Project Gutenberg's Die acht Gesichter am Biwasee, by Max Dauthendey

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Title: Die acht Gesichter am Biwasee
       Japanische Liebesgeschichten

Author: Max Dauthendey

Release Date: July 30, 2013 [EBook #43361]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE ACHT GESICHTER AM BIWASEE ***




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Anmerkungen zur Transkription:

Die Rechtschreibung des Originaltextes wurde beibehalten, offensichtliche
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  [Illustration: Cover]


  Max Dauthendey

  Die acht Gesichter am Biwasee

  Japanische Liebesgeschichten


  [Illustration: Signet]

  Albert Langen / Georg Mller / Mnchen


  Auflage 110000
  Copyright 1911 by Albert Langen, Mnchen
  Printed in Germany




Die acht Gesichter am Biwasee


Neue Brder sind sichtbar geworden, riefen die Japaner schon vor hundert
Jahren. Bume, die frher nur dazu da waren, Frchte und Holz zu tragen,
Flsse und Seen, die nur Fische und Seegras anboten, Hgel und Berge,
welche Steine und Metalle den Menschen hinhielten, haben jetzt Seele und
Gesicht.

Die Seelen der Landschaften sind uns herzliche Brder geworden. Sie, die
bisher unsichtbar waren, zeigen uns heute leidenschaftliche Gebrden.--

Am Biwasee, der hinter den Bergen, nahe der uralten Kaiserstadt Kioto,
liegt, haben die Japaner acht Landschaftsgesichter von unsterblicher
Leidenschaft entdeckt.

Die acht Gesichter am Biwasee heien: Erstens: Die Segelboote von Yabase im
Abend heimkehren sehen.

Die Dichter vergleichen die Seele dieses Landschaftsgesichtes mit dem
Herannahen einer liebesseligen Schicksalswende.

Zweitens: Den Nachtregen regnen hren in Karasaki.

Dieses Gesicht beschwrt die Sprache liebesseliger Vergangenheit und
liebesseliger Zukunft.

Drittens: Die Abendglocke des Miideratempels hren.

Dieses Gesicht singt das Lachen einer liebenden Frauenstimme, das weiser
macht als alle Weisheit.

Viertens: Sonnenschein und Brise von Amazu.

Dieses Gesicht spricht von Liebesberckung und Liebesbetrung.

Fnftens: Dem Flug der Wildgnse nachsehen in Katata.

Dieses Gesicht spricht von der Geheimschrift der Liebeserklrung.

Sechstens: Den Herbstmond aufgehen sehen in Ishiyama.

Beplaudert und rhrt die Wunder der Liebe an.

Siebentens: Das flieende Abendrot zu Seta.

Dieses Gesicht spricht von seliger Blindheit hitziger Liebesleidenschaft.

Achtens: Den Abendschnee am Hirayama sehen.

Die Seele dieses Landschaftsgesichtes spricht vom erhabenen Wahn
unglckseliger Liebe.




Die Segelboote von Yabase im Abend heimkehren sehen


Hanake hatte allen Krperschmuck, den ein japanisches Mdchen sitzend,
trippelnd und liegend zeigen mu, um zu den gttlichen Schnheiten der
Vergnglichkeit gezhlt zu werden. Ihr Hals war biegsam wie eine
Reiherfeder, ihre Arme kurz wie die Flgel eines noch nicht flggen
Sperlings. Sa sie auf der Matte und bereitete ihren Tee, so arbeitete sie
vorsichtig wie unter einer Glasglocke. Ging sie abends mit ihrer Dienerin
auf den hohen Holzschuhen zum Theater, so war sie unauffllig, als htte
sich ihr Krper mit der Sonne zur Ruhe gelegt, und als ginge nur ihr
Schatten mit der Dienerin und der Papierlaterne den Weg zu den Schatten.
Lag sie in der Nacht hinter den geschlossenen Papierwnden ihres Hauses mit
frisiertem Kopf auf der Schlummerrolle und zog mit den Fingerspitzen den
seidenen Schlafsack ans Kinn, so war ihr feines, vom Mond beschienenes
Gesicht vornehm, als wre es aus Jadestein geschnitten und erschien
unzerbrechlich und unvergnglich.

Hanake war das reichste Mdchen am Biwasee, nicht blo reich an der ueren
Schnheit, welche die Frauen ruhig und wunschlos macht, -- auch reich an
Besitz. Die Gtter der Vergnglichkeit hatten sie mit ihren glnzendsten
Geschenken, mit Schnheit und Geld, verwhnt. Aber auch die Gttin der
Unendlichkeit hatte ihr eine Seele in die Augen gegeben, so da ihre Augen
weinen konnten, denn die Wollust der Trne ist das hchste Geschenk dieser
Gttin.

Lange, ehe der Krieg Japans mit Ruland begann, hrte Hanake in ihrem Hause
am Biwasee von Freunden und Freundinnen, die im Sommer ber die Berge von
Kioto zum Besuch zu ihr an den See kamen, da die Fremden vom Westen wie
bse Heuschreckenschwrme in Japan erwartet wrden, um die Mnner zu tten,
die Frauen zu verschleppen und sich in das Land zu teilen. Auf dem Biwasee
wrde man dann bald Schiffe sehen, die Rauch ausstieen und die Seetiefe
mit Schrauben aufwhlten. Auf Eisen wrden bald Eisenwagen, rasselnd wie
Gewitterwolken, tglich durch Japan eilen. Diese Wagen wrden die Fremden
in Massen nach Kioto und an die Ufer des Biwasees bringen. Die leichten
Vogelkfige der Bambushuser wrden verschwinden, und Steinhuser, wie man
sie im Westen der Erde baut, wrden zum Himmel wachsen, und berall wrde
dann Rauch und Eisenlrm sein. Denn die Fremden lieben das Eisenrasseln und
knnen ohne die betubende Stimme des Eisens nicht leben: sie lieben, das
Leben als einen ewigen Krieg anzusehen. Sie sind wie Donnergtter
ungeduldig und aufstampfend, und sie werden schlimmer als Wolkenbrche und
schlimmer als Taifun Japan verheeren, so sagte man.

Hanake, die keine Eltern hatte und nur mit ein paar Dienerinnen und Dienern
noch das Haus ihres Vaters bewohnte, hrte gruselnd die Berichte ihrer
Freunde und erfand mit ihren Freundinnen kleine Spottlieder, welche die
Dmonen des Westens verhhnten, Lieder, die sie abends bei den Bootfahrten
in lampenerleuchteten Booten auf dem Biwasee sangen.

Eines Abends -- die Sonne war eben untergegangen, der See war hell, als
wre er aus Porzellan, wei und glnzend, der Himmel war golden, als htte
Hanake eine ihrer Truhen geffnet, die aus Goldlack waren, und die
Geheimfcher enthielten, -- trat Hanake auf den Landungssteg, der vor ihrem
Haus in den See reichte, und den links und rechts hohes Schilf umwiegte.

In der Richtung nach Yabase erschienen drei Segelboote. Die drei Segel
glitten wie senkrechte Papierwnde ber das abendglatte Wasser. Man sah
keine Menschen; denn jedes Segel reichte so tief, da es das Boot
verdeckte. Die aufgepflanzten Segel wurden grer und kamen nher: Hanake
fhlte eine Bangigkeit, als kmen mit den drei Segeln drei weie,
unbeschriebene Bltter aus ihrem Schicksalsbuch geschwommen, und pltzlich
las sie, als eine Sekunde von Windstille die Segel schlaff werden lie, ein
japanisches Schriftzeichen, zufllig entstanden aus den Falten jeder
Segelleinwand. Das erste Boot sagte: Ich gre dich. Das zweite Boot
sagte: Ich liebe dich. Das dritte Boot sagte: Ich tte dich.

Nach der kurzen Windstille, die knappe Sekunden dauerte, wechselte der See
seine Farbe; wie vergossene schwarze Tusche ber weies Papier lief eine
Finsternis ber die Seeflche, und ganz unvermittelt setzte ein
trompetender Seesturm ein, der alle drei Segel fast flach auf das Wasser
legte, als mte die Leinwand den Seeschaum reiben; Hanake tat einen Schrei
vor Entsetzen, da sie glaubte, die Segelboote mten unter dem pltzlichen
Wind und in den kreiselnden Wellen versinken.

Aber die drei Boote hoben sich wieder. Geschickte Hnde regierten die
Segel. Doch dieses sah Hanake nicht mehr. Sie hatte zugleich mit dem
Schrei, als das aufgeregte Schilf ihr um den Nacken schlug, einen Sprung in
die Luft gemacht wie eine elektrisierte Katze und war in das Wasser
gefallen; und als sie die Augen ffnete, sah sie ein Rudel Fische und
wute, da sie unter dem Wasser war, als wre sie selbst ein Fisch. Dann
verlor sie das Bewutsein.

Als sie aufwachte, lag sie in ihrem Zimmer. Es war Nacht, eine Kerze
brannte, und ihre Lieblingsmagd, welche Singende Seemuschel hie, kniete
neben ihr und weinte in beide Hnde. Man hatte sie umgekleidet, aber sie
roch noch das Seewasser, von dem ihr Haar na war, und sie besann sich
sofort wieder auf die drei Schiffe, und ihre erste Frage war: Sind die
drei Segelboote, die aus Yabase kamen, untergegangen?

Die Magd antwortete nicht, hrte auf zu weinen und streichelte die Hnde
ihrer Herrin, entzckt, sie wieder lebend zu sehen.

Sind die drei Segelboote untergegangen? fragte Hanake beharrlich.

Aber die Singende Seemuschel hatte keine Segelboote gesehen. Die Magd hatte
die Herrin auf dem Kies im Schilf gefunden und geglaubt, das junge Mdchen
sei von der Landungsbrcke ins Wasser gefallen und habe sich durch einen
Zufall selbst gerettet.

Schiebe die Seefenster auf, sagte Hanake zur Magd. Diese tat, wie ihr
befohlen. Drauen lagen der See und der Himmel wie ein einziges schwarzes
Loch: kein Stern, kein Mond, kein Licht auf dem See. Hanakes Fenster
schienen in einen Abgrund zu schauen, und dem jungen Mdchen war, als msse
sie zum zweitenmal ertrinken, so schmerzhaft wurde ihr die Finsternis
drauen. Und in ihrer Brust war eine Leere, so unendlich wie die Nacht ber
dem Biwasee, als habe sie einen groen Verlust erlitten, als wre mit den
drei Booten ihr Herz fortgezogen; und totenstill war das kleine Bambushaus.

Schliee die Fenster und hole mir den grauen Papagei, nicht den grnen und
nicht den gelben, -- den grauen, Singende Seemuschel, den mein Vetter mir
vor ein paar Wochen mitgebracht hat aus Nagasaki.

Die Magd gehorchte, brachte den grauen Papagei und wurde dann von ihrer
Herrin schlafen geschickt. Aber sie hrte in der Nacht bis zum Morgen, wie
Hanake ihrem grauen Papagei drei Stze lehrte: Ich gre dich! Ich liebe
dich! Ich tte dich! Und sie sah an der weien Papierwand den Schatten
ihrer Herrin aufrecht neben dem Schatten des Vogels sitzen. Und immer, wenn
der Vogel sagen sollte: Ich liebe dich!, dann lachte er so unheimlich
knarrend, da es der Magd gruselte. Whrend der ganzen Nacht lachten und
sprachen Hanake und ihr Vogel zusammen. Und ganz frh rief Hanake zwei
Dienerinnen, die sie frisierten, und Seemuschel, die Lieblingsmagd, die
alle Verstecke des Hauses kannte, mute aus dem ltesten Lackkasten zwei
winzige kostbare Satsumavasen holen, die sich in der Familie seit Hunderten
von Jahren vererbt hatten, und mute am Seeufer zwei Schwertlilien
abschneiden, eine blaue und eine gelbe. Die Vasen mit je einer Lilie wurden
von Hanake in eine Nische gestellt und ein auf weie Seide geschriebenes
Gedicht eigenhndig an die Wand gehngt. Das Gedicht hie:

    Auf dem See steht ein weies segelndes Boot.
    Mein Herz, mein leises,
    Mein Auge, mein heies, --
    Die Menschen, die einsam sind,
    Sind wie die Boote von Yabase,
    Die bla hintreiben im Abendwind.

Hanake hatte an diesem Tag allen ihren Freunden und Freundinnen absagen
lassen und sa drei Stunden vor Sonnenuntergang schon am Fenster, das auf
den See sah. Auf dem Seespiegel brannte die Sonne wie ein helles Herdfeuer,
und Hanake hielt einen Fcher zwischen sich und das grelle Licht. Aber von
Zeit zu Zeit strengte sie sich an, dem Licht zu trotzen, und suchte mit
aufmerksamen Augen die funkelnde Seeflche ab und wnschte die drei Segel
herbei, die gestern abend ihre Ruhe mit fortgenommen hatten. Auf Hanakes
Kleid waren Schwertlilien gewebt, blaue und gelbe auf silbrigem Grund, und
ihr Kopf sah aus der silbrigen Seide, als schaute er aus dem Kamm einer
hellen Welle.

Sie hatte seit gestern abend noch nicht geschlafen, und das Schauen auf die
sonnenfeurige Seeflche brannte ihr fast die Augen aus, so da sie fr
einen Augenblick die Augenlider schlo und, ohne es zu wissen, einschlief.

Sie hatte vielleicht eine kleine Stunde geschlafen, da weckte sie der graue
Papagei, der ihr auf die Schulter kletterte und ihr ins Ohr krchzte: Ich
liebe dich! und dazu schnarrend lachte.

Hanake hob das Kpfchen aus der silbrigen Seide und sah am Landungssteg
ein groes gerafftes Segel. Das war so nah an ihrem Fenster, da sie die
Segelleinwand an die Maststange klatschen hrte. Sie bog sich vorsichtig
aus dem Fenster und sah, da das Segelboot festgebunden war. Aber im Boot
war kein Mensch zu sehen.

Das ist eines der drei Boote, sagte atemstockend ihr heimkehrendes Herz.
Aber sie wute nicht, war es das erste, das zweite oder das dritte Boot.

Da trat ihre Lieblingsmagd, die Singende Seemuschel, herein und brachte
einen zusammengerollten Brief.

O Herrin, diesen Brief sollt Ihr lesen und Euch fr einen hohen Besuch
bereit halten, flsterte die Magd.

Im Brief stand: Gestern, als wir nach Sonnenuntergang bei Deinem Hause
kreuzten, schne Hanake, hatten wir das Unglck, Dich zu erschrecken, aber
auch das Glck, Dir das Leben zu retten. Und das allergrte Glck, Dich zu
sehen, um Dich nie mehr zu vergessen, wurde mir zuteil. Ich sende Dir heute
meinen treuesten Freund, der Dich gestern rettete, der Dich heute zu mir
ber den See bringen soll und in meine Arme, die Dich sehnschtig erwarten.
Ich gre Dich, Hanake.

Der Brief war unterschrieben mit dem Namen eines jungen Prinzen aus dem
kaiserlichen Hause. Und Hanake wute als guterzogene Japanerin, da es eine
ungeheure Ehre bedeutete, da ein kaiserlicher Prinz sie seiner Liebe
wrdigte, und sie lie den Freund des Prinzen sogleich zu sich herein ins
Zimmer bitten.

Die Diele zitterte, und ein prchtiger junger Mann trat ein. Hanake fiel
vor ihm auf die Kniee und berhrte mit der Stirn die Diele, wie es die
japanische Begrungssitte vorschreibt. Aber es war nicht, als ob ein
Mensch, sondern als ob ein strmisches kleines Pferd ins Zimmer gekommen
sei. Sie hrte den Mann mit beiden Fen mehrmals krftig aufstampfen, und
aus seiner Brust drangen ein paar hohle seufzende Laute.

Hanake wartete mit gesenktem Angesicht lange Zeit auf die Anrede des
kaiserlichen Gesandten, denn sie durfte sich erst erheben, wenn der
Begrte sie dazu aufforderte.

Nach einer Weile, als immer noch keine Anrede erfolgte, hob Hanake leicht
ihr Gesicht von der Diele, die noch unter den stampfenden Fen des Mannes
zitterte. Wie zwei Steine aus einer Schleuder geworfen, fielen des jungen
Mannes starke Augen in des Mdchens blinzelnden Blick. Ich liebe dich!
schrien ihr diese ungeduldigen Augen entgegen, und Hanake senkte von neuem
ihr Gesicht, das abwechselnd wei und rot wurde, von Blutflle und
Blutschwche.

Antworte! sagte pltzlich der Mann laut.

Ich liebe dich! sagte Hanake, tief auf die Diele gebeugt, als wre die
Diele ein Ohr, in das sie hineinflsterte. Zugleich fiel ihr ein, da der
Befehl Antworte! sich wahrscheinlich auf den Brief des Prinzen bezogen
habe. Aber es war nicht mehr zurckzunehmen. Ihre Lippen hatten deutlich
gesprochen: Ich liebe dich! und den zwei Mnneraugen geantwortet, die sie
gefragt hatten.

Dann fhlte sich das junge Mdchen von zwei hastigen Hnden um den Leib
gefat. Wie ein Hufchen Seide hob sie der ungeduldige Mann hoch und trug
sie aus dem Hause, den Landungssteg entlang. In demselben Augenblick hatte
sich der Abendwind erhoben, und der seidene rmel von Hanakes Kleid
bauschte sich und fiel wie eine Kapuze ber den Kopf des Mannes, der sie
auf den Armen trug. Und als Hanake aufsah, und ehe sie noch den rmel
zurckziehen konnte, erblickte sie ein zweites groes Segel, das eben an
der Landungsbrcke vorbeizog. Ein Schauder, klter als der Wind, rieselte
ihr ber die Haut. Denn in dem Boot stand ein Mann, der war kein Japaner.
Er hatte keine schne gelbe Elfenbeinhaut. Er war grau im Gesicht wie
Moder, wie ein Stein, der lange auf dem Seegrund gelegen hat, und seine
Haut war runzlig wie die Haut der Krten. Er hatte ein erschreckend gelbes
Haar. Das war hell wie Hobelspne, und seine Augen waren fischblau, und
eine unordentliche Seele blickte Hanake wirr an, als strze ein surrendes
hliches Insekt auf Hanake los und wolle sie stechen. Sie wute: es war
der Amerikaner, der abends hier am Biwasee im Uferschilf Wildenten jagte.
Morgens und abends hatte sie oft den Knall aus seiner Jagdbchse gehrt,
und dann waren, zu Tode gengstigt, kreischend und entsetzt, Scharen von
Wildenten ber Hanakes Haus fortgeflogen.

Das junge Mdchen wartete eine Sekunde; es lie das Boot des hlichen
Fremden vorbergleiten und zog dann erst den rmel vom Kopf des Geliebten.
Denn da der Mann, der sie trug, ihr Geliebter war, sagten ihr seine Hnde,
die beim Tragen Hanakes Blut anredeten und ihr von groen Zrtlichkeiten
erzhlten, die sie ihr glhend versprachen.

Nach einer Weile ging das Boot vor dem Wind, und drinnen lag Hanake mit dem
Kopf zwischen den Knien des Mannes, der wie ein Feuerdrache in Hanakes Haus
gestrzt war, und der wie ein groer Zauberer den Biwasee jetzt in ein
riesiges Seidenbett verwandelt hatte, darinnen die beiden eingebettet
lagen. Und Hanake sah das Wasser ohne Grenzen, den Himmel ohne Grenzen und
die Liebe zu dem pltzlich erschienenen Mann ohne Grenzen.

Sie fragte nicht: Wie heit du? Sein Name war ohne Namen. Sie fragte
nicht: Wohin fahren wir? Ihre Fahrt war ohne Fahrt. Das Segel stand
senkrecht zwischen Wasser und Himmel, und sie wute, das Segel hatte ein
Spiegelbild unten im See, so wie ihr Gesicht im Scho des Mannes das
Spiegelbild des geliebten Gesichtes geworden war.

Das Segelboot glitt nah am Schilfufer hin. Das Mdchen verstand: der Mann
vermied es, auf die Hhe des Sees zu segeln, damit nicht Boote, die von
Yabase kmen, ihnen begegneten.

Da knallte ein Schu im Rhricht, und braune Wildenten strichen aus dem
Schilf heraus aufkreischend ber die Seeflche. Ein zweiter Schu schallt,
und Hanakes Geliebter wirft die Arme in die Luft, springt auf, wie von
einem Strick in die Hhe gerissen, und strzt kopfber in den abenddunkeln
See. Kein Schrei; nur das Aufklatschen des Wassers und der Hall der Schsse
am Ufer des Biwasees entlang springt durch die Stille. Hanake greift
unwillkrlich mit beiden Hnden ber den Bootrand in das Wasser, wohin der
Geliebte verschwand, und als sie die Hnde aus dem Wasser zieht, sind sie
blutig. Sie fllt lautlos auf den Boden des Bootes, das im Winde
weitertreibt.

Hanakes Diener sehen vom Fenster, da das Boot, in dem die Herrin
fortfuhr, drauen nicht weit vom Ufer steuerlos im Kreise treibt und da
ein anderes Boot aus dem Schilf heraus die Seewlbung ersteigt und hinter
dem Wasser verschwindet. Ein paar der Diener schwimmen hinaus und bringen
das Boot mit der ohnmchtigen Hanake an den Landungssteg.

Zur gleichen Stunde wie am vorhergehenden Abend liegt Hanake ohnmchtig in
dem Zimmer, das auf den See geht, bei derselben Kerze, die gestern brannte,
sitzt ihre Lieblingsmagd, die Singende Seemuschel, und wartet auf das
Erwachen ihrer Herrin.

Als diese gar nicht zu sich kommen will, kommt die Magd auf den Einfall,
den grauen Papagei zu holen, der von den drei Stzen immer nur den einen
gelernt hat: Ich liebe dich. Als sie den Vogel neben die Kerze in das
Gemach bringt, schreit er sofort: Ich liebe dich! Da zuckt das Gesicht
der ohnmchtigen Hanake zusammen, als habe ihr einer einen unendlichen
Schmerz angetan. Ihre Lippen seufzen tief auf, ihr Gesicht verndert die
Farbe und wird wie Asche im Aschentopf, der neben der Kerze steht. Die Magd
beugt sich erschrocken ber ihre Herrin, und wie sie noch zweifelt: Ist das
der Tod, der Hanake so entfrbt?, da schttelt der Papagei sein Gefieder,
schlgt mit den Flgeln um sich und schreit pltzlich und unvermittelt:
Ich tte dich!

Die Singende Seemuschel starrt entsetzt den Vogel an, dessen groer
Schatten vor der Kerze wie der Schatten eines mchtigen, schwarzen Segels
ber die Wnde des Gemaches fliegt.

Die Magd greift mit beiden Hnden nach dem um sich schlagenden Papagei. Der
Vogel schreit zum zweitenmal: Ich tte dich! Die Hnde der Magd packen
das Tier und drcken dem Papagei den Hals zu, damit er nicht zum drittenmal
das schauerliche Ich tte dich! schreien kann. Der Vogel verdreht seine
Augen, lt mit einem Ruck die Flgel schlaff hngen, spreizt die Krallen
und hngt als lebloser Vogelbalg in den Hnden der Magd.

Hanake schlgt die Augen auf. Die Magd wirft die Vogelleiche auf die Diele
und ruft:

O Herrin, Ihr kommt wieder! Ihr wart weit fort!

Hanake richtet sich auf, sitzt auf der Diele und sagt in Gedanken:

Ich glaube, ich komme von den Toten.

Dann sprach sie lange nicht mehr. Sie sah nicht den toten Papagei. Sie
weinte nicht ber den Tod ihres Geliebten. Sie lie sich von der Magd
umkleiden, und als ihr diese ein Hauskleid bringen wollte, sagte sie, und
ihre Augen sahen durchdringend durch die geschlossenen Wnde des Hauses:

Ich sehe im Abend Boote von Yabase kommen. Ich sehe, man bringt mir ein
rotes Scharlachkleid, wie es die Hofdamen tragen. Aber die hundert Segel,
die jetzt von Yabase kommen, zeigen in den Segelfalten keine Schriftzeichen
mehr. Jedes Segel ist glatt wie eine leere Hand. Hundert leere Hnde kommen
in mein Haus.

Bringe mir ein weiseidenes Unterkleid, Singende Seemuschel, damit ich das
rote Scharlachkleid, das man mitbringt, darber ziehen kann.

Die Magd widersprach ihrer Herrin nicht. Sie ffnete nur ein wenig die
Schiebewand nach dem See. Aber sie sah keine Lichter von Booten in der
Nacht drauen, kein Bootskiel rauschte im Wasser, nur das Schilf zischte
unten um das Haus und in der Ferne um den Landungssteg.

Hanake ist hellsehend geworden, dachte die Magd. Dann ging sie durch die
Kammern des Hauses nach den Wandschrnken, wo die Kleider gefaltet in
groen Lacktruhen lagen. Sie lie sich von zwei Mgden leuchten. Und die
eine Magd erzhlte halblaut:

Wit ihr schon, unsere Mnner, die zur Nachtzeit aus Yabase herberkamen,
sagten, man erzhlte sich in allen Teehusern, da der Freund eines
kaiserlichen Prinzen von einem Europer auf dem See erschossen worden sei.
Der blutige Krper des Toten wurde in Yabase auf den Kies gesplt, und
heimkehrende Boote haben gesehen, wie der fliehende Europer, der Wildenten
im Schilf gejagt hat, durch einen Fehlschu den Freund des Prinzen ttete.
Der Prinz selbst kam dann an das Ufer, wo die Leiche seines Freundes lag.
Der Prinz hat seinen Freund lange angesehen, aber nicht geweint, sagen die
Leute. Er hat gefragt, ob in der Nacht noch jemand ber den See fhrt; und
als er hrte, da unsere Mnner noch ber den See fuhren, sandte er eine
kleine Kleidertruhe und lie sie in das Boot unserer Mnner stellen. Die
Truhe ist fr Hanake. Morgen, ehe die Sonne im Mittag steht, wird der Prinz
selbst zu Hanake kommen, sagte ein kaiserlicher Diener heimlich zu unsern
Mnnern.

In der Truhe ist ein rotes Scharlachkleid fr Hanake, sagte die Singende
Seemuschel zu den Mgden.

Woher weit du das? fragten beide Mgde erstaunt. Niemand durfte bis
jetzt in die Truhe sehen.

Wir wissen das bestimmt, nickte die Gefragte.

Sie nahm das weiseidene Unterkleid ber den Arm und schickte die Mgde in
die Kche.--

Am nchsten Tag um die Mittagstunde kam ein Segel auf Hanakes Haus zu.

Die Singende Seemuschel sagte zu Hanake, die im Purpurkleid auf der Altane
sa und wei und rosa geschminkt war, so dick gepudert und geschminkt, als
verbrge sie das Gesicht hinter einer rot und weien Maske:

Das ist nicht der Prinz, der da kommt. Denn ich sehe nur _ein_ Segel,
Herrin, und Ihr sagtet gestern nacht voraus, es wrden hundert Segel
kommen. Alles, was Ihr sagtet, als Ihr von den Toten erwachtet, ist
eingetroffen. Wenn aber der Prinz nur in _einem_ Boot kommt, dann habt Ihr
Euch geirrt, weil Ihr von hundert Booten gestern redetet.

Schweig und empfange den Prinzen, sagte Hanake mit einer fast mnnlichen
Stimme, die die Magd nie an ihr gehrt hatte. Geh mit allen Mgden und
allen Dienern dem Prinzen zur Landungsbrcke entgegen, denn ich kann noch
nicht gehen, meine Fe zittern noch. Ich kann den Prinzen nur hier im
Hause empfangen.

Als ich im Tode lag unter den Toten, aber mit meinem Geliebten nicht
vereinigt war, fragte meine Seele alle Toten:

'Was habe ich getan, da ich meinen Geliebten nicht unter den Toten finde?'

'Du hast noch dem Leben verweigerten Gehorsam zu geben,' sagten die Toten,
und ich erwachte wieder.

Ich wei es, ich habe gefrevelt. Ich habe meinen Leib einem Prinzen, einem
Sohn des Himmels, entziehen wollen und habe einen andern Mann umarmt. Aber
der Geliebte konnte meinen Leib nicht mit in den Tod nehmen weil ich erst
lernen mute, dem Leben zu gehorchen.

Die Magd weinte ber Hanakes Worte. Aber Hanake verbot es ihr und sagte:

Wir wollen nicht neuen Ungehorsam auf dies Haus laden. Ich darf nicht
weinen, wenn ich auch bis an die Augen voll Trauer bin. Meine Fe aber
zittern, und ich kann dem Prinzen nicht entgegen gehen. Ich kann meine Fe
noch nicht zum Gehorsam zwingen.

Wenn der Prinz dich fragt: 'Wo ist Hanake?', sage, und la dir nichts
merken, sage: 'Verzeihung, Sohn des Himmels, meine Herrin trauert um ihren
toten Lieblingspapagei. Aber wenn meine Herrin des Prinzen Angesicht sieht,
wird ihre Trauer zur Freude werden und doppelt glnzen, wie dein weies
Segelboot, o Herr, im Biwasee.'--

Und wie der Schiller auf starrem, poliertem Porzellan glnzte Hanake bis
zum Abend, so lange der Prinz in ihrem Hause war und mit ihr spielte. Und
auch als sie ihr Scharlachkleid ffnete und ihren kleinen weigepuderten
Leib nackt in die Arme des Prinzen legte, sang sie Lieder und zwitscherte
mit den Lippen. Der Prinz sagte am Abend:

Dein Leib ist mir lieb, weil er khl ist wie die Schneeflocken und mich
aufweckt wie die Klte am Wintermorgen.

Und nun singe mir noch zum Abschied das Lied vom Biwasee, das nur auf weie
Seide geschrieben werden darf.

Die Singende Seemuschel sa hinter der Papierwand im Nebenzimmer, wo sie
die Gitarre spielen mute, so lange der Prinz die nackte Hanake umarmte.
Aber als die treue Magd hrte, da der Prinz das Lied von ihrer Herrin
verlangte, das nur eine sehnschtig Liebende singen darf, da konnte sie
sich nicht mehr des Schluchzens erwehren. Und whrend die Hnde der
Singenden Seemuschel auf der Gitarre spielten, wimmerte ihre schluchzende
Brust.

Hanake, die in ihr Scharlachkleid schlpfte, raschelte mit der Seide, damit
der Prinz das Wimmern der Magd nicht hre. Dann wollte sie singen. Aber der
Prinz fragte, ehe sie begann:

Weint jemand hinter der Wand?

O nein, lchelte Hanake, das sind nur Brieftauben, die ich in einem
Kfig halte, und ihre Krpfe glucksen, weil sie zu viel gefttert wurden.

Singe jetzt! sagte der Prinz.

Das Wimmern hinter der Papierwand verstummte, und Hanake sang das Lied:

    Auf dem See steht ein weies segelndes Boot.
    Mein Herz, mein leises,
    Mein Auge, mein heies, --
    Die Menschen, die einsam sind,
    Sind wie die Boote von Yabase,
    Die bla hintreiben im Abendwind.

Hanake hatte whrend des Singens ihren Kopf in den Scho des Prinzen gelegt
und mit offenen Augen zur Decke gestarrt. Ihr Krper war in derselben
Stellung wie an jenem Abend auf dem Biwasee im Boot, als sie mit dem Kopf
im Scho ihres Geliebten gelegen.

Pltzlich fhrt Hanake, wie von einem Schu getroffen, auf. Sie wirft die
Arme in die Luft und fllt ohne Aufschrei auf die Diele, wo sie in tiefer
Ohnmacht liegen bleibt.

Der Prinz wird bla. Auf seinen Ruf kommt die Magd hinter der Papierwand
vor. Der Prinz sieht die verweinten Augen derselben und denkt, da Magd und
Herrin wirklich in Trauer seien ber den toten Papagei. Er ist erstaunt
darber und sagt: Deine Herrin ist noch schwach von Trauer ber ihren
toten Papagei. Pflege deine Herrin; und wenn sie aufwacht, sage ihr, ich
kme morgen abend und hundertmal wieder.

Die Magd verneigt sich vor dem Prinzen, sie verbirgt ihre verweinten Augen
und lgt:

Sohn des Himmels, verzeiht meiner Herrin! Aber der Tod ihres Papageis ging
ihr nicht so sehr zu Herzen wie jetzt der Abschied von Euch. Die Trauer
darber hat sie gleich einer Ohnmacht berfallen.--

Als Hanake wieder zu sich kommt, sieht sie fern im Abend ber dem Biwasee
das verschwindende Segel des kaiserlichen Bootes, und das Kielwasser treibt
eine lange schwarzlinige Welle von der Mitte des Sees bis an Hanakes Haus.

Hanake murmelt: Die Magd sagt: hundertmal wird er wiederkommen! Ich will
lieber _hundert_ verschiedene Mnner umarmen, ihr Gtter! Erlat es mir,
_einem_ Mann Liebe heucheln zu mssen _hundertmal_ hintereinander. Ich
schwre euch: ich will mich lieber auf dem Liebesmarkt zu Tokio hingeben,
wo fnftausend Mdchen sich jede Nacht einem andern Mann anbieten. Aber
erlat mir, o Gtter, die Qual und bindet mich nicht hundert Nchte an den
einen Mann, der sich einredet, da ich ihn liebe.

Die untergehende Sonne schminkte den Himmel wie das Gesicht eines
Freudenmdchens. Karminrosig und violett silbrig frbten sich alle Wolken
ber dem Biwasee, wie die fnftausend Mdchengesichter auf dem Liebesmarkt
zu Tokio.

Dann hrte Hanake lautes Gelchter, laute Mnner- und Frauenstimmen, das
Rderrasseln von kleinen Rikschawagen und das Geschrei von Kulis. Eine
Schar ihrer Freunde und Freundinnen war in Wagen und Tragsesseln von der
Landstrae hergekommen und rief jetzt von drauen ins Haus nach Hanake.
Dann drngten die Gesichter ihrer Freunde und Freundinnen in das
Nebenzimmer, und Hanakes Gesicht wurde wieder hflich und freundlich und
unbeschrieben wie eine weie Eierschale.

Sie warf noch rasch einen Blick aus dem Fenster. Das Segel des kaiserlichen
Bootes war hinter der Seehhe verschwunden. Der See lag gradlinig, und nur
wie eine kleine, schwarze Schnur zog sich am Horizont das Kielwasser des
verschwundenen Bootes hin. Die Kielwelle erreichte nicht mehr Hanakes Haus
und verlor sich wie ein abgerissenes Band drauen auf der Seeflche.

Hanakes Herz war leichter. Sie trat aus dem Seegemach in das
nebenanliegende Gemach, in das die Freunde hereindrngten. Das Haus war
jetzt voll von zwitschernden Frauenstimmen und gurgelnden Mnnerkehlen, die
den Atem auf japanische Sitte laut und achtungbezeugend einzogen.

Nachdem alle eine Weile voreinander auf den Knien gelegen hatten und sich
verbeugt hatten, rutschten alle zusammen, bildeten einen Halbkreis um
Hanake und hockten auf den Seidenkissen am Boden, und das Zimmer war laut
wie ein Baum, in dem eine Sperlingschar plaudert.

Gerchte, da ein kaiserlicher Prinz sich nach Hanake umshe, hatten sich
bei den Freunden verbreitet; aber niemand wute Genaues, und niemand wute
vom Besuch des Prinzen. Alle waren des Mordes wegen gekommen, der sich auf
dem See in der Nhe von Hanakes Haus ereignet haben sollte. Sie wollten
wissen, ob Hanake den Schu gehrt habe? Ob der Europer fehlgeschossen
oder auf den Japaner gezielt habe? Ob Hanake damals am Fenster gestanden
habe? Und ob nach dem Schu das Seewasser rot von Blut gewesen sei?--

Hanakes Gesicht verlor keinen Augenblick die starre Politur. Die Magd hatte
ihr, als sie aus der Ohnmacht aufgewacht war, das Scharlachgewand
ausgezogen und ihr ein blaues Gewand gereicht, auf dem nur Seewellen und
Wolken eingewebt waren, und hatte die Schminke und den Puder erneuert und
den klingenden Haarschmuck in ihrem Haar fester gesteckt, als man das
Herannahen der Freunde hrte.

Jetzt reichten die Singende Seemuschel und die anderen Mgde den Gsten Tee
und Pfefferminzzucker herum und kleine, winzige Kuchenwrfel.

Als die Schar der Fragen sich wie eine Dornenhecke um Hanake aufbaute,
suchte die Singende Seemuschel nach einem rettenden Gedanken, um ihrer
Herrin zu helfen. Sie lief fort, holte den toten Papagei, kam wehklagend
herein und sagte:

Ach, Herrin, seht, der Papagei liegt im Sterben!

Aber wie war sie verblfft, als Hanake sie abwies und lchelnd zu den
Gsten sagte:

Ich glaube, meine Magd ist irrsinnig geworden von der Ehre, die uns heute
widerfuhr. Sie zeigt mir den Papagei, der seit gestern tot ist, und der uns
heute schon helfen mute, einen kaiserlichen Prinzen zu belgen.

Im Zimmer wurde es still, wie wenn alle Spatzen aus einem Baum fortgeflogen
sind.

Alle Gste verstanden, da der Prinz dagewesen war, alle verstanden, da
Hanake ihn nicht liebte; und da man einen Prinzen belgen knnte, war
ihnen auch noch verstndlich. Aber welch ein Frevel, laut ber den Sohn des
Himmels zu spotten und einzugestehen, da man ihn belogen hatte!

Als wren allen Gsten die Teetassen aus den Hnden gefallen, und als wre
der Tee vergossen, so erschrocken saen alle und starr. Keiner rhrte mehr
einen Teeschluck an. Und als Hanake mit kalten, glitzernden Augen sagte:

Der Prinz wird nicht von dieser Lge sterben. Ich bin auch nicht an seiner
Liebe gestorben, -- da schlossen die Freundinnen vor Schreck ihre Augen.
Die Mnner richteten sich auf, und wie eine Schar Krebse, die nach
rckwrts krabbelt, verlie die Freundesschar das Gemach, teils aus Furcht,
weil in diesem Haus gegen den Sohn des Himmels gefrevelt wurde, teils
erschrocken, vor Hochachtung, weil die Luft hier noch voll sein mute von
der Leidenschaft und der Nhe des kaiserlichen Prinzen.

Unter kaum hrbar gewisperten Entschuldigungen verlieen die letzten das
Haus, bestrzt und eilfertig, als wren die Zimmer des Hauses voll Feuer,
das sie alle verbrennen knnte.

Hanake aber lie das Zimmer aufrumen, lie sich von der Singenden
Seemuschel eine Schlummerrolle unter das Genick schieben, streckte sich auf
der Diele aus und schlief fest ein.

Am nchsten Abend erschien ein Segel auf der Seehhe. Es kam wie ein
selbstbewuter Schwan lautlos auf Hanakes Haus zugeschwommen. Aber die
Landungsbrcke bei dem Hause blieb leer. Nur die Kpfe der Schilfblten
bewegten sich und verneigten sich vor dem kaiserlichen Boot und vor dem
Prinzen, der ans Land stieg.

Die Papierfenster und die Bambustren von Hanakes Haus waren geschlossen
und ffneten sich nicht, als der Prinz klopfen lie. Wie eine Laterne ohne
Licht lag am See das gegitterte Holzhaus mit den weien Papierscheiben. Ein
vorberfahrender Schiffer in seinem Boot sagte den Leuten des Prinzen, da
Hanake am Morgen alle ihre Dienstboten entlassen habe. Sie habe ihr Haus
zugeschlossen und sei nur mit einer Magd auf ihrem Segelboot in den See
hinausgefahren; aber niemand wute, wohin die Fahrt gegangen.

