The Project Gutenberg EBook of Das Meer, by Bernhard Kellermann

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Title: Das Meer

Author: Bernhard Kellermann

Release Date: March 15, 2013 [EBook #42339]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DAS MEER ***




Produced by Jens Sadowski








Das Meer


Roman
von
Bernhard Kellermann


S. Fischer, Verlag
Berlin 1917


26.--40. Auflage.
Gedruckt whrend der Kriegszeit auf Papier mit Holzschliffzusatz.
Alle Rechte, insbesondere das der bersetzung, vorbehalten.
Copyright S. Fischer, Verlag, Berlin.




Das Meer






I


Wir hatten alles, was das Herz begehrt. Wir hatten Frauen die Flle, wir
hatten zu trinken, wir hatten Strme, die mit achtzig Seemeilen
Geschwindigkeit dahinfegten. Wir brauchten nichts, merci, hebe dich hinweg
--

Auf unserer Insel gab es weder Baum noch Strauch. Wie ein in Schutt
zerfallenes Gebirge sah sie aus, und ringsum keuchten die Klippen in der
Brandung. Tag und Nacht aber donnerte es, horch! Das war das Meer. Es
wehte, immerfort schrie der Wind, und wenn ein Mensch ber die Heide ging,
so flatterte er wie eine zerfetzte Fahne. Zu jeder Stunde bei Tag und bei
Nacht schrillten die Mwen, denn ihnen gehrte Insel und Meer. Manchmal
versank die Insel buchstblich unter ihrem markerschtternden, feilenden
Lrm. Wenn ich da drauen bei den Klippen schwamm, so reckten sie unruhig
die weien Kpfe, es waren ihrer drei, fnf, zehn, aber sobald ich nher
kam, waren es Hunderte, Tausende. Sie umkreisten mich schrillend wie eine
wetternde Wolke und mich erfate eine mystische Furcht, denn es waren ihrer
so viele. Sie schreien noch oft in meinen Trumen.

En route! Das Grosegel donnert und wir jagen dahin. Unsere Muskeln sind
hart und unsere Herzen sthlern und klingend -- -- --

Wann aber meine Augen zum erstenmal auf Rosseherre fielen, kann ich nicht
mehr sagen. Ich wei nur, da es an einem Posttag im Frhjahr war.
Rosseherre war das einzige blonde Mdchen auf der Insel, und es ist
mglich, da sie gerade deshalb Eindruck auf mich machte. Sie war
eigentlich nicht blond, sondern gelb, wenn man so sagen kann. All die
andern dagegen waren schwarz und ich kannte sie alle.

Zuweilen unternahmen wir eine Expedition, Yann, der kleine Kapitn,
Poupoul, mein Hund, und ich, und auf diesen Entdeckungsreisen machte ich
ihre Bekanntschaft. Es gab auf der Insel dreimal mehr Frauen als Mnner,
denn die Mnner machten Dienst auf den Schiffen, Gott wei, wo sie waren.
Solange sie jung waren, waren sie schn, und alten gingen wir aus dem Wege.
Braun gebacken von der Sonne waren sie und das Blut glhte in ihren Wangen
und Augen, als ob sie gerade aus einem heien Ofen kmen. Sie hatten weie,
starke Gebisse und pechschwarzes Haar, das sie offen trugen bis zu den
Schultern herab. Sie waren einfltigen Herzens, munter und laut und
zgerten nicht lange, denn es fehlte ihnen an Zeit und Auswahl.

Yann und ich setzten in irgendeiner kleinen Bar Dampf auf, dann sah mich
Yann mit feuchtglnzenden Augen an und puffte mich: Hehe?

Schn! sagte ich. Yann und ich verstanden einander auf eine nahezu
mysterise Art.

Aber noch ein Glas! He, Patron, noch ein Glas, rasch!

Wir brachen auf. Wir schlugen sofort ein derartig rasches Tempo an, als
glte es Leben oder Tod. Nicht eine Minute Zeit hatten wir zu versumen.

Nur keine groen Umstnde gemacht, hrst du? sagte Yann. Sie warten nur
darauf --

Tiens! sagte ich, rgerlich ber Yanns ewige Bevormundung. Habe ich je
Umstnde gemacht? Sakrenomded --

Allons, allons! Yann lachte.

