Project Gutenberg's Das Geheimnis der Gioconda, by Ernst B. Schwitzky

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Title: Das Geheimnis der Gioconda
       Das Tagebuch des Diebes

Author: Ernst B. Schwitzky

Release Date: September 15, 2013 [EBook #43733]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DAS GEHEIMNIS DER GIOCONDA ***




Produced by Jens Sadowski






             Sammlung abenteuerlicher Geschichten Band 3:




                Schwitzky / Das Geheimnis der Gioconda




                                 Das
                        Geheimnis der Gioconda


                        Das Tagebuch des Diebes


                          Herausgegeben von
                          Ernst B. Schwitzky




                       Delphin-Verlag / Mnchen


              Copyright 1914 by Delphin-Verlag / Mnchen








Vorwort


Die Papiere, die hier verffentlicht werden, sind auf eine so eigentmliche
Weise in meinen Besitz gelangt, da ich mich veranlat sehe, darber
Rechenschaft abzulegen. Ich lernte zu Anfang des vergangenen Sommers, also
etwa dreiviertel Jahre nach dem Verschwinden der Gioconda aus dem Louvre,
in einem Kopenhagener Hotel einen Herrn kennen, der sich mir unter dem
japanisch klingenden Namen DACO-NOGI vorstellte. Dieser Herr, den ich, wie
die Dinge nun einmal liegen, fr den Autor des hier verffentlichten
Tagebuchs halten mu, besa, ohne von mir irgendwie dazu aufgefordert
worden zu sein, die groe Liebenswrdigkeit, whrend meines Aufenthalts in
Kopenhagen mein Fremdenfhrer zu sein und sich meiner in jeder erdenklichen
Weise anzunehmen. Er schien ein ganz besonderes Vergngen daran zu finden,
mir die mannigfaltigen Schnheiten Kopenhagens, das er auerordentlich
liebte, zu zeigen und wenn ich in der kurzen Zeit von etwa zehn Tagen, so
ziemlich alles gesehen habe, was Kopenhagen Sehenswertes besitzt, so
verdanke ich das lediglich meinem Fhrer und seiner oft erstaunlichen
Ortskenntnis. Er war selbst kein Dne, sondern nach der Klangfarbe seiner
Sprache zu urteilen ein Deutscher, aus den rhein-mainischen Gegenden. Aus
den Gesprchen ging hervor, da er seit Jahren auf Reisen war, China,
Japan, die Vereinigten Staaten, Sdamerika, Indien genau kannte und sich
sowohl in den Kstenlndern, wie im Innern Afrikas lngere Zeit aufgehalten
hatte. Niemals jedoch konnte ich erfahren, zu welchem Zweck diese Reisen
unternommen worden waren, und obgleich Herr DACO-NOGI so gar nicht das
Aussehen eines Globetrotters hatte, sah ich mich zuletzt doch gezwungen,
anzunehmen, da er lediglich zu seinem Vergngen gereist war. brigens
sprach er auerordentlich selten von sich. Dagegen fiel es mir bald auf,
wie intensiv ihn das Leben anderer beschftigte, gleichviel, ob es das
eines Kohlentrgers war, von dem wir im Vorbergehen zwei oder drei Worte
aufgefangen hatten, oder das eines Ministers, dessen Rede uns durch die
Zeitungen bekannt wurde. Es wird von Balzac erzhlt, da er oft in der
Lebhaftigkeit seiner Phantasie von den Gestalten seiner Einbildung wie von
lebenden Personen sprach und seine Freunde dadurch in Erstaunen setzte, da
er ihnen von den Schicksalen der Eugenie Graudet und des Vater Goriot
erzhlte, als handle es sich um Menschen, die jeden Augenblick selbst
eintreten und sprechen knnten. In hnlicher Weise berraschte mich oft
Herr DACO-NOGI, wenn er pltzlich ohne jeden erkennbaren Anla aus dem
Leben von Personen erzhlte, von denen er weder wute, was sie waren, noch
wie sie hieen. Wie intensiv und auerordentlich diese Beschftigung mit
dem Leben anderer war, davon berzeugte ich mich zuerst an mehreren
Bemerkungen, die er im Verlauf des Gesprchs ber mich und meine
Verhltnisse machte. Mehrere Male berraschte er mich nmlich durch die
Kenntnis von Tatsachen aus meinem Leben, von denen ich bestimmt wute, da
ich sie ihm nicht mitgeteilt hatte. Das erstemal als er pltzlich von
meiner Schwester sprach, konnte ich noch glauben, es sei Zufall und ich ma
der Sache weiter keine Wichtigkeit bei. Aber noch am selben Tage gab er mir
ganz unvermutet einen Rat, der die Kenntnis hchst komplizierter
persnlicher und finanzieller Verhltnisse voraussetzte, deren Intimitt
mich vor dem Eigenverdacht bewahrte, vielleicht davon gesprochen zu haben.
Zuerst stand ich vor einem Rtsel, das ich mir nicht im geringsten zu
erklren vermochte und ich betrachtete meinen neuen Bekannten mit einer
Mischung von Mitrauen und leiser Furcht. Dann aber erhielt ich durch
einige Beispiele, die das Leben anderer Personen betrafen, den seltsamen
Beweis, da dieser Mensch in einer geradezu ans Wunderbare grenzenden Art,
die Fhigkeit besa, aus den unbestimmtesten Redewendungen und den
scheinbar unpersnlichsten Gesprchen auf Tatsachen und Geschehnisse
zurckzuschlieen, die einem Menschen mit gewhnlichem
Beobachtungsvermgen, schlechthin verborgen bleiben mssen. Mit dieser
ungewhnlichen Fhigkeit erinnerte er mich an die sonderbare Gestalt des
Herrn Dupin in den Poeschen Novellen, denn Herr DACO-NOGI besa in
Wirklichkeit das ans Fabelhafte grenzende Assoziationsvermgen jener
erdichteten Gestalt. Nur eine ungeheure Beweglichkeit der Phantasie, die
selbst die geringfgigsten Sinneseindrcke verarbeitete, kann es ihm
ermglicht haben, zu so verblffenden Feststellungen zu kommen, wie sie ihm
in meiner Gegenwart gelangen. brigens arbeitete dieses fast bernatrlich
zu nennende Assoziationsvermgen, wie die meisten ganz groen und
bernormalen Fhigkeiten im Menschen, beinahe ganz unbewut in ihm und er
war sich in den allermeisten Fllen auch gar nicht klar darber, irgend
etwas erraten zu haben, was zu erraten andern Menschen schlechthin
unmglich gewesen wre. Nach und nach nahm ich brigens wahr, da es
keineswegs eine einfache, bermig ausgebildete Assoziationsgabe war, die
meinem Bekannten so seltsame Ergebnisse lieferte. Wie sollte es auch durch
einfache Assoziationen mglich sein, Stimmungen, Gefhle und halbbewute
Empfindungen von Menschen zu erraten, von denen er, wie gesagt, oft nicht
mehr als drei Worte gehrt und die er nur ein einziges Mal gesehen hatte.
Es schien mir vielmehr eine Art knstlerischen Vermgens zu sein, das er
besa und vielleicht gibt das Wort Einfhlung den allgemeinsten Begriff von
dem, was ich sagen will. Er vermochte sich auch durch den aller
geringfgigsten Anla etwa so in einen Menschen einzufhlen, wie es der
Betrachter oder Zuschauer eines Kunstwerkes tut, der damit die Absichten
und die Mittel des Knstlers errt. Und zwar war die Art der Einfhlung in
ein fremdes Leben so stark, da sie ihn nicht nur vollkommen beherrschte,
sondern ihn auch vollkommen vernderte. Oft, whrend er sprach, wechselte
er seine ganze Haltung und seinen Gesichtsausdruck. Wie ein anderer Mensch
wohl seine Rede durch Gebrden mit den Hnden oder bei lebhafteren
Temperamenten auch durch ein bewegliches Mienenspiel zu veranschaulichen
sucht, so zwang bei ihm der Gedanke oder das Gefhl, das er ausdrcken
wollte, den ganzen Krper in Dienst und vernderte alles an ihm. Nichts
aber stand sozusagen willenloser unter dieser Kraft der Einfhlung, wie
seine Stimme. Sie war gleichsam diejenige Saite, die die Schwankungen
seiner Empfindung am vollendetsten und differenziertesten wiedergab. Sie
war nicht nur von einer schier unglaublichen Modulationsfhigkeit, die die
leisesten, zartesten und hrtesten Tne anklingen lie, nein, sie vermochte
geradezu ihren ganzen Charakter zu verndern und oft, wenn ich, die Wirkung
dieser Stimme auf mich zu erproben, die Augen schlo, htte ich meinen
knnen, pltzlich mit einem ganz anderen, fremden Menschen zu reden.

Am Tage meiner Abreise von Kopenhagen kam Herr DACO-NOGI vormittags auf
mein Zimmer, um sich von mir zu verabschieden. Er war im Mantel und Hut,
denn er stand selbst gerade im Begriff abzureisen. Unter dem Arm trug er
eine kleine Mappe aus dunkelgrnem Leder, die er bei seinem Eintritt auf
dem Garderobenstnder ablegte. Wir unterhielten uns vielleicht zehn
Minuten; es lag mir mehrfach auf der Zunge zu fragen, wohin er reise, aber
aus dem Gefhl heraus, nicht neugierig erscheinen zu wollen, unterlie ich
die Frage. Einige Tage vorher hatte er brigens davon gesprochen, demnchst
nach Canada gehen zu wollen. Nach zehn Minuten erschien der Hausdiener und
meldete das Automobil. Wir verabschiedeten uns kurz und herzlich. Dann,
nach einer Stunde etwa, bemerkte ich, da mein Bekannter die Mappe auf dem
Garderobenstnder hatte liegen lassen. Ich erkundigte mich bei dem Portier,
ob Herr DACO-NOGI eine Adresse hinterlassen habe. Es war nicht der Fall. In
der Hoffnung vielleicht aus dem Inhalt der Mappe die Adresse des Fremden
erfahren zu knnen, ffnete ich sie mit dem anhngenden Schlssel. Was ich
fand, war nur eine groe Anzahl dnner, zerknitterter Bltter, die mit
einer steilen kritzlichen Schrift bedeckt waren und eine Karte, die an mich
gerichtet war und nur die Worte enthielt: Bitte, betrachten Sie diese Mappe
und ihren Inhalt als Ihr Eigentum. -- Schon auf der Fahrt von Kopenhagen
nach Hamburg habe ich dieses seltsame Schriftstck, von dem ich beim
flchtigen Durchblick bald erkannte, da es sich auf den Diebstahl der
Gioconda bezog, zum erstenmal gelesen. Mein Entschlu, das Manuskript zu
verffentlichen, war sofort gefat. Meine Arbeit dabei ist keine andere
gewesen als die einzelnen Bltter, die wirr durcheinander lagen, dem Sinne
nach zu ordnen und aneinander zu reihen. Ich habe mich nicht fr berechtigt
gehalten, irgendwelche Zustze oder auch nur irgendwelche Korrekturen in
dem Manuskript anzubringen. Dagegen schien es mir geboten, die Eigennamen
der Personen durch freigewhlte zu ersetzen. Im brigen ist das Tagebuch,
wie es hier vorliegt, ein wortgetreuer Abdruck des Originals. --

Vielleicht wird es noch interessieren zu wissen, da der Name DACO-NOGI ein
Anagramm ist. Nur durch einen Zufall bin ich darauf gefhrt worden. Er
entsteht durch Buchstabenumstellung aus dem Namen: GIOCONDA.

Im Oktober 1912

   Der Herausgeber




Das Tagebuch


Den 5. August 1911. Als ich gestern auf dem Gare de l'Est den Wiener
Schnellzug verlie, passierte mir etwas recht Seltsames und wenn man will,
Rtselhaftes. Vielleicht ist es auch etwas ganz Natrliches, Einfaches und
Erklrliches. Ich war kaum aus dem Zuge gestiegen, als meine Aufmerksamkeit
auf einen Reisenden gelenkt wurde, der eben offenbar auch ausgestiegen war
und den Perron hinuntereilte. Er war etwa fnfzig Schritte von mir
entfernt. Ich glaube, er fiel mir nur durch seinen eigentmlich hellgelben
Mantel und seinen hastigen Schritt auf, der etwas Unrhythmisches und
Konfuses hatte.

Warum lief ich diesem Herrn eigentlich sofort nach?

Ich habe seit gestern darber nachgedacht und wei es doch nicht. Aber
eigentlich, was ist denn so Unerklrliches daran? Warum soll ein Reisender
wie ich es bin, ein Mensch, der lediglich zu seinem Vergngen, na --
Vergngen? -- also ein Mensch, der nur reist, um zu reisen, der nichts zu
tun hat, gehen und kommen kann, wann und wie und wo er will -- warum sollte
er nicht pltzlich auf den Einfall kommen, auf dem Gare de l'Est in Paris
hinter einem Herrn mit einem hellgelben Mantel und einem unrhythmischen
Gang herzulaufen?

Wenn ich es allerdings recht bedenke, so scheint es mir doch wieder seltsam
oder zum mindesten auffllig. Denn ich liebe das Unrhythmische keineswegs.
Ich gehe ihm sonst aus dem Wege, wo ich kann. Ich setze mich weder in ein
Familienrestaurant noch in eine Elektrische. Warum also, warum ging ich
ausgerechnet hinter diesem scheulich konfusen und verzwickten Schritt her?
Warum qulte ich mich mit smtlichen Taktarten, diesen Schritt einzufangen?

Ja -- vielleicht hatte dieser Schritt doch etwas Rhythmisches, und ich rede
mir nur ein, da er verworren war. Immerhin -- er war wie zwei bereinander
gepurzelte Takte und gar nicht zum aushalten.

Ich glaube, der Herr trug eine groe schottische Mtze und in der Hand eine
rote Ledertasche. Aber das wei ich nicht bestimmt. Denn ich war wie
hypnotisiert von dem Zwickzwack der Beine unter dem hellgelben Paletot und
hatte, so lange ich ihm folgte, fr nichts anderes Auge und Aufmerksamkeit.

Und nun geben Sie mal acht, was geschah. Ich gehe stracksweg hinter dem
gelben Herrn da her, immer mit den Augen auf seinen Beinen. Und als er in
eine Droschke steigt, rufe ich den nchsten Kutscher und weise ihn an,
hinterher zu fahren. Es ist das schnste Wetter, ich kann meinen Freund --
denn so nenne ich ihn schon in heimlicher Wut -- da vorne gemchlich und
bequem in der Droschke sitzen sehen. Das heit, eigentlich sehe ich nur ein
Stck von dem gelben Mantel und darber die groe schottische Mtze. Sein
Gefhrt ist immer etwa 100 Schritte voraus. Endlich hlt es in der Rue
Saint Honor 41. Die Nummer fllt mir sonderbarerweise sofort auf, denn sie
gibt mein Alter an. Er steigt aus, der Wagen fhrt weiter und er tritt ins
Haus.

Und nun habe ich eben in diesem Hause, im zweiten Stock, bei Frau Witwe
Labrouquet gestern ein Zimmer gemietet! --

So -- ja so, als sei ich besonders hierher nach Paris gekommen, um bei Frau
Witwe Labrouquet und ihrem lahmen Sohn zu wohnen!

Es ist einfach lcherlich!

                   *       *       *       *       *

Den 6. August. Ich verfalle wieder auf ein altes Mittel: alle qulenden
Unruhen und zermrbenden Gedanken, die ganze Vergangenheit, die sich hinter
mir auftrmt und auf mich herabzustrzen droht, die Unrast und
Unbestndigkeit, die mich von Ort zu Ort treibt, die mir nirgends Ruhe
lt, meine Tage und Nchte durchtobt, dadurch zu bannen, indem ich
schreibe . . .

Wenn ich mir wieder etwas aus meinem Leben erzhle, wenn ich aus meinen
grauen und grnen Erinnerungen wieder kleine, zarte Gespinste hervorsuche,
Trume, Leidenschaften, Gebete, -- Begegnungen mit anderen und mir --
geflsterte, ungehrte, verwehte Dinge herbeirufe . . . ach, vielleicht
werde ich dann noch einmal alles zurckdrngen knnen. Ich werde den
Mchten, die mich und alle verfolgen, entrinnen, wie ein Dieb. Ja, wie ein
Dieb, der sich geschickt in einem Kellergewlbe zu verbergen wute, von dem
niemand wei, wo er geblieben ist, und an dem die hastigen Polizisten
vorbeirennen, bis sie spt ihren Irrtum gewahr werden. Aber hallo! Jetzt
hat der Dieb zwischen seinen grauen Kellerwnden neue Krfte gesammelt und
rasender als je fliegt er die langen Straen hinab. Hinein in ein Haustor,
durch den Korridor in den Hof, einen Blitzableiter hinauf, auf das Dach des
allerhchsten Hauses und ratsch -- weg ist er. Weg, als htte ihn der
Himmel verschluckt.

Wei Gott wie hei mir wird, wenn ich an eine solche Diebsjagd denke!

Aber schn ist das, wundervoll. Das heit natrlich, wenn man der Dieb ist.
So alles auf den Fersen zu haben, einer gegen zwanzig, gegen hundert, und
dann mit allen Anstrengungen des Geistes und Krpers arbeiten, arbeiten,
arbeiten, da einem der Schwei perlt. Alles gedoppelt: Gesicht, Gehr,
Geruch; sphen, jede Kleinigkeit berechnen, ausntzen und Sieger sein
zuletzt, Sieger!

Ach ja . . . . wenn es nur leichter wre, Diebsthle zu begehen . . . .

Ich erinnere mich noch deutlich an die furchtbare Angst, die ich in Messina
ausstand, als ich mir einmal vorgenommen hatte, eine Apfelsine zu stehlen.

Ja -- ich wollte mir die Langweile damit vertreiben, mir zu zeigen, ob ich
Mut htte. Mut, eine Apfelsine zu stehlen.

Gott, wie deutlich steht doch alles vor mir: da ist das kleine Hotel mit
der grnlich grauen Fassade und der schmierigen Tr. Da ist der Stall
nebenan und da ist der kleine deutsche Hausknecht mit den feuerroten Haaren
und den unwahrscheinlich groen Ohren, die immer -- offenbar von
Stiefelwichse -- ein wenig schwarz waren. Ja, ja -- dieser Hausknecht. Er
hatte brigens trotzdem zarte Beziehungen zu der Kchin, die etwas bucklig
war, und man sagte mir, sie erwarte ein Kind. Mein Gott --! Und da ist der
schmutzige kleine Speisesaal mit den abgeschabten Tapeten und dem Kellner
Luigi.

Aber das gehrt nicht zur Sache.

Ich langweilte mich scheulich in diesem verfluchten Nest und aus lauter
Langerweile kam ich, wie gesagt, zuletzt auf den Gedanken: mir meinen Mut
zu beweisen! Haha, -- ich wollte eine Apfelsine stehlen. Das sollte mir
wahrhaftig ein Beweis fr Mut sein!

Es war just um die Zeit der Ernte. Was fr prachtvolle goldene Frchte gab
es doch da. Wenn sie wie goldene Kugeln geschichtet in den Krben lagen,
und die Sonne darauf schien, konnte man wirklich die Augen nicht weit genug
aufreien, um all dies kostbare Licht in den Krper einzulassen. Ja, man
htte sich am liebsten berall Augen in den Krper geschnitten, um all
diese Fruchtbarkeit aufsaugen zu knnen.

Am Montag hatte man vor meinen Augen einen dieser braunen, nackten Bengel,
die da berall umherlungern, dabei erwischt, als er gerade im Begriff
stand, sich mit sechs groen roten Orangen aus dem Staube zu machen. Wei
Gott, beinahe wre es ihm geglckt, diesem verflixten, kleinen Teufel. Was
er fr Augen hatte! Aber er hatte die Rechnung eben ohne seine Hose
gemacht.

Ja, er trug nmlich als einziges Kleidungsstck eine graugrne Hose auf dem
Leib, aus der unten die Beine wie braune Streichhlzer herauskamen. Und in
diese Hose hatte er die sechs Orangen vor dem Stand der Verkuferin ganz
unbemerkt hineingestopft. Er hatte sie wahrhaftig alle schon drin. Aber
zuletzt bekam die Alte hinter dem Stand doch Wind von der Sache. Sie hatte
eine kolossale braune Hakennase im Gesicht und trug eine blaue Bluse.
Pltzlich stie sie einen gellenden Schrei aus, fuchtelte mit den Armen in
der Luft rum und kam hinter dem Stand hervorgesprungen.

Das war eine Pracht zu sehen, wie die braunen Beine der Raubkatze ber die
Strae flogen! Und die Alte schreiend mit geblhtem Rock hinter ihm her!

Mein Gott, ich stand und lachte aus vollem Halse.

Sie htte ihn nicht bekommen, den Teufel, den kleinen. Aber an der Hose lag
es, die brachte ihn an den Galgen. Denn whrend ihm eine der Orangen im
Lauf aus dem Gurt sprang und rot durch den Staub der Strae rollte, sackten
sich die andern immer tiefer in das rechte Hosenbein und -- bums, da lag
er. Da hatte die Alte ihn aber auch schon am Kragen.

Donnerwetter, was das Tier aber auch fr Raubfinger hatte; biegsam wie
Fischbein und fest wie Stahl.

Na ja -- so kam ich selbst auf den Gedanken, eine Apfelsine zu stehlen. Und
das gab mir Beschftigung bis zum Schlu der Woche. Beschftigung? Es war
ein Stck Arbeit, ein Stck ganz verzweifelte Arbeit. Ich bekam in diesen
Tagen ordentlich eine gute Meinung von den Dieben. Denn wenn ich nur die
Hand ausstrecken wollte, um die Orange von dem Stand der Verkuferin zu
nehmen -- am ersten Tage probierte ich es dreimal -- dann zitterte ich am
ganzen Leibe und fhlte kaum mehr den Boden unter den Fen.

Ich glaube, ich habe in diesen fnf Tagen im ganzen zwanzig Pfund Orangen
gekauft, nur um mir immer am Stand der Alten zu schaffen machen zu knnen.
Ich konnte das Zeug ja gar nicht aufessen. Ich schenkte es im Hotel dem
rothaarigen Hausknecht oder dem Oberkellner Luigi.