Das kaiserliche Boot kreuzte die ganze Nacht auf der Seeflche in der Nhe
von Hanakes Haus. Aber die Papierfenster des Hauses blieben dunkel, und das
lautlose kaiserliche Boot verschwand gegen Morgen hinter der Seehhe.

Am nchsten Abend kamen hundert kaiserliche Segelboote von Yabase. Sie
kamen an wie hundert weie Fcher, die sich ber den See spannten. Sie
kreuzten ber den ganzen Biwasee, whrend der ganzen Nacht, von Ozu bis
Yabase, von Karasaki bis Katata, von Seta bis Amazu. Und als leuchteten sie
in die Unterwelt des Sees, so zogen sie die hellen Scheinbilder der
hundert weien Segel durch die Seetiefe nach sich.

Die nchsten Abende wiederholte sich das Schauspiel der hundert Segelboote,
die Hanake suchen sollten, und die sich durch den Seenebel verteilten wie
hundert weie Seidenspinnerschmetterlinge, die in einem grauen, riesigen
Spinnenwebnetz hngen geblieben wren.--

Jede kleine japanische Stadt erffnet abends einen Liebesmarkt, der sich
Yoshiwara nennt. Der Yoshiwara in Tokio ist einer der grten Liebesmrkte
in Japan, wo die schnsten Mdchen vom Inland und aus allen Provinzen
zusammenkommen, wo sich verwaiste Mdchen vom Ertrag der Liebe zu ernhren
suchen, wo verarmte Mdchen mit dem Erls der Liebe ihre alten Eltern zu
erhalten suchen. Auf diesen Liebesmrkten verkauft sich die Liebe natrlich
und schandlos.

Unschuldig und feurig, wie die Sterne der Milchstrae nachts am Himmel,
beleuchten sich nach Sonnenuntergang die schngepflegten, sauberen und
breiten Straen des Liebesmarktes. Das groe eiserne Gitter, das den
Stadtteil des Liebesmarktes von der Stadt trennt, steht, von Polizisten
bewacht, weit offen. Hinter dem offenen Tor, in der Mitte der
Eingangsstrae, zieht sich im Frhlingsabend eine rosige Wolke hin durch
die Luft: die rosigen Blten blhender Kirschbume, welche in der Mitte der
Straenlinie eingehegt stehen.

Links und rechts von der Strae beleuchten die kleinen, einstckigen Huser
mit milden, weien, langen Lampionketten ihre Balkone.

Lautlos und feierlich und ruhig beleuchtet, liegt hier der Weg offen zu den
fnftausend Mdchenschnheiten. In den weiten Seitenstraen, welche die
Eingangsstrae kreuzen, beginnt der Liebesmarkt. Hier stehen saubere,
ebenfalls mit weien Lampenketten erleuchtete Huser. Die Erdgeschosse
aller dieser Huser zu beiden Seiten der Strae zeigen groe, offene,
vergoldete Gemcher. Die sind durch hlzerne Gitterstbe wie goldene Kfige
von der Strae getrennt und innen beleuchtet von elektrischen Glhbirnen.

In jedem langen Gemach sitzen in einer Reihe der Strae entlang dreiig bis
fnfzig junge, schmalschultrige Mdchen, in blumige kostbare Seidengewnder
gehllt. Jede sitzt auf einem kleinen Seidenkissen, wie ein Schaustck in
einem Schaufenster.

Die langen Reihen der weigepuderten und rosageschminkten Gesichter, unter
schwarzen, hohen Frisuren, die mit goldenen Nadeln bedeckt sind, enden
nicht. Und Viertelstunde um Viertelstunde kannst du durch die Straen
gehen, vorber an den Heeren der Tausende von jungen Mdchen.

Die Wnde jedes Gittergemaches sind schwer geschnitzt. Aus Goldlack und
rotem Lack stehen lebensgroe Bume darin, springen lebensgroe Tiger und
Drachen an den Lackwnden entlang, fliegen lebensgroe Kraniche und
Paradiesvgel, grer als die kleinen Mdchen, an den Wnden der Gemcher
hin.

Wie dreiig weie Perlen, in einer Reihe aufbewahrt in einer goldenen oder
roten Truhe, leuchten perlenwei die eirunden gepuderten Mdchengesichter
in jedem Gemach. Mal sitzen da dreiig in eisvogelblauen Gewndern, mit
scharlachnen Blumen bestickt, mal dreiig in smaragdgrnen Gewndern, mit
karmoisinroten Blumen bestickt, mal fnfzig in weien Gewndern, mit
regenbogenfarbigen Schmetterlingen bestickt, mal fnfzig in schwarzen
Gewndern, darunter die Schleppen von rosa-, grn- und blauseidenen
Gewndern abgestuft vorschauen.

Jedes Mdchen hat neben sich einen groen Porzellantopf, darin Holzasche um
Kohlenglut liegt. Sie rauchen kleine silberne Pfeifen, in die nur eine
Prise Tabak geht, nicht mehr, als Daumen und Zeigefinger zu einer kleinen
Tabakkugel drehen knnen, und znden diese mit einem Stckchen Kohle in
feiner, silberner Zange an. Die eine frisiert sich vor ihrem kleinen
Spiegel; die andere schreibt mit einem Tuschepinsel auf ihrem Scho auf
einem langen Reispapierstreifen einen Brief; die nchste trinkt Tee aus
einer fingerhutgroen Tasse; und wieder eine fchelt sich, und wieder eine
andere liest in einem kleinen Bchlein einen Roman. Eine zupft eine
Mandoline, und eine andere wispert ein Lied dazu. Eine kommt an das Gitter
getrippelt, hebt vorsichtig ihre drei Schleppen, winkt vorsichtig ein paar
Fremden; eine andere kommt an das Gitter und plaudert mit Mutter und
Geschwistern, die zum Besuch auf der Strae stehen, freundlich und
bescheiden.

Eine vielhundertkpfige Menschenmenge, Mnner, Soldaten, Frauen und Kinder,
ziehen gesittet, flsternd und lchelnd, mit hell beschienenen Gesichtern,
durch die erleuchteten Straen, vorber an den vergitterten Gemchern der
Erdgeschosse. Und stundenlang bis nach Mitternacht wandern die Volksmengen
jeden Abend vor den fnftausend Mdchen auf und ab, stehen als Besucher an
den Gittern, treten als Besucher in die Huser, kaufen sich Gesang, Musik,
Tanz und Liebe, nachdem jeder Mann auf der Strae unter den Dreiig eines
Gemaches seine Wahl getroffen hat.

Hier in eines der Huser des Tokioyoshiwara trat Hanake mit ihrer Magd ein
und blieb hundert Nchte, um hundertmal ihren Leib zu verkaufen, wie sie es
den Gttern versprochen hatte, um sich dadurch frei zu kaufen von dem
Gehorsam gegen den Sohn des Himmels.

Sie verkaufte sich jungen Mnnern, welche die Liebe kennen lernen wollten,
und alten, von der Lebenssorge abgetteten einsamen Mnnern, welche die
Liebe noch einmal erleben wollten, ehe sie starben; sie verkaufte sich den
in den Krieg gehenden Soldaten und den aus Schlachten heimgeschickten
Invaliden; sie verkaufte sich Studenten, Handwerkern, Adeligen und Kulis.
Nur den Auslndern, den Europern und Amerikanern, verweigerte Hanake ihren
Leib.

Aber eines Abends kam ein junger Amerikaner, ein hbscher Marineoffizier,
in das Haus und forderte fr sein gutes Geld vom Hausbesitzer Hanake. Es
war in den Tagen, da die amerikanische Flotte im Hafen von Yokohama lag und
die Amerikaner der japanischen Nation einen Ehrenbesuch machten. Vom
Stadtgouverneur war der Befehl ergangen und an den Straenecken
angeschlagen: Japaner! Ihr drft nicht vor den Europern ausspucken! Ihr
drft ihnen auch keine Stcke in den Weg werfen, da sie stolpern. Auf den
Straen sollt ihr nicht zu dicht neben den Europern gehen, immer drei
Schritte von ihnen weg. Ihr sollt alle europischen Barbaren berhaupt
hflich behandeln, als wenn sie gesittete Asiaten wren. In den
Besuchstagen der amerikanischen Flotte soll kein Mdchen in den Yoshiwaras
sich einem Auslnder verweigern drfen.

Hanake verweigerte sich trotzdem. Und da es gerade die hundertste Nacht
war, in der sie den Gttern abgedient hatte, floh sie mitten in der Nacht
samt ihrer Magd durch eine Hintertr aus dem Yoshiwarahause, lie ihre
Kleidung und ihren Schmuck zurck und eilte in ihren Alltagskleidern aus
dem Yoshiwara. Verhllt und unbemerkt, entkam sie im Gedrnge der
vielhundertkpfigen Menge. Sie trug nichts bei sich als einen kleinen Vogel
in einem winzigen Kfig.

Eines der Mdchen in dem Yoshiwara hatte ihr eine Stunde vor der Flucht den
Vogel verkauft, eben als der amerikanische Offizier in das Haus trat. Im
Schreck der Flucht hatte Hanake den Vogelkfig krampfhaft in der Hand
behalten, ohne ihn loszulassen.

Der Vogel war ein Nachtigallenmnnchen und sa verblfft in dem kleinen
Kfig, denn er war eben erst von seinem Weibchen, mit dem er einen andern
Kfig geteilt hatte, getrennt worden.

Die beiden Frauen wollten den Vogel unterwegs fttern, aber er fra nicht.
Sie reisten beide mit dem wunderlichen Vogel in der Nacht mit dem nchsten
Zug nach dem Biwasee und kamen am nchsten Mittag wieder in Hanakes Haus am
See an.

Die Magd ffnete die Fenster und lie frische Luft durch die Kammern
streichen. Es war Herbst geworden, und mit jedem Luftzug flogen welke
Bltter von den Uferbumen herein.

Das Seewasser zeigte nicht mehr die blaue Sommerfarbe, es war tiefgrn. Die
Sonne stand schrg und warf gespenstige Schatten. Das lebhafte Schilf war
abgemht, und die Stoppeln standen lautlos und tot.

Aber Hanake wurde von der Herbstwelt nicht traurig gestimmt. Das Leben im
Yoshiwara ging noch in lauten Bildern durch ihr Blut. Sie war tglich
hundertmal bewundert worden, hatte hundertmal gefallen, hatte
hunderttausendmal lachen mssen, ohne lachen zu wollen, war hundertmal
umarmt worden, ohne eine Umarmung zu ersehnen. Die Bewunderung war ihrem
Krper zur Gewohnheit geworden. Hanake wute jetzt fast nicht mehr, warum
sie einst aus diesem Hause hier am See fortgegangen war. Sie hatte den Tag
mit dem Prinzen beinah ganz vergessen, sie hatte kaum noch den Abend mit
dem Geliebten in Erinnerung. Sie hrte nur noch den Schu im Ohr und sah
sich noch im Boot auf dem Schoe ihres Geliebten liegen, wenn sie wollte.
Aber sie konnte sich nicht mehr des Gesichts ihres toten Geliebten
erinnern, nicht mehr seine Stimme erinnernd zurckrufen. Die Hunderte von
Gesichtern und Stimmen, die im Yoshiwara Hanake bewunderten, hatten das
Gesicht und die Stimme des Geliebten aus ihrer Erinnerung verdrngt. Hanake
war auch darber nicht traurig, nur verwundert.

Es wurde Abend. Die Magd hatte das Haus bestellt. Da bemerkte Hanake das
kleine halbtote Nachtigallenmnnchen im Kfig und dachte: Ich will dich
fliegen lassen, kleiner Vogelmann. Vielleicht fliegst du zurck ins
Yoshiwara nach Tokio zu deinem Weibchen.

Sie ffnete den Kfig. Da scho der kleine Vogel heraus. Aber anstatt aus
dem offenen Fenster zu fliegen, warf er sich wie ein Wtender in Hanakes
Frisur und ri wie wahnsinnig geworden mit den beiden kleinen Krallenfen
in den Haaren des erschrockenen Mdchens und fiel dann wie tot an Hanake
herunter auf die Diele.

Hanake zitterte vor Schreck und sank in die Knie. Sie verstand, da das
Vogelmnnchen, das sie von dem Weibchen getrennt hatte, sich an ihr rchen
wollte und vor wtender Aufregung gestorben war.

Hanake hielt die Finger an ihr schmerzendes Haar. Aber es war, als sei der
Liebesschmerz des Vogels in ihr Herz gedrungen und habe auch in ihrer Seele
wieder alle Liebeserinnerungen geweckt.

In der Ferne auf dem See tauchten drei Segel auf. Sie zogen der Seelinie
entlang, langsam, und verschwanden. Hanake erkannte, als sie vom See weg
auf die weie Wand ihres Zimmers sah, pltzlich wieder in der Erinnerung
das Gesicht ihres Geliebten. Sie schauderte vor Entzcken.

Sie wollte das Gesicht des Geliebten mit ihren Augen auf der weien Wand
festhalten. Aber die Gesichtszge verschwanden, und die Erinnerung erlahmte
wieder, und Hanake wurde verstrt und tief traurig.

Kleiner Vogel, seufzte Hanake, zeige mir den Weg zu meinem Geliebten!

Der kleine Vogelkrper zuckte pltzlich auf der Diele zusammen und
flatterte taumelnd an die Papierwand. Dort stand in einer Nische neben
einer Blumenvase ein winziger Lackkasten. Der um sich schlagende Vogel warf
das Lackkstchen aus der Nische. Die winzige perlmutterbeschlagene
Schublade des Kstchens fiel heraus, und der Vogel strzte dann tot zur
Diele. Aus der offenen Schublade aber flatterten im Windzug ein paar
Seidenpapiere zu Hanake hin.

Zwischen den Seidenpapieren lagen kleine Stckchen des platten
Schaumgoldes, womit die Japaner ihr Briefpapier schmcken. Aber Hanake
verstand auch den tdlichen Wert, den das Schaumgold fr den Lebensmden
hat. Rasch entschlossen, legte sie sich ein paar Blttchen des
dnngefalzten Rauschgoldes auf die Lippen, tat ein paar Atemzge und hllte
ihr Gesicht in die rmel ihres Kleides. Dann sank sie erstickt auf die
Diele am offenen Fenster hin.




Den Nachtregen regnen hren in Karasaki


Kiri war der einzige Sohn der Wolke vor dem Mond, -- so hie seine
Mutter. Sein Vater war Fischer, und auer einem Kahn und den
Fischfanggerten und einer kleinen, struppigen Strandhtte besaen Kiris
Eltern nichts.

Doch wir sind reicher, sagte Kiri immer, reicher als die
Reisfelderbesitzer in den Bergen am Biwasee, reicher als die Kaufleute von
Ozu. Unser Besitz ist grer als die Hauptstadt Kioto. Denn uns
Fischersleuten gehrt der ganze Biwasee und alles was darin ist; der
Biwasee ist unser Knigreich.

In Karasaki verspotteten die Mdchen den Kiri, der stets den Biwasee als
sein Eigentum aufzhlte, wenn man von Geld und Vermgen sprach; und sie
nannten ihn den Fischknig von Karasaki.

Aber immer am ersten April, wenn alle Huser eine Bambusstange aufs Dach
oder vor die Tr stellten und der Hausvater meterlange Papierfische an der
Stangenspitze befestigte, so viel Fische, wie ihm seine Frau in der Ehe
Knaben geboren hatte, dann war immer Kiris trostlosester Tag gewesen. Auf
ihrer Strandhtte zappelte nur ein einziger Fisch, whrend drinnen ber den
Dchern von Karasaki Hunderte von Fischen wie Fahnen die Luft fllten. Kiri
fand sein Vaterhaus dann sehr traurig; und das Wort Fischknig, das ihn
sonst gar nicht rgerte, schien am ersten April gar nicht auf Kiri zu
passen. So lange er Knabe war, hatte er sich an diesem Tag versteckt und
sich fern von Kindern gehalten, weil er sich fr seinen Vater und seine
Mutter schmte, die ihn als einziges Kind im Hause hatten und am groen
Fischfesttage nur einen einzigen Fisch auf der Bambusstange vor der Haustr
waagrecht im Winde flattern lieen.

Kiri war jetzt siebzehn Jahre und dachte ans Heiraten. Zwei Mdchen kamen
fr ihn in Betracht: eine kleine Teehaustnzerin, die nicht mehr jung war,
aber etwas Geld beiseite gelegt hatte, da sie einmal sehr schn gewesen und
gewisse Liebesumarmungen besser verstanden hatte als andere Teehausmdchen.
Sie hie Perlmutterfchen und war Kiri besonders von seiner Mutter und
von seinem Vater dringend zur Ehe empfohlen.

Die andere war eine Traumerscheinung, ein Mdchen, von dem er immer
trumte, wenn er den Nachtregen ber Karasaki regnen hrte.

Diese Auserwhlte war sein persnliches Geheimnis. Kein Bewohner von
Karasaki hatte sie je gesehen. Keiner der Menschen, die rings um den
Biwasee wohnen, war ihr je begegnet. Nur Kiri allein wute, wie sie aussah;
aber weder seinem Vater noch seiner Mutter, der Wolke vor dem Mond,
erzhlte er jemals von diesem Mdchen. Jetzt im Mrz, im Vorfrhling, lag
Kiri in einer Nacht allein drauen auf dem See, hatte eine Kienfackel am
Kiel des Bootes befestigt, das groe Netz ausgeworfen und ruderte langsam,
vom rtlichen Feuerschein umgeben, ber das Wasser, das schwarz wie
Nachtluft war, und das ihm vertraut war wie die Diele seiner Elternhtte.
In dieser Nacht rauschte der See nicht, und soviel Kiri auch horchte, kein
Fisch rhrte sich und schnellte auf. Es war, als sei der See drunten
fischleer wie der Himmel droben. Trotzdem kein Nebel war, verwunderte sich
der junge Fischer allmhlich, da ihm nicht ein einziges Fischerboot
begegnete, und da auffallenderweise nicht ein einziges Fackellicht von
anderen fischenden Booten in der dunkeln Runde zu bemerken war. Nur Kiris
Kienspan knisterte und paffte. Aber keine Welle funkelte, und zum ersten
Male wurde es Kiri unheimlich auf dem altbekannten, treuen, guten See. Die
Ruder ruderten widerstandslos, als zerteilten sie gar kein Wasser. Kiri zog
zuletzt die Ruder ein und getraute sich nicht mehr, den See zu berhren. So
oft er auch das Fischnetz hob, -- es war leer, und nicht die kleinste
Seemuschel und nicht der kleinste Fisch, -- nichts hing in den nassen
Maschen.

Wie Kiri noch lag und nach allen Richtungen horchte, um Gerusche von
fernen Ufern aufzufangen, da er nicht mehr wute, ob sein Boot auf der
Seehhe oder in Landnhe sei, da tauchte im roten Schein seiner Kienfackel
am Kiel ein ovaler Fleck auf, hnlich dem aufgehenden Mond ber der
Seelinie. Kiri griff erleichtert zu den Rudern und wollte dem blassen Fleck
entgegenfahren. Aber sein Boot schien sich nicht mehr vom Fleck zu rhren,
soviel er auch ruderte.

Nun wute Kiri, da eine der Seeverzauberungen ber ihn und sein Boot
gekommen war, da der Seebann, vor dem sich alle Bewohner von Karasaki
frchten, sein Boot festhielt, und da das blasse Licht, das durch den
rotbraunen Fackelschein ihm entgegensah, das Gesicht eines Seedmons war,
dem er nicht mehr ausweichen konnte.

Die Kienfackel hrte auf zu paffen, brannte eine Weile lautlos; dann
schrumpfte ihr Licht ein, als wre die Fackel ins Wasser gefallen. Und das
alte vertraute Boot, in dem Kiri von Kindheit an geatmet, gearbeitet,
gegessen und geschlafen hatte, war schwarz geworden wie die Nachtluft und
wie das Seewasser. Kiri fhlte nicht mehr den Bootrand. Vielleicht war auch
sein Krper jetzt Luft, bezaubert von dem fahlen Gesicht des Dmons, der
nun erscheinen sollte. Kiri erwartete eine Schreckensgestalt, einen
Seedrachen mit zackigen Flgeln, einen Riesen, der den Kopf nicht auf den
Schultern trge, sondern dem er aus dem Bauch wchse, dort, wo sonst bei
den Menschen der Nabel ist.

Guten Abend, Kiri, sagte ganz einfach eine Stimme im Dunkel. Warum hast
du kein Licht an deinem Boot? sagte die Stimme eines Mdchens. Kannst du
nicht etwas Licht anznden? Ich habe meinen Feuerstein ins Wasser fallen
lassen und bin auf dein Boot zugerudert, ehe deine Fackel auslschte. Kiri,
schlfst du? Hre doch und mache Licht!

Wer bist du? getraute sich Kiri erleichtert zu fragen.

Mach Licht, dann wirst du mich sehen. Du kennst mich gut, Kiri. Verstell
dich nicht und erkenne mich! Erinnerst du dich nicht mehr, sagte die
Stimme im Dunkel, weit du nicht mehr, wo wir uns zum letzten Mal
verlieen?

Nein, ich kenne dich noch nicht, gab Kiri zurck. Und sein Herz suchte in
allen seinen Erinnerungen. Und wie er grbelte, wurde es seltsamerweise
Tag, und Kiri sah keinen See, keine Ufer, -- er lag auf der Altane eines
Hauses, das er gut kannte, aber in dem er lange nicht gewesen war; neben
ihm auf einem flachen Seidenkissen sa ein schnes junges Mdchen und
sagte: Samurai, kennst du mich jetzt? Und er sah sie an und grbelte
wieder in seinen Erinnerungen und sah ber das Altanengelnder einen
Zwerggarten mit kleinen Brcken und kleinen Felsen. Und unter einer der
kleinsten Brcken ging eben das letzte Stckchen der Abendsonne unter. Und
Kiri grbelte, und der erste Stern erschien ber dem lautlosen Zwerggarten.
Aber der junge Mann erkannte das Mdchen nicht, und er erkannte auch das
Haus noch nicht, trotzdem er wute, da es sein Haus war. Doch es lag nicht
am See, und es war kein Fischerhaus. Es war das Haus eines Samurai, eines
reichen Adeligen aus der Kriegerkaste.

Kiri betrachtete seine rechte Hand und sah, da sie nicht mehr die grobe
Hand eines Fischers war. Und Kiri grbelte und hrte pltzlich einen Laut,
wie wenn aus vielen Tempeln viele Gongs andrhnen. Er fragte das Mdchen
neben sich auf der Altane: Welches Fest ist heute, weil alle Tempel
rufen?

Es ist kein Fest, sagte das Mdchen und war rot und leuchtete wie eine
Fackel, trotzdem kein Licht auf dem Altan brannte.

Und Kiri grbelte wieder. Aber die Tempelgongs schwiegen nicht, und auch
die Erde unter ihm drhnte wie ein Tempelgong und schien Kiri zu wecken und
zu rufen.

Es ist kein Fest, es ist ein Krieg, sagte Kiri pltzlich. Was ist das
fr ein Krieg um die Tempel und auf der Erde? fragte er von neuem das
Mdchen.

Dieses wurde bla und leuchtete wei wie ein Metallspiegel und sagte: Es
ist kein Krieg, Kiri. Kein Krieg um die Tempel und kein Krieg auf der
Erde. Dabei bog sie sich ber ihn, legte ihre Wange an Kiris Ohr und ihre
Hand auf sein Herz.

Da wurde es still drauen um die Tempel, und auch die Erde schwieg. Die
Sterne ber dem Garten verschwanden, und Kiri hrte, wie ein leiser Regen
begann. Es regnete ein Nachtregen. Und er sah mit offenen Augen, da das
Mdchen neben ihm aufstand, Diener hereinwinkte, ihn in eine Snfte legen
lie und sich selbst zu ihm hinein in die Snfte kauerte. Und der Regen
regnete leise auf das Dach der Snfte, wie das Getrippel einer tanzenden
Frau. Dann standen die Diener, nach Stunden, schien es ihm, still. Man hob
Kiri aus der Snfte heraus. Er lie alles geschehen und sah nur mit offenen
Augen zu, da man ihn in ein Boot legte. Es war ein vornehmes, groes Boot,
ein Samuraiboot. Ein Goldlackhaus stand inmitten des Bootes. Eine groe
rote Laterne brannte am Kiel, und die Diener legten ihn auf die Diele des
Goldlackhauses. Und Kiri hrte wieder den Regen auf das Dach trippeln, wie
die Fe von hundert Tnzerinnen. Neben ihm sa das junge Mdchen, dessen
Arme lieen seinen Nacken nicht los. Nur durch die offene Tr des
Bootshauses sah Kiri an der roten Laterne, die ausgelscht wurde und wieder
angezndet, da es Tag und Nacht wurde. Aber wie viele Tage und Nchte
vergingen, das wute er nicht.

Immer regnete der Regen, dieser seltsame Regen, der auch regnete, wenn die
Sonne am Tage hereinschien, und auch nachts, wenn die Sterne an der Tr des
Goldlackhauses standen, und der nur dann aufhrte, wenn das Mdchen neben
ihm fr einen Augenblick die Wange an seine Wange legte, die Lippen an
seine Lippen und die Zungenspitze an seine Zungenspitze.

Allmhlich aber wurde Kiri den Regen gewohnt, und eines Tages bte er
keinen Bann mehr auf seine Glieder. Aber er sah an dem erschrockenen
Gesicht des jungen Mdchens: es gefiel ihr nicht, da er den Regen
vergessen, da er sich aufrichten und sich umsehen konnte.

Da fragte Kiri sie: Wo sind wir?

In Japan, Samurai, sagte das Mdchen ausweichend.

Achtmal wurde die Laterne drauen ausgelscht und achtmal wieder
angezndet, und Kiri hatte wieder zhlen gelernt. Am neunten Tag fragte er
abermals das Mdchen: Wo sind wir in Japan?

Auf dem Biwasee, Samurai, sagte das Mdchen.

Sind viele Menschen auf dem See? fragte Kiri.

Samurai, nur ich und du und die Ruderer und ein paar Diener deines
Hauses.

Aber ich hre viele Menschen auf dem See.

O Herr, es sind nicht Menschen, die du hrst. Das sind die vielen Fe des
Regens.

Kiri schwieg noch einmal eine Nacht lang. Aber als die rote Laterne am
Morgen ausgelscht wurde und der letzte Stern aus der offenen Tr ging,
richtete er sich auf und fragte: Wo sind wir auf dem Biwasee?

Wir sind auf der Hhe von Karasaki, Herr, antwortete das Mdchen. Aber
ihre Stimme war vor Schreck nicht mehr ihre Stimme, und das Rascheln der
Seide ihrer rmel war lauter als ihre Sprache. Kiri mute noch einmal
fragen, um sie zu verstehen, und er richtete sich auf und befahl mit
seinen Augen dem Mdchen, zu bleiben und ihn nicht mehr anzurhren. Aber er
hatte ihr nicht befohlen zu schweigen.

Bleib doch bei mir, Samurai, sagte sie lauter und flehend. Sieh, es wird
bald wieder Nacht drauen! Und sie hob ihre weien Hndchen aus den rmeln
und langte nach den Zipfeln von Kiris rmeln und hielt sie mit ihren
kleinen Hnden fester als ein Dornbusch.

Da lachte Kiri ber die Kraft der kleinen Finger, blieb aufrecht sitzen und
hrte fr eine Weile wieder den Regen.

Das Mdchen schmeichelte ihm und legte die Wange an seine Wange und sagte:
Was willst du drauen, Samurai, wo es immer regnet?

Und ihre Hnde und ihre Stimme brachten es noch einmal fertig, da Kiri
nicht aufstand und bei dem Mdchen sitzen blieb und sich schmeicheln lie
und sie liebkoste.

Aber in derselben Nacht noch, gegen Mitternacht, als die rote Laterne vom
Kiel die Diele des Goldlackhauses rot beleuchtete, sah Kiri eine zweite
Laterne, eine gelbe, neben dem Kiel aufsteigen, und er erkannte, da es der
gelbe Vollmond war.

Wie kann es regnen, sagte Kiri zu dem Mdchen, wenn der Vollmond drauen
neben der roten Laterne scheint?

Es regnet immer nachts ber Karasaki, sagte das Mdchen und war zwiefach
von der Laterne und dem Mond beschienen.

Du hast zwei Farben im Gesicht, als ob du lgest. Ich hre keinen Regen
mehr.

O, hrst du nicht mehr den Nachtregen ber Karasaki? sagte das Mdchen,
ffnete den groen Fcher und hielt ihn gegen den Mond und gegen die
Laterne, so da ihr Gesicht dunkel war.

Ich hre keinen Regen mehr. La uns aufstehen, ich will den See und die
Ufer im Vollmond sehen.

O, hre doch den Regen! flehte das Mdchen. Bleib! Und sie hob wieder
ihre kleinen Hnde, um ihn zu halten.

Da befahl Kiri ihr, die Hnde in die rmel zu verstecken, und sagte:
Schweig!

Zum erstenmal seit vielen, vielen Tagen und Nchten stand Kiri auf und
fhlte wieder, da er Fe, Knie, Schultern, Ellenbogen und eine atmende
Brust hatte. Und aus dem schwlen Rucherwerk, das in dem Lackhaus brannte,
trat er durch die offene Tr hinaus in das Boot, das sich bei Kiris
aufstampfendem Gang tiefer ins Wasser drckte.

Ich will nach Karasaki fahren! rief er den Ruderern zu. Und als er sich
gegen das Goldlackhaus umwandte, sah er oben auf der kleinen Altane des
Daches sechs Frauen sitzen. Drei hatten kleine Holztrommeln, und drei
hatten Mandolinen im Arm. Ihre Finger bewegten sich im Mondschein. Sie
schienen zu musizieren. Aber seltsamerweise hrte Kiri keinen Ton mehr im
Ohr, weder von den Trommeln, noch von den Mandolinen.

Kiri beachtete die Musikantinnen nicht lange, denn das Boot scho jetzt auf
Karasaki zu. Und ganz Karasaki schien ihn zu erwarten.

Auf vielen Masten am Ufer waren Laternen aufgezogen, und lange Ketten von
farbigen Papierlaternen schillerten in der Luft und glitzerten im Wasser.
Je nher sie kamen, desto festlicher hob sich das erleuchtete Karasaki aus
der Nacht.

Kiri staunte eine Weile. Dann winkte er dem Mdchen, das drinnen noch immer
auf der Diele des Boothauses hockte und sich nicht rhrte.

Komm und sieh, wie Karasaki uns empfngt!

Ganz schwach hrte Kiri des Mdchens Stimme zurck:

O, komm wieder herein, Geliebtester! Komm herein zu mir! Das ist der
Nachtregen von Karasaki, der drauen im Mondschein glnzt. Es sind die
Ketten der Regentropfen, die im Vollmond glitzern. Hrst und siehst du
nicht den Nachtregen?

Da stampfte Kiri ungeduldig, da das Boot sich unter seinen Fen noch
tiefer ins Wasser senkte, und rief:

Stehe ich nicht auf meinen zwei Fen? Sehe ich nicht mit meinen zwei
Augen? Fhle ich nicht mit meinen zwei Hnden, da die Luft trocken ist!?

Da kam das Mdchen aus dem Boothaus und rief rasch zu den Musikantinnen auf
das Dach hinauf:

Spielt lauter! Bei allen Gttinnen bitte ich euch: spielt lauter!

Spielen die dort oben, oder spielen sie nicht? fragte pltzlich Kiri.

Zwei von ihnen spielten immer, Herr. Jetzt spielen aber alle sechs. Hrst
du nicht, Geliebter? Hre doch! Komm in das Haus! Du hrst vor dem
Ruderrauschen hier drauen nichts. Komm in das Haus!

Nein, ich hre nichts. Aber welches Lied spielen sie?

O Herr, sie spielen das Regenlied. Verzeiht! Sie spielen das Lied schon
seit Wochen, um dich einzuschlfern, Herr. Ich habe gelogen, Herr. Das
Mdchen warf sich vor Kiri nieder. O Geliebter, ich habe dich nicht von
mir lassen wollen. Das ganze Land war voll Krieg. Die Samurais aus dem
ganzen Land zogen in den Krieg. Seit Wochen tobt der Krieg. Als die Tempel
den Krieg verkndeten, habe ich dein Schwert verstecken lassen und habe
dich einschlfern lassen mit dem Regenlied und habe dich im Arm gehalten
und habe dich in eine Snfte bringen lassen. Und die Musikanten, die das
Regenlied spielten, haben dich begleitet bis an den Biwasee, und ich habe
ihnen befohlen, sich auf das Dach zu setzen, und zwei von ihnen muten
immer spielen, Tag und Nacht. Und ich habe dich nicht von meiner Seite
lassen knnen Tag und Nacht, vor Furcht, da dich der Krieg tte, wenn du
ans Land gingest, und vor Furcht, da der Tod dann mein Geliebter wrde.

Jetzt aber sehe ich, da Friede am Land ist. Deshalb glnzt Karasaki
festlich beleuchtet in der Nacht. Und ich bin froh, da Friede wurde, denn
dein Ohr wollte nicht mehr auf die Musik des Regenliedes hren, und ich
fhlte seit Tagen, da ich dich nicht mehr aufhalten knnte, wenn du die
Musik nicht mehr hrtest und an den Regen nicht mehr glaubtest.

Sieh, Geliebter, jetzt kann ich dich nicht mehr verlieren. Jetzt knnen wir
in unser Haus zurckkehren. Ich habe dein und mein Leben gerettet. Denn die
Toten knnen sich nicht kssen, nur die Lebenden.

Was hast du, Geliebter? Blendet dich das Mondlicht? O, bei den Gttern, ich
hatte doch kein Gift auf meinen Lippen, als ich dich kte! Warum wirfst du
dich auf deine Knie? Warum schttelst du die Fuste in die Luft? Warum
wird dein Haar lebendig und strubt sich wie bei einer Katze?

O Gtter! Deine Augen quellen dir aus dem Kopf! Samurai, bist du vergiftet?
Suchen deine Hnde dein Schwert an den Hften? Ich will dir's bringen.
Verzeih, wenn ich dein Eigentum versteckte. Dein Schwert ist hier im
Lackhaus, im Wandschrank.

Whrend das junge Mdchen noch flehte, hatte sich der Mond bedeckt. Aber
Kiris Gesicht leuchtete, als wre es aus Phosphor. Seine Armmuskeln wlbten
sich, seine Fuste schlugen in die Luft, seine Brust keuchte:

Mein Schwert!

Dann strzte er an dem Mdchen vorber in das Lackhaus und zerbrach die
Wandschranktr, die sich nicht sofort ffnete. Aber kaum berhrten seine
Finger das Schwert, das dort in seidenem Futteral lag, da fiel der Mann
weich wie Schaum zusammen und warf sich schluchzend und weinend auf die
Diele und prete sein Schwert an seine Brust, als wre es seine
wiedergefundene Geliebte.

Eine Weile noch tobte sein Sthnen, sein Schluchzen. Dann hob er sein
trnenberstrmtes Gesicht, setzte sich mit gekreuzten Beinen ruhig auf den
Boden, lste den Seidengrtel seines Obergewandes, zog das kurze Schwert
aus der dicken geschnitzten Elfenbeinscheide, strich mit der uerst feinen
Schneide des Schwertes ber den Haarbschel an seiner nackten Brust,
schnitt ihn glatt ab und lchelte eine Sekunde zufrieden ber die gute,
treue Schrfe des Stahls. Dann sagte er ruhig, beherrscht zu dem Mdchen,
mit einem Tonfall und einer Stimme, als wre nichts geschehen:

Mach dich bereit! Wir mssen jetzt sterben!

Das Mdchen, das ihm in das Haus gefolgt war, kauerte neben ihm, willenlos
und bleich wie eine hingewehte weie Feder. Sie antwortete ihm nur mit dem
einen Wort:

Geliebter!

Aber diese Antwort brachte wieder den alten Sturm in Kiri herauf. Alle
Muskeln an seinem Leibe zuckten, als wrden sie von Zangen zerrissen. Darf
je ein Samurai sein Schwert verlassen? Hatten nicht die Gongs der Tempel
und selbst der groe Kriegsgong, der tief in der Erde begraben ist, Kiri
und sein Schwert vor Wochen gerufen? Die Erde htte ihn mit ihrem Feuer
verschlungen, wenn er nicht in den Krieg gegangen wre; denn jeder Samurai
ist der Sohn der Erde und der Sohn des Feuers. Beide Gewalten haben ihn
geboren. Nur das Wasser hat nichts mit seiner Geburt zu schaffen. Dem
Wasser ist er fremd, und es erkennt den Samurai nicht an, nicht den
Krieger, denn das Wasser ist sanft und ausweichend. Und das Wasser ist der
Tod des kriegerischen Feuers.

Nur auf dem Wasser konnte ein japanischer Samurai einen Krieg versumen.
Nur eingelullt vom Regen und fern von allen Ufern, konnten die Ohren eines
Samurai den Kriegsgesang der japanischen Erde nicht mehr hren.

Aber hat ein Krieger einen Kampf ausweichend versumt, so ist seine adlige
Seele erniedrigt, seine Unsterblichkeit, die ihm als Held angeboren ist,
wird ihm dann fr immer genommen, und sein nchstes Leben ist das eines
gemeinen Mannes aus dem Volke.

Doch das Schicksal gewhrt dem Entehrten noch eine Gunst, wenn es der
Zufall geben will und sein Mut, da er im nchsten Leben als gemeiner Mann
einen Heldentod stirbt, -- dann erlangt seine Seele wieder die alte
Unsterblichkeit und den alten Adel seiner Vergangenheit zurck. Bis dahin
aber mu er niedrig denken, niedrig handeln und ist nicht zu unterscheiden
von den niedersten des Volkes.

Kiri sprach: Weib, deine Liebe zu mir wurde der Tod meines Adels und aller
meiner vergangenen adligen Leben. Aber du hast aus Liebe gehandelt, und
Liebe ist vor den Gttern unstrafbar. Darum hoffe ich, da mich die Gtter
begnstigen und dich und mich im nchsten Leben aus der Erniedrigung wieder
zum alten Adel erheben.

Ich hasse dich nicht. Ich mu dich lieben trotz des Todes, den du uns
antust.

Ich will zwei Fragen an das Schicksal stellen, ehe wir beide sterben:

Ihr Gtter, knnt ihr durch einen Zufall drben in Karasaki alle Lampen des
Friedensfestes auslschen, dann will ich euch glauben, da ihr mir im
nchsten Leben eine Gelegenheit gebt, durch Krieg ein Held zu werden.
Trotzdem ich heute noch nicht verstehen kann, wie ihr dazu helfen wollt, da
ich als niedriger Mann wieder geboren werde und dann nicht zum Kriegerstand
gehre und kein Schwert besitzen darf. Aber ihr Gtter, euch ist nichts
unmglich. Gebt mir das Zeichen!--

Die rote Laterne drauen am Kiel hob und senkte sich jetzt auf den
Strandwellen von Karasaki. Bei jeder Senkung tauchten die Lichterketten des
festlichen Ufers wie feurige Girlanden ber die rote Laterne des Kiels und
senkten sich wieder und verschwanden hinter den Bootrand.

Nach einer Weile tauchten die Lichter von Karasaki pltzlich nicht mehr
auf.

Kiri wartete und wartete und sagte mit gedmpfter und bewundernder Stimme
zu dem Mdchen:

Geh und frage die Bootsleute, warum sie die Richtung gendert haben und
nicht mehr auf Karasaki zufahren, wie ich befohlen habe. Denn du siehst:
die hellen Ufer sind verschwunden, und der Kiel fhrt in die Dunkelheit.

