The Project Gutenberg EBook of Das Lmmchen, by Christoph von Schmid

This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
almost no restrictions whatsoever.  You may copy it, give it away or
re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
with this eBook or online at www.gutenberg.org


Title: Das Lmmchen

Author: Christoph von Schmid

Release Date: July 28, 2013 [EBook #43332]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DAS LMMCHEN ***




Produced by Jens Sadowski (based on a copy preserved by
Kurt Linack and Katrin Walter)









                    Erzhlungen
                        fr
                      Kinder
                        und
                   Kinderfreunde.


                        Von
            dem Verfasser der Ostereyer.




                 Drittes Bndchen.

                  Landshut, 1826.
          in der Krll'schen Buchhandlung.




                      Inhalt.

                  Das Lmmchen.








Das Lmmchen.





Erstes Kapitel.
Christine und ihre Mutter Rosalie.


Christine, ein armes Mdchen von etwa zehn Jahren, pflckte in dem Walde
Erdbeeren. Es war ein heier Nachmittag, und an den sonnichten Waldpltzen,
wo kein khlendes Lftchen hinkam, war es fast zum verschmachten schwhl.
Ihr leichtes Strohhtchen vermochte nicht mehr den brennenden
Sonnenstrahlen zu wehren. Die hellen Schweitropfen standen ihr bestndig
auf der Stirne, und ihre Wangen waren wie Glut. Dennoch pflckte sie, ohne
aufzusehen, emsig fort. Denn, sagte sie freudig, indem sie mit ihrem
weien Tuche den Schwei abwischte, es ist ja fr meine kranke Mutter. Das
Geld, das ich aus den Beeren erlse, verschafft ihr doch wieder eine kleine
Erquickung!

Gegen Abend ging sie, mit ihrem Krbchen voll Beeren am Arme, durch den
Wald nach Hause. Es fing an zu regnen. Immer lauter rauschten die
Regentropfen in den Blttern der Bume, und aus der Ferne her donnerte es
sehr stark. Als sie aus dem Walde heraus kam, erhob sich ein Sturmwind; ein
heftiger Platzregen schlug ihr entgegen, und an dem glhendrothen
Abendhimmel standen dunkle Gewitterwolken, wie Gebirge auf einander
gethrmt. Sie suchte sich, fern von den hohen Bumen, unter niedrigen
Haselstauden ein sicheres Pltzchen, stand hier unter, und wartete, bis das
Gewitter vorber wre.

Allein mit Einem Mahle hrte sie in dem nahen Erlengestruche ein
klgliches Geschrey -- fast wie das Geschrey eines kleinen Kindes. Das gute
mitleidige Mdchen lie sich von Sturm und Regen, Blitz und Donner nicht
abhalten, nachzusehen, was es doch wohl seyn mge? Sie ging hin -- und sieh
da! es war ein kleines, zartes Lmmchen, das vom Regen trpfelte, zitterte
und nicht wute wohin. Ach du armes, armes Thierchen! sagte Christine.
Nein, du sollst nicht umkommen. Komm, ich nehme dich mit mir nach Hause.
Sie nahm das Lmmchen sorgfltig in die Arme, und eilte damit, sobald der
Regen nachlie, ihrer kleinen, strohbedeckten Wohnung zu.

O sieh doch, liebe Mutter, rief sie, so bald sie in das niedre, reinliche
Stbchen trat -- sieh doch, was ich da gefunden habe! Sieh, ein
wunderschnes Schflein! O wie glcklich war ich! Wie will ich es pflegen!
Es soll meine ganze Freude seyn!

Kind, sagte die kranke Mutter, indem sie sich in dem Bette aufrichtete und
den Kopf auf die Hand strzte, du vergissest in deiner Freude, da dieses
Lmmchen schon seinen Herrn haben mu. Es ist blo verloren -- und da
mssen wir es wieder zurckstellen. Gewi gehrt es dem reichen Bauern auf
dem Eichhofe. Fremdes Gut sollen wir nicht einmal ber Nacht im Hause
behalten. Trag' es also heute noch hin.

Ihr seyd nicht gescheid, rief jetzt eine rauhe Stimme zum offnen Fenster
herein; man mu nicht alles so genau nehmen! Der Mann, der dieses sagte,
war ein Maurer, der drauen an der Mauer des kleinen Hauses etwas
ausbesserte und ihr Gesprch behorcht hatte. Mutter und Tochter blickten
ihn erschrocken an. Er aber sprach weiter: Macht keine so seltsamen
Gesichter! Ich meyne es gut. Wir wollen das Thierchen metzgen, und es mit
einander theilen. Das Fleisch giebt gerade ein Paar kleine Braten, und das
Fellchen ist auch noch einige Kreuzer werth. Der reiche Bauer hat ber
hundert schne, groe Schafe; ob er das winzig kleine Ding da noch habe
oder nicht, daran ist nichts gelegen. Ich will es also geschwind
schlachten. Ihr drft euch dabey nicht frchten. Es siehts ja niemand. Und
mir drft ihr schon trauen. Ich kann schweigen -- sagte er und warf eine
Kelle voll Mrtel an die Wand -- wie eine Mauer.

Christine entsetzte sich ber die Reden des Mannes. Der Gedanke, das
Lmmchen zu behalten, kam ihr jetzt abscheulich vor. Ihr habt Unrecht!
sagte sie zu dem Maurer. Was kein Mensch sieht, sieht doch Gott! Du aber,
liebe Mutter, hast Recht -- und mich wundert nur, da mir das, was du
sagtest, nicht von selbst einfiel. Ich htte das Schflein -- fuhr sie fort
und Zhren traten in ihre blauen Augen -- freylich so gern, o so gern
behalten! Allein dem lieben Gott mssen wir willig gehorchen. Sie wickelte
das Lmmchen in ihre Schrze, und wanderte damit dem Eichhofe zu, obwohl es
noch nicht ganz aufhrte zu regnen und die Sonne bereits unterging.

Als Christine, auf dem Eichhofe ankam, stand die Buerin, mit ihrem
kleinsten Kinde auf dem Arm, eben vor der Hausthre, und die greren
Kinder standen um sie her. Sie betrachteten andchtig den schnen
Regenbogen, der jetzt nach dem Gewitter in der ganzen Pracht seiner sieben
Farben im schwarzgrauen Gewlke zu sehen war. Seht den Regenbogen an,
sprach die Mutter, indem sie mit ausgestrecktem Arme darauf hinzeigte, und
preiset Denjenigen, der ihn gemacht hat. In dem flammenden Blitze und dem
furchtbaren Donner zeigt uns Gott seine groe Macht und Herrlichkeit; in
den schnen Farben des Regenbogens aber seine Gte und Freundlichkeit.

Christine ergtzte sich bald an den lieblichen Farben des Regenbogens, bald
an den lchelnden Gesichtchen der Kinder, und schwieg, bis der Regenbogen
verschwunden war. Nun nahm sie das Lmmchen aus ihrer Schrze hervor,
stellte es auf die Fe, und erzhlte, wie sie es gefunden habe.

Das ist ja recht schn und brav, sagte die Buerin freundlich, da du noch
so spt am Abend und noch dazu im Regen da herausgehest! Du bist ein sehr
gutes, grundehrliches Mdchen.

Ja wahrhaftig, das ist sie! sprach der Bauer, der jetzt auch zur Hausthre
herauskam. So ehrlich und rechtschaffen, wie dieses arme Mdchen, mt ihr
auch seyn und bleiben, meine Kinder! Besser ists, nicht einmal ein einziges
Schflein im Vermgen haben, und dabey ehrlich und redlich seyn, als
hundert Schafe besitzen, und dabey ehrlos und unredlich seyn. Die
Ehrlichkeit, mit der das arme Kind hier das Lamm zurck gab, ist ein Schatz
im Herzen, der reicher macht, als eine ganze Schafheerde -- und diesen
Schatz kann uns kein Wolf und kein Feind rauben.

Franz, der Knabe des Bauers, lief jetzt zum Schafstalle hin, und fhrte das
alte Schaf heraus. Wie da das Junge darauf zusprang und sich freute!
Christine sah das so mit an und sagte: Schon um dieser Freude willen, die
das arme Thierchen jetzt hat, reuet es mich nicht, da ich es zurckgab --
so lieb es mir auch war, und so gern ich es behalten htte!

Weit du was, sprach der Bauer, da du so ehrlich bist und an dem Thierchen
eine so groe Freude hast, so will ich es dir schenken. Jetzt wrde es dir
aber nichts helfen. Es kann noch nicht ohne Milch leben und wrde elend
umkommen. Allein in vierzehn Tagen wird es stark genug seyn, sich von Gras
und Krutern zu ernhren -- und dann soll mein Franz es dir bringen.

Gieb aber dann wohl darauf Acht! sagte die Buerin. Es kostet dich nicht
viel es aufzuziehen. Whrend du Erdbeeren sammelst oder strickest, kannst
du es leicht hthen, und so viel Gras kannst du auch leicht sammeln, und zu
Heu auftrocknen, als es fr den Winter nthig hat. Wenn es einst gro ist,
wird die Milch dir und deiner Mutter in eurer kleinen Haushaltung wohl
kommen, und die Wolle giebt euch jhrlich einige Paar Strmpfe.

Und wenn ihr glcklich damit seyd, sprach der kleine Bauerknabe, so knnet
ihr wohl noch gar eine ganze Schafheerde bekommen!

Christine mute nun noch mit Brod eingebrockte Milch und ein Butterbrod mit
essen -- und die gute Buerin gab ihr berdies noch ein schnes Stck
goldgelbe Butter, das sie in grne Rebenbltter einmachte, und ein Dutzend
Eyer mit nach Hause. Bring das deiner Mutter, sagte sie, indem sie die
Eyer vorsichtig in die Schrze that; ich lasse sie freundlich gren und
Gott wolle sie bald gesund werden lassen.

Christine eilte voll Freude durch das blumige Thlchen ihrer Htte zu. Der
Himmel hatte sich inde aufgehellt, und der Abendstern und ein zartes
Streifchen des Mondes, der heute das erste Mal wieder sichtbar war,
glnzten freundlich in das Thal. Alle Blumen und Kruter trpfelten noch
von Regen, und dufteten von Wohlgeruch. Es war Christinen unbeschreiblich
wohl um das Herz. Nach einem Gewitter, dachte sie, sind Himmel und Erde
zwar immer schner; allein so schn und freundlich, wie diesen Abend, sind
sie mir noch nie vorgekommen.

Sie erzhlte dieses, als sie nach Hause kam, ihrer Mutter. Siehst du,
sprach die Mutter, das ists eben, was ich dir immer sage. Es ist die Freude
des guten Gewissens. Wenn wir recht thun, so erfllt ser Friede unser
Herz. Gott giebt uns durch das Gewissen zu erkennen, da Er mit uns
zufrieden sey. O Christine, gieb daher der Stimme deines Gewissens immer
Gehr, und thu nie etwas anders, als was vor Gott recht und gut ist. Du
weit wohl, wir sind arm und haben wenig in der Welt. Aber la uns nur ein
gutes Gewissen bewahren, so sind wir reich genug, und es fehlt uns nie an
Freude -- ja die edelste und seste aller Freuden ist dann unser.

Christine zhlte nun alle Tage, bis sie ihr Lmmchen bekommen wrde. Sie
htte auch alle Tage in den Kalender gesehen, wenn sie einen im Hause
gehabt htte. Nun sah sie aber alle Abende nach dem Monde, und ging dann
vergngt zu Bette. Denn, sagte sie, wenn er voll ist, bekomme ich mein
Lmmchen.

Endlich ward es Vollmond, und der Mond nahm wieder merklich ab -- allein
das Lmmchen wollte nicht kommen. Christine wartete -- und wartete -- und
hatte bereits alle Hoffnung aufgegeben. Ich werde von meinem Schflein
wohl nichts mehr sehen! sagte sie eines Abends, als sie eben traurig neben
dem Bette ihrer Mutter sa. Habe Geduld, sagte die Mutter; Geduld bringt
Rosen. Und sieh -- da ging auf einmal die Stubenthre auf, und der muntere
Bauernknabe trat mit dem Lamme und einem Korbe voll frischen, grnen
Futters herein. Christine sprang vor Freude auf, kniete zu dem Lmmchen
hin, streichelte es freundlich und sagte: O wie gro und schn es inde
geworden ist! Ich kenne es ja fast nicht mehr! Und wie die Wolle so schn
wei und zart geringelt ist! O jetzt ist meine Freude erst vollkommen.

Ich wollte dir das Lmmlein schon vor einigen Tagen bringen, sagte der
Knabe. Allein mein Vater sagte: La es noch eine Zeit da. Es gedeiht dann
besser, und wird noch grer und strker.

Du und deine Aeltern sind doch recht gut! sprach Christine. Wenn ich nur
nicht so arm wre, und dir auch etwas schenken knnte! Allein von der
ersten Wolle, die ich von dem Schflein bekomme, stricke ich dir ein
schnes Paar Strmpfe. Du sollst gewi sehen, da ich die Wahrheit rede.

Der Knabe ging, und Christine fhrte das Lamm in den kleinen Stall, der
sich im Hause befand, und streute ihm Futter vor. Das Lamm gewhnte sich
bald an sie, und wurde so zahm, da es das Brod aus ihrer Hand a, aus
ihrem Schlchen Milch trank, und ihr wie ein Hndchen nachlief. Christine
durfte nur rufen, so kam das Lamm sogleich daher gesprungen. Wenn nun die
Mutter es so mit ansah, was fr eine groe Freude Christine mit dem
Lmmchen hatte, da sagte die Mutter fter: Nicht wahr, jetzt reuet es dich
doch nicht, da du mir gefolgt und das Lmmchen zurck gegeben hast? O
Mutter! antwortete Christine, wie mein Lmmlein mir auf den Ruf folgt, so
will ich dir immer folgen. Denn ich wei es ja, du liebst mich doch noch
unendlich mehr, als ich mein Lmmchen.




Zweytes Kapitel.
Frau von Waldheim und ihre Tochter
Emilie.


Das Drflein, in dem Christine lebte, lag unten an einem waldichten Berge.
Oben aus den Eichen des Berges ragte ein altes Schlo mit einem groen
Thurme hervor. Hier wohnte seit einigen Wochen die Frau von Waldheim. Das
Schlo hatte ehemals ihr gehrt; allein nach dem Tode ihres Gemahls war es
ihr blos zu ihrem Wittwensitze angewiesen worden. Sie hatte sich hier, weil
das Schlo etwas vergangen war, einige Zimmer neu eingerichtet, die eine
sehr schne Aussicht hatten, und lebte nun da in lndlicher Einsamkeit ganz
der Erziehung ihrer einzigen Tochter Emilie, eines sehr liebenswrdigen
Fruleins von Christinens Alter.

Christine kam, so lange es Erdbeeren gab, beynahe tglich in das Schlo.
Frulein Emilie kaufte die Beeren von niemand lieber als von ihr, und
nannte sie nur ihr artiges Erdbeermdchen. Denn die Beeren, die Christine
pflckte, waren alle vollkommen reif und roth wie Scharlach; die Schale, in
der sie die Beeren brachte, war, wiewohl nur von geringem Porzellane, wei
und rein wie Schnee; und die Reinlichkeit ihrer Hnde und ihres ganzen
Anzuges schickte sich genau zu dem reinlichen Geschirre.

Indessen war Christine acht Tage nicht mehr in das Schlo gekommen. Emilie,
der die Erdbeeren lieber als alles Zuckerwerk waren, beklagte sich fter,
da ihr Erdbeermdchen so lange ausbleibe. Eines Morgens kam endlich
Christine wieder in das Schlo. Die Kchin ging in das Zimmer der
Herrschaft, sie zu melden, und Christine blieb indessen drauen stehen.
Emilie kam sogleich heraus und sagte: Warum lieest du mich denn so lange
ohne Erdbeeren? Das ist nicht schn! Du weit ja, da ich immer nur von dir
kaufte. Wenn du so wenig Aufmerksamkeit fr mich hast, so wirst du meine
Kundschaft verlieren.

Christinens blaue Augen fllten sich mit Thrnen. Ach, gndiges Frulein,
sagte sie, meine Mutter ist schon den ganzen Frhling krank. Diese Woche
aber war es so schlimm mit ihr, da ich mir sie nicht eine Stunde zu
verlassen getraute. Nur gestern Abends wurde sie ein wenig besser, und da
eilte ich heute sogleich mit Anbruch des Tages in den Wald, um wieder
einmal einige Kreuzer fr sie zu verdienen.

Emilie sprach: Warum hast du mir aber nicht schon lngst von der Krankheit
deiner Mutter gesagt? Meine Mutter ist nicht hart gegen die Armen. Sie
htte es euch in dieser Noth gewi nicht an Untersttzung fehlen lassen.

O gndiges Frulein, sagte Christine, ich wei wohl, da Sie und die
gndige Frau Mutter gegen die Armen sehr gtig sind. Allein meine Mutter
sagt: So lange man sein Brod selbst erwerben kann, mu man Andern nicht zur
Last fallen. Es giebt viele Arme, die gar nichts mehr erarbeiten knnen. Es
wre Snde, diesen das Brod abzustehlen.

