The Project Gutenberg EBook of Wallenstein. I. (of 2), by Alfred Dblin

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Title: Wallenstein. I. (of 2)

Author: Alfred Dblin

Release Date: October 11, 2013 [EBook #43931]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

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                             Wallenstein


                                Roman
                                 von
                            Alfred Dblin


                             Erster Band




                                1920
                       S. Fischer/Verlag/Berlin




                       Erste bis dritte Auflage
        Alle Rechte vorbehalten, besonders das der bersetzung
                   Copyright 1920 S. Fischer Verlag




Erstes Buch
Maximilian von Bayern


Nachdem die Bhmen besiegt waren, war niemand darber so froh wie der
Kaiser. Noch niemals hatte er mit rascheren Zhnen hinter den Fasanen
gesessen, waren seine fltchenumrahmten uglein so lstern zwischen Kredenz
und Teller, Teller Kredenz gewandert. Wre es mglich gewesen neben dem
schweren kopfhngerischen Bffel zu seiner Linken, dem grauen Frsten von
Carafa, Hieronymus, und dem stolz schluckenden und gurgelnden Botschafter
Seiner Heiligkeit im heien Rom, -- rot schimmernd die seidene
knopfgeschlossene Soutane, purpurn unter dem Tisch die Beine mit Strmpfen
und Schuhen, bei den schneeweien zappelnden der deutschen Majestt -- so
htte Ferdinand jeden den Vorhang durchlaufenden Kammerknaben, jeden
Auftrger Vorschneider, erhaben mit schwarzem Stab abschreitenden
Oberstkmmerer mit ppigem Halloh empfangen, ihm zugezwinkert: Heran!
Nher! Nicht gezgert, Herrchen, haha. Hier sitzt er. Kaute, knabberte,
bi, ri, mahlte, malmte. Der Oberkchenmeister bewegte sich an den
gelbseidenen Tapeten entlang, beugte freudig listig durch das seitliche
Gestnge des Baldachins die muskulsen Lippen Ferdinands, die wie Piraten
die anfahrenden Orlogs entleerten, die Backentaschen, die sich rechts und
links wulsteten, sich ihre Beute zuwarfen, sich schlauchartig entleerten,
von der quetschenden Zunge sekundiert.

Weich rauschte die Harfe, die deutsche Querpfeife nselte. Sprung an,
Sprung ab: es hie hurtig sein, die Becher heranschleppen; wer it, liebt
keine Pausen; was schluckt, mu splen. Ferdinands Lippen wollten na sein,
sein Schlund na, sie verdienten's reichlich, droschen ihr Korn.

Im Reich -- wovon lie sich sprechen -- im Reich ging's gut daher. Die
Bhmen geschlagen, Ludmilla und Wenzel, die heiligen, hatten die Hand von
ihren tollen Verehrern gezogen: da saen sie auf dem Sand, haha, samt Hu,
allen Brderschaften, ihrer Waldhexe Libussa, dem Pfalzgrafen Friedrich.
Der Pfalzgraf -- wovon lie sich sprechen -- der Pfalzgraf schleppte seine
Knigskleider im Sack, am Strick hinter sich her, im Frhjahrsdreck hinter
sich her, schreiend durch die Gassen, ungebter Bnkelsnger auf Mrkten,
auf Drfern: Keiner da, der mir was zu fressen gibt? Zehn Kinder und kein
Ende, keiner da, der uns den Bauch stopft? Habe die englische Knigstochter
zur Frau, in Bhmen war ich Knig; das >war< freut mich armen Hansen
wenig. Wer wird sprechen in solchen Zeiten.

Man lt ihn trollen, das freche se Zweibein, man wird ihn tchtig
lausen, da ihm das Fell blank wird. Aber Malvasier. Aber Alikante. Aber
Bhmerwein von Podskal. Aber grne Bisamberger, Traminer aus Tirol; aber
Bacharach und Braubach, die feuchten, spitzschuhigen, klingelnden vom
Rhein. Auf dem gepreten Schweinskopf pfel: aber Mersheimer darber und
Andlauer; Elsa, das herrliche Elsa.

Wem hat es der Ingwer angetan, der Ingwer an der Rehkeule, da er ihn
verachten will. Die Hhner sind erschlagen; auf Silberschsseln gebahrt;
von feinen weien Kerzen beleuchtet. Die Blicke von zwanzig Gewaltherren
und Frsten voll Lobs auf sie gerichtet; in Mandelmilch schaukeln sie
Rmpfe, Beinchen und Hlse, Rosinen zum Haschen um sie gebreitet, ihre
kandierten Schnbelchen fllend. Spitzt die Mnder, salbt die Lippen mit
Speichel, im Strome flieenden, aus allen Bronnen geeimerten.

Heran Pflzer Most. Die feuerspeiende Bchse, treffliches Symbol fr ein
Weingef: da lt sich leicht der Malefizer finden, der hier ersterben
will. Und soll es der Erwhlte Rmische Kaiser sein, es mu geschossen
sein, in der Minute, im Nu, aus der groen Bchse, die der Obermundschenk
sich auf die Schulter ldt; der Kaiser richtet zielt und schiet, jach in
den Schlund des tobenden Narren, des hingewlzten lachenden Kobolds in der
braunen Schellenkapuze, whrend der Herr sich die weien Spitzenrmel
schttelt, in den Stuhl sinkt, nach der Serviette ruft und vor Inbrunst
vergeht: Noch einmal!

Trompeter schmetterten zu sechs vom Chor herunter, aus dem goldenen Kfig
des Balkons, der Heerpauker schlug bum. Zwischen der Musik sa der Kaiser
hinter dem Wildschweinsbraten in Pfeffer, einen weien Hut mit der
Reiherfeder auf dem leicht glatzigen Kopf, seine Ohren durch das Raspeln
seiner Zhne nicht gehindert dem Schmettern zu folgen. Sansini,
Zinkenmusikus, bte sein hohes Werk; verborgene Diskantisten und Kastraten
pfiffen rollten wirbelten; sie umspielten die wenig sich drehende Ruhe des
Basses, den eine weiche Stimme ansprach, beschwor.

Zur Linken des melancholischen Spaniers ein schmales wangenloses
Ziegengesicht, ber dem stumpfen Lederkoller die krebsrote Atlasschrpe,
aus grnen dnnen rmeln langspinnig zielend gegen das Millefioriglas, Karl
von Liechtenstein, Oberstburggraf, Statthalter in Prag, sprach von
Heidelberg und dem geflohenen Winterknig, da noch frostiges schwankendes
Wetter sei und man jetzt nur schwierige Landstraen finde, besonders wenn
man es eilig habe. Ein Abt bi seinem Kapaun das Bein ab, addierte, whrend
es zerkrachte, das zurckgebliebene Kurpflzische Silbergeschirr, das ihm
in Bhmen von frommen Wallonen berreicht war. Und auch der alte Harrach,
knuspernd an Krammetsvgeln, huldvoll ber seinem Stuhle schwebend,
grazis, kahlkpfig, hielt sich an die Prozesse und Konfiskationen in dem
geschlagenen Land, da wren tot der Peter von Schwamberg, Ulrich Wichynski,
Albrecht von Smirsitzky, davongelaufen, werden das Wiederkehren vergessen.

Hitzig schmetterten die Trompeten. Einen Augenblick sahen alle Herren auf,
die in den spanischen Krausen, die in den gestickten niederlndischen
Spitzenkragen auf bunten und verbrmten Jacken, die in den ungarisch grn
verschnrten Wmsern, in den duftigen franzsischen Westen und
Purpurberwrfen, Kardinle, bte, Generale und Frsten, und ihnen
schauerte, als wenn es eine Kriegsfanfare wre. Rasch war Musik und Geist
eingelenkt. Wollstig fhlten alle erwrmten Nerven das Gespensterheer des
geschlagenen blondlockigen prchtigen Friedrich durch den Saal ziehen,
reiten durch das Klingen, Tosen der Stimmen, Becher, Teller, von dem
herabhngenden Teppich des Chors herunter auf die beiden flammenden
Kronleuchter zu, brausend gegen den wallenden Vorhang, den die Marschlle
und Trabanten durchschritten: prchtig zerhiebene Pflzerleichen, Rumpf
ohne Kopf, Augen ohne Blicke, Karren, Karren voll Leichen, eselgezogen, von
Pulverdunst und Gestank eingehllt, in Kisten wie Baumste gestaucht,
kippend, wippend, hott, hott durch die Luft.

Oh wie schmeckten die gebackenen Muscheln, die Trtchen und Konfitren
Seiner Kaiserlichen Majestt. Schand und Schmach, da einer Graf, Frst,
Erzherzog, Rmischer Kaiser werden kann und der Magen wchst nicht mit; die
Gurgel kann nicht mehr schlucken, als sie fat; der schlaue Abt von
Kremsmnster wie der Kaiser, der Frst von Eggenberg, der Liechtensteiner
wie der Kaiser, der Oberstsilberkmmerer, der Oratoriendiener, der
Truchse, Vorschneider, Tapetenverwahrer, Kchentrsteher wie der Kaiser,
Marchese Hyacintho di Malespina, Ugolino di Maneggio, Thomas Bucella,
Christoph Teuffel, der Organist Placza wie des Heiligen Rmischen Reiches
alles bersteigende gesalbte Kaiserliche Majestt, in einem Takt raspelnd
an einer Waffel.

Oh wie schmeckte dem Kaiser unter seinem weien Reiherhut der Tokaier aus
dem Venezianer Glas. Wie schlug er sich den Schenkel, warf sich tiefer in
das Gesthl, vergrub sein im Gelchter entlarvtes Gesicht im Scho.

                   *       *       *       *       *

Durch die verhngten Bogenfenster summte Abendgelut, als Ferdinand mit
glhenden Wangen vor seinem zurckgeschobenen Stuhl stand auf leicht
schwankenden Knien; die herabgesunkenen prallen nassen Hnde trocknete ihm
rechts und links ein Kmmerer ab. Und mit verschwimmenden Blicken, tief und
langsam schnaufend stand er vor der Tafel, den Gsten Trabanten
Kammerherrn. Die Sthle rckten, die Servietten fielen auf den Boden, die
Edelknaben sprangen mit den silbernen Giekannen und Waschbecken zurck
hinter die Sthle. Die Gste hatten sich auf die Fe gestellt, bogen die
Nacken gerade, klemmten die Lippen ein.

Der Frst von Carafa wich zuerst auf einen Blick des Oberhofmarschalls
gegen die Wand, die Musik brach ab. Vor der kleinen Bronzesule des
drachenttenden Herkules stemmte der Spanier, das bse hitzedurchwhlte
Wisent, sich auf, hob die Schultern. Und als wre die Reihe der Herren am
Tisch ein Wurm, dessen Kopf sich zur Wand bog, so rollten sie nacheinander
weg vom Tische an die blitzende Brokattapete, und der Wurm schwankte,
schlug vorwrts rckwrts.

Untersetzt, dickleibig, auf den kurzen Sulen der steif gewordenen Beine
trug sich vom obersten Platz unter dem Baldachin her Kaiser Ferdinand der
Andere. Von dem Ufer der dampfenden damastgebetteten Gerche, von den
gelben roten weien Quellen ri er sich los. Seine blanken Wangen strotzten
vor Wohlgefallen, Fu setzte sich vor Fu; er zog den weien Hut vor jedem
Herrn, ohne den Kopf nach links zu ihnen zu drehen. Graubrtig folgte auf
spitzen Fen der Kammerherr vom Dienst; vor der blauen Samtjacke, der
hohlen Brust lie er vom Hals herab den goldenen Schlssel schaukeln, trug
Mantel und Gebetbuch hinter der Majestt. Der Leibarzt darauf mit
niedergeschlagenen Augen, im schwarzen Tuchrock, Thomas Mingonius,
Verwalter kaiserlicher Gebrechen; seine Nase schnffelte; die Lippchen
trieb er zum steifen Rssel vor. Zwei Kammertrhter unhrbar.

Und wie an einem Efeuspalier Blatthaufen nach Blatthaufen sich unter dem
Windsto duckt, verneigten sich die Herren. Carafa hatte lngst seinen Kopf
wieder vor der Brust hngen, als die weinrote Exzellenz Eggenberg den Leib
einzog, seufzend sich wieder einrenkte. Verneigt hatte sich vor dem Trger
der Krone des deutschen Reiches, dem Herrn zu Ungarn Bhmen Dalmatien Krain
Slavonien, unbeschrnktem Erzherzog zu sterreich, Herzog zu Burgund
Steiermark Krnten Wrttemberg, vor dem Szepterschwinger in Ober- und
Niederschlesien, Grafen zu Habsburg, Grafen zu Tirol, Grafen zu Grz,
verneigt neben dem vielgeliebten Hans Ulrich von Eggenberg, dem
freundlichen spitzbrtigen Kavalier, dem alten Schlemmer, das unruhige
Pergamentmnnlein in violetter Robe, trben Auges, Herr Anton Wolfrath,
Mnch Abt Bischof Frst Nichts. Verneigt edlen Gesichts, zypressenschn,
mit Perlenringen in den Ohren, die Strenge der Blicke aufgelockert vom
Weindunst, der Sohn des italienischen Spezereihndlers Verda, residierend
auf dem Neuen Markt, Johann Baptist von Werdenberg, Graf und Hofkanzler.
Der schwarze dichthaarige Bhme Questenberg, Graf Gerhard, nicht lange noch
Registrator, gewaltig unter seinem Schnurrbart blasend, der sich strubte
und aufstellte, glotzugig, Brenbeier mit Wulstlippen. Verneigt Zdenka
von Lobkowitz. Verneigt im Schmuck des Goldenen Vlie der sehr bleiche
Geheimrat Meggau.

Ganz unten am Vorhang stand der Oberst der Leibgarde in hohen
Reiterstiefeln, schimmerndes Wehrgehenk ber dem hellgelben zobelverbrmten
Wams, Neidhard von Marsberg, kolossal von seinen Schultern schauend,
schumend in ser Betubung, an seinem spanischen Kragen reiend:
Brenhuter! Schelme! Malefizverbrecher! Wute nicht wer, konnte in Wut
und Verehrung nur noch die Arme ber die klirrende Brustwlbung
verschrnken, auf die Knie sinken hinter dem schon verschwundenen Kaiser.

                   *       *       *       *       *

Nach dem Empfang des Primas von Ungarn erbat sich der Kaiser Urlaub von
seinen Ministern. Er brauchte mit einer erzwungenen Freundlichkeit diesen
Ausdruck. Es war den Herren bekannt, da dem Frsten Wien seit Monaten
nicht behagte, da er sich mit dem Gedanken trug, gnzlich nach Prag zu
verziehen, in den prchtigen dstern Gemchern des Matthias und Rudolf zu
hausen; es lie sich schwer fassen, was dahinter steckte. Man schob es auf
die unaufhrlich wirkende Trauer um seine tote Frau; sie lag schon seit
fnf Jahren in Grtz, in der Kapelle der heiligen Martyrin Katharina; man
dachte an Ferdinands Zorn ber den Adel Wiens, der ihn bei dem
Protestantensturm auf das Schlo vor einigen Jahren im Stich gelassen
hatte. Aber diese Gestalt des Habsburgers, seine Mimik, wie er, noch
triefend von den Soen Weinen der Festmhler, sich vom Sitz erhob, gegen
Schrems hinausritt, nach dem Wallfahrtsort Hoheneich, fast unbegleitet,
nach flchtigen Abschiedsworten, war dem Hof und den Rten auffllig.

In Hoheneich stand ein niedriges Kirchlein; innen zwischen zwei Pfeilern in
ihre Mauer eingelassen, gleich an der Pforte, eine Eichentr, mitten
zerklftet, von Eisenklammern zusammengehalten, altersbraun unscheinbar.
Ein frecher Landadliger hatte einmal diese alte Kirchentr verrammelt, als
eine Prozession von Schrems heraufkam; im Gebsch sa er mit seinen
Spiegesellen, um sich an dem Spektakel zu ergtzen. Die Chorknaben
schwangen die Rauchfsser, die Monstranzen klangen, vorn der Fahnentrger
senkte das Seidentuch auf der Treppe: die Tr sprang auseinander, die
Kinder sangen weiter! Der Edelmann wollte im Schreck sich aus dem Ginster
erheben, den beiden andern stiegen Reuetrnen in die Augen. Sie rissen die
grnen Strucher vor sich auseinander, ihre Waffen blieben im Gras, sie
trabten langsam gegen den Zug hin, bis man Steine gegen sie schleuderte,
als sie sich anschlieen wollten. Der Edelmann lief beiseite, stie einen
Schrei aus, aber zu seinem Entsetzen fuhr ein greuliches Gebrll aus seiner
Kehle. Als er sich umdrehte nach seinen Freunden, liefen da zwei starke
Bulldoggen; er selbst wedelte mit dem Schwanz, war ein rippendrrer brauner
Fleischerhund, der sich die Brust begeiferte. An einem Galgen unweit des
Orts hat man spter die drei Hunde erschlagen und eingescharrt.

Der Grasboden federte unter den Tritten der Pferde, sie fielen in ruhige
Gangart. Die Erde wurde weich, spitze Halme stellten sich mit rauhen
Scheiden auf, scharrten an den Pferdehlsen. Die Hufe planschten in
Pftzen, das schwarze Wasser spritzte an den Bug der Tiere, ber die Beine
der Herren. Der weie Windhund Ferdinands, ebenmiges hohes Gebude mit
langen Behngen, lief spielend. Als sie die Schlagbrcke hinter sich
hatten, die wste Uferflche des untern Werd durchritten, kreischte Jonas,
auf einem Maulesel klglich nachtrabend, jenseits zwischen den Halmen fast
verschwindend, streckte am Huschen des Brckenwrters Arme und Beine nach
ihnen aus: Weh, weh! Zwei Herren trabten zu ihm. Seine braune
Bergmannsgugel mit dem Hahnenkamm schttelte sich heftig, die hohen
Eselsohren klatschten herum. Ich nehme Abschied von Wien. Nehmt Abschied
mit mir. Und zottelte ber die schallende Brcke, schwenkte drben vor den
wartenden Reitern sein Mntelchen, listig lchelnd, spitz lachend, schlug
die Klapper. Die Donau lag vor ihnen, ein feuchtwarmer Wind blies herber.
Stubt ab, edle Herren. Nehmt nichts mit von Wien. Versagt es der ehrbaren
Stadt nicht, ihr Hab und Gut wieder zu erstatten, die Hscher knnten sonst
hinter uns kommen. Sie folgten belustigt, schaukelten Umhang und berwurf
gegen den rollenden Flu. Ferdinand sah das braune verwachsene Geschpf
scharf an, gab ihm nach einer Weile seinen Achselmantel. Unter Verbeugungen
gegen das breite Gewsser, gegen den Stefansdom und die starken Basteien
schttelte der Wicht das bestickte Tuch, klopfte es zrtlich mit seiner
Klapper, bergab es dem nachdenklichen Herrn. Es sei nunmehr sauber, kehlte
er gedmpft und vershnlich, frei vom Staub des hohen Marktes, der Freiung,
Bendlergasse, des Grabens und -- des Hohen Rates. Ein Peitschenschlag des
Stallmeisters brachte ihn auf sein Grautier.

Neben der Buchenallee, die sie ritten, erhoben sich Hgel mit dichtem
Unterholz. Vorsichtig gingen die Herren das Gestrpp an, dann schleuderten
die Pferde unter den Asthieben die Kpfe, ihre Zungen warfen unruhig das
Trensengebi, sie drngten kauend zurck vor dem Finstern, strauchelten,
bogen auf den Weg. Auf den hochbeinigen Tieren tanzten die glnzenden
Herren von Windsten gefangen und freigegeben zwischen Schwarzdornhecken
Ochsenzunen ber die Wiesen. Sie kehrten nicht ein in die Meierei vor
Schrems. Ferdinand schien es vor Ungeduld nicht auszuhalten, im Steigbgel
schluckte er ein Glas saure Milch. ber Sturzcker, durch lichtes
Stangengehlz. Schwarzbeinig gegen die Luft auf einem Hgel der Hundegalgen
mit drei Standbalken.

Bei seinem Anblick war der Kaiser wie ausgewechselt. Sie gingen neben ihren
abwrts schnffelnden raffenden Tieren um das leere Gestell. bermtig
bellte der antrottende Tafelrat auf dem Esel. Graf Paar, ernst,
blondbrtig, blauer Samthut, blaue Kniebnder, fhrte die Pferde, die mit
zuckenden Lippen gebckt zu weiden begannen. Man beschlo sich ins Gras zu
legen, zu schmausen. Paar und der Narr liefen nach Hoheneich hinauf. Auf
einem kleinen Leiterwagen schleppten sie nach einer halben Stunde den
erschrockenen Diakon im Chorhemd auf die stille Wiese nebst zwei
verschchterten Scholaren, hoben herab ein Tnnchen Wein, Glser Teller,
ganze Schinken, rohe Eier, Lattich. Den Wagenplan rissen die Herren
herunter, der Kaiser aber wollte nicht darauf sitzen, er knipste
Grasspitzen ab, schnellte seinen Begleitern Blumenkpfe ins Gesicht,
zerblies vorsichtig Pusteblumen und war, ehe der Karren mit Butter Salz
Brot angetrieben war, sitzend am Galgen eingeschlafen. Sein gelbfahles,
faltiges Gesicht im Schlaf so freundlich, da es schien, als unterhielte er
sich im Traum mit Kindern. Der Windhund beschnffelte ihn, schob seinen Hut
mit der langen Schnauze vom Scho herunter, streckte sich mchtig aus, die
Vorderpfoten auf den Jagdgamaschen Ferdinands.

Eine straffe ltliche Gestalt in Schwarzbraun mit Silberschnren lehnte an
einem Birnbaum, den starken aschfarbenen Kinnbart zupfend, lie den Hut auf
die Erde fallen, flsterte: Wir sind auf der Flucht, ihr Herren.

Jonas nselte: Auf der Flucht, ihr Herren.

Mansfeld setzte sich neben die andern, weiter flsternd: Vielleicht geht's
nur nach Wolkersdorf. Vielleicht auch nach Steiermark.

Oder geradeswegs zum Bassa von Ofen, oder zum Groherrn in der Trkei,
grinste Jonas.

Mansfeld langte herber, packte ihn, ohne das Gesicht zu verziehen am Hals,
kippte ihn in der Luft um, prete ihn auf den Bauch, zischelnd: Nicht
quaken, Frosch. Nicht quaken, Frosch.

Der plrrte, kroch losgelassen aus der Runde. Graf Paar zog die Beine an,
umschlang die Knie: Der Herr Oberstallmeister beliebten etwas zu meinen.

Seufzte Mansfeld, dessen Augen unruhig gingen: Es wird etwas geschehen
mssen.

Kalt Paar: Vermeine, wir sind keine Hunde, die die Sau zu verbellen
haben.

Der Kinnbrtige streichelte seine rosa Hutfeder sehr langsam. Da lag lang
auf dem Rcken ein junger Baron, warf sich nicht einmal herum in seinem
kostbaren Scharlachkleid; mit seinen schrgstehenden Augen, die aus einem
bronzefarbenen glatten Gesicht blickten, verfolgte er weie schimmernde
Wolkenberge: man mge tun, wie man denke; jedoch denke er nicht wie der
Graf Paar.

Also wir verbellen das Wild?

Der Baron ruckte kleiderscharrend hoch, sa dicht neben Paar, fixierte ihn,
zog die Beine in den Scharlachhosen ein, umschlang die Knie: der Herr sei
Liebling des Kaisers und liebe den Kaiser, mchte keiner ihm verwehren nach
Belieben zu tun.

Leise erklrte der Oberstallmeister, er msse des Erzherzogs Leopold Hoheit
benachrichtigen, wenn sie etwas Sonderliches befrchten wrden; er knne
sich dem nicht entziehen, auch die Exzellenz Eggenberg, den Abt Anton und
den Beichtvater msse er rechtzeitig aufklren; es msse um des Heilands
willen etwas geschehen.

Eine Herde weier Gnse schnarrte und schrie getrieben an ihnen vorbei.
Paar stand nach einer Pause auf; meinte finster, es brenne nicht, die
Herren seien ngstlich. Im brigen seien in jedem Dorf Pferde da, um
Nachrichten zu berbringen, auch Burschen, die reiten knnten. Er sei kein
Herr vom Rat, sei nur der Person der Kaiserlichen Majestt Dienst schuldig.
Als sich der bronzene Kopf des prchtigen Barons, des Peter Mollert, gegen
ihn hob, lachte Paar heftig, berfuhr dann pltzlich malos den staunenden;
der Kaiser brauche Hilfe, das she man. Ob man sich als Schmarotzer am
Kaiser bewhren wollte, was diese Reden von Benachrichtigungen des Hofes
besagen sollten, er werde den Kaiser wecken, ihn aufklren, ihn ihnen
entreien. Der Baron wich mit seinen glitzernden Augen dem Grafen aus, bat,
mit Mansfeld Blicke tauschend, sich nicht stren zu lassen, jedoch auch
nicht den Schlaf des Herrn durch berlautes Schelten zu stren. Er sog an
einem Halm. Mansfeld pfiff durch die Zhne.

Was bin ich mehr als ein Hundsfott, grollte Paar, wenn ich nicht zum
Bassa von Ofen mit ihm rennen wollte, wofern es ihm in den Sinn kommt. Wre
sonst nichts als ein Fleck Speichel an seinem Rock.

Mollert streckte sich golden und scharlachrot im Grn aus. Klar und kalt
beobachtete der rstige Mansfeld den Kaiser, scharf verfolgt von dem
glhenden Grafen, der sich seitlich von ihm, die zornzitternde Unterlippe
bi.

Freundlich lchelte am Galgen lehnend der Herr mit dem gelben kindlichen
Gesicht im Schlaf; die Peitsche war ihm aus der Hand gesunken. Mit leichtem
Satz sprang der Hund ber seinen Krper auf die andere Seite.

                   *       *       *       *       *

Im schwarzen Jesuiterkleid, den viereckigen Flachhut in der Linken, fhrte
der Pater den zgernden Frsten in die Kirche. Die Tr fiel hinter ihnen
zu. Auf dem kleinen Altar vorn brannten zwei hohe weie Kerzen, unsicher
leuchtend, ein Kruzifix aus Metall zwischen ihnen. Durch den finstern Gang
wurde der Frst gefhrt. Seinen kleinen grnen Hut legte er vor sich auf
den Teppich der Stufe, der Pater kniete neben ihm. Ohne den Kopf zu beugen
kniete der grauhaarige Frst. Als wenn er aus der Wand etwas auf sich
zukommen she, hielt er den Hals steif. Er wartete wie auf einen
feindlichen Angriff, vor einer frchterlichen unsichtbaren Front. Sein Mund
war gepret, in seinen geballten Hnden sammelte sich der Schwei. Er
kniete, aber er sa auf einem gepanzerten Ro im Harnisch, eine schwere
Lanze unter dem Arm, rhrte sich nicht.

Als der Pater das Zeichen zum Aufbruch gab, konnte sich der erstarrte Mann
nicht erheben; er fiel auf die Hnde, verga dann seinen Hut auf der Stufe.
Wie ein Blinder war er in die Kirche gegangen, schweiberflutet verstrt
bewegte er sich drauen an der blauen lerchendurchjubelten Luft. Der
Geistliche gab ihn hflich lchelnd den Herren ab. Tief verneigte sich der
Kaiser vor dem Geistlichen. In einer schweren Aufregung sa er am
Spieltisch des Schlchens, schwieg wie die andern.

                   *       *       *       *       *

Man brach frh auf zur Wildschweinjagd. Es ging nach Begelhof. In die
neblige Luft ritt man hinein, das Laub stiebte Nsse, der Kuckuck rief fern
im Holz, wonnig vergruben die Pferde im fuderhohen Blattwerk ihre glatten
Fe. Je mehr die Sonne stieg, um so heftiger wurde der Vogelgesang,
schallend riefen sich die Finken und Stare an, mit schwerem Flgelschlag
segelten aus dem niedrigen Tannenwald dicke schwarze Krhen in das
aufgebrochene Feld, lrmten heiser, siedelten sich an um Wurmlcher. Die
krummen Rcken der Reiter wurden grader, die Stumpfheit verblate in den
Augen, die Krper, noch eben schwer sackend, fhlten sich in das elastische
Wiegen und Schreiten der Pferde ein. Es ging flach nach Begelhof hinein.
Von dort vieltniges Klffen. Am Holzhuschen des Rdenmeisters, vor den
langen Zwingerhtten, Rendezvous. Morgentrunk im Freien. Fnf Hrner riefen
in die Sttel.

Da wimmelten um die starken Rdenknechte die Koppeln der franzsischen
Hunde, Schweihunde, Saufinder, die schwarze und braunschwarz gezeichnete
Meute. Hinter den Ktnerhtten auf den ckern bewegten sich ngstliche
Buerlein, versteckten sich. Braunkappige Landleute trabten in Gruppen
feldeinwrts, fhrten schwere Gule, Karren zum Zugrobot, suchten die
schmalen Saumpfade, hinter einander gereiht, aus den Htten bedroht von
halblauten Rufen und raschen Fusten. In der Nhe pfiff es, lrmte
pltzlich: die Wildksten waren geffnet worden, drauen rannte der vom
Licht geblendete Keiler, die Hunde jaulend und springend, sich berkugelnd,
rissen besessen an den Leinen. Die Riemen sausten ber sie. Der Anjagdruf.
Da rasten die Hunde, vor den Wind geworfen, leise knurrend mit tiefen Ruten
in die Ackerfurchen. Das Feld setzte sich in Bewegung.

Und wie sie ritten auf der Fhrte des todesbangen verzweifelten
Schwarzkittels, ber die stark duftende aufgerissene Flche der cker, da
fingen die Herzen der Herren zu beben an; das Herz Ferdinands bebte in der
alten Lust, die Hitze stieg aus dem weien Pferdefell in seine Arme, wogte
aus den Schultern zurck in die Hnde, um die Hfte. Unter dem Silbergurt
fr das starke Schweischwert schwelte die Luft so wild, da sie das feine
panzermaschige Hemd durchdringen, sich dem flatternden weigrnen berrock
mitteilen mute. Geschnrt war das Griffholz des Schwertes, lang und fest
die Klinge mit den tiefen Rinnen, kurz vorne das zweischneidige blanke
blutheischende Messer. Wind war nicht mehr Wind, Wald nicht Wald, Morast
nicht Morast. Die Pferde flogen, kaum den Boden tastend, um ihre Hlse
wehte Dampf. Zune Huschen Bsche sprangen mit einem Satz gegen sie,
hinter sie zurck. Die Pupillen der Kavaliere unter den windschwellenden
Federhten, unter den roten Stirnen verengerten sich in der blitzenden
Helligkeit, die Lider drckten sich zusammen in wachsender Inbrunst. In
Reihen wurden die Herren ber Hrden und Schwarzdornhecken gehoben. Die
Tiere rissen, die Hinterhufe abstoend, die gekrmmten Vorderbeine an die
aufgerichtete Brust; im Schweben warfen sie Erdballen nach rckwrts, die
Hinterhufe schlossen sich aneinander, whrend schon die Vorderbeine wie
Fhler nebeneinander vorgestreckt gegen den neuen Boden tasteten, der sie
empfing, sie weiter schwang. Gespitzte Ohren nach vorn.

Sehnschtiger, lockend der helle Chor der Hunde. Der Boden wurde knietief,
der Eber warf sich zwischen durchbrauste Gehfte, durchschwamm Tmpel.
Koppeln hinterdrein, Pferde hinterdrein, Jger obenauf. Flechtwerk, Furten,
Dickicht. Vier knappe Sekunden stand der schwermtige bse schwarzplumpe
Keiler, mit den kurzen morastigen Beinen, die Schnauze an dem halslosen
Kopf gesunken, dann brach er in das khle Unterholz. Kopfber die Hunde in
das Dickicht, im Schwarm eingesogen, verschwunden. Herren und Pferde
abprallend am Gebsch warfen sich im Anschwung links herum, nach rechts
vor.

Mit rotgederten Augen, keuchend Ferdinand und einige Herren, versunken,
verloren auf den stoenden Rcken, wutertrunken, berauscht. Man scho in
den Wald, das Pferd wand sich unter den Sporen, das Gelute der Hunde klang
nher ferner durch die Schwrze aus dem Brombeergewirr. Sie kmpften gegen
das Dickicht, arbeiteten schweigeblendet berstend vor Grimm und Lust gegen
ste Gestrpp Tier. Rings war der wste Keiler umfat, die Meute jauchzte
im brechenden Unterholz. Da zappelten die Hunde unter dem Schimmel
Ferdinands, der die Peitsche besinnungslos hob, die Krcke auf die Nase des
sthnenden Tieres schmetterte. Auf den Hinterbeinen stand es auf, drehte
sich, zwei Schritt zurck, warf drehend umstrzend seinen Herrn zwischen
die flchtenden Hunde, sich selbst gegen einen schaukelnden Fichtenstamm,
an den es mit den Fen hieb, grimmig hilflos auf dem Rcken strampelnd wie
ein Kfer. Hei quietschte winselte die Rde, der von den fallenden Fen
des Reiters eine Flanke aufgerissen war.

Paar, aus seiner Besessenheit geweckt durch das Keifen des Tieres,
rckwrts blickend, sprang ab, taumelte nach hinten, strmte: Mansfeld,
Mollert, die weiter preschten. Wie er die starren Asthaufen bersprang,
stellte sich der Schimmel mit wtendem Werfen und Ruck auf die Knie, stand
zitternd flankenschlagend aufgeregt neben dem Kaiser, der mit blaurotem
Nacken auf dem Nadellager buchlings hingestreckt war.

Als Paar ihn umdrehte, richtete er sogleich den Oberkrper auf, sah
blicklos, die Arme hinter sich auf den Boden stemmend zwischen den
Pferdebeinen hindurch. Wie eine Puppe wurde er von Paar gegen einen Stamm
geschoben. Seine Sporen rissen Bahnen in den Boden, dabei flaute sein
Gesicht ab, er faltete die Hnde, senkte wie betrbt den nadelbeklebten
Kopf, bewegte die Lippen. Jenseits des Dickichts klingelte hrbar die Jagd,
das Wild war ins Feld entwischt. Mit chzen schob sich der Kaiser in die
Knie. Dann stand da das Pferd, seine Schabracke, Graf Paar hielt seine
Schultern, drngte die Jagdflasche an seine Lippen.

Trbe wurden die Augen des Kaisers, er lie sich hochheben, blickte
jammervoll den Kammerherrn an, der an seinem Gurt nestelte, um das Schwert
abzuschneiden. Lange standen sie so, die Lippen zitterten dem Frsten,
konvulsivisch zuckten seine Schultern: Was ist geschehen. Was war das? Er
stammelte, schluckte Wein aus der Flasche, die ihm Paar in die Linke
gepret hatte, sprudelte gedankenlos den Rest auf den Boden.

Was denn, Majestt?

Paar, ich war bald hin. Es hat mich bald erwischt. Ich mu beten. Ich mu
beten. Er murmelte, rieb sich die verschmierten Hnde, wimmerte verwirrt.
Es hat eines Zeichens bedurft. Ich habe es nicht erwartet. Er sthnte,
sa auf einem Baumstrunk, wischte sich Blut von dem abgeschrften Scheitel,
flsterte mit steifen Blicken auf den Grafen, die Hnde ballend: Wir
sollen uns nicht frchten. Wir haben die Gewalt in Hnden. Was hat der Graf
Paar zu sagen?

Nichts, Eure Majestt.

Er schmetterte sich die Faust gegen die Brust, streckte in steigender
Erregung das sprhende zuckende Gesicht gegen den blassen Mann auf.
Nichts, Eure Majestt hauchte er. Stumm donnerte Ferdinand noch einmal
gegen seine Brust, den Mund offen, schumte, erhob sich taumlig, schttelte
den zurckweichenden Mann an den Schultern. Sieh an. Willst du mich
ausforschen. Wer hat dich geschickt?

Majestt fielen vom Pferd, ich ritt dicht vorauf im Feld.

Hin strzte Ferdinand mit Klagen auf die Knie: Gestorben beinah, ohne
Beichte wr' ich gestorben. Das Leben verlassen, befleckt, unbefreit.

Paar bi sich auf die Lippen, in Scham und Ehrfurcht zog er den Kaiser
hoch, fate ihn unter den Arm, fhrte ihn, whrend er mit der Linken das
Horn anhob, blies. Dem Herrn flo von der Stirn ein Blutstreifen ber den
Nasenrcken gegen den Mund. Als wre nichts geschehen, folgte der Herr,
schrg auf dem Hinterkopf den Hut mit der zerbrochenen Feder, blieb nach
einer Weile stehen, horchte ins Gehlz, lchelte seinen Begleiter an,
gefesselt von Betubung, die ihm sanft ber das Gehirn und den Hals strich:
Blas noch einmal. Schn blst du. Er ging pirschend voran, mit dem
Schweinsschwert fuchtelnd, die Augen mondhaft weich, die Zge gleichgltig
entspannt. Der gequlte Paar lief um ihn, die beiden Pferde lockte, zog er,
plauderte, ffnete traurig Bsche vor dem Herrn.

Ein pltzlicher Gedanke zuckte durch ihn: Wenn der Kaiser fliehen wollte,
-- er wute nicht, warum er es wollte, aber wenn, -- dann jetzt. Die Jagd
konnte nicht rasch zu Ende sein. Jetzt. Es war alles von ihm vorbereitet,
die Wagen und Knechte standen bereit am Fhrmannshaus von heut ab. Der
Kaiser wollte fliehen, er konnte ihn aus einer dunklen Not erretten, er war
in seiner Gewalt, es konnte keiner dazwischen fahren. Jetzt.

Um Paar drehte sich der Wald. Nur einen Moment wehrte er sich gegen den
Gedanken. Im Augenblick aus dem Dickicht, auf den Pferden. Paar bi die
Zhne zusammen, schwang die Peitsche: Hoh!

Sturzcker. Der Kaiser hing dumpf an seinem Tier, sah auf die Mhne, ab und
zu auf den Horizont, bisweilen warf er antreibend die Zgel. Das Tier lief
ebenmig neben Paars. Kein Klingeln der Meute mehr, kein Rufen Lachen der
Herren. Meilenweite Grasflche, links blauumdunstete Hgelreihen; wenn der
Wind die Luft hoch warf, regten sich dahinter schwarzgrne Baumkronen. Paar
lechzte ber den Kopf seines Tieres hinweg, sein ernstes Gesicht zitterte
in vielen Bndelchen, seine geschlitzten weigrnen rmel schwollen zu
Glocken auf, die linke Hand mit den Zgeln nackt erdig; zerrissen die hohe
Spitzenmanschette des rechten Handschuhs. Die Pferde ruckten sprangen; in
der ungeheuren Heide zappelten sie wie Schwimmer im Meer, arbeiteten, auf
ab, die kleinen hpfenden Tiere.

In die anwiegende Luft sthnte Paar, dunkel verzweifelt: Mein Heiland, tu
ich recht. Er rief zur Seite: Wir sind schon weit. Es klang nicht, es
konnte niemand gehrt haben. Er rief: Wir sind schon so weit. Weg war es,
zwanzig fnfzig Schritt hinter ihnen. Hatte es jemand gehrt. Der Schall am
Munde weggeschnappt. Das Trappeln der Pferde lie sich nicht hren, das
Riemenzeug knarrte nicht; im raschen Takt Gieen Strmen des Bluts in den
Ohren, Verdunkeln des Blicks.

Der Kaiser hing auf seinem Schimmel. Geheimnisvoll erregt klang es herber:
Wir sind schon weit, so weit.

Graf Paar. Der Schall am Munde weggeschnappt. Paar, Hans, Hans.
Anwiegte der Wind, schwappte um Brust Gesicht, schlo sich im Rcken
zusammen. Langsamer, Hans. Reit' langsamer. Hrst, du mich?

Der Kaiser. Er sa aufrechter, den Hut knautschte er vor sich am Sattel,
die Linie geronnenen Bluts ber der Nase. Paar ri die Zgel an. Wo sind
wir, Hans?

Eine halbe Stunde noch. Die Pferde liefen rascher. Wohin fhrst du mich?
Wo luft der Keiler? Wir sind schon weit. Majestt werden sehen. Paars
Stimme jauchzte fast; seine Mienen wechselten zwischen Angst und
Zrtlichkeit. Da ist Rauch. Sie verbrennen Kraut auf dem Feld. Es ist
verabredet. Da die Fahne. Schroff fiel die Ebene, jh klangen Rufe hinauf.
Am Ufer eines weiblinkenden Flulaufes weideten Viehherden, neben einem
Fhrmannshaus liefen Menschen, standen Wagen. Hellblau schwelten
Rauchwolken in die Steppe herber. Dem Grafen strahlten die Augen, er
brllte frenetisch herunter, winkte. Eine Wolkenwand stand schwarz jenseits
des Wassers, dicke Tropfen fielen, die Grser sprhten blitzten in der
matten Sonne.

Gerettet. Es sind die Wagen. Unsere Wagen. Die Leute sind treu. Hier!
Hooo--ah hooo--ah! Der Kaiser spannte sich zusammen, sein Pferd schluckte,
rckwrts gerissen das Maul aufsperrend, Luft, tanzte auf den Hinterbeinen.
Paar, ihn berschieend, kehrte um, atemlos, entzckten Gesichts, atemlos
atemlos: Es sind die Wagen. Mgen mich Majestt enthaupten. Rettung. Wir
sind gerettet.

Heiser rief der Kaiser, die Augen bis zur Weie aufreiend, mit der rechten
Hand auf die anrennenden Knechte mit Piken und Partisanen weisend: Wer
sind die? Was wollen die? Paar Arme hebend: Bleibt stehen. Bei den Wagen
bleiben. Nicht hierher! Es sind ja unsere Leute. Der Kaiser donnerte:
Hund, Bestie, hab' ich dir befohlen, mich hierher zu bringen. Schalk du,
ich metzle dich nieder auf der Stelle. Wo hast du mich verschleppt? Was
soll ich, was willst du mit mir? Paar abgesprungen glutrot
schweibergossen hngte sich an den Hals des fremden Rappen: Der Kaiser
solle kommen, der Kaiser solle sich nicht frchten, es sei geschehen, er
sei gerettet, es knne ihm nun nichts widerfahren; die Freiheit, wohin er
befehle, die Leute sind zuverlssig, Gewnder liegen bereit.

Und in Ferdinand, whrend er vor Wut berstend das Pferd herumwarf, den Mann
beiseite schleuderte, die Sporen einsetzte, schwebte schon, die Flammen zu
heulendem Entsetzen anblasend der Gedanke: So steht es um mich, so weit bin
ich; entlarvt.

Die unendliche Steppe. Der dnne schrge Fadenregen zog hinter ihnen her,
berrieselte sie, legte einen grauen Schleier vor sie. Paars Pferd drngte
sich an seins, Paar drngte sich verlangend, Hnde hinlangend an ihn, rief
etwas dem Mann zu, der den Kopf auf die Brust vor dem Wasser senkte. Die
Stze verschluckt, die Stimme schrie, beschwor den andern, suchte ihn vom
Pferd zu bewegen. Um des Heilands willen nicht zurck, er mchte vertrauen,
o vertrauen. Von drben die Worte: Wo ist die Jagd? Fhrt mich zurck. Ihr
seid verloren sonst. Immer weiter in die rieselnde Dmmerung. Die
lautlosen Pferde. Hinter dem Kaiser, zu seiner Seite, jagte Paar. In dem
Kaiser stieg die Angst, sa an seinem Rcken, auf seinen Schultern: Der
Satan ist da. Gehlz zur Rechten, schwellendes federndes Moos. Flitzend
zwischen Stangen, gespensterhaft vorbei Htten Zune. Schonungen rauchten
vorber. Der Graf erblichen wurde von einer Betubung, einer Stirn
umschlieenden Abwesenheit befallen; eine Erstarrung durchdrang seine Brust
von Minute zu Minute strker; ein hopsendes Fleischgestell warf das Pferd
auf ab, auf ab.

Hrner, viele Hrner, grelles Blasen. Menschenrufe. Schwarze Haufen auf dem
Feld, bellende Hunde. In ein Gewimmel von Knechten strmten sie ein. Lange
spter hetzten die Herren an, die aus den Wldern von der Suche
zurckkehrten.

Bla stierte der Kaiser regentriefend neben seinem Pferd. Die Herren legten
ihm Mntel und Tcher um. Er sei gestrzt im Dickicht, er htte sich mit
dem Grafen Paar verirrt. Knechte jagten nach einem Feldscher. Paar schritt
erschpft hinterher, gab keine Antwort.

                   *       *       *       *       *

Im Schlchen sagte Ferdinand zu ihm, er sei ein Verrter. Als Paar nur
stumm niederfiel, befahl Ferdinand ihm, sich still zu verhalten, sich ohne
weiteres aus seiner Umgebung zu entfernen. Als Paar sich der Tr nherte,
schumte der Kaiser, dem Trnen in den Augen standen, vor Zorn: Hans, ich
mu dich vor Gericht stellen, ich mu dir den Kopf abschlagen lassen, ich
mu dich ins Eisen werfen lassen. Du bist ein Schelm, du bist ein --.
Verrucht bist du, ein Schuft bist du, ich kann dich nicht so gehen lassen.

Kopf gesenkt stand der vllig leere Paar, der noch die nassen verschmutzten
Jagdkleider trug.

Ich wei nicht, ob ich dir verzeihen kann. Ich kann nicht. Ich kann
nicht.

Wie Paar kniete, bckte sich der Kaiser, den schwarzen Seidenrock mit der
Linken zusammenraffend, schlug ihm zweimal mit der Faust auf den Kopf,
stie ihm gegen die rechte Schulter, spie aus. Der Graf wankte rckwrts,
lag halb am Boden.

Heiser Ferdinand: Du bleibst noch hier. Er ging vor den abendlich
beschienenen Fenstern hin und her. Nach einer Weile sagte er: Geh jetzt.
Du bist still. Am Hofe bleibst du, bis ich dich fortschicke.

Als der Frst in grter erschreckender Unruhe zur Frhmesse erschien, mit
graugrnem geschrumpften Gesicht aus Hoheneich von der Beichte
zurckkehrte, wagte niemand sich ihm zu nhern. Dann fiel bei der Mahlzeit
das Wort Dighby, es wurde in den Gartenzelten von Tisch zu Tisch
geworfen. Der Kaiser fragte, am ganzen Leib fliegend. Man wute nur, da
er, der englische Gesandte, einen drolligen hochmtigen Einzug in Wien
gehalten habe, da, wie vom Abt Anton verlautete, der englische Knig
Vermittlung anbiete zwischen der Rmischen Majestt und dem Pflzer samt
seinem noch kmpfenden Anhang. Der Oberstallmeister wartete lange, bis der
Kaiser etwas herausbrachte.

Uns ist ein guter Tag beschieden, Graf Mansfeld. Lat Euch die schlimme
Jagd gestern nicht gereuen. Wir bleiben nicht hier. Nach Wien! Lat uns
Herrn Dighby begren.

                   *       *       *       *       *

Wie den hoffnungslos Verirrten ein ferner Lichtschein von einem Haus, aus
einem Stall, von dem Wachtfeuer einer Sldnerhorde, von einem Waldbrand, so
zog Ferdinand Dighby an, der englische Gesandte, vom Knig Jakob zum Grafen
von Bristol ernannt, von Brssel aus dem Quartier der spanischen Infantin
hergereist. Ferdinand hie Reisewagen beschaffen, um bequem zu fahren.

Nach Wien geht es, meine lieben Herren, mein lieber Mollert, Graf
Mansfeld. Es gibt Frieden im Reich, ihr werdet sehen. Was halten wir uns
auf, wenn solche Freude fr alle Welt bereitet wird. Nach Wien!

Unter den Herren war auf der Rckfahrt nur ein Gerede: wie man die
unerwartet rasche Heimkehr feiern wolle. Erst fieberte der Kaiser; in ihm
schwang es strmisch auf und ab, durchschwoll ihn mit gewaltsamer Bewegung
vom Hals bis in den Leib, lie ihn lachen, sich freuen, sich vorwenden
zurckwenden, Hnde schtteln, nicht zur Ruhe kommen. Der blitzende Mollert
lag halb im unverdeckten Wagen, stolz schweigend wie immer. Der
Oberstjagdmeister strahlte, da der milungene Tag vergessen war, Paar sa
im letzten der sechs Wagen unter frhlichen halbfremden Kavalieren, mit
scheuen Blicken, oft seine Hnde betrachtend, die den Zgel geworfen hatten
zu der Entfhrung des Kaisers, an allen vorbei sehend, ab und zu ohne es zu
merken dumpf sthnend, so da man schon am Tage vorher ihn umging, jetzt
von ihm abrckte. Die silbernen Partisanen der Trabanten zuckten ber den
Wegen wie schnellende Vgel. Ein wildes Bangen durchwallte von Zeit zu Zeit
den Kaiser. Franzsisch, spanisch, deutsch, italienisch plauderte es sich
auf den Wagen, Duelle am Ochsengrie, Karussell und Ringelstechen. Hinter
den Worten regten sich die zierlich gezhmten Appetite, die kennerischen
Geschmcker, grenzenlose Bankettier- und Pokuliersucht. Die Arme
fechtschtig, das Zwerchfell lachschtig, ihre Zungen verwaiste Teller,
Mnder ungefllte Backofenlcher. Es hie Speichel schlucken, staubige Luft
essen, mit blitzend verdrehten Augen von zarten Braten trumen. Und dann
sollten die Abende kommen mit Kerzen, Fackeln, Trabanten schwerfig vor
den Tren, die Tische frei, Karten und Wrfel ber das blanke Holz,
heiwangige Spieler, zhe Bankhalter, franzsische Likre, Wein in Fudern,
Trumpfen: Meineidige Hllenhunde! Pestilenzialische Teufel! Herr
Bruder, jetzt frit mich der Satan oder ich habe gewonnen.

Nach Wien! Kein Verzug! Gesegnet sei Dighby, Graf von Bristol!

Die Wagen schtterten auf den Chausseen, die Pferde sprengten mit Hussa
hoh; von Dorf zu Dorf wartete Vorspann. Der Staub erhob sich, auf seiner
Woge glitten sie vorwrts. Zwei Fanfaren vorn, zwei Fanfaren zur Seite,
zwei Fanfaren hinten. Sie sahen und hrten nichts. Und als die Herren in
Wien einfuhren, dachte weder der seidige Mollert, noch Nostiz, noch
Mansfeld, noch Ferdinand der Andere an Dighby, den Trger einer englischen
Botschaft. Der Hohe Markt, die Balkons des Grabens, Gassen nach Gassen, der
Petersplatz. Schweres Drhnen vom Stefansturm, das Trkengelut; die Wagen
hielten, die Herren knieten auf der Strae, der Kaiser im Wagen. Vor dem
sonnenberfluteten Burgplatz, zwischen den Hatschierreihen vorquellend
Bettlergelichter Beghinen Minoriten Barfer. Mit bermtiger Wucht warf
Mollert aufstehend seinen Geldsack einem Savojardenbuben an die Brust, da
der umtaumelte, andere sich balgten.

Da wute bald Dighby, da die Rmische Majestt wieder residiere in der
Burg. Auch die hohen Staatsmnner wuten es, die Karussells fanden statt,
Vorbereitungen zu einer Maskerade, Bauernwirtschaft im Prater. Aber mehr
wuten sie nicht, morgen nicht, bermorgen nicht. Bis in die Nacht
leuchteten die Bogenfenster der Burg aus den groen und kleinen
Ritterstuben mit den frhlichen Herren. Dazwischen ging der Kaiser herum,
sann und sann, ohne Rat, wen er sprechen sollte, wen er schicken sollte zu
Gurland, seinem Schatzmeister, nach Gold und vielen vielen Geschenken, um
Dighby sich willig zu machen.

                   *       *       *       *       *

Eines Morgens wandte sich Knig Jakob mit wegwerfender Miene von dem
eleganten Dialektiker und Lstling ab, seinem Kanzler Buckingham, dessen
feine rosa Seidenstrmpfe ihn reizten: er wrde sich in den Garten an die
Frhlingsluft tragen lassen; mag denn das Volk recht haben, mag einer nach
dem Kontinent fahren, sich die Finger verbrennen an dem Brei, den dieser
Narr Friedrich sich eingebrockt hat. Einen Sprung fast einen halben Meter
hoch auf dem Teppich des Audienzzimmers machte der sehr junge Lord, als der
schlaffe Knig, kaum den Kopf bewegend, fortgefahren war. Dann zhlte er
seine Schritte, ein zwei drei vier, er war an der Tre, eine gerade Zahl,
die Sache wrde gut verlaufen. Und whrend Jakob zankend die Mistbeete
abdecken lie und sich heimlich darber grmte, da seine Tochter Elisabeth
in ihrer Liebesraserei sich diesem geleckten deutschen Kurfrsten, diesem
Windbeutel, an den Hals geworfen htte, seine schne stolze Tochter,
erteilte Buckingham hochmtig drei trotzigen Parlamentsherren Ausknfte
orakelhafter Art in seiner Villa, beilufig hinwerfend, da man sich
nunmehr des geschlagenen Bhmenknigs annehmen werde, spttisch genieend,
wie den betrbten Lohgerbern ihre Agitationsstoffe fortschwammen,
benachrichtigte den Lord Dighby. Von London fuhren nach Portsmouth darauf
mit dem Lordkanzler, unter dem Schutz derselben fnfzig eisengeharnischten
Arkebusiere -- gelbe und rote rmel, wst unter dem hochgeschlagenen Visier
blickend, auf trampelnden gemsteten Gulen -- zwei deutsche Herren, die
sich nicht abschtteln lieen, Rusdorf und Pavel, kurpflzische Rte.
Sprachen fter heftig auf franzsisch den Lordkanzler an, der sie nach
Belieben anhrte oder englische Worte hinwarf, die sie nicht verstanden.

Dighby verbat sich in Portsmouth den Anhang dieser beiden Herren, worauf
Buckingham die Achseln zuckte: es liee sich nichts machen gegen sie, ohne
das Parlament zu erregen. Nasermpfend lie sich der junge Graf von Bristol
die beiden Pflzer vorstellen; er und Buckingham zwinkerten sich lchelnd
zu, als bei der Abfahrt unter Verbeugungen nach vielen Seiten die deutschen
Rte das Schiff bestiegen.

Vom Ostersonntag bis Dienstag reiste der Brite um Wien herum, Mauern und
Basteien studierend, ber Wlle kariolend, wieder in die waldversenkten
Nachbardrfer eintauchend, nach Hernals hinein, ber den Laurenzergrund,
Altlerchenfeld, Nikolsdorf, den Rustschacher, Schutt, die Taborstrae, wo
die Juden hausten, Mariahilf. Whrend alle Kirchen vom Jubelgesang der
Menschen erschollen ber die Auferstehung des allerliebsten Herrn Jesu, die
Trme vom Glockenschwung bebten, schlug sich Dighby vom dicken Rotenturmtor
zum Turm Im Elend, Schotten- und Jrgenturm und Sankt Marx. Und als er das
Siechenhaus im Regen des Ostermontags passiert hatte, schickte er zwei
Knechte zur Heinersbastei, verlangte fr morgen beim Torschreiber Einla
zum Krntnertor. Junge Burschen ritten langbebndert ber die Felder,
trieben die Pferde in den Bach. In der Nacht weckte ihn Feuerschein in
seiner Herberge; da schwang man drauen brennende Besen, zog grnes Volk
singend, Asche streuend ins Freie.

Der geschwollene Lord lie die zwanzig Mann pikenbewehrter Stadtgarde, die
ihn am Krntnertor erwarteten, bis Mittag stehen. In einer Snfte kam er,
warf seine Kalbsaugen nach den zierlichen Mdchen, den auf Stelzen
spazierenden Frulein, lie halten, um einer Gruppe Minoriten
kopfschttelnd unter die Kapuzen zu schauen. Am Hohen Markt war Gedrnge;
ein Umzug wurde erwartet. Mit Flten und Pauken hoch zu Ro lie sich die
Bckerinnung erblicken, weistrumpfig Meister und Gesellen, perlgrau die
Beinkleider, blaue Jacken, silberne Schnallen an den Schuhen. Vom Salzgrie
waren sie aufgebrochen. ber einen bekrnzten blutjungen Gesellen auf
schneeweiem Pferde wurden unter Jubelrufen aus Fenstern, Balkons Blumen
geschttet; angestemmt an die Brust trug er den riesigen Trkenbecher, drei
erschlagene Janitscharen, ziseliert in Silber, dazu drei Bcker und das
Heidenschuhaus mit der entdeckten klaffenden Mine, dem Ort ihres
Triumphes. In einer verschlossenen Snfte hinter dem Lord fuhr man die
beiden giftigen Pflzer. Rusdorf hatte sich in Nrnberg englische
Lakaientracht verschafft; nur unter der Bedingung, sie tragen zu drfen,
war er mit Pavel nach Wien gedrungen. Sie ngstigten sich hinter ihren
Vorhngen, kein Wort lieen sie im Gedrnge verlauten.

Als nach zwei Tagen der Abt Anton von Kremsmnster, Kammerprsident, sie in
seinem stillen Refektorium empfing, ein ehrerbietiger schlaffwangiger Herr,
der beraus verschchtert schien, wehmtig demtig um sich blickte, von
Zeit zu Zeit entsetzt vor einer Motte zusammenfuhr und sich entschuldigend,
fast weinend, sein Kppchen verlierend hinter ihr her durch das Zimmer
rannte, vergeblich nach allen Seiten klatschend, schmerzvoll seinen Gsten
die leeren roten Handteller zeigend, als er sie empfing, bat er mit dem
Abgesandten des Knigs von England und den Beratern des pflzischen
Kurfrsten getrennt verhandeln zu drfen. Die Verbeugung wurde steif
beantwortet; die deutschen Herren blieben den Bescheid schuldig, warfen
sich ratlose Blicke zu. Dighby, ungeschlacht, wilder blonder Kinnbart,
Fuste in den Weichen, die beiden fixierend wie ein bekanntes
absonderliches Tierpaar, machte eine demonstrierende Handbewegung: die
Herren seien noch nicht so weit, sie wrden wohl morgen antworten.

In ihrem Quartier, von Dighby aufgesucht und befragt, weigerten sie sich
berhaupt zu antworten, wrden sich erst beraten. Sie kmen selbstndig fr
den Bhmerknig und pflzischen Kurfrsten, wrden sich aber gewi nicht
trennen lassen in der Diskussion von England. Er fragte den Reitstock
wirbelnd, ob sie der Verhandlung ein Bein stellen wollten, ob er also
warten solle, bis sie etwa Kuriere zu ihrem Herrn schickten. Die Herren
spien einsilbig Wrtchen aus den Mundwinkeln wie Pflicht,
unabnderlich, Beschlu߫.

Wollt mich tribulieren, ihr Herren von Heidelberg. Seid aber hier auf
heiem Boden, wisset.

Knauten: Unabnderlich. Mu sein.

Knnen die Herren ihre Anliegen selbst betreiben. Scheinen zu glauben, ich
wre ihretwegen zur Stelle. Bin Gesandter des englischen Knigs und
Parlaments, das beleidigt ist. Das ist alles.

Gut. Gut. Verstehen. Der Herr verstatte.

Verstatte. Ich habe Zeit.

Unsere Dienste dem Herrn. Gott zum Gru.

Nun, nun, die deutschen Herren. Machen wir Parlament oder Boxkampf?

Schob seine blauseidenen rmel hoch, Stock zwischen den starken Zhnen,
wies seine dicken Muskeldrhte. Minutenlang stand er da, wiegte die Arme.
Sie gingen geduckt auf und ab, Hnde auf dem Rcken. Er zog den
zerknitterten Stoff wieder herunter, stampfte mit grobem Lachen hinaus.

Der Kaiser war nicht da. Als er da war, empfing er nicht. Die Wut der
beiden Pflzer Rte, da Dighby in Wien flanierte, sich um nichts kmmerte,
vielleicht fr sich verhandelte.

Spt abends trat er in die Gaststube ihres Quartiers, wo sie unter den
Kerzen saen, Honigbier tranken. Auf der Schwelle schrie Dighby, dessen
Masse im Dunkeln sich unsicher bewegte: Rusdorf.

Der Herr?

Rusdorf, kusch dich!

Der entsetzt.

Hui hui. Was ich sag'. Kusch dich.

Er ist verrckt, flsterten die Rte.

Auf den Tisch, hopp.

Was.

Hopp auf den Tisch. Mit schtternden Schritten Dighby nher. Pavel
hauchte: Er ist verrckt. Tus. Rusdorf im langen braunen Rock vor Dighby
ausweichend sprang pltzlich auf den Tisch neben das Bier, hob den Arm:
Ich protestiere im Namen meines kniglichen und kurfrstlichen Herrn.

Bist ganz still. Der andre.

Der sagte gar nichts, achtete verkniffenen Gesichts auf Dighbys Mund.

Der andre. Als Dighby zum dritten Male brllend ansetzte: Der -- stieg
Pavel zusammenfahrend auf Tisch, Stuhl, setzte sich auf die Kante der
Tischplatte gegenber Rusdorf. Zufrieden nickte der Groe: Ist schn. Ist
schn. Runter vom Tisch. Nahm sich eine Kerze, ging hinaus, vor sich
leuchtend. Allein die beiden. Sie tasteten sich auf Pavels Zimmer,
schlossen die Tr, sahen sich an, machten eine Bewegung, als wollten sie
sich in die Arme fallen, griffen sich nach den Hnden.

Pavel sthnte: Was bleibt uns brig, als uns umzubringen.

Rusdorf gebrochen: Herr Bruder.

Pavel konnte sich nicht beruhigen: Er kommt fter. Verlat Euch darauf. Es
war das erstemal. Er hat es heute erst versucht.

Pavel, was sollen wir tun.

Es kommt noch schlimmer. Und -- wir mssen unserem Herrn dienen.

Unser armer armer Knig.

Als Dighby am nchsten Mittag kam, sa Rusdorf, der aus Furcht nicht das
Quartier verlie, allein da. Ohne ein Wort zu sagen, hob Dighby den Stock.
Dann pfiff er. Flehentlich sagte Rusdorf: Der Herr treibt es zu weit. Wei
der Herr nicht, wem wir dienen?

Der pfiff.

Einem hochgeborenen Herrn, dem Schwiegersohn des Knigs von England.

Es bedurfte nur eines Schritts von Dighby, um Rusdorf auf den Tisch zu
bringen neben eine Breischale.

Der Lord, Hut Stock Degen auf die Diele schmetternd, rckte sich den Stuhl
zurecht, langte nach dem Krug, fragte schluckend den Rat: Wie war das mit
seinem Herrn. Es gefiel mir. Rusdorf beschwor ihn leise, mit einem
gewissen vertraulichen Ton in der Stimme, er mchte doch Vernunft annehmen,
ihre gemeinsamen Interessen bedenken, die Verwandtschaft ihres Herrn und
alles; sie mten sich persnlich verstehen lernen, da ihre Sachen Hand in
Hand gingen. Dighby fragte, wessen das fast ausgetrunkene Weinglas sei; und
zum malosen Entsetzen Rusdorfs rief der Lord nach dem Hausdiener, der
sogleich eintrat, an der Tr stutzend stehen blieb. Wein wollte der Lord;
fr den Herrn oben auf dem Tisch ein neues Glas.

Rusdorf hatte nicht vermocht, vom Tisch herunterzusteigen; ein kleiner
Blick Dighbys von unten hielt ihn fest. Jetzt sa er, die Augen mit den
Hnden verhllend, da, stumm, whrend der Lord schmatzte schluckte, ihm
krftig zum Abschied die Schulter schlug.

Rusdorf erwhnte gegen Pavel diesen Besuch nicht. Er sah es kommen, wie
Dighby mit dem Stock spielte, da er Hiebe von ihm kriegte. Mit
schmerzlichem Verstndnis suchte er die Unerzogenheit und Wildheit Dighbys
auf sich zu lenken, damit mit Pavel die Geschfte von statten gingen;
verteidigte fter den Lord vor Pavel, Jugend hat keine Tugend.

Wir waren nicht besser, als wir jung waren. Ich selbst, Pavel, in Altdorf,
o jeh! Leckte sich zrtlich die Lippen.

Pavel sa allein an der Mittagstafel. Dighby herein: Wo ist der andre?

Ich wei nicht. Ich wei, aber ich antworte nicht.

Dighby ffnete stumm die Tr zur Nebenkammer: Ru! Ru! Rusdorf!

ber die Stiege: Rusdorf. Her. Ran. Im grntuchenen Schlafrock, mit dem
roten Schlafkppchen tappte etwas aus einer zweiten Seitenkammer.

Aber schneller, wenn ich bitten darf.

Rusdorf stand unsicher vor ihm, flsternd: Mein Gott, Lord, Graf, redet
nicht mit mir in dem Ton.

Der zischte zwischen den Zhnen: Ich schlag mich mit dem herum. Wo steckt
Ihr denn, verdammter Schnappsack?

O Gott, mein Allmchtiger. Vor Pavel, Lord.

Still. Geh mir voraus.

Zeigte mit dem Stock auf Pavel, der still dasa, mit seinem Degengriff
spielte.

Was ist? fragte unglcklich Rusdorf.

Er soll auf den Tisch. Vorwrts.

Er nahm, die Augenbrauen hochziehend, den Stock zwischen die Zhne, kreuzte
den Arm.

Rusdorf bettelnd, das Kppchen abziehend: O Lord.

Der bewegte sich nicht.

Rusdorf streichelte ihm die Hand, machte ein klglich inniges Gesicht, bat
ihn sehr leise, in die Nachbarkammer zu kommen; er dachte sich da vor dem
Lord zu entwrdigen, wie der es wollte.

Dighbys Runzeln blieben steif.

Zaghaft nherte sich Rusdorf dem andern am Tisch, flehte vor Pavel: Unser
armer Herr.

Der bewegte keine Miene, schien Rusdorf nicht zu kennen.

Unser armer Herr, bettelte Rusdorf. Geht, flsterte er.

Pavels Degen wippte am Boden. Rusdorf sah sich nach Dighby um, der stand
still, scharf blickend wie Pavel.

Kommt, geht auf den Tisch. Ich setz mich mit Euch, wir haben es gestern
gekonnt. Es ist ja gleich vorbei.

Er fate ihn um die Schulter. Ihn schauderte vor der Berhrung des blauen
Tuches. Der hatte mit der Schulter gezuckt, den Oberkrper vorwrts,
rckwrts geworfen. Abgeschttelt, seitlich stolpernd fiel Rusdorf auf die
Hnde.

So! stand er demtig vor dem Grafen. Der, den Stock im Gebi, zeigte mit
den Blicken auf Pavel.

Weinend, leise und zornig vor dem Tisch: Ihr drft es nicht so lange
hinziehn. Ich vermag es dann selbst nicht. Es geht ber meine Kraft. Wenn
ich dies alles erdulde von, von dem beltter.

Kaum hrbar: Geht.

Ihr mt. Ihr mt. Was hab ich euch denn getan.

Rusdorf, geht.

Kommt mir nicht mit >geht<. Was mir recht ist, ist Euch billig. Ihr drft
nicht Euer Spiel mit mir treiben.

Rusdorf, lat meine Hand.

Der schumte: Nennt mich nicht beim Namen.

Er fate ihn vor der Stuhllehne um die Taille. Pavel, ohne sich zu bewegen,
steif wie ein Baumstamm, wurde wenig angehoben. Dann stie er dem
sthnenden Mann den Degenkorb gegen die Schlfen.

Der lie aufschreiend los.

Dighby spuckte im ruhigen Anschreiten den Stock auf den Boden, klopfte
Pavel auf die Schulter: War gut so, Herr.

Drei Tage blieb Rusdorf darauf unsichtbar. Kam lrmend heraus, in alle
Ecken sich umblickend. Was inzwischen geschehen sei. Stnde noch alles auf
demselben Fleck wie frher. So mache man Geschichte.

Der Herr Bruder hat keinen Grund sich zu ereifern.

Und der Graf von Bristol, immer frisch hinter den Hunden und dicken Weibern
her; Wirtschaft, saubere Wirtschaft. Frech kreischte er, als Dighby um
Mittag erschien. Der lie es sich schmecken, ohne ihn zu beachten,
konversierte mit Pavel. Nur beim Abschied konnte sich der Graf nicht
enthalten, auf der Schwelle den erregten Rat mit einem kleinen
Peitschenhieb abzuwehren.

Lustig getuscht! duckte sich der, noch einen, recht, noch einen.

Als er noch zur Vesperzeit fluchte rumorte, verlie ihn auch Pavel.

Nach schrecklichster berwindung, fast berauscht vor Angst, betrat dicht
hinter ihm Rusdorf die Gasse. Seine hitzigen Blicke, sein Lippenbeben,
halblautes Selbstgesprch, die englische Tracht fielen auf; die Jungen, die
nachliefen, schrie er an; die Mnner Handwerker Studenten suchte er ber
Straen Wege auszuforschen, verlie sie lchelnd mitten in der Antwort.
Verzweifelnd schritt er an der Spitze eines kleinen Volkshaufens, wute
sich nicht Rat, als sich betrunken zu geben, unter wildem Gejohl nach
Stunden wieder vor dem Quartier zu erscheinen, heraufgeholt von Dighby, der
ihm finster die Kleider abnahm.

Nunmehr ging er frisch im eigenen Kleid fter aus, begegnete ihm nichts.
Setzte sich weiter in Bewegung. Und eines Tages erfuhr der Lord den
unverhofften Besuch eines Geheimschreibers des kaiserlichen Hohen Rats, von
dem er zu seinem Erstaunen hrte, da seine Bemhungen im erfreulichen
Einklang mit den Absichten Seiner Majestt wren und da der Anberaumung
einer Audienz nichts mehr im Wege stnde.

An den Haaren zog der Lord den lachenden Rusdorf heraus aus der Kammer:
Hinter meinem Rcken agiert! Ohne mich zu fragen, ohne mich zu
informieren. Ihr! Ihr! Wer ist die Pfalz. Ich wrg den Herrn. Entzckt
klffte Rusdorf dagegen. Wildes Lamentieren Dighbys, der davonrannte.

Pavel, der zugegen war, schleppte seine schwermtige Gestalt durch den
Raum, voll Ekels ber den Briten und seinen Gefhrten. Der Triumph des
andern klang kaum an seine Ohren. Als ihn abends Dighby aufstberte, roh
schreiend, ob der Herr auch etwas gegen ihn im Sinne habe, sagte Pavel
matt, er wrde den Herren beiden nicht lange mehr zur Last fallen, der Herr
mchte nichts von ihm befrchten.

Rusdorf, der sich an Pavel drngte, las abends entsetzt die auf dem Tisch
ausgebreiteten Papiere, Abschiedsbriefe; ruhig lie ihn der gewhren. Als
aber Rusdorf nach seiner Hand greifen wollte, fuhr der andre wie gestochen
zurck, leise scharf ausstoend: Scheusal. Viehisches. Schmieriges. Nicht
mich angerhrt.

Rusdorf weinte: Wir knnen nichts machen ohne Dighby. Verzeiht mir.

Rhr der Herr mich nicht an.

Ich wei mir keinen Rat.

Es mag sein, wie dem Herrn gefllt. Nur mchte ich ihn bitten, mir bald
aus dem Gesicht zu gehen.

Was will der Herr Bruder tun. Wo will er hin?

Der schwieg.

Bruder, Herzensbruder, ich mu dir etwas sagen. Du darfst nicht weg.
Bruder, du magst deine Briefe abschicken oder nicht. Ich will es nicht
hindern. Nein, du wirst nicht weggehen. Ich, ich la dich nicht.

Wie aber gedenkt Herr Rusdorf das zu hindern.

Das mag der Herr nicht fragen.

Ich werde noch heute Dighby und den Herrn verlassen.

Ihr werdet das Haustor nicht zumachen. Ihr knnt nicht. Ihr zwingt mich.
Ihr mgt denken, ob ich Ehre habe oder nicht. Mich tragt Ihr nicht so zum
Gesptt hinaus mit Euch, Herr. Ich mu bei Dighby bleiben.

Ihr werdet sehen.

Ich fleh' Euch an, es nicht zu versuchen.

Rusdorf kniete, wimmerte vor dem andern, der sehr traurig von ihm abrckte.

Zwei Stunden spter wurde Pavel, verkleidet ber die halbdunkle Stiege
hinabschleichend, am untersten Absatz aus der Finsternis von zwei
Degensten getroffen, durchbohrt am Oberarm und beiden Schenkeln, da er
mit Wehgeheul hinsank. Rusdorf mit dem blutignassen Stahl entwischte in
eine Seitengasse.

                   *       *       *       *       *

Nikolaus Gurland, aus dem Sumpf der bhmischen Verwaltung vor dem Krieg
nach Wien gekrochen, war ein Misanthrop. Die wsten Herren von der
Landtafel hatten die kleinbrgerliche Rechenmaschine vergeblich zu
kujonieren versucht. Seine trostlosen Berichte Memorials Denkschriften an
den verstorbenen Kaiser Mathias hatten schon bses Blut bei diesen Herren
gemacht; seine langweiligen Zahlen ber den Rckgang des Bergwerkertrags in
Joachimstal Kuttenberg Ratiboric waren nicht zu widerlegen. Da er immer
einen verwitterten blauen Tuchanzug trug und sich nicht um Politik scherte,
regelmig zur Messe ging, beichtete, konnte man ihm nur zusetzen durch
Verweise wegen Vernachlssigung amtlicher Wrde in Tracht Gebaren, ihm
demtigende Belehrungen erteilen ber Umgang mit Behrden. Tief getroffen
kaufte er sich einen kostbaren Federhut, zog sich blaue Strmpfe an,
schwang einen zierlichen Degen, aber die breiten bhmischen Schuhe
schleppte er an den Fen, den Mantel trug er wie ein Paket unter dem
linken Arm. Der Chef, ungerhrt, ging ihn eines Tages mit einer frechen
Bestechung an; da sah Gurland, da er mitmachen oder gehen msse. In Wien
wurde er wegen seiner Griesgrmigkeit, des unpersnlichen Mitrauens, der
ruhelosen Strenge und Reinlichkeit von Behrde zu Behrde geschoben. Den
Don Marradas, einen groartigen liederlichen Herrn am Hofe, seinen
Hausnachbarn, bewahrte er durch private Rechnungsfhrung vor schwerer
berwucherung; Don Marradas ritt neben der Kutsche des Kaisers und war
Kapitn der Hatschiere. So da dem bhmischen Sekretr Nikolaus Gurland das
Letzte geschah, er sturzartig, seiner Verwirrung ungeachtet, in das Amt des
Schatzmeisters gelangte. Seine brgerlichen Sonderheiten waren nun
geheiligt; an den Wnden Straenmauern schlich er wie sonst, hohe Bediente
Wrdentrger wichen vor ihm aus.

Schiefschultrig feingesichtig, einen mausgrauen Mantel um den niedrigen
Leib, stand eines Mittags Kaspar Frey, der Rmischen Majestt alter
Geheimsekretr aus erzherzoglichen Zeiten, vor Gurlands erhhtem
Schreibpult. Die Tr hatte er fest hinter sich angezogen. Er nahm die Zeit
des unruhigen gelbgesichtigen Mannes oben mit hfischen nichtssagenden
Redensarten und Pausen in Anspruch. In einem hintern Flgel der Burg lag
die Schreibstube; Gurland, schwarze mitrauische Blicke werfend, schnalzte
im Chorgesthl heftig an einem Entenkiel. Kaspar Frey suchte ihn freundlich
zu stimmen, reizte ihn, nahm auf der rotbezogenen Besucherbank Platz.
Schlielich gab er zgernd Auskunft, auch da er im Namen des Kaisers kme.
Der unzugngliche Mann oben, dem man vieles geboten hatte, schwieg lange.
Was Frey vortrug, berstieg alles Frhere; er sollte zum Mitwisser Mittter
eines unglaublichen Unterschleifes gemacht werden; der Kaiser nicht, eine
verwegene Person steckte dahinter, denn Frey war sicher nur Zwischentrger.
Als sich die Tr hinter dem Abgesandten schlo, nachdem er eine halbe
Zusage empfangen hatte, die ihn sicher machen sollte -- in zwei Stunden
hoffte Gurland ihn nach einem kurzen berschlag ganz zufrieden zu stellen
--, kramte der erschrockene Mann drin fiebrig mit seinen gelben Fingern
nach seiner Seidenmtze. Er setzte sie sich auf seinen glatten starken
Schdel, zischelnd rief er nach seinen Schuhen, auf dicken Pantoffeln
schlendernd. Zum Kaiser; es war sonst sein eigenes Verderben.

Ferdinand, aus der Kapelle zurckkehrend, empfing ihn traurig. Er
streichelte ihm die Hand: Er kam in meinem Auftrag. Und als der entsetzt
noch einmal fragte, sagte Ferdinand leise: Ja, wirst du vermgen zu
schweigen. Und wenn du es nicht kannst, sag es nur ruhig. Du wirst mich
nicht krnken. Du wirst in allen Ehren bleiben. Gurland fassungslos,
Trnen in den Augen, fhlte seine Nasenhhlen sich weiten; ein khles
Prickeln schlich um die Oberlippe. Er sagte nur ja, fiel ihm zu Fen. In
seiner Schreibstube erwog er, ob er abdanken solle; seine Unruhe steigerte
sich zur Verzweiflung. Frey kam. Er lief gegen ihn, konnte nichts sagen;
alles, was er begehre, wolle er erfllen; warum er keine Zeile, keinen Ring
vom Kaiser mitgebracht htte.

Als gegen Abend die Rollknechte in dem Amalienhof der Burg die
leinenverpackten Gerte, kleinen Kisten auf ihren Wagen gehoben hatten,
sich in Bewegung setzten unter Begleitung starker, als Knechte verkleideter
Hatschiere, hatte Gurland sich im Danksagen Verzeihungbitten gegen Frey
gesttigt.

Der geschwollene Lord schmetterte die Tre seiner Kammer zu; Rusdorf mute
ihm tragen helfen; vor dem Bett des melancholischen Pavel stolzierte
hndereibend der Lord, zwei Kerzen brannten auf dem Tisch; Faulbett
Fensterbank Gesims Parkett bestellt mit kaiserlichen Gaben; auf dem kleinen
Stollenschrnkchen, dem buntgemusterten, mit gewundenen hohen Beinen, eine
breite schwere gelbblinkende Schale, eine goldene Waschschssel.

So viel sind wir wert, den Herren! Herr von Meggau, Herr von
Trautmannsdorf machen saure Gesichter, werfen mit groen dicken Worten. Der
Kaiser schickt Geschenke!

Pavel: Der Kaiser mag nicht eins sein mit seinem Hofe.

Der Kaiser ruft mich zu einer Audienz.

Rusdorf sondierte, ob er zur Audienz wolle.

Freilich, ich werde ihn anhren. Dann um ein Geschenk bitten fr Herrn
Rusdorf. He.

Bitte der Herr um nichts. Wenn ich rate, gehe der Herr lieber nicht hin.

Das wre.

Der Herr glaube mir. Ferdinand hielt Euch fr einen kuflichen Schindhund.
Den verruchten bestialischen Sinn wird der Herr bald erkennen. Ist kein
Friede zwischen Habsburg und unsern evangelischen Husern.

Neidet mir der Herr meine Lorbeeren. Will der Herr, begleit er mich, sei
er mein Diener.

Die Zeiten sind vorbei.

Dighby zynisch lachend: Ich werde achten, wann der Herr seinen Degen
trgt. Man mu sich ja vor ihm frchten.

                   *       *       *       *       *

Der Habsburger ritt. Dighby zu Fu wegen seines Hftwehs.

Khler Buchenwald bei Wolkersdorf, warmer biger Maiennachmittag.
Aufgescheuchte Haselhhner Marder, aus Sumpfwiesen der Lichtungen grelles
Gequak der Frsche. Der Kaiser leicht gekleidet, weies Wams geblmt mit
Anemonen, bauschige rmel, Schlitze mit goldenen Borten; am einfachen
Ledergurt quer ber die Brust das Wehrgehenk; die Beine in den roten,
weiten Kniehosen; hinter ihm wehte der schwarze Mantel gelbgefttert. Er
plauderte gleichgltige Dinge, schwenkte oft seinen Tummler, so da er
leicht heruntergebeugt mit einem Anflug von Verlegenheit und Besorgnis das
Gesicht seines gleichmtigen Begleiters studieren konnte. Um seine Familie
fragte er den Lord, der einherschritt mit dem Krckstock, tief ber dem
Magen den Orden am blauen Atlasband; mit dem platten schmalkrmpigen Hut
sich Luft fchelnd an seine roten vollen Backen; oft mute sich der Lord
bcken, wenn er mit der groen Goldrosette seiner Halbschuh im Strauchwerk
hngen blieb; noch dicker quoll beim Aufrichten in der spanischen Krause
sein Hals. Der Kaiser sprach von Italien, setzte Feinheiten beim Saustich
auseinander, erkundigte sich nach schottischen Hunden, schwoll ber von
Jagdgeschichten. Mitten ber einen Waldpfad schnrten zwei Fchse dicht
hintereinander dahin; der strkere, der Rde, voran mit einer Fasanenhenne,
die Fhe mit einem zappelnden Junghasen. Dighby zuckte vorsichtig nach, der
Kaiser lachte herunter ber seine Gespanntheit; stellte ihm frei, morgen
den Bau zu graben, die Welpen auszuheben. Noch einmal dankte Dighby fr die
Gastgeschenke. O, der englische Herr mge nur sehen, da es nicht an ihm
lge, wenn sich Schwierigkeiten erhben. Er habe mit Freuden von den
Ausgleichsbemhungen des Gesandten gehrt, Meggau und Eggenberg htten ihm
berichtet, auch in die Denkschriften der Pflzer Legaten htte er geblickt.
Ob sich die Majestt von der Triftigkeit der britischen Argumente berzeugt
htte. Wei, wei. Meint es gut. Ist Euer Verwandter, der Pflzer
Kurfrst. Der Herr wei, da beim Ausgleich mein hoher bayrischer Schwager
mitzusprechen hat; fasse der Herr es gut und glimpflich an; an meinem guten
Willen soll es nicht fehlen. Was hat ihm sein Souvern Sonderliches ans
Herz gelegt?

Dem flchtigen Kurfrsten zu seinem erbeigentmlichen Land auf jede Weise
zu verhelfen, zu protestieren, da der Krieg in deutsche Lnder getragen
werde, da Friedrich den Krieg nicht gefhrt hat gegen des deutschen Kaisers
Majestt, sondern gegen einen habsburgischen Kronprtendenten, er selbst
erwhlter bhmischer Knig; zu protestieren gegen die Reichsacht --.

Wei, wei, die Grnde sind mir bekannt. Sonst nichts Sonderliches?

Die Protestierenden werden es im Heiligen Reiche nicht leicht hinnehmen,
wenn einem ihrer Glieder ein gewaltsames Leid geschieht. Wie dem sei, will
der englische Souvern und sein Parlament nicht ruhig zusehen, wie ihren
Glaubensverwandten Gewalt angetan wird.

Spreche der Herr nur weiter.

Der bhmische Zwischenfall ist erledigt, ist von Ihrer deutschen Majestt
siegreich aus der Welt geschafft. Dies scheint uns ein Ende der
Angelegenheit. ber Schadloshaltung, persnliche Sicherung sind die
englischen Berater bereit, mit Friedrich in Verhandlung einzutreten; wir
verhoffen uns einer guten Wirkung auf ihn.

Bringe der edle Graf das in Mnchen an, Schwierigkeiten und Annherungen.
Haltet nicht zurck. Mein Schwager wird Euren Grnden gerecht werden. Von
mir seid gewi: ich grolle dem Hitzkopf, dem pflzer Friedrich, nicht; ich
wei, auch der englische Souvern hat seine Pein mit ihm gehabt und sein
bhmisches Abenteuer nicht gebilligt. Ich wnschte, der britische Hof htte
vorher Einflu auf ihn gehabt.

Der britische Souvern wird erfreut sein von der Friedensliebe und der
Wohlgesinntheit Eurer Majestt durch mich zu erfahren.

Ihr mt nach Mnchen. Der bayrische Herzog ist meine rechte Hand im Krieg
gewesen; es ist nur billig, da er es beim Friedenschaffen ist. Sagt ihm
auch, da ich Euch nach meinen Krften begabt und empfangen habe. Sagt --
nein. Vielleicht ist es besser, Ihr sagt es nicht. Nein, sagt ihm nichts
davon. Er lchelte fremdartig, wehmtig den aufmerksamen Lord an: Mein
Herr Schwager in Mnchen ist ein absonderlicher Mann. Ich wei nicht, wie
er es aufnehmen wird; er ist oft melancholisch. Tut nach Belieben. Es gibt
nichts zu verbergen.

ber Mittag an der lndlichen kaiserlichen Tafel im Wolkersdorfer
Schlchen verweilend, wurde Dighby bei Tisch vom alten Harrach, seinem
vergngten, gewandt englisch parlierenden Nachbarn, erffnet, da der
Kaiser dem Herrn fr die Mnchner Tour noch Gesellschaft mitschicken wolle,
die ihm zur Seite stnde bei Audienzen, ihn auf dem Laufenden erhalten mge
ber Wiener Ansichten, Kenner des bayrischen Herzogs. Den Nachmittag zuvor
war dies festgesetzt zwischen dem Herrscher und einigen Mitgliedern der
Hofkammer; erregt, fast bettelnd sagte Ferdinand: Wir mssen alles
anwenden. Wir drfen uns nicht scheuen, jedes Mittel dranzusetzen, um zum
Frieden zu gelangen.

Und keiner der sehr klugen edlen Berater wute, warum sich der Kaiser so um
den Frieden hrmte.

Nur Trautmannsdorf, der verwachsene kleine Mann, der verschwiegene, ahnte
etwas, als angefangen wurde von dem Bayern, und der Kaiser davon nicht
abkam, nicht abkam. Er dachte an die auffallende Begrung, die Ferdinand
zu Mnchen erfahren hatte bei der jubelnden Rckkehr aus der Krnungsstadt
Frankfurt, Ferdinand, eben zum Kaiser gewhlt, gesalbt. Die eisige Maske
des dunkelbrtigen Wittelsbachers, der neben seinem liebenswrdigen
gebckten Vater, dem schneeweien Verschwender und Bankrotteur, vor den
Mauern der Stadt an den kaiserlichen Zehnspnner trat, stumm dem lachenden
bersprudelnden sterreicher gegenbersa in dem spiegelnden Kristallwagen.
ber den Kpfen der drei Regenten brannte abends ein Feuerwerk am Isartor,
an der Langen Brcke, ab, Kanonen wurden auf allen Wllen gelst, die
Donnerschlge rollten majesttisch in die dunkle schwere Sommerluft hinein.
Erst am Tage darauf in der schnen und reichen Kapelle der Frsten,
angesichts des silbergetriebenen Altars, vor den wunderbaren Reliquien des
Heiligen Ambrosius, des Heiligen Stephan, der Walpurga, Damiana, Agatha,
Crispina, gedachte der glckstrunkene Herrscher Bhmens, und da seine
Erblande in Aufruhr und Abfall waren. Hllisch verzog sich auf dem Rckgang
in die Ritterstube einen Augenblick das marmorfeine Gesicht Maximilians.
Stiller wurde zwischen den Seidentapeten, den gewirkten stolzen Bildern aus
Bayerns Geschichte der Kaiser; in drckendem Pomp umgingen ihn die Ritter
mit blauen und roten Rcken. Eines Tages war ihm abgezwungen im fast
schweigenden Hin und Her die Fhrung im kommenden Krieg: fr die Gestellung
der Heereshilfe mit den Streitkrften der Liga das unumschrnkte
Direktorium der katholischen Verteidigung bei Maximilian, absolute Gewalt
im Kommando bei Maximilian; nicht Verhandlung noch Frieden ohne ihn. Und
als der Kaiser unterschrieben hatte, war es an einem Montag gewesen, dem
zweiten im Monat, an dem der Herzog Gerichtstag hielt, zwei Tage vor der
Abreise, da der Kaiser mit Maximilian eine lange Stunde in des Herzogs
Sommerstube eingeschlossen verweilte. Die Stube lag zur ebenen Erde,
gewlbt war sie, Figuren hatte Peter Candro an die Wnde gemalt, blau und
wei war der Boden gepflastert; auf dem Sims im Umkreis prchtige Kpfe in
Bronze, Marmor. Eine lange Stunde war nur zu hren Stampfen mit dem Fu,
klirrendes Hinfallen eines Degens, die flsternde drohende beschwrende
Stimme des Habsburgers; die langen Pausen vor den knappen befehlerischen
Stzen des Wittelsbachers, die aus der Stummheit kamen, wie Bulldoggen aus
ihrer Wachhtte. Zwei stille Wartetage. Jhe Abreise. Der Kaiser erst
gebrochen, dann finster.

Ich schicke dem Grafen von Bristol so viele gewandte Herren mit, auf da
ihm nichts miglcke. Mnchen ist eine Festung -- der edle Herr wird davon
wenig vernommen haben -- die im heiligen Rmischen Reiche, vielleicht auf
der ganzen Erdflche nicht ihresgleichen hat. Ja, lchle der edle Herr
nicht; noch sieben Tage, und er wird mir glauben.

So geht der Bote des Knigs Jakob einem ehrenreichen Strau entgegen. Die
Basteien des vielbenannten von Groote sollen mich locken.

Keine Ehre werdet Ihr ernten, Lord Dighby; ich will Euch lcheln lassen;
Ihr ahnt nicht, wie vermessen Ihr seid. Eure Artillerie wird Euch in ein
zwei Wochen nicht mehr bednken wie ein Kinderstecken. Eure Artillerie wird
Euch aus den Hnden gerungen sein, ehe Ihr erkundet habt, wo der Feind
steht.

Redet Kaiserliche Majestt von Ihrem durchlauchtigen Schwager in Bayern?

Bildlich, Lord, und in Eurem Sinne. Er ist mein Freund, und ich kenne ihn.
Segne Euch Gott, Lord, auf Eurem Weg. Seid gewi, was ich Wnsche und
Gebete an Euch wenden kann, wandert mit. Seid furchtsam, ich beschwr Euch,
zittert vor ihm, als wret Ihr Tag und Nacht von Gespenstern und Teufeln
heimgesucht. Zittert; erinnert Euch daran, da ich es Euch gesagt habe.
Nehmt alles, was Ihr sehen und erfahren werdet, nicht fr einen Ausdruck
des Gemts, sondern fr etwas anderes, was Ihr spt entdecken werdet. Ich
beschwr Euch, gedenkt meiner Worte. Frchtet den Herzog, er ist stark; er
htte es verdient, statt meiner auf dem kaiserlichen Stuhl zu sitzen.

Ich bin glcklich, jetzt auf meinem rechten Platz zu stehen. Ich zittere,
aber nur vor Ungeduld. Herzlichkeit ist mir unbekannt, Freude kann ich
schwer in meine Sprache bersetzen. Meine Artillerie steht zu Diensten. Der
Feind soll sich hten.

Ferdinand lachte kindlich, blickte ihn verschleiert an, strich ihm die
Hand, klopfte ihm die Wange; er flsterte: Euer Hftweh scheint schon
behoben. Schlagt ihn nur nieder; in die Knie, Lord, in die Knie; so ist's
recht: aber Euch wird der Kopf abgeschlagen. Geht. Was kann ich noch fr
Euch tun? Wollet gut von uns denken.

                   *       *       *       *       *

Als Dighby zurckkehrte in sein Quartier, noch nicht erholt von seiner
Verblffung, trat er zum Schlaftrunk, noch im weien berrock, den hohen,
platten Filzhut auf dem Schdel, mit zerdrckter spanischer Krause,
schtternd, lachend, armeausstreckend in Pavels Kammer: Der Kaiser hat mir
ein Bndnis angetragen. Wit Ihr auch, gegen wen?

Rusdorf schlich vom dunklen Eckschemel her, schaute ihm in das volle
blutstrotzende Gesicht, auf das das Kerzenlicht fiel. Dighby klatschte in
die Hnde: Bei Gott, ihr Herren. Gegen wen in Bayern? Unsere Sache steht
ausnehmend gut. Und whrend er mit den flatternden roten Hosenbndern,
weibestrumpft um den Tisch ging, aus dem Glas schluckte, das ihm Rusdorf
bot, schttete er sein stolzes Lachen aus: Ich verlange Rumung der
besetzten Gebiete, Schadenersatz, Shnegelder oder Land. So sprechen die
Herren doch.

Rusdorf: Zunchst: was hat der Kaiser geboten?

Die Herren werden nachgeben mssen. Gewi. Wir mssen zu einem Ende
kommen; das ist notwendig. Gebt nach. England braucht Ruhe.

Das hat der Kaiser gesagt? Der Herr schien mit einem andern Ton
herzukommen.

Scher euch das nicht, was fr ein Lied ich pfeife. Die Herren haben
nachzugeben. Wir mssen uns gegen Spanien regen. Der Augenblick ist da.
Sonst geht's um Hals und Kragen.

Das hat der Kaiser gesagt?

Wir mssen die Hnde endlich frei haben von euch. Ihr kennt unsre Lage
nicht. Wir haben genug an dem deutschen Narrengeznk. Um den Kniefall vor
dem Kaiser kommt euer Kurfrst nicht herum.

Pavel sa aufrecht im Bett; seine Beine, verwickelt wie sie waren, lie er
herunterfallen, die Augen des kranken Mannes glhten: Herr, was untersteht
Ihr Euch?

Dighby nahm den letzten Schluck, rckte leicht an seinem Hut: Zum Gru.
Die Herren werden nicht gefragt werden.

Prchtig schlurrte er ber die Schwelle.

Rusdorf, seinen Schemel an das Bett ziehend, mit vibrierender Stimme: Ihr
seht, Pavel, worauf es hinausgehen soll. Es war vorauszusehen. Man will
ber unsre Kpfe, ber den Kopf unsres gndigsten Herrn weg, den Frieden
schlieen. Wir werden die Festlichkeit zu bezahlen haben. Es ist nichts als
ein Spiel, was man mit uns treibt in England. Die Herren treten sich nicht
die Schuhe ab fr uns. Man hat uns den rohesten mitgegeben, damit wir's gut
merken. Gewi, verlat Euch darauf. Es ist eine Farce, was sie mit uns
treiben, nichts als Theater, Sand in die Augen fr ihr Volk, das uns wohl
will. O, wenn wir das Parlament aufklren knnten, wie sie mit uns
Schindluder treiben.

Pavel mit glhenden Augen aufrecht: Beruhige sich der Herr. Wir werden
antworten, ohne da man uns fragt.

Sanft und zage suchte Rusdorf nach seiner Hand auf der Decke: Wird der
Herr abreisen knnen?

Ich denke.

Wir sind jetzt ntiger als sonst. Es wre mir doppelt bitter, jetzt den
Herrn allein zu lassen.

Rusdorf, wir werden noch einmal miteinander fechten mssen.

Der hielt sich die Ohren zu, mit verbissener Miene: Erinnert Euch nicht.
Wir wollen unserm Herrn dienen. Wir wollen nicht an uns denken. Wie frher,
Pavel, wie frher.

Pavel starrte vor sich mit unbewegtem Gesicht: Ich will nach Hause,
Rusdorf.

Ihr sollt.

Ihr sollt; fahrt auch nach Hause.

Habt Geduld. Steht mir nur jetzt noch bei, Pavel. Wir knnen nicht
nachgeben. Diesen Frieden mu ich zerstren. Ich gebe ihm nicht nach, und
sollte mich der Satan selber packen.

Nach zwei Tagen packten die Herren ihre Sachen; hoffnunggeschwellt brach
Lord Dighby nach Mnchen, der Stadt des frommen Maximilian, auf; die beiden
Pflzer hinterher.

                   *       *       *       *       *

Als es ruchbar unter den deutschen Frsten wurde, da ber den Pflzer
Friedrich die Acht verhngt war, erschrak der alte Pfalzgraf Philipp Ludwig
von Pfalz-Neuburg in seinem sonnigen weltabgelegenen Winkel.

Zwischen seinen Schachteln mit Diamanten kramend, ber geschnitzten
Kirschkernen grbelnd, die Becher aus Rhinozeroshorn abtastend und
versteckend, hrte er zitternd von dem groen Krieg, denn er war aus dem
gleichen Hause wie der glanzvolle gechtete Mann, dem der Englnderknig
seine Tochter gegeben hatte. An seinen Ebenholzkrcken schlich er in seine
Kanzlei ber weite brtende Gnge, murmelnd und hnderingend seinen
Kanzler, den Sartorius aus Dillingen, zu befragen. Nichts lag ihm so am
Herzen, als da alles im tiefsten Geheimnis bliebe, da der Kanzler
schwiege, da man mehrere besondere Chiffernschlssel anlege fr diese
Sache, da auch die Shne nicht eingeweiht wrden. Besonders jener Sohn
nicht, der mit einer herzoglich bayrischen Prinzessin sich vermhlt hatte,
denn dieser war stolz und ehrschtig, ein Habenichts ohne den Vater, immer
mit den Augen auf dem Glanz des Mnchner Hofes, das versunkene versponnene
Neuburg verachtend.

Der Krieg ist ein Totengrber, murmelte der Alte auf der verschlissenen
Samtbank wichtig und hitzig zu dem Kanzler, er sargt Leutchen ein, die
eben noch mit graden Beinen tanzten, und uns alte Trpfe holt er aus dem
Kasten, lftet uns; werden uns die Menschen, das Volk und die Stnde,
anstarren, da wir noch leben. Der Philipp Ludwig von Neuburg! Ei, regiert
denn der Wolfgang Wilhelm nicht, der wackere, der die Bayrische heimgefhrt
hat? Nein, der alte Philipp Ludwig htet noch sein artiges Grtlein,
erfreut sich der Mispeln, Amaranthus und Tausendschns wie immer. Sieh an,
sieh an. Hat das groe Sterben abgeschlagen, das Kriebeln und das bhmische
Schafgift. Er lebt, Kanzler, ohne Zhne, am Stecken hngt er, die Finger
krumm, die Knie krumm, der Darm will nicht. Der Kopf schlft uns den halben
Tag und die ganze Nacht, kaum da wir uns besinnen zu essen und Gott zu
loben. Wir wren schon lngst tot, wenn nicht unser Kamerad wre, der uns
ein Glschen Wein brchte von Zeit zu Zeit und die Beine einriebe.

Was wird Durchlaucht tun?

Warten, Kanzler, wie bisher. Wir haben Zeit, wir sind ja nicht jung.
Geduld, Geduld, rennt Ihr zwanzig Meilen und keucht Euch das Herz aus dem
Mund, wir kommen noch nach. Die Welt kommt schon zu uns.

Ich werde auf Befehl Eurer Durchlaucht zunchst zwei Plne entwerfen ber
unsere Ansprche an den Nachla des chters.

Der im Wolfspelz drehte ihm schrg mit Wackeln den Kopf zu, den dnnen Mund
offen, blinzelte mitrauisch: Es ist nicht ntig zu planen. Was sind das
fr Plne. Aus Plnen und planen wird nichts. Hrt auf mich. Man darf
nichts berstrzen. Lat das. Seht mir zu, da das Geheimnis gewahrt
bleibt. Schreibt nichts auf, um Jesuwillen, schreibt nichts auf.

Und wenn Durchlaucht von pltzlichen Ereignissen berrascht werden, von
Einmischungen fremder?

Der zitterte, winkte mit den Armen ab, unterbrach, sich am Ohrlppchen
zupfend: Nicht so, Kanzler. Ihr drft nicht so sprechen. Es wird nichts
herkommen, den alten Neuburger berraschen. So weit sind wir nicht. In
dieser Weise fangen wir nicht an. Geht mir aus dem Wege mit Euren Sachen.
Grbelt nicht weiter nach. Mein Gott, ich htte nicht darber reden sollen.
Soll denn mein ganzes Haus umgestrzt werden. Wir mssen warten. Ich werde
Euch sagen, wann Ihr nachdenken sollt, wann Ihr mithelfen sollt.

Abgehend streichelte er ihm den Handrcken, slich lchelnd, meckernd,
jammerte leise.

Der Kanzler wackelte lang und knickrig die beiden Stufen zu dem
Schreibschrank hinauf, seufzend trat er ein, spielte mit der Papierschere
am Tisch. Es war Mitrauen, was der Frst uerte; innerlich fieberte der
Alte. Es sollte niemand daran teilnehmen. Ungeheuer war der Geiz des
ehemals lustigen Mannes gestiegen, was er nicht in Diamanten und
Kuriositten anlegte, versteckte er in Eisenksten und Kisten, die er auch
in Grten vergrub. Er klagte ber jeden Gulden, den er fr Ausbesserungen
des Schlosses, neue Livreen ausgeben mute. Ganz unfrstlich hatte er vor
einigen Jahren seine Gemahlin begraben lassen, nachdem er sich nicht
gescheut hatte zu erklren, solche Bestattung sei ihr Wunsch gewesen, der
Wunsch der Frstin, die unter seiner Habsucht und Nrgelei allmhlich
erstarrt war in dem stillen Neuburg und noch einmal wenig aufgelebt war
nach der Vermhlung des ltesten Sohnes, der sich vom Hof fernhielt. Sie
wute, da der Pfalzgraf sie wie eine Bettlerin verscharren wrde. Jetzt
konnte man ihn bestehlen, wenn man wollte; er verga, was er eben angriff;
die wenigen Diener, die ihm anhingen, bewahrten seine Habe, indem sie ihn
einschlossen, wo sie ihn trafen.

In den nchsten Wochen fand man den Frsten, der Sommer und Winter in einen
Wolfspelz sich einmummte, von kleinen Zettelchen umgeben, die er gierig
aufraffte, sobald er erwachte, und sammelte, bei sich versteckte, in
Taschen, Pantoffeln, den Hosen, hinter irgendeinem Ofen, an dem er
unbemerkt vorbeiging.

Einmal kamen die Bauern vor die Schlorampe, mit ihren struppigen Haaren,
biederen und grimmigen Mienen, plumpen Schuhen, die Hahnenfeder steil auf
den kleinen Hten, trugen Klagen vor gegen zwei Amtmnner, einen
Rentmeister, machten groe Pausen, hoben immer wieder die Hnde. Es wrde
zu viel schlechtes Geld ins Land geschleppt; sie wollten Salz nicht um
doppeltes Geld kaufen, sondern da, wo es am billigsten sei; die Juden
sollten vertrieben werden; der Rentmeister erhebe Wegzoll berall, aber sie
wollten nur da zahlen, wo gute Wege seien; man mchte den Amtleuten das
unberechtigte Holzschlagen in den Gemeindewaldungen verbieten.

Der Alte mit dem Kanzler auf der Rampe keifte mit den Grtnern, da sie die
Bauern vor das Schlo gelassen htten, wo berall frischer weier Sand
gestreut sei. Die Bauern sollten sich nicht beifallen lassen, denselben Weg
zurckzugehen durch den Park und alles zu verdrecken und betrampeln; sie
wrden gefhrt werden um das Schlo herum, dann htte einer hinter dem
andern den Kchenweg zu spazieren. Was wollt ihr eigentlich hier? schrie
er schnffelnd, an seinem Ohrlppchen arbeitend, wit ihr nicht, wo ihr
hingehrt? Warum geht ihr nicht an eure Arbeit? Ihr sollt machen und
marschieren, wo ihr hergekommen seid. Wit ihr Trpfe, was ihr seid?
Brenhuter, Fuchsschwnzer! Mir die Wege vertrampeln! Fort mit euch!
Kriegt Hunde an den Hals.

Und whrend sie langsam, strrisch, mit verzerrtem Gesicht,
niedergeschlagenen Augen an ihm vorbeizogen, wie man sie fhrte, und sich
verneigten, schmhte der kleine Alte mit rotem Kopf auf sie und spuckte;
sie sollten nicht ihr Geld verspielen, in den Badehusern sitzen und
schwtzen. Dardanisches Spiel, Cinque, Sesse, die Filzlaus! Die verdammten
Sptter und Schnurrer, die sie auf die Drfer riefen, Seiltnzer
Eisenfresser, fahrende Frulein, und die Abgaben verweigern der Obrigkeit!
Zu saufen wie Soldaten und reiche Herren!

Als sie davongemurrt waren, spie er auf den Gngen und Stiegen noch aus,
lachte schlimm; die Weiber steckten dahinter mit ihrem sndhaften Begehren
nach Putz und Quinquireleien; tut man bald gut, das Hexenvolk von den
ckern zu verjagen. Der Kanzler, beim Durchschreiten einer Hofgalerie,
meinte leise, die Amtleute mten hher bezahlt werden. Bse meinte der
Frst: Recht so, recht so. Die Herren sollen wissen, wer regiert! Nichts
da von Nachgeben. Lassen wir uns die Welt ber den Kopf wachsen,
Sartorius?

Brummelnd meinte er etwas von dem bhmischen Schafgift, das ihm nichts
angetan habe.

Am Gelnder stand er auf seinen Krcken fast eine halbe Stunde, vor sich
zischelnd, den Kanzler nicht beachtend, lebhaft gestikulierend. Zog seinen
Mantel fest, sah an dem Kanzler auf. In der Kanzlei, mit flsternder
Stimme, gab er dem verblfften Mann Befehl, alles stehen und liegen zu
lassen; in einer Woche wolle er mit ihm eine Reise antreten.

Philipp Ludwig verabschiedete sich nicht von seinen Shnen; es hie, er
mache einen Jagdbesuch bei seinem Nachbarn, dem Markgraf von Burgau. Unter
dem Kopfschtteln des Haushofmeisters und allen Hofgesindes bestieg er mit
fnf Mann Gefolge die Reisewagen, nachdem er noch schniefend dem Vertreter
des Kanzlers Acht empfohlen hatte auf die arglistigen Bauern. Soviel Geld
und Pretiosen er im Gepckwagen transportieren konnte, nahm er mit;
heimlich schlossen sich eine halbe Tagereise hinter der Stadt zwei Rotten
Berittene an, die er gedungen hatte als Geleit. So zog er stattlich durch
die Grafschaft Scheyern Pfaffenhofen. Dort brach die Achse des Gepckwagens
vor dem Krug. Geschrei Lamentieren des Frsten, der tiermig vermummt sich
nicht bewegen konnte unter seinen Pelzkappen, gestrickten italienischen
Hemden, wattierten Wmsern, Strmpfen aus Lammfell. Seine Furcht, die Sache
knnte ruchbar werden, man knnte Verdacht schpfen in Neuburg, die Shne
knnten etwas merken, die Berittenen knnten den Gepckwagen plndern.
Verngstigt schnaufte er aus seinem Fellhaus heraus mit dem steifen stummen
Kanzler, ob man die beiden Rotten nicht fortschicken solle; man htte den
Bock zum Grtner gesetzt; aber dann sei man den wartenden Soldaten und
Fechtbrdern ausgeliefert. Er gab dem Kanzler ein Galgenmnnchen in die
Hand, er selbst umklammerte mit jeder Faust zwei: Greift sie fest, da
nichts geschieht. Die Berittenen muten sich, als die Achse gesttzt war,
vierzig Schritt hinter dem Wagenzug halten. ber Dachau Nymphenburg nherte
man sich nach zwei Tagen Mnchen. Der Pfalzgraf, bergeschftig,
hocherregt, wagte sich aus seinem tierischen Kerker heraus,
schweibegossen, bisweilen vllig wirr im Wagen nach vielem Schwatzen
Disputieren und Aushorchen legte er als seinen neusten Trumpf hin, da man
in Mnchen nicht so kurzerhand vorgehen knne, wie wenn es sich um die
Privatsache von Hinz und Kunz handle, da man nicht so einfach gerade
ausgehe, seine Kammerdiener und Lufer schicke, sich von einem Hofmeister
ein Losament anweisen lasse, einen Besuch abstatte, Gegenbesuch erfolge,
Geschenke Gegengeschenke Besprechungen Banketts Zechereien des Gefolges,
Ausritte Karussells. Dabei bringe man eine Sache von solchem Gewicht leicht
ins Lcherliche, bringe sie zum Versanden zwischen lauter Gerede und
Hflichkeit.

Kurz und gut, er she gnzlich ab von einer persnlichen Rcksprache mit
dem Herzog Maximilian, gnzlich und berhaupt.

Was dann nun sei, geschehen solle, sann besorgt der Kanzler; so msse man
wohl umkehren. Also, fuhr der Pfalzgraf fort, er she gnzlich davon ab. Er
fr seine Person. Es sei seine Ansicht, durchaus seine Privatsache. Er
hindere niemanden, eine abweichende Ansicht, Meinung zu haben; im
Gegenteil, es sei jeder sogleich verpflichtet, sie vorzutragen, zu
vertreten. In ihm war kurz vor dem Ziel, vor dem fernen Blinken der
Liebfrauenkirche die entsetzlich beschmende Furcht aufgetaucht, der ganzen
Situation nicht gewachsen zu sein; die Persnlichkeit des Bayernherzogs
drohte; ihm graute davor, sie knne sich an ihm, dem Neuburger ehrwrdigen
Pfalzgrafen, vergreifen, irgendwie ihm respektlos begegnen. Er fhlte sich,
noch nicht eingetreten in die Stadttore, berwunden von Widerwillen, einem
Durcheinander peinlicher Bilder; sah sich schon auf einem Sessel in der
feierlichen bayrischen Residenz, schwerhrig wie er war, unfhig den
Spitzen und Feinheiten von Maximilians Worten zu begegnen; ein ngstigendes
Schauspiel.

Er lie sich Kissen in den Rcken schieben, die Vorhnge schlieen, einen
langsamen Schritt anschlagen. Diese Trockenheit in Bayern, klagte er. Er
werde jedenfalls, wenn es denn sein solle, den Maximilian im Hintergrund
beobachten fassen erwischen. Dabei blinzelte er seinen gespannt
nachdenkenden Kanzler, die trbe ehrliche Gestalt, an, ob der ihm nicht
irgendwie zuvorkme. Der rang die Hnde, hatte einen heien Ton in der
Kehle: Was machen wir, Durchlaucht? Mein Heiland, die ganze Fahrt, die
lange Fahrt; und Durchlaucht werden erschpft sein.

Ja, erschpft. Er hat es gefat, Kanzler. Ich bin erschpft. Mehr als das,
vllig unbrauchbar. Mir fehlt nur das Bett. Ich bin ein alter Mann.

Er bat auch um das Kissen des Kanzlers: Ihr seid ein verstndiger Mann.
Ich htte keinen bessern mitnehmen knnen. Wir werden ein wenig
schlummern.

Whrend der Kanzler entsetzt Minute nach Minute zhlte, sie sich den
nrdlichen Stadttoren nherten, schlummerte der Frst oberflchlich,
murmelte befriedigt, man drfe in keinem Fall Dinge berstrzen; jeder
sehe, da er mde sei; er mchte das Weitere bernehmen. Als er zwischen
den leicht gehobenen Lidern den Blick des Kanzlers erkannte, wiederholte er
sanft: bernehmt nur das Weitere. Ich werde Euch Vollmacht erteilen.
Aber Durchlaucht. Kanzler, Ihr braucht mich gar nicht viel fragen. Ich
habe Vertrauen zu Euch; ich hatte es schon immer, konnte es nur selten
offen uern. In den Jahrzehnten, die Ihr um mich seid, habt Ihr die
Grundstze meiner Regierung genugsam kennengelernt. Ihr habt Euch lngst --
ich wei ja, seid nicht zu bescheiden -- alle Selbstndigkeit in den
Regierungsmanahmen erworben.

Der wand sich, verneigte sich, errtete, hob die Finger an die Schlfe.

Der Frst lie den Wagen halten, schlief eine halbe Stunde. Er lchelte im
Weiterfahren erquickt den andern an: Ich habe, wenn ich Euch gelehrten und
wohlerzogenen Mann betrachte, die wirkliche und ehrliche Meinung, da Ihr
die Neuburger Regierung ganz in meinem Sinn fhren knntet. Als Nachfolger
knnte ich mir niemand lieber wnschen als Euch. Wie schlapp bin ich. Doch
ein mdes, morsches Haus.