Das Mdchen wollte gehorchen und zu den Bootsleuten gehen und fragen. Aber
sie blieb unter der Tre stehen und sagte:

Herr, ich sehe: es regnet. Der Regen hat die Festlichter von Karasaki
ausgelscht.

Da fragte Kiri lachend:

Ist es ein lauter Regen?

Das Mdchen beteuerte:

O, Samurai, es regnet wirklich dieses Mal. Es regnet laut.

Das ist der Regen der Gtter. Aber ich hre ihn nicht, sagte Kiri
feierlich und hielt den Atem an.

Das Mdchen setzte sich wieder zu Kiri, und beide lauschten. Von Zeit zu
Zeit fragte der Mann das Mdchen:

Wird der Regen lauter? Ich hre ihn nicht.

Dann hllte das Weib sein Gesicht in die seidenen rmel und schluchzte.

Kiri fragte:

Frchtest du dich vor dem Tode?

O Herr, mit dir zu sterben, ist kein Tod. Aber ich frchte mich vor der
Ungewiheit, ob die Gtter mich im nchsten Leben mit dir leben lassen.
Wenn du wenigstens den Nachtregen ber Karasaki wieder hren wrdest, dann
wrde ich das als Zeichen nehmen, da die Gtter mir verzeihen und mich im
nchsten Leben wieder mit dir leben lassen.

Und das Mdchen legte seine Wange an Kiris Wange. Da war es dem Samurai,
als ob ihm die Ohren auftauten, und er sagte:

Ich hre den Nachtregen ber Karasaki. Und ich hre, da wir uns wieder
sehen und wieder lieben werden.

O, Dank allen Gttern, und Dank auch dir, da du mir verziehen hast,
Samurai. O, knnte ich dir im nchsten Leben den Weg zum Krieg zeigen und
dir dein Schwert wieder schenken.

Auch dieses werden die Gtter erfllen, antwortete Kiri, denn wenn sie
zwei Lebenden zwei Wnsche erfllt haben, so legen sie die Erfllung des
dritten Wunsches als Gttergabe dazu.--

Die beiden umarmten sich nicht mehr. Und der Samurai nahm sein Schwert,
stellte es senkrecht gegen seinen eigenen Leib, drckte es an seine
Eingeweide und zog den Harakirischnitt waagrecht durch seine Gedrme...

Das Mdchen war leise aufgestanden und hatte sich hinter den Mann gestellt;
als er umsank, fiel sein Kopf an ihre Knie und glitt sanft auf den Boden.
Sie nahm das vom Blut verdunkelte Schwert dem Toten aus der Hand, stemmte
es an ihr Herz und strzte sich in die Schwertspitze.

Drauen tnte der Nachtregen auf das Dach des Bootgemaches, und der Kahn
fuhr schurrend auf den Kiesstrand von Karasaki. Und die rote Kiellaterne
stand still wie angemauert im Regen.

                  *       *       *       *       *

Dieses alles erlebte Kiri, der junge Fischer, jetzt, als er das Mdchen,
das ihn auf dem See anredete, gefragt hatte: Wer bist du?

Kennst du mich nun? fragte die Stimme wieder aus dem Dunkel.

Ich kenne dich wieder. Aber zeige dich nicht. Gib mir mein Schwert! Gib
mir den Krieg! Ich bin ein armer Fischer jetzt.

Wirf dein Netz aus! sagte des Mdchens Stimme.

Es sind keine Fische heute nacht im See, und ich will nicht lnger ein
Fischer sein, seit ich wei, da ich einst ein Samurai war.

Wirf dein Netz aus! sagte die Stimme wieder.

Ich kann im Dunkeln nicht sehen, sagte der junge Fischer, und ich habe
keinen Feuerstein da, meine Fackel anzuznden. Wie soll ich im Dunkeln
wissen, wohin ich mein Netz werfe!

Wirf dein Netz aus und vertraue mir! sagte noch einmal die Stimme.

Unwillig griff der junge Bursche nach dem Netz. Aber er warf es nicht mit
gewohntem Griff ber den Bootrand, sondern er schleuderte es in die Luft
und sagte zu dem Netz:

Geh zu den Gttern! Ich will kein Fischer mehr sein, seit ich wei, da
ich ein Samurai war.

Pltzlich begannen alle Netzmaschen wie ein Sternschnuppenfall in der Luft
zu leuchten. Das fortgeschleuderte Netz wurde zu vielen elektrischen
Blitzen und fiel wie ein blaues Maschengewebe aus elektrischem Feuer in den
See.

Gut, du bist ein gutes Netz und hast gehorcht, sagte Kiri stolz in die
Luft. Du hast Feuer gefangen, so wie ich Feuer gefangen habe, seit ich
wei, wer ich bin.

Greife ins Wasser und ziehe dein Netz wieder ber den Bootrand! Dann will
ich dir zeigen, was deine Arbeit sein wird, Samurai.

Kiri griff aufs Geratewohl ins Wasser und zog einen blauglhenden Strick
aus der Tiefe. Aber er fhlte, da er keine Kraft besa, den Strick nur um
das kleinste hher zu ziehen. Es war, als lgen steinerne Berge in seinem
Netz: der Strick rckte nicht von der Stelle.

Deine Kraft wird ber dich kommen zu deiner Stunde, sagte das Mdchen.

Aber Kiri war unwillig und schttelte den Strick, verzweifelt ber seine
Ohnmacht.

Binde den Strick am Bug des Schiffes fest und nimm deine Ruder und
rudere! befahl ihm die Stimme, und der junge Fischer tat so.

Und wie er ruderte, schien es ihm, als wrde der See in der Tiefe hell.

Sieh jetzt um, ber deine Schulter in dein Netz; und alles, was darin ist,
wird deine Samuraiarbeit sein.

Kiri sah hinter sich den ganzen weiten See von den Maschen eines riesigen
feurigen Netzes leuchten. Drinnen in dem Netz lagen die zerstckelten
Leichen von abendlndischen Offizieren, Arme, Beine, Kpfe, Kanonenrohre,
Bajonette, blutig, zerschossen, zerfetzt und zertrmmert. Es war, als
schleife das feurige Netz den ganzen See wie ein zuckendes Schlachtfeld
hinter sich her.

Es schauderte Kiri. Entsetzt lie er die Ruder ins Wasser fallen. Das
niedrige Gemt des Fischersohnes berwltigte ihn. Er griff nach einem
Fischbottich, der auf dem Grunde des Bootes stand, und stlpte ihn ber
seinen Kopf, um nichts mehr zu sehen. Er klapperte mit den Zhnen, da der
Bottich drhnte, und getraute sich mit seinem Kopf nicht mehr aus seinem
Versteck heraus. Er wollte nichts mehr sehen, nichts mehr hren, bis ein
paar Fuste von auen an den Bottich trommelten und ihn die Stimme seines
Vaters anrief:

Kiri, bei allen Gttern, was treibst du, Junge? Wo hast du dein Netz
gelassen? Wo sind deine Ruder?

Kiri zog vorsichtig seinen Kopf aus dem Versteck. Er sah im Morgendampf den
Vater im Strohmantel vor sich in einem andern Boot, und viele Boote waren
um ihn versammelt. Aber keiner der andern Fischer lachte ihn aus. Es
schien, als htten sie alle dasselbe erlebt, denn alle waren bleich, und
alle waren ernst. Alle Boote drngten nach den Ufern; Boote, die sonst
wochenlang drauen zu liegen pflegten, -- alle kamen in Scharen
herbeigestrmt, und die Frauen der Fischer trippelten am Ufer, jede mit
einem Kind auf dem Rcken bepackt, und jede umgeben von einem Kinderkreis.
Aber der Uferlinie entlang standen im Morgennebel die rauchenden
Scheiterhaufen von groen Signalfeuern, die man angezndet hatte, um die
Fischer von drauen ans Land zu rufen.

Und nun sah Kiri, wenn der Morgenwind die Rauchwolken zur Seite rckte,
Gruppen von kleinen japanischen Offizieren und Soldaten in europischen
Uniformen. Bajonette blitzten im Morgennebel, und hie und da leuchteten rot
und gelb und golden im Morgengrau die Borten und Uniformaufschlge an den
Soldaten.

Kiri, du mut in den Krieg, sagte der Vater. Heute hat Japan den Krieg
mit Ruland angefangen, drben ber dem chinesischen Meer in der
Mandschurei.

Ich bin kein Samurai! Ich will nicht in den Krieg, sagte Kiri. Ich habe
schreckliche Trume heute nacht gehabt. Ich habe Netz und Ruder dabei
verloren. Ich will nicht in den Krieg und auch noch den Kopf verlieren.

Du wirst nicht gefragt, ob du willst. Du mut in den Krieg! Heutzutage
sind alle Mnner, die einen rechten Arm und einen linken Arm, ein rechtes
Bein und ein linkes gesundes Bein am gesunden Leib haben, Samurais. Du bist
glcklicher als ich, mein Sohn. Zu meiner Zeit war das nicht so, und wir
armen Fischer bekamen kein Schwert vom Kaiser von Japan zugeschickt. Drben
am Ufer stehen die Soldaten, die dir vom Kaiser einen neuen Anzug und
kaiserliche Waffen bringen. Geh in den Krieg, mein Sohn! Dort bekommst du
auch das Brot des Kaisers zu essen. Das ist ein Brot, das jeden Japaner
mutig und unsterblich macht.

Aber jetzt kam Kiris Mutter an das landende Boot gelaufen. Sie schttelte
ihre Hnde in die Luft und wehrte Kiri, er solle nicht landen, und rief:

Kiri, flieh, fliehe! Die Soldaten wollen dich uns holen! Schwimm in den
See hinaus! Der Biwasee wird dich verstecken! Eine alte Frau hat mir
prophezeit, da du unsterblich bist vom Tage an, wo du den See betrittst,
aber da du sterben wirst, wenn ein Krieg ausbricht und du ans Land
kommst.

Mach deinen Sohn nicht feig, Wolke vor dem Mond, sagte der Vater zu Kiris
Mutter. Und er zog sein eigenes Boot mit beiden Hnden ans Land, erwartend,
da sein Sohn ihm folgen wrde.

Aber Kiri, bleich und grau vor kleinlicher Furcht, schlotterte vor Angst
und Klte in seiner dnnen, blauen Leinwandjacke. Er tat, als wolle er
aussteigen, aber als sein Vater fortsah, griff er nach den Rudern in dem
Boote seines Vaters, stemmte ein Ruder auf den Kies und stie sein Boot
zwischen den andern Booten durch in den See hinaus und rief seinem Vater
zu:

Ich will mein Netz noch suchen, das drauen bei meinen Rudern schwimmt.

In allen Khnen, wo man die Unterhaltung des Alten mit dem Jungen gehrt
hatte, lachten die ernstesten Leute hell auf ber Kiris feigen Rckzug.

Er tritt den Krebsgang an, lachten einige Fischerburschen, die am Ufer
standen und Uniformen anprobierten.

Er wird wiederkommen, sagte der Vater dumpf.

Er ist unser einziges Kind. Er braucht nicht in den Krieg, jammerte die
Mutter. Wir sind keine Samurais, die sich fr andere tten lassen. Wir
sind arme Fischersleute. Er soll nur sein Netz holen! Kiri soll nur drauen
auf dem See bleiben, bis die Soldaten fortgezogen sind. Der See kann ihn
ernhren.

Kiri kam nicht am Abend und nicht am nchsten Tag und auch in den nchsten
Wochen nicht mehr nach Hause.

Nach Monaten fanden Leute aus Karasaki Kiris Boot im Uferschilf versteckt,
und man sagte, er msse wahrscheinlich im Schilf verborgen von Krebsen,
Wildenteneiern und Fischen leben.

Aber als es dann Winter wurde, der See zufror, das Schilf abgemht war und
die weie Schneekruste an allen Ufern lag, und Kiri kam immer noch nicht zu
seinen Eltern heim, meinten einige, Kiri msse ertrunken sein. Doch sein
Vater behauptete unerschtterlich:

Kiri ist in den Krieg gezogen.

Nur die Mutter wnschte, da er noch auf dem See sei, wenn auch das Wasser
zugefroren war. Denn drauen auf dem See war Kiri unsterblich, wenn er auch
nichts a, nichts trank. Er konnte nicht erfrieren, er konnte auf der
Eisflche irgendwo liegen und schlafen, und im Frhling, wenn der Krieg aus
war, konnte er heimschwimmen. Alles dieses konnte mglich sein, dachte die
alte Frau, da die Prophezeiung Kiri fr unsterblich erklrt hatte, so lange
er auf dem See bleiben wrde.

Aber der Frhling kam, und der Krieg dauerte, und Port Arthur hatte sich
noch nicht ergeben. Und das Schilf wuchs, und der See rauschte. Zwar waren
alle Mnner im Krieg und keine Fischerboote auf dem Wasser. Aber so lange
Kiri nicht vom See heimkehrte, war er fr seine Mutter unsterblich.

Endlich war der Krieg zu Ende. Viele Fischer kehrten heim. Fast zwei Jahre
dauerte der Heimzug, bis die letzten angekommen waren. Dann baute man in
den kleinsten Drfern aus Kiefernzweigen Triumphbogen.

Es sind noch ein paar Regimenter in der Mandschurei, sagte Kiris Vater zu
den Fischern; Kiri kann noch immer heimkehren.

Aber die Leute verlachten den Alten wegen seines feigen Sohnes. Und auch
die Mutter sah nicht mehr auf den See hinaus, weil der Sohn nicht
heimkehrte und sie nicht mehr an seine Unsterblichkeit glaubte.

Eines Tages hat sie ihren Zweifel laut ausgesprochen und zu ihrem Manne
gesagt: Unser Sohn ist tot. Wir haben keinen Sohn mehr. Ich will heute
nacht eine kleine Kerze zu seinem Gedchtnis vor dem Gott des Biwasees in
einer Zimmerecke anznden.

Tu das! sagte der Vater. Ich will vor dem bronzenen Kriegsgott in
Karasaki eine Rucherstange fr die Nacht anznden lassen. Die Gtter
werden uns vielleicht antworten und uns sagen, ob unser Sohn im Himmel bei
den Helden oder im See bei den Krebsen ist.

Die beiden Alten taten, was sie sich vorgenommen hatten. Und der Vater
kniete in dieser Nacht, das Gesicht auf der Erde, vor der bronzenen Statue
des Kriegsgottes von Karasaki. Die Mutter kniete zu Hause in der Zimmerecke
vor dem vergoldeten Gotte des Biwasees.

Als es Mitternacht war, begann ein feiner Regen ber Karasaki zu fallen.
Der Vater im Tempel konnte nicht beten. Er mute immer dem Regen zuhren,
der auf die Ziegelhuser der Tempeldcher pochte. Der Mutter zu Hause ging
es ebenso. Sie lauschte dem Regen, der auf die Altanen drauen fiel und an
die lgetrnkten Papierscheiben trommelte. Und sie mute bei dem unruhigen
Regen die Schritte von zwei Fremden berhrt haben, denn ein vornehm
gekleideter Samurai in schwarzer Zeremonientracht, eine vornehm gekleidete,
schwarze Samuraifrau in Schleppgewndern, die schoben gegen Mitternacht die
Tren zum Gemach der Alten auf und fragten sie, ob sie sich einen
Augenblick bei ihr ausruhen drften. Sie seien auf dem Weg nach Tokio, wo
bermorgen das groe Siegesfest sei, mit dem der Kaiser und die Minister
das Gedchtnis der groen Helden von Port Arthur feiern wrden.

Mutter, lat Euch im Beten nicht stren, sagte der junge Samurai. Wir
sitzen nur einen Augenblick hier hinter Eurem Rcken und horchen auf den
Nachtregen von Karasaki.

Es regnete. Und Gebet und Regen schlferten die alte Frau ein. Ihr Mann,
der morgens vom Tempel heimkam, weckte sie, und sie hatte den Samuraibesuch
ganz vergessen. Das Zimmer war lngst leer, und die beiden Nachtwanderer
waren verschwunden.

Liebe Wolke vor dem Mond, sagte der alte Fischer, zieh deine besten
Kleider an! Nimm die Wandersandalen vom Nagel! Wir mssen eine Reise
machen. Der Kriegsgott hat es mir heute nacht befohlen.

Wie kann ich auf meine alten Tage noch reisen? sagte die Frau. Wenn ich
wte, wo mein Sohn wre, ja, dann wrde ich hinreisen.

Unser Sohn ist in Tokio, sagte der Alte. Als ich heute nacht im Tempel
betete, kamen zwei Fremde herein und knieten an meiner Seite nieder. Es
waren ein junger Samurai und seine Frau. Da konnte ich nicht mehr beten und
ging auf die berdachte Tempelaltane und horchte auf den Nachtregen, der
ber Karasaki fiel. Und, denke dir, wie ich dort sitze, kommt derselbe
Samurai, den ich eben noch drinnen neben mir knien sah, heraus. Aber er war
nicht mehr im schwarzen Zeremonienkleid. Er hatte Panzer, Schwert, Speer
und Helm des Kriegsgottes auf, und er deutete mit dem Speer nach der
Sternenrichtung von Tokio und er sagte:

'Vater, du suchst deinen Sohn! Du wirst ihn in Tokio wiederfinden!'

Fr einen Augenblick war es mir, als wre es Kiri selbst, der in der
altmodischen Rstung vor mir stand. Wie ich aber genau hinsehen wollte, war
nichts als die Nachtluft um mich; und der groe Hanfstrick, der ber dem
Tempeltore hngt und die Geister vertreibt, schaukelte im Windzug, indessen
alle Tempeldcher im Regen wie Trommeln redeten.

Hier bei mir war auch ein Samurai mit seiner Frau, sagte die 'Wolke vor
dem Mond'. Ich habe ihn aber nicht als meinen Sohn erkannt. Er redete
fremd und feierlich und vornehm, wie ich Kiri nie sonst reden hrte. Er
blieb nicht lange hier mit seiner Frau. Er wollte nur etwas am Wege
ausruhen und dem Nachtregen von Karasaki lauschen. Wahrscheinlich hatte er
seine Tragsessel und die Trger vorausgeschickt, der Samurai. Denn ich
hrte keinen Laut ums Haus, nicht da sie kamen, und nicht da sie gingen.

Aber wenn du sagst, da dein Samurai im Tempel aussah wie unser Sohn, dann
erinnere ich mich, da auch mein Samurai hier hnlichkeit mit Kiri hatte.
Aber wie htte ich ihn erkennen knnen! Dieses Samuraigesicht war sehr
zerschlagen von Kriegswunden, und die Narben entstellten die Gesichtszge.
Und die Narben waren so dicht ber seinen Hnden und ber seinem Gesicht,
wie die Maschen in einem Fischernetz. Da war kaum ein fingerbreites
Stckchen Fleisch an seinem Gesicht, das nicht durch eine Narbe zertrennt
gewesen wre. Ich habe meinen Sohn nicht erkannt.

Du hast deinen Sohn niemals erkannt, 'Wolke vor dem Mond', aber du wirst
ihn in Tokio gleich erkennen, sagte der alte Fischer.

Am nchsten Morgen reisten die beiden Alten nach Tokio. Erst muten sie
wandern, und dann konnten sie die Eisenbahn nach Tokio bentzen. Sie kamen
am Morgen dort an und nahmen sich nicht die Zeit, in ein Gasthaus zu gehen.

Die Stadt war berfllt von Japanern aus allen Landesteilen. Aber als die
beiden Leute vor den Menschenmassen in den Straen standen, wurde ihnen
sehr bang, und sie fragten sich im Herzen: Wie sollen wir Kiri hier finden?
Eher findet man ein verlorengegangenes Ruder auf dem groen Biwasee, als
einen verlorengegangenen Menschen in dieser groen Stadt.

Wie sie noch beratschlagten, kam ein Rikschawagen auf sie zugefahren, und
drinnen sa einer der angesehensten Mnner aus Karasaki. Er war so hoch an
Rang, da er die armen Fischerleute auf den Straen von Karasaki niemals
angeredet hatte. Aber jetzt hielt er seine Rikscha an, winkte zehn
Rikschas, welche ihm folgten und in welchen dem Range nach lauter
angesehene Mnner von Karasaki saen, Mnner, die im Krieg gewesen waren,
und Familienoberhupter, die im Krieg Shne verloren hatten.

O Herr, sagte der hohe Beamte und verbeugte sich aufs tiefste vor dem
alten Fischer, welch ein Glck, da ihr schon hier seid! Haben euch die
Kuriere des Kaisers geholt? Habt ihr die Telegramme erhalten, die man heute
nacht aus Tokio an euch schickte? Habt ihr den Sonderzug erhalten, mit dem
man euch heute hierher holen wollte?

Und alle andern Mnner aus den zehn Rikschas standen mit tief gebeugten
Rcken vor dem alten Fischerpaar und getrauten sich nicht mehr, sich
aufzurichten, als verbeugten sie sich vor dem Kaiser selbst.

Und nun schienen die Menschen auf den Straen von Tokio und die Gesichter
auf den Straen keinen Rcken und keine Rckseite mehr zu haben. Nur Wangen
und Augen und Augen und Wangen strahlten den beiden Fischersleuten
entgegen, ihnen, die die Eltern des groen Helden Kiri waren, von dem man
sagte, da er vor dem Tor von Port Arthur eines dreihunderttausendfachen
Todes gestorben sei. Dreihunderttausendmal hatte er sich in den
Kriegsjahren dem Tod ausgesetzt. Immer dort, wo die Gefechte am schlimmsten
waren, sah man ihn auftauchen. Einmal schleppte er Arme voll Dynamit vor
das eiserne Tor eines Forts. Um den japanischen Truppen den Eingang in das
Fort zu verschaffen, lief er seinem Regiment voraus und warf am Eisentor
das Dynamit sich selbst vor die Fe und stampfte darauf, so da das
massive Tor sich wie der Deckel einer Sardinenbchse auftat; aber Kiri
blieb mitten in der Dynamitexplosion unversehrt wie ein Ei auf Stroh.

In den Wolfsgrben, auf deren Grund die Russen Bajonette senkrecht
eingerammt hatten, warf Kiri sich hunderte Male steif wie ein Balken quer
ber die Bajonette und lie seine Kameraden ber seinen Rcken laufen. Und
er blieb steif gestreckt, und sein Leib widerstand den Spitzen der
Bajonette, so hart machte der Mut seinen Krper, so hart, da die Bajonette
nicht einmal seine Augpfel zerschnitten hatten, bis der letzte seines
Regiments ber ihn weggeschritten war. Dann stand er heil und unversehrt
auf.

Zum letzten Male, als man von Kiri hrte, verdingte er sich verkleidet als
russischer Lotse, gelangte an das russische Admiralsschiff und fhrt es in
einem Morgennebel vor die Kanonen der im Nebel verborgenen japanischen
Flotte. Mit diesem Schiff war Kiri untergegangen, und niemand hatte ihn
seitdem wiedergesehen.

Waffen, die er getragen, Uniformstcke, die seine Kameraden von ihm
aufgehoben hatten, alles lag jetzt auf dem Ehrenplatz im Kriegsmuseum,
dicht neben dem eroberten zerschossenen Feldbett des russischen Generals
Kuropatkin.

Nun hatte es sich von Mund zu Mund auf den Straen von Tokio
weitergesprochen, da die Eltern des groen Kriegshelden Kiri, die Mutter,
die ihn im Scho getragen, der Vater, der ihn gezeugt hatte, auf das
Paradefeld kmen. Dort stand ein mchtiger stacheliger Triumphbogen,
aufgebaut aus erbeuteten russischen Bajonetten. Weit ber das morgensonnige
Feld blendeten die langen Reihen von erbeuteten russischen Kanonen,
aufgestapelten Stahlgranaten und eroberten Torpedogeschossen. Und ber der
Holzhalle des Kriegsmuseums wimmelte ein Wald von erbeuteten Fahnen, die
den Himmel bunt belebten, hnlich den bunten Scharen von Papierfischen, die
am ersten April ber den Dchern flattern.

Der lteste der angesehenen Mnner aus Karasaki sagte: Alle diese Fahnen
hat euer Kiri erbeutet! Fr jede seiner Heldentaten hngt eine Fahne dort
ber dem Dach des Kriegsmuseums, in dem euer Sohn jetzt als ewiger Name
wohnt, angebetet vom japanischen Volk wie ein Kriegsgott.--

Geehrt von Kaiser und Reich, kehrten die Fischersleute nach den
Friedensfeierlichkeiten wieder heim nach Karasaki. Und als man ihnen in der
Stadt Karasaki eine neue Htte bauen wollte und dem Vater einen neuen Kahn
geben wollte, strubten sich die beiden Alten und sagten: Das Holz des
Kahnes und die Bambuswnde der Htte und die Papierscheiben, die mit uns
alt und grau geworden sind, und die mit Kiri so oft den Nachtregen fallen
hrten, -- alle diese Dinge sind wohltnend geworden vom Alter und den
Erinnerungen und wohltnend von dem Nachtregen, der melodisch auf sie
gefallen ist; wir leben im Alten wohler als im Neuen, wir alten Leute.

Den Regen von Karasaki hren bedeutet am Biwasee heute noch, da dich dann
nie ein Milaut beirren wird; denn Kiris Heldenseele lauscht mit dir, und
dieser Nachtregen singt von Liebe und Unsterblichkeit.




Die Abendglocke vom Miideratempel hren


Der lteste Baum Japans steht am Biwasee, nicht weit von der Stadt Ozu,
nicht weit von den Tempelterrassen des Miideratempels, der auf grnem Hgel
ber einem Kryptomerienwalde liegt.

Als dieser viel tausend Jahre alte Baum nicht hher als ein Grashalm war,
leuchtete der harfenfrmige Biwasee dicht bei dem Baumschling ebenso wie
heute noch unverndert bei der alten, zerklfteten Baumruine.

Dieser lteste Baum Japans sttzt sich jetzt wie ein gealterter Gott, der
Hunderte von Armen vom Himmel ber die Erde ausbreitet, auf Hunderte von
Stangen, die gleich Hunderten von Krcken und Stelzen sein morsches Dasein
tragen.

Damals, als der Baum jung wie ein Halm war, war aber der Miideratempel noch
nicht gebaut, und niemand hrte noch den wunderbaren Klang der
Miideraglocke, die abends beruhigend wie eine singende Frau ihre Stimme von
den Tempelterrassen an dem alten Uferbaum vorber zur Harfe des Biwasees
schickt.

Dieser Baum wurde in ferner Vorzeit aus China nach Japan herber gebracht,
als winziges Wrzelein zuerst; und in Japan erfuhr man erst sehr spt seine
chinesische Geschichte.

Als der Baum so gro wie ein Menschenkind wurde, hatte er noch nicht mal
einen Japaner gesehen. Und als die ersten japanischen Menschen zu ihm
kamen, war er schon in den krftigsten Mannesjahren und fast so hoch wie
die Kryptomerienbume des nahen Bergwaldes.

So ein Baum, der nie von der Stelle rckt, und dessen Umgebung gleichfalls
nie fortreist, und der nur die Bewegungen der Jahreszeiten kennt, hat ein
vorzgliches Gedchtnis. Dieses drckt sich aber nicht darin aus, da sich
sein Mark Gedanken macht ber das, was gewesen ist oder was kommen wird,
sondern das Gedchtnis eines Baumes liegt immer offen an seiner Auenseite.
Die Furchen und Rinden haben sich jeden Tag mit Linien, Eingrabungen,
Knorpeln, Schrfungen die kleinsten Erlebnisse wie mit einer
stenographischen Schrift in Zeichenschrift notiert. Wie der Baum sich
dehnte, wenn ihm in der Welt wohl war, und sich verborkte und sich
verpanzerte, wenn ihn die Welt bedrohte, vergrbelte sich seine Rinde und
faltete sich zu einer Zeichenschrift.

Die Schriftgelehrten der Bume sind die Ameisen, die Libellen, die Bienen,
die Vgel. Die Borkenkfer und Borkenwrmer sind untergeordnetere
Schriftsetzer, die an der Schicksalssprache des Baumes, an der
Rindenschrift, mitarbeiten.

Diese Sprache der Bume entdeckte eines Tages, als die Japaner noch
vorzeitliche Bastkleider, Blttergewnder und verwildertes Kopfhaar trugen,
nicht in Japan, sondern in China, ein weiser Einsiedler. Der hie Ata-Mono.

Die Geschichte Ata-Monos liegt weit zurck; sie fllt vor die Entdeckung
des alten Baumes am Biwasee.

Als Ata-Mono die ersten Schriftzeichen in einem chinesischen Weidenbaum
entdeckte, las er auch in der Baumrinde das Mittel, seinen Leib
unsterblich zu erhalten. In dem Bast jenes Weidenbaumes in China stand
geschrieben, da jeder Mensch, ob gro oder niedrig, ob klug oder
beschrnkt, ob schwach oder stark, alt oder jung, sich die Unsterblichkeit
des Lebensfadens und auch des Leibes erhalten knne, wenn er einmal im
Leben beim Laut einer bestimmten Harfe einschlafe. Diese Harfe, sagte der
chinesische Weidenbaum, sei nicht in China, aber nicht weit ber dem Meer
in einem kleinen Inselland, das damals in China noch keinen Namen hatte und
nur von einigen das Land des ewigen Feuers genannt wurde, weil der
Feuerkrater Fushiyama dort immer rauchte.

Ata-Mono suchte den Weg dorthin und las von Baum zu Baum die Rindensprache,
bis er ans Meer kam; aber niemand konnte ihn hinberfhren, denn nur
Schiffe, die durch Zufall nach dem Inselland verschlagen wurden, alle
hundert Jahre einmal, hatten Kunde von dem Feuerland gebracht, in dem
Ata-Monos Harfe liegen sollte.

Ata-Mono sa jetzt jahraus, jahrein am Meer und schmachtete nach der
Unsterblichkeit, kehrte seinem Vaterlande den Rcken und sah mit seinem
Angesicht Tag fr Tag nach Osten, wo hinter den Wellenbergen das kleine
Land des ewigen Feuers war, darin die fremde Harfe liegen sollte.

Eines Tages kam ein Oststurm. Ata-Mono zog sich etwas weiter vom Strand
zurck. Da sah er in der Ferne ber dem aufgerttelten Meer ein vielarmiges
Wesen. Das kam mit senkrechtem Leib und dunkeln Krallen wie ein mchtiger,
belaubter Baum ber das Meer geschossen.

Ata-Mono hielt die Erscheinung zuerst fr ein Gespenst, dann fr einen
Drachen, und dann erkannte er, da der vielarmige, riesige, aufgerichtete
Krper wirklich ein Baum war, ein grner, frischer Kryptomerienbaum mit
feuerrotem Stamm; denn die Rinden der Kryptomerienbume leuchten rot, wenn
sie na werden. Dieser Baum troff von Seewasser, scho an den kiesigen
Strand; und als wandere er leibhaftig auf seinen Wurzeln, eilte er, vom
Wind getrieben, eine Viertelstunde tiefer in das Land hinein, bis er andere
Bume fand, in deren Nhe er windgeschtzt stehen blieb und sich mit seinen
Wurzeln, wie mit riesigen Adlerkrallen, feststellte.

Ata-Mono kannte keine Furcht; und als der wunderbare Baum wie eine rote
Fackel ber das Wellengewhl des Meeres aufrecht daherkam und seine
finsteren Zweige wie schwarzen Rauch in die Luft streckte, da wich der
sehnschtige Trumer nicht zurck, denn er war ja der erste Vertraute, den
die Bume sich unter den Menschen auserwhlt und dem sie ihre Rindenschrift
in einer guten Stunde zu erkennen gegeben hatten; und er kannte keine
Furcht vor den Bumen, auch nicht vor diesem seltsamen bers Meer
gewanderten Baumriesen.

Ata-Mono legte sich in dieser Nacht unter den neuangekommenen Baum, nachdem
er Wurzeln und Rinde von Tang, Seeschlamm und Seemuscheln gereinigt hatte;
und er schlief ein mit dem Bewutsein, da dieser Baum zu ihm allein nach
China und sonst zu keinem andern gesendet war. Und er freute sich, am
nchsten Morgen aus der Rinde dieses Baumes Schicksale und Gedanken und
Wnsche dieser Kryptomerie zu lesen und vielleicht zu erfahren, wie er nach
dem kleinen Land des ewigen Feuers zu jener Harfe gelangen knne.

Der Morgen kam, und Ata-Mono studierte bis zur untergehenden Sonne, ohne
zu essen, ohne zu trinken, ohne aufzuschauen, die Gruben, Windungen und
Furchen in der Rinde seines Baumkameraden. Aber es war ihm unmglich, die
Zeichen der Rinde zu entziffern, er verstand nichts von der Sprache dieses
Baumes. Die Zeichensprache aller chinesischen Bume konnte er lesen, an
diesem Baum aber blieb sie fr ihn unleserlich. Und Ata-Mono weinte, als
die Sonne untergegangen war und er unter dem unbegreiflichen Baum sa,
unwissend und einsam.

Wenn ich dich nicht lesen kann, so sprich! schrie er den Baum ungeduldig
an, als die Sonne zum letzten Male aufleuchtete und den Stamm rot bestrich.

Herrlicher, herrlicher Baum! schrie Ata-Mono voll Entzcken, weil der
Baum von der Wurzel bis zur Krone wie eine feurige Kohle leuchtete.

Der Baum schwieg. Die Sonne ging unter.

Ata-Mono schrie: Ich schwre, da ich nichts mehr essen und nichts mehr
trinken werde, bis du mich deine Rindenschrift lesen lt, oder bis du mir
jemanden sendest, der mich deine Schrift lehrt.

Und Ata-Mono lief zum Strand und stopfte sich den Mund mit Kieseln voll,
weil er nicht mehr essen, nicht mehr reden, nicht mehr schreien und nicht
mehr atmen wollte.

Halb erstickt lag er am Strande und hate den neuen Baum und hate China
und hate seine Sehnsucht nach der Unsterblichkeit.

Ich will die Harfe vergessen, dachte er und lag in den letzten Atemzgen.
Dann wurde ihm wohler. Wie beruhigend ist es doch, wenn man einen wilden
Wunsch aufgibt! Man steigt herab, wie von einem wilden Pferd, und hat
wieder festen Boden unter den Fen.

Nach dieser beruhigenden Betrachtung richtete er sich gedankenlos auf, nahm
die Steine gedankenlos aus dem Munde und schpfte frischen Atem. Dann
sprang er auf seine beiden Beine, streckte die Arme aus und lachte wieder
zum ersten Male seit vielen Jahren. Und seine Stirn, die immer gegrbelt
hatte, wurde blank und jung wie die aufgehende Mondscheibe.

Ach, Mond, lebst du noch? Ich habe dich lange nicht gesehen. Und Ata-Mono
bewunderte die kleinste Muschel im Mondschein, die Grbchen im Sand und die
Wlklein, die mit dem Mond zogen, denn er hatte seit Jahren nur Bume und
Baumrinden gesehen und alles andere vergessen. Und nun lie er auch sein
Gehr wieder zu sich kommen. Er, der nur mit den Augen an den Baumrinden
gelebt hatte, horchte, wie das Dnengras raschelte, wie die Dnenmuse
miteinander wisperten, wie die Fchse hinter den Baumwurzeln bellten, wie
die Eulen sich zuriefen und wie die Fische im Mondschein pltscherten. Und
nachdem er sein Gehr befriedigt hatte, sagten seine Zunge und sein Gaumen
zu ihm, seine Zhne und sein Magen und sein gekhltes Blut: Weit du, es
gibt ganz andere Dinge zu essen, als Baumsaft und Baumrinde, wovon du dich
jahrelang genhrt hast. Hrst du nicht? In der Ferne gackern Truthhner im
Schlaf. Und Schweine grunzen im Schlaf, weil ihnen der Mond auf die Rssel
scheint. Und Bauernhfe sind in der Nhe, wo du Eier, Schweinespeck,
gebackene Fische und Reis essen kannst. Und sehnst du dich nicht nach Wrme
am ganzen Leib? Und hast du nicht dort, wo den andern Menschen ein
verliebtes Herz sitzt, einen bitterkalten Fleck in der Brust?

Ata-Mono seufzte tief auf, weil alles ihm wahr schien, was seine Sinne zu
ihm sagten. Er stand auf und erinnerte sich, da die Menschen Kleider
trugen. Und er flocht sich noch in der Nacht ein langes Hemd aus gedrrtem
Tang, und er war eitel genug und flocht sich Ketten aus Muscheln daran und
Ketten aus Muscheln ins Haar, weil er den Dirnen, denen er begegnen sollte,
zu gefallen wnschte.

Ata-Mono ging dann, als es kaum Tag war, unter den letzten Sternen fort vom
Meere, wieder mit dem Gesicht in das chinesische Land hinein.

Bei dem ersten Bauernhaus standen drei Weiber an einem Brunnen. Die sagten
freundlich: Guten Morgen, Ata-Mono. Und Ata-Mono dankte und war
verwundert, da man seinen Namen kannte, und er bat um etwas ses Wasser.

Und whrend er noch wartete, bis der Eimer aus dem Brunnen stiege, ging
eines der drei Weiber grend fort.

Der erste Becher sen Wassers, den er seit Jahren trank, schien ihm so
nahrhaft und so wohltuend, da er glaubte, es wrde ihn nie mehr drsten.
Und er sagte zu den Frauen:

Ich werde euch spter danken, wenn ich einmal reich werde.

Die Frauen verneigten sich vor Ata-Mono wie vor einem adligen Herrn und
sagten: Du bist der Reichste im Lande! Und ihr Gru und ihre Ehrerbietung
machten, da er sein Herz sich wieder erwrmen fhlte, als schiene ihm die
Sonne in den offenen Mund.

Ata-Mono ging, gesttigt durch den Wassertrunk, von dem Bauernhof fort,
tiefer in das Land, bewunderte die Reisfelder und die Maulbeerbume und kam
zu einer Ortschaft. Die bestand nur aus zehn Husern. Aber nahezu dreiig
Frauen standen am Eingang des Ortes. Und alle dreiig verneigten sich vor
Ata-Mono. Er erkannte unter den Frauen jene, welche die dritte gewesen an
dem Brunnen, an dem er vorher getrunken hatte, und die fortgegangen war und
hier seine Ankunft angesagt hatte. Er staunte darber, da das geschehen
war, und er wute nicht, warum die Leute so viel Wesens aus ihm, dem
Unbekannten, machten.

Eine Frau wurde rot und trat vor und sagte: Unsere Mnner sind bei der
Feldarbeit und wissen nicht, da du kommst. Nur wir haben es eben erst
durch eine Frau erfahren, da du nach China zurckkehrst.

Er konnte vor Staunen nicht antworten und kaum danken, -- so tief verfiel
er in Betrachtungen und erriet nicht, warum alle die Frauen Zeit und Lust
htten, sich um ihn zu kmmern.

Ata-Mono hatte noch nicht den Ort mit den zehn Husern verlassen, da kamen
ihm auf der Landstrae ber den nchsten Hgel und ber den zweiten Hgel
und ber den dritten und vierten Hgel schon neue Frauen und Mdchen
entgegen. Immer empfing er dieselben Gre, und immer wieder mute er
hren, da die Mnner bei der Arbeit seien.