Es war Nacht, alles schlief. Die Leuchtfeuer suchten nach uns wie riesige
Blendlaternen und wir schlichen wie Diebe zwischen den Htten dahin. Oft
muten wir uns hinter eine niedrige Mauer ducken um nicht gesehen zu
werden. Nieder! kommandierte Yann. Dann pochte Yann an ein Fenster:
Mach' auf, mach' doch auf! Er pochte geduldig eine Stunde lang und
raunte: Mach' auf, ich bin es, Yann! Endlich klirrte der Riegel und Yann
schlpfte ins Haus. Ich wartete. Die schwarzen Wolken wlzten sich ber den
Himmel, der Wind knallte in meinem Rock, ich fror. Endlich kam Yann wieder,
satt und erhitzt sah er aus.

Es ist heute nichts mit ihr.

Nichts?

Nein, wir haben einen unglcklichen Tag gewhlt.

O, Yann! Und wir steuerten einen anderen Kurs. Mach' auf, mach' doch
auf, ich bin es, Yann. Wir lauschten, Poupoul knurrte. Mach' auf, mach'
doch auf! In den Fischerhtten roch es s und krftig wie in einem
Kuhstall.

Umarme ihn, vorwrts! befahl Yann. Er ist mein Freund -- Napoleon --
hast du nie gehrt von ihm?

Dann hielten wir uns ein paar Striche westlich und klopften eine abseits
liegende Kneipe wach um uns zu strken. Wir brachten den Wirt um seine
Nachtruhe, aber da wir die kapitale Zeche von einem Franken machten und bar
bezahlten, waren wir willkommene Gste.

Nun wollen wir nach Stiff gehen, sagte Yann, eine halbe Stunde, dort
wohnt Jeanne, aber wir mssen uns in acht nehmen, sie mu herauskommen --
Unersttlich war Yann.

Wird sie herauskommen, Yann?

Yann blieb stehen und rckte die Mtze ins Genick. Wenn ich klopfe? He?

Auf diese Weise machte ich die Bekanntschaft der Schnheiten der Insel. Wir
litten keinen Mangel, das will ich nicht behaupten. Es wre undankbar,
nichts anderes.

Rosseherre aber hatte ich noch nicht gesehen,

An einem Mittwoch nun ging ich zum Hafen hinber um zu sehen, ob der
Kommissionr heil hereinkme. Das Meer war erregt.

Die Fischer standen oben auf den Felsen, turmhoch ber der Bai, und
blickten regungslos auf den Kommissionr hinaus, nur zuweilen spien sie
aus, aber ohne sich zu rhren. Sie sahen zerzaust und zerwhlt aus,
ausgetrocknet von der Sonne, die Augen geschliffen vom Wind. Manche
schienen gerade aus dem Wasser zu kommen, die dnnen Haare klebten an ihren
Schlfen, die Kittel hingen an ihren Schultern herab. Neben ihnen stand
Noel, der Kaufmann und Inselknig, in einer schwarzen Lederjacke, den
Feldstecher vor den Augen. Er strotzte von Wohlhabenheit, sein Gesicht war
siegellackrot und sein schwarzer Vollbart knisterte vor Gesundheit. O,
lala! rief er und schttelte besorgt den Kopf, denn der Kommissionr
gehrte ihm. Ein paar Fetzen Tuch an den Stangen watete der Kutter in der
Ferne durch die sausende Dnung, unter Sturzseen begraben. Manchmal versank
er bis auf die Mastspitze -- fahre wohl! -- nein, er tauchte wieder auf.
Hinter ihm ging schrg der schwarzgraue Regen. Pltzlich hielten alle
Fischer inne -- wenn jetzt ein Seil ri oder der Wind nur eine Minute
aussetzte -- sie spien wieder aus, es gab keine Gefahr mehr. In den Nischen
der Klippen kauerten Trppchen von Fischerweibern, wie Hhner, die der Wind
in einen Winkel wehte. Alles flatterte an ihnen, die schwarzen offenen
Haare, die Bnder der weien Hauben, die Rcke. Die schwarze Jeanette sa
bei ihnen und blickte lchelnd zu mir empor. Ich stand bei den Fischern,
regungslos wie sie, und nur zuweilen nahm ich die Pfeife aus dem Mund und
spie aus, auf amerikanische Art, durch die Zhne; ich hatte es darin zur
Vollkommenheit gebracht.