Am zweiten Tag lchelte mich die Alte schon immer von weitem an. Hole der
Teufel ihr Lachen, ich werde meine Apfelsine schon bekommen, dachte ich.
Aber ich ging wieder und trug nur das gekaufte Pfund nach Hause.

Dann wurde die Geschichte interessant, das Weib hatte offenbar meine
Absicht erraten, sie lchelte jetzt jedesmal recht spttisch, wenn sie mich
kommen sah.

Ich nahm allen meinen Mut zusammen und versuchte eine gnstige Gelegenheit
abzupassen. Aber wenn sich die Alte einmal wegkehrte, dann war es mir
beinahe, als seien mir die Hnde mit einem unsichtbaren Strick an den Leib
gebunden.

Ich wurde wtend, zu Hause in meinem Zimmer nannte ich mich einen
erbrmlichen Feigling und schlug mit der Faust auf den Tisch, da er
umstrzte und die Platte zerbrach. Ich sagte mir, so kann es nicht
weitergehn. Ich setzte also den Freitag als Ruhetag an und schwor mir, die
Tat am Sonnabend zu vollbringen.

Ich hielt mein Wort. Allerdings das tat ich. Aber wie erbrmlich benahm ich
mich doch. Es war in der Mittagsstunde und die Alte hatte eben ihre Bude
verlassen, um an einem hundert Meter entfernten Brunnen Wasser zu holen.
Weit und breit war keine Menschenseele zu sehen. Und da also -- in diesem
Augenblick fand ich wirklich den Mut, meine Apfelsine zu stehlen. Pfui! Was
war ich fr ein feiger Dieb. Und ich lief wahrhaftig noch davon als htte
ich schon den Polizisten im Nacken. Pfui Teufel!

brigens hatte die Alte natrlich gar nichts bemerkt. Spter sagte ich ihr
einmal, da ich lange die Absicht gehabt htte, ihr eine Orange zu stehlen.
Aber da lachte sie und wollte es nicht glauben; obgleich ich es beschwor,
bei Gott.

                   *       *       *       *       *

Den 7. August. Nun da wre ich denn hier bei Frau Witwe Labrouquet,
geschiedenen Blissot und ihrem lahmen Sohn. Ob sich der Herr mit dem gelben
Mantel, der schottischen Mtze und den Zwickzwackbeinen noch einmal sehen
lassen wird?

Was dies brigens fr eine Wohnung ist. Drei Zimmer und Kche. Drei graue
Schachteln mit Lchern, die man Fenster nennt. ber die langweiligen gelben
Gardinen habe ich ein Paar alte Priestergewnder aus Tokio gehngt. Sie
sind aus Seide und ich mag es gern, wenn Licht durch Seide fllt. Es fhlt
sich dann ganz anders an.

berhaupt habe ich heute den grten Teil des Tages damit zugebracht, das
Zimmer umzurumen. Ich konnte schon in der letzten Nacht nicht schlafen und
hatte immer das Gefhl, es sei jemand im Zimmer. Der Schrank, das Bett, der
Spiegel, die Sthle, alles tat noch den Willen des Menschen, der hier vor
drei oder vier Tagen ausgezogen sein mu.

Ich kann noch ganz deutlich sehen wie er zum Beispiel da hinter dem Tisch
auf dem roten Plschsofa gesessen hat. So -- die Hand so ans Kinn gesttzt
und guckt da hinaus nach dem Schornstein auf dem gegenberliegenden Dach.
Und immer rauchend. Mittelsorte. Es mu ein Kunstschriftsteller oder
Theaterkritiker gewesen sein; ein ganz gewhnlicher, oberflchlicher und
uninteressanter Mensch. Aber trotzdem eine anerkannte Feder und ein
gemtvoller Plauderer. Auf alle Flle ein Mensch, der sich zum Platzen
ernst nimmt. Wie schrieb ich doch damals, als Ibsen mich besuchte . . .

Ja, wei Gott, man konnte es an den Mbeln sehen, wie langweilig und
brgerlich und ernst dieser Mensch war. Ich mute ja die ganze Bude auf den
Kopf stellen, um den Geist dieser anerkannten Feder los zu werden. Ja,
auer dem alten eisernen Ofen in der Ecke und dem Bild dahinter -- brigens
ein eigentmliches Frauenportrt --, ist auch kein Ding mehr an derselben
Stelle geblieben.

Frau Witwe Labrouquet wird Augen machen!

Augen, wie die geschiedene Blissot an dem Tage, als es herauskam, da es
mit dem Sparkassenbuch von 2500 Frank, im Vertrauen, auf welches Herr
Labrouquet ihr die Hand vor dem Altar gereicht hatte, nichts war.

Der arme Herr Labrouquet!

Er wute ja nicht, da bei einer Frau _immer_ etwas herauskommt. Es braucht
nicht gerade ein falscher Busen zu sein, aber vielleicht eine irrsinnige
Schwester; oder der Vater hat einmal im Zuchthaus gesessen oder sie hat
einmal binnen vier Wochen zwei Verlobungen aufgelst. Bekommen. Ach, es ist
nicht immer etwas Wichtiges. Vielleicht verschweigt sie dem Brutigam ja
nur einen hohlen Zahn oder da sie einmal ein Kind hatte . . . aber heraus
kommt immer etwas. Und es ist wahrhaftig eine Herzensfreude, so einem
jungen, freundlichen Ehemann zu begegnen am Tage, da etwas raus gekommen
ist.

Mnner knnen ja viel dmmere Gesichter machen als Frauen. Unfreiwillig
natrlich. Denn wenn eine Frau dumm sein will, ist sie auch darin Meister.

Nein, nein, ich habe diesmal kein Glck gehabt mit meiner Wohnung. Warum um
alles in der Welt mute ich auch diesem gelben Mantel und dieser
schottischen Mtze nachlaufen? Trotzdem ich den ganzen Bau sozusagen auf
den Kopf gestellt habe, und kein Stck mehr am Platze ist, begegne ich noch
immer dem Gedankengermpel dieser anerkannten Feder und dieses
gemtvollen Plauderers. Was fr ein schales Zeug in so einem
Schreibergehirn nebeneinander liegt. Ein Anblick wie ein Trdelladen.

An diesem Tisch zu sitzen ist mir ganz unmglich. Da mu er tglich
geschrieben haben, und wenn ich mich dorthin setze, fallen mir Dinge ein,
die direkt reif sind fr den . . . . er-Anzeiger. Unterm Strich.

Ich sitze also am Boden und schreibe auf meinem Koffer. Auf meinem
kosmopolitischen Koffer . . . .

. . . Wenn ich noch an den kleinen verlassenen Palast der kleinen Soubrette
denke, den ich in Wien im Alser Bezirk bewohnte. Zufllig habe ich spter
erfahren, da sie wirklich in einem Tingeltangel in Hernals auftrat. Gerade
an dem Tage als ich einzog, war sie zum erstenmal aufgetreten. Vorher war
sie eine kleine Putzmacherin gewesen . . .

Nein, was lebte doch in diesem Zimmer -- es war nur zwei oder drei Meter
breit und vier lang -- fr ein kunterbuntlustiger Soubrettengeist. Gleich
als ich unter der Tr stand und den Fu noch nicht ber die Schwelle
gesetzt hatte, mute ich ganz laut diese nrrische Strophe deklamieren:

   Ich liebe dich, mein Hunderl,
   Ich bin verrckt nach dir . . . .

Die Wirtin sah mich ganz verdutzt an. Aber ich sagte, ich sei eben im
Varit gewesen, habe die Strophe gehrt und ob sie ihr nicht auch gefiele.

Und wo ich ging und lag und sa und stand, immer arbeitete der Geist dieser
kleinen, verrckten Person in mir fort.

Ich sa auf dem Stuhl und sagte: Da kam ein kleines Mdchen auf ihn zu,
das hatte einen Hut auf, der war ziegelrot mit funkelnagelneu . .

Ja, man beging die unglaublichsten Dinge in diesem Zimmer. Einmal erwischte
ich mich dabei, wie ich der Kchin gegenber im Hause die Zunge
herausstreckte und ihr eine Nase schnitt. Oder ich tanzte pltzlich vor dem
Spiegel eine Kakewalk und hatte mir dazu den Kimono aus Yoshiwara
umgehngt. Und welche Trume hatte man in diesem Palast! Nun eben die
Trume einer ganz kleinen, verrckten Soubrette. Ein Graf sprach einen auf
der Strae an. Es war im Volksgarten, gerade vor dem Denkmal der Kaiserin.
Welch ein Duft von Beeten und Blumen. Und welch ein Sommerabend . . . Ach
. . . Einem solchen Grafen mute man sich ja gleich in den Arm hngen. Da
war wirklich nichts dabei. Er hatte auch bei den Husaren gedient und war
Leutnant. Und Rosen hatte er in den Hnden, rote Rosen. Er sagte, sie seien
fr eine andere bestimmt, aber nun wolle er sie mir schenken. Denke nur.
Gleich am andern Tag wollte er einen Ausflug mit mir machen. Ich wollte
nicht, aber sein Wille war strker. Auf der Sophienalpe kte er mich zum
erstenmal. Ich hatte ein neues rosa Kleid an, das ausgeschnitten war
. . . . Ach und dann wurden wir so namenlos glcklich . . . Gott, wie lieb
ich ihn hatte, und wie gut er war. Er nannte mich immer Dodo, das gefiel
mir so gut, wenn er's sagte, und ich hatte es mir auch gewnscht. Aber dann
kam das Duell. Wegen mir. Ein Leutnant von den Deutschmeistern hatte
nmlich etwas ber mich gesagt. . . Ach, wie ging es doch aus? Wurde mein
Graf gettet? Nein, ich wei nicht . . . aber die Sonne ging so blutrot
ber der Donau unter und die Nebel stiegen herauf. Die weien Abendfrauen
kamen ber das Meer . . . Das klingt hbsch, nicht wahr? Ich habe es von
einem wundervollen Dichter gehrt. Er konnte berhaupt so schn schreiben,
da man ganz traurig wurde und weinen mute . . .

Ja, ich konnte sie ganz deutlich vor mir sehen, diese verrckte, kleine
Person. Schlank und biegsam war sie wie eine Gerte. Sie hatte nubraune
Haare, einen rosigen Teint und die Nase war ein wenig eingedrckt. Das gab
ihrem Gesicht sozusagen etwas Bedenklich-Komisches. So oft man sie ansah,
mute man leise den Mund verziehen. Aber dann platzte sie heraus und
glaubte, sie habe einen glnzenden Witz gemacht.

Nein, nein, wie deutlich ich dieses Kind doch vor mir sah!

Da war ein Lufer mit roten Streifen, der lief lngelang durch das Zimmer.
Wenn sie sich an ihrem Grafen satt getrumt hatte und nicht mehr weiter
wute, ging sie an den Schrank und holte ihr bestes Kleid, es war rosa, und
Lackschuhe heraus, mit breiten Seidenschleifen.

Es dauerte nicht lange, bis sie es an hatte. Sie guckte auch nur zweimal in
den Spiegel. Was man doch fr ein Mdel war! Es war wirklich schad um
einen. Ja, ein bichen schad war's schon.

Aber dann stellte sie sich ganz an das Ende des einen Streifens, raffte an
beiden Seiten den Rock hoch, da die Fe in den schwarzen Strmpfen bis
zum Knchel sichtbar waren und dann . . . dann balancierte sie auf dem
schmalen roten Streifen ganz vorsichtig durchs Zimmer . . . eins . . . zwei
. . . eins . . . zwei. Ganz vorsichtig und immer einen Fu vor den andern
. . . . Um keinen Preis wollte sie von dem roten Strich abweichen, und sie
hielt den Atem an und sah ganz gespannt auf die schwarzen Schleifenschuhe.
Es war ihr bitter Ernst sozusagen. Denn wenn sie heftig ins Schwanken
geriet, dann mute sie auflachen, als wrde sie von jemandem -- wie
wahnsinnig gekitzelt. Fiel sie aber um, dann stie sie sogar einen
richtigen Schrei aus, so da Frau Vrany, die Wirtin, ganz erschrocken
hereingestrzt kam und sagte: Aber Frul'n, was hab'n S' denn? Mcht mer
doch grad mein'n, S'tten's schon am Spie stecken. I hab mi ja am Tod
d'erschrocken. Aber dann sa sie irgendwo am Boden, lachte als wrde ein
Schlittengeschell wie rasend geschttelt, wurde dann ganz ernsthaft und
sagte mit einer Miene, von der nur der liebe Gott wissen konnte, ob sie
echt oder falsch war: I bin halt wieder runterg'fall'n, Frau Vrany; denken
S', nur drei Schritt noch von der Tr. Und whrend sie das sagte, fuhr sie
einmal mit der Hand ganz schnell an ihrer stumpfen Nase vorbei, als gbe es
da etwas abzuwischen. Aber das war natrlich gar nicht der Fall, denn als
Putzmacherin verkehrte sie ja schon seit einem halben Jahre mit den Damen
der besten Gesellschaft.

Da es so ein tragisches Ende mit der Kleinen nehmen mute! Ach, wei Gott,
wenn sie auch eine Soubrette war, so war sie doch unschuldig wie eine
Apfelblte. Da war Herr Werder, ein dicker rtlicher Clown an dem
Tingeltangel. Was denken Sie, was er eines Tages zu der Kleinen sagt?

Nun, Frulein, sagt er eines Tages, Sie werden ja jeden Tag dicker.
Jetzt knnen Sie schon bald die komische Alte spielen.

Und was tut die Kleine? Sie geht nach Hause und stellt sich vor den Spiegel
und weint und weint und weint . . .

Zwei Tage spter zogen sie sie aus der Donau.

Hole doch der Teufel diesen roten Clown.

                   *       *       *       *       *

. . . Ja, es war wirklich ein Erlebnis, in dem kleinen verlassenen Palast
dieser Soubrette zu wohnen! Ich habe mich selten so kstlich amsiert,
obgleich ich doch hufig solchen berbleibseln, oder soll ich sagen,
solchen Schatten begegnete. Diplomaten, Gelehrte, Bettler und Knige,
Diebe, Tapezierer und Fabrikanten, Brgerfrauen, Dirnen, Heilige,
Marktweiber und Kupplerinnen, Trunkenbolde, Asketen, Schiffer, Matrosen,
Soldaten und amerikanische Milliardre haben genau wie diese kleine
Soubrette Dodo mir ihren Schatten vermacht, und ich habe auf mancherlei
Weise nach ihrer Pfeife tanzen mssen, wenn es auch nicht immer so lustig
war und mit einem Kimono um die Schultern wie in dem kleinen Zimmer in der
Alserstrae.

Nein, wei Gott, so lustig war es nicht immer. Was glaubt man denn, was
sich in der Brust vieler Menschen begibt?

Und doch, wenn ich es so recht bedenke, so war ich noch immer froh, wenn
sich auf diese Weise etwas in meinem Leben ereignete. Hatte ich dann nicht
wenigstens etwas, was mich ausfllte, beschftigte, was mich hinderte, die
ungeheure Leere zu entdecken, als die ich mir zuweilen selbst vorkam? Gibt
es denn etwas Entsetzlicheres als nichts zu sein? Lieber verkriecht man
sich noch hinter die Gebrden und Masken eines anderen. Und ist es nicht
besser, wenigstens noch etwas zu scheinen als ganz nichts zu sein, ein
wesenloser Schatten, ein Gespenst . . .?

Ja, ich war diesen berbleibseln im Grunde genommen doch immer sehr dankbar
. . .

Na ja, ich sprach einmal mit einem Mediziner darber: Es war ein berhmter
Arzt und ich lernte ihn auf dem Bahnhof einer kleinen russischen Stadt
kennen. Ich war gerade ganz ausgezeichneter Stimmung, denn ich war zwei
Stunden durch den Schnee ber Land gegangen und der Himmel war so klar und
hell gewesen. Besonders ein Stern gerade vor mir, ach wie hatte der blau
gefunkelt. So rtselhaft zwinkernd khl und blau, wie ja, . . . . seltsam
. . . . jetzt mchte ich fast glauben, er habe gelchelt wie das Frauenbild
da hinter dem eisernen Ofen an der Wand. Oder besser noch wie ihre Hnde
da, hatte er gelchelt . . . Aber gleichviel; ich war in einer vorzglichen
Stimmung und so erzhlte ich denn dem Arzt die Geschichte von der
Soubrette. Aber ich erzhlte es so, als sei es einem Freunde von mir
passiert, und ob das nicht sonderbar wre.

Nein, das wre nicht sonderbar, sagte der berhmte Arzt. Und dabei zog er
seine goldene Uhr heraus, klappte den Deckel auf und machte ein Gesicht,
als wolle er zu einem Patienten sagen: Ja, Sie haben noch zwlf Minuten zu
leben.

Nein, sonderbar sei das keineswegs; und dann nannte er auch irgendeinen
griechischen Namen, den ich nicht verstand. Das Wort erinnerte mich nur von
fern an Hippopotamos, und da erzhlte ich ihm schnell die Geschichte von
einer Mumie, die ich mal in der Nhe von Gizeh gefunden htte und die eine
auffallende hnlichkeit mit dem gegenwrtigen preuischen
Ministerprsidenten gehabt habe.

Das sei allerdings sonderbar, sehr sonderbar, sagte der berhmte Arzt. Und
interessant sei es, ja auerordentlich interessant!

Wir schttelten uns ganz herzlich die Hand, als wir uns trennten; wie gute
alte Freunde.

Die alte Mumie hatte uns entschieden einander erheblich nher gebracht.

                   *       *       *       *       *

Den 9. August. Nun bin ich wieder seit fnf Tagen in diesem alten Paris.
Htte ich glauben sollen, da diese Stadt noch einmal solchen Eindruck auf
mich machen wrde? In sptestens vierzehn Tagen wollte ich nach dem Sden
gehen, in die Provence; aber wenn Paris fortfhrt, mich mit seinem
berauschenden Zauber zu erfllen, werde ich den ganzen Herbst und Winter
hindurch hier bleiben. Bis in den Frhling. Und wenn alles kommt, wie ich
es mir denke, wird nach all dem im Mai ein Landaufenthalt an den einsamen,
stillen masurischen Seen fr mich das Richtige sein . . .

Aber Paris . . . Ist es ein Strom, eine Sonne, eine Nacht, Sturm,
Glockenbrausen . . .? Ach, alles ist es; Hchstes und Tiefstes. Auf dem
Lande trifft man keine zarteren Farben in den frhsten Tagen des Frhlings
. . . Und von welcher Mannigfaltigkeit diese Nchte.

Wie soll ich doch dieses seltsam berauschende Gefhl beschreiben, das mich
ergriffen hat, seit ich meinen Fu auf das Pflaster dieser Stadt gesetzt
habe und in die Menge eingetaucht bin; das nun bestndig und wie eine
unwiderstehliche Macht in mir aufwchst und fast meiner Herr wird. Ist es
mir nicht als wre ich tief im Meer versunken? Fhle ich nicht das Lasten
ungeheurer weicher und starker Massen auf mir, ein Lasten wie von Seide und
dunklem Samt? Blaugrne Wogen heben mich, wiegen mich. Ein Lichtstrom
rauscht bestndig an meinen Augen vorber, bald blendend in leuchtenden
Farben, bald gedmpft, in sterbenden Tnen; Nacht umfngt mich, und wieder
reit es mich ins Gold des glhenden Gestirns. Ein ungeheures Brausen
umgibt mich; darin ein Auf und Ab von Tnen, hmmernde Akkorde, die von Not
aufschreien, dumpfe, die sich klagend ergeben. Aber hinter dem allen singt
und summt eine Melodie, die sich jetzt nhert, jetzt fern zurckweicht, die
niemals stirbt, aber die sterben mchte, die sich besinnt, sich
aufjauchzend zusammenrafft, wie mit Fusten zupackt, Blcke abwehrt,
beiseite wirft, und wie mit bestndigem Schritt gefat ins Leben schreitet
. . . und wieder fern wird, sich senkt und verklingt und an schluchzenden
Gewssern sich hinwindet und fast verstummt.

Ja, das ist Paris . . . fr mich. Ach, viel mehr ist es, -- es ist meine
Seele, meine Liebe, meine Leidenschaft . . . Ach, ich knnte ja glauben,
ich selbst bin es, ich selbst bin diese dunkle unergrndliche Stadt . . .

                   *       *       *       *       *

Den 10. August. Ich will es nur gestehen: Das kleine Frauenportrt mit den
bereinander gelegten Hnden und dem seltsamen Lcheln hinter dem eisernen
Ofen macht mir zu schaffen. Es erinnert mich an irgendwen, und ich qule
mich, es herauszubekommen. Ich sehe es oft minutenlang an, oder drehe mich
ganz pltzlich weg, schliee die Augen und frage mich, wo ich dieses
Gesicht gesehen habe oder an wen es mich erinnert. Aber das Bild hlt sein
Geheimnis fest. Ja, es ist mir zuweilen, als mache sich die Dame in dem
brunlichen Rahmen noch obendrein lustig ber mich.

Heute morgen kommt mir pltzlich der Gedanke, ich knnte ja Frau Labrouquet
fragen. Und wirklich, ich bin auch schon auf dem Weg zur Tr, als mir erst
einfllt, da sie es ja gar nicht wissen kann. Wie soll um alles in der
Welt Frau Labrouquet wissen, an wen mich diese kleine Dame mit den
bereinandergelegten Hnden erinnert? Werde ich es doch selbst kaum
herausbekommen. Schlielich ist es ja auch ganz gleichgltig. Vielleicht
erinnert sie mich an irgendeine Dame, die ich auf Trafalgar Square so und
so habe in den Omnibus steigen sehen, oder an die Bewegung einer jungen
Frau, die heimlich auf einem Mississippidampfer nach dem rotbraunen Hals
des Kapitns blickte. Vielleicht bin ich ja auch nur einmal in einer Stadt
gewesen, die so aussah. Was liegt daran. Aber ich will gewi nicht selig
sein, wenn es mir nicht einen Augenblick so war, als knnte Frau Labrouquet
meine Erinnerung auffrischen . . .