Als der Kanzler gebeten hatte in seinem Schreck, neben dem Wagen spazieren
zu drfen -- er gedachte Zeit zur berlegung zu gewinnen, indem er das
Tempo des Wagens verlangsamte -- blickte ihn der Alte, drin
langhingestreckt, den rechten Arm anhebend, listig an; ob er auch das
Galgenmnnchen ordentlich drcke; dies sei die Hauptsache; dann passiere
nichts; Maximilian trage wohl keins; da sei man ihm ber. Im brigen wisse
er etwas; das Einfachste sei, der Kanzler vertrete ihn beim Herzog. Tretet
ihm ruhig entgegen. Lasset Euch von seinen Praktiken nicht imponieren. Ihr
fhlt ihm auf den Zahn; wie leicht ist das. bermorgen kehren wir heim oder
einen Tag spter, wenn das Wetter gut bleibt.

Und Ihr, Durchlaucht?

Und ich? Wir sind hier Fremder, ein Gast des Neuburger Pfalzgrafen. Macht
Euch darum keine Sorgen. Ich werde Euch Direktiven geben, wenn ich mich
restauriert habe.

Wieder rang der die Hnde, es ginge nicht, der Frst als sein Begleiter, es
ginge wider den Respekt, um Himmels willen, welche Verirrung, welche
Verwirrung, welche Herausforderung gttlichen Grolls.

Mein Lieber, ghnte gutmtig der Frst, die Augen geschlossen, wage Er
es nur. Wir befehlen es Ihm, und so ist Er jeder Verantwortung vor
gttlicher und menschlicher Behrde ledig.

Aber um Jesu willen, der Respekt, der Respekt vor Eurer pfalzgrflichen
Gnaden. Was soll der Herr Herzog in Bayern und ihr erlauchter Hof von mir
denken, da ich glaube, im Namen des Neuburger Frsten selbstndig
verhandeln zu knnen.

Befriedigt nahm das der Pfalzgraf an; es werde nicht peinlich sein,
jedenfalls nicht sehr; er werde alles in die Wege bringen, freilich etwas
peinlich bleibe es. Gegen Euer Durchlaucht Haus, gegen die Anverwandten,
die hohen Vorfahren. Freilich, es ist peinlich, bitter peinlich. Es ist
ein Unrecht gegen das Haus. Aber es mu sein. Wir verantworten es. Wir
befehlen Euch, uns whrend unsrer Schwche nach Vermgen zu vertreten.

Ruhelos trabte drauen der Kanzler; in einem pltzlichen Entschlu kte er
die auf dem Wagenschlag ruhende runzlige Hand des Alten, demtig, tief
demtig innerlich um Verzeihung bittend fr alles Zuknftige.

Die Reiter abgedankt, am Abend am Schwabingtor von der Torwache
eingelassen, vom Schreiber vermerkt als Neuburger Kanzler Sartorius nebst
unterschiedlichem respektierlichem Anhang bezogen sie Quartier in der
berhmten Herberge Der Strau߫. Tapsig schritt der Frst neben seinem
verlegenen Kanzler her in unsglichem Behagen. Er lachte krftig, wie er
sah, da man dem Heiligen Benno hierzulande in der Frauenkirche tglich
mehrere Zentner Kerzen verbrannte. Am Weinmarkt stand das mchtige
Landschaftshaus. Der Geheime Rat Jocher nahm im Alten Hof, in einem Gemach
der Hofkriegskammer, den Vortrag des Neuburgers entgegen; recht wenig
Haltung zeigte der Kanzler vor dem starken groen wrdevollen Mann, der ihn
mit berlegener Hflichkeit zur Stiege begleitete.

Wir bleiben bis zum Bescheid, erklrte Philipp Ludwig. Eine Mietssnfte
fhrte ihn den halben Tag durch die Stadt; der Frst kam nicht aus dem
Lachen heraus. Wie sie alles zeigten, nichts versteckten: Bilder
Schmuckwerk Tapisserien, Bauten ber Bauten, vierstckige Huser,
Prunkfassaden, Kirchen voller Reichtmer. Haltet den Beutel zu, kicherte
er abends dem Sartorius in der Schlafkammer zu, was gibt es fr Narren.
Unser Neffe Maximilian hat viel Geld, schnes schnes Geld. Seht an: er
verdient es nicht. Er wirft es weg.

Aus der mrrischen einsilbigen uerung des Herzogs machte Jocher die
umstndliche Belehrung an Sartorius, der sie ehrerbietig entgegennahm, da
die Kur nach chtung des Pflzers natrlich an den Kaiser zurckfalle, der
sie weitergebe; gbe er sie dem erklrten chter nicht wieder, so einem
Bruder, einem bestimmten nchsten nheren Anverwandten, und so fort. Sei
alles Sache des Kaisers und der Hofkammer; diese gelehrte Institution
verdiene jegliches Vertrauen; mge jeder gewi sein, da sein Recht dort
und bei Erwhlter Rmischer Majestt ruhe wie in Gottes Scho.

Jocher schickte vor dem Abschied, da er bei einem Gegenbesuch einen alten
einfltigen Gesellen als des Sartorius Reisebegleiter im Strau߫ antraf,
einen gewandten bessern Mann, der Mnchen kannte. Dieser setzte sich, grob
wie er war, nachmittags ohne weiteres in der Kammer des Frsten fest, warf
die kostbaren Kisten die Treppe herunter auf den Vorflur, lachte den vor
Zorn stammelnden, der abends angetragen wurde, samt dem vllig rat- und
hilflosen Kanzler, schallend vor dem Gesinde aus, ja verhhnte ihn, als er
ihm zitternd befahl, die Kammer zu rumen. Hin und her lief auf dem Flur
der Pfalzgraf nachts in seiner Wut, wurde nach lebhaftem Wortwechsel von
dem Kavalier vor die Tr gesetzt, in der Nachtmtze, Kerze in der Hand,
Schlafrock um den Krper. Die Nacht ber sa er betubt auf dem
Treppenabsatz, beim ersten Hahnenschrei wurde das Tor von Frauen geffnet,
die in die rckwrts gelegenen Stallungen mit Kannen und Eimern schlurrten
und vor ihm aufschrien und noch Zeter schrien, als er schon in der
ehemaligen Kammer seines Kanzlers sich Knie und Schenkel rieb, heftige
leise Selbstgesprche fhrend gegen den Kavalier. Entschieden verbat sich
aber der Frst am folgenden Tage von Sartorius jede Beeinflussung des
Kavaliers; er wahre seine Rechte selbst, wnsche nicht bevormundet zu
werden; damit ordnete er die sofortige Abreise an.

Zwei Stunden weit hinter Mnchen geleitete sie der Mnchner mit frhlichem
Geplauder und Spen. Es bereitete dem Herrn ein rechtes Gaudium, den alten
fremden Gesellen zu maltrtieren. Zu einer frmlichen Pufferei Knufferei
hinter dem Rcken des Kanzlers kam es, der verzweifelt vieles davon
beobachtete, durch die Winke Philipp Ludwigs bedeutet wurde zu schweigen.
Seitwrts bog dann der Wagenzug des Frsten in ein lichtes Gehlz;
stundenlang schlief er weich auf Bettpolstern unter dem Wagenplan, nachdem
er sich gierig sattgegessen getrunken hatte. Nach dem Erwachen fragte er
nach den Geschenken, die Sartorius in Mnchen empfangen htte. Im Gras
wurde vor ihm ein Kistchen geffnet; es schlte sich aus eine silberne
Aderlaschale, eine hohe Majolikavase, ein Lwe als Lichthalter aus
vergoldeter Bronze. Er drehte die Stcke nach allen Seiten, beklopfte sie,
da das Heu abfiel. Nachdem er das Einpacken beaufsichtigt hatte, in sein
Pelzwerk eingeschlagen, auf seinen Wagenplatz gehoben war, die Berittenen
antrabten, gab er Befehl nach Regensburg. Seine Augen blitzten: Meint Ihr,
mich htte das erschreckt mit dem Hundsfott? Die Antwort meines Neffen
Maximilian hat mich genugsam in jeder Minute belustigt. Was tut der Herzog
anders als ausweichen. Totschweigen ist die Taktik dieser Welt, wenn es
sich um rechtmige Ansprche handelt. Er kicherte frhlich: Geh nach
Hause, hat mein Neffe gesagt; wenn man alt ist, tut man nichts Gescheiteres
als sterben. Neuburg ist so schn, hat so schne Grten, Lauben, cker,
soviel Vieh, und an Khen fehlt's nicht fr Butter und Sahne und Milch. Die
Wlder stecken bis Burgau und Dillingen voll Hirschen und Fasanen; Forellen
schwimmen in den Bchen, und die Hechte und Karpfen. Geh nach Hause, sieh
dir deine Brillanten an. Er rieb sich die Nase, brummelte aus seinem Sack:
Schlau geantwortet, Herr Max in Bayern. Hat der Herr Sartorius etwas
Aufflliges gesehen in seiner Stadt Mnchen? Genugsam, Durchlaucht.
Reichtmer in vieler Form.

Und was hat er davon gedacht?

Der Kanzler schwieg, er freute sich, da sein Herr prahlte.

Emprung habe ich gedacht. Ich lobe den Krieg. Der Krieg scheint mir doch
mehr Gerechtigkeit zu haben als das Wiener Gericht: seht mich. Wre nicht
dem unruhigen Pflzer die schwere Prager Schlacht begegnet, so -- ja, so
wre ich schlielich doch gestorben, es wre mein fleischliches Los
gewesen. Und htte bis zu meinem Tode mich glcklich vermeint, weil ich
meine Hand bis an den Knchel in eine Schachtel mit Edelsteinen stecken
kann. Statt dessen -- Giftig blickte er hervor, er spie ber den
Wagenschlag.

Der Kanzler verneigte sich: Es war ein Glck, da Durchlaucht nicht offen
in Mnchen erschienen sind.

Es htte Skandal Schlgerei gegeben in offenem Gesprch beim Herzog.

Er wog die Geschenkkiste in der Hand, fragte mitrauisch, ob Sartorius
nicht vielleicht noch eine zweite empfangen htte, vergessen.

Philipp Ludwig fuhr nach Wien vllig unangemeldet, die Namen der Geheimen
Rte und Kmmerer, ihre persnlichen Verhltnisse waren ihm unbekannt;
gedachte wie Blitz und Donner dort einzuschlagen; es bedurfte keiner
Vorbereitung zur Entladung.

Auf das Schiff, das ihn die Donau hinuntertrug, stellte er offen auf Deck
sein Wappenschild. Sehr wenig adlig zog er, vor Wien aussteigend, gegen die
Stadt; ingrimmig knurrte er gegen Sartorius: Ich komme von Rechts wegen.
Lasse sich der Herr das nicht grmen.

Die erste Erkundung, die er einzog, war am Stubentor, wo ein groes Bad
war. Dort hinein schickte er einen Kammerdiener zu dem Badmeister,
vertraulich auszufragen, wo sich an einer der Hauptstraen oder Mrkte eine
nennenswerte Herberge fnde. Der Badmeister, auf den Klang des Namens
Pfalzgraf von Pfalz-Neuburg, lie sich nicht verdrieen, den Topf Wasser,
mit dem er die heien Steine besprengte, auf die Fliesen zu stellen,
halbnackt, den linken Arm voller Badewedel herauszutreten vor seine Tr,
dem eingepelzten mrrischen Herrn tiefe Verbeugungen zu machen; das
schbige Gefolge stie ihn sogleich ab; er mute sich lange auf ein
vornehmes Losament besinnen. Sein muskulser Gehilfe, halbnackt wie er, kam
hinzu. Der schwang sich auf einen dicken scheckigen Gaul, den er fr einige
empfangene Heller an der Mhne aus dem Stall zog; ungezumt ritt er der
Snfte mit den beiden Fremden -- die Kammerdiener zogen durch den Kot und
Morast -- voraus, sein Badelaken um die Schulter, h, hah, hho!
schreiend, die Glocke schellend, an jeder Straenkreuzung, an die Fenster
hinein zum Bad Schrpfen Aderlassen einladend, fter anhaltend, lrmvolle
Gesprche mit Passanten fhrend. Die entschuldigenden, bedauernden
Bemerkungen des Kanzlers winkte der Frst, als she hre er nichts, ab.
Kommen unser Recht zu holen. Lassen wir das.

In dem Gewlbe seiner Hauskapelle am Tage St. Urban, watend kncheltief in
Rosen vieler Farben, empfing der Abt von Kremsmnster, von Schultern,
rmeln des schwarzen Seidentalars die roten duftenden Bltter schttelnd,
lchelnd den Pfalzgraf von Pfalz-Neuburg, einen harthrigen hinkenden Mann,
der sonderlich unsauber in Tuch und Fell gekleidet war, sich knapp
verneigte, die Mtze lftete, sich mit offenbarer Erleichterung aus dem
blauen behangenen durchflochtenen berfllten Raum in einen sehr hohen
kreisrunden Vorraum von seinem schbig livrierten Kammerdiener fhren lie.
Von oben fiel helles Sonnenlicht durch bunte Scheiben auf die Fliesen;
gtig schob der Abt dem Fremden einen Futeppich zu; zwei Sessel auf den
lichtbespielten Fliesen, Wnde, die sich ber ihre Kpfe einander
entgegenhoben, mehrfaches Echo bei jedem lauten Wort.

Der Pfalzgraf knaute, er habe bei eben erfolgtem Besuch in Mnchen sich
nicht der Untersttzung seines Anverwandten und erlauchten Neffen, des
Herzog Maximilians Liebden, zu erfreuen gehabt, zu seinem Bedauern. Dieser
habe Gleichgltigkeit gegen ein wichtiges Familieninteresse prtendiert.
Sei ja die Acht namens des Reiches ber den Pflzer Kurfrst verhngt,
werde von Reiches wegen ber Kur und vielleicht auch Kurlande weiter
verfgt werden; melde er fr die ehemals mitbelehnte Linie Pfalz-Neuburg
Ansprche an, nach Goldener Bulle, Hausgesetzen, Reichsgesetzen seine
Erbschaft und bekenne sich dafr. Der Abt fragte nach schriftlichen
Vorgngen, indem er den Blick senkte. Und dann weiter, ob er in Mnchen
also gewesen sei, und wenn erlaubt, mit welchem nheren Zweck. Um dem
Bayernherzog die Hand zu schtteln fr seine Tapferkeit gegen die
bhmischen Rebellen, fr erwiesene Treue gegen des Rmischen Kaisers
Majestt. Und ferner. Nichts weiter, er htte sich verpflichtet gefhlt,
Dank abzustatten als alter Reichsfrst, auch zu bewirken, da die Sachen in
rascheren Flu gerieten, wenn Maximilian sich ebenso tapfer wie in der
Verteidigung des Reiches in der Verfechtung der Konsequenzen zeige. Nun?
Nun, Maximilian sei Ritter, Kmpfer vom alten Schlag. Diplomatisches liege
ihm nicht; es sei nichts weiter von ihm zu erwarten. Antonius flatterte ein
rosa Blatt aus dem weiten rmel seines Talars; er rieb es sich lchelnd
ber die Lippen, zerdrckte es zwischen den Fingern der Linken; versprach
sich der Schriftstcke sorgfltig anzunehmen. Wie es der erlauchten
Neuburger Familie ginge, von der er immer so Erfreuliches vernehme durch
den Probst von Ellwangen. Der Frst, sich an seine Stcke klammernd, hrte
scharf und mitrauisch, gab halbe Antwort, lie sich von dem Kammerdiener,
in Furcht, man knne versuchen ihn zu beeinflussen, rasch in seine Snfte
fhren. Der Abt betrachtete lange den Sessel des Frsten, schttelte neue
Rosenbltter aus seinem Talar, rief einen braunkuttigen dienenden Scholar;
man mchte zu Herrn Jesaias Leuker, dem bayrischen Gesandten schicken; er
wollte mit ihm sprechen, von dem kuriosen Besuch erzhlen, was sich davon
denken liee.

                   *       *       *       *       *

Mittags im Saal des Noviziatengebudes der Gesellschaft Jesu zu Sankt Anna,
vor einer Auffhrung des Heldenmtigen Ritters Michael, der kleine stille
Abt im Gewimmel der lichtblauen Talare aus der Lilienburse, der schwarzen
Rcke von Sankt Anna, blitzende Hoftrachten, zwischen Rosenkrnzen,
knisternden Schrpen Wehrgehenken erwartungsvollem Lcheln. Leuker wute
nichts von dem Neuburger Besuch in Mnchen, war dann nicht wenig erschreckt
-- sie gingen kopfgebeugt zur alten Kirche herber, der Kaiser betrat den
Theatersaal -- als ihm blitzschnell einfiel, da seit fnf Tagen
Marcheville, der franzsische Geschftstrger, ein beweglicher
verschlagener Gesell, ebenso elegant wie zweideutig, im Besitz ungeheurer
Summen und mit vllig undurchsichtigen Zielen, in Wien logiere, ohne
erkenntlichen Zweck, wohl aber private Besuche mache, auch in der
Herrengasse, wo der kuriose Neuburger logierte. Und ebenso erschreckt war
der Abt selber. Unter den alten Buchen vor der Kirche fragte er, ob denn
des Herzogs in Bayern Durchlaucht irgend etwas habe verlauten lassen,
mittelbar oder unmittelbar, was vielleicht zu Ohren jenes armseligen
Pfalzgrfleins gelangt sei, in ihm die unsinnige Vermutung erweckt habe, es
sei etwas verfgt betreffend Kurlande und Kurwrde des chters. Der andre
fhlte, da ein leiser unruhiger Ton in der Stimme des Wrdentrgers klang;
er lachte herzlich, herzlicher, als er gewollt hatte. Oder ob vielleicht
das Franzslein selbst etwas Kompetentes wte; es stecke etwas dahinter,
da Marcheville auftauche, sich hinter das Pfalzgrflein stecke. Sie
standen sich unsicher am Kirchenportal gegenber. Leuker meinte gelassen,
er werde bei seinem Frsten anregen, da auf den blden Neuburger, den
Anverwandten des Hauses eingewirkt werde. Dieser Mann irre zweifellos halb
gedankenlos im Reich umher, lasse sich benutzen, knne dem Ansehen des
Hauses nur gefhrlich werden. Antonius seufzte, schttelte ihm die Hand; er
sei freilich ein kurioser Mann, der Pfalzgraf von Pfalz-Neuburg, aber Ihr
wit selbst, Marcheville ist in dem Falle noch kurioser. Marcheville hat
gar keinen Sinn fr deutsche Sonderbarkeiten; er will etwas. Er wei irgend
etwas besser als Ihr und ich. Er wird sich einen Spa mit dem Alten
machen vor seinem Gefolge, lchelte der Bayer. Und diese leichtfertige
Bemerkung aus dem Munde des gewiegten Leuker beunruhigte den Abt aufs
hchste, sein Begleiter mute so gut wissen als er, da Marcheville keine
Spe machte; dann wute auch Leuker mehr als er. Und da stand er und
lchelte aufdringlich.

Hastig ging nach einigen hflichen Worten Antonius in den Saal zurck;
Gesang scholl ihm entgegen. Ferdinand auf erhhtem Purpursitz blickte ihn
freundlich an. Der gelehrte Leuker, der stmmige gesundheitstrahlende kaum
ergraute Mann fand erst nach einer halben Stunde sich ber den Gartenweg
zurck. Verwirrt nicht ber das Gebaren und die Bemhungen des armseligen
halbtoten Neuburgers, aber ber Marcheville, ber seine dunklen Wege hinter
dem Rcken des halbtoten Narren; Marcheville sein Freund, beinah sein
Freund! Und Bayern hatte den Kaiser doch im Sack! Samt der Kur! Begnstigt
von diesem Frankreich!

Von seinem Besuch in Mnchen ab war Philipp Ludwig dem Franzosen nicht aus
den Augen gekommen. Der wrdevolle Jocher lie zu ihm ein Wort fallen bei
einer intimen Information ber des Neuburgers possierliche Gesandtschaft im
Strau߫. Als der Pfalzgraf das Stubentor passierte, begleiteten ihn schon
zwei Geschpfe Marchevilles; in der Herrengasse nahe dem Gitterbrunnen und
dem Haus der Landstnde wohnte der Neuburger; ihm gegenber logierte seit
einigen Tagen vllig privat, seinen Schmetterlingssammlungen hingegeben,
der franzsische Geschftstrger. Ein nachbarlicher Besuch, rasch gemacht,
wurde am nchsten Tage erwidert. Ehe Neuburg daran dachte, eine Audienz zu
erbitten oder Fhlung mit dem Kabinett zu nehmen, trat Marcheville ohne
Maske als franzsischer Gesandter in seine Gaststube, berbrachte besondere
Empfehlungen des Sehr Christlichen Knigs aus der Hand des Staatssekretrs
Puisieux. Neuburg mute die Konferenz rasch abbrechen, der Schreck war zu
gro, gegen die Welschen hegte er ungemeinen Ha; da der Geschftstrger
selbst kam mit einem offensichtlichen Auftrag seines jungen mutigen
Souverns, da Frankreich die Pfalzgrafschaft Pfalz-Neuburg diplomatisch
anging, warf seine Fassung ber den Haufen. Im Erker, im dicht verhngten,
vor einem Fchen Rosinen suchte er sich neben Sartorius, dem serisen, der
immer aus dem Schlaf gestrt schien, zu erholen. Als sie beide ohne Haltung
auf den Schemeln saen, die Rosinenstengel in Wein hngen lieen, die
nassen Beeren rissen schluckten, flsterte entgeistert der Kanzler: Wie
soll man sich gegen ihn benehmen. Es ist keine Schreibstube da, keine
Dienerschaft, keine Geschenke; es fehlt an allem.

Ich kann nicht meinen ganzen Sckel hergeben fr -- schrie der Pfalzgraf,
Krner spuckend, die Stengel zertretend; es wchst mir ber den Kopf.
Sartorius stimmte bei; es sei entsetzlich.

Wollen wir weg?

Wollen wir nicht fliehen? in einem Atem fast mit seinem Kanzler der
Frst, wir knnen nicht wissen, was sich aus diesen Dingen entwickelt. Das
Beispiel des Heidelberger Friedrich ist nah genug, nah genug. Die Prager
Schlacht hat gewirkt. Bei mir braucht es keine Prager Schlacht. Ich strecke
meine Hnde nicht nach fremdem Gut aus; ich insurgiere nicht. Er knirschte
mit den Zhnen: Wenn sie mich strzen wollen, als Gechteten, bei mir geht
es leichter. Mir dreht man als altem Hahn den Hals um.

Er drfe nicht mehr empfangen werden, bestimmte der Kanzler.

Es geht schwer, es geht schwer, chzte der Frst, wir wohnen zu dicht
beisammen, er beobachtet mich. Sind die Lden geschlossen? Lat die
Roknechte nicht heraus, meine Snfte soll immer im Haus bleiben, die
Pferde -- Gebrochen lehnte er sich zurck: Ich wei, wir knnen uns nicht
wehren.

Und wie er mit geschlossenen Augen auf dem Schemel hing, stieg in dem
Kanzler, der die Becher beiseite schob, die Furcht auf, er mchte wieder
ermden wie auf der Reise nach Mnchen und ihm alles berlassen.

Der Frst winselte: Es mssen Leute geholt werden, gelehrte, man mu sie
zusammentrommeln, einen Staatsrat, man mu sich ordnungsmig
konstituieren, beraten. Ich kann sonst nicht. Er hatte trockene Lippen,
blickte erschpft: Wir mssen ihm das sagen. Ich habe meine Minister nicht
da, nicht vollzhlig da, ich kann nicht ohne sie beschlieen; es
widerstrebt mir, es ist nicht Tradition in Neuburg.

Und Ihr, giftig fuhr er dem Kanzler vor das sich hochstreckende Gesicht,
seid nicht mein Minister. Ihr seid mein Geheimschreiber. Nichts weiter.
Der verneigte sich: Ich werde es ihm sagen.

Philipp Ludwig raufte sich auf dem Gange die weien Schlfenhaare: Wien!
Wien! Die Prager Schlacht!

Durchlaucht, klopfte nach einer Weile Sartorius an seiner Schlafkammer
an, in Neuburg sind die Kirschen und Johannisbeeren reif; die
Stachelbeeren auch. Mit den Erdbeeren wird's bald vorbei sein. Es ist noch
Zeit. Der Pommernherzog schickt bald seinen Knstler mit den Auslagen.

Den nchsten Besuch des weichen edlen Seigneurs trbte das starke
Mitrauen, das der Frst an den Tag legte; kaum sprach er; sein
Geheimschreiber neben ihm machte bei der Audienz Notizen auf der
Schreibtafel. Marcheville wies dem mrrisch ungeduldig zu Boden starrenden
Herrn dieselben Grnde vor, die von ihm selbst in den vier Neuburger
Denkschriften niedergelegt waren, die Ansprche Neuburgs auf die Kurwrde
und pflzisches Land, gesttzt auf die Verwandtschaft mit dem letzten
Kurinhaber, auf die Mitbelehnung, die Goldene Bulle, Hausgesetze, gltigen
Reichsgesetze. Der Sehr Christliche Knig wolle nicht versumen, erklrte
der Geschftstrger, die geffneten Hnde mit tiefer Verneigung nach hinten
schwenkend, sich rechtzeitig der Gunst des neuen Kurfrsten zu versichern.

Neuburg, obwohl uerlich in Haltung, ruhig mit dem eingeladenen Fremden
bei einer kleinen Vormahlzeit, war bis zum Erliegen erschttert. So sicher
hatte er seine Sache nicht gehalten. So also lagen die Dinge. O verruchte
Welt. Der Herzog in Bayern wei, wie es steht; er schweigt. Der Kaiser
wei, wie es steht, schweigt; der Abt Antonius von Kremsmnster. Er, der
alte Neuburger, der treu zum Reich gehalten hatte in jedem Augenblick, der
kein Unrecht getan hatte sein langes Leben, sollte bei evangelischem
Glauben vom jesuitisch beratenen Kaiser noch, bevor er in die Grube fuhr,
grob bertlpelt werden. Wrde der Marcheville sich zu ihm begeben, ihm
geradezu auflauern, wenn dieser schlaue Franzose sich nicht rechtzeitig in
seine Gunst setzen wollte? Eine Stimme gegen Habsburg wollte er gewinnen,
verhindern, da der Sohn Ferdinands deutscher Knig wrde: darauf kam es
dem an. Von Wien, ja von der Burg her schwieg man; von da hatte sich noch
kein Fu in die Herrengasse bewegt. Dabei jagten die Kuriere durch die
Straen, Musik schallte aus der Burg; Kmmerer Auslufer in jeder Gasse,
aber keiner zu ihm.

Marcheville wurde hochmtig durch einen Kammerdiener bedeutet, Besuche bei
des Pfalzgrafen von Pfalz-Neuburg Philipp Ludwig Durchlaucht einige Tage
zuvor seiner Kanzlei anzumelden. Und als der Gesandte erschien, lie
Philipp Ludwig sich verleugnen; ein wrdiger Empfang wurde ihm bereitet in
einer groen Kammer der Herberge, wo er sich auf eine gepolsterte Bank
setzen mute vor vier gemieteten Herren, zwei albernen Magistern und zwei
schbigen Theologiebeflissenen; den federkratzenden Herren erklrte er
freundlich, bald wiederzukommen. Er durchschaute die Sache, erklrte dem
Kanzler, er werde zur Aushaltung der Kanzlei selbst beitragen, bot auch,
entsetzt ber die Formlosigkeit des Auftretens seines Prtendenten, diesem
ohne weiteres einige tausend Taler an, die der Pfalzgraf als Ehrengabe
annahm, ohne darauf aber im mindesten Haushaltung, Kleidung besser
auszustatten. Weitere tausend Taler, dem Kanzler zugesteckt, fhrten zum
Ziel; mehrere vierspnnige Wagen standen zur Verfgung, eine kleine
Dienerschaft warf sich in Neuburgische Livree. Und wie ein wtendes, noch
lichtscheues Tier erschien der Pfalzgraf, in galloniertem Samt und
Zobelpelz, auf allen mtern, sprach bei den Mitgliedern des Geheimen Rates,
der Hofkammer persnlich vor, hinterlie Denkschriften, die unter
franzsischer Obhut ausgearbeitet waren, Denkschriften an alle Kurfrsten
katholischer und protestantischer wie kalvinischer Religion, insbesondere,
an den von Mainz, als des Reiches Kanzler, und abgegeben bei dem Trhter
des Reichhofrats fr dieses oberste Reichsjustiztribunal, die Person des
Kaisers selbst vorstellend. Die Mitglieder ihrer Adels- und Doktorbank
beging Sartorius.

Die es lasen, der Abt von Kremsmnster, dann Doktor Wolfrath als Prsident
der Hofkammer, die Herren vom Geheimen Rat Eggenberg Trautmannsdorf Breuner
waren verblfft ber den Protest, der doch wohl eine offene Tr einrannte,
besonders ber seinen pointierten Schlu: es drfe keinesfalls der Kurhut
ohne Achtung der Neuburgischen Ansprche, ohne ihre Prfung vergabt werden;
gegen jegliche etwa schon geschehene Entscheidung lege er feierlich
Rechtsverwahrung ein; nur ein Deputationstag unter Zuziehung aller
Kurfrsten knne hier das Recht finden.

Die Denkschrift war teils absurd lcherlich, teils verwirrend; fr den Abt
Anton, der sie scharf verbarg vor dem zudringlichen Spion des bayrischen
Herzogs, dem Jesaias Leuker, war sie qualvoll.

Da geschah, da eine zunchst unbekannte interessierte Partei einen Schritt
tat, um sich des lstigen, noch nicht sehr aufflligen Mannes zu
entledigen. Sie gedachte ihn verunglcken zu lassen. Von dem Fhrer seiner
Robahre irregefhrt -- ungewi, ob mit Absicht oder zufllig -- geriet der
Frst, nur von einem welschen Agenten begleitet, in das Gewirr jener
rmlichen Gassen, die sich im Sden der Stadt nahe den Toren hinziehen und
die Unterschlupfsorte den Bettlern und ihren Familien bieten. Unter diese,
vor einem Wunderhof, trat der Bahrenfhrer, nach dem Weg fragend. Zwei
Kamasiere -- abgedankte sndhafte Scholare -- hielten das vordere Ro fest,
wollten sprechen, da machte einer von ihnen, anscheinend vom Ro
gengstigt, einen Satz, stie aus den Umstehenden einen Mann um, der
sogleich einen Krampfanfall erlitt, die Backen aufblies, schumte, so gut
ein gebter Gauner kann, der ber ein Stck Seife im Mund verfgt. Eine
Frau, die bla beiseite gestanden hatte, hielt den Krampfenden bei den
Hnden, schrie um ihren Mann, wandte sich an die andern, verlangte eine
Entschdigung. Sie schickten die Bahre samt dem Franzosen weg, den alten
Frsten fhrten sie auf den Hof, sprachen ihm freundlich zu. Am nchsten
Tage durchsuchten Soldaten der Stadtgarde die Gasse ohne Erfolg; ein
Bettler, der sich als Sterzenmeister ausgab, fhrte sie. Dem franzsischen
Geschftstrger, dem feinen Marcheville, aber stieg das Blut vor Freude zu
Kopf, als sein Agent ihm verngstigt den bedauerlichen Verlauf der
Spazierfahrt schilderte. Er fuhr stolz bei Kremsmnster vor, bei dem
Oberhofstallmeister, beim spanischen Gesandten, sprach voll Schmerz von
seinem Hausnachbarn, dem Neuburger Pfalzgrafen, seinem wahrhaft vterlichen
Freund, und wie dies mglich sei, was fr ein entsetzlicher Vorfall das
sei; er bitte dringend darum, da von allen magebenden Stellen
Nachforschungen angestellt wrden; bei Ognate dem Spanier, wagte er,
freilich lachend, die Bemerkung hinzuwerfen, man msse geradezu auf den
Gedanken kommen, es htte jemand Interesse daran, den alten freundlichen
Herrn bei Seite zu schaffen; ob nicht auch bei jenen durchgesickert sei aus
den Kanzleien, der Herr betriebe hier Ansprche auf die Pflzer Kur, ber
die sonderbare Gerchte verbreitet seien. Dem Abt Antonius wie dem Frsten
Eggenberg war die Angelegenheit um so peinlicher, als auch der Spanier sich
nicht der entsetzlichen Vermutung entschlagen konnte, hier sei kurzer
Proze gemacht, und es beklagte, da das Ganze ziemlich ungeschickt
angestellt sei von den bayrischen Herren. Denn er nahm als sicher an, da
Herr Doktor Leuker dahinter steckte. Abt Anton und Eggenberg aber
frchteten etwas viel Schlimmeres und waren glcklich, als Alles den Herrn
Leuker mit dem Vorfall in Verbindung brachte, und nicht, wie sie, die
vllig undurchdringliche Kaiserliche Majestt. Durch das wilde
Herumposaunen des Franzosen sahen sie sich verhindert, den Vorfall zu
vertuschen, wie sie gewillt waren; sie muten vor aller ffentlichkeit
energische Manahmen zur Aufdeckung der Sache ergreifen.

Mit grter Besorgnis setzten die hohen Herren die Sache mit allen
Einzelheiten selbst ins Werk. Eine grndliche Visitierung der Sitze der
Gatterklopfer und Fechtbrder in ihren Hauptzechen, im Knigsklosterhaus,
in der Kotluke erfolgte. Die beiden Sterzenmeister des Bezirks, in dem der
Vorfall sich ereignete, wurden auf das stdtische Rumorhaus geschleppt,
ausgepeitscht und ihnen die gelinde Frage gestellt, wo sich der Pfalzgraf
befinde; dies geschah sehr im Geheimen; Kremsmnster war in Person zugegen,
um sogleich alles vertuschen zu knnen, falls eine Allerhchste Person
dahinter stecke. Sie hatten im Narrenkotter hinter dem Hohen Markt bei
vlliger Nahrungsentziehung vier und zwanzig Stunden Zeit, weiter ber die
Frage nachzudenken. Die Befragung ergab nichts. Aber wie die wilden Wlfe
fielen dann die beiden freigelassenen in ihre Quartiere auf der
hochgelegenen Laimgrube und an der Windmhle ein, sie plnderten mit einem
handfesten Tro die Mirakelkeller, bunten Haushaltungen; aus den
verfallenen Husern, den Winkeln der Sackgassen sprangen vor ihnen die
abenteuerlichen Schatzgrber im Vagantenkostm, die braunbemalten
Christianer, vergaen ihre Kutten Stricke und Muschelhte, die Pilgerstbe
warf man hinter ihnen drein, die plumpen ungefgen Schwangeren liefen wie
Wiesel, verloren im Sprung ihre Bauchwlste. Eine verngstigte Besprechung
der Zechen am Abend, nachdem ihnen unvermutete Ansengung des ganzen Bezirks
angedroht war, hatte den Erfolg, da man die Spuren der zwei Scholaren und
des Weibes des Krampfkranken ermittelte; sie verrieten, der Frst schwimme
mit dem Anfallstuscher und einem alten Weib die Donau herunter, fnde sich
aber alle zwei Tage, auch drei Tage in der Nhe des Quartiers; die beiden
andern warteten auf eine Geldsumme, von wem wuten sie nicht, auch nicht
fr welche Zwecke, ob als Lsegeld oder sonst wofr. Das Boot wurde am
folgenden Tage schon von den unruhigen Leuten erwischt, wie es am unteren
Wehr an einer wsten Stelle nahe dem Judenquartier anlegen wollte; zwei
Insassen, an Land gestiegen, machten Reiaus; auf einer Bootsbank, mit
einem Ruder bewaffnet, sa der alte barhuptige Pfalzgraf, mit halbnacktem
Oberkrper, mit hohen Soldatenstiefeln, in polnischen Samthosen, drohte
jeden niederzuschlagen, der sich ihm nherte, sprang dann zwischen dem
Schilf am Hinterteil des Boots ins Wasser, wurde gefat, ans Ufer gelegt.
Die beiden Sterzenmeister redeten ihm freundlich und ehrerbietig zu, er
glaubte aber, jetzt erschlagen zu werden, hielt stammelnd die gefalteten
Hnde vor den Mund, die Augen krampfhaft geschlossen. Nach einer Stunde
erst ritten eine Anzahl Herren an, dabei der Kanzler; er sah mit tiefer
Bewegung den Zustand seines gndigen Frsten, seine Verstrung, das
schwappende abgemagerte Buchlein, die weihaarige fette Brust, ber dem
schlaffhutigen faltenreichen Hals das kleine dnne Kpflein. Vergraust lag
Philipp Ludwig in seinem Bett; whrend man ihm zusprach, es sei auf ein
hohes Lsegeld abgesehen gewesen, blieb er dabei, sie htten ihn umbringen
wollen; das alte furchtbare Weib htte fast stndlich gesagt, er wrde
geschlachtet werden, er solle seine Seele darauf vorbereiten, sie warteten
nur auf den Lohn fr die Tat. Der Kanzler sa von Angst geschttelt neben
dem Bett, bebend, wie ihn die hochfrstlichen Shne empfangen wrden, wenn
er ohne des Pfalzgrafen Durchlaucht zurckkehren wrde. Nicht eine Woche
war um, da fuhr der Neuburger wieder ab; den Kanzler lie er auf Drngen
Marchevilles zur Vertretung seiner Rechte zurck.

Und whrend der Frst im sonnigen Neuburg herummarschierte, kein Ende fand
des Kommandierens Schreiens Verwirrens in Gesprchen mit seinen Shnen
Bedienten, durchgreifende Organisationen des Steuer- und Heerwesens
verfgte, widerrief, wurde der knickbeinige Kanzler in Wien herumgejagt von
Marcheville, spttisch, neckisch wieder fallengelassen, wie es die
Situation gerade mit sich brachte. Nach Neuburg lief eines Tages ein Kurier
mit dem Bescheid der Hofkammer, da sie Kenntnis genommen habe von seiner
Denkschrift, ihn seinerzeit ber den Lauf der Angelegenheit orientieren
werde, eine Erklrung, die der wieder abgemattete Philipp Ludwig aufatmend
empfing und den Befehl an Sartorius abgehen lie, sofort zurckzukehren; er
schrieb ihm eigenhndig ein Brieflein: Nun mag es weitergehen. Kommt nach
Hause. Ich habe meine Hand im Spiel und ziehe sie nicht wieder heraus.

                   *       *       *       *       *

Und in der Tat: noch lange nach seiner Abreise wirkte sein kurzer Besuch in
Wien. Seine sonderbaren drohenden, offenbar tief informierten Denkschriften
konnten nicht anders erklrt werden als unter bestimmten fatalen
Voraussetzungen. Kremsmnsters Kopf war geschwollen, er lie sich fr
keinen der fremden Geschftstrger und Gesandten sprechen, Eggenberg hatte
die Taktik, alles abzulehnen und sich gnzlich ahnungslos zu zeigen; es
liefen Anfragen ber Anfragen ein aus den Kanzleien mehrerer Kurfrsten
betreffend die Neuburger Denkschrift. Noch war nach auswrts nicht
verlautet der berfall auf diesen geheimnisvollen Kronprtendenten, der
Spanier war schamlos genug zu insinuieren: wenn nicht Bayern ein Interesse
an dem Verschwinden des Pfalzgrafen htte, so vielleicht die kaiserliche
Hofkammer; man wolle die Geheimabmachungen des Wiener Hofes mit dem Herzog
Maximilian nicht zu frh preisgeben, man htte sich resolut entschlossen,
aber es sei anders verlaufen.

In dieses aufgeregte, sich selbst steigernde Ungewi platzte ein Bchlein
hinein, das vom Norden verbreitet, frommen beraus angesehenen Damen zur
Kenntnis gelangte. Fast zu gleicher Zeit wie in Dresden am protestantischen
Hofe des Kurfrsten Johann Georg dieses Bchlein gelesen wurde unter
Kopfschtteln Geschrei, bergab es in Wien bei der Garderobe der wrdigen
frommen Stifterin Grfin Polyxena von Muschingen ihre Kammerzofe. Dieses
schne unbedeutende Kind hatte es von einem eben gewonnenen Liebhaber,
einem reichen jungen Herrn nebst einem ansehnlichen Douceur erhalten; der
junge Herr, der ihr so angenehm zu Gemte sprach, war kein Kavalier, aber
Vorreiter bei Seiner Exzellenz, dem Marquis Marcheville, der sich in der
Stadt verlustierte. Der Vorreiter sagte dem lieblichen Hernalser Geschpf,
dies sei ein frommes Buch; sie wrde vielleicht ihrer Herrin eine groe
Freude bereiten, wenn sie es ihr bergebe; sie mchte sich auch etwas
daraus vorlesen lassen, es wrden ihr manche Gnaden dadurch zuteil werden.
Zu ihrem Entzcken sah auch das Mdchen, da wirklich die Grfin -- die
erst gelacht hatte, als sie ihr schmig das Buch bergab, mit der
Bemerkung, es htte auf ihrer Schwelle gelegen, ob es wohl ein Gebetbuch
sei oder einen Abla ankndige -- da die Grfin freudig erst allein, dann
mit ihrem Hauskaplan das Bchlein durchlas. Sie blieb aber dabei, es htte
vor ihrer Kammertr gelegen, als man ihr noch einmal zusetzte, und wurde
dann beschtzend gegen die ernsten Worte des Kaplans sanft von der Grfin
gestreichelt. Frau Polyxena von Muschingen lag zu dieser Zeit nichts so
sehr am Herzen, als von Rom ein Breve zu erlangen zur Grndung eines
Klosters fr den Orden der unbeschuhten Karmeliterinnen. Sie stand in einer
langwierigen Korrespondenz mit einigen italienischen Oberinnen solcher
Klster, deren Frmmigkeit einen berwltigenden Eindruck auf sie gemacht
hatte bei einer Reise nach der heiligen Stadt. Die Dame wute jetzt nichts
Wichtigeres, als den beiden andern Damen ihres Komitees das unglaubliche
glckliche Geschehen zu berichten, das aus dem Bchlein sich ergab, welches
ihr auf so merkwrdige Weise zugestellt war. Auch die hohen ihr
wohlwollenden Wrdentrger des Hofes wollte sie aufsuchen, lebendig und
erregt wie sie war, ihnen danken und glckwnschen fr diesen groen Erfolg
und sich mit ihnen aus voller Seele freuen ber diesen Gewinn fr die
heilige Kirche. Denn nichts andres lieen diese einfachen, vielleicht
indiskret verffentlichten Briefe erkennen: man hatte am Kaiserhof einen
groen katholischen Entschlu gefat, folgerichtig wie das Vorgehen gegen
die gottlosen und aufrhrerischen Bhmen: man wollte das katholische
Deutschland um eine groe Zahl abgefallener verfhrter Seelen bereichern,
mit der Frsorge des Landesvaters unlslich und energisch die Sorge um das
Seelenheil verbinden. Die kalvinischen Landesteile des Majesttsverbrechers
Friedrich von der Pfalz sollten in katholische Hnde kommen, in die
allersichersten kurfrstlichen Hnde, die des bayrischen Maximilian. Wer,
der selbst Ferdinands edle religise Gesinnung kannte, htte dieses von ihm
erwartet, das ihn in die Reihe der gottseligsten Herrscher stellte.

In der schwlen Wrme des Nachmittags fuhr die von Muschingen mit ihrer
Kutsche bei der Reichsgrfin Auguste von Abensberg-Treue vor, die Kutsche
der Dame schlo sich ihr an; alsdann bei der Grfin Kollonits. Die drei
alten Damen stiegen am Kienmarkt aus, dort lagen Bretter vor einem Haus;
von ihren Kammerfrauen gefhrt, rauschten sie seidig tiefverschleiert in
den Flur, der sehr breit, niedrig, aber ganz leer war. Und so auch die
Treppen Stiegen Hfe Diele Sle; es war das verlassene Haus des Hans von
der Seligstadt, welcher als Magister der sieben freien Knste hier gehaust
hatte; sieben Bcher waren auf das Hausschild gemalt. Hier sollte den
Karmeliterinnen ein Heim bereitet werden. In der Stube, wo den Damen Sessel
bereitgestellt waren, konnten sie ihr berschwellendes Herz nicht bezhmen;
der Raum wurde zum Zeugen der hohen Freude der Damen, welche sich
gegenseitig zum Weinen rhrten. Man hatte noch das Glck, den galanten
alten Grafen Harrach, dessen erkrankte Gemahlin an dem Werke fr die Nonnen
teilnahm, zu erwarten. Und wie er kam, wurde er von Freudenausbrchen
berschttet und konnte in seiner frischen vergngten Art dankend lange
nicht zu der Ursache dieser Freude vordringen. Dann wurde er verlegen,
einsilbig, bat um das Bchlein, mute rasch zu seiner Gemahlin, deren
Zustand ihn nicht befriedigte. Er suchte abends noch den Frsten Eggenberg
auf, der grade ausgefahren war, um ihn zu besuchen; es stellte sich bei der
Begegnung auf dem Hohen Graben heraus, da die Grfin Muschingen schon bei
ihm gewesen war, um auch ihm Glck zu wnschen. Als noch bei der
gemeinsamen Fahrt zum Abt von Kremsmnster sich ergab, da die Dame auch
hier gewesen war, dankend und jubelnd, schrieb ihr Harrach einen Zettel,
sie mchte Verschwiegenheit ber die besprochene wichtige Sache bewahren,
er bte sie darum aus einem bestimmten Grund, steckte aber den Zettel auf
das Lcheln der Herren resigniert zu sich.

Der Inhalt des Bchleins war nicht miverstndlich. Es enthielt unter dem
Namen Spanische Kanzlei eine kleine Anzahl von Briefen aus der Hand des
Kaisers, des Bayernherzogs, eines Kapuziners, der als Unterhndler agierte,
als Anhang eine summarische Aufstellung der aus dem Briefwechsel
hervorgehenden Beschlsse und Tatsachen. Die Briefe waren nach Datierung
Stilfeinheiten Intimitten zweifellos echt. Die pflzische Kur war mndlich
dem Bayern zugesagt, ber einen Teil der kurpflzischen Lnder war
anscheinend in bindender Weise verfgt zugunsten des Herzogs. Weder Kammer
noch Kurfrstenkolleg war gefragt. Man mute sich morgen in der Frhe zu
einer Besprechung zusammenfinden.

                   *       *       *       *       *

Es kam nicht zu dieser Besprechung. Als sie zu Hause eintrafen, fanden sie
kaiserliche Hatschiere vor, welche Einladungen zu einer morgen
stattfindenden Beratung in der Burg berbrachten. Ferdinand wute nichts
von dem kursierenden Bchlein; eine Unruhe und pltzlicher Entschlu waren
die Veranlassung zur Anberaumung der Sitzung. Jetzt mute Dighby in Mnchen
schon alles von Maximilian erfahren haben; wenn nicht heute, so morgen
bermorgen wrden die protestantischen Emissre Lrm schlagen in Wien.

Der Nachmittag mit Ungeduld verbracht, stundenlanges Beten und Bezwingen
der Bitterkeit. Rasches Herabsteigen zu dem tiefgelegenen Sitzungssaal am
Morgen. Ein Tisch mit zwei Schreibern in der Mitte, acht Herren standen von
niedrigen Wandbnken auf; Eggenberg, wurde vom Schreiber verlesen, war
erkrankt, daher nicht anwesend. Dann, whrend sich der Kaiser hutbedeckt
auf den einsamen Stuhl an der Querwand unter das Kruzifix setzte, las
Kaspar Frey, sein alter Geheimsekretr, schiefschultrig feingesichtig, zwei
Briefe Maximilians vor, worin sich der Herzog nachhaltig und
uneingeschrnkt bereit erklrte, mit seiner und der Liga Streitkrften dem
Kaiser in Bhmen zu Hilfe zu kommen. Ferdinand nahm das Wort, stark auf das
Foliantenpack auf dem Tisch blickend, mit gewhnlicher Stimme erklrend,
da er als Direktive fr die Verhandlungen und Beschlsse von Hofkammer und
Geheimem Rat mitzuteilen htte, da er und sein Haus wnschen mten, das
Verhalten und Verdienst Maximilians in jenen gefhrlichen Zeitlufen
genugsam zu wrdigen. Er habe sich daher entschlossen, die Gerechtigkeit
nicht aufzuhalten. Nach bereits zurckliegender persnlicher Rcksprache
mit ihrer Liebden, dem bayrischen Herzog, glaube er den Weg gefunden zu
haben zur allgemeinen Satisfaktion. Dem reichskundigen erklrten chter
Friedrich von der Pfalz sei die Kurwrde und das Erbtruchsessenamt
abzusprechen, die Wrden nach Verdienst seinem Schwager, ihrer Liebden dem
Herzog in Bayern zu bertragen. Zum Ausgleich der entstandenen
Kriegskosten, des Aufwandes und erfolgten Verlustes, und zur Auslsung des
verpfndeten Landes ob der Ems sei es angemessen, ihrer Liebden die
Oberpfalz hypothekarisch zu berantworten und einzurumen. Er drfe
verhoffen, so nach kaiserlichem Vermgen seinen Verbndeten saturiert zu
haben, wegen der bestndigen erzeigten Treue Liebe Affektion und hohen
Dienste, die er mit Daransetzung der eigenen Person Land Leute Gut und Blut
erwiesen habe. Die Herren hatten sich noch nicht gesetzt, da verlie
Ferdinand, der sonst nie einer Beratung fernblieb, den Saal, ohne einen
eines Wortes gewrdigt zu haben.

Die Herren saen verdutzt. Dann war es ein Entschlu des menschenkundigen
alten Abtes Anton, der in Anbetracht der besonderen Umstnde Aufhebung der
Sitzung empfahl. In Questenberg war die Raserei so gro, da er am
Schreibertisch stehend einen Stuhl verkrampft in der Hand hielt; der Stuhl
sa an seinem Handteller fest wie eine Schlange, die sich darein verbissen
hatte; mit einem wtenden Ruck schleuderte er den Stuhl auf die Erde: Und
wissen die Herren, was dies ist? Das ist Krieg mit England, Dnemark,
vielleicht mit Frankreich. Das ist Zerfall mit den Kurfrsten von Sachsen
und Brandenburg. Leise vor Grimm zitternd der alte Harrach neben ihm ber
die leere Tischplatte gebeugt: Es ist so. Ich habe es gesagt. Der
Maximilian geht um. Wir knnen es nicht wehren.

                   *       *       *       *       *

Im Ring seiner Mauern Wlle und Basteien lag Wien; Huser, Trme, Kirchen
gemauert an Huser, Mrkte, Gchen, berschwellend gegen die Donau,
jenseits den Werd mit Steinen bedrckend, mit tastenden Fingern nach der
Venedigerau, dem Rustschacher, den beiden weiten Galizinwiesen.
Handwerkerfllte Straen, Pltze voller Feilscher Kaufbuden Reitern und
Snften Tamtamschlger Theriakausrufer. Brllende Bttel hinter geschorenen
Missettern, die den schweren Schandstein am Hals schleppten; Badeknechte
ins Hrnlein stoend, trkische Becken schlagend. Aus Klstern stieen
Schwrme von Nonnen, schwarz und wei, geschuht ungeschuht, traten lispelnd
kreuzwindend in die Kirchen, die weihrauchgeschwngerten Gnge, unter die
Bilder der wilden Schmerzen, der Inbrunst und Verzckung. Seiltnzer und
fahrende gelustige Frulein kreuzten ihren Weg, lockten in die Holzschuppen
auf dem Neuen Markt. Soldaten aus den Kriegen des Kaisers, die gegen
Bethlen Gabor gefochten hatten, die Bhmen am Weien Berg zerrieben hatten:
wste Prunkfedern in den Nacken zwischen den Schultern wallend, oder nach
vorn in die Stirn bis auf den Mund, grellbunte Schrpen, hohe
Stiefelschfte, weit berfallend mit farbigem Tuch ausgelegt. Kosaken mit
breitem schmutzigem Gesicht in langen, blauen Rcken, hohen Lammtzen; ihre
kleinen Augen blinkten vor Lust, sie gurrten mit ihren Weibern, die sich
Schrzen und Rcke mit Perlen bestickt hatten. Feine Pagen tnzelten in
engen Strumpfhosen, mit koketten Bndern besteckt; Brgerfrulein, die die
Haare gescheitelt trugen, oder gewellt in den Nacken herab ber die Ohren,
die an ihren Hubchen nestelten, Korallenhalsbnder begriffen, grne
Mieder, leichte lose Blusen, oder kurzrckig mit hohen ungarischen
Stiefeln. Kavaliere  la mode, Spiel- Fecht- und Saufkumpane, Filzhte mit
aufgeschlagenen Krmpen, wallonische Reiterkragen breit auf den Schultern,
wild die Stiegen herunter, auf die Pferde; groe Hunde hinter ihnen her,
dienernde Wirte an den Gasttren. Zwischen Brettern ein toter Mensch, von
der Leichenbrderschaft getragen, hinaus nach dem Friedhof auf der Wieden.
Blinde am Hohen Graben, die Augen ausgestochen wegen Mnzverbrechen,
Meineidige ohne Hnde, Zungenlose, Nasenlose, Ohrenlose in Grppchen vor
den Kirchen, Npfe und Blechbchsen schwenkend. Studenten mit Degen und
Bandelier an der Lampelburse, der Rosenburse, ernst spazierend, auch
krawallbedrftig nach Handwerksgesellen ausschauend. Aufgeblasene
Gestalten, reitend, die edelsteingeschmckte Hand auf dem Rcken, in
englische Tcher gekleidet, von reitender Dienerschaft gefolgt. ber ein
versonntes Gchen huschend in violetter Soutane ein Bischof, das Kppchen
auf der Tonsur; der Grtel wehte nach aus einem Flur. Stadtgardisten zogen
ihre Spiee hinter sich her durch Staub und Kot, stellten sich um Brunnen,
wrfelten, suchten sich stille Pltze. Umeinander trieben in Husern
Spelunken Kellern lrmende stille kranke Menschen, Haushlter Schaffner
Kellermeister Kchenjungen Rauchfangkehrer Goldmacher Gewandschneider
Spengler Kalendermacher Brauknechte Messerschmiede Wanderburschen
Kaufherren Ratsschreiber Kerzengieer Hkerinnen Witwen, die nach einem
Mann schnappten, Dragoner, die nicht dienen wollten, Lumpen, die das Leben
in der Sackgasse schn fanden, Bauern, denen der Viehhndler um die Ohren
schlug, Pergamentmacher Riemer Hutekufer Messingschlger Kuppler mit
Halseisen, eilige dnne Juden, Advokaten Kommissionare, quarende Kinder im
Sand, wandernde Buchhndler aus Sachsen, Bhmen mit bemalten Brieflein in
Umhngeksten.

Um sie herum standen die spitzgiebligen Huser mit Ziegeldchern, mit
Schieferdchern, bemalten Fassaden, in Fachwerk, Balkons vorstreckend, die
in Stein, Palste mit Bildsulen an der Auffahrt, ornamentierten Fenstern,
Huschen mit mchtigen Schildern und lustigen Namen, Schulen, Sankt Tibold
Sankt Niklas Sankt Johann Sankt Sebastian Sankt Maria Magdalena Sankt
Falern Sankt Michael Sankt Sebastian das Studentenspital, zu unserer lieben
Frau. Thronend in aller Mitte der Stefansdom, seine Turmspitze
durchbrochen, tausendfach durchlssige Maschen aus Eisen, fast verwehend in
die Luft wie eine blasse Flamme am Tag; am Knauf, warnend vor den fernen
blutdrstigen Trken, der Halbmond mit dem Stern.

Breit fute neben dem Augustinerkloster an der Mauer das riesige Massiv der
Burg, viereckig, ellbogenartig die Ecktrme ausstemmend, drei hohe Stock
ragend. Darin hauste der Gewaltigste des Heiligen Rmischen Reiches
inmitten seines ungeheuren Trosses, beschtzt von der Trabantengarde und
den kaiserlichen Hatschieren, hundert Mann samt Fourieren und Trompetern
unter Don Balthasar, ihrem Kapitn. Benedicite und Gratias an der Tafel
sagten sieben Kaplne. Fr seine Kche sorgten Mundkche Meisterkche
Unterkche Bratenkche Suppenkche Kchentrger Holzmacher Adjunkten. Im
Keller dienten Hofkeller Kellerschreiber Kellerdiener Fuhrleute Mundjungen,
seine Vorratskammern fllten Einkufer Markttrger Hoffleischer.
Obertafeldecker fr seinen Tisch, Kammertafeldecker Tischaufwrter
Edelknaben Offiziertafeldecker. Hohe adlige Mundschenken hatte er in Zahl,
Matthias di Verdina, Michael de Alverngia, Erasmus von Hirschberg, Johann
von Grnthal, Chorasinsky. Den goldenen Schlssel des Kammerherrn trugen
dreiunddreiig Edle, dabei Graf Wenzel von Wrben, Graf Julius von Salm,
Baron Peter Ernst von Mollert, Johann Graf Paar, Wolf von Auersberg. In den
Fluren, groen und kleinen Hfen, auf den Stiegen drngten sich die
Stallmeister Bereiter Hoftrompeter Fechtmeister Bchsenspanner
Sattelknechte Snftenmeister Waffenpolierer Stallbediente im spanischen
Stall, im Klepperstall, Leibkutscher Vorreiter Stalljungen. In den
Stallungen standen neunzig Tummelrosse, achtzig Reitklepper, sechzig
Kutschpferde, zweiundzwanzig Maulesel. Um die Seele des Kaisers mhten sich
neben dem Beichtvater der Pater Johann Weingrtner, der Hofkaplan Paul
Knorr von Rosenrot. Eine starke Hofkapelle erfreute ihn mit Musik, Johann
Valentini war ihr Kapellmeister; es sangen fr ihn berhmte Snger; Peter
da Naghera sang. Alt, Diskant Luka Salvatori, Graf Ossesko. Seinen Leib
hatte er groen rzten anheimgegeben, Managetta war Doktor der vier
Fakultten, dazu Mingonius, Mahlgieer, Johann Junker.

Whrend er noch schlief, traten am grauen Morgen mchtige Herren seiner
Regierung aus ihren Schlafkammern, nahe der Burg, am Petersplatz, bei Sankt
Michael, am Bischofshof. Langsame Reitrosse, knirschende Karossen,
Robahren trugen sie aus der wenig klappernden Stadt zusammen gegen die
Burg vor ein zurcktretendes Haus, hochgieblig mit Fachwerk, vielfenstrig,
mit geschwungener Gesimsverzierung. Um das Haus lief eine Vorhalle, von
bunten eckigen Holzsulen getragen. Weit schwang darunter der Torbogen mit
frstlichem Wappenschild, ffnete das Dunkel zur Stiege: das Haus
Eggenbergs. Dann standen lange die Snften und Karossen vorhangwehend auf
dem regenweichen Platz, die Pferde nickten mit ihren Puscheln, schttelten
die Klingeln an ihren geflochtenen Mhnen, wetzten die Hufe, whrend der
Regen ber sie flo.

In der trben Ritterstube lag Eggenberg auf dem Faulbett, das schrg gegen
die Mitte des Raumes gedreht war; er lag im dicken Schlafrock darauf,
rotwangig, lebendig, mit schalkhaften Augen, hatte eine blaue Seidenmtze
bis ber die Ohren gezogen und begrte jeden Herrn mit beiden Hnden. Sie
schoben sich um den schlankfigen Eckofen, unter den Holzsims und seine
Geweihe und Pokale, an die Fensterbank, beklopften erregt im Gesprch die
runden Butzenscheiben.

Drhnend fuhr nach einigen ruhigen uerungen Eggenbergs der untersetzte
brbeierische Questenberg heraus: Stehen wir hier nach dem unerhrtesten
Sieg der Geschichte? Das heit den Siegespreis aus der Hand geben. Das
heit: nicht Habsburg hat gesiegt, sondern Wittelsbach. Und nicht
Wittelsbach, sondern England, Dnemark, die Protestanten, denen wir
billigen Kriegsgrund geben und die wir gegen uns vereinen. Wilde
Beschuldigungen warf er gegen Trautmannsdorf, der still, klein, verwachsen,
als wenn er nicht dazu gehrte, auf der Fensterbank sa, da dieser Graf
und Beauftragte des Hohen Rats und der Kammer dabei war, als jene unseligen
Beeinflussungen des Kaisers durch den Bayern stattfanden, ohne da er sich
gemigt gefhlt htte, den Hohen Rat wenigstens nachtrglich zu
informieren. Begtigend meinte Eggenberg, dies sei wohl nicht mglich
gewesen, wegen der sehr geheimen Natur der Besprechungen; htte doch
Questenberg selbst, sein lieber Gast, bei vielen Gesprchen mit Herrn
Doktor Jesaias Leuker nicht vermocht, etwas Sonderliches aus ihm
herauszuziehen. Der verwachsene kleine Mann sah nicht auf; er danke Herrn
von Questenberg fr den Hinweis, er htte manches vermutet, wie der
ehrwrdige Abt Anton auch; doch beteure er, auf der Krnungsreise oft mit
der Rmischen Majestt gesprochen und sie nach Vermgen beeinflut und
beraten zu haben; insbesondere sei der Erbschaft des Pflzers gedacht
worden und da in Mnchen nicht Endgltiges vorgenommen werden sollte.
Ferdinand sei nach der Krnung im Rausch gewesen, sein Glck, seine
Gehobenheit htte die ganze Reise bis Mnchen gedauert, mit Entzcken htte
er das deutsche Land gesehen, htte mit vielen ehrenwerten Deputationen
Abgeordneten Stnden verkehrt; einen wahrhaften Kaiser, Mehrer des Reichs
htten sie alle in ihm erblickt. Aus Dankbarkeit htte es ihn zuletzt zu
seinem hohen Schwager Maximilian gedrngt. Und dann -- Trautmannsdorf sah
die nachdenklichen Herren mit seinen groen samtbraunen Augen an. Sie
schwiegen. Der grazise zarte Harrach schttelte sich entsetzt:
Wittelsbach steht wieder auf.

Als wenn er mit sich sprche, schlo Trautmannsdorf die ruhigen Augen: So
bliebe nur zu bedenken, ob man jene auch mir bis jetzt verborgenen
Manahmen des Kaisers als einen Regierungsakt aufzufassen gewillt ist.
Hans Ulrich Eggenberg schob sich die Mtze hoch, er traute seinen Ohren
nicht. Wir knnen dem Hohen Rat, fuhr der Verwachsene im schwarzen
Seidenwams fort, nicht anders helfen, als indem wir auf eine gute Weise
jene Manahmen annullieren. Es lt sich anscheinend nicht leugnen, da die
Manahme unliebsam, ja gefhrlich ist. Alsdann wollen wir weiter
debattieren. Er hatte zu seinem Freund Kremsmnster am Ofen
herbergeblickt, der lchelte ihm traurig zu: Und werden den Teufel mit
Beelzebub austreiben. Ihr seid ein Rechtslehrer, wie ihn Bologna nicht hat.
Aber Logik hat hier nur stumpfe Zhne; sie beit doch das kaiserliche Wort
nicht tot.

So wird es ntig sein, mit des Herzogs in Bayern Durchlaucht in
Verhandlungen zu treten. Er dachte laut weiter. Lchelnd respondierte Abt
Anton: Mag Euer Liebden dies im Ernst vorschlagen? Wird Ihm gewi niemand
verwehren, diese Verhandlungen zu fhren. So wird es ntig? sein --
Trautmannsdorf bi sich auf die Lippen. Anton ermunterte: Sprecht nur.

Es gibt auch Mittel, die man verwendet, wenn man eine Fhrlichkeit fr
sehr gro erachtet und ihre Abwendung wirklich und von Herzen wnscht.
Mittel selbst gefhrlicher Art. Es gibt, wie den liebwerten Herren und
Exzellenzen bekannt ist, nicht nur hier Mnner, denen die Durchfhrung des
kaiserlichen Entschlusses verderblich erscheint und erscheinen wird. Die
Kurfrsten werden insgesamt als nicht gefragte Partei sich gekrnkt
erweisen, sonderlich die Durchlauchten von Sachsen und Brandenburg, welche
samt ihrem Anhang in nicht vorzusehender Weise protestieren werden. Ich
vermeine, wir werden jedenfalls nicht hindern, auch nicht hindern knnen,
wenn sie sich gekrnkt erweisen. Oder wenn sie Widerstand leisten, im
Geheimen oder auf dem Deputationstag.

Sehr khn, Herr von Strahlendorf mit salbungsvoller Stimme, pfeilerartig
lang hinter Eggenbergs Bett ber den Saal schauend, drcke sich der Herr
deutlicher aus; er empfiehlt: wir stecken uns hinter das hohe Kollegium.

Ich empfehle nicht, fuhr der vor den Butzenscheiben fort, auch rate ich
nicht. Wir berlegen. Die Frage lautet: ist die kaiserliche Manahme
gefhrlich, also: sollen Mittel dagegen ergriffen werden. Wer ist der
Kaiser? Ein Habsburger. Leidet die Macht Habsburgs Einbue durch jene
Manahme?

Questenberg drhnte: Die Kur an Bayern abgeben, heit unmittelbar an den
Sulen des Erzhauses rtteln.

Harrach blickte rechts und links: Zum wenigsten droht Gefahr. Vielleicht
knnen wir sie noch bannen.

Hoheitsvoll schttelte Strahlendorf, der Vizekanzler, den gepuderten Kopf:
Man wird mich auf keinem Wege sehen, wo es gegen den frommen Kaiser geht.
Die Manahme des Kaisers mag dem gewhnlichen Geschftsgang widersprechen,
sie ist aber entsprungen einem echt katholischen Gemt; der Jubel unserer
christlichen Stnde wird keine Grenze finden, wenn sie kund wird. Da
Bayern die Oberpfalz erhlt, wird unausbleiblich sein; da es den Kurhut an
sich nimmt, werden sptere Zeiten zu den groen Beweisen unsrer Frmmigkeit
rechnen; denn nun ist fr alle Zukunft gesichert der katholische deutsche
Kaiser. Halten die Herren dies fest; sie werden an dem Beschlu nichts mehr
zu tadeln finden.

Und Kursachsen, schrie Questenberg, und Brandenburg? Und England und
Dnemark?

Eggenberg unterbrach nachsichtig: Es wird freilich schwer halten, die
Kurfrsten nicht zu verstimmen. Und noch schwerer, Krieg zu fhren.

Der Abt lchelte, er verwaltete die Finanzen: Schwer. Die Sckel sind
nicht grade voll.

Wieder regte sich Trautmannsdorf, der angestrengt den hageren hlzernen
Reichsvizekanzler studiert hatte: Es ist ausnehmend richtig, was mein Herr
von Strahlendorf gefunden hat, da die neue Wendung der Dinge einen Sieg
der Frmmigkeit darstellt. In Zukunft, solange wenigstens das Heilige
Rmische Reich blht, wird kein protestantischer Kaiser mglich sein. Dies
ist ja auch unser aller Herzenswunsch. Aber gewi ist auch das Gegenstck:
der Grimm der protestantischen Kurtrger, welche ja nunmehr noch dem Namen
nach mitkren, jedoch nur essen drfen, wie's ihnen die Katholischen
vorsetzen. Das wird ihnen nicht gefallen, sie werden versuchen, Einflu zu
gewinnen; sobald sie sich zusammentun, ist vereitelt, was grade gewollt
war: es wird zwei Reiche geben, ein kaiserliches, freilich katholisches,
und ein protestantisches. Das Reich ist zerfallen. Besser ist, sie nicht in
die verzweifelte Minoritt drngen; katholisch sein -- aber mit ihnen.

Strahlendorf warf ihm einen strengen Blick zu: Der Krieg ist gewonnen. Der
wahre Glaube hat gesiegt. Es ist folgerichtig, dem Katholizismus das
verfallene Land und den verfallenen Kurhut zu berantworten. Das Gegenteil
ist Schwche.

Laut seufzte der Abt: Ach die Strke. Mge der Herr mein Amt bernehmen.
Tadle er uns nicht zu sehr.

So konkludiere ich: Frst Eggenberg sah jedem einzelnen der Herren unter
die Augen, es ist das Recht des Kaisers, jene Manahme zu treffen oder
getroffen zu haben. Es ist das Recht der Kurtrger, sie nicht zu billigen.
Voraussichtlich wird Streit mit den Kurtrgern, sicher mit einigen
Anhngern des Pflzers entstehen. Wir mssen uns auf Unruhe und Krieg
vorbereiten. Mglich ist eine schwierige Rivalitt Wittelsbachs, besonders
nach der Aufnahme ins Kolleg.

Alle schwiegen bedrckt; ungebeugt nur Strahlendorf.

Der Abt hob den Finger: Dies sind Fakta. Lat uns Rat finden, Rat, wie
einem mglichen Unheil begegnen.

Viel ruhiger war der schwarze Questenberg geworden; er brtete, mit dem
Rcken gegen die Wand, vor sich; wollte sprechen, hielt wieder an. Harrach
streichelte ihm friedlich die Schulter: Wenn der Blitz in ein Haus
eingeschlagen ist, soll man nicht nur nachsinnen, wo man sich am besten
htte verstecken knnen, welche Gebete man htte sprechen sollen, welche
Heiligen anrufen. Mit tiefer Stimme Questenberg: Ich wei. Wir werden dem
Kaiser nicht in den Rcken fallen. Das Geschehene ist schmerzlich, vielen
unter uns ist es schmerzlich. Wir dienen alle unserm Kaiser. Mag unser
liebwerter Frst Eggenberg der Rmischen Majestt mndlich, mit jeglicher
Sanftheit, unsre Ergebenheit und unsre Bedenken, wie er sie vernommen hat,
anzeigen. Trautmannsdorf flsterte gespannten Gesichts eindringlich durch
den Raum: Vor allem: wir wissen nicht, was den hohen Herrn veranlat hat,
wider seinen Willen der Durchlaucht in Bayern nachzugeben. Wir wissen es
nicht. Es heit auf der Hut sein vor der Durchlaucht. Es heit, sich
ergeben und entschlossen vor den Kaiser stellen. Jeglicher Wiederkehr
vorbauen.

Nachdem der erschpfte Eggenberg mehrfach Schweigen ber die Beratung
anempfohlen hatte, damit es nicht erscheine, als ob Zwiespalt zwischen der
Majestt und ihrem untertnigen Rat bestnde, fate man den Beschlu, die
bergabe der erledigten Kur an den Bayern nicht zu behindern, zugleich die
Majestt um eine gemeinsame Audienz anzugehen.

                   *       *       *       *       *

Zu Mollert und Mansfeld lchelte der Kaiser auf dem Wege von der Kirche:
Es ist mir leichter, liebe Herren, es geht mir besser. Wie nennt man wohl
den, der krank ist und versumt, zum Arzt zu schicken?

Er ist sicher nicht -- der Dmmste.

La nur, Mollert, winkte Ferdinand. Vielleicht ist er nicht dumm,
vielleicht ist er nicht klug. Wer eine Snde begangen hat, soll beichten
gehen.

Nachmittags hrte er, sein Rat Eggenberg sei erkrankt, und als er ihn in
seiner Wohnung aufsuchen wollte, hie es, er sei aufs Land gegangen. Der
Kaiser schickte ihm seinen Arzt Mingovius zu; Kaspar Frey fuhr mit, um zu
fragen, ob von Dighby Depeschen da wren; Eggenberg mge sich im brigen
nicht zu frh nach Wien bemhen, sich recht pflegen. Die Antwort kam, es
seien Depeschen von Dighby da; er schrieb, er hoffe die Festung bald
niedergelegt zu haben; von andrer Seite sei mitgeteilt worden, Dighby htte
mit den Trken und Tataren gedroht, falls Maximilian nicht nachgebe.

Der tolle Kerl, freute sich Ferdinand und staunte. Drauen blhte der
Frhling, herrlich ber alles Denken. Nach langem Hin und Her brachte der
feine zierliche Doktor Frey heraus, er htte verlauten hren, die Herren
Geheimen Rte htten sich betroffen gefhlt durch die Mitteilungen des
Kaisers; eine -- nun -- eine sonderbare Stimmung herrsche unter ihnen.

Du machst Spe, Frey? Ferdinand berlief es kalt: Sie verlassen mich?
Sie helfen mir nicht?

Sie klagen; sie fhlen sich gekrnkt, da man sie nicht gefragt hat. Sie
halten den getroffenen Entschlu fr gewagt, fr gefhrlich.

Und wie denken sie auf Abhilfe?

Es ist nicht ersichtlich.

Das sind meine Rte. Was brauche ich Kammer und Rat. Da sie mir wie
Doggen in den Nacken fallen. Es ist nicht ausdenkbar. Du wiederholst mir.
Und Eggenberg ist nicht krank.

Der Frst ist gestern in sein Quartier zurckgekehrt.

Bleich, entschieden, leise Ferdinand: Nein, das habe ich nicht um sie
verdient. Er stand pltzlich dicht bei Frey: Um Jesu willen, was sagst du
mir. Damit taumelte Ferdinand in seine Arme. Schick nach Eggenberg,
flsterte er.

Er kommt nicht.

Eggenberg soll kommen.

Er kommt, wenn Majestt befehlen. Aber er wird nicht gut sprechen.

Trautmannsdorf?

Ebenso.

Der Abt Anton.

Ebenso.

Ich soll sie anbetteln. Sie wissen ja nicht; es liegt nicht an mir. Ich
will zu ihnen.

Bleiben Majestt.

Sie mssen es in die Hand nehmen.

Sie wollen etwas gegen Majestt.

Gegen mich. Gegen mich. Es ist zum Lachen, zum Schreien. Wer bin denn ich?
Es kommt ja nicht auf mich an.

Sie wissen, da es auf einen Krieg geht.

Starr: Sie wissen? Auch das?

Sie halten den Krieg fr unvermeidlich.

Nein, nein. Sie lassen mich in Maximilians Gewalt. Sie helfen mir nicht.
Ihnen liegt nichts daran, mich und das Haus zu retten. Es gibt nichts
Unvermeidliches. Sie haben sich noch nicht von ihren Sthlen bewegt. Dighby
ist hingefahren. Er tut etwas. Was tun sie? Sie nennen sich krank und sind
es nicht. Sie verschwren sich gegen mich.

Der alte Frey schttelte den Kopf: Die Herren tun nicht gut an Eurer
Majestt.

O, du bist ja der einzige. Bist du der einzige, sag ihnen, steck ihnen zu,
sieh zu, wie du's kannst; was soll ich denn machen, mir ist der Mund
geschlossen, ich kann nicht zu ihnen, du hast ja recht. Aber: es sei nichts
geschehen damit, mit der Rebellion. Nichts. Sie sollten sich Dighby
ansehen, er ist ein Fremder, ein Brite, und tut mehr fr mich als sie.

Ernst nahm Frey das hin.

                   *       *       *       *       *

Das Audienzgesuch der fnf Herren lag vor. In den Kaiser aber war der Zorn
gedrungen, nicht ber die Herren, sondern ber die Knechtung, die diese
Sache ber seine Seele ausbte. Seine Augen Porzellanschlchen mit
blablauen Rundungen bemalt, hell, fast weilich. Wenn die kleinen Pupillen
sich verengerten, gaben die Augen noch mehr Licht ab. In dunklen Gngen,
auf Treppen nachts schwebten sie wie zwei Kelche nebeneinander.

Seine glashellen Augen belehrten den alten Frey rasch: der Kaiser heischte
die Herren zu sprechen.

Was begehrt ihr von mir? schrie er sie ohne Form an.

-- Sie wollten als berufene Ratgeber der Krone ihre Stimme erheben.

-- Wenn der Kaiser ihren Rat wnsche, werde er ihn einfordern; er vermge
zu denken; man mge nicht glauben, er brauche das Gngelband.

-- Das Vertrauen des Kaisers zu seinem Geheimkolleg htte sich zu ihrem
tiefen Gram getrbt.

-- Der Kaiser bete zu Gott und den Heiligen; er sei nicht mehr unbeschtzt;
er wrdige die Herren nach Verdienst.

-- Das Geheimkolleg fhle schmerzlich, aber doch mit einer gewissen
Befriedigung, da die Majestt ihrer nicht mehr bedrfe.

-- Er werde sie gehen heien, wenn es ihm beliebe. Sie mchten sich des
nicht gewnschten aufsssigen Tones entschlagen. Ob man nicht wisse, wer
Kaiser sei, er, Ferdinand der Andere von Habsburg, oder Hans Ulrich von
Eggenberg oder der kleine Trautmannsdorf.

Zu Boden neigte sich Trautmannsdorf; sie htten den Spott nicht verdient;
der bayrische Herzog reibe sich an Habsburg; sie wollten ihm das wehren;
sie htten den Spott nicht verdient.

Lippenbeiend stand Ferdinand da: Ich werde mit Euch reden, Graf
Trautmannsdorf, wenn wir zu zweit allein sind. Jetzt mu Euer Kopf sehr
hei sein.

Dem glhten die Augen im Kopf; unwillkrlich machte er einen Schritt
vorwrts.

Blickt zur Tr, brllte der Kaiser, blickt zur Decke, wagt nicht, mich
so anzugaffen. Ich rufe die Wache und lasse Euch in Eisen werfen. -- Ich
will Euch nicht hren, Euch allesamt nicht. Ihr seid meine Feinde; wie wagt
Ihr es, ber Max zu reden. Geht hinaus! Thornradel! Zum zweitenmal! Habt
Ihr nicht etwas in der Tasche, ein Schriftstck, das ich unterschreiben
soll? Seht Ihr nicht die Kette an meinem Hals, mit der Ihr mich erwrgen
wollt. Ich will Euch nicht sehen.

Tiefbla, zhnebeiend, gab Trautmannsdorf den andern einen Wink mit den
Augen.

Vom Schreibtisch zurckkehrend fragte Ferdinand, wer von den Herren zu
dieser Audienz geraten habe. Als Frst Eggenberg sich nannte, bedachte sich
der Kaiser lange: Ich will den Herrn anhren. Der Herr erwge aber, mit
wem er spricht, und erwge jedes Wrtlein.

Der sprach. Als er geredet, hatte er keinen Satz gesprochen, der nicht klug
und vorsichtig schattiert gewesen wre und dem Kaiser nicht jeden Weg zum
Nachgeben geffnet htte.

Ferdinand trank seinen Wein; eine Zeitlang drehte er den Herren den Rcken
halb, scheinbar ins Glas blickend. Er war tief beschmt. Er war von
namenlosem Grimm auf Maximilian erfllt.

Die Herren boten ihm ihre Hilfe gegen den Bayern an; sie durchschauten ihn;
er war nicht mehr ihr Kaiser; er mute ihre Hilfe annehmen.

Er sagte, wer von den Herren noch etwas hinzusetzen wolle, mge sprechen.
Er ging auf und ab, um eine grne Marmorsule. Als er sie mit der schlaffen
Hand berhrte, sah er in der blanken Flche sein langes, hochgezogenes
Spiegelbild. Er erschrak, das Bild taumelte seitlich herunter, er ging
weiter.

Eggenberg erklrte, Rat und Kammer wrden unverzglich das Ntige zur
bertragung der Kur an Bayern bereitstellen. In Verwirrung, zermahlen und
zerfasert, konnte Ferdinand nur lcheln. Er reichte jedem die Hand. Sie
wuten angesichts seines zerstreuten Gebarens nicht, ob sie entlassen
waren.

Bis er aufblickte und ihnen zunickte, die Arme ber die Brust
verschrnkend.

                   *       *       *       *       *

Was Ferdinand tags drauf nach langem Sinnieren und Seufzen begann, war ein
berstrztes Briefschreiben und Kuriersenden nach der Stadt, deren Name vor
seinen Augen brannte. Hatte er einen Brief beendet und verschlossen, so war
er fr Stunden ruhig, in denen er sich labte, um die Auseinandersetzung
wieder zu beginnen. Es mute leise alles vor sich gehen, weder
Obersthofmeister noch Beichtvater noch Geheime Rte durften etwas erfahren,
geruschlos rasch ohne Pausen sollte alles hinter ihrem Rcken vollendet
werden. Er trug eine kleine Schreibtafel am Grtel, die er nicht einmal
seinem Leibkammerdiener abtrat; und whrend der Tafel ereignete es sich
bisweilen, da er in tiefer Umwlkung Notizen aufmalte. Seine Stimmung war
heiterer als vorher, aber leicht erregt und gespannt. Wieviele Briefe er an
Dighby schrieb, allmhlich, von Tag und Nacht zu Tag, wute er nicht. Es
war ein Schwall, whrend er glaubte, eben begonnen zu haben. Zuerst war es
Dighby, der Graf von Bristol, ein vor kurzem neu eingetroffener britischer
Sondergesandter, mit einem rauhen Wesen, blutrotem Gesicht, hlichen
aufdringlichen Blicken, einer Ischias, dem er schrieb. Bald setzte er sich
mit einem andern auseinander, der fr ihn in Mnchen im Geheimen wirkte,
sein eigner vertrauter Sondergesandter, sein intimer, unausgesprochen ihm
anheimgegebener Freund, sein Glckswunder. Von Tag zu Tag war diesem mehr
zu sagen. Er mute die Briten aufklren und doch nicht aufklren, ein Brief
sagte zu viel, einer zu wenig. In Mnchen mute Dighby gehrt haben, was
geschehen war; aber es war nicht so geschehen, er hatte mit ihm kein
Doppelspiel getrieben, indem er ihn zur Vermittlung ermutigte, und doch war
alles schon gebunden und nicht mehr auflsbar und neu zu knpfen. Er mute
ihm zu verstehen geben, zwischen den Zeilen, da es ganz anders war, da er
sich nicht gebunden hatte, sondern da er einmal gefesselt worden war, in
einem verwirrten betubten Augenblick, in dem er nicht rechnen konnte oder
wie es sonst gewesen war. Da er damals sonderbar eingeschchtert worden
war von Bayern, nachgab, seine junge Kaiserwrde schon verloren glaubte,
sich aus Scham nicht hatte offenbaren knnen. Das mute schmeichelnd in
halber Abbitte zwischen den Zeilen geseufzt werden. Und gebeten werden um
Befreiung -- jedoch nicht zu deutlich, denn man war Rmische Majestt und
jener Brite, und ein Unglubiger. Mit Politik mute alles versteckt und
maskiert werden; welches lebhafte Interesse mute nicht England haben, den
Bayern zum Nachgeben zu zwingen, um des pflzischen Kurfrsten, des
englischen Schwiegersohnes und seiner Kinder willen; ja Ferdinand ging so
weit, durchscheinen zu lassen, da er appellieren mchte an das Interesse
Englands, eine starke protestantische Partei auf dem Festlande zu haben;
schmerzlich und grausam weh tat ihm diese Bemerkung. Er hielt diesen Brief,
vor dem er sich selbst entsetzte, lange zurck, trug ihn bei sich, mute
ihn von sich reien, um ihn seinem alten Frey in die Hand zu drcken. Jeder
Brief erklrte neu, khner. Und er erwartete keine Antwort, dachte nie
daran, was Dighby meinen wrde, glaubte jahrelang mit ihm umgegangen zu
sein.

Eggenberg, dessen Haus durch einen Geheimgang mit der Burg verbunden war,
staunte, als der Kaiser fter unversehens mit gerteten Wangen freudig und
mde bei ihm erschien, gedankenlos plauderte, sich an sein Bett setzte,
eine groe Zrtlichkeit gegen ihn und andre an den Tag legte, da er
Gnadengeschenke verteilte, ohne sich um Gurlands Bedenken zu kmmern; er
beschenkte Gurland selbst noch.

Die Briefe aber liefen alle durch die Hnde des feinen gewissenhaften und
automatischen Gelehrten Kaspar Frey. Dieser hatte keine Neigung, sich zu
lebhaft in die Geschfte seines Herrn zu mischen; sein Respekt war zugleich
Bequemlichkeit; ein Schutz vor bermiger Inanspruchnahme. Ihm fehlte die
Herzlichkeit; sein scharfes Urteil war im Laufe der Jahrzehnte eingerostet
im humanistischen Spintisieren ber Virgil und Sueton. Fr Ferdinand war
das Geheimnis des Briefes vollendet mit dem Binden des Fadens, gelegentlich
siegelte er. Das brige vertraute er Frey an. So kamen ein zwei
ungesiegelte Briefe den blichen Weg in die Hnde des Obersthofmeisters,
der bei der Aufflligkeit der Situation, der Hufigkeit von Briefen an
diesen englischen Empfnger, Verdacht schpfte, heimlich einen las, ihren
Inhalt auf der Stelle dem verblfften Eggenberg mitteilte, bevor er den
kaiserlichen Siegel beifgte. Eggenberg wagte angesichts des unglaublichen
Vorfalls nur noch den hchst verschwiegenen Abt Anton ins Geheimnis zu
ziehen; Behutsamkeit schien ihm das Wichtigste fr den Augenblick. Sie
kamen in der stillen Behausung des Abtes umeinandergehend berein, nunmehr
planmig jeden Brief zu ffnen aufzufangen und entsprechend seinem Inhalt
zu handeln. Der Obersthofmeister hatte schon unabhngig von ihnen die
ffnung der letzten Briefe vorgenommen; jetzt erfolgte dies im
verschlossenen Dienstzimmer des Meggau in der Burg vor den beiden Geheimen
Rten. Es schien einmal, als htte Ferdinand Verdacht geschpft, sein
Kurier lief unprotokolliert durch; da lie ihn Meggau auf der Strae hinter
Wien niederwerfen von gedungenen Zigeunern; dieser Brief enthielt den
erschreckenden Hinweis auf das evangelische Interesse des Knigs Jakob. Es
schlug dem Fa den Boden aus. Man konnte nicht ohne Trautmannsdorf weiter.
Erstaunlicherweise zeigte der sich gar nicht verwundert, schien etwas
hnliches vermutet zu haben. Nach seinem Rat wurden alle Briefe
durchgelassen, aber dauernd die Kuriere auf den Straen niedergeworfen und
beraubt; dem Kaiser sollte Mitteilung werden von der Unsicherheit der Wege
durch malkontente Ungarn und entlassene Sldner.

Furchtbar, unerwartet schwer traf dieser Bericht den versunkenen, ja
zrtlich ausgeglichenen, verspielten Kaiser. Jh brllte er, man
vernachlssige die Sicherheit seiner Korrespondenz. Steif und kalt standen
vor ihn gerufen Eggenberg und Trautmannsdorf, entschlossen, nichts zu
antworten. Es fehlte nicht viel, da der Kaiser sich zu direkten Drohungen
gegen sie herbeilie. Man hat Interesse an meinen Briefen, schrie
verzweifelt Ferdinand. Er konnte nicht fassen, da die Worte, die er mit
Liebe gemalt hatte, vor nichtswrdige berechnende Gesichter gezogen waren,
auf der Strae lagen. Rasend war er; geschndet, tief beleidigt kam er sich
vor. Und im Hintergrund verstand er, was man mit ihm vornahm. Was diese
hier mit ihm vornahmen. Der jhe Umschwung lie ihn verwirrt fnfmal
dasselbe fragen. Rasch gingen die Rte. Eggenberg war drauen im Vorsaal
leichenbla, zitterte; er war so erschttert, da er nur immer sagte: Es
mu ein Ende nehmen damit, Trautmannsdorf. Abt Anton gab ihm bekmmert
recht. Der verwachsene Graf hielt sich still fr sich; etwas Geduld; die
Situation wrde sich bald klren.

                   *       *       *       *       *

In diesen Tagen war es, wo der Kapuzinermnch Valeriano Magno, eine Kreatur
Maximilians, seit Wochen unterwegs, am Hofe ankam, um im Auftrag seines
Frsten die Ausstellung eines Diploms, betreffend die bertragung der Kur
an Max zu erbitten. Schweigend verwies ihn Ferdinand an den Abt Anton
zurck, der noch erzhlte, jener Mnch komme, wie verlaute, aus Paris, wo
Bayern sonderbare Fhlung mit dem Staatssekretr Puisieux genommen htte.
Warum nicht? lachte stoweise der Kaiser. Ja, warum nicht, bekreuzigte
sich Anton.

Singt mir was vor, schrie der Kaiser den Johann Valentini an; und der
Chor mute stundenlang in der Antikamera singen. Die Snger waren
erschpft, der Tenor Pichelmayer versagte, der Kaiser wanderte ruhelos an
einer Wand vor einem Gobelin, welches die Befruchtung Ios darstellte, hin
und her; schwieg die Kapelle, so schrie er bald gegen die Bnke: Ihr sollt
singen. Er lie sich Tirolerwein kommen; dann muten die Streicher und
Fltisten spielen; er wurde nicht mde zu wandern. Keiner der vertrauten
Kammerherrn vermochte an ihn heran; Frey erlebte nichts als unverstndliche
Jhzornausbrche.

Wie eines Mittags Ferdinand, gedunsener Kopf, sehr starre Augen, durch ein
Fenster auf einen kleinen Burghof blickte, sa da einsam neben einem leeren
Wagen in der braunen Bergmannsgugel sein Narr Jonas auf dem Steinboden und
arbeitete etwas. Rasch schlug Ferdinand das Fenster zu, stieg, dem Diener
abwinkend, auf einer Wendeltreppe hinab. Der Hof grasbewachsen, hei, leer.
Es lag da vor einem Schuppen ein Sandhaufen. Ohne da der Zwerg ihn
beachtete, setzte sich der Kaiser, ohne Hut, in grauer loser Joppe, auf ein
geschlossenes Fa am Eingang des Schuppens. Es tat ihm wohl, hier zu
sitzen; wie gedrngt war er heruntergegangen; es tat ihm sehr wohl. An
einen Balken legte er den Kopf, dachte an nichts, whrend er gerade vor
sich blickte. Dann fiel ihm ein, es mchte mglich sein, hier zu schlafen;
schob sich tiefer unter den kleinen Schuppen, atmete tief und, wie er die
Augen schlo, schlief er schon, fest und streng, wie er begehrte. Nach
einer Weile rhrte der Narr mehrmals den Schuh des Kaisers. Der Kaiser
zuckte, ffnete die Augen.

Der alte Schalk gurgelte heimlich, neugierig zudringend: Hast mir
zugeguckt, Ferdel?

Der rhrte sich nicht.

Gelt, hast mir zugeguckt. Sag's. Was meinst du? Als der nicht antwortete,
machte sich der Wicht an sein Geschft.

Nach einer Weile schwebte der Schatten Ferdinands von rckwrts ber das
Zeichenbrett des Narren; der Kleine hob listig den Finger: Gell, du hast
mir zugeguckt. Ich arbeite, ich arbeite.

Was ist? Der Narr hatte auf einem Kistenbrett im Sand groe leere
Folianten liegen; aus einem Krgchen go er Tinte vorsichtig ber sie,
tuschte die Tinte sorgfltig in breiten Pinselstrichen aus in die Ecken, an
die Rnder.

Ich dichte.

Was ist mit der Tinte?

Ich schreibe ein groes Werk ber die Sterne, den Himmel, die Hexen und
die Teufel. Bald ist's geschehen.

Wie sonderbar, da der Kaiser nicht lchelte, starr und streng auf die
Bogen sah, das Gesicht nicht verzog; er schlief wohl noch.

Wenn die Sonne schn warm und hell scheinen wird diese Woche, ist es
fertig. Es kommt nur auf die Sonne an, Ferdel, im Dunkel geht es nicht
voran.

Was ist.

Wenn du mich nicht verraten willst, grner Lwe, will ich's sagen. Und
wenn du mir etwas geben willst.

Was ist.

Er bewegte sich vorwrts. Der Narr greinte: Jeden Bissen schnappen sie mir
vor der Nase weg. Wenn du gestern gesehen httest, von den Forellen. Kaum
hab ich etwas gesehen davon.

Komm mit.

Weinend schleppte der Zwerg sich hinter ihn, deckte mit einem Sack alles
sorgfltig zu: Nicht schlafen kann ich vor Kummer. Aber doch bin ich ihnen
allen ber.

Er sah den Mann neben sich strahlend an: Ich zeig's dir. Komm zurck. Ich
schreibe ein groes Werk ber die Geister. Die Weisheit mu verbreitet
werden unter die Menschen. Aber es dauert alles so lange, hab ich gesehen,
ein Buch jahrelang, jahrelang. Viele Weise sterben, grner Lwe, ehe sie
ihr Buch fertig haben. Und darum --

Er sah zu, wie sich Ferdinand wieder in den Sand setzte, fragte gespannt:
Aber du verrtst mich nicht.

Nichts, nichts.

Es gibt viele, die mir alles absprechen und mich am liebsten umkommen
lassen wrden. Bang hob er den kleinen Tintenkrug unter dem Brett hervor,
wies ihn: Sieh selber, was ich fr einer bin. Mein Buch ist, wenn unser
Herr Petrus am Himmel will, bald fertig. Ich la es dich zuerst sehen
dann. Und der Kleine go ber einen frischen Bogen Papier einen Strom
Tinte, fing an zu wischen, entzckt plappernd: Sieh an, wie es geht. Sieh,
wie es luft. Ich mache es auf einmal. Da, eine ganze Seite auf einmal, aus
dem Flein kommt der Brunnen. Im Nu. Gewischt in die Ecke, eins, zwei. Ich
bin nicht so dumm, mir Federchen schnitzeln, in die Tinten stoen,
Trpflein herausfischen. Ja, glaub's schon, kann lange fischen, bis das
Flein leer ist. Und wenn das Flein nicht eintrocknet, fischen sie drei
Jahre daran. Seht bei mir. Das ist der ganze Witz. Flink, hurtig, im Nu.
Sieh her, Ferdel, hier unten.

Auf dem Sand standen sechs kleine Krge. Seit gestern, flsterte
geheimnisvoll der Schalk, deckte sie rasch zu. Ich hol die Krglein aus
deiner Kanzlei, sie schimpfen, da sie weg sind; morgen setz ich ihnen mein
erstes Bchlein hin, die Krglein daneben: werden sie Augen reien. Ist von
Gespenstern, Hexen und allen sieben Gestirnen, hab mir weidlich alle
ausgedacht und hurtig drauflosgeschrieben. O, was sie alles drin lesen
werden; auch von dir, Ferdel, und meinen Feinden! Finden sich alle drin.

Nun mu ich sorgen, lieber Jonas, da du Doktor werdest ohne Studium und
Examen.

Glcklich, die Hndchen schlagend: O, wann gibst du mir meinen Schmaus? O,
du wirst sehen, es wird noch besser. Wenn du mich blo nicht verrtst.

Nur zu trinken, Jonas. Feiern wir dich auf der Stelle; zeig mir, wo es in
den Keller geht.

Komm, ich weis' dir's.

Mtterlich deckte er seinen Platz ab. Dicht am Schuppen in die Mauer war
eine niedrige kistenverstellte Tr eingelassen, an sie schob er sich heran;
eine Stiege senkte sich herab; schwerer khler Geruch schwoll herauf.

Wo bist du, Jonas?

Sst. Still. Ich bin unten. Vielleicht hrt uns jemand. Komm. Hier.

Bist du allein?

Nein.

Wer ist bei dir?

Der Wein, der Jonas und du. Wir alle drei.

Der Kaiser tastete sich herunter. Setz dich gleich hier an die Stiege,
Jonas, in den Winkel. Und la die Tr auf, damit wir sehen knnen.

Ferdel, kannst du am Hahn trinken?

Hol mir einen Becher, wo du willst; leise; stehen berall Leute.

Lange Stille in dem Dunkel. Groe Umrisse von schwarzen Fssern, Tonnen,
Bottichen, Leitern lsten sich; der Keller wuchs in die Tiefe.

Jonas!

Hier das artige Becherlein. Ich bediene dich.

Wir wollen dich feiern, Jonas, morgen schenk ich dir deinen Zuckerzweig.
Sie tranken, tranken. Jonas lachte manchmal herausplatzend schallend, bald
fing auch der Kaiser an. Jonas schrie: Herr Rektor, Euer Liebden haben
keine rote Robe an. Es ehrt mich nicht genugsam.

Jonas, sagte nach einer Weile Ferdinand, bring mir meinen Hund.

Schon schlich der Zwerg davon. Hier, Ferdel, hier ist das Hndelein.

Es war eine Katze. Der Kaiser hatte sie auf den Armen, rang mit ihr. Ich
kann sie nicht halten. Jonas, mit einem Griff am Nacken, prete sie ihm an
die Brust; sie hielt still.

Die blauen groen Augen des Kaisers, die grellen Schlitze des Tiers. Gebt
mir Euer Messer, Herr Doktorande. Das Ktzlein mu mir sein Fell fr einen
roten Mantel verkaufen. Er vertiefte sich in den ngstlichen lauernden
Blick, suchte sie pltzlich am Hals zu packen. Die Katze schlug um sich,
der Zwerg zustrzend aber hatte ihr im Nu mit seiner scharfen Klinge den
Hals durchgeschnitten. Whrend sie noch hell pfiff, spritzte, zappelte, auf
die Steine kollerte, schlitzte er ihr kreischend knirschend das Fell von
der Kehle bis zum Schwanz, ri es rechts links von dem heien nassen Rumpf
ab, von den zitternden Beinchen.

Ferdinand schluckte heftiger den Wein. Das dunstige blutende Fellchen legte
er sich auf den Rcken, rieb sich die Finger.

Die Glocke schlug oben im Hof. Jonas, lauf hinauf, ehe wir anfangen, dich
zu feiern. Rasch. Spute dich. Sag meinem Leibdiener, du httest einen
Auftrag von mir zu bestellen. Sag's dem Kammerherrn in meiner Vorkammer.
Wenn man mich suchen sollte, -- ich hielte Sitzung ab. Sie sollen's dem Abt
Anton bestellen. Hier hast du meinen Ring, und bring ihn gleich wieder.

Der Narr schaukelte den Kopf: Ich soll nicht erzhlen, wo du sitzest?

Nicht erzhlen, Jonas.

Was wird mein armer Buckel dazu sagen? quarte er.

Scher dich!

Atemlos kam er bald angestrzt: Sie waren hinter mir her. Ich hab sie
irregefhrt.

Mein Ring.

Der Narr hatte ihn an.

Schelm, gib den Ring.

Ferdinand spie, whrend er den Schalk schttelte: Zu saufen, Kerl. Was du
hast. Ich hab Durst, Kerl.

Der entwischte, blieb weg, laut schmatzte er in der Nhe. Ferdinand
taumelte zu ihm in den Winkel, wo eine Laterne brannte; da stopfte der
Kobold Rettich, trocknes Brot. Ferdinand brllte lachend: Verfluchtes
Vieh, ri den Korb her; der Schalk hielt sich schreiend am Henkel, sie
stopften rissen schluckten und spien zerrten. Das Katzenfell, das rutschte,
legte sich Ferdinand immer wieder auf die linke Schulter. Allein lie er
hingestreckt seinen Becher vollaufen, schlrfte, whrend ihm der Kopf
wackelte und er den Korb vor die Brust zog. Pltzlich machte der Narr einen
Ruck, kroch mit seiner Beute zehn Schritt davon, kreischte giftig: Nichts
kriegst du mehr! Verrecken kannst du, Dieb abscheulicher. Er sa im
Dunkeln versteckt. Gibst mir Rettich, du Hund? Verrecken kannst du.
Ferdinand kroch auf allen Vieren mit baumelndem Kopf, rief heiser, drohte
bettelte. Der Schalk verzog sich weiter. Listig bat der Kaiser: Ein
Stckchen, Herr Doktor, blo ein Stckchen. Nichts, gar nichts. Nicht die
Krume kriegst du Strolch. Ich will was haben, brllte der Kaiser, ich
kann nicht verrecken hier. Du Dieb, ich werde dir zeigen. Was habe ich
dir getan, Jonas. Nichts. Verrecken! Verrecken! Ein Stckchen.
Ferdinand sa unter einem laufenden Fa, flennte: Nichts gibt er mir. Seht
den Kerl an, den Jonas. Den ganzen Korb hat er voll. Das wird kein Doktor.
Verrecken. Da hob Ferdinand, sich auf den Bauch werfend, an der
Katzenleiche ausgleitend, mit den Beinen strampelnd, sinnlos aus vollem
Halse brllend, die Arme auf, schmetterte sie auf den Boden, salbte sich
aufbumend sein Gesicht mit dem Schmutz: So behandelst du mich, so
behandelst du mich. Ich verklag dich. Wtend rutschte der Zwerg heran,
schlug von hinten mit dem Korb gegen seine Beine. Verklagen, du mich? Du
Dieb. Er bringt mich um. Hilfe. Grausame Not. Was habe ich dir getan.

Verleumder, mich willst du verklagen.

La meinen Fu.

Oben stiegen Leute scheltend heran, warfen Licht in den Raum.

Der Zwerg geiferte frohlockend: Jetzt sieh zu, wie du auswischst! Haha.
Vor denen da! Du Dickwanst. Johlte gegen das Gewlbe bei Ferdinand: Hier
bin ich! Walkt den Dieb!

Kroch weg, schleuderte seinen leeren Korb zurck, meckerte vergngt, mit
dem linken Schuh des Herrn klappernd, dicht zu ihm schlpfend, drehte er
einen Hahn auf; der Weinstrom prasselte auf die Steine. Da heulte beim
Anblick des leeren Korbs der Kaiser vor den beiden Kferknechten, die ihn
drohend anhoben, dann den beschmierten Sabbernden zitternd zurechtsetzten.

Alles hat er gefressen. Er ist schlecht. Es ist kein Gelehrter. Er ist ein
Siebenfra, ein unbarmherziger. Mich lt er verrecken. Fangt ihn doch. Den
unbarmherzigen Schelm. Gottseibeiuns.

                   *       *       *       *       *

Graf Johann Paar war seit Hoheneich nicht am Hof erschienen. Ferdinand
sagte knirschend zu Frey, der sich vor ihm entsetzte: Ich will gndig mit
ihm verfahren, mit dem Hans. Will ihm nicht Hatschiere schicken, sondern
dich und den Jonas. Ihr beiden sollt ihn holen. Dann schwankte er lange,
ob er nicht seinen Leibkammerdiener schicken sollte. Gebunden wurde dann
eines Nachts Paar von Hatschieren auf einem Wagen in die Burg gefahren,
ohne Hut, ohne Degen, wie sie ihn in seiner Stadtherberge ergriffen hatten.
Wahrhaftig, hhnte der Kaiser, der ihn in der Schlafkammer sitzend
empfing, der Graf Paar.

Dnnlippig stand er da, die gefesselten Hnde auf dem Rcken. Ich war
ehrschtig, erklrte der langsam, der Mollert hatte mich gereizt. Ich hab
mich von der Eifersucht auf Mollert bewegen lassen.

Der Kaiser lachte giftig. Der blieb dabei: er bereue. Ferdinand fragte:
Das war es, das war alles?

Paar dachte an die Ste, die er erduldet hatte; langsam wiederholte er, er
sei eiferschtig auf Mollert gewesen. Der Kammerdiener mute ihm die
Fesseln abnehmen; es stnde ihm frei, in seine Heimat zu fahren. Er sah
nicht, wie der Leibdiener sich beiseite wandte, die bettelnden zerreienden
Blicke des fast unbeherrschten Ferdinand, sah nicht, da Ferdinand
schrecklich erblassend im Begriff war, wackelnd auf seinem Sitz sich an
seine Brust zu werfen.

Er fiel vor Ferdinand auf die Knie; starren rachschtigen Herzens sagte er:
er bereue.

Der Kaiser bat ihn entsetzt um Entschuldigung, hie ihn gehen.

                   *       *       *       *       *

Bei der zweiten Besprechung, die Dighby auf den weiten geweihprunkenden
Korridoren der Alten Residenz zu Mnchen mit dem Geheimrat Richel fhrte,
-- einem Herrn so gro wie er, so breitschultrig wie er, mit glattrasiertem
verrgertem burischem Gesicht, mitrauischen Blicken, von unbestimmtem
Alter, -- meinte der Herr am Gelnder der Wendeltreppe zu ihm, wenn es dem
englischen Edlen beliebe, nach Thalkirchen oder sonst in die Umgebung zu
spazieren: es sei sehr schn hier; die Witterung gut, er mchte es nicht
versumen; des Herzogs Bescheid trfe ihn rechtzeitig. Dighby amsierte
sich vor den Pflzern, da dieser furchtbare Unruhstifter, diese mnnliche
Kriegsfurie, der Maximilian, nicht aus dem Beten herauskme; wenn man nach
ihm frage, immer heit es: er ist zur Messe, er hlt Andacht, heute
Beichte, morgen Beichte, der Herzog belagere frmlich den lieben Gott. Er
witzelte in seiner selbstvergnglichen Art: ob der Max vielleicht darum so
viel bete, damit kein anderer an Gott herankme.

Schwere Luft wehte in Mnchen. Das mnchisch strenge Wesen des Hofes
drckte auf die Stadt. Fensterln und Gunkeln war verboten, die ppigen
gemeinsamen Badestuben aufgehoben; still trollten des Herzogs Maximilian
einzige Freunde, die Brder vieler Orden, Nonnen durch die Straen der
Stadt; Weibsen, die zu kurze Rcke trugen, Mnner, die in Spinnstuben
lachten, wuten, was ihnen drohte; in Eisen auf Wochen, wen die Lust
anwandelte zu schuhplatteln. Lord Dighby zog in krebsrotem Gewand zu Ro
ber den groen Markt mit einem Schwanz von zehn gemieteten Knechten,
purpurn wie er; er mute es tobend dulden, da beim Aveluten sich
keulenbewehrte Bttel auf sie strzten, sie auf die Erde warfen und nicht
eher erheben lieen, als das Gelut zu Ende war. Vor den Obersten
Hofmeister, den majesttischen hochgeborenen Grafen Johann zu Hohenzollern
strmend, fand er keineswegs Ohr; es schien sogar, als ob dieser Graf
Mifallen darber empfand, da die Bttel nicht auch ihn selbst
niedergeworfen htten.

Nun langten die erstaunlichen Briefe des Kaisers Ferdinand bei Dighby an,
von vielbemerkten kaiserlichen Kurieren getragen, Briefe, ber die sich
nicht schweigen lie. Dighby geriet in immer greres Entzcken; er begann
fr sein Verhltnis zum Kaiser Ausdrcke zu finden wie: der knne ihm nicht
entwischen. Er unterlie Antworten nur, weil er nicht wute, welche
familire Anrede er dem Kaiser geben sollte. Ohne weiteres langte er eben
angekommene Briefe, oft unentsiegelt, lssig dem Rusdorf oder dem weniger
gewiegten Pavel; es war Langeweile, was ihn dazu veranlate. Prahlende
uerungen stie er in der ffentlichkeit aus; er drohte, er gebe dem
Herzog noch zwei Wochen Zeit zur Besinnung; dann kmmerte er sich um
nichts; wagte es, whrend die Rte sich in der Masse versteckten, an einer
Prozession bedeckten Hauptes herausfordernd vorbeizureiten. Die Rte waren
verstndnislos fr die Briefe des Kaisers. Schon traf Rusdorf beklommen
Anstalt, sich dem sehr gndigen Dighby wieder zu unterwerfen. Da blieben
die Briefe aus. Dighby grenwahnsinnig merkte tagelang nichts;
argwhnisch, schlielich spttisch forschte Rusdorf. Nach einer Woche
wunderte sich der Lord. Vielleicht, da er htte antworten sollen; aber es
machte ihm zuviel Mhe; irgend etwas nagte dazu an ihm, lhmte seine Hand;
seine Gedanken sprach hhnisch der spitzgesichtige Rusdorf aus: der Kaiser
htte ihn zum Besten gehabt. Einen Boten fertigte Hals ber Kopf der Brite
ab nach Wien, den Kaiser fragend; er kam zurck mit dem Briefe und einem
Vermerk der Hofkanzlei zu Hnden des Abtes Anton: das Schreiben trge
irrtmlich die Adresse des Kaisers. Die Wut drhnte durch den Lord, er war
betrogen, planmig England, planmig verhhnt. Die Augen der Rte
leuchteten.

Die Torwache hatte dem Herzog gemeldet, da Kuriere in den erzherzoglichen
Farben fast tglich zu dem englischen Gesandten liefen; der Kammerdiener
Verduckh erkundete, berichtete Nheres. Da traf Maximilian Anstalten zu
antworten.

Die Sorte Bauernmdchen bei Thalkirchen behagte Dighby vortrefflich; er
griff zu; Liebesszenen arteten in Schlgereien aus: das gefiel ihm. Die
beiden bayrischen Ehrenkavaliere waren sehr besorgt, da es zu
Zwischenfllen kme, wollten gern schweigen, auch die Pfarrer besnftigten,
denn der Englnder verspielte wilde Summen an sie und ihr Gehalt war mager.

Schon vier Wochen trieben sie zu dritt ihr Unwesen rings um Thalkirchen; da
stand eines Nachts der Graf von Bristol hinter seiner Herberge in einem
Kohlfelde, hatte eine Zaunlatte in der Hand, verteidigte sich gegen einen
anspringenden messerbewehrten untersetzten Bauernburschen, der weite Hosen
und sonst nichts trug. Dighbys seidener Schlafrock war bis ber eine
Schulter aufgerissen. Und whrend des Kampfes, der von beiden Seiten stumm
mit groer Entschlossenheit gefhrt wurde, erleuchtete sich der Himmel mit
einem auffallenden, immer strker und breiter flammenden Rot. Beide sahen
unruhig beim Schlagen und Zustoen auf, kamen berein, den Kampf
auszusetzen, in der nchsten Nacht sich wieder zu treffen.

Der Lord weckte, da sich zudem ein ferner ungewhnlicher Lrm erhob, seine
Herren, die erschreckt den Schein sahen; es klang, als ob in einem riesigen
Feuer ganz Mnchen zusammenprasselte; dann wie eine Schlacht mit
Menschengeschrei Wagengefahre Schieen. Sie liefen auf einen Hgel. Der
Feuerschein stand ber Mnchen. Erregt standen sie; ob es nicht bald Morgen
wrde; der Weg durch den Wald war im Finstern ungangbar. Mit dem ersten
Grauen zogen sie die Pferde aus dem Stall; schwarz traten die Bume aus der
Dmmerung hervor, die Dorfstrae wurde kenntlich. Lord Dighby sa zuerst
oben; in seiner Ungeduld strzte er sogleich, fluchte, blieb im Steigbgel
hngen. Der heranstolpernde Bursche, mit dem er gefochten hatte, half ihm
freundlich auf; sie winkten sich zu. Ro hinter Ro trabten sie vorsichtig
durch die Waldung. Das Rasseln Klirren Drhnen wurde vernehmbarer. Die
Hauptchaussee auf Mnchen war erreicht; da standen zehn Mann mit Musketen
quer ber dem Weg: Durchritt auf Mnchen untersagt; wollten sie in die
Stadt, mten sie im Bogen herum durch den Wald. Keine Auskunft; stnden
seit dem Abend hier. Als sie zu dritt auf die von Sden einfallende
Chaussee stieen, war der Weg verstopft und es war die bayrische Armee
selbst, mit Fuvolk Artillerie und Reiterei, mit Tro Bagage Munition und
allem Volk, das durch Mnchen rckte. Es ging nach Norden. Dighby wurde
mitgerissen; war eingekeilt zwischen Wagen. Sie stiegen ab; sie hielten im
Getmmel ihre Pferde fest am Zaum, da man sie ihnen mit List und Gewalt
nehmen wollte; man lie das Pech der Fackeln auf ihre Hnde tropfen. Sie
kamen zwischen zwei Trupps Wallonen. Offen trugen die Herren ihren blanken
Degen in der Hand. Dem Lord gelang es, vor dem Austritt aus der Stadt, sich
herauszuhauen; die beiden anderen kamen nach Stunden zum Vorschein, ohne
Degen und Hut, nachdem ihnen ein geschmeichelter Kornett zu ihren Pferden
verholfen hatte. Stundenlang mute Dighby in seiner Herberge sitzen in
heftigem Zorn, denn die Straen waren berfllt. Er trieb am Abend seinen
Kammerdiener zu Richel: wann er ihm eine Aufwartung machen knnte. Statt
Antwort kam am folgenden Vormittag ein unbekannter Herr in Jesuitentracht
zu ihm mit einem kurzen Empfehlungs- und Beglaubigungsschreiben des
Geheimrats: dies sei der gestrenge, besonders vertraute, vielliebe Herr von
der Gesellschaft Jesu, der Pater und gelehrte Doktor Jakob Keller, Rektor
des Mnchener Kollegs, in alles wohl eingeweiht und dem britischen
Gesandten zu schuldiger Observanz bereit. Er erklrte mit lieblichen
Worten, des Herren williger Freund um so mehr zu sein, als er eben zurzeit
den Besuch des englischen Jesuitenprovinzials Partius empfangen habe, der
beraus angenehme Zeitungen aus diesem wohlregierten Lande gebracht habe.
Der Anblick des Paters, der ihm gleich diesen fatalen Knppel zwischen die
Beine warf, vermehrte seinen Zorn; er begehrte zu wissen, was der Herr
Rektor bei ihm abzulegen htte. Und als sich der friedlich zu Rede und
Antwort erbot, toste er los, was dies sei, dieser Heereszug mitten im
Frieden, whrend der Friedensverhandlungen; welche deutschen Methoden sich
hier kundtten nach den freundlichen, huldreichen Worten des Kaisers. Was
den Herrn Rektor, der sich zu setzen verschmhte bei seiner Gnaden dem Lord
und Grafen, ehrlich betrbte, sofern nmlich ihm nichts bis zu diesem
allerdings wichtigen Augenblick von einem Frieden bewut sei zwischen der
bayrischen Durchlaucht und dem proskribierten chter, vielmehr be der
Herzog im Namen des Heiligen Reiches, wie verabredet, die Exekution gegen
jenen aus, der in der Oberpfalz erschreckend hause; man wrde bald das
bedauerlich heimgesuchte Land von seinen Brandschatzern befreit und in den
allgemeinen deutschen Frieden einbezogen haben. Auch Dighby blieb an seinem
Stuhl stehen, fragte heiser, warum man aber, warum aber der wohledle Herr
Bartholomus Richel, seiner Durchlaucht in Bayern Vizekanzler und geheimer
Rat, ihm dies verschwiegen habe bei seinem zweimaligen Besuche, wiewohl des
Lngeren und Breiteren Kriegs- und Friedensfragen durchgegangen seien.
Warum habe man oder Herr Richel angehrt, da er beruhigende Depeschen nach
England und dem Haag schickte.