Diese Worte gefielen Emilien sehr wohl. Warte hier ein wenig! sagte sie
freundlich, und eilte in das Zimmer, mit ihrer Mutter zu reden. Ihre
Mutter, die Frau von Waldheim, wollte Christinen sehen. Emilie fhrte sie
herein -- und Christine erstaunte nicht wenig ber das prchtige Zimmer,
die lieblich-grnen mit bunten Blumenkrnzen bemahlten Wnde, den groen
Spiegel mit goldenem Rahmen, die zierlichen Schrnke und Tische von
glnzend braunem Holze, das Kanapee und die Sessel mit grnseidenen
Ueberzgen und den eingelegten, gegltteten Boden. In ihrem Leben hatte sie
noch nichts dergleichen gesehen, und es wandelte sie bey dem Anblicke all
dieser Pracht eine Art von Ehrfurcht an.

Die gndige Frau aber, die eben an ihrer Stickrahme sa, ward innig
gerhrt, als sie das arme schchterne Kind in seinem drftigen, aber
reinlichen Kleidchen von wei und roth gestreifter Leinwand, mit seinem
gelben Strohhtchen, auf dem ein Struchen von Erdbeerkraut voll weier
Blthen und rother Beeren steckte, mit den hellen Thrnen in den blauen
Augen, und der reinlichen Schale voll Erdbeeren in der zitternden Hand so
bey der Thre stehen sah.

Komm doch nher zu mir her, sagte sie freundlich. Du darfst dich nicht
frchten. Indem Christine nher trat, erblickte sie ihr Bild im Spiegel.
Sie hatte noch nie einen groen Spiegel gesehen; der ihrige zu Hause war
nicht grer, als ein Taschenkalender. Sie glaubte im ersten Augenblicke
noch ein anderes Erdbeermdchen, das ihr die Kundschaft streitig machen
wolle, gehe auf sie zu. Sie blieb verwundert stehen. Am meisten aber
erstaunte sie darber, da dieses Mdchen gerade so wie sie gekleidet sey,
eben ein solches Strohhtchen mit einem Erdbeerstruchen aufhabe, und eben
eine solche Schale mit Erdbeeren in der Hand halte. Inde merkte sie bald,
da sie sich geirrt habe, und wurde ber und ber roth.

Frau von Waldheim lchelte ber den unschuldigen Irrthum des armen Kindes
und erkundigte sich auf das liebreichste nach den Umstnden der kranken
Mutter. Christine bekam wieder Muth und gab auf jede Frage eine verstndige
Antwort. Als sie aber von der Armuth und den vielen Leiden und Schmerzen
ihrer lieben Mutter erzhlte, konnte sie vor Betrbni fast nicht mehr
reden. Sie schluchzte und reichliche Thrnen floen ber ihre Wangen.

Weine nicht so, liebes Kind, sagte die gndige Frau; ich werde fr deine
Mutter sorgen. Du mut mir jetzt nur noch sagen, wo ihr wohnet? In der
letzten Htte des Dorfes, antwortete Christine. Sie knnen aus dem Fenster
hier das Strohdach dort zwischen den Bumen sehen. Nun wohl, sprach Frau
von Waldheim, das kleine Haus mit den weien Mauern und dem gelben Dache
nimmt sich zwischen den dunkelgrnen Bumen sehr artig aus. Da wohnt also
deine Mutter. Und wie heit sie denn? Sie heit Rosalie West, sagte
Christine; in dem Dorfe heit man sie aber gewhnlich nur die arme
Rosalie.

Die gndige Frau bezahlte hierauf die Erdbeeren dreyfach, und befahl, die
Porzellanschale, in der Christine die Beeren gebracht hatte, mit der besten
Fleischsuppe fr die kranke Mutter zu fllen.

Das ist ja ein beraus liebes, gutes Kind! sagte die Frau von Waldheim zu
Emilien, als Christine fort war. Ich will nicht einmal etwas davon sagen,
da sie bey all ihrer Armuth schon in ihrem Aeuerlichen ein Muster der
Reinlichkeit und Ordnung ist. Allein ihre Liebe zu ihrer Mutter geht ber
alles. Ein solches Herz voll kindlicher Liebe ist mehr werth, als ein
Diamantstern auf der Brust. O Emilie! wenn ich einmal -- was zu seiner Zeit
auch eintreffen wird -- so krank und elend dalge, wie Christinens Mutter,
wrdest du wohl auch so zrtlich um mich besorgt seyn, meiner so liebreich
pflegen, und so vieles fr mich thun?

Emilie, der bey Christinens Erzhlung die Thrnen schon immer in den Augen
standen, fiel ihrer Mutter weinend um den Hals. Das wolle Gott verhthen,
sprach sie schluchzend, da Sie, liebste Mutter, krank und elend werden.
Lieber wolle Er mir eine Krankheit zuschicken. Aber wenn es denn doch so
seyn mte, und Sie krank werden sollten -- o gewi, gewi, ich wrde nicht
weniger fr Sie thun, als Christine fr ihre Mutter thut.

Gott segne dich, liebes Kind, fr diese deine kindliche Liebe, sprach die
gerhrte Mutter. O bleibe immer so gesinnt, und du wirst auf Erden noch
viele frohe Tage erleben. Denn glaube mir, jedem Kinde, das seine Aeltern
aufrichtig ehrt und liebt, lt es Gott wohl gehen. Und so wird -- denke du
an mich! -- auch die arme Christine noch bessere Tage sehen!

Christine war inde vergngt und frhlich nach Hause geeilt. Ihre Mutter
ward ber ihre Erzhlung hoch erfreut, und die krftige Fleischbrhe kam
der armen Frau, die seit langer Zeit nichts als Wassersuppen gegessen
hatte, sehr wohl. O liebe Christine, sagte sie, indem sie mit aufgehobenen
Hnden andchtig zum Himmel blickte, so verlt Gott die Seinen doch nie!
Er hilft allemal noch zur rechten Zeit! -- La uns fernerhin auf Ihn
vertrauen; allein dabey auch immer das Unsrige treu und redlich thun. Denn
sieh, liebe Christine, wenn du, aus kindlicher Liebe zu mir, nicht so
fleiig Erdbeeren gesammelt und meinen Ermahnungen zur Reinlichkeit und
Ordnung nicht gefolgt httest -- so htten wir das Glck wohl nicht gehabt,
da die gndige Frau und das liebe Frulein sich unsrer Armuth so liebreich
annehmen wollen. Sieh, nicht das geringste Gute bleibt ohne gute Folgen;
Gott bedient sich desselben, edle Herzen zu rhren, und durch sie uns aus
der Noth zu erretten.




Drittes Kapitel.
Die Schicksale der beyden Mtter.


Der folgende Tag war ein Sonntag. Christine sa des Abends, nachdem sie
ihre kleinen Hausgeschfte besorgt und ihr Lmmchen gefttert hatte, neben
dem Bette ihrer Mutter, und las ihr aus einem Buche mit sanfter, lieblicher
Stimme deutlich und langsam vor. Der Abend war sehr schn und die
untergehende Sonne schien durch die Rebenbltter am Fenster glutroth in das
kleine Stblein. Da trat auf einmal die Frau von Waldheim mit Emilien
herein. Je, rief Christine und sprang auf, die gndige Frau und das
Frulein! Die Kranke war von der Gnade dieses Besuches sehr gerhrt.

Die Frau von Waldheim blickte vergngt in dem engen Stbchen umher. Die
Wnde waren schneewei, die wenigen Schsseln und Teller auf dem Rahmen an
der Wand hell und glnzend! der Tisch, die Bank, das Paar Sthle und der
Stubenboden rein gefegt. Auch die Bettberzge und die Kleidung der kranken
Frau waren, so rmlich sie aussahen, uerst reinlich. Die Frau von
Waldheim setzte sich auf den Stuhl, von dem Christine aufgestanden war. Mit
Wohlgefallen vernahm sie, da Christine alles so in Ordnung halte. Sie
bltterte in dem Buche, lobte das Buch und Christinens gutes vernehmliches
Lesen, das sie noch gehrt hatte. Sie bemerkte auf dem Kasten an der Wand
ein Paar Strickkrbchen, durchsuchte sie, und war mit den Arbeiten, der
Mutter sowohl als der Tochter, sehr zufrieden.

Ihr seyd sicher nicht aus dem Dorfe dahier, sagte die gndige Frau. Denn
Ihr habt das Stricken und Eure Tochter hat das Lesen nicht dahier gelernt.
Ihr mt wohl durch besondere Schicksale hieher gekommen seyn?

Ja wohl hatte ich besondere und sehr harte Schicksale! sagte die Kranke
und fing an zu erzhlen. Mein Mann, sprach sie, war Leibjger in den
Diensten einer Herrschaft jenseits des Rheins. Wir waren kaum ein Paar
Jahre verheirathet und hatten diese Zeit ungemein glcklich und vergngt
gelebt -- da brach der Franzsische Krieg aus. Unsere Herrschaft flchtete,
und konnte uns nicht mitnehmen. Mein Mann trat auf ihr Anrathen bey einem
Jgerchor in Dienste. Ich konnte ihm mit meiner Tochter, die damals noch so
klein war, da sie den Namen Vater noch nicht aussprechen konnte, natrlich
nicht folgen. Unter tausend Thrnen nahmen wir Abschied. Ach es war das
letzte Mal, da ich ihn sah! Er schrieb mir zwar von Zeit zu Zeit, da er
gesund sey. Allein pltzlich vernahm ich, er sey schwer verwundet, und bald
darauf erhielt ich die Nachricht, er sey an seinen Wunden gestorben. Mein
Jammer war unbeschreiblich! Ach, er war ein guter Mann, ehrlich und
redlich! Ich wei zwar sein Grab nicht; allein seine Gebeine ruhen gewi in
Frieden! -- Ich gerieth nun mit meiner Tochter bald in sehr groes Elend.
Ich hatte mich nach Hause zu meinen Aeltern begeben. Allein auch diese
Gegenden wurden nunmehr von dem Kriege schrecklich heimgesucht. Meine
Aeltern verloren all das Ihrige, und starben bald darauf an einer
ansteckenden Krankheit, die der Krieg verbreitet hatte. Ich war genthiget,
auszuwandern. Meine Habseligkeiten waren klein beysammen. Ich hatte fast
nichts, als diese zwey Hnde. Ich irrte weit umher. Endlich kam ich in
dieses Dorf. Diese Htte stand eben leer. Die wackern Bauersleute, deren
Nebenhaus sie ist, gestatteten mir, hinein zu ziehen, unter der Bedingung,
da ich ihre zwey kleinen Mdchen im Nhen und Stricken unterrichte, was
ich denn auch sehr gerne that! Ich habe allerdings viel gelitten -- allein
Gott hat doch immer treulich fr mich gesorgt und mir immer und berall
durchgeholfen, bis auf diesen Augenblick, da Er Sie, edle Wohlthterin,
unter dieses Strohdach fhrte. Ihm sey Dank fr alles -- fr Leiden und
Freuden!

Die Frau von Waldheim hrte sehr aufmerksam zu, und die hellen Thrnen
glnzten ihr in den Augen. Ach, sagte sie, mein Schicksal gleicht sehr dem
Eurigen, nur ist es noch trauriger! Ich habe nicht nur, wie Ihr, Aeltern
und Ehegemahl verloren, sondern berdie noch meinen einzigen Sohn. Mein
Gemahl war Major eines Husarenregiments. Sogleich in einer der ersten
Schlachten, in der er sich sehr auszeichnete, die aber unglcklich ausfiel,
ward er gefhrlich verwundet. Ich eilte auf die Schreckensnachricht mit
meinen zwey Kindern unverzglich zu ihm. Allein mir ward nur mehr der
traurige Trost, ihn noch einmal zu sehen. Er starb in meinen Armen. Wie mir
zu Muthe war, knnet Ihr Euch denken, beschreiben kann ich es unmglich. --
Auf die unglckliche Schlacht folgte eine bereilte Flucht. Alle Strassen
waren mit Flchtlingen bedeckt. Ich ward unter dem Gewhle von Menschen mit
fortgerissen, fast ohne zu wissen wohin. Meine zwey Kinder -- ein
lieblicher Knabe von kaum vier Jahren, und diese Tochter hier, die damals
noch kein Jahr alt war, vermehrten noch meinen Jammer. Als ich mit ihnen an
den Rhein kam und ber die Brcke wollte, war das Gedrnge von Kriegswagen,
Kanonen, Pulverkarren, Wagen voll verwundeter Krieger, die alle hinber
wollten, so gro, da ich mich der Brcke gar nicht nhern konnte. Inde
war die Sonne untergegangen. In einiger Entfernung wurde noch gefochten, um
den Uebergang ber den Flu zu decken. Allein der Donner der Kanonen rckte
immer nher. Ach es war der schrecklichste Abend meines Lebens! Einige der
Flchtlinge bemchtigten sich weiter hinab an dem Flusse eines Schiffes, um
das andere Ufer zu erreichen. Aus Mitleid nahmen sie mich und meine Kinder
in das Schiff auf. Allein das Schiff war so mit Menschen berladen, und sie
waren des Fahrens so unkundig, da er umschlug.

Ein Offizier am andern Ufer hatte unsre Gefahr bemerkt und uns zwey
Soldaten mit einem kleinen Schifflein, dem einzigen, das eben vorhanden
war, zu Hlfe geschickt. Es kam eben an, als das unsrige gesunken war. Ich
und meine Tochter, die ich fest in den Armen hielt, wurden mit genauer Noth
aus den Fluthen gerettet und halb todt an das Land gebracht. Allein mein
Sohn war untergegangen und von ihm ward nichts mehr gesehen.

Frau von Waldheim konnte hier vor Weinen nicht mehr reden, und verbarg ihr
Gesicht in ihr weies Tuch. Ueber eine Weile sprach sie weiter: Ich und
meine Tochter wren vor Frost und Nsse wohl auch noch umgekommen, wenn
nicht eine mitleidige Herrschaft, die eben vorbey kam und auch auf der
Flucht war, uns in ihren Reisewagen aufgenommen htte. Allein die Angst und
der Schrecken beym Schiffbruche, die bestndige Traurigkeit ber den Tod
meines Gemahls und Sohnes, und die Beschwerlichkeiten auf der Flucht, zogen
mir eine Krankheit zu. Als ich wieder hergestellt war, dachte ich erst an
eine andere nachtheilige Folge dieses zweyfachen Todfalles. Weil mein
Gemahl ohne einen mnnlichen Erben gestorben war, so fielen unsre Gter dem
Landesherrn anheim. Unser Schlo dahier wurde sogleich in Besitz genommen
und zu einem Spitale fr kranke und verwundete Krieger eingerichtet. Ich
mute, was ich jedoch nur den unruhigen Zeiten zuschreiben kann, lange ohne
Pension leben; da ich keine eigene Wohnung mehr hatte, mute ich in der
Stadt einen sehr hohen Hauszins bezahlen, und zuletzt wirklich Mangel
leiden. Endlich ward mir ein anstndiger Wittwengehalt ausgeworfen, der
Betrag fr die verflossenen Jahre baar ausbezahlt, und mir ein Theil des
Schlosses dahier, das ehemals unser Eigenthum war, zum Aufenthalt
angewiesen. Allein der Verlust meines Gemahls und meines Sohnes bleiben
doch unersetzlich! So gro inde auch dieser Verlust ist, so ist doch die
ein schner Gewinn dabey, da meine Leiden mich Gott mehr kennen lehrten
und mich gefhlvoller fr die Leiden meiner Mitmenschen machten. Und dann
-- was knnen wir uns auf Erden mehr wnschen, als unser ordentliches
Auskommen und ein ruhiges Pltzchen, wo wir im Frieden leben, Gott dienen
und unsern Mitmenschen Gutes thun knnen -- in der seligen Hoffnung, unsre
verklrten Geliebten in einer bessern Welt wieder zu sehen.

Inde war es spt geworden. Die Frau von Waldheim sah an ihre Uhr, und
stand auf. Bedient Ihr Euch auch der Hlfe eines Arztes? fragte sie noch.
Ach nein, sagte die Kranke. Einen ordentlichen Arzt vermag ich nicht, und
mich eines Pfuschers zu bedienen, trage ich Bedenken.Ihr habt Recht!
sagte die gndige Frau. Besser gar keine Hlfe, als eine solche. Sie
versprach der Kranken ihren eigenen Arzt zu schicken, und trstete sie mit
der Hoffnung, unter Gottes Beystande werde es dann bald besser werden.
Hierauf befahl sie, Christine solle alle Tage in dem Schlosse fr ihre
Mutter das Essen holen, wnschte Beyden freundlich gute Nacht, und kehrte
mit Emilien wieder zurck in das Schlo.




Viertes Kapitel.
Unterhaltungen der beyden Tchter.


Nach vierzehn Tagen besuchten Frau von Waldheim und Emilie die kranke
Rosalie wieder. Es hatte sich mit ihr indessen sehr gebessert. Die
trefflichen Arzneyen und die angemessenen Speisen hatten ihr beraus gut
angeschlagen. Sie war bereits auf, sa an der Tischecke auf der Bank und
strickte. Sobald sie die gndige Frau erblickte, stand sie auf, eilte ihr
entgegen, und die Zhren liefen ihr ber die blassen Wangen. Sie konnte
keine Worte finden, ihren Dank auszudrcken. Die Frau von Waldheim setzte
sich an die andere Ecke des Tisches. Sie hatte ihr Arbeitskrbchen
mitgebracht und nahm ihr Gestrick hervor. Emilien erlaubte sie, mit
Christinen indessen in den Baumgarten zu gehen, der sich von der Htte bis
an den Bach erstreckte, und den guten Bauersleuten gehrte, von denen
Rosalie so liebreich aufgenommen worden.

