The Project Gutenberg eBook, Visionen, by Oskar Panizza


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Title: Visionen
       Skizzen und Erzhlungen


Author: Oskar Panizza



Release Date: October 11, 2013  [eBook #43933]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1


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VISIONEN

Skizzen und Erzhlungen

von

OSKAR PANIZZA







Leipzig
Verlag von Wilhelm Friedrich.
1893.




Oskar Panizza

Visionen

Erzhlungen und Skizzen

_Dem Andenken Ernst Theodor Amadeus Hoffmann's._




Inhalt


    Die Kirche von Zinsblech
    Eine Negergeschichte
    Ein Criminelles Geschlecht
    Der Corsetten-Fritz
    Indianer-Gedanken
    Ein scandalser Fall
    Der operirte Jud'
    Das Wirthshaus zur Dreifaltigkeit
    Der Goldregen
    Ein Kapitel aus der Pastoral-Medizin




Die Kirche von Zinsblech

                        "_Sind angenehm in Leibkleidern_
                        _als nackend, doch tdtliche Farbe,_
                        _gehen zertheilt an beiden Orten_
                        _den Platz hinauf, lassen sich blo_
                        _sehen als ob sie erscheinen,_
                        _ungeredet, und gehen alsdann wieder_
                        _hinab in das Grab."--_
                           _LuzernerOsterspiel, Todtenauferstehung._


Auf einer meiner einsamen Wanderungen durch Tyrol hatte ich mich eines
Abends vergangen. In Folge eines am Nachmittag schief gestandenen
Wegweisers fand ich mich bei lngst eingetretener Dunkelheit noch
mitten im Walde, whrend ich bei untergehender Sonne lngst am Orte
meines Ziels htte eintreffen sollen. Ich kam zwar endlich in ein Dorf,
welches ich aber weder in dieser Gegend vermuthete, noch, soviel ich
mich erinnerte, auf einer meiner Karten verzeichnet stand. Es mochte
jetzt gegen elf Uhr Nachts sein. Alle Hausthren waren verschlossen;
die Fensterscheiben schwarz. Aus Besorgni um ein Nachtquartier
klopfte ich an eine derselben, deren bleiernschepperndes Gerusch die
Worte "Zinsblech! Zinsblech!" vernehmen lie. Dies war aber nur der
Laut auf den kleinen runden Scheiben mit Bleieinfassung; die greren
Scheiben, an die ich klopfte, um Einla zu erhalten, tnten "Pinzgau!
Pinzgau!" Nirgends die Antwort einer menschlichen Stimme. Nach wenigen
Schritten stie ich auf die Ortstafel, wo das einzige Licht im Dorf
zu brennen schien, bei dessen Schein es mir gelang auf derselben zu
lesen: "Gemeinde _Zinsblech_; Landgericht _Pinzgau_". Es folgten noch
einige Bemerkungen bezglich Aushebungsbezirk, Steuereinziehung u.s.w.
und am Schlusse hie es: "Das Orts-Geschenk wird im Haus Nr. 666
gereicht."--Nachdem ich mit meinem Geklopfe "Zinsblech!--Pinzgau!"
mehrere, gnzlich menschenleere Straen durchwandert hatte, wobei
mir das Unglck passirte eine Scheibe einzuschlagen, die auf diesen
Mord ihres eigenen Ichs mit dem glsernen Sterbeseufzer "Grinzsau!"
antwortete, kam ich an die Kirche. Ein groes, hochaufsteigendes
Gebude im nchtern-romanischen Stil mit wuchtigen Formen; auen
rohbemrtelt; das Dach von Schiefer; am Ende ein hoher Thurm mit in
Zacken aufsitzendem Thurmhelm, dessen sich verjngende Spitze ein
goldenes Kreuz, und auf dem Kreuz einen Hahn trug. Merkwrdigerweise
stand die Kirchenthr, die mit Schweinfurter Grn angestrichen
war, sperrangelweit offen. Ich trat ein und ging, nachdem ich in
unglcklicher Richtung an den kupfernen Weihkessel angestoen war,
der mit dem schilpend-abgewetzten Laut "Prinzfrech!" antwortete,
vorsichtig durch die Kirchensthle auf den Altar zu. Vor dem Altar lag
eine dicke, wollige Plschdecke. Alles war muschenstill. Ich war so
ermdet, da ich mich versuchsweise hinlegte.--

Obwohl es beim Eintritt ganz dunkel war, konnte ich doch schon nach
kurzer Zeit allgemeine Umrisse, Nischen und Vorsprnge unterscheiden.
Die Altre waren geschmckt mit den in Landkirchen blichen,
eingerahmten Tablettes, auf denen lateinische Sprche stehen, mit
versilberten Leuchtern, Klingelspiel, alles in einfachster, wenig
kostspieliger Form; auf Sockeln an der blanken, weigetnchten Wand
herum standen einige Apostel, Mrtyrer und Ortsheilige mit ihren
stereotypen Werkzeugen und Symbolen in der Hand. Gesichter, Haltung
und Gewandung in jener bertrieben brnstigen und pathetischen
Darstellungsweise, wie sie das Spt-Rokoko um die Mitte dieses
Jahrhunderts bis in die letzte Dorfkirche brachte. Rechts von dem
langen Fenster, auf das mein Blick unwillkrlich vor dem Einschlafen
gerichtet war, stand ein Petrus mit einem scharf zur Seite gewandten,
vollbrtigen Kopfe, in dessen eigenthmlich grinzenden Zgen sich halb
Stolz, halb Verschmitztheit ausdrckte; halb, schien es, blickte er auf
den auf der anderen Fensterseite stehenden Jeremias, der traurig und
verlegen seine Papier-Rolle gesenkt hielt, halb zum Fenster hinaus,
seinen groen, schwarzen Schlssel krampfhaft in das Mondlicht haltend,
das scharf am Rand des Kirchendachs herabgleitend, langsam durch das
linke Seitenschiff der Kirche strich.--Mit diesem Bild schlief ich
ein.--

Wie lange ich geschlafen, kann ich nicht sagen; ich erhielt nur
pltzlich einen Sto in die Seite, wie von einem harten Gegenstand,
und erwachend bemerkte ich vor mir einen Mann in einem langen,
rothen Gewand, und unter dem Arm ein groes, schiefes Holzkreuz;
dieses Holzkreuz war an mich angestoen. Der Mann kmmerte sich um
mich gar nicht, sondern schritt ernst und gemessen dem Altare zu.
Und nun erkannte ich, da er nur Einer unter Vielen war, die in
einer langen Reihe geordnet aus den Kirchensthlen herauskamen in
der Richtung zum Altar. Die ganze Kirche war taghell und prchtig
erleuchtet. Auf allen Altren brannten Kerzen. Vom Chor herab
tnte ein langsameinschlferndes Gesumse der Orgel. Weihrauch und
Kerzendampf lagerten sich in festen, bleigrauen Schwaden zwischen die
weigetnchten Pfeiler und die Wlbung. In dem Zug der geheimnivoll
dahinschleichenden Menschen bemerkte ich eine Menge seltsamer
Gestalten. Da ging an der Spitze eine junge, prchtige Frau in einem
blauen, sternbesten Kleid, die Brste offen, die linke halb entblt;
und durch Brust und Kleid hindurch ging ein Schwert, so, da das Kleid
gerade noch getroffen war, als sollte das Kleid dadurch empor gehalten
werden. Sie blickte fortwhrend mit einem verzckten Lcheln an die
weie, kalkige Decke empor, und hielt die Arme in brnstiger Geberde
ber die Brust gekreuzt, so da es den Eindruck gewann, als jubilire
sie innerlich ber einen Gedanken (wobei ich nochmals bemerke, da das
Schwert links, bei der linken Armbeuge, bis zum Heft fest darinsa).
Dies war die vorderste Person. Aus der hinter ihr folgenden Reihe
fielen Manche durch ihre wunderliche Tracht auf. Die Meisten hatten
bestimmte Werkzeuge in der Hand. Der Eine eine Sge; der Andere ein
Kreuz; der Dritte einen Schlssel; der Vierte ein Buch; Einer gar
einen Adler; und ein Anderer trug ein Lamm auf dem Arme mit herum.
Niemand wunderte sich ber den Andern. Keiner sprach mit dem Andern.
Aus dem Schiff der Kirche fhrten drei Stufen zu der erhhten Estrade,
wo der Altar stand. Jeder wartete mit seinem in bestimmter Haltung
getragenen Werkzeug, bis der Vordere die drei Stufen droben war, um
nicht mit ihm zusammenzustoen. Was mich am meisten wunderte: Niemand
wunderte sich ber mich. Ich blieb vllig unbemerkt. Und selbst der
Mann, der mit seinem schiefbalkigen Kreuz an mich angestoen war,
schien davon nichts bemerkt zu haben. Eine zweite weibliche Person
fiel mir durch ihre pathetische Haltung im Zuge auf: eine blonde
Frau, nicht mehr jung, mit hbschen aber verwitterten, abgelebten
Zgen. Sie trug ein ganz weies Kleid, ohne Falbe oder Borde; in der
Mitte mit einem Strick gebunden. Dieser Strick war aber vergoldet;
die Brste vollstndig entblt. Doch schaute Niemand auf diese ppig
quellenden Brste hin. Reiche, blonde Flechten, vollstndig aufgelst,
wallten den ganzen Rcken hinab. Sie trug den Kopf tief auf die Brust
gesunken, und schaute verzweifelt auf ihre, nicht wie gewhnlich
gefalteten, sondern nach auswrts umgeknickten Hnde (wie es auf dem
Theater Verzweifelnde machen); Thrnen perlten fortwhrend von ihren
Wimpern, fielen von da direct auf ihre Brste, von da auf das Kleid
und auch noch auf die stellenweise unter dem Kleid hervorkommenden
Fe.--Es wre unmglich Alle die aufzuzhlen, die hier so still
und selbstverstndlich, wie zu einer regelmigen Uebung, da hinauf
wanderten; aber der Mensch mit der verkniffenen Fratze, der anfangs
seinen Schlssel so energisch in das Mondlicht hielt und den ich vor
dem Einschlafen unwillkrlich noch auf dem Postament betrachtet hatte,
war auch dabei.--Trotz des eintnigen Orgelspiels war mir seit dem
Erwachen ein eigenthmliches, zischelndes Gerusch hinter meinem Rcken
am Altar nicht entgangen. Ich blickte jetzt um und bemerkte dort einen
hochaufgeschossenen, ganz wei gekleideten Menschen, der fortwhrend
in den an ihm vorbeiwandernden, theilweise vor ihm haltmachenden Zug
hineinflsterte: "Nehmet hin und esset! Nehmet hin und esset!" Es
war eine unsglich feine Figur: schlank, gracile Glieder, geistvolles
Profil, griechische Nase, dunkle, glattgescheitelte Lockenwellen fielen
ber Schlfe, Ohr und Nacken; ein durchsichtiger, jnglinghafter Flaum
um Kinn und Lippen. Nur bemerkte ich an seinen Hnden Blut. Er stand
am uersten linken Ende des Altars und schob den je zu zwei vor ihm
stillstehenden und auf einem rothen Schemel knieenden Menschen aus
dem Zug ein rundes, wei angestrichenes Stck in den Mund, da diese
unter brnstigem Augen-Aufschlag an die Decke blickten, und flsterte
immer zu: "Nehmet hin und esset! Nehmet hin und esset!" und "Nhmet
hin und sset!" prallte es von den halbkugelfrmigen Hohlwnden hinter
dem Altar zurck. So weit war Alles gut. Auffallend war mir zwar,
woher dieser Mensch die weien runden Stcke brachte. Er langte wohl
fortwhrend in den Brustlatz seines Gewandes hinein; dort konnte aber
ein Vorrath, eine Tasche u. dergl. von den weien Mnzen unmglich
sein; einmal, weil dieses Austheilen ewig fortging und kein Ende nahm;
ferner ein Unterkleid, wie man deutlich sehen konnte, nicht da war; und
schlielich die Dnnbrstigkeit dieses abgehrmten Menschen eine so
excessive war, da, was sich im Profil darbot, nothwendig dem Krper
selbst angehren mute. Auch bewegte er die feine, hchst schlank
gebaute Hand so tief nach innen, da fr mich, so weit meine allerdings
der Tuschung fhigen Sinne in Betracht kamen, kein Zweifel bestand,
da er die kreidigen Zwlf-Kreuzerstcke aus seinem Krper selbst
brachte.--Ich sagte, so weit war Alles gut: Die Leute, die Frau mit
dem Schwert in der Brust voraus, marschirten hinter dem Altar herum,
um auf der rechten Seite wieder zu ihren Pltzen in den Kirchenbnken
zurckzukehren. Aber was war denn auf dieser rechten Seite?--Dort
stand ein analoger Mensch,--mehr ein mythologischer Zwitter als ein
Mensch,--in einem schwarzen, protestantischen Predigertalar, vorn am
Hals die viereckigen, weien Tablettes oder Bffchen, hinter denen
ein schwarz behaarter Hals zum Vorschein kam; hinten am Ges theilte
sich das Predigerkleid, und ein schwarzer, affenartiger Wickelschwanz
rollte sich dort heraus von so respectabler Lnge, da er, die Breite
des Altars berspannend, mit dem Rcken des auf der linken Seite
amtirenden weien Menschen in stete Berhrung kam. Unten guckten zwei
hufartige Fe heraus, und oben, am Predigerhals sa ein Kopf, dessen
wilder Haarwuchs verbunden mit einem gelben Kolorit, eingefurchten,
denkfaltigen Zgen, und einer stumpfigen Nase einem deutschen
Professoren-Gesicht an Hlichkeit wenig nachgab. Eine goldene Brille
complettirte diese aus Aerger, Bitterkeit und Ekel zusammengesetzte
Physiognomie.--Eigenthmlich war es, da er fast pendelartig dieselben
Bewegungen und Gesten machte, wie sein weies Vis--vis,--oder
Rck'-gegen Rcken--auf der andern Altarseite.--Er hielt einen
schwarzen Becher in der Hand, aus dem er seiner hnlich wie drben
vorbei-paradirenden Gesellschaft zu trinken gab. Dabei rief er in
einem heiseren, grlenden Ton der jedesmal vor ihm knieenden Person
zu "Nehmet hin und trinket!" Und jedesmal fhrte er den Becher hinter
sich herum, am Ges vorbei, um ihn dann der nchsten Person an die
Lippen zu setzen. Was war nun aber das fr eine Gesellschaft auf dieser
rechten Seite? Eine merkwrdige und ganz anders geartete als drben! Da
war ganz vorne ein Mensch mit einer langen Nase und zurckweichendem
Kinn, einen Dreimaster am Kopfe, den ausgemergelten Krper in eine
franzsische Uniform gesteckt  la Louis XV., mit zurckgeschlagenen
rothen Rockflgeln, einen Degen zur Seite, in der rechten Hand einen
Krckstock, und zu allem Ueberflu noch unter'm linken Arm eine
Flte; er hielt den Kopf immer schief und sah sehr ausdrucksvoll
drein, und schien genau zu wissen, was er that.--Da war ferner ein
feiner, eleganter Kerl in spanischem Kostm, Tricots bis fast an die
Lende, Pluderhosen, gestepptes, panzerartiges Wams, darber einen
goldbordirten kurzen Mantel  la Philipp II., Schnallenschuhe, Sammthut
mit Strauenfeder; das Gesicht gealtert, aber noch leichtfertig
aufgelegt; einen gezckten, blanken Degen in der Rechten tnzelte er,
die Champagner-Arie aus Mozart trllernd, die drei Stufen zum Altar
hinauf, mit Wohlwollen auf die Ceremonien des schwarzgeschwnzten
Predigers sich vorbereitend. Unter den Frauenzimmern bemerkte ich eine
in einem weien, griechischen Gewand mit goldener Falbel, die Arme
nackt und mit goldenen Spangen, die Brste verfhrerisch halb entblt;
auf dem blonden feingeschnittenen Haupt ein Knigsdiadem, und unter
dem Arm eine Lyra; mit ihren frhlichen, fast ausgelassenen Manieren
bildete sie einen wirksamen Gegensatz zu der blonden, schluchzenden
Frau auf der andern Seite.--Es waren noch manche wunderbare, wie es
schien, aus allen Gegenden und Zeiten zusammengewrfelte Gesellen da.
Da war einer in einem langen, dunkeln, schleppenden Magister-Gewand,
Barett auf dem ernsten Gesicht, eine dstre, grbelnde Scholastenmiene,
unter dem Arm ein geheimnivolles Buch mit bhmischen Lettern, der
mit zu Boden gewandtem Blick schweigend in der Reihe einherging.
Gleich hinter ihm ging ein junges Mdchen mit mildem, weichem
Gesichtsausdruck, die einen abgehauenen, brtigen Kopf auf einer
Schssel trug. Der Kopf schien der eines Denkers zu sein; das Mdchen
lchelte und schien mit einem heitern Gedanken beschftigt zu sein.
Aber weitaus die prominenteste Figur in dem ganzen Zug war ein
untersetzter, starkknochiger Mann mit rundem glattrasirtem Gesicht und
Stiernacken im schwarzen Predigergewand, (dasselbe Predigergewand,
welches der geschwnzte Mensch rechts am Altar trug,) der mit
emporgeworfenem Kopf und selbstbewuter Miene einherging, unter dem
linken Arm eine Bibel, unter dem rechten eine Nonne; dies war berhaupt
das einzige Paar im ganzen Zug.

Schon oben sagte ich: Soweit war die Sache ganz gut. Und die Sache wre
auch weiterhin ganz gut gewesen: Der linke Zug ging, wie ich mir die
Intention dachte, rechts um den Altar herum, der rechte links herum, um
auf diese Weise in ihre respective Kirchensthle zurckzukehren. Wie
aber, wenn diese zwei Zge von so heterogenem Charakter sich hinter
dem Altar begegneten. Und das _muten_ sie!--Ich versumte leider
dieses Zusammentreffen. Fortwhrend beschftigt mit dem Durchmustern
besonders des rechten Zuges hrte ich nur pltzlich eine gelle heisere
Lache aufschlagen. Ich wandte mich um, und sah den schwarzgeschwnzten
Menschen, der auf der rechten Seite den Kelch mit dem verdchtigen
Inhalt kredenzte, sich mit einer hhnischen Fratze nach der andern
Seite umsehen, wo der weie, sanfte Mann bleich und starr wie ein
Todter stand. Hinter dem Altar sah ich die Spitzen beider Zge sich mit
verdchtigen Mienen gegenseitig messen. In diesem Moment verlschten
smmtliche Kerzen; ein dicker, schweflicher Dampf verbreitete sich
im ganzen gewlbten Haus; das einschlfernde Summen der Orgel wurde
von einem keifenden, gilfenden Aufschrei, wie von einem blechernen
Accord unterbrochen, als htte man eine der Orgelpfeifen mit einem
Beil verwundet. Es entstand ein frchterlicher Tumult; man hrte harte
Krper strzen, Werkzeuge aufschlagen, Leuchter und Schsseln zu
Boden fallen, weibliches Wehklagen, mnnliche Kernflche, Lachen und
Schreien und dazwischen rief eine mokante, kropfige Stimme (die, glaube
ich, dem Schwarzen angehrte) mit einem eigenthmlichen, jdelnden
Jargon: "Ja, ja!--Nhmet hin und sset!--Ja, ja!--Nhmet hin und
trinket!"--Halb aus Furcht erschlagen zu werden, halb aus Unmglichkeit
in der stickigen Luft weiter zu athmen, tappte ich mich im Finstern dem
Ausgang zu, der, ich wute, zur Rechten lag. Im Vorbergehen streifte
ich am Weihkessel an, der mit einem "Springsau!" mir den Abschied gab,
und gelangte glcklich ins Freie.--

Es war noch immer Nacht; doch sah man im Osten die Dmmerung
heraufkommen. Ich eilte so rasch wie mglich diejenigen Gassen entlang,
von denen ich glaubte, da sie mich am schnellsten ins Freie bringen;
ich kam an einem erleuchteten Fenster vorbei; Bcker schoben dort
gerade auf langen Brettern das neue Brod in die Rhren; ich war nur
froh mich wieder in irdischer Gesellschaft zu finden. Doch eilte ich,
aus dem Dorf zu kommen, holte, auf der Landstrae angekommen, tchtig
aus, und gelangte nach mehrstndigem Marsch gegen Morgen in eine kleine
Ortschaft von harmlosem Aussehen mit freundlichen Leuten, berall
offenen Thren, und einer wenig prponderirenden Kirche, dagegen
mit einem vortrefflichen Wirthshaus, wo ich nicht sumte, mich zu
restauriren.--

Acht Tage spter las ich,--inzwischen in die Kreisstadt gelangt,--im
Amtsblatt folgende Bekanntmachung:

"In vergangener Nacht wurden in der hiesigen Ortskirche grauenhafte
Zerstrungen angerichtet. Die Bildsulen der Heiligen und Kirchenvter
wurden von ihren Sockeln gestrzt, die Embleme ihnen aus der Hand
gebrochen, Arme und Beine abgeschlagen ec.--Da die ziemlich leicht
zugngliche Armenbchse unberhrt gelassen, auch sonst Werthvolles
nicht entwendet worden, stellt sich das Ganze als ein Akt rohen
Muthwillens und moralischer Verderbtheit dar. Verdacht richtet sich
gegen einen Handwerksburschen, der spt Nachts in's Dorf kam und es
gegen Morgen in der Richtung nach ----* verlie. Es wird gebeten, auf
denselben zu vigiliren. Derselbe, von dem jede nhere Beschreibung
fehlt, ist im Betretungsfalle festzunehmen und anher einzuliefern."--

     Gemeinde Zinsblech. Landgericht Pinzgau.
              Der Brgermeister ** (Datum.)




Eine Negergeschichte

                    _Tantam vim et efficaciam_
                    _nonnulli phantasiae et_
                    _imaginationi in proprium_
                    _imaginantis corpus tribuerunt._
                         _Benedicti XIV; de imaginatione et ejus viribus._


Erst ganz kurz hatte ich mich in einer der stlichen Vorstdte
_Hamburgs_ als Arzt und junger Anfnger niedergelassen. Der groe
Weltverkehr dieser Seestadt hatte stets einen eigenthmlichen
Reiz auf mich ausgebt. Durch billiges Honorar und unentgeldliche
Armen-Behandlung hatte ich mir bald eine zahlreiche Clientle, freilich
meist geringere Leute, herangezogen. Ich wohnte ganz frei, fast wie
auf dem Land. Ich hatte den Sommer als ersten Aufenthalt gewhlt, um
von der mir noch ganz fremden Stadt, meinem knftigen Aufenthaltsort,
einen mglichst gnstigen Eindruck zu bekommen. Auf einer groen Wiese
vor meinen Fenstern lagerten immer groe Carawanen oder kleinere Trupps
seltener Thiere oder fremdartiger Menschen, die meist von London
herbergekommen waren, und hier ihre weiteren Verschickung in's Innere
Europas warteten. Ganz in meiner Nhe lag auch die Irrenanstalt.--

Es war ein schner Junimorgen. Meine Sprechstunde sollte eben beginnen.
An der Thre, die zum Wartezimmer fhrte, hrte ich ein seit einer
Viertelstunde immer wachsendes Summen und Schwirren, unterbrochen
von Kindergeschrei, von dort wartenden, meist rmeren Leuten,--als
pltzlich die Thre meines Wohnzimmers, die zum Hausgang fhrte, mit
einem energischen Griff aufgerissen wurde, und ein _Neger_ zu mir
in's Zimmer trat. Gleich hinter dem Neger kam mein Aufwarte-Mdchen
mit besorgten Blicken hereingestrmt, um mir das unreglementmige
Eintreten des Fremden zu erklren und zu entschuldigen. Ohne sich
irgend wie abhalten zu lassen, sei der schwarze Mensch, als er meinen
Namen an der Zimmerthre gelesen, an ihr vorbeigeschossen und habe
die Thre aufgerissen ... so oder hnlich drckte sie sich aus. Ich
erwog, welche Bestrzung der schwarze Mensch im Wartezimmer, wo
sich Kinder befanden, verursacht haben wrde, und, indem ich mein
Warte-Mdchen beruhigte und abtreten lie, forderte ich den Neger mit
einer freundlichen Handbewegung zum Sitzen auf. Dieser Mensch hatte
mich aber bereits mit einer Fluth von Phrasen und einem Durcheinander
von Kauderwelsch bergossen: "... halloo! Sie sind der Dokter?--You are
the doctor!"-"Jawohl!"--"Ich habe Ihnen eine wichtige Consultation
vorzutragen;--ich habe Ihnen aine sehr wichtige Mittheilung, aine
sehr erfreuliche Mittheilung zu machen;--sehr wichtig und sehr
erfreulich vor mich; ich wai nicht, ob auch vor Sie.--Aber ich
glaube, da Sie ein guter Docter sind, der hat ain Herz,--at least I
presume;--Sie werden kaum glauben, was ich Ihnen werde erzhlen, das
hait, Sie knnen kaum glauben, wenn Sie gesunde Kopf haben,--ich
meine, Sie werden hchst wahrscheinlich nicht glauben,--aber es ist
doch wahr,--es ist furchtbar wahr,--es ist fast zu toll, um wahr zu
sain.--I'm a nigger;--that is, I have been a nigger!--Ich habe Neger
gewesen!--oh,--ich bin Neger gewesen!--Ich bin Neger nicht mehr!..."--

Ich mu hier den Leser auf einen Punkt aufmerksam machen. Der Neger,
der hier vor mir stand, und sich um keinen Preis setzen wollte, war
schwarz. Die wird vielleicht Manchem als eine hchst berflssige
Bemerkung erscheinen; sie ist es aber nicht, wie der Leser am Schlusse
dieser absonderlichen Sprech-Zimmer-Debatte, womit die Geschichte
berhaupt zu Ende ist, erkennen wird. Ich fge hinzu: Der Neger
war nicht nur schwarz; es fehlten auch jene brunlichen Tinten und
helleren Flecke, wie man sie bei den etwas entfernter vom Aequator
wohnenden Stmmen findet. Der Mann war _ganz_ schwarz; jene Schwrze
mit blulichem Anhauch, wie es bei uns ein frisch gewichstes Ofenrohr
darbietet; mit einem Wort, ein echter _Sudan_-Neger.--Er war
abendlndisch gekleidet, trug einen hellcarirten, doppelten Ueberzieher
im englischen Schnitt, einen eleganten braunen, faonirten Filzhut,
keine Handschuhe, dicke, auffallend groe Stiefel, die er fertig
gekauft zu haben schien, und, in Unkenntni ihres Bau's, rechts und
links verwechselt hatte; die ganze Gestalt krftig, untersetzt; das
Gesicht bartlos, wulstige Lippen, breitgequetschte Nase, ein groes
sprechendes Auge, kurze aber gut entwickelte Stirn, und, ich wiederhole
nochmals, die Haut ganz schwarz.--Ich mu sagen, das Erscheinen dieses
Menschen in meiner Sprechstunde war mir nicht besonders angenehm; der
wilde schwarzbltige Pathos, mit dem er sich, wie der Leser bemerkt
haben wird, ziemlich aufdringlich bei mir eingefhrt hatte, lie
mich befrchten, ich mchte nicht so rasch mit ihm fertig werden.
Inzwischen war es l Uhr geworden. Im Wartezimmer neben drngte und
stie es an die Thre; es war jedenfalls schon voll; und fortwhrend
klingelte es, und es kamen neue Patienten.--Auf der andern Seite
beunruhigte mich der Gedanke, da ich in orientalischen Krankheiten
und unter den Tropen vorkommenden Leiden hchst ungengend orientirt
war; in Neger-Pathologie wute ich nun schon gar nichts.--Die Suada,
die der Mann mit immer heftigerer Gesticulation hervorbrachte, lie
sogleich erkennen, da er ursprnglich englische Cultur-Verhltnisse
durchgemacht, und dann erst von hier aus sich das Deutsche
angeeignet hatte, welches er mit englischem Accent sprach.--Das
Haupt-Leiden der Englnder, wenn sie sich in tropischen Gegenden
aufhalten,--sagte ich mir rasch,--ist das Saufen; sie leiden alle
an der Leber;--und die erste Leidenschaft, die wilde, uncivilisirte
Vlker bei ihrer Berhrung mit Abendlndern diesen nachmachen, ist
der Schnapsgenu;--vielleicht,--dachte ich mir,--leidet der Mann
an der Leber. Und in diesem Sinne unterbrach ich das unaufhrliche
Kauderwelsch dieses Menschen, das ich dem Leser unmglich Alles
vorfhren kann, mit den Worten: "Mein lieber Freund, sind Sie
krank, und wo fehlt es Ihnen?"--"Krank?"--replicirte mein schwarzes
Vis--vis sehr heftig, und ri die Augen auf,--"krank,--nein! ich
sein nicht krank; ich bin ganz gesund, gesnder als vorher ..."--"Ja,
was wollen Sie dann von mir?"--frug ich etwas rgerlich.--"Bitte,
Docter,--haben Sie gute Herz und hren Sie mich an!"--In diesem
Moment kam mir der Gedanke, da der Bursche ein Almosen verlange,
und, um dasselbe mglichst gro ausfallen zu machen, im Begriff sei,
mir eine Schicksals-Tragdie zu erzhlen. Ich griff daher in mein
Portemonnaie, nahm ein kleines Geldstck und hielt es ihm hin. "Was
haben Sie Docter?" frug der Neger und wich vor meiner Hand zurck.
--"Eine Kleinigkeit fr Sie,--um Ihnen zu helfen!"--"Geld?"--schrie
er,--"ich brauch kein Geld, hab' ich selbst Geld,"--und hieb mit der
rechten bermig groen Hand auf seine rechte Hosentasche;--"Geld ist
Schmutz!"--fgte er hinzu, und holte mit der enormen schwarzen Pratze
einen Haufen Mnzen aus der Hosentasche, und hielt sie mir zitternd
vor das Gesicht.--"Hier Docter, wollen Sie Geld?--Geld ist Schmutz!"
schnaubte der Neger, und war einen Schritt nher auf mich zugekommen,
mich mit den weien Kugeln seiner Augen bedrohlich beobachtend. Wie
ich diese schwarze Hohlhand, in der bunt durcheinander Gold-, Silber-
und Kupferstcke von nicht unbetrchtlichem Werth lagen, vor meinen
Augen zittern sah, und sah die kittgelben schmutzigen Ngel, und
die affenartige Krmmung derselben, und roch den eigenthmlichen
Neger-Schwei, kam mir das Gefhl, ich befnde mich einem Thier
gegenber, welches mich jeden Moment mit einem Schlag seiner Pranke
zerschmettern knne. Ich beschlo daher so sanft wie mglich diesem
erregten Menschen gegenber zu verfahren.--

"Sait wai Jahren war ich eccentric dancer im Royal Garden in
London,--Docter!--und hab viel schmutzig Geld gemacht;"--nahm
mein Besucher den Discurs wieder auf, und zeigte vor Freude die
zwei Reihen seiner grokalibrigen Zhne; denn die Bestrzung, in
die er mich gebracht, war ihm nicht entgangen.--"Sagen Sie mir,
wo es Ihnen fehlt,"--begann ich nun meinerseits sehr ruhig und
entgegenkommend,--"damit ich Ihnen helfen kann; da drinnen warten
einige fnfzig Personen!"--fgte ich hinzu, auf die geschlossene Thr
des Warte-Zimmers weisend.--"All right!"--sagte der Neger, brachte
das Riesen-Stck-Fleisch mit den gelben Fingerngeln leer wieder
aus der rechten Hosentasche zurck, trat einen Schritt weg, stellte
sich in Positur und fuhr dann fort: "Ich bin aus _Pululi_...."--"Von
mir aus von wo der Pfeffer wchst!"--entgegnete ich mimuthig, und
stand vom Stuhl auf.--"Nein!--nicht von _Pfeffer-Kste_!"--replicirte
der Schwarze mit einer heftigen Gesticulation, ohne meine
Wendung verstanden zu haben,--"_Pfeffer-Kste_ ist weiter gegen
Sonnen-Untergang;"--"Weiter, weiter, weiter!--Damit wir zu ihrer
Krankheit kommen."--"Ich uar der beste dancer in mein Dorf; wir tanzen
auf Holzschuhen und singen sehr schne Lieder dazu--so!"--in diesem
Moment machte der Neger einen Luftsprung, whrend dessen er mit dem
rechten Fu die Decke meines ziemlich hohen Zimmers berhrte, von da
ein kleines Stckchen Speis mit herabnehmend; dabei stie er einen
offenbar Freude andeutenden, lange-gurgelnden, scheulichen Laut aus,
und fiel zuletzt mit dem herabkommenden Fu mit solcher Wucht auf den
Boden, da mehrere Glser auf meinem Schreibtisch umstrzten, und er
selbst wie in eine Staubwolke eingehllt schien. Im Neben-Zimmer fing
ein Kind heftig zu schreien an.--"Ja, Docter, ich uar beste dancer in
Nikowikdwanga! Aber zu maine groe Unglck. Ich habe nie in Wasser
gesehen, weil der groe Neger-Geist verbietet Sudan-Vlker, sich in
Wasser zu sehen; und Spiegel haben wir nicht. Ich habe nie in Wasser
gesehen. Ich habe nicht gewut, da ich schwarz bin. Und das dancing
hat mich in Unglck gestrzt!..."--"Was soll aber ich mit dem Allen?"
ich,--"Kommen Sie zu Ihrer Krankheit!"--"Aine schne Tag kommt ain
Mann zu mir, und fragt mich, ob ich will gehen zu mchtige Volk von
Englnder, die am ganze Krper Kleider tragen, und dancing und singen
in ein Haus voll mit ein Meer von Licht;--und er zeigt mir Hand mit
schmutzig Gold,--so!"--und dabei griff mein schwarzer Besucher wieder
in die rechte Hosentasche und hielt mir einen Haufen stinkenden
Geldes in dem schwarzen Kbel seiner Hand dicht vor die Nase. Und ich
traute mich nicht zurckzuweichen, aus Furcht, der Neger mchte mir
noch nher auf den Leib rcken. Ich sagte nur: "Und dann?"--"Ich bin
gegangen mit diesem Mann, weil ich glaubte, da Geld rein ist und
nicht schmutzig. Und hab' bestiegen eine groe englische Schiff, und
wir sind gefahren uai Monate auf dem Meer, und whrend uai Monate
ich hab' nicht gesehen in Wasser, weil der groe Neger-Geist verbietet
Sudan-Volk, sich im Wasser zu sehen. Und ich hab' nicht gewut, da
ich war schwarz. Und dann, wir kamen nach Liverpool."--"Weiter, weiter,
weiter!" drngte ich.--"In Liverpool, Docter! sah ich kolossal viel
blinzelnde Menschen zwischen groe Huser spazieren mit Gesicht wie
Mehl und Kreide,--scheulich!--scheulich!"--"Weiter, weiter!--Haben
Sie das Klima nicht vertragen?"--"Klima?--Was ist Klima?--Luft war
gut; Essen war gut; Wohnung sehr hart; aber diese Menschen! mit das
grinsende Gesicht! und alle dicht hintereinander spazierend, und
mich anstarrend mit dem Kalk-Gesicht!"--"Daran gewhnt man sich
doch!?"--"Oh yes, Docter!--daran gewhnt man sich; ich habe mich auch
daran gewhnt; ich habe sogar englisch gelernt;--aber aine Tag, als
ich in Lancaster-Street spazieren gehe, schaue ich durch ein Block
Wasser...."--"Ein Block Wasser,--was soll das heien?"--"Ich schaue
durch ein Block Wasser, welches in einem Haus ist, und hinter dem die
Leute hin- und hergehen und schne Sachen zum Verkauf aufstellen."--"Es
wird ein Schaufenster gewesen sein?"---"Well, es uar ein Block festes
Wasser."--"Es war eine Glasscheibe!"--"Well, Glas ist festes Wasser!"
--"Wenn Sie wollen, in Gottes Namen!--Was weiter?"--"Well, Docter, ich
schau in den Block; es uar ein Versehen, weil der groe Neger-Geist
verbietet Sudan-Volk in festes Wasser zu sehen; aber ich schaue hinein,
und Docter, was sehe ich?"--"Nun, vielleicht war es gutes Spiegelglas;
Sie werden sich selbst gesehen haben?"--"Ein schwarzes Scheusal!--Ein
fletschender Gorilla!--Ich glaubte zuerst ein Thier stehe im Laden und
schaut heraus; aber die uaien Menschen, die vorber gingen, haben
sich auch in dem Block Wasser gesehen; und jetzt sah ich, da ich uar
das scheuliche Thier; _jetzt ich wute, da ich uar schwarz_; und da
Abends die Englnder applaudiren, wenn ich thu singing und dancing,
weil ich uar schwarzes Neger-Thier; und da sie spritzen aus hundert
Rhren knstliches Licht, damit sie mich besser sehen knnen!"--"Mein
Gott, Sie fassen die Sache hchst sonderbar auf; auf diese Unterschiede
in der Hautfarbe konnten Sie doch schon frher kommen!"--"Ja, und jetzt
hab' ich gefunden Kalk-Gesichter von uaie Englnder und noch mehr von
Englnderinnen sehr pretty,--ja, sehr schn;-und dann hab' ich geflucht
dem groen Neger-Geist, der Sudan-Volk hat schwarz angestrichen; und
ich habe beschlossen, da ich mu werden _uai_...."--"Sie haben
beschlossen wei zu werden?--Ja, das wird Sie wenig helfen!"--"Was?
Docter, wissen Sie nicht, da wir haben was in unser Kopf, das Alles
kann ndern?!"--"Was haben wir in unserem Kopfe?"--"Wir haben Etwas,
das Alles kann machen, wie es will!"--"Das versteh' ich nicht; was soll
das heien?"--"Well, wenn schwarze, hliche Sudan-Volk hat so Etwas in
sein Hirn, dann mu Englnder und Deutsche auch haben?" "Ja, wir haben
doch keinen Farbtopf, der Alles anstreicht, wie wir wollen?!"--"Nix
Farbtopf!--oder Farbtopf im Kopfe;--nix falsche Farb,--echte
Farb!"--"Ja, und was war das Resultat Ihrer Anstrengungen?"--"Well,
Docter, nachdem ich uai Monate bin jeden Tag gegangen zu dem
Wasser-Block und hab' hineingeschaut, und hab' mir gesagt: Poppy, du
mut _uai_ werden, und hab' fast nichts mehr gegessen, und nicht
mehr geschlafen, und bin so schwach geworden, da ich konnt' nicht
mehr dancing und singing, und Mister hat mich weggeschickt, und
bin ganze Nchte herumgelaufen, um zu suchen ein Wasser-Block, zum
Hineinschauen, weil Nachts alle sind verschlossen, und bin dann zum
Flu gelaufen, und habe hineingeschaut ein Stunden, uai Stunden, ganze
Nacht,--endlich, Docter, nach uai Monate,--nachdem ich uar wie ein
Hund,--konnt' nicht mehr reden, nicht schlucken, aber immer noch in
mein Kopf das helle Bild von mein Gesicht, das wunderschne _uaie_
Negerbild...."--"Nun?" frag ich voller Erwartung.--"Well, Docter, nach
uai Monat, eines Tags, pltzlich,--it was a wonderfall sight!--ich
bin geworden uai...."--"Weise oder wei?"--"Well,--eine Morgen, in
Lancaster-Street, wie ich schaue in Wasser-Block,--ich bin gehabt,--oh,
ich _habe_ gehabt uaie Farb,--wunderschne _uaie_ Gesicht,-oh, I tell
you Docter, ich uar schnste Mann in Liverpool; und alle Leute haben
mich angeschaut; und ich bin gegangen zu main Master, und hab' gesagt,
ich kann wieder dancing und singing. Aber der hat mich auf Schiff
geschickt nach Hamburg...."

In diesem Moment fuhr drauen vor meiner Wohnung ein Wagen vor, und ich
hrte zwei Mnner eilfertig vom Bock springen. Ich war von der Rede
meines Besuchers fast starr geworden. Das Gerusch des Wagens hatte,
wie es schien, auch ihn stutzig gemacht. Noch zitternd und glhend
von der Aufregung seiner Erzhlung stand der Neger erwartungsvoll
vor mir; das Blut-Roth seines Gesichtes hatte seiner schwarzen Farbe
die Mischung von Bronce geliehen. Die weien Augen waren gespannt
und erwartungsvoll auf mich gerichtet. Aber gleichzeitig zeigte mir
sein beschleunigter Athem und die furchtsamen Kopfwendungen nach
der Thr, da er irgend welche Gefahr wittere, mir unbekannt woher.
Inzwischen hrte ich drauen an dem Gesumme und Gemurmel an der
Hausthr, da etwas Auergewhnliches vorgegangen sein msse. Auch
das Sprechzimmer nebenan kam in Unruhe. Vielleicht hatte man einen
pltzlich Verunglckten gebracht.--"Ja, und womit kann ich Ihnen nun
dienen?"--frug ich jetzt mit der grten Ruhe mein Vis--vis.--"Well,
Docter, ich bitte Sie um ain Zeugni, da ich bin _uai_,--die
schwarzen Teufel, die mich...." Ich konnte den Rest seiner Rede
nicht hren, denn ich unterbrach ihn mit den Worten: "Ja, mein lieber
Freund, Sie sind aber schwarz; Sie sind schwarz wie ein Sudan...."
In diesem Moment fhlte ich mir die Kehle zugeschnrt, hrte einen
Schrei ausstoen, wie ihn vielleicht die Hyne hervorbringt, und vor
meinen Augen tauchte das lechzende blutrnstige Gesicht des Negers mit
vorgetriebenen, weien Augpfeln und heiem Athem auf.... Ich htte
wohl bald die Besinnung verloren, aber gleichzeitig waren zwei Mnner,
beide im gleichen gestreiften Drilch-Anzug in's Zimmer gestrzt, von
denen der Eine zum Andern sagte: "Da ist er!"--Bei ihrem Anblick
lie der Neger, der mir wie ein Panther an die Kehle gesprungen war
und mich zu drosseln angefangen, mich los, und strzte sich mit den
Worten "Da sind sie, die schwarzen Teufel!" auf sie. Es entstand ein
frchterlicher Kampf zwischen den zwei uniformirten Leuten, in denen
ich Irrenhaus-Wrter erkannte, und dem herkulisch gebauten Sudanesen.
Die Gold- und Silber-Stcke des Negers fielen, da er oftmals verkehrt
in der Luft schwebte, zerstreut da und dort auf den Boden. Er schrie
immer und immer wieder: "Docter, helfen Sie mich gegen die schwarzen
Teufel!"; dabei waren seine Augen derart aus ihren Hhlen getreten, da
sie das ganze, mundschumende Gesicht wie mit einem weien Schimmer
berzogen. Im Wartezimmer nebenan hatten die Kinder frchterlich zu
schreien angefangen, und bleich und entsetzt stand an der weitoffenen
Zimmerthr mein Aufwarte-Mdchen.--Endlich wurde der Neger berwltigt
und geknebelt. Er warf mir noch einen langen, schrecklichen, weien
Blick zu. Dann ward er gepackt, hinausgetragen, in den Wagen geschoben,
und huida!--hast du nicht gesehen?---fort ging's in's _Irrenhaus_.




Ein Criminelles Geschlecht

                            "_Er wute Nichts von den_
                            _Geschlechts-Unterschieden der_
                            _Menschen, und unterschied die_
                            _Leute nur nach den Kleidern."--_
                               _Bericht ber Kaspar Hauser. (1828.)_


Es war um die Zeit, als ich in dem von Deutschland neugewonnenen
Straburg studirte, da ich eines Tags einem Criminal-Commissarius
vorgestellt wurde, der bei der damals kurz nach dem deutsch-franzsischen
Kriege nothwendig gewordenen Neu-Ordnung der Dinge aus dem Norden
Deutschlands dahin versetzt worden war. Wir trafen uns fter. Es war
ein uerst verschlossener Mann; accurat, streng gegen sich und andere,
aufrichtig, wahrheitsliebend, gottesfrchtig, von fast puritanischer
Gesinnung, dabei gescheit, bis zum Grblerischen schlau und
mitrauisch, aber, wie mir schien, ohne jede weltmnnische Bildung, von
der er sich absichtlich zu entfernen schien. Er mute ausgezeichnete
Zeugnisse besessen haben, die ihn, vielleicht einen Vierziger, auf
diesen einflureichen Posten gelangen lieen. Er war unverheirathet und
protestantisch.

