Bedrfnis
hinausgeht, besitzen wir nur wie einen Raub und machen uns schuldig am Tode
so vieler Armen als wir mit unserem berflu htten erhalten knnen. Jedes
Jahr also, nachdem die Frchte eingeerntet sind, ist der Bedarf des Jahres
zu berschlagen; was brig bleibt, das soll den Armen geschenkt oder
vielmehr zurckgegeben werden.

Es giebt Leute, die, der weisen Migung vergessend, sich ihrer zahlreichen
Familie freuen, whrend sie doch nur wenig Einknfte haben. Fllt ihnen nun
die Unterhaltung derselben schwer, so fangen sie an, in unverschmter Weise
zu betteln oder andern mit Gewalt zu nehmen, was sie brauchen. Wir haben
mit den Vtern mancher Klster hnliche Erfahrungen gemacht: sie rhmen
sich ihres zahlreichen Konventes, sehen nur darauf, viele, nicht aber gute
Shne zu haben und halten sich fr etwas Besonderes, wenn sie unter vielen
die grten sind. Sie ziehen die Leute in ihre Behausungen, versprechen
ihnen gute Tage, da sie ihnen doch ein hartes Leben ankndigen sollten, und
weil sie ungeprft und ohne Unterschied jeden aufnehmen, so verlieren sie
ihre Leute wieder durch Abfall. Gegen solche, wenn ich recht sehe, richtet
sich die Wahrheit in dem Wort: Wehe euch, die ihr Land und Wasser
umziehet, da ihr einen Judengenossen machet; und wenn er's worden ist,
machet ihr aus ihm ein Kind der Hlle, zwiefltig mehr, denn ihr seid.
Gewi wrden sie ihren Ruhm weniger in einer groen Menge suchen, wenn sie
statt der Zahl mehr das Heil der Seelen im Auge htten und wenn sie sich
nicht mehr Kraft zur Leitung einer Gemeinschaft zutrauten, als sie haben.
Der Herr hat nur wenige Jnger erwhlt, und doch ist auch von diesen
wenigen einer abgefallen, so da der Herr selbst sagte: Habe ich nicht
euch Zwlfe erwhlt und eurer Einer ist ein Teufel? Und wie Judas aus der
Zahl der Apostel, so ging von den sieben Diakonen Nikolaus verloren. Und
als die Apostel erst wenige um sich gesammelt hatten, haben Ananias und
Sapphira sich die Todesstrafe zugezogen. Auch beim Herrn selbst blieb nur
eine kleine Schar zurck, whrend viele seiner Jnger hinter sich gingen.
Denn der Weg ist schmal, der zum Leben fhrt, und wenig ist ihrer, die
darauf wandeln. Dagegen ist der breit und gerumig, der zum Tode fhrt, und
viele sind, die sich nach ihm drngen. Darum bezeugt der Herr selbst ein
andermal: Viele sind berufen, aber wenige sind auserwhlt. Und Salomo
sagt: Der Narren Zahl hat kein Ende.

Darum hte sich jeder, der sich der Menge der Untergebenen freut, da nicht
unter ihnen nach dem Worte des Herrn wenig Auserwhlte seien, und da ihm
nicht, whrend er seine Herde malos vermehrt, die Krfte zu ihrer
berwachung fehlen; sonst mchten ihm geistlich Gesinnte das Wort des
Propheten vorhalten: Du hast dein Volk gemehrt, aber seine Freude hast du
nicht erhht. Solche Leute mssen, um ihre und der Ihrigen Angelegenheiten
zu besorgen, oftmals auswrts gehen, in die Welt zurckkehren und sie
bettelnd durchstreifen. Sie verwickeln sich in zeitliche Sorgen und
vergessen das Ewige und holen sich oft mehr Schande als Ruhm. Dies wre fr
die Frauen eine um so grere Schande, als es fr sie mit Gefahren
verbunden ist, wenn sie in der Welt herumziehen.

Darum, wer in Ruhe und Ehrbarkeit leben, fr den Dienst des Herrn Zeit
behalten und vor Gott und den Menschen wohlgefllig sein will, der scheue
sich zu sammeln, was er nicht unterhalten kann und rechne bei seinen
Ausgaben nicht auf den Geldbeutel anderer Leute; er trachte danach, Almosen
auszuteilen, nicht einzusammeln. Paulus, der gewaltige Prediger des
Evangeliums, obwohl er Macht hat, von seiner Predigt zu leben, lebt von
seiner Hnde Arbeit, um niemand lstig zu fallen und seines Ruhmes nicht
verlustig zu gehen. Sollten also wir, die wir nicht predigen, sondern ber
die Snde trauern, die Khnheit oder Schamlosigkeit haben, zu betteln, um
die, die wir gedankenlos aufgenommen haben, zu unterhalten? Gehen wir doch
schon so weit in wahnsinniger Verblendung, da wir, weil wir nicht selbst
predigen knnen, andere Prediger fr Geld werben, und diese Lgenapostel
fhren wir mit uns herum und tragen unsere Kreuze und Reliquien bei uns und
verkaufen dies samt dem Worte Gottes, ja selbst des Teufels Blendwerk, an
die einfltigen bornierten Christenleute und versprechen ihnen um Geld
alles, was sie wollen.

Jedermann wei, wie sehr bereits unser Stand und die Predigt des gttlichen
Wortes in Miachtung gefallen ist um dieser schamlosen Habgier willen, die
nur das Ihre sucht, nicht das was Jesu Christi ist. Ja, auch die bte und
Obersten der Klster machen sich in aufdringlicher Weise an die weltlichen
Frsten und ihre Hfe und finden sich bereits im fleischlichen Leben besser
zurecht als im klsterlichen. Nach Menschengunst mit allen Knsten jagend
verstehen sie sich besser darauf, mit den Menschen zu verhandeln, als mit
Gott zu reden. Jene Warnung des heiligen Antonius lesen sie -- wie oft! --
vergebens und schlagen sie in den Wind, oder hren sie zwar, befolgen sie
aber nicht. Er sagt: Wie der Fisch auf trockenem Lande stirbt, so wird der
Mnch, der auer seiner Zelle verzieht und mit Weltleuten verkehrt, seinem
beschaulichen Lebensberuf entfremdet. Darum: wie der Fisch zum Meer, so
mssen wir zu unserer Zelle zurckeilen, damit wir nicht ber dem Drauen
vergessen, unser Inneres zu hten.

Auch der Urheber der Klosterregel selbst, der heilige Benediktus, hat durch
Wort und That deutlich gezeigt, wie es sein Wunsch sei, da die bte
dauernd in ihrem Kloster anwesend seien und sorglich ber ihre Herde
wachen. Als er nmlich einmal das Kloster verlassen hatte, um seine fromme
Schwester zu besuchen, und diese ihn nur Eine Nacht zu erbaulichem Gesprch
zurckhalten wollte, sagte er offen, er drfe durchaus nicht auerhalb des
Klosters bleiben. Er sagt nicht: wir drfen nicht, sondern: ich darf
nicht; denn die Brder durften es mit seiner Erlaubnis, er selbst aber
nicht, es sei denn, da ihm hierber, wie dies spter geschah, von Gott
eine besondere Offenbarung zu teil wurde. Darum steht auch in seiner Regel
nirgends etwas vom Ausgehen des Abtes, sondern nur von dem der Brder. Fr
die stndige Anwesenheit des Abtes sorgt er so vorsichtig, da er eine
Vorschrift hat, wonach an den Vigilien der Sonn- und Feiertage die
Verlesung des Evangeliums und was damit zusammenhngt, nur vom Abt
verrichtet werden darf. Er bestimmt auch, da der Abt stets mit den Pilgern
und Gsten zu Tische sitzen solle, und wenn keine Gste da sind, soll er
von den Brdern an seine Seite rufen, wen er will, und die andern unter der
Aufsicht eines oder zweier ltesten lassen. Daraus geht deutlich sein Wille
hervor, da der Abt zur Essenszeit stets im Kloster sein soll und nicht, an
die leckeren Schsseln der Groen gewhnt, die Klosterbrder beim trockenen
Brot zurcklasse. Von solchen Menschen sagt die Wahrheit: Sie binden
schwere und unertrgliche Brden und legen sie den Menschen auf den Hals;
aber sie wollen dieselben nicht mit einem Finger regen. Und ein andermal
von den falschen Predigern: Htet euch vor den falschen Propheten, die zu
euch kommen. Sie kommen von sich aus, nicht von Gott gesandt und haben
keinen Auftrag von ihm.

Johannes der Tufer, unser Oberhaupt, hatte durch seine Geburt ein Recht
auf das Hohepriestertum; aber er entwich aus der Stadt in die Wste und gab
das hohepriesterliche Amt fr das Mnchsleben, die Stadt fr die Wste
dran. Und das Volk ging zu ihm hinaus, nicht er kam zum Volke. Obwohl er so
gro war, da man glaubte, er sei Christus, und er in den Stdten viel
Gutes htte wirken knnen: er lag schon in jenem Bettlein, von dem aus er
fr den klopfenden Freund die Antwort bereit hatte: Ich habe meinen Rock
ausgezogen, wie soll ich ihn wieder anziehen? Ich habe meine Fe
gewaschen, wie soll ich sie wieder besudeln?