O, man werde doch nicht wagen, einem erfahrenen Gesandten von dem Rufe des
Lord Dighby Vorschriften zu machen ber seine Depeschen. Wie beraus
erfreut Herr Richel, dieser wrdige und fromme Mann, von dem Besuche und
der ausgesprochenen Friedensliebe des hohen Gastes gewesen sei, wie sehr er
bedauert htte, nicht auch die beiden pflzischen Rte zu empfangen, die
sich auf Abgabe ihrer Instruktionen und Denkschriften beschrnkt, knne er
bezeugen. Bei lnger dauerndem mndlichen Verkehr der beiden Parteien,
daran zweifle er, der Jakob Keller, nicht, wre ihr Verhltnis zum
wohledlen Bartholomus Richel noch herzlicher geworden und er hoffe auch
jetzt noch, da man keinen Vorwurf auf diesen untadligen Herrn werfe.

Dies sei also ein Krieg zur Besetzung der Oberpfalz? Es knne doch nicht
bestritten werden.

Keineswegs. Keineswegs knne es freilich auch behauptet werden. Es sei die
Reichsexekution gegen den chter Mansfeld, der auf oberpflzischem Boden
stnde.

Dighby warf den Stuhl ab; diesen Boden verteidige sein Herr, sein
Landesfrst, ferner der Kurfrst Friedrich; gegen ihn kmpfe der
Bayernherzog, man solle es nur zugeben und nur schnde die Verhandlungen
brechen.

Beliebe der Herr solche Untat nicht von einem frommen Mann wie Richel und
gar herzoglicher Durchlaucht zu glauben. Die Verhandlungen sollen um des
Erlsers willen nicht abgebrochen werden, der ganze, tief religise
Standpunkt der bayrischen Regierung widerstrebe einem kriegerischen Wesen,
immer sollten die Verhandlungen weiter gehen, immer weiter. Ja, er, der
Keller, sei hier, um die Punktation zu frdern.

Verhandeln? England jetzt verhandeln? Er warne den Herrn.

Der Pater schaute in seinen Hut. So lge es gewi nicht an Bayern, wenn das
Friedenswerk nicht gefrdert werde; das betrbe ihn bitterlich. Gerade in
diesem Augenblick wrde man ergiebig verhandeln knnen und zweifellos am
besten nach der Vollendung der Exekution. So msse er Vale sagen.

An der Tr meinte er lchelnd, bevor er sich bedeckte: so wisse er freilich
auch nicht, ob er bei dem Herrn Lord die Geneigtheit des Herzogs vorbringen
sollte, ihn in Audienz zu empfangen; eben sei der Herzog zurckgekehrt;
sein Erstes sei die Frage nach dem Unterhndler gewesen.

                   *       *       *       *       *

Wo habt Ihr gesteckt, Ihr Herren; hinter dem Gitter, im Affenkfig? Habt
Ihr geschaut, gewinkt, wie sie Trompeten geblasen haben? War ein Spa,
nicht wahr?

Rusdorf hatte sich bei anhebendem Getse nachts aufgemacht, hatte sich von
der zechenden Stadtwache zwei Begleiter erzwungen, war mit ihnen, whrend
Pavel die Papiere im Losament bewachte, das jeden Augenblick unter
Vorwnden geplndert werden konnte, zur alten Residenz, zum Richel, Jocher
oder wen er trfe, gedrungen, um instndig Auskunft zu erbitten. Hatte sich
vor die verschlossenen Tore drohend gestellt, war wegen seiner Neigung,
franzsische Brocken zu gebrauchen, fr einen Spion von einem
vorberziehenden Schwerereitertrupp gehalten worden. Die Stadtwache verlie
ihn auf finsterer fackeldurchwehter Strae; man beschimpfte und kujonierte
ihn. Trobuben Sergeant Profo, wen er fragte, jauchzten aber dasselbe: Es
geht auf die Oberpfalz. Keine neue Frage nderte die Gewiheit: man
berfiel mit bermacht sein Land, sein Heimatland. Dann bebte Pavels
Schlafkammer unter dem verzweifelten Wutgeschrei des bettgeworfenen kleinen
Rats und dem bitteren Gesthn des knieend betenden anderen. An ihre Fenster
schlug der freche Lrm der vorberwandernden Regimenter, das Fauchen des
verwstenden siegesdurstigen ruberischen Heereswurms, Fackellicht auf
Fackellicht blkte gegen ihre Decke; die Nacht rckte vor. Volkes ohne
Ende! Ihr armes Land sollte ersuft werden.

Als Dighby mit zerrauften Kleidern wild am Morgen in ihre Zimmer fuhr,
schwankten sie bernchtig zorngeblht vor ihn; er mute sich erschreckt
den Hut abreien, in eine Ecke drngen, sie schienen halb wahnsinnig ihn
meucheln zu wollen. Schrieen Verrat ber ihn: der Herr hat uns an den
Bayern verkauft, er hat es uns angedroht, er hat es getan; ein Pfaffenhund
ist er. Er zog sich knirschend zwischen ihren Degen an die Tr, sie
wollten ihm nicht glauben, da er selbst bertlpelt sei; erst standen zwei
Hunde vor ihm, jetzt wiesen schnarchende Bestien ihre Zhne. Nicht Dighby
war es, sondern Pavel, sich am Stock schleppend, der befahl mit einer
knirschenden Ruhe, sogleich aufzubrechen aus Bayern, das treulose
verlockende hllische Land zu verlassen und sich zu Mansfeld zu schlagen.
Die Wagen wurden ihnen vom herzoglichen Hofe nebst Salvaguardia an alle
Truppenteile gestellt, das Bedauern ausgesprochen, die Herren so eilig zu
sehen.

Hinter Amberg stieen sie nach Tagen auf die schwrmenden Vorhuten
Mansfelds. Sie lieen den Grafen von Bristol nicht los, bis er die
kostbaren Geschenke des Kaisers Ferdinand mit Einschlu der goldenen
Waschschssel verkauft, den Ertrag gezwungenermaen dem Bastard geschenkt
hatte. Nach einer furchtbaren Szene zwischen den dreien in der Gegend von
Cham hinter dem abgebrochenen Hauptquartier des Feldherrn verlie Dighby
die deutschen Herren, verlie ber Brssel blkend rachedrstig den
Kontinent.

Die beiden wandten sich nach Norden, nach dem Haag, an den Pflzer
Erzratgeber, den Doktor Ludwig Camerarius. Rusdorf wollte nicht sumen,
nicht rasten; das bayrische Heer, die Wiener Tage brannten in seinem
Herzen; er trug die Flamme weiter; Camerarius hie ihn den Dnenknig und
den Schweden aufstacheln.

Pavel trennte sich bei der Abreise aus dem Haag von ihm; er lehnte weitere
Gesandtendienste ab; sehr freundlich und gtig sagte der schwermtige
kranke Mann zu dem springenden anderen: Es ist gut, was der Herr vor hat,
mein Segen ist bei ihm. Doch wird er sehen, wir haben die Fortuna nicht auf
unserer Seite. Wird bald alles wieder anfangen wie in London und Wien;
werden betteln; man wird uns nichts ersparen. Ich bin dem nicht gewachsen.
Mit vieler Liebe umarmten sie sich vor dem Postwagen; auch Rusdorf zerbi
sich schluchzend den Mund.

Als Doktor Jesaias Leuker, prchtig in Zobel getan, einen goldenen
Gnadenpfennig an der Halskette, blutroten Gesichts die kaiserliche
Antikamera betrat, stand gebckt ein schwarzer ungeheurer Mann neben dem
Stuhl des Kaisers, der Beichtvater Lamormain, ein Luxemburger. Bemalte
Leinewand und bunte Tafeln waren auf dem Teppich vor ihnen hingeschichtet.
Ferdinand hielt den Kopf gesenkt, als Leuker vom siegreichen Vormarsch auf
die Oberpfalz berichtete. Als er sein mattes aufgedunsenes Gesicht ihm
wieder zugewandt hatte, sagte er halb fragend zu Lamormain und dem Bayern
zugleich: So mge unser frommer Schwager auf dem Zuge von uns jeder Hilfe
und Vorschubs gewrtig sein.

Und whrend er den Blick suchend richtete auf das Bildchen in seiner
Rechten -- die blaumantlige Maria mit dem geneigten Haupt, einen goldenen
Stern auf der rechten Schulter, in einem Schutthaufen am Tiber von
Dominikus a Jesu Maria gefunden -- war pltzlich ein Licht in ihm
erloschen; er sah sich an der Wand auf einer schwarzen Bank in einer
finsteren Kammer sitzen, sich langsam aufrichten, die Hnde an die Schlfen
legen, zusammenlegen zum Gebet; und er sprach nach, ohne es zu verstehen,
was dem Gebundenen auf der Bank von den Lippen ging: Es ist geschehen. Im
Namen des Vaters, des Sohnes, des heiligen Geistes.

                   *       *       *       *       *

Aus seinem Bau, um den herum er mit Schonung fra, stberte das bayrische
Heer den Bastard von Mansfeld. Von da strmte ihm, wegweisend,
pestilenzialischer Geruch entgegen. Eine Seuche war in dem Lager bei
Beidhaus ausgebrochen, hatte sich mit Werbern Fourieren Streifkorps
beutemachenden Tummlern blitzartig durch die Wlder und Berge verbreitet,
zuckte unter Bauern und Knechte, gepanzerte Krisser, Musketentrger. Aus
den Tmpeln stieg die Brut der Mcken und Stechfliegen. Unter der
schilfdurchstochenen Oberflche der Wasser, dicht am Spiegel, hingen die
Millionen Larven wie herrenlose Naturtrmmer, gleichmig Luft saugend
durch ihre kleinen Atemrhren. Dick schwoll ihr Kopf an, hob sich ber den
Spiegel, die Schale zitterte, knisterte, spannte sich, ri ber der
Schlfe, seitlich; langsam drngte sich das lange junge Gebilde durch,
engangelegt Fhler Glieder Flgel, rastete sich spreizend, auf einem Blatt
der Wasserlinse, hing flgelspannend grobeinig an einer Schilfscheide.
Surrte in der Dmmerung aus. Die Luft mit Zirpen und feinem hohen Singen
durchadernd. Sprsame surrende Mcke mit schwankendem Ringelleib, vor sich
zwischen hauchartigen Fhlern gerade aus gestemmt den langen Stechrssel,
der wie ein Spie steif auf dem Kpfchen wuchs, vor dem Prellbock des
klobigen Brustwrfels. Das trug sich tausendfach, zehntausendfach,
millionenfach durch die Abendluft mit glsernen Flgelchen. Setzte sich an
den Mund, an die Stirn, auf die Hand, die ein Brot brach, an den Hals,
zwischen den geschnittenen Bart des Kornetts und Rittmeisters und die
venetianischen Kragen. Ri sich einer, vom Pferde springend,
schweibegossen den Wams auf, khle Luft gegen nasse Brust gehen zu lassen,
so krallte das kleine Flgelwesen ungesehen an die warme Haut, sog sein
Trpfchen Blut, speichelte im Bi ein Trpfchen Gift ein. Dann konnten die
Soldaten auf ihre Jagd gehen, die Leute an Torsulen und Brunnen aufhenken,
das Vieh forttreiben, gewaltig prassen --, inzwischen liefen die Fieber
durch ihre Krper, Abend um Abend, verwandelten ihr Blut in einen
tropischen Sumpf. Kornetts mochten brllen, den sauren Wein dieses Jahr in
Kannen schlucken, gefahrdrohend auf ihren Gulen vor hundert Mann durch die
stillen schornsteindampfenden Drfer segeln, Leder vor der Brust,
dichtmachende Papiere um den Hals, breitbackig und hei auf den
bersttigten Tieren: es vibrierte in den Knieen, der Koller mute
herunter, die Waden waren schwach, vor den Augen flimmerten Regenbogen; das
Frieren und Zhneklappern fing an, die Nacht lag man im Heu, im Bett,
drohte heiser, als wre nichts, und tags darauf war man schwcher, von Ritt
zu Ritt gespenstischer. Und das fiel ber die Obersten, die Pikeniere, wie
ber die Huren und ihre Weibel. Die Seuche ttete nicht viele. Wen sie
befiel, den machte sie schwach und noch rasender, als er schon war. Wer
starb, verweste wo er fiel. Gelb, schwach lachend ging man umeinander in
der Hitze.

Bis noch das Gercht sich verbreitete, erst im Lager bei Beidhaus, dann in
Weiden, im Markte Kohlberg, es htten sich Leute gefunden, die ein
neuartiges Wesen von Krankheit zeigten. Pestbarbiere erzhlten verstrt von
Bauern, die eine neue Krankheit in ihren Betten htten. Die Luse fielen
das Heer an. In den geraubten Wmsen Leintchern Betten Pelzen Schabracken
wuchsen sie an den Sldnern hoch, die im Schmutz der Wlder und Straen
verkamen, machten feuchte und trockene Krtzen; bei sehr vielen geschah es
unversehens, da das tierische Gift sich in ihre Adern senkte. Sie begannen
irre und fiebrig zu reden, manche zu rasen, Ausschlge bis zu Erbsengre
erhoben sich auf der zerbissenen Haut, Blutflecken sprossen in
grausenerregender Weise hervor; schlafschtig, taub gingen sie, wo sie sich
hingeflchtet hatten, gemieden, eingesperrt, dazu verhungert zugrunde.
Ohnmchtig sprachen die gelehrten Schler des Paracelsus von den
merkurialisch-schwefligen Zeichen der Seuche, von den
merkurialisch-salzigen, dem Heihunger, den Harnbeschwerden, der
Wasseransammlung in den Beinen, Blutspeien, Brustgeschwulst, Melancholie.

Eine Verwarnung Maximilians ging an smtliche Stnde der Oberpfalz ging dem
drngenden Heere voraus. Stark, gut gewaffnet, wohlstaffiert rckten die
Sldner vor; man sah ihnen das Geld an, das der zusammenraffende Herzog an
sie gesetzt hatte. Da wich der geschwchte Mansfeld zurck, hinter Amberg,
streckte die Pfote aus gegen Maximilian mit einem offenen Grinsen, das der
verstand. Es kostete sechshundertfnfzigtausend Dukaten, da der Bastard
sich auf die Beine machte; mit dem gleichen Grinsen erbat er sich und wurde
ihm gewhrt eine vierzehntgige Wartezeit zur Wahrung seiner Ehre, bis ein
Bescheid des verlassenen Pfalzgrafen Friedrich zur Billigung des Akkords
eintrfe. Dann huschte er, das hungrige Volk hinter ihm, aus dem ppigen
Land heraus, das er nicht hatte abgrasen drfen. Zwanzigtausend Mann hatte
er noch, fnfhundert Bagagewagen und einen starken Tro. An der Grenze des
Landes war es, wo er Dighby traf, den englischen Gesandten, der, gefolgt
von den beiden Rten, ihm vierzigtausend Gulden gab, bittend, da er die
Pflzer Partei nicht verlasse. Der Bastard, der verkrppelte Wicht mit der
gespaltenen Oberlippe, der Hasenscharte, nahm an, dankte, huschte weiter.
ber die Grenze weggetrabt stie er seinen gellenden Kriegsruf aus,
brnstiges Gebrll der Sldner hinter ihm, die Reiter atmeten Luft.
Maximilian hatte ihn auf die Unterpfalz loslassen wollen, wo die verhaten
Spanier saen, denen der Bayer das Land nicht gnnte. Mansfeld pfiff; der
Rhein lockte.

Durch Ansbach Hall, ber Mannheim, auf Speyer; sndhaft reich das Bistum.
Da hamsterte schon der englische Freibeuter Horatius Veer. Rasch hatte der
einen Hieb vor die Schnauze. Die Gule in die Stlle, Muskete auf der
Schulter, Pike in der Hand, knurrend die Mgen zogen sie auf Menschenjagd.
Schossen durch die Fenster, in die Scheunen, unter die Betten. In die
Kirchen stiegen sie ein, vor den aufgesprengten Portalen machten sie die
Pulverprobe, bten Anfnglinge im Treffen auf Heiligenbilder, die
stillhielten, und schreiende Kinder. Priester samt Gemeinde schossen sie ab
von den Fenstersimsen; nachher gingen sie in die Ecken, hoben den Rest auf
Piken. Sie bestrichen ihre Schuhe mit dem heiligen l und Chrysam, zu
Rotten trieben sie die Weiber und Mdchen zusammen auf Marktpltze, in
Scheunen, in Waldlichtungen, verderbten sie am hellen Tag mit Unzucht. Wenn
sie sich schnaubend von ihren Spen erholt hatten, wischten sie sich die
Muler, nahmen ein Bad mit den Weibern, die sie unter das blasenquellende
Wasser hielten, bis sie sich ruhig gezappelt hatten. Da wollten sich einige
ben im Menschenfleisch essen, muten es aber zum Gelchter der anderen
aufgeben, meinten, katholisches Fleisch schmecke sauer. Wollte ein Bauer
frei sein, mute den Kot eines anderen fressen, den der eben gelassen
hatte; ging es nicht rasch, erstickten ihn kopfber in dem warmen Gesudel.
In der Wollust der Grausamkeit gingen sie wie Wahnsinnige herum; nicht viel
fehlte, da sie mit den Steinen am Wege zu kmpfen anfingen, die Vorlauben
niedermetzelten, die Luft anspien, da sie die Pferde zwischen ihren
Schenkeln mit Stichen zu Tode qulten. Junge Weibsbilder, an denen sie
ihren Mutwillen verbt hatten, lagen tagelang tot, unbekleidet, halb
verbrannt auf offenen Wegen; die Bauern in den Nachbarhusern wurden
gehindert, sie zu beerdigen; wer sich daran machte, dem wurde der
madenwimmelnde Leichnam in die Stube gelegt. Sie konnten sich nicht lange
in den Stiftslanden aufhalten; trafen ausschwrmend bald nur leere
brennende Drfer, flammende Kornscheuern. Einige hetzte die Wildheit, da
sie toll gegen die heimflutenden Bauern rannten, schtig, selber gemartert
zu werden.

Der berschumende Mansfeld, seine blutrnstigen Horden schwangen ber den
Rhein zurck nach Osten gegen den Neckar. Ein rasender anderer Rebell
erwartete sie da; der alte Markgraf von Baden Durlach. Dem hatte es die
Lebenslust weggefressen, da er nicht Erbe sein sollte der oberen
Markgrafschaft, weil er Protestant war. Mit zwanzigtausend Mann, vierzig
Feldstcken, fnfunddreiig kleinen Geschtzen, siebzig Wagenmrsern,
achtzehnhundert Wagen stand er am Tage nach Christi Himmelfahrt auf den
Hhen zwischen dem Neckar und Ballingerbach; berschttet alle Tler und
Berge unter dem blendenden Maienhimmel vom jungen Grn, von weier
Apfelblte. Vor Glck wollte er zerbrechen in seiner schwarzen Eisenrstung
auf dem gepanzerten Pferd, als drben jenseits des Waldes die Ligisten
aufzogen, die Bayern voran; inmitten der Hakenspiee Streitxte
Reiterhammer, des klingenden Kompagniefeldspiels schrie der Graubart, sein
schweres schottisches Schwert mit beiden Fusten ber sich hebend: Sie
mssen unser sein! Was wollen sie gegen uns! Einige Stunden darauf war das
Grn jung wie vorher, die Apfelblte schimmerte wonnig, das badische Heer
zerschmettert wie loser Kalk am Boden, der alte Markgraf, von Qualen
geschttelt, von wenigen Offizieren gefolgt, auf dem rasselnden Pferd durch
sanfte Wlder ber trumende Wiesen zwitschernde Grten nach Stuttgart, da
sich der Wrttemberger seines Sohnes annhme und die Flche auf die Bayern
hre.

Die siegesheien Ligisten, Bayern an der Spitze, schoben sich in die
Kurpfalz; das Land wehrte sich nicht, sein Herr irrte mit der englischen
Knigstochter im Elsa herum. Die Kartaunen und Mauernbrecher der
berwinder, zu hunderten versammelt, noch glhend wie ihre Fhrer, heulten
Tag und Nacht auf den Bergen vor Heidelberg; als der Sitz des flchtigen
Kurfrsten brannte, ging ein Freudenschauer durch das Heer; ber die
blanke, dunkle Platte des geschlngelten Flusses warfen sie sich.
Geplndert Heidelberg, geplndert Mannheim.

Zu dem Heere stieen Vlker aus Bhmen Mhren Spanien. Und wie sie sich
gegen den Main wlzten, sprang sie der dritte chter an, Christian, der
tolle Bischof von Halberstadt. Der unbndige Mann konnte kaum lesen, kaum
schreiben, an seinem Hut trug er den Handschuh der schnen, flchtigen
Pfalzgrfin. Alles fr Gott und fr sie stand auf der roten Standarte,
die seine Leibgarde trug; darauf gemalt war ein doppelkpfiger Adler, dem
rechts und links ein Lwe ppstliche Tiara und Reichskrone mit erhobenen
Pranken abzureien suchte. Er kam stracks von Paderborn, wo er in der
Kirche die Silberstatue des heiligen Liborius umarmt hatte, dem Heiligen
dankend, da er auf ihn gewartet hatte; er mnzte ihn aus zu Trutztalern
auf die Pfaffen. Der barbarische Recke und Mansfeld, der Kobold, zogen
zusammen. Am Main prallten sie an die anrollende Heereswoge, bei Hchst
wurden sie von der Woge verschlungen.

Friedrich schickte Boten an den Bastard und den tollen Bischof, sie
mchten, sofern sie noch lebten, zu ihm kommen in das Lager von Zabern. Die
lebten beide noch. Mit niedergeschlagenen Augen, wie nach einem miglckten
Selbstmord, fluchend hageschwollen schleppten sie sich auf den Muster- und
Werbeplatz in der sanften hgeligen Landschaft. In das Wirbeln der
Trommeln, zwischen die lockenden Wappenschilder, die geldtragenden
Schreibertische, in das Bnderschwingen und trotzige Rumoren der jungen
Arkebusiere tauchten sie wie lakenschleppende Gespenster ein. Man schob sie
vor ein offenes prchtiges Feld, aus dem Musik scholl. Hinter ihnen Wrfel,
auf Trommeln geworfen, Rauch Bratenduft Gebrll des Viehs. Die Musik zu
Ende, hob Mansfeld den kleinen Seitenvorhang, an dem feine Glckchen
hingen. Hinter einem Tisch mit Weinkannen und Bechern, den abgelsten Degen
und Gurt vor sich am Boden zwischen den Fen sa barhuptig, das
edelgeschnittene Gesicht ihm zugewandt, der blonde Pfalzgraf,
perlmutterwei die Haut, halbschlafend, die ausgestreckten langen Beine in
losen Stulpen, mit Spitzen verziert, die offene Jacke aus blauem gepretem
Samt, silberne brandenburgische Aufschlge an den rmeln; wei quoll das
Spitzenhemd an der Brust und an den rmeln hervor. Er schien die beiden
bestubten Herren fr Traumbilder zu halten, zwinkerte ffnete schlo die
Augen. Dann ri er sie pltzlich auf, das schulterwallende Haar schaukelte
ber die Backen; stellte sich, die Hand auf den Tisch stemmend, auf die
Beine, erkannte sie, streckte beide Arme nach ihnen, whrend ihm die Knie
zitterten.

Dann nahm er aus ihren Gesichtern sein Verhngnis hin.

Er hielt ihre Finger fest; erst als sie nicht vom Boden aufsahen, ging er
ein paar Schritt rckwrts, hob seinen Degen auf, setzte sich, ihn ber den
Knien, an den Tisch; liebevoll und leise sagte er: Nun ist wohl Zeit,
meine lieben getreuen Herren, da ich mich fr einige Weile aus dem Spiel
zurckziehe. Mein Land hin, mein Kurhut hin, meine Kinder Bettler, meine
Untertanen Papisten.

Mansfeld zischte den langen Braunschweiger an: Gibst du's auf, Christian?
Gehst du zu Max?

Spotte er meiner nicht.

Mansfeld nach einigem Zgern klirrte dicht an den Stuhl des Pfalzgrafen,
rauh sagte er: Kann mich nicht entschlieen, dem gottverdammten Habsburg
Dienste zu tun, Herr Pfalzgraf, verzeiht mir. Mu mich entschlieen, Euch
den Dienst aufzukndigen.

Der Pfalzgraf lchelte todernst: Nur eine Weile. Habt Geduld mit mir. Der
Dachstuhl brennt bei mir, gedenk es bald zu schaffen.

Bis sich der Herr erholt hat, sei er meiner, des Mansfeld, sicher.

Habt Geduld, Mansfeld.

Christian kniete tobend, die Fuste sich vor der Nase schttelnd: Gehrt
Euch jegliches Knchelein meines Leibes, Herr Pfalzgraf. Ist noch nicht
aller Tage Abend. Bin selber krank, bis ich nicht in Papistenblut gebadet
hab.

Sie schtteten sich am Tisch Wein in den Hals. Herr Pfalzgraf, Mut!

Geht jeder von uns seiner Wege, ihr Herren, sthnte Friedrich, die feine
diamantengeschmckte Hand vor den Augen.

Aber whrend der hitzige Bastard auf die Platte donnerte, schluckte der
geschlagene Pfalzgraf hinter seinen verschrnkten Hnden Trnen mit Wein
gemischt. All verloren, all verloren, schrie er in seiner Trunkenheit.

Lie seinen Musterplatz dem Mansfeld. Nach Sedan brach er scheu auf, wo der
Herzog von Bouillon wohnte, sein Oheim und Erzieher, der strenge Calvinist.
Hielt mit der ppigen Elisabeth kleinen drftigen Hof, jagte, schlug Ball.

                   *       *       *       *       *

Zu Lamormain, seinem Beichtvater, sagte der Kaiser: Ich werde gedrngt,
abzudanken.

Erschreckt schlo der Pater den roten Teppichvorhang, der den offenen, nach
dem Garten fhrenden Erker gegen die Schlafkammer abgrenzte, in der sich
zwei Kammerdiener bewegten. Still sprach der Kaiser, mit den Knien an die
Knie des Jesuiten stoend, der dicht an ihn gerckt war: Sie mssen aber
noch Geduld haben, die mich drngen. Ich habe Pflichten gegen mein Haus.
Mein Sohn hat Anspruch auf meine Untersttzung. Ich mu ihn in den Sattel
setzen.

Lamormain, in die Handteller blickend, schttelte den geschorenen eckigen
Kopf: Majestt fhren eine Regierung, die Gott und die Heiligen sichtbar
segnen. Bis in die letzten Tage hinein. Wir mssen gehorsam gegen Gott
sein; er hat seinen Willen ausgesprochen, es darf nicht beim Dank
verbleiben. Sein Segen bindet.

Ich mu den Ferdinand erst in den Sattel setzen, dann mgen die Herren
recht haben. Ich vermag dann nicht lnger hierzusitzen; Pater, glaubt es
mir. Sagt ihnen, sie mchten sich solange gedulden.

Zwischen seine Hnde hatte der Pater die rechte heie Hand des
zusammengesunkenen blicklosen Mannes vor sich schlpfen lassen; bedeckt und
umschlossen von den starken Fleischmassen, zwischen den Knochengittern lag
sie da; der Luxemburger flsterte: Rmische Majestt sind von einer argen
Schwermut befallen. Ich werde niemandem etwas berichten. Aber mit meinem
Beichtkinde um die Gnade unseres Heilands und seiner Mutter beten. Wie gebt
Ihr Euch Euren Gedanken hin.

Bis Ferdinand gesichert ist, mgen sie sich gedulden. Ich verspreche auch
stille zu halten bis dahin. Man mge mich nicht zum uersten treiben. Ich
habe es nicht verdient um sie. Ich will Euch sagen, Pater, was es ist. Ich
habe den Stolz dieser Mnner hier an meinem Hofe und anderswo bis zum
Hchsten getrieben, so da ich nichts mehr bin. Man macht sich Menschen
nicht zu Gehilfen und nicht ergeben, wenn man sie beschenkt, wie ich es
getan habe; man reizt sie gegen sich auf. Manche von ihnen, ich wei es,
haben fter lose wackelige Kpfe gehabt, so waren ihre Taten, nicht nur
ihre Gesinnungen; ich habe manches gesehen; vieles wurde mir hintertragen.
Ich habe geschwiegen, ich habe sie gebraucht. So habe ich sie geehrt, wie
mich niemals etwas geehrt hat. Ich habe mir jeden echten Dank, jeden
Lobspruch und Blicklein erringen mssen, ich habe danach kriechen mssen.
Aber das ist Menschenart. Man hat mir abgewunden, was ich nie hergeben
konnte, ja lat meine Hand, Pater, man hat es getan. Ich brauch meine Hand,
um es vor Euch zu beschwren. Man hat mich hier sitzen lassen in diesem
Erkerchen, wo ich keinem schaden kann, und gibt mir zu essen und zu
trinken; man nimmt mir gar nichts weg, um keinen Argwohn zu erregen, bei
den Leuten drauen, den Stnden, den Edlen, den Brgern und was weiter weg
ist. Man hat mich aus Bequemlichkeit bei Reich und Regierung gelassen und
mcht' es so weiter treiben. Man wird erbost sein, wenn ich gehe. Ich
jammere nicht, mein Migeschick ist es; mir wurde nicht mehr verliehen.
Aber diese Mauer, die jetzt ber meine Schultern fllt, die ich -- meine
Schande spreche ich aus -- selbst habe aufrichten helfen mit meinen Hnden,
das tut zuviel an mir. Sagt, Ehrwrden, den Herren, den Siegern ber
Mansfeld und ber mich, sie mchten etwas an sich halten.

Ich sage nichts, ich sage es nicht, Majestt.

Ehrwrden, Pater, an wen soll ich mich wenden. Ich kann sie nicht selber
bitten. Ihr seid mir vom Heiligen Vater gegeben zu meinem Beistand. Ihr
seid meine Hilfe. Tut mir ein Liebes an.

                   *       *       *       *       *

Durch den Wind und die graue Nsse schwankte die schwere massige Gestalt
des Mannes unter dem viereckigen Hut. Der Regen peitschte die
Pflastersteine vor der orgeldurchtosten Augustinerkapelle glatt, in den
Gchen tat sich ein Morast auf, Rinnsale fluteten aus den Stllen und
Schweinekoben. Der alte Jesuitenpater hob und senkte sich im Nebel, hinkend
mit dem rechten Bein, er tauchte ungebeugt aus den berschttenden
Wassermassen auf, drang wie ein Keil durch das erbitterte Geprassel
vorwrts. Es war schon Abend, die Pltze und Straen leer; aus den
Tanzhusern scholl die erste Lautenmusik, sie zitterte durch die dicke Luft
aus unbestimmter Richtung, suchte wie das Znglein eines blinden Ktzchens
herum. Das Efeugeranke wurde von den berstehenden Balkons abgerissen, hing
aufflatternd, gesunken wie ein verwilderter Bart ber die Straen, in den
sich vorbeisausende Snften verfingen, vor dem Pferde sich aufstellten.

Das steilgieblige Haus des Grafen Strahlendorf. Die Vorhalle abgeplattet,
wie niedergedrckt von dem Wetter. Fackeln, in Eisenringe gestoen,
brannten im Flur. Vor der Wendeltreppe hielten zwei Pikeniere der
Stadtgarde den ungestm eindringenden triefenden Schwarzhut zurck; er
mute finster warten, bis hinter zwei Kerzentrgern der drre hohe
Strahlendorf hustend und augenzwinkernd die Stufen herunterkam und, von dem
herrischen Priester, angerufen, die Soldaten scheltend zur Seite treten
hie. In einer winzigen Treppenkammer ri sich der Pater Mantel und Hut ab,
klatschte sie an den Boden; in dem dicken Schafspelz des Grafen und einer
polnischen Kappe stieg er hinter einem hochschftigen Pikenier den letzten
Treppenabsatz hoch. Sie tauchten auf in einem violetten ganz leeren
Vorsaal, der von der Fackel des Soldaten mit ungeheuren Schatten und trbem
Licht belebt wurde. Grauweich war der Teppich, der den ganzen lnglichen
Saal auslegte -- der Sldner stand hinter dem Pater auf der Schwelle -- und
vor den Fen des kaiserlichen Beichtvaters legte sich furchtbar der
Schatten schwarz hin an den Boden, kletterte an der getnchten
rankenbemalten Gegenwand hoch, wackelte umbrechend von der Decke herunter
mit geschwollenem Kopf. Die Decke kam niedrig herab mit ihren schweren
Balken; die Fensterwand war vllig mit gerafften Leinentchern verhngt. Ab
und zu, wenn das Licht still stand, blinkten goldene Ovale von der Wand,
mit sanften Szenen ausgemalt, Rehe, die aus einem Mondgehlz ugten,
weidende Pferde. Kein Laut in dem windgerttelten Haus; bisweilen eine
schwache entfernte Stimme, Gemurre, das sich steigerte, als ob im andern
Stockwerk Sthle geschoben wrden, viele durcheinander sprchen.

Pltzlich trat hinter zwei Kerzentrgern Strahlendorf aus einer im Dunkel
liegenden Tr. Der Soldat drhnte die Treppe herunter. Verlegen und
langsam, unter Verbeugungen uerte der Graf, es seien einige Herren zu
einer Besprechung bei ihm; es hielte schwer, sie zu verabschieden; ob die
Angelegenheit des ehrwrdigen Gastes sich vielleicht in Krze erledigen
lasse. Lamormain fragte ruhig und den Herrn fixierend nach den Namen der
Herren; er fgte hinzu, ehe der Herr, der sich den Bart strich, zu einer
Antwort gelangt war, es liee sich vielleicht ermglichen, da beide
Besprechungen zusammengelegt wrden, dies wre wenigstens ihm das
Genehmste, und er drfe wohl annehmen, da im Hause des frommen Grafen
Strahlendorf nichts verhandelt wrde, was nicht ein Kind der Gesellschaft
Jesu anhren knnte. Er lchelte verbindlich. Strahlendorf schwieg,
verbeugte sich, schwieg. Dann sagte er entschlossen, nach der Hand seines
Gastes greifend, es sei in der Tat das Bequemste; es sei in der Tat ein
glckliches Zusammentreffen; der Pater mchte bei der Unterhaltung nur
nicht vergessen, was er etwa ihm Besonderes zu offenbaren htte.

Das Zimmer, aus dem das Gerusch klang, lag nur zwei Sle entfernt in
demselben Stock. In dem engen gewlbeartigen Eckraum, unter den weien
Lichtern von vier Paaren hoher Wandkerzen fuhren die Herren auseinander,
die sich mit weitauslangenden Gesten gegenbergestanden hatten, und wichen
gegen die Wand. An sich herunterzeigend bat der Jesuit um Verzeihung; er
sei auch in dem sonderbaren Kleid der Freund der Herren, Lamormain. Auf
einem Tisch am Winkel standen Krge und Weinbecher; Wein war ber den roten
steinernen Boden ausgegossen; die Gesichter der Herren erhitzt; zwei
Offiziere in Elenkoller hielten sich ihre Degen vor die Brust. Questenberg
klobig pausbckig, rittlings auf einem Schemel, trank ruhig weiter nach dem
Eintritt des riesigen Mannes im Schafspelz, hielt ber die Lehne vor sich
gestreckt seinen Becher. Strahlendorf lchelte, die Herren mchten sich in
ihrer Unterhaltung nicht stren lassen, sie wten, wer der Pater Lamormain
wre. Vergeblich ersuchte der Pater, indem er sich still in den Winkel
setzte, fern von den andern, sie mchten seine Gegenwart nicht beachten. Er
fhlte selbst die kriegerische Stimmung, in die er geraten war.

Man schwieg hartnckig. Der hagere Vizekanzler fllte einen glsernen
Jungfernschuh mit rotem Traminer. Schon stand einer der beiden Obersten
auf, rttelte an seinem Schemel, stie einen halblauten Fluch aus. Da
rekelte sich der feiste Questenberg, lftete seinen spanischen Kragen,
fllte sich die Backen mit Wein und fragte schluckend, mit einem stieren
Blick auf den ruhig beobachtenden Pater, wer den ehrwrdigen Gelehrten
geschickt htte. Der Oberst einfallend machte sporenrasselnd Front gegen
den Gast: Der Herr kommt gerade recht und wird uns wenig verdrieen, von
ihm belauscht zu werden. Was wir anbringen, mag gut in seine Ohren gehen.

Was knnte wohl den Herrn Julian zu der Annahme verleiten, da mich jemand
geschickt htte? Und wer sollte das wohl sein?

Questenberg polterte: Geht weg, Oberst. Ehrwrden, es trifft uns
berraschend. Trink er, Oberst, und la ers gut sein.

Der spitzbrtige Offizier, als wenn er in lustiger Kompagnie wre,
intonierte lachend herausfordernd das Spottlied auf den Pflzer Friedrich:
Das Heidelberger Fa gar gro, vor Zeit voll Wein, jetzt bodenlos.

Lamormain nickte herber: Vortreffliches Lied, vortrefflich gesungen.

Der Soldat, dunkelrot im Gesicht, mit schwarzen Blicken, die Stirn
runzelnd: Denkt der Ehrwrdige Herr mich zu foppen?

Bewahre Gott.

Er will mich foppen und wird es bereuen.

Questenberg stampfte mit den Fen, brnstig sich schttelnd: Weiter,
weiter die Herren!

Behaglich seufzte der Priester: Sag auch: weiter, weiter. Aber hilft doch
nicht; mu mir alleine weiter singen: >Er sitzt darauf, sehr schwach und
krank, vom bhmischen Brgertrank; sein Magen nicht mehr dauen kann.<

In den hallenden Lrm schrie der kleinere schmalgesichtige Offizier, der
atemlos gewartet hatte: Nun soll uns der Pater Lamormain verraten, ob er
auch wagen wrde, an einem andern Orte so zu singen und zu stolzieren.

An welchem denn? Im Konvent? Im Profehaus? Auf der Kanzel? Im
Beichtstuhl? Liebwerter Herr Oberst, nein.

Geglaubt. An einem andern Ort. Von dem er herkommt. Vor einem andern
Gesicht.

Lamormain trmte sich ernst hoch: Vor welchem mag der Herr wohl meinen?

Ganz recht! Denkt weiter! Eben vor dem.

Vor --.

Eben vor dem. Nun!

Ihr meint vor dem Gesicht unseres Allergndigsten Herrn.

Nun, Herr Pater, wann habt Ihr ihm zuletzt das Lied von dem Winterknig
gesungen, wie sein Magen nicht mehr dauen kann und Lnder von sich gibt.
Wir allesamt kennen das Gesicht des Kaisers, das er damals geschnitten
hat.

Sie schwiegen im Augenblick. Dies war ein Signal. Finster blickte der
massive Priester auf die Fliesen: Ihr redet eine schlimme Sprache,
Oberst.

Sprecht einmal, grunzte und knurrte in die Stille, die Arme wie zwei
Balken ber den Schemel wiegend, der verbissene unbeirrbare Questenberg,
wohin hat es gefhrt, da wir ber die aufstndischen Bhmen gesiegt
haben. Und wohin hat es gefhrt, da Mansfeld geschlagen ist, der Durlacher
dazu. Jetzt hat der Pfalzgraf den Schwanz eingekniffen und ist davon, unter
die Fittiche seiner Verwandten, er wagt nicht, den Schnabel zum Nest
herauszustecken. Und in Wien, in der Hofburg -- gibt's Trauer! Das reimt
Euch zusammen! Wir wagen nicht zu sprechen von Sieg. Den Schnauzbrtigen
sah lange still der Pater an: Ihr wutet frher etwas anderes. Es war mir
eine leise, gewi freudige berraschung, Euch bei unserem werten Freund
Strahlendorf zu finden. Im Geheimen Rat soll einer geklagt haben ber den
Krieg; er schtzte den habsburgischen Gewinn aus dem Feldzug sehr gering
ein. Viel hher, Eurer Liebden, soll er den Gewinn eines gewissen
verwandten erlauchten Hauses bemessen haben.

Darum sitz ich hier. Wir haben erkannt, da sich Bayern zuviel vom Siege
einsackt. Das ist auch Habsburgs Krieg. Man drngt uns an die Wand. Ihr
wit, Pater, was das kaiserliche Haus bezahlen mu. Darum greif ich lustig
nach dem Sieg als meinen Sieg. Wie viele Gefangene hat der alte Tilly
gemacht, wie viel Kartaunen Singerinnen Feldstcke und Totenorgeln haben
sie eingeheimst in dem einen Sommer! Standarten Fahnen! Und wir wagen
nicht, den Mund aufzumachen --, als wenn es unsere Kanonen sind, die uns
abgenommen wren, als ob wir mit eignen Leibern geblutet htten. Lamormain,
sing Er vom Heidelberger Fa vor der rmischen Majestt! Und erzhl' uns,
welche Aufnahme er gefunden hat.

Der hagere Vizekanzler war neben dem Priester stehengeblieben; er zog ihn
neben sich auf einen Schemel. Lamormain. Wohin soll dies fhren? Die Dinge
laufen noch gut im Geleise. Wir sind in Sorge. Seht, das ist alles.
Ferdinand hat etwas im Sinn, dessen wir nicht gewi sind. Wie hat die
himmlische Mutter die katholische und kaiserliche Sache gesegnet. Wir sind
besorgt.

Graf Strahlendorf vermeint doch nicht, mein Beichtkind mchte unserm
Glauben Abbruch tun?

Tut es der Kaiser nicht mit Plan, tut ers ohne. Aber Ihr seht hier diese
rechtschaffnen und kundigen Mnner in Unruhe. Und mchtet Ihr sagen: ohne
Grund?

Der Pater sann beiseite gegen seinen rechten Arm im struppigen Schafspelz:
Der Kaiser hat dem letzten Unternehmen nicht den geringsten Widerstand
entgegengesetzt. Ihr vermchtet ihm nicht die leiseste Erschwerung der
Angelegenheiten nachzuweisen. Der jngere Oberst krhte: Wir wollen nicht
das Reich gut regiert sehen wider den Willen des erwhlten Kaisers. Der
Bayer hat den Krieg gegen die Bhmen glcklich gefhrt, jetzt hat er den
Hauptanteil an der Zerschmetterung der Freibeuter. Da seht!

Wohl, ihr Herren, trommelte Questenberg mit den Hacken, es bleibt
bestehen, da der Kaiser grollt, sich nicht in die Dinge fgt, und da er
den Englnder Dighby beschenkt hat, der den Frieden zwischen Habsburg und
dem Pflzer vermitteln sollte. Das gefhrdet das Reich.

Lamormain: Soll dies hier ein Gericht sein ber des Rmischen Kaisers
Majestt?

Strahlendorf, der Vizekanzler, schlug die Hnde zusammen. Was seien das fr
bittere Worte. Die beiden Obersten lachten zuckten mit den Achseln, drehten
den Rcken. Questenberg hielt fest: sie htten hier Lamormain wie ein
Zeichen des Himmels, er solle seinen Einflu auf den Kaiser geltend machen.
Um? Um auf ihn zu wirken. Und in welchem Sinne? Nicht ihn zu knebeln,
sondern ihn zu fhren, wie es die Dinge fordern.

Lamormain war ein Bauer, in dem Ardennendorf Dochan bei dem zerstrten La
Moire Mannie aufgewachsen, sein rechter Fu hinkte, weil er sich mit der
Sense beim Mhen in die Knochen geschlagen hatte; als kleiner jesuitischer
Lehrer wre er verkommen, wenn nicht sein Oheim Koch beim Kaiser Rudolf
gewesen wre, ihm einen freien Stiftsplatz in Prag verschafft htte.
Bestimmt legte er hin: Ich bin der Herren getreuer Diener. Es darf nichts
gegen den Kaiser geschehen, nichts gegen ihn geplant werden, nichts an
meine Ohren gelangen. Statt ihn zu fesseln, ist meine Aufgabe, ihn in
Schutz zu nehmen und ihn als sein Gewissensrat in unverzgliche Kenntnis
von jedwedem Anschlag zu setzen.

Die Herren, nach einem klanglosen Auflachen des kleinen Obersten, baten um
Dispens fr Minuten, whrend derer sie das Gemach verlieen.

Dann: Was sich Lamormain versprche, wenn der jngere Bruder des Kaisers,
der Erzherzog Leopold, an der Regierung teilnehme.

Die Herren seien von einer ungeheuren Offenheit.

Es heit den Dingen ins Auge sehen. Es ist notwendig, die andern Mitglieder
des Hauses Habsburg von der drohenden Gefahr zu orientieren. Man mu sich
sichern vor den Ausbrchen einer unberechenbaren persnlichen Politik, die
jetzt nur schweigt.

Es heit klar sehen. Mansfeld und Durlach sind das A, England heit das B,
Dnemark das C und das ganze furchtbare steinerne Abc solle zerbeien ein
schlechtgezimmertes Deutschland, Kurfrsten, die sich entzweien,
Rechtglubige Protestierende Kalvinisten. Wir wollen noch einmal sagen,
der Katholizismus steht auf dem Spiel, wenn wir nicht eingreifen und
vorbeugen. An dem Schicksal des Reichs nimmt ja der geistliche Herr kein
Interesse.

Pltzlich lachte der stehende Priester in kleinen herausfordernden Sten:
Woher aber, edle und gestrenge Herren, seid Ihr meiner so gewi, da Ihr
also deutlich vor mir sprecht?

Questenberg in seinen hohen Reiterstiefeln machte eine Verbeugung vor ihm,
whrend er die Arme ffnete, die Hnde ffnete und eine stumme lchelnde
Demutserklrung ablegte. Der hagere Oberst klopfte sich hei gegen die
lederbeengte Brust; mit verzerrtem gehssigem Ausdruck bog er den
vibrierenden Kopf zurck: Ist uns der geistliche Herr recht gekommen.
Htten uns, wie wir hier saen, auch unserem kaiserlichen allergndigsten
Herrn nicht versagt. Brauchen nicht den Esel beim Schwanz aufzuzumen,
packen, mit jeglichem Verlaub, den Stier bei den Hrnern.

Milde zog der Priester seinen Pelz zusammen: Zu gtig, da mich mein Herr
fr ein so verwegenes Tier hlt. Aber wenn nun der Stier stt.

Questenberg, unter den drohenden Ausrufen und spttischem Achselzucken:
Nur zu! Wird uns ein Vergngen sein. Werdet zwei Stunden zu spt kommen.

Mich schwitzt, sagte Lamormain, blickte zur Tr, in so dichter edler
Bundesgenossenschaft bin ich lange nicht gewesen. Es ist nicht mehr so
windig, edler Graf Strahlendorf. Ich denke, Euch den Pelz zurckzugeben und
nach einem neuen Mantel zu schicken, mit Eurer Gunst.

Er beobachtete lippenbeiend die erhitzten Gesichter: Seht Ihr edlen
Herren, jetzt seid Ihr aufmerksam. Jetzt fragt Ihr, auf welche Seite stellt
sich der lange Lamormain und wird er uns verraten. Ich werde Euch nicht
verraten.

Damit drngte er gegen die Tr. Der kleine Oberst rhrte ihn am Arm: Ist
das alles, Herr?

Verchtlich Lamormain ber die Schulter: Ist das nicht genug? Ist Euch der
Kopf auf der Schulter nicht genug?

                   *       *       *       *       *

Als Lamormain am nchsten Mittag aus der Burg vom Besuch eines
schwerkranken kaiserlichen Leibarztes, des witzigen Menschenkenners und
Menschenfeindes Gabriel Ferrara, kam, trugen ihm in der Teschnergasse und
dann am Hafnersteig verngstigte Novizen seines Ordens, unversehens aus
Husern sich nhernd, zu, da der Platz vor dem Kolleghaus, der
Universitt, von einem ganzen Fhnlein grober Berittener besetzt sei, die
sich ganz ruhig verhielten. Sie htten den Eindruck, als ob auch hier und
da in den Straen verstreut sich Bewaffnete befnden; trgen groe Sorge
seinetwegen, um so mehr, als vor einer halben Stunde, bald nachdem er zu
dem frommen Gabriel Ferrara gegangen sei, eine Anzahl Karossen und Snften
vor dem Profehaus hinter der Universitt erschienen wren; die edlen
Insassen htten nach ihm, dem ehrwrdigen Pater und Beichtvater der
Rmischen Majestt, gefragt, htten im Empfangssaal und den Vorkammern
Platz genommen. Sie htten zuerst die Abwesenheit des Paters nicht glauben
wollen, htten die Gnge und einige Gemcher durchsucht, freilich auch um
Entschuldigung gebeten, weil es sich um dringliche Angelegenheiten handle.
Die Zglinge waren auerordentlich erregt, in Furcht auch um sich.
Beklommen folgten sie dem ruhigen Mann auf den hufklappernden
waffenstarrenden Platz, wo die Reiter auf Anruf ihres degenschwingenden
Kornetts eine Gasse machten, die sich hinter dem Jesuiten schlo.

Lamormain stand lange vor der lwengeschmckten Freitreppe des
Profehauses, bei den Snften und Karossen der Herren, deren bunte
Trabanten und Kutscher sich vor ihm entblten, verneigten. Er hielt beide
Arme fest ber die schwarzverhngte Brust verschlungen, ffnete sie nicht,
kopfgesenkt, als er die Stufen sehr langsam emporstieg, grimmige Blicke
nach der Seite gegen die jungen Schler schickend, die ihm folgen wollten,
verscheucht sich um die steinernen, maulffnenden Lwen hin und her
bewegten. Der untere breite, blankgescheuerte Gang war leer; an jedem
Pfeiler der unabsehbaren Fensterwand hing ein hohes Gemlde vom Wirken und
Tod eines Mrtyrers. Als der Priester sich gebunden vor der stummen,
schmerzlodernden Reihe entlangschob, wurde er von einem knielhmenden
Schwindel in eine Nische gedrckt, gerade vor einen Altar und Glasschrein,
der Knchelchen der heiligen Rosina enthielt. Mit den Zhnen rieb der
Ohnmchtige an der gerieften Silberfassung des Schrnkchens; wie er
schluckte, das knirschende Metall bi, fand er sich, halbseitlich ber dem
Schrein liegend, die Arme schrg herabbaumelnd, in Gefahr, mit dem Gesicht
die obere Glasplatte durchzudrcken. Hinten im Gang stand etwas Groes in
einem Trrahmen, eine wilde dreifarbige Soldatenfeder schaukelte dem nach
vorn ber die Augen. Den Glasschrein umarmte der Priester mit vieler
Zrtlichkeit, kte die Platte, sprach ein lautloses Gebet. Als er den Rest
des Weges zu der besetzten Tr ging, bewegte er sich in der trauten
wonnigen Gesellschaft der Seligen, die von den Wnden her ihn berdrangen.

Das war die Bibliothek; der Offizier zog den Hut, trat zurck. In dem
weigetnchten langen Sulenraum des Saals verloren sich die zehn Herren,
zu denen ihn, nahe einem kleinen Springbrunnen mit Blattpflanzen, ber die
Strohmatte der Offizier fhrte. Unter der geschnrkelten Stuckdecke,
zwischen den Stdtebildern, den Kpfen Amouretten, den vollen
Bcherschrnken, den Tischen mit Globen Bsten Kruzifixen saen gelassen
die Politiker und Soldaten; mit tiefer Verachtung, fremd, sa unter dem
Springbrunnen der Jesuit mit den kurzen weien Haaren, der knolligen Nase
zwischen ihnen, betrachtete sie wie eine Ziegenherde. Als Lamormain statt
einer Klage ruhig eingeladen hatte: Mgen die Herren beginnen, dienerte
der alte galante Harrach, nach rechts und links lchelnd; sie htten
gestern mit Vergngen seine Geneigtheit vernommen, sich ihren
Gedankengngen anzuschlieen, mten aus nicht nher zu errternden Grnden
sogleich in nhere Besprechung mit ihm eintreten. Er knnte aus dem
Formlosen ihrer Gegenwart erkennen, wie dringlich ihnen die Zustimmung des
ehrwrdigen Paters und Beichtvaters der Rmischen Majestt sei. Es seien in
aller Krze schwerwiegende Beschlsse zu fassen, bei denen die Herren
unbedingt gewi seiner Haltung sein mten.

Da konnte Lamormain nicht umhin, lchelnd den Arm zu erheben; eben entstand
drauen ein heftiges Rufen und Pferdetrappeln; offenbar drangen Berittene
in den Hof des Hauses; es lief auf dem Gang, in den oberen Zimmern;
Aufschreie, flsterndes Stimmengewirr vor der Saaltr. Wie glaubt ihr,
soll meine Haltung sein unter diesen Umstnden?

Wir haben geglaubt, Euch den Entschlu erleichtern zu mssen. Es mu Euch,
in dem Falle Ihr nicht beistimmt, eine Genugtuung selbst sein, nur eben
diesen Umstnden die Verantwortung aufzuladen.

Ihr seid doch ein Mensch, sprach ihm bieder Questenberg zu; sie nickten
alle. Wieder lief der Schwindel unter dem fassungslosen Zorn ber
Lamormain; wie er sich bezwang, kam es fast klglich aus seinem weien
Mund: Was soll geschehen? Sie verlangten von ihm einen vorbehaltlosen Eid
ber seine Verschwiegenheit, dann eine ebensolche Versicherung, da er
ihnen nichts in den Weg legen wrde, wenn er es vermchte, da er den
Kaiser beeinflussen wrde zu einer vernderten Haltung gegen die
notwendigen Ereignisse, zu einer Mitregierung des Erzherzogs Leopold.

Wenn dies alles nun nicht meine Meinung, meine berzeugung, mein Wunsch
ist, -- was, glauben meine Herren, wird der Weltenrichter Jesus beim
letzten Gericht, wenn die Posaune ruft, urteilen ber diese Tat: rechts
meine Pflicht und links in der Wage die Umstnde? Diese Pferde, Musketen,
Spiee gegen mich? Ich glaube, drhnte Questenberg, gegen so viele
Soldaten zu erliegen, macht dem tapfersten Krieger keine Unehre. Was
vermeinen die Herren? Wir werden nicht Weltenrichter spielen, aber es ist
so.

Harrach lchelte verbindlich, aufdringlich vertraut in einer Weise gegen
ihn, die den Priester tief reizte: So denke ich, da darber der Lehrer
der Gesellschaft Jesu sich am besten uern wird, auch gegen unsern
Heiland. Wir sind unwrdige schlechte Menschen, werden ihm nicht in sein
Handwerk pfuschen. Wir knnen schlielich nichts, als unsre Bosheit
erkennen mit Schmerz, mit Reue, und knnen nicht aus unsrer Rolle fallen.
Der hagere Oberst, mit dem starren Blick auf den Priester, schlo: Und
letztlich sind wir Christen und getrsten uns, da Jesus sein heiliges Blut
um unserer Snden willen, die er auf sich nahm, vergossen hat.

Lamormain horchte auf das ngstliche Geflster vor dem Saal; seine innere
Ruhe wuchs; er fand sich heiter. Und mitten whrend einiger Stze, die er
sprach, durchzuckte es ihn: diese Herren glaubten, es ginge hier fr ihn
auf Tod und Leben, und stellten ihm nichts entgegen als Soldaten, Pferde.
Hundert gewappnete Reiter suchen mit ihren Lanzen den schwebenden Geist der
Heiligen Kirche zu durchbohren! Wehen ihn mit jeder Bewegung hher!

Er sa ganz still, war traurig wegen der gengstigten Freunde drauen. Mit
welchen faden Gesellen sa er in seiner Bibliothek zusammen. Es mute
leicht sein, mit ihnen zu herrschen. Er neckte sie, ohne da sie es
merkten: er htte keine Kompetenz, msse erst seinen Vorgesetzten, den
General des Ordens in Rom, befragen. Sie wurden wtend, huften leicht
widerlegbare Gegeneinwnde. Dann berieten sie, im Ernst. Schlielich hatten
sie bei sich eine Papierrolle, die sie ihm zum Lesen, Unterschreiben
hinschoben; von innerlichem Gelchter war er erschttert: Auch das noch.
Sie waren Kinder zum Erbarmen.

Als er allein stand, prustete er hinter den abrasselnden Wagen: Wir werden
zusammen regieren. Getmmel von Pferden; der Lrm verhallte.

Auf dem Gange kten ihm die Scholaren, die entsetzten lteren Brder die
Hnde; das Haus von Wehrufen und Protesten erfllt. Lamormain hinkte durch
das Gewimmel. Vor den frommen Bildern an der Fensterwand erinnerte er sich
seines leidenschaftlichen Entschlusses beim Kommen, nicht nachzugeben, der
Heiligen gedenk zu sein. Er machte sich scherzend den Vorwurf, zum Mrtyrer
kein Zeug zu haben.

Er hatte das Dokument nur flchtig gelesen. Darin stand, sie wren
gentigt, den Kaiser gefangenzunehmen, um eine Strung der Politik durch
ihn zu verhindern. Man sehe vorlufig davon ab, wenn der Beichtvater es
bernehme, den Kaiser zum Nachgeben zu zwingen. Es wird garantiert: die
geheiligte Person des Kaisers bleibt unangetastet. Der Kaiser solle sich --
wie sie es nannten -- der politischen Notwendigkeit fgen.

                   *       *       *       *       *

Am dritten Tage trat Eggenberg in die kaiserliche Antikamera, lud den
Kaiser zu einer Sitzung von Hofrat und Geheimen Rat. Ferdinand sagte zu,
erschien nicht. Tags darauf berichtete Eggenberg neben Gleichgltigem, es
seien im Rat lebhafte Stimmen laut geworden, man msse dem allgemeinen
Verlangen Rechnung tragen, das bei den frommen Reichsstnden bestnde, und
der Freude ber den siegreichen Fortschritt des rechten Glaubens, die
zerschmetternden Niederlagen der Reichsfeinde, ffentlichen geziemenden
Ausdruck geben. Auf die Frage Ferdinands, wer diesen Wunsch im Rat
vorgetragen htte, antwortete Eggenberg, es liee sich bei der freudigen
Erregtheit, die nur durch die Abwesenheit des allergndigsten Herrn getrbt
war, nicht sicher sagen, wer zuerst gesprochen htte; das dringende
Verlangen sei allgemein gewesen, mit dem Kaiser in einer Feier sich zu
vereinigen. Ferdinand ging herum, ri an seiner goldenen Halskette, lachte
heiser; er wollte wissen, wer damit angefangen htte. Und dieser klgliche
gequlte Blick aus den schwarz umrahmten Augen jammerte den grauen Hofmann,
erschreckte ihn so, da seine Stimme zerri. Er hielt dafr, man msse
rasch aller Welt, auch der feindlichen, zeigen, welcher Siege man sich
bewut sei; der Pflzer und sein freibeuterischer Anhang sei in alle Winde
geblasen; mge man den fremdlndischen Beschtzern der Friedensbrecher
zeigen, da man halte, was man habe, da man den Mut zu Erfolgen habe, da
man auch wagen werde, weiter zu siegen, wenn einer darauf dringen sollte.

Mit einem gezwungenen Lcheln fragte Ferdinand vorbeispazierend: Sind Eure
Kassen gefllt?

Zur Siegesfeier?

Nein, zu neuen Kriegen.

Zur Zeit stnde alles gut, man knne nicht zu weit denken, es sei
jedenfalls gut, so zu scheinen, als herrsche berflu; auch darum sei die
Feier ntig, um als Drohung zu wirken; es mten von mehreren dem Kaiser
nahestehenden Seiten, jedoch nicht von kaiserlichen Beamten, heftige Reden
an der Tafel und ffentlich gefhrt werden; auf die Fremden sei mit vielem
Pomp zu wirken.

Ich habe nur zu erscheinen und mich zu freuen?

Nicht doch, Majestt. Da die Rmische Majestt sich ihrer Siege freut,
wei alle Welt. Sie mag nun offen zeigen, wie sie sich freut. Wenn ich ein
biblisches Bild nehmen darf, ohne in das Gebiet meines Gnners und
Freundes, des ehrwrdigen Paters Lamormain, zu fuschen, so mchte ich an
den judischen Knig David erinnern, der singend und lauteschlagend, ja
tanzend hinter der Bundeslade einherzog, nachdem er die Feinde geschlagen
hatte.

Wie hie noch die, die aus dem Fenster sah, als er vorberzog?

Die Antikamera des Kaisers war von einem dunklen Licht erfllt, das aus den
beiden bunt verblendeten Fenstern ber den Tisch Ferdinands nur wenig in
den tiefen Raum vordrang und die riesigen Figuren erhellte, die in den
Wandnischen saen, Maria mit ihrem Kinde, den glhenden Heiland, der das
Kreuz in den Hnden vor sich trug; zwischen den Pfeilerpaaren der
Lngsseite ppige Gemlde neben Gemlden auf der Wandflche, deckenhoch,
von goldflgeligen Engelskpfen umgeben; zwei mchtige ebenholzschwarze
Engelleiber lagen ber dem Trrahmen, blickten blind nach oben. Eggenberg
war nicht die beiden Stufen zu dem Sitz Ferdinands hinaufgestiegen;
beklommen stand er auf dem Futeppich, sah den Frsten zu sich
heruntertreten: Was soll es mit dem Weib?

Ich mchte wissen, wer mir zusehen wird bei dem Feste.

Die Heiligen im Himmel werden zusehen, die fr uns gestritten haben.

Beide Hnde Ferdinands lagen zitternd auf Eggenbergs Schultern: Oh, ihr!
Wie seid ihr rasch avanciert zu Heiligen; ich bin euch wohl noch Anbetung
schuldig. Und Ihr, Eggenberg, wenn ich Euch doch noch kenne, von Grtz,
wit Ihr, wo Ihr noch nicht so viel wart, ist Euch nicht bange bei Eurer
Rolle? Sagt von der Leber; es wird das einzige sein, was mich an Euch
erfreut. Hat man Euch dies aufgehalst, und steht Ihr nun hier --, nicht
wahr, es ist jmmerlich, und Ihr merkt es?

Allergndigster Herr, sagte der alte Mann, seine Unterlippe bebte; er
schwieg.

Sprecht weiter, Eggenberg.

Allergndigster Herr -- Eggenberg raffte sich zusammen.

Weiter, mein alter Freund, Brautfhrer meiner Schwester nach Spanien.

Leise der Geheimrat, den Kopf hebend: Es war eine schne Zeit, als ich
nach Spanien zum Knig Philipp ging. Majestt ist jetzt viel allein; wie
gern wollte ich meine alten Glieder len und wieder solchen Gang tun im
Dienste Eurer Majestt. Ja, Majestt.

Warum ist die Majestt so viel allein, Hans Ullrich?

Majestt ziehen sich zurck von uns. Wir werden ein Fest feiern. Es soll
ein Siegesfest sein. Wenn es doch auch zugleich eine Friedensfeier sein
drfte zwischen dem allergndigsten Herrn und uns allen, die verlassen
sind.

Ferdinand stand hinter seinem Schreibsessel, den er mit beiden Armen von
hinten umfat hielt; matt hauchte er, ausdruckslosen fremden Gesichts:
Hrt auf, Herr. Redet nicht so weiter zu mir. Macht mich nicht schwach.

Er hob den Sessel auf, stie ihn kurz auf den Boden, knirschte mit den
Zhnen: ber Euer Fest, Herr, werdet Ihr morgen beschieden werden.

                   *       *       *       *       *

Auf dem Gang zur Kapelle blickte sich fnf Tage vergeblich Ferdinand nach
seinem Beichtvater um. Da standen in zwei Reihen die Hellebardentrger,
breitbeinig, in den erzherzoglichen Pannierfarben Rot und Wei, Blau und
Gelb; die Hellebarden getzt, mit langen sthlernen Spieklingen, die
emporwuchsen aus dem starken Schaft, der halbmondfrmige Beile und Haken
trug; in die Spieklingen eingetragen der kaiserliche Wahlspruch: Legitime
certantibus. Trhter Pagen erffneten den feierlichen Kirchgang,
Kammerherren mit hohen Namen folgten blickesenkend, hinter seinem
Obersthofmeister, dem weien Grafen von Meggau, ging mit lahmen Fen in
einem scharlachroten Kleid Ferdinand, Diamanten an dem Hute, Diamanten am
langen schmalen Degen. Schwingende Bronzeglocken der Schlokapelle. Sie
gingen schweigend von Kammer zu Kammer, durch das lichte, sich immer mehr
verengernde Spalier. Aus allen Gngen und Seitengemchern quollen
goldtressige duftende Herren; blonde und greise; italienische Gesichter und
deutsche breite Schultern, Soldatenmienen, Schreiberblsse, schwarze
Jesuiten, fremde Herren in polnischen Mtzen, siebenbrgische Gesandte. Die
Zimmer hoben sich mit hohen Decken; weier ppiger Stuck war darber
geworfen, in vielen Gemchern lagen die Balken oben grad nebeneinander
dunkel von Beize, in neuen gossen sich Bilder ber die Flchen, vielfarbig,
jh nach Troja entfhrend, in die Liebesabenteuer Jupiters; dann tauchten
Gewlbe, Kreuzgnge auf, und das Scharren der seidenen Jacken, das
Schleifen der Sohlen, das Klingeln der goldenen und silbernen Behnge,
wurde in Hall und Widerhall von den schweren Mauern begrt, murrend
angesprochen.

ber breite Marmortreppen senkten sie sich herunter in eine kurze
Tannenallee; wei und golden am Ende die Kapelle. Gewaltige Glockenschlge.
Missa solemnis. Die erzbeschlagenen Tren.

                   *       *       *       *       *

Triumphierend schlurrte der Kaiser neben der ihn berschattenden Gestalt
Lamormains durch den blhenden Garten seines Schlosses Schnbrunn. Den
rotbefrackten Narren Jonas hatte er fortgejagt in die Brunnenstube. Pfaue
spazierten auf den kiesbestreuten Wegen. Durch die warme, dicke Luft
schwammen Hherschreie; es sangen unsichtbare Vgel auf den sten; mit
langen Melodien sprachen sie sich an, die Melodien endeten fast immer mit
einem rauhen, tonlosen: Ze kirrh, zekrtt rrr--h, bisweilen brachen sie in
der Mitte ab, standen still, wartend; dann kam nach einer immer bestimmten
Pause die leicht modulierte Antwort; schlielich gab es ein Schwirren in
den Blttern, die Vgel flogen fort; an einer andern Stelle fing es an in
der hin und her wandernden Se, die Tne beugend und verschlingend, als
wre ein Drahtarbeiter Netzflechter am Werk, der den Eisenfaden rasch hin
und her zieht, im Nu Krbchen neben Krbchen hinsetzt. Die Koppeln der
franzsischen Hunde schlugen von Zeit zu Zeit in der Nhe an. Die Bume
standen in vollem Grn hinter dem mauerumzogenen Schlo; dick geblht und
breit hockte das Laubwerk auf den mchtigen verwurzelten Stmmen, wiegte
sich oben wie eine geplusterte Henne nach allen Seiten. Unten stand und
ging der kurzatmige Habsburger, wich der grellen Sonne aus, gestikulierte
mit dem goldknopfigen Rohrstckchen.

Sie haben mir die Verantwortung abgenommen. Sie haben, was jetzt kommt,
Kriege mit der ganzen Welt, Niederlagen, Verlust des Vermgens, Vertreibung
von Krone und Land, selbst und allein zu verantworten.

Allergndigster Herr, was htte man tun sollen?

Sie htten mich beseitigen mssen. Was anders wre ihre Pflicht gewesen.
Sie htten mich beseitigen mssen. Sie haben es nicht getan. Die Schuld
haben sie auf sich geladen. Er sprach mit Ha und Inbrunst: Mgen die
Dnen, die Franzosen, Englnder, Schweden das Reich, die Erbknigreiche von
Grund aus verwsten. Herzhaft, herzhaft. Das Reich auflsen und hinlegen.
Mag es auf sie fallen, die geduldet haben, da Maximilian den Pflzer von
der Scholle vertrieb, da er jetzt die Kur an sich nimmt. Sie lassen es zu,
sie billigen es, sie fallen ihm nicht in die Zgel. Mag das Unglck ihr
Begleiter sein! Mgen die Lnder zerfallen, die Grenzen berschwemmt und
zerfressen werden, die Stdte leer, gebrandschatzt, die Klster verbrannt,
Bauern in Aufruhr -- nichts als die Haut ber den Knochen, Seuchen im Blut.
Das soll ihr Lohn sein, da sie Maximilian haben gewhren lassen und mich
nicht beseitigt haben.

Lamormain besah sein schumendes Beichtkind mit Klte: Hrt Ihr die
Vglein? Sprechen sie miteinander? Und wenn das armselige Getier seine
Zunge und Kehle gebraucht, warum habt Ihr es, allergndigster Herr, nicht
getan? Ihr httet hingehen sollen zu ihm.

Ferdinand hrte nicht zu: Sie, haha, sie alle, die Sulen meines Hauses,
meine Brder, meine Kinder, meine Generle, meine Rte, sie haben nicht
gesehen, wohin es ging, haben mich wsten lassen wie einen Alb in der
Nacht. Und als sie es gesehen hatten -- haben sie mich nicht beseitigt!
Nicht! Nicht! Den Kurhut lassen sie ihn sich aussetzen! Pat auf,
Lamormain, pat auf. Habt Ihr Spa daran!

Ihr httet hingehen sollen zu ihm.

Zu ihm? Zu wem?

Zu Maximilian in Bayern.

Was htte ich bei Max sollen?

Ihr httet zu ihm hingehen sollen bis in seine Residenz. Und nicht warten.
Und wenn sein Barbier morgens bei ihm stnde, httet Ihr zu ihm eindringen
mssen.

Und was htte ich drin zu tun gehabt?

Ich frag' Euch.

Ich?

Ihr wit es. Nicht den Blick herunter, allergndigster Herr. Bin ich Euer
Beichtiger? Seht in meine Augen.

Ich htt' es nicht gekonnt. Ihn niederwerfen! Ich htt' es nicht getan.

Und dennoch wie Ihr sagtet: >Das Unglck soll ihr Begleiter sein, die
Klster verbrannt, ber den Knochen nichts als die Haut.<

Pater, ich bin ein Mensch. Was wollt Ihr von mir?

Gebt mir Antwort: Warum gingt Ihr nicht zu ihm? Spter, nachdem Euch die
Niederlage vor ihm gereut hat?

Ihr wollt mir meine Ruhe nehmen.

Ich will Euch die Brde abnehmen, allergndigster Herr, da Ihr mein
Beichtkind seid. Sprecht. Ist Euch nicht wohl?

Ferdinand, ganz in weier Seide, hatte seinen Hut abgerissen, in raschem
Tempo ging er dem hinkenden Pater voraus, der schwer schnaufte und sich den
Halskragen hinter ihm ffnete. Rechts seitlich traten die Bume
auseinander, im Hintergrund eines schattigen Platzes wurde ein niedriges
kreuztragendes Bauwerk sichtbar, von Galerien umgeben, das Tor hoch und
bildergeschmckt: eine Kapelle der heiligen Magdalene. Ferdinand, blulich
weien Gesichts, stob in die Mitte des Platzes, aber der Pater folgte; er
sttzte sich auf seinen Krckstock, hielt den fliehenden Mann im Auge,
folgte.

Kommt Ihr mit, Pater? schrie der Weiseidene nach rckwrts. Vor ihm
sprang das Tor auf. Da war Khle und ein weiter stiller Raum. Von
traulichen warmen Farben die Luft durchblht, die runden Fenster prangten
mit holden Bildern; seitlich und hinter dem Altar spielten Lichtstrahlen um
die Bildsulen, die Sockel mit heiligen knienden betenden erbarmenden
Frauen, tnten sie blau violett purpurrot. Magdalene, die Berin, ber den
grnen Rasen geschmolzen, in ihrer Mitte, die goldene Aureole ber dem
Haar. Das Tor knarrte hinter ihnen; Ferdinand stand gehetzt, heftig
schnaufend, mit dem Rcken gegen die Tr an einem der Pfeiler, die zu viert
an jeder Seite durch den Raum liefen.

Der Stock des Priesters stie auf den gestampften Mrtelboden: Ich war
nicht so rasch auf den Fen, wie Ihr, allergndigster Herr.

Mir ist gewi wohl.

Ich konnte die letzten Tage nicht zu Euch kommen, ich wollte, da die
Besinnung in Euch erwache. Ich bin Priester, Majestt, mit einem groen Amt
gegen Euch vertraut. Ich la Euch nicht aus, was Ihr auch unternehmt. Ihr
wit, da Himmel und Erde versperrt sind, und da es keine Rettung und
Flucht gibt, es sei denn in die Hlle.

Dies alles versteh' ich nicht, lieber Pater Lamormain, mein lieber
Freund.

Ja, das bin ich. Es ist gut, da Ihr es fhlt. Ich mu mehr Mut haben, als
Ihr gegen Euern Schwager Max in Bayern. Ich mu, wie Ihr Euch auch spannt,
mich einzig vor Gott verdient machen um Euch.

Mein Heiland, wer seid Ihr? Was wollt Ihr?

Ich bin der gottesfrchtigen Gesellschaft Jesu Pater; Euer Fhrer an den
Thron Gottes.

Ihr seid nicht der Satan. Mich schauerts.

Weicht mir nicht aus. Wit Ihr, was Ihr seid? Allergndigster Herr: Ihr
seid feige, sndhaft, hochmtig, grausam.

Der Priester flsterte eindringlich, seine burischen Zge waren
unverndert ruhig, er hielt den Blick gegen den Boden; seine Faust ruhte
schwer auf dem Stock. Der andere wlbte an der Sule mde und ergeben den
Rcken, er lie die Arme abwrts fallen: Ihr seid nicht der Satan. So will
ich hingehen zu Maximilian; ich bin der Kaiser, er hat mir nichts
abzuzwingen mit Gewalt und Drohung, ich will es ihm sagen, ich will gerecht
sein gegen den Pflzer wie es einem Kaiser gebhrt; jetzt soll es
geschehen.

Ihr werdet nicht hingehen.

Der Kaiser drehte den schweitropfenden Kopf gegen den Priester; von den
Schlfen lief der Schwei ber die Ohren, rann auf die Schultern, wo die
Seide dunkel wurde; die blanke Nase schien gedunsen, die Augen waren schwer
beweglich, stumpf, als wenn sie nicht rollen knnten auf ihrer Rundung, der
weiche Schlemmermund stand offen; hilflos, ohne Ton kam es hervor: Was
soll ich tun?

Kommt. Ein paar Schritt, kommt.

Lamormain hinkte zurck gegen die Tr. In einer Nische stand ein hlzerner
Aufbau, mit schwerem schwarzen Tuch behngt, ein Beichtstuhl. Der Priester
ffnete; als der andere vor der Tr zgerte, zog er ihn an der Hand herein;
der Vorhang bedeckte sie. Lamormain hauchte: Allergndigster Herr,
beichtet.

Als aber der Kaiser hinkniete in der vllig verfinsterten Enge, flsterte
Lamormain ber ihm: Bleibt knien. Bleibt. Macht Euch fertig. Nun will ich
Euch tten. Steht nicht auf. Es mu sein. Ihr habt es selbst gesagt und
empfunden: man mu Euch beseitigen.

Der Kaiser suchte sich sthnend und klagend zu erheben. Lamormain rhrte
ihn nicht an, auf seine Worte sank der andre immer wieder hin: Euer
ltester Sohn wird wissen, warum Ihr gestorben seid. Ihr seid reif. Ihr
seid ohnmchtig, von Ha geschwollen. Ihr wit es selbst. Ihr wit keinen
Ausweg und ich wei keinen. Wollet mit mir beten, damit Ihr nicht verloren
seid.

Der andre stammelte durcheinander entsetzt: Ja. Ich mu beten. Ich bin
bereit. Wer seid Ihr? Lamormain, wer seid Ihr? Hilfe.

Es ist Hilfe. Fangt an zu beten.

Hilfe. Wie soll ich beten?

So ffnet Eure Brust. Macht Euern Hals frei.

Er tastete nach dem Kragen des Kaisers.

Lat; befleckt Euch nicht an mir. Ich tu es selbst.

Er winselte: Es ist das Beste; ich wei es, ich mu Euch dankbar sein.
Mein Heiland.

Er hatte sich die Jacke aufgerissen. Die Brust halb offen umklammerte er
die Knie des Paters: Wer seid Ihr?

Lamormain streifte ihn von sich ab, er richtete sich gleichgltig auf:
Lat sein, allergndigster Herr. Steht auf. Ja, gewi, steht auf.

Verzweifelt drckte der Kaiser seine Hand an den Mund: Was ist, Lamormain?
Was habt Ihr mit mir vor?

Sollte es sein, da Ihr noch den Wunsch habt, zu leben?

Weh mir.

                   *       *       *       *       *

Durch die nrdlichen Tore Wiens rollten die Wagen mit den Gefangenen, in
kleinen Trupps liefen sie gebunden hinter Reitern. Dann Lafetten Kartaunen
Feldstcke von vielen hundert Gulen geschleppt. Abordnungen trafen ein von
den Regimentern, die sich bei Hchst Wimpfen Lorbeeren erworben hatten.

Die Logis der groen Stadt waren gestopft mit Offizieren Sldnern Beamten
Gesindel Trobuben Dirnen. Vier Tage dauerte die Siegesfeier, deren
drhnende Reden Europa erschreckten. Neben dem regierenden Habsburger sa
auf der Schrannenstiege unter dem roten Baldachin sein hitziger Bruder,
Leopold, der aus Innsbruck hergereist war und Wien nicht mehr verlie,
Leopold, der von einer abenteuerlichen kriegerischen Korona umgeben war und
mit seinen gewagten politischen Kombinationen alle Hfe und Gesandten
mitrauisch machte. Dem prangenden Vorbeizug der Gefangenen Kanonen Wagen
Fahnen und Standarten wohnten auf dem Hohen Markte in ihrer Karosse auch
die beiden dnischen Geschftstrger bei, die Herren Heinrich Rantzau auf
Schmoll und Julius Adolf von Witersheim, die einen drohenden Ton
angeschlagen hatten; sie empfingen auf den mtern freundliche Worte. Was
sie auf dem Hohen Markt sahen, war andres Register; sie hatten es eilig,
abzureisen.

Es war inzwischen bekanntgeworden, da sich wichtige Ereignisse am
Kaiserhof vorbereiteten, bei denen sie nicht stren wollten. Bestimmter
verlautete, der Rmische Kaiser wollte freien. Bediente der Huser
Eggenberg und Trautmannsdorf berichteten von aufflligen
Reisevorbereitungen ihrer Herren, von Kurieren, die zwischen Wien und einer
oberitalienischen Stadt liefen.

In der halbfertigen Kaisergruft des Kapuzinerklosters, fr deren Kapelle
die Gemahlin des toten Kaisers Matthias ihr Silbergeschirr und ihre Gemlde
hingegeben hatte, in dem langen dsteren Gewlbe hinter dem Neuen Markt
diktierte noch whrend der Siegesfeierlichkeiten Ferdinand sein Testament.
Der feine Abt von Kremsmnster war fr die Mittagsstunde in die
Gruftkapelle bestellt mit seinem Geheimschreiber. Unmittelbar vom
Quintanrennen in klirrender schwarzer Turniertracht, die Sturmhaube in der
Hand, stieg Ferdinand mit seinem Gespenst, dem Grafen Paar, den er an sich
gelockt hatte, ber Balken und Steine zu dem Abt her. Die Baugrube war
nicht geschlossen; von oben seitlich fiel ein scharfes Bndel Licht
herunter; ber das Tischchen gebeugt, ohne sich zu setzen, diktierte
Ferdinand: Wenn es der gttlichen Majestt gefllig sein wird, uns aus
diesem irdischen Jammertal durch den zeitlichen Tod abzufordern, so
befehlen wir unsre edle Seele im alten katholischen Glauben, in starker
Hoffnung auf unsern einigen Seligmacher Jesu und sein heilig unschuldiges
Leiden und Sterben. Und wir rufen in ganz inbrnstigen Bitten ihn an, er
wolle durch das unaussprechliche Werk seiner gnadenreichen Erlsung uns
unsre Snden, unsre bertretungen gndiglich verzeihen; auch durch Frbitte
seiner allerheiligsten, glorwrdigsten Mutter, der allerreinsten Jungfrau
Maria, des heiligen Evangelisten Johannes, des heiligen Augustin, Antonius
von Padua, der heiligen Maria Magdalena, Ccilie, Katharina und des seligen
Ignaz, des Stifters der Jesugesellschaft. Er wolle unsre arme Seele mit
seinen gttlichen Gnaden in die himmlische Freude aufnehmen. Er traf die
Bestimmung, da seine Eingeweide am Sterbeort bestattet wrden, sein
Leichnam in der von ihm erbauten Kapelle der heiligen Jungfrau und Martyrin
Katharina zu Grtz, das Herz zu den Klarisserinnen.

Nicht lange darauf, noch vor Beginn des Winters, erlebte die Hauptstadt die
grten Festlichkeiten seit Menschengedenken in ihren Mauern: die
Vermhlung des kaiserlichen Witwers mit der jungen wunderschnen Prinzessin
Eleonore von Mantua. Entschlossen hatten Rte und Lamormain darauf
gedrungen; der Kaiser, erst auer sich, dann in der Furcht, ganz verdrngt
zu werden, widerstrebte nicht. Mit vieler Sanftheit und Ehrerbietung,
schmerzvoll und demtig bat der alte Eggenberg, seines Frsten Freiwerber
zu sein. Auf einer Pilgerfahrt nach Loretto, angesichts der wunderbergenden
morschen Htte, die Engel von Bethlehem nach Oberitalien getragen hatten
aus dem Trkenlande in die beglckte Christenlandschaft, begegnete
Eggenberg zuerst der eleganten und zarten Eleonore, brachte ihrem Vater und
ihr die Wnsche des Imperators des Heiligen Rmischen Reiches vor. Der
Herzog von Mantua sprach seiner Tochter kaum zu; da sie wute, da er es
wollte, verneigte sie sich tief, legte ergeben ihre Hnde in die offene
Hand des feinen alten Hflings, der so liebevoll von seinem mchtigen, in
der nordischen Barbarei hausenden Herrn redete; ihm verlobte sie sich in
Vertretung an; der Bischof von Mantua, der sie getauft hatte, sprach den
Segen beim Ringwechsel. An diesem Tage hatte in Wien der Kaiser die
Erhebung seines Freiwerbers zum Herzog von Krummau verfgt. In der
Hofkirche zu Innsbruck begegneten sie sich, von Priestern einander
zugefhrt; sie sahen sich vor dem Altar zum erstenmal. Die Prinzessin
blickte weg, erschttert von dem gramzerrissenen, halb hilfeflehenden, halb
stumpfen Gesicht, das ber den ungeheuren Prunkmnteln, ber den
millionenwerten Halsketten Agraffen Spitzen Bordren und Ringen sich
bewegte; das verquollene ltliche graubrtige Wesen, versteckt in der
Schale, mitrauisch und leidend. Sie wute nicht, wie sie erschrak und zu
der goldenen klingelnden Monstranz blickte, -- den Baum des Lebens
darstellend, der sich hoch mit Blattwerk wand, in dessen Laub wunderbar
verborgen Maria sa und singenden Engeln zuhrte, -- da auch der andere
sie frchtete und sich in leisem Ha zusammenzog. Reich war sie gekleidet,
ein hochrotes Kostm trug sie, die Perlenkrone auf dem braunen sprden Haar
hatte nicht mehr Farbe als ihr kleines sicher geschnittenes Gesicht mit den
dunklen dicken Augenbrauen und dem unentwickelten Mund, der pltzlich
trocken wurde. Ihr Oberkleid und Unterkleid trug goldene Ornamente; in den
linken Unterrmel war das Wappen von sterreich eingewebt, die Schleife an
ihrer Hfte zeigte den Namenszug Ferdinands. Auf aller Pracht sa ihr
eigener, alter, weier Spitzenkragen und sprach schmachtend dem kalten Hals
und dem bermtigen Kinn zu. Ein langer Zug alter Mnner, Brger, Edle und
Geistliche trat am Nachmittag vor die Angetrauten in den vom Erzherzog
Leopold verschwenderisch geschmckten Rittersaal des Schlosses; sie
brachten achtzigtausend Gulden als Geschenk der Landschaft. Salzburg und
das heimatliche Grtz wurde berhrt. Als man sich Wien nherte, war das
Gefolge so gro, da die Brgerschaft der Stadt einen Teil ihrer Quartiere
rumen und Baracken beziehen mute. Vier Kompagnien schwerer Reiter zogen
dem Kaiserpaar entgegen. Noch war das Stubentor zu bewltigen, wo Herr
Daniel Moser, der Brgermeister der Stadt, wartete auf einem Schimmel mit
den Schlsseln Wiens, hinter ihm der Stadtrichter Paul Wiedemann, sein
Beisitzer; mit silbernen Stben auf ihren Pferden die Stadtrte, die
Scharen der Stadtschreiber Stadtkmmerer Unterkmmerer Spittelmeister
Brckenmeister Mauthener Kirchenmeister Steuermeister Viertelmeister,
verstaubt und hochglhend von dem heien Sturm. Unter dem Baldachin, den
sechs Stadtrte trugen, bei wogendem Glockenjubel schob man sich, von
Scharen windlichttragender Knaben gefhrt, an das Sankt Stefanstor, wo
Botschafter und Universitt sprachen; Tedeum im Dom, Segensspruch Verospis,
des Nuntius.

Und in den Gngen, durch die Sle und Hfe der stolzen Burg bewegte sich
bald neben einem verschwiegenen verschlafenen Kaiser eine verwirrte
fremdblickende Kaiserin.

Auf das prchtigste wirtschaftete Erzherzog Leopold; mit Theater Maskeraden
Banketten Karussells vergngte er den Hof; Kaiser und Kaiserin waren
dankbar. Eggenberg und Lamormain beglckwnschten ihn zu seinen Erfolgen;
frisch, wie er war, lie er sich von ihnen in Reiten, Schmausen, Jagen, in
die schwebenden Angelegenheiten einweihen.

Der Kaiser wurde nach einigen Wochen von einer unvermuteten Neugier nach
seiner Gemahlin, der jungen fremdartigen Frstin, die fromm und reserviert
unter ihren Damen ging, ergriffen. Als die Obersthofmeisterin der Kaiserin,
Grfin Portia, Leopold davon berichtete, drngte er den Kaiser zu einem
Aufenthalt in Schnbrunn. In Schnbrunn schlug die Neugier des Kaisers in
heftiges besinnungsloses Entzcken um, das Eleonore mit Verwunderung und
Unruhe entgegennahm. Unter Lamormains Mitwirkung wurde ihr ein Beichtvater
bestimmt.

                   *       *       *       *       *

Von dem schwerkranken Papst Gregor dem Fnfzehnten empfing Verospi, der
Nuntius, ein nachdenklicher wissenschaftlicher Mann, ein Breve, worin der
rmische Kaiser ermahnt wurde, mit der bertragung der siebenten Kurwrde
an den Herzog in Bayern nunmehr nicht lnger zu zgern. Er hatte nicht viel
Glck bei den Rten, machte sie nervs mit seinen Errterungen, seinem
langweiligen wortlosen Herumstehen; Verospi verga bei Gesprchspausen
gern, wo er war, erinnerte sich theologischer Probleme; aus seinem
Nachsinnen aufgestrt fing er von vorn an.

Hyacinth von Casale, ein Kapuziner, erschien nach ihm; er setzte nur durch,
da der Abt Anton ihm Empfehlungen nach Madrid mitgab; der Kaiser knnte
nicht, sagte Anton, ohne Zustimmung Spaniens handeln. So wanderte der
Kapuziner nach Madrid, whrend Ognate, der elastische leidenschaftliche
Gesandte Philipps in Wien, erregt auf allen mtern gegen die ppstlichen
und bayrischen Absichten kmpfte, schreiend: dahinter stecke die Absicht,
das Haus Habsburg zu schwchen, wenn man den listigen, kriegerischen Fhrer
der Liga in das Kurfrstenkolleg einfhre. Htte man vergessen, wie sich
Maximilian frher gestrubt habe, einem Habsburger Einflu auf die Liga zu
geben, ja nur gleichberechtigt ins Direktorium aufzunehmen, aus keinem
anderen Grunde, als weil die Liga das Kampfinstrument Maximilians gegen den
Kaiser sei. Htte man das vergessen? Der Wittelsbacher sei schlau,
verschlagen, khn, und ehrgeizig; da er nicht htte Kaiser sein knnen,
suche er der Kaisermacht Abtrag zu tun, risse die deutschen Frsten an sich
unter dem Vorwand des gemeinsamen Schutzes gegen uere Feinde, wte nur
einen Feind, in Wien. Eins, zwei, drei, so ist es klar. Und jetzt werde er
versuchen, die Kurfrsten an sich zu ziehen! Ognate war ein hitziger
ehrlicher Anhnger seines Knigs, verstand nichts als Spanien; die Rte
lchelten und ehrten ihn.

Denn der Abt Anton wie Trautmannsdorf hatten mit ihrem Zgern nur vor, den
bayrischen Herzog zu erproben; sie wollten sehen, wie weit er gehen wrde,
ihm in jedem Fall nachgeben. Sie wollten ihn die Gre des Geschenks fhlen
lassen.

Als eines Tages hintereinander der trottelige Verospi und der biedere
massive bayrische Rat Leuker beim Abt Anton vorgesprochen hatten --, der
kleine Trautmannsdorf sa stumm, als ginge es ihn nichts an, auf breitem
teppichgetragenen Sessel neben ihm in der dunklen Bibliothek, blies sich
ber den Handrcken --, seufzte Anton tief auf. Trautmannsdorf nahm von
nichts Notiz. Der Abt hob sein Kppchen ab, wischte sich die Tonsur, bat:
Herr Trautmannsdorf.

Der sah auf.

Denkt Euch, es ist noch ein Schreiben von der spanischen Majestt
eingelaufen.

Ja, Ehrwrden.

Mein Freund, der Kapuziner Hyacinth von Casale, dieser gelehrte, sehr
gelehrte wrdige Mann, hat mir auf fnf Folioseiten seinen Standpunkt in
dieser Sache entwickelt.

Ich verstehe, Ehrwrden.

Ich glaub nicht, Herr Trautmannsdorf. Dann hat erneut ein gewisser
Pfalzgraf von Neuburg -- Ihr erinnert Euch der Skandalaffaire -- seinen
Kammerdiener mit Grnden, schriftlich niedergelegten, mndlich zu
diskutierenden Grnden in mein Haus geschickt. Wie es dann noch mit Herrn
Ognate, diesem trefflichen Mann des spanischen Knigs, in dieser Sache
enden wird, lt sich nicht absehen; ich habe Vorkehrungen getroffen, da
er mich nicht allein spricht und da mich rechtzeitig zwei oder drei
Musketiere schtzen knnen gegen ihn.

Ich verstehe, Ehrwrden. Ist nicht bequem, die pflzische Angelegenheit zu
bearbeiten.

Abt Anton seufzte: Wit, Herr, ich gebe nach. Gewi. Ich gebe nach. Einmal
mu es geschehen. Wozu das Struben!

Da lachte Trautmannsdorf heftig: Tut es, Ehrwrden. Es fiel mir schon
vorhin ein. Der Kammerdiener des Pfalzgrafen von Neuburg soll nicht
unverrichteter Dinge heimkehren; sagt zu.

Von ihm ist nicht die Rede. Er hat Grnde, ich kann sie Euch im Moment
nicht entwickeln; es sind jedenfalls so viele, da sie ein besonderes Fach
in meinem Schranke fllen.

Nun? lachte spitzbbisch der kleine Herr, als er sah, da der Abt
behaglicher wurde.

Wahrhaft, ein volles groes Fach; Ihr knnt es besehen, bevor Ihr geht;
ich zeig es jedem unserer Freunde, die mich besuchen und in diesen
Angelegenheiten befat sind. Staunen alle; sind alle erschlagen von der
Flle dieser Argumente.

So gebt ihm Recht und Ihr habt Ruhe. Lat das Gericht beschlieen.

Was seid Ihr fr ein loser Vogel, mein Trautmannsdorf.

So habt Ihr die Sache vom Hals.

Wo bleiben wir, wenn wir jedem wie ein Salomo Recht geben wollten. Sie
disputierten mir den Stuhl unter den Beinen weg, auf dem ich sitze; von
Grnden wrde mir die Kappe weggeblasen werden. Recht, Recht ist nur eine
Begleiterscheinung.

Trautmannsdorf rieb sich vergngt die Hnde: Wenn es so ist, so wrde ich
in der Lage von Ehrwrden gar nicht, aber gar nicht nach Grnden fragen und
mein Gehirn strapazieren lassen, meine Schrnke vollstopfen lassen. Tut,
was Euch beliebt, bleibt auf Eurem Stuhl, nehmt fr die Kur den Bayern, den
Pfalzgrafen --, nehmt meinetwegen mich.

Nicht doch, quietschte Anton, ich wrde Euch gewi gern nehmen, Ihr
verdientet den Kurhut, Trautmannsdorf, Euch wrde ich ihn am liebsten
geben. Aber seht, es mu alles ein gewisses Ansehen haben, daher kann ich
von Grnden nicht ablassen, so gern ich es wollte. Das Wichtigste bleibt
immerhin: das Recht mu erkmpft werden. Wird es das nicht --

So ist es kein Recht.

Der Abt lachte heftig, fing wieder an, aus einem Blumenkorb, der auf einer
riesigen Truhe stand, Rose nach Rose zu entblttern, an den Blttern zu
saugen, sie zu zerkauen und auszuspucken: Nein, keineswegs, durchaus
nicht. Wir wollen niemandem Gewalt antun. Es bleibt Recht. Nur: es geht uns
nichts an. Sagt selbst Trautmannsdorf, wen geht denn jedes Recht in der
Welt an. Und wenn ich denke, wieviel Unrecht in der Welt geschieht. Die
Unsumme Bses: ja, es ist so viel Bses von Haus aus in der Welt, da der
Heiland erscheinen mute, um alles auf sich zu nehmen. Es ist die grte
Tat, wir wissen es, die in der Welt geschehen ist. Was soll da ein
kaiserliches Hofgericht, und selbst wenn es auf der Doktoren- und
Adligenbank Mnner hat wie Euch? Von mir zu schweigen.

Der Abt sa auf seiner Truhe, hielt den Korb auf dem Scho und schaukelte
sich wie ein kleines Mdchen. Trautmannsdorf beobachtete ihn von unten,
blies sich ber den Handrcken: Im Grunde ist es das Richtigste, man
schickt die Leute, die Recht suchen, die glauben, da ihnen ihr Recht nicht
geschieht, beten.

Freilich.

Dazu ist der Heiland erschienen.

Sie lachten eine Weile zusammen, whrend der Abt kauend mit dem Finger zu
seinem Gast herberdrohte, der aber nicht aufsah.

Und was bleibt fr das Hofgericht, Ehrwrden?

Zhlt es Euch selbst ab.

Demnach nur die, die nicht --

Freilich, freilich, die Bayern.

Ich meine die Gottlosen, Ehrwrden.

Aber Trautmannsdorf, er war heruntergerutscht und umschlang die Schultern
des Kleinen von rckwrts, was fhrt Ihr fr lsterliche Redensarten. Eure
Gedanken sind jetzt nicht klar, Ihr entbehrt gnzlich der Logik. Man wird
doch nicht Gegenstze machen, wo man gruppieren kann. Maximilian ist fromm,
-- aber schwerhrig. Ihr habt die Schwerhrigkeit nicht in Eure Rechnung
eingestellt. Steht ein Stier da und hat zwei Hrner, senkt den Kopf und
will mich spieen, so hilft mir keine Umrede, keine Ermahnung, Verwarnung
Belehrung; der Stier hrt nicht; ich bin nicht heilig genug, wie Franziskus
von Assisi, um mich mit dem Tier zu verstndigen. Ich werde also dem Stier
recht geben; ich werde ihm aus dem Wege gehen. Und dem Bayernherzog werden
wir die Tr zum Kurfrstenkolleg ffnen.

Tut es, tut es, bald.

Wir mssen, Trautmannsdorf, wir mssen. Ich kann mich mit dem gehrnten
Stier nicht unterhalten. Er hrt nicht.

                   *       *       *       *       *

In feierlichster Weise, in Gegenwart der gesamten Doktoren- und Edlenbank
des Hofgerichts, des Reichshofrats, der Hofkammer, erffnete, beauftragt
von der kaiserlichen Majestt, im langgestreckten Sitzungssaal der Abt
Anton von Kremsmnster dem vorgeladenen Vertreter des bayrischen Herzogs,
dem still stehenden Kolo Jesaias Leuker, er der grazise gtige Mann, der
whrend er las nach rechts und links die an der Wand sitzenden Herren mit
sonderbaren abwesenden Blicken grte, mit der linken Hand an den violetten
Grtelfranzen spielend, da sich die Hofkammer allein und an sich nicht
kompetent erachte, auch die kaiserliche Person allein und an sich nicht
vermge, den geringsten Bescheid, ja auch nur Auskunft in Sachen der dem
Pflzer aberkannten Kur zu erteilen. Vielmehr bleibe alles dies in der
Schwebe nach den beschworenen Grundstzen des heiligen Rmischen Reiches,
und nur die harmonische Zusammenwirkung von kaiserlicher Person mit dem
gebietenden ehrsamen Kurkollegium sei befugt und erachte sich
bevollmchtigt ernannt und berufen, die Frage des pflzischen
Vermchtnisses, schwerwiegender Gewalt, von sich aus zu beantworten und
gltig zu lsen. Es sei daher zu beschreiten als einzig vorgesehener und
allseitig innezuhaltender Weg und Strae die Einberufung einer Deputation
auf einen festzusetzenden Tag, zu welchem Ladung erfolgen werde durch des
Reiches Erzkanzler, des Kurfrsten Erzbischofs Durchlaucht von Kln,
Ferdinand, an beschlieende hohe Instanzen und an alle sonst, die es
angeht.

Nach welcher festlichen Bekundung und formellem Akt sich der das Prsidium
fhrende Abt nebst Sekretr und Protokollant entfernte, die brigen Herren
sich in strmischem Erstaunen untereinander mischten. Vornehmlich der
vllig vor den Kopf gestoene Bayer vermochte sich nicht zu beruhigen. Denn
diese serise Entladung des hohen Hofkammergerichts erfolgte auf ein
Angehen, das gar nicht bestand. Gar nicht war ja offiziell Herr Abt Anton,
dieser liebenswrdige Pfiffikus, um Entscheidung oder nur Auskunft in
Sachen Kurpfalz gebeten worden; nach allen Seiten hin beteuerte Leuker,
bald seinen Gnadenpfennig maltrtierend, bald seinen Degen, der gegen sein
krankes Bein schlug, wegschleudernd, da er gnzlich ahnungslos sei, da
vielleicht eine unmagebliche, vielleicht mignstige Person ber seinen
Kopf weg vorgegangen sei und diese Peinlichkeit heraufbeschworen habe.
Peinlichkeit, Peinlichkeit rief er jedem zu, der in seinen Gesprchskreis
trat; man mge nicht schlecht und in falscher Richtung argumentieren, ja
was ist das, was ist das? und zeigte sich so konsterniert, wie er wirklich
war. Er wute auch nicht, wohin mit sich in diesem Augenblick; einen Moment
raste er im Raum herum, redete den an, beschwor jenen, es werde doch nichts
Eigenmchtiges von Bayern in dieser Sache geplant, es liege alles in der
Wage der Gerechtigkeit, des ehrsamen Kurkollegiums und so weiter; im
nchsten Moment drngte er nach der Tr, um Hals ber Kopf Kuriere nach
Mnchen zu schicken von dieser nicht auszudenkenden Blostellung, oder ber
den kleinen Abt herzufallen, ihn ben zu lassen fr diesen Affront; denn
was bedeutete das nur! Triumphierend standen zwei Doktoren mit einmal ihm
gegenber, im Talar, mit groen Brillen, Herren, deren bezahlte
Freundschaft mit dem Kanzler des Pfalzgrafen Philipp von Pfalz-Neuburg
bekannt und berchtigt war; sie erklrten ihm, es sei gar kein Grund
vorhanden fr ihn, sich beschuldigt zu fhlen, sich reinigen zu mssen; sie
seien mehrfach sehr entschieden fr das legitime Recht, beruhend auf
Verwandtschaft, gegen Macht, beruhend auf Siegen, in Sache der Kurvergebung
eingetreten. Was sei nur geschehen? Maximilian habe mit siegen helfen ber
den Pflzer und seinen Anhang, dadurch schaffe er sich keinen Beweistitel
fr seine Ansprche auf die Kur --, da nmlich nhergeboren der alte
Pfalzneuburger sei. Wrde man nur nach Siegen und hnlichem ueren
Geschehen urteilen und entscheiden, barbarischen Bruchen, so wrde die
ganze Staatenordnung Europas und besonders des Heiligen Reiches ins Wanken
kommen. Sie sprachen ganz, als sei die Sache schon fr sie entschieden.

Leuker in heller Wut lchelte, bat um Entschuldigung, man mchte nichts
miverstehen, drehte sich ein paarmal wie ein Verbrecher im Kreise, sa in
seinem Wagen.

Drin brauste die Unterhaltung. Einige faten die Entscheidung angesichts
des bekannten Ansturms Bayerns auf den Kaiser als eine entschlossene Absage
auf; Harrach, grngelb von einem noch nicht abgeklungenen
Gallensteinanfall, an zwei Stcken vorsichtig sich schiebend, lie vor
Vergngen seine Augen blitzen. Questenberg zog den weisen, gelinden Frsten
Eggenberg Hans Ullrich, du geliebter, an sich pfeifend: Der neue Kurs
und Habsburg zur Attacke! Man sang das Loblied Leopolds. Eggenberg lie
sich rechts und links Glck wnschen. Seinen dicken Freund Questenberg zog
er aber kopfschttelnd auf eine ganz leere Polsterbank; zeigte auf die
erregt diskutierenden Gruppen, sah auf seine Fe; er blieb dabei, der
Vorfall sei ihm unverstndlich; es sei ein Hieb, der fr den Abt Anton doch
zu stark sei.

Vllig starr sa Anton eine halbe Stunde spter vor seinem Gast, dem
drhnenden drohenden verzweifelten Doktor Jesaias Leuker, der ihn nicht zu
Worte kommen lie, fast ttlich auf ihn eindrang. Kremsmnster wurde etwas
erleichtert durch das Eintreten Trautmannsdorfs, der ironisch hflich den
Bayern nach dessen zerstreuter Verneigung bat, sich nicht stren zu lassen,
sich selbst auf dem gewohnten Hocker niederlie und sich ber den
Handrcken blies. Als der bayrische, franzsisch gespickte Schwall zu ebben
anfing, begann Anton mit Interjektionen vorzugehen, um das Versiegen zu
beschleunigen. Und so mit Nein, Nicht doch, mein gestrenger viellieber
Herr so bitte ich gelang es ihm, sukzessive Raum fr ganze Stze zu
gewinnen, schlielich sich vor dem matten, hilflos keuchenden Bayern zu
bewegen, selbst freilich schon mehr erregt, als er vorhatte. Also er
staune, gestand er, er knne sich keines anderen Ausdrucks bedienen, er sei
vllig seines Begriffsvermgens beraubt. Er trage eine Rede, eine
Entscheidung vor, die so aus dem Wesen der Sache stamme, wie berhaupt ein
Urteil aus dem Krper eines Gerichts. Und nachdem dies geschehen, spontan
ungereizt unhofiert und ungescholten, schmhe man ihn. Ja, sei er Prsident
der kaiserlichen Hofkammer oder sei er es nicht? Sei er Richter oder nicht?

Lcherlich, brllte Leuker wieder, lsterlich und absurd. Was hat den
Herrn veranlat, mich zu chokieren, wo ihm nichts von mir widerfahren ist?

Wei Gott, nichts, Herr Geheimrat. Ich bezeug's Euch gern. Ich bin jedoch
nicht in bayrischer Dependence -- noch einmal gesagt -- um eines Zeichens
zum Redebeginn von Euch zu bedrfen. Sprecht Ihr, Herr Trautmannsdorf, hab'
ich mir Unziemliches erlaubt, die Grenzen meiner Kompetenz berschritten.
Ihr mgt es hren, Herr Leuker.

Trautmannsdorf brauchte lange, bis er seine vollen Backen ausgeblasen
hatte, dann lchelte er diskret: Ich wei nicht.

Seht! trotzte Leuker.

Nmlich ich wei nicht, ob Ehrwrden entsprechend mit der kaiserlichen
Majestt oder mit seinem hohen Bruder beraten haben.

Erzherzog Leopolds Hoheit hat auf kaiserliches Mandat das geschehene
Verfahren gebilligt und befohlen.

Trautmannsdorf wandte sich armhebend an Leuker: So ist ja alles Klagen und
Anklagen berflssig. Ihr erschiet einen Sperling und meint den Falken.

Es ist nicht denkbar, jammerte Leuker, dem es vor dem Bericht an
Maximilian graute, nichts ist geschehen, was solchen Schritt gegen Bayern
rechtfertigen knnte. Wir haben kaiserliche Majestt und Euch nicht
herausgefordert. Ich mu protestieren gegen den Erzherzog.

Er wohnt nicht hier, lchelte Trautmannsdorf.

Nun schwiegen sie, die beiden Kaiserlichen ruhig abwartend, der Bayer
ratlos.

Der Abt fing wieder an, vershnlich: brigens, ohne mich in bayrische
Politik mischen zu wollen, deren Methoden gewi besonders studiert werden
mssen: ich sehe nicht, welchen Anla Ihr habt, mit mir unzufrieden zu
sein. Es geht Eurer Sache ja so gut. Euer Wagen fhrt so rasch, wie Ihr nur
wnschen knnt.

Das besttigte der kleine Rat mit kurzem Nicken.

Leuker setzte sich, sah die Herren an; er war vor Angst vllig perplex,
htte am liebsten die Herren um irgendeinen Rat gefragt.

In zwei drei Monaten hat Euer Herzog den pflzischen Kurhut; die
Wittelsbacher in Mnchen haben die in Heidelberg geschlagen. Es kommt nur
darauf an, die Kurfrsten zur Zustimmung zu bringen. Ich habe weiter nichts
gesagt --, vor allen Ohren, hrt es --; die Sache ist, was den Kaiser
anlangt, entschieden, nmlich fr Mnchen. Ich hab' es laut gesagt, damit
im Reich niemand daran zweifelt, da wir uns hier gebunden erachten. Und
ich hab' es weiter darum gegen jedermann offenbart, damit es nicht heit,
wir handeln im Dunkeln. Die andern lesen heraus, da wir gerecht sein
wollen; Ihr mt erkennen, da auch fr Euch diese Meinung von Wert ist.
ffentlicher Deputationstag, ffentliche vorherige Erklrung. Es kommt uns
auf Gerechtigkeit an.

Beruhigt und doch beunruhigt hakte Leuker ein, der sich tief atmend im
Stuhl zurcklehnte, was das heien sollte, Gerechtigkeit, was er damit
gesagt haben wolle; er rieb sein krankes Bein, das ihm pltzlich wieder
einfiel: Nicht doch, Gerechtigkeit, lat das Wort. Der Schein der
Gerechtigkeit, wollen wir so sagen. Wir kommen ohne den Schein nicht aus.
Ihr auch nicht.

Die beiden schwiegen undurchdringlich.

Mit entschlossenem wrdevollen Brustton entgegnete der Bayer: Uns liegt
durchaus an der Gerechtigkeit. Wir scheuen sie nicht. Wir wollen nur nicht
gar zu spitzfindiges Eingehen auf juristische Kompliziertheiten; man kommt
damit nicht weiter. Die Realitten mssen durchdringen, Anerkennung
finden.

So und nicht anders verstehe ich Gerechtigkeit, besttigte der Abt.

Bevor Leuker ging, befriedigt und doch mitrauisch, ein Duplikat der
heutigen Kammermitteilung in der Hand, unklar zweifelnd, sagte er noch
einmal halb fragend, es stnde also alles gut.

Fr wen? meinte Trautmannsdorf.

Ich meine, verbesserte sich der an der Tr, es lag ein Miverstndnis
vor.

Von wem? schttelte ernst Trautmannsdorf den Kopf.

Anton schttelte dem Bayer die Hand: Ihr werdet, besonders lieber Herr,
vornehmlich wenn Ihr die Sache nachher in Ruhe berlegt, zugeben, da Euch
nichts bles widerfahren ist von mir.

Dann saen Anton und Trautmannsdorf sich allein gegenber, und
Trautmannsdorf blickte den Abt an.

Der hatte auf der Truhe pltzlich einen ernsten Ausdruck, als wenn er eine
Maske ablegte, einen verdrossenen harten Blick; winkte ab, bevor der Kleine
die Stimme erhob.

Ihr gesteht, Trautmannsdorf, nachdem Ihr zu meiner Freude dies mit
angehrt habt, da ich nicht zu weit gegangen bin. Lie ich es gehen, wie
Leuker und sein Herr es wollten, so wren wir Knechte und Schrzentrger
der Bayern. Sie glauben, wir seien dazu verpflichtet. Das ist zu viel,
berschreitet das Ma. Was wir geben, mu geachtet werden. Forderungen an
die Rmische Majestt dulde ich nicht.

Still der Kleine: Ihr sprecht aus meiner Meinung.

Schlielich kann ich, und ich wei, kann der Kaiser und der Erzherzog
nicht die Verantwortung fr das Folgende bernehmen. Mag sie der Bayer
selbst tragen. Wir nehmen sie ihm nicht ab. Niemals. Wir haben keinen Grund
dafr, gegen ihn milde zu sein. Denkt an, Herr, ich will es Euch nicht
verhehlen, ich habe ihn nach Rcksprache mit Eggenberg anfragen lassen sub
rosa, wodurch und wie sich die Rmische Majestt von ihm freikaufen knnte,
von ihren Pflzer Verbindlichkeiten. Ich habe den Erzherzog nichts davon
wissen lassen. Ich wollte einen runden Betrag. Den hat er genannt.

So sprecht doch, Ehrwrden.

Das Herz kann es mir zerreien. Ich bin ein Christ, Katholik und dazu bin
ich geweihter Priester. Mir steht kein Ha oder Abscheu gegen Menschen zu.
Schon gewi nicht gegen einen andern, der Christ, Katholik ist und -- ein
Verwandter unseres Herrn. Aber die Wut zerreit mir die Eingeweide, wenn
ich es bedenke. Noch nie ist dieser getreue gerade Kaiser so geschmht und
infernalisch gehhnt, als durch diese Antwort.

Ein unerschwinglicher Betrag. Und Ihr?

