The Project Gutenberg EBook of Wallenstein. II. (of 2), by Alfred Dblin

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Title: Wallenstein. II. (of 2)

Author: Alfred Dblin

Release Date: October 11, 2013 [EBook #43932]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK WALLENSTEIN. II. (OF 2) ***




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                             Wallenstein


                                Roman
                                 von
                            Alfred Dblin


                             Zweiter Band




                                1920
                       S. Fischer/Verlag/Berlin




                       Erste bis dritte Auflage
        Alle Rechte vorbehalten, besonders das der bersetzung
                   Copyright 1920 S. Fischer Verlag




Viertes Buch
Kollegialtag zu Regensburg


Durch die beiden Kristallfenster der schnen und reichen Kapelle zu Mnchen
in der Residenz schien die rote Wintersonne. Das schmale Gewlbe, weier
polierter Gips, nahm purpurne Flecken und Linien an, als wrde es
angehaucht. ber dem Pflaster von Jaspis und Achat auf Kniesthlen der
bayrische Hof, spanische Kostme, gesenkte Schultern, niedergedrckte
Kpfe, grauhaarig, weie Percken, dunkle gezgelte Locken. Auf der Kanzel
zur Linken des groen Silberaltars mit den Reliquien und dem reitenden
Ritter Georg -- golden, drei Federbsche am Helm mit Diamanten, Rubinen,
Smaragden -- sprach in schwarzem geschlossenen Jesuitenrock ein langer
glutugiger Priester; seine Arme fuhren, ohne da sie es sahen, ber sie
weg in der drohenden Erregung:

Es ist eher erlaubt, Gott zu hassen als zu lieben. Denn Gott steht uns zu
fern, zu hoch; es ist eine Snde, sich ihm zu nahen, selbst in Gedanken. Zu
wagen, ihn zu lieben, wie dieses und jenes aus dem Alltag, ihn behngen mit
Putz Juwelen und Gold, ihm zarte Gefhle darzubringen: das heit, ihn
erniedrigen. Es ist das Vergehen einer Beleidigung der Gttlichkeit.
Kriechen vor ihm, ihm ausweichen, ja ihm grollen: das mag einem Menschen
gut anstehen. Ihr habt schon Gott verleugnet in dem Augenblick, wo ihr ihn
nicht frchtet. Er hat euch keine Freundlichkeit gegen sich erlaubt, ist
nicht euer Vater, eure Mutter, euer Buhle, euer Herzensbruder. Er ist nicht
einmal euer Knig und Frst, er lehnt es ab, euer Richter zu sein; sein
Gericht ist euch nicht zugnglich; er vollzieht es, wann er will und gegen
wen er will. Es lt sich nicht fassen und erforschen, wer er ist, und
darum heit es nur, Grauen vor ihm empfinden -- und so habt ihr getan, was
Menschenpflicht ist.

Wehe denen, die glauben, Gott sei unser Vater; es ist fast kein weiterer
Schritt ntig, um Ketzerei zu ben. Es heit: ihr sollt den Sonntag
heiligen, um Gottes willen; und Gott selber wollt ihr nicht heiligen?
Verget nicht, wer ihr seid, von wo ihr stammt. Wit ihr, wie die Erbsnde
euer Leben eingeleitet hat? Kennt ihr alle Laster, mit denen ihr euch seit
jenem Tage schleppt -- Glckstag oder Unglckstag? Seht die Niedrigkeit der
Menschen, die Erbrmlichkeit ihrer Begierden -- und ihr Gotteskinder! Seht
euren Tag an, gefllt mit Arbeit, Sttigen des Leibes, mit hundertfachem
Verdru, hundertfachem Vergngen, hingeweht das Ganze, von nicht mehr
Gewicht als ein Farbenantlitz. Prozesse im Land, Migunst, Drang nach
Reichtum, Vorrang, Aufsssigkeit der Untertanen, das ist euer Leben, wenn
ihr erwachsen und alt seid. Bald mehr, bald weniger Spa, Spiel, Mnner,
Weiber, Weine, Biere, Tourniere, Hirsche, Eber, Musik, Bilder, Schlaf,
Stumpfheit, Behaglichkeit, Bitterkeit -- um nichts und ein bichen.
Trbsinn und Greinen, wenn ihr gichtisch werdet und krumm, mit leeren
Kiefern hinter dem Ofen hockt und nur Brei schlucken knnt, Hftweh,
Stuhlbeschwerden, Harndrang, Magenkrmpfe, dann Schlaf und Schlaflosigkeit.
Das ist das Leben von Kindern Gottes. Ihr schmt euch, ich fhl' es mit
euch allen; man braucht dies alles nur fassen, sich erinnern, vor Augen
halten. Ja, Besinnung, Erinnerung! Ruhe der Seele, Erlschen der Begierden!
Nur ihn wissen, den Gott, das Recht haben, seinen Namen zu kennen, von
seinem Dasein zu hren: das ist genug und genug fr uns. Das Recht haben,
Gott frchten zu drfen: seht, ich sprech' es aus.

Und ihr fhlt, da ich die Wahrheit sage. Die Wahrheit ist mit mir. Wir
wiegen uns nicht in Gefhlen und Trumereien einer Magd. Uns ist das Leben
zu ernst; es ist uns gegenwrtig, wir kennen es, haben es erlitten, wissen,
was uns erwartet, heute, morgen. Es wird uns kein Engel begegnen, keine
Verheiung wird uns ausgesprochen. Lassen wir die Spiele den Kindern, den
lieben, und den Toren, den lieben.

Morgen wird die Glocke luten, dann wird die Frhmesse sein, die Knechte
werden in die Hfe stampfen, die Vgte werden hoch auf den Pferden sitzen
mit Federhten und Peitschen. Morgen frh wird die Glocke luten: wir
werden uns im Halbschlaf auf den Rcken legen, dann auffahren, unser Gebet
verrichten; und das Geschrei der Kinder nach Milch und Pflege gellt in
unsre Ohren. Wir schlucken unsre Frhsuppe, sie kann dnn und kalt sein,
wir mssen die Gewlbe durchsehen, wo unsre Schtze und Waren stehen, die
Kisten zuschlagen, bald werden die Fuhrwerke ber die Brcken knarren; es
mu alles verfrachtet und versiegelt sein; wir werden schimpfen mit den
Knechten, man wird uns am Fuhrlohn betrgen, wir werden uns wehren; die
Bauern schlurren herein.

Wenn morgen die Glocke lutet, hat eine Mutter ihr Kind geboren und freut
sich, ihr Mann freut sich und die Geschwister sehen sich das armselige Wurm
an. Und an vielen Orten hat sich in dieser Nacht eines verndert, eines ist
verhungert und erfroren am Brunnen, vor einer Stalltr, eines erschlagen
von Rubern, eines vom Fieber weggerafft, eines alt, siech, todesbedrftig
in der Kammer ausgelscht. Unser Leben, unser Leben! Wie knnte man stolz
sein! Wie wagt es einer, stolz zu sein und den Namen Mensch mit Prahlerei
im Mund zu fhren -- es sei denn, er bilde sich etwas ein, auf die Kraft
seiner Muskeln, die List seiner Gedanken, die Wildheit seiner Begierden!
Und welches Tier wre ihm nicht da berlegen.

Unser Leben, unser Leben! Gestorben sind wir tausendmal, wenn wir erkannt
haben, wer wir sind, aus Stolz; und erhoben hat uns nicht der Kaiserhut,
der Kurfrstenhut, der auf unserm Haupt liegt, nicht die Bischofsmtze, die
Tonnen Gold, sondern das Grausen, das Entsetzen. Nicht besinnen knnen: nur
das trstet uns. Die Vergessenheit, der Rausch trgt uns betrgerisch ber
die Abgrnde. Wofern wir sehen, rettet uns von Tod und Vernichtung nur die
Furcht.

Brecht, meine Knie! Mein Herz, la deine Sulen zerfallen! Dach ber mir,
zerschmettere mich! Kommt angefahren, hundert Rohre, hundert Kartaunen, auf
mich gerichtet, hier mein Herz, meine Augen. Ich bin gefroren. Ich kann
doch noch immer lachen ber euch. In die Luft verpafft ihr euer Eisen und
Marmelstein. Ich kann beten, kann zittern!

Der kranke alte Herzog Wilhelm war ber seinen Stuhl nach vorn gefallen,
sein weies Gesicht baumelte, sein Stuhl schwankte seitlich. Der Kurfrst
griff mit harter Miene nach links gegen ihn.

                   *       *       *       *       *

Wie der Pater die neue Feste herunterkam und unweit der Kunstkammer an den
weiten Stallungen vorberging, berhrte ein unbewaffneter Mann in der
Dmmerung seinen rmel und sprach ihn, als er sich umwandte und
stehenblieb, an, indem er ihn bat, scheublickend, er mchte nicht mit ihm
hier stehenbleiben vor den Augen der Passanten und frstlichen Wchter.
Rasch bogen sie in eine Seitengasse. Ihr seid der Pater, der in der
Frauenkirche gepredigt hat; ich habe Euch zugehrt. Ich bin Tillyscher
Soldat, mchte Euch sprechen. Was wollt Ihr, fragte der sehr rhrige
Jesuit. Heiser, whrend er ihn aus samtenen Augen verzehrend ansah, bat der
untersetzte brtige Mann, der von der rechten Stirn herunter bis an den
Mundwinkel eine blutrnstige Narbe trug, er mchte den Pater in einem
geschlossenen Raum, wo er wolle, sprechen ber Dinge, die ihm am Herzen
liegen; er schwre, keine Waffen zu haben, nichts Feindliches im Sinn zu
haben; er brauche Hilfe. Sie gingen auf Umwegen am Jesuitenkolleg vorbei,
stiegen von der Rckwand die Treppe des weiten Konventhauses hinauf. In der
dunklen Zelle steckte der Geistliche eine Kerze am Trpfosten an; es war
ein schmaler hoher Raum, vllig kahl; ber einer Bcherreihe an einer
Lngswand hing das Bild des heiligen Franziskus in der Wildnis. Der Fremde
setzte sich unter die Kerze, gab nach langem Zudringen des Paters Auskunft.
Er sei von protestantischen Eltern im sterreichischen geboren, vor Jahren
von einer Kommission bekehrt; seine Eltern seien verschollen oder gettet
bei den Aufstnden; und dann kam er nicht weiter, irrte mit den Blicken
immer wieder zu dem groen Gemlde. Was dies Bild bedeute, wollte er dann
wissen. Der Pater gab ihm Antwort. Dann stie der Fremde rasch und
hintereinander hervor: er kme -- ihm sei prophezeit worden, er werde in
diesem Jahr im Krieg umkommen in der Lombardei; er wolle ein Amulett, htte
kein Zutrauen zu einem andern, sei verzweifelt, verzweifelt. Und dabei
knirschte der brtige Mann mit den Zhnen, die Trnen standen ihm in den
Augen, er schluckte, schluchzte, blickte den Priester erbrmlich an.
Vorsichtig ein Lcheln unterdrckend, fragte der Priester, ob jener ihm
wirklich zugehrt habe. Ihr habt ein Amulett, bettelte dumpf der andere,
immer den Franziskus anblickend, Ihr wit alles, ich habe Euch zugehrt,
gebt mir eins. Denkt an einen andern.

Mein Lieber, wenn Euch bestimmt ist, wie Ihr sagt, zu sterben, so wird
Euch mein Amulett nichts helfen.

Ich will nicht sterben, Ehrwrden. Mein Vater und Mutter sind schon tot um
nichts. Ich hab' nichts verbrochen. Nur Kummer und Plag' hab' ich gehabt,
und jetzt soll ich sterben.

Lieber, Ihr mt Euch das mit dem Zaubermittel aus dem Kopf schlagen. Das
ist verruchtes Soldatenwerk. Seid fromm, betet.

Erwartungsvoll blickte ihn der gehetzte Mann unter der Kerze an: Wird mir
Gott helfen?

Betet.

Aber wird er mir helfen?

Ihr habt nichts zu fordern.

Wozu soll ich beten, wenn es nicht hilft. Gebt mir ein Amulett.

Mann, geht Eurer Wege. Ich habe mit Euch nichts zu schaffen.

Der Pater stand ruhig auf. Der Mann, die Fuste ballend: Ich bin doch kein
Narr und Lump, da Ihr mich so wegschickt und mit Worten abspeist.

Ihr seid ein Narr. Und das ist noch wenig gesagt.

Der Soldat zitterte an der Tr, hinter seinem Stuhle stehend: Weil ich
nicht beten will? Es wollen andre auch nicht beten. Und mit ihnen springt
man nicht so um wie mit mir; sie brauchen nicht zu sterben.

Wer will aus deiner verruchten Gesellschaft nicht beten?

Wer? Das fragt Ihr noch? Eure eignen Schler, die habt Ihr so weit
gebracht. Gewi. Mein Herzensbruder war Novize bei Euch, hat mir geraten,
in Eure Andacht zu gehen. Ich hab's nicht bereut, hab' wohl gemerkt, da
Ihr alles recht wit und hab' Euch in allem recht gegeben. Und so speist
Ihr mich ab.

Der Pater trat an den weinenden Mann, der sich den lumpigen Filzhut vor die
Augen hielt: Wer hat Euch in meine Andacht geschickt?

Wer? Wer? ffte der andere widerspenstig und grimmig nach; stlpte sich
nach kurzem Anstieren des Priesters den Hut auf, sprang mit zwei Stzen auf
das Bild des Franziskus, ri es am Rahmen herunter, raste, den starr
stehenden Priester mit dem Bild wider die Brust stoend, durch die
aufgerissene Tr davon; die Kerze schlug er im Vorberfahren mit dem Holz
herunter, so da er Finsternis hinterlie.

Nach einer Woche wurde dem Pater beim Betreten des Hauses vom Bruder
Pfrtner gemeldet, da ein junger Mann ihn vor seiner Zelle erwarte. Der
Pater konnte den zum Schutz begleitenden Pfrtner gleich zurckschicken;
den jungen Menschen, der da stand, erkannte er sofort. Erst als sie in die
Zelle traten, bemerkte er, da der gebrunte feingesichtige Mensch ein Bild
am Boden herzog. Der Pater blickte ihn starr an: Du warst das? Ich habe
ihn nicht geschickt, Pater; er lief immer mit mir, er ist ein hilfloses
Geschpf. Das Bild hab' ich ihm mit List abringen mssen. Hier habt Ihr's
wieder.

Ich danke dir. Hast du ein Anliegen? Stell' es nur an die Wand.

Ich mu nicht sterben wie mein ngstlicher Freund, aber Ihr seht: ich bin
hier.

Hast du ein Anliegen?

Ich will Euch nicht um ein Amulett bitten; kann ich Euch sprechen?

Der Priester setzte sich an das Fenster, wo fr Vgel Krumen gestreut
waren: Eure Eltern haben sehr gejammert um Euch.

Der andere vor dem Bcherpult lchelte streng: Ich habe mir einen wahrhaft
geistlichen Beruf erwhlt, sagt das, bitte, ihnen; ich bin Soldat geworden,
jetzt unter der dritten Fahne. Ich mu wie die Engel und Teufel um meine
Seele kmpfen; wer nicht stark ist, geht dabei unter.

Du dienst unter Tilly?

Fragt nicht nach mir, Pater. Was tut mir not, Pater?

Sprich dich aus, mein Sohn.

Ich hab' ein Dutzend schwere Bataillen mitgefochten, gefangen war ich, bin
entwischt. Ich hab' jahrelang mein Leben gefhrt, seit ich Euch
durchbrannte, wie's mir gut tat. Als mein Regiment Pikeniere aufgelst
wurde, hab' ich gebettelt, gearbeitet, kein gut getan; und wie ich
unversehens hierher kam und Euch hrte, seht, Pater: da ist keiner gewesen
unter allen, die da saen, der so gelechzt htte nach Euren Worten wie ich.
Ihr mt mir mehr sagen. Ich -- brauch es.

Bitter sagte der Priester: Ihr httet nicht ntig gehabt zu lechzen. Aber
du bist ein junges Blut und bist gewi, da man dir verzeiht.

Sprecht mir von Gott.

Schlage du Menschen tot, Dnen, Schweden, und frage nicht nach Gott.

Wie steht es mit Gott? Als ich bei Euch lernte, aus Thomas und Aristoteles
las, habe ich ganz vergessen zu beachten, was sie sagten; ich nahm es ohne
Gedanken an. Jetzt brauch' ich es; wie steht es mit ihm?

Du hast doch Angst, mein Lieber.

Wie mu ich von ihm denken, wenn ich lebe, und meinetwegen, wenn ich
sterbe.

Der Priester kauerte sich am Fenster, vor dem die Vgel sprangen, ber
seinem Scho zusammen: Das einzige, was not tut, ist, den Hochmut brechen.
Du kannst nicht mehr tun, als Gott aus deinem Herzen reien. Merk dir dies!
Nimm dies auf den Weg. Ja, Gott aus deinem Herzen reien. Vor dem
ungeheuren ewigen Wesen hat jeder dumpfe freche Gedanke in dir zu
verstummen; jedes Auge erblindet. Es ist noch zu wenig, wenn geschrieben
steht: ihr sollt seinen Namen nicht mibrauchen. La ihn mit deinem Sterben
zufrieden. Sein Name, dir sage ich es, soll aus Dir ausgerottet werden. Er
soll nichts sein als der Warnungspfeiler vor einem grauenvollen Abgrund:
Bis hierher! Der ghnende Abgrund! Die Menschen, weder lebend noch tot,
haben teil an ihm. Nichts ist uns von ihm gegeben. Wehe denen, die seiner
nur gedenken. Du tust ja recht, mein Lieber, hast nicht ntig, mich zu
fragen: tu, was dir beliebt, morde, raube, geh in die Kirche, schenke
Almosen, liebe, verheirate dich -- es ist ihm, ihm nicht dran gelegen. Wen
schert das etwas! Die Menschlein! Ich bin nicht sein Anwalt. Aber sei
gewi: Gott lebt. Nur nicht unser.

Der andre stemmte gebckt die Ellbogen auf die Knie, sttzte das Kinn in
die Hnde: Nicht seiner gedenken! Wer aber hat uns dies denn in das Herz
gelegt? Wer dies getan hat, war ein Verbrecher am Menschen. Wenn -- Ihr
recht habt, Pater.

Still stand der Priester auf: Ich habe gesprochen, Vincenz.

Das hilft mir nicht, Pater, was Ihr mir sagt. Als ich bei Euch lernte,
htte es mir vielleicht gengt. Jetzt brauch' ich etwas andres.

Nimm den heiligen Franziskus, wie dein Herzbruder.

Ihr schiebt mich nicht so leicht ab; ich denke doch, Ihr spottet nicht
ber mich. Wozu braucht Ihr Heilige und den Heiland?

Der Heiland sagt aus, wie wir leben sollen.

Herr, wie kam der Heiland zu Gottes Wort?

Der Priester, abgewandt, schwieg lange: Wir sind Christen. Wir beten zu
Christus.

Ich wei nicht, wovon Ihr redet.

Das starre strenge Gesicht drehte der Priester ihm zu: Da ist nichts
unklar. -- Der Hochmut ist zu brechen in den Menschen. Der Gott, den du in
dir hast, ist der letzte Rest des Heidentums. >Gott< sagt der Heide; es ist
gleichgltig, ob ein Gott oder mehrere Gtter. Man hat euch so lange Ruhe
damit gelassen. Es ist Zeit.

Er beobachtete finster den Soldaten: Nicht wahr, du willst Heide werden?

Unruhig, geqult, drohend gab der zurck: Ich wei nicht.

Was weit du nicht?

Ob Ihr Christ seid.

Mit kaltem Ausdruck lchelte der Jesuit, indem er den Kopf langsam
zurckbog. Der Soldat hob den Arm: Ihr lacht!

Es ist niemand so Christ als ich.

Dem an der Tr flammten die Augen: Ihr wollt die Menschen der Verzweiflung
ausliefern. Ich habe gebetet, mich gefreut, mich fhig gefhlt zu allen
schweren Dingen -- durch Gott. Das soll mir alles genommen werden.

Der Pater setzte sich ans Fenster, schwieg.

Das soll mir alles genommen werden.

Ja.

Mit schttelnden Armen: Und wozu? Wem zu gut?

Lieber, nun werde ich wirklich bald lachen. Ich bin Priester der Kirche;
was gehen mich Menschen an.

So geht doch hin, Pater, und sagt Eure Weisheit dem Papst, den Bischfen
und Mnchen. Sie sind fr uns Menschen da.

Es ist nicht ntig, sie wissen es schon.

Und was sagen Sie?

Ja, sie kmmern sich nicht um Gott. Denn sie sind fromm. Sie helfen den
Menschen, indem sie sie beschftigen mit Andachten, Gebetbungen. Fr das
Christentum sind erst die wenigsten reif.

Der junge Soldat: Ich nicht.

Nein.

Ich wollte Gott wieder in mir errichten. Zu ihm wollte ich beten, mich zu
ihm fhren lassen. Zu ihm.

Nein.

                   *       *       *       *       *

Wallenstein im Gesprch mit dem Venetianer Pietro Viko, der bei ihm
Kreuzzugsideen, gegen den Grotrken, propagierte.

Will der Herr mir Neuigkeiten erzhlen! Ich hab' in Gradiska fr Ferdinand
gekmpft. Wittelsbach ist grenwahnsinnig, den Kaiser Ludwig, den Ketzer,
hat es nicht vergessen. Man htte den Wittelsbacher zerschlagen sollen; nun
sitzt er an der Isar, der dunkle Mann, prunkt und protzt sich auf, geizt
und darbt. Ein Frst!

Er wird dem Kaiser nicht bel zusetzen.

Ferdinand ist der beste Mann, ein Edelmann, ein Ritter. Er ist ein Kind.
Wenn Ihr daran zweifelt, so seht den Ausgang dieses Kriegsbels an. Den
guten Bhmen, meinen Vettern, sollte er den Schdel einschlagen. Er htte
nur ntig gehabt, sein Kaiseramt auszuben. Aber er war ein Kind. Ich kann
mir vorstellen, wie er damals glhte als Kaiser, mit dem Bhmersieg in der
Tasche. Und so vor den Bayern zu treten!

Ja, er war nicht gut beraten.

In der Lwenhhle ein Kalb verzehren wollen! Warum ging er gerade damals
zu Maximilian? Weil Mnchen so am Weg lag. Versteht Ihr gut, die Wiener
Herren Rte? Er mute dem Mnchener Dank sagen, sich ihm vorstellen. Sie
konnten es nicht verhindern; die Herren hatten gerade etwas anderes zu
denken.

Und da hatte ihn der Max!

Die Maus kam ihm spahaft vor die Schnauze gelaufen.

Haha.

Sie fra ihn. Einmal gepackt, herumgeworfen, dann in die Gurgel
geschnappt.

Wallenstein sagte: Herr, er hatte schon lange auf den Kaiser gewartet. Der
konnte ihm nicht entgehen. Er hatte geholfen, ihm den Kaisermantel umlegen,
aber nur um die Lust zu haben, ihn ihm herunterzureien. >Zeig' mal, was du
anhast!< sagte der Max. Und als Ferdinand Mnchen verlie, hatte er schon
fast aufgehrt, Kaiser zu sein.

Euer Liebden: es sind Zeiten, die erfreulicherweise lngst vorbei sind.
Ihr werdet bald freie Hand fr allerhand haben.

Wallenstein lachte wieder grell: Ich htte in Wien sein mgen, als sie den
Ferdinand aus dem Wagen holten von dieser Reise. Begossen, lahm, stumm. Und
keiner wute, was mit ihm war, und er hatte doch in Frankfurt gesiegt, war
Rmischer Kaiser, und den bhmischen Sieg hatte er damit schon in der
Tasche. Was mgen sie sich gedacht haben in der Burg, die weisen Herren!
>Der Kaiser ist krank, er ist schwermtig,< haben sie geschrien, morgens
und abends, haben nach den Doktoren im ganzen Reich geschickt.

Es ist so.

Malos lachte der Herzog: Sie werden ihn weidlich zum Purgieren gebracht
haben. Gebt hat er es, da er sich hat beglckwnschen lassen von seinem
Schwager Max.

                   *       *       *       *       *

In das Dorf Bubna bei Prag, wo der Herzog eine Meierei besa, kam eine
Truppe Schauspieler Zauberknstler und Quacksalber gefahren. Erst riefen
sie ihre Knste bis nach Prag hin aus; dann schlugen sie einen Bretterzaun
auf, bauten eine tiefe Bhne. Vom Herzog auf sein kleines Sommerschlo
geladen, veranstalteten einige von ihnen unter groem Geheimnis eines
Nachmittags eine besondere Belustigung.

Ein groer Saal stand ihnen zur Verfgung; vornehme Herren und Damen
besetzten die Balkons und Galerien; Dienerschaft drngte sich an der
offenen Tr. Von den Balkons und Galerien fhrten Wendeltreppen in den
Saal; zu Beginn der Unterhaltung rief von der Tr ein maskierter
Schauspieler -- er hatte kothurnartige hohe Stiefel, ein griechisches
weies Faltenkleid, trug einen mit Blitzen versehenen Keil in der
geschlossenen Rechten; der hoheitsvoll dstere Ausdruck des Zeus --, man
htte davon abgesehen seitens der Truppe, sich am Spiel zu beteiligen. Man
mge heruntertreten in den Saal, wer Lust habe. Es werde absonderliche
Freude geben.

Im Saal herrschte eine ungeheure Hitze; blickte man von oben herunter, so
brodelte und wogte die Luft ber dem gefgten Holzboden wie in einem Ofen
oder ber einem Brand. Die aber unten gingen, merkten von Hitze nichts,
auch hatten sie keine Beklemmung der Brust. Aufrecht und bergro
spazierten ber die Diele zwei braune Schimpansen, die sich von Zeit zu
Zeit auf die Hnde fallen lieen und dann rasch liefen; sie kletterten an
Sulen hoch, blickten spuckend mit weisen Gesichtern nach der Galerie
herber, lieen sich wieder herab, zeigten vierfig jagend ihren hohen
Stei. Woher sie gekommen waren, wute man nicht. Unten tauchten immer neue
Wesen auf; es war nicht zu erkennen, woher sie kamen. Ein junges Frulein
ri sich auf der Galerie von ihrer Begleiterin los, sie wollte sich die
kuriosen Affen in der Nhe ansehen. Wie sie die unterste Stufe der Treppe
betrat, der heie Brodem des Saals gegen sie schlug, rannte strmte sie
vorwrts: da lief ein nacktes Geschpf, das auf der Stelle vor bermut
sprang, sich um sich drehte und jauchzte. Sie ging mit ihren runden rosigen
Gliedern, prallem Leib langsam und ungeniert gegen den einen braunfelligen
Schimpansen an, der gerade wie auf einer Eisbahn ber den Boden rutschte.
Ihr wuchs hinten aus dem Rckgrat ein armlanger peitschendicker schwarzer
Schweif heraus, mit dem schlug sie ihm vor die Nase; sie trug noch ihre
Silberschuh und bunten hngenden Strumpfbnder, ihre bervollen Brste
schaukelten, ihr blondes lockengedrehtes Haar wogte wie eine Kapuze ber
ihr stumpfnasiges vergngtes Gesicht. Die beiden Affen balgten sich hinter
ihr, dann schlangen sie die Arme umeinander, begannen so, einer den andern
festhaltend, ihr zu folgen.

Dicht an der Treppe legte sich ein ernster kleiner Mann, nachdem er sich
unglcklich hin und her gewandt hatte, ruhig auf die Diele, zog sich mit
den Hnden und Knien auf dem Bauch hin. Man trat ihn, schimpfte ber ihn.
Er bat um Entschuldigung, kroch weiter zwischen den Fen, unter den Fen.
Bisweilen richtete er sich auf, verschnaufte ernst, sah wehmtig den andern
ins Gesicht, ging wieder an seine Arbeit. Niemand unter ihnen wunderte sich
ber den anderen. Sie waren alle mit sich beschftigt.

Eine ltere Dame mischte sich ein. Sie trug einen kostbaren Zobelpelz, den
sie auch in der Hitze nicht ablegte, aber ihre Hnde rhrten von Zeit zu
Zeit unruhig, whrend sie gespannt alle beobachtete, die Schnalle vorn an
ihrem Hals, die den Pelz zusammenhielt. Pltzlich schrie sie grlich,
dabei ri sie sich wie erstickend den Umhang auf. Und nun mit offenem Hals
stellte sie sich breitbeinig hin an dem Fleck, wo sie war, bog den Kopf
zurck, blhte den Hals auf, stie hochroten Gesichts, whrend ihre hohe
graue Percke wackelte, einen eselsartigen Trompetenruf aus, mit Blauwerden
der Lippen, Zittern der hochgehobenen Arme, die den Fcher fallen lieen.
Darauf ging sie rasch, den Fcher aufhebend, die seidenen Rcke wedelnd,
weiter, heftig atmend, gewissermaen erleichtert. Um nach einigen
Rundgngen langsamer und zgernd werdend, nach Zausen an ihrem Pelz, wie
unter einer Eingebung das helle Geschrei von sich zu geben. Wobei ihr bald
von rechts und links, auch von den Zuschauern, heftiges Gelchter
antwortete, das sie mit Erblassen, entrsteter Miene aufnahm.

Einem Offizier geschah, wie er sich in den Saal herunterbegab, ein groes
Unglck. Er hatte vor, mit seinem Degen und seiner Muskelkraft der Galerie
ein besonderes Schauspiel zu geben. Heimlich warf er sich die Treppe
herunter, die letzten Stufen glitt er ab, prallte auf den federnden Boden.
Und nun kam er nicht zur Ruhe. Er war wie ein kleiner holzgeschnittener
Mann mit zusammengeschlossenen Beinen anzusehen, zusammengeschlossenen
Hnden, dickem Hals, dickem Kopf; er strzte bald auf die Hnde, da prallte
er hoch; strzte auf den Rcken, da wippte er um; kam auf den Bauch, scho
hoch, stand auf den Fen, machte einen Schritt. Aber sein tretender Fu
warf ihn hoch; er mute sich Mhe geben, auf den anderen Fu zu kommen, und
so schnellte er rechts und links meterhoch durch den Saal, immer bemht,
unten ein freundliches Lcheln gegen die anderen, nach der Galerie herauf
zu machen, ihnen seinen Degen zu zeigen, seine gewaltigen Armmuskeln.
Sofort hatte der Saal sich gegen ihn gewandt, warf ihn auf die Knie,
schnellte ihn weiter.

Es kamen viel neue, berall aber war ersichtlich, da die Situation Keime
zu Erregung und Zwistigkeiten barg und da man einem bsen Wesen
gegenberstand. Es wurde klar, als ein Geistlicher von oben sich
entschlossen unter Mitnahme eines Gebetbuches in das Treiben hineinwagte.
Auf der Treppe drckte er das Buch gegen seine Brust mit der Linken, mit
der Rechten hob er sein silbernes Brustkreuz vor sich. So dachte er bannend
in den Saal zu schreiten. In der Tat, sobald er erschien, geriet alles in
furchtbares Toben, das Geschrei nahm berhand, die Figuren fuhren toll
umeinander. Zugleich aber zog sich der heie Brodem um ihn in sonderbar
spiralig schwebenden Wellen, rauchartig zusammen; wie er mit seinem Kreuz
schlug, hingen Flammen an den Spitzen; sein Gebetbuch ffnete er in
herausfordernder Ruhe, die Bltter kruselten sich, wurden gelblich, an den
Rndern tief braun. Und jh brannte das Buch; der erschreckte ffnete die
Hand, das Buch loderte am Boden. Wie er das zusammenrinnende blulich
berlaufene Kreuz loslie und gegen die verbrannte Hand blies, seufzte er
aus tiefem Herzen auf; er streckte, die Augen schlieend, schwarzhaarig,
langgewandig wie er war, die Arme sehnschtig aus: schon vergingen in den
scharfen Luftwellen um ihn seine Talarrcke, die weiten rmel. Er konnte
tanzartig gehen wie keiner im Saal, einen schmchtigen Jnglingsleib trug
er auf langen Beinen, die in Leinenhosen steckten. Aus unverschleierten
groen blauen Augen blickte er, er sang hymnisch. Hell trillernd, alle
siegreich bertnend, klang seine Stimme; so schn und freudig schmetterte
er, da die auf den Galerien sich mit kleinen Augen scheu ansahen, von
gleichgltigen Dingen sprachen und das Beben in sich unterdrcken muten.
Er hatte ein leicht albernes Jungengesicht mit Stuppnase. Einer der beiden
Schimpansen zog ihn bald an den Ohren hinter sich her, ngstlich folgte man
ihnen, von leisen Angstrufen wurde der Gesang unterbrochen.

Es wirkte verfhrerisch auf die Massen, die sich an den offenen Tren
drngten. Die Trmeister hielten die Stbe vor, aber die Lockung war zu
gro. Man lief, whrend der Dunst des Saals schwoll, in kleinen Rudeln
hinein, hatte sich noch eben die Hnde gereicht, war im Saal wie auf dem
babylonischen Turm, mit verrenkten Gliedern, hngenden Zungen, sonderbaren
Gebrden, fremd gegeneinander, von einer ungekannten Rastlosigkeit und
Befriedigung erfllt. Man lief wie im Traum gegeneinander, prallte
voneinander ab, lief wieder gegeneinander, konnte sich darin nicht
sttigen. Sie sprangen, schoben sich mit irgendwelchen Begierden in den
Saal und dann waren sie jh entgeistert, absonderlich verloren und
verwirrt. Ein paar edle Herren gingen streng durch die Menge, hoben die
Arme hoch, schrien den Hut schwenkend: Hier ist der berhmte edle Soundso,
lobt ihn, ehrt ihn; mit feierlicher Grimasse spazierten sie weiter. Fragte
sie einer: Was kann der Herr? antworteten sie: Alles was man will;
nichts ist uns verborgen. Lobt uns, ehrt uns! Sie breiteten die Arme aus,
nickten wrdevoll.

Pferde tummelten sich unter den Menschen, auf denen Mnner saen. Hunde
sprangen lstern umeinander, es war kein Hund in den Saal gekommen. Eine
Anzahl Herren blickten nach lauten Ausrufen ihre Umgebung an, dann
verunreinigten sie den Boden unter Gestank, wiesen darauf hin, schienen
hochentzckt, wieherten vor Lachen. Eine furchtbare Erscheinung zeigte ein
Mann, dem die Trnen aus den Augen troffen; ihm war der Kiefer bis auf das
Knie gesunken; ungeheuer schnappend mit klaffenden Lippen hing das Maul mit
armlangen Zhnen; der Schdel und das obere Gesicht stand trbselig klein
dahinter, die blicklosen Glotzaugen und das vertrocknete Buchlein mit den
Beinchen, die wie Stiele unten tripp-trapp liefen. Er hielt sich
bejammernswert an einer Sule auf; von Zeit zu Zeit trippelte er, schlrfte
schnaubte schnarchte grausig. Schnffelnd sich einem Menschen nhernd,
fate er den erstarrenden schreienden eisern bei den Hnden, schlug den
Oberkiefer wie eine Zange ber ihn, rang sich den gebckten strampelnden in
den Rachen, saugend, blauwerdend. Unter dem entsetzlichen Gekeif der
Zuschauer wrgte er das Geschpf in seinen anschwellenden Leib. Man schlug,
spie auf ihn, er heulte, schluchzte; Trnen und Speichel liefen
ekelerregend von ihm. Nach kurzen Minuten war das Treiben um den Stummen
wieder wie vorher. Nur bluliche durchsichtige Schatten von Menschen
setzten sich neben ihn; das waren, die er verschlungen hatte: sie suchten
von Zeit zu Zeit in seinen Mund einzudringen, um ihre Leiber zu holen, aber
er sperrte krampfhaft die Kiefern, schnatterte grimmig gegen sie mit den
Zhnen.

Atemlos schweibedeckt drngten manche in einer unsicheren Verzweiflung
zurck an die Treppe, an die Saaltr, hatten sogleich ihre alte Gestalt
wieder, lchelten lispelten ngstlich. Sie fragten, hatten ein Zittern an
sich, brachen in Gelchter aus, als man ihnen erzhlte, was unten vorging,
drngten strmisch fort. Manche waren, kaum bei sich, von einer Traurigkeit
befallen, saen fassungslos da, bedeckten das Gesicht.

Unter der Hitze im Saale, dem wachsenden Andrang stieg der Lrm. Die
Menschen fielen sich gegenseitig an. Sie bemerkten sich allmhlich. Wer
nicht fortgeschlichen war, fand sich in seiner neuen Heimat zurecht.
Pltzlich schwang sich der Hoppser, der unglckliche Offizier, mit einer,
dann einer anderen Dame in die Luft; sie schrie, er juchzte, improvisierte,
wenngleich nicht Herr seiner Sprnge, einen ungeheuerlichen klatschenden
Tanz ber den Kpfen des Gedrnges. Er ri dem Riesenmaul einmal einen
halberstickten aus den Zhnen; das Brllen des Enttuschten, das Keuchen
des Befreiten, der schlapp auf dem Arm des Springers durch den Raum
segelte. Die Hunde lagen verbissen im Kampf mit den Affen bald hier bald da
auf dem Boden. In einem rasenden Entschlu fiel der singende Jngling,
pltzlich verstummend, die vorbertnzelnde Junge mit dem Pferdeschwanz an;
sie schlug ihm den Schweif um den Hals, er warf sie um; sie schrie
klglich.

Eine Stimme rief, whrend grausig Massen von Tieren durch den Saal wogten,
Pferde, Khe, Eber, whrend blitzartig manche Erscheinungen wechselten,
sich berkugelten, rief: der Herzog, der Herzog. Immer durchdringender
rief sie. Eine Feuersule ging durch den Saal, sie sauste wie ein
Wasserstrahl, streckte sich langsam gegen die Decke auf; im Wandern
scherte sie Menschen und Tiere ein, die nicht auswichen. Der beizende
Qualm wallte durch den Saal.

Da schlug man auf den Galerien und von auen am Saal die Fenster ein.
Erschtternd rasselte das Geschrei aus dem Saal und von oben. Die
Feuersule bewegte sich nicht. Wie an den Fen abgeschnitten brach sie
pltzlich zusammen. Der Rauch schwelte ber die Diele, legte sich dick ber
die Geschpfe, die hilflos im Tumult kreischten und sangen. In Sten drang
frische Tagesluft ein.

                   *       *       *       *       *

Nach diesem alarmierenden Vorfall erlebte die Bevlkerung um Prag und an
anderen Teilen Bhmens eine ganze Reihe Teufeleien. Zwei Teufel hatten sich
in der Hlle von ihren Ketten losgemacht und schweiften ber den bhmischen
Boden. Sie suchten besonders die Gegend bei Aussig, an den Felsenwnden des
Ziegenberges, am Waltheimer Tal heim, lieen sich in der Abenddmmerung
blicken, scheuten bald frech das Tageslicht nicht. In den Monaten April Mai
sah man sie ber die dreizipfligen Gipfel des Sperlingsteins mit den
Spieen im Rcken herumlaufen, langen wippenden mit Widerhaken versehenen
Stangen, die oberhalb der Hften in ihrem Fleisch saen, mit denen man aus
dem Hllenabgrund geworfen haben mute, als sie entwichen. Sie taten in
diesen Monaten, als trgen sie wie mde Knechte der Artillerie ihr
Schanzzeug da hinten in einer Lederrhre am Leib und als mochten sie es
nicht von sich tun. Man entlarvte sie aber mehrfach, als sie leicht
berauscht am Schlosse Tetschen die Mntel von sich taten und unversehens
die Bedienten der Losamente nach dem lustig schaukelnden Gestnge
zugriffen, um es davon zu tragen. Ein mordsmiges Geschrei, schrilles
Keifen und Jaulen erhob sich, die beiden Gevattern warfen die Arme hoch,
ihre Augen hingen ihnen wie pfel vor der Stirn, ihre Leiber bogen sich
nach vorn unter den schnen Westen zusammen, die Stangen zitterten,
klirrten metallisch auf den Dielen, jach sausten die Gesellen, Rauch um
sich schttelnd, heulend in den Schornstein, von den Spieen lief grner
Saft herunter, noch vom Dach klapperten und pfiffen sie. Gegen Ende Mai war
es aber in der ganzen Gegend, in der sie sich herumtrieben, schon zu
bekannt, da sie entlaufene Teufel wren. Sie hatten einmal selbst davon
geplaudert, da man sie bei einem Aufruhr in der Hlle nicht htte bndigen
knnen, die Aufruhrsucht in der Hlle wchse von Tag zu Tag, es werde alles
krank und liee es auf Gewalt ankommen; sie seien nur die Vorlufer von
ganzen Scharen. Die beiden konnten sich darauf nirgends mehr sehen lassen,
und eines Abends bemerkten Viehtreiber an der Berghalde bei Bodenstedt ein
stumm ringendes Paar im Klee, das anscheinend mit Spieen sich zu Leibe
ging. Aber es waren Teufel, die geschworen hatten, sich umzubringen oder
sich von den Stangen zu befreien. Sie warfen sich in heiem Kampf rechts
und links; wie Schwnze, die hochgehoben waren, zappelten an ihnen die
Stangen; pltzlich hob der eine den andern, ein Knall, ein rasender Schrei,
Wimmern; der eine lag bleich bewegungslos auf dem Rcken, die Lanze dreiig
Schritt zersplittert vor ihnen, der Sieger kroch nach ihr, beschnffelte
ihr Ende, von dem das grne Satansblut troff. Er richtete den Bewutlosen
auf, fuhr ihm mit dem Arm in den Rachen, holte die Zunge zurck, spritzte
ihm seinen brennenden Harn ein, wobei der andre wrgte, sich wand und
wieder zu sich kam. Mit Baumrinde verpflasterten sie das sickernde Loch am
Rcken. Dann bellten sie wieder gegeneinander. Der Sieger lief heulend vor
Neid um den geraden schlanken andern; der nahm die abgebrochene Eisenlanze,
band seinen Gefhrten an einen Baumstamm und fing an, lustig auf dessen
Stange zu klopfen, darauf ihn zu bespeien und, des Jammerns nicht achtend,
zu ziehen, bis er rckwrts strzte, vom grnen Saft begossen, und jener
bald verreckt wre. Entschlossen stemmte sich der andre an ihn, prete,
Rcken gegen Rcken, die Wunde zu, verstopfte sie mit Pech, das ihm
zwischen den Zhnen hervorquoll, und mit dem Krper eines toten Ktzleins,
das gerade vor seinen Fen lag.

So erschienen sie einmal unversehens zu zweit mittags vor der Wegkreuzung
bei Bodenstedt, als nackende buschige Teufel, mit trappsigen Pferdefen,
roten Fellen, stieren Glotzaugen, das schwarze Haar in Strhnen nach
rckwrts gestrichen, kaum grer als ein zehnjhriger Junge, rauh
miteinander schnatternd. Die Vgel auf den Feldern schwirrten vor ihnen
auf. Pltzlich schwirrten die Teufel selber als Raben hinter einer Magd
her, ber deren Schultern sie fielen, hackend mit ihren spitzen Schnbeln
in das blanke Fleisch. Das grliche Gebrll der Weiber und Knechte; das
Geifern der scheugewordenen Ochsen, Flattern der Hhner und Quieken der
Schweine war grausig. Die Bauern verbarrikadierten sich in ihren Husern,
luteten Sturm. Nach einer reichlichen Stunde kamen zwei modisch gekleidete
edle Herren des Wegs, hatten Lehm an den seidenen bebnderten Schuhen,
schienen ermdet. Sie sahen erstaunt auf der toten Dorfgasse um sich,
riefen sanft nach Menschen, nach einem Trunk Wein, spielten mit ihren
Degen. Zaghaft ffnete man die Laden; man fragte aus den Fenstern heraus,
ob sie nichts gesehen htten. Aber die hatten nichts bemerkt; nur einen
abscheulichen Gestank htten sie, wie sie verwundert erzhlten, gesprt,
aber der knnte von verwesendem Vieh herrhren. Die Bauern htten sich fr
gefft gehalten, wenn nicht die stumpfsinnigen Stalltiere auch jetzt noch
heftig um sich geschlagen htten; das Loch in der Schulter der Magd
bearbeitete noch eben der Bader. Sie kamen heraus aus ihren Tren, erwiesen
sich beglckt, da gerade jetzt zwei edle Herren des Weges kamen, denen sie
vertrauen knnten. Der eine der Herren betrachtete durch sein Brennglas mit
Grimm und Freude, die seine Lippen umwulstete, das Loch in der Haut der
Magd; die fuhr jammernd zurck, lief ber die Gasse, es sei nicht richtig
mit denen, der eine sei der Teufel, der sie gehackt htte. Allgemein
verspotteten die Bauern, die ber die Gasse strmten, die Verletzte,
dienerten vor dem Besuch. Gerade auf die rabiate Magd hatte es aber der
eine Herr abgesehen; er lie sich noch einmal die besalbte Wunde zeigen, er
wolle sie auf italienische Art kurieren. Das Mdchen weigerte sich, der
Herr wtete, lachte gell und drohend. Die beschmten und emprten Bauern
schoben in einem Huschen die Widerstrebende ab, er wies stolz das andere
Gesindel hinaus. Da drin sa er mit der Magd allein, sa vor ihr, blickte
sie an, weidete sich an ihrer Angst. Und whrend er grinste und die Arme
hinter dem Rcken verschrnkte, sich seine Nase lang herunterzog, hatte er
pltzlich einen dicken starken Schnabel, weitete hob sich sein loser Mantel
mit plusternden Federn, sa ein Rabe auf der Bank, stie mit dem Schnabel
in die Wunde, pickte, hackte, ri. Er flatterte um sie, die aufgesprungen
war und unter entsetzlichem Geblk um sich schlug, drngte sie ab von der
Wand, aus einer Ecke heraus, fuhr ihr gegen die Stirn, vor den kreischenden
Mund, kratzte. Er krchzte und freute sich. Mit einem Bein krallte er sich
an ihrem Schrzenband ber der Schulter fest, dann patschte er in die
spritzende Wunde hinein, hier verkniffen tastete er mit dem aufgebogenen
Bein ihren Mund ab, ri ihr von der Nase herunter Schramme auf Schramme.
Sein dicker fedriger Rumpf drngte sich an ihre erblichene Backe, der
Schnabel hackte; auf ihre Nase springend verteilte er nach rechts und links
auf die hochstoenden Hnde Hiebe zwischen die Haarwlste, die er
auseinanderzerrte, zerzupfte; die starken Flgel schlugen blendend vor ihre
Augen. So vertieft war er in den hitzigen Kampf, da er das Klopfen nicht
wahrnahm. Erst als die Tr gesprengt platzte, lie er wild von ihr. Die
drauen sahen noch den mchtigen Raben, seine Federn flogen. Aber schon
gleichzeitig sa da und kam ihnen entgegen der degenklingende Herr,
zornsprhend, blitzenden Auges, fest gegen sie geworfen: was sie sich
erfrechten, er sei eben dabei, den bsen Geist, der in sie gefahren, aus
ihr zu vertreiben; da lgen die Federn, nun sei er verschwunden; wste
ungebrdige Trpfe und Tlpel, die sie seien. Die Hnde hatte er auf dem
Rcken; als er sie vorholte, waren sie bis an die Knchel blutrnstig. In
ihrem Schrecken sagten sie nichts, lieen ihn durch, die Magd schlug
bewutlos und schumend um sich am Boden. Beim Wein in der Kammer des
Pfarrers beruhigten sich die beiden Herren; sie feierten lrmend den
Nachmittag ber, bis gegen Abend der verwirrte Geistliche sich ermannte
nach der Sptmesse; er wolle sie examinieren, was ihm und dem Dorf die Ehre
brchte, von wannen des Weges sie kmen, dann --.

Und whrend er in der Ksterei nachdachte, war ihm schon, als wenn er
wuchs, als wenn etwas Geweihtes aus ihm sprach; fast zornmtig war er und
kaum zu halten, sich auf den Weg zu machen. Denn auch die andern Bauern
hatte ein Verdacht ergriffen, sie standen vor dem Kirchlein, munkelten
miteinander, frchteten sich. Steckten die Kpfe in das Fenster des
Pfarrhauses, die Gste waren ausgeflogen. Der eine von den beiden, der sich
im Hintergrund gehalten hatte, ging pfeifend in der Nachbarschaft herum,
hatte Interesse an den Kornhusern Backfen Vorratskammern Viehstllen,
fragte rechts und links seine katzbuckelnden Begleiter, wovon sie meist
lebten, was sie am meisten qule und betrbe. Es war Miwachs im Jahr
gewesen, lange hatte der Regen gedauert, eine kurze Spanne, kaum eine Woche
schien die warme Sonne, und man mute mhen und einbringen, das schwarze
Mutterkorn fiel ber die hren. Der Edelmann, gnzlich unorientiert, sog
die Neuigkeiten ein. Seine eindringlichen Fragen waren kurios; wenn aber
welche aus dem Haufen ber den Herrn lachen wollten und schon
daherpolterten, so sah er blitzrasch mit einem grlichen ins Herz
schneidenden, Blick an ihnen herunter; sie faten sich an die Brust; es
schien, als ob kein Mensch so schnell die Augen bewegen knnte. Zischend,
leise, zum Boden schauend, fragte er nach seinem Freund, verschwand im
Augenblick um eine Ecke. Schon scho er wieder gegen sie, scheltend, wo
also sein Freund wre, ob sie ihm ein Leids angetan htten, er wolle sich
beschweren bei der Landeshauptmannschaft, bei der Prager Statthalterei,
haderte, schrie, er wolle doch einmal wissen, wo sein lieber Geselle sei.
Eine schwarze Henne gluckerte vor ihnen auf einem Dach; er krhte, gackerte
sie hhnisch an, schlpfte, ber die Schulter weg den anwandernden Pfarrer
erkennend, ihm den Hut entreiend, in die offene Kirche, gackerte noch
grinsend an der Tr, er wolle seinen Freund suchen. Und schon schallte der
Raum innen wider vom Toben, Lachen, Klatschen. Gegen den Pfarrer hhnte er
hinter dem Altar: Bring' mir mein Brderlein, jauchzte, lockte, der
Pfarrer suchte ihm den Hut zu entwenden, ein kalter Schleim sprhte ihn an,
er wich voll Ekels zurck, strzte im Entsetzen die Turmstiege herauf, ri
das Glockenseil. Alarm lutete er ber das Tal und die Nachbartler. Die
Nachbardrfer antworteten, er gab nicht nach, unablssig unter dem
hllischen Krachen und Getobe unter sich ri er die Glocke und lie sie
sausen. Vom Altar zu den Beichtsthlen hpften sie, kauzten
schmutzverbreitend auf den Heiligensulen Kruzifixen. Mit Wagen xten
Feuerspritzen Lscheimern knarrten und trabten die Nachbarn an, staubend
auf den Alleen. Der Pfarrer, angsterstarrt, sah und hrte im Regen und
Anspannen seiner Arme nichts mehr. Auf dem Turm stand er noch, als die
Glocke pltzlich hochanschwingend aus dem Stuhl flog, auf die Strae
wuchtete und berstend ein Schwein erschlug. Der gleiche Schwung ri ihn zur
Seite, er wehte der Glocke nach, zerknickte kopfaufgestellt. Der Raum
selbst der Kirche begann zu beben, sich zu dehnen, zu weiten, ein Dunst von
Kalk rann an ihren Wnden herunter, im Kirchturm klaffte pltzlich ein
Loch, daraus zwischen fallenden Steinen zwei kupferrote geschwnzte
Gestalten vorstieen im Zickzack. Aus der Luft meckerte es. In dem Tumult
unten fielen sich die Drfler an; die Nachbarn glaubten sich gefoppt von
den Einheimischen, in rtselhafter Weise flammte bei den Leuten eine dunkle
Wut auf, sich zu zerfleischen und zerkratzen wie unter einem wilden
Juckreiz. Die Glocken der Nachbardrfer drhnten; von Bergen herunter, die
Bche entlang wlzten sich schreiende Menschen, grlich tieffaltige
Gesichter, dicke pralle Lippen, sthnende Brste, von der Arbeit, vom
Essen, vom Schlaf aufbrechend, wo sie standen und lagen. Unten an dem
geborstenen Kirchlein schlugen sich, zerrissen sich die verwirrten, sich
selbst nicht kennenden Mnner und Frauen. In den Kessel muten sie. Wie sie
stockten im Gedrnge, schaute einer betrbt und leidend dem andern an den
Hals, griff ihm um die Kehle; es war die Not einer grlichen
zhneknirschenden umdampfenden Lust.

                   *       *       *       *       *

Die Bauern warfen ihre Pflge hin, schickten die Weiber zum Vieh, saen,
sich die Muler schleckend, finster vor ihren Husern und Stllen. In
manchen Landschaften drngten sie zusammen, trollten ber die Fluren,
fanden ein Behagen darin, sich wechselseitig zu sehen und zu befhlen.
Ziellos liefen sie in die Wlder ab, rotteten sich um die
Herrschaftshuser, zerstoben wieder auf die Felder. Sie standen haufenweise
in einer stummen Gebanntheit, ratlos, mitrauisch, mit stockenden Sften
vor den kleinen Holzstandbildern an den Wegen, den Kruzifixen. Hier jagte
sie keiner fort. Grimmig beschnffelten sie das Holz. Verchtlich schrie
einer: Wir haben keinen Grund, hier stehenzubleiben. Wir ziehen unserer
Wege.

Wir bleiben schon hier.

Sie sahen sich prfend an, schoben sich zusammen, fhlten wieder die Kraft
der Nachbarmuskeln, schoben sich dichter. Enger kreisten sie das Kruzifix
ein. Die hinten standen, fhlten sich ferngehalten, drngten heftiger, von
ihnen lief der Ruf nach vorn: Das hat nicht auf unserm Acker zu stehen.
Und dazu tnte grelles Lachen.

Christus, Christus! dumpften die vordern, schon fast die Sule berhrend.

Die Pfaffen haben ihn hingestellt.

Sie wissen, warum sie's tun.

Zieht die Mtzen ab! Da ihr wit und nicht verget, was man vor dem zu
tun hat. Der Herr Pfaff hat ihn hingestellt.

Das hat nicht auf unserm Feld zu stehen.

In ihnen allen krampfte der Drang, etwas zu tun; von Muskel sprang es auf
Muskel.

Werft es um.

Die Schandsule um!

Schandsule.

Jeder Schrei hatte die Kraft, fnfzig neue nach sich zu ziehen. Wehrlos,
schaudernd wurden die vordersten, fast Anbetenden gegen die Sule geworfen;
mit ihren Gliedern brach die Menge den Holzstock entzwei, zerknisterte ihn.
Dann wute man, was man wollte; man wogte weiter auf die nchsten
Kruzifixe; es war eine Jagd auf die Sulen des Gekreuzigten.

Aus den zurckliegenden Huschen auf den gepflgten Berghngen sah man
ihnen vergrollt, vertattert zu, schlo sich in die Stuben ein: Auch damit
ist es nichts! Sie schaffen's nicht. Der graue Vikar der Gemeinde,
pltzlich angesteckt, zerknllte seinen Talar, hatzte zu seiner Herde
herunter, hielt mit strmischer Brust eine tobende Predigt: es sei
geistliches Werk, was sie tten, er nhme sich ihrer an, man htte ihnen
Christus gestohlen, einen falschen untergeschoben. Die Menge verschlang
ihn; sie war nur Sturmbock, Stobock gegen die Holzsulen. Aber immer
wieder machte er sich frei, von allen Seiten wuchs das Geschrei, man war
glcklich nachzustammeln: Man hat uns Christus gestohlen. Das ist nicht
unser Christus. Das ist der Christus der Herren, der Frsten, der Ritter.
Glaubt mir! Der falsche Christus. Zur Fron steht er hier. Sie haben Burgen
gebaut mit Kartaunen, Wllen, Grben, Mauern, um uns zu unterjochen. Die
Kirchen sind Burgen. Der Heiland wollte uns befreien davon; sie haben ihn
in die Kirchen gefhrt, gefesselt, eingeschlossen. Auf den ckern steht er,
damit wir wissen, da wir dienen, da wir Knechte zu bleiben haben. Kommt,
ihr Mhseligen -- hoho, kniet, ihr Mhseligen. In Rom steht er in der
Petersburg ganz aus Gold. Der Satan hat sich des Heilands bemchtigt. Er
hat ihn gestohlen!

Wir mssen ihn befreien!

Der Papst ist im Bunde!

In die Kirchen.

Rettet Jesum!

Von Aussig und Tetschen kamen Mnner und Frauen gelaufen, die Scharen
vergrerten sich; die Masse gereizt, tatdurstig; dabei in der Tiefe
gepeinigt von dem Gefhl, falsch zu laufen, immer wieder stockend, sich
beruhigend. Wir fordern das Evangelium Jesu, das die Herren uns geraubt
haben.

Betrger! Schelme!

Und doch lief man nicht wider die Herrschaftshuser, auf die Edelgter,
sondern durch die Drfer gegen die Kirchen. Und unter dem Gefhl des
Irrlaufs wuchs die Wut. Sie schrien, gegen die Haustren schlagend: Machet
auf! Gebt Christus heraus! Sein Bild her aus den Husern. Es ist der
Falsche. Sie rissen Mistwagen aus den Stllen, spannten Ochsen davor,
stapelten Kruzifixe, Bilder, Gebetbcher darauf. An den Fenstern weinten
die Frauen, die Kinder erschraken vor ihren Vtern, die sie nicht ansahen.
Ein junger einugiger Bauer aus Aussig, ein ehemaliger Mansfelder, weinte
brnstig, die Arme windend vor dem Stapel: Besudelt hat man unsern Herrn
Jesum Christ. Du warst nicht unser Schild, denn wir haben dich nicht
gekannt. Es war nicht unsere Schuld, wir haben es nicht gewut. Es war
nicht unsere Schuld, da wir deiner so spt gedenk sind. Verzeih uns
Sndern!

Viele brachen in der Nhe in die Knie nieder. Angstvolles Rufen: Jesus,
Jesus! Verzeih uns! Erbarmen! Die Starken, Grollenden lieen sich
nicht bewltigen: Wir wollen ihn retten! Einer drngte sich durch, mit
Schwimmersten gelangte er an den umzingelten Ziehbrunnen; als er am
Schwengel zu reien begann, wich man rechts und links ab. Wie ein Tiger
schleppte er den vollen Eimer an den Wagen. Sie verfolgten aufmerksam seine
Bewegungen. Er go im Schwung Wasser ber die Kruzifixe, schreiend mit
wilder, berschlagender Stimme: Die zweite Taufe. Es ist geschehen!
Freudig, mit aufgehobenen Armen betrachtete er das triefende Gehuf, auch
um ihn hob man dumpf sich hingebend die Arme. In die Erde! brllte der
Tufer, fanatisch sich schttelnd und erbleichend. Sie schoben, automatisch
gehorchend, den Wagen aus der Gasse; auf dem ersten Wiesenanger hieben sie
mit Piken ein Loch, versenkten die Kruzifixe, auch die schnsten mit den
milden Gesichtern und den weinenden Frauen am Fu. Sein Leib in die Erde.
Er selber auferstanden von den Toten, wohnt im Himmel ber uns. In das
Gewimmel, das sich weiterschob: Nachdem uns alles so gut gelungen ist,
wollen wir zu Prag dem Statthalter sagen, was wir getan haben und was wir
denken? Mit grimmig fletschenden Zhnen der berserkerhafte Tufer: Wollen
wir nach Wien zum Kaiser und ihm sagen, da wir die Herren nicht mehr
wollen und keine Gewalt wollen und nur Jesum Christum und den Rmischen
Kaiser ber uns anerkennen. Wir verlangen Verantwortung fr die Schndung
unsers lieben Heilands, man soll uns Jesum wieder ausliefern. Und Bue
zahlen. Bue! Bue!

Leute, die hinzu liefen, fragten: Wo wollen wir hin?

Von hinten, aus der Mitte: Wo ziehen wir hin?

                   *       *       *       *       *

Kaiser Ferdinand erlebte mit tiefem Glck, wie das deutsche Reich
unterjocht wurde. Es war sein Entschlu gewesen, der diese grausige
Maschinerie Wallenstein in Bewegung gesetzt hatte, er allein hatte
verhindert, da man die Maschinerie hemmte, sie arbeitete weiter. Rechts
und links standen sie an seinem Hoflager auf, um seine Wonne zu schmlern,
er sah mit ungestrter Ruhe zu, zwinkerte mitleidig, hoheitsvoll. Frst
Eggenberg war zu nchtern auf Sicherheit bedacht, konnte nicht spielen,
nicht gewinnen; gut, da er so war, man konnte sich seiner bedienen.
Trautmannsdorf hatte Mut, aber er trug an seinem Buckel, liebte es an der
Sonne zu liegen und behaglich aus dem Winkel zu klffen. Freudig grunzte
der groe Lamormain, roch den groen Braten, der der Kirche im Norden
bereitet wurde; damit war es genug, sonst hie es mkeln, ihm war niemals
recht geschehen. Herrn Meggau flossen die Gelder nicht rasch genug her,
Graf Strahlendorf chzte ber die fatale Armee, die nur halb katholisch
war, als ob eine Unterwerfung durch protestantische Hand weniger
nachdrcklich wre als durch katholische. Und was machte in Mnchen der
entthronte Max, jetzt nicht mehr Kaiser im Reiche, sondern Frst unter
vielen, ein zhneknirschender. Das Abenteuer hatte er in schon grauer Zeit
heraufbeschworen, ohne ihn wre der Herzog von Friedland nicht in die Hhe
gekommen und angenommen als kaiserlicher General; der Kaiser war ihm Dank
schuldig, aber der Bayer war nicht froh ber den Lauf der Dinge, es schien
so, es schien ganz so, ihm behagte nichts mehr im Reich, Opfer sein machte
keinen Spa. Und Sieger sein dem Friedlnder nicht. Den trieb es als sein
Verhngnis um, er hatte ein bses giftiges Blut in sich; wenn er
Niedersachsen erobert hatte, drngte es ihn nach Dnemark; wenn Dnemark
dalag, war Bethlen nicht ruhig; war Bethlen besnftigt, reizte der Trke;
der Friedlnder war das heie Schwert, das zu schneiden verlangte, man
mute ihn halten, regieren. Ihm aber, dem Kaiser Ferdinand, war alles
durchsichtig; fr seine Frmmigkeit hatte ihm die Mutter Gottes diese
Menschen und das unterjochte Deutschland verliehen. Der Kaiser, der in
diesen Monaten nach der Zerschmetterung der Dnen und Niedersachsen, noch
gelb vom Sumpffieber, in der Burg, in Wolkersdorf und Schnbrunn
herumwankte, blickte den Dingen scheu und mit einer kichernden Verliebtheit
unter die Augen, er empfing sie geheim und stumm wie ein Einsiedler, der
Hirsche Rehe in seine Htte einlt. Der Zermalmung der Feinde in Schlesien
schaute er mit einer schmerzlichen Gespanntheit zu, dann war pltzlich ein
Faden in ihm gerissen. Er war pltzlich hellsichtig geworden. Die
ungeheuern Mrsche kamen, die Siege, er wute sie vorher; ihm kam vor, er
wute noch vielmehr; manchmal schien ihm, als ob Wallenstein sein
Vertrauter war, aber die kalten Meldungen zeigten ihm, da der Herzog nicht
wute, was vorging. Und so wlzte sich geheimnisvoll leise der Krieg ab vor
seinen Fen; am Hofe tobten ekstatisch die Menschen ber die Erfolge, die
lauten Glocken drhnten ber Holstein, Pommern. Ferdinand erfllte sich mit
wachsender Ruhe und Scheu. Er wurde behutsam, stille; sein Schicksal sah er
drauen sich abspielen. Eine ungeheure Hand wurde sichtbar in diesen von
Kriegern Pferden Kanonen getriebenen Ereignissen, die Krieger wuten nicht,
was sie taten, warum sie fielen, die Pferde liefen und glaubten den
Lederzgeln und dem Kutscher zu gehorchen, die Kanonen waren aus Bronze und
keiner glaubte, da mehr als die Geschicklichkeit der Bedienung die Stein-
Blei- und Kettenkugeln lenkte. Eine Hand schrieb fr den Sehenden in den
niederschsischen und holsteinischen Boden, Zug um Zug wurde die Schrift
deutlicher.

Die Kaiserin sollte daran teilnehmen. Ferdinand dachte wenig an sie, so
innig er auch mit ihr zusammen war, mit ihr spazierte, ausfuhr, ihr
Geschenke brachte. Er ging mit einer Schpfung von sich um, einer sanften
aufsaugenden Frau, die nur Gewalt in der Inbrunst besa; eine Gnade des
Himmels hat sie ihm zugeschoben, sie war der schwingende widertnende Raum
in seiner Seele. Jetzt zeigte er ihr, in der verschlossenen Snfte mit ihr
ber Maienhgel fahrend, mit kleinen Stzen, wie sich drauen alles fgte.
Ferdinands Gesicht hatte sich von der Krankheit noch nicht hergestellt;
einen fast kahlen kleinen Schdel, von faltiger Haut berzogen, bewegte er
auf einem schlottrigen Hals, sein frierender eingefallener Leib verkroch
sich, eingeschnrt wie ein Igel, in die braunen und gesprenkelten
Pelzmassen, Hnde und Fe tremolierten viel. Die weiblauen Augen lieen
es sich gengen, geradeaus zu blicken. Er flsterte demtig: Wir sind ein
Werkzeug des Allmchtigen. Die Gebete und Frsprachen sind nicht umsonst
gewesen.

Die Mantuanerin, aus allen ihren Zusammenhngen gelst, lie sich schon
fast willenlos treiben, das Gefhl einer tiefen Sndhaftigkeit wurde sie
nicht los. Knirschend beugte bog bumte sie sich neben ihm zu der Rolle,
die er ihr zuschrieb; immer wieder vergewaltigte sie sich mit Graus und
Wonne, bog sich fr ihn zurecht. Das lombardische Getrllere, s, frei,
mit der Lust einer reinen, hellen Landschaft um sich, die Erinnerung an
lndliche Tnze, bunte Kleider, Feste mit sich tragend, vermochte sie nicht
mehr zu hren, oder mit einem Hohn, der ihr selbst schmerzlich war. Was die
Kirche war, da es eine Kirche, eine seligmachende heilige Kirche geben
mute, wurde ihr verstndlich in ihrer Sndhaftigkeit, rettungslosen
Selbstentfremdung; in Gebeten schmiegte sie sich neben den Kaiser, es gab
eine reine und selige Gemeinschaft zwischen ihnen, die alles entshnte, da
konnte sie ohne Zittern mit ihm wandern; wenn sie so bleiben konnte mit
ihm. Sie wurde Stifterin von neuen Orden; alte zerfallene lockte sie an
sich; der Gnadenschatz, den sie sich erwarb, mute ihr das Leben
erleichtern, Dunkel ber den Weg gieen, den sie ging. Sie entdeckte mit
selbstmrderischer Freude, da ihr die hrtere khle Luft des Landes
zunehmend mehr behagte, da sie in Straen fuhr, als wenn sie hier zu Hause
wre. Nur die Fremden, die aus Savoyen und Mantua sie besuchten und sahen,
fanden, da sie mit ihren unnatrlich aufgerissenen Augen nicht mehr zu
erkennen war, da sie wie vom Gram zerschnitten war, bezogen es auf ihre
Kinderlosigkeit.

Und wie der Kaiser des Heiligen Rmischen Reiches versunken in die Hhe
geschoben wurde von den Siegen, die ihm eine himmlische Macht zuwies,
drngten sich im Reiche seine Parteihalter zusammen, sich des Raubs der
Siegesbeute zu bemchtigen, wo er sich greifen lie. Ihre heien Augen
lagen auf den beiden Erzbistmern, zwlf Bistmern in Niedersachsen, mit
dem berhmten Magdeburg, Bremen, Halberstadt, Merseburg, Lbeck. Man konnte
sie jetzt anpacken, nach denen man solange lstern war; die Hochstifte
waren die Zeugen des Niedergangs der katholischen Macht. Langsam, kaum
merklich waren sie in protestantische Hnde abgeglitten. Die trben Zeiten
waren vorbei. Unter den ligistischen Mitlufern des Kaisers hrte das
Geraune nicht auf, als das Gesicht des Krieges sich unverhllt zeigte,
lchelnd gegen die Wallensteiner, finster gegen den Dnen. Man zog den
Kaiser nicht ins Geheimnis, plante mit Ansprchen an ihn heranzutreten als
zu einer Kompensationsforderung bei seinem Machtzuwachs. Die feinhrigen
Herren in Wien fingen ihnen das Wasser ab, besnftigten die Wut und das
Widerstreben gegen das Vorgehen des Friedlnders, indem sie die Rckgabe
jener Stifte als mgliches Zugestndnis des Kaisers in Aussicht stellten,
nach dem Siege, nach dem Siege. Sie wurden kirr; inzwischen konnte
ungehindert der Kriegswagen des eisernen Bhmen ber Niederdeutschland
fahren. Wenn erst der Bhme und mit ihm der Kaiser in Glorie und
Furchtbarkeit flammen werde, werde die Verhandlung ber jene Ansprche ein
andres Ansehen bekommen, wie man wnschte: dachten die Rte.

Die geistlichen Herren traten einzeln und in Gruppen in Wien auf; vor dem
Reichskammergericht erschienen ihre Abgesandten, vor dem Reichshofrat.
Klein war ihr Rechtsgepck, um so schwerer; es war sicher nach den
Friedenssatzungen des vergangenen Jahrhunderts, da zahllose Gter Erz- und
Hochstifte sich in falschen Hnden befanden, -- wenngleich inzwischen Land
und Herrschaft protestantisch geworden war. Aber der Kirche war ihr Besitz
entrungen, ihr war nach dem Buchstaben Unrecht geschehen, wie einem Kranken
Unrecht geschieht, der nicht essen kann und dessen Speisen unterdessen die
Gesunden schlucken. Erregter wurden die Forderungen der Prlaten, je mehr
der Hof an sich hielt; Prmonstratenser verlangten ihre Klster im Erzstift
Magdeburg wieder, kaum wre noch der kleinste Teil der Menschen dort
katholisch; Benediktiner regten sich. Unverzglich, schrien sie in Wien vor
den Kammern -- und um so hitziger, als die Pracht um sie zeigte, welche
Summen aus den eroberten Lndern herflossen --, sogleich sollten jene
unbefugten Inhaber die Gter ausrumen und abtreten, samt allen noch
vorhandenen Fahrnissen; durch Nachlssigkeit der Geistlichen, durch List
und Gewalt der Ketzer sei ihnen ihre Habe entzogen, tausend Seelen um
ewiges Heil gekommen. Wie Glubiger schwirrten sie um die Wiener Burg,
schnarrten vor dem ernsten trumenden Kaiser. Er verlangte sie nicht vor
sich, als ihm Frst Eggenberg von dieser Bewegung unter den Altglubigen
erzhlte: Ich bin nicht Kaiser fr die Benediktiner und Prmonstratenser.
Ein zhes btlein, Kaspar geheien, von dem Prager Kloster Strahow,
verstand es, sich einzuschmuggeln, prahlend von seinem verlorenen Kloster
Sankta Maria zu Magdeburg zu schwadronieren, auch von den Klstern
Gottesgnad und Jericho im selben Erzstift, bis Ferdinand ihm seufzend ein
Zettelchen bot, das eine Anweisung auf den Geldbetrag dieser Klster
darstellte. Damit war Kaspar nicht zufrieden; Prlaten, die davon erfuhren,
sahen darin nur ein Zeichen des kaiserlichen Widerstands. Abt Anton von
Kremsmnster war Benediktiner, wute von skularisierten Gtern seines
Ordens; er wandte sich an Eggenberg um Hilfe. Die beiden alten Freunde
lchelten sich an: Ich will Euch nur wiederholen, was die Majestt zum
schlauen Kaspar sagte --, da sie nicht blo Kaiser der Mnchsorden sei.
Antonius meinte, es knne doch niemand durch Ausfhrung von
Rechtsbeschlssen geqult werden, die Leidtragenden seien Ketzer, Rebellen.
Eggenberg hob die Hand: Er will nicht. Er wird wollen, Eggenberg. Man
kann es verschieden ansehen, man kann aber auch sagen: es ist nicht schn,
am vollen Tisch tafeln und andere hungern lassen. Es ist nicht so, Ihr
verkennt ihn. Ich wei, es ist nicht so. Aber wir wollen tafeln.

Und die andern schrien nicht mehr Hunger, sondern schon Rache an den
Protestanten fr die Ablsung jener Stifter und Gter. Der hitzige Abt von
Strahow sprach offen aus: Die Kirche habe in der Agonie gelegen vor
Jahrzehnten, da sei das Luthertum ber sie hergefallen und habe sie
ausgeplndert; Leichenraub sei geschehen; das Unrecht mu beseitigt werden,
Strafe mu folgen. Mit Strahow sprach ein Profo der Jesugesellschaft in
Wien, sie gingen vor einem wachsenden Klosterneubau hin und her; der Jesuit
lobte den Eifer des Abtes, lobte seine Argumente, fand sie nur
unvollstndig. Und den sehr erstaunten Abt beglckte und strkte er mit dem
Hinweis, zum Leichenraub gehrten zwei, einer der stirbt, und einer der
lebt. Ist es ein Verbrechen des Luthertums gewesen, da es damals lebte;
ist es ein Ruhm der heiligen Kirche gewesen, da sie fast hin war? Wenn
Unkraut auf dem Acker berwuchert, kann das Korn nicht gedeihen; wenn das
Unkraut ausgerissen ist, findet das Getreide Platz: da ist Recht und
Unrecht. Nicht beim Unkraut und Korn, wohl aber beim Grtner und Bauer. Die
Kirche hat Grtner gehabt, die ihre cker nicht gepflegt haben. Jetzt werde
man alles nachholen und sich nicht hindern lassen. Heraus mit dem Unkraut;
Raum fr das blhende Getreide.

Die Kirchenherren erreichten, da der Abt von Meggau sich an den Herzog von
Friedland mit einem Schreiben wandte, was er der Majestt rate und welche
vermutlichen militrischen Folgen sich aus einem Zugestndnis ergeben
wrden. Der Herzog sa in Wismar, organisierte eine deutsche Kriegsarmee
gegen Dnemark und arbeitete der drohenden schwedischen Invasion entgegen.
Er gab schriftlich von sich, da man ihn nicht mit Politik befassen mge.
Herr von Strahlendorf, Frsprecher der Rckgabe im Geheimen Rat, drang in
das Wismarer Rathaus ein. Was, fragte Friedland verrgert den edlen Herrn,
an dieser Angelegenheit denn so wichtig wre, da man einen besonderen
Befrager an ihn entsende. Als Strahlendorf mit Wrme dargelegt hatte,
welches Unrecht der Kirche geschehen sei, schlo der hagere General kurz
und den Herrn an die Tr drngend, die Kriegstage erlaubten ihm keine
langen Debatten; gehrten die fraglichen Gter der heiligen Kirche, so
wrde das Reichskammergericht das Urteil fllen; er kme nur fr die
Exekution in Frage. Erst bei den stockenden Bemerkungen des langen Grafen,
da der Kaiser nicht recht fr die Sache zu haben sei, wurde der General
aufmerksam, warf seinen schlauen stechenden Blick. Er lie seinen Freund,
den jovialen Arnim von Boitzenburg, in das Zimmer rufen und fragte ihn, den
Protestanten, in Gegenwart des kopfsenkenden Grafen, ob er Lust htte,
Magdeburg fr die Katholiken zu erobern. Und auf das Erbleichen des Mannes
und sein unsicheres finsteres Hin- und Herblicken; gab er ihm die Hand:
dies sei ihm nicht zugedacht von ihm, dem Herzog, sondern -- irgendwoher,
wo man anscheinend Hunger htte nach dem Rind, aber keine Leine, es zu
fangen. Er mge nicht beunruhigt sein, fr dies Rind htte er auch keine
Leine. Dies sei, schmhte er nach der Entlassung Arnims gegen Strahlendorf,
seine Antwort an ihn: der Krieg habe nichts mit Religion zu tun, man mge
nicht Schwierigkeiten machen. -- Aber er sei doch Katholik, hob nach langer
Pause der Graf den Kopf; ob er es nicht fr billig ansehe, Vorteile, die
sich aus der Kriegslage fr die Religion ergben, zu benutzen. -- Man
denkt vielleicht wieder, sagte der General, mir einen Knppel zwischen
die Beine zu werfen. Wenn ich katholisch bin, ist es meine Sache; mag den
Herrn nicht scheren. Ich lause Rebellen in derselben Weise, ob sie
katholisch oder lutherisch sind. Darauf wiegelte sehr ruhig Strahlendorf
ab, es sei nur eine Anfrage gewesen, die er nicht verbeln wolle; es gbe
in einem Reich vielfache Interessen, regten sich viele Wnsche. Mitrauisch
betrachtete ihn Wallenstein in der Nhe: Der Kaiser ist wohl dem und jenem
zu stark geworden. Mchten ihn etwas zwicken. Mchte wohl auch der und
jener im Trben fischen. La er sich nicht zum Werkzeug verkappter
Schelmereien machen. Strahlendorfs Abschied war nicht gndiger als sein
Empfang.

Man will ihm an den Kragen, streckte Friedland die Arme ber sich am
Fenster, als Arnim nach Strahlendorfs Abschied wieder eingetreten war. Sie
wollen ihn unter den ppstlichen Hut drcken. Er ist ihnen zu gro, schon
jetzt viel viel zu gro.

Fhle sich Herzogliche Gnaden nicht durch mich gebunden oder beengt in
ihren Entschlssen. Arnim kann in Boitzenburg seinen Kohl bauen, oder bei
den Polen fechten.

Es liegt nicht an Euch, Herr Bruder. Hab' er vielen Dank. Man will ihm an
den Kragen, dem Kaiser. Das ist es.

Er stieg durchs Zimmer: Sieh da, sieh da, die Liga lebt noch. Man wird den
Herren den Kopf vor die Fe legen mssen.

In Rom residierte im goldenen Vatikan ein Panther, Maffio Barberini, der
achte Urban. Man konnte nicht sagen, er verstnde seine Zeit nicht. Zur
Macht war er gekommen, indem er beim Konklave beiden Parteien schwor, er
sei der Todfeind des andern. ber den Eingang seines Theaters schrieb er,
er denke nur an die Sicherheit der Kirche. Vierzigtausend Mann konnte er
aus dem Rstzeug des ppstlichen Arsenals bewaffnen. Das Castell Franco
baute er an der Grenze des Bolognesischen, armierte in Rom Sankt Angelo. In
Tivoli arbeitete seine Waffenfabrik. Er wollte statt marmorner Denkmler
eiserne. Als jenseits der Alpen der Krieg auf die Hhe stieg, erneuerte er
die Nachtmahlsbulle in coena domini, verfluchend Ketzer, Hussiten,
Vicklifiten, Lutheraner, Zwinglianer, Calvinisten, Hugenotten, Trinitarier,
Wiedertufer und die Meerpiraten. Zerschmettert sollten die deutschen
Ketzer werden, die gestohlene Habe ihnen wieder entrissen werden und der
Kirche zufallen.

Schon whrend der militrischen Aktion erklrten seine Gesandten am Wiener
Hofe, die Kirche verlange, wo die Macht des Kaisers, des Kirchenvogtes,
dazu ausreiche, da Anstalten getroffen werden, ihr zu ihrem rechtlichen
Besitz wieder zu verhelfen. Witzige Gesellen am Hofe lachten: Wallenstein
sollte marschieren, um dem Papst Magdeburg Halberstadt und die anderen
deutschen Stifte wiederzuerobern. Es bedurfte nicht des Lamentos der
Ligisten, der entrsteten Hinweise des bigotten Grafen Strahlendorf, um
einen Sonderlegaten nach Wien zu rufen, als die Glocken den Sieg in den
Straen luteten. Schon bereiste eine geheime ppstliche Kommission die
besetzten Gebiete und das brige Deutschland, um fr Urban die kommenden
Einknfte abzuschtzen; er hatte vor, mit diesem Gelde die Grenzen des
Kirchenstaates vorzurcken, die Liga gegen den gefhrlich bermchtigen
Kaiser zu untersttzen, Frankreich gegen Spanien zu helfen. Dem abreisenden
Nuntius blies Urban bei verschlossener Kammer in die Ohren: Die Kirche hat
nie frmmere Frsten gesehen als die deutschen und den Kaiser Ferdinand.
Das wei ich. Aber es wre schrecklich, wenn sie nicht die Frmmigkeit
besen. Schlielich rechtfertigt nur der Glaube ihre Entsetzlichkeiten und
schamlosen Rubereien. Der Kaiser mag uns bitten, die Stifter anzunehmen
und auf Ersatz der verlorenen Jahre zu verzichten; wir werden erwgen, ihm
einen Anteil am Ertrag, ihm und der Liga, zuzugestehen. Verget nicht,
einmal die Bemerkung hinzuwerfen: Ihr httet von mir das Wort gehrt, die
Welt verlre ihr Gleichgewicht ohne Frankreich, und damit verbeugt Euch vor
Habsburg; man wird Euch verstehen. Im brigen liebe ich Frankreich nicht
mehr als Deutschland; der Tisch der Kirche ist gro genug fr viele
Kinder.

Und zu seinem Unwillen wurde Ferdinand aus Wolkersdorf durch Boten
Eggenbergs nach Wien berufen; es sei eine feierliche ppstliche Nuntiatur
eingetroffen, die in besonderer Sache empfangen zu werden begehre. Im
spanischen Saal, matt in den Armlehnen hngend, wie ein Wundervogel ohne
Begierde durch die Kfigstangen den Schnabel steckend, hrte Ferdinand
milde und still neugierig den vor groem Gefolge im Kardinalspurpur
gestikulierenden Italiener an. Noch einmal lie ihm der Heilige Vater und
nun mndlich Glck zu dem Siege wnschen, dessen Gerchte den Weltball
erschtterten. Es sei durch die Frmmigkeit und Tugend Habsburgs
vornehmlich geschehen, da sich die trauernde Kirche aus ihrem Jammer
erhoben habe und nun majesttisch um sich blicke, die Braut Christi, die
ein ses und dankbares Lcheln denen spende, die ihr Schwerttrger gewesen
waren. Dies aller Welt zu verknden in feierlich offener Audienz sei dem
Papst Urban Herzensbedrfnis. Mgen auch die noch nicht Unterworfenen und
unter das Schwert Gefallenen wissen, wessen sie sich zu vergewrtigen
haben, wofern sie in Starrsinn verharren. Die Heilige Kirche aber stehe
nicht an, ihre Freude zu uern, wo sie ihre Kinder wieder um sich sammeln
wolle, die heimtckisch von ihrer Hand gerissenen Hochstifte und Klster,
die sie mit Jubel an ihr Herz drcke, alles Vergangene vergessend. Sie
nehme sie entgegen aus der Hand des kaiserlichen Hauses, dem sie im Glck
ihrer Brust keinen Vorwurf ber den erlittenen Verlust mache.

Zugegen waren bei dieser Audienz fast alle Herren des Geheimen Rats, die
Gesandten Bayerns, Kursachsens, die Vertreter der geistlichen Frsten. Sie
hatten maskenhafte Gesichter, mit keiner Bewegung ihre Anteilnahme
verratend. In Ferdinand zog sich, whrend er zuhrte, ein grliches Gefhl
zusammen, das ihm den Mund verpappte, sich mit Hitze und Beengung auf ihn
legte. Er sollte berfallen werden. Man berfiel ihn: man wollte ihn vor
die vollendete Tatsache stellen, da das Reich geplndert wurde. Ihn, den
Kaiser; sie wuten, da er es nicht zulassen wrde. Man wollte ihn zum
Erwachen bringen. Er war berflutet, nicht imstande, seitlich zu ihnen
hinzublicken. Bestrzt reichte er dem stolzen tnenden Kardinal die Hand.

Was war das? Was war das? flsterte er, in sich verwirrt, auf den
Korridoren. Er sa kaum eine halbe Stunde, als Eggenberg und Trautmannsdorf
angemeldet wurden, whrend er selbst auf die Mantuanerin wartete. Der
Habsburger, noch im groen Ornat des Empfangs, in die Ecke eines Armstuhls
geschoben, ber dessen Lehne Purpurmantel und Schrpen bauschig
herabfielen, als gehrten sie nicht zu diesem Manne. Seine Kammer halb
dunkel.

Als sie eintraten, machte er, ohne die Arme zu bewegen und sich
aufzurichten, ohne sie anzusehen, wagerechte Striche mit den bedeckten
Hnden, hauchend: Nicht sprechen. Nicht ntig. Der Besuch ist geschenkt.
Die beiden, erschttert, wie er im Audienzornat, wollten unter Verneigungen
auf dem Teppich nher treten; er winkte gleichmtig weiter: Ihr strt
mich. Nehmt an, ich htte euch schon angehrt. Ich billige eure Argumente.
Es ist gut. Eggenberg: Wir haben keine Argumente. Wir wollten eine
Erklrung abgeben. Empfangen. Danke. Die Herren sind entlassen. Der
schmerzbewegte Frst: Was haben wir verschuldet? Ich erwarte die
Kaiserin. Ich danke. Er strich immer weiter vor sich in die Luft.
Trautmannsdorf grub sich die Ngel in die Handteller: Auf die Gefahr, den
Zorn der Majestt herauszufordern: wir sind nicht schuld. Den Satz mu ich
gesagt haben. Fast mitleidig drehte sich ihm der Kopf Ferdinands zu, die
linke Hand fuhr leicht in die Hhe: Welchen Satz? Da wir nicht schuld
sind. Der Kardinal hat uns blogestellt. Wie sonderbar. Eine feierliche
Danksagung an Eure Majestt, die berbringung des ppstlichen Segens war
verabredet. Wortlos, ohne seine Lage zu verndern, lie der Kaiser
minutenlang von einem zum andern seine weien Augen gehen: Was wollt ihr
mir erzhlen. Eggenberg, mit tiefer, wutzitternder Stimme: Es ist ntig,
beim vatikanischen Stuhl zu protestieren in aller Form, wie der Kardinal
hier verfahren ist. Gegen den Anstand, gegen Treu und Glauben. Das wollt
ihr mir erzhlen. Eggenberg standen die Trnen in den Augen; voll
Bitterkeit sah er auf den Boden. Der Ausdruck des Kaisers vernderte sich,
seine Stimme klang entspannter: Graf Trautmannsdorf, es ist wahr, man hat
euch bertlpelt? Es ist ein schwacher Ausdruck fr das, was vorgefallen
ist. Und ihr beide und andere? Vor uns hat der Kardinal geredet, ohne
da wir uns dessen versehen konnten. Er wollte, er hat erreicht -- Gut,
Graf Trautmannsdorf.

Der Kaiser bog den Kopf zur Zimmerdecke, gerade auf das goldene hohe
Kruzifix, sein Gesicht wurde wieder gleichmtig; wie er den Kopf gegen die
Schulter ablegte, atmete er erleichtert. Mich freut, da ich nicht allein
berrascht bin und da ihr meine Freunde seid. Da ihr nichts gegen mich
gewollt habt. Wahrhaftig, Eggenberg, httet ihr wieder mit mir so getan wie
vor einiger Zeit, so htte ich -- der Kaiser sprach sehr leise, versunken,
monologisch -- kaum noch Lust gehabt zu irgend etwas. Es htte mich genug
gedeucht hier. Ich dachte vorhin: dieser Tag, mich auf meinen Heiland zu
besinnen, sei heute gekommen. Gegrollt htte ich euch nicht --, qualvoll
war es nur fr einen Augenblick. Geht. Ich danke euch.

Die Herren traten zgernd nach Verneigungen ein paar Schritt zurck. Dann
bat, hingewandt, Eggenberg um Vergebung; was man tun solle, sachlich; wie
sich die Majestt zum Heiligen Vater und zur Stifterfrage stellen werde. Es
sei genug, uerte der Kaiser erst, den Kopf in die linke Hand gesttzt.
Dann mit verhauchender Stimme: den Heiligen Vater respektiere er immer; er
habe ja Vollmacht, zu lsen und zu verdammen; worum handle es sich? Um die
Stifter --; er werde auch darber nachdenken.

Dann kam sie hinter den Damen und ihrem Obersthofmeister, die sich
ehrfrchtig zurckzogen. Sie half ihm aus den schweren Prunkmnteln und
Schrpen heraus. Schwer lie sie die Stoffe auf den Teppich rauschen. Er
sa noch erschpft, die linke Hand den Kopf sttzend, sprach wenig. Ich
denke, sagte er, als sie ihn bedrngte, unser Leben ist nicht lang. Ich
wre heute bald aller Schwierigkeiten Herr geworden. -- Ich wre,
flsterte er spter, bald so gegangen, wie mein spanischer Vorfahr, der
fnfte Karl. -- So durchschauert hat es mich. Bleich, langgezogen das
tieflinige Gesicht, aufgerissen Mund und Augen, suchte sie mit ihrer linken
Hand seine rechte, die zwischen seinen Knien hing, zu fassen: Du wolltest
ins Kloster. Sie krmmte sich auf ihrem Stuhl, sie schlug ringend die Arme
zusammen: O, du hattest recht, Ferdinand. O, hattest du recht. Sie
schlang ihren linken Arm um seine Schulter, er lie sich zu ihr
herberziehen, still sie anschauend, deren Augen fast delirierten: Es gibt
nichts als den Himmel und Maria, Jesus, die Heiligen, Ferdinand. Wir knnen
nichts weiter tun, als uns zurechtmachen fr die Seligkeit. O, wie freue
ich mich, da du sie finden willst. Ich bin glcklich bei dir, mein Leben.

Er lie sie sprechen und stammeln. Seine innre, wie wartende Ruhe wurde in
diesen Tagen selten unterbrochen. O, gib nicht nach, Ferdinand, flsterte
sie, sich ber ihre Knie werfend, sei da, wenn es dich ruft. Ich will bei
dir sein.

Ferdinand zog das linke Augenlid hher. Er betrachtete sie von der Seite
her, rief sie an. Er rief sie nochmal an. Verloren schob sich die
Mantuanerin auf. Eleonore, willst du mich anhren? Dies ist ja vorbei. Es
ist an mir vorbergegangen fr jetzt. Man ist an mich herangetreten mit
Vorschlgen. -- La mich das berlegen mit dir.

Ich kann nicht. Verzeih' mir.

Was hat man von mir gewollt? Schlechtes und Niedriges sollte ich dulden.
Es knnte ihnen passen. Ja, ich gefalle ihnen nicht.

Willst du mir verzeihen, Ferdinand, da ich dir nicht folgen kann. Rufe
den Beichtvater, oder, es soll ein ppstlicher Legat am Hof eingetroffen
sein: er wird dir helfen.

Er wird mir helfen! Warum ist er gekommen und hat diese Szene gemacht. Ich
will daran nicht denken. Er wollte Lnder. Sie sind habschtig, wagen sich
an mich heran.

Der Papst hat von dir Lnder verlangt? So gib sie ihm doch. Freue dich,
da er sie verlangt.

Ich habe den Krieg gewonnen durch die Gnade des Himmels, durch tausende
Gebete und Frsprachen. Jetzt soll ich zeigen, ob ich's verdient habe. Ist
er nicht wie der Versucher, der Papst? Ich habe meine Macht begrndet durch
die gttliche Gnade, jetzt will er mich locken, ungerecht und ruchlos zu
sein.

Ferdinand, von wem sprichst du! So freu' dich! Gib! Gib mir, da ich
schenken kann! Ferdinand!

Ich hab' ja nichts zu schenken, Eleonore. Ich besitze selbst nichts. Je
mehr ich Kaiser wurde, um so mehr wurde von mir genommen, liegt nun da. Ich
hab' es alles zu verwalten, gut zu versehen, recht abzugeben. Ja, ich
verfge ber nichts. Ich bin ganz arm, Eleonore.

Schenk' mir. Sprich nicht so. Ich brauch' es, ich bedarf es. Willst du
nicht meiner gedenken, bin ich nicht deine Eleonore, die du aus Mantua
geholt hast? Und ich will es ihm schenken, dem Heiligen Vater.

Bist du nicht die zweite Versucherin, Eleonore? Und dir wrde ich noch
eher nachgeben.

Sie sa pltzlich steif, spannte ihr Gesicht; klar und ernst: Ich wei, es
gibt einen Versucher, dem du nachgeben wirst, weil er dich zwingt. Das bist
du. Wenn es auf mich fiel, knnte ich nicht widerstehen. Wo es dich
getroffen hat, kannst du nicht anders. Ich wei es.

Du weit das?

Abweisend artikulierte sie: Ich wei. Du kannst dich nicht entziehen. Du
hast sowenig eine Wahl wie ich.

Wir sind fromm. Wir haben nichts verbrochen. Warum sollte ich nicht whlen
knnen?

Versuche.

Er fixierte sie, wie gestochen: Ich -- regiere.

Versuche.

Wer kommt, um zu stehlen, findet mich und meinen Schwerttrger.

Versuche.

Das heit: ich sei noch nicht Kaiser?

Sie drehte sich zu ihm, warf sich ber sein Knie: Es heit, da es damit
nicht genug ist. Sei Kaiser, sei nicht Kaiser: ich will dich so nicht. Komm
mit mir. Sei mein Begleiter -- zu Maria.

Ferdinand hatte seine stille erwartende Miene wieder: Du darfst mich nicht
verwirren, Eleonore. Wir drfen uns nicht erregen. Man hat versucht, mir
Lnder mit Gewalt zu entreien. Daraus spricht ein schlechtes Gewissen. Ich
vergesse darum nicht, was ich der Heiligen Kirche schuldig bin und wieviel
ich ihr gerade zu danken habe.

Sie hngte sich an ihn, als er mhsam aufstand und die Arme, als wenn sie
steif wren, schaukelte, zweifelnd ngstlich: Gib mir nach. Bald.

Nein, schrie sie bald darauf verzckt, tu, wie du willst. Ich will dir
nicht raten. Nichts will ich geraten haben. Tu. Tu wie du willst.

                   *       *       *       *       *

Whrend die Geheimen Rte warteten, was Ferdinand beschlieen wrde, wurden
sie berrascht von der Nachricht, da Befehl zur Abreise von Wien gegeben
sei. Der Oberstallmeister besttigte, von der Kaiserin selbst den Befehl
erhalten zu haben. Und so hatte sich Ferdinand in der Tat in einem Zustand
unbezwinglichen Grolls, zwangsartig sich steigernden Abscheus, dazu auch
einer Furcht entschlossen: wegzugehen von Wien, in Wolkersdorf sich
einzuschlieen und nicht zuzugeben, wie er von dem Wege der Kaiserlichkeit,
auf dem er ging, abgedrngt wrde. Er kniff die Augen zu, spie: er wollte
sie alle nicht. Er suchte instinktiv die Verdunklung wieder, in der er sich
befunden hatte; in dieser Dunkelheit ging sein Weg. Er strubte sich
gleichermaen gegen den Nuntius, wie gegen seine Rte, wie gegen dieses
Wien berhaupt, diese Dichtigkeit der Huser um ihn, dieses Zudringen und
Bedrngen, diese Stimmen an allen Seiten der Burg.

Da wagte es der ppstliche Nuntius, ein Mann, der die Person des Kaisers
nur von der Audienz kannte, sich gegen die Warnungen in seine Kammer zu
begeben, nur gedenk seines Auftrages, und es gelang ihm, den Kaiser, der im
Reisemantel ihm befremdet entgegenblickte, zu bewegen ihn anzuhren.
Widerwillig, stumm setzte sich der Kaiser auf den Sessel, von dem er eben
widerwillig aufgestanden war, gedrngt, fast mit Pein, lie er seinen
Krper auf das Holz nieder, von dem er sich eben freigemacht hatte, drckte
den hutbeschatteten Kopf auf die Brust, schob die Arme auf dem Scho
gegeneinander, schwieg. Mit einer stummen Bereitwilligkeit harrte er,
horchte, was da gebraut wurde, blickte gelegentlich scheu den dozierenden
roten Menschen an, den Arm, der ihn hier zurckgedrckt hatte.

Er lie ihn spter wissen, er werde bald ber den kaiserlichen Entscheid
informiert werden. Er war herausgefordert, er wollte sich entschlieen. Man
sollte es fhlen, sie wollten ihn in ihre kleinlichen Zweifel einmengen. In
die Schreibstube seines Sekretrs lie er sich fahren, Schrecken
verbreitend, diktierte augenblicklich, kaum eine Stunde nach der
Verabschiedung des Italieners, er begehre Gutachten vom Geheimen Rat und
Hofrat noch einmal ber die Angelegenheit der Stifter. Sie sollten zeigen,
wer sie sind.

Dann in die Gemcher der Mantuanerin. Ihre Damen sahen sie neben dem
Habsburger, ihn belauschend, sich an ihn heftend wie eine Spinne an eine
graue Mauer. Er blieb in Wien.

Nach zehn Tagen wurden die klaren harten Worte des Herzogs durch den Oberst
Neumann vor ihn gebracht. Der Plan wurde darin als albern bezeichnet, man
solle ihn abweisen. Der stille Kaiser hielt das Blatt geknllt stundenlang
vor sich, ohne es zu lesen. Der Nuntius des Papstes! Der Papst Urban! Die
Mnche! Die Kurfrsten! Was wollten die, was wuten sie! Gegen diesen,
gegen den Herzog! Da lag der Friedlnder mit seiner Armee ber dem Reich,
erdrckend ja, aussaugend ja, keine Gewalt sollte ihn daran hindern, so zu
tun wie er wollte: das Reich platt hinzulegen. Sie sollten alle
verschwinden, die gegen ihn meuterten. Wie ging der finstere Mensch, der
Friedlnder, gnadenlos durch das Reich. Wie der Kaiser sich ber seinen
Leib bckte, zerri ihm die Lust die Eingeweide; es wogte ber die Haut
seiner Hnde, seines Rckens, ein khler Schauer lief ihm ber Wangen und
Mund; er zitterte, prete sich zusammen und geno es, was ihn schmerzhaft
wild berfiel. Er lachte hei und gequetscht aus sich heraus. Er versteckte
das Papier Wallensteins an seiner Brust, ehe er aufstand und sich den
irrenden fragenden Augen der eingetretenen Mantuanerin darbot. Sie war
selbst so erregt ber sein freudiges Gebaren, als er davonging, da sie auf
dem roten Teppich hinkniend, allein in der Kammer, leise kreischte und
kicherte.

Es erfolgte damals der erste Versuch des Frsten Eggenberg, die Macht des
Kaisers auf andre Schultern zu sttzen als auf die Wallensteins; nach der
berrumpelung durch den Nuntius begriff er rasch: man konnte mit dem
Geschenk der Stifter sich eine Zahl ligistischer Herren gewinnen und sie an
den Gefahren der Situation beteiligen. Eggenberg sa neben Ferdinand in den
anberaumten Besprechungen, den weien kleinen Spitzbart an den steifen
Mhlsteinkragen andrckend, klein, die hohe Stirn steil runzelnd, das
weinrote Gesicht gestrafft, nicht gewillt nachzugeben. Er fhlte, da man
dem Kaiser wehe tun mute, aber es war ihm von Tag zu Tag seit den Siegen
mehr, als wenn nicht dieser gelbliche Herr unter dem blauweien Baldachin,
sondern er verantwortlich wre fr die Dinge. Dieser Kaiser konnte sich
struben, das Haus Habsburg stand in Gefahr; ein liebes Kind war Ferdinand,
der Heiland mge geben, da diesem Herrscher Schlimmes erspart bliebe. Er
war Ferdinand innig verbunden, sein Brautwerber und Vater war er gewesen;
er begriff die Fascination Ferdinands durch den monstrsen Herzog. Das Haus
aber durfte durch den Kaiser nicht erschttert werden. Die Rte, die
herumsaen, stumm, lippenbeiend, hatte er fr die Stiftersache gewonnen;
sie waren im Machtrausch, die Abgabe von Geschenken an den Papst und wen
sonst schien ihnen belanglos. Die Unterhaltung zog sich stockend hin, der
Kaiser lie sich hinausfhren.

Welchen Rat gibst du mir? fragte an der Tr ihrer Kammer Ferdinand die
Mantuanerin, die er umarmte, an der er sich versteckte. Glcklich bog sie
sich, erschauernd, an ihm; sie suchte ihm ins Gesicht zu blicken, aber er
drckte die Stirn noch tiefer vor ihr: Du wirst es ja wissen, ich habe fr
dich gebetet, jubelte sie.

Scheuer betrachtete und betastete Ferdinand das zerknllte Schreiben des
Friedlnders, das er in seinem Grtel trug. Er hatte seiner Glubigkeit und
Frmmigkeit, der Frsprache der Heiligen Kirche seine Macht zu verdanken.
Die Lnder, die sie verlangten, unterlagen seiner Obhut, sie durfte er
nicht als Beutestcke weggeben, er strubte sich dagegen, wtend, jh, von
seiner Kaiserlichkeit einen Titel abzugeben. Aber sie gewannen ihm Boden
ab, indem sie sich mit den Generalen gleichstellten, die er auch beschenkt
hatte. Die Heilige Kirche verlangte ihren Sold. Wie ihn die Gesandten der
Liga und des Papstes bedrngten, fiel es immer schwarz in ihn: Man will
mich schwchen, man will mich schwchen, ich seh' es.

Und einmal fand er sich vor dem Papier, das die Worte albern und frech
enthielt, in einem zuckenden Schmerz; ein Flstern in ihm: Ich mu dir weh
tun, verzeih es mir, es mu geschehen, denke nicht schlimm von mir. Unser
Seelenheil verlangt es. Du weit es nicht. Sei gut, sei gut.

Dann legte er es vor Eleonore: Sie sollen die Lnder haben.

Eleonore starrte ihn aus ihren inbrnstigen Augen an: Wie ich dich
beneide, Ferdinand, da dir diese Wahl gegeben ist. Er lachte sie finster
an. Ich danke dir herzlich. Die Frau drngte sich unheimlich in seine
Seele, in seine Entschlsse.

Der Kaiser aber, welk und tief gereizt, wie er dieses knisternde, aus allen
Balken brennende Leben neben sich fhlte, hatte das wilde Begehren, ihr
etwas anzutun, sie auflodern zu sehen, leiden zu machen. Der Wunsch, Bses
zu tun, war in ihm erwacht, der Zwang hatte in ihm das Gefhl der Rache
hinterlassen. Tosend gab er nach. Zwischen den Zhnen knirschte er; whrend
ihm der Schwei auf die Stirn trat und die Augen in graue Hhlen
zurckfielen und er ihre linke dnne Hand rieb: Ich will dem Heiland
zuliebe nichts versumen; was ihm zu Ehren ist, wird mich leiten. Sie
krallte sich an ihm fest und sthnte. Ja, seufzte er, hingeworfen mit ihr
betete er, dann umschlangen sie sich.

In der Nacht lie er einmal die Kaiserin rufen. Grimmig empfing er sie:
Bin ich wieder so weit, da ich nicht wei, wen ich rufen soll? Meine
Narren, den blden Grafen Paar? Blick mich nicht an.

Was ist? weinte sie ber seinem Bett.

Da du zu frh triumphierst. Es ist die Spekulation, da ich es nicht
wage, den Friedlnder zu rufen. Und ich rufe ihn, ich rufe ihn doch.

So tu es doch. Sie war hilflos.

Er soll kommen, sag' ich Euch. Die Augen werden Euch bergehen. Er soll
Euch in Eisen schlagen, weil Ihr Euch vergreift an mir.

Was hab' ich dir getan?

Widerwillig legte er sich zurck: Nichts, nichts, beim Heiland, nichts.
Ich bin verloren, verkauft. Weiter nichts.

Das war wieder der Fremde. Sie stand auf. Wohin willst du? fragte er
hhnend.

Sie kniete vor seinem Kruzifix.

Tage gingen hin; tglich marterte sich lange Stunden der Kaiser im Gebet
neben der Mantuanerin. Lamormain, der groe Beichtvater, trat an ihn heran.
Ferdinand erhob sich mhsam, verstrt aus den Andachten. Lamormain pries
den Kaiser, da er im Glanz des Siegerruhms den demtigen Glauben, den
kindlichen Gehorsam bewahrt habe. Die schmchtige Kaiserin lief, nachdem
sie rasch vor dem lchelnden hinkenden Jesuiten ein Knie gebogen hatte, aus
der Kammer mit strmischer Atmung. Mit lahmen Fen schleppte sich
Ferdinand an seinen Sessel, seine Hnde zitterten. Dumpf, leise sagte er:
Ich danke. Hing an den Lippen des Jesuiten, bckte sich in sich, fiel
zusammen. Beichtete ihm.

Dem Beichtvater gab er am nchsten Tage den Entscheid ber die Stifter: Er
sei mit sich zu Rat gegangen, habe Maria und die Heiligen fleiig und innig
angerufen. Durch die Gnade dieser Himmlischen sei ihm zuteil geworden, da
ein furchtbar schwerer Feldzug beendet, der einen glcklichen Ausgang bis
zur Stunde genommen habe. Sein Thron sei gefestigt worden, der erst so
unsicher war wie sonst etwas Irdisches. Nun habe man ihn angegangen um
Wiederherstellung kirchlichen Eigentums, das im Laufe der Jahrzehnte
verlorengegangen sei. Er htte sich schon frher dem nicht verschlossen,
da den geistlichen Gewalten ein Recht auf diese Gter zustand. Aber
trotzdem htte er sich gestrubt, um nicht neue Unruhen im Reich entstehen
zu lassen. Ihm sei gewi, da er nicht wohl daran tat, sich zu struben.
Die Kirche msse belohnt werden fr die unsagbare Hilfe der Gebete. Die
armen Seelen, die in jenen Stiftern den Ketzern anheimgefallen seien,
wiederzugewinnen, msse er sich bemhen als gottergebener Mensch,
geschweige als Kaiser. Ihm, seinem Beichtvater, msse er gestehen, wie er
geschwankt habe, sndig und zage. Er wolle von der Snde befreit werden.
Der Pater lchelte: Glcklich der Mensch, dem es verliehen wurde, seine
Macht zugunsten der Heiligen Kirche zu verwenden.

Papst Urban der Achte, an seinem goldenen waffenklirrenden Hofe umgeben von
Artilleristen Ingenieuren Landmessern Intriganten von Legaten Vizelegaten
Notaren, nahm in Gegenwart des franzsischen Botschafters die Meldung
seines Nuntius mit Freude auf. Er bezeichnete es im brigen als
Selbstverstndlichkeit, da diese Manahme des Restitutionsedikts getroffen
wurde, und schlielich als eine kaum verzeihliche Lssigkeit, da sie erst
jetzt getroffen wurde. Die Franzosen beglckwnschten ihn im Auftrag des
dreizehnten Ludwig, dessen Gevatter der Papst war. In Urbans Namen erklrte
dem deutschen Gesandten Paolo Savelli der Kardinalstaatssekretr Franzesko
Barberini, der Papst fhle sich durchaus nicht bemigt, eine
Dankprozession angesichts der Verkndung der Restitution zu veranstalten,
auch lehne er strikte ab, dem Kaiser die erste Besetzung der verlangten
Bistmer zu konzedieren. Was dem Heiligen Stuhl zustehe, hielte er fest.

Eggenberg hatte mehr fr den kaiserlichen Hof erhofft. Aber eisig kam aus
Rom die Nachricht, der Papst gedenke die Hlfte der Renten aus den neu
erlangten Stiftern der frommen Liga des bayrischen Maximilian zuzuweisen.
Fein lchelte darauf Trautmannsdorf den Frsten an, auch der Abt von Meggau
sah auf den Boden; aber jetzt hielt Eggenberg alle Blicke aus. Sehr fest
uerte er, ihn freue, ja freue die Nachricht; den Kaiserthron auf breiten
Fu zu stellen, sei sein Bemhen; man werde mit Bayern zusammenarbeiten
mssen, auf Bayern sich sttzen knnen. Zu welchem Zwecke -- Meggau
blickte vor sich -- haben wir den Herzog von Friedland gerufen?
Eggenberg: Ihr werdet es einmal lobpreisen, was ich sage; der Kaiser ist
nicht vom Teufel befreit, um dem Beelzebub anheimzufallen.

Die schmhenden Worte, die unverhllten Drohungen, die aus den
mecklenburgischen Quartieren an den Hof drangen, gelangten nicht an den
Kaiser. In unbestimmten Wendungen berbrachte ihm Graf Strahlendorf die
friedlndische Ansicht; verschleiert, ernst, mit stiller trchtig schwerer
Zrtlichkeit hrte Ferdinand den Bericht. Pltzlich fuhr er auf, warf
erregte Blicke, ging auf und ab: Wer ist dieser Friedland? Wie kommt er
dazu, mich mit der Heiligen Kirche in Widerspruch zu bringen? Wie kommt
irgend etwas dazu, mir mein Seelenheil zu nehmen? Er stand klein, mit
gequltem Blick vor dem sehr stolzen Grafen, schwitzte. Und wie als Bue
fr Vergehen gab er doppelten und strengen Befehl, der Kirche nichts
vorzuenthalten, weder an Gut noch an Seelen.

In diesen Tagen gab er das Edikt heraus, da in allen neu eingezogenen und
von kaiserlichen Truppen eroberten Gebieten der alte Grundsatz der
Glaubensfreiheit aufgehoben und beseitigt werde, als nicht vereinbar mit
kaiserlichen Pflichten gegen die Kirche; mgen die, die andern Glaubens
seien, die eingezogenen Lnder verlassen, dies sollte ihnen freistehen. Die
herrscherliche Frsorge und Verantwortung erfordere Anwendung des Satzes:
Wessen Land, dessen Bekenntnis; die Auswanderer htten den zehnten Teil
ihres Besitzes zu hinterlassen.

Wie zur Shne war das Edikt hingeworfen, und der Kaiser, von der fast irren
Freude der Mantuanerin umfat und gestachelt, sttigte betubte sich in der
bertreibung seiner Durchfhrung. Es dnkte ihm ein Glck, Vogt und Schwert
der Kirche zu sein. Und einen Triumph empfand er ber Wallenstein: er hatte
sich ber ihn erhoben, hatte ihn besiegt. Wallenstein war das Blinde,
Mechanische, das Schwert; der Herzog verstand nicht, da es noch etwas
anderes gab als die Unterwerfung von Lndern. Er war Meister ber ihn.
Herzlicher als vorher liebte er Wallenstein, der Gedanke an Wallenstein
machte seine Augen verschleiern, ein trunkenes Glcksgefhl schlug durch
seinen Leib; die Knie zitterten ihm manchmal, wenn er an Wallenstein
dachte. Er fhlte den Herzog sonderbarerweise noch fester an sich gebunden,
weil er ihn abgewiesen, gestoen und verwundet hatte. Wie ein warmer Dunst
schwelte in ihm das angenehme Gefhl: der Herzog rast jetzt meinetwegen, er
ist bestial, er ist ja ein Untier, er flucht mir, er mchte mich zerreien.
Zum Lachen schn war die Vorstellung.

Er lie sich melden, welche Manahmen getroffen seien, welcher Stifter man
sich bemchtigt habe. Wieder zogen vor ihn jammernde Abordnungen einzelner
Stdte und Hochstifter von protestantischer Religion, er nahm sie an, nur
um ber ihren Schmerz zu triumphieren und demtig die Anerkennung aus den
Augen und Mndern der Jesuiten entgegenzunehmen. Die Mantuanerin war
zugegen bei dem klglichen Schauspiel, sie genossen es gemeinsam als ihr
Werk.

Er hatte Maximilian von Bayern ganz vergessen. Er war der Kaiser, der es
sich gestatten konnte, im Reich das Vogtamt des Papstes zu vollziehen. Er
stand ber Wallenstein, seinem Diener und Untertan.

In diesen Wochen stieg das Geschrei vertriebener Familien zu tausenden
Malen aus sdlichen und nrdlichen Teilen des Reiches zum Himmel auf. In
Ruhe dehnten sich die Heere des Wallenstein ber die vielen Kreise; unttig
lagerten sie, zehrten die Habe der Landbevlkerung, das Vermgen der
Stdter auf.

                   *       *       *       *       *

Feiglinge, Lumpe, stinkige Jesuitenteufel, waren die Schimpfworte, die in
Gstrow und Wismar von der friedlndischen Tafel an die Wiener Adresse
gerichtet wurden. Der Herzog fluchte und haderte aber nach dem Edikt
auffallend wenig mit seiner Umgebung, die er sonst bei Verstimmungen stark
anfate. Der Vorfall arbeitete in der Tiefe in ihm. Er sah sich gereizt von
einer Clique, gegen die er nichts vermochte. Sie konnten ihm nichts
anhaben, er hielt den Kaiser in der Hand, aber sie waren da, sie wagten
sich sogar jetzt herauf, sie errangen etwas wie Erfolge. Ein schlimmes
Wesen, dieser Kaiser; schlapp bis zur Verchtlichkeit. Sie zogen und
zerrten an ihm. Man mute auf der Hut sein vor dem Volk; und er grimmte,
da er ihnen etwas abgeben sollte, was er nicht wollte.

Friedlndische Truppen hielten die Seekante besetzt, Kurbrandenburg war mit
Einquartierung niedergezwungen, von der Wetterau her hielten Regimenter
Kurmainz in Schach, aus der Eifel wurde Trier eingeschchtert, Kln war
ganz ohne Schutz, Sachsen fhlte den friedlndischen Stachel in der
Lausitz. Seinen Freund, den Marschall Arnim, beruhigte der Herzog ber den
Wisch, das Edikt; man solle den Maulwrfen und Schnapphhnen am Hofe den
billigen Triumph gnnen. Der Kaiser ist schwach, er ist in der Hand der
Memmen und Schelmen, die sich gegen mich nicht herauswagen. Es wird ihnen
nichts fruchten. Und zu einer fast komdienhaft schwachen Aktion stattete
er die gewnschte Aktion gegen Magdeburg aus, das er in Besitz nehmen
sollte; er gedachte an dem Feuer nur sein eigenes Sppchen zu kochen. Er
fragte noch einmal Arnim, ob er die protestantisch stolze Gemeinde fr die
Katholiken erobern wolle; und in der Tat stellte er dann Regimenter in das
Expeditionskorps ein, die zum groen Teil lutheranische Offiziere fhrten.
Sie fuchteln, hhnte der Herzog, mit ihrem Edikt in der Luft herum,
haben einen hlzernen Stiel und eine Klinge aus Pappe. Wir werden damit
spahafte Kriege fhren. Er verlangte von der Stadt die Einlagerung einer
Garnison; die Stadt lehnte es ab aus Furcht vor dem Edikt. Dann, nach
Verbung vielerlei Unbill, Scharmtzeln zwischen Kroaten, Fischern und
Roknechten, Aufbringung von zweitausend Schafen und allen Stadtschweinen,
Drohung mit Blockade, verhngte er eine Kontribution von zweihunderttausend
Talern, von denen ihm hundertfnfzigtausend sofort hinterlegt wurden; fr
den Rest brgte die Hansa. Die berraschten Syndici wurden bei einer
Unterredung versichert, das Edikt habe keinen Bestand, sie sollten sich
nicht frchten, Wallenstein auch in Zukunft nicht die Besetzung des
Elbpasses verwehren; die Zeit der Religionskriege sei im Reiche endgltig
vorbei.

Dann zog er sich nach Mecklenburg zurck; das Geld war sein.

Der Herzog lag lang mit seinen Armeen an der nrdlichen Seekante; er mute
sich des baltischen Meeres bemchtigen. Sein eigner Besitz, Mecklenburg,
forderte es.

Die ungeheuren Gter, die Tag um Tag der graue Wasserrcken trug. Von
Livland Hanf bundweise, Flachs in Fssern, Getreide. Aus Riga Wachs in
Schiffspfunden fr den Klerus, Wachs von der Wolga, Dna, ber Smolensk und
Polozk. Aus den Steinbrchen der finnlndischen Kste Leichensteine. Aus
Ruland Pelzwerk von Zobel Wolf Marder Vielfra Wiesel Hermelin Iltis
Biber. Garn aus Stettin, geknotetes Gut, hamburgische, brggesche,
wittstocksche, ratzenburgische Laken. Auf diesem meilenweiten, scheinbar
leeren Wasser, das niemandes Land war, fuhren stndlich die kostbarsten
Waren der Welt, der Reichtum der Menschen: das riesig bezahlte Salz nach
Abo Wiborg Narwa; Travesalz, Salz aus Lneburg, Oldesloe, grobes,
ungesottenes Bayernsalz, schottisches, franzsisches Salz; Fleisch Speck
Malz Tabak Messer Kartenspiele Leder Leinen; die Kriegsware: Waffen
Munition Pulver Blei eiserne Kugeln Schwefel Salpeter Harnische Panzer
Rhren Rapiere Dolche Schlachtschwerte. hnlich Sklavenschiffen mit
orientalischen Weibern brachten sie, erwartet von jung und alt, in Tonnen
eingeschlossen, die Bodengeister, das Aroma fremden fernen, glutvollen
Bodens: berauschende Weine, Alikante, kreischenden Korsiker, Malvasier,
betubenden Portugieser, von Bordeaux, Porto, aus der Pikardie, von Ungarn,
von der Mosel, vom wrzreichen Rhein. Aus den Kolonien vorber in
Holzlatten geschlagen, gebndigt, Anis, kandierter Ingwer, Kaffee, Kubatee,
Kakao, Muskatblume, Paradieskrner, Manna, zwanzig dreiig Zuckersorten,
Datteln. Duftende lige Hlzer fr die Apotheken: Terpentin Kampescheholz
Pernambukholz. Metalle, Indigo, Weihrauch, Glas aus Rouen, Glas aus
Flandern, englische Scheiben, hessisches Glas in Kisten, Kacheln, Klinken.

Zum Herzog kamen der vielvermgende Herr von Michna und de Witte aus Prag,
ber die Aufbringung der Geldsummen zu beraten, die unter Ausschlu
Spaniens zu den Meeresplnen ntig wurden. Wie Fische schwammen sie auf den
Kder, der sich ihnen an der fernen Seekante zeigte. Sie ritten durch
Sachsen und die Mark, im offenen Wagen fuhren sie unter Bedeckung durch
eine Rotte von Friedlands Leibgarde; mit Lust sahen sie berall kaiserliche
Besatzungen in den Stdten, die Einquartierungen. Den Zgen bettelnder
Bauern, verbrannten Drfern begegneten sie; es milderte ihre Lust nicht.
Michna kniff die Augen, Verzckung ber Brust und Magen; was war Wuchern
Mnzbetrug Kippen Wippen gegen dies: Krieg. De Witte erzhlte von der
Dankbarkeit, die der Judenprimus Bassewi gegen den Herzog fhlte und die er
ihm in Gstrow uern sollte mit der Versicherung grenzenloser Ergebenheit
der Prager Judenschaft.

Wallenstein stand ihnen im Jagdschlo zu Gstrow, zwischen den riesigen
Eichen- und Buchenwaldungen, im roten Mantel gegenber, hager, hoch. Den
vorsichtig vorgetragenen Schrecken der Herren ber das Stifteredikt
beruhigte er; auf die Wismarer Werft gefhrt, besahen die auslndischen
Herren das graue rollende Meer, lieen sich bewimpelte Ausleger und
Kaperschiffe zeigen, riefen den lbischen Brgermeister Heinrich Brokes,
ein verschimmeltes schlitzugiges Mnnlein herber, das ihnen gelassen jede
Auskunft erteilte --, auch nebenbei, da die Schonenfahrerkompagnie eine
Defensionskasse der Stadt Lbeck eingerichtet habe gegen jegliche
berwltigung durch welchen Feind auch immer, durch Besteuerung aller
Gter, die auf der Achse ein- oder ausgefhrt wurden; kein Laken kme
unbesteuert heraus.

Der graue trge Wasserrcken. Auf ihn geladen wie auf eine Tischplatte mit
wallender Decke der fuderhohe ganze blinkende Reichtum der Menschen. Hier
rann es wie in einem Engpa vorber, versucherisch; sie hingen am Fels
darber. Die Ausdehnung der Lnder war verschwunden; Livland die Wolga
Smolensk Stettin Wiborg Saragossa Ofen Venedig stieen aneinander. Und so
nah, so schutzlos, wie kichernde Weiber, die baden gehen und spritzen.

Das lag vor den Fen der drei Bhmen, die unter breiten federlosen
Filzhten, in langen weien Mnteln am Strand neben dem gestikulierenden
mitrauischen Lbecker ber den Sand schurrten. De Witte und Michna
stampften erregt und fast betubt von dieser Unterredung in das
friedlndische Quartier; der Herzog blies bedenklich vor der Weinkredenz
die Backen, fchelte sich die Stirn mit einem Sacktuch. Ihr Schlu war, da
man sich der Hansa zu versichern habe. Ihre Augen funkelten, als sie
schweigend hinter ihren Weinglsern phantasierten.

Neben Schwarzenberg, einem schmeerbauchigen Grafen vom Kaiserhofe, der auf
eigene Faust spanisch-deutsche Meerplne trieb, die Lbecker Kaufherren und
Krmer mitrauisch machte, tauchten in Lbeck die beiden Prager Herren,
Friedlands Vertrauensmnner, auf, der khle Kaufmann und der
menschenkundige harte Serbe; sie nahmen Fhlung mit den einflureichen
Familien, den von Hveln, Brntsee, Kirchring. Sie wurden auffallend oft
von den hflichen Herren auf die Wlle gefhrt, die eben erst ein Italiener
vom Holstentor bis zum Burgtor gezogen hatte. Mchtig war alles bestckt.
Bei Travemnde stand ein steinernes Blockhaus fr die Hafeneinfahrt;
berall warnende Bastionen. Versteckte Grben.

Auf die kaiserlichen Antrge an die Hansa, eine Flotte zu bilden und dem
Admiral zu unterstellen zur Verteidigung gegen die dnische und schwedische
Gefahr, wurde ein Lbecker Tag einberufen, beschickt von Hamburg, Kln,
Bremen, Magdeburg, Braunschweig, Lneburg, Rostock, Wismar, Stralsund.
Hitzig rangen Wallensteins beste Sendboten mit den Weinherren, den ltesten
der Kompagnien, Frachtherren, Kaufleuten, Brderschaften der Fahrwasser.
Kein Lrm war in der dunklen Hrkammer im Niedersten Rathaus, aber ein
unsichtbares, unnachgiebiges Schieben und Drngen, berreden, Beschwren.
So wichtig schien dem Friedlnder diese Sache, da er alle paar Tage Boten
mit persnlichen Winken an die Deputierten herberschickte. Der berreizte
grospurige Schwarzenberg aber mit den spanischen Plnen und dem
mrderischen Ungeschick, dazu das Edikt hatten die Luft in allen Trink- und
Ratsstuben verdorben. Es wurde deutlich, da die Lbecker und eben jener
kleine Brokes sich schon lngst mit den Generalstaaten verbunden hatten, in
Furcht vor dem seegewaltigen Spanien; man glaubte in Lbeck nicht mehr an
einen Krieg des Kaisers gegen das schon niedergeworfene Dnemark; man
frchtete die friedlndische Faust und frchtete die Jesuiten.

Die ehrenfesten hochgelehrten hoch- und wohlweisen Rte der freien
Reichsstadt verneigten zuletzt sich vor den betroffenen Vertretern Wiens
und des Admirals, ihrer grognstigen Herrn, bestimmt erklrend: man knne
sich nicht in einen Krieg einlassen mit den Potentaten, die Gewalt ber die
Meere und Psse besen, welche ihre Schiffe tglich befahren mten. Dem
grflichen Reichsboten verehrte der stolze Tag viertausend Taler und
beglich seine Kosten, ehe er, von Wallenstein mit Groll beworfen, zum
kaiserlichen Hoflager aufbrach.

Sie waren alle drei, die Bhmen, schon nicht mehr geldgierig. Sie waren an
ihrem Reichtum hochgewachsen und hatten ihn gemeistert. Friedland kannte
von je nur das Spiel, dessen Drang wuchs mit der Gre der Einstze; er
kannte nur umsetzen, umwlzen, kannte keinen Besitz. Er war nur die Gewalt,
die das Feste flssig macht. Er schauderte und zerbi sich, wie sich ihm
etwas Festes entgegenstellte.

                   *       *       *       *       *

In den ausgesogenen sumpfigen Meeresgebieten, dem drftigen Kurbrandenburg,
lieen sich die groen Truppenkrper nicht lange massieren. Zwar war genau
bestimmt, wieviel Bauer Brger tglich zu entrichten hatte, es war Vorsorge
getroffen, da ihnen nur soviel genommen wurde, da sie dabei bestehen
konnten; aber trotz grausam strenger Feldpolizei und Feldgerichts huften
sich die Beuteritte der Soldaten, kecke Erpressungen der Offiziere,
Unterschleif des Proviantkommandos. Der Widerwillen der Kontribuenten
wuchs; es half nicht viel, da man halbe Drfer einscherte und Dutzende
der bswilligen Ackerer an ihren eigenen Obstbumen aufknpfte; die
Landschaften waren drftig, ihre Pflege gering. Schon entliefen zahlreiche
Sldner, fhrten als Vaganten weiter sdlich Krieg auf eigene Faust. Man
hatte in Wien und Prag an gewissen Stellen mit heimlicher Genugtuung von
der stolzen Feindseligkeit der Hansa vernommen; man hatte ein zwiespltiges
Gefhl.

Verbiestert, reglos lag der groe Herzog von Friedland, der berreiche
Bhme, ausgestreckt am Meer. Er kaute an dem Bissen, den ihm die Hansa zu
essen gegeben hatte; langsam dmmerte ihm, was ihm geschehen war. Das Meer,
das Verhngnis. Nicht die Reichtmer; es war der Weg: das Land war nicht zu
halten ohne das graue, weizottelige, schumende Untier. Es rannte gegen
seine Feste an, brachte sie zum Schaukeln. Rasch hatte er Mecklenburg an
sich gerissen, konnte nicht hin und her. Wie zum Hohn verbrannten dnische
Orlogs ihm fnf Schiffe im Greifswalder Hafen.

Pltzlich lief das Stichwort: Ungarn! Ungarn! aus dem Hinterlande ber die
Erblande. Tglich sah man klarer, was man zuerst nicht erkannt hatte -- die
Bayern sahen es, die Bswilligen in Wien, Strahlendorf und sein Anhang, das
entzckte Paris, der mchtige Papst Urban --, da sich Wallenstein seine
Grube gewhlt hatte am Meer und da es nicht ein endloser Siegeszug gewesen
war von Schlesien bis nach Jtland; die Spitze war schon der Sturz. Die
Hansa das Verhngnis. Er spannte sie nicht ein; nun konnte er am Meere
liegen bleiben und sein Heer verfaulen lassen oder vom Meer sich
zurckziehen, und der Dne stand wieder da! Christian, der Besiegte, der
wieder ein neues Heer sammelte. Es war, wie man hrte, vom Grafen
Pappenheim ein Kriegsplan ausgearbeitet worden auf Ersuchen des
kaiserlichen Hofkriegsrats; darin wurde die Verteidigung der
zweihundertfnfzig Meilen langen deutschen Kste als unmglich bezeichnet;
man knne es machen, wie man wolle -- ziehe man die Truppen zusammen, lege
man sie dnn auseinander -- war das Land geffnet fr einen dnischen oder
schwedischen Einfall.

Die Jesuiten hatte Friedlands Widerstand in der Stifterfrage gereizt. Sie
hielten sich gentigt, ihn zu stacheln -- nicht zu stark, aber deutlich.

Fanatische Mnche, jetzt von den Jesuiten nicht gehindert, hielten in Wien
Predigten: es zeige sich wieder, wohin der Unglaube fhre -- frech ein Heer
zu mischen aus Altglubigen und Ketzern -- und damit gedenken mehr als
Eintagserfolge und Plndersiege zu erzielen.

Ungarn! Aus diesem Sumpfe werde er sich diesmal nicht ziehen.

Michnas Agenten arbeiteten in Mhren und Niedersterreich mit zher Wut, um
Getreide fr das Heer heranzuschaffen; sie trieben, von ihren Herrn gejagt,
die Preise in die Hhe. Michna erlebte es, wie eine zwei Wochen ihm
Geldsummen aus der Hand nahmen, die er in Jahren gerafft hatte, aber er
zgerte keinen Augenblick, alles hinzugeben. Schurken und Dummkpfe, dazu
Neidbolde waren diese alle, ihre Stunde wrde schlagen, sie sollen gerupft
werden, wie sie sich nicht trumen lieen.

An der Spitze der bhmischen Landschaft stand im hchsten Vertrauen noch
der schne eisige Slavata. Der Herzog hatte ausgemacht, da dem Heere
ausreichende Getreidemengen aus Bhmen geliefert wrden.

Die bsen, noch einflulosen Kreise hielten den Augenblick, ihn zu
schwchen, fr sehr gnstig; als Wallenstein von Gstrow scharf monierte,
man htte sich festgelegt auf zwanzigtausend Strich bhmischen Getreides
und geliefert seien zehn Fingerhte, log die Landschaftskammer. Und wenn
auch der Herzog von Betrug offen redete, man hatte Zeit gewonnen, die Zeit,
die Zeit, die Friedlands Heer zerschmelzen mute durch Hunger Unordnung,
wie einst Seuchen Durst im schrecklichen ungarischen Alfld.

Lange erfuhr niemand, was der Herzog unternahm, um sich zu retten. Wie
wrde er sich wehren. Es sprach sich herum, da, wie immer, wenn Friedland
in Gefahr war und einen neuen Schlag vorbereitete, der Jude Bassewi neben
Michna und de Witte mit ihm konferierte und nach der Residenz Gstrow
gereist war unter herzoglicher Eskorte.

Dann wurde offenbar, was geschehen war.

Whrend sich der Anblick der kriegerischen Manahmen im Reiche in nichts
nderte, die Musterungen von Monat zu Monat beschleunigt wurden,
Neueinstellungen im wachsenden Umfang erfolgten, besonders in dem
frnkischen Kreise, waren aus dem Gstrower Hauptquartier Unterhandlungen
mit dem Dnen angeknpft.

Der Fuchs zog den Kopf aus der Schlinge.

Zug um Zug brachte den Herzog in Fhlung mit dem Dnen. Ein ruheloser
Kurier lief zwischen Wien und dem Hauptquartier. Der Kaiser und der Hof
wurden auf eine Probe gestellt. Sie hatten es in der Hand jetzt jeden Weg
zu gehen, den sie wollten. Der Feldhauptmann erklrte: man htte gesiegt,
man htte den niederschsischen Kreis zur Ruhe gebracht, den Dnen zu Boden
geschlagen; darber hinaus sei nichts mglich. Als man scheinbar entsetzt
gegenfragte, kam der Bescheid, ob man auf die Armeen fr die Zukunft
verzichten wolle.

                   *       *       *       *       *

Der Kurfrst verbrachte seine Tage mit Rechnen und Drechseln. Er sa in der
Neuen Feste viel an der Drehbank zusammen mit dem Pater Adam Kontzen, einem
jugendlich heftigen kleinen Manne, den ihm sein alter Beichtvater, der
Lothringer Vervaux, zugefhrt hatte. Kontzen, den das Raspeln des
Kurfrsten nicht strte, trug ihm eindringlich und fordernd politische
Grundstze vor, die nach Ansicht des Paters das Mindestma darstellten, das
man von einem katholischen Politiker verlangen knnte. Der Kurfrst, dick,
bla, leicht schwitzend, teilte seine Aufmerksamkeit zwischen den hastigen
Reden des Dialektikers und seinem Elfenbein. Zornig fuhr der Pater ber die
Ketzerei her, die, wie er immer wieder drohte, in der Lasterhaftigkeit und
dem Atheismus wurzelte; Prlaten und Frsten seien von ihr angesteckt. Wenn
der Frst mde zu ihm aufsah, schleuderte er vor ihn ein Mu: alle Welt sei
einig darin, da Laster und Gottlosigkeit auszurotten seien; ihm, dem Pater
Adam Kontzen, wurde zuteil, den Zusammenhang der Ketzerei mit Laster und
Anarchie und Atheismus zu erkennen; sie msse, die Ketzerei, sie msse
beseitigt mit Gewalt werden. In Sodom und Gomorrha htten auch Menschen
gelebt. Gott htte kein Erbarmen gekannt, er der Herr selber, habe Feuer
und Schwefel ber die Sndenstdte gegossen. Dieses Beispiel der Heiligen
Schrift msse man verstehen; stehe es dem Menschen an zu verzeihen, wo Gott
straft. Bekehrung oder Vernichtung: es bleibe nichts drittes. Und gertet,
gereizt, ingrimmig blickte der Priester auf den Frsten, leidend unter
seiner Ohnmacht, hier bitten und argumentieren zu mssen, wo er fordern
konnte im Namen der Heiligkeit. Was soll geschehen, fragte wie abwesend,
mit dem kleinen Finger an dem Elfenbeinstbchen rhrend, Maximilian, wenn
wir nicht die Macht haben, zu zerstren oder zu bekehren. Snde ist es,
zischte geqult der Priester, ja, es ist Snde, nicht die Macht zu haben.
So lange wir leben, haben wir Macht in uns. Jedes Pnktchen davon gehrt
Gott, nichts einer Aufgabe, sie sei welche auch immer. Die Pest ist nicht
so schlimm als der Gedanke, wir knnen nicht Gott dienen. Was soll man
mit Leuten tun, die Gott und der Kirche nicht dienen.

Fassungslos der Priester: Tten oder bekehren. Wir haben ja keine Wahl.
Wrdet Ihr selbst, Pater, so handeln? Wenn Ihr einen Einzelfall vor Euch
httet? Ich wrde, glcklich hob der Pater beide schwarzbehngten Arme,
wie ich steh und sitze mich aufmachen und meine Pflicht erfllen. Es gibt
nichts Greres, als Frsten zum Glauben zu bringen oder sie zu tten.

Im Feilen lispelte der Kurfrst: Kontzen ich danke Euch ja. Wenn nur alle,
oder nur viele so beseelt wren wie Ihr. Es ist schlimm, da wir arbeiten,
arbeiten mssen und nur so wenig erreichen. Allmacht ist nur Gott gegeben.
Wrde uns verliehen sein von Gott, Feuer und Schwefel zu regnen, so wre
das Heilige Rmische Reich lngst wieder rein vom bel.

Maximilians Leibkammerdiener fhrte die kleine zgernde Gestalt des grauen
Tilly heran ber den langen Lufer. Maximilians Unterhaltung mit ihm war
kurz. Der Pater Kontzen wollte sich entfernen, der Kurfrst aber schttelte
den Kopf; es sei ihm angenehm, wenn der Pater da wre; wieviel besser, wenn
immer. Er befragte den steif stehenden Grafen, der aus Wiesbaden
zurckgekehrt war, mit keinem Wort nach seiner Gesundheit. Orientierte ihn,
wie die Sachen nach den letzten Meldungen an der Weser, Elbe, Ems stnden.
Ob ihrer Liebden bekannt wre, wie sich die Dinge bei der Armada der
friedlndischen Durchlaucht entwickelt htten. Kurz so -- ohne die Antwort
abzuwarten, aber der Pater mge nur dableiben, sich nicht gekrnkt fhlen,
wenn sie militrische Sachen besprchen --, da also es ganz zweckmig,
zweckentsprechend, wnschenswert wre, wenn sich die ligistische Armee in
irgendeiner Weise als vorhanden erwiese. Vielleicht knne sie die
friedlndische bald ablsen. Man stehe jedenfalls nach allem Trbsal und
offenbarem Unglck wieder vor Mglichkeiten. Er warf Werbungsplne hin,
verwies auf die vorhandenen Geldhilfen aus Umlagen.

Pltzlich fixierte er den Grafen; ob er sich nun gesund fhle: Ihr wit,
es wird mit den Dnen Friede geplant. Habt Ihr Verhandlungen aus Wiesbaden
mit ihm angeknpft? Verwirrt drehte der eisgraue General den Kopf zu dem
Pater, zum Frsten zurck. Ich wei, Ihr habt es nicht getan. Es ist ja
nicht Eure Sache. Der Herzog von Friedland hat es getan und ist Euch
zuvorgekommen. Oder uns; denn wir waren doch bis Pinneberg mit im Krieg,
und unsere Artillerie hat noch in Jtland geschossen. Jedenfalls, Ihr sollt
fr mich als Kommissarius an den Unterhandlungen teilnehmen, bei
standhaltender Gesundheit. Der Graf, bis in die Ohren errtend, erklrte,
da er sich feldfhig fhle und sich glcklich schtze, dieser Ehre fr
wrdig erachtet zu werden.

Der Kurfrst lie, die Bohrinstrumente auf die Drehbank legend, vom
Kammerdiener die Fenster ffnen. Als sich nach einer Pause die Herren zum
Gehen anschickten auf ein Nicken des Frsten, endete sehr laut Maximilian,
der Graf werde noch genaue Instruktionen erhalten. Aber -- der Herr Graf
hat nicht den Frieden zu befrdern. Versteh' Er recht. La Er sich das von
dem Pater hier erklren. Es hat keine Eile und keine Not, mit Ketzern
Frieden zu schlieen. Es ist nur ein Notbehelf. Seh' Er zu, unsere Armee
stark zu machen. Mir -- merke sich der Herr Graf das, mir liegt nichts am
Frieden.

In Boitzenburg, auf dem Gute seines Freundes Arnim, begegneten sich der
Herzog und der ligistische General, und wurden im Beisein kaiserlicher
Legaten furchtbare Friedenspropositionen fr den geschlagenen Dnen
festgesetzt.

Der Wiener Hof im berschwang seiner Strke hatte von sich aus verlangt,
da dem Besiegten die schwersten Bedingungen auferlegt wrden. Er sollte in
Zukunft auf jede Einmischung in deutsche Angelegenheiten verzichten, sollte
die Ansprche auf niederschsische Stifter verleugnen, alle Kriegsschden
vergten, Kriegskosten an den Kaiser erstatten, und dann ganz Holstein,
Schleswig, Dithmarschen an das Reich abtreten, den Sund den Feinden des
Kaisers sperren, ihm und seinen Freunden ffnen.

Bei Pinneberg waren sich der ligistische ausgehhlte Wicht und der gallige
verbogene Bhme unter dem Donner der Belagerungsgeschtze begegnet. Von Wut
zerfressen war der klappernde Tilly weggetragen worden; jetzt saen sie
sich am Tisch gegenber, Friedland erwartete die Trmpfe des Kleinen.

Der dnische Generalwachtmeister Schauenburg empfing in Gstrow aus des
Herzogs eigener Hand die Punktation; Friedland betonte, da er den
kaiserlichen Forderungen seinerseits noch einiges hinzuzufgen fr ntig
befunden habe. Es betraf die Entwaffnung der dnischen Armee, die unerhrte
Forderung der Auslieferung der Hlfte der dnischen Kriegsflotte.
Wallenstein trieb es zum uersten, er wollte Christian zur Verzweiflung
reizen, die Liga an die Seekante zwingen und ihr Heer massakrieren lassen.

Whrend der Generalwachtmeister erschreckt abzog, lobte in
hohnverschleierten Briefen nach Wien der Herzog die Proposition ber alle
Maen, bat den triumphierenden Grafen Tilly zu sich, um mit ihm gemeinsam
den Kriegsplan und die Heranziehung der Liga zu errtern. Er war, wie er
lippenzitternd, ein Lachen verhaltend, erklrte, bereit, mit dem
bayerischen Kurfrsten und seinem General den Oberbefehl zu teilen und ihm
auch die Krfteverteilung zu berlassen.

Aus Dnemark vernahm man durch die ernannten Kommissare von der tiefen
Bestrzung des geschlagenen Christian und der von Tag zu Tag wachsenden
Leidenschaft und Begeisterung des Volkes; die grausamen Friedenspunkte des
Friedlnders waren das Signal zu einer ungeheuren nationalen Erhebung.

Die Prager Helfer des Herzogs hielten sich in dem Gstrower Schlchen auf.
In dem verrucherten schmalen Speisesaal vor Arnim und schweigenden
Offizieren scholl der Lrm des Friedlnders: Der Krieg hat sich gewendet.
Wir haben gesiegt, aber zum Schlu mu ich mich mit dem giftigen Dnen
verbinden und ber den Kaiser herfallen. Meine Freude, Ihr Herren!

Setze Euer Liebden den Wiener Hof her, schmhte Arnim, die Fuste ballend
und sich auf die Knie pressend, soll er die Butter an der Sonne hart
erhalten.

Ich schmeie den Sbel nicht hin zum Gefallen anderer. Aber meine Freude,
Ihr Herren! Tte der Spanier mit und wollte er uns nicht das Reich
verderben, so knnte ich das Meer halten. Indianisches Gold und Silber: in
dreiig Jahren regt sich nicht der Englnder noch Schwede noch Hollnder.
Nichts. Basta. Sie werdens bezahlen. Ich kmpfe mit den Dnen gegen den
Rmischen Kaiser. Es wird ntig, da ich Offiziere nach Fnen schicke, um
das dnische Heer zu organisieren. Mein Herr Bassewi hat schon verraten, er
wisse, wohin er das nchste erhobene Geld schicken werde. Nach Kopenhagen.
So ist's. Seufzte der fette de Witte: Wofr, mit Verlaub, fhrt der Herr
denn Krieg? Um die Sache des Rmischen Reiches? Wenn der Rmische Kaiser
glaubt, seines Rates nicht mehr zu bedrfen und er Euch fr berflssig
hlt.

Hat Er beinah' recht, Herr Vetter, blinzelte auf seinem Faulbett der
General, dessen rechter Fu in einem gepolsterten Eisenkasten steckte, der
von heien Ziegeln getragen wurde, Ulmer Zuckerbrot schmeckt besser als
ein Brieflein aus Wien.

Wieder seufzte der fette de Witte, besah seine ringgeschmckten Finger:
Wt' ich mir nachgrade etwas Besseres an Eurer Statt. Trge nicht meine
Haut zu Markt. Ich vermeine, so wie die Sachen jetzt zwischen dem Kaiser
und Euch liegen. -- Da brllte, keifte, rchelte der Herzog, der Schaum
wehte ber seinen Kinnbart: Was wit Ihr von meinem Verhalten mit dem
Kaiser. Hab' ich Euch was davon aufgebunden. Wollen die Herren nicht die
Nase in meinen Topf stecken. Der Kaiser ist der Kaiser und mein
freundgndiger Herr. Diene ihm und dem Reich treu. La nichts whlen
zwischen ihm und mir.

In Lbeck erschienen im Winter fr den dnischen Knig des Reiches Kanzler
Christian Fries und Jakob Ulfeld, der Reichsrat Albert Skaal, der Kanzler
Levin Marschalk, Detlev und Heinrich Rantzau. Aus Wien war herbergefahren
der rechtskundige Rat Walmerode mit den Offizieren, auch der vielgewandte
Aldringen und Balthasar Dietrichstein. Tilly hatte abgeordnet den Rat
Ruepp, gelehrt wie sein Begleiter, der Graf Gronsfeld. Die Schlacht war fr
Friedland gewonnen, als der weibrtige straffe Walmerode die
Wallensteinschen Quartiere durchfuhr und bis in die sumpfigen Dithmarschen
geleitet war.

Die dnischen Kommissare, flanierend mit den lbischen Weinherren, zu Gast
bei der Gesellschaft der schwarzen Hupter in Riga, im Hause der
Schiffergesellschaft, hochangesehen als Vertreter des mchtigen Seestaates,
setzten Gerchte in die Welt: nchst der zunehmenden Neuformation des
dnischen Heeres, das der wachsenden Interesse und Teilnahme des jungen
Schwedenknigs Gustav Adolf fr das unglckliche Brudervolk. Drohend vor
aller Welt spielte sich dazu im Pfarrhaus zu Ulfsbrck eine Zusammenkunft
der beiden Knige ab, die sich sonst nicht ber den Weg trauten. Man erfuhr
nicht, da der junge ehrschtige dicke Schwede vorhatte, den Dnen vor
seinen Wagen zu spannen, da zum Schlu beim Trinken halbgefrorenen Weins,
der in den Glsern klirrte, der gedemtigte Dne in die Worte ausbrach:
Was haben Euer Liebden in Deutschland zu tun? in Eifersucht giftend, da
jener unternehmen und ausfhren konnte, was ihm miglckt war. Fr die
Unterhndler in Lbeck war es klingende Mnze: der Schwede beriet geheim
mit dem Dnen. Das Wort des todeswilden Christian kam herber: seine
Kommissare mgen die Sachen rasch in Bausch abmachen; kmen sie zu einem
gnstigen Frieden: recht; sonst mchten die Herren die Dinge liegen lassen
wie sie liegen.