Darum jeder, der sich nach der Abgeschiedenheit klsterlicher Ruhe sehnt,
der freue sich seines Bettes, vielmehr seines Bettlein. Denn von Einem
Bett, sagt die Wahrheit, wird der eine angenommen, der andere wird
verlassen werden. Ein Bettlein aber hat die Braut, d. h. die beschauliche
Seele, die mit Christus aufs engste verbunden ist und mit hchstem
Verlangen an ihm hngt. Von niemand, der da hineinging, lesen wir, da er
verlassen worden sei. Die Braut selber sagt davon: Ich suchte des Nachts
in meinem Bettlein, den meine Seele liebet. Dieses Bettlein ist es auch,
von welchem aufzustehen sie sich weigert oder sich scheut, und von wo aus
sie dem klopfenden Freund die oben angefhrten Worte zuruft. Denn auer
ihrem Bett, glaubt sie, sei der Schmutz, mit dem sie die Fe zu besudeln
frchtet. Dina ist hinausgegangen, um die Fremden zu sehen, und hat ihre
Ehre dabei verloren. Und jener gefangene Mnch Malchus hat nachher an sich
selbst erfahren, was sein Abt ihm vorausgesagt hatte: ein Schaf, das den
Schafstall verlt, fllt leicht dem Wolf zum Opfer.

Darum wollen wir keine zu groe Gemeinschaft sammeln, deren Bedrfnisse uns
Gelegenheit geben, ja uns ntigen, auswrts zu gehen: wir wrden sonst
andere gewinnen und selber dabei Schaden nehmen nach Art des Bleis, das
sich verzehren lassen mu, damit das Silber im Tiegel erhalten bleibe.
Frchten wir uns vielmehr davor, da nicht Blei und Silber zugleich vom
heftigen Feuer der Anfechtungen verzehrt werde. Die Wahrheit, wird man
uns entgegnen, hat gesagt: Wer zu mir kommt, den will ich nicht
hinauswerfen. Auch wir wollen nicht hinauswerfen, wen wir einmal
aufgenommen haben, aber wir wollen bei der Aufnahme vorsichtig sein: nicht
da wir uns selber hinauswerfen, whrend wir sie hereinnehmen. Denn auch
der Herr selbst, so lesen wir, hat nicht einen bereits Aufgenommenen
hinausgeworfen, sondern er hat einen, der sich ihm antrug, zurckgewiesen.
Als der ihm sagte: Meister, ich will dir folgen, wohin du gehst, hat er
ihm geantwortet: Die Fchse haben Gruben u. s. w. Er ermahnt uns auch
dringend, wenn wir etwas auszufhren gedenken, vorher die Kosten, die zur
Unternehmung notwendig sind, zu berschlagen, indem er sagt: Wer ist aber
unter euch, der einen Turm bauen will, und sitzt nicht zuvor, und
berschlgt die Kosten, ob er's habe hinauszufhren? Auf da nicht, wo er
den Grund gelegt hat und kann's nicht hinausfhren, alle, die es sehen,
fahen an, seiner zu spotten. Und sagen: 'dieser Mensch hub an zu bauen, und
kann es nicht hinausfhren'. Es ist schon viel, wenn einer fr sein eigen
Heil zu sorgen wei, und gefhrlich ist's, wenn einer fr viele sorgen
soll, der kaum sich selber zu behten fertig wird. Im Bewahren aber ist nur
der gewissenhaft, der beim Aufnehmen ngstlich war, und niemand bleibt so
fest bei dem, was er einmal angefangen, wie der, der langsam und vorsichtig
drangegangen ist. Frauen aber sollten in diesem Stck um so vorsichtiger
sein, als sie in ihrer Schwachheit weniger schwere Lasten zu tragen
vermgen und ihnen Ruhe ganz besonders notthut.

Die Heilige Schrift ist ein Spiegel der Seele. Ja gewi: wer in ihr lesend
lebt und ihr Verstndnis sich zu Nutzen macht, der erkennt aus ihr die
Schnheit seiner Sitten oder wird ihrer Hlichkeit gewahr, so da er jene
mehren, diese beseitigen kann. An diesen Spiegel erinnert uns der heilige
Gregorius im zweiten Kapitel seiner Moralia: Die Heilige Schrift wird
unserem geistigen Auge vorgehalten wie ein Spiegel, da wir darin unser
inneres Gesicht wahrnehmen knnen. Hier erkennen wir unsere hlichen wie
unsere schnen Zge. Hier merken wir, was fr Fortschritte wir gemacht
haben und wie weit wir vom Fortschritt entfernt sind. Wer aber die Heilige
Schrift ansieht, ohne sie zu verstehen, dem geht es wie dem Blinden, der
sich einen Spiegel vor die Augen hlt, ohne da er sich darin sehen kann;
ein solcher sucht nicht Belehrung aus der Schrift, wiewohl sie doch eben
dazu da ist. Er sitzt mig vor der Schrift, wie der Esel vor der Leier. Er
gleicht dem Hungernden, der ein Brot vor sich hat und sich doch nicht damit
sttigen kann. Ihm ist das Wort Gottes eine unntze Speise, mit der er
nichts anzufangen wei, weil er weder selbst mit dem Verstand in sie
eindringen kann, noch auch ein anderer sie ihm mundgerecht macht, indem er
ihn belehrt.

Darum sagt auch der Apostel, indem er uns zum Studium der Schrift im
allgemeinen ermahnt: Was aber geschrieben ist, das ist uns zur Lehre
geschrieben, auf da wir durch Geduld und Trost der Schrift Hoffnung
haben. Und an anderer Stelle: Werdet voll heiligen Geistes und redet
untereinander in Psalmen und Lobgesngen und geistlichen Liedern. Mit sich
selber nmlich redet, wer versteht, was er vorbringt und aus seinen Worten
Nutzen zu ziehen wei. Derselbe Apostel schreibt an Timotheus: Halt an mit
Lesen, mit Ermahnen, mit Lehren, bis ich komme. Und wiederum: Du aber
bleibe in dem, das du gelernet hast und dir vertrauet ist, sintemal du
weiest, von wem du gelernet hast. Und weil du von Kind auf die Heilige
Schrift weiest, kann dich dieselbige unterweisen zur Seligkeit durch den
Glauben an Christum Jesum. Denn alle Schrift, von Gott eingegeben, ist
ntze zur Lehre, zur Strafe, zur Besserung, zur Zchtigung in der
Gerechtigkeit, da ein Mensch Gottes sei vollkommen, zu allem guten Werk
geschickt. Auch die Korinther ermahnt der Apostel zum Studium der Schrift,
damit sie, was andere ber die Schrift sagen, auslegen knnen: Strebet
nach der Liebe. Fleiiget euch der geistlichen Gaben, am meisten aber, da
ihr weissagen mget. Denn der mit Zungen redet, der redet nicht den
Menschen, sondern Gott; wer aber weissaget, der bessert die Gemeinde.
Darum, wer mit Zungen redet, der bete also, da er's auch auslege. Ich will
beten mit dem Geist und will beten auch im Sinn; ich will Psalmen singen im
Geist und will auch Psalmen singen mit dem Sinn. Wenn du aber segnest im
Geist, wie soll der, so an Statt des Laien stehet, Amen sagen auf deine
Danksagung, sintemal er nicht wei, was du sagest? Du danksagest wohl fein,
aber der andere wird nicht davon gebessert. Ich danke meinem Gott, da ich
mehr mit Zungen rede denn ihr alle. Aber ich will in der Gemeine lieber
fnf Worte reden mit meinem Sinn, auf da ich auch andere unterweise, denn
sonst zehntausend Worte mit Zungen. Liebe Brder, werdet nicht Kinder an
dem Verstndnis, sondern an der Bosheit seid Kinder, an dem Verstndnis
aber seid vollkommen.

Zungen reden heit: bloe Worte ausstoen, ohne sie durch Auslegung
verstndlich zu machen. Weissagen oder auslegen heit: nach Art der
Propheten, welche Seher, d. h. Einsehende genannt werden, verstehen was man
sagt, so da man es auch anderen auslegen kann. Im Geiste betet oder singt
Psalmen, wer nur hrbare Laute von sich giebt, ohne einen verstndigen Sinn
damit zu verbinden. Wenn aber unser Geist betet, d. h. wenn wir nur
zusammenhangslose Laute hervorbringen, ohne mit dem Herzen zu fassen, was
die Lippen sprechen, so bleibt unsere Seele ohne die Frucht, die sie doch
vom Gebet haben sollte: nmlich, da sie durch den Sinn der ausgesprochenen
Worte zur Sehnsucht und zum Verlangen nach Gott entflammt wrde.

Darum ermahnt uns der Apostel, wir sollen unsere Reden so gestalten, da
wir nicht, wie so viele andere, nur Laute hervorbringen, sondern auch einen
Sinn damit verbinden, und er will nicht, da wir anders beten oder Psalmen
singen, weil dies ohne Frucht bleibe. Darin folgt ihm auch der heilige
Benedikt, wenn er sagt: Wir sollen in solcher Verfassung Psalmen singen,
da unser Geist mit dem, was wir singen, bereinstimmt. Dies verlangt auch
der Psalmist mit dem Wort: Lobsinget mit Verstand. Den Worten und Lauten
soll die Wrze des vernnftigen Sinnes nicht fehlen, damit wir in Wahrheit
zum Herrn sprechen knnen: Wie lieblich sind deine Worte in meinem Munde.
Und an anderer Stelle: Nicht mit Flten wird der Mann sich angenehm machen
vor Gott. Nmlich die Flte ertnt zu Lustbarkeit und Vergngen, nicht zu
ernstem Nachdenken. Daher man von denen, die von ihrer eigenen Musik so
entzckt sind, da sie die Erbauung des Verstandes darber vergessen, mit
Recht sagen kann: sie spielen die Flte, ohne damit Gott zu gefallen. Wie
soll man, sagt der Apostel, zu den Gebeten in der Kirche Amen sagen, wenn
man nicht versteht, was gebetet wird, und nicht wei, ob es etwas Gutes
oder etwas Schlimmes ist, um was man betet. So erleben wir's ja oft, da
Laien, die den Sinn der Worte nicht verstehen, in der Kirche aus Irrtum
sich selbst Bses erflehen, statt Gutes: wenn es z. B. heit: La uns so
durch das Zeitliche gehen, ut _non_ amittamus aeterna[4] -- werden manche
durch den hnlich klingenden Laut irregefhrt und sagen: ut _nos_
amittamus aeterna[5] oder: ut non admittamus aeterna.[6] Dieser Gefahr
will der Apostel vorbeugen mit den Worten: Wenn du aber segnest im Geist,
d. h. wenn du beim Segnen nur unverstndliche Laute von dir giebst, wie
soll der, so an Statt des Laien stehet, Amen sagen?, d. h. wer von den
Assistierenden, deren Aufgabe es ist, an Stelle der Laien zu antworten,
wird dann antworten knnen? Wie soll er Amen sagen?, wei er doch nicht,
ob er es zu einem Segen oder zu einem Fluch sagt. Endlich, wer die Schrift
nicht versteht, wie kann sich der am Wort erbauen, wie soll er die Regel
auslegen und verstehen, oder verbessern, was unrichtig ist?