Dreizehn Millionen Gulden. Hrt, denkt, der Abt fast schreiend, dann
erschreckt hinter sich blickend, mit heftiger Flsterstimme und Gesten auf
den Grafen eindringend, der im Nachdenken die Augen schlo, dreizehn
Millionen Gulden. Man mu es sich vorstellen, man mu sich ihn vorstellen,
den Bayern. -- Lat mich einmal sehen; die Fensterlden geschlossen, einer
auf dem Flur?

Als er bebend auf und abschritt auf dem Lngslufer, ffnete Trautmannsdorf
die Augen: Ihr seht es jetzt: der Wittelsbacher verachtet uns. Uns alle,
samt unserm allergndigsten Herrn. Dreizehn Millionen: da hat er gelacht
und seinen Vater gefragt: Wollen sehen, was das Bettelpack antworten
wird. Rmischer Kaiser und Herzog in Bayern. O, wir htten ihm wohl doch
beistehen mssen damals, dem Kaiser, als die Exekution gegen die Oberpfalz
begann. Wir htten es mssen, Ehrwrden. Der Bayer suchte Macht gegen uns.
Es wre nicht so weit gekommen mit dem Kaiser. Jetzt wagt er dies; er wei,
warum der Kaiser beiseite steht und warum der Erzherzog Leopold am Hofe
lebt.

Liebwerter Freund, wir htten es mssen? Es htte auf ihn keinen Eindruck
gemacht, er kennt uns beinah besser als wir uns. Es war schon alles gut;
wir haben nichts verfehlt. Er wei, wie wir ihn brauchen.

So lat es nun sein, ihm den Kurhut zu erschweren. So ntzt es doch
nichts.

Der Abt hielt, noch im Schreiten, die Hnde vor das Gesicht und weinte
fast: Nehmt mir nicht allen Trost. Ich wei ja, ich will nicht denken.
Darum mu ich ihm nicht Vorschub leisten. Ich entlarve seine Schliche. Ich
will ihm diese Stunde nie vergessen, mit dem Brieflein um dreizehn
Millionen. Seht, mir habe ich's in der Brust geschworen, in Treue um unsern
allergndigsten Herrn, dem ich nichts von der Botschaft verriet: die
dreizehn Millionen soll er uns bezahlen; er soll denken: nie kann ich
genugsam Geld aufbieten, um mir Habsburg wieder Freund zu machen und ich
kann's nie. Dies will ich ihm nicht ersparen.

Ihr habt die Siegesfeier fr gut gehalten.

Es soll die letzte gewesen sein, Trautmannsdorf.

Dies war's, was Ihr mir so dringlich vorgestern mitteilen wolltet; ich war
verreist. Und was habt Ihr erreicht mit Euerm Beschlu von vorhin?

Einen Wutanfall Maximilians, ich wei. Weiter nichts. Nur soll er uns
nicht fr Narren halten, fr solche Narren, wie ich es beispielsweise bis
jetzt war.

Wit Ihr, Ehrwrden, begann nach einer Pause, der unbewegliche Graf,
einen Schritt konnten wir gleich weiter gehen.

Und?

Wir knnten versuchen, den Erzherzog Leopold --

In diesem Augenblick dachte ich daran. Wir mssen es an Lamormain bringen.
Ich wei freilich noch nicht, wie er von meinem ersten Schritt denkt.

Ist er bayrisch gesinnt?

Nicht so und nicht kaiserisch. Er ist von der Gesellschaft Jesu und
gehorcht dem Papst.

Vielleicht also bayrisch. Er wird, wofern Ihr ihm das Brieflein zeigt,
seine Stellung ndern. Er ist tatendurstig, das Brieflein wird ihm als
Angriff auf seine Macht vorkommen.

Der Bayer soll seine Freude haben an dem Kurfrsten, drohte der Abt,
schwang sich auf die Truhe.

Mich mt ihr beurlauben, und ich kann jetzt nicht Euer Gast sein,
Ehrwrden. Ich war nicht in meinem Quartier von der Reise. Und ich mchte
dann mit einigen Herren, spter mit Euch, beraten, wann wir zu unserem
allergndigsten Herrn hinausfahren, um Audienz zu erbitten. Ich denke wie
Ihr: Wir sind es ihm schuldig --, wenn er auch nicht viel Freude daran
haben wird.

Lebt wohl, liebwerter Freund.

Trautmannsdorf flsterte schalkhaft: Ich mchte auch gleich zum Herrn
Leuker; ihn trsten, beruhigen.

Tut es, lchelte gezwungen der immer wieder zitternde Abt auf der
Schwelle, in den Flur nach rechts und links blickend, als wenn er
Gespenster erwarte.

                   *       *       *       *       *

In Sachsen, in Dresden, wie in dem brandenburgischen Berlin hielt man sich
die Seiten vor Lachen ber den neuen Wiener Vorschlag, die Pflzer
Angelegenheit gnzlich durch ein Dekret des gesamten Kurfrstenkollegs aus
der Welt zu schaffen. Johann Georg, dem Kurfrsten, behagte die neue Kunde
ebenso kostbar wie seinem Ratsprsidenten, dem Kaspar von Schnberg; er
lie fr einige Tage seine Hauptsorge auer acht, die Aufsicht und
Reglementierung der Braugesellschaften, das Herumschnffeln nach
verborgenen Braumassen. Wie andere Hoheiten, Gesandte in fremden Lndern,
so hatte er geschmackskundige Vertrauensleute in greren Flecken seines
Landes, vereinzelte auch in den berhmten Hansestdten, die fr ihn
hereinspionierten und ihm berichteten, auch die feinsten Tnnchen, das
sorgfltigste Gebru versiegelt und plombiert unter Geheimchiffern durch
Kuriere zurollen lieen. War das Gebru in der Tat erlesen, das aufgedeckte
Geheimnis absonderlich, so konnte es dem gewandten gelehrten Entdecker so
bald an nichts fehlen; er hatte sich legitimiert fr den Zutritt zum
kurschsischen Hof; der Merseburger Bierknig, wie Johann Georg sich gern
nennen lie, mit Stolz, -- wenngleich die Leipziger Studenten ihn damit zu
verspotten glaubten --, empfing sie feierlich dankbar und ehrend, wie es
sich gebhrte gegen jemand, der dem kurschsischen Leib wohlgetan hatte.
Wrdig gemchlich und etwas schwach im Kopfe war Johann Georg; er hatte den
Blick fr das Wesentliche im Leben nicht verloren, eine liebevolle Kenntnis
der menschlichen Schwchen war ihm eigen. Fr die Details des Daseins, auch
des Amtsverkehrs, hatte er sich den Kaspar von Schnberg engagiert, den er
noch, damit er nicht gar zu ppig werde, mit dem Schwergewicht einiger
seiner edlen Vertrauensleute behngte; mit Gott, im Vertrauen auf die
ererbte pfaffenfeindliche Religion konnte er so stattlich den
Regierungswagen kutschieren. Kopfschttelnd hatte er den Lauf des Pflzer
Friedrichs mit angesehen; der Mann hatte den rechten Glauben, auch die
rechte Frau, ein schnes fettes englisches Weib, nach dem sich ein armer
Deutscher die Finger lecken konnte. Aber wohin konnte es fhren, sagte
Johann Georg in versunkenen Momenten, wenn einer dies Weib in einem Schiff
den Rhein und Neckar hinauf nach Heidelberg geleitet, in einem Schiff, das
Silberkammern Schlafkammern Ritterstuben Badekammern habe. Und die Kammern
liee man sich noch gefallen, und sie seien wrdig eines solchen geborenen
Kurfrsten, auch Knigs, und eines so leckeren Frauchens; aber woher das
Geld, wofern es nicht er, sondern der Knig von England, Jakob der
Griesgram, der Dickkopf hat? Ja was dann; so sei alles Glck und Hoffnung
sogleich auf Sand gebaut. Ein deutscher Frst, -- ja, es sei so, und so
mute es kommen, und so htte es kommen mssen mit allen Folgen fr ihn,
fr den Kaiser Ferdinand, fr das Heilige Rmische Reich, fr den
evangelischen Glauben; das Weitere sei auch alles so zu erwarten. Das war
die Direktive fr den kurschsischen Aktuar und das Spitzmuschen, wie er
den Schnberg huldvoll benannte und auch bei dem neuen Entschlu, die
Pflzer Angelegenheit durch kurfrstliches Kollegialdekret zu beenden.

Es war Sptherbst; in einem Saale seiner Kunstkammer sa Johann Georg auf
einem Rollstuhl, mit blauer Nase, frierend in seinem wattierten Wams,
seinem Rock aus Wolfspelz, ber beide Ohren die Pelzkappe, darunter einen
dicken Hut; mit Smischlederhandschuhen, ber die er ungeheure
Wolfshandschuhe gestlpt hatte; die Beine in Lammfell geschlagen. ber das
Wams flo ihm ein breiter gewellter grauer Bart, grn die Mundstoppeln. Den
herumspintisierenden Kaspar von Schnberg, dieses arrogante dienernde
Gerst, verabschiedete er kurzerhand. Dann betrachtete er wohlwollend
seinen asthmatischen Kammerdiener, den Lebzelter, der vor einem Pult mit
dem aufgeschlagenen prchtig illuminierten eichstttischen Tulpenbuch stand
und im Stehen sich Notizen machte. Denn Lebzelter notierte alles, was er
sah, was um ihn geschah, seit zwei Jahrzehnten, aus Ordnung, aus
Reinlichkeit, damit man nicht wie ein Tier ohne Gedchtnis herumlaufe. Was
hltst du von dem Handel, Lebzelter? Eifrig sprang der herbei, hob
abwehrend beide Hnde, ri ehrerbietig die Augen auf, bis unter die lockige
graue Percke:

Kurfrstliche Gnaden: nicht anrhren! Geheimer Rat Kaspar denkt im Nu, im
Hui; Lebzelter --, Eure Gnaden wissen.

Woran liegt's, Lebzelter? Was werden wir machen?

Nicht anrhren, Eure kurfrstliche Gnaden. Nicht heute, nicht morgen. Das
Natrliche braucht seine Zeit. Ich werde notieren.

bermorgen, Lebzelter. Und la mir den Kaspar nicht vor.

Nach zwei Tagen staffierte der Diener seinen Herrn sorgsam aus, und als er
ihn recht vor die Schrnke gehoben hatte; den Bierhumpen zur Seite
gestellt, daneben ein Krbchen Salzbretzel, machte er rasch seinen Eintrag,
stubte sich ab, verbeugte sich zum Vortrag. Aber Johann Georg bemerkte
schon nach dem ersten tiefen Schluck, es mte erst festgestellt werden, ob
sie auch bereinstimmten in der Hauptsache.

Die Hauptsache sei, -- Lebzelter erhielt das Wort, -- den beiden
protestierenden Kurfrsten samt allen Stnden, die sie im Kolleg vertreten,
solle das Fell ber die Ohren gezogen werden, von kaiserlichen Hnden.
Gerhrt reichte ihm Johann Georg die Hand: Lebzelter, feuchte dich an.
Alsdann kehre man, meinte geschmeichelt der Kammerdiener, mit kurfrstlich
schsischem Konsens zum Ausgangspunkt zurck: man lache. Denn die
Albernheit der deputierten kaiserlichen Rte in dieser Affre sei zu gro;
she doch jeder Sachse, Brandenburger, jedes Kind: das Kurfrstenkolleg
solle gutheien, bezahlen, was der Kaiser esse. Es sei den Herrchen,
hochzuehrenden, strengen, wohledlen allzusamt, allgemach zu schwer geworden
in Wien, die Verantwortung und die Kosten selbst zu bernehmen; so mag es
der Kurfrst mit dem guten, breiten Buckel.

Ich will dir aber sagen, bemerkte, den Wolfshandschuh abstreifend,
nachdrcklich der Herr, alles lieb und honorig, was Rmische Majestt
unternimmt und mit kaiserlicher Potenz sich unterfngt. Nur lach du mir
nicht zu viel. Es tut nicht gut und hlt nicht gut, es verstt gegen den
Respekt. Was soll ich denn, der doch einmal dein Kurfrst, dein gndiger
Herr ist, sagen, wenn Ihr lacht, wo das Reich erschttert wird?

Lebzelter hob gravittisch, berlegen wieder beide Hnde: Wird nicht! Und
geschieht nicht! Darum mit jedem Verlaub, kurfrstliche Gnaden, eben lacht
man: weil man sich drben tuscht. Was ist das fr ein Gelchter? Ein
Spottgelchter, ein vergngtes, sehr ernstes, ablehnendes Gelchter.

So la ich mir's gefallen. Wir lehnen ab.

Wir lehnen ab, kurfrstliche Gnaden. Geschieht das Gleiche wie mit dem
Pfalzgrafen Friedrich und seinem Schiff.

Warum, mein Sohn?

In diesem Fall hatte der Englnder das Geld, und darum konnte der Pflzer
nicht lange Schiff fahren. Jetzt will der Bayer und die Majestt fahren,
und --

Gut. Ich habe aber auch kein Geld. Gut, Lebzelter. Von den Menschen soll
jeder Freude und Lasten allein tragen, denn so hat ihn unser Herre Gott
geschaffen. Der Kaiser ist ein wrdiger, seriser Mann und gar erst der
bayrische Maximilian. Bin ihnen beiden redlich zugetan und treu
wohlgesinnt. Sie verstoen aber gegen Gottes Gesetz; sie mssen mit ihren
eigenen Beinen laufen. Ich werde, wenn Eure Gnaden befehlen, dem Kaspar
Schnberg dies als Eure strenge unabweichbare Gesinnung offenbaren.

Dem Kaspar befehle ich --. Ich befehl' ihm nichts. Er soll sein
Spitzmulchen da nicht hineinstecken. Er hat mir auch zuviel gelacht ber
die Affre, er sieht Respekt und Ernst nicht.

Was befehlen kurfrstliche Gnaden? Unwirsch arbeitete der Frst an seinem
Wolfspelz. Wir wollen uns nicht mit Politik bernehmen, Lebzelter. Ihr
schnakt zu keck in die Welt. Mir wird hei. Sauf er und lauf, was meine
kranke Mutter macht.

                   *       *       *       *       *

Was die Brandenburger, der Landgraf Ludwig von Hessen-Darmstadt dachten,
gelangte bald an den kaiserlichen Hof: man erkenne die kaiserliche
Gerechtigkeit an, man werde ordentliches Gericht ber den Pfalzgrafen
Friedrich verlangen, die Grnde seiner chtung zur Diskussion stellen. Das
war die Parade.

Die Unterschriften zu der Einladung zum Regensburger Frstentag wurden vom
Kaiser vollzogen; er selbst lie sich von den Rten, auch von seinem
vielgeliebten Eggenberg, nicht sprechen. Auf die wiederholte Audienzbitte
gingen ihnen durch den kaiserlichen Obersthofmeister gndige Dankesworte
der Majestt zu, der sie an seinen Bruder Leopold wandte. Wie der Kaiser
Rudolf mit seinen Astrologen Malern Alchymisten sich von der Welt
absonderte, so sein Nachkomme mit einer jungen frommen Gemahlin. Lebte mit
ihr in Laxenberg Wolkersdorf im tiefsten Frieden: Diplomaten und Rte saen
oft an seiner Tafel, sahen, wie wohl und krftig ihr Herr war, wie er
schmauste. Hexenfolterungen Maskeraden Ballspiele Wallfahrten Jagden
Messebesuch fllten die Zeit ganz mit Wohlgefhl aus. Die Ausstattung aller
Jagdschlsser mute erneut werden. Um die Kaiserin sammelte sich ein immer
grerer Hofstaat. Der Kaiser machte ihr ohne aufzuhren Geschenke von
riesigem Wert in Geld und Schmuck, die zu beschaffen er, ohne zu fragen,
seinem Schatzmeister auferlegte. Nach den Unterschriften fr die
Regensburger Tagung lie er die Rte seiner besonderen Huld versichern; die
Kaiserin wrde ihn nach Regensburg begleiten. Und dann kein Wort ber die
dringend zu fassenden Entschlsse, nur Gerchte von ungeheuren pompsen
Vorkehrungen, Prachtgewndern der Kaiserin, der Bedienung, Beschaffung von
Pferden, Ausbau der kaiserlichen Donauflottille, Herrichtung kaiserlicher
Gemcher in Regensburg, Zitierung von Malern Bildhauern aus Mnchen
Florenz, den Niederlanden, zur Ausstattung der Departements.

Erzherzog Leopold, der Projektenmacher, ging in dem Rausch seiner Allmacht
umher; plante zu heiraten, um sich in Wien zu konsolidieren; war in leidige
Geldgeschichten vertieft, von denen er sich jetzt rapid erholte; dirigierte
rechts, dirigierte links; die Ehrfurcht der berhmten Staatsmnner, der
Eggenberg Meggau Kremsmnster blendete ihn. Als man ihm den
Reichshofratsentschlu betreffs Kollegialtag vorlegte, krhte er Beifall;
Ordnung msse sein, bravo, dazu schlau gehandelt, hinterlistig, echt
diplomatisch, dchte gewi niemand daran, da der Kollegialtag gegen den
Bayern sein knnte.

Lange vor dem festgesetzten Termin brach man von Wien auf. In den schnen
braunen Herbst fuhr man hinein. In dem ersten Schiffe Ferdinand und die
Mantuanerin, einsam. Sie dachte nur, wie sie dem Gemahl, der ihr von Gott
zugefhrt war, dienstbar sein knne; war ngstlich, ihr Beichtvater fhrte
sie behut; sie hatte eine feine verschwiegene verschlagene Art; fter hatte
einer Lust, ihr Politisches zu suggerieren; er erkannte leicht an ihrer Art
zuzuhren, den verlegenen Blick zur Erde, den Mund sehr streng, da sie
nichts damit anzufangen wute und sich nicht stren lassen wollte auf ihren
Wegen. Ferdinand schien es ausnehmenden Spa zu machen, solchen
Unterhaltungen beizuwohnen; es war manchmal, als ob er den und jenen aus
seiner Umgebung ermunterte zu einer politischen Attacke auf seine Gemahlin.
Er trumte whrenddessen und mischte sich nicht ein.

Bevor die Flottille in Regensburg landete, machte der Frst Eggenberg und
Graf Trautmannsdorf einen letzten Versuch, den Kaiser zu sprechen. Und zu
ihrem groen Erstaunen nahm er sie auf seiner Kammer an. Schalt sie
freundlich, in weiem Anzug herumgehend, sich setzend, da sie durch
Geschfte seine Lustreise verderben wollten; ob sie es vor seiner Gemahlin
verantworten knnten. Die Herren durften sich zu ihm in dem
ebenholzbekleideten, sehr weiten, sehr niedrigen Gemach setzen, in das die
Sonne blitzte, Ruderschlge hineinklangen. Eggenberg, nachdem er seine
Freude ber das Wohlbefinden des Herrschers ausgesprochen hatte, wies auf
die Unklarheit der kommenden Situation und da noch ein endgiltiger
Entscheid fehle ber die Taktik, die Wien auf der Tagung befolgen wolle.
Ruhig, ohne die Beine zu wechseln, meinte Ferdinand, vornbergebeugt an
seiner Sessellehne vorbeiblickend, es sei doch alles klar und gegeben. Oder
seien neue Ereignisse eingetreten, die ihm nicht zu Ohren gekommen wren.
Eggenberg, mit dem stummen Trautmannsdorf Blicke wechselnd, vermochte nicht
von dem Affront zu reden, den Maximilian dem Hause erwiesen hatte; er
lispelte undeutlich, man msse wissen, wie weit man Wittelsbach, respektive
dem Herzog in Bayern folgen wolle. Der Kaiser wandte sich rasch an
Trautmannsdorf: Was meint mein Herr? Trautmannsdorf, verblfft ber die
scharfen Blicke Ferdinands, versicherte, seine Worte zhlend, es sei so.
Nun, rkelte sich der Kaiser, ihm sei da nicht ersichtlich, wo
Schwierigkeiten entstehen sollten; Maximilian erhlt die Kur. Die beiden
Herren schwiegen. Ja, mein, hob Ferdinand pltzlich sich gerade setzend,
die Hnde, wo liegen denn fr die Herren Schwierigkeiten. Und seit wann
machen sich die Herren Bedenken? Was ist diese Fahrt. Wir belehnen unsern
Schwager Maximilian. Es sei beschlossen, bemerkte Trautmannsdorf
vorsichtig, seitens des Rates und so verkndet, da die Entscheidung der
Pflzer Frage in die Hnde der Kurfrsten gelegt werde; so stehe man auf
dem Boden der Grundgesetze des Reiches. Wieder hob der Kaiser die Hnde:
Ja, dazu eben fahren wir. Das Kolleg mu hinzugezogen werden. Wir werden
die Kurfrsten zu unserer Meinung bewegen; sie werden sich unsern Grnden
nicht verschlieen. Die Belehnung erfolgt nach den Reichsgesetzen. Man
dachte, artikulierte Trautmannsdorf weiter, seitens der kaiserlichen Gewalt
ganz von einer Teilnahme oder Beeinfluung abzusehen; man dachte, ganz,
auch ganz den Kurfrsten die Schwere der Entscheidung aufzubrden.

Ohne die Kaiserliche Majestt? Die Herren bejahten.

Da stand Ferdinand auf, ging einige Male in dem rollenden leicht
schwankenden Gemach hin und her. Rauhe Stimme: Wo ist Erzherzog Leopold?
Ach, in Wien. Nach einigem Herumwandern stand der Kaiser vor ihnen:
Bleibt sitzen. Ist etwas eingetreten inzwischen?

Trautmannsdorf verneinte mit fingiertem Erstaunen; im Gegenteil htte
Herzog Max sich bereit erklrt, um dem kaiserlich erzherzoglichen Hause
Weiterungen zu ersparen, auf alle Rechte und Ansprche um dreizehn
Millionen zu verzichten; er sei keineswegs auf die Kur versessen.

Rot blhte es ber das volle brtige Gesicht des Kaisers; als schmte er
sich, drehte er sich ab. Er senkte, wie wenn er einen Schlag erwartete, den
Kopf, den Rcken gegen sie.

Was habt Ihr geantwortet?

Nichts Sonderliches, meinte sehr gelassen der verwachsene Graf, als eben
dieses, das Recht nicht zu verzgern. Der Geheime Rat ist bereinstimmend
der Auffassung gewesen, da dem Kurfrstenkolleg eine entscheidende
uerung in der Sache zustehe.

So also habt Ihr geantwortet.

Die Kaiserliche Majestt werde dem gefllten Urteil nichts in den Weg
legen.

Und er?

Des Herzog Maximilians Durchlaucht hat geschwiegen.

Ferdinand setzte sich, nachdem er sich zusammengerafft hatte, schlug eine
flache Hand auf die Lehne, blickte sie fest an: Gesteht, ich bin es nicht
gewesen, der das geraten hat. Ich war es nicht, der diese Wendung
herbeigefhrt hat.

Eggenberg bejahte warm, hielt den Atem an.

Es bleibt dabei, Herren. Wir wollen Ruhe haben. Wir wollen nichts mehr
aufrhren. Ja, widersprecht nicht. Das ist beschlossen. Dies und nichts
anderes.

Er verharrte auch dabei auf Trautmannsdorfs Vorhalt.

Die Herren mgen mich erschlagen, aber nicht versuchen, mich einen Finger
breit in meiner Meinung zu verrcken. Mein Schwager selbst bringt mich
davon nicht ab; ich bin kein Hndler. Ich habe mein kaiserliches Wort
hingegeben; die Kur knnte ihm nur entgehen, wenn ich vom Thron weggenommen
wrde. Dies mu ihm geantwortet werden.

Sie schwiegen auf seine leidenschaftliche Art.

Als die Herren sich auf sein Kopfnicken erhoben, drckte er dem Frsten
Eggenberg heftig die Hand: Ich mte Euch hassen, Eggenberg, da Ihr mir
eben dies angetan habt. Trautmannsdorf, Ihr habt mir einen Schmerz
bereitet. Ich sag es Euch beiden. Dann danke ich Euch, da Ihr bei mir
waret.

Er hielt inne, blickte sie abwechselnd mit glhenden Augen an: Wie wre
alles gewesen, wret Ihr immer mit mir gegangen. Ahnt Ihr das. Ahnt Ihr
das. Was ist inzwischen geschehen. Jetzt seid Ihr da.

Mein Schwager erhlt die Kur, wiederholte er fest den beiden auf der
Schwelle. Die Ruder schlugen, Kastanien prasselten am Ufer von den Bumen,
barsten.

                   *       *       *       *       *

Was erwartet wurde, trat ein. Nach der Ankunft des Kaisers sammelten sich
nach und, nach Kurfrsten und Frsten in Regensburg; als aber der Kaiser
zum Anfang des neuen Jahres den Konvent im Rathaussaal erffnete, um die
Proposition dem Reichserzkanzler, dem Kurfrsten Erzbischof Johann
Schweikard von Mainz, dem wrdigsten ernstesten ltesten der Herren zu
bergeben, fehlten Kursachsen und Kurbrandenburg. Gesandte von ihnen waren
da. Ihre Ttigkeit: zu hren berichten keine Instruktion haben protestieren
hinhalten. Die Anwesenden lieen sich nicht dpieren, Ratsgang auf Ratsgang
fand statt ohne die evangelischen Herren. Tollkpfe Jesuiten und Kapuziner
wollten rasch ohne sie zum Entscheid kommen. Pommern, das erwartet wurde,
kam nicht, Braunschweig entschuldigte sich; nur viel umworben sah man den
ehrgeizigen, sich anschmeichelnden Landgraf Ludwig von Hessen-Darmstadt in
den Frstenquartieren herumreiten als einzigen Protestanten.

Whrend die kaiserlichen Rte nervs wurden im Warten und Hoffen auf
Kursachsen und Brandenburg, whrend sich der ehrlich ber den Zwiespalt
betrbte Mainzer abmhte in Vermittlungsversuchen, sa in seinem gediegenen
Quartier an der Grube der junge berstolze Wolfgang Wilhelm von
Pfalz-Neuburg. Sein Vater, erkrankt, war ganz faselig geworden;
notgedrungen wurde der Sohn ins Vertrauen gezogen; er ging wild wie ein
Stier auf die Sache los, staunend und grollend, in welchen Geheimnissen er
blind lebte, zornig entschlossen, es mit aller Welt zu verderben, um die
sonnenklaren Ansprche Neuburgs durchzusetzen. Sein Vater berflutete ihn
von Neuburg mit Ratschlgen und Vermahnungen; es konnte geschehen, der Sohn
frchtete, da der Alte selbst anfuhr. Jenes stolze Gebaren der
Neuburgischen Doktoren gegen Leuker in Wien war nur ein Abglanz der Haltung
Wolfgang Wilhelms; hochfahrend gebieterisch trat er in Regensburg gegen
kaiserliche Rte Kurfrsten und Frsten auf; man sah ihn mit den
prchtigsten Gulen und Kutschen in dem schneebeladenen Tummelgarten bei
den Barfern; seinen Aufwand trug er in drohender Weise zur Schau. Die
Gemahlin, eine Schwester des bayrischen Max, hatte er wider ihren Willen
nach Regensburg geschleppt, sie frchtete ihren Bruder; Wolfgang Wilhelm
setzte ihr mit schmhenden uerungen zu, da sie geboren sei zum
Aschenputtel, zur Winkelsteherin; htte nicht an ihren Bruder zu denken,
sondern an ihn und an ihren Bruder mit Bitternis, denn er wolle ihm das
Recht streitig machen, ihm, ihr, ihren unmndigen Kindern. Da sa die
unschne krnkliche Frau in italienische Kostbarkeiten gehllt in dem
heien Empfangssaal an der Grube. Vor die Angesichter aller Kurfrsten
wurde sie geschleppt, bald sollte sie zur Audienz erscheinen bei den
kaiserlichen Majestten, bald sollte Maximilian aus Mnchen in Regensburg
landen.

Der kaum dreiigjhrige Pfalzgraf, braunlockig, in franzsische
Schillerseide gekleidet, hatte schmutziggraue Farben an den Backen
bekommen, seitdem ihn der Kurfrstenteufel ritt; sein Blick, ehemals
flchtig, jetzt steif und abwesend; die Haltung ohne Zusammenhang, bald
versunken, bald kalt abweisend und herrscherisch. Der Alte hatte noch von
der Universitt Lwen ein ausfhrliches Gutachten anfertigen lassen zur
Begrndung seiner Rechtsansprche; das Gutachten verbreitete der Sohn in
Abschriften; vergngt las der spanische wie franzsische Botschafter,
Mainzer Klner Trierer Rte, schsische Abgeordnete, die Vertreter
Maximilians von Bayern, wie gut fundiert die Neuburger Ansprche waren. Die
goldene Bulle war zitiert, Titula sieben, Paragraph fnf, worin stand, da
beim Erlschen einer Kurlinie ber die Neubelehnung der Kaiser unter
Hinzuziehung der Kurfrsten zu entscheiden habe. Die nahe Verwandtschaft,
ehemalige Mitbelehnung, war angerufen und da keiner aus der Linie Neuburg
die geringste Schuld an dem bhmischen Kriege habe.

Erschreckend wirkte es auf alle, die dem Schauspiel beiwohnten, da
pltzlich ein regelrechter Buckelhans auf der Bildflche erschien, im
Quartier des Mainzer Kanzlers anrckte, sich offenbarend als Friedrich von
Zweibrcken-Birkenfeld und, da er stumm war, durch seine dmonisch erregte
Frau und einen imperatorischen Kammerdiener bekundend: er und kein anderer
sei nchst berechtigt bei einer Neubelehnung. Man hatte Mhe, mit diesem
Prtendenten fertig zu werden, vor allem, da er ersichtlich von Geist
schwach, vielleicht vllig blde war und auch die Mglichkeit bestand, da
er gar nichts wute von den Dingen, die man mit ihm machte. Aber der gute
vielgequlte Schweikard sah schlielich keine Rettung vor den drei
Birkenfeldern: die verwandtschaftlich begrndeten Ansprche muten
protokolliert werden, ihren Weg laufen. Es gab eine Szene von groer
Peinlichkeit, als Schweikard es dann nicht verhindern konnte, da bei einem
Schauessen im Karthuser Kloster vor der Stadt der pompse stocksteife
Neuburger mit der Birkenfelder pfalzgrflichen Trias zusammentraf. Aus dem
Konventsaal, in dem Truchsesse und Pagen speisten, kamen die drei geirrt in
das feierliche Refektorium, in dem feine Geigenmusik erscholl, Kaiser und
Frsten hinter einer langen Tafel saen, darauf ein zinkerner Berg Parna
Wasser und Wein verspritzte, ein Pegasus aus Zucker die Flgel schwang.
Neben Wolfgang Wilhelm setzte man den tauben blden Buckelhans ab; rechts
und links blieben Sessel frei. Man lchelte drben, flsterte sich ins Ohr;
dies waren die beiden Prtendenten. Aber manche wandten sich betreten und
ergriffen ihrem Mahl zu; Schweikard, weihaarig, Gesicht einer fetten,
alten Frau, mit mchtigem Kehlbraten, zittrigen Lippen, sah schmerzlich
vorwurfsvoll zum Obersthofmeister herber. Verschwunden war die nchsten
Tage der Neuburger; man erzhlte von Duellen, die zwei seiner Kavaliere mit
Franzosen hatten, die in einem Atem Neuburg und Birkenfeld besprachen. Der
Leidensweg Wolfgang Wilhelms wre so lang wie der Frstentag geworden,
htte Graf Ognate, der spanische Gesandte nicht die beiden Prtendenten
zusammengefhrt, einen Vertrag zwischen ihnen veranlat und den stark
geduckten Wolfgang Wilhelm als seinen Kandidaten ausgerufen. Die drei
Birkenfelder waren bereit, sich mit Geld abfinden zu lassen, blieben aber
bswillig in Regensburg, lauerten; sie saen dem Neuburger auf den Fersen,
zhneknirschend mute er sich umwenden, lieb Kind mit ihnen spielen; die
vulgre Dienstmagd, Birkenfelds Weib, wagte sich hausfraulich neben die
bedrckte Schwester Maximilians.

                   *       *       *       *       *

Die Verhandlungen klrten die Situation vollstndig; dem Schwanken und
Widerstreben der Kurfrsten stand die unerschtterliche kaiserliche
Forderung der Belehnung Bayerns gegenber. Wie ein Wurm wand sich das
Kolleg unter der tglich strker drckenden kaiserlichen Faust. Tobschtig
raste Ognate; sein wildestes Argument: man mchte doch den Franzosen,
Monsieur de Baugy ansehen, wie er sich freue ber Bayerns Aussichten -- ob
dahinter Gutes stecken knne. Und Baugy erklrte in der Tat hflich und
spitz, dem frommen Knig von Frankreich widerfahre bei Ausfhrung des
heiligen Werkes der Belehnung eine persnliche Freude; dies knne dem
Heiligen Reich doch nur angenehm sein, vielleicht nicht dem Spanier. Die
schsischen Vertreter stieen tglich und und unter zunehmendem Tumult
Drohungen aus, die bertragung der Kur sei kein Mittel zum Frieden im
Reich; der Kaiser htte nicht ohne ordentlichen Proze Acht zu verhngen.
Die Brandenburger standen ihnen bei. Das ganze Kolleg zuletzt, von Kurmainz
gefhrt, erhob sich, schlo sich den Sachsen an: es wrden sich bsartige
Kriege an diese Tat anreihen, der Kaiser knne nicht dies verantworten. Der
Erzbischof Kanzler beschwor persnlich den Kaiser; schwere Stunden
durchlebten die Rte, die aufs innigste hofften, Ferdinand werde Gebrauch
von der Stimmung des Kollegs machen. Aber Ferdinand blieb unbeweglich; bei
vollkommener Liebenswrdigkeit antwortete er, die Sache sei zwischen ihm
und Maximilian lngst geregelt, die Kur vergeben. Es bedurfte der
hingebungsvollen Diplomatie der Rte, die voll Bitterkeit erkannten, da
dem Kaiser keine Wahl geblieben war, und der Konzilianz des Mainzers, um
die andern katholischen Stimmen zu besnftigen. Sie erkannten alle den
ungeheuren Fortschritt der katholischen Sache. Die katholischen Herren
gingen nur widerwillig an die Entscheidung heran und stimmten zu; sie sahen
in dem Vorgang einen bedrohlichen kaiserlichen bergriff, der sich auch
einmal gegen sie richten knne. Dazu war das bse sehr trichte Wort aus
der Kanzlei der Wiener gekommen: Da die Aberkennung und Neubertragung der
Kur der kaiserlichen Wahlkapitulation widerspreche, sei sonnenklar; aber
keine menschlichen Gesetze seien so ewig und bestndig, da sie alle Flle
der Notwendigkeit ausschlssen. Als Maximilian selbst, bla erregt in
Regensburg eintreffend, sich bei Ferdinand nach den Aussichten erkundigte,
bekam er den kalten fast befremdeten Bescheid, die Sache sei doch
abgemacht.

Ohne da auer den anwesenden Kurfrsten irgendwer formell benachrichtigt
wre, erfolgte dann eines Tages, vor einem Auditorium von nur Jesuiten
Mnchen Beamten, die Belehnung des Bayern in der Ritterstube des Rathauses
zu Regensburg. Knieend empfing der Bayer den Kurhut aus der Hand des
Kaisers. Zwei Stunden darauf versah er zum erstenmal das Amt als Truchse
an der Tafel des Kaisers, trug die erste Schssel auf, wurde zum Mahl
geladen. Ein Eilbote lief zugleich nach Rom, um in Maximilians Auftrag dem
Papst die freudige Kunde zu bringen; die Kanonen donnerten auf der
Engelsburg; zum Tedeum zog der Papst Gregor in die Peterskirche.

Die Regensburger hatten dem kaiserlichen Paar ein besonderes Prachtschiff
gebaut. Das Kolleg lste sich auf.

Der Franzose hatte gekmpft, um den Bayern in seinem Spiel zu haben, wenn
es gegen Spanien ging oder gegen den Kaiser.

Der Spanier hatte gekmpft, um sich England freundlich zu erhalten, den
Verwandten des gechteten Mannes.

Den Bayern hatte Rache, Grensucht und Stolz getrieben. Der Kampf war zu
Ende.

Es pries am Schlu der groen Prozession vom Wolfgangsdom zum heiligen
Emeran der Kapuzinerpater Hyacinth das geschehene Werk, predigend, man
drfe nicht Furcht vor den drohenden Allianzen und Personen haben; wenn nur
der katholische Glaube gefestigt und gefrdert werde.

Kochenden Herzens ging aus dieser Predigt hinaus der graublasse Pfalzgraf
Wolfgang Wilhelm von Neuburg; er reiste sogleich dem spanischen Gesandten
nach, allein; seine erschpfte Frau hatte als erste dem Bruder Glck
gewnscht, begleitete ihn nach Mnchen. Die Birkenfelder Trias war lngst
mit spanischem Gelde abgeschwommen.

Herr Meggau, Frst Eggenberg, Abt Anton, Herr Trautmannsdorf, die Recken
von Regensburg begleiteten den Herrn heim, eine ehrerbietige stark
verbitterte ratlose fast verzweifelte Runde, am heftigsten sich selbst
grollend. Der Kaiser war frhlich mit seiner Gemahlin, empfing freudig noch
auf dem Schiff zwischen Passau und Linz seinen Bruder Leopold, den er beim
Abschied in Wien dem Hohen Rat mit dem Bemerken empfahl, man mchte sich
auch in Zukunft bis auf weiteres an den Erzherzog halten. Er selbst nehme
Aufenthalt in Laxenburg und Wolkersdorf.

                   *       *       *       *       *

In Mnchen, in der Residenz, sa der Melancholiker Maximilian, ugte nach
allen Seiten. Sa ber seiner Beute. Er konnte sie nicht wie ein wildes
Tier in eine Ecke schleppen, sie allein schlingen. Aber whrend er sich mit
rasselnder Brust an ihrem Besitz sttigte, funkelten seine Augen. Er
knurrte fauchte sprhte. Das Blut troff in zwei Rinnsalen aus seinen
Mundwinkeln, bildete Lachen auf dem Boden, indessen seine Hinterbeine schon
zum Sprung eingezogen waren, die Vorderpranken locker; der Atem rauschend.

Er warnte den Kaiser, er mge auf der Hut sein. Er schrie nach Wien.
Eggenberg Questenberg Trautmannsdorf flsterten hhnisch: er mag sich
verteidigen. Bayern liegt wie ein Wall vor sterreich; wenn Feinde kommen,
gehen sie auf die Pfalz; mag Bayern sich strecken.

Max drohte: ich habe dem Kaiser die Krone auf dem Kopf erhalten. Der
Kaiser, kaum da er's hrte. Er lchelte mit seinen Rten: Max hat meine
Hand gefhlt.

Maximilians Gebete waren ein Zischen nach Beruhigung. Aber seine Haltung
wurde starrer als sonst. Er wartete gespannt, da sich die Wut der Feinde
auf ihn werfen wrde. Er dachte schon daran, wie er sich aus dem Spiel
stehlen knnte. Heimlich ging bei ihm ein und aus Charnac, der
franzsische Geschftstrger. Maximilian htschelte ihn, stie ihn von
sich, htschelte ihn.




Zweites Buch
Bhmen


Am Altstdter Brckentor von Prag ragten auf den Zinnen, aus den schwarzen
viereckigen Fensterluken quer nach vorn in die blasende Luft elf Stangen
und Spiee. Mit eisernen Klammern waren sie am Gemuer befestigt. Auf den
Stangen und Spieen saen mit kurzen Hlsen verdorrte Menschenkpfe, denen
die Rmpfe abgeschlagen waren; sie lagen unten verscharrt in der Erde. Als
sie noch lebten, hieen sie Wenzel Budovak, Kaplir, Prokop Dovorecky,
Friedrich von Bila, Otto von Los, Bohuslav von Michalovik, Valentin Kochan,
Tobias Steffek, Kober, Jessenius, Heimschild. Sie waren vorzeitig,
wenngleich alte Mnner in hohen Stellungen, durch Gewalt umgekommen, weil
sie Bhmen gegen den Habsburger ein Wahlknigreich nannten und sich den
blonden Pflzer aus Heidelberg verschrieben. An drei Stangen waren
Armstmpfe mit Hnden angenagelt zum Zeichen des geschworenen Meineids.
Unter einem weibrtigen Kopf, dessen Mund angelweit klaffte, baumelte am
Holz ein brauner geschrumpfter Fleischlappen, eine Zunge: dies war vor
einigen Jahren der Rektor der Prager Universitt, Jessenius. Viele wilde
Reden hatte der blauugige Mann in den Wochen des Entschlusses, der
Erhebung gesprochen; an seinen Lippen hatten die jungen Adligen gehangen,
die sich nach der Unglcksschlacht verzweifelt im kniglichen Tiergarten
zusammenscharten und nach schumender Gegenwehr niedergemetzelt wurden.
Sein Mund erduldete das Wehen des Windes, mit seinem Schlund, seiner Kehle
trompetete der Wind, Zeisige und Spatzen hockten zwischen den Kiefern.

Die Krper zerschlagen, die Gter zerrissen, verschleudert, die Erde unter
das Schwert gestellt. Whrend sie ber Vltava, der breiten nebligen Moldau,
trockneten, flohen ihre ehemaligen Freunde als Rebellen ins Ausland, die
Berka Luksan Pisetzky Fruewein Wichynik. Ihre Gter belastet mit den
Gnstlingen des Siegers. Und vor das vergrauste Bhmen trat der bestellte
Anklger, wies auf die Huser, in die sich die Beamten des
Konfiskationshofes begaben. Fnf eine halbe Million Taler heimste der
kaiserliche Statthalter aus Nachlssen ein. Aus dem Volke stieg das Wort:
Gnade? Was fr eine? Eine bhmische? Kopf ab. Eine mhrische? Ewiger
Kerker. Eine sterreichische? Raub aller Gter.

Braunaus Regiment harnischschttelnd, Pike und Handbeil lsend, rasselte in
Bhmen ein. Braunaus Zahlmeister hie Wolfsstirn, er traf seine Anordnungen
fr die Einquartierung. Er arbeitete in Trautenau Leitmeritz Caslau. Mit
kleinen Trupps rckte er vor ein Haus, seine Sldner verlangten zu essen,
zu trinken, Fourage fr Pferde Unterkunft Geschenke. Gesttigt und voll
fing Wolfsstirn seinen Spa an. Den Streithammer, den er am rechten Arm
trug beim Schmaus, lie er am Faustriemen in die Hand gleiten, griff nach
dem gedrehten Eisenstiel, schrie, den Falkenschnabel in das Tischholz
knallend: Nun wir geschmaust pokuliert gerlpst gespuckt gesudelt haben,
ist es Zeit, die Rechnung zu bezahlen. Also bezahlt, Herr Wirt. Und seine
Dragoner schmetterten wiehernd aufstehend ihre Handbeile vor sich in die
Tischplatten, zwischen ihre Beine in die Schemel und Bnke, ber sich in
die Balken der Decke: Zeigt her Kreide und Schreibtafel, Herr, damit ich
wei, wie hoch ich mich zu bedanken habe, mcht nicht als Lump und
Fuchsschwnzer verschrieen sein. Er meinte den Beichtzettel. Holte der
Wirt das Papier, so schaute der Zahlmeister drohend seinen Mann an, tat
falsch hflich, keifte bse nach den Pferden. Wo er einen hussitisch
Gesinnten, ein bhmisch Brderlein, Utraquisten, Calvinisten traf, fiel er
ihm um den Hals, das Valetetrinken nahm kein Ende: Herzbruder, wir lassen
dich nicht, schndt uns Gottes Element. Wir halten zu dir, sollst nicht
verderben. Fnf zehn seiner Leute quartierten sich ein, waren nicht zu
vertreiben. Der tolle krummbeinige Zahlmeister sprach im Durchritt alle
Tage vor: Haltet gut Wacht, da ihm nichts passiert. Er verdient es. Tot
schind' ich Euch, so ihm etwas widerfhrt. Ausschttete er sein Lachen,
wenn sich einer beschwerte, demtig um Erleichterung bat: Sieh mir einer
den Aberweisen an! Ja, wei der Hundsfott nicht, was ihm bevorsteht, wenn
wir ihn lassen? Was ihm droht? Da der Satan ihn ankrallt, ihn mit Leib und
Leben, Haut und Haaren verschluckt. Weit du, wer der Teufel ist?

Das ist der Bse selber. Recht, da stimmen wir Christen mit euch
berein. Brauch keine Wache deshalb. Schtz mich schon selbst. Hast du
es vor, bereitest ihm vielleicht das Bett? Setzst lieber ihm deine Schinken
und Hhner vor als meinen frommen Soldaten? Willst gar eine Mantelfahrt mit
ihm machen? Ich steh' fr dich ein vor Gott und der kniglichen
Statthalterei, mu mit meiner Seligkeit fr dich brgen. Eher la ich dir
Daumschrauben anlegen, ehe ich ein einziges meiner frommen Kinder
wegschicke. Wir verhungern bald, Herr! Wolfsstirn, der gedrungene kleine
o-beinige, blaurot die Eisenkappe aus der Hand werfend, schwer in seinem
Panzer atmend, zu seinen Leuten: Habt Ihr zu essen? Sie schwiegen,
schmunzelten. Er drohend, gefhrlich: Da Ihr nehmt, was Ihr findet, da
Ihr Euch sttigt und Kraft gewinnt, da Ihr nicht die letzte Ziege und Kuh
schont. Weh Euch, wenn ich Euch schlapp finde. Er hatte gerstete
Heerwagen mit zahlreichen Fuhrknechten Reiterjungen. Mit einer feinen Wage
fuhr er, zwei Trommler und Trompeter voraus, durch die Stadt. Wo
Einquartierung lag, wog er die Sldner mit dem sonderbaren verbogenen
Instrument; wenn einer abgenommen hatte oder ihm dnn erschien, kassierte
er die Taler von dem Hausherrn ein, lie ihm fnfzig Hiebe versetzen von
seinem Bttel, dem Sldner selbst halb so viel. Den Beichtzettel, der ihm
eines Tages vorgezeigt wurde, salutierte er: Lieber, juchhei, bist nun ein
gottgeflliger rechter Christ. Mein Werk ist am Ziel und Ende bei dir. Wo
du dein Heidentum hinter dir hast, wirst du mich verstehen und mir danken.
Nur satt fressen konnten sich meine armen Kinder bei dir, nicht besser wie
die Sue im Stall waren sie eingesperrt bei dir. Pfui ber die Schwelle der
Unzucht. Und nun prsentierst du den Beichtzettel. Er betete mit dem Herrn
und seiner Familie auch mit den Sldnern gemeinsam, fiel hin im Harnisch,
war befriedigt.

In den Rentmtern Kstereien Stuben der Amtleute Vgte Kellerschultheie
Rte Brgermeister lagen Kornetts Spielleute Korporale mit wallenden Hten,
sphten zum Fenster hinaus. Regimentsschulthei Gerichtsweibel thronten im
Rathaussaal; wo einer kam sich zu beklagen, nahm der boshafte Schreiber ein
Protokoll auf unter spitzfindigem Gefrage; dann hie es danken, zahlen fr
die Klage, verlautete weiter nichts. Die Gassen der Neuglubigen
versperrten sie mit ihren Trowagen, quer lagen die schwerrdrigen Gestelle
auf den Pflastersteinen oder im Sumpf, konnte keiner herber von rechts
nach links; wer die Gasse entlang wollte, stand vor hlzernen Barrikaden.
Ganze Huserreihen waren von den steinbeladenen Ungetmen gesperrt. Mnner
und Frauen saen in den dunklen Hhlen der Keller und Erdgeschosse, oben
go und blies es hinein, das Stroh war von den Schindeldchern mit Haken
fr die Pferde gezogen. Nur bei Nacht trauten sie sich zum Fenster hinaus,
zwischen die Rder, heimlich unter die Wagenbalken, um sich zu verkstigen.
Die neuglubigen Kirchen waren vernagelt; und damit jedem die Lust an ihnen
verginge, schleppten die Fuhrleute morgens mit dem Gemllwagen den Unrat
aus den Senkgruben bei den Husern fort, stlpten ihn vor die Kirchtren.
Die Bauern, die Holz vom Amt bekommen wollten, brauchten keine Feldsteine
zum Straenpflastern mehr hereinzuschleppen; sie hatten genug an denen, die
sie vor den Ketzerhusern ausreien durften. Wo ein Kehrichthaufen in der
Gosse dampfte, wachte in der Nhe ein bestellter Spitzel, ein Dragoner
hinter einem Torbogen, da er nicht beseitigt wurde ohne besondere
Erlaubnis. Dann zogen die Soldatenweiber mit Kind Kegel Raub und Plunder
ber die gerumigen Dielen, grell juchzend ber die Parketts der
Innungsstuben; in den Kammern der gelehrten Mnner krhten die auf dem
Feld, in Stllen geborenen Bastarde, ritten auf den bemalten Folianten. Man
durfte sie nicht verjagen; die viehischen Gottesleugner durften sich
freuen, da sich ehrbare Leute bei ihnen bequemten. Drhnend kletterten die
Dragoner durch die verschmutzten Zimmer, ber die Stiegen zu den
kellergepferchten Besitzern, Teppiche unter dem Arm fr ihre Wolfshunde,
spektakelten nach Heu Stroh fr ihre Pferde. Was nicht zu beschaffen war,
muten die Besitzer kaufen auf den Nachbardrfern; manche kamen nicht
wieder von der Wanderschaft. Andre, wenn der Weinkeller geleert, die
gedrechselten Holzsthle zerbrochen, die schnen ererbten Schrnke
zerkratzt, Salzfsser Leuchter und Lichtscheren zerstoen waren, faten
sich ein Herz. Inmitten des wsten, auf Faulbett Bankpolster Bank und Boden
geworfenen grhlenden Gesindels pflanzten sie das heimlich gekaufte
Marienbildchen auf, auf einen Tisch, einen Wandbort, ein Schrnkchen,
fielen, den Jammer bezwingend, davor hin. Von seinem Spuk war bald darauf
das Haus befreit, die toten Hunde und Hhne auf die Strae gekehrt, der
Boden wieder glatt. Nur die Marienbildchen Rosenkranzbehnge waren in alle
Rume eingezogen. Wie Knechte schlichen die Besitzer mit fremden Mienen um
sie herum, Haus und Hof hatten sie wieder, waren dennoch daraus vertrieben.

Bttel Profosse Pikeniere und Geistliche wanderten von Gasse zu Gasse, Dorf
zu Dorf. Sie gingen in die Schlafkammern, zogen die Decken von den Betten,
denn viele Ketzer legten sich in diesen Wochen zu Bett, um den Fragen zu
entgehen, die jedem entgegendrhnten, der den Kommissionen die Tre
ffnete: Wer ist im Haus? Und Ihr, seid Ihr katholisch geboren, geworden,
versprecht Ihr es zu werden oder nicht?

ber die Betten der Greise, Kranken im Caslauer Spittel beugte sich
lederknarrend der Bttel. Ich bin krank, wimmerte einer. Ob Ihr
lutherisch, calvinisch, utraquistisch, katholisch seid? Ich bin krank.
Mir fehlt der Atem, die Beine sind mir vollgelaufen mit dem Wasser, ich
ersticke. Geht weg. Der Jesuit neben dem Bttel, grauhaarig kalt,
geistlicher Koadjutor, den viereckigen Hut zwischen den Hnden, die Achsel
zuckend: Die Antwort ist schamloser, als Euch gut tte. Es ist ihm gleich,
ob katholisch oder ketzerisch. Er pocht auf seine sogenannte Krankheit.
Dieser Mensch ist schlimm. Geht weg, schrie der graublasse Schdel, der
da lag. Bald, sagten die Soldaten, warfen sich die Piken in den linken
Arm, zogen dem Menschen Hosen und Wams ber, stieen ihn ber den Hof vor
das Tor. Da keuchte, rchelte er an der Schweineschwemme.

Einer sa aufrecht auf seinem Lager; der Spittelmeister, dickbuchig
schlsselklappernd, benannte sein Leiden -- merkurialische Zeichen wie
krampfhaftes Lachen, Zungenbrand, Pusteln in den Augen --, er lallte
sonderbar bei der Annherung der bewaffneten Gruppe: Habe von Euch gehrt,
Ihr Herren. Hab' Euch erwartet. Was wollt Ihr mich fragen, Pater. Nach
deinem Bekenntnis, armer Freund und was du von Gott, der Jungfrau und den
Heiligen denkst. Von Gott, der Jungfrau und den Heiligen. Das ist viel
auf einmal fr mich. Aber Ihr habt recht, mir liegt nichts so am Herzen als
das Bekenntnis. Gott ist Gott. Die Jungfrau hat unsern wahrhaften Erlser
geboren. Und ein Heiliger bin ich. Er lachte heftig, erschreckend rauh und
dann wieder ganz tonlos, versuchte zu kreischen, vor seine Augenhhlen
traten wsserige, rtlich gefrbte Tropfen. Die Mnner bekreuzigten sich.
Was sprichst du armer Mensch? Und woran zweifelst du rmerer Mensch?
schrie der zornig wieder, zitterte mit dem Kopf, bin ich nicht ein
Heiliger? Hast du nicht vor, mich zu martern meines Glaubens wegen? Du
bist also kein Katholik? Er schrillte, streckte fuchtelnd die Arme aus,
man wich um ihn: Ein Heiliger! Ihr seid Bren und Fchse. Betet mich an!
Sie hoben ihn auf an den zerrenden Hnden und Fen: Fat mich nicht an,
ich verfluche Euch bei allen Hllenteufeln. Seht, ob er nicht
Zaubermittel unter der Achsel eingenht hat. Ihr mt ihn rasieren. Wann
warst du zur Teufelssynagoge?

Folterer. Betet an. Man wird eine Probe mit ihm vornehmen mssen.

Schlurrend stampfend murmelnd in die Stube der Kindsbetterinnen. Ein
fieberheies junges Weib rief jubelnd an der Wand zu ihnen herber: Zu
mir! Fragt mich zuerst! Ich wei schon, was ihr wollt! Ein winziges,
kupferrotes Suglingskpfchen sah unter ihrem rechten Arm hervor. So
antworte. Glubig weite feuchte Augen blickten den kopfsenkenden Jesuiten
an, innig sagte sie, nach seiner hngenden Hand mit ihren schwitzenden
greifend: Ich war nicht katholisch, aber ich will es werden, gleich, bald,
kommt recht bald zu mir. Und dann, dann werde ich gesund, nicht wahr, Ihr
knnt das machen. Und dann kann ich mein Kindchen behalten, nicht wahr?
Wir schicken noch heute zu dir. Ich werde gesund werden? Bete, bereue
deine Snden. Und bleibe ich leben? Seht doch mein Kindchen. Bereue
deine Snden. Der Gnadenschatz der Kirche ist gro. Sie, eine Sekunde
still, warf sich schreiend zurck, hob den schlafenden Sugling vor ihr
verzerrtes Gesicht, so da die kleinen Hndchen ber ihrem schluchzenden
Mund hingen, das Bett zitterte unter den Erschtterungen. Als die
Kommission an die Tre ging, rief sie aus ihrem Kissen: Herr, Ihr verget
mich nicht. Ihr schickt zu mir.

In Trautenau bauten die Soldaten hinter dem Tanzhaus einen rohen Stall, da
hinein sperrten sie eine groe Menge starker Doggen und Vorstehhunde, die
sie in Bayern aufkauften. In der Stadt verbreitete sich blitzschnell das
Gercht, als das grliche Geklff von Tag zu Tag wuchs, die Dragoner
htten vor, bevor die Kommission kme, Angehrige von Rebellen in den Stall
zu jagen. Mit Freuden hrten die Soldaten das, auch die anstrmenden
Scholastiker und Dominikaner widersprachen nicht. Eines Vormittags, als die
Kommission umgegangen war, trieb man eine Anzahl utraquistischer Brger auf
den sogenannten Entenmarkt unweit der katholischen Emeranskirche. Die
Kirchentren standen weit offen. Als das Orgelspiel begann, der erste
Knabengesang hrbar wurde, hie man einen Trupp von sechs Brgern, die Hte
abgerissen, auf der Strae nach der Kirche laufen. Sie waren noch nicht
zehn Schritt vorwrtsgekommen, als aus einer Seitengasse, die in den Markt
mndete, pltzlich ein greller Pfiff tnte, kurz darauf Hundegebell
Menschenrufe. Im Nu sprangen hinter den fortrasenden sechs Mnnern, toll
sie anfallend, die schumenden gehetzten Doggen her; die Mnner
schleuderten sie von Schulter und Nacken ab; die gestrzten Tiere holten
sie ein, saen an ihnen, schlangen sich vorn herum, hingen sich an die
Beine, warfen die Mnner um. Die schlagend schreiend rafften sich hoch,
krochen, wurden umgeworfen, rannten weiter, zerfetzte Kleider, blutende
Arme, zerkratzte Lippen. Torkelten an die nahe Kirchentreppe, der Schwall
der Hunde ber sie, dann war eine Treppenstufe erreicht. Stcke und Riemen
der Soldatenreihe fuhren unter die sich verknulenden Tiere. Dahinter zogen
sich die Mnner fugetreten faustgeworfen vierbeinig die Stufen hinauf. Am
Weihbecken im weien Chorhemd standen Priester, sie zu empfangen. Vor die
hndefaltenden Weirckigen krochen keuchten die unkenntlichen
Entgeisterten; sie spien Blut Schleim, ihre Lungen rasselten, die Augen
wei und rollend. Sie wollten sich blind und bewutlos an den Priestern
vorbei in die dunklen Winkel drcken. Die Geistlichen sprachen sie an,
fhrten sie, vor denen die Menge zischelnd schaudernd zurckwich, vor an
eine Bank. Sie lieen alles mit sich tun. In die leisen Worte, die stille
Andacht sgten gleichmig und ohne Scheu die rasselnden Atemzge.
Schnauben, pltzliches Winseln: Schlagt mich tot, schlagt mich tot!,
immer wieder unterdrckt von Hnden, die sich vor die Mnder legten. Wie
die Menge sich von den Knien erhob, klatschte einer von den Zerfleischten
lang auf den Steinboden, die Arme vorstoend, den Kopf anhebend, tierisch
grhlend: Schlagt mich tot! Und whrend die umringenden Scholaren sein
Geschrei vergeblich zu ersticken versuchten, tobte drauen die zweite Jagd
gegen die Kirchentreppe an, das Geklff Getrappel Geheule, das Winseln
Sthnen Brllen hallte gegen die Gewlbe, das triumphierend heie Bellen
der Hunde, ihr gelles Quietschen scholl grlich herein. Unter den Betern
sanken ohnmchtige. Auf der Anjagdstrae muten die Doggen mit Hnden und
Stcken von Gefallenen abgerissen werden.

In den Stuben der Neuglubigen unermeliches Gejammere. Der Tag war bald
vorbei, nach der Nacht mute der neue Morgen kommen mit der Kommission.
Dann klopfte es mit knappen Schlgen an, das Gebell hatte die Nacht nicht
nachgelassen. Wenn man sich mit zagen zweifelnden Blicken ansah, das Weib
an dem Mann hing, die Kinder in die Winkel krochen, war alles entschieden;
zwischen Dragonern konnte man zur Messe gehen, taub, nur mit den Fen auf
diesem Boden konnte knien, whrend andere drauen zerfleischt wurden und
halb tot auf die Fliesen hinklatschten. Die frommen zufriedenen Menschen
drin bebten unter den Mienen dieser Knienden, hielten sich ihre Blicke vom
Gesicht ab. Noch nie waren die bunten blumenbehangenen Heiligenbilder des
Altars von solchen brennenden Augen angesehen worden; mitleidig beteten sie
fr die Unglcklichen Verblendeten, riefen die nieversagende Frbitte
Marias, der paradiesischen Wundertterin, an.

In Kuttenberg sprang mit den bhmischen Brdern Don Martin da Huerta samt
seinen Krassieren; in Leitmeritz Don Balthasar der reiche edle Herr,
begleitet von den hochgelehrten und geschickten Kapuzinermnchen Valerian,
zubenannt der Lange, und Franziskus; mit Kniggrtz wurden die Kroaten
fertig. Und als dann noch Haufen Verzweifelter sich zusammenrotteten, da
doch alles verloren war, und rechts und links unter bestialischer Wildheit
Feuer in Huser und Scheunen warfen, auch in die eignen, ihre abtrnnigen
Brder anfielen, konnten die um sie besorgten Jesuitenvter, schmerzvoll
den Kopf schttelnd, sich nur zurckziehen; hier war nicht mehr ihr Gebiet.
Den Soldaten wurde freies Feld gegeben. Das Land hatte kein Korn auf den
ckern, da es kaum bestellt wurde; dafr setzten die Soldaten auf die
Felder die blaugrnen Gesichter der Erwrgten, die purpurnen Stmpfe der
Niedergemetzelten, deren Beine in die Luft ragten, Verweste. Den Ha
stampften sie ein, wo sie ihn trafen, machten die Erde fett, aus der er
gequollen war. An den Galgen dampften in der Hitze die Leiber der
Gehngten. Der stinkende Wind warnte vor Rebellion zwischen Elbe und
Moldau.

Aus ihren geplnderten Drfern flohen die Begnadigten, denen Nasen Ohren
abgeschnitten waren, die Zunge fehlte, die Eidfinger fehlten. Die Gedanken
liefen ihnen kreisfrmig um den Kopf, sie irrten nicht lange in den Wldern
zwischen den Kadavern ihrer verzweifelten in die Seligkeit eingegangenen
Brder.

Starr sa ber dem Land wie ein fremdlndischer Gtze, dem man
Menschenopfer bringt, um ihn ruhig zu halten, ein alter Mann, Gundakar von
Liechtenstein, der Gouverneur und Oberstburggraf, Herr von Troppau und
Jgerndorf. Er war schon durch die Kabinette des irrsinnigen Kaisers Rudolf
gegangen, hatte den Kaiser Matthias sich abkmpfen sehen. Schwerkrank war
er, seine Nchte gestrt durch Herzbrune. Er sa vor der Theinkirche unter
dem Baldachin an dem Tage, an welchem das rotbehangene Schafott auf dem
Altstdter Ring fr die Rebellen aufgeschlagen war. Im Karree sperrten zwei
Schwadronen Kavallerie, ein Fhnlein Fuvolk den Platz; aus einem Fenster
stiegen nach und nach die grauhaarigen herrischen leidenschaftlichen Mnner
neben dem Priester vor den Henker. Sie hatten nicht viele Schritte gemacht,
dann wurden ihre spritzenden Leiber wie Klberrmpfe angefat gehoben
geschwungen, in die leeren Holzkisten gekracht. Dem Stadtbttel fielen ihre
Kleider zu.

Nahe beim Veitsdom vor der tiefeingeschnittenen Schlucht des Hirschgrabens
stand auf dem Hradschin die Burg. Der Laurenzerberg schob seine
dichtbelaubten Gnge zur breitflieenden Moldau herunter. In den spanischen
Saal der Burg lie sich der Gouverneur vor den ppstlichen Nuntius, den
Kardinal Caraffa, tragen, der auf ihn wartete. Der Neapolitaner verlangte
im Namen seines Herrn, des Statthalters Christi auf Erden, des Mannes in
Rom, die Menschen des Landes Bhmen fr seine Kirche. Und zwar ohne Verzug
in Anbetracht der bedrohten Seelen. Liechtenstein lie ihn erst zerren,
dann dachte er an sein Ende, kte, auf ihn zuwankend, seine Hnde. Sie
kamen berein.

In einem ungeheuren Krampf zog sich das Land zusammen, schleuderte mit
einer einzigen hebenden schttelnden Bewegung die ganze Masse der
Unbotmigen von sich. Nachdem ihnen Todesstrafe und Gterverlust angedroht
war, wofern sie Unziemliches von Gott, der Jungfrau, den Heiligen, sowie
dem glorreichen Hause Habsburg sprchen, sammelten sie sich. Handwerk und
Handel waren ihnen verboten, wenn sie nicht ihren Glauben abschworen. Da
traten im ausgehenden Sommer die ltesten Prediger Ratspersonen der
Familien zusammen, denen die Wahl gestellt war, den Boden zu verlassen oder
in den habsburgischen Himmel zu fahren.

Auf den obstbaumbestandenen truppenwimmelnden Straen nach Norden und
Westen knarrten die Wagen; die bhmischen Brder zogen aus, nach Sachsen.
Sitzend auf schweren Gulen, unter breitkrmpigen hohen Filzhten, Degen an
der Seite, verstockte versteinte Mnner und Brger; auf diesen langbrtigen
Gesichtern stand: politisches Recht und der Knig. Neben ihnen die ruhigen
freien Bekenner, die sich wiegten in ihrer Hoffnung; ihr Hu in Konstanz
verbrannt auf dem Konzil; wer wollte an sie heran? Was wre aus der Welt
und der menschlichen Seele geworden, ohne das Heil, das Hu in Bhmen
erneut hat? Jesuiten und ihr Kaiser Ferdinand haben Kelch und Schwert, das
Georg Podiebrad vor Jahrhunderten auf der Theiner Kirche aufstellte,
herabgerissen; tote Glaubenshelden gruben sie aus, verbrannten sie,
schtteten ihre Asche in den Mund: die krperliche Strke kann sich in alle
Ewigkeit nur an der Materie vergreifen, nur an der Materie. Lange braune
und blaue Rcke trugen sie alle, groe schwarze Schlapphte; die Westen mit
roten Aufschlgen. Viele Jngere schritten festlich in kurzen Jacken mit
gereihten Messingknpfen und gelben Hosen, an genagelten Stcken. Hinter
den Martyriumsfrohen die Verschchterten, angstvoll Bestrzten, die das
Leben retten wollten. An den Dorfausgngen, vor den Stadttoren schoben sich
die Armen; zu ihnen war keine Kommission gestiegen; wie ihre Wohltter
fortgingen, zogen sie mit; mit Schnappscken, einrdrigen Karren,
Maultiergespannen stieen sie zu den breiten Zgen der Rollwagen
Reisekutschen. Jetzt waren sie hier, im beginnenden Elend, die strksten;
Bitterkeit, augenverschleiernde, regte sich bei ihrem Anblick in den
Wohlhabenden, denen es hei aufquoll; Scham bei den Armen. Die Bauern
wuten schon, als sie einander stumm in den gefllten Wagen ansahen,
wegblickten von den Mitwandernden, was ihnen bevorstand: im Elend ein
fremdes Gefhl zu lernen, den sinnlosen Ha aufeinander! Den Gram wrde man
sich vorwerfen, um zu vergessen; man wrde sich bestrafen fr die
Erinnerung an die verlassenen Huser und Felder. Die Strohdcher, roten
Ziegeldcher, die Scheunen Stlle Salbeigrtchen Lavendel Reseda Minze. Die
schnen Giebel mit Sulchen, gezhnten Luken, krajky, dunkle
Schindelvordcher mit Denktafeln, Terrassen vor den Husern; hinter Bildern
Meerzwiebeln.

Trnenvergieend umdrngten an manchen Flecken fast um Verzeihung bittend
Altglubige, Priester im Ornat, ihren Zug. Blicklos zogen sie im
Straenstaub, den sie nicht gehen brauchten, ganz umhllt von ihren
Gedanken; das Buch, die Bibel in der Hand. Das Buch, das entsetzliche Buch,
das grausige Buch! Wie oft hatten die altglubigen Priester sie im Geist
mit Trauer und Erbarmen, die rmsten, wandern sehen mit dem Buch; welches
unsgliche Unglck hatte das Buch angerichtet. Es zogen aus viele Tausende,
aus allen Stnden, dazu Weiber und Kinder. Das wandernde Volk nahm seine
Fruchtbarkeit mit. Die Frauen volle, junge, vergrmte, Mtterchen,
braungesichtige, stolze, verdorrte; Frauen auf Karren, neben Eseln, in
Kutschen. Lange Rcke, Kopftcher, bunte Schrzen, Mieder; die gestickte
Holubinka auf dem Haar, Frauen aus Pilsen mit weien Flgelhauben. Die aus
dem Chodenlande mit roten Leibchen. Sie reisten im ausgehenden Sommer; auf
den groen Straen trafen sie sich; die Apfelbume schttelten runde rote
Frchte ber sie. In vorwrtsliegenden Drfern achteten die Amtsleute auf
die Kirchtrme, denn es kam vor, da ein bser Geselle die Glocken bei
ihrem Annahen lutete, um das Volk durch den Anblick des traurigen Zuges
aufzureizen. Kompagnien wurden vom Regiment Holstein gestellt, die drngten
die Auswanderer auf Seitenstraen, trieben sie um grere Orte herum; auf
schwierigen Knppelwegen, ber Brachfelder hin. So muten sie sich aus
ihrer Heimat winden.

An Wegkreuzungen, unter Mariensulen tauchten Mnner auf, zerlumpt, wie
Bettler aussehend, mit gefhrlichen Knppeln; sie waren geschickt vom alten
Grafen Thurn, dem geflohenen Rebellenfhrer, der in Sachsen Brandenburg und
Holland agitierte. Verhhnten die Wandernden, um sie aufzustacheln: Wo
zieht Ihr hin? Wie seht Ihr aus! Hat Euch der Kaiser Euer Land abgekauft?
Hat Euch viel gezahlt, da Ihr es eilig habt damit, da man Euch nichts
raubt. Wieviel ist es, wieviel ist es?

Zigeuner, Zigeuner, lachten sie schallend hinter ihnen her. Und dann
ballte es sich vielen vor Schmerz und Verzweiflung in der Brust; die
Schultern wurden ihnen schwach, die Knie lose. Das war die Strae! Nach
Wegstunden schlngelten sich wieder, auf Maultieren kauzend, die Lumpen
heran, boten: Gelobt sei Jesus Christ. Die hrten stumm ber den
papistischen Gru weg. Seid ihr Heiden? Hat man euch die Zunge schon
ausgeschnitten? Ah, die Frommen, es sind die Frommen. Von Trautenau, von
Kniggrtz, von Brunau. Die Aberfrommen; denen die Herren Jesuiter nicht
fromm genug waren. Da ist ja Simeon von der Nadlergilde. Hast du die Lade
aufgeschlossen, Simeon, die Pokale eingesackt? Simeon, seid nicht stolz,
ich bin Wanderbursch, Herr Meister, biet Euch ehrbaren Gru und
Mundsprach. Die wrdige Jungfrau Faustina, schau an, schau an, im Wagen,
bei ihrem Herrn Vater; will selbst auf die Freite gehen in Sachsen,
vergesse sie mich nicht. Ein Schuhknecht gefllig, eine Totennadel
gefllig, Junker Schn, da Ihr fest und gefroren seid, wenn Euch einer
anfllt, maen beim Chausseen walzen? Allesamt ehrsame strenge Herren,
Mhmchen, Bschen, Gott zum Gru. Die ganze Chaussee entlang die liebliche
Kompagnie. Willkommen zwischen unseren Pfhlen. Das Dach habt Ihr
vorsorglich mitgebracht.

Peitschen schlugen von den Wagen nach ihnen; Steine sausten gegen sie.

Sie wichen aus: Landstrae, Landstrae! Brderlein! Schwesterlein!
Brutlein! Wollt Ihr mit, Hnde beschauen, Gldrian verkaufen und Enzian?

Mhmchen Walpurga, Mhmchen Walpurga, du zartes, zierliches, komm herunter
von deiner Frau Mutter. Bist kein Sugling mehr, lpf dich zu mir. Hab'
einen groen Wulst von einem Italiener gestohlen, bndel ihn dir um den
Leib, unter den Rock; verdienst mit mir Heller und bhmische Groschen. Was
schenkst mir fr meine Lehr?

Wie sie neckend und geifernd herumsprangen, die Kappen hoben, die Beine
wetzten, fuhren ihnen Flche nach aus den Mndern der ruhig schreitenden
Mnner, der Sacktrger mit den schweitriefenden Backen, der Greise hinter
den Hundekarren. Der Gottseibeiuns ber dich Schelm! Meister, das ist
herrlich gesagt. Euch kann es nicht fehlen. Ihr tragt Euer Glck im
Mundwerk herum.

Verflucht suischer Schalk. Da rekelte sich einer eitel im Feld,
affektiert die schmutzigen unbewickelten Fe spitzend: So bin ich
verflucht, und Ihr nehmt meinen Dank an. Schaut mich: ich bin durch Euren
Spruch nicht besser geworden, Meister. Es hat noch nichts genutzt; bin noch
nicht schner, nicht dicker, nicht artiger geworden. Wit Ihr nichts
anderes?

Stinkiger Lotterbub, tckischer Hund, gottvergessener Dieb.

Kopfschttelnd folgten sie in Entfernung, behaglich schwrmend, den finster
Explodierenden: Noch immer nichts, noch immer nichts.

Die Steine sprhten, sie meckerten von weitem: Wir werden Euch fttern
mssen, wenn Ihrs nicht besser lernt. Was wollt Ihr mit Hunden? Haben sie
Euch gebissen in Caslau, in Kniggrtz?

Bei Leitmeritz weitete sich das Elbetal, dichtblttrige schwertrchtige
Obstbume; grnende, braune, blulich schillernde Reben auf den Hngen,
Drfer, Drfer. Dahinter die langausgezogenen Bergreihen, umdnstete Kegel.
Steiler wurde der Weg. Rechts und links der Radobil und Lobosch;
Fichtenwlder. Die Nelken wuchsen wild; Maria hat sie auf dem Weg nach
Golgatha geweint. Wo war nun Mtterchen Prag. Kleine Brunnen flossen
vorbei; das nselnde Mnnlein, das daneben sitzt im grnen Rock, ohne
Daumen an der linken Hand, es nht seine Stiefeln, hat rtliches Haar; es
fhrt einen Topf fr die Seelen der Ertrunkenen. Hher und hher, liebe
Berge, liebe Fichten, liebe Quellen. Wie trmte sich das Gebirge auf, um
sie nicht herauszulassen. Keiner sprang um sie, hier pfiffen nur Vgel.
Khler Nadelwald, Drfer, die noch friedlich lagen vor den Kommissionen,
Herrensitze, grne Matten, Gehfte. Und wie man noch eben die Fe ber den
satten Boden hatte schleifen lassen, als sauge man ihn ein, Schluchten und
Wlle seufzend heruntergeblickt hatte, dehnte sich eine verwandelte platte
Ebene vor ihnen aus, in die die Wagen, die Tiere Mnner Kinder Frauen Wagen
hineinfuhren, wie in ein Nichts sinkend, in dem sie selbst verschwanden,
vom Himmel zur Erde und nach beiden Seiten gereckt. Die Stimmen verklangen,
die Farben verliefen; Flchen, Flchen, menschenfremd, unnahbar fr
Lebendiges.

Blaugrne Bsche der Sumpfkiefer umgingen sie ahnungsvollen Herzens, nach
Heidepflanzen faten sie, die die Finger stachen; der Moorboden wippte, sie
tnzelten, schwankten. Blickten rckwrts, fingen an zu erschrecken, sahen
die schwarzen Wlder nicht mehr. Unheimlich die Luft. Aus dem Boden vor
ihnen krochen arme Leute hie und da; Hammer Piken und Eimer schleppten sie;
grauer Staub, Erze; sonderbare Hhlen, mchtige Haldengnge, ungeheure
Pingen. Tiefer sank der Boden ab, die Wagen rollten leichter, von Welle auf
Welle sank der Boden, Moorheiden, finster verschwiegene Wlder. Langsam
sanken sie alle, den Atem verhaltend, in ein fremdes Gebiet hin, hinber.

Man rollte die weiten kahlen Hochflchen, trauriger, aufgelster. Voran
tummelnd auf Pferdchen hliche kroatische Reiter, trabten hinterdrein. Die
wilden schiefen Pelzkappen auf dem Haar, das in schwarzen Locken hoch
wirbelte; mit den Fen kneteten sie den Leib ihrer braunen Tiere; auf und
ab arbeiteten in den grellweien Leinhosen hohen Stiefeln ihre Beine. Sie
jagten mit Peitschen und Piken den Zug ab, kreisten ihn ein wie
Schferhunde. Hatten die Necker ihr Spiel zu treiben aufgehrt, kreischten
die fremdlndischen Befehlrufe der unverstndlichen Soldaten. Fluch; man
duckte sich. Und doch verlor sich die Angst vor ihnen, je mehr man sich der
Grenze nherte und abwrts stieg. Man sah mit Angst und Unruhe, wie dies
geschah: wie sie sich von der Spitze zurckzogen. Bald werden sie
verschwunden sein, nach Bhmen hinein, zurck in die liebe Heimat, sie
werden die grnen Matten wiedersehen, und wir stehen drauen. Unwillkrlich
verlangsamte sich das Tempo des Vorrckens; die Kroaten hetzten; da und
dort brach man heimlich Wagenachsen entzwei, versperrte ganze Straen. Der
Weg ging schon in Straen abwrts und man htte rasen knnen, statt dessen
trmte sich der ganze Tro unbeweglich auf. Mit heimlicher Sigkeit
blickte einer den andern an, wehmtig streichelte man sich, sammelte Steine
vom Weg, kte die drftigen Zwergkiefern; den Rabenschreien lauschte man,
als wre es Mndergesang. Welche drangen bittend in die Reiter, da sie sie
hier verweilen lieen, dachten nicht, von wo sich ernhren. Manche blieben
liegen. Wtender jagten die Kroaten, legten selbst Hand an; diese Gegend
war ihnen zuwider. Und die wandernden Bhmen, als wenn ihnen ein Unglck
bevorstnde, schoben sich bereinander, wurden gesprengt voneinander, kamen
elend vorwrts, bremsend, bremsend vorwrts.

Bis am Morgen ein schreckliches fernes sinnenbetubendes Glockenluten
hinter einem Bergzug, der noch schmal vor ihnen lag, mit einigen Windsten
herschwang, unter dem die Berittenen gelle Freudenschreie ausstieen und
sich schmetternd anlachten.

Sachsen! Die ersten weien armseligen schsischen Dcher!

Die Begleitrotten zogen sich auf allen Seiten von der Karawane zurck; dann
brausten sie unter Geheul, in den Stteln hngend, von hinten, seitlich
gegen die Wagenkolonnen. Spiee Beile Riemen in den Hnden. Hieben, lustig
krchzend, die Augen rollend, rechts und links, schlugen sich Wege,
zerwhlten den Zug, warfen Wagen hgelabwrts. Pferde gingen hoch. Sachsen!

Weiberheulen von seitwrts, rckwrts nach vorwrts, rollte sich
verzehnfachend nach rckwrts. Man trieb schrie wirbelte um sich selbst,
lie liegen, was sich nicht bewegen wollte. Die schrecklichen Glocken
luteten den ganzen Tag. Die Kroaten tobten bergaufwrts. Hinber hinunter.
Und als man die Grenze berschritten hatte, die schsische Landstrae vor
den Fen lag, endloses Lrmen. Flehen, Hndeschlagen an der Spitze des
Zuges.

Sie wurden wie von Meereswellen nach vorne gesplt, schwammen drngten
schoben sich rckwrts.

Die benachbarten schsischen Drfer und Stdte hatten Ratsmannen mit
Brotkarren, Prdikanten an die Grenze geschickt, die Glaubensbrder, die
Mrtyrer zu empfangen, sie zu bewillkommnen und zu trsten. Diese fanden
mit Fackeln herumwandernd die Nacht und den ganzen nchsten Tag das
wandernde Volk unbeweglich auf der Landstrae liegen, auf den ckern; kein
Erwachsener nahm die Speise an, die man ihm bot. An der Erde lagen sie, wie
hergeworfene Schiffbrchige; alle waren von den Karren und Wagen gestiegen.
Von Zeit zu Zeit erhob sich grliches Geschrei; einer schrie, hundert
schrien, alle schrien. Dann fielen sie wieder hin, blickten sich
zerkratzend nach drben herber, wo die Kroaten die Grenze sperrten. Die
zappelnden Pelzmtzen, die weien Hosen: da! Aus fnftausend Herzen wurde
Gottes Name Tag und Nacht angerufen gewlzt gekaut gebissen geschlungen. In
Trnen und Staub mischten sie sich mit der Landstrae, besudelt zertrmmert
standen sie auf, rieben sich leer widerspenstig aneinander. Wer nach drben
ber den Kirchturm sah, dem gerann das Blut vor dem Unfabaren.

Man mute weiter. Das Vieh blkte, die Kinder schrien, es wollte regnen,
die Sachsen trieben sanft. Mit Ha unterdrckte man rechts und links das
Aufweinen. Man geleitete sie ins Plauensche, in den Erzgebirgischen Kreis;
sie wehrten sich, weiter zu wandern; an die Zschopau, die Zwickauer Mulde,
um Neustdtel, Merdau, Sayda, unfern Chemnitz. In der Stadt Wolkenstein
stand die Hlfte aller Huser leer. Zu finster, tief geschlagen, stumpf
waren die Flchtlinge, um sich darber zu verwundern; sie hrten lange
nicht das scheue Flstern der Einwohner: man hatte sie untergebracht in
verlassenen ausgestorbenen Pesthusern. Noch ging die Pest mit Beulen und
Geschwren im Erzgebirge um; sie regten sich kaum bei der Nachricht. Als
man sich an sie wandte, Mdchen dem Rat zu schicken zur bung des
Pestbannes, blieben sie stumm; die mitleidigen Brger zogen auch ihre
Huser in den Bann ein. Mitternachts sammelten sich erwhlte Knechte, reine
Jungfrauen, dazu eine Witfrau am Ende Wolkensteins; die Weiber traten
beiseite, entkleideten sich; die Jungfrauen spannten sich an einen Pflug,
rissen eine Furche im Finstern um den Ort; die Witfrau fhrte, ein Knecht
ging nach, der andre htete die Kleider. Aber die erwnschte Pest nherte
sich den Einwanderern nicht. Es brauchte Wochen, ehe sie ihre verregneten
Wagen abluden, noch nach einem halben Jahr sah man Karren vor Husern und
Htten stehen, als wenn gestern einer angelangt wre. Dies geschah aus
Trgheit, aus Widerwillen und Groll; man lie es so in einer Art
liebevoller Schonung, die man sich angedeihen lie, und in Angst, sich zu
berhren. Man tat sein notwendiges Gewerk mit Fluch und Drohung. Die Bibeln
lagen in keiner Kammer mehr auf dem Tisch, der Truhe, auf Ehrenschrnkchen;
wie unabsichtlich war das Buch verschoben berlagert worden von Decken, war
wie in Gedanken heimlich beiseite geschafft, in Kisten ganz tief vergraben.
Keiner durfte von ihm sprechen, kaum, da man die alten Tages- und
Tischgebete sprach. Man hatte ein Geheimnis, verbarg etwas wie ein
Verbrechen. Wer von der Heimat sprach, den alten Putz anlegte, die
bestickten Hauben, roten Westen mit Messingknpfen, konnte gewrtig sein
von einem rasselnden Schwall Zornes berschttet zu werden; auf wen diese
glhenden bangen Augen gerichtet waren, der war beschmt. In Trotz und
leiser Wut lebte man hin zwischen Ackerbau Hausjammer im fremden
Voigtlande. Die Sachsen fanden kein Ende sich zu wundern ber die
Gottlosigkeit der vielgerhmten Bhmen, die in die Kirche nicht gingen,
werkten werkten. Oft warf einer der Bhmen seine Axt beiseite, sah seine
Balken an, spie darauf, sthnte mutlos. Es war nichts Bleibendes: wer
mochte Orte schmcken, an denen man nichts zu suchen hatte! Wolkenstein,
Wolkenstein! Prag! Darum weinten sie und konnten sich nicht entschlieen,
Mrtel fr neue Huser zu rhren, den Boden, der ihnen gestellt war, zu
brechen. Halbes Werk leisteten sie, und wenn die schsischen Amtmnner und
Rentmeister vorbeiritten, leise schalten, hatten sie daran ihre Freude wie
an nichts. Mit Grimm erzhlten sie abends in den Stuben einander: der
Sachse auf dem Pferd htte sie gescholten, htten Lust, ihn totzuschlagen,
wenn er wieder vorbeikme. Und von Zeit zu Zeit erfolgten in ihren Husern
Explosionen; das entschlossene nicht zu hemmende Hinsthnen der alten
Mnner, das Aufweinen und Heulen der Weiber und vergrmten Kinder, die
nicht beachtet wurden. Das klagte rttelte winselte durch die Straen; von
Haus zu Haus, von Erker zu Erker pflanzte es sich fort; und wer drauen im
Dunkeln seine Wohnung suchte, konnte im voraus wissen, was ihn erwartete.
Man kte sich, rief sich mit Namen an, zeigte sich die Kinder, sprach,
jubelte von Bhmen, Caslau, Teschen, Kniggrtz, erinnerte einander an die
Reise ber das Gebirge, lachte trnenflieend ber die Kroaten, rief sich
ins Gedchtnis zurck gramlos die grausamen Bekehrungsszenen mit Liebe
Verzckung Verklrung, sprach von Braunaus Dragonern, dem tollen
Wolfsstirn, -- die Kinder lauschten. Es war fr halbe Stunden, wo die Tren
geschlossen, die Lden angelegt waren, die Unschlttkerze brannte, als se
man eingehllt in Bhmen drauen; man brauchte nur die Tr aufzumachen
hrte das bse vermite katholische Abendgelut!

Wie verraten hielt man sich spter in Raserei, zerschmetterte die Sthle,
streckte steif die Arme aus, wollte dies nicht dulden, immer immer dulden.
Die Kinder schrien, versteckten sich. Nach diesen dumpfen Orgien war die
Verdrossenheit gesunken, aus der Apathie schlugen von neuem die dunklen
Flammen des Jhzorns, der wilden Gehssigkeit und Schadenfreude. Brutalitt
war an der Tagesordnung bei den vertriebenen Bhmen; gefrchtet waren sie
auf dem Lande und in einzelnen Stdten, wo nicht scharfe Polizei herrschte.
Sie hatten miteinander keine Verbindung, liebten sich gar nicht, und nur
dies verhtete groes Unglck. Ein Dorn im Auge war vielen die schsische
Kirche, und gegen das freche Inwegsetzen beim sonntglichen Kirchgang
konnten die schsischen Brgermeister nicht genug eifern. Es konnte nicht
ausbleiben, da bei gelegentlichen Handgreiflichkeiten zwischen Sachsen und
Zuwanderern offene Feindseligkeit zutage trat, die schsischen Ansssigen
sich Klage fhrend an ihre Gerichte wandten ber die Behandlung, die sie
innerhalb ihrer eignen angeborenen Wohnsttten von undankbaren Fremden
erfuhren. Das waren von Brgermeistern Amtleuten vertretene Klagen ganzer
Gemeinden, die Gerichte und befragte Behrden in allergrte Verlegenheit
setzten. Dahin war es gekommen, da sie wie bsartige Bettler den Stadt-
und Landgemeinden auf dem Hals saen, nichts taten, was sie erhielten,
bespttelten. Katholische Singspiele, papistische Martyrien fhrten sie zu
fnf, zu zehn an den Mrkten auf, scheinbar sich zum Spa, aber doch nur um
den Ansssigen rgernis zu geben; hhnisch gaben sie Widerrede auf die
Verwarnung; knnten tun, was sie wollten, und selbst wenn sie Lust htten
eine Prozession nach Art der Papisten zu begehen, wrden sie sich dies von
keinem nehmen lassen. Und von da gab es nur einen Schritt, sich
zusammenzutun und das Werk in den Weg zu leiten.

Gegen das gefhrliche rachschtige Gebaren traten, von den Dresdener
Behrden angegangen, bhmische Edle, auch der alte Graf Thurn, Flchtige
wie sie selbst, auf. Smil von Hodojevsky, in Dresden am Verschwrerzentrum
gesessen, strmte wie ein Sperber auf die Zuwanderer los, als der von
Rhnberg, ein sehr klarer vorsichtiger Mann, ihm die schsischen
Besorgnisse entwickelt hatte. Dem Smil folgten der khne Sohn des Berka,
der sich aus der Gefangenschaft nach der Prager Schlacht befreit hatte, und
Adam Luksans lterer melancholischer Sohn Daniel. Diese drei mit ihrem
Anhang gedachten ihre Landsleute zu zhmen und sich Einflu bei ihnen zu
erwerben.

Sie ritten, redeten, donnerten, lobten, entwickelten Plne. Sie berfuhren
die Einwanderer mit ihren Worten, Blicken und Gesten wie eine pelzige Raupe
eine Steinplatte: kaum da sie sie berhrt und mehr auf ihr hinterlt als
etwas graue Feuchtigkeit, derer sich die Platte schmt. Der Smil, im feinen
franzsischen Gewand mit Degen, wie der prchtige Pflzer sich zu tragen
pflegte, redete lockend vom Sterne, dem Prager Tiergarten, wo die bhmische
Jugend sich verblutet hatte fr die gerechte Sache, Wahlknigreich, freie
Religionsbung. Die Worte schlugen den Bhmen um die Ohren und trafen sie
nicht. Der Berka wandte sich direkt an die ltesten, die Angesehenen, die
Patrizier; er ging zu Fu, sprang unter sie, feurig wie er war; prahlend
beschrieb er ihnen die Schnheiten ihres Landes, dessen sollten sie
eingedenk sein; von ihrem Land sei die Welle der Befreiung ber die Welt
gegangen; sollten nicht verzagen, die Welle kme zu ihnen zurck. Daniel
Luksan, reich wie er war, ritt auf einem Maultier in klglichem blauem
Tuch, die Federkappe auf dem Kopf. Stellte sich mit trbem Gesicht unter
die Leute des Abends, hrte ihnen zu, fing an. Sprach von den Kpfen auf
dem Altstdter Brckenturm, beschrieb das Leben und den Tod der Mnner,
traurig, mit innerem Anteil, dabei stumpf und sichtlich verzweifelt.
Erzhlte, was er gehrt hatte gestern und vorgestern aus der Heimat, lie
nichts aus; das Weinen bekmmerte ihn nicht, das sich um ihn erhob. Sprach
nicht, um aufzuhetzen; lie sich nur gehen vor ihnen; sein schweres
Temperament hatte ein Fressen gefunden am Unglck seines Vaterlandes.
Betrbt sah er wie die Weiber wegschlichen, wie man ihm auswich. Bald
erlebte er es, da man ihm zuschrie beim Reden: Genug! Die Weiber, die
noch herumstanden, schluchzten, die Mnner hoben mit wtenden Mienen gegen
ihn die Arme, gingen gegen ihn vor: ob er plane mit ihnen ein Spiel zu
treiben, ob sie nicht elend genug seien. Man brauchte dem Daniel Luksa
nicht lange zu drohen; er hrte, man wollte ihn nicht, ging.

Und hinter den drei her das hitzige Gerede: das waren die Herren, fr die
wir gebrannt wurden; es ist ihnen noch nicht genug, wir sollen noch einmal
ins Feuer! Herren, die Bhmen ins Unglck gestrzt htten; sie htten sich
den fremden Pflzer verschrieben, um besser ihr wstes Selbstregiment zu
fhren; wollten einen Knig, um ihre krummen Sachen gerade zu machen.

Wie es unter ihnen grte, wurden sie vom alten Grafen Thurn berfallen und
so ergriffen und geschttelt, da sie wie ungezogene geschlagene und
heulende Kinder an den Wnden standen und nicht wuten, was ihnen geschehen
war. Denn dem alten Thurn bedeuteten sie nichts; ihm war nichts gewisser,
als da Bhmen in sehr naher Zeit sich glanzvoll wieder erheben werde ber
Habsburg; er schlang den Faden, dies war seine Arbeit und sein Beruf. Als
er hrte, was im Erzgebirgischen Kreise, im Voigtlande sich ereignete,
erfate ihn eine Wut ber die Aufsssigen Undankbaren Gedankenlosen, die
nicht zwei drei Jahre warten konnten; Tausende im Lande hatten sich
verblutet, und diese im Asyl rebellierten. Er kannte viele von ihnen
persnlich; auf seinen Reisen als Direktoriumsmitglied war er die Drfer
abgefahren, um die Kreisaufgebote zu berwachen. Jetzt sa er in seinem
kleinen niedrigen Wagen, die Pferde lenkte er selbst, der grauhaarige
kleine schmale Mann mit den mongolisch vorspringenden Backenknochen, den
trben schwarzen Augen und der hellen schrillen Stimme. Die silberne
Peitsche hielt er in der Faust; so schrie er die Leute zusammen, und
jedesmal wieder, wenn sich die Leute zgernd beieinanderstellten, befiel
ihn die Wut ber sie, er schmhte sie in dem wohlbekannten heimischen
Idiom, berhufte sie mit jedem gemeinen Schimpfwort. Wer schlaff und
unehrerbietig in seiner Nhe stand, den schlug er vom Bock aus mit seiner
Peitsche und war imstande ihm nachzuspringen. Ohne ein Wort ihrer Widerrede
abzuwarten, fuhr er weiter, drohend und noch nach rckwrts schimpfend. In
einigen Drfern, von deren Gottlosigkeit er gehrt hatte, hpfte er vom
Wagen, warf einem Beliebigen in der Nhe, alten oder jungen, die Zgel zu,
eilte in ein offenes Haus, verlangte, den Tisch mit der Peitsche klopfend,
die Bibel zu sehen. Und wo man zgerte, sich drehte, maulte, ri er selbst
Laden Schrnke Truhen auf, holte das Buch heraus, schlug es, wer ihm in die
Nhe kam, an den Kopf, und das Buch in die Mitte des Tisches legend schwur
er mit greller, weit gehrter Stimme, die Bibel bleibe hier drauen liegen;
er werde, so gewi er der Graf Thurn sei, den eigenhndig niederschlagen,
der es wagen sollte, das Buch zu verstecken.

Eines Sonntags traf er, nur mit einem halbtauben Kammerdiener reisend,
einen Trupp Bhmen auf der Dorfstrae lungern und wrfeln; sein Pferd
bumte sich, hitzig hatte er die Leine gezogen. Kochend, eine Bestie von
Angesicht, stand er vor den tief erschrockenen Burschen, die er mit
wuterstickter Stimme anfauchte, denen er mit der Faust unter der Nase
fuchtelte. Jagte sie in die Kirche; er bedauere, keine Hunde wie Wolfsstirn
zu haben, um sie zu hetzen. In dem Kirchlein war kein Pfarrer; er sperrte
sie ein; nach zehn Stunden holte er sie; sie hatten kein Wrtchen darber
verloren.

Die bhmischen Zustnde in Sachsen gewannen ein besseres Ansehen. Grere
Rstigkeit machte sich unter den Flchtlingen bemerkbar. Sie begannen sich
wieder anzuschauen, zu gren, nach dem Ergehen zu fragen. Sie schmten
sich ihrer frheren Schlaffheit, hatten unbegrenzte Liebe zum Grafen Thurn.
Auf ihn setzten sie Hoffnungen. Man arbeitete, um zu zeigen, wer man sei.
Die Heimat mute befreit werden. Jach sprossen die frommen Triebe wieder
auf. Glaubenseifer und Glaubensstolz, finster gefrbt, erhob sich, grollte
drohend in den Straen, in den Kirchen; man war das Volk des Johann Hu.
Die Bibel war verwandelt; jetzt keine Luterung, keine Seelenreinigung
mehr. In den Kisten, Truhen war das Buch wie unter einer eisernen Presse
steinhart geworden, feierte seine Auferstehung als Rstzeug Waffe Schwert.
Soldaten wurden sie. Der schsische Kurfrst, der Brandenburger Georg
Wilhelm hrten es gern.

ber ihre Heimat, ber das Erzgebirge, spannten sie sich wie eine
furchtbare Wolkenbank, die sich von Jahr zu Jahr schwrzer frbte.

                   *       *       *       *       *

In Bhmen hie es Gelder beschaffen, die Truppen aus dem bhmischen Feldzug
abzudanken, das Besatzungsheer zu erhalten, die ungarischen Grenzstdte
gegen die Trken zu armieren verproviantieren, verdienten Generalen hohen
Beamten Gnadengeschenke zu machen. Der Ertrag aus den konfiszierten
Rebellengtern reichte nicht, der aus der Schuldenkommission war zu gering.

Eine Prager Mark galt neunzehn Gulden. Im Braus hatte der schne Pfalzgraf
gelebt, auf Bllen Jagden Schlittenfahrten hatte sich seine ppige Gemahlin
getummelt und mit dem Volke gemein gemacht. Nach dem verjubelten Winter
steigerten die pflzischen und bhmischen Rte den Wert der Mark. Der
Sieger gab ihm nicht nach; als der Kaiser kam, prete er den Bhmen das
Gebi zwischen die Zhne, da eine Mark siebenundzwanzig Gulden betrug. Der
Gouverneur Liechtenstein lie das gute Geld aus dem Lande schleppen.

Der Sohn eines serbischen Fleischhauers, Paul Michna, war Sekretr in der
bhmischen Hofkanzlei geworden. Dieser warf sich mit einer Rotte
Helfershelfer nach der Prager Schlacht auf das Pferd. Sie ritten in das
Land hinaus; allmhlich vergrerte sich der Zug, Wagen schlossen sich an.
Sie drangen auf die Gter und Herrschaften der Rebellen, brachen die Tore
der Schlsser und Sommerhuser mit amtlichem Gebaren, Siegeln, Drohungen
auf, beschlagnahmten, was sich an beweglicher Habe fand. Whrend panikartig
das Grauen von der verlorenen Schlacht, dem drohenden Hochgericht die
Drfer belief, die Stdte lhmte, alles sich zusammenzog, tauchte Michna
mit seiner Bande erschreckend, unverstndlich, bald hier, bald da auf. Die
zurckgelassenen Frauen, die betubte Dienerschaft lieferte ihnen aus, was
sie verlangten. Leiterwagen mit Stroh fuhren, von Ochsen gezogen, in
einiger Entfernung hinter den Berittenen; toll hinein stlpten, stauchten
sie, was sie erhaschten, bereinander, ohne Schutz Prunkksten
Rollenschrnkchen, silberne Spiegel, Perlenketten lbilder flmischer
florentiner Meister, Pelzwerk Geschirr Kristall Seidengewnder. Sie fuhren
so rasch, weil das Gercht sich bald verbreitete. So da man, wie den Fuchs
an seiner grauen Losung, ihren Weg erkennen konnte an abgerollten
Kruzifixen, Splittern der Deckelpokale, Nautilusbecher, den zerdrckten und
weggeworfenen am Wegrand liegenden Kredenzstcken Silberplatten
Konfektschalen. Wer hinter ihnen suchte, konnte reich werden; aber niemand
bedachte Silber und Tafelgert; alles verrammelte sich.

Rasch war in Spelunken und Gewlben der Juden verschwunden, was eben
unerhrt strohgelagert ber die Chausseen gewackelt war. Die Topase
Brillanten Rubine in Ringen und Halsschnren legte ein alter Jude
liebkosend sich ber die braune faltige Haut, lie sie sanft in seine
eingemauerte Eisenkiste sinken ber wattierte Wmser. Whrend die bhmische
Grfin schluchzend mit ihren Dienerinnen die aufgebrochenen Holzwnde der
Schrnke anstarrte, krochen die grnen Roben, von kundigen Fingern gezogen,
ber die fetten Formen eines orientalischen Leibes; die gerafften
grtelgehaltenen Gewnder rauschten wie bei den Bllen der Knigin
Elisabeth hintennach, ber den Synagogenweg. Wieder lachten Weiber in
diesen Gewndern herzlich und voller Inbrunst, vor andern gewaltigen
Mnnern. Die Greise vorn auf den Bnken in den Tempeln sahen sich um,
sangen im Talare von der Zerstrung Jerusalems, von Jehovas Rache, weinten
ber die Vergnglichkeit.

Drauen fuhr man auf Karren Rebellen, frisch eingefangen, trotzige Ketzer
zur Folter, Arkebusiere stolzierten vor den Husern, Menschenfleisch wurde
billig, verdarb auf Wiesen. Indessen waren die gestohlenen Juwelen gut
aufgehoben. Deutsche Flamen Italiener beleckten sie, rieben sie an der
Haut; wo sie erschienen, verkleinerten sich die Augen der Menschen, Lippen
spitzten sich; wie Schlssel waren die Juwelen zur Rachsucht Feindseligkeit
Eifersucht der Menschen. Im geheimen ganz geheimen hetzten sie, bten ihre
Macht, heies Blut zum Verspritzen bringen, selber nur funkelnde tote
entschlafene Steine, die blind in ihrer polierten Hrte ruhten.

Als Michna, ein fettleibiger Mann, dessen Kopf auf einem zu kurzen
muskulsen Halse sa, eine kleine Zeit hatte verstreichen lassen, wagte er
es, einen Brief an das Bankhaus des Hans de Witte in Prag zu richten, dann
selbst angemeldet vor de Wittes Haus anzureiten. Es war ein resoluter
furchterregender Mann, der das Kontor des reichen Hollnders betrat,
welcher die Geschfte der hchsten Gesellschaft besorgte. Michna wies sich
gut aus bei de Witte. Der kannte die Wege, auf denen sein plattnasiger
Besucher mit den starken Kiefern, Wulstlippen, gederten trben Augen reich
geworden war; er hatte Vertrauen zu diesem energischen Kanzlisten. Sie
gingen einen Pakt ein. De Witte schlug vor, das Geld so anzulegen, da man
die bhmische Mnze pachte. Dies sei ein Vorschlag, der ihm von zwei Herren
seiner Klientel gemacht wre, dem angesehenen Judenrichter Bassewi, der dem
Rmischen Kaiser schon eine gewisse Summe vorgestreckt hatte, dann einem
Soldaten, der freilich hier zulande einen anrchigen Namen htte, dem
derzeitigen Obersten von Prag, dem Eusebius Albrecht von Wallenstein. Der
Kaiser brauche Geld, um die Operationstruppen abzudanken und sonst; es sei
ein vielversprechendes Geschft.

An einem andern Tage erklrte de Witte dem widerstrebenden Serben, der sich
durchaus nicht bereit fand, in das lockend geffnete Gastzimmer des
Bankiers einzutreten, mit ihm einen Becher zu leeren, es wrde ntig
werden, noch weitere Teilhaber bei der geplanten Aktion hinzuzuziehen. Denn
nach seinen vertraulichen Informationen bersteige die Pachtsumme durchaus
den Betrag, den die bisher interessierten Herren, nmlich sein Gast, dann
der Judenrichter, der spekulierende Oberst, er selbst herschieen knnten
ohne sich zu ruinieren. Das Geschft sei zwischen ihm und den genannten
Beiden fast abgemacht; sie seien von Michnas Interesse informiert und er
sei eingeladen, sich zu beteiligen. Der hatte aber bel Lust zuzuschlagen,
denn zwar war gegen den reichen und redlichen Judenprimas Bassewi nichts
einzuwenden, aber der andre Geladene flte ihm Widerwillen ein. Er
erklrte de Witte nach langem Herumrcken auf seinem Schemel, whrend er
eine Hornschale der Silberwage tanzen lie ber seinem Handteller, da ihm
die Partnerschaft des Obersten einfach unbehaglich sei, und da dies das
ganze Unternehmen gefhrde. Wallenstein htte schon damals, als die
Teuerung in Prag begann, unmenschlich viel Wein in Mhren aufgekauft, um
ihn mit unerhrtem Aufschlag an Wucherer weiterzugeben; ebenso sei es
bekannt, wie er es mit Kornlieferungen getrieben habe; dann das ominse,
monatelang verschlossene Tuchlager Wallensteins in Olmtz, whrend nirgends
Tuche zu kaufen waren. Alle diese Sachen gefielen ihm nicht; der bhmische
Edle werde ihnen das Fell ber die Ohren ziehen. berhaupt, wenn es
verlaute, der verrufene Oberst beteilige sich an dem Unternehmen: was die
Beamten vom kaiserlichen Schatzamt, die Wind davon htten, dazu sagen
wrden.

Der hochstirnige alte de Witte, hinter seinem Tisch mit den Folianten in
einen Armsessel gestreckt, mit langem geteilten Weibart, mden langsamen
Augen, gro und breitschultrig wie sein serbischer Gast, hrte alles
Geflsterte mit Freude. Er empfand herzlich das Lob seines alten Freundes;
er konnte nun bei Wallenstein einen hheren Teilhaberbetrag herauspressen,
indem er auf die Schwierigkeit seiner Beteiligung hinwies. Er fragte
teilnahmsvoll, ob jener schon von Wallenstein benachteiligt worden sei.
Auch die Angst seines Besuchers erfreute den stillen Hollnder, sie
vergrerte seine Neigung, mit ihm ein Geschft zu machen. Michna
unterbreitete ihm, man mge bedenken, wie Wallenstein sich gegen seine
eigenen Verwandten verhalten htte, gegen die Smirsitzky; ein Vormund, beim
Leben Jesu, der sich schnde einen Besitztitel auf die Habe seines kranken
Mndels erschleicht! Was drohe ihnen dann?

Da meinte de Witte lachend, man solle sich nicht in Familienangelegenheiten
mischen; man kenne nicht die persnlichen Beziehungen und so weiter. Michna
wollte mehr eifern. De Witte schnitt ihm strker lachend das Wort ab; sie
sollten sich nicht zum Richter aufwerfen. Beschmt lenkte der
Fleischhauerssohn ein. Der Handel kam zustande, indem Bassewi fr den
Oberst gutsagte; Michna wolle auf keinen Fall ohne Sicherung einen Vertrag
mit Wallenstein schlieen.

Um sechs Millionen jhrlicher Pachtsumme fiel ihnen die Prager kaiserliche
Mnze zu.

Sie konnten prgen soviel sie wollten. Die Technik war den Juden und
sonstigen Kippern und Wippern abgelernt: Beschneiden des Geldes,
Untermischen unedlen Metalls bis zum Verschwinden des edlen. Die vier
Mnner, von Michna gefhrt, warfen sich auf den Handel mit der
niedertretenden Wucht einer Stierherde. Die Mnzrume wurden von zwei
ganzen kriegsstarken Fhnlein gesichert. Fnf Nachbarhuser, ein halber
Straenblock wurde zugekauft, bei der Krze der Zeit und der Gefahr
drohender Zwischenflle war keine Minute zu verlieren. Whrend Bassewi und
de Witte nur ihr Geld hineinwarfen, raste die Angelegenheit vorwrts durch
das Betreiben dieser beiden: Michna und Wallenstein.

Der Serbe, seiner Sinne kaum mchtig, dauernd geneigt auf Menschen
loszustrzen, in grlicher Furcht, sein Geld zu verlieren, betrogen zu
werden. Er umschlich die Gebude; seine Frau, ein scheues schnes Weib,
mute die Straen durchwandern, wenn er schlief.

Der bhmische Edle befehlerisch, in schneidender Ruhe und Unbeirrtheit. Zu
dem Serben, den er einmal erschpft, schmierig vor der Hauptpforte der
Mnze traf, beugte sich der hagere, prchtig sechsspnnig daherfahrende
Bhme heraus: Der Herr sieht nicht aus, als ginge es ihm gut. Denke er zu
leben. Sonst will ich ihn beerben. Das stachelte den Serben, da er sich
mit Qual schonte.

Barren und Mnzen huften sich in den stallartig langen niedrigen Stuben;
in Steinkammern standen die Mnzknechte vor den Muffelfen, heizten
glhten. Wchentlich vermehrte sich die Zahl der eisernen Schmelztiegel,
ber denen die Mnner hinter vergitterten Fenstern standen, mit
Graphitstangen, langen dicken Stben, die Schmelzmassen rhrten. Hier hatte
keiner Zugang aus dem ganzen Gebude als die Knechte und Meister; hier
wurde ihnen in geschlossenen Zink- und Kupferksten gereicht, was sie in
den Tiegeln zu schmelzen und zu verrhren hatten. Stechende Dmpfe
durchzogen die Huser; in Scharen, wie Regimenter, standen die hlzernen
Beizfsser nebeneinander, darin schwamm die kochende Sure; die Mnzen,
geglht, geschnitten, waren unkenntlich geworden, hatten Masken fr die
Augen der Menge. Die Knechte arbeiteten in den Rumen; wie in einer
Folterkammer rhrten sie die Arme; man sah nicht den, dem die Folter
bereitet wurde.

Das Silber begann sprlicher zu flieen. Ein rasender Zusammensto erfolgte
zwischen dem bhmischen Oberst und Michna in de Wittes Schreibstube. Erst:
Entweder bemht sich der Herr Michna nicht oder er hlt Silber zurck.
Dann: Der Herr treibt es, wie er will. Er sehe zu, Silber zu beschaffen
von den Juden. Er hat ihnen die Wnste vollgestopft mit gestohlenem Gut.
Als Michna, breitbeinig, mit den Wangen und Lippen zitternd, vor den
hageren ihn berragenden, spitzbrtigen Oberst trat, hob der die Faust: er
werde sich mit ihm nicht duellieren, er werde ihm mit einem Faustschlag das
Maul stopfen. Dann verlie der von Wallenstein den zitternden Mann. Tags
darauf wurde dem hilflosen Serben durch de Witte bedeutet, da der Oberst
die Schuld an der Verzgerung der Arbeit auf ihn allein schiebe; der von
Wallenstein sei berzeugt, da Michna noch viel mehr Gewinn aus dem Raub
gezogen habe, als er zugebe; er solle zusehen, wie er Silber heranschaffe.
Da wurde dem Michna klar, da Wallenstein vorhatte ihn auszuplndern. Er
stellte eine Frage an de Witte; die Antwort besttigte seine Befrchtungen:
der Oberst wollte von seinen Verbindungen Gebrauch machen, ihn wegen Raubes
festnehmen und einkerkern, sein Geld beschlagnahmen. Der Serbe sank heulend
zu Hause zusammen, welk von der Anstrengung der vergangenen Wochen. Er
zerrte sich nach einigen Tagen zu dem Oberst, der ihn in eine Vorkammer
eintreten lie, in der sechs Arkebusiere ihn fesselten und, ohne da er
widerstrebte, in den Stock fhrten.

Dies hatte sogar de Witte nicht erwartet. Der Oberst erklrte, er htte nur
gewartet, um den Serben unschdlich zu machen. De Witte: Wir knnen ja
auch so von ihm alles erlangen. Das hielt Wallenstein fr zweifelhaft,
fragte lachend, ob de Witte gar den Michna bemitleide, der keinen Strick
zum Hngen wert sei. Gegen den Serben wurde ordnungsmig vorgegangen,
seine Frau warf man aus dem Haus. In diesem Augenblick setzten sowohl der
Hollnder wie der Judenprimas ihre ganze Energie ein, um einen weiteren
Fortgang der Sache zu verhindern, von der sie nicht wuten, ob der Oberst
sie blo seines Vorteils wegen oder aus Rachsucht betrieb; sie waren beide
nach ruhiger berlegung der Meinung, da der Bhme nur seinen Vorteil im
Auge hatte. Denn er hatte auch sonst, trotz seiner grlichen
Leidenschaftlichkeit, nie einen ernsthaften Handel gestrt. Bassewi bot im
Namen der Prager Judenschaft, die sich von einer allgemeinen Haussuchung
bedroht sah, dem Oberst einen ungeheuren Rohsilberbetrag fr die Zwecke der
Mnze an, wenn die Sache niedergeschlagen wrde. Von Wallenstein fand das,
seinem alten Helfer Bassewi die Hand streichelnd, erstaunlich von der
Judenschaft, denn wie denke sich die Judenschaft schadlos zu halten? Er
schien nicht geneigt, den Serben loszulassen. Als ihm erklrt war, da von
Michnas Teil ein Betrag abgezogen wrde, wurde die Haftentlassung Michnas
von dem herzlich amsierten Oberst in Aussicht gestellt. Sie erfolgte nach
einigen Wochen. Michnas Teilhaberschaft am Mnzkonsortium verblieb. Der
klgliche Serbe schlich sich, von de Witte gefhrt, in das Haus des
Obersten, um zu danken. Der war verwundert, da der Serbe schon entlassen
war, freute sich mit ihm ber den guten Ausgang der Angelegenheit. Was
hab' ich? jammerte der Serbe, als er neben de Witte zwischen den frstlich
gekleideten Trabanten des verschwenderischen Obersten auf die Gassen ging,
die von hungernden Menschen belagert waren, ich mu wie ein Bauer
arbeiten, um den Juden ihr Geld wiederzugeben. Wit Ihr, Herr, mit einem
Mann wie dem Obersten soll man es nie verderben. Ihr werdet sehen, es wird
Euch gut gehen, wenn Ihr zu ihm haltet. Es gibt noch groe Mglichkeit in
Bhmen. Wenn die Leute auch etwas hungern.