Da habe ich heute brigens den Herrn in dem gelben Mantel und der
schottischen Mtze wieder getroffen.

Ich war wohl noch zehn Schritte vom Haus, als ich pltzlich seinen
verzwickten Schritt in die Tre hineinpurzeln sehe. War das nicht der Herr
in dem gelben Mantel? Richtig. Da sehe ich ihn vor mir die Treppe
hinaufgehen. Und was das Beste ist, wir sind Nachbarn. Als ich auf den
letzten Treppenabsatz komme, schliet er eben bei Frau Labrouquet die Tr
auf und tritt ein. Ich kann gerade sehen, wie das Zwickzwack seiner Beine
noch einmal bereinanderpurzelt und es gibt mir einen frmlichen Ruck, da
ich fast ber meine eigenen Beine stolpere.

                   *       *       *       *       *

Den 11. August. Na, ich wute doch, da es mit diesem Zimmer noch
irgendeine Bewandtnis haben wrde . . . Ich hatte es doch von oben bis
unten umgekrempelt, da kein Stck auf dem Platz geblieben war und die gute
Frau Labrouquet, Witwe, Augen gemacht hatte . . . nun, wie gesagt, Augen,
wie die geschiedene Blissot, als das mit dem Sparkassenbuch herauskam. Ja,
sie hatte schon selbst ganz fest an das Sparkassenbuch geglaubt und war
jetzt ganz emprt und berrascht, da es pltzlich nicht da sein sollte.

Ja so. Es hatte trotz alledem nicht seine Richtigkeit mit dieser Kabine von
einem Zimmer. Da brauchte man, wei Gott, keine feine Nase zu haben. Der
Herr Kunstkritiker mit der ewigen Zigarre und der anerkannten Feder war
allerdings erledigt. Nein, fr die Presse brauchte man jetzt nicht mehr zu
schreiben, und von Linienfhrung und Flchenwirkung und mimosenhafter
Zartheit und wie all diese Ausdrcke heien, war auch keine Rede mehr.
Aber, aber . . . da war doch jemand, mit dem ich das Zimmer teilte, das war
doch so klar. Ich hatte doch immer so ein leises Gefhl an den Schultern,
hnlich dem, wenn man ein wenig friert. Es konnte nicht lange dauern, bis
es herauskam. Nein, Gott sei Dank, heute nachmittag geschah es. Die
Gewiheit ist mir doch immer lieber als dieses ungeduldige Ist-es,
Ist-es-nicht.

Da hatte ich mich eben fertig zum Ausgehen gemacht. Ich halte die Mtze
noch in der Hand und lege gerade die Hand auf das kalte Metall des
Trdrckers. Pltzlich fhle ich ihn. Er steht da drben vor dem Spiegel
und dreht mir den Rcken zu. Er beugt sich ein wenig seitwrts und fhrt
mit dem hoch erhobenen rechten Arm in den rmel seines berziehers hinein.

Und whrend ich lausche, hre ich ganz deutlich wie er ganz erschreckt
sagt: Ob sie noch da ist? Mein Gott, wenn sie mich eines Tages verlassen
htte . . .

Aha, denke ich, jetzt soll ich eine Liebesgeschichte zu hren bekommen. Ein
kleines Drama wird sich abspielen. Immer sind es doch die Weiber . . .

Und whrend ich durch die schon abendlichen Straen gehe, denke ich an die
Liebe. An die Liebe mit sechzehn, mit zwanzig, mit fnfundzwanzig, mit
dreiig und mit vierzig Jahren. Aber der mit sechzehn gebe ich den Vorzug.

Liebe mit sechzehn Jahren! Woher kamst du? Da ist pltzlich ein mattgrauer
Schimmer zwischen den abendlichen Straen, ein weiches Zerflieen der
milchweien Wolken um die frhe Sichel des Mondes und unser Auge steht voll
Trnen. Irgendein Schmerzlich-Ses-Wehes zieht in unser Herz ein und fllt
es mit der Erinnerung alter Tage. Alle unsere Glieder sind von einer
wohligen Mdigkeit befallen, in der alle Gedanken hinrinnen und in der
jenes unruhig-ruhevolle Glck in uns einzieht, nach dem wir uns nach Jahren
noch sehnen, sehnen.

Liebe mit sechzehn Jahren liegt nachts auf frischen Wiesen unter Sternen
und lt das Auge auf dem Mondlicht ber jungen Buchen trumen.

Liebe mit sechzehn Jahren blickt den mondhellen Flu hinunter und hrt im
Rauschen der Wellen sere Stimmen als Violinen und Harfen. Ein dunkler
Kahn zieht ber silberne Fluten und der Glaube zieht ihm entgegen, und
hofft ein Glck, so weit und so unermelich wie ein Knigreich in den
Mrchen.

Ist es nicht schade, da Liebe mit sechzehn Jahren so bald stirbt, da mit
den Jahren diese Trume verschwinden und uns nicht mehr besuchen? Sieh
diesen blauen Blick, mit dem jene Sechzehnjhrige dem Versinken der Sonne
im Meere folgt. Sie hat die Hnde bereinandergelegt, kleine schmale
Kinderhnde, wie zu einem Gebet an einen ber den Wolken, sie hat das Haupt
ein wenig zurckgelehnt und zwei blonde Haarstrhnen weht ihr der Abendwind
leicht in die Stirn. Sieht nicht so das Glck aus?

Ja, was mich betrifft, ich gbe alle Weisheit und alle gescheiten Einflle,
ich gbe Ansehen, Stellung, Amt, und besonders alles, was Bildung heit,
alles, alles gbe ich jetzt dahin fr einen einzigen, dieser unsagbar sen
Trume der Jugend. Ich wei, wenn die Leute alt werden, lcheln sie ber
diese schwrmerischen Ekstasen. Sie begreifen nicht, da man stundenlang
auf einer taufeuchten Wiese unter Sternen liegen mag, um an ein Paar blaue
Augen und einen blonden Kopf zu denken und an nichts als dies. An Augen,
die vielleicht einer kleinen und sehr dummen Musikschlerin gehren, die
einen nie gesehen hat, und die fr einen Lehrer mit einem schwarzen
Schnurrbart und seidenen Taschentchern schwrmt.

Warum glauben wir Erwachsenen doch immer, es zeuge von Vernunft und
Reifsein, wenn man keine platonischen Fensterpromenaden mehr macht,
sondern, mit Verlaub zu sagen, sich recht bald, nachdem man die
Bekanntschaft einer jungen Dame gemacht hat, nach einer passenden
Gelegenheit umblickt?

Was mich betrifft, so bedaure ich wirklich sehr, nicht mehr so dumm sein zu
knnen, wie mit 16 Jahren; denn mit dieser Dummheit begann auch jenes
unnennbar grenzenlose Hoffen, jenes unermeliche Ahnen von etwas Kommendem
zu entschwinden, das die Jugend so reich, so reich macht, da selbst der
ungeheure Besitz eines Petroleum- oder Eisenbahnknigs dagegen nur ein
totes, wertloses Nichts ist.

                   *       *       *       *       *

Den 12. August. Also, mein scheinbar so verrckter Einfall mir bei Frau
Labrouquet, geschiedenen Blissot, Rat zu holen ber das verteufelte
Frauenzimmer da hinter dem eisernen Ofen war gar nicht so absurd! Wer wei,
vielleicht hat man das kleine Frulein Foujeu, sptere Blissot und noch
sptere Labrouquet, Witwe, als sie noch in die 57. Gemeindeschule ging,
doch einmal mit der Gioconda bekannt gemacht. Oder wer kann wissen, warum
es eines Tages dem kleinen Laufmdel Mimi Foujeu wnschenswert erschienen
ist, etwas von Raffael di Urbino und Lionardo da Vinci zu wissen.
Vielleicht ist sie zu diesem Zwecke doch zwei oder dreimal im Louvre
gewesen, obgleich sie die alten Heiligen immer recht schrecklich fand und
nachts von ihnen trumte.

Nein, das ist nun wahr; wenn sie etwas erreichen wollte und es sich in den
Kopf gesetzt hatte, dann war Frulein Foujeu eine genau so energische
Person wie noch heute die gute Frau Labrouquet, Witwe, die doch nun bereits
seit zwei Stunden am Schlsselloch steht, um endlich einmal festzustellen,
was es denn mit ihrem neuen Mieter fr eine Bewandtnis habe. Ich mu mir,
wei Gott, irgend etwas fr sie ausdenken. Stellen Sie sich doch nur vor,
zwei Stunden mit gekrmmten Rcken dastehen und dabei noch bestndig den
khlen Luftzug, der durch das Schlsselloch auf das Auge strmt . . . Das
beste ist, ich schiee meinen Revolver ab. Oder nein. Vielleicht ksse ich
einmal das Bild da hinter dem Ofen; das knnte sie ausgezeichnet durchs
Schlsselloch beobachten. Ja, ja, das werde ich tun. Ich werde die Gioconda
kssen, als wre sie meine Angebetete . . .

So . . . jetzt ist das kleine Frulein Foujeu doch noch auf seine Kosten
gekommen . . .

Ja, man htte mir die sieben Foltern androhen knnen, und ich wre hier
nicht auf die Gioconda gekommen. Zufllig entdeckte ich heute das Bild im
Louvre.

Aber es ist mir auch gar nicht so unerklrlich, da ich das Bild hier nicht
erkannt habe, trotzdem es eine recht gute Reproduktion ist. Wie um alles in
der Welt denkt man hier an eine Gioconda? In so einem Zimmer, das doch auch
schon zu galanten Zwecken benutzt wurde -- ja, weshalb eigentlich
galanten? Nein, das verstehe wer will. -- Wie ist man hier auf eine
Gioconda vorbereitet! Hier wnscht man eine Susanne zu sehen, oder die
nackten Gttinnen vor Herrn Paris oder wenn etwas Gemt dabei sein soll,
ein Allein, ein Endlich-Allein oder noch besser ein junges Glck in
einem vergoldeten Rahmen.

Ja, junges Glck, das wrde hierher passen, viel besser zum mindesten als
die Gioconda, auf die man, wie gesagt, nicht vorbereitet ist und deshalb
nicht erkennt. So ist es doch. Wenn ich, sagen wir, Herrn Roosevelt, ohne
davon in den Zeitungen gelesen zu haben, urpltzlich auf dem Rcken eines
Elefanten oder mit einem erbeuteten Gorilla auf der Schulter am Kongo
getroffen htte, wie um alles in der Welt, htte ich da den groen
Staatsmann, der er doch zu Hause sicherlich ist, erkennen sollen? Selbst
wenn ich, wie es ja leider nicht der Fall ist, sein bester Freund wre?

Madonna Gioconda in ihrem brunlichen Rahmen, der mich an alte Kontore
erinnert, lchelt unergrndlich. Ich glaube, wenn man das Bild und die Frau
lange ansehen knnte, wrde sie zu leben beginnen. Ich kann es so deutlich
fhlen, wie die Konturen ganz leise im Bilde erzittern wrden. Und knnte
sie nicht die bereinandergeschlagenen Hnde aufheben, um einen mit einer
Geste zu berhren, unter der man schaudern wrde, wie unter dem Gedanken
einer mtterlichen Blutschande?

Es ist so seltsam mit diesen furchtbaren Hnden. Man wei nicht, werden sie
Himmlisches tun oder Tierisches. Und wenn Tierisches, werden sie nicht,
indem sie es tun, es auch heilig sprechen? Und mte man nicht den Wunsch
haben, sie zu kssen, auch wenn sie Lasterhaftes getan htten? Ich meine
das so, wenn sie an einem lebenden Weibe wren.

Eigentlich ist es ein furchtbares Bild. Ich werde es von jetzt ab nicht
mehr ansehen.

Aber was rede ich mir denn ein? Haben meine Bedenklichkeiten vor diesem
Bilde mit der Entdeckung, da es die Gioconda des Lionardo ist, auch nur um
einen Deut abgenommen? Diese hnlichkeit war es also nicht? Also eine
andere? Aber welche, welche? Es ist mir doch als erinnerten mich diese Zge
. . .

Ach, an alle erinnern sie mich, an alle . . .

Mgen sie mich doch erinnern, an was und an wen sie wollen und meinethalben
an Frau Labrouquet, die geschiedene Blissot.

                   *       *       *       *       *

Den 13. August. Der gute Herr, da hinten vor dem Spiegel, der sich ein
wenig links beugt und mit erhobenem rechten Arm in das rmelloch fhrt, ist
der vollendetste Narr, den ich je gesehen oder erlebt habe. Wann mag er nur
hier gewohnt haben? Ob es lange her ist?

Die Liebe hatte ihm in ganz erheblichem Mae den Kopf verdreht. O ja, in
sehr erheblichem Mae kann man sagen. Liebte er etwa ein Weib aus Fleisch
und Blut? Oder liebte er ein Weib aus Holz und l? Allewetter, dieser junge
Mann hatte Talent. Wissen Sie, in wen er verliebt war? So gehen Sie in die
Salle care im Louvre und betrachten Sie dort das Frauenportrt von
Lionardo da Vinci! Ach, Sie mssen nicht glauben, da es ein schlechter
Witz von mir ist. Wenn dieser Mensch nicht von dem glhendsten und
wahnsinnigen Wunsch gepeinigt wurde, Madonna Gioconda an sich zu reien,
wie nur je eine Dame in einer verschwiegenen Ecke, so will ich nicht selig
sein. Aber ich mchte auch elf gegen zwei wetten, da es keine Dame aus
Holz und l war, die dem armen Tropf so traurig das Oberste zu unterst
kehrte.

                   *       *       *       *       *

Den 14. August. Was sich doch in so einem kleinen Zimmer, sogar bei einer
Witwe wie Frau Labrouquet zuweilen fr Tragdien abspielen.

Da sollte man nun glauben, die groen Ereignisse fnden alle vor einem
Parkett von Zuschauern und unter dem Mikroskop der ffentlichen Meinung
statt. Aber nein. Hier hinter einem Tisch mit einer roten Decke, hinter
zwei verstaubten Gardinen und sozusagen hinter einem eisernen Ofen, ist der
Schauplatz der ernstesten Vorgnge. Die Kopie nach der Gioconda ist
offenbar ein Erbstck des armseligen Schattens, der mir seine Aufwartung
macht. Er hatte sich nichts Geringeres in den Kopf gesetzt als das Original
aus dem Louvre zu stehlen.

Der arme Tropf! Wahrscheinlich verwechselte er es mit seiner Angebeteten.
Er stellte sich eine heimliche Entfhrung im Automobil vor, und dann wollte
er es -- -- ja, wie war es gleich? Ich habe es wieder vergessen. Ich
glaube, er wollte es hinter einen Spiegel nageln, oder als Rcken in einen
Schrank einlassen. Ich wei es nicht mehr genau.

                   *       *       *       *       *

Den 15. August. Bei allen approbierten Heiligen! Jetzt ist es heraus. Ich
habe mich grblich getuscht. Der Gelbe ist es! Der Gelbe hat den sauberen
Plan aus der Westentasche seines Gemts geboren. Die Sache wird also ernst,
haha! Er wird die Gioconda stehlen! . . .

Ja, aber wie -- wie wei ich es denn? Was kmmern mich auf einmal meine
Nachbarn, bis jetzt waren es doch immer nur meine Vorgnger? Unsinn. Was
zerbreche ich mir darber den Kopf. Als ob mich die Sache aufregte. Die
Gioconda stehlen! Nun, ebenso gut knnte er sich ja in den Kopf setzen, den
Eiffelturm vom Champs de Mars wegzuschleppen oder das Ministerium mit Herrn
Delcass.

Sich auszumalen, da es eines Tages in den Zeitungen hiee: Die Gioconda
gestohlen! Man braucht sich doch nur das vorzustellen, um einzusehen wie
verrckt dieser Plan ist.

Die Gioconda gestohlen! Das wre wahrhaftig ein Spa. Das kme mir beinahe
vor als wollte einer alle Frauen auf einmal aus der Welt schleppen.

Ja, so kme es mir wahrhaftig vor. Er soll es nur versuchen, er soll es nur
versuchen . . .

Ich schme mich fast, es mir selbst zu gestehen, aber wahr ist es: ich kann
ihn begreifen, in seinem seltsamen Wahnsinn und ich glaube, da es vielen
so geht. Ich habe mich schon beobachtet, da ich vor dem Bilde stehe und zu
mir selbst sage: Ich liebe dich, Gioconda. Ich knnte es wahrhaftig
flstern wie man ein lange zurckgehaltenes Liebesbekenntnis fr sich
flstert. Aber ich habe ja meine gute Vernunft, die mir sagt, es ist ein
Bild. Gott sei gepriesen fr diese Vernunft!

Der arme Kerl tut mir leid; was wird er sich alles anrichten. Pfui Teufel
. . . und dabei ist er ein Grundehrlicher . . . Man mu wirklich Gott
danken, da man nicht so von Sinnen ist wie er.

Denn das ist er. Was hat er sich nun obendrein fr einen Unsinn in den Kopf
gesetzt. Jetzt will er wissen, da der Kunsthndler Duval in der Rue de
Rome einen Dolch aus rtlichem Stahl besitzt.

Nun, ich wei nicht, ob es rtlichen Stahl gibt, und vielleicht besitzt
Herr Duval ja auch einen solchen Dolch. Aber wie um alles in der Welt kann
es ein Dolch aus rtlichem Stahl sein mit der Aufschrift: Tibi Gioconda?
Und nicht genug, er kapriziert sich darauf, da der Dolch aus den
toledanischen Werksttten und eine Arbeit aus dem 14. Jahrhundert sei.

Nun, wir werden ja sehen. Dieser Mensch ist ein vollkommen Irrsinniger oder
ich will nicht selig sein.

                   *       *       *       *       *

Den 16. August. Wie der Mensch sich selbst belgen kann! Ich glaube, es
gibt sogar Menschen, die lgen sich ihre ganze Existenz vor. Also da
versuche ich mir nun einzureden, da mich die Sache mit dem Diebstahl
nichts angeht, da sie mich nicht im mindesten aufregt und da ich ihr so
gleichgltig zuschaue wie ein langjhriger Abonnent dem 21. Tode der Maria
Stuart. Und dabei hat mich doch sofort eine unerklrliche, heie Angst
befallen, die mir fast die Kehle schnrte und mich die ganze Nacht durch
Paris trieb.

Und wie ich es auch anstellte, welchen Weg ich einschlug, nach Norden,
Osten, Westen, Sden, immer stand ich zuletzt vor dem Portal des
Louvre-Museums, gerade als mte ich achtgeben, da niemand die Gioconda
fortschleppt. Nun, aber ebensogut knnte ja auch einer mit der Venus von
Milo am Arm die Rue de Rivoli hinuntergehen.

Jetzt denke ich doch schon erheblich ruhiger ber den Fall. Wie tricht ist
es doch auch, sich ber das Unmgliche aufzuregen.

Ich sollte mir lieber Gedanken darber machen, wie die Liebe ihm so den
Kopf zerstcken und zerflicken konnte.

Da es aber auch kaum einen Mann gibt, dem nicht der Knppel Weib zwischen
die Beine fllt. So oder so. Der eine bleibt an einem Dienstmdchen hngen
oder an einer Gouvernante und der andere stolpert sozusagen ber die
Idealitt des Weibes.

Ja, was dies betrifft, so sind schon mehr Mnner als man glaubt daran
zugrunde gegangen.

Aber, wer zum Teufel, heit sie denn auch beim Weibe die Erfllung der zehn
Gebote suchen. Du sollst nicht lgen. Nun, bei allen Aufrechten, ich habe
weder jemals ein Weib gesehen, das nicht lgt, noch wnsche ich es je zu
sehen. Ein Weib, das nicht lgt, ist uninteressant, und ein Weib, das die
Wahrheit sagt, langweilig. Du sollst nicht lgen. Das ist wie alle
Du-sollst eine Bequemlichkeitsvorschrift. Die Faulheit hat sie gemacht.
Diejenigen haben sie aufgestellt, die zu dumm waren und fhlten, da sie
echt und unecht nicht von sich aus unterscheiden konnten. Da gaben sie
jedem Ding erst seinen umstndlichen Stempel: Dies ist Gummiarabikum und
dies ist Nitroglyzerin. Wer nun einem Nitroglyzerin unter die Nase hlt und
sagt, es sei Gummiarabikum, der ist unsittlich. Wie lcherlich ist das
doch.

Mgen die Mnner immerhin sittlich sein. Die Frauen sind mir zu gut dazu.
Wer will denn einen abgerichteten Star im Kfig haben? Und ist es -- ja bei
Gott -- gibt es eine grere Freude, als einer Frau hinter etwas zu kommen!
Hinter ihre Schliche oder womglich hinter ihr -- Bewutsein!

Wenn man von den Frauen die Erfllung der zehn Gebote verlangt, nimmt man
ihnen dann nicht alle Hintergrnde? Sehen Sie nur diese Gioconda! Haha, der
alte da Vinci ist mein Freund! Er glaubte und liebte wie kein anderer die
Hintergrnde des Weibes, diese unergrndlichen Hinter- und Abgrnde, durch
die man hinauf- und hinabstrzt ins Herz der Natur und zuweilen in das
Grauen der Welt. Kann man es etwa ansehen dieses Bild, bis zu Ende ansehen?
Nun, den will ich sehen, dem dabei nicht schwindlig wird. Es ist wahrhaftig
kein besonderes Vergngen ins Nichts, ins Ewig-Leere, ins Unbegrenzte
hinunterzugondeln. Einen Halt mu der Mensch doch haben, einen Glauben; und
sei es auch nur Halt und Glauben an einem Laternenpfahl.

Mich wundert es nicht, wenn es auch greren Geistern vor dem Rtsel Weib
schwindlig wird. Nun, natrlich greren Geistern. Kleine werden ja nie
schwindlig, sie gehen immer sicher und schwindelfrei auf dem Brgersteig
der ffentlichen Sittlichkeit. Mit einem du sollst rechts und einem du
sollst nicht links, legen sie ihren Lebensweg anstndig und honett zurck
und legen sich sogar gut abgebrstet ins Grab, wo sie mitsamt ihrer
Sittlichkeit verwesen.