[Funote 4: Da wir das Ewige _nicht_ verlieren.]

[Funote 5: Da _wir_ das Ewige verlieren.]

[Funote 6: Da wir das Ewige nicht _zulassen_.]

Darum sind wir auch nicht wenig erstaunt, da man in den Klstern, einer
Eingebung des Teufels folgend, keine Studien zum Verstndnis der Schrift
treibt, sondern nur zum Gesang und zum Aussprechen der Wrter, nicht aber
zum Verstehen derselben Anleitung giebt: als ob das Blken der Schafe
wichtiger wre als das Weiden. Denn das Verstndnis der Heiligen Schrift
ist die Speise und geistliche Erquickung der Seele. Darum lt der Herr den
Ezechiel, ehe er ihn zum Predigen bestimmt, ein Buch verschlingen, das
alsbald in seinem Munde ward wie ser Honig. Von dieser Speise redet auch
Jeremia: Die jungen Kinder heischen Brot und ist niemand, der es ihnen
breche. Den Kindern nmlich bricht Brot, wer den Sinn der Schrift den
Einfltigen erffnet. Und diese Kinder, die verlangen, da man ihnen das
Brot breche, das sind die, die ihr Herz sttigen wollen am Verstndnis der
Schrift, wie der Herr an einer andern Stelle bezeugt: Ich werde einen
Hunger ins Land schicken, nicht einen Hunger nach Brot oder Durst nach
Wasser, sondern nach dem Worte des Herrn, zu hren. Dagegen aber hat der
alte Feind einen Hunger und Durst, zu hren Menschenworte und das Gerusch
der Welt, in die Mauern der Klster geschickt, also da ber eitlem
Geschwtz das Wort Gottes uns entleidet, zumal es uns ohne die Sigkeit
und Wrze des Verstndnisses ungeniebar erscheint. Daher sagt der
Psalmist, wie oben erwhnt: Wie lieblich sind deine Worte in meinem Munde.
Dein Wort ist meinem Munde ser denn Honig. Worin diese Sigkeit
bestehe, fgt er sogleich hinzu: Dein Wort macht mich klug. Das heit:
aus deinem Wort, nicht aus Menschenworten, habe ich Klugheit gelernt, dein
Wort hat mich unterrichtet und belehrt. Auch was die Frucht dieses
Verstndnisses betrifft, fgt er hinzu: Darum hasse ich alle falschen
Wege. Viele bsen Wege sind an sich schon so deutlich als solche zu
erkennen, da alle sie von selbst hassen und verabscheuen; aber alle bsen
Wege knnen wir mit Hilfe des gttlichen Wortes erkennen und meiden. Daher
auch das Wort: Deine Worte sind in meinem Herzen geborgen, da ich mich
nicht an dir versndige. In unserem Herzen sind sie geborgen und tnen
nicht von unsern Lippen, wenn wir durch stilles Nachdenken zu ihrem
Verstndnis gekommen sind. Je weniger wir nach diesem Verstndnis trachten,
desto weniger vermgen wir die bsen Wege zu erkennen und zu meiden und uns
vor der Snde zu hten.

Eine Versumnis in dieser Hinsicht ist namentlich Mnchen, die nach
Vollkommenheit streben sollen, schwer anzurechnen, denn sie knnen die
Belehrung leichter haben, da ihnen eine Menge heiliger Bcher zu Gebote
steht und sie Zeit und Ruhe genug dazu haben. Jener Alte in dem Buch Leben
der Altvter tadelt mit Recht diejenigen, welche die Menge der
Schriftsteller rhmen, aber zum Lesen derselben keine Zeit finden. Die
Propheten, sagt er, haben Bcher geschrieben, und nach ihnen sind unsere
Vter gekommen und haben ber diesen Bchern gearbeitet. Ihre Nachfolger
haben sie dem Gedchtnis der Nachwelt empfohlen. Dann ist das heutige
Geschlecht gekommen und hat die Bcher abgeschrieben auf Papier und
Pergament und hat sie unbenutzt in den Fchern liegen lassen. Auch der
Vater Palladius mahnt uns dringend zum Lernen wie zum Lehren: Eine Seele,
die nach dem Willen Christi beschaffen sein will, mu fleiig lernen, was
sie nicht wei und frei lehren, was sie erkannt hat. Wenn sie aber beides,
obwohl sie knnte, nicht will, dann leidet sie an Wahnsinn. Denn der Anfang
des Abfalls von Gott ist der Ekel an der Wissenschaft, und wie kann man
Gott lieben, wenn man nicht begehrt, wonach die Seele allezeit hungert?

Auch dem heiligen Anastasius ist das Lernen und Studieren so wichtig, da
er in seiner Mahnung an die Mnche den Rat giebt, die religisen bungen
damit zu unterbrechen. Ich will den Weg unserer Lebensweise vorzeichnen,
sagt er; das erste ist die Sorge fr die Abstinenz, Geduld im Fasten,
Anhalten am Gebet und Flei im Lesen, oder wenn einer der Schrift noch
nicht mchtig ist, im Zuhren, gefrdert durch das Verlangen, zu lernen.
Das ist gleichsam das erste Kinderspielzeug in die Wiege derer, die noch
Suglinge sind in der Gotteserkenntnis. Nach einigen weiteren Stzen sagt
er dann zuerst: am Gebet soll man also anhalten, da dasselbe fast keine
Unterbrechung erleidet; dann aber fgt er hinzu: Wenn mglich, sollen die
Gebete nur durch Lesen unterbrochen werden. Auch der Apostel Petrus sagt
dasselbe in seiner Mahnung: Seid allezeit bereit zur Verantwortung
jedermann, der Grund fordert der Hoffnung, die in euch ist. Und der
Apostel Paulus sagt: Wir hren nicht auf zu beten, da ihr erfllet werdet
mit Erkenntnis seines Willens in allerlei geistlicher Weisheit und
Verstand; und weiter: Lasset das Wort Christi unter euch reichlich wohnen
in aller Weisheit.

Auch im Alten Testament wird den Menschen in hnlicher Weise eingeschrft,
sich mit den heiligen Geboten vertraut zu machen. Denn so spricht David:
Wohl dem, der nicht wandelt im Rat der Gottlosen, noch tritt auf den Weg
der Snder, noch sitzet, da die Sptter sitzen; sondern hat Lust zum Gesetz
des Herrn. Und zu Josua, dem Sohne Nuns, sagt der Herr: La das Buch
dieses Gesetzes nicht aus deinen Hnden kommen, sondern betrachte es Tag
und Nacht.

Freilich drngen sich oft auch in diese fromme Beschftigung unheilige
verfhrerische Gedanken ein, und ob wir auch unsern Geist mit allem Eifer
auf Gott gerichtet haben, so macht uns doch die Sorge dieser Welt zu
schaffen. Und wenn derjenige solchen Anfechtungen ausgesetzt ist, der in
Erfllung seines heiligen Berufes begriffen ist, dann wird jedenfalls der
Mige ihnen auch nicht entgehen. Der heilige Papst Gregorius sagt im 19.
Kapitel seiner Moralia: Mit Seufzen sehen wir jetzt Zeiten anbrechen, da
viele, die einen kirchlichen Beruf haben, entweder ihr Thun nicht nach dem,
was sie wissen, einrichten wollen, oder aber berhaupt verschmhen, das
Wort Gottes kennen zu lernen und zu verstehen. Sie verschlieen ihr Ohr vor
der Wahrheit und wenden sich den Fabeleien zu; denn sie suchen alle das
Ihre, nicht was Jesu Christi ist. berall tritt uns das Wort Gottes vor die
Augen, aber die Menschen mgen es nicht kennen lernen. Fast keiner begehrt
zu wissen, was er glaubt.