Der Kaiser mute aus seinen Trumen gestrzt werden. Walmerode reiste nach
Wien. Schwer drang er zu Audienzen bei Eggenberg und Meggau. Er stellte den
widerwillig Zuhrenden das ganz Unbegreifliche der Friedensbedingungen vor;
das Heer war das kaiserliche; es wrde nutzlos aufgerieben. Meggau,
zugnglicher als der Frst, erklrte offen eines Nachmittags auf einer
Schlittenfahrt: niemand in Wien, der den Herzog kenne, glaube recht an die
Jeremiade von der zerflieenden Armee; man frchte ein politisches Manver
des Friedlnders gegen die Liga. Und dies -- nun: der Wind htte sich am
Hof gewandt; bei aller Ehrfurcht vor des Herzogs Genie, in solche wilden
revolutionren Experimente htte doch niemand Lust sich einzulassen. Ob es
wahr wre, fragte sehr ernst Meggau, als sie unter Schneegestber zwischen
den Stmmen des Praters klingelten, da der Herzog an offener Tafel in
Gstrow erzhlt htte, man msse nach franzsischem Muster verfahren; ein
Land, ein Knig?

Wie entsetzlich, Euer Liebden, Herr Walmerode. Wir sind in Scham fast in
den Boden gesunken vor dem schsischen Gesandten, der danach anfragte.
Solche Bemerkung kann uns teurer zu stehen kommen als eine verlorene
Schlacht. Ich fasse es nicht.

Wir stehen gut mit allen Stnden des Reiches, glaubte auch Herr Eggenberg
Walmerode warnen zu mssen. Wie lange, meint Ihr, soll der dnische Krieg
noch dauern? Sagt und meldet seiner herzoglichen Gnaden: so lange, wie
Kaiserliche Majestt ohne Einbue an Macht und Reputation bestehen bleiben
kann.

Walmerode reiste ab. Er sah nach Gesprchen mit der Umgebung des Kaisers in
Wolkersdorf: es bestand keine Mglichkeit, ihm mit den Wnschen des Herzogs
zu kommen. Seinem fast unirdischen Machtgefhl hatte er das Zugestndnis
des Stifteredikts abringen lassen; da er gesiegt hatte ber die Rebellen,
in Bhmen, Sddeutschland, Niedersachsen, Dnemark war der Pfeiler seines
Fhlens, seiner kaiserlichen Erhabenheit. Keiner seiner Umgebung htte
gewagt ihm zu sagen: der Krieg mu Hals ber Kopf beendet werden, ein bses
Ende drohe, keiner htte es geglaubt.

Da, whrend Hungermeutereien in Holstein und Pommern unter den Sldnern
stattfanden, als die Verhandlungen mit Tilly sich zerschlugen, baute
Wallenstein selbst ab. Etwas Unerwartetes Kaltbltiges Feindseliges
geschah.

Von Jtland her in langen Zgen marschierten die Truppen landeinwrts; in
Pommern ballten sie sich bis auf kleine zurckbleibende Garnisonen
zusammen. Es waren noch tausende ber tausende, hinter denen das verlassene
Land rauchte und verwstet lag. Halbverhungert und von dem unttigen
monatelangen Lungern verwahrlost strmten sie im niederschsischen Kreis
zusammen, fielen ber Kurbrandenburg, standen da, bereit, das Reich zu
berziehen. Der Herzog, des Kaisers Generalobrister Feldhauptmann schien
die Gewalt ber sie verloren zu haben. Die kaiserlichen Legaten vernahmen
angstvoll in Lbeck das Gercht, Friedland ziehe die Truppen zu einem neuen
Offensivsto zusammen. Sie liefen umeinander, die Kuriere jagten nach
Gstrow.

Der Herzog reise, nach Berlin, Frankfurt, hie es da; man traf ihn nicht.
Sein Schwager Harrach hatte ein Handschreiben von ihm, das im geheimen Rat
verlesen und besprochen wurde; es sprach von beliebigen privaten Dingen;
dann zum Schlu: er gehe jetzt auf Berlin; der Soldat sei eine Bestie, wenn
er hungere friere und nichts zahlen knne. Er brde denen die Verantwortung
fr das Geschehene und Kommende auf, die auf ihn nicht gehrt htten.

In der Bestrzung fand man sich. Der Friede mute geschlossen werden. Es
war nicht klar, ob das Heer wirklich zusammenschmolz, oder was der Herzog
vorhatte. Der Kaiser war zu verstndigen. Man wandte sich an den
Obersthofmeister, an den der Kaiserin, man verzagte.

Bis der Beichtvater der Kaiserin die hohe Frau informierte und sie den
Kaiser aufklrte. Sie nahm es als ein vermutetes Glck hin, da man mit
dieser Aufgabe kam; sie hrte, der Entschlu mte gefat werden, trotz
aller Bitterkeit. Sie dachte an die Entzckungen und Zerknirschungen, die
der Stifterhandel mit sich gebracht hatte; der Kaiser mute wieder opfern.

Aber kaum sie zaghaft die Situation erlutert hatte, lchelte sie Ferdinand
an. Es geschah etwas Unglaubliches. Der Kaiser hatte ein berma von Lasten
ber den unglcklichen Dnen gehuft, es war sicher, da er sich mit der
Mantuanerin weidete an den Leiden der befallenen Landstriche. Fast
berhrte er alles, was ihm an Demtigendem gesagt wurde. Er hrte nichts;
er hrte nur, es sollte der Friede gemacht werden. Er nickte; unberhrt
schenkte er alles weg, wie er zuletzt die Stifter weggegeben hatte, aus der
Flle seiner kaiserlichen Macht. Er war versteift in seine Majestt. Er
lie sich nicht noch einmal, wie durch den Zwischenfall der Stifter, aus
seiner Starre bewegen. Jetzt rttelte man vergeblich an ihm, alles
vernderte sich vor seinem Blick. Die Mantuanerin war leicht enttuscht.

Sie klagte, um ihm einen Schmerz zu entlocken, sich eine Hemmung zu
bereiten: der dnische beltter solle einen guten Frieden bekommen nach
solchen Untaten und nach solchen Niederlagen? Das sei es ja, fand
Ferdinand, mit dunklen weichen Blicken nach langem Besinnen, man knne ihm
Frieden geben: man htte es in der Hand. Er stockte wieder, nun vllig
genesen, in einer dunklen genieerischen Trunkenheit. Man solle den Herzog
tun lassen, gab er von sich; er htte die Schlachten durchgefochten. Von
weitem erinnerte er sich der Stifteraffaire; ein feiner kurzer Schmerz
wirbelte durch ihn; in einer traumhaften Abwehrbewegung sagte er: nein, man
solle den Herzog tun lassen; wenn er knnte, wrde er ihm noch grere
Ehren zuteil werden lassen. Und schlielich msse man auch dankbar sein
gegen den Knig Christian von Dnemark, an dem man sich so habe erheben
knnen.

Er war mit leichter Schlaffheit und viel Fett aus dem letzten Anfall seiner
Krankheit herausgekommen, langsam hatten sich die Prunkmhler und Bankette
in Bewegung gesetzt, im ppigen Verschleudern fand er sich wieder, eine
fast dankbarkeitgesttigte innere Freude am Menschen und allen Dingen hatte
er. Er schenkte, schenkte.

Sie sah sich, die ekstatische Kaiserin Eleonore, wieder einem ganz anderen,
aber ebenso wunderbaren, quellenden, blutenden, sprieenden,
bltenrauschenden Wesen gegenber. Er betete wie ein Kind mit hellen
neugierigen Augen, freundlich, mit jedem vertraut, Priester, Abt,
Chorknabe; zur Kirche lie er sich sanft wie das Tier zu einer Krippe
fhren. Sie staunte, bog errtend den durchstrmten Kopf, hing sich an ihn.

Knig Christian hatte mit seinen gefrigen Orlogs Kopenhagen verlassen,
war in die Wismarische Bucht gedrungen, zum Hohn auf die deutschen
Admiralsgelste. Er erschien auf der Reede von Travemnde, in der Nhe des
Verhandlungsortes Lbeck; seine Unterhndler, Jakob Ulfeld und Levin
Marschalk, segelten zu ihm heraus, geschwollen gingen sie nachher in der
Hrkammer des Niedersten Rathauses einher, die Kaufherren buckelten vor
ihnen, die Kaiserlichen kniffen den Schweif ein, der Wind hatte
umgeschlagen. Der Bhme fragte mit grausamer Ruhe an, welche
Friedensbedingungen er nunmehr stellen solle. Die Kste war bis auf den
Mecklenburger und einen kleinen pommerschen Streifen schon gnzlich
entblt, ohne Schwertstreich konnte alles dem Dnen wieder zufallen, was
ihm nur die strkste Heeresmacht wieder entreien konnte. Niemand wute, wo
Friedland sich aufhielt und was er vorhatte.

Man gebrdete sich in der Hofburg verzweifelt. Es kamen Tage, wo man in
Scham den Kaiser ohne Nachricht der Vorkommnisse lie.

Christian aber war gar nicht mehr begierig, Krieg in Deutschland zu fhren.
Wenn er an Mitzlaff dachte, hatte er Trnen; er wnschte das Kapitel
Deutscher Krieg zu beenden. Er sa mit seinen Trinkgenossen und lieben
Frauen auf den Schiffen, schweifte in den Ksten und Hfen des Heiligen
Rmischen Reiches, jeden Tag von neuem die Segel hissend, wie ein
Ausgestoener, der bereut, einen Winkel zum Schlafen sucht. Der bse
Ehrgeiz des jungen Schwedenknigs, die schlimmen Absichten Gustavs auf das
Festland, machten ihm das alte Heilige Reich noch lieber. Unglubig las er
die neuen Friedenspropositionen, die ihm der Herzog von Friedland durch
Schaumburg bersandte. Angewidert vernahm er, da drei schwedische Gesandte
in Lbeck aufgetaucht waren und versucht htten, sich in die Verhandlungen
einzudrngen, vielleicht nichts weiter vorhatten, als einen Kriegsvorwand
fr ihren Herrn zu suchen. Sein Nachfolger war sichtbar, sichtbar auf der
deutschen Bhne erschienen.

Er wollte Frieden, er wollte Frieden.

Man gab ihm alle seine Provinzen wieder, verlangte keinen Schadenersatz.
Die Bayern rebellierten in Wien, aber nur schwach. Auch sie waren in nicht
geringer Furcht vor Friedland. Christian war von seinen Schiffen
heruntergestiegen. In vieler Berauschtheit und halber Sinnlosigkeit irrte
er in Schleswig herum mit einer kleinen Mannschaft, die den Resten der
Wallensteiner unter seinem Befehl Treffen lieferte, je nach Laune auch die
Bevlkerung berfiel, strafend fr ihren angeblichen Abfall, oder mit ihnen
ein glckliches Wiedersehen feierte. Die ppige Christine Munk begleitete
ihn auf einem Maulesel; sie war schwanger. Als er auf dem Gute Kjrstrub
auf Taasinge jubelnd und trnenstrmend die Urkunde in Hnden hielt, die
Dnemark seine Krone ungeteilt belie, als er aus dem verwirrten Stammeln:
Mein Dnemark! Mein Dnemark! nicht herauskam, Siewert Grubbe ihn zum
erstenmal unter den Tisch trank, konnte sich die dralle schwarze Wibeke
Kruse, ein Frulein der schwangeren Christine, nicht enthalten; sie bat die
eigene Mutter Christinens, sie mchte sie dem Knig zufhren; tte sie es
nicht, wrde sie die schwangere Frau umbringen. Mit dem unbndigen Grubbe,
der schwangeren Christine und der Wibeke taumelte der Knig in das neue
Frhjahr hinein.

                   *       *       *       *       *

Alleingelassen der Pflzer Kurfrst, der schne Friedrich. Sa wieder im
Haag, im Asyl der Hochmgenden. Der grausame Krieg in Deutschland vorbei.
Die Not in seinem Quartier. Verschuldet war er.

Der Hochmut verlie ihn und die leidenschaftliche Elisabeth nicht. Man
beugte sich zu jeder Stunde vor ihnen als den bhmischen Majestten. Wenn
sie zusammenfallen wollten, umkreiste sie zornwtig die kleine Bremse
Rusdorf.

Langsam gewhnte sich Friedrich wie ein geheiligter Stein ber Europa zu
ragen: die Welt vernderte sich rasend um ihn; die Sule schrie Recht,
Recht; zum Stein war er geworden, konnte nicht mehr kmpfen.

Er wartete, da ihn einer nahm, auf einen Wagen lud, siegte.

                   *       *       *       *       *

Wie ein Schiff, das den Anker lichten kann nach langer beschwerlicher
Hafenruhe, nahm der Bhme sein Heer zusammen und fing an, es ber das Reich
zu werfen.

In diesem Augenblick des Lbecker Friedensschlusses geriet das ganze Reich
in einen Zustand atemloser Erwartung. Der Bhme war von seiner Kette
losgebunden, das Reich lag vor ihm.

Seine Plne waren gnzlich unbekannt; man wute nur, da er vorhatte, das
Reich, wie er sich ausdrckte, auf einen sicheren Boden zu stellen.

Der Rest der Regimenter marschierte aus Schleswig hervor; die Hauptpsse
der Kste und des angelagerten Inlandes wurden mit Garnisonen versehen.
Alsdann zogen an fnfzehntausend Mann unter Arnim nach Polen; sollten dort
schwedische Krfte binden; der gefhrliche Gustav Adolf kmpfte gegen
Polen. Arnim rckte mit seinen vier Regimentern zu Fu und dreitausend
Pferden bei Neustettin ber die polnisch-preuische Grenze, grollend, da
ihm diese Aufgabe in dem feindlichen Lande gegeben war.

Der Infantin in Brssel wurden siebzehntausend Mann zur Verfgung gestellt
gegen die Generalstaaten.

In das Magdeburgische wanderten sechstausend ab.

Zwlftausend Mann deckten die Seekante.

Unverndert im Reich die Regimenter.

Aus Niedersachsen her neue Regimenter nach Franken und Schwaben.

Der Herzog selber in Mecklenburg lagernd mit vier Kompagnien, die Merode
unterstellt waren. Sie muten aus Schwaben unterhalten werden.

In wenigen Wochen wurden acht neue Regimenter errichtet; bei Erfurt
stellten sich drei zu Fu auf.

Der Winter war vorbei, das Frhjahr da. Konfiskationen begannen an
liegenden und fahrenden Gtern der Rebellen des letzten Krieges durch
kaiserliche Kommissarien, unter Zuteilung des gesamten Erlses an die
Kriegsarmada. Die Hand der in Gstrow tagenden Finanzkommission wurde
sichtbar.

Tillys Heer wurde bei der vulkanartig erfolgenden Ausdehnung der
kaiserlichen Armada in einen Winkel Ostfrieslands gestoen. Der ungeheure
Reichtum, der in Friedlands Regimentern zutage trat, lockte ligistische
Offiziere und Sldner in Scharen an, dazu das Konfiskationsdekret, der
stolze Ton im Heer.

Lorenzo de Maestro, der Oberst, verlie Tilly. Dem ligistischen Obersten
Gallas versprach Wallenstein das Patent als Generalwachtmeister; Tilly
wollte ihn in Arrest werfen, aber Gallas lie sich nicht einschchtern.
Graf Jakob von Anholt, der vorher in Jever und Oldenburg mit seiner Frau
silberne Becher und goldene Ketten geplndert hatte, brauchte keinen
schweren Entschlu fassen. Unverhllt erging an Tilly und Pappenheim selbst
die goldene Reizung; vierhunderttausend Taler waren Tilly zugesprochen fr
den entscheidenden Vorsto ber die Elbe; er sollte mit dem welfischen
Frstentum Kalenberg, Pappenheim mit Wolfenbttel abgelst werden.

Dann geschah nichts.

Im Sommer nichts, im folgenden Winter nichts.

Wallenstein und das kaiserliche Heer war da. Das Heer wechselte seine
Standorte, schob sich aus unruhigen in ruhige Gegenden, aus abgegrasten in
frische. Fatamorganahaft geschahen Wunder: ein Regiment, zwei Regimenter
wurden aufgelst, die Reiter tauchten an anderen Orten, bei fremden
Regimentern auf, die auf das doppelte anwuchsen.

Wallenstein reiste nach Prag, Gitschin, vergrerte sein Herzogtum
Friedland durch den Ankauf der bhmischen Herrschaften Waldschtz,
Sentschitz, halb Turnau, Forst, Chotetsch, Petzka. Durch kaiserliches
Privileg war dem Herzogtum ein besonderes Recht und Tribunal verliehen, das
es staatsrechtlich unabhngig vom Knigreich Bhmen machte, befreite von
der schweren ferdinandischen erneuerten Landesordnung im Erbknigreich;
Wallenstein traf Anstalten, eine eigene Landesordnung abzufassen. Die Plne
fr Gitschin, das seine Hauptstadt werden sollte, wurden ausgearbeitet,
Scharen von Handwerkern herangezogen. Der Ausbau der Klster, gestifteten
Schulen und Seminare wurde angegriffen.

Nach Polen war der biedere Arnim mit friedlndischen Regimentern
marschiert; er sollte den Schweden festbinden. Die Polen aber haten die
Deutschen; widerwillig war er in die barbarische Landschaft gegangen; nach
rechts und links sich schlagend nahm Hans Georg seinen Abschied; der Herzog
konnte ihn nicht bndigen, der Marschall vergrub sich grollend in
Boitzenburg. Die friedlndischen Regimenter rckten in das Reich ein. Die
Armada war um fnfzehntausend Mann gewachsen. Einschnurrten die
ligistischen Truppen.

Den Kreis Schwaben berflutete der Herzog pltzlich so, da die
ligistischen Regimenter Kronberg und Schnberg abgefhrt werden muten.

Stumm wartend das Reich; hielt an wie ein Stier, dem ein Schlag bevorsteht.
Sichtbar war eine Diktatur ber dem Heiligen Rmischen Reich errichtet,
deren Gesicht und Ziele unkenntlich waren.

Leise begann ein Schaukeln in den Lndern: die verarmenden Bezirke, Stdte
wurden unruhig, die Erregung erforderte strkere Truppenmassen, der Druck
stieg, die sich herausfordernden Mchte klatschten leise aneinander.
Geschtzgieereien, Gewehrfabriken stiegen aus der Erde; mit Schrecken
sahen die Bezirke langsam das Bild ihres Landes sich verndern.

Mehr und mehr wagten sich die Offiziere, Beamten des Heeres in die Stdte,
in die Stuben der Brgermeistereien, auf die Rentmter, fragten mit ihren
Kontributionszetteln nach Einknften der Bezirke, rechneten, schickten
Kontrolle in die Huser, waren nicht zu vertreiben. Sie nahmen, ohne zu
fragen, Einblick in die landesfrstlichen Bezge, in Brandenburg, in
Schwaben. Erst wurden groe zusammenhngende Erhebungen in das
friedlndische Hauptquartier geschickt, von da nach Prag, Hamburg, an die
Fachmnner weiter geleitet, dann stellte auf Wallensteins Befehl Michna
eine Zahl geschulter, meist bhmischer, Vertrauensmnner auf, die aus ihren
Wohnorten verreisten, in die fremden Verwaltungen eindrangen, nicht
davongingen, von einem festen Standort die Gegend berblickten. Die reichen
frnkischen Bistmer Bamberg Wrzburg wurden kontrolliert, das Gebiet der
freien Reichsstadt Nrnberg, Bayreuth, das Frstentum Ansbach, der
wrttembergische Herzog, der Mainzer Erzbischof. Da der Breisgau dem
sterreichischen Kreis angehrte, auch das Gebiet von Rottweil, so lag die
Hand des Herzogs von Friedland ber dem ganzen sdlichen Deutschland
auerhalb Bayerns. Das Gebiet des Kurbrandenburgers war von Besatzungen
nicht verlassen worden, Pommern Mecklenburg Braunschweig-Lneburg Kalenberg
Grubenhagen Wolfenbttel durchsetzt.

Und whrend die Truppenmassen abwanderten, ergnzt, verstrkt wurden, neue
zufluteten, bildete sich nach den Leitstzen des Generalissimus von Woche
zu Woche schrfer die Konstitution des Heeres heraus, Hand in Hand mit
einem System der Schutzmaregeln fr das Volk. Edikte verkndeten an
Landstraen Mrkten Drfern den Grundsatz gegenseitiger Achtung des
kaiserlichen Heeres und des Volkes deutscher Nation; beiden Parteien war
Sicherheit zugesagt, Lebensberechtigung; man htte im Hinblick auf die
Wohlfahrt des bedrohten Heiligen Rmischen Reiches sich zu sttzen. Das Ma
der Leistungen war fr die Bevlkerung auf das ausreichende Minimum
beschrnkt; Obersten und Intendanten hatten im Einvernehmen mit den
Zivilbehrden die Stze zu bestimmen. Eine Befragung der Landesbehrden war
nicht vorgeschrieben. Die Zeit der wilden Plnderer und Exzedenten sollte
vorbei sein; Prag spie mit der Unzahl der Erlasse, die das
Kontributionssystem regelten, Feldgerichte Oberstschulthei
Regimentsschulthei Weibel Schreiber Profo ber alle Musterpltze
Quartiere. Lorenzo de Maestro als Generalquartiermeister inspizierte die
Pltze; die wildesten Auswchse wurden beseitigt. Aber weiter vegetierten
die Ausbeutereien: Obersten, die ihren Stab auf drei Orte verteilten,
Kontribution fr drei volle Stbe erhoben, Offiziere, die Wohnung an zwei
Orten nahmen; immer wieder Salvaguarden, Schutzbriefe, die unntig waren
und den Inhabern gegen hohes Entgelt aufgedrngt wurden fr jedes Tor,
jeden Wagen, jede weidende Gnseherde. In zollreichen Gegenden begnstigten
Gemeine und Offiziere den Schmuggel, bten ihn selber, indem sie ganze
Schiffsladungen an Korn als Proviant durchbrachten. Die Stnde hatten sich
nicht dazu verstehen knnen, dem Kaiser und dem Reich Steuern zu zahlen;
muten jetzt neben sich, ber sich Offiziere Generalkommissare der
friedlndischen Armada dulden.

Unmerklich schlang sich eine krftige Pflanze um ihren Stamm. Dies waren
nicht mehr die verachteten verchtlichen Geschpfe, der Abschaum Flanderns
Bhmens Ungarns. Ein neuartiges herrisches hartes Wesen trugen alle diese
Mnner zur Schau, die als Offiziere der Armada durch die Stdte und
Landschaften ritten; gaben an Stolz den eingesessenen Patriziern nicht
nach, hatten eine deutliche Nichtachtung gegen die Brger, ehrten Besitz
nicht. Setzten in Zweikmpfen Gefechten ihr Leben aufs Spiel; bewegten sich
im Lande als Soldaten des Herzogs von Friedland, der als bhmischer
Edelmann begonnen hatte, als reichsunmittelbarer Frst vor der Rmischen
Majestt bedeckt bleiben konnte. Strker strmten ihnen zu Shne aus
Patrizierhusern, adligen Geschlechtern.

Im Lande wucherten Gerchte ber die Plne des Herzogs; tolle Worte aus dem
Munde von beliebigen Offizieren wurden kolportiert von Zunftstube zu
Zunftstube, in die Ratshuser, die Antikameren der Frsten.

Von Zeit zu Zeit lie der Herzog selbst ber die hilflos fragenden Kpfe
Gerchte aufklingen von nahen Trkenkriegen. Pltzlich grellte durch die
duldenden schlaffen Landschaften das Geschrei von Fortschritten, grausigen
Siegen des Ofener Pascha; ngstlich, aufmerksamer sah man die sich
sttigenden Sldner und Offiziere an, frchtete fr Kinder und Weiber,
vielleicht mstete man die Armada dafr. Dann verhallte alles wieder; die
Maschine zog straffer an.

In das Staunen Murren der Leute kamen andere Tne. Langsam bernahmen die
Fiedler Schnurrer Bnkelsnger die ruhmredigen Lieder der Sldner. Sangen
von der gebissenen halbaufgefressenen Ratte, dem Dnen, von Wallenstein,
den der Kaiser schickte, der im Sieg zum Herzog aufstieg. Die Brger gingen
wie Muse an den Speck. Es gab geheime Dinge zu sprechen, gegen, die
lbliche Ehrbarkeit Richter und Ratsmannen Geschlechter zu konspirieren,
Korporle Kornetts in den Trinkstuben zu empfangen. Es war eine
dunkelgrende Rebellion, die wie eine Wolke ber die Bezirke flog. Was bei
Helmschmieden Pfeilschnitzern Plattnern Schwertfegern Ringlern Nadlern
gepflogen wurde, blieb kein Geheimnis den Haffnern Mehlmessern Wildpretlern
Wollschlgern Lebkchlern den Fellfrbern Mntlern Joppern, in
Reichsstdten, Bischofssitzen, Grafenresidenzen. Eben war es nur eine
Belebung ihrer znftlerischen Zusammenknfte, bald eine unsicher tastende
Bewegung, deren Stichwort noch nicht gesagt war.

Die stummen apathischen Massen der Edlen, die Patrizier, Gelehrten,
katholische, protestantische. Sie bewegten sich. Was vorging, flo in sie
wie ein elektrischer Schlag, der sie erzittern lie. Der alte
Barbarossatraum von dem freien groen deutschen Reiche lebte hier.
Leidenschaftlich wollten einige wissen: Die Zeit sei erfllt. Die Fiedler
sangen so lieblich. Die Dinge aber enthllten sich. Wallenstein zeigte sein
grausiges Gesicht: Ein einiges deutsches Reich, eine einige Knechtung.
Sldner breitbeinig durch die Gassen, ber die Mrkte, Trommeln und Pauken
hinterher. Die Sprache des neuen Herrschers Armut Entrechtung Versklavung.
In Tierstlle verwandelten sie das Heilige Reich. Aus ohnmchtiger Pein
stiegen Bittschriften an den Kaiser. Die bezwungenen Landesherren schickten
ihre Vertrauensmnner unkenntlich auf die Drfer und Flecken, in die
besetzten Stdte, die Stimmung zu erforschen, Mut zu machen, aufzureizen.
Da fanden sie wenig Liebe. Auf dem Lande wirtschafteten die Bauern, die
Nachkommen jener stolzen, die vor hundert Jahren zu tausenden eingekesselt
und niedergemetzelt waren von den Vorfahren der Edlen, die sie jetzt
angingen. Sie fanden Grimm und Furcht nach beiden Seiten gegen Kaiserliche
und Frsten. Mitrauisch, leidend sahen die Bauern auf die Musketiere und
Reiter, mitrauisch auf die fltenden bettelnden Abgesandten ihrer
Herrschaften.

Nur ein Volk kicherte beim Anblick der finsteren Leiden Deutschlands: die
Bhmen. Sie sahen die Rache sich vorbereiten, hrten das Knacken in dem
Bogen des Kaisers, die Stcke der zerbrechenden Waffe wrden ihm in Brust
und Kopf eindringen. Sie jubelten, der Sieg konnte allein ihnen nicht
entgehen. Wie ein Symbol ber der Verderbnis des Herzog von Friedland, die
Pest, in ihrem Lande geboren.

Zdenko von Lobkowitz war tot; seine Stelle als Oberstkanzler von Bhmen
hatte ein leiser Mann eingenommen, Graf Wilhelm von Slavata. Man kannte
seine Feindschaft zum Herzog; er hatte leidend das Amt angenommen, das man
ihm anbot als einem Verwandten und Feind des groen Herzogs. Slavata
stopfte sich geqult die Ohren, als man ihm erzhlte von den Karlsbader
unerhrt glanzvollen Reisen des Herzogs; was haben ihm die Juden dazu
gezahlt, wieviel hat er erpret, was hat er gewuchert. Wallenstein zwang
ihn zur Feindseligkeit immer wieder aus seiner menschenfremden Ruhe heraus.
Er war sehr fein, mit Trautmannsdorf tauschte er skeptisch berlegene Worte
aus, aber vermochte nicht wie der bucklige Graf dem schreckensvollen
Experiment Wallenstein mit Neugier zuzuschauen und dem Herzog aus Interesse
zuzustimmen. Die Maske zog er nicht vom Gesicht. Verschwiegen studierte er
den Herzog, in dessen neuem Palast auf dem Hradschin er bisweilen erschien.

Eines Tages empfing der bayrische Geheimrat Richel den Besuch eines
Kapuziners, der sich als Bhme legitimierte und einen schriftlichen
Geheimauftrag vorwies: wonach er die Kurfrstliche Durchlaucht in einer
Angelegenheit von hchster Wichtigkeit um die Entsendung eines Agenten nach
Prag ersuchen sollte. Der achselzuckende Kapuziner wollte weder den
Schreiber des Briefes nennen noch die Angelegenheit umschreiben; seine
Legitimation stammte von dem sehr namhaften Abt des Klosters. Ein
bayrischer Geheimagent, Alexander von Hales, Italiener, selbst Kapuziner,
reiste mit dem Ordensbruder nach Prag ab. Ihm wurde von dem Abt der Eid
abgenommen, da er die Person, der er vorgestellt werde, nicht nach ihrem
Namen fragen werde, wenn sie sich selbst nicht nenne, da er ferner nicht
niederschreiben werde, was er erfahre, jedenfalls nicht vor seiner Ankunft
in Mnchen.

Dann sa der Italiener in der gewlbten Zelle des Abtes an der Ofenbank
gegenber einem ehrerbietig begrten, rot maskierten Herrn, der Ringe und
Armbnder trug, sich, whrend er sprach und nachdachte, auf dem
bergeschlagenen Knie aufsttzte. Slavata sprach italienisch. Der
Abgesandte mchte nach Mnchen von der Natur, dem Vorgehen, den Plnen des
jetzt florierenden Friedlnders einige Informationen bringen. Als der Agent
erklrt hatte, er werde erst dann unterbrechen, wenn er glaube, sein
Gedchtnis werde versagen, setzte Slavata hinter der Maske seine Worte hin,
als wenn er mit sich sprche, langsam, sich wiederholend, einschrnkend.

Er verglich den Charakter Wallensteins, mit dessen Zeichen er sich viel
beschftigte, mit dem Attillas, Theoderichs, Berangers, Desiderius, welche
von Haus aus Herzge waren, durch Verleihung auch Knigreiche erwarben und
Kaiserreiche erstrebten. Er ist von einer ungemeinen Arglist und
Verschlagenheit, nur Gott durchdringt seine Gedanken, er verbirgt hinter
seiner Barschheit weitausschauende Plne. Schon sein bhmisches Einkommen
ist hher als das der Majestt. Er ist von Natur zur absoluten
Alleinherrschaft geneigt; nur den Bayernfrsten hat er, denn dieser
erscheint ihm als der einzige, der ihn in seinen Plnen hindern kann. Er
beabsichtigt, die katholische Liga zugrunde zu richten, um alsdann als
einziger Bewaffneter im Reich dazustehen. Das Spiel ist ihm schon zu zwei
Dritteln geglckt. Sein Verfahren ist einfach: Bestechung des kaiserlichen
Beichtvaters und der Geheimen Rte, Verlegung der Truppen in die
kaiserlichen Erblnder, um dem Hause sterreich, das im Kriege vllig
verarmt, einen Zgel anzulegen. Er kennt keine Achtung; vor dem spanischen
Botschafter hat er den katholischen Knig einen Tropf genannt, ebenso den
Knig von Polen; man darf nicht wiederholen, was er am Papst gefunden hat;
es seien in Rom auch fnfundzwanzig Kardinle, die man nach seinem Wunsche
auf die Galeeren schmieden sollte.

Nach diesen Mitteilungen sa die rote Maske schweigend, drehte sich um, ob
noch jemand im Raume sei, ging mit einer Verbeugung hinaus, dem Kapuziner
winkend, dazubleiben.

Einen Monat spter sprach die hohe Persnlichkeit den Kapuziner im selben
Zimmer zum zweiten Male; der Agent durfte an sie einige Fragen stellen;
zwei Entwrfe zog der Redner aus dem hohen weien Stiefelschafte: einen
Diskurs ber Friedlands Absicht mit dem kaiserlichen Heere, eine
Untersuchung ber die Mglichkeiten, dem geplanten Umsturz im Reich
entgegenzutreten. Nach diesen Entwrfen, ber die die Persnlichkeit
weichstimmig berichtete, plante der Herzog sich in Niederdeutschland
festzusetzen; er hatte vor, im Reich die aristokratische Verfassung zu
verndern zugunsten einer absoluten Monarchie. Er wollte zeigen, welche
groe Kraft Deutschland innewohne, wenn es ein einziges Haupt habe. Der
Umwandlung Deutschlands konnte man nach der Untersuchung nur
entgegenwirken, durch ein mchtiges ligistisches Heer, das unter Fhrung
eines Gewalt nicht scheuenden Frsten steht. Wallenstein rechnet mit der
friedlichen Gesinnung des Bayernfrsten und Tillys, offener: er spekuliert
auf ihre Ahnungslosigkeit.

Gefragt, wie der Kaiser sich verhalte, antwortete die Persnlichkeit:
Ferdinand lasse nichts an sich herankommen, und was herankomme, schttele
er ab, um nicht aus seiner Ruhe geschreckt zu werden; es sei vom Kaiser
nichts zu erwarten, er werde in seiner Unschlssigkeit verharren.

Als Alexander von Hales Prag verlassen wollte, wurde er vom spanischen
Botschafter am kaiserlichen Hof, der zufllig den Herzog aufgesucht hatte,
angehalten. Der sehr stolze Mann wollte Empfehlungen und Briefe an seine
Bekannten in Mnchen mitgeben; zwischendurch gab er eitelkeitsstrotzend von
sich: die Dinge im Heiligen Reich nhmen ein rasendes Tempo an; es freue
ihn, da man sich der alten Beziehung mit Spanien besinne, Friedland
verstnde die Zeit; er htte davon gesprochen, wie ihm Graf Slavata
vertraulich unterbreitete, bei einem Widerstand gegen seine Plne und bei
einem vorkommenden Thronwechsel zuerst an Spanien zu denken; man werde
wieder in die alte gesegnete Verbindung kommen.

                   *       *       *       *       *

Drei Stunden Ritt bei Mnchen, in Schleiheim, hauste der Bayer in seiner
Sommerresidenz auf der Schwaig; die kleine Mosach rieselte durch einen Hof,
trieb ein Mhlrad, durch einen andern Hof das geschwtzige Wsserchen der
Wurn. Breite, geblkerfllte Stallungen, Wiesen an sanften Abhngen,
hrenfelder, Mller, Viehmeister, Schweizer, Allguer.

Sankt Urbanstag; im grauen Regenwetter schlugen im Dorf die Kinder ein
Holzbildchen des Papstes. Im inneren Hof der Schwaig klopfte der Maienregen
auf das Bretterdach einer kleinen Spielhalle; drin drngten sich auf ihren
Sesseln hinter dem frierenden Kurfrsten -- blauer Samtmantel bis auf die
gelben Handschuhe, blauer aufgeschlagener Samthut mit Perlenschnur, altes
geflteltes schlaffes Gesicht -- der bergroe glotzugige schwere Frst zu
Hohenzollern, Obersthofmeister und Geheimer Rat, der gestrenge und
hochgelehrte Herr Bartholomus Richel, der greise spitzbrtige
Oberstkmmerer Kurz von Senftenau, Knecht der Jesuiten, Kmmerer
Maximilians, der Marchese Pallavicino, der Signor Cavalchino, der
elastische hohe Graf Maximilian Fugger, Johann Verduckh, sein Guarderobba,
die Geheimsekretre Rampeckh und Schlegel, Kriegskommissare, Bildhauer. Sie
saen stumm vor der niedrigen schmalen engen Holzbhne, auf deren
teppichbelegten Brettern sich zwei Menschen, nackt bis zum Grtel, boxten,
im trben Nachmittagslicht hin und her sprangen. Leibwache mit Kopfhaube
Hellebarde Schwert breitbeinig in Doppelreihe an beiden Lngsseiten der
Halle.

Der eine der Ringer, schwarzhaarig, breit, den Unterkiefer vorstreckend,
ging im Hintergrund der Bhne wild, mit ngstlich verzerrtem Lcheln
einher, zog meckernd hinter dem unbeweglichen braunen nach vorn, spazierte
an der Rampe entlang, nach rckwrts schielend, nach vorwrts schielend,
gegen den Saal sich unter ffnen der Arme verbeugend. Er wartete vorn im
Winkel, die Arme hhnisch bereinanderschlagend, den braunen unbeweglichen
imitierend. Grinste keck, schlenderte drei Schritt gegen den anderen. Mit
seinem rechten Knie berhrte er das vorgebogene Knie des andern, schob,
drckte gegen das Knie. Er stie, der andere stie. Sie holten ihr freies
Bein heran. Der Braune schlank, kopfhher als der Schwarzhaarige, aus einem
Traum geweckt, drngte pltzlich heftig mit dem spitz vorgekeilten Knie,
rot berflammt, da sie aneinander vorbeirutschten, auseinander taumelten,
der Kleine mit den Hnden den Boden berhrte. Wie er sich aufrichtete,
umdrehte, funkte ein hllischer Schlag ihm in die Schlfe, da er, wie
verwundert, sich hinsetzte, den Kopf senkte. Er wollte wieder hhnisch,
vertraulich dem Saal zulchelnd, hochklettern, als der Braune eine Fusohle
ihm auf die nackte Schulter legte von hinten und ihn leicht wippte. Mit
verndertem Gesicht ri er seinen Rumpf beiseite, stand atemlos bla auf
den Fen, stie einen Arm krmmend hervor: Mach' nur Herrchen, immer
mach' nur. Ich zahl' wieder. Der Braune hob reizend wieder den Fu. Komm
nur heraus. Ich zahl' jeden Schlag. An dich. Stammelnd nherte er sich dem
Braunen, sabbernd, mit weiten Augen; der legte ihm, ehe er, wie geplant, in
sein Bein hatte beien knnen, zwei schwere Hiebe ber die Schultern, da
der Schwarze umknickte, wie mit Scken ber den Achseln nach rechts
schlich, nach links schlich, sich gegen die Rampe wandte, sich duckte, um
die Beine vom Podium herunterzulassen. Vier Leibwchter liefen klirrend an
mit gefllten Hellebarden; der Kleine brach in lautes Lachen aus, stellte
sich schwankend vorn hin: Ich fordere dich heraus, Herrchen. Glaubst mich
zu besiegen, mit deinen plumpen Schlgen. Da steh' ich. Schlag. Ich wehr'
mich nicht. Ich krieg' dich schon. Der Braune mit dicken, knchernen
Fusten gegen ihn. Ich krieg' dich. Du bezahlst mir jeden Hieb, entgehst
mir nicht. Sie wechselten mit leichten Berhrungen Ste. ber den
Schwarzen war pltzlich ein farbenstreuendes Summen, Drhnen gefallen; halb
besinnungslos lehnte er an der Seitenwand, murmelte: berleg' dir, was du
tust. Du richtest dich zugrunde. Versuchte zu lachen nach einem grausamen
Hieb gegen seine Oberlippe: Ich wei nicht, wie du das wirst aushalten
knnen. Das -- haha -- das ist entsetzlich. Das ist ja tdlich. Bist ja ein
Mordsverbrecher. Hin und her wankend wlzte er sinnlos seine Arme wie
Schlgel um seinen Kopf, dem ausweichenden Braunen nachschleifend. Mein
Gott, greinte er an der Hinterwand, ohne zu wissen, da er nur mit einem
Auge sah, ich wute nicht, mit wem ich mich einlie. Pfui, das bist du. Es
war ntig, dich aufzudecken vor der Welt. Da sitzen die Zeugen, die hohen
Herren. An dir soll keine Gnade gebt werden. Der schlanke Braune raste:
Was verleumdest du mich. Willst du schlagen, willst du nicht schlagen,
Hundsfott? Du spuckst mich nicht an. Ich warte, bis du dich ganz ruiniert
hast an mir. Wir werden alle sehen, wie weit du gehen kannst.

Tierartig hing der Lange ber ihm, rammelte an dem schwankenden
kopfverbergenden Krper; in den Pausen schluckte und schluchzte der unten:
Mann. Mann. Ja. Schlag weiter. Zwanzig. Wenn du fertig bist, ist die
Abrechnung fertig. Ich zhl' jeden Schlag. Unterhalten wir uns nicht;
schlag' nur weiter. Mchtest der Rache entgehen. Der Braune fate den ber
den Boden gekrmmten von oben um die Hften, hob ihn, schwenkte ihn.
Einmal, zweimal sauste gerissen der Schwarzhaarige kopfabwrts, strampelnd
herum. Am Boden, hingepoltert, spuckte er Blut, rollte, wackelte, blind,
blde auf: Hh. Weiter. Zwanzig. Der ruderte fnfmal durch die Luft;
knapp an der Rampe krachte er, losgelassen, hin. Als er den Kopf drehte
nach einer Weile, lispelte sein verquollener Mund: He du. Eitler Hahn.
Gearbeitet. Zwanzig. Ist noch nicht fertig. Wollen sehen, wann er fertig
ist. Der Braune kreischte wie gebissen, kniete vor dem liegenden Schwarzen
und nun, die Augen zukneifend, alle Gesichtsmuskeln zusammenreiend,
schmetterte er, wrgte, whlte, klopfte, rollte, malmte an dem weichen
Krper vor sich. Der richtete sich einmal, blau, japsend, auf, wollte die
Augen aufreien, brach einen Strom Blut, legte sich seitlich um. Der
Braune, noch hingekniet, packte den Schwarzen mit beiden Fusten beim Hals,
zog den Rumpf lang am schlaffen Hals hoch, lie ihn auf das Gesicht zu
klappen. Wtend spie er sich in die blutbeschmierten Handteller. Unten
lachte man schallend ber sein bses Gesicht.

Der schmeerbuchige Frst zu Hohenzollern wechselte mit dem aufgestandenen
Kurfrsten einige Worte. Die Wache formte sich zum Spalier. Maximilian
sprach erregt auf Richel ein. Sie verlieen die Halle. Leuchter wurden von
Pagen in das Haus getragen.

Im kleinen Singvogelsaal bemerkte Maximilian, ohne den Jesuiten Kontzen
oder Richel anzusehen: Jedenfalls soll der Musketier belohnt werden und
die ganze Patrouille, die den Boten abgefangen hat. Es war mir eine
Genugtuung, diese Aufklrung zu erhalten.

Richel auf dem Schemel: Leider geht aus dem Handschreiben Meggaus nicht
hervor, wie lange der Hof schon Geld fr den Kaiser aus Kontributionen
bezieht. Oder ob es nur eine einmalige Zahlung war.

Das Tpfelchen auf dem I? Mir gengt es.

Richel, den geschwollenen Zeigefinger an der Nase: Dieser Brief wiege so
viel wie eine gewonnene Schlacht. Maximilian wechselte hufig die Farbe, er
hatte die Knpfe seiner Lederweste geffnet, hauchte stark, von Hitze
berstrmt. Es drfe nicht davon gesprochen werden, er werde selbst und
allein mit dem Kaiser darber verhandeln. Es kam zu keinen weiteren
Debatten. Die Herren merkten, dies war eine Angelegenheit der Frsten.
Richel wurde entlassen.

Der Jesuit wurde mit funkelnden Augen gefragt, welche Treue ein Kurfrst
seinem Kaiser schuldig sei. Kontzen sprang an: Dem Kaiser alle Treue, dem
Nichtkaiser keine. Des nheren ergab sich: Ferdinand der andere ist nur,
und besonders nach dem eben aufgedeckten Vorgang, nur dem Namen nach
Kaiser. Er hat die Machtfunktion an seinen General abgetreten. Man hat also
keinen Kaiser, den man verraten knnte, und an dem Herzog von Friedland
kann man keinen Verrat begehen. Es gibt zwei Mglichkeiten: entweder der
Kaiser billigt willensfrei den Friedland oder er wird gentigt von ihm; im
ersten Fall hat er sich seiner Herrscherattribute begeben; oder er steht in
friedlndischer Sklaverei. Man mu den letzten Fall bei seiner christlichen
Frmmigkeit annehmen. Verrat an diesem Verratenen heit ihm, als dem
Kaiser, beistehen. Er konkludierte: Wie die Dinge liegen nach der
Kapuzinerrelation und dem aufgefangenen Schreiben Meggaus ist es Pflicht
jedes Deutschen, besonders jedes Frsten, den Kaiser von seinem
Vergewaltiger zu befreien.

Maximilian fragte leise: Auch wenn die Befreiung des Kaisers mit
Untersttzung fremder, auslndischer Mchte geschhe? Kontzen solle nicht
gleich antworten, er mchte sich gut besinnen.

Wozu man, erhielt Maximilian zur Antwort, das Beispiel der Heiligen Kirche
habe; ob sie Unterschiede zwischen den Nationen mache, ob es ihr nicht
einzig auf die Sache ankme.

Max ihn aus seinen kalten, traurigen Augen lange betrachtend: Wenn meinen
Untertanen meine Regierung nicht gefllt und sie zu meiner Beseitigung die
Trken oder Schweden ins Land rufen, tun sie dann Recht?

Nur insofern tun sie Unrecht, als sie sich wahrscheinlich mit dem
trkischen Einfall selber ins Fleisch schneiden; im brigen --

Der Kurfrst unverwandt den Jesuiten betrachtend: Ich darf die Trken ins
Land rufen oder ins Reich, wenn ich das Reich damit aufrichte? Das ist
nicht fraglich. Lchelnd schlo Kontzen aufstehend, es seien doch wohl
nicht die Trken.

Wie ein Jger seinem Hund pfeift, so hatte der sanfte Kardinal Richelieu
seinem Volke das Signal gegeben, es hie Habsburg. Deutsches und spanisches
Blut lockte, duftete herber; sich einwlzen, sich berkugeln, die
Uneinigkeit vergessen!

Wir mssen uns in Metz befestigen, sang er ihnen vor, wir mssen nach
Straburg vordringen, um ein Eingangstor nach Deutschland zu erlangen.
Geduld, Geduld! Ich will Euch nicht aufspieen lassen. Gebt mir noch Zeit,
seid zart; ich werde mit ser, offener Miene voranschreiten.

Die Zhne seines Rades griffen in die Vertiefungen von Wallensteins Rad. Zu
den Hanseaten, zum Dnen, Schweden, zu den Generalstaaten waren die
verfhrenden Reden und Goldstcke gerollt, klirrten lauter in das Reich von
Westen und Sden her ein.

Die Gesandten erhielten die Instruktion vom Kardinal: Die Kraft Habsburgs
ist der Herzog von Friedland; die Gegenkraft die Kurfrsten. Sie streiten
sich um das Heilige Reich. Wir mssen sie streiten lassen, bis sie uns das
Reich ffnen. Jetzt ist Habsburg strker; reizt, strkt die Kurfrsten.

Wie eine sanfte Eingebung glitten die breitrdrigen Reisewagen mit dem
grougigen vornehmen Herren Marcheville, dem entschlossenen Soldaten
Charnac, Sbel ber die Knie, ber die hglige Reichsgrenze, ber den
Rhein, in das Heilige Reich. Kaum beachtet in dem Lrmen der Durchzge,
schweigend, hflich wandten sie sich nach Sden und Osten, nherte sich
Marcheville der Stadt Mainz, die Anselm Kasimir beherrschte, dem Gebiet
Philipp Christophs von Trier, Kln unter dem Kurfrsten Ferdinand, in
Dresden trat er vor Johann Georg.

Marquis von Charnac war unterwegs von Fontainebleau, als Maximilian den
Wunsch uerte, einen Geheimvertreter des Knigs Louis zu sprechen. Man
hatte in Fontainebleau nichts versumt; Charnac trug Instruktionen mit
sich.

Der Bayer sa unter einem Baldachin in der Ritterstube der Neuen Feste, sa
vor einer langen ungedeckten Holztafel, an der der hochgelehrte Herr
Bartholomus Richel neben Kontzen schrieb und in Faszikeln bltterte, als
Charnac, ein unansehnlicher hlicher Mensch mit rotem Gesicht und
schielenden Augen von dem hohen Frsten zu Hohenzollern hereingefhrt
wurde. Die Unterhaltung, bei der Charnac es immer wieder ablehnte, sich
vor der Kurfrstlichen Durchlaucht zu setzen, wurde fast allein zwischen
dem Kurbayern und dem Marquis gefhrt; spter holten die Rte Dokumente zu
Hilfe, ein Sekretr des Franzosen im Vorraum durfte eintreten, das
Akkreditiv des Gesandten diesem zur Vorlage berreichen, ferner eine groe
Blankourkunde mit der Unterschrift des katholischen Knigs. Charnac wurde
vom Kurfrsten nach seinem kurzen Arm befragt; er erzhlte in bescheidenem
Ton von seinen Gefechten in Polen, dann: er kme auch von Larochelle.
Nheres von dem Fall dieser Stadt, worauf Maximilian drngte, wollte er
nicht hergeben; er erklrte streng, die hugenottische Angelegenheit sei ein
Bruderzwist in Frankreich gewesen, sie sei erledigt. Es wrde insbesondere
der neu erstarkten gallischen Nation eine Freude und Genugtuung sein,
Gelegenheit zu erhalten, ihre Macht und Einheit nun nach auen zu zeigen
unter Fhrung des glorreichen dreizehnten Ludwig. Er sprach die Freude
seines Souverns aus, da die Verhandlungen mit Bayern, die auf eine
Beendigung des deutschen blutigen schreckvollen Krieges zielten, nun in
rascheren Flu kommen sollten.

Ich habe, flsterte Maximilian, der whrend der Unterhaltung mde an
seinem Hut rckte, seinerzeit den Herrn von Marcheville gefragt, was
Frankreich in Deutschland fr Ziele verfolge. Wollt Ihr mir darauf
antworten. Charnac, den Degen fest in der Linken, die Augen auf dem
Teppich; ein Souvern htte zum Ziel, und dies msse er festhalten, die
Zustnde im Reiche, wie sie durch Reichsgrundgesetze, Goldene Bulle,
Wahlkapitulation festgelegt seien, erhalten zu sehen; er mchte keinen
gefhrlichen revolutionren Nachbarn; er erblicke in der weiteren
Ausbreitung der augenblicklichen inneren Gewaltvorgnge in Deutschland eine
Bedrohung der franzsischen Grenze. Maximilian flsterte nach einigen
Worten: Weiter.

Wir haben ein Interesse daran, im Reich eine Macht wie die Liga und einen
Frsten wie die bayrische Durchlaucht zu wissen, die den Stand des Reiches
gewhrleistet. Wir sind daher bereit, die Kraft der Liga auf jede
erdenkliche Weise zum Schutz gegen den gewaltttigen ungesetzlichen Umsturz
zu sttzen -- soweit man es von uns begehrt. Wenn ich genauer sagen soll,
fhren wir durch solch Vorgehen einen Prventivkrieg gegen das Reich.
Unbedingt erkennt der katholische Knig daher die Kurfrstenwrde der
gegenwrtigen bayrischen Durchlaucht an. Pltzlich endete der Franzose und
fhlte sich auch durch den forschenden Blick des Frsten nicht bewogen,
weiter zu sprechen.

Richel rckte seinen Stuhl, berreichte herantretend dem Kurfrsten eine
Note, auf eine Stelle mit dem Zeigefinger weisend. Ohne hinzusehen, nahm
Maximilian das Blatt mit der Linken, mit der Rechten Mund und Kinn
zudeckend, immer den Gesandten fixierend, der ruhig wartete. Dann
Maximilian sehr bestimmt, keinen Ton lauter: Der Herr kennt die
Verhltnisse im Reich. Der Bericht des Kapuziners Alexander aus Prag soll,
wie mir berichtet wurde, ihm vertraut sein. Ich habe wegen dieser uns
berwltigenden Zustnde den katholischen Knig ins Vertrauen gezogen,
meinem Pariser Gesandten fleiige Korrespondenz mit den kniglichen
Funktionren befohlen. Die Liga, deren Oberster ich bin, hat kein
Interesse, bei treuster kaiserlicher Gesinnung, diese Zustnde hinzunehmen
oder gar zu befrdern. Sie wnscht Abschaffung der drckenden Fronden. Dies
ist dem Herrn bekannt. Der verneigte sich. Ich will nur angeben,
przisierte Maximilian, welche Wege gemeinsamer Art denkbar sind. Es
gengt die Erklrung der Liga, in kommenden Angriffskriegen des Kaisers
sich neutral beiseite zu stellen, bei der Bewahrung der Neutralitt aber im
schlimmsten, ernstesten Fall der Hilfe Frankreichs gewi zu sein. Hierzu
seine Zustimmung zu geben, erklrte der Botschafter wieder gesprchig,
htte er Vollmacht und ausdrckliche Instruktion. Es lge dem katholischen
Knig daran, ihre Friedensziele, die so segensreich fr die Menschheit und
die katholische Christenheit wren, auf eine mglichst sichere Basis zu
stellen. Man werde glcklich sein in Frankreich, am glcklichsten am Hofe
des Knigs, eine katholische Phalanx mit der deutschen Liga geschaffen zu
haben, die der Welt Friedensgedanken aufzwnge und die Rechtglubigkeit
unangreifbar machte. Ich will, wiederholte nach einigem Abwarten
Maximilian, dann die Neutralitt der Liga bei einem weiteren Angriffskrieg
des Kaisers durchsetzen. Die bayrische Absicht ist weiter: Verteidigung
gegen die Umsturzbewegungen im Reich, Verteidigung der Reichskonstitution,
Verteidigung der heiligen Kirche; die franzsische Absicht darf dem in
keinem Punkt widersprechen. Als Charnac das Wort Bndnis hinwarf, hob
Maximilian ablehnend beide Hnde. Man mge nicht wie ein Holzfller bei ihm
eindringen. Die Not im Reich sei gro; dies vor dem kundigen Gesandten zu
verhllen, htte er keinen Anla. Jedoch sei er deutscher Kurfrst und
werde durch keine Vergewaltigung sich von der geschworenen Treue gegen die
Rmische Majestt abbringen lassen. Bei allen Einzelheiten sei
festzuhalten: keine Prjudiz gegen Reich Kaiser und Kurfrstenkolleg. Die
Rte sahen auf; Maximilian war erglht, hatte die Zhne wie in Scham
zusammengebissen; Charnac bltterte gleichmtig in seinen Papieren:
Durchlaucht werde freie Hand gegeben, sich der Hilfe des katholischen
Knigs nach Belieben zu bedienen; bei der Herzlichkeit der Gefhle Louis
und Richelieus fr das aus tausend Wunden blutende Deutschland sei ein
Mibrauch des Bndnisfalles unmglich. Friede, Friede die gemeinsame
Parole; geboren aus Erwgungen der Menschlichkeit Christlichkeit und
Selbsterhaltung.

Weich schlich Maximilian in die Wilhelminische Residenz herber in das enge
Stbchen zu seinem Vater, dem Herzog.

Der Alte, im schwarzen Wollrckchen am Ofen, rieb seinem groen Sohn die
Hand. Sie hockten ber die Mittagsstunde zusammen. Den Kaiser Ferdinand
bewarf Maximilian mit Bitterkeit. Dem Kaiser hat ein Satan diesen
Wallenstein geschickt. Und nun floriert das Haus Habsburg und wirft seine
Ketten und Schergen aus; es wiehert brnstig vor Glck, und er, der
Wittelsbacher, mu es hinnehmen. Schande, Schande: er, ein Deutscher, msse
sich mit dem franzsischen Knig verbnden. Er sei gezwungen, mit Zhnen
und Klauen und brllender Offenheit den Stier, den Teufel anzufallen. Das
Reich, das Heilige Reich, das er liebe, msse er zerstren, weil es der
Habsburger, der tolle, der Schalk, denn wolle. Nun kme es auf nichts an,
als auf Habsburg und Wittelsbach! Die Masken, die lange festgeklammerten,
endlich, endlich herunter! Zertrampelt das Rmische Reich. Es gibt nicht
mehr Kaiser, es gibt nicht mehr Kurfrsten; in den Abgrund alles.

Das graue Mnnlein ging neben ihm am Ofen hin und her, streichelte dem
schmerzvoll Zerrissenen demtig die Hand, dankte innerlich Gott fr seinen
Sohn. Mge das Heilige Rmische Reich sich selbst anschuldigen, schumte
der leichenblasse, die Tischplatte knetende Kurfrst, wenn es breit gewalkt
werde, wenn die Sintflut der Ketzerei anwchse, wenn die Grenzen
durchbrochen wrden. Es mu geschehen. Der Hter des Reichs, der Vogt der
Heiligen Kirche, der Mehrer des Reichs: Schande, Schande.

Den schielugigen wartenden Charnac behandelte er in seiner eigenen
Kammer, das Degengehenk zu Boden werfend, sehr heftig. Ein Ende mit dem
Gerede von dem mchtigen einigen siegreichen Frankreich. Er sei deutscher
Kurfrst, Bayern und die Liga seien stark, er solle nach dem Haag gehen,
sich vom Pflzer darber ein Lied singen lassen. Was habe Frankreich im
Elsa vor, was whle es in Straburg; der Bischof von Straburg sei
Mitglied der Liga; er werde keinen Angriff und berfall da dulden. Er war
erbittert und hhnisch. Man glaube nicht, sich die Not Deutschlands zunutze
machen zu knnen und im Trben zu fischen. Was habe Frankreich in Holland
vor und plane mit den Generalstaaten. Nein, nein, Frankreich und der
katholische Knig miverstnden ihn, den Bayern, gnzlich; er sei nicht der
alberne Knecht, der in der Nacht die Tr zum Haus offen lt, damit die
Ruber einfallen knnen. Man wage es nicht, ihm so zu kommen. Da sei ihm
der bhmische Schelm noch lieber.

Charnac focht sicher. Er fhlte, der Kurfrst wnschte von ihm ber
Schwierigkeiten geleitet zu werden. Dunkle Punkte wurden im Dunkeln
gelassen, helle beleuchtet. Maximilian wurde gegen den Schlu still.

Man kam so weit, ber die Zahl der beiderseits aufzustellenden Sldner zu
verhandeln. In dem Vertragsdokument war nach Maximilians Willen nichts zu
vermerken von der Neutralitt Bayerns und der Liga; das sollte brieflich
abseits fixiert werden. Schweigend, ohne besondere Huld, wurde Charnac
abgedankt.

Maximilian fuhr in sechsspnniger Karosse auf den Berg Andechs. Der Heiland
trug die bunte Wunderkrone der Heiligen Mechthilde. Wallfahrten zogen mit
ihm, Prozessionen von Kindern mit farbigen Kreuzen, mit Geieln, Speeren.
Ungeheure, armdicke Kerzen wurden voraufgetragen; an seidenen, grell
bemalten Fahnen kleine Glckchen. Umschlungen von Kranken Gebrestigen der
Pfahl mit dem Marienbilde vor der Kirche; sie lagen, von Priestern
umgangen, in Krmpfen davor. Mtter hoben ihre Kinder hoch gegen das Bild,
tasteten die Schmerzstellen der Kinder ab. Dabei sangen sie. Wie Balken
strzten einige hin, eben den freien Platz erreichend, schnellten
bereinander; Kuttentrger beschworen die bsen Geister.

Selig Maximilian: Habsburg, nicht er hat das Rmische Reich zerrissen.

Die Macht der Heiligen Kirche zu vermehren, war ihm, ihm und seinem
Geschlecht zugedacht von den Himmlischen. Es sollte an ihm nicht fehlen.

                   *       *       *       *       *

Von der grauen windgefegten Meeresplatte bis auf Postenstellungen
zurckgezogen, schob sich das Gros der Armee mit wachsender Strke in das
Zentrum Deutschlands und nach Sden. Es legte einen dichten Schleier ber
die kaiserlichen Erblande, stieg die Grenzberge hinauf.

Als die Fhlungnahme der Frsten und Stnde begann, die Proteste gegen die
Anwesenheit und das grenzenlose Wuchern dieses Armeekolosses in allen Gauen
schrillten, glomm im Sden pltzlich ein Funke auf, der sich im Augenblick
zur Lohe entwickelte.

Ein Reichslehen jenseits der Alpen, Mantua, war durch den Tod seines
Inhabers erledigt, die Nachfrage umstritten. Der Groneffe des
Verstorbenen, ein junger Herzog von Nevers, glaubte nicht der Belehnung
durch den Kaiser und Entscheidung des Rechtsstreites zu bedrfen. Da nahm
der rmische Kaiser, Ferdinand der Andere, Mantua und das zugehrige
Montferrat in Sequester, und der Oberst eines Infanterieregiments, Graf
Johann von Nassau, wurde als sein Sequestrationskommissar nach Mantua
geschickt. Der junge Herzog leistete dem kaiserlichen Kommissar nicht
Folge, gehetzt von Richelieu, der hinter ihm stand und einen Sprung in die
Lombardei tun wollte. Der Rmische Kaiser fragte in diesem Augenblick den
Generalfeldhauptmann, ob er zu einem Zug nach Oberitalien bereit wre, zur
Exekution gegen Mantua.

Die Armee wurde formiert. Geschwollen fuhr es aus dem Prager Hauptquartier
ber das Reich, das Klagen dunstete wie eine Wiese in der Morgendmmerung:
Man habe Krieg, mge jeder still sein, Kaiser und Reich sei beleidigt. Die
alte Armee wuchs wieder; der Herzog brauchte zwei Armeen, eine zum Kampf,
eine zu Kontributionen. Regimenter aus Schwaben marschierten sdwrts,
besetzten die Psse der Graubndener Alpen, hingen wie eine Wetterwolke
ber Italien. ber das Meer war man nicht herbergekommen; die Alpen
konnten nicht aufhalten. Und wie der junge Nevers noch schwankte, erschien
der franzsische Knig Ludwig selbst mit einem starken Heer, rckte gegen
die Stadt Susa und besetzte sie. Sie berschritten, eine neue Kriegsmacht,
die Brcke der Doria; Richelieu, der schmchtige kinnbrtige Mnch, von
allen Waffengattungen bejubelt, lie im grellen Mrzsonnenschein am
Brckenkopf sein geharnischtes Ro voltigieren, zwei Pistolen trug er am
Sattelbug, das lange Schlachtschwert an der Seite, den wallenden blauen
Federhut. Pinerolo fiel, die Alpenpsse wurden geffnet, das Heer strzte
an, zehntausend Mann, gejagt von ihren Marschllen Krequi, Schomberg, La
Force.

Losgelassen die Kaiserlichen hinterher, unter dem Grafen Kollalto. Der
Herr Bruder ziehe Menschen an sich, schrieb der Bhme, das Reich hat
genug, ich vermag nicht zu bewltigen, was zu mir kommt. Je mehr ich
aufnehme an krftigen Mnnern, um so sicherer wird der Widerstand im Lande
hinschmelzen; vor dem Knurren und Keifen alter Weiber und Kanaillen frchte
ich mich nicht.

Kompagnienweise wurden die Sldner bei den ersten Scharmtzeln
verschlungen. Aus Wallensteins Quartier flogen der Kriegskommissar Metzger
und der Rittmeister Neumann her; ein neues Lied hatte angefangen. Sie
drngten gewaltig den schlachtengierigen strategielsternen Kollalto zu
Attacken; hielten verschlagen mit Artillerie und Harnischen zurck. Sie
reizten durch verrterische Meldungen den Franzosen zu Angriffen; worauf
die deutschen Verluste wuchsen.

Und Ludwig, wie er triumphierte ber die albernen vielgerhmten
Wallensteiner. Er machte sich anheischig, sie in fnf Monaten mit Stumpf
und Stiel in Italien auszurotten. Und so gewi war er seiner Sache, da der
noch ngstliche junge Herzog von Nevers, der Prtendent, die kaiserliche
Fahne in Casale einzog. Die friedlndischen Regimenter, deren Verluste
furchtbar waren, meuterten nicht; die Landschaft blieb ppig, Ortschaft um
Ortschaft wurde ihnen zur schonungslosen Plnderung mit Gtern und Menschen
preisgegeben, zur Reizung und Betubung.

In Prag wiegte sich Wallenstein; Patente fr neue Truppenkrper flogen aus
seiner Kanzlei; er hie sie, fr einige Monate die Zgel im Reich etwas
schlaffer halten, der Kaiser brauche ein Heer, der italienische Krieg
verschlinge Massen, man msse locken, locken. Mit rasendem Pfeifen,
Heerpauken durchzogen die Werber die Landschaften, fuhren Wagen voll des
besten Geldes, jagten in die Wlder zu den neuen Siedelungen der
Vertriebenen; schlugen eine gute Musik, bunte Schrpen, wilde Hte, Macht
ber Mnner und Weiber. Mchte lieber wer von den Verkommenden arm und
Knecht sein. Der Krieg in der italienischen Ebene war ein Schlund, er
schluckte und spie in die Grber.

Bassewi ging den harten Herzog an. Der gab zurck: Jammere er nicht,
Bassewi. Er hat keinen Grund, ber diesen Tod zu klagen, wo kein Deutscher
einen Finger aufheben wrde, wenn sein ganzer Stamm an einem Tage
weggerafft wrde. Wir kommen von der Stelle. Oder zweifelt er? Der
weihaarige Jude schttelte mit weiten starren Augen den Kopf: Ich werde
nicht zweifeln, da dem Herzog von Friedland irgendein Erfolg ausbleiben
wird. Ich werde nicht daran zweifeln. Ich wrde glauben, wenn der Herzog
von Friedland ein Jude wre, wrde die arme Judenschaft morgen nach
Palstina wandern knnen und das Reich Salomos neu begrnden. Wallenstein
lachte krftig: Hinbringen knnte ich Euch schon; aber der Groherr in
Konstantinopel wrde Euch verspeisen. Es wre kein so schlechter Gedanke
eines Christen, Euch hinzubringen. Der Jude runzelte die Stirn: Bewahre
mich Gott. Ich bin zufrieden, da Ihr uns wohlgesinnt seid.

Zwischen seinen grellgeputzten Vogelhusern und Fischteichen spazierte
Friedland mit seiner schnen Frau, im Vergngen ber das milde
Winterwetter.

Sein Vetter, der klobige Oberst Graf Max Wallenstein fhrte neben der
Herzogin ein Bologneserhndchen an der Leine. Friedland stand auf dem Kies,
seinen Stock vor sich am Boden einstampfend: Htt' ich geglaubt, da die
Dinge bei Mantua solchen Verlauf nehmen. Der Mund wird denen im Reich
gestopft. Schaff' mir Leute heran, Max; die Deutschen gehren nach Italien.
Hast du bemerkt, was der Franzose macht. Er will ein Feind Deutschlands
sein. Der! Richelieu, der berfeine, glaubt, uns in der Tasche zu haben.
Sein Pater Joseph, der Kapuziner, er und der Tlpel Ludwig haben uns schon.
Eine Freude! Er bringt unsere Feinde um, jeden Tag hundert mehr; wie gut
sich die Menschen eignen zu unserer Bedienung. Und wir -- wir haben jeden
Tag ein Stckchen Sorge weniger. Gepeinigt pfiff die Herzogin ihrem
tanzenden Hndchen; sogar Graf Max sah betroffen an seinem Zobelpelz
herunter. Wallenstein prahlte, mit seiner knchernen Linken heftig
gestikulierend: Wir werden strker; aber er kriegt den Kaiser nicht
herunter. Er kann es anstellen, der besessene Seidenspinner, wie er will,
er tut uns einen Dienst. Die Franzosen, Max -- die haben mir gefehlt. Er
zotete vor der erblassenden Herzogin von der vortrefflichen
Franzosenkrankheit, die sein Heer befallen htte. Sprudelnd zog er die Arme
der zu Boden blickenden Frau an sich.

In dem kleinen astronomischen Kabinett, in einem Flgel seines Palastes,
mute bei Fackelschein der paduanische Astronom Argoli, mit seinem
sanftmtigen schmeichelnden Schler, dem Johann Baptist Zenno, die
Aussichten des Feldzugs berechnen. Plne auf Plne legte er ihm vor, sie
hatten die glckbringenden Tage anzugeben. Die unermeliche Nacht blickte
zu ihnen herein. Erregt, vor sich murmelnd, ging Friedland unter der
Bronzetafel, in die sein eigenes Horoskop eingegraben war: Tiefsinnige,
melancholische Gedanken macht Saturn, die menschlichen Gebote werden
verachtet. Jupiter folgt. Der Mond steht im Zeichen der Verworfenheit.
Friedland stellte sich unter Knurren und Lachsten neben Argolis Fernrohr:
Ich bin ein frommer Christ, Argoli. Du weit, was ich gestiftet habe. Man
wird mich nicht fr teuflisch halten, weil du mir die Geheimnisse Gottes
deuten sollst.

Die unaufhaltsam ber die Lombardei niederstrmende Menge breitete sich
aus. Von der Schweizer Grenze blhend Gebiet neben Gebiet, das Herzogtum
Savoyen, Piemont, das spanische Mailand, die groe Republik Venedig von
Bergamo bis Belluno, Gradiska. Was geneigt war, sich aufzubumen, bumte
sich auf. Im Sden der Staat des gewaltigen von Civitavechio bis zum
Kastelfranko herrschenden Papstes Urban.

Er hatte mit Ruhe den deutschen Krieg toben sehen; jetzt brllte er ber
das Vordringen der Mnner aus dem fluchwrdigen Lande, das die Ketzerei
geboren und grogezogen hatte. Der brutale spanische Botschafter Gasparo
Borgia fuhr stolzgeblht zur Audienz beim Heiligen Vater, der ihn nicht
zulie; aber feierlich holte der Kardinalstaatssekretr Franzesko
Barberini, der Nepot, die bayrische Kreatur Krivelli aus seinem Quartier ab
zum Papst.

Der Papst schnob gegen ihn: das Haus sterreich ist der Kirche abtrnnig
geworden, da es keinen Frsten mehr achte; malos bermtig, mischt es
sich in die Verhltnisse Italiens ein, mit grlichen Massen des Abschaums
aller Nationen bewirft es den blhenden Boden der Lombardei; die Zchtigung
Gottes wird nicht ausbleiben; von solchem Treiben des Hochmuts wendet sich
der Gerechte ab.

Mit donnernder Stimme warnte er vor Eingriffen in seinen Machtbereich; der
Papst sei vom Heiligen Geist selbst auf den Stuhl gehoben, er habe die
Pflicht, die Gerechtsame Gottes wahrzunehmen. Die Verbrecher wrden es so
lange treiben, bis das Breve der Verdammung an den Kirchentren
angeschlagen werde und er alle Kreatur gegen sie aufrufe.

Der Gesandte des Wiener Hofes wagte sich zum Protest in den Vatikan. Der
achte Urban, auf seinem Stuhl sitzend, ein ungeschlachter graubrtiger
burischer Mann in weiseidener Soutane, einen roten breitkrmpigen Filzhut
auf dem glhenden Kopf, bergo ihn mit tzenden Worten: Die hchste
Richtergewalt liegt beim Kaiser. Wie aber kann ich richten, kommt nicht
mein Amt und Richterspruch von Gott? Wie kann ich mich vergreifen, wie darf
ich es an Gottes Geschpfen? Denn diese Menschen sind vielleicht
kaiserliche Untertanen oder kaiserliche Unterworfene, aber sie sind auch
Gottes Geschpfe. Und wir wissen doch, da wir im letzten Augenblick gleich
sind vor dem himmlischen Herrn, gleich die Richter und Gerichteten. Sie
werden beide nicht leicht zu schleppen haben. Frchten sich die Herren
dieser Welt, da sie sich nicht gar zu viel aufbrden! Der Triumph des
Rechtes wird nicht ausbleiben.

An das umstehende Kolleg wandte er sich, sich schttelnd vor Abscheu, den
Gesandten keines Blickes mehr wrdigend: Es gibt Menschen, die ihre
Machtgelste auf das schamloseste, auf das tiefste beleidigend maskieren.
Sie wagen es mit dem Schein der Frmmigkeit sich zu schmcken. Es ist
schwer zu verstehen, wodurch sich diese Menschen, wenn sie richten, von
Mrdern unterscheiden und von Dieben, von Rubern. Die lombardische Erde
wird davon zeugen. Ich will nicht mehr davon sprechen, es ist uns ein
grausiges Geschick, da dies in die Zeit unseres Wirkens hineinschlgt.

Wie er sich wand, seine Flche auswrgte, die Befestigungen an seiner
nrdlichen Grenze beschleunigte, Sldner anwarb, klangen die herrischen
Wnsche aus dem Reich herber: der Kaiser Ferdinand der Andere, der
geliebte Sohn der Kirche, begehre sich krnen zu lassen vom Heiligen Vater;
Urban mge ihm entgegenziehen bis Bologna oder Ferrara. Auch sollten die
Lehensrechte des Kaisers ber Montefeltro und Urbino untersucht werden. Das
Schrecklichste an Drohung, was man im Vatikan vorausgesehen hatte, kam aus
dem Hauptquartier des bermchtigen Bhmen: man mge sich nicht sperren in
Italien; Rom sei vor hundert Jahren schon einmal geplndert worden,
inzwischen wre es noch viel reicher geworden.

Und whrend alles an der Nord- und Ostgrenze des Reiches ruhig blieb, die
Armada bndigend mit eisernen Netzen ber Deutschland lag, Italien
aufschumte, wurde im Triumph in die Wiener Hofburg der uralte
Karmeliterpater Dominikus a Santa Klara eingeholt, der in der
Entscheidungsschlacht am Weien Berge den Siegeswillen der Ligisten
hochgehalten hatte. Er wollte daran erinnern, da alle Macht und bermacht
des Kaisers nur errungen sei durch die Kirche, die Frsprache ihrer Gebete.
Der Kaiser sollte ehrerbietig sein und ablassen von dem Mordversuch auf die
heilige Mutter. Nach wenigen Tagen erkrankte der schwache Mnch, von der
langen Reise angegriffen, starb unter Ferdinands Augen. Abends fand das
Leichenbegngnis von der Hofburg nach dem Karmeliterkloster statt unter den
Klngen aller Glocken; Ferdinand und seine Familie warteten in der
Karmeliterkapelle.

An diesem Abend suchte durch den langen unterirdischen Gang der Kaiser seit
langem wieder den Frsten Eggenberg in seinem Hause auf. Er erklrte, es
sei bei der berwltigenden Wendung der Dinge, bei dieser sichtbaren
Erhebung des Hauses Habsburg durch Gott und die allerseligste Jungfrau
notwendig, an die Sicherung des Erreichten zu denken. Er sei ein Mensch,
hinfllig. Er wolle seinen Sohn neben sich sehen. Eggenberg mge die
Nachfolgerfrage, die Wahl zum rmischen Knig, in Angriff nehmen.

                   *       *       *       *       *

Es gab in den europischen Lndern unzhlige Orden von Mnnern und Frauen,
die das Wunder des Jesus von Nazareth vereinte. Die erneuerten alten Orden
der Dominikaner, Franziskaner, Benediktiner, die Kapuziner, Theatiner, die
Kampforganisation der Jesukompagnie. Die Feuillantinen, Frauen, die
malosen Bubungen oblagen, so da sie zu Massen hinstarben und der Papst
einschreiten mute, Nonnen und Mnche, die Tag- und Nachtwache sich
auferlegten, Stillschweigen, unaufhrliches Anbeten des Mysteriums der
Eucharistie. Die Nonnen von der Schdelsttte, die die Regel des Benediktus
beobachteten: durch unausgesetztes Beten am Fue des Kreuzes Bue zu tun
fr die Beleidigungen, die dem Heiland angetan waren, sie auszulschen,
wenn sie je auszulschen waren. Der Orden von der Heimsuchung des Franz von
Sales und Chantal, der vor Entzckungen warnte; man msse durch Arbeit
beten. Die Ursulinerinnen, die Mnnerkongregation von Sankt Maur. ber
allen schwebte ein Hall des Schreis, der am Tiber von den frstlichen
Anhngern des Barberini und dem rmischen Pbel ausgestoen wurde beim
Gercht, da der deutsche Kaiser sich nach Rom durchkmpfen wolle, um sich
vom Papst salben zu lassen, und da ein neuer Ferdinand rmischer Knig
werden sollte: Ghibellinen! Ghibellinen! An den Moles Hadriani, den
neronischen Wiesen, an der neuen Mauer Urbans am Kapitol, Lateran, an den
Thermen des Diokletian und des Karakalla, von der Skala santa, am Palazzo
Caffarelli, Massini, Farnese. Whlen in allen Gliedern der Kirche: man
wolle dem Papst zu Leibe, es ginge wider den Vatikan. Wutausbrche des
gestachelten Urban, umgedeutet in ngstliche Klagen um den Bestand der
Kirche.

Ein Fanal war der vom Papst genehmigte Raub der Asche der groen Grfin
Mathilde aus Mantua, die eine Freundin Gregors im Kampf gegen den
schsischen Kaiser Heinrich war: man werde sich wehren, sich nicht
totquetschen lassen.

Und aus tausend Rinnsalen quoll nach Deutschland der Ha. Wallenstein
schickte Truppen durch Graubnden, schwere Belagerungsartillerie lie er
mit Mauleseln herberschleppen. Eines Tages riefen in Rom Mnche und Laien
aus, was in Prag und Wien allen bekannt war. Da der Herzog von Friedland
sich selbst an die Spitze der italienischen Armee zur Aufrechterhaltung der
Kaiserlichen Hoheit in Italien stellen werde. Sie kreischten frenetisch in
Rom: Die Barbaren kommen! Die Goten! Man stellte sich dem tollwtigen
verfinsterten Papst fr Schanzwerk Geschtzgu Kugelgu zur Verfgung. Er
reiste mit dem Kardinalstaatssekretr und dem venetianischen Botschafter an
die nrdliche Grenze seines Gebiets. Hundert rmische Edle, gewappnet in
leichten Eisenpanzern, die Pferde unter klirrenden Plttchenpanzern, ritten
seiner Karosse vorauf; eine starke Rotte schweizer Gardisten, blaue Wmser,
Piken, Birnenhelm mit aufgebogener Krempe aus blauem Eisen, prchtige
Offiziere in rotem Samt umringten ihn. Auerhalb Roms sprengte der Papst,
auf seinem schwarzen riesigen Gaul ragend unter einer goldgestachelten
Stahlkappe, in einem schwarzen Panzerhemd mit Samtkragen und
Ringpanzerbeinkleid, Bronzeplatten vor dem gewlbten Leib, vor den Knien
Platten mit Stacheln, seine Stimme tobte, er drngte vorwrts. Franzsische
Offiziere trafen aus Grenoble ein.

                   *       *       *       *       *

Sie krochen aus Erdhhlen herauf, lehmbraune Mnner, verkniffene ngstliche
Mienen, schmierige Bauernkittel, suchten mit den blinzelnden Augen die
flach unter ihnen abfallende Ebene ab, die grnen windgeschttelten
Gebsche, winkten, pfiffen rckwrts. Kinder arbeiteten sich hoch,
lichtscheu, verschchtert, Weiber, langzopfig, mit sandigen Hauben,
schttelnd die braunen Rcke in der grauweien Morgenluft. Der hohe
Waldrand belebte sich, das Dickicht zwischen Kiefern und Buchen wurde
durchbrochen; leise Pfiffe. Kleine weie Zelte in Doppelreihen hinten in
der Ebene, dnne, hohe Lanzen die Dorfhuschen berragend; das Steinkreuz
am Fue der Berglehne umgestrzt; Pferdewiehern, einzelne Schsse; Qualm in
trber Schicht unbeweglich ber einigen Schindeldchern, weit am andern
Ende des Dorfes Wgelchen die Allee aufwrts gezogen. Links am Horizont der
Kirchturm von Zittau. Oben schleppten die Mnner Spaten und Beilpiken aus
dem Wald, whlten einen angebrochenen Graben auf, tiefer, breiter, zogen
ihn, immer still sich bckend, halblaut sich anrufend im Zickzack ber den
Hang durch lange Stunden. Vieh blkte im Wald; Weiber Kinder waschend
kochend am Feuer, dessen Rauch durch breite hochberspannte Rinderfelle
verteilt zwischen den Baumwipfeln in losen Zgen sich verlor. Kleine
Mnnertrupps, in der Mittagsstunde, verstreut, sich abwrts lassend, das
Dorf umschleichend, umfaten von zwei Seiten einzelfahrende Wagen, schlugen
die Sldner nieder, schleiften die Scke in die nahen Verstecke, stahlen
sich abends wieder hoch.

Bume gefllt, Pallisaden gezogen. Hhlenquartiere, Waldquartiere in der
Lausitz. Gemeinden von rachschtigen Kompagnien angegriffen, zerschlagen,
auf der Flucht bei andern unterkriechend. Aus der Lausitz, in Bhmen
sammelten sich wandernde zigeunerartige Scharen, stiegen suchend die
Felsgewnde der Elbe entlang, zwischen den Rebenpflanzungen, den blhenden
Feldern mit Hopfen, Raps, Rben. Machten offene Stdte unsicher, plnderten
die Obstwlder bei Leitmeritz; auf den weidenbepflanzten Auen bei Melnek
lagen Leichen von Verhungerten; viele Weiber, Kinder blieben in Drfern
zurck. Durch das finstere Moldautal drngten die Massen, ziellos, in einem
leidenden Trieb. Dreitausend umschwrmten die Tore Prags. Man wute nicht,
was sie dort wollten. Die Brgermeister der Alt- und Neustadt schickten
Brot in Krben heraus, Wegweiser durch Bhmen. Das Gedrnge gab sich nicht;
sie wollten herein nach Prag; sie redeten sich ein, der Kaiser wre da. Als
der Verkehr an den Toren erheblich gestrt wurde, eine Anzahl Boote auch an
der Hatzinsel anlegten, bis vor die groe Brcke vordrangen, befahl der
Oberst der Garnison, sie zu verjagen. Die Flchtlinge hatten sich durch
ihre Weiber und Kinder verstrkt, wurden durch Peitschenhiebe Hellebarden
Salven scharfer Schsse auseinandergesprengt. Die groen Massen, bestrzt,
ohne Fassung, ratlos verloren sich; nach zwei Tagen fand man im Umkreis
Prags keine Rotte mehr. Im Judenviertel der Stadt jubelten manche bei den
Schssen, man stand in starker Hut; die meisten aber schlossen sich in
ihren Husern ein, viele bedeckten weinend die Gesichter.

Eine Welle verlief sich, andere kamen. Sie drngten zum Kaiser um Rettung.
Rotten tasteten sich hungernd im Land herum vom Harz her bis nach Schwaben;
whrend manche sich stumpf forttrieben, verfielen andere einem
Gtzendienst, flchteten verwildert zu Wald- und Flurgeistern, Kobolden,
Marzabilla, Waldschtzen, Moosweibchen, schlichen gedrckt um
Kreuzessulchen. Wo das Gesindel in die Stdte hereinverschlagen wurde,
wurde es wieder herausgepeitscht. Gerchte von Kreuzschndung, Ausbung
todbringender Malefizien schleppten sie mit sich; man hing es ihnen an,
aber vor manchen Stdten wurden viele belauert, umstellt, nach kurzem
Verhr aufgeknpft, auch gerdert.

Wie anklagende Chre erschienen Menschenscharen immer hufiger vor den
Toren der greren Stdte; hinter ihnen her ritten Abgesandte ihrer
Bischfe Herren Frsten, drohend, sie sollten an ihr Werk gehen, auf die
cker, an die Mhlen, in die Bergwerke, warnend vor der Abwanderung. Sie
wollten immer zum Kaiser, wuten nicht wozu. Der Kaiser war mchtig, seine
Armada mchtig, er solle Frieden machen. Unterwegs sagten sie sich vor, was
sie bedrckte: Kriegslasten auf ihren Schultern, Getreideabgaben, Abgaben
fr Fallholz, Schweinehafer, Kapaun, Kleinvieh, der dritte Pfennig vom
Gemeindeholz, der kleine Zehnt, Salzsteuer, Brennfen, Mhlen, Wegzoll,
Jagdgeld, Marktgeld, Siegelgeld, Heiratsabgaben. Lachten, der Kaiser ist
mchtig, er wird noch mehr knnen als dies. Im Brandenburgischen erschienen
sie mit Fahnen, bald tausend stark, demtig in Ehrbarkeit, Schffen,
Ratsmannen und Richter um Speisen bittend, man mchte ihnen nichts antun,
sie wollten zum Rmischen Kaiser mit Bittschriften. Man gab ihnen, schob
sie ngstlich ab. Viele verdarben am Wege. Als sie sich der bayrischen
Grenze nherten, lie sie der Kurfrst durch seinen Kriegskommissar fragen,
ob sie dem Bauernaufgebot, den Landfahnen, eingereiht werden wollten.
Antworteten, sie kmen gerade des Krieges wegen, dessen Beseitigung ihnen
am Herzen liege, sie htten so viel Kontributionen zahlen mssen an Freund
und Feinde, dazu den groen Zehnt, den kleinen Zehnt, den Schweinehafer,
Salzsteuer, Brennfen, Wegzoll, Kleinvieh, Kapaun. Darauf wurden sie von
einer kleinen Sldnerrotte und fnfzig Pferden mhelos versprengt,
gefangen, in die Bsche gejagt. In Klstern fanden manche Zuflucht. Da
erfuhren sie, da der Kaiser alles bewltigen und niederschmettern wolle,
Kaiser und Friedland sei ein und dasselbe, auch den Papst wollten sie
beseitigen, man msse beten zur himmlischen Jungfrau, da der Papst die
Oberhand behalte und dazu die ergebenen Frsten des Reiches.

                   *       *       *       *       *

Die Kaiserin war mit dem rebellischen Herzog von Nevers verwandt. Sie war
an Ferdinand, als die Stifter der Kirche zurckgegeben werden sollten,
herangegangen wie Flamme an Holz, hatte um ihn unbndig gewallt. Jetzt
erschrak sie. Ein geheimer Stich; von Tag zu Tag stach es tiefer. Sie mute
sich zurckziehen. Was hatte sie getan, wie hatte sie gelebt. In welche
Verderbnis trieb sie der Mann neben ihr, in brtender Besessenheit rhrte
er an Italien. Sie war ihm nichts. Von Mantua fhlte er nichts. Sie keuchte
aus dem Schlaf auf, ekelte sich vor schwarzen Mnnern, die in groen
Mnteln nach ihr liefen, hinter ihrem Bett mit Messern und Federhten
vortauchten. Die ekstatische Frau war pltzlich aus ihren Fiebern gerissen.
Erkhlt unter dem unfabaren Schrecken, die Horden Friedlands, des
Schlchters, knnten ber ihre se Heimat kommen. Sie besann sich mit
hereinbrechendem Wohlgefhl auf ihre sonnenklare Jugend; es war ein Blick
durch den Spalt eines finsteren Zimmers.

Widerstrebend strich sie um Ferdinand, nherte sich ihm. Sie zwang sich ab,
zu betteln fr ihren Vetter Nevers und ihre Stadt. Lauschend kniete sie vor
Ferdinand, dem dunklen Mann, horchte gepeinigt in ihn hinein. Es war keine
Frage um Mantua, sondern um ihn.

Ferdinand in sakraler Ruhe verstand nichts. In eherner berlegenheit hing
er ber den Parteiungen in seiner Umgebung, sah grau auf das Geznk
herunter, mitrauisch, gefhllos. Er schenkte, schenkte. Was fr Jesuiten
geschah, betubte die Patres selbst. Csarisch duldete er nicht, da man
ihm danke. Er sagte aus seiner Starre heraus der Mantuanerin, der junge
Herzog werde zu seinem Recht kommen, nach erfolgtem Spruch und nicht frher
werde die Belehnung erfolgen. Sie flehte, seine braune schlaffe Hand
kssend: Du hast den Patres so viel gegeben, deine Rte sind reicher als
ich. Haben meine Rte und die Vter von mir Geschenke erhalten? Ich wei
nichts davon. Sie mgen sich nichts anmaen. Sie betrachtete ihn, das
goldene Vlies ber der Brust, von unten herauf, der graue zitternde Bart,
hrte das rauhe Murmeln. Das war der unverstndliche Barbar, der sie durch
den galanten Eggenberg aus der Lombardei geholt hatte. Durch ihren Kopf
irrte, sie wute nicht wie, pltzlich und hartnckig die Erinnerung an ein
fremdes Gesprch rechts von ihrem Fenster: Hast du mich gern, tanze morgen
Nacht mit mir. Es waren lustige Kavaliere mit ihren Damen gewesen, die so
zueinander sprachen; warum ihr das zarte Geflster einfiel. Aufgewhlt
verlie sie den schnalzenden Kaiser, der ihr wie eine Pagode nachblickte.

                   *       *       *       *       *

Vor einem lrmendem Vogelhaus, nahe der Brunnenstube ihres Schlosses
Schnbrunn, sa Eleonore in einer Rosenlaube; in Mantel und schwarzen
Schleiern gingen zwei italienische Damen drauen auf und ab, Paula Maria a
Jesu und Maria Theresia von Onufrio. Sie sagte zum alten Eggenberg: sie
habe Zutrauen zu ihm, sie bitte ihn bei der Liebe Gottes, den edlen Frieden
zu befrdern, soweit er vermchte. Er fragte sie, vor ihr stehend, bei
aller Ehrfurcht mitleidig ihr zuhrend, was sie befehle. Warum man ihn so
selten sehe, beim Quintanrennen nicht, bei keinem Reiterkarussell, bei
keiner Hetzjagd; er scheine eine Abneigung zu haben gegen sie oder den
Kaiser. -- Ach, er sei krank. -- Nicht so sprechen, ob sie noch Zutrauen zu
ihm haben knne: sie bange um ihre Heimatstadt; der Krieg sei ungerecht vom
Zaun gebrochen, der junge Nevers sei von Frankreich verfhrt worden: mein
Heiland, und es knne doch nicht so gehen, da man Italien verwste, wie
man Niedersachsen oder Bhmen verwstet habe; man knne doch nicht mit
aller Welt Krieg fhren, mit dem Heiligen Vater; warum denn, warum denn
nur.

Da stand im Schatten am Pfosten der Laube Hans Ulrich Eggenberg; auf den
Stock sttzte er die linke Hand mit dem blausamtenen Hut; auf dem hohen
steifen Mhlsteinkragen bewegte sich sein weibrtiger Kopf wie auf einem
platten Teller; das spanische goldene Vlies ber der Brust blitzte unter
dem Spiel des Sonnenlichts; er lchelte fr sich still, seinen Stock
entlang blickend; er htte sich niemals unterfangen, gefhrliche
kriegerische Praktiken anzuspinnen; die Dinge htten den schweren Lauf
selbst genommen; wie schwer sei es, ihnen zu gebieten.

Sie sa gerade auf ihrem Stuhl, die Augen zwinkernd; die schwarzen Haare
gescheitelt, zu einem Knoten in den Nacken herabfallend, aus dem senkrecht
nach oben eine mchtige vornbersinkende Reiherfeder stieg. Sie ballte die
Hnde in den weien Reithandschuhen ber den zusammengedrckten Knien; ihr
gelbes Kleid lag in vielen Falten lose weit um sie: er htte sie geholt aus
Mantua, ihm sei sie in Vertretung des Kaisers angetraut; an ihn hnge sie
sich. Habe man Glauben, um an der Gerechtigkeit und dem Glck zu zweifeln;
es msse verhindert werden, da aus ihrer Geburtsstadt eine Trmmersttte
werde; sie knne es nicht zugeben, und wenn sie --. Dabei bckte sie sich,
hob eine Hand vor das Gesicht, richtete sich rasch hoch, sah starr seitlich
in einen Winkel. Als wenn sie ein Kind wre, studierte Hans Ulrich ihr
Gesicht, die trotzig aufsteigende Feder ber den hilflosen zerrissenen
zitternden Mienen; rasch, geschftsmig erklrte er: es sei nicht Schuld
des Kaisers, wenn es zu diesem Krieg gekommen wre, lose Stcke htte noch
kein Habsburger unternommen. Schlimm sei es, da der junge Nevers sich habe
von Frankreich zu respektloser Haltung erregen lassen; vielleicht sei es
mglich, ihn von Frankreich zu trennen. -- Sie wolle, uerte sie, nicht
von Schuld und Unschuld reden; man mchte ihr nicht ihre Geburtssttte
nehmen; sie habe, brach sie aus, so viel opfern mssen, als sie Italien
verlie, man mge doch an sie denken. Stand auf, reichte ihm, der seinen
Hut fallen lie, die eisige Hand, blieb vor ihm stehen. Er lchelte
herzlich, erwiderte ihren Hndedruck; es sei schwer, rasche bindende
Versprechungen zu geben, es sei allen im Lande schmerzlich, den Heiligen
Vater gegen sich zu sehen; er nehme Gott zum Zeugen, da er den edlen
Frieden nach Krften frdern werde; Frieden msse werden, schrecklich wte
die Christenheit gegeneinander, vielleicht arbeite man fr niemand anders
als den Grotrken in Stambul. Sie freute sich, heftiger seine Hand
umklammernd. Mir ist ja nicht mehr gegeben, flsterte sie, schon den Rock
raffend, als Euch meine Wnsche zu sagen.

                   *       *       *       *       *

Die durch den kaiserlichen Wunsch auf Wahl seines Sohnes zum rmischen
Knig entstandene Sachlage wurde im hohen Rat errtert.

Da saen die, die verzaubert waren vom Herzog zu Friedland, und lachten.
Man solle den Herzog lassen, sagten sie, und den Papst und Frankreich; es
sei das beste, was der Geheime Rat jetzt tun knne; das Spiel sei
vorzglich im Gange; sie htten den Vorteil, gnzlich auerhalb der Partie
zu stehen, einzugreifen, wenn es ihnen gutdnke. Welche Entwicklung aber
die deutschen Dinge durch ihn nehmen wrden, das sei geradezu phantastisch
abzusehen, ja phantastisch. Sie spiegelten sich in diesen Gedanken.
Friedlich sa der verwachsene Graf, gelbwei von Gesichtsfarbe, mit den
Fingern spielend im Lehnstuhl, lchelte berlegen, ghnte viel. Die Wahl
zum rmischen Knig wrde ihnen wie eine Frucht zufallen.

Der lange Strahlendorf brauchte mit Hinweis auf Trautmannsdorf die Wendung
vom friedlndischen Anhang am Hofe; schreiend, der Wagen sei verfahren, er
htte genug dagegen rebelliert; wlze die Verantwortung dafr ab. Wofr?
Wofr? spttelte der Bucklige, fr den Sieg Habsburgs? Brsk warf sich
der steife glattrasierte Mann im Stuhl zurck.

Im violetten Seidenmantel, das schwermtige olivfarbige Gesicht mit den
starken Brauen auf die beringte weie Hand gesttzt, blickte Slavata gegen
den Ofenwinkel, der mit einem blaugrnen Gobelin verhngt war. Seine blauen
Augen schweiften zu Trautmannsdorf, der sich in seinen Stuhl verkroch,
gingen oft hin; er sprach anders: es bestnde keine Aussicht, den
kaiserlichen Wunsch auf legale Regelung der Nachfolge durchzufhren, denn
die Kurfrsten seien ber die Gewaltttigkeiten im Reich, die Verarmung,
den drohenden Umsturz erbittert. Dennoch msse die Nachfolge des Kaisers
gesichert werden. Man msse also die Kurfrsten eventuell zwingen.

Strahlendorf lachte hhnisch: Wie denn, Herr Graf?

Durch dieselbe Gewalt, die sie zur Erbitterung gebracht hat. Dazu
klatschte leise der Bucklige, dem Bhmen zuwinkend, Beifall.

Es sei wohl auch das Beste, so zu verfahren, hhnte Strahlendorf weiter, in
anderer Hinsicht. Man kme dann zur Klarheit berhaupt ber die
Herrschaftsverhltnisse im Reich; zum Beispiel in Pommern, in Brandenburg,
in den meisten Kreisen mit kleinen Landesfrsten. Da wrde sich
herausstellen, wer herrsche. Trautmannsdorf jubelte fast: natrlich, so sei
es, es wrde fesselnd bis zum uersten werden; Konsequenzen ber
Konsequenzen knnten noch gezogen werden: wie notwendig -- er wandte sich
armeausstreckend an alle Herren -- nicht einzugreifen, um nichts zu
verderben oder zu komplizieren; das beste, diese Frage der Nachfolge nur in
die ffentliche Diskussion werfen, an diesem Punkt knnte sich der Streit
auf das bequemste entznden: nun htte man den Zankapfel in der
konzentriertesten Form, alle Krfte wrden aufgerufen, um -- nun, man wrde
sehen.

Ihm fehle, klammerte stolz Strahlendorf seinen Degen zwischen die Knie, die
Munterkeit und der leichte Sinn, um Angelegenheiten des Kaiserhauses in
solcher Weise zu behandeln. Slavata hob sein dunkelblondes Haar mit der
Linken von den Schultern ab, als wenn er seinen Nacken khlen wolle; er
betrachtete sinnend einen Sprecher nach dem andern, lief gebunden dem
Gesprch nach: man hege doch gleichmig die schuldige Treue und Liebe
gegen den Kaiser; nun mge man sich auch nicht trennen in den Mitteln, die
Treue zu erweisen. Ich schlage vor, sagte er gedmpft, einen
Kurfrstentag einzuberufen zur Knigswahl. Im brigen dem Herzog freie Hand
zu lassen, wie man es bisher getan hat. Weigern sich die Kurfrsten, den
jungen Ferdinand zu whlen, so nimmt der Kaiser dies zur Kenntnis, wie er
anderes zur Kenntnis genommen hat. Aber ignoriert es.

Liebster, legte sich Trautmannsdorf vor, wie kommt Ihr zum Ziele. Der
junge Knig von Ungarn wird nicht rmischer Kaiser vom Ignorieren.

Still legte Slavata beide Hnde in den Scho, senkte den Kopf, seine braune
Haut wurde blasser, seine Augen funkelten einen Moment, bevor sie sich auf
die Finger richteten: er schob Silbe um Silbe zwischen Zhnen durch und
stellte die Gegenfrage an alle Herren, was wohl dann geschehe, wenn der
Kaiser dem Herzog von Friedland freie Hand wie bisher lasse und die
Kurfrsten die Knigswahl ablehnten; die lblichen Kurfrsten knnen
belfern und keifen, die Zhne sind ihnen ausgebrochen!

Rasch wandte sich Slavata mit einem eigenartigen Lcheln an Trautmannsdorf,
das sei der Streit auf der Hhe und -- er flsterte -- noch mehr: der Sieg
Habsburg auf der Hhe. Vielleicht ernenne dann der Kaiser den neuen Knig.

Strahlendorf donnerte mit der Faust auf den Tisch, zitterte am ganzen Leib,
blickte mit verzerrten Mienen grlich auf den bhmischen Grafen; der
Bucklige warf sich bewundernd, den Mund offen, den Kopf schttelnd, hin und
her im Sessel; der dicke Questenberg blies mit menschenfresserischen
Grimassen glcklich unter seinen struppigen Schnurrbart, sa geschwollen,
glotzugig, als htte ihn einer gestreichelt, am kurzen Quertisch.
Strahlendorf jappste: Das nennt Ihr das Y und X im Friedlndischen Abc.
Wir sind erst in der Mitte. Kurfrsten ohne Kur ist noch lange nicht das
Letzte, den rmischen Knig schttelt er so aus dem rmel, wie er die
mecklenburger Herzge verjagt hat; dann kommt -- der Kaiser selber. Wer
soll den whlen, als derselbe einzige Kurfrst -- Wallenstein. Herr
Slavata, Ihr dachtet auch einmal anders ber Euren Vetter. Dann kommen die
Schwerter gegen den geheimen Rat, dann ist das Abc zu Ende.

Questenberg knurrte bissig gegen ihn her: Will man uns den Braten
versauern, soll es doch nicht gelingen. Kommt sein Schwert gegen uns, so
wird es sich nur bestimmte Hlse suchen. Es wird sie suchen, Herr
Questenberg, Euren und meinen, wie die liebe Sonne, die ber Gerechte und
Ungerechte scheint.

Ganz unhrbar hatte Eggenberg seinen Stuhl zurckgeschoben; lautlos klemmte
er seine ungehefteten Faszikel unter den Arm, stieg hinter der Stuhlreihe
auf Zehen vorbei. Wie ihn Trautmannsdorf sich umwendend, anstarrte, bei der
Hand fate, wehrte er ab; es gelang ihm weiterzugehen, bis der Querbaum der
Questenbergschen dicken kurzen Arme sich vor ihn legte. Hans Ulrich schien
seinen Gram beiseite tragen zu wollen. Leidend bat er Questenberg: Lieber,
lat mich. Sie standen um ihn; er blieb einsilbig dabei, wolle gehen.

An dem kleinen Treppengelnder bedrngten sie den freundlich behbigen
Frsten, der den Kopf schttelte: Wir werden uns alle besinnen mssen. Wir
werden unsere Gutachten schriftlich vorlegen. Die Zeit drngt. Der Kaiser
wird eine hhere Instanz um Einsicht bitten mssen. Das ist alles. Was der
Verwachsene, der seine Einflle nicht zgeln konnte, nicht gefhrlich fand;
es sei schlielich allemal das beste und das letzte, den lieben Gott um
Einsicht zu bitten; sie seien, lchelte er fast frivol, ja nicht
verpflichtet, als Geheimer Rat den Himmel berflssig zu machen. Wie denkt
Ihr, Slavata? Eggenberg wollte sich mit kurzem Nicken verabschieden, da
drckte ihn Questenberg auf einen Stuhl, setzte sich neben ihn. Weh unserm
kaiserlichen Herrn, sthnte matt zusammenfassend Eggenberg, er wird sich
verlassen sehen von uns allen, mag der Schutzgeist Habsburgs ihn nicht
vergessen. Und bezwungen von seinem Gefhl kniete er, Hut und Faszikel vor
sich auf die Diele legend, neben seinen Stuhl hin, betete, whrend auch die
anderen die Kpfe senkten, das Rosenkranzgebet. Sie bekreuzigten sich,
standen nebeneinander. Auf der kleinen Treppe Eggenberg: Habsburg hat eine
schwere Stunde vor sich. Was war es fr ein Geist, der unserem gndigen
Herrn dies eingegeben hat, an sein Ende zu denken und die Nachfolge zu
bestimmen. Ich wei es nicht. Ich kann nicht bei euch bleiben, liebe
gestrenge Herren.

Slavata, mit Trautmannsdorf und Questenberg allein, sanft hhnend: Der
Kaiser schtze sich vor seinen Freunden. Man will ihn um den Sieg, um das
lauterste gerechteste Symbol des Siegs bringen.

Sie gingen. Trautmannsdorf schlang ihm einen Arm um die zuckende Hfte: So
ist mein Herr Slavata von seinem alten lsterlichen Ha ins friedlndische
Lager abgeschwenkt. Ich hr: mit Pfeifen und Flten.

Mit Pfeifen und Flten. Noch vergngter, noch ppiger. Warum sollt ich's
leugnen. Ob ich ihn liebe, wei ich nicht. Aber es krnkt mich, wenn ich
sehe, wie man ihn krnken und hindern will.

Und heftig atmend, geqult den Arm Trautmannsdorfs duldend, ging er mit den
schwatzenden zweien. Zum uersten herausfordern hatte er Friedland wollen.
Er wollte ihn locken, er wollte sein Teil daran haben, an der Entwicklung
dieses Geschicks. Dunkel wie Wunder, halb Glck, halb Entsetzen, bewegten
sich Gefhle in ihm, hoben sich, senkten sich, verrauschten. Er wies sie
ab, verbarg sie sich. Sie drangen ihm manchmal ber die Lippen und trieben
ihn zu Handlungen. Er fhlte, da er sich einem Strudel nherte, aber er
konnte dem Geheimnis nur folgen, dieser Sehnsucht zu Wallenstein.

Der Weg, den Frst Eggenberg in der Stifterfrage beschritten hatte, mute
weitergegangen sein. Vergnglich Ferdinand, vergnglich Friedland. Habsburg
bestand. In seiner Bibliothek hielt Eggenberg eine bunte Chronik in den
Hnden, ein Buch, das er liebte; las von den Staufenkaisern, wie ihre Welt
riesenhaft aufgebaut und mit ihnen zusammengesunken war. Die vergeblichen
Kriege mit dem Papst. Ecclesia triumphans. Unmerklich sicher hatte sich
Habsburg ausgedehnt. Reichtmer fielen ihm wie einem spielenden Kinde zu.

Der Kaiser machtgeschwollen. Er konnte das Haus in den Abgrund reien.
Eggenberg wiegte das alte Buch zwischen den Knieen. Zurckdrcken den
Kaiser.

Die Gutachten durchlas der Kaiser, forderte dann den Frsten Eggenberg vor
sich.

Er fate es als ein himmlisches Zeichen auf, da der Kaiser ihn trotz der
Einhelligkeit der anderen Gutachten rufen lie. Zum Nachgeben den Kaiser zu
bewegen, war keine Mglichkeit. Eggenberg sah, da diesem Mann gegenber
kein Argument verfing. Und mit seherischer Klarheit gab Eggenberg selber
pltzlich nach.

Der Regensburger Tag sollte stattfinden.

Aber als Ferdinand den Alten, der ihn starr ansah, umarmte und freundlich
an sich drckte, ihn vielfach lobte und ber die vermeintliche Niederlage
wegtuschte, mute sich der Frst seufzend entziehen. Scham fllte ihn ganz
aus. Ein Verrter, ein giftiger Judas war er. Denn der Kaiser sollte zur
Schlachtbank. Er wrde keinen Triumph erleben. Er wrde alles selbst
entscheiden mssen -- den ungeheuren Entscheid im Streit der Kurfrsten
gegen Friedland, und er wird -- nachgeben. Wie er in Mnchen vor Jahren dem
Bayern nachgegeben hat. Das war dem alten Eggenberg, whrend er den
lchelnden Kaiser, seinen Freund, starr anblickte, klar.

Die Kurfrsten werden kommen, das alte Reich mu zerstrt werden: er wird
es nicht befehlen knnen.

Friedland wird sich ber die Kurfrsten werfen, der Kaiser wird sich neben
die Frsten stellen.

Rasch mute sich Eggenberg von dem herzlich bewegten Kaiser, der ihn mit
Konfekt beschenkte, verabschieden.

Jubel im Geheimen Hofrat.

Ein kurzer grimmiger Ligatag fand in Mergentheim statt. Die Herren und ihre
Gesandten sahen sich nach eintgiger wtender Klage ber das Zugrundegehen
des Reichs einem kaiserlichen Vertreter gegenber, der von ihnen
Einberufung und Beschickung eines Kollegialtages zwecks Wahl eines
Rmischen Knigs verlangte.

Sie gellten ihm ihr Nein und ihre Verzweiflung entgegen. Sie gellten von
dem eigenmchtig begonnenen italienischen Krieg, von seinen grenzenlosen
Menschenopfern, Kosten. Frankreich wrde sich gereizt im Westen
Deutschlands erheben.

Bis sie auf einen Schlag pltzlich verstummten; es war die Parole
aufgetaucht: zustimmen der kaiserlichen Einladung und nicht zustimmen dem
Wunsch, einen Habsburger zu whlen.

Den Kaiser fassen, gegenschlagen.

Wie sie sich von einander verabschiedeten, wuten sie: entweder sehen wir
uns auf dem nchsten Tag als Sieger wieder, oder dies war unsere letzte
Tagung.

Die Finsternis dieser Beratungen verbreitete sich nicht nach Mnchen. Der
Bayer hatte eine gute Stunde. Der Kaiser will seinen Gegnern im Reich den
Siegel seiner Macht aufdrcken; noch eine Stunde und er bedarf der
erlauchten Kurfrsten nicht mehr. Maximilian hing vor Richel in seinem
Sessel, bedeckte seine Augen mit den Hnden: Ich danke der himmlischen
Jungfrau fr die Gnade jetzt und immer; sie will uns wieder Freiheit geben
und uns den Entschlu erleichtern. Dann: Jetzt, du mut verstehen,
Richel, jetzt hat sich der Kaiser in unsere Hnde gegeben. Er drngt sich
selbst an den Ort des Gerichts hin. Denn wir werden seinen Sohn nicht
whlen. Bis wir sicher sind, da er klein beigibt. Als Richel nach einigem
Stillschweigen den Namen Wallenstein aussprechen wollte, stand Maximilian
auf. Und Richel erkannte diesen Mann. Er sah in dem marmorfeinen Gesicht
denselben hllischen Ausdruck, den es getragen hatte, als Kaiser Ferdinand,
von der Frankfurter Krnung in Mnchen eingekehrt, neben Maximilian die
schne und reiche Kapelle verlie; im fast schweigenden Hin und Her wurde
dann dem Kaiser die Fhrung im kommenden Krieg abgerungen. Und als der
Kaiser unterschrieben hatte, war es an einem Montag, dem herzoglichen
Gerichtstag gewesen, da der Kaiser eine volle Stunde in der Sommerstube
eingeschlossen mit Max verweilte. Die flsternde, beschwrende Stimme des
Habsburgers; die knappen, befehlerischen Stze Maximilians, Hinfallen eines
Degens. Jhe Abreise des gebrochenen Kaisers.

Ordonnanzen gingen an die franzsische Gesandtschaft. Charnac traf ein. In
grtem Geheim wurden unter stndiger Korrespondenz mit Fontainebleau
Verabredungen getroffen.

                   *       *       *       *       *

Eine schwere Erregung bemchtigte sich in diesen Tagen, in denen die
Einberufung eines Kollegialtages zu Regensburg beraten wurde, des ganzen
Volkes. Die Professoren der Tbinger Universitt beobachteten nchtliche
Schlachtordnungen am Himmel, beschrieben das Kriegsgetmmel, hrten das
Rasseln der ansprengenden Krassiere. Bauern verbreiteten Gerchte, sie
htten Kmpfe einzelner deutscher Stmme und Frsten gegeneinander gesehen
am Himmel, Wagen mit Stangen seien gefahren, Sturmleitern wurden geworfen.
In Dillingen trug ein Rechtsbakkalaureus sein Traumgesicht vor: der Kaiser
ermordet von Wallensteinschen Kroaten.

Vom Reichserzkanzler, dem Mainzer Erzbischof Anselm Kasimir, wurde auf das
Drngen des Kaisers das Ausschreiben zu einem Kollegialtag nach Regensburg
erlassen. Da fuhr der Bayer wieder auf den heiligen Berg Andechs in einer
unbezwinglichen Spannung. Auf die nackten Altarstufen hingepret, betete er
in einer krampfhaften Aufwhlung; er dachte an die Schweitropfen Christi
auf dem lberg, der Dornen, die sein heiliges Haupt umgaben, der Schlge,
die er in der Geielung litt, der heien Zhren, die er vergo, der
Seufzer, die er tat, der sen Rosen seiner fnftausend Wunden. Er flehte,
geknechtet verwirrt auf den Bahnen des Gebets laufend, Herr Jesus mchte
durch die flsternden, perlenden, quirlenden Brunnen, die aus all seinen
heiligen Wunden sprudelten, so reichlich, seine arme durstige Seele zu
erquicken geruhen.

Schwarz stand im Schatten auf einem Seitenaltar das mannshohe Kreuz mit dem
sinkenden Heiland: anblicken sein verwundetes Herz, ringen um die Erlsung;
anblicken die rechte Hand, die Snden zu erkennen gab; anblicken die linke,
den rechten Fu, den linken Fu, Barmherzigkeit, Bue, Gerechtigkeit.
Gnade, Herr Jesus! Maximilians Pferde jagten wieder herunter nach
Mnchen. Sthnend sa der Kurfrst vor dem Jesuiten Kontzen, wischte sich
den Schwei von der Stirn, beruhigte sich nicht. Und whrend Kontzen den
Entschlu des Bayern, die Franzosen an sich zu ziehen, malos lobte,
durchzuckte den Kurfrsten der Gedanke: mit Wallenstein selbst in
Verbindung treten! Wallenstein im letzten entscheidenden Augenblick vom
Kaiser abziehen, ihm Mecklenburg und was er sonst hatte anerkennen. Ihm
Reichsfrstenwrde zugestehen!

Sich Wallensteins bemchtigen!

Woher diese Verwirrung! Woher diese Befehle, dieser Zwang!

Maximilian erblate unter der Raserei dieser Gedanken. Sie waren
wahnwitzig; seine Augen wurden matt. Halb ohnmchtig sank er seitlich ber
die Lehne seines Sessels. Und dann, als der ngstliche Jesuit ihn
aufrichtete, drckte der verwirrte Frst seinen Arm. Er lie sich von
Kontzen hochziehen, und wie er auf den unsicheren weichen Fen stand, fiel
er umarmend gegen die Brust Kontzens, mit den Zhnen klappernd, wimmernd,
an allen Gliedern zuckend. Schritt um Schritt fhrte Kontzen den verzerrt
blickenden Kurfrsten in die Nachbarkammer vor den kleinen Marienaltar. Da
beruhigte sich der Frst; der Leibkammerdiener konnte gerufen werden,
Kontzen wurde mit einem unverstndlichen Lcheln entlassen. Der Frst
wankte in die Schlafkammer.

In derselben Nacht besprach Maximilian mit dem Pater im tiefsten Vertrauen
das Notwendige. Staunend, ergriffen hrte der Pater die Plne des Bayern.
Rede Ehrwrden sanft mit dem Bhmen. Er ist jhzornig. Warte Er einen
guten gleichmigen Tag ab. Melde Er der herzoglichen Durchlaucht meine
Zuneigung und Wohlmeinung. Wenn sich Irrungen und Zwietracht gelegentlich
zwischen unseren Heeren gehalten haben, so werde das in Zukunft sich
beheben lassen. Wage Er sich offen damit heraus, da der Franzose sich an
mich herangemacht hat. Die friedlndische Partei ist in Krze verloren. Wir
haben beide Macht, ich und der Bhme. Es wird sein Schade nicht sein, wenn
wir uns gut im Reich miteinander verhalten. Erst frhmorgens, als es im
Hof der Burg von den Wagen des abreisenden Jesuiten rasselte, legte
Maximilian sich auf dem Bett zurck. Fast augenblicklich verfiel er in
einen betubten Schlaf. Nicht einmal die Zeit fand er, den Rosenkranz aus
der Hand zu legen; der klapperte neben dem Bett auf die Diele.

Die Freudigkeit, Glckseligkeit, Munterkeit des Frsten, die langen
folgenden Tage; eine Brutigamsunruhe und zwangsartige Rastlosigkeit. Seine
Drechseleien lie er liegen, er gedachte seiner verflossenen Italienfahrt,
ihn trieb es aus Mnchen fort. Die feierliche Donnerstagsprozession machte
er noch mit, selbst barhuptig im Zuge mit einer brennenden Kerze vor dem
ganzen Hofstaat; dann wurde Alexander Abondius, der Florentiner Bildhauer,
in die Residenz befohlen; der Kurfrst reiste mit ihm ins Land, Verduckh,
der Kunstkmmerer und Guardarobba folgte, eine Handvoll Hatschiere. In
Nrnberg stand das neue Pellerhaus, reiche Front, prchtig die vier
Stockwerke, Fenster bei Fenster, hoch die Giebelfassade; Galerien des
Hofes, Sulengnge. Sie ritten in der heien Augustsonne, von Ratsmnnern
geleitet, durch die langen Gassen, ber Mrkte und Pltze. Teppiche von den
farbig bemalten Balkons, Stockwerk vor Stockwerk sich herausschiebend,
berschattend die tieferen Fenster, Dcher von Zinnen umgeben, vorgeragte
Ecktrmchen. Das Nassauerhaus. Der junge Abondius lobte den Herkulesbrunnen
zu Augsburg, die Nymphen, Wasserspeier. Der Wittelsbacher fragte nach
Kurieren, drngte, von Sigkeit und Schrecken erfllt, zurck.

Wie sie vor Mnchen am Isartor erschienen, meldete der starke Torwchter,
es seien gestern nacht fnf kaiserliche Obersten angekommen, die der
wohledle gestrenge und hochgelehrte Herr Bartholomus Richel empfangen und
in ihr Quartier zum Goldenen Kreuz geleitet habe. Mit Staunen sah sich
Maximilian am nchsten Morgen in seiner Audienzkammer sitzen,
Ehrengeschenke des Herzogs von Friedland in den Hnden drehen, die
metallenen Schalen und Krglein befhlend, hinstellend, ihnen an die Kehle
fassend. Er hielt, whrend die Offiziere Abschied nahmen, einen Arm ber
die Metallwlbung, zwei Finger in die Hhlung hinein; es schien ihm,
zwischen Entsetzen und Gelchter schwebend, als ob er mit Wallenstein
sprche. Und sonderbar war ihm dabei, als ob er in einer Unwirklichkeit
lebe, hier se; ihn mute etwas verzaubert haben, eine leise Angst
schwelte ber ihm: wenn das Spiel erst zu Ende wre. Und whrend die Tren
geffnet wurden, Kammerdiener, Oberstkmmerer erschienen, ihn zur Messe
einzukleiden und abzuholen, passierte ihm, da er gedankenlos dastand,
nicht wute, was er dachte, nicht einmal, was mit ihm geschah. Sa gebannt
in seiner Residenz; wie in Scham vermochte er nicht hinber zu seinem
Vater; lie viele Stunden am Tag unbesetzt, man wute nicht zu welchem
Zweck. Die Depeschen kamen. Kontzen meldete bergroe Freundlichkeit des
Generals, dabei die gnzlich fehlende Geneigtheit, das geringste von
Maximilians Plan zu verstehen; er, Kontzen, msse natrlich aufs uerste
vorsichtig sein und sich vor direkter Deutlichkeit bewahren; der Herzog sei
ergtzt von dem Zugestndnis in Sachen Mecklenburgs, aber bisher htte sich
nicht einmal eine Andeutung des bayrischen Plans ermglichen lassen; nun
wolle er noch nicht verzagen vor diesem absonderlich treuen Diener des
Kaisers. Gleich hinterher ritten aus dem friedlndischen Hauptquartiere
zwei Offiziere ein: sie sollten vertraulich verhandeln ber das Verhalten
der Armeen zueinander; wie weit die Liga abzursten gedenke; die beiden
Herren waren sehr aufgerumt, schienen die Auffassung aus Gitschin
mitzubringen, die Kurfrsten tten den ersten Schritt zur Unterwerfung.
Richel bearbeitete sie khner, wagte gleichnisweise von einer Abschwenkung
Friedlands von Habsburg zu reden, da Wallenstein selbstndiger Reichsfrst
sei, auf der Frstenbank mit den andern se und sich wie sie seiner Haut
zu wehren htte. Taube Ohren, Unwillen ber das rgerliche Beispiel. Richel
verblfft vor dem Kurfrsten: er stnde vor einem Rtsel; man knne es
Treue nennen, es sei auch Borniertheit. Oder Friedland sei auf noch Hheres
aus, etwa gegen den Kaiser.

Weich glitt es von Maximilian ab, trbe Augen, ein stumpfes mattes Gefhl
behielt er zurck. Schlfrig dankte er Richel; er mge in dieser Sache
nichts weiter unternehmen. Er sa eine, zwei Stunden dmmernd auf demselben
Stuhl, allein in seiner Kammer; eine Hilflosigkeit hielt ihn befangen; er
rkelte sich, seufzte. Ja, nun werde er wieder zu Hause sein, zurck von
der Reise. Da lag auf dem Tische die Rolle Torquato Tassos, die der Dichter
ihm in Italien gewidmet hatte. Neue Briefe seiner Bundesverwandten, vom
Klner, vom Bischof von Bamberg. Sie wollten Hilfe; die alte Last, die
alten Ketten. Ein glhendes Weh berflutete mitleidlos seine Brust, Gram,
tiefer Widerwillen. Wie er an den Kaiser und Friedland dachte, ballte er
die Fuste vor Schmerz, spannte sich auf seinem Sitz hoch, rang sich zur
Ruhe.

Maximilian lie den Wallensteinschen Offizieren erklren, er msse ber die
angeregten Punkte mit seinen Bundesverwandten korrespondieren; eisig, wie
sonst, gab er Richel den Auftrag, die Herren mit Geschenken zu
verabschieden. Sie ritten schmhend ab, die Bayern htten sie nur
aushorchen wollen.

Vervaux, Maximilians Beichtvater, war ber Land; Eilboten muten ihn
zurckholen. Der alte Herzog Wilhelm, Maximilian, Vervaux saen zusammen
beim Essen; die stille, gespannte Runde; sie gingen mit dem Kurfrsten auf
sein Kapellenzimmer. Der Kurfrst sprach mit einer lieblichen Stimme, die
grauenhaft aus seinem leblos sitzenden Krper klang; er bitte sie beide,
ihn zu fragen. Er antwortete dann anders als sonst; whrend er sonst die
Worte in seinem Munde sich ansammeln lie, bis sie vereist und gefroren
waren, strzte er sich auf jede Frage und gab blindlings, lechzend
Bescheid, gesangreich. Er wute zuerst nicht, was er vom Friedlnder
gewollt hatte, er schien von der Erinnerung gepeinigt zu sein, dann uerte
er, er htte sich mit einem verchtlichen Menschen eingelassen, mit einem
Knecht, einem toten Leibeigenen des Kaisers; ein satanischer Trieb habe ihn
pltzlich bewegt, dem er nicht htte widerstehen knnen. Er schien eine
Besttigung dafr von ihnen zu verlangen. Ein Ekel vor sich selbst erfllte
sichtlich den Kurfrsten, als htte er etwas Tiefgemeines berhrt. Er bat
um Strafe. Vervaux sprach zu ihm. Whrend der Pater und der alte Herzog
sich voreinander verneigten, der Herzog in Glckstrnen ber seinen Sohn,
stand der schnaubend in seinem Schlafzimmer, lie Lden und Vorhnge
schlieen. Eine einzige Wandkerze brannte neben der Tr. Der Oberstkmmerer
nahm dem stummen Frsten Seitengewehr Gurt Barett berkleid Mantel ab; zwei
Kmmerer nestelten an dem Wams, zogen es ab; Schuh Hosen Leinenhosen
streiften sie herunter, als er auf der gepolsterten Truhe sa; sie
schleiften hinaus mit den Sachen. Flsternd mhte sich der Leibkammerdiener
um ihn, zog ihm das Schlafhemd ber die zwinkernden Augen. In seidenen
Pantoffeln; er schttelte den Kopf, als der Leibbarbier eintrat, ihn mit
Tchern zu frottieren. Unbeweglich, allein stand der brtige Mann eine
Zeitlang im leeren Zimmer im Hemd, vom Bett auf den Boden blickend, vom
Boden auf das Bett. Lie das Hemd auf die Hften herab, band es mit den
rmeln zusammen. Auf dem kleinen polierten Tisch neben seinem Bett stand
ein schwarzes viereckiges Kstchen. Mit ruhigen kalten Fingern, whrend er
tnend, fast schluchzend zu atmen anfing, zog er das Schlsselchen hervor,
das in einem Seidenbeutel an seinem Hals hing. Einen ledernen Stachelgrtel
griff er bei den Enden, schlang ihn um die Weichen, zog, sich gegen die Tr
schleppend, die brennenden Augen auf das Mariengesicht unter der Kerze
gerichtet. Geriet in Atem, sthnte, sein Mund blieb weit offen stehen. Er
konnte sich nicht genug tun. Seine Blicke blind, erloschen; schnrte den
Grtel fest. Nach der kleinen Peitsche mit den Stahlkgelchen tastete er
zitternd mit der Linken, die Zhne verbissen, schwarz hllte sich alles um
ihn ein. Klatschend schlug er links herum auf den Rcken. Und whrend er
schlug, flossen ihm die Trnenwasser aus den Augenhhlen ber den Mund auf
den Teppich. Von den Flanken rieselte Blut. Es wurde ihm, als ob ein
anderer ihn schlug, diese Arme eines Fremden, gewaltttige, unbarmherzige,
unerbittliche Werkzeuge, unter denen sich sein Krper leidend bog; chzte,
whlte, bumte sich, wich aus, fuhr zurck; die Arme lieen nicht nach,
ohne Gefhl. Und da war die Hand in der Luft erstarrt, der Hand in der Luft
die Peitsche pltzlich entfallen, die Peitsche lag da, er zuckte zurck,
zuckte, zitterte; und bevor er erkaltete, whlte er um sich auf dem
schlpfrigen Teppich, bis seine Finger das lange, feine, vergiftete Stilett
in der Scheide berhrten, das er immer suchte in der Verzweiflung des
Geielns, auf der Hhe, um das Verderben von sich abzuwenden, um sich zu
beruhigen, zur Besinnung zu bringen. Er drehte es, die Scheide lste sich,
fiel herunter, er drehte, suchte es durch die Trnen zu erblicken; drehte
es. Er hielt es liebevoll an der Brust, drckte es an seinen bloen Hals,
an die gekruselten Barthaare; lag sthnend, schnaubend, sich wlzend auf
dem Boden; der Stachelgrtel lste sich, krampfartig erbitterte Ste
fuhren durch seinen Leib. Dann schob er sich schnaubend, verwstet,
besudelt, ein Winseln unterdrckend, unmenschlich auf die Knie, in die
Hhe, wackelte blutugig auf dem Schemel. Klingelte spter nach Wein.

                   *       *       *       *       *

Der dicke Rambold von Kollalto, Herr von Pirnitz, Deutsch-Rudolatz,
Tscherner hielt Mantua blockiert. Er selbst lag schlemmend, trotz seiner
Kehlkopfschwindsucht, zu Marignan am Lago maggiore; seine Untergenerale
Gallas und Aldringen regierten die Armee. Der spanische Feldherr Ambrosius
Spinola, ein alter Mann, stie gegen Montferrat, vertrieb die Franzosen,
jagte sie in Casale zusammen.

Der Krieg blhte. Neue Truppen fhrten franzsische Marschlle heran.

Da wurde dem Herzog zu Friedland, der in Karlsbad zur Kur war, die
Nachricht von Wien berbracht, da zu Regensburg ein Kollegialtag
stattfinden werde, da des Kaisers Majestt die Wahl seines Sohnes zum
deutschen Knig fordern werde. Der Friedlnder ri in seiner Ritterstube
sich den Hut ab, trampelte darauf herum: Den Kopf msse man den Kurfrsten
vor die Fe legen. Sie zusammenrufen zu einem Tag! Auseinanderpeitschen
die Verschwrer. Er wtete. Man mute ihm von Wien Kuriere schicken; die
Botschaft sollte aufgeschoben werden. Niemand hatte Neigung, die Sache zu
betreiben. An Ferdinand selbst schrieb er, zweimal mit strkster
Dringlichkeit, erreichte nichts, als da der Kaiser lchelnd sagte: Der
Krieger! Er will nichts als Soldaten und Schlachten. Und schon ist ihm
nicht wohl, wenn wir andern uns friedlich und verwandtschaftlich
zusammentun.

Die Kur in Karlsbad brach der Friedlnder ab, tobend ber die kaiserlichen
Rte: Sind nicht genugsam mit Dukaten gestopft, die Herren. Sind sie nicht
schlechte Lumpe, so sind sie trunkene Brenfhrer. Der deutsche Knig! Sie
erbetteln ihn bei den Pfennigfuchsern. Aber ich will ihnen allen die Suppe
versalzen.

Er verschwur sich, trotz Kaisers und Wiener Rte sollte den Schelmen das
Spiel verdorben werden, da sie seufzen und Trnen vergieen wrden. Er
bestimmte augenblicklich die Stadt Memmingen, sdlich der Donau, nicht weit
von Ulm und nicht gar zu weit von Regensburg gelegen, zu seinem
Hauptquartier und Truppensammelplatz. Mit grter Beschleunigung, hie es,
sollten alle Regimenter, die aus dem schwbischen und frnkischen Kreis
abkmmlich waren, aufbrechen hierhin. Transporte nach der Lombardei wurden
umgewendet; verbreiten lie er, sie sollten dort in einem Zentralpunkt
rasch verfgbar stehen gegen franzsische Aspirationen auf das Elsa und
als Reserve des italienischen Heeres Kollaltos.

Er selbst machte sich, um alles selbst in die Hand zu nehmen, ungesumt von
Karlsbad auf den Weg. Der italienische Krieg hatte pltzlich fr ihn kein
Interesse mehr. Er war tief erregt.

Siebzehn Sechsspnner trieb er mit sich, siebenundzwanzig Kaleschen zu zwei
und vier Pferden, sechzig Gepckwagen, hundertundfnfzig Berittene; allen
voraus sein Kanzler Elz mit hundertundzwanzig Leibrossen, sechsundzwanzig
Sechsspnnern und Gepckwagen. Die Gelder fr die Reise wurden in
Mecklenburg durch Kontribution erhoben. Der Herzog rastete in Nrnberg, wo
er die Bitte des Magistrats um Ermigung der monatlichen Abgabe von
zwanzigtausend Gulden abschlug; in Ulm wurde ihm als Ehrengabe gereicht ein
Silberpokal, ein Samtbeutel voll Goldstcke, eine silberne Handkanne und
Handbecken, ferner ein Wagen Wein und achtundvierzig Haferscke. Sein
Quartiermeister bestimmte als tglichen Verbrauch fr den Hofstaat schwere
Abgaben: neben zahllosen Laib Brot, Schock Eiern Weizenmehl, Roggenmehl,
zwei gute Ochsen, zwanzig Hammel, zehn Lmmer, vier Klber, ein Schwein,
zwei Speckseiten, eine Tonne Butter, fnfzehn alte und vierzig junge
Hhner, dazu Rheinwein, Franzwein, Kmmel, Koriander, Anis, Zimt, Ingwer.
Nach Memmingen streiften Arkebusiere vorauf; sie trieben alles brllende
und blkende Vieh aus der Stadt, schossen Hhne und Singvgel ab, legten
Leimruten fr Spatzen aus; die Glocken auf den Kirchtrmen banden sie fest.
Der Herzog mit seinem Hofstaat, Leibgardisten, Kanonen, astrologischem
Gert rckte an.

Die Kuriere liefen; der Herzog stellte fest, welche Gesinnung der Wiener
Hof, der Kaiser selbst htten; groe Summen wurden durch de Witte
angewiesen an den Kaiser selbst, den Abt von Kremsmnster und andere. In
aller Stille versammelte sich im Gelnde um Memmingen ein groes Heer.

Der Kaiser Ferdinand befahl gegen die Mitte des Jahres Anstalten zum
Aufbruch nach Regensburg zu treffen. Vom Herzog zu Friedland, von den
niedersterreichischen Stnden, vom Erzbischof zu Salzburg, aus Bhmen
wurden Darlehen erhoben; der Antrieb an Ochsen, Klbern, Lmmern, Schweinen
aus Ungarn begann. Ferdinand nahm die Mantuanerin und seinen Sohn mit, den
blassen, ehrgeizigen Knig von Ungarn, der eiferschtig auf Wallenstein
war.

Wie ein Schnitter, der die Ernte einbringen will, ging der Kaiser, Eleonore
sollte mit, weil ein Kaiser mit einer Kaiserin fhrt -- und sie war malos
finster und prchtig, sollte jeden der Frsten beschmen; er wollte sie an
seiner Seite mitbringen, die Tochter des Landes, um das er Krieg fhrte.

Sie fuhr, bezwungen, mit ihm in dem Prunkschiff, verschlossenen Gesichts,
aber auf freudig straffen Gliedern, gedachte dem schweigenden Menschen
neben sich in Regensburg eine schwere Niederlage zu bereiten. Sie hoffte
auf Eggenberg. Von dem Groll der Frsten auf den Friedlnder hatte sie
gehrt. Ihr Beichtvater hatte sie ganz aufgerichtet. Reitend, in Karossen,
auf Schiffen gezogen hinter ihnen zwischen dem lustigen, erregten Hofstaat
Geheimrte, kummervoll seufzend, in aller Munterkeit und dem Glanz
bedrckt, zu einander fliehend, heimlich mit einander murmelnd, mit jeder
Stunde beklommener.

Der Kaiser hatte nicht abgelassen, auf den Regensburger Tag zu dringen,
sein Sohn sollte gewhlt werden, es hatte nicht verhindert werden knnen,
obwohl das Drngen und Drohen der Kurfrsten anzeigte, warum sie kommen
wollten: nicht seinen Sohn whlen, aber ihn selbst zur Verantwortung
ziehen, den Herzog zu Friedland beseitigen; sie drngten auf Abrechnung.
Und was hatte man von Wallenstein zu gewrtigen; wie wrde der rasende
Bhme sich benehmen; man hatte schon schwer Beunruhigendes von seinem
Vorhaben in Memmingen gehrt. Der weinrote kleine Eggenberg selbst, Triumph
der Slavata und Trautmannsdorf, hatte den Stein zur Konferenz aus dem Weg
gerumt. Er war umgefallen. Sie wuten nicht, was er tat, Slavata und
Trautmannsdorf so wenig wie Ferdinand selber. Als die Kurfrsten und Stnde
so bereitwillig der Tagung in Regensburg zustimmten, begriff er, da er
klar gesehen hatte. Und er wich nicht; er fhrte den Kaiser auf die
Schlachtbank.

Wie Eggenberg dies geleistet hatte, den Kaiser auf das Schiff nach
Regensburg zu bringen, brach er zusammen. Auf der Fahrt schon befielen ihn
krperliche schwere Beklemmungen und Ohnmachten. Die Tat war grer als er.

Er verabschiedete sich unterwegs von Ferdinand. In einem Grauen reiste er
nach Wien. Die leere Stadt besserte ihn nicht. Nach Luft chzend fuhr er
weiter. Nach Krumau auf sein Gut Worlik. Die Angst vor dem Kommenden wuchs.
Er fuhr, um sich zu verstecken, nach Dunio in Istrien. Es war weit, Kuriere
wrden ihn nicht finden. Drften ihn nicht finden.

Inmitten ungeheurer Viehherden, Wagen voll Bier und Weinfssern,
marschierender Sldnerfhnlein nherte man sich Regensburg, dem
Hllenkessel. Noch zuletzt protestierte die Stadt selber; sie hatte
angstvoll von den Memminger Gerchten und sonderbaren Vorkehrungen
vernommen; sie schtzte ihren beschwerlichen Zustand, ihre Armut vor, eine
derart prchtige und riesige Versammlung knne ihr Rahmen nicht fassen. Der
Kaiser gab nicht nach; die Kurfrsten gaben nicht nach.

Der Kaiser und sein riesiges Gefolge tauchten in den gefhrlichen Bannkreis
Regensburgs ein. Die Kurfrsten kamen lange nicht. Sie erschienen auf dem
Tag wie unschuldig Verurteilte, die vor aller Welt Schande ber ihre
Richter bringen wollten. Und wenn er sie auch erwrgte und aufs Rad
flchte, sie wollten es ihm nicht schenken. Mit Entsetzen und dann mit
ingrimmigem Vergngen hatten sie gehrt, wie sich Wallenstein auf den Tag
rstete; sie verbreiteten es nach allen Seiten; die Notlage des Reiches lag
vor allen Augen. Mit geringer Begleitung stieen sie nacheinander an in den
blhenden Junitagen, gehssig und verzweifelt wie magere Wlfe, wollten
schlingen oder erschlagen werden.

Der Kurfrst Ferdinand von Kln, der jngere Bruder des Bayern, fuhr ein,
klein, dnn, listig blickend, mit den Lippen und hngenden bebenden Wangen
des Schlemmers. In einem bedeckten Reisewagen, achtspnnig, der
Reichskanzler Anselm Kasanio der Kurmainzer, gebcktes graugesichtiges
Mnnlein, den breiten dnnen Mund spannend, das harte Kinn, mhsam gehobene
Augenlider. Das violette Kppchen weit rckwrts auf dem nackten
erbrmlichen Schdel. Neben ihm gewaltig im Wagensitz unter dem
Bischofshut, golddurchwirkte Schnre an der Krmpe schaukelnd, der
phlegmatische Kurtrierer, Philipp Christoph, glotzugig, mchtige
Halswampen, der breite Grtel ber einem gequollenen Leib; die Beine steif
vor sich ausgestreckt, ein unerschtterlich schwerer Krper. Der Bayer fuhr
an. Er hatte sich gestrubt zu gehen; Herzog Wilhelm hatte ihm weinend
abgeraten. Um ihn ging eine starke Leibwache; bayrische Regimenter waren
seit Wochen bei Kehlheim Frth Cham Rain auf Kriegsfu gebracht,
marschfertig; es war besiegelt, da ihm auf seinen Ruf fnfzigtausend
Franzosen zur Seite stehen wrden. Mit Maximilian zog Tilly in Regensburg
ein, sein Feldmarschalleutnant, dessen Offiziere die Gegend
rekognoszierten, der weibrtige Zwerg, der nicht erlosch.

Ins Quartier des Erzkanzlers, der die Bundesverwandten bei sich hatte,
wurden auch die acht Beauftragten des Kurfrsten von Brandenburg und des
Sachsen geleitet. Ruhig erklrten die Herren, da ihre Frsten nicht kommen
wrden; die Kriegsnot liee sie nicht aus ihren Lndern; sie selbst htten
Instruktion, sich an den Beratungen zu beteiligen.

Auf die Frage Maximilians stellte sich heraus, da sie nicht ermchtigt
waren, einer Absetzung Wallensteins zuzustimmen; auch ber Bedrngnis
protestantischer Stnde durch das ligistische Heer klagten sie; Protest
sollten sie ber die Einziehung evangelischer Gter erheben. Scharf wandte
sich der Bayer an die geistlichen Herren: Man sieht, wir sollen den Herren
die Kastanien aus dem Feuer holen. -- Und wenn man euren Frsten den Kurhut
vor die Fe wirft? Der evangelische Glaube wird nicht untergehen. Wir
werden Hilfe finden. Max hhnte, als sie gegangen waren, die Hnde gegen
die Herren erhebend: Sie erhoffen Hilfe von dem Schweden. Der Satan hole
die Ketzer.

                   *       *       *       *       *

Streng bergab Ferdinand in Gegenwart der zitierten Kurfrsten und
Gesandten dem Reichserzkanzler die versiegelten Propositionen in der
Ritterstube der bischflichen Burg. Er vermite den schsischen Kurfrsten,
mit dem er sich ber Jagden unterhalten wollte; er htte sich so lange vom
Waidwerk fernhalten mssen. Mit jedem sprach er einzeln, auf dem roten
weichen Teppich neben dem Eichentisch gingen sie bedeckt hin und her. Man
lachte ber den Schweden, von dessen munteren Angriffsgelsten man gehrt
hatte. Mitten in der Unterhaltungen tnte von drauen vor der Stiege
Blasmusik; der Habsburger freute sich ber die Verwunderung der Herren, er
hatte seinen Johann Valentin mitgebracht; man setzte sich wieder, trat an
die Fenster, hrte schweigend zu. Die Herren flsterten verwundert; neben
dem Bayern stand Ferdinand am Fenster, legte seinen weigekleideten Arm
freundschaftlich auf die Schulter des erbebenden Wittelsbachers. Der
Geheimsekretr Doktor Frey erhielt vom Kaiser einen Blick, ffnete die Tr
zur Antikamera. Ferdinand begleitete die Kurfrsten, denen sich ihre
Kanzler anschlossen, durch das lange blinkende Spalier der Hatschiere an
die Stiege, wo man eine Weile die Kapelle anhrte und die warmen Windste
fhlte.

                   *       *       *       *       *

Man hatte sich noch nicht zurechtgefunden von der Begegnung, als der
Mainzer in seinem Quartier aus den Propositionen vorlas. Der Kaiser
erwhnte die Knigswahl nicht, fragte, was mit dem landesflchtigen chter
Friedrich von der Pfalz endgltig geschehen solle, dann wie man Holland
Schweden Frankreich im Einmischungsfalle abweisen solle, zuletzt an fnfter
Stelle die Mngel des Kriegswesens anlangend: man mge angeben, wie und
welchergestalt eine bessere Ordnung geschaffen werden solle.

Hitzig warf am Schlu sogleich der rotugige Klner auf, sein Kppchen auf
dem Knie wippend: Sauber disponiert! Der zu Friedland hat sich recht
tapfer versteckt.

Der fettwamstige Christoph Philipp von Trier chzte: Wir haben dem Kaiser
nichts entgegenzusetzen, wir haben keine Armee. Nein, lachte grell
Maximilian. Der Erzkanzler milde: Wir werden ihm unsere Klagen vortragen,
wir werden nicht nachlassen zu drngen, er ist ein Mensch, ein frommer
katholischer Christ, es wird seine Wirkung auf ihn nicht verfehlen. Die
Lutherischen singen: ein' feste Burg ist unser Gott, spottete Maximilian.
Ruhig der Mainzer: Unsere Gebete werden erhrt werden, Durchlaucht.

Trotz Zagens und Remonstrierens des Mainzers, der vershnlich bleiben
wollte, ging der Beschlu durch, da in zwei Schritten der ganze Weg
durchschritten werden sollte. Man sah sich auf einem Vulkan, Friedlands
Armee bei Memmingen wuchs. Sie erklrten: Die bermigen Werbungen im
Reich, Abdankungen Abmarsch Rckmarsch Kontribution Einquartierung haben
die Wohlfahrt des Reiches untergraben; das Vermgen des Heiligen Reiches,
seine Kraft und Strke, wodurch es sich bei seinem hohen Stand und
christlichen Glaubensbekenntnis gegen Trken und Heiden bisher vor allen
andern Knigreichen der Welt erhalten hat, ist ganz verzehrt, verwstet,
seine Habe in fremdes Land gefhrt, vornehme Lnder und Provinzen, die eine
Zier und Vormauer des Reichs gewesen sind, sind verheert. Die Kurfrsten
und Frsten, gnzlich allen Ansehens beraubt, haben sich den kaiserlichen
Kommandanten, die sich mit ihnen im Stande nicht vergleichen knnen, zu
unterwerfen und mssen unzhlige Drangsale stillschweigend ber sich
ergehen lassen. Das kurfrstliche Kollegium, kraft getroffenen einstimmigen
Kollegialbeschlusses, will deshalb nicht allein aus treuem Herzen ihrer
kaiserlichen Majestt geraten haben, sondern auch untertnigst und
ernstlich darum bitten, hier Verbesserung zu schaffen, der kaiserlichen
Armada ein solches Haupt vorzusetzen, das im Reich sitzt, ein ansehnliches
Mitglied des Reiches ist, dafr auch von anderen Stnden geachtet und
erkannt wird, zu dem Kurfrsten und Stnde ein gutes zuversichtliches
Vertrauen haben. Dieser Feldherr mge in allen vorfallenden wichtigen
Sachen ermahnt sein, gem den Reichskonstitutionen getreulich zu
disponieren und sich mit den Kurfrsten zu verhalten, mge sich nicht
anmaen, im Reiche zu dominieren, weil solches nicht Herkommen noch
zulssig ist. Wenn aber ihre Kaiserliche Majestt in ihren Erbknigreichen
und Landen ein besonderes Heer halten wollte, daran wollte man sie nicht
hindern noch ihr Ma geben, so lange es ohne Gefahr, Schade und
irgendwelche Beeintrchtigung von Kurfrsten und Stnden geschehen kann.
Kontributionen sollten niemals mehr direkt, sondern nur durch Anrufung und
Vermittlung der Reichs- und Kreisversammlungen erhoben werden, Durchzge
und Musterpltze nur mit deren Zutun Genehmigung und Mithilfe.