Der Kommissionr zog die Segel ein und warf mit Gerassel seinen
zerfressenen Anker aus. Eine kleine Rostwolke stieg auf und ich roch sie
bis herauf. Sofort kam aus dem Hafen wie stets jenes kleine Boot heraus,
das sich wie eine Kaulquappe bewegte, denn es wurde mit einem einzigen
Ruder am Stern gerudert. Ein halbes Dutzend flatternde Bndel (Menschen),
Ballen, ein Rudel kleiner Schweine, all das wurde mit einer Hast
hineingeworfen, die Seeleute an sich haben, wenn sie schon einmal arbeiten.
Im Nu war der Nachen zum Sinken voll.

Die Schweine schrien mrderisch, und die Weiber in den Felsennischen
kreischten vor Lachen. Pltzlich aber begannen sie zu rufen. Sie schwenkten
die Arme und schrien: Rosseherre! Rosseherre!

Im Schnabel des kleinen schlingernden Bootes stand ein Mdchen mit
flatternden messinggelben Haaren.

Ich hatte sie noch nie gesehen. Gelbes Haar hatte sie! Und sie stand so
ruhig.

Die quiekenden Schweine wurden herausgeworfen, die Ballen, der Postsack und
ein ganzes Gebirge von groen Brotlaiben mit schmutziggrauer Kruste. Die
Schweine liefen darber, die gelbe Welle leckte nach ihnen und frbte
einzelne dunkel, ehe Noel sie wegrumen konnte.

Pack an, pack an! schrie er, und der Dorflump in seinen klaffenden Hosen,
Noels Schtzling, sprang mitten in das Gebirge von Brot hinein.

Rosseherre stieg geschickt zwischen zwei Wellen aus dem Nachen und
klapperte rasch in ihren Holzschuhen den Steig hinauf. Je nher sie kam,
desto gelber wurde ihr Haar. Sie war klein und schmal, ein Mdchen von
sechzehn Jahren; sie trug eine weie Haube, ein Tuch um die Schultern, und
war schwarz gekleidet wie alle Frauen der Insel.

Wir wandten uns ihr zu. Die Fischer taten es, ohne die Fe zu regen, ihre
Holzpantinen waren festgenagelt am Boden. Kedril nahm den Tabakklumpen aus
dem Mund und legte ihn unter die Mtze auf den Kopf. Da ist ja Rosseherre
wieder! sagte er. Die andern sagten nichts. Sie spritzten den Tabaksaft
mit kindlicher Freundlichkeit durch die Zhne und nickten. Man sah ja, da
sie da war.

In diesem Augenblick sah Rosseherre zu uns her. Das gelbe Haar wehte um ihr
kleines kindliches Gesicht und sie strich es mit der Hand zurck. Die
Weiber schrien ihr lachend etwas zu, und sie sah mich von oben bis unten
neugierig an. Ich nahm die Pfeife aus dem Mund, bewegte aber keine Miene.
Da kehrte Rosseherres Blick nochmals zu mir zurck und haftete an meiner
Hand, an der ich einen unscheinbaren Ring trug. Dann sah sie mir rasch in
die Augen. Was fr ein Blick war es doch?

Die Weiber lachten breit, plapperten und gingen mit Rosseherre davon. Im Nu
hatte sie der Wind um die Ecke geweht. Aber bevor Rosseherre verschwand,
blickte sie nochmals zurck.

Drunten in der Bai schaukelte verlassen der Kommissionr; ein Matrose in
rotem Hemd kletterte auf dem Deck. Der Brieftrger und Chef der Post ging
an die Arbeit. Bis an die Zhne bewaffnet strzte er sich ins Feuer. Er
hatte hohe Reiterstiefel an und schwang einen lcherlich kleinen Korb mit
den Briefen in der Hand. Sein Dienst war mrderisch. Wohin er kam, mute er
ein Glschen trinken. Am Abend kehrte er aber stets als Sieger zurck,
schnaubend wie ein Nilpferd, in Schwei gebadet, um in Chikels Bar
zusammenzubrechen unter der ungeheuren Last von Verantwortung, Wichtigkeit
und eines hllischen Dienstes, fr den er acht Tage lang Krfte gesammelt
hatte.

Der Karren mit dem Schimmel kam, um die Scke und Ballen fortzuschaffen.
Dieser Schimmel stand und ging, in einer Art Kniebeuge, er hatte rote
Rnder um Augen und Nstern und war fast gnzlich haarlos. Er schlief
augenblicklich ein, und der Dorflump kitzelte ihn mit einem Strohhalm
aussichtslos in den Nasenlchern.