Whrend nun die zwey Mtter sich ber ihre Schicksale miteinander
unterredeten, unterhielten sich die zwey Tchter in dem Garten. Christine
fhrte Emilien ihr zahmes Lmmchen vor. Emilie hatte ber das artige
Thierchen eine ungemeine Freude. Da sie in einer groen Stadt erzogen
worden, kannte sie die Schafe beynahe nur aus ihrem Bilderbuche. Noch nie
hatte sie ein Lamm in der Nhe gesehen. Das Lamm lie sich von Emilien
streicheln, fra die zarten, grnen Blttchen, die Emilie ihm vorhielt, ihr
aus der Hand, und lief ihr sogleich nach, als wollte es noch mehr. Emilie
war ganz entzckt. Auch ein solches Lmmchen zu haben, war ihr herzlichster
Wunsch. Allein sie war zu bescheiden, es sich merken zu lassen. Nein,
dachte sie, um alles in der Welt mchte ich die arme Christine nicht um
ihre einzige Freude bringen!

Nachdem Frau von Waldheim und Emilie fort waren, erzhlte Christine ihrer
Mutter, welche groe Freude das Frulein an dem Lmmchen gehabt habe. Da
sprach die Mutter: Hre einmal, Christine! Emilie und ihre Mutter haben
viele Gte fr uns gehabt. Ohne sie lge ich vielleicht in dem Grabe, und
du httest keine Mutter mehr. Es ist billig, da wir uns so dankbar
bezeigen, als mglich. Du knntest Emilien nun wohl auch eine groe Freude
machen -- aber ich frchte, es kommt dich zu schwer an. Allein an deiner
Stelle wte ich wohl, was ich thun wrde!

Ihr mein Lmmchen schenken! fiel Christine ihrer Mutter schnell ins Wort.
Ja, das will ich! rief sie. Morgen in aller Frhe soll sie es haben.
Emiliens Mutter hat mir das Liebste erhalten, was ich in der Welt habe --
dich liebste Mutter! Warum sollte ich Emilien nicht mit Freuden das
schenken, was mir nach dir das Liebste ist -- mein Lmmchen!

Nun, das freut mich, sprach die Mutter, da du ein dankbares Herz hast.
Das ist mehr werth, als wenn man dir das Lamm mit Gold aufwgen wrde.

Die Mutter erinnerte sich, da sie unter ihren Sachen noch ein kleines
Streifchen rothen Atla und einige vergoldete Flittern habe. Sie suchte sie
unverzglich hervor, und sa sogleich hin, aus dem Atlasse fr das Lmmchen
ein Halsband zu machen, und mit den Flittern Emiliens Namen
hineinzusticken. Emilie hatte Christinen ein feines, weies Halstuch
geschenkt. In der Ecke desselben waren die Anfangsbuchstaben von Emiliens
Namen zierlich mit blauer Seide eingenht. Diese Buchstaben dienten der
Mutter zum Muster. Sie war gesonnen, so lange aufzubleiben, bis sie mit
dieser Arbeit fertig wre. Christine leistete ihr treulich Gesellschaft,
fdelte ihr jedesmal die Nadel ein, und suchte die schnsten und
tauglichsten Flittern heraus und both sie ihr hin. Endlich gegen
Mitternacht war die Stickerey vollendet, und Christine war ber das schn
gelungene Werk so erfreut, da sie vor Freude fast nicht schlafen konnte.

Sobald am andern Tage die Morgenrthe anbrach, eilte das gute Mdchen mit
dem Lamme dem Bache zu, und wendete ihr letztes Stckchen Seife daran, das
nette Thierchen so rein zu waschen, als mglich. Und sieh da -- es ward
fast so wei, wie neugefallener Schnee. Die Mutter legte nun dem Lmmchen
das Halsbndchen an. Der hochrothe Atlas mit den goldenen Buchstaben und
der goldenen Einfassung nahm sich zwischen dem reinen, weien Gekrusel der
Wolle ganz unvergleichlich schn aus. Christine und ihre Mutter
betrachteten das Lmmchen mit Entzcken, und konnten kaum aufhren es zu
loben.

Christine trug nun das Lmmchen in das Schlo. Sie ging zuerst in die Kche
zur alten Kchin, die sich immer besonders liebreich gegen Christine
bezeugt hatte, und redete mit ihr, wie sie ihr Geschenk am schicklichsten
anbringen knne. Die Kchin hatte an dem schn geschmckten Lamme ein
groes Wohlgefallen und lobte Christinens Einfall sehr. Sie nahm das
Lmmchen, ging, und ffnete leise die Zimmerthre der Herrschaft. Die
gndige Frau sa am offenen Fenster und strickte. Emilie las ihr aus einem
Buche vor. Beyde waren so emsig, da sie nicht aufblickten. Da schob die
Kchin das Lmmchen geschwind zur Thre hinein, machte die Thre eben so
leise wieder zu, und eilte zurck in die Kche.

Frau von Waldheim und Emilie hatten von allem nichts gemerkt. Das Lmmchen
blieb an der Thre stehen, schaute eine Weile umher, und fing dann laut an
zu blcken. Emilie blickte auf, und rief: Je das Lmmchen! Sie nahm von
dem Seitentischchen ein wenig Brod, das von dem Frhstcke ber geblieben
war, und hielt es dem Lmmchen hin, und das arme Thierchen, das den Morgen
noch kein Futter bekommen hatte, lief sogleich auf sie zu, und fra es ihr
aus der Hand. Emilie hatte eine unbeschreibliche Freude. Das Lmmchen kam
ihr ohne Vergleich schner vor als gestern, und als sie erst die goldenen
Anfangsbuchstaben ihres Namens bemerkte, und daraus ersah, das Lmmchen sey
zum Geschenk fr sie bestimmt, da war ihre Freude noch grer.

O wie gut ist doch Christine, sagte sie, da sie mir ihr Liebstes giebt!
Ich getraue mir kaum es anzunehmen. Was meynen Sie, liebste Mutter, da ich
thun soll?

Du mut es annehmen, sagte die Mutter, sonst wrdest du das gute Kind
betrben. Ich werde Christinen auf eine andere Art entschdigen.

Emilie eilte nun in die Kche, ihr gutes Erdbeermdchen zu rufen. Christine
hatte sogleich fort gewollt; allein die Kchin hatte sie aufgehalten. Es
kostete Emilien viele Mhe, das bescheidene Mdchen herein zu nthigen in
das Zimmer.

Die Frau von Waldheim hatte indessen aus ihrem Schreibkasten ein Goldstck
hervor gesucht, auf dem ein Lamm abgebildet war. Du hast ein sehr
dankbares Herz, mein liebes Kind! sagte sie, als das errthende Mdchen an
Emiliens Hand in das Zimmer trat. Du hast meiner Tochter ein Geschenk
gemacht, das ihr wohl nicht fr Gold feil wre. Nimm hier als eine kleine
Gegenerkenntlichkeit dieses goldene Lmmchen.

Die gute Christine war von dieser feinen Art zu geben so gerhrt, da es
ihr sehr schwer ankam, das Geschenk zurck zu weisen. Allein noch mehr
wrde es sie geschmerzt und gekrnkt haben, sich ihr dankbares Gemth
bezahlen zu lassen. Sie kam in groe Verlegenheit und die Thrnen traten
ihr in die Augen. O nein, nein, gndige Frau, sagte sie; ich kann das Gold
wahrhaftig nicht nehmen. Es wrde mir meine ganze Freude verderben. Nichts,
als die reinste, herzlichste Dankbarkeit bewog mich, Frulein Emilien mein
Lmmchen als ein armes, geringes Geschenk darzubringen, und es ist mir
unmglich, mich dafr so berreichlich belohnen zu lassen. Sie blieb
ungeachtet alles Zuredens darauf, nichts zu nehmen.

Diese Uneigenntzigkeit an einem so armen Mdchen gefiel der Frau von
Waldheim noch mehr, als das berbrachte lndliche Geschenk. Nun, sagte
sie, so will ich dich auf eine andere Art zu belohnen suchen, die deiner
Denkart angemessener ist. Wegen deines edlen Herzens sollst du von nun an
die Gespielin meiner Emilie seyn. In deiner Gesellschaft luft sie keine
Gefahr, niedrige Gesinnungen anzunehmen. Komm frs erste nur allzeit nach
Tische hieher -- da will ich euch mit einander Arbeit geben, und dann
wollen wir schon sehen, was noch weiter zu thun ist.

Als Christine nach Hause kam und erzhlte, wie es gegangen, war ihre Mutter
mit ihrem Betragen sehr zufrieden. Siehst du nun, sprach sie, es ist so,
wie ich dir schon fter gesagt habe. Das rmste Kind -- wenn es sich nur
bestrebt, von Herzen gut zu seyn, findet am Ende doch Menschen, die es um
seiner Gte willen mehr schtzen, als wre es mit Gold und Perlen behngt.
Das reichste und schnste Mdchen hingegen -- wenn es sonst nichts weiter
ist -- wird der gerechten Verachtung am Ende doch nie entgehen, und das
Glck, von guten Menschen aufrichtig geliebt und geehrt zu seyn, wird ihm
nie zu Theil werden. Gutseyn, Gutseyn ist das Einzige, was uns wahrhaft
froh, reich und geehrt macht.




Fnftes Kapitel.
Ein Fremder tritt auf.


An dem goldgestickten Halsbndchen, mit dem das Lmmchen geschmckt war,
hatte die Frau von Waldheim entdeckt, da Rosalie eine sehr geschickte
Stickerin sey. Rosalie hatte aber diese Kunst, weil dergleichen Arbeiten in
dem Dorfe nicht geschtzt wurden, lange nicht mehr gebt, und sich blos auf
das Stricken und Nhen verlegt. Frau von Waldheim gab ihr nun manches zu
verdienen, und verschaffte ihr auch anderwrts her Bestellungen. Die arme
Rosalie fand auf diese Art nicht nur ihr hinreichendes Auskommen, sondern
berdie noch fteren Zutritt in das Schlo.

Frau von Waldheim hatte Anfangs sich Rosaliens nur aus Mitleid angenommen;
allein so wie sie dieselbe nher kennen lernte, verwandelte sich dieses
Mitleid nach und nach in Hochachtung. Sie fand an dem Umgange mit ihr immer
mehr Vergngen. Man wunderte sich, da eine adeliche Dame, die Gemahlin
eines Stabsoffiziers, mit einer armen Soldatenwittwe Freundschaft machen
mge. Allein Frau von Waldheim sagte lchelnd: Nun, Ihr werdet doch nicht
behaupten, mein seeliger Mann, der tapfre Major, sey kein Soldat gewesen?
Doch im Ernste! Eben dieses, da auch ihr Mann zum Militr gehrte, und wie
der Meinige den Tod fr das Vaterland starb, diente ihr bey mir zur
Empfehlung. Die Aehnlichkeit unsrer Schicksale vermehrte meine Zuneigung zu
ihr. Sie ist Wittwe, wie ich, mute vieles leiden, wie ich, hat wie ich nur
eine einzige Tochter. Unsre Tchter sind von gleichem Alter, und lieben
einander herzlich -- und wenn meine Emilie so gut und edel ist als ihre
Christine, und Emiliens Mutter so gut und edel als Christinens Mutter, so
will ich es gerne zufrieden seyn. Die usserlichen Verhltnisse weisen dem
Menschen allerdings seinen Rang in der menschlichen Gesellschaft an; allein
nur ein wahrhaft gutes edles Herz macht den wahren Werth des Menschen aus.
Diese arme Soldatenwittwe ist so bescheiden, so sanft, so rechtschaffen, so
durch Leiden bewhrt, so von Herzen fromm, und dabey so verstndig und
gebildet, da ich dadurch mich geehrt fhle, sie meine Freundin zu nennen.

Frau von Waldheim zeichnete auch ihre arme Freundin immer mehr aus. Sie kam
jeden Sonntag von dem Schlosse in das Dorf herab zur Kirche, und da ging
sie nach dem Gottesdienste nie an Rosaliens armer Wohnung vorber, ohne
wenigstens auf einige Augenblicke einzukehren. Sie gab Christinen, die
tglich in das Schlo kam, fter auf, ihre Mutter mitzubringen, und bald
muten beyde alle Tage nach Tische in das Schlo kommen. Die gndige Frau
und das Frulein, Rosalie und Christine saen dann zusammen an Einem
Arbeitstische, und beschftigten sich einige Stunden sehr emsig mit
allerley schnen Arbeiten. Rosalie mute hierauf mit der gndigen Frau Thee
trinken, und Christine mit Emilien ein Butterbrod essen. Auf den Abend
machten sie gewhnlich alle zusammen noch einen kleinen Spaziergang.

Einmal an einem schnen Sommerabend gingen sie nun mit einander in den
Eichwald, der sich am Abhange des Schloberges herumzog. Mehrere
schattichte Gnge, die mit reinlichem Kiese bestreut waren, fhrten durch
den Wald, und hie und da war eine bequeme Bank zum Ausruhen angebracht. Der
Tag war sehr hei gewesen und noch war es ziemlich schwhl. Die Frau von
Waldheim setzte sich daher mit ihrer Begleiterin Rosalie auf eine steinerne
Bank, die in einen Felsen des Berges eingehauen und von einem Paar Eichen
beschattet war. Das Pltzchen war, wegen der herrlichen Aussicht, die man
hier geno, ihr Lieblingspltzchen.

Emilie und Christine gingen noch eine Strecke weiter, und jede trug ein
niedliches Krbchen am Arme. Es war gerade die Zeit der Himbeeren, und
Emilie htte deren schon lange selbst gerne im Walde gepflckt. Christine
fhrte sie zu einer ausgehauenen Stelle des Waldes, die beynahe ganz mit
Himbeerstruchen bedeckt war. Beyde Mdchen pflckten nun sehr geschftig
und lieen sich die duftenden Beeren sehr wohl schmecken. Bald rief diese,
bald jene, hier gebe es noch schnere. Die allerschnsten thaten sie aber
in ihre Krbchen, um sie Emiliens Mutter zu bringen. Das Lmmchen, das sie
mitgenommen hatten, lief inde auf dem offenen Platze herum, graste hier
ein wenig, nagte dort an den Blttern der Gestruche, und hatte sich nach
und nach ziemlich weit von ihnen entfernt.

Da bemerkte Emilie auf einmal einen fremden Jngling, der das Lmmchen
streichelte und das Halsband desselben sehr aufmerksam betrachtete. Emilie
und Christine eilten sogleich hin, denn sie frchteten, er wolle das
Halsband oder gar das Lmmchen mit sich fort nehmen. Der Jngling blickte,
als er sie kommen hrte, auf. Er war sehr schn und blhend von Angesicht
und hatte ein dunkelgrnes Sommerkleid an und einen runden Kastorhut auf.
Er schien bis zu Thrnen gerhrt, und blickte Emilien mit einer Art von
Erstaunen und Verwunderung an. Endlich nahm er mit seiner Rechten
ehrerbietig den Hut ab; in seiner Linken aber hielt er -- was Emilien
uerst seltsam vorkam -- einen goldenen Ring.

Verzeihen Sie, mein Frulein, sagte er, da er Emiliens Aengstlichkeit
bemerkte, ich wollte dem Lmmchen, das, wie ich sehe, Ihnen gehrt, nichts
zu leid thun. Es fielen mir nur die Buchstaben auf, die hier auf das
Halsband gestickt sind. Sind das vielleicht die Anfangsbuchstaben ihres
Namens?

Ja, sagte Emilie befremdet, das sind sie. Die drey goldenen Buchstaben auf
dem rothen Atlasse hier heien E. v. W. Ich aber heie Emilie von
Waldheim.

Emilie! Emilie! rief der Jngling erstaunt.

Emilie erschrak ber seine Heftigkeit. Sie glaubte, er sey nicht recht bey
Sinnen und es, ward ihr unheimlich. Komm, da ist nicht gut seyn! sagte
sie zu Christine, nahm sie bey der Hand, und wollte mit ihr davon laufen.
Der fremde Jngling aber fate sich wieder, und sagte ganz ruhig: Ich
bitte Sie, bleiben Sie nur noch einen Augenblick! Ich habe da einen
goldenen Ring, auf dem die drey nmlichen Buchstaben eingegraben sind.
Sehen Sie da E. v. W.! Dehalb betrachtete ich die Buchgaben da auf dem
Halsbndchen so aufmerksam und verwundert. Es liegt mir usserst viel
daran, inne zu werden, woher dieser Ring sey. Allein, fgte er traurig bey,
Ihnen gehrt der Ring zuverlig nicht. Es stehet da, den Buchstaben,
gegenber, noch die Jahrzahl 1786. Dieses vereitelt meine Hoffnung. Ach,
damals waren sie noch nicht geboren!

Emilie sagte: Meine Mutter hat eben den Namen wie ich; auch sie heit
Emilie von Waldheim.

Wie! rief der Jngling aufs neue erschttert. Wre es mglich! Ach
vielleicht gehrt der Ring ihrer Mutter. Knnten Sie mich nicht zu ihr
fhren?

Mit Vergngen, sagte Emilie. Sie ist kaum ein Paar hundert Schritte von
hier. Haben Sie nur die Gte, mir zu folgen. Sie gingen. Der Jngling lie
Emilien die rechte Seite, und Christine mit dem Lmmchen begleitete sie.