Eines Sonntags Nachmittag auf einem unserer Spaziergnge, als die
Unterhaltung, wie schon so oft, zu stocken schien, da er immer in
sich hinein horchte, und dem Gesprochenen nur halbes Ohr lieh, konnte
ich mich nicht enthalten, an ihn die etwas vorlaute Frage zu richten,
sintemal er viel lter war wie ich: "Herr Commissar, Sie scheinen
mit auerordentlichen Schwierigkeiten hier betraut zu sein, und Ihr
neuer Posten mu ganz absonderliche Aufgaben an Sie stellen, da Ihre
Zerstreutheit, fast Geistesabwesenheit...?"--Bei diesen letzten Worten
sah der Commissar scharf zu mir herber, halb mitrauisch, halb
erschrocken darber, da ich versucht, seines Inneres zu durchforschen.
Da ich seinen Blick naiv auf mir ruhen lie, so sah er weg, und ging
schweigend mit auf den Rcken gelegten Armen einige Zeit neben mir
her. Dann sah er mich noch einmal scharf, durchdringend an, und, wie
es schien, von der Prfung zufrieden gestellt, begann er folgenden
Discurs: "Mein lieber Studiosus, Sie sind noch jung, aber ich glaube,
ich darf Ihnen in Etwas vertrauen.--In der That, es sind ganz
absonderliche Aufgaben, vor die meine Regierung mich gestellt hat.--Ich
komme hoch aus dem Norden, aus einem kleinen Bezirksstdtchen, wo ein
paar Vagabunden und Felddiebe unsere einzige Aufmerksamkeit in Anspruch
nahmen.... Ich htte nicht geglaubt, da die Welt so complicirt ist;
ich konnte mir nicht denken, da hier herunten, wo die Vlkermischung
eine grere, so unerhrte Dinge sich im Geheimen abspielen...."--Mein
Begleiter, der sehr rasch sprach, unterbrach sich hier. Ich hatte die
Empfindung, als begnne eine groe Last sich von dem Herzen des in
seinem Innersten erschtterten Beamten loszuwlzen, und vermied es
daher, ihm in die Rede zu fallen.--"... Es ist nur so schwer,--begann
er wieder,--das in Wort zu kleiden, das, was ich Ihnen sagen will,
Ihnen mit den bisherigen Hlfsmitteln der deutschen Sprache begreiflich
zu machen.... Sie sind Mediziner,--Sie werden vielleicht Manches
besser verstehen, mir vielleicht sogar in Manchem einen Wink geben
knnen...."--"Sind es sanitre Maregeln, mit denen Sie hier betraut
wurden?"--wagte ich anzudeuten.--"Sanitr?--Ja, gewi, sanitr,--aber
sanitr ist zu wenig, sanitr drckt die Sache zu mild aus; es ist
weit mehr criminell!..."--"?"--Auf mein fragendes Zaudern wandte der
Commissar seinen Kopf zu mir herber, und schaute mich wieder mit jenem
seltsamen Blicke an, der mir vorhin schon aufgefallen war. Doch war es
diesmal weniger Furcht, ob er mir vertrauen knne, als Auskundschaften,
was ich zu seinen bisherigen Worten meine.--"Ja,--so, glaube ich,
kann ich's Ihnen am besten begreiflich machen,--fuhr mein Begleiter
dann fort,--denken Sie sich, ich bin von der Regierung beauftragt
worden, einer criminellen Vereinigung,--einer betrgerischen
Sippe,--einem Geschlecht nachzuforschen, welches sich hier seit
Aufhebung der Belagerung herumtreibt, aus Frankreich herberkommt,
sich in bestimmten Schlupfwinkeln festgesetzt hat, und rcksichtslos
im Geheimen sein Zerstrungswerk verrichtet!"--Der Commissar hatte
diesen Satz mit der grten Sorgfalt, den Finger an die Nase gelegt,
construirt, und Wort fr Wort vorgetragen, als handle es sich um eine
wissenschaftliche Definition, oder als frchte er, durch eine einzige
Umstellung, oder ein unvorsichtiges Adjektiv, mir eine unrichtige
Vorstellung von dem zu geben, was in seinem Innern selbst noch nicht
ganz klar erkannt worden war. Dann warf er den Kopf wieder pltzlich
zu mir herber, um sich auf meinem Gesicht zu orientiren.--"Hm!--sagte
ich--ist die Vereinigung politischer Natur?"--"Nein!"--replizirte
der Commissar mit einer fast schnalzenden Lebhaftigkeit, als freue
er sich, da ich diesen Einwurf gemacht, und brachte nun auch die
andere Hand hinter dem Rcken hervor, um sie mit einer heftigen
Gesticulation nach vorne zu werfen,--"nein!" er noch einmal mit einem
eigenthmlich saccadirten Laut, um dann beide Zahnreihen lngere
Zeit auf dem "n" ruhen zu lassen,--"politisch ist sie nicht, sonst
wre sie leichter zu fassen; leider ist sie gar nicht politisch;
sie ist sogar politisch indifferent; sie ist die persnlichste
und subjektivste Geheim-Coalition, die mir vorgekommen ist, dabei
von einem Egoismus, von einer Sicherheit des Egoismus, von einer
Tadellosigkeit der Geschfts-Praktik, da sie unter sich gar keiner
Verstndigungsmittel, keiner Parole, keines Augenzwinkerns bedarf, von
einer Untrgbarkeit des Erfolges, da man meinen knnte, eine neue
Race, ausgestattet mit den unfehlbaren Organen ihres Gewerkes, sei
auf die Welt gekommen!"--"Ach, mein Gott,--sagte ich nach einiger
Ueberlegung und wie enttuscht,--meinen Sie die Juden?"--"Nein!"--rief
er wieder lebhaft, und wie vorbereitet auch auf diesen Einwurf,--"die
sind es nicht; die wren mild; es ist eine geheimnivoll vorgehende
Vereinigung, die lautlos und unbeachtet, unbeachtbar, unfabar, sowohl
durch unsere Landesgesetze, als fr unsere Polizei-Organe, ihre
Thtigkeit ausbt, ja, die sich fast unserem Denken entzieht...!"--"...
die sich unserem Denken entzieht?"--wiederholte ich ganz
perplex;--".... die sich unserer denkenden Erwgung entzieht...!"--erklrte
es der Commissar ausfhrlicher.-... die sich unserer denkenden
Erwgung entzieht?"--syllabirte ich nochmals Wort fr Wort fr mich
hin.--"... hinsichtlich,--nahm der Commissar nochmals den Satz auf,--
hinsichtlich ihrer geheimen Triebfedern, ihrer letzten Motive, sich
unserem Denken entzieht!"--"... hinsichtlich ihrer geheimen Triebfedern
und letzten Motive sich unserem Denken entzieht!"--sagte ich auch diese
letzte Fassung zu meiner eigenen Bestrkung mir nochmals vor.--Dabei
fhlte ich, ohne hinzusehen, wie die Augen dieses Mannes heftig auf
mich hingerichtet waren; wie dieser Mann angstvoll irgend ein Wort
von mir erwartete, welches ihn in seiner eigenen Gedankenfhrung
bestrken knnte; ich fhlte, wie dieser Mensch, der sich seit zehn
Minuten vollstndig verndert hatte, dessen Miene, Bewegungen, Athmung,
Schlfe, Blick eine ungeheure Erregung verriethen, an einem Problem
herumlaborire, welches selbst fr die ungewhnliche Intensitt seines
Geistes zu hoch schien.--

"Arbeitet diese von Ihnen berwachte Vereinigung mit geistigen oder
physischen Waffen?"--frug ich endlich, um auf eine vernnftige Spur
zu kommen.--"Mit physischen, realen, recht eigentlich krperlichen
Waffen, d.h. dem ueren Anschein nach, wenn nicht noch etwas dahinter
steckt, was ich stark vermuthe."--"Sie sagen, aus Frankreich kommt
diese neue polizeiwidrige Clique?"--"So lautet meine Instruction;
ich war ja vorher nicht hier; jedenfalls der Mehrzahl nach, und die
gefhrlichsten aus Frankreich."--"Du lieber Himmel!"--sagte ich, und
wandte mich freundschaftlich zu meinem Nachbar,--"sind es vielleicht
_Franctireurs_?"--"Ha!"--rief der Commissar mit einer gellenden
Lache,--"so einfach mssen Sie sich die Sache nicht vorstellen;"--dann
nach einer Pause: "Ich sage Ihnen, die Gesellschaft ist unfabar und
uncontrollirbar; _Franctireurs_ kann man auf der That erwischen, und
vor ein Kriegsgericht stellen; diese lassen sich fast nie in Flagranti
ertappen; in einem Hui! ist alles vorbei; und Verrath ist von dem
Complicen, den sie im Moment der Thathandlung eben erst zum Complicen
machen, nicht zu befrchten, weil der Betreffende sofort sich als
zu dem Bunde gehrig fhlt, sofort eo ipso in die Kaste eintritt;
und,--worin ich gerade Ihr Urtheil als Mediziner hren mchte,--bei
Ausbung ihrer Handlungen ist fast nur ihr Krper betheiligt; obwohl
ich Grund habe zu vermuthen, da ihr Geist dahinter zittert und bebt,
ist fast nur ihr Krper betheiligt; und nur mit ein paar Rucke; so da,
wenn die Kleider geschickt geordnet sind, es fast unsichtbar hinter
den Kleidern vor sich gehen kann; daher die Schwierigkeit!"--"Mein
Gott"--sagte ich, von einer pltzlichen Ahnung erfat,--"sind es
Mnner oder Weiber?"--"Es ist ganz gleich, ob es Mnner oder Weiber
sind,"--replicirte der Commissar  tempo, sichtbar rgerlich, ber
diesen Punkt gefragt zu werden,--"Verbrecher sind Verbrecher; der Staat
kann keine zweierlei Gesetze fr Mnner und fr Weiber machen. Mir ist
es berhaupt unerfindlich, wie man wegen eines winzigen Anhngsels
solche generelle Unterschiede aufstellen kann, und die Menschheit in
die Zwangsjacke von Unterrock und Hose einschnren mag, die noch dazu
von Tag zu Tag in der Mode wechseln;--das eine hat ein Anhngsel, das
andere hat keins; und da macht man einen generalen Strich durch die
Menschheit, und sagt: Ihr heit Euch so, und mt Euch so kleiden, und
Ihr heit Euch so, und mt Euch anders kleiden?!--Welche Willkr!-Da
knnte man ebensogut die Nasen hernehmen; der eine hat 'ne Adlernase,
der andre hat 'ne platte Nase; und zu diesen sagen: Ihr heit Euch
mit Rcksicht auf Eure Nase so, und kleidet Euch darnach; und zu
Jenen: Ihr heit Euch, weil Ihr 'ne gequetschte Nase habt, anders,
und kleidet Euch anders. Oder die Ohrlppchen hernehmen, und die
Menschheit nach den Ohrlppchen eintheilen, und ihr mit Rcksicht
darauf Namen und Kleidermoden vorschreiben!--Mnner oder Weiber?!--Nach
dieser Seite ist mir das sonst recht rationelle Weltganze immer
unverstndlich geblieben, immer als eine Tollheit, als ein Migriff
erschienen.--Verbrecher ist Verbrecher!--Doch dies nebenbei.--Nein,
lieber Doctor!"--fuhr der Commissar, sichtlich zufrieden mit seiner
Expectoration, directer zu mir gewandt, weiter,--"das mcht' ich
von Ihnen als Mediziner wissen, wie eine solche Clique es dahin
bringen kann, mit solchem Raffinement, mit solcher Vupticitt, die
physiologische Anlage ihres Leibs zu geheimen, destructiven Umtrieben
zu bentzen...?"--"Ja, bei allen Heiligen!"--rief ich, fast unwillig,
und im Begriff den Verstand ber diesen Auseinandersetzungen zu
verlieren,--"was thun denn die Leute?"--"Was sie thun?"--rief der
Commissar--"ja, wenn ich das so mir nichts dir nichts sagen knnte;
was sie thun? Darber habe ich seit Wochen Tag und Nacht nachsimulirt.
Was sie thun?"--wiederholte der Commissar, und prete die Hnde vor
die Stirn,--"Wenn man das in einer umfassenden Definition klipp
und klapp aussprechen knnte! Was die Leute thun?--wenn Sie's hren
wollen, wie ich mir die Sache zurechtgelegt: sie treiben criminelle
Fabrication mit ihrem Krper!"--"Criminelle Fabrication mit ihrem
Krper?!"--wiederholte ich, und platzte, wie von einer Bombe getroffen,
zurck.--Wir waren beide unwillkrlich stehen geblieben, hatten
Front gemacht, und starrten uns nun gegenseitig an. Der Mann sah
aus wie ein Schauspieler, der sein bestes Stichwort losgelassen,
seinen wirksamsten Coup absolvirt, und jetzt auf den Applaus der
Zuschauer wartet, aber noch nicht wei, ob es eingeschlagen hat.
Fiebernd, zitternd, berhitzt, die mageren Hnde noch wie zu einer
pathetischen Geste erhoben, der Augenstern fibrirend und in seinem
Reflex wie zerfahren, die natrliche Gesichtsfaltung vertieft und
lederartig eingeschnrt, der ganze Mann das Bild der Sorge, und das
Opfer eines kranken Gedankengangs,--so stand der Commissar vor mir,
der verschlossene, ruhige Beamte von ehedem kaum wiederzuerkennen. Und
der Grundzug, der durch diese stumme Situation ging, war die Angst bei
diesem Mann, was ich, der Harmlose, der Unbetheiligte, der Gesunde,
dazu sagen werde. Ich hatte eine innere Scheu, die Discussion jetzt
da fortzusetzen, wo sie stehen geblieben war. Am liebsten htte ich
den braven Mann ruhig nach Hause geleitet.--"Criminelle Fabrication
mit ihrem Krper,"--wiederholte ich flsternd fr mich, um den Mann
nicht zu beleidigen, und setzte gleichzeitig schlrfend meinen Weg
fort,--"Criminelle Fabrication mit ihrem Krper treiben die, die
dieser Sicherheitsbeamte als destructive Gesellschaft aufspren und
aufheben soll!"--sagte ich leise in meinem Innern, unschlssig, wie
die Peinlichkeit dieser Scene zu beendigen,--"hat,"--fuhr ich dann
laut fort zu meinem Begleiter, der mir zgernd gefolgt war,--"hat
Ihre Regierung sich dieser Wendung, der von Ihnen soeben gebrauchten
Worte, bedient zur Charakterisirung der betreffenden staatsgefhrlichen
Coalition?"--"Nein",--antwortete der Commissar schlagfertig, wie
ein Fechter, der auf die Parade wartet,--"die Regierung drckt
sich vorsichtig, allgemein, andeutend, sogar versteckt aus; der
Gegenstand scheint ihr zu difficil zu sein; sie hat wohl auch keine
intimere Kenntni der betreffenden Vorgnge; hier hat eben der Beamte
einzugreifen; bei uns wird in solcher Stellung viel verlangt:--nein,
Doctor, die Wendung stammt von mir, sie schien mir die bureaukratisch
zulssigste, dabei correcteste, bei der Dunkelheit der Vorgnge
gengend andeutende, und dazu alle betreffenden Bestrebungen
umfassende,--ich sage Ihnen, Herr Studiosus, der Gegenstand ist eine
Tarnkappe, langen Sie zu, haben Sie einen Frosch oder eine Schlange
in der Hand, und wissen nicht einmal, ob nur die echt sind."--Der
Commissar sprach jetzt wieder viel freier. Man fhlte aus seinem
Redeflu heraus, da er sich, was man sagt redressirt habe; er
sa jetzt wieder fester auf dem Gaul; nachdem er seine Definition
losgelassen, nachdem er den wundesten Punkt seines Systems geoffenbart,
und die Discussion darber nicht zu Fall gekommen, hatte er neue Kraft
geschpft, und man merkte, er suche durch breitere, erschpfende
Darstellung das an Boden zu gewinnen, was er vorhin moralisch bei
seinem Partner durch Angst und Unsicherheit eingebt.--Ich war
unentschlossen, ob ich die Unterredung ber den Gegenstand weiterfhren
sollte. Sie auf ein anderes Thema vorsichtig berzuleiten, wre wohl
das Beste gewesen, wenn dies nur einem so mitrauischen Menschen,
wie meinem Begleiter gegenber, Aussicht auf Erfolg gehabt htte.
Wir waren inzwischen auerhalb der Stadt gekommen; vor einer Stunde
hatte ich keine Hoffnung mich anstndigerweise von ihm entfernen zu
knnen.--In der ganzen Errterung gab es einen Punkt, gab es eine
Stelle, die fr mich geradezu undiscutable war, die, um mich vorsichtig
auszudrcken, ganz auf Rechnung der eigenthmlichen Gehirn-Arbeit
dieses Mannes kam; ich wei nicht, ob der Leser hier das gleiche Gefhl
hat, wie ich; mit andern Worten: es war ganz gut mglich, es war wohl
zweifellos, da die neue Regierung dem eifrigen und als sprsichtig
bekannten Beamten Andeutungen und discretionre Vorschriften zur
Aufhebung einer geheimen Gesellschaft gab, die ihr, der Regierung,
bei der Reorganisation der Dinge in den neuerworbenen Landestheilen
unangenehm im Wege stand; aber so, wie der Commissar seinen Gegenstand
vortrug, hatte man den Eindruck, als ob dieser Mann, durch die
Schwierigkeit angeeifert, und bei dem Mangel an Thatschlichem ganz auf
seine Combinationen angewiesen, nach irgend einer Richtung in seinen
Denk-Operationen sich so verrannt habe, da das End-Resultat mit dem
ursprnglichen Auftrag seiner Regierung in schreiendem Widerspruch
stand; und dann schien es wieder, als ob ein einziger Punkt, den
vielleicht ein Kind htte finden knnen, gengend beachtet, der ganzen
vertrackten und bureaukratischen Salbaderei und Geheimthuerei eine
Wendung htte geben knnen, die dann Alles im hellsten Licht htte
erscheinen lassen, ein Punkt, den aber unser Beamter in Folge seiner
Verranntheit, Verstocktheit und mangelhaften Kenntni der geheimen
Triebfedern im Menschen nicht fand.--Ich war noch mit diesen Gedanken
beschftigt, als ich pltzlich dicht vor mir eine Nase und darber
die scharf vigilirenden Augen des Commissars mit solcher Intensitt
und solchem Mitrauen auf mich gerichtet sah, da ich unwillkrlich
zurckfuhr und dann stotterte: "Mein Gott, Herr N.--Sie berraschen
mich,--ich war gerade im Nachdenken darber, wie...."--"Ja,--denken
Sie nur,"--antwortete mein Begleiter mit fast hhnischem Ton,--"Sie
kommen zu keinem andern Resultat; die Angelegenheit ist unentwirrbar,
unauffindbar, sie entzieht sich unseren tastenden Hnden, und,"--setzte
er in verzweifelndem Ton hinzu,--"ich verliere noch meinen Posten
darber!"--Mich erfate jetzt Mitleid fr den Mann, und ich beschlo,
mit Rcksicht auf ihn, mich der weiteren Discussion nicht zu
entziehen.--"Was Sie da criminelle Fabrikation nennen,"--begann ich
zgernd, und selbst im Unklaren, wie ich die Sache wenden solle,--"das
mu doch in irgend einer Weise zu Tage treten!"--"Das thut es
auch,--schrecklich, unsagbar, destructiv!"--"Aber Sie sagen, da es im
Geheimen geschieht; wie soll es denn so klar zu Tage treten?"--"Das
Uebel schleicht im Verborgenen; die Consequenzen werden schlielich
offenbar, und schreien durch ihre Grlichkeit gen Himmel!"--"Ja,
aber was thun denn die Betreffenden,"--frug ich ungeduldig und
eindringlich,--"was fabriziren sie denn?"--"Einen Stoff!"--"Einen
Stoff?"--"Ja, einen Stoff!"--"Ist es ein Gift?"--"Wenn Sie wollen
ein Gift, aber ein angenehmes Gift, ein Gift dessen Production ihnen
Vergngen macht, zu dessen Verwendung sie aber noch einen Nebenmenschen
brauchen!"--"Und vergiften sie also ihre Nebenmenschen?"--"Ja, wenn
Sie es so bezeichnen wollen,--aber nicht im gewhnlichen Sinne des
Vergiftens;--der Vergiftete oder zu Vergiftende mu einverstanden sein,
und es scheint auch diesem die Aufnahme des Giftes unaussprechliches
Vergngen zu bereiten, da Beide zusammen ein Complot bilden und Keiner
den Andern verrth."--"Mein Gott,--sind es Branntwein-Schnken, wo
die arbeitende Bevlkerung durch Fusel langsam zu Grunde gerichtet
wird?"--"Oh,--Sie sind hundert Meilen weit entfernt?--Sie gben
einen schlechten Commissarius!"--"Ja, wo liegt die Sache denn dann?
Was ist das fr ein Gift, dessen Production dem Giftmischer wie dem
Opfer Vergngen gewhrt, so da Beide ihre Handlung...."--"ihre
staatsgefhrliche, criminelle Handlung!"--interpellirte der Commissar
mit gewichtigem Pathos,--"nicht verrathen?"--ergnzte ich,--"was ist
das fr ein Stoff? Ist es eine Essenz?"--"Essenz ist kein schlechtes
Wort.--Fluidum ist vielleicht besser; das Regierungs-Rescript drckt
sich hier hchst reservirt aus; ich mute da fast Alles neu schaffen;
die Terminologie dieses neuen Verbrechens ist von mir; leider stehen
wir noch fast in den Anfngen!"--"Also ein Fluidum ist dieses
merkwrdige Gift?"--"So scheint es."--"Und dasselbe wird von den
betreffenden Geheimbndlern mit ihrem eigenen Krper fabricirt?"--
"Verbrecherischer Weise fabricirt!"--"Und unter den Kleidern, sagten
Sie?"--"In der That,--mit kolossaler Vupticitt,--die Augen werden
nur ein wenig glasig dabei."--"Nun, und mit diesem Fluidum vergiftet
das Eine den Andern?"--"Das Fluidum,--vielleicht ist es nur ein
Hauch!--wird von dem Einen auf den Andern bertragen; ohne da viel
dabei gesprochen wird; es ist fast ein Mu!"--"Ein Mu?!"--"Es gehen
einige Blicke vorher, einige Gesticulationen, etwas saccadirtes Athmen,
etwas Glossolalie, dummes Gepappel,--und dann ist es geschehen."--"Was
ist dann geschehen?"--"Der Andere ist dann so gut wie bezaubert,
und mu sich willenlos der Vergiftung stellen!"--"Nun, und?"--"Diese
wird dann rasch vom ersteren vollzogen, und--der Andere windet sich
in Krmpfen!"--"Hchst merkwrdig!"--"Das ist nicht Alles!--Die Leute
verbinden mit dem Ganzen eine Art Cultus, eine Art Religion;--ein nie
vorher dagewesener Enthusiasmus durchglht ihre Brust; sie sprechen
unhaltbare Schwre aus, geloben sich unverbrchliches Stillschweigen,
entziehen sich ihren einfachsten Verpflichtungen, und geben sich oft
den Tod!"--"Das ist ja die allermerkwrdigste Religions Gesellschaft,
die existirt; es sind doch keine _Quker_?"--"Oh nein!--Sie haben kein
transscendentales System. Ihr Glaube ist auf materiellste Irdischkeit
gegrndet!"--"Aber worin besteht nun ihre Staatsgefhrlichkeit?"--"Sie
hindern den glatten Vollzug der vom Staat gestatteten Privatverbindung
zweier Personen in der sogenannten Ehe!"--"Wie so das?--Was hat die
Ehe mit dieser Geheimbndelei zu thun?"--"Je nachdem der eine oder
andere Theil der Ehegatten in diese Vergiftungs-Sphre gerth, die
Verzckungs-Uebungen dieser geheimen Gesellschaft mitmacht, wird er
zu Hause unfhig zu der vom Staat in der sog. Ehe gestatteten und dem
Staate erwnschten physiologischen Krperleistung!"--"Wie so?"--"Er
wird fr seine husliche, eheliche Pflicht unfhig; sinkt zu den
kraftlosen Bewegungen einer Puppe herab; vollfhrt gleichsam nur das
Schema seiner legalen Empfindungen."--"Das ist ja die merkwrdigste
Einwirkung, die man sich denken kann!"--"Ja, es liegt eine frmliche
Vergiftung vor.--Und meist ist es der andere Ehetheil, durch den die
Sache zur Anzeige kommt. Da er aber bei dem eigentlichen Verbrechen
nie dabei ist, also auch keine Aussagen machen kann, die eigentlichen
Criminellen aber durch ungeheure Schwre sich Stillschweigen
auferlegen, so ist der Staat fast nur auf Combinationen angewiesen,
und mu hilflos einem Corruptions-Verfahren zusehen, welches in dieser
Gegend tausendmal schlimmer wirken soll, als die Opiumkneipen in
China und London!"--"Und Franzosen, sagen Sie, sind vorwiegend dabei
betheiligt?"--"Ja, die Vlkermischung hier, und die Freizgigkeit,
und die mangelhafte Ordnung in den neuen Verhltnissen hat die Sache
entsetzlich verschlimmert!"--

Wir gingen lange Zeit wieder schweigend nebeneinander einher. Die
letzten Errterungen hatten mir den Kopf so voll gemacht, da ich keine
Veranlassung hatte weiter zu fragen; oder wenigstens nicht in solange,
als ich nicht das merkwrdige Verhltni dieser Geheimbndler zur Ehe
und die intimsten Vorgnge dabei einigermaen verdaut hatte.--Wir
waren schon auf dem Rckweg begriffen; die Stadt mit ihrem schnen
Mnster-Thurm lag vor uns. Mein Begleiter, der fr landschaftliche
Reize kein Interesse zu haben schien, und immer den Kopf zur Erde
steckte, holte pltzlich ein Notizbuch heraus, in das er rasch eine
Aufzeichnung machte.

"Ich habe da einen neuen Gedanken,"--sagte er, als er merkte, da
ich ihn verwundert ansah, und fgte dann gleich hinzu: "Es ist nur
so schade, da man fast gar nichts aus persnlicher Anschauung
feststellen kann, sondern Alles im Kopfe erst construiren und
ausrechnen mu."--"Ist Ihnen nie einer von den Criminellen zu
Gesicht gekommen?"--frug ich, an diese eigenthmliche uerung
anschlieend.--"Vermuthungsweise.--Ich schaue auf der Strae Jeden
darauf an und vigilire in allen Lokalen seit Monaten!" Bei diesen
Worten nahm mich der Commissar scharf in's Auge, um gleich darauf
mit Lcheln seine Prfung aufzugeben. "Mein Gott," sagte ich, "die
Betreffenden mssen doch fabar sein, es sind doch Menschen?"--Erst
nach einer lngeren Pause antwortete mein Begleiter: "Menschen,--das
wohl!" mit einem Ton, als wr' es ihm lieber gewesen, wenn es keine
wren, oder etwas Anderes und Tieferliegendes; setzte dann aber doch
hinzu: "Sie sollen sehr schn sein!"--"Ich mu noch einmal, Herr
Commissar,"--bemerkte ich jetzt, um einen neuen Faden anzufangen,--"die
Frage an Sie richten: Sind es Mnner oder Weiber? Ich glaube, hier
kommt man zuerst auf die Spur. Sie kennen als gewiegter Criminalbeamter
gewi den alten franzsischen Grundsatz: O est la femme?"

Schon bei den ersten Worten hatte der Beamte seine Miene zu einem
Essig-Gesicht zusammen gezogen und heftig mit der rechten Hand
abgewehrt; "Ach,"--fing er dann endlich an,--"ich glaube Sie sind auf
der falschen Spur; aber um Ihnen zu willfahren, kann ich Ihnen sagen:
es sind Mnner und Weiber, obwohl Sie wissen, wie gering ich da die
Unterschiede anschlage."--"Mnner _und_ Weiber?"--frug ich.--"Mnner
sowohl wie Weiber!"--"Haben Sie denn nie mit einem Collegen darber
gesprochen, der in diesen Dingen etwas zu Hause ist,--es kommen da so
manche intime Vorgnge in Betracht?"--"Ach,"--sagte er,--"mit einem
Collegen ber solche Sachen reden, da gibt man das Heft schon aus der
Hand; und dann, Sie wissen, was ich ber die zufllige Eintheilung der
Menschen in Mnner und Weiber denke; Verbrecher ist Verbrecher; obwohl
regierungsseitlich sogar ganz bestimmte Aeuerungen in dieser Hinsicht
vorliegen."--"Was meint die Regierung in diesem Punkt?--wenn es nicht
ungeschickt ist von mir, soweit in Sie zu dringen?"--"Die Regierung
unterscheidet in dieser criminellen Sache jene beiden Parteien, die
sich seit Alters her auf so sonderbare Weise anziehen,--die Mnner
und die Weiber."--"So, also doch!"--bemerkte ich verwundert. "Ja,
aber"--fgte der Commissar rgerlich hinzu,--"es scheinen lediglich
formelle Unterschiede zu sein."--"Welche denn?"--"Mnner und Weiber
arbeiten hier auf ganz getrennten Gebieten. Erstere viel geheimer und
verschlagener; letztere weit offenkundiger und ausgedehnter; beide
Parteien haben brigens keinerlei Verkehr mit einander; kennen sich
nicht und sind nur durch die polizeiliche Recherche nebeneinander
gebracht; auch scheint es, da das verbrecherische Fabrikat, mit dem
die Weiber operiren, weit weniger fabar ist,--fast nur ein Hauch,--als
das der Mnner; dagegen sind die Mnner den religisen Krmpfen mehr
ausgesetzt; whrend bei den Weibern Alles mehr formelle Uebung, todter
Maschinengang ist. Aber, wie gesagt, diese kleinen Unterschiede kommen
nicht in Betracht; wir wollen den Verbrecher fassen, der mit seiner
Mischung von religiser Schwrmerei und krperlicher Niedertrchtigkeit
das Volk ansteckt, und die 'moralischen Fundamente der heutigen
Gesellschafts-Ordnung untergrbt', wie der Regierungs-Passus lautet;
wer es ist, ist uns gleich; wird einmal Eines von ihnen gefat,
dann lgen sie sich doch in gleicher Weise hinaus, und schwren und
betrgen, weil sie wissen, da ihnen das Gesetz mildernde Umstnde
zuerkennen wird; weil sie meinen, mit ihrer reservatio mentalis,
die viel mehr eine corporalis ist, kmen sie berall durch!"--"Mein
Gott,--es sind doch keine _Jesuiten_?"--frug ich unwillkrlich.--"O
nein,"--antwortete der Commissar,--"aber von derselben Pfiffigkeit
und Geriebenheit!"--und fgte dann nach einiger Zeit mit dem Ton
tiefer Resignation hinzu: "Die haben keinen Namen, die sind namenlos;
oder man nennt sie, wie man alle Anderen auch nennt; oder wenn sie
Special-Namen haben, dann wendet man diese sofort auch auf die brige
Menschheit an, und der Verwirrung ist kein Ende. In Frankreich haben
sie an die fnfzig Bezeichnungen; frgt man dann auf der Strae: Wo
ist ein solcher? dann deutet der Gefragte auf den nchsten besten
Menschen, und lacht.--Nein, diese Verschworenen und Proselytenmacher
schauen sich in's Auge, und geben sich die Hand, und dann wissen sie
Alles; und die Polizei vigilirt, und zerbricht sich den Kopf, und setzt
Himmel und Erde in Bewegung und erfhrt Nichts!"--"Du lieber Himmel,
das klingt ja wie _Freimaurer_!"--"O nein!"--sagte mein Begleiter,
und mir fiel das Verzweifelnde in Stimme und Geberde auf,--"diese
Sekte hat keine Kirche, diese Vereinigung hat keine Symbole, diese
Verwegenen mischen Religionen und Verbrechen, und setzen sich mit einer
einzigen khnen That ber gesellschaftliche Ordnung und brgerliche
Gesetze hinweg. O, ich frchte,"--brach mein Begleiter pltzlich in
krampfhaftes Schluchzen aus, und eilte laut demonstrirend und mit
den Armen fuchtelnd voraus,--"ich frchte, diese Rotte wei, da ich
zu ihrer Vernichtung ausgesandt bin, sie hetzt ihre Mordgesellen auf
mich, und wird nicht eher ruhen, bis ein kalter Stahl meiner spren
den Gedanken-Arbeit ein Ziel gesetzt hat...!"--"Mein Gott, Herr
Commissar,"--eilte ich hinterdrein,--"beruhigen Sie sich!"--Wir waren
bereits an die ersten Straen der Stadt gekommen. Einige Leute wurden
auf das Gebahren des Beamten aufmerksam. Ich nahm meinen Begleiter
unter den Arm, und es gelang mir, ihn unter Hinweis auf die Wichtigkeit
seines tadellosen Verhaltens als Criminal-Beamter soweit zu beruhigen,
da er uerlich ruhig neben mir herging.--Es wurde jetzt nichts mehr
gesprochen. Mein Begleiter war auch vollstndig erschpft. Nach einer
Viertelstunde etwa kamen wir an die Wohnung des Commissars, nicht weit
vom Polizei-Gebude; sie lag im vierten Stock; es war ein kleines
Stbchen, in dem auer den nothwendigsten Mbeln und einigen Bchern
eine groe Menge lterer und neuerer selbstgefertigter Manuscripte
aufgehuft zu sehen waren, und machte den Eindruck des Aufenthaltsorts
eines armen, fleiigen, nchternen, braven Junggesellen. Erst nachdem
ich mich berzeugt, da der erschtterte Mann, dessen Miene das Bild
tiefer Desolation bot, sich in Etwas erholt, und er mir versprochen,
sich sofort zu Bett zu begeben, verlie ich die Wohnung.--

Es waren vielleicht sechs Wochen seit dieser Unterredung vergangen.
Ich hatte nichts mehr vom Commissar gehrt, und vermied es, seine
Bekannten, wenn ich sie traf, nach ihm auszufragen, um nicht unnthige
Aufmerksamkeit auf eine Person zu lenken, die in erster Linie Ruhe
und Schonung bedurfte. Ja, ich hatte die ganze Angelegenheit in dem
Mancherlei des Studentenlebens fast vergessen.--Aber eines Nachmittags
begegneten wir einander auf der Place Kleber. Der Commissar sah blhend
aus. Sobald er meiner ansichtig wurde, eilte er schon von ferne auf
mich zu. Er schaute mir lang in's Auge, und, als er aus meinem Gesicht
wohl merkte, da die ganze Erinnerung an jenen Sonntag-Nachmittag
in mir aufgetaucht sei, und es an ihm sei, mit einer Erklrung
herauszurcken, begann er: "Nun, lieber Doktor, in der Zwischenzeit
hat sich viel verndert; wir haben die Gesellschaft; wenigstens einen
Theil; die eine Sparte; aber wundern Sie sich nicht, wenn nach all dem,
was ich Ihnen damals sagte, nach all den Anstrengungen, die wir damals
machten, um der Sache auf die Spur zu kommen, eine trockene Notiz Sie
dafr entschdigen mu, was eine ungeheure criminelle Organisation
ist, die, wie ich jetzt zu glauben anfange, ber die ganze civilisirte
Erde ausgebreitet ist."--Er zog ein Zeitungsblatt aus der Tasche, und
wies mir im lokalen Theil eine blau angestrichene, stark abgegriffene
Stelle. "Hier lesen Sie, welche klgliche Zusammenschrumpfung unter
dem bureaukratischen Beobachtungsglas einer nchternen Polizeibehrde
eine Sache erfhrt, die...." hier machte der Commissar eine aufgeregte
Gestikulation, und fgte dann hinzu: "ich will mich nicht weiter
ausdrcken."--

Die Lokalnotiz lautete: "Straburg, den ... 187.--Gestern wurde eine
grere Anzahl franzsischer _Dirnen_ aus der Umgebung von Besanon
und Belfort, die zum Theil noch aus der Belagerungszeit hier waren,
zum Theil mit dem Einzug der deutschen Truppen sich hier festgesetzt
hatten, auf Grund des Niederlassungs-Gesetzes fr Elsa-Lothringen
und der neuen polizeilichen Verordnungen fr Straburg, Stadt,
(Sitten-Controlle) von hier ausgewiesen und per Schub ber die Grenze
gebracht."

"Also das war der Gegenstand Ihrer eifrigen Nachsprungen!"--sagte
ich nach einer Pause absichtlich verstellten Erstaunens, und fest
entschlossen, kein einziges Wort mehr ber diesen Gegenstand mit dem
Commissar zu verhandeln.--Er schaute mich an mit einem Gesicht, als
htte er jetzt erst die Anfangsgrnde einer neuen und der denkbar
schwierigsten Sprache erlernt.-Und dann, nach einer Pause, als Niemand
eine passende Wendung zum Auseinandergehen fand, frug ich noch: "Nun,
und die andere Sparte? Was ist mit den Mnnern?"--"Die,"--sagte der
Commissar mit traurigem Kopfschtteln,--"die werden wir nie fassen! Die
kommen unter den hchsten Stnden selbst vor!--Die...." (hier sagte mir
der Commissar etwas leise in's Ohr)!--Dann gab er mir die Hand, und wir
schieden stumm von einander.--




Der Corsetten-Fritz

                                        _Aus alten Mrchen winkt es_
                                        _Hervor mit weier Hand,_
                                        _Da singt es und da klingt es_
                                        _Von einem Zauberland._
                                                                      Heine

Ich bin der Sohn eines protestantischen Pfarrers. Ich wuchs in einem
ganz kleinen Stdtchen auf. Wir waren vielleicht achthundert Seelen.
Jedes kannte das Andere; fast bis auf die Gedanken. Von frh auf
leitete mein Vater selbst meine Erziehung. Ich mute Lateinisch lernen,
wogegen sich mein Kopf, wie gegen ein exotisches Gift, strubte. Die
sicherste und intensivste Erinnerung, die ich aus dieser Zeit habe,
ist ein gewisser Zustand, eine Disposition meines Kopfes, eine Art
psychischer Anfall, der mich jedesmal in der Kirche berraschte. Mein
Vater predigte ganz anders, als er zu Hause sprach. Auf der Kanzel
hatte er eine plrrende, heulende Redeweise. Zu Haus war er knapp,
bestimmt, coramisirend. So befand ich mich in der Kirche einer ganz
anderen Persnlichkeit gegenber. Und die Wirkung war eine ganz neue.
Kaum hatte die Gemeinde mit ihrem Rock-Gerusch sich auf die Bnke
niedergelassen, und das geistliche Geheul meines Vaters erfllte
widerprallend mit doppeltem und dreifachem Echo das kleine Gottes-Haus,
so war meine Seele entflohen. Und auf mir nur zu bekanntem Weg, und
immer auf demselben, lief sie fort, und trieb sich umher, und suchte
etwas, und lief auf die Drfer in der Umgebung, und wollte berall
eindringen, in die Huser, durch die Fenster der Menschen, in die
Schrnke, ja sogar in die Menschenleiber, und wollte berall horchen,
und suchen, und sphen, ohne zu wissen, was; das Schlu "A-mn!"--und
meine Seele kehrte wie der Geier zurck, ich erwachte; vor mir lag das
Gesangbuch mit seinen schwarzen Lettern; am Altar waren die Kerzen
tief herabgebrannt; mein Vater wischte sich den Schwei von der rothen
Stirn; die Leute rutschten feierlich und ergriffen; und auf dem Chor
begann die Orgel ein leises Smorzando-Spiel.--Die ist die intensivste
Erinnerung aus meinen Kinderjahren: dieses Davonlaufen der Seele bei
jeder gnstigen Gelegenheit; dieses Herumsuchen nach etwas Unbekanntem,
nach etwas Aufzustberndem; und dieses Nichts-Nach-Hause-Bringen.--

Spter, als es Zeit war, in die Lateinschule einzutreten, kam ich
in ein kleines Provinzstdtchen; zu Leuten, die mich ebenso streng
von allem, was man Welt nennt, abschlossen, wie mein Vater; und die
mir ebenso unermdlich wie meine Eltern eintrichterten: Zweck meines
Daseins sei, Doctor der Theologie zu werden, und Sonntags Leute in
Seidenkleidern und schwarzen Tuchrcken mit frappirendem geistlichen
Inhalt zu fllen, plrrend und pfauchend, wie mein Vater. Dieses
Programm war mir vollkommen gelufig; ich hatte mich auch vollstndig
mit ihm ausgeshnt; aber, was meine Seele dazu sagen werde, jenes
Wanderthier, welches auf eigene Faust auf Eroberungen ausging, und
jeder Clausur, jedem Stubenarrest spottete, das wute ich natrlich
nicht.--

Ich heie Fritz. Und als die Lateinschule mit vierzehn Jahren absolvirt
war, mute man mich wohin bringen, wo auch ein Gymnasium war. Dies
that mein Vater nur schweren Herzens. Denn das nchste Gymnasium war
die Residenz. Eine Residenz, in der damals Knste und aller mgliche
Luxus in reichster Blthe stand. Und vor dieser irdischen Blthe der
Welt wollte mich mein Vater um jeden Preis bewahren. In der Residenz
wohnte ein Onkel von mir, von nicht minder rigorosen Grundstzen, wie
mein Vater. Zu diesem wurde ich, nach Vorausgang eines intensiven
Briefwechsels, endlich gebracht, und hatte von hier aus, unter
strengster Ueberwachung, sozusagen unter Clausur, das nahgelegene
Gymnasium zu besuchen.

Die Huser, die Eisenbahnen, das Schreien einer fieberhaften Menge,
die geheimnivollen Telegrafen-Drhte hoch quer in der Luft, die
Schaufenster, die prunkenden Kirchen, die erstaunlichen Lettern
mit ihren Behauptungen an den Straen-Ecken, und was ich sonst auf
der Reise und bei der Ankunft an grostdtischem Leben erwischte,
machte auf mich einen fast lhmenden Eindruck. Ich schluckte alles
hinunter, und wartete, wie es wirkte; und sagte gar nichts. Ich sah,
man beobachtete mich, wie eine Taube, der man Cigarrenrauch in die
Nasenlcher geblasen. Ich wute aber auch, ich ahnte, da in dieser
Stadt ein kolossales Geheimni fr mich verborgen lag.--

Soweit ging alles gut. Meine Leistungen in der Schule waren zwar wenig
zufriedenstellend. Man schob es auf den pltzlichen Wechsel von Lehrer
und System. Tglich wurde ich zur Schule gebracht und abgeholt; unter
den hhnischen Bemerkungen meiner Kameraden. Mit Niemandem durfte
ich verkehren. Nur meine Tante, eine Frau, die wohl damals schon
mein Inneres durchschaute, mit jener instinctiven Sicherheit, die
den Mnnern abgeht, nahm mich auf ihren Ausgngen und Commissionen
mit.--Ich war etwa vierzehn Tage in der Residenz, und ziemlich exact
fnfzehn Jahr alt, als mich eines Abends meine Tante im Flsterton
fortschickte, ihr ein Packet zu holen, welches sie in einem Hause
hatte liegen lassen, und das sie noch fr den gleichen Abend zu einer
Einladung benthigte. Es war sechs Uhr. Ich flog wie ein Reh. Diesmal
zum erstenmal befand ich mich, und jenes Ding in mir, welches quasi
ohne jeden Zusammenhang mit der Welt, als Seele, sozusagen auf eigene
Verantwortung, in mir fungirte, beide miteinander im Einklang. Wir
eilten auf Windesfen. Der Auftrag war bald vollbracht. Einmal im
Besitz des Packets, merkte ich erst, da ich unbewut so geeilt war,
um zeitlich einen Vorsprung zu gewinnen. Ich beschlo, ihn so gut wie
mglich auszuntzen. Ich wollte etwas von der frchterlich tosenden
Welt sehen. In der Ferne lag ein groer, dampfender, hellerleuchteter,
mit Menschenlrm und Wagen-Gemurmel erfllter Platz. Dort beschlo ich
hinzugehn. Zum erstenmal war ich mit meinem Instinct ganz allein und
souvern in der Welt. Ich konnte hin und zurck, ohne mich in der Zeit
auffllig zu verspten. Ich hatte ja noch Zeit gut. Bereits war ich
auf dem Wege, und eben im Begriff, auf einer der radir auslaufenden
Straen den groen Platz zu gewinnen, als ich pltzlich, gerade knapp
vor der Ecke, vor einem groen Glasfenster, wie vom Blitz getroffen,
stehen blieb, und fassungsund willenlos, wie ein angeschossenes Thier,
dort hineinstarrte, und mich, mein Packet, meine Umgebung, meinen
Auftrag vollstndig verga.

Ich will jetzt Obacht geben, ganz genau alles so zu beschreiben,
wie ich es sah, und wie ich es empfand: Hinter dem riesengroen,
spiegelblanken, aus einem Stck bestehenden Glasfenster saen, oder
schwebten, oder stacken ein bis zwei Dutzend Menschenleiber, das heit
Ausschnitte von Menschenleibern, ohne Kopf, ohne Beine, aber nicht
gerade geschlachtet, sondern mehr abgehackt, ausgeschlte Rmpfe
mit d'rangelassener Hfte, aber blutlos, sogar hchst suberlich,
glnzend, seidig, furchtbar grazis und elegant, und wie zum Umarmen
und Kssen eingerichtet; also keine Menschenschlchterei, sondern--wie
soll ich sagen!--leichenartig conservirte Hften mit vorgequellter
Brust, Menschen-Mumien, aber unter Bercksichtigung und Conservirung
des kostbarsten Mittelstcks; alle in verschiedenen Farben, vom
schneeigsten Wei bis zum tiefsten Beinschwarz; die Farben nicht
angestrichen, sondern das natrliche Produkt ihres Inhalts; also
herausgeschwitzt, und erhrtet; die Rnder prachtvoll wieder mit
anderen Farben eingefat; besonders ein orangegelber Leib nahm meine
ganzen Sinne gefangen; er war schwarz gerndert; die Hftenschwingung
zart; die dnnste Stelle zum mit Knabenhnden umspannend ergtzlich;
die Ausladung der Brust khn und gewaltig; das Ganze eine hoheitvolle
Figur, ein Ideal-Wesen. "Magst Du herkommen, wo Du willst,--rief ich
innerlich mit einem berquellenden Impuls--und wenn Du auch nur ein
Stck bist, so bist Du doch prachtvoll, Du gleisendes Orange-Wesen,
und wenn ich Dich bese, dann wre wohl mein Glck gemacht!"--So
sprechend beugte ich mich ganz ber die quer laufende Eisenstange,
welche vor der Riesenscheibe zum Anhalten diente, hinber, um mein
ses Orange-Wesen mit den Augen ganz zu verschlingen. Aber jetzt kam
mir doch ein Stck Besonnenheit, und ich begann nachzudenken, wieso
diese Bruchstcke von Individuen hierherkmen. Sollte irgendwo eine so
kostbare Menschenrasse leben,-begann ich zu grbeln,--von der ich noch
nichts wei, und die man mir verborgen gehalten hat? Also eine farbige,
glitzernde Menschenrasse, hnlich dem, was unter den Vgeln die Kakadus
und Kolibris sind! Aber warum hat man Kopf und Hals weggehackt? Und
die Beine ausgeschnitten? Offenbar weil eben die Leiber das Schnste
sind. Es sind eben Menschenblge! Aber nicht federartig, wie die Vgel;
sondern seidenartig glnzend; Menschen-Hlsen von einem prachtvollen
Geschlecht! Knnte man da nicht hinkommen, wo Die leben? Und glcklich
sein?--Ich schaute jetzt genauer hin. In der That, der Inhalt dieser
Leiber, obwohl blhend wei und flockig wie frische Schlagsahne, war
doch knstlich; war angefllt;--oh, ich lasse mich nicht so leicht
tuschen!--und es sind also veritable Menschen-Hlsen; natrlich! Man
kann doch das Blut und die Eingeweide nicht drinnen lassen! Und man
fllt es mit Wei aus, um die Kostbarkeit der Rasse anzudeuten. Ob
wohl solche Exemplare noch lebend anzutreffen sind?--fuhr ich weiter
fr mich zu fragen fort.--Und wo Die sich aufhalten mgen? In einem
fernen Land, wo ewiger Sonnenschein herrscht, mgen sie wohl in der
Luft schweben, diese federleichte, grazise Sippe! Und werden dort
von Schurkenhand eingefangen und abgehutet!--Einerlei--fuhr ich nach
einigem Bedenken fort,--jetzt sind sie da; und jetzt gilt es, sie zu
erwerben. Denn offenbar,--darber war ich orientirt--ist das, was
hinter diesen Riesenscheiben aufgestellt ist, zu verkaufen. Aber wer
kann so kostbare Menschen kaufen? Wohl nur ein Knig! Mein Gott, rief
ich, was wird dieser orangene Menschen-Vogel kosten? Gewi einige
Zehntausend Gulden. Die werde ich nie besitzen. Und so werde ich im
Leben nie glcklich sein...!

In diesem Augenblick geschah etwas Entsetzliches. Zwischen meinem
Orange-Menschen und seinem dunkelblauen Kameraden nebenan erschien
pltzlich ein schwarzbrtiger, gelockter Judenkopf, der mich mit einem
ausgestopft-slichen Lcheln angrinzte, und unversehens von Hinten
mit zwei Armen mein Orange-Bild umfate, und es liebkosend nach hinten
trug. Ich war auer mir vor Wuth. Und eben wollte ich mit geballter
Faust die Glasscheibe zerschmettern, um das Ideal meines Lebens zu
retten, als ein brauner, eiserner Vorhang zwischen mir und der
Glasscheibe mit schrillem Gerusch niederging, und mich mit einem Ruck
wie vor die Felsenwand "Sesam ffne Dich!" brachte.--

Ich schaute um mich. Es war stockfinster. Nur wenige Menschen eilten
schnellen Schritts vorber. Der groe Platz war leer, wie ausgestorben.
Mein Paquet? Ich hatte es noch in der Hand. Ich lief zitternd vor
Erregung nach Hause. Es ging auf zehn Uhr. Natrlich kam ich zu
spt. Aber dieses Zusptkommen, welches unter anderen Umstnden mich
tief beunruhigt htte, lie mich fast theilnahmslos. So hatte das
vorausgehende Ereigni auf mich gewirkt. Man forschte mich aus, wo
ich gewesen. Man inquirirte mich. Onkel und Tante waren auer sich,
da ich die erste Gelegenheit des Vertrauens so schmhlich mibraucht
hatte. Ich erklrte mit groen Augen, ich htte eine seltsame Begegnung
gehabt, die mich festgehalten htte. Man schttelte den Kopf, und
wollte Nheres wissen. Ich konnte und wollte nichts Nheres sagen. Ich
bat nur, zu Bett gehen zu drfen. Ich htte keinen Appetit. Dies wurde
endlich zugestanden. Im Nu war ich in meiner kleinen Schlafkammer, und
hatte mich gleich darauf tief in die Bettdecken gewickelt.

In der Nacht trumte mir, und es erschien jener Rumpf-Krper, in
golden-orangenes Licht getaucht, am Fuende meines Bettes. Wie ein
strablendes Wesen aus dem Jenseits. Wie eine odische Erscheinung. Ich
wei nicht, trumend oder wachend, erhob ich mich von der Lagerstatt
und starrte das entzckende Bild mit offenen Augen an. Ich rutschte vor
und streckte die Hnde mit fibrirendem Verlangen dem Bilde entgegen. In
diesem Augenblick aber erschien der Judenkopf, mit einem hhnischen,
wie ein Taschenmesser zugeklappten Mund, und zog von rckwrts leis und
lautlos das prachtvolle Bild an sich. Mit einem Schrei erwachte ich.--

Von diesem Morgen an war ich ein ganz anderer Mensch. Ich hatte jetzt
pltzlich einen Inhalt gewonnen. Meine Seele vagirte nun nicht mehr
herum. Wenn sie sich berlassen war, wute sie, an wen sich zu halten.
Sie entfloh in jene dmmerige Gasse, vor das glnzende Schaufenster,
und conversirte mit jenem Orange-Wesen, dem fabelhaften Menschenrumpf,
dem entzckenden Ueberbleibsel aus einem fernen, vielleicht indischen
Geschlecht. Leider wurde meine Seele mit dieser ihrer phantastischen
Arbeit so bermchtig, so exclusiv thtig, da meine Aufmerksamkeit,
die Fhigkeit, meine Geisteskrfte zu concentriren, immer schwcher
wurde, und zuletzt unterlag. Nicht nur in der Classe, beim Uebersetzen
von Cicero oder Ovid, in der Kirche, zu Hause, wenn mein Onkel ernste
Aufstze vorlas, sondern sogar beim Mittagessen, war ich schweigsam,
die Aeuerlichkeiten mechanisch verrichtend, meinem Inneren zugekehrt.
So kam ich in den Geruch, zumal auch meine Noten in der Classe immer
ungengender wurden, eines talentlosen, faulen, dummen Menschen.

Darber verging etwa ein Viertel-Jahr. Mein Orange-Ideal hatte ich
in der Wirklichkeit nicht wieder seit jenem Abend gesehen. Noch ein
hnliches seines Geschlechts.--Eines Nachmittags waren Onkel und Tante
ausgegangen. Es war Sonntag. Die Kchin war allein noch zu Hause, und
schickte sich, wie ich vermuthete, an, ebenfalls auszugehen, da es
ihr freier Nachmittag war. Ich sollte zu Hause bleiben und lernen.
Mimuthig ging ich im Zimmer auf und ab. Pltzlich kam mir der Gedanke,
wenn ich den ganzen Sonntag Nachmittag allein zu Hause bleiben sollte,
mir noch ein Glas Himbeer-Wasser von der Kchin zurecht richten zu
lassen. Es war Sommer, und ein heier Tag. Die Kchin hatte den
Schlssel zu diesen Sigkeiten. Eben hatte ich die Thrklinke in der
Hand, und war im Begriff ber den Corridor zu gehen, als mich ein
weiterer Gedanke auf einmal leise auftreten lie. Die Kchin war eine
hbsche Person. Sie hatte groe, dunkle, vielsagende Augen. Ich war
ber die Unterschiede zwischen Knaben und Mdchen sehr wohl orientirt.
Ich hatte durch Zufall sogar diese Abweichung in der Bildung der Scham
bei kleinen Mdchen schon beobachtet. Was mich, nebenbei gesagt, hier
einzig verdro, war, da die Urin-Bereitung mit jenen differenzierten
Organen vergesellschaftet war. Das heit, ich konnte mir nicht
klar machen, warum zur Entleerung des Urins bei Knaben und Mdchen
verschiedene Organe nothwendig seien.--Ich wollte durch's Schlsselloch
der Kchin in's Zimmer schauen, um zu sehen, wie sie aussehe, was sie
treibe. Nahe bei der Thre angelangt, hrte ich schon nesteln und
rutschen und herumwirthschaften. Aber kaum hatte ich das Auge an's
Schlsselloch gebracht, als ich, starr vor Entsetzen, und unfhig, mich
auf den Fen zu halten, beinahe mit dem Kopfe gegen die Thre gefallen
wre. Ich lief eilig ins Wohnzimmer zurck, wo ich keuchend mich an
einem Mbel anhielt, um das Gesehene zu verdauen, zu berlegen, mir
klar zu machen: Die Kchin stand mit nackten Aermen in ihrem Zimmer; an
ihrem Bett; der Hals ebenfalls nackt; das Hemd war tief ausgeschnitten;
zwei weie, helle, lebende Kugeln sprangen dort, wo das Hemd aufhrte,
hervor, und von diesem Rand an abwrts hatte die Kchin, sowohl gegen
die Arme sich verbreiternd, als nach unten den ganzen Leib verhllend,
eine jener farbigen, eingefaten, starren, getrockneten Menschenhlsen,
wie ich sie damals hinter der Glasscheibe gesehen; wobei ich nur
das Eine nicht begreifen konnte, wie die Kchin diesen fremden
Menschen-Ueberzug ber sich hinbergebracht hatte; denn die Kchin war
ein starkes Frauenzimmer; der Ueberzug hingegen knapp und eng, auch war
mir nicht entgangen, da dieser hohle Balg an Farbenpracht bei weitem
hinter jenen zurckstand, die, wie mein orangenes Ideal, damals in der
Abend-Beleuchtung in jener Strae geglnzt hatte. Und nicht bersehen
war von mir das ernste, strenge, fast pathetische Gesicht, welches die
Kchin bei ihren vielerlei Manipulationen gemacht hatte.--Ich setzte
mich jetzt auf den bequemen Lehnstuhl im Zimmer, und berlie mich ganz
meinen Empfindungen und Erwgungen.

Eine der wichtigsten Entdeckungen, das war mir klar, hatte ich jetzt
gemacht. Also die Kchin hatte sich in den Besitz eines solchen
abgeblgten Menschen-Ueberzuges zu setzen gewut. Er war nicht so schn
wie die andern; stammte vielleicht von einem im Norden wohnenden,
schwerfllig im Nebel sich bewegenden, mythologischen Geschlecht;
whrend mein OrangeLiebling, darber konnte kein Zweifel bestehen,
sich vor Zeiten in einem sonnigen Klima, wie ein Kolibri in der Luft
geschaukelt hatte. Also Menschen-Blge werden vom Norden, wie vom
Sden her, zu uns gebracht, importirt; und bis zur Kchin herab kauft
sich jede so einen Ueberzug und zwngt ihn sich ber den Leib. Warum?
Ja, das wei der Himmel! Und die nordischen Blge sind mehr grau,
dickfaserig, schwartenhnlich, derb, wahrscheinlich billiger, fr den
Kchinnen-Geldbeutel berechnet; die sdlichen mehr kolibri-artig,
farbig, heller, aufgelockerter, goldiger und geschmeidiger, fr
Frstinnen und Baronessen berechnet, und natrlich unbezahlbar. Und
Juden sind es, die diese entfernten Menschenrassen abschieen lassen,
die Blge importiren und verkaufen; und daran ihr Geld verdienen. Aber
wie mssen diese Menschen aussehen? Oder sind es gar keine Menschen?
Sondern Vgel! Oder eine Misch-Race? Sie haben also also fing ich
jetzt an zu construiren--einen hchst zarten, gracilen Leib, das
heit, Hfte, Taille, Brust und die zwei hchst interessanten, an
ihr hervorspringenden, schumenden Kugeln; rechts und links von der
Brust fliegen zwei weie, nackte, schlanke Arme heraus, zum Rudern,
zum Fliegen; farbige fledermausartige Flughute verbinden diese ihrer
ganzen Lnge nach mit dem Krper, wie aufgebauschte Regenschirme; und
zwischen den zarten, Perlmutter-Fingern, noch weiche, durchsichtige
Schwimm-Hute. Oben an die Brust setzt sich ein blendend-weier,
vielleicht schon befiederter Hals an; dann folgt ein Mulchen von
Corallenfarbe, ein spitzes schlankes Nschen, hinter blau-grnen
Wimpern versteckte schwarze Augen-Punkte, citronengelbe Augenbrauen;
und die Alles umsplt, umflattert, umwogt, je nachdem der Wind geht,
von einem Wald, von Wellen-Strhnen blau-schwarzer Haare, die die
Perlmutter-Oehrlein, die Wangen, Kinn, Gesicht, die Brustballons,
ja stellenweise die ganze Gestalt in ein Netz von dunklem Wirrwarr
einhllen. Eine Stimme von einem sen "Pi-pi-pi-pi-pi!" wird dieses
Flatter-Geschpf vielleicht von sich geben. Unten, unterhalb der Hfte,
folgen natrlich keine Beine, die berflssig wren, sondern ein
Ruder-oder Luft-Schwanz, der zweispaltig in eine Flosse endet, silbern
beschuppt ist, und mit blulichen und grnen Reflexen um sich schlgt
und die Direction angiebt. Unter Canarienvgeln und geschwnzten Affen
treibt sich dieses kostbare Geschpf auf einer Insel in einem Urwald
herum, schaukelt und gaukelt, schnalzt und zwitschert, und erfllt
die Luft mit Farben und Tnen. Das war die Rasse, aus der ich mein
Orange-Ideal abstammen lie, und alle farbigen Blge, die bei uns von
den Fraunzimmern aus wei der Himmel welch neidischen Grnden auf dem
bloen Leib getragen werden.--Weit weniger gern vertiefte ich mich in
die nebelhafte, nordische Species, die seehundhnlich, mit grmlichem,
naglatten Gesicht in der aufgelockerten mit Schnee-und Crystall-Nadeln
erfllten Luft umherscho, und von deren fettigem, thranigem Leib
jener Panzer abprparirt war, wie ich ihn an unserer Kchin durch's
Schlsselloch hindurch gesehen hatte.