Aber die andern! Ja, ich sah manchen auf dem Weg nach seiner Heimat selbst
in diesem elektrisch beleuchteten Jahrhundert Irrfahrten machen, die hinter
denen des Odysseus nicht zurckstanden, und ein neuer Homer, mein' ich,
brauchte nicht unter die Arbeitslosen zu gehen. Aber Odysseus hatte doch
schlielich und endlich zu Hause eine Penelope, die treu war. Oder? Oder
sollte das nur -- ein Mrchen sein? Ein Mrchen, mit dem der groe Dichter
sein groes griechisches Kind einwiegte und in Schlummer sang? Wollte er
auch zum Glauben an Treue verfhren? Mute er auch einmal hinter alle
Hintergrnde eine letzte Kulisse schieben, weil ihm sonst schwindelte?

Nein, nein, ich halte es lieber mit meinem alten Lionardo!

O du Prophet des Unglaubens! . . .

Aber ganz leicht mu es doch nicht sein, so ganz ohne die Rechenmaschine
Gut und Bse auszukommen. Ich selbst darf mich allerdings nicht beklagen.
Ich habe einen so wetterfesten Humor mitbekommen, da ich gegen alle
regnerischen berraschungen der Frauen gefeit bin. Ich habe noch ein
Gelchter im Zwerchfell, wo andere schon nach Mord und Selbstmord schielen.

Einmal bekam ich einen Brief, indem sie mir schrieb, sie wolle mir bis ans
Ende der Welt folgen. Und das war keine Lge. Htte ich geschrieben:
Komm, sie wre gekommen. Aber trotzdem stand in einem Nachsatz: P. S.
Ich habe hier brigens einen Rechtsanwalt wieder getroffen, den ich im
letzten Winter auf einem Ball kennen lernte.

Na -- es war so klar; sie betrog mich. Aber ich war ganz begeistert ber
diese Mitteilung. Ich htte gar nicht hinfahren brauchen, um mich zu
berzeugen. Es war mir geradezu, als ob in dem Brief stnde: Liebster, ich
betrge Dich, herzlichen Gru Deine Dich treu und ewig liebende Margarethe.

Ach, ich kann ja gar nicht sagen, wie begeistert ich war!

Aber ich fuhr natrlich doch hin, ging auf den Herrn Rechtsanwalt, als er
an ihrer Seite daher kam, zu und schlug ihm eins, zwei den Hut vom Kopf.
Trotz meiner Begeisterung.

Ja, so ist man.

Und die Sache nahm noch ein viel frhlicheres Ende. Denn trotzdem sie mich
brutal genannt hatte, kam sie doch am Abend zu mir ins Hotel und hatte ihr
bestes Kleid angezogen. Nun, da wute ich ja Bescheid. Aber in dem Hotel
konnte ich nicht bleiben. Wir muten umziehen. Denn dort htte uns ja
niemand geglaubt, da wir ein legitimes Recht auf ein Zimmer mit zwei
Betten htten. Das wollte sie nmlich diesen Abend unbedingt.

Wenn man sagt: Selbst in der vornehmsten Dame steckt eine kleine Gre, die
noch gern einmal eine Nase schneidet und die Zunge herausstreckt, -- so
glaubt alle Welt, man wolle sich ber die Frauen lustig machen.

Eine Dame sagte einmal ganz emprt darauf zu mir: Vielleicht auch in der
Knigin von England? Warum nicht? sagte ich, ich will nicht hoffen, da
die Englnder von einer Gouvernante regiert werden. Darauf drehte sie mir
den Rcken zu und ging stracks davon. Das tat sie aber nur, weil sie so
prachtvolle Schultern hatte. Ja, prachtvolle Schultern und einen
geschmeidigen, freien Gang. Ich mute ihr ganz berauscht nachblicken. Und
sie fhlte auch wohl, da sie Eindruck auf mich gemacht hatte, denn sie
blickte sich nicht ein einziges Mal um.

Spter wurden wir brigens noch gute Freunde und sie war furchtbar verliebt
in mich. Und dann sagte sie mir auch einmal, da ich ganz recht htte mit
der kleinen Gre, die noch eine Nase schneidet, aber damals htte sie es
furchtbar gergert. Es sei auch arrogant, so etwas zu sagen, aber jetzt, wo
sie mich htte, wre ihr auch das egal. Ach, sie war ein reizendes
Geschpf, so klug und falsch wie kaum eine.

Ich verlor sie brigens zuletzt durch eine Dummheit. Ich kte nmlich
eines Tages halb aus Langerweile, halb aus Torheit in ihrer Gegenwart eine
Kopie der Venus von Giorgone, die bei mir an der Wand hing. Das sei die
grte Beleidigung, die man einer Frau antun knne! Und das sagte sie mit
dem erbittertsten Gesicht von der Welt. Als ich ihr aber vom Fenster
nachsehe, bemerke ich, da drben ein Wagen fr sie hlt, in dem bereits
ein Herr sitzt, der auf sie wartet.

Zwei Tage marterte ich mich mit dem Gedanken, was sie wohl gemacht htte,
wenn ich nicht auf den dummen Einfall gekommen wre, das Bild zu kssen!
Denn da hatte sie nun recht: schlimmer kann man eine Frau ja gar nicht
beleidigen.

Ja, aus ganzem Herzen unterschreibe ich, was Herr Tackeray sagt:
Unparteiische, logische und streng gerechte Frauen! Gott bewahre uns
davor! Wenn die Frauen diese Eigenschaften htten, wrde die Menschheit
vergehen, und die Erde wrde zu einer Wste.

Penelope ist doch wei Gott kein Ideal! Odysseus wird es noch oft beklagt
haben, nicht bei der rtselhaften Zauberin Circe geblieben zu sein. Aber
wahrscheinlich wollte es die Weltanschauung der Griechen so, da der Mann
bei dem treuen Weibe enden mu, da er nach allen Irrfahrten die Treue in
der Heimat und die Heimat in der Treue findet.

Ja, ja die Griechen . . . .

                   *       *       *       *       *

(Anmerkung des Herausgebers: Es drfte den Leser interessieren zu wissen,
da das folgende Stck im Manuskript mit wesentlich vernderten
Schriftzgen geschrieben ist. Der Zusammenhang dieses Absatzes mit dem
Voranstehenden ist zwar nicht recht deutlich, aber ich glaubte, ihn
trotzdem mitabdrucken zu mssen. Vielleicht findet dieser oder jener doch
einen inneren Faden, der von dem brigen Inhalt zu diesen Stzen
hinberleitet.)

                   *       *       *       *       *

. . . Und dann eines Tages litt es mich nicht mehr. Ich wollte gehen und es
ihr sagen.

Ich war stundenlang durch die Wlder gegangen und hatte an jedem Baum
gesagt: Ich liebe dich. Sie war ganz in meinen Gedanken. Es war, als flsse
ihr Wesen mit meinem Blut schimmernd in meinen Adern. Auch nicht die
geringste Regung eines Gefhls gehrte nicht ihr, war nicht sie.

Ach, ihr Menschen von heute, knnt euch solche Liebe nicht denken, ihr
glaubt ja nur an Liebe, die nachluft, die sich erklrt, die heiratet. Fr
den Florentiner und seine Liebe zur Simonetta habt ihr doch nur ein
Lcheln.

Aber als er dort an der Brcke stand und Beatrice unter den Frauen
vorberging, da war es, als sei alles Glck, aller Rausch und Seligkeit
dieser Welt in dieses eine gewaltige, glhende Herz gegossen. Der Schein,
der aus jenen Augen brach, schuf an ihr die Schnheit der Frauen kommender
Jahrhunderte . . .

Wenn sie durch die Straen schreitet oder ihre Schnheit in Slen zeigt,
wenn die Menschen sich nach ihr umwenden, ist mir, als bewunderten alle
mein Werk. Ich habe sie gelehrt, sich so zu tragen mit diesem kniglichen
Anstand, ich habe sie ihren stolzen Gang, das Neigen ihres Hauptes, das
Heben ihrer Hnde gelehrt . . . .

Ich liebe dich!

Du bist mir wie ein Gebet in der Kirche. Seit ich dich kenne, bin ich
wieder fromm wie ein Knabe. Es gibt einen Gott, es gibt eine
Unsterblichkeit, es gibt Ewigkeit. Es gibt wieder alles, was es als Kind
gab: Geborgensein, Ruhe, Stille. Meine Liebe hllt mich wie in eine
duftende goldene Wolke. Ich bin wie verwandelt.

Ich liebe dich.

Ich will nicht vor dir niederknien und dir keinen Thron errichten. Fr den
Himmel bist du mir zu gut. Ich will dich wie du bist, mit allen deinen
Menschentugenden und Menschenfehlern, mit deinen rtselhaften Schnheiten
und deinen schnen Rtseln.

Ich liebe dich.

                   *       *       *       *       *

Den 18. August. Dieser vertrackte Kerl! Er macht mir wei Gott zu schaffen.
Sie werden sehen, da er mit der Gioconda ernst macht. Er bestimmt sich
obendrein Zeit und Ort und Stunde und fhrt den Diebstahl aus, wie es ihm
pat.

Ich habe es doch heute gesehen. Kam nicht alles, wie er es vorausgesagt
hatte? Wort fr Wort? Von dem rtlichen Stahl angefangen bis zu dieser
mysterisen Inschrift: Tibi Gioconda?

Von halb fnf ab hielt ich mich bereit. Ich wollte doch sehen, was es denn
mit dem Dolch fr eine Bewandtnis htte. Genau zur festgesetzten Zeit --
meine Uhr zeigte 13 Minuten bis fnf -- stand er auf, nahm seine Mtze und
ging. Ich lie ihn keinen Augenblick aus den Augen und folgte ihm
unbemerkt. Immer sah ich seinen gelben Mantel auf der Strae zwischen den
Passanten auftauchen. Es war leicht, ihn im Auge zu behalten. brigens
konnte man am Schritt sehen, wie sicher er seiner Sache war. Er ging gar
nicht aufgeregt, sondern ganz ruhig und zielstracks geradaus.

Fnf Minuten nach fnf legt er die Hand auf den Drcker der Ladentre und
tritt ein. Herr Duval steht sechs Schritte von ihm entfernt und betrachtet
eben eine Wedgewood-Schssel. Er grt, geht auf den Kunsthndler zu und
sagt: Sie besitzen einen Toledaner Dolch. Aus rtlichem Stahl. Eine Arbeit
aus dem 14. Jahrhundert. Nicht wahr?

Der kleine graue Mann rckt an seiner goldenen Brille, sieht ihn etwas
verdutzt an und sagt: Nein, mein Herr, einen solchen Dolch habe ich nicht;
aber vielleicht ist Ihnen mit einer anderen, einer italienischen Arbeit
gedient? Ich habe . . .

Nun, erinnern Sie sich nur. Der Dolch trgt die Aufschrift: Tibi
Gioconda.

Aber, wenn ich Ihnen doch sage . . .

Ich versichere Sie, Herr Duval . . .

Ha, ha, Sie versichern mich! Sehr gut, sehr gut. Nein ich versichere
Ihnen, mein Herr, ich versichere Ihnen . . .

Herr Duval, Herr Duval, schreit pltzlich aus der hintersten Ladenecke
eine Stimme: Wir haben sie . . . Wir haben sie . . .

Herr Duval entschuldigt sich pltzlich und rennt zwischen all seinen
Mbeln, Leuchtern und Spiegeln nach dem hinteren Ende des Ladens: Wen
denn? Wen habt ihr denn? ruft er.

Die Truhe, Herr Duval . . . Sehen Sie nur, da stand sie, hinter dem
Louis-seize. Mein Gott, ist sie dreckig, voller Staub!

Herr Duval ist keiner von jenen modernen Verkufern, die immer nur Geschft
sind und wie Automaten aussehen. Sein Geschft ist sozusagen ein
Appartement seiner Wohnung, ein Teil seiner Familie. Wer in sein Geschft
kommt, der kommt in seine Familie und nimmt an deren Leiden und Freuden
teil.

Herr Duval kommt also mit einer halbgroen, ganz verstaubten Truhe, die ihm
ein Lehrling mit schwarzen Haaren und einem Sommersprossen besten Gesicht
tragen hilft, wieder nach vorne und beginnt gleich zu erklren:

Endlich also, endlich haben wir ihn, den Ausreier. Denken Sie nur, mein
Herr, vier volle Wochen versteckt sie sich hinter einem
Louis-seize-Spiegel. Ich dachte schon, jemand htte sie gestohlen. Diesen
Bengel da hatte ich wei Gott in Verdacht. Ich hatte mich schon an die
Polizei gewendet. Wo sollte sie denn geblieben sein? Nun, jetzt haben wir
sie! Ja, ja. Interessieren Sie sich fr Renaissancestickereien? Geben Sie
acht; hier haben wir nmlich einen der kostbarsten Erzbischofsmntel, die
je angefertigt wurden. Ach, Sie werden staunen, mein Herr, welch eine
kostbare Arbeit, welch' eine Arbeit!

Und whrend er das sagt, hat Herr Duval die Truhe sorgfltig von allem
Staub gereinigt und entnimmt ihr jetzt vorsichtig und fast mit einer
gewissen Andacht einen groen kostbar gestickten Erzbischofsmantel aus
schwerem Goldbrokat.

Sehen Sie, das ist eine Arbeit! Und wie erhalten, was? Als kme er eben
aus den zarten Fingern der Goldstickerinnen. Sehen Sie nur, sehen Sie. Die
Farben sind ein wenig geblat. Aber das gibt dem Golde einen intimen, ich
mchte sagen, herbstlichen Reiz, nicht wahr? Ja, einen herbstlichen Reiz,
das kann man wohl sagen. Oder erinnert es Sie mehr an unseren Pariser
Frhling?

Ach, Sie knnen ihn ja so nicht sehen. Georges, stelle dich einmal
hierher.

Und er hngt dem sommersprossigen Jungen den Erzbischofsmantel so ber
seinen kurz geschorenen Kopf, da von dem Bengel berhaupt nichts mehr zu
sehen ist. Aber der Mantel schleift noch am Boden.

Oder haben Sie Lust, sich einmal selbst als Erzbischof zu sehen? Haha, Sie
werden sich gut darin ausnehmen mit Ihrer Habichtsnase. Entschuldigen Sie.
Sehen Sie so -- so. Und nun betrachten Sie sich einmal im Spiegel. Ich sage
es ja, nur die Mtze fehlt. Sie sind ein geborener Erzbischof, mein Herr.
Schnell, Georges, unsere Mtze und den Bischofsstab . . .

Pltzlich aber schlgt der als Erzbischof Verkleidete den Mantel, der innen
mit brennend roter Seide gefttert ist, zurck und hlt dem Kunsthndler
einen langen Dolch aus rtlichem Stahl entgegen.

Sehen Sie, Sie besitzen ihn doch, Herr Duval.

Mein Gott, mein Gott, was ist das, was ist das! Wie kommen Sie zu dem
Dolch? Wie . . .?

Ich fand ihn eben hier in der Innentasche des Mantels.

Der kleine Kunsthndler tritt unwillkrlich um einen Schritt zurck, sieht
den als Erzbischof vor ihm Stehenden befremdet an und sagt ganz kleinlaut
und erschreckt:

Aber mein Herr, ich versichere Sie, ich wute nichts, ich wute in der Tat
nicht das geringste von diesem Dolch. Ich kann es beschwren. Ich sehe ihn
zum erstenmal in meinem Leben. Lassen Sie einmal sehen, lassen Sie sehen.
Bei der Jungfrau, es ist eine toledanische Arbeit. Eine wundervolle
toledanische Arbeit aus dem 14. Jahrhundert. Genau wie Sie es sagten. Aber
das ist doch das Seltsamste, was ich erlebt habe. Wie wuten Sie, mein
Herr? Ach, Sie haben ihn selbst mitgebracht? Aber nein, wie werden Sie denn
Ihren eigenen Dolch kaufen wollen. Und hier ist ja auch die Aufschrift:
Tibi Gioconda. Ganz deutlich. Mein Gott, genau wie Sie es sagten!

Ich biete Ihnen 150 Frcs. fr den Dolch, sagt der unheimliche Mensch, der
noch immer im Ornat vor dem erschreckten Kunsthndler steht. Wollen Sie
ihn dafr geben?

Sie werden einig und gleich darauf verlt der Gelbe den Laden. Herr Duval
aber steht noch in der Tre, sieht ihm nach und sagt immer wie zu sich
selbst und in seinen grauen Bart hinein: Das verstehe ich nicht, nein, das
ist seltsam, das verstehe ich nicht . . .

Um 5 Uhr 17 Minuten waren wir wieder zu Hause, gerade eine halbe Stunde
waren wir fort gewesen.

                   *       *       *       *       *

Den 19. August. Was soll nun noch unmglich sein. Er wird die Gioconda und
mit ihr alle Rtselhaftigkeit in seinen Besitz bringen, genau zu der
Stunde, zu der er es bestimmt hat. Und trotz allen Einwendungen der
Vernunft wird es in allen Zeitungen und auf den Straen ausgerufen werden:
die Gioconda gestohlen!

Eine unerklrliche, heie Angst hat mich befallen. Er aber ist ruhig wie
ein Stein. Und mit welch bewunderungswrdigem Instinkt er den Zeitpunkt des
Diebstahls ausgesucht hat. Es ist als htte er den Blick in die Zukunft.
Woher wei er, da bei der Ablsung der Wachen diesmal ein Irrtum
vorkommen, da der eine Wchter abgerufen wird, und so der Saal sechs
Minuten lang ohne Aufsicht bleibt?

Ich frage mich ja vergeblich, woher ich dies alles wei!

Oft fhle ich mich mit ihm verwandt, so als flsse dasselbe Blut in unseren
Adern. Und doch wieder bin ich ihm fremd. Nicht so fremd und auf jene Art
wie einem irgendein beliebiger Mensch fremd ist, dem man irgendwo begegnet,
der einen um Auskunft bittet oder nach einer Strae frgt, sondern wie
einem der Bruder fremd ist. Oder wohl gar wie die Mutter, so unheimlich
fremd. Das lt sich nicht beschreiben. Aber alle diejenigen kennen es, die
vielleicht als Kind gesehen haben, wie ein Mann einen begehrenden Blick
ber die Gestalt der Mutter gehen lie, und wie die Mutter diesen Blick
leise und ohne es zu wissen, zurckgab. Ach, wie kann da ein Knabenherz in
seiner Einsamkeit erschrecken und auffahren. Und wie fremd kann da eine
Mutter werden. Fremder als Gott, den man noch nie gesehen hat, der aber
doch immer so ist, wie man ihn glaubt. Eine begehrte Mutter aber ist so
fremd und schaudervoll rtselhaft wie die dunklen Augen eines Hundes, der
sich herrenlos auf den Straen herumtreibt und der einen des Abends
pltzlich aus der Dmmerung anstarrt wie das Nichts, so niederschmetternd
und berwltigend.

Ich selber bin bei guten Sinnen und wei, da die Rtselhaftigkeit, das
Grauen, das mich aus diesem schrecklichen Bilde anblickt, Geburt meines
Hirns, meiner Augen ist. Ich wei, da sie ohne mich tot ist, tot in ihrem
Rahmen und Holz und Farbe. Aber er, der armselige Unsinnige! Ist er blind?
Er glaubt, sie lebt. Er glaubt, da er all ihre Rtselhaftigkeit an sich
bringen mu zu ewigem Besitz oder vielleicht sogar zu ewiger Zerstrung. Er
fhlt ein Leben in diesen verrterischen Augen, diesen furchtbaren Lippen,
diesen entsetzlichen, grauenhaften Hnden. Und das Leben dieses Bildes
peitscht und zerfleischt ihn, bringt ihn auer sich und treibt ihn umher.
Es bleibt ihm nur das eine: sich selbst zerfleischen oder -- sie besitzen.
Besitzen wie ein Weib aus Fleisch und Blut, das man Brust an Brust an sich
reien, pressen und umschlingen kann.

                   *       *       *       *       *

Den 20. August. Gott sei uns gndig! Diese Nacht noch und alles ist
vorber. Er wird alle Rtselhaftigkeit der Gioconda an sich bringen und
alles wird seine toten, sicheren, gleichgltigen Gleise gehen.

O, warum sitze ich hier und lege die Hnde in den Scho und stelle mich
nicht vor die Tat und ihn? Warum halte ich dem Mrder den Arm nicht fest,
ehe er zustt? Denn Mord ist dies doch, nicht wahr? Ach viel mehr! Ist es
nicht, als reckte jemand die Hand aus, das Heiligtum der Welt zu schnden?
Als risse jemand die Sonne vom strahlenden Tag, um einen unfrmigen
Lehmklumpen dafr aufzuhngen? O Gott . . .

Und doch; lebt nicht in uns allen diese furchtbare Begierde, Tempel zu
schnden und Gtter zu verhhnen? . . .

                   *       *       *       *       *

(Zwei Stunden spter) O, wie soll ich doch das ertragen! Welchen Anteil
habe ich denn an diesem Diebstahl? Welche Gewalt besitzt er ber mich?
Warum bleibe ich denn? Warum sehe ich dem allen so zu, obgleich ich es
verabscheue, ihn verabscheue . . .

Ach, ich will es nur gestehen, so erbrmlich es ist, aber helfe mir Gott,
nicht ich bin es, den man dafr verantwortlich machen mu: ich _will den
Diebstahl_. Ja, ich will ihn, auch ich, das ist mir nun klar.

Und doch ist es mir auch wieder furchtbar, dem allen so zusehen zu mssen.
Ja, es ist mir trotzdem, als sollte ich der Hinrichtung meiner eignen
Kinder zusehen und knnte auch nicht einen Finger heben, dem Henker Einhalt
zu tun.

O, drfte ich doch aufwachen, und alles wre ein Traum. Es mu ja ein Traum
sein: ganz so wehrlos, so machtlos fhlt man sich ja nur im Traum, wenn man
eingeschnrt liegt wie in einem Schraubstock, gefoltert von furchtbarer
Angst und die Gefahr nun immer nher und nher kommt und einen jeden
Augenblick schon erreichen mu. O ja es mu, es kann nur ein Traum sein,
aus dem es ein Erwachen gibt, in dem alles nicht war . . .