Das Silber wurde knapper. Der Preis stieg. Michna, gengstigt ber den
Ausgang der Sache, schlug selbst vor, neue Mitglieder zu suchen. Sie wurden
allmhlich vierzehn; ihre Namen waren nur wenigen aus dem Kaisertum
bekannt. Der alte Frst Liechtenstein trat ein, -- der Oberst arrangierte
es, -- um im Interesse des Kaisers seine Hand im Spiel zu haben; dann
ergriff ihn die Leidenschaft; er konnte nicht mehr heraus.

Der schmerbuchige hartstirnige Mnzmeister, der uralte Wresowicz, der auch
Kammerprsident war, wurde hineingezogen; die Umtriebe konnten ihm nicht
verborgen bleiben. Er, der sein Amt verrotten lie, drngte sich gierig
vor, die Gesellschaft war gesichert, er segelte bald auf dem Schifflein
Fortunas.

Der Schwindel ergriff das Konsortium; man rollte einem Abgrund zu.

Gemietete und freiwillige Aufkufer von Silber flitzten durch das Land,
drangen in die Bauernhuser; mancher von ihnen lie sein Leben fr zehn
Dukaten. Eine Anzahl Glcksritter, das Attentat auf das Volk ahnend,
organisierte auf eigene Faust Banden, die sich Soldatentracht anlegten;
unter dieser Maske zogen sie auf Raub aus. Kaiserliche Trompeter
verkndigten auf den Pltzen, alles Silber msse abgeliefert werden an die
Mnze; darauf verschwand es unter dem schwlen Gercht der Dinge, die
umgingen, jh aus dem Verkehr. Schon wurden fr einen Reichstaler vier neue
Gulden geboten. Das Mitrauen im Volk wuchs rasend; verstrt fragte einer
den andern aus. Man fragte berall, wo die Kammer sei, wo Wresowicz sei;
Vertreter der Znfte der Kaufmannschaft liefen auf die mter, bestrmten
die ihnen bekannten Landesoffiziere. Bekamen Lachen und mitleidiges
Achselzucken zur Antwort, es verliere ja keiner bei dem Sturz des Geldes,
bleibe alles so. Fr immer? Fr immer! Und einige glaubten es, die meisten
lie die Furcht nicht los, sie sahen ihr Hab und Gut ohne ffnung der Tr
aus den Stuben gestohlen. Die schrecklichen Gerchte nahmen kein Ende, da
hinter den Silberaufkufern eine Wuchergesellschaft stecke, der sich der
Kaiser in seiner Geldnot mit Haut und Haaren verschrieben htte; da die
Jesuitenpater dahinter sen, Rache an den bhmischen Brdern zu ben.

Da man in einem Sack sa der tglich fester zugeschnrt wurde, erfuhren
alle an jedem Morgen: der Hunger stellte sich ein. Die Stadtarmen lungerten
aufsssisch auf den verbotenen Mrkten herum, ihre Sterzenmeister
erklrten, keine Gewalt ber sie zu haben; es strben zu viele, die Mnner
und Frauen seien ihrer Sinne nicht mehr mchtig. Die Rudel dieser
verlumpten und vertierten Menschen bildeten an den Toren und Hauptstraen
eine Gefahr; Bauern wagten sich mit ihren Fahrzeugen nicht hinein; was sie
brachten, war im Nu verschlungen von dem sich grausam balgenden Gesindel.
Sie wollten auch fr das lange Geld nichts hergeben. Sldner, die man gegen
die Bettler aufbieten wollte, verbndeten sich mit ihnen, plnderten, was
sich blicken lie. In die Huser rief man hinein, was der Gulden koste. War
man noch erschreckt von den sechsundvierzig Gulden der Mark, so kletterte
der Wert auf fnfundfnfzig, auf dreiundsechzig, auf siebenundsiebzig. Eine
Mark galt siebenundsiebzig Gulden.

Die Mnze in der Prager Altstadt gelegen, weitlufiges plattes
unansehnliches Gebude aus Holz mit Eisentren. Posten des Regiments
Wallenstein in den Hfen, patroullierend zu zwei, Pulverflasche Lunte Gabel
an der Seite, schwere Musketen auf den Schultern durch die Nachbargassen.
Fuhren Bauernwagen mit Holzscheiten an, ffnete sich das niedrige breite
Haupttor, blitzten am Eingang zur Rechten und Linken bronzene starke
Vierpfnder auf gezogenen Lafetten; darber lungerten Schneller und
Zeugdiener, brannten unter sich Kohlen im Becken. Mit Pa versehen
schlurrte an dem Lumpenpack vorbei der ungeheure Michna Tag um Tag ber den
Hof; sein Pferd hielt ein Musketier. Der Serbe, ohne den Hut zu ziehen,
wanderte ber Treppen und Galerien, von Kammer in Saal, in Diele, durch die
glhen vergasten Schmelzrume, lustigen klingenden Stempelstuben, an den
Prgestcken vorbei, in die streng bewachte Vorratskammer, das Wiegezimmer.
Leckte sich die Lippen, strich die schwarzen Barthaare zurck, die ihm in
den Mund kamen. In schwerer Spannung sprach er keinen der zahllosen
polternden Knechte an, Meister und Untermeister wich aus, grimmig seine
schwarzbraunen Augen unter dem scharfkantigen Vorbau der Stirn.

Der grte Spekulant des Landes, der tolle Vabanquespieler Wallenstein,
lang hohlbrstig, mit schwarzem Knebelbart, eine kostbare Diamantkette am
Hut, stand halbe Stunden lang vor Prgestcken; wie man auf ihn aufmerksam
wurde, wurde er unruhig, schlo die Augen, verschwand.

Das Landvolk, das neue Geld ablehnend, verkaufte nach auen. Da schlo man
die Grenzen. Sie trieben nichts auf die Mrkte. Ein kaiserliches Patent
wurde auf den Pltzen ausgerufen: der Geldwert wrde spter nicht
herabgesetzt werden; man brauche keine Furcht zu haben. Sie hhnten: Der
Kaiser, der Kaiser, er ist mit im Betrug; die Aristokraten kochen ihm ihren
Brei, dem Kaiser, dem blinden Hund.

In der Mnze hmmerte es. Heimlich fuhr der steife Liechtenstein nachts
vor; Wallenstein begleitete ihn; legten eine halbe Kompagnie Musketiere in
die Kellerrume und unter das Dach; den Rest der Kompagnie verteilten sie
auf die Nachbargassen, deren Huser sie mieteten.

Das Jahr um, die Vertragszeit abgelaufen, beschlo das Konsortium den
Vertrag zu kndigen; man konnte nicht hoffen noch Silber hereinzubringen.
Wie auf de Wittes Einladung die drei Herren, die sich kannten, sich in
seinem verschwiegenen Bankgewlbe nacheinander einfanden zu einer
Rcksprache -- um eine einfache Laterne, die reichen Mnner auf Schemeln
und Truhen, sehr leise -- waren sie, bereit, sich aus jeder ffentlichkeit
fr einige Zeit zurckzuziehen, von groer Dankbarkeit gegeneinander
erfllt. Es soll einer versuchen, nach uns in Bhmen zu mnzen, prahlte
de Witte. Sie gingen nicht auseinander, ohne da Wallenstein sie festhielt
und fragte, ob sie vorhtten so sich davonzubegeben, ohne sich des
kaiserlichen Dankes zu versichern. Bitten wir, er sah den Herren fest
unter die Augen, den Kaiser um eine Ergtzlichkeit. Es hat uns allen
Arbeit und Sorge gemacht, wir haben der Majestt ber Schwierigkeiten
geholfen; soll keiner sagen, der Kaiser lasse sich ungelohnt dienen. Der
kleine Judenprimas im schwarzen Tuchmantel, der mit Wallenstein im
Vertrauen schien, fgte vorsichtig hinzu, es htte sich in der letzten
Woche noch zufllig einiges Metall gefunden. Man knnte vielleicht dieses
Metall noch ausmnzen ohne neue Pacht. Michna, der plattnasige Riese,
zagte. Kalt schlo der Oberst: Es wre erstaunlich, wenn die Rmische
Majestt unsere Lage nicht begriffe.

In der Tat erlangten sie Verlngerung des Mnzvertrages um sechs Wochen als
Dank des Kaisers. Dann versuchte der Kaiser, allein gelassen, weiter zu
mnzen. Die Mnze stand still aus Mangel an Material. Die Herren hatten
sich aus dem Spiel zurckgezogen.

Als ganze Zge von Sldnern, die abgelohnt wurden, sich weigerten, das
lange Geld anzunehmen und auf der Prager Brcke und in der Altstadt
meuterten, weiteten sich die Herzen des Volkes. Die vor Hunger sterben
wollten, nahmen ihre Wut zusammen. Man jubelte, wo die Randalierenden sich
auf den Straen sehen lieen, sie, die gefrchteten gehaten. Man freute
sich, da sie die Backstuben und Schlachthuser erbrachen. Der lange
erwartete Sturm auf die Mnze erfolgte von Bettlern in ganzen Regimentern,
Gesellen Sldnern Meistern Kaufleuten, als htten sie ein Signal bekommen.
Die Kanoniere an den Geschtzen, rechtzeitig benachrichtigt von den
Mnzmeistern, liefen davon; kein Schu fiel. Und als man in die
Vorratskammern und an die Prgestcke kam: kein Stck Silber in Ksten und
Krben. Sie zerschlugen brllend die Schrnke mit den Formen. Die
Nachfolgenden, wtend, warfen sich auf die Ersten, sie htten gestohlen,
sollten hergeben, teilen. Sie faten sich an die Hlse. Die Masse warf sich
in die Nachbarstraen, wogte rachschtig vor das Landschaftshaus, vor den
Palast des Gouverneurs. Da war im weiten Umkreis Kavallerie aufgestellt,
untermischt mit Musketentrgern. Einige Ladungen streckten soviel hin, wie
der Hunger an mehreren Tagen. Zwei Stunden lang schossen die Soldaten ber
die leeren Straen.

Der Reichshofrat zgerte nicht, den Beschlu zu fassen, dem der Gouverneur
von Bhmen zustimmte, den Wallenstein lngst angeraten hatte: den
Staatsbankrott zu erklren. Durch Dekret wurde, auf Pltzen und Straen
verkndet, der Gulden auf den sechsten Teil seines Wertes herabgesetzt, nur
drei Monate durfte die lange Mnze laufen, dann war sie verfallen.

Und nun sahen die Bhmen ihre Armut, wuten, da sie besiegt waren. Das
Elend klafterte auf sie nieder, die gesttigten Herren lieen sie los.
Saen mit leeren Hnden; neue riesige Kirchen standen zum Beten offen.

Der Ha wurde in die Massen gehetzt; Schuldner und Glubiger verstanden
sich nicht, der Geldwert verwirrt, auf den Schlichtungsmtern standen sie
nebeneinander, spien sich an.

Dies war noch ein Nebengewinn fr die Anstifter. Die Gtzenbildsule,
Liechtenstein, empfing Michna, murmelte ihm zu: Das Volk wird sich jetzt
leicht regieren lassen. Es ist zwar arm, aber dafr ist es kraftlos. Wir
knnen noch mehr Truppen entlassen.

                   *       *       *       *       *

Der grere Teil des Infanterieregiments Rudolf Kolloredo, einige
Kompagnien des Dragonerregiments Neuhaus wurden abgedankt.

Aus den Summen, die an Wallenstein geflossen waren, ersteigerte er neue
Gter; streckte die Hand nach dem freiwerdenden Besitz im Nordosten aus;
Friedland und Reichenberg Welisch Schuwigara Gitschin kamen an ihn aus dem
Nachla des Redern. Das Geld, das an ihn flo, hielt er nicht zurck. Als
sein Besitz so gro geworden war, als er dem Kaiser neunzigtausend Gulden
fr die Abdankung des Regiments Holstein vorgestreckt hatte, dazu noch
unaufgefordert die Kavallerie bezahlte, war der Wiener Hof ihm eine
Standeserhhung schuldig. Man zeichnete ihn vor den brigen bhmischen
Edlen, die an der Unterwerfung Bhmens gearbeitet hatten, mit dem
Frstentitel aus. Der Serbe wurde belohnt durch Aufnehmen in die bhmische
Kammer.

Liechtensteins Ansicht, da das Volk anfange, weich zu werden, schlo sich
der kaiserliche Hofrat an, indem er befahl, nunmehr neue besondere Steuern
auszuschreiben. Die Rte in Wien waren bler Stimmung ber die Unordnung in
Bhmen; die Schwierigkeiten waren nicht zu beheben. Auf Gurland, dem
Schatzmeister, und dem Abt Anton lag das Entsetzen; die Schuldenlast
verminderte sich nicht; dazu hing neuer Krieg in der Luft. Abt Anton wandte
sich durch den Gouverneur an die reichen Herren des Landes; die schwiegen,
taten, als ob sie ratlos wren. Sie wuten auch, da neuer Druck gefhrlich
war, da sie nicht allein in Bhmen hausten; ringsum wohnten Bauern, in
deren Schrnken sich auffllig viel Morgensterne Schlaghmmer Sensen
sammelten. Man fing Boten ab von Bethlen Gabor, dem protestantischen
Frsten von Siebenbrgen, geschickt an die bhmischen Brder; sie sollten
nicht verzagen, nicht verzagen.

Eine Getreidekontribution wurde ausgeschrieben. Michna, der Kammerrat, hob
noch einmal die Sense zum Schnitt. Er hatte keine Furcht. Er fragte in Wien
an, was man von ihm verlange, wenn er den Wert der ganzen
Getreidekontribution erwerbe. Michna, nach Abtragung seiner Schuld an die
Judenschaft wieder im Besitz ungeheurer Summen, ein blinder Eber, so
strzte er vorwrts, um die Distanz zu den brigen auszugleichen. Bassewi
Liechtenstein berechneten schon den Ertrag seines Nachlasses, denn er wrde
von den Bauern erschlagen oder von der Hofkammer entlarvt werden. Aber er
war verzaubert, sein Herz verkrampft. In sein kleines rmliches Haus in der
Neustadt war eine geringe Wohlhabenheit gestiegen; er hielt sich einen
Reiterjungen fr sein Pferd, eine alte Kutsche fr seinen schweren Leib.
Seinen Eltern schickte er unbedeutende Summen, duldete nicht, da sie ihn
besuchten. Mit Vergngen ging er in die Palste seiner Geschftsfreunde;
das schien ihm alles kindisch und verchtlich. Eine schmerzartige Wut
befiel ihn nur in dem Schlosse Wallensteins; von hier nahm er einen Stachel
mit; dieser Oberst baute aus einem berflu heraus, so frech, so
aufreizend, da er vor seiner schnen heimwehkranken Frau schmhte: dieser
Oberst sei eine Schande fr das Land, es sei schon recht, wenn ihn die
Bauern beseitigten; es sei ein Hohn auf alles, was unter Menschen billig
sei. Der Anblick des Schlosses Wallensteins, der Grimm ber die erlittene
Gewalt, war es, der Michna kopfber auf die Getreidekontribution strzte.
Sie fiel ihm zu um den Preis der Brotlieferung an smtliche in Bhmen
stehenden Truppen. Michna rannte vorwrts. In dem Staub hinter seinen
rasenden Fen lie er seine Konsorten zurck. Er hatte sich nicht ber die
Gre der Kontribution und ber seinen Gewinn auszuweisen; hatte nur das
Brot zu einem niedrigen bestimmten Satz zu liefern. Michna gab sich nicht
willenlos in die Hnde der Bauern; er besa Erfahrungen aus dem
Silberhandel. So wie er im Beginn seiner Laufbahn ber die Schlsser
gezogen war, stellte er sich an die Spitze von Sldnertrupps; kalt und hart
beaufsichtigte er cker und Saaten, lie Widerwillige Sumige in Eisen
legen, von ihren Gtern reien, bewirtschaftete selbst. Er stie sie
morgens im Dmmer aus den Betten, schlo ihre Vorratskammern auf, prfte
die Gte des Saatkorns. Nie kam ein Trpfchen Glck in ihn; gepeinigt
vergrmt und gehetzt warf er sich, wo er sich fand, in einer Htte neben
Soldaten an den Boden; neidisch dachte er seiner stillen Frau in der Stadt.
Ihn trieb nur die Lust, Menschen zu unterwerfen, in groem Besitz zu sein,
die betrgerischen Bauern ben zu lassen.

In diesem Jahre wurden zwei Millionen Gulden aus Bhmen erpret. Unruhig
bewegte sich das Volk. Fester spannte sich die Hand um die Kehle Bhmens.
Damals machten einige Leute den Versuch, sich der Krone entgegenzustellen.
Es kamen eine kleine Zahl Landesoffiziere Oberbeamte Landrechtbeisitzer,
vom jammernden Volk berlaufen, im Landschaftshaus zu Prag zusammen; im
Sitzungssaal warf sich einer von ihnen in die Brust, schwor, sie seien
Vertreter der bhmischen Stnde; man schriebe Steuern aus, verkndige, ohne
sie zu fragen; rechtlich ungltig sei solch Vorgehen. Andere lieen sich
hinreien; die Herren saen in ihren mtern, sie hielten etwas von sich und
ihren mtern, waren beleidigt. Manche erklrten scheu, man msse sich des
Volks erbarmen, das Land werde gnzlich ausgesogen. Nach zwei
Zusammenknften war man einer Meinung: wenn neue Steuern ausgeschrieben und
verkndet wrden, seien zuerst sie zu befragen; sie seien nicht gewillt,
sich ihr Recht aus Hnden winden zu lassen. Sie verfaten ein Schreiben
heimlich vor Liechtenstein und den militrischen Behrden, dahingehend, die
neuerliche Publikation einer Weinsteuer und Ochsensteuer sei eine unerhrte
Steuerung, sie verstoe gegen stndische Privilegien, sie legen Protest
dagegen ein. Die Herren faten die Sache von der formalen Seite; planten
einen Kompetenzstreit auszufechten. Sie unterschrieben im Namen der
bhmischen Stnde.

Der Abend, an dem der Frst Liechtenstein die Deputation der
fremdblickenden Herren empfing, war der frhlichste, der ihm in Bhmen
beschieden war. Er sagte am Tage darauf zu dem Stadtobersten von Prag: Die
Herren sind nicht so im Unrecht. Man mu sich in ihre Gedanken hinein
versetzen. Ich kann nicht umhin, das zu bemerken. Wie die Szene verlaufen
wre. Ich habe ihnen sogleich gesagt, die Sache schiene mir so dringlich
und so ernst, da ich nicht werde umhin knnen, sie ohne weiteres der
Hofkammer weiter zu reichen. Und sie stimmten mir zu. Sie stimmten zu?
Sie baten dringend darum und unter energischen Hinweisen. Ich mute den
Sprecher beruhigen, da dies auch wirklich geschehen sollte.

Whrend der Gouverneur und der Oberst auf Schemeln nebeneinander an dem
roten Kachelofen saen, trat der schne braunlockige Slavata ein, ein noch
jugendlicher Mann mit khner spitzer Nase, bhmischer Kammerrat und
weitlufiger Verwandter des von Wallenstein, setzte sich unter dem Fenster
auf eine Truhe. Er fragte, seine Handschuhe ber das Knie spannend, mit
sanfter Stimme, wie die Durchlaucht die Deputation der bhmischen
Landesoffiziere gestern empfangen habe: Wie beliebten Durchlaucht die
Herren zu bescheiden? Nicht, zunchst gar nicht. Dann las ich laut den
Schlu des Schriftstcks durch, das brigens gut verfat war, -- ich glaube
Euren Stil erkannt zu haben, Herr Slavata. Der bog sitzend den Kopf
zurck, verneigte sich mit vieldeutigem Lcheln: Man wandte sich an mich;
ich redigierte ungern. Liechtenstein winkte ihm vom Schemel herber: Ich
danke Euch fr die Klarheit der Gesichtspunkte, die Schrfe des Ausdrucks.
Besonders die Unterschrift ist von einer Exaktheit, die nichts zu wnschen
brig lt.

Euer Durchlaucht haben mir empfohlen, in meiner Umgebung fr Klarheit zu
sorgen.

Und am Schlu des Schriftstcks, den ich laut vorlas, stand die
Jahreszahl.

Nun? drngte Wallenstein hndeklatschend.

Die Jahreszahl war eine glnzende Pointe von Euch, Herr Slavata. Sie
zuckten nicht mit der Wimper. Ich trieb es so weit, Herr Oberst, am Ende
dreimal die Jahreszahl zu lesen. Sie standen nur ernst, im Wohlgefhl ihrer
Sache da.

Ich kann mir gut vorstellen die Herren, kehlte der vergngte Oberst, sie
hatten uns alle in der Tasche, saen schon hier und beehrten unsern
allergndigsten Herrn mit Berichten ber unsre schmhliche Wirtschaft.

Der Gouverneur: Ihr seid ihnen nicht wohlgesinnt, Herr Oberst.

Ihr httet mich doch einladen sollen zu dem Empfang.

Sinnend betrachtete ihn das wchserne Ziegengesicht: Vielleicht habt Ihr
recht. Ihr httet schweigen mssen, und sie wren noch glorioser
abgezogen.

Wallenstein stampfte vor Spa mit den Fen: Ich htte sie gern gesehen.
Sprachen sie nicht von Braunaus Regiment?

Nein, lachte der lange frierende Greis, dem oft die Augen zufielen, erst
das nchste Mal werden sie's tun.

Sie tun's, kreischte Wallenstein.

Slavata legte stolz den Hinterkopf an den Fensterrahmen, freute sich des
Spektakels.

Als von Wien die Antwort eingetroffen war und die Herren wieder vor
Liechtenstein traten, stand Wallenstein neben ihm am Ofen gebckt auf
dnnen gelben Beinen, stumpfe Lederweste auf roter Schrpe, die Jacke
schwarz und golden hervordringend, spanische Wlste um die Schenkel,
blickte sie aus kleinen klaren Augen fest an. Der Frst Liechtenstein
berragte ihn noch; er sah wie maskiert aus unter seinem breitkrmpigen Hut
mit hellroter nackenwallender Feder; ein schmaler weier Kragen hing um den
knchernen Hals; die Brust war staffiert mit einem dicken Lederkoller,
unter dem das grne Unterkleid hervorkroch; ein breites goldenes Wehrgehenk
belastete ihn. Wallenstein hatte dem Gouverneur gesagt, er wolle den
Brdern und Vettern sich nicht entziehen, ihren Ha gern auf sich lenken.

Gemeinsam wurde ihnen das kaiserliche Intimat verkndet. Wer es gewagt
htte und noch wagen knne, im Namen der Stnde an den Kaiser zu schreiben.

Wer sei Beamter und getraue sich einen solchen unehrerbietigen trotzigen
Ton gegen die Rmische Erwhlte Majestt anzuschlagen. Wer sei sich seines
Amtes so wenig bewut, um dem Kaiser und seinem Rat unbefragt zu
widersprechen. Und wenn sie Bhmen seien, so mgen sie hingehen auf den
Weien Berg und fragen, was dort geschehen sei, und weiter hinunter in den
Tiergarten und nachsehen, wer dort liege. Wofern es doch sicher und
erwiesen wre, da so wenig sie wten, wer sie seien, sie wten, wann sie
lebten. So wolle es ihnen denn Kaiserliche Majestt nicht vorenthalten, da
die Prager Schlacht geschlagen sei und sei entschieden zum Vorteil
Habsburgs. Das Land aber ist unter das Schwert gefallen, erobert durch das
Schwert, das nur Leichen und Gehorsam kennt. Dies mgen sie sich
vergegenwrtigen in allem, was sie sagten schrieben tten und beschlssen.
Mchten dessen auch bald gedenken und nicht noch mehr verspielen.

Frst Albrecht von Wallenstein, der Stadtoberst, stie leise mit dem Degen
auf und rusperte sich. Man blickte auf ihn; er sah ohne Bewegung seinen
Vettern in die verwirrten Gesichter.

Das Dokument mit dem Zeichen Ferdinands gab mit langem Arm stumm
Liechtenstein dem Sprecher der Herren zur Einsicht. Er machte eine weite
Abschiedsbewegung mit ffnung der Hnde. Die Herren, lippenkneifend, die
Augen verschleiernd, verbeugten sich tief. Unter denen, die sich am
tiefsten verneigten, war auch der schnlockige Slavata.

                   *       *       *       *       *

In der Synagoge sa Bassewi mit fnf alten Mnnern der Gemeinde zusammen.
Er hatte ihnen lange zugehrt; er riet so viele Gelder aufzubringen fr den
Kaiser, wie sie ohne Schaden vermchten; mit Bhmen sei es zu Ende; sie
mten, mten. Die anderen wackelten sorgenvoll die kppchenbedeckten
Kpfe; einer sagte gegen seine Fe: Prag hat reiche Leute und schne
Giebel. Aber eines Tages wird es uns gehen wie der Verwandtschaft in
Frankfurt, wenn wir zu stolz sind. Man wird uns auf dem Friedhof
zusammenjagen, unsere jungen Leute werden sich an den Tren fr uns und
unsere Weiber totschlagen lassen, ein Trompeter wird blasen und uns ber
die Brcke zur Stadt hinausfhren.

Ablehnend hob ein anderer die Schultern: Und wie lange sind die drauen
geblieben? Wie lange hat der grausame Lebkuchler, der Fettmilch, Giftmilch
sollt er heien, triumphiert gegen den Kaiser Matthies? Waren's zwei Jahre,
waren's drei Jahre. Dann ist wieder der Trompeter dagewesen, hat vor der
Stadt geblasen, durch alle drei Tore sind die Verwandten wieder in die
lieben Huser gezogen.

Bassewi lchelte fein: Die Kalvinischen, Reformierten und wie sie sich
nennen, sind heraus aus dem schnen Land; ist Platz im Land geworden. Man
kann sich gut ausdehnen; ich denk, wir werden nicht immer in der Stadt in
einem schmutzigen Winkel in der Finsternis sitzen wollen. Sie haben um
ihres Jesu willen die Christen herausgejagt mit groen Hunden und mit den
Dragonern des bsen Wolfsstirn; warum sollen sie nicht um desselben Jesu
willen uns hereinlassen?

Einer der Mnner machte ein mitleidig spttisches Gesicht: Mglich wr's.
Mglich ist's, lehrte Bassewi, sicher ist's, sie tun's.

Der von Fettmilch erzhlt hatte summte, mit dem Kopf unzufrieden wackelnd:
Und lassen sie uns herein, so lassen sie uns herein. So geh' ich doch
nicht herein. La sie in ihrem Land sitzen und sich wohlfhlen. Es ist uns
nicht beschieden, uns hier anzusiedeln. Werd' ich mich versndigen an
Gottes Wort und mein Glck im Lande Bhmen suchen. Was steht geschrieben
vom Lande Bhmen? Wo steht etwas geschrieben vom Lande Bhmen? Nirgends.
Werd' ich ein alter Narr sein, aus meinem Haus gehen, mich in Bhmen
ansetzen.

Sein Nachbar: Und wie lange denkst du und deine Kinder hier in der
Finsternis zu sitzen?

Solange wie Gott will. Was werd' ich fragen? Ist doch alles klar fr uns
Juden. Wird es heien, wir sollen wieder das Bndel schnren, nach
Jerusalem wandern, gelobt, gelobt sei unser Herr --, so werd ich's tun.
Wird es nicht so heien, werd' ich sitzen bleiben und werd' wissen, ich mu
doch warten.

Und deine Kinder, Moses?

Was ist mit meinen Kindern? Sie sollen tun wie ich. Sie werden Geduld
haben. Der Herr vergit uns nicht. Sie werden nicht dicke Christen werden
und sich mit Gesindel vermischen.

Bassewi blickte lange vor sich hin: Der Herr segne deine Geduld, Moses.
Ich meine, wir werden nicht vergessen, an den Herrn zu denken, wenn wir im
Licht sitzen mit unseren lieben Kindern und Enkeln und mit unseren Weibern
und allen Verwandten. Wir werden frhlich sein und doch an Gott denken.

Wer wird frhlich sein, zwanzig Jahr, dreiig Jahr, und an Jerusalem
denken. Bassewi, du bist ein kluger Mann, unser klgster und tchtigster,
bist auch unser Richter und Vorstand. Aber glaube mir: gehen sie hinaus in
die Stadt oder aufs Land unter die Christen, so sitzen sie im Licht, aber
sie werden kriechen vor dem Christ, um ebenso im Licht zu sitzen wie er,
und sie werden sich schmen, beschnitten zu sein. Mchten lieber mit Wasser
begossen sein und Juda, ach, das werden sie verkaufen fr ein kleines Dorf
in Bhmen.

Sie seufzten zusammen. Was meint Ihr, sang Bassewi, wenn wir wollen,
knnen wir vom Kaiser einen Brief bekommen, da wir Handel und Handwerk
treiben auf dem Land, auf den Drfern, an den Mrkten.

Laut weinte pltzlich der am uersten auf der Bank sitzende alte Mann auf:
Wenn ich das noch sehen kann fr meine Kinder! Bassewi, was sollen unsere
Kinder Euch Liebes tun.

Als die Judenschaft Prags eine riesige Summe Geldes dem Kaiser vorgestreckt
hatte und ihr durch besonderen Gnadenerla gestattet wurde, sich in Bhmen
anzusiedeln auf Mrkten Stdten Drfern Flecken, wo sie wollte, um Handel
und Gewerbe zu treiben, erzitterte der bhmische Volkskrper, eine
weiglutende Stange bohrte sich in sein Fleisch. Dies war der grte
Schimpf. Nun sollten sie die Bsewichter und Verbrecher unter sich dulden,
deren Nhrmutter das bse Schwein war, die mit dem Wucherspie liefen, die
das Kreuz schndeten, denen die Falschheit auf der Stirn stand. Ausgesogen
das Land; nun sollten sie sich nicht einmal ruhig in ihrer Bettelarmut
hintrollen drfen. Der Giftmord sollte ber den reinen Boden des Mrtyrers
Johannes Hu spreizbeinig spazieren, der Brunnentod. Die Sieger hatten dies
getan. Wessen sollten sich unschuldige Suglinge und Kinder versehen von
dem bergegorenen Ha dieser Spinnen, dieser uranfnglichen Malefizer. O
wie sie sich wanden.

                   *       *       *       *       *

Die Welle der Kaiserlichen und Ligisten whlte sich in ihr Bett. Ersuft
unter ihrem Bauch das Wahlknigreich Bhmen, die Pfalz; der Bund der
Frsten zerdrckt, sein Haupt, der glanzvolle Friedrich, ber die
franzsische Grenze geschleudert. Steinern die katholische Macht vom Main
bis zur Adria. Truppen hatte der Kaiser in Bhmen, Mhren, Elsa; Heere
hielten am Rhein, Neckar, in der Oberpfalz.

Vierzehn Regimenter zu Fu, sechs zu Pferd standen fr die Liga,
gefrchtete Regimenter: Herbersdorf, Graf zu Frstenberg, das grfliche
Zollersche, Altringische, Pechmannsche, Schnberg, Lindlo, de Maestro,
Erwide, Einnaten, Desfours, Kratz, Pappenheim; Infanterie Anholt,
Herliberg, Schmit, Mortaigne, Truchse, Heimbhausen.

Wie sich der bermchtige Sieger bedrohlich reckte, erstickend ber sein
Opfer fiel, ging der englische Knig Jakob mit sich zu Rat. Mit Dighby, dem
verbrhten bsen Lord, fuhr der Prinz von Wales, Karl, heimlich nach
Spanien. Prinz Karl sollte um Donna Maria, die Infantin werben; so wollte
der spintisierende Graukopf vom spanischen Habsburg auf das sterreichische
Habsburg drcken, da es den Pfalzgrafen wiederherstellte. Alles sollte
ausgeglichen werden durch eine Heirat. Und dann spann er das schlfrige
Mrchen, gab es den beiden ber das Meer mit: der lteste Sohn des Pflzers
solle am Kaiserhof erzogen werden, die Tochter des Kaisers solle ihn
heiraten, dann solle er den Kurhut erhalten, sptestens nach dem Tode
Maximilians und wieder im schnen Heidelberg am Neckar residieren. Dem
Knig war katholisch wie lutherisch, jeder sollte etwas abgeben, es war
alles so leicht.

Das Volk in England raste, als es von dem bald miglckten Ehevorschlag des
Knigs Jakob hrte; mit Steinen wurde Dighby und der Prinz empfangen, als
sie in Southampton landeten. Tief verblfft sagte der Knig: Ich habe
meine helle Freude an dem Volk. Wie hat es das gemacht! Steine auf meinen
Gesandten, auf meinen Sohn! Es htte nicht viel gefehlt, so htten sie mir
den Kopf abgeschlagen. Es steckt doch viel in den Briten.

Er knurrte vergrimmt: Sie nehmen ein schlimmes Ende; dumm sind sie, sie
sind dumm. Mit dem Protestantismus allein kommt man nicht durch die Welt.
Er war schwer enttuscht; hinter allen Widerwrtigkeiten steckte der ekle
elegante Springer Buckingham; Prinz Karl sollte ihn scharf beobachten und
bei Gelegenheit beseitigen lassen.

Stolz rollten die Reden im Parlament: Der Katholizismus hat gewettet in
zwei Jahren alles wiederzugewinnen, was er in hundert verloren hat. Rettet
Bhmen! Rettet das Land des Hu! Man schickt eine Britin, die Tochter des
Knigs, nach Deutschland und lt es zu, da sie ihres kalvinischen
Glaubens wegen von Hof und Herd gejagt wird. Die Gtzendiener kommen in
Rudeln; sie wollen von Spanien bers Meer. Man will sie noch locken.
Schlagt die Ratten tot. Der Knig verrt uns. Er kann seine Tochter
schnden lassen, er darf einer Britin nicht den Rechtsschutz verweigern.
Das neue Indien! Die spanischen Bekehrungen! Inquisition! Rettet Bhmen!
Die deutschen Protestanten sind feige. Wir mssen ihnen zu Hilfe kommen.
Der Knig verrt uns. Die Stuarts sind Papisten. Buckingham verrt uns.

Es war in den letzten Wochen Knig Jakobs, wo der Prinz Karl stundenlang an
seinem Bett sa, aufmerksam zuhrend; die einzige Stimme, die ihm riet, die
bald auch nicht mehr sprechen wrde. Knig Jakob sagte: Mit Brechen geht's
nicht gegen Habsburg, mit Biegen geht's. La dir sagen: wir knnen vorerst
nichts weiter als klug sein.

Der Tod drckte gewaltsam seinen Kopf in das Kissen. Zuerst schickte Knig
Karl Freiwerber nach Frankreich, dem wildesten Feind des habsburgischen
Spaniens, um Henriette Marie zu holen. Auf Schlo Hamptoncourt hielten sie
Hochzeit. Bald waren die Schiffe gerstet, die Spaniens Seemacht brechen
sollten. Lachend legte Buckingham der junge Knig, hochgezogene starke
Augenbrauen, schultertiefes lockiges braunes Haar, kurzer Spitzbart, grauer
Hut mit weier Feder, die Hand auf den Mund, als er sprechen wollte: Wir
denken nach, dann sprechen wir, dann sprecht Ihr. Buckingham, der schn
parfmierte Mann, mit Schleifen behangen, die Brust mit Liebesbriefen
gepolstert, der blasierte Volksverchter, erblich tief, dann begriff er,
uerte: Die Protestanten mssen zusammenhalten. Bhmen mu gerettet
werden. Karls Blick flammte; er mge sich nicht gehen lassen; Spanien sei
zu bekmpfen, wte er das nicht? Mte man nicht auch gegen Spanien
kmpfen, wenn es protestantisch wre? Wir mssen es, und wenn es unser
Leben kostet. Vorsichtig fhlte Buckingham vor: Das Volk will Krieg wegen
Bhmen. Das Parlament nennt uns Papisten, weil wir Deutschland im Stich
lassen. Die Antwort kam, wie er gewnscht hatte; dem Volk stopft man das
Maul, das Parlament findet Platz im Kerker.

Die Schiffe stachen in See gegen Spanien. Das Parlament bewilligte die
Mittel.

Als aber die Notschreie aus Bhmen, aus der Oberpfalz kamen, wurden unter
dem Drngen des Volkes Subsidien fr den Festlandskrieg bestimmt. An den
rastlosen unbndigen Teufel, den Bastard von Mansfeld gingen sie; er
zappelte in Holland, warb Truppen. Er sollte Bhmen retten.

Im Westen lagerte Frankreich. Sein Knig Louis der Allerchristlichste,
sein Land altglubig. Sie kauten an ihren Neuglubigen, die Hugenotten
hieen, rebellisch und stark in Larochelle Stimes Sedan saen. Ein Mann kam
auf, Richelieu, Kardinal. Er wurde in den Conseil berufen; den, der ihn
hineinberufen hatte, schickte er in die Bastille. Den Vernichtungskampf
gegen die rebellischen Hugenotten leitete er ein; inzwischen gab er dem
neuglubigen England Gelder, um Spanien zu schwchen. Er gab dem Krppel
Mansfeld Geld gegen den Kaiser. Die Schreie der Bhmen, der Vertriebenen,
der ngstlichen protestantischen Stnde vernahm er mit Vergngen. Es gab
nichts, woraus er nicht Gewinn ziehen konnte; fast htte Richelieu dem
Kaiser Geld angeboten, um den Stachel noch tiefer zum Bohren zu bringen. Er
hatte wandernde Gesandten, die die Finger in die Wunden Deutschlands und
sie zum Eitern bringen muten.

Und wie sich der bermchtige katholische Sieger bedrohlich reckte,
erstickend ber seine Opfer herfiel, fuhr der Schrecken in die neuglubigen
Lnder zwischen Weser und Elbe vor ihrem nahenden Schicksal. Magdeburg und
Halberstadt waren leckere Braten, zwei Erzstifte, dreizehn Bistmer und
Abteien; der niederschsische Kreis war auf seiner Hut. Und als sie sich
einen Kreisobersten whlen muten, fiel ihr Auge auf den, dessen
Heeresmacht manche ihrer Stdte genugsam versprt hatten. Der starke Dne
sagte nicht nein; die deutschen Hndel behagten ihm. In seinem Reichsrat
saen Christian Frieen zu Borreburg als Kanzler, der verwegene Magnus
Uhlfeld zu Sielsva als Reichsadmiral, Jakob Uhlfeld zu Uhlfeldsholm,
Breida, Rankamen, Stephan Brahn zu Kundstrap; sie gewhrten ihm vier Tonnen
Gold zu Rstungen; schrieben nach England und Holland, an Mansfeld.

Ihre Werbungen begannen entschlossen auf deutschem Boden. Der lange
Halberstdter, Anbeter der pflzischen Elisabeth, rieb seine
eingeschlafenen Beine, trabte hinter seinem Freund Mansfeld her.

                   *       *       *       *       *

Maximilian warnte den Kaiser. Er ri und zottelte mit den Zhnen an seiner
Beute. Die Oberpfalz knirschte unter seinen Reformatoren, den
Glaubenskommissionen. Seine Kundschafter schwrmten bis nach Ostfriesland.
Wien blieb beim Lachen; das Lachen des Kaisers hatte etwas Bses. Nur
einige Rte zitterten bei dem Gedanken an Krieg. Wie zahllose mter lagen
in den Bezirken ob der Ems, unter der Ems, in der Grafschaft Tirol, im
vordersterreichischen Breisgau, im Herzogtum Krnten, Krain, in Schlesien,
Bhmen, Mhren: Salzamt in Wien, Dreiig in Preburg, Mauth in Linz,
Schlsselamt in Krems, Rentamt in Steyer, Vizedomamt in Linz, Handgrafenamt
in Wien. Von allen waren Vorschsse erhoben, von den niedersterreichischen
Stnden Darlehen, von den bhmischen Magnaten, von den Juden,
Niederlassungsgelder von den Kaufleuten. Hohe Subsidien vom Papst.

Aber ein Sieb! Regimenter, Regimenter, Regimenter! Sie waren nicht zu
entbehren, und wenn sie zu entbehren waren, waren sie nicht zu entlassen
aus Mangel an Sold. Erzherzogliche Deputate, prachtheischendes
verschwenderisches kaiserliches Hoflager. Abt Anton und Gurland in maloser
Erbitterung ber Bhmen, konfiszierte Gter auf fnf Millionen
veranschlagt, nur eine Million darauf aufgenommen, ganze vierhunderttausend
Gulden vom Gouverneur Liechtenstein abgeliefert.

Unter dem Druck der Kriegsgerchte, nach Wochen stummen Herumrechnens,
hilflosen Keuchens vor Folianten, wtenden Beiseitewerfens von Mahnbriefen
der Obersten, verzweifelten Vertrstens von Glubigern rechts und links in
der festdurchjubelten Burg steckte Gurland seine zittrigen Beinchen in die
starken Reiterstiefel eines deutschen Kavaliers; die Sporen schienen nicht
aus Silber, sondern Blei; breit und schwerfllig stieg er, pumpte seine
Beine durch die dunklen Bogengnge. Grmlich lugte er, von Stockwerk zu
Stockwerk schwankend, auf den Boden. Umgestrzte Gamaschen hob er mit jedem
Schritt hoch. Auf seinem rauchenden Kopf sa ein niedriger Hut mit
ungeheurer hinten herabsinkender Krempe und Federstruen. Ein sehr breites
verbrmtes Wehrgehenk hatte er angetan, sein weier Halskragen war schmal
wie ein Band und stand nach rckwrts in die Hhe unter die Hutkrempe. Und
wie er in die Stube des Oberhofmeisters hineinpolterte, hatte der nur einen
Moment Zeit sich ber die abenteuerliche Gestalt des Eindringlings zu
wundern, dann strzten schon die giftigen hitzigen Worte ihn an, trieben
ihn aus seinem Sessel. Herr Graf von Meggau, schrie der stirnrunzelnde
Kavalier ihn an, wofr habt Ihr das goldene Vlie? Wofr seid Ihr zehn
Sachen auf einmal, Statthalter von Niedersterreich, Kmmerer, Geheimer Rat
und sonst was. Soll ich das mit ansehen, was hier geschieht und den Mund
halten wie eine Nonne? Es behagt mir nicht, ich sag's Euch mit einem Wort;
Schelmereien stehen mir nicht. Was habt Ihr, Herr Gurland? Leere
Sckel, leere Sckel, Herr Geheimrat. Und ist alles kein Geheimnis mehr,
Herr Geheimrat, und werde es nicht bei mir behalten. Die Stlle voll, die
Herren Jesuiter Stiftungen ber Stiftungen, die niederlndischen Maler
malen ein freches Bild nach dem andern, die Jagden, die Stechereien,
Bankette: ich sehe die Schelmereien nicht an. Nicht lnger. Dafr die
bhmische Mnze ruiniert, da ein paar Stunden noch lustiger und herzhafter
einhergehen in Wien. Ihr wit es. Es sind Schelmereien. Der totblasse
kleine Meggau hielt sich rckwrts am Sessel fest: Wer will von
Schelmereien reden? Der Kaiser wei es nicht. Der Kaiser wei es nicht.
Ihr spielt mit mir nicht so. Sonst mu ich, wie ich hier bin, zum
Leibdiener laufen, um eine Audienz bitten und reinen Wein einschenken. Er
schrie zornstammelnd, strampelnd, da seine Federstrue schlugen: Wo soll
das hinaus? Sprecht. Seht mich nicht so an. Ich . . . Der beladene Mann
hielt sich an einem Stollenschrnkchen fest; er war schwindlig in seiner
Wut. Meggau schob ihm einen Sessel hin. Mit einem Sporen stie der tobende
Kavalier gegen die Fe des Sessels: Ich brauche Eure Sessel nicht. Die
Miwirtschaft, die verruchte! Scheltet nicht mit mir. Scheltet mit dem
Kaiser. Ihr seid allesamt nicht wert, da ihr seinen Namen in den Mund
nehmt. Er knnte zehnmal mehr verbrauchen, als er tut, wenn sein Geld nicht
in fremde Taschen flsse. Die tausend Diebe Hehler und Abenteurer, das ist
eine christliche Welt. Die Pest soll sie alle befallen. Herr Gurland,
warum kommt Ihr zu mir? Ihr werdet mit mir gehen, jetzt, nach Prag, das
Land beschauen. Wir mssen Geld auftreiben. Versteinert stand der
Geheimrat: Ja, das mssen wir. Ja, das mssen wir, hhnte Gurland in
praller Wut; ratet lieber wo, wo, wo. Zieht Euch an. Erbittet Urlaub. Der
Rat bat: Ich komm schon.

Sie fuhren durch die herbstlichen Chausseen, nur sechs Mann Wiener
Stadtgarde beritten war ihre Bedeckung. Sie sahen massenhaft Felder, die
brachlagen, weil die Ackerer verjagt waren; Gurlands Augen schossen rechts
und links. Bevor sie in Prag, einfuhren, flsterte Meggau: Lat Euch
nichts merken, die Bhmen brauchen nichts merken. Schallend lachte der
andere: Der Herr wei nicht, da ich selbst Bhme bin.

Man zog sich vor ihnen wie Schnecken in Gehuse zurck. Meggau wurde
erbarmungslos von dem andern vor die verwstete Mnze geschleppt; als ein
Rittmeister sie auf den Friedhof zu den Niedergeschossenen und sonst
Fsilierten fhren wollte, lehnte der pelzvermummte Rat mde, Gurland
bissig ab.

Gibt es Zauberer hier? fragte Meggau eines Abends den Gouverneur, bei dem
sie zu Gast waren. Vielleicht, lchelte der vieldeutig. Ich mchte,
trumte Meggau vor sich, einen Zauberer oder eine Wnschelrute finden, um
Geld zu heben in Bhmen.

Sie waren fassungslos ber die Schamlosigkeit dessen, was sich ihren Augen
bot. Gurland selber wollte Hals ber Kopf abreisen, Meggau, pedantisch,
melancholisch, an langsames Minieren gewohnt, hielt zurck. Sie prschten
hinter Michna, den Friedlnder, Liechtenstein, Wresowicz. Meggau drohte:
Das Geld werden wir langsam wieder aus ihnen herausziehen. Warum
langsam? Rasch ist es gesunder fr die Herren; und zwar seht so. Dabei
machte Gurland schmerzdurchtobt die Bewegung des Aufhngens.

Als die beiden Wiener Herren lrmschlagend in Prag auftraten, wurde auch
Liechtenstein kalt und drohend; als sie verlauten lieen, sie wrden eine
Untersuchung ber die Prager Affren beantragen, behandelte man sie als
Luft.

Schweres Ringen am Kaiserhof. Es war klar, da das Geschick Habsburgs bald
wieder in den Hnden des Bayern lag, wieder und wieder des Bayern, dem man
den Kurfrstenhut hatte geben mssen, und der eines Tages mehr begehren
wrde. Man schrie, wehrte sich, drang in den Kaiser.

Die unbeugsame Ruhe Ferdinands, der wie ein unverbrennbares Tier seinen
schleimigen bunten Leib durch die schwelenden Kohlen zog. Seine grausige
Sanftmut; sie wuten, er wollte Rache nehmen an Maximilian, den er den
Feinden als ersten opfern wollte, selbst um den Preis, da Habsburg
verloren ging.

Nachdem er sich einige Zeit umgeblickt hatte, trat ein erschreckendes
Wesen, der Frst von Friedland, aus seinem Bau. Er hatte sich aus Abneigung
ber die Ohnmacht und Haltlosigkeit seiner bhmischen Sippengenossen,
dieser phrasenreichen Haufen, gegen sie gestellt. Gewaltttigkeiten machten
ihn frh berchtigt. Dann wurde er katholisch, nahm ein krankes reiches
Weib zur Frau, die ihm wegstarb und freie Hand gegen seine Umgebung lie.
Die mhrischen Stnde waren so tricht, ihm im Kampf gegen den Kaiser seine
Regimenter zu belassen; er verriet sie, suchte seine Truppen zum Kaiser
berzufhren: wollte sich des mhrischen Landtags in Olmtz bemchtigen,
desselben, der ihm die Regimenter gegeben hatte. Nur mit dem Rest eines
Fhnleins, acht Munitionswagen, Regimentsfahnen und sechsundneunzigtausend
Mark der Kasse schlug er sich, selber verraten, nach Wien durch, sa eitel
am Tisch des Kaisers; der lie ihn angewidert heimlich abschieben, warf das
Geld den Stnden nach. Abscheu und Gelchter, wo sich der von Wallenstein
sehen lie.

Vor der Prager Schlacht war die Hoffnung der jungen Bhmen ein kniglich
stolzer reichbegnadeter Mann gewesen, ein Hans Georg von Wartenberg, der
nicht dreiig Jahr alt war. Als Kriegskommissar bereiste er beim Anrcken
der Katholischen zwei Landkreise, nachdem er sich aus dem schwelgerischen
Treiben der englischen Elisabeth auf dem Prager Schlosse gelst hatte. Wie
die Schlacht verloren war, pltzlich, ehe er noch seine Ausgehobenen dem
Heer zugefhrt hatte, umringten ihn im Standquartier die befreundeten
Mnner und Frauen aus der Nachbarschaft zusammenstrmend; aller Gedanke war
nur an ihren Abgott. Sie flehten ihn an, zugleich wie Mtter und wie
Kinder, zu fliehen. Wenn alles verloren ginge, er solle bleiben; gefangen
war, woran sie sich halten konnten; er mchte leben, fliehen. Leidend fgte
er sich, empfand als Krnkung, da man gerade ihn fortschickte, konnte
nicht verstehen, wie gerade diese Frauenstimmen so in ihn drangen, war halb
verzweifelt, da sie letzten Endes auch Verrterinnen an der groen Sache
seien. Er war gewohnt nachzugeben. Ritt nach Sachsen. Kaum einen Monat
hielt es ihn, da verschwand er aus Dresden; heimlich gelangte er ber die
Grenze, als er schon von den Landleuten entdeckt war. Aus den
Nachbarstdten berholten ihn Sendboten, erzhlten vergraust von den Prager
Vorgngen; er fluchte, schlug um sich, als sie baten, er mchte umkehren.
Aber Liechtenstein in Prag war khler als die Sldner und die Gerichte; ein
Fhnlein Musketiere nahm den todesgemuten brllenden Wartenberg mit seinem
Anhang schon zwischen Saaz und Radonitz fest, fhrte ihn samt den zwanzig
toll sich gebrdenden jungen Edelleuten, die ihn verteidigen wollten, ruhig
und ohne Aufsehen aus dem Land heraus. Und dann sahen die Bhmen zu ihrem
Vernichtungsschmerz, da man ihm, der bisher verschont war, den Proze
machte als flchtigem Rebell, obgleich er unter die erlassene Amnestie
fiel. Er war Besitzer von Rohrzak, Neuschlo, Bhmisch-Leipa; hinter allem
steckte Wallenstein; Wallenstein brauchte die Gter zur Abrundung eines
eben erstandenen Areals. Mit Ingrimm verfolgte das Land die Angelegenheit.
Die Gter wurden ihm abgesprochen. Der geschlagene verbannte Mann lebte,
monatelang von Stadt zu Stadt irrend, von den Zuwendungen seiner Sippe. Die
pfalzgrfliche Prinzessin Sabine hing sich an ihn; als sie heirateten,
schwur sie weinend, ihm zu seinem Recht zu verhelfen. Die Frsprache des
schsischen Kurfrsten, reich begrndete Eingaben an die rmische Majestt
fruchteten nichts. Die Hofkammer lie es bewenden bei dem Urteil
Liechtensteins; das anfngliche Gnadengehalt, das man der lieblichen Sabine
gewhrt hatte, wurde ihr entzogen wegen der unerschwinglichen
Kriegsauslagen. Zum Schlu bedeutete man ihm, die Gter seien nicht sein
Eigentum; er verwalte sie nur als Sequester von seinem Oheim. Sie whlten
sich arm beschmt hilflos in eine kleine Reichsstadt ein.

Als wenn ihn der Schwung der Ereignisse verjngte, heiratete der
Friedlnder nach den Mnzunruhen eine Tochter des Grafen Harrach, des
kaiserlichen Lieblings, der neben ihm Gter gesammelt hatte und dem die
Herrschaft Bruck an der Leitha, die Grafschaft Ungarisch-Altenburg
zugefallen war, begann ein glnzendes Treiben zu Prag, er, Oberst und
Gubernator im Knigreich Bhmen. Unfabar wie ein Aal war er geworden. Der
Umfang seiner Geschfte, an denen sich die halbe Prager Judenschaft, groe
auswrtige Bankhuser beteiligten, bertraf alles Bekannte. Man sah ihn
hager, im roten Purpurmantel, darunter der einfache braune Lederkoller,
tglich durch die Straen der Altstadt reiten, von seinen Offizieren
gefolgt. Mit ihnen pokulierte er, seine Gicht nicht achtend, in ihren
Husern, bramarbasierte, spekulierte. Die frechen Beutezge, die
Kriegsdrohungen des Mansfeld, der im Haag sa, waren das tgliche
Gesprchsthema. Die Kriegsoffiziere drngten fort, wollten nicht versauern.
Tglich schrien sie: Der Mansfeld, der Mansfeld! Sie hingen an ihrem
Oberst, der sie mit reichem Geld berschttete: Sind wir nicht ppig
genug? Mssen wir zurckstehen? Der Mansfeld rstet wieder! Lrmten
tglich mehr, wollten ins Reich hinaus; bestrmten den Friedlnder, der mit
seinen listigen lautlosen Augen sa und nichts vernehmen lie.

Ganz unvermutet erschien in Mnchen in der Residenz eine sonderbare kostbar
gekleidete Deputation, von livrierter Dienerschaft gefolgt, geschickt wie
sie sagte von einem mhrischen Edelmann, der sich anheischig machte, dem
Kurfrsten in den kommenden Kriegsnten beizustehen mit einer groen Zahl
Regimenter, wenn ihm, bei Treuschwur gegen den Kurfrsten, gewisse
Selbstndigkeit ber seine Regimenter belassen wrde. Warum, kam als
Antwort zurck, stellt sich der anonyme Herr nicht auf seine eigenen
Beine? Will er ein Knigreich grnden, kann er's besser ohne uns. Das
machte kein bses Blut in Prag. Ein kluger weltkundiger Herr, der Bayer,
schwadronierte der Frst: hat er doch recht!

Fing es auf andere Weise an; brachte die ihm unterstellten und von ihm
ausgehaltenen Regimenter auf Kriegsstrke und hher, dann holte er seine
Kriegsoffiziere zusammen, lieh ihnen Geld, hie sie sich um Patente
bewerben, die Regimenter hielt er wieder aus. Bald waren mit ihm versippt
und verbrdert die meisten Obersten in Bhmen und Mhren. Whrenddessen war
noch nicht verlautet, was er vorhatte; und unvermindert, ja heftiger trat
das Drngen der Offiziere hervor, auf den Feind, der sich zusammenballte,
loszuschlagen, fortzuhuschen aus dem verruchten kahlgefressenen Bhmerland.
Raufbolde, italienische spanische Kavaliere, dreiste Spieler, Waghlse
Trinker Duellanten um ihn, der stundenlang den Wrfelbecher nicht aus der
Hand gab, Rapiere vor Wut zerbrach, wenn er verlor, aus dem eisigen
Berechnen, Belauern nicht herauskam. So gro war sein Anhang zwischen Elbe
und Moldau, da er jedem, der ihm widerstrebte, htte den Garaus machen
knnen, und weithin ruchbar, nicht verschwiegen wie das Mnzkonsortium,
war, wer in seinem Gefolge stand. Demonstrierend lud er seine Herren zu
sich ein, und es fehlte keiner von den Machthabern des Landes. Die
kaiserlichen Verwalter kamen hinzu mit der Pflicht, an diesem Tisch zu
reprsentieren, um nicht ganz zu verschwinden.

Er fing an in aufsehenerregender Weise mit seinem Geld umzugehen. In seiner
Stadt Gitschin setzte er ein Gymnasium hin, dazu in Krze ein Alumnat, ein
Armenhaus, Hospitler, ein Kolleg fr vierzig Jesuitenvter. Lie
verbreiten, da er vorhabe aus Gitschin eine bischfliche Residenz mit
Kathedralkirche zu machen. Vom Wiener Hof hatte er erlangt, da sein
Frstentum Friedland einen besonderen Appellationsgerichtshof erhielt; nahm
in dem Land eine Reform von Verwaltung und Rechtspflege vor. Prunkend baute
ihm Meister Andreas Spezza ein Haus am Fu der Prager Knigsburg auf dem
Hradschin, wozu er sieben Huser des Klosters Sankt Thomas und zwanzig
Lagerhuser niederri. Man erzhlte, da er sich als Sonnengott oder
rmischen Imperator malen lie.

Wie Wallenstein unbeschftigt im Lande seine Hnde rhrte, trge wartend,
umspielt von seinen Offizieren, belauert von den reichen Mnnern und
Machthabern des Landes, nherte sich ihm die schwermtige weiche Figur
Wilhelms von Slawata, seines Vetters. Dieser Mann, von Verachtung ber sein
Land geschttelt, hatte Wallenstein zum Henker Bhmens erkoren, und wollte
ihn bewegen, in zwei drei Jahren niederzustrecken, was gegen den Kaiser
noch Widerspenstiges in Bhmen lebte. Dieser Mann aus edlem altbhmischen
Geschlecht war zum kaiserlichen Beamten geworden, ohne einen Finger danach
bewegt zu haben. Von der Universitt und der Kavaliertour durch Oberitalien
zurckkehrend wurde er Landschaftsoffizier, Vertrauensmann der Martinitz
und anderer, die den Abfallbewegungen des Landes die Spitze boten. Slawata
hielt zu ihnen, weil er den Tumult verabscheute. Neben ihnen ging er mit
langen Schritten, schweigsam, ein schwermtiges dunkelgetontes Gesicht,
starke braune Brauen, unter denen weite blaue Augen lagen, deren kalter
Ausdruck gut stimmte zu dem breiten Mund mit den eingekniffenen Ecken.
Immer standen senkrecht ber der Nasenwurzel zwei tiefe Falten; die Stirn
zog sich zu ihnen zusammen, sie verfinsterten das Gesicht und lieen nicht
den Blick zu auf die schne Schwingung der Kieferlinie und das Grbchen am
Kinn. Er trug auf dem schultersinkenden dunkelblonden Haar ein schwarzes
niedriges Samtbarett. Den fleischigen Hals trug er blo; er bog leicht den
Kopf wie lauschend nach vorn und nach links, whrend er das linke Auge halb
zufallen lie, das sich in der Spalte zitternd hin und her bewegte. Seine
rechte beringte Hand, viel weier als das Gesicht, hielt sich an dem Besatz
des violetten schweren Mantels fest, dessen breiter kostbarer Hermelin
seine weichen, teilnahmslos abfallenden Schultern berzog. Er war mit
Wallenstein eins gewesen in den Angriffen auf das rebellische bhmische
Volk; aber der Frst schenkte dem Volk nicht die geringste Aufmerksamkeit,
auch der Verachtung nicht. Slavata, sein Vetter im dritten Grad, verlangte
havolles Einschreiten, Knebelung. Er liebte keine Frau und kein Kind,
hate nur Bhmen, weil ihn Rebellion anwiderte und die Rebellion ihn, als
er sich gegen sie stellte, mit ihren schmutzigen Hnden angefat hatte. Der
Anblick der elf vermoderten Kpfe auf dem Brckenturm gab ihm nur geringe
Genugtuung. Mit Freuden hatte er das Mnzkonsortium am Werk gesehen, tief
beglckte ihn der Zusammenbruch des Knigreichs. Es mute noch mehr
geschehen, noch mehr. Um zu erfahren, was der Frst triebe, besoldete er
friedlndische Kammerdiener; die belanglosen Sachen, die sie ihm
berbrachten, regten ihn tief auf.

Er suchte den Frsten in der Meierei Bubna bei Prag auf, konnte sein Herz
nicht zurckhalten. Der Edle fiel den andern, der schlfrig schien, an, wie
ein Ringer einen gelten Menschen, an dem er zu Boden strzt. Ein kurzes
Gesprch bebte zwischen ihnen. Wallenstein, mit ihm zwischen den Ulmen
spazierend, mit dem Stock in dem hohen Herbstlaub whlend, dankte
apathisch; er mae sich nicht an, die kaiserliche Politik zu forcieren.
Aber sie htten gemeinsam dafr gekmpft und es hiee nur, den Kampf
vollenden. O, blickte ihn spttisch mitleidig der Frst an, was haben
Euch die rmsten Bhmen getan. Er lachte krftig. Schneidet Euch ein
Stck Speck aus dem Schwein, dann lat es laufen! Mit Schmerz gab der Graf
nach einiger berwindung zurck, der Frst wte, da Bhmen ihre Heimat
sei, und da man sie reinigen msse von dem Gesindel, das sie besudele.
Ich bin nicht besorgt, vielleicht wendet sich der Herr an den Kaiser
selber. Wir treiben nur unser kleines Geschft, so tagaus, tagein. Krftig
klopfte ihm Wallenstein auf den Arm, lud ihn ein, seine Gitschiner
Lndereien zu besichtigen. Der Herr Vetter trgt ja viel nach, scherzte
er unterwegs, in dieser Weise wird er nichts vor sich bringen.

Die furchtbare organisierte Macht des Mannes in Regimentern Stdten
Lndereien. Slavata mute sie sehen, das Schwert eines hirnlosen Riesen.
Bitter und falsch verabschiedete er sich in Gitschin vom Frsten, der aus
dem Befehlen Lrmen Hetzen nicht herauskam: er wolle zurck nach Prag, er
she, da er nichts vor sich gebracht habe. Sei er mein Freund! schrie
der Friedlnder hinter ihm her, der in schwelender Emprung noch in
Gitschin den brillantenbesetzten Trkensbel Wallensteins ber eine Brcke
ins Wasser warf, sich aus dem Wagen beugend, die Hnde am Wams abreibend.

Slavata war es, der bei einem gelegentlichen Fest versuchend dem Frsten,
als wenn es nichts wre, als wenn es ihm gelegentlich so einfiele, den
Gedanken hinwarf: der Kaiser brauche Hilfe auerhalb Bhmens; wer reich
genug sei, fnde einen guten Augenblick; wie es wre: Parteignger des
Kaisers zu werden? Wie der Halberstdter, der Bastard Mansfeld? Es knnte
ein ruhmreiches glnzendes Unternehmen werden. Es war ein ungeheurer
Gedanke, der ein paar Minuten ungesprochen zwischen ihnen schwebte; sie
standen sich zwischen vielen Gsten vor Friedlands Fasanerie gegenber. Das
heisere Lachen des Frsten darauf war unecht. Wie sich Slavata einen
Augenblick umsah, merkte auch der Frst, da sich der Vetter vor ihm
frchtete, da der Vetter frchtete von ihm niedergestoen zu werden, und
da er tatschlich diese Absicht eben gehabt hatte. Niederstoen, weil
dieser Slavata etwas gegen ihn plante. Eben erst sah er es. Das flimmerte
wei und rot durch ihn, und dann hatte sich der schne Slavata, kopfsenkend
mit bsem Blick, sehr rasch unter die brigen gedrngt. Es roch hinter ihm
nach Parfm.

Der Augenblick war verpat. Erstaunt berlegte Wallenstein, wie man diesen
Mann rechtzeitig beseitigte, der sinnlos etwas gegen ihn vor hatte. Der
andere, seine Furcht bezwingend, war durch den Garten, das Haus gelaufen;
es war erwiesen: der Frst wollte zum Kaiser; das Tier wollte weiter raffen
scharren schlucken gewinnen; es war ein Tier. In heftiger Traurigkeit sank
er auf das Polster seiner Snfte. Er hatte dem Frsten sein Geheimnis
entrissen; wie ein Hund mit dem Knochen lief er davon. In unfabarer Weise
reizte es ihn, whlte ihn mit Schlamm auf. Im selben Augenblick wie
Friedland wute er von seinem Ha.

                   *       *       *       *       *

Zurckgeworfen nach Wien konnte Gurland, der sich schwer erholte, der
bedrckte einsilbige Meggau nur auf Liechtenstein und Michna, die nicht
hoch gewertet wurden, und auf den Friedlnder hinweisen.

Bei seinem Namen hob selbst Eggenberg, der zu dem bhmischen Unwesen
geschwiegen hatte, abwehrend die Hnde: Sie haben ihn den Unmenschen zu
Altorf auf der Universitt geheien. Welcher Praktiken sich der Oberst
bedient, wissen die Herren.

Eggenberg lie sich zu der Frage hinreien, ob die bhmische Fulnis ber
alle Erblande verbreitet werden solle. Man werde einmal aufdecken mssen,
wie die Herren vorgegangen seien und was sie an dem Kaiser gesndigt
htten, wenn sie auch titelgesegnet seien. Und Meggau stimmte traurig bei,
es sei schmhlich, ja scheulich, diese Herren anzugehen.

Ungeduldig drngte der Abt, der beim Kopfschtteln blieb: Gebt Rat, gebt
Rat.

Verbissen stand der sanfte Frst Eggenberg auf; so wolle er lieber bei der
Stadt Venedig betteln als bei dem von Wallenstein. Wer wandert nach
Venedig? lchelte der Abt mit unbeirrtem Ernst.

Juda wird Germanien heien und nicht anders, wanderte der Frst im Saal.

Abt Anton zuckte die Achseln.

Meggau sagte mitfhlend: Er ist Euer Verwandter, Frst Eggenberg,
vielleicht haltet Ihr ihn im Zaume.

Er ist ein Bsewicht, in Bhmen hartgesotten, ich sage es den Herren und
sie werden einmal daran gedenken; und wir legen uns alle in seine harten
Hnde. Er ist Katholik, aber nur er wei, zu welchem Ende er zu dem wahren
Glauben bergetreten ist. Er hat den Satan in sich, Ehrwrden; ich meine es
beinahe nicht figrlich. Darum ist er wtend vor Tapferkeit, darum wirft er
sein Geld hinaus, weil es doch wieder zu ihm zurckluft. Darum ist er ohne
Erbarmen, eine Furcht fr alle, die ihn kennen.

Ihr seid sein Verwandter.

Ach Ehrwrden, zu seiner Gromutter ist auch der Gottseibeiuns zahm und
liebenswrdig. Ich bin nicht stolz auf ihn.

Ich hr' es, Frst Eggenberg. Wie will aber Eure frstliche Gnaden das
erzherzogliche Haus erhalten, die Armee sttzen und vergrern. Wir
verhoffen doch, Eures Satans Herr werden zu knnen.

Der Frst lachte bitter: Ihr!

Als Wallenstein sondiert wurde, geschah das, was in der Tat nur Eggenberg
vermutet hatte: er gab eine geradezu abenteuerliche Summe an, die er in
Krze dem Kaiser vorstrecken wrde. Es zeigte sich, da ihm das Geld nichts
bedeutete, und da er dem Kaiser mit aller Habe ergeben war. Der Oberst
lie sich nicht beirren durch das zaghafte Verhalten seiner ehemaligen
Konsorten. Es erwies sich bei dieser Gelegenheit fr die Herren seines
Verkehrs zum erstenmal schneidend, da er offenbar fr ihre Existenz kein
Gefhl hatte und ihre Ermahnungen gar nicht in Betracht zog. Ihnen grauste
davor, da er sich so exponierte; sie frchteten alle wieder fr sich
selbst.

Michna warf sich hndisch an ihn heran. Ihm imponierte die unverstndliche
Art, mit der Wallenstein den von Wartenberg behandelt hatte, diese Hrte,
die sich htte vermeiden lassen; Wartenberg war Volksgenosse des Frsten,
hatte nichts rechtlich verschuldet, man htte mit ihm ber die Grundstcke
verhandeln knnen. Der Oberst war reich genug, statt dessen zog er nur die
Folgerungen aus der Situation. Michna, der neugierig den Gang dieses
Prozesses verfolgte, fand den Oberst verblfft ber die Frage, warum er den
von Wartenberg nicht schone oder glimpflich behandele. Ja, warum? Warum
sollte er das? Sei er denn ein Kind oder ein Dummkopf? Was mchte wohl
einer von ihm denken: er sei im Vorteil und liee ihn aus den Hnden? Sein
Volksgenosse, gewissermaen sein Verwandter? Michna sollte sich nicht
lcherlich machen, sie seien von Adam und Eva her allesamt verwandt. Und
Michna fiel in das schallende Lachen des Soldaten ein, freute sich ber
dessen festes Auge und das folgende Gesptt ber das Prinzechen Sabine.

Verngstigt lief Michna zu seinem Todfeind, dem Judenprimas Bassewi; aber
sonderbarerweise wute auch der nichts von den Einzelheiten. Bassewi war
offenbar ebenso beunruhigt ber Wallensteins Vorhaben wie sein Gast; sie
suchten sich gegenseitig auszuhorchen, trauten sich zum erstenmal. Michna
schttete dem Juden sein Herz aus: ob der Oberst etwas gegen ihn plane. In
dem alten Juden, der an Wallenstein hing, regte sich eine Spur Mitrauen,
das er auch gegen seinen besten Klienten nicht los wurde, weil er ein
Christ war. Wie plante Wallenstein jene ungeheuerliche Summe flssig zu
machen, von der er zu den Wiener Vertretern gesprochen hatte. Wen hatte er
im Hintergrund. Neue Rebellenopfer gab es nicht mehr. Vielleicht die
Judenschaft, deren Geldverhltnisse er gut kannte, vielleicht pltzlich
Front gegen seine ehemaligen Konsorten, Liechtenstein oder diesen Michna.
Man konnte nicht wissen, wessen man sich von ihm zu versehen hatte. Michna
spionierte; er stellte fest, da Wallensteins Agenten drauen im Reich
herumreisten, zu erkunden suchten, wie gro die feindlichen Heere seien, wo
die Musterpltze, wieviel Sold man bot. Es konnte alles nur
bramarbasierendes Geschwtz des Obersten gewesen sein, den es im brigen
nach Kriegsehren gelstete.

Zum zweitenmal fuhr Graf Meggau, der Obersthofmeister, nach Prag, das
Terrain zu sondieren. Wallenstein tat, als erinnerte er sich seines
Vorschlags gar nicht, schien zurckziehen zu wollen, kam unversehens damit
heraus: welche Sicherheit ihm vom Kaiser geboten wrde. Meggau war
berrascht; das war sonst nicht die Art des Frsten. Im brigen zeigte es
sich, da Wallenstein kein Interesse etwa an der Verpfndung eines
Landstcks hatte; er erklrte, die Regierung und planmige Bewirtschaftung
seines Areals genge ihm vllig. So war die Situation vllig unklar.

Meggau, im dunklen Gefhl, hier noch nicht zu Ende zu sein, reiste nicht
ab. Der Frst erklrte, prfend den wchsernen eleganten Grafen
betrachtend, eines Morgens, er werde fr den Kaiser fnf sechs Regimenter
anwerben, sie installieren und ein Jahr aushalten. Bassewi, Michna fuhren
zu dem Frsten, boten sich ihm an; der Kaiser sei wieder in Not. Friedland
schien bellaunig; dann erklrte er hflich undurchdringlich, er werde dem
Kaiser als Soldat dienen; wenn es sein sollte, wrde er drei Regimenter
aufstellen und unterhalten. Bassewi schttelte den Kopf; wie man sich in
Menschen tuschen knne; Michna kam aus der Flauheit nicht heraus.

Es waren kaum zwei Tage vorbei, da Meggau strahlend bei de Witte eintrat,
der mit Michna und Bassewi ber eine Transaktion zugunsten des Kaisers
verhandelte und ihnen, stehend, die Arme verschrnkend, die abenteuerliche
Mitteilung machte: Wallenstein habe ihm formell, erst schriftlich, darauf
mndlich den Vorschlag gemacht, er werde dem Kaiser eine ganze Armee
aufstellen. Eine ganze Armee.

Der plumpe Michna fate sich zuerst; wenn Wallenstein dies gesagt htte, ob
es nicht Abend gewesen sei bei einem Gelage, oder ob er nicht vorher seinen
Wutanfall gehabt hatte. Dann sei alles denkbar.

Meggau, rosig angeglhte Backen, bat um Wein, wiederholte, da Wallenstein
sich in Ruhe mit ihm auseinandergesetzt hatte, so wie sie jetzt; da er
zahlreiche Plne und Berechnungen vor sich gehabt hatte, da er ihn durch
seinen Kanzler Elz habe zu sich einladen lassen; nheres wolle der Frst
erst spter von sich geben.

Die drei Herren in der Gaststube sahen sich an, suchten in ihren Augen:

Woher hat er das Geld? In diesem Augenblick hatten sie alle drei Furcht
und waren bereit, sich gegen Wallenstein zusammenzuschlieen.

Bassewi sagte vorsichtig: Eine Armee ist keine Kleinigkeit; mit einer
Armee kann man viel Unglck anrichten. Wer Soldaten hat, hat die Macht. De
Witte, mit den Fingern spielend, beruhigte sich: Wallenstein ist treu
gegen seine Geschftsfreunde. Er ist der zuverlssigste, klgste Herr, der
mit mir gearbeitet hat.

Ist er, lachte herausfordernd Michna; aber er war auch einmal gegen
Smirsitzky, sein Mndel, untreu.

Das alte Lied, schttelte de Witte den Kopf.

Michna bekam grelle Blicke, schrie: Herr Graf Meggau, Ihr vertraut dem
Obersten Wallenstein so blind. Hat er Euch verraten, woher er das Geld
nehmen will, um den Kaiser zu bezahlen, um ein Heer auf den Fu zu stellen.
Rechnet Euch aus: was kostet eine Kompagnie, Anrittgeld, Laufgeld,
Equipierung, Proviant, ein Regiment, Berittene, fnftausend Mann mit
Bagage, Artillerie, Brckenzeug, zehntausend Mann, zwanzigtausend. Dann
Werber, Werberlhne, Beamte, Zahlmeister, woher nimmt er das Geld?

Ich hab' ihn nicht gefragt, schluckte der Graf augenschlieend an seinem
Sektbecher, dies alles ist eben seine Sache. Die Rmische Majestt wird
auch nicht danach fragen. Uns liegt daran, da er sein Wort hlt.

Bassewi: Hat er sein Wort gegeben?

Es schien mir so. Er sagte, es wrde an ihm nicht liegen, wenn aus dem
Plan nichts wrde.

Bassewi hob den Finger zu den beiden andern: Er hat's versprochen.

Wtend kippte der Serbe seinen Schemel: Das ist es. Er verspricht, und
niemand fragt, wie er's halten wird. Er kann es nicht halten, ich sag' es,
er kann es nicht halten. Es ist ber die Mglichkeit.

Herr Michna, flsterte bedenklich Bassewi, er hat es versprochen. Der
Friedlnder redet nicht in den Wind. Wenn er es gesagt hat, hat er es
gesagt.

Michna brllte: Und er verspricht es und wir mssen es halten. Die
Majestt fragt nicht, woher er es hat. Warum spricht er nicht mit uns? Ich
war tglich bei ihm. Keine Silbe hat er erwhnt. Ist das geschftliche
Treue, Bassewi? Ich will wissen, von wo er bezahlen wird.

Wei man von solchen Herren, wenn sie im Vorteil sind, hielt ergeben
Bassewi hin, was sie mit einem vorhaben. Kann man doch nichts weiter tun,
als sich gut mit ihnen stellen.

Nicht aus meiner Tasche, schumte der Serbe. Ihr hrt es, Graf Meggau:
bleibt es dabei, was der Friedlnder versprochen hat, stellt er eine Armee
auf, so ist am gleichen Tage mein ganzer Besitz, fahrend und liegend,
Eigentum des Kaisers, der Hofkammer, mit der ich verhandeln werde, was ich
fr Ergtzlichkeit erwarte. Hrt Ihr.

Gewi, lchelte Meggau, wir wuten immer, da Ihr dem Hause Habsburg
zugetan seid.

Michna flammte: Er soll nicht sagen, er habe fr den Kaiser gearbeitet und
wir fr uns. Ihr habt es gehrt, Graf Meggau. Es bleibt, wie ich gesagt
habe, und diese Herren sind Zeugen, da ich nichts besitze von dem
Augenblick an.

Ich hab' es gehrt und wir sprechen spter davon.

Es ist geschehen, ich nehme nichts zurck.

Erschpft plumpste der Serbe auf einen Schemel, sah wirr und drohend die
Herren an, mit Genugtuung schlug er sich auf die Brust, sthnte: So.

De Witte klopfte ihm auf die Schulter: Habt keine Furcht; er nimmt Euch
nichts, der Friedlnder.

Der Serbe atmete ruhiger: Nun kann er kommen.

Den Juden berhrte de Witte am Kinn: Was werdet Ihr tun, Bassewi?

Wallenstein ist ein kluger Mann, habt Ihr selbst gesagt. Er wird nicht den
Krug zerschlagen, aus dem er oft getrunken hat. Er wird wissen, man hat
noch fter Durst.

De Witte sann nach: Ich mchte Euch bitten, Graf Meggau, bevor Ihr etwas
Bindendes eingeht mit dem Friedlnder, wollet Euch mit uns verstndigen.
Vielleicht knnen wir Euch nicht weniger leisten; bitter wird es uns
angehen; aber wir mchten nicht zurckstehen, wenn das kaiserliche Haus
bedroht ist.

                   *       *       *       *       *

Die beiden Unterhndler, Meggau und Harrach, erschienen in Wallensteins
Palast; in seinem prchtigen Palmengarten spazierend, hatten sie mit dem
Mann eine kurze Unterredung.

Wallenstein fragte, ob der Frst, dem zur Aufstellung des Heeres Gelder
mangelten, der Kaiser und Rmische Majestt sei.

So wolle er den Grafen Harrach, seinen Oheim, fragen weiterhin, ob der
drohende Krieg im Namen des Kaisers gefhrt werden solle, vom Kaiser als
Kaiser oder wie sonst.

So mchte ich, schwang Wallenstein sein spanisches Rohr, wissen, woher
der Kaiser die Mittel fr diesen Krieg nimmt. Nach der Aufstellung der
Armee. In welcher Weise gedenkt er die Eintreibung des Kriegsbedarfs zu
regeln?

Meggau erklrte unruhig, der Herr irre sich; er kenne vielleicht die Stnde
des deutschen Reiches nicht. Sie werden keine Steuern zahlen zur Erhaltung
des Heeres.

Graf Meggau miversteht mich. Ich sprach nicht von den Stnden. Die Armee
wird vorerst von mir aufgestellt und alsdann von den Reichslanden ernhrt,
da sie eine kaiserliche Armee ist.

Die Lnder, wir schweigen von der Rechtslage, werden nicht zahlen.

Wallenstein trat erstaunt zur Seite: Ja, woher wei das der Herr?

Wei der Herr es anders?

Ich bin Soldat. Ein Dorf, ein Markt, ein Bauernhof zahlt sofort, wenn ein
Fhnlein erscheint; eine Stadt, ein Kreis, ein ganzes Land zahlt, wenn das
Heer ausreichend gro ist. Fragt die Obersten Kolloredo, Braunau. Fragt
Bhmen. Fragt die Oberpfalz, die Rheinpfalz.

Wre Euer Liebden ein anderer, wrde ich glauben, Ihr habt nicht gut
einige Tatsachen im Kopf. Bhmen war ein besiegtes Land, die Pfalz ist
erobert. Der Kaiser fhrt nicht Krieg mit dem deutschen Reich.

Was meint der Herr damit?

Da Euer Liebden nicht glauben mssen, das deutsche Reich sei Bhmen und
der Kaiser htte Befugnis mit Reichslanden, friedlichen, ebenso
umzuspringen wie mit diesem.

Die Wut in Wallenstein. Sein gelbes Gesicht vibrierte. Er warf den Degen
auf eine Kredenz, die mit Bechern und Kannen im Grnen stand: Wollen die
Herren etwas von mir, oder ich von Ihnen? Wagt der Graf Meggau mich zu
kujonieren?

Graf Harrach beruhigte den schwer erschreckten anderen, der ratlos
stehenblieb.

Trinkt, Herren. Wallenstein drngte ihnen Weinbecher auf. Mit starren
Blicken auf Meggau hielt Wallenstein das silberne Gef, schluckte langsam,
prete die Flssigkeit, als ginge sie nicht durch den versperrten Schlund.

Wollt Ihr nicht auch trinken? Graf Meggau.

Ich danke Euch, ich bin nicht durstig.

Harrach flsterte dem andern zu: Nehmt Euch in acht.

Sie saen auf einer Bank. Statt zu sprechen, erhob sich Wallenstein, packte
seinen Degen, bat um kurzen Urlaub, ging ab, den Degen frei in der Hand
schwingend. Harrach atmete tief: Dies ist das Beste. Es htte kein gutes
Ende genommen. Er will sich beruhigen.

                   *       *       *       *       *

Tagelang hrten sie von Wallenstein nichts. Wallenstein hatte seinen tollen
Zustand, den sie den Schiefer nannten; die Gicht war ihm in den Kopf
gestiegen, seine Augen geschwollen, tiefrot, das Gesicht tiefbla. Er sa,
lag brtend herum; auf Pantoffeln mute man gehen. Brllte, sobald sich ihm
einer nherte in Sporen oder mit Hunden; in furchtbarer Gereiztheit
schleuderte er Becher, Glser, fiel Unbedachte mit Peitsche und Degen an.
Zwanzig Jger lagen bei solchem Zustand im Keller seines Palastes, in den
anliegenden Straen; erschlugen auf seinen Befehl jeden Hund, der in der
Nhe bellte, wrgten krhende Hhne; ringsum die Straen voll Stroh. Sein
Arzt war bei ihm zu Aderla Dampfbdern.

Zum Erstaunen des freundlichen gebrechlichen Harrachs war Wallenstein, als
er sich wieder blicken lie, noch zornig: Machen die Herren mir nicht den
Vorwurf, da ich dem Kaiser schlecht dienen wolle. Ich habe es bewiesen
gegen Venedig; fragt meine Feinde, die verrterischen Bhmen.

Er redete mit krnklichem Gesicht, weiten Augen ber den blanken Tisch in
dem tnenden Hauptsaal seines Palastes; die Bilder von Csar, Alexander dem
Groen, Hannibal waren berlebensgro an den Wnden auf Holzplatten
aufgestellt; an einer Querwand sah man in sanften Farben die Geschichte
Josephs in gypten. Der greise Harrach, seine zitternde Hand berhrend,
sprach seine Freude aus, ihn gesund zu sehen; sie wollten noch einmal
hren, welche Gedanken er, der alte Praktiker, ber die Armee zu entwickeln
habe. Nach einigem Schweigen, in dem er sich offenbar bezwang, stie
Wallenstein, der den langen zuckenden Arm auf dem Tisch liegen lie, heiser
hervor: Das Wichtigste ist zweierlei: der Kaiser braucht ein Heer, die
Stnde wollen es ihm nicht aufstellen. Dann: das Reich ist bedroht, dem
Kaiser liegt der Schutz ob. Der Kaiser hat die Aufgabe und das Recht, die
Reichsverteidigung in die Wege zu leiten; er stellt das Heer auf.

Graf Meggau bat innezuhalten; er blickte lange und intensiv den Obersten
an: Dies also ist die Rechtslage. Dann: Sie ist Eure berzeugung, Herr
Oberst?

Ja.

Der Kaiser stellt fr das Reich das Heer auf.

Danach, brachte Wallenstein widerstandslos und als ob er jeden Widerstand
breche aus sich heraus, fhrt der Kaiser niemals gegen das Reich Krieg,
wenn er in Deutschland das Heer hinstellt, wo er will, und verpflegen
heit.

Nun zog der Frst seinen Arm zurck und schien nicht mehr zuhren zu
wollen.

Das ist ein Weiteres. Habt Geduld mit mir, Herr Oberst. Zunchst sah ich,
was ich schon wute, da Ihr gut kaiserlich gesinnt seid. Ihr erbietet
Euch, sofern die Rmische Majestt zustimmt, in ihrem Namen Truppen
aufzustellen. Hiergegen knnte von niemandem Widerspruch erhoben werden;
jeder Frst stellt Truppen auf. Da das Reich diese Truppen zu erhalten
hat, ist problematisch: dies werden die Stnde bestreiten. Ihr meint, sie
tten Unrecht daran.

Sie tten besser daran, es nicht zu bestreiten und sich vom Kaiser ber
ihre Pflichten gegen ihn belehren zu lassen. Graf Meggau, wir haben vor
allem die Macht, den kaiserlichen Standpunkt zu vertreten. Sie aber nicht
ihren.

Harrach lchelte ihn an: Wir wollen es nicht gleich auf einen Krieg mit
den Stnden ankommen lassen.

Wallenstein lachte mit: Eben. Dies wird ihnen schwer werden. Wir machen es
ihnen leicht: wir sind gleich erdrckend da. Widerstand ist aussichtslos,
Paktieren, Jasagen die einzige Mglichkeit.

Graf Meggau hatte sein Gesicht in strkster Spannung zusammengerissen:

Also Ihr setzt ein Heer hin, ein groes, erdrckendes; das Reich unterhlt
es. Der Kaiser ist auer dem Spiel.

Wallenstein einfach: Hat der Herr Furcht, da wir den Kaiser beseitigen?
Das Heer ist des Kaisers; darum nur wird es vom Reich unterhalten werden.

Und der Feldherr?

Wird vom Kaiser nach Willkr ernannt.

Und Ihr?

Ich setze dem Kaiser das Heer hin und werde ihm wie bisher dienen.

Wie gedenkt sich Euer Liebden schadlos zu halten?

Ich strecke dem Kaiser nicht zum erstenmal einen Betrag vor. Der Kaiser
wird rasch in der Lage sein, wenn er ein groes Heer in Deutschland hat,
mir meine Auslagen zu ersetzen.

Die Spannung blieb unverndert in Meggaus blutlosem scharfem Gesicht:
Sprecht deutlich zu mir, damit ich klar in Wien melden kann: Was fordert
Ihr, welche Erkenntlichkeit vom Kaiser als Gegenleistung?

Behaglich, wie die Katze im Spiel mit der Maus, knurrte, sich ber die
Tischplatte bckend, von Wallenstein und lachte: Ich werde keine Gnade
fordern. Sofern die Rte auf mich hren, ist mir um mein Geld nicht bange.
Ich will in das Heer eintreten. Es soll mir vergnnt sein, wie frher fr
den Kaiser zu kmpfen.

Meggau rusperte sich unbefriedigt, ohne den Frsten anzublicken.

Was Wallenstein plante, kam klar heraus in dem, was er seinem vterlichen
Verwandten, dem Harrach, offenbarte. Gemildert berichtete der dem Grafen
Meggau davon, der die Augen aufri. Nach diesem Bericht gebrauchte von
Wallenstein Wendungen wie: Adlige, Brger und Bauern vergessen, da sie ihr
Eigentum nur verwalten; da sie nur vorbergehende Lehnstrger des Reiches
seien. Man kann ihnen ihr Lehen wegnehmen, wenn Reichsbedrfnis vorliegt.
Einen Grund dagegen zu rebellieren haben sie nicht; besonders nicht die
Adligen, Frsten und Herren, die ihren Besitz seit Jahrhunderten
festhalten; diese sind lngst reif, ihre Habe wieder abzugeben. Von
Wallenstein erklrte, im allgemeinen und besonders in schwierigen und
Kriegszeiten knne man das Nutznieen beenden; das Reich, der Kaiser werde
dann gedrngt, das Lehen zurckzuziehen. Das gilt von Pferden, Stroh, Heu,
jedwedem Material zur Verpflegung, dazu Unterkunft, Holz zum Heizen, auch
Gold und Silber.

Graf Meggau war halb glcklich, halb entsetzt; er hielt sich die Ohren mit
den Hnden zu, schrie lachend: Nein, nein. Er verlangte nach seiner Art
wieder nachdenken zu drfen, erklrte dann, das sei Bhmen, reinstes
echtestes Bhmen, was er gehrt htte. Die tolle Gesellschaft, das
Konsortium, Ihr verzeiht mir, weil es Euer Verwandter ist. Aber der Boden
ist unverkennbar. Nicht Hab, nicht Gut, nmlich wenn es den andern gilt. O,
ich wei schon, wie man diese Methode bezeichnen wird. Ihr Name ist so alt
wie das Strafrecht.

Der alte Graf Harrach, verliebt in Wallenstein und vllig in seinem Bann,
widersprach nicht; auch ihm gingen die Argumente des Obersten schwer ein.
Kleinlaut meinte er, er hielte sich fr sehr alt und wolle sich nicht
dreinmischen; ohne Zweifel sprchen alle Worte Friedlands von seiner
Dienstwilligkeit fr den Kaiser.

Und was sagte Euer Verwandter weiter?

Harrach meinte bekmmert, wenn man dies fr Raubritter- und
Strauchdieblogik anshe, so lohne ja gar nicht, darber zu reden.

Er meinte also, dem Kaiser stehe im Grunde absolutes Konfiskationsrecht
zu?

Jedenfalls in schwierigen und Kriegsfllen. Er sagte brigens auch nach
einiger berlegung, und dabei hat er nicht mit der Wimper gezuckt, da der
Kaiser nicht nur Anspruch auf die Sachen, sondern auch auf die Menschen
htte.

Mein Gott und Heiland, rang Meggau die Hnde.

Nicht, als ob der Kaiser seine Untertanen wie Leibeigene besitzen und nach
Belieben verwenden wolle, sondern: wie der Kaiser von Reichswegen Geld,
Sachen, Proviant als Steuern anfordere, so die Menschen, die er brauche.
Dem alten Harrach war selbst nicht wohl, als er dies erzhlte: Ich habe
ihn gewarnt, solche Reden fallen zu lassen; man mchte die Rmische
Majestt sonst gefhrlicher Dinge gegen die deutsche und christliche
Freiheit beschuldigen. Aber ich wute ja, worauf es ihm letztlich ankam,
auf die Sldner. Er ist ernstlich der Meinung, Graf Meggau, ganz ernstlich,
da im Grunde der Kaiser nicht ntig habe, ein Heer anzuwerben und zu
bezahlen. Der Kaiser sei unverdient in einer so schwierigen Lage wie jetzt.
Er knne im ganzen Reiche eine Wehr ausheben, wenn er es fr ntig hielte,
und die Leute mten alles liegen- und stehenlassen und tun, was er
befehle.

Wit Ihr, Meggau verschrnkte erregt die Arme, redet lieber nicht mehr
davon. Diese Phantastereien sind mehr als tricht; sie kompromittieren
ihren Urheber. Von Wallenstein tte besser an sich zu halten, wenn er
wnscht, da der Kaiser mit ihm in Verbindung tritt. Was soll man von
unserem allergndigsten Herrn denken, wenn er so gegen die Freiheit eines
Menschen verfhrt; sich erkhnen, eine derartige Vergewaltigung friedlicher
Wesen unserem frommen Herrscher zuzumuten. Der bhmische Herr sagte: aller
Besitz ginge seinen Weg, heute hierhin, morgen dahin, man msse nur ohne
Zag zugreifen. Das ist Standpunkt des Kriegers. Ich bin kein Krieger. Wir
sind keine Krieger.

Meggau war ernstlich verstimmt, pltzlich fiel ihm die Geste des Frsten
Eggenberg ein, als von Wallenstein gesprochen wurde; jetzt verstand er sie.

Als sie sich am nchsten Mittag an die Tafel in ihrem Quartier setzten,
sagte Meggau, die Waschkanne reichend vorwurfsvoll leise zu dem betrbten
Harrach, was ihm vor einer Stunde Michna eingeflstert hatte: Wit, lieber
Freund, ich habe es ganz heraus, woher der von Wallenstein so toll
kaiserlich gesinnt ist. Er streckt uns das Geld fr das Heer vor, das Heer
aber soll ihm aus dem Reiche sein Geld wiederbringen mit Zins und
Zinseszins. Darum ist das Reich mit einmal vogelfrei. Lat. Ich habe es
erfat.

Sie konnten Wallenstein nicht entgehen. Der einzige Trumpf, der in ihren
Hnden war, die Magnaten und Wucherer Bhmens, ging ihnen in dem Augenblick
verloren, wo die Bhmen erkannten, da Wallenstein in der Tat sein ganzes
Vermgen aufs Spiel setzen wollte. Keiner wagte sich da noch neben ihn. Im
Augenblick schwenkten die Verngstigten, die schon begonnen hatten, ihre
bewegliche Habe zu verstecken, zu ihm ber; im Augenblick flossen alle
Quellen fr ihn. Es stand etwas bevor. Sie wurden aus Wien herber herunter
zu ihm gezwungen. Nach Wien wurde eine uerung Wallensteins berichtet: die
Herren mchten sich beeilen; der Dne warte nicht auf sie.

                   *       *       *       *       *

Im Erdgescho des Antiquariums in der Mnchener Neuen Feste stand der
gewaltige Doktor Jesaias Leuker, blauroten Gesichts, den federnbesetzten
Topfhut an die linke Hfte pressend, im blauen bauschigen Wams, dessen
Knpfe unter dem Hals krachten, breitbeinig auf spitzen hochhackigen
Stiefeln vor dem leeren Armsessel, hinter dem Maximilian an der Fensterwand
lehnte. Vierunddreiig Fenster ffneten sich nach dem weiten Hof; die alten
Brustbilder darber in l waren unkenntlich nachgedunkelt. Maximilian sagte
mit einem fatalen Lcheln: Sie mgen sich in Wien in Hoffnungen wiegen.
Sie tun es. Noch. Sie lassen alles gehen. Treffen keine Manahmen. Sie
denken, gebt es nur zu, der kommende Krieg ist nur gegen mich gerichtet.

Sie denken hnlich.

Sie wiegen sich in falschen Hoffnungen. Wit Ihr Nheres?

Leuker wechselte die Beine; die gelben Stiefelschfte um die Waden ffneten
sich zu einem Kelch mit drei bunten Innenblttern, sanken tiefer: Man hlt
zurck; Erzherzog Leopold ist der einzige, der sich gehen lt; er sagte
offen, man htte genug gefochten und gekriegt; Habsburg sei friedfertig,
der Kaiser wnsche das Reich zu beruhigen.

Sie gnnen mir diesen Krieg, sagt nur gerade heraus. Welche Partei am Hofe
hlt zu mir.

Dann fragte er: Kennt Ihr den spanischen Botschafter gut? Was ist seine
Gesinnung? Ist er befreundet mit einem Minister, ist er fromm?

Er trat neben dem Sessel hart an Leuker heran, leise bemerkend: Ich mchte
wissen, ob Spanien jede Herrschaft ber Ferdinand den Andern verloren hat.
Ob es die Dinge gehen lassen will, wie sie gehen. Sagt dem Ognate, da ich
ihn warne; Spanien kann die Subsidien an den Kaiser sparen. Mir sind die
Hnde gebunden.

Leuker hob den rechten Arm mit der kleinen Spitzenmanschette vor die
gewlbte Brust: Ognate ist ein unberechenbarer Mensch; er will Eurer
Kurfrstlichen Gnaden nicht wohl seit seiner miglckten Intrige in
Regensburg.

Sagt, ich htte gesagt, die Sache jeder katholischen Partei steht auf dem
Spiel, wenn man den Kaiser nicht aufrttelt. Sagt, ich htte gesprochen
von: aufrtteln. Oder gedacht; oder scheine gedacht zu haben, da er seine
Pflicht versume als hispanischer Geschftstrger. Die Pflicht gegen seinen
wohlmeinenden Herrscher. Es tte mir leid, so denken zu mssen von einem
gottergebenen Christen.

Er schmht am Hofe, beim Kirchgang, beim Quintanrennen nur auf den
Franzosen.

Das Heilige Reich schlft; die Protestierenden nehmen einen starken
Anlauf, der Pflzer und sein Anhang wchst.

Ich frchte -- Leuker bog kraftvoll den geschorenen Kopf in den Nacken,
zog unten an dem pludrigen Besatz seines Wamses. Maximilian stand am
Fenster, den Rcken gegen ihn: Der Herr hat nichts zu frchten. Der Herr
hat dem Ognate mitzuteilen, wie ich ihn instruiert habe.

Der Marquis Ognate, der Spanier, mute den Bayern mehrmals fragen, was
Maximilian ihm aufgetragen hatte. Er erzhlte dann einigen vertrauten
Herrn, auch dem franzsischen Geschftstrger, dem neuen Kurtrger sei die
Angst ins Gehirn gestiegen, dicht unter den Kurhut; nunmehr sei
eingetreten, was er seit Regensburg prophezeit htte: der Bayer mte um
spanische Hilfe bitten. Emprt stellte er den Doktor Leuker zur Rede: wie
er etwas gegen die Rmische Majestt zu unternehmen anrte, gegen den nahen
Verwandten des spanischen Knigs, seines eigenen Herrn. Spter war er
uerst geschmeichelt; er freue sich, das Vertrauen des klugen Kurfrsten
Maximilian zu genieen; sie vertreten die gemeinsame christliche Sache; er
wrde nicht sumen mit dringenden Hinweisen seinen allergndigsten Knig
und die Infantin in Brssel zu benachrichtigen; sie wrden den Ernst der
Lage verstehen, sich mit dem Bayern zusammenfinden, er knne seines Eifers
gewi sein. Und stolz lie der Marquis bald fallen, die niederschsischen
und dnischen Herren mchten nur ihr Haupt erheben; auch Spanien wrde
wissen, wessen Partei es unentwegt halte; Bemerkungen, die Unruhe am Hofe
erregten. Frst Eggenberg vermochte keine befriedigende Aufklrung von dem
Spanier zu erlangen. Da erbat Ognate eines Tages eine Audienz beim Kaiser;
schwermtig vermittelte Eggenberg den Verkehr, und es trat ein, was man
schon erraten hatte: Ognate berbrachte dem Kaiser Gre vom spanischen
Knig, Hinweise auf die drohende Weltlage, die einen Zusammenschlu aller
katholischen Frsten erfordere, schlielich eine Einladung zur Beschickung
einer Konferenz, die zu Brssel stattfinden sollte, zur Bereitstellung
eines Defensionswerkes gegen die neuglubigen Mchte. Maximilian, der neue
Kurfrst, wrde daran teilnehmen, mit Spanien und der Infantin.

Einen Stich in der Brust empfand der tief gebrunte, sommerlich gekleidete
Kaiser; atemlos wartete er, bis sich der Spanier entfernte, lchelte dann
gespannt den zu Boden blickenden Eggenberg an: Seht Eggenberg! Seht!
Versteht Ihr das? So hat er dies Glck auch! Spanien mischt sich in den
Krieg ein. Spanien, mein Vetter Philipp will mit Max und was noch mehr ist,
vielleicht bald gegen mich.

Habsburg ist nicht gegen Habsburg, Majestt.

Warum nicht? Wenn etwas dahinter steckt, das die Feindschaft belohnt? Wir
sind arm und wehrlos, Eggenberg, fragt den treuen Abt Anton, Gurland, seht
das Gesicht meines lieben Grafen Meggau an, die Sckel leer. Und Spanien
hat anderthalb Millionen Skudis aus Indien; es wird sich mit Bayern an uns
schadlos halten, das wei der Bayer.

Eggenberg stand welk dem Kaiser gegenber auf dem groen leeren Teppich im
Empfangssaal: Es ist kein schner Schachzug Bayerns. Bayern droht
Zwietracht zwischen das erzherzogliche Haus und Knig Philipp zu sen, wenn
wir ihm nicht zu Hilfe kommen. Es ist kein schner Zug.

Was habe ich ihm getan, Eggenberg? Nichts. Warum mu er so wild sein gegen
mich, mir zusetzen, vielleicht meinem Vetter Philipp heimtckisch Stcke
deutschen Landes verheien. Er hat Spanien aufgeregt; ein schrecklicher
Dmon lebt in ihm.

Ohne sich zu rhren sagte matt Eggenberg: Bayern will uns in den Krieg fr
sich zwingen. Wir knnten es darauf ankommen lassen; Spanien kann von uns
nicht lassen.

Wie erschreckt Ihr seid, alter Freund! Dies ist noch nicht die strkste
seiner Knste. Ferdinand lachte gutmtig. Er hat uns in der Zwickmhle;
er gewinnt, wie wir's auch anstellen. Er zwingt Euch, den Mund aufzureien,
whrend Ihr bei Tische sitzt, und Euch einen Zahn herauszuziehen. Ich
frchte ihn nicht, ich kenne ihn ja. Er ist so ungebrdig von Haus aus; Ihr
sitzt vergnglich auf Eurer Bank und er kommt, bittet nicht etwa um eine
Krume Brot, sondern um Eure Schuh, Euren Wams Hut Kette Degen, alles auf
einmal. Es ist seine Art. Ihr dankt ihm dafr, da er den Kopf nicht
mitnahm.

Die Konferenz bei der Infantin werden Eure Majestt beschicken mssen, ich
sehe es schon. Soweit hat Bayern auf diesen Schlag gewonnen.

Wieder lachte Ferdinand gutmtig und schttelte sich: Und das Weitere wird
ihm ebenso zufallen. Das gemeinsame Defensionswerk wird ihm gelingen; wir
werden neben ihm fechten und uns dazu Stcke aus unserem Fleisch schneiden.
Und damit sind wir noch nicht am Ende.

Verht' es Gott, verht' es Gott.

Langsam stand der Kaiser auf: Helft mir parieren, Eggenberg; beten kann
ich selber. Rat, Eggenberg, Entschlu, Kraft, Kraft. Ah Dighby: wie ich zu
ihm sagte: in die Knie, in die Knie, so ist's recht.

Er legte beide Arme auf Eggenbergs zarte Schultern, sanft sprechend:
Denkt, Eggenberg, Ihr sollt die Kraft sein, die mir helfen soll. Vergebt
mir, sagte er nach einer Weile auf den traurigen Blick, ich grolle Euch
gewilich nicht.

                   *       *       *       *       *

Sie schickten aus Wien fort eine finstere zorndrohende Gesandtschaft nach
Brssel; aber sie stieen auf die grauhaarige spanische Infantin, die nicht
einmal der Hllenhund unsicher gemacht htte. Sie war stark in ihrem
Glauben und unerbittlich in ihren Ansprchen, dabei biegsam wie der Wind
und gefgig, sich in die feinsten Spalten einzuschleichen. Der Bayer und
der sterreicher begegneten sich auf den Gngen ihres Palastes; dem
sterreicher war der Zorn auf der Stirn eingetragen, der Bayer wich ihm
aus.

Die Infantin trug einen mchtigen weien Krausenkragen um den dnnen Hals,
die braune engrmelige Jacke zeigte ihren mageren sehnigen Arm, sie ging
mit kleinen Schritten ber den Teppich der Geheimratsstube, der rote weite
Rock bewegte sich um sie nicht. Sie setzte sich hochstirnig auf ein
niedriges Podium; auf dem grauweien Haar hatte sie einfachen schwarzen
Filzhut mit Reiherfedern. Sie trug dem Gesandten des Kaisers vor, wie arm
wehrlos und machtlos das Heilige Rmische Reich sei, wie verschuldet der
Hof sei bei diesen mtern, diesen Staats- und Privatpersonen, wieviel
Regimenter noch abzudanken seien und nicht abgedankt werden knnten, so da
der Gesandte nicht fate, woher ihr diese einzelne Kenntnis kam. Sie
stellte Spaniens Macht und dauernde Einkunft daneben; schlo lchelnd
stolz: sie wolle fr den kommenden Krieg gegen die voraussichtliche
Koalition der Katholischen sechstausend Mann, achtzehn Reiterfhnlein,
sechs Geschtze stellen.

Der verwirrte prunkvoll ausstaffierte Mann verneigte sich nur,
hervorstoend, da er davon Bericht nach Hause machen werde. Die Infantin
wiederholte ihre Worte, noch freudiger; und stand, nachdem sie ihm mit den
Augen zugewinkt hatte, rasch auf; man ri die Tr vor ihr auf.

An den nchsten Tagen umgingen den sterreicher hochmtig die
niederlndischen und spanischen Diplomaten; es war keine Rede von den
schwebenden Geschften, wie auf Verabredung; man beobachtete ihn
freundlich; der Gesandte mute sich vorsehen, nicht irgend jemand
unversehens in seiner Gereiztheit zu berfallen. Er schickte seinen
Kammerdiener aus, ein Hoffrulein der Infantin einzufangen, um von ihr
Heimlichkeiten zu erfahren; er vermochte lange nicht den genauen Anspruch
der Infantin zu ermitteln. Es schien ihm, als ob der Bayer sich ber ihn
lustig mache; der ging Arm in Arm mit dem Spanier; er stand allein. Eines
Morgens wurde ihm durch einen Rat der Infantin die Frage gestellt, was das
deutsche Habsburg den Spaniern bte, im Falle es sich am gemeinsamen
Defensionswerk gegen die drohende Koalition beteilige. Ohnmchtig sah Graf
Schwarzenberg wieder, wie man die Sache umkehrte, da man um diese Hilfe ja
nicht gebeten htte, da man sich nicht angegriffen fhlte. Sofort fgte der
Rat hinzu, die Infantin verlange ein Reichsverbot gegen die Hollnder, mit
Deutschland Handel zu treiben, Sperrung von Weser und Ems fr sie; weiter
einen Hafen am Belt. Soweit die Infantin von sich aus, fr das spanische
Niederland; er vermchte hinzuzusetzen, da Spanien alsdann dem Kaiser zur
Seite treten werde mit dem niederburgundischen Kreis, da es die chtung
Hollands begehre, ferner noch etwas Besonderes. Dieses Besondere wollte der
im brigen sehr bestimmte Rat nicht uern; er sagte, der fragliche Punkt
sei nicht von Wichtigkeit im Augenblick; es ergab sich dann, da Spanien
strikte dem Bayern das Recht bestritt der Achtsvollstreckung gegen den
Pflzer; die Besetzung der Pfalz stnde Spanien zu und msse Spanien
eingerumt werden.

Glckstrunken hrte der sterreicher dies; am nchsten Morgen wurde ihm
durch die Infantin bei einer zuflligen Begegnung vor der Messe derselbe
Bescheid; liebenswrdig streng, dabei eigentmlich kokett gro die
schwarzen Augen aufschlagend, erklrte sie, sie htte es mit ihren Rten
weidlich erwogen; sie werde dem Kaiser helfen wie der Knig Philipp; sie
knne aber von ihrem Begehren nicht abstehen.

Wie auf Sturmwolken rasten die Kuriere von Brssel an den Rhein, jagten von
Mainz nach Regensburg, wo sie sich einschifften, um dem Hofe diese freudige
Mitteilung zu bringen, da Spanien vom Kurfrsten Maximilian Mannheim und
Heidelberg begehre. Es werde unmglich sein, da sich die beiden
verbndeten. Eggenberg reckte sich, wie sich der Kaiser selbst reckte. Es
war der alte Wunsch Spaniens, eine Verbindung von Sden her zu den
Niederlanden zu haben. Eggenberg lachte befreit: Wir werden die Pfalz dem
Spanier versprechen. Der kaiserliche Gesandte in Brssel wurde nicht mde,
die Wichtigkeit der spanischen und niederlndischen Hilfe fr den Kaiser zu
betonen, er erwhnte die auerordentliche Bereitwilligkeit seines Herrn in
eine Allianz mit Spanien und Bayern zu treten, damit den Unglubigen der
Fu auf den Nacken gesetzt werde; auch werde eine Einigung ber allen und
jeglichen Punkt sicherlich zustande kommen; soweit er. Bezglich der
Kurpfalz verhehlte er nicht, da sich die spanischen Wnsche nicht sehr von
den deutschen unterschieden, es sei da leider eine Auseinandersetzung
Spaniens mit dem derzeitigen Okkupanten des Landes, dem Kurfrsten
Maximilian, vonnten. Bayer und Spanier hatten von dem Tage an weniger
Anziehungskraft freinander; sie gingen mehr Arm in Arm, aber bald fest
Degen gegen Degen.

Drhnend, ehrfurchtheischend der sterreicher vor der Infantin in der
Ratsstube. Er berbrachte die besonderen freundschaftlichen Gre der
verwandten Majestt; sie hege die Hoffnung auf glckliche Befestigung des
Bndnisses. Die Infantin antwortete stark und kalt; ihre Damen, die um
ihren Sessel standen, bewunderten sie, wie sicher sie dem sterreicher
seine Anmaung und Triumph wiedergab. Maximilian zog sich aus dem
verlorenen Spiel zurck; sein Gesandter bellte, der Kurfrst msse ber den
Vorschlag mit seinen ligistischen Freunden beraten, dann bi er nach dem
Spanier: Maximilian wolle jeden Punkt erfllen, aber Spanien msse sich mit
Waffenhilfe fr den ganzen kommenden Feldzug, fr alle seine Mglichkeiten
bis zum gemeinsamen Frieden festlegen. Eine Forderung, mit der er brllende
Wutausbrche bei dem fremden Gesandten auslste. Die alte Abneigung Bayerns
und Spaniens lag offen zutage.

Der Zwischenfall war erledigt. Eine herzliche Sonderbotschaft wurde von
Wien nach Madrid getragen. Maximilian war allein.

In den Kammern der Burg gingen die Geheimen Rte gespannt umeinander. Der
Schlag war abgewendet; wessen sollte man sich vergegenwrtigen. Der Bayer
rstete gewaltig mit seinen ligistischen Freunden und Anhngern. Es konnte
das Furchtbare eintreten, da er den Dnen allein besiegte.

                   *       *       *       *       *

Zwanzig Karossen trabten auf den bhmischen Landstraen, die den reichen
von Wallenstein nach Wien fhrten. Dieser Bhme war mit nichts in den Krieg
gezogen; in fnf Jahren waren ihm an vierundsechzig Dominien im Norden des
Knigreichs zugefallen, die an der Grenze im Norden bis Melinik, von
Leipa-Neuschlo bis Wildschtz im Osten reichten. Als Wahlspruch hatte er
gewhlt: dem Neid zum Trotz. Er besa das Land des Rebellen Christoph von
Redern Friedland-Reichenberg; ihm gehrte Kumburg-Aulititz, Welisch, Sagan,
Weiwasser, Hhnerwasser, Smil, Trotzky, Hauska. Er hatte Bhmen abgerahmt;
aus dem feinen giftigen Mund seines Vetters Slavata stammte das Wort: die
Schlacht am Weien Berge hat Wallenstein gewonnen. Der Zug seiner Karossen
wlzte sich gegen Wien. Man erwartete ihn mit Beklemmung; die Folgerungen
aus der Situation muten gezogen werden. Man forschte seine Begleiter
unterwegs aus, was er sagte, wie er sich uerte, wie seine Stimmung sei;
schickte ihm zwei rzte entgegen, die fr seinen Zustand brgen sollten.
Whrend Meggau und andere noch zgerten, waren Eggenberg, Trautmannsdorf,
auch Questenberg nach der spanisch-bayrischen Attaque entschlossen, es
ginge wie es wolle, sich des tollen Bhmen zu bedienen, ihn auszuschtteln,
bis kein Dukaten an ihm hinge; nur auf das Geld kme es an; man lasse ihn
projektieren, stre ihn beileibe nicht; die hohen Kurfrsten und Stnde
wrden schon fr die Einrichtung zur rechten Zeit sorgen. Die beiden rzte
hatten Geheimauftrag, in keinem Fall den Bhmen nach Wien hereinzulassen
vor oder whrend eines Schieferanfalls. Aber nichts wurde gemeldet als die
prchtige Verfassung, in der sich der Reisende befand; man erwog fr ihn
Festlichkeiten Schauspiel Judenverbrennungen, unerhrte Ehrungen fr einen
Privatmann. Trautmannsdorf scherzte, er wolle sich zu einem Tanz um dieses
goldene Kalb erbieten.