Ata-Mono ging ber den fnften Hgel. Dort standen schon Reihen von Frauen
zu beiden Seiten des Weges. Die hatten sich gelagert und standen auf und
verneigten sich. Ihre Reihen waren dicht gedrngt. Aber kurz vor
Sonnenuntergang, am sechsten Hgel, dahinter die Hauptstadt der Provinz
lag, standen die Frauen nicht nur am Wege, sondern saen auch in den
Zweigen der Bume, und ihre Gesichter waren glnzend wie Lampen am Abend.
Die oben in den Bumen klatschten Beifall, und die, die unten standen,
verneigten sich und murmelten Beifall.

Hundert Schritte vor dem Tor und den vier Trmen der Provinzhauptstadt, wo
das Frauengedrnge am Wege am dichtesten war, hrte Ata-Mono pltzlich
einen allgemeinen Schrei des Entsetzens. Ein surrender Laut traf sein Ohr,
und ein langer, schwirrender Pfeil sauste vor ihm in den Boden und stand
senkrecht und zitternd fest vor seinem Fu.

Er staunte, aber er lie sich nicht in seinem Weg stren und tat drei
Schritte weiter. Da strzten schnell drei Speere vor ihm nieder. Der eine
zerschellte an einem Baum, der zweite durchbohrte ein Weib am Wegrand, der
dritte fuhr durch Ata-Monos Haar und ri die Muschelkette aus seinem Haar
mit sich.

Gleich darauf sah Ata-Mono, da die Frauen auf den vier Trmen des
Stadttores in Aufruhr gerieten und von jedem Turm einen Mann
hinunterstrzten.

Was bedeutet das? fragte Ata-Mono die zwei Frauen, die ihm zunchst
standen.

O, Herr, ein paar eiferschtige Mnner wollen Euch tten, sagte die eine
der beiden Frauen eifrig; die andere lachte.

Warum sehe ich nur Frauen und keinen Mann, der mich begrt? fragte er
weiter.

O, Herr, der Regent hat befohlen: am Tage, wo Ihr vom Meere wieder nach
China zurckkehren wrdet, drfe kein Mann sein Haus verlassen und kein
Mann die Strae betreten, da die Eifersucht der Mnner grenzenlos ist, und
weil dich alle Mnner hier hassen.

Ata-Mono sagte verwundert: Ich habe seit Jahren keine Mnner gesprochen.
Warum hassen sie mich, und warum sind sie eiferschtig auf mich?

Herr, Ihr wit nicht, da der Regent tief betrbt war, weil Ihr, der Ihr
der Erste seid, der die Sprache der Bume verstand, -- weil Ihr China den
Rcken kehren wolltet.

Ata-Mono staunte:

Ich habe es niemand erzhlt. Woher wei der Regent, da ich die Schrift
der Baumrinden lesen kann?

Herr, man sah Euch ja tglich in Eurem Heimatort an allen Wegen, in allen
Wldern, wie Ihr laut die Sprache der Bume entziffert habt. Die Menschen
standen in Scharen um Euch und lernten von Euch das Lesen der Rinden. Und
jetzt lesen alle unsere Mnner und verstehen die Sprache der Bume wie
Ihr.

Sind sie deswegen eiferschtig, eure Mnner, weil ich der Erste war, der
die Sprache der Bume verstand?

O nein, Herr, sie sind eiferschtig, weil der Regent am Tag, da Ihr China
den Rcken wendetet und ans Meer gingt, geschworen hat, da Ihr an dem Tag,
an dem Ihr umkehren wrdet und unter sein Volk zurckkehren, -- da Ihr
dann die Wahl haben wrdet unter allen Frauen, ob verheiratet oder
unverheiratet, ob hoch oder niedrig; ja, die Regentin selbst drft Ihr als
Frau Euch erwhlen. Aber Ihr mt Euch entscheiden, ehe die Sonne dieses
Tages untergeht. Habt Ihr dann nicht gewhlt, wird man Euch morgen tten.
Der Regent will, da Ihr, tot oder lebendig, jetzt im Lande bleibt, und da
Ihr nicht den Ruhm des Landes gefhrdet, da Ihr nicht auswandert oder eine
Frau aus einem andern Volke whlt als aus dem unsern.

Die Mnner, die vorhin von den Trmen gestrzt wurden, waren die Mnner von
den vier schnen Tchtern des Regenten; diese vier Mnner wollten Euch
tten, ehe Ihr die Stadt betreten httet, weil sie bei Eurer Brautschau fr
ihre Frauen frchteten.

Ata-Mono sagte: Alle hunderttausend Frauen des Landes sind mir willkommen.
So wenig, wie ich jetzt mehr den Willen zur Unsterblichkeit habe, so wenig
Willen habe ich zur Liebeswahl. Ich werde also morgen sterben. Warum bin
ich nicht schon vorhin gestorben, als der Pfeil zielte und die Speere eine
Frau tteten, statt mich zu tten?

Komm! sagte das Weib, das ihm geantwortet hatte. Lege deinen Arm um mich
und verkndige mich als deine Frau. Dann wirst du nicht sterben mssen. Und
ich will dir helfen, dir die Unsterblichkeit zu sichern, die du am Meer
vergeblich erwartet hast.

Ata-Mono fragte rasch:

Kennst du die Rindensprache der roten Kryptomerienbume?

Natrlich, sagte die Frau ebenso rasch. Ich habe zwar nie einen solchen
Baum gesehen, ich kenne aber seine Rindenschrift wie die Linien meiner
Hand.

Ata-Mono fragte noch rascher:

Weit du, wo die Harfe liegt, die ich suche?

Natrlich, antwortete ebenso rasch die Frau. Alle Bume erzhlen es,
da die Harfe im kleinen, ewigen Feuerland liegt.

Weib, weit du den Weg dorthin?

Natrlich. Ich werde ihn dir schon zeigen. Wenn du mich zu deiner Frau
gemacht hast, werde ich ihn in Erfahrung bringen. Alles wird mir gelingen,
wenn du mich liebst.

Wirst du mir treu bleiben, wenn ich dich heirate, und willst du die
Unsterblichkeit mit mir teilen?

Treu bleiben? fragte das Weib und schmollte. Das ist das Natrlichste
von der Welt. Das verspreche ich dir gar nicht. Aber die Unsterblichkeit
werde ich natrlich mit dir teilen.----

Ata-Mono betrat die Stadt nicht. Siebenundneunzig Schritte vor der Stadt,
heit es in den chinesischen und japanischen Chroniken, legte er seinen Arm
um ein Weib. Aber nicht um das Weib, das er ausgefragt hatte, und welches
immer so gelufig natrlich geantwortet hatte, sondern um eines, das
daneben gestanden und zu allem gelacht hatte, melodisch und freundlich wie
eine singende Glocke.

Diese Frau hatte Ata-Mono nichts versprochen, und die Lnder ehren heute
noch ihr Andenken und ihr singendes Lachen.

Als der groe chinesische Weise und Wissende und sein lieblich lachendes
Weib nach glcklichster Ehe hochbetagt starben, begrub man beide am
Meeresstrande unter dem rtselhaften Baum, dessen Rinde Ata-Mono niemals
entziffert hat.--

Hunderte Jahre nachher, als die Chinesen Japan entdeckten und den
harfenfrmigen Biwasee, als die groe Harfe, im Lande des ewigen Feuers
liegen fanden, brachte man dorthin ein Reis jenes unerklrlichen Baumes, zu
einer Zeit, wo die Japaner noch in Bltterkleidern und mit ungekmmten
Haaren das kleine Feuereiland bewohnten und die Chinesen dort die ersten
Apostel hherer Bildung und Gesittung wurden.

Und wieder einige Jahrhunderte spter, als die ersten chinesischen
Buddhisten-Mnche die Religion des Pflanzen-, des Tierreiches und des
Menschenreiches den Japanern gaben und sie die Verbrderung aller
Weltallwesen lehrten und Mnche den Miideratempel mit seinen Terrassen am
Biwasee bauten, da erinnerte man sich wieder des rtselhaften Baumes, der
nun durch die Jahrhunderte stark und mchtig geworden war. Und jeder, der
zu dem Baum am Biwasee kam, sprach von Ata-Monos Geschichte, bis eines
Tages ein japanischer Mnch geboren wurde. Dieser war der Erste, der die
Rinde des alten, rtselhaften Baumes am Biwasee entziffern lernte, die bis
dahin unleserlich geblieben war. Und er las zu seinem Erstaunen von der
Baumrinde den Satz:

O wisse, Mensch, und hre mich, der ich alt werde wie die Erdrinde! Mir
und allen, welche so alt werden auf der Erde, steht die Liebe hher als die
Unsterblichkeit.

Und diesen Spruch las der japanische Mnch milliarden- und milliardenmal in
die Kronenste, in den Stamm und in die Wurzelrinden gegraben; bis zur
tiefsten Wurzel drunten in der Erde sprach der Baum keinen andern Satz.

Nun erinnerte man sich auch, da Ata-Mono, seitdem er glcklich mit dem
lachenden Weibe lebte, nie mehr von der Unsterblichkeit gesprochen, da er
sein Weib niemals nach dem Wege zur Unsterblichkeit gefragt hatte. Und aus
der Vergangenheit stieg das Lachen jenes Weibes, wie aus einem Grab, als
Mnche eine Glocke gegossen hatten, die noch heute abends im Miideratempel
gelutet wird, und deren Stimme wie die sanftgewordene Stimme von
Jahrtausenden klingt, und die den singenden Ton eines glcklichen Weibes
hat.

Der alte Baum ist heute nur noch ein Stummel, von Stelzen und Krcken
gesttzt. Zu dem Platze, wo er am See steht, fhrt ein hlzernes Tempeltor.
Seine Zweige sind mit Tausenden von weien Gebetszetteln behangen. Tausende
von Pilgern aus Japan und China besuchen ihn, den Unsterblichen, der
verkndet: Die Liebe ist grer als die Unsterblichkeit, und nennen ihn
den Glcklichen, weil er Abend um Abend die kostbare Frauenstimme der
Abendglocke des Miideratempels belauschen darf, die jenem weiblichen Lachen
gleicht, bei welchem einst Ata-Mono den Wunsch nach Unsterblichkeit verga.




Sonniger Himmel und Brise von Amazu


Im brtenden Hochsommer ist der Biwasee wie eine gute, erquickende,
milchreiche Amme, die Tausende von Japanern an ihrer Brust einwiegt.

Die leichten Buchten des ovalen Sees und seine geschwungene Harfenlinie
sind von farbig gekleideten Menschenkindern umvlkert, gleichwie von roten,
grnen, blauen und weien Kfern. Gruppen von Badenden spielen im Schilf,
unschuldig nackt wie Neugeborene. Die Stimme der Wellen, die sonst Tag und
Nacht raschelt, und die zischelnden Schilfstimmen sind alle berstimmt von
dem Gekicher und Gerufe der Menschen in Ruderbooten und Segelbooten und von
spielenden Menschengruppen am Kiesstrand. Bis in den Abend schallen die
Rufe, und bis in den Mondschein der Sommernchte antworten sich die
Menschenstimmen ber dem Wasser, -- Mdchen-, Frauen-, Mnner- und
Kinderstimmen. Die groe Harfe des Biwasees hat unter dem sonnigen Himmel
ihre Wasserstimme eingetauscht gegen die Skala der Menschenstimme.

Nur am schlfrigen Hochsommermittag, wenn das Seewasser faltenlos mit dem
sonnigen Himmel eins geworden ist und kaum noch eine dnne Haarlinie die
Seehhe von der Himmelshhe trennt, dann ist da eine Sekunde, die jedem
ewig im Gedchtnis bleibt, der einmal den Seesommer am Uferrand dort
eingeatmet hat, -- eine Sekunde, die in die Einheit des sonnenglatten Sees
eine Teilung bringt, als ob in einem lautlosen Zimmer, in dem zwei
Glckliche umarmt Gesicht an Gesicht liegen, ein einziger Glckseufzer die
Stille unterbrche und an ein fernes und knftiges glckliches Leben sich
anschlsse. Das ist die Brise von Amazu, die wie ein groer Glckseufzer
ber den Hochmittagsee durch die Sommerstille kommt.

Die Brise von Amazu bringt eine Seespiegelung mit sich. Aus rosigen und
blulichen Perlmutterfarben steigt eine Gespensterlandschaft ber der
Seeflche auf. Mitten im hellen Mittaglicht verwandelt sich der See
gleichsam in eine grnliche Wiese, berhangen von den Gliedern rosiger
Kirschbume, die sich im Hitzegezitter zu bewegen scheinen, und ferne
Schilfspitzen verwandeln sich in die Silhouetten von Tnzerinnen, welche
die zerbrechlichen Linien von japanischen Mdchen zeigen. Die Erscheinungen
der blhenden Kirschbume gleichen irisierenden Reflexen von aufsteigenden
Wolkenrndern. Der Kirschengarten, in den sich der See verwandelt, hnelt
einer japanischen Perlmutterlandschaft auf blulichem Silberlack. Dieses
Seegesicht, das nur bei sonnigem Himmel und nur bei der Brise von Amazu und
nur im Hochsommer erscheint, bt eine Zauberkraft auf Menschen aus, sagen
die Japaner, so da man ber den Bootrand wie von der Schwelle eines Hauses
hinaustreten und zu Fu ber die Perlmutterflche gehen kann, ohne zu
versinken, getragen von der Begeisterung, vom sonnigen Himmel und von der
Brise von Amazu. In diesen hchsten Sekunden der See-Ekstase sollen
Menschen von Boot zu Boot gegangen sein, Viertelstunden weit ber das
Wasser, ohne unterzusinken, ohne den Fu mit einem Wassertropfen zu
benetzen. Aber wehe denen, die nicht Schritt halten mit der Begeisterung
des Sees, nicht Schritt halten mit den Glcksaugenblicken und der
Glcksstrke des sonnigen Himmels und der Brise von Amazu.

Nur so lange die Brise whrt, whrt der Enthusiasmus des sonnigen Himmels,
der den Menschen stehenden Fues ber das Wasser trgt. Legt sich die
Brise, so lt der sonnige Himmel die Wasserwanderer los, und sie werden
vom See tiefer verschluckt als sonst Ertrinkende.

Vermessene, die sich strker glauben als das Glcksgefhl des sonnigen
Himmels und der Brise von Amazu, und die auch nur eine halbe Sekunde das
Glcksgefhl nicht aufgeben wollen, nachdem die Brise sich schon gelegt
hat, schieen senkrecht zum Seeboden, von der Gegenkraft des einsetzenden
Unglcks gepackt und versteinert. Man sagte, vom Unglck wie zu Eisen
verhrtet und schwarz wie Meteorsteine stnden ihre Krper wie Statuen
unten auf dem Seegrund.

Aber die grte Strafe dieser Vermessenen ist, da solche jhlings
Versunkenen nie mehr geboren werden knnen, da ihre Seelenwanderung
abschlo, ehe ihre Seele sich zum Nirwana hob, und da sie die dumpfesten
Weltberreste sein werden, wenn das ganze Menschengeschlecht zum Nirwana
eingegangen ist.

Die Brise von Amazu hat ihn verlassen oder der Brise von Amazu trotzen
wollen, sagen die Japaner sprichwrtlich von Menschen, die das Glck, das
sie verlt, mit den unmglichsten Mitteln festhalten wollen. Und sie
schenken einem solchen Menschen, um ihn zu warnen, ein kleines, schwarzes
Bronzeamulett, das nichts ist als eine schwarze, eiserne Trne. Dieser
Eisentropfen sieht aus wie der Haarschopf eines Menschen, der senkrecht ins
Wasser schiet. Hrt ein Freund auf diese Warnung nicht, so sendet man ihm
einen Fcher, darauf ein Mensch gezeichnet ist, der ber Wellen wandert.
Und ist ihm diese Warnung noch nicht genug, so singt man ihm folgendes Lied
abends unter den Fenstern:

    Gab dir heute der sonnige Tag,
    Als der See im Mittagsschlaf lag,
    Freude und einen glcklichen Sinn
    Und Gtterkraft deinem Fu im Schuh,--
    Dann sieh jetzt vorsichtig vor dich hin.
    Glck whrt nie lang,
    Wir sind um dich bang,
    Glck und Tod bringt die Brise von Amazu.--

Omiya und Amagata waren zwei Turnlehrer in Ozu und zogen mit ihren beiden
Knabenschulen an einem Sommertage in Khnen auf den Biwasee hinaus, den
ganzen Tag an den Ufern entlang. Die Schulknaben konnten nicht schwimmen,
aber nur wenigen fiel es ein, sich vor der schwindelnden Tiefe des Biwasees
zu grauen, und sie fllten die Luft mit Gelchter.

Die Schulklasse eines jeden Lehrers war nicht gro und sa in je einem
Kahn. Nun wird in Ozu erzhlt: Die heie Mittagsstunde kam, und die Khne
befanden sich auf der Hhe des Sees, wo man fast keine Ufer sieht, nur den
blulichen Hitzedunst in der Ferne. Die beiden Khne schienen zwischen
Himmel und Erde wie zwei abgeschossene Pfeile durch die Luft zu gleiten.
Blau verschmolzen lagen der glatte Himmel und das glatte Wasser
beieinander.

Da verwandelte sich vor den Augen der Kinder der See in jene unwirklichen
Wiesen, wie sie sonst auf Bildern glatt gemalt und grnspanfarbig zu sehen
sind. Kirschbume stiegen auf, als kme der rosigste Frhling noch einmal
in den Hochsommer herein, und kleine Mdchen in taubenblauen Gewndern
klatschten rhythmisch in die Hnde und umwandelten die dunkeln Silhouetten
der Kirschbaumstmme. Bald gaben sie sich die Hnde, bald breiteten sie die
Arme. Einige knieten, andere glitten im Kreis um die Knieenden.

Die Lehrer und die Knaben konnten glauben, sie seien mit den Khnen unter
Kirschbumen gelandet, in einer Seegegend, wo die Kirsche erst im
Hochsommer blht, und wo die Mdchen den Frhlingsgottheiten eine
Tanzzeremonie ausdenken, um der lchelnden Kirschblte zu huldigen.

Kein Knabe war zu halten. Alle verlieen die Boote, liefen auf die Wiesen,
kauerten im Kreis unter den Kirschbumen und begleiteten mit rhythmischem
Hndeklatschen die Mdchenfe.

Aber Kinder, die nichts vom Glckswechsel und von Beherrschung der
Glcksekunden verstehen, knnen auch nicht auf den Augenblick der
Windstille nach der Brise von Amazu achten.

Die lebhafte Brise, die mit den Kleidern der Kinder spielte, mit den
uersten Spitzen der Kirschbume, mit den glitzernden Grashalmen der
grnspanfarbigen Wiesen, legte sich pltzlich, und tiefe Lautlosigkeit trat
ein. Vergeblich schrien die beiden Lehrer aus jedem Boot den bers Wasser
wandernden Kindern zu: Kinder sind taub, wenn sie spielen. Kein Knabe
kehrte zurck, als die Brise von Amazu sich legte.

Wie wenn ein Spiegel einbricht und die Glassplitter trbes Glasmehl werden
und kein Gesicht mehr hergeben, das hineingeschaut hat, so blieben alle
Schulkinder im See verschwunden.

Die beiden Schullehrer kamen drei Tage spter, nachdem sie den ganzen See
abgesucht hatten, ohne Kinder zurck nach Ozu, wo der Jammer um die
verschwundenen Schulklassen so gro war, da viele Vter noch in derselben
Nacht Selbstmord begingen und viele Mtter hinaus zum See strzten und sich
ertrnkten.

Auch der eine Lehrer, sein Name war Amagata, wurde am nchsten Morgen tot
in seiner Wohnung gefunden, erwrgt von Nachtgeistern, sagten die Leute.
Der andere aber mute seine Schulstellung aufgeben und wurde Polizist.

Eines Tages beurlaubte sich dieser Mann, welcher Omiya hie, und sagte, er
wolle sich ein Mdchen zur Frau aus Amazu holen. Und als man ihn fragte,
warum gerade aus Amazu, von wo doch das Unglck ber ihn und Amagata
gekommen sei, da schttelte er nur den Kopf und sagte finster: Auf Glck
folgt Unglck und auf Unglck Glck. Darum mu das Mdchen, das ich liebe,
aus Amazu sein und mir Glck bringen, weil ich dort mein grtes Unglck
hatte.

Wenige Tage spter brachte Omiya auch wirklich auf seinem Kahn eine Frau
aus Amazu nach Ozu, schlo sein Weib in sein Haus ein und zeigte es
niemand.

Die Frau gebar einen Knaben. Der sah, als er grer wurde, dem ermordeten
Lehrer Amagata auffallend hnlich.

Nach der Geburt des Knaben trat eine Vernderung mit Omiya ein. Er
vernachlssigte seine Frau, er vernachlssigte sein Haus, er vertrank sein
Geld, er vermied es, sein Kind zu sehen, und trug immer in seinem Mund eine
kleine, kalte Pfeife, die er nie anzndete, die er aber alle Augenblicke
ausklopfte, als habe er sie ausgeraucht.

Dieses Klopfen der Pfeife des Polizisten Omiya war in ganz Ozu als Signal
bekannt. Die Kinder flchteten in die Huser und versteckten sich hinter
die langen rmel der Mtter, wenn am Ende der Strae das Klopfen der
Tabakpfeife des Polizisten Omiya ertnte. Nachts schrien Knaben und Mdchen
im Schlafe auf, wenn unter den Fenstern der Polizist vorberging und seine
Pfeife an die Hausecke pochte.

ltere Leute, die nachts noch bei der Kerze lasen, lschten das Licht aus,
wenn sie das Klopfen der Pfeife hrten. Junge Mnner, die eben aus dem
Teehaus heimgehen wollten, gingen bei dem unheimlichen Klopfen wieder in
das Teehaus und bestellten sich eine neue Tnzerin und Reiswein, um nicht
an das verrufene Klopfen denken zu mssen. Denn niemand in ganz Ozu wollte
mit dem verrufenen Klopfen im Ohr einschlafen.

Aber mit dem feinen Takt der Japaner erzhlte keiner dem andern in ganz
Ozu, welche Plage ihm das Pfeifengerusch des Polizisten verursachte. Jeder
vermied, von etwas so Unangenehmem, wie die Vergangenheit und das Schicksal
des Omiya gewesen, von neuem zu sprechen. Bis eines Tages ganz Ozu von
Omiya erlst wurde.

Es war in den achtziger Jahren des neunzehnten Jahrhunderts, als der
damalige Kronprinz von Ruland Japan bereiste und, gefolgt von
verschiedenen japanischen Wrdentrgern und begleitet von abendlndischen
russischen Offizieren, kam und den Biwasee von den Terrassen des
Miideratempels bewunderte.

Es war am frhesten Morgen nach sechs Uhr, zu der Stunde, da die Japaner
ihre vornehmsten Visiten machen. Der See lag wie ein groes silbernes Ei in
der Sonne, -- ein groes Silberei, das sich funkelnd um seine Lngsachse
drehte. ber die Huser Ozus rieselte der Silberglanz und blendete die
Augen der Menschenmengen, die in der Seestrae Kopf an Kopf standen und den
auslndischen Prinzen sehen wollten, wie er in der Rikscha vom
Miideratempel zurckkam, -- den zuknftigen Kaiser jenes Landes, das so nah
an Japan grenzte, und dessen Bewohner meistens hohe juchtene Stiefel
tragen, so da man htte glauben knnen, alle die schwerbestiefelten Russen
wrden eines Tages dem kleinen Japan einen Futritt geben, da es
zerstampft sein wrde wie eine Fliege auf der Diele.

Auch die Bewohner von Ozu, die in den Morgenstraen aufgereiht standen,
lchelten sauers, als dem russischen Kronprinzen vorauf in einigen
Rikschas ein paar riesige, schwerbestiefelte russische Generle fuhren, die
whrend des Fahrens nichts von der Morgenschnheit des Biwasees zu bemerken
schienen, sondern mit noch bernchtigen Kpfen wie feiste Dmonen in den
kleinen Wagen saen und halb eingeschlafen waren.

An einer Straenecke war der Polizist Omiya in dunkler, europischer
Uniform postiert. Zum erstenmal hatte er seine Pfeife nicht in der Hand.
Ein kleiner, kurzer Sbel hing an seinem Grtel. Seine Mtze war tief in
die Stirn gezogen, so da ihn der glnzende Biwasee nicht blendete.

Nun kam der Kronprinz um die Ecke gefahren, und Omiya sollte die Hand an
den Mtzenschild fhren und den russischen Zarensohn gren. Aber die Leute
auf der Strae sahen pltzlich den russischen Prinzen im heftigsten
Handgemenge mit Omiya; Omiyas kurzer Sbel blitzte und zerbrach dann wie
ein Stck Glas und flog im Bogen in zwei Stcken ber die Kpfe der
Zuschauer in eine Seitenstrae.

Russische Uniformen und abendlndische Fuste sah man im Gewhl einen
Augenblick danach um Omiya toben. Dann verbreitete sich die Nachricht von
Mund zu Mund, von Haus zu Haus, von Ufer zu Ufer rund um den Biwasee, ber
ganz Japan, ber Ruland und ber Europa, -- die Schreckensnachricht, da
der Kronprinz Nikolaus von einem japanischen Polizisten in Ozu am Biwasee
angefallen und durch einen leichten Dolchstich am Arm verwundet worden sei.
Man erklrte diesen seltsamen Fall damit, da der japanische Polizist in
pltzlichem Irrsinn und unter dem Einflu der Tobsucht gehandelt habe.

Der Irrsinnige sei dann nach der Tat aus seinem Haftlokal ausgebrochen und
habe sich in einem Kahn auf den Biwasee geflchtet. Und da alle
Nachforschungen vergeblich blieben, und da es ein heier, glhender Tag
war, sagten die Leute, die Brise von Amazu habe den Attentter in den See
gelockt.

Omiyas kleiner Sohn wurde an diesem Tage gerade fnfzehn Jahre alt. Das ist
das Alter, in dem die japanischen Kinder ihren Kinderrufnamen ablegen und
einen Namen fr ihre Mannesjahre erhalten. Aber Omiyas Frau verschob wegen
des schrecklichen Ereignisses an diesem Tage das Namensfest ihres Knaben,
bis sie Kunde haben wrde von dem Verbleib ihres irrsinnig gewordenen
Mannes.

Einige Tage spter, eines Mittags, als die Frau den Reis am Herd rhrte,
flog ein Kieselstein von der Strae her in den Reistopf.

Die Frau streckte den Kopf ber die Altane des Hauses und sah einen in
Lappen und Lumpen gewickelten Mann, der ein groes Bndel gemhtes Schilf
auf dem Kopfe trug. Die Schilfhalme hingen so dicht vor seinem Gesicht und
um seinen Kopf, bis auf die Schultern, da Omiyas Frau nur ein riesiges
Schilfbndel auf zwei Beinen wandelnd die Strae hinabgehen sah.

Sie schttelte verwundert den Kopf. Die Seestrae war zur Mittagsstunde
leer, und die Frau konnte nicht begreifen, wer den Stein durchs Fenster
geschleudert htte. Pltzlich durchzuckte sie ein Gedanke. Sie fhrt noch
einmal mit dem Kopf ber den Altanenrand und betrachtet nochmals den Gang
der Mnnerbeine, die unter dem gelben Schilfbndel die staubweie Strae
entlangschleichen. Sie nickt und murmelt: Das war Omiya.

Den Stein, den sie schon vorher aus dem Reistopf herausgenommen hatte,
wscht sie jetzt rasch im Wasserbottich rein und betrachtet den Biwakiesel
von allen Seiten. Sie erkennt darauf, als sie den Stein ber dem Herdfeuer
getrocknet hat, eingeritzte winzige Schriftzeichen und liest:

Tue mit deinem Sohn, der nicht mein Sohn, sondern Amagatas Kind ist,
dasselbe, was ich mit Amagata getan habe: tte ihn. Dann halte dich heute
um Mitternacht bereit. Du mut mit mir auswandern. Htte ich den
auslndischen Prinzen gettet und nicht blo verwundet, so htte ich Japan
einen so groen Dienst getan, da meine Vergangenheit reingewaschen wre,
reiner als dieser Kiesel des Biwasees. Das Attentat ist mir milungen, und
ich bin der Mrder Amagatas geblieben und der Mrder der Schulkinder von
Ozu. Ich bin aus Eifersucht um deinen Besitz mit Amagata vor Jahren auf der
Seehhe in Streit geraten, und er schlug seinen Kahn und ich meinen Kahn im
Kampf um, und alle Schulkinder ertranken. Das hast du bis heute nicht
gewut. Du wutest nur, da ich dich zu deinem und meinem Verderben lieben
mu. Ich habe dir vorgelogen, da Amagatas letzter Wunsch war, da du mich
heiraten solltest, wenn er tot wre. Er hatte mir zwar gesagt, da er dich
in Amazu besucht und verfhrt habe. Aber ich hatte doch nie geglaubt, da
ich den Anblick seines Kindes nicht vertragen knnte. Ttest du das Kind
nicht, so werde ich es tten. -- Gehorche jetzt und rotte Amagata
vollstndig aus unserm Leben aus, indem du sein Kind beseitigst. Der Kampf
zwischen mir und Amagata brach aus, als er mir in den Booten auf dem See
erzhlte, da er dich besitze, wann er wolle, und dich bald aus Amazu holen
und zu seiner Frau machen werde. Nachdem wir uns im Wasser mde gekmpft
hatten, er und ich, und ich sah, da alle Kinder ertrunken waren und mich
selbst beinahe die Krfte verlieen, veranlate ich ihn, mich vom Ertrinken
zu retten, indem ich sagte, der Verlust der Schulkinder sei mir grer als
dein Verlust, und indem ich eine Gleichgltigkeit heuchelte, die ich
niemals fhlte, und dabei erklrte, da ich auf dich verzichten wollte.
Amagata, der krftiger war als ich, nahm mich dann auf seinen Rcken und
schwamm mit mir stundenlang viele Seemeilen, bis ans Ufer.

In Ozu verbreiteten wir das Mrchen von der Brise von Amazu, das aber
trotzdem kein Mrchen ist, denn ich habe wirklich einen Augenblick mitten
in der Mittaghitze die Erscheinung der Kirschbume und der tanzenden
Mdchen drauen zwischen Wasser und Himmel gehabt. Du kamst mir ber das
Wasser entgegen, und ich hielt dich glcklich in meinem Arm und verlebte in
dieser Vision die unschuldig seligsten Augenblicke meines Lebens, bis
pltzlich Amagata neben mir, eingeschlafen und traumredend, das Geheimnis
deiner Verfhrung verriet. Ich versuchte ihn damals zu erwrgen, so wie ich
ihn, trotzdem er mich gerettet hatte, noch in derselben Nacht in Ozu wegen
der Liebe zu dir erwrgt habe.

Ich gestehe dir dieses alles heute ein, weil du mir hundertmal
versichertest, da du mich mehr als Amagata liebtest.

Mein Kampf gegen Amagata ist aber erst ausgekmpft, wenn sein Sohn nicht
mehr am Leben ist. Ich liebe dich. Darum tte Amagatas Sohn, wie ich fr
dich gettet habe.

So sprach die Schrift des Kieselsteines zu der Frau.

Der Reis verbrannte am Feuer, das Zimmer fllte sich mit Qualm. Aber der
Rauch verzog sich bald wieder, denn das Herdfeuer ging aus, weil die Frau
es nicht mehr schrte und den groen, flachen Stein in ihrer Hand hin und
her drehte und die Schrift, die winzig gekritzelte, entzifferte.

Es wurde Nachmittag. Die Frau las immer noch. Wohl wunderte sie sich
manchmal, da ihr Junge, der drauen auf dem See lag und angelte, nicht
heimkam und Essen verlangte. Aber der Stein in ihrer Hand, der die tiefsten
Geheimnisse zweier Menschenleben zu ihr redete, machte, da sie bald wieder
Zeit, Ort und Wirklichkeit verga.

Pltzlich weckte sie ein Gerede auf der Strae, Stimmen sprachen unter dem
Fenster den Namen ihres Sohnes und ihren eigenen Namen. Die Stimmen rannten
fort und kamen wieder. Fe und Stimmen drngten an ihr Haus. Die
Schiebetre teilte sich, und die Stimmen drngten herein und umsummten sie,
und die vielen Fe traten zu ihr heran, und ebenso das Gemurmel. Und sie
dachte einen Augenblick: Ist der Reis wieder bergekocht, weil es so laut
wird? Da kamen Hnde zu ihr, die ihre Hnde streichelten. Vor ihr legte man
ein nasses, in graue Segeltcher gewickeltes Paket hin. Das roch nach dem
Grundwasser vom Biwasee.

Und die Frau mute an den Wasserkampf zwischen Amagata und Omiya denken und
an das Gemurmel und Geseufze und Gegurgel und Geschluchze der ertrinkenden
Schulkinder rings um die beiden kmpfenden Mnner, und an Omiya, der
schwcher war und auch am Ertrinken war, und an Amagata, der sie zur Mutter
gemacht hatte, gleichfalls an einem heien Tag, drauen im Boot auf der
Seehhe, und der dann aus ihrem Scho zu ihren Fen hinrutschte und nach
dem Liebeskampf auf einem Haufen Segeltuch sanft einschlief, und den sie
dann zudeckte mit ihrem Gewand. Der See war ihr Hochzeitsgemach gewesen.
Der See konnte ihr nichts Bses tun. Was der Biwasee tat, war wohlgetan.

War das Amagata oder Amagatas Sohn, der jetzt starr vor ihr lag in dem
nassen Segeltuch?

Die Frau lftete mit ihrer kleinen, abgearbeiteten Hand ein wenig das Tuch
des nassen Paketes. Da sah sie ein Endchen von dem Kleidersaum eines
Knabenrockes, den sie selbst genht hatte.

Sie sah trnenlos hin, ohne Erstaunen, und sagte zu dem Gemurmel und zu den
vielen Fen, die rund um sie waren:

Es ist Amagatas Sohn. Der See hat mir Amagata damals geschenkt. Warum soll
ich nicht heute ihm meinen Sohn schenken!

Und das Gemurmel um sie verging allmhlich, und die vielen Fe um sie
gingen aus dem Zimmer. Und es wurde still, als wre das Feuer zum
zweitenmal im Herd ausgegangen.

Mein lieber Sohn, sagte die Frau, die neben dem ertrunkenen Knaben
kniete, siehst du, hier ist ein Kopfkissen aus dem Biwasee.

Und sie schob dem Toten den groen, flachen Kieselstein, den sie immer noch
in der Hand hielt, unter den Kopf.

Ich sollte mich jetzt neben dich legen und fr immer mit dir einschlafen,
Kind. Der Biwasee war mein Hochzeitsbett. Er knnte auch mein Sterbebett
werden, wie er deines geworden ist, Kind. Aber ich habe noch eine Rechnung
zu machen. Dein Vater Amagata wrde mich nicht als deine Mutter im
Totenreich empfangen, wenn ich fortgegangen wre von der Erde, ohne Omiya
zu zeigen, da ich immer Amagatas Willen tat. Auch wenn ich Omiya
hundertmal sagte, da ich ihn mehr liebte als Amagata, tat ich das, damit
er Amagatas Kind nicht schlge und Amagatas Kind nicht verhungern liee.

Dunkle Wasserflecken liefen von der nassen Segelleinwand ber die
Strohdiele der Stube. Und die untergehende Sonne leuchtete rot ber den See
drauen und rot ber die Wasserflecken im Zimmer.

Die Frau nickte und sa wei in dem abendroten Gemach, als knne ihr auch
die Sonne kein Blut zum Weiterleben mehr geben.

Die Frau nickte und sprach: Vergossenes Blut braucht nicht mit vergossenem
Blut gercht zu werden. Aber ich will Omiyas Seele in alle Winde
ausschtten, da sie nie mehr in seinen Krper zurckkehren kann. Ich will
Omiyas Seele ausblasen, da er hohl herumgeht und die Welt so leer sieht,
als wre der Biwasee ausgetrocknet. Und ein unendlich groes Loch ohne
Glanz und ohne Welle soll den Platz von Omiyas Seele einnehmen.

Die Nachtzikaden begannen vor den Fenstern zu singen, und die Seelandschaft
drauen verflchtigte sich in Dmmerung. Das kleine Zimmer mit der Leiche,
mit der toten Asche auf dem Herde, mit den dunkeln Wasserflecken auf der
Diele und mit dem regungslosen, blaleuchtenden Frauengesicht neben der
Leiche war etwas so Stilles im Weltraum, da im Fensterrahmen die
funkelnden Sterne am Nachthimmel dagegen wie gestikulierende, laute
Menschengesichter waren, wie ein Volksgetmmel, das Kopf an Kopf mit
glnzenden Augen vor den Fenstern ein Schauspiel erwartete.

Nur warten, nur warten! nickte die Frau den Sternbildern zu, die sie fr
Menschengesichter hielt.

Dann knackte die Diele der Altane. Ein Gewand raschelte. In der Hand eine
kleine Blendlaterne, trat der ehemalige Polizist Omiya ein und lie den
Laternenstrahl im Halbkreis durch das Zimmer leuchten.

Du hast ihn gettet! Gut. Komm! sagte stoweise seine Stimme. Und die
Blendlaterne, als wre sie Omiyas drittes Auge, scho abwechselnd einen
Strahl an die Decke und einen Strahl auf die eingewickelte Leiche am Boden.

Komm! Wir haben nichts mehr hier zu suchen in Ozu. Wir mssen am Ende des
Sees sein, ehe es Tag wird. Steh auf und nimm dein Kleid ber den Kopf, da
dich niemand erkennt.

Setz dich hierher, ich habe zu reden! antwortete Omiya eine Stimme, die
er nie gehrt hatte. Und er fragte unwillkrlich erschrocken zurck: Ist
Amagata hier?

Amagatas Sohn war hier, antwortete die Stimme, welche Omiya nicht von der
Erde und nicht vom Himmel zu sein schien, -- eine Stimme, die war, als
sprche einer der bronzenen Versunkenen, die wie Statuen auf dem Grunde des
Biwasees stehen, einer von jenen, welche die Brise von Amazu berrascht
hatte, und die verschlungen wurden vom Unglck.

Wer bist du? fragte Omiya. Du bist nicht mein Weib, du, die da spricht.

Du hast recht. Es ist Amagatas Weib, das zu dir spricht.

Sagtest du nicht immer, da du mich mehr liebst als Amagata? sagte Omiya
rasch.

Du sagtest mir, Amagata htte sterbend gewnscht, da ich dich, Omiya,
lieben sollte; darum heiratete ich dich, seinen Freund. Aber niemals habe
ich dir gesagt und niemals dir gestanden, da ich nur deshalb auf der Erde
blieb, nachdem Amagata tot war, um sein Kind zu gebren, damit dieses so
glcklich wrde, wie ich glcklich war an meinem Hochzeitsmittag mit
Amagata auf dem See. Das Glck, das ich in Amagatas Armen auf dem See
drauen zum ersten Male geno, wollte ich verlngern, wollte seinen Sohn
gebren und nicht sterben, bis Amagatas Fleisch und Blut die Liebe kennen
lernen wrde und die glcklichsten Liebessekunden, wie ich sie gekannt
habe. Amagata, mein toter Geliebter, sollte in seinem Sohn fr mich
weiteratmen.

Verflucht! brllte Omiya. Und seine Kehle gurgelte wilde Laute, wie die
Kehle eines, der im dunkeln Wasser um sich schlgt und Wasser schluckt und
schreien will und um sich speit und nicht Luft zum Schreien findet.

Dann verlosch die Blendlaterne. Es geschah scheinbar nichts im Dunkeln.
Kein Seufzen, kein Schrei mehr. Doch fanden am Morgen die Leute von Ozu die
kleine, blasse Frau des Omiya erwrgt neben der Leiche ihres ertrunkenen
Sohnes.