Fnf Uhr morgens. Wie grlich, wie entsetzlich war dies! O, keine Nacht
mehr wie diese. Lieber den Tod. Nun steht das Bild hier dicht hinter der
Wand und ich bin von allem Zeuge gewesen und wei, wie alles sich
zugetragen hat. Und mir ist, als wre ich selbst der Dieb; die Furcht vor
Entdeckung hat mich gefat und ich zittre wie ein Mrder, der angstvoll die
Spuren seiner Tat zu verwischen sucht, der ermdet und erschpft in
Halbschlaf fllt und sich pltzlich blutbesudelt und blutbefleckt im Traum
erblickt.

Ach, nichts ist mir erspart geblieben. Ich wachte hier in meinem Zimmer die
ganze Nacht. Ich sah, wie er die Mtze nahm und ging, ich sah ihn in den
Straen, vor den hellen Scheiben der Restaurants und den dunklen Nischen
der Hauseingnge. Er war wie ein Schlafwandler, still und ruhig. Und wie er
eindrang! Er fand wie ein Blinder den Weg und tappte im Dunkeln. Jeden
seiner Schritte hrte ich, wie die Schlge meines pochenden Herzens. Ich
wollte schreien, aber die Zunge klebte mir dorrend am Gaumen.

Es legte sich wie eine kncherne Hand um meine Kehle. Ich konnte keinen
Laut hervorbringen. Aber mein Gehr wurde scharf wie das eines Wchters. O,
wie furchtbar scharf wurde es doch! Ich hrte den brckelnden Gips auf den
Boden fallen und die dumpfen Schlge mit dem Hammer, ich hrte sogar das
Knirschen des Meiels an den eisernen Klammern und ich sah die raschen
gewandten Griffe, die das Bild von der Wand rissen; hastige, knochige
Hnde, unter denen die Mauer aufbrach. O, ich bebte und zitterte; ich
fieberte wohl vor Furcht. Ich legte das Gesicht auf den Tisch und weinte
wie ein Kind.

Auf einmal wurde mir ganz leicht und frei zu Mute. Ich erinnerte mich an
vieles, was mich einmal entzckt hatte. Ach, an tausend Dinge, an Blumen
und Vgel, an ein Paar kleine Mdchenhnde und an ein Liebeslied nachts
ber einem Flu. Aber das dauerte nicht lange. Denn pltzlich klang ein
dumpfer Laut an mein Ohr und ich erschrak zu Tode. Es war sein tappender
Schritt auf der dunkeln Treppe! Ich hielt den Atem an und lauschte, wie die
Schritte immer nher und nher kamen. Und dann konnte ich auch bald einen
anderen eigentmlichen Ton hren, es war das Scharren des gestohlenen
Bildes, das bei jedem Absatz an den stumpfen Stufen der Treppe aufschlug.

                   *       *       *       *       *

Den 23. August. Wann werde ich endlich lernen, mich nur um meine eigenen
Sachen zu kmmern und mich nicht in die Angelegenheiten anderer
einzumischen!

Da habe ich mich nun ber Dinge aufgeregt, die mich wei Gott nichts
angehen. Bin ich denn der Prsident der Schnen Knste oder wer sonst
seinen Posten verlieren wird, weil da ein leerer Platz an der Wand ist?
Weil da ein Stck Holz so hoch, so breit und so lang und mit lfarbe
bestrichen, weggekommen ist? Denn mehr ist es doch nicht, auch wenn es von
Leonardi da Vinci angestrichen wurde.

Aber stellte ich mich nicht an, als wrde ein lebendes Wesen ermordet, als
habe es wei Gott welche Bewandtnis mit dem Bilde! Kann ich denn nicht bei
dem bleiben, was die Dinge sind, Holz und Farbe und ein bichen Firnis, und
mu ich immer etwas dahinter suchen?

Und welche Dummheit von mir, mich obendrein Hals ber Kopf in diese Reise
auf diesem alles eher als komfortablen Dampfer zu strzen! Was geht es mich
an, wo er mit seinem grauen Paket unter dem Arm hin will. Mag er doch mit
seiner Angebeteten anfangen, was er will; mag er sie ins Meer werfen. Habe
ich mich darum zu kmmern?

Das alles htte ich mir vor fnf Tagen sagen sollen, als es noch Zeit war.
Als ich die Geschichte kommen sah, htte ich abreisen sollen. Aber jetzt
ist es zu spt. Jetzt bleibt mir nichts als die Schiffsgefangenschaft in
Gesellschaft mit unseren liebenswrdigen Damen und unseren
unliebenswrdigen Herren Passagieren abzusitzen.

Jetzt ist es sogar noch ein Glck, da er mit an Bord ist. Denn sobald
dieser verwegene Mensch unter uns erscheint, gibt es Unterhaltung,
Geschichten, Anekdoten die Hlle und Flle. Der Zufall hat gewollt, da wir
die Kajte teilen, und wir schlafen bereinander, er unten, ich oben.

Wir verstehen uns brigens ausgezeichnet, trotzdem ich eigentlich ihm
gegenber immer ein wenig befangen bin wegen des Bildes. Aber er gibt sich,
als wre nichts in der Welt geschehen, was ihn betrfe und als gbe es das
graue Paket, das er ganz ruhig an die Wand gestellt hat, gar nicht.

Zuweilen sehe ich ihn vor dem Paket stehen, und dann hat sein Gesicht
geradezu etwas besonders Ruhiges, Zielbewutes. So, als dchte er bei sich:
ich wei ganz genau, was ich mit dir mache, sobald wir ganz drauen auf dem
Meere sind, nehme ich dich und werfe dich ber Bord.

Sonst ist er ein ber und ber humorvoller Bursche; zuweilen ist seine
Lustigkeit vielleicht ein wenig gezwungen, aber dann kann er so befreiend
lachen, da selbst der Geheimagent sich angesteckt fhlt und einmal seine
Wichtigkeitsmiene verzieht.

Nein, ich habe doch nie einen Menschen mit einer so ausgelassenen und
bizarren Phantasie gesehen.

Weil ich ber ihm schlafe, nennt er mich nur den Ober. Und von sich
selbst spricht er nicht anders als von dem Unter.

Herr Ober, sagt er, bringen Sie mir etwas Erfrischung, es ist eine
gottsjmmerliche Hitze. Sind wir schon am quator oder macht mir der
hllische Seelenwurm zu schaffen? Sorgen Sie fr Zerstreuung, hren Sie,
oder lassen Sie uns zu den Oberflchlern gehen. Ja, kommen Sie, lassen Sie
uns auf Deck gehen, die Damen ein wenig zu unterhalten und die Herren zu
rgern. Besonders diese kleine deutsche Spitzmaus, die sich so verdient um
die Erforschung der Diphthonglaute im Altpersischen gemacht hat.

Und es kommt wohl vor, da er sofort seinen Entschlu ausfhrt, hinaufgeht
und mit dem Erforscher der Diphthonglaute im Altpersischen eine
Unterhaltung beginnt.

Na, die Sache nimmt etwa folgenden Verlauf:

Der Erforscher der Diphthonglaute steht eben an der Reling, blickt auf die
See hinaus und hat die Hnde ber den Rcken gelegt. Von Zeit zu Zeit macht
er mit dem Kopf eine kleine ruckartige Bewegung nach hinten, bei der man
sonderbarerweise jedesmal auf seine spitze Nase aufmerksam wird. Und das
Ganze sieht so aus, als bekme er pltzlich Achtung vor sich selbst, fhlte
viele Augen auf sich gerichtet und wrfe sich nun ein wenig in Positur, um
der Welt einen wrdigen Gelehrten zu zeigen. Es sieht sehr komisch aus, ein
bichen mu man sich aber auch darber rgern.

Wir treten von hinten an ihn heran und sprechen ihn an. Guten Tag, Herr
Doktor. Der Erforscher der Diphthonglaute dreht sich um, legt den Kopf mit
der spitzen Nase ein wenig auf die Seite und streckt uns die Hand mit einem
Ausdruck hin, als wolle er sagen: Ich kondoliere Ihnen, meine Herren; seien
Sie meiner Teilnahme sicher. Sie haben das Unglck, mit einem verkannten,
edlen Menschen zu sprechen, der es nicht verdient, da man ihn in der
Abgeschiedenheit seiner Gre, die nur ihm selbst bewut ist, verkommen
lt.

Der Gelbe tut, als merke er nicht, da es dem Erforscher der Diphthonglaute
heute an Selbstachtung fehlt, und da er Mitleid betteln geht.

Denken Sie, prchtig habe ich geschlafen, fhrt er ganz unvermittelt los.
Wissen Sie, ich fhle mich jetzt so krftig, da ich Sie ins Meer werfen
und wieder herausholen knnte. Was? Ich wachte auf wie eine Sprungfeder.
Augen auf und raus. Und Leben vom Scheitel bis zur Sohle. Ich nahm den
Eichenschrank an der Kapitnstre und setzte ihn mit einem Ruck auf die
andere Seite. Und dabei war ich doch gestern abend verdrielich wie ein
Kakadu. Ich hatte mich wohl ber etwas gergert. Aber als ich einschlief,
merkte ich schon, da heute alles besser sein wrde. Ich fuhr nmlich, ehe
ich einschlief, eine Zeitlang mit der Chaiselongue in der Ekajte herum.

Na, na, Sie, sagt der Diphthongforscher dazwischen und lchelt ein wenig
vorwurfsvoll.

Ach, Sie sind besorgt, da die Beine dabei abbrechen knnten. Nein, das
ist nicht der Fall. Wissen Sie, ich fuhr ja gar nicht. Und jetzt dmpft er
seine Stimme ein wenig, sieht dem Doktor scharf in die Augen, als wolle er
da etwas herbeiholen und sagt mit immer leiser werdender Stimme: Nein, ich
hatte ja nur so ein Gefhl. Wissen Sie, ein Gefhl, als fhre ich mit der
Chaiselongue ganz langsam -- es gab nur einen ganz unmerklichen Ruck, wie
es anfing -- ganz langsam zuerst und dann immer schneller und schneller im
Zimmer herum, ber die Treppe aufs Deck hinauf, hier vorbei, zurck, die
Treppe wieder hinunter, quer durchs Zimmer und pltzlich durch das letzte
Kajtenfenster hinaus . . . gerade aufs Meer . . .

Und dann . . .?

Und dann . . .?

Ach so, ja. Aber sagen Sie nur: Wie konnten Sie denn mit der Chaiselongue
durch das Kajtenfenster, das ist doch viel zu eng?

Auf diese Weise macht er sich bestndig ber die Herren, lustig, und ich
stehe dabei und ersticke fast an meinem Gelchter. Den Geheimagenten fragt
er immer wieder, ob noch keine Nachricht von der Gioconda da ist, und den
deutschen Doktor Berger hat er schon dreimal die Geschichte von seinem
Besuch beim Ohrenarzt und seinem uerst feinen Gehr erzhlen lassen.

Hrten Sie nicht eben einen Schu, Herr Doktor?

Einen Schu?

Ja, einen Schu. Ganz scharf und in der Ferne, aber doch sehr deutlich
hrbar. Schon wieder! Hrten Sie diesmal? Nein, er habe nicht gehrt, sagt
Herr Doktor Berger, neigt den Kopf ein wenig seitwrts und lauscht
angestrengt.

Ich habe heute wieder meinen Tag, an dem ich schlecht hre.

So, Sie hren schlecht?

Nein, eigentlich nicht. Ich hre sogar sehr gut. Erzhlte ich Ihnen nicht
schon, was mir der Ohrenarzt sagte . . .

Nein, er habe nichts erzhlt.

Das ist nmlich sehr interessant; ich lie mich einmal von dem bekannten,
Sie wissen, dem bekannten Professor Hegenbarth in London, einer unserer
ersten Ohrenrzte berhaupt, -- er hat seinerzeit auch die Prinzessin
Klotilde von Anhalt-Bernburg behandelt, die spter den Leutnant Bohlen von
den 13. Husaren in Mainz heiratete . . .

Und nun erzhlt er weitschweifig und umstndlich mit allen Einzelheiten von
seinem Besuch bei dem berhmten Ohrenarzt, der ihm gesagt haben soll, da
sein Gehr durchaus normal, ja mehr als das, sogar uerst scharf und
schrfer sei, als ihm je eines in seiner Praxis vorgekommen sei.

Hrten Sie den Schu? schreit ihm der Gelbe pltzlich ganz laut ins Ohr.

Einen Schu?

Ja.

Nein, den hrte ich nun nicht . . . Aber Sie knnen sich denken, was das
heien will: das schrfste in seiner ganzen Praxis! Der Mann bte
fnfundzwanzig Jahre seine Praxis aus. Also da knnen Sie schon sehen. Ja,
mein Gehr ist ganz vorzglich, ganz vorzglich.

Das sei ja sehr interessant. brigens habe er schon mal von einem hnlichen
Fall gehrt, sagt der Gelbe. Und dann -- fhrt er unvermittelt fort --
kannte ich in Knigsberg einmal einen Herrn, aber das wird Sie gewi
interessieren -- da war ein Herr, der konnte im Theater, gleichviel welchen
Platz er hatte, ganz deutlich verstehen, was irgendwo im Parkett oder in
den Logen gesprochen wurde. Ein ganz unheimlicher Mensch! Wissen Sie, er
hrte ganz deutlich, was sich die Leute zuflsterten, und wenn es auf der
letzten Galeriereihe war. Na, Sie knnen sich denken, was der fr Sachen
erzhlen konnte . . . .

Ach nein . . .

Doch, da sei z. B. mal ein Stck gegeben worden, in dem ein brutaler
Genumensch geschildert wurde. Ein ausgezeichnetes Stck brigens und eine
famose Charakteristik. Im zweiten Akt sei eine Szene gekommen, in der sich
ein junges leidenschaftliches Mdchen dem Genumenschen an den Hals
geworfen habe. Pltzlich habe der Herr gehrt, wie die Frau des
Polizeiprsidenten zu ihrem Mann in der Loge gesagt habe, so ein
grlicher, unsympathischer Mensch sei ihr wahrhaftig noch nicht
vorgekommen; das sei ja geradezu abscheulich. Am anderen Tage -- denken
Sie nur -- am andern Tage wurde das Stck verboten. Wegen unsittlicher
Tendenz. So was, nicht wahr? Na, und was sich so die Liebesleute im
Theater erzhlten . . .

Das msse doch sehr interessant sein, meinte Herr Dr. Berger.

Na, ich sage Ihnen. Da konnte der Herr nun Sachen erzhlen. Besonders,
wissen Sie, aus der guten Gesellschaft. Was die sich alles zu sagen hatten;
das kann man beinah gar nicht wiedererzhlen. Ich mchte Ihr Ohr wahrhaftig
nicht verletzen . . .

Aber bitte, bitte, das ist ja sicher sehr interessant

Interessant ist es schon. Ja, denken Sie nur, da war zum Beispiel einmal
ein Paar, eine junge, elegante Witwe und ein Offizier von der Garde. Eine
chike Sache sozusagen. Viele dachten sich ja wohl, da die beiden ein
bichen toll wren. Aber denken Sie nur. Da wurde Hamlet gegeben; pltzlich
sagt doch die junge Witwe mitten in der Totengrberszene dem Offizier ins
Ohr, sie wolle einmal auf einem Friedhof . . . im Mondschein . . . Ach, das
kann ich Ihnen ja gar nicht erzhlen. Wie? Adieu, Herr Doktor, Adieu.

Der Erforscher der Diphthonglaute macht noch ein paar hastige Schritte,
hinter uns her, geniert sich aber und bleibt ganz verwirrt stehen.

Huh, wie hei es ihm doch geworden ist.

Na, den brigen geht es ja nicht viel besser. Heute wollte er sogar eine
Wette mit mir abschlieen, da es ihm gelingen werde dem Schauspieler
Grunwald binnen einer Stunde siebzehn Zitate aus Shakespeare und Oskar
Blumenthal aus der Nase zu ziehen. Ich bin berzeugt, er tut es, trotzdem
ich ihm die Wette verweigert habe.

Und ohne da der gute Herr Grunwald etwas ahnt, wird er sich von ihm
Komdie ohne Honorar und ohne Lorbeerkrnze vorspielen lassen.

Gestern, whrend er in der Kajte schlief, erzhlte ich die Sache brigens
den Damen.

Ich sagte, ich habe einmal einen Menschen gekannt, der sei so und so
gewesen und habe die Leute aufgezogen wie die Uhren. Ein englischer
Geistlicher in der Nhe von Liverpool.

Alle waren emprt ber so einen Menschen. Das sei ja furchtbar gemein. Ja,
gemein, sagten sie. Da mte man ja immer frchten, zum besten gehabt zu
werden. Ein Mensch sei doch keine Marionette, die man am Seil tanzen lassen
knne wie man wolle.

Ja, die Damen waren alle auerordentlich erregt ber so etwas. Besonders,
da ich dummerweise den Versuch machte, den englischen Geistlichen zu
entschuldigen, indem ich sagte, vielleicht sei es ein Mensch gewesen, der
unter den Mechanischen im Leben sehr gelitten und sich auf diese Weise
htte Luft machen wollen.

Das wollten die Damen aber nicht verstehen.

Am meisten griff das Gesprch wohl Frau Sturi an; sie bekam sogar ganz
hektische, rote Flecken auf den Backen und fiebrische, feuchtglnzende
Augen. Sie sah so sehr hlich aus, aber irgend etwas zwang sie wohl zu
bleiben; denn obgleich sie mehrmals sagte, das knne man gar nicht mit
anhren, blieb sie doch, gerade als warte sie darauf, da noch mehr kommen
solle.

Wenn ich brigens die Augen recht im Kopfe habe, so ist da etwas zwischen
ihm und Frau Rosenborg, der dnischen Schauspielerin. Sobald sie ihn sieht,
wird sie geradezu schn, whrend sie sonst leicht ein bichen alt und krank
aussieht. Aber dann hat sie pltzlich den Zauber einer jungen Frau, die
schn ist und es wei, und beim Lachen zeigt sie die ganze Reihe ihrer
wundervollen, weien Zhne. Dann blhen ihre Wangen. Sie hat rtliches
glnzendes Haar und einen geschmeidigen, leichten, grazisen Krper. Wei
oder lila kleidet sie am besten, ein Lila, das nach dem Rosaroten hin geht.

Sie ist immer elegant gekleidet. Gestern aber, weil es regnet, hat sie ein
graues Lodenkape umgehngt und kommt damit auf Deck. Ich sitze gerade da
und denke, was nun aus der Gioconda werden soll. Dabei sehe ich, wie er
Frau Rosenborg eben bemerkt hat und auf sie zugeht. Und wirklich, sie
lchelt ihm auch schon entgegen und will gerade die Hand unter dem Kape
freimachen, um sie ihm entgegenzustrecken. Aber als er herangekommen ist,
sieht er sie nur wie flchtig an und geht, die Hnde auf dem Rcken, an ihr
vorber.

Da bleibt sie ganz erstaunt stehen und ruft: Nanu -- Sie kennen mich wohl
gar nicht, wie . . .?

Und was sagt er? Indem er hflich die Mtze abzieht und sich verbeugt und
ihr die Hand kt, sagt er: Verzeihen Sie mir gndige Frau -- ich dachte
gerade an Sie.

Da geht es wie ein Leuchten ber ihre Zge und sie sieht ihn mit einem
jener Blicke an, die uns Mnner verrckt machen knnen. Ach, wie hei es
doch sei; und sie wirft mit einem Ruck das Kape von den Schultern und nimmt
den Arm, den er ihr anbietet.

In Wahrheit ist es aber gar nicht hei, sondern es ist khl und regnet, und
sie hat ein leichtes Spitzenkleid an, das der Regen verdirbt.

                   *       *       *       *       *

Den 24. August. Es ist nicht zu begreifen, wie dieser Mensch so ruhig sein
kann. Wei Gott, ich zittere mehr wie er. Ich komme an unsrer Kabine
vorbei, sehe die Tr offen und das Bild in dem grauen Packpapier ruhig an
die Wand gelehnt. Der Geheimagent braucht nur hineinzugehen und einen
Streifen abzureien, dann kann er ihn auf der Stelle verhaften lassen. Aber
dabei sitzt er oben auf Deck bei den Damen, plaudert als ob nicht das
geringste geschehen wre, als ob es weder Geheimagenten noch was an Bord
gebe. Nun, es braucht nicht jeder ein Feigling zu sein wie ich, der ich
beinah aufgeschrien htte, als ich endlich die Apfelsine in der Hand hielt.
Aber seine Gelassenheit regt mich doch auf. Bis hierher kann man die Damen
zuweilen ber seine verdammten Spe lachen hren. Es ist ja, als knne er
berhaupt kein ernstes Wort mehr sagen und sei jeder weicheren Empfindung
bar. Manchmal glaube ich, dieser Mensch spielt berhaupt mit uns allen, er
hlt uns alle halbwegs fr komische Figuren. Und sich selbst wohl gar auch.

Dabei haben die Damen ihn doch alle miteinander gern. Ernsthaft verlieben
wrde sich wohl so leicht keine in ihn. Ihr Instinkt sagt ihnen, da hier
nichts zu holen ist. Hchstens knnte Frau Rosenborg ihre wundervolle
Neugierde ein wenig gefhrlich werden. Einige frchten ihn ein bichen,
denn es zeigt sich, da er hinter ihren geheimsten Gedanken her ist. Sogar
Frau Rosenborg, die sicherlich die berlegenste in dem ganzen Kreise ist,
hat, wenn sie darber nachdenkt, oft ein Gefhl, als htte er immer auf das
geantwortet, was sie gedacht hat, aber nicht auf das, was sie gesagt hat.
Arrogant, ein wenig arrogant finden ihn alle. Besonders Frau Sturi. Na, wie
er die aber auch hat abblitzen lassen. Das war schon vor zwei Tagen:

Er steht wie immer in dem gelben Paletot und der schottischen Mtze auf
Deck, hat die Arme auf dem Rcken gekreuzt und blickt ganz starr weit auf
das Meer hinaus. Auf einmal kommt Frau Sturi die Treppe herauf, sieht ihn
stehen und geht auf ihn zu.