Das war mein System, auf das ich nicht weniger stolz war, als jene
groen Philosophen, von deren Denk-Systemen ich knapp hatte reden
hren. Mit mitrauischen Augen betrachtete ich jetzt jedes weibliche
Wesen, welches in unser Haus auf Besuch kam; um zu eruiren, ob sie
sich, und aus welcher Gattung, mit einem farbigen Menschenleib umgebe.
Ich war auch fest berzeugt, da ich das einzige mnnliche Wesen sei,
welches durch eine glckliche Combination von ueren und innerlichen
Ereignissen, zu der Kenntni dieser infamen Menschen-Schlchterei
gekommen sei. Trotzdem htete ich mich, irgend jemand etwas von meiner
Entdeckung zu verrathen. Aber ein ungemessener Stolz erfllte mich,
und mit Verachtung blickte ich auf alle die Mnner, die lateinisch-und
griechisch-gebten Professoren meiner Umgebung, die mit dnkelhaften
Blicken in die Welt hinausschauten, und keine Ahnung hatten von dem,
was in ihrer nchsten Nhe vorging. Umgekehrt schienen mir die Augen
der Frauen, die oft mit eigenthmlichem Einverstndni auf mir ruhten,
anzudeuten, als wten sie wohl, da ich hinter ihre Schliche gekommen
sei.--

Worin mir jedoch dieses ganze innere Leben, dieses Nachgrbeln,
dieses Entdecken meiner Seele auf eigene Verantwortung hin, von
entschiedenem Nachtheil war, das war mein Studium. Meine Fhigkeit
zum Aufmerken war fast erloschen. Sah ich doch, da weder die groen
Schriftsteller, noch die groen Mathematiker und Geographen, eine
Spur jener Kenntni hatten, die mir weitaus die wichtigste meines
Lebens schien. Nur die abenteuerlichen Erzhlungen eines _Odysseus_,
die Begebenheiten bei der _Circe_, sein Besuch bei den abgeschiedenen
Seelen, oder die Metamorphosen bei _Ovid_ konnten mich fest halten.
Kam so eine Schlacht, bei der ich auer der Jahreszahl auch die
Gefangenen und Gefallenen merken mute, oder die Berechnung eines
sphrischen Dreiecks, dessen Werth ich fr mich mit dem besten Willen
nicht einsehen konnte, so holte ich rasch die smmtlichen weiblichen
Individuen meiner Bekanntschaft herbei, entkleidete sie, und examinirte
die Farbe, Einfassungen und Abnhungen ihrer exotischen Blge; oder
ich lie mir von dem Judenkopf meine Orange-Freundin bringen, die
ich lngst mit einem Wachskopf versehen hatte, und deren blauen
Fischschuppen-Schwanz und meergrne Arme ich vergnglich zwischen mir
und dem Classen-Professor hin-und hertanzen sah.

So wurde ich achtzehn Jahre alt. Noch hatte ich keinem Menschen eine
Mittheilung meiner Entdeckungen und verborgenen Erwgungen gemacht.
Ich war jetzt in der obersten Classe des Gymnasiums. Bis dahin war
das Aufrcken sozusagen von selbst erfolgt. Man kam in die vierte
Classe, weil man ein Jahr lang in der dritten gewesen war, und in
die dritte, weil man so lang in der zweiten war. Jetzt aber, zum
Verlassen des Gymnasiums, hatte man ein schweres, eingehendes Examen
aus allen Fchern zu bestehen. Wie das mit mir werden sollte, das
wute ich nicht.--Eines Tages kamen wir in die Religionsstunde, und
hrten zu unserer freudigen Ueberraschung, da der Religionslehrer
krank, und wir nach Hause gehen knnten. Dies war eine gefundene freie
Stunde, die ich wieder einmal zu meiner Verfgung hatte, und so viel
wie mglich auszuntzen gedachte. Mein erster Gedanke war: Du machst
Deinem Orange-Idol einen Besuch. Aber wie dahin gelangen? Seit meinem
ersten damaligen Besuch in der Abendstunde waren zwei oder mehr Jahre
dahingegangen. Unter so strenger Clausur war ich die ganze Zeit ber
gestanden. Der Weg war mir in Vergessenheit gerathen. Wie ihn finden,
und wie irgend Jemanden den Begriff davon beibringen, was ich wollte.
Einem Mitschler, der mir am vertrautesten war, und mit dem ich ein
Stck des Nach-Hause-Wegs gemeinsam hatte, theilte ich soviel mit, als
zur unumgnglichen Orientirung nothwendig war. Er hrte mich stumm und
starr vor Erstaunen an. Etwas von meinem geheimen System mu doch mit
hindurch filtrirt sein. Dann sagte er ruhig, und mit einer gewissen
Gelassenheit, ich solle nur mitgehen, wenn er mir auch nicht dieselbe
Menschen-Leiber-Ausstellung zeigen werde, jedenfalls werde es eine
hnliche sein. Ich folgte. Und nach etwa einviertelstndiger Wanderung
kamen wir durch eine Menge enger und finsterer Gassen zu einem groen,
spiegelglatten Glasfenster, in dem wahrhaftig eine groe Collection der
von mir sehnlichst begehrten ausgestopften farbigen Menschenblge zu
sehen waren. Aber es war weder dieselbe Collection, noch so elegant,
farbig und kostbar wie die von mir in Erinnerung gehaltene. Mein
Orange-Wesen war nicht darunter. Trotzdem glotzte ich wie fascinirt
diese stummen Wesen an. Ich hatte meine Schulbcher unter'm Arm. Mein
Freund stand hinter mir, mich beobachtend. Allmhlich, merkte ich,
blieben hinter uns mehrere Leute stehn. Es war ein Samstag. Aus dem
Trubel und dem Geschrei, der in der ganzen Strae herrscht, entnahm
ich, da die Leute vom Markte kamen. Dicke Kchinnen, Brgerfrauen
u. dergl. schwankten schwerfllig vorbei: Ein Geschimpfe entstand,
weil die Passage nicht frei war. Ich hatte mich ganz dicht an die
Glasscheibe gelehnt, um das mir convenirende Stck herauszusuchen.
Meine Nase blies einen groen Hof auf die Glasflche.

Allmhlich hrte ich hinten kichern und flstern. Dazwischen vernahm
ich die Stimme meines Freundes, der mit groer Ruhe und gedmpfter
Stimme mit den stehengebliebenen Leuten conversirte. Einige Seufzer,
die meiner Brust entstiegen, mgen von den Hinterstehenden gehrt
worden sein. Das Gedrnge und Geschimpfe wurde nun immer rger. Nun
wurde mir doch unheimlich. Ich merkte, da mein Freund nicht mehr
neben mir stand. Auch hatte ich mich an dieser mehr starkkalibrigen,
farbenarmen und schwerflligen Collection gemsteter Menschen-Blge
gengend satt gesehen. Meinem Ideal entsprachen sie nicht. Ich
wandte mich um, und wollte gehen. In diesem Augenblick empfing mich
ein hllisches Gelchter, in dem Hohn, Spott, Mitleid, Verachtung,
Schadenfreude, Alles durcheinander klang. Ich blickte in lauter
geffnete Muler mit faulen Zhnen und dampfenden Schleimhuten.
Die ganze Strae war vollgekeilt mit Weibern, die keuchend ihre
Armkrbe emporhielten und mich mit winzig zugekniffenen Augenspalten
ankiekten. Eine Menge von Stimmen und unartikulirter Laute drang auf
mich ein, aus der ich zuletzt nur die eine breiig vorgebrachte Rede
noch vernahm: "Gelten S' junger Herr, de san schn; a soichtene mssen
S' Ihnen aussuchen!"--Ich wurde blutroth im Gesicht. Und kaum hatte
ich mich durch das Gedrnge durchgearbeitet, so lief ich, so schnell
ich konnte, davon, Denkmaterial wieder fr zwei Tage im Kopf. Mein
Freund war verschwunden. Durch fleiiges Erfragen der Strae fand ich
mich nach Hause. Als ich mit gertheten Wangen und fliegendem Athem
ankam, und man mich frug, wo ich herkomme, antwortete ich: Aus der
Religionsstunde.--

Am nchsten Morgen, als ich zur gewohnten Zeit in die Classe trat,
empfing mich ein vierzig-bis fnfzigstimmiger Ruf: "Corsetten-Fritz!
Corsetten-Fritz!"--Die ganze Geschichte war ausgeplaudert worden.
Ich hatte jetzt einen schweren Standpunkt. Und unangenehmer, als die
Hnseleien, die nun begannen, berhrte mich, da mein so sorgfltig
gehtetes System, das Pflegekind meiner Phantasie, in diese rohen
Hnde und Mnder gekommen war. Und als ein Glck empfand ich es jetzt,
da durch die strenge Ueberwachung, das Abgeholtwerden vom Gymnasium,
mein Verkehr mit meinen Mitschlern auf ein Minimum reducirt wurde. So
blieb ich fr sie ein Rthsel, ein barocker, sonderbarer Mensch; und in
dieser Isolirung war mir am wohlsten.

So kam das Schlu-Examen herbei. In allen Fchern hatte ich begrndete
Aussicht, glnzend durchzufallen, mit Ausnahme des deutschen Aufsatzes;
da ich von frh an mich daran gewhnt hatte, meine Gedanken und
Empfindungen schriftlich niederzulegen. Als deutsches Thema erhielten
wir "die Bestimmung des Menschen". Ich wei noch, ich starrte diese
Worte wohl eine Viertelstunde an, aber es fiel mir nichts ein. Ich
wute nun, da auch der Aufsatz verlorene Arbeit sei. Aber ich grbelte
ruhig weiter, um zu sehen, ob sich gar keine Gedanken angesichts dieses
weltbewegenden Themas einstellen wrden. Und es kam nichts. Ich merkte
jetzt, von Minute zu Minute deutlicher, da nicht nur der Aufsatz eine
schlechte Arbeit werden wrde, sondern da auch gar keine Aussicht fr
eine regelrechte, tchtige, ehrliche Behandlung des Themas sei. Die
"Bestimmung des Menschen?"--Ich wute sie nicht! Hinter mir zupften
mich meine Mitschler, die gewohnt waren, im deutschen Aufsatz von mir
Hlfe zu bekommen, und flsterten: "Du, was ist die Bestimmung des
Menschen?"--Ich wute es nicht; und sie wuten es auch nicht.--Die
Antwort, die ich in der Christenlehre vor zehn Jahren gegeben htte:
gottesfrchtig zu leben, und selig zu sterben,--die war mir wohl
gelufig; aber das war ja nur eine schne Rede, eine Phrase, die
Jeder im Nothfall im Mund fhrt, und Keiner glaubt.--Trotzdem mute
mein Aufsatz in zwei Stunden fertig sein! In meiner Verzweifelung
begann ich zu schreiben: Die Bestimmung des Menschen ist, die Rthsel,
mit denen ihn diese Welt umgiebt, zu lsen, und sich zur ruhigen
Geistesklarheit durchzuringen; so auf meine persnlichen Erlebnisse
und den Gegenstand meiner Zweifelsqualen anspielend. Und nun begann
ich, rckhaltlos die Erlebnisse meiner letzten Jahre, innerer und
uerer Natur, die Annahme eines zweiten Menschengeschlechts, meine
Visionen und Peinigungen, bei Tag und bei Nacht, mein Occupirt-Sein
durch jenes Orange-Wesen, darzulegen, und schlo die unermdlich
hingeworfene Studie mit der Emphase: das ist unsere Bestimmung, das
ist unser Fluch, zu grbeln und zu spintisiren, die Schliche und
Verhllungen unserer Nebenmenschen aufzudecken, den Kern aus der Schale
zu brechen, die Panzer abzureien: ein Geschlecht luft neben uns
her, seltsam gebildet, mit ausladenden, outrirten Formen; die Blicke
dunkel und verzehrend, die Haut schneewei, fuchtelnde Arme, auf der
Brust zwei ungeberdige Ballen, die seltsam in der Kleidung versteckt
werden; ber Hfte und Leib schillernde, seidene, farbige Ueberzge
von unbekannter, geheimnivoller Herkunft; weiterhin sonderlich
gebildet, alles glatt und weich, zart und behext; das einmal gesehen,
die Phantasie nicht mehr loslt, die Gymnasiasten verwirrt, ihnen
das Gedchtni auslscht, sie dem Verderben zufhren will. Lse diese
Rthsel, zerreie die Schleier, decke Alles auf--das ist die Bestimmung
des Menschen; um zu Ruhe und Frieden zu gelangen; im Uebrigen,
selbstverstndlich, gottesfrchtig zu leben und selig zu sterben; wie
wir es auswendig gelernt haben.--

Den folgenden Tag und bevor noch das mndliche Examen begonnen hatte,
wurde ich auf das Rectorat gerufen, wo mir bedeutet, da ich wegen
"unziemlicher Ausdrcke und unsittlicher Anspielungen im deutschen
Aufsatz" zwei Stunden Arrest zudictirt erhalten htte. Gleichzeitig
wurde mir erffnet, da die Prfungs-Commission durch auerordentliche
Rcksichtnahme die begangenen Unziemlichkeiten durch den Arrest fr
getilgt erachte, ich aber fr den deutschen Aufsatz selbst wegen
der darin gezeigten "Selbstndigkeit in Behandlung schwieriger und
abgelegener Thematas" die erste Note erhielte.--Diese erste Note wog
so schwer, zumal der deutsche Aufsatz doppelt gerechnet wurde, da
alle brigen "Vierer" oder letzten Noten von ihrem "Ungengend" etwas
ablassen muten. Und da ich, durch den Vorgang kuraschirt geworden,
im mndlichen Examen frisch und vorweg antwortete, so gelang es mir,
gerade noch mit der letzten zulssigen Gesammtnota das Absolutorium zu
erhalten, und damit das Reifezeugni fr die Universitt.--

Ein Vierteljahr spter befand ich mich auf der Hochschule einer
mitteldeutschen Residenzstadt, die wegen ihres jovialen ungebundenen
Charakters besonders berhmt war. Ich war jetzt bald 19 Jahre alt;
und von der vterlichen Censur und verwandtschaftlichen Ueberwachung
endlich befreit, hoffte ich, jetzt hinter alle die Rthsel und
Geheimnisse zu kommen, mit denen meine Phantasie sich bis dahin
so abgemht und gemartert hatte. Ich hatte mich an einen jungen,
sddeutschen Studenten angeschlossen, der nicht, wie ich, Theologie
studirte, sondern sich dem medizinischen Fach zugewandt hatte, und
der weit besser als ich im groen Leben versirt war. Nach etwa
vierwchentlichem Verkehr nahm mich mein Freund eines Abends spt
beim Nachhausegehen unter'm Arm und flsterte mir merkwrdige,
unerhrte Dinge in's Ohr: von dem Besuch eines versteckt gelegenen
Hauses, wo auf eine bestimmte Klingel hin ein Haufen prachtvoller,
schillernder, verfhrerischer Geschpfe mit weier Haut und goldenen
Haaren hervorbreche, und dem Gaste seine Dienste anbiete. Man gebe
ein Geschenk,--ein Gastgeschenk--das sei so blich. Man whle sich
eines der Geschpfe aus. Mit der verschwinde man dann auf eine
Stunde. Alles brige ergebe sich von selbst. Ich solle nur unverzagt
sein, u.s.w.--Wie ein Blitz fuhr es mir durch den Kopf: Sollte ich
hier einen Eingang in jenes Reich der Kolibri-Geschpfe finden, nach
deren Existenz ich seit fast sechs oder sieben Jahren im Geheimen
fahndete?--Mit pochendem Herzen folgte ich meinem Freund, der sich
ber meine Unkenntni und mein Verzagtsein nicht wenig erlustirte.
Wir gingen abseits von der Hauptstrae durch schwarze Gassen, dann
durch schwarze Gchen; es wurde immer stiller; durch das Strchen,
durch das wir jetzt gingen, lief in der Mitte eine Gosse; wir muten
rechts und links weit ausschreiten, wie der Kolo von Rhodos, um uns
nicht zu beschmutzen; keine Menschenseele begegnete uns. Endlich
hielten wir an einem himmelhohen, schwarzen, nur drei Fenster
breiten Haus, zu dem eine steinerne, wacklige, gelnderlose Stiege
emporfhrte. Mein Freund schellte. Gleich darauf ffnete sich die
Thr leise; ein Flster-Austausch; und wir gingen einen steinernen,
nur mattbeleuchteten Gang entlang; dann eine holprige, steile Treppe
empor; ein Griff auf eine Thrklinke: und mein Freund schob mich in
einen hell und blinkend erleuchteten Raum, in dessen Wandspiegeln sich
ein tausendfach-fassetirtes Licht brach, und in dem uns ein helles,
nie vernommenes Kichern und Lachen umschwirrte. Auf den Sophas und
weichen Ledersthlen saen und lagen prchtige, kostbargeartete, helle,
phantastische Wesen mit purpurrothen Lippen, blitzend-weien Zhnen,
langen Haarstrhnen, kalkweien Halskrausen und nackten figelirenden
Armen, und schauten uns mit glashellen, bachklaren Augen an, als shen
sie heute zum ersten Mal

Menschen in runden Beinrohren und eingezwngten Tuchrcken. Mein
Freund sprach lngere Zeit leise mit einer vornehmen Dame in Schwarz,
die in jeder Hinsicht dem gewhnlichen Menschengeschlecht anzugehren
schien; dann, auf einen Wink, sprang eines der schlankesten, aalglatten
Geschpfe mit einer gilfenden Lache auf, schlang ihren weichen, langen
Arm um meinen Hals, und schleppte mich fort aus dem Zimmer, eine Stiege
hher, in ein kleines, ebenfalls prachtvoll erleuchtetes Gemach, in
dem alles aus Crystall zu sein schien, eine Menge Flschchen, Npfchen
und Vschen mit irisirender Oberflche umherstanden, und die Luft wie
mit tausend schweren Gedanken beladen Einem in die Nase drang. Ehe ich
mich's versehen, hatte das schlpfrige Geschpf eine Hlle nach der
andern abgeworfen, und pltzlich stand vor mir, strablend in Gold mit
schwarzer Einfassung, jenes Orange-Bild aus dem Schaufenster, meine
zierliche Ideal-Gttin mit jener safranenen Hlse um Leib, Taille
und Brust, die ich seitdem so oft als reproducirtes Hirn-Gespinst
vor mir gesehen hatte, in der Nacht, bei Tag, im lateinischen
Classen-Zimmer; aber nicht todt, ausgestopft, mit abgehacktem Hals,
herausgezogenen Armen und Beinen; sondern lebend, vibrirend, als
Ganz-Geschpf, mit schneeweiem Hals, goldbestrhntem Kopf, blhenden
Beinen, herumfegenden Armen, gellenden Trillern; und um die Mitte
des Krpers zog sich jener prachtvolle orangene Menschenbalg mit
schwarzer Einfassung, an dessen oberen Rand zwei blulichweie Ballen
mit Karminspitzen quellend hervordrangen. "Du unvergleichliches
Wesen!"--rief ich, und strzte mit einem Schlag auf die Knie',--"Dich
kenn' ich, seit zehn Jahren such' ich Dich, Du erscheinst mir im Traum
und bei Tag in einsamen Stunden. Du warst im Besitz eines ekelhaften,
schwarz-geschniegelten Juden! Wie bist Du aus jenem Schaufenster
herausgekommen. Wo hast Du diese wunderschne, orangene Hlse her?
Du bist ganz Duft, Kolibri und Goldhaar. Kann man Dich kaufen? Du
bist der Inbegriff alles meines Glcks auf dieser Erde. Ich wrf' die
ganze Theologie zum Teufel, wenn ich Dich besitzen knnte; einerlei,
kommst Du aus dem Himmel oder aus der Hlle. Du bist kstlicher als
der Feuersalamander. Deine Haut ist ganz Opal und Onyx. Du duftest
nach Sandelholz. Deine Bewegungen sind wie Seidenkirschen. Was thust
Du mit jenen quellenden Kugeln, die wie flssiger Granit oben aus
Deiner Brust hervorzubrechen drohen, um uns zu zermalmen? Lebst Du
in besonderer Luft? Nimmst Du Speise zu Dir? Werdet Ihr in Wagen
gefahren, weil man Euch nie auf der Strae sieht? Hast Du damals
das Schaufenster zerschmettert, und bist dem Aquarium-Besitzer, dem
Juden, davongelaufen? Lebst Du hier glcklich? Bist Du aus Glas? oder
Seidenstoff? oder Orange-Farbe? oder Muschelmasse? Kann man in Dich
hineinbeien...?"--Ich wei nicht, wie lange ich so gesprochen;
noch, was ich gethan; noch, was mit mir geschehen ist. Das kstliche
Wesen schaute mich lange starr mit ihren tiefen Forellen-Augen an;
und entblte die obere, weie Zahnreihe; und die Hnde waren nach
mir ausgestreckt, dann wei ich Nichts mehr. Ich mu bewutlos
geworden sein. Und kam erst wieder zu mir, als ich die wacklige,
steinerne Treppe in dem schwarzen Gchen hinunterstieg, und die
frische Luft mich wieder zu mir selbst brachte.--Mein Freund hatte
mich bei der Hand. Er machte mir bittere Vorwrfe, ich htte nicht
das richtige Benehmen an den Tag gelegt; gab mir eine schwulstige,
geschraubte, ekelhafte Erklrung ber die Bedeutung dieses Hauses und
ihrer Insassen, die ich zum grten Theil nicht verstand, zum andern
Theil berhrte ber der Flle inneren Glcks ber das Gesehene und
Genossene. Die ganze Nacht war mein Kopf voll jener Sandelholz-Gerche
und der Ausdampfungen aus den Crystall-Schalen und -Flschchen der
Orange-Fee.--

Ich zog mich jetzt ganz zurck aus dem Studentenleben. Der offene
Verkehr mit Meinesgleichen, und das harmlose Plaudern und Lachen ber
Dinge, die mein Innerstes brutal berhrten, war mir ein Gruel. Ich
lebte ganz meinem Innenleben, und baute dort aus den wenigen farbigen
Bausteinen, die ich der Auenwelt, die ich meinen paar Erlebnissen,
im Hinblick auf jenes Feen-Geschlecht, entnommen, eine phantastische,
gelbe, corsettirte Welt auf, an der ich mich fabelhaft ersttigte.

Um hier nicht unterzugehen, strzte ich mich mit frchterlicher Energie
auf mein theologisches Studium. Und nicht ohne Erfolg. Ich fhlte jetzt
ganz genau jene Zweitheilung in mir vorgehen, die schon in frhester
Jugend bei mir begonnen: jene spontane, von der Phantasie eingenommene
Sphre, in der ich uncontrollirbar schuf, creirte, produzirte; und aus
der ich meist jenes kostbare, meinen Farben-und Formen-Durst stillende,
gelbe Geschlecht hervorholte; und die zweite, die Verstandes-Sphre, wo
ich, unter Zusammennehmen aller fnf Sinne, keuchend wie ein Ro, meine
Daten und Geschichtsquellen memorirte, und die trbe, fade Auenwelt
mit ihren Erscheinungen auswendig lernte.--

So kam mein Examen herbei. Ich bestand es glnzend. Durch meinen
eisernen Flei hatte ich die erste Note errungen; und erhielt vom
Regierungs-Vertreter die Aussicht im Laufe des nchsten Vierteljahres
angestellt zu werden. Ich war glcklich zum Emporjauchzen. Und dabei
traurig zum Hinsinken. Mein alter ego war unzufrieden. Und ich fhlte
in meinem Innern eine hhnische Stimme, die sich ber meinen ueren
Erfolg lustig machte.

Ich eilte nach Hause zu meinen Eltern, wo ich mit groer Freude
empfangen wurde. Jetzt, wo meine Aussicht auf Versorgung so gut wie
gewi war, und ich inzwischen neunundzwanzig Jahr alt geworden, sprach
mein Vater zum erstenmal mit mir ber Verheirathung, ber die Sigkeit
der Liebe, und schmatzte dabei mit dem Munde. Ob ich noch kein Gefallen
an dem andern Geschlecht gefunden? Ich glotzte ihn gro an, und sagte,
ich wisse nicht, was er wolle. Htte nie davon gehrt. Der Gegenstand
sei mir zuwider. Ich wte Besseres.--Aber eine andere Befriedigung
wurde mir zu Theil. Mein Vater hatte fr mich die Erlaubni erwirkt, am
folgenden Sonntag an seiner Stelle die Kanzel besteigen zu drfen, und
damit meine Antritts-Predigt zu halten. Dies war ein mchtiger Sporn
fr meinen Ehrgeiz. Ich nahm einen Prachttext aus dem Corinther-Brief,
und componirte eine fulminante Predigt. Sie war am Donnerstag fertig.
Ich hatte jetzt noch zwei Tage zum Memoriren. Die Sache ging mit Spa.
Ich war nie so frisch und munter bei der Arbeit gewesen.

Am Sonntag frh in der Sakristei, nachdem ich den Chorrock angelegt
hatte, ging ich, whrend die Gemeinde den Zwischenchoral sang,--ich
vergesse, welchen,--langsam und berlegend auf den Steinflieen auf
und ab. Pltzlich wurde mir merkwrdig zu Muthe. In meinem Innern
schien etwas vorzugehen. Mich berfiel die Angst, es knne in meinem
Innern sich etwas ereignen, ber das ich nicht mehr die Controlle
htte. Ich hatte die Empfindung, auseinanderzugehen, wie eine Maschine.
Und, als ob ich bei diesem Auseinandergehen ruhig zuschauen mte,
ohne etwas thun zu knnen. Und dies, die Angst vor dem Kommenden, war
die Quelle meiner Beunruhigung. Nicht die erste Sensation selbst,
die nur berraschend und merkwrdig war.--Doch war ich nach einigen
Minuten wieder frei; und ich bestieg die Kanzel. Ich begann meine
Predigt uerlich ruhig und ohne Befangenheit. Die Worte flossen wie
von selbst. Aber schon nach wenigen Stzen, merkte ich, kam jenes
Sakristei-Gefhl wieder. Und nun konnte, und mute ich, zusehen,
was geschah: Whrend meine Predigt ruhig und sicher wie eine Spule
abrollte, begleitet von guten Gesten und sicherem Tonfall, merkte
ich, wie sich in meinem Innern etwas ablste; ein Maschinentheil
davonrannte. Und nun erinnerte ich mich, wie ich schon als Knabe
immer pensiv war, und meine Seele whrend der Predigt davonlief.
Unwillkrlich schaute ich hinunter auf die Kirchenbnke, und: da sa
ich, als Junge, mit glsernem, starren Blick: und gleichzeitig hrte
ich die breite, wiederhallende Predigerstimme meines Vaters.--In diesem
Augenblick wurde ich durch eine pltzliche Stille unterbrochen. Ich
mu zu predigen aufgehrt haben. Ich erkannte jetzt die Situation;
ermannte mich, rusperte, und begann von Neuem; fest entschlossen,
keiner Verfhrung mehr nachzugeben.--Aber meine Seele hatte ihre Tour
schon begonnen. Und nun mute ich mit. Mit auf die Lateinschule.
Mit in das Haus meines Onkels. Mit durch die schwarzen Straen der
Residenzstadt.--Krampfhaft klammerte ich mich an meinen memorirten
Predigttext an, und suchte mein Inneres zu berschreien. Als ich an
die Stelle kam,--in meiner Seelengeschichte--wo ich im Auftrag meiner
Tante jenen abendlichen Gang zu machen hatte, sah ich mit einemmal,
wie ein langgestreckter Jude, etwa in der Hhe der Kanzel, quer durch
die Luft zu mir kam. Ich erschrack, und wunderte mich, wieso derselbe
in der Luft schweben knne; entdeckte aber bald, da der Kerl, wie ein
Kronleuchter, hinten am Rcken durch ein starkes Seil befestigt war,
welches oben an der Kirchendecke mndete. Und vor sich her schob der
Jude, mit einem freundlichen Grinsen zwischen seinem schwarzen Bart,
jenes orangegelbe Wesen, welches mich durch so viele Jahre begleitet
hatte. Ich war auer mir, ber die Strung, und betrachtete meinen
Chorrock, der mit gelben, fetten Lichtern wie bergossen war. Ich
winkte dem Juden fort, und lie deutlich erkennen, wie unangenehm mir
der Besuch sei; und wie sonderbar sein Benehmen, sich mit Hlfe des
Kirchendieners mittelst eines Strickes so hoch herabzulassen. Er blieb
aber genau, wo er war, und lchelte fortwhrend in gleicher Weise.--Bis
dahin hatte ich mit uerster Anstrengung meinen Predigttext nicht
verlassen. Aber jetzt, als ich eben zum zweiten Teil berging, geschah
etwas Unerhrtes. Die Glasthren, die zur Gallerie der Kirche, zum
Empor fhrten, wurden zu beiden Seiten aufgerissen, und meine frheren
Gymnasial-Kameraden von der ersten und zweiten Classe strmten mit
ihren Bchern herein, nahmen die Sitze rings um die Gallerie ein, und
nach einigem Schnaufen und Flstern hrte ich, wie einige lautgellend,
lachend, riefen: "Ei, das ist ja der _Corsetten-Fritz_!"--Und
"_Corsetten-Fritz_! _Corsetten-Fritz_!" folgte es jetzt im Chor.
Anfnglich wollte ich die Strung nicht beachten; zumal ich berzeugt
war, da die jungen Leute exemplarisch bestraft wrden. Als aber die
hhnenden Zurufe immer rger wurden, fing ich an hinaufzudrohen und
zuletzt hinaufzuschimpfen. Der Genu meiner Predigt wurde dadurch
natrlich wesentlich verkmmert. Nun wurde auch die Gemeinde unruhig,
und begann zu murren. Gegen die Demonstranten. Zuletzt wurde der Lrm
so arg, da der Kirchendiener zu mir auf die Kanzel kam, und mich
bat, pltzlich abzubrechen, mein Vater erwarte mich dringend in der
Sakristei. Damit verlie ich die Kanzel.

Nach sechs Wochen wurde ich hierher in ein Haus gebracht, von dem
es heit, es sei die Irren-Anstalt. Und von hier aus schreibe ich
diese Zeilen, meine Lebensgeschichte, auf Wunsch des Directors
nieder. Man sagt mir, ich litte an Hallucinationen, an Gesichts-und
Gehrstuschungen. Davon kann keine Rede sein. Ich verlange vor allem
eine gerichtliche Untersuchung, ber jene Vorgnge in der Kirche,
und eine Verhaftung des Kirchendieners, der jenem Juden den Strick
gegeben hat zum Sichherablassen. Diejenigen, die jene Vorgnge leugnen,
beweisen damit, da sie in ihren Sinnen krank, oder an jenem Complot
betheiligt sind. Was allein an der ganzen Sache merkwrdig ist, ist
da jene Jungens, die damals auf dem Empor "Corsetten-Fritz" schrieen,
aussahen, als wren sie sechs bis acht Jahre jnger, als sie wirklich
zur Zeit sein muten. Denn diese Zeit ungefhr hatte ich sie nicht mehr
gesehen. Da sie ihre Haare genau so gescheitelt trugen, dieselben
Anzge anhatten, und, tuschend, die gleichen Bcherbndel, mit Riemen
zusammengehalten, mit der gleichen ungezogenen Manier trugen, wie vor
sechs, acht Jahren. Darin allein liegt das Merkwrdige. Das ist aber
offenbar bestellte, fabricirte Sache.--




Indianer-Gedanken

                                        "Nehmet wahr der Raben;
                                        sie sen nicht, sie ernten auch
                                        nicht, und euer himmlischer
                                        Vater nhret sie doch."
                                                         Lucas 12, 24


Wer in den letzten fnf oder sechs Jahren in einer der greren
Stdte des Continents seinen Aufenthalt hatte, oder gelegentlich dort
verweilte, erinnert sich vielleicht einer farbigen Truppe, die unter
der Aufsicht eines weien Unternehmers von Ort zu Ort zog, ihre Zelte
aufschlug, in einem abgeschlossenen Raum ihre Knste, Kriegs-Tnze
und sonstige absonderliche Gewohnheiten vorfhrte, und unter denen
ein geschlossenes Contingent von etwa fnfzig bis sechzig Indianern
des _Sioux_- und _Cheyennes_-Stamms das Haupt-Interesse des Publicums
herausforderte.

Als junger Arzt in einer greren Stadt Mittel-Deutschlands ansssig,
hatte ich damals, um Beschftigung zu erhalten, gegen ein gewisses
Pauschale die Verpflichtung bernommen, allen durchziehenden
Gesellschaften, Circustruppen, Angestellten bei Menagerieen,
Variete-Gesellschaften und drgl., die alle auf den Platz und das
Etablissement eines und desselben Besitzers angewiesen waren, kostenlos
die erste rztliche Hlfe angedeihen zu lassen.--Dieser Fall trat nun
auch bei den Indianern ein, die, aus einem wrmeren Klima kommend, und
mit einer feinen, auf den directen Contact mit der Luft angewiesenen,
Haut ausgestattet, unter den ungewohnten Kleidern, und in unserem
rauhen Klima, den mannigfachsten Erkltungen ausgesetzt waren. Whrend
meiner Besuche, die sich auf das Verordnen allgemein ditetischer
Maregeln beschrnkten, lernte ich auch den Huptling kennen, der,
nichtwissend, da ich fr meine geringen Dienste bereits belohnt sei,
in jeder Hinsicht mir seinen berstrmenden Dank bezeigte, mich in
manche Feinheiten ihrer Sitten und Sprache einweihte, und mit dem ich
zuletzt in ein frmlich freundschaftliches Verhltni trat.--So weit
war die gut.--

Eines Tags sa ich zu Hause, als meine Aufwrterin hereinkam, und
mir mittheilte, drauen auf der Gasse treibe sich ein sonderbar
aufgeputzter Mensch herum, begleitet von einer Schaar neugieriger
Schuljugend, und scheine etwas zu suchen. Ich ffnete das Fenster.
Es war mein Freund, der Huptling. Er war berglcklich, als er mich
sah. Ich bat ihn hereinzukommen. Er hatte mich aufsuchen wollen. Meine
Wohnung, in der es nach meiner Berechnung manches fr ihn Wichtige und
Interessante zu sehen gegeben, reizte brigens zu meiner Verwunderung
nicht im Mindesten seine Neugierde. Er hatte immer nur seinen Blick
freundlich aber fest auf mich gerichtet.--Eine Cigarre, die ich ihm
anbot, lehnte er ab. Ebenso eine Tasse Kaffee, die ich ihm machen
lassen wollte. Ein Stckchen Kautabak, von dem ich die Hlfte abbrach
und in meinen Mund steckte, nahm er an. Mit Mhe vermochte ich ihn,
sich auf mein Sopha niederzulassen. Er stand sofort wieder auf,
und gab durch einen Seufzer seine Verlegenheit und Unzufriedenheit
kund. Er wollte sich dann auf den Boden niederlassen. Bis ich einen
gewhnlichen, hlzernen Kchenstuhl hereinbrachte. Den acceptirte er.
Der Huptling war in voller Kriegsrstung; auf dem Kopf den bekannten
mit starrenden Federn besetzten Kranz, dessen Enden auf die Schultern
niederflossen; in den Ohren zwei groe goldene Spangen; die nackten
Krpertheile mit einer Art pompejanisches Roth prachtvoll bemalt; im
Hft-Grtel, der ein kurzes enganliegendes Beinkleid zusammenhielt, ein
kostbar gearbeiteter Tomahawk; der ganze Mann noch einmal eingehllt
in eine dunkelblaue, mandelartige Hlle, die aber kein indianisches
Kleidungsstck, sondern eine Art Reisekleid und Schutz gegen die
Unbilden des europischen Klimas war. Der Huptling hatte jenen
misanthropischen Zug in dem mageren Gesicht, der die meisten seiner
Stammesgenossen auszeichnete, und der auf eine, ich mchte sagen
Jahrhunderte lang genhrte und organisch gewordene Unzufriedenheit und
Verbitterung des Gemthes hinwies. Er starrte mich lang und penetrirend
an, wie ich es von ihm nicht gewohnt war. Er sprach etwas englisch,
und so war die Mglichkeit der Verstndigung gegeben. Ich vermied es,
ihn auf kalt-europische Weise zu fragen, was ihn zu mir fhre. Und so
stockte die Unterhaltung fr lngere Zeit. Endlich, nachdem er geraume
Weile seine zwitterhaft glnzenden Augen wie spitze Pfeile auf mir
hatte ruhen lassen, begann er in dem ruhigen, freundlichen Ton, den ich
an ihm gewohnt war.--

"Doctor, Du hast mit Deiner Geheimkunst meine Leute wieder zufrieden
gemacht, und der groe Geist, den ich gebeten habe, wird sein Auge
auf Dir ruhen lassen!"--"Das ist nicht der Mhe werth,"--meinte
ich,--"Durch Wrme und gute Nahrung wren sie sowieso gesund
geworden."--"Aber, Doctor, diese Leute sind es nicht allein; unser
ganzer Stamm ist krank!"--"Wieso,"--fragte ich verwundert,--"was ist
passirt?" "Unser Stamm ist krank, und will sterben!"--wiederholte
der Indianer mit unverbrchlicher Ruhe, als wre es der einfachste
Gedanke der Welt.--"Warum wollt Ihr sterben?"--frug ich mit tiefer
Theilnahme.--"Doctor,"--sagte der Huptling,--"Dein Auge gefllt
mir; es ist ein See der Wahrheit; Du wirst nicht lgen; nenne
mir Deine Geheimkunst, und der groe Geist wird sein Auge auf Dir
ruhen lassen!"--"Was soll ich Euch sagen? Was wollt Ihr von mir
wissen?"--"Die _Sioux_ und die _Cheyennes_ und die _Arapahons_
und die _Dakota_ wollen sterben!"--"Und warum?"--"Weil wir nicht
leben knnen!"--"Und warum"--"Weil die Todtengesichter um uns herum
uns erwrgen, und uns mit den Feuerschlnden zusammenschieen wie
Bffel!"--"Wer sind das, die Todtengesichter?"--"Die Pferds-Leute um
uns herum mit den dicken Knochen und der Lgenspur im Angesicht."--"Um
Euch herum wohnen doch die Amerikaner?!"--"Ja, die Pferds-Leute!"--"Und
deshalb wollt Ihr sterben?"--frug ich verwundert, und nicht wenig
erschrocken im Innern ber den grauenhaften Gedankengang des Indianers.
Der Huptling sa mir gegenber, vollstndig ruhig und ohne jede
Erregung, als wre dieser Gedanke seit Jahren nach allen Seiten von
ihm erwogen worden, als wre diese Frage eine immer wiederkehrende
Errterung in den Versammlungen seines Stamms.--"Was meinst Du zu
_Brandy_, Doctor,"--nahm der Indianer wieder das Wort,--"die _Sioux_
trinken gern das Feuerwasser der Pferds-Leute?"--"Ja, was wollt Ihr
mit dem Brandy?" frug ich erwartungsvoll.--"Wir knnten alle unsere
Thierfelle, die wir noch haben, gegen Feuerwasser eintauschen, und alle
unsere Leute berauschen, und, wenn sie wie todt daliegen, ihnen die
Hlse abschneiden."--"Das wr' ja eine frchterliche Metzelei!"--"Ja,
aber wir wren schn gestorben!"--"Wieviel seid Ihr da drben?"--"Die
Sioux sind fnftausend, Mnner und Weiber."--"Und wieviel Kinder habt
Ihr?"--"Wir haben keine Kinder."--"Was?"--rief ich erstaunt,--"es
mssen doch Kinder da sein!"--"Doctor, nein, es sind keine Kinder da;
seit zehn Jahren ersticken wir sie."--"Mein Gott!"--rief ich,--"wie
grlich; so habt Ihr Euer Zerstrungswerk schon begonnen?"--Der
Indianer schien mich nicht zu verstehen, oder meine Verwunderung
fr gegenstandslos zu halten; wenigstens gab er mir keine Antwort.
Erst nach lngerer Pause, wie mir schien, des Selbstbesinnens,
sagte er, "Doctor, was hast du gegen den Brandy?"--"Ich habe nichts
gegen den Brandy;"--antwortete ich halb gleichgltig,--"ich finde
es nur scheulich, ein ganzes Volk so hinzumorden; aber, wenn Ihr
es nun doch vorhabt, so finde ich es grlich durch Schnaps zu
sterben."--"Ja, Doktor"--antwortete der Alte, der diesmal aufmerksam
zugehrt hatte,--"Du hast Recht, der Brandy ist ein schlechtes Wasser,
er macht so gemeine Grimassen,--wie die der Pferdsleute...."--"Wie
wer?"--warf ich dazwischen.--"Wie die Pferdsleute!"--betonte der
Alte nachdrcklicher, und ergnzte sich dann noch mit: "wie die
Todtengesichter mit den dicken Knochen, die um unsere Jagdgrnde
wohnen...."--"Wie die Amerikaner, willst du sagen?"--frug ich
noch;--"ja," ergnzte der Huptling fast schlfrig,--"wie die
Amerikaner;---nein, Doctor, der Brandy ist nichts; auch wrde der
groe Geist uns zrnen, wenn wir in seine Jagdgrnde kmen;--Doctor,
nenn' mir ein anderes Mittel aus deiner Geheimschachtel."--"Mein
lieber Freund,"-sagte ich; das furchtbare Vorhaben des Indianers
zwngte mir unwillkrlich das vertrauliche 'Du' auf die Lippen,--"ein
solches Vorhaben ist nie an mich gestellt worden; unser Arzneischatz
hat zwar starke Gifte, aber wir theilen sie in kleine und kleinste
Gaben, und verdnnen sie mit viel Flssigkeit, weil wir Segen und
Heilung damit wirken wollen;--brigens,"-fuhr ich nach einigem Besinnen
weiter,--"Ihr habt ja selbst ttlich wirkende Kruter; Ihr habt ja
das Pfeilgift...."--"Doctor!"--fiel der Indianer mir langsam und
schlau blinzelnd in's Wort,--"Du hast keinen so scharfsinnigen Gott
wie wir; der groe Geist kennt das Gift unserer Pfeile; er wrde es
riechen; und wir kmen nicht in die ewigen Jagdgrnde!--Doctor, nenn
mir ein anderes Mittel aus Deiner Geheimschachtel, und Du sollst
einstmals neben mir Deine Pfeile in den leuchtenden Jagdgrnden
des groen Geistes abschieen!"--"Warum pactirt Ihr nicht mit den
Amerikanern, mit den Pferds-Leuten, wie Ihr sie nennt,"--versuchte
ich dem Gedankengang des unheimlich gleichgltigen Indianers eine
andere Richtung zu geben,--"grenzt Euer Gebiet ab; es ist ja noch
so viel Platz da drben."--"Doctor, spricht auch der Hirsch mit
dem Jger ber die Bedingungen des Lebenbleibens?!"--(dann nach
einer Pause) "nein, Doctor, wir mssen sterben; aber weil wir keine
Hirsche sind, sondern doch jedenfalls Sioux, Cheyennes und Dakota
sind, wollen wir sterben; wir wollen wie flinkfige Hirsche den
Pferds-Leuten zuvorkommen, und schneller sterben, als es ihnen lieb
ist...."--"Der Plan ist teuflisch, der Plan ist infernal,"--rief ich
voll Entsetzen,--"welches Scheusal unter Euch hat diesen frchterlichen
Plan ausgeheckt?"--"....Doctor,"--fuhr der Huptling fort, indem er
das Letzte entweder berhrt hatte, oder nicht wrdigen wollte,--"was
hlst Du vom Tabak?"--"Ich halte nichts vom Tabak!"--erwiderte ich
unmuthig,--"Der Tabak ist ein langsames Gift, er umwirbelt Euren
Geist; er tuscht Euch, aber er tdtet Euch nicht."--"... Und er
macht die Menschen im Innern so schmutzig!"--ergnzte der rothfrbige
Schlaukopf, der diesmal scharf aufgepat hatte,--"auch wrden die
Weiber den scharfen Saft spren, Verdacht schpfen und zu kreischen
anfangen!... Unsere Weiber wissen nichts.... ihre Seele ist zu
klein;... nein, Doctor,--aber ich habe gehrt die Schachtel des weien
Medizinmanns hat Gift von denen, was in einen hohlen Zahn hineingeht,
gengt, Tausende zu morden, und man riecht nichts und schmeckt nichts,
und es frbt sich nichts, und bleibt Alles inwendig wie auswendig;
Doctor, zeige Dein Herz so rein, wie Dein Aug' ist, und hilf Deinem
Freund, den groen Geist betrgen!"--"Berhmter Huptling," ich, "was
Du hier von unseren Giften behauptet hast, ist nicht so wrtlich zu
nehmen, vielleicht hat es einer von den Unsern einmal ausgerechnet;
aber so viel Gift bereiten wir nicht im Voraus; weil wir nicht Tausende
hinmorden; der tausendste Theil dessen, was unter einen Fingernagel
hinunter geht, hat schon heilkrftige Wirkung; woher denn Centner Gifte
auf einmal herholen, um die drei Stmme zu vernichten!?"-Der Huptling
schaute mich mit dem pfeilspitzen Blick seines zugekniffenen Auges
an; alles, was ich vorgebracht hatte, war nicht ganz wahr; vielleicht
gibt es in unserem Gesicht eine feine Reaction der Unwahrheit, welche
diese fremden Vlker erkennen, und welche eintritt, wenn sie mit
dem Griffel ihres stahlgrauen Auges die Probe machen; ich fhlte
der Huptling wisse, da ich Ausflchte suchte. Als er aber meine
Verlegenheit merkte, und, da ich mich durchschaut fhlte, schonte
er mich, und schaute weg.--"Wir _Sioux_ und _Cheyennes_,"--fgt er
dann nach lngerem Besinnen hinzu,--"sind doch noch zu sehr Menschen;
wren wir Thiere!... Dem Thier verhllt man das Auge, und treibt ihm
einen Stachel durch das Hirn; aber die Sioux sind doch noch Menschen.
Welches Unglck, zwischen den Pferdsleuten, und Thieren in der Mitte
stehen zu bleiben!... (dann nach einer lngeren Pause) Wir knnten
auf allen Vieren im Wald herumlaufen, uns Hrner aufsetzen, wie die
Hirsche bellen, und uns zusammenschieen lassen!... aber schlielich
wrden die Pferdsleute dahinter kommen, sich enttuscht von unseren
blutenden Krpern zurckziehen, und wir mten hilflos im Wald
verrecken."--"Huptling,"--entgegnete ich--"Deine Phantasie ist
schrecklich; was Du vor hast, ist das Unerhrteste in der Geschichte
der Vlker; und wie Du es vor hast, ist es eine Grausamkeit, die an
Wahnsinn grenzt!--Wenn Ihr partout sterben wollt, warum ergreift Ihr
nicht die Waffen, und strzt Euch geschmckt und bemalt mit wildem
Kriegsgeschrei auf Eure Feinde, vernichtend und niedermetzelnd, was
sich Euch in den Weg stellt, und zuletzt der Uebermacht erliegend? Wre
das nicht der schnste Todt fr den Krieger?"--"Doctor,"--entgegnete
mit groer Schlfrigkeit der Indianer--"warum grundlos so viel Blut
vergieen?!--Wir haben unsere Skalpe;... Jeder _Sioux_ mu so viel
Skalpe genommen haben, als er Finger hat; seit vierzig Jahren haben wir
gesammelt; die Strkeren haben fr die Schwachen gearbeitet; die Skalpe
unserer Feinde liegen vertrocknet tief im Wald aufgehuft, und die
Blagesichter haben auf der Reise in die Ewigkeit ihre nackten Schdel
dem groen Geiste vorgezeigt; er hat sie gezhlt; und den _Sioux_
steht offen der Weg zu den groen Jagdgrnden!--Warum jetzt noch
schmutziges Blut vergieen?--Nein! Doctor, Du kennst nicht das Gefhl
der _Sioux_ und _Dakota_; wir sind wie ein verwundetes Thier, das wei,
da es sterben mu, und sich tief im Gebsch verkriechen mchte, um
das dumme, unreinliche Geschft allein und unentdeckt zu vollbringen;
aber ein tiefer, alter Gedanke, will uns immer wieder hindern und
uns daran erinnern, da wir mehr wie Thiere sind;... (nach lngerem
Besinnen) Unser Fleisch soll sehr gut schmecken!..."--"Was meinst
Du, Huptling?"--entgegnete ich,--"Habt Ihr gutes Wild und reiche
Jagdreviere?"--"Nein,--unser Fleisch soll gut schmecken!"--"Wessen
Fleisch?--Euer Fleisch!--Ihr seid keine Menschenfresser?!"--"O
nein der _Sioux_ mte ausspeien!--Aber wir knnten unsere jungen
Mdchen und Jnglinge sehr sorgfltig braten und mit Krutern und
Lorber geschmckt den Pferdsleuten berschicken,--unser Fleisch gilt
hher als das des Ebers,--und die andern wrden sich inzwischen im
tiefsten Wald aufhngen; und die Blagesichter wrden erkennen, unsere
Religion erlaubt uns, gromthiger zu sein, als ihr an einem Balken
aufgehngter, todter Gott!..."--In diesem Augenblick wurde der rothe,
kriegsgeschmckte Mann vor mir auf dem Holzstuhl von heftigem Zittern
und Schluchzen befallen; er reckte und dehnte die mageren Arme vor
sich zwischen den Knieen und verbarg das verrunzelte, wie in einem
Krampfanfall zusammengekniffene Gesicht gegen die Brust hin; war es
ein Raptus des Schmerzes, oder die indianische Weise zu weinen; keine
Thrne stahl sich ber sein Gesicht; aber gleich darauf sprang er
pltzlich mit einem einzigen Satz, und mit einem Schrei in die Hhe,
als sei er von einem schrecklichen Gedanken erlst worden, wobei ich
zu meinem hchsten Erstaunen bemerkte, da er den funkelnden Tomahawk
in der hoch emporgehaltenen Rechten hielt. "Doctor",--sagte der
Huptling,--"der groe Geist hat sein Auge auf Dich gerichtet, und
Deinen Weg behtet."--Dann wurde der Alte wieder sehr ruhig und still,
setzte sich wieder auf einen Moment hin, sah mich mit einer freien,
fast freudigen Miene an, musterte jetzt erst mit einiger Neugierde
mein Zimmer, brach dann seinen Besuch ab, und empfahl sich zuletzt mit
derselben Freundlichkeit und Ehrerbietung, mit der er mich immer in
seinem Lager ausgezeichnet hatte, und mit den englisch gesprochenen
Worten: Well, Doctor, we shall see about all that, when we have coming
home. (Nun, Doctor, wir werden ber dem allen ins Reine kommen, wenn
wir erst wieder zu Hause sind).




Ein scandalser Fall

                                "Und Er schuf sie, ein Mnnlein
                                und Frulein, und sprach zu ihnen:
                                Seid fruchtbar und mehret Euch."
                                                 Genesis 1, 27-28.