Und doch ermahnen uns dazu die Klosterregeln, wie die Vorbilder der
heiligen Vter. Der heilige Benediktus giebt ber das Lehren und Lernen des
Gesangs keine bestimmte Vorschrift, wohl aber hat er genaue Bestimmungen
ber das Lesen. Er setzt fr das Lesen wie fr die Arbeit eine bestimmte
Zeit genau fest und ist fr die bung im Lesen und Schreiben so besorgt,
da er unter den notwendigen Gegenstnden, die der Mnch von seinem Abt
anzusprechen hat, auch Feder und Papier nicht vergit. Er hat unter anderem
die Bestimmung, da bei Beginn der Fasten jeder Mnch aus der Bibliothek
ein Buch empfangen soll, das er ganz durchzulesen hat; was aber wre
lcherlicher als seine Zeit mit Lesen zu verbringen, ohne darauf zu achten,
ob man den Inhalt versteht oder nicht? Bekannt ist das Wort jenes Weisen:
Lesen ohne zu verstehen ist miverstehen. Auf einen solchen Leser pat
das Wort des Philosophen vom Esel vor der Leier. Denn ein Leser, der ein
Buch in der Hand hlt, ohne da er etwas damit anfangen kann, ist wie ein
Esel, der vor einer Leier sitzt. Und viel vernnftiger wre es, wenn solche
Menschen sich sonstwie ntzlich beschftigen wrden, statt mig
dazusitzen, die Buchstaben anzusehen und die Bltter umzudrehen. An solchen
Lesern sehen wir das Wort des Jesaia sich erfllen: Da euch aller
Propheten Gesichte sein werden wie die Worte eines versiegelten Buchs,
welches, so man's gbe einem, der lesen kann, und sprche: 'Lieber, lies
das', und er sprche: 'Ich kann nicht, denn es ist versiegelt'. Oder gleich
als wenn man's gbe dem, der nicht lesen kann, und sprche: 'Lieber, lies
das,' und er sprche: 'Ich kann nicht lesen'. Und der Herr spricht 'Darum,
da dies Volk zu mir nahet mit seinem Munde, und mit seinen Lippen mich
ehret, aber ihr Herz ferne von mir ist, und mich frchten nach
Menschengebot, das sie lehren: so will ich auch mit diesem Volk wunderlich
umgehen, aufs wunderlichste und seltsamste, da die Weisheit seiner Weisen
untergehe und der Verstand seiner Klugen verblendet werde'.

Man sagt im Kloster, da die sich auf die Schrift verstehen, die sie lesen
knnen. Allein wenn sie hinsichtlich des Verstndnisses der Schrift
gestehen mssen, da sie davon nichts wissen, so ist ihnen ihr Buch
versiegelt, so gut wie denen, die da sagen, sie knnen nicht lesen. Gott
aber bezichtigt sie, da sie ihm mit Mund und Lippen nahen, nicht aber mit
dem Herzen, weil sie das, was sie allenfalls lesen knnen, nicht im
mindesten verstehen. Solche Menschen, indem sie des Verstndnisses der
Schrift entbehren, machen nur eine uerliche Gewohnheit mit, haben aber
keinen Nutzen von der Schrift. Darum droht der Herr, da er auch ihre
sogenannten Weisen und Gelehrten mit Blindheit schlagen wolle.

Hieronymus, der grte Lehrer der Kirche und die schnste Zierde des
Mnchsstandes, ermahnt uns zur Liebe der Wissenschaften, indem er sagt:
Liebe die Wissenschaft und du wirst die schnde Lust des Fleisches nicht
lieben; und er legt selbst Zeugnis davon ab, wie viel Zeit und Mhe er
darauf verwandt habe. Neben dem, was er, um uns durch sein Beispiel zu
lehren, ber sein eigenes Studium schreibt, sagt er in einem Brief an
Pammachius und Oceanus folgendes: In meiner Jugend war ich von einer
brennenden Lernbegierde erfllt. Und ich war nicht, wie andere sich heraus
nehmen, mein eigener Lehrer, sondern ich habe zu Antiochia fleiig den
Apollinaris gehrt und bin mit ihm verkehrt, whrend er mich in den
heiligen Schriften unterrichtete. Schon frbte mein Haar sich grau, und ich
htte demnach eher Lehrer sein sollen als noch Schler. Dennoch ging ich
nach Alexandria. Ich hrte da den Didymus; viel verdanke ich ihm, viel
Neues hat er mich gelehrt. Die Leute meinten, nun htte ich endlich
ausgelernt. Da lernte ich noch in Jerusalem und in Bethlehem mit Mhe und
um teures Geld nchtlicherweile Hebrisch bei Barannias. Denn er frchtete
sich vor den Juden und ward mir ein zweiter Nikodemus. Wahrlich, er hatte
sich treulich gemerkt, was im Buch Sirach zu lesen ist: Liebes Kind, la
dich die Weisheit ziehen von Jugend auf, so wird ein weiser Mann aus dir.
Nicht allein aus den Worten der Schrift, sondern auch aus dem Vorbild der
heiligen Vter hat er sich belehrt, und unter den Lobsprchen, die er dem
dortigen musterhaften Kloster spendet, findet sich folgende Bemerkung ber
die ausgezeichnete Pflege des Schriftstudiums in demselben: Nirgends habe
ich ein so tiefes Studium und Verstndnis der Heiligen Schrift und eine so
eifrige Pflege der Gottesgelehrtheit gefunden, wie hier. Man htte jeden
der Mnche fr einen Lehrer der gttlichen Weisheit halten knnen.

Auch der heilige Beda, der schon als Knabe ins Kloster aufgenommen wurde,
wie er in der Geschichte der Angelsachsen berichtet, sagt: Seitdem
brachte ich mein ganzes Leben in ein und demselben Kloster zu und habe mich
ganz dem Studium der Heiligen Schrift hingegeben; neben der Beobachtung der
Klosterregel und der tglichen Pflicht des Singens in der Kirche war es
allezeit mein hchstes Vergngen, zu lernen oder zu schreiben.

Jetzt aber bleiben die, die in Klstern erzogen werden, so einfltig, da
sie, zufrieden mit dem leeren Schall der Worte, sich um das Verstndnis der
Schrift nicht kmmern, und nicht frs Herz etwas lernen, sondern nur die
Zunge ben wollen. Sie trifft der Spruch Salomos: Das Herz des Weisen
sucht Weisheit, aber des Narren Mund weidet sich an der Thorheit, nmlich
wenn er sich an Worten erfreut, die er nicht versteht. Solche Leute knnen
ja Gott nicht lieben und in Liebe zu ihm entbrennen, da sie vom Verstndnis
der Schrift, die uns ber Gott belehrt, so weit entfernt sind.

Diese Zustnde in den Klstern sind hauptschlich auf zwei Ursachen
zurckzufhren: einmal auf die Eifersucht der Laien und Laienbrder, ja
auch der Vorgesetzten selbst, sodann auf das leere Geschwtz und die
Miggngerei, die in den heutigen Klstern vielfach zu Hause sind. Jene
wollen mit uns nur in irdischem Handel und Wandel zu thun haben, nicht aber
in geistlichem Verkehr mit uns stehen und gleichen den Philistern, die den
Isaak verfolgten, als er einen Brunnen graben wollte, und ihm das Wasser
wehrten, indem sie Erde hineinwarfen. Gregorius legt diese Geschichte in
seinen Moralia, Kapitel XVI, also aus: Oft, wenn wir uns mit der
Heiligen Schrift beschftigen, haben wir unter den Angriffen der bsen
Geister schwer zu leiden: sie streuen uns den Staub irdischer Gedanken in
den Sinn, um das Auge unserer Betrachtung fr das Licht der inneren
Beschauung blind zu machen. Dies hatte der Psalmist nur allzusehr
erfahren, als er sagte: Weichet von mir, ihr belthter, ich will
erforschen die Gebote meines Gottes. Er erklrt damit deutlich, da er die
Gebote Gottes nicht erforschen konnte, weil sein Geist zu kmpfen hatte
gegen die Anlufe der Dmonen. Sie sind dasselbe, was die bsen. Philister
bei Isaaks Brunnen waren, als sie ihn mit Erde fllten. Denn solche Brunnen
graben wir in der That, wenn wir in die verborgenen Tiefen der Schrift
eindringen. Es ist, als deckten die Philister uns den Brunnen zu, wenn
unreine Geister, whrend wir zum Himmel streben, uns irdische Gedanken
eingeben, und uns gleichsam das Wasser der gttlichen Erkenntnis, das wir
gefunden haben, entziehen. Aber weil niemand diese Feinde aus eigener Kraft
zu berwinden vermag, sagt Eliphas uns das Wort: Und der Allmchtige wird
gegen deine Feinde sein, und Silber wird dir zugehuft werden. Das soll
heien: wenn der Herr mit seiner Strke die bsen Geister von dir treibt,
dann wird der Schatz des gttlichen Wortes leuchtend in dir sich vermehren.

Gregorius hatte wohl gelesen die Homilien des groen Christenphilosophen
Origenes ber die Genesis und hat aus dessen Brunnen geschpft, was er uns
ber diese Brunnen sagt. Denn dieser eifrige geistliche Brunnengrber
ermahnt uns nicht nur eindringlich, aus diesen Brunnen zu schpfen, sondern
auch sie zu graben. So sagt er in der zwlften der genannten Homilien:
Lasset uns thun, wozu die Weisheit uns ermahnt: 'Trinke Wasser aus deiner
Grube und Flsse aus deinem Brunnen; habe du sie aber alleine'. Trachte
also auch du, mein lieber Zuhrer, danach, einen eigenen Brunnquell zu
haben, da, wenn du ein Buch der Heiligen Schrift vornimmst, du auch durch
eigenes Nachdenken einen Sinn herausbringest, und nach dem, was du in der
Kirche gelernt hast, trachte auch du zu trinken aus dem Brunnen deines
Geistes. Es sprudelt in dir ein Quell lebendigen Wassers, Geist und
Vernunft durchstrmen dich in unversieglichen Adern und reichlichen Fluten,
nur drfen sie nicht mit Erde und Schmutz angefllt werden. Darum gieb dir
Mhe, dein Land umzugraben und den Unrat auszufegen, d. h. den Geist zu
bilden, die Trgheit auszurotten und des Herzens Hrtigkeit zu erweichen.
Hre, was die Schrift sagt: 'Wenn man das Auge drckt, so gehen Thrnen
heraus, und wenn man einem das Herz trifft, so lt er sich merken'.
Reinige auch du deinen Geist, damit du dereinst aus deinem eigenen Brunnen
trinkest und aus deinen Quellen lebendiges Wasser schpfest. Denn hast du
in dir aufgenommen das Wort Gottes, hast du von Jesus Lebenswasser
empfangen, im Glauben empfangen, so wird es in dir ein Brunnen des Wassers
werden, das in das ewige Leben quillt.