                   *       *       *       *       *

Whrend die deutschen Kavaliere die Reitbahn und Tummelgarten bei den
Barfern frequentierten, Rte Domprpste Dechanten Kanzler verschwiegen
beim Postmeister einkehrten, Geld in ein Lotto einlegten -- an der Wand war
mit Kreide gemalt italienisch: Wer das Kleid nicht schtzt, dessen Leben
dauert lnger als das Kleid -- Stnde sich im Bischofshof versammelten, in
die Antikamera gefhrt wurden, tauchten schon die fremden aufflligen
reichen Gestalten in den Gassen auf. Die Herren trugen einen ungeheuren
Putz mit sich herum, sie ertranken in den Gewndern, die sie mit sich
schleppten; so viel des Zobels, der Bordren Aufschlge Spitzen Bestze,
der berfallenden Stulpen Wehrgehenke Schrpen. Das raschelte und knisterte
an ihnen; ihre gebrannten Haare verkrochen sich unter den Umhngen oder
blhten sich duftend im Wind auf. Damen begleiteten sie, in bequemen Wagen
fahrend, mit Regenschleiern ber Kopf und Schulter, mit flachen
Stirnmtzchen, von denen der Staubmantel nach rckwrts wallte. Bei klarem,
warmem Wetter gingen sie ber die Wiesen, bei der Grube kaum verschleiert,
mit tief entblten Schultern, so einfach, als stiegen sie eben aus dem
Wasser mit ihrem glatten, am Hals sich lockenden Haar; weies und rosa
Leuchten der bergewnder; ber den Knieen wichen die Oberstoffe rckwrts;
golddurchwirkte Untergewnder mit hingehauchtem Blau wurden von den
Bewegungen angestrafft, in weien Schuhen bewegten sie sich leicht und
vllig grazis. Es waren die Welschen, die von Grenoble vor drei Wochen
aufgebrochen waren, ber Solothurn, Konstanz Ulm erreicht hatten, zu Schiff
anlangten. Sie fanden Quartier bei der Grube. Herr von Brulart fhrte sie,
der braune kuttige Kapuziner, der ihn begleitete, schmalschultrig,
kurzsichtig, bla, mit einer starken Nase, war der Pater Joseph, Franois
du Tramblay, die Seele des Kardinals Richelieu. Sie mischten sich unter die
andern. Kavaliere und Damen kten sich, wenn sie sich begegneten, auf den
Mund. Sie hatten viel Berhrung mit dem bayrischen Hofstaat, aber auch mit
den vier schsischen Herren und ihrem Anhang.

Trautmannsdorf forschte Brulart aus ber den Grad der Einheit in der
franzsischen Nation, welchen Stmmen die mitgebrachten Kavaliere
angehrten. Der Welsche fand die Frage erstaunlich: Eine Nation hat in
unserem Knigreiche keinen Platz. Franzosen sind die Leute, die dem Sehr
Katholischen Knig Ludwig untertan sind. Bisher hat keine Regierungsakte
Kenntnis von dem Wort Nation oder Volk genommen. Und ich wute nicht, wovon
ich reden sollte, wenn ich franzsische Vlker oder Stmme sagte; mit Knig
Ludwig ist alles gesagt.

Man wrde hierber im Reich klagen, der Deutsche wrde gleich den Verlust
seiner Freiheit argwhnen.

Es ist ja nichts ehrenvoller, zog der Welsche die Augenbrauen hoch, als
dem Knig leibeigen zu sein. Wenn am Himmel die Sonne scheint, so nimmt
alles freudenvoll die Helligkeit und die Farben der Sonne an; die Franzosen
werden kniglich; jedem ist, als ob das Auge des Knigs auf ihm liegt, er
bemht sich, ihm zu gefallen. Er sieht seine Kleider, die Tracht des Hofes,
hrt den Ton des Gesprchs. Hat es ihm geschadet? Es scheint, als ob uns
fremde Vlker nachahmen.

O man achtet auf eure Kavaliere und Damen; ich frchte, man wird noch
schrfer auf sie achten mssen.

Stolz der Franzose ablenkend: Man achtet berall auf die Art Ludwigs. Man
wird seine Sendboten berall mit Freude aufnehmen.

Brulart und Pater Joseph wurden in der mantuanischen Sache vom Kaiser
empfangen, ihre Legitimation war nicht vollstndig, der Kaiser wollte
dennoch sehr gndig verhandeln. Pater Joseph durfte in Gegenwart des groen
Lamormain lange zu ihm von geistlichen Dingen sprechen. Man redete ber das
Mysterium des gttlichen Erdenwallens; Pere Joseph, hinreiend sich
ergehend, war in seinem Fach. Er drang auf Vereinigung der Seele mit Gott,
ihr Eintauchen und Pltschern in Gott; alle irdischen Leidenschaften, die
sich zwischen Gott und uns stellen, mten abgelegt werden, die Liebe mte
den Verstand lehren, ihn im Gehorsam und der Demut des Glaubens gefangen
halten, die Liebe mte den Verstand zwingen, zu glauben, was er nicht
sieht, zu bewundern, was er nicht versteht. Immer mu man an die Taten des
Heilands denken, seine Gttlichkeit durchleuchten sehen, ihn umarmen in
seinem Wesen. Man mu den Mund nicht gemein ffnen, als wenn man essen
will, mu nicht demjenigen gleichen, der lange hastig gelaufen ist nach
einem Ziel, das er zu erreichen strebt und der ganz auer Atem ist. Nicht
ffnen den Mund, wie um zu essen, innere Sigkeiten zu empfangen, nicht
sich erholen wollen von innerer Erstickung. Das ist Notdurft, Zwang, das
ist nicht vollkommene Gottesliebe. Man mu herausstoen aus sich das Leben
der Eigenseele. Aufeinander der Mund Gottes und unser Mund, um die Seele
flieen zu lassen ber die knigliche Tr seiner Lippen. Oft wiederholte
er auf Fragen Lamormains: Einschlummern im Dunkel des Geistes und der
Natur.

Ferdinand hielt Lamormain bei sich fest; was er von dem Kapuziner hielte;
er selbst msse als Tlpel gestehen, er besitze so geringen Verstand, da
es keines Zwanges mehr bedrfe, um zu glauben; wie gro msse der Verstand
des Pere Joseph sein, da er solcher Gewaltttigkeiten bedrfe, und
vielleicht auch wie unglubig sei der Pere. Welch ein Glaube, staunte er
dann wieder, dieser Mund Gottes, dieses Begeisterte, Absonderliche.

Eleonore wurde gerufen; sie setzte sich erst kalt in der feierlich strengen
Tracht an das Tischchen, die sie in Regensburg immer trug. Dann hrte sie
zu, fragte abwesend, von wem die Rede sei, begehrte erregter und mit einem
dunklen Blick den Franzosen kennenzulernen. Ferdinand lchelte schwer: Du
wirst sehen, er redet dir die Gedanken aus dem Hirn; man hrt ihn besser
nicht oft.

                   *       *       *       *       *

Die Besprechung der kurfrstlichen Forderungen in der Wohnung des
erkrankten Grafen Strahlendorf, -- zugegen war neben anderen auch der junge
Knig Ferdinand, -- erhielt durch das unangemeldete Erscheinen und das
Eingreifen der Majestt einen sehr ernsten Charakter. Die pointierte
schsische Schrift mit ihrem Jammer. Das unter lautloser Stille von Doktor
Frey vorgelesene grliche Register des Herzogs Bogislaw von Pommern,
vierundfnfzig schauerliche Punkte dem Mehrer des Reichs vortragen, von
Eltern, die das Fleisch ihrer Kinder verzehren, von Leichen im Lande, die
ungekochtes Gras im Munde hatten. Der Kurbrandenburger: zwanzig Millionen
Gulden seien seinem Land erpret. Die ligistische Schrift endend: Nachdem
die Reichsfeinde, der Pfalzgraf, Mansfelder, Halberstdter, Baden-Durlach
geschlagen, die dnische Armada zerstreut, fast kein Feind mehr vorhanden
ist, hat man einen Feldhauptmann ohne Vorwissen und Einwilligung der
Stnde, ohne Geldmittel mit einer so ungemessenen absoluten Gewalt ins
Reich verordnet, da er nun alles nach eigenem Gutdnken regelt.

Der junge Knig: Wenn es richtig ist, was eine Schrift besagt, es seien
von Friedland zweihundertvierzig Millionen Reichstaler an Kontributionen
erhoben, so wird man den Herzog um Verrechnung ersuchen mssen. Wohin sind
diese Summen gekommen? Sind sie wirklich nur zur ntigen Abfindung des
Heeres und der Obersten benutzt und wer hat von ihnen profitiert?

Peinliches Stillschweigen. Strahlendorf: Das Gefhrliche der Vorgnge
liegt in der Verbindung der katholischen mit den protestantischen
Kurfrsten.

Der Kaiser: Sie kommen mir mit Dingen, an denen jeder Erwhlte Rmische
Kaiser zu beien hat. Das Reich fhrt Krieg, man gewhrt ihm keine Mittel.
Der chter Friedrich hat das Reich angegriffen, man hat mir keine Mittel
zur Gegenwehr gestellt. Der Herzog nimmt, was mir zusteht. Sind Vergehen
vorgefallen, werde ich Strafe vollziehen lassen.

Trautmannsdorf: Das Reich bequemt sich zur Ordnung. Es ist ein Unverstand,
mit Stzen zu kommen, wie: Kontributionen nur durch die Kreise. Daran
scheitert der Krieg.

Der Kaiser griff seitlich nach den beschriebenen Bogen, warf sie auf den
Boden: Sie wollen kaum ein Reich. Jammern zum Schein. Sie wollen das Reich
nicht.

Der junge Ferdinand: Wozu aber whlen sie einen Kaiser?

Der Kaiser: Sie tun es noch heute und morgen. Eines Tages werden sie
versuchen, es nicht zu tun.

Leise Trautmannsdorf: Der Herzog zu Friedland war vielleicht zu stark. Man
empfehle ihm grere Behutsamkeit.

Graf Strahlendorf begrndete angesichts der Erbitterung Ferdinands
vorsichtiger als sonst die Frstenlibertt, warnte davor, den ganzen
Reichskrper gegen das Oberhaupt sich einen zu lassen; es sei schon nicht
mehr die Frage nach der Wahl des jungen Ferdinand, sondern nach dem Abfall
aller Kurfrsten vom Reich; er glaubte, historisch kommen zu mssen, sprach
vom Beispiel Karls des Dicken, Heinrichs des Vierten, Wenzeslaus.

Am Tisch sitzend mit bald gelangweiltem, bald drohendem Gesicht Ferdinand:
Ich habe nicht vor, den Herzog fortzuschicken. Man wird mich durch alle
Treibereien nicht irre machen.

Trautmannsdorf: Danach ist ein Ri wahrscheinlich.

Der Kaiser lie die Augen aufleuchten, lchelte den Grafen warm an.

Der Geheimsekretr: Welche Antwort soll formuliert werden auf die Replik
der Kurfrsten?

Die Herren durften sprechen.

Strahlendorf: Hinhalten. Wenn der kaiserliche Standpunkt so bleibt,
versuchen, die Kurfrsten zu drcken, sie auf die Unmglichkeit ihrer
Forderungen hinweisen, die Erfllung des Mglichen zusagen.

Trautmannsdorf: Die Majestt wird sich den Eingriff in ihre Autoritt und
Preminenz verbitten. Die Schuld fr einen Ri mu von vornherein der
kurfrstlichen Malosigkeit zugeschoben werden.

Der Kaiser dankte. Nach langer, scheinbarer Besinnung dankte er nochmals;
es sei besser, auf diese Replik nicht zu antworten. Er antworte nicht. Er
gbe den Kurfrstlichen Durchlauchten, die in einem Jhzorn gehandelt
htten, Zeit sich zu besinnen.

                   *       *       *       *       *

In das Refektorium der Karthause wurde eines regnerischen Abends Pater
Joseph gerufen; es wolle ihn eine hohe Person sprechen. Zwei Damen in
Schleiern, auf deutsche Art gekleidet saen da; die eine sprach ihn
italienisch an, es war die Kaiserin. Er mchte ihr von seinem Orden
erzhlen.

Und als er gesprochen hatte, glhten hinter ihrem Schleier ihre Augen,
Grfin Khevenhiller trat an das Fenster hinter eine Sule.

Sie freue sich, solche Stimme der Gottesinbrunst zu hren, man vernehme es
so selten in diesem Lande.

Ob er Italien kenne. Und dann pltzlich, kaum das Schluchzen unterdrckend:
so weit sei es gekommen, da man nicht Anstand nehme, ihre Heimatstadt zu
belagern. Er meinte trstend, so sei Politik der Deutschen. Helft Ihr
mir, bat sie, ich habe Briefe von meinen Freundinnen, Geschwistern; was
ich Euch tun kann, sollt Ihr haben. Wenn unsere Heere siegen werden.

Sprecht mit dem Kaiser, mit Lamormain. Ich bin eine Frau; kann man keine
Rcksicht auf ein Frauenherz nehmen; bin ich hier nichts.

Kopfschttelnd Joseph: Es ist nicht der Kaiser oder Lamormain. Es ist der
Herzog von Friedland.

Sie keifte leise: Schickt ihn fort; ich hasse ihn, sein Name ist mir
zuwider, der falsche Bhme.

Man kann ihn nicht fortschicken. Es ist leichter fr ihn, uns alle
fortzuschicken.

Sie wtete mit ihren Fusten gegen ihren Schleier: Ihr habt es gehrt. Es
ist unsagbar, wir sind seine Gefangenen. Man soll ihn entlassen.

Wer ist Kollalto bei Mantua? Seine Puppe. Der Herzog ist das oberste
Gericht im Reich. Wir spielen hier in seinem Schatten. Der Kaiser fhlt es
nicht.

Sie sah ihn erstarrt, weitugig an: Und dies ist wahr, der Herzog macht
mit uns, was er will?

Joseph lchelte traurig: Es ist schon keine Neuigkeit mehr, Majestt.
Fragt Euren Schwager, die bayrische Durchlaucht.

Die Kaiserin stand von der Bank auf: Ich will den Kaiser befragen, er soll
hren, wie man spricht.

Fahrt lieber zum Herzog; er residiert in Memmingen, nicht weit von Ulm. Er
wird Euch helfen, wenn Ihr dringlich bittet um Mantua. Aber sprecht nicht
von mir zum Kaiser. Die Deutschen lieben nichts Fremdes.

Oh, sprecht Ihr wahr, Ehrwrden; ich danke Euch.

Dankt nicht, Majestt. Auch mein Land leidet. Der Herzog von Nevers ist
ein Franzose.

Solche Auseinandersetzung hatte Ferdinand noch nicht mit der Mantuanerin
gehabt. Die Frau war unnachgiebig, bitter, verchtlich gegen ihn. Sie htte
geglaubt, Kaiserin zu sein. Sie sei Italienerin. Dulde man in Deutschland
solches, so sei das deutsche Art. Sie nehme es nicht an, sei nicht
herbergekommen als Vasallin des emporgekommenen Friedlnders. Zu essen
von seinem Geld, zu leben hinter seinem Rcken, das nehme ich nicht an; ich
bleibe die Tochter des Herzogs von Mantua. Er war nur erstaunt, welcher
Narr ihr das beigebracht habe. Etwas Haartiges war in ihr aufgestiegen.
Narr? So wahr ich selbst Narr bin, sind dies Narren, die mir das
beigebracht haben. Du bist versunken, du trumst. Mir sind die Augen
aufgegangen. Der von Wallenstein mu weg. Ich trume, ich bin versunken.
Er dient mir, wie es beinah nicht mehr menschlich ist. Sie beneiden mich um
ihn und beneiden ihn selber, den ich hochgehoben habe. Der Giftspritzer,
der Unband, der Teufel. Das gesegnete Geschenk, der von Wallenstein. Sie
beneiden ihn, wie sie mich beneiden. Keiner wird an unsern Tisch sich
setzen wollen, nur der Teufel. Der Heilige Vater wird seinen Fluch ber uns
aussprechen. Dir bangt um Mantua.

Sie schrie und berschrie sich: Ja, mir bangt um Mantua. Und ich will zu
befehlen haben, da mir nicht darum bangt. Ich bin Kaiserin, es ist meine
Heimat. Ein Hund soll nicht hingehen knnen und sie zerreien.

Sie warf sich in einen Stuhl: Ich lebe nicht mehr, wenn dies geschieht.

Diese hatte er einmal geliebt.

                   *       *       *       *       *

Ein unscheinbares Brieflein wurde bei dem Megang dem Kaiser bergeben, in
dem Wallenstein auf die Truppenmassen aufmerksam machte, die dem Kaiser
zwischen Memmingen und Regensburg zur augenblicklichen Verfgung stnden.

Und pltzlich sah Ferdinand, da die Entscheidung ganz bei ihm lag. Er
konnte trge noch einen Tag nach dem andern hinziehen, die Wirklichkeit war
nicht wegzuschlafen. Kein Kollegium eines Hohen Rates bedrngte ihn. Sie
hatten sich in den Hintergrund gezogen, wagten sich nicht an den Wurf; der
tapfere gute Eggenberg lag krank irgendwo in Istrien.

Er fhlte, in der Nacht sich aufrichtend, da er satt war, da er Sieger
war, Kaiser durch Wallenstein, und da er sich wenden knne, nach welcher
Seite auch immer, es war die rechte Seite. Es stand in seiner Gewalt, zu
whlen, es konnte auf keine Weise fehlgehen. Und darauf legte er sich
zurck und schlief wieder ein.

Finstere Gestalten umgaben ihn bei Tag. Die Mantuanerin sah er nicht; er
freute sich, sie wollte ihr Spielzeug.

Der Mainzer und Maximilian saen stumm und uerlich voll Ehrfurcht an
seiner Tafel. Mit groem Auge betrachtete sie der Herrscher, vertiefte sich
in ihre Gedanken.

Brulart sa da, er dachte an nichts, als die Spanier aus Italien zu
vertreiben.

Der Herzog von Doria, Gesandter Philipps sa da; dachte an nichts, als die
Welschen aus Italien zu jagen.

ber Memmingen, glanzvoll von Wallenstein empfangen, langte als ppstlicher
Legat der Kardinal Rocci an.

Da hielt es Ferdinand in einem tief aufsiedenden Gefhl der Verachtung fr
angezeigt, die Verbrennung zweier Juden, die verurteilt waren, zu befehlen
und sich an ihrem Anblick zu weiden.

                   *       *       *       *       *

Ein Jude, ein getaufter, war mit drei anderen beim Diebstahl erwischt,
darauf von ihnen beschuldigt worden, nur zum Schein bergetreten zu sein,
mehrmals die Hostie geschndet zu haben, indem er sie in einen stinkenden
Ort versenkte. Das Geweihte, der Leib Christi, wurde von dem Bttel, in ein
Sacktuch gewickelt, aus einem Unratkbel seines Wohnhauses gefischt, der
Malefiziant wurde zum Tode verurteilt. Als der Jude aus dem Stock eines
Tages mit den drei anderen, die der Strang erwartete, abgeholt werden
sollte, stellte sich dann heraus, da nicht er, sondern sein Weib sich hier
befand und sich zur Strafe erbot. Aus Kreuzverhr Folter ergab sich der
Aufenthalt des Verurteilten; er wurde aus seinem Verstecke in der Stadt, in
Bttchertracht, herangeschleppt.

Der Scharfrichter schleifte auf einer Stierhaut hinter zwei Mhren einen
schwchlichen Mann auf den Rathausplatz, Wams und Hose in Lumpen, die Hnde
ber den Kopf zusammengebunden, samt dem Ochsenschwanz am Zaumzeug der
Mhren mit Riemen befestigt; er wlzte sich auf Gesicht Rcken unter den
Sten der Steine. Sechs Henkersknechte, scharlachrot wie ihr Herr, ritten
vorauf, bliesen Schalmeien, schlugen das Kalbsfell. Abgeschnallt, auf die
Beine gestellt von den Schergen, den abgefallenen Hutkegel aufgestlpt,
wurde der fahle, ins Licht zwinkernde Wicht vor die Schrannenstiege
gestoen.

Auf dem Esel rckwrts reitend, hinter ihm, herabsinkend, wer prangte so
herrlich! Die Frau in den gebndigten Reizen des Sdens, die Farben der
Wangen bronzebraun, die eisenschwarzen Haare in Strhnen ber kleinen
Ohrmuscheln, folgte mit schmachtenden Blicken dem wankenden Schcher; neben
dem Grautier an seinem Hals schauerte ihr zierlicher Leib, die Zhne
schlugen schnarrend im Mund zusammen.

Mit rotem Tuch waren die Schrannen ausgeschlagen, das Stadtgericht sa oben
mit bloem Schwert; der Schcher kniete zwischen den Spieen der Schergen
an der Stiege. Eine monotone Stimme machte sich laut durch die Unruhe des
Marktes, lie sich verschlingen von dem Lrm der Zustrmenden, der
holzschleppenden Schinderknechte, dem Scharren Wiehern Hufschlagen der
kaiserlichen Pferde neben der Stiege. Das Verbrechen verlesen, das Urteil
verlesen, ein schwarzer Stab ber den Juden gebrochen, geworfen. Der
Unterrichter bestieg sein Pferd.

Sie hielt sich am Nacken des Eselchens, wandte sich still rckwrts mit
hochgezogenen Augenbrauen, schmerzvertieften Linien um den gepreten Mund,
gegen die Menschenmenge, die tausendugig um sie wimmelte, Mnche Priester
Jesuiten Soldaten Kinder Studenten Edelfrauen Handwerker Bettler Franzosen;
lie ihre Arme fallen, blickte auf ihre gelben Schuhe. Sie trug, wie ihr
gestattet war, ein schwarzes, loses, hoch geschnrtes Seidenkleid, mit
Perlen bezogen, die rmel bis zum Ellenbogen pludernd. Ein durchsichtiges
schwarzes Seidentuch war rckwrts ber den Scheitel gesunken, unter dem
Kinn geknotet. Und ber den glhenden erstarrenden Augen die Stirnspange
mit grnen, blauen Steinen. Trug es, man wute nicht warum; es war, weil
sie so ihrem Mann am lieblichsten erschien. Einen Grtel aus den gleichen
grnen, blauen Steinen hatte sie an, daran hingen Kettchen mit
Kinderzhnen. Alles bewegte sie an sich, wies es ihm, lie es lebendig
sein.

Er stieg auf die weite Holzbhne; man band ihn an einen Pfahl; an einen
Pfahl am andern Ende der Bhne band man sie.

Der Scharfrichter ri ihm Wams und Hemd herunter, die Hose band er mit
einem Strick fest. Drei Knechte schleppten den rauchenden Kohlentiegel
herauf; der Scharfrichter griff an den Enden die glhweie Zange. Ihre
beiden geffneten Kiefern lie er an den Oberarm des wimmernden Gesellen
hauchen, bi zu; steil aufsteigend scharf der Geruch, schwarzrot das Loch
im Fleisch. Bi, lie nicht los. Den Mund ri der Gefolterte auf, weiter,
strzte gegen den Arm hin, bog den Kopf zurck, grlte, whrend seine
gebundenen Fe rckwrts am Stamm hochzuklettern versuchten. Die Zange
lie los, der Henker griff eine neue, wischte sich die Nase; lie
spielerisch den Gluthauch des Eisens ber den ganzen Arm laufen, bis er
einschlug. Schweiverklebten Haars der Schcher in seinen Stricken, die
Spinne bi, sog, sog, sog, sog -- es lief aus dem Kopf, aus den Augen her,
aus dem Mund, hin zu ihr, hin zu ihr. Weg aus den Knien, weg aus den Ohren,
die Wolken, der blaugraue Himmel. Murren des Marktes. Klebrig lste sich
die Zange ab, brauste in den Tiegel.

Die Hlse unten reckten sich, die Nasen schnffelten aufmerksam. Dritte
Zange. Mit einem Griff gehoben, geschwungen, angesetzt. Wuchtig
geschmettert gegen den anderen Arm, gepret in das aufzischende, schmierig
sich blhende Fleisch. Und wie mit einem Satz die Zange ansprang, sprang
der Malefiziant ihr entgegen, whlte, krampfte, zuckte um sie herum, mit
blassen Blicken, weien, speicheltriefenden Lippen, verzehrend, in einem
Strudel dnn, blind, taub, berschumend herumgewirbelt. Bis ein kleiner
schwarzer Punkt grer am Himmel wurde, Kreise sich bildeten, grere
hereinschwangen, weier wurden.

Die letzte Zange: ein inniges, Zahn in Zahn vergrabendes, tobschtiges
Wiedersehen, Zotteln, Schleudern rechts, links, atemloses Schaudern und
Verkeuchen, Backenaufblasen, helles Pfeifen aus den tiefsten Luftrhren.

Der Kopf baumelnd vor der Brust. Der Scharfrichter triumphierend beiseite.
Ein Knecht bespritzte den Sthnenden aus einem Bottich. Der Kopf hob sich
unsicher, sank auf eine Schulter, hob sich unter neuen Wassersalven.

Aus seinem Ledergurt zog der Scharfrichter ein kurzes Messer, wetzte es an
der Schuhsohle. Gleichgltig schwankte, wie eine welke Blte, der Kopf des
Schchers, da schnitt ihm blitzschnell der Henker zwei lange, breite Bnder
aus der Brusthaut, ritsch, ritsch, ri sie heraus, ein queres Band ber den
Leib, hinten zwei lange, breite Bnder aus dem Rcken. Schwang sie,
blutflieende weie Riemen, in der Linken hoch vor dem kaum atmenden Volk,
gab sie dem Gehilfen, der das Bndel dreimal grinsend schwenkte, bevor er
es in den Bottich klatschte.

Sie kreischte angstvoll.

Das Volk muschenstill. Er lie den Mann stehen, nahte ihr.

Mit weiten Pupillen, irren Augen, die neugierig erschienen, begleitete sie
ihn; dann glitten ihre Augen zu dem blutenden traumverlorenen Schcher; sie
schrie, den Kopf an den Pfahl legend, von neuem. Der Scharfrichter wusch
sich, breit gebckt ber dem Bottich, die Hnde vor ihr. Pltzlich, weit
ausholend, knallte er seinen nassen Handrcken um ihr Gesicht. Sie behielt
den Mund offen, ein feiner Blutstreifen rieselte ber das Kinn; von unten
schmetterte er ihr die Zhne zusammen. Sie blickte ihn wirr an, begann mit
den Knien heftig zu zittern, am Platz zu treten.

Er beugte einen Moment ihre Stirnspange, hob sie vorsichtig ab; das
seidene Kopftuch blieb daran hngen. Lippenspitzend, nachdem er die Spange
dem Knecht in die Hand gedrckt hatte, ffnete er den feinen Grtel, zog
ihn ab, wog ihn in der Hand.

An der Tuchlaube standen fnfzig schwarzgewandige Zglinge des
Jesuitenkonvents hinter ihrem Profo; Rosenkrnze spielten in den Hnden;
mit wissenschaftlicher Klte folgten Scholaren und Patres dem Gebaren des
Scharfrichters, prfend, nachdenkend, erwgend.

Ein Pater kniete neben einem Scholar, der in den Schlamm gefallen war; sie
blickten sich schweigend an; der blasse junge Theolog senkte beschmt sein
Gesicht. Nach einer Pause sagte der andere: Du mut an Gott, Jesus und
Maria denken. Du hast an die Menschen gedacht, nicht wahr? Ja, flsterte
der, mir wurde schlecht, ich habe an die Menschen gedacht. Der Heiland
war Gott, und jene haben ihn an das Kreuz genagelt in ihrer Bosheit. Seinen
heiligen Leib, seine wonnige Mutter, den Quell unseres Lebens, haben sie
beschimpft; dafr haben sie zahlen mssen und werden noch mehr zahlen. Was
ist ein Leib, was sind tausend Menschenleiber! Wie knnen die Juden danken,
da man sie nicht samt und sonders erwrgt. Wer wei, ob wir gut daran tun,
da wir sie dulden; wie wir uns versndigen am Heiland.

Brger, Znftler, Gewerker, in Scharen um den Brunnen nahe dem Heringshaus,
viele auf den Knien. Aus ihren Haufen fuhren die Drohungen gegen die beiden
Judenmenschen ber den Markt, immer von den Rufen und Spieen der Schergen
niedergehalten. Weiber rotteten sich beim finsteren Linnengchen vor dem
Haus zum Silbernen Hslein, mit Abscheu, mit Widerwillen die Verbrecher
betrachtend, ihre Kinder zwischen sich versteckend, bei jedem Zangenbi und
Schnitt heulten sie auf, die Trnen liefen ihnen ber die Backen, manche
erbrachen, manche blieben bei einem stummen Zittern, konnten sich nicht von
der Stelle bewegen.

Nonnen, braune Minoriten, weikuttige Dominikaner ber das Pflaster
geworfen, stundenlang unbeweglich, die Lippen auf den kleinen Kruzifixen,
durchschauert von dem unausdenkbaren Verbrechen am Leib Jesu; Gnade,
Verzeihung erbettelnd, ringende Zerknirschung ohne Ende.

Der Hof auf fliegenumwehten Rossen, edle Herren unter der Balustrade der
Stadtschrannen, ernste, mde, feierliche, seidebehngte Mnner,
verchtliche Blicke auf die Delinquenten, manche freudig die Masse
musternd, sich anhebend unter bewundernden Mienen.

Ferdinand auf dem Balkon des Stadtrichters; erhhter Sitz; der Beichtvater
im schwarzen Jesuitenkleid neben ihm, kalt saen sie, halb abgewandt von
der Bhne. Zerstreut hrte der Kaiser auf die Belehrung des alten Mannes.
Wie kam es: Dighby fiel ihm ein, die Saujagd bei Begelhof, der Graf Paar.
Wo war Dighby? bermdet ghnte der Kaiser, verkniff den Mund unter dem
faden Geschmack aus dem Magen.

Ein lateinisches Lied hoben die Scholaren zu singen an.

Der Scharfrichter tastete den biegsamen Leib des Weibes ab, zog sich
zusammen, flsterte etwas; er beugte sein Ohr gegen ihren Mund; sie flehte
wie ein Kind: Ist jetzt gut? Ist jetzt gut?

Inzwischen war der blutrieselnde, gebrannte Schcher aus seiner Ohnmacht
erwacht; den Kopf mit Gewalt hochstemmend, krhte er, whlte mit den
Gliedern in den Stricken. Wildes Gelchter erhob sich bei den Znftlern,
pflanzte sich zum Hof fort; exaltiert schttelten sich die Weiber, schrieen
sich mit bertriebener Freude zu, kten ihre Kinder, rafften die Rcke.
Gekrh erscholl aus dem Hahnenglein, am Brunnen. Leicht wogte der Markt.
Die Schergen gaben nach, man wallte hinunter, herber zwischen Arkebusen
und Stangen. Die se Angst der Weiber hatte zugenommen, sie konnten sie
mit allem Lrm nicht bewltigen, drngten zu den Mnnern. In grausiger
Ruhe, wie Grabsteine, lagen Mnche und Nonnen am Boden.

Im weiten Halbkreis schichteten Henker und Gehilfen unter dem Pfahl des
Mannes Holz; seine Stricke waren ihm gelst worden, Sckchen von Salz und
Pfeffer wurden von weitem gegen seine Wunden gestubt; er ging an einer
Eisenkette um den Pfahl, drehte die Kette krzer und krzer, rollte sie
wieder ab; rieb seine Wunden an dem Pfahl, bedeckte seine Arme, spie,
bespeichelte seine Brust. Die Frau zog ihre Kette lang, sie rannte zu ihm,
bis die Kette sie hielt, blieb armstreckend stehen, klirrte mit den
Kinderzhnchen, rief zrtlich, unverstndlich, kam unvermerkt,
vorschreitend, abirrend, in einem zrtlichen Schritt, sich selbst mit ihrem
Gurren und Zwitschern begleitend. Die Arme wiegte sie, das Atlaskleid
schleifte sie keusch, die Augen, zwischen Husten und ersticktem Luftringen,
erstarrt auf ihn dort, jenseits, in den Flammen, die Backen
trnenberstrmt, auf Sekunden lchelnd hinschmelzend, wieder versteinert.

Die Menschen, die andrngten, schob man zurck; ein Qualm erhob sich aus
dem Holzhaufen. Als sich nach Minuten der Rauch verzog, stand der Schcher
fest am Pfahl, das blaurot gedunsene Gesicht mit den gepreten Augenlidern
nach dem Platz, sperrangelweit den Rachen, geblht und schwingend die
Nstern, als wenn er niesen wollte, die Knie bereinander, den Bauch hohl
eingezogen. Pltzlich blies er die Luft von sich, zog die Arme voneinander,
atmete, schnappte gierig. Langsam begann um ihn die Luft einen Wellenschlag
anzunehmen, er wurde sichtbar in kleinen zitternden Bewegungen, wirbelte
flchtig nach oben, schief und verzogen wurden die Erscheinungen hinter
ihr. Er tanzte, sprang rckwrts, seitlich. Die Arme hatte er frei, er trug
sie wie Fhler vor sich, raffte sie wieder an sich. Kleine Quellchen
sprudelten aus seinen Wunden, spritzten aus der Brust im Strahl ins Feuer.
Wer es unten sah, schrie: Schelm! Schelm! Er will lschen. Da langte ein
kaum sichtbarer, blau in wei vorschwebender Flammenarm von hinten nach
ihm. Er wirbelte herum, torkelte zur Erde, kletterte in die Hhe, seine
Lumpen flammten, er nahm den Kampf auf; war fast nackt. Die letzten Lumpen
wollte er sich vom Bauch, von den Lenden reien, sie saen fest, schwarz
verbacken, verklebt mit der Haut; er schauerte mit den Ellenbogen dagegen.
Auf seinem Kopf standen keine Haare mehr, runde Kohleballen, die abrollten,
die er sich ber das Gesicht schmierte, ber die groen platzenden Blasen.
Er blies ber die Handteller, die Brust, die Asche stubte, die
Lumpenfetzen brckelten. Auf die Zehen stellte er sich, den Krper
hochgezogen; schluckte die Luft mit vollen Blasebalgbacken, in
leidenschaftlichen Zgen von oben ab. Schwarzrot, durchlchert, aufgeblht
raste er suchend um den Pfahl, hingeschleudert von der Kette tauchte er zum
Boden, schnappte die Luft ber den heien Brettern. Die brodelnde blablaue
Luft ging dicht an ihn.

Sie sah es, bedeckte mit den Hnden das Gesicht. Pltzlich schrie er auf;
eine glhende Zange lag da, die dem Scharfrichter aus dem Tiegel gefallen
war. Der, hinblickend, brllte: Die Zange her! Wirf die Zange herunter,
Hund, tobte gegen die Knechte, warf einen Kloben Holz, brllte: Zange!
Der Schcher wich zur Seite. Eimer auf Eimer go der Scharfrichter vor sich
in die Flammen, drang vorwrts, schlug mit einem Haken nach der Zange. Irr
sah der oben den schwarzen Haken sich nhern, griff danach, strzte
gestoen um, kroch zurck. Wallend der dnne Feuerschleier zwischen ihm und
den Menschen. Und wenn der Schleier fiel, frohlockte das Volk, da es ihn
sah, das wilde, tanzende Geschpf, das hpfende, das schwarz und rot, immer
hnlicher dem Satan wurde. Er atmete, rannte dicht vor, soweit die Kette
lie, haarlos, stumm, nackt. Die Flammen wlzten sich in Ballen hinter ihm,
jh hob sich vor ihm der rotweie, glhe Vorhang.

Da durchdringender Schrei, drei, vier, fnf, Knuel von Schreien, wieder!
Schreie auf Schreie! Jache Stille. Schwarzer dnner Qualm. Wtendes
Bersten, Prasseln.

Jetzt griffen ihn die Flammen umsonst an; wie aus Holz lag eine
menschenhnliche Gestalt, den Kopf auf den Balken gedrckt, inmitten der
Glut; kleine Feuerchen spielten um seinen Schdel, strichen an seinen Leib.
Rasch lief eine braunschwarze Haut ber ihn, als berzge sie ihn mit einem
Lederkleid. Dampf aus der Nackengegend. Er lie sich ruhig umfassen von der
Hitze. Kippte um; die Beine angezogen, schaukelte er auf dem Rcken; die
Beine zogen sich fester an den Leib, in dem Knarren und Whlen des Feuers,
whrend in der Nhe ein leises Puffen, wie Erbsenspringen, zu hren war,
feines Knallen, und neben ihm sich Bchlein Rinnsale bildeten.

Er kruselte sich schwarz, wurde kleiner.

Sie blickte nicht mehr nach rechts.

Jetzt war ihr Geliebter geschwunden.

Sah eine kleine Minute in Gedanken vor sich. Das Haar auf ihrem Kopf
loderte auf. Sie kreischte, duckte sich. Lief an den Pfahl, wich nicht, als
wre sie angeschmiedet. Als die Kleider um sie aufflammten, kauerte sie
hin, beugte sich ber ihre Knie, ein verzagtes Hndchen. Einen Augenblick
erkannte man zwischen dem wtenden Ineinander der Flammen ihr dunkelrotes,
aufgehobenes Gesicht, den Markt mit erstorbenen Blicken anstierend. Der
lodernde Pfahl strzte ber sie, die Bhne krachte mit den beiden Toten
ein.

Der Kaiser war schon frher mit dem Hofe aufgebrochen.

                   *       *       *       *       *

Der Pater Mutius Vitelleschi mute die kochende Kampagna durchfahren. Urban
nahm seine Entschuldigung, da er hinfllig sei, nicht an. In Kastelfranko
sagte ihm in einem Soldatenzelt der schwarzbrtige Mann: Dieser Sufer,
der Kollalto, macht unerhrte Fortschritte auf Mantua; gegen die Sintflut
von Menschen, die der Kaiser ber die Alpen warf, ist man machtlos. Er
fing an, scheuliche Schimpfworte auf Ferdinand zu werfen, den er nur den
Idioten nannte, und auf Wallenstein, auf dessen Kopf er Millionen setzte;
Priester mten ihn vergiften oder niederstoen, wo sie ihn trfen. Der
weigesichtige General machte fragend auf die Ergebenheit des Kaisers, die
Freigebigkeit Wallensteins aufmerksam. Der Papst raufte sich mit wilden
Blicken den Bart: ergeben sei der Kaiser den Jesuiten, freigebig gegen die
Jesuiten; ob man die heilige alte Kirche mit der jungen Jesugesellschaft
verwechsle; gegen ihn sei weder Kaiser noch Feldherr freigebig; ihn bettle
man an, suche seine deutschen Einnahmen zu krzen; nun breche man noch in
Italien ein, damit die Spanier den Fu auf ihn setzen knnten.

Mit sehr groer Strenge setzte er dem schweigenden General die Sachlage
auseinander: in diesen endlos wtenden Kriegen der europischen Menschheit
sei die Heilige Kirche die einzige Gewalt, die das Spiel der Menschheit im
Auge behalte. Der europische Erdteil biete den Anblick eines Hllenpfuhls.
Und dies, weil die Herrschaft Roms lngst bergegangen sei an beliebige
Menschen mit irgendwelchen Machtmitteln und Geburtsdaten wie Philipp,
Ferdinand dem andern, Wallenstein; von den Ketzern zu schweigen. Sofern es
eine Wrde der Menschheit gibt, mu sie aus dem Kothaufen aufgehoben
werden, in den sie tobschtige Weltlichkeit, verruchte Gewaltttigkeit und
Ketzerei gestoen haben. Es kann uns in diesen Tagen begegnen, da wir, die
Christi Stellvertreter auf Erden sind, unsere letzten rmlichen Krfte
verlieren; wir knnen nicht die Menschheit regieren, nicht erheben, zur
Besinnung rufen, sondern mssen spurlos verschwinden und dem Wunder Gottes
ihre Rettung berlassen. Wir, das heilige se Wort Christi verwaltend,
machen Platz Schakalen, Untieren; man wird die Schnheit, Reinheit, den
Glanz eines Menschengesichts nur noch aus frommen Bildern kennen. Nach
solchen tausendjhrigen Triumphen der Kirche verzagen, wie ich.
Vitelleschi erbat die Erlaubnis, zu sprechen: er bittet um Verzeihung, da
er geglaubt hat, wegen seiner Hinflligkeit mit der Reise zgern zu drfen;
er hat den Umfang des Unglcks nicht vorausgesehen. Nrdlich der Alpen ist
ein Land, das die Kirche schon oft in die tiefste Betrbnis versetzt hat,
es ist schwer, das rohe Volk dort zu einer Haltung zu bewegen, die sich
ertragen lt. Dort ist auch derjenige Luther geboren, von dem seine
eigenen Zeitgenossen sagten, er ist kein Mensch, sondern der Teufel selbst
unter menschlicher Gestalt.

Laut rief der Papst aus: Wir unterwerfen uns nicht kampflos. Wir haben
rechtzeitig erkannt, da die Vorbedingung der Wirksamkeit des gttlichen
Wortes unsere Unabhngigkeit von den tierischen Mchten ist. Wir haben ein
Land, in dem wir residieren, mit dem wir den blinden Naturmchten zeigen,
welche Gewalt den gttlichen Ideen innewohnt. Jeder Pfennig, der uns
zugeht, wird zu nichts benutzt werden, als unser Land eisern zu machen, zu
einem unerschtterlichen Wall. Wir sind keine Phantasten. Wir sind keine
Dichter. Wir sind fr die Erde eingesetzt auf unserm Stuhl, man wird uns
nicht in die Luft blasen. Wollt Ihr mich verstehen? Darauf verwies Urban,
die Meldung eines Artilleristen auf spter verschiebend, den
Jesuitengeneral bei dem geschworenen Gehorsam auf die verfgbaren
Machtquellen Deutschlands, auf die Lehrer Professen und Scholaren aller
Grade, die das Volk meistern und im Notfall es widersetzig machen sollten,
vorerst auf die Beichtvter der Frsten.

Pater Lessius, gerade anwesend in Rom, erhielt von Vitelleschi Instruktion
und Auftrag, sich nach Deutschland zu begeben. Er besa die Khnheit, die
Route ber Memmingen zu nehmen und nach Durchbrechung des tobenden
militrischen Grtels um die Stadt in die totenstille Ortschaft
einzudringen, die auf jedem gangbaren Weg fuhoch mit Stroh belegt war. Der
Herzog nahm ihn an, inmitten eines riesigen Zulaufs von Kriegsoffizieren
Kurieren. Es war dem Jesuiten wunderbar, vom General dieselben
Gedankengnge zu hren, die er gegen ihn in Regensburg ausspielen sollte:
der Krieg der Christen gegeneinander msse aufhren, man msse sich auf
Konstantinopel werfen. Der General schien ihm ein listiger, gefhrlicher
Gegner zu sein; er behandelte seinen Gast mit ausgesuchter
Liebenswrdigkeit; undurchdringlich wnschte er ihm gute Verrichtung in
Regensburg, wohin er leider selbst aus Zeitmangel nicht reisen knne.

Lamormain wurde in einer Halle des Karthuserklosters vor der Stadt von
Lessius belehrt. Ein frstlicher Beichtvater nimmt sich ohne weiteres,
indem er sich des geistigen Wohls seines Beichtkindes annimmt, des
kirchlichen Wohls an. ber das kirchliche Wohl befindet der Papst. In
politische Dinge hat sich der Beichtvater nicht zu mischen. Hat aber das
frstliche Beichtkind Interessen, die das ppstliche berhren, so ist das
Beichtkind auf den magebenden ppstlichen Weg zu fhren. Dies erhellt ohne
weiteres.

Schwer schlug auf den Luxemburger die Kunde ein, da der Papst sich auf
einen Kampf auf Tod und Leben mit dem Kaiser gefat mache, da die heilige
Kirche bedroht sei von dem bermchtigen Wallenstein, der die Spanier
untersttze. Wieder nahe eine Entscheidungsstunde der Kirche. Der
Luxemburger fing leise an von der Grundlosigkeit der ppstlichen Sorge zu
sprechen; Lessius blieb taub. Sie kamen auf das Thema: wie weit mu der
Papst im Besitz weltlicher Macht sein und hat er sich an anderer weltlicher
Macht zu messen. Die Antwort lautete: der Papst ist von Haus aus Fhrer der
Menschheit, daher hchster Erdenknig, der Stdte und Staaten zerstren
kann. Die Schwertgewalt hat sich ihm zu unterwerfen oder zu dienen.

Lamormain fragte gebeugt, wie lange Lessius in Regensburg verweilen wolle.
Bis Lamormain den befohlenen Auftrag ausgefhrt htte.

                   *       *       *       *       *

Am begrasten Ufer der breiten, schnellflieenden Donau ritten die
Majestten auf hochbeinigen Tummelpferden, langsam, ohne Gesprch. Das Ufer
wurde steiniger, schmaler. Sanfte Berge erhoben sich rechts und links. Bald
war der Weg durch kleine Steinblcke verlegt. Felsige Wnde fielen in den
Flu ab. Man bog oberhalb des Ufers auf Hgel und Waldwege ein.

Die Mantuanerin, in wei und grnem Jagdkleid wie die Herren auf dem
Schimmel hngend, streckte die Linke mit der goldenen Peitsche aus: Wie
schn ist das Land. Es ist schn. Wir wollen fter hierher. Ich mchte
nach Hause. Wohin, Eleonore? Nach Wien. Ich mchte mit dir. So
komm. Tu mir ein Liebes an. Das Land ist so schn. Komm nach Laxenburg.
Nach Wolkersdorf. Ich will nicht lange mehr bleiben, Eleonore. Die Tagung
wird nicht mehr lange dauern. Mich hlt hier nichts mehr. In Wien haben
die Kapuziner unsere Gruft gegraben. Ich mchte einmal sehen, wo ich
begraben werde. Wie sprichst du. Regensburg verpestet mir das Blut,
Ferdinand. Die Leute sehen mich an, als wenn sie etwas von mir wten. Und
obwohl er verstand, was sie sagte, bewegte sich in ihm nichts. Von Zeit zu
Zeit drehte sie ihm ihr strenges zuckendes Gesicht zu; die weie Hutkrempe
warf sie sich mit einem Ruck an die Stirn; sie konnte vor Grauen vor ihm
vergehen. Er hatte einen vertieften Ausdruck. Wie fremd sah er auf sie. Der
Mann ist gestorben, fhlte sie. Er schlug sein Tier.

Hinterher ritt der spanische Sondergesandte, der Herzog von Doria, und Graf
Trautmannsdorf. Der Herzog lachte viel, da es zwischen den Bumen scholl.
Schn sei das Wetter und die Wege breit, bequeme Wlder zum Rasten,
schattig. Welch prchtiges Terrain fr Soldaten; hier knne sich Kavallerie
nach Lust ergehen. Welche Kavallerie meint Euer Liebden? Es wird nicht
mehr lange dauern, da wir hier spazieren reiten. Wallenstein ist schon
gespannt wie eine Arkebuse. Das alte Holz birst, wenn es zu lange
maltrtiert wird. Glaubt Ihr. Ich habe schon die Hoffnung aufgegeben, den
Herzog zu Friedland kriegerisch in meiner Nhe zu sehen. Geduld, Ihr
Leckermulchen. Die Katze wird kommen, wenn die Milch schn khl geworden.
Dann wird ein Schlrfen anfangen, da man es bis nach Mnchen und Paris
hrt. Der Kaiser besinnt sich sehr lange. Der Friedlnder wartet und
wartet. Der Herzog von Doria, dickwamstig, wie er auf dem Hengst sa,
brllte vor Lachen so, da man sich vorn umsah und sie seitwrts reiten
muten: Leckermulchen. Leckermulchen. Wartet nur mit. Seid nur so
gndig. Bringt Euch nicht um vor Gier. Kuriosa von Regensburg. Wallenstein
ist auf dem Sprung nach Norden, Sden, Westen; springt er auf Italien,
Elsa oder Regensburg? Mantua steht vor dem Fall, Casale auch. Die
Kurfrsten werden dann die Schwnze einziehen. Es wird ihnen bel ergehen.
Sie werden anbeten in Regensburg. Wir werden's sehen. Wir werden's,
Leckermulchen.

Als auch die Kaiserin Eleonore durch ihre italienischen Begleiterinnen
erfuhr, da die Einnahme Mantuas bevorstnde, tat sie im Karthuserkloster
einen Fufall vor Pater Joseph und flehte ihn um Hilfe und Schutz an. Sie
war unordentlich gekleidet; nur ihre Kmmerin ging hinter ihr und stand
abgewandt an der Tr. Der leise Franzose tat die Lden zur Hlfte vor die
Fenster, damit die Kaiserin sich nicht pltzlich im Hellen ihres Zustands
schmte. Sie schluchzte den Boden um seine Fe na, stammelte, winselte:
Mantua hin, Mantua hin, und weiter brachte sie nichts hervor. Und er
dachte, whrend er sitzend ihr zuredete, nach, was sie mit diesem Mantua
htte; es knne doch nicht Mantua sein. Wie er vom Kaiser sprach, rauschte
sie mnadenhaft auf, feindselig schlug sie die Fuste gegeneinander, ohne
mehr zu rasseln als: Er, er, er, strzte vor seinem Blick wieder wie
abgebrochen hin.

Er riet ihr, ihren Scheitel berhrend, eine Weile Regensburg zu verlassen.
Nach einer Weile war sie ruhiger, drehte sich noch kniend nach der Dienerin
um, wies sie kurz hinaus. Sie trocknete sich das Gesicht ab, ging zu seiner
Verwunderung zum Fenster, bat, die Lden zu ffnen. Da atmete sie ihre
Brust ruhig. Sie war ganz die Kaiserin Eleonore, schien keine Scham ber
ihren Zustand zu haben, erwog sanft und ehrerbietig mit ihm die Lage. Der
Welsche geno verschwiegen und entzckt ihre hllenlose Gelassenheit; sie
bewegte sich keusch vor ihm, als wre er das Wasser, in dem sie badete. Sie
sollte Regensburg und den Kaiser verlassen, bis er von seinem sndhaften
Vorhaben abgegangen wre. Ohne Trauer, sicher, mit gesenkten Augen,
verabschiedete sie sich von dem Priester, der das Zeichen ber sie machte.

Vier Tage darauf wurde Ferdinand, als er nach ihr schickte, zugetragen, da
sie und ihre Kmmerin nicht zu finden seien. Er las in ihrem leeren
Empfangssaal, in dem die Luft vom Qualm der ganz abgebrannten hohen Kerzen
erfllt war, -- ber einem Stollenschrnkchen im Winkel sorglich
hingebreitet die Schrpe mit seinem Namenszug, die er ihr vor der Hochzeit
geschenkt hatte --, da sie den schweren Ereignissen des Augenblicks und
der Zukunft an einem stillen Platz auswiche. Sie werde versuchen fr den
Frieden auch seiner Seele zu beten.

Er dachte vor der Schrpe an ihre Begegnung in der Hofkirche zu Innsbruck.
Vor dem Altar sahen sie sich, von Priestern einander zugefhrt. Er, nach
den wrgenden Griffen des bayrischen Maximilian, gramzerrissen,
hilfesuchend, unter den ungeheuren Prunkmnteln, den Agraffen Spitzen
Bordren, das verquollene ltliche Wesen, versteckt in der Schale,
mitrauisch und leidend. In hochrotem Kostm sie; die Perlenkrone auf dem
braunen sprden Haar hatte nicht mehr Farbe als ihr kleines Gesicht mit den
drolligen dicken Augenbrauen und dem unentwickelten Mund. Wie sich sein
Herz vor ihr in Ha leise zusammenzog. Vor Eleonore. Unter der Monstranz
sa Maria und die Engel sangen. Jetzt lief das Kind vor ihm weg, hatte sein
Spielzeug nicht bekommen. Durch irgendein Stdtchen, ein Kloster lief sie
klagend, gedachte ihm wehe zu tun. Ihm wehe zu tun.

Die Stirn gerunzelt, stand er vor dem Stollenschrnkchen. Neulich war der
Jude und sein Weib verbrannt worden. Wie ein Funken vom Dach lief die
Erinnerung durch ihn und erlosch. Je mehr er die Schrpe ansah, war er
lieblich von ihr befangen. Seine Finger nahmen sie zart an den Enden hoch.
Was ist es fr eine schne Purpurfarbe, dachte es in ihm. Es gibt Dinge
in der Welt von groer Schnheit und Dinge von minderer Schnheit: das
erfllte ihn. Die Schrpe legte er sich sanft, fast kokett um die Hfte
ber seinen Silbergurt. Die Damen blickte der Herr unter dem weien
Reiherhut schelmisch an; ob es nicht ein prchtiges Stck sei, diese
Schleife. Ein guter Einfall der Kaiserin, sie einmal herauszuhngen. Hngte
sich das Band an den Gurt, lud, den Mantel zusammenziehend, sanft die Damen
zu einem auerordentlichen Karussell ein.

                   *       *       *       *       *

Dumpfes Wiegen der Parteien. Dumpfes Warten und Verharren der geistlichen
Kurfrsten. Die kaiserlichen Rte, auf Regensburg mit Widerwillen gezogen,
immer strker der Verwirrung und dem Schrecken der Situation erliegend. Sie
fhlten schon, da sie sich zwischen zwei Feuer begaben, als sie das Schiff
in Wien bestiegen. Sie fhlten, da es biegen oder brechen hie; sie
sollten es entscheiden, wichen leidend, ratlos, zerrissen zurck. Ihr
Entsetzen ber die Krankheit Eggenbergs; es war wie eine Rache des alten
Frsten; er hatte ihnen den Teller mit der Giftsuppe zugeschoben, die sie
sich bereitet hatten. Man schickte Briefe, Kuriere nach Eggenberg, er hatte
in Wien vor der grlich sich erhebenden Machtprobe gewarnt, er war ihr
Haupt, dem Kaiser lieb; jetzt schoben sich zweideutige Welsche und
Jesuvter an seinen Platz. Eggenberg war nirgends zu finden; er reiste,
hie es. Sie muten in allen Ratsstuben herumhorchen, bezahlten Spione in
den frstlichen Kanzleien. Vergessen der glanzvolle Plan der Knigswahl.
Die Stunde mute kommen, wo man -- unausdenkbar -- kapitulierte vor den
Kurfrsten, oder -- niemand fate sich das Herz -- die Kroaten herrief,
damit sie das Kollegium aufhoben, die Kurfrsten gefangennahmen. Sie
barmten und fluchten. Der Bayer hielt die Kurfrsten eisern gefesselt; sie
muten bleiben. Er lie sie tglich durch den Brabanter Grafen besuchen,
kontrollieren; die geistlichen Herren bemerkten, ohne es gegeneinander
auszusprechen, da sie die Wahl hatten, Gefangene des Kaisers oder des
Wittelsbachers zu sein. Sie besprachen sich, um sich aus ihrer Lage zu
befreien, mit dem ppstlichen Legaten Rocci, der ihnen die sicherste
Gewiheit geben wollte, da in Krze, in nchster Krze alles zum Guten
gewendet werde. Einzeln und gemeinsam fragten sie beklommen den Franzosen
nach seiner Auffassung. Er versicherte sie der innigsten Teilnahme des
franzsischen Knigs, der sich berall der Unterdrckten annahm, wie es
Christenpflicht sei; sie flehten ihn in aller Heimlichkeit an: ob sie sich
auf seine Hilfe verlassen knnten.

Brulart hatte inzwischen noch einen andern Gast: den Pflzer Vertreter
Rusdorf, der mit einer kleinen Begleitung eingetroffen war. Rusdorf sah
sich neugierig in dieser Umgebung um, bemerkte zu seiner Verwunderung, da
die gehaten Bayern ihm freundliche Worte gaben. Er attachierte sich an die
welsche Opposition. Marquis de Brulart und Pater Joseph berichteten ihm mit
Vergngen von der Unordnung im deutschen Lager; Rusdorf tuschelte entzckt
geheime Neuigkeiten von dem Schweden: Drngt sie nicht, Exzellenz. Lat
sie zanken: warum wollt Ihr Wallenstein verjagen? Lat Wallenstein und
Tilly sich gegenseitig die Kpfe einschlagen. Inzwischen trifft der Schwede
ein. Entzckt schrieb Rusdorf nach dem Haag von der kostbaren deutschen
Situation; die Geier schlgen sich um die Beute, man wolle dem andern an
den Leib. Er se mit den Franzosen behaglich dazwischen; sie keiften
rechts, wimmerten links, hetzten weidlich, da der Satan dabei grunze.

Die Ankunft des jesuitischen Abgesandten fiel in der Stadt nicht auf.
Schwallartig fllten sich zu bestimmten Stunden Gassen und Pltze, zu
Andachten Mrkten Gerichten Komdien. In den Hallengngen der einstckigen
Huschen lungerten Hndler vor ihren Auslagen, hielten Passanten fest.
Frkufer, die vor den Toren den Bauern die Ware abgekauft hatten, wurden
vom Bttel getrieben. Unter den zu- und ablaufenden Fremden vor den
Gasthusern walteten die stdtischen Gewaltboten mit Visitationen
Inquisitionen. Die Leibwachen der hohen Frsten patrouillierten mit
Hellebarden nahe ihren Herbergen, verjagten Krppel und Bettler. Morgenlich
fuhren sehr langsam in Prachtkutschen sechs- und zehnspnnig die Herren in
die Kirchen. Die Spiee der Berittenen vorauf und hinterdrein; der Kaiser
in die Pfarrkirche zu unserer lieben Frau, auf deren reichen Altar ein
Beutestck prangte: das goldene Marienbild, auf der Brust ein Herz aus
Rubin geschnitten; die Hoheiten und Durchlauchten und ihr Gefolge bei den
Augustinern, Barfern, im Spital. Neben den Kutschen zu Fu die
Geistlichen, durch den tiefen Kot, zwischen den gackernden Hhnern,
manchmal getriebenem Vieh ausweichend. Bischfe, Domherren, Kaplne,
Vikare, die schwarzseidenen Hte quastenschwenkend rechts und links,
violette Hte. Priester schwatzend in schwarzen Sutanen, weien Chorhemden,
auf dem gesenkten Kopf das schwarze Solidarkppchen. Schwrme von eiligen
Chorknaben in weien Umhngen, klappend mit ihren Rosenkrnzen.
Gelegentlich durch das Geschrei der Zuckerkchler Kesselflicker Kaminfeger
in offener Snfte ein schwarzugiger Kardinal; den breitrandigen flachen
Hut mit mchtigem Quastenbehang trugen Diener voraus; er selbst blickte mit
runzligem Gesicht um sich in purpurner Sutane.

Sie beschlichen ihn im Bischofshof, die Jesuiten, Dominikaner, Franzosen,
Spanier.

Durch einen gewaltigen Schwung, den der Kaiser sich gab, bekam das Leben an
seinem Hofe einen prchtigen geruschvollen Zug. Als wollte er zeigen, wer
er war, schttelte er den Druck, der auf ihm und seiner Umgebung lag, ab,
begann in Regensburg zu residieren, als htte er vor, hier jahrelang zu
hausen. Zu den ungeheuren Massen von Bedienten muten noch Baumeister
Tapezierer Maurer Schreiner und andere Gewerke aus Niedersterreich
herberkommen, eine Zahl Nachbarhuser, die der Magistrat dem Hof vermietet
hatte, fr seine Zwecke herrichten als Gemldegalerie, Kunstkammer,
astrologisches Kabinett. Er lie sich seine Vogelsammlung anfahren. Man
baute die Fundamente fr ein groes Aquarium, eine Schauspielbhne.
Alchimisten aus Wien wurden eingeladen; der alte polnische Taschenspieler
und Alchimist Sendiwoy von Skorski, ein Gnstling Kaiser Rudolfs, schweifte
an. Die Lust am Bankettieren wurde rege. Und nun erst kamen die Prunktafeln
zu Ehren, die die Stadt im Bischofspalast in der Abtei der Karthaus Prll
aufgestellt hatte. Die schmetternden Musikkapellen ritten hinaus an die
Spitze des Hofes.

Die Kurfrsten wurden nacheinander eingeladen; sie erschienen
herausfordernd, in rmlichem Aufzug, Ferdinand pokulierte mit ihnen vor dem
ganzen Hofe. Er ignorierte ihre steifen widerspenstigen Manieren.

Und nach langen Bemhungen, zahllosen Sonderkurieren glckte es ihm, den
Herzog von Friedland herber nach Regensburg, in seine neue Residenz zu
ziehen. Die Stadt schwang vor Erregung unter der Ankunft des Feldherrn.
Zweihundert bis auf die Zhne bewaffnete Leibwchter eskortierten ihn. Der
Weg wimmelte von leichten Kroaten; eine leere kaiserliche Prunkkarosse
empfing ihn am Tor. Erstorben die Stadt, die geistlichen Herrn in ihren
Quartieren; die Welschen lachten hhnisch. Wie Eroberer zogen die
Friedlndischen ein, einen halben Tag dauerte der Besuch. Ferdinand zeigte
dem Herzog seine Anlagen, schmauste mit ihm. Zur Linken des Generals sa
der glckberstende fette Herzog von Doria.

Die Jesuiten beschlichen den Kaiser im Bischofspalast. Zu ihrer
Verwunderung wurden sie vom Kaiser mit groem Verlangen angenommen; sie
glaubten, er sei weich geworden durch die Flucht der Mantuanerin; er lie
sich stundenlang von ihnen erzhlen, was sie wollten, ruhte unter ihren
Gesprchen aus. Sie stellten fest, da er nicht geqult wurde durch das,
was sie vorbrachten. Er schien sich unter ihren Stzen gesttigt und
dankbar zu strecken; strker und gelassener erhob er sich von diesen
Gesprchen.

Dann setzte sich langsam, fast hoffnungslos der groe Lamormain in
Bewegung. Es konnte nicht sein, da er den Gehorsam verweigerte; die Welt
konnte untergehen, das Befohlene war zu vollziehen. Er kannte, wie er
seinen viereckigen Hut haltend, stockgesttzt vor Ferdinand stand, nicht
den Kaiser Ferdinand, den Papst, den Pater Lamormain; die vier Gelbde
hatte er abgelegt, seine Mission erfllte er, der eisern konstruierte
Apparat. Bitter hatte er sich bei seinen abirrenden Spaziergngen dem
Dunstkreis der klingelnden jubelnden Stadt wieder genhert; die Sommerzelte
der Dienerschaften passierte er, kleine Truppenbiwaks, Massen von Herden,
Heuwagen. Bitter nherte er sich dem weithin abgesperrten Bischofspalast.
Er atmete beim Anruf der ersten Wachen auf; als wenn eine Kapsel in ihm
aufsprang und sich wieder schlo, war ihm; noch starrer zog er sich hoch,
streckte sich in seinem gewaltigen Leib.

Er prfte im Beichtstuhl den Kaiser, sein Hochmut war sicher, lliche
Snden traten hervor; er bestrafte ihn mit nchtlichen Buen. Ferdinand,
noch schwach von seiner Krankheit, bat um Nachla; der Pater schlug es ab.
Als nach einigen Tagen Ferdinand, weier als sonst, aber aufrecht lchelnd
gemahnt hatte, er htte auf diesem Kongre groe Aufgaben zu lsen, er
frchte, ihnen nicht gewachsen zu sein, beschied ihn der Pater, ob er
meine, die Aufgaben gegen den Himmel lieen einen Aufschub zu und die
Pflichten gegen den Kongre seien belangvoller als die gegen Gott. Auch er
sah zu seiner Verwunderung, da der Kaiser, obwohl ihm die Ausfhrung der
Buen schwer fiel, sich in sie demtig, zustimmend einfand, ja sich ihrer
bemchtigte und durch sie in nichts erniedrigt werden konnte. Lamormain, an
dem Kaiser tastend, fand einen anderen Menschen vor, als den, den er nach
dem Mnchener Unglck unterworfen hatte. Sein Erstaunen ber diesen
Menschen war so gro, da er eine Unruhe in sich fhlte, fter den Wunsch
hatte, mit dem scharfen Lessius ber die schreckliche Sachlage zu sprechen,
wenn er sich nicht geschmt htte und ihm nicht klar geworden wre, da er
nur zu gehorchen hatte.

In der Kirche der Jesuiten wie im Kloster sah man niemand um diese Zeit so
lange sitzen und beten, als den grauen riesigen Pater Lamormain. Wie ein
Kind, das nach langer Abwesenheit, reif und klug und berraschend schon
zurckkehrt, oder wie ein Kirschbaum, der nach einem Mairegen pltzlich
sich in einen weien lieblichen Bltentrger verwandelt, so war dieser
Habsburger geworden und gegen diese Zartheit sollten Waffen erhoben werden.
Der Pater war glcklich, sich mit dem Gehorsam abzublenden. Zu Lessius ging
er hinaus: er werde wohl, wenn ihm mit Gottes Hilfe dieses Werk gelungen
sei, bitten, ihm sein Amt beim Kaiser abzunehmen. Der schwarze Lessius
unbewegt: dies zu prfen sei Sache des Generals Vitelleschi.

Durch den geschwtzigen Kardinal Rocci erfuhren der Kurfrst Maximilian und
Pater Joseph, da die Jesuiten sich ihnen angeschlossen htten; sie
jauchzten, die mchtigen Jesuiten werden Ferdinand vllig brechen. Brulart
meldete nach Paris, der deutsche Kaiser sei wie ein Wild jetzt von den
Hunden gestellt; sie htten auch ihr Teil an dem Jagdverlauf, wie erst
mndlich berichtet werden knne. Und Spione trugen die gefhrliche
Nachricht nach Memmingen.

Aber Pater Lamormain ging mit Ferdinand um, wie der Arzt mit einem Kind,
dem man keine Schmerzen bereiten will bei der notwendigen Operation, mit
Sanftheit und ber alles hinwegtuschend. Er ging mit dem Kaiser in einer
Weise liebreich um, da der Kaiser in seinen eigenen Willen aufnahm, was
der Pater ihm zutrug, und meinte von sich aus alles zu finden und von sich
aus den Weg zu gehen, den man ihn zwang. Lamormain leise begehrend, aber
nicht fhig, von sich abzuwlzen, was ihm aufgetragen war, wnschte innig,
sein Beichtkind an sich ziehend, den Triumph seiner Gegner nichtig zu
machen und hier nichts zu ndern. Ein Brieflein des Vitelleschi war ihm
gebracht worden, darin hie es: Der Papst Urban ist uns nicht gndig, denk
daran, Bruder Lamormain, du frommer Christ. Wie Irrlichter kreuzten seinen
tglichen Weg zum Kaiser die buntgemntelten franzsischen Kavaliere, die
bsen verschwiegenen Herren; er erschrak vor ihnen.

Er widmete sich inniger dem Kaiser. Morgens und abends aber las ihm ein
junger Scholar den Brief vor: Der Papst Urban ist uns nicht gndig; denk
daran, Bruder Lamormain, du frommer Christ.

Mari Himmelfahrt; mit Krben voll Obst und Krutern gingen hinter Fhnchen
und bunten Figuren die weien Kinderscharen in die Kirchen; viele trugen
Birnen- und Apfelzweige, auf denen Holzvgel saen. Kavaliere ritten
barhuptig neben den Snften ihrer Damen. Studenten fuhren neugierig auf
Trowagen durch Gassen, ber Mrkte vorber an den breitbeinigen
Trabantenwachen der Rmischen Majestt und geistlichen Kurfrsten. Pfeifer
und Fltenspieler zwischen ihnen, bald nach rechts, bald nach links
herunterblasend. Franzosen traten mit Fchern aus ihren Quartieren, wichen
zurck, wie die Studenten hhnend und drohend ihre schweren Sbel
schwangen.

Weit war aller Verkehr von dem Bischofspalast abgedrngt, seit dem Kaiser
von seinen Beratern eine Entscheidung nahegelegt war. Er verlie meist die
saalartigen Wohn- und Empfangsrume. In einem schmalen Musikzimmer nach dem
Garten zu fand man ihn bei Tag. Der Fuboden einfach gedielt, der Raum wild
ornamental verschnrkelt. Flammenrder in gelb und rot an die Wand gemalt,
eins neben dem andern. Flammenrder, deren Achsen Strahlen warfen. Die
Strahlen fuhren aus immer neuen grellbunten Rdern ber die Wnde; inmitten
der Lngswand gebannt in Ruhe ein Viereck in Gold von byzantinischer
Strenge; groe gotische Buchstaben mahnten rot an die Stille des
himmlischen Reiches. Darber ein schwarzes Kreuz, zu seinen Fen die
Ebenholzfiguren Marias und Johannes. Ein einziges riesiges Fenster in die
Gegenwand gebrochen, breit das dicke Mauerwerk durchdringend. Im Raume
unter dem Kruzifix eine breite gepolsterte Sitzbank, mit Decken belagert,
eine geschnitzte Truhe neben der Tr. Gedmpft klangen die Stimmen in dem
gewlbten steinversenkten Zimmer.

Mit Herzlichkeit sah sich Lamormain an dem heien Tage empfangen, Ferdinand
zog ihn ernst an sich. Es ist nicht mglich, sagte er, in Dingen solcher
Wichtigkeit nur mit weltlicher Vernunft auszukommen. Wo so Ungeheures und
Ernstes auf dem Spiel steht, mu ich den Heiland und die Jungfrau bitten,
da sie mir Hilfe bei den Entschlssen leihen. Sie plauderten von
Ferdinands Erziehung in Ingolstadt und von seinen Lehrern, Gregor von
Valencia, dem berhmten Mann, dem Historiker Gretser.

Ferdinand ffnete trumend den Mund zum Oval; er htte es leicht gehabt,
auf den rechten Weg zu gelangen, seiner Mutter htte der Glaube am Herzen
gelegen; es sei ihm in Erinnerung, da sie oft erzhlte, wie Khevenhller,
der Gesandte in Madrid, ihr einprgte, es hinge ewiges wie zeitliches Wohl
der Kinder davon ab, wem ihre Erziehung anvertraut werde; Leute mten es
sein, die innerlich wie uerlich untadelige Katholiken seien. Ich habe es
darin gut getroffen; wie haben mich Gregor und Gretser gefhrt; dann Pater
Bekanus, mein wrdiger entschlafener Beichtvater, Dominikus a Santa Maria,
der nun auch in Gott ruht. Nun habe ich Euch, Pater Lamormain. Ich sehe auf
Schritt und Tritt, da Gott mich segnet.

Lamormain, sein krankes Bein ausgestreckt, sa gebeugt und verwirrt auf der
Truhe. Das Trillern der Studenten, Rufen der Hatschiere klang herein. Er
htte, brachte er leise hervor, das Amt eines Beichtvaters des Kaisers
zgernd angenommen; htte in Ruhe im Cimetarium des heiligen Klixtus
Ausgrabungen gemacht von heiligen Leibern, die den Jesuitenkollegien Schutz
und Segen geworden seien; am Schlu der Romreise, wo er den achten Urban
gesprochen hatte, den er schon als Kardinal Barberini kannte, hatte er
seine acht Exerzitien gemacht, um sich den Studien und der Lehre der Syntax
und Rhetorik zu widmen: da bestimmte ihn der Pater Vitelleschi zum
Beichtvater; eine groe Auszeichnung und ein schweres Amt, einen Frsten
geistlich zu fhren, eine Aufgabe, die man kaum bewltigen kann. Es gab
einen frommen Pater Klaudius, der fnfte General der Gesellschaft Jesu, der
schrieb aus dem Drang seines Herzens und seiner Besorgnis einen
Beichtspiegel fr die Geistlichen der Frsten; und berlie letzten Endes
doch alles sich selbst. Denn wo soll man im Leben eines Herrschers zwischen
Politik und geistlichem Gebiet scheiden.

Ferdinand, halb liegend, den Kopf ber den verschrnkten Armen, hrte
aufmerksam zu. Er redete, sich oft mit Lcheln unterbrechend und eine
Antwort des Paters abwartend. Vielleicht sei es nicht unzweckmig, was
jener Beichtspiegel den geistlichen Beratern empfehle; er bedaure, da ihm
dies gewi sehr interessante Buch nicht zugnglich sei; aber es gbe
sicherlich genug Frsten, die grausig eigensinnig seien; sie erinnerten ihn
an Narren, die ein Bein mit einer Menschenhose bekleideten, das andere mit
Vogelfedern und Krallen. Er sei nicht mehr jung genug zu solchen Scherzen
oder sogenannten strengen Trennungen; ja, es freue ihn, da Lamormain
erkenne, wie schwierig, wie unmglich die Trennung von Politik und
geistlichem Gebiet sei. Denn seht, Pater Lamormain, wozu haben wir die
langen Jahre in Ingolstadt verbracht und warum hat man uns so unsglich
behtet vor der Ansteckung der Ketzerei: nur damit wir fleiig und
sorgfltig zur Messe gehen, zur Vesper, beichten? Es htte dazu der groen
Mhe nicht bedurft. Ich bin kein Kaiser von der Art der grimmigen Sachsen,
Ihr entsinnt Euch, die gegen die Ppste Sturm liefen. Was will man
eigentlich. Die Masse des Lebens, auch des politischen, mit dem Geiste der
christlichen Kirche durchdringen; eine grere Aufgabe kann ich mir nicht
denken.

Eure Majestt haben mir meine Aufgabe nie schwer gemacht.

Ernst flsterte der Kaiser, einen Finger hebend, gegen Lamormain, ganz
hochgesttzt: Pater, ja ich mu Euch verraten, was ich schon bisweilen
getrumt habe, in jngster Zeit. Da wir Nebenbuhler sind, der Papst und
ich. Aber anders, als man es sonst meint. Ich meine im Geistlichen. Ich bin
nicht sein Vogt, sein Schwert. Ich will die Kirche nicht neben mir haben,
darum habe ich die Jesuiten zu mir gerufen, so viele sollen kommen, als
erzogen werden, sie sind besser als Soldaten fr mich. Das Heilige Reich
mu selbst eine groe Kirche sein.

Der Heilige Vater wrde sich sehr freuen, eine so fromme Gesinnung von
Euch zu hren. Er wei, welche Hilfe die Vorsehung ihm in Euch gegeben
hat.

Und Ihr, Pater, was denkt Ihr ber die schwebenden Dinge? Ihr haltet so
zurck. Mitraut Ihr mir -- noch immer. Ferdinand lchelte ihn an.
Lamormain senkte den Kopf. Ferdinand leise, fast zrtlich: Ich bin Euch ja
zu so vielem Dank verpflichtet.

Es ist die Furcht oder die Beklemmung, sich auf einem Wege zu sehen, von
dem man nicht wei, ob man ihn mit Recht betritt.

Erregt drehte Ferdinand gegen ihn, die Arme hebend: Ich kenne solche Wege
nicht, die ich gehe und die Ihr nicht gehen drft. Ich habe es Euch gesagt.
Ich will sie nicht kennen.

Warum wollt Ihr mich hren?

Seht, Pater Lamormain, ich will mir nicht Unrecht tun. Ich brauche Euch
nicht, weil ich unsicher bin oder weil ich mich frchte. Aber ich -- habe
Euch hier, Eure Stimme ist mir wie eines Vaters. Wollt Euch nicht
zurckhalten, versagt Euch mir nicht. Es ist mir eine Wohltat, Eure Seele
diese Dinge berhren zu sehen.

Ich wei, da es mein Amt ist, Eure Seele zu fhren. Wenn ich lange
schwieg, -- so geschah es, um Euch nicht zu betrben.

Der Kaiser bat, er mchte weiter sprechen. Der Pater, sich
zusammenkrampfend, nahm einen Anlauf. Er ffnete den Mund und lie es
schnurren. Wie die Worte klangen. Er hrte sich wie ein Fremder zu. Er
schmte sich und blickte nicht auf. Was war ihm aufgelegt. Es sei nicht
viel zu sprechen. Diese grauenvolle Verwstung in Deutschland, diese
Schrecken, die sich ber die Alpen wlzen, Zwist im Reich, der Kaiser
einsam: man msse betrbt sein, wenn man an christlichen Frieden denke.

So ratet, Pater. Ich habe nicht gelacht ber diese Zeit.

Frieden. Frieden. Der Heiland, als er noch auf Erden wandelte, hat gesagt:
gebet Gott, was Gottes ist. Man redet zu viel: gebt dem Kaiser, was des
Kaisers ist. Davon sind die Gassen und Pltze voll. Wer den Lrm in der
Welt hrt, denkt wohl an das Wort: des reifen Getreides ist viel, der
Arbeiter aber sind wenige, bittet den Herrn der Ernte, da er Arbeiter auf
sein Erntefeld schicke.

Die Fltchen an Ferdinands Augenwinkel zitterten, er drckte die Handteller
zusammen, in der Ecke der Bank sitzend: Ratet, Pater.

Du wahnsinniger Mensch, schrie der Pater sich innerlich an, du schlimmer
Mensch. Du kannst dich nicht so schnden. Bruder Lamormain, der Heilige
Vater denkt schlecht von uns.

Gebt mir Antwort, Majestt, wie Ihr selber hierber denkt.

Da wurde Ferdinand, nachdem er dem Pater einige Zeit in die blitzenden
Rder gestarrt hatte, unruhig, stand auf: Ich hab' es Euch gesagt, man
soll mich nicht fr einen Gewaltherrn und rmischen Csar verschrein.

Wenn Ihr kein Gewaltherr sein wollt, so ist es Euch bitter ergangen, da
alle Welt Euch verkennt und Euch fr nichts als dies, fr nichts als dies
ansieht. Und wenn Ihr das weltliche Papsttum grnden wollt, so wird es wohl
auch Euch bednken, da im Augenblick die Welt sehr anders blickt: aus
Augen voll Grauen. Wie wollt Ihr dies vereinen: so mchtig dazustehen, da
man Euch wahrhaft Kaiser nennen mu, und so wenig das zu knnen, was Ihr
wollt. Seht, nicht einmal so viel, wie die Herrscher vor Euch, die viel
schwcher waren.

Dies mute Lamormain alles sagen und hinlegen.

Pater, der Heiland hat dies gesagt, was Ihr nanntet. Er hat aber auch
gesagt, was Ihr selbst uns gepredigt habt, da er nicht nur gekommen sei,
Frieden auf Erden zu bringen, sondern Vater, Sohn, Mutter, Tochter und
Schwieger gegeneinander zu erregen.

Wohl, so spricht Lukas: Zwietracht. Um das himmlische Feuer auf die Erde
zu werfen.

Ferdinand legte sich halb auf der Bank zurck; er sagte nichts. Nach einer
langen Pause Lamormain: Eure Majestt schweigt.

Tonlos: Ihr seht, da ich schweige.

Wie sich Ferdinand wieder zwischen den Teppichen zurecht geschoben hatte,
rieselte seine tonlose langsame Stimme: Worauf sollen wir hinaus?

Es scheint, als ob Ihr etwas Irriges gemeint habt bis jetzt. Ihr glaubtet
--

Ja, war ich kein Christ?

Vor diesem weien Blick, dieser langsamen erschtternden Stimme fand der
Pater lange keine Antwort. Dann legte er viele Wrme und Herzlichkeit in
seine Sprache und mute sich sehr bezwingen, um sich nicht vllig
bewltigen zu lassen: Ihr wart die langen Jahre mein Beistand, Majestt;
Ihr wart ein guter katholischer Christ. Als ich die kirchlichen Wnsche
Eurer entschlafenen Gemahlin, der seligen Maria Anna, durchfhrte, bin ich
Euch gefolgt in Eurer Gottesfurcht.

Seht Ihr Maria Anna an. Wrde ich mit ihr so lange glckliche Jahre haben
leben knnen ohne den rechten Glauben.

Ihr wart fromm.

Was ist?

Ich mache dem Menschen Ferdinand von Habsburg keine Vorwrfe. Der rmische
Kaiser, der deutsche Knig Ferdinand der Andere glaubte sich rhmen zu
knnen, ein Nebenbuhler des Papstes zu sein. Inzwischen glaubt es niemand,
sieht es niemand. Die katholischen Kurfrsten selber stehen gegen ihn.

Er legte all das fragend hin; ein Wind htte gegen ihn blasen knnen und er
wre verstummt. Aber Ferdinand drngte zart immer weiter.

Nachdem der Kaiser sich fest mit dem Rcken gegen die Banklehne gedrckt
hatte, schlug er mit mildem Ausdruck die Arme ber der Brust zusammen,
blickte mit zusammengezogenen Mienen auf die Gegenwand: Indem mir dies Amt
berkommen ist, habe ich es bernommen, die Geschfte des Heiligen Reiches
gewissenhaft zu versehen. Das ist meine Bibel, die mir an die Hand ging.
Neben mir stand die Wahlkapitulation, das Reichsgrundgesetz, die Goldene
Bulle. Man hat mich hergesetzt und mir vertraut. Das Weitere kommt von mir,
die Macht und Verantwortung.

Rotes Abendlicht zuckte sich ausbreitend ber das sich rasch verdunkelnde
Zimmer; der groe Luxemburger stand vor der Truhe, den Kopf tief vor der
Brust, die Hnde gefaltet. So sei es und nicht wie vorhin die Rede war. Wo
sei jetzt von Christentum die Rede. Dann als Ferdinand den bestimmten
sicheren Ausdruck des schwingenden Gesichts nicht aufgab: der Kaiser mge
berlegen, wie es mit ihm stnde. Als er den Kaiser verlie, sa der noch
unentwegt mit der gleichen Miene vor der rotbestrahlten Wand, ber der wild
die grellen Flammenrder rasten.

Und mit derselben bestimmten klaren Miene empfing ihn gleich nach der Messe
am nchsten Vormittag der Kaiser. Ferdinand, von gesnderer Farbe als
sonst, bedauerte, gestern abgebrochen zu haben, er knne den Pater noch
nicht dispensieren von diesem Thema. Darauf schttelte er ihm die Hand,
hie ihn freundlich sich setzen. Es sei gewi, da er es sich berlegen
msse, wie es mit seinen Sachen stnde. Gewi msse sich dies aber auch der
Pater berlegen. Damit blickte er frei forschend den Luxemburger an: Ich
bleibe dabei, Ehrwrden, lieber Vater, mir sind nur Bulle, Reichsgesetz,
Wahlkapitulation gegeben. Ihr meint, ich verfehle den christlichen Weg als
Kaiser. Geht mir zur Hand.

In groer Freude verneigte sich der Luxemburger, seine Stimme tief
ehrerbietig. Diese Aufforderung und Bitte hat er erwartet; er wei, da der
Kaiser nicht allein dies leisten kann; der Kaiser mute es erst erkennen.
Langsam erwog der Kaiser: Ich habe es in der letzten Nacht selbst wieder
angestaunt, Pater. Ich will es Euch nicht verheimlichen. Da Kaiser und
Kirche so aneinander vorbeiregieren. Der Kaiser hat seinen Palast, seine
Burg, dazu Edle, Berater, Offiziere, Heere; der Papst hat die
Geistlichkeit, den Vatikan, die Peterskirche, tausend Kapellen, Klster und
Kirchen. Der Papst gibt seine Gesetze, ich, meine Landesfrsten ebenso. Wir
regieren dieselben Vlker. Und -- wir haben keine Berhrung miteinander.
Nun erst, in solchem einzelnen Augenblick kommen wir zusammen. Um uns zu
tadeln. Es ist kein gesundes Verhltnis. Und dann legte Ferdinand,
heimlich und instndig zu ihm redend, die Umstnde dar, die zu diesem
Kollegialtag fhrten, die gefhrliche Situation, die heraufbeschworen sei.
Und ich habe die Entscheidung. Lehne ich sie ab: wit Ihr, was geschieht?
Wie wenn ein Pfeil abgedrckt wird, schiet von Sdwesten mein
Feldhauptmann herauf, schlgt die Kurfrsten nieder, das Reich hat ein
neues Gesicht. Ich will Euch gestehen, ich bange nicht, ich bin in
keinerlei Sorgen. Wer Sorgen haben mu, sind die Kurfrsten des Reichs, die
ich niederdrcken kann, wenn ich will. Ich kann sie hinlegen lassen, als
wenn sie an Armen und Beinen gefesselt sind. Ich habe die Macht dazu.

Wie beschliet Ihr?

Nichts, noch nichts. Ich lasse die Herren warten. Ich kann mich ohne Zwang
nach beiden Seiten entscheiden. Ich will ihnen kein Unrecht antun. Ich will
mich ganz auf mich besinnen. Den Augenblick abwarten.

Wie groe Macht hat Euch der Herr des Himmels verliehen. Wenn sich ein
gemeiner Mann, ein Edler auf sich besinnen will, kann er in einen Winkel
oder in die Kirche gehen; das Gesprch mit sich und Gott ist alles, was er
vollbringt. Ihr habt so viel Freiheit, da Eure Selbstbesinnung ber
Millionen Seelen verfgt.

Ich wrde dies nicht wagen, wre ich nicht Christ.

Majestt, mein Beichtkind, ich bin bei Euch in diesem Augenblick. Ich bin
glcklich, da Ihr mich ruft. Habt Ihr Furcht oder Beklemmung, den Herzog
zu entlassen?

Nein. Ich bin ihm dankbar. Aber ich verfge ber ihn.

Ist es Euch schlimm, die Kurfrsten zu unterdrcken?

Ihnen soll kein Unrecht geschehen. Sie werden mich durch ihr Gebaren nicht
zum Unrecht verleiten. Wenn es mu, werden sie beseitigt werden.

Sie sind fromme Mnner, darunter Bischfe der Kirche.

Mein Feldhauptmann hat mich wieder in den Besitz meiner Erbknigreiche und
Lnder gebracht. Er hat das Heilige Rmische Reich vergrert und mchtig
gemacht wie keiner dieser Kurfrsten.

So lat ihn hermarschieren, die Kurfrsten verjagen oder in Eisen legen.
Wenn es gut ist, da dies geschieht, soll es den Kurfrsten bereitet
werden.

Der Pater schttelte langsam und lange den Kopf, studierte seine
Handteller, rieb sich die Schlfe; pltzlich legte er die Hnde zusammen.

Jetzt, fhlte der Pater, war er im Begriff, den Kaiser zu schnden. Jetzt
konnte er die Zertrmmerung vornehmen. Ferdinand setzte sich nicht zur
Wehr. Das reine Gesicht konnte er verwsten.

Und pltzlich war es ihm in die Seele gelegt, das Geschick zu versuchen. Er
hatte gebetet, ihn vor Snde zu bewahren. Aber er ging schon fhrungslos
den Weg. Und whrend er zitterte, kam aus ihm heraus: Ich finde keinen
Gesichtspunkt. Und fhlte dabei, seinen Kopf duckend, die Stirn von einem
nassen Schauer berzogen, da er in einer Krise stand und da ihm weiter
nichts mehr brigblieb. Er flehte und sndigte in einem Atem. Lchelnd
weitete sich das Gesicht des Kaisers, er breitete gegen ihn die Arme aus:
Nun, lieber Vater Lamormain, so werde ich wohl keine groe Schuld begehen
knnen.

Sprecht Ihr selbst, drngte angstgetrieben der andere, haltet Euch nicht
zurck. Kommt heraus.

In Ferdinand wallte es, seine mageren Wangen zitterten, sein Blick wurde
stier: Ihr wollt mich versuchen. Ich habe nichts mit Wallenstein und
nichts mit den Kurfrsten. Es soll sich keiner von beiden anmaen, da ihm
Unrecht von mir geschehen soll. So ruhig wie einer einen Wrfelbecher
umstlpt und die Kugeln zhlt, wird mein Entschlu folgen. Wit Ihr -- er
flsterte geheimnisvoll, warum ich dies kann? Weil ich die Macht habe. Ich
kann den Augenblick abwarten. Sie wird mir nicht genommen werden.

Wie durch ein Bad von Pein wurde der Leib des Paters gezogen, er konnte
sich nicht rhren, in ihm schrie es, die Bannung mchte weichen.

Seht Pater, so unumschrnkt verfge ich in dieser Sache, da ich mich
versucht fhle, die Entscheidung von einer Kinderei abhngen zu lassen: ich
rufe meinen Kammerdiener und tritt er mit dem linken Fu ber die Schwelle,
hat Wallenstein gesiegt, mit dem rechten die Kurfrsten. Da prete
Lamormain hervor, dunkel hrte er sich seufzen: Lsterung.

Langsam wankte Ferdinand auf ihn, griff seine linke Hand, die er sich an
die Brust zog und drckte: Ihr seid mein Freund. Ihr werdet nicht
verraten, was ich unternehmen will. Es wird bald ruchbar sein, ich mchte
es einige Zeit bei mir behalten. Wit Ihr, warum? Um mich daran zu weiden.
Denn sobald ich es herausgesetzt habe, wird man es umgehen und erklren und
wird seine Torheiten und Roheiten ber meinen Entschlu hufen. Ich will
ihn einige Tage bei mir behalten. Ihr werdet zugeben, da ich Grund dazu
habe. Ihr sollt Euch mit mir freuen daran, mein lieber Freund.

Der Kaiser schien zu delirieren. Seine Brust wogte auf und ab. Er schien
sich mit den Hnden des Paters beruhigen zu wollen. Seine Augen konnten
sich an keinem Punkt befestigen. Sein Mund schnappte wortlos, die Lippen
von Wasser berflossen; dabei knickten seine Knie hufig ein. In ihm
strmte es dumpf: ich folge, ich folge, ich halte mich nicht zurck.

Der Jesuit sthnend, in groer Furcht: Welche Lsung Ihr auch findet, ich
flehe Euch an, da Ihr in diesem Augenblick nichts beschlieet. Ich rufe
Euch an, Majestt.

Schreiend, lachend, die Last aus sich wlzend, der Kaiser: Mir sollt Ihr
es nicht verwehren, in diesem Augenblick zu sprechen. Wann soll ich zu
einem Entschlu kommen, wenn nicht jetzt. Wie soll das aussehen, was ich
meinen Entschlu nennen soll, als was ich jetzt in mir habe.

Ich will es nicht hren, lat davon ab.

Doch mt Ihr hren, Pater, doch. Ihr sollt mir sagen, was Ihr denkt. Ihr
seid der einzige, der daran teilhaben soll, und knnt Euch mir nicht
verschlieen.

Der riesige Mann rang mit dem Kaiser, suchte ihn an die Bank zu fhren. Der
wollte mit den fliegenden Augen vergeblich ihm ins Gesicht sehen: Wie seid
Ihr, Pater.

Setzt Euch. Besinnt Euch. Wollt Ihr Wein?

Hrt einmal. Lat meinen Wams. Liebster Pater.

Ich will Euch nicht hren, Majestt.

Ferdinand auf die Bank gedrckt, blickte sprachlos an dem schwarzen Rock,
dem strengen Kinn hoch; erzitterte stark. In seinem Gesicht stand ein
verzerrtes, unklares, fragendes Lcheln, er hauchte: Was ist das? Was hab'
ich verbrochen?

Der Satan bewltigt Euch.

Ich wei alles, was kommen wird.

Seid still. Herr, fhre uns nicht in Versuchung.

Pater, leibhaftig steht vor mir, was kommen wird, wie Ihr.

Herr, fhre uns nicht in Versuchung. Schliet die Augen, seht nicht um
Euch. Betet mit mir.

Als er gemurmelt hatte, haftete der starre helle Blick Ferdinands an der
Stirn des Jesuiten: Es ist noch alles wie vorher. Ich kann mich kaum
bezhmen, zu Euch zu sprechen.

Lamormain, in der furchtbaren Angst ber die Dinge, die er heraufbeschwren
mute, hielt sich kniend fr sich, prete den Rosenkranz an seine Lippen.
Die Strafe raste ber ihn. Von rckwrts berhrte ihn der sehr stille
Ferdinand: Ich wei: Eure Aufgabe ist schwer. Eure Qual ist gro. Ich will
Euch gehorchen. Was habe ich zu tun?

Da brachte der Pater in der Bitterkeit der Verzweiflung hervor, fast
brllend stie er es aus sich heraus: Ihr mt den Herzog verabschieden,
nicht behalten.

ber die Schulter des Knienden beugte sich der Kaiser von rckwrts, ganz
naiv und erstaunt, streichelte seinen Arm.

Ja, dies htte er beschlossen: ob wohl der Papst etwas anderes beschlossen
habe?

Und als sich Lamormain entsetzt herumwarf, murmelte Ferdinand, die Arme
verschrnkend, so htte der Pater selbst gesagt, was ihm, dem Kaiser, nicht
gestattet war.

Ihr werdet Euch des Herzogs begeben? Der Krieg um Mantua soll aufhren?

Seht Ihr, wie Ihr alles wit. Und jetzt sagt Ihr selbst alles. Mein
Heiland, Ihr! Ihr! -- Wie wird Euch der Heilige Vater loben, wie werden
Euch die Frsten loben.

Seht Ihr, lchelte Ferdinand vllig ruhig und freudig stolz wie ein
beschenktes kleines Mdchen. Und warum durfte ich es nicht sagen?

Um Mittag kam der Luxemburger, noch immer fassungslos und verstrt sich
zerknirschend, in das bischfliche Musikzimmer. Dem Kaiser sagte er, er
kme sich zu weiden an seinem Beschlusse.

Leise, leise, warnte der andere.

Ferdinand bog sich ber den Fensterrahmen; es zirpte von unten herauf,
Fasanen strmten ber den Sand. Ja, man knne froh sein; das sei nun eine
Sule in ihm und die sei nicht umzustrzen. Ich freue mich, Pater, da Ihr
mich hren wollt. Es ist geschehen in meiner grenzenlosen Liebe zu beiden,
zum Herzog und zu den Frsten. Jedem habe ich ein Liebes angetan. Jeden an
seinen Platz gefhrt.

Der Jesuit sa ratlos unglubig vor den mysteris gesprochenen Worten. Ihr
wolltet ein Unglck vermeiden, fragte er geqult. Er hatte kaum ein Ohr
fr das, was er hrte. Er war in seiner Verwirrtheit hierher getrieben
worden, um sich zu beruhigen. Was soll mit mir geschehen, fragte er sich.
Er verzerrte sein Gesicht: Ich freu mich ja mit Euch. Er suchte ein
freundliches Wort vom Kaiser zu erbetteln, und da Ferdinand ihn anblickte,
ihn erkannte, ihm half.

Der Kaiser blieb still. Er hatte einen milden nachdenklichen Ausdruck,
hielt den Kopf leicht auf die rechte Schulter geneigt: Sie dachten mich
mit Anwrfen zu reizen, die Kaiserin grollt mit mir, weint irgendwo. Der
Herzog war auf dem Sprung, es fehlte nur mein Signal. Wozu dies alles.
Kommt jedes zu seiner rechten Stunde. Und dann wandten sich seine sehr
ruhigen, ganz hellen Augen dem sitzenden Pater zu; er lchelte ihn an:
Seid froh, da Ihr nicht die Verantwortung habt. Ihr httet Euch nicht
regen knnen vor der Gewalt, die man Euch antte. Er fate den Pater bei
den Hnden, zog ihn hoch, legte, neben ihn tretend, seinen rechten Arm
unter den linken Lamormains: Aufgeregt seid Ihr, Lamormain! Ihr blickt
noch ganz wirr. Lat es fallen. Nur sinken lassen. Es geht schon. Kommt.

Sie gingen zusammen in den Garten. Wie ein krankes Kind lie sich Lamormain
fhren. Er fror, war demtig und fhlte, da ihm verziehen werde.

Sie gingen zusammen zwischen den Beeten. Der Frst blinzelte die Reseden
und Hhner an. Er freute sich seiner Blindheit.

                   *       *       *       *       *

Als der Kaiser vier Tage hatte verstreichen lassen, whrend derer er mit
sich und seinem Entschlu umging, lie er noch einmal das Theater der
Beschuldigungen, Bedingungen, des Grolls, der Wildheit an sich passieren.
Es geschah, um sich noch einmal zu kontrollieren. Als er merkte, da keine
Feindseligkeit in ihm entstand, schien es ihm gut, seine Rte zu sich zu
bescheiden. Obwohl die Einladungen in grtem Geheim erfolgten, verbreitete
sich ein Wispern in der Stadt. Die Spannung im Quartier der Kurfrsten und
Fremden war auf das hchste gestiegen; vor dem Hause des Grafen Tilly
hielten zehn Berittene Tag und Nacht, gesattelt, mit Mundvorrat; er selbst
verlie sein Haus nicht. Man hatte es verstanden, nahe der Stadt, am
Donauufer, leichte Kanonen mit Artilleristen zu verstecken; es war
vorauszusehen, da, ehe die geringste feindliche Belstigung erfolgte, die
Stadt in ligistische Hnde fiel. Die Franzosen gingen hin und her, gaben
ihre Ratschlge. Man schwirrte um den Pater Joseph, um die Jesuiten, den
Kardinal Rocci. Der Beichtvater war unsichtbar.

In der Konferenz in der bischflichen Ritterstube, die in Gegenwart
Lamormains und des jungen Knigs von Bhmen stattfand -- er sa
weigekleidet, schmchtig, mit sehr mrrischem, hochmtigem Ausdruck neben
seinem aufgerumten Vater -- wurde der unvernderte gefhrliche Stand der
Dinge vom Grafen Strahlendorf resmiert. Dann uerte sich der Kaiser; es
sei ihm nicht fremd, da die Frsten geneigt wren, es auf das uerste
ankommen zu lassen; man werde ihm auch einen Entschlu, nachzugeben, als
Schwche ausdeuten. Das sei ja schlimm. Aber ihm sei das Wichtigste, da
mit Glimpf bei der zur Beruhigung des Reiches notwendigen Abdankung des
Herzogs von Friedland vorgegangen werde. Mit aller Deutlichkeit solle ihm
zu erkennen gegeben werden, da er nicht, wie es Blinden scheine, als ein
Opfer der Kurfrsten falle, sondern da die Reichsinteressen von ihm dies
Opfer verlangen; er tte mit seinem Rcktritt dem Reich einen Dienst, wie
wenn er eine Schlacht gewnne. Unendlich sei das Reich ihm dankbar.

Der Knig beschrnkte sich auf ein paar Redensarten; er fand sich sichtlich
mit dem kaiserlichen Entscheid nicht zurecht, obwohl er Wallensteins
Abdankung verlangt hatte. ber der ganzen Versammlung der Geheimen Rte lag
Verblffung; der Entschlu war da, den man selbst nicht hatte fassen
knnen, der so oder so hatte fallen mssen.

Einsam sa Lamormain. Man blickte von ihm weg. Dieser hatte gesiegt. Die
Jesuiten herrschten.

Strahlendorf fragte, was man tun wolle, wenn der Herzog den Oberbefehl
nicht niederlege. Darauf schwiegen die anderen; der Kaiser hielt die Frage
fr gegenstandslos.

Der kleine Abt von Kremsmnster fuhr in raschestem Tempo mit Trautmannsdorf
in dessen Quartier. Wir sind geschlagen, Graf. So hat Eggenberg auch von
Istrien her gesiegt. Eggenberg hat seinen Willen. Was wird Slavata sagen.
Wollen wir unsere mter niederlegen. Kremsmnster von Minute zu Minute
entsetzter; die ungeheuren Schulden des Hofes bei Wallenstein, es sei
unausdenkbar, der Beschlu msse rckgngig gemacht werden. Der verwachsene
Graf kam nicht aus dem Staunen heraus, er gab zu, da er den Kaiser
bewundere. Dies ist ein anderer Mann als der in Mnchen. Er frchtet uns
auch nicht. Der Abt schrie, Wallenstein drfe nicht nachgeben. Herr,
wiegte der Graf den Kopf, der Kaiser wei, was er tut. Der Herzog gibt
nach. Er tut es nicht. Ihr werdet sehen. Und pltzlich in Kremsmnsters
Kammer war Trautmannsdorf ganz erschrocken: Nun hat Eggenberg recht
behalten; der Kaiser will sich nicht mehr auf den Herzog sttzen. Was hat
er aber vor? Der kleine Abt todbla und wild: Wir haben diesen Kongre
auf dem Gewissen. Er war verkehrt. Wir sind rmer als vor dem Mnchener
Vertrag. Bis Trautmannsdorf nach langem Hocken hinter einer Harfe von sich
gab: Jetzt wird es wieder Zeit, sich zu regen. Wahrhaftig, ich komme mir
bertlpelt vor. Wir waren im Taumel, als wir zu dem Kongre rieten. Der
Kaiser mu bezahlen, was wir verschuldet haben. Verdammte Logik. Wir haben
nicht darum den Kaiser von dem Bayern befreit. Wir werden den Herzog von
Friedland vershnlich halten mssen. Jetzt la ich mich nicht binden. Wir
wollen ihn nicht loslassen.

Lamormain machte sich um dieselbe Zeit schwermtig auf nach der Karthaus zu
Lessius. Stumm sa er eine Weile dem gegenber; der frchtete einen bsen
Ausgang, fragte nicht, blieb sehr kalt. Sein Mitrauen verlie ihn nicht
ganz, als der Pater das Ergebnis der Unterredungen berichtet hatte. Er
fragte, ob den Pater ein persnlicher Kummer bedrcke und ob er ihm etwas
zu sagen htte. Lamormain, unfhig, vor dieser gelassenen Stimme zu
sprechen, brachte heraus, das Unternehmen htte ihn sehr angestrengt. Der
Gesandte lchelte mitleidig, fast geringschtzig: die Sache htte sichtlich
in Gottes Hand gelegen. Von einer Nachbarzelle wurde geklopft; Lessius
stand auf; eine franzsische Konversation mit entzckten Ausrufen begann
drin. Hemmungslos laut sthnte Lamormain, grlich ri es an seiner Kehle,
als er Lessius nebenan einem welschen Emissr den Ausgang der
Streitigkeiten berichten hrte.

Am Nachmittag strmten in sein Quartier gegenber dem Bischofspalast die
Besucher; Kardinal Rocci umarmte ihn mit hahnenmigem Geschrei, zuletzt
bewegte sich der kleine Pater Joseph herum. In Widerwillen schleuderte
gegen ihn Lamormain heraus: er htte seine Hnde nicht dabei gehabt, der
Beschlu sei fertig bei Ferdinand gewesen. Worauf sich Joseph mit
Freudenschreien zurckzog, in seiner Kurzsichtigkeit gegen die Tr stoend:
das sei ja herrlich, der Kaiser sei also von sich aus den Franzosen
geneigt.

Lamormain beichtete bei den Jesuiten; er war verbrannt. Er nahm sogleich
Abschied vom Kaiser, um seinem Drang zu folgen, den kranken Frsten
Eggenberg in Gppingen aufzusuchen, dessen Seele er mit dem Bericht von dem
Entscheid Ferdinands erquickte.

Nach Gppingen war Eggenberg gefahren, die Todesstille in Istrien war ihm
unertrglich; in der letzten Woche hatte er sich unter der Qual der
Ungeduld, Sorge, ja Reue zwingen mssen, nicht nach Regensburg zu reisen.
Lamormain traf den grmlichen alten Mann in Reisevorbereitungen. Und so
tief erquickte der Pater ihn, da er weinte. Er pries das Geschick des
Hauses Habsburg; der gute Genius sei nicht entschwunden und habe den Kaiser
berhrt. Erst als er gebetet hatte, wollte er Lamormain weiter anhren,
sprudelte aber selber glckselig, welche Gefahr vom Erzhause abgewendet
sei. Immer wieder warf er sich auf die Knie, betete, jubelte, umarmte den
stillen Pater: Ich hab's gewagt. Gott war mit mir. Nun werde bald der
allgemeine edle Friede kommen, nach dem sich Kaiserhaus und Frsten und
nicht zuletzt das arme ausgesogene Land sehnten.

Erst an den nchsten Tagen merkte der Frst Eggenberg, da der alte
Jesuitenpater zerstreuter und unruhiger als sonst war, von ihm Trstliches
einsog. Und als er tagelang neben ihm spaziert war zu dem Quell und durch
die Felder, erfate der Frst, da der stammelnde Lamormain um sich selbst
in Angst war. Sthnend, fast wie ein Tier, brachte im Walde Lamormain eines
Abends hervor, da er das gtige nachgiebige und machtbewute Gesicht des
Kaisers nicht vergessen knne; er htte ihn verfhren wollen. Der Kaiser
htte ihn beschmt, verchtlich beiseite gelassen. Er schme sich. Wie ein
Begnadeter htte er ihn, den Snder, angeblickt.

                   *       *       *       *       *

ber die hgeligen bewaldeten Straen die Donau entlang brausten die
Kroatenschwrme des Isolani. Von Regensburg her kam das Rufen,
Fahnenschwenken, rastlose Trommeln; erst einzelne Patrouillenreiter, dann,
mitgerissen, Wachen, halbe Fhnlein. berall schrien sie sich zu, winkten
mit den Hnden. Aufbruch! Bagage warfen sie auf den Boden; Heuschober
angezndet als Signale fr die zerstrten Fouragemacher. Hinter ihnen der
Schwall des Staubs und die de. Wie ein Igel wulstete sich der Schwarm ein,
stlpte sich sdwrts um. In stummem Bangen lieen sie die leeren Drfer
zurck, halb erloschene Lagerfeuer, brllendes, angebundenes, weidendes
Vieh. An Kaufwagen, Hndlern, Reisenden, die nach Regensburg wollten,
flogen sie vorbei; Wiehern, Peitschenknallen, Klappern der Waffen im Nu
verschollen. Hinber ins Augsburgische. In einer Herberge in den Waldrand
gedrckt, dicht vor den Augsburger Toren, Oberst Max Wallenstein. Um den
Wald ballte es sich tobend zusammen, Isolani drang mit triefendem
verwstetem Gesicht zu ihm hinein, der Oberst lag, ohne Stiefel, betrunken
in seiner Kammer, lallte, geiferte, pltzlich ernchtert den Kroaten an,
schlug sich vor Stirn und Brust. Aufgesprungen, die Schreibtafel des
Isolani nahm er an sich, band sie sich um den Hals. Zum Kroaten und seinem
Leutnant: sie wollten zusammen reiten. Kme er nicht durch, sollten sie die
Tafel zum Herzog tragen, ihn liegenlassen wo er liege und wenn's in einem
Wassertmpel wre. Gestiefelt, Hut und Wehrgehenk, aufgesessen.

Max wippend auf dem Pferde rechts, links, in die Hhe wie ein Korkstck auf
brodelndem Wasser; bald nur in einem Schimmer von Bewutsein; stumpf
lernten seine Lippen: Es ist vorbei, wir sind hin. Pferdewechsel. Die
Nacht durchrast. Es ist vorbei, wir sind hin. Vormittags durch die weiten
lrmenden Truppenansammlungen in Memmingen hinein. Gezogen vor den Herzog:
Es ist vorbei, es ist hin.

Whrend Max schlafend fiel, als er die Tafel abgegeben hatte, chzte
Isolani, ob sie absatteln sollten. Dann erst sah der Herzog den
schnarchenden Obersten unten an, schrie: Raus! Der lie sich forttragen.

Sieben Tage lang lie Wallenstein alle Arbeit liegen. Gelhmt vor Wut an
Armen und Beinen. Er htte alles erwarten mssen, denn Zenno hatte diesen
Ausgang berechnet, aber er hatte es nicht geglaubt. Und als Zenno zu ihm
kam, um wieder eine Berechnung vorzutragen, scho der Herzog eine Pistole
hinter ihm ab. Jetzt trampelte er nicht auf seinen Hut, sondern zerri ihn.
Er war vllig blind. Die Truppen auf Regensburg werfen, den Kollegialtag
gefangen nehmen, den Kaiser aufheben. Er traf mit Neumann und Max einige
lahme Vorbereitungen. Bis er selbst alles hinwarf, die Herren davonjagte.
Er war dem unheimlichen, zu pltzlichen Gedanken nicht gewachsen.

Sie hatten ihn. Zum zweiten, dritten Male. Nachdem er ihnen das Reich
wiederhergestellt hatte. Zum Zerknirschen des eigenen Gebeins und
Eingeweides.

Er hatte nie etwas Persnliches fr den Kaiser empfunden. Der war der
erwhlte Regierer des Heiligen Rmischen Reiches, dem er diente. Das ri
jetzt an ihm; der Damm geborsten; der Kaiser war etwas, das ihn angriff. Er
konnte sich dazu nicht finden. Er mute, er mute den Kaiser und das ganze
Pack schlagen, wenn er leben wollte.

Und wie er reglos in seiner Kammer sa und sich zusammenhielt, heulte es in
ihm, da sie ihm noch Hunderttausende, Millionen schuldeten. Und es labte,
labte ihn. Noch Millionen. Sie waren ihn nicht los. Sie konnten sich ihm
nicht entziehen.

Oder sie -- konnten -- auch das wagen. Er fletschte die Zhne. Es wre das
richtigste. Er wrde es tun in ihrer Lage. Dem Feind den Knebel in den Mund
stecken. Ihn noch bezahlen lassen. Werden sie es?

Werden sie es?

Und whrend sie nacheinander im Hauptquartier eintrafen, die Trzkys,
Bassewi, Michna, De Witte, seine sanfte Frau, wurde ihm zugetragen, da die
heftigen Kmpfe in Regensburg, von denen man ihn ausgeschlossen hatte, noch
anhielten; die Frsten betrieben seine Beseitigung aus Mecklenburg,
verlangten Schadenersatz, Rechnunglegung. Die Stadt Memmingen war still,
aber brllend wie eine Kirchenglocke Wallenstein. Sein Zustand
lebensgefhrlich, die Aderlsse gegen die schrecklichen Kongestionen
blieben fruchtlos, man konnte nur auf halbe Stunden an sein Bett, neben dem
die Frau Isabella demtig sa und nicht zu weinen wagte. Der Kaiser mute
angegriffen werden; er war dem ungeheuerlichen Gedanken nicht gewachsen.
Der lange magere Herzog war ein sterbendes Untier zwischen seinen Laken und
Kompressen, den Tod wnschte er sich herbei, zerreien wollte er den
Bayern, den Kaiser, die Jesuiten, die Franzosen. An seinen dnnen
Unterschenkeln brachen Gichtgeschwre auf, das erleichterte ihn; seine
Augen verschwollen rot und liefen; sie standen wie Beulen zwischen den
fleischlosen Wangen, neben der hohen Nase. Sie haben mich am Spie, sie
werden mich wie einen Juden brennen, wlzte er sich.

Als der Bescheid eintraf, er werde mit Glimpf entlassen, eine Deputation
des Wiener Hofes werde zu ihm gesandt werden, ri er sich, halbtot wie er
war, auf, schleppte sich ins Freie vor sein Haus, wurde sogleich ohnmchtig
die Stufen wieder zurckgetragen. Am nchsten Tag erhob er sich wieder,
erst auf Stcken wandernd, dann zwischen den Schultern zweier Trabanten
hngend: Der geile Mansfelder ist auch nicht im Bett gestorben. Und ich
sterbe noch nicht.

Vom Regensburger Hofe kamen Trautmannsdorf und Questenberg; sie hatten
diese Mission bernommen, um ihn milde zu stimmen; sie brachten Ferdinands
gndiges Schreiben. Sie unterhielten sich freundlich; zwei Kutschzge mit
sechs Pferden schenkte er dem Grafen; Questenberg ein neapolitanisches
Tummelpferd. Friedland sah und sollte sehen, es gab Mnner seines Anhangs
am Hofe. Sie waren Besiegte; der Kummer stand auf ihrem Gesicht.

Damit stieg der Herzog aus dem furchtbaren Angriff, den man gegen ihn
unternommen hatte, und schttelte sich. Sie waren zu dumm. Hatten ihn leben
lassen, nicht einmal die Federn hatten sie ihm gerupft.

Er ging noch viele Wochen nicht aus Memmingen. Er lie aus dem Reich
beitreiben, was ihm noch zustand. Allerorts wurden jetzt noch schwere
Kontributionen erpret. Tglich hatte er mit Michna und De Witte
Verhandlungen, ihre Aufstellungen waren genau, Wallenstein stachelte sie
an; sie sollten nichts verlieren. Er lud sie ein, bei ihm zu bleiben, sie
sollten ihn nicht verlassen, ohne vllig befriedigt zu sein. Die drngten,
er lie sie nicht. Michna und De Witte kamen auf die Vermutung, der Herzog
werde doch nicht klein beigeben und irgend etwas Unversehenes versuchen;
Bassewi uerte skeptisch, der Friedlnder sei krank, noch ein zwei Monat,
so werde er froh sein, sein Getreide eingefahren zu haben. Als Graf Trzka
sich freute, da Friedland zgerte mit dem Abschied, es sei ein heilsamer
Schreck fr den Kaiser, dachte Friedland einen finsteren Augenblick nach:
Fr den Bayern ein heilsamer Schreck; der hat noch nicht gewagt, seine
Truppen nach Hause zu schicken. Die Landfahnen kommen nicht zur Ernte; ein
mageres Jahr fr Bayern. Aber er lie keine hetzenden Reden aufkommen,
hatte keinen Sinn fr Kindereien. Es sei bald Zeit. Er wolle nach Prag. Das
Heer solle der Bayer bernehmen oder der alte Tilly. Wallenstein stand
straff, blickte bse und drohend: er hinterlasse ein vortreffliches Heer;
man werde einen spahaften Krieg jetzt fhren; vielleicht brchten die
Jesuiten den Frieden vom Himmel.

Der Herbst war schon da, als er dem Hofe schrieb, da er nunmehr die
Geschfte dem Grafen Tilly bergebe, selbst nach Prag bersiedle.

Durch ein klagendes Heer fuhr er von Memmingen aus. Straen hinter Straen
standen die ruhmreichen Regimenter mit Fahnen und Regimentsspiel Spalier.
Der Herzog sa dster in seinem roten Mantel; er hob von Zeit zu Zeit vor
den Obersten, die heranritten, den Hut, winkte den und jenen heran, gab ihm
die Hand. Er fuhr lange und fuhr in kaltem Behagen: diese Regimenter hatte
er zusammengefhrt, sie wrden auseinanderfallen, wenn sie in fremde Hand
kmen. Der Weg ging ber Ulm, zu Lande weiter; es ging nicht nach Gitschin.
Der Herzog drngte auf Prag. Und alle, die mit ihm ritten und fuhren, waren
von groer Freude erfllt: der Herzog lebte, wollte noch leben. Man fuhr
keinen Toten des Wegs.

ber Nrnberg zogen sie, vierhundert Mann der Leibgarde, zahllose Wagen und
Pferde. Und so gro war die Bestrzung in der Stadt bei dem Gercht, da er
verabschiedet sei und sich nhere, da der Groe Rat der Stadt
zusammenlief, in Eile Geschenke beschlo, die auf dem Ansbacher Weg
entgegengeschickt wurden, eine Manahme, die man spter nicht verstehen
konnte. Als Friedland ber das Bayreuther Gebiet kam, war die Nachricht von
den Regensburger Vorkommnissen schon allgemein; tiefe Beklemmung und
Bangigkeit hatte sich weithin verbreitet.

Nur wenige tausend Menschen sahen den prchtigen stillen Zug sich
schwerfllig ber die cker, zwischen den Wldern winden. Aber das ganze
Heilige Reich hing mit geistigen Augen an seinen Bewegungen. Man sah, wie
eine grauenvolle Unverstndlichkeit im Reich es dahin gebracht hatte, da
dieser Drache, dieser Herzog zu Friedland, der Wallenstein, sich offen vor
aller Blicke in seine Hhle zurckzog, sich versteckte und als
entsetzliches Geschick fr die ruhigen Landschaften auf seinen Augenblick
wartete. Aus kleinsten Flecken wurden die schutzflehenden Deputationen
hervorgequetscht; sie berieselten seinen Weg; er grollte nur ber die
Kanaille, die ihm den Weg versperrte. Seine Garde hatte nicht ntig auf
Requisition auszugehen. Mann und Pferd wurden unter einer Flut von
Beteuerungen und Heimlichkeit das Zehnfache von Fourage gebracht. Bei den
Begleittrupps, den Kriegsoffizieren, stellte sich eine Neigung heraus,
selber das Glck zu versuchen, sahen die Furcht und Untertnigkeit rechts
und links, wurden mit Gewalt gebndigt. Sie fanden Wallensteins Rckzug
ebenso sonderbar steif wie einflureiche andere Mnner.

Aber alles vernderte sich, als man sich Eger nherte und die bhmischen
Grenzen berschritt. Hier war das dunkle zerrissene Land, aus dem er
gekommen war. Er kam zurck. Mit Weltruhm, dem grten Reichtum Europas,
von Memmingen. Ohne Amt. Im Berge Blanik schlafen die Wenzelsritter bei
Wlasin. Es heit, da es dort eines Tages trommeln wird, ein Getse erhebt
sich, die Baumwipfel werden drr, aus den Quellen werden Flsse, Blut
fliet in Strmen von Strhow bis zur Prager Brcke; Wenzel ttet alle
seine Feinde. Das Land sog ihn ein. In zahllosen Krmmungen flo die
brunliche Eger, ber Moorwiesen kamen sie, hinter ihnen strahlten tagsber
die Schneegipfel des Riesengebirges. Das hglige Land lie sie von einem
Rcken auf einen andern gleiten. Aus dem Egerland und Ascher Gebiet, von
Grnberg, dem Kennerbhl fuhren und ritten die Bauern ber seine Strae,
begierig ihn zu sehen, wie er aussehe, wie er blicke, der den Dnenknig
zerschlagen hatte und den der mignstige Habsburger nach Hause schickte.
Ei, mit Kaisern und Knigen Kirschen essen! Zwitscherten und geiferten
untereinander: Er hat den Kaiser schn geschoren. Seht die silbernen
Partisanen, die Tummelpferde. Hat's dem Kaiser nicht hinterlassen, war
nicht dumm. Sie waren nicht feindselig, wie sie auf den Wiesen und Hgeln
standen, zogen klirrend die Kappen, fuhren Heu und Stroh an.

Hinein fuhr er, aufwhlend wie mit einem Schiffskiel in die fassungslosen,
ihrer Sinne nicht mchtigen, die in den Konventikeln, den ansssigen Adel,
Utraquisten, zwangsweise Konvertierten. Die Rache, die wonnige, die
ungeahnte Frsorge des Geschicks. Abgeschttelt der Verrter von seinem
Herrn, heimatlos, sippenlos. Sollten sie ihn fasten lassen; sollen wir ihn
kommen lassen. Die grunzende Inbrunst der Zusammenkunften, Jubel, der
wohlig quietschte, wirbelte: Wallenstein gezwungen, ihre Partei zu halten
oder als Privatmann zu verrecken!

Mtterchen Prag am Hradschin sah schweigend, nicht fragend den
menschenumschwrmten Zug nahen.

Die Moldau flo unter der grauen Brcke. In seinem orientalisch reichen
Palast stieg Friedland ab. Er wohnte abgeschlossen fr sich. Nach Sachsen,
Brandenburg flogen die leisen Botschaften. Als italienische Maler
anfragten, wann sie die Bilder in den Slen vollenden sollten, kam aus dem
Palast der Bescheid, berall hin kolportiert: Die Herren sollen warten,
bis ich davon bin. Glauben die Herren, der Palast werde mein Sarg sein?

Hinbrtende Demut vor dem verlorenen, wiedergekehrten Sohn, Hin- und
Herschlpfen der Juden, Berater. Wie Paukenschlge einige schwelgerische
Feste, dann khle Empfnge der Sippenverwandten, Worte, als htte sich
nichts ereignet, ein Brief von Eggenberg, einer vom Kaiser, rzte.

Wer war das, der in dem neuen Palast hauste?

                   *       *       *       *       *

In der Stille des Sonnabends wurde der Kardinal Rocci vor das bayrische
Quartier getragen; der Kurfrst war von einer Jagd noch nicht zurck. In
der Vorkammer schwatzte der kleine Kardinal mit jedem Ankmmling von dem
groen neuen Sieg, den die heilige Kirche errungen htte; der Priester
vergab sich etwas, indem er Bediensteten und Kmmerern auf die Schultern
klopfte; wenn er allein sa, lachte er laut: Sie ziehen ab, der
Wallenstein und der Spanier. Ist bald die ganze Lombardei leer und
gesubert.

Als der kreischende Purpurtrger Maximilian mit der Neuigkeit entgegenlief,
war dem Bayern einen Augenblick, als zischte vor ihm ein Blitz nieder. Er
sa mit Rocci nieder, fahlbla von der Jagd und der Erregung, mit dicken
Schweitropfen um den gespitzten Mund; lchelte gedankenlos zustimmend zu
dem Geschwtz des Italieners.

Als der ihn verlie, blieb er, die geffneten Hnde auf den Knien, mit
gerunzelter Stirn, Bitterkeit in der Kehle, sitzen. Richel trat ein,
freudig bewegt. Kalt tnte die weiche klare Stimme Maximilians: Habt Ihr
etwas anderes erwartet? Ich freue mich, da die Rmische Majestt
nachgegeben hat. Er hat immer nachgegeben, Richel, wo man etwas von ihm
wollte. Es war kein Entschlu von ihm. Mein Schwager kennt keine
Entschlsse. Er schickt den Friedlnder weg, weil man ihn drngt und wird
ihn wieder holen, wenn man ihn drngt. Der Herzog hat ja nicht gewollt zu
uns stehen. Der Kurfrst aufrecht, fest: Der Vorfall ist lehrreich. Ich
werde den Vorfall verstehen. Diesmal besser und erbarmungsloser als voriges
Mal. Er hat die Situation verstanden. Wir werden sie ihn weiter fhlen
lassen. Wir haben unser uerstes anwenden mssen, um dies herbeizufhren.
Ich versteh' jetzt weiter keinen Spa mit ihm. Er schlenderte an Richel
vorbei, setzte sich wieder, den Zeigefinger steif ausstreckend: Die
freundschaftliche Maskerei werde ich in Zukunft nicht dulden. Mir, uns
allen ist der Kaiser diese Rechenschaft schuldig. Er hat geglaubt zu
versuchen, die Tyrannei uns aufzulegen. Es ist jetzt nicht damit genug,
wenn er erklrt, er stehe davon ab. Weil es ihm nmlich nicht geglckt ist.
Ich verlange Shne. Der Kurfrst sprach den Rat mit feurigen seltsamen
Augen an: Vertrge brechen und dann ein Dank schn verlangen, wenn man
bereit ist sie wieder zu halten.

Maximilian ging mit raschen Schritten an die Tr, an der er rttelte; er
prfte, ob die Fenster geschlossen waren; er schrie leise: Wir nehmen dies
nicht an. So fttert man hungriges Vieh. Wer sind wir. Ich bin deutscher
Kurfrst, dem bel mitgespielt wurde von ihm.

Und was gedenkt Kurfrstliche Durchlaucht vom Kaiser zu verlangen?

Ich lege eins zum andern. Der Berg reicht bald an den Himmel. Vor der
schmerzlichen Erregung seines Herrn sah Richel, seinen Degen schaukelnd,
auf den Teppich; ruhig sagte er nach einer Weile, als sich der Kurfrst im
Sessel reckte: Vielleicht wird es ntig sein, nunmehr zu
Prventivmaregeln zu schreiten und sich vor Schwierigkeiten in Zukunft zu
schtzen.

Ihr erklrt den Wiener Herren, ich knnte mich mit dem Entscheid nicht
zufrieden geben. Ihr habt keine Spur von Freude zu zeigen und verbreitet es
auch den Kmmerern und anderen. Wir haben keinen Grund zur Freude. Wir
verlangen den Schutz des Reiches und der Kurfrstenlibertt vor
bergriffen, wie sie vorgefallen sind. Die Armee ist jetzt ohne Haupt. Wir
verlangen nunmehr bergang des Generalats an uns. Richel blickte gro;
scharf fuhr Maximilian fort: Was denkt Ihr? Sie werden dazu nicht lachen.
Ich glaube das. Ich habe auch nicht gelacht, als der Friedlnder General
wurde. Das Lachen wird ihnen vergehen. Es wird keine Ruhe im Reich sein,
bis die Kurfrsten die Armee fhren. Ich werde mich mit den geistlichen
Herren noch verstndigen. Es wird keine Ruhe, bis der Kaiser auf seine
Erblnder zurckgedrngt ist.

Die Armee im Reich wird vom Kaiser und dem Kurfrstenkolleg dirigiert.

Sie wird von mir gefhrt. Ich bestehe darauf. Die Protestanten haben sich
selbst ausgeschlossen.

Es wird schwer halten, hier den Gewaltstandpunkt zu verheimlichen.

Man hat ihn mir gegenber nicht verheimlicht.

Bei der Zusammenkunft der katholischen Frsten im Mainzer Quartier war der
Bayer isoliert. Die Herren waren siegestoll, von Jubel beherrscht. Sie
hatten sich nicht nehmen lassen, vor Beginn ihrer eigenen Besprechungen
durch eine Hinterpforte den Marquis de Brulart und den Pater Joseph zu sich
einzulassen und deren Glckwnsche entgegenzunehmen. Die Franzosen taten
sehr beschmt, als der Trierer, dem sie eine Pension zahlten, und der sehr
geldbedrftige Ferdinand von Kln ihnen allen Verdienst zuschoben an dem
fast unglaublichen Ausgang. Der Kaiser, radebrechten franzsisch die beiden
rheinischen Herren, wisse, welche starke katholische Macht hinter der Liga
stnde. Der Trierer insbesondere tat, als wre Knig Ludwig sein spezieller
Bundesgenosse.

Maximilian, das Gebaren seiner Freunde ignorierend, lenkte in Gegenwart der
stolzen Welschen die Unterhaltung auf das kaiserliche Heer. Die Franzosen
hrten mit Staunen den bayrischen Plan; sie fhlten den Sto, hielten es
fr gut, zu verschwinden. Die Frsten zappelten gespiet an Maximilians
Vorschlag, das Generalat in Zukunft ihm, dem Ligaobersten, zu bertragen.
Sie bissen und drehten sich. Grmlich sahen sie, da sie zustimmen wrden.
Und ehe sie's dachten, hatten sie zugestimmt. Sie wollten den Antrag
unterschreiben. Verfechten mochte ihn der Kurbayer selbst.

Und dann lieen sie ihren Grimm los und lieen ihn poltern vor Maximilian,
vor dem sie ihre Ohnmacht verstecken wollten. Sie wollten Rache und
Schadloshaltung. Der glotzugige schwerleibige Philipp Christoph von Trier,
breitbeinig auf zwei Sesseln ausgestreckt, lie aus der Kehle quellen, die
Lider wenig hebend, zweihunderttausend Taler versudele der Bhme an Kche
und Keller und sei dabei drr wie ein Faden; Halberstadt habe ihm ein
wchentliches Tafelgeld geben mssen von siebentausend Gulden. Er keuchte:
der Tropf! Das harte graugesichtige Mnnlein unter dem violetten
Kppchen, der Reichserzkanzler, klffte mit seinem breiten gnadenlos dnnen
Mund, es htten sogar in vielen Landesteilen die Leute sich selber
auffressen mssen. Auch er htte mit Mhe gegen solche Flle einschreiten
mssen und geradezu mit Gewalt das fr seine Tafel, den Unterhalt der Kche
Ntige, und fr die Abgabe an Rom beitreiben mssen. Vorgebckt der
verlebte Ferdinand von Kln rieb sich unruhig die dnne rote Nase; sein
Bruder schwieg so lange; dann konnte er sich nicht zhmen, lispelte,
gestikulierte: mit Glimpf zu entlassen den Herzog, das sei ein Betrug an
allen Landesfrsten. Und darauf murrten knurrten sie zu dritt, bumten
sich, und ihr Groll war nur gerichtet auf den neben ihnen sitzenden feisten
kurzleibigen Bayern.

Der gab von sich, da man sich hier nicht einmischen wolle. Man mge es auf
sich beruhen lassen. Denn da Wallenstein mit Ehren entlassen wrde,
vershnte ihn leise mit dem kaiserlichen Entschlu; er begriff, da
Ferdinand diesen Mann nicht so wegschicken wollte. Wenigstens frstlich
hatte Ferdinand gehandelt, den er als Kaiser hinnehmen mute.

                   *       *       *       *       *

Im bischflichen Garten unter den kaiserlichen Gemchern lief der Abt mit
dem verwachsenen Grafen. Sie rupften im heftigen Gesprch eine kleine Buche
rundherum kahl. Der Abt knallte wieder Bltter vor dem Mund auf. Der Graf
Trautmannsdorf schwang die Arme, schlug die Hnde vors Gesicht: also es
finge alles wieder von vorne an; alles sei umsonst gewesen. Es ist so, es
ist so, der Abt drckte fast besinnungslos Trautmannsdorfs Arm. Wozu sind
wir da? sie sthnten, stampften den Boden.

Der Kaiser sah sie von oben. Er schickte seinen Leibkmmerer herunter, sie
mchten ihn erwarten. Dann kam er barhuptig, der Diener trug Reiherhut
Handschuh und Wehrgehenk hinter ihm. Er freute sich, frisch blickend; die
Herren, sie mchten es sich recht bequem machen in Regensburg, man sei zwar
ber den hchsten Berg hinweg, aber es gebe noch allerlei Schwierigkeiten;
das wrde viel Zeit beanspruchen. Als er die zerknllten Bltter in den
Hnden des Abtes sah, meinte er, mit ihnen vorwrts schlendernd, er wisse
schon, da es sowohl vor dem Schiff als auch hinter dem Schiff Wellen gebe.
Er plauderte noch allerhand, bis der hagere Graf Strahlendorf, der
hinzugetreten war, von einem Besuch Richels begann. Die Herren drngten vor
den Kaiser, um sein Gesicht zu sehen. Er ri die kleinen Augen auf,
befragte lebhaft den frommen Grafen nach der Sache, dann auch die beiden
anderen Herren. Dann schttelte er mit freudig berraschtem Ausdruck in das
Gras blickend den Kopf: Was! Was! Wnscht er das? Wnscht mein Schwager
das? Will er eine so enge Verbindung zwischen mir und ihm? Mein Schwager
htte alles Mitrauen gegen mich aufgegeben? Auf die starre verlegene
Zustimmung Strahlendorfs, -- die beiden andern senkten die Kpfe, --
drngte Ferdinand mit grter Heftigkeit gegen den langen Grafen, ihn am
Wams berhrend: Was, das hat Euch der Richel aufgebunden! Er geht hin und
her, miversteht hier und dort. Jetzt stammelte mit rauher Stimme
Strahlendorf, nein, Richel htte von Dienst- und Amtswegen ein quasi
Verlangen, um nicht zu sagen Anspruch Bayerns auf die Generalatstelle
angemeldet. Ein Verlangen. Ein Anspruch. Wit Ihr, da dies beinah
undenkbar ist! Bayern wird sich damit ruinieren. Es soll versuchen in dies
Wespennest zu stechen, Obersten mit groen Gehltern, verwhnte Soldaten
und Reiter, diese berzahl an Menschen ernhren, kleiden, bezahlen, und --
dabei keinem Unrecht tun. Nein, sagt meinem Schwager, es sei sehr lieb von
ihm, aber ich knne es nicht von ihm verlangen. Es ist auch nicht richtig,
sagt doch! Strahlendorf Trautmannsdorf gingen fast trumend neben und
hinter dem Herrn. Wie aus einer andern Welt kam es Trautmannsdorf selbst
vor, als er sich gentigt fhlte zu sagen, da Habsburg diesen Vorschlag
ablehnen msse, da es sonst machtlos werde. Mitleidig lchelnd zog ihn
Ferdinand, ihn um die Hfte fassend, an sich: Ist mein treuer
Trautmannsdorf, der Edelstein in meiner Krone, noch so rckstndig. Sind
die Zeiten vom Ha zwischen Wittelsbach und Habsburg noch immer da.
Wittelsbach hat gesehn, wie gewaltig, unnahbar gewaltig ein Kaiser sein
kann. Seht doch um Euch, Herr Graf; nicht so historisch gedacht. Habsburg
braucht sich vor keinem Ha mehr zu frchten. Schon lange nicht mehr. Ich
sehe es nicht, murmelte Trautmannsdorf. Aber ich, lachte die Majestt,
bald werde ich Euch auf den Thron erheben und mich zum Berater anbieten.
Er lie den Grafen los; in einem Rosenrondell stand er tiefsinnig, die Arme
verschrnkt, da vor den Herren; ein junger Fuchs sprang spielend neben
einer Buche an seiner Kette herum. Der Papst macht Schwierigkeiten mich zu
krnen. Inzwischen hat mein lieber treuer General Wallenstein, der Herzog
zu Friedland, mich zum Kaiser gekrnt. Das kann mir keiner strittig machen.
Was grabt Ihr die alten Mrchen aus. Nein, brach er ab, vorlufig
glaub' ich nicht ganz an den Ernst meines Schwagers, das Kommando meiner
Armee zu bernehmen. Was sagt Ihr, Ehrwrden von Kremsmnster, zu meinen
Rosen. Wenn sie Euch gefallen, will ich es dem Grtner bestellen lassen.
Euer Lob ist ihm eine Erhebung in den Adelsstand.

Den sich bumenden Widerstand der Herren drckten ganz nieder der Frst
Eggenberg und der Beichtvater, die aus Gppingen hereinkamen; beide noch
erschttert von dem Ereignis, das sich vollzogen hatte, und in Erwartung
der bayrischen bergriffe. Als Kremsmnster die Frage der Zuziehung des
Erzherzogs Leopold aufwarf, war schon klar, da man einer andern Situation
als frher gegenberstand. Der Beichtvater, bleich und schwer sich
erhebend, erklrte seine Hnde von allem, was geschehen sei, abzuziehen; er
sagte offen, er vermge gegen den Kaiser nichts anzustiften und zu
unternehmen. Eggenberg las ihm vom Gesicht, da er von dem jngsten
Erlebnis noch geblendet war. Lamormains Gesicht gab deutlich das Gefhl
wieder, das sie alle unsicher hatten, da mit dem Kaiser eine neue
rtselhafte Gewalt unter ihnen aufgestanden war. Man wute nicht, ob man
sich dieser Gewalt anvertrauen konnte. Dann vor der feierlich traurigen
Figur des Beichtvaters wurde man ruhiger. Der Kaiser, der neue Kaiser
wirkte.

Langsam stellten sie ihre Gedanken auf ihn ein; langsam erinnerte sich
Trautmannsdorf des Satzes Ferdinands, es seien neue Zeiten da. Und als
Trautmannsdorf, der khnste, am meisten elastische von ihnen zgernd
fragte: Und wenn es wirklich so wre, wenn er die Dinge richtig she und
einen Weg aus der deutschen Zwietracht wte?, da bezwangen sie sich alle.
Sie fhlten sich bewegt, der Gedanke vom Staatsstreich beschmte sie. Sie
hatten sich feurig und erschttert zusammengesetzt; nachdenklich trennten
sie sich.

Was sind das fr Zeiten, flsterte erstaunt der verwachsene Graf zum Abt,
als sie an dem stumm daliegenden Bischofspalast vorbergingen, der
Beichtvater sich zum Kaiser begab, ich hielt mich noch fr jung und bin
schon verbraucht, verstehe kaum etwas. Ach, seufzte Kremsmnster, es
ist eine Zeit der Experimente. Htten wir nur den Herzog noch. Denkt
Euch, ach denkt Euch, der Kaiser will Frieden im Reiche machen, er steckt
das Schlachtschwert ein, er will so, so Wittelsbach entwaffnen. Der
Gedanke, der Gedanke! Gebe Gott und alle Heiligen, da uns nichts
widerfhrt. Denkt Euch, es sah aus, wie ein drohender Kampf zwischen
Kaiser und Frsten, Bayern und Friedland bis aufs Messer, und jetzt, -- hat
der Kaiser den Sieg an sich genommen, ohne auch nur den Degen berhrt zu
haben. Er hat den Wittelsbach nicht einmal an sich herankommen lassen und
schon war er besiegt. Ohne Friedland! Denkt Ehrwrden. Phantasien, lieber
Graf. Der Kaiser denkt es und Ihr denkt es. Wer kennt die Wege des
Schicksals. Warum sollte nicht einmal eine neue Methode versucht werden.
Unsere heilige Kirche, Ihr seid mir nicht bse, ist stark im Hintergrunde;
Urban soll auch viel Artillerie im Kopf haben. Da besinnt sich der Kaiser
auf sein Herz. Httet Ihr doch Recht. Nein, nicht blo auf sein Herz,
auf unser Herz. Es knnte so sein, es knnte doch wenigstens in der
Phantasie so sein. Und mit einem winzig kleinen, ameisenkleinen
Phantasieaufwand hat der Kaiser unsere gewaltigen Schwierigkeiten behoben.
Bah, stehen die Kanonen da, bah, wissen die Generle nicht, was mit ihnen
ist. Phantasie, Phantasie. Das eine Heilige Rmische Reich. Ach, es
ist ja zum Lachen, Graf Trautmannsdorf. Ich mchte in Friedland und den
Bayern gucken.

So stolz und entschlossen war Maximilian, da er nach wenigen Tagen sich
selbst im Bischofspalast eine Audienz erbat und den Kaiser um Erledigung
der schwebenden Heeresfrage anging. Ferdinand hatte noch einmal mit seinen
Herren beraten; es waren sonderbarerweise alle Einwnde verstummt, gegen
die Bestellung des ligistischen Generals Tilly zum kaiserlichen Feldherrn
wute in halber Beschmung niemand etwas zu sagen; ja man hatte sich
gewundert unter den Suggestivreden Trautmannsdorfs, wie glatt diese
einfache Lsung war und wie fruchtbar sie sein konnte.

Ferdinand ging sanft dem Bayern, der trbe blickte, an die Tr entgegen:
Wie, lieber Schwager, Ihr solltet Euch wirklich zu diesem Opfer
entschlieen? Ihr wollt Frieden im Reich stiften? Wit Ihr, es ist ein
Einfall von Euch, der so den Kern meiner Erwgungen und innerlichen
Beschlsse trifft, da ich noch jetzt erschrocken bin. Ja, wie kann diese
Tagung besser geschlossen oder gekrnt werden, als indem Ihr oder Euer
General meine Armee in die Hand nehmt. Jeder Streit entfllt. Eure
militrische Tchtigkeit ist ohne Zweifel. Und, nein -- Er strich des
Bayern rmel und lachte ihn herzlich an. Maximilian, finsterer im Anhren
geworden, fragte ihn nach dem Lachen. Ferdinand schritt mit ihm in den
Saal; nun werde einmal der Bayer alle Snden auszubaden haben, und in ein
zwei Jahren werde es einen Tag zu Regensburg mit vertauschten Rollen geben.
Der Bayer, unsicher die anwesenden Herren Eggenberg und Trautmannsdorf
fixierend, drngte fort, um sich durch seine Unterhndler der Wirklichkeit
der kaiserlichen Erklrungen zu versichern. Er fhlte sich seiner Sinne
nicht mchtig, hielt sich mit Zwang von neuem zurck, um wieder zu hren,
mit welcher befremdenden Leichtigkeit der Kaiser sprach. Und die serisen
Rte waren zugegen! Zu Boden geschmettert war er; das Geplauder des Kaisers
regnete auf ihn.

Dann sa er in der Karosse, nahe in ein nervses Schluchzen auszubrechen.
Unklar kam er sich besiegt vor. Wie ein Mann, der einen Anlauf nimmt, um
eine schwere Last fortzustoen, blind losgerannt ist und die leere Luft
zerrissen hat. Unfabar das Benehmen des Kaisers; was war das, was war das.
Der trge freche Stolz dieses Mannes, diese hochmtige trchtige Liebe. Das
Sicherste war in Maximilian gelockert; wie eine Handvoll Bohnen, zwischen
Granit geworfen, quellend die Quadern hebt. Maximilian blies die Luft von
sich. In dem Logement mit Richel und dem Frsten von Hohenzollern speisend,
betubte er sich durch klangreiches Reden. Triumphgeschrei rechts und
links. Boten von Brulart herber, Boten an die geistlichen Kurfrsten. Die
fuhren am nchsten Morgen vor. bernchtig geno Maximilian ihre Angst, die
sich nicht uern durfte, ihr verlogenes Schmeicheln und Jubeln. Maximilian
fhlte, er war aus seiner Bahn geworfen; es war ein Zustand, wie in den
heien Tagen, als er mit Wallenstein sich verbinden wollte. Wallenstein,
dieser klgliche berschtzte Mensch, dieser Lump und Knecht, der sich von
seinem Herrn wegschicken lie, und der auch ging, ohne zu murren,
wahrscheinlich froh ber die Tonne Gold, die er davonschleppen durfte. Hei
rollte der Triumph durch den Kurfrsten. Er hatte das frstliche Spiel
gewonnen. Die Franzosen wurden angemeldet. Maximilian fertigte sie
hochmtig ab, und pltzlich hate er sie, weil sie ihn an seine Angst
erinnerten. Abstoen! Ob sie ihn wohl knebeln zwirbeln und pressen wollten.
So frh und rasch erscheinen, um wie Juden Schulden einzutreiben. Schulden,
Schulden! Bei der erstaunlichen Szene war Frst von Hohenzollern zugegen,
der nicht daran zweifelte, da der Kurfrst in einem Schwermutsanfall
sprach und die beleidigten Herren zum formlosen Weggehen bewegte. Ihn aber,
den Hohenzollern, berfuhr der noch unausgeleerte Kurfrst mit wilden und
hhnischen lustgeschwollenen Rufen: ja, es sei nicht ntig, diese Herren
sanft fortzukomplimentieren. Man sollte sie aufheben auf deutschem Gebiet
oder sie in die Donau strzen, weil er sie durchschaue, die neidischen, die
streitschtigen. Sie sollten ihre Finger vom Reich lassen.

Bacchantische und kulinarische Exzesse berschwemmten wieder den Hof. Die
Majestt gab sich nach langer Enthaltsamkeit den Ausschweifungen hin. Es
wurde erzhlt, der Morgen beginne mit Bordeaux, der Abend sinke mit
Likren; was in der Mitte flsse, sei auch kein Wasser. Geprnge an den
Tafeln mit den geistlichen Herren. Mit der wieder eingetroffenen
Mantuanerin. Mit Welschen Spaniern Italienern. Schiene es doch, als sei
ganz Regensburg aus dem Huschen und der Kaiser feire die Leiche Friedlands
weg. Es wurde erzhlt, Ferdinand wolle Frieden um jeden Preis; die
Mantuanerin bedrnge ihn; was Lamormain leiste, wrde bald offenbar werden.
Und da griff Maximilian zu. Er war auf bekannter Fhrte: Ferdinand, der
freche Sufer und Fresser! Das war ja das dicke Wildschwein, auf dessen
Jagd er sein ganzes Leben ber war. Und sein inniges atemloses Gelchter.

Der Kaiser hatte die Kurfrsten an sich gerissen, als wenn er nach ihnen
verdurste. Zusammengerufen und einzeln konnte er von ihnen nicht genug
haben. Und von den Welschen, den Spaniern, Italienern. Und sie kamen. Der
Ri in Regensburg war beseitigt. Nach Maximilian rief er am heftigsten, und
freudig, heftig gereizt, innerlich brllend vor Gelchter, machte sich
Maximilian auf die Fe. Er sah darber hinweg, da dieser Glanz erpreter
Reichtum deutscher Kreise war; es machte ihm heies, unter Spott wucherndes
Vergngen, da der Kaiser ihnen allen diesen Glanz hinhielt, als wten sie
nichts, ahnungslos leichtherzig wie einer. Ferdinand, der Kaiser blieb,
weil ihm keiner ernsthaft bse wurde. Und der seinen Feldherrn geopfert
hatte, wahrhaftig, aus keinem andern Grunde, als um Frieden zu haben, mit
ihnen allen, und -- wieder ruhig zu pokulieren.

Und dieser selbe Gedanke stieg in einem andern stillen Teilnehmer der Feste
auf, Lamormain, wie Maximilian auf Suche nach der Gebrde Ferdinands, den
Kaiser betastend; den Kaiser anbetend, sich vor ihm kasteiend. Er wurde von
dem allgemeinen Erstaunen ber den verwandelten Herrscher mitgerissen.

Dieses Zwitschern Fragen Horchen am Hofe. Herbergeholt die Meisterkche
aus Wien, mit dem Stab der Pastetenbcker, Zuckerkchler, Erbauer der
Riesentorten; auftauchte die Schar der Truchsesse Vorschneider Mundschenke
Kredenzer. Mit dem schwarzen Stab spazierte zur Musik herein der
Oberstabmeister vor den dunstumhllten Speisetrgern. Auf den Tafeln vor
den zerreienden Menschenzhnen das gettete Getier des Waldes, das
singende fliegende tnzelnde, Auerhahn Schwan Pfau weier Reiher Kranich
roter Fasan. Zuckerbrot Marzipan Slzen. Inmitten der berflutenden
Leckereien auf der Tafel die weie Pyramide, um die die vier Elemente
saen; Fortuna goldgelockt, purpurgekleidet auf einer Kugel, die unter
ihren spitzen Zehen rollte. Gemisch der Nationen an den Tafeln, erfreute
Mnder, erbitterte Stirnen; der Deutsche vertreibt den Schmerz, der
Italiener verschliet den Schmerz, der Spanier beklagt den Schmerz, der
Franzose besingt den Schmerz. Musik: wer wei was Schmerz oder Freude ist.
Feuerwerk Ballett Stechen Jagden Frhstck.

Entsetzt der schwarze hinkende Lamormain hinter dem aufgeblhten
glckvollen Kaiser: Den Herzog hat er verstoen, als war es nichts. Er hat
ihm seine Knigreiche gerettet. Jetzt wei er nichts mehr davon. Er hat es
vergessen. Er hat den Friedlnder schon vergessen. Ein grliches Gefhl
durch den Pater. Wie ein Kind sah Frst Eggenberg den Habsburger sich
zwischen den schlemmenden Herren und Frsten bewegen; er zuckte die
Achseln: Wohl uns, wir sind ber den Berg. Unvermerktes Abreisen der Rte
Trautmannsdorf und Kremsmnster aus Regensburg vor dem erschreckenden
Anblick ihres Herrn.