Das skularisirte Kloster _Douay_ in der Normandie wurde 1830 insofern
seinem ursprnglichen Zweck zurckgegeben, als ein Erziehungs-Institut
fr Mdchen in den weiten prachtvollen Rumen, und unter der
geistlichen Oberleitung eines Abb mit der nthigen Anzahl von
Lehrkrften in der Gestalt von Dominikanerinnen--die auch frher das
Kloster inne gehabt--von der Regierung gestattet worden war. Die
dort erzogenen, jungen Damen gehrten den ersten Familien des Landes
an. Man wollte dem damals noch gekrnkten franzsischen Adel gern
einige Concessionen machen, und ihm, der damals die Hauptstdte, und
besonders Paris, mied, gern auf dem Lande das einrumen, was er dort
nicht erreichen konnte: Ansehen, freies, glanzvolles Auftreten, und
besonders einen gewissen Einflu auf die rtlichen Institutionen des
Landes und der Bevlkerung. Da dieser Einflu sich mit einer Strkung
des katholischen Gedankens deckte, lag in der Natur der Sache. Und
es war ganz im Einvernehmen mit den Protectricen des klsterlichen
Erziehungs-Instituts, wenn die jungen Damen beim Eintritt in ihre
Lernzeit eine Art von Gelbden ablegten. Das war vor Allem vornehm.
Und es gab einen Vorgeschmack fr das eigentliche klsterliche
Leben, sollte die Eine oder Andere, bei dem damaligen niedrigen
Cours aristokratischer Brautschaften, es vorziehen, definitiv den
Schleier zu nehmen. Also Gelbde wurden abgelegt. Von den bekannten
Drei war das der Armuth natrlich nicht von jungen Aristocratinnen zu
verlangen, deren Eltern sonntglich zwei-und vierspnnig von ihren
Gtern herberkamen, und den Kindern ein reiches Extra-Taschengeld fr
Obst-und Zuckersachen dalieen. Dagegen wurde das Gelbde des Gehorsams
streng gefordert und geleistet, und ebenso--die Mdchen waren alle
zwischen 14 und 18--das der Keuschheit. Wir kommen auf den letzteren
Punkt spter zurck. Er ist nicht ganz irrelevant in der gleich zu
beginnenden Geschichte.--

Nur ein ganz kurzes Personenverzeichni noch vorher, eines Stckes,
welches der Leser am Schlu muthmalich als Tragikomdie bezeichen
drfte; Da waren also einmal Monsieur l'Abb (de Rochechouard),
meist kurzweg Monsieur l'Abb bezeichnet, oder sogar Monsieur, da
er neben dem Grtner und einem Kirchengehlfen fr die grobe Arbeit
der einzige Mann im Kloster-Institut war. Ein feiner, hochgebildeter
Geistlicher aus altem Adel, in den 50ern; aber etwas bequem; es war
doch mehr eine Sinecure als eine Arbeits-Stellung; Monsieur hatte die
geistlichen Obliegenheiten der Institutskirche, untersttzt noch von
einem Amtsgehlfen, und eine Art Aufsichtsrecht ber die kleine Kirche
des fast mit den Klosterbaulichkeiten zusammenhngenden Drfchens
Beauregard; Monsieur hatte also eigentlich nur eine Respects-Stellung;
er war vermgend und konnte seiner Vorliebe fr Bcher ungehindert
nachgehen; doch war Wissensdurst nicht eigentlich das, was ihn trieb.
Er war ein Schlecker; er ffnete heute dies, morgen jenes Bndchen,
um ein paar Gedanken zu fischen, und mit diesen dann den Tag ber zu
scherzen; sein Feld war ausschlielich Theologie; natrlich fehlten
auf seinen Regalen nicht die Classiker, und nicht die paar erotischen
Schriften, die zu ihnen gehren; sinnlich war Monsieur l'Abb nicht;
dazu war der Krper zu beleibt und das Gesicht zu gutmthig; auch
productiv war er nicht; er behandelte keine These des Thomas d'Aquino;
und gab keine Vorschlge zur zeitgemen Abnderung der geistlichen
Exercitien in Klosterschulen heraus; er war eine ruhige, sublime Natur,
zufrieden mit Allem, was der Tag brachte; so ein Geistlicher aus den
Romanen des Cherbuliez; ein braver Spaziergnger in dem Weinberg
des Herrn, der nicht auf die Trauben schimpft, aber auch nichts zur
Verbesserung der Reben beitrgt; sondern wachsen lt, was wchst; die
Stirne war nieder, das kurze Haar krftig und voll; die Augen klein und
friedlich; volle, zufriedene Wangen; einen uerst feinen Mund; die
Statur untersetzt; die Rede kurz, klein, knapp, frei von jedem Pathos;
absolut keine Predigernatur; ein still in sich und fr sich arbeitendes
Wesen; das Habit immer tadellos.--

Da war dann Madame la Superieure, meist nur Madame genannt, das
weibliche Oberhaupt des Instituts; sie war eine de Vremy, aus alter
normnnischer Adels-Familie; sie trug das Dominikanerinnen-Habit;
eine unsglich stolze Dame; gut in den 40; voll Klugheit und Wrde;
sogar die adeligen Comtessen-Mtter der Mdchen, wenn sie auf Besuch
oder zur Ordnung von Angelegenheiten kamen, machten ihr Reverenz,
die sie ausdrcklich forderte; denn auer ihrem alten Adel war sie
doch fast in der Stellung einer Aebtissin; auf dem chamois-gilblichen
Ordenskleid trug sie stets ein groes goldenes Kreuz, das sie vom
Papst geschenkt erhalten hatte; ordnungsgem stand sie unter dem
Abb; faktisch aber war ihre Stellung hoch ber ihm; sie leitete die
smmtlichen complicirten Institutsangelegenheiten, und nahm damit
ihrem geistlichen Oberherrn, der sehr bequem war, einen groen Theil
Arbeit vom Hals; das Verhltni zum Abb war daher ein vorzgliches;
ja ein intimes; stundenlang verweilte Madame auf seinem Zimmer; sie
plauderten vertraulich, einsam und flsternd; doch war kein Hauch
von Sinnlichkeit, oder nur sinnlicher Neigung in diesem Vis--vis.
Die negativen Grnde dafr lagen auf beiden Seiten. Monsieur war eine
quietive, meditirende Natur; Madame scharfsichtig, in ihrem Gemth
erkaltet, und in ihren Jahren gnzlich vom Verstande beherrscht. Was
Madame leidenschaftlich liebte, war Lectre weltlicher Gattung; und
auer der Bibliothek des Abb, die sie allein zu durchstbern das
Recht hatte, bekam sie monatlich ein groes Packet aus Paris. Wenn
die Mgde ihre Zimmer am Abend herrichteten, fanden sie selbe mit
einem feinen, blulichen Rauch erfllt. Auffallend war es, da Madame,
obwohl sie gar keine Stunden gab, und sich nur an der Morgenandacht
und den Gottesdiensten in der Kirche betheiligte, viele der jngsten
Pensionrinnen stundenlang auf ihrem Zimmer zurckhielt. Im Uebrigen
war die Superiorin selten zu sehen, war sehr schweigsam, mischte sich
nie persnlich in Affairen, lie sich von den 8 Ordensschwestern
mndlich Bericht erstatten, schickte ihre Befehle durch Untergeordnete
hinunter und durch alle Rumlichkeiten und Sparten der weitluftigen
Klosteranlage; sogar im Dorfe war jeder ihrer Winke eine sichere Ordre;
und ihr unsichtbarer Geist beherrschte alle Verhltnisse rings um Douay
und weit ber Beau-Regard hinaus.--

Mit der folgenden Persnlichkeit kommen wir in die Nhe des
eigentlichen Kloster-Conflicts, der weiter unten Gegenstand der
Erzhlung. Mademoiselle Henriette de Bujac war die Nichte von
Madame de Vremy, der Superiorin, ein etwa 17jhriges, hbsches und
temperamentvolles Mdchen, meist nur Henriette genannt, mit dunklem,
kurzgelocktem sogenanntem Tituskopf, schwarzen, feurigen Augen,
schlankem, etwas mageren Wuchs, erregter Fantasie, und eigentlich
den Kloster-Vorschriften entwachsen, welche ihre Aufnahme nur
mit Rcksicht auf husliche Verhltnisse,--wo eine mit schweren
Krampf-Anfllen behaftete Tante ihre Anwesenheit verbot,--und auf
die nahe Verwandtschaft mit Madame de Vremy geschehen lieen. Der
"weie Teufel" wurde sie nur genannt wegen der groen Zahl reicher
weier oder creme-farbiger Toiletten, die sie, als eines der reichsten
Mdchen, von Hause mitbekommen; und wegen der Gewandtheit ihrer
Bewegungen, Reden und mimischen Fertigkeiten. Natrlich war sie der
"ungezogene Liebling" von Madame, und der "unausstehliche Kobold" im
Zimmer von Monsieur l'Abb. Damit waren aber ihre Alliancen in dem
ewigen Kampf von Eiferschteleien und Partei-Ergreifungen in einem
weiblichen Kloster-Leben erschpft. Denn gehat wurde sie von allen
acht Kloster-Schwestern, die ihr an weiblicher Findigkeit nichts mehr
lehren konnten, und von denen Henriette an gewhnlichen Klosterund
Lehrdisciplinen nichts lernen wollte. Dieser Ha concentrirte sich
wesentlich auf la Seure premire meist nur La Premire--die
vierte Person unseres Schauspiels--genannt--eine gescheidte und kluge
Dame, ebenfalls dem Adel angehrig, die erste Lehrkraft der Anstalt,
die erste Dame des Klosters nach Madame la Superieure, und deren
prsumtive Nachfolgerin.--Gehat war Henriette aber auch von fast
allen ihren Colleginnen, die meist viel jnger waren wie sie, einmal
wegen ihren weien Toiletten, wegen ihres reiferen Alters, und dann
wegen ihrer zahllosen Freiheiten und Unbekmmertheiten.--In welchem
Verhltni Henriette zu Mademoiselle Alexina Besnard stand, dem
eigentlichen Helden unserer Geschichte, sollen die folgenden Zeilen
vermelden, sobald wir nur kurz das Portrt von Mademoiselle Alexina
entworfen haben. Diese junge Dame, fast gleichalterig mit Henriette,
und somit eine der prominentesten Schlerinnen der Anstalt, war das
fleiigste und tchtigste Mdchen der ganzen Schule, die Zierde, und
fr viele Familien der Aushngeschild fr all' die Fortschritte,
die man in Douay machen knne. Alexina selbst war das Kind ganz
armer Eltern, von Jugend auf hchst keck und frhreif schon in der
Schule Preistrgerin, und ein hervorragendes Talent fr Mathematik
und Sprachen. Sie eignete sich Alles mit spielender Leichtigkeit
an, und gab es ebenso leicht an jngere Mdchen in instruirender
Form ab. In dieser Hinsicht galt sie als Phnomen. Dem Pfarrer
ihres Dorfes konnte ein solches Ueberma von geistigen Fhigkeiten
nicht verborgen bleiben. Mit einem warmen Empfehlungsschreiben von
ihm pochten die armen Eltern in Begleitung ihres 14jhrigen Kindes
eines Tags an die Pforten von Douay. Dort erkannte man nach kurzer
Prfung, was man vor sich hatte. Alexina Besnard wurde kostenlos
aufgenommen; und schon nach einem Jahr war alles darber einig, das
seltene Talent fr das Kloster als Erzieherin heranzubilden.--Was
Alexina nicht verstand und sogar mit Abscheu von sich wies, waren
weibliche Handarbeiten; aber das kam natrlich nicht in Betracht;
da man auf eine Rechnerin tausend Hklerinnen findet. Das Aeuere
von Alexina? Seltsam und sonderbar! Gro und schlank gewachsen, mit
einem hastigen, weitausholenden Gang, so da ihre Kleider stets in
unzierlicher Bewegung waren; das Gesicht mager und fast hlich, wenn
nicht der imponirende, hastige, durchdringende und alles aufsaugende
Blick sofort gefesselt, eine, fr sich genommen schne, Adlernase
sofort den ungewhnlichen Gedanken-Kreis dieses Mdchens verrathen
htte. Ihre ungnstig gemachten Kloster-Toiletten lieen ber ihre
Krperformen nichts erfahren. Aber eine aphroditische Figur wird sie
kaum gewesen sein; zumal sie nichts zur Verbesserung ihrer ueren
Erscheinung that, Spitzen, Krausen, Hubchen vermied, und, wie sie
sich ausdrckte, in thunlichster Blde sich nach dem Kloster-Habit
sehnte. Die Stimme von Alexina war scharf, ein hoher Discant, wie zum
Commandiren von jngeren Zglingen geschaffen; im Chor fiel sie auf,
da sie oft pltzlich mutirte, und in den Alt kam; berhaupt war sie
ein rechter Rattenknig von sonderbaren und ungewhnlichen Anlagen
und Fhigkeiten; und hatte eine glasharte, facettirte Manier, Alles
um sich herum nach ihrem Willen umzuwenden, an sich zurechtzureiben,
und ihren Neigungen anzupassen. An dieses arme, sonderbare, sprde und
wenig duldsame Mdchen, welches nur ihre glnzenden Geistesfhigkeiten
in die Wagschale eines Vergleichs mit jedem andern Instituts-Kind
zu legen hatte, schlo sich Henriette, diese verwhnte, reiche,
luxurise, feingeartete junge Aristokratin schon in den ersten
Tagen ihres Eintritts ins Kloster an, und beide waren, jetzt, am
Tag unserer Erzhlung, nach einjhrigem Sich-Gegenseitig-Kennen die
unzertrennlichsten Kameraden, wobei die Initiative dieses seltenen,
innigen Verkehrs entschieden auf Seite von Mademoiselle de Bujac
zu suchen war. Es ist richtig, Henriette de Bujac war ein gutes,
mitleidfhiges Mdchen; und vielleicht war die Armuth und die
eigenthmliche Stellung Alexina's im Kloster der erste Beweggrund fr
erstere, sich der letzteren zu nhern. Aber gerade vom Reichthum,
vom Taschengeld, von der feinen Toiletteausrstung Henriettes wollte
und konnte Alexina nichts profitiren. Hier war also kein krftig
genug gewobenes Band, um zwei blutjunge Mdchen so innig zu fesseln;
Alexina's Kenntnisse und geistige Fhigkeiten noch weniger, da das
Alles der leichtsinnigen, munteren, lebenslustigen und--faulen
Henriette gar nicht imponirte. Auch waren deren Fortschritte am Schlu
so schlecht wie am Anfang. Aber Sympathie, dieses schon im gewhnlichen
Leben so geheimnivolle Band, dessen Runenschrift nicht zu lesen, und
welches die Menschen verbindet, wie leicht und durchsichtig gewoben ist
es erst um die Herzen launenhafter Mdchen, und wie leicht zerreilich!

Hiermit,--noch eine Anzahl Mgde, Zglinge, weigekleideter Schwestern
mit Scapulier hinzugedacht,--sind wir mit unserem Personen-Verzeichni
fertig; und nun mag der 20. Juni 1831 beginnen, welchen Tag sich die
Klostermauern von Douay gemerkt haben, an dessen Abend die 100 oder
120 Insassen, die das Institut zhlte, ausnahmslos sich klopfenden
Herzens und brtender Stirne zu Bett begaben; dann noch eine Nacht,
und am folgenden frhen Morgen war dann eine der glnzendsten
Natur-Aeuerungen, aber auch eine der scheulichsten Katastrophen zum
Abschlu gebracht.--

Monsieur l'Abb sa in seinem Zimmer; der Frhstckskaffee war
getrunken und zur Seite gestellt; Monsieur l'Abb rauchte nicht; aber
er las; als Frhstckscigarre las er Liguori, Theologiae moralis
libri sex; Monsieur war auf keinem Gebiet so zu Haus, wie auf dem
der Moraltheologie; Busenbaum, Ribadeneira, Sanchez, die alle
darber geschrieben, lagen in hbschen, gepreten Pergament-Ausgaben
daneben; ob Monsieur im Leben sehr moralisch war? Das lt sich nicht
beantworten; gehrt aber auch nicht daher; Monsieur las gern moralische
Werke, wie ein Anderer gern auf die Jagd geht; ohne da diesen Jemand
fragen wrde, ob er mit Vorliebe Thiere umbringe; Monsieur wog gern die
moralischen Begriffe hin und her, spielte mit den Cardinal-Tugenden,
zog einzelne Laster wie schwarze Versuchs-Phiolen aus seinen Tractaten
heraus, und versenkte sie sorgfltig in seiner Einbildung in die
Herzen ihm bekannter Menschen, und lie sie nun agiren, um zu sehen,
was daraus wird.--Wir knnen nicht erkennen, welches Capitel Monsieur
aus Liguori las, wie sehr wir auch ber seine Schulter gebeugt uns den
Text zu entziffern bemhen, denn die Drucke im siebzehnten Jahrhundert,
und besonders die Lyoner Ausgaben waren so schlecht, gerippt und
zerbrselt. Aber die Stelle mu dem Abb gepat haben, denn er
blinzelte mit den Augen, und lief mit dem Zeigefinger der rechten Hand
rund um die Nase, die von dem Buchtext gar nicht weit entfernt war.
Wir haben schon oben erklrt, da Monsieur nicht sinnlicher Natur war;
Niemand darf deshalb hier einen falschen Schlu ziehen; Monsieur war
sublim; und Alles was unter dieses Betrachtungsglas fiel, da verweilte
er; gut, er mag gerade de Verecundia gelesen haben; aber dann war es
nicht die Schamhaftigkeit selbst, die ihn interessirte, sondern die
feinen Unterschiede mit der Castitas, der Keuschheit; und nicht etwa
die Schamhaftigkeit, wie sie sich bei Dienstmdchen manifestirte,
war dann der Gegenstand seines Interesses, sondern der viel feineren
Darlegung, wie sich selbe etwa an den Engeln im Himmel zeige, sprte er
nach.--

Da wir das genaue Capitel, welches Monsieur studirte, nicht erkennen
knnen, so wollen wir uns anderweitig im Zimmer des Abb etwas umsehen.
Hell und freundlich war es; die Morgensonne kam zu dem Fenster herein,
an dem der groe, platte Arbeitstisch des vornehmen Geistlichen stand;
grne schwere Portieres milderten diese Morgensonne: am Fuboden ein
leuchtendes Tigerfell, in dessen Falten die kleinen Schnallenschuhe
von Abb spielten; rckwrts, gegen das zweite Fenster zu, ein
groer seideberzogener Paravant, der vom Zimmer ca. ein Drittel
abschneidet, und hinter den wir, hinter dem Abb stehend, nicht sehen
knnen; nach Vorwrts, von einem weiteren Morgenfenster mit gnzlich
aufgezogener Portiere beleuchtet, vier bis fnf Bcherschreine, knapp
an die Wand gerckt, vollgepfropft mit Volumina, deren Titel wir von
der Entfernung nicht lesen knnen, die aber nach den zahlreichen
gilblichen Pergament- und Schweins-Rcken zu schlieen, eine Menge
Theologie bergen. Noch ein kleiner Betpult zu unserer Linken; zwei
Thren auf dieser Seite; eine, die direct zu den Appartements von
Madame la Superieure im nchsten Stock fhrte, und eine, die auf den
Kloster-Corridor mndete, also der Eingang war; noch ein kleines
Blumen-Arrangement; ein Kamin, zwischen den zwei Morgenfenstern,
mit einigen Statuetten; und--das Auffallendste zuletzt--ein toller,
aparter Geruch, wie ihn besondere Menschen in ihren Rumen haben,
und der Jedem sofort auffiel, der Monsieur's Zimmer betrat, ein
Geruch gemischt aus--vergleichsweise--Zibeben mit Druckerschwrze,
Tigerfell-Pulver und dem persnlichen Schwei des Prlaten, und der
fest und unaustreibbar in diesem Zimmer lag.--Und damit haben wir
das Arbeitsgemach von Monsieur de Rochechouard im ersten Stock des
Klostergebudes dem Leser vorgefhrt.--

Whrend der Abb sich hier in moralische Probleme des Liguori
vertiefte, zogen oben im 3. Stock die 14-, 15-und 16-jhrigen Mdchen
ihre Hschen an, schlpften in die Pantffelchen, und begaben sich
jedes an den abgezirkelt neben jedem Bett stehenden Waschtisch, und
begannen das frische Wasser ber die dnnen Nacken zu spritzen,
und Wangen und Stirn ein wenig zu reiben, und die berhngenden
Haare hinauszustreichen, und sich zu beugen, und wieder kerzengerad
aufzurichten; denn es war Morgens 7 Uhr und Aufstehenszeit; und
Monsieur war nur so frh daran, weil er ja seine Messe lesen mute;
In dem ganzen Schlafsaal sah man jetzt nur weie Lichter und Flchen;
chamoisgelbe Arme und Nacken; blendendweie Rckchen und Hemdstcke;
und manchmal glitzernde Punkte von aufgesperrten Mndern; und ein
Schliefen, Rutschen, Anziehe- und Auskleide-Gerusch, ein Knipsen der
Strumpfbnder, ein Schlappen, Wischen und Wenden ging durch den Saal.
Sonst war Alles ruhig; denn der Geist dieser jungen Geschpfe lag noch
eingebunden in den Windeln ihrer Trume, und hinderte sie am Plappern
und Schwtzen.

Was geschah aber mit Madame la Superieure um diese Zeit? Sie war
wohl schon aufgestanden und trank Chocolade, und lag in einem mit
Kreuzen, Herzen und Passionsngeln gestickten Schlafrock, damit
beschftigt jenen blauen Rauch in ihren Zimmern zu entwickeln, den
die Mgde immer bei ihr vorfanden, und den sie fr den Weihrauch von
Madame's Privatandacht hielten; und vielleicht griff sie in das halb
aufgemachte Pariser Packet und holte sich einen Klein-Oktavband und
fing an zu lesen, zu lesen, oft bis die Sonne schon hoch am Himmel
stand. Denn Madame betheiligte sich nicht an der Morgenandacht, die
alle Kloster-Inwohner vor dem Frhstck zusammenrief. Vormittag bte
sie keine Prsidialgeschfte aus. Und auch heute wre sie in ihrem
Passionsrock liegen geblieben und htte wohl den Oktavband zu Ende
gelesen, wenn nicht eine scharfe Flsterstimme an ihrem Schlafzimmer
schon bald erschienen, und ihr die seltsamste Mittheilung gemacht.

Inzwischen aber trampelten und rutschten und trappten die 70 oder 80
Klosterfrulein mit noch verschlafenen Wimpern die Treppen hinunter
in die groen Betsle im Parterre, um die kurze Morgenandacht zu
absolviren, der gleich darauf das fiebernd erwartete Frhstck mit viel
Weibrod, viel Butter und viel Kaffe folgte.

Schon whrend dieses Treppen-Hinabjagens, und whrend der Andacht,
und noch mehr whrend des Frhstcks, wo die zarten Mulchen die
ersten Exercitien fr die Schwatzthtigkeit des ganzen Tags machten,
gewahrte man heute ein Zischeln, ein Zuflstern, ein Gesticuliren,
welches zu dieser verschlafenen Morgenstunde ganz ungewhnlich war.
Und als endlich nach dem Frhstck Gro und Klein an die Arbeit sich
begeben sollte, und die einzelnen Classenzimmer mit Arithmetik,
Memoriren, Classiker, Aufsatz, Schnschreiben sich fllen sollten,
zeigte sich's, da eine ungewhnliche Erregung den ganzen jungen
Bienenschwarm ergriffen hatte, da ein Ferment von intensiver Wirkung
Allen in die Herzen und in die Kpfe gefahren war; da alle Augen
funkelten, alle Wangen glhten; und da La Soeur Premire, weit
entfernt mit einer einzigen Handbewegung, wie sie's konnte, die kecken
Palast-Revolutionre in ihre Arbeitsstuben zu jagen, lchelnd alles
geschehen lie, so war's kein Wunder, wenn geschah, was nun folgte.

Monsieur l'Abb sa noch immer auf seiner Tigerdecke und las noch
immer Liguori, Theologiae moralis libri sex. Er hatte ja schon lngst
gefrhstckt. Und bei der Morgenandacht pflegte er auch nicht zu
erscheinen. Nun fing es pltzlich auen an seiner Thre, die zum
Corridor fhrte, zu summen und zu brodeln an; es war ein Klirren,
als wenn ein Hagelwetter von kleinen Zhnen sich da drauen zu ben
begnne; und ein Wetzen von Rcken und Schrzen, und ein Schlrfen von
jungen, kleinen Schuhsohlen, und ein Stumpen, Drcken, Gilfen, Kichern
und Pst!-Rufen. Monsieur kannte das Gerusch: Wenn 30-40 Mdchen
an einem heien Sommertag Mittags um 2 Uhr sich vor seiner Thre
hinpflanzten und lrmten, bis er aufmachte, und dann die ganze Cohorte
mit gefalteten Hnden vor ihm in's Knie sank mit dem Ruf: "Wir bitten
um Hitzvakanz!!"--Aber es war ja gar nicht hei. Und auch nicht zwei
Uhr, sondern neun Uhr. Kein Mensch konnte auch wissen, ob es hei werde.

Monsieur las noch immer und hatte den rechten Zeigefinger rings um den
Nasenhcker gelegt. Er pflegte gern sein moralisches Frhstck mit
Liguori oder Thomas d'Aquino bis 10 oder 11 Uhr auszudehnen. Jetzt
aber stand er auf, als vor dem Gestumpe die Thre einzubrechen drohte.
Er ging hin, macht auf: und der ganze Haufe junger Mdchen, mit ihren
grauen Arbeitsschrzchen umgebunden, an den Schultern weie Tllpuffen,
die wilden Haare unter delicatem Chamois-Hubchen versteckt, strmte
herein, schrie durcheinander, voll Entrstung, beugte sich vorwrts,
spreitete die Hnde auseinander, um sie dann zusammen zu patschen,
und was Monsieur aus dem Tumult verstehen konnte, waren nur die Namen
Henriette und La Maitresse. La Maitresse nannten die Mdchen mit einem
von ihnen eingefhrten Namen Alexina, die in der letzten Zeit einige
Lehrstunden bei den jngeren Classen erhalten hatte. La Maitresse blieb
dann fr Alexina, wurde allgemein acceptirt, und schien fr dieselbe in
glcklicher Weise ihre zuknftige Stellung im Kloster anzudeuten. Jetzt
aber sollte dieser Ausdruck pltzlich eine unerhrte Wendung bekommen.
Also immer nur Henriette und La Maitresse war es, was Monsieur
verstehen konnte. Endlich gebot der Abb Stillschweigen, und frug eines
der ltesten Mdchen, was vorgefallen. Nun kam es denn heraus: Man habe
Henriette, die Nichte von Madame, mit Alexina, ihrer intimen Freundin,
heute Morgen beim Aufstehen, im Schlafsaal der lteren Mdchen, Hnde
und Krper verschlungen, in einem Bett, dem Alexina's, schlafend
gefunden; Henriette's Bett, das in einer ganz anderen Reihe stehe, sei
leer gewesen; eines der lteren Mdchen, welches zufllig und wegen
eines bestimmten Bedrfnisses etwas vor der Zeit aufgestanden, habe die
Beiden liegen sehen; sei aber fortgegangen; bei ihrer Rckkehr seien
sie aber immer noch so gelegen; nun habe sie andere Mdchen geweckt;
die seien herbeigekommen, htten mit Staunen dasselbe gesehen; durch
das Gerusch und Kichern seien andere aufgewacht; schlielich sei der
halbe Schlafsaal um die beiden Schlfer versammelt gewesen; nun habe
man ihnen die Bettdecke weggezogen; habe Grliches gesehen; Alexina
und Henriette seien erwacht und kreischend auseinander gefahren.--Alle
Mdchen hatten sich zuletzt an dem Referat mit glhenden Gesichtern
beteiligt. Jetzt entstand eine Pause; und als Monsieur, der noch immer
sein Liguoribndchen mit eingeschnapptem Finger in der linken Hand, und
den rechten Daumen in einem Knopfzwischenraum seiner Soutane eingehakt
hatte, sich nur mit einem ruhigen "Eh b'ien?" vernehmen lie, als
wollte er sagen: Nun, und was ist jetzt?--strzten die jungen Fratzen
mit aufgehobenen Hnden auf ihn zu, und riefen fast wie aus einem
Munde: "Mais c'est honteux! c'est terrible a! c'est sale! Enfin c'est
tout ce que vous voudrez!"--Die jungen Zglinge durften wohl in dieser
Weise sich vernehmen lassen, ohne die ungeheure Distance, die sie von
ihrem Vorstand und Priester trennte, zu verringern. Monsieur hatte
so zu sagen einen breiten Buckel, auf den die jungen Fustchen auch
gelegentlich herumtrommeln durften. Und wenn er auf der einen Seite
faktisch fr die 80 oder 100 strengreligisen Mdchen so gut als wie le
bon Dieu war, so war er dafr doch auch wieder le bon pre, der auch
das in dieser hohen Stellung liegende Wohlwollen zum Ausdruck brachte;
und gar in weiblichen Dingen durften die Mdchen ihre Ansichten mit
den ihnen eigenthmlichen extremsten Wortformen, und unter Aufwand
einer groen Dosis Pathos, zum Vortrag bringen. Auffallend war dem
Abb, da auch die greren Mdchen sich eingefunden hatten, und mit
verlegenen Gesichtern dortstanden.--Jetzt ging die Thre auf, und la
Soeur Premire kam mit einem verstrten Gesicht, welches vielleicht
etwas bertrieben war, herein, fiel dicht vor dem Abb auf die Kniee
(das war eine bliche, pathetische Klosterform), bedeckte ihr Gesicht
mit ihren Hnden und theilweise seiner Soutane, und rief schluchzend
"oh Monsieur, c'est honteux!"--Was es denn gebe,--beruhigte der Abb,
und hob die erste Schwester, der er sehr gewogen war, auf Henriette
und Alexina,--hie es nun,--seien verschwunden, seien weder zur Andacht
noch zum Frhstck gekommen. Dies, und allerlei Flsterungen, die man
jetzt im Kloster hren knne, lieen auf ein ungewhnliches, schweres
Verschulden schlieen.--Nun drngten sich weitere Mdchen durch die
halbgeffnete Thre, und brachten andere Neuigkeiten, die sie von den
Mgden erhalten haben wollten. Drauen, durch den geffneten Thrspalt,
sah man die schadenfrohen Gesichter der Dienstmgde, horchend, ob ihre
Referate richtig berbracht werden: Alexina sei gefunden, sie kaure
im Hemd droben auf dem Boden, und weigere sich herunterzugehen, wenn
ihr nicht Kleider gebracht wr den. Auch Henriette sei jetzt gefunden;
sie war, ebenfalls unbekleidet, zuerst in die Vorrathskammer geflohen,
und, als die Beschlieerin sie dort entdeckt, hinauf zur Superieure
gesprungen. Madame habe dann die Kleider ihrer Nichte hinaufbefohlen.
Ferner wurde constatirt, da das Bett von Henriette die Nacht ber
berhaupt nicht benutzt worden war, da es jetzt noch gnzlich unberhrt
stehe. Andere Mdchen fuhren jetzt sofort dazwischen, Henriette
sei oft gesehen worden in aller Herrgottsfrhe ihr Bett absichtlich
verrammeln, und dann sich ankleiden; es msse demnach vorher unberhrt
gewesen sein; denn Niemand verkrmple sein Bett im Moment des
Aufstehens aus demselben.--In diesem Moment ging die zweite Thre,
die in Monsieur's Zimmer fhrte, auf, und Madame la Superieure trat
herein. Alles wich halb ehrfurchtsvoll, halb wie ertappt, zurck.
Nur la Soeur premire blieb standhaft stehen, und ma la Superieure
mit einem festen Blick. Aus diesem Blick und ihrem Widerprall aus
Madame's Auge konnte ein Kundiger jetzt schon die ganze Situation
erkennen; und Monsieur l'Abb, wenn er scharfsichtiger gewesen wre,
konnte bereits sehen, da die ganze dumme Schfer-Liebelei zwischen
Henriette und Alexina, um die es sich augenscheinlich handelte, nur
ein Gelegenheitsfeld war, auf dem die beiden Damen sich maen, und da
Henriette, die Nichte von Madame, wenn der Feldzug richtig gefhrt,
offenbar die Flanke abgeben wrde, von der aus, unter Aufdeckung des
verdchtigen Lebenswandels von Madame, die Schwche ihrer Stellung
gezeigt, und sie selbst aus dem Feld geschlagen werden knne.--Madame
schien entrstet und berrascht, was die Zglinge alle hier wollten;
ob denn der jngste Tag anbreche; Alle sollten unverzglich in ihre
Unterrichtsstunden. Mit einem Wink stob die ganze Menge auseinander.
Scheinbar gtig ermahnte sie dann La Soeur premire, die Zgel der
Klosterordnung doch nicht in die Hnde der rauflustigen, ausgelassenen
Mdchen gleiten zu lassen. Sie habe gehrt, was vorgefallen. Es sei
nicht der Rede werth. Natrlich msse eine kleine Disciplinirung
stattfinden. Aber im Kloster Douay deswegen alles zu oberst und zu
unterst kehren, sei unerhrt. Sie mache la Premire fr die fernere
Ordnung whrend des Tages verantwortlich.--Mit einem kleinen "C'est
bien!" verlie die Premire das Zimmer, und Madame und Monsieur waren
nun allein.--Der Abb hatte bis jetzt gar nichts entschieden. Er liebte
es, stummer Zuschauer zu sein, und die Thatsachen in seinem Kopfe zu
registriren. Auch jetzt ergriff er nicht das Wort, sondern wartete,
da Madame sprach.--Das sei ja eine grauenhafte Geschichte,--meinte
diese, und zeigte erst jetzt ihre groe Besorgni--nicht die Sache
selbst, sondern die Aufregung, die sie hervorgerufen. Da selbe solche
Dimensionen annehmen konnte. Das sei ja, als wenn der Teufel der ganzen
Klostertracht in die Glieder gefahren wre.--Monsieur machte eine
abwehrende Bewegung und schlug drei Kreuze in die Geste hinein.--Ach
was!--meinte Madame,--es sei ein groer Fehler gewesen, die Sache
soweit kommen zu lassen. Die Schwestern htten nicht ihre Schuldigkeit
gethan. Sie verlange die Bestrafung von la Premire, am besten deren
Versetzung in ein Schwester-Kloster.--La Premire,--wehrte Monsieur
ab, der sie sehr gern mochte,--sei als Lehrkraft unentbehrlich fr
das Kloster. Wer solle sie, nur im franzsischen Stil, ersetzen.
Abgesehen von ihren Qualitten als Aufsichts-Person. Nein! der Fehler
sei, da weder er, noch sie, Madame, jemals bei der Andacht noch beim
Frhstck anwesend seien. Dann htte man die Affaire, die schon seit
frh 6 oder 7 spiele, rascher entdeckt. Um 9 Uhr war der Bienenschwarm
schon ausgeflogen.--Madame aber blieb dabei, die Schwestern htten
das Unglck angerichtet. Kinder mit 15, 16 Jahren kmen nicht von
selbst so weit.--Aber, was Monsieur weit mehr interessirte, war der
moralische Theil der Geschichte. Ob es denn etwas Hufiges sei, da
Mdchen so zusammen im Bett lgen.--Gewi, die Kleinen spielten ja
wie die Katzen.--Aber Henriette sei doch fast 17, und la Maitresse
gehe in's 18te, und unterrichte schon die Jngsten.--Allerdings,
aber das Freundschaftsband zwischen Beiden sei ein auerordentlich
enges.--Ob diese Mdchenfreundschaften sich so sinnlich uerten?
meinte der Abb.--Zuweilen, ja! Von dieser Ausdehnung habe sie
allerdings keine Ahnung gehabt; aber wohl schon gehrt; in keinem Fall
sei etwas Schlimmes dabei; es seien ja Beides Mdchen, jung, feurig,
phantasievoll.--Abb machte eine Handbewegung, als lange die Erklrung
nicht, und wandte sich zu den Bcherstnden am Fenster.--In jedem
Fall--meinte Madame im Weggehen, sei die junge Brut wieder in ihren
Kfigen. Sie wolle jetzt rasch Anordnungen geben, da Alexina und
Henriette bei Tisch erschienen, als sei nichts vorgefallen. Es drfe
keine Separation der zwei jungen Snderinnen stattfinden. Noch knne
Alles gut gehen.--

Darin irrte sie sich. Wenn nur La Premire nicht entschlossen gewesen
wre, das Eisen, das jetzt glhend, unter keinen Umstnden erkalten
zu lassen. Und wenn nur Monsieur l'Abb sein moralisches Interesse
aufgegeben htte, und auf jede weitere Zufuhr von Details Verzicht
geleistet!--Dieser hatte inzwischen das Dictionnaire ecclsiastique
hervorgezogen und unter dem Titel "Sappho" gesucht; und als er hier
nicht fand, was er wollte, suchte er unter "Lesbos"; und als ihm dies
auch nicht gengte, holte er den Artikel "Tribade". Diesen nahm er mit
auf's Tigerfell, und blieb ber ihn wohl eine halbe Stunde.--

Fr einen Moment war jetzt Alles ruhig. Aber wir knnen dem Leser keine
Zeit zu einer Pause geben. Er mu die ganze Skandal-Affaire, so wie sie
stattgefunden, in den paar Stunden des Nachmittags mit uns durchhetzen.
Er mu durch diesen Hexen-Breughel eines Kloster-Interieurs wie im Flug
mit uns durchsausen. Zum Erblicken von Details ist sowieso keine Zeit.
Aber auch nicht zum Verhalten und Ausschnaufen.

Es bestand eine Kloster-Verordnung, wonach jeder einzelne Zgling sich
zu jeder Zeit entweder zum Abb oder zur Superieure melden durfte, um
ein Anliegen, eine Beschwerde vorzubringen. Dies war ein Paragraph, der
zu Gunsten der Eltern und Angehrigen aufgenommen worden war, um diesen
die denkbar grte Sicherheit gegen mibruchliche Gewalt-Anwendung
bei ihren Kindern von Seite der subalternen Organe zu geben, der aber
bei der humanen und fast patriarchalischen Kloster-Zucht wohl niemals
in Anspruch genommen wurde. Diese Verordnung scheint durch La Soeur
Premire und die brigen Schwestern den Kindern und Zglingen neu in
Erinnerung gebracht worden zu sein; denn als um 10 Uhr die Mdchen aus
ihren respective Classen entlassen wurden, um whrend der nchsten
Viertel-Stunde ein Stck krftigen Schwarz-Brods zu verspeisen,
sammelte sich wieder der gleiche Schwarm vor Monsieur l'Abb's Thr
an, wie nach dem Frhstck, und wieder mahnte ein Wetzen, Stampfen,
Flstern, Klirren, Schaben und Kichern den nachdenklich in seinem
Zimmer auf-und abgehenden, Sappho's Liederbuch in der Hand eingeklemmt
auf dem Rcken tragenden, Abb an neue Ereignisse moralischer Natur.
Dieser Fall war ganz nach seinem Geschmack. Er wollte wissen, wie
weit die an sich sndhafte Natur unschuldige Mdchen zu sinnlichen
Exercitien treibe, in denen zweifellos der Teufel, wenn auch in milder
Gestalt, seine Hand im Spiel habe, und was fr moral-theoretische,
und disciplinr-praktische Fragen und Einwrfe sich daran knpften.
Von hier dann einen khnen Sprung hinber zur Antike, wo, zu einer
Zeit, da der Frst der Hlle noch nicht an Ketten gebunden, frei sein
sndhaftes Spiel treiben konnte, und in der Form des "Tribadismus"
die Weiber der Heidenwelt in rettungslos sndhafte Bande verstrickte;
von welchen jetzt noch, im 19ten Jahrhundert, ein kleiner Rest,
eine Faser, sogar in den Klstern zum Vorschein komme, und von der
noch immer nicht ganz gedmpften Macht des Bsen Zeugni ablege. Et
cetera. Et cetera. Dies war der Gedankengang Monsieur's, der ihn ganz
beschftigte, und in dem die diplomatischen Mahnungen von Madame von
vorhin, die Sache nicht um sich greifen zu lassen, lngt untergegangen
waren.--Und somit ffnete der Abb schnell die Thre, die auf den
Corridor fhrte, und lie die smmtlichen Mdchen, die mit heien
Lippen und ungegessenem Brod dortstanden, herein, die Thre darauf
schlieend.--Kinder,--sagte er,-nur um das Eine mu ich bitten: Eine
nach der Andern, und: Nicht zwei dasselbe erzhlen! Und nun kam ein
ganzer Lavastrom der ungeheuerlichsten Dinge heraus, die die Mdchen
in der letzten Stunde statt Schnschreibens, Geschichte, Memoriren,
Rechnen und dergl. aus ihrem Gedchtni mit Hlfe der Aufsicht-benden
Schwestern geboren hatten: Schon lange habe man eigenthmliche Dinge
zwischen La Maitresse und Henriette vor sich gehen sehen; immer
steckten sie beieinander in einem dunklen Winkel, und zischelten,
und flsterten; des gegenseitigen Kssens sei kein Ende gewesen;
wenn sie in einer Klasse von einander entfernt gesessen, htten sie
"Augenschmeien" und Handzeichen gewechselt; es sei unerhrt, wie die
Zwei einander nachliefen und ineinander "verbacken" seien, wie zwei
Kletten, nicht mehr zum Losreien.--Eine andere Gruppe: La Maitresse
sei ein absonderliches Wesen und habe Dinge an sich, wie kein anderes
Mdchen. Nie sei la Maitresse mit den Andern zum Baden gegangen;
sondern unter irgend einem Vorwand zu Haus geblieben; sie habe sich
stets gescheut, in Gegenwart anderer Mdchen ein natrliches Bedrfni
zu verrichten; dagegen habe man sie oft mit Henriette allein auf dem
lieu d'aisance kichern hren; Henriette sei berhaupt im letzten
halben Jahr nie in ihrem Bett geschlafen, sondern stets hinber zu
Alexina gegangen, nur sei sie sehr frh aufgestanden; Alexina, das
ist la Maitresse, trage keine Mdchenhosen, sondern absonderliche
Beinkleider, die an der unrechten Stelle den Schlitz htten; ihr
Corset sitze nicht; sie sei auch so knochig; und gehen thue sie, wie
gar kein Mdchen; kurz la Maitresse sei eine ganz merkwrdige Person;
und deswegen knne sie auch Dinge, die andere nicht knnten, und sei
gescheidter, als Alle miteinander.--Wieder eine andere Gruppe, darunter
eine Schlafnachbarin von Alexina: Henriette und la Maitresse htten
sich im Bett, wie sie gehrt, obwohl sie sich schlafend gestellt, oft
leidenschaftlich gekt, umschlungen, und sich ma bien aimee! genannt;
als man heute morgen in Gegenwart vieler Mdchen den Beiden die Decke
weggerissen, seien sie mit den Fen durcheinander geschlungen gewesen,
und mit einem groen Theil des Krpers gnzlich entblt; auch habe
Alexina grobe Glieder, und Haare an den Beinen wie der Teufel.--Diese
letzte Wendung, die mit einem eckelnden "h!" von dem ganzen Chorus
der Mdchen begleitet war, tadelte der Abb, da es unsicher sei, ob
und wie stark der Teufel an den Beinen behaart sei; dies auch kein
Gegenstand der Untersuchung fr junge Mdchen abgeben knne.--Ein
einzelnes, schon zu den lteren gehriges, Mdchen deponirt: sie habe
Mademoiselle Alexina gesehen, wie sie Henriette unter die Rcke gelangt
habe, welches diese, obwohl sie heftig errthet sei, habe geschehen
lassen; als sie aber ihrer ansichtig geworden, seien sie unter Lachen
hinweggesprungen.--Ah, c'est degotant!--riefen alle Mdchen, c'est
degotant!--Endlich sagte noch eine der lteren Schlerinnen: sie
glaube berhaupt nicht, da Alexina ein Mdchen sei; sie sei viel zu
gescheidt, und wisse fast Alles; sie sei auch gar nicht sanft, wie
andere Mdchen, sondern wild und hart; sie glaube Alexina sei ein bser
Geist in Mdchengestalt, der eines Tags unter Gestank und Gepolter
pltzlich verschwinden werde.--Die Alles und noch viel mehr hrte
Monsieur ruhig an; sagte dann den Mdchen, sie sollten gemessen in ihre
Stunden gehen, Alles wrde genau untersucht werden; inzwischen mchten
sie la Premire suchen und ihr sagen, zu ihm zu kommen.--La Premire!
La Premire!--riefen die Mdchen freudig durcheinander, und strmten
dann wild hinaus.--

Whrend diese wichtigen Verhre und Aussagen in Monsieur's
Arbeitszimmer statt hatten, schien Madame in ihrem II. Stock schon
wieder ihr ganzes Wohlbehagen gefunden zu haben. Wenigstens kam sie
nicht herunter, um ber die fernere Kloster-Ordnung sich zu informiren.
Und ihre treuen, dienenden Geister, die sonst sofort mit einem Sprung,
und noch diesen Morgen bei ihr oben waren, um ihr die letzte Neuigkeit
mit einem zischelnden Triumphiren in's Zimmer zu rufen, schienen
pltzlich alle mit einem gewissen Ratteninstinct zur Partei der Soeur
Premire bergetreten zu sein. Und so blieb die stolze und bis jetzt
allmchtige soi disant btissin oben bei ihren Romanen und Cigaretten,
und hatte keine Ahnung von allem, was da unten vorging, und, wie sie
eigentlich schon excludirt war.--Im Nebenzimmer bei ihr saen, wohl
etwas stumm und in sich gekehrt in Folge der zweifellos erhaltenen
Vermahnungen und Androhungen, aber im Uebrigen auffallend frisch und
erholt, Henriette und Alexina. Henriette, ein prachtvoll hbsches
Mdchen, mit jener unbekmmerten Nonchalence, die ein so obsiegendes
Moment, wie strablende Schnheit mit sich bringt, und im Bewutsein
ihrer Unangriffsfhigkeit, als Nichte von Madame, hatte sich ihre
schnste Creme-Toilette holen lassen, und sa dort, heiter und zu allem
aufgelegt. Ganz anders Alexina; nicht nur war ihre Zukunft unsicherer
im Falle eines Fehltritts; sondern sie hatte auch ein gewisses
Bewutsein der Sachlage; und wenn sie auch ihr Verhltni zu Henriette
als ein harmloses, unschuldiges, berechtigtes auffate, so hatte sie
doch, schon durch ihre fromme Erziehung, ein scharfes Urtheil fr das,
was sich fr sie, die schon halb Lehrerin war, nun einmal nicht pate,
und empfand das moralisch Bedenkliche des Vorgefallenen wie einen
heftigen Stich in ihrem Innern. Daneben aber kam doch ein gewisses
triumphirendes Gefhl in ihren Augen zum Ausdruck, darber, da sie
mit ihrem starken Willen alle Hindernisse, die sich ihrer Neigung zu
Henriette entgegengestellt, siegreich berwunden, und da die Freundin
mit allen Fasern ihres Seins nach wie vor an sie gefesselt war.

So kam das Mittagessen herbei. Dies war die einzige Gelegenheit, bei
der alle Kloster-Insassen mit Ausnahme der Mgde, vereinigt waren. Wie
ein plappernder Prozessionszug ergo sich die Schaar der aufs Hchste
erregten und vor Neugier fiebernden Mdchen in die gerumigen Hallen
des alten Kloster-Refectoriums. Und nun geschah das Unglaubliche: Als
Madame in Begleitung von Henriette und Alexina den Speisesaal betrat
und die zwei Mdchen ihre gewohnten Mittagspltze einnehmen wollten,
fuhren die Zglinge, und besonders die ganz jungen, 14-und 15jhrigen,
wie von einer pltzlichen Panik ergriffen, kreischend und Abscheu
ausdrckend, vor den zwei Snderinnen, besonders aber vor Alexina,
zurck, welch' letztere als 'la Maitresse' gleichzeitig die Aufsicht an
einem Tisch ganz junger Zglinge fhrte. Die Soeurs im Habit machten
nicht die geringste Miene die Scene zu ndern; und als Madame mit
einer drohenden Miene, und, als wolle sie die Mdchen zu ihrer Ordnung
zurckfhren, hinberrief, "Qu'est-ce que a veut dire!" entstand eine
solche Aufregung und Zusammenrotten, von dem schlielich auch die
lteren Zglinge ergriffen wurden, da man jeden weiteren Widerstand
aufgab, und die beiden Mdchen ihrem Schicksal berlie. Diese ganze
Wendung hatte die scharfsichtige Alexina mit einem einzigen Blick
aus Madame's Gesicht abgelesen, und im nchstfolgenden Moment ihren
Entschlu fassend, eilte sie, die beiden Hnde wie zur Abwehr vor sich
streckend, im Sturmschritt zum Saal hinaus. Die Zglinge wichen wie vor
der Pest vor ihr zurck, und lieen sie durch. Und aus der Menge hrte
man unter verschiedentlichen Athmungs-Erleichterungen und staunenden
Interjectionen den prcisen Ausruf: "Ah, tenez, le diable!"[1]--"Le
diable! Le diable!" klang es beistimmend durch alle Reihen. Und in
der That, wenn man das scharfgeschnittene, knochige und edelgebaute
Gesicht Alexina's mit den leuchtend schwarzen Augen und den drohend
zusammengewachsenen Augenbraunen in Betracht zog, dann hatte dieser
Ausruf etwas in der Phantasie der Kinder Berechtigtes. Aber kaum
war Alexina verschwunden, so sah man Henriette, die sich im ersten
Moment der Ueberraschung zu Madame geflchtet, eine Zeit lang wirr
umherschauen, um dann pltzlich, von einem hnlichen Entschlu gepackt,
sich durch die Mdchen zu drngen und ebenfalls hinauszueilen.--"Voil
sa fianee!"[2] rief wieder eine einzelne Stimme. Und "le diable
et sa fianee!" ging es jetzt besonders bei den Jngeren wie etwas
Selbstverstndliches von Mund zu Mund. Und ganz von selbst begab sich
jetzt Alles zu Tische und die Mgde begannen aufzutragen.--Die Masse
hatte obgesiegt, und Monsieur und Madame sahen jetzt erst, welche
Dimensionen dieser Fall angenommen, und was die kleine Schlafscene
im Saal der lteren Zglinge heute Morgen innerhalb wenigen Stunden
in den Kpfen der erregbaren Mdchen angerichtet. Und die scharfen,
von der Saaldecke zurckgeworfenen Laute von "la Mtrsse!" und "la
Prmire!" und "Alxina!" und "la Fian!", welche die jungen Zhnchen
zerknitterten und zerbissen, und die wie Schmeimcken whrend des
Essens durch den Saal schwirrten, bewiesen, da von einem Zurckdmmen
jetzt keine Rede mehr sein konnte. Jetzt konnte das Kloster und seine
Intaktheit nur durch offene, strenge, disciplinre Behandlung des
Falles gerettet werden.