Derselbe Origenes sagt in der folgenden Homilie ber den obenerwhnten
Isaaksbrunnen: Unter den Philistern, die den Brunnen mit Erde bedeckten,
sind ohne Zweifel die Leute zu verstehen, welche den Weg zur geistlichen
Erkenntnis verschlieen, so da sie selbst nicht trinken knnen und auch
andere daran verhindert werden. Hre, was der Herr spricht: Wehe euch
Schriftgelehrten und Pharisern, die ihr den Schlssel der Erkenntnis
weggenommen habt. Ihr kommt nicht hinein, und wehret denen, die hinein
wollen. Wir aber wollen nicht aufhren, Brunnen lebendigen Wassers zu
graben, und bald mit Altem, bald mit Neuem uns beschftigend wollen wir
jenem Schriftgelehrten im Evangelium hnlich werden, von dem der Herr sagt:
Der aus seinem Schatz Neues und Altes hervortrgt.

Ebenso heit es dort: Lasset uns zu Isaak gehen und mit ihm graben einen
Brunnen lebendigen Wassers; auch wenn die Philister uns widerstehen und
Streit anfangen, wollen wir doch mit ihm ausharren beim Brunnen, damit man
auch zu uns sagen knne: 'Trinke Wasser aus deinen Gefen und aus deinem
Brunnen'. Und also wollen wir graben, da unsere Gefe berstrmen vom
Wasser des Brunnens, da wir nicht genug haben, wenn wir fr uns allein die
Schrift verstehen, sondern auch andere lehren und anweisen, zu trinken.
Mensch und Vieh sollen trinken, wie der Prophet sagt: 'Tier und Menschen
machst du gesund, Herr'.

Und weiter unten heit es: Wer ein Philister ist und nach Irdischem
trachtet, der wei auf der ganzen Erde kein Wasser zu finden, noch auch
verstndigen Sinn.

Was ntzt es dich, Wissenschaft zu haben, wenn du sie nicht zu gebrauchen
weit? Was ntzt dich das Wort, wenn du es nicht anwenden kannst? Das ist
die Art der Knechte Isaaks, die in irgend einem beliebigen Land nach
lebendigem Wasser graben. Ihr aber nicht also: lasset ferne von euch sein
alles leere Geschwtz, und diejenigen unter euch, denen die Gabe des
Lernens verliehen ist, sollen sich mit Eifer in den gttlichen Dingen
unterrichten lassen, wie es von dem frommen Manne heit: Sondern er hat
Lust zum Gesetz des Herrn und redet von seinem Gesetz Tag und Nacht. Und
welchen Nutzen das unermdliche Studium im Gesetz des Herrn bringe, das
besagen gleich die folgenden Worte: Der ist wie ein Baum, gepflanzet an
den Wasserbchen. Denn wer von den Wassern des gttlichen Wortes nicht
benetzt wird, der ist wie ein drrer, unfruchtbarer Baum. Dieses Wort ist
gemeint, wenn es heit: Von des Leibe werden Strme des lebendigen Wassers
flieen. Das sind jene Fluten, von welchen die Braut im Hohenlied zum Lobe
ihres Brutigams singt: Seine Augen sind wie Taubenaugen an den
Wasserbchen, mit Milch gewaschen, und stehen in der Flle.

Auch ihr also setzet euch, mit Milch gewaschen, d. h. im reinen Glanze
eurer Keuschheit strahlend, wie Tauben an diese Wasserbche, und schpfet
Weisheit daraus, auf da ihr nicht blo lernet, sondern auch lehren und
andern den Weg zeigen knnet; da ihr den Brutigam nicht blo selber
sehen, sondern auch andern beschreiben mget!

Wir wissen: von der Einen Braut, die den Brutigam durch das Ohr des
Herzens zu empfangen gewrdigt worden ist, steht geschrieben: Maria
behielt alle diese Worte und bewegte sie in ihrem Herzen. Also die Mutter
des hchsten Wortes nahm seine Worte mehr zu Herzen als in den Mund und
bewegte sie im Herzen; sie berlegte jedes einzelne mit Flei und verglich
sie miteinander, ob sie genau bereinstimmen.

Aus dem Gesetz wute sie, da alles Tier unrein genannt wird, das nicht
wiederkuet und die Klauen spaltet. So ist auch keine Seele rein, die nicht
die gttlichen Gebote wiederkuet, indem sie darber nachdenkt, so viel sie
vermag, und ihren Verstand anwendet, um sie zu befolgen, so da sie nicht
blo uerlich Gutes thut, sondern wirklich gut, d. h. mit der richtigen
Gesinnung, handelt. Die gespaltenen Klauen aber bedeuten das
Unterscheidungsvermgen der Seele, worber geschrieben steht: Wenn du
recht anbietest, aber nicht recht teilest, so sndigst du.

Wer mich liebt, sagt die 'Wahrheit', der hlt meine Worte. Wer aber
wird die Worte und Gebote seines Herrn gehorsam halten knnen, wenn er sie
nicht vorher verstanden hat? Niemand wird eifrig im Thun sein, der nicht
vorher ein aufmerksamer Hrer war. So, wie wir von dem frommen Weib lesen,
das, alles andere vergessend, zu Jesu Fen sa und auf seine Worte hrte,
gewi mit jener verstndnisvollen Aufmerksamkeit, die der Herr selbst von
uns verlangt, wenn er sagt: Wer Ohren hat zu hren, der hre. Knnet ihr
euch aber nicht zu solch hingebender Glut entflammen, dann ahmet im Eifer
und in der Begeisterung fr die heiligen Wissenschaften wenigstens jene
frommen Schlerinnen des heiligen Hieronymus nach: Paula und Eustochium,
auf deren Antrieb dieser groe Lehrer die Kirche durch so manche Schrift
erleuchtet hat.




IX. Brief.

Heloise an Abaelard.

(Mit 42 biblisch-theologischen Fragen.)


Deiner Weisheit ist es besser bekannt als meiner Einfalt, wie der selige
Hieronymus der frommen Marcella das Studium der Heiligen Schrift und der
damit zusammenhngenden Fragen, fr welches sie glhend begeistert war, gar
sehr empfohlen und sie nachdrcklich darin bestrkt hat, und wie er ihr
weithintnendes Lob dafr gespendet hat. In seinem Kommentar zum Brief des
Paulus an die Galater thut er ihrer im ersten Buch in folgender Weise
Erwhnung: Ich kenne ihren Eifer, ich kenne ihren Glauben und das glhende
Verlangen, das sie in der Brust trgt: ihr Geschlecht zu berwinden, die
Menschen zu vergessen, den Paukenschall des gttlichen Wortes ertnen zu
lassen und das Rote Meer dieser Welt zu durchschreiten. In der That, so oft
ich in Rom war, hat sie mich nie auch nur einen Augenblick gesehen, ohne
mir irgend eine Frage ber die heiligen Schriften vorzulegen. Dabei war sie
nicht nach Pythagorer Weise mit jeder beliebigen Antwort zufrieden; auch
beugte sie sich nicht unter die bloe Autoritt, wenn triftige Grnde
fehlten; vielmehr prfte sie alles und mit scharfem Verstand wog sie alles
ab, so da ich oft das Gefhl hatte, ich habe nicht eine Schlerin, sondern
eine Richterin vor mir.

Hieronymus sah sie infolge dieses Eifers bald solche Fortschritte machen,
da er sie den anderen Frauen, die sich um das gleiche Studium bemhten,
zur Lehrerin setzte. Daher schreibt er an die Jungfrau Principia unter
anderem folgendes: Du hast dort zur Leitung im Studium der Schrift und in
der Heiligung des Leibes und der Seele Marcella und Asella; die eine mag
dich durch die grnenden Wiesen und durch den bunten Blumenflor der
heiligen Schriften zu dem fhren, der im Lied der Lieder sagt: 'Ich bin
eine Blume zu Saron, und eine Rose im Thal'; die andere, selbst eine Blume
des Herrn, ist wrdig, zugleich mit dir das Wort zu vernehmen: 'Wie eine
Rose unter den Dornen, so ist meine Freundin unter den Tchtern'.

Wozu aber sage ich dies, du von vielen Geliebter, uns aber Geliebtester?
Ich will dir ja nichts erzhlen, ich will dich mahnen: meine Worte sollen
dich an deine Schuld erinnern und dich nicht lnger sumen lassen mit der
Einlsung. Die Mgde Christi, deine geistlichen Tchter, hast du in eigenem
Oratorium vereinigt und sie mit dem Dienste Gottes betraut; stets pflegtest
du uns das Studium des gttlichen Wortes und das Lesen heiliger Schriften
besonders ans Herz zu legen. Ja, so nachdrcklich hast du uns die Kenntnis
der Heiligen Schrift empfohlen, da du sie einen Seelenspiegel nanntest, in
dem man seiner Schnheit oder Hlichkeit gewahr werde, und du verlangtest,
da keine Braut Christi dieser Spiegel fehlen drfe, wenn sie dem Herrn
gefallen wolle, dem sie sich angelobt. Du sagtest noch weiter zu unserer
Aufmunterung, das Lesen der Heiligen Schrift, wenn man sie nicht verstehe,
ntze so viel, wie dem Blinden ein Spiegel.

Durch diese Mahnungen sind wir, ich sowohl wie die Schwestern, zu mchtigem
Eifer angeregt worden, indem wir auch in diesem Stck nach Krften dir zu
gehorchen bestrebt sind. Allein whrend wir uns alle Mhe geben und von
derjenigen Liebe zu den Wissenschaften ergriffen sind, ber die der
obengenannte Lehrer einmal sagt: Liebe die Wissenschaften, und du wirst
die Laster des Fleisches nicht lieben, -- wird unser Eifer durch die
vielen Fragen, die uns verwirren, lahmgelegt. Und was wir in den heiligen
Schriften weniger verstehen, das mssen wir notwendig auch weniger lieben,
da wir fhlen, da es eine fruchtlose Arbeit ist, die wir thun.