Sie warten wohl auf jemand, sagt sie, denn es ist 12 Uhr und alle sitzen
schon beim Lunch.

Ja, er warte auf jemand. Aber dabei bleibt er, ohne sich umzublicken, die
Hnde auf dem Rcken, stehen und fhrt fort auf das Meer hinauszusehen.

Auf wen er denn warte, alle seien doch schon unten?

Da aber dreht er den Kopf zur Seite, sieht sie fast trumerisch und
lchelnd zugleich an und sagt: Auf mich. Ich warte auf mich. Frau Sturi.
Auf mich!

Frau Sturi erzhlte die Sache nachmittags in dem kleinen grnen Teezimmer.
Sie war noch ganz emprt. Ob das nicht eine malose Frechheit sei, eine
ganz malose Einbildung und Arroganz!

Ja, das fanden sie nun allerdings alle, wenn sie ihm auch nicht gerade so
bse sein konnten deswegen.

Nach einer Weile aber, whrend der alle schwiegen, sagte Frulein Gabler
mit ein wenig schchterner Stimme: eigentlich brauche das gar nicht
arrogant zu sein. Man knne sich doch auch etwas anderes dabei denken. Und
dabei sah sie sich etwas scheu unter den Damen um, ob jemand sie vielleicht
verstnde.

Aber die Damen verstanden sie nicht und fanden, da es eben nur arrogant
sei und nichts darber.

Nun, was man sich denn noch anderes dabei denken knne? frug schlielich
Frau Sturi. Aber da wurde Frulein Gabler verlegen. Sie versuchte sich zu
erklren, aber die Worte fehlten ihr und sie wurde sogar ein wenig rot.

Zum Glck nahm Frau Rosenborg sich ihrer an und gab dem Gesprch eine
andere Wendung.

                   *       *       *       *       *

Den 25. August. Zum Teufel auch, wie sehr sind unsere jungen Damen zu
beneiden! Eine Verbrechergeschichte an Bord, eine Seereise mit dem Diebe
der Gioconda! Es flstert hier und es flstert dort. Ich sehe ja, da alle
es wissen.

Ha, das ist eine Situation fr mich!

Da wird von den gleichgltigsten Dingen gesprochen; alle machen so
unschuldige Gesichterchen wie Liebende, die sich eben hinter einem Zaun
gekt und gekt haben, und denen nun noch die ganze hbsche Geschichte
der letzten fnf Minuten auf Haupt und Haar geschrieben steht. Haha, und
wenn sie an einem vorbei sind, da geht ein Getuschel, ein Getuschel los und
die junge Dame wird sogar noch ein bichen rot, wenn sie eine gute
Kinderstube gehabt hat. Aber gar der junge Mann wie armselig-kstlich sieht
er aus mit seinem mutig-schlechten Gewissen und seiner gekten kleinen
Snde da an der Seite.

Ja, genau so ist es jetzt bei uns. berall, in jedem Eckchen und jedem
Winkel sieht man so ein Prchen stehen, das leise und ach, mit so
neugierig-klugen Augen miteinander tuschelt und flstert und fragt, bis
irgendein Dritter vorbei kommt, von dem man noch nicht wei߫, und der dann
nichts weiter zu hren bekommt, als ein unmerklich lauteres: Ja, es soll
mich mal wundern, was daraus wird! Oder das Meer hat pltzlich eine so
prachtvolle Farbe, wie Smaragd, ja _wie_ Smaragd. Und man sieht hinaus
aufs Meer mit Augen, die sich gar nicht satt sehen knnen, whrend die
Ohren doch nur dem abnehmenden Schall der vorbergehenden Schritte
lauschen. Schon dreimal habe ich heute gehrt, da das Meer _wie_ Smaragd
sei. Na, kann etwa nicht jeder an einem Gesprche darber teilnehmen da
das Meer wie Smaragd sei? Nur das wie mte nicht so stark betont werden,
da merkt man ja wohl, da es gar nicht so sehr auf das Meer ankommt.

Es ist wirklich famos, da wir so viele junge Frauen an Bord haben. Was
bekommt man doch berall fr ein prachtvoll verheucheltes Lcheln zu sehen,
wenn man irgendwo hinzutritt. Frau Rosenborg mu man sehen; wie prachtvoll
lgt sie; was sage ich, vom Kopf bis zu Fu ist sie pltzlich eine einzige
glnzende Lge. Hnde, Haltung, die Lippen, die Mienen, alles an ihr lgt
pltzlich, verschweigt, vertuscht, lenkt ab, spielt die groe Komdie der
Unbefangenheit! Sogar die Augen machen eine ganze Weile diese Komdie mit,
bis sie auf einmal aus der Rolle fallen und sagen: Gauner, du alter Schurk,
du -- weit du es nun oder weit du es nicht?

Ha, und wie famos frech lachen einem diese glnzenden Augen ins Gesicht!

Aber um Gottes willen nicht davon sprechen; kein Sterbenswrtchen . . .
Nein, das wrde ja den ganzen Spa auf einmal verderben!

Wie ein Lauffeuer hat sich die Geschichte ber das ganze Schiff verbreitet.
berall brennt und flackert die rote Neuigkeit; aber niemand wei natrlich
von etwas! Gott bewahre!

Wem verdanken wir diese Neuigkeit? Frulein Holm, dem reizenden Frulein
Holm. Der Agent war ja gleich verschossen in sie ber beide Ohren. Das will
nun ein Agent sein!

Frulein Holm htte das Geheimnis zu gern fr sich behalten. Aber so nah
wie sie mit Frau Rosenborg seit drei Tagen befreundet war. Nein, das ging
nicht. Aber gleich nachdem sie es gesagt hatte, tat es ihr wieder leid.

Eigentlich wute man doch gar nicht, ob man sich schon so nahe stand!

Bei Frau Rosenborg war die Sache natrlich ganz anders. Sie sagte kein
Sterbenswrtchen -- aber wer mit ihr gesprochen hatte, der wute genug.
Frau Rosenborg sagte es nmlich gewissermaen zwischen den Zeilen und wenn
man wte . . . und ich wei nichts. Und bei ich zog sie die Schultern
hoch und lachte komisch. Den Rest sagten die Augen. Verteufelt freche
Augen, ganz verteufelt freche Augen . . .

Aber die Sache ist jetzt die, da eigentlich niemand recht wei, wer zu den
Eingeweihten gehrt und wer nicht. Alle betrachten sich ein wenig
mitrauisch und sehen einander beim Sprechen auf die Lippen, als knnten
sie es da erfahren.

Aber welch' ein Leben herrscht doch auf unserem Schiff, seitdem dieses
ffentliche Geheimnis die Segel der Neugierde schwellt.

Nur die lteren Damen mit ihren Handarbeitstschchen und ihren Fubnkchen,
sie unterhalten sich nach wie vor von ihren Siebensachen, von ihren
erwachsenen Shnen und ihren verheirateten Tchtern, und entdecken bei
dieser Gelegenheit wohl gar, da sie miteinander verwandt sind. Oder zu
mindesten haben sie gemeinsame Bekannte, die ihnen womglich bei einer
solchen Entdeckung in einem ganz neuen Licht erscheinen.

Aber die Augen auf, meine Damen, die Augen auf! So alt sind Sie denn doch
noch nicht, da es Ihnen nicht spter ein ernstlicher Verdru sein wird,
wenn Sie dabei gesessen, dabei gesessen und nichts gemerkt haben!

Sie, gndige Frau, zum Beispiel, die Sie in Ermangelung eines Besseren eben
davon leben, Ihren armen gedemtigten Ehemann es jeden Augenblick empfinden
zu lassen, wie sehr Sie ihn wegen des kleinen Seitensprunges mit der
ehemaligen Gouvernante ihrer Kinder verachten. Wenn Sie nicht so viel Mhe
htten, ein empfindliches und verachtendes Gesicht zur Schau zu tragen,
htten Sie es doch, wei Gott, schon merken mssen. Sie sind doch nach der
Passagierliste erst 36 Jahre!

Und dann Frulein Sivers . . . Warum sagen Sie immer, das Leben sei lange
nicht so interessant, wie das Theater? Nun, wetten wir, da spter einmal
diese Reise das Glanzstck in Ihren glaubwrdigen Memoiren bilden wird?
Vergessen Sie ja nicht zu bemerken, da Sie gleichsam -- ja gleichsam ist
das passende Wort -- die erste waren, die alles gemerkt hatte, die sich
aber _wohlweislich_ nichts merken lie und ihre Rolle bis zu Ende glcklich
durchfhrte. Vergessen Sie das nicht!

Also die Augen auf, meine Damen! Noch ist es Zeit, den anderen
Schiffsgsten Vorwrfe zu ersparen. Wenn Sie nicht mehr so viel Phantasie
aufbringen knnen, wie Frulein Sivers, die es gleichsam zuerst bemerkte,
dann wird Ihnen das nach Jahren noch zu schaffen machen! Glauben Sie mir,
ich kenne das. Es wurmt einen noch sehr lange, wenn man nichts gemerkt hat
-- ja, ja!

Ich treffe Frau Rosenborg, die mit Frulein Holm flstert.

Diese prachtvolle Farbe, dieses tiefe Blaugrn sind die Worte, die fr
meine Ohren bestimmt sind.

Sie schwrmen ja ordentlich, Frulein Holm. Aber Sie haben recht,
kstlich, ganz kstlich! . . .

Einen Augenblick schweige ich und sehe die Damen, die echt verzckt aufs
Meer hinaussehen, an. Whrend ich dann selbst hinausblicke und mich nicht
im geringsten daran kehre, wie die Damen verdutzt dreinschauen, sage ich:
ja, diese grnbluliche Farbe erinnert mich ein wenig an eine gewisse
Partie auf dem Bilde von Lionardo -- der Gioconda, das Bild wurde doch
krzlich gestohlen.

Die Damen waren baff.

Es war ein sehr eigentmliches Bild, fahre ich fort -- die Damen erholten
sich nicht von ihrem Staunen -- ich mu schon sagen, es ist mir wohl
verstndlich, da jemand auf den Gedanken kommen konnte es zu stehlen.
Wissen Sie, es _reizte_ einen ordentlich dazu. Ich meine dieses Weib, es
war doch wie aus Fleisch und Blut. Nicht wahr? Und dieses Lcheln,
nchtelang hat es mich verfolgt. Ich sah berhaupt zuletzt nur noch dieses
Lcheln. Ich sehe es berall; es kam mir wei Gott vor, als lchelten alle
Frauen so, und das machte mich frmlich rasend. Wenn ich das Bild gestohlen
htte -- sehen Sie, jetzt kann ich es Ihnen ja sagen -- ich hatte nmlich
auch einmal die Absicht, ja, wei Gott, ich hatte die Absicht, aber ich bin
ja viel zu feige dazu -- ja, was wollte ich sagen -- richtig, ich meine,
wenn ich es gestohlen htte, so htte ich das Bild gettet -- vernichtet,
meine ich, erstochen htte ich es oder verbrannt. Ja!

All das sog ich mir im Handumdrehen aus den Fingern und das versteinerte
Erstaunen der Damen -- ich sah, da beiden der Mund aufstand und sie dabei
sehr hlich aussahen -- kam mir dabei vortrefflich zustatten. Es wre ein
leichtes gewesen, sie noch mehr in Erstaunen zu setzen. Einen Augenblick
kam mir sogar der Gedanke ihnen zu sagen, da ich der Dieb wre. Aber das
htte mir vielleicht den Spa verdorben.

Ich brach pltzlich ab und wendete mich zu Frulein Holm, die etwas
verlegen lchelte: Glauben Sie, da der Dieb Paris verlassen hat?

Wieso? Ihr hilfloses Lcheln wiederholte sich.

Sehen Sie, das ist ganz ausgeschlossen. Wie gesagt, wenn ich das Bild
gestohlen htte, -- ich meine nur so --, so wrde ich doch Paris nicht
verlassen! Sagen Sie selbst, wo ist man besser aufgehoben als in Paris?
Ach, glauben Sie mir, der Dieb hat Paris nicht verlassen. Wegen des schnen
Wetters und weil Sie so ein erstauntes Gesicht machen -- Frulein Holm
machte rasch mit der Hand eine Bewegung ber ihr Gesicht hin -- mchte ich
geradezu eine Wette darauf eingehen. Wollen Sie?

Ich wette dagegen, sagte Frulein Holm mit einem Blick nach Frau
Rosenborg und streckte die Hand aus.

Nun, und was behaupten Sie? Da er Paris verlassen hat?

Ja -- und --

Und da er auf ein Schiff geflchtet ist?

Frulein Holm sah mir fest in die Augen und hielt die Hand noch immer
hingestreckt.

Ha -- diese Wette nehme ich an. Ich wette, -- nun gut, ich wette 1000
Franken, sagte ich.

Da wette ich auch, rief pltzlich Frau Rosenborg dazwischen und streckte
auch ihrerseits die Hand aus. Der Daumen war etwas nach auen gebogen.

Auf 1000 Frank?

Auf 5000 Frank, sagte sie.

Auf 5000 Frank? Ich wette auch auf 5000 Frank, aber unter einer
Bedingung!

Ich sah jetzt die Damen gespannt an; dann platzte ich damit heraus: Unter
der Bedingung, -- da das Bild nicht hier auf dem Schiff gefunden wird!
Vielleicht haben Sie es ja selbst gestohlen!

Ich lachte, als wollte ich dadurch anzeigen, fr wie unsinnig ich selbst
meinen Einfall hielte.

Na, das ist doch klar, -- wieder lchelte ich so, als ob ich etwas ganz
Unsinniges sagte, -- wenn Sie das Bild selbst gestohlen htten, dann
wten Sie ja, wo es ist und dann . . . dann wre es doch gewinnschtig von
Ihnen, die Wette abzuschlieen!

Ich weidete mich an der Verlegenheit der Damen, die sich gegenseitig
hilflos anlchelten.

Also 5000 Franken. Ich streckte nun meinerseits die Hand aus. Aber die
Damen zgerten.

Bitte -- schlielich knnen Sie es doch annehmen. Auch wenn Sie es
gestohlen haben. Sie riskieren doch nichts!

Wieso? Die Damen sahen noch nicht klar.

Dann bekommt doch niemand etwas. Sie nichts und ich nichts.

Ja, das ist ja auch wahr, sagte Frulein Holm und sah dabei Frau
Rosenborg mit einer Miene an, die sagte, na, dann knnen wir es ja
eigentlich ganz gut riskieren:

Also. Top. Wir schlugen zweimal die Hnde zusammen und alle lachten wir
herzlich.

Die Wette ist so gut wie gewonnen, rief ich. Aber ein bichen verdchtig
sind Sie mir jetzt doch. Entschuldigen Sie mich. Ich mu endlich einmal
mein Paket auspacken, das ich aus Paris mitgebracht habe. Auf Wiedersehen.
Und 5000 Franken! Auf Wiedersehen!

Hinter meinem Rcken fhlte ich, wie die Damen sich mit sprachlosem
Erstaunen ansahen. Erst jetzt kam es ihnen eigentlich recht zum Bewutsein,
was sie getan hatten. Auerdem hielten sie mich jetzt selbst fr den Dieb;
denn wer es eigentlich sei, darber war, so viel ich sehen konnte, noch gar
nichts bekannt.

                   *       *       *       *       *

Den 26. August. O, ich bereue es keinen Augenblick, mich auf diese Seefahrt
eingelassen zu haben! Wir leben ja wie auf einem Vulkan, wie auf einem
Pulverfchen, das jeden Augenblick losgehen soll.

Welch' ein unterirdisches, heimliches Leben spielt sich doch hier unter uns
ab. Fast mit jedem Augenblick wird die Situation gespannter. Einige Damen
sind, wei Gott, schon so ermdet von diesem bestndigen so auf der Lauer
liegen, da sie sich ganz unvorsichtig benehmen. Wenn mein Freund nur
halbwegs meine Augen im Kopf hat, so mu er es lngst bemerkt haben, da es
ihm an den Kragen gehen soll.

Dieses Hin und Her auf dem Schiff. Diese Nervositt in allen Liege- und
Lehnsthlen. Nie waren die Garnrllchen so boshaft, nie die kleinen
Nhfutterale so heimtckisch. berall bleiben sie liegen, fallen hin,
rutschen durch, springen aus den Fingern heraus oder verstecken sich
irgendwo in allen mglichen bunten Lappen- und Fadenwirrnissen. Und diese
unbarmherzige Bearbeitung all der kleinen Fubnkchen. Was ist denn mit
ihnen? Bald stehen sie zu weit vorne, bald zu weit hinten, bald sind sie
berhaupt zu unbequem, fliegen mit einem Schupps zur Seite und gleich
werden sie wieder in einer Anwandlung von Reue zurckgeholt und
gestreichelt! Haha -- wenn man an den Liegesthlen vorbeikommt, wird man
ordentlich in Versuchung gefhrt, die Sprache all dieser wippenden,
schaukelnden, schlenkernden Fchen einmal rund heraus ins Deutsche zu
bersetzen! Na, dann wrde wohl endlich in die griesgrmigen,
stirngerunzelten, groen Stiefel der alten Damen auch ein bichen Leben
kommen. --

Eine famose Entdeckung, eine ganz famose Entdeckung habe ich da im Gesprch
mit einer groen brnetten Dame gemacht -- ich habe den Namen vergessen.

Sie kommt die Treppe herauf: Ach! Ihre Nhtasche fiel auf die Stufen. Eine
kleine Nickelschere und ein Garnrllchen fielen heraus und polterten die
Treppe hinunter.

Mir kommt vor, all unsere Damen sind in den letzten Tagen so nervs
geworden sage ich und reiche ihr die Sachen zurck.

Ach, es ist ja aber auch nicht auszuhalten! Sie schaute ngstlich
neugierig nach den Stuhlreihen. Ist denn schon etwas passiert?

Aber was sollte denn passiert sein?

Ach, ich wei ja nicht. Ewig will mein Mann mit mir ber unsere
geschftlichen Angelegenheiten sprechen. Geschftliche Angelegenheiten
sagte sie sozusagen in Gnsefchen, wie um schon jetzt anzudeuten, da das
etwas wre, was sie nichts anginge. Ich verstehe ja davon nichts, gar
nichts. Ich halte es nicht aus da unten. Ich mu hier oben sein . . . in
der freien Luft. Auf ihrem hbschen Gesichtchen war jetzt ein Zug hnlich
dem eines kleinen Schulmdchens, das eine Rechenaufgabe nicht lsen kann
und dem die Trnen nahe sind.

Ja, die freie Luft ist Ihnen auch sicher bekmmlicher als >geschftliche
Angelegenheiten<.

Sie lchelte mich freundlich an. Offenbar freute sie sich darber, da ich
an dieses schnell erfundene Mrchen von der freien Luft glaubte. Gleich
darauf aber, whrend sie sich wohl wieder ihren Mann bei den
geschftlichen Angelegenheiten vorstellte, kam wieder dieser halb
erbitterte, halb leidvolle Ausdruck in ihr Gesicht und sie sagte: Ja, ich
glaube alles mgliche knnte passieren, alles mgliche; mein Gott es ist zu
schrecklich mit diesen Mnnern! Wieder standen ihr beinahe die Trnen in
den Augen.

Kommen Sie, lassen Sie uns von etwas anderem sprechen. Darf ich Ihnen
etwas von Ihren Sachen tragen?

Haha, ich werde nicht den fragwrdigen Blick vergessen, mit dem sie ihre
bunten Siebensachen pltzlich an sich hielt. Ganz leise und
vorsichtig-ngstlich sagte sie: Nein, ich danke . . . ich danke.

Ich ging einige Schritte neben ihr her. Ganz pltzlich sagte ich: Die
Gioconda ist jetzt auf einem Schiff gefunden worden!

Bei uns? rief sie schnell und prete ihre Siebensachen an die Brust.

Ich tat als bemerkte ich nichts von ihrem auffallenden Erschrecken, blies
den Rauch meiner Zigarre vor mich her und sagte, so wie man eine ganz
belanglose Sache sagt, nur um berhaupt etwas zu sagen: Nein, auf einem
Dampfer der White Star Line.

Sie war unwillkrlich stehengeblieben und blickte mich jetzt sonderbar an.
Aber es hie doch -- Sie wren (sie verbesserte sich rasch) -- ich meine,
es hie doch, das Bild wre hier bei uns auf dem Schiff?

So? Davon habe ich gar nichts gehrt.

Nein? Aber es hie doch ganz bestimmt, es wre hier an Bord. Es sollte
doch bei jemandem in der Kabine gesehen worden sein. Wir haben doch einen
Geheimagenten an Bord. Der hier mit den vielen Ringen. Und dann sind Sie ja
wohl gar nicht der Dieb?

Wie? Was sagen Sie? Ich, der Dieb? Zum Teufel auch, wer hat das gesagt?

Alle haben es gesagt.

Alle haben es gesagt? So? dann entschuldigen Sie mich einen Augenblick!
Mein Gott, das versetzt mich in eine begreifliche Begeisterung. Ich lie
Frau . . . Gott, wie hie sie doch . . . richtig, Frau Sanden stehen, lief
in meine Kabine, trommelte mit den Fusten an die Wand und sang dazu: Ha,
sie halten mich fr den Dieb, hallo. Das ist famos. Gut, ich werde meine
Rolle spielen. Das ist etwas fr mich, einen Dieb zu _spielen_, haha, das
werde ich knnen, wenn ich auch selber nicht imstande bin, auf anstndige
Art und Weise eine Apfelsine zu stehlen. Ein Dieb, -- famos, ich bin ein
Dieb; der Dieb der Gioconda . . . ich werde meine Rolle schon durchfhren
. . . sie steht mir ja famos diese Rolle . . .

                   *       *       *       *       *

Mein Gott, mein Gott, was ist mit mir geschehen, ist das der Anfang des
Wahnsinns, bin ich irrsinnig geworden? Was geht mit mir vor? Habe ich mich
in einen anderen Menschen verwandelt? Bin ich der Dieb des Bildes? Was ist
mit meiner Hand, meinen Augen, meinem Krper? Bin ich das noch, der ich
hier aus dieser Tre vor einigen Stunden herausgetreten bin? Sind das noch
meine Fe, die mich bis an die Treppe gefhrt haben, wo ich pltzlich ihm
begegnete und wo pltzlich diese furchtbare Vernderung mit mir vorging?