Als sie zur Felsenbank kamen, blieb der Jngling in einiger Entfernung
schchtern stehen, und betrachtete die Frau von Waldheim einige Augenblicke
stillschweigend. Sein Angesicht war wie von Schrecken bleich und die Hand,
in der er den Ring hielt, zitterte. Inde ermannte er sich, trat nher,
verbeugte sich mit Anstand, erzhlte kurz den sonderbaren Zufall mit dem
Zusammentreffen der Buchstaben -- und berreichte ihr den Ring.

Die Frau von Waldheim nahm den Ring -- erblickte die drey Buchstaben --
that einen lauten Schrey -- und wre umgesunken, wenn Rosalie sie nicht
gehalten htte.

Gott im Himmel, was ist das? rief sie, als sie sich von dem Schrecken ein
wenig erholt hatte. Das ist der Ehering meines seligen Gemahls. Sehen Sie,
der Ring hier an meinem Finger, den mein Gemahl mir als Brutigam gab und
den ich noch immer zu seinem Andenken trage, ist genau auf die nmliche Art
gearbeitet, nur etwas kleiner. O reden Sie, reden Sie doch, wie kamen Sie
zu dem Ringe? Wer sind Sie? Wer sind Ihre Aeltern?

Der Jngling ward noch bleicher und zitterte an allen Gliedern. Mein
Vater, sprach er, ward im Kriege erschossen. Meine Mutter war eine schne
Frau, trug ein schwarzes Kleid, und weinte immer sehr viel. Ich hatte noch
ein kleines Schwesterchen, die Emilie hie. Die Mutter fuhr mit uns zwey
Kindern ber den Rhein. Das Schiff ging unter. Ich ward, als ein Kind von
etwa vier Jahren, aus dem Wasser gezogen. Von Mutter und Schwester hrte
ich seit dieser Zeit nichts mehr. Den Ring fand man, nebst einigen andern
Kleinigkeiten, in einem Pckchen, das Kleidungsstcke von mir enthielt und
also fr mein Eigenthum erklrt wurde. Sonst wei ich von meinen Aeltern
und meinem Vaterlande nichts zu sagen. Mein Name ist Karl. -- --

O Karl, rief jetzt Frau von Waldheim aus und fiel dem Jnglinge um den
Hals, du bist mein Sohn! Wahrhaftig; du bist es! Du bist das Ebenbild
deines Vaters! -- -- O Gott, o Gott! wie wunderbar bist Du in deinen
Fgungen! rief sie dann wieder, indem sie mit aufgehobenen Armen weinend
zum Himmel blickte. Und dann umfate sie wieder ihren Sohn und benetzte
sein Angesicht mit Thrnen. Der Jngling war so auer sich, da er keine
anderen Worte hervorbringen konnte, als: Mutter! Mutter! Gott! Gott! O du
guter Gott!

Emilie stand an Christinen gelehnt -- und zitterte und weinte. Emilie!
rief endlich die Mutter, Emilie, o sieh da deinen Bruder! Karl, Karl, sieh
da deine Schwester! O grt euch doch auch!

Karl schlo seine Schwester weinend in seine Arme, und rief: O meine
liebe, liebe Schwester! O Gott, welche Freude machst du mir -- so
unerwartet Mutter und Schwester zu finden! Und auch Emilie konnte vor
Weinen kein Wort vorbringen, als: Lieber, lieber Bruder!

Alle Drey aber waren so selig und hatten sich so viel zu fragen und zu
sagen, da sie die ganze Welt um sich her vergaen. Die Sonne war
untergegangen und es wurde bereits dunkel, ohne, da sie es merkten.
Rosalie erinnerte sie endlich, es sey Zeit, sich nach Hause zu begeben.
Frau von Waldheim ging nun, an jedem Arm eines ihren Kinder, auf das Schlo
zu, und Rosalie und Christine folgten ihnen.




Sechstes Kapitel.
Karls Jugendgeschichte.


Die Frau von Waldheim veranstaltete nun in dem Schlosse eine kleine
Freudenmahlzeit. Emilie deckte den Tisch mit dem feinsten blendend weien
Tafeltuche und zwei helle Wachskerzen auf silbernen Leuchtern spiegelten
sich in dem glnzend reinen Tischgerthe. Karl mute zwischen seiner Mutter
und Schwester Platz nehmen, und Rosalie und Christine muten auch
mitspeisen. Denn, sprach die Frau von Waldheim, ohne Euch und Euer
Lmmchen htte ich ja meinen lieben Sohn Karl nicht gefunden! Karl, der
von der Reise hungrig geworden, lie sich das Abendessen sehr wohl
schmecken. Seine Mutter und Schwester aber konnten vor Freude fast nicht
essen, und sahen ihn nur immer an. Sie fragten ihn bald dieses, bald jenes.
Allein erst nach Tische bathen sie ihn, seine Geschichte im Zusammenhange
zu erzhlen, was er denn auch sehr gerne that.

Mein Kindheit und meine Jugendjahre, sprach er, brachte ich, von dem
Abende an, da ich aus dem Flusse gezogen wurde, bestndig bey einem sehr
ehrwrdigen Pfarrer, Namens Engelhard, jenseits des Rheins zu. Ich wrde
von den Schicksalen meiner ersten Kindheit und von meinen lieben Aeltern
wohl kaum mehr etwas wissen, wenn er das Wenige, was ich damals -- in einem
Alter von vier Jahren ihm sagen konnte -- mir nicht fters wiederholt
htte. Selbst unsers Schiffbruches erinnere ich mich jetzt nur mehr dunkel.
Allein der gute Pfarrer, der nicht weit von jener Unglckssttte wohnt und
sich nach allem, was mich betraf, genau erkundigt hatte, beschrieb mir
jenen frchterlichen Abend und die darauf folgende Schreckensnacht sehr
oft. Der Krieg hatte mit allem, was er Schreckliches haben kann, sich
gleich einem verheerenden Gewitter, ganz in jene Gegend gezogen. Zwey
Drfer standen im Brande, und die hoch auflodernden Feuerflammen erhellten
mit ihrem rothen Glanze weit umher die Gegend, rtheten die Wolken des
Himmels, und strahlten schauerlich aus dem Flusse wieder. Die geschlagene
Armee rettete sich ber den Flu. Die Sieger drangen ihr auf dem Fue nach.
Man glaubte ein furchtbares Hochgewitter zu hren, so laut donnerten die
Kanonen, und man vernahm bereits das kleine Gewehrfeuer sehr deutlich.
Ganze Familien, Vter, Mtter und Kinder, hatten theils zu Fu, theils zu
Wagen sich hieher geflchtet, und wuten nun nicht mehr weiter. Das
Gedrnge und die Verwirrung war unbeschreiblich. Auch der gute Pfarrer
hatte das Haus voll Geflchteter, und war unermdet beschftiget, sie zu
trsten und zu bewirthen -- da wurde auf einmal sehr stark an die Hausthre
geklopft. Er ffnete sie -- und ein Soldat mit einem kleinen weinenden
Knblein auf dem Arme stand vor der Thr. Dieses Knblein war ich!

Um Gottes willen, Herr Pfarrer, rief der edle Krieger, erbarmen Sie sich
dieses armen Kindes, und nehmen Sie es zu sich. Ich ri es dort aus dem
Flu. Ich wei es nirgends unterzubringen. Dieses nasse Pcklein hier
enthlt die Kleider des Kindes und einiges andere. Nehmen Sie -- ich mu
augenblicklich weiter. Der gutherzige Pfarrer nahm mich liebreich in seine
Arme -- und der Soldat strzte fort, indem er noch rief: Gott wird es
Ihnen vergelten! Leben Sie wohl!

Der wrdige Geistliche brachte nun wohl so viel aus mir heraus, mein Vater,
ein Offizier, sey im Kriege umgekommen, und meine Mutter sey mit mir und
meinem kleinen Schwesterchen auf ihrer Fahrt ber den Rhein verunglckt. Er
unterlie nicht, nachzuforschen, ob meine Mutter und Schwester dem
schauerlichen Tode des Ertrinkens nicht etwa noch entgangen seyen. Er begab
sich, so bald es mglich war, in die benachbarten Orte, und fragte berall
nach ihr. Er traf auch einige Menschen, die auf eben dem Schiffe gewesen,
und gerettet worden. Sie sprachen mit Achtung und Mitleid von der
tiefbetrbten Offizierswittwe; allein sie sagten einmthig, sie sey mit
ihrem kleinen Kinde sicher ertrunken. Die Gewalt des Stromes habe blos
einige wenige Menschen, die sich auf dem untergegangenen Schiffe befunden
hatten, an das Ufer, von dem sie hergekommen, zurck geworfen; Es sey gar
nicht wahrscheinlich, da irgend eine Seele das andere Ufer erreicht habe.
Der edle Pfarrer hielt es inde doch fr mglich. Allein er konnte sobald
keine Erkundigungen einziehen. Die Verbindung zwischen den beyden
Rheinufern war des Krieges wegen lange Zeit aufgehoben. Und nachher, als
man wieder Nachrichten von dem andern Ufer des Flusses erhalten konnte,
stimmten alle darin berein, nirgends habe man eine solche Frau gesehen,
wie die beschriebene Offizierswittwe, und sie sey also ganz gewi todt.

Der menschenfreundliche Pfarrer behielt mich nun bey sich, um mich zu
erziehen. Er war ein sehr liebvoller, schon etwas betagter Mann, und ein
wahrer Kinderfreund. Die Tage meiner Kindheit htten wohl nicht glcklicher
seyn knnen. Er war immer heiter und freundlich, und wute mich mit einem
Wink zu leiten. Denn sein ganzes Betragen war, bey aller Freundlichkeit,
immer so ernst und wrdig, da ich eine groe Ehrfurcht gegen ihn fhlte,
und um alles in der Welt es nicht gewagt htte, mich gegen ihn im
geringsten widerspenstig zu zeigen.

Seine erste Angelegenheit war es, mich in der Religion zu unterrichten; was
er sagte, war alles so klar und herzlich, da ich Gott und meinen Erlser
von Herzen lieb gewann. Er lehrte mich lesen und schreiben, und da er
besondere Fhigkeiten an mir zu entdecken glaubte, so gab er mir Unterricht
in der lateinischen Sprache. Er las mit mir lateinische Bcher, und wute
immer die schnsten Stellen auszuwhlen, die meinem Alter angemessen waren.
Was ich gelesen hatte, mute ich dann schriftlich ins Deutsche bertragen.
Ich bekam so mehrere Bcher, von meiner Hand rein und deutlich geschrieben,
zusammen, die er alle sehr schn binden lie. Ich hatte dabey ungemeine
Freude, und erwarb mir eine Fertigkeit, jedes lateinische Buch zu
verstehen, wenn nur sonst der Inhalt meine Fassungskraft nicht berstieg.
In der Folge gab er mir auch Unterricht im Griechischen.

Sein kleines freundliches Pfarrhaus war von einem schnen Gemsgarten und
einem groen Baumgarten umgeben. Wenn wir nun eine Stunde gelesen hatten,
arbeiteten wir allemal eine Zeit im Garten. Denn er baute ihn selbst und
ich mute ihm dabey helfen. Diese Arbeit war Erholung vom Studieren. Im
Winter oder an Regentagen brachte er seine Nebenstunden mit Zeichnen zu,
worin er es sehr weit gebracht hatte. Er verstand seine Zeichnungen mit
Tuschfarben so schn und lieblich auszumahlen, da Kenner sie den
vollendetsten Kunstwerken der Art an die Seite setzten. Auch ich hatte
groe Lust am Zeichnen und Mahlen. Er gestattete es mir aber allemal nur
als eine Belohnung meines besondern Fleies im Studieren, und unter seiner
vortrefflichen Anleitung machte ich auch in dieser Kunst gute Fortschritte.
So verflo mir jeder Tag unter ntzlichen und angenehmen Beschftigungen;
ich war immer so frhlich und vergngt, als je ein Kind in dem vterlichen
Hause es sein kann.

Der gute Pfarrer hatte inde auch Manches zu leiden. Er mute die Trbsalen
des Krieges hart empfinden. Einquartierungen und Lieferungen kosteten ihm
sehr viel, und zwey bis dreymal ward sein Pfarrhaus ganz ausgeplndert. Er
wrde dieses wenig geachtet haben, wenn es ihm nicht um mich gewesen wre.
Er hatte mich fters versichert, er werde mich studieren lassen. Obwohl die
Ertrgnisse seiner Pfarrey nicht sehr bedeutend waren, so hatte er bey
seiner migen Lebensart doch so viel zurck gelegt, da er die Kosten des
Studierens htte bestreiten knnen. Allein nun war es ihm unmglich; er
selbst war durch den Krieg in drftige Umstnde gerathen.

Er hatte indessen in Wien einen Jugendfreund, der in groem Ansehen stand,
und unter dem Adel und den Gelehrten viele Freunde hatte. An diesen schrieb
er, ob er einem armen Jnglinge, der eine entschiedene Anlage und Neigung
zum Studieren habe, nicht Gelegenheit dazu verschaffen knnte? Es kam
sogleich die erfreuliche Antwort, er wolle mich mit offnen Armen in sein
Haus aufnehmen, und dann weiter fr mich sorgen. Ich mchte mich aber,
schrieb er, sogleich auf die Reise machen, indem ich eine vorlufige
Prfung zu bestehen htte, um unter die Zahl der Studierenden aufgenommen
zu werden.

Ein Kaufmann, der meinen Pflegvater fter besuchte, hatte eben eine Reise
in die hieige Gegend vor, und erboth sich, mich unentgeldlich mit zu
nehmen. Da ich auf diese Art beynahe die Hlfte des Weges in einem bequemen
Reisewagen zurcklegen konnte, so wurde dieses Anerbiethen mit Freude
angenommen.

Der Morgen, an dem ich von meinem guten Pflegevater Abschied nahm, wird mir
ewig unvergelich seyn. Der gute Mann mit seinem frommen blassen Gesichte
und seinen ehrwrdigen grauen Haaren, schlo mich in seine Arme und
benetzte mein Angesicht mit Thrnen. Liebster Karl, sprach er, der
Augenblick ist jetzt da, wo du hinaus mut in die Welt. In unserm stillen
abgelegenen Dorfe und in meinem Hause hier hast du, wills Gott, nichts als
Gutes gesehen und gehrt. In der groen Stadt, in die du jetzt kommst, wird
es anders seyn. Du kommst zwar in das Haus eines guten Mannes und wirst
auch in der Stadt viele gute Menschen kennen lernen; allein du wirst auch
der bsen Beyspiele genug sehen und mancherley Bses hren. O Karl, vergi
meiner guten Ermahnungen nicht -- la dich nicht verfhren -- bleibe ein
edler Jngling.

Vor allem bleibe dir unsre heilige Religion stets theuer. Sie ist der
kostbarste Schatz, den wir hier auf Erden haben, und ein wahres Himmelbrod
fr unsern unsterblichen Geist. Wohne nicht nur dem ffentlichen
Gottesdienste andchtig und ehrerbietig bey, sondern weihe auch deine
stille Kammer zum Tempel der Andacht. Vergi es nie, da Gottes Auge dich
berall sieht, und thue alles wie vor seinem Angesichte. Ihm klage deine
Noth und vertrau auf Ihn. Verla Ihn nicht, und Er wird dich ewig nicht
verlassen.

Du wirst mancherley leichtsinnige Reden ber Religion hren. Solche Reden
verabscheue. Wer die Lehren der christlichen Religion befolgt, der erfhrt
es an seinem Herzen, da sie von Gott sey. An diesem Prfsteine, den ihr
Stifter selbst angab, bewhrt sie sich als lauteres Gold. Das hat sich mir
durch eine Erfahrung von fast siebenzig Jahren besttiget. Das ist ihr
schnster Triumpf ber alle Zweifel ihrer Freunde, die noch nicht ganz zur
hellen Erkenntni gekommen sind, und ber alle Einwendungen ihrer
verblendeten Feinde.

Thu nie etwas Bses und handle nie gegen die Stimme deines Gewissens.
Geselle dich nicht zu solchen Menschen, die ber Unschuld und
Schamhaftigkeit spotten und aus dem Laster einen Scherz machen; fliehe sie
als wren sie vom gelben Fieber angesteckt. Eine solche leichtfertige
Denkart verleitete schon manchen schnen blhenden Jngling, die kurze Lust
der Snde zu genieen, machte ihn zum lebendigen Gerippe und strzte ihn in
ein frhes Grab. Bewahre dein Herz rein und unbefleckt, und du wirst die
schne Farbe deiner Wangen, das Feuer deiner Augen, die Ruhe deines
Gewissens und die Heiterkeit des Geistes bewahren, und mein erster Blick,
wenn ich dich, je wiedersehe, wird mir sagen, ob du noch gut und
unverdorben seyest.