In dem Pomp, mit dem er sich zu umgeben liebte, zog er in die Stadt ein;
die Wiener steckten verwundert die Fuste in die Scke, als die
versilberten Partisanen der Vorreiter anrckten, Zaumzeug und Schabracken,
wie ihr Kaiser sie fhrte, Lakaien, Pagen in feinsten franzsischen
Stoffen, eine halbe kriegsstarke Kompagnie voraus, eine halbe hinterher als
Bedeckung. Unter den Scharen der Herumstehenden lief das Wort, da komme
einer von den neuen Alchymisten, die machen Gold aus bhmischem Blut. Als
er an dem einstckigen verfallenen Spukhaus von Schabdenrssel vorbeifuhr,
steckte der Oberst den mageren kurzgeschorenen Kopf ohne Hut zum Fenster
heraus, lachte erschreckend stark, wie man sagte, hier knne einer den
Buckel verlieren; drauen hhnte man ber den Hanswurst, der in seiner
Kutsche ungeniert fast eine viertel Stunde lang vergngt rumorte und
meckerte. Verwegene Gesellen der Rauchfangkehrer saen auf Bnken vor ihrem
Bierhaus; brachten ihm ein Konzert, als sie ihn lachen hrten, indem sie
mit ihren Besenstielen gegen die hlzerne Hauswand ein knallendes Lied
schlugen. Nahe dem leeren weiten Stephansplatz, am Bischofsplatz neben dem
Heiligturmstuhl, stand das Haus des Kaufherrn Hans Federl. Da bezog der als
berreich und verschroben verschriene Bhme sein Quartier. In diesem Hause
hatte noch ein anderer Mann seinen Wohnsitz seit einigen Wochen, der Prager
Judenprimas Bassewi. Juden wohnten nicht mehr in der Stadt, sie waren durch
kaiserliches erneutes Dekret vor die Mauern verwiesen an den unteren Werd;
der Prager mit dem gelben Barett hatte einen kaiserlichen Schutzbrief, man
mute ihn dulden. Das Gesindel, das mit Wallensteins Kavalkade anschwrmte,
schrie und tobte, als der abenteuerlich schne und kostbare Tro vor
Bassewis Hause sich staute, die Kutsche Wallensteins sich ffnete und ihn
auf die Stiege entlie, die Begleitung in die Nachbarschaft abritt. Haufen
ber Haufen sammelten sich vor dem Federlhof an; wieder sprangen die
Rauchfangkehrer, die beruten Gesellen, stellten ihre Leitern vor das Haus,
zu sechs, zu zehn, zu zwanzig, standen da schwarz und grimassierend,
meckerten, nselten, kreischten Judenspottlieder, machten sich drauf und
dran, auf das Dach zu klettern. Es war eine Beleidigung ohnegleichen, die
Wallenstein der Stadt erwies, er, von dem es hie, da er vom kaiserlichen
Hof geladen war.

Und kurz nachdem die liederliche Stadtgarde, die mit dem Gesindel
paktierte, das bermtigste Volk vertrieben hatte, erschien mit einer
goldenen Kette um den Hals hoch zu Ro unter dem Heiligturmstuhl ein
starkleibiger Stadtrat. Mit entschlossener Groartigkeit stieg er an der
freigemachten: Treppe ab, lie sich in die Empfangsstube fhren; eingeladen
vom Bassewi selbst, in die Ritterstube zu treten, blieb er starr unter dem
Deckenleuchter stehen; er bekenne, sagte er mit durchdringenden Blicken
gegen den lchelnden kleinen Graukopf, da er nicht vorhabe mit Bassewi was
auch immer zu besprechen, vielmehr habe er mit dem eben eingetroffenen
Prager Oberst, der in kaiserlicher Gunst stehe, zu verhandeln. Jedoch sei
dieser, verneigte sich bedauernd der Hofjude, hinten von Berechnungen,
nicht astrologischen, sondern einfach geschftlichen okkupiert; es sei bei
dem bekannten Humor des Gastes nicht ganz beliebig ihn zu stren; selbst
wenn ein ganz illustrer Besuch vorlge. Darauf fand es der Rat fr gut, zu
wiederholen, da er angemeldet zu werden wnsche.

Ehe aber Bassewi die Tr geffnet hatte hinter einem teppichartigen
Vorhang, kam mit langen Schritten, den Blick gegen den Boden, Wallenstein
heraus.

Es war seine Art breitspurig zu gehen, wenn er nachdachte, die Sthle
beiseite zu rcken, dabei die Lippen aufeinander zu pressen, manchmal
rsselartig zu wlben, um die Mbel herumzuwandern. Er machte lebhafte
Grimassen, stie heftige Worte aus, zischte, lachte, blieb stehen, rttelte
an einem Schrank, schlug wiehernd auf die Tischplatte, lie sich die
Fransen des Vorhangs ber den Kopf hngen; fter setzte er sich mitten
whrend des Wanderns, wo er sich gerade aufhielt. Er kam mit strmischen
Bewegungen aus der Tr heraus, spielte mit den Blicken um die beiden
Mnner, bemerkte sie offenbar nicht. Bassewi, nach einem Augenwink gegen
den Wiener, wich ihm aus, und als er merkte, da Wallensteins Weg wieder
gegen ihn fhrte, ri er zwei Tischchen und einen kleinen Schemel zur Seite
gegen die Wand, verhielt sich vllig lautlos. Der Rat seinen Degengurt
umziehend, rusperte sich bei ffnung der Tr. Als der Oberst um ihn
herumging, rusperte er sich unter Scharren der Schuhe; er war entrstet
ber die vllig ungewhnliche Tracht des Fremden, der mit nackten, stark
behaarten Armen schlenkerte, um die Brust nur eine niedrige Samtweste,
unter den Achseln hervorlugend ein enges Panzerhemd. Dann tnte durch das
schmale von Scharren Fustapfen Zischeln erfllte Gemach die geprete
gekrnkte Stimme des fetten Rates: Edler Herr, edler und gestrenger Herr.
Unser viellieber Freund. Der blieb nach einer kleinen Weile vor ihm dicht
stehen, den Kopf ber ihn hngend; knurrende knirschende Laute stie er
tierisch ber ihm aus, den Mann aufs allerhchste erschreckend, drngte ihn
an die leere Wand, zerrte ihn an dem Degengurt, der einri, einmal rechts
und links, lie ab; vier groe Schritte, hinter Wallenstein wehte der
Vorhang, die Tr schmetterte ins Schlo.

Als Bassewi dem krummstehenden Mann helfen wollte, holte der aus, schlug
ihm gegen den Hals. Bassewi sagte nichts, nicht einmal, da sein Haus unter
dem Schutz des Kaisers stnde. Der Rat fluchte sich zurechtmachend, spie
gegen den Hebrer.

Zwei andere Stadtrte, die kurz vor dem Nachtessen kamen, benahmen sich
hflich; Bassewis Einladung zum Mahl lehnten sie ab, erhielten aber den
beruhigenden Bescheid, da der Gast seit einer knappen halben Stunde das
Haus verlassen habe. Denn drauen standen und rotteten sich die Menschen
zusammen, man kannte das sich steigernde Gejohl aus dem vergangenen Jahre,
die Eisenhaube der Rumorwache, die Piken der Stadtgarde. Dieses Krakeels
wegen lie sich Wallenstein, der allen Ernstes vorhatte, hier zu
bernachten und das von der Stadt angebotene Quartier abzusagen,
herbertragen, nachdem seine Soldaten in Krze die Strae von Volk
gesubert, mit Hieben zurckgedrngt, die verwahrlosten Mnnlein der
Stadtgarde ber den Haufen geworfen hatten unter kurzem grlichen Gebrll.
Die Erbitterung dieser Stadtwache, die mit dem Pbel fraternisierte, war so
gro, da der Herr Daniel Moser, der Brgermeister, den Hauptmann der
bhmischen Eskorte aufsuchte, von ihm beruhigende Versprechungen erhielt.
Und was den Zorn der auf ihre Piken und Federn stolzen Rotte von Sufern
Hehlern Kupplern Gelegenheitshandwerkern am meisten besnftigte, war die
Gromut des Fremden.

Als er von der Notlage einiger kleiner Brderschaften in der Stadt hrte,
von ihren verfallenen Baulichkeiten, wies er ihnen hohe Betrge an. Es
hie, er habe zweihunderttausend Reichstaler mitgebracht.

Die Stadt wurde in den nchsten Tagen von Geld berschttet. Die Rte,
hohen Wrdentrger, Offiziere, Geistlichen saen zusammen, sprachen von dem
kuriosen Bhmen, der sich mit dem Volk gemein machte und den groen Herrn
spielte. Seine Schriftstcke liefen durch die Kanzleien; den Weg hatte er
ihnen erleichtert durch Besuche bei den magebenden Instanzen. Es geschah
etwas, was ohne Beispiel am Wiener Hofe war. Eines Morgens lag der Schnee
auf den Straen und Pltzen hoch, auf den Basteien Brcken Erkern Giebeln
Trmchen. Vom Federlhof her rollten Schlitten auf Schlitten auf den
Stephansplatz herber, mchtige unfrmige drachenkpfige fischschwnzige
Gehuse, mit Wimpeln und Glckchen geschmckt. Vor jedem ritten zehn
Trabanten; die Gefhrte zerstreuten sich in der Stadt. Hielten beim Frsten
Eggenberg, bei Trautmannsdorf, Questenberg, Meggau, beim Abt Anton, beim
alten Grafen Harrach, den Beichtvtern Weingrtner, Knorr von Rosenrot,
Lamormain, dem Grafen Strahlendorff. Kaum eine viertel Stunde dauerte der
Besuch der Abgesandten des Bhmen bei den hochvermgenden Herren; sie
berbrachten jedem eine Kostbarkeit, dazu ein Handbrieflein ihres Herrn.
Als die aber die Fden der Brieflein lsten, wurden sie vom Feuer
berfahren; der Friedlnder schrieb ihnen nach einem Grue und einer
Erinnerung, sein Bankhalter de Witte in Prag sei angewiesen, ihnen die und
die Summe, einen ungeheuren Betrag zu berweisen. Mit einer
Unverfrorenheit, fr die es keinen Namen gab, bot ihnen Wallenstein riesige
Gelder an, fragte sie nicht, sagte nicht, wozu warum. Die Schlitten fuhren
klingelnd, hellbestaunt in den frhlichen weien Straen herum; die Edlen
saen in ihren Kammern, hielten die Papiere in den Hnden, zitterten.

Drauen wlzte sich greifbar, fr die Augen kenntlich, grell maskiert der
bhmische Schrecken durch die Straen. Die unten staunten ihn an, aber er
hatte Beine, ging in die Stuben ein, war da, widerwrtig, krallte sich an
sie fest. Zuletzt fuhr ein Schlitten beim spanischen Botschafter Ognate
vor. Er empfing den bhmischen Abgesandten in seinem kleinen Fechtsaal: den
dnnen schmalen Degen zwischen die Zhne sperrend nahm er das Brieflein an,
nachdem er mit einer hochmtigen Handbewegung die berreichung einer
goldgefaten Schale aus dem Horn des Rhinozeros, ein breites unfrmiges
Gert, verhindert hatte. Die Lippen fletschte er, wie ein Tiger grell wild
blickte er den Bhmen und den Trabanten an aus gelblichem erblatem
Gesicht, machte, ohne sprechen zu knnen, schttelnde schleudernde
Handbewegungen gegen sie, nach dem Brieflein zu, gegen seine Brust, sein
Herz, bersprudelte sie dann, den Degen abziehend, mit losgelassener
spanischer Heftigkeit. Darauf pltzlich: sie sollten sich einige Minuten
gedulden. Er bergab dem Trabanten dann zu dem Brieflein des Wallenstein
einen eigenen, mit geschriebenen Drohungen und Verwarnungen. Ohne sie
weiter zu beachten begann er von neuem sein Fechten und Springen, wies nur,
als sie die Tr vor sich ffneten, wild auf die Hornschale, die am Boden
stand; er hieb flach ber sie weg.

Einigen der brigen Herren half der greise Harrach rasch ber die peinvolle
Situation. Er lud sie zu sich hin, sprach vom Reichtum seines Verwandten,
erwhnte, welche kostbaren Gaben an den Kaiser und die Kaiserin gegangen
seien, sagte, wie er ihn bedacht hatte. Man lachte, lachte zaghaft, es war
die erschreckende Hhe der Dotationen, die sie erschttert hatte. Ein
Barbar dieser Bhme, gewi, gewi. Aber sie waren nicht befreit.

                   *       *       *       *       *

In dieser Nacht erwachte der Kammerdiener des Kaisers Ferdinand. Er hrte
den Kaiser in seiner Schlafkammer kichern, lachen, schallend lachen. Dann
hrte er seinen Namen rufen. Er ging eilig durch das Halbdunkel des weiten
Vorsaals, in dem zwei dnne Kerzen brannten, zndete an der Wand, wie er
sich einem ungeheuren figurenbelebten Rahmen nherte, der die ganze Breite
des Saals einnahm, eine dritte Kerze an. Bis zur Decke reichte der Rahmen
heran hinter der schweren Kristallkrone; ein dicker Vorhang fiel von der
Hhe des Rahmens herunter, fllte mit dichten Falten seine Mitte aus.
Dahinter die Schlafkammer Ferdinands. Eine kleine Glastr zur Linken
ffnete, das Licht anhebend, der Diener. Eine bemalte bekrnzte
Mariensule, blinkend, wieder in den dicken Schatten huschend. Auf dem
hohen Polster Ferdinand, aufrecht sitzend, schluckend, Lachtrnen in den
zugekniffenen geblendeten Augen, die weie Nachtkappe gegen die rechte
Backe vor den Mund gepret; er bat sich verschluckend um ein Sacktuch. Er
zischelte, indem er sich zurcklegte: Knnte nicht der -- ja wie heit er
doch? -- ja knnte nicht der Trautmannsdorf oder der Eggenberg oder einer
der Herren gerufen werden? Oder, bleib noch. Schick lieber zu Barone
Khevenhller; geh hin, ich liee sie bitten, sie mchte ihre Herrin wecken,
ich wollte ihr etwas sagen. Hinterher aus der Kammer: Nimm die Kerze mit,
sag' ihr, ich liee die Kaiserin bitten, es sei nichts, ich sei nicht
krank.

Bis an die Tr des Vorsaals geleitete sie ein Frulein, dann fhrte sie
unter die Kronleuchter an die kleine Glastr der Kammerdiener.

Auf dem Hofe war unter den Bewegungen in den Gemchern die Wache
angetreten, man rumorte ber den Pltzen, es liefen Schritte ber
Holzbrettern. Als sie eintrat, war Ferdinands Schlafkammer verdunkelt; er
schrie erschrocken: Wer ist da? hatte getrumt. Sie zog einen Schemel von
der Wand, setzte sich, die Kerze flammte rot hinter ihr unter der
Mariensule. Er war vllig munter und aufgerumt, achtete nicht, da der
Diener sich gebckt an der Wand zu schaffen machte; sie hatte ngstlich
unterwegs den Mann gebeten, in der Kammer zu verbleiben; schwer konnte sie
sich an den deutschen Mann gewhnen, seine Frmmigkeit war ihr Glck.

Lore, mir fiel etwas ein. Wie war der Hirsch, den du geschossen hast
vorige Woche in Gattersburg; wieviel Enden hatte der noch?

Sie hatte beide Arme ber ihre Knie gelegt, sa leicht gebckt da; ein
braunes Seidentuch durchscheinend ber ihrem Haar, unter dem Kamm geknotet,
verwirrte Locken ber der Nasenwurzel; traurig senkte sie den Blick auf
ihre gefalteten Hnde, weil er sich nicht entschuldigte und weil sie sich
nicht darber wunderte.

Es war bei Begelhof, Ferdinand.

Bei Begelhof freilich. Wieviel Enden hatte das Tier? Zwanzig, nicht wahr?

Ich wei nicht genau.

Zwanzig, freilich. Ich zeigte dir doch noch. Ich prgte noch dem Mansfeld
ein, nicht zu vergessen an Kursachsen zu schreiben, wieviel Enden es waren,
von dir erlegt. Ein kapitales Tier. Denk mal nach. Hast du dich nicht
gefreut? Und was hast du denn gesagt, Lore?

Listig schaute er, auf dem rechten Arm halbseitlings aufgerichtet. Denk'
mal nach, Lorchen. Es war etwas Schnes, Feines, was ich dir versprochen
habe fr den Schu.

Die junge Kaiserin immer strker befremdet, tief traurig: Ach. Mein
Mantuaer Betpult.

Er legte sich zurck, zeigte herausplatzend mit dem Finger: Das war es,
dein altes Betpult, nur nicht aus Holz. Aus Gold und Alabaster. Das Bild
unter einem Muschelbaldachin. Und ich versprach dir noch die doppelte
Summe, da du es bekommst.

Sie bewegte leise sprechend die Hnde vor das Gesicht: Wenn ich das Pult
nicht bekommen sollte: verzeih mir. Es war nur ein Scherz. Ich will es gar
nicht. Ferdinand ausgestreckt, eifrig mit den Armen auf die grne Decke
schlagend: Sollst es haben, sollst es haben; aber durchaus nicht. Aber
einer wollte es dir nicht geben. Und das ist ihm nicht geglckt. Lore, ich
habe hier so gelacht fr dich, ich bin nicht herausgekommen aus dem
Lachen.

Weit du, er richtete sich rasch hoch, geheimnisvoll, mein Schwager
Maximilian ist ein kluger Mann; seine Regierung ist streng und seine
Politik, o, das ist das klgste, was es gibt. Ich bewundere ihn, ich will
es nicht leugnen. Aber er hat nicht immer Glck. Sie sind ihm jetzt scharf
auf den Fersen. Mir freilich auch. Aber er, er ruft mich! Er ruft mich!
Nun, ich will dir sagen, Lore, seit die Welt erschaffen ist, wurde solch
Witz nicht gemacht. Ich dachte schon eben daran, Eggenberg und die anderen
zu wecken. Die Herren sollen auch ihre Freude haben, aber ihnen setzen die
Altersgebrechen zu, ich will sie schlafen lassen.

Er sprang im Schlafanzug heraus, griff nach seinem Nachtmantel, warf ihn
sich ber: Wollen wir ihm die Armada schicken, die er begehrt. Wenn er sie
will, wollen wir sie ihm schicken? Sag' du, sag' du, Lore!

Sie bewegte sich nicht, knpfte sich nur den Schleier unter dem Kinn auf;
er fragte sie nun auch nach Politik.

Sag'. Sag' ja. Wenn er ruft, wollen wir sie ihm nicht versagen. Wollen ihm
ein gndiger Kaiser sein. Ein gndiger Kaiser. O, o.

Er schaukelte auf der Bettkante sitzend unter Gelchter den Rumpf. Sie wich
ihm mit ihren Blicken aus. Er fuhr fort: Ich werde es mir mit Gewalt
abstreiten lassen. Ich werde ein saures grnes Gesicht machen. Hoho. Homer,
der schlft.

Sie war entsetzt; der Kaiser war so erregt und glhend. Sie bat ihn sich
wieder zu legen; hilfesuchend sah sie sich nach dem Diener um, er war fort,
ein Weinen war sie. Er umarmte sie, indem er mit den Armen zu der gebeugt
sitzenden herberlangte: Du bist meine herzliebe Lore. Du bist ein Weib,
wie es in ganz Europa nicht besser ist. Nicht bei meinem jungen Vetter
Philipp, nicht in Mantua.

                   *       *       *       *       *

Bei Eleonore die Grfin Kollonitsch, ihre Freundin.

Der einfache stille erwrmte Raum. Auf dem braunen glatten Holzboden der
wrflige weie Kachelofen in einer Ecke, auf plumpen kantigen Fen.
Zwischen Ofen und Wand ein kleiner gepolsterter Sitz; da eingeschlossen sa
in blauem Samt die mdchenhafte Kaiserin, hrte sanftblickend die schwarze
junge Grfin an, die unruhig auf der hochleistigen Polsterbank eng an der
getnchten Wand lehnte. Still endete die Grfin: Ich teile seine Liebe mit
den Hunden, zwei Falken, Majolikavasen.

Du weit das lange, Angelika. Grollst du ihm? Er liebt ja auch Maria,
die Mutter Gottes. Angelika!

Beneide ich Maria? Ich wei nicht; ich mu soviel weinen.

Meine arme.

Ruhiger sa die Grfin: Wir leben, allergndigste Herrin, wit Ihr, in
einer Zeit, die wohl die glckseligste von allen ist; die Kirchen sind
prchtig, die Menschen in Masse bekehrt, die ehrwrdigen Vter von der
Gesellschaft Jesu sind so eifrig und ihre Mhe ist belohnt, wie sie es
verdienen. Nur, sie sah mit Trnen zu den rosettengeschmckten Deckbalken
auf, wir Frauen sind nicht gut daran. Wir haben das Nachsehen. Manchmal
denke ich, -- ich schme mich, es zu sagen, -- wir sind bestohlen und
betrogen. Doch, doch, o, ich wei, ich bin bse.

Angelika, wie kannst du so sprechen.

Warum dem Glauben alles und den Frauen nichts? Man heiratet uns, der
Priester weiht uns zusammen zu einem Paar; und was bin ich dann?

Dein Gatte ist nicht gut zu dir. Wir wollen mit ihm sprechen.

Ich liebe ihn, allergndigste Kaiserin, ich bete fr ihn. Ich bete fr
meine Kinder.

Du gnnst ihm nicht die Pferde, die Hunde, die Bilder, Angele, nicht
einmal den himmlischen Gott und die Heiligen.

Ich bin bse, ich bin bse, ich wei. Sie blitzte die feine Dame auf dem
Ofensitz an, wild den Kopf zuckend: Ich mchte meinen Gatten irre machen.
Er soll alles vergessen. Das Hirn soll ihm wirbeln. Wie ein Bumchen mchte
ich ihn entwurzeln und in meiner Hand haben und ihn schtteln. So, so.

Du bist zornig auf ihn.

Die Grfin bedeckte ihr Gesicht vor der zarten Kaiserin, die wie ein Kind
die Fe schaukeln lie: Ich gehe um wie ein krankes Tier und lasse meine
Zunge heraushngen. Ich lebe und will zu ihm.

Die Kaiserin bckte sich trbe herber zu ihr: Wie seid Ihr sonderbar.

                   *       *       *       *       *

Als die Rmische Majestt hatte verlauten lassen, sie wolle den bhmischen
Herrn, den Albrecht Eusebius, Regierer des Hauses Wallenstein empfangen,
war die Scham der geheimen Berater auerordentlich. Sie konnten sagen, da
sie trotz seiner Geschenke ihn nicht begnstigt hatten. Wie sollten sie ihm
und der eleganten dezenten Mantuanerin diesen Braten vorsetzen, diesen
Edlen von Bassewis Gnaden. Wenn Bassewi ein Jude war, so Wallenstein
Judenfrst. Man hielt es nicht fr ausgeschlossen nach seinem Verhalten in
der Stadt, da er den Juden zum Empfang mitbrachte.

Es hie, der Kaiser wollte in seiner Milde seinen Schwager im Kampf gegen
Dnen und Niedersachsen nicht allein lassen; die Wut am Hofe auf
Maximilian, als das Unvermeidliche sich nherte. Sie muten folgen, sich in
Wallensteins schmutzige Hnde geben. Als der bucklige Graf hrte, da der
Prager Wucherer in die Burg einziehen wrde, sagte er ganz still beiseite
zu seinem Freund, dem Abt Anton, nunmehr knne auch er nicht mehr das Beben
in sich unterdrcken; nun msse er sich fragen, ob das Habsburger Haus sich
unter solchen Umstnden werde halten knnen, ob der jetzige Kaiser nicht
zwar kaiserlich und konsequent sei, aber den Ruin des Hauses herbeifhre.

Die sechzehnspnnigen rotjuchtenbezogenen Karossen fuhren an der Burg vor,
den Purpurmantel legte der hastige von Wallenstein im Vorzimmer ab; als er
bartstreichend wartete, stand nur der nasermpfende Obersthofmeister bei
ihm; keiner der hohen Rte hatte sich ihm in diesen Tagen genhert.

Und als er wieder im Vorzimmer stand, hielt sich Ferdinand, die silbernen
Schnallenschuhe bereinander gelegt, allein in dem Saal auf einem Schemel
sitzend, sich seitwrts auf die Armlehnen sttzend, die Hand vor die Augen.
Er erinnerte sich, ihm war nicht gut: dieses Gesicht, diesen Kopf hatte er
schon gesehen. Er war diesen eigentmlich lautlos hellen kleinen Augen
schon fter begegnet, aber jh fiel ihm jetzt etwas ein, zog durch seine
Brust, strich ber seinen Magen, ber seine Zunge, etwas Brennendes,
Schweres. Ein Traumgesicht, wie kam das nur hierher.

Er ritt und ritt. Er flog fast durch die schwarze Luft. Er hatte das
Gefhl, da das edle Tier unter ihm gleichmig trabe, aber so weich war
der Boden und doch nicht lehmig, da kein Schall an seine Ohren heraufkam.
Ein moosiger Waldboden. Hier hat ein alter Wald gestanden. Nur ab und zu
tauchten Stmme auf, fuhren um ihn herum, wichen aus. Der Wind blies sanft.
Und er erinnerte sich, da Eleonore auf dem Schiff auf der Donau langsam
fuhr, auf dem Schiff, das keine Furchen machte; der Weg, der Flu lief mit
ihr mit. Und der Gedanke, da dies doch einmal ein Ende nehmen msse. Er
knne doch nicht ewig reiten. Sein Zerren am Zgel, seine Sporen, Aufreien
hatten keine Macht. Es schien, als ob er seine Beine nicht bewegte, als ob
er sie nur bewegen wollte, und mit keiner Anstrengung einen Muskel spannen
konnte. Es hie, o Jesus, o Jungfrau, sich beruhigen. Es hie, o Jesus, o
Jungfrau, nicht verzagen. Wie lie sich nur ein Gebet sagen; wie sind die
Worte vom Wind verweht. Bume, Stangen, Dnste, Rinnsale. Und immer das
Heben und Senken, Gleiten, Rudern. Das Spritzen des Moors. Es wird heller;
es ist die Helligkeit, die der Mund junger Ktzlein hat, bleiches Rosa. Er
bemerkte, da er ein Gieen, Rinnen berhrt hatte bis eben. Und dann lag
es am Himmel, ber der Erde, etwas Schwarzes, Breites, langsam Bewegliches.
Das Pferd lief noch weiter. Er konnte den Rumpf nicht wenden, den Kopf
nicht abdrehen, um dem Atem zu entgehen, der von oben gegen ihn anwehte.
Eleonore fhrt auf dem Prunkschiff drben von ihm ab mit dem Flu, mit dem
Weg nach Wien hin, hinten nach Wien hin, in das Rosa hin.

Menschliche behaarte Brust, die sich ber ihn schob, Haare, die wie Wolken,
Spinnweben ber ihn flockten, menschliche Arme, denen er entgegenritt. Aber
ein Wulst, fleischige glatte schlpfrige Sulen und kalt wie die Haut eines
Salamanders. Federnde Bewegungen machte es, mit Ruck, her und hin kam es
dichter ber ihn. Und unter immer neue Arme glitt er, er schnappte nach
Luft, keuchte auf. Ein Tausendfu, unter dessen Bauch er ritt. Tiefer mute
er sich krmmen auf dem wogenden rastlosen Pferdercken. Ein weiches Wallen
des Bauches benahm ihm den Atem, es waren geblhte luftgefllte schwappende
Scke; sein Bewutsein schwand auf Sekunden. Seine Kehle suchte ein: h,
h auszusprechen, seine Ohren rangen nach Klang. Und der Schwanz des
Unwesens schlug von oben herunter, herum von unten wie eine Peitsche, erst
unter die Fusohlen, da es mit elektrischem Zucken ans Herz drang und
stach, dann mit feinen Stacheln gegen die Nasenlcher, tief tief ins Gehirn
herauf ttend. Dann fuhr es gegen den Nabel von vorne her, wirbelte wie ein
Drehbohrer, in den Magen, den Leib, den Rcken. Und jetzt drhnte es auf
einmal, ein volles Orgelwerk, sinnlos ungeheuer von der Tiefe in die Hhe
tosend, bei einem gellen pfeifenden Ton verharrend, knirschend an- und
aussetzend, wie ein Hund, den man an einen Pflock mit den Pfoten angebunden
hat, der sich krampft, streckt, krampft, streckt, beit, beit. -- Er war
mit heiserem Gekreisch aufgewacht.

Er nahm die Hand langsam von den Augen, besah sich seinen Handteller, als
wenn etwas von dem Traum daran klebe, rieb ihn am Knie.

                   *       *       *       *       *

Ferdinand befahl, die Verhandlungen mit dem Bhmen zu einem gnstigen
Abschlu zu fhren. Nur nebenbei sagte er, dies sei ja der tapfere, der ihm
bei Gradiska gegen Venedig herausgeholfen habe. Und dabei sah er forschend
seinen geheimen Rat Eggenberg an, der an sich hielt. Man hatte dem Kaiser
nichts gesagt von den Plnen des Bhmen ber die Erhaltung der Armee, es
war ausgeschlossen, da er ein solches Projekt in Erwgung zog; nun riet
Eggenberg, und mit ihm der fromme Herr von Strahlendorff in ihrem
Widerwillen und Verzweiflung, dem Herrscher reinen Wein einzuschenken. Drei
gedankenschwere Herren legten ihr Veto ein, sie drckten die beiden nieder,
Anton, Trautmannsdorf, Harrach: Stellt Habsburg keine Armee auf, ist es
voraussichtlich verloren, samt der ohnmchtigen Liga. Gewinnt die Liga, die
Liga allein, ist der Kaiser in einigen Jahren erdrckt von dem Bayern.
Ruhe, sagte Abt Anton sanft, als der alte Eggenberg schwieg, die Hnde
ringend vor das krampfende Gesicht legte. Ich bin ruhig, sthnte der.

Von Wallenstein arrangierte in Wien mit Bassewi und dem herbeizitierten de
Witte umfangreiche Geldgeschfte; nach Prag zurckgekehrt, gewhrte er dem
Kaiser ein Darlehen von neunhunderttausend rheinischen Gulden zu sechs
Prozent. Und whrend noch der greise Frst Liechtenstein ihm Glck wnschte
im Friedlnderhaus zu Prag, zu dem guten Fortgang seines Wiener Vorhabens,
kehrte zum dritten Male Graf Meggau bei ihm ein, diesmal begleitet von
einem hohen schmerbuchigen Edlen, der unter buschigen Augenbrauen
herblickte, ein listiges Kinnbrtlein strich, feuerrote Backen und Nase,
der weindurstige Graf Kollalto, des kaiserlichen Hofkriegsrats Prsident.
Der schlo formell ab.

Nach einer Anweisung Ferdinands wurde der Durchlaucht dem Frsten von
Wallenstein ein Dekret ausgestellt, wodurch er zum Kapo ber alles Volk,
das man aus dem Reich und den Niederlanden schicken werde, ernannt wurde.

Mit einer verzweifelten Tollheit waren die Karten hingeworfen; niemand am
Hofe hatte den Schritt verhindern knnen; keiner hatte ihn gehen wollen,
bewut schlo man die Augen und tat ihn.

Es war ein sonderbares Geschehnis, da nach der Bestellung des
Friedlnders, ohne da einer wute warum, ein Sturm von Erregtheit, von
wilder Freude und Entschlossenheit den Wiener Hof befiel. Wie ein Ruck ging
es durch Rte Offiziere. Die Werbetrommel schlug noch nicht in den Landen
fr den Kaiser. Etwas Erschreckendes Aufreizendes lag vor ihnen. Die
Ernennung des halb unbekannten Mannes war der erste Schritt. Das Leben bot
ein neues Entzcken, ein noch herzlicheres als vor der Prager Schlacht.
Damals lief man neben dem Bayern, jetzt sollte der Kaiser, der Kaiser, Alt
Habsburg prangen, mit Zehntausenden. Sachte warfen selbst von den Rten
manche ihre Betrbnis ab; die Augen gingen ihnen ber.

Der Kaiser selbst, nach Nikolsburg auf das Gut des Kardinals Dietrichstein
reisend, begehrte noch einmal nach dem Frsten. Bei aller Ergebenheit
stahlhart trat der leidenschaftliche Wallenstein auf; er sagte nichts
neues; der Kaiser hatte auf einmal den Eindruck absoluten Entschlusses und
der Macht, jeden Entschlu durchzufhren. In Ferdinand wogte es nicht mehr.
Er freute sich. Er entschied sich fr Wallenstein. Nach Prag ging
Wallenstein als Herzog von Friedland; er solle, sagte sein Diplom, der
Ehren und Wrden, wie andere Herzge in dem Heiligen Rmischen Reich,
Erbknigreich und Landen, teilhaftig sein. Seine Instruktion folgte; sie
setzte die Zahl der anzuwerbenden Truppen auf vierundzwanzigtausend an;
lobte den Herzog wegen seiner zahlreichen, von Jugend auf erzeigten
ersprielichen Kriegsdienste, seine Kriegswissenschaft und Erfahrung, wies
auf das besondere groe Vertrauen hin, das die Rmische Majestt in seiner
Liebden Person zu stellen verursacht war. Unsere Waffen, erklrte der
Kaiser, sollen allein zur Wiederbringung des allgemeinen hochnotwendigen
Friedens, zur Erhaltung Unserer kaiserlichen Hoheit, Schutz und
Verteidigung des Heiligen Reiches, der Kurfrsten Frsten und Stnde, Land
und Leute gefhrt und geleitet werden. Sie htten auf Freunde und
Verbndete, vornehmlich den bayrischen Kurfrsten Bedacht zu nehmen; mit
seinen Truppen mge sich der Herzog ins Einvernehmen setzen, unabbrechlich
kaiserlichen Vorrangs und Respekts; von Wallenstein mge sich mit der
Durchlaucht aus Bayern vereinigen, soweit sich tun liee, doch in allem der
Rmischen Majestt Autoritt und Nutzen in acht nehmen.

Der Kaiser konnte viele Tage zur Freude des Kardinals sich nicht
entschlieen, von Nikolsburg abzureisen; ein heftiges Erstaunen hatte ihn
bei der zweiten Begegnung mit dem Bhmen befallen und verlie ihn nicht.
Bisweilen dachte er nicht mehr an Maximilian, dem er die geballte Faust
hinstrecken wollte; er hatte urpltzlich den Eindruck, den Faden seines
Handelns zu verlieren; fhlte mit einer unklaren Freude, da er dem Bhmen
in einer Weise und mit rtselhaftem Drang vertraue, wie bisher keinem
Menschen, wie vielleicht eine Frau ihrem Mann vertraute.

Es war dieser Gewinn, fr den er mit dem Herzogstitel wider den Rat seiner
Begleiter dankte. Ferdinand mute den Augenblick zeichnen, in dem solch
geheimnisvolles Licht in ihn fiel.

                   *       *       *       *       *

Maximilian erhielt ein Schreiben aus der kaiserlichen Kanzlei. Es redete
von der stets noch emporschwebenden starken Kriegsbereitschaft, die gelenkt
werde gegen den Kaiser und des Heiligen Rmischen Reichs anverwandte Stnde
und Glieder, von der Neigung, sonderlich die beiden lblichen Huser
Habsburg und Wittelsbach anzufallen. Aus Unseres kaiserlichen Amtes Sorge,
zumal auf Euer Liebden geschehener Erinnerungen, sind wir, ungeachtet
unsere Erbknigreiche und Lnder auf den uersten Grad abgemattet,
ausgeschpft und verderbt sind, Vorhabens und entschlossen, noch neue
Kriegsvorbereitungen vor und an die Hand zu nehmen, unter dem Kommando
Unseres Hochgeborenen des Oheims, des Reichs Frsten und lieben getreuen
Albrecht Wenzel Eusebius, Regierers des Hauses Wallenstein und Frsten zu
Friedland, unseres Kriegsrates, Kmmerers und Obersten: fnfzehntausend
Mann zu Fu und sechstausend zu Ro, sowohl Unsere Erbknigreiche wider den
Trken und Bethlen zu sichern und mit und neben Euer Liebden und der
getreuen, gehorsamen Kurfrsten, Frsten und Stnde zum Widerstand zu
konkurrieren, wenn Dnemark Feindliches vorhat.

Maximilian wog die siegelbeschwerte Aktenrolle in der Hand. Sein Vater, der
Herzog Wilhelm, klein, gebckt, sa ihm gegenber am Innentisch in dem
engen berheizten Stblein der alten Residenz.

Ruhig, ruhig, mein Sohn, flsterte das lebhafte, arglistige Mnnlein; es
steckte in einem groben schwarzen Wollrock; mit seinen langen hngenden
rmeln wirtschaftete es auf der Tischplatte, das Umschlagkrgelein hatte es
frostig an die Ohren heraufgeschlagen.

Maximilian war feist und kurz; gegen die Schemellehne gedrckt lie er den
brtigen Kopf vor die Brust sinken, ber die silbernen spanischen
Verschnrungen; straff hielt sich der feine Rumpf in dem prchtigen
breitschigen Rock, den Degen, bodenlagernd, halbabgegrtet; er sagte
leise: Ich kann es nicht zurckhalten. Er widert mich an. Ich hasse ihn.
Niemand auf der ganzen Erde ist so mein Feind als dieser Ferdinand. Ich
habe ihm meinen Sieg am Weien Berge mignnt. Ich htte ihn lieber
verderben sollen. Er ist nicht anderes wert. Jetzt, seht, ist er so weit:
jetzt hat sich das edle Haus Habsburg den fatalen Lumpen verschrieben, den
Wallenstein. Den setzt er neben mich. Das ist mein Lohn fr die Prager
Schlacht.

Mein Sohn, du wirst Rat wissen.

Maximilian richtete seine kalten Augen auf den gegenber: Er mag mit sich
umgehen wie er will. Vielleicht pat der bhmische Herr zu ihm. Ich werde
mich wehren und meinem Schwager dies nicht nachsehen; dies bleibt gewi.
Aber da ich ihn nie bewltige, ihn nie auslsche, verndere, zu einem
menschlichen Verhalten erziehe, da er sich immer wieder regt, das widert
mich an.

Klag nicht, mein Kind, du willst mich unruhig machen.

Ich kann mit ihm nicht in Frieden leben, und wenn er mir den Bruderku
anbte, mte ich mit ihm Krieg fhren. Ich will ihn nicht, ich will ihn
nicht, ich kann ihn nicht dulden. Wie es mich qult, da mein Land zum
Reich gehrt, wo in Wien er auf dem Thron sitzt und das Reichszepter in der
Hand hlt, der Ferdinand von Habsburg heit. Ein Schlemmer, ein Nichtstuer.
Zur Not, da er fromm ist. Ich wrde gut zu ihm stehen, wenn ich in
Frankreich oder Dnemark geboren wre; dann mte ich gegen ihn offen
kmpfen.

Der kahle Mann lchelte freundlich: So klagst du mich an, da ich kein
Wasa bin oder kein Welscher. Ich bitte dich um Verzeihung.

Der Kurfrst sah sehr alt aus, als er das Kinn in die Hand sttzte:
Scherzt nicht, Vater. Was soll das hier. Es ist keine Freude fr mich.
Seht das hier. Albrecht Wallenstein, Frst von Friedland. Und nicht nur
das: Albrecht Wallenstein, Kommando der kaiserlichen Truppen. Dies Ende
nimmt durch ihn Habsburg. Kein Regiment haben die Habsburger jemals fhren
knnen ber ihre Lnder, ihr Haus haben sie bereichert, den Wamst sich
gefllt, wste Spielereien haben sie getrieben wie Rudolf. Das war ihr
Glck: ihre Wohnung, ihre Freunde, Musik, Turnier, die Weiber. Bhmen geht
unter, in Saus und Braus; was liegt Habsburg daran.

Du kannst nichts tun, als den Kaiser weidlich placken, sei auf der Acht
wie ein Jude: spring bei und nimm ihm weg was er nicht htet. Und wenn er
betrunken ist und daliegt, wirst du auch wissen, was du zu tun hast.

Mit seiner weichen Weiberstimme Maximilian: Arm wie eine Kirchenmaus waren
sie; nach Prag haben sie Beamte hineingeschickt, zum Einkauf beim
Schlchter Bcker -- sie konnten das Brot, die Semmeln, den Braten nicht
fr den Tisch zahlen. Vor acht Jahren. Die Edelknaben waren da; in Lumpen
gingen sie, schrieben an ihre Eltern um Geld fr Kleider. Aber das wirft
diese Verschwender nicht um.

Maximilian rutschte mit der Schlfe seitlich von der sttzenden Handflche
ab, lie den Kopf in die Armbeuge gleiten, stierte gegen das Holz vor ihm,
die Aktenrolle fiel ihm zwischen den Knien auf den Boden. Nach einer langen
Pause, whrend der vermummte Herzog sich vergngt am Ofen rieb, kam aus dem
Munde des fast schlafenden Mannes am Tisch: Geschenke, Abzahlungen,
Botenlohn. Noch ein Dutzend, noch ein Dutzend. Und so hat sich der hochedle
Schwager bei mir freigekauft. Er regiert im deutschen Reich und wei es
kaum. Er hat neu gefreit, Eleonore von Mantua, ein junges Ktzchen, das ist
seine Lust. Sie und der Friedlnder, das gehrt zusammen. Pfui, pfui.

Melancholisch bist du wieder, Max, du wirst zur Ader lassen mssen.

Er kam von Frankfurt an wie ein Betrunkener; er hat mich gekt, sein
rundes, glhes Gesicht; er roch nach Wein; mich hat geschaudert. Er hat mir
den Kurhut versprechen mssen; als Pfand hat er mir fast seinen halben
Besitz abtreten mssen. Ich hab ihn hart bei den Ohren genommen und
tribuliert, also da ihm htte der Verstand wachsen mssen. Und wahrhaftig:
er bekommt es fertig, mich zu beschimpfen.

Er richtete sich auf; wie er sein langwallendes Haar am Nacken hochhob,
kamen seine groen verborgenen Ohren zum Vorschein.

Ich werde ihn wieder schtteln.

So gespannt man in Wien auf die Antwort Maximilians wartete, es kam kein
Bescheid. Sie dachten, er frchtet sich durch jede Redewendung
blozustellen; dann: er grollt, er hat den Schlag gefhlt. Sie dachten
nicht an das, was sie schon beinahe wieder vergessen hatten: an den
Ursprung, die Herkunft dieser neuen Strke. Mit Zorn verbot der Kurfrst
seinem Vater, jemandem davon zu erzhlen, wie er von Wallenstein dchte. So
tief schmte er sich des aufgetauchten, in kaiserlichen Glanz gehllten
Abenteurers, da er sich mit Qual gegen Richel und den von Hohenzollern,
seinen Obersthofmeister, anerkennende Worte ber ihn abrang, damit niemand
auf den Einfall kme, ihn eines verchtlichen Umgangs zu zeihen. So wie
auch nie ein Wort der Abneigung gegen den Kaiser nach auen gelangte ber
seinen Vater hinaus. Und der Vater wute wohl, da sein Sohn nur unter dem
Stolz litt, sein Leben lang von nichts beherrscht wurde, als da ein Haus
im deutschen Reich sich anmaen konnte, ber dem Wittelsbacher zu stehen.
Von Kind an, von jenem Kirchgang an, wo Ferdinand in Ingolstadt den jungen
Bayern aus der ersten Bank fortgewiesen hatte, und seit da ohne Ruhe
weiter.

                   *       *       *       *       *

Zwischen Wallensteins Bevollmchtigten de Witte und den Bankhusern Walter
von Hartoge zu Hamburg, dann Georg Ammann und Julius Csar Pestoluz in
Augsburg kamen die Geschfte zum Abschlu, in denen die ungeheuren Summen
flssig gemacht waren fr das Darlehen an den Kaiser; unmittelbar daran
schlossen sich die Verhandlungen um die Betrge fr die Aufstellung der
Armada. Wallenstein wollte von sich aus wie bisher Regimenter aufstellen,
alsdann brauchte er Summen als Vorschsse fr Obersten, die nicht flssig
waren, dann richtete er auf seinen Gtern, seinen Stdten riesige
Werksttten ein fr Tuche Stiefel ferner Saliterhtten Pulvermhlen
Waffenschmiede.

Michna konnte sich nicht bezhmen, als das ungeheure Leben anging, und sich
beiseite stellen. Er sah einen beispiellosen Schlag Wallensteins voraus;
dies bertraf alles, was jemals projektiert war. Es war Wallenstein nicht
darum zu tun, vom Kaiser die ausgelegten Summen wieder zurckzuerhalten;
der Schlaue wute, da der Kaiser und das ganze Heilige Reich ihm von nun
an mit Haut und Haaren verkauft war. Wenn Michna in seinem Huschen fr
sich in diesen Tagen das Projekt Wallensteins berdachte, fand er sich
nicht zurecht vor Entzcken ber seine Groartigkeit. Nichts riskierte
Wallenstein, und der unerhrte nicht auszudenkende Gewinn. Und in solche
Hitze versetzte Michna das Nachgrbeln ber die geschftliche Situation,
da er sich aufmachte und Wallenstein in seinem Palast aufsuchte. Seid
kein Schlafzipfel, nickte Wallenstein aufgerumt, indem er ihm auf die
Schulter klopfte, der Herr versteht vortrefflich Geschfte zu betreiben;
jetzt soll er fr den Kaiser Geschfte betreiben; er wird auf besseren
Boden gestellt, als sonst auf der ganzen Erde zu finden ist; zeige er nun,
was er kann. Die Sache hatte ein ganz anderes Gesicht als alles, was er
kannte; hier ging es ins Leere hinaus, hier war das Ungewi von Sieg und
Niederlage in Rechnung einzustellen, stand da, alle wuten es, Wallenstein
wute es, und doch steckten sie ihre Vermgen hinein. Und dies, die
fiebernde Erregtheit, das schwankende Ungewi, die Grenzenlosigkeit des
Ausblicks, durchzuckte mit einem Blitz Michna, da er die Hnde krampfte.
Es ging in ein freieres stolzeres frecheres Leben hinein. Er tadelte sich,
als er zugesagt hatte, wie er mit grauen Haaren Manieren annehmen konnte,
die einem Grafen Frsten Grnspecht gut anstanden. Kam er zu Wallenstein,
verschwand jedes Bedenken. Hier herrschte Bestimmtheit wie im Lauf der
Sonne. Wie zwischen den blitzenden Stangen eines Rderwerks ging man. Hier
war pltzlich keine Rede mehr vom Gewinn und dies bengstigte ihn nur, wenn
er dem Palast den Rcken kehrte; er merkte, da ihn die wenigen Wochen des
Hin und Her zwischen seinem Huschen und dem Friedlnderpalast gebrochen
hatten; seine Frau sah, da er froher war und verliebter gegen sie; er
hatte den Drang aus sich, aus ihr und seinem Leben etwas zu machen.
Pltzlich nach vielen Jahren hielt er es fr gut, seine Eltern aus Nisch
kommen zu lassen; sie sollten ihn sehen; er schmte sich pltzlich ihrer
nicht, fuhr mit ihnen als mchtiger Mann und bhmischer Kammerrat aus und
hatte Freude, wie sie sich freuten ber das starke Treiben in der Alt- und
Neustadt. Zum Kommissar fr Getreidebeschaffung war er bestellt worden. Wie
sehr er sich verndert hatte, merkte er an dem Tage, an dem er den Titel
eines Freiherrn von Waizenhofen empfing; er htte sonst widerspenstig
hinter der Titelverleihung etwas vermutet, sich ihr in Zorn widersetzt.
Jetzt stiftete er zehntausend Gulden den Armen Prags.

Lange bevor die Stadt etwas ahnte, zog in das Judenviertel das Gerede von
Wallenstein, der dem Kaiser ein Heer aufstellen wollte. Als Bassewi, von
Wien kommend von dem Abschlu der Verhandlungen, von der Rangerhhung des
Friedlnders in der Synagoge erzhlte, brach ein Jubel aus, dessen Schall
Sicherheitsmannschaften der Besatzungstruppen alarmierte, welche
herbeiritten, nichts als ein toll gewordenes Hebrervolk vorfanden, dem sie
aufsssigen Lrm verboten. Die abseits standen, die Arme ber der Brust
skeptisch verschrnkten, auf den Gassen und in der Synagoge, blieben in der
Minderzahl.

Im Ghetto dunkel, festlos hausten sie. Das Brandmal trugen sie an sich in
den gelben Zeichen; gelbe Barette, gelbe Hauben, gelbe Ringe am rmel. Man
spie auf sie, wo sie sich drauen sehen lieen. Die Henker des Erlsers,
die frechen Mrder, die sich am hellen Tag aus ihren Hhlen wagten und
denen es nicht graute, sich von der Sonne Gott des Vaters beleuchten zu
lassen. Die der siegreiche Kaiser ber die Mrkte und Flecken jagte, um das
Volk zu krnken und seine Wunden zum Schwren zu bringen. Vor ihnen
erschien, in ihren verschmutzten Husern Hhlen Gewlben alles
Verbrechervolk. Die Schiffbrchigen schlichen sich ein, verschleuderten den
Rest ihrer Habe. Die Hebrer kannten alle Blicke, kein Beichtiger hrte so
gut, so scharf wie sie. Wo die Not sich drauen regte, sprten sie es, an
den Dienern der Vornehmen, der Grafen Frsten, die in Nacht und Nebel mit
Edelsteinen Gold Gewndern seltenen Mbelstcken bei ihnen anklopften,
bettelnd, drckend. Im Schmutz begraben lagen sie abseits von den Husern
in Unratgruben, schlrften den Reichtum der halben Welt ein und wenn sie
davon abgaben, nur um mehr einzuziehen. Lagerten stumpf auf der Habe,
wuten nicht wie sie nutzen. Gold gab es, um Lust damit zu kaufen; sie
wuten nichts mehr von dieser warmen beseligenden Lust, wie der Maulwurf
nichts von der Sonne. Gold gab ihnen nur die bse Freude, die Menschen
drauen aufzuziehen und sich an dem schmerzvollen zappelnden Narrenvolk zu
weiden. Herren, Richter mit Hohn und Gelchter auf ihre Bndiger, deren
schwache Stunden sie belauschten seit Jahrhunderten. Wrde man sie sich
berlassen haben nur ein einziges Jahrhundert, wrde keine Spur
selbstndigen Lebens um sie existiert haben, die Welt htte alle Glut an
sie abgegeben. So mute man alle paar Jahrzehnte mit Messern Feuer Kntteln
Spieen auf sie eindringen; mute sie ausrauben totschlagen, brachte die
Welt wieder ins Gleichgewicht.

Das groe Knigsvolk, seit Jahrtausenden von seinem Stuhl geworfen, hatte
in einem Bann nichts gelernt; auf dem Gesicht liegend, die Knie gebrochen,
den Mund voll Sand; es duldete das Dasein; sinnlos, abgrndig tot, was
geschah: Jerusalem der letzte Schein des Lebens.

Nichts getrumt seit hundert und aberhundert Generationen als dies:
Jerusalem, bei der Einsegnung des Knaben, der Brautpaare, der Leiche.

In den abseits gestoenen, menschenungewohnten Tieren waren wste Begierden
gewachsen, Ha Hohn und Verachtung in wilder tropischer Breite
ausgewuchert, Lust am Verderben. Schakal Hund Schwein war, was in ihnen
wuchs. Gelb die Farbe auf ihren Kleidern, hei-gelb das Leben, das aus
ihrer Schwrze schwlte. Zogen Besessene auf Menschenmord aus, lockten wie
Spinnen Sanftes, Ses an sich vom Christenvolk, um es schmerzgeweidet zu
vernichten; da lachten die Irren nicht vor Freude. Vor ihren stummen Opfern
in den Gewlben brachen sie in Weinen aus; das war das einzige, was ihnen
vergnnt war. Diese opferten Blut, rauchendes Leben; man mute sie binden,
in Kellern angeschmiedet halten.

Auf den Straen, in den Kirchen, an den Huserwnden der Stdte, neben
denen sie wohnten, huften sich die Abbilder der Heiligen, die sen
Marienbilder, die fromm verzckten Theresien Magdalenen; in Prozessionen
unter Singsang, mit Fahnen wallten die Gtter und Gotthnlichen zwischen
den Huserreihen, ber Wiesen, verehrt, bejubelt. In den Htten Nestern an
den Stdten, den Ghettos hrten es die Hebrer, den Finger anhebend, die
starren Gesichter zu einem grausamen Lcheln verziehend: das sangen die,
denen sie dienten, da zogen Gtter vor ihnen, den ganz Entgtterten. Da
gingen die Scharen derer, von denen sie Qual erlitten, und aus denen ein
Drang sie immer wieder wies, Menschen zu antwortender Qual herauszureien.

Sie torkelten hoch, wandten sich um, trauer- und kotstarrend. Gewaltige des
Reichs nherten sich ihnen. Drauen Luft, die rein wehte, drauen Glanz und
Wechsel; die weite Erde. Der von Wallenstein, ihr Wallenstein, in den
Kaiserhof eindringend, Heerfhrer des Kaisers.

Schamloses Jubeljauchzen im Prager Ghetto. Frohlocken der Rachsucht.
Unglubigkeit Trnenvergieen und wieder gelles Frohlocken. Es sollte dem
neuen Herzog an nichts fehlen.

Sie wanderten durch die gereinigten fackelerleuchteten Gassen zur Synagoge.
Die Truhen mit den Prachtstcken, den hingegebenen Beutestcken ihrer
Feinde hatten sie entleert. Die Weiber in dunkelroten Kleidern und Seide,
mit Gold- und Silberborten, darber rote Jckchen, brokatverbrmt;
blitzender Schmuck der vollen Arme, der Stirn, Korallen, Steine; die Mnner
gegrtet, auf hohen Schuhen, in veilchenfarbigen, dunkelblauen Gewndern,
Pelzbarette auf den Kpfen. Und drinnen zwischen den brennenden
siebenarmigen silbernen Armleuchtern stieg ein rotwangiger Greis unter
einem Silberkppchen die zehn Stufen zur Bundeslade hinauf; an seinem
Obergewand von Hyazinthfarbe hingen goldene Glckchen und Granatpfel. Fnf
Grtel hatte er sich umgetan, aus Gold Purpur Scharlach Hyazinth Bysus; auf
seinen Schultern schildfrmiger Schmuck aus Gold mit Steinen. Er sang, hob
die Hnde. Sie sangen kopfwiegend, sich verneigend, trunken mit.

Bhmen empfing mit dumpfem staunenden Murren die Nachricht von dem
Ereignis; der unersttliche verabscheute Mann stand in dem blendenden Licht
des Kaiserhofes. Man wute, er hatte schon die Bauplne zu einer Prager
Zitadelle in seinem Palast; sein Name war unter den Mnzkonsorten genannt,
sein Regiment hatte am Weien Berge die Unglcksschlacht mit entscheiden
helfen; nun segnete den Todbringer die deutsche siegreiche Majestt. Der
Bhme! Der Erzverrter! Die hoffrtige Bestie, die an Wien die Ehre
verloren hatte. Wie Judas hatte er sich einnisten wollen in das Herz seines
Volkes, hatte er in der Stunde der Erhebung mit teuflischer Tcke starke
Truppen an sich gezogen, tuschend, um sie gegen das eigene Land zu werfen.
Da kam Judas, einer von den Zwlfen, und mit ihm eine groe Schar mit
Schwertern und Kntteln; und der Verrter hatte ein Zeichen mit ihnen
verabredet und ihnen gesagt: der ist's, den ich ksse, den greift und fhrt
ihn ohne Zgern ab. Es sollte nicht so weit kommen; die Truppen verlieen
ihn. Mit Schimpf und Schande stand er in Wien, armselig, trug einen
gestohlenen Sckel in der Hand, die Regimentskasse. Der Kaiser selbst
schickte den Beutel zurck. Der Mann aber war nicht verdorben, war wie
Hederich gewuchert, hatte Schandtat auf Schandtat gehuft, erkannte nichts
an als Gewalt. In kleinen Klubs saen die Edlen und ihr Anhang zusammen;
die Verwandten, Neffen, Shne, Frauen derer, die von Ligisten
niedergemetzelt waren oder hatten fliehen mssen. Katholisch geworden mit
dem heiesten Grimm, bis in den Kern ihres Lebens vom Sieger getroffen. In
hohe mter hatten sie sich geschoben; niemand wute, da zu ihnen gehrten
Wratislaw von Mitrowitz, der Hauptmann der Prager Kleinseite, die
Appellationsrte Wenzel von Flieenbach, Kobach, ja ein Sohn des
ffentlichen Anklgers Pribik Jenissek von Oujezd. In ihrer Mitte
heranwachsende Jnglinge, blhend schne Weiber, Alte, die schon daran
gewesen waren, ihr Dasein abzuschlieen. Sie sangen in ihren
Zusammenknften ihre Lieder; vom Peter Chelicky sprachen sie, vom Netz des
Glaubens, und da der Staat ein bel fr den Christen sei -- aber dachten
nur an den Staat der Habsburger. Sie redeten den Satz nach: Gott hat nicht
widerrufen das Wort: du sollst nicht tten, damit erhoben sie sich stolz
und drohend ber die grausamen Verfolgungen, die ihre Angehrigen erlitten,
trsteten sich. In dieser ausgestoenen Aristokratie blhte, angstvoll
behtet, das Wunderkraut der sanften menschenbewltigenden Lehren, die im
Volk umgegangen waren einstmals, von ihm selbst kaum beachtet. Wie
flsterten sie, sich an den Hnden fassend, da es den guten Christen nicht
anstehe, teil an der Macht zu haben --, fhlten sich ruhiger, halfen sich
ber Schlimmes hinweg. Durch die Gedanken ihrer Kinder lieen sie rasseln
die Mrchen vom fellbewachsenen Bhmenherzog Krok und seiner geliebten
Tochter Libussa; wie in ein Kinderland fanden sie -- alternd, heimatlos --
in die uralten Fabeln; der starke Premyzl stand auf, Wenzel tat seine
Wunder. Ehrerbietig taten sie gegen die neuen Machthaber, geduldig waren
sie, unbezwungen, stolz. Sie waren die Adligen, in diesem Land konnte
niemand sonst von Adel sprechen.

ber die Niedrigen suchten sie ihre Lockungen auszubreiten, die blieben
stumpf und gefhrlich. Lieen sich nicht Bhmen nennen, wollten nur Bauern
sein, stalpten auf ihre Felder, in die Stlle, wandten sich grimmig von
allem, was ihnen mit Bekenntnis und Vaterland kam; in vielen Drfern
brachen nach dem Auszug der Sachsengnger Treibjagden aus wider die
aufdringlichen Hufreunde, Totschlge an heimlichen Friedensstrern und
ihren verkappten Sendboten.

Die Edlen versammelten sich in geheimen Husern, mit brachten sie Listen
alles jngst gegen sie geschehenen Unrechts, aller Schikanen, Bedrckungen.
Dann war pltzlich eine Lithurgie da: ein furchtbarer Klagegesang, ein
chronikartiges Verzeichnis alles Leids in Bhmen seit den Tagen Rudolfs und
Matthias. Keine Versammlung begann, ohne da wie ein Gebet dieses
Verzeichnis verlesen wurde, die Morde Vernichtungen Verbrennungen, der Zug
der Verbannten ber das Erzgebirge. Und die, deren Angehrigen es geschehen
war, da saen sie, standen an den Wnden -- nannten sich drauen
kaiserlich, hatten ihrem Hu abgeschworen. Die Gesichter tief gertet, jene
erblichen, verzerrt, streng gerissen. Wilde Worte wurden ausgestoen,
Trnen standen in den Augen, Sthnen Schreien zog sich in die Unterhaltung
hinein. Es wrde einmal sterben die spanische Geiel, der Jesuit Ximenes;
Marias Sule wrde von der Theinkirche gestrzt werden; in den Boden
gestampft Caraffa, der ppstliche Nuntius, der Seelenmrder. Es gab welche,
die diesen Teil der Zusammenknfte mieden, zu spt kamen, das Verlesen fr
eine Albernheit dekorativen Charakters nahmen; die Welt ging voran, sie
wollten mit. Aber sie beirrten nicht die rache- und haatmende
Gesellschaft.

Langsam hatte sich ihnen Slawata genhert. Er, dem edelsten Hause
entstammend, dem Kaiser anhngend, den Konventikeln nachschleichend wie ein
Tier seiner Beute. Sie hatten sich seiner nicht erwehren knnen, ratlos,
wessen sich versehen von ihm. Ihn hatte Wallenstein irre gemacht. Er ging
einsam, seit er selbstndig geworden war, neben den groen Akteuren, war
ihr Stolz, ihre Standarte. Einsam wandte er sich. Es trieb ihn, er wute
nicht wie, zu seinen Vettern und Sippengenossen, in die geheimen Zirkeln.
Auf ihre Wege trieb es den Stillen Blauugigen Umwlkten; wie er sich
dunkel den groen Akteuren beigesellt hatte, wandte er sich den Bhmen zu.
Spttisch und traurig stand er unter ihnen, die mit ihren Gesngen und
Reden verlegen schwiegen, wenn er, den vollen Kopf halblinks auf die
Schulter senkend, sehr langsam sie begrte mit Zwinkern der Augen und
tonloser ffnung des ppigen Mundes. Es war nur eine Erkundung, was er bei
ihnen vornahm; wer seid Ihr? war seine ungesprochene Frage. Und sie
merkten, da er mit ihnen Fhlung nehmen wollte, wuten nicht, ob sie sich
offenbaren oder verleugnen sollten. Schon waren sie willens, mit
Banalitten die Zusammenknfte auszufllen, bei denen er anwesend war. Da
nherte er sich ihnen mehr; fragte sie eines Abends, als sie sich unter
Selbstpersiflage von Dingen der holden Kaiserin Eleonore unterhielten,
warum sie zusammenkmen und was sie gemeinsam betrieben. Sie sagten, sie
seien Freunde der kaiserlichen Regierung und wnschten die Bhmen dem
Kaiser nher zu fhren. Slawata blickte lange in seinen Scho, seine
ringblitzende Hand vor die Augen hebend: Ihr wnscht, da ich Euch allein
lasse? Darauf ratloses Gerede der Herren und Damen; er verneigte sich
trbe nach einiger Zeit, ging. Sie beschlossen khn, es darauf ankommen zu
lassen; und als Slawata nach lngerer Weile lautlos in eine Versammlung der
Herrschaften trat, von jungen Mnnern geleitet, nahm keiner Notiz von ihm;
man tat sich Zwang an, wagte. Die Liste der Klage wurde verlesen, das
Aufschluchzen und Sthnen begann, die Namen der Toten und Verschollenen
klangen tonlos; der Vorleser bedurfte keines Winkes seines Nachbars, eines
uralten Mannes, um auf den Namen Slawatas, des Bsewichts und Verderbers zu
achten; der jugendliche Vorleser sah den Namen in seiner Liste kommen, las
ihn, samt der Anklage, Drohung, Hoffnung. Als betrfe es nicht ihn, stand
Slawata in der nur bankbestellten kerzenhellen Stube nahe der Tr. Auch sie
sprachen an sich haltend mit ihm, als wre er nicht der Slawata, dem sie
fluchten. Sie wollten ihn locken, sich zu offenbaren; er schwieg, war
hflich gegen sie, kehrte wieder. Nichts geschah einem von ihnen. Sie
fhlten, da sich eine Wandlung mit ihm vollzog, fanden keine Handhabe, ihn
zu sich zu ziehen. In offener Gesellschaft der Herren der Kammer lie
Slawata sogar unbekmmert das Wort fallen, da er den und den Herrn in
einem bhmischen Konventikel kennengelernt und gesprochen habe, so da man
raten konnte, ob er sich den bedenklichen Verbindungen seiner
Sippengenossen zugewandt habe -- er, der Slawata, den sie zum Fenster
hinausgestrzt hatten -- oder ob sich die Sippengenossen dem Kaiser
nherten. Aber ein Blick auf ihn schien zu zeigen, da er sich nicht
gendert hatte, er nicht.

Vom Judenviertel schlug Geschrei herber, durch Prag liefen die unerhrten
Zahlen; der Friedlnder wolle hunderttausend Mann auf den Fu bringen, er
werbe Kosaken an, der Tilly werde ihm unterstellt. In den Kammern der
Adligen ging man nicht auseinander. Wir haben die Nachricht von erster
Stelle. Der rmische Kaiser sucht sein Heil in Bhmen. Er fngt ihn,
Wallenstein fngt ihn, kreischte eine breithftige Dame; sie raste so, da
alle mitgerissen wurden. Wenn der Teufel seine Wege geht, flsterte
einer, geht er sie heimlich. Nein, lachte einer, er geht sie ja offen,
am lichten Tage. Sieht man es nicht. Der Friedlnder bernimmt die
kaiserliche Armee. Man macht dem Verrter, dem Mrder die Tr auf, bittet
ihn ins Haus, man drckt ihm den Dolch in die Hand. Man bittet ihn darum,
er mchte eintreten. Ksse mich, Judas, damit keine Lcke im Text
entsteht! O, wie man ihn bittet! Sie erzhlen, Wochen um Wochen laufen
schon die Kuriere von Wien mit kaiserlichen Brieflein. Aber der Friedlnder
will nicht. Und alles lachte schallend: Ei, er will nicht, er will es
sich noch berlegen; er hat noch Zahnschmerzen. Sein Rachen ist weit. Ein
paar hundert Quadratmeilen Land hat er bald heruntergeschluckt, er ist
verstopft, der Hof gibt ihm Wein zu schlucken.

Er ist katholisch. Katholisch wie der Teufel. Sinnt Tag und Nacht, wie
er den geistlichen Herrn ihr Hab und Gut entreien kann. Geflucht hat er
neulich, die Glser unter Tosen auf den Estrich geworfen und geschworen,
wre er Protestant, wrde er dem Leckerle, dem Kardinal Dietrichstein kein
Haar auf dem Fell lassen. Lang lebe unser Landsmann Wallenstein, der
Herr, der Frst. Weiter! Gottes Allmacht.

In Dresden arbeitete der alte Graf Mathias Thurn. Als Wallensteins
Ernennung vor der Tr stand, hofierte der Dresdener Hof den Grafen
pltzlich auffllig; er begriff, was das hie. Sich Wallensteins
bemchtigen! Verrter sei der Friedlnder, sagte achselzuckend Thurn dem
zhen Kaspar Schnberg. Um so besser, meinte der, Verrter seien auch
Verrter nach der andern Seite. Thurn, der Feuerkopf, mit den schsischen
Emigrantenorganisationen nachsinnend, gab die Losung aus nach Prag: In
keinem Fall Aufsssigkeit zeigen, geheim fr nahe Erhebung rsten, sich
jeder absprechenden uerung ber den Friedlnder enthalten. Eine
besondere Botschaft betraf den Vetter Wallensteins, den Maximilian, der,
wie man wute, Spionage fr den Frsten trieb: man solle ihn einladen zu
den Versammlungen, in den Unterhaltungen lobend den Frsten erwhnen, und
da man sich ausgeshnt habe mit ihm, seine alten Taten nicht nachtrage.

Das Elend der Emigration lie die Hoffnung auf Wallenstein in Sachsen
auflodern, die Botschaften, erst belchelt, whlten hier wie ein Sturm.

Eingestanden oder nicht schillerte in allen Gemtern ein sonderbar tiefes
Vergngen, da das Heilige Rmische Reich von einem Bhmen gerettet werden
msse. Alle Trmpfe hatte man im Spiel; die Sinne zusammen; es galt klug
und khn zu werfen. Und wie auch immer, er, der Friedlnder, er wrde dem
Habsburger das Messer auf die Brust setzen; wrde sie rchen an Ferdinand.

Die ppigen schwarzugigen Frauen, deren Mnner gefallen und verjagt waren,
sprangen an den gelten Wnden herum: er werde sich rchen an Bhmen, indem
er es verschlinge, er hat einen groen Rachen, zweitausend Meilen haben
noch Platz. Verschlingen. Und das fiel wie Feuer in alle. Wallenstein wrde
sie an sich reien, vielleicht um sie zu unterwerfen, ber ihnen zu stehen;
wrde seinen Ha an ihnen khlen, indem er ber sie herrschte. Er solle es
nur. Das bermtige bermige Glck.

Slawata wanderte zwischen ihnen. Die Lichter der Kammer brannten auf
erhitzten Gesichtern, verzckten Augen. Er hatte sie jubeln hren, als sie
ihn auf dem Prager Rathaus anfaten, als ihr eitler Herr aus Heidelberg
herzog. Jetzt jubelten sie Wallenstein zu. Die Kanaille, Adlige, seine
Sippengenossen. In dem Tuscheln Schwatzen wurde man seiner ansichtig,
aufmerksam verneigten sich von allen Seiten hertretend vor ihm die
rachegeschwollenen Vettern, den Kaiser lobend ob seines Scharfblicks und
wie der Friedlnder das Reich in seiner Herrlichkeit werde herstellen. Er
stand an der glatten Wand.

Was habt Ihr mich zum besten, liebe Vettern. Rechtzeitig gewann er es
ber sich, gegen die Verblfften zu lcheln, indem er ihnen zwinkernd die
Hnde und Wangen streichelte. Zu diesem aufgeregten Abend war in Prag die
alte Magdalene aus dem Geschlecht der Trzka von Lipa erschienen, ein
robustes tatkrftiges Weib, die ber Millionen verfgte, mit dem
Friedlnder verwandt, der sich von ihr fernhielt. Am Stock kam sie auf
Slawata zu, burgunderrotes Gesicht vor weiem losem Haar, das auf einen
glatten viereckigen Kragen fiel, die linke Gesichtshlfte schlaff, das
Augenlid hngend und zuckend, freudig ihm zuschreiend: Hier ist jetzt
nicht Euer Platz, Graf Slawata. Prag ist meinem Neffen Wallenstein zu
klein, und Ihr? Ich freue mich, Euch zu sehen. Er half ihr neben sich auf
eine Bank; lchelte starr: Also nach Wien. Nach Wien. Gewi und sicher.
Gedenkt Ihr hier zu versauern? Prag hat aufgehrt fr die nchsten Jahre
Hauptstadt von Bhmen zu sein. Nach Wien. Sie lachte in ihrer gesunden
wanderschtternden Art, sah ihn durchdringend an: Der Kaiser braucht Euch.
Ihr seid doch geschickt, Ihr werdet wissen, was Ihr zu tun habt. Sie
redete noch manches; er hielt still.

Als er in seiner Snfte sa, war er erschttert von Schmerz, machte sich
mhsam kalt. Er hatte nicht vor, seine Politik nach Wallenstein
einzurichten; er war es im Begriff gewesen. Er suchte sich auf ein kaltes
sachliches Ziel zu besinnen; vermochte es nicht. Mit einem Fluch machte er
sich frei: Nach Wien. Er gab sich keine Rechenschaft: warum. In einer
Wutwelle war er vor den Entscheid getragen.




Drittes Buch
Der Krieg


Noch einige Wochen blieb der Friedlnder in Prag, dann brach er nach Eger
auf, wo, er sein Hauptquartier aufschlug. Im Reiche, in den Erblanden
standen kaiserliche Truppen, deren Haupt er war, geschwcht, in alle
Windrichtungen zerstreut; in Wien die Stadtguardia, acht Infanterie-,
sieben Kavallerieregimenter. Sechs marschierten unter Spinelli zu der
Infantin Isabella nach den Niederlanden. In Ungarn Musketiere, in Bhmen
das Regiment Breuner, in Mhren die Truppen des Max Liechtenstein,
Wallensteins, des Grafen Schlick, des Freiherrn von Tiefenbach; ganz
entfernt in Freiburg im Breisgau Hannibal von Schaumburg; dazu die
Reiterregimenter Marradas, Wittenhorst, Konti, Kaspar von Neuhaus. Fnf
Regimenter zog der Herzog an sich, vierzehn neue stellte er auf; das
Regiment dreitausend Mann. In Prag vergab er die Bestellungsbriefe an die
neuen Obersten; sie hatten zu bernehmen und vorzustrecken Antritts- und
Laufgeld, einen Monatssold und Ausrstung ihrer Sldner; vielen scho er
selbst den Betrag vor, ihr Glubiger der Kaiser.

Wallenstein entfernte sich nicht weit von Prag, um mit de Witte, Michna und
Bassewi in Zusammenhang zu bleiben. Die neuen Kpfe tauchten in Eger neben
ihm auf, die Obersten Merode, Scharffenberg, die Gonzaga, Desfours,
Isolani, der Thomas Karboni, die bald so gefrchteten Namen. Nach dem Elsa
herunter liefen die Ordonnanzen, die Schaumburg und Wittenhorst mobil zu
machen und ihren Anmarsch in das Reich zu befehlen. Wallenstein war
zugeteilt als sein Oberstmeister-, Zahl- und Quartierungskommissar Johann
Aldringen, ein feiner gewandter Hofmann, dessen geheime Aufgabe war, wohl
aufzumerken in Wallensteins Quartier und Lager und von allem den Rten in
Wien gute Kenntnis zu geben. Er sah bald selbst, da ihm nichts weiter
blieb als dies: die Korrespondenz nach Wien und der Titel; denn der Herzog
wies an; er hatte bald kein Verlangen mehr mitzusprechen.

Man schlug Sammelpltze auf in den kaiserlichen Erblanden, im Reich, im
frnkischen schwbischen Kreis. Abgeordnete der frnkischen Ritterschaft
erschienen vor dem Herzog in Eger, Direktoren Hauptleute und Rte aller
sechs Orte in Franken, zu klagen ber den Schaden durch vagierende
disziplinlose Truppenkrper; sie wurden hflich empfangen, versichert, da
der Oberst Graf Schlick eine Erinnerung erhalten werde. Im brigen bemerkte
der Herzog mit groer Bestimmtheit beim Abschied, sie mchten mit Proviant
und sonstigem Unterhalt nicht zurckhalten, damit die Vlker nicht
herumstreiften und nicht zu lange an einem Fleck liegen blieben; mrrisch
und erstaunt wandten sich die Herren, dabei ein Hektor von Streitberg und
ein Redwitz zu Wildenrod, zum Gehen. Aus Hessen, von Frankfurt Nrnberg
fuhren rechtskundige stolze Mnner nach Eger an, lieen sich nicht
abspeisen mit des Herzogs Sekretr, auch nicht mit dem neugierigen und sehr
interessierten Aldringen, stellten sich ehrerbietig, fest vor der
Durchlaucht selber auf, berichteten von den vorgenommenen Werbungen,
errichteten Musterpltzen und den Unterhaltsansprchen der Vlker,
zitierten die Goldene Bulle, Reichstagsabschiede. Der Frst nahm sie
freundlich an, schrieb lachend ein Brieflein an Trautmannsdorf nach Wien,
der Geheimrat Recke solle bald, bald, bald kommen; cito, presto, die Leute
aus dem Reich berzgen ihn mit hochgelehrten Sprchen, er wisse nicht, wo
er drin stecke. Er schickte Unterhndler nach Ulm Halberstadt Nrdlingen
Nrnberg; die Stdte muten sich freikaufen von Quartierlasten; Nrnberg
zahlte hunderttausend Gulden; Eger gab siebentausend her; emprt hatte die
Stadt die doppelte Summe abgelehnt. Die bhmischen Landesoffiziere wurden
trotz Sperrens durch sanften Druck vermocht, hunderttausend Schock Groschen
an die Kriegskasse abzufhren. Herr Aldringen hatte in der ersten Woche
seines Aufenthaltes im Eger Hauptquartier zaghaft auf die kaiserliche
Resolution betreffend Schatzungen hingewiesen, in der es hie, es sollten
leidentliche Kontributionen in den eroberten rtern und Landschaften zur
Erhaltung der Soldateska zugelassen werden, mit dem Ma, da solche
Kontribution der Soldateska von ihrem Lohn abgezogen werde, damit der
Kaiser leichter an den Kriegskosten trage. Wo aber seien Ulm Nrnberg
Nrdlingen eroberte rter, die freien Reichsstdte, noch dazu mit reichen
kaiserlichen Schutzbriefen versehen? Der Herzog hie ihn, freundlich ihm
auf die Schulter klopfend, sich nicht zum Anwalt der Stdte machen; sie
setzten ihm schon genug zu; er sollte nur fein berichten und hren, was man
sage. Da wurde Aldringen aus Wien durch den Abt Anton die schwer
verklausulierte Auskunft, er mge sich um Jesu willen mit dem Herzog ins
Einvernehmen setzen, sie vermchten von Wien aus die Verhltnisse nicht zu
berschauen, man drfe gewi nicht Splitterrichter in so gefhrlichen
Zeitluften sein, wobei immerhin sein Rechtsstandpunkt offensichtlich
unantastbar sei und er ihn dem Herzog gegenber vertreten mge, jedoch
nicht zu heftig.

Proviant, Artillerie, die Brckenequipage fehlte. Die hatte der Kaiser
versprochen. Es war an einem gewissen Punkt der Unterhandlungen in
Nikolsburg eine pathetische Gebrde der Rte gewesen, dies zu bernehmen;
da waren kaiserliche Stckgieereien Zeughuser Kornlager. Die Gieereien
arbeiteten zu langsam, das Material der Zeughuser war bedeutungslos,
unbrauchbar, die Kornlager knapp, fr zehn Regimenter reichend. Eger
drngte, klagte strmisch an, sie lieen es im Stich, sollten die Truppen
verhungern, sollten sie mit Stecken kmpfen. Man mute demtig erklren,
Eger mge sich gedulden, mge sich behelfen; man konnte nicht hinzusetzen,
da die Hofkammer bisweilen nicht zehn Gulden in der Kasse hatte zur
Bezahlung des Kuriers.

Whrend der Herzog in immer grerem Umfange sein Geld an die Sache setzte,
geschah es zur Verwunderung des Wiener Hofes, da er immer mehr eine
ehrerbietige Haltung gegen den Kaiser und seine Beamten annahm, sich, wie
es schien, mit Gewalt bezwang und in die Rolle eines kaiserlichen
Funktionrs einfgte. Er schien es dem Hof leicht machen zu wollen, sich
mit ihm abzufinden, denn, wie Trautmannsdorf bei Berichten aus Eger einmal
sagte: lange wachsen lassen kann man solch Ungetm an Land Leuten und Geld
nicht; entweder es pariert bald und kriecht unter, oder es mu erschlagen
werden.

Die sechs niederlndischen Regimenter wurden zurckbeordert; in Sachsen
warb fr den Herzog ein Mansfeld als Generalleutnant zwei Regimenter. Dann
stand das Heer komplett; fast ohne Artillerie, ohne gesicherte
Proviantzufuhr. Unter den peitschenden Worten Wallensteins ging der Rest
der Werbung, Musterung, des Drills Hals ber Kopf; die Parole war: Nehmt
was ihr kriegt! Wie Verzweifelte arbeiteten die Offiziere. Gefhrliches
beutelsternes Volk lief ihnen zu, sie hatten fr die Kriegsstrke dem
Herzog zu stehen. Von oben kam der Befehl: Wenn man keinen Falken hat, mu
man mit Raben beizen. Bevor er in Eger die Hauptmusterung seiner Truppen
vornahm, entschlo man sich in Wien zu dem letzten Schritt: ernannte ihn
zum General dieses kaiserlichen nach dem Reich abgeordneten Hilfsheeres.
Man mute ihm zum Opfer bringen die alten verdienten Generale, den Spanier
Hieronymus, das Kriegsorakel aus Madrid, den Rudolf von Tiefenbach und
andere; man besnftigte sie durch Titel, sprach ihnen zu: es ginge alles
vorber, auch der von Wallenstein.

Die Truppen, wie sie standen und lagen, mit und ohne Artillerie, mit
ungeklrter Fouragezufuhr, der zehnte Kavallerist ein Pferd, erhielten dann
eines Tages, wie aus dem Himmel fallend, den Befehl zum Abmarsch. Sie
schwirrten, noch halbnackt, ein buntes halbverbrecherisches Gesindel, gegen
die Grenze auf Bayreuth Bamberg zu.

Einen Brief hatte Wallenstein erhalten vom Bundesobersten der Liga,
Maximilian aus Bayern, worin der ihn bat um Abordnung des Marradasschen und
halben Lauenburgschen Regiments an Tilly, seinen Generalleutnant. Als der
Herzog zugesagt hatte, stellte der Bayer dem niederschsischen Kreis ein
Ultimatum, die Rstungen einzustellen und sich vom Dnenknig loszusagen.
Den Kaiser und seinen Hofkriegsrat fragte Maximilian nicht; nach einer
knappen Woche, Wallenstein berschritt eben die bhmische Grenze, erteilte
die Durchlaucht in Mnchen ihren Feldkommandierenden den Befehl, im Namen
Gottes und seiner heiligen Mutter in Niedersachsen einzumarschieren. Worauf
der Tilly ber die Weser setzte bei Hxter, wie ein Wetter das
Braunschweiger Land berraschend, ber zwlf Meilen Wegs alles verwstend.
Von Ferdinand war eben ein Handbrieflein an die stolze Mnchener
Durchlaucht gekommen, er hielte mit seinen Beratern einen Beschlu ber
Niedersachsen zur Zeit nicht fr ratsam, ja gefhrlich. Das Prveniere war
gespielt, der Wiener Hof erklrte mit verhaltenem Atem, es bei dem
Geschehenen bewenden zu lassen. In Maximilian brach aber einen Augenblick
die Spannung aus, als die Wallensteinschen Scharen in ungeheuren regellosen
Zgen nach berschreiten der Reichsgrenze an der Oberpfalz
vorberstreiften, massenhaft Leichen von rubernden Sldnern an den Bumen
zurcklassend. In heftigen, kaum mehr diplomatischen Wendungen verwahrte er
sich gegen das Treiben dieser Horden, die man besser gegen Ungarn auf
Bethlen Gabor gewandt htte; er werde Truppen bei Weiden aufstellen, die
Polizei spielen sollten. Unverhllt darauf Habsburg, er solle nicht
schelten; er solle sich seiner sonderbaren Unterhandlungen mit Frankreich
erinnern. Das tte er, knirschte Wittelsbach; der Kaiser mge es nicht
dahin kommen lassen, da er die franzsischen Anerbietungen annhme.

Auf dem Marsche nach der Weser verstrkte sich Wallenstein weiter; die
niederlndischen Regimenter stieen zu ihm. Er setzte sich in Schweinfurt,
in Wacha an der Werra. Ihn erwartete, mit lauten Rufen begehrte nach ihm
der flinke alte Brabanter, der Freiherr von Marbi und Tilly, Johann
Tserklas. Der, Schler des Alexander Farnese, Belagerer von Antwerpen, bei
der spanischen Hilfe gegen die aufsssischen Guisen gestanden, mute mit
Jubel, zum Grimm seines bayrischen Herrn, aus schwerer Bedrngnis auf die
toll anrasselnde bhmisch kaiserliche Kavalkade fliegen. Im deckensenkenden
Quartier des Brgermeisters von Hennendorf, bei Lauenstein gelegen,
stiefelte Tilly, gebrechlich, in spanischer Kapitnstracht, am kleinen
Htlein hohe schwankende rote Strauenfedern, an den langen hageren Bhmen
heran, der heftig lachte und sich mit ihm freute, da es noch nicht zu spt
sei, dem Feinde die Zhne zu zeigen.

Der Brabanter, steif, gespenstig, mit einer weien Schrpe, zwei Pistolen
und einen Dolch im Gurt, kurze weie Haare; an den Haarspitzen schwankten
ihm wie hren die tausende erschlagenen Menschen. Sein bleiches spitzes
Gesicht, buschige Brauen, starrer borstiger Schnurrbart, berrieselt von
den verstmmelten Regimentern eines Menschenalters; sie hielten sich
rutschend an den Knpfen seines grnen Wamses, an seinem Gurt. Seine
knotigen Finger bezeichneten ein jeder die Vernichtung von Stdten; mit
jedem Gelenk war ein Dutzend ausgerotteter Drfer bezeichnet. ber seine
Schultern schoben sich her, zappelten die Krper der gemetzelten Trken,
der Franzosen, der Pflzer, und doch sollte er damit erscheinen vor Gericht
einmal, samt ihren Pferden und Hunden, die ber ihm hingen kreuz und quer,
einer vor dem andern, ber dem andern, eine ungeheure Last, so da sein
Kopf samt dem Htlein darunter verschwand. Die aufgerissenen roten und
borkigen Hlse, Buche mit weien regsamen Farben, gedert, triefend ber
die geschlitzten zurckdrngenden Arme und die einknickenden Beine.
Darmschlingen am langen Gekrse, in die er sich verwickelte, wampend und
schwabbelnd ber die sich stemmenden lederverwahrten Knie, eine
riesenlange, weiche, wurmartig rieselnde Schleppe, an der er ruckte, ri,
keuchte, wenn er ging. Ein Mammut belastete er den Boden; aber eisig hielt
er sich, hrte nicht das Gebrll der Menschen, das markerschtternde der
Schweine, Schrillen Pfeifen der Pferde, die sich alle an ihn hielten, ihr
Leben aus ihm saugen wollten, aus den feinsten Rhrchen seiner Haare;
herumlangende Pferdehlse, nsternzitternd, scheckig, schwarz; zerknallte
Hunde, die nach seinem Mund, seiner Nase schnupperten, gierig seinen Atem
schlrften. Er mute lngst ausgeleert sein, sie sogen an einem drren
Holz, er klapperte drin und sie brachten ihn nicht zum Sinken.

Hinter ihm vierzehn Regimenter zu Fu und sechs zu Pferd.

Der Friedlnder ihm gegenber, ein gelber Drache aus dem bhmischen
blasenwerfenden Morast aufgestiegen, bis an die Hften mit schwarzem
Schlamm bedeckt, sich zurckbiegend auf den kleinen knolligen Hinterpfoten,
den Schweif geringelt auf den Boden gepret, mit dem prallen breiten Rumpf
in der Luft sich wiegend, die langen Kinnladen aufgesperrt und wonnig
schlangenwtig den heien Atem stoweise entlassend, mit Schnauben und
Grunzen, das zum Erzittern brachte.

Hinter ihm vierundzwanzigtausend Mnner.

Der Tilly sollte unter dem Schein, den Mansfelder zu stellen, ins Herz des
Reichs vorstoen, sich der beiden schsischen Kreise bemchtigen, zwei
Erzstifte, dreizehn Bistmer und Abteien. Des Bhmen Befehl lautete, durch
sanfte Mittel und Traktationen die Gemter gewinnen, den protestantischen
Frsten den Vorwand der Religion benehmen, welchen die Feinde des Kaisers
zur Bedeckung ihrer rebellischen Anschlge meisterlich gebrauchen.

Als sie zusammenstanden bei Hennendorf, wich der Dne von ihnen ab. Das
Jahr war vorgerckt. Links dehnte sich das Ligaheer in die Quartiere von
der Weser bis nach Goslar in die Berge; Wallenstein wollte sie ihnen nicht
strittig machen, hatte Platz in das flache Land hinein nach rechts, zwei
Erzstifter, dreizehn Bistmer und Abteien.

Ehe der Brabanter Kriegsmann Zeit hatte zum Disput und die Stifter zum
Protest, zog der Bhme vorn den Riegel weg von seiner Avantgarde, das Volk
schwemmte schwabbte nach rechts, nach Norden, in das flache Land. In
Halberstadt whlte sich der Friedlnder ein; dort schlug er sein Quartier
auf; alle Stdte und Drfer besetzte er weit herum; an die Saale herber
langte er nach Halle. Tilly, die kleine Dogge, grollte, aber der andere
wies, da er ihm im Herbst geholfen habe, versprach noch mehr. Nach Wien
trompetete der Bhme, er se mit allem Volk in warmen Quartieren, man
staffiere sich weidlich aus; der Kaiser mge wissen, wie schn dies Land
sei, wie wohl diese Stifter dem zweiten Sohn des Herrn anstehen wrden.
Zurck hallte Graf Strahlendorff: Magdeburg sei nicht weit von Halberstadt;
mge der General hren, wie schwer die Rmische Majestt daran trage, dort
die Gebeine des Heiligen Norbert in schlechter Verwahrung zu wissen.

Die kaiserlichen Rte schoben den Grafen Kollalto, der mit ihm in Prag
verhandelt hatte, zu ihm ins Lager, den ehemaligen
Hofkriegsratsprsidenten. Kollalto war ein untersetzter gewaltttiger
starrer Mann, nicht jnger als der Bhme, dem Kaiser von Gradiska her
befreundet, ein starker Trinker. Er sollte Polizei und Disziplin unter den
kaiserlichen Truppen aufrecht erhalten; man hatte neben den Bhmen mit Plan
den schwer zu behandelnden Friauler gesetzt, mit unscharf begrenzten
Funktionen, einen ehrgeizigen eiferschtigen unbefriedigten Mann. Die
Wiener verkannten den Bhmen; dieser blickte mit blinkernden Augen rechts
und links, ihm kam es auf einen Gegner mehr nicht an. Er nahm die
Entlastung an, der Friauler hielt das Spiel fr gewonnen als Nebenregent.

Da wandte sich eine Herzogin von Braunschweig, eine verschchterte
freundliche Person, an den Herzog nach Halberstadt mit der Bitte, ihr durch
das besetzte Gebiet die Durchfuhr einiger Wagen mit Kleidungsstcken zu
gestatten. Der Herzog gab galant die Salvaguarda, bedauernd, durch die
Kriegsgeschfte ihr Schwierigkeiten zu schaffen. Die Dame mibrauchte ihren
Geleitschein, belud einige Wagen fr ihren Keller mit Tonnen Wein. Ein
Oberstleutnant mit Patrouille des Zuges ansichtig hielt den Passierschein
fr geflscht, lie die Dame in strmendem Regen aus ihrer Karosse auf ein
Pferd setzen, sie ritten in sein Standquartier; fnf Stck Wein wurden von
den Wagen gerollt, mitgeschleppt; die Wagen blieben unter Bedeckung liegen,
die Fuhrleute davongejagt. Bevor die Herzogin nach zwei Tagen sich an den
General wandte, wute er schon davon, erklrte ihr seinen Unwillen, lie
den Vorfall untersuchen. Der Oberstleutnant, verhaftet, erhielt Befehl, die
geraubten Stcke herauszugeben; es war ein Oberstleutnant vom Regiment
Kollaltos, des jetzigen Feldmarschalls. Kollalto, sonderbar verbissen und
erglhend, verlangte Auslieferung des Oberstleutnants an ihn, den
Regimentsinhaber. Der General lehnte den Einspruch ab. In Wien freute man
sich schon lebhaft ber den Vorfall. Da gab Kollalto nach, bevor eine
kaiserliche Instanz mit der Sache befat wurde. Auffallend rasch nach
anfnglichem Grimm gab er nach; im Hauptquartier erzhlte man sich ein Wort
des Generals, der Graf Kollalto solle nicht so um die paar Fa Wein
jammern; deutlicher wisperten andere, der Oberstleutnant habe fr seinen
Oberst das Stck unternommen. Und ohne da sich uerlich das Verhltnis
der beiden obersten Personen des Heeres nderte, verschwand noch whrend
der Winterquartiere der strenge rotwangige Kollalto aus Halberstadt;
unvermutet gelangte an den Herzog die Nachricht, der Feldmarschall, sein
Herr Bruder, sei aus seiner Stellung ausgeschieden, man habe ihn wieder als
Prsidenten des Kriegsrats angenommen. Man hatte sich in Wien durch
Kollalto verstrkt.

Die Losung in der Burg: ihn niederhalten. Die Unterhaltungen Eggenbergs
Questenbergs und sogar des verwachsenen feinen Trautmannsdorf waren auf
diesen Ton gestimmt: niederhalten. Pltzlich erschien im unschlssigen
Wien, mitten im strengsten Winter, eine ungewohnte Person, der Graf Wilhelm
Slawata, der bhmische Oberstlandkmmerer, nahm an einigen hfischen
Unterhaltungen Treibjagden Konzerten teil. Er, Vetter des Friedlnders, von
erwiesener Kaisertreue, streute Gift um sich, da selbst die Rte
erschraken. Er zog die Affre ihres gemeinsamen Verwandten Smirsitzky
hervor, dessen Vormund der jetzige Herzog gewesen sei, und dessen Habe er
sich nach dem Verrat und dem Ausschlu aus der alten bhmischen
Adelsgesellschaft angeeignet habe; der Kaiser sei ber den Vorgang falsch
informiert worden. Er rhrte an den Vorfllen, die mit der Existenz eines
geheimen Mnzkonsortiums zusammenhingen, brachte Tatsachen von so
haarstrubender Korruption vor, da er sich fast der Lcherlichkeit
aussetzte; man konnte nach seiner Darstellung schlielich den Kaiser selbst
der Teilnahme an jenem peinlichen Verbrechen zeihen. Man mute ber den
erstaunlich vernderten, pltzlich so sensationslsternen stillen Grafen
zur Tagesordnung bergehen. Er sah sich am Hof freudig aufgenommen,
interessiert festgehalten, dann isoliert; seine Worte blieben liegen.
Lautlos zog er sich pltzlich, wie er erschienen war, in seinen Prager
Dienst zurck. In Wien summte man hinter ihm; man rechnete auf ihn; hastig
bergab man ihm ein Geheimreferat ber bhmische Angelegenheiten.

Und man konnte hoffen, baldig dieses neuen Herzogs und Generals ber eine
unkaiserliche Armada entledigt zu werden. Denn sein Erscheinen auf dem
Kriegsschauplatz, die Drohung mit der kaiserlichen Gewalt, hatte die
Niedersachsen bewogen, sich zu Verhandlungen zu bequemen, die in
Braunschweig stattfanden. Man schickte die verlssigsten Unterhndler hin,
gab die schrfsten Instruktionen, nachzugeben bis an die Grenze des
Mglichen. Aber whrend der langen Debatten ergab sich zur Greifbarkeit,
da die Kreisdeputierten nichts als Verschleppung vorhatten, um ihren
Bundesgenossen Zeit zur Verstrkung zu geben. Und zu ihrem Groll erkannten
auch die Unterhndler, da Wallenstein die Atmosphre grndlich verdorben
hatte mit drohendem Auftreten, skeptischer Ablehnung selbst an den
Gesprchen teilzunehmen. Er warb rastlos weiter. Spione ber Spione warf
Wien ber ihn, suchten sich an ihn zu hngen. Der Kaiser hatte dem Heer die
Sanktion gegeben; jetzt schwamm es drauen in der Welt, im Reich herum, von
Woche zu Woche unfabarer. Sie hatten dies Ro gezumt, den Reiter in den
Sattel gesetzt; Ro und Reiter jagten; wer wollte sie wieder in den Stall
bringen. Sie muten hren, was man ihnen auf Hintertreppen zutrug. Von dem
Herrn kamen manchmal Meldungen, und wenn sie nicht kamen, so kamen sie
nicht.

Da schien es ihnen besser von Zeit zu Zeit zu tasten, da er sie nicht
verge. Denn unzweifelhaft bewies er sich ergeben der Rmischen Majestt;
er hatte die strengsten Beweise dafr geliefert, sich der Schmach, der
Volksverachtung ausgesetzt. Und langsam kam in den schwerflligen Krper
des Geheimen Rats und der Kammer ein Vibrieren, ein Mitschwingen, ein
Mitklingen. Wie wenn einer an der Wand lauscht und unwillkrlich aus seinem
Mund die Tne kommen, die auch drben gesungen werden.

Der matte Winterknig, Friedrich der Wittelsbacher, lungerte in Sedan bei
seinem Oheim, dann raffte er sich auf nach dem Haag. Er ging nicht gern;
den Schlag des vergangenen Jahres, verlorene Schlachten, gnadenlose
berwltigung durch den Kaiser, hatte er nicht verwunden; bis ins Mark
fhlte er sich geschwcht; leise Bitterkeit und Widerwillen war in den
frhlichen Mann eingezogen. Vom Haag her rief man ihn; seine ppige
leichtsinnige Elisabeth lachte ihn aus, als er zgernd nachsann. Die
Fremden, Mansfeld, der Halberstdter Analphabet hatten fr ihn gerstet,
der starke Dnenknig schrieb ihm huldigende trostreiche Briefe. Auf, auf!

Im Haag, im Asyl der Generalstaaten, winterliches Leben. Hin und her
zwischen Vlissingen und Southhampton und London schossen die Eilboote. Das
Jahr war schlimm fr England gewesen, man war nicht aufgekommen gegen die
spanische Seemacht, zerbrochen waren die Schiffe mit schweren Verlusten in
ihre Heimathfen eingelaufen. Des selbstherrlichen Knigs Karl hatte sich
die Sorge bemchtigt; er mute siegreich sein, die aufrhrerische Gesinnung
des Parlaments kannte er. Sein Kanzler, der geleckte Wstling Buckingham,
schwrmte um die feinen brnstigen Damen des franzsischen Hofes seiner
Knigin. Von hier kam dem Knig die Einflsterung, sich Richelieu
anzuschlieen in der Bewltigung der Hugenotten, um Frankreich stark zu
machen gegen das verhate nebenbuhlerische Spanien. Und das Abenteuerliche
geschah, zur zitternden Freude Buckinghams, dem seine Hndinnen Glck
wnschten, da das strenge papsthassende Britenland Gelder und Schiffe
herbersandte nach der Bretagne zur Ausrottung des freien Bekenntnisses.
Und der Knig Karl bog die Knie vor dem kichernden vollbusigen Weibchen,
der Henriette, die an ihren braunen Stirnlckchen schnappte und bekmmert
ihr rosarotes Seidenkleid vor dem Mann zurckhielt, und lachte schallend,
whrend sie einknickte und sich an seiner Halskrause hielt, wie das
Parlament schumen wrde, welche schlauen untastbaren Wege er ginge dank
dieses Meisters der Teufel Buckingham, und wie es dennoch geschehen wrde,
dennoch. Und zugleich zur Ehre Frankreichs! Sie kicherte und fhlte ihr
Strumpfband platzen.

Die Pflzer Rte schickten nach London: Geld, Geld. Sie fragten ihren
Kurfrsten nicht, schrieben aus eigner Machtvollkommenheit in Gram um ihre
Heimat, der Schwager des Knigs von England sei in Not, seine Schwester
ruiniert, sein Neffe zum Gesptt; das alte, bald fnf Jahre alte Lied.
Widerwilliger von Monat zu Monat flossen die Gelder nach dem Haag, davon
der Bastard Mansfeld und der tolle Halberstdter rsteten. Die beiden, von
den Summen erquickt wie Blumen vom Tau, ritten ihrem Kurfrsten auf der
Landstrae zum Haag entgegen; sein Herz schlug krftiger, als er die
starken Pferde und die gepanzerten unbndigen Mnner antraben sah.
Erzhlten ihm vom Knig Christian und den prchtigen Niedersachsen, wie
gern der Kaiser auch Magdeburg schlucken wolle und von dem neuesten
Ankerseil des lblichen Hauses Habsburg, dem gewissen Wallenstein. Und sie
freuten sich zu dritt ber den gewissen. Der schlaffe Friedrich fhlte sich
wieder erwachen, hineingerissen in das alte Leben zwischen den
davontosenden schweren Krissern.

Es gab fr die zweitausend Reiter des Grafen Mansfeld keine Entfernung. Dem
kleinen kraftberladenen Gesellen behagte nicht eine herkmmliche Schlacht,
bei der er mit seiner Bande eine Zahl stellte; ihn gelstete von Jahr zu
Jahr strker nach Wien. Nach Wien! Mit dem eisernen Halberstdter machte er
sich auf Hamburg, als das Frhjahr kam; es sollte die Elbe entlang auf
Bhmen gehen, whrend der Fuchs aus dem Bau war und sich die Pfoten in
Halberstadt wrmte.

Das Frhjahr war noch nicht zu den Kirschbumen gekommen, da schlichen die
Mansfelder durch das Tal der Elbe. Die Hufe ihrer Pferde hatten sie mit
Stroh umwickelt, in kleinen Trupps jagten sie, viele mit kaiserlichen roten
Feldbinden; bei Tag schliefen sie meist, bei Mondaufgang wirbelte ihre
gedmpfte Trommel. So zahm wie jetzt waren Mansfelder Reiter noch nie zu
Landbewohnern; einige Kompagnien kamen als verkappte Mnche und hatten ihre
Pferde in Wldern abseits stehen, schrien von beltaten, die ihnen
geschehen seien und erhielten Quartiere; andere ahmten riesige Warenzge
und Pferdetransporte nach. Sie gaben sich als Dnen, Mrker aus. Haufen
wanderten als beklagenswerte Flchtlinge aus dem Holsteinischen, wuten
Schmachtaten der Dnen und des Bastard Mansfeld zu erzhlen. Das ungeheure
sonderbare Treiben zog sich in das Magdeburgische hin; bei Dessau hatten
die Wallensteiner die Elbbrcke verwehrt, mit groer Macht lagen sie hinter
Schanzen da, warteten auf den Dnenknig.

Urpltzlich eines sonnigen Apriltages warfen sich unkenntliche Streifkorps
gegen den Brckenkopf, schwammen auf Khnen elbaufwrts. Als wre es ein
Spuk, tauchten aus den Wldern und Dickichten berittene Mnche und Bauern
auf; man wute nicht, wer es war, aber sie griffen an. Griffen an, da die
Wallensteiner zusammenschmolzen, Schrecken ber sie fiel. Die Nacht kam; in
der Flanke erschienen die abenteuerlichen Feinde rechts, links, die Front
der Schanzen hatten sie eingedrckt. Der Friedlnder, im Augenblick bewut
einem Mansfeldschen Durchbruch gegenberzustehen, rasselte ritt flog die
Nacht, den Morgen durch. Er gab stckweise Kraft von sich; die erste
strkte den Widerstand und war blitzschnell da; die zweite whlte sich
Laufgrben bei den Schanzen, lief gedeckt vor; die dritte fate die
siegeshei vordringenden Reiter in der ungeschtzten Flanke, jagte sie zur
Seite, lie sie in die Laufgrben vorrennen. Die Hauptkraft des Bhmen
wallte ber die Umzingelten Verjagten her, schmetterte sie mit einem
langhintreffenden Schlage zu Boden. Die letzten waren die schlachtenden
Arkebusiere Gonzagas und Koronius, Lauenburgs beilwerfende Krisser,
Kroaten Isolanis mit der Spitzhacke, dem Schlaghammer und trkischen
Jagetan. Mittags wute Wallensteins ganzes Heer, da diese einmal
sbelschwingenden Mnche, diese einmal schieenden Kaufleute, einmal
schwimmenden Fuhrmnner Flchtlinge Bauern die Mansfelder waren, die in
Rauch aufgegangen waren.

Der Mansfelder entwich in die Mark. Es fiel noch einmal Schnee. In einer
Nacht trug man den kurzen asthmatischen Mann von einem zweirdrigen
Bauernkarren herunter in ein mondbeschienenes Gehft, dessen Bewohner ihm
und den zehn Begleitern ihre Stuben einrumten, vor dem Hause sich
ansammelten, wo der herzkranke Graf mit dem Tode rang. Man wollte ihm zum
Aderschlagen einen Barbier holen oder einen Arzt aus Tangermnde. Er, in
Stahlkappe und Brustharnisch, mit vorquellenden blauen Augen, keuchendem
Atem winkte ab, am Tisch hinter einer Kerze stehend, sich festhaltend. Die
ganze Nacht setzte er sich nicht. Wenn man ihm einen Sessel zuschob, stie
er ihn rckwrts mit dem Fu zurck. Kleine Schlucke Weiweins lie er sich
in den Mund eingieen. Blickte immer steif auf das kleine viereckige
Fenster, wo das Mondlicht wei hereinquoll. Als drauen die Hhne krhten,
sank sein Rcken zusammen, er seufzte zum erstenmal, legte sich quer auf
das Bett des Bauern. Nach einem gekeuchten Fluch trank er, die Arme
zitternd, einen halben Krug Wein aus, blickte in seinem Stahlpanzer
schauernd den herumstehenden Offizieren unter die Augen: was sie nun
dchten. Er rchelte, ohne ihre Antwort abzuwarten: Einmal ist keinmal.
Wir fangen dasselbe Ding, dasselbige Ding noch einmal an. Sie hoben ihn
nach einer Stunde wieder auf den Karren; der Pfaffenkaiser solle nicht
glauben, er sei zahm und lieb wie der Pflzer Herr; er werde dem
Friedlnder bald am Kragen sitzen, dem Pfuscher, der sich die halbe Welt
kaufe und vermeine, damit sei es geschehen. Lauschende Reiter voran,
Laternen ausgelscht.

Zu ihm stieen die Reste des geschlagenen Heeres; von den Dnen kamen viele
herber, schottische Fhnlein, die seit Hamburg auf seinen Spuren zu spt
die Dessauer Brcke erreichten. Ohne Lrm schlossen sie sich in der Mark
zusammen; Bauern und Adlige gaben ihnen Geld und Proviant, Pferde Zaumzeug
und Wagen, als sie hrten, die Katholischen htten gesiegt. Bitter lrmte
das Volk, da der Markgraf von Brandenburg sich nicht kmmere um die Dinge,
den Mansfelder, der das Land verteidige, verkommen lasse. Aus Stdten und
Drfern strmten sie dem tapferen ingrimmigen Kleinen zu, dessen zweites
Wort war: Kaiser? Was! Pfaff und Jesuit! Erschauernd vernahm das Volk die
Gerchte von der ungeheuren Heeresmacht, die der kaiserliche Feldherr
langsam herantrieb gegen die Mark, um sich des gechteten Mansfelds zu
bemchtigen. Der Friedlnder flsterte es fingerhebend in den Gassen, der
grausige Mann des Kaisers, der Jesuiten, der riesenreiche Mann, bhmische
Verrter, der sein eigenes Volk geopfert habe, dem alle zuliefen, weil er
alle bezahlen knnte, das Glck der vagierenden Ruber und Soldaten, der
katholische Teufel, schlimmer als der Tilly. Der Bastard lie trommeln in
der Mark, man lief ihm zu. Westlich der Mark fhlten die kaiserlichen
Horden vor, um ihm den Weg nach der Elbe abzuschneiden; tglich verstrkte
sich der Friedlnder, seiner Sache so gewi, da er ruhig anhielt.

Die Schlesier hatten alle Angst abgelegt vor dem Mansfeld seit der Dessauer
Brcke. Es war erwiesen, da mit dem Generalissimus des Kaisers keine Spe
zu machen waren. Hatten die Sldner, die sie aus ihren knappen Mitteln
angeworben hatten, schon entlassen. Da schlug es ein, der Mansfelder lebe,
htte seine bsen Plne nicht aufgegeben, auf sie htte er es abgesehen,
urpltzlich wurde im Lande Generalaufgebot befohlen, verkndeten
kaiserliche Schreiben, schonend, warnend, sich berstrzend: Der chter
Mansfeld ist mit seinem ruberischen Anhang in das Frstentum Krossen
eingebrochen und soll vorhaben, ganz in Schlesien einzufallen.

Von Havelberg hatte sich das schtternde brusthallende Gelchter
aufgemacht; zwanzigtausend Mann stark. Durch Frankfurt marschierte es, es
war blhender Sommer geworden. Der Jubel der Studenten. Gedrhn, der
Markgraf solle sich erheben und mit gegen die Papisten ziehen. An der
Flanke des lagernden Drachens, des Wallenstein keck vorbei, ber Krossen
her, auf Liegnitz zu, auf Breslau zu. Wstend, brennend, raubend voran
durch die kaiserlichen Erblande.

Sich auf den Fuspitzen, auf den Hufen der Pferde in den Satteln erhebend,
trompetend, wiehernd, hohnlachend nach allen Seiten: Der Kaiser! Der
Papistenkaiser!

Klingendes Regimentsspiel, gefllter Tro, frische Pferde, Hafer, Heu,
Schmuck und Ketten aus den Husern. Nach drben zu, auf Mhren zu.
Vierzigtausend Ungarn, Trken, Tataren warteten.

                   *       *       *       *       *

Tosendes Gelchter in Mnchen. Der krummbeinige Zigeuner, der struppige
gezeichnete Mansfeld, wie ein Affe sprang dem Friedland ber den Kopf weg,
nahm sich ein Herz, entwischte, der Herzog lie ihn durch, in die Erblande,
zu einer Verbindung mit den Ungarn, Trken, Tataren. Das Gelchter in
Mnchen scholl nach Wien herber. Dies angetan der kaiserlichen Armada von
einem Habenichts, einem Hhnerdieb, Pferdejungen des Knigs von England. In
der kaiserlichen Antikamera spotteten die Italiener: man gebe dem
Friedlnder noch fnfzigtausend Mann und er wird sich gegen zweitausend --
verteidigen. Tapfer wird er es tun, die Zhne verbeien, man wage es gegen
ihn, den tapferen Schwaben, Nachfolger des mazedonischen Alexanders. She
man nur: ein Wucherer, ein Gteraufkufer, ein leidlicher Oberst als
Heerfhrer; ein Narr, den die Gromannssucht gepackt hat. Die Rte waren
nur schwach bereit, ihn zu verteidigen. Als aber die schmerzlichsten Klagen
aus Schlesien einliefen, Mansfeld weiter sprang, ergriff alle Angst und
Wut. An den Kopf eines Verbohrten waren sie nicht gebunden. Er sa bei
Halberstadt und erprete Geld. Es war eingetreten, was man befrchtet
hatte. Man hatte noch Kollalto; Karaffa war noch da. Ruin, Ruin! Gelchter
fr Europa. Der wild gewordene Spekulant als Feldherr. Mit Lrm traten sie
am Hofe auf.

Wallenstein, auf einem Bauerngut bei Halberstadt, auf die Wiener
Nachrichten in tobschtiger Erregung, fuhr in die Stadt zurck; der Mund
ging ihm ber von Schmhungen gegen die Rte, die er treulos und Schelmen
nannte. Mit dem feinen Aldringen verfuhr er auf das wildeste; dieser war
zum erstenmal Zeuge eines solchen Zustandes; er hielt den Herzog fr
wahnsinnig, frchtete, von ihm ermordet zu werden. Der Herzog warf ihm vor,
da er seine Sachen bei Hof nicht vertrete, ihn anschwrze. Das Heer sei
verloren, alles sei verloren, er selbst verloren durch die Narrheit,
Bosheit der Wiener Rte. Es sei alles verloren, denn er werde gentigt sein
-- dabei geriet der Herzog in solche Erregung, da er auf Minuten die
Sprache verlor -- das Heer jenem Strauchdieb nachzuschicken und damit htte
der Bayer erreicht, was er wollte -- nach Ungarn die Kaiserlichen! Nach
Ungarn, wo man zugrunde gehen msse. Ich geh nach Ungarn, schrie er
besinnungslos Aldringen an, die Herren setzen es durch; die treulosen an
ihrem Kaiser. Aber sie sind nicht meine Herren, sie sollen es fhlen; sie
sollen mich suchen spter, wenn sie mich brauchen und werden mich suchen
wie eine fromme Seele im Hllenfeuer.

In der Tat, trotz des lauten Jammerns des ligistischen Fhrers, der allein
gelassen wurde gegen Dnen und Niedersachsen, brach wie ein toller Stier
der Friedlnder auf. So grlich war sein Schelten und Toben auf den Wiener
Hof, der ihn zu der Fahrt hinter dem Mansfelder zwang, da Aldringen Briefe
an den erschrockenen gnzlich kopfscheuen Prsidenten Kremsmnster schrieb:
Der Friedlnder sei unterwegs aus Niedersachsen mit seiner ganzen wilden
Armada; er schwrme auf Schlesien zu; begtigt ihn, lat den Kaiser
freundlich schreiben; es kann geschehen, da er in seinem blinden Wahnsinn
auf Wien losstrzt und Euch zertritt.

In dem Stdtchen Ellrich bei Nordhausen erlebte der alte Graf Tilly eine
letzte Begegnung mit dem Herzog vor dem Abmarsch, die in ihm die Hoffnung
auslschte, jemals mit dem Bhmen kameradschaftlich auszukommen. Wider alle
Wahrheit und Wahrscheinlichkeit erklrte der Bhme, ohne ihn zu Wort kommen
zu lassen, auf den Tisch hin, der Dne, die Niedersachsen, Mansfeld, dazu
auch schwedische Vlker, seien eins darin, konzentrisch auf Schlesien
vorzugehen, die kaiserlichen Erblnder zu berfallen, nachdem sie dem
Siebenbrgen, Trken und Tataren die Hnde gereicht htten. Er knne nicht
sumen, auch nicht das Quantchen eines viertel Tages und msse mit ganzer
Macht auf. Er, der Jngere, berhrte in einer Roheit, die den Grafen
zittern lie, jeden Einwand, der von eben anlangenden Kundschaftern
vorgebracht und von dem sesselversunkenen kopfsenkenden Ligisten bekrftigt
wurde. Es war wie das Amen in der Kirche, da er, der kaiserliche General,
keinen Trobuben an der Elbe stehenlassen knne, es wrde davon nicht
abgegangen werden und wenn das ligistische Heer mit dem letzten Mann
zugrunde ginge. Mit einer Bosheit und Grausamkeit ohnegleichen schmetterte
der lange herumwandernde Bhme das dem Tilly vor die Fe. Drauen
wieherten die Pferde der Kaiserlichen. Auf einem Nachtritt waren sie
hergekommen. Als Abschlu, nach Verstreichen von fnf lautlosen Minuten,
gab der Herzog ohne Vorbereitung mit heiserer, unnatrlicher Stimme von
sich, er werde fnfundachtzig Fahnen zu Ro und Fu zurcklassen, mehr
nicht. Mit einem verzehrenden Blick uerte er das, whrend er schon die
eiserne Trklinke in der Hand hatte. Und Tilly konnte drin berlegen, was
dies Ganze sollte: fnfundachtzig Fahnen, mehr, viel mehr, als er gefordert
hatte.