Mein Gott, mein Gott, was ist mit mir geschehen? Habe ich mich nicht hier
noch vor kurzem vorbereitet, die Rolle des Diebes zu spielen und jetzt, und
jetzt -- o, mein Gott -- mir wird elend und angst, wenn ich daran denke --
jetzt bin ich womglich der Dieb selbst? . . .

Ich will alle meine Kraft -- o ich fhle, mir bleibt kaum mehr so viel
brig, berhaupt das Leben zu ertragen -- ich bin ja irrsinnig oder ich
beginne es zu werden -- mein Krper gehrt nicht mehr mir, meine Stimme,
welch' eine Stimme kommt aus meiner Kehle -- sind das noch meine Hnde --
ist das meine Haut, dieses dnne eidechsenartige Gewebe auf meinen Fingern?
O der Ekel befllt mich, ich mu -- hilf mir mein Gott, nein, nein, ich bin
nicht der Dieb, nein, ich habe nicht gestohlen, so wahr ich lebe, ich
. . .

                   *       *       *       *       *

(Zwei Stunden spter.) Ich will alle Kraft zusammennehmen und das
Entsetzliche aufschreiben, vielleicht findet man es nach meinem Tode. Dann
wird man sehen knnen, wie unschuldig ich bin; da ich nicht das geringste
begangen habe, was unrecht ist. Ja, ich will versuchen, mich selbst zu
verteidigen, _mich gegen mich selbst_ zu verteidigen. --

Als ich von dem Gesprch mit Frau Sanden in meine Kabine kam, berlegte ich
mir, wie ich den Agenten und die Damen und alle Schiffsgste zum besten
halten knnte. Ich wollte mich recht auffallend betragen; wenn noch irgend
etwas an ihrer berzeugung fehlte, da ich der Dieb sei, so wollte ich es
hinzutun. Ich wurde ganz warm bei diesem Gedanken. Ich sah, ich fhlte alle
Blicke auf mir; alle sah ich umherstehen und flstern und berall, wo ich
in Gedanken vorbeiging, lie ich eine uerung fallen, machte ich eine
eigentmliche Geste, die mich als den Dieb verraten und charakterisieren
sollte. Fast ohne da ich es wute, verlie ich meine Kabine, ging den Gang
hinunter und wollte eben die Treppe emporsteigen, als der Gelbe mir
entgegenkam. Er trug etwas Schimmerndes in der Hand, was ich gleich
erkannte.

Ha, da sind Sie? Zufllig gebrauchten wir genau dieselben Worte und
sprachen sie auf die Sekunde gleichzeitig aus.

Was haben Sie denn da? Ein altes Schlachtschwert. Wollen Sie jemanden
hinrichten? Er hatte in der Tat ein groes, mittelalterliches Schwert in
der Hand, an dem einige Goldketten herabhingen. Er drngte mir das Schwert
in die Hand und indem ich es wog, fhlte ich, da es sehr schwer war.

Ich wollte eben zu Ihnen kommen, um es Ihnen zu zeigen. Sie verstehen doch
offenbar etwas von Waffen?

Die Frage kam mir so eigentmlich vor, da ich unwillkrlich in seine Augen
blickte, und zum ersten Mal fielen mir diese Augen auf, die seltsam
grnlich waren, wie die einer schwarzen Katze. Ich wunderte mich im
stillen, da ich dieses auffallende Merkmal sonst noch nie an ihm
wahrgenommen, ja da ich eigentlich seine Augen berhaupt noch nicht
gesehen hatte.

Als ich ihm jetzt antwortete, fiel es mir auf, wie eigentmlich schchtern
und zitternd meine Stimme klang, hnlich fast wie die eines Menschen, der
ein schlechtes Gewissen hat und frchtet, da sein Lgen durchschaut wird.

Ich soll etwas von Waffen verstehen? Wer hat das gesagt?

Aber nun verstellen Sie sich doch nicht.

Ich verstelle mich doch gar nicht . . .

Aber, aber! . . . Jedermann wei, da Sie einer unserer besten Kenner
mittelalterlicher Waffen sind . . .

Wieder antwortete ich mit derselben leisen schchternen Stimme: Ich ein
Kenner? . . . Fragend sah ich in seine eigentmlich grnschillernden
Augen. Fr wen halten Sie mich denn? Ich bin . . .

Aber er lie mich nicht ausreden, sondern fiel mir ins Wort und sagte,
whrend mein Erstaunen ins Malose wuchs und es mir fast unheimlich wurde:

Ich halte Sie fr den Herrn, der vor kurzem so glcklich war, in Paris bei
dem Kunsthndler Duval den berhmten Dolch aus rtlichem toledanischen
Stahl zu kaufen. Sind Sie dieser Herr oder sind Sie es nicht?

Und jetzt geschah etwas, was ich nie fr mglich gehalten htte und was mir
bis zu meinem Tode rtselhaft bleiben wird. Man htte doch glauben sollen,
da ich diesem Ansinnen, den Dolch bei Herrn Duval gekauft zu haben, aufs
lebhafteste widersprochen htte. Aber jetzt war es mir pltzlich, als ob
sich in meinem Inneren etwas umwandte -- ganz deutlich hatte ich dies
Gefhl, als kehre sich etwas Dunkles pltzlich in mir ins Licht -- und laut
und vernehmlich hrte ich wie meine Stimme sagte: _Ja, der bin ich_. Und
in demselben Moment als ich dieses zugab, da wute ich auch, da es sich
bei dieser so unscheinbar klingenden Frage eigentlich gar nicht um den
Dolch, sondern um das Bild, um das Bild der Gioconda handelte, da die
Frage: Haben sie den Dolch bei Herrn Duval gekauft? nicht mehr und nicht
weniger bedeutete als: Haben Sie die Gioconda aus dem Louvre geraubt?

Und irgendeine fremde, unsichtbare Macht zwang mich, ohne da ich selbst
begriff wie, es zuzugeben, ja dazu zu sagen, als sei es das
Selbstverstndlichste von der Welt.

Ich hatte doch mit meinen eigenen Augen gesehen, wie er selbst in den Laden
getreten war und die Hand auf den Drcker gelegt hatte. Ich hatte doch
gesehen, wie er als Erzbischof verkleidet vor Herrn Duval gestanden hatte
und pltzlich den Mantel, der mit brennend roter Seide gefttert war,
zurckschlug und den Dolch in der Hand hielt. Ich htte es also mit dem
besten Gewissen beschwren knnen, da er selbst es war, der den Dolch
gekauft hatte.

In seinen Augen aber, diesen, wie mir jetzt immer mehr schien, irisierend
grnen Augen einer schwarzen Katze, sah ich ganz deutlich im selben
Augenblick den Triumpf hhnischer Befriedigung darber aufleuchten, die
ganze Last und die Verantwortung fr diesen frechen unerhrten Diebstahl
auf mich abgewlzt zu haben.

All das war nur die Empfindung eines Augenblicks, und ein Vorbergehender
htte nichts gesehen als eine Gestalt in einem auffallend gelben Mantel und
einer groen Reisemtze, und einen andern Herrn, der sich fachkundig ber
ein altes Schwert beugte. Nichts war sonst zu sehen. Aber was spielte sich
unterdessen und whrend der nchsten Augenblicke in meinem Innern ab! Alles
an mir kam mir pltzlich fremd vor. Ich betrachtete mit Entsetzen meine
eigenen Hnde, wie sie mit nie gesehenen Bewegungen ber das Metall hin und
her fuhren und es befhlten. Waren dies noch meine Hnde, sind dies meine
Hnde, diese langen dnnen gelblichen Finger, die wie mit einer feinen
Eidechsenhaut berzogen sind? Whrend ich gebeugt ber das Schwert stand,
lie ich meinen Blick ber meinen Krper, meine Beine, meine Fe laufen.
Das Blut pochte mir in den Schlfen -- auch mein Krper kam mir pltzlich
fremd und unbekannt vor, nicht wie ein Teil meiner selbst, sondern wie ein
Tisch, ein Stuhl, wie eine Sache, die man angreifen kann und die hart und
gefhllos ist. Wie aber erschrak ich erst, als ich pltzlich meine Zunge in
meinem Gaumen sich wie den Klppel einer Glocke bewegen fhlte, als sich
meine Lippen feuchtkalt aufeinanderlegten und als eine fremde Stimme, eine
nie gehrte, grauenhafte Stimme aus meinem Munde erscholl und Dinge sagte,
von denen meine Seele nicht das geringste wute oder auch nur ahnte.

Entsetzt hrte ich diesen Erklrungen zu, whrend ich die Worte wie
wrfelartige Holzkltze auf meiner Zunge fhlte: Es drfte eine
augsburgische Arbeit sein. Im germanischen Museum in der frnkischen
Waffensammlung befindet sich wohl ein Geschwisterstck zu dem Ihrigen,
einfacher, nicht so reich ziseliert an der Schneide, aber von derselben
Art. Hier hat das Metall brigens einen Sprung. Ich sah wie mein eigener
Finger auf eine Stelle des Griffs deutete, wo in der Tat ein ganz feiner,
haardnner Sprung im Metall zu sehen war.

Und whrend ich jetzt meinem deutenden Finger ber dem Metall folgte,
whrend ich noch diese mir Grauen erregende Stimme aus mir hervordringen
hrte, hatte ich pltzlich jenes seltsame Gefhl, das vielleicht jeder
Mensch in seinem Leben empfunden hat -- ich hatte eine Art traumhaften,
aber doch klaren Gefhls, als htte ich eben dieselbe Szene, genau wie sie
sich jetzt abspielte, schon vor vielen Jahren einmal erlebt.

                   *       *       *       *       *

Ich erwachte wie von einer Betubung. Noch immer stand ich an der Treppe.
Ich hielt das Schwert in den Hnden. Alle meine Sinne waren gespannt und
lauschten auf die Schritte und Stimmen, die ber mir hrbar waren. Mir war
als htte sich die Schrfe meines Gehrs verdoppelt, deutlich unterschied
ich jeden einzelnen Laut, jede einzelne Stimme, deutlich verstand ich was
sie sagten und worber sie lachten. Frau Rosenborgs Gelchter erhob sich
wie eine Rakete flackernd ber das Gewirr dunkler und hellerer Stimmen. Im
Tonfall einer sonoren Stimme, die in Begleitung einer scharfen, eckigen
erklang und mit ihr wechselte, vernahm ich mehrmals das Wort Gioconda. Bei
dem Wort Louvre erreichte die sonore Stimme jedesmal ihren tiefsten Ton.

Pltzlich aber hatte ich ein Gefhl ganz hnlich dem, wenn man aus einem
sonderbar fesselnden Traum erwacht. Wie man wohl von dem Wunsch beseelt
ist, die Erscheinung eines Traumes noch zurckzuhalten, zurckzurufen, wenn
man zu einer qulenden sorgenvollen Wirklichkeit, der man entfliehen
mchte, erwacht ist, -- so hatte auch ich den Wunsch, etwas Entfliehendes
zurckzuhalten und unwillkrlich machte ich mit der Hand eine greifende
Bewegung vorwrts, wie um etwas festzuhalten. Im selben Augenblick aber
fhlte ich wieder, da dieses nicht meine Hand war und wie mit einem
elektrischen Schlage durchzuckte mich ein unnennbares Gefhl des Grauens
und Entsetzens. Ich strzte in meine Kabine. Ich lief; und doch war es mir
nicht als liefe ich, sondern als liefe ein anderer an meiner Stelle, mit
einem mir fremden, unregelmigen Gang. Dann befhlte ich mich, befhlte
mit meinen eidechsenhutigen Hnden meinen Krper, meinen Kopf, meine
Haare. Und ich fhlte nicht mich, -- ich fhlte einen andern. Nur die, die
wissen, was sich hinter Worten verbergen kann, knnen mich vielleicht
verstehen, wenn ich sage: ich fhlte meinen Bruder. Ich fhlte ein kurzes,
trockenes, struppiges Haar, ein flaches, knchernes Ohr, schmale, dnne,
runzlige Lippen. Und die Bewegungen von diesem mir fremden Krper, von dem
mir meine Augen zwar sagten, da es der meinige sei, empfand ich nur so wie
man die Bewegung eines unter einer Decke verborgenen Tieres bei aufgelegter
Hand wahrnimmt.

O mein Gott, mein Gott, was ist mir geschehen! Was ist das? Alle meine
Gebrden gehren nicht mir, ich habe eine fremde Stimme, ich lache ein
fremdes Lachen, ich gehe einen fremden Gang, welche Bewegungen mache ich?
. . . ich bin hilflos wie ein Kind . . . ein Krper umgibt mich, ein
fremder Krper, fremde Hnde, fremde Arme, fremde Augen . . . o mein Gott,
mein Gott, _ich lebe noch, aber ich bin nicht mehr!_

                   *       *       *       *       *

Kann sich jemand eine Vorstellung machen von dem, was ich empfinde! Wer ist
je in einer so furchtbaren Lage gewesen! Frher habe ich zuweilen etwas
ganz entfernt hnliches empfunden, wenn ich pltzlich fr den Bruchteil
einer Sekunde, vielleicht in meiner Bewegung, im Tonfall meiner Stimme, in
meinen Augen eine hnlichkeit, eine Gleichheit mit einer mir bekannten
Person bemerkte. Und das Unbehagen, das sich bei diesem flchtigen Bemerken
einstellte, war stets um so grer, je nher ich mit jenem Menschen
verwandt war, dessen Miene oder Haltung ich pltzlich an mir wahrzunehmen
glaubte. So erinnere ich mich deutlich, wie grauenhaft mir eines Tages
meine Schwester erschien, als ich pltzlich ihre Blicke in meinen Augen
fhlte, und ein ausgesprochenes Ekelgefhl hatte ich auch als ich --
deutlich steht mir noch der Ort vor Augen -- beim Heraustreten aus einem
Hamburger Hotel die Ganghaltung und Bewegung meines vor Jahren verstorbenen
Bruders an mit wahrnahm. Nur Menschen, die je etwas hnliches empfunden --
aber mir kommt vor, alle mten es gefhlt haben -- werden sich in meine
Lage versetzen, werden mir dieses entsetzliche bittere Unlustgefhl, diesen
physischen und zugleich krperlichen Ekel vor mir selbst von ferne
nachfhlen knnen.

                   *       *       *       *       *

Ich fhlte oftmals, wie ich daran war, das Bewutsein zu verlieren. Es
kamen Augenblicke der Erleichterung, sogar des Vergessens. Aber immer
wieder und jedesmal furchtbarer kehrte mir das Bewutsein meines
entsetzlichen Zustandes zurck.

Ich htte schreien wollen, aber die Angst vor der entsetzlich grauenvollen
Stimme, die ich aus meinem Munde hatte kommen hren, drckte mir die Kehle
zu. Ich prete die Hnde vor meinen Mund und stie klagende, winselnde Tne
aus. Ich lag auf dem Boden, denn ich hatte ein Gefhl, als mte ich mich
tief im Innersten der Erde verstecken und begraben. Der physische Abscheu
vor diesem fremden, schwitzenden, behaarten Krper, der mich umgab wie eine
klebrige, widerliche Masse, nahm eher zu, als da er nachlie. Und zu
diesem unbeschreiblichen Gefhl des Abscheus gesellte sich nach einiger
Zeit noch ein psychischer Schmerz, der mich fast durchbohrte und an die
Grenze des Wahnsinns trieb. Ganz pltzlich empfand ich es nmlich mit aller
Deutlichkeit, oder es war mir wenigstens so, -- als htte ich es selbst in
der Hand gehabt, diesem furchtbaren Schicksal zu entgehen. Htte ich die
Kraft gehabt, jene einfltige Frage nach der Herkunft jenes Schwertes, das
ich doch wei Gott nie gesehen hatte, zurckzuweisen -- nichts htte mir
geschehen knnen. Ich habe mich selbst ins Unglck gestrzt. Jetzt machte
mein Inneres jene furchtbar schmerzvollen Anstrengungen, etwas Geschehenes
wieder ungeschehen zu machen. Ich bog mich weit zurck, nach hinten, gerade
als htte ich dadurch ein Stck Zeit, das schon vergangen war, noch einmal
einbringen, noch einmal durchleben knnen. Das so furchtbar
niederschmetternde Gefhl des Unwiederbringlichen warf mich gnzlich
darnieder. Aber immer wieder, mit immer erneuter Hoffnungsangst, stellte
ich mir wohl hundertmal jene Szene vor: wie er jetzt die Treppe herabkam,
jetzt sprach er mich an, hielt mir das Schwert entgegen, jetzt frug er und
jetzt -- -- so sehr ich mich auch innerlich strubte und wehrte, tierische
wilde Verzweiflungslaute entrangen sich meiner Kehle, -- ich konnte und
konnte nicht Herr dieser fremden Gewalt werden, die mich nur durch den
Tonfall ihrer Stimme mir selbst entri und mir mit einem fremden Willen
einen fremden Krper aufdrang. Trotz meiner Angst, meiner Verzweiflung, die
mir die ganze Erinnerung an die furchtbare Szene wieder erregte, trotz
alledem fhlte ich doch, da ich im gleichen Falle genau wieder so handeln
wrde, und da, was geschehen war, hatte geschehen mssen.

Von dieser Einsicht ging zunchst eine -- o, welch ein Hohn steckt in
diesem Worte -- Erleichterung fr mich aus. Aber als sich dann meine
Gedanken wieder zu ordnen begannen, als jene Anflle des
Sichwiedererinnerns aufhrten, da empfand ich mit ungeahnter Heftigkeit die
ganze Hohlheit, die ganze entsetzliche Leere meines Daseins und dieses
Gefhl gepaart mit dem noch viel entsetzlicheren Abscheu und Ekel vor mir
selbst gab mir den Wunsch ein, mich von der schmutzigen Hlle dieses
Krpers und dem Grauen dieses Daseins zu befreien. Ein Gefhl des Hasses,
ganz wie das gegen einen fremden Menschen, ergriff mich.

Ich fhlte eine tiefe Befriedigung bei dem Gedanken, da ich diesen Krper
gewaltsam vernichten und mich auf diese Weise auf ewig von ihm befreien
konnte. Ich riegelte die Tre und ri frmlich in Wut den Revolver mit den
Patronen aus der Handtasche. Es htte mir Freude gemacht, diesen Krper
Stck fr Stck zu vernichten. Mit dem ersten Schu durchscho ich meine
Hand; ich lachte laut auf vor innerster Befriedigung, als ich das rote Blut
aus dem winzig kleinen Loch des Handtellers hervorflieen sah. Dann legte
ich die khle, kreisrunde ffnung des Revolvers an meine heie Schlfe und
drckte ab. Ich versprte einen leichten Sto, aber da ich noch Kraft in
meinem Arm fhlte, scho ich noch ein zweites Mal, wieder die
Revolvermndung dicht an der Schlfe. Ich erwartete, da ich taumeln, da
ich umstrzen werde -- aber nichts dergleichen geschah. Ich befhlte mit
der Hand meine Schlfe -- sie war blutberstrmt und das rote Blut rann
ber die Backe, ber den Anzug an mir herunter. Aber ich hatte mich nicht
gettet . . . Und nach einigen qualvollen Augenblicken hatte ich die
Gewiheit: Ich _vermochte_ nicht, mich zu tten . . . .

                   *       *       *       *       *

Ich erwachte und lag auf meinem Bett. An der Dmmerung, die in der Kabine
herrschte, sah ich, da es Abend war. Ich suchte mich zu erinnern und
richtete mich auf. Hatte ich getrumt? Die schwache Regung der Hoffnung,
die in mir aufstieg, wurde sofort durch die deutlich erkannte Gewiheit,
da es kein Traum, da es Wirklichkeit war, zerstrt. Fhlte ich denn nicht
wieder diesen klebrigen, schleimigen Krper um mich, fhlte ich nicht meine
wahren Bewegungen, meine Augen, meine Mienen, wie hinter einer dumpfen
heien Maske, die mir den Atem benahm?

Pltzlich bemerkte ich, da ich nicht allein in der Kabine war.

In der Dunkelheit neben dem helleren Fenster, durch das der Abend
hereinsah, erblickte ich den Kopf und die Schultern einer seltsam fremden
Gestalt. Sie wandte mir jetzt ihr Profil zu und schien unverwandt auf einen
Punkt zu starren. Nur verschwommen und undeutlich konnte ich die Zge und
den Ausdruck des Gesichts wahrnehmen.

Ist jemand da? fragte ich halblaut und langsam.

Keine Antwort. Die Gestalt beharrte unbeweglich in ihrer Stellung; nur war
es mir einen Augenblick, als she ich sie deutlich die Lippen bewegen,
ffnen und wieder schlieen. Aber kein Laut war hrbar.

Wenn ich jetzt an jenen Augenblick zurckdenke, frage ich mich, warum mich
gleich bei der Entdeckung dieses Fremden ein neuer Schrecken befiel, ein
Schreck, der nichts gemein hatte etwa mit der Furcht vor einem
Eindringling. Nein, sobald ich das schattenhafte Wesen neben dem Fenster
erblickte, wute ich auch in meinem innersten Innern, mit einer Sicherheit,
die nicht den geringsten Zweifel zulie, da dieser Mensch, er sei, wer er
sei, in irgend einem Zusammenhange mit meiner schrecklichen Lage stand. Die
Furcht vor einer neuen grauenhaften Entdeckung lie mich erbeben,
durchrttelte mich kalt wie ein Fiebersturm. Meine Phantasie war so bis zum
uersten gereizt, da sie nichts mehr fr unmglich hielt. Ich htte mich
nicht gewundert, wenn ich den Mond, der schon einen schwachen gelblichen
Streifen auf den Boden meiner Kabine legte, krachend vom Firmament htte
herabstrzen und sich in den grau verdampfenden Fluten des Weltmeeres wie
in einem ungeheuren dunklen Wolfsrachen htte begraben sehen. Nichts,
nichts htte mich jetzt gewundert! Ich htte den Riegel von meiner Tr
springen, ich htte sie von unsichtbaren Hnden sich ffnen und schlieen
sehen knnen und das wre mir nicht unnatrlich, nicht rtselhaft
erschienen, denn ich selbst hatte Rtselhafteres erlebt, _wute_ ja auch,
da ich noch viel Unerhrteres in den nchsten Augenblicken erleben wrde
. . .