Sey unermdet in den Arbeiten deines Berufes. Der Beruf eines Studierenden
ist ein schner, edler Beruf. Es sey nun, da du Rechtsgelehrter, Arzt oder
Gottesgelehrter werden wollest -- allemal wird das zeitliche oder ewige
Wohl deiner Mitmenschen dir anvertraut werden. Es wre ja wohl schrecklich,
wenn du es dir nicht Ernst seyn lieest, deiner Wissenschaft Meister zu
werden, und wenn du einst, anstatt zum Glcke der Menschen beyzutragen, aus
Unfhigkeit und Unwissenheit nur Unheil stiften wrdest. Die Studierjahre
sind die Zeit der Saat; bentze diese kstliche Zeit, ehe sie entflieht --
sonst ist an keine erfreuliche Aernte zu gedenken. Du hast es in unserm
Dorfe gesehen, wie die Landleute sich plagen mssen, wie sie vor Tag
aufstehen, Frost und Hitze dulden, und alle Krfte aufbiethen -- nicht nur
um sich zu ernhren, sondern um auch die Abgaben zu bestreiten, die zur
Unterhaltung der gelehrten Stnde nthig sind. Arbeite also auch unermdet,
um fr sie, die so vieles fr uns thun, dereinst auch etwas thun zu knnen,
und ihnen nicht zur unntzen Last, sondern zum Segen zu werden.

Erlaube dir aber auch zu rechter Zeit eine unschuldige Erholung. Nur la
den sinnlichen Vergngungen keine Herrschaft ber dein Herz. Wer sich von
der Sinnlichkeit -- von Spiel, Trunk, Tanz und dergleichen -- hinreien
lt, der ist, wenn er auch eben nichts offenbar Bses thut, dennoch ein
Sklave seiner Lust -- und also ein schlechter Mensch. Der ungeordnete Hang
zu sinnlichen Vergngungen zerstrt in unserm Herzen das Gefhl fr alles
wahrhaft Groe, Schne und Gute, und macht uns unfhig, edlere Vergngungen
zu genieen.

O mein liebster Sohn! Vielleicht ist es das letzte Mal, da du mein
Angesicht siehest. Ich bin bald siebenzig Jahre alt und nicht mehr fern vom
Grabe. Erfahrung, Welt- und Menschen-Kenntni wirst du mir nicht absprechen
wollen. Und dann -- was fr einen Gewinn knnte ich davon haben, dir eine
Unwahrheit zu sagen? Glaube mir also -- und bleibe gut. Denn sieh -- wenn
du gut bist, so bist du _dir_ gut, und du wirst den Segen davon haben.
Knntest du aber je bse werden, so wrest du _dir_ bse, und _dein_ wre
der Schaden, und _dich_ trfe das Verderben. Liebster Karl -- bleibe,
bleibe gut!

Der gute, liebvolle Greis nahm nun die letzten zwey Goldstcke, die er noch
hatte, aus seinem Pulte hervor. Ach er hatte schon all seine Baarschaft
darauf verwendet, mich wohlanstndig zu kleiden, und mich mit dem nthigen
Reisegeld zu versehen. Er gab mir diese Goldstcke, die Sie hier sehen und
sagte: Nimm dieses Wenige noch, liebster Sohn, als einen Nothpfenning --
und dann hier noch etwas, das mehr werth ist, als alles Gold -- das neue
Testament! Mehr kann ich dir jetzt, nicht geben. Allein lebe nur so, wie
dieses gttliche Buch es uns lehrt, bleibe gottesfrchtig, edel und gut --
dann bist du reich genug.

Hierauf segnete er mich noch mit zitternden Hnden und weinenden Augen,
schlo mich noch einmal in seine Arme, sagte mir Lebewohl -- und ich ging
schluchzend und tief gerhrt zur Thre hinaus.

Karl weinte, indem er dieses sagte, aufs neue; auch seiner Mutter und
Schwester und den Uebrigen flossen die hellen Zhren ber die Wangen.
Dieser Pfarrer, sprach die Mutter, ist wahrhaftig ein sehr -- sehr edler
Mann. Es ist etwas Groes, sich eines fremden armen Kindes so herzlich und
thtig anzunehmen, so viele Jahre hindurch so viele Zeit, Mhe und Kosten
aufzuwenden, und so zu sagen noch den letzten Heller hinzugeben, um es zu
einem guten und glcklichen Menschen zu erziehen. Doch -- nur die
christliche Religion kann das menschliche Herz so uneigenntzig und
wohlwollend machen, alle Menschen auf Erden wie seine nchsten
Blutsverwandten mit Liebe zu umfassen.




Siebentes Kapitel.
Wie Karl hiehergekommen.


Karl schwieg eine Weile und trocknete seine Thrnen; dann erzhlte er
weiter. Der Kaufmann, der mir den leeren Platz in seinem Reisewagen
eingerumt hatte, ist ein sehr rechtschaffner Mann und ein recht frhlicher
Gesellschafter. Er wute immer etwas zu sagen, und that alles, mich den
traurigen Abschied vergessen zu machen. Bald erzhlte er ein artiges
Geschichtchen, bald gab er mir Rthsel auf, bald sang oder pfiff er ein
munteres Liedchen. Jedes Dorf wute er mit Namen zu nennen, und in den
Stdten zeigte er mir die Merkwrdigkeiten, wenn es darin deren einige gab.
Etwa drey Meilen von hier mute ich mich aber von ihm trennen; denn er
mute einen andern Weg einschlagen. Er wnschte mir nun Glck und Gottes
Segen zu meinem Vorhaben, ermahnte mich zum Fleie und zum Vertrauen auf
Gott, sorgte noch dafr, da mein kleines Koffer, das er aufgepackt hatte,
durch einen Fuhrmann an Ort und Stelle gebracht werde, schenkte mir ein
Goldstck, drckte mir zum Abschied krftig die Hand und fuhr in seiner
Kutsche weiter.

Auch dieser Abschied war mir sehr schwer gefallen. Ich war ja nun von allen
bekannten Menschen getrennt! Ich setzte inde meine Reise zu Fue fort.
Gegen Abend wanderte ich durch den Wald, der dieses Schlo umgiebt. Ich war
von der Hitze des Tages und dem weiten Gehen, das ich nicht gewohnt bin,
sehr ermdet. Ich setzte mich daher, um ein wenig auszuruhen, auf einen
Rasensitz, den ich unter einem Buchbaum erblickte. Das alte Schlo, das von
der Abendsonne vergoldet aus dem waldichten Berge hervorragte, gewhrte
hier einen unvergleichlich schnen mahlerischen Anblick. Ich nahm ein Blatt
Papier aus meiner Brieftasche hervor, und fing an das Schlo abzuzeichnen.

Allein ich mute die angefangene Zeichnung bald wieder weglegen. Der
Untergang der Sonne -- die Stille des einsamen Waldes -- und die
herannahende Nacht erregten sehr wehmthige Empfindungen in mir! Ein Gefhl
von Verlassenheit wandelte mich an. Ach, dachte ich, die Nacht bricht
herein, und ich wei noch nicht einmal, wo ich bernachten soll! Auf viele
Meilen weit rings umher kenne ich keine Seele und komme nun zu lauter
fremden Menschen. Mein liebevoller Pflegvater, von dem ich nun schon einige
Tagreisen weit entfernt bin, ist bereits sehr alt und vielleicht sehe ich
sein ehrwrdiges Angesicht in meinem Leben nicht mehr! Und meine guten
Aeltern habe ich kaum gekannt! Ich kann mir meinen Vater nur mehr als
Leiche und meine Mutter in schwarzen Trauerkleidern und mit roth geweinten
Augen denken.

Bey diesem Gedanken drangen auch mir die Thrnen in die Augen. Ich zog den
goldenen Ring heraus, den mir der gute Pfarrer gegeben hatte. Mein Gott,
seufzte ich, dieser Ring rhrt noch von meinen Aeltern her, und er ist das
einzige Erbtheil, das ich armer Waise von ihnen habe! Die drey kleinen
Buchstaben sind die Anfangsbuchstaben, von dem theuren Namen meines Vaters
oder meiner Mutter, und ich wei nicht einmal, wie diese Namen heien!
Diesen Ring trug entweder mein Vater, dessen Hand lngst im Grabe modert,
oder meine Mutter, die vielleicht doch noch am Leben ist! Ja vielleicht
lebte sie einst -- vielleicht lebt sie noch in eben diesen Gegenden, die
ich jetzt durchwandere.

Mein Herz wurde von diesen Gedanken mchtig ergriffen! Ein Gefhl voll der
schmerzlichsten Wehmuth und der seligsten Hoffnung bemchtigte sich meiner!
Ich fiel auf die Knie nieder, ich rang die Hnde, ich flehte mit Inbrunst
zum Himmel: O lieber Gott! Du allein weit es, ob meine Mutter noch lebe!
Du allein kannst, wenn sie noch lebt, mich sie wieder finden lassen! Ach
vielleicht lieest Du diesen Ring nicht ohne weise Absicht in meine Hnde
kommen. Die Buchstaben darauf knnten mich unter deiner Leitung leicht zur
Entdeckung meiner Mutter fhren. O die liebe gute Mutter! Sie beweint --
wenn sie noch am Leben ist -- mich als todt; sie glaubt, ich sey als ein
zartes Knblein in den Fluthen des Rheines ertrunken; o welche Freude wrde
sie haben, mich jetzt als einen Jngling in ihre Arme zu schlieen! Welche
Seligkeit wre es fr mich, ihr freundliches mtterliches Angesicht zu
erblicken, ihr zu danken fr das, was sie an mir gethan, als ich ihre Liebe
noch nicht zu schtzen wute und ihr noch nicht dafr danken konnte. Wie
unbeschreiblich glcklich wrde ich mich schtzen, ihr meinen Dank jetzt zu
bezeigen, und die Sttze ihres herannahenden Alters zu werden! O du guter
Gott, du Vater der Wittwen und Waisen -- wenn -- wenn sie je noch lebt -- o
so fhre -- fhre Du mich in ihre Arme! Hre mein kindliches Flehen, und
la mich sie wieder finden!

Als ich so gebethet hatte, und mit meinen Augen voll Thrnen durch die
Aeste der Buche noch immer zum blauen Himmel aufblickte, hrte ich in dem
nahen Gestruch ein leises Knistern. Ich sah hin, erblickte das Lamm -- und
die goldenen Buchstaben auf dem purpurrothen Halsbande strahlten mir im
Glanze der untergehenden Sonne hellschimmernd ins Auge. Eine wunderbare,
unbeschreibliche Empfindung -- ein schauerliches Entzcken bemchtigte sich
meiner. Es war mir, als umleuchtete mich ein Licht vom Himmel, als htte
ein Lichtstrahl von oben die Buchstaben erhellt; sie schienen mir wie
verklrt. Ich glaubte die Nhe Gottes zu fhlen, und es dnkte mich, die
Bltter aller Bume rings umher zitterten aus Ehrfurcht vor Ihm. Mir war
es, als spreche etwas in meinem Innersten: Dein Gebeth ist erhrt! Und so
war es auch. Mein Gefhl hatte mich nicht getuscht. Gleich einem Engel des
Himmels kam in ihrem weien Kleide und im Schimmer der Abendsonne meine
Schwester auf mich zu, und nannte mir das erstemal den theuren Namen meiner
Mutter. So, beste Mutter, hat Gott mich in Ihre Arme, und in deine Arme,
liebste Schwester, wunderbar zurck gefhrt!

Ja, so ist es, meine liebsten Kinder, sagte die Mutter, indem sie ihre
beyden Kinder in die Arme schlo. Er hat uns alle drey wieder zusammen
gebracht. Er hat dich, liebster Karl, als einen zarten Knaben mir genommen
und dich einem edlen Manne anvertraut, der dir aus der reinsten
Menschenliebe eine Erziehung gab, die ich als Frau und als eine verlassene
Wittwe dir unmglich so gut geben konnte, und die dir keine Frstin fr
Gold htte besser verschaffen knnen. Er hat dich als einen blhenden
Jngling mir wieder zurck gegeben -- und mir die Thrnen des Schmerzens,
die ich ber deinen Verlust weinte, in Freudenthrnen verwandelt. Er hat
alles wohl gemacht und alle seine Wege sind die lautere Weisheit und Liebe.
O liebsten Kinder! lat uns Ihm danken und seine heilige Vorsehung in
Demuth und mit tiefer Ehrfurcht anbethen! Alle drey schwiegen mit tief
gerhrtem Herzen lange still, und nur ihr Herz sprach mit Gott. Auch
Rosalie und Christine saen mit gefalteten Hnden, mit thrnenvollen Augen,
und mit einem Herzen voll Rhrung und Andacht stillschweigend da und
athmeten kaum.

Welche Freude, sagte Karl nach einiger Zeit, wird der edle Greis, mein
zweyter Vater, empfinden, wenn er diese wunderbare Fgung vernimmt! Diese
Nacht noch mu ich ihm diese Freudennachricht schreiben. Es war bereits
Mitternacht, bis Karl auf sein Zimmer kam. Allein es wre ihm unmglich
gewesen, zu Bette zu gehen. Er setzte sich an den Schreibtisch, der in dem
Zimmer stand, und schrieb an seinen theuren Pflegvater, den ehrwrdigen
Pfarrer, so ausfhrlich, so begeistert, da er noch bey der brennenden
Wachskerze sa und schrieb, als die goldene Morgenrthe bereits zum Fenster
herein strahlte und das Kerzenlicht berflssig machte.




Achtes Kapitel.
Karls Pflegevater.


Karl lebte auf seinem vterlichen Schlosse so vergngt, als wre er in den
Himmel versetzt. Je mehr er seine Mutter kennen lernte, desto mehr mute er
die vortreffliche Frau verehren. Eben so mute er seine Schwester, die
unermdet fleiig, und dabey immer frhlich und freundlich war, mit jedem
Tage mehr schtzen. Seine Ankunft in Waldheim hatte inde noch eine andere
glckliche Folge fr ihn. Das Schlo, das vorhin das Eigenthum seiner Vter
gewesen, war gegenwrtig nur mehr der Wittwensitz seiner Mutter; allein
jetzt konnte er dieses Schlo wieder als sein vterliches Erbtheil zurck
fordern, und die Bewohner unten in dem Dorfe und einigen benachbarten
Weilern als seine knftigen Unterthanen ansehen. Seine Mutter fhrte ihn
daher voll Freude berall im Schlosse herum, zeigte ihm die Umgebungen des
Schlosses nebst den Gtern, die dazu gehrten, und redete mit ihm sehr
vieles ber seine knftige schne Bestimmung, zum Glcke der Bewohner
dieses kleinen Thales so vieles beytragen zu knnen.

Unter solchen Gesprchen saen Frau von Waldheim, Karl und Emilie einmal am
Nachmittage auf der eichenen Bank, die, nebst einem hnlichen lndlichen
Tische, auf einem schnen, mit Kies beschtteten Platze vor dem uern
Thore des Schlohofes stand, und von zwey dichten Kastanienbumen
beschattet war. Da sahen sie einen ehrwrdigen Greis mit schneeweien
Haaren und schwarzer Kleidung auf sich zukommen, der einen ziemlich langen
Reisestab in der Hand fhrte und einen dreyfach aufgeschlagenen Hut unter
dem Arme hielt. Gott im Himmel! mein Pflegevater! rief Karl, indem er
aufsprang und mit weit offenen Armen auf ihn zu eilte. Ists mglich, Sie
sind es, liebster, bester Herr Pfarrer! Wie kommen Sie hieher?

Lieber Karl! theurer Pflegesohn! sprach der Pfarrer; sobald ich deinen
Brief erhalten hatte, war ich sogleich entschlossen, ungeachtet meines
hohen Alters die weite Reise hieher noch zu machen. Ich hielt aus wichtigen
Grnden meine Gegenwart dahier fr ntzlich, ja fr nothwendig. Auch war es
mein lebhaftester Wunsch, die Mutter und Schwester meines lieben
Pflegesohnes kennen zu lernen, und die Freude, die Gott allen Dreyen
beschert hat, nicht nur in weiter Ferne, sondern an Ort und Stelle zu
theilen. Karl fiel ihm um den Hals, und die Mutter und Emilie konnten
nicht Worte genug finden, dem edlen Manne ihre Dankbarkeit auszudrcken.

Der ehrwrdige Greis, den das Ersteigen des Berges ermdet hatte, setzte
sich nun zu ihnen auf die Bank. Frau von Waldheim both ihm Erfrischungen
an. Allein dem edlen Greise war es jetzt gar nicht um Speis und Trank. Er
fing sogleich an mit eben so viel Einsicht als Rhrung von den wunderbaren
Wegen der gttlichen Vorsehung zu reden; er sagte hierauf, was nun zu thun
sey, damit der Landesfrst Karln als einen jungen Herrn von Waldheim
anerkenne; auch sprach er noch sehr ausfhrlich davon, was Karl noch alles
zu lernen habe, um ein weiser und guter Vater seiner knftigen Unterthanen
zu werden.

Indessen kamen Rosalie und ihre Tochter, wie gewhnlich, auf Besuch. Frau
von Waldheim stellte beyde dem ehrwrdigen Pfarrer vor. Sehen Sie, mein
lieber Herr Pfarrer, sagte sie, dieses da ist das gute Kind, das uns mit
dem Lamme ein so segenreiches Geschenk gemacht hat, und hier ist ihre
Mutter, die das Halsband mit den drey entscheidenden Buchstaben geziert
hat. Der edle Pfarrer freute sich sehr, die gute Rosalie und ihre Tochter
kennen zu lernen, und grte beyde auf das freundlichste.