Darum stellen die Schlerinnen ihrem Lehrer, die Tchter ihrem Vater einige
Fragen, und bitten demtigst, du mchtest es nicht unter deiner Wrde
achten, dieselben fr sie zu lsen. Denn auf dein mahnendes Wort, ja auf
deinen Befehl hin haben wir dies Studium in Angriff genommen. Wir haben bei
der Aufstellung der Fragen nicht die Reihenfolge der heiligen Schriften
eingehalten, sondern wie sie uns tglich aufgestoen sind, so haben wir sie
aufgezeichnet und bersenden sie nun dir zur Lsung.




X. Brief.

Abaelard an Heloise.

(Begleitschreiben zu einer Sammlung geistlicher Lieder, von Abaelard
gedichtet fr die Nonnen des Paraklet.)


I.

Meine liebe Schwester Heloise, einst in der Welt mir teuer und nun erst
recht teuer in Christus, auf deine dringende Bitte habe ich Lieder
gedichtet, auf griechisch Hymnen, auf hebrisch Tehillim geheien. Da du
und deine frommen Frauen mich wiederholt zu der Abfassung solcher Lieder
drngtet, so habe ich nach dem Grund eures Wunsches geforscht. Denn ich
sagte mir, es sei unntig, neue Lieder zu dichten, whrend ihr alte in
reicher Flle habt, ja, es wollte mir wie ein Verbrechen erscheinen, den
alten Gesngen heiliger Dichter neue von sndigen Menschen vorzuziehen oder
an die Seite zu stellen.

Whrend ich nun von verschiedenen Seiten verschiedene Meinungen zu hren
bekam, fhrtest du, soviel ich mich erinnere, unter anderem folgenden Grund
an. Wir wissen, sagtest du, da die rmische und besonders die
gallicanische Kirche in betreff der Psalmen und Hymnen sich mehr nach ihrer
Gewohnheit richten als nach einer Autoritt. Wir wissen ja heute noch
nicht, von wem die bersetzung des Psalters herrhrt, welche in unserer, d.
h. in der gallicanischen Kirche, im Gebrauch ist, und nach den uerungen
derjenigen zu urteilen, die uns ber die Verschiedenheit der bersetzungen
belehrt haben, weicht die unsrige von allen brigen weit ab und kann, wie
ich glaube, auf ein hheres Ansehen keinen Anspruch machen. Allein ihr
Gebrauch hat sich durch langjhrige Gewohnheit so sehr eingebrgert, da
wir gerade beim Psalter, den wir doch am hufigsten brauchen, einer
apokryphen bersetzung folgen, whrend wir die andern biblischen Bcher in
der korrekten bersetzung des seligen Hieronymus lesen. Was aber die Hymnen
betrifft, die wir jetzt gebrauchen, so herrscht hierin eine solche
Unordnung, da fast nie eine berschrift ihre Art oder ihre Verfasser
bezeichnet. Und wenn man doch bei einigen mit Wahrscheinlichkeit auf
bestimmte Verfasser schlieen kann, als deren lteste man Hilarius und
Ambrosius, dann Prudentius und viele andere annimmt, so ist hufig das
Silbenma so wenig entsprechend, da man den Liedern kaum eine Melodie
unterlegen kann, ohne die doch ein Hymnus keinen Zweck hat, der ja ein
wohltnendes Lob Gottes sein soll.

Auch fgtest du noch bei, da es fr die meisten Feste an eigentmlichen
Liedern fehle, so auch fr die Feier der unschuldigen Kindlein, der
Evangelisten oder derjenigen weiblichen Heiligen, die weder Jungfrauen noch
Mrtyrerinnen waren. Es fehle auch nicht an solchen, versichertest du, bei
denen die Singenden eine Unwahrheit aussprechen mssen, sei's wegen der
Zeitumstnde, die nicht zum Liede passen, oder wegen des falschen Inhaltes.
Manche der Glubigen halten aus irgend einem zuflligen Grund oder infolge
besonderer Erlaubnis die bestimmte vorgeschriebene Stunde nicht ein und
kommen nun entweder zu frh oder zu spt, so da sie gentigt sind,
wenigstens in Beziehung auf die Zeit zu lgen, wenn sie die fr die Nacht
bestimmten Lieder bei Tag, die fr den Tag bestimmten bei Nacht singen.
Nach der Vorschrift des Propheten und der Satzung der Kirche soll ja auch
whrend der Nacht das Lob Gottes nicht verstummen, wie geschrieben steht:
Des Nachts gedenke ich an deinen Namen, o Herr und: Mitten in der Nacht
erhebe ich mich, mit dir zu reden, d. h. dich zu lobpreisen. Dagegen darf
der siebenfache Lobgesang, dessen der Prophet Erwhnung thut mit den
Worten: Siebenmal des Tages lobe ich dich -- nur bei Tage dargebracht
werden. Der erste derselben, der Morgenlobgesang genannt, und von demselben
Propheten bezeichnet mit den Worten: Des Morgens gedenke ich dein, o Herr
-- soll angestimmt werden in der ersten Frhe des Tages, wenn die
Morgenrte oder der Morgenstern erscheint.

Bei den meisten Hymnen giebt sich diese Unterscheidung von selber. So
kennzeichnen sich gewisse Lieder selbst deutlich als solche, die bei Nacht
zu singen sind, wenn es z. B. heit: Wohl auf zur Nacht und lat uns alle
wachen -- oder: Gesang durchtnt die stille Nacht; ferner: Die lange
Nachtzeit krzen wir, erstehen zum Bekenntnis dir. Oder ein andermal: Die
schwarze Nacht hlt nun bedeckt, was auf der Erd' in Farben strahlt --
oder: Wir stehn von unsrem Lager auf zur Zeit der ruhig stillen Nacht,
und ferner: Wie wir die Stunden stiller Nacht nun unterbrechen mit Gesang
u. s. w.

So geben auch manche Morgenhymnen die Zeit, zu welcher sie zu singen sind,
selber an. Zum Beispiel, wenn es heit: Der ncht'ge Schatten weichet
schon -- oder: Golden erstrahlt des Tages Licht; ferner: Am Himmel
steht das Morgenrot -- Das Morgenrot im Rosenlicht oder Der Vogel ist
des Tags Herold; er kndet uns des Lichtes Nahn -- und: Wie schn
leuchtet der Morgenstern. Solche Lieder belehren uns selbst darber, zu
welcher Zeit sie gesungen sein wollen, und wollten wir diese ihre Zeiten
nicht einhalten, so wrden wir bei ihrem Vortrag als Lgner erfunden.
Allein in den meisten Fllen ist es weniger die Nachlssigkeit, die solche
Abweichungen verursacht, als der Zwang der Verhltnisse oder die frmliche
Befreiung davon; dazu ntigt namentlich in den kleineren Parochialkirchen
schon die Beschftigung der Bevlkerung fast jeden Tag, so da hier aller
Gottesdienst fast das ganze Jahr hindurch bei Tag abgehalten werden mu.

Aber nicht blo das Nichteinhalten der Zeit bringt uns in die Lage, lgen
zu mssen, sondern bei gewissen Liedern sind es die Verfasser selbst, die
uns dazu veranlassen. Diese nmlich, sei es, da sie von ihrer eigenen
Zerknirschung auf den Seelenzustand anderer schlossen, oder da sie ihre
Heiligen durch bertrieben frommen Eifer erheben wollten -- haben manchmal
so sehr das Ma berschritten, da wir in manchen Liedern oft gegen unsere
eigene berzeugung etwas aussprechen, von dem wir das Gefhl haben, da es
der Wahrheit nicht entspreche. Die wenigsten werden so vom Feuer der
heiligen Andacht glhen oder in der Zerknirschung ber ihre Snden so in
Thrnen und Seufzer aufgelst sein, da sie mit Recht singen knnen: Wir
nahen weinend zum Gebet; erla uns unsere Snden, oder: Hr unsere
Seufzer, unsern Sang in Gnaden an. So giebt es noch manches, was nur fr
Auserwhlte, und darum fr wenige, pat. Auch mag deine Einsicht
entscheiden, ob es nicht eine Anmaung ist, vor der wir uns scheuen
sollten, wenn wir alljhrlich singen: Martinus, den Aposteln gleich, oder
wenn wir diesen oder jenen Bekenner seiner Wunder wegen in bertriebener
Weise rhmen, indem wir z. B. sagen: An dessen heil'gem Grab so mancher
Heilung fand.

Diese und hnliche Grnde, die ihr anfhrtet, haben mich bewogen, aus
Ehrfurcht vor eurer Frmmigkeit, Hymnen zu dichten fr den ganzen Lauf des
Jahres. Da ihr also dies von mir erbeten habt, ihr Brute und Mgde
Christi, so bitte ich hinwiederum euch: da ihr die Last, die ihr auf meine
Schultern gelegt habt, durch die Handreichung eures Gebetes erleichtern
mget, auf da, wer da set und wer da erntet, zusammen arbeite und
zusammen sich freue.


II.