Auf Wagen Pferden neben dem Kaiser die Mantuanerin. Die Sicheln der
schwarzen hochgeschwungenen Augenbrauen, die brennenden Blicke, die
straffen glatten Wangen. Um sie reitend auf weien Gulen anmutige
Franzosen, die rechte Hand in die Hfte gesttzt, mchtige Goldschrpen.
Beim ersten festlichen Empfang der Frsten im Bischofspalast schritt sie
neben dem Kapuziner Joseph durch die Sle spitzfig auf weien Schuhchen,
den gelben Rock mit beiden Hnden vorn gerafft, da das purpurne Unterkleid
schimmerte; bis ber die Knchel entblte sie ihre Fe, die weien
Strmpfe. Goldgelbes Kostm bis zu den Achseln ausgeschnitten, Perlen um
den Hals in fnffacher Reihe; feine gelenkige ebenmige Bste, die Arme in
weien weiten Atlas geschlagen. Das Haar schwankte in Locken seitlich ber
den Hals, aus dem Nackenknoten stieg schwer eine tellergroe Sonnenblume.
Der siegreiche strenge Mund. Der Herr gab ihr nach, da fr Italien die
Friedensverhandlungen begannen. Sie hatte nicht genug daran, Kasale stand
vor dem Fall. Sofort mute der Waffenstillstand beschlossen werden. Mit
Flchen auf die Welt gehorchte der alte Spanier Spinola, nach drei Tagen
war er wahnsinnig, bald tot. Die Kaiserin erschauerte vor Wonne. Ihrem
Oberstkmmerer sagte sie, dem Pater Joseph schrieb sie: Meldet Kollalto,
er belagere Mantua und mit Mantua meine Seele. Ich werde ihm goldene
Ketten, Land und alle Auszeichnungen verschaffen, wenn er mir und meiner
Stadt wieder Freiheit verschafft. Er mchte nach Wien kommen, er soll es
sich nicht berlegen, wir erwarten ihn.

Nur noch gelegentlich wurden in der Sommerhitze Verhandlungen gepflogen,
die Kurfrsten baten um Aufhebung des Kollegialtages. Man schaffte die
Ernte in die Scheuern. Tilly, der eisgraue kleine fromme Mann aus Brabant,
war Feldherr der beiden Heere. Das kaiserliche Heer vermindert wie das
ligistische. Friede im Reich und bald Friede an allen Grenzen.

Vor den Quartieren der Kurfrsten standen die breiten Reisewagen. Die Rder
hoch, tief hngende Ksten, mit Kronen an den Schlgen und ber den Decken.
Der Lrm der Bankette in der Stadt ging weiter. Hinein stieg seufzend der
schwere Trierer, sah sich mde um, schlief ein. Hinein behaglich grunzend
der pergamentene Erzkanzler; der Wagen rollte. Widerstrebend der lsterne
Klner, den das Klirren und Juchzen der Stadt hielt. Mit starken Sprngen
Maximilian, Richel neben sich, der Wagen geschlossen, die Vorhnge zu; mit
Frankreich al pari, die kaiserliche Macht in seiner Hand.

Die Franzosen hielt es lange in Regensburg, sie konnten sich vor dem
unglaublichen Anblick dieses deutschen Untiers nicht losreien. Die
hoheitsvolle Maske des Kaisers, des Schlemmers, neigte sich tglich ber
sie; sie schworen ihm, keinen Feind des Reiches zu untersttzen.

Seine Augen waren wie die eines Schielenden; man wute nicht, ob man ihn
ansah.




Fnftes Buch
Schweden


ber die Wogen der graugrnen Ostsee kam die starke Flotte der Schweden
windgetrieben her, Koggen Gallionen Korvetten. Bei Kalmar unter land, bei
Westerik, Norrekping, Nderkping hatten sie die gezimmerten Brste und
Buche auf das khle Wasser gelegt, schwammen daher. Die bunten langen
Wimpel sirrten an den Seilen und Gestngen. Voran das Admiralsschiff Merkur
mit zweiunddreiig Kanonen, dann Westerwik mit sechsundzwanzig, Pelikan und
Apollo mit zwanzig, Andromeda mit achtzehn; dreizehn auf Regenbogen, zwlf
auf Storch und Delphin, zehn auf Papagei, acht auf dem Schwarzen Hund. Der
Wind arbeitete an der Takelung, die Segel drckte er ein, die breitrumigen
Schiffe bogen aus, stieen vor, glitten wie Wasser ber Wasser. Dann griff
der wehende Drang oben an, sie beugten sich vor, schnitten, rissen
schrg-wirre sprhende Schaumbahnen in die glatte flieende Flche,
stellten sich tnzelnd wieder auf. Die tausende Mann, die tausende Pferde
auf den Planken. Das Meer lag versunken unter ihnen. Die Schiffe rannten
herber aus Elfsnabben, dem weiten Sammelplatz, nach einem anderen Land. Da
stand die flache deutsche Kste. Wie Urtiere rollten torkelten watschelten
die brusthebenden geschwollenen Segler, tauchten, hoben sich rahenschlagend
aus dem herabrieselnden Wasser. Als die flachen Boote, die Kutter Briggen
Schoner vom Ufer anschwirrten, erschien der weie Strand. Triumphierend
leuchteten die nassen bemalten Gallionen und Koggen. Auf den stillen
verlassenen Strand stiegen Menschen nach Menschen, fremdlndische Rufe.
Drohend schlugen von den Schiffskastellen Kanonensalven ber das Land.

Die Mnner aus Swealand und Gtland, von Sderhamm rebro Falun Eskilstima,
Fischer Meerfahrer Bergmnner Ackerer Schmiede, die starkbeinigen kleinen
Menschen aus dem seenreichen Finnland, die noch mit den Bren und Fchsen
zu kmpfen hatten, in Waffen gebt, schwrmten in Eisen und Stahl, Pferde
Wagen und Kanonen fhrend ber die wehrlose Insel. Hinter ihnen kleine
schwarzhaarige scheue Mnner, behende Lappen, mit Pferden Pfeil und Bogen.
Sie fhrten Faschinen Krbe, schleppten Brot und Bier.

Sie liefen Schlo Wolgast an; berschwemmten es im Nu. Die Oder flo breit
und ruhig in die Ostsee; an ihr lag die Stadt des Pommernherzogs Boguslav
Stettin. Er hatte jahrelang die Aussaugung und Bedrckung der
friedlndischen Truppen geduldet, war an die Kurfrsten gegangen, an den
Kaiser in Regensburg. Weihaarig mit einer kleinen Leibwache stand er auf
dem Bollwerk, zitterte trotz der Wrme in seinem silbergestickten Rckchen.
Im blauen Wams mit plumpem Wehrgehenk verhandelte ein schwedischer Kapitn
mit ihm in der Sonne drei Stunden. Whrenddessen fuhren langsam die
achtundzwanzig Kriegsschiffe nher, Merkur mit zweiunddreiig Kanonen,
Westerwik mit sechsundzwanzig, Apollo, Pelikan mit zwanzig, Andromeda mit
achtzehn, Regenbogen mit dreizehn, Storch Delphin mit zwlf, Papagei mit
zehn, Schwarzer Hund mit acht. Hinter und zwischen ihnen schwankten die
riesigen Transportschiffe. Da zog sich der Herzog, den Hut lpfend, einige
Minuten in ein Zelt zurck, das man hinter ihm aufgestellt hatte und sprach
mit seinem Oberst Danitz, der Pommerns Neutralitt mit den Waffen der
Brger zu verteidigen schwur. Boguslav schttelte ihm, Trnen in den Augen,
die Hand; es sei zuviel, erst die Kaiserlichen, dann die Schweden. Ging,
nachdem er sich geschneuzt hatte, gebrochen zu dem stolz wartenden
Parlamentr hinaus. Nach ihrer Unterhaltung zogen sich die Kriegsschiffe
zurck, lieen den Transportern Platz; hunderte auf hunderte Schweden
bestiegen das Bollwerk; der Herzog stand noch starr vor seinem Zelt, wurde
nicht beachtet. Viertausend Mann nahm Stettin auf; die Brgerfahnen
zerstreuten sich ngstlich.

Nach fnf Tagen sa der Herzog im Stettiner Schlo mit dem beleibten
blonden Gustaf Adolf an einem Tisch; der erklrte ihm, whrend er schlaff
zuhrte, sie htten gemeinsame Interessen, die sie auch schriftlich
formulieren mten; der rmische Kaiser sei ihrer beider Feind. Es ist
mein Kaiser, sagte Boguslav, dem ich Treue als Reichsfrst schuldig bin.
So einigten sie sich nach Gustafs mitleidigem Lcheln; demtig unterschrieb
der Herzog, da er sich mit dem Schweden zu gemeinsamer Verteidigung gegen
die Landesverderber verbnde; unbeschadet Kaiserlicher Majestt, das
setzte der Herzog selber zrtlich hin. Die pommerschen Stnde fanden sich
im Schlo ein; ihre groe Not errterte der Knig beredt vor ihnen; er
suchte ihren Zorn auf den Kaiser zu entfachen. Nach einer Konferenz mit
ihrem Herzog fanden sie sich bereit, dem schwedischen Ansinnen entsprechend
zweihunderttausend Taler zu zahlen und eine dreiprozentige Hafenzollabgabe
zu gewhren.

Wie die Schweden aus der traurigen Stadt, in der sie eine Besetzung
zurcklieen, hinausritten und marschierten, stieen sie in ein leeres
Land. Die wenigen Bauern liefen erstaunt um die fremden starken Scharen,
die Lappen mit den Bogen, hrten durch Dolmetscher, da diese Mnner alle
ber die Ostsee gekommen seien, um sie zu beschtzen in ihrem Glauben und
gegen die Bedrckungen der Kaiserlichen. Sie verbreiteten das Gercht von
der anschwemmenden Menschenwelle weiter, retteten ihre Pferde und Vorrte
an feste verborgene Orte. Durch Vorpommern verbreiteten sich die Fremden,
zehntausend Infanteristen, zweitausendfnfhundert Reiter, in vlliger
Einsamkeit, bei Damgarten wippten sie ber die Mecklenburger Grenze. Wie
rann es durch die erwartungsvolle Seele des Knigs und seiner Umgebung, da
dies das Land des gigantischen bhmischen Mannes war, das wehrlos vor ihnen
lag.

Das Wort lie der Knig wieder schwellend aus seinem Munde los, Trommler
trugen es ber die Drfer: er sei der schwedische Knig, ein Bekenner der
lutherischen Lehre, der mit seinen Mnnern zu Schiff herbergekommen sei,
weil er von der Not seiner Glaubensverwandten gehrt htte. Er htte es
khnlich gewagt herberzukommen und die Lwenhhle zu betreten, wenn auch
ihn das Untier anspringen sollte. Sie aber seien zu seiner Verwunderung vom
alleinseligmachenden Glauben abgefallen und in des bsen Wallensteins
Dienste getreten. Sie sollten achtgeben. Wenn sie seinem Rufe nicht
nachkmen, Hab und Gut mehr achteten, als ihre Seligkeit, so wolle er sie
als Meineidige, Treulose, Abtrnnige, ja rgere Feinde und Verchter Gottes
als die Kaiserlichen mit Feuer und Schwert verfolgen und bestrafen.

Vor dem harten Geschrei der Eindringlinge grinsten die Leute. Das
Stillschweigen und Lcheln verbreitete sich wie ein Luftraum um das
marschierende Heer, bis sie auf Savelli stieen, den kaiserlichen
Feldmarschall, vor dessen stumm wartenden Massen sie grollend und fauchend
zurckwichen, zurck durch den Pa von Ribnitz nach dem ausgemergelten
Pommerland. Die prunkvollen Orlogs, die breiten Transporter schaukelten auf
der Oder bis nach Dievenow; die Wochen aber schlichen hin. Unttig
lungerten die Fremden auf dem pommerschen Boden, ihr feister Knig stieg
mit seinem Sekretr, dem hinkenden Lars Grubbe, durch die Lager, sprach
ihnen, uerlich sorglos, zu, lachte gezwungen, wenn sie ihm nachriefen
Dickkopf, Schmerbauch, gab, sich gemein machend, ihnen ihren Ton wieder.
Sie duzten ihn: Monsieur Knig, wenn du so streng bist, schaff uns auch
Schuhe. Er zog sich auf der Lagergasse seine hohen Stiefel aus, ging
barfig weiter; sie schwenkten auf Stangen die Stiefel und warfen sie
hinter ihn: Zahl uns Sold! Es hie kurzen Proze machen; man konnte nicht
in Pommern verkommen. Aus Preuen kamen schwedische Reiter herber, man
wartete auf sie in den eisigen Winter hinein.

Dann zogen sich die Schweden aus Stettin und Pommern, von den Schiffen aus
den Inseln, zusammen wie ein Geschwr, das aufgehen will, belauerten vor
Damo ein paar Wochen die Kaiserlichen, die drben in Greifenhagen in Massen
verdarben unter Schaumburg, dem Nachfolger des toten Torquato Konti, der
das Land verelendet hatte. Am Weihnachtmorgen um fnf Uhr begann drin das
Luten, die Kanonenschlge aus Eisen Karttschen und Granaten legten sich
ber das grberberste Vorgelnde, die armseligen Huschen drauen, in die
verzweifelte Sldner aus der Stadt geflchtet waren, schoben sich blitzend
ber Mauern und Kirchen, sprangen mit Gerll und Gekrach auf die
verriegelten Tore. Die gingen auf nach Sden, und ehe eine Bresche
geschlagen war, ergossen sich die armseligen Sldner ber die Brcke, ihr
Leben rettend durch die Flucht, wateten durch die mrderische Klte des
Stromes, trollten klagend durch den Schnee, viele ohne sich umzublicken,
bis die Kanonen hinter ihnen verhallten, auf Frankfurt zu.

Zersprengt die ruhmreichen Regimenter Sparr Wallenstein Gtz Altsachsen. In
der Mauer ein Loch so gro, da zwanzig Wagen einfahren konnten. Hindurch
warfen sich im Schwung die Schweden, sprengte die schnaubende Kavallerie,
weg ber die Toten im Mist, ber die Huser hin, ber die Bewohner, an
deren Leib und Gut sie sich sttigten, bis die Trompeten bliesen. Geschrei
Gechz Gejubel zum Himmel auf am Tage der Geburt des heiligen Christkindes.

Das Tosen der Fremden hielt tagelang an, ganz Pommern hatten die Deutschen
gerumt. Wie ein Tnzer, der auf der Zehenspitze steht und sich wie zum
Hinstrzen schrg nach vorn fallen lt, um im wilden Wirrwarr
davonzurasen, so blieben die Mnner von Gtaland eine Woche in Garz und
Greifenhagen; dann ri es sie ber den pommerschen Boden, die flache breite
Tenne.

Und in einem Sturz herunter nach Brandenburg. Der apathische Kurfrst Georg
Wilhelm flehte, an seinem Land sei nichts mehr als Sand und Kiefern. Gustav
richtete Kanonen auf Berlin. Den schwchlichen Schloherrn lie er zu sich
in einer Kutsche ins Lager holen, dankte ihm fr die endlich gefundene
Entschlossenheit, und er werde ihm Gelegenheit geben, sich an dem Kampf fr
die evangelische Sache zu beteiligen, mit dreiigtausend Talern monatlicher
Abgabe.

Der Knig erhob sein Herz. Sein Hauptquartier schlug er in Brwalde auf.
Sein Gesicht bekam Farbe. Er suchte Parteignger.

Im Schlosse zu Upsala hatte er zwei Jahre zuvor zu acht Mnnern gesprochen:
Der Stein ist auf uns gelegt, da wir den Kaiser entweder in Kalmar
erwarten oder in Stralsund begegnen. Nun mu mein letztes und hchstes Ziel
sein ein neues Haupt der evangelischen Christenheit, das vorletzte eine
neue Verfassung unter den evangelischen Stnden, das Mittel dazu der Krieg.
Zugrunde gerichtet mu der Katholik werden, sonst kann der Evangelische
nicht bestehen; ein Vergleich oder Mittelding besteht nicht. Er hatte
Mnner und Kapital aus seinem Reich genommen, da die Menschen in Ost- und
Westgothaland und Swealand sich von Baumrinde und Eicheln nhrten; den
Alleinverkauf von Getreide, ein Kupfer- und Salzmonopol hatte er an sich
genommen, den Mnzstand verwildert. Sein hahnenlautes Gekrh in Brwalde:
Der Knig von Schweden ist hier, lockte einen schuldenverkommenen
verluderten deutschen Frsten an, einen Landgrafen von Hessen-Kassel. Der
verschwur sich, breitbeinig und feige vor dem lauernden Knig sich bckend,
ihm seien seine Prozesse verdorben und verloren durch die Parteilichkeit
des Kammergerichts gegangen; kein Recht htte mehr der Evangelische im
Reich. Der Knig, die Verlogenheit des bramarbasierenden Schlemmers vor
sich erkennend, versprach mit trnenden Augen, emprt zitternder Stimme,
sich des Hilfeflehenden anzunehmen zur Ehre Gottes und zur Verteidigung
unschuldig bedrngter Christen. Sie gingen nicht auseinander, ohne da der
Landgraf einen Geldvorschu vom Schweden annahm unter ehrfrchtigem
Speicheln vor dem ritterlichen Amt des Eindringlings, dem er versprach, das
Hessenvolk gegen den Kaiser rebellisch zu machen. Wogegen ihm der
leutselige Fremde das Frstbistum Paderborn, Hxter, das Eichsfeld,
Hersfeld, in baldige Aussicht stellte. Trunken zog der Hesse ab.

Eine gengstigte Sondergesandtschaft der alten Stadt Magdeburg lief ihm auf
dem Wege unversehens zwischen die Beine; er fhrte sie im Triumph selbst in
das Haus des schmerbuchigen frommen Schweden, von dessen Lippen noch
einmal Lobsprche ableckend, ehe er sich in sein Land verkroch.

Den Magdeburgern hatte der Hesse das Herz schon mutiger gemacht mit seinem
verfhrenden Jubelpreisen des Messias aus dem Norden; lecker rckten sie an
vor ihm, der noch seinen Zorn ausschrie ber das Unrecht, das der Hesse
erfahren hatte. Sie standen zu fnf nebeneinander. Und nun erst, wo sie die
sanfte unverstndlich sprudelnde Sprache der Trhter, des einfhrenden
Kmmerers hrten, fuhr ihnen ein kaltes peinliches Gefhl ber die Haut.
Sie verloren ihre Angriffskraft und brachten es auf das Zureden des listig
sie anblickenden mchtigen Mannes auf dem Sessel nur zu matt gezimmerten
Wendungen. Nur einem unter ihnen, einem jungen Habenichts, gelang es, ber
sein Unbehagen hinwegzukommen; er flo ber von Scheltreden auf die
Ligisten, den weiland Friedlnder und sein Pack, stimmte ein, als jener
liebreich nach dem Rmischen Kaiser fragte, da der nichts sei als ein
gierig weites Maul, und das sndhafte Restitutionsedikt das
Tranchierbesteck, mit dem er sich den Braten zurecht machen wolle.

Die Worte fand der rot werdende Gustaf verstndig, schrie wieder des
Hessischen Unrecht aus, und nach zehn Minuten standen da im hitzigen sich
steigernden Wechselgesprch die fnf Mnner mit geschwollenen Kpfen,
schmhend auf den Rmischen Kaiser, den blinden Hund, schndlichen
volksverrterischen Papisten, gestikulierend, triefend vor Genugtuung, sich
gegenseitig anrufend ermahnend, und ihnen korrespondierte das aufgewhlte
schwerbltige Geschpf aus Schweden, der berseeische Knig, der gierig den
Kaiser schwur anzupacken gerade wie ein Hund den andern, bei der Schnauze,
der Flanke, ihm die Seite aufzureien, den Kiefer zu brechen fr alle
Schmach, die er der evangelischen Brderschaft angetan habe. Ihre brhende
Hingerissenheit verdampfte und sie spuckten noch; der Knig freute sich
satt. Er dankte ihnen. Sie wrden voneinander nicht lassen. Er schickte
ihnen einen gewandten jungen Menschen mit, der ein unwiderstehliches
Mundwerk hatte, Stallmann, der die alte Stadt Magdeburg in den Rausch der
nahenden Befreiung setzen sollte. Die fnf zogen mit ihm, wie kniglich
belohnt, ab.

Gustaf Adolf sa noch am Abend, wie sie ihn verlieen, mit dem hinkenden
blassen Grubbe und einem kahlen Riesenschdel, Oxenstirn, dem Kanzler,
zusammen, prustete, schumte. Sein Werk gedieh. Die Magdeburger wollte er
nicht lassen. Lachte, grlte: trefflich htte der Kaiser sie maltrtiert,
das Diversionswerk Magdeburg sollte geschmiedet, die halbe kaiserliche
Armee daran gebunden werden, inzwischen werde er sich auf Frankfurt werfen.
Auch Oxenstirn hegte volles Vertrauen auf die evangelische Festigkeit der
Magdeburger, seufzte hoffnungsfreudig ber Stallmann.

Noch in diesen Tagen beschlich den Knig in Brwalde der Mann, den er lange
erwartet hatte, der glotzugige rotbckige aus Bayern flchtige Charnac.
Der Franzose fuhr ihm mit einem Jubelschrei an die Brust; nun sei endlich
die Stunde da, wo er auf dem Boden des verruchten heimtckischen
gewaltttigen Deutschland neben einem anderen Fremden stehe. Ja, sie
stnden hier im Deutschen Reiche; der Kaiserliche sei von seinem Boden
geflohen und er sei glcklich und freue sich, freue sich. Und er wiegte
sich in den Hften, ffnete liebevoll demtig die Hnde vor dem Knig. Ich
bin, tat Gustaf grimmig, nicht wie eine Maus an diese Scheuer gekrochen,
um drin fremdes Korn zu beknabbern, sondern Ordnung zu schaffen und
zerrissenen Glaubensverwandten zu helfen. Unermelich ist die Grausamkeit
Habsburgs, Mrder und Totschlger sind seine verhungerten Soldaten. Wir
wollen helfen, das Reich von dieser Plage zu befreien. Rechnet auf uns.
Ihr seid katholisch. H! Ich mag die Katholischen nicht. Wir lieben
Euch, Majestt von Schweden. Ich kann nur jubeln vor Euch, seht mich an.
Was kommt es jetzt darauf an, ob katholisch oder evangelisch. Ihr steht in
Pommern; wir betrampeln deutschen Boden, ohne da es uns einer verwahren
kann. Wir schlucken ihre Luft. Wenn Ihr Trompeterkorps Trommler habt, lat
sie schmettern und schlagen, schwedische Weisen; ich will Franzosen
heranholen, da sie blasen, man soll hren: Fremde sind im Heiligen
Rmischen Reich; der Habsburger sitzt in Wien: er soll kommen, uns
verjagen. Gustaf staunte: Habt Ihr einen abgrndigen Ha, Herr.

Dann begann das Feilschen; Soldaten hatte der Franzose nicht, aber Geld. Er
leitete die Unterhandlungen ein mit dem grinsenden Hinweis auf seine
Schlauheit; es sei ja im Regensburger Vertrag geschrieben, Frankreich drfe
keinen Feind des Kaisers untersttzen. Und er tte es doch. Aber, dabei
lachte er wie ein Narr, heimlich! Wenn er sagte hunderttausend
Reichstaler, schrie der Knig nicht genug. Sagte er
zweihunderttausend, nicht genug. Gustaf Adolf neben dem Riesenschdel
Oxenstirns trieb den Franzosen hher und hher, schwur, er verkaufe seine
Seligkeit nicht so billig, wenn er einen Papisten an sich hnge, msse mehr
haben dafr. Auf vierhunderttausend Reichstaler kam der Franzose. Da hatte
der Schwede genug. Soviel sollte ihm der Franzose, lachte er mit Wonne,
jhrlich beisteuern, damit er den Gtzendienern den Garaus machen knne und
zuletzt vielleicht ihm selber, dem zarten Franzosen. Er wolle
dreiigtausend Mann zu Fu bereit halten, dazu sechstausend Reiter. In
lrmender Freude, Hohn im Herzen schied man voneinander.

Und wie der Hesse die Magdeburger gefhrt hatte, lockte der Welsche die
Hollnder hinter sich. Fast versprach sich Charnac, als er mit der
hollndischen Deputation tuschelte: er ist ein Tlpel, wollte er sagen,
man mu ihn vorsichtig nehmen, er ist verbissen in seinen evangelischen
Aberwitz, man darf ihn nicht stren. Dann fiel ihm ein, da er
Protestanten vor sich hatte, und schaukelte sich vergngt neben ihnen: auf
ganze vierhunderttausend Reichstaler htte ihn stolz der Schmerbauch
getrieben; fnfhunderttausend, nein, eine Million htte er bieten knnen.
Seien sie gewarnt. Sie dankten mrrisch, mitrauisch lieen sie ihn nicht
zu den Verhandlungen zu; die Hochmgenden im Haag zahlten dem Schweden
soviel sie vermochten, weil es ihr Glaubensverwandter war.

                   *       *       *       *       *

Die Schweden hatten bei Greifenhagen am Sieg gelutscht, Stiefeln Brot Bier
Geld strmte ihnen zu, man hatte nicht Lust zu verweilen, schob sich ber
Neu-Brandenburg, Klempenau, Treptow auf Demmin an der Mecklenburger Grenze,
zwischen Morasten gelegen. Der rmische Herzog Savelli, der den ppstlichen
Dienst quittiert hatte, schlemmte hier. Den Bauern pflegte er die Pferde
vom Pflug zu nehmen, um die Haut an den Schinder zu verkaufen. Nach drei
Tagen Kapitulation. Der Schwede sagte lustig im Zelte dem Italiener, er
bedaure, da er zu Rom seinen herrlichen Posten verlassen habe. Dann,
nachdem er trompetenblasende Abordnungen mehrerer Regimenter versammelt
hatte, lie er den eleganten Herzog mit goldenen Ketten, langem Zobelpelz,
prchtigem ins Gesicht gezogenen Federhut vor einen Pflug spannen; ein
aufgegriffener Bauer mute ihn anzumen. Die Soldaten trommelten, Hunde
sprangen ber den keuchenden Herzog, eine Pferdehaut mit Hufen und Schwanz
wurde von rckwrts ber seinen Prunk gebunden, er strzte zusammen. Der
Knig stand auf, die Knechte schwangen die Peitschen: Mag sich das Fell
seiner erbarmen. Pflge! Pflge!

Auf das Gercht von dem landfreundlichen Vorgehen des berseeischen
Sldnerfhrers sammelten sich an der Brandenburger Grenze, aus der Gegend
von Schwedt und dem Finowkanal, Bauern, zogen in dichten Rotten und Fahnen
dem Knig nach, den sie bei Anklam im Schneesturm mit seinem jubilierenden
Heere stellten. Er wollte wieder sdwrts, auf Kurbrandenburg. Die zehn
alten Mnner, die mit drei buntbemalten Fahnen demtig vor ihm standen,
blickte von seinem ungeheuren Streitro Gustaf freudig an, gedachte eine
evangelische Gesandtschaft zu begren. Er war so ungeduldig, zu hren was
sie hatten, da er ihnen nicht nachgab, sie im Quartier anzuhren, sondern
sofort auf durchwehter kahler Landstrae zwischen dem Rollen des Trains und
dem Flten und Klappern der Soldaten. Sie muten mehrfach die Pltze
wechseln, weil der Knig sie nicht verstand, Dolmetscher dazwischen liefen,
der Schnee ihnen in den Mund stubte. Wenn der fremde Knig denn sich so
der Bauern annhme, wie er vor Demmin an dem Landesverderber Savelli
gezeigt htte, so mchte er an sie denken. Und dann zhlten sie ihre Leiden
auf; das Pferd des Knigs bumte sich, Gustaf tauschte zornige Blicke mit
seinen Begleitoffizieren. Mit einem Fluch warf er seinen Reitstock auf den
Boden. Er zwang sich zur Ruhe, bckte sich herunter, als man ihn wieder
aufhob, schrie dicht bei ihnen, ob sie evangelischen Glauben wirklich
htten, wie sie vorgben, ob sie ihn nicht belgen, nicht wten, da der
Heiland fr sie am Kreuz gestorben sei, aber nicht, damit sie das heilige
Bekenntnis wie ein faules Stck Fleisch wegwrfen. Sie beteuerten, sie
seien fromme lutherische Christen, aber sie verkmen, verhungerten mit Weib
Kind und Vieh, wenn noch ein Heer in ihr Land fiele; baten mit aufgehobenen
Hnden ihn um ihres gemeinsamen Glaubens willen um Verschonung mit dem
kriegerischen Einfall. Er wtend und speiend, sie umkreisend. Sie
verstanden nicht, was er sagte, im Toben stotterte er mit gedunsenem
Gesicht schwedisch; er htte sein Volk geplndert, um den
alleinseligmachenden Glauben zu bewahren, fr sie an erster Stelle, und sie
bettelten bei ihm. Sein Pferd sprang um sich; er lie sie nicht von der
Stelle. Herr, wir sind fromme evangelische Christen, der Krieg verdirbt
uns. Da nahmen sich die Offiziere der Wut ihres Herrn an, der sich von
ihnen nicht losreien konnte; sie ritten auf die Bauern los, schlugen mit
flachen Klingen auf ihre Kpfe. Gustaf selbst, sich befreiend, ri sein
Pferd herum; und sein schweres kettenschaukelndes Tier zu langsamem Schritt
gebndigt, stampfte zwei Bauern an; andere warfen sich in den Schnee. Er
ritt davon, die Herren hinterdrein. Kreischend beluden sich die Bauern mit
den getretenen Mnnern, die Fahnen zerschlugen sie: Das ist kein
Evangelischer, das ist kein Evangelischer. Kreischend marschierten sie Tag
und Nacht durch die Drfer. Jubilierend das schwedische Heer hinterher.

Der kleine eisgraue Brabanter war von Regensburg wie ein Glcksbetubter
aufgebrochen. Er hatte vor der Kriegsbhne gestanden, an dem Spiel
neiddurchwhlt gemkelt; durch einen Vorgang wie im Traum war er von seinem
Platz bewegt, er, der Tilly, mitten ins Spiel gestellt. Der klagende
strenge uralte Marbli von Tilly regierte die ungeheure Szene von dem
weithin sichtbaren Platze, gegen den sich eben Kurfrsten und Stnde
erhoben hatte. Er wollte nicht mehr Tilly sein, der dem qulenden
bayrischen Maximilian unterstellt war; verwischt, versenkt der fabelhafte
Feldzug in Ungarn, die Jagd hinter Mansfeld, gnadenlose Vertilgung der
Rebellen, Verschlingen der Dnen. Die Taten Wallensteins liefen wie Doggen,
die man tritt, neben ihm; eines Tages werden sie verrecken. Heimlich
schwellte es ihn, als er nach Norden zum Heere fuhr, das ihm von
Wallenstein berkommen war; die prchtigen sechzehnspnnigen Karossen
Wallensteins trabten durch sein Gedchtnis, rotjuchtenberzogene Trowagen
in langer Reihe, silberne Partisanen der Leibgarde. Es labte ihn; dabei
stieg hinterrcks ein unheimliches Gefhl der Ohnmacht ber ihn, er suchte
ihm bang auszuweichen.

Und wie er nach Norden vorstie, wehten wilde Gerchte um ihn; es wurde
deutlicher: das schwedische Heer hatte sich spielend der Auenforts des
Reichs bemchtigt, auseinandergestoben die Regimenter des Savelli. Das
konnte wahr sein. Tilly rang mit sich. Seine Nchte waren durchtobt vom
keuschen sorgenvollen Widerstreben gegen seinen Ehrgeiz, die Sehnsucht. Es
hie Farbe bekennen. Er war tief verstrickt in diesen Kampf. Die Gerchte
wehten an ihm vorbei. Er wollte ein frommer Christ bleiben, nicht
rebellieren, wie es auch kam.

Und zittrig schwur der alte Wicht eine Stunde, sich im Zaum zu haben,
schttelte in der nchsten Stunde den Friedlnder am Kragen, schwitzte vor
Freude, war matt und arm.

Drauen unter den Schneestrmen begann es von Tag zu Tag lebendiger zu
werden. Der Lrm war kriegerisch, Reiter, Wagen, schreiende Marketender;
einmal kmpfte die Begleitung des Brabanter mit bewaffneten Wegelagerern.

Da muten die Vorhnge des Wagens geffnet werden. Auf der Chaussee, auf
den Feldern: es hatte sich etwas begeben!

Da lag nicht nur Schnee! Zertrmmerte Fhnlein schamlos unter ihren Fhrern
vorbei! Bauernhfe, vor denen Kanonen standen, riesige Rohre auf Wagen, um
die sich keiner kmmerte. Diese Welt; es hatte sich etwas begeben. Der
Schwede hat sich der Auenforts des Reichs bemchtigt, er steht bei
Frankfurt.

Wo stehen die Wallensteiner? Wo ist Savelli?

berall Verhungerte, aufgelste Verbrecherbanden. Sie wollen ins Reich;
hier ist alles kahl gefressen; der Schwede ist hinter ihnen. Den Herzog
Savelli hat der Schwede bei lebendigem Leib geschunden, aus Rcken und
Brust Riemen geschnitten. Bei Stettin steht kein Wallensteiner mehr, in
Mecklenburg haust der Schwede, aus Brandenburg luft alles davon.

Die Vorhnge blieben offen. Wimmelnde Felder. Rotten von versprengten
Wallonen, Musketiere, die ihre Gewehre verkaufen. Sie gehorchen nicht;
Weiber -- wessen Frauen und Tchter --, Khe, Ziegen treiben sie, die
verruchten Wallensteiner. Schwappen, wie er sie angreifen will, ins Reich
zurck, an ihm vorbei. Wie Sand durch Fugen, sind nicht zu stopfen. Als
htte der teuflische Friedlnder, bevor er das Haus verlie, alle Balken
eingesgt, Fundamente mit Pulver gelockert, Wnde durchstoen. Der
Brabanter, mit Abscheu Entsetzen gefllt, wurde von seiner Karosse in diese
brandenburgischen Gegenden gerissen, vor das widrige Zerstrungswerk des
bsen ungeheuerlichen Menschen. Die Schweden auf Usedom; Stettin
eingenommen, Schaumburgs Truppen in Grz, Greifenhagen verjagt; Demmin,
Brwalde. Nichts von Savelli, Torquato Konti, Schaumburg, die er anspannen
wollte vor seinen Wagen.

Die Karosse, vom Strom der Flchtenden zur Seite getrieben bei Brandenburg,
hielt. Er sah: das war das Ende, stand im Schnee, war allein, der
Feldhauptmann des Kaisers und der Liga. Vor dem sich Europa beugen sollte.
Zerrissen lag er einige Tage im Brandenburger Schlo. In schwerer
Erschtterung trug er sich herum; inwendig ausgekhlt unter der
Niedertracht des Bhmen. Er suchte sich zurck. Kaum ein einziges Regiment
fand er kriegsbrauchbar; die Verwstung der alten Armee, seiner Armee, war
bis ins einzelne gegangen. Noch sangen sie rechts und links Lieder vom
Friedlnder.

Er begann sein altes kleines Handwerk. Um Truppen zu haben, schleppte er
seine eigenen herauf; drei Regimenter aus Oldenburg und Ostfriesland,
sechshundert Reiter. Stumpf erwartete er sie. Und wie sie anrckten, war
keine Nahrung fr sie, kein Futter fr die Pferde da. Kaum seiner Sinne
mchtig, schrieb er; seine sehr matten Hnde schrieben dem Bayern, dem
bayrischen Maximilian Briefe wie frher; die Bundeskasse mute um Hilfe
angegangen werden; abgezhlte zweihunderttausend Gulden schickte man
herauf. Die Maschinerie arbeitete wieder, die Truppen waren da, da lagerten
sie, sie wollten Futter Heu Brot. Aus Mecklenburg war nichts zu holen:
Wallenstein, kam es zurck, hatte in sein Herzogtum Beamte seiner
bhmischen Verwaltung geschickt, die an sich nahmen, was nicht niet- und
nagelfest war; es konnte ihn keiner mehr beerben.

Vom Zorn angestachelt fand der Brabanter seine alte Zhigkeit und Klarheit
wieder; er wollte hier im Eis nicht zum Gesptt verkommen. Mit Sack und
Pack rckte er gegen den Knig vor, reizte ihn zum Kampf. Der Knig wich
aus, wich nach Pommern zu. Tilly gab nicht nach. Es mute gefochten,
geschlagen werden.

                   *       *       *       *       *

In der alten festen Stadt Magdeburg verpesteten Stallmann und der neu
entsandte Falkenberg, Gustafs Hofmarschall, die Luft mit Lsterungen des
Kaisers, Triumphliedern auf den Erretter Gustaf Adolf, solange, bis alles,
was evangelisch und eigensinnig in der Stadt war, zu den Schweden schwor
und ihnen glaubte: der Knig kommt bald.

Der Raufbold Graf Pappenheim, dessen Gesicht eine einzige Narbe war, der in
der Schlacht am Weien Berg fr tot unter Leichenhaufen gelegen hatte,
umzingelte die Stadt, knirschte sie in seine Arme hinein. Sie weigerte
sich, kaiserliche Besatzung aufzunehmen. Der Graf vermochte allein nichts
gegen die Stadt; er rief nach seinem Herrn. Der Brabanter lie den
Schweden. Er schwenkte. Langsam trollte er auf Magdeburg. Man sollte nicht
ber ihn spotten. Warnte voraus die Stadt im guten: Man hat fremde
undeutsche Potentaten ins Reich gelockt. Sie treten auf unter einem
glnzenden Vorwande, als wenn sie Glaubensgenossen Beistand leisten, die
deutsche Freiheit und Libertt verteidigen wollten. Und was dergleichen
Redensarten sind. Sie suchen nichts als eigene Herrschaft; werfen Frsten,
Herren und Stdten das Joch der Knechtschaft ber den Hals. Drin nderte
sich nichts. Rckte mit vielem Geschtz und groer Macht vor die Stadt;
nach sieben Tagen waren alle Schanzen vor der Stadt im Sturm erobert,
oberhalb Magdeburg eine Brcke geschlagen. Ein kaisertreuer Alter Rat
drngte zu kapitulieren, in der Stadt hielten sich Innungen und Gilden bei
den Hlsen; eisern arbeiteten Stallmann und Falkenberg gegen den sinkenden
Mut; auf die Kirchtrme lockten sie zweifelnde Rte, zeigten in der Ferne
Feuer und Rauchwolken, die vom Schwedenlager aufsteigen sollten, lasen in
den Stuben erlogene Briefe des Knigs vor, mieteten zum Schein schon
herrliches Quartier fr ihn. Denn ihre Order lautete: die Stadt mu den
kaiserlichen Feldherrn fesseln, bis der Knig mit Brandenburg fertig
geworden ist und genugsam Truppen hat; jeder Tag ist gewonnen.

Stallmann, ein listiger langleibiger Mensch, machte sich rechtzeitig an die
verwilderte Gilde der Schiffer und Fischer heran, die rebellisch in der
Stadt herumlungerte, von ihm Lohn empfing. Er stachelte sie damit: die
Reichen seien wankelmtig, wollten nur ihr verruchtes Regiment vom Kaiser
strken lassen, frchteten die Gerechtigkeit des Schweden. Da fand man
tglich Drohbriefe an gewissen Husern, berflle, Totschlge fanden statt.
Stallmann hatte die Stadt in der Hand; Falkenberg redete pathetisch im Rat:
Haltet aus! Habt Geduld!

Prangend die alte feierliche Stadt am mchtigen Elbstrom, von einem starken
begrasten Wall hinter dem Graben umgeben. Vom Sudenburger Tor quer durch
die Stadt der kstlich gezierte Breite Weg, an den hohen Trmen des
Krckentors endend; zu beiden Seiten Gewimmel von Gassen und Mrkten
entlassend. Nahe dem Sudenburger Tor und der dsteren Pforte der riesige
Neue Markt, an dem sich die Gewalt der Domkirche erhob, die kniglich
hinberblickte zu den Spitzen der andern Kirche Sankt Sebastian, Peter
Paul, Sankt Katharina, Sankt Jakob, Sankt Peter, Sankt Johannes, Sankt
Ulrich, Sankt Nikolai.

Und als Stallmann und Falkenberg sahen, da ihr Knig nicht herankam, weil
er gebunden war in Brandenburg, faten sie, abgesperrt von ihm, aber seinen
Gram mitfhlend, den Entschlu, ihm zu helfen wie sie konnten. Magdeburg
war nichts, die deutschen Brger jmmerlich verzagtes Lumpenpack. Sie
sollten nicht die Freude haben, sich und die schwedische Sache an den
kampflsternen Tilly zu verkaufen, so da alles umsonst wre, alle Hoffnung
ihres Knigs, ihrer Mnner, umsonst wre Schweden geplndert worden,
umsonst Borke von Bauern verschlungen von guten Schweden. Solche
Erbrmlichkeit sollte dem klglichen Gesindel, das sich Sonntags
evangelisch gebrdete, nicht gestattet werden.

Am Elbstrom, dicht vor dem Kirchhof von Sankt Johannes, lag das
Fischerbollwerk und Fischerufer mit den Huschen der Gilde. Den
gefhrlichsten unbotmigen Gesellen von ihnen, den kahlkpfigen heiseren
Hartmann Wilke, kaufte Stallmann. Sie wurden Brder; seine eigene
Magdeburger Liebste, ein ehrsames Frulein, zwang Stallmann, sich dem rohen
Wilke in die Arme zu werfen. Wilke hatte bald seinen Spa daran, da die
Stadt sich nicht wrde halten knnen; hereinkommen sollten nur die
Kaiserlichen, verwsten sollten sie, was die reichen Stnde
zusammengeschart hatten: er wrde sie nicht daran hindern; aber er und
seine Gildeverwandten, dazu die wilden Brder aus der Diebshenkergasse,
wrden helfen. Unmittelbar am Bollwerk beim Breittor waren die Pulvermassen
im Pulverhof aufbewahrt; es vergingen nicht acht Tage, Tage der zunehmenden
Verwilderung unter den Stdtern, da zahllose Tonnen Pulver verschwanden
aus den Magazinen, die Vorrte verteilt an die entschlossensten
gehssigsten Gesellen.

Ein blauer ser Maientag kam heran. Der Himmel prangte in Sanftheit, alles
war zum Leben hingebreitet. Da trug sich vom Neuen Werk her bei Sankt Jakob
das knurrende Untier aus der unkenntlichen Finsternis der
bltendurchhauchten trunkenen Nacht an den Wall heran, zerbrach mit den
Klauen Pfoten Bollwerk und Rondells, klatschte mit Ruck und Schwung seinen
bunten prallen Leib mitten auf die morgenlich leeren Straen, in denen hie
und da einer ghnend die Fensterladen aufstie, ein Mdchen im Vorgarten
seine Blumen bego. Mitten auf die Straen.

Minutenlang lag es wie verzaubert still, ffnete dann das Maul zu dem
herzlhmenden vereisenden Gebrll. So da die Menschen ihre Stunde wuten.

Nach wenig Zeit sollten sie alle bis auf einen kleinen Rest, Mnner Frauen
Kinder Kaisertreue Wankelmtige Herzhafte Alter und Neuer Rat als sonderbar
stille Kadaver auf der Erde, in den Stuben Kellern liegen mit trben
fragenden lchelnden bittenden verzweifelten Grimassen, in tollen
ungekannten Stellungen, nachdem ihnen ihre Seelen entrissen waren, wie man
einem Hahn den Kopf abreit. In die Elbe gestrzt auf Karren Betten Wagen,
was nicht auf Bden und zwischen Hafentrmmern faulte.

Als der riesige Krassier Pappenheim, Todesverchter seitdem er Mensch war,
mit den Regimentern Gronsfeld, Wenglas, Savelli das Neue Werk auf Leitern
erstiegen hatte, durch das Stcktor in die groe Lakenmachergasse gestrzt
war, blies der Kster auf Sankt Jakob Sturm, hngte eine schwarze Fahne
heraus. Mit Springstcken liefen schon kaiserliche Pikeniere, rote
Feldbinden, die Lakenmachergasse herunter, ber den Weinberg, durch die
Grten. Ihr Geheul, blutdrstige Gesichter: All gewonnen, all gewonnen!

Die Tren sprangen auf; die ersten Menschen niedergestoen. Der Strom der
Kaiserlichen wurde von rckwrts gespeist; in kochender Lavaflut berwallte
er die Straen. Vom Alten Markt zogen ihm fnfhundert kaisertreue Brger,
die rote Feldbinde schwingend, Weiber und Kinder in der Mitte, entgegen.
Waren im Augenblick von Kroaten und Wallonen buchlings rcklings seitlings
hingestreckt und zertreten.

Sie ritten schon, schwangen von oben die Klingen. Am Neuen Markt fluchte
Falkenberg unter dem Sturm von Sankt Jakob auf die schreienden Rte und
Innungsmeister, die ber ihrem Geznk die Grben htten vertrocknen lassen.
Sein Knecht schnallte ihm, whrend er ungeduldig stand und sich bewegte,
Halsbrnne und Beinschienen um; den eisernen Topfhelm ri ihm Falkenberg
aus der Hand, er entglitt ihm, klirrte auf die Steine. Der Schwede
wechselte, die Faust gegen sie aufhebend, zehn leise Worte seitlich mit dem
langen springfertigen waffenlosen Stallmann. Wie Falkenberg mit hundert
Reitern gegen die Kaiserlichen vorstie, hallte schwedisches Feldgeschrei
unverhllt und stolz im Breiten Weg. Viermal rannte er an, tausend
Kaiserliche wurden erschlagen, nahe dem Stcktor krachte er sthnend unter
Musketenschssen vom Pferde; das Tier bockte, schleifte ihn im Steigbgel
im Kreis herum. Sein Herz im Sterben erzitterte vor Freude, weil er sah,
wie an der Mauer die bettelnden Brger gespiet wurden und ein dnner Qualm
von allen Seiten wehte.

Denn zwischen schweren Reitern Pikenieren Musketentrgern flitzte vom
Fischerufer und Fhrgarten massenhaft lumpiges unheimliches Pack, kleine
Scke und Taschen auf Schultern Armen, erbrachen Huser, ehe die Sieger
eindrangen, stieen mit Dolchmessern beiseite, was sich in den Weg stellte,
schtteten in die leeren Dachbden, in die Keller Pulver. Feuer, kleine
Explosionen in allen Stadtteilen.

Flammen, Flammen, Flammen, Flammen, Flammen.

Stallmann schlug sich keuchend mit Wilke durch Brger und Soldaten, Pulver
werfend, die Kirchen sollten nicht vergessen werden. Raublsterne
Dragonerfhnlein rauschten prasselten durch die Straen: All gewonnen, all
gewonnen! Die splitternden aufgeschmetterten Tren.

Rauch, beizender brodelnder unendlicher Rauch. Unter dem blauen Himmel,
gegen den Himmel auf eine trbe weit auseinanderquellende Last, von Feuer
durchzuckt. Der Qualm zischte schwarz auseinander, fiel in die Stadt
zurck.

Vor der Domkirche lagen hundert Zentner Pulver; Wilke spannte die
Zndschnur: ein Rittmeister stie ihm den Sbel von hinten durch den Hals,
da das Blut neben der Kehle aus ihm strzte und er nach kurzem Zucken auf
den Mund fiel. Stallmann, gebckt mit der brennenden Lunte, wurde von
Pferdehufen getroffen; wurde umgeworfen, von Kroaten gefat wurde er mit
Stricken gefesselt, um vor den Profo geschafft zu werden. In ein Haus am
Neuen Werk geworfen sgte er den Strick an den Hnden mit einem
Glasscherben an, den er zwischen den Zhnen packte; ein glimmender Balken
sengte den Rest durch, bis ins Fleisch brennend.

Am Abend plauderte Gustaf Adolf vor seinem Zelt mit Lars Grubbe. Mit
wachsendem Staunen den feierlich bergluteten Himmel betrachtend. In der
Nacht drang Stallmann zu ihm. Der Knig bei der Kienfackel aufstehend kte
ihn stumm, als er verwirrt geredet gejammert und geflucht hatte. Und wie
sie vor dem Zelt standen, die Rte immer ungeheurer stieg, weinte Gustaf
Adolf; in Wut schwur er: Ich hoffe den Geier noch beim Aas zu ertappen und
ihn zu packen, wenn ich gleich meinen letzten Soldaten dransetzen sollte.

Pater Wiltheim ging mit Ordensbrdern nach zwei Tagen durch das glimmende
Sudenburger Tor in den Mauritiusdom. Wimmernde splitternackte Kinder,
halbtote Frauen hingen auf den hohen geschnitzten Sthlen vor dem Chor, am
Altar, im Schiff. Er wies sie, ein Dankgebet im Ornat sprechend, auf die
Heiligenbilder, die allerseligste Jungfrau, den heiligen Mauritius, mahnte
sie an ihren Abfall. Alle sprachen ihm den englischen Gru nach. Soldaten,
goldene Ketten um den Hals, Becher Schinken Kleider in Scken, halbnackte
Weiber treibend, grlten zum offenen Tor herein: Vor Jahren hat die alte
Magd dem Kaiser einen Tanz versagt, jetzt tanzt sie mit dem alten Knecht,
geschieht dem alten Mdchen recht.

                   *       *       *       *       *

Pltzlich saen die evangelischen Kurfrsten und Stnde in Leipzig und
jubelten ber ihre Stunde. Das Reich war bedroht vom Schweden, von einem
fremden Einbrecher, der Kaiser in Gefahr, sie wollten ihre Rache nehmen.
Mit ihren Hoftheologen zogen sie an, ihre eigenen Streitigkeiten begrabend.
Der schsische Prediger Hoe von Hoennegg erffnete den Konvent mit den
schallenden Worten des Psalmisten Assaph wider die Feinde Israels: Gott
mache sie wie einen Wirbel, wie Stoppeln vor dem Winde. Man blies die
Backen auf; mit dem Schweden sollte der Kaiser gezchtigt werden fr seinen
bermut, das Restitutionsedikt, die Pression der friedlndischen
Soldateska. Man hatte keinen, keinen Grund, sich dem Schweden
entgegenzustellen. Das war ein Krieg zwischen dem Kaiser und Gustaf Adolf;
die Stunde der Rache war da.

Von Leipzig gingen entschlossene Briefe nach Wien: sie wollten von den
groen unerhrten und ganz unertrglichen Drangsalen des Krieges befreit
sein, wollten in Zukunft Kontribution Einquartierung Durchzge nicht
dulden. Man kicherte in Leipzig: wie soll der Kaiser Krieg fhren, wenn man
ihm Quartier und Kontribution abschlgt? Gegen die katholischen Kurfrsten
hoben sie die Hnde auf, warnten mit Kriegsvolk sie zu beschweren, unter
welchem Vorwand auch immer. Man umarmte sich in Leipzig: dies hiee reinen
Wein einschenken. Der Brandenburger und Sachse waren da mit vielen Stnden,
man trank in allen Quartieren so viel, da der schwedische Gesandte aus dem
Lachen nicht herauskam. Die Deutschen aber saen auf ihren Bnken und
lieen sich bewundern wegen ihrer stolzen Briefe an den Kaiser.
Wiederholten unter schwedischem Applaus nach Wien: was die Liga knne,
knnten sie auch; wollten keinen, keinen in ihr Land lassen, wrden sich
ihrer Haut wehren.

Und damit gaben sie sich mutig eine Kriegsverfassung. Kursachsen begann ein
Heer auf die Beine zu stellen. Viele Lobsprche ernteten sie von Gustaf
Adolf. Am Tage Palmarum redete noch einmal Herr Hoe von Hoennegg, mit
Geschmetter preisend die tapferen Entschlsse des Konvents, zeigend auf das
grliche Geschick Magdeburgs, der stolzen evangelischen Hochburg, die der
Papist eingeschert habe in unbezhmbarer Wut. Umsonst aber werde er die
Krallen auf die schsische und brandenburgische Brust legen. Der
hochbetrbten Kirche wrden glckliche Stunden nahen. Dem allgemeinen
lieben Vaterlande deutscher Nation sei der ewige Friede in Aussicht.

                   *       *       *       *       *

Zwei Stze machte der Feldherr des Kaisers: einen nach Thringen, den
zweiten auf Sachsen.

Den ersten von Magdeburg auf Thringen. Stadt und Land war kahlgefressen,
brandverwstet. Tilly suchte Entschdigung, weidete sein Heer in Thringen.
Jetzt erhob er schwere Kontribution, sah die Freude seiner Soldaten, wies
die klagenden Brger ab. Er kaiserlicher Feldherr. War schon verwittert,
da ihn der Fluchname Brandstifter nicht berhrte; ja wehrte das Wort nicht
ab; es labte ihn heimlich, weil niemand zu merken schien, welch Unglck ihn
in Magdeburg betroffen hatte durch schwedische Infamie. Nicht einmal der
Triumph der Eroberung Magdeburgs war ihm zugefallen. Kirrte in Thringen
den Landgrafen von Hessen, der einen groartig burlesken Widerstand gegen
ihn inszenierte. Geschwollen rollten die vierundzwanzigtausend Mann auf
Sachsen, hielten an der Grenze.

Tilly sah die Entscheidung kommen. Das eitle trotzige Benehmen des dicken
schsischen Bierknigs reizte ihn. Wenn der Sachse so bliebe, er wrde ihn
binden. Von Sden strmten ihm neue guterhaltene Truppenmassen zu. Mit
vierzigtausend Mann fing er ber die Grenze eine Unterhaltung mit dem
Sachsen an; hatte Vollmacht den Kurfrsten zur Vernunft zu bringen. Er
fragte, wie es wre mit den Reden, die am Tage Palmarum in Leipzig gehalten
wren, wer die Stoppeln und der Wirbel wren. Der Kurfrst stammelte, man
mchte gut zu ihm reden, sei des Heiligen Rmischen Reiches Kurfrst.

Wer, fragte Tilly, kaiserlicher Feldherr, zurck, die Stoppeln und der
Wirbel wren: wenn drben des Reiches Kurfrst rede, ob hier nicht des
Rmischen Reiches Feldherr Wrtlein zu sagen habe.

Zu sagen, zu sagen! Er sei ein sanfter Landesvater, wolle sein Volk und
Land vor den Pressuren und Qualen des Krieges bewahren; man verdenke es ihm
nicht.

Sein Land ist Reichsland, wir mssen hinein. -- Er mchte es nicht darauf
ankommen lassen; man habe ein Heer, er wisse es vielleicht schon,
aufgestellt, um sich zu schtzen.

Her mit den Soldaten; es sind kaiserliche; der Kurfrst hat kein Recht auf
Truppen.

Da zog sich Johann Georg Socken ber die Fe, tapste nach Torgau. Klagte
und plrrte unterwegs viel; sei der treueste Reichsfrst, ihm tue man dies
an; was ihn die Hndel des Kaisers mit dem Schweden scherten, wolle sie
gewi nicht stren. Und dieser Gedanke rhrte ihn so, da er noch einmal
zurcklief an die Grenze Tilly gegenber, ihm dies zu verknden. Als wre
es eine Erleuchtung bedeutete er den Feldherrn; ihre ganze Unterhaltung sei
verkehrt gewesen, vorbeigeschossen; denn worum drehe es sich? Doch nicht um
den Kaiser und ihn, den untertnigen Sachsen. Sondern um den Kaiser und den
Schweden. Den Schweden. Hallo, groe mchtige Reichshndel zwischen der
Rmischen Majestt und der kniglichen Wrde aus Schweden.

Und? -- Und? Vermchte er, der beliebige Frst, sich anzumaen, sich in die
Hndel solcher Potentaten einzumischen und ihnen in den Weg zu treten.

Gewi nicht, grunzte es von drben. -- Warum also wolle man es ihm
verargen, wenn er seiner Wege gehen wolle.

Was, was wolle er mit seinem Heere. -- Man lasse das doch mit seinem
armseligen, unglckseligen Heerchen, es wre ihm lieber, er htte es nicht.

Also gebt mir euer Heer. --

Wieder wartete der Sachse, ob er mehr hrte. Zog sachte, ngstlich plrrend
auf Torgau. Gustaf Adolf hatte sich mit kleiner Kavalkade da eingefunden,
er empfing schmunzelnd in seinem Quartier den alten betrbten Herrn. Der
jammerte, dies sei der Dank dafr, da er sich neutral habe halten wollen.
-- Habt Ihr das wollen? drohte mit einer sehr lauten Stimme der
riesenhafte Schwede. Nicht doch, nicht doch. Nur sozusagen, vor dem
Kaiser. Wit doch, was ich meine. Ratlos winselte der betrbte Mann.

Gtig gab ihm der Schwede zu verstehen, es sei das beste, gerade Wege zu
gehen; man knne nicht dem Kaiser dienen und der evangelischen Kirche
Beschtzer sein wollen. -- Er hat mich nie angegriffen. Grob der Schwede:
Also rund: was hat der Herr vor? Nach langem Drcken brachte der Sachse
seinen Kummer heraus: ob Gustaf schon vernommen habe, da der Kaiser ihm
Meien, Naumburg, Merseburg abnehmen wolle auf Grund des
Restitutionsedikts. -- Kalt bejahte der Schwede. Die Finte stammte von
seinen Unterhndlern. -- Traurig legte Johann Georg seinen Kopf auf den
Tisch, weinte. Er sa rechts und links in der Klemme.

Man brachte Bier, um ihn zu besnftigen. Er schwur Stein und Bein, da er
treu zum Kaiser gestanden habe und dies nicht verdient habe. Vom Schweden
und seinen zudringenden Begleitern wurde ihm auseinandergesetzt, da Tilly
nichts weiter vorhabe im Augenblick, als ihm die Stifter wegzunehmen. Lange
zgerte Johann Georg. Man gab ihm viel zu trinken, um ihm den Entschlu zu
erleichtern. Pltzlich stand er auf: Zum Schaden den Spott wolle er nicht
tragen; er wolle spter nicht mit Schimpf in der Geschichte seines Hauses
genannt werden; man solle ihm noch einmal sagen, was der Kaiser von seinem
Besitz fordere. Wortlos schttelte darauf lange Minuten der Sachse den
dicken Kopf unter der Pelzkappe, whrend er starr vor sich glotzte: Es
soll ihm nicht gelingen! Den begleitenden Herren seines Hofes rief er zu,
ob sie gehrt htten; ihr Vaterland sei in Gefahr; die evangelische Sache
werde bedroht. Lebzelter brachte ihn zu Bett.

Am nchsten Morgen schlo er, den die Unruhe um seine Treue zum Kaiser und
um seine Stifter die Nacht schlecht hatte schlafen lassen, mit dem Schweden
einen Vertrag. Mit resignierten Blicken erklrte er seinen Rten: es sei
dahin gekommen, da er sein Haus gegen den Rmischen Kaiser verteidigen
msse. Sie besttigten es; Gustaf Adolf hatte ihnen goldene Ketten und Geld
geschenkt.

Wie ein Mann wollen wir zusammenstehen, sagte Johann Georg zum Schweden,
als sie sich die Hnde reichten. Rhrungstrnen vergo der weiche Sachse,
segnete beim Abschied den Schweden.

Der stand mit Oxenstirn, einem kmmerlichen Menschengestell, das ein
Schdelmonstrum auf dem Hals vorsichtig balancierte, und dem hinkenden
Grubbe, seinem Sekretr, hinter der abfahrenden schsischen Karosse.
Schaute die beiden abwechselnd an, perplex. Ist es wahr oder ist es nicht
wahr? Der Kursachse hat sich mir verschworen? Ist es wahr? Und dann ins
Haus steigend: Ich htte eher geglaubt, der Bayer verbndet sich mit mir
als der Sachse. Was hat er denn fr einen Vorteil davon? Aber Meien,
Naumburg, Merseburg! Mein Gott, Allmchtiger. Er fragt nicht einmal nach
beim Kaiser, er glaubt es mir! Grubbe grinste: Eure Majestt wirken sehr
berzeugend. Oxenstirn, was sagt Ihr dazu. Er glaubt das mit Meien. Ist
die Welt verrckt? Wir knnen ruhig sagen, Eure Majestt ist von Gott
gesegnet. Ihr knnt fglich noch ganz andere Sachen sagen, man wird sie
glauben. Da fhrt er hin. Erlaubt, Herren, ich mu mich erst beruhigen.
Grubbe kraute sich am Kinnbart: Wenn man es recht ansieht: was bleibt dem
Sachsen weiter brig als Euch zu glauben. Wir htten ihm die Insel Bornholm
anbieten knnen; er htte es glauben mssen. Der Schwede staunte noch: Um
dreier Stifter willen fllt ein deutscher Kurfrst von seinem Kaiser ab und
verrt ihn. Was fr ein Reich. Lngst reif, von schwedischen Hnden auf
seine Bauflligkeit geprft zu werden. Oxenstirn, der Sachse macht mir
Mut. Es ist eine Freude, im Reich zu sein. Melde nach Haus: unsere Sachsen
stehen gut, -- besser als ich ahnen konnte. Sie stiegen in ihre Wagen,
lachten Trnen zu dritt als Oxenstirn meinte: Es lt sich schn arbeiten
in dem Wald, wo die Bume laufen und betteln: Holz uns doch ab.

Es waren heie Sommertage. Dem Brabanter entgegen wlzte sich mit
vollkommener Ruhe Gustaf Adolf. ber Frankfurt nahm er seinen Weg, in der
Stadt verschttete er an einem Tage sieben kaiserliche Regimenter zu Fu,
eins zu Pferde. In seine Hnde fielen einundzwanzig Kanonen,
sechsundzwanzig Fahnen, neunhundert Zentner Pulver, zwlfhundert Zentner
Blei, siebenhundert Zentner Lunte, tausend eiserne Kugeln. Siebzehnhundert
Leichen waren zu begraben.

Er war schon kein schwedischer Knig mehr. Seine Stimme ertnte metallisch
von dem Religionskrieg, den er fhrte. Man mge zu ihm kommen wie der
Sachse Brandenburger und Pommer gekommen wre. Die Stunde der Abrechnung
mit dem katholischen bermut war gekommen. Herrisch trieb seine Stimme,
trieb zu Wut und Angst. Den Nahesitzenden, Geistlichen und Weltlichen jagte
er Schauer von Zorn ber. Sie wurden, erst fade lchelnd, dann verstrt
schwankend aus ihren Hhlen gescheucht, legten die Hnde suchend an ihre
Degen, mhten sich den Rumpf gerade zu halten und ihm entgegenzugehen.
Gercht wrden werden die Menschen -- drhnte es von drben --, die
armseligen, die in Magdeburg dem Feuertod durch Tilly bergeben seien. Die
Pflzer, deren Land verwstet sei. Die beklagenswertesten aller Geborenen,
die Bhmen, die gefoltert und gepeinigt wrden, ihre Habseligkeiten
verloren, ihre liebe Heimat verlassen muten, Bhmen. Man werde als
evangelischer Christ dies Land nicht vergessen, solange es einen reinen
Glauben gebe, werde des Scheusals nicht vergessen, das sich der Kaiser aus
diesem Land gezogen habe, damit er das Reich zu einem Hllenpfuhl mache,
des Friedlnders, der bis nach Dnemark seine Untaten trieb.

Mehr und mehr kamen aus den Hhlen, schwankten in sein Lager.

Wie er sich auf Wittenberg schob, hatte sein Heer dreiigtausend Mann zu
Fu und fnftausend Reiter. Und zahllose davon waren Deutsche. Liefen mit
dem Schweden, weil er viele Stdte erobert hatte, mit gutem franzsischen
Geld zahlte.

Er war so dick und schwer in seiner Rstung, da es im ganzen Heere nicht
fnf Pferde gab, die ihn tragen konnten. Streng und bigott war er.
Bigotterie gehrte zu seiner Geradheit, Entschlossenheit, Wucht. Er dachte
nicht nach, glaubte an Luther und das Evangelium so stier wie an die
Festigkeit seines Streithammers. Kannte keine Furcht vor irgend einer
berlegenheit.

Aber auch der gespenstige kleine Brabanter, der die Saale berschritt gegen
ihn her, kannte sie nicht. Er hatte einen tiefen Ekel vor dem Mann, der die
Religion ohne Unterla im Munde fhrte und ohne Unterla den frommen
katholischen Glauben schmhte, er, der Kriegsmann, den es anwiderte, da
der andere kein ehrlicher Krieger war. Er sehnte sich, ihn zu beseitigen,
drngte heftig vor. Nie hatte er, in keiner frheren Schlacht, solch
heftiges Verlangen gehabt, seinen Gegner zu schlagen. Wie er einfltig nach
Wien berichtete: dies sei kein rechter Feind. Geno die Freude, seinem
Herzensdrang ungesumt nachzugeben.

Die Hhen nrdlich Breitenfeld bezog er unter Trommelschlag und klingendem
Spiel mit seinen Massen. Sechzehn Regimenter zu Fu, sechzehn zu Pferd zog
er hinauf. Der Schwede und Sachse kamen an.

Sie konnten nicht rasch genug ihr Blut mischen.

Von morgens neun bis mittags vier wurden achttausend zu Leichnamen aus
Tillys Soldaten, fnftausend aus den schwedischen und schsischen gemacht.
Unter den schweren Krissern zerri sich vor Kriegswut Gustaf Adolf, sein
ungeheurer Gaul mochte ihn tragen wohin er wollte. Ihm war die Welt
versunken. Gott mit uns, schrie er automatisch, sein Schwert raste, hatte
teil an seiner Bestimmung. Das Leben der Leichen stieg strmisch in ihn
ber, machte sein Gehirn trbe und trunken, dehnte ihn zum Klagen und
Platzen. Er prustete im Schlachten, wieherte wie ein Hengst. Sein Schwert
kmmte, er kmmte die Kaiserlichen, war ein Barbier. Gott mit uns,
brllte er. Die Leben blhten ihm erstickend zu, er konnte sich ihrer nicht
erwehren, es war zuviel. Kanonenkugeln sausten ber ihm; eine fegte ihm den
weien Hut mit der dicken grauen Feder ab; er atmete tief den Luftzug, der
mit ihr kam; wenn bald wieder einer kme.

Sie schlachteten sich mit groer List ab, suchten sich den Wind abzufangen,
um den andern vom Staub blenden zu lassen. Als ein einziger mchtiger Klotz
auf spanische Art gefgt, stand Tillys Heer da, das Treffen zehn Glieder
tief, gespalten in sehr groe tiefe Vierecke. Der Feind kam an, Livlnder
Kurlnder Finnen Schweden Sachsen, den Wind im Gesicht, den breiten
Loberbach berschreitend, sein Gestrpp durchbrechend, bewegliche Brigaden,
auf den Flgeln Reiter mit Musketieren wechselnd. Seine Kavallerie sprengte
drei Reihen hoch, scho, wie sie das Weie im Auge sah, zwei Salven, zog
den Degen.

Tillysche Regimenter gaben eine Salve ab. Die Sachsen warfen das
Hasenpanier auf, Fahnen und Geschtze lassend. Tobend sprangen die
Kaiserlichen in die Lcke, drehten die schsischen Kanonen um auf die
schwedischen Regimenter. Die klammerten sich an den aufgerissenen Boden,
massierten sich dichter von Minute zu Minute.

Und wie ein Trompeter nach langem Ziehen aus tiefster Brust einen endlosen
schmetternden Schrei von sich gibt, der sich wie eine Schwalbe in den
Wolken verliert, so stieen die Schweden aus vierundfnfzig Geschtzen eine
Feuerwoge ber die Deutschen, eine viertel Stunde, eine halbe Stunde, eine
Stunde, zwei Stunden, die Luft anfllend mit Fnfpfndern Zehnpfndern,
anwachsend und nicht nachgebend mit halben Kartaunen, stampfend stampfend
mit ganzen Kartaunen. Wie eine Mauer, im Fundament erschttert, brach lange
an sich haltend schwer das deutsche Heer ber das Schlachtfeld hin. Strzte
die Reiterei, wurde begraben das Geschtz, das Fuvolk.

Auf die rieselnde staubende menschenstreuende Flucht nahm Regiment Kronberg
den verlorenen Brabanter mit. Das Morden in ihrem Rcken ging weiter. Sie
hrten den frenetischen Knig im Dunkel Viktoria auf dem Felde schieen. Er
schrie schweitriefend, halb besinnungslos lachend, nach allen Seiten
winkend: Gott ist lutherisch geworden, Gott ist lutherisch geworden. Tote
wurden in der hereinfallenden Nacht weit und breit gest, die Schweden
blieben an der Arbeit.

Tilly floh, floh, tat nichts als fliehen.

Hinterher marschierten die Regimenter Starrschdel schwarzgelb, Lser
rotwei, Klitzing blauwei, Arnim rotschwarz, Schwalbach rotgelb,
Stllhanske, Wunsch, Tott, Westgotland, Smaland, Ostgotland.

                   *       *       *       *       *

Als von den Wiesen und vom See her weie Nebelschwaden unter den Brcken
gegen die Stadt zu schwammen, die stlichen Straenzge Mantuas
durchwanderten, stieg frstelnd der Kaiser, weigekleidet aus dem Wagen, um
an die Huser zu treten. An der Karmeliterkirche, bei der Brcke Sankt
Giorgio, wo sie als Mdchen die erste Kommunion empfangen hatte, wollte ihn
die Kaiserin in ihrem Wagen erwarten. Die voranreitenden Hatschiere suchten
unter den Ruinen; an einer abschssigen Gasse sah man unten einen Wagenzug,
Reiter voraus, sechsspnnige kaiserliche Wagen, Tren geschlossen. Die
Hatschiere Ferdinands gaben den kaiserlichen Trompetenruf; die Tren
blieben geschlossen. Langsam wanderte Ferdinand die verdete morastige
Gasse herunter; wie er den ersten Wagenschlag ffnete, schluchzte es drin.
Er hatte es erwartet, setzte sich neben Eleonore.

Die Tiere zogen an; sanft sagte er, die Schulter der Schwarzverschleierten
umfassend: Bei den Karmeliterinnen habe ich dich gesucht. Aber du konntest
wohl das Kloster nicht finden. Hast du es gefunden? kam nach langem
leisen Weinen unter dem Schleier hervor. Die Stadt sieht schlimm aus,
Eleonore. Was ist dies fr ein Glck Krieg fhren. Dein Vetter htte es
besser gehabt, wenn er zugegriffen htte bei meinem Friedensantrag. Nun
liegt alles verderbt da; er mu die Franzosen bitten, seine Schulden zu
bezahlen. Mir ist an meinem Vetter nichts gelegen. Du hast Frieden mit
ihm gemacht; warum ist Mantua nicht geschont worden. Er kam meinen
Generalen zu spt, Eleonore, mit seiner Nachgiebigkeit. Und ich? Und ich?
Warum hast du mir das angetan? Weine nicht. Ich will dir alles wieder
aufbauen. Ich will es nicht. Es ist geschehen. Du hast es getan. Es ntzt
nichts mehr. Es ist geschehen. Er blieb still: Wie sollte es anders
kommen. Ich konnte es nicht mehr aufhalten. Du hattest es in der Hand,
doch und dennoch. Du hast in Regensburg deinen Feldherrn entlassen, es lag
bei dir. Ihm ist kein Unrecht geschehen; Nevers hat kindisch gehandelt,
er wollte mit mir spielen, ich war es meinem Amt schuldig, Eleonore, nicht
nachzugeben. Deinem Amt? Nein dir, dir. Und mir? Mir bist du nichts
schuldig. Mir wird meine Heimat zerschlagen, wie man eine Ketzerstadt
zerschlgt, wie man Magdeburg zerschlagen hat. Auch in Magdeburg haben
Frauen und Kinder geweint. Ich hab' es vorher gewut. Sie hatte ihren
Schleier zurckgeworfen, ein weiglhendes Gesicht bot sie ihm, der Wagen
hatte angezogen, sie fuhren langsam ber Schutt. Dicht sa sie an ihm,
beide Hnde an ihren Schlfen, flsternd: Versteh mich doch recht,
Ferdinand. Wenn in Magdeburg die Frauen weinen und du dennoch befohlen
hast, die Stadt zu verwsten, -- ich fasse es nicht. Und wenn die Frauen
weinen, meinetwegen, sag', es sind beliebige Frauen. Aber ich, Mantua, sieh
doch, Mantua, wohin du mit mir reist. Ich mu trauern, mein Kind, gewi,
mit dir. Um diese schne Stadt und fr dich. Sie stierte ihm lange ohne
Verstndnis in die ruhigen wehmtigen Augen; sagte dann zgernd: Weit du,
Ferdinand, bse sein von Natur ist ein Unglck, der Mensch ist wohl dann
wehrlos gegen seine Mitgift. Aber wie du, bse sein wollen, wissen da man
bse ist, das ist mehr als schlecht und sndhaft. Wie ist es dann?
Grausig, du fragst noch? Das willst du auch wissen? Ekelhaft. Ich hab's
gesagt.

Ihre Augen brannten gegen ihn, sie ri den Schleier wieder herunter. Sie
fuhren schweigend in einem Nebelmeer. Er fing an: So ist mein Amt, so bin
ich durch mein Amt geworden. Es gab einmal eine Zeit, wo ich dich in jedem
Punkt verstanden htte, als ich diesen Wallenstein nach Ungarn hinter den
Mansfeld geschickt hatte und mir Schandtaten gemeldet wurden. Damals wollte
ich ihn wegschicken. Er bot es selbst an, meine Zweifel erschienen ihm
komisch. Alle Rte widersprachen mir, die frommen Patres. Ich habe mich
gewhnt daran. Jetzt kenne ich nichts anderes.

Beim Kloster der Ursulinerinnen vor der Stadt hielten sie im Nebel. Nach
einer Weile stiegen sie aus. Durch ein Seitentor traten sie in die Kapelle.
Der langgedehnte dunkle Raum, schwankendes Licht von brennenden Kerzen am
Altar vor aufblinkenden bunten Bildern. Seitlich von oben tnte eine
mnnliche tiefe Stimme. Die Nonnen kniend, kopfgebeugt, Reihe hinter Reihe.

Ihr fhlt, es graut euch, ihr seid ausgestoen, weil ihr Weiber seid. Ja,
ihr ngstigt euch, der Fluch liege auf euch. Der Teufel treibt sein Spiel
mit euch; gegen wen Satanas am grimmigsten seine Zhne fletscht, dem hlt
er ein Weib vor; so wre es das beste, man rotte das ganze weibliche
Geschlecht auf einmal aus.

O, verzagt nicht, christliche Schwestern, o gedenket, da ihr Menschen
seid. Gedenket dessen, der fr uns alle am Kreuze hing.

Seine Mutter war Maria. Ja, Jesus hatte eine Mutter. Stndlich seht ihr
Christum, den Herrn, am Kreuze hngen, seht seinen klagenden Mund, seine
brechenden Augen, ihr weint ber die Lcher, die in seine heiligen Glieder
gerissen sind, ihr seht den strmenden Blutquell aus seiner Seite, mit dem
er die Welt begleiten kann.

Ihr seht Jesum hngen.

Maria habt ihr nicht gesehen.

Es ist nicht ihr Bild, das glckselige Lcheln der Mutter, die
Hingestrecktheit vor dem Kreuze, der Graus, die Erstarrung unter dem, was
ihrem Sohn geschah.

Die goldenen Haare, die wonnigen Lippen, die Brust, mit der sie ihn einmal
stillte, die Arme, mit denen sie ihn einlullte, der Scho, in dem sie ihn
trug, die Fe, auf denen sie mit ihm herumwandelte. Maria habt ihr nie
gesehen.

Sie hing nicht am Kreuze wie ihr Sohn. Ehe ihr Sohn geboren war, war sie
fast vernichtet worden, hatte sie schon alles durcherlebt. Allen Schmerz,
den ihr Sohn grausend und zu unserm Heil durchfhlen mute, hatte sie
vorgefhlt. Denn in ihres Leibes Fleisch fra die Liebe Gottes, die
zehrende, zerreiende, schmelzende. Gottes Liebe zu Maria ist nicht wie das
Blatt einer Rose, das ber ein Gesicht fllt und streifend einen Duft
hinterlt, unter dem sich die Augen glckselig betubt schlieen. Es ist
kein Fltenhauch, Sommerfaden vor dem Wind. Wen Gott berhrt, der wei nur,
was Sterben heit. Bitter, so bitter voller ttender Stacheln ist seine
Wonne. Wen Gott berhrt, der wei nicht, da dies die Berhrung Gottes ist.
Er kennt keine Beruhigung. Wer so empfangen wird, dem kann nur Tod und
Ewigkeit mitgegeben sein auf seinen Weg und kann nicht lange auf dieser
Erde verweilen. Als Gott Maria berhrte, wurde fr Jesu das Kreuz
aufgerichtet. Er ist der Sohn seiner Mutter; das Entsetzen der Menschheit
aus der Berhrung mit Gott trug er mit sich in sein Leben und in unser
Dasein. Siedendes Berhren von Feuer und Wasser; sein Leben nichts als ein
Rauch, eine schmerzensreiche Flucht aufwrts.

Maria!

Maria! Mutter Christi!

Lat sie uns lobpreisen. Von allen Frauen sie die erwhlte, von allen
Menschen die erwhlte, unsere Frsprecherin beim ewigen Thron, unsere
Besinnung, unsere Befreiung, Befriedigung, Beseelung. Himmlisch war sie, zu
unserem Glck, da sie Gottes Blick auf sich zog, sie das Wunder der Welt.
Der Wein ihres Brutigams, seine seufzerquellende Traube. Maria! Du
Schnste, du Seste, du Herrlichste, Gottes erschlossener Garten. Der
Wohllaut der Erde.

Aus ihrem Krper quillt alle Strke, ihre Adern dehnen sich aus und senken
sich in unser Herz, in das Herz der Erde, wie Wurzeln. Das Lebende, Sonne
und Gestirne zieht sie an sich. Ihr Herz drngt sich hoch, uns zu tragen,
alle, Schwestern euch, Brder uns. Ihr Leib wlzt und whlt sich. Ihre Fe
zittern und schlagen wie ein Frost unter ihren Kleidern. Sie blutet, sie
gebiert unser Glck.

Lat uns weinen, liebe Schwestern, weinen und beten zu Maria. Lat uns auf
sie hoffen und uns freuen.

Durch das Bistum Brixen, ber Lienz, Judenburg kehrte der Kaiser langsam
nach Wien zurck. In der Hofburg begannen die Empfnge; Adlige und Stnde
wollten den zurckgekehrten Kaiser begren.

Man machte einen ungeheuren Saal fr sie auf. Wer auf die glatte
weitquadrierte Flche hinblickte von der Tr, wurde hilflos, Schwindel
erfate ihn. Die Decke war ein Urwald von Quadraten, Rechtecken, Achtecken,
Balken um Balken, schwarze, berwuchert von Bildern, die ber ihren Rahmen
hinausgriffen, ber die halbe Decke fluteten, pltzlich abrissen. Und dicht
unter der Decke, an den Pfeilern, der von zwanzig Fenstern aufgerissenen
Lngswandungen spieten Hirschgeweihe hervor, Pfeiler um Pfeiler gekrnt
von ungeheuren Hirschkpfen, wild herausblickend aus gemaltem Rankenwerk
von Blttern, Blumen, sten, oft noch Tierbeine auf die Wand aufgesetzt.
Riesige Tafelbilder von den Wnden herunter, die Stirn nach vorn senkend,
knapp ber dem Boden aufgestellt. Aus dem niedrigen Prunktor der
Schmalwand, das von steinerngrauen lanzentragenden Rmern bewacht wurde,
ber dem sich bis zum Plafond ein wimmelndes Schlachtengemlde auswirkte in
greller Buntheit, aus dieser dunklen engen Spannung quoll der farbige
Hofstaat.

Auf der purpurbezogenen Thronbank unter dem goldenen glatten Holzbaldachin
saen hutbedeckt nebeneinander Kaiser und Kaiserin. Helles weies
Morgenlicht aus den zwanzig Bogenfenstern. Da kamen ber den Parkettboden
die Mnner und Weiber angeschritten, die schloentstiegene frhliche
Erdenherrlichkeit. Sie schritten wie bei einer Hochzeit zum Fackeltanz, die
schmuckreichen Paare, wehende Brte, schaukelnde Rcke. Ein Balken ber dem
Tore, durch den Aufbau eines silbernen Ritters Georg, von Lwen besprungen,
geteilt; abwechselnd klangen Stimmen von einer Seite, bliesen aus langen
goldenen Posaunen von der anderen Seite rotgekleidete Mnner herunter. Die
weitrckigen seidenbeschuhten Damen, Kornhren im Haar der blonden
lachenden Gestalten. Stolze nackenbiegende Kpfe, zhneentblend, Hlse
von Ketten umspielt, gedeckt die Schultern von Hermelin, die
fleischstrotzenden Arme nackt, offen im breiten Ausschnitt die geschwellten
Brste wiegend. Die Knie langsam fgsam wechselnd unter den flieenden
Atlasvorhngen, Schleppen hinter sich lassend, wie Hndinnen ihren Geruch.
Die weien Arme, peitschen- und zgelgewhnt, schleppten rafften die Masse
der Kleiderpracht. Auf dem Postament der starken Schenkel trugen sich
biegsam mit der Posaunenmusik die feinhutigen gepflegten duftgebadeten
Leiber, in denen sich bewegte wie in einem Zauberkessel das verwhnte
begierige Herz, die tiefatmenden Lungen, der weinschtige Magen, der lange
weie Darm gesttigt und gestopft mit Pasteten, Pfirsichen, gebratenen
Kramtsvgeln, die heien kostbaren Verstecke und Wege der Zeugung. Die
Augen, die offen sind fr prunkende Bilder Maskeraden Schlittenfahrten,
prschende Hunde, Tnze in gedrngten Slen, die Mnder, die befehlen beten
kssen, Lieder singen, Ohren, die offen sind fr glckliche Worte. In
Atlaskleidern, gebndigt von weien sinkenden Armen. Das kniewiegende
stolze Chaos heranschreitend, das der Sonne, der Luft, den Blumen,
Gewittern trotzt.

Gebckt auf der Purpurbank sitzend, den graubrtigen Mund leicht geffnet,
empfing der Kaiser ihren Anblick, warf ihnen Hnde entgegen. Sein Kopf
versank zwischen den hochgedrngten Schultern, der hohe weie
Hermelinkragen schob sich ber den Nacken und hinter die Ohren herauf.
Seine Beine breit nebeneinander gestellt schoben seinen Krper hoch. Er
wand die manschettengeschmckten Arme aus dem schweren Thronmantel. Sie
rauschten sicher an ihm vorbei, ihre starken lchelnden Leiber beugten sie
vor ihm, er schwang stumm, wie er ihnen entgegenstrahlte als einer
glcklichen Selbstverstndlichkeit, beide Arme seitlich zu der herrischen
trauervollen Frau neben ihm, als wenn er sagte: Nicht mir. Sie lchelte,
und als wenn sie sich an der schmetternden stoenden Musik und der
herangefhrten Menschenpracht wrmten, verdunkelten sich ihre Augen und
schwammen in Feuchtigkeit.

Immer erneut die festen Mnder zum Essen Trinken Beten Singen,
knierauschende Atlaskleider, von weien bloen Armen gebndigt, ohne Scham
auf den wandernden Postamenten das begierige Herz, der weinschtige Magen.
Die goldenen Posaunen bliesen, das Tageslicht verfinsterte sich unter
Wolken, es wurde in dem ungeheuer durchschrittenen Saal keinen Augenblick
bemerkt.

Die Kaiserin, von blauem Samt lose umflossen, an ihrem goldenen Brustkreuz
spielend, sa auf einem berdeckten Balkon die Fe auf eine niedrige Bank
ausgestreckt. Die stumpfgesichtige Grfin Kollonitsch, vollbusig milde,
lehnte sich ber das marmorne Balkongitter, einen Arm um das Bein einer
Amourette, blickte freudig und erschpft in das grne Blttergewhl des
Parkes trllernd: Wem siehst du nach? fragte die Kaiserin. Ich? Wem sah
ich nach? Ich sah in die Bume. Wer luft da? Ich hre doch jemand
laufen. Im Park, Lore? Ja, wo denn. Wer luft da? Die Grfin noch in
Atlas, dunkle Nelken in dem hochfrisierten Haar, gegen den Stuhl der
Kaiserin, die sich auf dem linken Ellenbogen hochstemmte, sah zu ihr
fragend herunter.

Wie die sich ganz aufgerichtet hatte, gespannt nach dem Park hinhorchend,
klang von unten ein unsicheres Scharren, absatzweise, als riebe jemand an
einem Baume, als fiele ein Ast, glitte einer vorsichtig ber Sand. Im Nu
war die Kaiserin auf den Fen. Blick, Mienen, Hnde rasten: Hrst du
nicht, wer ist da. Da unten geht einer. Die junge Kollonitsch wich
ngstlich gegen die Balkontr, die Kaiserin scharf herunterugend, wo nur
grner Park und Kieswege waren, sprang zurck, suchte an der Grfin: Was
hast du da. Hast du keinen Stein oder ein Messer. Sie lief in das Zimmer,
die Grfin wollte zur Tr, die Wache rufen, die Kaiserin hielt sie mit
wildem Ausdruck fest: Ganz still. Ri eine Pike, ein kleines Handbeil von
der Wand; die Pike lie sie neben sich fallen, mit dem Beil strzte sie an
das Balkongitter, nach kurzem Suchen schleuderte sie die angehobene
aufblitzende Waffe zwischen die Bume. Horchte herunter; als alles still
blieb, lief sie an der sprachlos stehenden Grfin vorbei wieder in das
Zimmer, zerrte die Pike hinter sich, keuchte, suchte den riesigen Schaft
auf das Gitter zu ziehen.

Und als er da oben lag, keuchte sie sich hochrot: Komm hilf. Die kam
langsam an, fate, immer die Kaiserin anblickend, den Schaft mit an. Einen
Moment streifte die Kaiserin ihr bewegungsloses fragendes Gesicht mit einem
Blick, blieb dann an ihrem Gesicht hngen, Hand an Hand mit ihr den Schaft
haltend. Sie sahen sich an.

Die Kollonitsch fragte bittend, leise: Was machen wir? Die andere schob
noch an dem Schaft, suchte unten zwischen den Blttern, heftete sich ruhig
an die ratlosen Mienen der Grfin, lie mrrisch, verlegen, noch fliegend
von der Stange: Sieh, wer da unten ist. Die Grfin stand steif: Es kann
doch niemand in deinem Park sein. Lange sah die Kaiserin, leicht am ganzen
Krper zitternd, vom Balkon herunter; dann sich zurckwendend: Denk, wenn
das ein Mensch gewesen wre, wre er tot. Die Kollonitsch schleifte die
Stange ins Zimmer; wie sie bei der anderen stand, sich die Handteller rieb,
hauchte sie: Es ist ja keiner unten gewesen. La mich, la mich, wehrte
die Kaiserin ab, die sich heftiger zitternd und sehr bla, seufzend auf
ihren Sessel fallen lie, um ihre Fubank bat. Sie wiederholte mit grellen
Blicken gegen den Balkon: Denk, ich htte ihn umgebracht, wenn es ein
Mensch gewesen wre.

Nach kurzem Besinnen setzte sich die schwarze Kollonitsch, die Schleppe
heraufwerfend, neben sie: Aber ich habe ganz vergessen, dich nach dem
Empfang zu fragen. Es waren so viele, weil wir dich trsten wollten. Und
nun sag', hat es dich erfreut. Ihr seid freundlich und lieb. -- Was war
das eben nur? Verstehst du es. Ich hab' mich erschreckt, nicht wahr? Ich
hab' mich selbst erschreckt, Leonore. Es war nichts. Also: es hat dich
erfreut. Eins aber sag' ich dir, Angelika, damit beugte sich die
Kaiserin vor, drehte den Kopf, runzelte drohend die Stirn, ich habe nichts
dazu getan, wenn es einen getroffen htte. Ich habe mich erschreckt, und --
wie sonderbar, ich bin eine Frau und kam auf den Einfall, ihn
totzuschlagen. Sie zitterte wieder heftiger, ihr Kleid raschelte.

Es war herrlich, wie der Chor sang. Die Kaiserin schttelte den Kopf,
trumte mit wandernden Augen: Ja, Angelika. Spter: Ich bin besessen,
Angelika, ich frchte mich. Sag es nicht weiter. Wenn es der Bamberger
Bischof erfhrt, der Philipp Adolf, macht er einen Hexenbrand aus mir.
Lache nicht. Wie ist es mglich?

Sie nahm, als die Kollonitsch gegangen war, gedankenlos den kleinen Spiegel
vom Tisch. In einem sechseckigen Elfenbeinrahmen stand er; ihn umgaben
Menschen, Mnner und Frauen, nacktleibig sich um seine geschliffene Randung
hebend, schwimmend gegen die Hhe, auf der der Weltenrichter Christus
thronte mit dem Schwerte, angebetet kniefllig von zwei Gestalten. Ohne
sich zu sehen, hielt sie ihn vor ihr Gesicht; dann erblickte sie sich,
bedeckte den Spiegel mit der Hand: Wie kann ich ihn verwnschen, wenn ich
selber so bin. Ich bin vom Teufel besessen. Ich bin's. Er ist in mich
gefahren und hat mich.

                   *       *       *       *       *

Aus Halberstadt am vierten Tag nach der Schlacht machte sich der blasse
deutsche Leutnant Regenspurger mit einem Brief des verwundeten frommen
Generals auf. Wurde in Wien sogleich vor den Frsten Eggenberg gefhrt. Die
Girlanden wanden sich am Plafond des langen rechteckigen Raumes in dem
Kerzenlicht; dem jungen Reiter, der zu erzhlen anfing, trufelten die
Trnen aus den Augen. Der alte Frst behielt ihn bei sich. In vollster
Bestrzung bat er seine Freunde Trautmannsdorf und den Abt Anton zu sich.
Sie fanden ihn, als sie nach Stunden eintrafen, noch auf demselben Stuhl
sitzen, auf dem er den Leutnant angehrt hatte, grau im Gesicht, vergrmt
das Kinn aufsttzend. Er sei, gab er kopfschttelnd von sich, keines
Gedankens mchtig, sie mchten selber lesen, was des Feldmarschalls Tilly
Liebden geschrieben habe von der Schlacht mit dem Knig aus Schweden.

Und whrend sie lasen, jammerte er, er knne nicht denken, er werde gehen,
er msse sich zurckziehen vom Hofe. Im seidenen blauen Schlafrock
schlrfte er ber den Teppich; sie sprachen unter sich; er sa da, spielte
mit seinen kalten blauen Hnden, hrte nicht zu und pltzlich blickte er
sie klglich nacheinander an, horchte, was sie redeten, als wenn er sein
Urteil erwarte.

Der bucklige Graf sezierte mitleidlos, die Augen klein kneifend: jetzt
knne jedenfalls das Reich auseinanderfallen, auch mit den Kurfrsten; man
htte sich ja vorher gefrchtet, ohne sie zu bestehen. Der Frst wandte
sich fast verzweifelnd an den Abt, der ihn traurig ansah: aber er htte ja
gerade die Kurfrsten gewhlt, weil sie ihm sicher schienen fr das Reich,
sicherer als der Friedlnder. Trautmannsdorf schob frostig die Arme
aneinander, beschnffelte den Brief: man habe sich eben getuscht,
getuscht, getuscht. Was nun? flehte der Frst. Abt Anton strich ihm die
Hnde, Trautmannsdorf blieb dabei, die Hauptsache sei, zunchst zu sehen,
da man sich getuscht habe. Eggenberg winselte: Was wollt Ihr von mir.
Ihr wit, wie ich mich dem Erzhause und Kaiserhause gewidmet habe, wie ich
es gemeint habe mit dem Kaiser von seiner Jugend auf. Ich habe mich
getuscht, Ihr httet es verhindern knnen. Rettung, seid gndig,
Trautmannsdorf. Anton stellte sich hinter den Frsten, sanft sprechend
neben seinem Ohr: Ihr tut ihm ja Unrecht, Frst. Er will Euch nicht
qulen, er will nur Klarheit. Ihr kennt ihn doch. Trautmannsdorf:
Schlsse zu ziehen aus der Situation ist ganz berflssig. Man braucht nur
die Ausgangsdaten nebeneinander zu stellen, so ergeben sich die Schlsse
von selbst. Angstvoll hing Eggenberg an seinem ruhigen Gesicht, drngend:
Wie also? Der Graf trommelte nervs, er wolle seine Weisheiten schon dem
Frsten nicht aufdrngen, geschweige denn die Trivialitten. Was denn, was
denn? bettelte der Frst. Auf den vorwurfsvollen Blick Antons wurde der
Graf herzlicher, sprach leise, las mit ihnen den Brief noch einmal durch
und erklrte: einrenken sei die richtige Behandlung. Wenn man ein Glied,
mit dem man bisher gut gegangen sei, ausgerenkt habe, in der Hoffnung noch
besser zu gehen, nun, so renke man es wieder ein, wenn man den Schaden
bemerke. Der Frst war aber viel zu verwirrt. Er verfiel in ein
verzweifeltes Selbstanklagen, man mute ihn beruhigen, dann beteuerte er
wieder seine Unschuld.

Tags drauf empfing ihn der Kaiser; der Leutnant Regenspurger war zur
Audienz geladen, erstattete zaghaft seinen Bericht. Milde erkundigte sich
Ferdinand nach seinen Eltern und wo er in der Schlacht gefochten habe,
sprach seine Freude aus da er entronnen sei. Er lie seinen
Obersthofmeister rufen: man mchte den Leutnant bei Hof gut unterhalten,
ihm hundert Taler zum Dank fr seine Meldung verabfolgen, und der Leutnant
mchte sich vor seiner Abreise noch melden.

Dann, allein mit dem Frsten, der noch kaum gesprochen hatte, betrachtete
der Kaiser lange seinen unglcklichen alten Freund. Was in ihn gefahren
sei, wie er aussehe, ob er sich wieder krank fhle; er htte sich dann
hinlegen mgen; warum habe er sich in diesem Zustand bemht. Eggenberg nach
langem Schlucken gab nach, strzte dem Kaiser, der vor seiner
Schreibkommode stand, zu Fen, weinte schluckte und schnarchte hilflos.
Verwundert trat Ferdinand zurck: was er denn wollte. Dann stammelte
Eggenberg, der jede Haltung verloren hatte, um Verzeihung. Ja, wofr, ob er
die Schlacht bei Breitenfeld gegen den schrecklichen Ketzer verloren htte;
ob sich sein lieber alter Eggenberg einbilde, der liebe Gott zu sein, der
alles fge; und schlielich, wir mssen uns fgen und nachdenken, wie
alles zusammenhngt. Der kleine Frst stand mit blutrotem Gesicht auf;
Ferdinand lchelte, wie er an seinen Spitzenmanschetten zupfte,
nhertretend: aber krank sehe Eggenberg aus und er sei doch damals beim
Regensburger Tag nicht folgsam genug in Istrien geblieben. Eggenberg
hauchte aufblickend: er htte nicht ruhen knnen aus Sorge um das
kaiserliche Haus.

Der Kaiser, dem Gelut von Sankt Stefan lauschend, setzte sich auf seinen
breiten Stuhl, einen Abtstuhl, dunkles Buchsholz, ber Armlehnen,
Rckenlehnen, braune stille Figuren, die sich gegen Hand und Nacken des
Sitzenden bewegten, faltenwerfende Mnner, betende Frauen, singende
haarflechtende Mdchen. Frauen mit Suglingen an der Brust, segnende
stabgesttzte Bischfe. Er htte es sich gedacht, gab er von sich, sie
drngten ihn, drngten ihn, wollten die Gewalt in ihren Hnden haben und
nachher knnten sie sie nicht meistern. Nun stnden sie da wie arme Snder
und es sei ihnen klglich ums Herz.

Ferdinand hatte die Knie bereinandergelegt, seine Hand befhlte einen
Sugling, der am Bein der Mutter herunterrutschte. Am meisten jammere ihn
sein Vetter Maximilian, der stolze Mann; ein unerbittlicher Feind stnde
nicht weit vor seinen Grenzen. Da man sich nicht niederdrcken lasse von
dem Zufall, da man dem Bayern gleich ausreichende Hilfe gewhre. Wir sind
ungerstet, Kaiserliche Majestt; wir wissen jetzt nicht, wie uns unserer
Haut wehren.

Schreibt ihm, er solle unbesorgt sein. Wenn er sich frchtet um seinen
Vater, solle er ihn herschicken zu mir. Sie sollen bei mir als Gste
wohnen.

Majestt, wir wissen nicht, wie wir uns unserer eigenen Haut wehren. Der
Knig aus Schweden rckt mit einer so furchtbaren Macht heran; die
Kurfrstliche Gnaden von Sachsen hat sich ihm angeschlossen. Tillys und
unsere eigenen Truppen sind auf der Flucht.

Bewahre Gott, lieber Eggenberg, Ihr wret jetzt auf meinem Platz. So wre
das Erzhaus verloren. Seid doch wieder munter; listenreicher Odysseus. Wie
seid Ihr gedrckt, Eggenberg. Warum?

Der bewegte seine zittrigen Arme nach vorne, lie sie fallen; freundlich
winkte der Kaiser ab, sich die Augen bedeckend: Lat, lieber Freund. Was
ist die Lage leicht fr uns. Friedland ist als Freund von uns geschieden.
Die Frsten werden ihren Widerspruch gegen ihn aufgeben. Wir knnen uns
alle auf ihn verlassen, er war schon schwereren Lagen als jetzt gewachsen.

Und so, leicht und beruhigend sprach der Kaiser, der sich wohlig schwer
zurcklegte, da Eggenberg den Eindruck hatte, die Sache ginge ihm nicht
nah, ginge ihn nichts an. Mit weilichhellen Augen blickte Ferdinand leicht
zerstreut auf den kleinen Geheimrat, in den Raum hinein, seitlich auf die
bernsteinbesetzten Fcher seines Schreibkabinetts.

Ferdinand brachte seine irrenden Blicke einen Augenblick zur Ruhe, heftete
sie weich auf das ngstliche fragende Geschpf, das ihn liebte: Eggenberg,
treuer Eggenberg, was seid Ihr verstrt. Hat Euch der Regenspurger solche
Furcht gemacht. Geht hin zum Friedlnder. Er ist unser Schwert. Nehmt es
nur wieder. Vergngt fuhr er fort: Ich wei zwar nicht, ob er jetzt
zarter zugreift als die vergangenen Jahre. Auch wird er sich einen guten
Lohn im Reich holen. Dafr ist er unser alter werter Friedlnder. Holt ihn
nur. Er soll wieder kommen. Er wird sich freuen, da es ohne ihn nicht
gegangen ist.

Und als der alte Mann sich verneigte, verabschiedete er ihn zwischen Summen
und Pfeifen, sich tiefer zwischen die faltenwerfenden Mnner, die betenden
Frauen, singenden Mdchen drngend.

Ohne Mantel Hut Wehrgehenk kam abends Ferdinand der Mantuanerin an der Tr
seiner Antikamera entgegen; man schlo die Tren. Eleonore raffte ihr
goldfarbenes Kleid vorn, drckte ihn, auf ihn rauschend, auf die
Fensterbank, drckte auf seine Schultern mit den Fen, das Gesicht an
seine stopplige Wange reibend: Tu mir das nicht an. Nimm ihn nicht. Ich
will es nicht haben. Dann: Willst du mich ermorden, nimm ihn. Was hast du
es auf mich abgesehen? Dann: Ich la es nicht zu. Niemals, niemals. Und
wenn ich dich wieder und ganz verlassen sollte. Das Gesicht von ihm
entfernend, ihn anstierend: Mann, du, wer bist du, da du das alles
anhrst. Da du hier so sitzt. Vor mir. Nein, ich la es nicht zu. Ich
siedle mich auf den Trmmern von Mantua an. Bei den Ursulinerinnen, und
zeige der Welt: so geht es einem Weib, einer Ehefrau, der angetrauten Frau
des deutschen Kaisers. Er lie sie gewhren, zog sie an der Hfte neben
sich, an ihrer langen Perlenkette spielten seine Finger, leise begtigte
er: Du warst schon in Regensburg so wild. Ich mu berall herumgehen und
trsten. Ich hatte noch nie soviel gutzumachen und zu besnftigen wie
jetzt. Eben erst unseren guten Eggenberg. Und er ging zum Nachtmahl. Sie
begleitete ihn nicht.

Hinterher schmauste und pokulierte er im langen spanischen Saal, wo die
ganze Wand quadratisch gefeldert war und aus jedem Holzquadrat ein
Frstenbildnis des Pietro Rosa aus Brescia herblickte. Sechzig Frsten
blickten in der Runde, wie Ferdinand, zwischen seinen lustigen Kmmerern,
Offizieren, Gsten Bren Tannenzapfen, Windmhlen Lastwagen Schiffe als
Trinkgeschirre vor sich anfahren lie und sie im Kreise fuhren; wie man
Hund und Katze zusammen ans Bein eines fetten Schweins band, das der Kaiser
mit seinem goldenen Degen durch den Raum jagte. Ein Affe, brauner
kurzschwnziger, sa in der Mitte der Tafel, trank in Kannen, stie sie im
Sprung um. Der Kaiser war alle Abende von gleichmiger unbeweglicher
Heiterkeit.

                   *       *       *       *       *

An Maximilians Hofe hielt man ein kleines miwachsenes menschliches
Geschpf als Narren, ein Wesen von einer unglaublichen Gefrigkeit. Meist
lungerte er um die Kchen Keller Tafeln Bankette, -- wie er sagte, den Mist
prfen, auf dem sein Spargel wuchs. Er verabscheute ehrlich die Fresser und
Saufer, sie hatten mit ihm nichts zu tun. Buche von Schweinen,
Klberknorpel, der schn gedmpfte und gepfefferte Rindermagen bedeutete
ihm mehr als Leibesfllung. Wie ein Pferd beim Klingen der Musik ins
Tnzeln gert, so bewegte sich sein schlaffaltiges blaurotes altes Gesicht,
sein Herz belebte sich, seine Hnde griffen zum Gabelrapier, wenn die
wrzigen Gerche in sein Nslein zogen.

Er ging den Speisen wie ein Kmpfer entgegen. Mit seiner Beute hockte er
sich beiseite hin, hielt sie wie einen noch nicht bezwungenen Widersacher
unter sich. Er liebte es, da man ihn allein lie, ihm nicht zusah. Knurrte
wie ein Hund beim Essen. Lang lie er die dicke wulstige Zunge ber die
Zhne hngen, die Hnde hoben die Speise, der Mund schnappte ihr entgegen.
Wenn die Vertilgung der Speisen vor sich ging, die Soen wie Blut aus den
Mundwinkeln rannen, fing das Schnalzen Schmatzen Knacken Knuspern Reien
Schlrfen Knirschen an. Hier wurde nicht gefressen und geschlungen, sondern
vllig vernichtet und restlos einverleibt. Und dies war der Vorgang, der
ihn berauschte. Er konnte es nicht unterlassen, wste Bemerkungen dabei
auszustoen, obwohl er bisweilen halbtot dafr geschlagen wurde; er
lsterte von dem neuen besseren Meopfer, das er vollzog, jetzt werde er
Kalb mit dem Kalb, Schwein mit dem Schwein, Fisch, Kapaun. Er vollziehe das
Meopfer nicht zum Himmel herauf, sondern nach unten herunter.
Rachedrstige uerungen stie er aus, ihnen die frommen Gedanken zu
besudeln, widerstandlos von der Inbrunst des Wtens und Whlens
geschleudert. Und so empfing er bisweilen, wenn er bse gelaunt war,
irgendwelchen Edlen vor der Kirche oder der Neuen Kapelle, wrdevoll
gespreizt einen Rinderknochen mit einem Fhnlein auf seinem Spie vor ihnen
tragend, wie ein Chorknabe Rucherbecken oder Kruzifix, keifend, nselnd:
Auf zum Gebet vor dem Rehbraten. Auf zum Speikbel und Nachttopf. Auf,
meine lieben Herren, lasset nicht nach, nicht nach im Eifer. Gehet in
euch!

An diesen Tagen waren die Herren und Damen an der Tafel sehr empfindlich
gegen Lrm, man mochte ihn nicht hren. Der Zwerg wurde unter dem Tisch aus
seinem Winkel hervorgezogen; wie schlaftrunken hing er, kauend speichelnd
sthnend knurrend, in den Hnden der Pagen, die ihn schttelten. Er schlug
um sich, wute, da er nicht wie ein Hund knacken und knirschen sollte.
Gestupt und wieder eingelassen schleppte sich das gebckte klingelnde
Migeschpf an den Tafeln entlang in seine Ecke, bald schweigend in Wut,
bald die Tische mit einem Wust von Giftigkeiten berquasend, ruckweise
anhaltend, unter seinem Asthma keuchend, beschmend mit Zoten und Unflat
die jungen Hansen und Pagen, die wartenden Kmmerer.

Er tut es gern, das Knirschen, er tut es gern, schrie triumphierend der
jesuitische Beichtvater, nach hinten blickend auf ihn, wie er
vorbeigetrieben wurde. Mit Abscheu sah der Zwerg, wie die Herren vor den
vollen Schsseln speisten, sanft gedankenlos die erlesenen Gerichte in die
Mnder steckten, sich leise unterhielten, der Musik lauschten. Der Verrat
an den Speisen; die Lumpen vor diesem Braten. Er taumelte vor die Tr. Der
seidenbehngte Oberstkmmerer wandte sich angewidert ber seinen Teller.

In den Grottenhof der Residenz wurde am Nachmittag der Zwerg gefhrt. Da
ging eben hinaus der alte langbrtige Angermeyer, Elfenbeinschreiner,
traurigen Gesichts; einen ganzen Tisch mit Elfenbeinmustern trugen ihm zwei
Gehilfen nach. Zwischen ausgebreiteten Kartons und Wandteppichen stand
inmitten des blumigen Hofes der ppige schwarzlockige Hans von der Biest,
Maler; Maximilian hrte ihm nicht zu. Neben dem Kurfrsten, der im knappen
spanischen Kostm am Springbrunnbecken sa, sttzte sich der junge Kuttner,
der Rat, auf den silbernen Kavalierdegen, sein Gesicht zuckte. Ich will
mich ekeln, spielte Maximilian mit dem Messer; der Maler zog sich auf
Kuttners Handbewegungen unter stolzen Verbeugungen zurck.

Kuttner, der Arzt hat mir befohlen, ich soll mich ekeln. Das helfe mir am
raschsten. Ich wei, Kurfrstliche Gnaden. Das ist der Narr. Fang an,
stie Maximilian hervor. Was soll ich? schrie der angetriebene Narr
bleich. Fang an, Brenhuter. Was soll ich anfangen? Willst du
anfangen, Schelm! Was schimpft Ihr mich Schelm, Schuft, Brenhuter.
Reit doch Euer Maul selbst auf und sagt was Ihr wollt. Md drehte
Maximilian den Kopf zur Seite leise: Sprecht Ihr mit ihm, Kuttner. Macht
es kurz. Kuttner, der feine junge Mensch, stolz, franzsisch, elegant,
ging, den Degen in der Hand, auf den Narren mit den weiten Nasenlchern
los, wispernd: Mach' deine Spe, Hund; du weit, wozu du da bist. Der
Hund, wozu der da ist? Zum Fressen, du geleckter Welsche. Du, du bist
Narr, weit nicht, was du zu tun hast. Kuttner schwenkte zornig die
Klinge; er kam aus Paris, lebte wenig am Hof, wute nicht, was die Knste
des Geschpfes waren. Der Kurfrst blickte beiden stier und erbittert zu;
so apathisch war er, da er nicht imstande war zu sprechen: Fang an,
fngst du an!

Von der Terrasse stieg ein zahmer Storch mit seinen hohen roten Stelzen
feierlich nher, von Zeit zu Zeit wuchtig in den sumpfigen Boden hackend;
er ging dem Wasserlauf nach, der zu dem Springbrunnen fhrte. Kuttner
begann in seiner Ohnmacht den Zwerg mit der flachen Klinge zu prgeln.
Maximilian, die Fuste ballend, verfolgte die Szene. Der Zwerg sprang
erbost unter dem Hageln der Hiebe herum. Fri. Er soll fressen, schrie
Maximilian. Der Zwerg machte sich heulend los: Was soll ich fressen? Was
soll ich fressen? Bringt mich nicht um. Unter den steifen Blicken
Maximilians, den in den Sand spritzenden Schlgen Kuttners strzte er sich
kreischend, verzweifelt die Arme aufwerfend, in den Saal vor dem Becken.

Und da kam mit gravittischem Schritt der langbeinige Schnabeltrger her.
Wie der Zwerg das Gerusch hrte, zuckte er zusammen. In Todesangst kroch
er hoch und nun warf er sich auf den Storch. Er war nicht hher als die
Beine des Vogels waren. Mit den Armen packte er nach der Brust des Tiers,
das krchzend flgelschlagend zurckwich, sich schttelte, sogleich gegen
das kleine Wesen losging. Es hieb wie ein Drescher mit dem Schnabel auf den
Zwerg herunter, der ungeschtzt einen Hieb dicht unter dem Hals empfing.
Seine Kappe zerri, er knickte auf die Knie; schien aber sonst nichts zu
bemerken. Nur auf die federbesetzte Brust des groen Vogels starrte er,
schon hing er mit beiden umschlingenden Armen an seinem Hals, der sich
wand, drehte, sich zu entziehen versuchte. Seine Beine zappelten unten, das
starke Tier stand krchzend krchzend einen Augenblick, bis es vornber
sank. Der Narr wlzte sich mit dem Storch im Sand. Sein Gesicht war nicht
zu sehen, es war in die Brust des schreienden fast menschlich kreischenden
Tieres vergraben. Er spie Federn, kaute und bi an der zhen Haut, dem
krampfhaft zuckenden Fleisch; sein eigenes Blut lief unter ihn; das
Tierblut leckte und schlrfte er. Und nun, noch eben in der Angst der
Degenhiebe, verga er, wer hinter ihm stand, wer auf dem Stuhl sitzend
vornbergebeugt mit langgezogenem Gesicht ihm zusah; er fing an seine
Kiefern zu bewegen und erst mit Widerwillen, dann mit wilder Besessenheit
zu fressen, zu vernichten, das zuckende schreiende Tier zu vernichten. Der
Storch auf der Seite liegend suchte wie ein gefallenes Pferd den Hals
reckend mit den Beinen ausschlagend hochzukommen. Das schwere Gewicht des
malmenden Zwerges zerrte ihn herunter. Wie der Vogel einen hellen
durchdringenden Trompetenschrei ausstie, verlangte der Kurfrst, da
Kuttner, der seitwrts schielend dastand, mit seinem Degen spielte, den
Zwerg abrisse. Kuttner bckte sich herangehend, packte den Zwerg am Rcken.
Der verbissen lie das Tier nicht los. Als Kuttner ruckartig an dem
Geschpf zog, lie der Zwerg die Arme vom Hals des Tieres los, aber in
grlicher Weise hing er mit dem Gesicht wie verwachsen im roten klebrigen
Sudel an der Brust des Vogels; rechts und links lief und spritzte hellrotes
Blut den Boden. Mit einem Fluch klemmte der Kavalier seinen Degen zwischen
die Beine, laut hrbar wurde das brnstige Mahlen, Knurren, Schlrfen,
Schlucken des Zwerges, der mit den Armen wieder versuchte, nach dem Hals
des Vogels zu hangeln; der Storch hielt den Hals senkrecht ber ihn,
entsetzliche Hiebe mit dem Schnabel fuhren blitzschnell auf die Waden und
Rcken des Mrders, dazwischen die schrecklichen hohen Schreie. Kuttner
griff zu, die Beine des Menschen packte er, ein Zug, er schwang den Zwerg
um sich, lie ihn ins Beet absausen. Der Vogel schwankte mitgerissen,
krchzte, stand im Augenblick auf den Beinen, von oben troff das Blut,
flgelschlagend macht er kehrt, taumelte davon. Aus dem Blut kam der
grauenvoll beschmierte Zwergenkopf hervor; Wutgeheul, Trnen. Der Kurfrst
ging rasch an ihm vorbei; er nahm Kuttners Degen, stieg ausspeiend auf das
Beet zurck, spiete senkrecht von oben stechend den anstrebenden Zwerg mit
dem rechten Oberschenkel am Boden an.

In der Kunstkammer vor einer kostbaren Truhe, Stuckrelief mit
keulenschwingenden Kentauren, die vergeblich andrangen gegen die sanfte
Menschengruppe der Gerechtigkeit Weisheit Strke Migkeit, standen sich
Maximilian und Kuttner im Halbdunkel eines Pfeilers gegenber. Maximilian
hie ihn sich seinen Degen holen; der Zwerg zeterte noch. Als Kuttner mit
der blutigen Klinge wiederkehrte, sa der Kurfrst nahe einem Fenster. Sie
hrten dem sich entfernenden Gejammer zu. In der Stille schttelte sich der
auf der Truhe, Maximilian: So sollte mein Arzt schreien. Stie ein
hitziges Lachen aus, seine Augen blitzten erregt. Wit Ihr, Kuttner, was
heute fr ein Tag ist? Michaelstag, Durchlaucht. Sankt Michael. Das ist
der Schirmherr der Deutschen. Wir haben eben gut gekmpft; er wird uns
loben. Maximilian lachte sanfter und erschpft. Kuttner bog seinen
frauenhaften weichen Leib vor, hob die langfingrigen Hnde vor die
spitzenbesetzte Brust: Der Narr war ein Vieh, Euer Durchlaucht. Wo gibt es
so etwas in der Welt. Wir haben beide tapfer gefochten. Sankt Michael hat
im Lande Moab dem Satan die Leiche Moses abgerungen. So habt Ihr gerungen.
Ich bin matt, Kuttner, und fhle mich besser. Der lchelte verbindlich,
schwieg. Ihr seid mir der liebste Mensch am Hofe, Kuttner; Euch vertraue
ich wie fast keinem. Pltzlich hob, nach einigem Suchen, Maximilian
leidenschaftlich die Arme, hauchte aufflammend: Kuttner, was soll
geschehen! Er zog den anderen an der Hand zu sich herunter: Ich bin
verloren. Ich -- Er stammelte. Vor dem wstesten Menschen der Erde liege
ich, vor diesem Goten. Er wird sich eine Freude daraus machen, mich zu
beschimpfen. Heiland, mein Heiland, wohin sind wir geraten. Der Frst
schien vor einem Trnenausbruch, jammernd und zhnekrachend sah er zu
Kuttner auf. Verlegen wich der mit den Augen aus; es gbe himmlischen
Schutz fr Deutschland. Sagt mir das noch einmal, Kuttner. Ihr seid soviel
jnger als ich. Wenn es keinen himmlischen Schutz fr uns gibt: ich sehe
keine Rettung. Ich hab' mich bernommen. Es war zuviel fr mich. Setzt Euch
neben mich. Habt keine Scheu. Lat mich an Euch anlehnen. Ich habe keine
Frau, keinen Freund. Mein Vater ist krank. Ich will mich aussprechen, Ihr
werdet mich nicht verraten. Regensburg ist mir nicht geschenkt worden. Ich
bin wie ein Lump, der alles verwettet hat. Ich kann nur greinen. Nun
weinte er wirklich, Kuttners Schulter umfassend.

Der hatte seine Scheu rasch berwunden; er kannte die Krankhaftigkeit des
Kurfrsten, gab nach: Was soll dies fr ein Michaelstag in Deutschland
sein, wo Eure Durchlaucht zerknirscht ist. Wir geben nicht nach, der Satan
wird unserer nicht Herr werden und wenn er sich mit den ledernen Kanonen
der Finnen und allen schwedischen Neuigkeiten bewaffnet. Mir wr' wohl,
Kuttner, ich htte diesen Tag nicht erlebt. Wie hab' ich mich hoch ber
meinen Vater gefhlt, der mir das Land hat abgeben mssen, weil es fast
ruiniert war. Aber ich! Aber ich! Seht hin, nein, seht nicht hin. Sehe
keiner hin. Es ist ein Grauen. Wir haben den Krieg ber die Pfalz und
Bhmen getragen; es hat uns nichts ausgemacht die brennenden Drfer, die
Leichen auf den Straen haben uns eine Freude gemacht, wir sind als Sieger
durchgezogen. Was haben wir gesehen. Wir waren Sieger. Kuttner, jetzt soll
Bayern, mein Land, fr das wir gesorgt und gegeizt haben, alles dulden. Ich
hab' mich lstern lassen als Geizkragen und schlechten Filz; seht hin, wie
alles gediehen ist, wie alles prangt und wohl ist. Fr dies Land hab' ich
alles eingesetzt, mich selbst mit, mein Haus, die Ehre meines Namens, den
Ruhm der vergangenen Geschlechter. Wit Ihr, was nun kommen wird, wer das
ist. Ein dicker roher plumper Mann, der die lutherischen Schimpfworte vom
Morgen bis Abend wie einen Wohlgeschmack im Mund fhrt. In unseren reinen
reichen Kirchen wird er sich wlzen wie ein Schwein. Meine gehegten
geliebten Stdte, o Ihr kennt sie ja, er wird drin herumschnffeln, Feuer
wird er auf sie werfen, arm wird er sie erpressen. Ich werde nicht da sein,
ich werde irgendwo mit dem Hof sitzen. O ich will nicht. Ihr Menschen, was
ist ber mich verhngt. Wie hab' ich das versndigt. Den jungen Gesandten
hatte er losgelassen, sein Kopf hing seitlich ber der Brust, er
schluchzte, stammelte.

Kuttner kniete vor ihm, streichelte sein Knie: Sprecht nicht so laut,
gndiger Herr; man knnte Euch hren. Seht doch mich an, hebt Euren Kopf,
wo ich bin. Ich bin Euer Gesandter in Paris. Erinnert Euch des Knigs
Ludwig. Lat Eure Seele nicht so im Sumpf. Knig Ludwig will Euch wohl, er
braucht Euch. Graf Tilly ist bei Leipzig nicht vernichtet. Der Schwede wird
aufgehalten werden. Das glaubst du, Kuttner? Freu' dich. Ich bin schon
halb auf der Flucht. Ich jammere schon und beklage meine armen Mnchener,
die frommen Klster, die ganze Herrlichkeit. Es gibt keine Rettung. Man
rechnet in Paris auf Eure Durchlaucht. Man hofft, Ihr werdet den Augenblick
verstehen. Was ist, Kuttner. Ihr seid kein Freund Habsburgs, glaubt man
zu wissen, und sicher kein Freund Spaniens, weil es Euch die Pfalz
mignnt. Man meint in Paris, Ihr werdet nach dem Leipziger Schlage
begreifen, worum es sich dreht. Ihr werdet irgendwie mit dem Schweden
paktieren. Frankreich hat es schon getan. Der Kurfrst wischte sich das
Gesicht; abgewandt bat er: Setz' dich neben mich, Kuttner. Knie nicht da.
Erzhle. Ich hab' Euch nur zu melden: der Pater Joseph sagte mir, als die
Nachricht von Breitenfeld einlief: ich sollte verhindern, da mein
kurfrstlicher Herr sich von diesem Unglck getroffen fhlt. Das
kaiserliche Heer sei geschlagen. Es sei eine Warnung ber den Regensburger
Weg hinauszugehen -- nach Wien; ein Wink fr Eure Kurfrstliche
Durchlaucht, nicht mit der falschen Partei zu halten. Ich bin nicht
geschlagen, ich bin nicht geschlagen. Vielmehr meinte der so gelehrte und
weltkundige Pater: Ihr httet sozusagen einen Vorteil errungen. Ihr httet
es in der Hand, den Kaiser wissen zu lassen, wie es steht und wie Ihr es
auffat. Schlielich habt Ihr nicht Pommern und Niedersachsen zu
verteidigen. Die Liga ist nicht gegrndet, um Pommern zu befreien. Mit
gezwungenem Lcheln betrachtete Maximilian ihn von der Seite: Du, lieber
Kuttner, meinst, ich bin nicht besiegt. Es wird alles wieder gut.
Kurfrstliche Gnaden, Eure Stunde kommt. Ich spreche, was mir der Kardinal
und der Pater oft eindringlich nahegelegt haben: Ihr solltet Mut haben. Der
Kaiser ist gerichtet. Alle deutschen Stnde wenden sich nach den
friedlndischen Untaten, die er begnstigt hat, von ihm ab. Greift zu.
Jetzt seid Ihr in Notwehr. Es geht um Euer Land und Euer edles Haus. Was
hat Richelieu gesagt? Stellt Euch dem Schweden nicht in den Weg. Haltet
es wie der allerchristlichste Knig: begnstigt ihn und sucht Euren
Vorteil. Frankreich rt Euch das. Es rt Euch das, weil Ihr sein
Bundesgenosse, sein natrlicher Bundesgenosse im Kampf gegen Habsburg seid.
Frankreich hat einen Vorteil von Euch; es wird Euch nicht Schlechtes
raten.

Maximilian, den Arm auf der Schulter des schlanken Jnglings, blieb still,
sein Gesicht wurde lnger, seine Nase rmpfte sich, leise: Glaubst du, da
er den Storch umgebracht hat? Leicht verwirrt Kuttner: Sehr tief war die
Wunde nicht. Ein ekler Mensch. La dich doch ansehen. Das ist also ein
Mensch, der mich nicht aufgibt. Ich mu mich wohl an dich halten. Und wie
hat Richelieu gemeint, Kuttner, besnftige ich den Schweden am besten?
Besnftigen, Durchlaucht -- ich rede mit aller Offenheit, die Ihr erlaubt
--, es ist ja nicht ntig. Wer, glaubt Ihr, sei der Schwede. Ich habe mir
viel von ihm erzhlen lassen. Er rechnet wie Ihr und ich. Er hat seinen Ha
wie ein dummer Lutheraner, aber das verwirrt seine Rechnung nicht. Zuerst
Eure Liga aus dem Spiel: seid gewi, Ihr braucht ihn nicht mehr mit Worten
zu besnftigen. Da ich so wie von einem Fall gelhmt bin. Mir liegt --
ich habe ein dumpfes Gefhl -- eine ziehende Angst in den Knochen. Bin ich
nicht in einem wilden grlichen Traum, der mich nicht loslt. Also
htte Eure Durchlaucht nur darber anzuordnen: wie sich Graf Tilly
verhalten soll. Befehlt ihm, Waffenruhe anzubieten. Ich wre nicht
besiegt, ich wre nicht geschlagen, meint Richelieu. Ein Entschlu hilft
Eurer Durchlaucht. Es ist nicht denkbar. Mein Arm, meine Knochen. Die
Lage hat sich zu Euren Gunsten gewandt; Ihr knnt eine entscheidende Rolle
spielen. Nun will ich aufstehen. Du hilfst mir, Kuttner, und begleitest
mich auf meine Kammer. Ich freue mich. Es geht mir besser. Maximilian
schwankte am Arm des schlanken sanften Kuttner durch die lange Kunstkammer.
Sie gingen ber den Hof. Dem Frsten schauerte es in der Herbstluft. Er sah
lchelnd seinen Begleiter an. Der Oberstkmmerer erwartete ihn auf der
groen Freitreppe. Der Kurfrst hatte das Gefhl, bald froh zu schlafen wie
lange nicht. Nur als er in der finsteren Nacht erwachte, fhlte er auf dem
Rcken liegend die fremdartige Geschlagenheit, Zerbrochenheit, Zermalmung
in seinen Gliedern. Er flchtete, mit ihr ringend, in den Schlaf.

Der franzsische Gesandte Charnac, der rothutige Soldat, und Kuttner, am
nchsten Tage vom Kurfrsten und seinen Geheimen Rten gemeinsam empfangen,
reisten zu Gustaf Adolf ab. Sie brauchten nicht weit zu reisen. Jenseits
des Thringer Waldes stand er in Erfurt, nachdem er Leipzig Halle und
Erfurt berzogen hatte. Vierzehntausend Schweden bevlkerten die Stadt. Der
Knig wohnte im Gasthof zur Hohen Lilie. Er nahm die Gesandten auf einem
Umritt mit; auf dem Petersberg, wo das Jesuitenkloster stand, fingen sie
ihre Gesprche an. Der dicke Knig war von deutschen Frsten umringt, er
war lrmend freundlich zu ihnen, sie kamen zu keinem Ende. Er lud sie bei
seinem Aufbruch, als sie mimutig ihre Lage bedachten, ein, ihm noch einige
Tage zu folgen.

ber Gotha und Schmalkalden in einem Haufen, ber Arnstadt und Schleusingen
im andern schob sich das Schwedenheer durch den Thringer Wald. Whrend
dieses Marsches lie der Knig und keiner seiner Umgebung sich sprechen;
die Gesandten wurden herrlich verpflegt; mit Jammern und Schmerz sah der
weiche Kuttner, mit welcher Schnelligkeit man sdlich kam, Charnac
erklrte fluchend, er werde nach zwei drei Tagen das Lager verlassen. Ihm
graute auch; er sagte: zwei drei Tage, konnte sich aber von dem betubenden
Vormarsch nicht trennen; er mute sehen, wohin das ging, ob es gar gegen
Westen auf den Rhein zu ging. Vor ihnen ergab sich die Wrzburgische
Festung Knigshofen auf das Anblasen der Trompeter. Mit stiller Trommel
wich die kleine kaiserliche Besatzung aus Schweinfurt. Der panische
Schrecken lief dem Schwedenheer voraus. Wrzburg nherte man sich, der
reichen Stadt des Frstbischofs Franz von Hatzfeld. Die Stadt kapitulierte
auf den Trompetenruf. Am linken Mainufer auf steilabfallendem Felsen das
feste Schlo Marienberg: der Kommandant bergab es nicht. In der Nacht
wurde es gestrmt innerhalb einer einzigen Stunde, keiner von der Besatzung
entkam.

Man besichtigte die Beute: Reliquien, silberne vergoldete Brustbilder
Ornate Kelche Kirchenschtze. Alles ritt in die Stadt ein; aus der
frstlichen Silberkammer whlte Gustaf, den Franzosen mit seiner plumpen
Hand einzelnes weisend, fr sich Edelsteine Perlen Gold und Silbergert
aus; die Hauptmasse stellte er seinen Offizieren zur Verfgung. Da war noch
die berhmte frstbischfliche Bibliothek, fr die der hochgelehrte Echter
von Machspalbrunn jahrzehntelang gesammelt hatte; an ihr ritt man vorbei;
der Knig gab Befehl, sie und die Bibliotheken der Universitt und des
Jesuitenkollegs in Ruhe einzupacken fr den Transport nach Upsala.

Endlich lie im Zeughaus der Schwede sich zu einer Unterhaltung mit den
beiden fremden Herren herbei; Charnac sprach erst fr sich mit dem Knig.
Der setzte sich auf den Rand einer Pauke, schlug vergngt mit dem
Seitengewehr auf das brummende Fell, umarmte Charnac, brllend: Zu
saufen, Marquis, zu saufen, zu saufen. Was hat uns unsere Freundschaft
soweit geholfen. Lat sie uns begieen. Man trug auf das Rufen des Knigs
Wein in Kannen und Becher her; flau trank Charnac; er hoffe noch greren
Gewinn des Feldzugs und worauf der Knig hinauswolle. Das wollten sie alle,
schluckte Gustaf, von ihm wissen; wisse es selbst nicht so genau; die
Fortuna des Kriegs sei die Meisterin. Er tat dann, als verstnde er den
Welschen nicht, wie weit er gegen den Rhein wolle; zeigte ein bermtig
joviales Verhalten; nur nebenbei konnte der andere anbringen, da sein
Knig auf Metz gezogen sei, das ja seit Jahrzehnten unter franzsischem
Schutz stnde, und da er die Bevlkerung dort, die ihn gerufen habe,
beruhigen wolle. Schmetternd lachte der Schwede und freute sich; ja er
wte, da sie ihn frchten, sei wohl der Gottseibeiuns fr sie, fre und
verschlucke sie, es sei ein Spa. Er war nicht zu fassen.

Beim Hinzutritt des Bayern wurde der Schwede, der sich in bertriebenen
Komplimenten erging, noch lrmender. Nun muten Sthle und Bnke
herangeschleppt werden; Grubbe und Oxenstirn sollten mit ihnen festieren
hier im Zeughaus, wo alles sich so freue. Kuttner mute vorbringen, da er
um besonderes Gehr mit seinem franzsischen Freund bte. Das fand Gustaf
kostbar und auch sehr schn. So wrden sie denn zu dritt hier sitzen,
miteinander schwatzen; er, der Kuttner, von dem er schon gehrt habe, sei
ja ein prchtiger junger Herr; wie spahaft: man knnte glauben, der Herr
sei ein Edelfrulein, so schn und vornehm sei er; darum sollte er auch
doppelt festlich aufgenommen werden von ihm und seinem Hofquartier, nach
echt schwedischer Art. Nun fing Kuttner, der bla und traurig war, da der
fremde Knig nicht auf sein Geleis biegen wollte, mitten im prahlenden
Gewsch und Gekicher sein leises Vorbringen an; Gustaf vernderte sein
Gehaben nicht, sie sollten nur abblasen, dieses hier, dieses
auerordentlichen Weins zu verschmhen; aber Kuttner solle sich nicht
stren lassen, er sei ein prchtiger junger Herr, er hre ihm mit
wirklichem Behagen zu. Und so mute Kuttner, vorsichtig von Charnac, der
neben ihm sa, sekundiert erzhlen, was sein Herr ihm aufgetragen hatte:
von dem bayrischen Wunsch, den gewaltigen Siegeslauf des Schweden nicht
aufzuhalten und in Neutralitt zu treten. Gustaf schrie, sich von der Pauke
erhebend und seinen Becher absetzend, das sei ja ein Glckstag, ein
unerhrter Glckstag; was sei ihm denn lieber als mit anderen Menschen in
Frieden zu leben. Er streckte, gewaltig im Lederwams mit der Riesenschrpe
stehend, zu beiden Seiten seine Arme in die Hhe: so mchten zerschmettert
werden, die Feindschaft und Tod durch ihr gehssiges tyrannisches Gebaren
in die Welt trgen; er freue sich ber alles Ma, da alles so kme, wie er
sich gedacht habe. Er umarmte den errtenden Kuttner; Charnac lchelte
melancholisch. So umarme er mit ihm den bayrischen Kurfrsten. Und darauf
rlpste er stark. Sie sollten bald Bescheid erhalten. Er verabschiedete
sich herzlich und immer wieder menschenfresserisch lachend und schmetternd
von ihnen, die er seinem Kanzler empfahl.

An der Wrzburger Domkirche vor den Gittern unterhielten die schwedischen
Soldaten vier offene Spieltische; Scke mit Talern und Dukaten standen
neben ihnen; auf dem groen Platz brllte zusammengetriebenes Vieh; fr
einen Reichstaler wurde die Kuh losgeschlagen, ein Schaf fr einige Batzen.
Wie in dem allgemeinen Lrm der Regimentsmusiken Spieler Tiere die
Gesandten nach einigen Tagen ber den Domplatz ritten, kam der knigliche
Kurier hinter ihnen her mit einem Brief. In ihrem Quartier lasen sie dann
den schrecklichen schwedischen Bescheid. Neutralitt des Bayern nhme der
Knig herzlich gern an, jedoch msse die Liga ihre herzliche Gesinnung
ihrerseits auch beweisen, so, indem sie ihre Truppen auf zehntausend Mann
vermindere, natrlich auch alles zurckgebe, was sie Evangelischen genommen
habe, den Knig in allem Besitz lasse, den er okkupiere und okkupieren
werde. Dafr werde der Knig Bayern nicht berziehen; er gewhre einen
vierzehntgigen Stillstand zur berlegung.

Nur dies war Kuttner sicher, da er sogleich aus Wrzburg aufbrechen
wollte; wohin, wute er nicht. Er klagte: Ich kann nicht zu meinem Herrn
mit diesem Bescheid. Ihm stand vor Augen der ernste Abschied von
Maximilian. Kommt! lockte Charnac; den reizte die Begegnung mit dem
Bayern, der sich so lange gegen das Bndnis mit Frankreich gestrubt hatte,
Ihr mt hin. Helft mir, Marquis, ach untersttzt mich vor ihm. Habt
Ihr Furcht vor Eurem Herrn? Ihr habt Eure Sache so gut gemacht.

Maximilian nahm den Franzosen nicht an; vor Kuttner hingesunken sthnte er:
Es ist eine Rettung; vierzehn Tage Zeit; ich kann es noch abwenden. Oder
es ist eine Folter: ich mu es vierzehn Tage hinziehen und es mu doch
geschehen, ich mu mein Land und mich vernichten lassen, wenn ich in Ehren
bestehen soll. Verratet mich bei meinem Vater nicht, Kuttner; bleibt bei
mir die Wochen. Es knnte doch sein, da sich alles ndert. Glaubst du
nicht, da sich noch alles wenden kann. Es kann doch nicht wirklich sein,
was mir jetzt passiert.

Kuttner weinte, wie er allein war.

                   *       *       *       *       *

Unter der Annherung der fremden Eroberer entstanden Revolten bei den
bayrischen Landfahnen; viele flchteten, suchten ihre Habe zu verstecken,
sich und die Angehrigen in Sicherheit zu bringen. In dem straff regierten
Lande ereignete es sich zum erstenmal, da die Landstnde gegen die neu
auferlegten Kriegssteuern protestierten, auf der einberufenen Versammlung
in Mnchen fehlten viele: Aufrhrer gingen durchs Land. Vor Preising
stellte sich ein kurzer Kerl hin, das Gesicht wie ein Waldmensch umwachsen,
die Leute liefen ihm zu, predigte vom Schindeldach eines Husleins:

Da kme der Schwede und juch, sie htten den Krieg im Land. Wrde ihnen das
behagen! Der Krieg ist Sache der groen Herren. Bevor man ihnen nicht die
Kpfe abschnitte, verharrten sie dabei, den Krieg auf die kleinen Leute zu
jagen. Der Kurfrst in Mnchen hat es in der Hand Frieden zu machen; es
wird ihm nicht passen; er hat Pferde und ist bald davon. Legt die Frsten
lahm, alle zu Hauf. Es geht um eure Haut, ihr habt nichts weiter zu
verlieren. Wollt ihr Lumpen und Hundsftter werden, bis der gndige Herr
euch beim Schopf hat? Bis er euch gepret hat mit Weibeln, Profossen,
Korporalen und seiner ganzen Teufelsgarde, da ihr ihm dient im Krieg als
seine Sldner und totgeschlagen und geschunden werdet, whrend der Schwede
euer Vieh frit, eure Scheunen ansteckt, euer Weibsvolk verschndet, die
Kinder ins Feuer wirft. Des Kurfrsten Korporale werden mit euch ihr Spiel
treiben, seht euch vor. Trges faules Volk ihr. Was ist denn ein Frst, ein
Herr, ein Kurfrst und grogewaltiger Kaiser. Macht einen krummen Buckel
vor ihm und er ist euer Kaiser. Zeigt ihm den Stei alle zusammen und ihr
werdet sehen, wie lange er noch Kaiser ist. Er ist ja nur mchtig, weil ihr
Furcht habt und Angsthasen seid. Er hat keine Macht. Aber seht eure
Hosenbden an, da findet ihr sie. Betrug und Einbildung ist die Regiererei,
auf dem niedrigsten und hchsten Thron. Ihr seid schuld daran, ihr alle,
da es uns so geht, man mte euch mit Knppeln totschlagen, da ihr so
dasteht und die Muler aufreit. Der Krieg tte euch gut, damit ihr seht
und fhlt und schmeckt, was ihr fr gottvergessene Schurken und Hundsftter
seid. Was ihr versndigt habt durch Dummheit und Narrheit, wird kein
Heiland gutmachen; er knnte zu euch kommen und ihr wrdet ihn noch nicht
ansehen, wenn er euch helfen will. Durch eure Dummheit und Furcht regieren
die Frsten, in eurem Kopf steht ihr Thron, fr ihre Schandtaten und ihren
bermut brgt ihr. Eure Jmmerlichkeit ist so gro, da ich ein Maul wie
der babylonische Turm haben mte, um sie zu beschreiben. Es ist ja an der
ganzen gefrchteten Macht der Frsten und Tyrannen nicht viel mehr als an
einem Traumschrecken, einem eingebildeten Alb. Feige Schufte haben die
Frsten gro werden lassen. O ihr jammerbaren Schufte und Kltze. Die
Frsten sind eine Schande, sie sind eure Schande. Sind die leibhaftigen
Teufel und ihr seid des Teufels Mutter und Gromutter. Bald wird der
Schwede da sein und ihr werdet sehen, wie sich der Teufel seine Gehilfen
ausgesucht hat zum Dank, da ihr ihn so dick gemstet habt. Lauft nach
Mnchen. Da sitzt einer auf dem Thron, den ihr ihm gebaut habt, damit er in
Ruhe Riemen aus eurer Haut schneiden kann. Sagt, es wird Krieg, Herr
Kurfrst! Kommt der Schwede herein oder kommt er nicht herein. Helft uns.
Er wird euch totschlagen lassen fr sich. Tut euch zusammen zu einem
Gewalthaufen. Nehmt eure Messer. Und wenn er nicht sagt, was euch gefllt,
so knnt ihr eine Freude haben: die Frsten haben einen Hals zwischen dem
Kopf und den Schultern; macht euch einen Spa. So ein Mann spritzt nicht
mehr Blut wie ein Kalb.

                   *       *       *       *       *

ber den Thringer Wald herber auf Knigshofen, Wrzburg. Westwrts
mainabwrts durch den winterlichen frnkischen Kreis. Die Goten kommen,
die Vandalen kommen!

In Wrzburg inthronisierte sich der Schwede als Herzog von Franken; die
Stiftsangehrigen, geladen auf den Markt von Statthalter Kanzler und Rten,
schwuren betubt mit handgebender Treue einen Eid zu Gott und auf das
aufgeschlagene Evangelium, niemanden anders als die Knigliche Majestt von
Schweden, deren Nachkommen und Regierung als alleinige Landes- und
Erbherrschaft anzuerkennen. In dem Tosen des Marktes feierte ein
schwedischer General, von einer Freitreppe radebrechend, die Wrzburger,
die die Kpfe senkten, als seine neuen Landsleute und gute Schweden.
Ausschwrmend nahm der Schwede von dem Land Besitz. Abteien und Klster
Frankens fielen seinen Generalsoffizieren zu. Es gab nur herrenloses Land,
Menschen und Gut. Dem ehemals schwedischen General Herzog Georg von
Lneburg wurde die Stadt Minden, das mainzische Eichsfeld zuteil. Die freie
Reichsritterschaft schickte huldigend ihren Direktor, den gromuligen Adam
von Rotenhan, samt zwei Grafen von Erbach; sie erhielten hingeworfen die
Benediktinerabtei Amorbach. Der evangelische Glaube siegt! brllten die
beladenen Finnen, die Schweden auf ihren keuchenden Beutepferden; es durfte
niemand ihnen etwas verwehren, sich und seine Habe verschlieen. Sie bten
Gerechtigkeit mit Feuer Schwert und Torturen, in schmachvoller Knechtschaft
hatte das Reich bis da gelegen, den Papisten durfte es nicht gut ergehen,
den Lutherischen nicht besser: so stachelten sich die Fremden.

Immer mehr Deutsche schlichen um den leckeren Tisch. Dem Grafen
Lwenstein-Wertheim stopfte man den Rachen. Der Rat der Reichsstadt
Schweinfurt verbeugte sich vor den Knechten Offizieren Generalen und der
kniglichen Wrde selber; vierzehn wrzburgische Drfer, dazu Gter des
Hauses Echter und Klster waren fr die Stadt zu haben. Nrnberg lag im
Rcken, man lie es nicht vorbei, es sollte sich entschlieen; die Korona
der stdtischen Hochgelehrten und Genannten beriet sich, der schreckliche
Herzog von Franken fragte sie dringend durch seinen Unterhndler nach ihrer
Gesinnung; sie unterwarfen sich, versprachen zu liefern, was er wollte. Der
ganze Kreis, mit Peitschenhieben und Sporensten angefahren, gelobte
zweiundsiebenzig Rmermonate fr das gemeine evangelische Wesen zu
bewilligen. Zu Regensburg hatten die drei geistlichen Kurfrsten das groe
Heilige Reich mitordnen helfen, sie hatten das gewaltige Tier Wallenstein
von seiner Armee gejagt, die Armada zerblasen. Ihre Macht waren jetzt
Buchstaben, geschrieben auf brennbarem Papier; Reichsgrundgesetze,
kaiserliche Wahlkapitulation: der Knig der Schweden Goten und Vandalen
wollte nicht lesen. Er fragte nach der Zahl ihrer Knechte. Dann fragte er,
ob sie seine Freunde wren, und sie sollten ihm fr diesen Fall monatlich
vierzigtausend Reichstaler zahlen, Proviant liefern, ihre Festungen
berlassen. Sonst werde er ihre Stdte verwsten, und wenn sie
rebellierten, das Kind im Mutterleibe nicht schonen. Die geistlichen Herren
spien.

Er zog mit zwlftausend Mann auf Frankfurt am Main, zum Bockenheimer Tor
hinaus auf Hchst. Kastell, Bingen und Museturm in seiner Gewalt. Eisiger
Winter. Er bedurfte schon keiner Truppen mehr zum Sieg. Acht schwedische
Reiter berfielen die Stadt Eberbach am Neckar, nahmen sie ein; Beute
machten sie, die Behrden lieen sie einsperren. Mit sechstausend Mann zu
Fu, dreitausend Reitern, dabei vielen Englndern richtete sich das Heer
auf Mainz. Das steckte nach zwei Tagen die weien Fahnen heraus; von
Wittenhorst sa drin, mit Sack und Pack, Ober- und Seitengewehr, zwei
Feldstcken zog er aus nach Luxemburg.

Dann sa die schwedische Majestt, die aus Upsala ber die Ostsee mit
Schiffen gefahren war, Pommern und Brandenburg unterworfen, bei Breitenfeld
Tilly den kaiserlichen Feldherrn beiseite geschleudert hatte, in der Sankt
Martinsburg und berwinterte. In Ruhe, barbarischer Lust breiteten die
Schweden sich in der Stadt aus. Furchtbare Summen wurden der Geistlichkeit
und Brgerschaft auferlegt. Die Brandschatzung konnte nicht gezahlt werden,
da liefen die Fremden in die Kirchen Klster Kollegien, versteigerten zum
Fenster hinaus die Ausstattung an Brger aus Frankfurt und Hanau. Die
Schatzung der Brger wurde auf sie huserweise verteilt, die Huser der
Schuldner niedergerissen straenweise, das Holzwerk verkauft. Rasch ging
man ans Schanzen, ri Klster und Kapellen nieder, die Kirchen verwandelten
sich in Ruinen fr Festungswerke. Beim Abbruch sang man den Katholischen
zum Hohn: Ein feste Burg ist unser Gott, die Sankt Albanskirche streckte
man hin als Schanze Gustafsburg an der Einmndung des Mains; so half sie,
sagte der schwedische General, Gott loben.

Der Schwedenknig ruhte monatelang in Mainz. Er lag in dem grellen Licht
des Schreckens. Die Deutschen liefen um ihn. Von drben, von Schweden hrte
er nicht viel. Einsilbig waren die Nachrichten, klagend ber den schweren
Druck, der auf dem Lande liege, grollend ber das verzehrende deutsche
Wesen: daniederliegt der Handel, kein Silber im Land, die Kupfermnzung
betrgerisch; unerhrte Teuerung, verdet ganze Bezirke, Kirchspiele ohne
einen krftigen Arm. Der Knig fragte vorsichtig an um sechs Regimenter zu
Fu, der Reichsrat bewilligte knapp drei. Es kam in der Antwort heraus: so
wild eroberisch sei der deutsche Krieg nicht gedacht gewesen. Seinen rger
blies Gustaf von sich; so war die Sache nicht gedacht, aber er hatte
Deutschland, sie wrden sich ndern. Er wollte die evangelische Vormacht in
Europa an sich nehmen und sich dem Kaiser, dem Haupt der Papisten, starr
gegenbersetzen als Haupt des evangelischen Wesens.