Frau von Waldheim trug nun Rosalien auf, den Thee, nebst Brod und Butter,
Wein und Obst unter die Kastanienbume herab zu bringen. Emilie und
Christine aber schlichen sich fort, zierten das Lmmchen, das immer rein
und wei war wie Schnee, mit Krnzen von frischem grnen Laub und jungen,
halbgeffneten Rosen, legten ihm das goldgestickte Halsband an, und fhrten
es dem Herrn Pfarrer vor. Der freundliche Greis betrachtete es mit
Wohlgefallen, streichelte es und sagte zu Frau von Waldheim und zu Emilien:
Sie haben mich mit den zwey werthen Personen, durch die Ihnen Gott ein so
groes Glck bereitete, bekannt gemacht, und sogar das Lamm nicht
vergessen, das, ohne es zu wissen, zu diesem Glcke so vieles beygetragen
hat. Nun mu ich Sie aber auch noch den Mann kennen lehren, der nach Gott
die vorzglichste Ursache dieser erfreulichen Ereignisse war, und der das
Grte that, was Menschen thun konnten, Ihrer aller Glck zu grnden. Ich
meyne jenen edelmthigen Soldaten, der sich mit Gefahr seines eigenen
Lebens muthig in den Rhein strzte, und unsern lieben Karl hier, als ein
zartes unmndiges Knblein, aus den reienden Fluthen glcklich
herausholte.

Der gute Mann hatte, seit dem er jene edle That vollbrachte, sehr vieles
auszustehen. Erlauben Sie, da ich Ihnen das Wesentliche davon kurz
erzhle. Er machte mehrere Feldzge mit, hatte unsgliche Mhseligkeiten zu
erdulden und wurde endlich schwer verwundet. Er und eine Menge anderer
Verwundeter wurden auf Wagen geladen und weiter gefhrt. Nun traf sichs,
da der lange Zug von Wagen an dem Hause eines Wollfrbers vorbeykam, der
auen vor dem Thore eines kleinen Stdtchens nahe am Wasser wohnte. In
diesem Hause war der brave Krieger ehemals einige Wochen im Quartier
gelegen, und hatte dem Frber, dessen Wohnung dem Uebermuthe der Soldaten
am meisten ausgesetzt war, ganz ungemeine Dienste geleistet, und ihm
Vermgen und Leben gerettet. Der Frber schaute eben jetzt aus dem Fenster,
die Wagen vorber ziehen zu sehen -- und erblickte unter den Verwundeten
seinen ehemaligen Beschtzer, der sich auf dem Wagen mhsam aufrichtete und
sehnlich zu den Fenstern heraufsah. Augenblicklich eilte der Frber hinab,
grte ihn, und bath den Offizier, der den Zug begleitete, den armen
todtschwachen Mann ihm zu berlassen. Der Feldarzt ward gerufen und dieser
erklrte, der Mann werde ohnehin, wie schon hundert Andere, das
Militrspital nicht mehr erreichen und zuverlig unterwegs sterben. Man
solle ihn also ohne weiters in das Haus des barmherzigen Mannes bringen, so
wrde der arme Leidende wenigstens fr seine letzten Augenblicke noch
einige Erleichterungen finden.

Der Frber nahm nun seinen ehemaligen Hausfreund und Wohlthter voll des
herzlichsten Mitleids in sein Haus auf. Die sorgfltigste Pflege und der
Flei des geschickten Wundarztes im Orte retteten ihm wider alle Erwartung
das Leben; nur blieb er noch lange Zeit so schwach, da er nicht weiter
reisen, auch keine etwas schwere Arbeit verrichten konnte. Der Frber, der
ein reicher Mann war und ein sehr weitluftiges Gewerbe hatte, behielt ihn
aber sehr gerne bey sich, und der dankbare Krieger, der eine sehr schne
Handschrift hat, besorgte ihm seinen Briefwechsel und fhrte ihm sein
Handlungsbuch mit dem grten Fleie und mit der pnktlichsten Genauigkeit.
Beyde gewannen einander immer lieber, und lebten zusammen in wahrhaft
brderlicher Eintracht.

Allein nun nderte sich auf einmal die Sache. Der brave Soldat war kaum
vollends hergestellt und wieder zu Krften gekommen, so starb der ehrliche
Frber sehr unvermuthet hinweg. Der Tod hatte ihn zu schnell bereilt,
sonst wrde er seinen Freund sicher in seinem Testamente bedacht haben.
Sein Vermgen fiel den Verwandten zu; die Frberey wurde verkauft; die
hartherzigen Erben lieen den guten Mann mit leeren Hnden abziehen. Er
mute sein Unterkommen weiter suchen. Er wollte jedoch zuvor zu seinem
Regimente reisen, und, weil sein linker Arm etwas gelhmt blieb, um seinen
Abschied bitten. Der Weg fhrte ihn nahe bey meinem Pfarrdorfe vorbey. Da
regte sich natrlich in seinem Herzen der Wunsch zu erfahren, was aus dem
Kinde geworden sey, das er einst aus dem Wasser gezogen hatte. Er besuchte
mich -- eben ein Paar Tage, nachdem Karl abgereist war. Ich hatte eine
groe Freude, den edelmthigen Krieger wieder zu sehen behielt ihn bey mir,
und sann nach, ob ich ihm nicht irgendwo ein angemessenes Pltzchen
verschaffen knnte.

Da kam Karls Brief -- mit der unerwarteten Freudennachricht. Ich hielt es
fr sehr zweckmig, den braven Mann mit hieher zu nehmen. Denn frs Erste,
dachte ich, wird sein Zeugni, da er in jenem Jahre und an jenem Tage ein
Knblein von etwa vier Jahren aus dem Rheine zog, und es nebst einem
Pcklein mit dessen Kleidern, in dem sich jener Ring fand, mir bergeben
habe, sehr dienlich seyn, zu erweisen, Karl sey wirklich der Sohn der
gndigen Frau von Waldheim, von dem man glaubte, er sey ertrunken. Frs
Zweyte hoffte ich, Karl werde gegen den Retter seines Lebens gewi nicht
unerkenntlich seyn -- zumal der brave Mann treu wie Gold, im Schreiben und
Rechnen sehr gewandt, besonders aber ein treflicher Forstmann ist, und dem
knftigen Herrn von Waldheim in Verwaltung seiner Gter sehr ntzliche
Dienste leisten kann.

O, wo ist er denn? Wo ist er? riefen Frau von Waldheim, Karl und Emilie
fast mit einer Stimme.

Der Pfarrer wandte sich um, winkte einem ordentlich gekleideten Manne, der
bescheiden in einiger Entfernung stand, nahm ihn bey der Hand, stellte ihn
der gndigen Frau vor, und sprach: Hier ist er -- mein guter, ehrlicher,
vortrefflicher Johann West!

Johann West! rief die arme Rosalie ganz auer sich. O Gott, er ist mein
Mann! Sie flog in seine Arme; sie begrte ihn zitternd und bebend vor
Freudenschrecken.

Alle erstaunten ber diese neue Fgung der gttlichen Vorsehung. Der Mann
aber stand wie versteinert da. Es whrte lange, bis er sich in dieses
unverhoffte Glck finden konnte und endlich in Freudenthrnen ausbrach. Die
hocherfreute Rosalie rief nun ihrer Tochter zu: O Christine, er ist dein
Vater! O gre ihn doch auch! Christine, die bisher mit gefalteten Hnden
unbeweglich da gestanden, nherte sich ihm nun schchtern, und er schlo
sie unter heien Thrnen in seine Vaterarme. Alle drey hatten eine Freude
-- wie vor einigen Tagen Frau von Waldheim, Karl und Emilie sie gehabt
hatten.

Nachdem sie sich von der ersten, ungestmen Freude erholt hatten, trat Karl
herbey und umarmte den Retter seines Lebens mit unaussprechlicher Rhrung.
Die Frau von Waldheim und Emilie aber bothen ihm freundlich die Hand, und
berhuften ihn mit Danksagungen und Lobeserhebungen. Lieber West, sagte
Frau von Waldheim, Ihr, Eure Frau und Eure Tochter sollen von diesem
Augenblicke an in dieses Schlo aufgenommen seyn, und nie mehr von mir
getrennt werden; und wenn ich, wie ich hoffe, meine Gter wieder zurck
bekomme, so sollet Ihr eine solche Anstellung erhalten, mit der Ihr gewi
zufrieden seyn werdet.




Neuntes Kapitel.
Allgemeine Freude im Dorfe.


Die Frau von Waldheim hatte es nicht sogleich bekannt werden lassen, da
der fremde Jngling, der sich auf ihrem Schlosse befand, ihr Sohn sey; sie
wollte sich ihres Glckes einige Tage im Stillen ungestrt freuen. Allein
der Kutscher, der den Pfarrer und dessen Reisegefhrten hergefhrt, und
seine Pferde unten im Wirthshause des Dorfes eingestellt hatte, plauderte
alles aus. Als er Abends die Kutsche wusch und die Pferde trnkte, kamen
mehrere Leute aus dem Dorfe, die eben Feyerabend gemacht hatten, herbey und
fragten, wem die Kutsche gehre? Denn eine fremde Kutsche war etwas
Seltenes im Dorfe. Der Kutscher sagte: Ich habe den Herrn Pfarrer hieher
gefahren, der euren jungen gndigen Herrn erzogen hat. Ey was, riefen die
Leute, der junge Herr ist ja als ein Kind ertrunken! Nein, sprach der
Kutscher, er lebt, er ist droben auf dem Schlosse. Er wurde von dem Manne,
der bey dem Herrn Pfarrer in der Kutsche sa, aus dem Wasser gezogen; sonst
wre er freylich ertrunken. Ich bin des Herrn Pfarrers sein Knecht, und
habe euren jungen Herrn, als er noch klein war, viel hundert Mal auf dem
alten Braunen, den ihr da stehen sehet, mit auf den Acker oder auf die
Wiese reiten lassen. Der Karl ist aber auch ein recht braver, lieber junger
Herr, und er hat auf mich, seinen alten Hanns, immer recht viel gehalten!
Ihr werdet Freude an ihm haben und er wird euch zum Segen seyn.

Die Nachricht, der Baron Karl, der droben auf dem Schlosse geboren und in
der Pfarrkirche zu Waldheim getauft war, den aber seine Aeltern einige
Monate nach seiner Geburt mit sich fort genommen, und den man schon so
lange fr todt gehalten, sey wieder gefunden, verbreitete sich sogleich
durch das ganze Dorf. Alles im Dorfe, Jung und Alt, lief voll Freuden dem
Schlosse zu. Da die Leute aber die Herrschaft auf der Bank unter den
Kastanienbumen erblickten, blieben sie in einiger Entfernung stehen. Es
sammelte sich ein dichtgedrngter Kreis von Vtern, Mtter und Kinder --
ohne da die Herrschaft und die brige Gesellschaft in ihrer groen Freude
es sogleich in Acht nahmen.

Die Frau von Waldheim bemerkte es zuerst, und fragte: Was wollen denn die
vielen Leute? Die Kchin, die eben zum zweyten Male heies Wasser zum Thee
brachte, weil das erstere kalt geworden war, sagte: Die Leute mchten gern
den jungen gndigen Herrn sehen; sie haben es den Augenblick erst erfahren,
da er da sey.

Der wrdige Pfarrer sprach: Das ist schn! Das gefllt mir von den Leuten!
Erlauben Sie, gndige Frau, da ich den wackern Leuten meinen Pflegesohn
als ihren knftigen Gutsherrn vorstelle, und ihnen einige Worte an das Herz
lege. Der edle Greis nahm gerhrt sein schwarzes Sammetkppchen von seinem
ehrwrdigen schneeweien Haupte, stand auf, trat etwas vorwrts, blickte
mit Thrnen im Auge zum Himmel und fing dann ganz begeistert an zu reden:

Ihr Aeltern und Kinder, Ihr Vter und Mtter, Shne und Tchter, tretet
nher, und sehet und hret, was Gott Eurer gndigen Herrschaft und auch
Euch fr eine groe Freude bereitet hat!

Gott, ohne dessen Wissen kein Sperling vom Dache fllt und der die Haare
unsers Hauptes gezhlt hat, ist wunderbar in seinen Wegen und wei alles
weislich zu fgen. Er, der Gott der Wittwen und Waisen, der Vater aller
Leidenden und Bedrngten, lebt noch, und nimmt sich ihrer stets, und oft so
wunderbar an, da wir es deutlich mit Augen sehen und gleichsam mit Hnden
greifen knnen. Nicht das geringste Gute lt Er, der reiche Vergelter,
unbelohnt, und belohnt es oft schon hier auf Erden auf eine herrliche,
gttlichschne Weise.

Der wrdige Pfarrer erzhlte nun die vorzglichsten Begebenheiten der
Geschichte, die seinen Zuhrern noch unbekannt waren, und fuhr dann weiter
fort.

Seht, so herrlich belohnte Gott Eure edle gndige Frau fr ihre
menschenfreundliche Gte, mit der sie sich der armen, kranken Rosalie, die
sich fr eine Wittwe hielt und ihren Mann als todt beweinte, angenommen --
so schn vergalt Er ihr, dieser wahrhaft gndigen Frau, die Barmherzigkeit,
die sie Rosaliens Tochter, der armen Christine, erwiesen hat! Gott gewhrte
ihr die grte Freude, die ihr in ihrem eigenen Wittwenstande werden
konnte, und lie sie ihren eigenen geliebten Sohn wieder finden!

Reichlich segnete Gott Frulein Emilien hier fr ihr Mitleid gegen ein
armes Mdchen und fr ihre freundliche Gte, die nichts von Stolz wei. Sie
begegnete der armen Christine so freundlich und liebreich, als wre
Christine ihre eigene Schwester -- und Gott machte dem guten Frulein dafr
die unerwartete Freude, ihren eigenen lieben Bruder wieder zu finden.

Herrlich belohnte Gott die arme Rosalie, da sie die Leiden ihrer
Krankheit und ihrer Armuth so geduldig ertrug, ihre Tochter so gut erzog,
sie zur Redlichkeit, zur Dankbarkeit, zum Fleie, zur Reinlichkeit und
jeder anderen Tugend anhielt. Diese gute Erziehung brachte der guten Mutter
jetzt schon die erfreulichsten Frchte und verwandelte ihre Leiden in
Freuden!

Schn vergalt Gott der guten Christine ihr Mitleid gegen ein verlornes
Lamm, ihren Gehorsam gegen ihre Mutter, die Redlichkeit, mit der sie das
Lamm dem Eigenthmer zurck gab, die Dankbarkeit, mit der sie es dem
Frulein hier zum Geschenke machte. Diese liebenswrdigen Eigenschaften
gewannen ihr die Zuneigung Eurer gndigen Frau und Frulein Emiliens, waren
die Veranlassung, da sie ihren Vater wieder fand und werden sie auch
fernerhin glcklicher machen, als der reichste Brautschatz sie machen
knnte.

Wie wunderbar fhrte Gott Euren jungen gndigen Herrn in die Arme der
geliebten Mutter, die ihn lngst fr todt hielt, zurck, um ihn fr seinen
Flei, seinen Gehorsam, sein gutes Betragen von der zartesten Kindheit an,
zu segnen, sein kindliches Gefhl gegen seine Mutter, die er nicht kannte,
zu belohnen, und sein herzliches, inniges Gebeth dort in dem Walde gndig
zu erhren!

Wie augenscheinlich belohnte Er die edle Handlung des wackern Kriegers
hier! Ach, der gute Mann sprang voll herzlichen Erbarmens in das Wasser, um
mit Gefahr seines eigenen Lebens dem Kinde einer trauernden Wittwe das
Leben zu retten. Dafr erbarmte sich Gott auch ber desselben Weib und
Kind, rettete sie aus Noth und Mangel, erweckte edle Herzen, die sich ihrer
gtig annahmen, und lie ihn Mutter und Kind, von denen er ungeachtet aller
seiner Nachforschungen nichts mehr erfragen konnte, wieder finden! Vater,
Mutter und Kind sehen nun nach vielen berstandenen Leiden ruhigern und
glcklichern Tagen entgegen.

Und dieses alles fhrte Gott durch dieses Lamm hier aus, das als ein
liebliches Bild der Unschuld, wei wie Lilien und mit jungen Rosen
geschmckt, in Eurer Mitte steht. Er, der liebe Gott, lie es verloren
gehen; Er leitete Christinens Tritte, da sie es fand; Er bewegte das Herz
des ehrlichen Landmanns, es ihr zu berlassen; Er gab Christinen und ihrer
Mutter in den Sinn, es Emilien zu schenken; Er fhrte das Lamm gleichsam an
der Hand dem reisenden Jnglinge zu, um ihn in die Arme der geliebten
Mutter zu fhren. Er setzt ihn durch ein Lamm wieder in seine Gter ein,
und bereitet dadurch auch Euch ein groes Glck. Denn ich kann Euch
versichern, Karl ist ein edler, hoffnungsvoller Jngling. Er frchtet Gott
und liebt die Menschen. Er wird Euch und Euren Kindern ein guter milder
Herr seyn.

Und sollte nun Gott, der den Lebenslauf eines Lammes so sicher leitet, den
Eurigen ausser Acht lassen knnen? O mit mehr Liebe und Mitleid, als
Christine das Lamm hier aufnahm, trgt Er euch alle am Herzen.

Meine geliebten Freunde! Wie knnte ein Diener des Evangeliums ein Lamm
sehen, ohne da ihm Derjenige zu Sinne kme, der gleich einem schuldlosen
Lamme zum Besten seiner lieben Menschen verblutete und der sich selbst
fter einem guten Hirten verglich! Ja, Er, dessen Diener ich bin, dessen
Evangelium ich predige, ist der ewig treue, liebevolle Hirt unser Aller. Er
kennet alle seine Schafe, Er nennet sie mit Namen, Er ruft sie mit sanfter
Stimme, Er lenkt sie mit seinem milden Hirtenstabe, Er beschtzt sie vor
Gefahren, Er weidet sie. Er sucht die verlornen auf; Er mchte jedes
gleichsam auf seinen Schultern in den Himmel tragen! Vertrauet Ihm daher
vom ganzen Herzen!