Unter groer Erregung war man nach dem Mittagessen auseinander
gegangen. Monsieur und Madame hatten, zurckgeblieben, einige Worte
miteinander gewechselt. Eine Magd, die oben im II. Stock bediente, kam
und brachte La Superieure eine leis vorgebrachte Meldung. Inzwischen
wartete La Premire an des Abb Thre. Er hatte sie ja schon vor dem
Mittagessen rufen lassen. Sie komme gerade recht,--meinte er--er msse
mit ihr grndlich sprechen. Sie gingen zusammen hinein, und Monsieur
ging mit auf dem Rcken gekreuzten Hnden lngere Zeit erregt auf und
ab. Die Sache war jetzt doch auch ihm ber den Kopf gewachsen. Er
frchtete nicht nur fr den Ruf und Besuch des Klosters. Er frchtete,
sein nchster Vorgesetzter, der Erzbischof von Rouen, knnte die
Sache schlimm aufnehmen. Trotzdem war der Moralist und exegetische
Sprhund in ihm noch nicht zum Schweigen gebracht. Der Fall war ja ganz
groartig, ganz mittelalterlich. Gott! wenn _Sanchez_ den Fall gekannt
htte! Was htte der draus gemacht! In seinem Sensorium repetirten
immer noch die Laute "le diable et sa Fian!--le diable et sa Fian!"
Nein, er war wirklich stolz auf seine Zglinge ber diese Wendung.--Die
Correction der Angelegenheit--begann er dann zu la Premire, und blieb
vor ihrste hen,--scheide sich in zwei Theile: einmal die Beruhigung
der Kloster-Insassen und moralische Festigung derselben; und zweitens
die Aufklrung des Falles selbst und Bestrafung der Maleficanten,
rcksichtslos der Stellung, die sie einnhmen, und rcksichtslos von
Madame la Superieure. Dies letztere betonte der Abb, und machte
damit La Premire, der er so wie so sehr wohlwollte, zu seinem festen
Bundesgenossen. Was den ersten Theil der Aufgabe angehe, so htten die
Zglinge nach Ablauf des mittgigen Interstitiums in ihren Classen zu
bleiben und sich mit den Unterrichtsgegenstnden abzugeben. Was den
zweiten Theil, die Aufklrung des rthselhaften Falles selbst anlange,
so wnsche er von La Premire die Grenzen des Schmeichel-Verkehrs zu
wissen und der unanstndigen Griffe und Betastungen, die unter Mdchen
vorkmen; ob selbe z.B., die Betastungen, in der Beichte gemeldet
wrden; ob selbe im jugendlichen oder auch im reiferen Alter, wie
dem Alexina's, vorkmen; was sich die Mdchen dabei dchten; ob es
eine innere Stimme, oder eine Versuchung von auen sei, et cetera,
et cetera.--Die Sache--fgte Monsieur voll Eifer hinzu--habe auch
wissenschaftlich und moraltheologisch die hchste Bedeutung.--Aber
la Premire, die erst kurz ber die 30er war, senkte ihr bleiches
Gesicht auf das Skapulir, kreuzte die Hnde ber die Brust, und
schwieg.--Mon Dieu!--sagte der Abb und wurde etwas unwillig,--wenn
sie nicht sprche, msse er sich an la Superieure wenden. Dies wirkte.
Monsieur mge fragen,--meinte sie sie sie werde dann antworten, so
gut sie's vermchte.--Dieser Modus convenirte: "Ob junge Mdchen
gewohnheitsgem beieinander schliefen?"--"Nicht gewohnheitsgem,
aber hufig."--"Zu welchem Zweck"--"Viele der Kleinen frchteten
sich allein zu schlafen."--"Ob es hier zu Berhrungen kme?"--"Zu
den unvermeidlichen!"--"Ob selbe sinnlicher Natur seien?"--"Bei den
greren sei dies nicht ausgeschlossen; diese schliefen aber seltener
zusammen;"--"Kmen Ineinanderschlingungen und Umarmungen bei solchen
Zusammenschlafungen vor?"--"Htte sie nie beobachtet; doch gbe es
kindlich und weichherzig angelegte Mdchen, die auch Tags ber, und in
den Kleidern, ihre Freundinnen umhalsten, abkten und herzten."--"Ob
sie, la Soeur Premire, dies unter Umstnden fr teuflische Eingebungen
halte?"--"Unter keinen Umstnden!"--"Wem sie es zuschreibe?"--"Der
Gemthsanlage; dem Temperament!"--"Ob die nicht durch die Erbsnde
befleckt?"--"Allerdings; doch den Unterschied zu finden zwischen dem
was menschlich und was teuflisch in unserer Natur, msse der Weisheit
von Monsieur leichter fallen, als ihr!"--"Ob es gewhnlich sei, da
Mdchen sich gegenseitig unter die Rcke langten?"--"Langen, gewi
nicht, aber schauen!"--"Das gehe doch nicht!"--"Bei den Kleinen
wohl, die noch kurze Kleider tragen, wenn sie z.B. die Stiege
hinaufgingen!"--"Was damit bezweckt werde?"--"Die Mdchen seien
neugierig, was ihre Kameradinnen trgen, ob sie nachlssig in der
Wsche seien; sie liebten es, sich gegenseitig auszurichten; entdecke
die Cecile z.B. bei der Claire ein defectes Unterkleid, einen nicht
gestopften Strumpf, so erzhle sie bei ihren Freundinnen, Cecile trage
zerrissene Unterrcke, durchlcherte Strmpfe. Erfhrt dies wieder
Claire, so erzhlt sie ihrerseits herum, Cecile schaue Allen unter die
Rcke. Das sei Mdchengebrauch und bavardage!"[3]--"Ob dies bei lteren,
wie Alexina und Henriette, auch vorkme?"--"In anderer Form; und dann
aus Interesse fr die Toilette!"--"Ob es hier zu Berhrungen kme?"
"Zu den unvermeidlichen!"--"Ob ein directes Berhren der Krpertheile
der Andern dabei beabsichtigt sei?"--"Viele Mdchen brsteten sich mit
der Schnheit, Vollkommenheit ihrer Formen; andere wollten sich davon
berzeugen, und so kme es zu gegenseitigen Untersuchungen!"--"Ob
sie glaube, da dies das Produkt teuflischer Anreizungen sei?"--"Sie
knnen dies nicht entscheiden! brigens trgen ja die Mdchen bei
solchen Gelegenheiten immer noch Hllen von Parchent, Shirting, Mouslin
um sich!"--"Mouslin-, Tll-, Mull-Stoffe, das sei gerade das, was
der Teufel besonders liebe!"--"Dann sei allerdings die Gefahr sehr
gro;--meinte la Premire--und Henriette habe einen solchen Ueberflu
von kostbaren und feinen Toiletten!"--Damit war die Unterredung zu
Ende. Der Abb war wieder so weit wie vorher. Was er wissen wollte,
ob der Verkehr Henriettes und Alexinas eine teuflische, sinnliche
Anreizung, die mehr oder minder in das Bereich des Tribadismus
falle, oder ob es nur der excessive Ausdruck einer leidenschaftlich
freundschaftlichen Seelen-Uebereinstimmung der beiden Mdchen gewesen,
das konnte ihm la Premire nicht sagen, weil sie es selbst nicht wute,
und weil Erfahrungen auf diesem Gebiet berhaupt sehr rar waren. Aber
im ersten Fall war Monsieur entschlossen, da La Maitresse trotz ihrer
sonstigen guten Qualification gefat werden msse, ebenso wie Henriette
entfernt; im zweiten Fall war nur ein Repriment nothwendig.

Inzwischen waren Henriette und Alexina oben bei Madame geblieben, wo
nicht minder leidenschaftliche Gesprche stattgefunden hatten. Zum
Nachmittag-Caf kam la Superieure herunter zum Abb. Sie erklrte,
es msse etwas zur Rettung des Rufes des Klosters dem Landesadel
gegenber geschehen. Die Briefe der Mdchen knne man ja inhibiren;
aber bei den sonntglichen Besuchen, wo einzelne Zglinge von ihren
Eltern im Wagen abgeholt wrden, werde die Sache doch ruchbar, und
dann entsprechend aufgebauscht und entstellt.--Monsieur trug seine
moral-theologischen Unterscheidungen und Bedenken vor, von denen einzig
und allein der Ausgang des Falles abhnge.--La Superieure erwiederte
etwas gereizt: von wissenschaftlichen Spitzfindigkeiten verstnde die
Welt drauen so viel wie sie; zunchst handle es sich um Abschneidung
aller weiteren Controversen; sie gedenke die beiden Mdchen fr's erste
auf einige Zeit aus dem Kloster zu entfernen.--Dem widersprach sehr
ernst der Abb; damit gestehe man eine Schande zu, bevor sie erwiesen.
Er wnsche in jedem Falle Alexina zu verhren.--Das knne er--meinte
Madame piquirt--inzwischen werde sie ihre Nichte, um sie weiteren
Beschimpfungen zu entziehen, beim Pfarrer des Dorfes unterbringen;--und
verlie ohne eine Antwort abzuwarten das Zimmer des Abb.--

Wenige Minuten darauf betrat la Maitresse mit verweinten Augen das
Zimmer von Abb, warf sich ihm zu Fen, und fing zu schluchzen und zu
weinen an.--Ah Mademoiselle, begann der Abb, Sie haben dem Kloster
jetzt schon einen groen, unberechenbaren moralischen Schaden zugefgt,
und ich frchte, Sie haben eine noch weit grere Snde auf dem
Gewissen.--Mon pere--fiel Alexina mit groem Nachdruck ein, und sah
den Abb mit groen, glnzenden Augen an,--meine Liebe zu Henriette
ist rein wie der Schnee auf dem Hebron; meine Gefhle sind wie
Tauben, die nichts vom Argen wissen!--Diese Sprache berraschte den
Abb nicht wenig, der in seiner sublimen Art fr poetische Wendungen
nicht unempfindlich war. Trotzdem kam ihm diese ideale Verwahrung im
Zusammenhalt mit all' den bekannt gewordenen Schlpfrigkeiten wie die
Faust aufs Auge passend vor. Und so konnte er sich nicht enthalten
hinzuzufgen: Aber wie steht es mit den Berhrungen, Umarmungen,
Untersuchungen zwischen Ihnen und Henriette?--Ah, mon pre,--fiel
Alexina wieder mit dem Ton des vollsten Gefhl-Enthusiasmus ein--ja,
ich bewunderte Henriette's Erscheinung, ihren Krper, ihre Augen, ihre
Haare, ihre Stimme, ihren Gang, kurz Alles, Alles, ihre Strmpfe,
ihre Schuhe, Alles was sie war und was sie trug, weil ich selbst so
gar nichts bin, und nichts habe, und nichts gleich sehe; und ebenso
bewunderte, glaube ich, Henriette meinen Geist, meine Energie, meine
Kenntnisse, enfin, das Bischen, was ich von Gott bekommen habe:
_meine Seele_; und gewi berhrten wir uns, wo es nur mglich war, wo
es nur geschehen konnte; sie meine Seele; ich ihren Krper; oh, mit
einer Inbrunst, mon pre, wie sich nie zwei Mdchen geliebt haben;
und Inbrunst, mon pre, ist doch in der Freundschaft, in der Liebe
erlaubt, wie im Gebet, in der Reue, in der Verehrung zu Gott.--Hier
war der Abb doch paff. Dieses Mdchen war strker, als er.--Und
niedrige, unziemliche Empfindungen und sndhaftes Verlangen kam nie in
Eure Seele, ma fille?--frug nochmals der Abb eindringlich.--Nur die
Begeisterung Begeisterung rief Alexina, und streckte beide Arme mit
Enthusiasmus empor,--nur die Begeisterung, die Gott selbst in unsere
Seele gepflanzt.--C'est bien! sagte nun der Abb, und hob das Mdchen
auf, das noch immer auf den Knieen lag; c'est bien, wir hoffen, da
sich noch Alles zum Besten wenden wird. Gott wird Deine Seele auch
ferner bewahren.--Alexina ging wieder hinauf zu Madame; und nun schien
Alles eine befriedigende Wendung zu nehmen.--

Aber schon um 4 Uhr kam la Premire, und brachte ein Paquet Briefe,
welche man Henriette, als sie in hchst geheimnisvoller Weise ihr
Schreibfach ausleeren wollte, um es mit zum Pfarrer zu nehmen,
abgenommen. Die Briefe zeigten die Handschrift Alexinas, und es
sei vielleicht zu erwarten, da ihr Inhalt zur Aufklrung ber das
Verhltni von la Maitresse zu Henriette beitrage.--Monsieur ffnete
die Briefe, und las, und las, und merkte nicht, wo er war. Er las
diese Briefe, wie er Liguori oder die Kirchenvter las. Monsieur
war viel zu fein, zu geschult, zu classisch und zu rein geistiger
Mensch, um den kostbaren Aether, der aus diesen heien Lettern
emporstieg, nicht zu erkennen, sich an ihm zu berauschen. Das war
also der gute, franzsische Stil, der an Alexina bewundert wurde,
und der sie in erster Linie als Lehrerin qualifizirte, wenn nicht
zur Schriftstellerin; und aus diesen leidenschaftlichen Ergssen an
Henriette ist er hervorgewachsen; aus einer schlielich doch weltlichen
Neigung. Und Alexina berief sich immer auf Gott! Da fand sich in
einem Brief folgende Stelle: "Du willst vor mir fliehen, Henriette,
Du frchtest meine Augen, wenn sie am Erlschen, und den Ton meiner
Stimme, wenn sie am Ertrocknen ist. Weit Du, da es zu spt ist?
Weit Du, da Du in meine Hnde gegeben, wie Wachs dem Bildner? Da
Du das unglckliche Mdchen Alexina lieben mut, weil Du so reich
und ich so arm. Frchtest Du Gott? Frchtest Du nicht, jammervoll
unglcklich zu werden, weil Du das arme Dorfkind, Alexina, das Du
liebst, und das Dich anbetet, verstieest. Haben wir zusammen nicht
Alles? Hat nicht jedes von uns fr sich Nichts? Du siehst meine drren,
kraftlosen Arme! Hast Du nicht Arme gefllt mit Wollust? Du streichst
ber meinen mageren Leib und findest meine welken Brste! Hast Du
nicht strotzende Lebensflle und Brste quellend wie Milch und Blut?
Du mit meine Beine und findest nur Krcken und kindliche Schwche!
Sind Deine Schenkel nicht so stark wie Marmorsulen, und Deine Kniee
zierlich wie die Eier des Rebhuhns?--Deine Seele schlft oft und
Dein Gedchtni will Nichts behalten! Hab ich nicht Kraft der Seele
und kenne Dich und mich auswendig? Du bist zurckgeblieben und Deine
Worte sind die eines Kindes! Bin ich nicht ber alle vorgeschritten,
und habe Dich mit mir gerissen. Bist Du nicht die Taube, und ich
der Geyer, der auf Dich herabstt? Bist Du nicht in meiner Gewalt?
Und Du frchtest Dich vor mir, der Dich allein erretten kann! Und
willst Dich in die bestialischen Arme eines Mannes werfen, wo nur
Grausamkeit, Unflthigkeit und Gemeinheit herrscht? Bin nicht ich Dein
Mann?!..."--In einem andern Brief kam die Stelle vor: "Du fliehst vor
mir, und dann suchst Du mich wieder auf. Du meinst, ich wre anders,
als alle Mdchen im Kloster, und Du mtest mich verabscheuen, weil ich
Dinge forderte und Gewaltthtigkeiten verbte, die ein braves Mdchen
nicht erdulden drfe; und dann mssest Du sie doch wieder gewhren.
Die Klostervorschriften, Henriette, und die sogenannten Anstandsregeln
sind kein Maastab und Grenze fr unser Empfinden. Und was wir
verbrochen haben, Berhrungen, und unerlaubte Ksse, und Umarmungen
und Ergieungen, und was wir im Geheimen thaten, ist an und fr sich
nichts, ist nicht das Eigentliche, was wir wollten, war nur symbolisch
gemeint, weil wir es durch Worte nicht ausdrcken konnten; wie
Hndefalten nur symbolisch gemeint ist fr das, was im Innern vorgeht;
was dahinter steckt, ist etwas ganz anderes, Unaussprechliches; was
wir empfinden, Henriette, Du und ich, wenn wir uns anblicken oder an
uns denken, ist etwas Unaussprechliches. Was wir thun, was gegen die
Klostervorschriften verstt, ist demgegenber nebenschlich, nur eine
Ausdrucksform, eine Art Explosion, die auch anders ausfallen knnte,
die aber zufllig so ausgefallen ist. Deine Liebe zu mir, Henriette,
das ist fr mich Alles. Bist Du deren sicher, dann halte an mir fest.
Ich beschtze Dich...."--In einem dritten Briefe hie es "... Woher
die Menschen geboren werden? Ja, wir wissen es jetzt! Weil ich Dich
aufgeklrt habe! Aber ist es nicht eine Summe von Unflath, Gestank,
Erbrechen, gemeines Athmen, Glotzen und scheuliche Auffhrung, was
drum und dran hngt, und was ihm vorausgeht? Hier sind die ueren
Thaten grulich, und das innere gttliche Empfinden minimal. Unsere
Verkehrsformen, Henriette, sind zierlich, sanft, kleinlich und minimal;
aber unser inneres Empfinden, der gttliche Impuls, riesengro! Oh,
ich knnte die ganze Welt mit meinem Innern erfassen, umgreifen,
aufsaugen! Und Du Henriette bist nur ein kleines, unsglichschnes
Figrchen-Ebenbild dieser Welt; ein kleiner glnzender Fisch in dem
groen Meer!..."--

Mit der Lectre dieser Briefe war es inzwischen fnf Uhr geworden. Der
Abb wute wohl, da er hier einem auerordentlichen Fall gegenber
stand, einem Ereigni, einem Verhltni, das auf Monate zurckdatire,
das langsam gereift, wie ein Wespennest sich Zelle um Zelle agglomerirt
hatte, zuletzt einen gewaltigen Stock gebildet, und in dem la
Maitresse der eigentliche Baumeister, der Schpfer und Angreifer
gewesen, whrend Henriette sich auf eine mehr passive Rolle beschrnkt
hatte. Aber worber sich Monsieur nicht klar werden konnte, war, wie
weit die materiellen Beziehungen in dem erotischen Leben der beiden
Mdchen gediehen waren, deren geistige Seite in den berschwenglichen,
gefhlsenthusiastischen Briefen Alexina's vorlagen. Und, ob man hier
nicht an einen hchst calculirten und versteckten Angriff des Teufels
selbst denken mute! Da Alexina eine naive, wenn auch impetuose,
auf die Echtheit ihres Gefhls in der Brust pochende, aber noch
unverdorbene Natur war, darber war kein Zweifel. Aber, was jetzt zu
geschehen habe, Strafe, Ermahnung, Entfernung; Trennung der Zwei; auf
ein so glnzendes Talent, wie das Alexina's verzichten; darber konnte
Monsieur zu keinem Entschlu kommen.

Es war jetzt Vesperzeit. Die Mdchen hatten eine halbe Stunde Erholung,
bevor die zwei Abendstunden die Arbeit des Tages schlossen. Wie ein
Bienenschwarm ghrte und brauste es unter den jungen Geschpfen,
die, ermahnt, mit ihren Beobachtungen und Ansichten Monsieur l'Abb
nicht lnger zu behelligen, um so eifriger unter sich und mit ihren
eigentlichen Vertrauten, den Schwestern, Rath's pflogen und Ansichten
austauschten. Die Entfernung Henriettes zum Pfarrer des Dorfes hatte
man als eine Art Besttigung aller Vermuthungen angesehen. Man wute
aber auch, da la Maitresse, in der doch auch alle Mdchen den
eigentlichen actor rerum sahen, noch oben bei la Superieure weile.
Und so concentrirten sich denn alle Combinationen und Errterungen
noch einmal auf ihre Person. Schlimmer aber als Alles dies, war der
Umstand, da mit der Transferirung Henriettes in's Dorf Beauregard
nun auch dieses anfing sich an der Discusion zu betheiligen und
Gelegenheit hatte, neues Material herbeizuschaffen. Ein Resultat
dieser neuen Beziehungen war, da gegen das Ende des Interstitiums, um
1/26, eine der Mgde an die Thre des Abb klopfte, und eingelassen,
in Begleitung von la Premire, welche sie dazu aufgefordert hatte,
folgende Mittheilung machte: Als sie Henriette heute Nachmittag zu
Seine Hochwrden in's Dorf gebracht, den Brief von Madame la Superieure
abgegeben, und das Haus schon wieder verlassen, htten sich mehrere
Personen aus dem Dorf um sie gedrngt, zu erkennen gegeben, sie
wten schon, da sich Auerordentliches im Kloster zugetragen, und
dergleichen. Sie habe, wohl erkennend, da eigentlich nichts mehr zu
verheimlichen sei, das Thatschliche des Vorgefallenen zugegeben, mit
den Leuten gesprochen, und Alle htten sich fast dahin geuert, da
die belle Henriette, wie man sie nenne, ein ganz braves, ehrbares
Mdchen, diese Mademoiselle Alexina dagegen mit ihrem hohen Gang,
ihren eckigen Schultern, ihrer hohlen Sprache, tiefen Wangen und
zusammengewachsenen Augenbraunen eine ganz suspecte Person sei, vor der
nur unser Herrgott das Kloster bewahren mge. Darauf sei ein groer
sonnenverbrannter Mensch mit einem groen Bart unter dem Kinn und
hinter den Backen, und einer Axt auf der Schulter, der die ganze Zeit
aufmerksam zugehrt, hervorgetreten, und habe erzhlt, er habe vor etwa
sechs Wochen auf einem seiner Controllgnge--er sei Waldhter--mitten
im Dickicht weit von der Landstrae ein Sthnen gehrt; er sei nher
gekommen, habe sich aber durch das Knicken und Brechen der Zweige
verrathen; er habe immer eine hohe wimmernde, weibliche Stimme
vernommen und eine krftige, tiefe, beruhigende Mnnerstimme; als er
die letzten Zweige auseinandergebogen, sei er erstaunt gewesen, zwei
Mdchen zu finden, die eben aus dem Gebsch aufgesprungen waren, also
dort gelegen hatten; und zwar hatte die mit der hellen Stimme unten
gelegen, da sie sich nicht so rasch erheben konnte; die mit der tiefen
Stimme war schon aufgesprungen, aber Alles, die ganze Constellation,
ihre Stellung und der Eindruck am Boden htten gezeigt, da sie nicht
neben ihrer Freundin gelegen; beide Mdchen seien unten am Krper
entblt gewesen, und htten nicht rasch genug ihre Kleider ordnen
knnen, um dies zu verheimlichen; auch sei ihm aufgefallen, da die
grere, schlankere an den Beinen stark behaart gewesen sei. Die
beiden htten sich dann schnell wegbegeben, und er habe sie nicht
verfolgt.--Alle Anwesenden, und auch sie--die Magd--htten darauf den
Waldhter gebeten, sich in der Nhe des Klosters zu halten, um, fr den
Fall Monsieur l'Abb ihn zu sprechen wnsche, da zu sein. Monsieur mge
nun nach Belieben handeln.--

Nach dieser Erzhlung lie der Abb die Magd abtreten, um sich mit
la Premire allein zu besprechen. Aber beide hatten noch nicht
zwanzig Minuten Unterredung gepflogen, wobei Monsieur la Premire
verschiedentliche Stellen aus lateinischen und franzsischen Bchern
zeigte, und ihr bersetzte, als eine zweite Schwester in heller
Bestrzung hereinkam und die Meldung brachte, vor dem Kloster stnden
mehrere hundert Leute, mit Mistgabeln und Aexten, die die Faust gegen
das Gebude ballten, Verwnschungen ausstieen, und fortwhrend riefen,
der Teufel sei im Kloster.--Der Abb war anfangs im Zweifel, was dieser
neuen Sachlage gegenber zu thun sei, beauftragte aber dann die zweite
Schwester, welche die Meldung berbracht hatte, die Affaire Madame la
Superieure zu melden, und sie zu bitten, zu kommen. Zu la Premire
gewendet, meinte dann der Abb, es sei wohl das Beste, den Waldhter
mit seiner Axt hereinzulassen, um die Menge zu beschwichtigen.--Aber,
auf dem Wege dies auszufhren, traf la Premire vor der Klosterpforte
mit dem Pfarrer des Orts zusammen, der im Begriff war, zu Monsieur zu
eilen. Beide kamen zurck, und Seine Hochwrden voll Erregung frug
Monsieur l'Abb was wohl vorgefallen; das halbe Dorf sei vor seiner,
des Ortspfarrers, Wohnung versammelt, habe ihn beschworen, hierher in's
Kloster zu eilen: ein Incubus, oder der Teufel selbst, habe die schne
Henriette, die Nichte von Madame, die im Walde gelegen, vergewaltigt,
oder zu vergewaltigen versucht, und habe dies unter der Figur einer
Lehrerin hier im Kloster gethan, die allgemein nur la Maitresse genannt
werde; man solle diese Lehrerin zu einem Gestndni bringen, eventuell
den bsen Geist exorcisiren, und er, der Pfarrer, solle dehalb zu
Monsieur l'Abb ins Kloster eilen.--Whrend der Abb seinen Amtsbruder
in Krze ber die Ereignisse des Tages aufklrte, hrte man drauen die
Zglinge trepp auf trepp ab strmen und schrille Rufe ausstoen: le
diable et sa fian!--le diable et sa fian!--Andere recitirten nach
festem Takt den rasch zu Stande gekommenen Vers:

    "Le diable et triste
    Et a bien peure:
    Il a perdu sa fiancee
    Et craint la Superieure!"[4]

Gleich darauf kam auch Madame zitternd vor Erregung herein: die Mdchen
seien wie auf ein gemeinsames Zeichen aus den Classen gestrmt, htten
geschrieen, der Teufel sei im Kloster, und wollten Alexina aus ihrer
Stube ziehen. Sie sei jetzt berzeugt, das Ganze sei ein gegen sie,
die Superiorin gerichteter Complot. Der Teufel habe mit der ganzen
Sache so wenig zu thun, als mit ihr.--Die beiden Geistlichen machten
zweifelhafte Gesichter.--Um aber den ganzen Schwindel mit einem Schlag
aus der Welt zu schaffen, meinte Madame weiter, schlage sie vor,
der Arzt des Dorfes solle in ihrer Gegenwart oben in ihrer Wohnung
Alexina untersuchen; fnden sich die bekannten Male und Zeichen von
Teufels-Besessenheit an ihrem Krper, woran sie stark zweifle, so knne
man weiter sehen, und eventuell Exorcismus anwenden; ergebe sich aber
Alexina, wie sie sicher annehme, als tadelloses, unberhrtes Mdchen
ohne Mal und Stigma, dann solle man die zur Verantwortung ziehen und
zchtigen, die diese Fabel aufgebracht und wissentlich verbreitet
htten.--Damit waren alle einverstanden. Nur, meinte der Ortspfarrer,
man solle dem Waldhter, der drunten stehe, und die Dorfbewohner
haranguire, Gelegenheit geben, Alexina unbemerkt zu sehen, um eventuell
so durch einen unverdchtigen Zeugen, im Falle des Nichtidentificirens,
zur Beruhigung der Menge und des Klosters beizutragen.--Auch dies
fand allgemeinen Beifall.--Was die Klosterinwohner selbst angehe, so
wurde angeordnet, alle htten im Refectorium sich unter Aufsicht der
Schwestern ruhig zu halten, bis das Resultat der Untersuchung bekannt.--

Es war jetzt 7 Uhr Abends. Whrend zweier Stunden war wirklich der
Teufel los gewesen, und Zucht und Ordnung im Kloster verschwunden.
Die in Aussicht gestellten Schritte wirkten auf Alle beruhigend.
Der Pfarrer ging in die Ortskirche, um _Monstranz und Ciborium_
bereit zu halten. Auf dem Wege dahin sprach er begtigend zu Allen,
die ihm begegneten. Auch trat die Dmmerung ein, und die meisten
begaben sich nach Hause. La Premire wurde zum Arzt geschickt. Madame
selbst bereitete oben Alles fr die Ankunft des Arztes vor. Monsieur
hatte ebenfalls den Cooperator in der Klosterkirche avertirt, Alles
zum Exorcisiren bereit zu halten. Er selbst schlug die genauen
diesbezglichen Directiven in seinem Ordinale auf, und machte sich aus
_Bodinus_, Daemonomania, mit den krperlichen Stigmata fr Teufelsbund
bekannt. Die Zglinge bekamen im Refektorium ihr Abendessen. Mit der
Dunkelheit war bei den Mdchen, statt Ausgelassenheit, Bangigkeit und
Furcht getreten. Alle baten, heute Nacht die Lichter im Schlafsaal
brennen lassen zu drfen.--Inzwischen war der Holzknecht wieder
heruntergekommen, und hatte aufs Bestimmteste dem Abb versichert, das
Frauenzimmer, welches er soeben durch die Thrspalte bei Madame la
Superieure mit verweinten Augen habe sitzen sehen, sei der Incubus, der
damals im Wald auf Henriette gesessen.--

Es war schon halb neun, als der Arzt, ein fast jung zu nennender Mann,
der die Facult in Paris mit Auszeichnung absolvirt hatte, ankam.
Er hatte noch einen Gang in's benachbarte Dorf gemacht, und hatte,
eben erst zurckgekehrt, die ganze merkwrdige Geschichte gehrt. Die
Lichter im Kloster waren schon angesteckt. Es herrschte jetzt rings
auf Gngen und Treppen tiefste Stille. Den Vorschlag Abb's, mit ihm
erst das Verzeichni der Stigmata im Bodinus durchzugehen, hatte
der Arzt abgelehnt. Er war dann von la Premire sogleich in den II.
Stock hinaufbegleitet worden. Droben empfing ihn Madame mit hchster
Zuvorkommenheit in dem prchtig erleuchteten, reich ausgestatteten
Salon, der zu ihren Appartements gehrte. In dem halb offen stehenden
Nebenzimmer brannte nur ein Licht. Dort wartete Alexina halb
entkleidet, auf dem Bettrand gekauert, auf den Arzt. Dieser wechselte
nur wenig Worte mit Madame, und ging dann sogleich hinein, die Thre
wieder, wie es gerade die Handbewegung wollte, halb oder dreiviertel
zugehen lassend. Und nun konnte man herauen folgendes hren trotz
des lauten Buchumbltterns, mit dem Madame sich und die Stille zu
betuben suchte: Kurzes Gemurmel und Begrungsformeln; einzelne
Fragen, sehr knapp, ebenfalls knapp beantwortet; beide Stimmlagen
sind sehr tief; die des Arztes ist aber schrfer scandirt und heller;
die Alexina's dumpf und gaumig. Das Licht wird gerckt, so da die
Helle jetzt ganz aus der Thrspalte verschwindet; eine Aufforderung;
dann ziehen und schleifen von ausgezogenen Gewndern; Pause, neue
Aufforderung; Entgegnung; wiederholte Aufforderung in festerem Ton!
ein Seufzen; dann wieder Ausziehen und Rutschgerusche; strumpfiges
Aufstampfen auf dem Boden; erst einmal; dann noch einmal; dann noch
ein Rutschgerusch; und jetzt ein weiches, schilfriges Gleiten; wie
Epidermus auf Epidermis; und begleitet von zustimmenden Ah, c'est
cela; c'est cela, oui des Arztes. Lngere Pause. Dann wieder ein
Commando; man hrt die knerzenden Bewegungen eines Bettgestells und
das knistrige Hingleiten auf eine Matratze; ein ruhiges Commando; ein
strkeres Commando; dringende, unwillige Aufforderung; seufzendes
Wimmern von der andern Seite; Ah, vous me faites mal, Monsieur;[5]
rief auf einmal Alexina laut und wie explosiv; dumpfe Entgegnung des
Arztes, dessen unterbrochenes Athmen auf schwieriges, intensives
Arbeiten hinwies. Nunmehr ausgiebiges Schluchzen ohne Unterla von
Seite Alexina's, ohne strkere Schmerzensrufe, aber mit unstillbarem
Weinen, hingebend, machtlos, verzweifelnd, sich gnzlich berlassend;
die Stimme des Arztes nunmehr weich und bedauernd, ohne pltzliche
Commandorufe. Der Culminationspunkt schien berschritten; die
Entscheidung schon erfolgt; das Ergebni schien aber ein trauriges;
und trotzdem dauerte es noch lange, bis alle Manipulationen zu Ende;
Madame hatte nach dem Angstschrei Alexina's nicht mehr geblttert,
sondern athemlos gelauscht, und an die Thrspalte gestarrt; das
Wimmern drinnen wurde allmhlich schwcher, das Weinen hrte auf,
und ging zuletzt in ein rythmisches Wehklagen ber, welches synchron
mit dem Athmen ging. Endlich nach langer, langer Zeit,--es war fast
eine Stunde verflossen--hrte man Wasser in ein Lavoir gieen und
kurz darauf kam der Arzt mit dem Handtuch in der Hand verstrten
Antlitzes heraus. La Superieure stand auf und schien zu fragen. "Ein
trauriger Fall, Madame,"--sagte der Arzt in dunklem Ton,--"ich mu ein
eingehendes Gutachten ber den Fall abstatten, welches ich morgen
Vormittag schon Monsieur l'Abb zustellen zu knnen hoffe; inzwischen
mchte ich rathen, sobald es angeht,--heute mchte es zu spt sein--le
jeune Alexina zum Dorfpfarrer zu bringen, und Mademoiselle Henriette
zurckzuholen zu Madame."--Damit verabschiedete sich der Arzt, sagte dem
drauen harrenden Mener, zu irgend einer religisen Handlung bestehe
kein Anla, und begab sich dann durch das jetzt totenstille Kloster
nach Hause.--

Jetzt war's 11 Uhr; und Alles schlief in seinen Betten; d.h. Alles
wachte, denn wer konnte nach solch' einem Tag schlafen. Oben huschten
die Schwestern in schleppend weien Nachtgewndern von Bett zu Bett
und beruhigten die Kleinen, die alle eine schreckliche Furcht vor'm
Teufel hatten. Die Lampen brannten alle hell. Und la Premire selbst
ging von Schlafsaal zu Schlafsaal, um jetzt keine Unordnung, keine
Panik mehr ausbrechen zu lassen. Sie wute ja, sie hatte gewonnen.--Und
unten wachte in seinem Bett Monsieur l'Abb. Er hatte noch vom Mener
die Nachricht er halten, zum Eingreifen des exorcisirenden Apparats
bestnde kein Anla, und war dann, nachdem er den gleichen Boten
mit der gleichen Nachricht zum Ortspfarrer geschickt, und mit la
Premire einige Verordnungen wegen der Ruhe der Nacht besprochen,
selbst zu Bett gegangen: kein Anla zum Eingreifen des exorcisirenden
Apparats; Ja, glauben denn diese neuen Aerzte, sie knnen die Welt ohne
Geistlichkeit in Ordnung bringen? Und wenn sich keine Stigmata fanden,
was war denn dann los mit Alexina? Bediente sich der Teufel nur ihres
Phantoms, ihrer sinnlichen Hlle, so war dies nach allen Exorcisten
des Mittelalters auf die Dauer unmglich, ohne Spuren zu hinterlassen,
war aber der Teufel nicht im Spiel, dann hatten offenbar Henriette und
la Maitresse ein frevelhaftes, sndig-gottloses Spiel mit einander
getrieben. Denn wer wird sich im Wald in so unsauberen Stellungen
prsentiren. Wenn auch nicht fr andere, doch fr sich. Ja, ja, er
erinnerte sich jetzt, Henriette hatte dieses Frhjahr einigemale von
Madame die auergewhnliche Erlaubni erhalten, mit Alexina Nachmittags
in den Wald zum Maiglocken pflcken gehen zu drfen, und er sah sie
einmal mit Struen und fieberhaft glnzenden Augen zurckkehren.--Was
aber jetzt mit Constatirung der Stigmalosigkeit von la Maitresse
erreicht sei, knne er nicht begreifen. Die Sache stehe am alten Fleck.
Und die Geistlichkeit werde die Sache doch zuletzt lsen mssen.--Mit
diesen Gedanken war Monsieur l'Abb beilufig beschftigt.

Und oben im II. Stock ruhte Madame. Sie hatte bange Ahnungen, es
mchte mit ihrem Priorat im Kloster vorbei sein. Seit heute Abend 6
Uhr, als die Bauern die Sensen vor der Klosterthr schwangen, und den
Teufel in Gestalt einer Lehrerin im Kloster suchten, war ihr klar, da
dies an ihr hinausgehen werde; diesmal hatte la Premire die Sache
fein dirigirt, und zur rechten Zeit in die Flamme geblasen, die noch
heute Morgen mit dem Schuh auszulschen war. Mein Gott, zwei Mdchen,
die sich in ihren krperlichen und seelischen Eigenschaften einander
ergnzten, beieinander schlafen und sich mit Zrtlichkeiten berhufen
sehen,--was da dran sei! Allerdings, diese Alexina sei ein merkwrdiges
Geschpf; und der Ausspruch des Arztes lasse erwarten, da mit ihr
etwas ganz besonderes los sein msse.--

Und neben dran lag Alexina auf ihrem Lager; gestern noch die
bewunderte, ob ihrer phnomenalen geistigen Eigenschaften gepriesene,
mit dem Ehrentitel la Maitresse benamte, deren Ansprache bei den
Kleinen als Auszeichnung galt, und jetzt ein wimmerndes Geschpf, wie
zum Tod getroffen, von einem Arzt in ihren geheimsten Beziehungen
vor aller Welt enthllt, als Teufelsfrauenzimmer an den Pranger
gestellt, und ihrer Lebenskraft, Henriette's, beraubt. Ja, heute Abend
als sie der Arzt besuchte, war ihr wohl klar geworden, da etwas
auergewhnliches bei ihr der Fall sein msse; und als er vom Kopfe
beginnend Alles abma und genau feststellte, und dann das untersuchte,
was Jedes mit Scham verhllte, und da einzudringen versuchte, und ihr
die frchterlichen Schmerzen verursachte, so da sie hinausschreien
mute, und als sie dann sein perplexes Gesicht sah, da fing sie an, an
diesem springenden Punkt weiter zu spintisiren: ja, sie wute es, etwas
anders war sie ja gebildet wie die andern Mdchen, wie Henriette; aber
das war ihr nicht aufgefallen; waren nicht auch die Andern in sonstigen
Dingen verschieden? Hatte die eine nicht eine Adlernase, die andere
eine eingebogene oder gerade; diese einen hlichen, fleischigen Mund,
jene einen feingeschnittenen, knospenden, wie an einer Statue; hatte
diese nicht eine flache, jene eine gewlbte Brust? War die eine nicht
dumm, die andere gescheidt? Was war denn dann mit ihr so besonderes
los? Diese Kleinigkeit, ber die Henriette so oft gelacht?--Aber es
mute doch etwas sein! Denn woher der schreckliche Schmerz?--Und so
wimmerte und spintisirte und schluchzte das Geschpf weiter.--

Noch bedeckte die Nacht mit ihrem colossalen Mantel Alles, Kloster,
Menschen und ihre Gedanken. Aber die Sonne brannte schon mit Inbrunst,
hervorzubrechen, und die ganze so schauderhafte Klosteraffaire zu
beleuchten, und mit greller Flammenschrift Jedem in's Gewissen und in's
Hirn zu schreiben.--

Es war jetzt wieder 7 Uhr Morgens; die Sonne glnzte durch die Scheiben
des geistlichen Arbeitszimmer; das Frhstcksgeschirr stand auf dem
Arbeitstisch bei Seite gestellt; und Monsieur l'Abb las wieder eifrig
in Liguori, Theologiae moralis, libri sex. Nichts in seinem Gesicht
lie etwa eine Unruhe oder Abspannung entdecken. Der Vorfall des
gestrigen Tages hatte keinen nervsen Rest bei ihm zurckgelassen.
Die gleiche sublime Ruhe waltete in seinen Zgen wie gestern.--In
diesem Augenblick klopfte es an der Thre; Monsieur rief herein!
und die Pfrtnerin brachte ein Schreiben groen Formats, welches
soeben abgegeben worden sei. Monsieur ffnete es sogleich durch
einen Winkelschnitt ber der Oblate, faltete das krftige Handpapier
auseinander und las Folgendes:

Beauregard, le 21. Juin 1831. Adolphe Duval, medecin agrg
de la Facult de Paris,  Monsieur l'Abb de Rochechouard, 
Douay.--Monsieur! Ueber den krperlichen Befund des sogenannten Alexina
Besnard, 18 Jahre alt, habe ich auf Grund der von mir gestern Abend
vorgenommenen Untersuchung die Ehre Folgendes zu melden:

Alexina als Mdchen von auerordentlich hoher Statur, mu auch als
Mann noch zu den greren Gestalten gerechnet werden. Das magere
Gesicht zeigt den Ausdruck hoher Intelligenz; der Blick entschieden
mnnlich, convergirend; stark prominente Augenbgen, unter denen ein
paar schwarze, kluge, flinke Augen herauslugen; keine Spur von Bart;
die Kopfhaare etwas lnger, als sie gewhnlich von Mnnern getragen
werden, aber weit entfernt die Lnge von Mdchenhaaren zu erreichen
(sie mten denn absichtlich beschnitten sein) werden in einem Netz
getragen, und sind eher sprlich zu nennen. Die Stimme Alexina's
ist eine Altstimme. Der ganze Krperbau ist schlank, musculs, ohne
eigentliches Fettpolster, zeigt in seinem oberen Theil femininen
Charakter, zarte Haut, schwache mamma-Bildung mit weiblich gebildeter
Warze; die unteren Extremitten fallen sofort durch ihre reiche,
dunkle, mnnliche Behaarung auf, und zeigen auch in ihrer allgemeinen
Configuration mnnliche Anlage. Die Oberschenkel zeigen zum Knie hin
nicht die beim Weib bekannte Convergenz, sondern verlaufen geradlinig.
Die Hnde sind zwar klein, dagegen die Fe sehr gro und krftig. Die
Hfte charakterisirt sich schon durch den allgemeinen Anblick, durch
das gnzliche Fehlen des seitlich ausladenden, wie durch Messungen,
als Beckenanlage von rein mnnlichem Charakter. Der mons Veneris ist
stark behaart und bedeckt auf den ersten Anblick die eigentliche
Bildung der Genitalien. Dieselben zeigen wenig klaffende labia majora
von wulstigem, faltigem Charakter, hinter denen die kleinen, wenig
ausgebildeten labia minora sichtbar werden; keine Spur von hymen;
der introitus vaginae ist so eng, und das versuchsweise Eindringen
so schmerzhaft, da es keinem Zweifel unterliegt, da derselbe als
blinder Sack endigt, und entweder keinen, oder hchstens rudimentren
uterus als Fortsetzung trgt, der fr die Ovulation wie Menstruation
ohne Belang ist. Dagegen umschlieen die labia minora in ihrem oberen
Theil einen succulenten Krper, der vorne perforirt ist, und sich
als wohl characterisirtes membrum Virile erweist; dasselbe ist der
Erection fhig; obwohl es an seiner vollen Entfaltung durch ein
von den genannten kleinen Labien ausgehendes straffes ligamentum
gehindert ist. Die Perforation ist der Ausfhrungsgang der urethra,
die ihrerseits in die Vesica urinalis endet. Testicel sind nirgends
zu entdecken, und scheinen im Abdomen zurckgeblieben zu sein.--Somit
ist Alexina Besnard ein _Zwitter_; und, da derselbe whrend der
Untersuchung, offenbar durch die augenblickliche psychische Erregung
hervorgerufen, auch eine unwillkrliche ejaculatio seminalis hatte,
deren Bestand unter dem Mikroscop das deutliche Vorhandensein normaler,
beweglicher Spermatozoen ergab, so mu Alexina als mnnlicher
_Zwitter_ angesprochen werden; somit ist Alexina ein Mann und zwar
ein zeugungsfhiger Mann.--Auf Grund der mir obliegenden Pflicht habe
ich bereits Anzeige an die betreffende Civil-Behrde behufs Aenderung
der Stammrolle in der Heimath Alexina's gemacht, Eurer Hochwrden die
weiteren Schritte bis zur definitiven staatlicherseits vorzunehmenden
Aenderung der civilen Verhltnisse Alexina's berlassend. Mit
hochachtungsvoller Ergebenheit ec. Adolf Duval.--

Noch am gleichen Tag wurde Alexina in ihre Heimat zu ihren Eltern
gebracht.

Mademoiselle Henriette Bujac, die in's Kloster zurckkehrte, sah sich
genthigt, nach etwa sechs Monaten aus dem Institut auszutreten, und
wurde zu einer entfernt wohnenden Tante auf's Land geschickt.

Mit ihr verlie Madame la Superieure definitiv das Kloster.--Und la
Soeur Premire wurde Superiorin.--


[1] "Sieh der Teufel!"

[2] "Und hier seine Braut!"

[3] Schwatzerei.

[4] Der Teufel ist traurig, und hat wohl Furcht; er hat seine Braut
verloren, und frchtet die Superiorin.--

[5] Ach, sie thun mir weh.




Der operirte Jud'

                            _Ha sieh! Ha sieh! im Augenblick,_
                            _Huhu! ein grlich Wunder!_
                            _Des Reiters Koller, Stck fr Stck,_
                            _Fiel ab, wie mrber Zunder._
                            _Zum Schdel, ohne Zopf und Schopf,_
                            _Zum nackten Schdel ward sein Kopf_;
                                                    _Brger_, Lenore.


Kein Mensch wird mich tadeln, wenn ich meinem Freunde _Itzig Faitel
Stern_ ein Denkmal zu setzen wnsche; wenigstens, so weit dies in
meinen Krften steht; und fast frchte ich, da dieselben nicht
ausreichen werden; denn Itzig Faitel Stern, mein bester Freund auf
der Hochschule, war ein Phnomen. Ein Linguist, ein Choreograph, ein
Aesthetiker, ein Anatom, ein Schneider und ein Irrenarzt wren nthig,
um die ganze Erscheinung von _Faiteles_, was er sprach, wie er ging
und was er that, vollstndig zu begreifen und zu erklren. Da nach
dem Gesagten mein Vorwurf nur Stckarbeit liefern wird, ist nicht zu
verwundern. Doch ich verlasse mich auf meine fnf Sinne, die nach der
gegenwrtig herrschenden literarischen Schule vollstndig gengen,
ein Kunstwerk zu liefern; ohne viel nach Warum und Wie zu fragen,
oder knstliche Motivirung, oder gar transscendentale Construction zu
versuchen. Wenn statt des Kunstwerks eine Komdie entsteht, mag sie,
die Schule, die Verantwortung tragen.--

_Itzig Faitel_ war ein kleiner untersetzter Mann mit rechts etwas hher
stehender Schulter und einer spitz zulaufender Hhnerbrust, auf welch'
letzterer er immer eine breite, schwerseidene Plastron-Cravatte trug,
die ein matter Achat zierte. Die Rock-Patten zu beiden Seiten dieser
Cravatte liefen immer von rechts oben nach links unten, so da, wenn
Faitel lngs der Randsteine ging, es den Eindruck machte, er steure
ber das Trottoir hinunter, oder gehe im Diagonal. Faitel wollte nicht
einsehen, da diese Configuration seiner Kleider von der rhombischen
Verschiebung seines Brustkastens herrhre, und schimpfte frchterlich
auf die christlichen Schneider. Die Stoffe, welche Faiteles trug,
waren stets der feinste Kammgarn. Das Antlitz Itzig Faitel's war
von hchstem Interesse. Leider hat es _Lavater_ nicht gesehen. Ein
Gazellen-Auge von kirschen-hnlich gedmpfter Leuchtkraft schwamm in
den breiten Flchen einer sammtglatten, leicht gelb tingirten Stirn-und
Wangen-Haut. Da es troff, da konnte Faiteles nichts dafr. Itzig's
Nase hatte jene hohepriesterliche Form, wie sie _Kaulbach_ in seiner
>Zerstrung Jerusalems< der vordersten und markantesten Figur seines
Bildes verliehen; zwar waren die Augenbrauen darber zusammengewachsen;
aber _Faitel Stern_ versicherte mich, das sei sehr beliebt; auch wute
er, da Leute mit solchen Augenbrauen einmal ersaufen sollen; aber er
paralysirte es, indem er versicherte, er gehe niemals auf's Wasser. Die
Lippen waren fleischig und berfltig; Zhne vom reinsten Crystall,
zwischen denen eine blulich-rothe, fette Zunge oft zur Unzeit
herauskam. Kinn und Oberlippe war Alles bartlos; denn Faitel Stern war
noch sehr jung. Erwhne ich noch von meines Freundes Untergestell so
viel, da es Sbelbeine waren, deren Schwung jedoch nicht excessiv war,
so glaube ich Itzig's Silhouette einigermaaen gezeichnet zu haben. Auf
die geringelten zahlosen schwarzen Sechserlckchen seines Haupthaars
komme ich spter noch zu reden.--Das also war der Studiosus Stern in
der Ruhe. Aber wer hilft mir, welcher Clown, welcher Dialect-Imitator,
welcher Grimasseur, Itzig darzustellen, wenn er ging, wenn er sprach
und agirte. Itzig sagte mir wohl, er stamme von einer franzsischen
Familie ab, und sei franzsisch erzogen; er sprach wohl etwas, wenn
auch mechanisch ganz verschobenes Franzsisch; aber das Unglck war,
da Itzig zu frh in die nahe Pfalz kam, und die prononcirten Laute
dieses Stamms mit einer Gier einschlrfte, als wre es Milch und Honig.
Wohl konnte Faiteles auch Hochdeutsch reden; aber dann war es eben
nicht Faiteles, sondern eine Zierpuppe. Wenn Faitel fr sich war, und
sich nicht zu geniren brauchte, dann sprach er Pflzisch und--noch
etwas. Doch vorher noch einige Bemerkungen ber seine Gangart und
Agitationes.--Itzig hob immer beide Schenkel fast bis zur Nabelhhe
beim Gehen, so da er mit dem Storch einige Aehnlichkeit hatte; dabei
steckte er den Kopf tief auf die Plastron-Cravatte herab, und sah
starr auf den Boden. Man konnte wohl glauben, er knne die Kraft
zum Heben der Beine nicht bemessen, und berschlage sich; und bei
Rckenmarkskrankheiten kommen ja hnliche Strungen vor; Itzig war aber
nicht rckenmarkskrank, denn er war jung und geschont; als ich ihn
einmal frug, warum er so extravagant gehe, sagte er "a ich vorwrts
komm'!"--Faiteles hatte auch Mhe, das Gleichgewicht zu halten,
und beim Gehen troffen oft Schweitropfen aus den Sechserlckchen
der Stirne. Das Nackenband war sehr stark und krftig bei meinem
Freund entwickelt; wie ich vermuthete, wegen der Schwierigkeit und
Arbeit, die Itzig hatte, den Kopf zu Gottes Himmelszelt emporzuheben.
Itzigs Kopf war in seiner natrlichen Stellung immer starr auf den
Erdboden gerichtet, das Kinn fest in die seid'ne Plastron-Cravatte
eingebohrt.--Das war Itzig Faitel Stern, wenn er ruhig war, oder
seines Weges ging. Was waren aber seine Agitationes?--Dies hing ab,
von der Stimmung, in der Faiteles sich befand, ob er aufgelegt, oder
unzufrieden war; ob er zustimmte, oder einen Gegenbeweis fhren
wollte. Stark in Affekt kam er nie; und zornig zu werden hinderte
ihn seine ganze Constitution. Wenn er aber eifrig wurde, und gute
Opportunitts-Grnde in's Feld zu fhren hatte, dann bumte er auf,
hob den Kopf empor, zog die fleischige, wie ein Stck Leder sich
bewegende Oberlippe zurck, so da die obere Zahnreihe entblt wurde,
spreizte mit zurckgebeugtem Oberkrper beide Hnde fcherfrmig nach
oben, knaukte mit dem Kopf gegen die Brust zu einigemal auf und ab,
und lie rythmisch abgestoene Schnedderengdeng-Gerusche hren. Bis
zu diesem Moment hatte mein Freund noch gar Nichts gesagt. Aber aus
der ganzen Aufeinanderfolge dieser gestikulatorischen Mimik wute
ich schon, in welcher Richtung sich Faitel's Auseinandersetzungen
bewegen wrden. Faitel miaute, schnarrte, meckerte und producirte auch
Schneuz-Laute sehr gern und zur richtigen Zeit, so da man daraus
immer exacter wute, als wenn er blos einige Worte hingeworfen, wie
er dachte, und wie sein Inneres angelegt und engagirt war. Wenn
sein Standpunkt zweifelhaft, sogar gefhrdet war, und er von einer
unwahrscheinlichen Sache den Gegner berzeugen wollte, warf er mit
eingezwickten Bauch den rotirenden Oberkrper von der Seite des
Gegners weg und zu sich hinber, gleichsam als wolle er mit der ganzen
Krperlast den Betreffenden zu sich hinberziehen. Fleiige, angenehm
grunzende Schnarrlaute begleiteten diesen Akt. Wer dies zum erstenmal
sah und hrte, der erstaunte, und unterlag; er willigte ein, schon in
Anerkennung des fleiigen Ueberredungs-Aktes. Aber Faiteles wurde,
die Wirkung erkennend, nun zu immer weiterer Exaltation getrieben.
Und zuletzt wurde es monstrs. Soviel ber seine Agitationes.--Aber
wer hilft mir die Sprache von Itzig Faitel Stern beschreiben? Welcher
Philologe oder Dialektkenner wrde sich unterstehen diese Mischung von
Pflzerisch, semitischem Geknngse, franzsischen Nasal-Lauten und
einigen hochdeutsch mit offener Mundstellung vorgebrachten, glcklich
abgelauschten Wortbildungen zu analysiren?! Ich kann es nicht; und
ich will mich darauf beschrnken, nach dem phonetischen System das
dem Leser vorzufhren, was an Itzig Faitele'schen Phrasen mir in der
Erinnerung geblieben. Aber vorher mu ich doch aus der Faitele'schen
Redeweise zwei Punkte hervorheben, die grammatikalisch besonderes
Interesse beanspruchen. Dann soll die grauenhafte Comdie, die _Itzig
Faitel Stern_ in _Heidelberg_, wo wir Beide studirten, auffhrte,
ohne Unterbrechung sich abwickeln: Faitel hatte unter den unzhlig
flchtigen und kaum andeutbaren Besonderheiten seiner Sprechweise
besonders zwei,--wie soll ich es nennen?--Sprachpartikel, die an
bestimmten Stellen immer wiederkehrten, und sich mir zuletzt als
syntaktische Bestandtheile von bestimmtem Begriffswerth einprgten.
Faitel Stern sagte z.B. wenn ich ihn ber den ungeheuren Luxus in
seiner Garderobe, seinen Toilettegegenstnden, interpellirte,--"... was
soll ech mer nicht kahfen  neihes Gewand,  scheene Hut-'mener, faine
Lackstiefelich,--'mener, a ech bin hernach  fainer Mann! Deradng!
Deradng!..." (Hin- und Herwippen des Oberkrpers! Aufspreizen
der Hnde in Achselhhe bei leicht hockender Stellung; verzckter
Blick mit Glasreflex; Entblen der beiden Zahnreihen; reichliche
Speichelabsonderung).--

Der Leser wird hier mit Verwunderung zwei Wrter entdeckt haben,
oder vielmehr ein Annexum, ein Anhngsel, und eine Interjection, die
er in jedem Wrterbuch vergeblich suchen wrde, "--mener", eine
Art Schnurrwort, kurz-kurz-lang, mit dem Ton auf der letzten Silbe
(Anapst), wurde Substantiven angehngt, und verlieh ihnen eine Art
eigenthmlicher, pathetischer Bedeutung; schlo das Substantiv mit
einem Consonanten, so wurde oft "-emenera" angehngt, und zwar mit
solch rasselnder Geschwindigkeit, da der Ton auf dem Substantiv
blieb, und das Annex als vierkurzsilbiger Schnurrlaut (also:
Doppelpyrrhichius) sich anschlo. Manchmal schien es auch, als ob das
"-mener", nur die Verbindung zum nchsten Wort herstellen solle, wenn
dieses mit einem fr Faitels Zunge schweren Anlauter begann. Sie wurden
daher nur beim schnellen Reden und bei gehobener Stimmung benutzt.
Irgend welchen declinatorischen Charakter vermochten die beiden Annexe
dem mit ihnen verbundenen Wort, wie es bei einigen Negersprachen
der Fall ist, nicht zu geben.--Ganz anders war es mit dem stark
nasalen "Deradng!". Dieses war Interjection, Ausrufepartikel, hatte
also selbstndigen Wort- und Begriffswerth; wurde sing-sang-mig,
breit, knngsend ausgesprochen, mit speichelndem Mund, schlo immer
den Satz, und schien so viel zu bedeuten, als: Gelt! hab' ich nicht
recht?!--Siehste wohl!--Wer htte das gedacht?!--Ei der Tausend;
u. drgl.--Ja, lieber Leser, Du darfst Dir Mhe geben so viel Du
willst, "Deradng! Deradng!" auszusprechen; so fettig-guttural, so
weich-grhlend, so speichelnd wie Itzig Faitel Stern bringst Du's nicht
zusammen!