Die Feier des Gottesdienstes besteht aus drei Teilen. Der Apostel der
Heiden hat es so verordnet im Brief an die Ephesier, wo es heit: Und
saufet euch nicht voll Weins, daraus ein unordentlich Wesen folget, sondern
werdet voll Geistes, und redet untereinander von Psalmen und Lobgesngen
und geistlichen Liedern, singet und spielet dem Herrn in eurem Herzen. Und
weiter an die Colosser schreibt er: Lasset das Wort Christi unter euch
reichlich wohnen in aller Weisheit, lehret und ermahnet euch selbst mit
Psalmen und Lobgesngen und geistlichen lieblichen Liedern und singet dem
Herrn in eurem Herzen. Die Psalmen und Lieder sind ja seit alter Zeit aus
den kanonischen Schriften entnommen, und es bedarf nicht erst unserer Mhe,
sie zu dichten. ber die Hymnen aber findet sich in den heiligen Schriften
kein bestimmendes Merkmal, wiewohl einige Psalmen auch die Bezeichnung
Hymne oder heiliges Lied als Aufschrift tragen -- und so ist ber sie
von verschiedenen Schriftstellern da und dort nachtrglich geschrieben
worden; auch wurden fr die verschiedenen Zeiten, Stunden und Feste
besondere Hymnen bestimmt. Diese nennen wir jetzt Hymnen im eigentlichen
Sinn, wiewohl in der alten Zeit einige Schriftsteller alle in einem
bestimmten Versma gedichteten Lieder, die zum Lobe Gottes dienten, sowohl
Hymnen als auch Psalmen nannten. Daher sagt Eusebius von Csarea im 19.
Kapitel seiner Kirchengeschichte, wo er die Lobsprche erwhnt, die der
beredte Jude Philo der alexandrinischen Kirche unter der Leitung des Markus
spendet, unter anderem folgendes: Dann kommt er darauf zu sprechen, da
sie selbst neue Psalmen dichten, und sagt: 'Sie kennen nicht allein die
Lieder der geistvollen Alten, sondern dichten selbst neue Lieder zum Preis
Gottes und singen dieselben in allen mglichen Weisen und Melodien mit
guter und lieblicher Harmonie.'

Es ist vielleicht nicht unangezeigt, alle Psalmen, die in hebrischem
Versma und Rhythmus gedichtet und mit einer lieblichen Melodie versehen
sind, ebenfalls Hymnen zu nennen -- unbeschadet unserer Erklrung im ersten
Vorwort. Allein da die Psalmen, wenn sie in eine andere Sprache bersetzt
werden, vom Gesetz des Versmaes und des Rhythmus entbunden sind, so hat
der Apostel in seinem Brief an die Ephesier, die ja Griechen sind, mit
Recht die Hymnen wie auch die Lieder von den Psalmen unterschieden.

So habe ich denn in diesem Punkt eurer Bitte zum Teil wenigstens, soweit
Gott es mir gestattete, Genge gethan, geliebte Schwestern in Christo, da
ihr meinen schwachen Geist mit vielem Flehen gar sehr bedrngt und auch
noch die Grnde angegeben habt, warum dies euch ntig erscheine. Das erste
Bchlein enthlt die Hymnen zum tglichen Gottesdienst. Ihr werdet
erkennen, da sie nach zweierlei Melodien und Rhythmen gehen, und da
jedesmal alle Tageslieder und alle Nachtlieder beides gemeinsam haben. Auch
den Dankhymnus, der nach dem Essen zu sprechen ist, habe ich nicht
vergessen -- nach dem Wort des Evangeliums: Und da sie den Lobgesang
gesprochen hatten, gingen sie hinaus.

Die vorstehenden Hymnen sind in der Weise abgefat, da der Inhalt der
nchtlichen Lieder sich deckt mit dem, was sie feiern, und da die
Tageslieder die allegorische oder moralische Auslegung dieses Inhaltes
darbieten. So kommt es, da das Dunkel der Geschichte der Nacht aufbehalten
wird, whrend der helle Tag das Licht der Erklrung bringt. Nun bleibt mir
nur noch brig, die Hilfe eures Gebets anzurufen, damit ich euch die
gewnschte bescheidene Gabe zukommen lassen kann.


III.

In den beiden vorstehenden Bchlein habe ich Hymnen fr den tglichen
Gottesdienst und eigene fr die hohen Feste zusammengestellt. Nun bleibt
mir noch brig, zur Verherrlichung des himmlischen Knigs und zur
gemeinsamen Erbauung der Glubigen den Sitz der himmlischen Residenz mit
wrdigen Lobeshymnen nach Krften zu erheben. Mgen mich bei diesem Werke
die Verdienste derjenigen untersttzen, deren ruhmreiches Andenken ich
durch den bescheidenen Zoll meiner Lobpreisungen erhhen mchte -- nach dem
Wort der Schrift: Das Gedchtnis des Gerechten ermangelt nicht des Lobes,
und wiederum: Lasset uns preisen die Ruhmvollen u. s. w.

Auch euch bitte ich, teure, Christo geweihte Schwestern, auf deren Flehen
hauptschlich ich dies Werk in Angriff genommen habe: untersttzet mich
durch die Andacht eures Gebetes, denket an jenen frommen Gesetzgeber, der
mit seinem Gebet mehr ausrichtete, als das Volk mit dem Schwert. Und eure
Liebe wird sich reich erweisen in der Flle des Gebetes, wenn ihr daran
denket, wie freigebig ich in Erfllung eures Wunsches gewesen bin. Whrend
ich mich nach den schwachen Krften meines Geistes mhte, das Lob der
gttlichen Gnade wrdig zu singen, habe ich durch die Menge der Lieder zu
ersetzen gesucht, was ihnen an Schnheit des Ausdrucks abging, und so habe
ich fr die nchtliche Feier jedes einzelnen Festes eigene Hymnen
gedichtet, whrend bisher nur Ein bestimmter Hymnus bei der Nachtfeier von
Festen und Feiertagen gesungen wurde.

Vier Hymnen also habe ich fr jedes Fest so bestimmt, da bei jeder der
drei nchtlichen Vigilien ein besonderer Hymnus gesungen werden kann, und
auerdem noch die Matutine ihren eigenen hat. Ferner habe ich die
Bestimmung getroffen, da von diesen vier Hymnen bei der Vigilie zwei zu
einem Hymnus verbunden werden und die beiden andern in hnlicher Weise bei
der Vesper am Festtage selbst gesungen werden knnen; oder da sie je zwei
und zwei auf jede Vesper verteilt, und so der eine Hymnus mit den beiden
ersten Psalmen, der andere mit den beiden brigen gesungen werden.

Dem Kreuz habe ich fnf Hymnen gewidmet, von denen der erste die
jedesmaligen Horen einleiten mag, indem er den Diakon auffordert, das Kreuz
vom Altar zu heben, es in die Mitte des Chors zu tragen und dort zur
Anbetung und Verehrung aufzustellen, so da es ber die ganze Zeit der
gottesdienstlichen Feier anwesend ist.




XI. Brief.

Abaelard an Heloise.

(Mit einer Sammlung von Predigten.)


In Christo verehrungswrdige und liebenswerte Schwester Heloise! Nachdem
ich krzlich auf deine Bitten ein Buch mit Hymnen und Sequenzen vollendet,
so habe ich jetzt deinem Wunsche gem fr dich und deine geistlichen
Tchter, die in unserem Oratorium vereint sind, eine Reihe von Predigten
verfat -- eiliger als ich es sonst gewohnt bin. Da ich mehr der
Wissenschaft als der Predigt ergeben bin, so sehe ich hauptschlich auf
Klarheit der Darlegung, weniger auf kunstvolle Beredsamkeit; ich suche mehr
den Wortsinn zu ergrnden, als die Rede knstlich auszuschmcken. Und
vielleicht wird eine reine, nicht ausgeschmckte Redeweise infolge ihrer
greren Klarheit einem einfachen Gemt falicher sein, und eine gewisse
Art von Zuhrern wird vielleicht gerade in der Einfachheit einer
schmucklosen Rede die Schnheit und Feinheit sehen, und eine Wrze darin
finden, die einer einfachen Fassungsgabe wohlthut.

Die Predigten sind nach der Reihenfolge der Feiertage niedergeschrieben und
geordnet; begonnen habe ich mit dem Anfang unserer Erlsung. Lebe wohl im
Herrn, du, seine Magd, einst in der Welt mir teuer, nun erst ganz teuer in
Christus: damals meine Gattin im Fleisch, jetzt meine Schwester im Geist
und Genossin im Bekenntnis des heiligen Gelbdes!




XII. Brief.

Abaelard an Heloise.

(Abaelards Glaubensbekenntnis.)


Liebe Schwester Heloise, einst mir teuer in der Welt, nun erst ganz teuer
in Christus: um der Logik willen bin ich der Welt verhat. Die blinden
Blindenleiter, deren Weisheit Verderben ist, behaupten nmlich, in der
Logik sei ich zwar wohlbewandert, aber im Paulus -- da hinke ich stark. Und
whrend sie meinen Scharfsinn preisen, verdchtigen sie die Reinheit meines
christlichen Glaubens. Denn, wie mir scheint, folgen sie nur ihrem
Vorurteil, statt durch die Erfahrung sich leiten zu lassen.

Ich will nicht in der Weise Philosoph sein, da ich den Paulus
zurckstiee, nicht so Aristoteles, da ich von Christus getrennt wrde.
Denn es ist kein anderer Name unter dem Himmel, in dem ich selig werden
knnte. Ich bete an Christum, der zur Rechten des Vaters regieret. Ich
umfasse ihn mit den Armen des Glaubens, der im jungfrulichen Fleisch, das
er vom heiligen Geist empfangen, Herrliches wirkt in der Kraft Gottes. Und
da die unruhige Sorge und jeglicher Zweifel aus deinem Herzen weiche, so
halte das fest, da ich mein Gewissen auf jenen Felsen gegrndet habe, auf
dem Christus seine Kirche erbaut hat. Und des Felsens Aufschrift will ich
dir in kurzen Worten mitteilen.