Lat uns aber auch seine Stimme hren und Ihm folgen, und Gutes thun, so
viel wir knnen. Denn seht, Gott bedient sich unsrer guten Handlungen, uns
und Anderen groe Freude, Segen und Heil zu bereiten. Htte zum Beyspiele
Eure gndige Frau gegen die arme, kranke Rosalie sich nicht so wohlthtig
erzeigt; wre Emilie gegen die arme Christine nicht so freundlich gewesen,
ja htte sie ihr auch nur das kleine Halstuch nicht geschenkt; htte
Christine etwa aus Eigennutz Emilien das Lamm nicht schenken mgen; oder
htte Christinens Mutter nicht aus herzlicher Dankbarkeit das schne
Halsbndchen gestickt; htte Karl nicht eine so kindliche Liebe zu seiner
Mutter gehabt, sich nicht so nach ihr gesehnt, dort im Walde nicht so innig
gebethet: so wre alles nicht so gegangen, und der heutige Tag wre nicht
fr uns alle ein so groer Freudentag geworden. So bringt alles, auch das
kleinste Gute, das wir thun, reichen Segen ber uns und Andere. Edle
Handlungen sind Perlen, die Gottes heilige Vorsicht nicht verloren gehen
lt, sondern sie gleichsam an eine Schnur reihet; gute Thaten sind goldene
Ringe, aus denen Gott eine goldene Kette herrlicher und erfreulicher
Begebenheiten zusammen fgt.

Ihr aber, meine lieben Kinder, beschlo der Pfarrer seine Anrede, in dem
er sich zu den Kindern wandte, ihr Grern, die ihr mir so aufmerksam
zugehrt habt, und ihr Kleinern, die ihr nur nach dem niedlichen weien
Lmmchen hinblickt, das so schn mit Rosen geschmckt in eurer Mitte steht
-- euch alle wolle Gott segnen -- und geben, da ihr alle so unschuldig
bleibet, wie ein Lamm, und so sanft und geduldig, wie ein Lamm, wenn ihr,
wie manches arme Lmmchen, unter rauhe Hnde fallen solltet. Er, der das
Leben fr seine Schflein gab, wolle euch in seinen Armen und an seinem
Herzen tragen; Er wolle euch in seinen mchtigen Schutz nehmen, wenn das
Verderben eurer Unschuld droht, wie ein grimmiger Wolf einem sanften,
schuldlosen Lamme. Ihr holden Kleinen seyd ja auch die Schflein seiner
Heerde! Er wolle euch ewig nicht seinen Hnden entreissen lassen.

So redete der Pfarrer; sein Angesicht war von den Strahlen der
untergehenden Sonne beleuchtet, und sein ehrwrdiges weies Haar glnzte in
dem hellen Abendschimmer. Er stand da mit seinen zum Himmel gerichteten
Blicken voll Thrnen wie verklrt -- und alle, die ihn hrten, hatten
Thrnen in den Augen und neues Vertrauen auf den Gott, der alles wohl
macht, kam in ihr Herz, und erquickte es sanft, wie der Thau, der bereits
die Blumen im Thale erfrischte. Die guten Landleute gingen alle gerhrt und
voll guter Vorstze nach Hause. Das ist schn gewesen! sagten sie auf dem
Heimwege zu einander, und eine solche allgemeine Freude ist wohl, seit das
Dorf steht, noch nicht erlebt worden.




Zehntes Kapitel.
Ein Kinderfest.


Die Frau von Waldheim reisete nun mit Karl in die Residenz, stellte diesen
ihren wieder gefundenen Sohn dem Frsten vor, und bath um die
Wiedereinsetzung in ihre Gter. Der ehrwrdige Pfarrer, und der wackere
West waren auch mitgekommen, um durch ihr vereintes Zeugni zu beweisen,
Karl sey wirklich ein junger Herr von Waldheim. Der Frst hrte sie sehr
gndig an, fand die vorgebrachten Beweise vollkommen hinreichend und
befahl, die Gter unverzglich ausfolgen zu lassen; verordnete jedoch, da
die Frau von Waldheim, so lange bis Karl das gesetzliche Alter erreicht
haben wrde, die Verwaltung der Gter bernehmen solle.

Voll Freude kam Frau von Waldheim mit ihrer Reisegesellschaft zurck auf
ihr Schlo. Der wrdige Pfarrer reisete nach einen Paar Tagen unter den
dankbaren Thrnen der Frau von Waldheim, Karls und Emiliens ab, um sich
wieder zu seiner geliebten Pfarrgemeine zu begeben. Karl bezog, reichlich
ausgestattet und unter glnzendern Umstnden als vorhin, die hohe Schule.
Den trefflichen West aber ernannte die gndige, nunmehr wieder gebiethende
Frau, nachdem er seiner Kriegsdienste entlassen war, zu ihrem Rentmeister,
und bergab ihm, als einem sehr geschickten Forstmanne, zugleich die
Oberaufsicht ber die Waldungen, die zu dem Gute gehrten und sehr
ansehnlich waren.

Nachdem Karl seine Studien rhmlichst vollendet, dann zu seiner weiteren
Belehrung und Bildung eine groe Reise gemacht, und nunmehr seine
Herrschaft bernommen hatte, sa er eines Abends mit seiner Mutter und mit
Emilien, die nun eine erwachsene schnblhende Jungfrau war, auf der
eichenen Bank nchst dem Schlothore. Es wurden eben die Schafe
eingetrieben, deren Frau von Waldheim sehr viele angeschafft hatte. Auch
jenes Lamm hatte sich zu einer kleinen Heerde vermehrt, die aber von Emilie
als ihr besonderes Eigenthum betrachtet wurde. Karl und Emilie unterhielten
sich damit, die Schafe und Lmmer zu zhlen. Nun Kinder, fing die Frau von
Waldheim an, als die Heerde vorbey getrieben war, knnen wir den Gedanken
ausfhren, mit dem ich Euch schon lngst bekannt gemacht habe. Die Heerde
ist jetzt zahlreich genug. Morgen ist es abermals ein Jahr, da Gott mir
und Euch, meine lieben Kinder, durch jenes Lamm eine so unbeschreibliche
Freude gemacht hat, an der alle Aeltern und Kinder unsrer kleinen
Gutsherrschaft den herzlichsten Antheil genommen haben. Der morgige Tag
soll daher ein allgemeines Kinderfest werden fr das ganze Dorf und alle
dazu gehrige Orte. Ja, auch die Aeltern sollen nicht leer ausgehen. Frau
von Waldheim ging nun mit Karl und Emilien in den Schlohof, suchte eine
Anzahl der schnsten Schafe heraus und befahl dem Schfer, sie besonders
einzuschlieen. Am folgenden Morgen geboth sie den Mgden im Schlosse, die
Schafe reinlich zu waschen, und die Mgde wetteiferten, es nur recht schn
zu machen. Die Schafe wurden fast so wei wie Schnee, und Emilie und
Christine schmckten sie berdie noch mit rosenfarbenen Bndern.

Frau von Waldheim lie nun alle Kinder des Dorfes und des umliegenden
Thales, die in die Schule zu Waldheim gingen, einladen, nachmittags um zwey
Uhr auf das Schlo zu kommen. Die Kinder, Knaben und Mgdlein, kamen mit
tausend Freuden, und waren wohl schon eine Stunde frher in ihrem schnsten
Aufputze vor dem Schlothore versammelt. Zur bestimmten Zeit wurden sie in
den Schlohof gerufen. Und sieh -- da stand zu ihrem Erstaunen eine lange
Tafel, fast so lang, als der Schlohof, und auf der Tafel erblickten sie,
zu ihrer nicht geringen Freude, groe schne Kuchen, blinkende Schsseln,
aufgehuft voll mit allerley Backwerk, und zierliche Krbchen, aus denen
ihnen Aepfel, Birnen und Pflaumen, roth, gelb und blau entgegen lachten.
Auch standen einige groe glserne Flaschen mit dunkelrothem Methe
dazwischen. Die Kinder muten nun auf den langen Bnken zu beiden Seiten
des Tisches, und zwar auf einer Seite die Knaben und auf der andern die
Mdchen, Platz nehmen, und es wurde ihnen von allem reichlich vorgelegt. Da
sah man nun lauter frhliche Gesichter. Die Kinder lieen es sich recht
wohl schmecken, und vergaen auch nicht von dem sen Methe auf die
Gesundheit der gndigen Frau, Karls und Emiliens zu trinken.

Nachdem alle satt waren, ertnten auf einmal frhliche Schallmeyen. Die
Shne des Schfers zogen mit dieser ihrer lndlichen Musik in den
Schlohof; die reinliche, schn geschmckte Schafheerde folgte ihnen, und
der alte Schfer machte den Beschlu. Die Kinder hatten an den schnen
Schafen groe Freude, und bald rief dieses, bald jenes: O wie schn! So
schne blthenweie Schafe, die mit so schnen rothen Bndern geziert sind,
haben wir noch nie gesehen. Aber wie gro war erst die Freude der Kinder,
als sie hrten, die Schafe sollten unter sie vertheilt werden, und die
Kinder jedes Hauses sollten zusammen ein Schaf bekommen. Die Frau von
Waldheim wollte die Schafe durch das Loos vertheilen lassen, um die
Vertheilung unterhaltender zu machen und jeden Schein von Partheilichkeit
zu vermeiden. Jedes Schaf hatte ein Blatt mit einer Nummer anhngen. In
einem groen irdenen Topfe befanden sich auf zusammen gerollten Blttchen
eben die Nummern, wie an den Schafen. Nun mute ein Kind nach dem andern
eine Nummer ziehen, und sobald es gezogen hatte, erschallten die
Schallmeyen und spielten so lange fort, bis das Schaf mit eben derselben
Nummer aus der Heerde herausgefunden war. Die Begierde der Kinder bey dem
Ziehen, die Erwartung, welches Schaf dem ziehenden Kinde zu Theil werden
wrde, die Freude des Kindes, wenn ihm das Schaf wirklich bergeben wurde,
lassen sich gar nicht beschreiben. Der ganze Schlohof war voll Jubel.

Nachdem die Schafe alle vertheilt waren, zogen die Kinder damit hinab in
das Dorf. Die Schfersshne mit ihren helltnenden Schallmeyen gingen
voran, die Schafe von den Kindern begleitet folgten, und der alte Schfer
beschlo den Zug. Gleichsam im Triumpfe zogen sie in dem Dorfe ein. Als die
Leute die Schallmeyen und das Jubeln der Kinder hrten, und die
schngeschmckten Schafe erblickten, wunderten sie sich sehr, was doch
dieses alles zu bedeuten habe. Allein da sie vernahmen, da die gndige
Herrschaft die Kinder so gtig beschenkt habe -- da htte ihre Freude kaum
grer seyn knnen. Viele Aeltern vergossen ber die mildthtigen
Gesinnungen ihrer gndigen Herrschaft Freudenthrnen.

In jene Huser, wo sich kein Schulkind befand, schickte Frau von Waldheim
dennoch ein Schaf hin; den wackern Bauersleuten aber, die einst die arme
Rosalie so liebreich in ihr Nebenhuschen aufgenommen hatten, schenkte sie
zehn Schafe. Auch den ehrlichen Bauern und die gute Buerin auf dem
Eichhofe, die einst der kleinen Christine jenes Lamm geschenkt und sie so
freundlich zum Nachtessen eingeladen hatten, verga sie nicht. Da diese
Leute sehr reich waren, und noch immer Schafe genug hatten, so lie sie auf
den folgenden Sonntag beyde zum Mittagsessen einladen, und der Bauer
versicherte fter, diese Ehre schtze er viel hher, als wenn die gndige
Frau ihm hundert Schafe geschenkt htte.

Am andern Morgen kamen alle Hausvter aus dem Dorfe in ihren
Sonntagskleidern auf das Schlo, der gndigen Herrschaft fr die erzeigte
Wohlthat zu danken. Nun nahm Karl das Wort und sagte: Liebe Mnner! Ihr
wit, als ein armer Jngling, der beynahe nichts hatte, als seinen Stab,
wanderte ich einst durch diese Gegend. Durch ein Lamm half mir Gott wieder
zu meinem vterlichen Erbtheile, und machte mich so glcklich, der Gutsherr
von Euch lieben Leuten zu werden. Meine Mutter, meine Schwester, und ich
wnschten, da die Wohlthat, die Gott uns durch ein Lamm erwies, auch noch
fr unsre und Eure Nachkommen unvergelich bleiben, und ihnen noch zum
Segen werden mchte. Hrt dehalb, was wir beschlossen haben!

Das Recht in unserm Dorfe hier Schafe zu halten, gehrte bisher
Ausschlieungsweise der Herrschaft zu. Dieses Recht sollt ihr von dem
heutigen Tage an nun alle genieen. Dewegen gab meine Mutter Euren Kindern
zu einem kleinen Anfange die Schafe. Gott wolle sie Euch segnen!

Ich hoffe, Euer Ackerbau soll durch die Schafzucht sehr verbessert werden,
nach dem alten Sprichworte: Die Futritte der Schafe verwandeln sich in
Gold. Aber auch den Aermern, die keinen Acker haben, wird wenigstens Wolle
und Milch sehr gut kommen.

Ich werde die Anstalt treffen, da die Wolle, die wir gewinnen, sogleich
in unserm Dorfe verarbeitet werde, und ich hoffe, es soll noch der Tag
kommen, da die Kleider aller Bewohner meiner Herrschaft von selbst
gewonnener Wolle verfertigt seyn werden. Gott gebe seinen Segen dazu!

Karls Wunsch ging auch vollkommen in Erfllung. Die arme Rosalie, nunmehr
Frau Rentmeisterin, und ihre Tochter Christine gaben Unterricht im
Wollspinnen und Stricken. Ein Tuchmacher, ein Hutmacher und ein
Strumpfwirker zogen auf Karls Veranstaltung in das Dorf. Es wurden sehr
schne Tcher von allen Farben und auch sehr gute Hte und Strmpfe
verfertigt. Karl bemerkte oft mit Rhrung, wie Gro und Klein im Dorfe vom
Haupte bis zu den Fssen mit selbst gewonnener und verfertigter Kleidung
versehen waren, und wie alle Getreidfelder des ganzen Thales in einen
blhenderen Zustand kamen und reichlichere Frchte trugen.

Emilie verlegte sich noch besonders auf die Stickerey mit gefrbter Wolle.
Sie hatte von ihrer kleinen Heerde einen Vorrath an Wolle gesammelt, die
von sehr feiner Art war. Der Rentmeister West legte ganz unerwartet ein
neues Talent an den Tag. Er hatte von seinem Frber gelernt, der Wolle alle
Farben, und jeder Farbe alle mgliche Abstufungen zu geben, von dem
hellsten Lichte bis zum dunkelsten Schatten. Emilie war daher in den Stand
gesetzt, ganz vorzglich schne Stickereyen zu verfertigen. Karl machte
dazu die Zeichnungen und Christine leistete ihr dabey trefliche Hlfe. Sie
stickten bunte Blumenkrnze und niedliche Krbchen voll Blumen von allen
Farben, groe Rosenstruche, die mit halb und ganz aufgeblhten Rosen und
reichlichem grnem Laube prangten, ja ganze Landschaften, in denen
Baumschlge, Felsen, Wasserflle und dergleichen zu sehen waren, und die
mit Gewinden von Reblaube und gelbgrnen und purpurblauen Trauben
dazwischen oder mit andern schnen Verzierungen eingefat waren. Emilie
richtete so nach und nach ein ganzes Zimmer im Schlosse sehr schn ein. Der
Teppich auf dem Tische, die Ueberzge der Sessel und des Kanapees und auch
der Futeppich waren auf diese Art gestickt, und wer hineintrat, erstaunte
ber die Pracht der lebhaften Farben, die Richtigkeit der Zeichnung, und
die kunstreiche Schattirung.

Da alle die schn gefrbte Wolle, die dazu verwendet worden, ursprnglich
von jenem einzigen Lamme herkam, so machte Karl, nunmehr, gndiger Herr von
Waldheim, eine sehr schne, groe Zeichnung, in der er den ihm
unvergelichen Augenblick abbildete, in dem er Mutter und Schwester
vermittelst des Lammes wieder gefunden. Ganz im Vordergrunde auf der
Felsenbank unter den Eichen zeichnete er seine Mutter nebst ihrer
Gesellschafterin Rosalie. Weiterhin in dem Walde erblickte man Emilie und
Christine und ihn selbst, und in ihrer Mitte befand sich das Lamm. Er hielt
in einer Hand den Ring und deutete mit dem Zeigefinger der andern Hand auf
die goldenen Buchstaben, die auf dem rothen Halsbande des Lmmchens
deutlich zu sehen waren. Emilie aber zeigte mit ausgestrecktem Arme nach
der Gegend hin, wo ihre Mutter sa, als wollte sie sagen: Dort ist sie!
Karl mahlte die Zeichnung mit sehr lebhaften Farben vortrefflich aus, und
die sehr kenntlichen Personen auf dem Bilde, die nebst dem Lamme von der
untergehenden Sonne krftig beleuchtet waren, machten zwischen den dunkeln
Schatten des Waldes eine unvergleichliche Wirkung. Er hngte das Gemlde,
in einen goldenen Rahmen gefat, in dem Zimmer auf, nachdem er zuvor mit
goldenen Buchstaben die drey Worte darunter geschrieben hatte:

   _Unter Gottes Leitung!_

Bei _Philipp Krll_ in _Landshut_ ist zu haben:

_Genovefa_. Eine der schnsten und rhrendsten Geschichten des Alterthums,
neu erzhlt fr alle guten Menschen, besonders fr Mtter und Kinder. 4te
rechtmige Auflage, m. 1 Kupf. 8. 1825. 24 kr. oder 6 gr.