Omiya aber blieb unauffindbar und ungestraft, was gleich ist mit der
grten Strafe der Gtter.




Der Wildgnse Flug in Katata nachschauen


In der alten Hauptstadt Kioto, in der ltesten Knstler-, Tempel- und
Kaiserstadt Japans, hatten im Mittelalter viele Maler den Auftrag erhalten,
die Gemcher eines Bergtempels zu bemalen. In diesen Tempel zog sich die
kaiserliche Familie in den Sommertagen zurck und pflegte dort einige
Wochen unter der Obhut der reichen Mnche zu wohnen.

Die Maler begannen ihr Werk. Einer malte einen Saal, wo Sperlinge in
Scharen ber die Wnde flogen und sich in Reisfeldern und Bambushainen auf
Halmen und Rohren schaukelten. Ein anderer Maler malte auf
Silberpapiergrund einen Saal, wo groe Meereswellen aufrauschten und die
vier Wnde umschumten. Wieder ein anderer Maler malte einen Saal voll von
Katzenmttern und jungen Katzen, die in Blumenkrben spielten und die
Bltenkpfe groer Ponien zerzupften.

Der erste Saal wurde der Sperlingssaal genannt, der zweite der Saal der
schumenden Wellen, der dritte der Saal der spielenden Katzen.

Der Kaiser und die Kaiserin, die an der Ausschmckung viel Anteil nahmen,
lieen sich jedesmal, wenn ein Saal beendet war, in Snften und mit groem
Pomp zu dem Bergtempel tragen und verbrachten eine Teestunde in dem neuen
Saal. Und sie nahmen fters ihre jungen Prinzessinnen mit, drei an der
Zahl. Und der Kaiser sagte zur ltesten eines Tages, als sie den Tempel
wieder besichtigten:

Wnsche dir einen gemalten Saal, mein Kind! Vielleicht haben die Maler die
Freundlichkeit und werden von glcklichen Augenblicken begnstigt, dir
einen Saal zu malen nach deinem Einfall.

Die lteste Prinzessin, die einen kleinen japanischen Seidenpinscher auf
ihrem Arm trug, mit dem sie spielte, wnschte sich einen Saal voll
Schohndchen, die um sie spielen sollten. Und die Maler malten ihr diesen
Saal.

Nun wnsche du, mein Kind, was du gemalt haben willst! sagte der Kaiser
zur zweitltesten Prinzessin.

Diese wnschte sich etwas ganz Unmgliches: einen Saal, wo der Mondschein
kme und ginge, und in welchem keine Farben sein sollten.

Die Maler brachten auch diesen Saal zustande. Sie teilten einen Saal in
zwei Teile. Die eine Hlfte sah nach Osten, die andere nach Westen, und
jeder Saalteil hatte einen Altan. Von dem einen Altan sah man den Mond
aufgehen, von dem andern Altan den Mond untergehen. Und weil das Auge der
Prinzessin und das Auge des Mondes keine der sieben Regenbogenfarben dulden
wollten, hatten die Maler Pflanzen und Bume in jeden Saal mit brauner
Sepia gemalt.

Nun wurde die dritte Prinzessin von dem Kaiser und der Kaiserin gefragt,
was sie sich in ihrem Saal von den Malern gemalt wnschte.

O, sagte sie, sie wnsche sich nicht viel, nur einen Zug Wildgnse, die
durch die Luft flgen, graue und weie Wildgnse, im Zickzackflug, rund um
den Saal. Aber jede Gans msse so hinter der anderen fliegen, da sie alle
zusammen ein japanisches Schriftzeichen in ihrem Flug bildeten. Dieses
Zeichen wrde von einem bestimmten Baum und einer bestimmten Hgellinie und
der Fluglinie der Gnse gebildet. Nur in Katata am Biwasee knnten die
Maler den Gnseflug, den Baum und den Hgel zusammen treffen. Nur einmal,
an einem Frhlingsabend, habe die Prinzessin bei einem Ausflug in Katata
die Wildgnse so fliegen sehen, da sich das wunderbare Schriftzeichen
zwischen Himmel und Erde aus der Fluglinie der Gnseschar, aus der
Silhouette eines Hgels und aus einer Baumlinie bildete.

Und das nennst du ganz einfach? sagte der Kaiser.

Es war ganz einfach, als ich es sah, antwortete die Prinzessin.

Es wird nicht zu malen sein, sagte die Kaiserin.

Dann wnsche ich keinen gemalten Saal, sagte die Prinzessin.

Und wie hie das Schriftzeichen? fragte der Maler Oizo, als der Kaiser
und die Kaiserin ihm den Wunsch der Prinzessin erklrten.

Das hat die Prinzessin vergessen, wurde ihm zur Antwort.

Die Maler zogen mit Reispapier und Tusche, mit Silberpapier und Goldpapier
beladen nach Katata, um den Flug der Wildgnse zu studieren. Aber da es
Juli war und keine Wildgnse um diese Zeit vorberziehen, muten sie warten
bis Oktober. Und Oizo suchte inzwischen die Hgellinie und die Baumlinie.
Aber da es Sommer war und die Bume belaubt, und da die Hgel voll hoher
Grser wehten, fand er nirgends die Linie freiliegend.

Die Maler und der Maler Oizo studierten inzwischen die Fische, die in
Rudeln im klaren Wasser stehen, und Bume am Ufer, welche wie
Schriftzeichen ins Wasser tauchen und sich in der Wasserspiegelung krmmen,
und Wachteln, die in den Reisfeldern brten, und Wachtelmtter, die mit
ihren Jungen unter den Reishalmen picken. Sie brachten diese Bilder nach
Kioto in den Bergtempel und dachten: Vielleicht gibt sich die Prinzessin
zufrieden mit einem Wachtelsaal oder mit einem Saal voller Uferbume und
Fische.

Aber die Prinzessin schwieg und gab keinen Beifall, und auch der Kaiser und
die Kaiserin schwiegen.

Da wurde der groe Maler Oizo traurig und kehrte wieder nach Katata zurck.
Dort wohnte er in dem Hause eines Tpfers auf einem Hgel. Der formte aus
dem Ton der Katataerde Vasen, einfache weie Vasen, die er mit grner und
blauer Glasur berzog, so da sie spiegelten wie das grne und blaue
Uferwasser des Biwasees in den Frhlingstagen.

Der Tpfer hatte eine Tochter. Die war so jung und lebendig wie ein
Aprilwind. Sie sa am Tpferofen, darinnen die Vasen und Tonschalen ihres
Vaters gebrannt wurden. Sie hatte die Glut zu schren und die Holzkohlen
aufzufllen, und davon war sie stets schwarz im Gesicht und schwarz an den
Hnden, da der Maler Oizo sie eigentlich noch niemals gesehen hatte.

Oft sa er am Ofen bei ihr, wenn sie die Flammen schrte, und er zeichnete
nachher die roten Korallenste des Feuerflackerns. Natrlich wute ganz
Katata, da die kaiserlichen Maler auf den Herbst warteten, bis die
Wildgnse in den Oktoberabenden fortflgen. Und auch Graswrzelein, wie
die Tochter des Tpfers hie, wute, da Oizo jetzt traurig war, weil er
den Wunsch der Prinzessin noch nicht befriedigen konnte.

Eines Abends, als der Mond aufging und der Altan des Tpfers zwischen dem
Mondschein und dem roten Schein, der aus dem Ofen fiel, zweifarbig
beleuchtet, rot und blau wurde und Graswrzelein mondblau und feuerrot,
zweifarbig beschienen, vor dem Ofen im Hof bei dem Altan sa, seufzte der
Maler in seiner Altanecke rgerlich und trotzig darber, da der Prinzessin
nicht der Wachtelsaal und nicht der Saal der Fische gefallen hatte und auch
der Kaiser und die Kaiserin darber geschwiegen hatten.

Da kam die blau und rot beschienene Tochter des Tpfers und sagte:

Seufze nicht, Oizo! Ich will dir sagen, was die kaiserliche Prinzessin
denkt, und was sie will, und will dir auch das Schriftzeichen des Fluges
der Wildgnse zeigen.

Und Graswrzelein nahm eine Holzkohle, die neben dem Ofen lag, und
zeichnete auf einen weien ungebrannten Tonkrug ein paar Linien.

Sieh her, Meister! sagte sie. Was heit das auf japanisch, was ich hier
schrieb?

Das heit, sagte Oizo und betrachtete flchtig den Krug mit dem
Schriftzeichen, ich liebe dich, wenn ich dir nachsehe. Aber du liebst mich
nicht, weil du fortsiehst.

Sieh, Oizo, sagte Graswrzelein, dies denkt die Prinzessin, denn sie ist
wahrscheinlich in einen Mann verliebt, der sie nicht ansieht. Und sie will
das Schriftzeichen durch den Gnseflug in ihren Saal gemalt haben und will
den Mann dann in den Saal fhren und ihn von den Wnden ihren Willen lesen
lassen. Denn sieh: das Schriftzeichen besteht aus drei Teilen. Sieh hier
die Gabel eines vielfach gewundenen Baumes. Waagrecht durch die Gabel
hindurch siehst du die Brustlinie eines ansteigenden Hgels und darber die
vielfach zackige Fluglinie einer unendlich langen Reihe von grauen und
weien Wildgnsen. Aber zugleich siehst du: die grauen Gnse verschwinden
in der Dmmerung und unterbrechen die Linie, wogegen die weien sich als
Schriftzeichen vom Abendhimmel abheben.

Oizo fragte erstaunt und mit ganzem Herzen zuhrend:

Und woher weit du, da die Prinzessin gerade diesen Schriftzug meint: ich
liebe dich, wenn ich dir nachsehe, aber du liebst mich nicht, weil du
fortsiehst?

Das ist ganz einfach, lachte Graswrzelein. Mein Vater machte einmal
eine Vase. Ich hatte aber den Ofen schlecht geheizt, so da die Glasuren
nicht gleichmig trockneten und sich seltsamerweise dieses Schriftzeichen
bildete, indem der weie Grund der Vase in Zickzacklinien durch die
blaugrne Glasur schimmerte. Flchtig hingesehen, erschienen die weien
Linien wie ein Flug Wildgnse, die in einer Landschaft ber Baum und Hgel
hinflogen.

Die Vase gefiel einem Mnch, der sie sah und ausnehmend schn fand, da sie
zugleich Bild und Schriftzeichen deuten lie. Die Prinzessin hat
wahrscheinlich diese Vase in einem Tempel gesehen, und man hat ihr gesagt,
da das Bild darauf den Flug der Wildgnse in Katata darstellt. Aber ich
denke mir, da das Schriftzeichen ihr mehr wert ist, als der Flug der
Wildgnse, lachte Graswrzelein.

Oizo schlug sich mit der Hand vor die Stirn und lachte:

Also dieser Baum und dieser Hgel sind gar nicht in Katata? Und nur die
Wildgnse fliegen hier vorber im Frhling und im Herbst?

O ja, sagte Graswrzelein nachdenklich. Der Baum lebt wohl hier irgendwo
und der Hgel auch irgendwo, denn nichts ist Zufall auf der Welt. Es war
auch kein Zufall, da ich das Feuer damals schlecht schrte, und da die
Vase schlecht trocknete. Nichts ist Zufall, sagen die Gtter hier bei uns
in Katata.

Und whrend Graswrzelein das sagte, ffnete sie die Feuerluke, zerschlug
den Krug am Boden, auf den sie das Schriftzeichen gemalt hatte, sammelte
die Scherben und warf sie ins Feuer.

Was machst du da? sagte Oizo verblfft.

Ich habe zuviel geredet, und das rgert mich, sagte Graswrzelein.
Deshalb zerbrach ich den Krug.

Der Maler verstand sie nicht, reichte ihr ein Geldstck hin und sagte:

Nimm dies einstweilen als Dank fr deine Aufklrung. Ich gebe dir spter
mehr, wenn mir der Kaiser den Wildgnsesaal bezahlt hat.

Und Oizo ging und packte seine Zeichnungen ein, um am nchsten Morgen nach
Kioto zu reisen.

Aber Graswrzelein warf, als er sich abwandte, das Geldstck in das Feuer
des Ofens, geradeso, als wre es eine Tonscherbe. Und als ihr Oizo Lebewohl
sagte und ihr nochmals dankte, sagte sie:

Warum soll ich dir Lebewohl sagen! Ich wei ja doch, da du wiederkommen
mut.

Das wre nur ein Zufall, wenn ich wiederkme, sagte Oizo.

Die Gtter von Katata kennen keinen Zufall, murmelte Graswrzelein und
blies in das Feuer.--

Der Maler ging nach Kioto und malte den Saal nach dem Gedankengang des
Schriftzeichens auf silbergrauen Grund: den dmmernden Baum im Abend, die
Hgellinie und grau und wei die groe Zackenschleife in der Luft, welche
die fliegenden Wildgnse beschreiben.

Wie Oizo noch am Malen war, kam einer seiner Kameraden, ein anderer Maler,
der auch drauen in Katata gewohnt hatte, und lachte ihn aus, weil er sich
immer so geheimnisvoll in den Saal einschlo, den er malte, und die andern
nicht wissen lassen wollte, wie der Schriftzug des Gnsefluges hiee.

Du machst dich lcherlich, da du dich hier einschliet und nichts von der
Welt wissen willst als nur deine Malerei. Komm heute abend mit mir in die
Theaterstrae von Kioto. Ich verspreche dir, da ein Besuch in der
Theaterstrae deiner Malerei mehr ntzen wird, als du glaubst.

Oizo, der die Aufrichtigkeit seines Freundes kannte, gab diesem nach und
ging mit ihm schweigend in der Nacht vom Bergtempel hinab ber die Brcke
in die Stadt zur Theaterstrae, wo erleuchtete Budenreihen und farbige
Lampen waren und groe Leinwandmalereien in der Nachtluft wie Fahnen
flatterten und Szenen aus den Theaterstcken schilderten.

Verblfft blieb Oizo am Eingang der Strae stehen. Da war ein
Papierlaternenverkufer. Der hatte Lampen aus lgetrnktem Pflanzenpapier,
und auf jeder Lampe war das Schriftzeichen des geheimnisvollen Gnsefluges
gemalt, das er aus Katata mitgebracht hatte, das Schriftzeichen der
Wildgnse, des Hgels und des Baumes, von dem er geglaubt hatte, da es nur
allein ihm, der Tochter des Tpfers und der Prinzessin bekannt sei.

Oizo schwieg und verbi sich sein Erstaunen und dachte an irgendeinen
spitzbbischen Verrat.

Nun kamen sie weiter, sein Freund und er, zu dem grten Theater in der
Mitte der Strae. Da zeigten auch die Theaterbilder auen an der Zeltbude
rund um die Zeltwand den Flug der Wildgnse. Zugleich kam ein
Straenverkufer zu den beiden Malern und bot ihnen ein Spielzeug an: aus
Seidenwatte gearbeitete kleine Wildgnse, die an einer Seidenschnur hingen
und, durch die Luft geschleudert, in Schleifenform dahinflatterten. Ein
Perlmutterarbeiter zeigte ihm Lackkstchen, darauf der Flug der Wildgnse
ber Baum und Hgel ging, und alle diese Dinge prgten das Schriftzeichen
aus, das wie eine Liebeserklrung jene Worte sagte:

Ich liebe dich, wenn ich dir nachsehe. Aber du liebst mich nicht, weil du
fortsiehst.

Ganz verstrt, schwieg Oizo immer noch. Seine Stirn verfinsterte sich, und
er blieb im Menschengedrnge stehen und wollte seinem Freund entlaufen.
Dieser hielt ihn am rmel fest und rief ihm zu:

La dir doch erklren, woher ganz Kioto den Flug der Wildgnse und das
Bild, das du malen willst, kennt.

Du weit, ich wohnte in Katata bei einem Fruchthndler. Dessen Tochter
brachte mir eines Tages in einer Porzellanschale einen kleinen Zwerggarten
in mein Zimmer. Darin blhte ein ganz winziger Kirschbaum. Der Baum war
nicht hher, als mein halber Arm. Hinter dem Baum war ein knstlicher Hgel
aus Erde. Diesen kleinen Garten stellte sie am Abend hinter einen weien
Papierschirm, auf welchem mit schwarzer Tusche kleine Wildgnse im
Schleifenflug gemalt waren. Sie zndete eine Lampe hinter dem Schirm an, so
da der Schatten des Zwerggartens, des Baumes und des Hgels, auf den
weien Schirm fiel und sich darauf abzeichnete und Garten und Gnse ein
einziges Schattenbild zu sein schienen. Aber zugleich konnte man das Ganze
auch fr ein Schriftzeichen halten.

Ich verstand sofort, da sie mich liebte, und da dieses Bild eine
Liebeserklrung sein sollte.

Ich kmmerte mich nicht um ihre Erklrung, nachdem ich den gesuchten
Wildgnseflug von Katata, der eine Liebeserklrung darstellt, so deutlich
gesehen hatte, da ich ihn malen konnte.

Ich wollte am nchsten Tag abreisen, ging aber am Abend noch ins Teehaus,
wo ich fnf von unseren Malern traf. Dem einen hatte eine Tnzerin den
Wildgnseflug von Katata bereits erklrt, dem andern ein Fischermdchen,
bei dessen Vater er wohnte, dem dritten und vierten und fnften andere
Mdchen von Katata, so da wir alle merkten: das Schriftzeichen des
Gnsefluges war ein ffentliches Geheimnis der jungen Mdchen in Katata und
wurde immer angewendet, als Zeichnung auf einer Vase, als Wandschirmbild
und so weiter, wenn ein Mdchen von Katata einem Manne eine Liebeserklrung
machen wollte.

Wir hatten das bis damals in Kioto nicht gewut. Aber jetzt kennen das
Schriftzeichen des Wildgnsefluges von Katata alle Kinder von Kioto, weil
alle Maler das Geheimnis hier verbreitet haben, alle, die in Katata waren.
Auch der kaiserliche Hof wei es lngst, und die junge Prinzessin ist
bereits von dem ganzen Hof als lcherlich erklrt. Der Kaiser und die
Kaiserin sollen sehr rgerlich sein, und du selbst wirst deinen Kopf
verlieren, wenn du den Saal fertig gemalt hast und dir einbildest, von der
Prinzessin geliebt zu sein.

Oizo dachte einen Augenblick nach, dann lachte er und sagte:

Da ich die Prinzessin nicht liebe, wird mir der Hof doch nicht bse sein,
weil ich den Wildgnseflug mit Lust an meiner Malerei malen wollte, und
nicht mit Lust an der Liebeserklrung des Schriftzeichens.

Doch, doch, sagte sein Freund. Du mut fliehen, du mut dich verstecken,
bis der Tempel eingeweiht ist. Man wird den Saal der Prinzessin
verschlossen halten und garnicht zeigen. Aber du mut fortbleiben, bis man
die Liebeserklrung der Prinzessin vergessen hat.

Ich rate dir, nimm ein Segelboot und halte dich einen Monat lang auf dem
Biwasee versteckt. Auf dem weiten Wasser drauen wird dich niemand suchen,
und du kannst den Booten ausweichen.

Ich trenne mich nur schwer von meiner Malerei, sagte der Maler Oizo.
Aber du hast recht. Ich will fliehen und will mich verstecken, bis der
Saal der Prinzessin vergessen ist.

Oizo verlie Kioto noch in derselben Nacht, kaufte sich ein Boot, das er
mit Nahrungsmitteln versah, und zog dann hinaus auf den See.

Aber die Tage waren unfreundlich: es war Vorfrhling. Viele Tage lang
lagen die Nebel wie Binden vor Oizos Augen, und er sah nichts und hrte
nichts im Nebel als das Knirschen seines Bootes.

Eines Tages lie er sein Boot treiben und sagte zu sich: Ich will
aussteigen, wo das Boot landet. Wenn ich nicht malen kann, ttet mich die
Langeweile. Ich will wenigstens wieder einmal malen drfen. Und wo jetzt
das Boot landet, wei ich auch, werde ich ein Bild finden, das mir lngst
in der Seele vorgeschwebt hat.

Das Boot des Malers trieb im Abend an den Strand von Katata.

O, unglcklicher Ort, sagte Oizo. Soll ich also wirklich das Bild vom
Flug der Wildgnse noch einmal malen? Ich will noch abwarten und sehen, was
mit mir geschieht, wenn ich ans Land steige. Die Gtter haben das Boot
gelenkt, die Gtter werden auch meine Schritte lenken.

Der Maler stieg ans Land und ging ber den leeren Strand, auf dem kein
Schilf wuchs, sondern nur die gelben Schilfstoppeln vom Vorjahr standen.

Hier sang das Schilf im Vorjahr, als ich fleiig war und Fische malte.
Jetzt ist der Strand faul und tot, vom Winter verdammt, so wie man mich zur
Faulheit verdammt hat.

Pltzlich bckte sich der Maler und hob eine unscheinbare Seemuschel auf,
die blau irisierend und rot irisierend mit weier Innenschale und schwarzer
Auenschale wie eine Blume hier zwischen den leeren Kieselsteinen am Strand
leuchtete. Oizo wendete die Muschel in der Hand hin und her, schttelte den
Kopf, hielt die Hand an die Stirn und dachte nach und meinte zu sich:

Wo habe ich nur diesen blau irisierenden Schein neben dem rot
irisierenden Feuerschein hier in Katata schon einmal gesehen? Ich wei
gewi, da es in Katata war, wo ich diese beiden Farben unvergelich
nebeneinander sah.

Wie er noch dachte und seinem Gedchtnis noch nicht auf den Grund kommen
konnte, kam ein japanisches Mdchen hgelabwrts zum Seewasser hin. Sie
trug auf dem Kopf einen flachen Korb und schttete den Inhalt des Korbes,
der wie Erde aussah, ungefhr zwanzig Schritte von Oizo entfernt in den
See.

Was machst du da? rief der Maler ihr zu.

Das Mdchen sah sich nach ihm um, streckte pltzlich die Arme von sich,
stie einen zischenden Schreckenslaut aus, als ob sie einem Geist oder
einem Gott ins Gesicht she, hllte ihr Gesicht in ihre rmel, kniete am
Seerand nieder und steckte ihren Kopf ins Wasser.

Oizo rief: Haben denn die Gtter dir deinen Verstand genommen, weil du
dich ertrnken willst, Mdchen?

Oizo sprang hin, und als er nher kam, sah er, da das Mdchen sich eifrig
das Gesicht wusch, und er erkannte an der einen Gesichtshlfte, die noch
voll Ru war, die Tochter des Tpfers, Graswrzelein, die aus dem Brennofen
ihres Vaters die Asche in einem Korb an den See getragen hatte.

Was machst du da? fragte Oizo noch einmal. Ich htte dich beinah nicht
erkannt, Graswrzelein, weil du zur Hlfte schwarz und zur Hlfte wei
bist.

Graswrzelein prustete das Wasser aus ihrer Nase, wusch sich die andere
Gesichtshlfte rein, und whrend sie sich mit dem Innenfutter ihres rmels
Gesicht und Hnde trocknete, fuhr sie den Maler rgerlich an:

Ich wollte gar nicht, da du mich erkennen solltest. Als ich dich hier so
pltzlich am Strand stehen sah, nachdem ich die Ofenasche in den See
geworfen hatte, und ich dir nicht ausweichen konnte, wollte ich mir den Ru
vom Gesicht waschen, damit ich dir unkenntlich bliebe. Denn du hast mich ja
nur ein einziges Mal gewaschen gesehen.

Und wirklich, Oizo konnte das wei gewaschene Mdchen kaum erkennen.

Du sagst, ich htte dich einmal gewaschen gesehen? Ich habe dich immer nur
schwarz gekannt.

Doch, doch, nickte Graswrzelein. Erinnerst du dich nicht, Meister, da
ich dir auf einer Tonvase den Flug der Wildgnse von Katata beschrieb?
Erinnerst du dich nicht? Es war im Mondschein. Du sat auf dem Altan und
ich am Ofen im Hof.

Du warst rot und blau beschienen, sagte Oizo, wie die Muschel hier, die
mondblau und feuerrot in meiner Hand irisiert und leuchtet. Das ist das
Bild, das ich hier malen will. Ich will dein Gesicht malen, blau vom Mond
und rot vom Feuer beleuchtet. Und darum bin ich nach Katata gekommen.

Graswrzelein lachte einen Augenblick. Dann aber wurde sie sehr ernst.

Nein, sagte sie und schttelte den Kopf. Du darfst nicht mehr in unser
Haus kommen. Ich habe das Feuer zu schlecht geschrt, so lange du da warst,
und ich habe meinem Vater zu viele Tonvasen verbrannt.

Du hast noch einen Grund, den du nicht sagst, meinte Oizo. Die Tonvasen
will ich deinem Vater alle bezahlen, whrend ich dich male. Rede und sage
deinen Grund, warum ich nicht mehr in dein Haus kommen soll?

Graswrzeleins Wangen errteten, und sie hielt rasch ihre Hnde an die
Wangen, um die Wangenrte mit den Hnden zu verbergen.

Oizo sah staunend, wie schn das Mdchen war, und hrte, wie ihre Stimme
wisperte und rhythmisch sang, whrend sie sprach, als ob das Schilf vom
Vorjahr wieder um ihn snge.

Willst du nicht eine Bootfahrt mit mir machen, Graswrzelein? Es kommt
eine lauwarme Luft ber den See, und die Abende sind schon lang und hell.
Ich glaube, die Wildgnse mssen bald wiederkommen.

Ja, bei den Gttern, das ist wahr, seufzte das kleine Mdchen. Die
Wildgnse mchte ich dir auf dem See zeigen, Meister. Und ein Lachen
blitzte in ihren Augen, so wie die nassen schwarzen Seekiesel blitzten.
Das ist die Luft der Wildgnse heute abend. Du hast sie nie vom See aus
kommen sehen, Meister?

Nein, ich sah den Wildgnseflug nur vom Land, ber Hgel und Baum.

Dann will ich ihn dir vom See aus zeigen, nickte das Mdchen eifrig; und
ihr blasses Gesicht und ihre zitternden Hnde redeten schnelle Stze, die
sie nicht aussprach.

Sie kletterte vor Oizo ins Boot, ergriff die Ruder und ruderte, ohne ein
Wort mehr zu sprechen, lenkte das Boot, ohne den Maler zu fragen, wohin er
wolle. Oizo fhlte und verstand natrlich an der Rte und Blsse des
Mdchens, da sie eine Herzensregung verbarg. Er blieb lautlos sitzen und
horchte auf sein eigenes Herz, das ihm bis an den Hals schlug. Denn das
Mdchen wurde in seinen Augen immer schner, und er htte es gern umarmt.

Der Biwasee lag wie l so glatt, und auch die Luft war wie l. Als legte
man zwei Spiegel aufeinander, so lag der Spiegel des abendlichen
Vorfrhlingshimmels auf dem Spiegel des Sees.

Graswrzelein legte pltzlich die Ruder ins Boot und sagte: Still! Sie
kommen! Und gleich darauf wiederholte sie:

Still! Sie kommen!

Oizo wunderte sich, warum er denn still sein solle, da er nicht sprach. Er
wute nicht, da seine Stimme fortwhrend in den Ohren des Mdchens summte
und ihr Blut unausgesetzt mit ihm redete.

Ihm selbst geschah jetzt das gleiche. Er fuhr auf und sagte:

Still! Sie kommen! Denn auch er hrte das Mdchen in seinem Blut reden,
-- sie, die kein Wort sprach.

Dann war es, als wenn Ruderkhne hoch in der Luft mit groen Ruderschlgen
herbeifhren, und als ob Mhlen sich drehten mit unsichtbaren Rdern. Und
Laute, die nicht Musik, nicht Menschenstimmen und nicht Tierstimmen
glichen, die aber feierliche Akkorde in die Stille ber den See schufen,
klangen irgendwo im unermessenen Abendraum, kreiselten, waren da, wurden im
Abendgrau zu weien fliegenden Erscheinungen, bildeten dann eine Kette ber
den Kpfen des Mdchens und des Mannes, zogen ein Spiegelbild im Wasser
nach, wie eine Reihe weier winkender Tcher. Die weie Geisterkette
beschrieb eine weie Schleife am Himmel und eine weie Schleife im
Wasserspiegel und verrauschte wie ein musikalischer Windton und hinterlie
Atemzge von Befremdung, von Sehnsucht, als wre die Luft mit unerfllten
Wnschen noch lange nach dem Vorbeizug der Wildgnse von Katata angefllt.

Es war jetzt so dunkel auf dem See, als wre die Dunkelheit wie ein zweites
Wasser aus der Tiefe gestiegen und stnde ber den Kpfen der beiden
Menschen im Kahn. Es war nur noch ein Rest von der Tageshelle, klein wie
ein durchsichtiges Ei, im Westen ber dem Strand.

Oizo konnte nicht Graswrzeleins Gesicht sehen. Er tastete nach der Bank im
Schiff, suchte ihre Hnde, die er streicheln wollte. Aber sie hatte ihre
beiden Hnde in die weiten rmel ihres Kleides gewickelt, als htte man ihr
die Hnde abgeschlagen.

Gib mir deine Hnde! Ich will sie dir wrmen, wenn du frierst. Oder
frchtest du dich vor bsen Seegeistern, da sie dich an der Hand nehmen
knnten? Hab keine Furcht, Graswrzelein! Du bist zu schn. Alle Gtter
mssen dich beschtzen. Auch die bsen Gtter werden gute Gtter, wenn du
sie ansiehst.

Was willst du von mir? sagte das Mdchen. Habe ich dir nicht den Flug
der Wildgnse ber den See gezeigt? Hast du nicht ihr Schriftzeichen lesen
knnen, ihre Schrift aus Himmel und Wasserlinie?

Die Liebeserklrung? fragte Oizo.

Die Liebesabsage, flsterte erregt und hastig die Tochter des Tpfers.

Und nun verstand Oizo, der Schriftzug hatte sich durch die Spiegelung, die
im Seewasser dazu kam, in ein anderes Schriftzeichen verwandelt; und wenn
die Mdchen von Katata dieses einem Liebhaber zeigten, so war er
abgewiesen. Die Fluglinie der Wildgnse im Wasser und am Himmel, vom See
aus gesehen, bedeutete in Sprachzge bersetzt:

Ich liebe nicht, da du dich nach mir umwendest. Ich wende mich auch nicht
nach dir um.

Welch sonderbarer Zufall, da der Wildgnseflug sich doppelt deuten lie,
je nachdem die Wasserspiegelungslinie sich einfgte oder nicht. Da
Graswrzelein ihn liebte und ihn nur necken wollte, als sie ihm die Absage
gab und ihn vielleicht zur Annherung reizen wollte, begriff Oizo sofort,
denn die Luft um sie und ihn war wunderbar geschwngert von Verlangen und
schweigender Zuneigung.

Ohne sich zu besinnen, legte er seinen Arm um das kleine Weib und fand
keine Abwehr. Graswrzelein versteckte nur beschmt ihr Gesicht in des
Malers Brustgewand.

Oizo erzhlte ihr rasch:

Du weit nicht, Graswrzelein, da ich wie ein totes Holz drauen auf dem
See seit Tagen herumtreiben mute, da ich es endlich nicht aushalten
konnte, da mir das Land verboten war, weil ich vor der Liebeserklrung der
Prinzessin fliehen mute. Aber jetzt, seit ich die Doppeldeutung des Fluges
der Wildgnse wei, kann ich den Saal der Prinzessin fertig malen, wenn ich
die Spiegellinie im Wasser hinzufge. Und niemand im Land wird mehr sagen
knnen, da die Prinzessin sich lcherlich gemacht htte, sondern da sie
sich unnahbar machen wollte, wie es einer Prinzessin geziemt. Alle sollen
dann im Saal das Schriftzeichen lesen:

Ich liebe nicht, da du dich nach mir umsiehst. Ich sehe mich auch nicht
nach dir um.

Dann komme ich wieder und baue in Katata mein Haus. Und du sollst nicht
mehr den Ofen deines Vaters schren. Du sollst neben mir sitzen bei meinem
eignen Feuer. Und ich will dich malen, immer wieder malen, in dem Kleide
des Vorfrhlings, am Strand, im Haus, im Mond, im Wasser, am Feuer. Und
alle sollen sagen: das ist das glcklichste Mdchen von Katata. Sie ist auf
allen Bildern im Vorfrhling gemalt, zur warmen Abendstunde, in der man den
Flug der Wildgnse erwartet und verliebt sagt, auch wenn niemand redet:
_Still! Sie kommen!_

Da wickelte Graswrzelein ihre Hnde aus den rmeln und umschlang Oizo.




Von Ishiyama den Herbstmond aufgehen sehen


Unter den zehn Teehausmdchen im Teehaus von Ishiyama war Hasenauge eines
der unscheinbarsten. Sie war nicht feurig, sie tanzte auch nicht sehr
lebendig, sie schminkte sich unordentlich und trug die vier Schleppen ihrer
vier Seidenkleider nicht in der richtigen Abstufung bereinander. Aber sie
konnte Geschichten erzhlen, kleine winzige Geschichten, die nur fnf
Minuten dauerten, aber fnf Tage zum Nachdenken gaben. Deshalb war sie in
aller Unscheinbarkeit eine Kostbarkeit fr das Teehaus in Ishiyama.

Hasenauge kannte dreitausend Geschichten allein ber den aufgehenden
Herbstmond, der, von Ishiyama gesehen, als eines der herrlichsten
Schauspiele ber den Biwasee gilt.

Ich will drei dieser nachdenklichen Geschichten hier wiedererzhlen, die
alle den Herbstmond von Ishiyama teils als Hauptperson, teils als
Hintergrund haben.

Stellt euch vor, wir htten eben in einem der kleinen Gemcher, im ersten
Stock des Teehauses, auf den gegltteten Strohmatten des Fubodens, auf
dnnen, nur fingerdicken seidenen Kissen an der Diele Platz genommen. Die
Schiebefenster zum See sind weit offen. Hinter dem roten Lackgelnder der
kleinen Veranda liegt die Seeflut, wie ein Wasser, das bis ans Ende der
Welt reicht. Zu beiden Seiten der Fenster zischeln Wassereschen. Ihre
Bltter sind in der Abenddmmerung lang und schmal und flirren wie
Libellenschwrme vor dem perlmutterfarbigen Seeglanz.

Es liegen auch ein paar Hgellinien hinter den Bumen, die sind im Abend
wie grnliche Glasglocken. Der Himmel ist spinnwebgrau und scheint hinter
einem Zipfel des Sees leicht zu brennen, wie wenn man ein
Streichholzflmmchen an einen Schleier hlt. Die Helle kommt vom
aufgehenden Mond, den deine und viele Augen jetzt auf den Altanen der
Huser von Ishiyama erwarten.

Vor dir auf der Diele stehen offene Lackschachteln. In diesen sind
gebackene Fische, Reis, Makronen, Wurzelgemse und Geflgelstcke soeben
hei vor uns aufgetischt. Elfenbeinerne Estbe liegen, wie lange
Damenhutnadeln, daneben; und Hasenauge, welche dir Gesellschaft leisten
soll, verpflichtet sich, dir eine ihrer Geschichten vom aufgehenden Mond zu
erzhlen, ehe das Essen kalt ist, ehe sich der Essensdampf verflchtigt hat
und ehe die groe goldene Mondscheibe so hoch ber den Seerand gestiegen
ist, da sie die Seelinie loslt. Dabei sollst du dazwischen von den zwei
Estbchen, die sie ergreift, und aus der dnnen Porzellanschale, die sie
mit Reis und anderen Speisen fllt, von Hasenauge selbst wie ein Kind immer
mit ein paar Bissen gefttert werden, und du bekommst aus einer
Fingerhuttasse Tee und aus einer Fingerhuttasse Reisschnaps oder aus einem
europischen Glas japanisches Bier aus einer Flasche eingegossen, von
bayerischen Brauern in Tokio gebraut. Vom Fenster kommt die Abendluft und
der Fischgeruch des Sees herein, aber der parfmierte Puder von Hasenauges
weigetnchtem Gesicht ist strker als der Seegeruch.

Hasenauge erzhlt:

Der Knig hatte einst in Hakatate im Norden Japans einem Fischzug
beigewohnt, bei dem man unter anderen groen Fischen auch ein Meerweib
fing. Aber nicht eines jener guten Meerfrulein, die am Strand mit den
Frschen und Unken singen, sondern ein Tiefseeweib, das noch nie an der
Wasseroberflche gewesen war, das nie Land, nie Sonne, Mond und Wolken
gesehen hatte.

Das gefangene Meerweib hatte einen mchtigen Goldfischschweif statt der
Fe, ihr Haar war schwarz wie Schreibtusche und ihre Augen rot wie
Kaninchenaugen. Es war dem Knig geweissagt worden, da er drei Nchte ein
Weib lieben mte, das weder Sonne noch Mond gesehen htte. Deshalb war er
zum Fischzug mit seinen Leuten nach Hakatate ausgezogen, hatte besonders
groe Netze auswerfen lassen, um ein Meerweib der Tiefsee zu fangen. Der
Knig wird sein Reich verlieren, wenn er ein solches Weib nicht drei Tage
lieben will, lautete eine alte Prophezeiung.

Aber damit, da man das Weib gefangen hatte, war nicht die grte Sorge vom
Knig genommen. Jenes Weib, das ihn mit den roten Augen scheinbar blind
ansah, das mit dem roten Schweif um sich schlug und ein paar Khne des
Knigs zertrmmerte, jenes Weib, das nicht sprechen, nicht lachen und nicht
seufzen konnte, drei Tage zu lieben, -- dies war eine so heroische Aufgabe,
da sich alle, die um den Knig waren, entsetzten.

Nur der Knig war ruhig, stellte sich am Ufer vor die Weisen seines Landes
hin und fragte:

Wie weit reicht meine Macht?

Deine Macht, o Herr, reicht ber Himmel, Erde und Wasser.

ber alles, was darinnen ist? fragte der Knig.

ber alles Mnnliche, was im Himmel, auf der Erde und im Wasser ist,
sagten die Weisen. Nur das Weibliche lt sich nicht regieren.

Gut, dann soll der Mond, der dort aufgeht, untergehen, rief der Knig.
Wenn ich allen gebieten kann, dann soll der Mond nie mehr in meinem Reich
erscheinen, ehe er mir geholfen hat, dieses Fischweib hier in ein
Menschenweib zu verwandeln.

Der Knig lie das Fischweib binden und in sein Zelt legen, lie Essen und
Trinken in das Zelt stellen und lie die Zeltvorhnge fest hinter sich
zuschlieen, so da es finster im Zelt war wie in der Meerestiefe.

Die Weisen des Knigs aber setzten sich mit des Knigs Mannschaften rings
um das Zelt drauen und waren sicher, da der Mond nicht in dieser und in
keiner Nacht mehr aufgehen werde. Aber der Mond kam wie immer und teilte
sanfte Schatten und gelben Feuerschimmer ber die Weisen und ber das Zelt
aus.

Der Mond kam auch in der zweiten Nacht und in der dritten Nacht. Am Anfang
der vierten Nacht rief der Knig drinnen im Zelt, man solle die Zelttren
ffnen. Und der Knig trat heraus, und neben ihm an seiner Hand ging ein
gesittetes schnes Weib. Das hatte Augen, so dunkel wie die mondleere
Nacht, und hatte keinen Fischschweif, sondern zierliche Fe und war
frisiert und in seidene Schleppenkleider gehllt, wie es einer Knigin
geziemt.