Wie von einem Unwetter wurde die friedlndische Front abgebaut. Von der
ruhmreichen Dessauer Brcke ri sich Oberst Pechmann los, hinber auf das
rechte Elbufer, fnftausend Mann mit ihm, Krassiere und Arkebusiere des
Marradas, Gonzaga, Scharffenberg, Areyzago d'Avandago, Koronini, Dragoner
des Hebron. Mit wenig Tagen Abstand Infanterie und Artillerie, dann
Wallenstein mit seiner Hauptmacht. Sie hatten ihn von Wien ngstlich
gebeten, nicht nach Schlesien einzudringen oder nur wenig, damit dem armen
kaiserlichen Lande nicht noch mehr geschehe; schlage er doch den Mansfeld
vorher. Geschieht, brllte der Rasende im Abmarsch zurck; wie die
Herren es aufs Papier setzen, wird der Feind auf mich warten und sich
schlagen lassen. Und ich bin hin und her spaziert mit der Karosse von
Halberstadt nach Breslau, nach Wien, nach Halberstadt. Jetzt gibt's nur
ruinierte Lnder oder verlorene Lnder. Macht kein Unterschied der Krieg
zwischen des Kaisers oder eines anderen Land.

Sehr bla sagte Trautmannsdorf im Rat: Ich wei nicht, ob wir Siege oder
Niederlagen von ihm hren werden. Er ist klug, geschickt; vielleicht wird
er siegen. Aber es scheint mir, als ob uns noch anderes von ihm zu Ohren
kommen wird. Und spter: Es ist mir nicht klar, gegen wen der Herzog
Krieg fhrt.

Die heien Augusttage ber dem drngenden Heer. Von den reichen
Futterstellen weg in fragwrdige Lnder. Hinter Wallenstein die Regimenter
Kollalto Tiefenbach Merode, Schlick Sachsen-Lauenburg Wallenstein Nassau,
zu Pferd Strozzi Wittenhorst Grzenich Zriny Neu-Sachsen Orehorzi Isolani
Krassiere Lamottas. Schsische Ebene, kleine Trmchen, verbrannte cker,
Kottbus, Forst, Sorau, Sagan. Kontributionen waren nicht zu erheben,
Wallenstein war nicht flssig, rechts und links brachen Rotten und
Kompagnien aus, um sich bezahlt zu machen. Die Bume fllten sich wieder
mit Leichen, die Strafen stiegen vom Strengen ins Grausame. Um den General
waren der Feldmarschall Marradas und der Feldzeugmeister Graf Schlick; sie
bebten vor dem Herzog; mit wsten Flchen und auf die Gehngten weisend,
frohlockte er: Wer hat dem Kaiser diesen Krieg eingebrockt? Sie sollen
hinsehen, in was fr einem Labyrinth wir stecken. Der Feind hatte immer
fnfzig Meilen Vorsprung. Wie Wallenstein Sagan erreichte, erstieg der
Feind im Sden schon den Weg zum Jablunkapa. Sie wateten durch die
sandigen Heerstraen. Der Herzog rief um Geld nach Wien; man schwieg. Ohne
den Kaiser und Rte zu fragen, setzte er Proviantrotten fest, sie
schwrmten mit festen Plnen von Ort zu Ort; Arkebusiere und Pikeniere
waren ihnen beigegeben; wer zu steuern weigerte, verlor seine Habe und oft
sein Leben. Hinter Bunzlau drang Pest in das Heer ein; Wallonen des Merode,
verlassen, halb sterbend, plnderten die Stadt. Jauer Striegau Schweidnitz
Neie. Man rauschte an Stdten und festen Pltzen vorbei, die der weit
voran tobende Feind genommen und mit Truppen besetzt hatte; mit
Peitschenhieben drang der Anblick der verschlossenen Tore auf sie ein; Gift
go er in ihr schon halb gerinnendes Blut. Drohende Patente warf
Wallenstein vor sich durch Schlesien, hie die Mansfelder meineidig,
treulos, und da ihnen keiner Quartier gebe und jeder ohne Schonung des
Lebens niedergemacht werde. Man rauschte durch Schlesien; zur Seite, hinter
sich lie man die genommenen Stdte mit den ausfalls- und
plnderungsschtigen Besatzungen; das Land schrie gengstigt, man durfte
nichts hren, man hatte keine Zeit. Mute in die blinde heie Luft hinein,
in das ungarische Elend. Die Pest warf neue Kompagnien hin, die Ernte des
Jahres verbrannt; hinter ihnen, wie sie hin schmolzen und verdarben,
jubelten die Feinde. In Wien lachte, halb gebannt, alles was mignstig
war, des Verblendeten, der rannte wie ein tollwtiger Hund. In Prag in der
Burg nahm Slawata die Aufforderung des Herzogs Proviant Proviant Proviant
zu liefern, langsam vom Tisch, zerknllte sie, lie sie zu Boden gleiten.

Der Bastard sah den Friedlnder in langen Sprngen hinter sich; bis an den
Jablunkapa wollte er ihn locken, dann querfeldein, ein Gelchter
ausstoend, mit dem Schwanz des kaiserlichen Heeres durch Mhren, Bhmen
fackeln nach Wien oder nach dem Elsa. Der Friedlnder gab kein Wort nach
Wien; aber wie jagten die Kuriere herauf zu ihm, bei den unschlssigen
verdchtigen Bewegungen der Mansfelder Bestie. Die Stadtgarde lief mit
Wallenstein; und Wien in unmittelbarer Gefahr. Die Boten wagten sich nicht
vor den Herzog; der Marradas und Aldringen warnte sie, nahm ihnen ihre
Briefe ab; man konnte riskieren, da der Herzog aus bloem Groll die
Hauptstadt dem uersten aussetzte. Er erfuhr nichts von den Briefen; wie
ein Magier an seinem Feuer hing er an Mansfeld, dem irrlichterlierenden
Springteufel. Eine heie gefhrliche Ruhe hatte sich ber den Friedlnder
gelegt; er schwamm hingenommen, die Erde versunken, im Fahrwasser des
Bastards. Schon war der nach Westen umgebogen, hatte vom Jablunka herunter
sich auf die Strae nach Leipnik gesetzt, da zuckte der Friedlnder in
einer gewaltigen Bewegung zur Seite, stellte sich versperrend vor Olmtz.
Kavallerie ber Kavallerie warf er ber die Straen; der Mansfelder bumte
zurck, scho nach Sden, um ber die Marchbrcke nach Bhmen einzustoen.
Der Herzog legte sich selbst an die Spitze seiner Vortruppen, Eisen und
Magnet prallte zusammen. Noch einmal ri sich, Hunderte von Mann
verlierend, der Bastard los, heulend, Gott und die Seligkeit verfluchend;
ein Donnerwetter von Hufschlgen prasselte ber die Strae. Verloren der
Weg nach Bhmen. Hinein, hinunter in die heie Hlle, nach Ungarn. Von den
Wagen brachen die Rder, Pferde schlug man nieder, schlang Fleisch.

Breit lagerte der Kaiserliche vor dem Waagstrom, einige Wiener Briefe lie
man zu ihm durch, die vor Bethlen Gabor und den Trken warnten. Stumm blieb
der Herzog; abwesend gab er von sich: Mir graust vor ihnen allen nicht.
Knapp achttausend Mann hatte er nach Ungarn eingeschleppt; ein ganzes
Drittel des Heeres war, ohne einen Kampf bestanden zu haben, in die Erde
gesunken.

Da standen sie auf den grauen dunstberlagerten Puten nach der atemlosen
Jagd, regten sich kaum. Fhlten beide eine furchtbare Schwche in den
Gliedern. Der Mansfelder begann zuerst sich davonzuschleppen, nach
rckwrts schielend. Der Waagstrom lag braun und tief zwischen ihnen;
Wallenstein stumpf, wand sich mit lahmem Kreuz herber. Die Lagersttten
des andern rauchten vor ihm. Sie schlichen hintereinander; in der Hitze
versiegte der Schwei, wie er nur ausgebrochen war, in der Haut; sie
schluckten Wasser und trockneten ein. Einer roch den andern. Sie warfen
sich von Ort zu Ort, drckten ihre Leiber fest an den Boden, umklammerten
Gehfte Drfer Flecken, und wie sie abzogen, lieen sie Schlamm Kot Blut
zurck, Schutt, glimmende Asche, gelbe Leichen mit verbogenen Gliedern,
offenen Mulern.

Von Einzellufern kam die Nachricht -- Mansfeld und den Bhmen erreichte
sie zu gleicher Zeit -- da ber die Heide her der Siebenbrger Frst mit
zwlftausend frischen Reitern von Dabreczin schwebe; in Ofen klingle die
Janitscharenmusik des Trken, die Trken rennen zu Hauf, die Widersacher,
sie kommen, sie kommen bald. Stumpf wiesen die Mansfelder das ab; sie
hrten kaum hin, lieen sich nicht stren, sie waren im Geschft des
Sterbens, der Boden war schn. Bis ber die stille stille Steppe mitten am
hellen Tage kleine zweirdrige Wgelchen auftauchten, unter die Mansfelder
rollend Wasser Wein. Man fragte nicht, wer sie seien, zerbrach die Tonnen,
verschttete das Wasser, sank hin. Neue Wagen, Brot Vieh Wasser Wein
frische Pferde Heu am hellen Tage ber die platte mrderische Steppe. Die
Sldner wuten nichts von Krieg, umfingen zrtlich das Wasserchen, weies
Wasserchen, ses Wasserchen, streckten sich hin, aen, lachten. Liebes
Brot, liebes Wasser, lieber Wein. Richteten sich auf und fingen zu heulen
an, kten sich, die Eisenhauben abgeworfen, umarmten sich, blkten wie
Vieh mit verzerrten, klglichen Mienen, schlugen den Sand mit den Fusten,
pochten mit Riemen an ihre Brste. Das Heulen verbreitete sich unter allen
Soldaten, es artete in fiebriges Wten aus; monoton schwoll und hallte das
Jammern. Wie die Fhrer unter sie stiegen, weigerten sie sich zu
marschieren. Sie hielten sich jauchzend und einander ermunternd an den
Wein, das Fleisch, das Wasser. Auf alles Bitten und Befehlen schttelten
sie den Kopf, schlrften, duselten, schliefen, weinten, kannten sich nicht.
Braune Sumpfrasen, in die sie singend, lethargisch, triebartig liefen;
versanken. Blaugeschecktes mannshohes Goldbartgras; die hrchen glnzten
metallisch, Federgrser, Schmetterlingsblume. Der schwarze Ibis lief
vorber.

Als der Flugsand sein Lager fast verschttete, nahm Wallenstein mit seinem
Obersten eine Zhlung vor; dann hie er die Menge der Profosse und Henker
verzehnfachen und sie vier Tage lang unter den Erschpften Widerspenstigen
Aufsssigen Kranken aufrumen. Bei der Musterung, die er selbst abnahm, in
einer Kutsche wegen seiner Leberschwellung fahrend, erklrte er zum Fenster
heraus den Offizieren, sie seien nicht zum Spa von ihm und dem Kaiser
angenommen worden, keineswegs, es knne um das Leben gehen. Er wrde
Vertrauensoffiziere ernennen, denen er das Recht gebe, in den jetzt
beginnenden Schlachten jeden, Offizier und Mann, niederzumachen ohne
Gericht, der nicht mit voll erlaubter Grausamkeit sich gtlich tue an den
Meineidigen. Dies mge von Profossen und Henkern bekanntgegeben werden.
Einen Tag vor der Begegnung mit dem Feinde strmte das Blut im Heere der
Kaiserlichen, dem Blutbad fielen vierhundertfnfzig Mann zum Opfer; sie
wurden fast ohne Grund von Beauftragten in ihren Zelten oder auf
Lagerstraen zur Abschreckung niedergemacht. Gepeitscht, gnzlich
besinnungslos, raste von Neuhusel das kaiserliche Heer los. Sie lagerten
nicht zur Mittagsrast, setzten sich nur vier Stunden ber Nacht, rannten --
Wallenstein unter ihnen -- da Tro und Bagage zurckblieben und ihnen nur
Rettung in der Besiegung des Feindes gegeben war. Die Trken streckten die
Hlse ber die Mauern von Neograd; in starren, unbezwinglichen, grausigen
Wellen kamen unten Massen her, ohne Artillerie, ohne Gefhrt. Die Trken
wichen ab von der Stadt. Die Menschenwellen schlugen ber der Stadt
zusammen. Sechs Tage setzte sich Wallenstein.

Wieder begann das Suchen nach dem Feind, man irrte tiefer in die
Torfsmpfe, kaute rohe Rben und Bltter, scharfe Pflanzenhalme. Die
ungarische Ruhr brach unter den Reitern aus, das Heer erduldete ohne Laut
alles. Fast vernichtet, des uersten gewrtig, schleppten sich da Bethlen
und Mansfeldsche Heere an sie heran. Sie waren aneinander, hatten sich
gefunden, gingen nicht auseinander. Lagen sich Wochen auf Sandhgeln
gegenber; Regengsse, Sturm, Hagel; Fieber schttelten die Sldner.
Meilenweit de. Aufglitzernde Teiche, Weidenbsche, Rhricht, weie Dnen.
Da lagen sie, die sich lange gesucht hatten. Knirschend und schreiend in
riesigen Wasserstiefeln, mit Sturmhaube in Eiltrupps tasteten die
Wallensteiner herber, wo sich die Leiber der Mansfelder wanden, fanden
nicht hin. Der Himmel schlug mit Keulen auf sie ein, achtete nicht auf
erstarrende Herzen. Faulten in ihren Panzern, wuten auf dem Felde nicht,
was sie sollten. Auf Wagen hausten sie Tag und Nacht; Wasserratten
schwammen durch die lehmigen Tmpel Lachen, zogen sich an Zeltplanen hoch,
fraen Holz Leder Leichen an, strzten wimmelnd in die Lagersttten.

Wie der Regen nachlie, gab die Steppe die letzten Menschen von Mansfelds
Heer frei; weg liefen sie, verschchtert vergraust, zu Menschen, in die
Stdte nach Norden, nach Westen, in die Drfer Gehfte, verkrochen sich in
Huser, hingen sich an Kinder, an Tiere, versuchten zu denken mit
gerunzelten Stirnen.

Den Bastard fand man eines Morgens brllend und schumend am Boden seines
Wagens liegen; keiner ging zu ihm herein, man wute, was das war. Zwlf
Mann seiner Leibgarde waren bei ihm; die letzten zwei Kompagnien hatte er
fr tausend Dukaten an Bethlen verkauft. Sie glaubten, er wrde im Anfall
verrecken.

Mittags stiegen zwei zu ihm auf den berdachten Trowagen; er sa im Panzer
auf den Decken, der kleine geschwollene glotzugige Mann, wog Geld in der
Rechten und Linken, schrie mit versagender Stimme: Weiter! Weiter! Warf
ihnen eine Hand voll Dukaten zu; die letzten Pferde wurden vorgespannt, man
machte sich auf die Flucht. Ich mu nach Venedig, ich mu nach England.
Vorwrts. Wir sollen den Betrger schlagen, den gelben Bhmen. Der falsche
Soldat, Kipper und Wipper. Weiber! Weiber! Man brachte ihm aus Drfern,
aus den Wldern, vom Ziehbrunnen Frauen, denen man auflauerte, Mdchen.
rmelhemden aus feiner weier Leinewand, zartblau, karmoisinrot, am Hals
gefltelt, manche mit Korallenkettchen, tiefgeschnittene Leibchen; sie
liefen mit nackten Fen, schaukelten kirschrote kurze Rcke; wie Klber
vor dem Abstechen schrien sie, als man sie auf die Pferde hob. Mansfeld
schlug eine Lache an, als man sie ihm in den Wagen setzte und sie weinten,
bettelten: Weg mit den geputzten Affen! Die bldsinnigen Gesichter. Sucht
Euch Kornetts, junge Hndinnen. berhufte sie mit Schmhungen; nicht
einmal Spa machte es ihm, als seine Begleiter den Mdchen die Gewnder
auszogen auf offenem Feld und hinter die Nackten Piken schleuderten. Sie
schleppten ihm ganze Karren voller Weiber an, schwarzhaarige graustrhnige,
mit Lusen bedeckt, in morastigen belduftenden Lumpen. Er befiel mit
Inbrunst das welke schmierige Gesindel, die tollen Vetteln vergewaltigte
er, das Krhenvolk raschelte verzckt mit den Flgeln und struppigem
Gefieder. Vom Kssen und Saugen an ihnen wurde seine Hasenscharte
entzndet, schwoll unter der kleinen Stlpnase wulstig an; die Narben, die
sein auseinandergezogenes Gesicht kreuz und quer durchzogen, lagen
reihenweise in Tlern, ber die die blaugedunsene Haut hochquoll. Das
gruliche Gelichter htschelte er, nannte sie Mtterchen, sich den
Sugling; Hellebarden und Dolche lagen neben ihm.

Durch Ungarn nach Sden vorrckend, Bosnien genhert, pries er, tglich
strker von Luftknappheit geqult, den Knig von England, den reichsten
edelsten Mann, den einzigen wahrhaften Knig, dazu den verlassenen
betrogenen Pfalzgrafen Friedrich. In den wilden bosnischen Bergen muten
seine Leute einen katholischen Priester auftreiben; er erklrte ihm, da er
noch zuletzt zu seinem alten Glauben wiederkehren wolle, beichtete und
empfing in feierlicher Handlung die Absolution; schlug den Priester dann
mit einem Stuhl nieder, seine Leute, die im Versteck zugehrt hatten,
herbeirufend: Er hat sie mir gegeben, die Absolution, ich hab' sie, er
kriegt sie nicht wieder. Hh, ich hab' sie mir rechtlich erworben. Des
Nachts zwischen Saratro und Spalatro in einem Drfchen Utrakowitz in ein
Haus verbracht, verjagte er alles um sich, was nicht zu seinem Zug gehrte,
lie sich sterbend den schweren Krassierpanzer anlegen. In hchster
Atemnot stand er die ganze Nacht, wie einmal in der Mark, von abwechselnd
drei Mann gesttzt mitten in der Stube, lie sich die Knie halten, den
Rumpf. Er rasselte rchelte in den grauen Morgen hinein; bei jedem Versuch,
ihn hinzusetzen, schnappte er, schlug rckwrts mit einer Panzerschiene.
Mit beiden Fusten klammerte er sich an sein langes Schwert, das er
zwischen den Fen vor sich in einen Spalt des Holzbodens gestoen hatte.
Als es ihm morgens aus den Hnden polterte, packten sie ihn, legten den
Zuckenden auf das Bett. Zwischen dem letzten Keuchen nahmen sie ihm die
Panzerhaube ab, er umklammerte sie fest, quetschte noch aus der Kehle:
Venedig, nach Venedig, ehe die Augen glasig wurden.

                   *       *       *       *       *

An der Spitze seiner Musketierregimenter rckte der Herzog von Friedland
sehr langsam aus seinem Lager von Modern gegen die mhrische Grenze. Die
Proviantkommandos jagten ihm voraus. Er setzte sich in Preburg; zum
erstenmal von da schrieb er an den Wiener Hof einen Brief, da Bethlen
Gabor einen Waffenstillstand geschlossen htte, die Trken geflohen seien,
der Bastard Mansfeld seines Heeres verlustig gegangen, in Rakovitza seinen
unseligen Geist ausgehaucht habe; er selbst gehe ber Kremsier auf Skalitz,
um vor Ende des Jahres in seiner Stadt Gitschin zu sein. Kein Wort darin,
was er vorhabe. Ungarn verlassend, fluchte er auf das Schelmenland, das
nicht wert sei, da so viele ehrliche Leute aus Not und Krankheit hier
hatten sterben mssen. Wie er in grter Stille in Preburg sa, arbeiteten
mit eiserner Strenge die Requisitions- und Kontributionstruppen; keinem von
denen, die so lange gehungert hatten und unbesoldet gewesen waren, ging ein
Heller verloren; Geldbelohnungen, Ehrenringe, goldene Ketten verlieh er in
groer Zahl, die das Land bezahlen mute.

In Preburg erschienen vor ihm zwei Obersten der Tillyschen Armee; sie
hatten schon seit Wochen Zugang zu ihm gesucht. Der eine war sein Oberst
Nikla Desfours. Sie berichteten: es htte eine Schlacht zwischen der
ligistischen Armada und den Dnen stattgefunden, im Norden, am Barenberge
bei Hahausen. Der Wallensteinsche Sukkurs htte daran teilgenommen, sechs
Regimenter, auer den Kroaten Peter Galls die Krassiere Desfours,
Sachsen-Lauenburgs und Humanns, die Musketiere Kolloredos und Karbonis.
Ein Morast htte beide Heere von einander getrennt. Die ligistischen
Regimenter Reinach und Schnberg wurden von den Dnen im Beginn der
Schlacht zersprengt, darauf folgte ein Angriff des gesamten feindlichen
Heeres, das ber den Morast ging; whrenddessen sei er, Desfours, mit
seiner Kavallerie von Hahausen aufgebrochen, habe sich an Nauen vorbei in
den Rcken der Dnen gemacht und es sei zu einer vlligen Niederlage des
Dnenknigs gekommen. Der feindliche General Fuchs sei gefallen,
Hofmarschall von Rantzau, der Generalkriegskommissar Lohausen, viele
Obersten, darunter Frank und Kourvilla, gefangen genommen; die
Reiterregimenter Hessen und Solms in den Sumpf gejagt. Schlielich seien
von den Dnen an achttausend auf dem Felde liegengeblieben. Das hrte der
aufrechtstehende Herzog mit vlliger Ruhe an, um dann, nachdem er den
zweiten Oberst hinausgeschickt hatte, den Desfour zu fragen, wieviel Tote
er selbst gehabt habe. Der nannte eine hohe Zahl. Verchtlich zuckte der
Herzog mit dem Kopf; nachdem er ein paarmal im Saal hin und her gewandert
war, nahm er ein Kelchglas von der Kredenz, schmetterte es mit einer
grimmigen Verzerrung des Gesichts sich selbst vor die Fe. Den Desfour
schickte er weg, ohne ein Wort der Anerkennung.

Whrend der Herzog ohne Wien zu berhren sein Heer durch Mhren fhrte, in
loser Ordnung, den Sldnern alles gnnend, was das Land bieten konnte,
drngten sich in der kaiserlichen Antikamera Abgesandte der mhrischen
Stnde; baten bei Gottes Barmherzigkeit mit gebogenen Knien und
heiflieenden Zhren, der Kaiser mge ihr Schreien und Flehen erhren, den
Brandschatzungen, Plnderungen, Straenrubereien, Vergewaltigung der
Weiber Einhalt tun. Vertreter der sterreichischen Stnde rangen die Hnde:
man mge Frieden, um Jesu willen jeglichen Frieden machen; sie mten durch
lauter Siege zugrunde gehen. Ein einzelner Mann, fr seine Person
sprechend, bot das am strksten erschtternde Bild der Kriegswirkungen, der
Kardinal Dietrichstein, des Kaisers Gnstling, gelhmt auf den Schreck der
berschwemmung seiner stillen Gter durch Kroaten, in einer Snfte vor den
Kaiser getragen, immer vier einzelne Silben mit Beben des Gesichts
ausstoend. Von den Briefen des bhmischen Gouverneurs Liechtenstein, dem
sein ehemaliger Kumpan, der Friedlnder, einen bsen Streich mit der
Besetzung smtlicher Gter gespielt hatte, von den beleidigten uerungen
des Thronfolgers Ferdinand konnte man nichts vor den Kaiser bringen; dem
Sohn des Herrschers waren trotz Einspruchs Troppau und Jgerndorf besetzt
worden; der Herzog hatte ihm sagen lassen: es kme auf die Monarchie in
Deutschland an; auf nichts sonst.

Eine Versammlung der Jesuiten, eine Provinzialkongregation, fand statt in
dem alten Profohaus. Sie saen, die flachrandigen Krempenhte vor sich auf
den Knien, in einem verrauchten langen Saal, sahen ein holzgeschnittenes
braunes Bild der Maria an, das hinter dem Katheder auf einem Wandpodest
stand. Zehn hohe rote Kerzen unter dem Bild warfen Licht in den Saal. Sie
begrten Wallensteins Vorhaben, seine Erfolge, seine Methode. Sie nannten
ihn stark und gewaltttig. Ein Bersten wird durch den Bau der Feinde gehen.
Er wird ein offenes Feuer anfachen, das Geblk zerfressen. Sechs Rektoren,
die lngst das vierte Gelbde getan hatten, erschienen in Audienz bei
Ferdinand, ihm zu danken fr die Wahl des Herzogs von Friedland und zu
beglckwnschen. Die Trken hat er durch das Grauen seines Heeres, wie
durch das Anheben eines gorgonischen Hauptes, verscheucht, Bethlen hat
verzagen mssen, von Mansfeld ist nichts briggeblieben. Der Herzog kmmert
sich nicht um das irdische Jammern; die Menschheit hat ein bernatrliches
Ziel, das Reich der Kirche mu ausgedehnt werden ber Heiden und Ketzer;
wohl dem, der den Arm und das Schwert dazu leihen kann.

Der Kaiser hrte die Vter ehrerbietig an. Befremdet sprach er zu den
Rten: Wofr danken Sie mir?

In seiner Antikamera versammelte der Kaiser die Herren um sich, seit
Monaten zum erstenmal einer Besprechung beiwohnend. Bequem in seinem
Armsessel neben dem Ofen sitzend, sagte er: Nun sehen die Herren. Und sage
man nicht, da nur von bayrischer Seite uns Schwierigkeiten gemacht werden.
Ich habe meine Pflicht getan. Wir werden sehen, ob es nicht an der Zeit
ist, die Armada heimzuschicken. Eggenberg setzte die Vorteile auseinander,
die die Armada gebracht habe. Harrach, aber auch Trautmannsdorf hielten
nicht mit der uerung zurck, da sie etwas anderes zu hren erwartet
hatten nach Wallensteins Sieg, nach der Befreiung der Sdostfront der
Erblande. Und dennoch hab' ich den Wunsch, fuhr der Kaiser sehr ernst,
ohne eine Miene zu verziehen, fort, meinen lieben Oheim Wallenstein kommen
zu lassen und selber ber die Stcke zu vernehmen, die man ihm nachtrgt.
Die Feldherrn sind verschieden. Ich mchte hren, was er sagt.

Eggenberg erklrte, man werde ihn, sobald er das Heer in die
Winterquartiere gefhrt habe, rufen. Das sei nicht ntig, fand Ferdinand;
das Heer brauche nicht erst in die Quartiere gefhrt werden. Ich will Euch
selbst, mein lieber Eggenberg, schicken, damit Ihr mit ihm beratet und
vernehmt, wes Sinnes er ist. Ich trage ihm kein kriegerisches Migeschick
nach; die Fortuna des Schlachtfeldes ist nicht besser als die Fortuna des
Friedens. Auch habe er, liee ich ihm sagen, am Mansfelder alles wieder ins
Gleiche gebracht. Darum handelt es sich nicht. Sondern darum, da seine von
ihm gefhrte Armada den Namen einer kaiserlichen fhrt, also nach mir sich
benennt. Wie es denn kommt, unter meinen Flaggen, da Reichsstnde zum
Jammern vor mich laufen und wie lange das noch geschehen soll. Krieg,
lchelte Trautmannsdorf. Ist das Euer Ernst, Graf Trautmannsdorf?
Bekmmert blickte der kleine in weie Seide gekleidete Mann auf das
Parkett; nach einer Pause richtete er die Augen auf die gespannt
vorgebeugte Majestt: Vielleicht ist es gut, die Sachen nicht zu ernst zu
nehmen und nicht zu streng anzusehen. Wenn man durch den Regen laufen mu,
wird man na werden. Ach, lieber Trautmannsdorf, ich preise Euch, preise
Euch, da Ihr so denken knnt. Lobet den Heiland dafr, da Euch das
verliehen war. Mir wurde das nicht in die Wiege gegeben. Und wenn es mir in
die Wiege gegeben war, so ist es in dem Augenblick wieder von mir genommen,
wo mir die rmische Krone zu Frankfurt aufgesetzt wurde. Meine Lnder
sollen nicht zu mir kommen, ohne bei mir gndiges Gehr zu finden.

Eggenberg flehte: Die frommen Patres der Jesugesellschaft haben Kenntnis
von allem erhalten, was sich ereignet in Ungarn hat. Die Stnde sind zu
ihnen gekommen aus Mhren, Schlesien. Sie haben sie freundlich empfangen
und verabschiedet. Der Kaiserlichen Majestt dankten sie darauf fr die
Wahl des Herzogs von Friedland.

Die Patres, mein Eggenberg, haben nicht viel gehrt, und als die Stnde zu
ihnen sprachen, haben die Vter nicht an Ungarn Schlesien und Mhren
gedacht, sondern an Gott und die Jungfrau. Ich habe unter den Worten der
Stnde gezittert, als wenn meine Kinder es wren, die geplagt wurden; ich
konnte nicht an Gott denken wie die frommen Mnner, mein Leib ist nicht so
stark, Jesus wird sich meiner erbarmen, ich bin nicht geweiht. Ich mu
meiner niedrigeren Natur Opfer bringen.

Was soll ich der friedlndischen Durchlaucht nahe legen im Namen der
Majestt?

Eggenberg, lieber Freund, Ihr kennt meine Ansicht. Ich bin ihm gndig
zugetan. Er ist im kaiserlichen Dienst, und wir mssen ihn zur
Verantwortung ziehen.

Ja, ihn fragen, wollte Eggenberg am nchsten Morgen zum Abt Anton und
Eggenberg sagen. Da kam ein friedlndischer Kurier mit einem Handbrief des
Generals aus Mhren; er erklrte und bat die Kaiserliche Majestt davon zu
informieren, da er resigniere; er werde die Truppen in die Quartiere
verbringen, damit seine mter niederlegen.

Man kam berein, dem Kaiser, der vielleicht zugriffe, nichts von der
unbegreiflichen Meldung zu sagen; im kalten Schrecken saen sie beim Abt
Anton hin, fanden kein Wort.

Er hat uns in der Zange, hhnte der kleine Graf; nun geht, Eggenberg,
zieht ihn zur Verantwortung.

Kollalto, der weintrinkende Friauler, Prsident des Hofkriegsrats, wurde
aufgesucht, nach seiner Bereitschaft das Feldherrnamt zu bernehmen
sondiert; von ihm kam der Bescheid, da er zu arm fr den Posten sei; er
bat den Frsten Eggenberg mit zum Herzog gehen zu drfen; der Herzog werde
sich vershnen lassen; den Kaiser werde man vershnen knnen.

Nach Bruck an der Leitha gebeten, erwiderte der Herzog erst nach zwei
langen Wochen, er werde sich aufmachen, die freundwilligen Herren zu
begren.

Mit Grauen nherte sich der Frst Eggenberg dem verschneiten Landhuschen,
in dem sie den Friedlnder treffen sollten; schweibedeckt sa er unter den
Pelzen in dem Schlitten; wenn der Herzog starr bliebe, was war zu tun; wenn
er nachgebe, was wrde er fordern? Pltzlich hatte er das Gefhl, dies war
die Rache, die Wallenstein fr die Feindseligkeit bei seiner Erhebung zum
General nahm. Jetzt hatte er den Hof zum zweitenmal beim Kopf; was war dies
fr ein Mensch.

Rot vor Scham stand der Frst an der Stiege; der Sekretr des Generals kam
ihm entgegen, fhrte ihn in ein Vorzimmer. Er sa lange da, dann kam der
Sekretr wieder; er msse klopfen, der Herzog sitze drin. Wie Eggenberg
gegen die Tr schlug, ffnete Wallenstein selber.

Sie saen in dem kleinen warmen teppichbelegten Raum auf Lederbnken sich
gegenber. Der Herzog sagte, ein Wunsch, ihn zurckzuhalten, sei
vergeblich. Er resigniere. Der Frst begriff dies nicht; die Erfolge des
Feldzugs seien augenfllig. Nein, meinte der Herzog, Blicke schieend, er
msse heraus aus dem Labyrinth. Er ertrnke in Schwierigkeiten und Armut,
wenn es so weiter ginge. Tief drckte der Frst den Kopf gegen seine
Zobeljacke; was es mit der Armut sei, man habe ihm keine Schwierigkeiten
bei den notwendigen Kontributionen gemacht. Keuchend stand der lange Herzog
vor ihm, die beiden Augen bis zur Weie aufgerissen, das Kinn vorgeschoben,
die Fuste hoch vor die Brust schttelnd, es brauchte einige Zeit bis er,
zum Entsetzen des Rats, der an Flucht dachte, Worte ausstie: Nach
Ungarn, heulte er mehr als er sprach, haben die Herren mich gejagt, mein
Heer haben sie mir ruiniert. Was nicht verreckt ist, ist mir verhungert; in
ein meineidiges treuloses Land haben sie mich gejagt. Ihr werdet's
bezahlen. Ihr werdet es mir nicht wieder bieten. Sich erhebend, bat
Eggenberg ihn, sich zu beruhigen; er klopfte ihm sanft auf die gekrampften
Hnde. Der Unterkiefer Wallensteins schob sich noch nicht zurck; der
General zitterte am ganzen Leib; er stierte gegen die Schilde und Waffen an
der Wand, keuchte. Er htte sich doch Lorbeeren in diesem Land geholt,
begtigte der Frst, ihn umfassend, gegen die Bank nach rckwrts ziehend.
Unbeweglich sthnte der Herzog: Nach Ungarn. Nach Ungarn. Wieder sagte
der mitleidige Eggenberg, er werde dies Land einmal als Wiege seines Ruhmes
betrachten. Der Herzog rieb sich die Arme, bald den rechten, bald den
linken, rckte von dem Frsten ab, sich auf die Bank niederlassend; finster
murmelnd, sie htten gesiegt, sie in Wien, die Friedhfe in Ungarn
bezeugten es. Pltzlich freier werdend, das strenge Gesicht gegen ihn
gewandt, herrschte der Friedlnder: nun wrden sie, wie sie sich auch
stellten, bezahlen mssen. Wie Eggenberg bekmmert die Hnde hob, schwoll
die Wut in Wallenstein wieder an; er brllte, was sie also dann wagten, ihn
und seine ehrlichen Soldaten zu verderben, um nichts, sie alle zu Bettlern
zu machen.

Man brach ab.

Mittags besuchte der Herzog den kaiserlichen Rat auf seiner Kammer. Er
verharrte bei seiner Resignation: er htte erfahren, da der Graf Rambolt
Kollalto im Hause eingetroffen sei und hier logiere; was das zu bedeuten
habe. Eggenberg, im Bett liegend, gab den Bescheid, Kollalto sei nach ihm
im Augenblick der einzige Kriegssachverstndige, der dem kaiserlichen Hause
nahestnde; wenn seine Liebden der Herzog beharrlich ablehne, sollte sich
Kollalto mit seiner Liebden unterhalten, was zu geschehen habe und ob sie
beide das erzherzogliche und kaiserliche Haus im Stiche lassen wollten,
beide, nachdem Kollalto gleichfalls den Gedanken der Kommandobernahme
abgelehnt hatte. Der General formulierte darauf mit harter Stimme, am
Fenster mit dem Rcken gegen das Bett stehend, seine Bedingungen. Er sei in
der Notwehr und msse sich schtzen. Wiederholte seine Ideen zur
Kriegsfhrung, ausgefhrt, mit dem Verlangen der ausdrcklichen Besttigung
durch den Kaiser. Eine endgltige Antwort lehnte der Frst fr seine Person
ab, versprach, die Bedingungen in Wien zu empfehlen. Der Herzog verlangte
Kriegfhrung im Reiche, Steuern in Bhmen fr Kriegszeit fortlaufend. Mit
siebenzigtausend Mann und siebzig Geschtzen wolle er ins Feld ziehen; das
Reich besoldet die Armee so lange, bis es sich zu einem gerechten Frieden
versteht.

Man schickte nach Kollalto, der Herzog wnschte es selber. Als der beleibte
Mann am Bett Eggenbergs ihm gegenber stand, fragte er, bevor er die Hand
gab: Sind wir Freunde oder Feinde? Kollalto ernst, er hoffe Freunde. Der
Soldat hatte einen andern Blick fr Wallensteins Vorschlge; er uerte
gegen Eggenberg schon nach wenigen Stzen, da dieser Weg zur Zeit der
einzig gangbare sei.

Es war Gewalt mit List, was der Friedlnder vorschlug, ein scheulicher
grauenerregender Plan: entschlossen und ohne Rcksicht sich des Herzens von
Deutschland bemchtigen, mit einer malosen Heeresmacht dort ruhen, die
Vorgnge im Reich bewachen und nicht davon gehen, bis aller Widerstand
erstickt und das Heer bezahlt ist.

Mit eisiger Ruhe, aber wie Eggenberg schien, jeden Augenblick im Begriff in
Wut auszubrechen, erklrte Wallenstein, sich vom Bett entfernend, seine
Arme lang ber einen Tisch pressend und die Zeigefinger ausstreckend und
krmmend, da er seinen Posten niedergelegt habe und ihn nicht wieder
bernehme vor Anerkennung seiner Bedingungen. Das seien seine
Lebensmglichkeiten. Eggenberg wollte die Debatte auf das Verfngliche der
Situation in politischer Hinsicht bringen, der General hielt das
Militrische fest. Mit zwei Worten beleuchtete er nachher noch einmal die
Sachlage: er sei Privatmann und knne sich aus jedem Strick ziehen, er
brauche sich nicht freiwillig in ein Labyrinth zu begeben.

Darauf hatten Kollalto und Eggenberg abends eine Unterhaltung. Da der Ton
Wallensteins unertrglich war, bemerkten sie kaum, der Plan stand im
Vordergrund; auch war Kollalto gedrckt, weil er dem General frher Unrecht
getan habe. Er wolle Prsident des Kriegsrats bleiben, um dem General desto
besser Dienste zu leisten; so hatte er eingebissen. Gegen Eggenbergs
kopfschttelnden Einwand, sie lden sich mit dem Plan das halbe oder ganze
Kurfrstenkolleg auf den Hals, denn die durchlauchtigen Herren wrden die
Grundfesten ihrer Frstenlibertt bedroht sehen, ihre Landeshoheit
geschmlert oder verneint durch die Einlagerung eines solchen Heeres,
setzte er: das Heer mu sehr gro sein. Eggenberg sah, der Militr war von
der Idee eines solchen Heeresmammuts berauscht. Seine Bemerkung, Kurfrsten
Frsten und Stnde wrden in solcher Einlagerung eine gesetzwidrige
Besteuerung durch den Kaiser sehen, welche Besteuerung durch Kollegial und
Reichstagung zuvor bewilligt werden msse, provozierte nur Kollaltos
freudige Wiederholung: das Heer mu sehr gro sein. Und als Eggenberg, der
im Schlafrock an Stcken hin und her durch seine Kammer ging im
Kerzenlicht, fragte, vor dem glcklich sinnierenden andern haltmachend, ob
sie sich denn getrauten, ein solches Heer auf Posto zu bringen, hob er die
Arme wiegend hoch: das sei es ja gerade, das vermchten sie, der Herzog
htte fr jeden Kenner ja bewiesen, was augenblicklich zu leisten sei; es
sei eine Glckslage jetzt, wie sie bald nicht wiederkehre. Drauf und dran;
sie ausntzen, beginnen, nicht zaudern. Eggenberg hielt ihn mit seinen
klaren Augen fest: wer dem Kaiser so rt, msse auch wissen, da er das
Haus Habsburg aufs uerste gefhrden knne. So sollte, lachte Kollalto,
der Frst noch Karaffa, Liechtenstein, wen er wolle, befragen.

Eggenberg hielt es fr gut, am nchsten Morgen vor der Abreise dem General
seine Zustimmung zu versichern; den genauen Bescheid der Majestt wrde ihm
nach Prag ein eigener Bote berbringen. Kollalto schied in voller
Vershnung vom Herzog.

Als Eggenberg in der goldblitzenden Antikamera des Kaisers stand, erinnerte
er sich erst, da er nach Bruck gefahren war in den Schnee, um den
Friedlnder zu warnen vor weiterer harter Kriegfhrung; kein Wort davon war
gefallen. Der Kaiser fragte streng, was der Herzog geantwortet habe.
Nichts, als da ich Eurer Majestt berichten sollte, da die Kriegfhrung
mit Hrten verbunden sei, auch mit Klagen uneinsichtiger Menschen.

Der grausame Mensch. Der Barbar. Der Kaiser nahm von seinem Tisch eine
Rolle, las die Eingabe der mhrischen Stnde vor. Also das ist nicht
zufllig und als Exze begegnet, das war nicht unvermeidbar, das hat mein
Oheim, der Herzog, mit Plan getan und geleistet. Eggenberg, lieber, er
schttelte den Frsten an der Schulter, ich habe gehrt, da Ihr nichts
mit dem verrufenen Mann zu tun haben wollt. Ihr selbst habt mir nicht
zuraten knnen. Das ist ein Christ, ein Katholik, er hat zu seinem Heiligen
gebetet, whrend ihm dies geschehen ist, nein, whrend er dies getan hat.
Seine Lippen bebten. Majestt sind Rmischer Kaiser, viele Untaten
geschehen im Reiche; man kann nicht alles hindern. Das ist nicht mein
Geschft, Eggenberg. Nie und nimmer. Ich weigere mich, ich wehre mich
dagegen. Es ist roh, es ist unnatrlich, es ist die planmige Vernichtung
ganzer Leben, ganzer Landschaften, die Gott geschaffen hat. Nach einigem
Atmen fuhr er fort: Und wozu? Um den Bastard Mansfeld zu beseitigen. Oder
-- mein Haus zu erhalten. Leise der Frst: Gewi mchte jetzt wohl jeder
Euch anbeten, Kaiserliche Majestt. Eure Frmmigkeit ist kein bloes
Lippenspiel; es werden nicht viele deutsche Frsten wie Ihr sein. Nur: wie
werdet Ihr den Thron behaupten knnen? Wie wollt Ihr das? Ihr seid der
Meinung, Eggenberg, solche Untaten sollen noch fter in meinem Namen
geschehen? Eggenberg ballte hinter seinem Rcken die Hnde, zwang sich zu
sprechen: Ich meine, es wird hnliches fter geschehen mssen. Ferdinand
von seinem Ton getroffen, musterte ihn scharf; rauh forderte er ihn auf zu
sprechen. Leise meinte der Frst: der General htte sich dahin geuert,
solche menschlich beklagenswerten Mngel der Kriegfhrung seien in hchstem
Mae erwnscht; der Herzog habe mehr oder weniger deutlich abgelehnt, hier
von Schattenseiten oder Mngeln der Kriegfhrung zu sprechen; vielleicht
fr die frheren treffe das zu. Er setze aber dies Unglck in seine
Rechnung. Er hielte es sogar im Augenblick fr ntig, ein groes Heer in
die blhenden reichsten Gegenden des Reiches zu werfen; das Heer solle
erstickend auf dem Lande liegen; die feindlichen Bewegungen im Reich
beobachten, bis sich nichts mehr rege und man nur den Wunsch habe, das Heer
zu entfernen.

Starr blickte der Kaiser den Rat an, dann lachte er krampfhaft; so htte
man also eine leichte Handhabe, diesen verrckten General wegzuschicken.
Darum, verneigte sich der Frst, habe der General gebeten. Gut, schrie
Ferdinand, gut, und knirschte in Emprung mit den Zhnen, so ist ja
allen geholfen. Als Eggenberg sich das Kinn rieb, sah ihn Ferdinand an:
Das Dekret der Entlassung wird fertiggestellt werden, wenn die Majestt es
befiehlt. Ich bitte darum. Wir werden nicht wissen, woher wir den
General und die Truppen entlohnen sollen. Wir brauchen ein Heer. Majestt,
es kann nicht daran gezweifelt werden, da wir ein Heer brauchen. Euer
Liebden ist sonst nicht unklar. Wollt Euch nur deutlich ausdrcken: ich
soll mich diesem Verbrecher unterwerfen? Es ist ein furchtbarer Mensch.
Graf Kollalto setzt sich fr ihn ein. Sprecht noch einmal. Vor den
drohenden fassungslosen Kaiser wurde Graf Kollalto befohlen.

In dieser Unterhaltung sthnte der Kaiser mehrmals: Um des Heilands willen
schafft den Bhmen weg. Rotwangig, mit kurzem weien Knebelbart,
kurzstmmig stand der Friauler vor ihm, in hohen Beinstrmpfen, strenger
spanischer Tracht; man solle dem Bhmen vertrauen, er verstnde den Geist
des Augenblicks. Er wurde, als er die Erregung des Kaisers und die
unsichere, verdchtige Haltung Eggenbergs bemerkte, dringender,
Wallensteins Ideen seien eine entschlossene Tat. Und dann schmetterten
Ferdinand um die Ohren die Worte: Der Rmische Kaiser, das Heer, der
Kaiser, das Heer. Es fiel kein Wort von den Mhren, Schlesiern.
Halbbetubt hrte Ferdinand den Mann an, der seit Gradiska sein Vertrauen
besa.

Der Saal war klein, die Wand schulterhoch mit brauner Verschalung
bekleidet, an der blauen Decke rangen riesenleibige Dmonen mit Armen,
Balken, Bergen gegeneinander, spien einen sthlernen Kronleuchter gegen den
Boden, stieen hlzerne Sulenblcke auf das Parkett. So herrisch trat
Kollalto mit seinen Worten auf, so ernst stand Eggenberg, einen Daumen am
silbernen Grtel, neben ihm, da Ferdinand pltzlich eine Unsicherheit, ja
Scham befiel, da er gegen ein sonniges spitzbogiges Fenster zurcktreten
mute. Wir knnen siegen, klang das rastlose Triumphgeschrei Kollaltos.
Habsburg wird die Feinde im Reich unterwerfen. Ferdinand beendete die
Audienz; er war in Furcht untergetaucht.

Die Kerzen brannten an dem Kronleuchter, auf einem Podium spielte die
Hofmusik, die Tr zu einer Nachbarkammer war weit geffnet, drin sa im
prchtigen, eng verschnrten Rock vor einem rostbraunen Gobelin auf der
langen Polsterbank der Kaiser, bckte sich ber sein Knie. In tiefer
Erschtterung fragte er den Frsten Eggenberg, lie sich wiederholen. Der
ungeheure Gedanke warf ihn um, wie er Kollalto umgeworfen hatte. Die
habsburgischen Knigreiche und Lnder sind zu schtzen, indem man den Krieg
von ihnen fernhlt, das Reich ist zu einem gerechten und vernnftigen
Frieden zu zwingen, das Reich mu wissen, da es die Heere des Kaisers so
lange zu besolden hat, bis die Waffen niedergelegt sind. fter wollte
Ferdinand in einer aufsteigenden Trostlosigkeit, einer ihn durchirrenden
dumpfen Verzweiflung bitten, man mchte von diesen Reden lassen, er sei der
Schtzer, der Mehrer des Reichs, dann trompetete es: Der Rmische Kaiser,
die Herrschaft ber das Reich, der gerechte Friede, er legte den
Degengriff an seinen Mund, fhlte die Khle.

Und dann, gerade wie der Frst eine Pause machte und drin heimlich und
sanft die ersten Stimmen eines Kanons von Geigen vorgesungen wurden,
strzte, sauste urpltzlich der Gedanke Bayern ber ihn, als wenn ihn die
Riesen geworfen htten, die an der Decke nicht gehalten wurden,
beinbewegend ihn mit den platten Fusohlen betrampelnd.

Ein leises Quietschen steckte in seinem Kehlkopf und kam nicht hher.
Bayern: er japste ringend unten weg. Sie hielten ihn. Der Frst Eggenberg,
purpurne Schrpe, blaue Strmpfe, purpurne Kniebnder. Oben jubelte es,
knallte: Sieg, Sieg, der Kaiser, das Heilige Reich. Er duckte sich aus
seiner Hhle, verschmt, beschmutzt, platt hingedrckt, migestaltig,
blinzelte. Oben jubelte es, aus der khlen, weinseligen Stimme Eggenbergs,
zu den zierlichen, schreitenden Takten des Kanons: Habsburg, Sieg,
Wallenstein. Herr, fhre mich nicht in Versuchung!

Und wie die verzckte Angst, der wste Taumel sich mit einem langen Ruck
durch ihn gestreckt hatte, war im Moment, wo er einen rotgeschwollenen Kopf
an den Gobelin legte, alles verschwunden, verrauscht, hatte ihn
sitzenlassen wirr in Fieber, Pein; eine nicht scharf erkenntliche,
halbschattenhafte wilde Jagd raste durch seinen Krper, er litt es, es
schwang hin und her, schwang, seine Muskeln bebten mit. Er setzte sich,
whrend der Rat von der Kriegslage nach der Schlacht am Barenberge sprach,
halb seitlich abgewandt, hatte das Gesicht mit der brillantgeschmckten
Hand beschattet. Dann zwang ihn etwas aufstehend nach der Mantuanerin zu
schicken.

Als sie kam, verlangte er nichts. Er lie sie nur neben sich setzen,
blickte zu der Tr hin, wo die beiden schwarzen Figuren, zwei Damen, zur
Musik lange Fcher am Handgelenk schaukelten. Er war von einer tiefen Scham
erfllt, er mochte nicht denken, sein Inneres war ein heies zittriges
Rhrmichnichtan.

Er fragte pltzlich, wie des Herzogs von Friedland Liebden, sein Oheim,
ausshe. -- Es sei der lange hagere Mann mit kurzgeschorenem Haar. -- Der
Kaiser zuckte mit der linken Hand; genug. -- Eggenberg verneigte sich: ob
Wallenstein zur Audienz befohlen werde. -- Nein. --

Als die Tr hinter dem Frsten fiel, drin alles still geworden war, die
Mantuanerin sanft und scheu ihm Konfekt bot, fragte er: Ist er hinaus?
Sie wollte, die Silberschale auf den Wandbord stellend, wissen, ob es
schlimm sei, was der Geheimrat gemeldet habe. Er bi sich den Schnurrbart,
stie ein Lachen aus, das ihm gelang, elastisch aufstehend ging er herum
ber den blauen weichen Teppich zu dem silbernen Delphin an einem Pfeiler
der Fensterwand, der Wasser in ein Kupferbecken sprudelte: Es ist nicht
schlimm. Es ist schwer fr mich. Es hat etwas -- Unertragbares fr mich. Zu
viel, Eleonore. Die Damen, halbabseits an der Tr, hielten die Fcher
geffnet, geduckt, die Gesichter verborgen. Er setzte sich am Becken neben
sie: Mein Heiland, wie gut, da ich dich habe. Ich bin ein alter Mann.
Seine Schultern zitterten. Und jetzt drang es durch die Kehle, er
schluchzte tonvoll, weinte gegen den Delphin gedreht, hrte sich klagen.
Seine Brust schnrte sich in Krmpfen zusammen, leidend, mit einer
verschwimmenden Lust, folgte er den schlagenden Bewegungen seines Krpers;
wie konnte er sich ergehen. Diese Flle, diese ffnung. Er dachte von fern
an die vergangenen Jahre und was jetzt auf ihn gelegt war. Was hatte er
verbrochen. Dicht hinter der Stirn, bandartig um die Augen, rings um den
Kopf war ihm sanft schwindlig. Eleonore brach in Trnen aus. Ihren nackten
rechten Arm legte sie ber den Rand des Beckens, das Wasser unten verzerrte
ihr hergebeugtes zusammengezogenes Gesicht; sie frchtete, die Damen
mchten sie sehen, denen sie versprochen hatte, nicht mehr zu weinen.

Er bat abwinkend, nicht zu fragen. Und blieb dabei, sie zu kssen und
fiebernd zu drcken.

Wie sonderbar aber, da, als er in der Nacht einschlief, immer wieder in
ihm der Gedanke wiederkehrte, da er sich an Wallenstein rchen wrde.
Immer wieder zog an seinen Augen vorbei, da er sich Genugtuung von ihm
holen wrde. Der Gedanke beruhigte, sttigte ihn. Mit Zhneknirschen
wiederholte er ihn, ohne ihn zu verstehen. Der Gedanke gab seiner
schnaufenden Atmung Ruhe, lie ihn in den traumlosen Schlaf fallen.

                   *       *       *       *       *

Eggenberg gab auf die Frage des stierblickenden geknechteten Ferdinand
zurck: man msse den General halten. Das waren die, die ihm einmal einen
Dolch auf die Brust gesetzt hatten. Er war matt, wollte nicht mit ihnen
kmpfen.

Er sah voraus, da er werde viel Wein trinken mssen. Entsetzt dachte er:
nicht wieder im Keller, nicht wieder mit dem Zwerge.

Er fragte: was Lamormain meine.

-- Die heilige Kirche und das Haus Habsburg htten gemeinsame Interessen.
-- Erwischt den Herrn Lamormain, jauchzte es einen Augenblick in ihm; pfui,
pfui, der Menschen. Aber er wurde zurckgescheucht von den ernsten stummen
vergewaltigenden Mienen der andern. Er duckte sich, die Unsicherheit in ihm
verwirrte verschlang alles. Der Kaiser schlo den Mund.

Den Abgesandten der mhrischen und schlesischen Stnde, die sich in Wien
aufhielten, wurde die Teilnahme des Kaisers fr ihre Leiden ausgesprochen;
der Kaiser lehnte ab, sie noch einmal zu empfangen; er wies bedauernd auf
die Schattenseiten der Kriegsfhrung im allgemeinen, da sein General
gehalten sei, strenge Zucht zu ben; sie mchten nicht die Staatsraison aus
den Augen lassen.

In seinem Palast auf dem Hradschin empfing Wallenstein den Erla, der ihm
den Dank des Kaisers fr seine erwiesene Vorsicht und Tatkraft aussprach,
dem Vertrauen Ausdruck gab, da seine Liebden im kommenden Jahr eine starke
wohlausgestattete Armada aus den Winterquartieren gegen die furchtbar
rstenden beltter und Friedensbrecher fhren werde.

                   *       *       *       *       *

Auf die Niederlage des Mansfelders antwortete England, seinen Knig
zwingend, mit einem Vertrage mit den Generalstaaten; es erklrte unter
keinen Umstnden die Sache des Kurfrsten von der Pfalz und des Schutzes
seines Rechtes aufgeben zu wollen, ferner nicht tatenlos der vom deutschen
Kaiserhaus und Spanien mit ungeheurer Macht geplanten Ausrottung der
Gewissensfreiheit zuzusehen. Es schlo mit den Niederlanden ein Bndnis
gegen Spanien. Wie der Winter vorrckte und ungeheure Gerchte von
habsburgischen Rstungen herberdrangen, wurde auch der stolze englische
Knig tief unruhig; es bedurfte nicht des Zudrngens des Parlaments, um ihn
zu bewegen. Die Lords Buckingham Kensington Dudley Koxleton wurden bestimmt
nach dem Haag zu gehen. Kamerarius, der Resident des Pflzers, empfing sie
melancholisch; der Mansfelder sei tot, Bethlen Gabor verschwunden; was
solle er von Deutschland sagen -- es sei dahin, dahin. Die Englnder aber,
begleitet von dem tapferen kleinen Johann Joachim von Rudorf, hielten die
Nacken steif; sie fhrten in Kisten mit sich dreihunderttausend Pfund
Sterling in Goldplatten und Edelsteinen. Von Frankreich erschienen
Gesandte; auf den Straen von Haag ritten neben den mageren Englndern mit
den strengen braunen Gewndern, den hohen steifen Filzhten, die
lockenwallenden Franzosen, die freien feinen Gesichter, in losen fliegenden
Kleidern, farbenstrahlend, von Hunden umtanzt. Ihre Berichterstatter und
Sendboten saen in Straburg Ulm Nrnberg. Konnetabel Lesdighieres und
Marquis Vieuvillier erklrten sich bereit, Subsidien an den Dnen und die
Generalstaaten zu zahlen; sechshunderttausend Louis an Christian, eine
Million franzsische Pfund an Holland. Freudig schwuren die Hollnder,
keinen Frieden mit Spanien schlieen zu wollen ohne Frankreich.
Brandenburgische Heere trafen ein; und pltzlich tauchten in schwarzer
Attila ungarische Magnaten auf, runde Pelzmtzen mit Agraffen auf dem Kopf,
heftige schwarzugige Herren, reich, mit lauter Stimme, die ihre
protestantische Freiheit gegen das verschlingende Habsburg verteidigen
wollten; riefen aus, wie bitter es Wallenstein ergangen sei und wie sie
sich geweigert htten, ihm Zuzug zu leisten. Die englische Delegation
erhielt Briefe vom edlen Herrn Mark Antonio Padavin, dem Vertreter der
venetianischen Signoria am Kaiserhof; er habe Auftrag, Vorschlge zu
vermitteln nach Venedig ber die von seiner Republik zu leistende
Untersttzung; der tapfere geliebte Mansfelder sei tot, die dnische
Majestt habe eine Schlappe erlitten; sie wollten mit Hilfe nicht
zurckstehen. Aus diesen Briefen erfuhr man, da der Bassa von Ofen und der
Grotrke selber aufs strkste gegen Habsburg zu rsten begonnen htten;
man vertraue auf Bethlen Gabor.

Und wie vor Weihnachten die frohen Nachrichten sich huften, fand ein
feierlicher Kirchgang statt: hinter samtgekleideten Pagen und feinen
Marschllen ging zu Fu durch die strenge Luft der besiegte Pflzer
Friedrich, barhuptig, die hellblonden gesalbten Locken neben den vollen
bllichen Wangen ber den offenen Hals spielend, in blauem bauschigen
Wams, ber dem goldenen breiten Wehrgehenk leicht zusammengesunken; seine
blauen Augen blickten trumerisch leer. Elisabeth lchelte aus ihrem naiven
Gesicht sonnig nach allen Seiten; die Gesandten ihres Bruders gingen hinter
ihr, sie machte heftige ungeduldige Schritte in ihren goldenen Schuhen; ihr
wei gepudertes Haar erhob sich steif in Etagen ber dem roten strotzenden
Gesicht; in einem weiten grnen Kleid quoll ihr froher Leib; sie drckte
die wei bekleideten Hnde geballt vor die Brust.

Die Generalstaaten, England, Ungarn, Frankreich, Brandenburger, saen mit
ihnen auf den Bnken vor dem masthohen Kreuz mit dem hngenden
leinenbekleideten Heiland, hrten in dem hellen ungeheizten Raum die
Predigt an ber das Wort: Und du, Kapernaum, bist du nicht in den Himmel
erhoben? Du wirst in die Hlle hinuntergestoen werden. Nicht von der
Stelle zu rcken, gelobten sie, bis Habsburg, der deutsche Kaiser und
Spanien, geschlagen und vernichtet sei; sie htten unermeliche Zeit und
wrden Gottes Mhlen gut mahlen lassen. Dahin ist es gekommen mit
Deutschland, erklrten sie, da fremde Herrscher zur berwachung und
Anordnung seiner inneren Angelegenheiten berufen sind. Der Bund ist gegen
Habsburg geschlossen wegen Bruchs des Rechtsfriedens, Verletzung der
Reichsverfassung, der beschworenen Wahlkapitulation des Kaisers. Es ist
dahin gekommen, da ein hochgeborener deutscher Frst, gechtet, vogelfrei
erklrt ohne Gericht, bei fremden Nationen hat Schutz suchen mssen. Da den
benachbarten Staaten an Erhaltung des Friedens, der Verfassung und
beschworenen Wahlkapitulation gelegen ist, sehen sie sich gezwungen, den
rasenden unertrglichen Lauf dieser bsen Absichten und Unterdrckungen
durch Aufrechterhaltung der Reichsfreiheit zu hemmen, dem unverkennbaren
Ruin entgegenzutreten.

Der Dnenknig trieb seine Werbungen auf dreiigtausend Mann zu Fu und
achttausend Reiter; zu Hamburg erlegte England monatlich dreihunderttausend
Gulden; achtzigtausend zahlten die Generalstaaten. Aus Venedig trat Graf
Heinrich Matthias Thurn, der Bhme, der Hauptrebell, capo di guerra, in
dnische Dienste. Fnf englisch-schottische Regimenter setzten unter Karl
Morgan ber den schumenden Kanal, drei Regimenter Schotten lieen sich von
Christian anwerben. Graf Ludwig von Montgommery trieb viertausend Franzosen
im Marsch nach Norden. Ein schwedischer Gesandter erschien, der Knig
Gustav Adolf versicherte den Bund seiner Sympathie; er stnde noch in Polen
in Kmpfen; man mge ihm Zeit lassen, er wrde rechtzeitig kommen.

                   *       *       *       *       *

Auf die Werbungen der Obersten waren von Wallenstein vorzustrecken zwischen
sechshunderttausend und eine Million Gulden. Whrend der Unglckstage in
Ungarn waren von eigenen meuternden Truppen der Feldzeugmeister Graf
Schlick und del Maestro gefangen an Bethlen Gabor abgegeben worden; ihre
Auslsung erforderte hunderttausend Reichstaler. Die Ausarbeitung eines
Verpflegungssatzes fr die einzulagernden Truppen bernahm der Serbe
Michna, der hndisch am Herzog hing; jeder einquartierten Kompagnie waren
zunchst seitens der Bevlkerung siebenhundert Gulden zum Unterhalt zu
reichen. De Witte spannte seine Einbildungskraft und Energie an, ntzte
seine Beziehungen zu Bassewi aus, an die reichen Geldquellen der
portugiesischen Juden in Hamburg heranzukommen; die Herren Fernando Cardosi
und Henriko Rodrigez wurden gewonnen; sie beherrschten den Handel mit
ostindischem Kattun Gewrzen Rohrzucker, hatten die Hamburger Bank
begrndet; auch der junge Diego Taxaira wurde sondiert. Indem sie Geld auf
den Namen de Wittes Bassewis und des reichen Friedlnders hergaben, drangen
sie darauf, da das Unternehmen auf die grte und sicherste Basis gestellt
werde; de Witte wies darauf hin, da er, Michna und der Herzog persnlich
mit ganzem Hab und Gut beteiligt wren.

Von Prag wurde das Gercht ausgesprengt, es ginge auf das Reich zu, man
werde plndern wie nie. Um die Galgen herum schlichen die Werber, in die
Wunderhfe der Bettler; lieen Regimentsspiel erklingen, stellten sich vor
die Zunftstuben, Gesellenhuser. Es gab niemand, der zu schwach war, und
niemand, der verworfen war. ber die verschneiten Felder fegten sie, hoben
Lebensmde hinter Gartenhecken auf, sphten an Flulufen entlang. Sie
mieteten sich Gauklertruppen, um Menschen anzulocken, Quacksalber Feldscher
Handleser liefen neben ihnen. Sie erzhlten von Wunderdingen, die sich
begeben sollten im kommenden Frhling und Sommer, der deutsche Kaiser ziehe
aus Wien mit erstickender Macht gegen die Niedersachsen, Dnen; Wallenstein
sei sein Feldherr, der halb Bhmen besitze und geschworen htte, sie
sollten ihm nicht entgehen oder er wolle in die Hlle fahren. Die Kranken,
dienstlosen Sldner, Bettler rafften sich aus den Gassen, von den
Kirchhfen auf, lieen ihre Krcken und Schnappscke liegen, der finsteren
Verstumpfung, dem Gram entrissen. Wilder sprangen sie vor der Trommel, sie
waren die Herren, Totschlag und Diebstahl haschten vergeblich nach ihnen,
es gab Ehren; entwischt waren sie, es gab Fahnen und wilde Federn, Pferde,
Frulein, Wrfel, Wein, Fra, Musik. Brger und Bauern muten verbleichen;
konnten ihre Gter taxieren; die Sldner taxierten noch einmal. Mit Grauen
sahen die Drfer die Scharen von den Musterpltzen kommen, fahnenschwingend
klimpernd singend sbelgegrtet buntfedrig, herrliches Geld in dem Sckel.
Der rmische Kaiser rief auf. Wie sie tosten, als gute Brder taten. Da
den Bauernburschen die Herzen gegen die Rippen hmmerten, Vikar und Diakon
sich erbarmten; hinaus: auf ein Jahr, nur ein Jahr. Viele Nester leer,
Sensen ohne Hnde, alte Mnner an den Pflgen, Krieg. Wie ein heftiger
Wind, der die Bume schttelt, reife Frchte abnimmt, hinwirft vor die Fe
zum Mitnehmen. Trbe Ehen wurden zerschlagen, die Mnner nahmen die Pike
und Muskete, fhlten sich frei vor dem Tod. Die Tren der Frauenhuser
wurden erbrochen, die Weiber strmten den Sammelpltzen zu, wo die Mannheit
auf die groe Wanderschaft ging, heute alles, morgen nichts, bermorgen
verfault. Mit Erschtterung drang der Trommelschlag an die Herzen der
Studenten, in den Bursen, Stiften; ber die Folianten blickten sie weg an
die Fenster, ihre Lauten und Flten lieen sie liegen, schlichen nicht aus
den Winkeln, waren nicht lustig, nicht traurig, wagten sich nicht hervor an
die eisigkhle klangdurchtobte farbenschwingende Luft; bis sie die Hnde an
die Ohren schlugen, wild an den Husern der Lehrer und der Liebsten
vorbeirannten, davon; tonlos vor dem Werbekorporal, bla: Da bin ich. Die
Mnche in den Klstern auf dem flachen Lande horchten auf, senkten betend
ihre Kpfe tiefer; drauen vor den Gittern standen die lteren Brder und
Oberen sorgenvoll, die Zge schwrmten trotzig und lachend, windgetragen,
vorbei; durch die vollen Speicher Scheunen Stlle gingen die Mnche, sahen
stumm im Refektorium die kostbaren Kelche Bilder, verriegelten die Gitter,
beteten um den Segen Gottes.

Wallensteins Werber ritten nach Polen, Kosaken aufzubieten; in Wallonien
brachen sie ein, in Lothringen, sein Geld flo nach Ungarn Kroatien
Dalmatien, ri die Menschen zum Wrfelspiel nach Deutschland gewaltsam,
massenhaft. Er lockte die Zusammenbrechenden aus Bhmens Not her; die
Werber stachelten: Was jammert Ihr. Ihr werdet's nicht ndern! Seid
Herren, rasch, rasch, Herren, mit der Pike und Muskete! Sthnend folgte
ihnen, was den Jammer satt hatte, verfluchte sein Schicksal, seine Heimat;
mit hineingerissen in ein finster freudiges niederbrechendes Ungewitter;
ihre Fe schwangen. Wollten abrechnen; Deutschland war da; abrechnen, da
kein Trpfchen Fett auf der Milch schwamm.

In den Kirchen fingen die Priester fr Wallenstein zu werben an. Auf die
protestierenden Zyklopen und Pelagier ging es, auf die Epikurer,
Beschtzer der Sue, die Kalvinisten, Blutsufer, Herrgottsfresser. Was
wollen sie mit dem Evangelium des Markus Lukas Matthus Johannes? Den
Heiland und sein Werk in Grund und Boden kritisieren, spintisieren,
destillieren, die Quacksalber am Leib unserer heiligen Kirche. Das
Evangelium ist zh, frisch, ledern, fr berscharfe spitze Zhne; die
Kirche lt es Euch gut abhngen, da es mrbe wird, gibt's in den
Rauchfang, stellt sich als gute Metzgerin dazu, hackt Euch heraus, was gut
schmeckt und nhrt; immer kochen wir Euch ein Sppchen, schmoren, braten,
da Euch der Magen sich wlzt. Seht hin auf die Lutheraner und Kalvinisten;
sie gehen herum mit herben sauren Mienen; der Darm ist ihnen berlastet,
sie knnen's nicht verdauen und lassen doch nicht davon. Ich will Euch
purgieren, liebe Seelen, da Ihr alle keine schmhliche Not leidet. Wer auf
Erden hat das beste Himmelreich, der Lutheraner und Ketzer oder der
Katholik? Nun ist es ja schon unglaublich, da Ketzer ein besseres
Himmelreich haben sollen als fromme Katholiken. Wer sagt berhaupt, da
Ketzer in den Himmel kommen, wo doch die Hlle ihnen besser ansteht? Aber
nehmen wir an, gesetzt wir tten's, sie seien Christenmenschen, die
unwissentlich sndigen. Sie haben noch nicht geschleckt an unsern
Zuckerwaren, ihnen ist das Manna noch nicht ins Maul geloffen, das uns
tglich so herzlich befriedigt, bei jeglicher Jahreszeit und Witterung;
sobald wir nur die Augen aufreien, fngt das Manna an zu flieen, ein
unbeschreiblicher, erschreckender berflu -- nur jenen Elenden nicht, die
zu faul sind, sich in ihren Betten wlzen und unser gottgeflliges
Frhluten gar als Strung ihrer lsterlichen Ruhe betrachten. So also,
sage ich, ist diesen unwissentlichen Sndern entweder das Fegefeuer oder
bestenfalls ein Vorraum zum Paradies bereitet. Geduldet werden sie,
vielleicht nicht sehr geplagt, Behaglichkeit, etwas flauer Spa ist alles,
was ihnen gelegentlich, sonntglich blht. Das also wre so der Fall, wenn
es so wre, wie es sollte und sie unwissentlich sndigten. Aber es ist
gesorgt dafr, da der Andrang im Vorraum nicht gar zu gro ist. Aus allen
Stnden hat der Heiland und Herr Menschen berufen, um Raum zu schaffen. Sie
haben sich nicht gescheut, die frommen Mnner und echten Papisten, die
Fahnenschwinger und Kreuzestrger, die Snder und ihr schmutziges,
struppiges Fell anzupacken. Sie sind es, die die Snde wissentlich machen.
Jetzt geht ein Jubel durch die Welt; es ist zu Ende mit dem lauen Zupacken,
ja einen Sto kriegen sie von rckwrts ins Stei, der sagt: aufgepat! Aus
Gnade und Mildttigkeit tuen sie so die wahren Papisten, damit das Zittern
und Zhneschnarren ber die verdammlichen Lutherbuben komme, da die Reue
sie zusammenpret und wie erbrmliche lcherliche Klmpchen in den
Richtstuhl und Beichtstuhl treibt, flehend, man mchte sie aufheben, ihnen
das Paradies ffnen. Und wahrlich, genug berwindung gehrt dazu, sie
aufzuheben. Jetzt ist nicht mehr Zeit, vom protestantischen Himmelreich zu
sprechen. Der Satan ist informiert; er hat Auftrag, grimmig fr Vorrat zu
sorgen an Knechten Messern Kbeln Bottichen Holz Blaseblgen, auf lose
Backen nicht zu vergessen, krftige Fuste, die Snder anzupacken und hin
und her zu schleudern, Eisen und Haken, das Feuer zu schren.

Die Bcke laufen herum, nicht jene, auf denen Satanas und die Hexen reiten,
sondern andere, heilsam, die die Snder auf die Hrner packen, spieen,
sich durch die Luft zuwerfen und so sich die Zeit vertreiben mit Ballspiel.
Fr die Stolzen und bermtigen springen drre Affen herum, die sich
anklammern an ihre Rcke und Wmser von hinten, mit beiden Hnden ihnen
unter die Achseln greifen, mit den Beinen vorn ber den Bauch, und nun
kitzeln, kitzeln, da sie lachen. Ja, jetzt knnen sie lachen, brllen,
sich winden, da sie blau werden und bersten. Und vor ihnen steht ein
Teufel, schlgt ihnen ins Maul, schreit: Ruhe! hlt dem Affen einen Krug
hin, damit er nicht verdrstet. Was ist das fr ein Gelchter in der Hlle!
Frwahr ein anderes als das sanfte melodische in unserm Himmelreich. Ein
Tier ist da und kriecht herum, dessen Bauch an hundert Quadratmeilen mit.
Seine Schnauze ist die eines Hundes, sein Leib wei und fett wie eines
Schweines, seine Fe grn mit knotigen kolbigen Zehen wie ein Frosch. Es
sitzt da, das Untier, in einer Ecke und immer, wenn die Hlle vor ihm recht
dick voll ist, bckt es sich mit einem knallenden Schnalzer, schluckt
hundert Verdammte, lt sie in Schlund und Magen herumwirbeln, da whlen
sie in Sudel, Wust, Lauge, dann wrgt er sie wieder aus, holt die hundert
wieder und noch zehn-, zwanzigmal, bis er satt ist, und speit sie dann auf
einen Patzen hin. So splt sich das Tier den Rachen, schnappt zum Rest mit
den warzigen lappigen Lippen die hundert an den Fen, schleudert sie im
Kreis, bis sie trocken sind, dann lt es sie los.

Soll ich Euch von den Teufelsschlossern erzhlen, die die Menschen
schmieden, als wenn sie Schmiedeeisen wren, von den Tischlern, die die
leibhaftigen Menschen zersgen und sich Sthle und Schemel aus ihnen
machen, um sich darauf zu setzen bei ihren Untaten. Da mte ja der Christ
ein Narr sein, der derartiges erdulden wollte aus purer Halsstarrigkeit.
Aber dumm sind meine Lutheraner nicht, sie sind mit vielen Wassern
gewaschen und mit den meisten die unter ihnen, die sich Gelehrte,
Prdikanten schelten und fromme Seelen verlocken. Fr sie ist eine
besondere Strafe erfunden, damit sie, die im irdischen Leben etwas
Besonderes waren, sich auch dort dessen rhmen knnen. Da hngen so
zierliche Seilchen von der Decke der Hlle herunter, versteht Ihr recht,
Seilchen, nicht viele, denn gar so viele sind nicht so schlimm. Nicht gut
kann man die Seilchen sehen, denn ein Dunst, ein Nebel, ein Wrasen wie aus
einem Kochtopf steigt immer von unten auf. Und wenn die Teufel nun so einen
erwischt haben, so eine abgelebte alte Prdikantenmigeburt, die vermeinte,
flugs und unversehens in den paradiesischen Vorraum zu schlpfen, so heben
sie ihn sacht auf ein bequemes Schemelchen, binden ihn an zwei Seilchen,
ziehen ihn hoch und lassen nun den Wrasen gehen, verkleben ihm auch schn
die Ohren mit Pech. Und tglich kommt zu einer Stunde ein Teufel, nimmt ihm
das Pech aus den Ohren heraus und tut mit ihm disputieren, damit sein hoher
Witz sich gar nicht abstumpft. Das scheint Euch nichts? Oh, oh! Das lebt,
das sieht nichts, das hrt nichts. Vom Dampf verschrumpfeln sie wie pfel,
sie sitzen den ganzen Tag in der warmen Nsse wie Waschfrauen, tropfen,
ziehen keinen Zug gute Luft und werden nicht trocken. Mgen sie sich
umgucken, mgen sie in den Rauch hineinschnappen, ob's nicht wo was zu
sehen gebe: ist nichts zu sehen. Sie tropfen, verschrumpfeln, verfaulen in
langer Weile. Nur eine Nadel steckt in der Rcklehne des Schemels, die
bohrt sich in ihre Rcken, wenn sie einschlafen wollen. Mchten nur recht
viel von ihnen kommen, wren die geplagten Teufel froh genug und htten
ihre Ergtzlichkeit. Wie sie sich drehen auf ihren Schemeln, mchtet Ihr
sehen, wie sie rasen, nicht trocken werden, den Dampf wegblasen wollen und
unten kochen sie immer weiter, wie sie schumen gleich den wtenden Ebern,
wie sie sich anfallen in der Einsamkeit da oben an den beiden Seilchen
schwebend an der Decke der Hlle, sich die Knchel zerbeien, sich gern
umbrchten, wenn sie nur knnten. Da ist nichts in ihnen als Schumen und
Rache, Geschrei, Gewein, bis sie mde werden, und wenn sie wieder frisch
sind, dann sehen sie wieder nur sich und es ist nichts.

In den neuglubigen Landkreisen lieen die Werber die Parole deutscher
Kaiser gehen, mit Macht suchten sie Protestanten zu gewinnen, Wallenstein
hatte mit den strksten Ausdrcken darauf gedrungen; er hatte befohlen,
Anlauf- und Antrittsgeld zu verdoppeln, wenn es Lutheraner und Kalvinisten
glte. Heftig sprudelten und schumten die frommen Kreise der Erblande
dagegen, schwer konnten sich die jesuitischen Gesellschaften beruhigen. Der
Herzog gab kein Wort der Erklrung; er wollte auch Lutheraner im Heer, hie
es in Prag. Von der Wiener Hofkammer und dem Geheimen Ratskolleg wurde auf
des Friedlnders schlaue Taktik hierin hingewiesen; er verfahre nach der
allgemeinen Direktive, den Oppositionsmchten den Vorwand der Religion zu
benehmen; man drfe nicht lnger sagen die garantierte Religionsfreiheit
werde vom Kaiser bedroht. Der Herzog zog lutherische Offiziere in sehr
groer Zahl an sich; kaiserliche Oberstpatente gab er ihnen. Die zu Bruck
seinen Erklrungen beigewohnt hatten, begriffen scheu, da sich seine
finsteren furchtbaren Ideen vom Kaisertum dahinter regten: der Kaiser ber
Deutschland, und sonst nichts. Nichts von Kirche.

An seinen Wagen spannte er die ungeheuerlichen Wildgestalten der Herzge
von Lauenburg. Die verschuldeten Reichsfrsten, lahm daliegend, buckelten
sich hoch und schttelten sich, sie lieen sich die langen starken Leinen
Wallensteins berwerfen. Der Mansfelder, abenteuerlich, bezaubernd vorber
tosend, hatte ihnen ins Herz gestochen, die Zungen klebten ihnen am Gaumen
vor Gier. Rudolf Maximilian, der Sachsenlauenburger, ein haarschaukelnder
Kentaur, langschenklig, stie seine Fahnen im Erzstift Mainz in den Boden,
lie die rotblutigen Glotzaugen rollen, donnerte, schrie, kehlte
Spiegesellen heran, Grauen verbreitend. Er war eine Rhre, ein Rinnsal,
ein Kanal, Wein und Biere flossen von Morgen bis Abend ber ihn; er war wie
ein Schwimmer, ertrank nicht drin, schlug um sich, wie ein Fisch. Der
Frstbischof suchte ihn zu besnftigen, lie ihm Proviant, Furage zufahren;
er stopfte, was man ihm gab, ohne zu danken, behielt den Hunger. Seine
Backen blaurot gedert; die Sldner sahen es mit Freude. Reich war das
goldene Mainz. Kleine Detachements erbrachen Kirchen; wie Rudolf Max sagte,
aus Verzweiflung. Und eines Sonntags machte sich der Herzog selbst auf,
ging auf Lttich zu. Da hatten seine Leute trefflich geworben, und als sein
Quartiermeister kein Handgeld weiter hatte und die Reiter ins Saufen kamen,
schenkte Max ihnen den Markt von Lttich und die sechs einstrahlenden
Hauptstraen. Die Pferde standen parat. Die Brger waren auf der Hut. Als
man einige Pikeniere totgeschlagen hatte, andere aus Schenken Weinfsser
fortrollten auf geraubte Karren und Wagen, wurden die widerstrebenden
Brger, die sich zu Hilfe kamen, umringt. Mordiogeschrei und Getmmel in
die Finsternis hinein. Alarm die Glocken. Bei Morgengrauen sa das Untier,
der barhuptige Herzog, flchtig in der Sakristei des Sankt Lambrecht
Klosters auf den Stufen; die mitleidigen Mnche wichen angstvoll vor ihm
aus, dem schnaubenden schweiflutenden, der sich entstellt den
Brustharnisch schlug. Der Brgermeister von Lttich nahm sich drohend und
hhnisch seiner an, heimlich in der Frhe zu ihm gelassen. Knirschend mute
der Lauenburger sich gefangen geben. Pferde Wagen Leute Soldateska im Stich
gelassen. Knirschend mute er sich vom Brgermeister und Stadtsekretr die
Knie binden lassen. Dann wie ein Kalb in den Sack gesteckt, auf einen
Packwagen des Klosters geworfen, von Mnchen gefahren aus der
tumultierenden Stadt ber die Grenze. Fnfhundert Gulden hatte er dem
Brgermeister aus seinem Sckel geben mssen. In Mainz wurde er nicht
stiller, warb sechstausend Mann zu Fu, eintausendfnfhundert zu Pferd.

Sein Freund war der Herr von Grzenich, Adam Wilhelm Schelhard Dorenwart;
er hatte das Patent, in der Wetterau und den Nachbarquartieren ein Regiment
zu Fu aufzurichten, ferner zu seinen auf den Fu gebrachten vier Kornetten
Krassiere sechs Kompagnien Arkebusierreiter. Eine Karttschenkugel steckte
ihm aus einem Gefecht in Ungarn mit dem Grafen Zriny in der Leber; sein
Blut flo gelb. Nichts hatte er; auf sein ausgeschlagenes Auge und die
Kugel im Bauch scho ihm der Herzog von Friedland Anritt und Laufgeld vor;
davon warf der Grzenich vor die Soldaten keinen Heller, die Ausrstung
beschaffte er; Lohn hie er sie sich selber holen. Auf einem stmmigen
Rumpf mit krummen starken Beinen sa der kurze Hals mit dem gelben
Kleinkindergesicht und den riesigen Kiefern. Seine Kompagnien strzten sich
ber die Wetterau. An den Weibern hatte ihr Oberst solchen Spa, da er
schwur, kein Weib im Umkreis zwischen vierzehn und vierzig Jahren sollte
passieren, ohne sich seinen Leuten ergeben zu haben oder ber die Klinge zu
springen. Und wenn seine Leute auch die Ernte wegfren und die Menschen
verdrben, krchzte er voll Wonne, so wollte er doch verbrgen, da ihre
Aussaat unvergleichlich sei, prchtig, gescheckt braun und purpurn mit der
Franzosenkrankheit, geschwrige Embleme auf der Haut, wie sich fr Adlige
ziemt, schne Kielkpfe, pralle Wasserbuche; man wrde nicht wissen, wenn
sie auf den Beinen stnden, ob sie besser watscheln, schwimmen oder fliegen
knnten; aber rauben, saufen und stehlen wrden sie, so wie sie das
Tageslicht erblickten, so gewi ihre Vter es tten.

Vor Limburg an der Lahn erschien der Herzog Adolf von Holstein-Gottorp, ein
Bruder des regierenden Herzogs Friedrich. Ihm hatten ein Jahr zuvor seine
Quartiere nicht behagt; darauf machte er sich mit einigen Fhnlein Knechten
auf, fiel ins Gebiet des Trierer Erzbischofs ein, wstete dort. Jetzt trat
er ganz zaghaft zu Limburg auf, sein Trompeter verkndete dem Torschreiber,
sie wollten friedlichen freundlichen Durchzug durch die Stadt. Der Herzog
Adolf liebte Zorn und Blut fr sein Leben. Drin wrfelten sangen spazierten
die Spanier, lagen als Besatzung in den Husern Schenken Grten Bdern; und
als der Herzog die schnen Quartiere besah, erschien ihm doppelt gut, hier
haltzumachen. Die Spanier lachten: sie sen da; der Herzog: er kme an.
Wachtmeister Kornett Korporal Musketier sahen nur ihren weiblonden Oberst
auf seinem Gaul an, schlank sthlern im silbernen Kra, unter der
buntfedrigen Eisenhaube das lange viereckige Gesicht, frisch rosa, mit den
vorstehenden Oberzhnen; sie sahen, wie seine Unterlippe sich fllte,
hochstieg wie eine Pflanze nach dem Regen und umkippte. Er gab vom Pferde
springend den Spitzhammer abhalfternd das Zeichen; von fnfhundert
schumenden Spaniern entkamen nur sechs. Die Brger hatten gedroht, sie
frchteten sich nicht, htten sich vor dem Grafen Mansfeld nicht
gefrchtet. Sie muten das Wort bald bereuen. Nach vier Tagen ritt der
weiblonde Herzog mit seinen Knechten und vielen Beutewagen wieder aus, die
Lippe schlaff, der Blick leer.

Der Oberst von Merode, Schrecken Schlesiens, schlug im Frnkischen seine
Werbepltze auf: zehntausend Mann war sein Ziel.

Bei Nrnberg tauchten auf zwei Grooheime des regierenden Mrker
Kurfrsten, die Markgrafen Johann und Johann Georg von
Brandenburg-Kulmbach; zwei Regimenter zu Fu, zwei Regimenter zu Pferd.

Hans Georg von Arnim aus der Uckermark stand in Diensten Gustav Adolfs von
Schweden, dann bei Sigismund von Polen, beim Mansfelder. Vom Friedlnder
wurde er mit einem Regiment beliehen.

Torquato Konti Graf von Quadragnola, am Weien Berge bewhrt,
Generaloberstleutnant in ppstlichen Diensten, zum Wallenstein
einschwenkend. Wolmar von Fehrensbach, Graf von Karkus zubenannt, aus
schwedischem Dienst verrterisch zum Polen bergehend, vom Friedlnder zum
Obersten ber ein Infanterieregiment mit dreitausend Mann bestellt, in
Schlesien eingelagert.

Herr Sparr von Hohen-Finow, zehn Kompagnien Arkebusierreiter, nach Jterbog
gewiesen.

Die Pfalz Birkenfeld, die Grafschaften an der Eifel besetzten die Brder
Cratz von Scharffenstein, Alwig Graf Sulz. In der Grafschaft Stollberg nahm
Quartier Hans Ernst Vitztum von Eckstdt, Oberstleutnant ber fnfhundert
Dragoner.

Johann Franz Barwitz, Oberst ber fnf Kompagnien Dragoner.

Verdugo, des Ordens Sankt Jakobi a Spada Ritter, des Knigs in Hispanien
Kriegsrat, dreitausend Mann zu Fu, fnfhundert Krassiere.

Baron Bettino Riccasoli della Trappola, fnfhundert Arkebusierreiter.

Johann Philipp Humann de Namedy, tausend Krassiere.

Graf Ferdinand Nagaroll, elf Kompagnien.

Oberst Hebron, ein Arkebusierregiment, ein Dragonerregiment.

Herrmann Frank, der Dne, ehemaliger Mansfelder, ein Infanterieregiment.

Hans Friedrich von Stel, sechs Kompagnien Arkebusierreiter.

Marquis de Boissy, sechs Kompagnien Arkebusiere.

Scharen ber Scharen, unermeliche, strmten dem Friedlnder zu. In der
Nhe von Pirnitz erschien der Kroatenfhrer Milli-Dragsi mit fnfhundert
leichten Reitern.

Freiwillige Franzosen, vierhundert Mann, eine begeisterte kampfgierige
Schar, setzten bei Lauenburg ber den Rhein; in Rotten folgten andere.

Als die Ordnung unter dem berma des Zudrangs zu springen drohte, wurde
zum Generalwachtmeister ernannt: Lorenzo del Maestro, Hannibal von
Schaumburg. Don Balthasar Marradas wurde Stellvertreter des Herzogs, sein
Generaloberstleutnant und Feldmarschall.

                   *       *       *       *       *

Wie der Frstbischof von Mainz, des alten sanften in das Grab gesunkenen
Schweikhard Nachfolger, Friedrich von Greiffenklau, die Untaten des wtigen
Lauenburgers auf seinem Stiftsboden sah, hatte er keine Freude mehr an
Messelesen Falkenbeizen Wrfeln. Finster kaute er an seinem Zorn. In seinen
Jagdgrnden erlegte er mit eigener Hand wildernde Pikeniere, das schaffte
ihm eine kleine Ruhe. Sein Grimm labte sich an den brennenden kleinen
Bauernhusern, die den Wallensteinern ber den Kpfen angezndet waren. Er
ritt an der Spitze seiner geharnischten Leibgarde, segnete vor den drohend
andringenden Knechten die Bauernhaufen. An der Tafel sa er abends mit
seinen bten und Domherren, man lste ihm den Brustpanzer. Schmetternd
sprach er, lie seine schwarze Inbrunst rollen vor den samtenen
hndefaltenden sich sttigenden Frommen. Auf seinen Gtern! Auf dem
Stiftsbesitz der heiligen Kirche! Freches Raubgesindel, vom Kaiser
legitimiert! Den anderen weichen troffen die Lippen, sie lobten den
Bischof; das Unrecht, das sie erlitten, blhte sie auf; das Rebenblut, das
sie schluckten, feuerte ihr Herz. Drauen zogen die Bauern trbe in die
Wlder, Kinder auf den Schultern, Gnse, Hhner auf Karren. Das Schreiben,
das der Herr, des Heiligen Reiches Kanzler, an seinen benachbarten Freund,
den Klner Kurfrsten, richtete, besagte im Stolz des Rechtes, wenn nicht
baldigst Abhilfe erfolge, so werde er auf Mittel bedacht sein, sich der
unertrglichen Last mit der Tat zu erwehren. Als darauf die Klner ihn
sondierten, ob er nicht an den Kaiser schreiben wollte, schob er sie erregt
beiseite; er wollte sich seine Wut, die ihn erfrischte, nicht durch einen
Brief entreien lassen. Der Klner Ferdinand selbst, ein Bruder des
bayrischen Maximilian, vexierte die Wallensteiner auf seine Weise; er hatte
von Bestellungen gehrt, die Wallensteinische Obersten in seinem Gebiet auf
Rstungsstcke gemacht; als Oberst Hebron nach seinen Krassen forschte,
stellte sich heraus, da der Klner Kurfrst sie hatte beschlagnahmen
lassen. Da zappelten sie und schrien vor dem Wiener Kriegsrat.

Wie im Frhling die Meldungen einen abenteuerlichen, nie gesehenen Umfang
der Rstungen erkennen lieen, fanden sich Vertreter der ligistischen
Herren zusammen; Maximilian gab das Stichwort; unruhige fragende
Klageschreiben gingen an den Kaiserhof ab, von Mainz und Kln, dann
gemeinsam von den vier altglubigen Kurfrsten. Der Druck der Einlagerungen
wuchs; der Umfang des Heeres nahm zu, von Tag zu Tag; Werbungen Durchzge
Einlagerungen Kontributionen, in immer neuen Reichsbezirken. Bayrische
Zwischentrger streuten die Ansicht aus: Wallenstein suche durch die groe
Menge des Volkes die deutschen Lnder zu beschweren und durch unerhrte
Drangsale zu entnerven; alsdann gedenke er alles nach Belieben zu
disponieren. Man geriet in wachsende Spannung und Furcht. Der starke
Greiffenklau von Mainz war schon nicht mehr so eigenbrdlerisch; er lie an
seiner Tafel hren, es mchten seines unvorgreiflichen Ermessens noch
Mittel zu finden seien, wie sich die Liga, wenn es gegen die Freiheit der
Frsten ginge, mit dem Knig von Dnemark so weit verstndige, da die
Bundesarmee mit anderen Reichsstnden das Reich verteidigen knnte, die
kaiserliche Armada aber sattsam zur Erhaltung der Erbknigreiche gebraucht
werde.

Das Frhjahr rckte gnadenlos vor, jeden Tag konnte der Losbruch der
Heeressintflut auf das Reich erfolgen.

Da wuten sich die Frsten, in Wrzburg zusammengekommen, keinen Rat. Sie
bewilligten ohne Debatte eine Million Taler fr Heereszwecke. Es wrde
erfolgen -- blickten sie sich lahm an -- was man sich erzhlte, da der
Dne geschlagen wrde, das Heer aus Deutschland nicht wiche, sondern
wachse, ohne Schranken, wie es in den wenigen Monaten gewachsen war. Und
niemand konnte wissen, was ihnen drohte. Was aus ihnen wrde. Wie weit es
Friedland mit seinen Kontributionen triebe. Sie faten Beschlsse; im
letzten Augenblick sollte vorgebeugt werden. Zwei Kuriere jagten sie nach
Wien zum Kaiser. Sie baten ihn erstmals, ihnen einen baldigen Kurfrstentag
zu veranstalten zur Besprechung urwichtiger Dinge und einzuschlagender
Manahmen, dann flehten sie an, des unbeschreiblichen Unwesens gedenk zu
sein, das mit der berflutung Deutschlands durch die riesigen Truppenmassen
erfolge; der Fluch der Nation wrde sich gegen die Frsten richten, die
dies nicht haben verhindern knnen. Sie bten ihm starke, ausreichende
Truppen gegen den Dnenknig an; dem friedlndischen Heere wrde die
Suberung und Verteidigung der Erblande in Schlesien nach Ungarn gegen die
Trken zufallen. Hinter die beiden Abgesandten lief ein Kurier, der ihnen
als letzten Trumpf eine Verschrfung ihrer Instruktion ans Herz zu legen
hatte: man sei bei Ausbleiben einer Remedur des Heereswesens entschlossen,
die Bundesarmee vom Feind abzuziehen und in Notwehr zur Verteidigung der
deutschen bedrngten Stnde zu gebrauchen.

Friedland gelstete nach Wien. Kein besonderes Vorkommnis drngte ihn; er
wollte noch einmal den Kaiser, die Rte sehen. Er wollte wissen, woran er
war, bevor er aufbrach.

Er lag im Harrachschen Haus in Wien auf der Freyung; wieder lhmte ihn das
Podagra. Obersten meldeten sich bei ihm, berichteten, Ordonnanzen von den
Gtern; sonst lag er allein. Es besuchte ihn niemand. Im Auftrag des
Kaisers bewillkommnete ihn an den ersten Tagen der liebenswrdige Frst
Eggenberg, der ihm zwei rzte zufhrte. Kurze formale Audienz bei Hofe. Der
Hof schwieg, die Rte schwiegen, der Kaiser schwieg. Wallenstein wunderte
sich nicht. Er war gewohnt, da man ihn frchtete oder verabscheute. Er
wies seinen Wirt und Verwandten, den Grafen Harrach, ab; ihn trsten,
beruhigen? Was die Herren bei ihm sollten. Als er acht Tage gelegen hatte
und leidlich hergestellt war, machte er einen kurzen Abschiedsbesuch bei
Eggenberg, reiste gekrftigt, geleitet von einer Kompagnie des Regiments
von Lbl, ab. Er war zufrieden; ihn hatte am letzten Tage seiner
Anwesenheit noch sehr die Hilflosigkeit der Wiener Stadtgarde beim Lschen
eines Brandes in seiner Nhe gelabt, wo im Anschlu an eine Verbrennung
beschlagnahmter protestantischer Bcher im Bischofshof eine Feuersbrunst
sich erhob, die den Bischofshof selber, zwei Klster,
hundertsechsundzwanzig Huser einscherte. Am Fenster zusehend lachte er
stundenlang; dort unten ritten auch die hohen aufgeregten Wrdentrger und
Beamten, sie schlugen die Hnde zusammen, schrien sich Unverstndliches zu,
zeigten in den Qualm, stoben davon; es sei ein vortrefflicher Abschlu,
meinte der Herzog gegen seinen Wirt, so htte er die Herren doch alle
kennengelernt.

Dicht bei Wien stellte ihn Doktor Leuker, hinter den sich die beiden
Kuriere gesteckt hatten, die nach einigen unverbindlichen Worten vom Grafen
Kollalto an den Friedlnder selbst gewandt waren, ihm aber stndig aus
Furcht auswichen. In einem Dorfgasthaus traf Leuker den Friedlnder; der
Herzog gab ihm freundlich die Hand. Leuker, sehr bla, stammelnd, wollte
ihn zu einer Unterredung im Garten bitten, der Herzog lehnte lchelnd ab:
Was gibt es zwischen uns zu sprechen, das nicht jeder hren knnte?
Militrische Wnsche trug der kaum seiner Sinne mchtige Resident vor,
steif zu Boden blickend, sich an sein Schwert haltend; Tilly wnschte
eiligst die Wallensteinsche Hilfe mit einigen Regimentern; er brachte nicht
klar heraus, was ihm aufgetragen war, da Tilly Kommando und Disposition
dieser Hilfstruppen haben sollte. Der Herzog, halbseitlich am Fenster einem
Ochsengespann zusehend, gestand es bereitwillig zu. Dann gab sich der dicke
Leuker einen Ruck, prete hervor, erst den gelbschtigen Herzog mit dem
Blick streifend, dann ber dessen Kopf sich mit den Augen am oberen
Fensterrahmen festnagelnd, was von Truppenbergriffen verlautet sei, von
Erpressungen, Verwstungen. Gutmtig stimmte der andere bei: Wird wohl bei
den Herren Ligisten nicht anders zugegangen sein. Als der Bayer glaubte,
aus den Geschehnissen den Schlu ziehen zu mssen, da die Werbungen
vermindert wrden, meinte der Herzog nur, ihm zutraulich die Schulter
berhrend, er sei unlogisch, eine einzige schlimme Kompagnie richte mehr an
als zehn gute Regimenter, er werde die schlimmen Truppen entlassen und
weiter gute Regimenter anwerben. Was den Bayern, der den Boden unter den
Fen verlor, zu der fast unwillkrlichen Entladung veranlate aber die
Kurfrsten und Frsten wnschten, bestnden auf einer Einschrnkung der
Rstungen. In voller Heiterkeit der Herzog: Ja, warum lassen das die
erlauchten Herren mir, gerade mir sagen? Sie haben ja den Grafen Tilly: so
mag man es ihm doch befehlen; auf die Minute wird es geschehen. Wie sind
die Herren hilflos! Zhne beiend, halbtoll wiederholte, quetschte der
andere an seinen Stzen; der General blieb im schallenden Lachen, bat den
Residenten um Verzeihung fr seine Heiterkeit; wenn man wolle, werde er es
dem Tilly auftragen. Bis der Bayer sich, komme was wolle, zu dem Gestndnis
hinreien lie, auf eben die kaiserlichen Rstungen sei es abgesehen, weil
man sie fr berflssig hielte. Nicht berflssig. Sagt nur deutlich,
lieber Herr Doktor, gefhrlich. Gefhrlich fr Euch, Ihr werdet nie finden,
da ich ein zugebundenes Maul habe; und Ihr seid ja auch reichlich
offenherzig. Euer Herr, der Kurfrst in Bayern, wnscht den Kaiser nicht im
Reich. Ich kann es der bayrischen Durchlaucht nachfhlen, aber die
bayrische Durchlaucht kann den Kaiser nicht hindern, andere Wnsche zu
haben.

Die Kurfrsten haben dem Kaiser geschworen. Aber der Kaiser hat auch dem
Reich geschworen.

Woraus sich nicht der Schlu ziehen lt, lieber Herr Doktor, da der
Kaiser eine Holzpuppe ist. Ich kenn Euch gut, Herr Leuker, hrte, da Ihr
sonst ein kluger Mann seid. Ich rechne es Euch darum nicht an, da Ihr
heute kein Glck mit Argumenten habt. Fahrt nur wieder heim. Berichtet so:
ich htte selbst gesagt, Ihr httet Euch tapfer gefhrt.

Mit einer Handbewegung lud er den kauenden Mann an den rmlichen
Kieferntisch im Zimmer, auf dem Messingbecher um einen Weinkrug standen.
Als der noch nicht gefate Doktor ohne sich zu drehen stumm Bewegungen mit
den blassen Lippen machte, lachte Wallenstein, der schon auf dem Schemel
sa, so da ihm die Trnen die Backen herunterliefen: Was wollt Ihr nur,
Herr Leuker? Ihr habt ja alles gut gemacht! Ihr habt das Examen bestanden.
Merkt Euch zum Bericht nach Hause das Wort Bildsule, Statua auf
lateinisch. In solchem Zustand kommen Kaiser nur nach ihrem Tode vor.

                   *       *       *       *       *

Vierzehn Regimenter zogen mit Wallenstein aus Bhmen. Es ging auf den
Hauptsammelplatz Neie. Die Beruhigung der katholischen Kurfrsten hatte er
dem Wiener Hofe berlassen. Seine Leibgarde, zweihundert ausgewhlt starke
und geschickte Knechte aus allen Nationen, eisenknarrend vom Kopf zu den
Fen, auf gepanzerten Pferden, Musketen Lanzen Spiee Beile fhrend,
umschlo seine Snfte, ritt ihm voraus, folgte auf den wrmebrtenden
menschenleeren Chausseen. Meilenweit wich das Volk aus. Er stie durch ein
wstes Bhmen auf Schlesien zu. An der Spitze der Regimenter fuhr der
Herzog in einem puschelwedelnden sechsspnnigen Wagen; achtzehn Rstwagen
mit roten Juchten ihm voraus, zwlf zweispnnige Kaleschen mit dem Stab;
hinter ihm seine prunkende Snfte, auf Pferden bunte unbewaffnete Pagen und
Trabanten, Leibpferde; am Ende offene Feldgeschtze mit Artilleristen und
Munitionswagen.

Gitschin Nachod Glatz wurden passiert. Durch Deutschland, das schwang, sich
unruhig bewegte und zuckte, donnerten neue Regimenter herber aus Schwaben
Franken Mhren, vom Rhein Dragoner mit Piken, fliegende Musketiere, leichte
polnische Reiter, die Freitag und Samstag keine Eier und Butter aen;
Kroaten mit Arkebusen, Husaren, die Panzerstecher trugen, die eingemauerten
Eisenmenschen, die Krisser, ungesehene Massen zu unbekannten Zwecken. In
hellen Haufen eine graue Gesellschaft hinter schweren unfrmigen Wagen,
Schanzbauern Bchsenmeister Schnaller Fuhrknechte Konstabler
Schlangenschtzen Pulverhter; unter ihren leinenbezogenen Gefhrten
Sturmtpfe Pechkrnze Sturmfsser Mordschlge Brandkugeln, Fuder von
Salpeter Schwefel Kohle, hundertpfndige Mrser, offen durch die sonnigen
blumigen erschreckenden Landschaften gefahren, mulersperrend wie Leichen
urzeitlicher Untiere, Kartaunen Hagelgeschtze Totenorgeln Haubitzen.
Inzwischen saen die Kinder vor den Kellertren, spielten, kreischten,
lachten, drehten ihr Rosenkrnzchen, ritten auf Stecken; die Frauen wiegten
ihre Suglinge, sangen, tndelten mit Ohrringen und Ketten; die Bauern
vergrerten ihre Scheunen, dengelten Sensen, prften Dreschflegel, die
Brger schrieben sich Briefe, kauften, lasen Kalender, malten die Tafeln
ihrer Vorfahren auf, dachten an Adelsdiplome, die Kranken betrauerten ihr
elendes Schicksal, grollten, da sie bald sterben muten; aus den Fenstern
hingen Teppiche vom letzten Festtag.

Gleichmig schn das Wetter, Tag um Tag, helle luftdurchwehte Nchte, die
Tage wuchsen, langsam verschoben sich oben unhrbar die Gestirne.

Am neunten Tage des Aufbruchs erreichte der Generalissimus seine Hauptmacht
bei Neie, der schlesischen Stadt.

Er machte sich den Rcken frei. Von dem teuflischen Zug Mansfelds nach
Ungarn steckten schlesische Stdte voll feindlicher Besatzungen; die Dnen
hatten sie planmig aufgefllt; furchtbar auf das Land ausfallend,
eroberten sie Zuckmantel, Starnberg, berrumpelten Sohrau, Beuthen; Kosel
wurde ausgeplndert; herausfordernd schwrmten leichte Trupps, Brnde um
sich werfend, kleine Detachements abfangend, bis vor den Sammelplatz der
Kaiserlichen.

Wallenstein schritt mit vierzigtausend Mann am Gebirge entlang. Die Stdte
Loebschtz Jgerndorf geworfen. Er bog gegen die Oder um, umfate Kosel, wo
siebentausend Dnen saen unter Joachim von Mitzlaff, einem bissigen
Kavalier, der die Pest und die ungarische Krankheit berstanden hatte, in
Polenschlachten zerfleischt war. Er nahm die Belagerung an hinter seiner
sumpfumzogenen Schanze; am fnften Tag von drei Seiten bestrmt floh er mit
der Reiterei. Raste nach Sden, den Weg Mansfelds, Bethlen Gabor zu. Vom
Lande, aus den Nachbarorten schwirrten ihm zersprengte Fhnlein zu,
viertausend Pferde staubten Tag und Nacht gegen den Jablonkapa. Sie
prallten auf Kaiserliche. Umwerfend zurck; Mitzlaffs Tobsucht ri seine
meuternden Reiter mit; er mute durch Schlesien Polen auf Brandenburg zu
gehen. Hinter ihnen Pechmann und Merode mit der ganzen Friedlndischen
Reiterei.

Sie sind verloren wie Judas Seele, hob Wallenstein die Arme.

Er fiel, von abtrnnigen Dnen verstrkt, Troppau an, das ein Rantzau
halten wollte. Nach vierzehn Tagen war drin das Pulver verschossen. Die
Stadt war sein. Keine dnische Maus lief mehr in Schlesien. Auf Neie
schwenkte er um.

Harrach auf der Wiener Freyung empfing einen Brief: Ich bersende Ihrer
Majestt fnfundsechzig Fhnlein und Kornette, die dem Feinde abgenommen
sind. bermorgen marschiere ich ins Reich.

Die Schweidnitzer Stnde sandten zu ihm nach Neie Vertreter, feierlich
voll Rhmens glckwnschend zu den unerhrten, blitzschnell
herniederfahrenden Siegen, dankend fr die Befreiung von den Kriegslasten
und den Truppen. Er empfing die barhuptigen berittenen Herren noch vor dem
blumengeschmckten Tore im geffneten Reisewagen, sah sie, gebckt sitzend,
kalt an; es war nicht sicher, ob er ihnen zuhrte.

Ohne weiteres verlie er das Land, lie hinter sich in dem dumpf staunenden
Schlesien und Mhren fnfzehntausend Mann, die sich zu verstrken hatten.

                   *       *       *       *       *

Und whrend er sich in drei Heersulen nach Norden und Nordwesten schob,
erwartete ihn der Dnenknig Christian.

Fiebernd und sich selbst grollend erwartete ihn der Dne; voll Ruhmbegier,
ohne Not, in der Hoffnung auf den sicheren Sieg hatte er den Krieg
begonnen, dann hatte sich, wie von Satanas geschickt, in Bhmen dieses
Wesen emporgewlzt, nicht vorauszusehen, noch jetzt nicht zu fassen,
ausgestattet mit Reichtum, Hrte, Unabhngigkeit, neben einem
zusammenbrechenden Kaisertum, und tatzte nach ihm, nach seiner jungen
lebensdurstigen Herrlichkeit. Mit diesem gab es keine Vershnung, der
kannte kein Paktieren, der niedriggeborene Mensch, das widrige
feuergeglhte Geschpf. Er jagte jetzt den edlen teuern Mitzlaff her durch
halb Europa, wollte ihn fassen. Wenn er doch kme, der Mitzlaff, der
tapfere, nicht zu zerbrechende. Und um sich sah der Dne alles anders wie
vor einem halben Jahr im winterlichen Haag, wo man sich zugetrunken hatte.
Er mute danken und sich freuen, wenn zwei drei neue Fhnlein Schotten zu
ihm stieen und eine Handvoll Franzosen. Wie strahlten die Augen des Grafen
Montgommery, der auf seine Franzosen zeigte, die schon gegen die Spanier
Siege errungen hatten; was wrden sie machen gegen diese zermalmende Masse,
von deren Schwere und Sicherheit sie keinen Begriff hatten. Zarte se
dnische Frauen nahmen sich ihres Knigs zu Stade im Lager an; er sagte
ihnen, ihrem Gesange wrden viele dnische Soldaten die Ehre zu verdanken
haben. Und dann bergo ihn mit dem tiefsten Entzcken und stellte ihn
wieder ruhig hin die Ankunft eines alten Mannes, des Markgrafen von
Durlach, den einmal Tilly besiegt hatte. Das kleine Land, um dessen
Erbschaft Durlach gekmpft hatte, war ihm nicht zugefallen; sein eigenes
war verloren; er kmpfte jetzt, wie er sagte, fr etwas Besseres, wie die
andern gegen den neuen Antichristen, der ehedem Papst, jetzt Kaiser und
Friedland hiee und wie der Papst sinken werde. Der alte Markgraf hatte als
wandernder Kaufmann den schlesischen Besatzungen Mut zugesprochen, dann
warb er in Frankreich fr Christian, ein hollndisches Kriegsschiff trug
ihn nach Dnemark. Dnn waren Christians Scharen, die sich von Bremen bis
in die Mark streckten, aber tapfere unbekmmerte Mnner; oft muten die
Frauen den Knig trsten, der immer wieder weinte, wenn er seine jungen
lachenden Offiziere sah. Er lie verbreiten, da auch Mitzlaff zu ihnen
stoen wrde, was hellen Jubel auslste; er sagte nicht, wie Mitzlaff zu
ihm komme.

Still lag zwischen Niederelbe und Weser im hildesheimischen Stdtchen Peine
Tilly. Hinter dem Rcken des Friedlnders hatte er dem Feinde einen
schweren Schlag versetzt, von dem sich der Feind noch nicht erholt hatte.
Jetzt drngte der Bhme von Sden herauf, er mute ihn noch rufen, sich mit
ihm verstndigen, denn es sah aus, als ob der Dne sich ber die
Weserarmeen werfen wrde. Schrecklich antwortete der kaiserliche General,
er knne keine Truppen entbehren; Tilly htte genug Regimenter, um den
Feind in Schach zu halten. Der Ligist, fast erstarrend, meldete den
Bescheid dem Bundesobersten, dem bayrischen Kurfrsten. In der Gefahr,
berrannt zu werden von den Feinden, die der Friedlnder offensichtlich
gerade gegen ihn jagte, sprang er auf und drang an die Elbe, nordostwrts
durch Lneburg. Er wollte selbst den Feind stellen und schlagen. Der Dne
sollte nach Sden abgeriegelt werden, um im Norden von einer einstoenden
Armee wie in einer Falle gefat zu werden. Der Ligist setzte seine
Hauptmacht aufs Spiel; der entscheidende Schlag, der Elbbergang unweit
Lauenburg gelang. So glckverwirrt war der edle Graf, so vllig aus seinen
Angeln gehoben, da er selbst an den Kaiser, den Herrn der nahenden
friedlndischen Macht, schrieb, die Entscheidung in dem Feldzug sei
gefallen, sei schon gefallen, es sei nicht ntig, da Truppen herbeieilten,
um den Dnen den Garaus zu geben, fast getraue er sich mit einiger Hilfe,
ihn zu bermannen. Er triumphierte wild gedankenlos hinaus, nur noch einer
kleinen Nachhilfe bedrfe es, um dem Krieg das gewnschte Ende zu geben,
bettelte zum Schlu um die Belohnungen und Gaben, die, wie er sich
ausdrckte, wohlverdienten Kriegsobersten von kaiserlich mildesten Gnaden
aus den verwirkten und konfiszierten Feindeslanden zufielen. Ich htte
nicht leben knnen, schrie er, auf seinem weien Gaul hngend, gespenstige
kleine Figur, unter wallenden Federn, schwarzen Mnteln sich verbergend,
gegen den Marschall Anhalt, der ihn am breiten Elbstrom auf einer
Pappelallee zur Beratung aufsuchte; ich htte nicht lnger leben knnen,
schrie er nach allen Seiten gegen seinen Stab, seine Zeltgste, dies ist
mir geglckt, Maria sei gelobt. Und morgens und abends heiser
herausfordernd: Ich htte nicht leben knnen; jetzt soll er kommen, der
Wallenstein.

                   *       *       *       *       *

Aus Bhmen kam er heraus, ohne Zeit fr Worte und Blicke, ein nackter Leib
der Gewalt, schamlos wie ein Sugling.