Ich glaube an den Vater, Sohn und Heiligen Geist, an den von Natur Einen
und wahren Gott, der in seinen Personen die Dreieinigkeit also darstellt,
da er in seiner Wesenheit stets die Einheit bewahrt. Ich glaube, da der
Sohn in allem dem Vater gleich ist, an Ewigkeit, Macht, Willen und Werk.
Ich folge nicht dem Arius, der verblendeten Sinns, ja, von teuflischem
Geiste verfhrt, Stufen in der Dreieinigkeit annimmt, indem er lehrt, da
der Vater grer, der Sohn kleiner sei und das Gebot vergit: Du sollst
nicht auf Stufen zu meinem Altar heraufsteigen. Denn auf Stufen steigt zum
Altar Gottes empor, wer ein Frher und Spter in der Dreieinigkeit setzt.
Auch den Heiligen Geist bekenne ich als wesensgleich und eins mit dem Vater
und dem Sohne, wie denn meine Schriften vielfach erklren, da ihm der Name
der Liebe zukomme. Ich verdamme den Sabellius, der behauptet, da Vater und
Sohn ein und dieselbe Person seien und da der Vater gelitten habe, woher
seine Anhnger Patripassianer heien.

Ich glaube auch, da der Gottessohn zum Menschensohn geworden, da er,
obwohl Eine Person, aus und in zwei Naturen besteht. Der, nachdem er seine
Aufgabe in der angenommenen Menschennatur erfllt hatte, gelitten hat,
gestorben und auferstanden ist, aufgefahren gen Himmel, von dannen er
wieder kommen wird, zu richten die Lebendigen und die Toten.

Ich behaupte auch, da in der Taufe alle Snden vergeben werden; da wir
der Gnade bedrfen, um das Gute anzufangen und zu vollenden, und da die
Gefallenen durch Bue wiederhergestellt werden. ber die Auferstehung des
Fleisches aber -- was brauche ich darber zu sagen, da ich mich des
Christennamens vergeblich rhmen wrde, wenn ich nicht glaubte, da ich
auferstehen werde?

Dies also ist der Glaube, auf welchem ich ruhe, aus dem ich meine feste
Hoffnung schpfe. Auf ihn ist mein Heil gegrndet, und so frchte ich nicht
das Geheul der Scylla, ich spotte der strudelnden Charybdis, und der
totbringende Sang der Sirenen schreckt mich nicht. Mag der Sturm
hereinbrechen, ich wanke nicht; mgen die Winde blasen, ich stehe fest.
Denn auf einen starken Felsen bin ich gegrndet.




Anmerkungen zur Transkription


Falsch gesetzte Anfhrungszeichen wurden stillschweigend korrigiert. Alle
anderen offensichtlichen Druckfehler wurden korrigiert wie hier aufgefhrt
(vorher/nachher):

   ... Unbescholtenheit meines bisherigens Lebens. ...
   ... Unbescholtenheit meines bisherigen Lebens. ...

   ... jetzt Abtissinnen ber die Nonnen setzt, wie man fr die ...
   ... jetzt btissinnen ber die Nonnen setzt, wie man fr die ...

   ... Mnche Abte hat und da beide, Nonnen wie Mnche, auf ...
   ... Mnche bte hat und da beide, Nonnen wie Mnche, auf ...

   ... Tuschung, wo die eheliche Liebe so gro ist, das eins das ...
   ... Tuschung, wo die eheliche Liebe so gro ist, da eins das ...

   ... da du noch einer Abtissin untergeben warst und das Amt ...
   ... da du noch einer btissin untergeben warst und das Amt ...

   ... Glaubst du, der kurze Schmerz meiner damaligen Verwundrung ...
   ... Glaubst du, der kurze Schmerz meiner damaligen Verwundung ...

   ... Wort des Philosophen sagen lassen mut: hoc no nest osculum ...
   ... Wort des Philosophen sagen lassen mut: hoc non est osculum ...

   ... er nmlich diejenigen, welche sich Christo geweiht haben ...
   ... er nmlich diejenigen, welche sich Christo geweiht haben, ...

   ... ber das, was sie solchen migen Faullenzern, wie sie sagen, ...
   ... ber das, was sie solchen migen Faulenzern, wie sie sagen, ...

   ... mute der Herr ihrer fleichlichen Schwche wegen tadeln, ...
   ... mute der Herr ihrer fleischlichen Schwche wegen tadeln, ...

   ... Hatten nicht Maria Magdalena oder Maria Agyptiaca, die ...
   ... Hatten nicht Maria Magdalena oder Maria gyptiaca, die ...

   ... Daher mahnt auch der Apostel Jakobus: Lieben Brder, ...
   ... Daher mahnt auch der Apostel Jakobus: Liebe Brder, ...

   ... Die Abtissin mu alle Tugenden mustergltig in sich vereinigen, ...
   ... Die btissin mu alle Tugenden mustergltig in sich vereinigen, ...

   ... Abtissin fr die Aufrechterhaltung der Klosterzucht berhaupt ...
   ... btissin fr die Aufrechterhaltung der Klosterzucht berhaupt ...

   ... denn, da die Abtissin vorher befragt worden sei und es befohlen ...
   ... denn, da die btissin vorher befragt worden sei und es befohlen ...

   ... oder schwach wird. Nach dem Argernis, das der Bruder ...
   ... oder schwach wird. Nach dem rgernis, das der Bruder ...

   ... das Argernis vermieden wissen: Ich habe es zwar alles ...
   ... das rgernis vermieden wissen: Ich habe es zwar alles ...

   ... Das Volk, das aus Agypten ausgefhrt wurde, ist in ...
   ... Das Volk, das aus gypten ausgefhrt wurde, ist in ...

   ... wohlgefllig war. Augustinus in seiner Schrift: Uber ...
   ... wohlgefllig war. Augustinus in seiner Schrift: ber ...

   ... aufgewirbelt wird. Die Armel sollen nicht lnger sein als ...
   ... aufgewirbelt wird. Die rmel sollen nicht lnger sein als ...

   ... habe ich einso tiefes Studium und Verstndnis der Heiligen ...
   ... habe ich ein so tiefes Studium und Verstndnis der Heiligen ...

   ... allzusehr erfahren, als er sagte: Weichet von mir, ihr
       Ubelthter, ...
   ... allzusehr erfahren, als er sagte: Weichet von mir, ihr
       belthter, ...

   ... Ubersetzungen belehrt haben, weicht die unsrige von allen ...
   ... bersetzungen belehrt haben, weicht die unsrige von allen ...

   ... einer apokryphen Ubersetzung folgen, whrend wir die ...
   ... einer apokryphen bersetzung folgen, whrend wir die ...






End of the Project Gutenberg EBook of Briefwechsel zwischen Abaelard und
Heloise, by Abaelard and Heloise

*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK BRIEFWECHSEL ZWISCHEN ***

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LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE
PROVIDED IN PARAGRAPH 1.F.3.  YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE
TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE
LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR
INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH
DAMAGE.

1.F.3.  LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND - If you discover a
defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can
receive a refund of the money (if any) you paid for it by sending a
written explanation to the person you received the work from.  If you
received the work on a physical medium, you must return the medium with
your written explanation.  The person or entity that provided you with
the defective work may elect to provide a replacement copy in lieu of a
refund.  If you received the work electronically, the person or entity
providing it to you may choose to give you a second opportunity to
receive the work electronically in lieu of a refund.  If the second copy
is also defective, you may demand a refund in writing without further
opportunities to fix the problem.

1.F.4.  Except for the limited right of replacement or refund set forth
in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS', WITH NO OTHER
WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO
WARRANTIES OF MERCHANTABILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.

1.F.5.  Some states do not allow disclaimers of certain implied
warranties or the exclusion or limitation of certain types of damages.
If any disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the
law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be
interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by
the applicable state law.  The invalidity or unenforceability of any
provision of this agreement shall not void the remaining provisions.

1.F.6.  INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
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providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in accordance
with this agreement, and any volunteers associated with the production,
promotion and distribution of Project Gutenberg-tm electronic works,
harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees,
that arise directly or indirectly from any of the following which you do
or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.


Section  2.  Information about the Mission of Project Gutenberg-tm

Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
electronic works in formats readable by the widest variety of computers
including obsolete, old, middle-aged and new computers.  It exists
because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
people in all walks of life.

Volunteers and financial support to provide volunteers with the
assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
remain freely available for generations to come.  In 2001, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
and the Foundation information page at www.gutenberg.org


Section 3.  Information about the Project Gutenberg Literary Archive
Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
Revenue Service.  The Foundation's EIN or federal tax identification
number is 64-6221541.  Contributions to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
permitted by U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
throughout numerous locations.  Its business office is located at 809
North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887.  Email
contact links and up to date contact information can be found at the
Foundation's web site and official page at www.gutenberg.org/contact

For additional contact information:
     Dr. Gregory B. Newby
     Chief Executive and Director
     gbnewby@pglaf.org

Section 4.  Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
spread public support and donations to carry out its mission of
increasing the number of public domain and licensed works that can be
freely distributed in machine readable form accessible by the widest
array of equipment including outdated equipment.  Many small donations
($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United
States.  Compliance requirements are not uniform and it takes a
considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
with these requirements.  We do not solicit donations in locations
where we have not received written confirmation of compliance.  To
SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
particular state visit www.gutenberg.org/donate

While we cannot and do not solicit contributions from states where we
have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
against accepting unsolicited donations from donors in such states who
approach us with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make
any statements concerning tax treatment of donations received from
outside the United States.  U.S. laws alone swamp our small staff.

Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
methods and addresses.  Donations are accepted in a number of other
ways including checks, online payments and credit card donations.
To donate, please visit:  www.gutenberg.org/donate


Section 5.  General Information About Project Gutenberg-tm electronic
works.

Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm
concept of a library of electronic works that could be freely shared
with anyone.  For forty years, he produced and distributed Project
Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.

Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
unless a copyright notice is included.  Thus, we do not necessarily
keep eBooks in compliance with any particular paper edition.

Most people start at our Web site which has the main PG search facility:

     www.gutenberg.org

This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
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