Ich will den Leser nicht lnger darber im Unklaren lassen, wieso
ich zu diesem merkwrdigen Umgang kam; und mir nicht ein Mntelchen
umhngen, welches mir schlecht stehen wrde, indem ich den Leser auf
die Vermuthung kommen lasse, es sei Mitleid gewesen, was mich in
die Nhe dieses grauenhaften Stcks Menschenfleisch, genannt _Itzig
Faitel Stern_, brachte. Es war gewi viel, wie soll ich sagen,
medizinische, oder besser anthropologische Neugierde dabei; ich
empfand ihm gegenber wie etwa bei einem Neger dessen Glotzaugen,
dessen gelbe Augen-Bindehaut, dessen Quetsch-Nase, Mollusken-Lippen,
Elfenbeinzhne, dessen Geruch man mit Verwunderung wahrnimmt, und
dessen Gefhle und geheimste anthropologische Handlungen man ebenfalls
kennen lernen mchte; vielleicht war auch etwas Mitleid dabei, nicht
viel. Mit Verwunderung beobachtete ich, wie dieses Monstrum sich die
grauenhafteste Mhe gab, sich in unsere Verhltnisse, in unsere Art
zu gehen, zu denken, in unsere Mimik, in die Aeuerungen unserer
Gemthsbewegungen, in unsere Sprechweise einzuleben. Aber ein viel
strkerer und egoistischerer Grund war doch fr mich der, etwas ber
den _Talmud_ zu erfahren, welches Faitel's Religionsbuch war; alle
die merkwrdigen Gerchte, die ber dieses umfangreiche Gesetzbuch in
Umgang waren, interessirten mich in hohem Grade. Und Itzig war zwar
kein Talmudgelehrter; aber er wute doch Manches; und er wute eine
Menge kleiner Gewohnheiten, Schwchen, Practiken, Scurilitten, die
nicht in Bchern und Uebersetzungen des Talmud zu finden waren, und
die fr mich hohen anthropologischen Werth hatten.--Freilich mute
ich eine Menge der sonderbarsten Gerchte ber mich ergehen lassen
von Seite meiner Commilitonen in _Heidelberg_, die nicht begreifen
wollten, wie so ich mir den Itzig Faitel Stern zum Umgang auserwhlt
hatte; Gerchte, die sich meist an das Vermgen Faitels, an sein
Geld, anknpften; denn Faitel Stern war immens reich. _Heidelberg_
war damals eine zu kleine Stadt, und die Studenten spielten dort
eine zu prpondirende Rolle, um eine Erscheinung wie Itzig Faitel
Stern, und alles was um ihn sich bewegte, nicht zum hervorragendsten
Tagesinteresse zu machen. Und Faitel Stern, um es nochmals zu sagen,
war eine Art jdischer _Kaspar Hauser_; ein Mensch, der mitten aus dem
engherzigen, schematischen, dumpfen, windelstinkenden, knngsenden,
grimassirenden Kleingram seiner Familienerziehung heraus, in Folge
eines jhen Entschlusses, pltzlich, die Taschen voll mit Gold, auf das
groe Lebenspflaster einer europischen Stadt geworfen war, und dort
bld, mit vertrakten Bewegungen, verlacht-bewundert, sich umzusehen
begann.

Aber so konnte das Ding nicht weitergehen. Gleich nach den ersten
Tagen unserer Bekanntschaft machte ich Faitel Vorschlge hinsichtlich
seiner Umwandlung in etwas modernem Sinne, und fand damit bei ihm die
entgegenkommendste Aufnahme. Ich habe wohl nicht vergessen zu sagen,
da wir Beide Medizin studirten. Und da Faitel auf dieses Studium
verfiel, war nach Allem, was wir ber sein physikalisches Aeuere
wissen, gewi ein gnstiges Testimonium intellectus.--"Faitel",--sagte
ich ihm eines Tags,--"Sie mssen Ihren Gang ndern; Sie sind ja
vollstndig contract; und dabei das Gesptte und Gelchter der
Stadt!"--"Was kann ich vor de Misemischine,"--rief Faitel, und
stampfte die Plattfe mit groer Kraftentwicklung ohnmchtig auf
den Boden,--"bin ich gegangen so mai Lebetag'; duht mai Vater aach
so gehe, und is geworden der alte Stern Salomon!--Gben Se mer 
neies Gebein; ich beahls!"--"Bezahlen!" ich,--"das wre schon Recht;
aber wer wird im Stande sein Ihre englischen Knochen wieder gerade
zu machen!?"--Wir kamen berein, einen Orthopden zu Rath zu ziehen.
Der ausgezeichnetste Vertreter dieser Disciplin erklrte aber, Itzig
sei zu alt, die Knochen zu weit vorgebildet; empfahl uns aber den
Professor _Klotz_, den berhmten Anatomen _Heidelsbergs_, behufs
wissenschaftlicher Untersuchung des Skelets Itzig's. Wir gingen zu dem
berhmten Mann. Derselbe stellte alle mglichen Messungen am nackten
Itzig an, lie denselben dann auf und ab gehen, und schlug zuletzt die
Hnde ber dem Kopfe zusammen: so 'was sei ihm in seinem Leben nicht
vorgekommen; er holte dann ein bekanntes Buch herbei: Meyer, Statik
und Mechanik des menschlichen Knochengerstes, Leipzig 1873, dessen 2.
Auflage ihm bertragen worden war; mimuthig meinte er, er msse das
ganze Buch mit Rcksicht auf Itzig umarbeiten; stellte dann dazwischen
die merkwrdige Frage, ob es sicher sei, da Itzig von menschlichen
Eltern geboren. Dies konnte auf's unwiderleglichste nachgewiesen
werden. "Dann",--schlo Professer _Klotz_ seine Ausfhrungen,--"kann
ich nicht alle Hoffnung aufgeben, die Gelenke des Studiosus _Stern_ auf
eine der humanen Bewegungsform hnlichen Stufe wieder hinzubringen;
nur--zgerte der berhmte Anatom,--die Mittel und Wege...."--"Ich
beahl's" rief Faiteles, von einer pltzlichen Ahnung erfat, schnell
dazwischen,--"ich beahl's! ich beahl mei neie Statr; Herr
Profer soll'n haben viel Geld-era, Deradng! Deradng! (sehr breit
zu sprechen). Ich beablera! Deradng! Deradng!" (Aufspreizen der
Hnde in Achselhhe; Einhaken in den Westenausschnitt; pendelfrmiges
Hin- und Herwippen mit dem Oberkrper; lchelnde Mundstellung; obere
Zahnreihe entblt; reichliche Speichelabsonderung.)

Nun kamen schwere Zeiten fr Faitel. Tage-und Nchtelang hing er in
der Streckschwebe, um durch das eigene Krpergewicht die skoliotischen
Knochen zum Dehnen zu bringen, oder stack im Gyps-Corset; das
Nackenband wurde durch blutige Operation verkrzt und straffer
gehalten, um Faitel den Anblick des Himmels zu ermglichen. Wochenlang
muten die in neue Charniere gebrachten Knochen beim Turnlehrer gebt
und weitergebildet werden. Alles geschah in eigens fr Faiteles
anberaumten Privatstunden, da Niemand mit ihm zu ben Lust hatte,
noch seine Uebungen fr sich brauchen konnte, noch auch Faitel bei
seinen halsbrechenden Exercitien gesehen sein wollte. Enorme Summen
wanderten in die Hnde der Gymnastiker, Bandagisten, Orthopden
und--des Professor _Klotz_, der das Ganze leitete und berwachte. Nach
einem Vierteljahr waren leidliche Resultate zu sehen. Die Sbelbeine
natrlich konnten von all diesen Correctionsversuchen nicht betroffen
sein, da es fr sie kein tiefer gelegenes Gegengewicht gab, um sie
zum Strecken zu bringen. Man beruhigte Faiteles, indem man ihm zu
verstehen gab, solche Beine kmen auch bei andern Menschenklassen, bei
Bckern u. dgl., vor. Aber Faitel war unermdlich; seit sein spitzes
Kinn nicht mehr in die Plastron-Cravatte sich einbohrte, war er fest
entschlossen "u werden aach a fains Menschenkind wie a Goj-menera,
und aufugeben alle Fisenemie von Jdischkeit".--Es kam damals gerade
jene khne Operation auf, die man brisement force nannte; man zerbrach
absichtlich einen stark gekrmmten Knochen, und behandelte ihn dann wie
einen zuflligen Beinbruch, nur da man die beiden Stcke in gerader
Richtung an einander heilen lie. Dieses Verfahren wurde bei Faitel
Stern's Sbelbeinen angewendet. Mehrwchiges Bettliegen fr jedes
Bein, mit Schmerzen und Verbnden aller Art, und ungeheure Kosten fr
ein Verfahren, zu dessen exacter Ausfhrung damals ein eigener Arzt
von _Paris_ kam, waren die Folgen und Nebenumstnde dieser Cur.--Der
alte Salomon Stern sandte Wechsel auf Wechsel, die jeder Geschftsmann
mit Freuden honorirte. Dann kamen wochenlange Gehversuche mit den
neugeheilten Gliedern. Und wirklich, als nun Faitel Stern zum ersten
Mal ausging, hatte er wesentliche Fortschritte gemacht. Er war etwas
grer geworden, und sah schon einem respectablen Menschen gleich.
Alles war und blieb noch lange recht steif; aber er konnte jetzt doch
einen normalen Menschen vortuschen. Das Gesicht sah kerzengerade
hinaus; das Kinn zeigte sich erst jetzt frchterlich lang und spitz;
die Hhnerbrust war abgeplattet, und die Rockpatten verliefen gerade
hinunter. Um Faiteles an dem gemeinen, behaglichen Hin- und Herwippen
des Oberkrpers, wobei er sein nselnd-gurgelndes "Deradng, Deradng"
hren lie, zu hindern, wurde ihm, hnlich wie bei Hunden, ein
Stachel-Halsband, ein solches um die Hfte, auf den bloen Krper,
gelegt, so da er bei seitlichen Neigungen sofort heftig gestochen
wurde. Die Alles ertrug Faitel Stern mit Heroismus, und stand dort
schlank gebunden, wie eine Tanne. Aber die Hauptsache kam erst. Es
war klar, da man ihn mit der Sprache, von der wir einige Proben
gegeben haben, nirgends einfhren konnte. Es war der Ausdruck einer
schmierigen, niedrigen, feigen Gesinnungsweise. Und wenn es sich auch
zunchst nur um uere Tuschung handelte, so wollte man doch diese so
bald als mglich erreichen.

Da es hoffnungslos war, ihn mit seinem Pflzisch-Jdischen auf ein
nchst-verwandtes reines Hochdeutsch zu bringen, so versuchte man,
durch einen absoluten Gegensatz zu seinem bisherigen Sing-Sang, ihn auf
rechte Bahn zu bringen; und besorgte einen hannoveranischen Hofmeister,
dessen hell-nselnde, klirrende Sprechweise Itzig wie ein Schulknabe,
Satz fr Satz, nachzusprechen hatte, so da er Hochdeutsch wie eine
vllig fremde Sprache lernte. Sogar einige hannoveranische Studenten
wurden gegen Collegienfreiheit und diverse Mittagstische veranlat,
Itzig fr ein ganzes Semester Gesellschaft zu leisten. Diese ganze
Reihe von Manahmen war das Resultat einer sachgemen Besprechung
mit dem berhmten _Tbinger_ Linguisten damaliger Zeit, zu welcher
noch der _Heidelberger_ Physiologe zugezogen war. Diese Herren gingen
von folgenden Erwgungen aus: In unserem Gehirn ist immer nur ein
Theil der fr die Sprache befhigten Partieen, und immer nur auf der
einen Seite, rechts oder links, ausgentzt; ein Heranziehen jener
bisher brach gelegenen Partieen zu neuen Sprachbildungen ist nicht
ausgeschlossen, und findet durch die Natur selbst, nach Krankheiten
u. dgl., statt. Nur ist bei solchen Versuchen aufs Sorgfltigste
darauf zu achten, da nichts in Wort-und Laut-Bildungen in der
neuen Sprache an das alte Idiom erinnere; weil sonst Verwirrung
entsteht; wie der _Tbinger_ Spezialist sich ausdrckte: es mu eine
neue Sprach-Insel bei Itzig gebildet werden. Und nun wurde genau
untersucht, welcher deutsche Dialect mit dem Pflzisch-Jdischen
Faitel's die geringste Laut-Verwandtschaft besitze. Man kam erst auf
das Pommer-'sche. Aber Faitel war die zu hart. Endlich einigte man
sich ber dem Hannoveran'schen. Der Leser kann sich denken, da diese
feinen prognostischen Berechnungen ein horrentes Geld kosteten. Diese
Sprach-Exercitien wurden ein ganzes Semester fortgesetzt.

Ich kann den Leser unmglich mit all' den Ausstaffirungen,
Vernderungen, Einpumpungen und Quaksalbereien aufhalten, denen _Itzig
Faitel Stern_ sich unterzog, mit der furchtbarsten Qual und mit
grtem Heroismus unterzog, um ein gleichwerthiger abendlndischer
Mensch zu werden. Immer vigilirte er auf Neues, studirte geheime
christliche Zge, copirte Mundverzerrungen, Backenaufblhungen und
Agitationes, gefiel sich im heroisch-teutonischen Genre, wie in
der blond-naiven, slchelnden Jnglings-Gangart. Der Teint, die
weizengelbe Gesichtsfarbe Faiteles', mute natrlich einem feinen,
pastsen Bleiteint weichen, den Itzig vortrefflich aufzutragen
verstand. Da Faitel einmal vier Wochen hindurch sich von einer mir
unbekannten Drogue, in Form von Gemse nhrte, um auf natrliche Weise
zur kaukasischen Lichtfarbe zu gelangen, daraufhin habe ich ihn nur
im Verdacht. Eine relativ einfache und ungefhrliche Procedur, die
aber die ungeheuerlichste Wirkung ausbte, betraf die Haare. Es kamen
damals gerade die englischen Waschungen auf, die zwar, weil Geheimni,
unerschwingliche Kosten verursachten, die aber jedes beliebige
dunkle Haar in ein prachtvolles Goldblond verwandelten. Die ersten
englischen Friseure bereisten damals Deutschland, und ein solcher
hatte sich in dem reichen, stets von hohen Herrschaften besuchten
_Heidelberg_ nieder gelassen. Faiteles war einer der Ersten, der sich
der Prozedur unterzog. Mit ihrer Hlfe wandelten sich die pechschwarzen
Sechserlckchen Itzig's, unter denen sich immer ein verdchtig
riechender Schwei aufhielt, in goldene Kinderlocken; diese Locken
wurden weiterhin mittelst eines nicht schmerzlosen Verfahrens in lange,
germanische Strhnen ausgezogen; ein simpler, norddeutscher Haarschnitt
wurde angebracht, und--der dumbe, tappige Germanen-Jngling, wie ihn
_Schwind_ gelegentlich auf seinen Bildern angebracht hat, war fertig.
Faiteles nannte sich _Siegfried Freudenstern_, und lie seine Matrikel
und brigen Papiere umndern.

Faitel war jetzt ein ganz neuer Mensch geworden. Die letzten
Prozeduren, die er so vorsichtig war, in den Ferien, in der Nhe
der Stadt, vornehmen zu lassen, hatten ihn zum Nichtwiedererkennen
verndert. Man schlug ihm vor, eine andere Universitt zu beziehen. Er
wies dies aber ab; vor allem weil er in der Nhe von Professor _Klotz_
zu bleiben wnschte, der die gesammte psycho-physikalische Leitung
Itzig's noch immer in seiner Hand hatte. Und in der That, Faitel wurde
in _Heidelberg_, seit der Haarvergoldung, nicht mehr erkannt. Er war
hannoveran'scher Gutsbesitzers-Sohn, und bewegte sich in der feinsten
Gesellschaft. Die norddeutschen Schnarrlaute bte er mit spielender
Leichtigkeit, und erzielte damit wo er hinkam ganz auerordentlichen
Erfolg.--Aber Faitel's Ehrgeiz ging hher.--Faiteles! Scheener Jd',
fainer Jd', eleganter Jd',--so sprach oft Faitel zu sich selbst, aber
nur in der Gedankensprache, wenn er vor dem Spiegel stand,--biste jetzt
geworden  Christenmensch, frei von aller Jdischkeit? Kannste jetzt
hin gehn, wo de willst, und dich hinsetzen zu de faine Leit, ohne da
Einer kann sagen: des is aach aner vun unnere Leit?--Faitel wute, da
dem noch nicht so war. Ja, was Pomade, Schminke, weie Steif-Leinwand,
einige Meter Kammgarn, Wattons und etwas Lackleder an einem Menschen
herzustellen vermgen, das war an Faitel geschehen. Aber, wie sah es
innerlich aus?--

Hatte Faitel eine Seele? Darber stritten sich schon seit Monaten alle
jene Leute, Erzieher, Aerzte u. drgl., die mit ihm zu thun hatten,
herum. Die Seele freilich, die nthig war, um vor der Hochzeit ein
paar heuchlerische Phrasen herauszubringen, oder im richtigen Moment
einem armen Teufel ein paar Silberlinge hinzuwerfen, die besa
Faitel, wie jeder Andere. Aber Faitel hatte von jener keuschen,
undefinirbaren, germanischen Seele gehrt, die den Besitzer wie einen
Duft umkleide, aus der das Gemth seine reichen Schtze beziehe, und
die das Schiboleth der germanischen Nationen bilde, jedem Besitzer
beim Andern sofort erkennbar. Faitel wollte diese Seele haben. Und
wenn er kein echtes Klnisches Wasser haben konnte, wollte er das
Nachgemachte. Er wollte wenigstens diese Seele in ihren Aeuerungen,
in ihren Zutagetretungen sich aneignen. Man rieth ihm nach England
zu gehen, wo der reinste Extrait dieser germanischen Seele zu finden
sei. Sprachschwierigkeiten lieen diesen Plan bald wieder fallen. Ein
bekannter Pdagoge meinte, ob man nicht durch Weiterbildung auf Grund
der gewhnlichen, ordinren, auch bei Faitel vorhandenen Seelen-Anlage,
das hhere Ziel erreichen knne. Der berhmte _Cambridge'r_ Professor
_Stokes_ hatte kurz vorher seine "psychological researches"
herausgegeben, auf Grund deren er die primre Seelen-Anlage bei Leuten
wie Faiteles nicht als geistigen Besitz, sondern als mechanische
Funktion, "rotation work", wie er sich ausdrckte, erklrte. Diese
neue Theorie lie von weiteren erziehlichen Versuchen bei Itzig Faitel
abstehen.

Unter all diesen Prfungen und Untersuchungen platzte Itzig einmal
mit der Frage heraus: wo denn der Sitz der Seele sei?--Man mute ihm
erklren, da seit _Descartes_ den miglckten Versuch gemacht hatte,
den Sitz der Seele in die Zirbeldrse des Gehirns zu verlegen, eine
Localisation dieser geistigen Kraft nicht mehr probirt worden; da
vielmehr die Seele aus dem Zusammenwirken bestimmter krperlicher
und geistiger Functionen zu verstehen sei; und da, da letztere in
bestimmter Art von der Qualitt des Blutes abhngig sei, so knne
man mit einiger Wahrscheinlichkeit den Satz aufstellen, der Sitz der
Seele sei das Blut und seine wechselnden Zustnde. Von hier aus hatte
Faitel im Nu den Plan zu einer seiner khnsten Prozeduren gefat; denn
mehrere Tage nach jener Discussion hrte man ihn zu seinen intimsten
Bekannten mit Frohlocken sich uern: "Kaaf ich mer  christlich's
Bluht! Kaaf ich mer  christlich's Bluht!" (obwohl ihm seine Erzieher
diesen Jargon auf's Strengste verboten hatten.)--Der Leser wird
den Kopf schtteln. Aber der Leser darf nicht vergessen, da Itzig
Faitel Stern Mediziner war, und auf allen einschlgigen Gebieten
Bescheid wute. Und ferner ist hier der Ort, daran zu erinnern, da
damals, als unsere Erzhlung spielt, die _Transfusionen_ aufkamen,
die Blut-Einspritzungen aus einem vollsaftigen, blutreichen Krper
in einen blutarmen, darniederliegenden Organismus durch ffnen eines
oberflchlich liegenden Blutgefes am Arm. Diese Operationen waren
ungeheuer gefhrlich, und sind heute bereits ganz verlassen. Man rieth
Faiteles ernstlich ab. Er lie sich jedoch nicht abhalten. Gleichwohl
waren noch groe Schwierigkeiten zu berwinden. Man hatte bereits sechs
bis acht krftige Leute aufgetrieben, die gegen luxurise Bezahlung
jeder einen Liter Blut hergeben sollten. Als sie hrten, da es fr
einen Juden sei, traten sie zurck, sprachen von dem durch die Juden
am Kreuz vergossenen Blut, und waren nicht mehr zu bewegen, ihr Wort
zu halten. Erst, als man mehrere krftige Schwarzwlderinnen, die zur
Messe gekommen waren, berreden konnte, sie mten sich wieder einmal
zur Ader lassen, war die Hauptschwierigkeit gehoben. Faitel setzte sich
in einem Nebenzimmer selbst das Messer an, und, obwohl die Menge des zu
entleerenden Blutes genau vorgeschrieben war, lie er die offene Ader
im warmen Bad spritzen, bis er ohnmchtig hinsank. Er wollte von der
"Jdischkeit" ablegen und ablaufen lassen, was herausging. Von den acht
krftigen Bauernmdchen wurden ihm dann im Laufe des Nachmittags acht
Liter mit groer Vorsicht allmhlich eingespritzt. Faitel ging nach
mehrtgiger Bewutlosigkeit unversehrt aus der gefhrlichen Prozedur
hervor. Aber ber den Erfolg, den psychischen Erfolg, wollte er sich
nie recht vernehmen lassen. Allzu gro schien derselbe nicht gewesen zu
sein, denn nach mehreren Wochen finden wir ihn schon wieder bei neuen
Versuchen, um sich in den Besitz der deutschen Seele zu setzen.

So lie er sich, besonders in Damenkreisen, pathetische und
sentimentale Dichterstellen vorsagen, und beobachtete scharf
Mundstellung, Athmung, Augenaufschlag, Gesten, gewisse Schluchzlaute,
die aus der mit Gefhlen bersttigten Brust nur mhevoll und heiser
sich entrangen. Ja, als die Damen in den sthetischen Theekreisen
ihm nicht genug thaten, lie sich Faitel aus dem nahen _Darmstadt_
Hofschauspieler kommen, Helden und Liebhaber, und lernt mit ihnen
Romeo-Monolage u. drgl.--Die hatte in der That greren Erfolg.
Faitel brachte jetzt mit groem Geschick in seiner Diction Stze vor,
wie: "Ach, ich sag' Ihnen, wenn ich darber nachdenke, wenn ich mir's
berlege, es wird mir oft dunkel vor den Augen und mein Herz pret
sich zusammen ...;"--dabei einige brske Bewegungen, beide Hnde auf
die linke Seite der Brust gepret,---es war doch ein ganz geschickter
Gefhlsergu. Freilich das Auge ruhte bei ihm matt-zerflossen, wie eine
verfaulte Kirsche, in der Hhle. Aber viele wute er doch zu tuschen.
Die gepreten Athmungen machte er vorzglich. Und er hatte einmal die
Genugthuung, da ein Commilitone von ihm in Damenkreisen sagte: dieser
_Siegfried Freudenstern_ ist ein Gemthsmensch durch und durch.

Aber Faitel hatte noch eine Menge anderer, alter, erbgesessener
Gewohnheiten, Ideenkreise, Scurrilitten und Verschrobenheiten. Wenn
ich oft Abends mit ihm spazieren ging, berlie er sich gern seinem
Nachdenken, und--wollte er Religionsstunde recapitulieren, oder seine
frheren Lehrer verspotten,--er begann dann mit vernderter, mckernder
Rabbinerstimme sich selbst wie folgt zu examiren: "Was duht Jehova
zu Beginn des Dags?"-Dann antwortete sich Faitel in seiner eigenen
Stimme, aber mit einem frechen witzigen Accent: "Er stutiret im
Gestz!"--(Wieder die erste Stimme:) "Was duht der hailige Gott aber
hrnach?"--(Zweite Stimme:) "Hrnach sitzt er und regiret die ganze
Wlt?"--"Was duht aber Jehova wiederum hrnach?"--"Hernach sitzet er
und ernhret die ganze Wlt!"--"Was duht er aber dann?"--"Dann sitzet
er und copuliret die Mnner und die Waiber"!--"Wie lang copulirt der
hailige Gott die Mnner und die Waiber?"--"Drei Stunden lang cupulirt
er die Mnner und die Waiber!"--"Was duht er dann am Nachmittag der
hailige Jehovah?"--"Am Nachmittag duht er nichts, der Jehovah; er ruht
aus!"--"Waih geschrieen! Wie hait, er duht nichts der hailige Jehovah?
Wird er nichts duhn, der hailige Jehovah? Was wird er duhn? Was duht
der Jehovah am Nachmitdag--He?"--(Nun schien eine entfernte spitzige
Knabenstimme von der hintersten Schulbank zu antworten.) "Am Nachmitdag
spielt der hailige Jehovah mit dem Leviathan!"--"Nadierlich! (fiel
jetzt die Stimme des Rabbiners ein) er spielt mit dem Leviathan!"---In
solchen Stunden war Faitel berglcklich und geberdete sich wie ein
wilder Junge. Wenn wir dann hinaus vor die Stadt kamen, nahm Faitel
wohl auch gelegentlich sein weies Taschentuch, hing es um den Hals,
hielt es vorne mit zwei Zipfeln, und fing nun an in roulirenden Scalen
mit heulendem Gurgellaut ganze Berge von Gesang loszulassen mit
eigenthmlich jubilirend-heiterem Charakter auf einen Text, der mir
fremd war; bis ihm die Augen heraustraten und der Schaum vor seinen
Lippen stand; dann brach er krperlich fast zusammen, und lief wie
ein Trunkener, besinnungslos, neben mir her. Wenn er wieder zu sich
kam, blieb er still, in sich gekehrt, that sehr geheimnivoll, und
schien von einem unbekannten Glck durchfluthet.--Von Alledem durften
natrlich seine Lehrer nichts wissen, die jede Uebung, jeden Laut und
Geste perhorrescirten, die ihn an seine frhere Constitution erinnern
konnten. Ich hatte aber auch Faitel im Verdacht, da er, wenn allein,
all den frheren Unfug weiter trieb. Tags ber war er im europischen
Corset, eingeschnrt, berwacht, streng beobachtet. Aber Nachts, wenn
alle Fessel fiel, wenn er den Stachelgrtel auszog, und lag im Bett,
kein Zweifel, da wippte er wie frher mit dem Becken hin und her,
steckte die aufgespreizten Hnde in die fingirten Westenausschnitte,
gurgelte und grhlte, "Deradng! Deradng!" und die ganze
pflzisch-jdische Sndfluth kam dann heraus.--Faitel hatte aber noch
andere Dinge, die noch viel unausrottbarer waren, weil sie nicht, wie
Bewegungen, vom Willen beherrscht wurden, sondern in seiner Phantasie
steckten. Die Vollstndigkeit zwingt mich hier, etwas Unappetitliches
zu berhren: Faitel hatte Angst vor dem Abort. Er glaubte an die
alt-hebrischen Unflat-und Abtritt-Geister, die den Menschen whrend
seiner hchst dringenden Beschftigung molestirten und Besitz von ihm
ergriffen, und durch bestimmte Gebete abgewehrt werden knnten. Da
er diese Gebete nicht mehr wute, oder nicht mehr mit Ueberzeugung
sprechen konnte, so wuchs seine Angst nur um so mehr. Und nur der
Umstand, da die qustionirten Geister in Gegenwart noch eines Andern
sich nicht an den Menschen wagten, verschaffte Faitel die, freilich
immer erst zu beschaffende, Gelegenheit, einem so dringenden Geschft
mit Ruhe obzuliegen.--

Solcher Art war Faitel's Neubildung und Umgestaltung beschaffen.
Innerlich war Vieles noch nicht neu besetzt, und alte Functionen noch
in Thtigkeit. Aeuerlich war alles zugeglttet, gestriegelt, gut
eingebt und in promptem Gang. Alles in Allem muten Faitel und seine
Lehrer, Erzieher und Instructoren mit dem Erreichten zufrieden sein.
Und Professor _Klotz_, dessen sorgsames Auge von Semester zu Semester
mit hherem Interesse ber seinem Menschenwerk wachte, mochte in seinem
Beglckungsgefhl inmitten stehen zwischen einem Circus-Director, der
ein schwieriges Pferd endlich fr die Manege hergerichtet, und jenem
erhabenen Schpfer, der einem kalten Erdenklo Leben einhauchte.--Hatte
nicht auch _Klotz_ einem vertrackten Gerippe neues Leben
eingehaucht?--Aber Eines fehlte noch: Es galt diese kostbar-gewonnene
Menschenrace fortzupflanzen. Mit dem feinsten abendlndischen Reis
sollte der neue Stamm oculirt werden. Eine blonde Germanin mute die
mit fabelhafter Mhe gewonnenen Resultate erhalten helfen. So lautete
die Theorie. In Praxis hie dies: Die arme, aber schne, flachshrige
Beamtenstochter _Othilia Schnack_ sollte dem enorm reichen
Gutsbesitzers-Sohn _Siegfried Freudenstern_ die Hand reichen. So war
es ausgemacht, und so war es Faitel zufrieden. Ein Gut war in der That
vom alten Salomon Stern, der ruhig in der Pfalz auf seinem Dorf sa,
(welches fast ganz ihm gehrte) bei Hannover angekauft, um den jungen
Leuten als nchster Aufenthalt zu dienen. Die hannoverschen Studenten,
die schon einmal so vortrefflich Dienste als Sprachinstructoren
geleistet, sollten seiner Zeit die nthigen Familien-Einfhrungen in
Hannoveran'schen Stadt- und Landkreisen besorgen. Einige wacklige
Hypotheken auf den Elternhusern der betreffenden jungen Herrn waren
fr diesen Fall vom alten Salomon in Patzendorf (der alte Salomon
wohnte in Patzendorf) zur Einlsung bestimmt. Ein ganz fabelhafter
Trusseau war bei den ersten Lieferanten _Heidelbergs_ fr den Fall des
Zustandekommens der Verbindung in Auftrag gegeben. Dieses bte nun
wiederum einen unverhltnimigen Druck auf alle Geschftskreise in
der Universittsstadt aus. Man sprach so viel von der Verbindung, da
es schlielich hie: die Verbindung mu zu Stande kommen; oder: die
Verhltni darf nicht rckgngig gemacht werden, als ob berhaupt schon
etwas eingegangen worden. Das Mdchen _Othilia_, mit ihren sternhellen
Augen, war ein offenes, liebreiches Geschpf, aber mit einem starken
Mdcheninstinkt. Ihr war in Gegenwart des goldblonden Jnglings mit
den Schnurr-Sprechwerkzeugen nicht ganz wohl. Sie ahnte Ungnstiges,
konnte aber ihren Verdacht nicht begrnden. Der Vater, ein ngstlicher
Mann, der durch Bravheit und Rechtschaffenheit es vom Diurnisten zum
Subaltern-Beamten gebracht, war eine ngstliche Natur, die immer
horchte, nie Nein sagte, mit kleinen Schritten trippelnd hin und her
ging, Kinn und Nacken tief in einem ungestrkten, aufgeschlagenen
Hemdkragen versteckt trug, und, sobald er merkte, da etwas wie eine
Familiensitzung im Anzug war, Hut und Stock nahm und einen Spaziergang
machte. Die Mutter, eine vollbusige, schwerfllige, hie und da noch
etwas gern scharmirende, aber energische und tchtige Wirthschafterin,
war entschieden fr die Verbindung. Sie besa bereits taubeneigroe
Brillantsteine von Faitel Stern in den Ohren. Dieser klugen Frau war
nur verdchtig, da die _Heidelberger_ Professoren, besonders die
Mediziner, sich fr das Zustandekommen der Heirath so erwrmten.
Natrlich waren die Hoteliers, Weinlieferanten, Marchands de mode,
Stickereigeschfte, Kuchenbcker, Juweliere, Annoncen-Expeditionen,
Unterhndler, Kutscher und Packtrger _fr_ die Verbindung. Auch die
Freundinnen Othilias waren eher _fr_ die Heirath. Die protestantische
Geistlichkeit--_Othilia_ war protestantisch,--nickte ebenfalls
beifllig zu dem ganzen Projekt. Da man von Faitel's Verwandten
gar Niemanden sah, verursachte einige Beklemmung in der Familie
_Schnack_. Es hie, die Eltern seien betagt, und die weite Reise aus
dem Hannoverschen! Aber, wenn nur ein Bruder, oder noch lieber eine
Schwester, des Brutigam's sich gezeigt htte! Aber die krchzende Brut
hinten in Patzendorf htet sich natrlich einen Laut zu geben.

Faitel war jetzt im sechsten Semester; seine Kenntnisse und seine gute
Fhrung wurden gelobt. Es machte aber Aufsehen, als es hie, Professor
_Klotz_ habe den jungen hannverschen Studenten, der eben sein Examen
absolvirt, zu seinem Assistenten ernannt. Diese Ernennung bedurfte der
ministeriellen Besttigung in Karlsruhe. Sie erfolgte. Sie gab aber dem
auch in Karlsruhe bereits umlaufenden Gercht von der reichen Heirath
in Heidelberg neue Nahrung. Dem Landesfrsten konnten alle diese Gerede
nicht entgehen. Und eines Tages theilte der Bureauchef dem alten
_Schnack_ mit schmelzendem Lcheln mit, man habe in Karlsruhe,--bei
Hof,--von der Verbindung seiner Tochter--gesprochen. Jetzt war's
fertig! dem alten Diurnisten blieb der Kopf starr und lautlos hinter
der Cravatte stecken. Nicht einmal zu einem Schnappen brachten es die
beiden trocknen, mit Rasirstoppeln schwarz getpfelten Lippen; bis der
lange, hagere Bureauchef mit den langen Rockschen wieder drauen
war. Dann warf der alte _Schnack_ spritzend die Kielfeder auf das
Arbeitspult, nahm Hut und Stock, und eilte keuchend nach Hause. "Bei
Hof! Bei Hof!" Jetzt gab's kein Halten mehr. Die arme _Othilia_, die
zitternd zugehrt, warf sich schluchzend in die Arme ihrer Mutter,
und erklrte, sie werde gehorchen. Die Mamma aber schrieb sofort ein
Billet an den Herrn Assistenten _Freudenstein_; und die Hochzeit ward
anberaumt.--

Lieber Leser, nun hab' ich aber noch ein Wort mit Dir zu reden. Hast Du
jemals gehrt, da Leute im Winter einen Mantel tragen, dessen oberer
Rand mit einem Streifen kostbaren Pelzes besetzt ist, um glauben zu
machen, der ganze Mantel sei so gefttert? Nicht wahr eine Kleinigkeit!
Eine kleine Schwche! Trgst Du auch einen solchen Pelz? O, dann wirf
ihn weg, wenn Du ein Mann bist. Sonst mchte Dir der Pelz eines Tags
auf's Maul fallen, whrend Du in der hchsten Athemnoth bist. (Wenn Du
aber ein Weib bist, dann magst Du ihn tragen). Aber das Bischen Pelz,
nicht wahr, so viel Gerede darber!--Gut!--Hast Du aber schon, lieber
Leser, solche Leute gesehen, die um ihre Seele solche Pelze tragen? Um
die lcherige und schbige Verfassung ihrer Seele zu verbergen? Und um
zu thun, als htten sie eine noble, in feinem Tuch gekleidete Seele? O
Pfui der Schande! O Dreck und Miserabilitt! Wenn irgend eine brave,
offene, vielleicht noch in ihrem zu enge gewordenen Confirmations-Rock
gekleidete Seele daran rgerni nhme, oder getuscht wrde!--Besitzt
Du vielleicht selbst Leser solche Umhllungen fr Deine Seele? O, dann
schmei dieses Buch in die Ecke, wenn Du ein Mann bist, und spuck aus!
Es ist nichts fr Dich. Nur das Weib darf lgen und sich in falsche
Umhllungen kleiden.--

Hast Du vielleicht, lieber Leser, schon Thiere mit einander sprechen
sehen? Zwei Tauben, oder zwei Gcker, oder zwei Hunde, oder selbst
zwei Fchse? Nicht wahr, wie sie gurren, schnattern, klffen, winzeln,
wedeln und Krperkrmmungen machen! Glaubst Du, da sie sich verstehen?
Gewi! Gewi! Jeder wei im Nu, was das Andere will. Aber zwei
Menschen? Wenn sie schnffelnd die Kpfe gegeneinanderstrecken, und
sich ankieken; und dann ihre Gesichts-Taschenspielereien beginnen;
blinzeln, ugeln, schwere und leichte Falten aufziehen, die Backen
blhen, knuspern, leer kauen, "Papperlapapp", und "Der Tausend! Der
Tausend!" winzeln? Was thun sie? Verstehen sie sich wohl? Unmglich!
Sie wollen ja nicht. Sie knnen und drfen ja nicht. Die _Lge_ hindert
sie ja daran. O Robollen und Stink-Harz, ihr seid Kstlichkeiten gegen
das, was aus der Menschen Munde geht!

Als _Prometheus_ von Gott endlich die Erlaubni erhalten hatte,
Menschen machen zu drfen, geschah es unter der ausdrcklichen,
erniedrigenden Bedingung, da selbe _eine_ Eigenschaft besitzen
mten, die sie tief unter das Thier stellten. _Prometheus_, der nur
eilte, sein Kunstwerk fertig zu sehen, sagte Ja. Es war die _Lge_. O
hundsfttischer Vertrag, der uns alle unter dem gleichen Lgen-Zeichen
geboren werden lie! Und warst Du vielleicht die Ursache von jenem
groen Lgenthurm zu _Babel_, wo die Menschen auseinandergehen muten,
weil sie sich schon damals trotz aller Rusperungen und Gesticulationen
nicht mehr verstanden? Und wenn auch die germanischen Nationen, die
zuletzt an's Schaffen kamen, am wenigsten davon erhielten, weil bei
den vorhergehenden, asia tisch-romanischen Geschlechtern schon zu viel
Lgensubstanz verbraucht war, so ist es doch noch genug.--O, Leser,
wenn Du kannst, spuck diesen Dreck aus, wie faulen Schleim, und zeig
Deine Lippen, Deine Zunge und Deine Zhne, so wie sie sind!---Und jetzt
hr' den Schlu der _Faiteles_-Comdie.--

Im Gasthaus zum "weien Lamm" in der Martergasse in _Heidelberg_ war
der groe Speisesaal mit einer glnzenden Gesellschaft gefllt, die
der Hochzeitsfeier von Othilia _Schnack_ mit Siegfried _Freudenstern_
beiwohnte. So etwas war in der Universittsstadt schon lange nicht
mehr gesehen worden. Ob der weltlichen Feier eine kirchliche Trauung
vorherging? Das wei ich nicht. Muthmalich. Die protestantischen
Papiere fr _Freudenstern_ werden schon von einem mitleidigen
hannver'schen Pfarrer eingetroffen gewesen sein. Fehlte nichts als
der Impfschein der Heimathgemeinde. Auf der Lneburger Heide gab es
viele Gemeinden, die herzlich froh waren um den Zuwachs ihrer Brger
durch eine Person wie Herr Dr. _Freudenstern_, der gleich ein Legat von
5000 Gulden zur Restaurirung des Kirchenchors hergab.--Auch der Leser
mu sich jetzt noch, am Schlu der Affaire, alle Mhe geben, sich den
"Faiteles" aus dem Kopfe zu schlagen. Nur Freudenstern heit der Held
der Geschichte; ein blondstrhniger, hochgewachsener Jngling steht vor
uns, oder unterhlt sich vielmehr gerade an der Tafel mit Professor
_Klotz_, whrend das Compot servirt wird.--Freilich die Zahnbildung,
die Lippenwlste, die Nasenlappung in Faitels Gesicht muten stehen
bleiben, wollte man nicht ein Scheual zusammenoperiren; und wer ein
Auge fr derlei Dinge hatte, erkannte im Profil Freudenstern's das
sinnliche, fleischige, vorgemaulte Sphinx-Gesicht aus Egypten. Aber
erstens hat nicht jeder das Auge fr derlei Dinge; zweitens sieht
man nicht Jemanden immer im Profil; drittens war Hochzeit, wo man
unangenehme Dinge berhaupt nicht sieht; viertens war es noch immer
streitig, ob das egyptische Sphinx-Gesicht semitischen Charakters
ist, oder nicht; fnftens hatte _Klotz_ ganz elegant sich in einem
anthropologischen Privatissimum, wo er den Herren Studenten Anleitung
zur Bestimmung von Schdel-Messungen gab, die Bemerkung fallen lassen,
_Freudenstern_'s Kopf-Bildung entspreche unter allen ihm vorgekommenen
Beispielen am reinsten der Kopfform der seit historischer Zeit in
Deutschland ansssig gewesenen _Hermunduren_.

Eben wurde der Pudding aufgetragen. Der freundliche Wirth vom "weien
Lamm" ging schwitzend um die Tafel der schmausenden Gste herum, und
zhlte und zhlte, denn das Couvert wurde ihm exclusive Wein mit
einem Dukaten bezahlt. Das Menu war nicht ganz nach seinem Geschmack,
und nicht, wie er glaubte, dem Charakter eines Hotels ersten Ranges,
wie des "weien Lamms", angemessen. Der weie Lamm-Wirth hatte rein
franzsisches Menu verlangt; und vorwiegend germanischer Charakter
des Hochzeitsschmauses war in Folge Anordnung _Klotzens_ ausdrcklich
befohlen worden. Ja, da kam Sauerkraut vor, welches der Wirth wohl
in seiner Verzweiflung durch die franzsische Bezeichnung choucroute
in seiner germanischen Roheit zu dmpfen gesucht hatte; vom Schwein
waren auserlesene Leckerbissen vorhanden, und fette glnzende
Schwarten blinkten von all den Schsseln, die als entremets in Mitte
der Tafel fr den ganzen Abend ein fr alle mal postirt waren.
_Freudenstern_ sa zwischen der wachsbleichen Braut und _Klotz_.
Ihnen gegenber die _Schnacks_. Der alte _Schnack_, dessen schlottrige
Gesichtshaut zurckzuschaudern schien vor den vor ihm aufgethrmten
Speiseverschwendungen, schaute durch seine groen Augenglser in
Silberfassung verwundert auf diese Leute, die so im Fressen gebt
waren. Ein paar Vatermrder mit blendend weier Cravatte hielt den
langen Hals mit dem ausgemergelten Kehlkopfe in correcter Haltung.
Auf dem tadellosen, schwarzen doppelknpfigen Rock prangte ein Orden.
Er war am Abend vor her aus Karlsruhe eingetroffen. Auch wurde
_Schnack_ verschiedentlicherseits mit 'Kanzleirath' angesprochen. Die
Frau _Schnack_ mit ihrem Embonpoint, berzogen mit vornehm-grauem
Seidenstoff, schttelte fleiig den Kopf hin und her; denn in ihren
Ohren wackelten zwei taubeneigroe Brillantsteine. Ueber dieser Partie
der Tafel lag eine schwere Wolke von Opoponax.--Man war beim Dessert.