Der Karren fuhr ab -- und nun war wieder Ruhe auf der Insel fr eine ganze
Woche.

Ich kaufte im Dorf fr zwei Sou Fische und wanderte nach Sturmvilla
zurck.

Hast du gesehen, da sie auf deinen Ring blickte? sagte ich zu mir. Sie
sind doch auf der ganzen Welt die gleichen. Was fr gelbes Haar sie hat,
oho, das ist schon fast nicht mehr erlaubt, wie, Poupoul!

Pltzlich fiel mir ihr Blick wieder ein. Merkwrdig. Es war ein -- wie soll
ich sagen? -- es war ein Blick wie ihn Wahnsinnige haben.




II


Der Weg fhrte hoch oben ber die Felsen dahin, in denen das Meer ohne
Aufhren wusch und schaufelte.

Tag und Nacht war es an der Arbeit. Es fand eine Spalte und fing an, einen
Tunnel zu bohren. In tausend Jahren sollte er fertig sein und es ging mutig
ans Werk. Ein paar Schritte weiter hmmerte es in einer Hhle und meielte
in einem Schacht. In tausend Jahren sollte der Schacht mit dem Tunnel
zusammenstoen. Dann wollte es in den groen Strmen Spitzhacken und Picken
nach oben schicken um eine Halle auszuhauen. In abermals tausend Jahren war
die Decke so dnn, da sie nach den Regengssen einstrzte, und dann stand
eine Klippe da, frei und scharf wie eine Sense, und das Meer suchte sich
eine neue Aufgabe. Es hatte Zeit.

Je nher man Sturmvilla kam, desto lauter wurde das Meer. Denn hier auen
war der offene Ozean und der groe Strom brach sich an den Klippen.
Unaufhrlich stiegen die Gischtsulen an den Riffen empor. Zuweilen drhnte
es, als ob eine ungeheure Felsmasse ins Meer strzte. Eine groe Woge. Ich
hielt nicht mehr den Schritt an, nur manchmal erschrak ich noch tief innen
im Herzen.

Vereinzelte bleischwere Tropfen fielen vom Himmel. Das Gewlk schleppte
sich niedrig und schwer wie schwarzer Qualm bers dstre Meer und es wurde
rasch Nacht. Unsere beiden Leuchttrme begannen zu arbeiten. Im Norden
Stiff. Wie ein saugender, erschreckender Mond zuckte er hinter der
schwarzen Heide empor. Zweimal wei und einmal rot. Im Sden aber begann
hoch oben eine geisterhafte Sonne mit vier bleichen Strahlenbndeln wie
irrsinnig zu kreisen. Das war Creach. Er schleuderte seine Lichtgarben
dreiig Meilen weit in die Nacht hinaus. Es waren sausende Hiebe von
Doppelblitzen. Sie flogen ber die schwarze Heide, die bleichen Giebel der
Htten, liefen wie eine leuchtende Schlange an den Klippen ber der Bai
drben entlang, betasteten ein Riff, eine Woge, einen Wolkensaum, ein Segel
-- fort, Nacht, Schwrze -- und schon blendeten sie wieder auf. Mit der
Nacht, da die Gerusche des Tages verstummen und das Ohr sich schrft,
donnerte das Meer um so lauter, und so kam es, da man glaubte fortwhrend
in einem Gewitter zu leben.

Creach leuchtete mir auf den Weg. All die Felsen, die glattgeschliffenen
Elefantenschdeln und Skeletten vorweltlicher Tiere hnlich sahen, fllten
sich mit Gestalt und Leben, wenn der Lichthieb ber sie hinfegte. Mitten
unter ihnen stand ein bleicher, abgezehrter Mnch, der den Arm erhob und
den Skeletten predigte: Es ist noch nicht zu spt, ihr Saurier! In jeder
Nacht stand er da und predigte, am Tage war er nichts als ein ordinrer
Felsklotz. Auch mir predigte er, wenn ich vorberkam: Was den Sauriern
gilt, gilt auch dir! Und er drehte sich nach mir mit dem erhobenen Arm:
Es ist noch nicht zu spt, Heide! Sturmvilla selbst sah wie ein bleicher
Schdel aus, durch dessen zerfressene Nase ich hinein mute.

Sie war frher ein Wchterhaus, aber nun gehrte sie Noel, dem Kaufmann,
der ein Sammler alter Baracken war, die er mit groartigen Namen
ausstattete: Villa de tempte, Sans-souci, Louis seize.