Und in der Tat: wenn er schon glubig gewesen war, nach seinen Siegen lie
er Taten sprechen. Gnadenlos fielen in diesem Winter alle fremden
Gotteshuser und Kapellen; er sagte: es solle, soweit er gebieten knne,
kein Spott mit dem Namen Gottes getrieben werden. So gewaltttig fest er
war, hier frchtete er, etwas zu versehen. Oxenstirn selbst wunderte sich,
wie wahnsinnig die Augen des Knigs flackerten, wenn Flche um ihn laut
wurden, wie er mit eigener Hand gottlsternde Knechte den Profossen bergab
und sich nicht eher beruhigte, bis er sie am Galgen sah. In der Martinsburg
sprach er zu Weihnachten die Herren aus Nrnberg an, wies ihnen eine
Schrift, das Buch eines Archidiakonus zu Rochlitz, von dreifachem
schwedischen Lorbeerkranz und der triumphierenden Siegeskrone; darin nannte
man ihn Josua, Gideon, Matathias; man berief sich auf die Apokalypse,
sprach davon, er solle nach Rom gehen und die Stadt zerstren. Um die
nrnbergischen Herren wogte der Schrecken, sie hrten demtig zu. Der
schmerbuchige Riese stand vor ihnen mit einem mchtigen schmucklosen Hut,
unwiderstehlich sicher wie Lmmern blickte er ihnen ins Gesicht: was Bayern
und die katholischen Erblande frher vermocht htten! Wenn sich alles
zusammentte: Pommern, Mecklenburg, Ober- und Niedersachsen, die Pfalz,
Franken, Schwaben, Reichs- und Hansastdte. Sie waren froh, entlassen zu
werden.

Und wie vor den ausruhenden Lwen immer neue Gesandte der deutschen
verngstigten Stnde zogen, bndnisbeladen, kontributionspflichtig
abrckten, der Herzog von Celle, Bischof von Minden, Graf von der Wetterau
und vom Westerwald, Rte der Stadt Braunschweig, Ulm, Lbeck, Lneburg,
Bremen, der vertriebene Herzog von Mecklenburg, da nahm auch der schne
feine Friedrich von der Pfalz Abschied von den Hochmgenden im Haag. Der
Stein sollte wieder auf einen Wagen gehoben werden. Die ganze Versammlung
stand auf von den Bnken, als er an der Tr erschien, den buntfedrigen Hut
zog, sein schlaffes leicht gedunsenes sehr ernstes Gesicht bot und den
linken Arm schwenkend ber sie mit strengen blauen Augen blickte, die wie
Glocken luteten. Nun gehe er glcklichen Zeiten entgegen, nickte schwer
der greise Vorsitzende, der, den Hut auf dem Kopfe, sitzen blieb; sie
freuten sich, seine Wirte, ihren Gast und Freund so nahe an der Erfllung
seiner Wnsche zu sehen; wer ausharre werde gekrnt. Friedrich bewegte
stumm die Lippen. Er war mit den Gedanken nicht anwesend, nickte nur;
hrte, da man ihm eine Ehrengabe von fnfzehntausend Talern zudachte.
Niederlndische Reiter nahmen ihn, die englische jubeljauchzende Elisabeth
und den Hof in ihre Mitte; bis in das wintervergrabene Hessen gaben sie das
Geleit. Das war Hessen, das war Frankfurt, das war Mainz. Die Karossen
fuhren hinter den Trompetern in die Stadt. Vor der fahnenschwingenden
teppichbehngten Martinsburg, zwischen den Ruinen der Huser, wimmelnden
Schweden und Finnen auf einem gepanzerten Pferd der ungeheure Gelchter
abprotzende Gustaf Adolf. Schnee fiel ber ihre Schultern. Am Arm der
schwedischen kniglichen Wrde kletterte die aufblhende ppige Englnderin
in den weiten Speisesaal, auf dessen Kredenzen der Raub deutscher
Landschaften prunkte. Hinterher schleifte verschwiegen und wehrlosen Blicks
der schlanke Winterknig, die gehobenen Finger einer mageren langen Frau
berhrend, hektische Wangen, purpurnes schweres Brokat, die von Minute zu
Minute vor Hysterie schrie, das Weib des Fremden.

Ein leichter Schwindel befiel den Pflzer bei Tisch, als der Fremde ihn
Majestt nannte. Woran wurde er erinnert; man reichte Waschbecken und
Handtuch, der Fremde wollte sich erst nach ihm waschen, der Knig aus
Schweden: warum tat er das? Man wollte ihn mit Kunst lebendig machen.
Maskenball. Pechfackeln auf vier Ecksulen in allen Slen; Halbdunkel in
der Flucht der geffneten Sle. Geigenmusik von bischflichen Kapellen,
Trompetenblser, Hatschiere. Der Knig tanzte im russischen Kleid plumpe
Nationaltnze; sein Kaftan aus Goldstoff, sein Kopf unter der weien
eifrmigen Mtze versank im hohen Zobelkragen, die Fe traten und
stampften in stumpfen roten Schuhen, vorn mit Perlen besetzt; die Arme warf
er nach rechts und links, sie steckten in rhrenfrmigen weiten rmeln. Die
pflzische Dame sprang als trkischer Krieger daneben, wies ihre dicken
Beine in schwarzsamtenen Strmpfen, geschlitzten Schuhen; bis auf die Knie
fiel ihr weitfaltiger violettgeblmter Rock; der grne Turban schlang sich
um die Ohren; man sah die blonden Haare nicht, nur das sprhende glhrote
volle Gesicht. Unkostmiert mattugig der Pflzer, trinkend in einem
dunklen Erker, allein einen Tisch rundum umfassend. Der kleine spitze
Rusdorf trat grend an. Rusdorf! Was willst du, Rusdorf? Tanz mit,
Rusdorf! Ich bin nicht geladen, Kurfrstliche Gnaden. Ksss--s, tanz!
Der Knig ist auch nicht geladen, er tanzt auch. Der Knig? Der Knig ist
Wirt. La mich in Ruhe. Er ist nicht geladen. Rusdorf hielt seinen Herrn
fr betrunken, suchte ihm ber den Tisch ins Gesicht zu sehen. Ihr hetzt
mich, Ihr hetzt mich, Ihr lat mir keine Ruhe. Der Herr Kurfrst ist so
allein, ich rufe die durchlauchtige Frau. Ich sag's dir laut: ich lebe
und sterbe als der ich bin. Das httest du hier mir nicht zeigen sollen,
dazu httest du mich nicht holen sollen, daran hab' ich kein Teil. Leise
Rusdorf: Dann blieb Euch nichts als Euch dem Kaiser zu unterwerfen.
Htt' es sollen. Ihr habt es mir nicht geraten. Der Knig! flsterte
Rusdorf; die Schwedenmajestten nherten sich. Friedrich trank, trank,
sthnte; seine Augen begannen zu glitzern.

                   *       *       *       *       *

Nicht einmal, als die erschtternden Nachrichten aus dem Westen kamen
konnten sich die Wiener Rte zu der Wiederberufung des Friedlnders
verstehen. Man nahm zu der Schreckensnachricht von Mainz die Botschaft hin,
da sich der Trierer Philipp Stern unter den Schutz des Franzosenknigs
gestellt, die Festungen Koblenz und Ehrenbreitenstein aus Entsetzen vor dem
Schweden den Franzosen bergeben hatte. Eine tief beschmende Kunde lief
ein aus Kln; dorthin hatten sich die Frstbischfe von Mainz Wrzburg
Osnabrck Worms geflchtet; sie versicherten durch den Mund des Klner
Ferdinand, in kaiserlicher Devotion zu verharren. Aber der Kaiser sei weit,
ihre Lande, die Kirche, ihr eigenes Leben in furchtbarster Gefahr; sie
htten, ohne die kaiserliche Zustimmung abwarten zu knnen, sich
entschlossen, den Allerchristlichsten Knig Ludwig um Hilfe anzugehen. Ihre
Vertreter seien nach Paris unterwegs.

Was kann uns noch geschehen? fragte Trautmannsdorf, wir sind in
Deutschland ein wurmstichiger Apfel; Habsburg ist faul, der Schwede ist der
Wurm und der Franzose ist der Wurm. Hilft nur schneiden. Was bleibt von
dem Apfel brig. Es wird uns bald nichts brigbleiben, mein lieber Freund
Eggenberg, als der Schwedentrunk oder ein schmerzloser Schwertschlag durchs
Genick von unserem alten Gnner Wallenstein. Ich wei, da Ihr den
Friedlnder wollt und der Kaiser ist nicht abgeneigt. Und wie lange dauert
es, bittet der bayrische Maximilian ihn wieder zu bestallen. Wir werden ihn
holen mssen. Es ist kein Gut daran, Trautmannsdorf. Nun dacht' ich, mein
liebwerter Freund sei von seiner Abneigung durch das Breitenfelder Treffen
befreit. Der Friedlnder ist stark wie der Teufel; ich hab' es von
Anbeginn gewut. Wir htten gewi den Schweden nicht gehabt, wir htten
aber ein anderes Unheil gehabt. Wer wei, ob der Kaiser noch in Wien se,
ob Ihr und ich uns ber Reichsangelegenheiten unterhalten knnten. Der
Graf lachte: Wr' es ein Schade? Ihr meint, der Friedlnder se dann
hier. Ihr wit, ich konnte mich auch nicht dafr begeistern. Aber ich
meine: ist es angenehm, den Schwedentrunk hier zu schlucken? Angenehmer als
sich vom Friedland den Kopf schmerzlos abschlagen zu lassen?

Es blieb Rettung bei Spanien und dem Papst zu suchen. Spanien war zu jeder
Leistung bereit. Zum Papst Urban reiste aus Preburg Pazmany, der
Erzbischof von Gran, die Leuchte des Glaubens. Liebevoll hatte Ferdinand
seinen alten Ratgeber Eggenberg empfangen, hatte angehrt, was er
unternehmen wollte, den Brief gelesen, den er fr den Heiligen Vater
entworfen hatte. Wir werden verlassen von denen, deren Sache mit der
unsrigen gleich sein sollte. Und nicht blo das: der Knig, der den Namen
der >Allerchristlichste< fhrt, gibt dem Schweden Geld und andere Mittel,
uns zu bekriegen. Es betrifft nicht nur uns, sondern den Bestand der Kirche
und damit Eurer Heiligkeit. Zu Eurer Heiligkeit strecken die Angehrigen
der Kirche in Deutschland um Hilfe flehend die Hnde empor. Wir bitten, da
Euer Heiligkeit den Allerchristlichsten Knig abmahne von dem schwedischen
Bndnis, das er geschlossen hat wider den Regensburger Vertrag, und ihn
auffordere gegen den Zerstrer der Kirche an unsere Seite zu treten.

Wie knnt Ihr schne Briefe schreiben, Eggenberg. Schn stilisieren!
Schlau setzen. Welcher Advokat ist an Euch verlorengegangen. Unsere Not
ist gro, gndigster Herr, sie ist ungeheuerlich, kaum aussprechbar. Das
Reich war noch nie in solcher Gefahr. Und ist es nicht recht beschmend
fr uns, dem Heiligen Vater solchen Brief zu schreiben. Nur eins bitte
ich Eure Kaiserliche Majestt, mir diesmal willfahren zu wollen. Warum so
ernst, Eggenberg; will Euch ja gern willfahren. Und als Eggenberg ihm nur
stumm die Feder hinhielt: Sieh da, wie Ihr zittert! Steif hielt Eggenberg
die Feder, wortlos schrieb Ferdinand nach einer Weile.

Und lautlos, als er unterschrieben hatte, stand Ferdinand, wie von einer
Eingebung berhrt, von seinem Stuhle auf; das rieselnde Gewimmel der
geschnitzten Mnner und Frauen an den Lehnen sank hinter ihm herunter, sein
Gesicht gesenkt, von einem Lcheln der Spannung verzogen, seine Stimme hoch
leise fragend: Es ist gut, da ich dies unterschrieb. Der Weg ist gut,
Eggenberg. Ich billige ihn. Ich bin dabei. Ihr wollt den Heiligen Vater
befragen. Es soll mir eine Freude sein ihn zu hren. Ich mchte eine Stimme
von ihm hren. Und dann als Eggenberg dankbar antwortete: Eggenberg, dies
hat dir die Jungfrau eingegeben. Woher hast du das? Du willst den Heiligen
Vater befragen. Siehe da, wir werden den Heiligen Vater sprechen hren. Wir
werden ihn hren. Er wird uns nicht im Stich lassen.

Ferdinand hob den linken Arm, streckte den Zeigefinger in die Hhe: Die
Frage wird an ihn herantreten. Er wird ihr nicht aus dem Weg gehen knnen;
sein Geist wird antworten mssen. Ein Versuch. Eine Versuchung. Mit den
Hnden rckwrts den Stuhl abtastend lie er sich nieder; er lachte wieder
gutmtig und zerstreut, den Kopf auf den Tisch ber dem Schriftstck
aufsttzend: Ich wei, wie er antworten wird, Urban der Achte in Rom.

Der groe Pazmany hatte sich auf den Weg gemacht, den Heiligen Vater zum
Schutz des alleinseligmachenden Glaubens im Rmischen Reiche zu bewegen.
Einen Monat reiste er aus Ungarn, whrend der schreckliche Schwede seine
Verwstungen weiter trug. Ehre erweisend kamen ihm rmische Edle und
Kardinle vor Rom entgegen. Den Kardinalshut verlieh ihm der Papst, ehe er
sprechen durfte. Dann suchte ihn der Papst zurckzuschrecken, indem er ihn
warnte, sich zum Gesandten herzugeben, ein Kardinal, der im Rang eines
Knigs stnde. Die Nachgiebigkeit Pazmanys ebnete alles; der Papst konnte
nicht ausweichen.

Wohin der Heilige Vater es kommen lassen wolle in seiner Furcht vor
Habsburg; ob die vielen Millionen frommer rechtglubiger deutscher Seelen
es bezahlen sollten mit ihrer Seligkeit, wenn der Ketzer ber sie kme. Da
verbat sich der Italiener, nervs die Zhne fletschend, die vulgre
Rhetorik. Pazmany gab nicht nach, obwohl ihn schauerte; er dachte an das,
was ihm Lamormain vom Kaiser gesagt hatte; mhte sich fr den Kaiser. Der
Papst, starkknochig herumwandernd um den stehenden Ungarn, grollte
heftiger, je mehr er fhlte, da der Fremde ihn blolegen wollte; er schrie
drohte hhnte wurde giftig. Bei der zweiten Begegnung kam es wie erwartet
zu keiner Unterhaltung; Urban, seinen Schnauz- und Backenbart reibend, gab
schmatzend und wohlgelaunt von sich, was er den Bescheid nannte; ein
Zettelchen, auf dem er die Punkte notiert hatte. Den Franzosenknig
abziehen vom schwedischen Bndnis? Er htte Knig Ludwig immer fr einen
frommen Katholiken gehalten, versehe sich von ihm nur Gutes fr den
Glauben, werde ihn ermahnen. Ein Bndnis mit Spanien und Habsburg? Nein; er
kmpfe so wenig gegen Habsburg wie gegen Frankreich. Gelduntersttzung? Er
htte kein Geld. Genug; weiter kein Wort. Ihr seid als Kardinal hierher
gekommen, ich habe genug von Euch als Gesandten gehrt; entwrdigt Euch
nicht, raubt Euch nicht selbst kostbare Zeit. Sitzungen, Feiern, Messen.

Und dann in seinem Rcken der ausbrechende Jubel des Adels auf dem Kapitol:
Der Kaiserliche zieht ab! Gottes Rache! Gottes Rache! Gottes
Barmherzigkeit hat sie ihr Ziel nicht erreichen lassen. Jetzt werden sie
Rom nicht plndern.

In Scham fuhr der groe Lehrer Pazmany ab; der ppstliche Pomp begleitete
ihn eine Strecke. Scham und Erschtterung; es war erwiesen, da die Kirche
nicht einte. Die Fahrt ging ihm zu schnell, er wollte zwei Monate drei
Monate reisen. Und nach drei Monaten war nichts gebessert; er wollte
schneller hin, alles ablegen, sich in die Bcher verstecken. Die Schmach
vor den Ketzern.

Wie ein feuersprhender Drache stand der unscheinbare kleine so freundliche
Eggenberg vor ihm: Ihr braucht Euch nicht zu entschuldigen. Ich wei, Ihr
habt getan, was ein Mensch tun kann. Dieser da in Rom hat nicht getan wie
ein Mensch. Das ist der Ruin. Das ist der Verrat am ppstlichen Stuhle. Wir
in Not, unser Land mit Millionen Katholiken, und an Politik gedacht! Wir am
treusten ihm anhngig, am reichsten der Kirche spendend, und er kann uns
nicht untersttzen, hat keine Waffen und kein Geld. Trauervoll besnftigte
ihn Pazmany; Eggenberg wurde bitterer, stand vernichtet. Dies heit, der
Papst legt uns Wallenstein auf. Befiehlt uns, selber Hand an uns zu legen.
Ein niederer, o so niederer falscher Zug. Das hat ihm Richelieu
zugeflstert; es ist so unmenschlich schlau, ich wei nichts dagegen. Sie
haben wohl schon alles beredet mit dem Friedlnder, es lt sich mit ihm
leicht regieren. Sie werden sich tuschen. Wie er ber das Reich und ber
Habsburg fallen wird, so ber den Papst und Frankreich. Sie werden bereuen,
was sie uns angetan haben. Da sich die Waffe nicht gegen sie wende, da
sich das Verbrechen gegen sie selber richte. Stundenlang sprach Pazmany
auf seinen verstrten kleinen Freund ein, dann Abschied mit verwirrten
Worten, Hals ber Kopf aus Wien; nach Ungarn.

Eggenberg zog sich mit Riemen am nchsten Tag vor Ferdinand, jeden Schritt
bezahlte er mit einem Entschlu. Wie Ferdinand ihn kommen sah, richtete er
sich mit demselben sonderbar gespannten Ausdruck aus dem Stuhl auf ihn,
hauchend: Seht, seht, da kommt Ihr. Nun, was werdet Ihr mir berichten.
Eggenberg berichtete, Pazmany sei erzrnt zurckgekehrt aus Rom, wo er den
Papst gesprochen habe. Der Kaiser immer stehend: Seht, er hat den Papst
gesprochen. Und der Papst, ja, was hat er gesagt? Er hat nichts
Schriftliches mitgegeben. Hat auf einem Zettelchen sich drei Punkte notiert
und das hat er dem Kardinal vorgelesen. So ist es. Dies hat er
vorgelesen. Es soll nicht mglich sein mehr Geld zu steuern an uns wie
jetzt; es ginge nicht an, den franzsischen Knig scharf zu verwarnen oder
an unsere Seite zu verweisen, und uns anschlieen knnte sich der Papst gar
nicht. Es ist nicht mglich Geld zu steuern und sich mit mir zu
verbnden. Er kann den Knig Ludwig nicht scharf verwarnen. Seht Ihr!
Seht Ihr!

Fassungslos heulte der alte Eggenberg an seinem Kaiser, die Trnen liefen
ihm in die breitgezogenen Mundwinkel; er weinte, ohne das Gesicht
abzuwenden, wiegte in Schauder und Schmerz den Kopf hin und her.
Gleichgltig spielte Ferdinand mit seiner Schrpe, schlenkerte das Goldene
Vlie. Als wenn es nichts wre, meinte er, Eggenberg mchte doch nicht
weinen. Weinen. Wer wird weinen. Was im Leben alles geschieht. Sind wir
denn verlassen? Was einem begegnet.

Und er ghnte, whrend sein Blick pltzlich, schielend abwich. Aufstehend
und bla tiefsinnig an seinen Gamaschen heruntersehend rekelte er sich:
Das war also diese Geschichte. Vom Papst. Man mu nicht alles tragisch
nehmen. Legte heruntersteigend, munter schwatzend seinen Arm von rckwrts
um Eggenbergs Leib, zog ihn: Ich wei etwas. Wit Ihr, wie spt es jetzt
ist? Bald vier. Es ist Schneewetter, daher diese Trbe. Kommt mit, mein
Freund, Schlittenfahren. Und er pfiff und sang: Wer lt sich Lasten auf
die Schultern legen, die er nicht mag. Ich bin noch glcklich, lchelte
abwesend verlegen, pltzlich dunkel bestrzt der Rat, da Majestt es
leicht nehmen. Ach, wenn Ihr wtet, was einem fr Dinge ber den Weg
laufen.

Ferdinand ghnte laut an der Tr, rollte seinen Rumpf pltzlich welk
zusammen. Er seufzte, aus sich klagevoll und irre heraus, sagte sanft etwas
zu sich selbst.

Verabschiedete sich schwrmerisch zrtlich, heiter gespannt, stolzierend
wie ein Schauspieler von seinem Besucher, dem er die Hnde drckte und vor
die Brust klopfte.

                   *       *       *       *       *

Auf dem baumbestandenen Hradschin ber der breitflieenden Moldau kauerte
der Bhme. Michna, der fette kurzatmige Riese, wie er ihn so sitzen sah,
wollte sich vor ihm retten; die friedlndische Herrlichkeit war erloschen,
er wollte sich losreien und fuhr nach Wien. Mit Wonne empfingen ihn die
Herren; Abt Anton schnurrte wie eine Katze um ihn; der wrde sie vom
Friedlnder loskaufen. Wie sich Michna zurechtmachte, einen Teil seiner
Gter zu verkaufen, um sich am Kaiserhofe mit Darlehen festzusetzen, traf
ihn Wallensteins Schlag. Er hatte den Bhmen fr tot und abgetan gehalten,
sein Platz schien ihm frei zu sein; da sauste die Hand des andern gegen
ihn. Die Gter waren verkauft, der grte Teil seines Vermgens; ehe aber
die neuen Besitzer zahlten und das Land bernahmen, rckten Gewalt
brauchend Wallensteiner, Musketiere und Krisser, die in Prag auf Kosten
des Herzogs hausten, ber den Boden, besetzten ihn, lieen, einen
unerhrten Rechtsbruch begehend, nicht davon, obwohl aus der Kanzlei des
bhmischen Gouverneurs Schreiben ber Schreiben bei ihnen und dem Herzog
einliefen.

Michna, am Wiener Hofe tobend, glaubte leichtes Spiel gegen den abgedankten
General zu haben. Aber die Kriegsrte wollten unerwarteterweise mit
Manahmen nicht heran. Michna forderte Truppen, die Schweden zogen alle auf
sich. Die Rte legten sich darauf, den Herzog zu bitten, die Sldner
zurckzuziehen. Vom Hradschin herunter kam erst kein Bescheid und dann:
Wallenstein vermge nichts ber ausschreitende Kompagnien. Man mute biegen
oder brechen; die Rte baten den Serben, die betrbliche Sache nicht weiter
zu verfolgen, er kenne die Notlage des Reiches, den Zerfall des Heeres;
schlielich: sie knnten nichts gegen den Herzog von Friedland unternehmen,
man knne es nicht wagen; ob sich denn vershnlich nichts in der Sache
machen liee. So sah sich Michna, im Begriff, ins Nest des Friedlnders zu
fliegen, gentigt, mit ihm zu verhandeln.

Mute zurck von Wien, mute nach Prag, mute, als Briefe und Kuriere nicht
angenommen wurden, auf den Hradschin und wurde auch nicht angenommen. Jeder
Tag verminderte seinen Reichtum, die Soldaten verpraten seine Habe,
verschleuderten seine Gerte, trieben die Verwalter heraus. Eine halbe
Woche lang lief Michna im Hut durch die Gassen, stand besinnungslos in
seiner Stube, wartete an der Tr. Als er auf dem Hradschin empfangen wurde,
zhlte Wallenstein, der leise sprach, die Silben, gab ihm einen Teil der
Gter wieder heraus, aber nur einen Teil. Auf einem Zettel hatte der Herzog
vor sich ein Verzeichnis der freigegebenen Gter; Michna, seufzend und ohne
Gedanken, tastete nach der Feder, um das Verzeichnis durch seine
Unterschrift anzuerkennen. Er blieb in Prag.

Der Vorfall lockte den gewaltigen de Witte in die Stube des
niedergeschlagenen Mannes. Mit stummer Neugier und Kopfschtteln hrte er
die Einzelheiten; man msse vorsichtig sein, warnte er, aus dem Ereignis
ginge hervor, da der Herzog das Spiel nicht verloren gebe und da man sich
in Wien vor ihm frchte. Auf der Hut msse man sein, es werde von allen
Seiten gesagt, der Herzog plane etwas. Michna mge sich aufrichten; es sei
im Reich noch immer der Friedlnder, durch den man zu Besitz komme; er
lchelte: Der Schlssel zu allen Schrnken. Mit breitem grmlichen Mund
Michna: Ich mag nicht mehr.

Der Herzog wartete auf dem Hradschin. Spielerische hfliche huldvolle
Briefe des Habsburgers kamen an; die Kuriere wurden verschwenderisch
belohnt, die Briefe mit immer grerem Behagen gelesen. Auf dem Schlo
stellte sich hufiger der Schwager aus dem Hause der Trzka von Lipa ein,
der Graf Adam Erdmann, ein frhlicher blondbrtiger Mensch, der einen
kollernden Ba sprach, im Tanz seine se Maximiliane herumfhrte, mit
ihrer Schwester, der Frau des Herzogs, ein sanftes Getue Kosen und Lrmen
trieb. Der Herzog sah es gern, er liebte seinen Schwager. Die bhmischen
Vettern, die den Herzog aufhetzen wollten, die Rebellion in Bhmen zu
organisieren, half der Trzka lustig verjagen. Nicht aus dem Hause nach
Dimerkur, seinem Sitz, wollte ihn der leidende Friedlnder lassen; auch die
Herzogin bat ihn zu bleiben.

In eine sonderbare Verfassung war Wallenstein geraten. Er alterte
furchtbar. Sein hartes Gesicht war mit Runzeln berst. Die Haare ber den
Ohren wurden wei, standen in Bscheln ab, die Augenhhlen waren zu weit
fr die kleinen Augpfel, ganz im Grunde lagen sie da hinter ihren Huten,
im Begriff, vllig in den Kopf zu schlpfen. Die Breitenfelder Affre war
in dem kritischen Augenblick ber ihn gestrzt, als er mit de Witte plante,
nach Hamburg zu gehen, seine gesamten bhmischen Liegenschaften zu
verkaufen, von dieser Ecke des Reiches zusammen mit den Hansastdten,
vielleicht dem sehr still gewordenen Dnen Christian etwas zu unternehmen.
Der Kurier, der die Breitenfelder Nachricht brachte, sah -- er glaubte wie
alle, dem Herzog etwas Freudiges zu melden -- bestrzt den verabschiedeten
Generalissimus, der im herbstlichen Gartenhaus neben Trzka auf einer Bank
sa und mit Muscheln vor sich warf, tief erblassen, die dnnen Lippen sich
ffnen. Die scharfen uglein irrten zitternd von Lidwinkel zu Lidwinkel,
wichen schielend auseinander; sachte rutschte der lange Oberkrper die
Lehne herunter ber die Bank, hing mit baumelnden Armen zum Parkett
herunter.

Nach einer Stunde stand Friedland, torkelte am Arm des Trzka vor den
Bogenfenstern seines Pfeilersaales auf und ab, schob den Kiefer vor, kaute
grlich: Er ist mir zuvorgekommen, der dicke Schwede. Ich habe es mir
gedacht. Hat den Tilly zerschlagen. Er kommt ber den Kaiser. Sie sind
wehrlos. Fr den Schweden hab' ich gearbeitet, fr das Gromaul aus
Upsala. Er spie, fuchtelte hhnend, mordschtig mit der Faust: Aber der
Tilly. Der gute Alte. Gute Alte. Der Spaniole. Gedachte mich zu beerben.
Beim heiligen Blut Jesu, ich htte ihn gern verenden sehen. Der Schwede
wird glauben, er knne kommen, das Reich liege da, es warte nur auf ihn. Wo
steht der Schwede. Du mut hin zu ihm, zu Arnim. Ich bin noch nicht tot.

Krchzend, laut brllend, jammernd: Zottel nicht herum. Setz' mich ab. Wo
der Schwede steht. Mich schlgt er selber tot. Wie lange sind wir noch in
Bhmen. Wir sind ja wehrlos. An jedem Tag rckt das Vieh vorwrts; und ich
kann mich nicht regen. Wimmernd von Wut betubt lie er sich auf seiner
Fensterbank gegen die Rckenlehne schieben: Mit mir ist es aus fr alle
Welt. Der lutherische Lump, nun hat er sich den Augenblick ausgesucht,
schluckt den Braten. Du wirst sehen, er schluckt ihn. Mich mit. Er suchte
mit seiner schttelnden schlagenden Hand in den Taschen seines grnseidenen
Schlafrocks, ein Papier knisterte: Der Ferdinand. Mich hat er
beschwichtigen wollen, damit ich ihm nichts tue. Nun kommt der andere. Dem
schreibt er keine Briefe. Ich -- ich -- ich kann nicht denken. Er wollte
verzerrt lachen, wieder wurden seine Lippen wei. Trzka hielt ihn fest,
schrie nach Wein. Sie trugen ihn auf seine Schlafkammer.

Nach Zuziehung des Rittmeisters Neumann besprachen sie sich in die Nacht
hinein. Da kam heraus, da der Friedlnder durch verschwiegene Leute lngst
mit dem Schweden angebunden hatte; der Herzog hatte um eine Zahl Regimenter
nach Bhmen gebeten, wollte mit dem Schweden gemeinsam ber den Kaiser
fallen; der Schwede hatte heimtckisch die Sache hingezogen; wie sich gar
Johann Georg mit seinen schsischen Regimentern anschlo, schwieg sich der
Satan ganz aus. Der Herzog ballte die Fuste auf der Decke: Er hat mich
betlpeln wollen und hat's getan. Glaubt jetzt sein Spiel gewonnen. Der
Tilly hat mit der Schlacht seinen Ruhm und Ehre verloren. Ich nicht minder,
wenn ich mich nicht rhre.

Frhmorgens war der verschchterte Kurier in Trzkas Kammer geschlichen, bat
um Urlaub; seine Schlafkammer lag ber der des Herzogs, er hatte die ganze
Nacht gehrt, wie der Friedlnder ihn schmhte, ihm die Pestilenz
anwnschte. Das Gebrll war erst vor einer Stunde verstummt.

Hinter dem Kurier war schon der Reisewagen Trzkas angefahren. An den Toren
trennten sie sich; der Graf galoppierte mit seinen vier Pferden auf Tod und
Leben nach Norden. Im Wagen neben ihm sa ein armseliger glutugiger
Schcher in einen Winkel gedrckt, eine federlose Pelzkappe auf dem
struppigen Tschechenhaar, Jarosla Raschin, Exulant, einer der Geheimboten
Wallensteins an den Schweden, der unter Lebensgefahr aus Sachsen verkleidet
zum Herzog drang. Hinter Teplitz nahmen sie Pferde, ritten ber das Gebirge
durch die nebligen Tage. Allein schlug sich Raschin weiter, rief den Arnim,
jetzt schsischen Feldmarschall, nach Chemnitz.

Ob, fragte Graf Trzka, Arnim den Herzog zu Friedland hasse oder bereit
wre, mit ihm ber Dinge des Gemeinwohls zu verhandeln. Dann: ob der
Feldmarschall bereit wre, augenblicklich und gnzlich ohne Zgern zum
Besuch des Herzogs zu Friedland auf Schlo Raudnitz, zwischen Pardubitz und
Prag, aufzubrechen. Die leidenschaftliche Dringlichkeit der beiden Mnner
bestimmte den Arnim, Wagen und Pferde mit ihnen gemeinsam zu bestellen. So
berfallen war er von der Pltzlichkeit ihres Verlangens, da er erst
hinter Chemnitz den Befehl an seinen Leutnant abgab und in einem unsicheren
Vorgefhl schriftlich anordnete mit jeder erdenklichen Deutlichkeit, nichts
und gar nichts von den Anordnungen des schwedischen Hauptquartiers
durchzufhren, das ihm nicht zu Gesicht gekommen wre. Dann sa der
Uckermrker unter den Massen der Schafpelze zwischen den beiden, lie sich
gebirgwrts rasen, dachte mit zunehmender Bedrcktheit an seine Lage. In
ihm schwang frisch angestoen ein heftiges Gefhl der Anhnglichkeit an den
einsamen Herzog. Sein Herzog rief ihn, sie hatten sich seit den glckshohen
Augenblicken nicht gesehen, wo Friedland ihn nach Polen schickte. Der groe
Friedland brauchte ihn; beschmt und fast geqult machte er den Weg ber
das Gebirge. Wallenstein war noch nicht auf Raudnitz, als sie ankamen. Der
Marschall nahm einen Gaul; mit Raschin traf er den Herzog in der langsamen
Snfte auf der Landstrae. Ein wehes Stechen in der Kehle und hinter dem
Brustbein fhlte der Marschall beim Anblick seines alten Herrn; der winkte
aus der Snfte, lachte ihn verrunzelt an, den Kopf hervorstreckend,
wnschte ihm gurgelnd Glck zu den neuen Ereignissen: Ich wollte doch teil
daran haben, darum lie ich Euch bitten. Und er kollerte in seiner alten
verschmitzten Weise.

In seiner schon geheizten teppichbeladenen Schlafkammer stieg Wallenstein
am spanischen Rohr rastlos herum. Vor Arnim stand ein Tischchen mit Wein.
Der lange Herzog: Es wei niemand, da ich von Prag abgereist bin. Mein
Arzt sitzt in meiner Stube. Sie glauben, ich bin krank, ich liege im Bett.
Ich habe lange genug im Bett gelegen. Findet Ihr nicht auch, Arnim? Ist
eine herrliche Zeit jetzt. Ein prchtiger Mann, Euer Schwede. Bringt Wind
in die Welt. Flsternd: Und er hat ihn am Schopf. Der Tilly ist gelaufen.
Ihr seid tapfere Kerle. Hat mich gefreut. Ihr wollt mich gar rchen an
ihnen. Mu mich bedanken. Arnim, um seine Erregung zu verbergen,
berichtete Lobendes von Gustaf Adolf. Ein stechender Blick Wallensteins.

Als er schweigend rasch das Zimmer durchstiegen war: Er hat Euch auch im
Sack, Arnim? -- Wir wollen Ruhe schaffen in Deutschland. Macht der Metzelei
ein Ende. Der Augenblick ist gnstig, ich wollte Euch das sagen. Ihr drft
nichts versumen. Und Ihr drft Euch nicht vom Schweden mibrauchen lassen.
Mich freut, da Ihr beim Kursachsen in Gunst steht. Denkt daran, da Ihr
auch mir ein Teilchen davon verdankt. Es heit jetzt kurz und grndlich
handeln. Nach rechts und links entschlossen sein. Das wollt' ich Euch
sagen. Nachdem er Arnim ber seine Plne ausgeforscht hatte, brachte er
hervor: der Kaiser und die Liga seien in grter Schnelle vor ein Ultimatum
zu stellen; Friede oder vllige Niederlage mit gnadenlosen Bedingungen. Er
verlangte zum Erschrecken Arnims von ihm den Einmarsch in Bhmen. Gab sehr
genaue Zahlen ber die Truppen des sehr wenig aufmerksamen Marradas, der
jetzt in Bhmen kommandierte; der schsische Einmarsch werde das Signal des
bhmischen Aufstandes sein, der Kaiser umklammert. Er stand vor Arnim, der
sich auch erhoben hatte. Redete stoweise dicht am Gesicht des andern, die
Augen niedergeschlagen, mit dem Knchel des Zeigefingers auf den Tisch
klopfend. Nur beim Abschied blickte er lange scharf seinen ehemaligen
Untergebenen an. Der hatte leidend zugehrt; unverhllter schmerzvoller
Rachedurst schien sich vor ihm zu entblen. Die Angaben Wallensteins ber
Bhmen, er kannte die Zahlen ungefhr, waren wahr; der Herzog setzte bei
dem geforderten Einmarsch seine eigenen riesigen Gter aufs Spiel. In einer
Mischung von Besorgnis Erregung Freude Verwirrung reiste er ab mit Raschin,
der ihn leidenschaftlich auszuforschen suchte: Ist es soweit? Es war die
Frage, die tglich von den bhmischen Vertriebenen im Hauptquartier
gestellt wurde.

Friedland und Trzka rasselten trompetenblasend in den Hof des verschneiten
Palastes auf dem Hradschin. Seine liebe anlaufende Herzensfreundin begrte
mit Kssen der glckliche leicht gedmpfte Trzka. Den Herzog selber fate
die weiche Elisabeth bei den Hnden, fhrte ihn umfassend und vorsichtig in
den Flur. Wie sie alle schauerten unter seiner wilden kalten Stimme. Sie
hatten sie viele Monate nicht gehrt. Mit wem gingen sie da, wer fhrte die
weiche Herzogin an den Hnden. Wer hinkte da und erzhlte lachend von der
erfreulichen Begegnung mit seinem alten Arnim. Die Herzogin lie die Hnde
los, aber nur fr einen Augenblick, dann zog sich ihr Herz in einer
beseligenden Erinnerung zusammen: wie sie, das hfische Frulein, vor
langen Jahren zum erstenmal unter dieser Stimme gebebt hatte und dann
diesem als Unmenschen verschrienen Bhmen verfallen war, der durch sie, wie
man warnte, nur Hofbeziehungen suchte. Zaghaft nahm sie die Hnde wieder,
die sie kte. Sie hrte wonnevoll und demtig die schnarrende metallische
Stimme an. Und schon an der Tr zu seinem Empfangszimmer drehte sich der
Herzog, seinen Pelz abwerfend, zu Trzka und seinen Begleitern um, beugte
sich schief herunter, listig ihnen zuflsternd: das Schkern htte nun bald
ein Ende in diesem schnen Schlo; sie mten mit allen sieben Sachen
wandern, eher heute als morgen; trara, blst der Postillon, und wer sagt,
wohin es geht. Und zu der rasch erblaten Elisabeth: aber sie fhre diesmal
mit, er strbe ihr auch nicht so leicht weg, wie sie frchte; sie mten ja
fliehen, ob sie's nicht wten; vor wem doch?

Zu aller Schrecken befahl er in der Tat noch am Abend, und der ernste
straffe Rittmeister Neumann verbreitete sehr geheim den Befehl, zu packen,
was man Wertes und Wichtiges bese. Die weitere Dienerschaft wurde nicht
benachrichtigt. Von Tag zu Tag fuhren nun unauffllig ein zwei Wagen stark
bedeckt aus dem Palasthofe. Nach Mhren, hie es. Nach einigen Wochen war
eines spten dunklen Winterabends der Herzog mit seinem Anhang abgereist.
Dies war, whrend der Schwede in Kurmainz thronte, zwei Tage vor dem
Einfall Arnims mit den schsischen Truppen in Bhmen.

Denn unter dem malosen Wehegeschrei der Landbevlkerung trieben schon die
Sachsen Arnims heran. Marradas stand als Oberkommandierender in Prag;
Wallenstein hatte ihm noch, als die Gefahr sichtbar geworden war,
achselzuckend geraten, Widerstand zu leisten. Aber bei dem rasenden Tempo
des Anmarsches war kein Widerstand mglich. Pltzlich, als wenn sie einen
Traum erlebten, sahen die Bhmen die Kaiserlichen aus der Hauptstadt
flchten; tags drauf scholl der Gesang der Sachsen auf dem Altstdter Ring,
vor der Theinkirche.

Auf den Zinnen des Altstdter Brckentors ragten an Stangen und Spieen
verdorrte Menschenkpfe, denen die Rmpfe abgeschlagen waren. Sie hieen,
als sie noch lebten, Kaplir, Budovak, Dovorecky, Bila, Otto von Loos,
Valentin Kochan, Tobias Steffek, Michalovik, Kober, Heimschild, Jessenius.
An diesem Freudentag der Sachsen war den Finken kein Spa bereitet; ihre
Nester in den Mndern und auf den Kpfen der Rebellen wurden zerstrt.
Prchtige Srge wurden gefertigt. Hinein wurden gelegt die Kpfe samt den
Stangen, auf denen sie gesteckt waren und die ihnen in der langen Zeit zum
zweiten Leib geworden waren. Aus der blendenden Helle gingen die mden
Gesichter in die stillen Kammern unter der Erde.

Pltzlich war die Schlacht am Weien Berge -- nicht geschlagen.

Pltzlich war das Land -- frei.

Der Gouverneur flchtig.

Friedland, der Hauptverbrecher, flchtig.

Die Brger liefen aus den Husern, besahen sich den Ring, liefen auf die
Brcke. Sie stand, wie sie stand, die Kpfe waren weg. Sollte man sich
freuen. Und vor der kniglichen Burg stand eine unwahrscheinliche Gestalt,
von der man sich erzhlte, an die man nicht mehr glaubte: der weibrtige
Graf Thurn. Stand da, im Getmmel johlender frenetischer Bhmen auf dem
wasserflutenden Hradschinplatz unter den verhngten Fenstern der Burg, die
Libussa und Wladislaus gebaut hatten; die Schutztrme Daliborka und
Mihulka. Matthias, der Kaiser, Rudolf, der Kaiser wohnten nicht mehr hier;
wohnte der blinde Hund Ferdinand, der Idiot, noch in Wien? In den
kaiserlichen Zimmern hauste der Bhme Thurn und der schtzende schsische
Feldmarschall Arnim von Boitzenburg. In dem erstickenden Jubel dieser
Wintertage wurden die Tren der Geheimkonventikel gesprengt, die Trger der
alten gefeierten Namen rannten auf die Gassen und Pltze; ungeheure Umzge
spontan wachsend in allen Stadtteilen. Sie stiegen in glorreichen Gedanken
vor die Stadtkanzlei, wehten unter Gebrll und Gesang die alten Fahnen, vor
sich die Fenster der Landtagsstube, aus denen von den Mnnern der Befreiung
die Verrter Martinitz Slawata Fabricius in die Wallgrube geworfen waren.
Im Wladislaussaal, im alten Huldigungssaal der Burg, standen sie vor Thurn
und faten es nicht. Einmal strzte ein tumultuarischer Zug in den
Veitsdom, marschierte hte- und waffenschwenkend in die reiche
Wenzelkapelle; ein Priester aus ihrem Haufen griff nach dem Bronzering an
der Kapellentr. Sich biegend vor Hingerissenheit jubelte er weitugig; an
diesem Ring hatte sich ihr Wenzel sterbend und unverzagt in Altbunzlau
gehalten. Schon wollten die lsternen und rachedurstigen Massen in der
Stadt und auf den Lndereien plndern. Da besetzte Arnim eine Anzahl der
verlassenen Huser und Schlsser; die friedlndischen zuerst; seine Sldner
patrouillierten mit Pike und Muskete die Straen ab. Erschieungen von
Plnderern fanden statt.

Ein Schreck fuhr in die Menge. Graf Thurn suchte besnftigend einzugreifen.
Die Adligen, ihr wirres Gefolge bezichtigte ihn des Verrats, weil er nicht
den Sturm auf die Huser der Kaiserlichen befahl. Man hatte recht, Rache zu
ben. Er wies auf die Sachsen hin, die es nicht dulden wollten. Nicht die
Bhmen hatten das Land erobert. Sie verlangten sofortige Berufung und
Bewaffnung der Emigranten und Verjagten aus Sachsen, Herstellung ihrer
Habe. Entschdigung. Gerechtigkeit, Rache! tobte es vor der Burg. Thurn
warf vor Wut und in Zerrissenheit seinen Hut aus dem Fenster, verfluchte
die Stunde, die ihn nach Prag zu ihnen gefhrt hatte. Man lie ihn nicht
weitersprechen, Steine und Waffen krachten durch die Luft. Drauen fhrten
der prahlende Sohn des Berka, der sich aus der Gefangenschaft nach der
Prager Schlacht befreit hatte, und Saul von Hodojewski. Sie waren als
Jnglinge aus ihrer Heimat geflohen, keine Freude hatten sie gehabt in
Sachsen, die ihnen nicht durch Sehnsucht nach dem Mtterchen an der Moldau
getrbt war; sie klirrten als ungezgelte entschlossene Mnner gepanzert
vor den Haufen einher, die sich so wenig wie sie einschchtern lassen
wollten. Die Waffen wurden ihnen abgenommen, sie selbst in der Burg in
Eisen geworfen.

In den Husern schwoll die Enttuschung, rachschtig schlugen die
Konventikel die Tren hinter sich zu. Es mute zu einem Ausbruch kommen.
Die Sachsen waren froh, als das randalierende Volk die ersten Angriffe auf
die Judenstadt machte.

                   *       *       *       *       *

In Znaim nahm der Herzog Privatlogis; die Bewohner von fnf Husern mietete
er aus. Doktor Strpenius sah mit Verwunderung, wie die Gichtknoten an
Wallensteins Hnden, den Ohrlppchen Zehen aufbrachen, der Herzog hellere
Farben bekam, rastlos durch die Zimmer ging, in denen Raum neben Raum rasch
fr besondere Zwecke eingerichtet waren, wie der Herzog nur abends keifte,
auf den Kammerdiener losschlug, in der alten gehssigen Weise ihn selbst
mit dem Tod bedrohte, weil er ihn verderben liee. Briefe und Kuriere
liefen wieder tglich aus.

Der Herzog bat vertraulich die Obersten der in der Nhe stehenden
Regimenter zu sich, dann weiter entfernte. Er stellte fest, wie es sich mit
der Auffllung ihrer Truppen verhielt, mit Armierung Verproviantierung
Kriegslust; wies sie an, Mut auf Werbung und Ausbildung zu legen, seiner
Kasse gem nichts zu versumen. Das Reich liege in Nten; wenn der Kaiser
sie nicht rufen wrde oder nicht fr sie aufkommen knne, er wrde nicht
verschlossenen Mundes zusehen, wie der Schwede sein Hllenspiel auf
deutschen Gassen zu Ende fhren wrde. Mchten sich im schlimmsten Fall um
ihn, den Reichsfrsten und Herzog zu Mecklenburg, stellen.

Aus den uerungen der Herren, die einzeln, dann in kleinen Rotten sich in
den drftigen Znaimer Husern versammelten, klang, gelockt von diesem
Anruf, hervor, wie sie die Niederlage unter dem Schweden empfanden und den
Kaiser anklagten, das Heer in die Jauche gedrckt zu haben.

Es ist kein Gut am Grafen Tilly, schrien sie an der klirrenden Weintafel,
an der sie mit dem langen Herzog saen, er hat den evangelischen Obristen
die Patente abgenommen. Die Ligisten sind Mucker. Wir sind keine
kaiserliche Armee mehr. Wer regiert? Seine Knausrigkeit die Durchlaucht von
Bayern. Wir beten zu Jesus und Maria. Aber unsere protestantischen
Kameraden sind tapfer und brav. Man htte sie nicht davonjagen mssen, als
wren sie Heiden. Man hat getan, als fhrten wir einen Krieg fr die
Mnche. Wir sind Soldaten. Wer uns Ehre gibt und wacker zahlt, ist unser
Mann. Tilly ist geschlagen, wir sitzen im Mauseloch und knabbern an
Strohhalmen. Das walt' die Sucht. Haben bei der Durchlaucht zu Friedland
getreulich gestanden; hat uns die Schndigkeit seines Loses genugsam
gejammert. Sitzen als seine Gste, um ihm nicht blo zu versaufen, was er
uns vorsetzt; wollen auch bekennen, da wir seiner mit Verlangen denken.
Haben ihn nicht davongehen heien, die Durchlaucht zu Friedland. Haben
Trnen nach ihm vergossen, als wre uns Mutter und Vater an einem Tage
gestorben und wir selbst an den Bettelsack geraten. Da wir ihm einmal mit
Handschlag und Mund die Treue gelobt als Feldhauptmann des Rmischen
Kaisers, wollen wir ihn, wenn uns keiner mag, in seinem Gram nicht
verlassen. Sei er unser gewi. Sei er auch unser gewi.

Im Geschrei und erhitzten Stampfen und Tischschlagen -- der lange Friedland
im braunen Lederkoller lie still hockend und Blicke werfend die Reden um
sich gehen, als se er wie ein Rabe auf dem Ast, der Wind schaukelt ihn
spielerisch und blst ihm unter die Federn -- stieg ein
schrpenschleppender breiter hoher Mann mit glattgeschorenem kleinen Kopf
auf seinen Schemel, hatte ein glhendes geschwollenes Gesicht, hielt seinen
Becher im Stehen noch dicht vor seinen brtigen Mund, schwieg, als ihn
schon alle anriefen. Dann keifte, krhte er unter Gesten der linken Hand:
Der Schwedenknig steht im Reich. Bis Mainz steht er jetzt. Der Sachse
steht in Bhmen. Mit wieviel Mann? Mit sechstausend. Wo sind unsere Armeen?
Sie sind weggelaufen. Wo steht Konti, Savelli? Weggelaufen. Marradas?
Weggelaufen. Wir sind Hunde. Wir sind zum Krepieren reif. Ich lasse die
Herren wissen, wir sind fr den Schinder reif. Das bitte ich nicht zu
vergessen, wenn man von uns spricht. Stieg vom Stuhl, kaute mit leerem
Mund, trank stierend an seinem Becher.

Zuerst bezogen die Obersten der in Mhren gelegenen Regimenter vom Herzog
zu Friedland Geld, Darlehen, Winke fr die Werbung, den Proviant. Dann zog
er rasch, sich ihrer bedienend, die entfernten Regimenter in seinen
Bereich. In seinen Zimmern zu Znaim arbeiteten die aufgetriebenen Beamten
seiner frheren Verwaltung. Er erklrte mit dem Kaiser in dauernder
Korrespondenz zu stehen; sei ermchtigt, mit Umgehung der Wiener Herren den
Obersten mit Rat und Tat beizustehen, wie er als Privatperson von
Sachkenntnis und Vermgen fhig wre. Was niemanden qulte.

Die Grfin Trzka, spt abends mit dem Grafen und der Schwester antanzend,
erhielt einen raschen Schlag auf die Hand, als sie den Herzog vom
krachenden Schreibkabinett wegziehen wollte. Seufzend zog er sich am Arm
des Rittmeisters Neumann hoch: Trzka, du stehst nicht auf, wenn du Wrfel
spielst und im Begriff bist zu verlieren. Du wirst es nicht tun, wenn du
anfngst zu gewinnen.

Er gluckste zwischen den beiden Frauen hinaus, den Kopf zwischen den
Schultern einziehend: Weit du, weit du, herzliebes Weib, wer ich bin?
Aber ich wei, mein herzlieber Gemahl, wer du bist. Willst du mir
Botschaft geben? Mein herzlieber Gemahl. Ich bin ein Mensch, der einen
Kopf auf dem Rumpf trgt und auf den zwei Beinen steht, die ihm seine
Mutter in der Geburt mitgegeben hat. H. Sie werden es merken. Die
jesuitischen Stinkbcke, die verzagten schulfuchsigen Herzen. Und der dicke
Schelm. uert Euch unbeschwert, sagt unverhohlen, da Ihr mir kein
Vertrauen schenkt, Ihr. Er fuchtelte gegen Abwesende: Jetzt springt
links, jetzt dreht Euch. Es heit bezahlen. Mt heran, ob Ihr wollt oder
nicht. Bezahlen heit es. Siehst du, herzliebe Elisabeth. H. Sie werden
bezahlen. Sachte, sachte will ich ihnen das Pftchen bieten und an das
Hlschen gehen.

Seine Tafeleien und Verhandlungen mit den Obersten lie er in die Welt
schreien. An den Wiener Hofkriegsrat schickte er, Briefe des Kaisers lssig
beantwortend, einen Kurier mit der Frage, ob die Kammer wte, da sein
Mecklenburger Herzogtum, dazu sein bhmischer Besitz, Friedland Sagan
Groglogau, alles hin und verloren seien, und was man ihm, dem
Reichsfrsten, an die Hand gebe, sich vor unverschuldeter Armut zu
schtzen. Dann drohte zwei Wochen darauf ein zweiter Kurier: man schweige
sich aus, der Erwhlte Kaiser des Heiligen Reiches liee ihn im Stich; er
sitze in Znaim auf der Flucht, nur mit dem Notdrftigsten versehen. Sei das
Reich zerbrochen? Msse er sich selbst schtzen? Man mge es sagen. Er
warte, trfe Anstalten, sich seiner Haut zu wehren, wie es ihm geblieben
sei.

Graf Trzka bekam den Auftrag: ihm gbe er, sagte Friedland, mit auf die
Reise seine beiden blauen Augen und die treue Miene. Damit solle er sich
vor den Schweden oder Oxenstirn stellen, sie fangen und sagen, er, der
Friedlnder, sei im Begriff, ein meuterndes kaiserliches Heer an sich zu
ziehen und damit nach Belieben zu verfahren. Ob ihm das Knigreich Bhmen
garantiert werde? Ferner wieviel schwedische und schsische Truppen rasch
zu ihm stoen knnten im Augenblick des Losbruchs. Den Bescheid mchte er
sich schriftlich von Oxenstirn oder dem Schweden selbst geben lassen.
Mchte sich beeilen.

Trzka war einen Augenblick erschreckt und unsicher. Friedland schrie:
Lacht nicht. Behaltet Euer Gesicht im Zaum. Stie ihn drohend mit den
hageren Armen zur Tr hinaus.

                   *       *       *       *       *

Unter dem niederdrckenden Bescheid des Kardinals Pazmany, den Nachrichten,
die die Gefahr einer Umklammerung greifbar nahelegten, getrieben von
sthnenden Briefen des Kurfrsten Maximilian, trat Frst Eggenberg mit dem
Hohen Rat in der Burg zusammen.

Maximilians Lage war ihnen allen klar. Er hatte in der furchtbaren Not nach
der alten Verbindung mit den Franzosen gegriffen, diesmal aber nicht, um
Habsburg Paroli zu bieten, ja er hatte sich durchzuschlagen versucht, indem
er den Schweden selbst erweichte: nicht anders konnte ja sein neulicher
Waffenstillstand gedeutet werden. Und dann sah der Bayer ein, da er kein
Erbarmen von dem Vandalen aus Skandinavien zu vergewrtigen htte, da es
doch nur ein kleiner Aufschub war. In einer Verzweiflungstollheit war
Tilly, ehe noch der Stillstand ganz beendet war, losgebrochen und hatte in
dem Entscheidungskampf dieses neuen Jahres als erster auf den
menschenmordenden Schweden losgeschlagen, auf den Mann, der ohne Erbarmen
trompetete: er werde keinen Pakt zwischen Evangelischen und Katholiken
zulassen, es msse einer von beiden in das grne Gras beien.

Der kleine Frst Eggenberg, gebckt und bermdet hinter seinem Schemel
stehend, verkndete mit schmerzlichem Kopfnicken den anderen Herren, da
jetzt, zum ersten Male vielleicht, kein Zweifel an der Gutwilligkeit des
Bayern mglich sei, und der Bayer selbst liee die qualvollsten Briefe, die
heftigsten Bitten durch seinen Gesandten an den kaiserlichen Hof ergehen:
zu helfen, nicht zuzusehen, wie man, Kaiser und Liga, vor das uerste, die
glatte Kapitulation gestellt wrde. Es sei das Schreckliche, kaum
Wiedererzhlbare Wirklichkeit geworden, da der Mann, der jetzt auf dem
Thron des Stellvertreters Christi se, den Fischerring trge, da eben der
Mann, Barberini, sich in einer Klte, die an Hohn grenze, apathisch fr das
Interesse des katholischen Glaubens gezeigt habe. Er habe es in seiner
Gewalt gehabt, was katholisch in der Welt sei, zu einigen gegen den
unheimlichen alles verheerenden Ansturm des Ketzerknigs aus dem Norden.
Man habe ihm den vertrauenswrdigsten Menschen zur Unterhandlung geschickt,
den Erzbischof von Gran, den Primas von Ungarn; beschmt, zerschmettert sei
der von Wien nach dem Bericht abgereist, habe nichts seinem Bericht
zugesetzt, als: er wnsche sich in Zukunft nur seinen Arbeiten zu widmen.
Und nun ist es zu allem Unglck auch noch geschehen, da die letzte Sule
des Hauses Habsburg, der gewesene Feldhauptmann zu Friedland, zu wanken
beginne. Unter dem berraschenden Einmarsch der Sachsen habe er fliehen
mssen; wieviel an seinen Gtern, die seinen Reichtum ausmachen, noch
unversehrt ist, knne er nicht feststellen. Der Herzog sitze mit seiner
Familie und Anhang in Znaim. Das Wetter zieht auch ber ihn herauf. Woran
sollen wir uns halten?

Aus der gespannten beieinander sitzenden Gesellschaft fand Questenberg, der
kurzbeinige schnuzbrtige, ein Wort; das Unglck habe dann wenigstens das
mit sich gebracht, da bis da zweideutige Freunde sichere Freunde geworden
seien, ob sie wollten oder nicht; man knne sich auf den Bayern und den
Friedlnder verlassen; ja der Friedlnder msse sich glcklich preisen,
wenn Habsburg mit ihm zur Erlangung seines Besitzes gemeinsame Sache machen
wolle.

Stillschweigen.

Um die Unterhaltung weiterzufhren, beugte sich der verwachsene Graf gegen
Questenberg hin; freilich habe dieser Friedlnder, wie auch seine Briefe
zeigten, nun auch nichts und warum solle also dann Habsburg mit ihm
gemeinsame Sache machen. Und indem er forschend den welk in seinem
Armsessel ruhenden Frsten Eggenberg anblickte: man habe vielleicht
Interesse daran, dem Herzog nicht zu helfen; Friedland sprche auch jetzt
sonderbar drohend. Er sondierte: bekanntlich ist es gut und zweckmig,
Schlangen, die man frchtet, die Giftzhne auszubrechen, um des Heilands
willen ihm keine neuen einsetzen.

Eggenberg hielt die Augen des anderen fest; leise, pointiert tropfend; das
sei der entscheidende Punkt: wie denke man sich ohne Wallenstein die
Situation? Die Faust setzte Questenberg auf den Tisch: Wir brauchen
Wallenstein zum zweiten Male und dauernd, bis Ruhe ist.

Am Tisch im weien Mhlsteinkragen der schlanke Fechter, der Spanier
Ognate; er hob den Zeigefinger: Wir bieten eine Million Gulden, wenn
Wallenstein das Heer organisiert.

Seht Ihr, breitete Eggenberg gegen Trautmannsdorf den Arm aus.

Nichts sehe ich, als da wir vermutlich auch noch das Fell des Lwen
verteilen, bevor wir ihn haben; zunchst steht es ja nicht fest, da der
Herzog zurck will.

Ognate: Er will. Er will.

Ja, wie er will.

Ognate einfach: Als Generalfeldhauptmann wie vorher, zugleich als Haupt
der spanischen Armee im Reich.

Mein Gott, wit Ihr denn, Graf Ognate, von wem Ihr redet? Seine Briefe
sind sonderbar. Es knnte sein, da er in der Situation, in der er sich
jetzt befindet, nach Schwund seines Vermgens, bereit ist zum Kommando.
Vielleicht. Vielleicht hat er auch etwas anderes vor. Der Wallenstein! Er
wird schnappen! So gro wird kein Rachen eines Wolfes sein wie seiner, wenn
er schnappen wird. Er freut sich unserer Lage; sie verspricht ihm viel. Was
meint Ihr, Eggenberg und Ihr, Graf: wird es ntig sein, da Ihr Euch noch
retten lat von ihm? Er wird Euch retten, soweit es ihm Spa machen wird,
und von dem Braten speisen, mit Fettsoe, Zwiebeln, Gemse und Pastete,
soviel er mag. Das Reich wird anders aussehen nach dieser Rettung als
vorher. Ich wnsche Euch guten Geschmack -- fr ihn.

Eggenberg: Was ratet Ihr?

Mit Schweden paktieren. Rasch.

Eggenberg: Nein sagt, Graf Trautmannsdorf, lat dies einen Augenblick: ist
der Herzog nach Eurer Meinung so gefhrlich?

Euer Feind. Weiter nichts. Gewi nicht meiner. Er kann Euch jetzt
vielleicht nicht viel scheren; Ihr mt damit zufrieden sein. -- Ihr wit
brigens, da ich ihn liebe und hochschtze. Die Dinge haben es leider
dahin gebracht, da er mit dem Erzhause verfeindet wurde.

Trautmannsdorf war traurig und sttzte den Kopf. Wieder Stillschweigen. Am
Tisch sa neben Questenberg der Beichtvater, der groe Lamormain. Man msse
sich der Menschen bedienen, wie sie sind. Man htte Machtmittel in der Hand
gegen den Herzog. Friedland scheine sich schon jetzt zu irgendeinem Schlag
zu heben. Er sei offenbar noch krftig. Man msse sich seiner in beliebiger
Weise bemchtigen.

Questenberg bitter gegen Trautmannsdorf: ob der Herr Graf wisse, da der
Friedlnder fast alle Obersten Mhrens und Niedersterreichs an sich
gezogen habe, die kaiserlichen Obersten? Zerschmettert die Armeen,
verzweifelt, schlecht entlohnt, in ihrem Ehrgefhl gekrnkt die Offiziere.
Es kann geschehen, da unsere Regimenter zu Wallenstein bergehen, ohne
da wir etwas dagegen ausrichten knnen; wir sind ja nichts. Wir sind
Geschlagene, schlechte Politiker, da wir ihnen diesen Wallenstein
weggenommen haben. Und er: er ist imstande, nimmt die Regimenter, die Juden
zahlen, was er braucht; er erobert sich seine Gter, vertrgt sich mit dem
Schweden. Es ist alles mglich. Lt man ihn, ist man vor nichts sicher.

Und wer ist schuld daran? Trautmannsdorf zog brsk die Arme vom Tisch,
schrie: Ihr. Er war nicht unser Feind. Ihr habt ihn dazu gemacht. -- Aber
ich will davon nicht sprechen. Er prete sich erglhend in seinen Stuhl:
Wenn es wahr ist, da der Papst diesen Bescheid dem ungarischen Primas
gegeben hat, so wird man diesen Bescheid den geheimsten Geheimbchern des
Erzhauses einverleiben mssen. Man wird es nicht nur in die kaiserlichen
Erinnerungsbcher fr die Richtung der kommenden Politiker schreiben,
sondern fr jeden im Reich und auerhalb des Reichs, der Interesse am
katholischen Glauben hat. Es ist unmglich und zum Himmel schreiend, da
die grausige Not, vor der sich Bayern und sterreich, alle Knigreiche und
Erblande krmmen, blinde Augen beim Heiligen Vater findet. Er hat es
abgelehnt, das in hchster Not schwebende und fast zu gnzlichem Untergang
neigende Rmische Reich aufzurichten. Er wird seine Schuld vor dem zu
verantworten haben, dessen Stellvertreter er ist. Und nicht ist. Die Schuld
liegt auch bei Euch, Frst Eggenberg. Es war alles unntig. Wir waren in
Macht, wir saen im Sattel, dann kam der bse Anzetteler, der treulose
baumstarke Verderber des Reiches, der Bayer. Er hat die Kurfrsten gegen
Habsburg aufgewiegelt; wir htten stark bleiben knnen und sollen. Statt
dessen hattet Ihr Furcht. Von Anbeginn. Ich sage Euch: Friedland war treu
bis zu dem Augenblick in Memmingen, wo wir ihn fallen lieen und wo er sah:
dem Kaiser liegt nichts an ihm. Er wurde nach solchen Diensten fr uns wie
ein rudiges Tier zur Tr hinausgestoen. Kaum da die Kaiserliche Majestt
selber in ihrer persnlichen Liebe fr den General ihn vor dem uersten
bewahrte: vor der offenen Infamie, der Degradierung, Absprechung der Titel
und Besitztmer. Warum? Die Herren wissen alle: um nichts. Wegen des alten
Hasses des Bayern, der hinter Habsburg wie die Bremse ist und in den
Wahnsinn stachelt. Was wre geschehen? Fast wre Deutschland ein
Kaiserreich geworden. Nun sitzen wir da, winseln vor dem Papst, werden vor
dem Herzog winseln. Jetzt hat er Rebellisches vor, ich zweifle nicht daran.
Er macht sich unsere Not zunutze. Wr' er doch ein Seraph, wenn er's nicht
tte. Er hat uns alle, wie wir hier sitzen. Ich kann meine Liebe zu ihm
nicht verbergen und ihm nur recht geben. Ich mu es tun. Ihr seid schuld,
Frst Eggenberg. Ihr habt einen Keil in uns getrieben und uns schwach
gemacht. Ihr habt uns und dem Kaiser den Mut genommen, da wir in
Regensburg nicht sprechen konnten. Das Reich wird es Euch nie vergessen
drfen. In hundert und tausend Jahren nicht.

Verzweifelt lchelnd blickte der kleine Frst auf seine zitternden kalten
Finger: Wollt mir doch wenigstens das auch nicht vergessen, da ich das
Beste gewollt habe, da wir alle doch schon so schwer gebt haben. Noch
nicht genug. Der Schwede wird noch andere Register ziehen. Es ist soweit
gekommen, Frst Eggenberg, da ich ein offenes Wort hier sprechen mu. Ihr
httet Euren Kopf dem Kaiser nach der Breitenfelder Schlacht anbieten
mssen. Sie war das Resultat Eurer Politik. Ihr habt die Vershnungstaktik
dem Kaiser geraten. Habt Ihr das getan?

Gedankenlos blde lchelte ohne Aufblick der Frst: Liegt Euch soviel an
meinem Kopf?

Habt Ihr ihn dem Kaiser angeboten?

Der Frst fahl, eingefallen, einen Moment die Augen beschattend: Nun will
ich Euch sagen, Trautmannsdorf, da das, was Ihr mit mir tut, anfngt
unertragbar zu werden. Was habt Ihr mit mir vor?

Sollen wir nicht das Recht haben, ber Euch zu Gericht zu sitzen und seid
Ihr hier nicht Rechenschaft schuldig?

Was ich getan habe, verantworte ich. Ihr seid in Eurer Liebe zu
Wallenstein ohne Verstand.

Meine Liebe zu Wallenstein. Ich will nicht nur Rache nehmen dafr, da ich
gezwungen wurde, gegen ihn aufzutreten. Ich mu Protest erheben gegen die
Verwstung der strksten Position in der Welt, die das Reich hatte.
Friedland htte das habsburgische Reich halten knnen. Nun ist er zunichte
geworden, verschandelt, in einen grlichen Dmon verwandelt, vor dem wir
zittern mssen. Aber eins gegen das andere: ist Wallenstein nichts und ist
Habsburg nichts: ist es da recht, da Ihr etwas seid, der beide zu nichts
gemacht hat. Das sag' ich hier am Tisch: ich liebe Habsburg und hnge
unserer Kaiserlichen Majestt an -- aber Ihr, Frst Eggenberg, ttet gut,
Euch jetzt und fr alle Zukunft zu verstecken, weil Ihr und kein anderer
schuld seid an diesem vermaledeiten Regensburger Tag.

Die Herren werden alle einsehen, da diese Debatte nicht so fortgehen
kann. Ich habe stets alles frei aufgenommen, was hier beraten wurde und dem
Kaiser berichtet. Er kennt alle Standpunkte und Gesichtspunkte. Man hat es
hier mehr auf meinen Kopf als auf etwas anderes abgesehen. Ich will Euch
einladen, Graf Trautmannsdorf: kommt mit vor den Kaiser.

Wozu soll das? Der Kaiser ist jetzt machtlos.

Er ist Richter.

Was soll das?

Kommt mit. Ich bin Euch Genugtuung schuldig fr Euren Wallenstein. Ich
begehre es von Euch.

Was soll das?

Ich bin Euch wohlgesinnt. Ich versteh', was Ihr fhlt.

                   *       *       *       *       *

Der Kaiser in dem menschenflieenden Abtstuhl: Das ist wohl eine Art
Gericht. Ihr seid der Anklger und Frst Eggenberg der Malefizer. Oder
umgekehrt.

Eggenberg: Ich mchte wissen, was die Kaiserliche Majestt urteilt.

Was, Urteil, Eggenberg?

Ich habe viel gelitten unter den letzten Ereignissen. Majestt wei davon.
Aber die Dinge sind in der Tat so ungeheuerlich in ihren Folgen,
Nebenumstnden, knnen verhngnisvoll werden, da ich mich nicht mit einer
bloen Besnftigung und Hinnahme begngen kann, sondern rund um ein Urteil
bitte. Ich habe alles verschuldet. Es mu mir abgenommen werden. Oder der
Kopf, der die Erinnerung an das alles aufbewahrt, mu herunter.

Der Kaiser: Und dies scheint auch die Meinung unseres Trautmannsdorf zu
sein?

Trautmannsdorf: Ich habe den Frsten, meinen alten Freund, nicht hierher
gezogen.

Der Kaiser: Jedenfalls -- steht es wahrhaft um uns so?

Beide Herren sahen zu Boden.

Und an dieser Lawine begehrt mein guter Eggenberg schon wiederum schuld zu
sein? Regensburg, Abdankung des Generals. Schweden, Breitenfeld und so
weiter?

Ich nehme die Abdankung des Generals auf meine Kappe.

Der Kaiser sich hochstemmend schleifte herum um die grne Marmorsule:
Schon gut. Ich dachte es eigentlich anders. Er legte die leichten Hnde
auf Eggenbergs Schulter mit dunklen Blicken leise redend: Sprecht nicht
von Regensburg. Lat das. Ihr seid nicht daran schuld. Ich hab' mit Euch ja
gar nicht darber gesprochen. Da ist nichts von Schuld. Wollt das nicht
bemkeln.

Eggenberg ffnete den Mund, der Kaiser fuhr fort: Sprecht nicht. Es ist
wie ich sage. Man soll an den Dingen nicht deuteln und sich nicht
versndigen. Streckte die Arme von sich breit nach beiden Seiten:
Frieden, ihr Herren. Er lie seine Arme sinken. Sah sein Spiegelbild ber
die Sule flieen. Ging gegen die hohe Tr; die beiden Herren betrachtete
er; seine Miene nahm etwas berdrssiges, Feindseliges an. Das verlie ihn
erst langsam, wie er wieder im Stuhl sa. Da lachte er in kleinen leisen
Sten, streckte die Arme von sich breit nach beiden Seiten: Frieden, ihr
Herren. Wir sind nur Werkzeuge, wer wei in wessen Hnden. Ich hoffe, in
Gottes, Marias und der Heiligen.

Die beiden Herren blickten aneinander vorbei.

Der Kaiser trumerisch herumwandernd, an den Puscheln seines Schlafrocks
spielend: Es nimmt alles so guten Verlauf. Wenn ich nur wte, wovon ihr
redet.

Eggenberg: Der Schwede --

Der Kaiser: Ah der Schwede. Ihr werdet ihm, ich sagte es schon, den
Wallenstein entgegensetzen mssen. Ich -- mchte diesen Wallenstein gern
wieder sehen. Seht, wie gut, da ich den Wallenstein nicht von mir reien
lie. Das hab' ich gut gemacht, nicht wahr?

Er dachte vor ihnen angestrengt nach: Also, bringt ihn vor mich. Ich
mchte ihn sehen.

Als sich der Frst und der hchst betretene Graf voneinander trennten,
waren sie bereingekommen, sich umarmend, sich drckend und einander alles
abbittend, angesichts der erschreckenden unfabaren Apathie des Kaisers
sich nicht voneinander zu trennen und alle Entschlsse gemeinsam zu fassen;
fr den Augenblick den, das Generalat Wallensteins zu erneuern, als
Gegengewicht aber sich des Bayern und Spaniens zu versichern.

                   *       *       *       *       *

Die Ankndigung des Besuches Eggenbergs wirkte auf den Herzog, der in
ruhelosem Konspirieren begriffen war, so erschreckend, da er im Zimmer des
Rittmeisters Neumann einen Nervenanfall erlitt. Er schluchzte eine halbe
Stunde, auf dem Stuhl am geffneten Fenster sitzend, nach dem den Garten
zu sitzend, hatte eine wachsfarbene schmale Nase, griff oft nach seiner
Brust, war nach seinen leeren Blicken nicht ganz bei Besinnung. Nachher
schmhte er noch schluchzend auf den Rittmeister, auf seine rzte. In
seiner Schlafkammer sa er weitugig, verstrt, schlaffrckig neben
Elisabeth, flsterte: Ich bin nicht mehr der alte, Elisabeth. Irgendwie
bin ich wurmstichig. Irgendwie haben sie mich wurmstichig gemacht. Und
wtend aufstehend, brllte er, fusteschttelnd, tierisch herumtrampelnd:
Sie haben mich wurmstichig gemacht. Sie haben mir die Federn ausgerissen.
Das haben sie erreicht. Sie sollen es bezahlen. Wenn es im Himmel einen
Gott gibt, wenn Maria die Mutter Gottes ist, wenn mich die Heiligen
beschtzen, bei meiner Seligkeit und Ehre, ich will ein Erztropf und
Schindhund sein, wenn sie es mir nicht bezahlen mit allem, was sie haben.
Da sie die Hand Gottes rhre. Vor dem Bildnis des Christophorus, der die
Fluten berschreitet, stehend, schumte er gierig unter Anschwellen der
Venen an dem drren glhen Hals, mit beiden Unterarmen gegen die Tapete
trommelnd: Galgenschelme, Galgenschelme. Kreischte heiser. Elisabeth lie
ihn, weinend das Kinn auf die Brust legend, stehen.

Am spten Abend sa er nach Verabschiedung der Herren in seiner kleinen
Gaststube mit ihr allein vor der unabgedeckten Tafel, lchelte pltzlich,
sich zusammenziehend, grimmig havoll, mit glckstrunken funkelnden Augen:
Gott hat sie mir in die Hand gegeben. Ich werde sie wie einen Floh
zwischen den Ngeln zerknacken.

Sie drckte sich an ihn; sie konnte sich nicht erwehren, sie liebte ihn in
seinem Unglck von Tag zu Tag mehr, schmte sich unklar ihrer Liebe.

Der Herzog ging an seinem spanischen Rohr dem Frsten Eggenberg auf der
gefrorenen Znaimer Landstrae einige hundert Schritt entgegen. Sie sprachen
ber ihr gemeinsames Podagra. Drin wurde der Herzog der Freude des Kaisers
ber seine alte unvernderte Anhnglichkeit versichert, Wallenstein bot,
ohne sich zu binden, die Aufstellung einer Armee von vierzigtausend Mann
an, die er allmhlich auf hunderttausend bringen wolle. Aber er lehnte jede
Abmachung ber seinen Eintritt in das Generalat ab, klagte ber seine
Hinflligkeit.

Und Eggenberg, der gefat die Verhandlung fhrte, mute zugeben, wie er den
langen gelben Mann hohlugig vor sich im berweiten Lederkoller fuchteln
und sthnen sah, da es gut sei, mit solchem Mann nicht gar zu lange
Vertrge zu machen. Und in Eggenbergs Seele kam ein leichtes unsicheres
Staunen und wehe Mdigkeit, wie sonderbar unerwartet sich die Dinge
gestalteten. Wir mssen alle sterben, seufzte Eggenberg, ber sich
sinkend. Der Herzog zog, den Kopf zurckbiegend, spttisch die Mundwinkel
herunter, lie von oben einen lauernden freudigen Blick ber den andern
spielen.

Man wollte am Hof wissen, welche Forderungen der Herzog gestellt habe. Der
alte Frst gab schwermtig von sich, sie sollten sich erst den Herzog
ansehen, er werde bald kommen.

Und nach Wien eingeladen kam der Herzog. Nicht wie beim Antritt des ersten
Generalats, mit zwanzig Karossen; versilberte Partisanen der Vorreiter,
Zaumzeug und Schabracken, wie der Kaiser sie fhrte, Lakaien und Pagen in
feinsten franzsischen Stoffen, eine halbe kriegsstarke Kompagnie voraus,
eine halbe hinterher.

Sondern geruschlos mit zwanzig Mann Bedeckung und drei Leibwagen. Er
fhrte auf der eisigen Stiege seines Znaimer Huschens noch ein murmelndes
Gesprch mit dem heibltigen jungen Sesima Raschin und seinem Trzka.
Keinen Augenblick sollten sie sich durch die nderung in seiner Stellung
zum Kaiser in ihren Aufgaben stren lassen; jede erreichbare Bindung an den
Schweden und den Sachsen fr ihn erstreben. Es solle alles so weitergefhrt
werden, als geschehe nichts. Gab keine schriftlichen Vollmachten von sich;
er mache sich nicht, rusperte er sich aus dem Fenster des Wagens heraus,
bevor er die Decke vorzog, zum Sklaven des Kursachsen oder Gustafs. Sie
begriffen, der Herzog, der langsam auf der Landstrae fuhr, hatte etwas
Besonderes mit dem Kaiser vor.

In dem schneidend klaren Januarlicht stellte sich der Bhme, am Stock
herangeschleift, hoch und mager vor dem Kaiser auf, der ihm selbst einen
Sessel heranrckte.

Beide fanden in der grlichen Deutlichkeit des Tages, da der Tod den
andern an Auge, Nase, Mund, ja an den Hnden gezeichnet habe. Beide wuten
es nur von dem andern.

Ferdinand las in seiner Verwirrung dem Herzog einen Brief der Mantuanerin
vor, den er eben erhalten hatte aus Schnbrunn, worin sie ihre baldige
Rckkehr nach Wien anzeigte. Whrenddessen und nach den ersten heiseren
Worten des Herzogs vernderte sich dessen Bild vor ihm und in ihm tauchte
wieder auf der unersttliche regsame Lindwurm, der kriechende
langschweifige tausendfige Leib. Den hatte er einmal gefrchtet. Nun war
es klar. Es sollte wieder etwas wie Krieg geben; er mute sich einen
Augenblick wirklich besinnen, gegen wen; dachte im ersten Moment an den
Bayern. Also jetzt ist der Schwede an der Reihe. Dieser Herzog hat es auf
den abgesehen. Er wird ihn wahrscheinlich besiegen. Vielleicht wird ihn
auch gelegentlich der Schwede besiegen; diese Dinge sind unbersehbar. Eine
sonderbare Sache.

Der Herzog sprach von den schon getroffenen Manahmen zur Aufstellung eines
Heeres, und da in der Tat der Schwede und Kursachse alle Vorteile haben.
Heiser schrie er; wie seine bhmischen Augen dabei feucht schillerten.

Man braucht solche Menschen hier. Sache des Kaisers ist es sie zu belohnen.
Sie hungern zu lassen und zu fttern, je nach den Umstnden, um sie desto
willfhriger zu haben. Das ist das Geschft des Kaisers. Die Aufgabe der
Krone. Es ist in allen Lndern so. Man verliert die Krone ohne dies Spiel.
Man sollte vielleicht diese Menschen auf den Thron lassen, das wre wohl
das Richtigste, das Glatteste.

Als sie ihr Gegenber beendet hatten, lie der Kaiser, ohne den Platz zu
wechseln, stumm den Frsten Eggenberg kommen, fragte ihn, was er nun zu tun
htte. Pltzlich war es dem Kaiser geworden, als ob er die Balance verlor,
schwindlig wurde und in einer kichernden bewutlosen Freude nicht wute,
was heute war, was morgen sein wird, in welchen Zimmern er ging, in wessen
Zimmern er ging. Ja, das groe Geheimnis, das ihn tief beglckte, wollte er
dem Frsten Eggenberg nicht verraten, vielleicht aber der Mantuanerin, die
bald kommen mute: da er manchmal nicht wute, in wessen Kleidern er hier
herumging, er auf zwei hebenden fhlenden Beinen, mit einem beweglichen
Kopf; da ihn die Unterschriften tief fesselten, die seine eigenen Hnde
zogen; manu proprio hie es, mit eigener Hand. Sieh da, sieh da, der
Ferdinand.

Und Eggenberg wurde von ihm umarmt, Ferdinand scherzte mit ihm, da er sich
von Trautmannsdorf nicht habe in den Tod jagen lassen. Nun werde er wohl
auch wissen, was mit dem Herzog zu geschehen habe, wie man ihn belohnen und
abfinden msse; nun sei doch der Geheime Rat ganz beruhigt. Friedland sei
bei ihnen, der Schwede werde bald nicht mehr auf der Landkarte zu finden
sein.

Der Frst kniff schwermtig die Augen zu; ob man den Herzog werde abfinden
knnen, wisse keiner, er schwiege sich aus. Man wisse nicht, womit nach der
Aufstellung der Armeen der Herzog kommen werde; nicht viel geben, nicht
viel geben sei der gemeinsame Wunsch aller Herren. Auf seiner Schreibtafel
stand, als er sich verabschiedete, die Besttigung des Herzogs als
Reichsfrsten zu Mecklenburg, ein Geschenk des Kaisers von
vierhunderttausend Reichstalern, soviel der Friedlnder noch fr gekaufte
Gter der bhmischen Kammer schuldete; man gedachte ihm schlielich
pfandweise fr die Auslagen das schlesische Herzogtum Groglogau zu
berlassen.

Als am folgenden Nachmittag die Mantuanerin den Kaiser nicht aufgesucht
hatte, obwohl ihre Ankunft am letzten Abend gemeldet war, lie sich der
Kaiser zu ihr hinberfahren. Sie war nicht in ihren Zimmern, nicht auf den
Hfen, nicht in den Grten. Mit ihrem Frulein Kollonits war sie vor
kurzem, hie es bei der Wache, zu Fu, tief verschleiert zur Burg
hinausgegangen. Da ihn solche Sehnsucht nach ihr erfate. In einer
herzlichen Trauer lag er allein eine halbe Stunde in seiner Kammer, lie
sich dann umziehen mit brauner Kniehose, glatter Jacke, weiter loser Hose,
wie ein gewhnlicher Mann, ein Handwerker, ein Bieranstecher; farbige
Strmpfe und fliegende Bnder trug er, eine braune niedrige Kappe stlpte
er sich gedankenlos auf; der Leibkammerdiener folgte ihm nach wenigen
Minuten, hinterher in zwanzig Schritt Entfernung wie eine Magistratsperson
wandernd mit kleinem Degen, in einem hohen braunen Filzhut; der einfache
Anzug gelb, die mageren Waden in roten Strmpfen.

Der Handwerker, eine Weide in der Hand, irrte erst vor der Burg hin und
her, schritt am Zeughaus vorbei, an der niedersterreichischen Kanzlei,
kehrte wieder um. Es war ein regnerisches Wetter, der Kot lag hoch, es war
neblig, bald mute es dunkel werden.

Wie Ferdinand das schwerfllige Gebude der Minoriten passierte, sah er
jemand laufen. Und eine unerklrliche Bewegung zwang ihn zu folgen. Sie bog
in Gchen auf Gchen ein, blieb in Torwegen stehen, nestelte an sich.
Durch den Kohlenmarkt zum Graben. Zurck; man ging, durch Snften und
Karren getrennt, ber eine lange schmale Holzbrcke. Eine Scheu bedrckte
ihn, sie knnte eine Dirne sein; er zgerte. Die Kirchtrme von Sankt
Niklas. Da ging sie in das kleine Schwesternhuschen neben der Kirche. Die
Tre fiel zu. Er stand drauen. Wie sonderbar, da ich hier stehe. Und da
ich nicht weggehe. Er hob den Klppel der Glocke, fragte, wer eben
gekommen sei; ein Mdchen hatte geffnet; man schrie entfernt: Man hat
geschickt.

ber den dunklen Gang lief etwas an, sah ihm ins Gesicht, stand zitternd
da. Was ich will? Eleonore, ich wei selbst nicht, was ich will. Ich wei
nur, ich mchte mit dir gehen.

Siehst du. Jetzt holst du mich. Jetzt bereust du deinen Starrsinn. Er
hing an ihrem Arm, sie wickelte den Schleier um den Hals. Ich wei nicht,
wovon du sprichst. Eleonore. Wir wollen davon nicht reden. Es ist weiter
nichts, als da ich gern mit dir gehe.

ber die Brcke. Versprich mir. Ich will nichts von Mantua reden und
nichts von dir. Versprich mir, du wirst den Teufel von Herzog nicht wieder
holen. Sprich weiter. Wenn du ihn brauchst, wirst du ihn zwingen,
Ferdinand. Du mut ihn wie einen Knecht, einen schlechten Demtigen, in der
Hand haben, dem man nicht traut. Sprich nur weiter. Machst du dich
lustig ber mich? Nein, ich gehe gern mit dir.

Stumm kamen sie vor die Burg. Im Regen gingen sie durch eine Seitentr, die
ihnen der Diener aufschlo. Komm zu mir, Eleonore. Weiter nichts? Sie
weinte.

Er leise: Eleonore. Ich wei selbst nicht, was ist. An mich kommt nichts
heran. Alles beglckt mich. Deine Stimme beglckt mich, dein Weinen
beglckt mich, dein Klagen beglckt mich. Als wenn ich um mich eine Schale
zugemacht htte.

Sie weinte weiter. Er: Knnte ich dich nicht auch erfreuen?

                   *       *       *       *       *

Vom Main her sdwrts schwoll verendend die Armee des unglcklichen Grafen
Tilly.

Mit dem Rest seiner Truppen, zwlftausend Mann, dazu achttausend gepreten
Bauern, griff er in der Schrfe des Winters den schwedischen General Horn
an, trieb ihn in die Stadt Bamberg hinein. Drin lie er die Schweden bis
auf den flchtigen Rest massakrieren.

Da hatte sich der mordgewaffnete Knig schon aus seinem Mainzer Lager
erhoben, lie den Rhein los. Hinter ihm blieben ein junger Herzog Bernhard
von Weimar und der Pfalzgraf von Birkenfeld.

Und wie der Schwede anschnob, wich Tilly erzitternd aus Bamberg, wich die
geschwollene Regnitz entlang, durch das Ansbachische, an Nrdlingen vorbei
auf Donauwrth. Wollte sich hinter die Donau verstecken.

Der Tritt des Schwedenknigs tapprig schwer hinter ihm, langsam. Rechts
schlrfte er, links fra er; er kaute, spie, schnffelte. Er legte sich
ber Nrnberg; der Hohe Rat wischte eingezogenen Schweifs zu ihm heraus vor
das Tor, goldene Trinkgefe auf den kalten Hnden tragend. Sie kreischten
und pfiffen: Der Makkaber! Gideon! Josua. Er rollte die Augen und
lie es sich, da es ihn kitzelte, wohlgefallen.

Es war ein schner Winter dies Jahr, gnnte er den Ratsherren, gebe
Gott, da auch der Sommer gut wird. Ich predige euch das Evangelium auf
eine Weise, wie ihr nicht wieder hren werdet. Er setzte die Beine
vorwrts, Staub und Dampf von sich gebend: Seid fromm, da Gott weiter
hilft. Hinter sich lie er die Besatzung. Hunderttausend Taler stopften
sie ihm bei, wie er wanderte.

In Donauwrth konnte Tilly nicht bleiben; der Kurfrst warf Boten nach
Boten gegen ihn: wie weit er denn fliehen wolle, wie weit noch Mnchen
entfernt sei. Ich will schon nicht mehr fliehen, als ich mu, knirschte
die Augen verdrehend der kleine General, das Papier in den Hnden
zerreibend, ich will mich schon stellen. Nur Ruhe, Ruhe.

Aber der Schwede plumpte, murrte, knurrte, trampste nher. Ich will
stehenbleiben. Und zitternd in einem unsglichen Hinschmelzen gab er schon
wieder den Befehl nach rckwrts. Hinter die Donau, ber die Lechbrcken.
Schwindlig, den Mund weit offen, stand er da auf den Stoppelfeldern, Bayern
lag in seinem Rcken. Schwindlig mit verwehenden Gedanken sagte er,
lchelte er, die Zhne kaum entblend, zu seinen Offizieren: Wir werden
hier nicht weggehen. Der Schwede kommt heran. Wir werden Bayern schtzen.

Es wurde befohlen, auf Ingolstadt Truppen zur Verteidigung zu werfen, die
Zugangsstraen von Augsburg und Ingolstadt mit vierzehn Kompagnien zu
sperren. Dann lagerte das Heer sich hinter dem Lech in einem dichten Wald.
Und wie Tilly das rckwrtige Terrain besichtigte, stoben Alarmreiter an,
Alarmreiter, Alarmreiter. Flchtende Bauern. Flchtende Bauern. Auf
Wagenreihen Drfer, Drfer, ganze Drfer. Als htte der Schwede sie
entwurzelt, warf sie ein Orkan mit Sack und Pack vor sich. Tag und Nacht,
Tag und Nacht. Es regnete Stdte.

Der geborstene Tilly hielt sich steif. Lief, ein schallendes
Knochengestell, flach mit Muskeln Sehnen Nerven gepolstert; der Bauch, die
Brust, der Schdel breit geffnet. Hervorquoll seine blutbegossene Seele
selbst. Geschrei, Kreischen, Brllen, Knirschen, Knurren, dnnes Piepsen
umging ihn. Seine Gedanken schlugen wie berlange nasse Haare ber sein
Gesicht, ber Stirn und Augen, blendeten ihn.

Er lchelte s, in bewutloser Hingerissenheit, hin und her dunkel
flutender, sich hebender Verzweiflung. Er betete und erreichte sich nicht.
Er war ein Mensch, den man mit Pech bestreicht und in Federn wlzt; ganz
hinter seinen Taten verschwunden. Keine Gedanken an Wallenstein hatte er
mehr. Er suchte zu umdenken sein Leben, seine Oberkommandantin Maria, mit
der er jeden Tag seines Lebens angefangen hatte; knickte zusammen. Ich bin
ein frommer Katholik gewesen all meine Zeit, winselte er vor seinem
Feldkaplan, der verwundert vor ihm stand, ihm tnend zusprach.

Als die ersten Kanonenschsse fielen, sauste er auf den Feldern herum,
suchte von irgendwoher zu hren, ob er sich nicht noch auf Ingolstadt
zurckziehen sollte. Frchtete sich, frchtete sich: begriff mit einmal,
da er sich frchtete. Ich bin ein alter Mann, habe keine Messe versumt,
zuckte es staunend in ihm.

Zweiundsiebenzig Geschtze lie Gustaf auffahren gegen den Wald, in dem die
Kaiserlichen lagen. Unter grausamem Krachen und Prasseln barsten die
Stmme. Als die Feinde eine Insel bei Oberndorf fanden, die schrecklichen
Finnen, schwammen sie Trupp auf Trupp wie Wasserratten an. Man schlug
einige tot, es kamen neue. Schwedische Kanonen fuhren ber einer Brcke
auf, die niemand ber Nacht hatte entstehen sehen. Ein heulender
zhnefletschender lehmwhlender Kampf halb im Wasser, halb auf der Erde
fing an. Die Schweden Finnen, es waren keine Menschen. Kaum gab es Tiere,
die ihnen glichen, wie sie schlammbedeckt, graubraune Hautfarbe,
tangtriefend, armschwenkend sich aus dem Wasser erhoben, krumm anwateten,
schluckten, kauten, spritzten, pfiffen. Sie waren so schlecht, so ekel, so
totschlagwrdig, da erst zaghaft die Kaiserlichen, die Bauern auf sie
eindrangen, gefhrt, gelockt, dann von dem Grimm und der Scham, dem
Entsetzen gerufen geworfen: Um des Heilands willen.

Sie schrien zu Hunderten und Tausenden, die Kaiserlichen, auf dem
berhhten Ufer des Lech, als sie das beispiellose kotige regsame Grauen
aus dem Wasser auf sich zukommen sahen. Es gab wenige unter ihnen, die
nicht in diesen Augenblicken die blinde Entschlossenheit angewandelt htte,
zu sterben oder diese Unwesen sich aus dem Gedchtnis zu wischen. Sie
drangen herab auf die Fratzen.

Mrderisch tobten die Kanonen in ihrem Rcken; Sprengen Klatschen Reien
von sthnender unterirdischer Gewalt. Aber Tilly auf seinem hochbeinig
tanzenden Schimmel irrte zwischen den Fremden und den Kanonen hin und her;
trumte, ohne zu wissen, was, lachte wimmerte. Die Fragen seiner Offiziere
beantwortete er nicht. Seine bis zur Weie aufgerissenen Augen wurden immer
wieder von den silbernen brandenburgischen Aufschlgen angezogen an seinem
eigenen linken rmel. Um diese Aufschlge war ein Geheimnis. Bei jedem
Kanonenschu zuckte er zusammen, duckte sich, sah um sich. Das Wort Maria
mahlte er zwischen den Zhnen, whrend seine Augen suchten auf dieser
Holzbrcke, in dem plantschenden Wasser. Wie an einem vom Himmel
herabhngenden Faden zog sich seine Sehnsucht und Ratlosigkeit in die dnne
Hhe. Ein Dreipfnder, dessen Abschu er nicht einmal gehrt hatte, warf
seinen Schimmel um, zerschmetterte ihm selbst den rechten Schenkel ber dem
Knie. Er dachte und trumte lange nichts.

Aus der bodenlosen Schwrze tauchte er auf; es schneite. Abend, ein
Trowagen, whlender Schmerz im Bein. Wagenknarren, Getmmel um ihn. Im
Stroh neben ihm hockend der Feldscher. Tonlos auf durchbluteten Wolldecken
der General: was sei, wo man sei. Bei Ingolstadt; der Widersacher habe
versucht, sie von Bayern abzuschneiden, es sei milungen, der Knig selber
htte beinah sein Leben dabei gelassen.

Was, was! Tilly, der Totenkopf, furchtbar erregt, abschneiden, was ist!
Und dann chzte er, lie seine Offiziere kommen, die in der Nhe ritten.
Sie krochen einzeln herein, wiederholten ihm, der halb taub schien, dutzend
Male die Ereignisse. Er rieb sich die Nase, die Stirn, fragte ngstlich von
neuem, sthnte: Regensburg! Regensburg! fate sie bei den Hnden,
bittend. Dann erst bemerkte er die lhmungsartige Schwere, diese sonderbare
dumpfe, in allen Gelenken, tief in den Knochen, in die Drme, Lunge, die
Schultern aufsteigend; die Drre in seinem Mund.

Der Kaplan kauerte neben dem Feldscher. Der Wagen ratterte ber die
Chausseelcher, oft legte er sich schief auf die Seite. Aus der bodenlosen
Schwrze wieder auftauchend, langsam, nicht ganz entlassen: Der Kaplan!
Ah, Regensburg, das Heer auf Regensburg fhren. Der Kaplan. Dies waren die
Sterbesakramente. Jetzt daran festhalten, fest einbeien. Maria, der
Himmel, die Heiligen; das waren nur leere Worte, man konnte sie sprechen,
sie lieen sich nicht denken. Das Bohren, Sgen, Drehen im Bein, das
wogende Unbehagen den Leib hinauf, die alles berflutende zurckebbende
wieder anschwemmende Lhmung, diese verdunkelnde knochenfllende
knochenzerknackende wirbelverschiebende tdliche Lhmung. Jetzt hie es
sich entscheiden. Aus dem Wege alles. Maria, Jesus. Er spie, rollte die
Augen; hier ist nicht die Rede vom Schweden. Der Kaplan hielt seine Hnde;
Tilly bat, ihm Maria zuzurufen, wenn ihm das Bewutsein schwinden wolle.
Scharf blies der Schneestaub in den Wagen. Er weinte in sich: Ich habe
mein ganzes Leben Maria gedient, ich will sie jetzt halten, ich darf sie
nicht verlieren. Der Kaplan hat mir Absolution erteilt, es wird alles gut.

Die Wellen der Lhmung und Verdunklung rollten strmischer an, mit kaltem
Schmerz gemischt. Alle Glieder fielen von ihm ab. Und er fing an zu ringen.
Zwischen jeder Welle schrie er Maria! Der Kaplan im Wechselruf: Maria!

Schlagartig rollte es heran. Aus gelben grasgrnen braunen Wolken fuhren
die Ste gegen Bein und Leib. Sie knatterten zwischen die Schulterbltter
in den Hals. Die Wolken waren widrig, schwammig feucht, whlten ineinander.
Es waren die Finnen, die anwateten, die aus Blutschande gezeugten. Er spie,
schrie heftiger, kreischte, rchelte vor Entsetzen.

Der Kaplan rief: Maria! Tilly sah entsetzt, wie er die Lippen bewegte.

Furchtbare Hammerhiebe aus den Wolken. Mit jedem Hiebe zuckte er zusammen.
Den Atem benehmend; er war der Ambo. Was sagte der Kaplan. Er mute
wissen, was der Kaplan sagte.

Dumpf wetternd, zermalmend, niederklafternd.

Niederklafternd.

Zusammengezogen lag er, auf die Seite gestoen.

Verrchelte, die Arme schtzend vor der Brust.

Da lste sich das Gespensterheer von dem warmen blutsickernden kleinen
Krper. Zappelnde Rmpfe der gemetzelten Trken Franzosen Pflzer, die
jaulenden hngenden zertretenen Hunde, kletternden Pferde, die mit den
Hufen sich an ihn hielten. Zwischen ihnen gezogen matt, noch na, seine
eigene erstickte Seele.

Verknult flogen sie unaufhrlich rufend durch die verschneite Luft, ihrem
dunklen Ort zu.

                   *       *       *       *       *

Hinter dem toten Tilly zog der Schwedenknig, Torstenson auf dem linken
Lechufer mit schwerem Geschtz deckend. Er stie auf Nrnberg. In sein
Lager zu Frth schleppte man tglich sechsunddreiigtausend Pfund Brot und
hundert Eimer Bier. Er klatschte sich den Leib vor Freude, als er durch das
Laufertor ritt. Die Ratsherren boten ihm eine silberne Erd- und
Himmelskugel, zwei Fuder Wein und zwei Fuder Hafer: Ich htte mich eher
des jngsten Gerichts versehen, als nach Nrnberg zu kommen. Nichts hielt
mehr vor ihm. Aus seiner herrlichen Residenz scheuchte er den
Bayernfrsten, der hinter sich lie, woran er sein Leben ber gebaut hatte.
Der Schwede wute, da bei diesem Gedanken an Mnchen sich das Herz des
Bayern in Todesschmerz zusammenziehen wrde. Nach Freising waren ihm
entgegengeritten der Mnchener Brgermeister Friedrich von Ligsalz, die
Patrizier Barth und Parstorffer, ihm die Schlssel ihrer Stadt zu bieten.
Er hob auf der musikschallenden Landstrae den Degen: den Schlssel habe er
schon; was machten sie fr Scherze; er werde sie mit einer halben Million
Talern beschweren. Und so ritt er, eskortiert von drei Infanterie- und
Kavallerieregimentern, an der Spitze von Dutzenden deutscher Frsten in die
Stadt ein, deren Kirchen er durch seinen Besuch schndete.

Es war warmes sprieendes Frhjahr geworden; die Jesuiten berief der Knig
in den Garten ihrer Kirche zusammen, verchtlich grob sprach er zu ihnen:
Es ist Frhjahr geworden, die Macht der katholischen Kirche neigt ihrem
Ende zu. Wie Strohhalme sind ihre Sulen geknickt, der Kaiser und der
bayrische Kurfrst. Seid friedlich und besinnt euch. Ihr seht selbst, Gott
ist nicht wider mich. Erst dachte das schwedische Heer an Plndern und der
Kriegsrat kam stundenlang nicht zur Entscheidung; denn von hier war
unermelicher Ha gegen den evangelischen Glauben in das Reich ausgegangen.
Satt erklrte der Knig, man solle sich mit dem Betrag von
dreihunderttausend Gulden begngen. Einen kleinen Teil der Summe verehrte
er den ihn begleitenden Frsten, besonders dem Pflzer Friedrich.

Der blonde Friedrich berwand seine Melancholie nicht. Er spazierte in der
Stadt des anderen Wittelsbachers herum, dem er sein Unglck verdankte.
Nicht einmal nach Prag zu gehen in das ihm entrissene Knigreich hatte der
Schwede den Pflzer vermocht. Am Schnen Schrannenplatz residierte Gustaf.
In einer verschwiegenen Resignation folgte der noch immer schne stark
gedunsene Mann dem Knig, folgte ihm wie seinem Schicksal, gesenkten Kopfes
und ohne Widerstreben. Die unzerstrte ppigkeit seiner Frau ging,
erschreckend unberhrbar, menschenunhnlich neben ihm, ri ihn manchmal zu
Orgien mit. Rusdorf, der Kleine, lockte ihn, sich zu freuen. Zu freuen! zu
freuen! Wo gab es auf dem Festland soviel Siege wie bei dem Schweden!
Gingen sie nicht hinter dem Knig wie hinter einer Feuersule.

Sporenklirrend wanderte, die Hnde auf dem Rcken, der Pflzer mit seinem
Rat den langen runden Gang in der Neuen Feste entlang, dessen Wnde mit den
Bildnissen der Wittelsbacher tief behngt waren. Er sah das Gemlde
Esthers, die verzweifelt Ahasver um Gnade fr ihr Volk bat. Schweigend
hrte er den Rat schwatzen. Ihr habt recht, Rusdorf, brachte er heraus,
sein schlaffes Gesicht mit den Hnden bedeckend, und ich bin verloren. Ich
bin verloren. Ich mu mich gewi freuen, wie Ihr sagt. Spter: Ich tadle
Euch gewi nicht. Ich will Euch in Eurem Eifer nicht lhmen, Rusdorf.
Wahrscheinlich werden meine Nachfahren Euch wie einem Held danken. Ich? Wir
verkommen alle samt und sonders. Ich wie der Kurfrst von Brandenburg und
Sachsen. Wie der Maximilian von Bayern, der meinen Kurhut trgt. Wir werden
zu nichts. Die schwedische Zeit bricht an fr das Deutsche Reich. Ich --
ertrag' es nicht. Wie ich Euch sagte: ich bin verloren. Dann hielt er an
einer Fensternische den kleinen Rat fest: Eins sage ich, Rusdorf, dabei
blitzten seine blauen groen Augen hei, wer mir das widerraten hat, den
Kaiser in Regensburg um Verzeihung zu bitten, den Kniefall vor ihm zu tun,
der hat nicht gut an mir getan. Wit Ihr! Ich htte gebt, es wre mir
manches verlorengegangen. Jetzt sitz' ich in der Falle. Ich bin zum Bettler
und zum Fremdenknecht, zu einem Verrter geworden: ja, so steh' ich vor
mir. Glaubt Ihr, ich knnte vor diesen Wittelsbachern meines Hauses gehen,
ohne mich zu schmen, bis in meine Nchte? Die Beruhigungen des Rates
nutzten nichts; Friedrich legte den Arm um die Schultern des kleinen
tiefbedrckten Mannes, leise sprechend: Die Welt ist noch nicht zu Ende.
Glaubt Ihr nicht, da der Schwede noch eines Tages geschlagen wird? Gott
lt die Bume nicht in den Himmel wachsen. Ich warte, ich wei, was ich
tue. Was? Der Kaiser ist ein gtiger Herr. Er wird mein Unglck
mitfhlen. Meine Reue ist tief. Ich bin jung und kenntnislos gewesen. Er
wird mir verzeihen. Und er wanderte leise weiter mit Rusdorf. Zwischen den
hngenden Bildern der Wittelsbacher auf und ab.

Und Rusdorf erfuhr nicht und konnte nicht verhindern, da Friedrich im
grten Geheim einen eigenhndigen Brief an den flchtigen Maximilian
schickte, in dem er um Verzeihung bat, da er sich ohne seine Einladung zum
Besuch in Mnchen aufhielte. Nicht er hasse Maximilian; sie seien
Wittelsbacher, von einem Blut; Max mge gewi sein, da nichts an seinen
Bildern und Gebuden zerstrt wrde. Nicht er htte den Schweden in das
Deutsche Reich gefhrt. Nein, er sei es nicht gewesen. Und fast demtig bat
er ihn, bei Kaiserlicher Majestt zu versichern, da er sich unverndert
als des Heiligen Rmischen Reiches deutscher Nation treu anhnglicher Sohn
fhle.

Dies war ein Brief, nach dem er sich wohler als in vielen Jahren fand; es
klang in seinen Ohren gut: Als des Heiligen Rmischen Reiches deutscher
Nation anhnglicher Sohn. Rusdorf hatte es nicht leicht in diesen Wochen,
ihn beim schwedischen Herrn zurckzuhalten. Seine Fluchtneigung gelangte
sogar an den Knig, der gutmtig bei Tisch meinte: Lat ihn. Deutschland
ist ein Kranker, der nur durch starke Mittel gesund wird. Ich bin erst im
Beginn der Kur.

Nach Warschau verkndete Gustaf dem Reichstag durch Boten: er gedenke die
Krone Polens, die ihm zustehe, in nicht zu ferner Zeit mit der Bhmens und
Ungarns zu vereinigen. Venetianer, die mit Briefen und Geschenken vor ihn
traten, fhrte er an dem stummgrenden Pflzer vorbei durch die Residenz.
Im Vierschimmelsaal setzte er sich zum Verschnaufen. Er danke ihnen; die
Signoria solle gewi sein, da das Haus sterreich auch in Italien noch
heute lache und morgen nicht mehr.

So mchtig war, bis ber die Donau, bis nach Straburg vorgedrungen, das
schwedische Heer, da die Herren in Paris ins Zittern gerieten. Ein
unertrglicher Anblick war dieser Gotenknig, wie er ber das gefrchtete
Riesenreich hnlich einem mittelalterlichen Belagerungsturm hinschwankte,
Pechstrme und Bomben werfend; der alberne schlaue Klotz aus Upsala. Sie
fingen beim Kurfrsten von Sachsen zu stechen an, ob es sein deutsches
Selbstgefhl ertrage, dem Schweden Btteldienste zu leisten, und ob man in
ihm oder Gustaf Adolf das evangelische Oberhaupt des Reiches zu sehen habe.
Sie irrten unruhig von protestantischem Hof zu Hofe. Die katholischen fast
verzweifelten Herren beschworen sie fest zu bleiben.

Der gereizte Knig Ludwig konnte seine Nervositt nicht zhmen, weder der
Kardinal noch der Pater Joseph konnten ihn mehr zurckhalten. Seine Furcht,
der Schwede wrde ihm im Elsa und am Rhein zuvorkommen. Man lie ihn.

Das Heer in der Hand stieg er auf Metz, nahm Moyenvik, Pont  Mousson. Es
befriedigte ihn noch nicht. Da war Nancy. Er mute rasch, rasch an den
Rhein, ehe Gustaf in Bayern fertig war. Er mute auf Trier. Es war alles
reif fr ihn.

                   *       *       *       *       *

Indessen mit aller Ruhe der Friedlnder sein ungeheures Heer in Mhren auf
den Fu stellte. Die Klagen des Bischofs von Bamberg, der Reichsstadt
Regensburg, des flchtigen Bayern, die Rufe aus dem Elsa, den
westflischen Stiftern fanden ihn taub. Er sammelte, lie im Reich
geschehen, gab nicht eine Kompagnie ab.

Seine Gter besetzt. Die Geschftsfreunde zgerten keinen Augenblick mit
ihrem Vertrauen. Die Brse in Hamburg, Bankhuser in Augsburg gewhrten ihm
und dem Herrn de Witte und Bassewi alle geforderten ungeheuren Kredite. Auf
Schleichwegen wurden aus Prag von der verzweifelten Judenschaft mchtige
Barren Gold und Silbergefe in gewhnlichen Heuwagen in sein Quartier
gefahren.

Das Reich barst. Er schob sein Heer in die Winterquartiere. Sie sollten ihn
nicht bedrngen, sagte er nach Wien; drei Monate brauche er zum Sammeln des
Heeres.

Der alte Apparat war wieder in Funktion. Seine Werbepatente galten fr das
Reich Spanien und die Staaten Italiens. Obrigkeiten wurden im Augenblick
fr die Zweige des Heeres geschaffen, Generalkommissare bestimmt fr
Bhmen, darunter der Graf Michna von Weizenhofen, der wie vom Blitz
getroffen war, als ihm die Ernennung zuging; fr Schlesien Stradeli von
Montain, fr Mhren Oberst Miniati, fr Niedersterreich Questenberg. Holk
wurde Kapo der Reiterjustiz, Obristschulthei Ludwig von Sestoch. Das
Generalvikariat fllte aus der Pater Florius von Cremona. Des Herzogs
Generalleutnant nach Kollalto, der bei Mantua hingerafft war, wurde Gallas,
der Welschtiroler, mit Aldringen in spanischen Diensten aufgewachsen.

Die Trmmer, die Tilly hinterlassen hatte, zehntausend Mann, bernahm er,
ein mimutiges geschlagenes fast waffenloses Heer. Etwas Rasendes,
Zerbrechendes war jetzt in der Art des Bhmen, sich ber die Dinge zu
werfen. Er hatte in dem Augenblick, wo er sich den Arbeiten nherte, etwas
von einer Flamme an sich, die aus einem langen Schornstein gequalmt hat und
nun heulend den Schornstein am Boden umbricht, wtend in die entsetzte Luft
hineintobt. Die Vertreter der Banken, die sich in seinen Kammern bewegten,
staunten ber die Verwendung des Geldes, das sie heranbrachten. Es lief
scheffelweise von ihm, verdampfte an ihm; er schien es nicht rasch genug
unter die Menschen werfen zu knnen. Seine Glut, sagten die einen, stamme
daher, da er sich bei seinem eingetretenen Verfall das letzte Leben
auspresse; die andern spotteten, er sei zu gierig nach seinem verlorenen
Besitz.

Seine nahe Umgebung aber fhlte lngst, da er sich vernderte, wilder und
brutaler als je, da er etwas Unklares leidenschaftlich betrieb. Er hatte
kein Wort des Interesses oder Trauer ber seine Gter verloren. Sie wuten
auch, da etwas Besonderes mit diesem Verlust an den Hans von Arnim war,
der diese Gter und Schlsser wie seine eigenen schonte. Die Fremden an
Wallensteins Hauptquartier schwankten zwischen Schrecken und Widerwillen;
so arbeitete ein Grenwahnsinniger. Da Wallenstein in den dnischen
Feldzug mit zahllosen Karossen und Juchtenwagen gezogen war, war
weltbekannt. Jetzt standen die Karossen und der Marstall verwahrlost in
Prag, er kmmerte sich nicht um sie und um keinen anderen Prunk.

Die Sturmtruppen waren mit Piken und Bruststcken auszursten; in Pardubitz
wurden ganze Straen von Holzschuppen gebaut fr die Unzahl der
angeforderten Waffen. Es wurde bekannt, da Wallenstein jede kalkulierte
Zahl eines Bedrfnisses mit zwei und drei multiplizierte und dann noch
unbefriedigt war und hinzuforderte. Abenteuerliche Mengen Pulver lagerten
entlang der bhmischen Grenze; bei Pardubitz waren alle Brotfrchte Bhmens
aufgespeichert, die mit Steuerabschlag verrechnet wurden. Wallenstein hatte
erklrt, das Heer auf eine begrenzte Zahl bringen zu wollen; er schien aber
keine Grenze zu finden. Oberst auf Oberst wurde ernannt; auf die Frage des
erschpften Hauptquartiers, wieviel Patente annhernd noch ausgegeben
wrden, bekam man den Bescheid, soviel sich bis Mrz vergeben lieen. Die
Trger der Namen Fugger, Kolloredo, Holk, Merode, Chiesa erschienen wieder
an einem Hauptquartier des Herzogs zu Friedland, der zuletzt in Memmingen
furchtdrohend nach Italien und dem Elsa residiert hatte und von ihnen
gegangen war wie das Licht, das die Erde verlt. Sie ritten selig zu ihm,
der sie zu Merode, Chiesa, Kolloredo gemacht hatte, zu ihrem wahren Vater.
Sie standen betroffen in seiner Nhe wie die anderen vor dem Prasseln und
geradezu hllischen Verderb und Wachsen. Einige Vertreter der Brsen
reisten Hals ber Kopf ab, unfhig, diesen Weltuntergang, der sich um den
Herzog vollzog, mit anzusehen. Michna konnte sie nicht beruhigen, sie
verstanden das Lachen dieses klugen Mannes und gar Bassewis nicht, welche
beteuerten, so sei es immer um den Friedlnder. Die Obersten schwammen
flossenschlagend in ihrem Element, schluckten, atmeten die besondere
lichtbrechende Luft, die um den Herzog schwebte, erlebten die blitzartige
Versengung und Verkohlung aller Besorgnis, die Verzauberung. Sie zogen nach
sich Montard von Noyal, Pychowicz, Korpasz, Wiltberg, Lambry, Gissenberg,
Filippi Corrasco.

Im frhen Mrz, als Monate um waren, seit die ligistischen Scharen mit dem
toten Tilly anrollten, hielt Friedland, mrrisch gegen den Wind die Augen
kneifend, seine schrpenprunkenden Herren ignorierend, mit Ordonnanzen
scheltend, bald in der Snfte, bald zu Fu, bald auf dem Pferde, Heerschau
zu Rackonitz auf dem Hgel ab. Zweihundertvierzehn Reitergeschwader,
hundertzwanzig Fukompagnien, vierundvierzig Feldstcke, zweitausend Wagen
muten vorbei. Er hielt nur einige Stunden aus; nach fnf Tagen war man
fertig.

Dann wollte er sich verabschieden. Und als die kaiserlichen Herren, Ognate
und Eggenberg, ihm den Brief Ferdinands gaben, er mchte bleiben und den
Oberbefehl im Kriege fhren, nrgelte er erst, erhob dann das alte heisere
Geschrei: ob sie ihm noch nicht genug getan htten, von Ungarn ab bis
Regensburg, ob sie ihn fr einen Verurteilten oder Verrckten hielten; er
wolle seiner Wege gehen, vor ihnen sicher sein. Er machte, wie er hinkte,
am Stock durch das Zimmer in Rackonitz schlich, einen verbrauchten
Eindruck.

Die Herren hatten nichts anderes erwartet; sie saen, warteten. Frst
Eggenberg wute, da er als Geschlagener vor dem hlichen Sieger sa und
im Begriff war, die schrecklichen Bedingungen entgegenzunehmen. Es tat ihm
wohl, an die frheren guten Zeiten erinnert zu werden; er wurde hart dabei,
konnte sich wappnen. Es wurde klar, da der Herzog vorhatte, an ihnen eine
unerhrte Grausamkeit zu verben; Eggenberg und Ognate wollten sich nicht
wehren, der Herzog wrde an ihnen erlahmen. Das Keifen zu Ende, fragte
Wallenstein, gehssig und listig auf sie blickend, was sie ihm brchten; es
klang: wie sie sich denn freikaufen wollten. Dies war der Augenblick, wo
sich die beiden zum Abschied erheben konnten, um zu sagen, sie shen in
ihrem Quartier seinen schriftlichen Vorschlgen entgegen; er mge in aller
Mue den Kreis seiner Wnsche aufzeichnen.

Sie nahmen dann ohne weiteres an, was Wallenstein in dem berbrachten
Schreiben forderte, das Ungeheuerlichste, was ein Mensch von einem Kaiser
des Heiligen Reiches verlangen konnte, ohne ihn zu tten: Absolutes
Generalat, Bestallung als Generalissimus des Hauses sterreich und Spanien,
Konfiskationsrecht im Reich ohne Einspruch des Hofrats, der Hofkammer und
des Kammergerichts, Versicherung auf die Erblande als Rekompensation,
Lieferung aller begehrten Unkosten; die Erblande stehen ihm zum Rckzug
beliebig offen, er mu in die Friedensverhandlungen eingeschlossen werden.
Dies unterschrieben schaudernd die beiden Unterhndler, nachdem sie es
gelesen hatten, im Namen des Kaisers, von dem sie Blankovollmacht hatten.
Waren dabei von einer wtenden Lust erfllt: sie hatten ihn entlarvt, nun
sah man, woran man war. Hier verhandelte kein Feldherr wegen seiner
Anstellung, sondern ein Tyrann, der seine Rachsucht befriedigen wollte.

Auf der Rckfahrt erwogen sie: der Schwede wird in seinem Vormarsch
aufgehalten werden, Bhmen befreit, Bayern befreit werden; dann kann sich
die Liga erholen, ein spanisches Heer kann vom Elsa erscheinen. Wenn er
sich nicht mit den Widersachern verbindet, mit Schweden und Sachsen,
murmelte der Spanier. Er wagt nicht, dachte Eggenberg nach, zunchst
folgt ihm die Armada dazu nicht. Fr den nchsten Augenblick haben wir das
nicht zu frchten. Wer wei߫, murmelte Ognate. Und dennoch! Und
dennoch! jubelte Trautmannsdorf, als sie in Wien vor Wallensteins
Kapitulation saen und nichts sprachen. Er streichelte liebevoll trstend
dem alten Frsten die Hnde unter dem Tisch und drckte ihn an sich.

Sofort brach der Herzog die Verhandlungen mit Gustaf und dem Sachsen ab.
Ohne Zeitversumnis alarmierte er seine Armada, bat durch Eilboten Arnim zu
sich, den Fhrer des schsischen Heeres in Bhmen. Der Herzog war gegen
seinen Freund in Znaim kalt und entschlossen: Arnim, Ihr mt aus Bhmen
heraus mit Euren Sachsen. Ihr werdet das einsehen; es bleibt zu fragen, was
soll dann geschehen. Ich werde mich in Sachsen verteidigen. Darauf war
der Herzog erregt; das sei eine trotzige verkehrte und verbohrte Denkweise.
Was wollte er denn in Sachsen verteidigen? Wen? Ob sie Erzlappen seien, da
sie sich die Kpfe zerschmissen fr nichts. Auf Arnims Frage, was denn
weiter geschehen solle und ob Arnim etwa vor dem Herzog auf schimpfliche
Weise samt seiner Armee das Gewehr ins Korn werfen sollte, schnitt
Wallenstein die Unterhaltung ab: Arnim mchte sich berlegen, was er, der
Herzog, eben gesagt habe; es sei ihm lieb, drben bei den Widersachern ihn
zu haben. Er werde begreifen, da dieser Krieg nicht so weiter gehen knne,
diese Schmach, diese Gaukelei fr Affen. Verteidigung in Sachsen! Nach
weiteren Schimpfworten auf den Schweden und auf die Wiener Politik
verabschiedete der Herzog den andern, der fluchte, sich einen Tlpel
nannte, ber das Gesprch nicht ins klare kam.

Wallenstein gab ihm einige Wochen Zeit. Dann warf er das Heer, das sich an
Ort und Stelle nicht mehr ernhren konnte, nach Bhmen, die Sachsen liefen
auseinander. Friedland strzte vom weien Berg ber Prag her. Die Stadt war
wieder kaiserlich.

Arnim, noch zweifelnd, ob der Herzog wirklich etwas Ernstes vorhatte,
suchte sich in Leitmeritz zu halten. Zu seinem Schrecken, der sich mit
Widerwillen mischte, umzingelte ihn Friedland und schien ihn vom Heer
abschneiden zu wollen. Da raffte er, was er an Truppen hatte, zusammen,
bereitete den Friedlndern Schaden rechts und links, schlug sich von Ort zu
Ort. Bhmen mute er ganz aufgeben.

Die Juden lachten. Die unterdrckten Bhmen hhnten, warteten. Thurn, der
alte Graf, Arnim nachkriechend, flchtete vergrmt nach Dresden. Und ein
Angstschauer lief ber Sachsen, als Friedland in Bhmen nicht haltmachte,
sich dem Erzgebirge mit weit ausgebreiteten Armen nherte, an die
berwltigung des Erzgebirges ging.

Pltzlich wandte er sich auf Bayern. Keiner wute, ob er etwas gegen den
Kurfrsten oder den Schweden vorhatte.

Der Schwedenknig, sich mstend am sdlichen und westlichen Deutschland,
hatte nur zwanzigtausend Mann bei sich; am Rhein, Main, nrdlich und
sdlich standen vier Armeen unter Baner, Tott, dem Weimarer Herzog, dem
hessischen Landgrafen, verwsteten das Land, trieben ihr Spiel mit der
Bevlkerung.

Erst war der feiste Knig nur verblfft, wie Wallenstein als
Generalhauptmann des Kaisers auftrat, wartete ab, wessen er sich von dem
verschlagenen Mann zu versehen haben wrde, machte sich Vorwrfe, da er
ihm bei den Unterhandlungen nicht mehr entgegengekommen war. Er hoffte
noch. Dann erfolgte der Angriff auf den Hradschin, die unglaubliche
treulose Umzingelung Arnims. Ein Sturm von Unruhe ging durch Gustaf. Ehe er
noch mit dem Herzog Fhlung nehmen konnte, hatte der sich erklrt.
Wallenstein hatte kehrt gemacht. Front gegen ihn selbst. Das Spiel war
klar. Wallenstein wollte Gewalt mit ihm reden.

Der Knig stie nach Osten, um den Friedlnder nicht mit dem Bayern
zusammenstrmen zu lassen. Zu spt. Bei Eger nahm Friedland die Trmmer des
ligistischen Heeres auf. Von Weiden und Eger stieg die feindliche
Heeresmacht herunter, schob sich auf Tirschenreuth. Der Friedlnder wollte
mit ungeheurer berlegenheit ihm seinen Willen aufzwingen. Tief
erschrocken, an Ha erkrankend, ber Friedland erstaunend, gab der Knig
nach, und Flche auf Deutschland werfend, setzte er sich in Nrnberg fest.
Der Herzog hatte ihn bei den Ohren; wenn er wollte, konnte er ihn
zerschmettern, so schwach war er. Von Pegnitz zu Pegnitz zog der Schwede in
gewaltigem Bogen Schanzen. Die Stadt wurde angerufen, den evangelischen
Glauben zu verteidigen; mit leichter Unsicherheit, nur seinen nchsten
auffallend, hielt der Knig eine seiner schmetternden Ansprachen an den
Rat. Es glckte; der Rat schwur, wie Magdeburg zur evangelischen Fahne zu
stehen bis zum Verderben.

Mit viertausendachthundert Sldnern, dreihundert Reitern stellte sich
Nrnberg in seinen Dienst, dreitausend Brgersoldaten kamen hinzu, alle
Waffenfhigen vom fnfzehnten bis vierundzwanzigsten Jahr. Sie wollten Gott
und dem wahren Glauben dienen. Vierundzwanzig Abcfhnlein lieen sie
fliegen; der Knig musterte sie trbe. Auf den Fhnlein stand: Dies
Fhnlein fliegt zu Gottes Ehr, frs Gewissen, frei und reine Lehr. Saul,
Saul, was verfolgst du mich? La ab, la ab und bessre dich! Der Knig
hatte kein Gefhl von Dankbarkeit fr sie; mit einer sonderbaren ihm
fremden Rachsucht griff er in diesen Wochen Deutsche an, erging sich
unaufhrlich bei festlichen Tnzen in der Stadt in Schmhungen ber die
deutschen Frsten; sie mten hart hart kuriert werden. Auch der Pflzer
war zugegen, als er sich so auslie bei einem groen Bankett in Ayrmans
Saal beim Laufertor. Friedrich verlie offen den Saal mit dem Markgrafen
Christian, der das Bankett veranstaltet hatte. Der flehte drauen auf der
dunklen Stiege den Pflzer mit Trnen in den Augen um Verzeihung. Sie
umarmten sich; keine Rettung, schluckte der Markgraf. Friedrich:
Manchmal denke ich, der Friedlnder knnte uns helfen.

Schanzen, Redouten, Palisaden, Grben, Batterien wurden um die Stadt in den
warmen Junitagen aufgeworfen, die Vorstdte Whrd und Gostenhof mit
einbezogen. Das Lager lie sich der Knig errichten vor Whrd bis auf den
Gleishammer, das Weicherhaus und den Lichtenhof; bei Lichtenhof stellte er
das strkste Werk hin. Er rckte ein mit vierundneunzig Kornettreitern,
hundert Fahnen Fuvolk, achtunddreiig Geschtzen, zweitausend Wagen.

Von Tirschenreuth nahte ber Sulzbach der Kaiserliche. In das wandernde
Volk geriet Oberst Taupadel mit Dragonern und vier Kompagnien des
schwedischen Regiments Sperreuter hinein und wurde zermalmt. Sie umgingen
wandernd Nrnberg, schoben sich zu beiden Seiten des blanken glatten
Flchens Bibart an Zirndorf heran. Da in der lieblichen von grauen
Schafherden begangenen Landschaft fanden sie eine niedrige Hochflche, von
Wiesen eingenommen, die rckwrts in einen khlen dichten Wald fhrten. Nur
wenige Kilometer von dem Schweden entfernt machten sie halt, setzten sich
hin und verschanzten sich.

Der bayrische Maximilian von Kuttner begleitet ritt tglich durch das
Lagergewhl zum Herzog herber, nicht vom Hals seines Schimmels aufsehend.
Er war ein Gefangener und ging seine Gefangenschaft beenden. Friedland
wohnte mitten im Lager in einem erbeuteten rosaroten Trkenzelt, das wei
und blau orientalisch bestickt war. Einen riesigen viereckigen Raum
bedeckte es; darber erhob sich eine wimpelgeschmckte Leinwandkuppel. Am
Eingang hielten Reihen von Bambusrohren einen goldbefransten Baldachin. In
dem teppichbeladenen Empfangsraum nahm ihn der Herzog inmitten der Obersten
und Generalspersonen an, selten sprachen sie sich allein.

Der Herzog sollte angreifen, war der Tenor der bayrischen Reden; er zeigte
auf die ungeheure berlegenheit, die man im Augenblick besa und in zwei
drei Wochen verliere. Erst kam der Herzog, zwischen tausend Geschften,
trinkend, ihn miachtend, mit allgemeinen Einwnden; man msse die Strke
des Schweden noch besser erkunden; eine Schlacht sei leicht begonnen und
schwer beendet. Der Kurfrst hrte nicht das Gesptt des Friedlnders
hinter ihm: Nun habe ich den Maximilian so weit gebracht, da er mir nicht
allein gehorsamen, sondern mit der Pike auf der Schulter aufwarten mu.
Wie der Bayer zh drngte -- mit jedem Tag wurde sein Land verwstet, er
durfte nicht sagen, da eine kaiserliche Niederlage ihm Land und Leben
kosten wrde -- traten die Obersten des Herzogs mit den Resultaten ihrer
Beratungen hervor. Der Refrain lautete: wir sind zahlenmig berlegen,
aber man kann nicht auf den Mut der Sldner bauen; sie mssen sich erst an
Gefechte gewhnen; es gengt, den Schweden zu stren, ihn zu zwacken und
beuteln. Dabei blieb es. Sie zogen es hin; sein Land verdarb. Aus dem
Kreise dieser Herren, die in alter friedlndischer ppigkeit lebten und
frstlich satt stolzierten, kam einmal die hochmtige Frage, ob man im
bayrischen Lager vermeine besser Krieg zu fhren als der Herzog; man habe
bei Breitenfeld Gelegenheit gehabt sich zu beweisen. Hindurch durch die
fnffachen Spaliere der Leibwache des Herzogs, starre Reihe der
aufgestellten niederlndischen Helmbarten, riesig ausgezogene Spieklingen
mit Quasten und Kugeln am Klingenansatz, grliche Totenkpfe und hackende
Schnbel eingetzt. Durch das Getmmel der ausschwirrenden ungarischen und
polnischen Reiter, auf den Pferden am Sattel die kupfernen Kesselpauken;
sie ritten ber den aufgerissenen Wiesengrund, schneller, schneller, die
Mnder gespitzt, grell wirbelnd das Schlagfell aus Menschenhaut.

Was hat der Herzog vor? fragte der Kurfrst seine Rte, die er aus
Regensburg kommen lie. Er sumt. Er sumt nicht, der Kurfrst mit
leeren Augen.

Die Widersacher lagen sich Wochen um Wochen gegenber. Der Juli zog herauf,
August; brnstige Hitze fiel hernieder. Sumpfig war der Wiesengrund von
Friedlands Lager, das Wasser der Pegnitz nur mit Kampf erreichbar. Sie
fochten tglich um das Wasser, schickten ihre Kranken und Verbrecher immer
zuerst voraus, lieen sie abschieen, spter erst strmten sie vor unter
dem Schutz der abgefeuerten Musketen. Fnfzehntausend Weiber strmten in
das Lager, zu den Menschen kamen dreiigtausend Pferde. Mensch und Getier
hatte nur die Aufgabe: zu liegen, zu liegen, dem Schweden die Fourage
abzujagen, ihn zu ermatten. In des Schweden Lager strzten die Scharen der
Flchtlinge ein. Nrnberg lief voll von ihnen. Wie eine Geiel umlauerten
die Kroaten und Ungarn des Bhmen die Stadt, rissen das Lebendige nieder.

Heimlich betrieb Friedland seine Sachen. Gab Arnim keine Ruhe. Aus Bhmen
sei er mit seinen Sachsen verjagt; die Kurfrstliche Durchlaucht von
Sachsen mge gewarnt sein; sie sollten sich verstndigen. Aus Sachsen kam
Bescheid: der Kurfrst gedenke in Treue sich nicht von seinem schwedischen
Bundesgenossen zu trennen. Da lsten sich Kavalleriemassen aus dem
Zirndorfer Lager, erst Hunderte, dann Tausende. Holk mit seinen Kroaten
setzte sich in Bewegung auf das offene Vogtland. Sie machten unterwegs
Vaganten Versprengte Gesindel beritten; sollten um sich ein solches noch
nicht gesehenes Verderben anrichten, da man ihre Kraft erkenne. Unter dem
von Plauen und Zwickau her einsetzenden Lodern der Stdte und Drfer, den
Abschlachtungen und Schndungen der Menschen flchteten selbst Arnim und
der Kurfrst. Die bodenzerstrenden Unholde verkndeten hinter ihnen, sie
seien nicht lange allein; Graf Gallas kme mit einer Schar doppelt so gro
wie sie.

Bei Nrnberg lagen sich die Widersacher gegenber.

Im Schwedenlager muten die Pferde trockenes Gras rupfen. Eine Pest schlich
unter den Menschen. Der Schwede auf Verstrkung wartend predigte Mut
Manneszucht. Bla und zornig ritt er tglich die Palisaden entlang, blickte
herber. Dies war kein Feldherr, kein Krieger, der zehnfach berlegen sich
nicht zur Schlacht zu stellen wagte. Der hatte etwas Unmenschliches vor:
Ermattung. Wenn erst Baner da wre, sollte es ihm bezahlt werden. Und
tglich fra der dicke Gustaf an seinem Widerwillen. Die deutschen Frsten
wichen vor ihm, der Pflzer betrieb offen seine Abreise.

Da hatte der Schwede an sich gezogen, was er suchte. Regimenter des
Oxenstirn vom Rhein, Baner und Herzog Bernhard mit Truppen aus
Oberschwaben, viertausend Hessen, der Herzog Wilhelm mit sechstausend Mann.
Sie trafen bei Windheim zusammen. Der vergrauste Sachse, seine ganze
Hoffnung auf den Schweden setzend, warf sieben Regimenter zu Fu, zwei zu
Pferd herber. Sie drangen gemeinsam in die Stadt Nrnberg ein, die von
Leichen stank, in der man sie mit Weinen und Schreckensgeschrei empfing,
da man nun vor Hunger ganz zugrunde gehen msse. Und so bitter war die
Not, so grausig schmolzen unter der Pest die Menschen zusammen, so
wutgespannt war der Knig, da auch nicht ein Tag mit der Entscheidung
gewartet wurde.

Sein Heer hob sich gegen die Nordseite des kaiserlichen Lagers. Die Sachsen
berschwemmten die Schanzen. Eine so furchtbare Artillerie arbeitete gegen
sie mit brllenden Salven, da die Baumwipfel des Waldes in Dampf
verschwanden, die Hochflche des Lagers in Feuer und Rauch begraben wurde.
Zwlf Stunden rannten die Schweden an. Als sie den stlichen starken
Auslufer des Hhenzugs, den Burgstall, hatten, regnete es; sie konnten die
Geschtze nicht hinaufziehen. Bis in die Nacht whlten die Massen
ineinander, zweitausend Schweden blieben liegen. Finsternis und strmender
Regen. Der Schwede lie los.

Lag wieder in Nrnberg.

Tastete nach Verhandlungen, dachte, der andere habe auch genug. Keine
Antwort. Lie nach drben gelangen: man solle ihm Mecklenburg lassen; der
andere mge sich Franken nehmen. Verbissen und finster gab Gustaf das
Signal zum Aufbruch. Von sechzehntausend Mann war die schwedische
Kavallerie auf viertausend gesunken; die Fukompagnie hatte statt
hundertfnfzig Mann nicht sechzig. Die meisten deutschen Frsten, auch der
Pflzer, hatten ihn in den letzten Tagen verlassen. An der Nordseite des
Lagers marschierte er vorbei; noch einmal forderte er durch Kanonenschsse
den Feind zur Schlacht heraus. Drin rhrte sich nichts. Eine Handvoll
Weiber lief vergngt an das unverteidigte Wasser. Johlten durch die hohlen
Hnde: Wir haben dem Kaiser eine Schanze gebaut und haben dem Schweden den
Pa verbaut. Sogar das Gepck lie der Friedlnder unbehelligt passieren.
Eine kleine Besatzung war in der Stadt geblieben; der Friedlnder nahm von
ihr keine Kenntnis. Wie der Schwede westwrts zog, langsam, unter groer
Sicherung, dachte er, der Herzog werde folgen. Der blieb bei Zirndorf
liegen. Brach erst nach fnf Tagen sein Lager ab; seine Vorhut fhlte
nordwrts auf Forchheim vor.

Noch einmal wurde der trg hinziehende geschlagene Schwedenknig von einem
wilden Angriffsdrang befallen, als er sah, da Friedland sich nicht um ihn
kmmerte. Er verteilte seine Streitkrfte, machte pltzlich mit elftausend
Mann kehrt, wandte sich auf den alten sieggezeichneten Weg sdwrts nach
Donauwrth, ber die Donau. Nur den Bayern zog er vom Herzog ab, der sein
Land schtzen wollte, eine armselige Schar mit sich fhrte. Der Herzog
blieb starr. Maximilian hatte es nicht erreichen knnen, da Friedland sich
Bayerns annahm. In den bayrischen Regimentern wute man, da der Kurfrst
bei seiner letzten Bitte an den Herzog um Truppen von ihm angeschrien
wurde. Maximilian suchte seine Rte ber die Situation mit schmerzlichem
Lcheln wegzutuschen: Nun sind wir alle froh, da er uns entlassen hat.
Er htte uns noch alle umgebracht.

Sie brauchten dem Schweden nicht lange folgen. Es war nichts als eine
qualgeborene Selbsttuschung Gustafs gewesen, da er noch Entschlufreiheit
habe. Inzwischen meldeten alle Kundschafter, da der ungeheure Wallenstein
weiter nach Norden marschiere. Es war klar, er ging nach Sachsen, wollte
nach den Untaten Holks den Kurfrsten knebeln, wollte ans Meer, die
Schweden von ihrer Basis abschneiden.

Bei Donauwrth stand Gustaf, krampfhaft erregt auf eine Tat aus, die ihn
aus der Verstrickung lse, als ihn diese erschtternde Nachricht traf. Zwei
arme sanfte Tage ruhte sein Heer in der bergigen Sommerlandschaft. Hier war
Friede, kein Feind in der Nhe. In ein Wldchen zog sich der Knig zurck,
lag wie ein Kranker vor einem geffneten Zelt. Lautlos gingen in weitem
Bogen um sein Zelt die Wachen; sie trugen die einheimischen braunen langen
Rcke; sicher saen auf ihren runden blonden Kpfen die hohen blauen
rotgernderten Mtzen. Von Zeit zu Zeit schlichen Weiber flsternd ber das
weiche Gras an sie heran; die schnen blonden Haare, Zpfe bis zur Brust,
mrchenrote grelle Mtzen aufgesetzt; kaum bewegten sie ihre faltigen
blauen Rcke. Das war Schweden.

Der Knig wollte mit jemand sprechen. Der blanke kolossale Schdel
Oxenstirns; Grubbe, sein Sekretr, mit stiller diskreter Miene. Gustaf
hatte sich aufgesetzt. Es sei kein Grund zu verzagen; was sie meinten. Als
sie sich geuert hatten, schwieg der groe schwere Mann, dessen Gesicht
bleigrau und schweibedeckt war; er sagte in Scham, whrend der Kopf
zwischen die Schultern einsank: Die Sachsen sind ja nicht mehr mein. Was
werden unsere Frauen sagen? Auf ihre Berechnungen: Ich bin zu gro daher
gefahren. Es hat dem Herrn nicht gefallen. Ich war eitel. Ich habe seine
Sache nicht rein erhalten. Wenn das Licht im Innern Finsternis ist -- welch
eine Finsternis! Niemand kann zwei Herren dienen. Schweden war mir alles.
Jetzt kommen die Deutschen daher. Darum wollen sie mich vertreiben. Darum
wird der Sachse und Pommer und Brandenburger nicht mehr bei mir halten.
Htt' ich nicht dem Gtzen gedient, wren sie bei mir geblieben. Wre der
Herr ber mir geblieben. Mein Auge taugt nichts mehr. Darum ist der Pflzer
davongegangen.

Sie blieben, whrend er grbelnd den Tag und die Nacht ber mit sich rang,
in seiner Nhe. Am nchsten Morgen war es heller, er zog sich sein
Kettenhemd an, gab Befehl zum Aufbruch, predigte selbst seinem Leibregiment
ber das Matthuswort: Huft auch keine Schtze an auf Erden, wo Motten
und Rost zerstren, wo Diebe einbrechen und stehlen; sammelt euch aber
Schtze im Himmel.

Die Herren erfuhren von ihm, der straff zwischen ihnen ritt: Hochmut taugt
nicht. Man mu sich nicht vermessen, alle Dinge meistern zu wollen. Wir
werden eine klare Linie ziehen mssen zwischen dem, was erforderlich, und
dem, was berflssig und schdlich ist. Der Friedlnder wird in Krze von
uns eine Bataille zu bestehen haben, die ihm zeigen wird, auf welcher Seite
Gott steht. Noch mssen wir Gott erringen und auf unsere Seite zwingen.
Gedenkt auch ihr daran, wie ich daran denke. Wenn wir Gott zu uns gezogen
haben, sind wir unbesiegbar.

Auf diesem Rckmarsch nach Norden, den die Truppen mit Drohen und Murren
antraten, gab es kein Ausreiten, wildes Fouragieren, Plndern. Der Knig
war selbst Tag und Nacht unterwegs.

                   *       *       *       *       *

Nach Wolkersdorf war der Kaiser aufgebrochen zur Jagd, die Mantuanerin
hatte er in der Burg zurckgelassen.

Das Sausen und Schtteln des mchtigen Herbstwindes gegen seine schmale
holzgebaute Schlafkammer. Er stand, whrend die Kerze von dem einstrmenden
Luftzug flackerte und erlschen wollte, mit nackten Fen auf dem Teppich,
an dem losen Schlafmantel zerrte er, die Mtze lag am Boden. Arbeitete mit
den Armen: Gebt Raum!

Schnaufend, schnaufend. Glnzend vor Lachen sein Gesicht, inbrnstig
stampfend seine Beine, vorwrts drngend. Mit den Ellbogen seitwrts
ausschlagend, als arbeite er durch Gestrpp. Gebt Raum! Lange Zeit.
Erschpft in den Sessel sinkend, lachend.

Bei Tag kamen Eggenberg und Trautmannsdorf herber. Sie lobten den Herzog
Friedland und da alles ein besseres Aussehen gewinne. Bei Nrnberg habe
sich der Schwedenknig gewaltig die Hrner eingerannt, laufe jetzt hinter
dem Friedland her, der ihm bald den Rest geben werde.

Der Kaiser dachte: der Schwede und der Friedland, diese werfen sich jetzt
bereinander; sie zerfleischen sich, dann werden sie voneinander lassen.
Ruhig und freudig besprachen die beiden vor ihm, da man hoffe, auch den
Friedland in der Gewalt zu behalten.

Was war das? Bald den besiegen, bald den besiegen. Jetzt wieder den
Friedland. Jeder will die Macht haben.

Der Kaiser fragte nach dem Friedland und was sie da Sonderbares besorgten.

Er htte zuviel Gewalt an sich genommen; man msse bei seiner Leidenschaft
auf der Hut vor ihm sein.

Auch das. Auf der Hut vor dem Friedland. Wie sich die Welt rasch verndert,
wenn man sie nicht dauernd im Auge behlt.

Die Herren fragten sonderbar, ob die Majestt lange in Wolkersdorf zu
bleiben gedenke, und ob die Majestt ihnen fr dringliche Flle Vollmacht
gebe.

Sie sahen ihm etwas an? Wollten die Hunde den Erzherzog Leopold wieder
hervorziehen? Wie in den wonnesamen Tagen. Ich wei noch nicht, brachte
Ferdinand heraus, seine Augen bedeckend. Er grollte; es war nicht
entschieden in ihm. Er zitterte, wie er sich den beiden, die ihn
beobachteten, gegenber sah; sie kamen ihm wie Inquisitoren vor. Er entlie
sie leise drohend und abweisend. Sah, wie sie gegangen waren, den Saal noch
im Nebel. Entwich auf die Jagd.

Sie fanden auf der Rckfahrt, man msse Lamormain gegen den Kaiser
vorschicken. Der Kaiser versinke in unheimlicher Weise in sich; beide
dachten, ohne es auszusprechen, an den geisteskranken Kaiser Matthias.

Wie es Abend wurde und der Mond aus dem Birkengehlz trat, stand der Kaiser
mit nackten Fen auf seinem Teppich, schnaufend, arbeitend: Gebt Raum,
gebt Raum! Inbrnstig lachend, stampfend; ein lakenweies mondgetauchtes
kleines Menschenwesen. Alles war wieder klar vor ihm. Er erschpfte sich
nicht. Pelzschuhe zog er sich an, einen wattierten grnen Mantel warf er um
die Schultern. Trumend, gierig, fast lstern legte er sich in das offene
schmale Fenster, sah in die scharf gezackte raschelnde Blttermasse.

An ihm sauste es vorbei. Aus dem Zimmer heraus. In das Zimmer hinein. ber
den Schultern, neben den Ohren. Ungeniert ging es hin und her. Sauste mit
Schwung, klirrend in den strahlenden Kiesboden. Schlich warm dicht neben
seinem Hals, neben seinen Armen hinaus, eine groe Katze, ein langes
behaartes geschwnztes Tier. Wesen, die ihn kannten. Vielerlei Wesen, die
hier ihren Aufenthalt hatten, keine Notiz von seiner Anwesenheit nahmen. Er
war gerade zwischen sie geraten. Schwindlig und mde machte es ihn in der
ziehenden Aufgeregtheit, da er den Kopf fallen lie und die Augen schlo.

Die Kammer war zu ebener Erde. Er fhlte sich gedrngt, einen Sessel zu
nehmen und ber das Fensterbrett ins Freie zu steigen. Sie halfen ihm
rechts und links steigen. Faten ihn bei den Hnden, wie er herunterstieg.
Er ging ein paarmal zwischen den schwarzen Bumen. Lief pltzlich, um es zu
machen wie sie, rasch laufen, weich andrngen, sich anheben, fliegen. Sie
schwirrten in ste und Gipfel, strzten ab, blieben klatschend liegen. Man
konnte sie zertreten, sie zerflossen wie Schatten in die Erde. Dieses
Anrufen, Lrmen, pltzliches Verstummen.

Ein Teufel, dessen Gre er im Dunkel nicht erkennen konnte, legte ihm die
Hand auf die Schultern, fragte ihn, wo er entlang gehen wolle, sagte mit
sonderbar schluchzender Stimme immer wieder: Lieber Ferdinand, lieber
Ferdinand. Der fhrte ihn riesengro wie er war an sein Fenster zurck,
hob ihn auf das Fensterbrett, so da er herunterglitt. So gro war der
Rcken des Teufels, da das ganze Fenster schwarz war.

Gebt Raum, lispelte Ferdinand angezogen auf dem Bett, schlief.

Ich mu zu einem Priester gehen, sagte er sich, als die Hhne krhten.
Und wunderte sich, da er gar keine Angst vor Lamormain hatte. Wenn ich
einen Priester sprechen knnte. Ich mu wissen, wie es bei Gott ist.
Tiefsinnig dachte er es, ohne sich ber seine Gedanken Rechenschaft
abzulegen.

Man lie ihn an den jagdfreien Tagen ungestrt sich in den Waldungen
ergehen. Er ging im weien und grnen Rock hinaus. Langsam spazierte er,
versuchte an Wallenstein zu denken. Da man die Macht ber so ungeheure
Tiere hatte; er wollte sie gar nicht. Er wollte nur tiefer in den Wald
gehen.

Whrend er tiefsinnig dachte, fhrte man ihn rechts und links. Nicht
schneller gingen sie als er, breite behagliche Tiere, eins an der rechten
Hand, eins an der linken. Er ging mit.