Die Weisen waren erstaunt, da der Knig ohne Hilfe des Mondes das Seeweib
in ein Menschenweib verwandelt hatte. Denn whrend der Mond drei Nchte
lang auf- und untergegangen war und sich nicht um den Befehl des Knigs
gekmmert hatte, hatten die Weisen drei Nchte lang fr ihr Leben
gezittert, weil sie des Knigs Macht bertrieben hatten und in dem Knig
den Glauben an eine Allmacht erweckt hatten, die er nicht besa.

Jetzt aber waren die kniglichen Weisen zufrieden, bertrieben des Knigs
Macht noch mehr und sagten zungenfertig:

O Knig, Eure Macht ist noch grer, als wir dachten. Ihr habt ohne Hilfe
des Mondes das Meerweib in ein Menschenweib verwandelt.

Der Knig antwortete ihnen nicht, fhrte das Weib zu seinem Boot und
befahl, da man die Segel lichte, um von Hakatate heim nach Sden zur
Knigstadt zu ziehen und dort den Einzug der Knigin zu feiern.

Auf dem roten Lackaltan des goldenen Boothauses sa die neue Knigin
schweigend neben dem Knig, sie, die noch keine Sonne und keinen Mond hatte
aufgehen sehen, sie, die von ihrem Menschenleben nur die Liebesumarmungen
des Knigs kannte, sie, die drei Nchte und drei Tage an des Knigs Brust
gelegen hatte und, von des Knigs Wunsch und Sehnsucht durchdrungen, aus
einem Meerweib in ein Menschenweib verwandelt worden war.

Ihre Haare hatten sich von selbst geflochten, um dem Knig zu gefallen; in
der Finsternis hatten sich Kleider um sie gewebt, damit sie fr den Knig
geschmckt erscheine. Sie hatte sich aus ihrem Fischleib Fe gebildet, um
dem Knig folgen zu knnen, denn das starke Herz des Knigs hatte drei
Nchte ber ihr gelegen und hatte sechzigmal in der Minute das Wort Liebe
zu ihr gesagt.

Von der Liebe jetzt verwandelt, sah die Knigin noch nicht das schaukelnde
Schiff und noch nicht des Knigs Gefolge und noch nicht sich selbst. Sie
ahnte noch nichts von ihrer Verwandlung und sa noch in liebestrunkenem
Zustande unbewut neben dem Knig.

Da tauchte, rot wie ein groer Berg aus rotem Lack, die Mondkugel aus der
Meerestiefe und zog im Wasser einen feuerroten Widerglanz hinter sich her
wie einen feuerroten Schweif.

Die Weisen des Knigs, welche unter dem Altanrand des Boothauses in der
Bootstiefe saen, htten sich lngst gerne bei der Knigin
eingeschmeichelt, fanden aber noch keine passende Anrede. Jetzt aber warf
sich einer der Weisen vor dem Knig nieder und rief:

Seht, Herr, der Mond trgt die Farbe der Scham, weil er zu schwach war,
Euch zu helfen.

Nun hob die Knigin die Augen, und der Mond warf seinen Schein wie eine
Umarmung ber sie. Und der Knig wurde fast eiferschtig, da jemand im
Weltraum wagte, sein Weib anzurhren, das er sich selbst geschaffen hatte.

Aber ein anderer Weiser, der den ersten berbieten wollte, warf sich vor
der Knigin nieder und rief:

Seht, der Mond, o Knigin, hat, um Euch zu gefallen, den Fischleib
angezogen, den Ihr abgelegt habt. Er hat Euern roten Schweif und Eure roten
Augen angenommen, die der Knig in die Meerestiefe schickte.

Da ging ber der Knigin Gesicht ein zuckender Schreck; sie sah an sich
herab und wute nicht, wer sie verwandelt htte, und sie erkannte sich als
Menschenweib und schauderte ber ihre Verwandlung.

Der Knig wurde ber die Rede des Weisen vor Zorn rot wie die Mondscheibe.

Da warf sich rasch ein dritter Weiser vor ihm nieder, ihn und die verwirrte
Knigin zu beschwichtigen:

Nein, hoher Herr, hohe Herrin, das ist nicht der Mond, den Ihr dort
aufgehen seht. Das ist des Knigs Herz, das nicht in des Knigs Brust,
sondern in des Knigs Reich wohnt, des Knigs Nachtherz, das abends rot aus
dem Meere steigt, und das nur Euch gehrt, o Knigin. Aber der Knig hat
auch ein Tagherz. Das werdet Ihr morgen frh sehen, o Knigin. Das gehrt
uns, uns Weisen, denn es ist hell wie die Weisheit selbst und teilt
Klarheit aus und nennt sich die Sonne.

Als dieser Weise so gesprochen hatte, da ihn keiner mehr berbieten
konnte, zog er sich selbstzufrieden mit den andern in die Bootstiefe
zurck. Dort saen sie in langer Reihe, jeder mit dem Kopf auf der Schulter
des andern und schliefen ein.

Der Knig aber legte seine Brust an die Brust der Knigin, und whrend das
Schiff mit gespannten Segeln durch die Nacht strich, nach Sden, umarmte
der Knig die Knigin wie ein brnstiger Adler.

Das Meer aber zischte und raschelte, als wren die Wellen bis an den
Weltrand des Knigs Flgel, und als schlgen sie laut an den Himmel,
whrend der Knig die Knigin umschlungen hielt.

Gegen Morgen wurde das Meer still. Der Knig schlummerte ein, und seine
Arme lieen im Schlaf die Knigin los. Diese richtete sich auf, als eben
der Mond gelblich-grau vom Himmelsbogen herabstieg und im Meer verschwinden
wollte.

Da des Knigs Augen geschlossen waren und er schlief, erkannte ihn die
Knigin nicht mehr, denn sie hatte nie einen schlafenden Menschen gesehen.
Weil auch die Weisen unten im Schiff sich nicht rhrten und die Bootswachen
lautlos unter dem Mast kauerten, glaubte sich die Knigin ganz allein und
verlassen. Und sie sprach zum Monde, der schon zur Hlfte im Meer versunken
war, und den sie fr des Knigs Herz hielt:

O, Nachtherz, das mir gehrt, ich will nicht des Knigs zweites Herz
erwarten, das den andern gehrt. Ich will bei dir bleiben und mit dir
gehen, wohin du gehst.

Die Knigin stand auf, trat an den Bootrand und lie sich ins Meer fallen
und verschwand in der Flut. Als der Knig die Knigin am Morgen nicht fand,
versuchten ihn die Weisen mit ihrer Weisheit zu trsten und sagten:

Die Prophezeiung lautete, o Knig, du solltest ein Meerweib drei Tage und
drei Nchte lieben, aber nicht eine vierte Nacht dazu.

Doch der Knig war erschttert von Trauer und wild und aufgebracht von
Verzweiflung ber die Torheit der Weisen, die ihn nicht einen Knig hatten
sein lassen, sondern ihn zu einem Gott hatten machen wollen. Denn ihm war
klar: es hatte der Knigin vor dem Tageslicht gegraut, das sie einsam
machen sollte, weil die Weisen gesagt hatten, das Tagesherz des Knigs
gehre nur der Weisheit und nicht der Liebe.

Eine furchtbare Wut berfiel den verlassenen Mann. Er ri mit einer Faust
die Segel von den Tauen und wollte mit der andern Faust den Mastbaum
ausreien, um alle Weisen damit zu erschlagen.

Diese aber, erschrocken, heuchelten Demut und riefen:

O Herr, die Knigin wird wiederkommen, wenn Ihr es befehlt, sobald der
Mond heute abend aufsteigt. Ehe Ihr uns jetzt ungerecht umbringt, wartet
wenigstens mit Eurem Urteil ber uns bis zum Abend. Kommt die Knigin nicht
mit dem aufgehenden Mond, so knnt Ihr uns immer noch tten.

Mit solchen Worten schlferten sie des Knigs Wut ein, denn sein Schmerz
war grer als sein Zorn. Und als er hrte, da die Knigin vielleicht am
Abend wiederkommen knnte, glaubte er daran, wie jeder Liebende gern an
Wunder glaubt. Und er hoffte, die Knigin wrde vielleicht als Fischweib am
Abend wiederkommen und sich von ihm wieder in ein Menschenweib verwandeln
lassen, wenn der Mond aufginge.

In der Mittaghitze, als die Sonne aus dem Meer und aus dem Himmel zugleich
brannte und der Knig auf einem Haufen Segeltuch am Bootrand einschlief,
schlichen sich die schlauen Weisen seines Landes an den Schlafenden heran
und stieen den Haufen Segeltuch samt dem schlafenden Knig ins Meer. Denn
alle hatten beratschlagt, da sie den wtenden Knig noch vor Abend tten
mten, um nicht selbst gettet zu werden.

Als die Sonne den Knig nicht mehr auf dem Deck sah, stieg sie frher als
sonst von der Mastspitze herunter, und verwundert sahen die Weisen, da der
Tag schneller zu Ende war als je. In dieser Nacht warteten sie vergeblich
auf den Mond. Es war kein Mondaufgang, und es schien eine endlose Nacht
angebrochen zu sein; denn die Sonne ging auch nicht mehr auf zu der Zeit,
da sie erwartet wurde.

Danach verwirrte sich die Weisheit in allen ihren Hirnen; die Weisen des
Landes hatten die Liebe im Reich umgebracht, und mit der Liebe blieben
Sonne und Mond aus dem Reich verschwunden. Denn die Liebe ist allmchtiger
als die Weisheit. Alle, die im Boot waren, wurden wahnsinnig und strzten
sich ins Meer, dem toten Knig nach.--

So erzhlte Hasenauge. Und bei den letzten Worten deutete sie mit den
Estbchen, mit denen sie dich bei der Unterhaltung gefttert hatte, hinaus
auf den Biwasee. Umgeben von einem gelben Dunstkreis, als htte er einen
gelben hrenkranz auf dem Kopf, stand der Vollmondgott drauen am Fenster
und trat seinen Rundgang an.

Wenn du dann aus dem Teehaus heimgehst, kann es einem Neuling, der
Hasenauge zum erstenmal erzhlen hrte, vorkommen, da er mit dem Mond in
Streit gert. Der Mond stellt sich quer ber den Weg und fragt ihn:

Nun, hat dir wirklich Hasenauge whrend meines Aufgangs zwlf Geschichten
erzhlt?

Zuerst sagst du ja. Du besinnst dich nicht, rechnest nicht nach und sagst:
Ja, zwlf.

Der Mond lacht stolz ber Ishiyama und freut sich.

Nach einer Weile rufst du den Mond, hinter einer Hausecke, an den Weg
hervor und sagst:

Es war nur _eine_ Geschichte, aber es klang wie zwlf.

Da lchelt der Mond noch stolzer und freut sich noch mehr ber Ishiyama.

Und wieder nach einer Weile, ehe du in dein Haus trittst, fragst du den
Mond an der Trschwelle:

Sag mal, wie kommt das, da Frulein Hasenauge dreitausend Geschichten
allein vom Mondaufgang ber Ishiyama erzhlen kann? Kommt es daher, da du
nirgends so schn wie am Biwasee aufgehst? Ich glaube, du bist Frulein
Hasenauges Geliebter.

Da rascheln alle Eschenbume im Mond, und sie fragen dich:

Hat dir Frulein Hasenauge heute ihre dreitausend Geschichten erzhlt?

Ja, ungefhr dreitausend, antwortest du, ohne dich zu besinnen.

Und am nchsten Abend geht der Mond ber dem Biwasee bei Ishiyama noch
geschichtenreicher auf als sonst.--

Liebe und der aufgehende Mond machen das Haar wachsen. Darber will ich
dir gleich eine Geschichte erzhlen, sagte Hasenauge zu mir und reichte
mir ein Schlchen frischen Tee und einen groen Brocken Pfefferminzzucker
dazu und drckte mir eine kleine Prise frischen Tabak in die kleine
silberne Tabakpfeife.--

Als einer der schnsten Tempel in Kioto gebaut werden sollte, erwiesen sich
alle Stricke, die den bronzenen Dachfirst auf die Gerste hinaufwinden
sollten, als zu schwach. Darum entschlossen sich alle die Tausende von
Frauen in Kioto, dem Tempel ein Opfer zu bringen und ihr Haar dicht am Kopf
abschneiden zu lassen, damit daraus Stricke fr den Tempelbau gedreht
wrden. Es wurde auch wirklich ein dreihundert Meter langer Haarstrick aus
den geopferten Haaren gedreht, und dieser schwarze Strick, der die Dicke
eines Mnnerarms hat, wird noch heute in einer Lacktonne im Tempel von
Kioto aufbewahrt.

Die Frau eines japanischen Adligen, die auch ihr Haar zum Tempelopfer
abgeschnitten hatte, und die in jener Zeit schwanger war und nahe vor der
Stunde des Gebrens stand, erschrak so sehr, als sie sich im Handspiegel
sah und ihr Kopf ihr kahlrasiert entgegenglnzte, da sie sich der Trnen
nicht erwehren konnte.

Die Tempelgtter nahmen die Schwachheit dieser Frau bel und straften sie
an dem Kinde, das sie gebar. Sie schenkten ihr ein kleines Mdchen, aber
diesem wuchs nicht ein einziges Haar auf dem Kopf; und wie eine
Elfenbeinkugel so glatt, wei und haarlos blieb die Schdelschale des
Kindes.

Die Frauen von Kioto, denen allen daran gelegen war, da ihr Haar bald
wieder wchse, und die wuten, da der zunehmende Vollmond den Haarwuchs
beschleunigt, taten sich zu Vollmondprozessionen zusammen und wallfahrteten
in langen Zgen im Mondschein zu den verschiedenen Kiototempeln.

Jene adelige Dame nahm zu jenen Nachtprozessionen ihr kleines Mdchen mit,
in der Hoffnung, der Mond wrde dem Kind Haare wachsen lassen. Aber die
Prozessionen ntzten nichts, und die Mutter war gezwungen, dem Kind
Percken machen zu lassen. Das Mdchen wurde damals von allen Leuten in
Kioto Mondkpfchen genannt, weil es so kahl war wie der Vollmond.

Als Mondkpfchen verheiratet wurde, wute der junge Mann, der sie zur Frau
nahm, da er eine kahlkpfige Frau heiratete. Aber es lag ihm nichts
daran, denn er hatte Mondkpfchen immer in schner gutsitzender Percke
gesehen. Und er hatte sich keine Gedanken darber gemacht, wie eine
kahlkpfige Frau ohne Percke aussehen kann.

Die Hochzeitsnacht verlief, wie die meisten Hochzeitsnchte, fr die beiden
Neuvermhlten mit geschlossenen Augen, und das Liebesglck ward nicht
gestrt.

Aber schon in der zweiten Nacht verschob der junge Ehemann erst zufllig,
dann scherzend Mondkpfchens schwarze Percke. Er spate und schob sie ihr
bald auf das linke Ohr, bald auf das rechte, bald auf die Nase, bald auf
den Nacken zurck, und er kollerte sich neben seiner jungen Frau vor
Lachen. Immer, wenn die Frau ernst und liebend ihre Arme ausbreitete,
juckte den Mann ein Kobold an den Fingern, so da er der Percke erst
jedesmal einen kleinen Puff gab, ehe er seine Frau in die Arme schlo.

Dieses geschah in der zweiten Nacht. Aber in der dritten war es berhaupt
nicht mehr zum Aushalten. Der junge Mann setzte sich selbst die Percke
auf, so da die Frau bse wurde, nicht mehr im Zimmer bleiben wollte und
sich auf den Altan setzte. Es war dunkel drauen, und er lief ihr mit einem
Licht nach. Als er sie perckenlos mit helleuchtendem Schdel am Altanrand
sitzen sah, prustete er vor Lachen, kollerte ins Zimmer zurck und rief:

Ich habe den Vollmond geheiratet.

Bisher hatte Mondkpfchen ihren Namen immer harmlos hingenommen und sich
nie darber erschreckt. Aber nun brach sie in Weinen aus.

Am dritten Tage nach der Hochzeit ist es in Japan Sitte, da die Frau ihre
Eltern besucht. Mondkpfchen lie sich am nchsten Morgen in einer Snfte
in ihr Vaterhaus tragen, weinte sich bei ihrem Vater und ihrer Mutter aus
und wollte nicht mehr zu dem Mann zurckkehren, der mit ihrer Percke
spielte und statt der Liebe Gelchter ber sie ausschttete.

Aber Vater und Mutter berredeten Mondkpfchen, wieder zu ihrem Mann
zurckzukehren, und versprachen, alles daran zu setzen, ein Mittel
ausfindig zu machen, damit ihre Haare wchsen. Sie sollte sich nur noch
eine kurze Wartezeit auferlegen.

Mondkpfchens Eltern hatten diesen Rat nur aus Verzweiflung gegeben und
muten jetzt selbst weinen, als ihr Kind zu seinem Mann zurckgekehrt war;
sie waren ratlos.

Pltzlich sagte die alte Frau zu ihrem Mann:

Ich wei, womit ich die Gtter jetzt vershnen kann. Ich will mein Haar
zum zweitenmal abschneiden und es den Tempelgttern opfern. Die Gtter sind
gut und geben mir dann sicher einen Rat fr unser Kind.

Die Frau tat so und trug ihr ergrautes abgeschnittenes Haar, zu einer
kleinen Schnur geflochten, in den Tempel der tausendhndigen Kwannon und
band dort die Haarschnur um das goldene Handgelenk der tausendfach
segenspendenden Gttin.

Die Gtter vershnten sich danach mit ihr und gaben ihr in der Nacht einen
Rat. Die Frau hrte im Traum eine Stimme, die sagte:

Liebe und Vollmond lassen die Haare wachsen. Schicke dein Kind nach
Ishiyama. Wenn es dort den Herbstmond aufgehen sieht, werden Liebe und Mond
deinem Kind ein schnes Haar schenken.

Die Mutter erzhlte den Traum ihrer Tochter, und Mondkpfchen glaubte
begeistert an die Weissagung. Und Mondkpfchens Mann, der immer noch
lachte, sagte wenig rcksichtsvoll zu seiner jungen Frau:

Reise nur nach dem Biwasee und la dir dort Haare wachsen. Ich mu mich
hier inzwischen von dem Nachtgelchter erholen.

Mondkpfchen reiste an den Biwasee.

Im aufgehenden Mondschein sahen die Bewohner von Ishiyama die kahlkpfige
junge Frau auf dem Balkon des Rasthauses sitzen, wo Mondkpfchen Wohnung
genommen hatte. Die frommen Bewohner des Seeortes nannten sie nur die
elfenbeinerne Heilige, weil ihr haarloser Kopf wie vergilbtes altes
Elfenbein in der Abenddmmerung leuchtete. Viele lenkten abends vom See her
ihre Khne am Rasthaus vorbei, um die bleiche, stille Frau auf dem Altan
unter den Sykomorenbumen sitzen zu sehen, und jeder, der sie sah, dachte
sich eine Geschichte ber sie aus.

Ein junger Adliger, der ein Landhaus in der Nhe von Ishiyama hatte, hrte
durch seine Leute von der fremden Frau, die Abend fr Abend den aufgehenden
Herbstmond von Ishiyama erwartete. Und er richtete es so ein, da er am
Sptnachmittag in einen der Sykomorenbume am Ufer stieg, wo er, hinter den
sten verborgen, Mondkpfchen beobachten konnte, die wie ein Gtterbild
regungslos im Mondschein sa und sich Liebe und Haare wnschte.

Bald danach erhielt die junge Frau von dem jungen Adligen ein Gedicht
gesandt, das war mit Goldtusche auf Purpurpapier geschrieben. Das Gedicht
erzhlte von einem Sykomorenbaum, der ein Mensch werden wollte, um zu ihr
zu kommen und neben ihr auf dem Altan zu sitzen.

Mondkpfchen freute sich aufrichtig ber das schwrmerische Gedicht. Und
als sie wieder im Mondschein sa und mit der Hand ber ihren Kopf strich,
fhlte sie zu ihrem Entzcken die ersten Haarspuren, denn sie sehnte sich
in dieser Nacht sehr nach ihrem Mann zurck.

Am nchsten Tag erhielt sie einen Brief, der sagte ihr:

Ich bin ein Mann, der Dich liebt, und mchte Dich bald vom Altan holen.
La Dich entfhren, schne Frau.

In dieser Nacht sehnte sich Mondkpfchen noch mehr nach ihrem Manne, und
ihre Haare wuchsen einen Arm lang, und am Morgen reichten sie ihr bis zum
Grtel. In der nchsten Nacht wuchsen sie ihr beim aufgehenden Mond bis zu
den Knieen.

Mondkpfchen empfing in dieser Nacht einen dritten Brief, der sprach:

Ich wei, da Du einen Mann in Tokio hast. Liebe mich, so werde ich ihn
tten.

Da erschrak Mondkpfchen, lie sich noch in derselben Nacht in einem Kahn
ber den Biwasee fahren und reiste nach Kioto und zeigte sich und die
Briefe ihrem Mann.

Als der Mann seine Frau im prchtigen Haar vor sich sah, wurde er still,
und seine Augen wurden dunkel vor Bewunderung. Und als er die drei Briefe
gelesen hatte, wurden seine Augen finster, seine Arme breiteten sich aus,
und sein Mund, der nicht mehr lachte, sagte:

Komm in meine Arme, wenn du mir jetzt noch treu sein willst, seit du so
schn bist, und wenn du mir verzeihen kannst, da ich gelacht habe, als du
noch nicht so schn warst. Willst du mir aber eines Tages die Treue
brechen, dann tue es lieber jetzt und gehe zu dem Mann, der die Briefe
geschrieben hat, damit er mich ttet. Denn wenn du mich jetzt verlt, hat
mich schon mein Leben verlassen, und der Tod ist dann nur eine Zeremonie,
die ich nicht spren werde.

Mondkpfchen setzte sich auf die Diele vor ihren Mann nieder und begann den
Tee zu bereiten. Das bedeutete, da sie ihn fr immer lieben und ihm treu
bleiben wrde und ihm verziehen htte.--

Und Frulein Hasenauge lchelte unglubig und erzhlt eine neue Geschichte.

Ein Spielzeugverkufer, ein Schilfmattenflechter und ein Holzkohlenhndler
saen eines Abends, ehe der Vollmond ber Ishiyama aufging, am Rande der
Landstrae nach Ishiyama. Der Spielzeugverkufer hatte an einer langen
Stange ein Bndel Spielsachen hngen, meist aus Watte gearbeitete groe
Insekten, ungeheure graue und silberne Riesenspinnen, grne und braune
Grashpfer und Heuschrecken, riesige Libellen mit farbigen Flgeln aus
Gelatinepapier.

Der Schilfmattenflechter trug ein groes Bndel zusammengerollter,
feingeflochtener Schilfmatten auf dem Rcken. Das sah in der Abenddmmerung
aus, als trge er lange Kanonenrohre.

Der Kohlenhndler trug einen Korb auf dem Kopf, den er im Gehen
balancierte. Drinnen im Korb unter einem Tuch war die feinste Holzkohle,
die er selbst zubereitet hatte.

Im Straengraben sitzend, an welchen das Schilf vom See her heranreichte,
erzhlten sich die drei Kriegsgeschichten. Der eine, der
Spielwarenhndler, behauptete, er wre bei der Einnahme von Peking dabei
gewesen. Der Rohrmattenflechter behauptete, er htte mit vor Port Arthur
gelegen. Der Kohlenhndler behauptete, er wre auf einem Schlachtschiff im
Chinesischen Meer Heizer gewesen. Aber alle drei verstanden vom
Kriegshandwerk so wenig wie eine Katze vom Neujahrsfest. Und ihre
Erzhlungen waren so drollig, da ganz Japan sie lachend immer noch weiter
erzhlt.

Der Spielwarenhndler sagte: Als wir die Stadtmauern von Peking sahen,
liefen unsere Augen wie Spinnen ber die Ebene von Peking, unsere Fe
hpften wie Heuschreckenbeine ber die Mauerwlle, unsere Bajonette, Sbel
und Kugeln flogen wie surrende Libellen ber die Chinesen her. Aber das war
alles umsonst. Ihr wit: wenn man den Chinesen sticht, haut oder vierteilt,
ist dies geradeso unntz, als wenn man gegen den aufgehenden Vollmond
streitet. Die Chinesen stehen immer wieder gesund und unverwundbar vor dir,
denn jeder hat Tausende von Krpern ineinander geschachtelt, so wie es
Spielzeugschachteln gibt, von denen Hunderte ineinander passen.

Womit habt ihr denn die Chinesen umgebracht, wenn sie nicht zu erschieen
und nicht zu erschlagen sind? fragte der Schilfmattenflechter.

Der Spielzeughndler blhte sich auf wie eine Schweinsblase, die ein
Kinderluftballon werden will.

O, wir haben ihnen allen den Rcken gewendet, so da die Chinesen keines
unserer Gesichter sahen und nicht sahen, wie wir lachten und haben unsere
Gewehre in die Luft abgeschossen, in die Wolken und in den blauen Himmel
und haben mit den Bajonetten und den Sbeln in die Luft gestochen und haben
nicht gegen die Chinesen, sondern gegen den Himmel gekmpft.

Da hat die Chinesen, die Shne des Himmels, ein groer Schreck erfat, als
sie sahen, da wir ihren Himmel angriffen. Tausende starben vor Erstaunen,
Tausende vor Entsetzen, und Tausende kamen auf den Knien zu uns gekrochen
und hatten die Tore zur himmlischen Stadt Peking geffnet, damit wir ihre
Vter und Gtter im Himmel nicht bekriegten.

Das ist drollig, sagte der Schilfmattenhndler. Aber gegen die Russen
httet ihr nicht so kmpfen drfen. Die Russen haben von den Knien abwrts
Kanonenrohre statt der Fe, und immer, wenn sie ein Bein heben, knnen sie
mit dem Bein auf dich schieen. Sie heben ihre Beine in die Luft, geradeso
wie meine zusammengerollten Matten lang in die Luft gucken. Und sie
brauchen nicht zu zielen, denn ihre Fe haben Augen, die sie Hhneraugen
nennen, und diese zielen fr sie. Und whrend ihre Beine gehen und
schieen, haben die meisten Essen und Trinkflasche in den Hnden und
fttern und trnken jeder sein Maul. So bleiben sie immer stark und kommen
nie von Krften und sind unbesiegbar.

Ja, wie habt ihr sie denn besiegt, die Russen? fragte der Kohlenhndler.

O, das war ganz einfach. Das sagt einem jeden doch der helle Verstand, wie
man einen Russen besiegt. Nur ein Kohlenhndler wie du kann so dumm fragen,
als ob du Kohlenstaub in deinen Augen httest und nicht wtest, da wir
die Russen besiegt haben.

Der Russe lt doch immer nur seine Beine gradaus marschieren und
schieen, aber seine Augen im Gesicht sehen nichts als das Essen und
Trinken vor dem Maul. Darum, wenn die Russen aus Port Arthur auf uns
losmarschierten mit ihren schieenden Beinen, stellten wir uns ruhig zu
beiden Seiten des Weges auf und lieen sie ruhig an uns vorbei. Dann gingen
wir hinter ihnen her, jeder fate einen Russen am Grtel und drehte ihn
einfach wieder gegen Port Arthur um, in der Richtung auf das Meer zu. Da
sie einmal im Gehen waren und sich im Fressen und Saufen nicht stren
lassen wollten, marschierten sie auf Port Arthur zurck und liefen dort
ber die Kaimauern ins Meer, wo sie ertranken. Die Armeen aus der
Mandschurei aber, die aus dem Norden kamen, drehten wir nach Norden um, so
da sie ruhig zur sibirischen Eisenbahn zurckmarschierten. Und die
Eisenbahnbeamten, im Glauben, der Krieg sei beendet und die Russen seien
Sieger, fuhren die fressenden und saufenden Armeen nach Petersburg zurck,
wo sie dann einzogen, immer noch in dem Glauben, da sie die Sieger wren.
In der Zeit besetzten wir die ganze Mandschurei, und das soldatenleere Port
Arthur war unser.

So einfach war es aber doch nicht, sagte der Kohlenhndler, denn erst
muten wir die russische Flotte zerstren, wobei ich einer der Haupthelden
war.

Erzhle! sagten die beiden anderen Helden.

Da ist nichts zu erzhlen. Das war die allereinfachste Sache von der Welt,
die russische Flotte zu vernichten, wisperte der Kohlenhndler bescheiden
wie eine Feldmaus.

Eines Morgens dachte ich mir: heute zerstre ich die russische Flotte,
denn ich hatte Sehnsucht nach meiner Frau, und nichts als die russische
Flotte hinderte mich, zu meiner Frau zu reisen.

Ich steckte mir eine Schachtel Streichhlzer ein, ein paar japanische
Zeitungen und ein paar Stckchen Holzkohle. Ich schwamm von meinem Schiff
an die Hafenmauer von Port Arthur heran, zndete mir ein Pfeifchen an,
setzte mich auf einen Klippenstein und fabrizierte aus meinen japanischen
Zeitungen kleine Papierschiffe, wie sie die Schulkinder am Biwasee machen.
In jedes Schiffchen steckte ich ein Stckchen Kohle, das war der
Schornstein des Schiffes; manche hatten auch zwei und vier Schornsteine.
Die Kohlenstcke zndete ich an, und dann lie ich meine Schiffe mit dem
Sdostwind auf Port Arthur los, und sie zogen an der Hafenmauer entlang.
Meine kleine Papierflotte wurde augenblicklich von allen Leuchttrmen und
Fernrohren auf den Leuchttrmen dem Admiral der russischen Flotte
signalisiert. Die russische Flotte verlie sofort in Schlachtreihen den
Hafen und umzingelte meine Zeitungspapierflotte. Tausend Schsse hallten
aus den russischen Schiffsbuchen, und als sich der Rauch verzog, war
natrlich meine Papierflotte untergegangen. Auf allen Rahen und auf allen
Masten stellten sich nun die russischen Marinesoldaten in Parade auf, um
dem sieghaften russischen Admiral ein dreifaches Hurra fr seinen Sieg
auszubringen.

Auf diesen Augenblick hatte ich nur gewartet. Denn ich wute, die Russen
hatten ihren Mut mit Schnaps angefeuert, und es mute beim Siegesgeschrei
der Tausende und Tausende von Soldaten eine Wolke von Alkoholgasen in der
Luft entstehen, und diese Wolke konnte ich mit einem einzigen Streichholz
in Brand setzen.

So war es auch. Das erste Hurra lie ich sie zum Vergngen schreien. Aber
bei dem zweiten Hurra wre ich beinahe selbst erstickt, -- so sehr stank
die Luft nach Alkohol.

Kaum flackte das Streichholz auf, so entzndete sich ber dem Meer die
Alkoholwolke, und eine Flamme pflanzte sich fort von Schiff zu Schiff;
Mannschaften und Schiffe, vom Alkoholdunst erfllt, explodierten unter
Gekrach. Spter sagten die Russen uns nach, wir htten mit Stinkbomben
geschossen und mit griechischem Feuer. Und es war doch nur ihr Alkoholatem,
der die ganze Flotte verbrannt hat, als ich mein Streichholz anzndete.

Ja, sag mir aber, fragte mitrauisch und kleinlich der Spielzeughndler,
sag mir, Kriegskamerad, wie konntest du die Streichholzschachtel trocken
erhalten, als du von deinem Schiff nach Port Arthur geschwommen bist?

Auch der Schilfmattenhndler nickte heftig und unglubig und bezweifelte
gleichfalls, da eine Streichholzschachtel beim Schwimmen trocken bleiben
knnte.

Habe ich euch denn nicht gesagt, fuhr der Kohlenhndler sie grob an, da
ich an diesem Morgen Sehnsucht nach meinem Weib hatte? Wit ihr nicht, was
Sehnsucht bedeutet? Sehnsucht haben heit so heies Blut kriegen, da alles
ringsum verdorrt.

Ja, dann verstehen wir, da deine Streichholzschachtel im Grtel nicht na
wurde, wenn du Sehnsucht nach deinem Weib hattest, Kriegskamerad, nickten
der Spielzeughndler und der Schilfmattenverkufer dem Holzkohlenhndler
zu.

Der Vollmond war inzwischen langsam aus dem Schilf gerollt, betrachtete
sich breit lachend die drei berhelden und erzhlte die Geschichte in ganz
Japan weiter.




Das Abendrot zu Seta


Ein japanischer Winter am Biwasee ist nicht so kalt und nicht so
schneereich wie die meisten deutschen Winter, aber doch liegt oft fuhoch
eine weie Schneerinde am Seerand, auf den Hausdchern und in den Gabeln
der Bume. See und Himmel sind dann vom Winterdunst eingewickelt. Der See
liegt wie ein dunkles Zelt im Nebelrauch, und wie weie Insektenschwrme
kommen die Schneeflocken an. Ihr kreiselnder Tanz im Wind ist im Wintertag
das einzige Leben am See, dessen Spiegel blind ist, auf dem sich kein Segel
zeigt, dessen Schilffelder abgemht sind, und der einer Wste aus grauem
Basalt hnelt.

Die Japaner tragen in der weien Jahreszeit drei bis vier wattierte graue
und brunliche Seidenkleider bereinander. Sie kennen keine fen. Nur eine
kleine Kohlenglut in einem Messingbecken wrmt die hingehaltenen
Fingerspitzen. Aber die Japaner haben viel Eigenwrme in sich. Sie sind
gewhnt an den Verkehr mit offener Luft in luftreichen, leichten
Bambusholzhuschen, hinter dnnen Papierwnden und Papierscheiben,
gekleidet in den drei anderen Jahreszeiten in luftige Seiden und
Kreppstoffe und eingehllt in das bequeme Schlafrockkostm, das den
Gliedern Spielraum zu Eigenbewegung lt. So sind sie ein gesundes
warmbltiges Volk geblieben. Die Seele der Japaner ist ebenso warmbltig
wie ihre reinlichen, gutgelfteten und leeren Papierzimmer. Keine
Mbelstcke sind in ihren Zimmern, der saubere Strohmattenboden des
Gemaches mu alle Mbel ersetzen. Er stellt Tisch, Stuhl, Sofa und Sessel
dar, ist handdick, aus dnnstem, feinstem Rohrmattengeflecht, ist
nachgiebig, leicht elastisch, und du darfst ihn nur mit Strmpfen, nie mit
Schuhen betreten. In diesen leeren Gemchern, deren Wnde leicht getnte
Bambusstrohfarbe, mehlweies Papier oder gelbliche Naturhlzer zeigen, hebt
sich das Menschenantlitz ab wie ein Portrt auf ungestrtem Hintergrund;
und die Gesten der Menschen, in diesen leeren Gemchern, werden in den
kleinsten Bewegungen wichtig und bleiben deiner Erinnerung eingeprgt, wie
die Schriftzge auf weiem Papier.

Als farbiger natrlicher Zimmerschmuck stehen in den offenen Schiebetren
die Ausblicke auf die maigrnen, sommergelben, herbstbraunen und
winterblauen Landschaftsbilder, der Flug vorberziehender Vgel, wandernde
Wolken und Menschen. Unwillkrlich befrworten die leeren, farblosen
Gemcher die Liebe zur farbigen Auenwelt. Die Welt, die immer im Trrahmen
erscheint, wenn eine Schiebetr sich ffnet, wirkt im leeren Zimmer doppelt
lebhaft als Landschaft oder als Mensch, der zu Besuch kommt; jeder Mensch
wird zum lebenden Bild, wenn er sich zu dir auf die Leere der Diele
zwischen die leeren Wnde setzt. Man kann sich leicht denken, da sich dann
alle Landschaftsreize steigern und den Hausbewohnern so wichtig werden wie
einer europischen Hausfrau die Mbelstcke.

In den leeren Gemchern von Seta am Biwasee ist das Abendrot vor den Tren
zu Seta eine Berhmtheit geworden, und das Abendrot von Seta gesehen haben,
ist wie Bienenhonig dem rmsten und verspricht dir noch nach langen Jahren
einen sanften Tod.--

In Seta lebte die Frau eines verarmten Adligen. Ihr Mann war im Krieg gegen
die Europer gefallen, ebenso ihre zwei Shne. Diese Frau reiste fters im
Sommer oder im Frhling zur Kirschbltenzeit nach Kioto oder nach dem
Wallfahrtsort Nara oder nach den heiligen Tempeln von Nikko, um dort im
Gebet, in den Tempeln, an heiligen Orten ihrem Mann und ihren zwei Shnen
nher zu sein.

In Kioto, im Tempel der fnftausend Kriegsgenien, stehen in den zehn langen
Reihen je fnfhundert aufrechte goldene Gtter. Jeder Gott hat zwanzig bis
dreiig Arme, schwingt Speere und Schwerter; und man sagt: sollte Kioto
einmal von Feinden angegriffen werden und in hchster Not sein, dann ziehen
die fnftausend Gtter aus der langen hlzernen Tempelhalle aus und werden
die alte Kaiserstadt verteidigen.

In diesen Tempel ging die verwitwete Frau am liebsten, denn dort traf sie
im Gebet ihren Mann. Wenn sie vor den fnftausend Gtterbildern
niederkniete, sprach er in ihr Ohr wie ein Lebender.

Die feuerrote dstere und fensterlose Lackhalle, darinnen die fnftausend
goldenen Gtter nur von den riesigen offenen Tren beleuchtet wurden, gab
der Witwe ein aufregend wohliges Gefhl. Wenn sie ber die hunderttausend
goldenen Speere und Schwertspitzen schaute, glaubte sie ein Kriegsgetmmel
vor sich zu sehen. Von den zehn Reihen der Gtter steht immer eine Reihe
hher hinter der andern, so da man sich vor einem Berg von Lanzen,
Schwertspitzen, goldenen Armen und goldenen Heiligenscheinen befindet, als
strmten dir goldene Gtterscharen bergab entgegen.

Als die Frau eines Tages wieder im Gebetstaumel die Halle verlie, sah sie
drauen auf dem Bretterweg, der an der hundert Fu langen Halle
entlangfhrt, einen Mann stehen, der sich, wie das die Japaner fters tun,
hier im Bogenschieen bte. Der Mann glich auffallend ihrem toten Gatten.
Am einen Ende des Bretterwegs stand der Schtze mit dem altmodischen,
mannsgroen Bogen, am andern Ende des Bretterwegs war die weie Scheibe
angebracht, und an der ganzen Tempellnge entlang surrte der Pfeil des
Schieenden. Trotzdem jetzt allgemein das Gewehr in Japan eingefhrt ist,
ben sich einige Japaner noch zum Vergngen im Bogenschieen, und besonders
ist der Bretterweg am Tempel der fnftausend Kriegsgenien ein beliebter
bungsplatz in Kioto.

Die Frau zitterte vor Erregung, als sie den Schtzen sah, der das getreue
Abbild ihres gestorbenen Mannes war. Ihr Auge hatte einen
unwiderstehlichen, leidenschaftlichen Ausdruck, und ihr ganzer kleiner
Krper wurde wie ein Stck Magneteisen und zog den Mann nach sich, den sie
anschaute.

Sie blickte den Schtzen an, trat rckwrts wieder in die Tempelhalle
zurck und ging an der untersten Reihe der Genien entlang, genau wissend,
da der Schtze Bogen und Pfeile wegstellen und ihr nachfolgen mte. Sie
kam in das dunkle Ende der Halle, wo Holztreppen hnlich Leitern,
verstaubt, uralt und dster, zu einer dunkeln Holzgalerie fhren, die sich
hoch unter dem Dach des Tempels ber den fnftausend Genien hinzieht. Der
Mann, der ihr gefolgt war, kam leise die dunkle Stiege herauf. Sie kauerte
auf der obersten Stufe nieder und wollte ihn an sich vorbergehen lassen.

Deine Augen knnen surren wie Pfeile, sagte der Mann und blieb neben ihr
stehen.