Lieber Leser, nun mache Dich gefat! Etwas Auerordentliches scheint
im Anzuge zu sein. Eine Schwle, wie vor anbrechendem Gewitter, lag im
Saale. Es war sehr viel Wein getrunken worden. Auch Faiteles hatte,
von allen Seiten becomplimentirt, immer Bescheid thun mssen. Ich
wei nicht, ob Faitel sehr wenig oder sehr viel Alcoholica vertrug.
Die Gepflogenheiten seiner Rasse deuten auf Migkeit. Auf der andern
Seite ist bekannt, da pltzliche und ungewohnte berschwemmungen
des Hirns mit Spirituosen nicht nur krisenartige Explosionen im
psychischen wie motorischen Gebiet beim Menschen auslsen, sondern auch
Gehimpartieen, ich mchte sagen, Erinnerungsbezirke, mit einem Mal
aufschlieen, die ohne die brandige Zufuhr auf lange, vielleicht fr
immer, geruht htten. Wie gesagt, ich wei nicht, ob Faitel zu trinken
gewohnt war. Was ich wei, ist, da er an diesem Festtag zum ersten
Mal den Stachelgrtel, das Prservativ fr seine correcte Haltung,
abgelegt hatte. Niemand wird ihn darob schelten. Dieses Ablegen war
symbolisch. Faitel war an diesem Tag definitiv in die christliche
Gesellschaft eingetreten. Auch wird die kluge Leserin begreifen, da
am Hochzeitstag, dem eine Hochzeitsnacht folgte, welch' letzterer eine
Hochzeits-Entkleidung vorausgeht, dieser merkwrdige Schmuckgegenstand
den Augen der thrnenschweren Braut entzogen werden mute.--

Wovon aber jetzt definitiv der Leser unterrichtet werden mu, ist,
da Faitel seit ca. 10 Minuten starr und unbeweglich dortsa, den
Blick glotzend unter die Tischtafel gerichtet. Sein Gesicht wurde oft
purpurn und dann wieder kswei. Er schien auf eine ganz bestimmte
Gedankenrichtung zu lauschen, die sich ohne sein Zuthun in ihm
abspann, und die sein ganzes Interesse gefangen nahm; aber nicht ohne
Zuthun von mehrerern Glsern Cliquot, die er rasch hinunterstrzte,
und die der besorgte Wirth hinter ihm rasch wieder fllte, da ja
Wein im Couvert-Preis nicht inbegriffen war.--Faitel hob von Zeit zu
Zeit die rechte Hand mit ausgestrecktem Finger empor, als wolle er
"Pst! Pst!" machen, um besser auf seine inneren Stimmen horchen zu
knnen. Denn im Saal war noch immer groer Trubel, Tellergeklirr und
Geschnatter, da ja kein Mensch noch eine Ahnung hatte, was der Engel
der Rache hier fr ein wundersames Experiment vorbereite. Faitel schien
auch ganz systematisch und zweckentsprechend Champagner zuzugieen,
wie man Oel einer erlschenden Flamme zugiet. Wenn ihm die innere
Erleuchtung, die ber ihn gekommen war, auszugehen schien, brachte
er langsam den Oberkrper gegen die Tafel vor, und streckte ohne
hinzusehen die rechte Hand aus, ergriff das gefllte Glas, strzte
es hinunter, und hob dann die Finger empor, als wollte er sagen
"Horcht! ob es kommt?"--Und es kam.-Der Inhalt dieser frenetischen
Gedankenreihe schien ein heiterer, enthusiastischer zu sein. Denn
Faitel schlug mit der platten Hand ein paar mal auf den Oberschenkel,
da es patschte, und lachte und kicherte vor sich hin; und wer ein
gutes Ohr hatte, der konnte jetzt schon einige "Deradng! Deradng!"
hren. Aber die Gste kannten ja nicht, wie der Leser, was "Deradng"
war. Und das Scherzen, Lachen und Cliquot-Anstoen bertnte weit
diese ersten Mahnrufe. Und Klotz war in eifriger Unterhaltung mit
seinem Nachbar zur Linken begriffen. Und nur die Braut zur Rechten
berwachte mit Ruhe und Neugierde diese Vorboten eines Deliriums. Immer
tiefer bohrte sich Faitel's Kinn bei seiner starren Krperhaltung in
die Brust ein, und bekam zuletzt jene krppelhafte Zwangsstellung,
die der Leser aus den ersten Seiten dieser Erzhlung kennt. Die
Nchsten in Faitel's Umgebung, darunter die schnellbegreifende Frau
_Schnack_, waren nun doch auf ihn aufmerksam geworden. Aber man
schien alles auf einen eigenthmlichen Gemthszustand schieben zu
wollen.--"Kllnererera!..." schrie jetzt pltzlich Faitel mit schnarrend
vibrirender Stimme--"Kllnererera!--Champgnerera!--Wie hait?--Soll
ich haben nichts u trinken.--Bin ich  Mensch a gut und werthvoll
als Ihr Alle!..."--Jetzt wurde Jedermann im Saal pltzlich aufmerksam.
Selbst die Kellner mit hohen Tellersten auf dem Weg hielten inne und
starrten gegen die Mitte der einen Tischreihe, wo ihnen ein blutrnstig
angelaufenes, violettes Menschenantlitz mit speichelndem Mund, lappig
hngenden Lippen und quellenden Augen entgegenglotzte. Alles war wie
festgebannt, und wute nicht, was zu thun. Selbst Klotz verlor jede
Fassung und blickte consternirt auf den Juden neben ihm.--Inzwischen
war von dem Wirth, der hinter Faitel stand, dessen Glas gefllt
worden; und whrend erschrockene und mitleidige Gesichter rings herum
auf ihn sich richteten, begann der Jude selbst mit knngsender und
ganz vernderter Stimmgebung: "....Was duhet er aber in den nchsten
drei Stunden? der hailige Jehova!--Deradng! Deradng!". (Mit
einem Schwupp die Daumen im Ausschnitt der Hochzeitsweste; Hin-und
Herwippen; Verliebtes Nachobenblicken.)--(Wieder mit vernderter
Stimme sich Antwort gebend.) "Er sitzet und copuliret die Mnner
und die Waiber!"--(Wieder erste Stimme) "Wie lang copuliret der
hailige Gott die Mnner und die Waiber?" (Selbe Positur; lsternes
Hin-und Herrutschen auf dem Stuhl; auf-und abhopsend; gurgelnd;
schnalzend;)--(Selbe Antwort-Stimme.) "Drei Stunden lang copuliret er
die Mnner und die Waiber!"--(Erste Stimme.) "Was duhet er dann am
Nachmittag, der hailige Jehova? Deradng! Deradng!"--(Antwort) "Am
Nachmitdag duht er Nichts, der Jehova; er ruht aus!"--(Erste Stimme)
"Waih geschrieen! Wie hait, er duht nichts der hailige Jehova? Wird
er nichts duhn, der hailige Jehova? Was wird er duhn? Was duht der
Jehova am Nachmittag,--He?"--(Entfernte, winzige Knabenstimme.) "Am
Nachmittag spielt der hailige Jehova mit dem Leviathan!"--(Erste Stimme
mit Triumph einfallend) "Nadierlich! Er spielet mit dem Leviathan!"--In
diesem Moment sprang Faitel vom Stuhl auf, und schnalzend und
gurgelnd und sich hin-und herwiegend, und mit dem Ges ekelhaft
lsterne, thierisch-hndische Bewegungen machend, sprang er im Saal
herum: "Deradng! Deradng! Hab ich mer gekaaft  christlichs Bluht!
Kellnerer, wo is mei copulirte, christliche Braut? Mei Brauter!
Gbt mer mei Brauter! Bin ich  christlichs Menschenbild a fein,
a ihr alle seid! Ohn' alle Jdischkeit!--Misemaschine! Wo is mei
Brauter?"--Alles war auseinander gestoben. Die jungen Damen verlieen
vor dem entsetzlichen Anblick den Saal. Mit Schrecken sahen die
Zurckgebliebenen, wie sich Faitels blonde Strhnen whrend der letzten
Scenen allmhlich zu kruseln begonnen hatten. Die krausen Lckchen
wurden rostfarben, schmutzigbraun, und zuletzt blau-schwarz. Der ganze
glhende, schweisige Kopf mit den schlaffen, gedunsenen Zgen war
wieder mit dunklen Sechserlckchen bedeckt. Inzwischen schien Faitel in
seinen exaltirten Bewegungen mit einer eigenthmlichen Schwierigkeit
zu kmpfen zu haben. Die vielfach operirten, gestreckten, gebogenen
Gliedmaen konnten jetzt die alten Bewegungen ebenso wenig ausfhren,
wie die neugelernten. Auch machte sich die lhmende Wirkung des Alkohol
rasch geltend. _Klotz_ hatte zwar nach Eiswasser geschrieen; aber es
war vergebens. Jedermann sah, da hier eine irreparable Katastrophe
vorlag. Die schne _Othilia_ hatte sich in die Arme ihrer Mutter
geflchtet. Alles blickte mit starrem Entsetzen auf die wahnsinnigen
Kreiselbewegungen des Juden. Endlich traf das schmutzige Ende, das
jeden Betrunkenen trifft, auch Faitel. Ein frchterlicher Geruch
verbreitete sich im Saal, der die noch am Ausgang Zgernden mit
zugehaltenen Nasen zu entfliehen zwang. Nur _Klotz_ blieb zurck.
Und schlielich, als auch die Fe des Betrunkenen vor Mattigkeit
nicht mehr Stand zu halten vermochten, lag zuckend und gekrmmt sein
Kunstwerk vor ihm auf dem Boden, ein vertracktes asiatisches Bild im
Hochzeits-Frack, ein verlogenes Stck Menschenfleisch, _Itzig Faitel
Stern_.--




Das Wirthshaus zur Dreifaltigkeit


     "_Dat is nu all lang heer, wol twe dusend Jahr, do wr dar en ryk
     Mann, de hadd ene schne Fru, un se hadden sik beyde sehr leef,
     hadden awerst kene Kinner, se wnschden sik awerst sehr welke,
     un de Fru bedd'd so vell dorm Dag un Nacht, man se kregen keen
     un kregen kenn.--'Ach', sd de Fru eens so recht wehmdig, >hadd
     ik doch en Kind, so rood als Blood un so witt as Snee.----Un as
     der neunte Maand vorby wr, do kreeg se en Kind so witt as Snee
     un so rood as Blood. Dat Kind wr awerst en lttge Shn (Sohn).
     Un as se dat seeg, so freude se sik._"

                                  Brder Grimm, Kinder- und Hausmrchen



Es mag wohl in Franken gewesen sein, als ich vor mehreren Jahren auf
einer meiner Futouren zur Winterszeit gegen Abend auf eine lange,
hartgefrorne Landstrae kam, die sich schier unermelich fortsetzte.
Ringsum keine Rauchwolke, die die Nhe einer menschlichen Niederlassung
angezeigt htte. Es wurde dmmrig. Man sah auch kein Licht. Mein
Ranzen war leer. Den letzten Imbi hatte ich schon um Mittag verzehrt.
Wir waren um November; und soweit man sah, war Wald und Feld mit
einer harten Eis-und Schneekruste berzogen. Meine Nachlssigkeit
nie eine Karte mit mir zu nehmen, nie die Wegstunden zu berechnen,
auf die nchsten Gehfte und Drfer zu achten, schien sich diesmal
in unangenehmster Weise an mir rchen zu wollen.--Leute, deren
Imaginationskraft strker ist, als ihr Verstand, sollten nie, oder nie
allein, zu Fu reisen. Immer in Gedanken versunken, sehen sie volle
Humpen, und mit johlenden Menschenkindern erfllte Gaststuben, whrend
die Karte in drei Stunden im Umkreis kein Wirthshaus angibt. Und die
reale Wirklichkeit bestraft sie dann in empfindlichster Weise fr den
unerlaubten, geheimen Gedankengenu. Solche Menschen sollten berhaupt
nichts Irdisches unternehmen, keine Huser bauen, keine Staatspapiere
kaufen;--mgen sie berirdisch speculiren; dort fallen die Verluste
nicht so schrecklich aus.--

Mit solchen Gedanken beschftigt, war Niemand froher wie ich, als ich
auf der noch immer endlos sich hinziehenden Strae einen Reisenden
mit schwerem Felleisen daherkommen sah. Er sah mich verwundert an,
als wir uns begegneten, und frug: "Wie kommen Sie um diese spte
Abendzeit hierher, wo auf Stunden im Umkreis keine Niederlassung ist?
Ich selbst reise nur in der Dmmerung und zur Nachtzeit, weil meine
Augen das Tageslicht nicht vertragen; und bin mit Weg und Steg wohl
vertraut. Aber Sie wren verloren!"--Als ich nichts erwiderte, fuhr
der Fremde, dessen eindringliche Rede mir Respekt abgewonnen hatte,
fort: "Der Himmel hat diesmal fr Sie gesorgt. Gleich hinter diesem
Bergvorsprung, den Sie in zehn Minuten erreichen, steht ein Wirthshaus;
ich komme gerade davon her; es ist aber gnzlich unbekannt; Sie
konnten sich also nicht darauf verlassen; trotzdem steht es am Weg;
es ist auf keiner Karte verzeichnet, und ich besitze die besten; ich
selbst sah es heute zum erstenmal; gleichwohl ist es uralt; 'Gasthaus
zur Dreifaltigkeit'; die Leute scheinen gut eingerichtet; wenn auch
etwas altmodisch und langsam in ihren Manieren; Sie werden dort gut
aufgehoben sein. Gehaben Sie sich wohl!"--Whrend der letzten Worte
hatte er mit den Fen wiederholt auf den kalten, eisigen Boden
gestampft, da es ihn zu frieren schien. Er nahm rasch Abschied, und
wir trennten uns nach verschiedenen Seiten.--"Erlauben Sie noch eine
Frage,"--rief ich nach,--"in was handeln Sie? Ihr Ranzen ist voll und
schwer!"--"Gebetbcher!--Gebetbcher!"--rief er schnell zurck,--"aber
nicht mehr lang,--nicht mehr lang ... die Zeiten...."--Den Schlu
der Phrase konnte ich nicht verstehen; der Wind jagte sie ihm vom
Mund weg.--Ich eilte vorwrts; und in derThat traf ich, als ich den
nchsten gegen die Strae sich vorschiebenden Hgelrcken erreicht
hatte, auf eine kleine Thalmulde, in der versteckt und zurckgezogen
ein Huschen stand. Ein schwacher Lichtschimmer drang aus den niederen
Parterre-Fenstern. Der erste Stock, der mit spitzem Giebeldach, hnlich
den Bauernhusern in der Umgegend, abschlo, war dunkel. Als ich nher
kam, entdeckte ich ber der niederen, hlzernen, braun-angestrichenen
Thr die zierliche Aufschrift auf weiem Kalk-Grund: Gasthaus zur
Dreifaltigkeit. Kein Wirthshauszeichen sonst, was ich erblicken konnte.
Kein hervorragender Arm mit dem Hexagramm, oder dem schumend gefllten
Bierseidel. Aber auch sonst Nichts in der Umgebung, was ich als
auffallend htte bezeichnen mssen. Hinter dem Huschen ein Misthaufen,
ein Zeichen, da die Leute etwas Landwirthschaft trieben. Ein kleines
eingefriedetes Grtchen. Ein paar abgegrenzte Felder mit der jungen
Wintersaat. Und vor dem Huschen ein hbscher hoher Taubenschlag,
auf dessen gothische Spitze besonders viel Flei verwendet worden zu
sein schien. Es war brigens jetzt fast dunkel geworden. Ein harter,
trockner Ostwind pfiff durch meinen dnnen Rock. Ich ging an die
Thr und klopfte. Nach einiger Zeit hrte ich ein lautes Schlrfen
auf dem Hausflur, und ein alter Mann mit schneeweien Haaren, die
zitternde Hand auf die Krcke gesttzt, ffnete die Thr. "Kommen Sie
endlich!--rief er, ohne mich nher in's Aug' zu fassen, als man alten
Bekannten gegenber thut,--Sie sind lange in Spanien gewesen, und
durch ganz Frankreich gekommen, haben England bereist, wollten schon
einmal nach Norwegen, laufen das ganze Jahr fast in Deutschland herum,
kennen jedes Stdtchen und Fleckchen, schauen jeden Kirchthurm an,
gucken in jeden Tmpel, und endlich kommen Sie in das weltentlegene,
frnkische Gasthuschen zur Dreifaltigkeit, wohin Sie ja doch kommen
muten,--und ich habe so lang auf Sie gewartet!"--Der steinalte Mann,
der so verwunderlich mit mir sprach, hatte inzwischen die Zimmerthr
geffnet, und ich trat in einen nach Art der Landwirthshuser mit
einem groen, schwerflligen Tisch, einigen braunen, knorzigen
Sthlen, groem Kachelofen, lautpickender Uhr, einigen Heiligen-und
Schlachten-Bildern und einem Crucifix ausgestatteten Raum.--"Ich will
gleich meinen lieben Sohn rufen;"--fgte er hinzu,--"er wird sich
freuen Sie zu sehen; er wird wohl noch oben studiren; er studirt mir
leider viel zu viel."--Damit ffnete er die Thr, und rief in's obere
Stockwerk: "Christian!--Christian, mein lieber Sohn, komm' doch etwas
herunter, der junge Mensch ist da, auf den wir so viele, viele Jahre
warteten."--Ich war nicht wenig erstaunt ber diesen merkwrdigen
Bewillkomm, und wollte eben meiner Empfindung durch eine Frage an den
Alten Ausdruck verleihen, als oben leise eine Thr geffnet wurde; ein
zaghafter Schritt kam die Treppe herunter, und gleich darauf trat ein
bleicher, junger Mensch in's Zimmer von auffallend schnen Zgen; aber
zaghaft und von fast mdchenhafter Zurckhaltung. Er trug einen langen
weien Mantel, der nach Art der Mnche mit einem einfachen Strick um
die Taille zusammengehalten war. Mit offen entgegen-gestreckter Hand
und einem unsglich freundlichen Blick trat er auf mich zu, und sagte:
"Gott gre Sie!" dabei mit der Hand auf den alten Mann verweisend.
"Christian!"--fing dieser aber mit fast schluchzender Stimme zu rufen
an, wobei er seine Krcke fallen lie und beide Hnde in einander
schlug,--"Christian, mein lieber Sohn, wie siehst Du aus! Du hast
wieder die ganze Nacht gewacht, oder studirt, oder Dich abgehrmt;
mein Gott, wenn Du mir strbest! Christian, wenn Du uns wegstrbest,
und uns, mich und Deine Mutter allein zurcklieest, Alles wre
verloren; alle unsere Hoffnungen vernichtet; die ganze Wirthschaft
ginge zum _Teufel_!"--In diesem Augenblick hrte ich drauen, wie
hinter'm Haus, und aus einem engen, abgeschlossenen Raum kommend, ein
dumpfes, scheulich klingendes, hhnisches Gelchter, halb Grunzen,
halb Meckern, wie von einem Bock, der aber menschlichen Ausdruck in
seine Stimme legen kann. Alle im Zimmer wurden kreidebleich; und
auch ich trat, betroffen ber die Menschenhnlichkeit der Stimme,
einen Schritt zu rck, und blickte fragend den Alten an.--"Es kommt
vom Schweinestall,"--sagte dieser, wie um mich zu beruhigen,--"wir
haben dort einen Kerl eingesperrt, der sich ber uns lustig macht,
und den wir hier fttern, damit er nicht sonst irgendwo auf den
Feldern und in den Drfern der Umgegend Schaden anstiftet. Er ist
sonst ungefhrlich."--"Vater!"--rief aber gleich darauf der Junge mit
bittender, sanft flehender Stimme,--"Vater, liebster Vater, nenn'
seinen Namen nicht mehr, ich bitte Dich, Du weit, er will unser
Verderben!"--"Er macht mir keine Sorge,"--replicirte der Alte, der
inzwischen wieder seinen Krckstock zu sich genommen,--"aber Du machst
mir Sorge; geh' jetzt nur, geh hinaus zu Deiner Mutter, und sag'
ihr, sie soll das Essen auftragen, es sei auch ein Gast da."--Der
Junge in seinem weien, schleppenden Gewand ging gesenkten Kopfs und
feierlich-langsamen Schritts aus dem Zimmer; und der Alte und ich waren
wieder allein. "Der Junge macht mir Sorge,"--bekrftigte dieser wieder,
indem er humpelnd auf und nieder ging,--"er ist zart wie eine junge
Palme; kein Wunder bei dieser Lebensweise; statt da er hinaus auf's
Feld geht und mitarbeitet, hockt er oben, und studirt Concordanzen und
Vulgaten. Die bleichen, eingefallenen Wangen; die platte, schwache
Brust; oft hustet er, da es nimmer schn ist. Der Junge macht mir
Sorge."

Ich war ber all Dem, was ich bis jetzt schon gesehn und gehrt, so im
Inneren betroffen und verwirrt, da ich nicht wute, wo anfangen, um
das Gesammte in ein vernnftiges Bild zusammenzufassen. Ich war fest
berzeugt, da mich der Alte fr einen Andern ansah; sonst war der
Begrungsakt undenkbar; auf der andern Seite mute ich mir eingestehn,
da Vieles, was er mir bei der Hausthre gesagt, buchstblich und bis
auf Kleinigkeiten wahr war. Hchst verdchtig kam mir aber auch das
freundliche, fast feierliche Entgegenkommen des jungen Schwindschtigen
in seinem weien Talar vor. Er hatte so etwas Kindlich-Zerstreutes
in seinem Auge, Sehnschtig-Verlangendes, Welt-Entrcktes und dabei
Liebe-Vonsichgebendes, da ich berzeugt war, jeder Andere an meiner
Stelle wre ebenso empfangen worden. Ich schlo daraus auf den
Geisteszustand des jungen Menschen, und ich kam zu keinem gnstigen
Urtheil. Ich meine, der zarte, junge Mensch kam mir der Welt gegenber
nicht resistent genug vor. Auch das verwandschaftliche Verhltni
zwischen diesem "Vater" und "Sohn" war mir nicht klar. Der Alte konnte
unmglich der Vater dieses jungen Mannes sein. Alles dies beschftigte
mich intensiv whrend der paar Augenblicke, die der Alte polternd und
schlappend im Zimmer auf und ab ging. Und ich htte gern gefragt, um
mich zu orientiren, wenn mich nicht die Angst zurckgehalten htte,
durch zu vieles Fragen und Aufdecken des Sachverhalts hinsichtlich
meiner Person, meine Lage zu verschlechtern. Jetzt war ich gut und
auf's Herzlichste aufgenommen. Kam irgend etwas auf, welches zeigte,
da der Alte sich hinsichtlich Meiner einer Tuschung hingegeben
hatte, so garantirte ich, von dieser seltsamen Familie vor die Thr
gesetzt zu werden. Denn darber war ich mir lngst klar geworden,
es war eine verdchtige Herberge, in die ich hier gerathen war; und
ich konnte nicht umhin, jene dsteren Scenen aus dem "Wirthshaus im
Spessart", und das noch schlimmere Verfahren jenes classischen Wirths
aus dem Alterthum, des _Prokrustes_, mit seinen fatalen Betten, mir ins
Gedchtni zurckzurufen, als die Thre aufging, und eine junge Frau
mit einer groen dampfenden Schssel hereintrat. Der alte Mann hielt in
seinem erregten Auf-und Abpoltern inne, schaute die Eingetretene von
der Seite an, und sagte dann, zu mir gewandt: "Das ist _Maria_, meine
Tochter Maria!...."--

Er rusperte dann noch, als wolle er fortfahren; unterdrckte aber,
was er sagen wollte, und setzte seinen geruschvollen Marsch durch's
Zimmer fort. Ich sah die junge Frau an; ihr Gesicht hatte entschieden
jdischen Schnitt; zusammengewachsene Augenbrauen, leicht vorstehende
Backenknochen, die aber die Harmonie ihres nicht winzig angelegten
Gesichts keines wegs strten; edelgeformte Nase, mandelfrmig
geschlitzte Augen mit einer zerflieenden, schwarzen Kirsche als
Augapfel, und dazu zwei krftige, fleischige Lippen, die entschieden
Sinnlichkeit verriethen; pechschwarze, wellige Haare, stark verwirrt
und zerzaust, completirten wohl den orientalischen Typus; aber mehr
noch, als alles dies, war es jene Gesammt-Schlfrigkeit, die auf
ihrem Antlitz lag, als wre eine weiche Hand von Oben ber das ganze
Gesicht hinuntergefahren.--Sie erwiderte meinen neugierig forschenden
Blick mit einem spttisch schlauen Mienenspiel, wie Jemand, das wohl
einsieht, da es in einer Seiner unwrdigen Stellung ist, diese
Stellung aber nicht zugeben will, und sich mit knstlicher Verachtung
hilft. Die junge Weibsperson war in der That fast in Lumpen gehllt,
und schien die Dienste einer Magd zu verrichten. Wie weit persnliche
Nachlssigkeit und Schlamperei mit ihrem Anzug zu thun hatte, lie
sich nicht feststellen.--Was die junge Frau hereingebracht, war
eine Schssel mit dampfenden, schn aufgesprungenen Kartoffeln,
die sie nebenhin auf eine Art Anricht gestellt hatte, whrend sie
eben jetzt die Schublade des groen, schwergebauten Tisches aufzog,
und Tischgerthe, Messer, Gabeln und Salzfa herausholte. Nachdem
sie gedeckt, und die groe, heie Schssel mitten auf den Tisch
gestellt, verlie Maria das Zimmer, wobei ich constatiren mu, da die
rckwrtige Ansicht ihrer Toilette noch um ein gut Stck schlampiger
war, als die vordere.--"Die Dirne,"--sagte der Alte, indem er bei mir
stehen blieb,--"ist ein Unglck fr mein Haus!"--"Wie so,"--frug ich
naiv,--"kocht sie schlecht?"--"Ach nein,--ihre ungesuerten Brode macht
sie recht gut,-aber sonst,--ja sonst,--ach Gott, die Frauenzimmer,
wenn sie etwas hbsch sind, sind alle so, die haben den _Teufel_ im
Leib!"--'H, h, h, h, h!'--grunzte und lachte es in diesem Moment
wieder hinten vom Hause her, und stie wie mit eisernen Gliedern an den
Schweinsstall, so da ich heftig erschrocken zusammenfuhr, und auch der
Alte mit glotzigem Gesicht vor sich hinstarrte, whrend bald heftiges
Schluchzen von drauen von der Kche her, wohl von dem empfindlichen,
jungen Menschen kommend, herberklang.--"Mein Gott,"--sagte ich,--"in
diesem Hause ist es nicht geheuer; man wird hier seines Lebens nicht
froh."--Bei diesen Worten schaute mich der Alte auf's Neue mit glasigen
und herausgetriebenen, wssrig-blauen Augen an, so da ich kein Wort
mehr zu erwidern wagte. Zum Glck ging gleich darauf die Thre auf;
Maria kam mit einem Krug Wasser und etwas Brod; whrend der junge
Schwachbrstige, der mit verweinten Augen hinter ihr sichtbar wurde,
ein weiteres Gedeck fr mich hereinbrachte. Alles setzte sich nun,
und lautlos begann die karge Mahlzeit. Die Leute benahmen sich, als
wren sie unter sich. Kein Versuch, mich in's Gesprch zu ziehen.
Gleichwohl fleiiges Offeriren an den Gast, zuzugreifen. So kam keine
Unterhaltung zu Stande. Der Alte, welcher bisher noch am offensten
gegen mich war, schien in Gegenwart der Andern ebenfalls schweigsamer
zu werden. Auch unter sich sagten sich die Leute kein Wort. Mir war
nicht klar, ob dieses Benehmen das regelmige, oder im Hinblick auf
mich eher ein zurckhaltendes war. Die Kost war gering zubereitet, so
rmlich sie war. Der Alte hatte vor dem Essen mit einigen sonderbaren
Grimassen und gellenden Tnen, wie es, glaube ich, bei den Juden Sitte
ist, einige hebrische Phrasen schematisch hergeplrrt, und hatte sich
dann schleunigst ber die Kartoffeln hergemacht, die er schon whrend
seiner Liturgie eifrigst beugelt hatte. Ganz im Gegensatz hierzu hatte
der junge Schwindschtige, allem Irdischen abgewandt, unter einigen
schwrmerischen, zum Himmel empor gerichteten Armbewegungen, wenige
Gebetsworte mit groer Innigkeit vorgetragen, die am meisten unserem
protestantischen "Komm' Herr Jesu, sei unser Gast!..." entsprachen;
whrend die nachlssige Jdin mit groer Gleichgltigkeit dem Allem
zusah, und sich dann ebenfalls mit schlechter Laune und wenig Appetit
auf ihren Platz niederlie. Und nun hrte man lange nichts als ein
einsilbiges, monotones Geschmatz. Schlielich nahm aber doch der Alte
das Wort und entschuldigte sich gegen mich wegen der geringen Mahlzeit:
sie htten nichts anderes im Hause; das Rauchfleisch sei ihnen
ausgegangen. "Hunger," entgegnete ich, "ist der beste Koch; freilich
zu den aufgesprungenen Kartoffeln gehrte nach frnkischer Sitte ein
fetter schweinerner Presack."--Die Leute wurden auf diese Rede hin
alle drei starr wie Glas, und "H, h, h, h, h!"--meckerte und
blckte es wieder hinten vom Schweinsstall her, und schien sich voll
Behagen auf dem Mist hin-und herzuwlzen. Ich wurde immer angstvoller
ber diese scheuliche Erscheinung. "Herr,"--sagte der weigekleidete
Jngling zu mir mit unsglicher Milde,--"sprechen Sie das Wort nicht
mehr aus. Dem _Reinen_ ist alles rein. Aber der bse Feind merkt auf
jeden unserer Gedanken, um uns zu verderben."--Von diesem Moment an
war es mir klar, da irgend ein widerliches Geheimni in diesem Hause
verborgen sei. Der Kerl, der hinten im _Schweins_stall eingesperrt war,
bte eine Art Controlle ber das Thun und Treiben dieser Leute, war
eine Art Fluch, der diesen Dreien fortwhrend auf dem Nacken sa. Aber
wer und was waren diese Drei selbst? Und was trieben sie? Und woher
die Verschiedenheit ihrer Leibesgestalt, ihrer Charaktere? Es war mir
auffallend, da sie, wenn sie einen Moment unter sich waren, hebrisch
sprachen, und fleiig dabei gesticulirten, und Rcken und Arme sogar
hin-und herbogen und herber- und hinberschlenkerten; auch die Buche
vorstreckten und den Kopf einzogen, und knngsende und klingende Laute
dabei von sich gaben, wie es die Orientalen thun, wenn sie feilschen
oder in Affekt kommen; besonders Maria war in all diesem exaltirten
Zeug die Strkste; und meist war die gegenseitige Verstndigung durch
eine so vielseitige Ausdrucksweise im Nu erreicht. Sie schauten dann
blitzschnell zu mir herber, ob ich sie etwa verstanden, oder ihre
Gedanken errathen. Nur Christian, der sanfte Brustkranke in seinem
weien Talar schien von allem diesen Gebahren am wenigsten angenommen
zu haben; oft spitzte zwar auch er die Unterlippe, brachte den
Unterkiefer vor, und beugte den Oberkrper nach rckwrts, als wolle er
einen jener unarticulirten hebrischen Laute hervorbringen, der eine
ganze Phrase auszudrcken schien; aber es blieb bei den Bewegungen, die
er in dieser Umgebung wohl nur durch Nachahmung erworben; und wenn er
einem seiner schwrmerischen Gefhlsausbrche freien Lauf lie, dann
sprach er ein prachtvoll schnes Deutsch, und zeigte Verzckungen,
Armkreuzen, Augenaufschlag, eine lechzende, zum Himmel hinauf gewandte
Krperstellung, wie sie moderner, protestantischer nicht gedacht
werden konnte, und den vollsten Gegensatz bildeten zu den rutschenden,
grobsinnlichen, unflthigen Bewegungen der Andern.--Christian war
blond, und von heller germanischer Hautfarbe. Aber die Gesichtszge
waren der Maria sozusagen heruntergerissen hnlich. Wenn ich dem
jungen, sympathischen Burschen einundzwanzig Jahre gab, und Maria etwa
fnfunddreiig, so war es, alles brige noch in Betracht gezogen,
im hohen Grade wahrscheinlich, da letztere die Mutter des armen
Schwindschtigen war, wobei fr ihre Mutterschaft zwar ein etwas
jugendliches, aber bei Orientalen durchaus nicht ungewhnliches Alter
herauskam. Damit stimmten auch gewisse geheime Zrtlichkeiten, die
Maria dem Jungen wiederholt zu Theil werden lie. Soweit war ich
mit meinen Nachforschungen aus Gesichtern und Vorgngen in dieser
merkwrdigen Stube zufrieden. Aber wie stand die Sache nun mit dem
Alten? Er nannte den Christian fortwhrend seinen lieben Sohn. War
dieses Verhltni nur symbolisch gemeint? Die Maria hatte er mir
schon als seine Tochter vorgestellt. Der Alte war nicht weit von den
Achtzigern, und noch sehr rstig; auch in seinem Temperament hchst
leidenschaftlich. Sollte der bejahrte Mann der Vater des Christian
sein? Und von so einer jungen Dirne, wie Maria damals gewesen sein mu?
Die er ausdrcklich seine Tochter nannte! Auch der Junge nannte den
Alten Vater! Freilich in seinen excessiv sentimentalen Anreden klang
dieses >Vater< wie eine ideale, verehrungsvolle Begrung. Hier wollte
also Nichts stimmen. Und ich verzweifelte, in diesem complicirten
Verwandtschaftsverhltni auf's Richtige zu kommen.--

Das Essen war jetzt abgetragen. Christian war mit Maria drauen in
der Kche, wo man Teller klappern und absplen hrte. Im Zimmer
war's still geworden. Die Wanduhr tickte einfrmig. Der Alte, an
einer Brotrinde seitlich mit einem erhaltenen Backzahn kauend,
schlappte wieder mrrisch auf und ab, hie und da das weilockige Haupt
schttelnd, als wollte er einen Gedanken verscheuchen. "Nein",--rief
er endlich--"so geht's nicht weiter! So geht mir die Wirthschaft zu
Grund.--Der junge Mensch, der liebe, se, sanfte Junge, auf den ich
all mein Hoffen gesetzt, er stirbt mir so in dieser kalten, nordischen
Luft!"--"Ist es Euer Sohn?"--frug ich schnell, um mir diese Gelegenheit
nicht entgehen zu lassen.--Der Alte blieb stehen und schaute mich
an. "Sohn?"--wiederholte er,--"er ist mein lieber Sohn, an dem ich
Wohlgefallen habe; er ist nicht mein leiblicher Sohn; er ist",--fgte
er leise hinzu, indem er beschwichtigend und Vorsicht rathend nach der
Kche zu deutete, von wo noch immer Tellergeklapper und Wassergepantsch
herberklang,--"er ist das Kind von der Dirne da drauen, die ich mit
14 Jahren in mein Haus nahm!" Bei diesen Worten nahm seine Miene einen
zornigen Ausdruck an, als wre er ber diesen Zusammenhang nichts
weniger als erfreut, und aus dem hinber weisenden Arm wurde eine
drohende Faust.--Ich wollte noch eine Frage mit vorsichtig gedmpfter
Stimme anschlieen, aber er winkte heftig mit der ab, und winkte immer
zu, und deutete mit der andern Hand und dem ausgestreckten Krckstock
nach der Kche, bis ich schwieg; und zum Zeichen, da ich auch
ferner schweigen solle, klappte er mit der hohlen Hand sich selbst
drei bis vier mal vor den festgeschlossenen Mund; ich that dasselbe,
zum Zeichen, da ich ihn richtig verstanden habe; und nun war er
zufrieden; und ich begab mich ruhig an meinen Platz am Tisch.--Nach
einiger Zeit kam der Alte dann zu mir hergehumpelt, und frug mich in's
Ohr: "Sprechen Sie Aramenisch?"--"Nein!" erwiderte ich.--"Potztausend
nein!"--replicirte der Alte,--"nun ja, dann knnen wir uns auch nicht
ungestrt unterhalten.--Die Zwei gehen so wie so bald zu Bett. Es ist
schon um die dritte Stunde!"--In der That kam bald darauf der junge
Mensch herein, und indem er verzckt die beiden Arme ausbreitete,
rief er, seine leuchtenden Augen ber Alle im Zimmer gleiten lassend:
"Seid gegrt und gesegnet fr den Rest des Abends, seit behtet und
bewahrt whrend des Dunkels der Nacht! Ueber uns Alle wache der Engel
des Friedens!"-Whrend dem stand die schlaue Jdin hinter ihm, und
beobachtete, welchen Eindruck seine Worte machen wrden. Dann zog sie
ihn von hinten am Kleid hinaus; und beide, hrte man, verlieen dann
die untere Partie des Hauses ber die Treppe, und begaben sich nach
oben.--

Jetzt war es ganz still geworden. Eine schwadende Oellampe go einen
dickgelben Schimmer ber die eckigen Kanten und Vorsprnge des
Zimmer-Mobiliars, reichlich gemischt mit fetten, schwarzen Schatten.
Der grne Kachelofen in der Ecke strahlte noch eine behagliche Wrme
aus. Ruhig ging das Tick-tack der heiser gewordenen Wanduhr weiter;
und ruhig, in Gedanken verloren, schlappte der Alte in seinem losen,
Schafpelz-geftterten Hausrock auf und ab.--"Es ist mir lieb,"--sagte
er pltzlich, indem er aus einem Wandschrank einen groen, gefllten,
schweren Krug und zwei Glser nahm, und zu mir an den Tisch
brachte,--"da Sie heute hier sind; darf ich doch wieder ein Glschen
trinken, und mein Elend vergessen; allein hat es mir der Doctor
verboten; ich lge sonst betrunken, wie Noah, am nchsten Morgen unter
dem Tisch. Der Wein ist aus der Umgegend und gering: aber er ist rein;
er ist gerade in voller Ghrung; nehmen Sie sich daher in Acht!"--Indem
hatte sich der Alte zu mir an den Tisch gesetzt, und beide Glser
vollgeschenkt; es war ein molkig-weier Most mit einem Stich ins
Grne, aus dem Stick-Gase in reichlicher Menge aufstieen. Bei dieser
Gelegenheit bemerkte ich, da der Alte schon starkes Handzittern
hatte, so da ich schon Angst fr den Inhalt des Krugs bekam, wenn
er ihn in die Hand nahm; doch mit jedem folgenden Glase wurde Hand
sowohl wie Sprache sicherer.--"Die jungen Leute,"--versuchte ich das
Gesprch einzuleiten,--"gehen schon frh zu Bett!"--"Ach!"--erwiderte
der Alte, indem er den Krckstock weglegte, und sich fest auf seinen
Stuhl placirte,--"es ist eine Familie in der Familie! Die zwei
hocken zusammen, und separiren sich von mir, und kochen und flstern
miteinander, und intriguiren gegen mich, ich fhle, wie jeden Tag mehr
die Zgel meinen Hnden entkleiden; htte ich meinen Jhzorn nicht,
ich htte das Regiment lngst verloren!"--"Maria scheint demach von
wenig dankbaren Gefhlen erfllt zu sein?"--"Ich habe die Dirne vor
reichlich zwanzig Jahren als kurzrockiges Ding bei mir aufgenommen,
und nun setzt sie mir den Burschen daher!"--"Maria ist die Mutter von
Christian?"--wagte ich mich kurz mit der Frage heraus.--"Trinken Sie
junger Mann!--Trinken Sie"--rief der Alte schnell dazwischen, indem er
sich einschenkte, da mein Glas noch voll war, wobei wieder heftig der
Schnabel des Steinkrugs an seinem Glasrand hin-und herschepperte.--Ich
lie mich aber nicht irre machen. "Der junge hbsche Mann,"--begann ich
wieder--"hat viel Aehnlichkeit mit der Jdin."--"Mit der Jdin?"--frug
der Alte mitrauisch, das Wort 'Jdin' stark betonend.--"Was wollen
Sie damit sagen? Ich bin selbst Jude! Beleidigen Sie mein Geschlecht
nicht!"--"Nichts lag mir ferner,"--betheuerte ich,--"ich nannte Sie
Jdin, weil ihre Zge das zehnfach beschwren."--"Ja,"--nahm der Alte
das Gesprch wieder auf,--"sie war eine der Schnsten ihres Stammes;
aber da mir die Rotznase, die nach hier zu Land blichen Begriffen
knapp mannbar war, den Burschen hierhersetzt ... den ich brigens jetzt
sehr lieb gewonnen habe, und wie meinen eigenen Sohn ansehe...."--"Von
wem hat Maria den Jungen?"-fragte ich frischweg.--"Ja,"--wiederholte
der Alte mit einer Mischung von Hohn und Bitterkeit, als bedauere er,
da er nicht von ihm sei,--"von wem hat Maria den Jungen?..."--"Der
Junge mu einen Vater haben!"--eilte ich rasch vorwrts, in der
Hoffnung, durch eine witzige Wendung das Gesprch flssiger zu
erhalten.--"... mu einen Vater haben!"--wiederholte mein Wirth
mechanisch und nachdenklich.--"Der Junge ist blond,"--begann ich
wieder,--"ist weihautig, ein echtes, nordisches Kind; vielleicht
hat ein durchziehender blonder Handwerksbursch, der vielleicht
unfreiwillig, wie ich hier, bernachtet, die Jdin verfhrt."--"Um
Gotteswillen!--die Kleine war damals hchstens vierzehn Jahr!" (Whrend
dieser Worte hrte ich deutliche Laute aus dem Schweinsstall dringen.
Der Alte hrte sie auch, und ergriff sein Weinglas fester.)--"Dann
vergewaltigt!"? ergnzte ich.--Der Alte stand auf, und winkte heftig
mit der Hand ab. Er ging dann zur Thr, und lauschte hinaus. Als
alles ruhig blieb, kam er zurck, setzte sich wieder, und frug mich:
"Sprechen Sie nicht ein Bischen Hebrisch?"--"Keine Silbe!"-antwortete
ich.--"Wenn Sie etwas Hebrisch sprchen, knnten wir uns so leicht
verstndigen. Die Sachen, um die es sich hier handelt, sind so
complicirter Natur!"--"Du lieber Himmel,"--erwiederte ich,--"die
Sachen, die wir jetzt besprechen, sind in allen Sprachen, unter allen
Himmelsstrichen dieselben. Die Frage ist, wer hat den bildhbschen
Burschen gezeugt?"--"Marie sagt, es sei kein Mann gewesen!"--'H,
h, h, h, h!'--grhlte und schnalzte es jetzt wieder drben vom
Schweinsstall herber, und schien Purzelbume zu schlagen.--Ich fuhr
wie emporgerissen von meinem Sitz auf, unschlssig, was mir mehr Eckel
und Bangigkeit verursache, die Antwort des Alten oder die Stimme jenes
unsichtbaren Scheusals. Mein Wirth war ebenfalls still und kleinlaut
geworden, sah dster vor sich hin, und hielt krampfhaft den steinernen
Krug fest. Im ganzen Haus war es todtenstill; nur die Uhr schlug ihren
Tick-Tack-Gang unentwegt weiter. Ich setzte mich langsam wieder nieder.
Und lngere Zeit sprach Niemand ein Wort.--Aber zuletzt berwog die
Neugierde bei mir, und das sichere Gefhl, da nur eine gewisse Dosis
Couragirtheit dem Alten sein Geheimni zu entlocken vermge.--"Kein
Mann sei es gewesen!?"--begann ich mit gedmpfter Stimme, aber
examinirenden Tones gegen den Alten hingebeugt, "wenn kein Mann, was
denn dann?"--Der Alte zuckte verlegen die Achsel, als wolle, oder knne
er nicht antworten, und schaute verlegen, aber auch etwas weinduselig
und thrnenfeucht auf sein Glas.--"Wenn es kein Mann war," ich mit
inquirirender Stimme--"was war es dann?"--"Ein Etwas!" prete mein
Wirth gezwungen und flsternd hervor.--"Was fr ein Etwas?"--fiel ich a
tempo ein.--Neues Achselzucken.--"Vielleicht ein Hauch,--ein Odem,--ein
Unsichtbares,--eine Kraft,"--begann jetzt der Alte, und schien gereizt
und feurig zu werden,--"wer kann es wissen; Marie erzhlte mir, sie
sei eines Nachmittags in jenem Zimmer dort eingeschlafen gewesen; es
war hei; die Fenster offen, die Lden zu; sie war damals erst wenige
Wochen bei mir; ich wute nicht, ob sie log; Kinder lgen so oft;
und sie war fast noch ein Kind; so jung; so jung...." Der Alte hielt
inne.--"Weiter! Weiter! Was geschah?" frug ich drngend.--"Marie hatte
sich ihrer Kleider entledigt; pltzlich",--so erzhlte sie,--"habe
sie, wohl im Schlaf, einen Sturmwind ber das Haus gehen hren;
der eine Laden ri auf; und pltzlich ..." (Pause.)--"Pltzlich
was?!--Pltzlich, weiter!"--"Pltzlich"--hub der Alte wieder
an,--"sah sie eine krftige, weie Gestalt, mit lichten Haaren vor
sich stehn, die sich ber sie hinberbeugte, ihr zuflsterte, ihr
Schmerz verursachte, bis sie, die Dirne, pltzlich aufschrie; dann war
Alles verschwunden; als sie aufstand, waren ihre Kleider in Unordnung;
ein schwefeliger Schwaden im ganzen Zimmer; drauen war heller
Sonnenschein; nach neun Monaten brachte mir die Dirne diesen blonden
Buben!"--Hier hielt der Alte inne, und trank mit groer Befriedigung
sein geflltes Glas leer.--"Haben Sie gar keinen Knecht damals im
Dienst gehabt?"--frug ich absichtlich etwas barsch, um die weinselige,
sentimentale Stimmung zu verscheuchen.--"Niemand im ganzen Haus, und
Niemand in der Umgebung; es kommt auch sonst nicht so leicht Jemand
in unser Revier, denn wir sind verschrieen!"--"Und die Dirne bleibt
dabei, da sie ohne Selbstverschulden und bewuten Verkehr mit einem
Manne in andere Umstnde gekommen sei?"--"Nicht nur das,"--bekrftigte
der Alte,--"sie macht auch ein groes Wesen um die ganze Sache; will
Niemanden die Worte mittheilen, die jenes unbegreifliche Wesen ihr
zugeflstert; hlt das Ganze fr ein Wunder; und den Jungen fr ein
Wunder-Geschpf; und wer ihn sieht, mu es bekrftigen."--"Und Sie
glauben das Alles?"--frug ich mit hchstem Erstaunen.--"Ich mute
wohl"--betonte der Alte,--"ohne dem war ihre Stellung im Hause, und
ihr Ruf in der Umgebung verloren; und jetzt,"--fgte mein Wirth mit
Nachdruck hinzu,--"nach zwanzig Jahren, wre meine Stellung im
Hause dahin, wollte ich aufhren ihr zu glauben; jetzt, wo ich auf
meinen Altentheil angewiesen bin, und froh sein mu, da man mich
duldet."--"Somit ist es ein Mirakel aus Noth?" frug ich fast mit
Entrstung.--"Die Sache ist mir ber den Kopf gewachsen,"--fuhr der
Alte auf, und schlug mit beiden Hnden verzweiflungsvoll auf die
Knie,--"die Sache kann nicht mehr rckgngig gemacht werden; Wunder
ist Wunder; die Dirne glaubt daran, der Sohn glaubt daran, ich glaube
daran; die Umgebung glaubt daran, wenn sie auch heimlich lacht und mit
den Augen zwinkert. Und das Schnste ist, die Dirne wartet jedes Jahr
in demselben Zimmer, an demselben Tag, um dieselbe Stunde, in denselben
Kleidern auf die Wiederkehr dieses mysterisen Wesens. Und es wird
kommen!"--

Inzwischen war es spt geworden. Der Alte machte keine Anstalten zu
Bett zu gehen. Im Gegentheil, er schenkte sich nach seiner groen
Rede noch einmal frisch ein, und schien jetzt erst, wo er sich einen
gewissen festen Standpunkt erobert, einer weiteren und energischen
Diskussion entgegenzusehen. Um so mder war ich selbst; theils
durch die Wanderung, theils durch den Gang der Debatte. Diesem
Alten gegenber war ja doch keine Aussicht, zu einer ruhigeren und
vernunftgemen Auffassung der Sache zu kommen. Schlielich, wenn
ich ihn mit sogenannten Vernunftgrnden zu stark bedrngte, mchte
er jhzornig werden; und das war seine Force. So stand ich denn auf
und bat den Alten, mir ein Nachtlager anzuweisen. "Geben Sie's schon
auf!"--bemerkte dieser und griff nach seinem Krckstock,--"ja, junger
Mann, werden Sie lter; Sie glauben, weil Sie durch die Luft schauen
sei nichts drinn! Zwischen uns und der Himmelsschicht stecken Tausende
von Dingen; aber man mu sie sehen knnen."--Ich ging auf diese
Errterung nicht weiter ein; und der Alte zndete ein Talglicht an,
und schritt humbelnd und ruspernd vor mir her zur Thre hinaus. Auf
dem Gange kamen wir zur Rechten zuerst an einer schlechtgehaltenen,
schwarzgerucherten Kche vorbei. Dann ging's zur engen Stiege, die in
einem scharfen Winkel nach oben fhrte. Knapp vor dieser Stiege lag
noch eine kleine, schmale Thr; "hier,"--bemerkte der Alte, und wies
mit seiner Krcke auf den Eingang,--"ist jenes Zimmer, wo vor reichlich
zwanzig Jahren das Unbegreifliche passirt ist.... Junger Mann, Sie
wren vielleicht einmal froh, ein solches schmales, winziges Zimmerchen
Ihr Eigen zu nennen!"--Dann ging's pustend und kollernd nach oben.
"Uebrigens,"--bemerkte der Alte, oben angekommen, und mich schwerfllig
bei den Schultern nehmend,--"lassen Sie sich die Sache nicht allzu
sehr bekmmern; sagen Sie auch morgen frh nichts zu meiner Tochter
und zu meinem lieben Sohn. Sie haben's nicht gern. Es ist auch alles
noch zu jung.... Und nun schlafen Sie wohl.... Dort ist Ihr Zimmer....
Hier nehmen Sie das Licht!"--Ich nahm eilig das heftig in der Luft
hin und her schlenkernde Licht, und ging in das angedeutete Gemach,
wo ich nichts Auergewhnliches bemerkte. Eine blaugeweite Stube
mit gedrucktem grnem Taft-Rouleaux; ein schiefer, wackliger Tisch
mit alten Tintenflecken; ein gueiserner kleiner Ofen mit geknicktem
Rohr; eine gelbgestrichene Bettlade auf vier hohen dnnen Fen mit
zunderweichen Leintchern und einem centnerschweren, rthlich-carrirten
Federbett; ein Nachttischchen mit kittgelbem Potschamber, und ein Stuhl
mit aufgerissenem geblmten Ueberzug.--Es war kalt, und frstelnd
legte ich mich in das knisternde raschelnde Bett. Ich hrte unten noch
einiges Gepolter, und dann war es todtenstill im Hause.--

Aber ich konnte nicht einschlafen. Das Geheimni dieser drei Leute, das
sonderbare Verhltni unter ihnen, der Umstand, da der Alte, vordem
unumschrnkter Herr in seinem kleinen Besitzthum, den Intriguen der
schlauen Jdin unterlegen sein soll, beschftigten fortwhrend mein
Inneres. Da der Junge,--sagte ich mir,--gnzlich unter dem Einflu
der Mutter herangewachsen ist, war natrlich; jede Mutter macht aus
ihrem Sohne, was sie will; aber, was nicht erziehbar ist, war das
schwrmerische, berspannte Wesen des jungen Menschen, der immer wie
geistesabwesend erscheint. Woher hat er das, nachdem Niemand im Hause
in der Richtung geartet ist oder sich benimmt? Nehmen wir an, der
junge Mensch kme zum Militr; wrde er wegen geistiger Perversitt
zurckgestellt werden? Wie stand es auf der andern Seite mit jener
geheimnivollen Geburt?

So was macht wohl ein junges Mdchen weis; aber so was glaubt nicht
Jedermann. Die Dirne mute doch, auch bei einem auerehelichen Kind,
angeben, wer der Vater ist. Was gab sie denn an? Sollte am Ende der
Alte selbst...? Und aus Furcht wegen der Minderjhrigkeit der Person
diese Mhr ersonnen haben? Da lag es doch nher einem durchreisenden
Handwerksbursch die Sache aufzuhalsen.--Kurz, da paten die Steine
nicht aufeinander. Und dann wie verhielt es sich mit jenem im
Schweinsstall eingesperrten Scheusal? Noch einmal lie ich die ganze
Episode, wie sie mir der Alte erzhlt, vor mir vorber gleiten.
Ich mute gestehen, sie war prachtvoll ersonnen. Die Manier der
Frauenzimmer, Wirkliches und Phantastisches durcheinanderzumischen, da
man nicht wei, wo das Eine anfngt, das Andere aufhrt, so da man
entweder das Ganze annehmen oder verwerfen mu, ist charakteristisch.
Niemand wird darin etwas finden, da sich eine junge Dirne an einem
heien Wochen-Nachmittag halb auszieht und in ihrem Zimmer bei
halbverschlossenen Lden auf's Bett legt.--Mir fiel das Zimmer ein, auf
das der Alte im Heraufgehen hingewiesen hatte. Ich sagte mir: Du gehst
jetzt fort von diesem Haus und erzhlst berall von dieser seltsamen
Mhr, und Jeder wird dich dann nach dem Zimmer fragen. Ich beschlo
daher, mir dieses Zimmer anzuschauen. Und da am nchsten Morgen wohl
kaum Zeit und Gelegenheit war, so beschlo ich, sofort hinunterzugehn.
Ich stand auf und stand bald strumpfig auf dem Gang.-Wenn ich entdeckt
wrde?!--Doch ich hatte schon meine Ausrede, wohin ich mitten in der
Nacht zu gehen beabsichtigte.--Meine Stiefel standen noch vor der
Thr, wie ich sie hingestellt. Kein Laut im ganzen Haus. Ich ging
strumpfig zur Stiege. Die erste Sprosse knerzte vernehmlich. Doch
ging ich weiter. Ich kam auch glcklich hinunter; tappte an der Wand
umher, und fand den Thrgriff. Ich drckte: die Thr war verschlossen;
kein Schlssel steckte. Ich wurde zornig, und beschlo um jeden Preis
in das Zimmer einzudringen. Schon oben war mir in meinem Zimmer eine
gewisse Lidschftigkeit des Schlosses aufgefallen; d.h. das Schlo
war genau in jenem Zustand, wie Mbel, Wnde, Hauseinrichtung und
das ganze Haus selbst. Gleichwohl schien dieses untere Schlo etwas
besser fundirt. Ich hob die Thr empor, um auf diese Weise vielleicht
die Sperrvorrichtung ber das Widerlager hinwegzuhebeln. Auch das war
vergebens. Als ich mich aber gegen die Stiege stemmend, nochmals das,
wie ich wohl fhlte, schlecht construirte und locker befestigte Schlo
forcirte, sprang die Thre pltzlich mit sammt dem Eisen auf, und ich
strzte halb vorwrts in einen eiskalt durchstrmten Raum, whrend
ein--_Tauber_ mit zornigem Gurren und heftigem Flgelschlag durch das
zur Hlfte offene Fenster das Weite suchte. Der Mond stand auf dieser
Seite des Hauses, und warf einen kalten, blulichen Streifen durch den
offenen Spalt. Von der ersten Ueberraschung erholt, sah ich einen so
einfachen Raum, wie die meisten brigen Zimmer des Hauses waren. In
der vom Fenster abgewendeten Ecke ein Bett mit brennrother Wolldecke,
zerknittert und zerrauft, wie wenn Jemand drinngelegen; und die Decke,
ebenso wie der ganze Boden, ber und ber mit Taubenschissen bedeckt.
Rckwrtig an der Thr hingen an ein paar Ngel die blau-sackleinenen,
abgeschabten Kleider, nebst roth-wollenem Unterrock, wie sie die
Bauernmdel in Franken tragen. An der Wand ein blindes, zerbrochenes
Stck Spiegelglas.--Drauen, durch den einen geffneten Fensterflgel,
sah ich, flirrte das eiskalte, bluliche Mondlicht ber den harten
Boden. Hinter dem Hause, mir unsichtbar, hrte ich unterdrcktes,
zorniges Gurren vom Taubenschlag her. Aber eines anderen Gesellen
wurde ich hier ansichtig; und auch bald anhrig: der Schweinsstall
lag auf ca. zwanzig Meter gerade vor mir. Und war es das angeifernde
Mondlicht, oder das laute Gerusch, welches mein Sprengen der Thr
verursacht hatte, die Bestie, die dort eingesperrt war, hatte den
Kopf durch ein ber der Thr des Schweinsstalls angebrachtes Guckloch
durchgesteckt, und winselte von dort mit einer wahnsinnigen Gier, sei
es zum Mondlicht hinauf, sei es zu mir herber. Den Kopf selbst konnte
ich nicht deutlich erkennen, weil durch eine das Guckloch berragende
Verschalung des Stalls vom Vollmond ein schwarzer Schlagschatten auf
das Guckloch selbst geworfen wurde. Aber ich sah die zundrig gelben
Augen, hrte den harten, pfundig-schweren Schdel wiederholt wider
die Verschalung stoen, und das geifernde Brllen, das in dieser
nchtlichen Totenstille aus dichtester Nhe zu mir herberdrang, war
untermischt mit jenen grunzenden, bellenden, hhnischen Lauten, die
mich schon am Abend in der Stube so erschreckt hatten. Durchkltet und
angeekelt verlie ich das Zimmer wieder und schlo die Thre so gut es
ging. Ich ging zurck in mein Bett, und schlief schlecht und beunruhigt
den Rest der Nacht.--

Als ich aufstand, sah die Sonne bereits in mein Zimmer, und ein heier,
widerlicher Kchengeruch drang von unten herauf; ich zog mich rasch
an, md und gergert von den Erlebnissen des letzten Abends und der
vergangenen Nacht. Nach allem mute ich mir sagen: so interessant
dieses Gasthaus hinsichtlich seiner Insassen, so ungengend ist es in
seiner Einrichtung und Verpflegung. Und wenn ich auch keine besonderen
Ansprche machte, als einer, der auf Schusters Rappen reist, so sah ich
doch auf ein gutes Bett und eine krftige Suppe. Mit diesen Gedanken
trat ich aus dem Zimmer, um meine Stiefel zu holen. Dieselben waren gar
nicht geputzt. Jetzt wurde ich rgerlich. "Christian!"--rief ich laut
und commandirend ber den Gang--"Christian!"--und als der Gerufene die
Stiege herauf kam: "Diese Stiefel sind nicht einmal gereinigt! Was fr
eine Wirthschaft!"--Der junge Mann kam in seinem weien Habit herauf,
und indem er mir die Stiefel aus den Hnden nehmen wollte, rief er voll
schmerzlichen Pathos und mit von Schluchzen unterbrochener Stimme:
"Ihre Sorgen, Herr, drehen sich um ein paar Stiefel und ihren Glanz,
aber mir, Herr, stecken die stachlichen Sporen eines ungesttigten
Wahns im Fleische; der Schmutz der gesammten Menschheit whlt in meinem
Herzen, und das Mitleid mit der ganzen Welt will mich nicht mehr
verlassen!... Nehmt mich mit Euch, Herr, ich verderbe in diesem Hause;
niedriger Schmutz und Eigennutz will mich ersticken; nehmt mich mit
Euch, Herr, in die groe Welt, damit ich fr sie sterbe!"--Damit fiel
der junge Mensch, der in diesem Augenblick von engelgleicher Schnheit
war, auf den Boden und umfate meine Kniee. Ich sah jetzt, da der
arme, junge Mann krank war; entri ihm schnell meine Stiefel, und ging
in mein Zimmer zurck.