Als er wieder zu Hause war, meldete ihm ein Bericht Questenbergs den
nheren Verlauf des Nrnberger Treffens und wie der Herzog zu Friedland
jetzt vorhabe, dem Knig den Weg zum Meere abzuschneiden, nachdem er ihm
schon den Weg nach Sden abgeschnitten hatte.

Kostbar, sagte in sich der Kaiser.

Und pltzlich schttelte er sich; erinnerte sich des dicken Tausendfues,
des Drachens Wallenstein; umpackten sich diese zwei da, an den weien
Hlsen, an den Knien, den glatten widrigen Buchen. Ihn ekelte so, da das
Wasser ihm im Schwall aus dem Mund hervorquoll.

Zaghaft schlich er vor das hohe silberne stehende Kruzifix, legte sich
still und sehr langsam davor hin. Wartete, hob den Kopf, sah es an.
Seufzte.

                   *       *       *       *       *

Der Kurfrst Maximilian war ohne Lrmen in das leere Mnchen eingezogen.
ber die Hhe der gezahlten Kontributionen wurde ihm Bericht erstattet.
Gebeugt sa er in seiner Neuen Feste. Die reichen Bauten Mnchens waren ihm
ein zu weites Kleid; der Herzog zu Friedland ging das Reich erobern. Ihn
hatte er kujoniert. Keine Hilfe bei den geistlichen Kurfrsten; die lagen
in franzsischen Armen. Vom Kaiser hie es, er werde abdanken, htte keinen
Sinn mehr fr das Reich. Doktor Leuker meldete vertraulich aus Wien, der
Knig in Spanien habe ein starkes Heer fr Deutschland ausgerstet, es
werde fr spanisch-niederlndische Zwecke dienen, aber eine Reserve bilden,
die das Kaiserhaus gegen jede, jegliche Gefahr, auch vor Friedland schtzen
sollte. Man knnte mit Spanien zusammen gehen, von Richelieu war nichts zu
erwarten. Es trstete den hilflosen Kurfrsten, da er sich an Richelieu
rchen knnte, indem er die spanische Partei nahm.

Aber alles lag noch in weitem Felde. Man hrte, der Herzog rcke weiter
nach Norden; noch ein Schlag fr den Schweden wie Nrnberg, und niemand
konnte an Friedland heran. Er wrde die Despotie ber Deutschland
errichten. Maximilian fhlte, er konnte sich nicht rhren. So verlassen wie
jetzt war er noch nie. Eine so schaurige Gefahr drohte ihm.

                   *       *       *       *       *

Hinter Holk kam Gallas, ber Wunsiedel Hof.

Hinter Gallas der Herzog. Durch Forchheim, Bamberg, die Grafschaft Reu,
ins Land Meien, das gebrandschatzt wurde. Auf die Saale zu. Die
Flubergnge sollten gesperrt werden.

Dem Heere liefen voraus die Boten auf dampfenden Pferden an Arnim, der in
Schlesien stand, durch Sesyma Raschin an den Grafen Thurn: der Kursachse
solle, solle sich von dem Schweden trennen. Es solle msse und werde Friede
gemacht werden, ob er sich sperre oder nicht. Und Johann Georg, schwer
verzagt ber den Landesverwster Holk, beim Aufbruch des entsetzlichen
Schwarms von Nrnberg, schlug sich die Brust, er werde Frieden machen,
sonst werde es ihm gehen wie dem Pflzer. Er werde wandern mssen mit
leerem Sckel hinter dem Schweden her, der Deutsche, das Haupt der
Evangelischen. Und schon hatte sein Rat ein Angebot an den Friedlnder und
den Rmischen Kaiser ausgefertigt, als eigene Kuriere Gustafs den
Kurfrsten hieen, Ruhe zu bewahren. Gustaf renne hinter dem Herzog her, er
werde helfen, es geschehe nichts, er werde ihn nicht weit kommen lassen.
Arnim selbst meldete Eilmrsche aus Schlesien. Wtend, alles Widerspruchs
berdrssig, erklrte Johann Georg im Kabinett: Friede mu sein.
Irgendwie. Befehlen soll mir keiner etwas. Bringt der Schwede keinen,
bringt ihn der Kaiser. Wir sind alle Christenmenschen, kein Vieh, das so
unsglich leiden mu. Dies Mal noch. Ich hab's satt.

Quer ber Sachsen warf sich krachend der Herzog, in Leipzig nahm er
Quartier, auf Torgau stie er. Bald war der Schwede da. Die Psse bei
Hildburghausen und Schleusingen hatte ihm in rasenden Kavallerievorsten
der Herzog Bernhard von Weimar offengehalten, den Thringer Wald
durchbrauste der Knig; er mute zurck in die Nhe seines ersten
entscheidenden Sieges ber den toten von der Erde weggewlzten Tilly. Durch
Arnstadt Ksen Naumburg. Verzweifeltes hilfeflehendes Volk lag geworfen auf
den Straen, an den Wegen. Was wollen sie von mir, zuckte zhneknirschend
der Knig die Achseln, ich tue meine Pflicht, Gott mu sie erretten. Er
gedachte wie bei Nrnberg sich erst zu verstrken, bis er angriff.

Als aber Friedland seinen General Pappenheim ausschickte, um Hans von
Arnim, der sich ausgeschwiegen hatte, schon auf dem Marsche
zurckzuschlagen, hielt der Schwede, von feierlicher Sicherheit
durchstrmt, seinen Augenblick fr gekommen. Er wollte nicht warten, bis
der Winter hereinbrach, er hatte keine Zeit bis zum Frhling: Der
Friedlnder ist in meine Hand gegeben, fhlte er, als er von dem Abritt
Pappenheims auf Halle hrte.

Um ihn wimmelte es von Menschen, den Mnnern aus Smaland, Ost- und
Westgotland, den Leuten Horns, Baners, Totts, Stallhanskes, Klitzings,
Lsers, Bernhards; sie werden zermalmt sein wie ein Ameisenhaufen von einem
Futritt, sah er, wenn sie nicht siegen. Sie haben den rechten Glauben;
Schweden, ganz Schweden hat seine Habe hierhergegeben, sie werden nicht
unterliegen. Whrend er besessen die Augen schlo, dachte ihm dies.

Wir werden siegen, beschlo er. Er ritt befehlend in den nebligen
Herbstabend. Sie werden keinen besseren Markt haben als der Tilly bei
Breitenfeld. Inbrnstig ging er das Werk schmieden.

Widerwillig kam der Friedlnder. In seinem Hauptquartier war, wie sie den
rachedrstigen Schweden nahen sahen, die Parole ausgegeben: nicht siegen,
den Widersacher schwchen, schrecken, gedeckter Abmarsch, sobald die
eigenen Verluste stark werden. Nach Pappenheim rief man: der Herr solle
alles stehen und liegen lassen und herwrts jagen. Um die Steigbgel des
Pferdes Wallensteins, der reiten wollte, wurden Seidenbusche gewickelt.

Regimenter der Schweden: Karberg, Herzog Bernhard, Wrangel, Dieshauen,
Kourville, Stechnitz, Stenbach, Brandenstein, Anhalt, Lwenstein, Hofkirch.
Dann Ular, der hessische Landgraf, Burlacher, Goldstein, Wolf von Weimar,
das gelbe Leibregiment, das blaue Regiment unter Wrangel, Generalmajor Graf
Brahe.

Regimenter der Deutschen: Savelli, Gallas, Holk, achtundzwanzig Schwadronen
Ungarn und Kroaten mit Isolani, vierundzwanzig Schwadronen Krassiere mit
Oktavio Pikkolomini, Strozzi, Gonzaga, Koronino.

Vom nebligen Herbstmorgen bis zum Abend acht Stunden zerhieben sich die
Heere zwischen dem dnnen Mhlgraben und Flograben bei Markranstdt und
Ltzen; der Galgenberg buckelte dazwischen mit vierzehn Riesenhaubitzen
Wallensteins. Am Abend und in der Nacht standen die beiden Heere noch auf
dem Feld und rissen aneinander.

Tot war Gustaf Adolf und Tausende aus allen Regimentern der Schweden und
der Kaiserlichen.

Den Grafen Pappenheim donnerte eine Drahtkugel in den Tod.

Unbekmmert um die Nachrede schnurrte der Herzog davon, nach Leipzig
zurck, aus Sachsen heraus.

                   *       *       *       *       *

Die Schweden tasteten ihm auf dem Schlachtfeld nach. Vor Schwche konnten
sie sich nicht rhren. Tage vergingen. Sie lagen in Angst. Kroaten, die
Kanonen rauben wollten, verscheuchten sie. Was um Gustaf gewesen war,
schwur sich nicht zerreien zu lassen. Oxenstirn nahm die Zgel in die
Hand. Die Armee sollte Bernhard von Weimar fhren. Der Winter sollte sie
nicht verderben, sie wollten sich keine Furcht anmerken lassen.

In das winterliche Prag zog Wallenstein ein, hielt Gericht. Geschenke bis
fnfundachtzigtausend Gulden fielen ber den Grafen Merode, den Marquis de
Grana, das Komargische Regiment, Brenners.

Vor dem Rathaus in Prag, auf der mit schwarzem Tuch behangenen Bhne,
wurden hingerichtet elf Offiziere aus den vornehmsten Familien, die meisten
vom Regiment Sparr. Eine Anzahl wurde an einen neuen Galgen gehngt,
einigen der Degen unter dem Galgen zerbrochen, sie selbst fr Schelme
erklrt, die Namen von vierzig flchtigen Offizieren an den Galgen
geschlagen.

Die Finnen, das braune Rattengewimmel Tillys, Reiter des Stalhanske, fanden
den schwerleibigen Gustaf Adolf, das abgelebte breitgequetschte Gesicht an
die Erde angedrckt. Vierhundert smalandische Reiter, den Palasch gezogen,
der Rest des Regimentes, an dessen Spitze er gefallen war, eskortierten ihn
ber Weienfels nach Wittenberg, nach Wolgast, wo die Totenfeierlichkeiten
erfolgten an dem Meere, ber das er gefahren war mit Koggen Gallionen
Korvetten, das Admiralsschiff Merkur mit zweiunddreiig Kanonen, dahinter
Westerwick, Pelikan, Apoll, Andromeda, Regenbogen, Storch, Delphin,
Papagei, Schwarzer Hund.

Hier am salzigen ruhelosen Meer, unter dem Tosen der Winterstrme, hatte
sich eine stumme Gesellschaft aus Metall Holz Tuchen versammelt, um den
verwesenden ausgeweideten Leib zu erwarten: hohe silberne Gueridans,
florumwickelte Wachskerzen, ein Trauergerst in der Kirche, der Katafalk,
das Schmerzenspult. Lebende Menschen und Tiere wogten um die bewutlosen
Gegenstnde, den bei Ltzen vor Monaten zuletzt fhlenden Leib, der jetzt
nicht mehr war als die Gegenstnde, die fr ihn geschnitzt, genht,
geschmiedet wurden. In einen Zypressensarg war die verhllte triefende
Zentnermasse von Fleisch und Knochen geschoben, auf einen samtbeschlagenen
Leichenwagen gestellt. Den bloen Degen unter dem Arm gingen die
Leibgardisten voran, das Bataillenpferd folgte, die Blutfahne, Hoffouriere,
Marschlle, Trabanten mit verkehrten Gewehren, Herolde, Pauker, das Wappen.
Die Zipfel der Sargdecke trugen Offiziere Kavaliere in stumpfen Tchern,
ohne Handschuh neben dem schleppenden Wagen, Trabanten mit umgekehrten
umflorten Partisanen. Hinter dem Wagen Marschlle mit Stben, Minister,
Hofkavaliere, Beamte, gefhrte schleierbergossene Frauen, deren Schleppen
man trug. Die Knigin, grau und wei gekleidet.

Ihr war noch kein Sarg gezimmert wie dem toten Gemahl. Mit Entsetzen ging
sie in dem Zug. In einem Zypressensarg vorn unter einer schwarzen
Samtdecke, an der Offiziere zerrten, lag eine gedunsene dicke Masse,
zerflieend, die ein blauschwarzes Gesicht hatte, an der Arme und Beine
hingen, etwas das an Fleisch erinnerte und das Gustaf Adolf, der starke
singende jhzornige Mann, der Vater ihrer springenden kleinen Tochter, sein
sollte. Es ekelte, graute sie; sie konnte nicht entrinnen, man fhrte sie;
eine Brechneigung stieg in ihr auf; sie wurde hier vergewaltigt; blind
taumelte sie am Arme ihrer Hofdamen, Zittern in den Beinmuskeln.

In das dunkle hochgeweitete Kirchenschiff hinein. Trompeter bliesen vorn:
Mit Fried' und Freud' ich fahr' dahin.

Hinter dem kostbaren Trauergerst riesengro in sich bumender Bewegung ein
metallener Schmerzensmann am Kreuz; angenagelte Hnde und Fe, Sthnen aus
dem offenen Mund, Blutrinnsale vor den Ohren, keuchend zusammengeprete
Rippen, muldenhaft eingezogener Leib.

Gebrll der Kanonen.




Sechstes Buch
Ferdinand


Wallenstein ging nicht aus Bhmen. Die Bitten, die der Wiener Geheime Rat
aussprach, schon als er auf dem Marsch ber Leipzig war, nicht nach Bhmen
zu kommen, die Lande des Kaisers zu schonen, waren erfolglos geblieben. Es
erfolgte keine Antwort, bis das ganze Heer sich ber Bhmen ausgebreitet
hatte, und dann eine ungengende: es sei hier am sichersten, man knne am
besten den Feind beobachten, sich selbst am raschesten wiederherstellen.
Das Reich bot bessere Kreise zu Quartieren als das Erbland Bhmen; aber der
Herzog lehnte Verhandlungen ab. Er dehnte sogar die Quartiere ber Mhren
aus. Niemand in Wien hatte etwas anderes erwartet; man erschrak doch, als
es eintrat. Der Herzog war so logisch wie ein Verhngnis geworden. Er
wollte auf die rascheste Weise den Kaiser unter die Sohlen nehmen. Die
Einnahmen des Kaisers, seine einzigen aus den Erblanden wollte er zum
Schrumpfen bringen, aus der schweren Verschuldung eine frmliche Armut
machen. Der grausame Wucherer und Geldeintreiber stand ber ihnen.

Bittreisen nach Prag und Gitschin traten der Abt von Kremsmnster, Breuner
und dann persnlich Trautmannsdorf im Winter an. Trautmannsdorf war der
Gast des Feldhauptmanns in der heiligen Zeit der zwlf Nchte; sie hatten
gemeinsam Spa an den lndlichen Gewohnheiten. Die Kinder liefen mit
geschwrzten Gesichtern vor die Huser, holten sich Gebratenes. Ernsthaft
stiegen Mnner von Baum zu Baum auf den Chausseen, umwickelten sie mit
Stroh, um sie vor dem Bsen zu bewahren. Trautmannsdorf horchte an dem
Herzog wie an einem interessanten Naturgegenstand herum, unternahm es dann,
ihn zu verlocken, ihm gtlich zuzusprechen, damit doch diese sonderbare
groe Erscheinung Wien nicht verloren ginge. Es sei unendlich schade, sagte
er offen, da sie nicht Freunde sein knnten; es seien Fehler vorgekommen,
Miverstndnisse; man knnte erwgen, die Dinge zurckzubiegen und auf ein
vernnftiges Geleis zu kommen. Er redete sich, klug phantastisch wie er
war, in eine Wrme hinein, die beinah herzlich war, aber leicht in eine
respektvoll beobachtende Entfernung zurckging. Er sah darauf nichts am
Herzog; es schien ihm nur, als ob er den Friedland reize; sie sahen sich
tagelang nicht; bei neuen Begegnungen war der Herzog wie er immer war --
hflich, falsch, zu Drohungen geneigt, undurchdringlich. An der Manahme
der Belegung Bhmens und Mhrens wurde nichts gendert. Der Bhme hielt
fest, es sei nach den Abmachungen sein Recht, sich in die Erblande
zurckzuziehen. Trautmannsdorf erkannte, da also Wallenstein schon frher
diesen Plan gehabt hatte, staunte den Bhmen an.

Da er angeblich fr neue Rstungen nicht flssig sei, verlangte der
Friedlnder die rasche Eintreibung bestimmter Betrge durch den
Reichshofrat. Bevor sich Abt Anton zu dieser schlimmen Maregel entschlo,
wandte er sich an den spanischen Botschafter, was man antworten solle nach
Prag. Der erklrte sehr geheim, man sei in Madrid gewi geneigt und habe es
den drngenden Herren Eggenberg und Trautmannsdorf versprochen, den Kaiser
gegen etwaige friedlndische bergriffe zu schtzen, aber bisher sei doch
die Lage nicht dringend; unbotmig sei der Herzog nicht; man wolle einmal
sehen, wie er sich gegen das spanische Heer fr die Niederlande verhalten
werde, das bald aus Mailand heranrcken werde.

Seufzend sah der kleine Abt, da Spanien wieder nur seine Interessen
vertrat; die Betrge muten eingetrieben werden. Schatz- und Sckelmeister
bekamen Befehl, die Auflagen an den Friedlnder zu zahlen. Nieder- und
Obersterreich muten steuern in einer nicht gekannten Weise: Karossen- und
Kutschensteuern wurden eingefhrt, Schlittensteuern; jeder Eimer Ungarwein
schlug fr den Kaiser mit fnfzehn Kreuzer auf, Bankiers und Juden
entrichteten eine zweiprozentige Vermgensabgabe, fnf Gulden hatten in
allen Erblanden zu zahlen Baumeister, Organisten, Schulmeister, Musikanten,
Spielleute, Mener, Rauchfangkehrer; zweiundfnfzigtausend Gulden
monatliche Kontribution die Bauernschaft in Obersterreich. Und wie man
nicht wute, woher noch mehr nehmen, als die Betrge fr den kaiserlichen
Hofstaat und die herzoglichen Ansprche nicht reichten, kam aus Gitschin
die hhnische Anregung: Vermgenskonfiskationen aus religisen Grnden
vorzunehmen. Anton und andere Herren rebellierten; nur die Jesuiten bissen,
wie sie es hrten, scharf an. Wie hat sich der Herzog gendert, lachten
sie heftig, wie hat er sich gestrubt bei der Restitution der kirchlichen
Gter. Die Kalamitt in einigen Hofmtern wurde unmittelbar dringend; man
lie sich stoen.

Ein kaiserliches Patent im Beginn des neuen Jahres bestimmte fr das
Herzogtum sterreich unter der Enns, da jede adlige Person, die nicht der
heiligen rmischkatholischen alleinseligmachenden Religion zugetan sei,
binnen vierzehn Tagen bei Verlust ihrer adligen Freiheiten, bei Vermeidung
kaiserlicher hchster Ungnade, Leib- und Geldstrafe sich in Person durch
den Hofkammer-Trhter anmelden lassen solle. Wer sich nicht bequemte,
wurde verwiesen, oder hatte einen Revers zu unterschreiben, in Krze das
Land zu verlassen; von seinem Vermgen fiel ein Teil an den Kaiser.
Nichtkatholische fremde Kaufleute wurden ohne weiteres Landes verwiesen
unter Konfiskation ihrer Handelsware und eines beliebigen Teils ihres
Geldbesitzes.

Den meisten Rten wurde flau bei der Manahme; vor den Berechnungen der
Finanzleute wichen sie zurck. Nur einige am Hofe wuten, da man schon in
Verhandlungen stand mit reichen Mnnern, getrieben von Wallenstein, um
Stdte zu verkaufen, in Ungarn und anderswo, die sich unter kaiserlichen
Schutz gestellt hatten, kaiserliche Schutzstdte, ein tiefbeschmendes
Vorhaben, vor dem man immer wieder zurckzuckte.

Aus Nrnberg war von dem Schweden der Mann abgewichen, den er Majestt
Knigliche Wrde von Bhmen nannte, der Pflzer Friedrich. War gegangen,
weil es ihn nicht reizte, noch mehr von der schwedischen Herrschaft zu
sehen. Mit der englischen Elisabeth reiste er gemchlich auf Frankfurt.

Seltener wurden die schwedischen Streifkorps; er wurde ruhiger, gewann es
manchmal ber sich, seine Frau anzublicken. Die klagte viel, da man den
Schweden verlassen habe und welche Irrwege Friedrich jetzt gehen wolle, wo
er nicht mehr jung war. Sie fuhren durch die traurige Herbstlandschaft in
den offenen Karossen; Friedrich lag nach rckwrts ber die Ohren in Pelze
gehllt; sie blickte aufrecht sitzend rechts und links, machte ein
schnippisches enttuschtes Gesicht, ghnte viel, klopfte mit den Fen. In
Frankfurt wird es besser sein, lchelte Friedrich.

Und sie war auch beruhigt, als in dem schnen Quartier, das die reiche
freie Stadt ihnen zur Verfgung stellte, ihr alter Freund, der galante
graubrtige Ludwig Kamerarius, der lange in Hamburg und Stockholm gewohnt
hatte, vorsprach. Er hatte wohl einen dringenden Auftrag schwedischerseits,
sich des Pflzers zu versichern und dafr Sorge zu tragen, da er der
schwedischen Sache nicht abtrnnig werde. Ein lchelnder spttischer Herr,
klug und berall interessiert, liebevoll, bewegte er sich um seine
pflzische Herrschaft, zeigte ihnen frankfurtische Kuriosa, kaufte Pferde
fr die Dame, trieb von unbekannter Seite fr sie Gelder auf, sorgte fr
Pracht im Quartier, arrangierte Unterhaltungen fr die Damen des Gefolges.
Inzwischen bewachte er mit dem kleinen entschlossenen Rusdorf die
Korrespondenz des Pflzer Kurfrsten, besonders als es schien, da
Friedrich, ohne ein Wort davon zu verlautbaren, an mehrere Verwandte
schrieb, denen er lange nicht geschrieben hatte, Mnner, die mit dem
Kaiserhof in einiger Verbindung standen.

Rusdorf war auer sich: Die schwedische Majestt ist daran schuld. Der
Kurfrst war dem Knig in allen Dingen freundwillig. Da hat der Knig den
Bogen berspannt. Der Kurfrst verdenkt dem Schweden nicht, da er sich
einige Genugtuung fr seine Auslagen und Opfer im Reiche verschafft, aber
es scheint um mehr als bloe Genugtuung und Kostenersatz zu gehen. Wie
knnt Ihr das sagen, Kamerarius lchelte zurckhaltend. Zunchst wird ja
gefochten und der Friedenskongre ist noch in weitem Felde. Und er wird
uns niemals beschert sein, wenn der Eigennutz und die Selbstsucht in so
grlicher Weise triumphiert. Die schsische Durchlaucht hat lngst
gerochen, worauf der Schwede hinauswill: uns deutsche Protestanten unter
seinen Hut zu bringen. Und das will unser gndiger Herr nicht. Und sagt
selbst, Kamerarius, hat er nicht recht. Der Krieg ist noch lange nicht zu
Ende. Es kommt alles in ein Gleichgewicht. Man soll nicht das Gute aufgeben
um das Bessere zu suchen.

Rusdorf trat dicht an Kamerarius, der an seinem Stuhl stand und sich den
grauen Bart strich, flsterte erregt: Ich habe nicht weniger Geld von
Schweden bekommen als Ihr. Gewi. Ihr braucht nicht staunen. Ich wei, da
er Euch zahlt. Mich zahlt er lngst. Viel behalte ich nicht. Ich wre ein
reicher Mann, wenn ich alles htte, was unser gndiger Herr mir schuldig
ist. Ich nehme es fr nichts weiter an. Ich wei ja auch, da Ihr daran
denkt, wenn Ihr schwedisches Geld empfangt; es ist unser Herr und wir sind
nicht so unglcklich wie er. Aber Ihr bertreibt: Ihr habt darum nicht
ntig, so dem Schweden zu dienen. Was wir nicht verhindern knnen, knnen
wir nicht verhindern. Sucht der Kurfrst Anschlu an den Kaiser und ist der
Kaiser gndig: mit Gott! Wir haben genug geduldet; Ihr seid grau wie ich
geworden. Kopfschttelnd schritt der andere durch das Zimmer, untersuchte,
ob die Tre fest geschlossen war: Schon gut. Wir sind einer Meinung. Er
wird den Anschlu nicht finden. Die Fuste ballend Rusdorf: Und ist dies
richtig, was der Schwede in Nrnberg erklrte als sein erstes und letztes
Wort? Was ist das? Wieviel er vom kurpflzischen Besitz am Rhein
erhalten wird? Nun? Er bedrngte den anderen, bis der den Mund auftat:
Wir werden nicht mehr hergeben als wir mssen. -- Vielleicht ist es nicht
so tricht, wenn wir unserem Herrn eine kleine Korrespondenz mit dem Kaiser
gestatten. Und davon etwas verlauten lassen. Sprhend Rusdorf: Wir sind
in Wucherhnden beim Schweden. Seid nicht so laut. Es ist Zeit laut zu
werden. Er ist nicht besser als die britischen Herren, die uns kujoniert
haben, mich und Pavel. Kamerarius drckte ihm die Hand: Einigkeit,
Rusdorf.

Aber kaum schrieb der Kurfrst, kaum ffnete er einen Brief. Er freute sich
der Stadt, trank viel, war herzlich mit seiner Frau Elisabeth. Dann erlag
das pflzische Quartier der Nachricht vom Tode Gustafs in Sachsen. Im
Augenblick fiel alles in Zuckungen: ratlos schweifte man umeinander. Die
Kurfrstin drngte, weiter zu reisen, nach dem Haag, verlangte fort nach
England, schmhte das Reich.

Da begann Friedrich lebhafter die Wiener Korrespondenz aufzunehmen.
Ungestrt festierte er in seinem Quartier, die Englnderin betubte ihre
Erregtheit in heftigen Vergngungen, pompsen Reitereien, Schlittenfahrten
und Spen, die sie zum Getuschel der Stadt machten.

Gegen Weihnachten wollte eines Abends Friedrich seinen Trinkkumpanen in
einem sonderbar heftigen Drange seine Ansicht ber den toten Gustaf, ber
die Kriegsdinge und allerlei sonst sagen. Es kam aber niemand, sie waren zu
Festlichkeiten in der Stadt verstreut. Er sa allein mit seinem Narren, der
auf dem Sthlchen bald einschlief. Ich habe so heftig und herzlich ihnen
allerlei zu sagen, dachte Friedrich; er wute nicht, was; alles nahm
solchen guten Verlauf, er kam zum Reich zurck; er hatte ein groes
Ungestm in sich.

Wie dann der nchste Morgen graute, setzte er sich in den ungeheuren Saal,
in dem Becher Hte Degen herumlagen, zog eine Kanne an sich, fing zu
trinken an. Die anderen wrden schon kommen, er wrde auf sie warten. Er
trank. Auf einem Thronsessel sa er, den er sich in einen Winkel geschoben
hatte. In die Ecke geduckt sa er.

Die Sonne schien hell, als Elisabeth hinten die Tr ffnete. Die kurze Nase
von Klte gertet, die schwarze hohe Pelzmtze ber die Ohren gezogen,
blonde Stirnlckchen zwischen die Augen fliegend. Sie stolperte ber einen
schlafenden Lakaien; drei Tabourets standen auf dem Kopf; die Matten auf
dem Parkett waren zu Trmen verschoben. Das perlenbezogene silbergraue
Seidenkleid mit beiden Hnden anhebend strich sie zu dem Thronsessel
herber, an dessen Auenseite eine Hand baumelte. Sein Gesicht -- sie hatte
ihn seit Tagen nicht gesehen -- blickte sie ernst und klar an, so da ihr
Herz freudenvoll erbebte. Sie zog ihre weien Handschuhe aus, wischte ihm
das weinbespritzte Haar ab, wischte ihm den fetten schweibestandenen Hals
unter der zerknickten spanischen Krause, und fate ihn, wie er sie nur
stumm ernst anblickte, am Kinn, um ihn auf den Mund zu kssen. Sein Nacken
war weich und schwer, der Kopf wich an der Rckwand des Sessels leicht
links ab. Vornbergebeugt zu ihm, die pelzbezogene Wange an seinem Gesicht,
rief sie nach rckwrts: Tischwart, Schenk, Wein. Da wehrte es ab:
Nicht, nicht, aus dem Munde vor ihr, aus dem Krper vor ihr. Der Krper
hob sich wenig, sie abdrngend, auf die Fe. Er strahlte sie innig,
armhebend an, blieb starr mit dem Blick auf sie. Sein Mund ging auf, er
schien lachen zu wollen oder zu weinen oder trbselig zu klagen. Die Nase,
die Oberlippe hob sich in einem Weh. Er plumpte schwer zurck. Sein Hals,
sein Kopf lief rotblau an, schwoll unter leisen, dann heftigen Zuckungen
der Wangenmuskeln, rollte, whrend sich die blauen Augen trbten, von der
rechten Schulter auf die Brust. Die Beine standen eingeknickt unter dem
Sessel, der Krper schien herabrutschen zu wollen. Lautes Schnarchen, der
linke Arm griff abwrts in die Luft neben einem Sesselbein. Die Frstin
schrie angstvoll mit zusammengebissenen Zhnen auf. Dann torkelte der Kopf
mit einem brsken Sto wieder auf die Schulter, die Wange zuckte noch, die
weilichen Augen stellten sich blicklos in eine Ecke, der ganze Krper
wiegte sich leicht in einigen Wellen.

Sie stand da, ging nicht weg, bi sich auf die Finger, watete langsam durch
den Saal zurck, immer mit gedankenlos bebenden Bewegungen der Arme, erst
an der Tre sich umdrehend, als es hinten drhnte und polterte und der Mann
in der Ecke kopfaufschlagend auf das Parkett rutschte. Sie ging ohne zu
sehen ber den Hof, indem sie sich den Nasenrcken rieb, den Schnee von
ihrer Schleppe schttelte. Bei jedem vierten fnften Schritt blickte sie
rckwrts, an sich herunter, schttelte die Schleppe.

Ein Robube sah sie vom Stall aus gehen, pfiff zwei aus dem Fenster
schauenden Damen, wie stirnrunzelnd auf die langsam wandernde Frau. Die
zitternden weien Damen legten die Hnde an ihre fortzuckenden Arme. Sie
schrie auf, knirschte mit den Zhnen, strzte wlzte sich nach einigem
Sthnen in sie hinein.

                   *       *       *       *       *

In Wien wuchs nach dem Tode Gustafs und des Pflzers die kriegerische
Stimmung. Nicht einmal die Wissenden an der Spitze taten ihr Einhalt. Die
Waffenerfolge der kaiserlichen Armada schollen durch Europa.

Der Heilige Vater in Rom, der eben Wien kalt abgewiesen hatte, hatte es
fast zu einem Bruch auch mit Spanien kommen lassen, als ihn der brutale
spanische Gesandte Borgia, der Kardinal, unverblmt im Konsistorium der
Herzlosigkeit und Saumseligkeit gegen katholische Interessen zieh. Urban,
der groe buschbrtige Kriegsmann, wute, da das Schlachtenglck wechseln
knne. Hielt, den Kardinal aus Rom verjagend, mit einem letzten Entschlu
an. Nun kirrte den Goten dieser andere Barbar, der Friedlnder, der Mantua
hatte verwsten lassen; es schien fast, als ob er der Lage in Deutschland
Herr werden wrde. Ein Breve Urbans traf in Wien ein, der Nuntius las in
der Burg dem Kaiser Ferdinand und seinem stolzen feierlichen Hofe vor, was
der Papst unter dem Fischerringe im zehnten Jahre seines Pontifikats
verkndete; welche Wohltat allen verliehen sei durch den Tod Gustafs. Dem
Sitz Seiner Heiligkeit htten sich die Klagen und der Jammer seiner Shne
genhert und wren seinem Gemt zu bestndiger Trauer vorgeschwebt. Der
ganze christliche Erdkreis empfnde Genugtuung, der mit Schrecken vernommen
habe, da ein Knig als Feind des katholischen Namens, trotzend auf seine
Waffenmacht und seine Siege, von den Ufern des baltischen Meeres bis zum
Fu der Alpen alles mit Feuer und Schwert verwstend sich rhmen durfte,
den ganzen Landstrich mit hchster Schnelligkeit unterworfen zu haben.
Darum haben wir in der Kirche der allerseligsten Jungfrau Maria dell'
Anima der deutschen Nation mit hoher Freude das heilige Meopfer
dargebracht und zugleich mit unseren geliebten Shnen, den Kardinlen der
heiligen Kirche, und dem stark zugestrmten rmischen Volke fr die groe
Wohltat Gott unseren Dank dargebracht.

Ferdinand, freundlich still auf seiner purpurbezogenen Bank dem kloigen
Redner zuhrend, kte ihm aufstehend die behaarte Hand. Schweigend, als
wenn er sich besinne, sanft stand er eine kleine Weile vor dem verbindlich
wartenden Mann, um langsam von sich zu geben: Lasset uns in Demut
voranschreiten und in Ergebung Gott die Sachen befehlen.

Hinter ihm Siegeslrm. Mit Unruhe bemerkte der Nuntius, der eine klgliche
Rolle spielte, welche Wellen die Erregung schlug; er sah sich gentigt,
abzureisen. Die Vter vom Orden Jesu verlangten, wo sie sich am Hofe sehen
lieen, Krieg bis zur Vernichtung des schwedischen Heeres. Die traurigen
Meldungen aus Bayern hatten sie in uersten Zorn gebracht; sie lieen an
allen Stellen, die ihnen zugnglich waren, beim Beichtvater des Kaisers,
der Kaiserin, des ungarischen Knigspaares, bei den anwesenden Herren des
Zivilstaates, besonders beim Grafen Schlick, dem Prsidenten des
Hofkriegsrats, erklren, da in allen eroberten Gebieten als Schadenersatz
die hchsten ertrglichen Kontributionen eingetrieben werden mten; jeder
protestantische Besitz dort msse der Konfiskation verfallen. Des Herzogs
von Friedland, der die religisen Vermgenskonfiskationen angeraten hatte,
fhlten sie sich gar nicht sicher. Sie gedachten jetzt ihn mit Gewalt zu
sich zu zwingen und ihre Position auszuntzen. Bei Regensburg hatte er ihre
Macht gefhlt; er sollte nicht glauben, jetzt seiner unberechenbaren Laune
und blo militrischen Politik folgen zu drfen. Die Herren am Kolleg
formierten eine Spezialdeputation aus sich, bestehend aus dem Provinzial,
einigen Rektoren und Prfekten, die in einer Schrift niederlegten, wie der
Krieg zum Ruhme der katholischen heiligen Kirche zu einer Entscheidung
gefhrt werden msse, wobei weder Gut noch Blut eine Rolle spielen drfe.
Wie ihre Beteiligung und Eingreifen nicht in solchem Augenblick als
anmalich gelten knne, besonders wenn man mit Azorius, Kornelius a Lapide,
Santarelli der Auffassung sei, da die Menschheit ein bernatrliches Ziel
habe und die Geistlichen Vertreter des hchsten Erdenknigs, des Papstes,
seien. Sie sprchen aus dem Sinne ihres Generals. Und wenn dies, was sie
erwhnt htten ber die Beendigung des Krieges, schon sicher sei, so noch
mehr, was die schsischen Punkte anlange. Und nun folgte ein zornsprhender
Ergu ber den Herzog von Friedlands Liebden Verhandlungen mit dem
Kursachsen, einem Huptling und der Sttze der Ketzer im Reich neben dem
von Gott und der Jungfrau weggerafften und in das Hllenpech verstoenen
schwedischen Knig.

Aus Residenzhusern Bursen Kollegien quollen die gelehrten Streiter,
scharfe Gesichter, breite langsame Menschen, heie Augen, strenger Blick,
entschlossene Mnder. Lange schwarze Kleider, offenes Obergewand, sehr
weite rmel, Unterkleider talarartig mit offenen berrcken, flachrandige
Krempenhte, Krempen mit Schnren rechts und links hochgebogen, schwarze
viereckige Mtzen. In die groe Aula des Profohauses flossen sie ein; von
weiem Stuck war sie ausgekleidet, phantastische Heiligensonnen waren in
ppigen Farben auf den meterbreiten Wandbildern gemalt, Maria stand
berlebensgro mit goldenem Gesicht, weien Seidenkleidern,
schmuckberladen, unter einer rubinbesetzten Krone auf einer getigerten
Marmorsule hinter dem Katheder an der Wand. Sie sangen ein Lied zum Preis
Marias, als sie sich nebeneinander barhuptig auf die knarrenden Bnke
gesetzt hatten.

Der schwammige Beichtvater der Knigin von Ungarn sprach: Wohin Jesuiten
kmen im Reich, sollten sie auf die Gefahren hinweisen, vor Frsten und
Untertanen, in denen das Reich schwebe. Die hchste Gewalt, hatte der groe
Mariane erklrt, liege beim Volk, das einen rechten Gebrauch von seiner
Einsicht machen msse. Fhrer und Herrscher knnten so irren wie jeder
Mensch und ebenso in Snde verfallen. Die Armeen sind nicht zum Dienst der
Herrscher und Heerfhrer, sondern des ganzen Volkes. Nur dann darf sich der
Heerfhrer ihrer ungestrt bedienen, wenn er des Vertrauens des Volkes
sicher sein kann. Wenn er aber gegen den Willen und das Glck des Volkes
handelt, mu sich das Volk und ebenso das Heer von ihm abwenden und ein
Fluch ber ihn ausgesprochen werden. Ein doppeltes Gesicht, wie der
heidnische Gtze Janus, habe der kaiserliche Oberste Generalfeldhauptmann
von Wallenstein, der Herzog zu Friedland; eins blicke liebreich der
Heiligen Kirche und ihren geweihten Shnen in die Augen, die Hnde
verschwenden Gaben an sie wie wenige Frsten. Das andere Gesicht aber liee
Hauer aus dem Maul herabstoen, blicke und grinse gierig und gehssig; die
Hnde dieser Seite ringen mit denen der anderen, und wem hier ein Scheffel
Korn geschenkt sei, rauben diese wtigen eisernen Arme zwei drei. Dieser
liebreiche Mund spricht das Ave und den Rosenkranz, dieser Kopf senkt sich
fromm bei der beseligenden Darbringung des Opfers -- jenes grimmige Maul
hat nur Freude an dem Trbsinn der Ketzer, lobt ihre bsen Begierden und
Ansprche, und der Kopf ist von Anschlgen auf die Freiheit und Macht der
sen katholischen Kirche voll. Solch Mensch sei er, entstanden auf
bhmischem Boden, mit Sorgen htte man ihn dem falschen Glauben entrissen,
aber nicht entschlossen genug das widrige Unkraut mit der Harke gejtet.
Der zum Schmerz aller Frommen mit dem schsischen Kurhut bedeckte trunkene
Ketzer, Johann Georg benannt, glaubt Anspruch auf Gter und Gebiete zu
haben, die er und seine Vorfahren der katholischen Kirche in ihrer
einstigen Schwche gestohlen haben. O, grenzenlos war der Schmerz, als uns
diese Stifter, Klster und Gter geraubt wurden, viele verzagten an dem
Glck unseres Schiffleins. Grenzenlos ist unser Frohlocken, wo uns unsere
Habe wieder zufallen soll auf den Spruch eines weisen gerechten frommen
herrlichen Kaisers. Aber der doppelgesichtige Mann hat unser Verderben vor.
Er will sich mit dem Ketzer in Dresden ber den Raub verstndigen und sich
mit seinem eigenen Gewinn rechtzeitig aus dem Krieg schleichen. Ihm liegt
nicht an Sieg und Niederlage. Wir hren es von allen Seiten. Ja er will
Frieden, und wenn der Friede auch die Ohnmacht und Schmach unserer heiligen
Kirche besiegeln soll.

Darauf sangen sie ein lateinisches Lied, indem sie aufstanden. Sie sprachen
in Gruppen. Der groe hinkende Luxemburger, Beichtvater der Rmischen
Majestt, trat whrend der Rede in den Saal, blieb an der Tr stehen,
mischte sich horchend in die Gruppe. Er hatte ein unentschlossenes mdes
Gesicht und sprach kein Wort.

Als sie sich niedergesetzt hatten, sank ihr Tuscheln vor der scharfen
aufreizenden Stimme eines jungen Rektors. Wie Fanfaren fing er an:
Ecclesia militans! Ecclesia militans. Das sind die Diener der
Jesusgesellschaft. Wir, wir. Ein Fhnlein hat uns unser geheiligter Stifter
genannt, die Sturmkompagnie des Papstes sollen wir bilden zum Kampf gegen
Heiden im Ausland und in der Christenheit. Kein Frieden! Kampf unser Ruf,
bis zum Sieg des Papstes. Wir stehen dem ungeheuersten Geschick gegenber:
der gewaltige Krieger des Kaisers will uns zum Frieden zwingen. Wir sollen
aufhren zu sein. Die Kirche soll verkrppeln. Wir werden nicht aufhren zu
leben, sein Reichtum soll uns nicht tten, Armut wird das Bollwerk unserer
Kompagnie sein. Es sind Boten aus Sachsen zu uns gekommen, Boten aus
Bhmen, die erkennen lassen, da der Kampf auf Bestehen und Vergehen jetzt
entbrennen soll; der Krieger des Kaisers hat ihn uns angesagt. Er will das
Reich einigen. Wir sind katholisch und bleiben katholisch. Daran scheitert
alle Einigkeit. Die Lauheit seines Religionsfriedens entlarven wir: sie
deckt die Niederlage des allein seligmachenden Glaubens. Ecclesia militans!
Provinzial, Professoren, Magister, Adjutoren: die Armeen des bhmischen
Wallenstein marschieren gegen uns. Ich rufe auf: wollt ihr weniger sein als
seine Feldzeugmeister, Wachmeister, Obersten, Hauptleute, Leutnants und
Kornetts. Der Geist gegen Waffen! Die Seligkeit gegen Politik! Im Zeichen
des heiligen Ignaz: wir werden des Friedlnders Herr werden.

Sie murmelten freudig, bildeten gestikulierend Gruppen, von den Bnken
aufstehend. Der bayrische Doktor Leuker war in Wien, von dem jungen Kuttner
begleitet. Maximilian hatte seinen jungen Gehilfen ungern gehen lassen. Der
vermochte das hilflose Herumsitzen in den kaiserlichen Rumen des Mnchener
Palastes nicht zu ertragen, konnte die schreckliche Vereinsamung, in der
sich sein Herr befand, nicht ansehen, und ohne zu bedenken, da er seinem
Herrn die einzige Frhlichkeit der langen langen Wochen war, ri er sich
los, reiste nach Wien, zu Leuker, um auf eigne Faust etwas zu unternehmen.
Der Jesuitenspektakel gefiel ihm, die Vter begriffen den Augenblick, waren
nicht mchtig genug. Er suchte aufzustbern, wer Bayern helfen wollte. Wie
Doktor Leuker, ratlos wie er, herumwanderte bei den Herren des engeren
Konferenzrates, des Hofkriegsrates und der Kammer, fand der scharf
beobachtende Resident, da man ihn zu Klagen ber den Generalissimus
frmlich anregte. Als wenn man eine Genugtuung darin fand, solche Klagen zu
hren. Man wollte etwas auch von ihm, als geheimen Verbndeten gegen irgend
jemand. Er sah rechts und links: es ging etwas am Hof gegen den Herzog vor.
Man wurde nicht deutlich.

In diesen Tagen begegneten sich in den Burgkorridoren der bayrische
Resident und der bhmische Oberstlandmeister Wilhelm Slawata. Langsam
schritten sie durch die Hfe in die Stadt. Der Graf zog den Bayern mit
sich. Er sprach Gleichgltiges, suchte die Gesinnung des anderen zu
erforschen. Sie trieben im Gedrnge der inneren Stadt hin und her, umgingen
mehrmals die Pestsule am Graben, in schwere Pelze gemummt; wichen vor den
Gesellen des Rumormeisters, die auf sie aufmerksam wurden, nach dem Hohen
Markt, zwischen dessen Krmergeschrei sie verschwanden.

Wie die Kurfrstliche Durchlaucht zu Bayern ihre schweren Verluste
verwunden habe, fragte der schne Slawata, und was sie weiter zu tun
vorhabe. Der Bayer klagte heimlich: das sei ja das Unglck; Bayern sei
verbndet mit Habsburg und so sei alles glatt; aber wer knne denn
verschweigen, da dieses Bndnis zum Lachen wre. Im Ernst: niemals sei es
dem Kurfrsten Maximilian so schlimm gegangen wie in dem Feldzug des
verflossenen Jahres; alle die ihn vor Nrnberg begleitet htten, htten
darber lamentiert. Er begann die Zahl der Krnkungen weitlufig
aufzuzhlen, die der Friedlnder dem Kurbayern bei Zirndorf und schon
vorher, von Eger her, angeboten htte; halbtot, htte Maximilian seinem
Vater gesagt, sei er von dem rachschtigen Mann geqult worden. Ja, es sei
ein Unglck, meinte verstohlen lchelnd der andere, in die Hnde seines
Feindes zu fallen, denn man knne es ja dem Friedlnder nicht verdenken,
wenn er den Regensburger Konvent nicht so leicht vergesse.

Indem sie ber den Lobkowitzer Markt zwischen den Hhnerkrben streiften,
begegnete ihnen der lustig durch den Schnee schlrfende Kuttner, der in
einfacher federloser Kappe und ohne Degen ging und lachend gestand, er sei
auf Diebeswegen und wolle in die Rotenturmstrae, wo es den schnsten
Honigtrank in einem Methkeller gebe. Der dunkel blickende Slawata wurde zum
ersten Male des rotwangigen Menschen ansichtig. Sie reichten sich die
Fingerspitzen. Nach kurzem Plaudern wollte Kuttner weiter. Da schlug
Slawata einen gemeinsamen Weg nach der Rotenturmstrae vor; Leuker nahm
nach einigem Wandern Urlaub, da der bhmische Herr wesentlich mit dem
jungen unbedeutenden Fant sprach. Der Bhme hatte sich an Kuttner verhakt.
Etwas lockte ihn an dem Knaben.

Vor der Wirtshaustonne mit Meth gab der gesprchige Kuttner Schnurren von
sich; wie er zuerst von dem sonderbaren Zwergenprofessor, dem Genueser
Licetius, hierher gefhrt sei, der ihm allerlei Taschenkunststcke
vorgemacht habe und so weiter. Nach Maximilian gefragt, wurde er stiller,
uerte sich dann in heftigem Schmerz; wie er den Kurfrsten verlassen
habe, da solch Unglck ber den frommen klugen tiefen Mann habe
hereinbrechen knnen. Nun se er wieder in Mnchen; wie lange, und die
Schweden seien von irgendeiner Seite wieder da; wer knne dies mit ansehen,
er sei fast davongelaufen. Das nahm im dunkeln Winkel sitzend, den Pelz
ber den Knien, Slawata mit niedergeschlagenen Augen entgegen; mit seinen
stumpfen samtnen Blicken betrachtete er gelegentlich rasch den erhitzten
Jngling. Er drngte den anderen auf den Weg, den er wollte, und als der
nicht weiterfand, meinte er zweideutig vor sich lchelnd, an einem
Lebkchel spielend, man sei eben so weit wie vor Jahren in Regensburg;
Karthago msse zerstrt werden. Kuttner fand das fast naiv, von der Art der
Jesuitenvter; unwillig fragte er, ob man nichts Konkretes zur Abhilfe
wisse. Noch einmal, Karthago msse zerstrt werden. Gutmtig gab der Bayer
zu, es knne auch das Haus Habsburg abgesetzt werden; was solle zunchst
geschehen. -- Soll also Karthago zerstrt werden oder nicht? Nun ja; der
Bayer lachte und trank; aber zur Sache. Darauf wollte aber der zhe sehr
langsame Vornehme nicht eingehen; sie mten sich erst ber das Prinzip
einig sein. Und da erst, auf diese unbeirrbare Dringlichkeit und Gewiheit,
wurde Kuttner unsicher, hrte auf an seinem Becher zu ziehen, betrachtete
den feinen kopfsenkenden Mann vor sich genau. Was also.

Slawata merkte den Umschwung in dem andern, blickte ihn von unten fest an;
wie es nunmehr mit Karthago stnde. Man kann es vielleicht zerstren; es
scheint, als ob auch der bayrische Herr das wnscht. Man kann und
vielleicht und es scheint, die bayrische Durchlaucht hat nichts
Sehnlicheres als dies; man kann nicht, man wird, und wird mssen. Oder?
Ihr denkt, Ihr kluger junger Herr, sogar ein Oder. Dieses Oder, das etwas
von einer Sintflut an sich hat. Wit, ich denke nicht im Schlaf an dieses
Oder. Mir ist es nicht von Gott verliehen, so weit zu denken. So, meint
Ihr, steht es. Es wird ja schon von vielen begriffen; sie warten aber so
lange und freuen sich so lange am Begreifen, bis es nichts mehr zum
Begreifen gibt.

Kuttner ber die Tonne gebckt, tippte mit dem Zeigefinger der linken Hand
eine Weile rhythmisch auf das Holz. Weiter, brachte er heraus. Slawata
erhob sich, warf ein Silberstck auf den Schanktisch; sie trabten durch die
schnell sich verdichtende Dunkelheit.

Als der Bhme allein auf sein Quartier zog, wunderte er sich ber dieses
pltzliche Winterabenteuer, das Sitzen in einer Methstube, den kecken
eigentmlich herzlichen und kindlichen Kuttner. Wie war er pltzlich in
dieses Gesprch mit dem Knaben hineingezogen worden. Er hatte etwas Schnes
Ses Lyrisches an sich; es zwang ihn hinein und jetzt schwang noch das
Freudige rtselhaft Belebende davon in ihm. Als wenn er selbst junge
glckliche Wege schwebte. So dachte er im dunklen Erker sitzend. Es hat
beinah nichts mit dem Friedlnder zu tun, dachte er in sich, sich zrtlich
betrachtend; es ist fr sich genug. Whrend sein Gesicht im Dunkeln ein
Lcheln war, dachte und trumte er: ich werde den Friedlnder mit dem
jungen Knaben umwinden; er ist meine Waffe. Was habe ich denn fr Waffen
gegen den Friedlnder. Ich bin auch nur eine Nachtigall, die um den Lwen
fliegt. Was wird das fr ein sonderbarer Tod des Lwen werden, wenn ich ihn
tte. Und er freute sich an dem schnen weichen Vorgang. Und was will ich
auch von dem gelben starken Lwen; was tut er mir. Wieviel fehlt dazu, da
ich ihn anbete. Aber ich bin dabei und bin im Begriff, ihn zu tten. Es ist
sonderbar, die Dinge sind in dem Laufe, gerade in diesem Laufe.

                   *       *       *       *       *

Zur Fastnacht wurde im friedlndischen Palast eine Maskerade abgehalten.
Trken Ungarn wilde Mnner Kobolde drngten sich, der Satan schlich in
rotem Kostm mit entsetzlich schlagendem Schwanz dazwischen. Bei dem
Narrengericht auf einer Bhne im geheizten Treppenflur wurde gegen einen
grnhaarigen Wassermann verhandelt, der sich weigerte, die Ehe unter
Menschen anzuerkennen und schlielich unter Toben und Gewieher verurteilt
wurde, sich mit einem schmierigen dicken Wiesel zu verheiraten. Darauf
fhrte der ungarisch verkleidete Graf Trzka den schweren Grafen Schlick,
den Prsidenten des Hofkriegsrats, der aus Wien sich eingestellt hatte,
Friedland zu. Der Herzog schrecklich anzusehen, ein Produkt seiner
furchtbaren Leiden und der Rastlosigkeit, bewegte sich hinter einer
Palmengruppe, ausgemergelt lang und gebeugt, auf zwei Stcken, die kurzen
Haarstoppeln schneewei, der spitze Kinnbart grau und wei gemischt, ber
blauroten Augenscken die kleinen spielenden Augen mit peitschenden
Blicken, die Nase herabgezogen auf die dicken Lippen. Die Herzogin und
einige Vornehme saen auf Polstersthlen um einen Tisch. Der Herzog zog den
Fremden neben sich.

Whrend sie lebhaft sprachen, trat ein wster Mensch aus dem Saal an ihre
Gruppe heran, mit langem blonden Bart, den wilden Haarwuchs bis ber die
Schultern. In steifen braungelben Schften bis an die Hften stieg er, die
Muskete trug er in der Rechten, stellte sie aufstoend vor sich wie einen
Totschlger. Er hatte sich mit dem mchtigsten weien Kragen geputzt und
einen ungeheuren Federhelm aufgesetzt, eine braune Dogge zog er mit der
linken Hand beim Nacken. Er griff nach einem Becher, trank ihn aus. Dann
legte er unmittelbar vor dem Tisch seine Muskete in die Gabel und schickte
sich trunken lachend an, einen Schu auf den Herzog oder den Grafen zu
lsen. Mit einem Futritt warf im Augenblick Trzka die Gabel um.

Mit dem Menschen, der grunzte lachte gluckste, tschechisch stammelte,
balgte er sich eine Minute, dann krachte ausrutschend der Strolch zwischen
die Palmen hin, die sich auf dem Parkett in ihren Riesenbehltern rckwrts
auseinanderschoben und raschelten. Die Herzogin in ihrem weiten roten Rock,
dem weien Mhlradkragen war aufgesprungen, hatte geschrien. Masken
schwankten an. In ungestmen Sprngen ri sich mit den Partisanen schlagend
die Saalwache Raum, brach durch, rumte sich immer verstrkend einen Kreis
um die herzogliche Gruppe. Zwei Pikeniere schleppten den juchzenden
Betrunkenen, der nach seinem Kter greifen wollte und rckwrts die Masken
anlachte.

Der Herzog stand mit den Stcken da, brllend mit glitzernden Augen:
Vorbeigeraten! Graf Schlick, ha! Seht Ihr, vorbeigeraten. Der murmelte
etwas. Seht. Wer steckt dahinter. Man wollte kommen. Sie haben es nicht
gekonnt. Haha. Friedlands wildes verzerrtes Gesicht; er schnaubte schwer,
tastete sich zu einem Satz, blickte alle an. Der halbe Saal war vor ihnen
gesperrt.

Schlick, der ungeheuer schwere Mann, der Kopf war ihm abwrts zwischen die
Schultern gerutscht, sa da, betrbt, mit langem weien Bart, buschigen
schwarzen Augenbrauen, die sich hoch strubten: die Arme lagen ergeben auf
dem Scho; stumpf verwittert grau sa er wie aus porsem Stein. Er brummte
beruhigend, wie stark die herzogliche Leibgarde sei. Wallenstein, beide
Hnde auf die stehenden schweren Stcke, noch atemknapp, bissig; man msse
sich grndlich vorsehen, im Haus nicht weniger wie im Feld; man knne nicht
wissen, von welcher Seite man angegriffen wrde. Ob brigens Graf Schlick
glaube, da der schwedische Knig, was man sich erzhle, von seinen eigenen
bestochenen Leuten erschossen sei. Der Gast nickte; vielleicht haben die
Schweden oder ein Deutscher ihn beseitigt; es sei keine schlechte
Kriegsmethode, den Fhrer zu erschlagen; das spart Kanonen. Er, knurrte
Wallenstein, mge die Methode nicht; es sei doch etwas Verruchtes darin. Er
schickte Trzka fort, beim Obersten der Leibgarde nachzuforschen, was man
von dem Betrunkenen ermittelt habe. Noch hher hob Schlick die Schultern:
ruchlos oder nicht, wer will die Mittel whlen; berall entstehe die
weltliche Gewalt niedrig, durch Mord und Waffen; man wisse ja, da die
Frsten erst mittelbar von Gottes Gnaden seien. -- Was? der Herr billige
solchen Mord am eigenen Herrn und Frsten. -- Nicht doch; ich sage, solch
Mord ist unvermeidlich. Bisweilen. Wenn der heilige Glaube es verlangt. --
Wallenstein kniff aufmerksam die Augen, fixierte den versunkenen
Fleischblock lange: so, so; der Herr Bruder sei Anhnger der frommen
Jesuvter; das freue ihn zu hren, denn auch er hielte zu ihrer heilsamen
Lehre. -- Ja, kam aus dem schweren Block, die Gewalt entstehe berall
niedrig; man msse sich an das Bessere anlehnen berall, um sich zu
rechtfertigen. -- Abbrechend begann der trinkende Herzog, der sich ganz
beruhigt hatte, auch die verlegene Isabella zum Tanzen hinausschickte, von
Bernhard von Weimar zu sprechen, der nach dem dnischen Krieg beim Kaiser
wieder anklopfte, ein tapferer junger Frst, und jetzt hinge er am
Oxenstirn. Es sei leicht von Verrat zu sprechen. Schlick mchte am Hof
dafr sorgen, da man Leute nicht zur Verzweiflung treibe durch
starrsinniges Behaupten von Gehssigkeiten. -- Was der Herr Bruder meine.
-- Das Aufflackern der religisen Politik. Man msse die Protestierenden
anerkennen im Reich. Er htte davon gehrt. Man msse nicht alte Dinge
aufrhren. -- Verbrechen verjhren nicht. -- Damit komme man nicht
vorwrts. Sie htten einen kaiserlichen und keinen katholischen Krieg zu
fhren. Sollen die Jesuiten den Sack selber tragen, statt einen Esel
treiben zu wollen. Und als Schlick nicht antwortete, rckte Wallenstein
lippenbeiend von ihm ab: die Lgen der Federfuchser; ob Schweden nicht
mehr vorhanden sei, Frankreich nicht abseits warte. -- Schlick lchelte zum
erstenmal: der Herr Bruder mge die Jesuiten wohl nicht recht. -- Friedland
kaute an seinem Schnurrbart. -- Stumpf blickte der graue Mensch vor sich:
jedenfalls werde, den Bernhard anlangend, ein Reichsfrst wissen, was
Verrat sei.

Friedland schob, die Stcke gegen die Tischkante fallen lassend, die Arme
an seinem Sbel nach vorn: nun, auch er sei Reichsfrst. Er habe ehrlich
und legitim die Gewalt vom Kaiser erhalten, vertrete, wie man ihm ja
nachschreie, die Monarchie und habe in Regensburg versprt, was die
Reichsfrsten knnten. Am eigenen Leibe habe er ihre, ihre Kraft versprt.
Und so singe er mit aller Ehrerbietung auch dieses Lied: es mchte ihm
keiner zu nahe treten und seine Reichsfrstenschaft fr nichts achten; es
sei begrndet: das Reich ist nichts ohne den Kaiser, aber auch nichts ohne
die Frsten. -- Als Wallenstein nach langer Pause nichts zufgte, sagte
Schlick, der Herzog habe in der Tat frher anders gesprochen; er wnsche
ihm, da er sein Herzogtum Mecklenburg bald von dem Schweden erobere. --
Dies oder ein anderes werde ihm durch kaiserliche Gnade zufallen; er drnge
auf den Frieden, nichts, nichts sei wichtiger. Sie wollten gemeinsam daran
denken, dem lieben Frieden nher zu kommen.

Die Herzogin und ihre Schwester schlpften von Trzka gefhrt heran, hatten
noch Gesichtsmasken vor, kicherten von den Spen im Saal. Der Herzog griff
nach einem Stock, schrie im ersten Augenblick: Fort mit euch!

Finster sa er nach Schlicks Abgang neben Isabella: Sie zahlen es mir
heim. Feinde, Feinde, immer mehr Feinde. Und so soll ich zum Ende kommen.
Im Gefhl der Schwche senkte er den Kopf, blinzelte: Du hltst mich fr
bse, Isabella. Ich sehe es dir an. Ich habe Schlimmes in meinem Leben
getan. Gott wird viel Gnade an mir ben mssen. Ich will meine Bosheit
jetzt eine gute Zeit fahren lassen und den Frieden fr die gequlte Welt
befrdern.

Er lie das Frhjahr anbrechen, den April vergehen, ohne sich aus Bhmen zu
rhren. Es hie, da er seine Geldgeber und sich selbst bis zum letzten
erschpfte. Man wute, da die Brsen erzhlten, so knnten die Rstungen
nicht lange fortgehen; alles drnge auf den Ruin des Reiches; der Herzog
werde versuchen einen entscheidenden Schlag zu tun und dem Krieg eine
entscheidende Wendung zu geben, weil er die Verhltnisse berblicke und
weil besonders das Haus Habsburg vor dem nahen Bankerott stehe; er werde
sich dann mit seiner gebietenden Macht als Reichsfrst und finanzielles
Oberhaupt des Kontinents zurckziehen, so oder so. Dies war bekannt von ihm
wie von seinen Freunden Michna und de Witte und den hinter ihnen stehenden
mchtigen Geldhusern, die gedachten dem Krieg den Faden abzuschneiden
durch Verweigerung der Kredite. Der Druck, den diese Finanzleute mit den
befreundeten Brsen ausbten, sollte die Friedensneigung zum Durchbruch
bringen; in ungeheurer Spannung sahen die Informierten den Dingen des
Jahres entgegen; es hie allgemein, die Wrfel wrden fallen. Und die
Spannung wuchs um so mehr, als die Jesuitenpartei am Hofe ihren Einflu
tglich vermehrte, mit ihrem Drang dem alleinseligmachenden Glauben zum
Sieg zu verhelfen, und der Abneigung gegen Kompromisse. In Hamburg und
London sagte man sich: es wird dem Herzog zu Friedland nichts nutzen zu
siegen, er wird sich mit dem kaiserlichen Hofe auseinandersetzen mssen --
oder der Hof wird es mit ihm tun; das Jahr wird die Absetzung des Herzogs
oder den Frieden bringen.

Einflureiche Mnner und Brgerschaften groer Stdte suchten sich der
verhngnisvollen Entwicklung entgegenzuwerfen. Fromme katholische Mnner
Mitteldeutschlands, Bischfe traten miteinander in Korrespondenz, faten
den verwegenen Plan, dem Jesuitentreiben am Hofe das Wasser abzugraben.
Massenhaft Broschren und Bilderbogen warfen sie unter das Volk, lieen sie
an die Sldner verteilen, schickten sie den Regenten und herrschenden
Krperschaften, Schriften, die Vershnlichkeit atmeten, die Kriegsnot
beklagten, mit glhenden Worten die Verantwortlichen beschworen, das Reich
nicht das Letzte, den Satz des Kelches trinken zu lassen; das Verderben
stnde vor der Tr; es sei die Stunde, wo Beelzebub sich zum Triumph
anschicke. Die Bischfe, die es wagten nach Wien zu reisen und die Vter
aufzusuchen, wurden von ihnen herzlich aufgenommen, darauf mit andeutenden
Worten der Tlpelei, des Micheltums geziehen. Vor der berlegenen Dialektik
der Vter wichen sie; ihre Wrme kam nicht auf neben dem sengenden Feuer
der Fanatiker; manche der Reisenden wurden in ihrer eigenen Auffassung
wankend. Die Jesuvter kannten nur dies Ziel: reiner Glauben; sie waren
schrecklich in ihrer Folgerichtigkeit, man konnte sie nicht von der Erde
wegleugnen, sie zogen betrend auf allen Wegen Menschen an sich,
Christentum ihre Parole: wie konnte man sich vor ihnen retten. An vielen
Orten vergruben sich die Kundigen: jammernd ber Deutschland, auf dessen
Boden diese furchtbare Entscheidung gesucht werden sollte, und heimlich das
Land segnend, dessen Menschen in sich den Drang fhlten, diesen groen
Kampf auszutragen.

Trge erhob sich im Mai der Herzog aus Prag; prunkhaft wie frher: vierzehn
sechsspnnige Galawagen, fr ihn vierzig Hofkavaliere, hundertzwanzig
neulivrierte Diener; Packwagen; zehn Trompeter vorauf mit silbervergoldeten
Trompeten. Bei Kniggrtz musterte er die Armada: sechzig Regimenter mit
vierhundertfnfundachtzig Kompagnien. Dann schob sich alles unversehens
ostwrts, nordostwrts; eine kleine Armee deckte das nordwestliche Bhmen.

Nach Schlesien schob sich die Armee, auf Glatz zu. Dort hielten Kaiserliche
unter Matthias Gallas, gegen eine feindliche Armee, der Kern Kursachsen,
von Hans Arnim von Boitzenburg kommandiert, bei ihm der weikpfige
Bhmenfhrer Thurn, Oberst Dwall.

Stumm ruhte Friedland ihnen gegenber. Laues Scharmtzeln, Geplnkel.

Nach zehn Tagen unterschrieben Parlamentre in Heidersdorf einen
Waffenstillstand.

Die ungeheure Maschine stand still.

                   *       *       *       *       *

Gellendes Gekreisch, vielstimmig, in Wien.

Sie bogen sich wie Weiden zusammen, schnellten pfeifend hoch. Da stand er,
stand, in Schlesien, ein Gigant an Kraft, zahllose Kompagnien, Massen von
Artillerie Munition, bezahlt aus den Steuern der gepreten Stnde, rckte
sich nicht, zuckte nicht, nicht einmal vor Schande ber das, was geschah.
Es war bewiesen: er wollte nicht, ging eigene Wege. Ein Hundsfott Verrter
an allen Erblndern, an jedem Einzelnen, am Habsburger Hause, am Reich, am
katholischen Glauben. Man mute ihn strafen, zwingen. Mute ihm die Armee
wegnehmen. Es mute ein neues Haupt ber die Armee gesetzt werden. Der
Friedlnder, der Erzschelm mute weg.

Mit grenzenlosem Tosen erfllten die Jesuvter die mter, liefen grade und
ungrade Wege, die Ruhe war aus ihren Konventen entfernt. Niemand unter
ihnen, der nicht blitzartig begriffen htte, da in Heidersdorf auch fr
ihn die Wrfel geworfen wurden: der Friedland mute ihnen jetzt oder spter
an den Leib. Es gab keinen Ausgleich zwischen ihm und ihnen. Wie er
dastand, der Kolo, entlarvt, war er ihnen scheuseliger und bedrohlicher
als Schweden und Sachsen und alle Protestierenden. Sprnge der Jesuiten in
ihrer Aufregung: sie suchten sich des Mannes zu versichern, der dem
Friedland die Beichte abnahm, aber es kam heraus, da er keinen stndigen
Beichtvater hatte. Boten durch ihre Freunde im schlesischen Lager dem
Doktor Strpenius, Wallensteins Arzt, Geld, groe geistliche
Versprechungen, wenn er ihm die Sorgen der Kirche vorhielte und wie die
heilige Kirche in Gefahr schwebe. Erreichten nichts, als da sie den
kleinen schon ngstlichen Arzt noch unsicherer vor dem Herzog machten und
da er beim Beginn mit dem geistlichen Sermon ein heftiges Gelchter seines
Patienten auslste.

Sie brandeten vor den Mann, den sie fr den kompetentesten hielten, den
Prsidenten des Kriegsrates, Kollaltos Nachfolger, den plumpen Schlick. Der
wie ein Stier glubig fragend sie anblickte. Er stimmte ihnen bei, es kam
kein Leben in ihn. Was er tun sollte; der Herzog werde Grnde angeben. --
Er mu herbeigezogen werden, es mu jemand ins Lager. -- Schmerzlich
runzelte sich die Stirn des Mannes in breite Querfalten: ihn herbeiziehen;
es knnte sein, da er kme -- mit der gesamten Armee; sie durchschauten
die Verhltnisse nicht. -- Sie drangen tiefer in ihn; er wies sie reglos an
den Abt von Kremsmnster und Breuner, die Finanzkammer. Die sagten ihnen
vieles. Und mit dieser Beute zogen sie knirschend raschelnd ab, planend,
sich betubend, aufstachelnd, begierig nicht nachzugeben, von neuem
ausschwrmend; fielen ber die Herren des zivilen Hofstaates. Die wollten
sich nicht einreden lassen, da sich der Herzog gegen Wien selbst wende,
wichen von den Vtern, die ihnen folgten. An die Herren des Geheimen Rates
wagten sich die Jesuiten nicht. Eisiges Schweigen um die Herren. Ein paar
bse Worte warf Frst Eggenberg hin: er werde sich von den Vtern nicht das
Heft aus der Hand winden lassen.

Ein Schauern ging durch die kontinentalen Hauptstdte, als der Herzog
unbeweglich der schsischen Armee gegenber lag. Der Herzog hatte den Kampf
aufgenommen. Der letzte Akt des Stckes hatte begonnen.

                   *       *       *       *       *

In ganz loser Fhlung mit dem kaiserlichen Hofe hatte der Friedlnder den
Feinden einen frmlichen Friedensvorschlag zugehen lassen. Er werde
verhandeln, hatte er nach Wien melden lassen, nicht was wie warum. Auf
diese erschtternde Selbstndigkeit war niemand vorbereitet. Im Kirchlein
zu Heidersdorf Arnim begegnend enthllte Wallenstein: die Feindseligkeiten
zwischen kurschsischem und kaiserlichem Heer sollen aufhren; beide werden
vereint die Waffen gegen den richten, der sich unterfange das Reich weiter
zu stren und die Religionsfreiheit zu hemmen. Sie saen mit Trzka auf der
vordersten Kirchbank nebeneinander; Arnim machte Notizen auf seiner
Schreibtafel. Der Herr Bruder sieht das Heer, das ich aus Prag mitgebracht
habe, und das des Feldmarschalls Gallas. Er wei, wie es Sachsen im vorigen
Jahre ergangen ist. Ich kann ihn heute und morgen zerschlagen. Er kennt, da
er mein Freund ist, meine Meinung; da ich zum Frieden kommen will. Der
Kaiser lt sich von Pfaffen anfhren. Noch einmal: sich zusammenwerfen,
rasch und ohne Lrm; jeden fesseln, der Friedensverhandlungen widerstrebe.
Im Gesprch rhrte Arnim mit keinem Wort an Friedlands Stellung zum Kaiser.
Ich habe keine Lust, sagte der Herzog, mit steifem Kreuz am
veilchenbestellten Marienaltar entlangschleichend, nur einen Heller und
einen Soldaten noch fr fremde Interessen zu opfern. Sagt der
Kurfrstlichen Durchlaucht in Sachsen und in Brandenburg: meine Vollmacht
ist ausreichend gro, ich tue kein Unrecht; ich habe gewut, was ich
festsetzte, als ich mein Kommando bernahm. Spter wagte der Herzog einen
Vergleich mit dem Bernhard von Weimar: Seit ich Reichsfrst bin und vor
dem Rmischen Kaiser mich bedecke, bin ich selbstherrlich. Ich stehe dem
Reich bei, nicht mehr und nicht weniger als meinen Absichten entspricht.
Zwischen mir, Bernhard und dem Bayern, der dem Knig in Schweden
Neutralitt angeboten hat, ist kein Unterschied, Hundsfott, wer mir das
bestreitet. Auf diesen Punkt, erklrte Arnim, wolle er nicht eingehen.

Bei der Tafel an diesem Tage, zu der Arnim und der Oberst Dwall zugezogen
war, verfolgte Wallenstein noch zh diesen Gedanken. Sowohl der schwedische
Oberst wie Arnim hatten, soweit sie bei der schallenden Trompetenmusik
verstehen konnten, den Eindruck, da sich der Herzog festbi in seiner Wut
auf den kaiserlichen Hof. Whrend die anderen den Luxus des herzoglichen
Tisches speisten, sa der Herzog selbst hinter gersteten Semmeln,
brckelte daran, schluckte mit angewiderter Miene einen Brunnen, den man
ihm eingo. Er bohrte an dem schwachen Punkt der kaiserlichen Politik, die
habsburgischen Hausmachtinteressen; das Reich sei verfehlt konstruiert,
werde darum verfehlt regiert. Man soll offen sagen, ob man ihn mit dem
Titel eines Reichsfrsten zum Besten habe. Er werde wie ein Lwe um seine
Rechte kmpfen. Wenn es sein sollte, schlge er sich auf schwedische Seite.
Der Oberst Dwall wurde beauftragt, den Herzog dem Bernhard von Weimar zu
empfehlen: Ein forscher Herr; ich bedaure, da er nicht bei mir ist. Die
Obersten, die am Tische saen, akklamierten dem Herzog lebhaft.

Arnim reiste nach Sachsen. Darauf lagen sich die Heere ruhig gegenber,
aber es war ein. Beien, Ringen, Niederdrcken. Sie verstrkten sich, bogen
sich, warfen sich herum, verschoben sich. Eine unruhige Bewegung machte das
schsische Heer, schon ri sich Holk drohend los, mit seinen Reitern
hinfahrend auf Sachsen. Als gbe es keine Verhandlungen, begann er das
Plndern und Morden. Diesmal brach die Pestilenz unter seinen Regimentern
aus. Vor Adorf verendete Holk selber mit tausenden seiner Leute. Der Herzog
sthnte eine Woche, der Tote war sein Liebling, er fluchte auf den Krieg.
Heftiger drckte er auf das schsische Heer.

Breslau war nicht weit; da sollten gute Astrologen hausen. Zenno wurde aus
Gitschin berufen; welche Chancen man fr bestimmte Eventualitten im
Augenblick oder bald danach htte; er sollte sich mit den Breslauern in
Verbindung setzen. Eine Woche war Zeit fr Berechnungen.

Zenno kam ins Lager zurck mit einem der Sterndeuter, der unter dem Merkur
geboren schien: ziegenugig, schwrzlich, schlank. Mit dnner Stimme
berichtete der: der unheildrohende Saturn sei eben im Eintritt in das Haus
der Zwillinge begriffen; die Situation war fr Manahmen nicht schlecht, da
der Stern zum Horoskop in keinem wirksamen Aspekt stand; sie sei auch nicht
einladend.

Im letzten Augenblick schlug der Herzog, durch das wochenlange Warten auf
Arnim aufs hchste gereizt, eine Verbindung zu Oxenstirn, den er um einen
Unterhndler bat. Es traf ein Generalwachtmeister ein, mit dem er allerhand
vor dem offenen Feldlager besprach; er wollte die Sachsen in die Zange
nehmen. Um die Vertraulichkeit der Verhandlungen zu erhhen fuhr der Herzog
mit dem Unterhndler, der von Haus ein bhmischer Emigrant war, nach
Gitschin. Keine Ruhe werde im Reich herrschen, solange Habsburg regiere,
erklrte der schwedische Sendling. Der Herzog warnte vor dem Wankelmut
Sachsens; er werde Sachsen Geld schwitzen lassen, wenn es sich nicht dem
friedlichen Ansinnen fge. Zurck mit dem Unterhndler nach Nimptsch
kehrend, lie er sich von ihm um den Mund gehen mit Versprechungen der
Krone Bhmens.

Der Sommer ging schon um. Da schleppte sich mde und langsam Arnim mit
seinem Trompeter an. Der Herzog sa im Nimptscher Schlosse. Arnim bat ihn
viel um Entschuldigung, klagte ber den lauen Mut der beiden Hfe.
Friedland gab grollend und bse lachend zurck, also man traue ihm nicht,
er solle erst Beweise bringen. Er dem Sachsen. Ob er das ntig htte. Wer
ihn gezwungen htte hier in Schlesien Monat um Monat still zu halten. Sei
ihnen das nicht als Beweis erschienen. Er forschte Arnim strker aus. Er
bekam es fertig den Sachsen den Tod seines Holk in die Schuhe zu schieben.
Whrend der Unterhaltung kam der Herzog erst allmhlich dazu, die Tragweite
der Antwort zu berblicken. Die Evangelischen hofften noch auf einen Sieg
Schwedens. Die Evangelischen waren wie die Jesuiten; sie hatten es mit
ihrem Glauben zu tun. Bldsinnige Kinder; die Eselskpfe. Die Evangelischen
waren noch nicht reif, sie waren zu stolz. Pltzlich fate er den
Feldmarschall am Wehrgehenk, stierte ihn an: so wollten sie zusammen ihr
Geschft abmachen. Es sollte nicht gegen den Kaiser gehen, dem wolle man
Zeit geben, sich zu besinnen; aber gegen die Schweden. Gleichviel gegen wen
von ihnen: Dwall, Thurn oder wen. Arnim konnte sich knapp aus dem Schlo
retten. Friedland verlangte tollwtig Antwort in vierundzwanzig Stunden.
Und hinterher ein friedlndisches Ultimatum durch einen Oberst: Die
Schweden werden in drei Tagen angegriffen oder vom Heer des Herrn Bruders
bleibt nicht ein Mann neben dem andern. Dicht bei Strehlen auf dem Wege zu
seinem Lager war Arnim in Gefahr von Kroaten gefangengenommen zu werden;
der Herzog hatte sie hinter ihm hergeschickt. Der Kster in Strehlen auf
seinem Dache mit dem Ausnehmen von Taubennestern beschftigt sah den
Schwarm, gab durch Steinwrfe vom Turm herab dem Feldmarschall und seinem
Trompeter Winke; sie entkamen.

Das friedlndische Heer war im Augenblick losgebrochen. Graf Gallas auf
Sachsen, Arnim hinterdrein. Wallenstein schob sich nach, bei Goldenberg
warf er die Kroaten unter Isolani nach Sachsen, schwenkte nach Osten,
packte, auf die Oder zugehend das Schwedenlager des Grafen Thurn an,
siebzig Kanonen auf das Lager richtend; sechstausend Mann ergaben sich,
traten in seinen Dienst, Thurn und Dwall hatte er in Hnden. Thurn gab er
frei, Dwall lie er entkommen. Glogau Krossen fielen. Zurck von der Oder
auf die Lausitz hin; Grlitz geplndert, Bautzen. Nach Brandenburg das
Heer; Frankfurt ohne Schwertstreich besetzt, Landsberg, bis Pommern
Kroaten. Wallenstein stand vor Dresden.

Bernhard von Weimar mit dem Schweden lag in seiner Flanke. Vorbei, in
Friedlands Rcken brauste er.

Und dann die Schweden wie von einer abschssigen Ebene gegen die Donau
vorrollend, Regensburg angegriffen, erobert, Bayern bedroht, die Erblande
in Gefahr.

Verblfftes Stocken, Schnffeln des Herzogs. Er lie Sachsen los. In zehn
Sturmtagen marschierte er von Leitmeritz ber Rackenitz Pilsen auf Frth.
Zuletzt war er langsamer geworden, in Frth stand er, mrrisch, sich
besinnend. Er griff den Schweden nicht an.

Wortlos machte er Kehrt. Das Jahr war vorgerckt. Nach Bhmen ging er in
Winterquartiere.

                   *       *       *       *       *

Keiner wute, was das war.

Sechs ein halb Regimenter zu Fu, dreizehn zu Pferde hatte der Bayer, dazu
im letzten Augenblick Truppen des Aldringen, die aber auf Befehl des
Generalissimus nichts riskieren durften. Die Schweden hingen, wieder und
wieder die Schweden, wie Schmeifliegen an faulem Fleisch an seinem
unglcklichen Land. Maximilian schrie nach Wallenstein. Es entspannen sich
beispiellose Szenen in Braunau, wohin er wieder floh, der Kurfrst
beschuldigte seine Rte Geschftstrger des Verrats, der Faulheit. Er htte
durch sie jeden Einflu auf die Wiener Hofkreise verloren. Wie htte er
dagestanden vor einigen Jahren, Wien htte gezittert vor Mnchen, die
Milaune des bayrischen Gesandten wre ein politisches Ereignis gewesen,
Vertrge hatte er mit dem Kaiser gemacht, die ihm, ihm die Oberhand
gewhrten. Als Bhmen abfiel, die Dnen sich zeigten, immer hie es: die
Liga, Bayern. Jetzt Flennen Kriechen Speichellecken.

Gerchte ber Revolten bei den bayrischen Landfahnen traten auf, die sich
besttigten; Hinrichtungen in der Zahl von sechshundert setzte der Kurfrst
an. Eines Freitag mittags meldete ihm der verzagte schneeweie Marchese
Pallavicino, sein Kmmerer, die dringliche Audienzbitte einiger Herren vom
Landschaftshaus. Es erschienen vom groen Ausschu Valentin von Selbitz,
Hugo Beer, Rieter von Kornburg, Hans Hundt. Sie knnten nicht durchhalten,
furchtbares Unglck breche ber sie her, sie mten allesamt verderben. Er
lie sie nicht weiterreden, fragte, wer sie seien. Und rief dann, sich vom
Sessel erhebend, gegen die Tr: man solle den Abt von Tegernsee, von
Metten, den Propst von Vilshofen, die Dekane hereinlassen. Die Herren erst
stumm, dann wispernd einige, whrend sich in Maximilians Gesicht nichts
verzog: es sei niemand mehr da. Aufstampfend der Kurfrst in Ungeduld und
Erregung: man mchte nachsehen, auf den Gngen, auf dem Hof. Ging, whrend
sie zurcktraten, rasch hinaus; hflich zu den Verwunderten: sie mchten
sich gedulden, er wrde gleich wiederkommen. Nach knapp einer Viertelstunde
stand er vor dem Sessel, blickte unter die Herren, zischte sehr leise:
Nein, nein. Seine Augen halb geschlossen, der Mund verzerrt. Wer sie
seien. -- Vertreter der Vierundsechzig. Ihr seid der Landschaftsausschu
und Ihr da und Ihr da? Wer ist die Landschaft von Euch? Wer hat Euch
zusammenberufen? Er hielt ihr Audienzgesuch in den zitternden nassen
Hnden: Ihr seid nicht die Landschaft. Ihr seid der Herr Hundt und der
Herr Kornburg, Selbitz. Ihr habt die Form zu wahren. Ihr habt nicht meine
Verordnungen mit Fen zu treten. Ich bin es, der die Landschaft beruft.
Meine Berufung, wo habt Ihr sie, Herr Hundt, Herr Selbitz, Ihr. Er rief
sie in steigender Wut, wie sie wachsbleich vor ihm zurckwichen, bei Namen.
Es ist nichts da, schrie er, Kmmerer, Signor Pallavicino, die Herren
haben Euch belogen. Das soll die Landschaft sein, es sind Lgner. Jagt sie
fort, sperrt sie ein. Pallavicino ffnete mit klglichem Lcheln die Tr;
Leibwache mit Musketen rissen die Herren, die keinen Ton von sich gaben,
auf den Flur.

Er drohte offen nach Wien, jetzt nicht mit den Franzosen, sondern da ihm
die Verzweiflung gebiete, alles auf eine Karte zu setzen. Entscheide man
sich dort nicht rasch, setze er seine ganze Armee in Bewegung -- gegen
Wien. Mit den Schweden.

Dazwischen gellten seine Briefe mit dem trostlosen Geheul: er sei im Stich
gelassen von dem Kaiser, werde verraten.

Da nahm Kuttner, zitternd im Gedanken an das Gesicht Maximilians, unfhig
der Aufforderung nach Braunau zu folgen, dem hilflosen Leuker die Fhrung
aus der Hand. Neben Kuttner ging der schne aufgeblhte vergngte Slawata,
die Augen wenig aufgeschlagen, den Arm des Jnglings umschlingend. Die
blonden Haare schaukelten dem Bayern in den Nacken; sie standen im
Wintergarten von Slawatas Quartier. Kuttner mit dem Degen im Kies spielend
dachte an den Zwerg Maximilians und seinen Zweikampf mit dem Storch: Ich
soll mich ekeln, sagte Maximilian. Slawata setzte sich auf eine Bank:

Ihr werdet nichts schaffen mit euren Petitionen Querellen und Deputationen
beim Rmischen Kaiser und seinen Rten. Bin ich doch selber ein Rat, will
Euer besonderer Bayrischer, Kuttnerscher sein. Der Kaiser ist weit. Ich
wei nicht wie weit. Wir hatten uns geeint, da Karthago zerstrt werden
mu. Unsere Ratssitzung kann beginnen, oder seid Ihr zerstreut? Von der
Seite her ber die lange weie Nase kamen groe leicht sentimentale Blicke
zu ihm: Die Sitzung kann beginnen. Ich dachte an meinen gndigen Herrn,
wie schuldlos er dieses Unglck trgt. Da, seht Ihr, Karthago nicht im
Augenblick zerstrt werden kann, ist es gut, Karthago zu schwchen und uns
zu strken. Lat nur euren Degen; denkt nicht an Mnchen und doch mehr an
Mnchen; gehen wir. Habt Ihr Durst? Uns kommen die spanischen Wnsche
genehm. Wir haben seit lange geplant, uns der Spanier zu bedienen, wenn sie
einmal von Mailand heraufkommen wollen. Ihr werdet mitmachen mssen. Was
knnten wir tun? Mitmachen; ich sagte schon. Denkt an Mnchen. Trumt
nicht davon, Kuttner. Habt Ihr mir wirklich zugehrt? Ich sagte: Spanier
kommen von Mailand herauf, oder sie wollen, sie mchten gern. Sie wollen
nach den Niederlanden. Sie haben nichts Bses gegen Bayern. Der Herzog zu
Friedland will sie aber nicht dulden, er will sie nicht auf dem
Kriegsschauplatz, auch nicht fr den Durchzug; sie sollen sich eben ihm
unterstellen. Ihr seht, Kuttner, Kompetenzschwierigkeiten, Eifersucht,
Ehrgeiz: das alte Lied. Kuttner lchelte: Vielleicht frchtet Friedland
die Spanier fr sein Spiel, von diesem Rivalittsstreit wird mein Kurfrst
nicht satt. Nun also setzt Euch dahinter, da ihm der Braten mundet. Er
mu erst angerichtet werden. Wenn man Karthago zerstren will, braucht man
nichts als Feuer und Holzscheite. Diese Speise erfordert Geschicklichkeit,
Talente. Nicht zu groe. Sagt etwa: Ihr schert Euch nicht um Habsburg. Ihr
httet vor eigenen Schmerzen keine Neigung zur Rcksichtnahme auf Wien. Ich
hab' doch brigens gehrt, die Briefe Eures Herrn seien auf diesen Ton
gestimmt. Auf einen schlimmen Ton; Frst Eggenberg klagte; er sagte, der
Bayer ginge schon fast zu weit. Nun wollen wir auf keinen Fall den Spanier
hier haben, wir drfen ihn nicht wollen; es ist uns gleich, es mu uns als
kaiserlichen Rten pflichtgem gleich sein, ob ein Infant oder der
Mailnder Gouverneur kommandiert. Wir sind nun einmal an unsern Herzog zu
Friedland gebunden. Wir drfen ihm nicht die Laune verderben. Es ist ein
Elend. Warum greift Ihr nicht durch. Seht Ihr. Ich bin so schlau: ich bin
kaiserlicher Rat; das sollt Ihr fr mich tun, das Durchgreifen. Mir sind
die Hnde gebunden. Ihr habt ihn doch angestellt. Ich bitte Euch, Graf
Slawata. Wir haben ihn angestellt, er hat uns angestellt; wir kommen
damit nicht weiter. Ihr pat jetzt brigens lobenswert auf, mein
zerstreuter Kavalier.

Kuttner stellte sich dem Grafen Slawata gegenber auf, sttzte sich mit
beiden Hnden auf den Degen, seine rotseidenen rmel fielen ber den
Degenknauf, er lachte offen dem Bhmen ins Gesicht: Meinen Segen zu Eurem
Plan. Wir sollen die Spanier rufen. Ihr werdet dazu schweigen. Die werden
kommen, und wir werden Krieg fhren nach hinten mit den Schweden, nach vorn
mit Wallenstein, nach links mit den Sachsen. Habt Ihr guten Weizen auf
Eurer Mhle. Einem jungen Menschen steht Lachen immer gut. Wer Euch
lachen hrt, wird nie Euer Feind sein.

Er fhrte den feingesichtigen Mann vor eine junge Zypresse, die hinter
einer Marmorbank aus einem riesigen Kbel im schwarzen Erdboden wuchs:
Kennt Ihr meine junge Zypresse. Ich habe sie so lieb wie ein Hndchen. Was
glaubt Ihr, wie sie gepflegt werden mu. Wir setzen uns hier. Wenn man
einen jungen Samen pflanzt, wird man ihn nicht bald verlassen. Wenn man
einen jungen Gedanken pflegt, wird man ihn nicht bald hinfallen lassen. Der
Weizen auf meiner Mhle ist nicht schlecht, wollt ihn mir herzhaft kosten.
Graf Slawata, Ihr meint es gut mit mir. Ihr seid uns Bayern hold, der
Kurfrst sprach gut von Euch, Leuker lobt Euch, sooft ich ihn sehe. Darauf
knnen wir aber nicht beien. Der Herzog ist uns jetzt wenigstens der Form
nach Freund. So bekommen wir ihn zum Feind und sind dann wirklich verloren.
Ihr, Ihr und Ihr seid unsere Hilfe. Er ist Euer General. Wir sind Eure
Verbndeten. So kostet doch erst meinen Weizen. Ihr sollt den Spanier
verlangen. Ihr sollt es tun, wenn es sein mu, ber unseren Kopf weg. Was
denkt Ihr denn, junger Kavalier, was wir tun? Ihr meintet schweigen. Das
ist schon mglich. Der Herzog zu Friedland hielt das immer fr besser, den
Menschen auf die Faust statt auf das Maul zu sehen. Ihr wrdet also --
Den Mund halten. Zum wenigsten. Gewi.

Sie blickten sich lange still an; ihre Blicke wiegten sich. Denkt an meine
Zypresse, fing der Graf an. Wenn man einen Gedanken pflanzt, lt man ihn
nicht bald vergehen. Ihr seid in Not. Wie Ihr in Not seid, wit Ihr selbst.
Ihr knnt tun, was Euch einfllt. Ich wei, Eggenberg und Trautmannsdorf
denken nicht anders. Keiner darf das Euch jetzt verwehren. Der Spanier
wartet auf eine deutsche Einladung. Wit Ihr das sicher? Slawata
lchelte fein: Ich habe mich orientiert. Ihr knnt jeden Gebrauch von
Eurer Entschlufreiheit machen. Wir werden Euch jedenfalls nicht hindern.

Ein breitkrmpiger brauner Samthut sa auf Kuttners langstrhnigem
Blondhaar weit in der Stirn. Vom linken Krmpenrand hing ein goldener Stern
mit einer Kugel, gegen die die angehobene linke Hand rhythmisch mit den
Fingerkuppen schlug. Er trumte wieder; mit schmerzlicher Weite des
seitwrts gedrehten Blicks traf er den dunklen Bhmen: Die Spanier sind
fromme Katholiken; sie werden meinen gndigen Herrn verstehen, wenn er sie
um Hilfe bittet. Denkt in welcher Lage Ihr seid. Wit, er nherte sich
flsternd dem Kopf des andern, wir warten auf Euch. Wieder? Wieder auf
Bayern? Das Gesicht des jungen leuchtete auf. Seht Ihr, flsterte
Slawata.

In seinem roten Wams mit den losen Purpurhosen, die weie Spitzen trugen,
beugte der schlanke Bayer vor ihm ein Knie: Wenn Ihr meinem gndigen Herrn
beistehen wollt. Wir werden Euch nicht verlassen.

                   *       *       *       *       *

Der Bericht des Herzogs Feria, Mailnder Gouverneurs der Spanier, gelangte
gleichzeitig an den Hofkriegsratprsidenten, den Grafen Schlick, den
Frsten Eggenberg und den Botschafter Ognate. Der Mailnder meldete: ihm
seien durch besondere Bevollmchtigte des Bundesobersten der Liga
Nachrichten zugekommen, die erkennen lieen, da dieser um die gemeinsame
Sache so hochverdiente Frst in die uerste Kriegsnot geraten ist.
Angewiesen auf eine Truppe von nur wenig Regimentern, untersttzt von nicht
kampfbereiten kaiserlichen Regimentern unter der Fhrung seiner Liebden,
des Generalwachtmeisters Aldringen sehe sich die Liga der gesamten
Heeresmacht der Schweden gegenber. Und dies zu einer Zeit, wo es im
bayrischen Lande gre, wo die rheinischen Hilfsquellen der Liga durch
feindliche Besetzung verstopft seien und der kaiserliche
Generalfeldhauptmann Friedland sich mit seiner gesamten Armee in Bhmen
eingeschlossen habe. Bei Erwgung dieser Sachlage und seiner eigenen
zugekommenen Nachrichten, die ihm vom deutschen Kriegsschauplatz geworden
seien, kme er zu dem Schlu, da es in naher Zeit sowohl um die
kaiserliche wie die gemeinsame Sache bnglich bestellt sei. Weswegen mit
der Herrstung des geeigneten Widerstandes nicht gar so lange gefackelt
werden drfe. Er, der Herzog Feria, sei nun, wie dort bewut, gem
erteiltem Befehl der Spanischen Majestt lngst im Begriff und im Zuge, in
das Rmische Reich aufzubrechen, um Truppenkrper nach den Niederlanden zu
berfhren, wo die Infantin Isabella Hoheit auf den Tod daniederliege und
tgliches Ableben zu gewrtigen sei. Begehre er selbst und schlage vor, der
dortigen Not Abhilfe zu tun mit seinen spanischen und italienischen
Regimentern. Er beschrieb dann noch den Weg, den er nunmehr sogleich
einzuschlagen gedachte, endete nicht, ohne vorher auf die eingetretenen und
voraussichtlichen Schwierigkeiten der Befehlsgewalt hinzuweisen, die seiner
Ttigkeit Eintrag tun knnten und die behoben werden mten.

Ich habe es meinem gndigen Herrn geraten, jubelte Kuttner, die beiden
Hnde Slawatas pressend, Doktor Leuker war nur zaghaft dabei. Ihr lat
mich nicht im Stich. Ihr werdet alles von mir erfahren, was Ihr braucht,
meine junge Zypresse.

In den dunklen Korridoren der Burg drngte sich der Graf Slawata mit den
Vtern der Jesugesellschaft, die den Grafen Schlick tglich heimsuchten,
ihren Affilierten: er solle entschlossen den Friedlnder anfassen. Den
Grafen Slawata widerten die Jesuiten an; es war ihm zuwider, da sie sich
an Wallenstein, seinem Wallenstein vergriffen; er lie sich mit ihnen in
keine Gesprche ein. Sie sahen ihn s vertraut an; er ekelte sich, dachte
oft die Angelegenheit fallen zu lassen, aber immer wieder wurde er von
einer schwebenden Bewegung in sich veranlat nachzugeben. Er hatte das
Gefhl, diese Sache zu Ende bringen zu mssen, dazu vorbestimmt zu sein; er
suchte sich ihr zu entziehen, sie fiel ihn wieder an, es war ein Spiel
zwischen ihm und der Sache, er war daran verloren. Lchelnd ging er zum
Grafen Schlick, dachte, wie sonderbar einfach es sei, ein Werkzeug der
Fgung zu sein und da er eigentlich nichts mit Wallenstein zu tun habe.
Schlick, der Papist, schwer und trge in seinem Stuhl, erklrte, er knne
das Vorgehen Spaniens nicht verhindern. Der graue Mann schien es dann fr
einen wertvollen eigenen Einfall zu halten, da man die Situation gegen den
Herzog ausntzen knne.

Die einsetzende geheime Ratsdebatte legte die Schwierigkeit der Situation
und die Zerrissenheit der Auffassung blo. Questenberg wollte emprt ber
Bayern fallen. Da Bayern offenbar hinterrcks den Spanier gerufen hat,
soll man gegen Bayern verfahren. Es ist ein unerhrtes Vorgehen,
beleidigend gegen das Kaiserhaus im uersten. Es grenzt an Verrat.
Freilich ist man es von Bayern gewohnt. Was er also gegen Bayern tun
wolle. Wir haben einen Generalfeldhauptmann; der Spanier hat sich ihm
sogleich zu unterstellen und seine Befehle entgegenzunehmen. Dies mssen
wir anordnen. Ja, wir knnen es anordnen, lchelte Trautmannsdorf.
Schlick: Mglicherweise mssen wir es sogar anordnen, denn es steht in
seinem Vertrag, im Vertrag des Herzogs. Eggenberg: So wre ja alles in
bester Ordnung. Wir sind uns einig, da angeordnet werden mu, der
Mailnder Gouverneur mit seiner Armee unterstellt sich dem Befehl
Friedlands. Questenberg unterstrich das Verlangen durch Wiederholung.

Schlick nickte gleichmtig. Slawata und Trautmannsdorf, die beiden, die
gern miteinander plauderten, tauschten Blicke, lchelten. Pltzlich wie auf
Signal, sahen sie voneinander weg. Ghnend meinte Schlick, er werde das
Schreiben, welches ihren Standpunkt charakterisiere, gleich verfassen;
bliebe nur die Frage, wer sich zur berbringung des Briefes und mndlichen
Diskussion mit Friedland bereit erklre. Alle fixierten Questenberg.

Pltzlich war der durch die Einhelligkeit unsicher geworden; er blickte zur
Erde, suchte nach Worten; er wolle natrlich gern den Auftrag bernehmen;
wozu aber brigens -- das schlo er nach berlegender Pause an -- wozu eine
mndliche Diskussion da noch bentigt werde, der Brief werde doch wohl rund
und nett den hier vorgetragenen Standpunkt wiedergeben; ein Kurier knne
dasselbe tun. Trautmannsdorf vorsichtig sanft vor Questenberg; nicht doch,
ein Kurier, das sei nicht besser als ein Bote, ein Mensch, der nichts wei,
nichts hrt, nichts spricht; und der Herzog wird fragen; er zweifle nicht,
da Friedland wird fragen wollen. -- Was denn. -- Etwa, wie sich der Hof
dazu stelle. -- Nun, das sei doch einfach; der Brief ist darin doch von
gengender Deutlichkeit; der Hof verlangt vllige Unterstellung des
Mailnders unter Friedland. -- Eifrig besttigte das Trautmannsdorf;
pltzlich fing er wieder einen Blick Slawatas auf, er fragte: Warum
lchelt Ihr mich an, Slawata? Weil Ihr so eifrig seid. Ich sehe, Ihr seid
selbst noch immer so bequem wie frher. Eggenberg und Schlick hrten
schweigend die Debatte an.

Da fhlte sich der etwas verwirrte, sogar bestrzte Questenberg gentigt,
sich an jeden einzelnen zu wenden und ihn zu fragen, ob es denn nun so wre
wie man besprochen habe und wo denn da eine Schwierigkeit zu erwarten sei.

Wie dieses Wort fiel, Schwierigkeit, und wie Questenberg so fragte, wurde
es ernst und streng in der Kammer. Fest erklrte Schlick: In dieser
Hinsicht habt Ihr den Friedlnder darber aufzuklren, da er unsere
einzige Sttze sei und da wir keine Machtmittel besitzen den Mailnder zu
zwingen, falls der etwa, wie es scheint, seiner Wege gehen will. Es
versteht sich auch von selbst, fuhr Eggenberg feindselig fort, da wir
ohnmchtig den Bestrebungen Bayerns gegenberstehen, sich auslndische
Hilfe zu verschaffen. Es liegt bei Bayern ebenso wie bei den rheinischen
Stdten: wir knnen ihnen nicht helfen, wir drfen ihnen darum auch nicht
einmal bse sein, wenn sie sich selbst nach Hilfe umsehen. Immerhin knnt
Ihr in diesem Zusammenhang dem Friedland bemerken, da die Schuld an dem
Auftreten Bayerns auf ihn selbst falle. Denn er war auch gedacht als Schutz
fr Bayern; er ist der Befehlshaber eines Reichsheeres. Fade lchelte
Questenberg: Ich glaube, ich werde das nicht so sagen. So sagt es
anders. Aber irgendwann wird einmal unser Standpunkt hervortreten mssen,
Ihr werdet da nicht herumkommen. Was tut denn jetzt Friedland, was hat er
im Sommer getan, wofr sind unsere eigenen Steuerquellen in Anspruch
genommen worden? Die Herren wissen alle, da ich kein Frsprecher
bayrischer Politik bin. Nicht von mir hat Maximilian den Kurhut erhalten;
aber jetzt haben wir mehr als zurckgezahlt an ihn. Wir fangen alle an, uns
des Kurfrsten Maximilian zu erbarmen. Ihr werdet mir noch einen mitgeben
mssen; es wird sich leichter verhandeln lassen. Eggenberg,
herumspazierend, berhrte ihn; er redete laut und scharf: Wir reden gewi
davon, was uns eigentlich selbst mit all dem von Friedland geschehen ist.
Wie uns dies ins Herz schneiden mu, da ungefragt, ungebeten eine
spanische Truppenmacht sich in Bewegung setzt und ins Reich eindringt. So
grlich liegt das Reich und Habsburg danieder. Wir sind machtlos gegen
Friedland, wir wissen es selbst. Er soll es aber nicht bis zum uersten
treiben. So machtlos sind wir hier nicht, da wir uns widerstandslos
ergeben. Drhnend fiel Schlick ein: Ich billige ganz, was Ihr sagt, Frst
Eggenberg. Ich werde den Herrn von Questenberg in das Lager Friedlands
begleiten. Wir sind nicht so machtlos, da wir schweigen mssen.

Trautmannsdorf bat, die Augen leuchtend, um die Erlaubnis reden zu drfen:
was man mit alledem denn vorhabe, worauf es hinausginge. Schlick bernahm
die Antwort: Wir haben es ber zu schweigen. Wir haben es nicht ntig zu
schweigen. Ihr habt es nicht ntig? Nein, Euer Liebden. Wenn es sein
mu, haben wir Bayern und Spanien mit uns. Wir werden uns auch des
Friedlands erwehren knnen, nachdem wir mit Bhmen und anderen fertig
geworden sind.

Zurckweichend pfiff der verwachsene Graf: Also Kampf. Nein,
Entscheidung. Kampf haben wir seit zwei Jahren. Betroffen Trautmannsdorf,
sich einen Sitzplatz suchend: Verzeiht, wenn ich Euch in Anspruch nehme.
Ihr redet von einem Mann, den ich verehren gelernt habe. So rasch lerne ich
nicht um. So rasch hab' ich mir das alles nicht gedacht. Ihr zeigt mir
gtigst die Notwendigkeit, diese sogenannte Entscheidung zu suchen. Schwer
ber sich hngend Schlick, aus groen schlaffen Augenscken um sich
blickend, den Stuhl erdrckend: Ich sag' Euch gern meine Meinung. Ich
halte Friedland fr einen Verrter. Er ist nicht besser als Bernhard von
Weimar, aber schlauer. Trautmannsdorf lachte, er sa, ihm war schwindlig:
Das sagen die Jesuvter auch. Sie predigen es schon lange. Was ist damit
gesagt. Eggenberg leise, unterbrechend: Ich halte ihn nicht fr einen
Verrter. Er ist uns aber gefhrlich. Er mu sich entscheiden. Tut das
nicht, bat Trautmannsdorf. Was? fragte fast zrtlich Eggenberg neben
ihm. Schickt jedenfalls nur Questenberg allein. Graf Schlick bleibt besser
hier. Was soll bei alledem herauskommen. Schlick: Wir werden Klarheit
finden. Und, bettelte Trautmannsdorf, Ihr werdet durch Euer Auftreten
Klarheit in ganz falscher Richtung schaffen. Klarheit, die ohne Euch gar
nicht so geworden wre.

Sie kamen dann, da Schlick nicht nachgab, berein, Schlick dem Questenberg
beizugeben und sie beide zu verpflichten, nicht ber eine Aufklrung
hinauszugehen. Zuletzt entschied man sich noch, an den Herzog schriftlich
mitzugeben, was etwa erforderlich sei, und mit der Reise in das Pilsener
Lager noch etwas, jedoch nicht gar so lange zu zgern. Man wollte erst
warten, ob es Ernst war mit dem Anmarsch der Spanier.

Schwebend ging Slawata hinaus, an Trautmannsdorf hngend. Was meint Ihr,
fragte der Bhme, Ihr weint ja fast. Der Herzog lebt noch. Er ist noch
nicht tot. Sie werden ihn umbringen. Sie wollen ihn beseitigen. Graf
Schlick ist kein Mensch. Er ist ein Untier. Es wre besser, Friedland
regiere hier, ganz, schrankenlos, und nichts bewegte sich gegen ihn.
Meint Ihr, seufzte Slawata und hing dem Gedanken trumerisch nach, warum
wollen wir so Unmgliches bedenken. Es schickt sich in der Tat alles gegen
Friedland. Es hat etwas Elementares an sich. Slawata, Ihr seid mein
Freund, Trautmannsdorf wandte sich pltzlich an den anderen, wollen wir
uns zusammentun. Wir wollen dem Herzog helfen. Ich kann es nicht mit
ansehen. Seit Monaten geht es so gegen ihn, Schlick hat alles in der Hand,
Eggenberg sagt nicht nein, der Weg ist fast schon vorgezeichnet. Ein
glckliches Gefhl ging durch Slawata; es war so schn, was der andere
vorschlug; kurios war es, da grade ihm dieser Antrag wurde, aber warum
sollte er nicht einmal dem Herzog helfen, helfen, ihn retten. In ihm
winselte, zwitscherte es: ich will mit dem Grafen dem Herzog helfen, wir
spielen zusammen mit ihm, ich mu ihn doch beseitigen.

Und erst in diesem Augenblick war ihm flammend klar und durchrieselte ihn
mit Wonne und Seligkeit, da er wahrhaft vorhatte, den Herzog zu tten.
Riesenhoch lohte es durch ihn: ich will ihn tten, er labte sich an dem
Feuer, wuchs stolz daran hoch.

Voll Dank drckte er dem kleinen Grafen den Arm; ihm sei nichts Lieberes
begegnet den Tag als dieses Wort des Grafen Trautmannsdorf, man solle den
Herzog nicht dem Grafen Schlick berlassen; nein sie wollten sich selbst an
ihn heranmachen. Trautmannsdorf starrte ihn an; Slawata in seiner halben
Berauschtheit merkte es erst spt: Was stiert Ihr so. Wir wollen uns
selbst an ihn heranmachen. Slawata sah ihn an; das hatte sein Mund gesagt,
er erinnerte sich nicht; was tat sein Mund. Launisch, gefat lachte er: So
will ich meinen Mund schlagen, der sich auf eigene Fe stellen will. Was
sagte er. Er ist ein Kalb. Ich mchte mich an den Herzog heranmachen, ihm
die Gefahren schildern, ihn fhren. Das will ich doch so gern. Wollen wir
ihm helfen.

Und Slawata sog den aufrichtigen Schmerz und die Sorge des andern wie einen
starken leidenschaftlichen Geruch ein.

Wie er vor seinem Schreibkabinett sa, schrieb er. Er teilte dem Friedland
die Machenschaften am Hofe mit, da Schlick mit den Jesuiten den Ton
angebe, Eggenberg aus Angst mitmache; da viele gegen ihn seien; bald werde
Schlick und Questenberg ihn zur Rede stellen; wichtige Personen am Hofe
htten ihn im Verdacht des Verrats, wichtige entscheidende Personen. Er
berlegte sich nicht einmal, als er dies schrieb, wie er seine Teilnahme
fr den Herzog begrnden sollte und was der Herzog dazu sagen wrde.

                   *       *       *       *       *

Der Kaiser hielt sich in der Burg auf. Er beobachtete mit argwhnischen
Mienen, was um ihn vorging. Ein sonderbares Vibrieren hatte noch in
Wolkersdorf in ihm begonnen. Es trieb ihn seine Umgebung zu beschnffeln.
Man hatte ihm von den Befrchtungen um Friedland berichtet: das waren
dieselben Worte, die sie zu ihm gesprochen hatten, ehe man ihm das
Generalat bertrug. Der Schwede war hin, jetzt mute man auf der Hut vor
dem General sein. Sie sagten es. Er gab die Jagden auf. Eine Bengstigung
Befremdung wuchs in ihm. Er verschwieg sich, da er vor den Heiligenbildern
und Kruzifixen nicht stillstehen konnte, da er gepeinigt davon
fortgetrieben wurde. Er wollte fort aus Wolkersdorf. Er war eines Morgens
fast nach Wien geflohen. Er verlangte bald den, bald den Herrn zu sich zum
Vortrag. Sein Geheimsekretr wurde von ihm herumgeschickt, dann befragte er
ihn ruhelos. Etwas ngstliches hielt ihn neuerlich in der Burg fest. Mit
Widerwillen Widerstreben verharrte er. Die Kaiserin, die fast ein
Witwendasein in tiefer Religiositt abgeschlossen in ihrem Flgel fhrte,
kam nher an ihn. Sie tauschten Worte ber einige Ordensdinge. Sie war
beglckt, da er nun selbst Schmerz ber diesen Wallenstein empfand und
damit rang; auch zu ihr waren diese Dinge gekommen durch ihren Beichtvater;
auf den Kaiser zu wirken hatte sie aber abgelehnt. In ihr zuckte es wieder,
sich ganz neben ihn zu stellen; die Trauer um Mantua lichtete sich etwas;
der Mann neben ihr sah geqult aus.

Pltzlich bemerkte sie, da je mehr sie sich nderte, er von ihr abwich. Er
erstaunte ber sie; er fhlte: sie bemerkte, da er den Halt verlor; sie
wollte ihm helfen, er wollte es nicht, fand es schamlos, fand sich
blogestellt, seine Unruhe vertieft; wich, hrte sie trbe an. Sie warb
weiter um ihn, es geschah ab und zu, da er sie wieder ansah.

Eleonore von Mantua, die in Regensburg vor ihm geflohen war. Sie hatten
einmal nebeneinander gestanden vor der golden blinkenden Monstranz, die den
Baum des Lebens darstellte. Ihr hochrotes Kostm, die Perlenkrone auf ihrem
sprden braunen Haar, dunkle dicke Augenbrauen, die Schleife an ihrer Hfte
mit seinem Namen. Dann hatte er sich hineingestrzt in sie; sie waren, wie
sonderbar, auseinandergekrochen wie zwei grne Krten, pltscherten
nebeneinander. Verwirrt hielt er sich jetzt in manchen Augenblicken an sie
fest, sie umschlangen sich, er war glcklich und besinnungslos, in ihr
blieb die Freude und die Sehnsucht. Sie hatte nicht mehr in Erinnerung das
verquollene leidende Wesen, das ihr in der Innsbrucker Kirche begegnet war,
mitrauisch aus seiner Schale blickend, das stumme machtgeschwollene
Ungeheuer von Regensburg. Er verwandelte sich wieder; er blickte sie an.
Sie wute jetzt nur, aus ihrem Witwenzimmer schleifend, da er ihr
Vaterland war. Mantua war verloren: da ging, da schlich -- Mantua! Wie sie
aus ihrem Witwenzimmer zu ihm gefunden hatte, hatte sie nur dies Gefhl; es
lebte zwangsartig in ihr; sog sich in ihr fest.

Nachdem der Kaiser sich bei vielen ber die schwebenden Dinge orientiert
hatte, lockte es ihn einmal in Gegenwart der Kaiserin den groen
Luxemburger, den hinkenden Jesuiten zu sprechen. Ein undeutliches Gefhl
hatte ihn bewogen in Gegenwart der Kaiserin und Lamormains die Dinge auf
sich wirken zu lassen, mit ihnen gemeinsam die Dinge zu bernehmen. Hilflos
fhlte er sich, von Woche zu Woche mehr. Man sah am Hofe: seine groe
Hoheit war einer Mdigkeit gewichen; er wute sich keinen Platz, fhlte
sich beirrt, gehindert, gereizt, in einer unnatrlichen Lage. Das wehte
launenhaft ber ihn und breitete sich mehr aus, zerri seine Einheit.
Triebartig hatte er in manchen Stunden das Verlangen, die ganze Last und
den Wust von sich abzuschtteln, um wieder zu seiner Macht zu finden. Seine
alte Neigung, Schwierigkeiten durch die Flucht zu entgehen, erwachte
gelegentlich.

Es drngte ihn jetzt leise zu Menschen, zu Eleonore. Sie sollte alles mit
ihm dulden. Was wrde sie sagen. O er wollte sich fesseln lassen. Er
frchtete sich, frchtete sich vor dem, was ihm bevorstand.

Wie Lamormain anschlich, erinnerte ihn Ferdinand, sich in seinen Abtstuhl
senkend, an die Ruhe der Tage in Regensburg und wie die Ereignisse grlich
geworden wren, grlich durch das Wanken aller menschlichen Beziehungen;
was htten sie aus seinem Wallenstein gemacht, dies sei kein Verrter, oft
htte er Lust den Herzog zu rufen und mit ihm alles zu klren; Mitrauen,
belwollen, daraus sei das jetzige Ungemach geboren, es mute auf ihrer
Seite viel verschuldet sein. Lamormain, mit seinem Stock den Boden
zeichnend -- sie saen in einer glasgeschlossenen gerumigen Galerie, die
den Blick auf einen Hof gestattete, Gemlde Skulpturen an der
seidenbespannten Lngswand, bunte Ampeln hingen herunter, der Hof
versammelte sich hier oft -- auch Lamormain dachte an Regensburg; Maria
Himmelfahrt, die gelbroten Flammenrder fuhren ber die Wnde des
Musikzimmers im stillen Bischofspalast; wie ein Begnadeter legte dieser
Kaiser alle Macht von sich, legte ihre Schwche und Kleinheit blo. Jetzt
saen die Hunde, die er losgelassen hatte, an ihm, fielen den Jger an.
Matt der Pater: Eggenberg htte sich viel bemht Schwierigkeiten und
Konflikte zu vermeiden, die Dinge nhmen aber einen Verlauf, der fast
vorauszusehen war. Gereizt Ferdinand, an seinem grauen Kinnbart rupfend:
der Priester mchte das nicht sagen, man mchte nicht Wallenstein schlimme
Neigungen zuschreiben, er glaube das nicht, der Verlauf werde ihm
vorgezeichnet. -- Sein Beichtkind, das flattrig leidend im Stuhl sich
bewegte, umfate Lamormain mit einem langen herzlichen Blick; er sah auch
auf die Kaiserin, die das Kinn auf der Hand, den Arm auf die Sessellehne
aufgesttzt hatte, leicht vorgebeugt, beide beobachtend: so htte die
rmische Majestt es vielleicht richtig genannt; wenigstens zu einem Teil
werde dem Herzog ein gefhrlicher Weg von auen vorgezeichnet; seit
Regensburg knne man das mit Recht sagen. Und als die Kaiserin den
aufmerksamen Kopf hob, ihn fragend anblitzte, den Arm sinken lie: ja, seit
Regensburg, seit seiner Entlassung; seit da sei dem Friedland nicht mehr zu
trauen; er verirre sich immer mehr. Seit seiner Entlassung, hauchte die
Mantuanerin errtend, legte sich im Sessel zurck; man durfte ihn doch
wohl entlassen. Ernst Lamormain: gewi, er sei vom Kaiser angestellt und
nicht auf Lebenszeit, aber die Menschen seien nun einmal im Grunde ihres
Herzens eigentmlich, ein Gefhl fr die Rechtsverhltnisse sei nicht da;
da kmmere sich einer nicht darum, ob jener Kaiser sei und er Kmmerer; er
will seine Begehrlichkeit befriedigen, er lt sich nicht fortschicken.

Was ist das? Ferdinand fest angelehnt, die linke Hand vor dem Mund:
fortgeschickt. In Regensburg. Der Herzog zu Friedland ist mein Freund
gewesen. Sein Grimm, wenn er da ist, hat mit Regensburg nichts zu tun. --
Lamormain: man erzhle sich, er datiere seit Regensburg. -- Ferdinand: in
Regensburg sei das Reich geordnet worden; der Streit der Kurfrsten sei
beendet worden; das Reich habe sich gefestigt wie niemals. Friedland hat
auf Festigung und Sicherung des Reichs gedrungen; was komme man mit
Regensburg; wie solle Regensburg ihn, gerade ihn schlimm beeinflut haben.
Mit demselben tiefen herzlichen Blick nahm Lamormain, gebckt ber sich
sitzend, seine Worte an, traurig die Stirn runzelnd; leise vorsichtig: Er
ist in Regensburg entlassen worden. Von wem redet Ihr, Ehrwrden. Vom
Herzog zu Friedland. Eben. Es ist doch kein Lakai oder Barbier entlassen
worden. Es ist der Herzog zu Friedland. Was macht es. Nun sprecht doch,
Ehrwrden, um Jesu willen. Er ist von der Rmischen Majestt mit Glimpf
entlassen worden. Er war Generalfeldhauptmann der kaiserlichen Armada,
hatte den dnischen Knig geschlagen, den niederschsischen Kreis
beruhigt. Ich habe ihn mit mehr als Glimpf entlassen. Ich habe ihm
Geschenke geschickt, es ist keine Woche vergangen, da ich ihm nicht ein
freundliches Wort gab, er war mir immer mein oberster Feldhauptmann, ich
war ihm stndlich gndig und huldvoll. Ihr wohl, Kaiserliche Majestt.
Ihr wart ihm huldvoll und gndig. Aber er nicht der Kaiserlichen Majestt.
Denn er war der Friedlnder, der Herzog zu Friedland, Wallenstein; oh, wer
das ist, Wallenstein. Und er ist beleidigt worden, er hat gehen mssen, hat
der kurfrstlichen Durchlaucht in Bayern weichen mssen. Wir reden im
Kreis. Das Reich hat es erfordert. Der Herzog wei es. Ich habe ihm nicht
bel gewollt. Immer still der Priester; er htte, sagt man, dem Kurfrsten
in Bayern weichen mssen.

Flammend blickte, beide Arme schrg ber die Lehne legend, Eleonore den
Kaiser an, dessen Gesicht klein in seiner Gequltheit erschien; etwas
Drohendes in ihrer Stimme: man erzhle sich berall; es sei nicht der
Kaiser, sondern der Bayer gewesen, der den Herzog abgesetzt habe.
Durchbohrend Ferdinand vorgebeugt: Denkst du das auch? Sie legte sich
angstvoll zurck: Ich fragte doch. Heiser Ferdinand: Frage nicht,
Eleonore. Du denkst zuviel an Mantua. Sein Ausdruck wechselte, wie er sie
fixierte; dann sanfter: Du weit nicht, wie es zugegangen ist. Ich habe
Italien nie bel gewollt. Friedland auch nicht. Ich htte dir gern Freude
gemacht, Eleonore. Sie hauchte, fast zrtlich, sich ber ihren Scho
errtend breitend: Ich wei, Ferdinand. Verzeih mir.

Sie schwiegen. Die Schlowache marschierte mit langsamem Gesang ber den
Hof, das helle Winterlicht erfllte bis in die Winkel den warmen weiten
Raum. Eleonore anscheinend zuhrend: Welche schnen weltlichen Lieder es
gibt. Der Kaiser, der gebrtet hatte, auffahrend, als wenn er etwas
abwrfe: Also es sieht aus, als wenn ich schuld an der Lage bin. An den
Verwicklungen. Vielleicht, nein, ich bin schuld an dem sogenannten Verrat
Wallensteins. Das alles leuchtet mir nicht ein. Ich sage es zehnmal. Und
wenn man mir zehnmal und zwanzigmal widerspricht. Nach einer Pause hitzig
mit Gesten gegen Lamormain, der sich hochgesetzt hatte: Und wenn ich
Schuld habe. Wir reden jetzt nicht davon. Wie lange ist Regensburg her. Ich
kann es schon gar nicht mehr denken. Regensburg ist schon fast nur eine
Einbildung. Was kommt man mit Regensburg. Wenn ich den Herzog entlassen
habe, dann ist alles wieder gutgemacht. Wenn er beleidigt war: er ist
Feldhauptmann geworden; er hat, was er will. Was will er? Die Mantuanerin
drckte ihren langen Fcher auf seinen fuchtelnden Arm; er solle sich nicht
erregen, die Dinge wrden bald wieder ausgeglichen sein. -- Ausgeglichen.
Ich wei es nicht. Ich wei nicht, was das Ganze soll. Was dahinter
steckt. Eleonore behutsam: Wohinter. Nun versteh doch, Eleonore. Ihr
versteht mich gewi, Ehrwrden. Hre doch einmal. Es ist ja gar kein Grund
fr den Herzog vorhanden gegen mich zu sein. Ich habe ihm keinen Anla
geboten. Er ist Haupt des Heeres mit der ungeheuersten Vollmacht. Wir
bestreiten sie ihm nicht. Seufzend Eleonore: Er will nicht. Bittend
Ferdinand mit gespanntem Gesicht: Was ist, Pater. Was wit Ihr. Nichts,
als da dem Herzog nicht genug sei an den Vollmachten und an dem Heer; da
er nicht zufriedenzustellen sei. -- Was er denn wolle. -- Er vergit nicht,
da man ihn bei Regensburg weggeschickt hat. Er lt das nicht liegen, es
ist ihm wichtig fr sein Handeln wie irgend etwas. Und nun gibt es keine
Ruhe. -- Wir haben ihn nicht besnftigt mit dem neuen Kommando? -- Den
Herzog? Nun? Lamormain lachte freundlich, tauschte Blicke mit der
Kaiserin, die lchelte: Kaiserliche Majestt. Ich will kein Beispiel
geben. Es sollte mir auch schwer sein fr den Herzog ein Beispiel zu
finden. Im Grunde braucht man nur zu sehen, -- wenn ein Stein auf einen
Marmorboden geworfen wird -- eine Kante von dem Stein bricht ab: diese
Kante ist nun in alle Ewigkeit ab, sie kann nur durch einen Entschlu
Gottes wieder am Stein befestigt werden. -- Nun? Der Herzog wei, wer
er ist. Er hat es in Regensburg gemerkt. Es pat ihm nicht. Er verzeiht es
nicht, da er so ist, unser, der Kaiserlichen Majestt Feldhauptmann, und
weiter nichts. Ferdinand bi mit gerunzelter Stirn an seinem Handknchel,
er arbeitete mit dem Zeigefinger an seiner Unterlippe, brachte hervor:
Seht einmal, Lamormain. Ist es Euer Eindruck -- hat man dem Herzog irgend
etwas in den Weg gelegt. Nicht doch, lachte behaglich Lamormain. O
warum lacht Ihr denn, Ferdinand seufzend, flehend, sagt mir doch, was
ist. Mit groer Weiche der Jesuit: Majestt wollen wissen, was man dem
Herzog in den Weg gelegt hat. Nichts. Es htte keiner wagen knnen. Er hat
ja die ganze Macht allein. Erleichtert Ferdinand: Nun also. Lamormain
mute ein anspielendes Lcheln unterdrcken: Es gengt ihm nicht.
Unsicher Ferdinand, an seinem Gesicht, an seinen Hnden hngend, die ganze
schwarze starke Gestalt des Jesuiten mit den Augen verschlingend: Es ist
ihm nicht genug.

Und im Hintergrund fhlte er sich etwas regen, ganz unerwartet sich aus dem
Grauen Tiefen schieben, etwas mit tausend Fen, das lief, lief, das ihm
entgegenlief, dem er entgegendrngte, gegen das er sich stemmte. Puh,
puh, spie er. Das wieder. Dahin, dahin wieder.

Er stand aus dem Sessel auf; das Kleid Eleonores rauschte neben ihm, es
duftete stark neben ihm; sie war, wie der Ekel sein Gesicht entstellte, zu
ihm gedrngt. Sie gingen nebeneinander Arm in Arm ber die Teppiche der
Galerie. Lamormain stellte sich an die Brstung der Galerie. Es ist ihm
nicht genug, flsterte Ferdinand, als sie an Lamormain vorbeizogen, hielt
etwas an. Sein ausgerenktes Gesicht. Er hielt Eleonore an beiden Armen vor
sich fest. Die Mantuanerin halb weinend: Er ist ein Teufel. Von der Seite
Lamormain schwer traurig: Kein Teufel. Ein armer Mensch.

Er hielt noch die Mantuanerin umfat, stierte ihre Augen an wie
Fremdkrper, ihre verkruselten Haare, ihren auseinandergezogenen Mund,
ihre abwrts gesenkten Mundwinkel, einen Finger hob er: Dies ist es. So
sind die Menschen. Der Pater hat es gesagt.

Und wieder wimmelten ber ihn die tausend kleinen krebsartigen Fchen, der
schuppentragende langgestreckte Leib; der Leib war so dicht ber ihm, er
hatte Neigung sich zu bcken.

Was sagst du dazu? Sie mit trnenerfllten Augen, gebrochener Stimme, ihn
im Gehen fortziehend; sie suchte ihrer Stimme einen leichten Ton zu geben:
Es wird nicht schwer sein etwas gegen ihn zu tun. Wir brauchen darum nicht
zu sorgen. Wir werden morgen den Frsten Eggenberg und unseren lieben
Schlick bitten. Sie werden uns erzhlen, was zu tun ist.

Der Kaiser lie sich, ihren Arm ablsend, in seinen breiten Armstuhl
nieder; die geschnitzten Menschen empfingen ihn, ber die Lehne flieend,
Mnner Kinder Frauen, abgleitend, sich hebend, er fragte Lamormain:
Ehrwrden? Der trat seitlich, mit dem Stock stampfend, plump hervor,
pflanzte sich hinter seinem Stuhl auf, die Lehne angeklammert: Dies alles
ist uns nichts Neues. Die Kirche kennt seit lange die Menschen. Wir rechnen
mit diesen Menschen. Wir mssen sie brechen auf irgendeine Weise. Ein
Zittern hatte den Kaiser befallen: So sind die Menschen. Ihr habt recht.
So bin ich wohl auch. Wir knnen es nur ndern, wenn wir uns der heiligen
Kirche unterwerfen. Der Priester redete leise: Die Menschen sind bse.
Sie haben teil an der Erbsnde. An Eleonore wandte sich, zu ihr aus der
Tiefe des Sessels die Arme ausstreckend, der Kaiser hauchend: Siehst du.
Wir sind davon befallen. Ich wei es, Ferdinand.

Das schuppentragende lange Reptil schurrte, rauschte klapperte ber ihn;
Entsetzen lag auf Ferdinands Gesicht.

Der Friedlnder zahlt mir's heim. Was bin ich anders. -- Wir werden morgen
den Frsten Eggenberg zu uns bitten. Lamormain lchelnd, die schwere Faust
hebend: Wir brauchen keine Sorge haben. Er wird bewltigt werden, der
verrterische Mann. Seht Ihr, seht Ihr, wie gut, hauchte zitternd,
zaghaft zu ihm aufstehend der Kaiser, der ihn und Eleonore mit weilichen
Blicken bergo. Dabei kaute er an seinem Schnurrbart. Durch ihn fuhr, er
erlitt es, es machte seine Schultern schwach, fllte seinen Mund mit lauem
Speichel: da er die Worte eines andern sprach, da ihn dies alles gar
nichts anging. Er war durchkreuzt; der Friedlnder war ein starker
Feldherr; was tun solche Feldherrn: er konnte seine Gedanken nicht daran
annageln. Halbe Minuten dachte er: die Kurfrsten werden sich zufrieden
geben, ich werde den Friedland entlassen. Er war ja in Wien, in Wien. Er
kaute wieder an seinem Schnurrbart.

Vor seinem Bett stand er nachts in seinem Schlafmantel, hob die Arme vor
die Stirn, stie mit den Ellbogen beiseite, schnob, da der
Leibkammerdiener aufhorchte: Gebt Raum, gebt Raum. Er durchma den fast
finsteren Raum, rieb das Gesicht am metallenen Leib Christi, keuchte,
drohte. Er schlug mit beiden Fusten gegen die nackte Brust, als wenn er
seine Besinnung herrufen wollte.

Wie er am nchsten Tage in Wolkersdorf war, zog er seine schmutzige
Handwerkertracht an, gab seinem Kmmerer Bescheid; sie spazierten ziellos
durch den Wald. Aber es war ersichtlich, da der Kaiser einen Weg suchte.
Sie kamen zu einer Kohlenbrennerei, und als sie ein Stck weiter gegangen
waren, begegneten ihnen drei Mnner, zwei dicke Bauern, die Ferkel im Sack
auf dem Buckel trugen, und ein lustiger Dominikaner. Die beiden Mnner
schlossen sich ihnen an. Der Mnch erzhlte lange muntere Geschichten, bis
bei einer Gelegenheit herauskam, da seine beiden burischen Begleiter
Neuglubige waren. Da wand er sich, bekreuzigte sich, schlug die Hnde
zusammen. Sie gaben trotzig lustige Antwort, setzten ihm auf jede Schulter
ein weies quiekendes Ferkelchen, da die Tierchen sein Lamento
berschrien. Der Kmmerer redete ihnen gtlich zu; der Dominikaner, ihm
dankend, wandte sich eifrig, hochrot an die Bauern, ob sie denn nicht
geneigt wren in dieser schnen freien Gottesnatur wenigstens ihn
anzuhren, ihn sprechen zu lassen. Es gab eine Debatte ber das Recht der
Ferkelchen, sich auch vernehmen zu lassen. Sie versenkten dann die Tierchen
wieder in den Sack. Der Dominikaner sprach auf sie ein. Er sprudelte.

Was sie denn nur wollten. Warum passe ihnen der alte Glaube nicht. Htten
sie sich ihn ausgewachsen, den alten Wams. Ei, und er pate doch so gut.
Warum denn nur die albernen neuen Moden. Wten denn auch die Bauern, wie
die frommen Brger und Edlen in der Stadt franzsisch aufgeputzt daher
marschierten. Welche fferei. Sie, wackere Bauern, Ferkelchen im Sack, und
Neuglubige! Wenn sie es nicht sagten, wrde man nicht glauben. Sie mchten
doch einmal die Ferkelchen fragen, ob sie einen anderen Glauben htten als
ihre Eltern und Ureltern und weitere Voreltern und Ahnen bis in die Arche
Noahs hin. Bei Jesus, solch Tierchen ist den weisen, weisen Menschen ber.
Man wirft nicht Dinge holterdiepolter in die Asche. Immer sachte, immer
vorsichtig, taugt noch alles was. Wer wird so lumpen, einen neuen Glauben,
wenn der alte noch ganz gut ist. H, und ist er nicht gut?

Da gaben die beiden nur zum Bescheid, er rede so flink und glatt daher.
Solle er nur weiter reden, sie hrten gern zu. Der Kammerdiener nickte.

Ja, es gbe nichts, was nachsichtiger wre als der wohltemperierte, allen
angemessene alte katholische Glauben. Sie knnten schon immerhin, wenn sie
sonst etwas glaubten, es glauben. Stre sie niemand darin; wer wird gleich
schimpfen, wer wird einem Menschen nicht erlauben ein bichen zu glauben,
was ihm beliebe. Der katholische Glaube sei wie ein Lmmlein oder wie ein
Geblendeter, den man am Bndchen fhrt; er folge vllig den Menschen. Seht
hin, ich zeig' euch, wie das Lmmlein lagert und fromm spielt. Das
katholische Christentum wollte nichts vom Menschen, keinen Zwang, kein
bichen Gewalt. Aber die lutherischen Prdikanten schwatzen growichtig
daher von berzeugung und dem inneren Glauben und was noch, das das
Christentum verlange. Verlangen knne man schon, aber wer soll das leisten.
Wer htte denn Zeit fr all das Zeug? Wieviel Menschen htten denn Lust,
sich soweit mit diesen hohen und gar schweren Sachen abzugeben; mten sich
ja frchten, sich daran zu vergreifen in ihrer Einfalt. Da wollte das gute
fromme katholische Christentum von seinen Glubigen nichts als ein bichen
Hndefalten, einen sonntglichen Spaziergang, Geflster, einen Kniefall.

Und ist das schwer. Es ist frwahr nicht so schwer wie diese Scke zu
tragen und daheim sich mit seinem Hauskreuz herumzuplacken. Ein kleiner
Spaziergang, o jeh, wieviel mehr verlangen die Herren Richter, die Lehrer
in der Schule von einem Kind; solch Kind wird geqult. Ja freilich, man mu
manchmal fasten. Das la ich gelten, es ist nicht jedermanns Sache; aber
zehn Heller, zwanzig Heller: ein anderer fastet fr dich, oder der Priester
erlt es dir. Das katholische Christentum erlaubt jedem, der ihm anhngt,
sich in der erhabensten Gesellschaft der Mrtyrer und Heiligen einheimisch
zu fhlen. Kein Betrger kann ein einfacheres und wirksameres Mittel
erfinden, um hoch und hher zu kommen; und keiner kann sich ein Ziel
stecken, das hher ist. Welche gromchtige Gewalt besitzt die katholische
Heilige Kirche. Und gibt es eine Gewalt, die ihre Macht sanfter gebraucht;
sie kann im Diesseits und Jenseits die meisten Menschen spieen, sieden,
brennen, schmoren lassen. Statt dessen stellt sie ihnen schne Bilder hin
in hohen Gotteshusern und man braucht sie nur anzugucken. Sie tut Orgeln
und die gebtesten feinsten Snger auf die Chre, und man braucht sich nur
hinsetzen und zuhren; whrenddessen hat man nichts ntig als sich das
Fluchen und Gotteslstern zu verkneifen, das auch sonst nicht schn klingt.
Alles liefert die Kirche den Menschen, sie setzt ihnen reiche, ja
knigliche Huser hin. Wenn man es recht betrachtet, was ist denn die
Kirche anders als ein Frstenhof, an dem alle, Bauern Bettler Edle Ritter
und Grafen Barone bis zum rmischen Kaiser hinauf gleichmig geladen sind,
um sich zu ergtzen. Jeder kann an ihren Vergngen teilnehmen, jeder kann
sich als Frst vorkommen, er ist in seinem Haus. Ihr Trichten, was wollt
ihr. Ihr braucht nicht beten, braucht euch nicht bemhen. Alles wird euch
abgenommen. Wir sind die Schlosser, und die Haustr: Ihr braucht uns nur
bitten, wir machen auf. Das Himmelreich kann euch nicht entgehen. Wir haben
soviel Gnade geerbt, die Mrtyrer haben uns davon hinterlassen, da wir und
unsere Glubigen bequem Jahrtausende davon in dulci jubilo leben knnen.
Und haben dabei gar nicht ntig, arg Haus zu halten. Wohin sollen wir nur
hin mit den ganzen Scheuern der Gnade. Wir werden ja manchmal Lust
bekommen, so einem armseligen Protestantlein, das unter dem Tisch hockt,
ein Knchelchen hinzuwerfen. Und Ihr -- Ihr knnt nur immer tun, was Ihr
wollt. Wer katholisch ist, kann ruhig inzwischen auf Erden seines Weges
ziehen. Fr ihn ist gesorgt. Es ist alles vorbereitet; er braucht sich
nicht drum zu bemhen. Geht hin, wohin Ihr wollt, es nimmt Euch keiner was
weg. Ihr habt zu pflgen, zu dngen, das Vieh zu fttern, die Pferde zu
striegeln, von den Kindern ist eins bockig, Euer Nachbar zankt mit Euch. Es
gibt fr Euch soviel schne und wichtige Sachen, Wein Musik Tanz kleine
gelustige Fruleins Kartenspiele Hahnenschlagen Kirmes. Und die Raufereien
und dem Nachbarn die Zhne zeigen. Wir werden Euch nicht stren dabei. Wir
hten schon Euren himmlischen Besitz.

Der Dominikaner wackelte vergngt mit dem Finger: Gell, eine feine
Religion? Was sagt ihr zu meiner Religion? Lt sich hren, sagten die
beiden Bauern. Sie setzten sich zu fnf in eine Mulde des Waldbodens; die
Bauern zogen Schinken und Brot hervor. Whrend die Bauern schmatzend den
Dominikaner hieen, noch mehr Spe oder Frommes zu erzhlen, schlichen die
beiden Mnner davon.

Sie kamen in eine de Gegend.

Einen singenden Bettler fragte der Kaiser, whrend der andere zurckblieb
nach allerhand. Der Bettler fhrte den Kaiser, nahm, als sie einen kleinen
Bergpfad erreicht hatten, Abschied, trabte singend weiter. Den Kopf gesenkt
zog Ferdinand des Wegs. Bume traten auf, ratlos sah der Kaiser zwischen
die Stmme. Er erwartete den anderen; wo die Hhle des Einsiedlers, des
frommen Jeremias sei, wute er nicht. Sie setzten sich auf den Boden. Ein
kleines Mdchen mit einem Krbchen kam an. Sie gingen ihr nach, eine
Waldschneise hinauf. Sie lief ber einen Steinhaufen. Als sie zurckkam,
gab ihr der Kaiser eine Handvoll Heller; sie mchte dem frommen Jeremias
sagen, ein armer Mann begehre zu ihm. Sie lief, und als sie wiederkam
meinte sie, der fromme Einsiedler htte gesagt, er sei selbst ein armer
Mann und brauche kein Geld. Ihren kleinen Kopf streichelte Ferdinand; sie
mchte die Heller behalten; mchte sie doch noch einmal zu dem Einsiedler
gehen; er begehre nach seinem Wort.

Darauf erschien drben hinter dem Steinhaufen barhuptig ein schlanker
jngerer braunbrtiger Mann, der lange schweigend ihnen gegenberstand. Er
blinzelte eine geraume Zeit gegen das Licht, hatte eine schrecklich tiefe
Blsse des mageren Gesichts. Die Steine rollten; leise fragte er, als sie
herangekommen waren, unsicher zwischen beiden hin und her blickend, was sie
wollten. Ferdinand stammelte etwas. Der Kammerdiener ging zurck.

Und wie Ferdinand seinen versunkenen Blick zu dem Mann hob, war dessen
rechtes Ohr und halbe Wange abgefressen; Stumpfen und Lcher, Geschwre und
Hautfetzen, tiefdunkelrot mit schmierigen Belgen; die Nase des Mannes
fein, an einer Nster angefressen. Lat nur, winkte Ferdinand, als ihn
der Einsiedler vor die stallartige Hhle gefhrt hatte, ich will hier
sitzen und Euch zusehen. Der Einsiedler, nach einigen unschlssigen
Bewegungen, gab ihm einen Rosenkranz in die schlaffe Hand; Ferdinand setzte
sich auf die bloe Erde, whrend ihm die Perlen entrollten. Mit trben
Augen, mdem Ausdruck stand der junge Einsiedler vor ihm, verschwand
wortlos in dem Dunkel, aus dem bald ein leises, heftiger werdendes, wieder
abschwellendes Gemurmel und chzen kam.

Nach zwei Stunden trat der Diener an Ferdinand heran. Der Mnch scho aus
der Hhle hervor. Sie verabschiedeten sich. Voll Wehs suchte der Mnch die
Augen des anderen, dessen Mienen sich nicht entspannt hatten. Er gab ihm
den Rosenkranz mit, bekreuzigte sich hinter ihm, kniete betend an die
Stelle hin, wo jener gesessen hatte.

Der Kaiser kehrte langsam durch die Schneise zurck in den Wald.

Pltzlich war mitten auf breitem Waldpfad ein starkes Flgelschlagen hinter
ihm. Er schlo die Augen, blieb stehen, hielt den Kopf steif nach vorn.

Flgelschlge, mchtige Flgel, Flgelpaare, die den Sand peitschten,
wehenden Wind vor sich warfen. Er wurde fast nach vorn gehoben.

Er erduldete es einige Sekunden. Zgernd schritt er weiter. Noch einmal gab
es ein Wehen, Flgelschlagen von riesigen niedersausenden, sich steil
aufstellenden Adlern hinter ihm. Ihm stand das Herz still.

Wie er zehn Schritt weiter gegangen war, sah sich sein vllig versteintes
Gesicht nach dem Diener um. Der pendelte ruhig einige Meter ber den Weg.
Arm in Arm ging er mit dem bestrzten Mann. Das ist mehr als ein Mensch
ertragen kann.

                   *       *       *       *       *

Die schwedischen Heere ber das Reich verstreut. Oxenstirn hielt sie im
Zaum. In Thringen Wilhelm von Weimar, in Bremen Verden Lesley, in
Magdeburg Lohausen, in Schlesien Oberst Dwall. Oberrheinischer
kurrheinischer Kreis Georg von Lneburg, Feldmarschall Horn Elsa und
schwbischer Kreis. Geschleudert war in die Flanke Wallensteins, als er
sich regte, der junge Frst, der einmal Oberst von Gustafs Leibregiment zu
Pferde war, Bernhard von Weimar, als Friedland ihnen den Rcken kehrte und
glaubte, sie seien in Vergessenheit versunken. Wie die Kaiserlichen hinter
den bhmischen Gebirgsmauern verschwanden, fingen die schwedischen
Obersten, Offiziere und Gemeine an deutsches Land zu schlucken. Von Bayern,
der herrenlosen Kur, Wrzburg, Bamberg wurden Stcke abgetrennt, ihnen als
Rekompens zugeteilt; Schweden behielt sich die Oberherrlichkeit vor. Dem
hochfahrenden Bernhard fiel aus Bamberg und Wrzburg ein Herzogtum Franken
zu als rechtes Mannlehen der Krone Schweden; er schwur eine ewige und
unwiderrufliche Konfderation mit Schweden.

Friedland lag stumm in Bhmen. Da zwang sich, ungewandelt, Oxenstirn die
vier oberlndischen Kreise unter. Der Sachse, bitter der fremden Herrschaft
im protestantischen Direktorium widerstrebend, suchte die oberdeutschen
Reichskreise zu sich herberzureien, aber Oxenstirn behielt die Oberhand.
Zu Heilbronn muten die Deutschen geloben, die notwendigen Armeen fr den
Schweden zu unterhalten; Oxenstirn, ein Schwede, setzte sich hin als
Direktor des Bundes und oberste Entscheidung in allen Kriegssachen.

Gefhrt von dem franzsischen Gesandten, von englischen Herren begleitet,
erschien auf diesem winterlichen Kongre zu Heilbronn eine schwarz
verschleierte Frau, glhende Augen, lssige Flle; sie setzte sich mit
Feuquieres auf eine besondere Bank, hrte den Beratungen zu. Dann sprach in
langer entschlossener Rede ein kleiner Mensch fr sie, Rusdorf. Er
schilderte das Schicksal des Pflzer Kurfrsten, erwhlten Bhmenknigs
Friedrich, der wie das Gewissen dieses Krieges gelebt habe. Sein Unglck
habe mit dem Prager Treffen begonnen, sei geendet bald nach dem Tod des
gottseligen Schwedenknigs. Er habe gelebt und sei gestorben als guter
Deutscher und protestantischer Kurfrst. Seine Sache drfe und werde nicht
mit ihm welken. Dieser Konvent werde nicht umhin knnen, eine Entscheidung
ber seine Sache herbeizufhren. Es drfe nicht scheinen, als htte man
sich des Kurfrsten Friedrich bedient zu eigenen Zwecken, wie die
Widersacher verleumderisch in die Welt setzen. In allen, die protestantisch
im Rmischen Reiche seien, lebe auch fort die hoheitsvolle Gestalt seines
Herrn, der am ersten die Schlange beim Kopf gepackt htte und von ihrem Bi
nicht gesundet wre.

Er blickte, als er sich setzte, die Dame neben sich an. Sie stand
kopfsenkend auf, schob den Schleier beiseite. Die evangelische Elisabeth
lchelte freundlich und schelmisch verlegen; sie hatte rote runde Wangen
wie immer. Sie sagte, ein Kichern kaum unterdrckend, der gelehrte Herr
Rusdorf habe wohl und genugsam gesprochen; sie freue sich, die Herren
wiederzusehen, die ihrem seligen Gemahl nahegestanden htten und oft ihre
Gste gewesen wren. Darauf, schweigend und von unten blickend strker in
den Saal lchelnd, weil sie einzelne Edle erkannte, drckte sie pltzlich
seitlich gewandt, die Rechte ausstreckend, dem Feuquieres die Hand, der
verstndnisinnig nickte, nach ihr sich erhob und eine feine prahlende
sentimentale Rede loslie, die den tapferen Friedrich feierte und als ein
Hauptziel des Krieges bezeichnete sein Haus wieder einzusetzen und sein
Schicksal zu rchen.

Trotz schwedischen Widerstrebens kam nach tagelangem Diskutieren ein
Beschlu zustande, besonders auf Drngen des Franzosen, der den Schweden
nicht das Zuviel an Macht gnnte. Die deutschen Stnde verlangten, von
Rusdorf gejagt, diesen Beschlu; sie wollten auch irgend etwas erreichen.
Dem Gefolge Oxenstirns war bekannt, da hinter diesem ganzen berfall mit
dem Erscheinen der Kurfrstin und dem Eingreifen des Franzosen nur Rusdorf
steckte; Rusdorf wute, da sein Leben bedroht war, aber tapfer agitierte
das ergraute Mnnchen hinter den Deutschen, trug den vornehmen Franzosen
jeden neuen Winkelzug zu. Es wurde den Schweden abgerungen die eroberte
Rheinpfalz; sie war sofort dem Hause Friedrichs zu bergeben. Nicht
entringen lieen sich die Schweden die Kontrolle ber die Festungen und
ber das Kirchenwesen. Laut sagte Rusdorf bei der Verkndung des
Beschlusses, da er ihn als Vertreter des pflzischen Hauses annehme. Fr
den Augenblick gebe man sich damit zufrieden. Er werde aber nicht ruhen,
bis auch die letzten Einschrnkungen gefallen seien. Als er im Begriff war
zu erklren, da der Beschlu bei dem Widersacher ein hmisches Lachen ber
die Uneigenntzigkeit der Fremden auslsen werde, drckte ihn begtigend
Feuquieres auf die Bank; die Schweden hatten ihn schon verstanden.