Du siehst meinem verstorbenen Mann hnlich, sagte die Frau. Deswegen
habe ich dich angesehen.

Der Mann atmete schwer. Er senkte den Nacken und flsterte rasch:

Wenn dich dein Mann so gern umarmt hat, wie ich dich jetzt hier umarmen
mchte...

Er sprach den Satz nicht fertig, fate die Frau flink, wie ein Affe eine
ffin, und die harte Tempeldiele wurde ihr Liebeslager.

Danach sagte die Frau leise:

Was haben wir getan? Wir sind im Tempel der fnftausend Genien!

Wollust schndet keinen Tempel, antwortete der Mann. Fnftausendmal will
ich dich hier umarmen. Fnftausendmal wollen wir uns hier treffen.

Die Frau schauderte vor Glck. In die geheimnisvolle Tempelluft und
Tempeldunkelheit schienen auer den fnftausend Kriegsgttern fnftausend
Liebesgtter eingedrungen zu sein. Und sie sagte zu dem Mann:

Wir wollen nicht wissen, wie wir heien, wir wollen nicht wissen, wo wir
wohnen. Wir wollen nicht verabreden, wann wir uns treffen. Wir wollen es
den fnftausend Genien berlassen, da sie unsere Wege zusammenfhren. Und
immer, wenn wir uns zusammenfinden, wollen wir nichts besprechen und nichts
fragen und uns nur umarmen, wie wir uns hier umarmt haben.

Ich will nicht wissen, ob du ein wirklicher Mensch bist, oder nur eine
Erscheinung, hnlich meinem Mann. Ich will dich genieen wie die Abendrte,
die jetzt ber die Trschwelle dort tritt, und die wirklich und unwirklich
ist zugleich.

Die beiden hielten ihre Verabredung. Die Frau nderte nicht ihre Reisen und
ihre Wallfahrten nach den andern Wallfahrtsorten. Und nachdem sie
monatelang in Kioto tglich zu den verschiedensten Stunden den Tempel der
fnftausend Genien besucht und tglich den Schtzen dort getroffen, umarmt
und geliebt hatte, reiste sie nach dem Wallfahrtsort Nara, ohne ihrem
Geliebten bei ihrer Abreise ein Wort zu sagen.

In Nara war es Hochsommer. Die Wiese vor dem groen Zedernwald, darauf die
feuerrote sechseckige Pagode steht, war umwimmelt von weien, blauen und
gelben Schmetterlingen. Im Wald bei den rotbraunen senkrechten
Zedernstmmen stehen, dichtgedrngt wie Grabdenkmler in einem Kirchhof,
Steinlaternen in Gruppen und Gassen und begleiten alle Waldwege,
dichtgedrngt wie versteinerte Vlker. Schwarzbronzene Hirsche, von
Knstlern als Statuen gegossen, ruhen auf Steinsockeln. Aber auch Hunderte
von lebenden Rehen und Hirschen gehen in groen Rudeln zahm auf allen
Wegen, zahmer als Hhner in einem Hhnerhof.

Als jene Frau mit dem Bahnzug nach Nara kam, stand ein groes Gewitter ber
dem Wald. Aber sie frchtete sich nicht, nahm am Bahnhof einen
Rikschawagen, fuhr bis zum Eingang des Waldes und schickte den Wagen
zurck.

Hier in Nara betete die Frau meist zu ihrem ltesten Sohn und kniete viele
Stunden in der Halle des groen Daibutsu, welches eines der riesenhaftesten
Buddhabilder Japans ist.

In einem roten mchtigen Holzbalkenhaus sitzt der haushohe Buddha, alt und
schwerfllig geschnitzt, brunlich vergoldet auf einer ungeheuern
Lotosblume. Sein runder Kopf reicht bis unter das Dach des Tempels. Drei
haushohe Flgeltren stehen offen. Aber das Licht von den Wiesen drauen
kann den mchtigen Kopf, der bis in die Dmmerung des Dachstuhles reicht,
kaum erhellen.

Die Frau war in den Tempel getreten, kniete auf den Strohmatten nieder und
vertiefte sich in ein stilles Gesprch mit ihrem verstorbenen ltesten
Sohn. Da rollte der ferne Donner und war wie die nherkommende Stimme eines
Gottes ber ihr. Die schwle Gewitterluft machte die groe, dunkle
Tempelholzhalle noch dumpfer, und der Geruch des Rucherwerkes und der
Geruch der alten sonnengewrmten Holzbalken wurden der knienden Frau wie
eine Last, als ob sich der schwere mchtige Buddha ber sie bge. Und sie
mute an den Mann denken, der sie Tag fr Tag in Kioto im Tempel der
fnftausend Genien umarmt hatte.

Der Regen prasselte jetzt drauen auf das Tempeldach und auf die ungeheure
Holzgalerie vor dem Tempel. Ein Blitz flog herein, und der groe goldene
Buddha erschien fr den tausendsten Teil einer Sekunde hell bis unter das
Dach.

Ist es wahr, Gott, dachte die Frau, da die Wollust den Tempel nicht
schndet, so la den Mann aus Kioto eintreten und mich in Nara hier bei
dir wiederfinden.

ber die Holzgalerien drauen kamen jetzt Hunderte von Schritten, Schritte
ber die Wiesenwege, Menschenstimmen aus den Wldern, Mnner, Frauen und
Kinder, lachend und kreischend, die, vor dem Gewitter flchtend, in die
Halle des groen Daibutsubildes eindrangen.

Die kniende Frau wollte wieder zu ihrem Sohn beten. Aber der Lrm des
Regens, der vielen humpelnden Fe von Wallfahrern und der Menschenstimmen
zerstreute sie, so da sie unter die Gruppen der Leute an eine der offenen
Tren trat und dem Sturzregen zusah, der die Landschaft in einen weien
Nebel hllte.

Blitz um Blitz blendete sie, da sie sich von der Tre weg gegen die
Gesichter der Menschen wenden mute, von denen einzelne Gruppen, wei im
finstern Tempel, bei jedem Blitz aufleuchteten.

Neben einer kleinen Frau und umgeben von einer Schar von Kindern, entdeckte
sie pltzlich einen Mann, der ihrem Sohn, zu dem sie eben gebetet hatte,
hnlich sah. So mte ihr Sohn jetzt aussehen, so seine Frau und seine
Kinder, wenn er jetzt lebte und glcklich wre.

Bei dem zweiten Blitz aber erschrak sie. Es war nicht mehr das Gesicht
ihres Sohnes. Es war jener Mann aus Kioto mit seiner Familie, die hier vor
dem Gewitter in den Tempel geflchtet waren. Bei dem dritten und vierten
Blitz erkannte sie ihn deutlich und sah weg.

Sie schlug rasch ihren kleinen Fcher auf, versteckte ihr Gesicht dahinter,
drngte sich aus dem Tempel hinaus und eilte mitten in den prasselnden
Regen den Hgelweg hinunter in die graue, dampfende Sommerlandschaft. Weit
weg stellte sie sich unter einen Zedernbaum, versteckt hinter einer
Steinlaterne. Ihr Haar war vom Regen aufgelst, ihr Fcher aufgeweicht. Sie
hatte ihre Schmucknadeln aus dem Haar verloren, ihr seidenes Festkleid
klebte an ihr wie eine Fischhaut. Sie weinte und weinte. Sie hatte doch
nicht wissen wollen, ob der geliebte Mann verheiratet wre, ob er eine
Familie htte. Sie hatte diesen Geliebten zu einem Gott, zu einer
Erscheinung machen wollen, zu einer wollstig gruseligen Tempelvision. Sie
htte sich gern blind geweint, um das Bild aus ihren Augen auszulschen und
den Schtzen aus dem Tempel der fnftausend Genien nicht als Gatten und
Familienvater sehen zu mssen.

Der Platzregen lie nach, und die Spitze der roten sechseckigen Pagode,
ber den noch regendampfenden Wiesen, schien im Abendrot Feuer zu fangen.
Das Abendrot ging durch die Wiesendmpfe, frbte die Zedernstmme rot, die
Scharen der grauen, moosigen Steinlaternen braun wie Kupfer.

Das Abendrot beruhigte die Frau und gab ihr wieder den Glauben an
inbrnstige Ungeheuerlichkeiten. Sie lchelte und fhlte sich rot
durchtrnkt von dem abenteuerlichen Licht und sagte ganz einfach:

Die Blitze haben gelogen. Der Mann im Daibutsutempel eben war nicht der
Mann aus dem Tempel der fnftausend Genien, den ich wie die Abendrte mit
Inbrunst liebe. Er kann nicht zugleich hier und in Kioto sein, wo ich ihn
gestern verlie, ohne ihm etwas von meiner Reise nach Nara zu sagen. Aber
sie getraute sich doch nicht, noch einmal zum Daibutsutempel zurckzugehen;
und sich zu berzeugen, fehlte ihr der Mut.

Die Frau warf ihren zerknitterten Fcher fort, strich ihre Frisur glatt,
schob ihren Grtel zurecht und machte sich gesittet auf den Heimweg zum
Bahnhof von Nara.

Sie reiste durch Kioto, ohne den Tempel der fnftausend Genien aufzusuchen,
und ging nach Seta in ihr Haus zurck, tagsber gepeinigt von dem Gedanken,
da der Mann, den sie in Kioto liebte, Frau und Kinder htte. Sie wurde nur
am Abend erlst von dem fantastischen Abendrot, das sich ber Seta in den
wunderbarsten Blutlinienwellen hinzieht, so da alles Unwahrscheinliche
wahrscheinlich wird, so da die Bume blutrot wie Korallenwlder werden und
die Hgel wie die Brste und Krperlinien hingelagerter Mnner und Frauen,
als sei die Erde hier am Abend zu Menschenfleisch und Menschenblut geworden
und kenne nichts als umarmende Wollust und Liebe. Die untergehende Sonne am
Himmel ist dann in ihrer Rte nur wie eine kleine Kerze in einem roten
Gemach, in dem sich zwei umarmt halten, wo das Licht keinen Sinn hat und
keinen Wert, weil die zwei, von Leidenschaft entbrannt, sich mit
geschlossenen Augen ohne Licht sehen.

Im Abendrot wurde der Biwasee rotgoldig glitzernd und wie von fnftausend
goldenen Lanzenspitzen und goldenen Heiligenscheinen bewegt. Die Diele und
die Wnde im Hause jener Frau wurden dsterrot, als wren sie die uralten,
dsterroten Balken des Genientempels in Kioto, als wre in dem Hause der
Frau irgendwo die geheimnisvolle, rote Balkentreppe, wo sie in der roten
Tempeldunkelheit, auf der obersten Stufe, hinter dem hohen Gelnder, Tag
fr Tag den Mann treffen knnte, der sie wie das Feuer der Abendrte
schnell umarmte und nach der Umarmung wie die Abendrte in das Unbekannte
wieder versnke.

In den kltesten Wintertagen konnten die Bewohner von Seta jene Frau zur
Sptnachmittagstunde an dem geffneten Fenster sehen, das auf das flchtige
Winterabendrot hinaussah, -- die Frau, die einen kleinen Fcher schwang,
als wre es ihr hei im Abendrot, trotzdem der Schnee auf dem Gelnder des
Altans lag und auf den Dchern der Holzhuser von Seta.

Auch wenn die Abendsonne im Winternebel keine Kraft zum Rten des Himmels
hatte und nur wie ein kleiner Tropfen roter Kirschsaft das weie Laken des
Himmels betupfte, sa die Frau zwischen den zurckgeschobenen Papierwnden
ihres Teezimmers und fchelte sich, als mte sie das Abendrot mit jedem
Fcherschlag anschren.

Der Frhling kam, und die Frau frchtete sich immer noch vor einer
Begegnung mit dem geliebten Mann und vor einer Enttuschung. Sie beschlo
eine groe Reise zu den Tempeln von Nikko zu machen, im Norden Japans, um
dort zu ihrem zweiten Sohn zu beten.

Die kurzweilige Bahnfahrt dorthin zerstreute sie, und sie lachte sich
unterwegs wegen aller ihrer Zweifel aus und war schon, ehe sie nach Nikko
kam, ganz im klaren, da der Mann in Nara niemals der Mann von Kioto sein
knnte, da sie sich einfach in der hnlichkeit getuscht htte. Und sie
nahm sich vor, so bald sie von ihrer Wallfahrt nach Nikko wieder
zurckkme, wollte sie den Tempel der fnftausend Genien wieder aufsuchen
und versuchen, den Schtzen zu treffen, der ihr versprochen hatte, sie
fnftausendmal zu umarmen.

Das Rasseln der Eisenbahnrder, das Vorberfliegen groer Plakatfiguren:
gemalter Mnner und Frauen, die an den Bahngeleisen amerikanische
Fahrrder, deutsches Bier, englische Grammophone anpriesen, das eilige
Leben in den eisernen Bahnhofhallen, alle die vorberhastenden Eindrcke
gaben der entmutigten Frau neuen Wirklichkeitsmut, und sie begann sich
innerlich zu verspotten und bedauerte den langen Winter, der damit
vergangen war, da sie sich nur vom Abendrot in Seta, aber nicht von ihrem
Geliebten hatte umarmen lassen.

Die schieferblaue Bergwelt von Nikko mit einer Silbersonne ber den
silbernen Kiesbchen, mit blausteinigen Schluchten, deren Rnder von
schwarzen zerzausten Kryptomerien umstanden sind, tauchte auf. Das
liebliche Japan war verschwunden, und ein heroisches Japan lag hier, mit
nasser Felsenschlucht, mit senkrechten weien Wasserfllen unter einer
Sonne, die einem weien Metallspiegel glich. Wie kupferrote Wimpel hing das
rotblttrige Frhlingslaub der Ahornbume ber den Gebirgswegen. Hie und da
blhten auch ein paar rosige wilde Kirschbume und an der Sonnenseite der
Abhnge ganze Wlder von rosigen Kamelienbumen.

Das Bergwasser der Nikkoschlucht aber glitzerte, als wre es die eherne
Kette eines Rosenkranzes, daran Tausende von Gebeten gebetet werden.

Die Frau suchte die Tempel auf, die auf grnen, dunkeln Waldterrassen mit
blaubronzenen Dchern und rotem Geblk wie verwunschene Waldschlsser unter
brtigen, tausendjhrigen Kryptomerienbumen liegen.

Viele Tempelwnde sind mit kopfgroen Chrysanthemumblumen aus erhabener
Perlmutterarbeit geschmckt und leuchten in sieben Regenbogenfarben. Auf
andern Wnden sind aus goldenem Lack in Relief erhabene goldene Lwen und
goldene Tiger in springenden Stellungen gearbeitet. Auf andern aus rotem
Lack rote Fasanen, aus grnem und blauem Perlmutter Pfauen, aus Elfenbein
weie Kaninchen und weie Rehe und ganze Elfenbeinwnde voll von weien und
blulichen Ponien, umgeben von Schmetterlingsscharen aus Perlmutter.

Diese kostbaren Tempelwnde unter grnen Waldbumen, unter blau und weiem
Wolkenhimmel und umwandert von gelbem Sonnenschein, scheinen mit ihrem
irisierenden Perlmutter eine lebende Welt von immerblhenden hochzeitlichen
Blumen und eine unvergngliche Welt von sich tummelnden wilden und zahmen
Tieren zu sein.

Die Frau kam auf die erste Terrasse, wo die drei berhmten Affen auf einem
Tempeltor dargestellt sind, geschnitzt und bemalt. Der erste Affe hlt sich
die Augen zu, der zweite Affe die Ohren, der dritte Affe hlt sich den Mund
zu. Und ihre Bedeutung ist: Du sollst nichts Bses sehen, du sollst nichts
Bses hren, du sollst nichts Bses reden.

Wie leicht ist das getan fr den, der geliebt wird, und wie schwer fr
den, der an der Liebe zweifeln mu߻, dachte die Frau und ging an den drei
Affen vorber. Und sie kam zu dem schnsten aller Tempeltore. Dessen weie
Sulen sind mit erhabenen Schnitzereien, mit Bumen, Schilf, Kranichen,
Drachen und Wolken geschmckt. An den Friesen der Sulen entlang wandern
Scharen von winzigen kleinen Gttern. Dieses Tor ist so vollkommen
gearbeitet, da es, als es fertig war, den Neid der Gtter erweckt htte,
wenn man nicht an einer der Sulen absichtlich einen ungeschickten Fehler
angebracht htte, um die neidischen Gtter zu vershnen.

So vollkommen wie dieses Tor wre die Liebe zweier Menschen auf Erden, und
die Gtter wrden die Menschen beneiden mssen, wenn sich nicht glcklich
Liebende immer einen knstlichen Liebeszweifel erfnden, dachte die Frau
und ging durch das kostbare Tor in den Tempelhof der zweiten Terrasse.

Hier ist zur rechten Hand ber einer Tempeltr von einem Maler eine
lebensgroe weie Katze gemalt. Die scheint zu schlafen und schlft schon
Jahrhunderte. Aber wer sie lange ansieht und sich einen Herzenswunsch dabei
denkt, dem kann es, wenn sein Wunsch in Erfllung gehen darf, begegnen, da
die schlafende Katze ihre Augen ffnet und ihn anblinzelt.

O, ihr Gtter, wnschte die Frau, die Katze ber dem Tor betrachtend,
lat eure Tempelkatze die Augen ffnen und mich ansehen, wenn mein
Geliebter in Kioto und jener Mann, den ich in Nara sah, zwei verschiedene
Mnner sind.

Die Frau starrte die schlafende Katze an, aber die gemalte Katze hielt die
Augen geschlossen und blinzelte nicht.

Ist es mglich, da ich recht gehabt haben sollte? Die beiden Mnner sind
einer und derselbe gewesen! Und mein Geliebter hat eine Familie und macht
eine andere Frau auer mir glcklich? O, weie Katze, schlage doch die
Augen auf und sage damit Nein! O, ich will dich ansehen, bis ich blind
werde!

Die Katze hielt die Augen geschlossen, und die Frau verzweifelte, und ihr
Herz schmerzte, als wrde es ihr ausgerenkt.

Gut, o Gtter, wenn ihr diesen Wunsch nicht erfllt, sprach sie pltzlich
entschlossen, dann lat mich dem Mann noch einmal begegnen, um mich zu
berzeugen; und zweifle ich dann nicht mehr, da es derselbe ist, dann lat
mich blind werden mein Leben lang. Schlafende Katze, ffne jetzt deine
Augen und sage Ja!

Die Frau zitterte und hielt sich mit den Fingerspitzen an einer roten
Lackwand des Tempelhofes. Die groen Kryptomerienbume ber den
Tempeldchern bewegten sich schaukelnd fr ein paar Sekunden und warfen
Licht- und Schattennetze ber die Tempeldcher, ber die Lackwnde und ber
die gemalte weie Katze. Und im Licht- und Schattenspiel schien sich die
weie Katze zu bewegen, sie blinzelte und zeigte fr eine hundertstel
Sekunde ihre senkrechten Pupillen.

Sie hat mich angesehen, seufzte die Frau, und klapperte humpelnd auf
ihren Holzschuhen, demtig mit gesenktem Kopf, als wre sie um viele Jahre
gealtert, durch die schmale Vorkammer in den Seitentempel.

Da drinnen war ein langes Gemach, und hinter langen Glaswnden lagen in
seidenen Futteralen die Schwerter verstorbener japanischer Helden und
Knige, ihre Rstungen und ihre Helme aus Lack, Kork und Holz geschnitzt
und mit Bronze beschlagen. Auch groe Bogen und Kcher mit Pfeilen standen
da.

Die Frau blieb unwillkrlich vor einem groen schwarzen Bogen stehen und
legte ihre warme Stirn an die khle Glasscheibe des Glasschrankes. Es war
ganz menschenleer hier, nur vorher hie und da waren ihr Pilger begegnet
auf den Treppen und den Terrassen der Tempel -- Mnner und Frauen aus allen
Teilen Japans, welche Nikko besuchen.

Wie sie jetzt an der Glasscheibe lehnt, sieht sie in dem spiegelnden Glas
durch dieselbe Tr, durch die sie in die lange Kammer eingetreten ist,
einen Mann kommen, der eine weihaarige, gebeugte alte Frau begleitet. Die
kleine Alte sttzt sich auf einen Stock und auf den Arm des Mannes und sagt
zu ihm: Mein Sohn.

Die Frau wendete ihren Kopf betroffen von der Glasscheibe und warf nur
einen Blick ber ihre Schulter. Dann sah sie rasch wieder in den
Glasschrank zurck, als wollte sie ihr Gesicht im Glas verbergen. Sie hielt
den Atem an und lie den Mann und die alte Frau an ihrem Rcken
vorbergehen.

Die Gtter hatten ihr ihren Wunsch erfllt! Sie hatte ihren Geliebten noch
einmal gesehen, und sie wute nun auch, da er eine Mutter hatte wie andere
Menschen, und da er ein Menschensohn war, da er nicht blo Vater und
Gatte war, so wie sie ihn in Nara gesehen hatte, da er auch
Kindespflichten kannte, seine alte Mutter an seinem Arm sttzte, und da er
ihr nun nie mehr der Gott der Abendrte sein knnte, der Gott des
Unbekannten, des Abenteuerlichen, der Gott der Inbrunst ohne Pflichten und
ohne Schranken.

Und nun wollte sie blind werden und nicht mehr in der Gegenwart und
Wirklichkeit leben, sondern im Dunkeln sitzen, wie ein Herz in der Brust,
ohne Licht, nur vom dunkeln Blut umgeben.

Gealtert und bekmmert kehrte die Frau von ihrer Wallfahrt nach Seta an
den Biwasee zurck, ohne den Tempel der fnftausend Genien in Kioto zu
besuchen, wie sie sich vorgenommen hatte.

Ein brennender, feuriger Sonnensommer verwandelte den Biwasee tglich in
eine weiglhende Masse. Zwischen dem flammigen Spiegel des Sees und dem
flammigen Spiegel des Sonnenhimmels sa die Frau auf dem Altan ihres Hauses
oder in einem schaukelnden Boot und lie sich die tausend funkelnden
Sonnenscheiben, die sich in den Wellen brachen, wie tausend Brennglser in
ihre Augen stechen. Wenn sie vor Schmerzen die Augen schlo, sa sie in
einer feuerrot durchflammten Dunkelheit, als wre sie mitten im Abendrot
von Seta, als wre sie die rote untergehende Sonne selbst.

Sie wurde blind, wie sie gewollt hatte. Aber auch erblindet sahen sie die
Leute von Seta Sommer und Winter, Abend fr Abend, mit dem Fcher auf dem
Altan sitzen, zu der Stunde, wo das Abendrot in Seta die irdischen
Landschaften zu roten Gtterlandschaften verwandeln kann und die irdischen
gesetzmigen Menschengesichter in berauschte unirdische Gttergesichter.

An einem Winternachmittag, als der Nebel des Sees so dick lag, da die
Sonne schon am Mittag im Winterrauch wie eine papierne Scheibe bla
verschwand und ein Hauch von Abendrte erschien, sa die Blinde wieder mit
begeistertem Ausdruck auf dem Altan und beschrieb der Dienerin, die ihr den
Tee brachte, da sie rote Wolken she, rot wie das Tempelgeblk eines
Kiototempels, und da fnftausend goldene Genien mit hunderttausend
goldenen Armen ber die roten Wolken geschritten kmen, und da ein
Bogenschtze an der Spitze der Fnftausend ginge. Er winke ihr auf der
obersten Stufe einer roten Treppe.

So schn wie heute sah ich das Abendrot von Seta noch nie, sagte die
Blinde und lehnte den Kopf an das Altangelnder, von dem der kalte Schnee
abbrckelte. Ihre kleine Teetasse klirrte. Sie setzte sie mit zitternden
Fingern auf den Boden. Sie fchelte sich noch mit dem Fcher, indes ihr
Gesicht die Helle des Schnees annahm. Dann starb sie lchelnd.




Den Abendschnee am Hirayama sehen


An groen Masten ragen ein Dutzend weie elektrische Bogenlampen in die
Nacht. Sie beleuchten einen Landungskai im Hafen von Marseille. Wie ein
langer weier Kreideblock liegt dort ein weier eiserner Orientdampfer mit
Hunderten von runden, gelbleuchtenden Kabinenfenstern. Rot, gelb und wei
beschienene Gesichter und viele beleuchtete Hnde und Arme hantieren in der
Nacht auf der Plankenbrcke und um die klirrenden Ketten der
Verladungskhne, wo Haufen von Koffern, Reisekrben und Reisekisten
verstaut werden.

Durch die langen, schneeweien Korridore drinnen im Dampfer eilen
schneewei gekleidete Inder mit schwarzen Gesichtern und schwarzen Hnden,
aus prchtigen Kchen, in denen ppiges Kupfer leuchtet, in die prchtigen
Speisesle, die von rotem Mahagoniholz und blanken Messingsulen, von Prunk
und Gediegenheit strotzen, darinnen alles seltsam stille steht, indessen
die bittere, bewegliche Seeluft durch die glhlampenhellen Rume und durch
die Korridortren wie ein unruhiges Fluidum streicht. Diese Seeluft, die in
dem Schiffspalast, auch wenn er am Kai still steht, immer noch allen Rumen
quecksilberhafte Ungeduld gibt, wie der Saft einer Pflanze, die man vom
Wald ins Zimmer geholt hat. Ein ruhiges Schiff ist kein stillstehender
Gegenstand, denn die Wanderluft, die auch im Hafen noch um seine Rume
streicht, lt es nicht schlafend und nicht tot erscheinen. Die Offiziere,
Matrosen und Bedienungsmannschaften behalten auf dem ruhigen Schiff immer
noch das bittere Fieber der Seeluft in der Brust, und allen erscheint Ruhe
als ein Unglck und Wandern als das alleinige Glck.

Das Schiff legt nachts in Marseille an und soll morgen um neun Uhr frh
seine Weiterfahrt nach Asien und Japan antreten. Die meisten Passagiere
haben fr ein paar Nachtstunden das Schiff, das schon aus London kommt, zu
einem kurzen Aufenthalt in Marseille verlassen, um wieder einmal Abendbrot
an Land zu essen, denn das Schiff ist schon seit mehreren Tagen unterwegs
und hat seit London keinen Hafen angelaufen.

Jetzt neigt sich die Nacht ihrem Ende zu. Die elektrischen Lampen brennen
noch, aber der Himmel wird schon blau, und Scharen von lachenden und etwas
kindisch heiteren Passagieren kehren aus den Nachttheatern und Nachtcafs
der Stadt zurck. Junge Leute haben rote und blaue Kinderluftballons an
ihre Hte gebunden. Damen haben sich Arme voll Blumen gekauft,
Winterveilchen von der Riviera; und alle Gesichter sehen belustigt aus, als
kehrten diese Menschen von einem Volksfest heim. Alle haben sie nur fr ein
paar Stunden mit ihren Fen die Erde besucht, die schne, ruhige,
stillstehende Erde mit ihrem irdischen Staubgeruch, und die hat die
Passagiere im Herzen so berschwenglich und warm gestimmt.

Jetzt mssen alle wieder auf die schwankenden Schiffsbretter, zurck auf
das buckelige Meer, in die staublose, unirdische Seeluft, in der ihnen die
Sonne noch treu bleibt, wo aber die Erde meilentief in das Wasser sinkt.

Ein blauer, lauer Januarmorgen brach an. Die Lampen am Kai und im
Schiffsinnern verloschen. Dafr zndete die Morgensonne tausend Lampen in
den tausend Wellenspiegeln an, und die Messinggelnder des schneeweien
Schiffes, seine roten Schornsteine und zinnoberroten Ventilatoren
leuchteten wie die knstliche Kulissenwelt eines Theaters, aufgebaut unter
dem indigoblauen Mittelmeerhimmel.

Am Kai standen Verkufer von Bergen von hlzernen Segeltuchsthlen, die sie
an die Passagiere fr die weite Seereise nach Asien verkauften. An der
Abfahrtshalle vor der Telegraphenoffice drngten sich die Reisenden,
schrieben auf umgestlpten Koffern, Tonnen und Kisten Telegramme, -- die
letzten Abschiedsgre aus dem letzten europischen Hafen nach den
Heimatorten.

An den langen Gelndern des Promenadendecks standen Kopf bei Kopf,
Ellenbogen bei Ellenbogen. Viele kleine Kodaks knipsten und fingen das
Hafenbild.

Auf der nassen Kaimauer vor der Reihe der Packtrger und Verlader hatte ein
Athlet einen braunen Teppichfetzen ausgebreitet. An dem einen Ende des
Teppichs tanzte in gelbem Trikot und rosa Tllrckchen seine zehnjhrige
Tochter und klapperte mit Kastagnetten, armselig und ungeschickt.

Auf der andern Ecke des Teppichs stand der Sohn des Athleten in blauem
Trikot und spielte auf einer dnnen Violine. Auf der dritten Ecke lagen
Gewichtsteine und Kugeln, und auf der vierten Ecke des Teppichs stand der
Athlet selbst in schmutzig weiem Trikot und stemmte die Gewichtkugeln,
Kanonenrohre und eisernen Wagenrder.

Die Schiffssirene hat bereits mehrmals ihre gellenden Abfahrtssignale
gegeben. Der Athlet, die kleine Tnzerin und der kleine Geiger rauften sich
mit den Packtrgern um die Kupfersousstcke, die wie ein brauner Hagel vom
Schiff auf den Kai regneten. Scharen englischer Clerks, die nach Indien
reisen wollten und rote, whiskytrunkene Gesichter aus dem Nachtleben von
Marseille mitgebracht hatten, brllten im Chor hundert Cheers for Old
England.

Dann bewegte sich wie eine Drehbhne das mchtige Schiff vom Ufer weg. Die
sich balgenden Leute am Ufer, die Landungshallen verkleinerten sich, als
schrumpften sie in irgendeine Tasche hinein. Erdbilder, Felsenufer, weie
Kalksteingebirge, graue Dcherreihen drehten sich wie Bilder, gemalt auf
einen Riesenkreisel, vorber. Das Schiff schien still zu stehen, aber die
Erde wurde zu einer ungeheuren Kugel, die sich unter dem Schiff drehte.

Allmhlich liefen die Bilder immer kleiner, ferner und farbloser wie
Nebelwische vorber, und nun nahm der gewaltige Rausch der Seeluft das
Schiff in sich auf, und das Ungeheuer, der endlose Himmel, machte die
lauten Passagiere still, lste nicht nur die Erde unter den Fen, sondern
nahm auch den Gedanken jede Festigkeit und Sicherheit, machte das Blut
argwhnisch, die Fe schwankend, die Gehirne ohnmchtig.

Hunderte von Decksthlen wurden an die Gelnder gebunden, da sie nicht von
dem Seegang hin und her rutschten. Unter riesigen Reisekappen, in ungeheure
Reisemntel und in vielfarbige und karierte Schals gewickelt, lagen die
Passagiere, ausgestreckt in endlosen Reihen, auf dem weien Promenadendeck.
Die weigetnchten Eisenwnde, die sachlichen Eisengelnder, die alle
gerade und senkrechte Linien zeigten, flten Sicherheit, aber auch
Nchternheit ein, als wre das Schiff ein riesiger, physikalischer Apparat
in einem Laboratorium, als wren die Menschen Prparate, die da knstlich
aufbewahrt wrden, bis zur Landung an einem andern Kontinent.

Unter den Schiffspassagieren, die da in Reih und Glied in Liegesthlen auf
den langen Decks lagen, als wren die Deckpromenaden Lazarette, fielen zwei
Japaner auf, die von zwei deutschen Damen, einer jungen rotblonden und
einer alten weihaarigen, begleitet waren. Es waren die beiden Schauspieler
Kutsuma und Okuro, die mit der Sada-Yakko-Truppe eine Europa-Tournee
unternommen hatten und jetzt, getrennt von der Truppe, nach Japan
zurckkehrten.

Okuro hatte sich eben erst mit einer deutschen Dame verheiratet, und diese,
welche immer mit ihrer Gromutter zusammengelebt hatte, wollte sich auch
nicht in der Ehe von ihr trennen. Darum begleitete die achtzigjhrige
weihaarige Alte das junge Ehepaar nach Japan.

Die beiden Japaner waren europisch gekleidet; nur ihre gelben Gesichter
und ihre kleinen Figuren fielen unter den langen, rosahutigen Englndern
auf.

Ilse, Okuros junge und schne Frau, hatte Goldglanzhaare, goldrot, wie der
rote Metallglanz der Goldfische.

Sie trug ein smaragdgrnes Reisekleid und war unter allen den braunen,
grauen und schwarzkarierten Englnderinnen und Englndern wie ein
Sonnenprisma. Ihre gute Laune gab ihrem Wesen die Flle eines freigebigen
Sommers.

Die Gromutter neben ihr mit dem weien Haar, das wie ein alter
Silberschmuck den Kopf umgab, lachte ebenso wie ihre Enkelin immer mit
blauen Augen, und ihr Gesicht war wie ein sonniger Wintertag, frisch und
lautlos.

Nie sind zwei Menschen frhlicher und sorgloser in die Zukunft gereist als
diese beiden Damen. Okuro hatte sich ein Vermgen durch seine Tournee
verdient. Ilse wute nicht, was sie mehr an ihrem Mann schtzen sollte: die
ausgesuchte Frsorge, mit der er sie umgab, die groe Anspruchslosigkeit,
mit der er auftrat, oder die groe Leichtigkeit, mit der er alle
Schwierigkeiten lchelnd aufnahm.

Nur eines machte ihr Unruhe: sie verstand allmhlich, da ein Asiate nicht
ist: wie fnf und fnf ist zehn, sondern da bei ihm fnf und fnf einmal
Tausend und einmal Null sein kann. Sie ahnte, da sie noch nicht den
hundertsten Teil von dem Gehirn ihres Mannes kannte, und manchmal merkte
sie, da seine kleinen asiatischen Augen, die eben noch rosinens und
lchelnd ausgesehen hatten, pltzlich schwarz und bitter wie Gallapfelsaft
werden, oder sogar tdlich, vernichtend wirken konnten wie schwarze,
funkelnde Tollkirschen.

Aber gerade, da sie seiner nicht sicher war, da sie seine Weltallruhe und
sein gttliches Aufgehen im Verstehen des Kleinsten bewundern und dann
wieder pltzlich erschrecken mute vor tierischen Kehllauten, die er
ausstoen konnte, und die bestialische Leidenschaftlichkeiten vermuten
lieen, -- dieses machte Ilses Seele sanft wie ein Kaninchen, das man mit
einer Klapperschlange zusammengesperrt hat. Und sie war ihm in die Ehe
gefolgt, weil sie sich nach einer Welt von Abenteuern sehnte, nach
exotischen Geheimnissen.

Als der rauchende und erhitzte Dampfer zwischen dem blauen ther des
Mittelmeerhimmels und dem gasblauen Wasser des Mittelmeeres sich jetzt von
Europa trennte, um Afrika und Asien zu erreichen, erschien Ilse das weie,
blendende Schiffsgerst in der Blue ringsum wie der weie Silberkrper
eines Riesenfisches, der viele Meilen in die Blue untergetaucht wre und
unter den Meeren mit ihr fortschwmme. Nur das gelbe Stck Sonne oben war
wie ein Stck Land, das in die Blue herabschiene. Und sie hoffte, so
verzaubernd wie das Meer, so von Grund aus sollte sich jetzt ihr Leben in
der Zukunft verndern, da alle Begriffe sich umstlpten.

Aber als in der zweiten Nacht die elektrischen Kailampen von Messina, das
damals noch nicht untergegangen war, in langer Reihe vorberzogen, nahm
Ilse ihrem Mann Okuro, der neben ihr im Deckstuhl sa und in der Dunkelheit
nur am roten Punkt seiner Zigarette ihr erkenntlich war, die Zigarette aus
dem Mund, warf sie ber Bord und sagte, schmollend in ihrer
Flitterwochenstimmung:

Geliebter, wie kannst du rauchen und dich mit deiner Zigarette lautlos
unterhalten? Ich bin eiferschtig auf deine Zigarette und deine Ruhe bei
ihr. Ich bin noch keine so alte, ruhige Frau wie meine Gromutter, welche
einschlft, wenn du stundenlang schweigend rauchst. Ich mchte lieber, da
du mich erwrgst, ins Meer wirfst, oder irgend etwas Bses mit mir tust,
aber ich mag nicht, da du so ruhig und gleichgltig neben mir rauchst. Wir
kennen uns noch nicht auswendig. Nur ist das, als wrest du mir untreu,
wenn du die Zigarette mehr liebst als mich.

Darauf antwortete der junge asiatische Ehemann:

Wenn ich Diener brauche, die dich und mich bedienen, so bin ich deshalb
nicht ein schwacher Mann, der sich nicht selbst bedienen knnte. Wenn ich
eine Zigarette brauche, die mir Ruhe gibt, so habe ich deshalb dich nicht
aus meinem Herzen verstoen, denn dich brauche ich natrlich erst recht zu
meiner Ruhe. Die Zigarette allein wrde mich nicht gengend mit Ruhe
bedienen.

Ilse fuhr schnell und heftig auf:

Wenn du vielleicht statt der Zigarette eines Tages eine andere Frau
brauchst, die dich mit Ruhe bedienen mte, dann drfte ich auch nicht
unruhig werden, Okuro?

Dieser lchelte und sagte noch ruhiger:

In Japan liebt ein Mann seine Frau immer, so lange er sie nicht
fortschickt. Und Frauen fragen bei uns nicht nach den Wegen, die ein Mann
gehen mu, und die ihn zum Manne machen.

Ilse wurde noch heftiger:

Du darfst also viele Frauen lieben, wenn es dich zum Manne macht? Und ich
soll keinen Schmerz empfinden, wenn du deine Nchte mit anderen Frauen
teilst und deine Umarmungen, deinen Leib und dein Herz anderen Frauen
gibst, wo ich doch dachte, da der Tag der Hochzeit dich mir ganz und gar
geschenkt htte?

Nicht _ich_ bin _dein_, sondern _du_ bist _mein_ geworden, antwortete
ruhig der Japaner. _Ich_ bin _ich_ geblieben und bin nur durch dich mehr
geworden. Aber du bist seit dem Tag unserer Hochzeit nach unseren
asiatischen Begriffen verschwunden und bist nicht mehr.

Ich bin also schon, lachte Ilse, an dem Tag unserer Hochzeit ins
Nirwana eingegangen und gehre jetzt zu den Toten?

Ja, Ilse, grtes Glck ist Nirwana. Und die Frau, die sich nicht um das
wirkliche Leben zu kmmern braucht, um Geldverdienen und Staatsgeschfte,
kann deshalb schon am Tag ihrer Hochzeit ins Nirwana eingehen, der Mann
erst am Tage seines Todes.

Aber ich will gar nicht im Nirwana sein, wenn du nicht darin bist, rief
die junge Frau eigensinnig. Und so lange du im gewhnlichen Leben bist,
will ich auch eine gewhnliche Lebende sein.

Okuro sagte ruhig: Die Gtter haben euch Frauen keine Knochen gegeben, um
im gewhnlichen Leben so fest zu stehen wie der Mann.

Dieses war das erste von hundert hnlichen Gesprchen, welche Ilse und
Okuro, in ihren Decksthlen liegend oder um die Schiffsschornsteine
promenierend, morgens, mittags und abends fhrten. Seit Europa verschwunden
war und das nach Asien schweifende Meer vor ihnen lag, bauten sich die
Gedankenwelten der beiden Neuvermhlten in der Leere des Meeres wie die
Ufer von zwei einander gegenberliegenden Lndern voreinander auf.