Eine Viertelstunde spter sa ich unten in der Stube bei einem bitteren
Eichelkaffe und einem steinharten Stck Brot. Die Jdin lie sich nicht
mehr sehen; ich hrte sie aber in der Kche herumhantiren. Der Alte
sa zitternd und lallend, und vollstndig unfhig des Gebrauchs seiner
Glieder im Lehnstuhl; die Augen gequollen und thrnenselig. Er suchte
mich zum Reden zu bewegen. Ich aber vermied jedes Gesprch. Es drngte
mich, fortzukommen aus diesem unglckseligen Hause. Als mein Ranzen
gepackt war, zahlte ich Herberge und Verkstigung. Ich mu gestehen,
der Betrag war gering. Der Alte gab mir mit Mhe und Noth die paar
Batzen heraus, von denen ich erst spter zu meiner nicht geringen
Verwunderung sah, da es auslndisches Geld und mit den Bildnissen des
Knigs Herodes und des rmischen Kaisers Augustus geschmckt war. Der
Alte lallte mir wohl ein paar Worte nach, als ich ihm zum Abschied die
Hand schttelte; die Jdin in der Kche schmi die Kchenthre zu, als
ich auf den Gang trat; und oben hrte ich den jungen Menschen noch
bitterlich schluchzen, als ich die Hausthr ffnete.--

Drauen kam mir alles prosaischer und interesseloser vor, als
den vorherigen Abend. Es war ein frischer kalter Tag, der Einem
alle Phantastereien aus dem Kopfe trieb. Ich rgerte mich jetzt
unwillkrlich ber alles, was ich erlebt hatte, und worber ich
nachgedacht hatte. Ich eilte vorwrts, ohne mich umzusehen. Und bald
hatte ich die Landstrae erreicht. Ein eiskalter Wind pfiff vom Osten
her. Keine zwanzig Schritt von mir, aber entgegengesetzt der von mir
einzuschlagenden Richtung, sa ein Steinklopfer bei seiner Arbeit
und hmmerte tchtig darauf los. Ich konnte nicht umhin, auf ihn
zuzugehen. "He! Alter,"--rief ich ihn an,--"kennt Ihr das Wirthshaus
da hinten im Wald?"--"Jo, jo!"--antwortete er im besten Frnkisch,--
"sell is a _Abdeckerei_!"--"Abdeckerei?"--frug ich verwundert,--"was
ist das: eine Abdeckerei?"--"No, wo mer halt die alte Gul und die
ruthige Hnd darschlgt,"--bemerkte er, und lachte spttisch ber
meine Unwissenheit, wobei er fortfuhr--"des is nix G'scheid's!...
die Leut' he's halt die >Gifthtten<!"--"Gifthtte?"--frug
ich,--"wehalb?"--"No, es knnt eba nix Gut's 'raus, und geht
nix Gut's nei!"--Als ich verwundert stehn blieb und ihn ansah,
fuhr er weiter: "Vo dera Leut' wee mer net wo's har sen, und
vo wos da lebe!"--"Nun,"--entgegnete ich--"ich bin heiler Haut
herausgekommen!"--"Sen S' froh,"--rief der Steinhauer, und schwenkte
heftig seinen wei angelaufenen Hammer,--"Sen S' froh, und mache S'
weiter, und gucke Se nimmer'rm, und vergasse Se de Schinderhtt'n!...
"--H, h, h, h, h--klang's blckend drben vom Wald her wie aus
dem Schweinsstall.--Unwillkrlich trieb's mich fort; ich grte den
Steinklopfer, und schritt rstig meine Strae weiter, ohne fr eine
Stunde wieder umzusehen.--




Der Goldregen.

                                    _Wenn's Zehn-Mark-Stck'l regent_
                                    _Und Zwanz'g-Mark-Stck'l schneibt,_
                                    _Na bitt' i unser'n Herrgott,_
                                    _Da's Wetter so bleibt._
                                                   Altbayrischer Vierzeiler


Es war an einem Samstag Nachmittag, und wahrhaftig Nichts Besonderes in
der Welt los. Es war auch Nichts angekndigt; weder 'was Politisches,
noch 'was Communales; nichts am Hof, und nichts in der Stadt. Es war
auch sonst kein hervorragender Tag; ich meine keine Gedenkfeier, kein
kritischer Tag nach Falb, kein 29. Februar; es war auch kein Komet am
Himmel. Mit einem Wort, es war ein ganz gewhnlicher Samstag, und es
regnete. Ich sage dies ausdrcklich, damit nicht hinterher Einer kommt,
und mir vorwirft, ich htte auf billige Art eine gewisse Spannung im
Publicum erzeugt.--Da ich genau bin, es _hatte_ so gegen 3 Uhr etwas
geregnet, und der Boden war sozusagen wieder trocken.--Ich wohne
an einem groen Platz, in der Mitte ein Springbrunnen, und ringsum
eine Masse Metzger-Crmer-Melber-Schuster-Schneider-Charcutier-Lden
u. drgl. Am Samstag Nachmittag schleppen die Dienstmdel all' das
Zinngeschirr und das Zeug auf die Strae, und putzen es, und scheuern
und fegen; und das gibt ein Gemantsch und Gequatsch, und ein Spritzen
und Schimpfen, und Gekicher und Zoten-Erzhlen ... mir macht das
Ding Spa, und, so wird sich Niemand wundern, wenn ich sage, ich
ging an jenem Nachmittag ganz langsam ber diesen Springbrunnplatz,
um in einem nahegelegenen Cafe bei einer Schale warmem Cichoriwasser
das Abendblatt zu lesen. Wie ich aus dem Haus trete, fllt mir ein
sonderbarer Schwefel-Geruch auf; ich denk' aber an Nichts weiter, und
gehe fort. Eben auf dem Platz angekommen, betrachte ich den Himmel,
um Witterungsschau zu halten, und bemerke, da der ganze Horizont mit
einer grieselig-gelben Schicht berzogen ist. Aber solche Reflexe
trifft man ja fters nach dem Regen, wenn die Sonne gegen Abend im
Westen noch einmal herauskommt. Ich geh' also weiter. In der Mitte des
Platzes angekommen hre ich einige raschelnde, springende, abplatzende
Punkte auf meinen Stiefeln, als wenn's kieselte; gleichzeitig hr ich
etwas Aehnliches auf meinem Filzhut herumtrommeln. Ich schau' hinauf:
ist diese ganze gelbe Schicht, von der ich eben sprach, uns bis auf
Huserhhe nachgerckt; und wie ich den Boden betrachte, sammeln sich
da kleine, gelbe, erbsengroe, griselige, halb-ausgehhlte Krner,
und in der ganzen Luft liegt ein Schwaden so brenzlichen Gestankes,
als wenn die Hlle ihre Lden geffnet htte, so da ich und mehrere
Passanten sofort die Schnupftcher zogen und hustend sich das Ding vom
Leibe hielten. Jetzt noch ein Moment--und pltzlich strzte dieser
kitt-gelbe Krnerregen mit einem solchen Hagelschlag nieder, da alle
Leute mit einem gilfigen Schrei in die Huser entwichen, und der
groe Platz mit einemmale leer war. Die tausende von Zinngeschirren,
die den Husern entlang aufgestellt waren, gaben, als wren sie mit
Stimmgabeln geschlagen, einen einzigen, sehr hohen, langgedehnten
pfeifenden Ton, wie etwa das Piccolo, von sich; als htten sich
eine Million Kanarienvgel versprochen, einen bermenschlich hohen
Flascholetton durch gegenseitiges Ablsen eine Stunde hindurch
auszuhalten; und Dutzende von Menschen, die den naiven Gedanken gehabt,
einen Regenschirm aufzuspannen, kamen vollstndig zerschlissen, mit
nacktem Eisengestell, und blutender Wange, herbergestrtzt, um in
einem Hausthor Schutz zu suchen. Ich selbst hatte mich unter eine sehr
dicke Eiche geflchtet, die an dem Beginn einer dicken Allee stand, die
eben von diesem Springbrunnplatz ihren Anfang nahm. Aber schneller, als
ich dies niederschreiben kann, waren smmtliche Bltter und kleinere
Zweige heruntergeschmettert, und lagen vor mir am Boden, whrend das
gelbe Hllengezinsel mir die Hutkrmpe durchschlug, wie Salz in den
Nacken pfiff, und selbst die rikoschirten Krner mir noch, wie Schrote,
das Gesicht verletzten. Jetzt ri ich auch aus, und lief, quer ber die
Strae, in das nchste Haus.--

"Jessas Maria!"--kam eben ein Frauenzimmer mit nackten Armen und
aufgeschrztem Rock schreiend vom hinter'n Hof her.--"Die Welt geht
unter! Unser Pfarrer hat's fei letzten Sonntag g'sagt, es passirt noch
die Woch' 'was. Ihr Leut! Ihr Leut!" Dann schlug sie vor Entsetzen
ihre blulich-verspoorten Hnde zusammen--sie war eine Wscherin--und
fgte in einem gezwungenen, breiten Hochdeutsch hinzu, als htte sie's
dem Pfarrer nachgesprochen: "das Vrdrben kommt ber uns, und die
Drangsal vrnichtt uns!"--"Sie dumme Gans!"--rief in diesem Moment
ein lterer Herr, der am Mund blutete, und vor Aufregung ber das
Geschehene selbst am ganzen Leib zitterte--"thun Sie auch noch die
Leut' confus machen, und aus 'em Husel bringen; wo eso schon e Jeds
halber narrisch is. Gehen's 'nauf, Sie Heulmaierin, und legen's Ihne in
Ihr Bett, wenn 'S nix Besser's wissen!"--Ich schaute jetzt um mich:
in der That standen da etwa zwei Dutzend Leute im Hausflur, alle mit
bleichen Gesichtern, einige ihre blauen Flecken an den nackten Armen
betrachtend, andere Bluttupfen abwischend, andere mit starren Augen
und gelbreflectirender Gesichtshaut hinaus auf den Platz schauend,
wo die schwefelgelben Schrote noch immer herabsausten. Der akustische
Reflex von den Dchern klang geradezu unerhrt, wie Kindergeschrei
und Gnsequixen. Drben, auf der Westseite an der gegenberliegenden
Huserreihe, sahen wir jetzt, wie an einigen Fenstern die
Fenstersplitter herausgenommen und hinuntergeworfen wurden auf die
Strae; andere die Rouleaux herablieen, oder die Lden zuzumachen
sich bemhten; und berall kreidebleiche entsetzte Gesichter.--"Es
scheint ein atmosphrischer Niederschlag zu sein,"--sagte jetzt in
unserem Hausflur ein Herr, der den besseren Stnden angehrte,--"der,
vielleicht meteorischer Natur, aufgelockert in hohen Regionen schwebte,
und durch eine pltzliche Kltestrmung condensirt und niedergerissen
wurde."--"Es wird schon wieder heller!" meinte ein Anderer, der
ziemlich verwegen auf der Schwelle von Trottoir und Hauseingang stand,
und dem sowieso schon eine Schlose die Nasenspitze blutig gerissen
hatte.--Einige von den Weibsleuten schttelten jetzt aus ihren Rcken
und rmeln einige der seltsamen Krner, hoben sie auf, und zeigten sie
herum. Es waren erbsengroe, an einigen Stellen glnzende, an anderen
matte, grieselige, ausgelcherte, unregelmige Kgelchen, die sich
im Volumen oft um's Doppelte bertrafen, _und die ganz entschieden
einen metallischen Charakter hatten_; sie waren auffallend schwer im
Verhltni zu ihrer Kleinheit; daher auch die aufgerissenen Wangen,
durchlcherten Hte, glatt abgezogenen Regenschirme und entlaubten
Bume; die ganze Allee lag fast drauen am Boden; indessen wanderten
die Kgelchen von Hand zu Hand; sie waren nicht kalt, wie viele
erwartet haben mochten, sondern leicht abgekhlt; laulicht; auffallend
war, da einzelne deutlich abgeplattet waren, was nur durch Aufschlagen
entstanden sein konnte; das Metall mute also sehr weich, oder beim
Herabfallen noch in lockerer Fgung gewesen sein; man wog wiederum
die Schrotchen, von denen einzelne wie Weckchen eingebogen waren,
in der Hand, und dann schaute man sich gegenseitig an; jetzt nahm
ein Herr sein Taschenmesser heraus und zerschnitt, nachdem er an dem
kleinen Ding einige Mal ausgerutscht war, mit einiger Mhe, aber doch
quer durch eines der Krner, wobei die Masse sich ziemlich nachgiebig
erwiesen hatte: eine glatte, glnzende, gleichmig feingekrnte
Schnittflche kam zu Tag. In diesem Moment hrte ich--ich hrte es
nicht, aber ich fhlte es, ich wute es,-schlug Jedem von uns fast
laut und vernehmlich das Herz, und Jeder hatte nur _einen_ Gedanken,
nur _ein_ Wort auf der Zunge; und Keiner sprach es aus; Keiner wollte
diese Blamage auf sich nehmen, diesen horrenden Gedanken zu uern;
und jeder glotzte nur mit einer scheusligen, weiaugigen Gier auf
den Westen-oder Hemdknopf seines Vis--vis; nur um sich und seinen
frchterlichen Instinkt nicht zu verrathen.

Jetzt kam aber 'was ganz Neues: drauen hatte das Gehagel merklich
nachgelassen. Es war wirklich lichter geworden. Das Gekreisch von den
Dchern wich einem milden Klirren. Ueber den Platz drangen einige
weibliche Stimmen, in denen etwas Aufseufzendes, etwas Erlsendes
lag.--Whrend dem schossen zwei Bckerjungen in weien Schrzen,
hemdrmelig, jeder ein Holzschaff auf dem Kopfe, an unserer Hausthre
vorber. Ich hrte, wie drei, vier, von den Schroten bollernd in ihren
Zuber fielen. Sie hatten gut ihren Kopf schtzen; denn dem Einen,
hatte ich bemerkt, war die Oberlippe ziemlich in der Mitte gespalten,
und das Blut lief ihm in's Maul, und herunter auf die Brust und auf
die Schrze. Und Einer von ihnen, hatte ich gerade noch gehrt, hatte
zum Andern gesagt: "Mei Lieber, desmal geht's _uns_ an!"--Ich schaute
zurck in den Hausflur: die Mnner alle mit fieberhaften Augen und
kurzathmigem Rcheln; und hinten die Weibsleut, die Hnde zwischen
den Schurz gepret, schauten wie Rehgeise heraus, ngstlich und
neugierig.--In diesem Augenblick hrte ich ein "He da!" Ein Herr neben
mir hatte es gesagt. Ich folgte seinem Blick, der auf eine Stelle
des groen Platzes zeigte. Jeder wollte es nun sehen. Es entstand
ein Gedrnge. Wir ffneten das Thor, das nur halbflglich offen war,
nun ganz. Die Menge quoll heraus. Und nun erblickten wir drben, am
andern Ende des Platzes, quer ber den Springbrunnen hinber, der
glcklicherweise abgestellt war, und so gerade noch die Aussicht
erlaubte, einfach etwas Unerhrtes: Beim Kaufmann _Hasselbeck_, einem
Mann, den ich seit meiner Jugend kannte, und der allseits groe Achtung
geno, kamen Hausmgde, Knechte, Lehrbuben, das ganze Hausgesinde mit
Kesseln, Butten, Zubern, Kochtpfen und anderen Tragmitteln aus dem
Haus heraus, und schpften mit beiden Hnden das gelbe Zeug, das jetzt
etwa zwei Centimeter dick den Boden bedeckte, in ihre Geschirre; dabei
entstand ein frchterliches, gellendes Geschrei; einige schienen von
nachfolgenden Metallschloen getroffen, schwerverwundet zu Boden zu
strzen, und blieben, die Hnde ber den Kopf gelegt, eine Zeit lang,
wie betubt sitzen. Herr _Hasselbeck_, in seiner kleinen gestickten
Mtze, stand unter dem Hauseingang, und schrie und commandirte mit
heftiger Gesticulation auf den Platz hinaus. Ich konnte es aber nicht
verstehen; so schrecklich war der Lrm; ich sah nur seinen Mund wie
einen Schlauch sich auf- und zumachen. Diese Scene hatte kaum so lange
gedauert, bis man bis 100 zhlen kann, und war, wie ich vermuthe,
vom ganzen Platz aus gesehen worden, als pltzlich fast smmtliche
Hausthren sich ffneten, und, mit einer Mischung von Lauten, die ich
nicht definiren kann, halb Pfeifen, halb Jauchzen, die Menschen wie
Hynen herausstrzten, und sich um die gelben Haufen hermachten. Die
Einen hatten zwei Hte auf, die Andern ein Sophakissen umgebunden,
die dritten sich mit Handschuhe und Pelzkappen bewaffnet, wieder
Andere einen Shawl umgehllt, die Weibsleute einfach den obersten
Rock bis ber den Kopf gezogen; und nun ganfte und grapste Alles was
nur Hnde hatte, in die Taschen, in die Schrzen, in Nhkrbchen,
in Tischschubladen; einige waren so ungeschickt, und hatten irdene
Schsseln mit heraus gebracht; wenn diese von einer Schloe getroffen
waren, platzten sie auseinander, und der Dreck lag am Boden. Ein
Gilfen, ein Schreien drang ber den Platz, unbeschreiblich. Es war
nicht nur Aufregung. Ein "Ai!"--ein "Ui!"--ein "Aitsch!"--im hchsten
Discant ber den ganzen Platz gezetert, zeigte, da es Schmerz war;
die Leute wurden trotz der Umhllung von den Schloen verletzt. Wir
selbst waren durch einen Sturm der schreienden Hausbewohner von hinten
her aus unserem Thor gejagt worden, und Jeder schtzte sich nun, wie
er konnte. Ich lief die Sdseite der Huser entlang, drckte den Hut
in's Gesicht und die Hnde in die Taschen. brigens fielen die Krner
jetzt immer seltener. Hinten im Westen brach die Sonne durch; und
wie schnurgerade Blitze sausten die goldenen Krner durch die Luft.
Auf dem Boden Alles gelb und glitzernd. Man meinte, das Zeug msse
schmelzen. Aber es schmolz nicht. Man meinte immer, es msse wie nach
einem Hagel gehen. Aber die Krner wurden hrter und klter. Und die
Sohlen schmerzten beim Gehen.--_Ja, jetzt wute freilich Jeder, woran
er war_. Und nur mitleidig hrte man eine Frau baarhuptig ber den
Platz eilen, die fortwhrend, halb schluchzend wimmerte: "Ihr Leut',
Ihr Leut', was soll das wer'n, wenn das Geld unter die Leut' kommt!"
Sie hatte zwei Kinder auf den Armen, rechts und links Eines, beide vom
bergestlpten Rock zugedeckt; sie selbst war baarhuptig, und einige
der Schrote hatten ihr buchstblich die Kopfhaut gespalten; es schien
eine Arbeitsfrau, die bei diesem elementaren Ereigni, welches ihr das
Weltende dnken mute, nichts Wichtigeres thun zu mssen glaubte, als
ihre Kleinen nach Haus zu bringen. Sie hatte keine Zeit selbst etwas
von dem Gold aufzulesen. Sie lief nur immer zu in ihrem dnnwandigen
abgewetzten Rock, durch den man die Beine sich bewegen sah, und rief
ununterbrochen im Klageton: "Ihr Leut', Ihr Leut', was soll das wer'n,
wenn das Geld unter die Leut' kommt!"--Jetzt fielen fast keine Schloen
mehr. Die Hausfrauen und feinen Damen erschienen oben und schauten mit
verwunderten Augen auf das Treiben. Auch sie hatten jetzt das bessere
Theil erwhlt. Sie schickten ihre Dienstmdchen herunter, und lieen
holen, was noch zu holen war. Mein Gott, es war noch viel da. Und im
weien Schrzchen, mit aufgestrpelten rmeln, ein Krbchen oder eine
Schssel in der Hand, kamen die Zfchen und Kchenmdchen herunter.
Inzwischen war das Gedrnge auf dem Platz enorm gewachsen; und Alles
kehrte und wetzte am Boden herum. Da waren einige Kerle in rothen
Schlipsen und rothen Taschentchern, die scharrten und stopften in die
Taschen, was das Zeug halten wollte.

"Sie dummes Luder!"--sprach Einer dieser Roth-Geschlipsten zu einem
feinen, eben herzugetretenen Dienstmdchen,--"Sie werden doch nicht
fr Andere sammeln. Geht Ihnen denn _noch_ kein Licht auf? Jetzt ist's
Zeit, fr _sich_ zu sorgen!"--"Ach Gott," antwortete diese, fast
eingeschchtert, "die Gndige hat mich doch herunter geschickt!"--"Was,
'Gndige'," glotzte der Soci das zarte Mdchen an, "scharren Sie
fr sich zusammen, was 's Zeug hlt, dann brauchen Sie keine
Gndige!"--"Ach Gott," rief das arme Ding, "meine Herrschaft schaut
doch von oben zu!"--

Jetzt wurde aber das Gedrnge wirklich lebensgefhrlich; und bereits
waren an einigen Stellen Hndel und Raufereien vorgefallen. In den
andern Straen der Stadt schien es nicht so stark geregnet, wie soll
ich sagen, geschnieen, gehagelt zu haben, weil sich Alles auf den Platz
um den Springbrunnen zusammendrngte. Oder fiel das Ding auf der groen
Flche mehr auf. Ich selbst nahm jetzt eines der Krner in die Hand.
Sie schienen whrend des 'Runterfallens oder im Aufschlagen sich stark
verndert zu haben. Am Boden, wenn man sie liegen sah, machten sie alle
einen egalen Eindruck. Nahm man sie aber in die Hand, sah Jedes anders
aus. Jedes war etwas anders eingekerbt und gekrmmt. Und eine ganz
feine, sozusagen meteorologische Ciselirung bedeckte die meisten; wie
man es auf eigens in dieser Richtung behandelten goldenen Hemdknpfchen
manchmal findet.--

Ich war noch in diese Betrachtungen versunken, und an das mich
umgebende Gewhl und die seltsamen, unarticulirten Laute bereits
sattsam gewhnt, als pltzlich eine neue Bewegung durch die Massen
ging: von jenseits dem Thor her, welches den Springbrunn-Platz gegen
die innere Stadt abschlo, hrte man schweres Rdergerassel mit
Commando-Rufen. Und gleich darauf erschien Militr, zunchst Artillerie
mit einigen vierspnnig bespannten Geschtzen, ein, zwei Bataillone
Infanterie, einige Stabs-Offiziere, Auditeure, berittene Gensdarmen,
der Polizeidirector, mehrere Wrdentrger, und zuletzt kam der Knig
mit groem Gefolge. Alles in prunkenden, gestickten Uniformen. Ein
entsetzliches, rabenhnliches Gekreische, aus dem man nicht entnehmen
konnte, was Beifall, was Entsetzen ber die gestrte Raublust war,
begleitete und empfing diesen Zug. Obwohl die Gier, einzusammeln,
diese Tausende von Menschen auf diesen Platz einzig beseelte, hielt
doch Alles, angesichts der geruschvollen neuen Ankmmlinge, inne,
und wartete, was nun geschehen solle. Ein weibetresster Offizier zu
Pferd zog eine Rolle hervor, und verkndete nach vorausgegangenem
Trommelschlag mit strenger Stimme eine lange Litanei; was, konnte ich
nicht vernehmen. Aber ein klirrendes Johlen und Pfeifen, welches die
Verlesung des Schriftstcks begleitete, lie mich vermuthen, da es auf
Beschrnkung der Sammellust dieses goldenen Himmels-Brodes abgesehen
war. Und in der That hrte ich bald darauf von einigen aus dem Gedrnge
herauskommenden Menschen das Wort weitergeben: "Der Knig verlangt die
Hlfte fr sich!"--Nun machte sich auch bald die Wirkung der gegebenen
Ordre geltend. Die Infanterie ging mit quergehaltenem Gewehr langsam
vor, und schob die grhlende, pfeifende, fluchende Masse vor sich her.
Hinten, auf dem freigewordenen Raum, sah man Diener und Lakaien in
des Knigs Uniform in Sieben und Krben aufsammeln, was noch zu holen
war. Die Krner wurden dort herumgereicht. Auch der Knig lie sich
welche geben. Herren in Civilkleidung, wie es schien, eidlich bestellte
Chemiker, zogen kleine Flschchen mit einem wssrigen Inhalt heraus,
und prften die Substanzen. Alle Offiziere drngten sich herum, und
beobachteten. Schlielich wurden den Herren vom Gefolge, wie auch dem
Knig, die Probe in einem glsernen Rhrchen hinaufgereicht. Die Sache
schien entschieden zu sein. Es war _Gold_.--Ein Mensch neben mir, in
blauer Blouse, die Hnde in den Hosentaschen, der der ganzen Prozedur
zugesehen, lachte jetzt hhnich auf: "Jessas, des wissen mer scho lang,
da 's Gold ist; scho vor 'er Stund war der _Sandelbeck_, der Tandler
aus der Gruftgassen mit sei'm Flascherl da, und hat's g'sagt!"--Allein
die zurckgestaute Menge hatte sich bald ein neues Terrain erobert.
Ein gewandter Junge, anscheinend ein Schlosserlehrling, hatte soeben,
wie man vom Platz aus sehen konnte, das letzte Drittel einer Dachrinne
eines der Huser erklommen, und mute in wenigen Augenblicken das Dach
selbst erreichen. Mit einem einzigen, gellenden Schrei hatte die Masse
Menschen pltzlich diese neue Sammelquelle entdeckt. Jetzt strzte
Alles in die Huser zurck, wer am Platz wohnte, und bald sah man,
ffneten sich die Mezzanin-Wohnungen und Dachlucken, und strmpfig
stiegen schmale Menschen heraus, um sich langsam und vorsichtig der
gefhrlichen Rinne zu nhern. Das Gerinsel war natrlich meist von den
glatten Ziegeln zurckgeprallt und bis zum Dachrand hinabgekollert.
Einige Unvorsichtige bekamen das Uebergewicht und strzten hinab auf's
Trottoir. Ohne Laut. Niemand hrte was. In der ungeheuren Aufregung
und bei dem entsetzlichen Lrm hrte Niemand und pate auf solche
Kleinigkeiten auf.--Der Himmel war jetzt immer heller geworden. Aber
hoch oben, sah man, schwebten noch groe Massen dieses citronengelben
Wolkenstoffs. Und konnten sich jeden Moment entladen. Darauf schienen
die Meisten auch zu warten.--Der Knig mit seinem Gefolge hielt hoch
zu Pferd unbeweglich auf seinem zuerst eingenommenen Platz, seine
Proviantwgen fllten sich allmhlich mit den gelbglitzernden Schroten.
Aber ein vorsichtiger Beobachter konnte jetzt schon entdecken, da
eine trbe Wolke des Mimuths sich auf all' diese Gesichter zu legen
begann. Der Knig war in vollem Ornat, die Krone auf dem Haupt. Alle
Uniformen glitzerten von Gold-und Ordens-Decorationen. Und dieses
viele gelbe Metall, diese vielen gelben Tressen, diese hchstwerthigen
Decorationen, alle in gelb, schmten sich auf einmal vor dem in
Ueberflu vom Himmel Gefallenen, und wurden gemein. Und die Menge,
die schon die Taschen voll und nichts mehr zum Sammeln hatte, stand
umher und belchelte spttisch die ber und ber mit Gelb betreten
Herrschaften.

Doch nun trat ein ganz neues Moment in Szene: Hinten, von der langen
Allee her, entgegengesetzt der Stadt, kamen mit einemmal drei, vier
Getreidebauern im plain Carriere hereingefahren; ihre Rosse waren
ganz mit Blut bedeckt; in den Halftern stacken die Goldkrner wie
hineincrustirt; die Bauern selbst im Gesicht theilweise schwer
verwundet, hatten Scke bergebunden; und der Vorderste, ein stmmiger
Bursch, rief, gerade als er auf den Platz hereingestrmt kam, mit
lauter Stimme "Hint' bei _Dingolsheim_ liegt des gl Zeug schuhhoch
auf der Straen!"--Auf diesen Ruf hin lie die Menge die Wgen und
Getreidescke, die sie bereits aufgeschnitten hatte in der Meinung, sie
seien mit dem Goldstoff gefllt, gehen, und strmte in der angegebenen
Richtung fort. Andere wurden stutzig. Der Platz entleerte sich etwas.
Das militrische Aufgebot, und die Anfhrer und Wrdentrger waren
ber die Meldung nicht wenig berrascht, winkten die Bauern herzu,
conferirten und gesticulirten von ihren Pferden herber und hinber.
Inzwischen kamen neue Menschenmassen, wie es schien aus anderen
Stadttheilen, wo der Goldhagel nicht oder nur gering niedergegangen
war, hereingefluthet, Krbchen und Schsseln im Arm, und begannen
aufzulesen, wo noch zu holen war. Und es lag berall noch der gelbe
Stoff herum. Manche zogen Flschchen mit Knigswasser aus der
Westentasche und prften zunchst die Krner. Alle schienen befriedigt.
Die Meisten, wie sie zuerst den Platz betraten, machten zunchst groe
Augen, und begriffen nicht, wie Militr daherkam. Einzelne, als sie
des Knigs ansichtig wurden, durch die Uebung gedrillt, wollten ihr
"Hoch!" loslegen. Doch es blieb ihnen in der Kehle stecken. Meinten
wohl doch im letzten Moment, die Gelegenheit sei nicht gnstig, und zu
extraordinr.--Jetzt begann vom Himmel wieder, wie vor zwei Stunden,
jener verdchtige citronengelbe Schwadem sich herabzusenken, der das
erstemal die entsetzlichen gelben Schloen zur Folge gehabt hatte.--Ich
dachte an Deckung, und ging wie zufllig, da die vollstndig zerfetzte
Allee keinen Schutz mehr bot, gegen das andere Ende des Platzes,
welches der Stadt abgewandt war, und wo eine groe Bauhtte, die eine
Seite ganz offen, gengend Schutz und Raum gewhrte. Dort angekommen
bemerkte ich, mit nicht geringer Verwunderung, eine Gruppe kleiner,
untersetzter, etwas nachlssig gekleideter Leute, die offenbar alle
zusammengehrten und sich verstanden, und von denen nicht ein Einziger
an dem aufgeregten Trubel sich zu betheiligen schien. Mir kam pltzlich
ein lcherlicher Gedanke: ich meinte, die Leute da htten das ganze
Ding in Scene gesetzt, und beobachteten, von einem geschtzten Ort
aus, wie Feuerwerker, ob alles programmmig ablaufe; so apathisch,
ruhig, gleichgltig standen diese Menschen da. Sie waren sich alle
so egal, aus ein und derselben Masse gemacht, ja, ihr Kleiderschnitt
stimmte zusammen; da muten die Gedanken auch gleichgerichtet gewesen
sein. Ihre Kpfe saen tief in den Schultern, die Beine kurz und
wackelig, der Oberkrper wuchtig, breit; Graukpfe und Graubrte; die
Lippen fleischig und um-und-um ausrasirt; Nasen pointirt; Augen klein
und vigilant; angenehm schnarrige Organe; die Rocktalljen saen etwa
1 Schuh tiefer als die Krpertalljen; die Sche lang, glnzend und
abgerieben; schiefes Stiefelwerk; breitgeschwollene Hnde; die ganze
Erscheinung humoristisch.--Und Folgendes etwa konnte ich vernehmen:

"Lassen S'es geh'n! Lassen S'es geh'n! Erinnern Se sich geflligst,
was ich Ihnen gesaagt habe: Das Silber geht noch hher!"--"Gott,
wie reden Se daher? Was helft mich das Silber? Mer brauche neue
Metallicher!"--"Nu, haben Se neue Metallicher?"--"Ob mer haben neue
Metallicher?! Mer haben das _Platiin_, mer haben...."--"_Krause_,
sehen Se mal nach, wie _Platin_ steht?"--"_Platin_ steht 2039 das
Kilo"--"Gott, meine Herren, es helft Ihne nix, wann Se des _Platiin_
so erufftreibe. Es gibteres nit genug!"--"_Platin_ genuch, um en Mond
drau zu mache, und Ihren dumme Kopp dazu!"--"Ka Beleidichung! 'S
Gered is umasonst! Mer mu sich entschliee. Ich hab 50 Pud _Platin_
bei meim Schwager _Salomon_ in Odessa liche. Ich gb's um zwatausend
un sechzig!"--"Ich nhm's; ich nhm's."--"Gott, wie de Leut kreische.
In Paris hem se schon vor fufzig Johr Minze aus Platin gemacht; ham
's widder aufstecke msse; des Zeug war zu schwar; da knnt mer sich
alle Woch e nei Hosetasch mache lasse msse!"--"Gott, wie Se redde!
Schaue Se doch de Misemaschin an! Wie das Zeug vom Himmel runner
droppt. Mer brauche neie Metallicher, wie ich Ihne gesagt hab!"--"Herr
'Goldstein!'"--"Gehesemerewegg mit Ihrem 'Herr Goldstein'. Ich bin ka
'Herr Goldstein' mehr. Ich will nix mehr wisse von Gold!"--"Na, also
Herr _Silber_stein!--Was maane Se zum _Rhodium_?"-->Was man ich zum
_Rhodium_? 'Was wa ich vom _Rhodium_?'--"Es is a silberichs Metallich;
is rar und gibteres doch genug; is zach; is so schwar wie Silber; wird
nix oxydirt von der Luft...."--'Herr Frank! wisse sie was von Rhodium?
Werd Rhodium gehandelt?'--"_Rhodium_ knnen Sie in Ruland kaufen, so
viel sie wollen!"-Hawe Sie a Notirung--"_Rhodium_ stand vorige Woche
390 das Pfund"--"Gott, die werde doch in _St. Petersburg_ noch nix
von dem _Gold_--G'schlamal da wisse?!"--"I wo!"--'Also meine Herre,
wer sich betheilige will: Zwa e halbe Million Goldbarre verkaaf ich
in Petersburg  tout prix; und _Rhodium_ werd uffgekauft, was zu hawe
ist.'--(Ein Depeschenbote kommt. Alles strzt zu Herrn _Nathansohn_,
an den das Telegramm gerichtet ist; fahren mit einem Gekreisch
auseinander): "Kochem-Meschore! In Frankfort wisse se nix von de
ganze Misemaschine! es _Silber_ steht um de alte Preis!"--'He, Depe
sche-Jingelche, eile Se sich, da hawe Se a Zehn-Markstck, schicke Se
mer die Depesch ab, aber a _dringend_, a mglich!--"Kaafe Se Herr
Goldstein, was Se kaafe knnen. Berufe Se sich aach uf meen Schwacher,
_Feitel Stern_, in de Eschenheimer Ga!"--'Hawe Se kei Angst, Herr
Cohn, es wird Alles recht; es kriecht Jeder sei Sach!'--"Meine Herre,
mer habe da noch 5, 6 _Platin-Metalle_, es _Iridium_, es _Ruthenium_,
es _Palladium_; di Sache gehe eruf, wie es helle Feuer. Und wie stehts
mit em _Molybdn_, mit em _Wolfram_?"--'Es _Ruthenium_ is zu grau,
da wird sich nix mache lasse! Und es _Wolfram_, da gibteres zu viel.
Des is so gemein wie _Kobolt_ oder _Nickel_.--"Ei, da werd halt mit
_Silber_ legirt. Die Dinger sein alle kostbar!--Gott, wer hat das
voraussehn knnen! Was e Tag! Was e Tag!"--"Gott, Herr _Natansohn_,
schaue Se nur Ihr Bbche an, wie des in dem Zeug rumwhlt!"--"_Moritz_,
pfui, Gassebub, willste den Dreck lieche lasse!"--"Vatter,
des ist doch _Gold_! Schau doch, wie de Leut grapse!"--"Pfui,
naseweiser Bursch, schmei den Dreck hin, es gibt kei _Gold_ mehr; Gold
is Dreck; siehste net, da der ganz Himmel voll is?!"--

In der That, der Himmel hatte sich jetzt wieder citronengelb
herabgesenkt. Viele flchteten schon in die Huser. Ich kehrte auf
den groen Platz zurck. Die Leute schauten sich mit groen glsernen
Augen an. Keines wute, was geschehen solle. Von _Dingolsheim_
kehrten gruppenweise die Menschen zurck, die Taschen und Kappen bis
zum Platzen gefllt. Und vom Himmel herunter schienen neue Massen zu
drohen. Vor den Wirthshusern lagen die Leute besoffen; andere grhlten
und schrieen: jetzt gehe eine neue Zeit an; das goldene Zeitalter sei
zurckgekommen. Auf der anderen Seite sah ich Weiber und Arbeiter
heftig gesticulirend aus einzelnen Lden herausstrzen; ich erkundigte
mich, was Neues los sei: die Laden-Inhaber, hie es, nehmen weder 10-
noch 20-Markstcke mehr an; sie verkauften nur gegen Silber. Eine
frchterliche Angst bemchtigte sich jetzt Aller. Das Militr hatte den
Platz wieder freigegeben, und ordnete sich eben zum Einrcken. Vorne,
sah ich, die Cavalcade des Knigs zum Thor hineinreiten. Oben an einem
Laternenpfosten war eine Knigliche Bekanntmachung angeschlagen, des
Inhalts, der Knig werde mit den Ministern angesichts des unerhrten
elementaren Ereignisses und des reichen, gttlichen Segens, der vom
Himmel geflossen, sofort berathen, was zum Wohl seines geliebten
Volkes zu thun sei; der Preis fr das Gold solle bekannt gegeben
werden; und das Betreffende werde heute Abend noch im Rathhaus zu
erfahren sein.--Nun ordnete sich Alles wie zum in die Stadt-Ziehen. Das
Militr zog dem Knig nach. Das Volk zog dem Militr nach. Der Himmel
senkte sich gelbglhend immer tiefer hernieder. Bald war der groe
Springbrunn-Platz still und verwaist.--

Nur eine letzte Gruppe kam ganz hinten nach. Es waren die Graukpfe.
Und kurzbeinig, stolpernd, mit den schlappenden, langen Rockflgeln
humpelten sie daher, und im Chor grhlten sie mit heiserer Stimme,
sich gegenseitig vergewissernd und sich gegenseitig befestigend:
"_Iridium_ zwahundert und einunddreiig;--_Antimon_ hundert und
sechzig;--_Rhodium_ zwahundert und zwaundzwanzig;--_Palladium_
achthundert gradaus;--_Molybdn_ siwehundert und in die
sechzig;--_Wolfram_ neinhundert und siweneverzig;--_Silber_ tausend und
in die Sibzig; und _Platin_ zwatausend, zwahundert und achtzig!"




Ein Kapitel aus der Pastoral-Medizin

                              "_Und sahen, da sie nackt waren._"
                                                          1. Mose 3.7.

In Innsbruck, wo ich im Jahr 1859 als blutjunger Student der Theologie
obzuliegen hatte, galt als eine der gefeiertsten Autoritten der
dortigen Universitt Professor _Spfli_, Benedictiner-Pater,
Haus-Prlat Pius IX.' und Ordinarius fr Pastoral-Medizin. Seine
Abhandlung "De conceptionis sexualis humanae causa transcendentali",
sowie seine scharfsinnige Untersuchung "Ueber den sittlichen Boden
bei den Frschen" waren damals in Aller Hnden. Und die wichtige
Frage, die wohl alle Gemther beschftigte, ber den Einflu der
Tod-Snden auf die Blutmischung--da die ganze Lehre von der Erbsnde
von ihr beeinflut zu werden schien--ruhte sozusagen in _Spfli's_
Hnden. _Spfli_ locutus est! hie es damals; und die Sache war damit
entschieden.--

Ein lterer Student, dem ich mich angeschlossen hatte, veranlate mich,
einmal dem Colleg _Spflis_ ber Pastoral-Medizin beizuwohnen; "bei
_Spfli_ zu schinden," sagte man in der Studentensprache; und dies in
doppelter Weise; denn nicht nur durfte man eine Vorlesung, welche man
nicht belegt hatte, nicht besuchen, sondern Studenten jngerer Semester
war es berhaupt verboten, Collegs von so vorgeschrittener Weisheit
beizuwohnen.--Mit dampfendem Gehirn und aufgestrubten Haaren kam ich
heraus; und eine Woche lang hatte ich das Gefhl, eine Kugel spanischen
Pfeffers verschluckt zu haben, die sich langsam auflse, und Blut und
Gedanken, alle Nahrungssfte mit ihrem penetranten Roth durchsetze,
bis das fabelhafte Gift glcklich wieder ausgeschieden war.--Ich
hoffe, der Leser ist in dieser Beziehung rstiger und von grerer
Widerstandskraft.--

Wir kamen etwas zu spt. Das Colleg hatte bereits begonnen. Ueber
einige fnfzig kurzgeschnittene Kpfe mit der thalergroen Tonsur in
der Mitte, alle niedergebeugt und die raschelnde Feder an der rechten
Schlfe, hinweg, sahen wir den langen hageren _Spfli_ hoch auf dem
Catheder thronen, mit etwas belegter Stimme, und leichten nach rechts
und links austheilenden Handbewegungen, vortragen. _Spfli_ sprach
ein eigenthmlich gemildertes Schweizer Deutsch. Wir waren damals
verpflichtet, jedes vorgetragene Wort des Lehrers zu stenografiren und
spter reinzuschreiben. Als Zusptgekommene drckten wir uns schnell
in eine Ecke. Der Vortrag hatte bereits begonnen. Ich that, was
alle Andern thaten: zog Bleistift und Papier heraus, und begann zu
schreiben. Das Stenogramm bringt Alles, Dialect-Laute wie Gedankengang
mit gleicher Treue. Und so bring' ich denn auch, was ich auf dem Papier
hatte, hier wieder, sine ira et studio, Constructionsfehler und lapsus
loquendi, Ungeheuerlichkeiten und Bestialitten durcheinander gemischt.

_Spfli_ loquitur:

".... a seller Zuschtand isch immer schlimmer worda; die Zahl der
Chrankheite isch schrckli gro worda; der Dfel, net dermit z'fride,
de mnschliche Krper ganz uere materielle Subschtanz darg'schtellt
z'sehe, wellt en no weiter ruinire. Alle Chrankhite, die de mnschliche
Krper befalle, sind d'Folge vo der Erbsnde, die si immer vermehrt,
und immer vermehrt; eso da gar kei Hoffnung uf Be'rung verhande
z'sei scheint. Instatt gotthnlicher werda mer immer dfelshnlicher.
Und die letzt' Ursach', zwege der die Erbsnd' in immer grerer
Menge uf uns chommen isch, isch seller Zuschtand, ime dem wir
eh'mals usem Paradies vertrieb'n worda: die _Nacktheit_. Durch die
Nacktheit wird in den Mnschen die Cubiditas und die Concubiszenschia
wachgerufen; selle fhren zur Snde; die Snde wird uf die Nachkomme
in unwiderschtehlicher Gewalt bertrage, und huft si immer mehr; und
isch bis ufem heutige Tag zure schrckeli Gewalt worda. Zwar hat ma
Chlider ber die Scham conschtruirt, um die Nacktheit zu verberge. Aber
leider sind die Chlider verschieblich. Und selle Verschieblichkeit
hat in de letschte Jahrhunderte grseli zug'nomma. Ma verschiebt si
alle Augenblick ohne Zweck. Und leider chnna si ganz abg'nomma werda.
Dadurch chnna d'Mnsche zu jeder Zeit ihre Nacktheit inne werda und
si betrachte. Die einzige Mglichkeit us diesem sndhaften Zuschtand
heruszuchumma, war--as e Z'rckversetze i de paradiesische Zuschtand
der Sndlosigkeit zur Zit nt denkbar,--die _Verwachsung der Chlider
mit der Krper-Oberflche_. Sell sich de Zweck der Paschtoral-Medizin.
Uf wellem Weg isch aber dies zu erreiche? Do messe me z'rckgehe bis
zur erschten Entschtehung der Nacktheit beim Mnschen; sell isch bis
zur Geburt. As die Ars obschtetrizia aposchtolica, die paschtorale
Geburtshlfe, us lehrt, isch die Erzeugung des Mnschen zur Zeit eine
sit fascht sechstausend Jahre fortgesetzte Beschtialitt; igeleitet
gegen den ursprngliche Wille des Hchschten; entgegengesetzt em
ganze urschprngliche Schpfungsplan. As uns Scotus Erigena schon
im neunten Jahrhundert gezeigt het, war der Zuschtand des erschten
Mnschen im Paradies e rein gttlicher, spiritualischer, seraphischer,
immaterieller, frei von Concubiszenschia und sexualer Cognitio. Die
Vervielfltigung und Weiterzeugung wr' vor sich ganga iner rein
idealer Weise, durch Selbscht-Anschauung, wie ebba die der Engel,
und in Myriade von fleckenlose Individuen. Erscht durch de Sndefall
ging selle siderische Geschtalt verlore. De erscht Mnsch bekam
e sinnliche, materielle, fleischliche Krper, de geschlechtliche
Zwitheilung erfolgte; und de Chliderfabrik begann. As die Sach'
heut' schteht, msseme uns gedulde, und miteme Dreck abfinde. Aber
die aposchtolische Geburtshlfe mu doch conschtatire, da mit jedem
Kinde, das us Mutterlip usschlpft, e Dfelsfratz uns entgegegrinzt, in
wellem der gttliche Funke fascht erloschen isch, e haarlose Beschtie,
e Gottrescht, dem zur ewigen Schande der wizengelbe Charakter der
Nacktheit zugetheilt worde. Und sit der Zit senmer durch fortwhrendes
tieferes Verschtricktwerda in die Netze des Dfels zuneme ohnmchtige,
flaischliche, concubischzente G'schlecht usgeartet.--Was isch nu
z'thun? Was isch d'htige Ufgabe der Paschtoral-Medizin, die Ufgabe
der paschtorale Geburtshlfe? D'Nacktheit chnna mer nt ndere.
D'Nacktheit isch aber z'schame mit der G'schlechtsverthilung uf zwe
Individue die Quelle aller Schande, aller libido, aller volubtasch,
und ebbe dadurch die Quelle der immer schrcklicher uf uns chumene
Erbsnde. Die Chlider verhlla die Nacktheit. Aber die Chlider
sind verschieblich, thilbar, ablegbar, mousselinehaft, schlpfrig
und tuschungsrich. Mit Leim chnna merse nt de Mnsche ufen Lib
feschtkleba._ Wenn'sch aber g'linget, d'Mn sche in Chlider gebore
werda z'lasse_, war allem Uebel a'g'holfe! In Chlider, diene Anschauung
der Nacktheit unmglich mache! Dann war e Vermehrung der Erbsnde
nimmer mglich. Welches Wunder! Ma sll's nt fr mglich halte. Und
doch isch sell Wunder amol vor sich gange:

In _Verona_ isch im siebezehnte Jahrhundert e frommes Ehepaar g'si,
die hnd kei Chinder gha. Er stammte usere vornehme Familie. Sie isch
e armes frommes Mdla gsi. Durch's Loos isch si si Frau worda. Zerscht
welletse e christlichs, gottseligs, chinderloses Leba fhre. Aberne
Stimme hat ihn an sine Pflicht erinnert. E Conzeptschio is sine ulla
libidine necne cubiditate z'schtand chumme. As die Schtund der Wehen
isch nher chumme, sen sechs Priester Dach und Nacht an's Bett der
Wchneri hi gechniet, und hnd ihr heies Flehen ebba im Sinn von
sellem ideale Ziel vereinigt, von dem ich oba g'sprochn hab, und das
unschre Disciplin, die ars obschtetrizia aposchtolica verfolgt. Es
verganga bange, schwer Schtunde. D'Hebam isch g'weiht gsi, und hat d'
Communion z'vor empfange gha. ndli gegen Oba, as sich's Leibesthor
ffnet, was meinad er, isch chumma?! E Menschle, e Beble isch usi
chomma, inema Frack, in braune, runzliche Hsli, e Schilee het's
ang'het mit schne, gliche, glanzige Knpfli, Cylinder Manschette, und
sehr zarte Stiefeli, die erscht an der Luft hart worda sind; g'lacht
hat's mit rothi Bckli, mit freundlich blinzelnde ugli, hat sie
gruseli g'freut, und isch mit sime feine Schpazierstckli usi stapft
ufem wie Leintuch....

In diesem Augenblick machte es: "Tim, Tim, Tim, Tim, Tim...." zehn Mal.
Es war zehn Uhr. Professor _Spfli_ schlug einen groen Folianten zu,
und sagte: "s nchschte Mol Mehres ber selle Materie!"--



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