Als ich die fremde Gestalt im Dunkel zum zweiten Male anrief, geschah es
mit kaum hrbarer, flsternder Stimme, nicht lauter wie das Knistern von
Seide. Und wieder war es mir, als she ich die Lippen sich stumm bewegen;
aber nichts war zu hren.

Ich wagte meine Frage nicht zum dritten Mal zu wiederholen. Starr, bald von
Glut geschttelt, bald von kaltem Schauer berkrochen, blieb ich
bewegungslos und halb aufgerichtet auf meinem Arm gesttzt und starrte die
Erscheinung an.

Pltzlich fhlte ich eine Helligkeit ber mein Gesicht gleiten. Es war der
Mond, der bei einer Wendung des Schiffes jetzt in den Ausschnitt des
Fensters trat. Im selben Augenblick erkannte ich aber auch deutlich das
Antlitz der fremden Gestalt, die neben dem Fenster stand. Der Mond
beleuchtete auch sie. Ich sprang von dem Bett auf und drehte hastig das
elektrische Licht an. Der Raum war taghell erleuchtet -- niemand war zu
sehen.

Mit heimlichem Grauen sah ich nach der Stelle, wo ich noch vor Sekunden die
Gestalt erblickt hatte. Auf der graugelben Tapete kroch eine Fliege. Es war
totenstill und nichts rhrte sich. Ich hrte nur wie mein Atem ging und wie
meine Brust sich hob und senkte, sich hob und senkte. Ich stand da und
starrte nach dem goldgerahmten Spiegel in der Ecke, an dem wie immer meine
Mtze hing.

Aber einen Augenblick spter durchzuckte mich ein furchtbarer Gedanke! Mit
einem Sprung stand ich vor dem Spiegel -- die grlichste Ahnung der
letzten Sekunde sah ich erfllt. In der Scheibe des Spiegels gewahrte ich
eben dieselbe Gestalt, dasselbe Antlitz, dieselben seltsamen Augen, die
mich eben noch als die eines Fremden mit Grauen und Schreck erfllt hatten.
Das brunliche Antlitz eines fremden Mannes starrte mich mit irisierend
grnlichen Augen als mein eigenes Antlitz an. Und whrend ich mich mit
beiden Hnden an dem Spiegel festhielt, um nicht zu fallen, war es mir, als
htte ich dieses Antlitz schon gekannt seit langen Jahren . . . seit langen
Jahren . . . .

                   *       *       *       *       *

Man hat es oft beobachtet, da eine pltzlich den Menschen befallende
Furcht oder ein Schrecken ihn fr einige Zeit des Verstandes beraubt. Der
menschliche Geist hat, wie jeder Krper, nur eine ganz bestimmte
Elastizitt; er ist nicht fhig, die allergewaltsamsten Vernderungen
augenblicklich zu begreifen, und nach dem Gesetz der psychischen Reaktion
tritt sehr oft nach dem ersten furchtbaren Erschrecken eine vllige
Blindheit des Geistes ein, ein vlliges Vergessen. So hat man Mtter, deren
Kinder in einem Brande umgekommen und vor ihren Augen verbrannt waren,
wenige Augenblicke nachher, ihre eben unterbrochene Ttigkeit wieder
aufnehmen sehen, ja sogar heiter und sorglos lachen hren.

Auch an mir konnte ich jetzt einen hnlichen Zustand feststellen. Nachdem
das erste unheimliche Grauen meinen Verstand bis an die Grenze des
Wahnsinns gebracht hatte, betrachtete ich das Gesicht im Spiegel mit einer
Art einfltig-kindischer Neugier. Ich sah es hilflos grinsen -- und ich
grinste wieder. Eine Hand streckte sich gegen mich aus -- auch ich hob
meine Hand. Und pltzlich, ganz auf die Stufe des Suglings zurckgedrngt,
versuchte ich mit meinem ausgestreckten Finger das Bild zu berhren. Mein
Geist mute wohl eben daran sein, sich von dem ersten furchtbaren Schrecken
zu erholen; denn jetzt packte mich ein neues Entsetzen, als ich sah wie der
Spiegel sich unter dem Druck meiner fremden Hand in eine gallertartige,
schlammig-graue Masse verwandelte, und ich in dem eingebildeten Raum hinter
dem Spiegel einen harten Krper berhrte, -- mein eigenes Antlitz!

Und obgleich dieses Antlitz zu leben schien, obgleich ich die belebten
Lippen, den feuchten Augapfel, die atmende Haut mit meinen Augen wahrnahm,
so fhlte meine Hand an der Spitze ihres langen, dnnen gelblichen Fingers
nur einen khlen, metallisch-harten Krper und im gleichen Augenblick
versprte ich auf meiner Zunge den scharfen, intensiven Geschmack von
bitterem Messing . . .

                   *       *       *       *       *

Ich vernahm pltzlich ein ungeheures Brausen wie von rollenden Rdern und
ffnete die Tr. Drauen erblickte ich eine groe Menge hin und her
laufender Menschen, ohne da ich irgend ein Gesicht deutlich htte erkennen
und sehen knnen. Mir war als knne ich den Kopf nicht bewegen und nicht in
die Hhe heben. Ich eilte auf den dunklen Gang hinaus und bemerkte dort vor
mir einen Herrn mit einem ungewhnlich verzwickten Gang. Ich folgte ihm.
Wir gingen bald links in einen Seitengang, bald rechts, bald stiegen wir
eine enge Treppe hinauf, bald durchschritten wir einen Saal, in dem lauter
Frauenbildnisse hingen, bald kamen wir wieder durch einen Gang, der immer
enger und enger wurde, da wir uns kaum mehr durchzwngen konnten. Endlich
gelangten wir in eine ungeheuer groe Halle, in der ein trbes violettes
Licht herrschte, das irgendwo von oben hereinfiel. Mitten durch die Halle
fhrte ein endlos langer Gang, der mit schwarzgelben quadratischen Platten
belegt war. Es war eine ungeheure Einsamkeit und de um uns, wie auf einem
winterlichen Feld, fern von allem Leben. In weiter Ferne sah man etwas
Schwarzes sich nhern und bewegen. Obgleich es kaum grer war wie ein
dunkler Punkt, so hatte man doch deutlich die Vorstellung von jemandem, der
in einem flatternden Mantel heftig gegen den Wind kmpft. Stunden und
Stunden schienen zu verrinnen, immer sahen wir den Mantel auf dem Wege
flattern und wehen, aber nur ganz langsam und unmerklich schien sich die
Gestalt uns zu nhern. Ganz pltzlich sah ich dann, was mir vorher
entgangen war, da die Halle von ungeheuer hohen, grauen Sulen getragen
wurde, die wie mchtige Schfte aus dem Boden herauswuchsen. Kaum hatte ich
das bemerkt, als hinter der nchsten breiten Sule, kaum zehn Schritte von
mir, unhrbar eine Frauengestalt hervor trat, in einem flieend
dunkelgrnen Sammetkleid, das den Hals frei lie und von einem silbernen
Grtel umspannt war. Die Frau lchelte eigentmlich und schritt langsam auf
mich zu. Mit jedem Schritt aber schien sie zu wachsen und ihr Antlitz wurde
grer und grer. Sie hatte die Hnde leicht bereinandergelegt; ihre
Augen und Lippen lchelten; das offene Haar fiel ber die Schultern und den
freien Hals mit dem Brustansatz. Pltzlich wurde es mir klar, da es keine
Frau war, sondern nur ein Bild gewhnlicher Gre in einem dunklen Rahmen,
der gegen eine der grauen Sulen gelehnt stand. Gleich darauf hrte ich
hinter mir Schritte von vielen Menschen erklingen. Ich sah, da ich mich in
einer Kirche befand. Als ich mich umdrehte, gewahrte ich in einer seltsam
in dunkle, traurige Trachten gekleideten Menschenmenge, die sich vollkommen
stumm verhielt, den Mann mit dem flatternden Mantel. Er trug einen
altertmlich spitzen schwarzen hollndischen Hut, wie er im siebzehnten
Jahrhundert Mode war. Er ging an der Seite einer groen schlanken Dame, die
mir den Rcken zuwandte und nach dem Ausgang zuschritt. Pltzlich aber sah
sie an dem spitzen schwarzen Hut ihres Begleiters zu mir herber, lchelte
mir zu und winkte mit der Hand. Ich warf einen Blick nach der Sule -- das
Bild war verschwunden . . .

                   *       *       *       *       *

Als ich erwachte, fand ich mich stehend, die halbgeffnete Tr der Kabine
in der Hand. Ich konnte den Gang bersehen, auf dem ein seltsames Licht
herrschte, obgleich es dunkel war. Auf einmal sah ich einen schwachen,
phantastisch aussehenden Schatten ber die Dielen fallen und gleich darauf
bemerkte ich den Gelben, der mit seinem hastigen, verzwickten Gang, ohne
mich zu bemerken, ein groes, graues Paket unter dem Arm, an mir
vorbereilte.

Lautlos schlich ich ihm nach.

                   *       *       *       *       *

Wir kamen auf Deck.

Der Mond war spt aufgegangen und bergo das grnliche Meer mit einem
seltsam fahlen, frhen Licht.

Das Schiff lag ganz still und man hrte nur die tiefen Atemzge der
Schlafenden.

Er lehnte das Bild gegen den Reling und mit heftigen Griffen ri er das
graue Papier ab.

Das Licht des Mondes bestrahlte voll das Antlitz der Gioconda.

Er umwand das Bild mit einem der am Boden liegenden Taue, beschwerte es mit
einem Eisengewicht, hob es ber die Reling empor und lie es hinab.

Die Wasser kamen und nahmen es auf.

Er beugte sich weit ber das Gelnder, hielt das Tau fest und sah dem
versinkenden Bilde nach . . .

Da -- im letzten Augenblicke -- geschah etwas hchst Wunderbares und
Rtselhaftes.

Das Bild wandte sich eben noch einmal empor und durch das blaugrne Wasser
sah man deutlich das lchelnde Antlitz. Pltzlich war es, als begnnen die
Konturen des Bildes leise zu zittern, als zuckte es lebendig um diese
lchelnden Lippen und jetzt erhoben sich diese schrecklichen Hnde und
streckten sich empor, empor, uns zu berhren.

Mit einem Ruck warf er das Tau hinaus. Im selben Augenblick aber sprang aus
seiner Brusttasche ein langer rtlicher Dolch, klirrte auf, zischte wie ein
Pfeil ins Wasser und heftete wie ein Kreuzesnagel die sich erhebenden Hnde
auf der Tafel wieder fest . . .

Wie ein Schatten verschwand das Bild in der Tiefe.

Zwischen den blaugrnen Wellen stieg ein dnner Blutstrahl empor . . .

Sammlung abenteuerlicher Geschichten Bd. 4:

Paul Leppin

Severins Gang in die Finsternis

Ein Prager Gespensterroman

Mit Umschlagzeichnung von Richard Teschner Geheftet 2 Mark. In
Halbleinenband 3 Mark

Dieses Buch, das von der Wirrsal und Verderbnis einer von innern
Geschehnissen grausam gengstigten Knabenseele erzhlt, rechtfertigt in
mehr als einer Beziehung den Titel Gespensterroman.

Seine Kapitel sind mit einem ungeheuern, unfabaren Schrecken angestellt,
der die Geburt, die Reise und die Vollendung eines Schicksals einkreist,
das aus dunklen und schlimmen Verstecken quillt. Aus den Gesichten einer
verirrten und gestrten Kindheit lsen sich rtselhafte Gefahren los,
abgefeimte Gedanken wachsen im Zwielichte, und der Tod wird zum grotesken,
verfhrerischen Spiel eines an der eigenen Unrast verzweifelnden Mrders.
Es ist ein guter und klug psychologischer Zug, da der Autor seinen Helden
nicht an der Wirklichkeit seiner neurasthenischen Trume, sondern an einer
wrdelosen Leidenschaft zugrunde gehen lt, die seine von ratloser
Sehnsucht verheerten Sinnen mit allen Qualen der Hlle gepeinigt.

Dieser Roman, der eine bunte Folge wunderlicher Ereignisse und phantastisch
beleuchtender Figuren vor uns abrollt, ist ein Kulturdokument von
originellem Reiz. Das alte Prag mit der barocken Romantik seiner Fassaden
steigt darin auf, das seinen Mystizismus auch in der vernderten Landschaft
moderner Straen und Pltze und in der einfrmigen Physiognomie der
Vorstdte bewahrt. Die bewegliche Mischung deutscher, indischer und
slavischer Elemente findet sich hier unter einem gemeinsamen Firnis zu
einem Grungsstoffe zusammen, der absonderlichen Prozessen unterworfen ist.
Es ist eine merkwrdige Gesellschaft, in die uns der Dichter einfhrt.
Entwurzelte, die sich vom Leben treiben lassen. Philosophen, die es mit
einem Lcheln abtun. Abenteurer, die aus Passion auf den Seelenfang
ausgehen, sentimentale Zyniker mit dem Habitus der Hasardspieler. Und
mitten unter diesen Mnnern und Weibern die rhrende Gestalt Zdenkas, des
Tschechenmdchens, die neben dem kupplerischen Schatten bser Dinge mit
reinem Herzen in hilfloser Demut steht. Severins Gang in die Finsternis
ist auch der Roman ihrer Liebe. Diese Liebe, mit Sigkeit und Trnen
beschwert, geht ber alle irdischen Grenzen hinaus und gibt dem Buche
Leppins einen wunderbaren, ekstatisch vergoldeten Hintergrund.

Delphin-Verlag / Mnchen

Sammlung abenteuerlicher Geschichten Bd. 2:

A. M. Frey

Dunkle Gnge

Zwlf Geschichten aus Nacht und Schatten

Mit Umschlagzeichnung von L. Durm Geheftet 2 M. 50 Pf. In Halbleinenband 3
M. 50 Pf.

_Paul Zech im Berliner Tageblatt:_ Zu den wenigen jngeren
Schriftstellern, die das Erbe Edgar Poes mit dem richtigen Instinkt
aufnahmen und damit wucherten, gehrt A. M. Frey. Er stellt sich mit seinem
Erstling gleich in die vorderste Reihe der Erzhler dieser exponierten
Gattung von Belletristik. Er holt seine Stoffe nicht aus unkontrollierbaren
Bezirken. Der Alltag, der in seiner bunten Vielgestaltigkeit auch diese
Abseitigkeit trgt, ist fr Frey eine unerschpfliche Fundgrube. Man wird
in unerklrliche Situationen befrdert, ohne die Fahrt zu spren. Man ist
pltzlich in einem unentrinnbaren Labyrinth und wie von Polypenarmen
umstrickt. Fast jede der zwlf Geschichten bohrt ein Extrem an, das die
festen Enden der Nerven berhrt und aufpeitscht zu unerhrten Sensationen,
das Mrchenhafte ins Grausige, Exzentrische, phantastisch Verstiegene und
bermenschlich Visionre umwandelt. Man wird das Buch nicht mit einem
einmaligen Lesen abgetan haben. Es kribbelt in den Nerven weiter und setzt
Blutkreise in Bewegung, die in der Schalheit vieler Stofflichkeiten, die
den Augenblick bewegen, nur selten zirkulieren.

_Eugen Reinbold in d. Wrttemberger Zeitung:_ Neben der groenteils
originellen Erfindung bewundern wir die sichere Gestaltung, die geradezu
fesselnde Sprachkunst, die die Dinge mit persnlichem Leben zu erfllen
wei und sie philosophierend in Zusammenhang mit allgemein Menschlichem zu
bringen sucht. So mge, wer eine wirklich interessante und doch nicht rein
oberflchlich unterhaltende Lektre liebt, nach diesem Werkchen greifen.

_L. E. Kemmer in der Badischen Landeszeitung:_ Mit einer knappen
Anschaulichkeit, die oft den Eindruck einer wohlgetroffenen Farbenskizze
macht, verbindet er eine Geschlossenheit der Form, wie wir sie nur bei den
bedeutendsten Novellisten finden, und die jede einzelne der zwlf
Erzhlungen zu einem kunstvoll geschliffenen Edelstein gestaltet hat.

Delphin-Verlag / Mnchen

Sammlung abenteuerlicher Geschichten Bd. 1:

Hermann Ewein

Megander

Der Mann mit den zween Kpfen und andere Geschichten

Mit Umschlagzeichnung von A. Kubin Geheftet 3 Mark, in Halblederband 4 Mark
50 Pf.

_J. Robert im Berliner Lokal-Anzeiger:_ Das Geschichtenbuch von Hermann
Ewein: >Megander< enthlt Tragikomdien, erzhlt in einer Sprache, die
zuweilen an Gottfried Keller, fter an Jean Paul erinnert. In der Mehrzahl
der acht Erzhlungen klingt ein Motiv immer wieder an. Das Motiv vom
Rausch, vom gttlichen Rausch, der uns Vergessen bringt, aber auch
fortreit zur schpferischen Tat. Und diese Begeisterung, dieser Taumel,
diese starken phantastischen Krfte zersplittern an der braven Gemeinheit
des Alltags. Und ein zweites Motiv klingt an: von wirren Trumen und vom
Wahnsinn.

_Otto Pick im Pester Lloyd:_ Ewein gelingt es, den Leser durch rein
menschliches Interesse ber Gespenstiges und Unerklrliches
hinwegzugeleiten. Dies scheint die Novellen zu den beliebten, khl
erklgelten Geschichten vom Grauen in wohltuenden Gegensatz zu stellen: da
sie nie von auen geformt, sondern von innen heraus mit knstlerischer
Notwendigkeit erstanden sind.

_Dr. M. Schumann i. d. Augsburger Neueste Nachrichten:_ Die Sprache
Eweins ist meisterlich, und sein Standpunkt ber den Dingen kennzeichnet
sich in der Art, wie er das Spiebrgerliche, Nchterne mit seinem Spott
abtut. In dieser Sprache offenbart sich die ganze hervorragende
stilistische Begabung des Autors. Leicht beweglich, ungezwungen und doch so
wohlgeschliffen in jedem Ausdruck, gewinnt das Erzhlte bei jedem Wort an
Selbstverstndlichkeit. In dieser Sprache allein ist schon die ganze
Stimmung, die den Geschichten selbst zugrunde liegt, und all das gibt dem
Buch Eweins einen hervorragenden Wert in der Literatur der sonderbaren
Geschichten; es ist eine der wenigen Erscheinungen auf diesem Gebiete, die
eine selbstndige Bedeutung haben.

Delphin-Verlag / Mnchen

Im gleichen Verlag sind ferner erschienen:

Pbstin Johanna / Roman

von Ludwig Gorm

In Pappband 3 Mark. In Halblederband 4.50 Mark

_Univ.-Prof. Dr. Fr. Muncker in den Mnchener Neuesten Nachrichten:_ In
dem Rahmen der kulturgeschichtlichen Novelle, deren knstlerische
Geschlossenheit und straffer Aufbau imponieren, behandelt der Dichter das
Problem von dem tragischen Schicksal der Frau, die zugrunde geht, weil sie
ber die Grenzen ihrer Weiblichkeit hinaus wollte. Kein Leser wird diese
historische Novelle ohne tiefe Ergriffenheit lesen.

Jung Schuk

Ein moderner Werther-Roman von Reinhard Goering

Geheftet 3 Mark. In Leinenband 4.50 Mark

_E. Dauthendey in der Bayrischen Zeitung:_ In unserer Zeit der Flche
und Oberflche ein Buch in die Hand bekommen, das ganz und nur Tiefe ist,
berhrt wie ein Ereignis. -- Jung Schuk ist die Geschichte eines Werdenden.
Der tief ergreifende Werdegang eines Mannes, der ganz nur auf das
Innerliche gestellt, zwischen den Abgrnden der Idealitt des Wollens und
der Realitt des Mssens seinen bittren schmerzvollen Weg wandelt, auf dem
wir ihn mit tiefstem Interesse, das aus Weh und Freude seltsam gemischt,
bis zum Ende begleiten.

Johann Peter Hebel

Das Schatzkstlein

des Rheinlndischen Hausfreundes

Herausgegeben von Prof. Karl Voll, Mnchen Vollstndige Ausgabe mit 30
Abbildungen In Pappband 10 Mark. In Halblederband 14 Mark

_Vilmar in seiner deutschen Literaturgeschichte:_ Die Erzhlungen des
Schatzkstleins sind an Laune, an tiefem und wahrem Gefhl, an
Lebhaftigkeit der Darstellung vollkommen unbertroffen. Sie sind die Freude
der Jugend und die Unterhaltung des Alters und wie alle echten Natur- und
Volksdichtungen eigentlich niemals durchzulesen und auszuschpfen. --
_Hermann Hesse im Mrz:_ Eine famose berraschung sind die Holzschnitte;
sie atmen den Duft der Kaiserzeit und geben dem Buch wirklich einen neuen
Reiz und Klang, wie ein glcklich gefundener Rahmen ein altes wohlbekanntes
Bild noch heben und steigern kann.

Delphin-Verlag / Mnchen

   Buchdruckerei Hesse & Becker, Leipzig




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Section  2.  Information about the Mission of Project Gutenberg-tm

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Volunteers and financial support to provide volunteers with the
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To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.


Section 3.  Information about the Project Gutenberg Literary Archive
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The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
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http://pglaf.org/fundraising.  Contributions to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
permitted by U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
throughout numerous locations.  Its business office is located at
809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
business@pglaf.org.  Email contact links and up to date contact
information can be found at the Foundation's web site and official
page at http://pglaf.org

For additional contact information:
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     Chief Executive and Director
     gbnewby@pglaf.org


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Literary Archive Foundation

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increasing the number of public domain and licensed works that can be
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considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
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particular state visit http://pglaf.org

While we cannot and do not solicit contributions from states where we
have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
against accepting unsolicited donations from donors in such states who
approach us with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make
any statements concerning tax treatment of donations received from
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