Trauerreich und glckvoll war die Einreise der Kurfrstin und des Bruders
Friedrichs, eines phlegmatischen Philipp Ludwig von Simmern, in die schne
sanfte Pfalz. Und als sie zum erstenmal den Neckar mit seinem blanken
flachen Spiegel wiedersah, an die prunkvolle Fahrt mit Friedrich in dem
Brautschiff dachte, und an das jh sich erhebende niederknatternde Unglck,
Prag, Dnen, Schweden, Krieg, endloser Krieg, sie alle gepret, jahrelang
gewalzt, verblichen der feine von ihr fast bersehene Friedrich, da weinte
sie hysterisch, wollte stundenlang nicht weiter fahren, verlangte nach
England, zu ihrem Bruder, dem Knig Karl. Sie wollte nichts wissen von
diesem Deutschland. Auch Rusdorfs Herz war erbebt beim Anblick der dunklen
Platte des sich hinschlngelnden stillen Neckars. Er besnftigte sie;
erzhlte sich bezwingend von den schnen Gemchern, die sie erwarteten. Mit
Mhe konnte er sie spter abbringen vom Jammern um die zerschossenen
eingescherten Flgel des Schlosses. Er selbst in Freude erweichend, lief
ber die Drfer, setzte die Amtsleute ein, knpfte alle Fden. Schrieb an
seinen alten leidenden Freund Pavel, der in den Niederlanden sa, lud ihn
zu kommen, des Grams ein Ende zu machen; bald werde die Kurpfalz von allen
Fremden befreit sein. Er lobte neckisch seine eigene Zhigkeit, die er mit
der Art einer Bremse verglich.

Genau einen Monat nach seiner Rckkehr auf Heidelberg wurde er an der Tr
seines Quartiers angenagelt gefunden. Er lebte noch, als man ihm unter
furchtbaren Schmerzen die Ngel aus den Handtellern gezogen hatte; die aus
den Fen konnte man nicht herausreien, sie waren durch die Knochen
getrieben. Es war schwedische Arbeit, wie er sterbend angab; er bat, die
Sache nicht zu verfolgen, sie sei aussichtslos. Pavel fand ihn nicht mehr
lebend vor. Die Beisetzung seines Freundes bernahm er. Viele hohe Herren
der rheinischen Kreise, auch fremde, waren zugegen; sie lobten den kleinen
entschlossenen Mann, beklagten seinen berraschenden Tod. Die Gerchte ber
die Todesart wurden unterdrckt.

Pavel bat sich die Tr aus, an der sein Freund gehangen hatte. Er berlegte
lange, ob er der Kurfrstin und dem Administrator nachgeben sollte und
Nachfolger Rusdorfs werden. In den Papieren Rusdorfs fand er dann
Aufzeichnungen, aus denen hervorging, da Rusdorf selbst es war, der ihn
damals in Wien fast ermordet hatte, aus Scham und in Sorge um ihre Aufgabe.
Aus Briefen mit einem Prdikanten, den der Tote eingeweiht hatte, ging
hervor, da er lange verfolgt war von dem wahnhaften Gedanken, Pavel
wirklich ermordet zu haben, und dagegen Hilfe suchte.

Den Kopf senkend erklrte sich Pavel bereit, an die Stelle des Toten zu
treten.

                   *       *       *       *       *

Die Gerchte, da der Herzog zu Friedland an der Spitze einer groen Armada
plane vom Kaiser abzufallen, berall verbreitet, erregten die bhmischen
landflchtigen Exulanten und die Unruhigen in Prag und auf dem Lande.
Niemand verstand diesen Mann, der offenbar die Sachsen ins Land gelockt
hatte, sie dann heraustrieb, mit Graf Thurn konspirierte, ihn gefangennahm,
freilie. Von dem Dresdener Komitee wurde Sesyma Raschin, der
schwarzhaarige Fanatiker, zum Herzog beordert. Er traf in Prag die
wohlbekannte Situation an: das Heer ringsherum in Winterquartieren, im
Hauptquartier scharfe Ttigkeit fr neue Werbungen, Finanzplne. Eine
Anzahl neuer Gesichter in der Umgebung Friedlands; Schweden Franzosen
Sachsen im Palast aus- und einkehrend.

Raschin wurde vorgelassen; mitrauisch horchte ihn der Herzog aus. Er hatte
geglaubt, der Kundschafter kme vom schsischen Hofe; als er von Bhmen
hrte, schimpfte er; ob wohl der alte Narr Thurn, das Gromaul, dahinter
stecke. Wieder und wieder versicherte Sesyma, da im Lande alles
vorbereitet sei, gespannt auf ihn warte, da die Schweden ihm behilflich
sein wrden; man htte gute Kunde von Bernhard von Weimar, da er dem
Herzog zu Friedland wohl vergnne, sich in den Besitz Bhmens zu setzen.
Ihr Schelme allesamt, keifte Wallenstein, der nur aus einem Auge blickte;
das andere, gichtisch entzndet, war mit schwarzem Tuch dick verbunden,
ihr haltet mich fr eine Leiche, da ich euch fr alle Gaunereien gut
genug dnke. Macht eure blen gefhrlichen Geschfte allein; seid wohl
schon tief im Morast, da ich euch herausziehen soll.

Sesymas Audienz war kurz; als er sogleich, schwer gekrnkt und enttuscht
abziehen wollte, wurde er vom Grafen Trzka und einem Grafen Kinsky am Arm
gefat und im Schlo festgehalten. Sie erwiesen sich als orientiert ber
das Vorhaben Raschins, schienen auch genaue Kenntnis ber die
friedlndischen Plne zu haben, baten ihn, zu verweilen, sei alles im Flu,
es drnge dem Frieden zu, er mchte nicht Mistimmung unter die Bhmen und
nach Sachsen tragen. Graf Kinsky erzhlte heimlich dem jungen aufhorchenden
Bhmen, er mchte nicht darber sprechen. Auch von franzsischer Seite habe
man dem Herzog das Knigreich Bhmen angetragen, Sesyma mchte sich im
Hintergrund halten, der Herzog schwanke, man wisse nicht genau, womit er
umgehe. Da er dem Kaiser bse wolle wegen seiner Absetzung sei sicher; es
drehe sich nur darum, ihn, den Herzog in die Zange zu bekommen, da er sich
nicht rhren knne, ihn aus seinen Zweifeln zu lsen. Die Stunde der
Schilderhebung rcke nher. Sesyma war ber diese Neuigkeiten sehr
beglckt, fragte, wie man denn den Herzog in die Zange kriegen werde. Das
sei nicht einfach, meinte Kinsky, der ein schlauer eitler lterer Kavalier
mit blassem bartlosen faltigen Gesicht war, es gehe darum -- nun, dem
Herzog zu helfen; Friedland schwanke, das msse man ausnutzen, man mu es
dahin bringen, da die kaiserliche Sache fr ihn ganz unannehmbar werde,
dann gbe es kein Besinnen mehr. Raschin merkte auf; staunend uerte er,
das sei aber ein hohes Spiel. Selbstgefllig Kinsky kichernd: was hohes
Spiel; er sei in Paris zu Hause, in Fontainebleau ginge er aus und ein;
beim Pater Joseph und dem groen Kardinal wrde ganz anders gespielt,
schlau, mutig und -- gottlos. Darber freute er sich sehr: gottlos, ja so
seien die franzsischen Diplomaten, aber das sei die wahre, rechte, die
einzige Schule. Und er gab dem Bhmen den Rat, sich nicht zu oft vor
Wallenstein blicken zu lassen, am Hof zu bleiben, in Bhmen und Sachsen
ruhig alles weiter betreiben, als werde der Herzog ihnen zufallen. Beim
Abschied flsterte Kinsky, die Augen aufreiend und drehend, er knne ihm
noch nicht alles verraten, aber der Herzog sei ihnen sicher; sucht Euch
schon jetzt ein Stck aus Niedersterreich oder Steiermark aus; was haltet
Ihr von Graz? Appetitlich, appetitlich, gelt?

Kinsky, der ein Schlo in Teplitz besa, verbannt war, zwischen Pirna und
Paris vagierte, die franzsischen Verhandlungen Wallensteins fhrte, machte
es sich zum Ehrgeiz vor den Herren in Fontainebleau seine Sache zu einem
glnzenden Abschlu zu bringen. Reich wie er war, steckte er sich die
franzsischen Dukaten ohne Dank in die Tasche; seine Arbeit war mit nichts
zu hoch bezahlt. Den Herzog vom Kaiser abbringen: eine famose Aufgabe, und
dabei gar nicht schwer; er war nur ein Glckspilz, da ihm das zugefallen
war. In den Konventikeln der konspirierenden Edlen lie er sich feiern; hin
und her geschleudert war man von den Ereignissen; man rstete, opferte fr
Waffen und heimliche Anwerbung groe Summen; der Augenblick des groen
Schlages rckte nher, der Bezwinger der Dnen und Schweden, Friedland,
hatte ihre Sache zu seiner gemacht.

Als der Herzog Kinsky den sonderbaren Brief Slawatas gab, wonach dem Herzog
von Wien Gefahr drohte -- Wallenstein nickte finster: vielleicht hat mein
Vetter selbst etwas gegen mich vor -- erwog Kinsky fr sich: es wird schon
etwas dran sein an dem, was ihr alter Freund Slawata schrieb. Er kam,
liebugelnd mit seinen Gedanken, auf den genialen Einfall, mit dem Grafen
Slawata, kaiserlichen Geheimen Rat, eine private Korrespondenz zu beginnen,
ihre alte Bekanntschaft zu erneuern. Ich treibe meine eigene Politik,
sagte er entzckt zu sich, als er den ersten schwadronierenden Brief nach
Wien loslie, erklrte sich fr einen besonderen Intimus des
Generalissimus. Er gedachte Tropfen um Tropfen Gift in Slawatas Ohr zu
trufeln, bis er den Herzog unmerklich soweit hatte wie er wollte und der
Herzog gebunden wre. Wir werden sie kriegen, seufzte er glckstrahlend
sich in seinem Klingenbeschlag spiegelnd, wir werden sie kriegen. Die
Herren an der Seine werfen sich zu sehr in die Brust. Es ist nicht ntig.
Es ist berflssig, meine Herren; habt nur etwas Geduld. Lautsprechend
erhob er sich von seinem Schreibkabinett, schneidender Ton in der Stimme:
Der Kardinal von Richelieu, Armand de Plessis, der Pater Joseph! Sieh da,
wohlan, sieh da.

In dem Augenblick, wo der Herzog seine Neigung offenbart hatte, mit den
Widersachern in eine nicht genauer bestimmte Verbindung zu kommen, hatte es
in seiner Umgebung zu wallen begonnen. Aus bloen Dienern und
Schleppentrgern wurden Akteure, die sich mit Rllchen und Rllchen nicht
begngten, Lust bekamen, sich zu emanzipieren und um sich Zirkel zu bilden.
Man trat von auen an sie heran, lockte sie, das Geld lockte, die Eitelkeit
lockte, der Wunsch einander den Rang abzulaufen. Immer stie der
Friedlnder mit gewaltiger Faust dazwischen; rasch wie nach einem
Platzregen ebnete sich wieder die Erde, der Schwarm schlo sich, wogte um
ihn. Er brauchte sie, keine geschriebene Zeile gab er von sich, die
Menschen schwatzten.

Der blonde naive Graf Trzka hatte sich erhoben; er ri in diesem schweren
schwingenden Winter an Arnim, dem schsischen Feldmarschall. Erst sa er in
Arnims Quartier, suchte ihn zu verlocken, zum Herzog berzugehen, ohne den
Kursachsen zu befragen, da Wallenstein vorhatte vom Kaiser abzuziehen.
Davon wollte Arnim gar nichts wissen; er ruhe im Vertrauen seines
kurfrstlichen Herrn und werde es nicht tuschen; und dann fand er, da
Friedlands Verhalten im vergangenen Sommer und Herbst nah an Betrug
gegrenzt habe; es sei alles schon leidlich im Wege gewesen, als Friedland
Zwang ben wollte. Sachsen habe er verwstet; die kurschsische Durchlaucht
habe einen Eid von einigen tausend Sakramenten geschworen nach den
geschehenen Untaten, sie wolle nichts mehr von solchen betrgerischen
Traktaten wissen. Als Trzka berlegen lchelte, den Kopf schttelte,
geschickt die letzten Daten zusammenstellte, wonach Wallenstein fast nichts
brig bliebe als vom Kaiser abzufallen, nichts brig, ja, da Wallenstein
entschlossen, vielleicht gezwungen sei in Krze mit offenen Karten zu
spielen, erklrte sich Arnim, immer dem Herzog im Innern anhngend und ihn
verehrend, bereit, Trzka weiter zuzuhren und fate ihn fast ngstlich bei
der Hand.

Er mchte, bat der Bhme, doch dem Herzog als erster nachgeben. Man stehe
sich zweifelnd gegenber, knne nicht von der Stelle; peinvoll sei die
Situation des Herzogs, wenn er den ersten Schritt tun solle, der doch fr
ihn der einzige wre: zum Sachsen gehen, die Heere zusammenwerfen. Hinter
Wallenstein stnde nichts, kein ererbtes anhngendes Land; er sei im Moment
vogelfrei; man msse sich in ihn versetzen, und wer kenne nicht seine Wut
auf Wien.

Leidenden Herzens folgte Arnim dem geschickten Unterhndler, suchte seinen
Kurfrsten auf. Vor dem jovialen dicken Herrn und seinem spitznsigen
Kammerdiener keine Andeutung von den friedlndischen Machenschaften. Arnim
htte alles riskiert; ein Untergebener, der mit seinem Gehorsam spielt, war
Johann Georg ein abscheuliches verchtliches aberwitziges Vieh.
Unaufrichtig brachte Arnim vor, was er wollte: er fhlte sich gezwungen und
verstrickt in das friedlndische Netz. Nach Ringen und Wrgen gewhrte
milaunig Johann Georg ein neues Verhandlungsrecht; aber da Arnim das Heer
nicht in miliche Position brchte. Ihn hatte das brutale Vorgehen der
Schweden in Heilbronn, die bervorteilung der wehrlosen Pflzerfamilie
heftig gekrnkt; er wollte ab von Schweden. Wieder hoffte er, mit seinem
gndigen Herrn, der erwhlten Rmischen Majestt, in frstlich treue
Verbindung zu kommen.

Her, her! schrie Wallenstein, der vllig blind auf einer Bank inmitten
der Ritterstube sa, die verdunkelt war; beide Augen lagen unter heien
Tchern, die der stille Doktor Strpenius sehr oft am Ofen wechselte; seid
Ihr allein, Arnim, wer ist mit Euch? Da war noch der rotbckige muntere
Oberst Burgsdorff, ein Brandenburger. Das erfreute den Herzog; er nannte
sich ein geblendetes Huhn, das auf einmal zwei Krner gefunden habe. Aber
will Eure frstliche Gnaden uns picken? -- Nein, er vermchte zur Zeit
nicht gut den Schnabel zu fhren, die Schelmereien sen ihm in den Augen
und Fen; ob sie nicht wten, da der Kaiser vorhabe, ihm einen Strick um
das Bein zu legen, damit er nicht zu ihnen schwenke. -- Sie kamen auf die
Friedensbedingungen, die Wallenstein entworfen hatte. Rittmeister Neumann
las vor: die bhmischen Aufstndischen sollten amnestiert und entschdigt
werden, die Jesuiten heraus aus dem Reich, Religionsfreiheit, Rekompens an
die schwedische Krone.

Burgsdorff, Arnim anstoend: das sei recht schmackhaft, aber man sei nicht
sicher, da so aufgetafelt werde. -- Warum nicht. -- Wegen des katholischen
Satzes: dem Ketzer sei keine Treue zu halten. Gottes Schand'. Wie bin ich
den Hundsfotten, den Jesuiten gram, die das Wort aufgebracht haben. Ich
wollte, der Teufel htte sie geholt, wollte sie ihm nicht aus dem Rachen
ziehen. Gott soll kein Teil an meiner Seele haben, Ihr Herren, wenn ich
anders meine. Und will der Kaiser nicht Frieden, so will ich ihn dazu
zwingen. Und der Bayerfrst hat das Spiel angefangen. Ihm soll das Land
ruiniert werden, da weder Hahn noch Henne noch Mensch drin zu finden ist.
Denn ich will einen ehrlichen bestndigen aufrichtigen Frieden im Reich
stiften.

Das befriedigte sie beide sehr. Sie fixierten gemeinsam mit Neumann,
rittlings auf ihren Schemeln sitzend, die Punkte auf ihren Schreibtafeln.

Friedland bot indessen, den Strpenius am Hals umschlingend, mit ihm durch
den Saal tappend, ein sonderbares Bild. Er schien, den grauen
unordentlichen Kopf vorgebeugt, durch die Tcher gierig sehen zu wollen. Es
machte auf die beiden fremden Herren einen schrecklichen angsterregenden
Eindruck, wie er an den Wnden entlanggefhrt, den Unterkiefer
herabgefallen, sich nach dem Schall orientierte, den vorgestreckten Kopf
hindrehte. Man sah ihm in den roten Mund, fast in den Rachen; die
geschwollene Zunge lag und wlzte sich im nassen Speichel. Er sprach mit
schwerer schnarchender Stimme; sein Gesicht lang, Mulden an den Schlfen
Wangen. An den Tisch gefhrt, stehend an der Kante sich haltend, fragte er
stolz und hmisch knurrend, was die Herren von seinen Vorschlgen hielten.
Sie gaben schreibend zurck, es sei gutes Fahrwasser. -- Das solle es wohl
sein. Machen wir uns keine Sorge, was die andern denken. Wer viel fragt,
kriegt viel Antwort. So blieb er stehen, horchte wie sie schrieben. Was
haltet ihr von den Trken, fing er pltzlich an; man soll sie nicht aus
den Augen lassen. Wir zanken uns hier alle auf dem tna. Dem Schweden ist
der Trke nicht grn gewesen, wie er einen Gesandten hingeschickt hat. Die
Rmische Majestt fand ihren Gesandten auch nicht besser empfangen. Der
Groherr ist uns allesamt nicht grn. Der hat seine Lust an unseren
Kriegen. Und dann marschierte er wieder herum mit Strpenius,
schwadronierte von der gemeinsamen Christenfront gegen den Sultan; das
wrde ein Spa werden; die Kreuzzge seien der europischen Christenheit
noch immer im Leibe; er warf mit Angriffsplnen um sich. Wie sie sich
verabschiedeten, forderte er Trzka vor sich.

Bist du da, Trzka? tastete er sein Gesicht. Die Brschchen, die
Brschchen. Dem Ketzer ist keine Treue zu halten. Dazu ist es Not Ketzer zu
sein. Es geht sogar gnzlich ohne Taufe, hoho. Das sind Helden. Wir fhren
Krieg, ich stell' ihm ein Bein, und das ehrbare Frulein seufzt: >das
schickt sich nicht; ich hab's nicht so gelernt; bei der Muhme Ulricke
ging's anders zu<. Trzka wollte Neumann entfernen; Wallenstein, der es
merkte, donnerte: Das ist mein Blut, la ihn, befiehl ihm nichts. Setz'
mich, Strpenius. Was willst du sagen, Trzka. Er donnerte in falscher
Richtung.

                   *       *       *       *       *

Das Lager bei Pilsen. Um die Mauern Holzhtten Zelte Hhlen Gehfte, in die
Nachbardrfer bergehend, meilenweit ausgedehnt, Stoppelfelder Gehlze
zwischen sich fassend. Nahe der Stadt von Smpfen umgeben, durch Grben
Wolfsfallen abgegrenzt, nur auf Brcken zugnglich die Artillerie, lrmende
qualmende Schmieden, wandernde Posten, Kanonenrohre auf Wagen, auf Heu, von
Segeln berspannt, einsam schwarze Kugelhaufen. Vor den Htten kriechende
schleppende reitende Sldner, ber die Ziehbrunnen schwrmend, schimpfend,
Ochsen und Schweine treibend. bende Fhnlein von Musketieren; Weiber vor
Htten und Erdlchern an Feuern, kochend, lachend, im Geschrei mit Kindern.
Hohe breite Reisewagen, leinenberzogen, von Reitern eskortiert, ber die
cker in der Anfahrt auf Pilsen, mit Offizieren.

In der kalten Morgensonne trugen schlfrige Stckknechte auf den Schultern
Bandhacken, langstielige Ladeschaufeln, Hebebume nach dem Artilleriepark
herber. In kleinen Verschlgen klppelten Tischler an Spannbnken fr die
Sehnen der Armbrste. Von Zeit zu Zeit wtendes Geklff, gelle
Menschenrufe.

Musik; Kompagniefeldspiel im langsamen Schritt von der Stadtmauer herber;
batiefe Soldatenstimmen: Wir zogen in das Feld, wir zogen in das Feld, da
hatten wir weder Sckel noch Geld. Wir kamen vor Siebentor, wir kamen vor
Siebentor, da hatten wir weder Wein noch Brot. Wir kamen vor Friaul, wir
kamen vor Friaul, da hatten wir allesamt leeres Maul. Strampe de mi,
strampe de mi, alla mi presente, al vostro signori. Der Fhnrich spazierte
neben dem federwallenden Hauptmann, die Rennfahnen am Grtel vor dem Bauch
aufgestemmt, lange Stange mit steifem Blatt, darauf das bunte Wappen des
Hauptmanns, junge Vgelchen aus einem Neste die Hlse reckend. Der
Hauptmann ging in ein kleines Haus am Weg, die Kompagnie lste sich.

Drei Musikanten spielten vor dem Huschen weiter, Schellenspieler Trommler
Pfeifer, zierlich die Beine lpfend, bekleidet mit bauschigen Hosen bis zu
dem Knie, mit langen seitlich fallenden Schleifen bebndert; an den Fen
spitze Schuhe mit Band und Schnalle. Sie trugen auf den Kpfen groe
breitrandige Hte mit Puscheln. Kinder und Hunde liefen um sie.

Dem Trommler hing ber der rechten Schulter der knopfbeschlagene Ledergurt,
daran die Trommel vor dem linken Bein. Whrend die eine Hand lssig auf dem
blitzenden Trommelrand lag und fein, wie unwillkrlich, Wirbel rollte,
lauter leiser wie eine gurrende Nachtigall, hob sich die andere rechte
elastisch mit wippenden Bewegungen, warf knappe Schlge hin. Unentwegt die
linke; die rechte schlo ihren langziehenden Wirbel manchmal an, wie
mitgerissen, dann prasselte rasselte sie ber das Fell, da der Trommelsarg
ber dem angehobenen folgsamen Knie schtterte und ihm bis in die Zehen der
Wirbel drang. Er lchelte, seine Augen zuckten. Der Schellenspieler war ein
blitzjunger Mensch. Er hielt die linke Hand sanft in die Hfte gestemmt.
Die fliegende Seidenschrpe wehte nach rckwrts um ihn. In der rechten
Hand trug er den meterhohen Stock, an der Spitze ein blinkender Stern mit
Glckchenbehang. Er sah, als wenn er vor niemandem spielte, schweifend ber
die Kinder, schien von nichts gefesselt zu werden. In einer Pose, in die er
sofort mit Anmut versank, stand er fest, nichts bewegte sich an ihm, nicht
Kopf, Fu, Rumpf, nur zwei Augen, ihre Lider und der rechte Arm. Und auch
der war meist an den Rumpf gedrckt, der Unterarm angehoben; spielendes
Handgelenk. Mit den kleinsten Rucken Drehungen wute er den Schellenbehang
zum Zwitschern Klingen Klappern, stolzen lockenden Schmettern wie aus
tausenden Vogelschnbeln zu bringen; und wenn er seinen Stock wie eine
Fahnenstange hochschwang, die Beine wechselte, senkte er den Kopf, blickte
trotzig auf seine Schuhspitzen. Der Pfeifer fhrte sie. Am Bandelier zur
Rechten hing ihm die Gabel herab. Er ruhte nicht, folgte selbst seiner
Melodie. Sein Mund, seine laufenden Finger ergingen sich, spreizten sich,
drckten sich an das runde Rohr. Sie erregten, besnftigten es liebevoll
wie ein Tier. Schmachtend blickte er aus schwarzen Augen.

Unter trbem Regen- und Schneewetter kamen nach Pilsen gefahren Graf
Schlick und Questenberg. Sie hatten am ersten Tage einen Besuch des
liebenswrdigen Grafen Trzka und Rittmeisters Neumann zu berstehen, die
sich im Auftrage des Generalhauptmanns nach Quartier und Befinden,
ersichtlich auch nach ihrem Vorhaben erkundigen sollten. Vor den
Generalhauptmann von Trzka gefhrt hatten Schlick und Questenberg die
gleiche schreckliche Empfindung wie einmal Kaiser Ferdinand: da dieser
Mann gegen den Tod rang, der ihm schwere Gewalt antat. Jede Bewegung stie
eine Hemmung nieder; wund die Gelenke, trocken der Krper; Wein und Wasser
schttete der Herzog in sich hinein; es verdampfte wie auf einer heien
Pfanne. Aber keine Spur von Hilflosigkeit, Verbitterung; nur hufiger als
sonst Wut und knirschende Ausflle. Questenberg sah erschttert, wie er
seinem alten Gnner die knochige schwache Hand drckte und streichelte, da
Wallenstein blind war fr das, was ihm geschah.

Der trbe bigotte Schlick gesackt in lauernder Stumpfheit auf dem
eigentmlich hohen Schemel, den man ihm zugeschoben hatte. Ein hollndisch
gebautes Gemach in dem Pilsener Wohnhaus; mattes Tageslicht aus vielen
niedrigen Fenstern, weirote Steinfliesen am Boden, Schiffsbilder ber der
dunkelbraunen Wandtfelung, auf dem viereckigen grnverdeckten Tisch pfel
und Weintrauben in Glasschalen. Im Hintergrund in die Wand verschoben
niedrig riesig ein Bett, darber ein grnseidener flacher Himmel. Vor dem
Bett der Herzog, verwittert, zittrig, Wein im Becher neben sich, allein auf
der Bank. Er vor dem Bett erkundigte sich, seine Lippen auffallend schlaff
und lang, die Augen rot und vorgetrieben, mit alter geruschvoller
Heftigkeit nach dem Befinden der Herren, ihrer Reise, der Rmischen
Majestt, der er bald wieder eine Aufwartung zu machen gedchte. Und ob es
wahr sei, da die Majestt sich von den politischen Geschften
zurckzuziehen gedchte. Schlick sprach von einfltigen Geschichtentrgern.
-- Der Herzog sich anlehnend: so, der Kaiser betriebe also die Geschfte
wie zuvor, bekmmere sich, nhme an den Beratungen teil. -- Schlick sehr
ruhig: wie sonst. -- Das sei herrlich. Denn er htte sich Gedanken gemacht,
wie sie einem kommen knnten, der weit vom Schu sei. Es sei auch Art der
Rmischen Majestt gewesen, an ihn persnlich ein Brieflein mitzugeben,
wenigstens sonst -- oder trgen sie es vielleicht noch bei sich und htten
es vergessen. -- Nein, sie htten vom Kaiser keinen Brief; es sei alles
mndlich beredet. -- Darauf langes Schweigen, Graf Trzka trat neben die
Bank des Herzogs. Der blitzte den Grafen Schlick an. Nach Austausch eines
Blickes mit Schlick errterte Questenberg die schwierige finanzielle Lage
des Erzhauses; fast demtig schlielich die Frage: ob sich das Heer nicht
besser etwa in Thringen finden wrde, damit die Erblande sich etwas
erholen knnten. -- Ob dies vom Kaiser stamme. -- Es sei in mehreren
Beratungen des Hofkriegsrats und des Geheimen Rates besprochen worden. --
Der Herzog ohne die Augen zu erheben: also welche Quartiere sie fr ihn
vorhtten. -- Wie gemeldet, Thringen. -- Sie wten, es stnde ihm frei
nach seinem Vertrage sich die Erblande zum Rckzug zu nehmen. -- Es sei ein
Wunsch, sie wten es. -- Man habe nicht vor an dem Vertrag zu rtteln? Er
fixierte beide scharf. -- Keineswegs; ein Wunsch. -- Man wird mich nicht
mit einem Vertrag aufs Glatteis locken und im entscheidenden Augenblick mir
ein Bein stellen. Darum: er werde es sich berlegen. -- Schlick immer
gleichtnig: es kme nicht auf vierundzwanzig Stunden an; sie knnten
einige Tage in dem artigen Stdtchen verweilen. -- Wallenstein: er werde
ihnen im Lager Unterhaltungen verschaffen, italienische Snger,
Schlittenfahrten, wenn das Wetter es gbe. -- Schlick kalt: er sei ein
alter Mann; fhre nur Befehle aus. Und es sei ihnen schlielich nicht
unangenehm, einige Tage im Lager zu verweilen. Sie htten Lust die neuen
Offiziere kennen zu lernen, welcher Geist in den jngeren Generationen
stecke; man belebe sich gern an ihnen. -- Questenberg spie pltzlich,
aufstehend; er hasse den Schreibbetrieb aufs Blut; wolle nicht gar so tief
in das Lager blicken; bekme vielleicht Lust, wieder die Pike auf die
Schulter zu nehmen. -- Der Herzog knurrte ihn freundlich, leicht hhnisch
an: wem ginge es nicht so; aber schlielich seien schon bald dreizehn Jahre
um, da man sich herumbalge. Werde er nun sehen und sich angelegen sein
lassen, den Krieg zu beenden. -- Questenberg freudig: dazu mchte Gott
seinen Segen geben.

Runzelte Schlick seine niedrige Stirn, schob den Kopf in die Hhe, den Hals
reckend, wie ein Laternentrger, der das Licht an der Stange anhebt: so
reiche sein Verstand nicht soweit, er she noch kein Ende des Krieges;
wrden alle Schlachten geschlagen sein, damit am Schlu die Feinde
triumphierten und sich freuten, so gut davongekommen zu sein. -- O, o,
lchelte der Herzog, der Herr Graf sei schon lange nicht an der Spitze
einer Armee gestanden. -- Er denke schon, sa Schlick da, da seine
Erfahrungen ausreichten. Der Krieg gestern sei nicht anders als der
vorgestern. -- Nein -- der Herzog -- nur die Bleiplatten an den Sohlen, mit
denen man zur Schlacht gehe, seien schwerer geworden. -- Mit Bleiplatten,
Schlick strker grollend, knne man auch am Fleck stehen bleiben. Mit
Bleiplatten knne man ein Heer zu Hause behalten. Mit Bleiplatten brauche
man kein Heer. -- Immer abgekhlter freundlich der Herzog: Es sei auch
unter Umstnden das Beste. -- Dann brauche man eben kein Heer. -- Eben. --
Dann, dann -- Schlick mit sich ringend, zum Wutausfalle bereit -- sei ja
alles berflssig, alles. -- Ihr meint, ich auch. -- Wartend der andere,
dumpf erregt, ihn anglotzend. -- Wallenstein stie ein Lachen heraus:
Wovon wir da reden. Was meint ihr, Questenberg, Trzka. Wir sind
Schuhmacher; wir reden von Bleiplatten an den Sohlen.

Der mit Silber und Samt ausstaffierte sporenrasselnde Trzka warf an den
kleinen Fenstern wandernd erregt seine Locken; lachte mit unnatrlich
starrem Gesicht und feuchten Augen, den Herzog willkrlos nachahmend: die
Bleiplatten; er kenne ein Mrchen, ob er es erzhlen drfe.

Mit fast gehssigem Blick auf ihn sank Schlick in sich. Wallenstein
schluckte Wein, krchzte: nur reden sollte er; die Herren wrden es gern
verstatten. Mte aber spaig sein.

Es gibt einen Schwarzspecht, man findet schwer den Baum, wo er nistet. Hat
man den Ort gefunden, so mu man ihn sich merken und warten, bis das
Vglein brtet. Und wenn die Brutzeit vorbei ist, soll man hinauf, wenn der
Vogel aus ist, die ffnung verspunden. Der Specht kommt wieder, und sobald
er merkt, die ffnung ist verspundet, fliegt er fort, halbe Tage lang und
sucht und findet einen Ort, da wchst ein Kraut, das heit Springwurzel,
und bringt es. Rasch soll man auf eine Leiter vor das Nest, ein rotes Tuch
vors Gesicht gebunden, einen kleinen grnen Wedel in die Faust, und immer
nicken, nicken damit und mit dem Fu klappen, als tte er's selbst am Baum.
Dann erschrickt der Specht, weil er glaubt, es seien seine Jungen ein so
nrrisches entartetes Volk, und es gehe ein Zauber um, schreit, lt die
Springwurzel fallen, schreit nochmal, flattert davon. Das Kraut aber soll
man mit dem roten Tchel vom Boden aufheben und sorgsam bewahren und
einwickeln, man kann damit verschlossene Tren ffnen, Geleimtes Geltetes
lsen, Ketten sprengen.

Trzka lachte heiser, erregt nach vorn gebeugt zum Grafen Schlick herber:
Ich bin schon fertig. Wallenstein: Habt Ihr solch Kraut, Trzka? Nein,
Eure Durchlaucht. Ich nicht. Vermute aber, des Grafen Schlick Liebden sei
in solchem Besitz und Vermgen. Hat er doch etwas mit den Bleiplatten vor,
die Eure Durchlaucht an den Fen tragen. Schallender Lachausbruch Trzkas,
zusammentnend mit Friedland und Questenberg. Trzka stammelnd: Und da ich
soviel von solchem Wunderkraut gehrt habe, htte ich gern gesehen, wie es
sich besieht und befhlt. Mu gar artig und klein sein, da es schon solch
winzig Tier im Schnabel fhren kann. Mcht' gar sehr darum bitten, es mir
zu zeigen, wenn Ihr's im Sack tragt. Sthnend hielt Wallenstein im Lachen
sich die Rippen; dann mit den Armen abwinkend: So lat den Herrn Bruder zu
Wort, so redet nicht. Ich bin gar begierig.

Das phlegmatisch schwere Wesen schien von der Unterhaltung wenig berhrt.
Er wte nicht, worauf des Herzogs Durchlaucht so begierig wren; htte er
und Questenberg schon alles berhrt, was sich sagen liee; vermiten sie
doch nur das Wort Wallensteins. Trzka fast triumphierend: Ihr habt es
berhrt, da die Armee sich nicht genug schlage. Berhrt, gesagt, als
Auftrag und als eigene Meinung. Das ist es ja. Und so mt Ihr doch die
Wurzel bei Euch haben, mit der Ihr den Herzog, meinen Schwager, springen
machen wollt. Schlick stand drohend auf: So mu ich Herzogliche
Durchlaucht fragen, mit wem ich verhandle, ob mit dem Generalfeldhauptmann
oder mit dem Herrn Grafen, des Herrn Schwager. Da hatte Wallenstein einen
langen scharfen Blick auf Trzka und den Grafen Schlick gerichtet. Leise bat
er seinen Schwager die Possen zu lassen. Die Auffassung in Wien ist,
Schlick, da die Kaiserliche Majestt ein groes Unrecht tat, als sie den
bayrischen Kurfrsten hilflos im Stiche lie gegen den Schweden. Es hat
sich das Gewissen bei uns geregt, strker und strker, in Anbetracht der
groen uns von Wittelsbach zuteil gewordenen Wohltaten, die im ganzen Reich
bekannt sind, da wir nicht zusehen knnen, wie er die Beute des Feindes
wird. Er hat dem Erzhause in Bhmen und bei tausendfltiger Gelegenheit
anderer Art geholfen aus dringender Lebensgefahr. Das soll von einem edlen
Kaiser unvergessen bleiben. Auch der Geheime Rat hat sich diesen Bedenken
nicht entziehen knnen. Und so ist nach vieler berlegung beschlossen
worden, unverzglich Eurer Herzoglichen Durchlaucht Entscheid auf
Beschleunigung der Kriegshandlungen herbeizufhren. Leise Wallenstein:
Genug, Herr Bruder. Was wollt Ihr. Die Winterquartiere mssen
abgebrochen werden; Euer Heer ist kaum geschwcht; der Abbruch des Angriffs
auf Regensburg hat die ganze Welt verblfft, man lacht ber die Manahmen
der Armee unserer Kaiserlichen Majestt. -- Wer wird das wohl sein, der
lacht; wer war verblfft. -- Die Italiener spotten, die Spanier. Herr
Bruder, lassen wir das, was hat er vor, sprech er sich aus, sollen wir den
Bayern vergehen und verderben lassen. Die Italiener und Spanier. Was
haben die Vter der Jesugesellschaft gesagt. Sie haben doch nicht
geschwiegen. -- Lassen wir das, Herr Bruder. Sprech er sich aus. -- Die
Herren von der Jesukompanie haben sich dahinter gesteckt und nachdem sie
die Heilige Kirche regieren, glauben sie auch ein Heer und die Politik
regieren zu knnen. Wir werden aber selbst wissen, wie wir zu marschieren
haben. --

Questenberg wollte sprechen; Friedland wischte an seinen roten Augen, aus
denen es troff, senkte seine Stimme, schob ihnen Wort fr Wort hin: Es ist
genug gekriegt im Reich. Verludert und vernichtet ist genug. Es kann sich
jeder damit zufrieden geben, Soldat und Geistlicher. Sei den Herren gewi:
mir liegt nicht an der ewig fortwhrenden Verwstung. Wr ja ein Instrument
des Satans, wenn ich's tte. Es bleibt dabei: wir steuern auf den Frieden
zu. Wenn man auch und wer auch zetert.

Questenberg: Soll uns doch nichts willkommener sein.

Herr Questenberg. Sind andere kriegerischer als wir Soldaten. Ich werde
einen Krieg um den Frieden zu fhren haben.

Questenberg milde: Graf Schlick hat gezeigt, woran uns liegt und was uns
herfhrt. Wir wollen erfahren, was Euer Durchlaucht im Sinn haben,
verkennen gewi nicht die Schwierigkeit der Lage. Das wei ich. Fragt
aber einmal den Herrn Bruder hier, was die Vter der Jesugesellschaft
begehren. Schlick hochgestemmt, brllend: Ich bin im Auftrag der
Kaiserlichen Majestt da. Wir haben kaiserliche Auftrge abzulegen.

Und ich sitze hier, Herr Bruder, im Auftrag derselben Kaiserlichen
Majestt. Habe schon lange ein kaiserliches Heer gefhrt und Siege
errungen. Zeige mir der Herr Bruder seine Vollmacht. Was soll das
heien. Da ich wei, da nicht Ferdinand der Andere sie unterzeichnet
hat, sondern -- vielleicht der Herr Bruder selber, oder mein alter Freund
Eggenberg oder Trautmannsdorf. -- Meine Vollmacht wird der Herr Bruder
sehen. Die Kaiserliche Majestt hat sie gezeichnet. Werde mir mein Urteil
ber Euren Auftrag zu bilden wissen. Setze sich der Herr Bruder. Es tut mir
leid ihn zu krnken. Als sie eine geraume Zeit geschwiegen hatten, brachte
wieder stumpf und ruhig der graue Schlick, der die Augen nicht von den
Steinfliesen hob, hervor, da sie sich bereithalten wrden die nchsten
Tage, die Antwort des Herzogs auf das noch schriftlich anzubringende
Ersuchen entgegenzunehmen. Die Herren verabschiedeten sich feierlich.

Wo Friedland gesessen hatte, fanden Trzka und Neumann, die die beiden
Herren auf die Diele begleitet hatten, als sie zgernd zur Tre
hereintraten, einen bekleideten Krper auf der Bank vor dem Bett, rckwrts
gelehnt, den Kopf, das ausgehhlte Gesicht zurckgebogen. Er brllte vor
Gelchter. In grenzenlosem Schwall. Der Raum tnte, der Herzog erfllte ihn
wie ein Tier mit seinem Gerusch und sa mitten in dem Lrm, den er
erzeugte. Fremdartig, monologisch war das Gelchter, da sie erschreckt und
in peinlicher Beschmtheit zur Tre zurckgriffen. Der Kammerdiener brachte
den Herzog zu Bett.

Sie setzten sich, wieder eingelassen, um den grnverdeckten Tisch. Aus dem
Bett rollte es: Habt Ihr verstanden, was vorgeht. Sie greifen an die
Wiederkehr von Regensburg. Und weil es nicht so leicht geht mit dem
Absetzen, ein anderes Plnchen: die Armee ruinieren. Was ist er, der
Friedland, wenn er keine Armee hat. Trzka, sich quer auf die Bank vor dem
Bett setzend: Der Plan soll ihnen vergehen. Es ist der Bayer, der dahinter
steckt. Recht, Trzka, die Jesuiten und der Bayer, der Hundsfott. Er will
wieder hochkommen. Beien will er mich, weil ich ihm nicht pariert habe. In
Zirndorf. Soll ihm der Schwede das Land verwsten. Nicht Hahn noch Henne
soll er drin lassen. Neumann flehentlich: Wird Euer Durchlaucht wieder
nachgeben? Er hatte Trnen in den Augen; der Anblick seines Herrn griff
ihn an. Was wieder? Vermeine wie zu Regensburg. Der Herzog bse
lachend: War nicht nachgegeben zu Regensburg. War aufgeschoben bis zum
nchsten Male. Bis ich sie haben wrde. Der Bayer hatte den Kaiser
untergekriegt. Und jetzt ist er eben dabei. Ich -- -- gebe nicht nach, und
wenn mich darber der Satan mit Zangen in die Hlle holt. Neumann leise:
Die Armee bleibt, wo sie ist; sein Gesicht leuchtete. Ja, eher schmeie
ich sie mit dem Schweden zusammen und wir berziehen gemeinsam den
Uranfnger des Krieges, den schlimmen Bayern; es wre meine Lust.

Da hatte Trzka einen gesiegelten Bogen an der Tr aufgehoben, der ihm
vorher in der Eile aus dem Arm gerutscht war, brachte ihn pfeifend an: Ah
sieh da. Lest vor, Neumann. Questenberg gab es mir vorhin, er htte es
versumt bei der Unterhaltung. Es war die schriftliche Fixierung des
kaiserlichen Ansuchens an den Herzog. Klagen ber den schlimmen Verlauf des
Sommerfeldzuges, ber das traurige Schicksal Bayerns, dann Hoffnungen auf
baldige Befreiung Regensburgs, die Verlegung der Winterquartiere.
Schlielich ein Nachtrag betreffend den Mailnder Gouverneur Feria und die
spanischen Truppen: der Herzog zu Feria rcke nach den Niederlanden, wo die
Infantin Isabella Hoheit auf den Tod daniederliege und tgliches Ableben zu
erwarten sei. Des Herzogs zu Friedland Durchlaucht wurde ersucht, dem
heraufziehenden Mailnder und seinen spanischen Truppen nichts in den Weg
zu legen und ihn in jeder Weise zu befrdern, wenn er auf dem
Kriegsschauplatze erscheine. Der Spanier wrde einem Wunsch des Knigs
Philipp zufolge sich dem bedrohten Kurfrst von Bayern attachieren; man
wnsche, Aldringen mit den kaiserlichen Truppen mge nunmehr vllig dem
Bayern unterstellt werden.

Wallenstein aufgesetzt, den Kopf eingezogen, der Ausdruck wechselnd
zwischen Hohn und Freude. Wir haben sie bei den Ohren, die tapferen
Kriegshelden. Sie haben nicht gewagt, es abzugeben. Es htte mich zu arg
gebissen meinen sie. Bei den Ohren. Mein alter Questenberg, sieh da.

Trzka: Ein trauriges auerordentliches Schelmenstck.

Ich will mit den Bestien einmal reden. Witzig genug will ich sein; sie
wissen bald nicht, wohin sie den Kopf stecken sollen.

Der blonde Trzka schmetterte seinen Degen ber den Tisch: Der Spanier den
verruchten Bayern beigesellt. Aldringen dazu.

Die Jesuiten wissen, was sie vornehmen. Wenn's bel ausgeht, finden sie
ein anderes Kollegium, der Kaiser aber kein anderes Land. Trzka, du wirst
dein kleines Weibchen eine Weile nach Kaunitz schicken mssen. Wir werden
einige heie Wochen bekommen. Sieh an, sie zwingen mich. Sie setzen uns den
krummen Feria auf die Nase. Es ist mir keine Freude, ich hatte es anders
vor. Ein Wunsch des Knigs Philipp, den giftigen Bayern zu untersttzen:
haha, das setzen sie mir vor. Der Feria soll sich nicht mibrauchen lassen,
er ist mir unterstellt, er mag es mit mir aufnehmen. Der Herzog diktierte
im Bett den Befehl an den Mailnder, sich seiner Wege zu scheren und nicht
unaufgefordert sich in deutsche Kriegshndel zu mischen. Es werde ein
deutsches Fhnlein ihm entgegengesandt werden, um ihn den richtigen Weg
durch Deutschland und aus Deutschland heraus zu fhren. Friedland legte
sich zurck: Die Jesuitenkanaille riecht den Braten. Neumann, die
Schreibtafel ablegend: Ilow trifft heute ein aus den Quartieren; wir
werden ihn orientieren mssen. Heie Wochen, Neumann. Ilow soll das Lager
kommandieren. Ilow wird sich freuen.

Der Herzog stellte den beiden Fremden Schlitten zu Fahrten zur Verfgung.
Sie machten davon keinen Gebrauch; sie frchteten, da sie von den Fahrten
nicht lebend heimkommen wrden. Theaterspiele lehnten sie ab, suchten,
unmerklich von Spionen des Herzogs umgeben, Berhrung mit den hohen
Offizieren des Lagers. Es erregte die Freude Trzkas und auch des Herzogs,
als es schien, die Herren nherten sich besonders dem Grafen Gallas, dem
strengen wrdigen Mann, der von dem Herzog hochgeehrt war; an ihn lieen
sie ihn gern heran. Gallas konnte dem spionierenden Trzka dann aber nichts
Rechtes von den Unterhaltungen berichten; die beiden Fremden htten ihn nur
ber Lagerzucht und wie fest die Kriegsoffiziere und Obersten zu ihrem
Feldhauptmann stnden ausgeholt.

Graf Gallas vermeldete nicht, was die beiden kaiserlichen Gesandten ihm auf
Zetteln, da sie nicht zu reden wagten vor Lauschern, zugetragen hatten: da
man den zu Friedland einer zweifelhaften Gesinnung zeihe angesichts
gewisser zugekommener Nachrichten. Da man befrchte, er werde sich des
Heeres in kaiserfeindlichem Sinne bedienen. Ob man vertrauen knne, da
sich Graf Gallas seines Eides besnne. Diese Zettel waren ein Werk
Schlicks, das er zum knirschenden Widerstand Questenbergs unternommen
hatte. Wie ein Kind wurde von dem harten engstirnigen Schlick der dicke
Questenberg durch das Lager gezerrt; jeder Besuch enthllte Questenberg mit
Schrecken, da ein feindlicher Geist im Lager und in Pilsen wehte; die
sonderbar fremde beobachtende Haltung Trzkas Neumanns Kinskys, besonders
dieses Kinskys, der herausfordernd offen in Pilsen sich bewegte, obwohl er
verbannt war und der Herzog ihn in Eisen schlagen mute. Wir haben einen
Unsinn angerichtet, der Herzog wird kopfscheu vor uns gemacht, sthnte
Questenberg, als der Boden ihm unter den Fen versank; er sann jemanden zu
Hilfe zu rufen, Trautmannsdorf oder Eggenberg. Aber Schlick ging rasch und
gnadenlos vor. Dem war alles klar, der kannte nicht Wallenstein, trieb wie
ein losgerissenes Flo im Strom, ri Brckenpfeiler ab, schrammte das Ufer,
kippte Boote.

In seiner Not um Friedland brachte es Questenberg ber sich, den harmlosen
freundlichen Grafen Trzka zur Rede zu stellen und insgeheim vieles mit ihm
zu durchsprechen. Er gab seiner innigen Liebe zu Friedland Ausdruck; es
lge ihm daran alles ins gleiche zu bringen, man mchte ihm helfen dabei;
Trzka she doch selbst, da sich ein Abgrund zwischen dem Herzog und dem
Kaiserhause auftun msse, wenn jedes auf seinem Schein bestehen bliebe. Der
andere war auch wirklich gerhrt von dem herzlichen Ton des Gesandten, bat
nichts zu unternehmen, was den Konflikt verschrfen knnte, er werde sich
an den General wenden. Dann aber, wie Trzka schleppend auf dem Weg zu
Friedland war, schmte er sich; die Aufgabe war sehr peinlich, er fhlte
sich schwach. Dem Questenberg gegenber schmte er sich seiner Unttigkeit,
faselte von Friedlands Geneigtheit nachzugeben; der Kaiserliche freute
sich, dankte berstrmend; Trzka log sich die Aufgabe vom Leibe.

Und so lie Questenberg, im Vertrauen auf die vorgehende Vershnungsaktion,
dem bsen wilden Schlick freie Hand, auch gegen Gallas. Er bekam es fertig,
hoheitsvoll ber diese Aktionen zu lcheln und sich in Vertrauen auf seine
Gegenaktion zu wiegen. So von ihm befreit wtete der stiernackige Schlick
im Lager des Friedlnders.

Die khne nacktgesichtige lange Panthergestalt des Feldmarschalls von Ilow
ritt aus den bhmischen Landquartieren in Pilsen ein. Die beiden Fremden
wichen dem unerhrt groben Gesellen aus. Er hatte am gleichen Tag heraus,
was im Lager vorging; wollte die beiden beim Kragen nehmen. Das
Reiterrecht, protzte er gegen Trzka ab, solle ber sie entscheiden.

Der Generalissimus befahl nach seiner Ankunft, die Obersten und anwesenden
Generalspersonen zusammenzurufen, unter dem Vorsitz von Ilows ber das
kaiserliche Ersuchen betreffend Verlegung der Winterquartiere und
sofortigen Angriffskrieg zu beraten. Der Befehl machte sogar den frechen
von Ilow bla. Sein verschnrter Oberleib hing ber dem Bett Friedlands;
Ilow stammelte, die Obersten werden sich nicht trauen. Friedland: Die
Herren wissen, da niemand ihnen an den Leib kann als ich und mein
Reiterrecht. Der Beschlu wird dem Grafen Schlick gemeldet? Mir, Herr
Bruder. Ihr sollt aber dabei sein, wenn ich den Prsidenten damit abfinde.

Lange Sprnge Ilows zu Trzka. Zweistimmiger herrischer Jubel, Hndedrcken,
tanzende Umarmung.

Gallas war mehr Zuschauer bei der abendlichen Beratung und der erfolgenden
Ablehnung des kaiserlichen Plans.

In der Abschiedsaudienz lie Schlick kein Wort von der unerhrten
Beleidigung des Kaisers ber die Lippen. Einsilbig hflich, scheinheilig
freundlich, verabschiedeten sich die Gesandten von Wallenstein, der lag,
und seinen steifen herausfordernden Herren. ber den Spanier werde
Friedland den Hofkriegsrat schriftlich bescheiden.

Sie hrten nicht, aber sie fhlten, Schlick mit Freude, Questenberg
gebrochen, da der Herzog hinter ihnen den Kopf vom Kissen hob: Die Herren
von der Federprofession werden nicht noch einmal von Wien herberkommen.
Und wie die Herren meckerten und die Degen bewegten.

                   *       *       *       *       *

Der spanische Botschafter Ognate lie nicht die Hand vom Wrfelbecher. Er
spielte mit den edelsten Herren des Hofes, dem Grafen Wratislaw von
Frstenberg, dem Kammerherrn und Verwalter der kaiserlichen Finanzen Baron
Brauer, der niemals Rechnung legen brauchte. Der Hofkanzler Werda von
Werdenberg, Graf Johann Baptist, der italienische Emporkmmling fanden sich
gelegentlich im spanischen Quartier ein. Der geschmeidige Ognate verlor
groe Summen. Er hatte auf das ihm zugekommene Schreiben des Gouverneurs
von Mailand keinerlei Schritte getan, legte, zu stark von seiner
Leidenschaft okkupiert, der ganzen Sache kein Gewicht bei. Feria hatte
seinen Befehl aus Madrid, das brige war militrischer Kleinkram.

Doktor Jesaias Leuker auf die Kunde, da sich spanisch-italienische
Regimenter von Mailand in Bewegung gesetzt hatten, bedrngte den Marquis,
da er dem noch unsicheren Mailnder Mut mache und beschleunigten Anmarsch
befehle. Leukers plumpe Methode, dem scharfen hochmtigen Spanier Abneigung
gegen den Friedlnder durch Zutrgereien einzuflen, verfing nicht; der
groe Herr lie sich von ihm Vortrag im Bad und beim Messeweg halten,
durchschaute ihn, hielt ihn schweigend hin. Nur einmal wurde er wild, als
Leuker zutraulich von einem spanisch-bayrischen Bndnis anfing; da konnte
sich der sehr zeremonielle Mann nicht beherrschen: ob der Rat Leuker ihn
fr gedchtnisschwach hielte, mchte er doch unter seine Pasteten nicht
solche Mucken wirken, er litte genug Strafe, da er ihn anhren mte. Der
Feria sei ein Narr, da er sich hier einmische; er werde es ihm bedeuten.
Die Durchlaucht in Mnchen bedrfe wohl gerade des Mitleidens und
Erbarmens, und dazu sei die Krone Spaniens gut genug, ihn aus lcherlichem
Flennen zu ziehen. Hinge doch sonst so herzlich am Knig Ludwig, liebte
doch frher in Brssel solch Bndnis nicht. Pfui des Prahlens und der
Aufschneiderei. Ein Dutzend Kinder knnten sich an solcher Sugamme
vergiften.

Worauf der Bayer klein abzog. Nach Leuker wollte sich der junge Kuttner an
die Sache begeben. Er war ganz in der Hand Wilhelms von Slawata, der ihn
nur fr Tage und halbe Wochen aus Wien fortlie zur Berichterstattung bei
Maximilian. Der elegante junge Mensch wollte es von sich aus bernehmen,
diese khne Aufgabe zu lsen: Ognate zu beherrschen und den Schlag gegen
Wallenstein zu forcieren. Slawata schwankte lange, ob er ihn an den Spanier
heranlassen sollte; es war mglich, da die eigentmliche Sigkeit
Kuttners Ognate verfhrte ihn anzuhren; aber der Spanier war vom Spiel in
diesen verhngnisschweren Tagen ganz hingerissen. Es waren keine Versuche
mehr zu machen; der schne vornehme Slawata setzte sich selbst am
Wrfeltisch dem Spanier gegenber.

Sie spielten ohne die Mienen zu verndern um steigend hohe Summen. Sofort
setzte Slawata mit groen Betrgen ein, er sah, da sein Partner
lethargisch in das Spiel versunken war, da er spielte, spielte, und nur
durch Ungeheuerliches aufzureien war. Die eigentmliche Genustimmung, in
der er diese Wintermonate ber war -- Kuttner war ihm begegnet, den Hof
wollte er nicht verlassen, sein Herz war gefesselt -- verstrkte sich jh
vor diesem hageren Gesicht mit den winklig hoch aufgestellten schwarzen
Augenbrauen; erwecken, erwecken! flutete drngte es in ihm, wir
spielen.

Als die Wrfel immer schlecht fr den Bhmen fielen, rang sich der Spanier
das Wort ab: Warum strengt sich Euer Liebden so an? Ihr seid im Nachteil.
Ich kann in Vorteil kommen. Ernst der Marquis: Wie der Herr will. Wie
die Einstze Slawatas in die Tausende gingen, begann der Spanier zu zgern;
er war in Brand, unsicher fragte er den andern: Was ist mit Euch? Spielen
wir oder nicht? Slawata hrte kaum, was er fr Zahlen sagte; er
beobachtete nur die Wirkung auf das Gesicht seines Gegners; entzckt
lchelte er: Ich hab' noch mehr. Die Lippen sich leckend, zum Sprung
gerstet der Spanier: Eure Sache, Herr Slawata. Ich bin nicht Euer
Vormund. Was denkt Ihr von Spanien? fing Slawata an. Was ist mit
Spanien? Es mu schn bei Euch sein. Ich mchte spanischer Botschafter
sein. Slawata, Herr, was ttet Ihr da anderes als ich? Was? Spielen.
Das wei ich nicht so genau. Also dreitausend. Also dreitausend, Herr
Slawata. Ihr verspielt Euren Kopf. Da, fnfzehn, Ihr habt verloren. Was
macht das. Ich verrate meinen Heiland darum nicht. Aber ich wte, was ich
tte, wenn ich spanischer Botschafter wre. Wieviel? Setzt Ihr.
Dreitausend. Dreitausend. Marquis seid berzeugt, ich se nicht hier.
Keine Minute litte es mich hier. Die Bhmen sind allesamt sonderbare
Kuze. Ich achtete hier auf den Hof. Ich achte auf Euch schon gut.
Was ist auf mich zu achten. Ich verliere so tapfer an Euch. Nein seht,
diesmal Ihr. So hab' ich doch recht. Eine Ausnahme, Marquis. Also
fnftausend. Das nehm' ich nicht an. Spielt, Herr Ognate. Gerttelt,
geschttelt. Fnftausend! Keinen Heller mehr. Ihr mt auf den Hof
achten, da werdet Ihr noch fter staunen. Ihr werdet hier nicht mehr lange
sitzen. Graf Slawata wird nicht dafr sorgen, wo der spanische
Botschafter sitzt, an den er selbst sein Geld verliert. Fnftausend.
Ich spiele nicht fnftausend. Also sechstausend, Marquis. Ich spiele,
Herr Graf, ich versichere, ich spiele. Was seid Ihr erregt um meine Habe.
Ich bin doch ein Bettler. Was ist das? Was, Herr Ognate? Da Ihr
Bettler seid? Slawata lachte freundlich: Ach Ihr meint, ich htte
schlechtes Gold, oder langes. Nein. Es kommt nur nicht drauf an, ob ich
etwas noch habe. Es bleibt bei sechstausend? Sechstausend Gulden?
Taler, Marquis. Ognate lie den Wrfelbecher aus der schlaffen linken
Hand unter den Tisch fallen: Nein. Ernst, melancholisch der Bhme: Ich
hab' Euch zu verraten, da ich spiele. Ich liebe meine Habe nicht wie ein
Jngling, der eine verschleierte Gei fr eine Jungfrau anspricht. Ich bin
schon ein Bock zu meiner Gei. Mit tiefer Stimme, sich vorbeugend der
Spanier: Ich bitte um Verzeihung, da ich Euch so weit verlockt habe.

Und wie Slawata ruhig ablehnte und weiterzuspielen begehrte, sa der
Spanier sehr nachdenklich da, nahm zgernd den Becher wieder auf und fragte
ganz heimlich, wieviel also der Herr setzen wrde und worauf. Und wrfelte
dann, ohne den andern sehen zu lassen, auf einer Tischkante, rasch die
Hohlhand ber die Wrfel deckend; stand momentan auf, mit einer traurigen
Miene: Wir wollen abbrechen.

Ein sonderbares Geschick fgte es, da am nchsten Tag Slawata am selben
Ebenholztisch im selben Mae Zug fr Zug verlor, derart, da er erschrak,
wild und tief erschrak und zur Beschaffung von Geld aufbrach und am Hofe
Urlaub nehmen mute; er konnte nicht am Hofe erraten lassen, was er trieb.
Auf der Fahrt erst kam dem Bhmen die Ungeheuerlichkeit seines Verlustes zu
Bewutsein und betubte ihn; er mute in Krze seinen Stand verlieren. In
trben Gedanken ging er nach Prag und verschaffte sich Gelder; ziellos hing
er einige Tage hier, grollte matt sich, dem Friedlnder. Er lahmte einmal
zu einem Konvent des Adels; wie er die Trklinke berhrte, empfand er aber
in sich einen Schlag, dunkel stand er vor der Schwelle, sein Kopf hing vor
der Brust; er fhlte sich fortgetrieben, gestoen von der Klinke. Hier war
nicht seine Sache, er trieb sein eignes Spiel. Er ging, mute seinen Wagen
nehmen, reiste schon ab; es kam ihm vor, als ob er wieder zu sich kme;
mute seinen Krper nach Wien fahren. Und unterwegs erwachte er. Es erhob
sich in ihm wieder, er fhlte sich gefllt, ein Leben flutete ber seine
Brust und Arme. Es gab Kuttner, Ognate, den riesigen Herzog Friedland. Er
langte in Wien beim Spieltisch des Marquis an. Er war glcklich dazusitzen
und sich ganz zu finden. Als gleich die ersten Zge das Unglck des Grafen
anzeigten, suchte der Marquis, zum erstenmal whrend eines Spiels
aufstehend, den ruhigen anderen zu einem Spaziergang oder einer Fechtbung
einzuladen.

Ognate setzte sich dann nicht wieder mit Slawata an den Ebenholztisch. Sie
wechselten die Tische, die Pltze, er suchte ihn ganz vom Spiel
abzubringen. Slawata duldete alles in einer eigentmlichen bittersen
Beklommenheit. Er fhlte: er fuhr.

Er hatte es bald sehr leicht bei dem Spanier. Slawata sah sich wie ein
Kranker behandelt und beschenkt. Er hatte sein halbes Vermgen an den
Spanier verspielt, ein dunkles Geschick hatte das vollzogen.
Lockenschttelnd entzckt sah der Bhme den Spanier mit dem olivenfarbenen
Gesicht vor sich stehen und ber den Tisch aus seinem grnen Beutel
klingelndes Gold schtteln, das er ihm aufdrngen wollte. Er konnte es
sanft vom Tisch wischen mit dem Unterarm, hatte es nicht darauf abgesehen,
der Spanier war schon im Begriff zurckzuzahlen.

Sie sprachen vom Friedlnder; er entblte sich, es war rasch geschehen.
Ihr hat den Friedlnder auch, fragte mit aufleuchtenden Augen
zhnefletschend der Spanier; und Ognate begann von dem schamlosen
Bestechungsversuch vor Jahren zu reden, ihn auszuforschen. Er gestand
lchelnd an einer Auffassung der Situation durch die Beteiligung Bayerns
gehindert zu sein. Aber man msse sich wohl auf die Sprnge machen, wenn es
so stehe, und dabei pfiff er schon durch die Zhne. Er hatte mit dem ihm
wohlgefallenden vornehmen Bhmen noch fter Unterredungen; es freute ihn
mit dem Bhmen bereinzustimmen, da Friedland ein bses gefhrliches Tier
sei, dessen man sich vielleicht von Zeit zu Zeit mit Umsicht bedienen
drfe. Er war sehr begierig Slawata zu Diensten zu sein.

Nun wurde er mit Leichtigkeit von den Jesuiten belauert, vom Grafen Schlick
angegriffen. Der Mailnder Gouverneur erhielt mit einmal, wie er schon
zgernd durch die Lombardei marschierte, die leidenschaftlich erregte
Anweisung vom spanischen Geschftstrger in Wien, seinen Weg so zu nehmen,
wie ihm vom Grafen Schlick, als dem kaiserlichen Kriegsratprsidenten,
vorgeschrieben werde, insbesondere gute Verbindung mit dem stark
gefhrdeten bayrischen Kurfrsten zu suchen, auch jeglichen anderen Befehl
abzuweisen. Groe Beschleunigung der Reise wurde ihm ans Herz gelegt.

Die spanische Armee erklomm in wenigen Tagen das Vorgelnde der Alpen, sie
durchzog die Psse bei strengem Frost; die angeworbenen Neapolitaner litten
sehr. Nach drei Wochen hatten sie die Pahhen berwunden, stiegen nach
Deutschland herunter.

                   *       *       *       *       *

Die schwarzrockigen Herren, die in den Kammern der Kaiserlichen Burg
herumgingen und in deren Mndern die Namen Azorius Vitelleschi Bellarmin
die entscheidenden waren, berieten viel ber die uerlichen Zeichen der
Ketzerei. Ein Theologe namens Eymerckus hatte angegeben, bleiche
Gesichtsfarbe kennzeichne den Ketzer, wilde Blicke den Zauberer. Man erwog
die vorbildliche General- und Spezialinstruktion des bayrischen Kurfrsten
fr den Hexenproze: es drfe keiner, der einmal bekannt hatte unter der
Folter, zum Widerruf zugelassen werden; man fand nicht genug Worte fr
diese weise Verfgung. Denn wie sinnlos sei es, nachdem mit der Gewalt der
Folter der Widerstand des Fleisches endlich berwunden sei, das besessene
Fleisch mit dem Nachla des Drucks noch einmal reden und natrlich
widerreden zu lassen. Wie wrde der Teufel ber solche Albernheit wiehern:
das seien Kmpen, die ihm gegenberstnden!

In ihrer Gesellschaft fanden sich jetzt mehr hohe Herren des Hofes; auch
Eggenberg tastete um sie. Der alte Mann kam zu keinem Entschlu. Was der
Graf Schlick berichtete aus Pilsen und Questenberg gezwungen besttigte,
stellte Habsburg vor eine grliche Aufgabe. Man hatte den Herzog zu
Friedland grogezchtet, hatte sich fast an ihm vergangen, als man ihm die
bermenschlichen Vollmachten und Gewalten gab. Nun war die Krise da: die
Ehrfurcht vor der Majestt hatte der Friedlnder abgestreift, der Chronos
sollte von seinen eigenen Kindern verschluckt werden. Mde war Eggenberg,
viel grbelte er, dachte hoffnungslos an die Schreckenstage in Regensburg
bei Wallensteins Absetzung. Damals war man mit Bangen und Zagen, er selbst
fast verschlungen von Entsetzen, um das Schlimmste herumgekommen; Friedland
hatte sich nicht gestrubt. Jetzt mute man auch an dies heran. Mde war
er; das bodenlos schwere Schicksal des Reiches, das immer erneute
Heranrollen an den Abgrund ermattete ihn. Wie lange wrde man sich
hinschleppen. Hinter den Jesuvtern schlich er. Hier war Optimismus und
Tatkraft; er wollte sich ein wenig von ihnen tragen lassen. Trautmannsdorf
suchte er in seiner Unsicherheit mit sich zu ziehen. Sie verhandelten lange
zusammen. Der verwachsene Graf erklrte; seitdem der Friedlnder den neuen
frchterlichen Vertrag aufgestellt habe, wte man woran man mit ihm sei;
jetzt kme unerbittlich die Krise. Eggenberg gestand: er htte manchmal
seit der Musterung des Heeres bei Rakonitz mit Wallenstein daran gedacht,
aber er htte auch gedacht, es kme vielleicht alles ganz anders;
vielleicht strbe Wallenstein, vielleicht strbe er, Eggenberg, selber, und
nun gibt das Geschick erbarmenlos nicht nach.

Wie sie auf den Grafen Schlick zu sprechen kamen, wurde Trautmannsdorf
heftiger, man liee dem Herrn zuviel freie Hand, er beneide den Herzog.
Alles Reden brachte sie nicht darber weg, da man in einer Sackgasse war:
der Herzog fhrte keinen Krieg, er kmpfte nicht, hatte Dinge vor, die man
nicht bersah; unertrglich zog er den Krieg hin, statt den Feind zu
schlagen, man konnte ihn nicht halten. Fast weinend gestand Trautmannsdorf,
da man ja selbst keine freie Hand mehr habe, seitdem der Bayer so
gnadenlos im Stich gelassen worden sei, seitdem auch Spanien sich gegen
Wallenstein ausgelassen habe. Und so suchten sie beide die Fustapfen der
Jesuiten und Schlicks, Eggenberg widerstrebend, der Bucklige mit heftigem
Abscheu. Ihnen schauerte und sie konnten nicht los.

Sie bildeten mit dem kleinen Abt Anton eine Kommission, die in hchster
Verschwiegenheit die Sache des Friedlnders behandeln sollte. Sie fhlten
sich so zerrissen, da sie auch den Spanier Ognate hinzuzogen, gelegentlich
auch Lamormain. Schlick schlossen sie aus. Es sollte und durfte nichts
geschehen, setzten sie von vornherein dringend und mit aller
Entschiedenheit und Angst fest, was sie nicht bestimmt und gebilligt
hatten. Sie erklrten auch, da Graf Schlick nicht autorisiert war bei
seiner Reise nach Pilsen, Generalspersonen und Kriegsoffiziere wegen ihrer
Anhnglichkeit an Friedland zu sondieren; der peinliche Beschlu
Friedlands, die Obersten ber kaiserliche Weisungen beraten zu lassen,
knne dadurch provoziert sein. So schwankend sei die Lage, da nichts
Unvorsichtiges und Heftiges geschehen drfe. Sie veranlaten die
Kriegskanzlei freundliche ehrerbietige Briefe nach Pilsen zu schicken;
sogar der Kaiser, dem man damit noch eine Freude zu machen gedachte, wurde
bewogen, als lge nichts vor, an seinen groen General zu schreiben. Ognate
drang mit seiner Wildheit nicht durch; man horchte ihn nur aus, band ihn
entsetzt fest an die Konferenzen.

Mit dem Baron Breuner pflog der kleine Abt Anton stille und
leidenschaftliche Unterhaltungen, von denen er nichts in die Kommission zu
tragen wagte. Die Schuldenlast des Erzhauses war unerhrt gestiegen; mit
grlicher Beredtheit wies Breuner, der nicht zur Schlickpartei gehrte,
ein ruhiger edler Kavalier, darauf hin, da ja die Einnahmequellen des
Hauses von Wallenstein planmig verstopft wrden; er brchte nichts mehr
an Kontributionen wie frher ins Land hinein, aber lagere sich in Bhmen
Mhren; man msse sterreich schrpfen -- fr ihn, fr ihn; und dafr msse
man ihn angehen um der notwendigsten kaiserlichen Bedrfnisse willen. Er
hat uns beim Schopf, winkte Breuner, er ist kein Esel. Zu guter Letzt
kann er uns wegwerfen wie nichts, so faul leer und leicht sind wir. Anton,
der keine Blumen bei sich hatte und dessen Finger die weichen Blten
vermiten, ging jammernd herum, zupfte an den Vorhngen des kleinen
Zimmers. Was bliebe, hhnte Breuner, dann brig, als da man die
Kronjuwelen eines Tages verpfnde an ihn, die Erblande sind schon seine
Sicherheit. Ich wette, eines Tages zieht er an mit zehn zwlf Regimentern,
verlangt Bezahlung, wenn wir ihm zu stark zusetzen. Ja, das ist es, man
darf ihm nicht stark zusetzen. Wir wissen nicht, wohin wir ihn treiben
knnen. Mehr als auf den Thron setzen kann er sich ja nicht. Mein
Gott, sthnte Anton. Mein Gott, Herr Abt; unser Herrgott verlangt
Zugreifen. Wir mssen wissen, was unseres Amtes ist. Schrecklich,
schrecklich sind wir im Sumpf, kaum ahnt es einer. Frst Eggenberg will es
nicht glauben. Ihr wit es ja selbst. Bassewi war einmal unser Gehilfe.
Jetzt hat ihn der Friedlnder im Sack. Die Judenschaft lt uns im Stich.
Sie wollen dem Kaiser nichts geben. Wir knnen nicht weiter. Anton
sthnte: Wir haben nichts.

Was, brllte Breuner, wir haben nichts? Der Herzog hat uns ausgeraubt.
Wir sind betrogen und geplndert worden. Anton rieb unglcklich die
Handteller aneinander. Jetzt -- in diesem Augenblick ist Habsburg wirklich
besiegt.

Er hat uns im Sack. Er luft uns nicht so davon; Breuner knirschte und
tippte den Abt auf die Brust, er ist der ruchloseste schamloseste Mensch.
Was wollt Ihr. Er ist in allem ein Unhold.

Was sie tun sollten. -- Was sie tun sollten? Mit ihm? Niederschlagen. --
Geduldig, bettelte Abt Anton, der Herr Baron solle sich doch
zusammennehmen, was kme bei solchem Schmhen heraus. -- Ihr kennt mich
als ruhigen Menschen. Ich hab' es mir lang berlegt. Wir sind in der
Notwehr. Wir knnen uns nicht behaupten. Wir sind die Herren, er der
Diener; das Wasser steht uns schon am Kinn. Sind wir darum das Haus
Habsburg, da wir uns von ihm wie von einem Strolch hinwerfen lassen und
zum Schlu noch den Hals hinhalten. Habsburg hat Jahrhunderte durch
geblht. Es hat das Christentum verbreitet. Es ist undenkbar, da es
untergeht. Es wird nicht untergehen, Ehrwrden. Uns ist nicht mehr viel
geblieben; wir sind aber nicht ganz waffenlos. Wir werden uns mit den
Zhnen verteidigen.

Anton: ob der so erregte Baron es nicht fr mglich halte, da der Herzog
auf erstickende Machtmittel verzichtet; da er vielleicht herausgebe, was
ihm nicht zukomme. -- Dieser Dialekt ist dem Friedlnder unbekannt. -- Aber
er msse es herausgeben; er msse sehen, da Habsburg und das Haus
Friedland sich nicht darum zanken knnten, wie die Dinge einmal liegen; es
sei ja Wahnsinn. -- Mge der Herr Abt hoffen; er, der Breuner, sage voraus:
dieser bhmische Adlige pfiffe auf den Rang und die Jahrhunderte des Hauses
Habsburg; und er htte, im Vertrauen gesagt, Recht damit: denn man knne
auf einen pfeifen, der einen leeren Sckel habe und den man ber den Haufen
schieen knne. Euch fehlt der Mut im Hohen Rat, Herren; Ihr knnt auch
schlecht sehen. Pappelt weiter, beratet, der Friedlnder wird Euch gut
bedienen. Verwehrt es andern nicht, da sie das Haus Habsburg und die
Heilige Kirche fr mehr als eine Diskussionsangelegenheit halten. Es mag
gegen ihn vorgegangen werden, wie er mit uns vorhat.

Seufzend wankte der Abt ab. Tappelte spter wieder zu Breuner, zaghaft und
ngstlich-begierig wie Frst Eggenberg zu den Jesuiten. Und immer kam
Breuner darauf zurck, es bliebe nichts brig; sie seien rettungslos
verloren, und selbst wenn Wallenstein nichts verbrche, sie mten seiner
Herr werden und ihn hernehmen. Wir knnen seiner nicht schonen; Ihr mgt
ihn lieben wie Euer eigenes Kind; er mu ob heute oder morgen mit Hab und
Gut daran glauben. Ihr mt Euch entscheiden, Ihr seht doch alles klarer
als der Frst Eggenberg oder Trautmannsdorf oder der Pater Lamormain. Er
tut uns den Gefallen, da er selber die Frage aufwirft: Habsburg oder
Friedland. Er wirft die Frage auf; doch. Aber, Ehrwrden, tte er es nicht,
es hlfe uns nichts: wir mssen ihn fangen auf irgendeine Weise. Wir mssen
ihm eine Falle stellen. Entsetzt Anton: Aber wenn der verdienstvolle Mann
nichts verbricht? Wir mssen ihn reizen dazu; er mu ins Garn.

Ein Jesuit orientierte den Baron Breuner: es sei unsinnig, Gleichheit vor
dem Gesetz. Wenigstens vor dem moralischen Gesetz seien die Menschen
keineswegs gleich. Es kme auf den Stand, die Person an. Unter Umstnden
knne ein Edelmann tten, vielleicht htte ein Brger dazu kein Recht. Eine
edle Gesellschaft, die in Gefahr schwebe, kompromittiert zu werden, knne
der Blostellung oder Beschimpfung durch Ermordung des Bsen zuvorkommen.
Wer werde Hinterlist tadeln. Von einem sehr Starken von vorn angefallen zu
werden, ist Tapferkeit; wenn aber ein Nichtstarker tten msse, solle er
darauf verzichten, weil er nicht von vorn angreifen kann? Etwa weil er dem
Volke spter nicht als tapfer, als Held erscheine? Welches Hngen und
Kleben an Silben. Wer werde so billigen Urteilen nacheilen.

Schlick und die Jesuvter wurden durch Spione auf dem laufenden erhalten
ber das eigentmliche Konspirieren im Pilsener Lager, zuletzt ber
verstrkten Botenverkehr mit Sachsen. Der dicke breitnasige Italiener
Pikkolomini, Wallensteins ehemaliger Leibgardenkapitn, zuletzt General der
Kavallerie, ein schweiduftendes hitziges Tier, hielt sich in diesen
Wintertagen in Wien auf, um mit Schlick ber seine Befrderung Fhlung zu
nehmen. Er bot sich bei einem Spazierritt um die Basteien, als Schlick auf
die gespannten eigenartigen Verhltnisse hinwies, selbst zu Diensten an;
dem Wallenstein trug er nach, da er ihn dem dnischen Gnstling, dem Holk,
unterstellt hatte; Stimmen sprachen davon, da Holk in Sachsen nicht ohne
Mitwirkung dieses haarumwallten Herzogs von Amalfi umgekommen sei, und zwar
durch ein bequemes Gift. Das trbugige Untier, der schwere bigotte Schlick
gab ihm im Morast des Unteren Whrd den Auftrag, die schsische
Korrespondenz des Friedlnders zu berwachen und zu stren; es mute auf
alle erdenkliche Weise verhindert werden, da Wallenstein Machtzuwachs
erhielt; isoliert sollte er niedergedrckt werden. Schlick verbot dem
General, bevor sie sich der Stadt nherten, mit irgend jemand am Hofe in
Verbindung zu treten; es herrsche hier ein lauer unentschiedener Geist;
durch die Lauheit sei das bel erst gewachsen.

Der Italiener erhielt, bevor er abreiste, von dem einsilbigen Prsidenten
des Hofkriegsrats das Dekret mit seiner Ernennung zum kaiserlichen
Marschall in die fleischigen Hnde gedrckt, dazu den Geheimbefehl bis zum
verabredeten Augenblick Verschwiegenheit ber die Ernennung zu bewahren.
Schon nach fnf Tagen konnte der Italiener nach Wien melden, da er durch
eine kleine zuverlssige Schar seiner Landsleute zwei der schsischen
Kuriere habe meucheln lassen; es htten sich bei ihnen Chiffrebriefe fr
den Grafen Trzka gefunden, die er mitschickte.

Mit Gewalt mute Graf Schlick den Ansturm des spanischen Ognate und einiger
jesuitischer Herren abweisen, die ihn zu sofortiger Niederwerfung
Wallensteins drngten; er deutete ihnen die Schwierigkeit der Situation an.
Man knnte nur Schritt fr Schritt vorgehen, man riskiere, den Herzog vor
der Welt als Mrtyrer hinzustellen. Man msse ihn bequem ganz herauskommen
lassen, im Augenblick die Zeit zur Unterminierung seines Bodens ausnutzen.

Um diese Zeit verlie Graf Slawata, der noch immer schne blhende Mann,
Wien, den Hof und Kuttner, um nach Prag zurckzukehren. Kuttner begleitete
ihn einen halben Tag Wegs. Vergesse der Herr nicht unsere Geschfte,
lchelte Slawata, als der Jngling ruhig weiter neben seinem Wagen reiten
wollte; in Prag gibt es keine Lorbeeren zu gewinnen, aber Wien hat ein
ppiges Klima dafr. Ich will beten, da, wenn der Herzog zu Friedland
fllt, Ihr die Krone von Bhmen bekommt. Ihr seid der beste Mann des
Landes. Nach Hause! Kuttner! Rasch! Sorgt, da man mich nicht am Kragen
kriegt. Es wird heftig zugehen. Weg, lieber Kuttner, der bayrischen
Durchlaucht bester elegantester schnster Diener. Es ist keine Zeit fr
vertrumte Kinder auf der Strae. Kuttner lie noch lange seine Hutbnder
auf der geschwenkten Degenspitze wehen.

Slawatas Wagen aber machte pltzlich eine Wendung. Rasselnd schlug er die
Richtung auf Pilsen ein.

                   *       *       *       *       *

In der grnen heien Kammer der Kaiserin hob sich rauschend die
blutrotgekleidete Vortnzerin und tanzte langsam vor der Mantuanerin im
Zimmer herum. Sie forderte mit den winkenden Hnden, den lockenden
ringreichen Fingern die zweite zitronengelbe auf, die neben der Mantuanerin
hockte. Sie faten sich an den Hnden, um die Hften, sich schlingend,
schleiften sich ber den Teppich. Am Ofen sang eine feine helle Stimme: die
dralle Grfin Kollonits, den sinnenden schwarzen Kopf an der Tapete, beide
Hnde vor den Augen.

Und als sie zu Ende getanzt hatten, sang sie einsam am Ofen weiter:
Vionetus von Engelland, ein Knig mchtig sehr, seine Tochter Ursula
genannt, der Jungfrauschaft ein' Ehr. Weil sie mit Christi Blut erkauft und
durch des Hchsten Will' getauft, hat sie Christus erwhlt allein, in
Keuschheit stets zu dienen sein.

Vom Boden, wo die Mantuanerin lag, stieg wie dnner Rauch immer das Seufzen
auf: Wie schn! Singt es noch einmal. Wie schn, noch einmal. Ich will
nicht soviel singen, bat die Grfin, des Kaisers Majestt sitzt in der
Kammer und wartet. Was du drngst. Kommt mit, lockte die Mantuanerin,
die den Arm ihrer Dame nahm, die beiden Damen.

Ferdinand lchelte ihnen staunend entgegen: Ich habe gehrt, wie gesungen
wurde. Aber ich habe teil an der hllischen Passauer Kunst. Die zitternde
Frau lie sich in einen Sessel fhren. Ich bin ganz und gar gefroren. Es
kommt nichts an mich heran. Hab' ich es nicht schon einmal gesagt,
Eleonore. Danke, meine Damen, rot wie die brennende Liebe, gelb wie Neid.
Wo ist Grn vor Minne? Und wie die Damen hinaus waren, fate er sie bei
der Hand an: Ich habe Trautmannsdorf zu mir gebeten; er wollte mich
unterhalten. Kommt herein, er zog den verwachsenen Grafen aus der
Vorkammer zu sich, ja lacht. Ich predige Euer Lob. Ihr seid mein
Gesellschafter.

Die Kaiserin suchte Trautmannsdorfs Blick zu erhaschen, um ihn in ihre
Gewalt zu bekommen; sie lchelte in halber Verzweiflung: Wie kann denn die
Welt so schlecht sein. Wir sind ja alle Christen. Die Welt ist ja zweierlei
jetzt, die alte sndige Welt und Jesus, und der Heiland. Man mag nicht so
viel von dem Bsen reden. Ferdinand nherte sich ihr, strich ihr freudig
die Schulter: Wie gut du das sagst, Eleonore.

Sie brach fast zusammen unter ihrem Schmuck. Die Augen angezndete Kerzen,
schaukelnde Windlichter, in hypnotisierender Weie.

Da fing Trautmannsdorf an; man solle nicht von dem Bsen reden und man
knne nicht von ihm schweigen, wenn man ihn berwltigen wolle. Das Bse
selbst redet nicht, es ist da, handelt, verndert, verwirrt. Der Heiland
ist an dem Bsen nicht vorbergegangen; das Bse hat ihn an die Welt
gelockt. Ferdinand: Es ist so. Sprecht, Trautmannsdorf. Setzt Euch.
Warum mu ich hier zuhren, Ferdinand? Willst du nicht, Eleonore? Nach
langer Pause sagte sie: Ich will und suchte wieder ihren flehenden Blick
an Trautmannsdorfs khle Augen zu drngen.

Der kleine Graf sprach von den politischen Dingen. Ferdinand hinhorchend,
hineindrngend wurde von dem Wagen der Ereignisse fortgeschleift, hing nach
rckwrts, Hnde und Kopf aufschlagend.

Der Graf Ognate, endete Trautmannsdorf, sei von den Vorgngen -- der Kaiser
hob abwehrend die Hnde -- orientiert, die katholische Majestt wnsche im
habsburgischen Interesse das rascheste und entschlossenste Ende der
gefhrlichen Wirren. Das rascheste und sicherste Ende, wiederholte mit den
Fingern am Gurt spielend der khle Graf; der Kaiser und die Mantuanerin
hielten die Gesichter einander zugewandt, suchten, klopften, rissen
aneinander.

Die Mantuanerin fragte rauh den Grafen, warum er ihr die Antwort schuldig
bleibe: die Welt sei zweierlei, Jesus Christus sei fr die Welt geboren,
zur Unterwerfung des Bsen; ohne den Heiland seien sie ja nicht Christen.
So sprecht, winkte Ferdinand. Da seufzte Trautmannsdorf, sie seien schon
gentigt sich auch dann fr Christen zu halten, wenn sie Verrat oder
drohenden Verrat abwehrten, mit Gewalt, da es so erfordert werde. Ich mu
hren, dachte es in Ferdinand, was hier alles auf der Welt vorgeht. Ihr
mt denken, Eleonore streng aufgestellte Augenbrauen, keinen Verrat
aufkommen zu lassen, der Euch zu entsetzlichen Dingen ntigt. Jesus braucht
nicht gelebt zu haben, wenn Ihr nichts weiter knnt, als auf eine Untat so
zu antworten. Ich wei, ich wei. O wie gut empfinden Majestt das. Ist
doch die Aufgabe des Staatsmannes und Politikers nicht besser als eines
Scharfrichters oder Schindknechtes. Ich habe nur den Trost, da das
Evangelium nicht ganz den Stab ber uns bricht; es hat auch den Satz:
>Gebet Gott, was Gottes ist, und dem Kaiser, was des Kaisers ist.< Ihr
seid schlau, Graf Trautmannsdorf. Ein schlimmes Gewerbe habt Ihr. Wir
haben nicht den Wunsch, gegen den Herzog zu Friedland schlimm zu verfahren.
Er wird sich biegen lassen. Wie schlimm stand es auf dem Kollegialtag zu
Regensburg. Wir beten, da Gott uns nicht verlt. Ich aber, hob
Ferdinand langsam beide Hnde gegen ihn, will Euch fragen, Trautmannsdorf,
warum wir denn schlimme Gewalt anwenden mssen, wenn uns der Herzog
verrt. Da schwieg der Graf. Knnt Ihr es beantworten, Trautmannsdorf.
Der stammelte, versuchte zu lcheln, blickte auf die fahle Mantuanerin:
Ja, nein, ich kann schlecht verstehen. Besinnt Euch, Trautmannsdorf.
Ich wei schwer, was ich antworten soll. Wenn uns der Herzog verrt,
mssen wir ihm gehorchen? Eleonore sa aufrecht; Ferdinand sah sie und den
Grafen triumphierend an. Stammelnd errtend Trautmannsdorf: Ich bedaure,
da unser alter Frst Eggenberg nicht zugegen ist; er wei vielleicht
rascher als ich Antwort. Ich wei; ich habe Euch gebeten, ohne ihn; ich
will Euch hren. Eure Majestt wird den Thron verlieren, wenn sie nicht
dem Herzog gehorcht. Trautmannsdorf, achtet auf, du auch, Eleonore, achte
auf. Diese Antwort hat eben Frst Eggenberg, mein lieber Freund gegeben.
Jetzt wird Trautmannsdorf sich uern: wem ist der Kaiser untertan? Nur
Gott. Dem Herzog zu Friedland nicht? Der Graf schwieg. Und ferner: bin
ich dem Throne untertan? Denn ich soll den Thron verlieren. Auch Eleonore
hing gespannt an ihm. Wenn ich aber Kaiser bin, bin und nicht Lust habe zu
gehorchen?

Mitleidig senkte der kleine Graf den grauen Kopf; leise und langsam:
Versuche Eure Majestt es einmal, so -- ungehorsam zu sein. Ich sagte
schon, der Erfolg wird uns nicht behagen. Der Herzog wird ber Wien fallen,
wir werden in Wien sitzen, vielleicht im Kerker; vielleicht liegen wir
unter der Erde. Ferdinand hob die Hnde: Ich werde nicht unter der Erde
liegen. Eleonore bitter: Wie spricht der Herr Graf. Es soll nicht erlaubt
sein, solche Gespenster an die Wand zu malen. Fast hhnisch
Trautmannsdorf: Gespenster werden wir sein.

Hauchend Ferdinand: Sieh an -- das hat schon Lamormain gesagt. Und so hat
es ein Witz gefgt, da ich jetzt Krieg gegen den Mann fhre, dem ich mein
Leben, die Krone und noch manches verdanke. Denn ich wre doch schon lngst
Gespenst nach Eurer Theorie, wenn er uns nicht geschtzt htte. Wir
wollen, der Graf mit leichter Verbeugung, nur dem Kaiser geben, was des
Kaisers ist. Mir? zuckte Ferdinand; seine Stimme schwoll an; er schrie,
soll das meinetwegen geschehen? Meinetwegen? Eleonore, meinetwegen! Der
Herzog hat uns befreit von -- ich sage nicht welchen Ketten, er hat uns
getragen und hochgehoben. Ich werde nicht unter der Erde liegen. Dahin ist
es gekommen! Wodurch, wodurch!

Der Graf war zurckgetreten, Ferdinand leichenfarben, zitternde Knie,
brllte vor ihm: Ich -- will -- nicht. Trautmannsdorf sehr leise:
Majestt befehlen. Die Arme hochhebend ber seinen Kopf Ferdinand: Ihr
werdet nicht auf mich hren. Ich gehorche nicht. Man wage nicht, mich ins
Spiel zu ziehen. Ich werde es nicht zugeben. Ich werde mich auf seine Seite
stellen, wenn Ihr etwas wagt. Ich -- bin -- der Kaiser. Die Mantuanerin
umschlang ihn weinend: Geht, Herr Graf!

Ferdinand lie die Arme nicht herab: Nicht -- mei--net--wegen! Sie
stellte sich vor ihn; Ferdinand ber sie weg: Wodurch werde ich zu solchem
Wahnsinn getrieben. Nichts soll meinetwegen geschehen. Jetzt vergewaltigen
sie mich zu Schande und Erbrmlichkeit. Die Kaiserin flehte nach
rckwrts: Geht, Herr Graf. Sie fhrte ihn rasch an die Tr.

Ernchtert ist er, hhnte der Kaiser mit anklagendem Ausdruck am Fleck
stehenbleibend, hinaus. Hinaus. Was haben sie im Kopf, das ich alles mu.
Von mir bleibt nichts brig. Was habe ich frher mich gewunden, da ich vor
dem bayrischen Maximilian betteln mute. Aber das!

Er brllte: Dienen! Dienen! Ich -- will -- nicht! Drhnend.

An den Wagen mit den Fen gebunden, ber Steine und ste schleifend, Hnde
und Kopf aufruckend, niederklappend.

-- Nach Wolkersdorf. In den Wald. Wie auf Wellen, gleitend, sinkend,
gehoben. Die Fe rasselnd gegen Steine. An der Kohlenbrennerei vorbei;
zwischen den kahlen Stmmen irrend durch Stunden.

Laues tauiges Wetter. Die Waldschneise. Der braunbrtige Einsiedler, dessen
rechte Gesichtshlfte aus tiefen Geschwren eiterte, fragte vor der Hhle,
was er wolle. Euch zusehen. Aber diesmal waren die Augen des fremden
Handwerkers so begehrend, da der Fromme vor der Hhle blieb und unter dem
Vordach murmelnd betete.

Nach langer Zeit fragte er: Was ist Euch geschehen? Sprecht, sprecht,
guter Mann. Erleichtert Euch. Es ist nicht ntig, da ich spreche. Ich
komme zu Euch. Will Euch hren. Euer Gesicht ist zerfressen; seid Ihr
deswegen aus der Welt gegangen? Nein. Der Einsiedler hockte vor ihm,
fate ihn am Kinn, vertiefte sich in sein Gesicht, das er mit den Augen
fast aufwhlte und umpflgte. Ferdinand griff inbrnstig nach seinen
Hnden. Der Einsiedler zog ihn in die Hhle.

Drin lie ihn Ferdinand kaum auf das hohe Strohlager sich setzen, so
stammelte, chzte er: Was, was, ist es, sagt mir, was ist es mit dem
Satan? Du hltst mich fr einen Teufelsbanner? Nein, nein. Du
glaubst, da ich mich ihm verschworen habe, weil ich gezeichnet bin.
Nein. Warum fragst du. Ich gehre zu seiner Synagoge, glaubst du, ich
habe mich vor euch versteckt, habe eine Salbe, laufe als Wolf herum. Darum
kommst du hierher. Du bist Soldat, ich soll dir helfen. Nein. Wo ist
der Schatz, den ich fr dich heben soll. Sein Knie berhrte Ferdinand.
Whrend sich die Augen anfunkelten, verzerrte sich das Gesicht Jeremias,
ein hoher Ton wie das Piepsen eines kleinen Vogels kam aus seiner Kehle:
Du bist ihm begegnet. Ich sehe es ja; du bist besessen. Du kennst ihn.
Ich wei nicht. Flsternd Ferdinand: Bruder. Was ist mit ihm. Der
lachte verzerrt, redete hastig: Kein Gott kann so grausam sein wie das
ist, was die Welt gemacht hat. Weit du das? Ja. Siehst du, siehst du,
du sagst ja, du wagst nicht nein zu sagen. Ich werde dich nicht
verraten. Bruder, du wirst mich nicht verraten. Es ist alles Teufelswerk.
Du brauchst keine Angst vor dir zu haben. Es gibt nur einen Teufel. Gott
gibt es nicht. Den Teufel gibt es. Er ist so sichtbar, fr alle Augen
erkenntlich wie etwas. Alle Zeichen, die fr den Bsen gelten, sind
erfllt. Die Verblendung ist unermelich. Ferdinand warf sich auf den
nackten Boden, zitterte: Das weit du. Und die heilige Kirche. Sei
stark, wenn du suchst, Bruder. Wir mssen es ertragen. Ermatte nicht zu
rasch. Ich hre. Jesus Christus hat es gewut, Bruder. Ihn hat nicht
Maria zur Welt gelockt und die Liebe Gottes: er hat das Bse vorausgefhlt
und den Menschen dazu und wollte uns die Last tragen helfen. Sieh, Jesus
ist dagewesen; er hat sich erbarmt, niemand kann die Flle seines Erbarmens
fassen. Er hat die Menschen gesehen, die Snde gesehen, der Satan selbst
ist an ihn herangetreten; man mu darber mit Raschheit hinweggehen, was
Jesus mit dem Satan besprochen hat. Niemand wei es, es hat uns niemand
gesagt. Sein Leben unter den Aposteln blieb in Dunkel gehllt. Er ist
schnurstracks seines Wegs gegangen und keiner hat sein wahres Gesicht sehen
knnen. Niemand wei es. Ich -- Bruder -- Was ist dir?

Komm neben mich. Ich kann zu dir sprechen. Ja, du bist auch besessen. Du
wirst mich nicht verraten. Willst du mir etwas glauben, willst du mich
nicht fr einen Schelm oder Trottel halten. Ich bin zu dir gekommen.
Ich will dir erzhlen. Wie meine Wange hier einsank, war es eine Angst,
die ich hatte, pltzlich eine Stunde, einen halben Tag, einen grlichen
hllensiedenden langen Tag. Ich -- habe -- sein -- Gesicht gesehen, Jesus,
des Gesalbten Gesicht --. Er zeigte flsternd, die Augen aufreiend an der
halbfinsteren Hinterwand der braunen Hhle einen lose herausragenden
Wurzelstock: Hier ist eine Wurzel; fa sie an, hier. Du kannst sie sehen,
wenn deine Augen sich gewhnt haben. Es ist dunkel hier. Ich bin Einsiedler
und brauche die bunten Farben nicht. Hier ist es gewesen, eines hellen
Tages, als die Sonne auf den Getreidefeldern lag, als ich ahnungslos hier
eintrat. Das heitere Zirpen der Meisen. Da war er da. Er fate wild
chzend die Wurzel an, um sie hingen Stricke und Kettchen und ohne sich um
den Gast zu kmmern, wie gezwungen, entblte er Brust und Arm;
kraterfrmig tiefe Geschwrsflchen unter dem Hals, ber der halben Brust;
er fing an sich zu schlagen, die Arme vor der Brust verschrnkend, rechts
herber, links herber peitschend, sa bald in der vlligen Finsternis der
Hhle, schob sich strmisch gegen sich arbeitend immer weiter zurck.

Nach einer Weile hrten die Schlge auf, er rutschte mit geschlossenen
Augen neben Ferdinand. Blut quoll an den Schultern aus dem groben Hemd, er
sa still und keuchend neben ihm. Dann: Hrst du mich? Ja. Ich will
dir erzhlen, Bruder. In einem Sonnenfleck da ber der Wurzel. Bleib hier,
du brauchst dich nicht frchten. Ich frchte mich doch, flsterte
Ferdinand. Nein, du brauchst dich nicht frchten. Ich erzhle dir ja nur.
Gib mir deine Hand. Er ist ja jetzt nicht da. Er war hier in der Hhle. Es
war so hell; meine Augen waren noch geblendet von dem Sonnenschein drauen,
wie ich mich bckte, um hereinzukommen. Da bemerkte ich ein Loch in dem
kleinen Lichtfleck, eine Hhlung, eine Vertiefung, als wre Erde aus der
Wand herausgefallen oder htte ein Tier von innen gewhlt. Ich sehe drauf
hin, das Licht geht nicht weg, warum rollt der Sand von der Wand, um das
Loch herum, da bewegt sich etwas. Ich halte es fr ein Tier, ein
langfiges schwarzes, vielleicht eine Riesenspinne; es luft so ber das
Licht. Das Rieseln und Zittern lie nicht nach, der ganze Kreis, es kommt
mir vor, weit du Bruder, als ob er sich hebt, als ob es eine Metallscheibe
ist, die sich beult. Ich traute mich nicht den Kopf zu bewegen. Mit einmal,
als wenn mir die Augen herausgerissen wrden, erkannte ich -- sein
Gesicht. Wessen. Seins, Bruder. Nicht doch. Du verstehst nicht. Es war
so dunkel mit Haaren, Ohren, Augen, Kinn in der Helligkeit; die dnnen
schwarzen Wangen zitterten ihm, als wenn er frre oder verhindert wrde den
Mund zu ffnen oder die Lider hochzuziehen. Bruder, wessen Gesicht hast
du gesehen. Und dann lief etwas Schreckliches um seinen Mund. Ich kann es
nicht mehr sehen; ich kann seitdem diese Stelle nicht verlassen. Es ist
kein Schwur, den ich getan habe, es ist -- da ich an diesen Ort genagelt
bin. Ich mchte mich hngen an die Wurzel nur um zu leiden, zu leiden.

Seine Haare hatten sich gestrubt, ihm strmten die Trnen aus Augen und
Nase: Bruder, du bist mir nicht gram, du wirst mich nicht verachten, weil
ich gottlos bin. Ich leide, ich stranguliere mich, ich lege mich zum Rsten
in die Sonne, um zu vergessen. Um ihn zu vergessen. Den da. Entgeistert
wackelte der Braunbrtige auf seinem Platz, er bibberte, stotterte: Oder
mich vor ihn werfen; wenn mich nur einer zerreien wollte.

Ferdinand zitterte wie er: Es war Christus. Er hat Satan gesehen, ich
ahne ihn nur; ich sehe die Welt, rieche ihre Verwesung -- aber er kannte
auch die Menschen, die Seelen. Der hat sich fr uns geopfert. Er wute, da
uns nichts berzeugen knnte als sein schmerzensreicher grlicher Tod.
Christus Jesus hat sich verstellt fr uns. Fr dich und mich. Die grte
Seele, er hat sich in die Wagschale werfen mssen. Gegen den Satan. Es
hat ihn an den Satan herangetrieben, alle Freiheit, alle Selbstndigkeit,
die Lust des Lebens hat er von sich hingeworfen. Ihn wollte er von uns
verscheuchen, von Mensch und Getier. Und --. Was ist. Du weit ja
allein weiter, Bruder, was ist. Er durchbohrte mit den Blicken den Kaiser,
schrie: Es hat nichts genutzt. Der Satan wiegt schwerer. Nicht einmal sein
Andenken ist aufbewahrt, man wei nichts mehr von ihm. Man wei nichts mehr
von ihm. Die Kirche hat ihn verschlungen. Ferdinand hielt sich die Hnde
vor die Augen: O Bruder, was du sprichst. Ihr braucht nicht ratlos sein.
Ihr seid gut dran. Ich wei. Man mibraucht seinen Namen. Aber du weit es
ja auch anders. Du wirst mich nicht verraten. Was tust du hier? Der
Einsiedler warf sich dicht an ihn heran: Du brauchst nicht glauben, was
ich sage. Ich hab' dir doch nichts Neues gesagt. Bleibe drauen. Sei fromm.
Bist du mein Bruder? Ferdinand zog die Hnde vom Gesicht.

Wie Ferdinand im Wald an einer niedergebrochenen Buche stand und von dem
schweren Gefhl heimgesucht wurde: zwei Adler standen auf hohen Fen
hinter ihm, schlugen ungeheuer mit den Flgeln, Wind vor sich treibend,
krachte sehr nahe ein Schu. Die Stimme des Dieners: Schtzt Euch, Herr,
schtzt Euch.

Es raschelte um sie im Wald, von den Stmmen lsten sich Menschen; in
Sprngen kam ein lterer sbelschwingender Geselle nher, stolperte ber
seine eigene Sbelscheide, griff Ferdinand an die Brust, ri ihn herum, sah
ihm ins Gesicht. Einer mit einem Feuerrohr lief dicht hinter ihm; von allen
Seiten sprangen sonderbare Kerle mit Pistolen und Kntteln an. Der ltere,
der Anfhrer, ein Mann mit einem khnen Gesicht, fragte den Kaiser, wo die
anderen wren. Ferdinand war sehr ruhig. Die Bande suchte in der Umgebung
alles ab. Die Debatte zeigte, da man sich vergriffen hatte; wer ergriffen
werden sollte, erfuhr der Kaiser und sein mit Stricken gebundener Diener
nicht. Man durchsuchte sie, wollte sie wieder laufen lassen.

Da fhlte Ferdinand pltzlich die tiefe Ruhe, die sich seiner whrend des
berfalls bemchtigt hatte.

Die Hhle des Einsiedlers.

Die Spinne. Was war das. Es kam ihm meilenweit vor, jahrelang fern.

Er konnte sich nicht trennen. Dem Anfhrer, der sich in einem Hinterhalt zu
einigen gesattelten Pferden begab, folgte er trotz der Anrufe der anderen.
Er fhlte, da ihm befohlen war, mit dem gewaltttigen Kerl zu sprechen,
der seine Wut an einigen Bauern auslie, die bei den Pferden standen und
offenbar mitgeschleppt wurden. Bei Wolkersdorf wte er einen Grafen, der
morgen oder bermorgen zu einer groen Reise die Ausfahrt mache, er nannte
einen beliebigen Namen, war glcklich, als der andere anbi. Der Diener
wurde von der Bande nicht losgelassen, Ferdinand nahm tuschelnd von ihm
Abschied, der an ein Pferd gebunden war.

Als Ferdinand allein in der Hhle der Kohlenbrennerei war -- wute er
nicht, was er vorhatte. Dachte kaum. Fhlte nur, da ihm ein Glck zuteil
geworden war. Ein sonderbares Glck.

Als wenn er eine glatte eingeseifte Bahn herunterrutschte. Ich gebe nicht
nach, seufzte er noch im Scherz, und rutschte schon weiter den bekannten
Weg, den er oft irgendwo gefallen war. Es war eine Freiheit, die ihn mit
wachsender Strke entzckte. Als wenn er das Ende einer Stange ergriffen
htte, an der er sich ruhig, mit geschlossenen Augen, entlang bewegen
konnte.

                   *       *       *       *       *

Die Armeen, die der zu Friedland angesammelt hatte, standen massiert in
Bhmen, starke Detachements hielten unter dem von Aldringen bei den Bayern;
gegen Schlesien und die Mark waren Regimenter vorgetrieben unter
Schaffgottsch, nach Sden gegen Budweis und Tabor beobachteten Abteilungen
unter Marradas. Eine tiefe Lethargie hatte sich der Truppen bemchtigt. Ein
eigentmliches Mitrauen ging unter den Offizieren um. Man hatte seit dem
heien Leipziger Treffen, bei dem die Knigliche Wrde von Schweden ihr
Leben lassen mute, nichts getan, was Ruhm und Freude brachte. Mrchenhaft
weit lagen die Tage von Nrnberg zurck; die Sldner kamen und sangen von
dem Burgstall bei Zirndorf, den der Bernhard von Weimar gestrmt hatte,
wieder abgeben mute und Hunderte seiner Knechte verlor. Von Wallenstein,
der den Knig von Dnemark ber Jtland weg in die Ostsee gejagt hatte, und
den Mansfeld, den Bastard, den Durlacher und den Halberstdter ergriff, da
sie zerbrachen und sich nicht retten konnten. Italienische Fhnlein zogen
herauf, einstmal von dem weinseligen toten Kollalto vor Mantua angeworben
zur friedlndischen Fahne: sie hatten Mantua geplndert, der Herzog von
Nevers hatte nicht standhalten knnen. Nun lungerten sie seit Monaten herum
auf schlesischem Boden, vor den schsischen und schwedischen Heeren,
verlagen.

Die Meister der Artillerie huften die Kugeln an zu Bergen, verkauften sie
heimlich an fremde Unterhndler. Die Stckknechte und Bchsenmeister
wteten widerwillig gegen Rost und Staub. Der Arkebusier trug ein
Schugewehr und zwei Pistolen, die Offiziere schrien, wenn sie den Degen
umlegten; warum sollte man sich mit dem schweren Gewehr und Pistolen
schleppen. Konstabler Schneller Schanzbauern Granatiere Minatoren
Bergknappen Pontoniere Petardierer schleiften ihre Fe durch den Lehm des
Artillerielagers, lieen unttig die Muler hngen, verfluchten Granaten
Petarden Lunte Ladungskapseln. Schlichen davon zum Schweden, Sachsen.
Fragten wo Krieg sei. Immer noch liefen Neugeworbene an; wurden zu
besonderen Fhnlein zusammengeschlossen, nach einundzwanzig Kommandos wurde
die Pike exerziert, neunundneunzig Tempi brauchte das Feuern und
Wiederladen, hundertdreiundvierzig Kommandos die Musketen; die Alten
standen dabei, grinsten und zogen mrrisch weiter. Auch in die Jungen wurde
Mitrauen gelegt, die Strafen stiegen, Wippgalgen, hlzerne Esel wurden
berall vermehrt. Die alten Sldner freuten sich mit Grimm: es war das
einzige, das sie an die frheren Jahre erinnerte. Hei wurde drauen
geworben, die Agenten lieen trommeln: hundert Gulden Werbegeld, fr den
Tag zwlf Kreuzer. Whrend die Rotten zustrmten, schmolzen innen die Heere
aus, zogen die neuen in den Schwund hinein; das leckende Rinnsal war nicht
zu stopfen.

Heftigkeiten kamen vor. Gegen Artilleristen, die an schsische und
schwedische Hndler Munition und Stckkugeln verkauften, verbanden sich
Freifhnlein von Krissern, legten sich in Hinterhalt, nahmen den Betrgern
das fremde Geld ab; stieen einige nieder; sie selbst erzwangen sich
Aufsicht ber grere Waffenlager; ihre heimliche Verpfndung und
Verschleuderung betrieb man dann im Verein. Offiziere wurden in solche
Affren mit hineingerissen, gegen die Generalspersonen wurden die Vorflle
geheimgehalten, Mannschaften und Offiziere riskierten Posten und Leben. An
der bayrischen Front und nach Schlesien hin brachen Fhnlein und Rotten
aus, fhrten auf eigene Faust Krieg. Durch die schrfsten Mandate war
Aldringen wie Graf Schaffgottsch bedeutet, jeden Kampf zu verhindern,
Plnkeleien und Provokationen zu bestrafen. Die Truppen waren nicht zu
halten, die Obersten muten froh sein, wenn die Abteilungen von ihren
wilden Exkursionen zurckkamen und sich den vorsichtig sanften Strafen
beugten und nicht einfach beim Feind blieben. Die Offiziere gewhnten sich,
Spione und Vertrauensleute bei den einzelnen Regimentern zu halten, um
jedem Ausbruch von vornherein zuvorzukommen; es war ein gefhrliches
Mittel, das sich oft gegen die Offiziere selbst richtete. Denn bisweilen
verrieten sich die Spitzel, wurden erkannt, gegen die Offiziere wurden
Anflle unternommen, die Truppe wankte, die Fhrer muten gewechselt
werden.

In Bhmen grte es am wildesten; hier waren keine Feinde, gegen die man
sich wenden konnte; das Gros der Offiziere lagerte in Stdten und Drfern
unter den Truppen, die Aufsicht war schrfer als an den Auenfronten. Um
seine Soldaten fest in der Hand zu halten, hatte der Herzog zu Friedland
den eisernen erbarmungslosen Christian von Ilow zum obersten Inspekteur
ernannt. Ilow war aufgeklrt worden vom Kanzler Elz, dem Rittmeister
Neumann, zuletzt aufs intensivste vom Grafen Trzka: mit aller Macht msse
das Heer bei der Disziplin erhalten werden; der Herzog brauche es parat und
schlagfertig, drfe keine eigene Regung in den Truppen aufkommen, sei jeder
widerspenstige Offizier zu entfernen, revoltierende Regimenter aufzulsen
und unter zuverlssige zu stoen. In Ilows Hnden lag das Amt des
Inspekteurs gut, er hatte keine Ohren fr die Klagen vieler Obersten:
Truppen seien kein toter Krper, kein Stock oder keine Muskete, die man
nach Belieben an die Wand stellt oder vorzieht; die Truppen brauchten
Bewegung, Aufgaben. Man durfte nicht ohne Gefahr so zu dem langen
Feldmarschall sprechen, er war rasch mit Roheiten da, drohte mit Profo und
Reiterrecht. Lethargisch bissen die Offiziere in den Eisenzaum, den man
ihnen hinhielt; inzwischen zuckten die Tumulte weiter durch die Truppen.
Bhmen wurde das Opfer hunderter kleiner Banden, die sich aus dem
Heeresverbande loslsten, bisweilen eingefangen und zusammengeschossen
wurden. Einzelner wurde man nicht habhaft; sie tauchten immer wieder bei
den Regimentern unter, wie es hie, gedeckt von den Offizieren selbst.

Um die furchtbare Neujahrszeit schien das ganze Land wie auf Signal von
einem tobenden revoltierenden Truppenschwarm bedeckt zu sein. Zu Plnderung
und Vergewaltigung ganzer Ortschaften kam es. Eine Reise Ilows mit
Wallensteins Leibgarde mute das Heer noch einmal in ein brtendes
schreckvolles Schweigen zurckdrcken. Kurz darauf stieen aber Rotten aus
Marradas Regimentern bei Budweis gegen abgeirrte spanische Truppenkrper
vor, sie kmpften mit ihnen aus keinem anderen Grunde, als damit, wie sie
sagten, keiner mehr zu ihnen kme; sie seien schon genug; die Spanier
wurden empfindlich geschwcht. Die Entwaffnung der Meuternden bereitete
wegen der Milaune der Truppen groe Schwierigkeiten; es kam hinzu, da
Marradas nur bestimmten Kontingenten Waffen anvertraute, da er aber,
heimlich vor dem Pilsener Hauptquartier, nach Wien sich begab und
flehentlich um Remedur der Verhltnisse bat. Es msse eine nderung in der
Kriegfhrung eintreten, das Heer brauche kriegerische Ablenkung.

Er war nicht der einzige, der in diesen Wochen verschwiegen die Truppe
verlie und nach Wien fuhr. Generalspersonen Obersten Kriegsoffiziere
fhlten, da der Boden unter ihnen schwankte. Ihrer selbst hatte sich zu
einem groen Teil eine schlecht verhehlte Verdrossenheit bemchtigt. Um den
Herzog scharte sich eine Elite von hohen Personen, seine Vertrauten, ein
Geheimzirkel.

Ein Kern alter Offiziere war da, die unter dem Herzog alle deutschen
Schlachtfelder abgegangen waren. Es kamen zahlreiche besonders italienische
Herren, auch spanische dnische schottische, die der europische Ruf
Wallensteins angelockt hatte, die den Krieg kennenlernen, den
entscheidenden Schlag Habsburgs gegen die schwedische Koalition miterleben
wollten, fr sich auf Abenteuer und Karriere ausgingen.

Sie wurden vom Herzog mit Geld gefttert und dabei blieb es. Von
Wallenstein selbst sahen sie nichts. Es hie nur, er sei krank. Gerchte
liefen, da er seine Widersacher diplomatisch am Kragen halte und im
Begriff sei sie abzumurksen. Man erlebte keine ruhmreichen Schlachten,
nicht die ergiebigen Kontributionszge, von denen sich ganz Europa
erzhlte, aber ein verworrenes Herumlungern in Schlesien, einen
erschpfenden Lauf nach Frth herunter gegen den Weimarer Herzog, dann
Verstecken und Versinken in Bhmen, Winterquartiere Winterquartiere, wie
vorher Sommerquartiere Sommerquartiere.

Da verfluchten viele Offiziere wie die Knechte den kaiserlichen Krieg und
schlugen sich zu Bernhard. Die meisten aber blieben an der Futterkrippe
hngen, und wie sie blieben, bildeten sie ruinse Herde der Mistimmung,
der heftigen und ruhelosen Skepsis.

Hier schweiften herum und randalierten die Obersten Montard von Noyal,
Sebastian Kossatzky, Petrus von Lossy, Mnner, die der Herzog mit
Vorschssen fr ein Regiment, andere, die er sogar mit Lehen versehen
hatte, kritisierten Politik Taktik Strategie des Generalissimus. Er galt
fr berlebt, von seiner Krankheit gelhmt, fr halb verrckt und verbohrt.
Wallenstein war nur eine Ruine; Narren waren sie, da sie ihm zuliefen, der
nur den Namen des Wallenstein trug. Es gab bei den bhmischen Truppen
eine Anzahl Offiziere, die einen tiefen Ha auf den Herzog warfen, weil sie
ihm angehangen hatten und er sie jetzt, in Politik und Diplomatie
versunken, wilden aufgeblasenen Gesellen wie dem von Ilow aussetzte, die
irgendwie seine Gunst ergattert hatten.

Trzka und Ilow erfuhren die steigenden Widerstnde im Heer. Den Herzog
suchten sie nach Mglichkeit darber hinwegzutuschen, und wo er etwas
merkte, trieb er sie zu blutiger Entschlossenheit an; er hate nichts so
als Disziplinlosigkeit, sie war ihm zum Ekel. Aber unter dem Druck wuchs
der Gegendruck, die Offiziere wechselten ihre Standorte, anderswo flackerte
das Feuer auf, oder sie verschwanden und hetzten heimlich tckisch und
rachschtig.

Schon frher waren der Friedlnder und die hohen Generalspersonen
Attentaten von heibltigen Mannschaften oder Offizieren ausgesetzt. Jetzt
seit dem Einmarsch in die bhmischen Winterquartiere flogen Pfeile in ihre
Fenster und Zelte. Warnende Briefe fanden Ilows und Wallensteins Trabanten
hufig in den Vorzimmern oder Gaststuben, wo sie nur von Offizieren
hingelegt sein konnten. An klaren kalten Tagen lie sich Friedland durch
das Pilsener Lager in seiner Snfte tragen, besichtigte Fhnlein, hielt bei
exerzierenden Rotten, rief Knechte an, befragte unbekannte Offiziere. Es
herrschte kein Mangel im Lager, Friedland trieb die Intendanten an, noch
mehr von allem herbeizuschaffen: der Soldat, der ruht, msse gemstet
werden, sonst rebelliere er. Und dutzendmal fragte er Ilow und Trzka, als
ob er mehr wte als sie, ob nicht die Offiziere, die jungen, lteren, ber
ihn herzgen. Er sah seinen Herren unter die Augen; nun, sie knnten ber
ihn herziehen, neben Profo und Reiterrecht gbe es noch eine wirksame
Macht: das Geld, das Spiel, der Wein, die Weiber; da man die Herren nicht
verkommen lasse, das Heer verdiene sich das Prassen reichlich. Er erhhte
Sold und Gehlter, seine Stze waren fast doppelt so hoch als bei einem
anderen Heere. Ohne da die Grung nachlie und die Neigung, von ihm
abzufallen.

Man wute, er betreibe leidenschaftlich den Friedensschlu, er brauche das
Heer so wie es hier war; und seine Umgebung erfuhr auch, wie das Heer,
besonders die auslndischen Truppen, darber dachten: eines Morgens wehte
vor Friedlands Quartier in der Sachsengasse in Pilsen eine Fahne mit den
Kirchenfarben, darauf war gemalt: Wallenstein, der Friedenspapst. Einmal
hing quer ber dem Tor seines Hauses an einem Tau eine abgehutete blutige
Katze; darunter ein Fetzen Zeltleinwand mit der Schrift: Wir haben kein
Fell mehr, wir knnen nicht kratzen, wir hngen hier gut.

Nur Neumann, Friedlands Sekretr, erfuhr von dem grlichen Getmmel, das
in Wolfegg bei Pilsen entstand, als eine von Ilow herbeigerufene Kompagnie
hier eingerckt war. Die unruhigen Truppen lockten eine Anzahl der
herkommandierten Neulinge in eine mchtige Scheune, angeblich zu einem
solennen Begrungstrunk. Dann war aber in dem Saal nirgends gedeckt und
aufgetafelt, dicht stand Mann bei Mann; die neuen verschwanden vllig unter
den andern. Sie erhoben, indem sich an mehreren Stellen zwei drei
bereinanderkletterten, auf den Schultern ritten, von diesem Podium in der
Scheune ihre Stimme, schmhten, verlangten Aufklrung. Ihnen gegenber
schwangen sich die Meuterischen hoch. Die sonderbaren Menschengestelle
rckten und wanderten in dem durch Strmungen zerrissenen Gedrnge
gegeneinander, kamen voneinander ab, schwangen die Arme, Degen
gegeneinander. Man hatte sich jh aneinander entzndet. Das Gebrll auf die
herkommandierten Verrter! wurde allgemein. Wie sie oben fochten, schrie
man, sie sollten entwaffnet werden. Man strzte die wandernden fechtenden
schlagenden Menschensulen, im Gedrnge stie man sie nieder. Schweden
seien die Leute Ilows, wurde gerufen, sie seien Lumpen und Hundsfotte,
wollten auf Kosten der andern sich fett machen, man brauche keine Mrder
und Profosse mehr. In der sinnlosen Erregung brachen die Meuterer den
grten Teil der Scheune ab, zndeten die Balken an und warfen die Waffen,
Musketen, Piken, Partisanen der berwltigten fremden Kompagnie hinein,
machten sich daran, geradewegs in die Stadt zu strmen, um zum Herzog zu
dringen.

Neumann, von der Lagerwache alarmiert, lie die Stadttore stark besetzen,
Feldgeschtz dahinter auffahren. Er selbst mit kleiner Begleitung fing die
tumultusen Truppen mitten im Lager auf; er war ins Lager hineingeritten,
um der drohenden Gefahr einer Ausbreitung des Lrms bis zum Herzog zu
begegnen. Ein dunkles Gefhl sagte ihm, da im Lager jede signalgebende
Erregung momentan niedergehalten werden mte. Er tat, whrend ihn die
Meuterer mit Fackeln auf freiem Stoppelfeld umstellten, als berhre er
ihren Ton und she nicht die durchstochenen Hte und herausfordernd auf
Stangen getragenen Wehrgehnge entwaffneter Ilowscher; er wandte sich
scheltend an die fnf gefangen mitgefhrten Leutnants und Fahnenjunker
jener Kompagnie: was sie sich ankommen lieen in Wolfegg zu erscheinen.
Ihre Antwort, es sei ihnen befohlen, berdonnerte er. Sie sollten
fortmachen, ihre Eigenmchtigkeit wrde sie teuer zu stehen kommen. Seine
eigene Begleitung nahm die gefangenen Offiziere in die Mitte und fhrte sie
in die Stadt ab. Eine Handvoll Mannschaften der Torbesatzung hatte den
sofortigen Abmarsch der neuangerckten Kompagnie zu berwachen. Unter
triumphierendem Geschrei zogen die Rebellen zurck. Neumann ritt finster in
die Stadt, weihte nur Ilow ein.

Der Vorfall hatte sich kurz nach Schlicks und Questenbergs Besuch in Pilsen
abgespielt. Die Vertrauten des Herzogs wuten, da von kaiserlicher Seite
das schwelende Feuer geschrt wurde, ohne da sie Bestimmtes feststellen
konnten. Unter ihnen war man einer Meinung, da lange der Zustand nicht in
der Schwebe bleiben knne; es knnte dahin kommen, da Meutereien auf das
ganze Heer bergriffen. Ilow verlangte einen groen Aderla fr die Armee,
und auch Trzka war dieser Meinung, nur msse es auf dem Wege eines
Feldzuges geschehen. Als Ilow achselzuckend und rgerlich sagte, der Herzog
wolle doch nun einmal keinen Krieg, lchelte Trzka bedeutsam; auch Neumann
lchelte: es kme eben nur darauf an, gegen wen. Nmlich, um es kurz zu
sagen, gegen den Sachsen zu kmpfen, vielleicht auch gegen den Schweden
htte der Friedlnder wenigstens zur Zeit gar keine Lust. Aber da bliebe
noch allerhand Feindliches, ein Feind, von dem man nicht viel rede, dem es
der Herzog aber so gern antun mchte wie einem Schlangenwesen, da er gegen
ihn sogar selbst auf das Pferd steigen werde. Und dieser geheimnisvolle
Feind? Das sei nicht schwer zu erraten. Und als Ilow noch nicht ihr
Lcheln durchschaute, wies Trzka ihn auf den Grafen Schlick hin, auf
Questenberg, und was sie im Lager vorgebracht htten, und wie sie dem
Herzog die Waffen stumpf machen wollten.

Da blieb auch dem langen von Ilow erst der Mund offen. Er pfiff dann, ging
sehr langsam herum; also gegen Wien, das sei aber ein verteufeltes Manver.
Oha! Und er konnte sich lange nicht beruhigen. Er kreischte dann leise
lachend, dicht vor Trzka, den anstoend: Sie sind ja wehrlos! Wir knnen
sie ja berrennen! Nun ja. Wir brauchen ja gar nicht kmpfen! Trzka,
wir brauchen ja nur marschieren, Marradas kippt auf die Nase! Um so
besser! Ein Witz, eine Komdie. Wer hat sich das ausgeheckt? Oha, ist das
ein Spa.

Neumann aber, nachdenklich seinen aufgehobenen Degen betrachtend, erklrte
drohend, es sei kein Spa, man msse von Tag zu Tag mehr auf dem Sprung
sein, man scheine im Augenblick noch der Angreifer zu sein, bald werde
einem nichts weiter brigbleiben als sich verteidigen.

Im Lager und in der Umgebung Friedlands rief es keine Bestrzung hervor,
als immer bestimmter die Gerchte verlauteten, ein greres Heer,
hauptschlich aus Italienern, von Spanien geworben, htte die Alpen von
Mailand kommend berschritten und ziehe in starken Mrschen in das Reich.
Auch an dem Herzog sah man keine Erschtterung; mit grter Anspannung
beobachtete er die Vorgnge.

Der Mailnder Gouverneur mit einer nicht kleinen Armee hatte sich den
ligistischen und aldringischen Regimentern angeschlossen. Es war das
eingetreten, was man erwartet hatte; fast lautlos, whrend er in Bhmen
sa, hatte sich die neue Phalanx gebildet. Gegen ihn. Die Phalanx, die er
erwartete.

Und bald meldeten Spione aus Wien, eine hohe Deputation sei abermals im
Begriff, den Hof in der Richtung auf Pilsen zu verlassen, um nunmehr
bestimmte unausweichbare Befehle zu berbringen. Gleichzeitig wurde
offenbar, da es eine unsichtbare hohe, sehr hohe Stelle war, welche die
Whlerei unter den Lagertruppen unterhielt. So nahe an den hchsten Pltzen
mute diese Stelle sein, da Trzka selbst Warnungsbriefe von anscheinend
treuer Seite zugetragen wurden; er war ganz ngstlich und verwirrt, als er
die Papiere aufknllte und las, die hhnisch ihn selbst als Kaiserspion
bezeichneten. Affren, wie die der Vertreibung einer sicheren Kompagnie,
wurden aufgebauscht. Es wurde erzhlt, eine Anzahl hoher Offiziere mit
bestimmten Truppen unterschlgen Sold und Kontributionen und verteilten sie
unter sich. Da der Herzog vorhabe Frieden mit Schweden und Sachsen zu
machen, um sich von ihnen mit Bhmen beschenken zu lassen und sich rasch
seiner Verpflichtungen gegen das Heer zu entledigen, das er an den armen
Kaiser verweisen wollte. Das eigentmliche gefhrliche Element von
Unsicherheit wuchs und wogte im Heere.

Da traf Trautmannsdorf und Questenberg in Pilsen ein. Niemand als
Trautmannsdorf hatte sich zu dieser Mission bereit erklrt, er hatte nach
dieser Aufgabe mit der Ruhe seiner besten Stunden gegriffen; Questenberg
wollte er bei sich haben, um ein vertrautes Gesprch mit einem sicheren
Mann fhren zu knnen. Als Trautmannsdorf in Pilsen einfuhr, lie von Ilow
den Zutritt zum Lager auf allen Seiten sperren, jeglicher fremden Person
war der Eintritt verboten; hinter Trautmannsdorf und seinen Begleiter
hngte er eine Ehrenwache von zehn jungen ungarischen Kornetts. Neben die
Wiener Herren stellte er sich selbst und zum Wechsel Trzka und Neumann. Den
beiden Gsten sollte kein unbelauschtes Wort gelingen. Der verwachsene Graf
war gegen die kriegerischen Herren von einer beleidigenden souvernen
Khle, man drngte ihn rasch vor den Herzog, als er keinen Blick fr das
imposante vor ihm aufgerollte Bild groer Kavalleriemanver hatte.

Friedland ging in diesen strengen Wintertagen im Obstgarten seines
Quartiers viel spazieren, erfreute sich seiner wiedergewonnenen
Beweglichkeit. Der kleine Graf gedachte ihm fremd zu begegnen als
Beauftragter des Kaisers, vermochte sich aber nicht zu behaupten, als der
Herzog, im langen roten Mantel, auf das spanische Rohr gesttzt, ihn
herzlich begrte, nach dem Kaiser, Eggenberg fragte, bedauerte, da man
durch die Kriegsnte persnlich auseinandergekommen sei. Und ehe
Trautmannsdorf seinen Auftrag beginnen konnte, verwickelte ihn der Herzog
in ein langes, von Spen und Traueruerungen unterbrochenes Gesprch ber
den alten Harrach, ber die Hofrzte und anderes. Dann erst, immer dieselbe
breite kahle Obstallee entlangspazierend, warf Friedland einen Blick auf
den stummen dicken Questenberg und bemerkte kurz, er hoffe, der Herr habe
den neulichen Besuch gut berstanden.

Das darauf eingetretene Schweigen war das Signal fr Trautmannsdorf. Er
knpfte an diesen neulichen Besuch an, schilderte mit bertriebener
Zaghaftigkeit die eigentmliche Situation des Kaiserhauses gegenber
Spanien und der Herzog mchte das angekndigte und nun erfolgte
Heraufziehen des Spaniers auf den Kriegsschauplatz recht verstehen als eine
Manahme, die ohne Zutun des Kaiserhauses erfolgt sei und die man auch
nicht ohne schwere Komplikationen htte verhindern knnen. Er fuhr dann
fort: die Armee des Mailnders sei zwar leidlich stark und wohl bewaffnet,
jedoch nicht stark genug, um jeder zu erwartenden Truppenmacht Trotz bieten
zu knnen. Man mchte deshalb von vornherein jeden feindlichen Anschlag
unmglich machen, indem man die recht kleine Aldringische Schar auf eine
entsprechende Gre brchte und ihr die vom Augenblick gebotene
Beweglichkeit gbe. Es mchte also des Herzogs Durchlaucht sich bequemen
und bereit finden, solange er nicht die Winterquartiere verlassen knne,
eine ausreichende Zahl von Regimentern dem von Aldringen zur Verstrkung
und Verwendung zu gestatten.

Es ist mir unmglich, erklrte freundlich der Herzog. Er wandte sich an
den nachfolgenden Neumann, erbat sich ein Verzeichnis der Truppenstrke,
wies, als es in Krze kam, die Zahlen dem kleinen sehr ernsten, kaum
hinblickenden Grafen: Der Herr Graf wird sich selbst berzeugen. Zudem ist
der Mailnder von mir angewiesen, rasch den Kriegsschauplatz zu verlassen
oder nach Pilsen zu stoen. Der Kurbayer mu Geduld haben; er wird nicht
verlorengehen.

Der Graf war nicht zu beruhigen; man msse zunchst andere Dinge
hintanstellen, die Notwendigkeiten des Kaiserhauses und so weiter.
Trautmannsdorf, immer den Kopf vor der Brust, knaute und kam nicht heraus.
Ruhig und sicher lachte der Herzog, der auf ein Trompetensignal gehorcht
hatte; darum mge sich der Graf keine Sorgen machen; er erkenne sie wieder,
den alten freundlichen Eggenberg und ihn, wie sie sich qulten, vielleicht
wre auch ein Finanzmann im Bunde, um sie zu vexieren; bei ihm lge der
Kaiser und das Erzhaus wie in Abrahams Scho. Er werde sich nicht
verlppern. Der Friede sei nher als sie glaubten. Auch als Trautmannsdorf,
der schwer beklommen war, ganz schwieg, blieb Wallensteins Ton freundlich;
er stellte sich vor die beiden Herren, zog sie an den Gurten zusammen: Nun
wollen wir zusammen beraten, mein Herr Questenberg und Euer Liebden. Ich
will mich wie ein rechtschaffener Angeklagter vor Euch, kaiserliche
Vertreter, aufstellen und Ihr sollt schelten, was versehen ist.
Questenberg nahm sich mit Gewalt zusammen: Wir mchten Durchlaucht bitten,
uns dies zu ersparen. Wir sind ja auch ganz und gar nicht als Anklger
hier. Nun seht Ihr, unterbrach Wallenstein, der ihre Grtel nicht
loslie, ernsthaft knnt Ihr nichts anklagen. Es soll euch auch bei Jesu
schwer fallen. So gebt doch den Bayern frei. Was setzt man euch in die
Ohren. Den Herren scheint es unbekannt zu sein, wie es der Bruder des
bayrischen Kurfrsten, der Klner, mit den Franzosen hlt; Maximilian ist
da nicht weit vom Schu. Finster gab der Graf, der peinlich Wallensteins
Hand am Grtel fhlte, zu, da man davon gehrt htte. Nun, tnte der
Herzog, seinen Stab schwingend, zurck, das bedeutet nichts? Gezwungen
lchelte der Graf, der ein paar Schritte machte, um den Herzog vom Fleck zu
bewegen; schwerfllig folgte er auch; es schiene ja bald so, rang sich der
Graf ab, da nicht Wallenstein, sondern sie hier als Angeklagte stnden.
So nehmt doch Vernunft an, Herr Graf. Ihr seht meine Daten. Ihr antwortet
nichts zur Sache. Greift mich an. Ihr gebt mir fast zu, was ich sage. Oder
-- seid Ihr nicht allein hier? Was? warf Trautmannsdorf den Kopf herum.
Ich meine, Herr Graf, Ihr steht hier, ich kann Euch wohl sehen und
sprechen hren. Aber hier sind noch einige mit Euch, die ich nicht sehen
kann. Die sich vielleicht nicht -- hergewagt haben. Eure Durchlaucht
kennen mich. Ich wei, es gibt schon Geister in Wien, die mich lieber am
Morgen als am Mittag verspeisen mchten. Einige von ihnen tragen viereckige
Hte und schwarze Rcke. Es knnte auch sein, da sie einen Mann wie den
Trautmannsdorf zu Fall bringen.

Der Graf khl: Ich habe mir die Regeln meines Denkens in der guten Schule
des Aristoteles geben lassen. Ich wei, ich wei, aber so antwortet doch.
Ihr seid weder bestechlich noch dumm. Ich will Eure Durchlaucht nur
bitten zu bedenken, fr wen wir in diesem Augenblick sprechen. Questenberg
und ich. Wir haben die Majestt zu vertreten oder Weisungen von ihr
abzugeben. So wollten wir Eure Durchlaucht bitten, und ich besonders --
denn Euer Durchlaucht wei, wie ich Euch anhnge, wie ich Euch nach
Vermgen am Hof alle Wege geebnet habe, und da mich keiner zu Bosheiten
gegen Euer Durchlaucht anzustoen vermchte -- ich wollte Euch bitten, gebt
uns einen Augenblick nach. Wenn wir auch keine Krone tragen, so sind doch
unsere Weisungen da -- und was sind wir alle? Vor der kaiserlichen
Majestt? Hart der Herzog: Braucht nicht einen darber aufzuklren, der
sein Leben lang fr den Kaiser gefochten hat. Der Kaiser wei, was er
Euch zu verdanken hat. Es scheint aber, andere wissen es nicht. O wir
-- Macht mir nichts, ob Ihr es wit. Macht nichts. Wir sind allesamt
-- Kommt nicht darauf an. Meinem Herrn diene ich billig und begehr' es
allezeit zu tun nach seinem Willen. Die anderen lassen die Finger von mir.
Jeder Verstndige kann begreifen, da ich nicht geneigt bin von meinem
Vertrag abzugehen. Soll keiner mit mir Schindluder treiben. Mein gndiges
Erbieten an Euch zu verhandeln wird verachtet und fr nichts angesehen.

Die Herren schwiegen.

Ihr sollt mir antworten, Herr, was Ihr gegen meine Grnde zu sagen habt
ber das spanische und bayrische Ersuchen. Ich kann die kaiserliche Armee
nicht schwchen lassen. Sie standen immer an einem Fleck; der Herzog
wandte sich jetzt, winkte ihnen, ging in das Haus voran.

Und auf dem Weg tauschte der kleine Graf keinen Blick mit Questenberg,
dessen Augen er trostlos an sich fhlte. Er hatte die schwere entscheidende
Sache mit sich allein abzumachen; die Kiefer bi er zusammen, seine
Stiefelspitzen stieen vor, blieben stehen, stieen vor, blieben stehen.
Sand, eine Matte, die Schwelle kam. Es galt nicht nachzugeben, nichts hren
-- sprechen, ein Horn vorstrecken; er sagte sich: Mach dich steif, du
kleiner Trautmannsdorf, denk' an nichts, dies mu geschehen, du neigst zu
Spen, dies mu geschehen, hre nichts, dies mu geschehen.

Die niedrige stark geheizte Ritterstube, Wallenstein ohne Hut und Mantel,
mit hoher Stirn, weibrtig, Platz anweisend, selbst auf der Bank an dem
kleinen bunten Fenster. Dem Trabanten, der den Mantel hinaustrug, schrie er
nach: Tren schlieen. Trautmannsdorf, dem andern ein Schweigezeichen
gebend, beruhigte sich und hielt sich mit den Blicken fest an einer nach
rckabwrts ragenden Hirschgeweihspitze der Krone an der Decke. Sanft und
ohne sich von den funkelnden starren Augen des Herzogs beirren zu lassen,
setzte Trautmannsdorf auseinander, da vor der Kaiserlichen Majestt, wenn
man sich ihr nicht widersetzen wolle, wenigstens in einem Punkt alle
Unterschiede verschwinden mten: man sei vor ihr Untertan oder
Privatperson. Er fhrte das bezwingend aus. Der Herzog lie ihn reden. Er
sei Reichsfrst, und dies sei das eine. Und dann sei sein geschriebener und
gesiegelter Vertrag da. Man habe schon in einem Punkte seinen Vertrag ohne
ausreichenden Einspruch durchlchert: indem Feria in Deutschland erschien,
ohne von ihm dahin beordert zu sein, dann indem sich derselbe Feria seiner
vom Kaiser verliehenen Befehlsgewalt entzogen und einen ganz unntzen
Posten bei der bayrischen Durchlaucht einnahm. Er werde nicht nachgeben und
tun, was unsachverstndige Leute, ohne ihn zu fragen, beschlssen.
Heimtckische Hiebe gegen seine Friedensbemhungen werde er zu parieren
verstehen.

Da lste Trautmannsdorf seine Augen von der Geweihspitze. Ihm gegenber auf
der Fensterbank sa ein kalter Mensch, sttzte sich auf ein spanisches
Rohr, redete entschieden und unwidersprechlich. Er konnte da ohne
Schwierigkeit aus seiner Grteltasche ein geschlossenes gefaltetes
Schriftstck ziehen und daraus vorlesen, da dem Herzog zu Friedland,
Seiner Majestt getreuen Feldhauptmann, ernstlich vorzuhalten sei, da er
durch seine Manahmen im letzten Feldzug die Sicherheit des Kaiserhauses,
der Erblande und des Reiches sehr gefhrdet habe, und da die Majestt sich
nunmehr auf Rcksprache mit ihren erfahrenen Ratgebern veranlat gesehen
habe, zwei ihrer vertrauten Rte, den von Trautmannsdorf und von
Questenberg, dazu dem Feldhauptmann bekannt und zugetan, zu ihm zu schicken
und sie zu ermahnen, mndlich mit ihm die bayrische und spanische Affre
zur Zufriedenheit des Kaisers beizulegen. Sollte aber der Humor der
herzoglichen Durchlaucht einer friedlichen Beilegung auch weiter nicht
geneigt sein, so msse ihr bedeutet werden, da die Kaiserliche Majestt
ihrem Feldhauptmann diesen Befehl gebe und in Ansehung des Ernstes der
Umstnde ber den Kopf des Generalissimus den Obersten Anweisungen geben
werde.

Diese kaiserliche Instruktion gab Trautmannsdorf dem Herzog, der sie, ohne
sie zu lesen, eine Weile schweigend in der Hand wog. Dann las er sie
aufstehend; legte sie, zu ihnen tretend, auf den Tisch. Als die beiden
aufstanden, drckte Wallenstein dem kleinen ihn scharf fixierenden Grafen
die Hand: Ihr seid besser als der da.

Wie sie sich, da sie den Eindruck hatten, er wolle die Sache bedenken, zu
weiterer Gunst, Lieb' und Gnad' verabschieden wollten, meldete seine leise
bestimmte Stimme, da er sogleich ihnen seinen Willen vorhalten wolle. Er
werde dem kaiserlichen Begehren nicht stattun, aber er werde es auch nicht
verhindern. Er werde resignieren. Sie mchten einige Tage in seinem
Hauptquartier verbleiben, um seine schriftliche Resignation mit auf die
Reise zu nehmen.

Dem erschtterten Grafen drckte er noch einmal stark die Hand; er werde
ihm den erwiesenen Dienst zu Gutem nicht vergessen.

Weder Trzka noch Kinsky wurde darauf von ihm, als sie nach einigen Stunden
ihn aufsuchten, eingeweiht. Er ging in aller Ruhe mit ihnen und dem
herbeigerufenen Neumann die Liste der Generalspersonen und Offiziere durch,
um sich genaue Angaben ber alle machen zu lassen. Er traf ein Grundgefhl
bei ihnen, als er erklrte, es sei jetzt das Wichtigste die Schafe von den
Bcken zu trennen und alles Unzuverlssige rasch abzustoen. ber Aldringen
lautete das Urteil schlecht, es war recht, da er hinten in Passau oder
sonstwo stand. Fr Gallas sagte der Herzog gut; Frst Pikkolomini, der
treue ehemalige Kapitn seiner Leibwache stand auerhalb jeden Verdachts;
man ging schrittweise die Listen durch. ber einige Mnner, erklrte der
sehr nachdenkliche aufmerksame und zugngliche Herzog, werde er sich noch
informieren mssen. Er werde auch Zenno befragen, seinen Astrologen, ber
den und jenen. Das sagte er zum Schlu leise. Es machte auf die anwesenden
Herren einen starken Eindruck: der sonderbar suchende Ton und mitten in den
geschftsmigen Beratungen der Astrologe Zenno. Sie fhlten: er trug sich
mit etwas Auerordentlichem; er war bewegt, er sagte nichts, vielleicht
mitraute er ihnen auch.

Gegen Abend dieses Tages erklrte er nach der Tafel gegen Trzka, er
resigniere. Man sei am Hof, anscheinend mit Einschlu des Kaisers, der
Meinung, da er Habsburg und das Reich verrate, es gbe wohl Narren Schelme
und Verleumder auch in seiner Umgebung, die geflissentlich so gefrbte
Nachrichten nach Wien kolportierten. Man drnge ihm nun unmgliche Befehle
auf, um eine Entscheidung herbeizufhren; er danke ab. Die weitere
Durchfhrung der Listen erbrige sich also.

So bestrzt war Trzka, da er dem Lagerkommandanten von Ilow nach einer
Viertelstunde ohne Besinnung in die Arme fiel, in Ilows Wohnung, die er
gedankenlos aufgesucht hatte. Das Faktum der Mitteilung hatte ihn
widerstandslos getroffen, obwohl der Ton der vorangegangenen Unterhaltung
Friedlands Entschlu schon angedeutet hatte.

Der mchtige von Ilow war keinen Augenblick bewegt. Nachdem er seinen Gast
mit einem starken Wein beruhigt hatte, kam ohne weiteres aus ihm heraus,
whrend seine gefleckten Augen auseinanderirrten, wie immer, wenn er sich
entschlo: der Herzog brauche sie, er sei hilflos ohne sie, die Reihe sei
an ihnen, einzugreifen. Spter: da Friedland von Abdankung rede, geschehe,
um sie herauszufordern; er wolle wissen, woran er mit ihnen sei.

Das half Trzka auf die Beine; er fluchte, es sei schmhlich, so vor Schlick
zurckzuweichen. Dann hielt Ilow fest, die Kriegsoffiziere, einschlielich
Generalspersonen und Obersten mten alarmiert werden; Wallenstein sei der
Entschlu, zu gehen, bei ihrer Listendurchsicht gekommen, sein Glaube in
die Zuverlssigkeit der Truppen schwanke.

Die rcksichtslos in der Dunkelheit hereingerufenen und im Moment befragten
Obersten, fnf, sechs, waren bis zur Verwirrtheit erschrocken und gaben
eine uerung mehr oder weniger klglich von sich: wie es mit ihren
Gehltern werde und mit ihren Ausstnden beim Kaiser, fr die Wallenstein
gebrgt habe und mit den Vorschssen, die sie von ihm erhalten hatten.

Von Ilow, Trzka, Neumann und Kinsky besorgten durch Briefe und Besuche am
grauenden Tag die Herbeirufung und Orientierung der Generalspersonen und
Obersten der in der Nhe liegenden Regimenter. Bei der dann am Abend
stattfindenden Besprechung im Pilsener Stadthaus berichtete Neumann, in
feinen Franzosenschuhen auf einen wackligen Tisch steigend: der Entschlu
sei offensichtlich dem Herzog nach einem beleidigenden Ansinnen der
kaiserlichen Delegierten gekommen; es handle sich um dieselben Punkte, ber
die die Herren Obristen schon einmal auf Gehei ihrer Durchlaucht beraten
htten: Abmarsch aus den Winterquartieren, die Spanier und wie und unter
welcher Eskorte der Nachfolger der niederlndischen Infantin aus Mailand
nach Brssel reisen sollte. Schon da schrien einige Offiziere: Das kennen
wir schon! Er soll in Mailand bleiben. Es handle sich eben um Abgabe von
Truppen, setzte nach beruhigenden zustimmenden Handbewegungen der kluge
Neumann fort, sich auf seinem Tisch ausbalancierend. Diese Frage knne
nicht am grnen Tisch in Wien entschieden werden. Ob etwa der Pater
Lamormain neuerdings auch fr Strategie kompetent sei. Unter dem Gelchter
kam es einige Zeit nicht zum Fortgang der Errterung, smtliche dem Herzog
Ilow und Trzka verbundenen Obersten waren zugegen. Ihr Urteil war bald
fertig, es handle sich um eine der blen Hofschikanen gegen den Herzog. Die
nicht kleine Zahl derjenigen, die eine nderung der Heeresverhltnisse
wnschten, war ohne Zusammenhang; ihr Widerstreben -- sie wagten sich nicht
hervor -- war auch rasch gemildert, als von Ilow tobend ausstie, da die
Truppenabgabe im selben Augenblick vor sich gehen solle, wo der Herzog
einen groen, noch nicht anzudeutenden Schlag vorhabe. Allgemein
ausbrechender Lrm, Fragen, Jubel, Durcheinander. Freches Lcheln Ilows.