Nie hatten die beiden in den lebendigen Alltagstunden des zerstckelten
Tageslebens von Berlin, wo sie sich kennen gelernt hatten, Mue gefunden,
mehr voneinander zu sehen als nur leichte Beleuchtungen, unterhaltende
Augenblicksbilder ihres Herzens. Jetzt aber, unter der unendlichen Weite,
auf der Reise ber die halbe Erdkugel, die vor ihnen lag, unter der
Riesenruhe des krperlosen Himmels und des unbegrenzten Wassers und in der
Ruhe der unendlichen Einfrmigkeit des kasernenhaften Schiffslebens,
wuchsen die Betrachtungen der beiden wie meilenlange Seeschlangen, die
unterirdisch dem Schiff folgten und hie und da in groen Wellenlinien an
die Oberflche kmen.

Bei dem ersten Gesprch von dieser Art, das bei Nacht in der Meeresenge von
Messina gefhrt wurde, sahen sich die beiden nicht. Ihre Decksthle standen
im Schatten von groen Rettungsbooten, und es war zu der spten Stunde, da
die Deckbeleuchtung der gelben Glhbirnen halb gelscht ist. Es fehlte
diesem Gesprch das Echo der Gesichtsmienen und Bewegungen, und da es als
erstes Gesprch nicht zu Ende gefhrt wurde, und da sie danach nur immer
ihre Stimmen im Ohr und nicht ihre Gesichter gesehen hatten, so blieb
dieses Gesprch wie ein ewig dunkler verborgener Keim, der auf dem
beweglichen Schiff und auf der Bodenlosigkeit der Meerestiefe keine Wurzel
fassen und nicht ausgerissen werden konnte, sondern mit ihnen schwamm und
anwuchs wie ein millionenfingriges Seegewchs.

Als Ilse und Okuro die erste Landstation, die lange, weie Molenmauer von
Port Said, unter dem grnlichblauen Afrikahimmel sahen, da hingen die
Gesprche ber die verschiedene Denk- und Empfindungsweise der beiden wie
der Schaum des Fahrwassers hinter ihrem Schiff. Ihre Gedankenwelt
schrumpfte aber sofort ein und verflchtigte sich zu einer angenehmen
Gedankenlosigkeit, als die beiden mit Kutsuma und der Gromutter fr ein
paar Stunden in den langen Bazarstraen von Port Said unter gyptern,
Arabern, Abessiniern in den Straencafs saen und den Millionrstchtern
der Amerikaner zusahen, die, mit den ppigsten Pelzen bekleidet, hier in
dem nchtlich khlen gypten landeten und den kleinen Port Saider Bahnhof
belagerten, um den Schnellzug nach Kairo und in das Wstenland nach Heluan
zu besteigen.

Sowie sich Ilse von schwarzhutigen Afrikanegern in langen weien und
blauen Leinwandhemdkleidern umgeben sah, von schwarzen Schultern und
Gesichtern, die wie eine Schar lebendiggewordener riesiger Kaffeebohnen
hier am Kai durcheinanderliefen, fhlte sie sich magdhaft, fraulich und
sehnte sich schutzsuchend neben ihrer Gromutter nach ihrem Mann. Wenn sie
sich dann umsah und hinter ihr Okuro und Kutsuma gingen, fhlte sie keine
Sicherheit, keine Ruhe, denn die zierlichen gelbhutigen Japaner waren hier
in Afrika noch weniger zu Hause als in Europa; und Okuros gelbe
Gesichtsfarbe erschien ihr lcherlich und leichenhaft neben der schnen
Pulverfarbe der Afrikaner.

Hier am Land waren es jetzt nicht nur die Gedanken der Europerin, die
gegen die Gedanken des Asiaten Wortgefechte fhrten. Es war noch schlimmer:
es war der Krper selbst, der dem Herzen abtrnnig zu werden schien.

Als sie am Abend zum Schiff zurckkehren muten, ging die junge Frau frher
als sonst zu Bett. Sie schlo ihre Augen hartnckig und stellte sich
schlafend, als Okuro ihr Haar streichelte und ihr ein paar zrtliche Worte
zuflsterte.

Ilse htete sich wohl, der Gromutter am nchsten Tag von ihren wankenden
Gedanken und Gefhlen zu erzhlen. Auf dem Weg ber das Mittelmeer nach
Afrika hatte sie geglaubt, es sei der schwankende Schiffsboden, der sie
selbstqulerisch und heimatlos stimme, und auf dem sie sich behaupten
msse. Aber der Spaziergang in Port Said hatte sie noch mehr erschreckt,
und sie konnte sich nicht der berlegung erwehren, ob sie von jetzt an
schweigen und asiatisch dulden oder sich auflehnen und europisch behaupten
mte.

Trotzdem lachte sie uerlich. Ihr rotgoldenes Haar strahlte schon allein
ein reiches sommerliches Lcheln; Ilse war im Grunde viel zu genuschtig,
als da sie unter Gedanken lange htte leiden mgen, und es schien, als
liee sie ihr rotes Haar immer gern wie zu einem tglichen Lebensfest
leuchten.

Die Deckbevlkerung hatte sich vermehrt und verndert. Reiche indische
Kaufleute in europischer Kleidung, aber mit sehr viel Ringen und goldenen
Uhrketten geschmckt, standen wie die Schatten der weien Leute auf den
langen Schiffspromenaden herum, hatten die Augen von guten Waldtieren oder
von eiteln Tropenvgeln. Die schmalen Messingstiegen, die vom
Promenadendeck der ersten Klasse in das tiefere Zwischendeck
hinunterfhrten, waren drunten belagert wie von einer Maskerade.
Mekkapilger mit smaragdgrnen Turbanen, buddhistische Mnche in senfgelben
Mnteln, trkische Hausierer in dunkelblauen und violetten Kaftanen, nackte
Fakire, in dicke Stricke und Muschelketten gekleidet, indische Handwerker
in weien Schleierhosen, roten Sammetwesten und goldgestickten Kappen und
die braune indische Schiffsbemannung des englischen Dampfers in blauen
Hosen und roten Schrpengrteln mit tigerartig geschmeidigen nackten
Oberkrpern, und die alle barfu wie die Tiere auf dem Feld
durcheinanderliefen, vervollstndigten das Papageienbild des Zwischendecks.

Das Schiff wanderte und wanderte, beladen und belastet mit den hundert
verschiedenen Ideenwelten von hundert verschiedenen Rassen. Es hatte die
lange Sandwstengasse des Suezkanals passiert, wo der Sand auf Meilen wie
gelber Goldstaub lag, und wo weie Salzlakenmoore gleich weien Eisflchen
glnzen. Auf die de und den Stillstand dieses Landes folgte die hllische
Glutbrunst des Roten Meeres, wo das Meer nicht rot vor Korallen ist,
sondern rot wird von der Hitze, mit der es deine Augen brennt, wo die Sonne
wie ein Feuereimer das Tageslicht gleich rotem, flssigem Metall ausgiet,
wo violette Steingebirge in Nubien dastehen und gegenber in Arabien
solche, die silbernen Aschenhaufen gleichen, wo der Berg Sinai als
Silhouette am Himmel vor Hitze zittert.

Die Arbeit der indischen Matrosen auf dem Schiff besteht jetzt den ganzen
Tag darin, die Segeldcher ber den langen Schiffspromenaden ber den in
Reihen hingestreckten und vor Hitze aufgelsten Passagieren zuzuziehen und
je nach dem Stand der Sonne anders zu stellen. Mit Strohhten und weien
Sommerkleidern liegen Herren und Damen wie am Rand einer Strandpromenade,
vor Hitze aufgedunsen, als wre das Blut von der Hitze in den
Menschenkrpern zu Rotwein geworden, als wren die Reisenden vom Alkohol
betubt und blau gedunsen, -- so liegen die Scharen der Reisenden wie in
einer betrunkenen Schlafwelt auf der dreitgigen Fahrt durch das Rote Meer.

In den Schiffsslen bewegen sich an der Decke lange weie Leinwandfcher,
die gleich den Stoffen eines Bhnenhimmels quer durch die Rume gezogen
sind und sich wie ein weier Wellengang ber die Kpfe der Speisenden
bewegen, aber keine Khlung geben und nur die brhwarme Meeresluft von
einem Gesicht zum andern schicken.

Das groe geheizte Schiff wandert und wandert. Die Fernrohre entdecken
tglich wieder Afrika auf der einen Seite, Arabien auf der andern. Das
glhende Schiff schleppt am Tage die Sonne wie einen Riesenballast mit. Am
Abend scheint der Himmel zur Wste ausgetrocknet zu sein und wird goldgelb
wie Wstensand. Dann stehen ber Afrika lange schilfgrne Wolken, gleich
spukhaften Erscheinungen unwirklicher grner Felder. Jetzt nach
Sonnenuntergang werden die Segeldcher gerafft. Die Reisenden, die vor
Hitze nicht hatten sprechen knnen, und jeder Mund, der geglaubt hatte, es
wrden ihm Flammen aus der Lunge fahren, beginnen den Abend zu bewundern,
der aber immer noch heier bleibt als ein europischer Julitag.

In diesen Hitzetagen, die alle Hirngespinste wegbrannten, war Ilse nicht
Europerin, nicht werdende Asiatin, sie war wie der Klumpen Sonne selbst,
der oben ber dem Schiffsmast hing und mit dem Schiff weiterzog. Sie
brauchte keine Nachsicht zu ben, sie brauchte keine Behauptungen, um sich
sicher zu stellen. Es war, als impfe die Sonne mit ihrer Glut Liebe ein.
Und jeder Menschenkrper war heies Metall geworden und begriff kaum mehr
die Unterschiede von Tag und Nacht, von Jugend und Alter, von Zeit und
Vergnglichkeit, von Gegenwart und Zukunft.

Die Hitze, die alles verschmolz, brachte in den Tagen des Roten Meeres Ilse
und Okuro so eng und sinnlich zusammen wie nie vorher, wie nicht einmal
die erste Hochzeitsnacht. Wenn sie auch den Tag in der Reihe der Hunderte
von Decksthlen Seite an Seite, wie in einem Lazarett aufgebahrt liegend,
zubrachten, so war es, als schliefen sie in der Hitze einen gemeinsamen
Schlaf. Die Hitze legte ihren Arm sicher um beide. Ohne da sie ihre Arme
ausstreckten und sich berhrten, ohne da ihre Lippen sich fanden, lagen
sie mit dem Gefhl groer Innigkeit und Friedlichkeit unter der langen
Reihe von Reisenden wie allein in ihrem eigenen Schlafzimmer und eng
vereinigt.

Niemals fiel es Ilse und Okuro ein, nach Sonnenuntergang, wenn sie vom
Tagesschlaf erwachten, sich andere Dinge als Herzlichkeiten zu sagen. Ilse
lehnte in ihrem langen weien Abendkleid am Schiffsgelnder, Okuro neben
ihr im schwarzen Abendanzug. Er sagte ihr, ihr Hals sei schmal wie der
afrikanische junge Mond. Und sie sagte, da sie seine Hnde so liebe, die
nie einen Ring trgen, die Knchel htten, fein und stark wie die krftigen
Federposen elastischer Vogelflgel. Und sie sahen beide den in weien
elektrischen Kreisen leuchtenden Meertierchen zu, die gleich metallischen
Kinderkreiseln auf den Wellen entlang tanzten.

Dann erschien das Spiegelbild des Mondes unten im Wasser; das bergauf und
bergab wogende Schiff, das Champagnerzischen der Kielwellen und das
Geknister des elektrischen Wassers voll tagheller Schaumwolken stellte den
beiden, je lnger sie sich ber das Gelnder lehnten, die Welt auf den
Kopf. Und sie fanden sich beide erst wieder in dem krausen Weltallgetriebe
und in dem spiegelfechtenden Meeresnachtleben auf ihren zwei Fen zurecht,
wenn sie, versteckt hinter einem Rettungsboot oder hinter einer
Kabinentr, die Arme umeinander legten und, Wange an Wange, ihr Blut
aneinander pochen lieen.

Dann rckte am vierten Tag am Ende des Roten Meeres ein mchtiger,
dunkelbrauner, ausgedrrter Berg heran, zu seinen Fen lange, rote
Kasernendcher: die Festung Aden. Dieser Berg war wie der Pfosten der Tr
in den Indischen Ozean; und im grngelben Abendhimmel blieb das Meer
zurck, und die Boote mit nackten schmalen Somalinegern, die das
Dampfschiff drauen vor Aden wie eine Affenherde umwimmelt hatten, blieben
zurck, und zurck blieben die Lnder, wo der Halbmond regierte, und die
graue arabische Felsenkste, auf der weie Minaretts am Nachmittag gleich
weien Fahnenstangen gestanden hatten, und dahinter man sich das Land voll
Harems und Frauen trumte. Alles das ging im Westen in dem friedlich
lgelben Himmel unter, und auf der straffgespannten Meeresflche im Osten
lag vor Ilse und Okuro das noch unsichtbare, aber sich stndlich nhernde
Indische Reich, an dem sie jetzt vorbeiziehen sollten.

Mit der Weite des Indischen Ozeans kam auch wieder die Weite der Gedanken
ber Ilse und Okuro. Die Hitze, die mit ihren Flammen im Roten Meer alle
Menschenkrper zu ihren Medien gemacht hatte, verlor an Kraft, und die
Menschen wurden wieder selbstndig und dachten wieder ihren eigenen
Gedanken nach.

Eines Abends sa Ilses Gromutter allein am Ende des Promenadendecks. Groe
Sternbilder der fremden Sdzone stiegen aus der Meerestiefe auf und
wanderten ber die Masten des Schiffes fort.

In der Nhe der Dame sa nur Kutsuma und las. Das Schiff war wie eine
groe indische Trommel, daran die Meereswellen ihre Mrsche trommelten, und
sein Gang war immer ein Wechsel von Begeisterung, wenn es sich in die
Sterne hob, von Enttuschung, wenn es wieder in die Leere sank.

Wie viele Gedanken mgen an den Sternen hngen, dachte die alte Dame.
Wie viele Tausende von Seereisenden haben nachts mit offenen Augen hier
unter den Sternen auf wandernden Schiffen gesessen. Jeder Stern ist wie
eine eingepuppte Seidenraupe, von der man Gedanken wie Seidenfden
abspinnt.

Sehen Sie, Herr Kutsuma, sagte die alte Dame, Sie sagen immer, mein Haar
sei so wei wie der Abendschnee auf dem Hirayama am Biwasee in Ihrer Heimat
Japan. Und so wahr mein Haar nie mehr dunkel wird, so wahr glaube ich, da
Ilse fr ihr Herz keinen besseren Mann finden konnte als Okuro. Aber damit
ist nicht gesagt, da Okuro in Japan nicht eine bessere Frau als Ilse
finden und ohne Ilse sehr glcklich werden knnte.

Kutsuma hatte eine Landkarte auf seinem Scho, sah auf und sagte:

Ich bewundere immer, wie groartig die Europer die Welt einteilen knnen,
die Lnder in flache Figuren, die Erdkugel in Breitengrade und Lngengrade;
in alles Irdische bringen die Europer Zahlen und Ordnung. Aber sie
erfinden kein System fr ihre Gefhle, wollen kein System anerkennen fr
das kleine, kurze Menschenleben, das doch aus nichts anderem besteht als
aus Jugend, Reife und Alter, das also Grenzen hat und nicht als etwas
Unbegrenztes, Unordentliches angesehen werden kann.

Aber, mein Herr, unterbrach die weihaarige Dame ungeduldig Kutsuma,
Gefhle lassen sich doch nicht in Systeme bringen. Gefhle sind doch das
Unbegrenzte am Leben! Liebesgefhl kann Unordnung und Ordnung zugleich
geben: Liebesgefhl ist eine Hasardnummer, man setzt auf Rouge oder Noir.
Aber es gibt kein sicheres System, in dem man beim Liebesgefhl in Ordnung
mit sich selbst kommen knnte. Wer liebt, wnscht glcklich zu machen, aber
das Leben mu erst beweisen, ob er einen Gewinn oder eine Niete gezogen
hat.

Wo Liebe ist, ist ewiges Glck, sagte der Asiate. Wo ein Wechsel
eintreten kann, war die Liebe nicht vollstndig. Ihr Europer wnscht, da
der Mann sein Leben lang die Frau bediene und sie hher halte als sich
selbst. Wir Asiaten verlangen von der Frau, da sie den Mann bediene und
sich ihm unterordne. Und wir finden: dieses bringt Ordnung in die Liebe
zwischen Mann und Frau.

Sehr weise gesprochen, sagte die alte Dame. Aber lassen Sie jetzt auch
den Abendschnee auf dem Hirayama zu Ihnen sprechen; das heit: vertrauen
Sie den Gedanken, die unter meinen weien Haaren entstanden.

Das Kostbare an der Liebe ist, da sie ein ewiges Abenteuer bleibt, und da
weder die Sicherheit der madonnenhaften Unterordnung einer asiatischen
Frau, noch die olympische Selbstherrlichkeit einer europischen Liebe in
ein System bringen kann. Die Liebe wird immer etwas verschwenderisch sein,
immer ein Zuviel in das Blut der Menschen bringen, das Zuviel, das die
Endlichkeit des seligen Augenblickes in eine Unendlichkeit des Genusses
verwandeln kann. Wo das Zuviel zwischen zwei Menschen fehlt, die sich
vorstellen, da sie sich liebten, wird die Liebe immer nur ein erbrmlicher
chemischer Proze bleiben, der Kinder hervorbringt und sich ruhig in ein
System fassen lt.

Der Asiate schwieg lange und lie die Sternbilder wandern. Dann sagte er
und faltete seine Landkarte zusammen:

Die Gtter in Europa haben euch Europer nicht umsonst Mikroskope fr eure
Augen konstruieren lassen. Ihr knnt auch eure Liebesaufregung unter ein
Mikroskop legen. Wie die Eisblumen an euren Fenstern, so seht ihr die
Linien eurer Liebesleidenschaft. Und ihr Europer knnt ber Dinge
sprechen, die uns Asiaten ewig unsichtbar bleiben.

Die alte Dame antwortete:

Ihr Asiaten knnt das auch, wenn ihr wollt. Nur seid ihr liebenswrdige
und bescheidene Kinder eurer Gtter, und wir sind vorwitzig. Wir mssen
unsere Freuden belauschen und unsere Schmerzen. So wie unsere Anatomen den
Blutkreislauf fanden, so suchen wir nach dem Kreislauf unserer Schmerzen
und Freuden.

Kutsuma spricht eifriger:

Wir haben nur immer von den Indern den Kreislauf der Seele zu beobachten
gelernt. Aber die Liebesleidenschaft haben wir nicht als Lebenswert
untersucht und haben die Liebe nicht auf die Hhe gestellt wie ihr in
Europa. Aber seit ich bei euch war, begreife ich, da die Zukunftswelt die
Liebesleidenschaft als Weltmittelpunkt erkennen wird. Nicht die Weltruhe,
nicht das Nirwana, wie wir in Asien immer glaubten, und nicht den
Weltschmerz und das Weltmitleid, wie euer vergehendes Christentum immer
glaubte; die Liebesleidenschaft ist fr jeden, der sein Leben ernst nimmt,
sein Gott, der ihm Leben und Tod gibt. So sagte auch gestern Okuro zu mir,
als wir bei Aden das Rote Meer verlieen, er sagte mir, er wrde nie mehr
mit Ilse ber die Meinung streiten, die sie als Europerin von der Ehe hat.
Sie macht ihn mit jeder Meinung glcklich. Sein Blut ist so zufrieden von
ihrem Blut, da er nicht mehr nach Lebensgebruchen und Lebenssitten fragt,
da er ihr zuliebe ein Europer werden will auch in seiner Heimat. Seine
Liebe ist jetzt so gro, da er meinungslos geworden ist.

Kutsuma wartete auf einen Freudenausbruch der Dame. Und als der junge Mann
keinen Laut als Antwort erhielt, empfand er mit einemmal das Schweigen
zwischen sich und der alten Dame wie einen Abgrund, als wre sie ber einen
Ozean vor ihm und seinen Worten zurckgewichen.

Lchelnd suchte Kutsuma eine Verbindung herzustellen und sagte:

Warum schweigt der Abendschnee am Hirayama? Er, der mir vorhin so schne
weite Gedanken gab?

Da seufzte die alte Dame:

O, wie unglcklich sind die gtigen Liebenden! Gte in der Liebe bringt
Unglck. Liebe ist nie gtig, Liebe fordert, mihandelt, vergewaltigt. Von
zwei Liebenden mu einer der Strkere werden. Der Mann mu die Frau
unterjochen, er kann ihr ja den Wahn ihrer Selbstherrlichkeit lassen, wenn
sie es noch ntig hat. Aber er darf nicht gtig meinungslos werden.

Sagen Sie das zu Okuro! Das sei die Ansicht dieser weien Haare. Und
immer, wenn er meine weien Haare sieht, die ihr Japaner mit dem
Abendschnee von Hirayama vergleichet, soll er stark werden, soll nicht vor
Ilse meinungslos werden. So wie der Schnee am Hirayama nie zu schmelzen
ist, so soll sein Wille von keinem Frauenwillen zu schmelzen sein. Nur dann
macht er Ilse glcklich.

Kutsuma betrachtete andchtig den weien Kopf der alten Dame, so andchtig,
wie nur ein Japaner im Abend am Biwasee den Schnee von Hirayama betrachten
kann.--

Ceylon mit seinen wolkenblauen, glnzenden Bergen, die voll Amethysten und
Mondsteinen liegen, wurde von dem wandernden Schiff fr einen Tag berhrt.
Dann zog die magnetische Ferne das Schiff weiter nach Osten. Und Ilse
trumte sich Palmenwlder aufs Meer, denn sie wute: rings waren Ksten mit
heiligen indischen Wldern und heiligen indischen Tempeln. Und ringsum an
den Ksten lebten Vlker, die so gut waren, da sie den Schlaf eines Tieres
heilig hielten, -- den Schlaf des geringsten Straenhundes, dem es einfiel,
mitten in den verkehrsreichsten Stdten sich in die Sonne zu legen und zu
trumen. Kein Futritt verjagt den Trumenden, denn jeder Traum, auch der
Traum eines Hundes, ist ein Paradies, das sich fr Augenblicke auf die Erde
senkt. Darum wird auch der Schlaf der Tiere mit Ehrfurcht behandelt. Keine
Peitschen knallen, nur Silberglocken am Kutschbock treiben die Pferde an.
ber alles das dachte sie oft mit Scheu nach.

Wie seltsam, meinten die beiden Japaner und die beiden Europerinnen,
da Europa und Asien nebeneinander auf derselben Erde liegen, sie, die
weniger zusammengehren als Erde und Mond. Europa gibt seinem Leben das
Sprichwort: Zeit ist Geld. Und Asien beachtet weder die Zeit noch das Geld.
Es ist erstaunlich, da die einfache Schiffsschraube, die nichts tut, als
sich drehen, uns aus der Welt der Begriffe von Zeit und Geld in die Welt
der entgegengesetzten Begriffe befrdern kann, ohne da wir dabei daran
zugrunde gehen oder erst sterben mssen.

Am seltsamsten, sagte die alte Dame, ist es fr mich, die ich schneewei
aus Europa komme. Ich glaubte mich schon am Ende meines Lebens; und ohne
da ich eine neue Inkarnation eingehen mu, verjngen und erwrmen sich
hier in Asien meine Gedanken. Wenn ich morgens in den Spiegel sehe, wundere
ich mich, da ich immer noch den Schnee auf meinem Kopf trage.--

Das Schiff hatte Hinterindien, Penang und Singapore passiert und drang in
das Chinesische Meer.

In Singapore aber war Ilse aus ihren indischen Trumen gerissen worden.
Dort, wo die Chinesen wie der Sand am Meere sind, wo die gelbe Rasse die
braune Rasse verdrngt, wo Ilse noch gelbere Menschen als die gelben
Japaner sah, whrend ihr das Reisen schon wie das Wandern des Blutes in
ihrem Krper zur Gewohnheit geworden war, -- berfiel sie ein Schrecken und
eine Angst vor der Zukunft. Die schlitzugigen Menschen entsetzten sie. Die
geschlitzten Augen, die hervorstehenden Backenknochen schienen ihr die
Gesichter zu verkrppeln.

Am Abend, als sie mit ihrer Gromutter aus Singapore an Bord des Schiffes
zurckkam und der Himmel voll gelber Abendwolken gleich tausend gelben
Chinesengesichtern war, ging sie nicht in ihre Kabine zu ihrem Mann. Sie
eilte in die Kabine ihrer Gromutter, drckte ihr Gesicht in die Hnde der
alten Dame und schluchzte.

Kind, Kind, ich wei es, sagte die alte Dame. Ich habe dasselbe gedacht
wie du heute. Aber la die Zeit verstreichen. Die Zeit bringt Gewohnheit,
und Gewohnheit kann dich wieder glcklich machen. Wenn die Erde hier auch
fremder ist als ein fremder Planet, wir stehen doch noch mit den Fen auf
derselben Erde, und wir werden auch mit der gelben Rasse gut Freund
werden.

Ich nicht, sagte Ilse. Sieh mein rotes Haar an, sieh meine weie Haut
an. Ich habe nicht daran gedacht, da ich unter eine ganze Welt von gelben
Menschen komme. Okuro war mir lieber, als er, allein, eine Kuriositt in
Europa war. Aber jetzt ging er heute vor mir unter in der Flut der gelben
Gesichter, als wre er im Chinesischen Meer ertrunken. Ich will heute nacht
nicht in seiner Kabine schlafen. Ich werde bei dir bleiben, Gromutter, und
im nchsten Hafen fliehen wir und kehren um nach Europa. Es ist mir, als
ginge ich bis zum Hals im gelben Lehm und erstickte, wenn ich unter den
gelben Menschen bleiben mu.

Kehre nicht um, Kind! Die Gewohnheit wird dich glcklich machen,
wiederholte die alte Dame.

Groer Gott, welch des Glck dann! Gewohnheit ist das Glck der
Dienstboten, nicht das der Herrschaft, hast du immer weise gesagt,
Gromutter. Und jetzt gibst du deine Weisheit auf, nur um mich zu trsten!
Neulich sagtest du noch, da das Liebesglck ein Zuviel im Blut haben
msse, einen berschwang. Dieses Zuviel wird unter diesen gelben Menschen
nie mehr zu mir zurckkommen.

Die beiden Frauen umarmten sich leidvoll und saen miteinander auf dem
Rand des Kabinenbettes in dem kleinen weilackierten Raum, und saen eine
Stunde still, ohne sich zu rhren, und waren beide weit fort aus dem
Schiff. Beide gingen durch die Straen von Europa, beide verstummt vor
Sehnsucht nach der Heimat und beide von neuem aufschluchzend, als sie sich
ansahen und sich vom Schiff weitergeschleppt fhlten. Sie wunderten sich im
stillen, da das im Wasserdruck knisternde Schiff vom Heimweh zweier
Menschen nicht zum Sinken gebracht wrde.

Die Nacht kam, und Ilse blieb in der Kabine ihrer Gromutter und lie sich
durch die alte Dame bei Okuro entschuldigen.

Was dann in dieser Nacht geschah, wei kaum ein einziger, der sich im
Schiff befand, mit Genauigkeit zu erzhlen.

Die alte Dame fhlte sich pltzlich durch einen Sto mitten im Schlaf aus
dem Bett geschleudert. Sie schrie nach Ilse. Alle Leute im Schiff schienen
mit ihr zu schreien. Alle Lampen waren erloschen. Das Schiff schien mitten
im Meer still zu liegen. Statt der taktmig arbeitenden Maschinenschraube
herrschte Todesstille. Und als die alte Dame sich von einem Koffer
aufrichtete, auf den sie gefallen war, faten sie zwei Mnnerhnde, zogen
sie wie eine Maschine durch die Dunkelheit, wo kniehohes Wasser ihr
entgegenscho, schumendes und gurgelndes Wasser, schreiendes und sich
windendes Wasser, das mit Menschenleibern angefllt zu sein schien.

Statt der Schiffstreppen fhlte sie Menschenkrper unter ihren nackten
Fen. Die Mnnerhnde und das sich trmende Wasser hoben sie wie mit
Hebeln ber tausend Hindernisse, bis sie auf ein Schiffsdeck hinfiel, auf
einen andern Dampfer, der wie ein dunkler Berg in der mondhellen Nacht
neben dem taumelnden und untergehenden Schiffsdeck stand, von dem sie kam.
Sie erkannte jetzt Okuros Gesicht im Getmmel der sich Rettenden, Okuro,
der ihre Hnde hielt und sie fortschleifte und sie auf den roten Teppich
eines erleuchteten Schiffssaales niederlegte. Dann schrien beide zugleich:
Ilse!, und Okuro verschwand.

Die alte Dame sah sich unter halb bekleideten Frauen und Mnnern, die wie
in einem Tollhaus weinten, lachten, gleich Menschen, die zu Hunden und
Affen geworden wren, sich stieen, bereinandersprangen, in dem
Schiffssaal unter die langen Speisetische krochen, sich hinter Sthle
verbarrikadierten, sich die Augen zuhielten, fortgesetzt Hilfe! riefen,
trotzdem sie gerettet waren, und fortgesetzt die Namen von Angehrigen
schrien, trotzdem sie diese gerettet im Arm hielten.

Ilse, Ilse! rief die alte Dame immer wieder, als knnte sie mit dem
gerufenen Namen einen Menschen erschaffen.

Das vom Meerwasser durchtrnkte Nachtkleid hing ihr wie eine schleppende
schwere Haut um den zitternden Krper. Aber sie rutschte noch mit den
letzten Krften von den Knueln der Menschen fort, die mit den Armen um
sich schlugen, fort von diesen Skelett-Menschen, welchen die Sekunden des
Todesschreckens den jungen Leib in den Leib von Greisen verwandelt hatten.

Ein paar wahnsinnig gewordene Mnner wurden neben ihr von Matrosen
gefesselt. Ein paar andere strengten sich an, einen der
Glhlichtkronenleuchter von der Decke zu reien, und zerschlugen mit den
Fusten die glsernen Birnen und schrien: Wir wollen kein Licht! Wir
wollen nichts sehen.

Ein Mann bi sich in den Arm einer Frau fest. Die Augen quollen ihm aus dem
Kopf, und die Frau lachte und schrie: Mein Lieber! Mein Lieber! Das Blut
rann ihr vom Arm auf die Diele, und die Augen quollen ihr vor Verzckung
aus den Hhlen.

Die alte Dame kroch zu einer Kabinentr, die weit offen stand. Da sprang
ein wahnsinnig gewordener Malaye mit zwei Messern in den Hnden ber sie
weg, hinein in den Saal, stach nach den Weibern, die unter den Tischen
schrien, stach nach den Mnnern, die unter dem Kronleuchter hingen, und
kniete sich dann auf den Rcken des Mannes, der sich in den Arm der Frau
hineingebissen hatte. Die Frau lachte noch verzckter als der wahnsinnige
gelbe Malaye, der den weien Rcken ihres Mannes mit den blutigen Messern
bearbeitete.

Neue Matrosen strzten herein und rissen die Leute auseinander. Und unter
der Tre sah die alte gerettete Dame die Flgel einer riesigen silbernen
Windmhle; es waren die elektrischen Scheinwerfer des Dampfers, die mit
ihren steilen weien Strahlen die Nachtluft zertrennten.

Am Schiffsgelnder neben ihr erkannte sie im weiblauen Licht des
Scheinwerfers zwei Mnner, wie aus Schnee geformt, die miteinander rangen.
Die Dame schrie mit ihren letzten Krften: Okuro! Kutsuma! Ilse! Ilse!
Dann sah sie, wie der eine Mann den andern mit dem Kopf an das
Messinggelnder schlug und dann den niedergeschlagenen zrtlich aufhob und
auf den Ruf: Ilse, Ilse, sich nach der alten Dame umsah, den Ohnmchtigen
aus dem weien Lichtschein forttrug, hin zu der alten Dame. Als der
Schleppende und der Geschleppte im gelben Lichtschein des Schiffssaales
erschienen, fielen beide Mnner wie tot an der Trschwelle nieder. Es waren
Okuro und Kutsuma.

Ilse, keuchte die alte Frau noch einmal und fiel neben den beiden
Japanern ohnmchtig hin.--

Die Geretteten hrten am nchsten Tag, da im Mondnebel ein Zusammensto
zwischen ihrem und dem Schiff, auf welchem sie sich jetzt befanden,
stattgefunden und ihren Dampfer zum Sinken gebracht hatte. Unter den
Ertrunkenen, die ringsum aus der glatten See gefischt wurden, wurde auch
Ilses Leiche an Bord gebracht.

Kutsuma aber hielt Okuro in der Kabine zurck und belog ihn und sagte ihm,
Ilse wre mit ihrer Gromutter gerettet. Denn er frchtete, da sein Freund
sich nochmals ins Wasser strzen wrde, wie er es beim Untergang des
Schiffes versucht hatte, als er Ilse nicht fand.

Aber Okuro war bei der Lge seines Freundes unglubig, schttelte den Kopf
und sagte:

Ich wei, da Ilse ertrunken ist. Ihre Seele war fr mich schon nach
Europa zurckgekehrt, und sie war fr mich schon tot, ehe das
Schiffsunglck eintrat. Ilse lebt nicht mehr, sonst wrde sie vor mir
stehen. Sonst wre sie in der letzten Nacht in meiner Kabine geblieben.
Ilse kehrt nicht wieder.

Nach den wahnwitzigen Kmpfen und Aufregungen der Unglcksnacht blieb Okuro
von nun an bis zur Landung in Japan teilnahmlos. Er betrachtete nur
stundenlang seine Hnde, welche Ilse immer geliebt hatte. -- Er, die
weihaarige Gromutter und sein Freund Kutsuma saen wie Wandbilder
schweigend nebeneinander auf den Decksthlen des nach Japan wandernden
Schiffes, und Ilses Name wurde nicht mehr ausgesprochen.

Aber Kutsuma war immer bereit aufzuspringen, um die alte Dame und Okuro vom
Schiffsgelnder zurckzuhalten, denn das Wasser unten schien magnetische
Kraft zu haben fr alle die Schiffbrchigen, welche Angehrige in der
Unglcksnacht verloren hatten. Einige sprangen auf der Fahrt pltzlich ins
Wasser, Mnner, welche ihre Kinder suchten, Frauen, die zu ihren Mnnern
wollten.

Dann erschienen eines Morgens die stillen, zwerghaften Inseln Japans im
Frhnebel, die Silhouetten der vielfach gekrmmten uralten Bume, die
zierlichen Hgel mit den winzigen Terrassen winziger Reisfelder.

Die beiden Japaner erwachten aus der Totenstille, und nur die weihaarige
Dame blieb stumm, und ihre Augen sagten mde: Seit Ilse tot ist, ist die
Erde fr mich ein Sargdeckel geworden. Ich mchte mich auch in den Sarg
legen.

Als die Schiffsbrcke in Nagasaki herabgelassen wurde und unten Motorboote
voll von Angehrigen der japanischen Reisenden beim Schiff anlegten, sahen
die Leute, welche Okuro und seine junge Frau erwarteten, zu ihrem Erstaunen
den berhmten Schauspieler die Schiffstreppe herabsteigen, mit seinem Arm
eine alte, weihaarige Dame sttzend.

Ist Okuro deswegen nach Deutschland gereist, um sich eine alte Dame, die
wei ist wie der Abendschnee am Hirayama, zur Frau zu holen? fragten sich
seine Freunde verwundert. Aber niemand lachte.--

Unter Okuros Freunden war ein japanischer Schriftsteller, welcher den
Eindruck nicht vergessen konnte, welchen die weie alte deutsche Dame auf
ihn gemacht hatte, die als vermeintliche Frau des Okuro am Arm des jungen
Japaners ans japanische Land gestiegen war. Dieser Schriftsteller schrieb
ein Drama; und nachdem Monate vergangen waren und die alte Gromutter von
deutschen Freunden nach Europa zurckgebracht worden war, las er sein Drama
Kutsuma und Okuro vor.

Kutsuma, welcher in Japan Frauenrollen spielte, war sehr begeistert von der
Rolle der Ilse, und Okuro sollte die Rolle der weihaarigen Gromutter
spielen. Der Schriftsteller hatte das Stck den Abendschnee auf dem
Hirayama genannt.

Der Abend der Vorstellung kam, und Okuro trug eine Percke aus weier
Seidenwatte. Nie hatten die Zuschauer eines japanischen Theaters ein
lebhafteres und atemloseres Spiel gesehen. Nur einige murmelten und
wunderten sich, da der junge Ehemann das Drama spielen wollte, das sich
erst vor Monaten ereignet hatte. Und viele nannten ihn herzlos und
gefhllos, weil er den Tod seiner jungen Frau nicht ernster nahm als ein
Drama.

Der letzte Akt kam und die Szene, wo die gerettete Gromutter aus der
Kabinentr kriecht und whrend des Schiffsunglcks nach Ilse schreit. Sie
tastet sich vorwrts. Aber statt dessen richtet sich der die Gromutter
spielende Okuro auf und springt an die Theaterrampe vor, streckt die Arme
ins Publikum, und statt in Wehklagen ber die Ertrunkene auszubrechen, ruft
er:

Seht mich aus dem Schrecken neugeboren und weise und khl geworden, wie
der Abendschnee am Hirayama! Klatscht in die Hnde, klatscht Beifall dem
Grten, dem Gott des Unglcks, der die Herzen erlst, der mnnlicher ist
als das Glck, der einen Willen hat, wenn das Glck keinen mehr hat.
Gedankenvoller, als der Schnee am Hirayama ber dem Biwasee im Abend
scheint, ist der Blick des Unglcks, wenn er sich auf uns richtet,
feierlicher und gigantischer ist die Weisheit des Unglcks und ragt ber
alles Wissen. Ich beweine sie, die Ertrunkene, nicht, und ihr sollt auch
mich nicht beweinen, der ich die Gunst des grten Gottes geno, die Gunst
des Unglcks, das heiliger ist als der Augenblick des Glckes.

Klatscht Beifall! rief Okuro noch einmal; und dann kam Kutsuma, der, als
Ilse verkleidet, jetzt ertrunken sein sollte und nicht mehr zu erscheinen
hatte, und fing den wahnsinnig gewordenen Freund in seinen Armen auf.

Die Zuschauer sahen noch, wie Kutsuma dem Okuro die weie Percke vom Kopfe
ri, um ihm Luft zu machen und sein Gehirn zu khlen. Da -- mit einem
einzigen Ausruf des Schreckens erhob sich das ganze Theaterpublikum; denn
Okuros Haar war unter dem Spiel vor Schmerz so wei geworden wie die Watte
der weien Percke. Einer im Theater wies es dem andern und wurde
ehrfrchtig vor der Seele des Liebenden, die hier grer als die Kunst des
Schauspielers gespielt hatte.

Alle im Theater weinten; und keiner, der je zum Biwasee kommt und den
Abendschnee am Hirayama bewundert, vergit der Geschichte des Liebenden zu
gedenken, den das Unglck wei wie Schnee machte.




Inhalt


  Die Segelboote von Yabase im Abend heimkehren sehen      7
  Den Nachtregen regnen hren in Karasaki                 36
  Die Abendglocke vom Miideratempel hren                 65
  Sonniger Himmel und Brise von Amazu                     79
  Der Wildgnse Flug in Katata nachschauen                96
  Von Ishiyama den Herbstmond aufgehen sehen             115
  Das Abendrot zu Seta                                   137
  Den Abendschnee am Hirayama sehen                      155





End of Project Gutenberg's Die acht Gesichter am Biwasee, by Max Dauthendey

*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE ACHT GESICHTER AM BIWASEE ***

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