Er drngte eine Heeressule unter seinem Oberst Arnim von Boitzenburg, dem
schwrmerischen Protestanten, von Neie ber Krossen auf Frankfurt in die
Mark hinein. Dem Kurfrst Georg Wilhelm wurde durch ein Schreiben bedeutet:
der Herzog habe vernommen, da er, der Kurfrst, die Psse in der Mark und
an der Oder gegen des Dnen Einfall nicht versehen knne mit eigenem Volk;
der Kaiser habe ihm den Schutz der getreuen Reichsstnde wider den Feind
gndigst empfohlen; so werde der Oberst Arnim abgefertigt, Stdte und Psse
in der Mark und an der Oder mit der notwendigen Besatzung zu versehen. Ein
offenes Patent verkndete den brandenburgischen Landen, man solle sich
hten, Schwierigkeiten zu machen; der Kaiserlichen Majestt sei ein
dankbares Gemt zu erzeigen. Durch die Mark schob sich, nach rechts und
links mit Kompagnien ausschlagend, Arnim die Havel und Spree entlang, stie
gegen den weichenden Dnen ber Oranienburg, Bernau, legte sich ber seine
heimische Uckermark, tastete bei Lychen ber die mecklenburgische Grenze.

Eine zweite Heeressule trieb Friedland mit dem Marschall Schlick, die
gesamte Kavallerie fhrend, ber Breslau, Liegnitz auf Krossen gegen
Havelberg.

Die dritte geleitete er selbst mit dem Fuvolk durch Schlesien ber
Kottbus, Jterbog, den ausgesogenen nrdlichen Landstrich vermeidend, gegen
den festen mecklenburgischen Ort Dnitz an der Elbe.

Und in das Getriebe der sich fortbewegenden Heereskrper geriet, von Sden
gescheucht, hin und her taumelnd, der pockennarbige Mitzlaff; bei ihm die
Obersten Buben, Holk, Baudissin und zweitausend Pferde und sechs
Dragonerkompagnien. Merode und Pechmann hinter ihnen her; wie die Hirsche
flogen sie am Jger vorbei. Schon waren sie bei Kstrin, da zwang sie
Pechmann ostwrts herber. Von seinem berflu schickte der
vorbeimarschierende kaiserliche General Regimenter um sie herum, todeswtig
brachen die Gehetzten ber eine Warthebrcke noch einmal nach Westen vor,
es war nicht mehr weit nach Dnitz.

Da standen in einer Augustnacht die Wallensteinischen Regimenter auf an
allen Seiten um sie. Bei Bernstein wurden die Dnen in der wolkenlosen
mondhellen Nacht zusammengehauen, nachdem sie noch vergeblich die
gengstigten brandenburgischen Befehlshaber, Lutherische wie sie, ihnen
herzlich zugetan, um Durchzug gebeten hatten. Buben, Holk wurden gefangen.
Pechmann, der Wallenstein geschworen hatte, er wrde die Dnen nicht an
ihren Knig lassen, in der Mondhelligkeit von Mitzlaff erkannt, durch zwei
dnische fliehende Leutnants von seinem Stabe abgelockt, wurde, er, der
Sieger, von einer besonders beorderten Rotte niedergemacht, zermalmt, im
Tode enthauptet, geplndert, zerhackt; man fand spter nur seine
Rstungsstcke.

Mitzlaff und Baudissin schwammen, whrend man im Morgengrauen nach ihnen
suchte, schon ber die rollende Warthe. Christian gelobte ihnen, als er sie
umarmt, den Krampf seines Herzens beruhigt hatte, er werde Widerstand
leisten dem Bhmen, aber er wolle fort, er wolle fort aus Deutschland.

Der Uckermrker Arnim mit Ungestm gegen die Dnen unter dem unbeugsamen
Markgrafen von Durlach in Mecklenburg vordrngend nahm von der
berschwappenden Flle der beiden Hauptmchte sieben Regimenter zu Pferde
und zu Fu an sich, hieb aus Ort um Ort, Stadt um Stadt, Schlo um Schlo
den Durlach heraus. Die Proteste der beiden regierenden Mecklenburger
Herzge, dem niederschsischen Kriegsverband angeschlossen, nahm er nicht
an. Keinen Ort, der eine Mauer hatte, verschonte er. Vor Wismar, auf die
Insel Poel verkroch sich der Feind; da hielt Arnim an.

Der Kommandant von Dnitz bergab kampflos den Ort nach zwei Tagen.
Elbabwrts fuhr der Herzog zu Schiffe nach Lauenburg in Tillys Lager; mit
Pomp, kostbarer Bewirtung wurde er empfangen, selber mit kniglicher
Pracht, wahrhaft asiatischem Geprnge auftretend, umgeben von seiner
Leibgarde und gefangenen feindlichen Offizieren.

Eine Verabredung wurde getroffen. Graf Schlick, achtundsechzig
Reiterkompagnien herumwerfend, gegen die geballten Massen des alten
Matthias Thurn, berritt die holsteinische Grenze, brauste ber Trittau,
Altrahlstadt, an Hamburg vorbei. So gro war die Verwirrung Angst
Ratlosigkeit in der Hansastadt, als unabsehbar die Armeen herantobten, da
sie drin die Waffen gegeneinander erhoben und erst die Sorge um die schwere
Lebensmittelkontribution sie zur Besinnung zwang. Die schweren Vlker des
Herzogs, des Brabanters rollten nach, getrennt Lager und Hauptquartiere.
Tilly, von Tag zu Tag gepeitscht durch Briefe des Bayern, sich in seiner
Selbstndigkeit nichts zu vergeben, im Erfolg die Vorderhand zu erlangen,
hitzig, vergrmt, kaum dem Kommando gewachsen, Offiziere dauernd an den
Herzog verlierend, flackernd zwischen Groll auf sich, Verbitterung gegen
seinen Kurfrsten, wurde, der wachsblasse Eisenzwerg, erlst durch eine
Musketenkugel, die ihm nchst den Wllen Pinnebergs das linke Knie aufri,
herunterwarf vom Pferd. In der Prunksnfte Wallensteins, der Herzog drngte
sie ihm auf, wurde er aus Pinneberg rckwrts getragen. Und dann, wie er
lag, weiter rckwrts. Seine Truppen zog er mit sich, an die
Weserstellungen; im Augenblick lste er sich von Friedland, chzte, blickte
steif und drehte sich nicht um. Hinter Wallenstein marschierten nur drei
ligistische Regimenter, Frstenberg, Reinach, Herberstorff, dazu die
Artillerie.

Die Kroaten, leichten Reiter, wehten dicht schwrmend wie Staub vor der
Stirn des bewegenden Heereskrpers. Ihr Windzug, der Dunst ihrer Pferde
warf Beklemmung ber den Feind. Der Graf Thurn schumend, seine Rstung
zertretend, zwang seine Kavallerie, neben sich den Rheingrafen Otto Ludwig,
noch einmal ins Feld zwischen Elmshorn und Horst; wie Wasser ber dem Feuer
verdampfte, verbrodelte die Masse beim Anrcken des Friedlnders. Zum Knig
von Dnemark nach Glckstadt wich Thurn. Der Rheingraf rettete sich
nordwrts nach Rendsburg. In Glckstadt scherte der Knig Huser und
Scheunen um sich ein, das Land lngs des Elbeufers setzte er unter Wasser.
Die Heere marschierten rechts vorbei. ber Itzehoe, vier Kompagnien
Schotten zermalmend, traten und tauchten sie. Die Schlicksche Kavallerie
breitete sich ostwrts aus in Holstein, nach Oldenburg im Lande Wagrien.
Der Durlacher setzte rettungsuchend, von der Insel Poel abgesperrt, auf
Schiffen mit dem berbleibsel seiner Sldner nach Holstein ber, flchtend
und bereit, heimlich am Meer entlang zu schleichen. Von der Hhe des Dorfes
Groenbrode stieg im Morgengrauen Schlick berwltigend gegen ihn herunter.
Das Heer, nur die graue See hinter sich, in die Knie brechend, streckte die
Waffen. Siebenundzwanzig Kompagnien Infanterie, fnfzehn zu Pferd, die des
dnischen Knigs Krone und Herz gewesen waren, hoben ihre Fahnen, lieen
das Regimentsspiel erklingen, dienten dem Sieger. Der Durlach hieb sich,
sein Herz versteinernd, durch seine eigene, Wege und Strand finster
berlagernde Armee. Zweitausend Reiter ri er mit sich nach Flensburg, nach
Fnen. Schlick flutete wild herauf nach Jtland.

Links von ihm Wallenstein fate Rendsburg mit den Zhnen, schttelte die
Besatzung wie aus einem Sack heraus. Sie liefen zu ihrem Knig.

Christian in Glckstadt an der Elbe verlassen schwamm mit seinen sanften
Frauen auf drei kleinen Barken, um seiner zerschlagenen zertrmmerten Dnen
ansichtig zu werden und sich gemeinsam mit ihnen fortwehen zu lassen. Jetzt
weinten die Frauen um ihn; aber er, ohne Waffen, weichugig, im goldgelben
Rock, jnglingshaft schlank an einem Mast unter dem bunten Himmel stehend,
winkte den Dnen ruhig mit seinem leichten Federhut; es sei eine
Wiederholung, was hier geschehe. Der Pflzer Friedrich, sein lieber edler
Freund, sei wie er gegen den rmischen Kaiser gezogen; es sei ein Glck,
da Dnemark nicht in Deutschland lge, man knne nicht heran an ihn. Er
msse siegen, sthnten die Damen, in dnnen Seidentchern das Gesicht
verhllend, er wrde siegen; spitzfig liefen sie auf weien Schuhchen zu
drei und vier auf ihn zu, die losen bunten Rcke raffend beim Sprung ber
die Balken und Seile, die Reseden aus dem Haar verlierend. Nicht,
ttschelte er sie, oder doch, er werde siegen, er werde den deutschen
Kaiser besiegen, durch Ruhe und Klugheit; er werde Frieden mit ihm
schlieen. Ich mu bezahlen, meine lieben Kinder, oder mich in dies weite
schne Meer strzen. Seine Armee suchte er bei Rendsburg und fand sie
nicht; in Flensburg nahm ihn die Woge der Durlachschen Kavallerie auf; sie
legten Hadersleben hinter sich in Asche, Kolding machten sie dem Erdboden
gleich; sie muten Schiffe nehmen, die brachten sie nach Fnen.

Hinter ihnen nahm das Drngen kein Ende. Die Schlickschen Massen faten
nach Westen herber, packten bei Viborg versprengtes feindliches Kriegsvolk
an, das entwich nordwrts, stach verzweifelt Dmme und Grben hinter sich
durch, warf Brandfackeln um sich, hinter sich in Gehfte Drfer:
sechsundzwanzig Kompagnien der Regimenter Kalenberg, Nell, Holk;
Baudissinsche Reiter, schleswigsche Landmannschaften. Am Limfjord machten
sie halt, wollten sich in die Smpfe, Morste von Vandsyssel werfen. Da
stellte sich ihnen das gereizte Landvolk entgegen, Kompagnien verweigerten
den Gehorsam, voll Unsicherheit lief man durch Aalberg zurck ans Meer. Bei
Hobro wurden sie zusammengehauen, im Getmmel wlzten sie sich zum
drittenmal auf Aalborg; da sa, Piken und Musketen vorstreckend, Graf
Schlick. Sie wurden nur schwer durch die Kaiserlichen abgehalten, unter
sich selbst in der Wut ein Blutbad anzurichten; man nahm ihnen die Waffen
ab; keiner entkam. Die dnischen Generle, verwundet, von ihren eigenen
Soldaten ihrer Pferde beraubt, Konrad Nell, Heinrich Kalenberg, gaben sich
schamzuckenden Gesichts in den Schutz ihrer Feinde.

Durch das herbstliche Fnen fuhr langsam in einem Sechsspnner, den Stern
auf der linken Brust, eine breite goldene Schrpe auf dem gelben
zerdrckten Rock, Christian, sprach freundlich mit jeder Buerin, die sich
seinem Wagen nherte, ihm weinend ihre Kinder zeigend, drckte in Odense
auf dem Rathaus den Reichsrten mit Stolz und Ruhe die Hand. Die, um ihren
Knig klagend, Christian Friessen, Magnus Uhlfeld, Olof Rosenspars, Breide
Rantzau, Ewald Kruse, Kanzler, Reichsadmiral, Statthalter, erhoben, wie er
den Rcken kehrte und donnernd ungesttigt das grausame Kriegsungeheuer die
Krokodilskiefern ber ihre Grenze streckte, ein markerschtterndes
Wehegeschrei: nicht die Krone Dnemark, nur der niederschsische Kreis habe
mit diesem Krieg etwas zu schaffen, man mge dessen gedenken, menschlich
sein, der nachbarlichen Freundschaft sich erinnern. Man mge ein Ziel
setzen diesem grausigen, durch fast ganz Europa gezogenen Brand, bei eines
fremden Reiches Wassern und Seen, nicht noch mehr, endlos mehr Knigreiche
Frstentmer und Lande dem Unwesen, Raub, Verwstung, grenzenlosem
Blutvergieen bergeben und aufopfern.

In Seeland erhob sich das Volk gegen den Knig, die Begleiter schtzten
ihn, in Fischertracht flchteten sie weiter. Im nrdlichen Deutschland
verbreitete sich das Gercht, die dnischen Bauern und Brger hielten in
Odense ihren Reichsrat gefangen. Wollten in Entsetzen den Rmischen Kaiser
oder Wallenstein zu ihrem Knig whlen, um sich zu retten.

                   *       *       *       *       *

Der Kaiser entschlo sich, nach den Siegen nach Bhmen zur Krnung zu
reisen. In einer unbezwinglichen Bewegung nahm ihn der Entschlu gefangen.
Er ordnete die Manahme in finsterer Freude, Gehobenheit an, gab der
Mantuanerin, die ihn fragte, warum man im Winterbeginn reisen wolle, den
Bescheid, da keine Wahl bliebe. Er wollte sich gekrnt seinem groen
Widerpart ber alle Lnder weg gegenberstellen, whrend der noch in
Holstein Mecklenburg war. Man brach mit ungeheurer Pracht auf; die Gelder,
aus dem Felde geschickt, strmten aus Kontributionen.

Auf dem Laurenzerberge krachten Geschtze; die Hlfte scho Salut, die
andere schwieg, scharf geladen, zum Schutz des Kaisers. Aus der
Wenzelskapelle wurde die Krone geholt, die sich zuletzt der gechtete
Friedrich aufgesetzt hatte; ein Kardinal fhrte den Kaiser zum Hochaltar.
Gesalbt am rechten Arm, Schultern, Brust, mit dem Wenzelschwert umgrtet,
Szepter und Apfel tragend, die Krone aufgedrckt.

Die Bhmen lieen es geschehen; sie hatten getrumt, Wallenstein wrde in
Prag erscheinen; er ihr Trost, ihre unsinnige, immer wieder sich erneuernde
Hoffnung. Der Landtag wurde erffnet, seit vielen Jahren der erste, man las
ihnen die kniglichen Propositionen vor; keine Rettung, es gab keine
Wunder. Sie schmeichelten sich an den neuen Knig, brachten Geschenke,
bewilligten Steuern, boten eine Jagd bei Prag an; wurden bedankt, aber wie
zum Hohn lie der Kaiser auch seinen Sohn vor ihnen krnen; man rief sie
nicht, nicht einmal zur Dekoration; die Prunkherren und Damen waren aus
Wien gefahren, fllten den heiligen Dom, schlossen die Wenzelkapelle auf.
Kein Wort klang von den alten Freiheiten und Privilegien, eine erneuerte
Landesordnung des Erbknigreichs Bhmen machte allem ein Ende. Aber der
geistliche Stand nahm am bhmischen Landtag teil, Bischfe, Priester,
Jesuiten, an dem Landtag, den die Adligen die habsburgische
Krnungsmaskerade nannten. Rasend vor Ha zogen sie sich zurck; weinende
und verbissene Gesichter bei ihren Zusammenknften. Zum Grafen Thurn
wollten sie schicken, flehend, sie nicht zu lange leiden zu lassen, aber
lebte Thurn noch? Sie schickten Leute, ihn zu suchen; wieder wanderten
Adlige aus. Wallenstein gewinnen! Wallenstein gewinnen! Oder ermorden.

Und wie er ankam aus den Winterquartieren durch die gebndigten Gebiete,
durch Mecklenburg, die Mark, ber Wittenberg Bernau, Sommerfeld Sagan, auf
Gitschin, langsam, auf den glatten und verschneiten Wegen, wute er nicht,
da er von bhmischen Exulanten, mordschtigen Fanatikern, seinen
Landsleuten umzngelt war, aber begriff, da man ihm zu jeder Zeit ans
Leben wollte. Er hatte seine Leibgarde auf sechshundert Mann erhht; mit
vierhundert bis auf das Blut geprften Wallonen und Italienern, die
hochmtig auf die deutschen Vlker sahen, durch Strke Gewandtheit Prunk
alle berragend, lie er sich in den bhmischen Kessel herunter.

Da durchwellten schreckenverbreitend zwei Strme das Land, der rmische
Kaiserhof und Wallenstein. Wie Fremde standen die Bhmen in ihrem Land,
ihre Rcken beugten sie.

Der Kaiser zog zu Huldigungen durch die Stdte; in Brandeis, auf dem
kaiserlichen Schlo, erreichte ihn der General der Armada. Er hatte nicht
den Wunsch, den Kaiser zu sprechen; Ferdinand hatte ihn zu sich gefordert.
Dann begegneten sie sich in dem Empfangssaal zu Brandeis. Ferdinand, der
heitere Banketteur, Wildschweinjger, demtiger Christ, aufgerissen zu
blendender betubender mystischer Gre unter einem Purpurbaldachin, die
Krnungsinsignien, Mantel mit furchtbar springenden schwanzpeitschenden
Lwen, goldene Krone, Szepterstab, kreuztragenden Reichsapfel wie eigene
Organe bewegend, drohend, lodernd, gar nicht versunken. Und vor ihm durch
das Spalier der Trabanten, Fahnentrger, starr stehenden Rte, Priester
herschleichend, verwundert und widerwillig, das lange ledergehllte
gelbugige Geschpf, mitrauisch, fremdartig. Mit schwanzpeitschenden
giraffenwrgenden Lwen aus Gold, mit bgelberzogener buntgesteinter
Goldkrone, dem uralten Reichsschwert brannte der oben zu ihm her,
heischend, stumm sprechend aus einem Gehuse von Purpur. Er verstand ihn
nicht; wollte man ihn morden, nach den Siegen; hatte er zuviel gesiegt; er
hatte seine unwiderstehlichen sthlernen Wallonen nicht zum Schutz. Man
lie ihn fort, nach feierlichen Gastmhlern. Er schttelte sich drauen,
trug nichts davon. Seine Garde fhrte ihn nach Prag.

Er rechnete mit dem Kaiser ab. Seine Verwaltung machte eine sehr genaue und
spezialisierte Aufstellung an den Abt von Kremsmnster, der sie lchelnd
dem Kaiser bergab. Ferdinand berflammt, tief beglckt: So brauch' ich
doch nicht verzagen. So gibt mir der Herzog von Friedland eine Gelegenheit,
einen Vorwand, ihn zu ehren. Da seine Verdienste um mich nicht
abzuschtzen sind, wei ich. Ich bin ja geradezu wehrlos, gesteht selbst,
Abt Anton, gegen ihn. Wie soll ich mich rchen an ihm fr diesen Feldzug?
Er tat, als ob er lchelte, dann berhrte er den Abt ernst an der Hand:
Ich mu mich doch behaupten gegen ihn.

Elf Herren bildeten den Geheimen Rat des Kaisers; zu besonderen Aufgaben
wurden noch zugezogen Zdenko Frst Lobkowitz, Otto von Nostitz. Auf allen
lastete nach den beispiellosen Siegen des Sommers der Druck, sich mit dem
Bhmen abzufinden. Slawata, der schne, Wallensteins Vetter, in den
Geheimen Rat aufgenommen, uerte in Abwesenheit des Kaisers: Der Herzog
hat sein Korn schon in den Scheuern. Bemhen sich die Herren nicht. Die
edlen Herren sind nicht meiner Auffassung. Die Aufstellung, die der Herzog
von Friedland eingeschickt hat, ist schamlos. Es ist richtig, wie er
schreibt, da er den Obersten den genannten Betrag vorgestreckt hat; doch
hat er vergessen, von den Obersten, den Offizieren, von sich selbst eine
Aufstellung zu verlangen ber die Kontributionsbetrge, die von den
Stdten, Kreisen, Stnden, Privatpersonen erpret sind. Diese Gegenrechnung
wird uns selber von dem Lande und den Frsten gemacht werden.

Kollalto, der Prsident des Hofkriegsrats, der Weintrinker, gab von sich,
da man sich mit solchen Vermutungen auf unsicheres Gebiet begebe. Das
Kriegshandwerk bringe Schwierigkeiten und Hrten mit sich; insinuiere man
dem Herzog keine Gewaltttigkeiten und die Betreibung so ungeheurer Summen.

Trautmannsdorf hielt es fr gleichgltig, ob der Herzog zu viel verlange,
zu wenig verlange; die Hauptsache bliebe, da der Kaiser nicht nein sagen
knne.

Eggenberg gab ein schlechtweg friedlndisches Votum ab; Wallensteins
Unkosten und Auslagen seien vom Kaiser zu begleichen, darber hinaus sei
der Herzog zu belohnen. Er habe ihrer Majestt Knigreiche, Lande, Erzhaus
und Nachfolge, die jedermann fr verloren gehalten habe, von des Feindes
Gewalt befreit, ganz Deutschland zum Gehorsam gebracht, ihre Majestt zum
Herrn vom Adriatischen bis zum deutschen Meer gemacht.

Sie zerrten aneinander, dachten auf ihre Weise sich Wallensteins zu
entledigen. Er knirschte und krachte ihnen, wie sie noch saen, sein
Begehren ber Nacken und Schultern. Er vermge, lie er sich schallend aus
Prag vernehmen, keinen Unterschied zu sehen zwischen seinen Leistungen und
denen des Kurfrsten Maximilian nach der Prager Schlacht; danach ergebe
sich das Weitere fr die Schulden des Hofes. Was den Landbesitz anlange,
auf den er bei der zeitigen Geldknappheit des Kaisers Anspruch erhebe, so
htten die beiden Mecklenburger Herzge durch ihren Anschlu an den
Niederschsischen Bund ihr Land verwirkt wie der Pflzer. Nur
Trautmannsdorf ging spttelnd in dem lautlosen Kreise: Jetzt wollt Ihr ihm
alle an den Leib. Warum die Dinge so berstrzen! Jetzt mchtet Ihr ihn aus
purer Voreiligkeit lieber heute als morgen absetzen, ja kpfen. Ihr Herren!
Habt Geduld! Lat uns noch eine Zeitlang siegen. Warum so kurzatmig? Mir,
dem sehr beliebigen Trautmannsdorf, sogar Euch, dem verdienten Frsten
Eggenberg, kann zwischen heute und morgen Schlimmes vom Herzog begegnen.
Und zwar Endgltiges. Derart, da wir mit Homer lieber lebendige Muse
wren als begrabene, beiseite geschaffte, allerhchste Wrdentrger und
Bemkler Wallensteins, des Feldherrnwunders und so fort. Vorlufig hat er
es aber gar nicht mit uns zu tun. Ich betone: vorlufig; ich lege Gewicht
auf den Zeitpunkt. Und Habsburg, oh, das nimmt es mit sehr vielen
Attenttern Bsewichten Hochverrtern auf. Das lebt sehr ungerhrt und
kaltherzig ber solche momentanen geistreichen Einflle hinweg. Das meint
Ihr doch auch. Einem Herrscherhaus wie den Habsburgern kann im Grunde gar
nichts passieren. Und damit, Euer Liebden, mchte ich rechnen. Es ist nicht
so kurios, wie es scheint. Ich lasse dem Herzog seine Indolenzen und
Malosigkeiten durch. Als Vorspann macht er sich gut. Ein wildes Pferd
schlgt auch mal gegen den Wagen. Warum nicht? Es zeigt damit, da es
tricht ist und eventuell nicht in den Stall gefhrt wird, vielleicht sein
hoffnungsvolles Leben in einer Roschlchterei endet.

In Prag hatten unter den Feiern andere Boten vergeblich Zutritt zu den
krnungstrunkenen Majestten gesucht, stille, sehr wenig eilige Mnner,
Greise, bettlerhaft gekleidete Menschen in groer Zahl, mde und verloren
herumwandernd, sich umblickend. Sie drngten traurig zum Rmischen Kaiser,
Brgermeister des niederschsischen Kreises, Ausschsse von Stadt- und
Dorfgemeinden, die nicht wuten, ob ihre Heimat noch aus mehr bestand als
Schutthaufen, leeren Husern und Stllen; ihre friedliche Menschenherde
zerstubt, Kinder, Bauern, Frauen, Tiere. Sie hatten sich eine grausige
Audienz ausgedacht, da sie nicht redekundig waren, auch nicht viel von
Worten erhofften. Sie schleppten zwischen lose gebundenen Brettern Leichen
ihrer Stadthupter und Vorsteher mit weiter nach Wien; auf die Deckel
hatten sie genagelt beschriebene Rollen, Urkunden, enthaltend die
kaiserliche Zusicherung von Privilegien und Freiheiten; mit Siegeln hingen
beschwert aus den triefenden schimmligen Spalten der Gehuse Schutzbriefe
des kaiserlichen Generals oder seiner Obersten; kleine aufgeklebte
Zettelchen nannten den Preis der Salvaguarden. Etwa sechs dieser Leute
starben zwischen ihrer Heimat und Prag, mihandelt wie sie waren, auf die
beschwerliche Fahrt mitgeschleppt, um ihre Wunden, Brche, Geschwre,
Hinflligkeiten sprechen zu lassen; sie vermehrten die Zahl der Srge. Man
wich der stinkenden Gesellschaft aus, Torwchter Stadtgarden lieen sie
unbehelligt, weil sie Beerdigungen annahmen; sie muten wochenlang
hingehalten mit Bettelei sich durchschlagen, hingen zh und still an der
Burg des deutschen Kaisers. Bis der Kaiser von ihnen gehrt hatte und
begehrte sie zu sehen und zu sprechen. Er lie ihnen, bevor er sie annahm,
am Burgeingang ihre Srge abnehmen, die Srge in Wagen strzen, durch die
Totenbrderschaft begraben. Sie selbst in einen Vorsaal gelassen, hrten
schon vor dem Empfang sein Schmhen, Aufstampfen gegen eine Person, die sie
nicht kannten. Es war der hohe weibrtige Obersthofmeister Wolf Mansfeld,
der die ungewhnliche Audienz zu verhindern suchte. Wie er bleich, heftig
atmend, mit erregten Blicken die Tr ffnete und die Schar an sich
vorbeilie, wo sie in einem Haufen an der Tr sich sammelte, zuckte sein
feinhutiges Gesicht vor Widerwillen und Ekel. Der Kaiser, ohne sich ihnen
zu nhern, Schweiperlen auf der Stirn, schrie sie wild an, sie mchten
herein, sie sollten die Tr schlieen. Er hieb auf- und abgehend in eine
Masse von Rollen, die auf seinem Schreibpult hinter einer Eichenbarriere
lagen. Malosigkeit, Gedankenlosigkeit warf er ihnen vor. Glaubten sie, er
wte nicht? Was heie das: Leichen mit sich herumschleppen? Ja, was das
heie? Als sie ohne Antwort sich umeinanderschoben und sich fast
hintereinander versteckten, prasselte sein Schelten hitziger gegen sie her.
Vergessen der Untertanenpflicht sei es, Rebellion, malefizischer Aufruhr.
Dazu Beleidigung, ja vornehmlich dies, Beleidigung seiner Person und
Stellung. Und dann zu wagen, vor ihn zu kommen, in sein Haus, ihm den Spott
in seinen eigenen Mauern antun. Da machte sich einer Mut und auf Tod und
Leben lossprechend sagte er etwas von ihren unertragbar gewordenen Leiden,
bat um die kaiserliche Gnade Hilfe und Frsorge. Wie ein eingesperrtes,
grenzenlos gereiztes Tier klammerte sich der fette kleine Herr unter dem
weien Federhut an den Schrecken an, rttelte sie, brllend, prustend,
speiend, blauroten Gesichts; er brauche sie nicht, Anmaung, Anmaung, er
wisse, was seine Pflicht sei, er brauche keine Belehrung. Gerecht sei es,
was sie sich anmaten ber ihn, diese Schmach, sie, die Untertanen, vor
seinem Gesicht gegen ihn den Kaiser; was schleppten sie sich durch die
Lnder, versumten ihre Zeit, nicht auszudenken.

Die Tr brach fast hinter ihnen auf, sie schwollen hinaus. Am ueren
Burgtor wurden sie festgehalten, von dem Oberst der Leibgarde in sechs
Verliese der Burgmauer geworfen. Der Kaiser hatte den bsen Verdacht
geuert, die Leute seien bestochen, gehetzt von fremder Seite in seine
Lnder in diesem Aufzug geschickt. Nach zwei Wochen vergeblicher
Nachforschung wurden die fnf jngsten von ihnen gepeitscht, sie selbst
zwangsweise bei einem Provianttransport unter militrischer Bedeckung in
ihren Kreis abgeschoben. Der Kaiser gab die Vermutung der fremden
Aufhetzung nicht auf; triumphierend sagte er zur Mantuanerin, wie entlarvt
seien die Mnner gewichen, als er ihnen vorhielt, sie seien von Fremden
hergeschickt; sie seien ins Eisen gesteckt und gepeitscht worden; man wrde
sich in Zukunft scheuen und schmen, klgliches schwaches Gesindel so fr
sich arbeiten und das Fell zu Markte tragen zu lassen.

Der Kaiser, drngend auf Vorschlge ber die Belohnung des Herzogs von
Friedland, sog verzckt die Gehssigkeiten des Grafen Wilhelms Slawata in
seiner Kammer ein: da dem Herzog nicht zu trauen sei bei seinen
weitausschauenden Plnen, da die Herzge von Mecklenburg seit achthundert
Jahren das Land besen, ihre Entthronung Dnemark, Schweden, ja das ganze
Kurfrstenkolleg auf den Plan rufen wrde. Da er mit armer deutscher Leute
Schwei und Blut die Kriegsvlker der ganzen Welt sttige und bald so viel
Lnder werde an sich gerissen haben, da keine Mglichkeit mehr sei, ihn
abzufinden. Ja, man werde ihn so erhhen, da man alle Freiheit gegen ihn
verliere und auch die Macht verliere, ihn zu erniedrigen.

Dies, fhlte Ferdinand, war gut. Wallenstein fhrte es aus. Und so stellte
er sich ihm selbst gegenber, das ganze Kurfrstenkolleg tragend, auf den
Schultern noch Dnen und Schweden, und wich nicht.

Der riesige Luxemburger, Lamormain, sein Beichtvater, trat an den heftig
atmenden Kaiser, bat ihn im Namen der heiligen Kirche, das fromme Werk
nicht zu versumen, den unglubigen Frsten das Land Mecklenburg zu
entreien; er werde gottgefllig wirken wie einstmals, als er den Pflzer
aus seinen Lndern wies. Ferdinand an seinem Grtel nestelnd, hrte ihn
verwirrt an, sah ihn verwirrt sprechen, seine Hand nehmen. Er glhte auf,
beugte sich tief vor der ernsten schwarzen Gestalt, beschmt und wagte
nicht, seine Stimme anklingen zu lassen, um sich nicht, er wute nicht
worin, zu verraten.

Eine Urkunde bestimmte: die Herzge von Mecklenburg haben es
mitverschuldet, da Krieg in den niederschsischen Kreis getragen wurde.
Der Kaiser hat das von ihm und dem Heiligen Rmischen Reich zu Lehen
rhrende Herzogtum mit Heeresmacht berziehen und sich des Landes mit fast
unerschwinglichen Kriegskosten bemchtigen mssen. Deshalb wird das Land
der Genannten, das Herzogtum Mecklenburg, Frstentum Wenden, Grafschaft
Schwerin, die Herrschaft der Lande Rostock und Stargard dem Herzog von
Friedland berlassen. Und zwar zu einem rechten wahren und bestndigen Kauf
fr die geleisteten, ansehnlichen und treuen Dienste in Dmpfung und
Bezwingung der Rebellen, fr die Erhaltung des schuldigen Gehorsams im
niederschsischen Kreise und die Zerschmetterung zweier Armaden, fr die
Eroberung und Besetzung groer Frstentmer neben einem Teil des
Knigreichs Dnemark, er, der General, Feldhauptmann, ritterlich daran
setzend Gut und Blut.

Die Bestimmung des Kaufschillings wurde fr spter festgesetzt; vom
Schtzungswert wurden in Abzug gebracht die Schulden des Landes, die
Forderungen des Herzogs, eine Gnadengabe des Kaisers in Hhe von
siebenhunderttausend Gulden rheinisch. Verpfndet wurden dem General das
Bistum Schwerin und die im Mecklenburgischen liegenden geistlichen Stifte
gegen vorgeschossene siebenhundertfnfzigtausend Gulden.

In Prag traf der Kaiser ein zum Empfang des Marschalls Schlick, der aus der
Affre von Aalborg und Hobro achtundzwanzig dnische Kornette und zwei
Fhnlein samt dem Generalmajor Konrad Nell und dem Obersten Heinrich von
Kalenberg hereinfhrte. An diesem Tage begrte Ferdinand den Herzog von
Friedland auf der Burg als einen reichsunmittelbaren Frsten; er forderte
ihn in seiner Kammer bei geheimer Audienz auf, sein Haupt zu bedecken, was
Wallenstein nach kurzem Zgern tat. Als am nchsten Morgen die Majestten
sich vor Tisch wuschen, reichte ihnen der Herzog das Handtuch. Der Kaiser
hie ihn an offener Tafel sich bedecken. Das Frstentum Sagan erhob an
diesem Tag Ferdinand zu einem Herzogtum, gab es dem General als ewiges
Erblehen.

Zu jener Zeit tauchte der Plan Wallensteins auf, konfisziertes Land mit
tapferen Offizieren zu besetzen. Zu Wallenstein wurden der Abt Anton und
Kollalto in Prag geschickt mit der Frage, wie er sich die Belohnung und
Abfindung solcher Offiziere denke. Der Herzog meinte, da dazu kein neues
Prinzip ntig sei und da der Umstand der zeitigen Geldknappheit des
Kaisers von Wichtigkeit wie von Vorteil sei. Konfisziertes, also
rebellenuntertniges Land wird am sichersten in Gehorsam gegen die Rmische
Majestt durch Mnner erhalten, die ihr Leben fr die Majestt eingesetzt
haben. Zugleich wchst dadurch die Macht des Kaisers im Reich. Besetzungen
und Inthronisierungen sind furchtbare Drohungen fr abfallslustige Frsten.
Man erwge keine andere Methode. Sachlich und ohne Scheu erklrte sich
Friedland fr Schaffung einer Militraristokratie. Im Innersten erschttert
war Ferdinand, als ihm der friedlndische Vorschlag hinterbracht wurde. Er
hatte selbst mit dem Gedanken gespielt im Verfolg des friedlndischen
Ideenkreises; jetzt sah er den Gedanken drauen nach Realisierung drngen
in der schauerlichen Konsequenz des Handelns seines Generals. Er nickte
kaum ja, floh, bestrzt, von oben nach unten durchwogt nach Wien, wo er
sich in die Gebete und Jagden warf.

Er war von jugendlicher Frische und fast berlebendiger Raschheit, aber
zugleich von einer schumenden Gereiztheit und Aufgerissenheit; ruhelos
zwischen Empfindungen. Es war ihm eine Freude, als er bei den Jagden in
Sumpfgebieten vom Sumpffieber ergriffen wurde und schwer krank wochenlang
lag; der Beichtvater suchte nach der Snde, deren Strafe der Kaiser erfuhr,
der Kaiser trumte, schlief matt; er sagte zu der Mantuanerin, er raste, er
sei ihr herzlich ergeben. Er klammerte sich im Fieber, wie ein Jngling
blhend, an ihren strengen demtigen Leib an. Sie fhlte sich ber ein
Weltenmeer, einen sinkenden Sumpf zu ihm gefhrt; mit Leiden und Gebeten
fr ihn fing es an, mit Gram um ihre Khle; manchmal tobte in ihr das
Gefhl, von einer Wut verschlungen zu werden, aber diese Wut war keine
fremde, war die des Kaisers, und es verlangte sie leise, zhnebeiend an
den Orkan heranzugehen. Sich ruhegebietend hineinzuwerfen als Beute; sie
war sein Weib, seine demtige Helferin.

                   *       *       *       *       *

Fauchend setzte sich in Dresden Johann Georg, der behbige Kurfrst, auf
die Nachricht von Manahmen des kaiserlichen Generals vor einen Bogen,
malte einen Brief an den Mainzer als den Erzkanzler mit dem Verlangen,
ungesumt einen Kurfrstentag anzuberaumen, zur Beschlufassung ber seine
Beschwerden. In Mlhausen tagten die Vertrauensmnner der Kurfrsten;
Johann Georg war selbst gekommen; Bayern, nicht entschlufhig, hatte einen
Vertreter ohne Instruktion geschickt. Aus Kanzleien Kammern Spielstuben
Ballhusern ihrer Frsten gestiegen, sa die feine weiche Gesellschaft
beieinander auf Polsterbnken, zwischen Blumen, Springbrunnen, unter den
prunkvoll geschuhten Fen die blanke schaukelnde Diele, im Rcken, um sich
weie Bildsulen des Theseus, des zitherspielenden Apollo, pfeilschieende
kleine Gtter, enthllte nach sinkenden Tchern greifende Frauen, saen
einander zugewandt in geheizter Luft unter gepuderten hohen Haaraufstzen,
dnne Degen zwischen den Knien, wie farbenglitzernde Fasane in einem
Lustgarten, hrten sich an. Sie sprachen, whrend sie aus Silberbechern
tranken und neben sich auf Tischchen stellten, voll Abscheu ber den Herzog
von Friedland und seine Praktiken. Sie lachten viel, durchgingen husliche
und nachbarliche Vernderungen, flammten bei Jagdkuriosa auf. Mehr chzend
zwischendurch, gestrt, gepeinigt, tropften sie Worte vor sich ber die
Ereignisse im Reich. Johann Georg, wegen seiner geschwollenen Beine in
einem Polsterstuhl halb liegend, nacktschdlig, brustflieenden Bartes,
eine stmmige dickbuchige Masse, lappige Backen, blickte aus verquollenen
munteren braunen Augen um sich; es sei schon fast zu viel getan, sich mit
dem sogenannten Herzog von Friedland zu beschftigen. Denn das sei zuerst
zu bedenken: wer ist dieser Mann eigentlich? Haben Edle, gefrstete und
gekrnte Hupter wie sie, es wirklich ntig, sich mit einem Bhmen aus dem
Hause Wallenstein zu befassen, Huser, die es zu vielen Dutzenden in
Bhmen, zu Hunderten im Reich gbe, noch bessere als Wallensteins? Wenn er
jetzt Herzog von Friedland sei oder von Sagan. Der Kurfrst lachte krftig
kopfschttelnd, die andern wie er; da knnte er sogleich ein halb Dutzend
seines Hofgesindes adeln freiherrn und grafen lassen und seien doch eben
Kchenjungen Boten Prschmeister gewesen und nun nicht einen Heller und
bhmischen Groschen besser. Nein, nicht einen Groschen besser seien sie
dadurch. Und damit legte er sich die Hnde ber dem Bauch, zurck, fast
gesttigt; noch gelegentlich knurrend: Kurios. Spahaft. In schwarzem
Atlaskleid, silbern ornamentiert, mit bauschig hervortretenden Hemdspitzen
beider rmel, ernst und hoch unter einem bunten Reiterbild der
durchlauchtige hochgeborene Frst und Graf zu Hohenzollern, Herr Johannes,
hielt die Arme verschrnkt ber seiner langen Perlenkette; wie bitter es zu
denken sei, monierte er leise gegen den Dresdner Kolo, da sie ernsthaft
in groer Versammlung ber Personen derartiger Natur zu verhandeln htten;
es gbe niemanden in dieser Gesellschaft, der der fraglichen Person nicht
berlegen sei sowohl in Art wie Geist Charakter Frmmigkeit; vom Stand zu
schweigen. Und doch htten es die Dinge, der Verlauf im Reich gefgt, da
sie ber die Person handelten, nicht allein ernsthaft, sondern sogar mit
grtem Gewicht. Ein Klner, schwer wie ein Stier, in blauem Tuch
dasitzend, legte nahe, dem Rmischen Kaiser, zu bedeuten, wie man ber
diese lrmmachende fatale Person denke. Die Frsten und Regenten seien
angestammt ihren Lndern und Untertanen, sie htten wohl recht, gehrt zu
werden, wenn in dieser Weise deutsche Art beseitigt und ber den Haufen
geworfen werden solle. Da kme ein Taugenichts, ein Brausewicht daher, wild
wie ein Sturmwind, reie an Bumen und Gewchsen -- nun er werde sich
verrauschen und verbrausen, aber genug Schaden richte er an und sollte
nicht geduldet werden um seines Tosens willen.

Sie tranken, freuten sich ihrer Einigkeit, erzhlten von niederlndischen
Bildern, kamen auf das Reich zurck. Das Neuste, das Neuste im Heiligen
Reich, Herr Wallenstein und Bhmen. Wer wird ihm noch Lnder verkaufen zu
billigem Preis, damit er dem Kaiser bessere Vorschsse leisten kann? Die
Jdlein haben ihn im Sack. Wie lange, klopft Herr Bassewi, das Hofjdlein
aus Prag, in der Burg an: Kaiserliche Majestt, alles vertan; wollen die
Majestt noch leben, mssen sie ein Jdlein werden, einen gelben Fleck auf
den Purpurmantel nehmen. O heiliges jdisches Reich deutscher Nation.

Seid nicht so krftig, warnte der zufriedene Kurfrst; sie aen Lebkuchen
von Tellern, die schsische Pagen herumtrugen. Es ist schon gut, wenn wir
uns hier zusammenfinden. Nicht verzagen, nicht bermtig sein. Mag der
Rmische Kaiser wissen, da wir hier zusammensitzen und unliebsam die Dinge
im Reich empfinden. Er wird uns gndig anhren.

Der feine Kurz von Senftenau, vom Bayern geschickt, neben dem Hohenzollern
sitzend, rosig wie ein Kind, klein, die Stirnhaut stndig gerunzelt, pfiff:
Der Bhme wird sich lustig machen ber uns. Wir wissen ja, da er die Liga
verachtet und unsern Grafen Tilly erbrmlich und veraltet findet. Er ist
sehr sicher, der Bhme, er verachtet das Alter. Er wird seine Macht
erfahren. Wir haben still mit unseren Vlkern am Boden liegend die
Jahrhunderte fr uns. Der Bhme soll versuchen, diesen Urwald zu roden. Ein
einziger Baum kann ihn umwerfen. Er ist ein Knecht Habsburgs, einer von den
zahllosen; eines Tages wird Habsburg ihn abschtteln.

Grollend zustimmend richtete sich der schmeerbuchige Kurfrst im Stuhl
auf: Auf einem unterwhlten Boden lebt der Kaiser. Seine Rte sind
gekauft, es bleibt ihm nichts brig, als sich ihnen zu fgen.

Auf dem riesigen Treppenflur und im Prunkvestibl wurden die Schritte
vieler Menschen laut. Whrend einzelne feierlich gekleidete Mnner, von
pikenbewehrten Trabanten und Saalwchtern hereingefhrt wurden, sprach man
drin von dem Auftreten der niederschsischen Landvertreter in Wien.
Behaglich erzhlte man sich Einzelheiten, stritt ber die Zahl der Leichen,
die sie mitgefhrt hatten, wie viele Leichen hinzugekommen wren, wie sie
verpackt waren, ber den Heroismus der Leute. Es erschienen die ehrsamen
Vertreter der Reichsstdte mehrerer Kreise in der Mitte des Halbrunds, in
dem die Herren saen; mit freundlicher Gruerwiderung, mit gndigem
Schnurren und Behagen lieen sie an sich die Klage vorberziehen. Die
Reichsstdte erhoben entrsteten Protest gegen die endlosen Einlagerungen
Durchzge und Kriegspressionen, denen sie ausgesetzt seien, trotz teuer
erkaufter Assekuranzen und Salvaguardien. Der frnkische Kreis drohte, er
sei nicht mehr geneigt, beim Herzog von Friedland zu petitionieren. Das
Stift Magdeburg enthielt sich bitter jeder Klage; legte seine
Kontributionsrechnungen fr die letzte Zeit vor, an siebenhunderttausend
Taler. Die Stadt Halle kam, Schwarzburg-Rudolstadt, Sondershausen mit
hunderttausenden Gulden an erzwungenen Kriegsabgaben. Dem schwbischen
Kreis waren unerschwingliche Summen abgentigt worden. Eine lange
Klageschrift lasen die mrkischen Herren vor, klagten ber die Regimenter
des Fahrensbach und Montekukulli, deren bermut darin bestnde, da sie
ganze Kontributionen fr halbe Regimenter erhben.

Man geno die Klagen, schwelgte in den Schandtaten. Auf den Vorschlag
Johann Georgs, dem Hauptbeltter doch einmal auf die Schultern zu klopfen,
ganz leise leise, kam man berein, dem kaiserlichen General einen Brief zu
schreiben ber die Vorgnge, zu deren Kenntnis man gelangt sei. Man
schmunzelte, das werde wirken. Es wurden drei lange Zusammenknfte damit
verbracht, die Anrede an den Herzog zusammenzubringen. Es sollte dem Herzog
einen Vorgeschmack geben. Wrde man ihn als Reichsfrst anerkennen, mte
man ihm die Titulatur Herr und Freund geben; man wollte ihn nicht
anerkennen, andererseits auch nicht abschrecken. Man einigte sich unter
gespannter Mitwirkung des schlielich tief saturierten Kollegs auf die
Anrede: Besonders lieber Freund, auch gndiger Frst und Herr. Und dann
schrieben sie, was sie wuten. Und gingen kichernd auseinander.

                   *       *       *       *       *

Das Heer, lagernd im Reich und den Erblanden, wuchs den Winter durch. Der
Herzog Franz von Lothringen erhielt eine Kapitulation auf ein Regiment zu
Fu, sechstausend Mann stark. Franzesko Magni, der Bruder des langen
Kapuziners Valeriano Magni, nahm eine Oberstenbestellung ber fnfhundert
Arkebusierpferde. Oberhauptmann Friedrich von Damnitz warb tausend Knechte,
Hebron sechshundert Krassiere, tausend Arkebusiere, dreitausend
Musketiere. Johann Wengler brachte ein Regiment Hochdeutscher auf den Fu.
Johann Virmont wurde angewiesen, fnfhundert Arkebusiere aufzustellen.
Zwlf Infanterieregimenter fhrte Torquato Konti heran. Augustin von
Morando verpflichtete sich auf sechs Fukompagnien, Johann Ludwig Isolani
auf neunhundert Berittene. Neue Regimenter stellten auf Graf Wratislaw, der
dem Uckermrker Arnim hatte Platz machen mssen, Kolloredo, Karboni,
Aldringen.

Die Bewehrungen der Regimenter Wratislaws Kolloredos Aldringens streckte
der Herzog mit sechsunddreiigtausend Gulden vor. Fr die brigen Truppen,
Werbe- und Anrittgeld, Anfangssold, stiegen die Vorschsse des Herzogs ber
den Betrag von einer halben Million, zu der sich der Kaiser erkannte.
Wallenstein verstrkte seine eigene noch in Pommern liegende Leibgarde auf
zwei Kompagnien Arkebusiere, zwei Kompagnien Dragoner, nur Welsche Wallonen
und Italiener, dazu katholische Iren; die ihnen zustehende Kontribution
zahlte er aus eigener Tasche.

Die Armee, zum Wintersende seiner Ankunft und seines Befehls wartend,
strotzend stolz ungeduldig, wurde von ihm gereinigt, sie sollte biegsam wie
eine Rute in seiner Hand sein. Im Magdeburgischen sahen die eingelagerten
Ligisten mit Schrecken von weitem angezogene Friedlndische Regimenter
halbe unter Proze stehende Kompagnien umzingeln, fesseln, entwaffnen, aus
grter Nhe mit Rottenfeuer ber den Haufen schieen. Die Proviantstbe
einzelner Regimenter wurden samt und sonders rasch beseitigt. Eine Anzahl
Obersten wurden nach Prag gerufen, andere ritten selbst herbei, um Befehle
fr den Feldzug entgegenzunehmen. Sie saen als Gste im Palast des
Herzogs, um Tags darauf dem Generalprofo zugefhrt zu werden. Dem wurde
vom Herzog bedeutet, der Herren, die in den letzten Jahren gut waren,
Schrecken in Deutschland zu verbreiten, bedrfe er nicht mehr. Der
krummbeinige gelbgesichtige Herr von Grzenich, Schellard Dorenwert, der
Einugige war gefangen, er der die Kurtrierer Nonnenklster verwstet
hatte; spter hatte ihn rachschtig der Klner Erzbischof gefat,
eingekerkert, erst auf Wallensteins Andringen freigelassen; vom Rhein zur
Elbe losbrechend, bte der wilde Schellard Schandtaten ber Schandtaten,
Plnderungen, Erpressungen; mit triefenden Schnauzen stieen seine
Arkebusierreiter und vier Kornette Krassiere zu der Wallensteinschen
Hauptmacht, sie schluckten die Wonnen des Feldzugs herunter. Das Gericht
verurteilte den fade blickenden gefesselten Mann zum Tode durch das Rad. Er
spuckte dem Generalprofo, keifend und ihn wie einen Wahnsinnigen
verlachend, gegen den Stiefelschaft; es half ihm nicht, da er sich als
friedlndischen Lehensmann gab, er wurde eines warmen Mrzmorgens auf dem
Felde vor der Prager Altstadt ohne Aufsehen mit dem Schwert exekutiert.

Der ltere Kratz, Graf Hans Philipp von Scharffenstein, wurde in Prag auf
dem Kirchgang berrumpelt und aufgehoben. Ihm hatte der Friedlnder stolz
und mit vielsagenden Blicken versprochen, er htte ein Herz fr seine
Soldaten, Kratz solle herrliche Quartiere mit seinen Regimentern beziehen.
Darauf ging Kratz, verstndnisvoll lchelnd, mit sich zu Rate, fhrte seine
Reiter nach Franken und Schwaben, den Markgraf von Baden herausfordernd.
Das Urteil des wilden, der vom Leben zum Tode befrdert werden sollte, war
schon gesprochen, als ihm, der riesenstark war, gelang, sein Zellgitter zu
zerbrechen, bei Nacht in den Graben zu springen. Dem Wachposten, der ihn
jenseits erwartete, drckte er, ihn hin und her werfend, mit den Ellbogen
den Brustkasten ein, entkam in den Kleidern des Ausgeraubten, in den Graben
Geschleuderten. In Baden zeigte er sich an der Spitze der von ihm
geworbenen Regimenter, schickte einen Hhnbrief an seinen General; nach
drei frech im Lande durchbrausten Wochen fhrte er seine Regimenter ber
den Rhein zum Herzog von Lothringen.

Oberstleutnant Gottfried Eichzel, des Regimentes Fahrensbach, ein
dickleibiger flinker blutrnstiger Mann, stationierte im Gefolge der Armee
Arnims in der Grafschaft Ruppin. Er, der den Krieg nicht als Martyrium fr
sich und seine Offiziere erachtete, bemchtigte sich in Ruppin der Huser
von Adligen, schlielich des kurfrstlichen Schlosses selbst, von da
mchtig und in Ruhe das Land berfallend, ausplndernd. Vom Herzog von
Friedland verlautete, er htte wegwerfend vom Brandenburger Kurfrsten
gesprochen, der mit dem Schweden und Bethlen versippt war, und man htte
keinen Grund, sein Land sonderlich zu schonen und in Acht zu nehmen. Der
runde wippende Eichzel verlie Prag nach dem Besuch fr lange Zeit nicht;
nach Formierung seines Prozesses wurde er in Eisen geschlagen, in einem
Kellerloch verwahrt.

Den Obersten Marquis Brissy und Haumann wurden die Regimenter
abgesprochen. Des Daniel Hebron, eines strengen ihm miliebigen Mannes,
konnte er sich nicht bemchtigen. Aus dem Heer gestoen wurden nach kurzem
Proze die Kroatenobersten Orahoczi, Hrastowacki. Hinweise auf frhere
Verdienste drangen beim Herzog nicht durch. Die Namen einiger Entflohenen
wurden vom Henker an den Galgen geschlagen.

                   *       *       *       *       *

Wie ein Eber den weichen Waldesboden aufreit, da die Erde und Moos
beiseite spritzen, so stieen Wallensteins Armeen im Reiche vor, warfen die
Menschen auseinander, zerschmetterten und durchwirbelten sie, zerstreuten
sie in die Winde. In dem Schritte des Heeres war kein Gleichma, aber
gebndigt war die steife tragende Kraft, die die Dcher abhob, mit
Sicherheit Korn Heu Stroh in tausenden Maltern aus den Drfern trug,
unduldsam, bei Gefahr vllig vernichtete.

Wie der seste Wein schlich dem Kaiser der Brief der Frsten ins Herz, der
ihm die drohsam vergewaltigende bermacht des Generals schilderte. Sein
Gesicht blhte auf, seine Augen weiteten sich feuchtverklrt. Und dann
erlosch er, sank mit schlaffen Knien, schlotterndem Kopf auf den Sessel,
lie den Speichel vor sich auf den roten Teppich trufeln, blickte stier.
Nach langen Minuten fand er sich zusammen. Ging freudig weich durch die
Kammern, sein Herz voll Seligkeit. Der zarte Doktor Frey fragte ihn, was er
zu antworten gedenke. Ferdinand sah in die wasserblaue Frhlingsluft: Ich
danke ihnen. Der wiederholte seine Frage. Ferdinand: Ich danke ihnen, ich
liee ihnen vielen Dank sagen. Befremdet der Sekretr: Den
durchlauchtigen Kurfrsten und Frsten. Ferdinand, die Arme verschrnkt,
in einer sonnigen Gewiheit: Schreib' ihnen recht schn. Frage Eggenberg,
was du schreiben sollst. Ich liee ihnen doch danken, vielen Dank sagen.

Der Bhme schrieb an den Rand des Briefes: Es deucht mich ein Gutes, da
die Mignstigen sich regen. Sie werden bald offen abtrnnig werden. Es
gibt keine andere Mglichkeit sich auszubreiten als durch Reizung der
belwoller. Er selbst empfahl als Antwort fr den Brief: wie man, Frsten
und Stnde, dem Kaiser seine Kriegskosten zu ersetzen gedenke, wenn man
Schatzungen und Kontributionen nicht wolle; und wenn er Frieden schlieen
solle sofort und bei beliebiger Kriegslage, wie man sich die Abdankung des
Heeres denke, von der Rachsucht des Dnen zu schweigen.

Der Kaiser las den Brief der Frsten noch einmal. Er ging am Arm Freys in
den sprieenden Garten herunter, straff, den Degen wie einen Stock
aufstoend. Durchdringend und mitleidig blickte er Frey an, als der wieder
Bedenken vortrug. Er lie seinen Arm.

Unter dem Schall der Abendglocken diktierte er an den Frsten Eggenberg und
den Prsidenten des Hofkriegsrats. Es msse zur Durchfhrung der
kriegerischen Notwendigkeiten, zur Sicherung der kaiserlichen Vormacht dem
von Wallenstein freie Hand gelassen werden. Er wiederholte: Freie Hand.
Und da Friedland zum Generalobersten Feldhauptmann ber die gesamte
Kriegsmacht ernannt werde, mit Vollmacht, Regimenter nach Gutdnken zu
reduzieren und aufzustellen, Obersten selbstndig zu ernennen; keine
Verhandlungen mit dem Feinde gegen seinen Willen.

                   *       *       *       *       *

Vom Wiener Hof fuhren auf Wagen und wanderten mit nackten Fen in die
verwstete Heimat die bettlerhaften Abgesandten, die ihr Unglck hatten
bejammern wollen und vom Kaiser ausgepeitscht waren. Sie wanderten durch
unruhige, seltsam aufgeregte Stdte. Von den Husern Gassen Scheunen, aus
den Gewlben, Fenstern blinkte der Wohlstand. Die Felder wurden zum
Frhjahr bestellt. Prozessionen begegneten ihnen, Sldnertrupps zogen
vorbei mit Wagen und Geschtz, fochten die Bettler nicht an, die gedrngt
still gingen. Die Bettler hatten leere ausgeweitete Blicke, mit denen sie
die trottenden Menschen berzogen. Stumpf beobachteten sie die staunenden,
ausweichenden Brger und Weiber, denen sie ngstliche Kriegserlebnisse
waren; wild zuckte und stach pltzlich den Stdtern das Herz. Sie
schleppten sich trge aus den Mauern, keine Liebe, kein Traum blieb hinter
ihnen zurck. Die Huser schtzten nicht, die Mauern schtzten nicht,
Kanonenkugeln konnten die Tore umlegen, Soldaten ber die Mauern springen,
Pferde durch die Wassergrben schwimmen, geworfene Brandpfeile, Granaten
konnten Flammen ber die Kpfe tragen. Die Torwchter konnten blasen,
Kroaten bliesen auch. Die Kinder konnten spielen, Pferdehufe und
Kavallerieregimenter unterschieden nicht zwischen Steinen und Knochen.
Blumen vor den Fenstern, Altarstationen an den Gassenkreuzungen; fr den
Augenblick gemacht; Tuschung, daran sein Herz zu hngen. Kirchen voll
herrlicher Bildsulen, prangender Glasfenster, bunter schmerzlicher
Gemlde: was war dies alles! Kein Amulett gegen den Oberst Fahrensbach,
Quartiermeister mit peitschenschwingendem Gefolge, gegen Isolani, den
stinkenden mit dem Affenkopf und seinen schnatternden Ungarn. Seidenkleider
ber weibliche Glieder, flieendes glattes gebundenes Haar: kein Sinn,
Fastnacht und Spiel, man mag nicht einmal darber lachen. Einer wird sein
Pferd an einen Torweg binden, wird euch knebeln und tun, was ihm lieb ist.
Da ist nichts drber zu sagen. Es ist die Welt und das Leben.

Nach Norden. Nach Brandenburg, Mecklenburg, Bremen, Schleswig. Nicht in
diesem Lande bleiben. Sie wissen nicht, da Krieg ist. Es ist nicht die
richtige Welt, es ist die falsche, die sich eigenschtig pflegt hinter den
Mauern, sich auf Polsterbnken wiegt, wrmt, die Kammern voller Vorrte
hat. Sie genieen sich, spielen miteinander, essen voneinander, bereiten
sich einer fr den andern. Das Getuschel, Gelutsche, die sanften Backen,
frommen uglein, sauberen Hnde, gestriegelten Haare, bunt geschuhten Fe,
der dufthauchende Kleiderwust um die Leiber: sie servieren sich wohl,
schmecken und schmatzen. Wenn dampfende Panzerreiter dazwischen traben,
Schwadron hinter Schwadron, verweht der Duft, ist alles verblasen, die Welt
ist weiter als die Mauern; es geht nur die Rede von Heu, Stroh und Hafer
fr die Guler, die Soldatenweiber und Wscherinnen tragen Krbe, ziehen
Karren hinter sich, darauf haben sie die Zelte Stiefel Kleider Wmse. Es
wird geschrien, zerbrochen, vergossen, verwundet, erschlagen, betrogen. Die
bemalten Huser verbrennen eines Nachts eine Gasse lang, denkt keiner zu
lschen, dreht sich keiner um danach. Und so ist alles verbrannt, die
Kinder mit, die Frauen erschlagen, verschleppt, verlaufen, der Hausrat
zertrmmert; die lieben Eltern, Frauen, lieben Kinder, der behtete Hausrat
von Ahn und Urahn her. Die Herzen schwollen ihnen, sie weinten auf den
langen Landstraen, schutzlos, nackt einer vor dem andern, weinten, die
Stcke schleppend, ber das blanke Gesicht, der Wind blies ihnen hinein,
sie flennten weiter, zeigten ohne Gedanken den Entgegenkommenden ihre
zitternden, mrrisch zusammengezogenen und wieder aufgelsten Mienen; das
rieselnde Wasser lief von oben her aus den Nasen vor ihnen her auf den Weg
in den Staub, Trpfchen hinter Trpfchen, einer ging auf denen des andern.
Bis sie nur noch verzagt sthnten, die Kpfe auf die Schultern, vor die
Brust hngen lieen und weiter trieben. Nach Norden. Zum Oberst
Fahrensbach, zum Isolani, und wer ihnen beschert war. An ihrem Erdflecken,
zwischen den und den Hgeln, hinter dem und dem Weiher, zwischen den und
den Wldern.

Einmal fielen sie einem wandernden bhmischen Emigranten in die Hnde,
einem pltzlich aus einer Strohmiete auftauchenden Vagabunden, der einen
zerfetzten schwarzen Prdikantenrock trug mit weiten rmeln, in die er
Brotstcke und Speck eingebunden hatte. Ein Kranz von grauen Stoppelhaaren
stand um seine beschmierte Glatze; er schmatzte viel, schien irr zu sein.
In einem Bauernhof, wo man sie eingelassen hatte, hielt er ihnen mit
Gelchter ber seinem verschrumpften Gesicht, pfel und Brot schmatzend, an
einem Heuwagen eine Rede. Sie sollten nicht mit Christus kommen, sollten
nicht von Gott reden. Was das alles fr Kindergewsch wre. Gott ist so
gro, so -- so -- gro! Niemand wei etwas von ihm, als was geschrieben
steht. Es steht nicht einmal fest, ob er lebt. Jawohl, er kann schon
verschwunden sein aus rger und Abscheu und hat die ganze Gesellschaft wie
ein hohles Gehus liegenlassen. Und da knnen wir heulen, beten und schne
Sonntagskleider machen, singen von morgens bis abends, und Gott ist schon
ber alle Berge, da es zum Lachen ist.

Wie sie mit starren Seelen, leicht hei, ganz innen sonderbar durchglht,
sich ihren Drfern nherten, fanden sie wenige, denen sie zuflstern
konnten. Da der Rmische Kaiser ihre Toten hatte auf Wagen kippen und
verscharren, sie selbst aber auspeitschen lassen; er wolle sie gar nicht
schtzen. Vielleicht wrden die starken Hansastdte, die Frsten sie
schtzen. Vielleicht. Es waren zu viele geflohen und gestorben inzwischen.
Und wenn sich pltzlich die Drfer von den Soldaten leerten, das
Trompetenblasen kein Ende nahm, gingen sie zwischen den leeren Husern
herum; es wurde leichenstill, sie faten gedankenlos die Scke Sensen in
den Scheuern an, blickten zu den Baumwipfeln hoch, gruben die Fuste in die
Taschen. An einem Ende des Dorfes fing es an, das leise Flstern, vor sich
Herschimpfen, Fluchen auf den Kaiser, und lief durch die Gchen, Gehfte,
wo sich Menschen schwer aus Lehm und Schutt whlten hinter den Truppen, die
sich unter dem Herzog nach dem Meer zu schoben. Schreie, Drohungen; wie
wenn Muse in einem Schrank beien, so knisterten, knackten, knatterten um
Ferdinand die leisen scharfen Verwnschungen, rissen mit blitzschnellen
Krallchen an seinen Schuhen, Strmpfen, lieen sich durch kurze Ste nicht
verjagen in ihrer Wut, knatterten, liefen an, kratzten, krallten, bissen.
Bei Strelitz grub sich ein Einsiedler eine Hhle in einem Hgel. Er betete
nicht, sa feuerugig, wildbrtig, fellbehangen, an einer Kiefer auf dem
nadelbestreuten Boden, sang Soldatenlieder, schaufelte um sich einen Wall,
auf den er Moos trug. Drflern, die zu ihm jammernd nach Rat, Papieren und
Amuletten schlichen, gab er Auskunft: Die Welt hat einen Hauch von
Verwesung. Es ist ein zarter Geruch, der bei mancher Witterung strker
wird.

Der Regen fllt herunter, der Wind wirft die Bltter und Stacheln von den
sten, sie vermantschen; es sitzt eine schreckvolle Unruhe in der Welt.
Jeder Tag, der aufgeht, die Nacht, die ber uns fllt, drngt und jagt. Es
lt uns keine Geduld; so ist es doch. Es frit von uns. Ihr denkt nicht
daran. Ihr habt Euch damit abgefunden. Der Mond ist Euch bla und schn,
nicht wahr. Bla, schn, golden und silbern. Die Sonne ist der schamloseste
Heuchler, der frechste Schelm, Betrger, Ihr kennt sie nicht. Sie wrmt
Euch, wrmt, wrmt, bis Ihr nicht wit wie Euch wird, wie sie Euch das Fett
abschwitzt, Muskeln und Sehnen vertrocknet. Es soll nichts dauern. Auf eine
Schaubhne von Betrug zwischen sern ist der Mensch hingestellt samt dem
Getier und den Blumen. Sie sollen den Mist mehren, der auf der Erde lagert.
Vorber! Vorber! In Verwesung ist unser Leben eingehllt. Wer hat dies
angestellt? Von wem ist dies also gerichtet? Huser sind nicht ntig,
Htten sind nicht ntig. Es schadet nichts, wenn man Euch totschlgt; wenn
Ihr tote Ratten und Krten fressen mt und dran sterbt.

Mit unsicheren Schritten, wochenlang anhaltend, heftig vorstrzend,
torkelte nach rechts und links ber das zerschlagene, ausgesogene Land die
Pest, wie der wei und grnliche Schimmel ber dem faulen Fleisch. Man fing
an, die cker zu bestellen, richtete neue Schmieden ein. Das Frhjahr
rckte vor. Wieder schwrmten, rasch verschwindend, Sldnertrupps vorber;
Gerchte liefen um von Schieen bei Magdeburg, vom Krieg der Hansa mit dem
Kaiser, ber Stralsund solle es gehen. Es sickerte durch das Land, die Zeit
des Satans sei wieder gekommen, er habe das Szepter der Erde an sich
gerissen. Er fhre auf glhenden Karossen durch das Reich mit gelben und
kleinen Pferden. Er schwirre und sause durch die Finsternis her, lecke das
Menschen- und Tierblut, den jungen Getreidesaft. Auf den Laternen der
feurigen Karossen sitzen tropische Schimpansen aus dem Urwald, schreien
greulich: Mach' Platz, mach' Platz. Der Satan hat lange behaarte Arme,
die er hinter sich schleifen lt aus den Wagentren, er belfert, peitscht,
triumphiert. Ihm hngt ein Schlssel an dem Hals, damit will er die
Schleusen der Sintflut wieder ffnen. Von Tag zu Tag tobt und drngt er
schrecklicher. Er hat den Bart und das Gesicht des rmischen Kaisers
Ferdinand, seinen Harn trufelt er in die deutsche Reichskrone und spritzt
die Jauche um sich in den Wind. Er hat den rmischen Kaiser gestrzt, seine
Maske genommen, will das Heilige Reich von Grund aus verderben und
versenken.

Es schwelte in Obersterreich im Hunsrckviertel, dem Pfandbesitz des
Bayern, in Mhren kroch die Flamme am Boden, Dunst hing ber den
okkupierten Lndern, einzelne Schreie stiegen aus dem schwbischen
frnkischen Kreise auf. Die Stdte am Rhein wanden sich stumm unter dem
Soldatendruck. Soldaten des Regiments Verdugo wurden im Eichsfeld in ihren
Quartieren zersprengt, von Ort zu Ort gejagt. Am Harz verbarrikadierten sie
sich in den Gehften. Vor Wallensteins eigenen Tren erhoben sich die
Bauern auf den Trzkaschen Gtern. Er konnte nicht zum Heere ausrcken, ohne
die Hurenshne geschlagen zu haben. Ein groes Bauernheer wurde von ihm bei
Smiritz durch die Regimenter Marradas und Liechtenstein eingeschlossen,
nach drei Tagen zersprengt, fnfhundert Bauern in Stcke gehauen.

                   *       *       *       *       *

Die Tage wurden wrmer, aus den abgegrasten norddeutschen Gebieten ritten
fnftausend Arkebusiere und Krassiere des Kaisers nach Sden, gegen Ulm
zu. Da gab es Futter Quartier Geld und Vieh. In gefhrlicher Nhe der
ligistischen Herren zogen sich immer dichtere Schwrme her von Norden; sie
standen, grasten da unttig, erzwangen Kontributionen, dehnten sich aus.

Er selbst, der Herzog rckte im Hochsommer zwischen den wandernden
klirrenden Mauern seiner Leibgarde aus, ber Sagan Berlin Prenzlau
Greifswald, um die Hansastadt Stralsund zur Aufnahme einer Besatzung zu
zwingen und den Rest der Dnen zu vernichten, die von der Ostsee andrangen.
ber Pommern und der Mark lagerte sein Heer, taub fr den Widerspruch der
Landesfrsten. Torquato Konti hielt die Mittelmark, ein anderer die
Priegnitz, fnf Kompagnien Dohna erpreten den Kreis Starnberg, mit
Wallensteinschen Leibgardisten besetzte Arnim Frankfurt. In Gardelegen
Pappenheim; nach Norden reckten sich Montekukulli Hebron Marradas, Franz
Albrecht von Lauenburg. Friedlands Marschall, den zhen strengen
braunbrtigen Arnim von Boitzenburg, hungerten die Stadtbrger Stralsunds
auf der Insel Dnholm aus. Auf der Reise schmhte der General: sie seien
Reichsfeinde und Verrter, ihrem Bekenntnis wolle niemand zu Leibe, Arnim
sei ihr Nachbar, Mrker, dazu Lutheraner.

Brgerschaft und Rat schworen zur Fahne der Stadt einen heiligen Eid in
sieben Artikeln, da sie Rat, Bestellte der Stadt, Oberste, Kapitne und
Befehlshaber, Alter- und Hundertmnner, Werkmeister und Gemeine keine
Besetzung und Einquartierung innerhalb ihrer Ringmauern Schlagbume und
Zingeln dulden wollten; sie wollten sie, wenn ntig, mit Blutvergieen
abwehren; schworen unter sich alle Parteiung Rotten Zank und Schmhung ab.
Achtzigtausend Taler wollten sie, meldeten sie heraus, dem Kaiser zahlen,
ihre Garnison dem Kaiser mit Eiden und Pflichten zu verbinden; der Herzog
mit fnfzehn Regimentern in Heinholz unter ihren Wllen lagernd, gab ihrem
Protonotar Wahl zurck, es sei ihm nicht um das Geld zu tun, er msse sein
Volk drin haben, so wre er verwahrt. Er brauchte die Kste, die Hfen; der
Dne versteckte sich hinter dem Wasser.

Sie muten nach einem grausigen Bombardement klein beigeben. Dann aber kam
zu den tausend Dnen, die sie bei sich hatten, ein schwedisches Hilfskorps
auf Schiffen an. Vom Frankentor fielen die Schweden gegen Arnim aus. Der
Pommernherzog legte sich ins Mittel, wie die Raserei drin und drauen
stieg, er sah das Schicksal der ihm untertnigen Stadt voraus, wenn man den
Bhmen zum uersten reize; stand fr die Erfllung der Bedingungen ein,
die festgesetzt wurden in Schleifung der Auenwerke, Abschaffung jeglicher
Besatzung aus der Stadt, Abbitte, Geldzahlung.

In Wien, Mnchen kicherte man ber den Akkord; der Herzog ruhig abrckend
bedeutete dem Notar Wahl, der ihm das stralsundische Gelbnis der Devotion
gegen Kaiser und Reich berbrachte, wenn die Stadt sich zum Sprungbrett des
Dnen oder Schweden machen wolle, werde sie bald aufgehrt haben, deutsch
zu sein, sie werde das ganze Rmische Reich gefhrden, er habe Zeit und
warne die Stadt.

Den Dnen fing er bei Wolgast ab. Die Verzweiflung des dnischen Volkes
ber die Beraubung fast ihres ganzen Festlandes war besiegt worden von dem
Gram und der Emprung ber die erlittene Niederlage. Ihr Knig Christian,
vom Pbel angefat im Unglck, flammte wieder vor ihnen.

Die dnische Flotte, hundert Schiffe, kreuzte vor Warnemnde, Barth,
Usedom. Bei Wolgast landeten sie. Zwischen Smpfen, Morsten, hinter Wllen
strzte sich der Kaiserliche auf sie, griff sie bei Hals und Schultern an,
schlug sie, Fuvolk und Reiter, nieder, warf den flchtigen Christian aus
der Stadt, dem festen Schlo. Die Masse der Fremden aufgerieben, der Rest
mit dem Knig in die Schiffe gejagt. Rostock fiel, Krempe; der Dne war
hoffnungslos vom Festland verdrngt.

In alle erreichbaren Hfen der Ostsee schob der Herzog Besatzungen, Wismar
nahm er ein, da baute er eine Werft. Das Meer von zwei Seiten einspannend,
drngte er herber. Er brauchte Schiffe. Wasser war dem Herzog neu, nach
den Chausseen, marschierenden Truppen, Kanonen in Fahrt, rollenden Wagen
und Zelten. Jetzt fehlte das einfachste, der Weg, eine flssige, schwere
Masse schwamm vor seinen Fen; die Herren, kraftstrotzend, standen mit
einem Strick am Bein am Kstenrand. Gegen sein neues Herzogtum Mecklenburg
schwankte das zerquellende widerstandslose Element an, er beobachtete es
widerwillig. In Wismar setzte er neben sich einen Generalleutnant, Fiskel,
Sekretr. Die befreundete spanische Monarchie, die Herrscherin zur See ging
er um Rat an gegen dies wssrige, grne Gespenst. Dem aus Brssel
anfahrenden spanischen Beauftragten, Gabriel de Roy, einem khn
auftretenden Offizier, erklrte er, man msse noch das Meer berwinden;
Spanien solle Hilfe leisten, die verbndete Monarchie knne Vorteil aus der
Sache ziehen. Er werde die Elbe- und Wesermndungen halten, die Ligisten
die Grafschaft Oldenburg und die Strme der Grafschaft Emden; man msse die
Ostsee gemeinsam beherrschen, den niederlndischen Handel matt setzen. Der
Stadtoberst von Lbeck wurde um Schiffe angegangen, versprach achtzehn gute
Orlogs auszustaffieren. Der polnische Knig, vom Schweden bedrngt,
hilfenehmend, erklrte sich zu vierundzwanzig Schiffen bereit. Dann
heischte er generell von den Hansastdten, sie sollten eine Flotte bilden
gegen die schwedisch-dnische bermacht; es sei ein gemeinsames deutsches
Interesse. Der Bhme glaubte der Hansastdte sicher zu sein, die schwersten
Drangsalierungen Vergewaltigungen Beraubungen ihrer Privilegien auf Malm,
Schonen, Ystert durch Christian ausgesetzt waren. Mit hartem Druck
umlagerte seine Truppenmacht sie, die die Brcken und Wege innehatten ber
das nachgiebige Element, Lbeck, Hamburg, Rostock, Bremen, Wismar,
Stralsund; er drohte herber nach Lneburg, Magdeburg, Kln.
Zweihunderttausend Kronen wies Spanien an.

In Gstrow lie er sich huldigen von seinen neuen Untertanen. Vor seine
Fe rollte ein kaiserliches Handschreiben. Der Bhme erinnerte sich in
manchen Augenblicken kaum des Kaisers. Der schrieb, da er ihn zum
Kapitngeneral dieses erreichten ozeanischen und baltischen Meeres ernenne,
nachdem die feindliche Macht zu Land gedmpft und man dazu bergegangen
sei, eine Armada zu Meere herzurichten und zu unterhalten. Der Kaiser
huldigte: er vertraue, da mit einem solchen Haupt versehen, in
Tchtigkeit, Qualitt, Erfahrung, Genie reichlich im Krieg und Frieden
erprobt, Heer und Flotte in sicherster Hut seien, machtvoll blhen werden
zum Ruhm des Hauses Habsburg, des Rmischen Reiches und des Geschlechtes
Wallenstein. Der Herzog schniefte gestrt, fast gereizt, zuckte die
Achseln.

                   *       *       *       *       *

Hinter den schtzenden Wasserbergen vergraben der blonde Knig Christian,
der dem niederschsischen Kreis Bundesoberst gewesen war. Klagend ber den
menschlichen Grenwahn, der ihn auf Eroberungen nach Deutschland trieb; er
forderte seine Reichsstnde heraus, sie mchten es wagen und sich an ihm
vergreifen.

Gelhmt hinter dem anderen Wasser England. Die verzogene kaprizise
Knigin, von ihrer Schnheit besessen; ihre duftende franzsische Umgebung
brskierte noch die puritanischen Lords, die sehr zeremoniell am
kniglichen Hofe erschienen. Mit katholischem Pomp, Weihrauch, Bildern und
Fahnen, die sich auf die Strae wagten, forderte sie die Londoner heraus.
Nach einer Revolte mute Karl die Franzosen heimschicken. So wuchs die
Erregung des Volkes an, da Karl in seiner Bestrzung daran dachte, die
Knigin selber zurckzuschicken. Er brach mit den franzsischen
Machthabern, nur besnftigen wollte er das Volk, das Parlament, ging
betteln bei der Opposition, lockte ratlos mit Baronettstiteln. Unter dem
Beben des Bodens, dem drngenden. Grollen von Parlament und Hauptstadt rang
der blasse Knig tglich mit der bermtigen kreischenden Tochter der
Medizerin, die ihr Spielzeug, ihren Hof, prunkvolle Andachten wieder
verlangte.

Als Buckingham, nicht mehr Herr seines Spottes und Dialektik, flehte, um
sich selbst in Angst, dem Parlament nachzugeben, um das Schlimmste zu
verhten. Grausam drohten die Lords, die Brgerschaften. Buckingham,
zitternd, machte sich selbst auf, den Parlamentswillen zu vollstrecken,
Hilfe den Hugenotten gegen Richelieu zu bringen, der sie in der
franzsischen Seefeste Larochelle eingeschlossen hatte. Aber auf der Rheede
des Hafens sah er die furchtbare bermacht der Katholischen, hochmastige
Schiffe, zu Lande zielende Kanonen, Mnner, verwirrt gab er, noch auf der
Rheede Befehl, umzukehren. Brllte weinend in seiner Kajte gegen die
Kapitne, es sei unmglich, unmglich, er knne dies nicht verantworten,
die englische Flotte sei mehr als ein fettes Futter fr die Welschen.

Ans Land gestiegen kam er nicht weit. Sein Haus in Portsmouth hielt eine
tobende Menschenmenge eingeschlossen; er wollte zum Knig nach London. In
der Vorhalle seines Hauses wurde er nach vier Tagen, gewaltsam versuchend
auszubrechen, von der Volksmenge erstickt, zerquetscht, seine weigepuderte
Percke zerfasert, seine tanzlustigen Knochen zerbrochen, seine lasciven
Lippen mit Kot bedeckt. Der Knig in London schlo sich zwei Tage ein,
verfluchte sich, die Knigin, das Parlament, machte sich mit innigstem
Grimm zum Zweikampf mit dem Volk bereit. In wilden Zuckungen warf sich
England, griff keinen Feind mehr an.

Preisgegeben der stolze Friedrich von der Pfalz. Die englische
Knigstochter preisgegeben. Die Welt konnte sich erbarmen ihrer Ansprche.
Rusdorf, der leidenschaftliche kleine Johann Joachim, hatte lange England
verlassen; seinen kranken Freund Pavel auf niederlndischen Boden
verbracht, wich nicht aus Haag, aus der Nhe seines Kurfrsten Friedrich;
die Erde mochte untergehen, der Kurfrst sich aller Ansprche entschlagen;
er wollte von dem Recht nicht lassen, durchfiebert von der Rachsucht auf
das grausame bermchtige Habsburg, angewidert von der englischen und
dnischen Schwche.

                   *       *       *       *       *

Maximilian fuhr um die Hhe des Sommers vom Berge Andechs, wo er gebetet
hatte, mit Fyans, dem stummen niederlndischen Arzt, nach Mnchen. Er hielt
sich in seiner Residenz vier Tage eingeschlossen; Fremde suchten seine
Audienz nach, Bildersammler Gemmenhndler wollten ihm ihre Auslagen
bringen, Briefe von Tilly liefen ein, seine Tr war nur Vervaux, dem
Beichtvater, und dem Leibarzt offen. Man sah ihn durch den Hofgarten, die
Grottenhfe in der warmen Herbstluft gehen. Es geschah, da er seinen
Kriegsratsprsidenten zu sich berief und zum ersten Male im Rat ber die
Kriegslage sprach. Mein Heiland, da du mich versuchst, kam aus seinem
Mund vor dem Prsidenten gegen Schlu des Vortrags.

Er lie seine Rte und die Vertrauten des Hofes eines dunklen Morgens in
eine kleine Ritterstube rufen. Maximilian, barhuptig, ungegrtet, stand,
nachdem er sich von einem Sessel erhoben hatte, streng und wie abwesend vor
einer hohen Prunkkredenz. Er dankte ihnen mit leiser Stimme, die sich bald
krftigte, da sie erschienen seien. Er denke gewi gro von ihnen, die ihm
so viel geleistet htten. Ihre Gesinnung htte sich gegen ihn zu jeder
Stunde bewhrt. Er stockte viel. Es sei ihm klar geworden, nach vielem
Nachdenken, da er sich kaum werde behaupten knnen. Als darauf Bewegung
unter den ernsten alten Herren entstand, richtete er sich aus seinem
Hinstarren auf. Ja, er hielt es nicht fr unwahrscheinlich, da er der
letzte des Hauses Wittelsbach sei. Da er nicht spielte, erkannte man an
den glhroten Striemen ber seiner Stirn, an der Art, wie seine Finger ber
dem weien Wams zuckten. Sie seien in Gefahr wie noch nie. Es sei ihm
unmglich, jetzt schon deutlicher zu sein. Wer sehen knnte, she schon; es
werde bald erhellen. Er wisse nicht, wie er aus diesem Kreis feindlicher
Mchte Bayern herausgeleiten knne. Zum Schlu flsterte er, er brauche
Mitwisser, Mithelfer. Sie mchten seiner gedenk sein. Es war fast
ngstlich, ihn anzusehen, wie sich der Stolze abrang so zu sprechen und wie
die Audienz fast mitten in der Rede abgebrochen wurde. Aber die finstere
Katastrophenstimmung, unter der er stand, nahmen sie mit. Sie nahmen das
Entsetzen mit, da der Einsame, der sonst nichts von sich gab, mit seinen
halblauten Worten von sich strmte. Als stnde der Feind vor der Tr.

Er sa in seinem verschlossenen Palast, mit Fasten, nchtelangem Beten,
Selbstfolterungen an sich rttelnd. Die Liga war verdrngt vom
Kriegsschauplatz, Graf Tilly, er konnte nicht an ihn denken, ohne getzt zu
werden von der blinden verzweifelnden Wut, seine Kiefern rieben sich
aneinander. In den sehr stillen, glhheien Wochen ritten hufiger und
hufiger fremdlndische sanfte Mnner durch die Straen Mnchens. Sie waren
fromm; standen vor der diamantenberschtteten Reiterstatue des heiligen
Georg in der Hofkapelle, beteten vor ihr; keine Frhmesse versumten sie.
Feine freie lockenumspielte Gesichter hatten sie, kleine Spitzbrte, mit
Lcheln blickten sie die Mnner und Mdchen an; keiner konnte ohne Freude
sie zierlich und fest hinschreiten sehen. Bologneserhndchen mit glatten
weien Haaren, schwarzer Nase, trugen Diener hinter manchen her; auf den
Brunnenrndern spielten und gurrten die Herren mit ihnen. Wie eine magische
Trstung drngten sie sich dem lethargischen Maximilian auf, der seinen
Vater zurckwies, seine Rte beschied, ihn nicht zu stren mit ungefragten
Naseweisheiten. Marquis Marcheville, ein langer Herr mit schwarzen vollen
Locken, geschwungener starker Nase, feuchten groen Augen, flsterte vor
der deutschen Kurfrstlichen Durchlaucht verschwiegen erinnernd an ihre
alten Besprechungen, die franzsische Majestt htte mit Freuden Kenntnis
genommen von dem siegreichen Vorgehen der katholischen Mchte gegen den
Dnen, sie vermeine, es sei vielleicht jetzt an der Zeit, den Frieden
anzubahnen. Und als der Kurfrst hart zurckgab, nicht an ihn mge sich der
edle Herr deswegen wenden, sondern an den Rmischen Kaiser, schmeichelte
der feingeschuhte Mann, so knne er doch nicht glauben, da ein bayrischer
Frst, Kurfrst und Wittelsbacher, einflulos im Heiligen Reiche sei und
nicht Rechte und Pflichten in der Sicherung des Reiches vertrete. Dann
bemerkte er, da das ligistische Heer an den Erfolgen beteiligt sei. Danach
dankte der Kurfrst.

Als zweiter trat in das weite ebenholzgetfelte Empfangszimmer nach einigen
Tagen im Kardinalspurpur eine niedrige fahlgesichtige Figur; ihre Stimme
streng, sicher, Bagni, der ppstliche Nuntius in Paris, segnete den Bayern,
besah flchtig einige Gobelins, schalt, in dem Kriegstreiben drfe man die
heilige Kirche nicht vergessen, als bedeute sie nichts; an Frieden msse
man denken, noch weiter friedliche Christenmenschen dem Unwesen
auszusetzen, sei Todsnde, beflecke wie Mord. Mit Entzcken habe der Papst
von dem Wunsche seines treuen Sohnes, des gallischen Knigs gehrt,
Vermittlung den Parteien anzubieten; mge Maximilian, dessen Frmmigkeit so
hoch stnde, dies annehmen. Der Papst wnsche Frieden, wnsche ihn innigst.
Der Kurfrst, sich im Sessel vorbeugend, kte das Kreuz aus Elfenbein, das
der Kardinal ihm mit herber Miene bot.

Den habichtskpfigen Marcheville ersuchte Maximilian, nachdem er pltzlich
seinen Rten Besprechungen mit den Franzosen befohlen hatte, selbst zu
sich. Ich will Frieden, stie er zwischen den Zhnen mit aufbebendem
Gesicht vor, es ist meine Pflicht, diesen Streit zu beenden. Welche
Vorschlge macht mir Euer Knig? Der Franzose: Die Vermittlung solle den
Pflzer Ausgangspunkt vernichten in irgendeiner Weise. Ich will wissen,
Marquis, was Ihr wollt, und was Ihr mir gebt; ich will baldige Vorschlge.
Ich mu mich entscheiden. Der Marquis riet, Bayern und die Liga solle sich
neutral erklren, solle einen Sonderfrieden mit Dnemark schlieen,
Frankreich werde diesen Frieden garantieren; man msse ohne Wien und Madrid
handeln. Ja, das mu man, sthnte der Kurfrst; Ihr braucht es mir nicht
sagen. Ihr wollt freie Hand im Elsa und im Artois, ich wei. Ja, ich
wei.

                   *       *       *       *       *

Von den eroberten und besetzten Gebieten pulsierte Gold nach sterreich in
wilden Takten; Wallenstein, der General, hatte das Heer als Stab in der
Hand, mit dem er Quellen entdeckte. Man brauchte nicht, wie Hispanien, das
neue Indien unter Gefahren aufsuchen; es war, wie der Bhme prophezeit
hatte, bergenug im Reich vorhanden. Nur ab und zu erinnerte Abt Anton den
Herzog, der bisweilen versunken schien, an die Bedrfnisse des Hofes und
das Glck der Stunde.

Der Hof verfolgte von Wien aus den Kampf, das grausame Niederringen des
Dnen an der Meereskste wie von einer bekrnzten hohen Tribne herab,
unter schallenden Flten Zinken Posaunen Pauken; der Herzog von Friedland
war als Ritter Georg hinausgeschickt worden, den Drachen zu bezwingen. Und
er machte es vorzglich, man mochte ihm den Beifall nicht vorenthalten. Er
war treu und bieder; was er konfiszierte, schickte er dem Kaiser, konnte
auch selbst seinen Teil dran haben, sollte ihm nicht verdacht werden. Sein
Lob sangen sie mit vielen Stimmen: die frheren Kaiser und Ppste haben
treffliche Diener gehabt, die ihnen in der Not beigestanden htten; aber
knnte sich keiner vergleichen mit dem hageren heftigen Bhmen, der sich
von Schlachten in Schlachten strzt, sein Vermgen blind und unaufgefordert
hinwirft, das Reich rettet, den kaiserlichen Hof mit Gold berschttet. Der
Papst hat seine Jesuiten, der Kaiser den Herzog von Friedland. Entzckt
schwebte der Hof, keine abenteuerlichen Wnsche versagten sie sich, die
Pracht der Feste Gastereien Schloausstattungen Jagdaufzge berstieg alles
Frhere. Abt Anton schrieb, der Herzog zahlte. Sie winkten kaum: Wir
danken, wir danken.

Es gab welche, die lchelten sich bei Tisch an, wetzten ihre Zungen an dem
Bhmen drauen, der sich in den Morsten und den Lndereien herumschlug:
Der Unhold von Altdorf hat seinen guten Platz gefunden. Er hatte die Wahl
zwischen einem gefhrlichen Raufbold und kaiserlichen Offizier, kann dem
Kaiser danken, da er ihn annahm und nicht Spitzbube werden brauchte.

Wir haben zwei Chorherren in Kompagnie, werden besttigen, was ich meine.
Dem Herzog ist ein Glck geschehen. Der Kaiser hat ihn aus dem Kot gezogen,
in dem seine rebellischen Vettern und Freunde verreckt sind; so hat er
Grund, dankbar zu sein. Ist ein weidlich starker, dicker Bffel, zieht den
Pflug, das ist sein Handwerk. Das Recht hat er zu siegen, wenn er kann;
noch andere knnen siegen; die rmische Majestt hat ihm wohlgewollt. Danke
er, nichts weiter.

Den Segen des Heiligen Johannes wollen wir trinken. Der Narr Wallenstein
soll leben. Der Bffel, ja, der dicke Bffel, der in Holstein Sumpfwasser
sauft. Gottes Tierreich ist gro. Trinken wir Alikante, lassen wir ihn Elbe
saufen.

Sie schtteten ihr Gelchter vor sich hin.

Wird das Vgelchen zu lustig werden, werden wir ihm die Federn rupfen. Ist
dann genugsam geflogen, sagen wir: >Danke schn, danke fein, Herr
Vgelchen. Kettchen am Bein, Ringchen am Hals, Npfchen vor dem Schnabel.
Traurig Leben, traurig Leben.<

Was glauben die Herren Brder? Pro clausula finali geschenkt! Er ist gut,
er ist hold, er ist fromm. Die Renegaten sind die frommsten. Wenn die
Rmische Majestt genug hat von ihm und seine Knochen hohl sind, entlt
sie ihn in Gnaden, gibt ihm einen Klaps, einen schnen Namen -- nicht
Klbchen, nicht ffchen, nicht Schfchen -- vielleicht ein neues
Wappenschild, und so mu er die Tr nehmen.

Zu dem jubelnden Abt Anton, der jeden seiner Freunde kte, die ihn
besuchten in seiner blumen- und weinduftenden Bibliothek, meinte
Trautmannsdorf, indem er einen Tanz vor dem Hndeklatschenden versuchte:
Ich begreife alles. Es ist nicht ntig, da Ihr klatscht, Ehrwrden. Die
Musik macht der Herzog von Friedland, von Sagan, von Mecklenburg. Ich gehe
in Ferien. Wir brauchen nicht mehr regieren. Wir erhalten unsere Gehlter,
und er tut die Arbeit. Ich stelle mich Euch zur Verfgung; wie wollt Ihr
mich beschftigen?

Anton streckte feierlich, aus glcklichen uglein blickend, die
talarversteckten Arme aus: Seid in Euren Ferien bei mir willkommen. Feiert
Eure Ferien mit mir! Setzt Euch zwischen Folianten, Kerzen, Bchern, dort
auf Eure Truhe. Ich will Euch bedienen.

Und whrend sich der feine Graf schlaff auf die Truhe niederlie, eine
Papierrolle beiseite schiebend, bot ihm der vollwangige Abt strahlend einen
franzsischen gepfefferten Likr, erbeutet in Holstein von einem
Wallensteinschen Streifkorps: Seht, Lieber, Bcher sind vorhanden, der
Likr hat sein Dasein. Aber wit Ihr, wit Ihr, wir sind beinah nicht mehr
da. Ihr knnt raten: was ist das Wichtigste fr einen Menschen?

Aber Ehrwrden, die unsterbliche Seele.

Gewi, unbestritten. Im brigen aber. Denkt nach. Der Stellvertreter; das
ist das Wichtigste fr einen Menschen. Wenn es einen gibt, der einem Recht
zum Leben gibt, da man aufatmen kann, weil er die Arbeit abnimmt.
Vernehmt: kein Schatten. Sondern --

Einfach Wallenstein. Trautmannsdorf lchelte, go sein Glas in eine
Blumenvase: Die Reseden sind so schn, sie mgen auch von Eurem Likr
schmecken.

Er ist der Stellvertreter, wie wir ihn seit Jahrzehnten gebraucht haben.
Das Haus Habsburg seufzte nach ihm. Nun ist er da.

Er erfllt in der Tat diese Aufgabe auerordentlich. Ihr seid bald nicht
mehr da. Er hat dem Kaiser die Last abgenommen, Kaiser zu sein. Er siegt
fr ihn, ernennt fr ihn, politisiert fr ihn.

Also. Ihr seht: auerordentlich. Wir haben dies gebraucht. Es ist eine
Lust, Kaiser zu sein. Es gibt keinen Diener, der neben dem Bhmen zu nennen
wre.

Trautmannsdorf tauchte und drehte die Reseden in der tnernen, bemalten
Vase neben sich: Sie werden bald betrunken sein, die Reseden. Pat auf,
wie sie die Kpfe senken werden. Sie vertragen so krftige Nahrung nicht.
Und was meint Ihr, was wird nachher aus Friedland, wenn er trefflich Kaiser
spielt, und aus dem Kaiser, wenn er sich so trefflich vertreten lassen
kann?

Sie ergnzen sich; sie ehren sich. Es wird keiner im Reich nach dem Kaiser
mchtiger sein als Friedland; Augustus, sein Feldherr Csar.

Nur Frst Eggenberg sah sich am Hofe um, erkannte die schrankenlose Freude,
gegen die es kein Ankmpfen gab. Er war allein. Die geifernde, grollende
Clique der Bayern, der Spanier wollte sich an ihn werfen, Strahlendorf
sprach ihm zu; trauriger zog er sich zurck, als er erschreckt bemerkte,
da die Feinde Ferdinands sich ihm gesellten.

Dann setzte er sich gegen den Kaiser. Er hegte nicht mehr das geringste
Mitrauen gegen Wallenstein, ihn widerten die Bayern an, die Ha am Hofe
sten; er hatte still in sich das unverrckbare Gefhl: diese furchtbare
Macht darf nicht auf einen einzelnen gehuft werden. Mit Liebe suchte er
die Bewegungen in der Seele des Kaisers nachzufhlen, seine Glckseligkeit
ber das Geschick, das Wallenstein vollstreckte. Er trauerte; er wute, wie
wohl dem Kaiser war, wie er beglckt war nach der schweren bayrischen
Affre. Wochenlang hielt sich Eggenberg in seiner Wohnung. Dann war ihm
klar: dem Herzog mute die Macht abgenommen werden; es durfte nicht zum
letzten Bruch mit den Kurfrsten kommen. Und mit wachsender Angst hrte er
um sich jubeln, sah das Schrecknis des bhmischen Herzogs. Sphte um sich,
verschlo entsetzt die Fenster und Tore seines Hauses.

Machttriefend, ungeheuer, unmig schluchzend nach Herrschaft, Sieg, hrte
ihn der Kaiser an; wie schon einmal stellte sich ihm sein vertrautester
Ratgeber mit schlotternden Gliedern gegenber. Jetzt lachte der Kaiser
Trnen ber ihn; ob er nicht wie jener Eulenspiegel sei, der chze, wenn er
ins Tal herabstiege, juble beim Klettern -- ein Spamacher. Bei Abt Anton
kreuzte der Frst die Wege des verwachsenen Grafen. Der, von einer groen
Helle, neigte sich ihm halb zu, vom allgemeinen Rausch mitgenommen; man
msse sehen, wieviel Wallenstein durchzusetzen vermge im Reich, drfe ihn
nicht stren; Gefahren msse man an sich herankommen lassen. Eggenberg
versteckte sich.

Ferdinand der Andere, des Rmischen Reichs Mehrer, rauschte als
glckchenklingelnde bnderwerfende Riesenstandarte in Purpur ber ihnen, in
den Boden gerammt, huserhoch am Mast, an der sein Ungestm zerrte, als
wollte er sie hochtragen. Er war nach dem monatelang an ihm wtenden
Wechselfieber zum Skelett abgemagert, auf Jagden strzte er oft ohnmchtig
vom Pferde, nach kleinen Ritten hing er schweigebadet im Sattel; seine
Nase war schmal und beraus hoch geworden; ein dnnes, bengstigend zartes
Gesicht mit verschatteten, sehr weiten Augen. Die Freude zu trinken, zu
bankettieren hatte ihn verlassen; er sa wie sonst den feierlichen und
intimen Gastereien vor, liebte die ppigkeiten der Kche vor sich zu sehen;
das Knuspern Knacken Schmatzen Schlucken lsten in ihm Wonne aus, als ob er
selbst schmauste, der Dunst der Braten Soen Suppen badete seine Nase,
seinen Mund. Ins Gesthl vergraben schnalzte er zur herunterwogenden Musik.
Seine Hnde mit den knotigen Fingern waren hellgelb und durchsichtig
geworden; wenn er sie vor das dnne Gesicht hob gegen das Kerzenlicht,
entzckte ihn in einer unverstndlichen Weise das durchscheinende helle
feine pulsierende Rot; es schien ihm beglckend zu sein wie das, was ihn
erwartete. An Ringen Goldgehenken Schnallen Prunkschrpen, bemalten
durchwirkten Gewndern schleppte er auf seinem matten Krper mit sich herum
in Karossen, auf Tummelpferden, als ob er in Konstantinopel wre. Seine
Leibwagen mit ungeheuren Hinterrdern, deren Speichen wechselnd silbern und
kupfern blinkten; die Vorderrder zwerghaft kriechend, demtig, fufllig
am Boden; auf ihrer Rundung Krnze und Kronen silbern auf rot. Zwischen den
Rderpaaren auf biegsamen Achsen gelagert das schwere zitternde
Wagengehuse, die Wnde schrg gewaltsam nach oben auseinander strebend,
kleiner Boden, breitausladendes Dach, von elfenbeinen gedrehten Sulchen
gesttzt; seitlich durchbrochen von kristallenen Fenstern in
Ebenholzrahmen. Auf dem Dach offen ruhend vor dem Licht eine Krone aus
heiem Gold mit hohem Kreuz und breiten Steinen; von den vier Wagenwnden
stiegen Riesen mit Bronzeleibern und silbernen Brten auf, hielten Keulen
und Schwerter um die Krone. Drei faustdicke Goldpuscheln herab hinter den
Sitzen der Kutschierenden, drei Puscheln gebckt vor den rckwrts
deckenden Hellebardieren. Drin halb liegend unter Decken er, trumend
aufgeschreckt, die Lippen bewegend.

Durch seine Finger lief das Gold, um sich in Almosen Altarbilder, in
Teppichbeete Laubengnge Lusthuser Springbrunnen Pfauengrten
Vogelvolieren Fischweiher aufzulsen. Der Pfennigmeister Gurland, der
Schatzmeister suchten den Strom in ihre Rume zu lenken; der Kaiser freute
sich ihrer Gier. Dankbar fr die Errettung aus der Krankheit schickte er
dem Papst Urban hunderttausend Taler als Peterspfennig. Nur durch Gebete
und Verehrung konnte man den Himmel vershnen fr die Snden, die man ohne
Unterla beging, Verzeihung erreichen, sich wrdig neuer Gnaden erweisen,
neuen Segen anlocken. Er lie Lamormain, den Beichtvater, tglich zu sich
kommen, als wenn er seinen Schutz brauchte; zu ihm sagte er, er sei sein
bestes Amulett; mit einer krampfhaften Erregung hing er sich an ihn; so
malos beschenkte er die Stiftungen Schulen Konvente der Vter von der
Jesugesellschaft, da Lamormain besorgt ablehnte; Ferdinand bettelte, man
mchte ihn nicht zurckweisen: Was wollt Ihr, Ehrwrden, es werden nicht
viele Kaiser nach mir Euch wohltun, wie Ihr verdient.

Hochgerissen neben ihm die Kaiserin, die junge verwirrte sich entfremdete
Mantuanerin. Sie litt das Glck wie er, grlich heimgesucht, in ihrer
Entwurzelung schwankend, hilflos. Sie ritten ohne Dienerschaft spazieren
durch die Wlder von Schnbrunn, beide auf hohen weien Pferden, lange
Reitstcke wippten in ihren Hnden. Farblos ihre beiden Gesichter. Eleonore
fragte, ob er sich besinne, wie er sie einmal nachts habe rufen lassen; es
sei vor der Ernennung des Friedlnders zum General gewesen. Sein hutiges
Gesicht vibrierte, seine Augen strahlten, er blickte fasziniert vor sich:
Ich habe gelacht. Ich habe lachen mssen ber unseren Schwager, den
Maximilian. Er hatte mich dazu gedrngt. Du hast dich in Wallenstein
nicht getuscht; wie ich mich freue mit dir. Ich habe gelacht. Ich habe
recht behalten. Er hat mich sehr beglckt. Er hatte dir Schlimmes
angetan, dein Schwager; warum hast du ihn zum Kurfrsten gemacht. Jetzt
hast du Macht, beseitige ihn. So weggenommen von Trumen war er, da er
nicht auf die heien Augen achtete, den zudringenden Ton in der Kehle der
Frau. Er hieb, Lachen ausstoend, auf ste neben sich: Ist nicht ntig,
Eleonore. Nicht mehr ntig. Was Gott bernommen hat, liegt in guten Hnden.
Wir werden -- wir werden unsere Feinde im Zaume halten, wie keiner vor uns.
Es ist uns um nichts mehr bange. Wir werden an der Ostsee gebieten wie am
Adriatischen Meer. Die Ketzer werden sich hinter das Wasser verkriechen.
Er war in Zittern aufgelst. Sie schrie, whrend ihr der Stock entfiel und
sie sich an der Pferdemhne festhielt. Glitt vom Pferde, die Trnen liefen
ber ihre beiden weien Backen; wild weinte sie, sich am Zgel seines
Schimmels haltend, whrend er in das Grn hineinsprach und zu ihr
herabnickte. Sie streichelte mit beiden Hnden sein Pferd, seine Fe,
Gamaschen; er solle nicht sprechen, er solle still sein. Ja, sie wolle
wieder auf das Pferd steigen, aber wenn er nicht mehr so zu ihr sprche und
gut zu ihr wre.

In der Burg stand er an einem Herbstmorgen am Fenster seiner Schlafkammer.
Wie er hinunterblickte auf den Hof und der Narr Jonas unten trollte, fhlte
er sich jh hingezogen. Mit hellem Gelchter begrte er am Schuppen den
Zwerg, der Kobolz scho und gierig auf seine Hand blickte. Ferdinand sah
hoch, ob ihn einer vom Fenster beobachte. Als wenn seine mageren Glieder
zuckten, sprang er spielend ber den Kleinen, der im Sand rollte neben Brot
und umgekippten Enpfen, reizte ihn mit der Fuspitze, griff von oben nach
ihm, schlug seine Hnde zurck. Menschenfresserisch knirschend zog er ihn
auf, schaukelte ihn mit zauberischem Schlangenblick flsternd vor der
Brust. Mit brnstigem Vergngen ri Ferdinand, der Degen und Wehrgehenk in
der linken Hand trug, das Trchen zum Keller auf; in den Dunst lieen sie
sich herunter, schlugen ein Fa an, zechten. Ferdinand erbrach im
Augenblick. Sie schrien triumphierend, bellten die Decken in der Dunkelheit
an, drohten, kicherten, reizten die Fsser zum Kampfe. Bis sie frech auf
dem Rcken ber die Steine kollerten, mit den Armen schaukelten und immer
einzelne Worte trillerten schnoben herausbrllten, wobei der andere das
Echo machte: Papst! Papst. Urban! Urban. Papst! Papst. Jonas.

Sie platzten vor wonnigem Lachen. Und als Ferdinand wieder wrgte und nicht
mehr trinken konnte, bat er den Narren, einen Eimer zu nehmen und Wein ihm
auf den Kopf zu gieen, auf die Brust, immer mehr.

Ich bin ein Heide, Herr Papst. Taufe er mich, Herr Papst.

Und der betrunkene Zwerg zelebrierte ber dem Kaiser die Taufe.

Ende des ersten Bandes




Anmerkungen zur Transkription


Offensichtliche Druckfehler wurden, zum Teil unter Hinzuziehung
spterer Ausgaben, korrigiert.





End of the Project Gutenberg EBook of Wallenstein. I. (of 2), by Alfred Dblin

*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK WALLENSTEIN. I. (OF 2) ***

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agree to be bound by the terms of this agreement.  There are a few
things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
even without complying with the full terms of this agreement.  See
paragraph 1.C below.  There are a lot of things you can do with Project
Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement
and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic
works.  See paragraph 1.E below.

1.C.  The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation"
or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
Gutenberg-tm electronic works.  Nearly all the individual works in the
collection are in the public domain in the United States.  If an
individual work is in the public domain in the United States and you are
located in the United States, we do not claim a right to prevent you from
copying, distributing, performing, displaying or creating derivative
works based on the work as long as all references to Project Gutenberg
are removed.  Of course, we hope that you will support the Project
Gutenberg-tm mission of promoting free access to electronic works by
freely sharing Project Gutenberg-tm works in compliance with the terms of
this agreement for keeping the Project Gutenberg-tm name associated with
the work.  You can easily comply with the terms of this agreement by
keeping this work in the same format with its attached full Project
Gutenberg-tm License when you share it without charge with others.

1.D.  The copyright laws of the place where you are located also govern
what you can do with this work.  Copyright laws in most countries are in
a constant state of change.  If you are outside the United States, check
the laws of your country in addition to the terms of this agreement
before downloading, copying, displaying, performing, distributing or
creating derivative works based on this work or any other Project
Gutenberg-tm work.  The Foundation makes no representations concerning
the copyright status of any work in any country outside the United
States.

1.E.  Unless you have removed all references to Project Gutenberg:

1.E.1.  The following sentence, with active links to, or other immediate
access to, the full Project Gutenberg-tm License must appear prominently
whenever any copy of a Project Gutenberg-tm work (any work on which the
phrase "Project Gutenberg" appears, or with which the phrase "Project
Gutenberg" is associated) is accessed, displayed, performed, viewed,
copied or distributed:

This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
almost no restrictions whatsoever.  You may copy it, give it away or
re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
with this eBook or online at www.gutenberg.org

1.E.2.  If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is derived
from the public domain (does not contain a notice indicating that it is
posted with permission of the copyright holder), the work can be copied
and distributed to anyone in the United States without paying any fees
or charges.  If you are redistributing or providing access to a work
with the phrase "Project Gutenberg" associated with or appearing on the
work, you must comply either with the requirements of paragraphs 1.E.1
through 1.E.7 or obtain permission for the use of the work and the
Project Gutenberg-tm trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or
1.E.9.

1.E.3.  If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is posted
with the permission of the copyright holder, your use and distribution
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to the Project Gutenberg-tm License for all works posted with the
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License terms from this work, or any files containing a part of this
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- You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from
     the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method
     you already use to calculate your applicable taxes.  The fee is
     owed to the owner of the Project Gutenberg-tm trademark, but he
     has agreed to donate royalties under this paragraph to the
     Project Gutenberg Literary Archive Foundation.  Royalty payments
     must be paid within 60 days following each date on which you
     prepare (or are legally required to prepare) your periodic tax
     returns.  Royalty payments should be clearly marked as such and
     sent to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation at the
     address specified in Section 4, "Information about donations to
     the Project Gutenberg Literary Archive Foundation."

- You provide a full refund of any money paid by a user who notifies
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     License.  You must require such a user to return or
     destroy all copies of the works possessed in a physical medium
     and discontinue all use of and all access to other copies of
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     money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
     electronic work is discovered and reported to you within 90 days
     of receipt of the work.

- You comply with all other terms of this agreement for free
     distribution of Project Gutenberg-tm works.

1.E.9.  If you wish to charge a fee or distribute a Project Gutenberg-tm
electronic work or group of works on different terms than are set
forth in this agreement, you must obtain permission in writing from
both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael
Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark.  Contact the
Foundation as set forth in Section 3 below.

1.F.

1.F.1.  Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable
effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
public domain works in creating the Project Gutenberg-tm
collection.  Despite these efforts, Project Gutenberg-tm electronic
works, and the medium on which they may be stored, may contain
"Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate or
corrupt data, transcription errors, a copyright or other intellectual
property infringement, a defective or damaged disk or other medium, a
computer virus, or computer codes that damage or cannot be read by
your equipment.

1.F.2.  LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES - Except for the "Right
of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project
Gutenberg-tm trademark, and any other party distributing a Project
Gutenberg-tm electronic work under this agreement, disclaim all
liability to you for damages, costs and expenses, including legal
fees.  YOU AGREE THAT YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT
LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE
PROVIDED IN PARAGRAPH 1.F.3.  YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE
TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE
LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR
INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH
DAMAGE.

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defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can
receive a refund of the money (if any) you paid for it by sending a
written explanation to the person you received the work from.  If you
received the work on a physical medium, you must return the medium with
your written explanation.  The person or entity that provided you with
the defective work may elect to provide a replacement copy in lieu of a
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providing it to you may choose to give you a second opportunity to
receive the work electronically in lieu of a refund.  If the second copy
is also defective, you may demand a refund in writing without further
opportunities to fix the problem.

1.F.4.  Except for the limited right of replacement or refund set forth
in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS', WITH NO OTHER
WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO
WARRANTIES OF MERCHANTABILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.

1.F.5.  Some states do not allow disclaimers of certain implied
warranties or the exclusion or limitation of certain types of damages.
If any disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the
law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be
interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by
the applicable state law.  The invalidity or unenforceability of any
provision of this agreement shall not void the remaining provisions.

1.F.6.  INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in accordance
with this agreement, and any volunteers associated with the production,
promotion and distribution of Project Gutenberg-tm electronic works,
harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees,
that arise directly or indirectly from any of the following which you do
or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.


Section  2.  Information about the Mission of Project Gutenberg-tm

Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
electronic works in formats readable by the widest variety of computers
including obsolete, old, middle-aged and new computers.  It exists
because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
people in all walks of life.

Volunteers and financial support to provide volunteers with the
assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
remain freely available for generations to come.  In 2001, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
and the Foundation information page at www.gutenberg.org


Section 3.  Information about the Project Gutenberg Literary Archive
Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
Revenue Service.  The Foundation's EIN or federal tax identification
number is 64-6221541.  Contributions to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
permitted by U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
throughout numerous locations.  Its business office is located at 809
North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887.  Email
contact links and up to date contact information can be found at the
Foundation's web site and official page at www.gutenberg.org/contact

For additional contact information:
     Dr. Gregory B. Newby
     Chief Executive and Director
     gbnewby@pglaf.org

Section 4.  Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
spread public support and donations to carry out its mission of
increasing the number of public domain and licensed works that can be
freely distributed in machine readable form accessible by the widest
array of equipment including outdated equipment.  Many small donations
($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United
States.  Compliance requirements are not uniform and it takes a
considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
with these requirements.  We do not solicit donations in locations
where we have not received written confirmation of compliance.  To
SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
particular state visit www.gutenberg.org/donate

While we cannot and do not solicit contributions from states where we
have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
against accepting unsolicited donations from donors in such states who
approach us with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make
any statements concerning tax treatment of donations received from
outside the United States.  U.S. laws alone swamp our small staff.

Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
methods and addresses.  Donations are accepted in a number of other
ways including checks, online payments and credit card donations.
To donate, please visit:  www.gutenberg.org/donate


Section 5.  General Information About Project Gutenberg-tm electronic
works.

Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm
concept of a library of electronic works that could be freely shared
with anyone.  For forty years, he produced and distributed Project
Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.

Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
unless a copyright notice is included.  Thus, we do not necessarily
keep eBooks in compliance with any particular paper edition.

Most people start at our Web site which has the main PG search facility:

     www.gutenberg.org

This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