_Ostereyer_, die, eine Erzhlung zum Ostergeschenke fr Kinder, von dem
Verfasser der Genovefa. 2te Auflage. 12. 1818. 9 kr. gr. 12. 12 kr. 3 gr.

_Wie Heinrich von Eichenfels_ zur Erkenntni Gottes kam; eine Erzhlung fr
Kinder und Kinderfreunde, von dem Verfasser der Ostereyer. 2te verbesserte
Auflage. 12. 1821. 9 kr. gr. 12. 12 kr. 3 gr.

_Blthen_, dem blhenden Alter gewidmet, von dem Verfasser der Ostereyer.
2te verb. und vermehrte Ausgabe. 8. 1826. 24 kr. 6 gr.

_Erzhlungen_ fr Kinder und Kinderfreunde, von dem Verfasser der
Ostereyer. 1s Bndchen. 12. 1821. 9 kr. gr. 12. 12 kr. 3 gr.

-- -- desselben Werks 2s Bndchen. 12. 1825. der _Weihnachtsabend_, eine
Erzhlung zum Weihnachtsgeschenke fr Kinder, von dem Verfasser der
Ostereyer. 12. 1825. 15 kr. 4 gr.

_Blumenkrbchen_, das, eine Erzhlung dem blhenden Alter gewidmet, von dem
Verfasser der Ostereyer: mit 1 Titelkupfer. 8. 1823. 24 kr. 6 gr. Velinpap.
1 fl. 48 kr. Rthl. 1.

_Rosa_ von Tannenburg. Eine Geschichte des Alterthums, fr Aeltern und
Kinder. Erzhlt von dem Verfasser der Genovefa; mit 1 Kupf. 8. 1823. 30 kr.
8 gr.

_Itha_, Grfin von Toggenburg; eine sehr schne und lehrreiche Geschichte
aus dem 12ten Jahrhundert, neu erzhlt fr alle guten Christen, besonders
fr unschuldig Leidende. Ein Seitenstck zur Genovefa; mit 1 Kupf. 7te
Auflage. 8. 1825. 24 kr. 6 gr.

_Hirlanda_, Herzogin von Bretagne, oder der Sieg der Tugend und Unschuld;
eine erbauliche und lehrreiche Geschichte des Alterthums, neu erzhlt fr
Junge und Alte von dem Verfasser der Grfin Itha von Toggenburg. 3te
rechtmige Auflage. 8. 1822. 18 kr. 5 gr.

_Geschichten_, biblische, fr Kinder. 3 Thle. (v. Christoph Schmidt). 8.
1822. netto 1 fl. 9 kr. 18 gr.

-- -- dieselben im Auszug. 2 Thle. 8. 1821. netto 30 kr. 8 gr.

_Engelbrecht_, A., Aufstze pdagogischen Inhalts; ein Buch fr Seelsorger
und Volksschullehrer, zur angenehmen und belehrenden Unterhaltung; mit 1
Kupfer. 8. 1821. 1 fl. 30 kr. Rthl. 1.

_Hausaufgaben_ fr Schreib- und Rechnungsschler in Volksschulen, oder
Aufgaben zur Selbstbeschftigung der Schler. 2te verbesserte Auflage. 8.
1823. 15 kr. 4 gr.

_Diktirbungen_ nach den Regeln der Orthographie geordnet, nebst einem
Diktir-Surrogat fr Volksschulen; ein Hand- und Lesebuch fr
Elementarschulen, vom Verfasser der Hausaufgaben. 8. 1822. 12 kr. 3 gr.

_Maurer_, K., Lesebuch fr gebtere Leseschler. 8. 1818. 15 kr. 4 gr.

-- -- kleine lehrreiche Erzhlungen u. Lesestze, nebst einigen
Gleichnissen und Denksprchen aus dem Munde Jesu. Ein Geschenk fr Kinder.
8. 1820. 8 kr. 2 gr.

-- -- Briefe fr Kinder, nebst einigen Anreden bei ffentlichen
Schulprfungen. 3te Auflage, gr. 12. 1824. 12 kr. 3 gr.

-- -- Tabelle zur Kenntni der Buchstaben. 8. 1817.; auf Pappendeckel
gezogen 2 kr.

-- -- Lesebuch fr Anfnger im Lesen. 3 Abtheil. 2te verb. Aufl. 12. 1824.
7 kr. 2 gr.

Alte, der, von den Bergen; eine Erzhlung fr Kinder. 2te verbesserte
Auflage. 12. 1822. 9 kr. Z gr.

_Heilingbrunner_ und _Zeheters_ drittes Elementarbuch der nthigsten Sach-
und Sprachgegenstnde fr Volksschulen. 8. 1822. 30 kr. 8 gr.

_Jais_, P. A., schne Geschichten und lehrreiche Erzhlungen, zur
Sittenlehre fr Kinder und wohl auch fr Erwachsene. 2 Bndchen. 10 kr. 3
gr.

_Fabeln_ fr unsere Zeiten und Sitten. 2 Bndchen. 8. 1821. 1 fl. 16 gr.

_Ackermann_, G., kurze Volkspredigten ber sinnliche Lust und sinnliche
Abtdtung; auf die Fanachts- und Fastenzeit. 8. 1825. 36 kr. 8 gr.

_Schmid_, J. G., Versuch einer Sittenlehre in Denkreimen, gesammelt fr
Schulkinder auf dem Lande. 12. 1825. 2 kr.

_Sailer_, Bischof, J. M., das christliche Monat, oder Gebethe und
Betrachtungen auf jeden Tag des Monats, mit Kupf. 8. 1826. 1 fl. 24 kr.

_Nikolaus_ von Myra, eine eben so lehrreiche als wundervolle Geschichte aus
dem 3 und 4ten christl. Jahrhundert, neu erzhlt, und mit moral. Anwendung
vorzglich fr Hausvter, Eltern u. Kinder begleitet. 8. 1821. 8 gr. 30 kr.

_Lebensgeschichte_, erbauliche, der Dienerin Gottes, Marie Clotilde von
Frankreich, Knigin von Sardinien; aus d. Franz. bers. 8. 1819. 6 gr. 24
kr.




Anmerkungen zur Transkription


Offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert.





End of the Project Gutenberg EBook of Das Lmmchen, by Christoph von Schmid

*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DAS LMMCHEN ***

***** This file should be named 43332-8.txt or 43332-8.zip *****
This and all associated files of various formats will be found in:
        http://www.gutenberg.org/4/3/3/3/43332/

Produced by Jens Sadowski (based on a copy preserved by
Kurt Linack and Katrin Walter)


Updated editions will replace the previous one--the old editions
will be renamed.

Creating the works from public domain print editions means that no
one owns a United States copyright in these works, so the Foundation
(and you!) can copy and distribute it in the United States without
permission and without paying copyright royalties.  Special rules,
set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to
copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to
protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark.  Project
Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you
charge for the eBooks, unless you receive specific permission.  If you
do not charge anything for copies of this eBook, complying with the
rules is very easy.  You may use this eBook for nearly any purpose
such as creation of derivative works, reports, performances and
research.  They may be modified and printed and given away--you may do
practically ANYTHING with public domain eBooks.  Redistribution is
subject to the trademark license, especially commercial
redistribution.



*** START: FULL LICENSE ***

THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE
PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK

To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free
distribution of electronic works, by using or distributing this work
(or any other work associated in any way with the phrase "Project
Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full Project
Gutenberg-tm License available with this file or online at
  www.gutenberg.org/license.


Section 1.  General Terms of Use and Redistributing Project Gutenberg-tm
electronic works

1.A.  By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm
electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to
and accept all the terms of this license and intellectual property
(trademark/copyright) agreement.  If you do not agree to abide by all
the terms of this agreement, you must cease using and return or destroy
all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your possession.
If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a Project
Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound by the
terms of this agreement, you may obtain a refund from the person or
entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph 1.E.8.

1.B.  "Project Gutenberg" is a registered trademark.  It may only be
used on or associated in any way with an electronic work by people who
agree to be bound by the terms of this agreement.  There are a few
things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
even without complying with the full terms of this agreement.  See
paragraph 1.C below.  There are a lot of things you can do with Project
Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement
and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic
works.  See paragraph 1.E below.

1.C.  The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation"
or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
Gutenberg-tm electronic works.  Nearly all the individual works in the
collection are in the public domain in the United States.  If an
individual work is in the public domain in the United States and you are
located in the United States, we do not claim a right to prevent you from
copying, distributing, performing, displaying or creating derivative
works based on the work as long as all references to Project Gutenberg
are removed.  Of course, we hope that you will support the Project
Gutenberg-tm mission of promoting free access to electronic works by
freely sharing Project Gutenberg-tm works in compliance with the terms of
this agreement for keeping the Project Gutenberg-tm name associated with
the work.  You can easily comply with the terms of this agreement by
keeping this work in the same format with its attached full Project
Gutenberg-tm License when you share it without charge with others.

1.D.  The copyright laws of the place where you are located also govern
what you can do with this work.  Copyright laws in most countries are in
a constant state of change.  If you are outside the United States, check
the laws of your country in addition to the terms of this agreement
before downloading, copying, displaying, performing, distributing or
creating derivative works based on this work or any other Project
Gutenberg-tm work.  The Foundation makes no representations concerning
the copyright status of any work in any country outside the United
States.

1.E.  Unless you have removed all references to Project Gutenberg:

1.E.1.  The following sentence, with active links to, or other immediate
access to, the full Project Gutenberg-tm License must appear prominently
whenever any copy of a Project Gutenberg-tm work (any work on which the
phrase "Project Gutenberg" appears, or with which the phrase "Project
Gutenberg" is associated) is accessed, displayed, performed, viewed,
copied or distributed:

This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
almost no restrictions whatsoever.  You may copy it, give it away or
re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
with this eBook or online at www.gutenberg.org

1.E.2.  If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is derived
from the public domain (does not contain a notice indicating that it is
posted with permission of the copyright holder), the work can be copied
and distributed to anyone in the United States without paying any fees
or charges.  If you are redistributing or providing access to a work
with the phrase "Project Gutenberg" associated with or appearing on the
work, you must comply either with the requirements of paragraphs 1.E.1
through 1.E.7 or obtain permission for the use of the work and the
Project Gutenberg-tm trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or
1.E.9.

1.E.3.  If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is posted
with the permission of the copyright holder, your use and distribution
must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any additional
terms imposed by the copyright holder.  Additional terms will be linked
to the Project Gutenberg-tm License for all works posted with the
permission of the copyright holder found at the beginning of this work.

1.E.4.  Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg-tm
License terms from this work, or any files containing a part of this
work or any other work associated with Project Gutenberg-tm.

1.E.5.  Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this
electronic work, or any part of this electronic work, without
prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with
active links or immediate access to the full terms of the Project
Gutenberg-tm License.

1.E.6.  You may convert to and distribute this work in any binary,
compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including any
word processing or hypertext form.  However, if you provide access to or
distribute copies of a Project Gutenberg-tm work in a format other than
"Plain Vanilla ASCII" or other format used in the official version
posted on the official Project Gutenberg-tm web site (www.gutenberg.org),
you must, at no additional cost, fee or expense to the user, provide a
copy, a means of exporting a copy, or a means of obtaining a copy upon
request, of the work in its original "Plain Vanilla ASCII" or other
form.  Any alternate format must include the full Project Gutenberg-tm
License as specified in paragraph 1.E.1.

1.E.7.  Do not charge a fee for access to, viewing, displaying,
performing, copying or distributing any Project Gutenberg-tm works
unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9.

1.E.8.  You may charge a reasonable fee for copies of or providing
access to or distributing Project Gutenberg-tm electronic works provided
that

- You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from
     the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method
     you already use to calculate your applicable taxes.  The fee is
     owed to the owner of the Project Gutenberg-tm trademark, but he
     has agreed to donate royalties under this paragraph to the
     Project Gutenberg Literary Archive Foundation.  Royalty payments
     must be paid within 60 days following each date on which you
     prepare (or are legally required to prepare) your periodic tax
     returns.  Royalty payments should be clearly marked as such and
     sent to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation at the
     address specified in Section 4, "Information about donations to
     the Project Gutenberg Literary Archive Foundation."

- You provide a full refund of any money paid by a user who notifies
     you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he
     does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm
     License.  You must require such a user to return or
     destroy all copies of the works possessed in a physical medium
     and discontinue all use of and all access to other copies of
     Project Gutenberg-tm works.

- You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of any
     money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
     electronic work is discovered and reported to you within 90 days
     of receipt of the work.

- You comply with all other terms of this agreement for free
     distribution of Project Gutenberg-tm works.

1.E.9.  If you wish to charge a fee or distribute a Project Gutenberg-tm
electronic work or group of works on different terms than are set
forth in this agreement, you must obtain permission in writing from
both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael
Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark.  Contact the
Foundation as set forth in Section 3 below.

1.F.

1.F.1.  Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable
effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
public domain works in creating the Project Gutenberg-tm
collection.  Despite these efforts, Project Gutenberg-tm electronic
works, and the medium on which they may be stored, may contain
"Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate or
corrupt data, transcription errors, a copyright or other intellectual
property infringement, a defective or damaged disk or other medium, a
computer virus, or computer codes that damage or cannot be read by
your equipment.

1.F.2.  LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES - Except for the "Right
of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project
Gutenberg-tm trademark, and any other party distributing a Project
Gutenberg-tm electronic work under this agreement, disclaim all
liability to you for damages, costs and expenses, including legal
fees.  YOU AGREE THAT YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT
LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE
PROVIDED IN PARAGRAPH 1.F.3.  YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE
TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE
LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR
INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH
DAMAGE.

1.F.3.  LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND - If you discover a
defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can
receive a refund of the money (if any) you paid for it by sending a
written explanation to the person you received the work from.  If you
received the work on a physical medium, you must return the medium with
your written explanation.  The person or entity that provided you with
the defective work may elect to provide a replacement copy in lieu of a
refund.  If you received the work electronically, the person or entity
providing it to you may choose to give you a second opportunity to
receive the work electronically in lieu of a refund.  If the second copy
is also defective, you may demand a refund in writing without further
opportunities to fix the problem.

1.F.4.  Except for the limited right of replacement or refund set forth
in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS', WITH NO OTHER
WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO
WARRANTIES OF MERCHANTABILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.

1.F.5.  Some states do not allow disclaimers of certain implied
warranties or the exclusion or limitation of certain types of damages.
If any disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the
law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be
interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by
the applicable state law.  The invalidity or unenforceability of any
provision of this agreement shall not void the remaining provisions.

1.F.6.  INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in accordance
with this agreement, and any volunteers associated with the production,
promotion and distribution of Project Gutenberg-tm electronic works,
harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees,
that arise directly or indirectly from any of the following which you do
or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.


Section  2.  Information about the Mission of Project Gutenberg-tm

Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
electronic works in formats readable by the widest variety of computers
including obsolete, old, middle-aged and new computers.  It exists
because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
people in all walks of life.

Volunteers and financial support to provide volunteers with the
assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
remain freely available for generations to come.  In 2001, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
and the Foundation information page at www.gutenberg.org


Section 3.  Information about the Project Gutenberg Literary Archive
Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
Revenue Service.  The Foundation's EIN or federal tax identification
number is 64-6221541.  Contributions to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
permitted by U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
throughout numerous locations.  Its business office is located at 809
North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887.  Email
contact links and up to date contact information can be found at the
Foundation's web site and official page at www.gutenberg.org/contact

For additional contact information:
     Dr. Gregory B. Newby
     Chief Executive and Director
     gbnewby@pglaf.org

Section 4.  Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
spread public support and donations to carry out its mission of
increasing the number of public domain and licensed works that can be
freely distributed in machine readable form accessible by the widest
array of equipment including outdated equipment.  Many small donations
($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United
States.  Compliance requirements are not uniform and it takes a
considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
with these requirements.  We do not solicit donations in locations
where we have not received written confirmation of compliance.  To
SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
particular state visit www.gutenberg.org/donate

While we cannot and do not solicit contributions from states where we
have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
against accepting unsolicited donations from donors in such states who
approach us with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make
any statements concerning tax treatment of donations received from
outside the United States.  U.S. laws alone swamp our small staff.

Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
methods and addresses.  Donations are accepted in a number of other
ways including checks, online payments and credit card donations.
To donate, please visit:  www.gutenberg.org/donate


Section 5.  General Information About Project Gutenberg-tm electronic
works.

Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm
concept of a library of electronic works that could be freely shared
with anyone.  For forty years, he produced and distributed Project
Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.

Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
unless a copyright notice is included.  Thus, we do not necessarily
keep eBooks in compliance with any particular paper edition.

Most people start at our Web site which has the main PG search facility:

     www.gutenberg.org

This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