Der Lrm verhinderte fast, da eine Deputation unter von Ilow, bestehend
aus dem Obersten Bredow, Henderson, Losy und Mohr vom Wald gewhlt wurde,
die sich stracks zum Herzog in die Sachsengasse begaben. Sie wurden von ihm
in der Schlafkammer, wo er mit Zenno konferierte, angenommen und unter Dank
abgewiesen, da sein Entschlu gefat sei.

Am frhen Morgen aber, als sich noch Trzka selbst der erregten Deputation
angeschlossen hatte und mit trnenden Augen unter den andern vor Friedlands
Bett stand, gab Friedland still einen nach dem andern prfend und lauernd
anblickend, jedem langsam die Hand -- sie durften sie nur an der Spitze der
Finger berhren, er konnte sie schwer anheben -- er vernhme ihr Verlangen,
ihn bei sich zu behalten, gern, er denke an ihr Geld und ihre Zukunft; so
werde er die Last weiter tragen und sie noch diese schlimme Zeit durch
fhren.

Von der Deputation wurde auf dem klirrenden Heimgang durch das schlafende
Pilsen ein feierliches Freudenbankett beschlossen. Es geschah, da auf ihm
nachmittags von mehreren gar nicht sonst vertrauten Obersten im berschwang
der Erregung die Anregung kam, gemeinsam wie man hier sei, der durch
Krankheit verhinderten Durchlaucht, ihrem weltberhmten Obersten
Feldhauptmann, den sie sich wiedergewonnen htten und der sie weiter zu
Sieg und Ehre fhren werde, ihren Dank fr seine Sinnesnderung und Gnade
aussprechen und durch einen gewandten Schreiber aufzeichnen zu lassen, da
sie zu ihm stnden. Das Schriftstck wurde von dem glcklichen Neumann, dem
vor Freude weinenden Trzka whrend des tosenden Banketts verfat. Sie
gebrauchten die strksten Worte: gelobten statt eines krperlichen Eids
alles zu befrdern, was zu des Herzogs und der Armada Erhaltung gereichte
und sich fr ihn bis auf den letzten aufgesparten Blutstropfen einzusetzen,
sie wollten jeden unter sich, der treulos und ehrvergessen wre, verfolgen
und sich an seinem Hab und Gut, Leib und Leben rchen, als wren sie selbst
verraten. Mit einem einzigen riesigen Freudengebrll, Sbelschlagen,
Zerschmettern von Trinkgeschirr wurde das Elaborat in dem Bankettsaal
aufgenommen.

In seinem Erker wurden zwei Tische bereinandergestellt, auf dem untern
stand mit geschwungenem Degen der mchtige von Ilow; wer schreiben wollte,
mute zu ihm herauf. Bei der zunehmenden Wildheit muten bald vier
Trabanten mit gefllten Partisanen den Eingang zum Erker verwahren. Drauen
watete und wankte mhneschttelnd der schmerbuchige Pikkolomini zwischen
den Tischreihen, schrie italienisch, taumelte Arm in Arm mit Diodati zum
Erker, brllte: O traditore!, ohne da man wute, wen er meinte; Isolani
hatte sich drei fremde Pelzmntel ber den Kopf gezogen, strmte auf den
Obersten Losy, der ihn hhnisch einen savoyardischen Affenfhrer genannt
hatte, bedrohte ihn mit einer Tischplatte. Auch Trzka hatte das Bankett zu
einer vollen Mette werden lassen, er ging mit gezcktem Degen einher,
wollte jeden niederstechen. Der Erker war gedeckt, es unterschrieben Julius
Heinrich von Sachsen, Morzin, Suys, Gonzaga, Lambry, Florent de la Fosse,
von Wiltberg, Montard von Noyal, Pychowicy, Rauchhaupt, Kossatzky --
dieser, nachdem er zweimal vom Tisch gefallen war und nachdem ihm die
Saalwachen mit Hellebarden den Rcken gesttzt hatten --, Gordon, Markus
Korpa, Silvio Pikkolomini, Johann Ulrich Bissinger, von Teufel, Tobias von
Gissenberg, Juan de Salazar -- er ritt mit seinem elefantisch massiven
Landsmann Filippi Korrasko --, Lukas Notario, genannt nach seinem Gebaren
das Wiesel, der finstere Schotte Walter Buttler, als letzter. Der
schmchtige sanfte Christoph Peukher, der nackt, von allen Seiten mit Wein
begossen, umherlief, um zu beweisen, da er ein Mann sei; man vertrieb ihn
mehrfach vom Erker, schlielich lie man ihn zu; von Ilow warf ihn selbst
aus dem Fenster in einen Schneehaufen, wie er sagte, um einen Schlupunkt
dem Elaborat zu geben. Die Offiziere drngten an die Fenster, bombardierten
ihn mit Bechern und Schemeln im Schneehaufen.

Dem Grafen Trautmannsdorf und Questenberg wurde nach hflichem Empfang und
freundschaftlichem Gesprch vom Herzog unter Achselzucken bedeutet, es
htten unvorhergesehene Zwischenflle seinen bekannten Entschlu, zu
resignieren, durchkreuzt. Er sehe sich tatschlich seinem ganzen Lager,
seiner ganzen Armee gegenber und wte nicht wie aus dieser Schlinge
heraus. Was die Detachierung eines Truppenkommandos fr die Spanier
anlange, so htten sich die Offiziere gestrubt etwas anderes vorzunehmen,
als was sich strategisch im Augenblick rechtfertigen liee. Dabei msse es
denn sein Bewenden haben. Man werde es in Wien einsehen. Es sei auch nicht
einfach fr ihn, sich von der Armee zurckzuziehen; er brge den Obersten
und Offizieren fr ihre Ausstnde; wie die Finanzlage der Kaiserlichen
Majestt sei, wten die Herren.

Trautmannsdorf fragte: Danach vertrauen die Herren Obersten mehr Eurer
Durchlaucht als der Kaiserlichen Majestt. Der Herzog unwillig: es sei nur
der Unterschied einer rumlichen Entfernung, ich bin ihnen nher. Und
die Befehle betreffend die spanische Verstrkung? Der Graf Trautmannsdorf
spielt mir Theater vor. Das ist ein groes Wort Befehl, und Euer Liebden
gebraucht es gern, es kleidet Euch auch gut. Verget darunter nicht die
Tatsache, die ich Euch genannt habe. Mein Sekretr soll Euch einige
schriftliche Aufstellungen mitgeben; Graf Schlick mag noch einmal darber
nachdenken.

Hartnckig Trautmannsdorf, in dem zum erstenmal Zorn gegen Wallenstein
aufwallte: Aber die schriftlichen unausweichbaren Befehle der Kaiserlichen
Majestt? Das berhrte der Herzog, der langsam vom Tisch, an dem sie
gesessen hatten, aufgestanden war und aus der offenen Truhe von der Wand
einen gerollten gesiegelten Papierbogen hervorholte. Sich wieder unter
Seufzen niederlassend, besah ihn Wallenstein mit undurchdringlicher Ruhe:
Dies ist das Siegel, das grere Siegel meines Feldmarschalls Christian
von Ilow. Die Herren sollten Realitten sehen und sehen wie es mit Worten
steht. Haben die Herren schon hiervon gehrt? Trautmannsdorf, mit
Questenberg Blicke wechselnd, sagte bissig nein. Dann aber, als der
Herzog ruhig vorlas, die Namen las, waren sie entsetzt und ihnen ging der
Atem aus. Es war klar, da sich der Herzog durch dieses Schriftstck der
Offiziere versicherte fr den Fall der Enthebung vom Generalat.
Trautmannsdorf sthnte unwillkrlich vor Erregung, so da sich der Herzog
unterbrach, ob er nicht weiter lesen sollte. Sie baten sich eine Abschrift
des Reverses aus, die Friedland bereitwillig zusagte. Sollte ihnen gewi
kein Name unterschlagen werden. In eisigem Triumph geleitete sie der Herzog
auf die Diele. Auer sich vor Wut, von Scham gelhmt reisten sie tags
darauf ab.

An den nchsten Tagen nahm der Herzog selbst an Banketten teil, die man
Ilow, ihm und Gallas zu Ehren veranstaltete. Ein trotziges prahlerisches
Gerede ging bei dem Getafel um, Friedland beteiligte sich an jedem Umtrieb.
Das Frhjahr sei vor der Tr, man wisse wozu man lebe. Junge Offiziere, dem
Herzog zu schmeicheln, schrien, man werde den Wiener Intrigen Schach
bieten; die Spanier wrde man nach Spanien jagen, den Wiener Hof
hinterdrein. Wallenstein aber fing von seinen Kreuzzugsideen an, als hrte
er nichts; er wolle alle Truppen der ganzen Christenheit einmal
zusammenfassen und sie gegen die Trken werfen; da sei ihm gleich recht
katholisch oder lutherisch, die Welt wolle erobert sein, ein Hundsfott, wer
jetzt die Fahne verlasse und die Wiedervereinigung der Christenheit stre.

In dem Erregungssturm, der das Pilsener Lager erfat hatte, arbeitete die
Umgebung des Herzogs mit grter Entschlossenheit. Graf Kinsky, der Bhme
und Franzosenfreund, in Pilsen herumgehend, brachte de la Boderie vor
Friedland, einen Attach Feuquieres, der den Augenblick fr einen tdlichen
Sto gegen Habsburg gekommen hielt. Festlich wie immer schleppte der eitle
Kinsky sein Opfer an, einen flinken Mann, die Nase lang gezogen, die Spitze
gesenkt ber den Mund. Beide erlebten, da Friedland sie ganz anders
empfing, als sie erwartet hatten. Beleidigend kurze schneidende Fragen wie
an Bediente stellte er, Ablehnung jeder huldigenden und hflichen Phrase.
Das Gesprch wurde italienisch gefhrt, ging von de la Boderies Erbieten
aus, dem Herzog das Knigreich Bhmen zuzusprechen, worber Friedland mit
eisigen Wendungen hinwegging, um selber sechs Fragen an den Unterhndler
Feuquieres zu richten, vor allem: welche Sicherheit ihm Frankreich bei
einem Krieg gegen Habsburg gbe, wie man sich zu Bayern, Frankreichs
Liiertem, stellen solle, worauf die Operationen gegen Habsburg hinausgehen
sollten.

Der chokierte, gut informierte unsichere Unterhndler bermittelte erst
nach Rcksprache mit Feuquieres, der in Dresden arbeitete, Antworten, da
man Wallensteins Groll Bayern und den Kurfrsten Maximilian opfern wolle,
eine Million Livres jhrliche Untersttzung ihm verspreche,
fnfhunderttausend im Augenblick, den Waffenschutz Frankreichs; es msse
auf Wien losgestoen werden. Einen persnlichen berflieenden lngst
vorbereiteten Brief des Allerchristlichsten Knigs Ludwig brachte de la
Boderie aus Dresden fr den Herzog mit. Ein zufriedenes Knurren war die
Antwort Friedlands; er warnte den Franzosen, sich einzubilden, da er vom
Kaiser abfalle. Die Armee steht hinter mir, sagte er, ich bin nicht
gegen den Kaiser, ich will zum Frieden kommen, die Kriegspartei am Hofe
wird sich fgen. Aber es sieht aus, als ob nun die bayrische und
Jesuitenpartei herrscht am Hof, Spanien fhrt das Szepter. Bayern will
seinen Spott an mir ben. Ich bezahle ihnen fr jetzt und fr das
letztemal. De la Boderie verabschiedete sich, verstndnisvoll sich
verneigend, er wolle einen Vertragsentwurf aus Fontainebleau
herbeischaffen.

Kinsky wurde von dem grausam ihn anfunkelnden Herzog im Saal festgehalten:
ob er das dem Franzosen ins Ohr gesetzt habe, das mit Bhmen -- die
Franzosen wollten ihn mit dem Knigreich Bhmen beschenken. Er zog den
verwirrten, sich krmmenden Grafen durch den Saal am Ohr: Ich werde Euch
beseitigen lassen, wenn Ihr mich kompromittiert. Was hab' ich Euch von
Bhmen gesagt? Sagt mal! Ho, ja hi. Was habe ich Euch gesagt? Hat der Herr
Verlangen nach seinen Gtern? Hi, ja hi, hihi. Erobere er sie selbst. Als
Kinsky sprechen wollte, wies ihn der Herzog kreischend hinaus und schlug
ihn in den Rcken.

Trzka fing den glhenden Kinsky schon an der Tr ab. Sie flsterten
zusammen; ein besonderer Bote war vom Herzog an den schsischen Kurfrsten
abgefertigt, Sesyma Raschin war aufgetaucht und hatte Auftrge fr den
Schweden Oxenstirn mitgenommen.

Whrend es im Lager brodelte, klirrte es metallisch angespannt aus dem
herzoglichen Quartier.

                   *       *       *       *       *

Irrtmlich wurden von den Sphern Pikkolominis der Graf Trautmannsdorf und
Questenberg gefangengenommen und einige Tage als vermeintliche Geheimboten
Friedlands festgehalten. In Wien war mit dem Erscheinen Trautmannsdorfs und
Questenbergs die gemeinsame Front hergestellt. Die geheime Kommission, die
den Fall Friedland behandelte, gab in panischem Schrecken nach. Sie ging
mit fliegenden Fahnen ins Jesuitenlager ber. Gengstigt, mit Widerstreben
zogen sie zu ihren Beratungen den brutalen Grafen Schlick hinzu; man hielt
es auch fr gut, den jungen schmchtigen Knig von Ungarn zu informieren,
dessen hochmtige Abneigung gegen Friedland, den anmaenden
Emporkmmling, sonst alle abstie. Nach der Gehorsamsverweigerung, dem
offenen Rebellionsakt des Pilsener Schriftstckes war aber die Enthebung
vom Generalat unvermeidlich geworden. Das Generalat sollte auf Gallas
fallen, der in Pilsen sa und an den man nicht herankonnte; darum sollten
zunchst Aldringen in Bayern und Pikkolomini die erforderlichen
Absetzungsmanahmen in aller Heimlichkeit, Schnelle und Entschlossenheit
betreiben. Man schickte zum Kaiser Ferdinand, um die Unterschrift zu dem
Beschlu zu erlangen.

Inzwischen wurde auf die Kunde eines drohenden Angriffs in aller Eile die
Wiener Stadtgarde alarmiert. Den hohen Wrdentrgern in der Kommission
krampfte sich die Brust zusammen, als sie die wenigen hundert Mann anrcken
sahen, rmliche Leute, die bei Tag ihrem Beruf oblagen, rasch ausstaffiert
mit alten Waffen Musketen und Partisanen, die sie kaum zu handhaben wuten.
Unter ungeheurem Hallo und Zulauf fuhren sie noch fnf leichte
Feldgeschtze an, die Friedland im dnischen Feldzug erbeutet hatte und die
man zum Schmuck auf Brcken aufgestellt hatte. Das Volk lrmte und ritt
nebenher, Kinder schwangen sich auf die Lafetten, die Stadtsoldaten lieen
sich von Kfern und Lasttrgern helfen. Unter groer Lust der angestauten
Masse wurden die Geschtze vor den Eingngen zur Burg in Stellung gebracht,
die Fhnlein zogen in die Burghfe ein, wo sie Zelte aufschlugen, Feuer
machten und sangen. Es hie unter ihnen, Zigeuner und die herumstrolchenden
Unzufriedenen aus Ungarn htten einen Raubanschlag auf die Burg vor. Unter
den Herren oben wurde es wiedererzhlt. Abt Anton flsterte: Wie wollen
diese Leute einer friedlndischen Armee standhalten. Eggenberg brach in
ein widerstandsloses verzweifeltes Weinen aus, greisenhaft plrrte er;
Trautmannsdorf schttelte den Kopf, als er den hilflosen Mann in einer
Kammerecke sah. Trautmannsdorf wute nicht, da der alte Frst auch weinte,
weil ihr Herr, der Kaiser, den er jahrzehntelang beraten hatte und dem er
anhing, sich so hoffnungslos von ihnen getrennt hatte.

In Wolkersdorf Todesstille. Der Kaiser auf tagelangen Ausflgen. Von Rom,
gewhlt vom General der Jesukompagnie, war ein gebckter uralter Priester
angekommen, wartete auf Ferdinand. Lamormain, der sich nicht mehr fhig
fhlte, den Kaiser zu fhren, hatte um Hilfe gebeten. Der schwarzrckige
Fremde tappte unermdlich durch die Gnge, stieg die Treppen auf und ab,
nur vormittags schlief er einige Stunden. Lamormain schickte dem Greis zur
Gesellschaft einen vornehmen Novizen. Der Alte freute sich, redete viel.
Sie schlichen durch die Korridore, ber die Treppen bis zum Dach, durch die
Dachrume, die Treppen herunter.

Weit du, Kind, was Jesus gesagt hat. Du mut es dir merken. >Weide die
Schafe<; er hat es zu Petrus gesagt. Ist ein Schaf ein vernnftiges Tier?
Das mut du dich fragen. Ein groer Mann, der unsrer gesegneten
Gesellschaft angehrte, hat viel darber nachgedacht. Jesus hat nichts von
sich gegeben, was belanglos wre. Die Schafe sind unvernnftige Tiere, sie
sind vielleicht die unvernnftigsten. Sie haben Triebe und Begierden und
weiter nichts. Du siehst, wie Jesus von den Menschen gedacht hat und welche
Aufgabe er der Heiligen Kirche zuerteilte. Wir sollen sie fhren und
weiden, wir wollen wissen, wen wir vor uns haben; wir sollen also keine
Leithammel sein. Petrus nahm den Hirtenstab und bte das Hirtenamt. Weit
du, mein Kind, wer wohl als Leithammel zu betrachten ist? Nein,
Ehrwrden. Nun, er flsterte, wir sind ja nicht weit vom Schu. Es sind
die Frsten Knige und Kaiser. Sie sind der Kirche danach untertan, ja
eigentlich ihr Eigentum; denn was kann der Herde besser geschehen, als da
der sachkundige Hirt sie besitzt. Aber es ist eine Verwirrung eingetreten,
die Gewalt triumphiert; kaum da sich unser Heiliger Vater in seinem Land
gegen die wildgewordenen Lmmer behaupten kann. Ach, wir haben noch viel
Arbeit vor uns, mein Kind. Freu dich deiner jungen Knochen.

Als der Alte seufzte, meinte der andre leise: Lange bleibt der Kaiser
aus. Wir werden warten, seufzte der Alte. Nach einer Weile: Ein
sonderbarer Schlag Mensch, ein Frst. Sie sind etwas fr sich. Das Volk
sprt es. Als Priester wirst du deine besondere Meinung ber sie haben,
Kind. Sie sind fast die Schlimmsten der Unvernnftigen. Es ist gewi, da
die Menschen von Natur frei sind. Ist ja doch jedes Lamm und Schaf, jeder
Hund frei; er kann laufen wohin er will. Und der Hirsch, die Wanze, der
Floh. Warum nicht der Mensch? Frei bleibt der Hirsch aber nur, solange es
keinen -- Jger gibt. Eine Muskete berredet den Hirsch seine Freiheit
aufzugeben, eine Muskete hat groe berzeugungskraft. Was die Knige
Herzge und Grafen in ihren Lndern tun, ist von dieser Art. Du wirst das
einsehen. Wenn ich einen Hirsch einsperre, so be ich damit kein Recht,
sondern eine groe Geschicklichkeit. Warum lt Gott dies zu? Du bist
nicht tricht, mein Kind. Gott ist noch nicht an der Reihe. Weil die
Frsten die Gewalt haben, glauben sie die Vernunft, den gttlichen Gedanken
entbehren zu knnen. Niemand ist so Verwirrungen ausgesetzt wie ein Frst.
Sie verlieren den Boden unter ihren Fen und rennen ins Leere. Ihre Vlker
knnen sie mit sich ziehen. Wir mssen uns der Frsten bemchtigen, und
wenn uns das nicht gelingt, der Vlker. Wir drfen nicht nachgeben und vor
nichts zurckschrecken. Nur die Heilige Kirche wird die Menschheit von dem
Abgrund zurckhalten.

Vor einem hohen Wandbild blieben sie verschnaufend stehen; auf dem Scho
der blaumanteligen Jungfrau spielte das heilige Kind mit einem goldenen
Buch. Sie stocherten weiter. Der Alte wies rckwrts mit dem Daumen auf das
Bild: Das Buch. Das Buch. Damit glauben nun unsre Schflein zu haben, was
sie brauchen. Jetzt sind sie die Herren. Wer lesen kann, hat Zugang zu
Gott. Das ist ja Ketzerei. Nun, hast du einmal nachgedacht darber, wer
schuld ist an der Ketzerei? Luther? Hu? Ei was. Sie sind Betrogene. Es
sind alberne flache Kpfe; es reicht bei ihnen nicht zu einem Betrug. Das
Buch. Es war Snde, uns ist es lngst klar, die Schrift Laien preiszugeben,
sie berhaupt schreiben zu lehren. Die heiligen Worte heilig zu halten,
wre wichtiger als alles andre gewesen. Die heiligen Worte htten von Papst
zu Papst mndlich berliefert werden mssen, und niemand htte von ihnen
hren drfen, als die der Papst heranzog. Von diesem Baum der Erkenntnis
knnen einfache Menschen nicht essen. Nun ist das Unheil geschehen, und was
ist die Folge? Die Massenketzerei. Sie fuen auf der Bibel. Hast du das
einmal gehrt von den Prdikanten: auf der Bibel? Diesen Tonfall? Das
klingt so stolz, als wenn einer sagt: das hat Lamez gelehrt, das hat
Vitelleschi gefordert. Sie knnen, mein Sohn, ebenso sagen, sie fuen auf
der Natur, der Tierwelt, den Sternen, auf den Kristallen, den Meerfischen,
dem Schindanger. Denn was ist gesagt mit: Bibel? Ein Manuskript voll von
Stzen, von Silben, Buchstaben, Schriftzeichen, hebrisch griechisch
lateinisch. Meine Augen gleiten darber hinweg, ich finde dieses Wort,
jenes, zhle zusammen l-o-g-o-s, es gehrt schon ein Entschlu dazu, logos
zu sagen. Ich steige, kaum ich meine Augen bewege, ins Geistige und -- die
geschriebene Bibel verschwindet. Mein Geist herrscht. Ehrwrden hlt
nichts von der Heiligen Schrift? Die Heilige Schrift nichts? Freilich.
Wenn du stark bist und nicht erschrickst, Kind; sie ist in gewisser
Hinsicht nichts. In gewisser Hinsicht?

Eine Papiersammlung, ha, du brauchst nur einen Indianer fragen, ob ich
nicht recht habe. Jeder Vogel wird es dir besttigen. Male die Buchstaben
der Bibel auf eine Sammlung Lebkuchen, giee sie mit weiem Zucker genau
nach dem Urtext; du wirst eine Kuh als natrliche Autoritt hinzuziehen --
sie soll dir sagen, ob das die Bibel oder Lebkuchen ist. Sie frit das
ganze Paket auf und du darfst dann kein Wunder von dem Tierdarm erwarten;
was die Kuh spter von sich gibt, ist ein Kuhfladen wie jeder andre.
Verzeih -- ja du lachst, Kind -- ich will nur sagen, diese lutherische Kuh
hat brav gehandelt, aber sie ist auch trotz des lutherischen Bekenntnisses
unsre gute Kuh geblieben. Ich verstehe. Und machen wir erst diesen
Schritt, so machen wir alle. Dieser Buchstabenglaube, sag' ich dir, ist ein
Rckfall ins Judentum. Weh dem, der glaubt, weil er zwei Fe hat, er knne
auch allein aufstehen. Unser Glaube hat Freiheit, der Heilige Geist hat die
Evangelien diktiert, er ist mit dem Papst. Nur mit dem Heiligen Geist ist
die Freiheit. Wir werden ernstlich einmal daran gehen mssen, der Kirche
und dem Papst die Bibel wieder zu erobern; wir mssen die Schafe vor dem
Wahnsinn und dem Tod schtzen.

Gnge, Tren, Treppen. Sie stiegen ernst ber die Holzdiele. Hinter den
Fenstern des Erdgeschosses saen sie, blickten in den Wald hinaus. Sie
warteten. Ein Diener brachte ein niedriges Tischchen mit pfeln und
Zuckerwasser. Der Novize ffnete vor dem Priester ein Fenster. Erfrischende
Luftstrme.

Ferdinand lie sich vom Pferde helfen. Ein schnauzbrtiger lterer Mann bei
ihm, fingertiefe Narben in dem entschlossenen kleinen Gesicht, das unten
ein starker vorspringender Unterkiefer abgrenzte. Mit raschen Schritten an
dem Geistlichen vorbei. Der Leibdiener holte bald den grauen Pater; der
Kaiser dankte ihm, plauderte mit ihm; er wollte ihn abends empfangen.

In dem breiten, von Streben durchschossenen, wie von verschlungenen Armen
gestemmten Gewlbe stand Ferdinand, heftig und leise diskutierend mit dem
Schnauzbrtigen. Der trug zwei Pistolen im Grtel, der Kaiser hatte ihn
nach dem berfall bewogen, bei ihm zu bleiben. Jetzt verlangte Ferdinand,
weigrau wie der andre gekleidet, in losen Kniehosen leicht schlotternd,
tiefrotes Gesicht, Bckel solle mit ihm weg. Der widerstrebte. Dann wollte
Ferdinand ohne ihn weg; man htte etwas gegen ihn vor, einen Anschlag,
flsterte er ngstlich, es sei nicht ausgeschlossen, da man ihn einsperren
werde, um seiner sicher zu sein; gegen Kaiser Matthias und Rudolf sei auch
dergleichen geplant gewesen. Der wollte es nicht glauben. Es ist so weit,
verharrte Ferdinand, sie wollten den Herzog zu Friedland beseitigen,
Friedland ist mein Freund, er hat mich hochgebracht; sie werden mich fassen
wollen; sie wissen, wie ich denke. Der starke Bckel, der einen feisten
runden Rcken hatte, listig um sich schauend: also Ferdinand sollte sich
nichts vergeben, sie wollten mitnehmen, was sie tragen knnten. Gegen Abend
sollte es sein; er wolle hinaus zur Vorbereitung; er tuschelte noch: der
Kaiser solle sich keine Ble geben bis da.

In ein Zimmer ging Ferdinand, den ein Schrecken beim Anblick des fremden
Geistlichen befallen hatte, dann nicht mehr, lungerte in der Nhe der Tr
herum, ritt angstvoll um das Schlo. Er mute am spten Nachmittag noch mit
dem Frsten Eggenberg durch die Gnge promenieren; das Absetzungsmandat
Wallensteins sollte unterschrieben werden. Zum erstenmal empfand Ferdinand
fiebernd einen Ha auf den Mann, der ihn jetzt bedrngte und qulte. Er sah
nicht die hndisch treuen Blicke des alten Menschen, er wartete, da er
ging. Was Wallenstein, pfui, pfui, sie sollten ihn zu nichts kriegen.

Als man zur Abendmesse gehen sollte, hing Ferdinand schon auf dem Pferde.
Eine halbe Stunde lag Wolkersdorf hinter ihm.

Er dachte daran, wie ihn vor langer Zeit Graf Paar mit Gewalt entfhren
wollte. In einem Talkessel lagerten Bckels Gefhrten; Ferdinand umarmte
den eisenstarken Gesellen. Dann schrie er wie ausgelassen sinnlose Silben
aus voller Kehle in die Luft, die anderen lachten. Er warf sich auf den
bloen Boden, zuckte mit den Armen und Beinen, knirschte, weinte, schumte,
schrie. Er lie aufgestemmt bestubt den Kopf zu Boden hngen. Ferdinand
war schwindlig. Er glaubte ein Schlag trfe ihn. Man wollte ihn hindern,
aber er fing an sein Pferd abzuhalftern, zu fttern; schttete dem Tier
Stroh und Heu auf, kte es trnend zwischen die Nstern, das ihn
fortgetragen hatte.

In dieser ersten Nacht, wo er in einer leeren Scheune neben seinem Pferd
zwischen den wilden Gesellen schlief, trumte er, er stnde wieder an
seinem Fenster in Wolkersdorf; es klatschte etwas gegen die Scheiben, er
stieg hinaus, sie nahmen ihn bei der Hand, liefen mit ihm durch den Wald.
Aber er lief rascher als sie, er lachte, lie sie los, berhrte kaum den
Boden mit den Fen, nachschleppenden, flog und sank, und wieder lief er
mit ihnen, lachte, rollte, flog, balsamische Luft wehte ber ihn. Er sah
auf, kein Tausendfu, kein ekler Bauch war ber ihm.

Er kicherte im Stroh, da die andern aufhorchten und im Dunkeln sich seinen
Namen zuflsterten.

                   *       *       *       *       *

Jubel in Dresden ber Wallensteins Abfall. An den Brsen in Hamburg Bremen
Augsburg furchtbare Unruhe und Verhaltenheit; beklommenes Fragen nach dem
Verhalten der Prager Judenschaft, die stark engagiert war; man hrte nur,
da weder der Primas Bassewi noch Graf Michna geflohen waren, da sie also
Friedlands Sache nicht verloren gaben. Beschreibungen des Pilsener Banketts
liefen an den Hfen um; der Emissr Friedlands nannte prahlerisch in
Dresden die Namen der Obersten und Generalspersonen.

Die neuen Friedensbedingungen des Herzogs langten am schsischen Hofe an:
Die spanische Herrschaft und Einmischung in Deutschland ist abzulehnen.
Frankreich ist ber den Rhein zu werfen, die Pfalz wird wieder hergestellt;
der Herzog Bernhard von Weimar wird mit dem Elsa oder einem Stck Bayern
entschdigt. Der Weg zum Frieden wurde vorgezeichnet: Vereinigung des
Herzogs mit Sachsen und Brandenburg; im Augenblick der Vereinigung kann dem
Kaiser und den Schweden der Friede diktiert werden. Der dicke Johann Georg
war strrisch zu nichts zu bewegen; er zwar wollte Frieden und ihm bangte
um sein schrecklich verwstetes Land, aber den abtrnnigen Herzog nahm er
nicht an; das sei ein Bsewicht, ein Mann, der nichts bedeute, er wolle
immer und immer nur den Frieden mit dem Erwhlten Rmischen Kaiser. Sein
Feldmarschall Arnim rang entschlossen und hingegeben mit ihm und Kaspar von
Schnberg Tag um Tag. Der geschehene Abfall des Herzogs machte seine
Position schwieriger; nun war der Kaiser zwar machtlos, von Friedlands
eignem Heer ohne kaiserlichen Rckhalt aber dachte der schmerbuchige Herr
niedrig; ja, in Johann Georg regte sich ein Gefhl, der schmhlich
verratenen Kaiserlichen Majestt gegen solche Hundsftterei beizustehen. An
die Zuverlssigkeit der friedlndischen Armee glaubte er trotz des Reverses
nicht; wenn die rechte und natrliche Autoritt fehle, der Kaiser, werde
die Ordnung im Heere verschwinden; auf Schlechtigkeit baue man keine Armee
auf. Der Kurfrst und auch sein Kaspar von Schnberg hatten vor, die
Situation in ihrem Sinn auszuntzen; man werde dem Fuchs, der Sachsen
unsicher gemacht habe, seinen Raub heimzahlen. Die Lage wre wie vor
Breitenfeld: Schweden und Sachsen sollten zusammengehen und diesmal dem
Friedland einen Schlag auf das Haupt versetzen.

Neben Arnim arbeitete fr den Herzog der junge Herzog von Lauenburg, ein
schwrmerischer Verehrer Friedlands, in kurschsischen Diensten. Der fuhr,
um jeden schsischen Anschlag auf den Generalissimus zu verhindern, zu
Bernhard; er weihte von seinem Vorhaben Arnim ein; Arnim knirschte und
fluchte mit ihm in verschlossener Kammer; sie wrden die schlimmen
kurschsischen Plne hintertreiben; sie dachten in Dresden schon den
Friedlnder in der Falle zu haben. Aber bei Bernhard von Weimar, dem
lippenaufwerfenden berstolzen jungen General, begegnete er einer brutalen
Klte; er glaubte nicht an einen vollzogenen Abfall, das Ganze sei eine
friedlndische Finte, um sie ins Garn zu locken, prasselte ein Spottlachen
ber den Lauenburger: Es mte mit merkwrdigen Stcken zugehen, wenn der
liebe Gott vorhtte, gerade mit diesem Friedland das Deutsche Reich zu
erretten. berdies fragte er, die Augen kneifend, was es auf sich habe,
da er und Arnim hinter dem Rcken ihres Herrn solche Plne betrieben.

Der schweiduftende Frst Pikkolomini bemerkte mit Wut, da die
Unterhaltung zwischen Pilsen und den beiden Feinden weiterging. Er schlug
dem Federfuchser Aldringen in Passau rasche Schritte vor. Der war
einverstanden. An Gallas, der im Pilsener Lager sa und vom Herzog nicht
losgelassen wurde, kam man noch immer nicht heran. Aldringen ersuchte den
Kurbayern, ihn mit einigen Truppen zur Exekutierung der friedlndischen
Absetzung zu beurlauben.

Man konnte Maximilian lange nicht zum Entschlu bringen. Er war in Passau
anwesend, aber statt an den Beratungen der Herren teilzunehmen, betete er
stundenlang. Der entscheidende Schlag stand bevor. Er war unsicher und
zgerte die Handlung hin. Wenn man ihn bedrngte, brach Zorn und
Feindseligkeit aus ihm. Sein auerordentlicher Stolz war von Friedland tief
gedemtigt worden: jetzt sollte die Entscheidung kommen, die das Haus
Wittelsbach vernichten konnte. Der Gedanke, das Haus Wittelsbach knnte
vernichtet werden, dieser ungeheuerliche -- und Schweden, Bernhard von
Weimar oder Friedland knnten in Zukunft in Bayern schalten, lhmte sein
Gehirn. Kuttner war bei ihm im Passauer Rathaus. Mit der Hrte von Slawatas
Gedanken setzte er dem schwankenden hilfesuchenden Kurbayern zu; es gelang
ihm auf Stunden in Maximilian die Furcht um Wittelsbach zu verdrngen. Er
lockte den Kurfrsten auf den alten Kampfgang gegen den Herzog. Da war
keine Unsicherheit, Wallenstein mute herunter.

Und als Aldringen mit seinen Regimentern abgezogen war, sa Maximilian noch
im Passauer Rathaus starr auf dem Lehnstuhl am Fenster, hrte das Klappern
der Pferdehufe. Wittelsbach war in Gefahr, auf wen verlie er sich?
Friedland besa ein groes Heer. Und diese hier! Kuttner hrte ihn
pltzlich chzen; die Scham glhte ber Maximilian; steif und wild blickte
der Kurfrst den andern hinter sich an, der sich umdrehte. Wie Kuttner
gemartert das Zimmer verlassen hatte, knickte Maximilian auf den Knien vor
dem Fenster zusammen; leidenschaftlich trieb er seine Gedanken hinter den
Regimentern her, bettelte bei den Schutzheiligen, sich der Truppen
anzunehmen, gelobte Geschenke Stiftungen, was es auch sein sollte. Er blieb
auf den Knien, als ob er eine Antwort erwarte. ffnete das Fenster. Die
Strae war leer, Aldringen war weg.

Die Regimenter die Gebirgspsse berschreitend; ber die Quellen der
Moldau. In Neterlitz bei grausigem Schneegestber holte sie Pikkolomini
ein. Es konnte nicht gezaudert werden, die Obersten wurden eingeweiht;
Pikkolomini wies ein mit kaiserlichem Siegel versehenes Befehlsschreiben
vor, das alle Offiziere und Soldaten ihrer Pflicht gegen den bisherigen
obersten Feldhauptmann, den Herzog zu Friedland, enthob und sie an den
Grafen Gallas verwies, in Gallas Behinderung an ihn selbst, Pikkolomini und
Aldringen. Unterschrieben war das Schriftstck vom Knig von Ungarn und dem
Frsten Eggenberg angesichts der Erkrankung des Rmischen Kaisers. Ursache
der Vernderung sei eine ganz gefhrliche und weitausschauende Konspiration
und Verbndnis des Friedlnders, seine meineidige Treulosigkeit und
barbarische Tyrannei, die das kaiserliche Haus um Land und Leute, Krone und
Szepter zu bringen Vorhabens sei. Gewalt war die Losung, die der hitzige
Italiener ausgab; er wollte, schwur er, den Skorpion auf der Wunde
erdrcken; der schlaue ngstliche Federfuchser Aldringen lie ihm seine
Regimenter, er selbst zog trge mit seinem Stab hinterdrein. Ohne Zgern
stieen die Regimenter unter Pikkolominis Fhrung auf Prag los. Ich kann
nicht warten, hatte der Italiener gespieen, bis der Herzog in Prag ist.
Die Stadt war gnzlich ahnungslos. Die Obersten der friedlndischen Truppen
verstanden nicht, was der Generalwachtmeister im Sinn hatte, als er sie,
whrend seine Truppen in kriegsmigen Formationen mit Artillerie die
Brcken der Stadt und den Hradschin besetzten, zu sich in das Altstdter
Rathaus berief, das Enthebungsmandat vorlesen lie, das gleichzeitig unter
Trommelschlag auf Gassen und Pltzen verkndet wurde, und an sie die
Aufforderung richtete, sich ihm zu unterstellen als dem Vertreter des
Generalissimus Gallas. Erst whrend seiner Rede erkannten die Herren in dem
dunklen Raum, da Gefangene schwer gefesselt an der Wand hinter dem
Italiener lagen, sthnten, Offiziere, die dem Herzog zu Friedland eng
verbndet waren, seine Lehnstrger. Den Wunsch zweier Obersten, sich ber
die Sachlage zu besprechen, beantwortete Pikkolomini zustimmend, aber diese
Besprechung msse bei der Gefhrlichkeit der Lage in einigen Minuten zu
einem fr den Kaiser ntzlichen Ende gefhrt sein. Die brigen erklrten
dem kaiserlichen Patent ohne weiteres Folge zu leisten. Sie kletterten
verstrt hinaus. Ihre Regimenter waren drauen mit Fhnlein der
Aldringenschen Truppen untermischt; es wurde den Herren bedeutet, da keine
Unbill gegen sie beabsichtigt wrde, aber man wollte sie vor Konflikten
bewahren, sie mchten sich einige Tage von den Truppen fernhalten.

Im Anmarsch von Sden Marradas Truppen; berall lautete die Parole: Wir
wollen den Kaiser nicht verlassen, wir wollen die Schweden und Welschen aus
dem Reich schlagen. Und dann: Der meineidige Wallenstein; er will dem
Kaiser Bhmen nehmen, mit Schweden und Franzosen will er sich verbinden;
wir wollen ihm den Pa verbauen.

Im Moment schlug die Stimmung des friedlndischen Heeres in den Prager
Quartieren um. Nach der ersten Verblffung wirkte die Ankunft der fremden
Regimenter wie eine Befreiung. Man hatte sie mibrauchen wollen. Die
Truppenkrper mischten sich; die neuen brachten unerhrte Nachrichten von
dem Betrug, den man an den bhmischen verben wollte. Wallenstein, der
Gottseibeiuns und seine teuflische hochfahrende Sippe, der Nichtsnutz, der
sich msten wollte, Bhmen stehlen wollte, whrend sie in mageren
Quartieren verkamen. Sie waren des Rmischen Kaisers treue Soldaten; sie
wollten ins Reich hinaus, sich ihre Beute holen; Gallas wrde sie an den
reichen Rhein fhren; die Franzosen, ei, die Franzosen, in das schne
Elsa.

In das prunkvolle Friedlnderhaus auf dem Hradschin zog Pikkolomini ein. Da
erst befiel ein Grauen die Stadt. Die Straen leerten sich. Jeder
versteckte, verschleppte, vergrub seine Kostbarkeiten. In jedem Viertel
wurden die Gewlbe geschlossen, verbarrikadiert, ein groer Teil der
wertvollsten Sachen nahe der Moldau nachts in Ksten vergraben. Die Juden
bewaffneten sich. Keiner von den eingedrungenen Offizieren bemerkte, was in
der Stadt vorging. Der Adel beriet hinter verschlossenen Tren an allen
Teilen der Stadt und auf den nahegelegenen Gtern. Alle waren sicher: man
hatte hinter Wallenstein zu stehen. Heimlich wurden die jungen
Bauernburschen und Brgershne, die sich bereit erklrt hatten, einem
Zeichen zu folgen, alarmiert; man verteilte Geld und Waffen, gab
Losungsworte aus. Eine Riesensumme wurde genannt als Preis fr den Kopf des
Grafen Wilhelm Slawatas; eine instinktive Wut bezeichnete allgemein den
schnen Grafen als Hauptschuldigen an der erschreckenden Wendung; er war
seit Wochen abwesend, jetzt hatte er sein Ziel erreicht. Von der uralten
Grfin Trzka erzhlte man sich, sie sei auf die Kunde von dem Handstreich
des Italieners nach Prag gekommen und htte Dutzende von goldenen Ketten
mitgebracht fr den, der den Italiener ermorde. berall lagen pltzlich
Waffen, die auf dem Land herangeschmuggelt wurden.

Whrend dieser stummen Tage fuhr auch eine unscheinbare Judengesellschaft
auf einigen Wagen aus Prag ab. Adlige der Landschaft machten ihnen selbst
durch Psse und Salvegarden den Weg frei. Sie muten ihnen schwren, der
friedlndischen und bhmischen Sache hold zu bleiben. Da standen die
trauernden Gesellen mit den gelben Zeichen am Mantel in der Kammer der
Herren; ihr Herz war, seit Wallenstein lebte, mit ihm. Sie schworen, das
kleine schwarze Mtzlein aufgesetzt, die rechte Hand bis an den Knorren auf
der Bibel beim dritten Gebot, verflucht auf ewig zu sein vor ihrem Gott
Adonai, vom Feuer verzehrt zu werden, das auf Sodom und Gomorra fiel, wenn
sie Untreue und Falsche brauchten. Der wahre Gott, der Laub und Gras und
alle Dinge schuf, solle ihnen nimmer zu Hilfe kommen. Sie fuhren erst nach
Norden, als ob sie auf den Markt von Brandeis fahren wollten, dann wandten
sie nach Sdwesten. Einige jngere aus den Juden nahmen dann bei Brandeis
Pferde, hetzten auf Pilsen zu.

Die Kuriere aus Prag mit ihrer freudevollen Meldung der Einnahme der Stadt
fanden einen totenstillen Hof. Der Kaiser verschwunden. Seine Leibdiener in
Eisen geworfen. Kein Anhalt ber seinen Verbleib. Von der Kaiserin erfuhr
man nichts. Sie, die in einer schweren dunklen Erregtheit nach ihm
forschte, wurde nicht aufgeklrt; man versuchte sie zu beruhigen mit der
Erklrung, der Kaiser frchte in diesen Tagen in Wien zu bleiben; man htte
ihm empfohlen, sich ohne Aufsehen bei den Truppen des Marradas zu bewegen.
Die leidenschaftlich ausfahrende, brsk sogar mit den Priestern
umspringende Erscheinung der Mantuanerin war in diesen schreckensreichen
Tagen dem Hohen Rat der furchtbarste Anblick. Lamormain konnte sich nicht
von ihrer Seite bewegen. Sie maltrtierte ihn, forschte aus, was er von
Ferdinand wute. Der Pater suchte vergeblich sie zum Beten Beichten und zur
Ruhe zu bringen. Das Flstern Schreien Weinen Seufzen auf ihren Zimmern
nahm kein Ende.

Eggenberg kam nicht mehr hervor aus seiner Wohnung; er frchtete die
Begegnung mit der Kaiserin; in einer dumpfen Geschlagenheit hockte er zu
Hause. Kein Besuch durfte zu ihm. ber seinen Kopf strzte alles zusammen.

Allein von den herumwandernden Vtern der Jesukompagnie wurde die
freudevolle Prager Nachricht herumgetragen, und um sie herum merkte der
Hofstaat auf. Die Riesenbeute wrde an den Kaiser fallen, und was an den,
und was an den. Die Kenner der herzoglichen Gter, des Prager Hauses,
Gitschins wurden ausgeforscht: und pltzlich ging man hitzig suchend herum,
belauerte sich, verteilte. Wer wollte urteilen, an wen sollte es fallen?
Der Kaiser war nicht da, der Knig von Ungarn unerfahren, Eggenberg hatte
sich von den Geschften zurckgezogen. Nur Graf Schlick hatte noch eine
feste Hand. Es wrden ungeheure Besitzmassen zur Verteilung kommen, man
wrde nicht mit sich spielen lassen. Ansprche wurden geltend gemacht.
Verdienste behauptet, bestritten. Die Vter schrten; jedes Wasser auf
ihrer Mhle war recht. Es gingen am Hofe verkappte und ehemalige sehr laute
Anhnger des Friedlnders, Offiziere, die er hochgebracht hatte. In
Schmhungen erging man sich schon auf Pikkolomini und Aldringen; man
gedachte sie bald zu kirren.

                   *       *       *       *       *

Der Marsch auf Prag wurde in Pilsen beschlossen. Schaffgottsch sollte aus
Schlesien zur Untersttzung in jedem Fall herangezogen werden. Nach allen
Richtungen lief augenblicklich der Befehl Wallensteins an Obersten und
Generalspersonen zum Generalrendezvous der Truppen bei Prag. Er selbst
werde sogleich dahin aufbrechen.

Wie aber der Herzog am Morgen nach der Konferenz sich in einer Snfte ins
Lager tragen lassen wollte, war die Stadt auffallend still, Straen
friedlich ohne Posten und Patrouillen, die Tore unbesetzt.

Der lange Ilow am Stadtausgang auf nassem Pferd anklappernd,
herunterklirrend zur herzoglichen Snfte, konnte nur melden, da der Oberst
Diodati nachts in aller Heimlichkeit die Einquartierung Pilsens gesammelt
habe und in Richtung Prags abgezogen sei. Mit Diodati sei der
schmerbuchige spanische Agent Navarro verschwunden, der seit einigen
Wochen in Pilsen herumpokulierte.

Am Abend dieses Tages, der den Befehl zum ungesumten Abbruch des ganzen
Lagers brachte, wurden in der Sachsengasse beim Friedlnder, der ber
Diodatis Abzug die Achsel gezuckt hatte -- der Schwchling gefiel ihm nie
--, eine Gesellschaft Juden gemeldet, die sich schon seit Tagen in der
Stadt herumtrieb und nicht abzuweisen war. Da die Juden gebeten hatten,
allein mit Wallenstein zu sprechen, blieb nur Neumann in dem
kerzenerhellten Zimmer. Sie warfen sich, beschmutzt vom Straenkot, adlig
gestiefelt und gespornt, sechs krftige Mnner auf die Knie, zwei ltere
weinten. Ihren Primas, den Bassewi, htten sie nicht mitbringen knnen;
Bassewi sei gefahren, fr den Herzog in Augsburg Geschfte zu betreiben, er
wollte gerade jetzt keine Stunde versumen. Und dann holte ein lterer aus
seiner grauen Kappe, die vor ihm auf der Matte lag, einen wunderlich
bekritzelten langen Papierstreifen hervor und las, auf das dstere Nicken
des Friedlnders, das Absetzungspatent vor, whrend ihre langen Schatten
sich auf dem Boden bewegten, das in den Straen Prags ausgetrommelt wurde,
als sie davonritten. Sie schlugen sich die Brust: der bse Pikkolomini sei
in das herrliche Friedlnderhaus eingezogen, mit List und Gewalt sei er
ber alle hergefallen; sie wollten dem Herzog Auskunft geben ber alles und
jedes, was sie gesehen htten, er solle wiederkommen, rasch, rasch. Mit
langem Schweigen hrte sie Wallenstein an. Er zitterte, getroffen auf
seinem Schemel, zischte: Die Canaille, die Canaille.

Neumann mute die Daten aufnehmen, die die Juden zu melden hatten. Was die
Juden noch wollten, drohte der Herzog. Sie lagen wieder auf den Knien: er
htte sich ihrer soviel angenommen; die bhmischen Vlker warteten seiner;
sie hingen ihm an, er mchte sich ihrer erbarmen. Friedland schien ihnen
nicht zugehrt zu haben, sein Gesicht hatte die Blsse und Verzerrung
zunehmender Wut, seine Augen wurden steif und abwesend; auf Neumanns Wink
flchteten die Juden auf den Zehenspitzen aus der Stube. Sie durften ihn
auch am nchsten Tage nicht sprechen; Neumann riet ihnen, sich aus der
Sehweite Friedlands zu begeben. Die Nachricht von der Besetzung seines
Prager Hauses durch den schelmischen Italiener war tdlich hei in
Wallenstein gefahren. Wie vor Brennesseln wich er vor den Juden zurck, als
er sie nahe dem Lagertor traf, wo sie in einem bittenden Haufen standen. Er
wute nicht, was sie ihm sonst vorgetragen hatten; sein leidenschaftlicher
Schmerz.

Trzka kte am Abend dem Herzog die Hnde, schwur die Niedertracht an
Pikkolomini rchen zu wollen und wenn es sein Leben koste. Der Herzog
rchelte; er habe nie einen Menschen mit grerer Courtoisie traktiert als
ihn; er fragte nach seiner Frau und der Schwgerin; sie saen beide in
Gitschin. Ilow sollte schleunigst ein paar Kroatenkompagnien auf Gitschin
werfen; im Falle der Gefahr sollten die Frauen ihm nach. Nachdem sie lange
stumm nebeneinandergesessen hatten -- drauen knarrten schon die Wagen des
aufbrechenden Heeres, der Lafetten; Pferde wieherten und stieen mit den
Kpfen gegen die Fensterlden -- gab Wallenstein dem kopfsenkenden Trzka
leise Auskunft ber seinen Brief an Ferdinand. Oberst Mohr am Wald und
Brenner berbrchten ihn; er habe vor, sich auerhalb der Erblande an die
Peripherie des Reiches nach Hamburg oder Danzig zurckzuziehen; ihm bliebe
ja nichts mehr als zu sterben; seine Herzogtmer wollte er behalten. Ist
es Euer Ernst? flsterte Trzka, ohne den Kopf zu heben. Ich bin alt,
Trzka, das ist wahr, und ich lebe nicht mehr lange. Meinen Brief werde ich
berall verffentlichen, sobald ich wieder Luft schpfe. Er reit ihnen die
Maske ab. Du wirst sehen: es liegt ihnen nichts daran, ich bin ihnen auch
in Hamburg im Wege. Die Jesuiten haben ein bses Gewissen, weil sie den
Frieden in Deutschland nicht aufkommen lassen wollen. Darum wollen sie mich
beseitigen. Der Kaiser will mein Geld, ich bin sein Glubiger. Die
Herrlichkeit Pikkolominis in Prag wird nicht lange dauern. Ich kenne sie
in Wien. Sie scheuen die grbste Ungerechtigkeit nicht, wenn sie ihnen in
ihren Kram pat. Mit dem Pflzer wurden sie rasch fertig. Solange ich auf
den Beinen stehe, werden sie ihre Not mit mir haben. Von Ungarn bis jetzt
habe ich, Trzka, unter ihnen mich ducken mssen. Jetzt reden wir ein
offenes Wort. Trzka schttelte die Fuste, unwillkrlich knirschte er mit
den Zhnen: Die ganze Armee steht hinter euch. Und wenn es nur die halbe
oder ein Viertel ist -- wenn ich selbst meine zwei Beine behalte. Sie
sollen keine frohe Stunde von mir haben. Trzka, alle Waffen sind im Kampf
erlaubt. Ich schwre auf die Armee nicht. Diodati ist nicht allein. Nicht
geredet, lehr' mich Menschen kennen. Es wird nicht leicht halten. Du suchst
einige Kroaten aus, sie schleichen sich nach Prag, tausend Gulden fr
jeden, der mitluft, zehntausend Gulden, wer Pikkolomini vergiftet oder
erdolcht. Ich verla mich, da Ilow sofort nach Gitschin reiten lt und
die Frauen in Sicherheit bringt.

Es war dann nicht ntig, da die bestrzten Herren Manahmen zur
Heranziehung fremder Hilfe von sich aus trafen. Jetzt leitete Wallenstein
alles selbst, mit Umsicht und grter Schrfe. In Pilsen wurden alle Pferde
angespannt. Die Kriegskasse mitgenommen: Zehntausend Taler, sechstausend
Dukaten, siebzehn Goldketten. Den Kreishauptleuten nahm man zehntausend
Taler. Der Stadt Pilsen wurde vor dem Abmarsch noch eine Kontribution von
dreiigtausend Talern auferlegt. Schweden, Sachsen, Franzosen wurden noch
einmal mobilisiert, nach keiner Seite legte sich Wallenstein blo; so
unerschttert war er. Graf Trzka schrieb verzweifelt an den jungen Herzog
von Sachsen-Lauenburg, der sich noch um den Weimaraner bemhte: Eile,
Eile, Eile! Arnim wurde vom Herzog selbst aufgefordert, die entscheidenden
Entschlsse ungesumt zu fassen; es sei, drohte er, die Krisis fr
Kursachsen; er selbst rcke zu einem Schlage auf Prag los. Der Kaiser werde
aus sterreich geschlagen werden.

Das ganze Heer, aufgebrochen, rckte nrdlich. Eine Unruhe und Unsicherheit
war unter den Knechten aller Waffenarten und den unteren Chargen:
Generalrendezvous der Heere war bei Prag befohlen, aber Kroaten mit
leichter Artillerie flogen der Armee voraus, der Tro wurde kriegsmig
gesichert. Man rollte auf gefrorenen Chausseen ohne Hindernis vorwrts.
Pltzlich kamen Befehle von rckwrts aus dem Hauptquartier, das sich eben
in Bewegung setzte: es seien Gerchte verbreitet von Meutereien in Prag;
allen wurde die strengste Zucht, widerspruchsloser Gehorsam befohlen, der
Generalprofo bereise das marschierende Heer, an das Reiterrecht wurde
erinnert. Und kurz darauf: der Vormarsch sei zu beschleunigen, Prag werde
bei Widerstand zur Plnderung auf sechs Stunden preisgegeben.

Man rollte durch stille Drfer; Pfarrer, die man befragte, erklrten
kleinlaut, von Prag seien sie angewiesen, auf allen Kanzeln Friedlands, des
gewesenen Generalfeldhauptmanns, Absetzung auszuschreien; es laufe ein
kaiserliches Mandat im Land um, er sei ein Verrter, darum sei ihm das
Kommando abgenommen. Man fing schon vereinzelte vorsprende Aldringensche
Reiter im Gelnde, die wuten, da sie den meineidigen Wallenstein hatten
aus Prag jagen sollen; die Friedlndischen htten ihn schon verlassen.
Trzkas Reiterei mit leichter Artillerie zehn Meilen sdwestlich von Prag
wurde von einem starken Aldringenschen Dragonerregiment gestellt. Die
Dragoner fingen den Sto auf, Trzkas Reiter wurden zurckgeworfen, sie
fluteten zurck. Trugen Bestrzung in die langsam marschierenden Massen.
Das ganze Heer, als wenn es gegen einen Wald von Piken liefe, wogte und
rollte. Kleine schwerbewaffnete Krassierpatrouillen mit Profossen und
Henkern tauchten da bei allen Regimentern auf. Befehle kamen, den Marsch
einzustellen, zur Formierung einer Kampffront.

Helles frhlingmiges Wetter. Wasserlachen, schmelzender Schnee auf den
Chausseen. Anplantschend von allen Seiten lauschende Weiber, bekmmerte
Bauern: von Prag sei in wenigen Stunden der Anmarsch der Kaiserlichen zu
erwarten. Berichte von den Verlusten bei Trzkas Reiterei. Erschtterung,
Erbitterung lawinenartig flutend ber die gestauten Regimenter. Geflster
unter den Augen der Polizeipatrouillen: Wir sind in den Winterquartieren.
Kaiserliche! Wir sind Kaiserliche! Was will man von uns! Wer betrgt uns.
Die Truppen auf den Feldern, zwischen den Drfern, die nichts hergaben:
Vorwrts, vorwrts! Auf Prag. Wir warten nicht. Es tobte hin und her
zwischen den Regimentern; vorwrts wollten sie alle, auf Prag, kein Kampf,
man fhrte keinen Krieg mit Kaiserlichen.

Beim Regiment de la Moully fing es an; die Fuhrknechte zweier
Hagelgeschtze hatten laut geschworen, sie wrden noch morgen zum Heiligen
Sigismund in Prag am Schlograb beten; sie wren aufgeknpft worden;
Korporale, Fouriere und einige Schlangenschtzen waren ber den Profo und
seine Leute hergefallen, hatten sie niedergeschlagen; die nahende
Krassierpatrouille scho in den Haufen mit Pistolen. Darauf fiel die
geschlossene Kompagnie ber sie, zerri sie. Geschrei und Getmmel dehnte
sich ber die nahen Regimenter aus, berall wurden die Patrouillen
angefallen, entwaffnet oder niedergemacht, Gerichtswebel, Schulthei,
Stabhalter. Nach Prag! tobte es, beim Regiment Altmannshausen, Rodell,
Balbiano, Hamerl, Notario. Der geschlagene Vortrab ritt schon an mit
weibewimpelten Lanzen. Obersten und Offiziere folgten willenlos; das Heer
schob sich vorwrts. Tumultartig berrannten sich Abteilungen, brachen
seitlich aus. Schwere Artillerie blieb auf den Feldern stecken.

Da scholl Lrm, Freudengeschrei vorn, Marradassche Aldringensche Reiter,
fast waffenlos, galoppierten unter den aufgelsten Verbnden! Sie hatten
Befehle an die kommenden Obersten bei sich, eine Ordonnanz des neuen
Generalissimus Gallas. Er drohte kraft des ihm erteilten kaiserlichen
Patents, bei Vermeidung kaiserlicher Ungnade: keiner der Herren wolle mehr
Ordonnanzen vom Friedlnder Ilow und Trzka annehmen, sondern allein dem
nachkommen, was er befehlen werde oder Aldringen und Pikkolomini.

Auf den Feldern zwischen Pappelstnden und den zahlreichen geschwollenen
Bchen gab es ein kurzes unordentliches Gefecht: fnf Kompagnien Trzkascher
Krassiere, erlesene deutsche Truppen, schlugen sich nach Sden durch,
Wasser und Erde werfend.

                   *       *       *       *       *

Aus den sdlich gelegenen bhmischen Smpfen, aus ungarischen Salzfeldern
waren sieben Teufel losgebrochen; huserhoch, baumlang die Arme an den
Schultern schleppend. Sie liefen geduckt im Frhlingswetter zwischen den
Wldern. Von Wolfsart war ihr Fell; knietief schlugen sie ihre Hufe nachts
in die weichen nassen cker. Bei ihrem Trappeln, beim Trompeten ihrer Nasen
strzten viele Menschen tot um. Manche wurden bei ihrem ungeheuren
horizontverdeckenden Anblick von der Lust ergriffen und davon bewltigt,
mitzulaufen, nachzurennen. Sprangen an, hingen sich an die dicken Zotteln,
krochen in dem Gednst an ihnen hoch, grunzend und blasend wie sie, oft im
Lauf zerquetscht an Felsen oder bei Flubergngen ertrnkt.

In Bhmen und Mhren bemchtigte sich eine rtselhafte Panik der
Regimenter. Niemand wute, woher der Schrecken kam. Immer lief ein Teufel
hinter dem andern; oft rannten sie ziellos im Kreis. Es hie, sie wollten
durch das Reich an die russische See. Bei den Sachsen fingen die Fahnen an
den stillstehenden Stangen zu wehen an. Das Regimentsspiel klirrte bei
schwedischen Regimentern.

In den Wldern hinter den schwedischen Linien, in der Oberpfalz, im
versengten Sachsen schwemmten die Massen; aus Erdlchern Stllen Ruinen
Grbern, wo sie sich verbargen, kamen sie. Halsfletschend: Es gibt nur
Katholische und Lutherische, Kaiserliche, Schweden, Bayern; es gibt sonst
nichts auf der Welt. Schlagt uns tot. Es kommt nicht darauf an, ob wir
leben. Ein Bbchen, eine Weide, ein Wasser. Wir haben kein Recht zu leben.
Mssen zu Mist und Erde werden. Sie schwemmten plndernd in Drfer. Ein
Hundsfott, der von Kaiser und Christus redet. Sie haben es verscherzt.
Gebrll. Ich schwre den Kaiser ab. Ich schwr' auf Totschlag und
goldene Mnzen. Sie rissen, wo sie es sahen, Wappenschilder, kaiserliche
Farben, Skapuliere, Rosenkrnze, geweihte Ketten und Kreuze herunter.
Schlagwasser ist besser, besprochenes Papier. Es ist ein Zhnchen von
meinem Kind. Es ist kein Zhnchen, Jungfer, Ihr habt es weihen lassen.
Sie weinte: Ich kann es nicht geben. Nehmt es mir nicht. Du willst uns
verraten. Nein, Jesus kann nichts dafr. Lat nur meinen lieben Herrn.
Sie schlugen auf sie ein. Ich bin kein Verrter. Ich bete fr Euch, Gott
wird Euch helfen. Glaubt mir, liebe Freunde. O wr' ich schon tot.

                   *       *       *       *       *

Bleich gebckt, niedergebrochen ritt vor einem heubeladenen Trowagen neben
dem starken Fuhrknecht ein Pilsener Brger, ein etwas fetter Mann unter
einem schwarzen breiten Lederhut; den hatte der Fuhrknecht auf seine Bitten
mit auf den Weg nach Prag genommen. Wie die Verbnde sich stauten
auflsten, die Aldringenschen Reiter durch die Reihen galoppierten, steckte
der Pilsener dem Knecht einen vollen Beutel in die Hand, lste das
Begleitpferd vom Wagen, sprengte rckwrts. Slawata, schwindlig
aufgewirbelt, hatte nur den Gedanken: wo ist der Herzog, wir verlieren ihn,
er entwischt. Er hatte ihn in Pilsen belauert, jetzt: wo war er.

Einen halben Tag durch Getmmel und Schlgerei. Ihn fangen, ihn nicht
entwischen lassen. Und dann der Jubel: Trzkas Krassiere, Kompagnien, die
westwrts zogen, nrdlich an Pilsen vor den Wldern vorbei, in der Richtung
auf Mies.

Entlang dem Zug ritt Slawata: eine Doppelreihe langsam auf der Allee
schreitender Musketiere, in der Mitte Dragoner zu Pferde, dahinter eine
geschlossene Snfte von zwei Pferden getragen. Berauscht ritt der rmlich
gekleidete Mann auf den Feldern in groer Entfernung hintennach, lste sich
nicht von der geschlossenen Snfte, deren Anblick ihm wohltat, die der Wind
umblies. Ich habe dir ein gutes Grab bereitet, flsterte er vor sich,
streichelnde Blicke herber, es wre schade um dich, du wrst irgendwo
gestorben in einem Bett und es wre niemandem ein Glck damit geschehen.
Ich freu mich fr dich. Das Pferd stie: Es ist lustig, es sprt mich.
Komm nicht so wild. Du sollst ihn ziehen, wenn er unser geworden ist. Wenn
er so schn lang und still liegt. Das Pferd wieherte lustig, ging ruhiger.

Ihn berfiel, wie er einsam durch den Lehm nachschleppte, die Freude, die
von rckwrts ber das dunkelnde Feld ber seinen Rcken herzuwuchs. Wie
sich alles so jh gewandt hatte, als wenn die Vorsehung ihm in die Hand
spielte: das Heer zerrissen, keine Brcke zu Pikkolomini, die saen drben
in Prag, konnten nicht an ihn heran, schrieben Erlasse,
Proskriptionsmandate, chtungen, Vogelfreierklrungen: sie kamen nicht
heran an den Friedland! Er, er, er hatte ihn, hier ritt er, allein, im
Namen der ewigen Bestimmung. Drben, wie schn, wie schn, trug man ihn in
einer Snfte. Die guten beiden Pferde; da sie ihn treu behteten; die
Krisser, da sie ihn gut bewahrten. Er gehrte ihm. Er war ein Bhme, er
war sein Vetter. Es hatte keiner Anspruch auf ihn.

Er labte sich an den Gedanken in der rasch fallenden Dunkelheit. Von
magischer Sicherheit war er gefhrt.

Der Herzog bog in Mies ein. Und wie Slawata verzckt auf leerem Felde und
willkrlos den Lederhut abnahm, ihm nachsah, marschierten von Sden
Kompagnien an, klirrende, schwer gepanzerte Dragoner. Slawata mischte sich
erschreckt unter sie, da schwenkten sie in das Stdtchen ein, gefhrt von
einer Trzkaschen Patrouille. Bis in die Nacht wartete der Bhme hinter dem
Hause, in dem der fremde Oberst einquartiert war. Als er vom Herzog
zurckkam, drang Slawata zu dem finsteren Mann fast unter Gewalt ein.

Er rang mit ihm zwei schwere Stunden. Dieser Oberst, der auf dem befohlenen
Marsch nach Prag zum Generalrendezvous gewesen war, war eben vom Herzog
unsicher gemacht worden durch das Angebot von zweihunderttausend Talern,
wenn er bei ihm verbliebe bis zur Ankunft von Verstrkung; nur eine kleine
Anzahl Truppen htten angeblich gemeutert. Der Oberst, der das Pilsener
Papier unterschrieben hatte, hing nicht am Herzog; er wollte das
Proskriptionsmandat sehen, von dem ihm in der finsteren Kammer der Geheime
Rat Graf Slawata sprach. Es gelang dem Grafen den verschlossenen Mann zu
erregen und zum Fusteballen zu bringen mit dem Hinweis auf das bse Gemt
des Friedlnders, der nun offen von der frommen katholischen Sache
abschwenkte zu den Sachsen und Schweden. Einen Bescheid, ob er sich des
Herzogs bemchtigen wolle, erhielt er von dem schwer beweglichen Iren
nicht. Der uerte nur grimmig und einsilbig, er werde beim Herzog bleiben,
da die Vorsehung es einmal so gefgt habe, und bse Plne werde er zu
verhindern suchen. Slawata flsterte weggehend, dem Obersten bittend,
beinah inbrnstig die Hnde kssend: sie seien allein: die Sache der
Heiligen Kirche und des Hauses Habsburg hinge von ihnen beiden ab.

Marsch von Mies in khler, nebliger Luft auf Eger. Der Oberst hielt eisern
seine Dragoner zusammen; fnf altschsische Reiterkompagnien, die sich
ihnen angeschlossen hatten, entwischten; zweihundert zu Fu blieben.
Wippende Moorwiesen, Wassertmpel, drftige Krppelbume. Da hob sich der
Grnberg, oben die Spitze der Sankt Annakapelle. Die Zitadelle von Eger.
Obertor, Untertor von Eger schlossen sich nachmittags hinter ihnen.

Der einsame schne Bhme wanderte abends zur Kapelle hinauf, sah auf die
ruhige Stadt, lachte sich schauernd aus, wie er zurckschlenderte in der
Nacht: er war ein Opfer seiner Leidenschaft, gurgelte er, konnte nicht von
ihr lassen, wollte sich von ihr die Hnde und Fe fesseln lassen. Nun kam
bald die geheimnisvolle Stunde, auf die er so lange gewartet hatte.

Die Dragoner lagerten auf freiem Feld, der Oberst mit den Fahnen in der
Stadt. Sie hinderten die herzoglichen Kuriere nicht aus- und einzulaufen.
Im Stadthaus des Brgermeisters am Markt sa der Herzog zu Friedland. Im
Hof, eine Holzgalerie umlaufend; hinten quartierten sich ein Trzka Kinsky
Ilow.

Zerbrochen, unbrauchbar der blasse eitle Graf Kinsky; er zitterte, wute
nicht, wie fliehen; schlich durch die Stadt, um das Haus, freundete sich
hier an, dort an. Strrisch und bse der lange Panther, der von Ilow; er
schlug sich mit dem Grafen Trzka herum, in den Stuben, beim Ritt: Trzka
htte die Aldringenschen zurckwerfen sollen, htte ausharren mssen; wie,
konnte er nicht sagen; Trzka gab nach, sie waren beide in einer verbissenen
Unruhe. Die Meuterei hatte sie wie mit einer Flut von jher Betubung
weggeschwemmt, sie waren verwirrt und verzagt aus Geheul und donnerndem
Lrm davongestrmt, hatten nicht einmal gedacht, sich mit dem
zurckbleibenden Herzog in Verbindung zu setzen.

Den erreichte Getmmel und allgemeine Panik erst, als blutende
Polizeitruppen an ihm vorbeiflchteten. Er verlie die Snfte, die
Steigbgel seines Leibpferdes wurden mit Seide umwickelt, fhrte im roten
allen bekannten Mantel selbst die Kompagnien um ihn zurck. ber den Weg
lie er hinter sich in aller Raschheit einen niedrigen Wall aufwerfen, den
eine Handvoll Schtzen deckten; aber es war nicht ntig, da sie sich in
der klumpigen triefenden Erde eingruben; es dachte niemand von den Truppen
an Verfolgung, alles war nach Prag. Spt erst, nach vier Stunden Ritt,
legte er sich in seine Snfte, eine Totenlarve hing ihm vor dem Gesicht. In
Eger im Pachhelbelschen Hause gingen sie mit Scheu um ihn; Scham und Pein
bei seinen Vertrauten. Er brach nicht in Wut aus. Aber sie sahen, da er
grausam an sich hielt, keinen Vorwurf machte, da er in furchtbarster
Gerichtsstimmung war, von seiner Rachsucht gegen die, die ihm das angetan
hatten, ganz verschlungen war.

Untereinander maen sie sich; sie wollten es noch abwarten, konnten sich
vom Herzog nicht losreien. Der junge Albrecht von Sachsen-Lauenburg,
schsischer Marschall unter Arnim, ritt in Eger ein, er schmhte schon am
Tore auf Ilow und Trzka, deren Fahrlssigkeit das grliche Unglck
verschuldet habe, das alle Chancen verschlechtert habe; vor dem Herzog zu
Friedland lag er fast auf den Knien. Wallenstein, in schwarzem Pelzmantel
gebckt mit untergeschlagenen Armen sitzend, die kleinen Augen graublau
umrandet, spitze Backenknochen, trockener nackter Hals, die schlaffen
Lippen zuckend, gab ihm heiser auf, dem Bernhard von Weimar zu Regensburg
zu sagen, er verteidige sich hier in Eger mit den Truppen, die ihm
geblieben seien; er werde die von der Panik mitgerissenen Regimenter wieder
an sich ziehen. Bernhard mge gegen die bhmische Grenze vorrcken mit
Berittenen, so viel er frei machen knne, auch solle er Fuvolk hinterdrein
werfen, um die Artillerie zu schtzen. Sagt dem Herzog Bernhard,
fausthebend Wallenstein, sein Blick hart und listig, da er sich ins
eigene Fleisch schneidet, wenn er sich nicht beeilt. Ich werde mich hier
verteidigen; man wird mich nicht zur bergabe bringen, er wird mir glauben,
da ich gegen Gallas und Pikkolomini mich werde schlagen knnen. In zwei
drei Wochen sieht die Armee des Kaisers anders aus und meine anders.

Fiebernd nur von einem Pagen begleitet raste der Lauenburger fort, auf
Regensburg, noch einmal im Streit Trzka anfallend, ihm den Mantel
zerreiend.

Aus Eger erging ein Erla des Friedlnders an alle seine Regimenter, von
einer Zahl fanatischer Bhmen getragen: darin forderte der Herzog kraft
seines Generalates und gem dem ganzen Respekt, durch den die Obersten an
ihn von Kaiserlicher Majestt gewiesen seien, die Obersten auf, sich
sogleich in Eger einzufinden, die Truppen in Laine. Er bediente sich zur
Begrndung in dem Mandat der Wendung, es geschehe im Dienst der
Kaiserlichen Majestt und damit man dem Feind, wie er's verdiene und wie
sich's gebhre, begegnen und sein Attentat verhindern knne. Denn wie der
Herzog in Pilsen Juden vorgefunden hatte, so erwarteten ihn auf dem Wege
von Mies nach Eger Haufen ber Haufen adeliger bewaffneter Bhmen, die sich
aus Prag und dem Egerland aufgemacht hatten, um sich mit dem Herzog zu
vereinen. Er htte keinen Reiterschutz fr die Reise ntig gehabt, die
Bhmen beobachteten alle Wege Wlder vor, hinter, neben ihm; sie traten
nicht in die Stadt ein, die die Truppen hinter sich verschlossen. Auf das
Bitten Sesyma Raschins lie Wallenstein ein Dutzend von ihnen ein. Sie
boten sich an ihn persnlich zu schtzen; er war befremdet, bse, fand, da
die Herren in Prag sich ntzlicher gemacht htten, wenn sie Rebellion
erregten. Er wurde dann stiller, schien gar nicht geneigt sie anzuhren;
sie hrten, wie er im seitlichen Gesprch mit Trzka, der ihn beruhigen
wollte, gehssig zischte, die Herren wollten ihn fr ihre Zwecke
mibrauchen, suchten sich wohl einen Knig von Bhmen, er htte mit dem
kindischen Pack nichts zu schaffen. Nach einer ganzen Weile erst trat er
wieder an sie heran mit gefhrlicher Miene; sie sollten nicht meinen, da
er ihnen Zugestndnisse in irgendwelchem Belang mache, er wolle sie fr
allerhand Geschfte annehmen. Smil von Hodojewsky, jetzt ein brtiger
leiser Mann, der unzhmbare kleine Berka, der gramvergorene Daniel Lockhaus
strzten vor ihm hin, kten nacheinander dem Herzog die widerwillig
hingehaltene Hand. Auch als die drei hinausgegangen waren, sprachen sie
kein Wort. In einen Schuppen seitlich vom Hause zog Smil die anderen. Sie
sahen sich an, umarmten und drckten sich. Auf den Anblick der leidend
hochgezogenen Augenbrauen Daniels unterdrckte Smil das Schluchzen, das aus
der erfllten Brust in ihm hochwogte; sie lieen Daniel allein weinen und
trsteten ihn. Sie wrden Wallenstein erobern, noch jetzt, erst jetzt. Er
hatte sie angenommen. Auch er hatte erfahren, was Habsburg ist. Sie wrden
ihn nicht verlassen. Eine gewhlte Anzahl der Bhmen durfte in die Stadt
zum Verteidigungsdienst, die brigen sollten im Land schleunigst Rebellion
vorbereiten und den Anmarsch eines gegen Eger ziehenden Heeres erkunden und
belstigen. Ilow und Trzka bekamen den Befehl, die Verteidigung Egers in
die Hand zu nehmen. Der Kanzler Elz wurde zu den nahewohnenden
protestantischen Herren und Grafen geschickt, sie aufzubieten, auch zu dem
Markgrafen von Brandenburg-Kulmbach.

Der kam, ein vertrocknetes altes Herrchen selbst mit kleiner Begleitung
angefahren, um sich nach den Umstnden zu erkundigen. Wallenstein drang in
den listigen zhen Gesellen ein, zu ihm sofort mit seinen hundert
Territorialtruppen zu stoen und zu alarmieren, wer ihm zuverlssig
erschien. Ich bin, sagte der Herzog an diesem bleichen Morgen, hierher
gekommen nach Eger, um nunmehr den Kampf mit dem Kaiser in aller Offenheit
aufzunehmen. Euer Liebden wei, wie die Dinge im Reich stehen. Euer Liebden
sind Reichsfrst und Protestant. Wir unterwerfen uns alle der Kaiserlichen
Oberhoheit, aber nicht dieser. Ich habe sie gezwungen, in den letzten
Wochen, die Maske abzulegen. Es handelt sich um die Niederringung der
Religionsfreiheit und sie sind malos. Der Kaiser ist ihr Instrument; ich
habe Nachricht, da man nicht wei, wo der Kaiser steckt; ich wei, man hat
den gtigen edlen Herrn beiseite gedrngt, als man gedachte vorzugehen.
Dann: Euer Liebden: die Reichsfrsten mssen sich besinnen; es ist hohe
Zeit. Ich wei, Ihr werdet mir vorhalten, ich habe wenig Grund, das Euch
vorzuhalten, ich htte selbst genug an den Reichsfrsten gesndigt als Kapo
einer kaiserlichen Armada. Da habe ich geglaubt, einem Kaiser zu dienen.
Ich bin gewaltsam vorgegangen wie ein Soldat, aber ich habe geglaubt dem
Frieden dienen zu mssen. Ich bin auch widerstandslos gegangen, als man
mich meines Generalates enthob. Jetzt hab' ich nicht mehr den Wahn, dem
Kaiser zu dienen. Ich habe die Zhne zu zeigen der eigenschtigen
Kamarilla, den verbohrten Scheinkatholiken, denn das sind die Jesuiten, die
euch Protestanten die Treue absprechen und nicht als Menschen, geschweige
als Frsten und Herren anerkennen. Darauf knurrte der Kleine, er kenne
diese unfltigen Lehrer, die die Grausamkeit und Unvershnlichkeit predigen
und die man totschlagen mge. Ja totschlagen, Herr Markgraf. Da seht, wer
totschlagen kann. Mich haben sie hierher getrieben wie einen Ruber und
gedenken mich auch zu fangen wie einen Ruber. Wren mir die Regimenter nur
gefolgt, wren sie berfhrt ihrer Falschheit und Bosheit und das Reich
ginge der guten Beruhigung entgegen. Ihr seid machtlos, krchzte spter
erregt der Herzog, als der drre Markgraf von einem neuen groen
protestantischen Bund redete, lat Eure Neuigkeiten, Ihr kommt nicht
weiter vor Hader, wir haben es gesehen an dem Bund von Brwalde, in
Heilbronn. Schickt Soldaten zu mir, da ich den Sto der Kaiserlichen
auffangen kann. Ich verlasse mich auf den Feldmarschall Arnim, Bernhard
wird die Situation erfassen. Jetzt keine Eigenbrdeleien, Euer Liebden. In
acht Tagen entscheidet sich das Geschick des Reiches. Der Kleine kaute:
Mich wird man nicht ausrotten knnen. Wild der Herzog: Euer Liebden
knnen mir vertrauen, ich habe lange genug die Fden in meiner Hand gehabt;
Ihr wit, da mein Name nicht ohne Klang ist. So will ich nicht Friedland
und von Wallenstein heien, wenn nach diesem Krieg von Euch Reichsfrsten
mehr als ein Haufen von Edlen brigbleibt, die jeder ausplndern kann. Das
Heilige Reich verblast Ihr -- Was soll das? Gebt mir Truppen. Jetzt, im
Augenblick. Die Judasse, die das Reich verderben, kennt Ihr.

Der alte Markgraf trabte ab; verrgert schimpfte er seinen Begleiter aus:
Ich mach' seine Rebellion nicht mit. Das Mandat des Gallas pat ihm nicht,
und er denkt mich zu beschwatzen. Er wird den Reichsfrsten noch aus der
Hand fressen, der Gernegro, der bse Gewaltmensch. Sein groer Name: ha.

In zwei Tagen hatte der Herzog, selbst ausreitend, die Kompagnien so in der
Hand, da bei strmischem Schneewetter das Aufwerfen von Schanzen in der
Stadt, die Aufstellung einer leidlich starken Knechtstruppe aus der Stadt
und den Drfern in flottem Gang war. Gegen die Offiziere erging er sich in
groben Worten ber die abgefallenen Regimenter, besonders ber den
treulosen Grafen Gallas und das usurpierte Generalat; er wrde, wenn es
sein mte, gegen Wien marschieren und sie Mores lehren. Der lange Ilow und
Trzka arbeiteten wieder in leidenschaftlicher Anspannung. Jetzt erst
erschreckte Wallenstein, sein grliches marterndes Leiden miachtend,
seine Umgebung durch die alten tobschtigen Ausbrche. Er bumte sich gegen
das Gefngnis dieser Stadt: der Kaiser msse geworfen werden, das Reich in
Fetzen zerrissen. Er werde einmal seine Rache fr alles nehmen, von Ungarn
angefangen bis Regensburg und Pilsen.

Er trug keine Schuh, in dicke weie Verbnde waren seine Fe
eingeschlagen, sein Pferd mute gefhrt werden. Im Lederkoller, den weiten
roten Mantel unter seinem Federhut, der ihm zu weit geworden war, auf dem
schaukelnden Pferdercken. Er war mit Riemen angebunden; vor Schwche sank
er oft nach vorn auf den Mund ber die Mhne des Tiers und mute
hochgehoben werden.

Im Haus drckte er sein dick gedunsenes Gesicht gegen das Fenster,
knirschend: Sie haben es erreicht. Ich wollte Frieden machen. Da ist er.
Hin. Da lieg' ich. Leise zu Trzka: Ich sage dir: das Rmische Reich ist
nicht zu retten. Ich konnt' es nicht. Ein anderer wird's auch nicht knnen.
Ich nehme Gott zum Zeugen, da ich's versucht habe. Seine Lippen baumelten
und zitterten.

Da hielt es Slawata in Gemeinschaft mit dem Oberst des abgefangenen
Regiments und angesichts des Zulaufs aus dem Land nicht mehr an der Zeit zu
warten. Er war durch die tglich zahlreicher andrngenden bhmischen
Freiwilligen -- schon waren fnf ganze Kompagnien vor den Mauern -- in
stndlicher Gefahr erkannt zu werden. Der gedungene Oberst Butler war des
Wartens schon lange berdrssig. Als der Einflu des Herzogs auf sein
eigenes Regiment sichtbar zu werden begann, als Trzka frohlockte, Bernhard
von Weimar rcke von Sden an, Arnim von Norden, das ehemalige
friedlndische Heer sei noch in voller Unordnung, sie wrden ein leichtes
Schlachten haben, kam Butler mit Slawata berein, augenblicklich in dieser
Nacht die Exekution vorzunehmen und den Herzog samt seinen Begleitern vom
Leben zum verdienten Tode zu befrdern. Der Kommandant Egers mute
eingeweiht werden, weil man vor Beginn der Nacht ein paar Dutzend
zuverlssige Dragoner, die drauen im Freien kampierten, einlassen wollte.
Man konnte diesen Mann, der entsetzt war, einen Obristleutnant Trzkas,
nicht gewinnen; er war nur bereit, diese Nacht das Kommando an Butler
selbst abzugeben. Aber sie konnten sich damit nicht abfinden; der
Kommandant mute seine Wohnung in der Zitadelle zu einem Bankett hergeben,
mute dem Bankett vorsitzen.

Es war des feinen Grafen Slawata letzte Bewegung in dieser Sache. Sie lie
ihn, wie sie vor der Vollendung stand, los. Eine Schlaffheit befiel ihn, er
ging in Unruhe durch die Gassen; Ratlosigkeit, Mitrauen hhlte ihn aus.
Vor einem verendenden Pferde stand er neben dem Karren des Schinders; bel
lief es ihm im Mund zusammen. Er bewegte sich zitternd fort. Aus der Stadt
weg verlangte ihn. Vor dem Pachhelbelschen Haus strich er; ob er mit Kinsky
sprechen sollte; worber? An den Vorbereitungen zum Bankett nahm er nicht
Teil.

Die friedlndischen Vertrauten gaben sich nach den schweren Erregungen der
Tage gern zu einem Fest her, in dieser dsteren Stadt, vor der ihnen
schauderte. Sie tauten auf, der gewaltttige Ilow, der blonde Graf Trzka,
Kinsky mit der unglcklichen Miene, der schmchtige trotzstarke Rittmeister
Neumann, unter der munter zusprechenden Gesellschaft. Sie tranken und
tranken; das herrliche Bankett im Pilsener Lager erstand vor ihren Augen.
Schon angetrunken, in himmlischer Stimmung gingen sie zur Durchsicht eben
abgegebener Depeschen in ein Nebenzimmer, lieen sich das Konfekt
nachtragen. Da folgten ihnen auf ein Zeichen irlndische und italienische
Hauptleute und Oberstwachtmeister, voran ein gewisser Deveroux, gegen den
ein Haftbefehl wegen Erpressung und gemeiner Notzucht vom Herzog vorlag,
mit Piken, gezckten Degen und Pistolen in das abseits gelegene Zimmer,
stieen, sich anfeuernd, das Gebrll: Es lebe Ferdinand! Wer ist gut
kaiserlich? Viva la casa d'austria beim Eintritt in das Zimmer aus.

Das Zimmer hatte nur eine Kerze, vor der die vier Herren lasen. Der
Kommandant nahm die Kerze vom Tisch; wie Kinsky, der heulend auf die Knie
sank, zwischen Hals und Kragen durchbohrt sich lang ausstreckte, strzte
dem zitternden Kommandanten die Kerze aus der Hand. In einer Zimmerecke
wurden Ilow und Trzka, die rasend mit bloen Armen schlugen, da sie im
Gedrnge nicht an ihre Degen herankamen, durch Schlge der Piken, zahllose
Degenste im Finstern niedergemacht; sie wurden zerdrckt, da man sie
kaum an Armen und Beinen aufheben konnte, als man sie zum Fenster auf den
Hof werfen wollte. Der Rittmeister Neumann entwischte im Dunkeln aus dem
Raum, auf dem Gang zum Bankettsaal lief er in die vorgehaltenen Partisanen
der Posten.

Deveroux, rasselnd mit dem metallbeschlagenen Mantel, torkelte unter
Gebrll und Gejohl mit einigen Dragonern durch die mondhellen Gassen von
der Zitadelle in die Stadt, auf den Markt. Er schlug in seiner
Betrunkenheit mit seinem Degen Funken aus den Steinen vor Wallensteins
Haus, schmhte laut den Herzog, lachte, bis Butler ihn tief erschrocken
hereinzog. Die Wache an der fackelhellen Treppe zu Friedlands Zimmer wollte
der lauten Gesellschaft den Weg versperren; sie warfen den Posten die
Stufen herunter. Grlten, schoben sich gedankenlos von Stufe zu Stufe.

Da kreischte hinten einer, krachte die Treppe herunter, das Gelnder
schwankte. Sie sahen sich vorne um. Ein schmchtiger rasender Mann drngte
sich, einen Dolch schwingend, durch sie herauf, zischte. Sie wichen
verblfft seitlich. Oben schlug er Deveroux, der die Arme in den Hften
aufgestemmt sich ber das Gelnder bckte, mit den Fusten und dem
Dolchknauf ins Gesicht. Lief, wie der sthnend den Kopf beiseite wandte,
vor ihm in den Gang zur Kammer des Herzogs.

Ein Kammerdiener stand da mit einer Kerze, der eben dem Herzog auf einer
goldenen Platte eine Arzenei in Bier bringen wollte. An der Tr der Kammer
schrie der leichenblasse Mensch mit dem Dolch -- seine schmutzige Kappe
fiel hinter ihn, die langen blonden Locken hingen ihm strhnig wild ber
die Augen -- nach dem Oberst. Verzweifelt kreischte er: Weg! Weg hier! Wo
ist Butler! Heulend, mit schnarrenden Zhnen, bibbernd lag Slawata unten
im engen Gang auf den Knien, streckte bettelnd den Arm nach ihnen aus. Sie
hatten die Wmser zerrissen, die Stiefelschfte herabgetreten, die Hosen
von Wein und strzenden Speisen und Fisch besudelt; die blutbeschmierten
Gesichter streckten sich vor. Sein Mund ffnete sich weit, im Schu strzte
Erbrochenes heraus. Er sthnte: Holt den Oberst. Geht eurer Wege. Als sie
ber die Lache traten, tastete er sich hoch. Er wimmerte, raste in Ha und
Entsetzen. Seine Stimme berschlug sich, er schwang schtzend vor der
antrampelnden Horde rechts und links seinen Dolch. Hinter ihm wurde die Tr
geffnet. Er strzte nach rckwrts lang vor die Kammer, von einem
entsetzlichen Partisanenhieb quer ber den Kopf zertrmmert.

Dem Herzog, der im weien Schlafhemd mit ausgespannten Armen neben Slawatas
zuckendem Krper stand, ri die Partisane die halbe Brust auf.

Die Worte: Schelm, du mut sterben! tnten in der verwsteten
Schlafkammer noch von den tosenden, als er schon lngst ausgeblutet war.
Butler trat mit Peitsche und Pistole unter sie und jagte sie aus dem
Zimmer.

Von der verschneiten Zitadelle wurden Knechte befohlen, die Friedlands
Kanzlei besetzten. Sie ergriffen einige hfische Begleiter in den Betten.
Der Astrolog Zenno wurde aus seiner Stube gefhrt; er war im Begriff den
Zeitpunkt einer neuen Aktion zu bestimmen; man zog ihm viertausend Kronen
aus dem Beutel, die Friedland fr Berechnungen vorausgezahlt hatte.

In vorgerckter Nacht sprengte man die Tr zur Stallung eines Privatmanns.
Die Kutsche wurde auf die Gasse gerollt. Soldaten spannten sich vor. Der
tote Friedland war in den roten bluttriefenden Futeppich seines Zimmers
eingeschlagen. Holterpolter zerrten drei Mann ihn die Treppe herunter, zur
Haustr heraus. Lieen ihn beim Mondenlicht rasseln ber die Steine, den
dnnen Schnee, die Frostschalen der Wassertmpel. Quer lag er im Wagen; der
Teppich hing zu beiden Seiten heraus.

Sie konnten an ihm tun, was sie wollten. Das war nicht mehr Wallenstein.

Ein gurgelnder Blutstrom war aus dem klaffenden Loch an seiner Brust
hervorgestoen, wie von Dampf brodelnd. Mit ihm war er davon.

Wieder eingeschlrft von den dunklen Gewalten. War schon aufgerichtet,
getrocknet, gereinigt, gewrmt. Sie hielten ihn murmelnd, die starblinden
Augen zuckend, an sich.

                   *       *       *       *       *

Gegen Morgen wurde eine Treibjagd auf die Bhmen in der Stadt veranstaltet,
mit den Kompagnien vor der Stadt an den Schanzen war ein regelrechter Kampf
zu fhren; zuletzt flohen sie und zerstreuten sich. Die Sieger frchteten
sich dann in der Stadt und glaubten, die Schweden oder Arnim rcke bald
ein. Aber sie hatten die Freude den Herzog von Lauenburg abzufangen, der
glcklich von Regensburg kam, um dem Friedlnder den baldigen Aufbruch
Bernhards zu melden; des Lauenburgers Page entkam nach Regensburg. Sie
htten auch Arnim beinah abgefangen, der ber Zwickau langsam und zweifelnd
anmarschierte; das Mordgercht kam zu ihm. Gelhmt von Ekel und Entsetzen
blieb er liegen. Die flchtigen Bhmen trugen die Nachricht ins Land
hinein.

Sie lief zugleich mit dem Gercht herber: Welsche, Italiener, dazu
Irlnder htten den Mord verbt in ihrer alten Abneigung gegen die
Deutschen. Es kam in dem noch schumenden Lager von Prag unter Pikkolominis
Regimentern zu Revolten, Deutsche gingen gegen Welsche vor. Zwischen
Offizieren begann es mit tdlichen Duellen, die Knechte lauerten sich in
Fhnlein gegenseitig auf. Aldringens und bayrische Regimenter marschierten
gegen die Emprer heran, warfen alles gnadenlos nieder.

Wallender Siegesrausch in Wien. Bei den Kapuzinern und im Stephansdom
Dankgottesdienst fr die Errettung des Hauses Habsburg und die Bewahrung
der Heiligen Kirche. Glckwnsche von dem tieferschreckten Papst Urban in
Rom zu der Erlegung des greulichen Untiers. Was fr Kraft in diesen
Deutschen steckt, fragte er sich mit Abscheu.

Graf Schlick, die trbe kopfsenkende Masse, neben dem Knig von Ungarn
allwaltend am Wiener Hof, nahm mit dem Baron Breuner und dem Abt Anton die
Hinterlassenschaft Friedlands auf. Jeder der zwlf Dragoner, die zu
Wallenstein eingedrungen waren, erhielt hundert Reichstaler, die Offiziere,
die gefhrt und assistiert hatten, tausend und zweitausend, Deveroux auf
das Drngen wegen seiner Verwundung noch vierzigtausend Gulden, dazu
mehrere konfiszierte Gter. Im ganzen hatte Wallenstein an fnfzig
Millionen Werte aufgespeichert. Friedland Reichenberg wurden gegeben an
Gallas, Aldringen erhielt Teplitz, Pikkolomini Nachod. Ihm verlieh man auch
den Titel eines Grafen von Arragon. In sein Wappen nahm er eine Schildkrte
mit der Umschrift: Schritt fr Schritt.

Stille Zimmer beim alten Frsten Eggenberg. Der verwachsene Graf sa viel
bei ihm; schlaff beide. Eggenberg aus dem Bett flsternd: Was klagt Ihr
mich an, Trautmannsdorf? Der Graf: Ich klage Euch nicht an, ich bin nur
durch ihn hochgekommen. Und dann erschttert: Ich bin nicht schuld daran.
Er sollte abgesetzt werden, wenn es sein mute, mit Gewalt. Wir haben
niemanden zu der Bestialitt autorisiert.

Wenn er lebte, Trautmannsdorf, und Euch hrte, wrde er den Kopf
schtteln; man kann Gewalt nicht begrenzen. Ich bin nicht schuld, ich
weigere mich, ich bin nicht schuld. Wenn man ihm mit einer Partisane die
Brust aufgerissen hat, so bin ich nicht schuld daran. Solange ich lebe,
werde ich das nicht zugeben; Eggenberg Ihr seid alt und gerecht, Ihr werdet
das nicht auf mich legen. Der eingefallene Mann im Bett matt lchelnd: Er
ist ja tot.

Das weie Gesicht des verwachsenen Grafen verzerrte sich, er wetzte die
Zhne aneinander: Was kommt Ihr mir damit. Er lebt von mir noch. Ihr habt
es in Regensburg zu dem Unglck kommen lassen, der Kaiser hat Euch gehrt.
Ich habe es nicht vergessen. Ich wei, ich wei, Trautmannsdorf. Ihr habt
recht. Lat es ruhn. Ich beuge mich. Was bin ich noch bei dem allen. Sie
schwiegen, das Zimmer war lange still, der schwere groe Luxemburger hinkte
herein. Da schwiegen sie zu dritt.

Man hatte das Geheimnis der Ermordung aufgedeckt: die Leiche des Grafen
Slawata, von dem Oberst Butler nicht gesprochen hatte, war erkannt worden.
Der sonderbare Familienha hatte die Hauptrolle bei dem Unglck gespielt,
es erleichterte sie alle. Lamormain erzhlte von seinem Freund, dem Abt
Anton, der ihm aus dem Weg ginge, um bei aller Betrbnis seine Freude zu
verbergen, da man jetzt aus der Schuldenwirtschaft herauskomme. Es ist ja
ein Glck; der Herzog war ein Werkzeug des Himmels, um das Haus Habsburg
aus dem Elend herauszuziehen. Wir wollen das Gute bedenken. Das Haus
Habsburg, das die heilige Kirche beschtzt, verdient es schon, da sich
selbst ein ruhmreicher Feldherr fr sein Gedeihen opfert.

Trautmannsdorf abwinkend: Lat das, Pater. Ihr geht noch, noch zuviel zu
Euren Brdern von der frommen Gesellschaft. Und sehr leise weiter: Was
habt Ihr vom Kaiser gehrt? Eggenberg richtete sich auf dem rechten Arm
um, blickte gro zu dem Pater herber. Nichts. Und -- Ihr habt auch
keinen Anhaltspunkt, keinen Wink? Ich glaube, Graf Trautmannsdorf, wir
werden lange nichts von unserem guten frommen Herrn hren. Und warum
meint Ihr das? Er wird sich in ein Kloster, in irgendeine abgelegene
Einsiedelei begeben haben. Er war so weit. Er war lngst soweit. Ich dachte
es fter.

Im Bett wlzte sich Eggenberg; er zog die Decke ber das Gesicht, darunter
schluchzte er leise. Nach einer kleinen Weile kam er hervor, suchte trbe
im Zimmer; abgerissen zu Trautmannsdorf: Und -- warum jammert Ihr jetzt
nicht, Trautmannsdorf? Hier nicht? Um den Kaiser? An ihm ist Euch
nichts gelegen. Ich tadle ja Euren Friedlnder nicht allzu scharf. Es mag
sein, da er uns den Frieden gebracht htte. Er hat vielleicht das Richtige
gewollt. Aber -- was war gegen ihn unser Kaiser. Ein gtiger Mensch. Ein
frommer Christ. Unser Frst.

Graf Trautmannsdorf senkte den Kopf: Das war er. Ich hoffe, wir finden ihn
noch. Eggenberg. Ich hoffe es nicht. Nein, lat nur. Lat ihn auch nur.
Ihr mt nicht nach ihm suchen, Pater. Was wollt Ihr denn von ihm. Was mu
auf ihn gedrckt haben. Mir ist es noch im Sterben ein trstlicher Gedanke,
meinen gndigen Herrn im Kloster zu wissen.

In diesen Tagen warf sich die Kaiserin Eleonore, die Mantuanerin, aus dem
Fenster ihrer Schlafkammer in der Burg und zerschmetterte auf den Steinen
des Hofes. Man hatte sie, nachdem sie durch einen Zufall von der Flucht
Ferdinands erfahren hatte, wegen ihres tobschtigen Verhaltens einsperren
und bewachen lassen. Ihre liebe Grfin Kollonits hatte sich eine Stunde von
ihr verleiten lassen, auf den Hof mit ihr hinauszuschauen; sie plauderten
wie frher; scherzend band die hinterhltige Mantuanerin der freudigen
Freundin einen blauen Schleier um den schwarzen Kopf, ber die Augen, band
ihn, als die Grfin lachte, fest und gewaltsam im Nacken zu. Mit aller Ruhe
rckte sie sich einen Sessel heran, whrend die Kollonits schreiend an dem
Knoten arbeitete, stand hndefaltend auf dem Fenster, lie sich, laut Maria
anrufend, vornber auf das klagende Gesicht fallen.

                   *       *       *       *       *

Whrend der junge Knig Ferdinand mit dem Grafen Gallas das Heer
reorganisierte und unter den Reichtmern, ber die man verfgte, sich alles
neu belebte, Truppen und Offiziere sich dem Grafen Gallas unterwarfen,
Schweden und Sachsen abwartend zurckwichen, begann eine sehr diskrete
Fhlungnahme des bayrischen Hofes mit Wien. Die Macht und der Einflu
Maximilians in Wien waren auerordentlich, die herrschenden Parteien des
Hofes priesen ihn als das Rckgrat der katholischen Sache im Reich. Der
Bayer hatte keine Kinder, er war Witwer. Er hielt dafr sich noch einmal zu
verheiraten; von Ferdinand war eine junge eben herangereifte Tochter da;
der sehr gealterte Mann lie sich nicht davon abbringen, die junge Maria
Anna zu fordern.

Im Innwinkel sa er bei seinen Truppen, da traf ihn die Nachricht von
Wallensteins Verderben. Der Kaiser Ferdinand war verschwunden, der
Schlemmer, der alberne heitere Mensch, wer wei von wem verfhrt. Es war
zuviel fr Maximilian. Er geriet unter die knechtende Raserei seiner
Gefhle; er wute nicht, ob er weinen oder lachen sollte; keinen Schlaf
fand er vor der Marter des Glcks, das seine Brust Hnde mit Feuer umgab,
ber sein Gesicht flammte, seine Gedanken verdunkelte. Auf den Rat
Kontzens, vor den er sich hilflos vllig verndert und Schutz suchend warf,
hungerte er einige Tage, begann eine wilde Geielung. Seinen zwangartigen
Drang, von sich wegzuschenken hinzugeben, durfte er durch Stiftungen an die
Heilige Kirche entladen. Gelegentlich stand er in vlliger Verfinsterung
und war gelhmt.

Nun ging er eisig aus sich heraus, vorsichtig, langsam, Schritt fr Schritt
sein Inneres zudeckend, zurckdrckend. Er bewegte sich zu Handlungen,
beschwichtigte sich. Kuttner, der schne zarte, verstand nicht, was der
Kurfrst wollte, als ihm befohlen wurde, auf Wochen den Hof zu verlassen.
Aber er ging. Richel suchte dem trauervollen bitter lachenden Kavalier das
Herz zu erleichtern, indem er ihm eine neue Pariser Mission konstruierte.
Aber trotz aller Zucht konnte Maximilian, nach Mnchen zurckgekehrt, es
nicht verhindern, da er einmal an der Drehbank, zwischen den subtilsten
Elfenbeinarbeiten, sich dem lodernden Gedanken gegenber sah, Maria Anna,
die junge schne fromme Tochter des flchtigen Kaisers aus seiner ersten
Ehe zu seiner Frau zu begehren. Jach wie aus dem Munde strzte ihm der
Gedanke; es war ein nicht zu beseitigendes Erlebnis. Er arbeitete, ging mit
den alten Methoden an sich heran. Und dann war es ihm pltzlich zuviel.
Keine Ruhe, keine Freude, kein Kuttner; er lie sich los; es durchsetzte
ihn.

Maximilian hatte das Gefhl des Verbrecherischen; er hatte das zitternde
Gelst in ein schwarzes offenes Fenster einzusteigen oben am Dach, die Hand
auszustrecken und zu rauben. Er htte nie geglaubt, da ein Verlangen so
stark sein knnte, -- wie dies: die junge Tochter des flchtigen Ferdinand,
Maria Anna, aus Wien zu holen. Es zngelte in ihm; es war unendlich labsam,
hin und her werfend und dann wieder einschlfernd, gar keine Folter.

Er entschlo sich, als Kontzen nichts verbot, dem Gefhl nachzugehen; mit
einer Wonne, die er nie gefhlt hatte, machte er sich zum Vollstrecker
seines Gefhls.

Es war die letzte Tat des verfallenden Eggenberg, den Graf Trautmannsdorf
im Auftrag des Knigs Ferdinand besuchte, die Antwort auf die Frage zu
formulieren, ob man dem Kurbayern Maria Anna zusagen sollte oder nicht. Das
stolze Auftreten der bayrischen Delegierten Richel und Wolkenstein hatte am
Hof trbe Erinnerungen geweckt. Eggenberg blieb dabei: Geben, geben. Lat
sie stolz sein. Wir sind beides Opfer. Gebt sie ihm; er betrgt sich mit
ihr.

Die Prinzessin widerstrebte, Maximilian war alt und als hart verrufen, man
trstete sie mit seiner Frmmigkeit.

Sie wurden zu Mnchen in der Augustiner Kirche kopuliert. Abends brannten
die Teertonnen und Scheiterhaufen auf den Pltzen. Auf dem Marktplatz vor
der groen Mariensule waren gelte Gnse an Stangen gebunden; Burschen
jagten auf Pferden vorbei, suchten ihnen die Hlse abzureien. In der
Residenz tanzten die Edlen den heiteren Tanz der Guillarde, die Sarabande,
Gavotte. Bankette auf dem groen Saal, Ballett, Ring und Quintanrennen.
Beim Aufzug zum Rennen wurde der goldberladene Kurfrst und seine Braut
hinter Trompeten und Heerpauken, gefhrt von den Maestri de Campo, auf
einem Triumphwagen durch die Straen gezogen, im blendenden
Frhlingssonnenschein von blumenstreuenden Nymphen umgeben. Zwei weie
Pferde waren vor den Wagen gespannt, Maximilian lchelte starr. Sie lachte
erst, als auf dem schwarzen Blachfeld beim Armbrustschieen die schlechten
Schtzen gepeitscht wurden und man die Hosen auf einer Stange herumtrug,
die die Stadt als Preis aussetzte. Und nach den Schwerttnzen der
Waffenschmiede kte sie vor dem jubelnden Volk den strengen Menschen neben
sich auf dem Thronsessel. Er trug eine dreifache Perlenschnur um den Hut;
ein goldener Reiherkopf aufgelegt mit Diamanten, hoch wippend und
schwankend der weie Reiherbusch. Sein fettes Gesicht war von einem dichten
graubraunen Vollbart eingerahmt. Eine Glutwelle hllte seinen Kopf ein. Er
tauschte, die Augen lauernd vom Boden erhebend, einen verwirrten fast
schamvollen Blick mit dem seitwrts stehenden jungen Kuttner.

Auf dem Schrannenplatz, an der Stelle des alten Galgens, errichtete
Maximilian eine Mariensule. Ihren Fu umgaben mchtige geflgelte Engel
mit starken Waffen, sie kmpften gegen Untiere. Kontzen predigte an ihr
nach dem Psalmenwort: Du wirst ber Nattern und Basilisken wandeln und
Lwen und Drachen zertreten.

                   *       *       *       *       *

Die Menschenmassen lieen sich nicht halten. Sie schwappten und rieselten
von Bhmen her nach Westen, von Norden gegen Thringen, vom Rhein herunter.
Gurgelten unablssig. Aus Bayern schwollen sie an, gespeist aus allen
Teilen des Landes. Die Quellen fanden die tosenden Sldner, das Brunnenrohr
schlug die Einquartierung ein, Erpressung und Drangsalierung, Hungersnot
und Verzweiflung trieben die Wasser zum Anschwellen. Am Chiemsee floh die
Masse der mnnlichen Bevlkerung in die Wlder und Berge, dann sammelten
sie sich unter den Entbehrungen. Zwischen Alz und Inn, Inn und Isar zuckten
und zitterten die Kirchenglocken, gepeitscht von den metallenen Schwengeln.
Aufstand! bullerte es ber die Drfer, die in die Ebenen geglitten waren,
in den Bergen trumten, sich in dem Chiemsee spiegelten. Die Heere, Bayern
Maximilians des Hoffrtigen, Spanier und Italiener des Gouverneurs von
Mailand, Kaiserliche des speichelleckenden Aldringen, des glatten grausamen
Federfuchsers, wollten sie ber die Isar werfen.

Sie liefen im Winter frierend ber die dunstige Erde; auf den Bergen sah
man sie laufen und lief nach. Frauen und Kinder, Greise, Kranke im Zug. Sie
drangen plndernd in die Huser der Grundholde ein, rissen die Tore der
Scheunen auf, hingen die Mller an den Mhlen auf, schleuderten die
Mehlscke, Mehlscke ber Mehlscke auf die hungernde Strae. In Rosenheim
taten sie sich zusammen, erlieen gegen den Kurfrsten Maximilian ein
Famosschreiben, nannten ihn Geizkragen Bestie Paternosterknecht. Die
Pfarrer warf man als seine Lakaien aus den Husern, Jesuiten wurden
gepeitscht, hie und da ermordet.

Als sich die Grundherrn nach Mnchen wandten, schickte man ihnen Kapuziner,
die sollten die Bauern besnftigen; die Mnche wagten sich nicht an den
Herd heran. Das Regiment Kronberg stand bei Endorf und Prien am Chiemsee,
dann ber Riederung und Sochtenau; die Kompagnien wurden einzeln
berfallen, zerstreut, die Pferde geraubt, die Waffen gesammelt;
allenthalben begann der Einbruch in die Schlsser und Depots, Waffen wurden
gesucht. Eine beherzte Mnchskommission machte sich auf zu den Rebellen;
sie sah in den Bauernlagern solchen Jammer, da sie, ehe sie Maximilians
Mandat verlesen hatte, abzog; die Mnche verschluckten vor diesen Mnnern,
die sich vor Schwche kaum auf den Beinen hielten, vor diesen hohlbckigen,
den Grbern, an die man sie fhrte, die zornige Warnung, lieen sich
gramvoll durch die leeren Drfer zurckfhren.

Generalwachtmeister Lindelo in Wasserburg erhielt den Auftrag, seinen Platz
zu halten. Spanisches Fuvolk aus Ferias Heer kommandierte Oberst Billehn,
Artillerie kam aus Mnchen, Frstenberg fhrte seine Reiter heran. Bei
Ebersberg machten sie zweihundert Bauern still. Als das Drhnen der
Kirchenglocken nicht aufhrte, scho Artillerie die Drfer in Trmmer. Die
ortskundigen Sldner machten Zeichnungen der Landschaft, man konnte ohne
Lrm groe Massen der Bauern umzingeln, mit Feldstcken und einigen
Schlangen umlegen. Versprengte von Kronbergs Reiterei suchten Rache; den
Rdelsfhrer Michael Mauerberger faten sie, er wurde ihnen vom Oberst
Billehn entrissen und da er gestand am Rosenheimer Famosschreiben beteiligt
zu sein, sogleich enthauptet, gevierteilt. Die zerhackten Stcke stellte
man aus, auch gegen die obersterreichische Grenze, wo das Branden eben
begann.

                   *       *       *       *       *

In die wandernden Scharen der Landesflchtigen, in die Verdung der
Landschaften geriet Ferdinand hinein. Er war dem Bandenfhrer entwichen,
der ihn zehn Tage gefesselt hatte, um ihn an den Wiener Hof gegen ein
Lsegeld wieder auszuliefern. Er strudelte mit den Bettelnden Hungernden
Plndernden. Ferdinand, lngst schmierig wie sie, a Fleisch von gefallenen
Pferden wie sie, lief vor hetzenden Hofhunden; Kaspar Weinbuch, der
vertriebene Mller von Bamsham, mit ihm. Sie hielten sich keine zwei Tage
an einem Ort auf; der Boden war lebendig, er hob sich auf, stie sie von
sich. Ferdinand, dnn geworden, sein Gesicht knochenmager, berzogen von
einer schlaffen faltigen schmutzberkrusteten Haut; er ging krummer,
rascher als sonst, sein hellblauer Blick bestimmt und sehr lebhaft. Redete
und fuchtelte nach rechts und links: Kein Erbarmen! Kein Erbarmen! Gebt
nicht nach. Es sind Teufel in der Welt; wenn ihr sie nicht bezwingt, kommt
die Sintflut und was Lebensodem in der Nase hat, wird ausgerottet. Es kann
nicht anders geschehen. Der Herr kann sich nicht anders retten. Seine
Parole wie Kaspar Weinbuchs, eines noch jungen einarmigen Menschen, der
seine Mhle angesteckt hatte, weil er fr die Italiener mahlen sollte:
Gebt nicht nach. Braucht Gewalt! Kein Mitleid! Braucht eure Arme, eure
Zhne. Sterbt nicht, sterbt nicht hin. Wo ist eine Rettung fr die
Menschen, wenn ihr vergeht. Die Mhle, die die nchsten Geschlechter,
Kinder und Enkel und Enkelkinder zermahlen soll, steht schon da, unser
Blut, unsere Knochen hngen am Mhlrad. Sie mu brennen. Gebt nicht nach.
Sterbt nicht! Sterbt nicht!

Sie plnderten viel, um leben zu bleiben, verteidigten sich, trugen Waffen;
Pferde konnten sie nicht halten, da der Hafer ausging. Obwohl sie sich oft
in leere Huser einquartierten, litten sie furchtbar unter der Klte.

Ferdinand legte sich den Namen Grimmer bei. Die hetzenden harten Reden
flossen aus seinem Munde; er wollte nicht sehen, wie sich Verzweifelte in
die Stdte schlichen, sich satt zu essen und zu wrmen, ob man sie auch
totschlge oder sich bei den verfluchten Sldnern anwerben zu lassen.
Grimmer, kaum an seinem Stock laufend, trstete und reizte sie: Frchtet
Gott! Frchtet ihn! Wisset, da eine grausige Macht hinter der Welt ist,
der wir Verantwortung schulden. Gebt keine Nachsicht. Mordet, mordet!
Verget ihn nicht!

Was manche dieser Horden vor sich trugen, war das Schrecklichste, das die
umlaufende Bevlkerung gesehen hatte: Kreuze aus starken Baumsten, mit
Stricken zusammengebunden, daran hing ein wirklicher faulender Leichnam,
bald ein Mann, bald ein Weib, manchmal ein Weib und an jedem Querast ein
baumelndes Kind; den pestilenzialischen Geruch schienen, die das Kreuz
trugen, nicht zu merken.

Sie wurden allenthalben zersprengt. ber Frth irrte Grimmer mit Kaspar
Weinbuch.

Es war Frhling geworden, als sie bhmischen Boden betraten. Flieender
Regen ohne Ende. Man ngstigte sich vor den hetzenden Gesellen, trieb sie
weiter. Eine alte Fischerin, die sie fr Stunden aufnahm und bekstigte,
warnte sie, zeigte die Kinder ihrer Tochter, drei junge Geschpfe, die sie
bei sich hatte; Vater und Mutter waren bei einer bhmischen Revolte
umgekommen: O, was haben sie von den lieben Kindern. In der Erde, so jung,
so jung. Bhmen htte gelernt, sei still geworden. Whrend der brtige
Mller finster lachte, streichelte Grimmer die Hnde des alten Weibchens:
Was willst du? Es ist ja alles wahr, was du sagst. Ich mchte es so gern
glauben. Es hilft aber nichts.

Sie betrachtete ihn traurig: Wie lange wirst du alter Mann noch
herumlaufen; wirst ruhig sein wie ich. Ach, es hilft nicht, Weibchen, was
du sagst. Du willst dich sterben legen. Alle wollen sich sterben legen.
Bleibt doch leben, haltet Euch steif. In der Bibel steht: meine Kraft ist
an dem Schwachen mchtig. Ihr wollt sterben. Ihr knnt nichts als
sterben.

Der Mller ri ihn, der versunken in der Htte sa, mit sich fort, brllte
drauen: Das Volk, Mnner und Weiber, ist eins; trge und lahm. Wollt Ihr
sie grndlicher studiert haben als wir.

Vor ihnen scholl das Gercht: der Friedlnder, des Kaisers Feldhauptmann,
sei in Eger erschlagen auf kaiserlichen Befehl, seine Freunde, die hohen
Offiziere mit ihm. In Mies sollte er begraben sein, auf dem Boden seines
ehemaligen Feldmarschalls von Ilow. In dem Ort suchte und suchte Grimmer,
er wollte zu ihm auf die bewachte Grabsttte im Franziskanerkloster. Sie
hielten sich lange hier auf. Und wie Weinbuch schon unwillig weiter
drngte, knarrten eines Mittags Reisewagen in das Drfchen von Osten; eine
edle noch junge Frau stieg herunter in grauer Kleidung des Leides, um die
Stirn die Kreppbinde, vom rmel fiel der weie Trauerstreifen; vier Frauen
hinter ihr; Isabella, das Weib des toten Friedlnders. Da vermochte
Weinbuch den andern nicht von der Stelle zu bringen.

Eine kleine Bande Klopffechter, Sankt Markus- und Lukasbrder trollte am
selben Tage in das Dorf ein, die Kunst des Fechtens mit allen Gewehren zu
zeigen; ein jovialer wohlgenhrter Zahnbrecher und Steinbrecher war dabei,
die beiden herumlungernden dsteren Trpfe wurden von ihm erblickt,
angelockt, zu seinen Schauprozeduren herangeholt; er ftterte sie.

Aus dem dumpfigen Boden wurde der Krper, der ehemals sich mit dem Herzog
Albrecht von Friedland, dem Bhmen von Wallenstein, bewegt hatte,
geschaufelt: zwischen zwei dnnen Kieferbrettern lag er geklemmt.
Dorfbevlkerung hatte die Witwe aufgeboten zur Begleitung der Leiche ber
die Bannmeile; auf zwei Stangen trugen alte Bauern den Sarg, mit einer
grauen Decke war er berhngt, damit man nicht she, da dem zu langen
Toten die Unterschenkel zerschlagen und umgebrochen waren.

Armselig hinter den vier Mnchen zwischen den Bittfrauen und
Groschenweibern die ganz verhngte Frstin. Schritt, Schritt.

Von weitem folgte Ferdinand, auf zwei Stcken, die Kappe in der Hand,
weinend, das vibrierende graue Gesicht von dem warmen Wasser gefhllos
berlaufen.

Weinbuch schimpfte ber das Geplrr. Das Maul breitziehend lie ihn der
Mller, schlug sich zu den andern, die auf Kosten der Frstin den Tod im
Wirtshaus versoffen mit Bier und Rosmarinwein. Auf einen Leiterwagen lud
man an der Wegkreuzung den Herzog; die Witwe fuhr hinterdrein, auf Gitschin
zu, in die Karthause Walditz.

Grimmer, dem ein stoppliger Backen- und Kinnbart gewachsen war, war von dem
Tag an von einer sonderbaren Einsilbigkeit; sein Gesicht war unbeweglich.
Er stand, als ein klglicher kleiner Zug Flchtlinge vor ihnen vorbeizog
und der Mller die Arme ausstreckte und zu reden anfing, stumm und wartend
abseits. Der Mller jauchzte die alten lockenden wilden Worte: Nicht
nachgeben! Beile genommen! Schlagt aus nach rechts, schlagt aus nach links!
Gehmmert in die Mauern! Die Flchtlinge reckten die Arme wie er.

Was stehst du da? fuhr ihn der Mller an, wie sie gingen, gefhrlich.
Still und ohne Klage sagte der andere: Ich kann's nicht. Ich bring' es
nicht heraus. Was bringst du nicht heraus. Ich kann nicht fluchen.
Was bist du fr einer. Du bist selbst angefressen. Legst dich selbst zum
Sterben. Es war mit Grimmer nichts anzufangen.

Ferdinand hatte sich, als er unter die flutenden Menschenmassen geriet,
berwltigen lassen. War dem Jammer, der ihm begegnete, unterlegen. In
Graus und Reue hatte er geschrien: Beile genommen! Beile! Nicht
nachgeben! Das schlief schmerzlich vor Wallensteins klglichem Holzsarg
ein.

Und nun kam die Dunkelheit ber ihn. Er wute nicht, was wurde, aber er
wartete. Ein groes Bedrfnis nach Schlaf hatte er. Es wre mglich
gewesen, da er ohne Widerstand hinstarb. Und dann regte sich eine Bewegung
in ihm. Er seufzte und die Erinnerung trat in ihm auf: Gebt Raum, gebt
Raum. Sanftheit und Stille, worin er Platz nehmen wollte. Der Balken, an
dem er sich entlang tastete. Oft blickte etwas in ihm auf Wallensteins
Sarg. Er fhlte sich bewogen, viel hinter dem Sarg herzugehen, Hnde zu
drcken, die gebrochenen Beine auf Watte zu schienen.

Die Fechtbrder und der Zahnbrecher hatten Gefallen an ihm, nahmen ihn und
den Mller auf ihrem Wagen mit; er sollte fr sie ausrufen. Sie gerieten in
Streit mit dem Mller, als der sich daran machte, in ihrer Weise sie zu
erregen. Als Weinbuch in seinem Zorn ihnen einmal zwei gute Degen mit einem
Stein zerbrach, prgelten sie ihn. Der Mller entwischte; den andern, der
mit ihm wollte, lieen sie nicht fort. In die Zone der Heere reiste die
Bande, um besseren Gewinn zu finden. Als die ersten Kompagnien in der
Gegend von Joachimstal an ihnen passierten, bettelte Grimmer, sie mchten
ihm das schenken, den Anblick der Sldner, er wolle fort von hier. Jubelnd
kam einmal der dicke Quacksalber an: er habe den andern mit dem braunen
Bart, den Kaspar, den Mller, gesehen. Wo, wolle er nicht sagen: hoch in
der Luft, an einem Soldatengalgen hnge er; htte wohl das Maul sehr voll
genommen. Grimmer flammte: Fhrt mich hinein. Fhrt mich hin. Ich will
ihnen alles sagen. Er ist einen guten Tod gestorben. Und er schrie ber
Weinbuch und weinte: Lat mich fort! Helft mir doch. Sie lachten:
Gewalt! Gewalt! Lauf mit deinen Krcken. Wir werden einen Hund gegen dich
jagen, da er dich umrennt. Er hob die Hnde und zitterte: Ihr knnt
nichts fr eure Wildheit.

In einem Birkenwald, der eben grnte, lag an dem Platze, wo sie ihr Lager
aufschlagen wollten, ein brauner Frauenschuh, und nicht weit kam ein ganz
feines Winseln zwischen den Stmmen her. Sie gingen dem Winseln nach. Da
lag entblt und zerhackt ein zusammengebogener Frauenkrper und auf der
Erde hinter seinem Rcken streckte ein verpacktes kleines Kind die weien
Beinchen in die Luft, schlug mit den blauen Hndchen, winselte. Mit einem
markerschtternden Geheul, als htte er die Sinne verloren, warf sich
Grimmer an die Erde, kroch auf den Knien vor die Frau, deren eisiges
Gesicht er bestrich. Sie rissen ihn von der Zerhackten los; er lie den
Stock liegen, tastete nach dem Kind, hielt es fest. Sie vermochten nicht es
ihm aus dem Mantel herauszuziehen; er warf sich, als sie damit begannen,
auf das Gesicht und deckte das Kind. Sie bewogen ihn dann aufzustehen; das
Wesen schrie in seinem Mantel; er stand wie ein Bock; sie muten ihm das
Geschpf lassen; grausig brllte er, er gbe es nicht ab.

Die Bande stahl Frauen und erprete mit ihnen Geld, verkaufte unerlaubte
Hartmacherbriefe. Sie lieen den Grimmer mit seinem Kind nicht los, weil er
schon zuviel von ihnen wute. Er besnftigte sich, folgte, war gut zu
ihnen. Aber es war etwas Gespanntes in ihm, wovor sie Furcht hatten. Das
Kindchen gab er einer Nonne ab. Er bohrte, bohrte, sie sollten ihn laufen
lassen. Welches Recht sie htten, ihn zu halten. Er drohte; sie lachten.
Verzweifelt sa er stundenlang in einer Wagenecke, rang die Hnde. Sie
lieen ihn im Stroh gackern. In ein rasendes Geznk lie er sich mit ihnen
ein; da er ihnen rachschtig schien, nahmen sie ihn nicht mehr auf die
Mrkte, in die Drfer hinein mit; sie wollten ihn schon kirre kriegen. Er
hatte in dieser Zeit die Aufgabe, mit einigen Robuben auf die Wagen zu
achten. Als die Buben berichteten, da der Grimmer, statt sich um die Wagen
zu kmmern mit vorbeiziehenden Wallonen lange heimliche Gesprche fhrte,
da auch einzelne Wallonen sich schon mehrfach in der Nhe des Quartiers
htten sehen lassen, beschlossen sie sich seiner zu entledigen; sie waren
der Meinung, da Grimmer an Flucht oder Verrat dachte.

Sie kamen bei Kaaden vorbei, wo ihnen das Kind eines Ratsherrn in die Hnde
fiel. Die aus der Stadt aber hatten einige Reiter, die sich hinter ihnen
her machten. In ihrer Angst lieen sie das Kind auf der Landstrae zurck.
Als sich die Reiter damit noch nicht zufrieden gaben und nach ihnen
suchten, spannten sie die Pferde von den Wagen, ritten davon mit allem, was
sie schleppen konnten; den Grimmer lieen sie bei den Wagen. Er wurde von
den Reitern gefat, nach Kaaden gebracht und in der Stadtmauer eingesperrt.
Die Bttel, von den Angehrigen des Kindes noch bestochen, lieen ihre Wut
an ihm aus.

Ferdinand aber schien, seit er die Qulereien von der Fechterbande erfahren
hatte, ein vollkommener Narr geworden zu sein. Er war von einer flutenden,
stoweise ihn durchrollenden Erregung heimgesucht. Wie ihn die Ruber auf
die Strae warfen und er gefangengenommen wurde, war er, als wre er alle
Sorgen losgeworden. Er hatte schon die Wallonen im Wald nicht, wie die
Buben erzhlten, aufgefordert, ihn zu befreien, sondern nur von sich
erzhlt. Er sei in einem hohen Amt gewesen, htte es aufgegeben. Denn das
Regieren htte wenig Zweck. Es luft alles von selbst. Es ist auch alles
gut, htte er erkannt; man msse nur wissen wie. Man knne mit ihm tun, was
man wolle, man tte ihm nicht weh. Er forderte die Wallonen geradezu auf,
ihm doch Hiebe zu versetzen, sie tten ihm Gutes damit an. Als ihm einer
dann einen Faustschlag gegen die Schulter gab, sank er in das Gras, wand
sich vor Schmerz, aber lchelte verzerrt: es machte nichts, es tte ihm
wohl; sie lieen ihn bla, halb ohnmchtig sitzen. Im Stadtkerker wurde er
gemihandelt, da er meist seine Besinnung verlor. Sobald er aber frei war,
erzhlte er wieder, er sei der Kaiser Ferdinand, der Rmische Kaiser, es
ginge ihm jetzt besser. Wie gegen einen Klotz verfuhr man mit ihm; um ihm
Gestndnisse zu erpressen, brannte man ihn an Stirn und Arm und streute
Salz in die Wunden. Er gab zu, was er von der Bande wute, sich selbst
beschuldigte er nicht. In dem Keller stand er bei jeder Vernehmung vor dem
Richter und dem Henker, der gebckte graue Mann, bejammerte Richter und
Henker, beschwor sie an sich zu denken und nicht an das Gesetz und den
Kaiser; er sei Kaiser gewesen, er sprche sie frei von der Verpflichtung;
Mehrer des Reiches mchte er sein, und darum mchten sie davon ablassen,
ihn zu qulen: es helfe ihnen nichts.

Er rief sie an: Ihr mt euch freuen. Es ist Mai oder Juni. Es ist eine
schne Zeit. Macht nicht so finstere Mienen. Euer Handwerk verdirbt euch,
es macht euch die Brust eng. Wrde doch kein Tier so finster und trbe
leben wollen wie ihr. Lacht. Wenn man lacht, begrt man die anderen
Wesen. Sogar nach einer peinlichen Prozedur des Streckens bat er matt:
Ihr mt nicht so strenge Mienen machen. Es ist ja alles in der Welt so
schn. An mir mt ihr keinen Ansto nehmen. Ich bin kein Schelm;
meinetwegen braucht ihr euch nicht zu erbittern. Und auch mit den anderen
knntet ihr frhlicher fertig werden. Frhlich, frhlich. Ich bin es auch
und mchte darum leben. Er glitt an seiner Stange entlang.

Sie lachten aber nicht. Und ganz finster wurden sie erst, als der Henker
eines Morgens Grimmers Zelle leer fand.

Die Klopffechterhorde hatte von seiner Einkerkerung gehrt; sie gereute es
nicht gerade, ihn berliefert zu haben, aber sie wollten dem Ratsherrn
einen Possen spielen, nachdem sie um den Prellohn gekommen waren. Sie
berwltigten, da sie starke Menschen waren, eines Nachts die Posten der
Stadtwache vor dem Kerker, nachdem sie unbemerkt ber die Mauer gestiegen
waren. Grimmer vom Fackellicht aufgeschreckt, blinzelte sie aus dem Stroh
an; sein Gesicht tieftraurig, er erkannte sie nicht. Dann als sie ihn
anhoben und mit einem Mantel bedeckten, begrte und streichelte er sie
flsternd. Sie schleppten ihn mhselig ber die Mauer, Ferdinand verbi
jeden Schmerz. Whrend sie selbst vor bermut kicherten, muten sie seinen
Jubel dmpfen. Der dicke Steinschneider, der sein Pferd fhrte, fragte ihn,
als sie davon durch den sausenden Wald ritten, ob er nicht einen Priester
haben wollte. Ferdinand lachte: Noch nicht. An meinen Heiland glaube ich.
Aber wenn ich Snden bekennen sollte, ich wte nicht, welche ich bekennen
sollte. Du bist schlecht, warnte der andere. Nein, verzeih mir. Es hat
sich mir alles verwischt. Weit du, wo ist Snde und Tugend?

Nach vierstndigem Ritt lagerten sie in einer Htte, wo die anderen
Gesellen schon warteten, blieben dort ungestrt einige Tage. Ferdinand
lobte sie fr die Wohltat an ihm. Sie lieen ihn viel allein.

Als man zu dem tief gelbschtigen fiebernden Ferdinand, dessen Krper aus
vielen Wunden eiterte, einen Barfermnch schickte, weinte er heftig,
gestand: Die Snde, ja, das ist es.

Nun siehst du.

Ich kenne sie, ich wei, was Snde ist.

Siehst du.

Nur, ich kann sie nicht fhlen. Mir ist alles verwischt. Wer hat mir das
angetan?

Du bist krank, du frierst, du schttelst dich im Frost.

Aber Ferdinand blickte ihn ruhiger aus seinen hellen Augen an: Ich bin
verzaubert. Ich kann nichts als mich freuen.

Der Barfer sprach Gebete, segnete ihn, ging davon.

Ferdinand berwand das Fieber. Sehnschtig, wenn die Horde fortgerasselt
war, kroch er zur Tr hinaus auf allen Vieren in den grnen Wald. Es war
sonnig. Er suchte sich zu heilen.

Der Wald, der Grund eines weiten Meeres, Tag und Nacht durchwogt und
aufgewhlt. Die jungen und alten Bume hielten sich mit Wurzeln an der Erde
fest; Gest und Blattwerk, hungrig hochgeworfen, wurden am Schopf gefat,
nach unten gebogen, seitlich geschnellt, im Kreis gefhrt. Vielfarbige
Blumen wuchsen im versteckten Gras. Ferdinand zog sich an dnnen Stmmen
hoch, fhlte seine Knie; die Luft blies in seinen geffneten Mund, der Atem
ging leise aus seiner matten Brust; er rutschte wie ein weicher Wurm ab auf
das Moos. Er pendelte und schwankte getrieben wie ein Ertrunkener in der
Luft. Wie dunkle Zauberworte klang manchmal in ihm auf: das Reich, der
Krieg, der Thron. Auf Minuten breitete er sthnend die Arme aus: Ich bete
nicht, Maria mu mir helfen, sie wird mir verzeihen. Unversehens, wie er
lag, hatte ihn das pelzige Moos.

Kopfbeugend und mit Ungeduld ging und stand er, bis sich die Horde
verlaufen hatte, um sich zwischen den stummen Bumen wieder einzufinden.

Auf einem Baum erwartete ihn ein sonderbares Wesen. Es sa zwischen starken
sten, steckte den kleinen braunschwarzen Kopf zwischen Bltterhaufen
hervor. Ein verwahrloster junger Mensch, stark am ganzen Krper behaart. Er
lie die ste zusammenschnellen, sah wieder herunter. ber Schulter und
Bauch hatte er sich einen fellartigen Lumpen gebunden; er stie und
hangelte mit den affenartigen mageren Beinen. Der Kobold, die schwarze
knochige Brust nach einiger Zeit herunterbeugend, krchzte etwas
Worthnliches, lief vorsichtig, wie er Ferdinand kriechen und liegen sah,
auf den sten um ihn herum, dann am Boden. Ferdinand winkte ihm. Er floh.

Von Tag zu Tag kam er dichter. Einmal schwang er sich zu dem Kranken, griff
schnell nach seinem Brot, a im Fortlaufen. Er beobachtete Ferdinand aus
fliegenden grauen Augpfeln, die rastlos in ihren flachen Hhlen spielten,
ohne da sich die kleinen Lider bewegten. Schlielich betastete und
beschnffelte er den sitzenden Mann, der ihm fter die Hand hinstreckte. Er
wich ihr aber zuckend aus, zuletzt nahm er sie bei den Fingern, besah sie
dicht, drehte und hob sie, beschnffelte sie, lie sie los. Sa da, um
pltzlich auf ein Gerusch einen Baum anzuspringen und zu verschwinden.

Einmal, wie Ferdinand die Tr der Htte auflie, schlich das Geschpf
hinein, kam rasch mit einem groen Stck Fleisch heraus, das er auf einem
Baum verschlang. Wie er wieder neugierig Ferdinand beobachtete, der sich an
seinem Stock hochschob und einige Schritt schleifte, stellte er sich neben
ihn, sttzte ihn geschickt von hinten, indem er ihm unter den Arm griff;
dabei kicherte er mit demselben Krchzen, mit dem er sprach.

Ferdinand verstand rasch seine kindlichen Bezeichnungen. Einmal morgens --
Ferdinand hatte ihm wegen seines stechenden Geruchs verwiesen in die Htte
zu gehen -- erwartete ihn das Geschpf listig lauernd schon drauen. Es
winkte, lachte, gab zu verstehen, da es etwas Schnes wte. Und dann
strzte es Ferdinand unter einen Arm, zuletzt trug das kleine Geschpf
keuchend den anderen eine Strecke bergigen Bodens auf dem Rcken. Von einer
nahen Anhhe zwischen Gestruch sahen sie herunter. Da war ein Flu und an
ihm ein weites buntes klingendes Badehaus. Schwimmende Tische; auf den
Galerien gingen Damen mit geschlitzten Mnteln. Von oben warfen sie Blumen
herunter, die unten spannten ihnen Laken entgegen. Die lustigen Frulein
streckten die Hnde nach der Galerie um Geschenke aus, sie tanzten im Bad,
das Gewand schwamm obenauf. Flten und Lauten spielten. Blle mit
Glckchenbehang flogen ber dem Wasser. Der Waldmensch kreischte leise,
knirschte mit den Zhnen, hatte funkelnde Augen, leckte sich einen
hochspritzenden Tropfen wonnig vom Mund. Er hpfte mit Ferdinand vorsichtig
zurck.

Ferdinand liebte das wilde Geschpf auerordentlich. Er wunderte sich
selbst. beraus stark griff ihn die Neigung, dieses sonderbare Verlangen zu
dem Tierwesen. Er war in vieler schmerzhafter Spannung, gesundete mehr;
sein Gesicht und Hnde huteten in der Sommerluft. Die Bande lie sich oft
tagelang nicht sehen, er mute mit Brot und Fleisch haushalten. Da war der
Waldmensch weg. Zwei Tage stellte er sich nicht ein. Es fehlte nicht viel,
da Ferdinand, leicht erschpflich wie er war, ihm nachging. Bis er eines
Mittags allein in der Htte liegend von dnnen Rufen, dann einem knackenden
Gerusch und nahem Scharren berrascht wurde.

Vor einem Gestrpp das braunschwarze Geschpf. Es bckte sich ber etwas
Weiem. Winkte krchzend lachend schnarrend Ferdinand mit Hnden und
Blicken zu. Das Weie hob sich. Es war ein junges rothaariges Frulein, nur
leicht gekleidet. Er mute sie aus dem Bad gestohlen haben. Das nicht
schne pockennarbige Mdchen streckte aus seinem tdlich blassen Schrecken,
immer wieder ohnmchtig, Ferdinand die Arme entgegen. Der aber sah sie kaum
an. Der Waldmensch fletschte die Zhne, schleppte sie rckwrts, knurrend
fauchend und brnstig kreischend ins Gebsch, nach Ferdinand, der
herausgetreten war, sich umschauend, hob ihr die Tcher ab, verging sich
glucksend und schlagend an ihr.

Ferdinand hatte mit hellen berweiten verglasten Augen in der Nhe
gestanden. Das Waldtier winkte ihn hervortauchend, kochenden Leibes, zu dem
Frulein heran, fiel ihm grunzend und speichelnd um die Brust. Es hauchte
ihn hitzig an. Die wand sich im Gras, wollte weglaufen. Ferdinand zitterten
unten die Knie. Er konnte sich von diesem betubenden Atem nicht losmachen.
Er drckte halb willkrlos den Waldmenschen an sich. Schaurig, fast
unertrglich strmte es ber ihn bei der Berhrung der zottigen Haut und
bei dem starken schweigemischten Dunst. Er kannte kein Erbarmen mit dem
Frulein unter der Aufpeitschung seines Innern. Er vermochte, wie es durch
ihn raste, die Arme fest um den Kobold zu schlieen, verzehrt von Angst und
Hingenommenheit. Das Mdchen war fort. Das heie Geschpf lachte ihn an,
schttelte sich losgelassen, knurrte, schnarrte, wie es das Frulein nicht
sah, schwang sich davon.

Ferdinand sa mit flimmernden Augen in der dunklen Htte, blinzelte. Sah
sich um, wute nicht, wo er war. Ich mu fort, war ihm bewut. Als er
zwei Stunden geschlafen hatte, war er schweigebadet. Sein Kopf flo. Durch
seinen Traum hatte sich das Schaurige Betubende gewaltig und fessellos
geschwungen.

Am nchsten Morgen kam die Bande. Den Abend zuvor hatte er noch mit sten
nach dem Waldmenschen geworfen, wie der sich ihm grinsend nhern wollte,
hatte die Tr vor ihm zugeklemmt.

Aber wie sie ber Hgel und Felder fuhren, wurde er wieder eine Beute der
Betubung. Klee Heckenrosen Lupinen zogen vorbei. Und so blieb es tagelang
in der Ruine, in deren Kellern sie sich versteckten und Ferdinand, der
leidlich gehen konnte, als Wchter belieen fr die gestohlenen Pferde
Rstungen Scke, whrend sie drauen ihr Handwerk trieben. Hier
entschlpfte Ferdinand, vllig modelliert von dem Erlebnis. Etwas
Geheimnisvolles lag ber ihm. Im Schnappsack trug er Brot Kse und
Rauchfleisch mit sich. Grau und sehnig war er, das Gesicht noch gelb. Er
machte einen beunruhigenden Eindruck auf die Leute, die ihn bekstigten und
schlafen lieen. Wich ihnen aus.

Ihn trieb es, wie er auch widerstrebte und sich wand, nach dem Wald und der
Gegend des Koboldes. Er grollte und lobte sich in einem Gedanken, da er
ihm ausgewichen war. Wie er eine Baumrinde berhrte, fhlte er, wohin er
gehrte; er bekam die Hand, als friere sie fest, kaum los von dem Stamm.

Er nherte sich nach Tagen erregt dem Ort. Von Schreck durchzuckt fand er
die Htte. Das niedrige Holzgestell, die groben braunen Latten. Es benahm
ihm den Atem. Einen Augenblick stand sein Herz still. Er lie sich nieder.
War tief beglckt. Den ganzen Tag wartete er, schlief im Freien ein. Und
noch ein Tag. Er ging und bewegte sich wie in einem festen Schlaf. Wie er
im Morgengrauen aufwachte unter Gezwitscher, sa der braunzottige Kobold
neben ihm, betrachtete ihn von der Seite, lachte ihn an. Ferdinand
aufwallend blieb ernst, berhrte ihn bittend. Der wies ihm den Buckel,
schien ihn schleppen zu wollen. Ferdinand legte die Hnde an das Wesen,
geno, im Innersten durchrieselt, die Berhrung. Der quietschte, kratzte
sich, gab wegkriechend Zeichen auf die Htte, schnarrte, lallte. Die
Httentr war offen. Der Mann ging sich duckend hinein. Eine Bande mute
erst jngst dagewesen sein; es lag Brot und Schinken unter dem Tisch, auf
den Bnken; sie waren bereilt abgezogen.

Ferdinand setzte sich hin, sah atmend dem Kobold zu, der alles
durcheinander warf, zuletzt mit einem Stck Brot davonrannte.

Sommerliches Rauschen im Wald, die Sonnenlichter spielten.

Der Waldmensch ffnete gegen Abend, wie es glhrot geworden war, die Tr.
Ferdinand lag gestreckt auf der Bank. Das Geschpf klopfte mit dem Finger
gegen die nackten Fusohlen des Mannes. Der richtete sich auf.

Ein breites flaches Messer lag unter dem Tisch neben der Bank. Das Geschpf
stie mit den Zehen daran. Im Moment bckte es sich, fate mit einem langen
behaarten Arm herunter. Seine Augen glitzerten.

Rittlings schwang es sich vor den Mann auf die Bank, drckte sich fest an
den erschauernden freudvoll blickenden, und senkte blitzschnell das Messer
von hinten in seinen Rcken. Mehrmals. Sie hielten sich Auge in Auge. Ein
leichtes Staunen kam in Ferdinands Ausdruck. Er erzitterte bis in die
Fuspitzen, legte sich seitlich um.

Das Geschpf rutschte von der Bank, blickte das Messer an, sauste hinaus,
gab Ste in den Grasboden, schleuderte das Messer von sich gegen die
Htte.

Nach zwei Tagen schlich es herein, a. Fate den Krper, der unter dem
Tisch lag, an beiden Fen, spannte sich wie ein Pferd vor, lief mit ihm
hinaus, zerrte ihn ber das Gras. Der Kobold war so stark, da er den
mageren Krper im Kreis um sich schwingen konnte. Er schnalzte kicherte
freute sich daran.

Lief mit ihm ber Gebsch ste. Es war Regenwetter. Die Tropfen klatschten.
Ferdinand lag auf zwei sehr hohen sten. Das dnne khle Wasser flo ber
die hellen Augen. Der Kobold hatte kleine Zweige zu sich heruntergezogen,
er sa vom Laub gedeckt. Schaukelte den Krper auf den groen sten,
knurrend stirnrunzelnd.

                   *       *       *       *       *

Unter die aufmarschierenden Heere der Kaiserlichen Sachsen Schweden Bayern
gerieten von allen Seiten die losgelsten verzweifelten Volksteile. Viele
gingen zu den Truppen ber, von Lohn und Nahrung verlockt. Was ihnen
strend in den Weg kam, zerklatschten die Heere.

Die Sldnermassen selbst brachen gegeneinander los, schlugen sich nieder,
verfolgten sich, metzelten sich von neuem, Kaiserliche Sachsen Schweden
Bayern. Im Westen hatten sich die Welschen gesammelt. Sie warteten in
frischer Kraft auf ihr Signal, um sich hineinzuwerfen.

Ende

Werke von Alfred Dblin

Die drei Sprnge des Wang-lun

Chinesischer Roman Achte Auflage

Wadzeks Kampf mit der Dampfturbine

Roman Vierte Auflage

Der schwarze Vorhang

Roman von den Worten und Zufllen Dritte Auflage

Wallenstein

Roman Zwei Bnde

Die drei Sprnge des Wang-lun

Dieser Roman ist ein Zeichen jenes Einfhlungsvermgens, das seit den
Schlegeln der deutschen Literatur gegeben ward. Das ist kein papierner
Hintergrund, bemalte Kulissen, das sind die wogenden Reisfelder, das ist
der breite gelbe Strom, das sind die engen erbrmlichen Hndlergassen, das
Volk, das stiehlt, betrgt und betet; chinesische Mrchen und Lieder
beschreiben es uns. Gleicher Ebenen Hauch, tausendjhrige Kultur umweht uns
in diesem Buch, und manche Seite knnte vielleicht ebensogut in einem
chinesischen Werke selbst stehen.

(Rheinisch-Westflische Zeitung, Essen)

Wadzeks Kampf mit der Dampfturbine

Kein Zweifel, dieser Roman ist eine Leistung. Mit einem knstlerischen
Eifer, den man fast Ingrimm nennen mchte, werden hier Menschen
aufeinandergehetzt, wird ein Leben dargestellt, das nur in Arbeit, Kampf,
Hetzjagd, fahrig an sich gerafftem Genu, Mitrauen, Unrast, Feindseligkeit
besteht. Nach auen hin, da doch irgendeine Form gefunden werden mu, gibt
sich dies als eine Konkurrenz zwischen zwei Berliner Fabrikanten, einem des
lteren Systems und seinem Gegner, der ihn mit der Dampfturbine schlgt,
ihn brigens auch zu Diebstahl, Flschung von Papieren und hnlichen
Existenznotwendigkeiten treibt. Wie Dblin dieses Buch, mag ein Gelehrter
sein Werk schreiben, auch nur mit dem Verstand, wohl mit innerer Teilnahme,
aber ohne Liebe, ohne Phantasie. Und trotzdem ermangelt es dieser natrlich
nicht, ebensowenig fehlt es an Geist und Erfindung.

(Die Zeit, Wien)

Der schwarze Vorhang

In diesem Frhwerk zeigt sich schon die ganze Kraft und Eigenart Dblins.
Er gestaltet auch hier schon ins Grozgige hinein. Zwar handelt es sich in
der Hauptsache um Empfindungen und Gefhle. Aber er formt sie schon in
mchtigen Zgen. Er hebt sie ber das kleine, zerpflckende Alltgliche
hinaus und gibt ihnen Gewicht, Bedeutung und fast Ewigkeitsinhalt.
Allerdings stellt das Werk auch Anforderungen an den Leser. Es fordert
Geduld und Hingabe. Aber am Ende lohnt sich dies alles. Wenn auch wieder
der aufmerkende Leser nicht mit allen Schlssen Dblins einverstanden sein
wird.

(Die Post, Berlin)

Druck der Spamerschen Buchdruckerei in Leipzig




Anmerkungen zur Transkription


Offensichtliche Druckfehler wurden, zum Teil unter Hinzuziehung
spterer Ausgaben, korrigiert.





End of Project Gutenberg's Wallenstein. II. (of 2), by Alfred Dblin

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