Ich nahm die Fische aus, schabte sie ab und briet sie in einem dick mit
Butter beschmierten Papier ber einem kleinen Feuer. Aus der Leber machte
ich mit Butter, Salz und Essig die Sauce dazu. Dann hatten wir noch ein
paar kleine Kartoffeln, herrlich!

Sturmvillas Gemcher bestanden aus einem einzigen kleinen Raum und die
Hlfte davon nahm ein unfrmiger pechschwarzer Kamin ein, der mich fast
verschlang. Ich liebte es, davor zu sitzen und dem Feuer zuzusehen.

Die Fische zischten und drauen rumorte das Meer. Mein Ohr war fein und
geschliffen und ich unterschied jede einzelne Woge. Der Strom strzte sich
gierig und wild gegen die Klippen, in der Ferne drhnte es in gleichmigen
Intervallen, als ob eherne Rhren ans Land rollten. Das war die Brandung in
der Bai. Dazwischen unterschied ich ein fernes knatterndes Schnellfeuer.
Das war das Meer bei Creach. Es hatte die Klippen in Trmmer zerschlagen
und jede Woge rollte die zentnerschweren Kugeln auf und ab. Das Splittern
und Krachen aber und die Schreie, was war das? Nein, ich ffnete nicht mehr
die Tre. Ich sah nicht mehr schwarze Schiffsrmpfe auf- und abstampfen,
ich hrte nicht mehr Ertrinkende schreien. Es waren die dunkeln Klippen,
die da drauen tanzten, und ich wute auch, woher die Schreie kamen. Es war
das Wasser, das schrie, der Wind. Die Steine schrien.

Es pochte an die Tre. Ich wandte mich nicht um. Wer sollte kommen? Der
Wind weinte an meinem Guckloch, er weinte von einem Schmerz, der nicht
alltglich ist, einem auserlesenen Schmerz, der das Herz eines Heiligen
brach. Dann lachte er ein kleines, irrsinniges Lachen und weg war er.

Ich sa vor meinem kleinen Feuer und rauchte die Pfeife. He, Poupoul,
alter Kamerad! sagte ich und kraute ihm den Kopf. Was war geschehen?
Nichts. Aber es lag ein Geruch wie von Abenteuern in der Luft.

Dieser gelbe Irrwisch, der heute aus dem Meer gestiegen war! Ich machte
mich bereit. Nimm dich in acht, Yann --




III


Gleich am nchsten Tag zog ich auf Kundschaft aus, um Rosseherre
aufzustbern. Aber ich fand sie nicht. Nun, mochte sie in Gottesnamen
bleiben, wo sie wollte, ich war nicht auf sie angewiesen. Und am
bernchsten Tag hatte ich sie vergessen.

Die Mwen schrien und die Meerschwalben zogen lutend und glucksend dahin.
Es wehte, die Brandung donnerte. Wir fuhren hinaus zum Fischfang. Wir
fuhren hinaus um den Hummer und die Languste zu fangen, unser Boot war
angefllt mit Reusen. Kedril, der Pilot Nummer Eins, erhielt eine Depesche
und wir jagten zwischen den schwarzen raschen Wogen dahin wie ein
Geisterschiff. Wir brllten wie Teufel, um das Meer zu berschreien.
Kommando und Wiederholungen der Kommando. Ich bediente das Focksegel und
trachtete mit dem Wind fertig zu werden. Ich stemmte die Fe gegen die
Bootsrippen und oft hing ich wagrecht im Boot um das Segel zu spannen.
Meine Hnde waren zerschunden, meine Augen entzndet vom Salzwasser und vom
Wind, die Haare klebten mir im Gesicht. Wir kreuzten acht Stunden lang
zwischen den Wassergrbern, bis das trbe Licht unseres Dampfers aus der
Dunkelheit blinzelte, und acht Stunden lang trillerte uns der Wind wie eine
schrille Pikkoloflte in die Ohren. Der Pilot kletterte an der schwarzen
Eisenwand in die Hhe und verschwand, und nur oben tauchte sein
schnapsrotes Gesicht mit der geschwollenen Backe -- er verwahrte den Tabak
darin -- wieder im Lichtschein der Lampen auf. Lebe wohl, Pilot! Wir, der
Knecht und ich, legten mit aller Kraft die Stangen gegen den Dampfer um
nicht zu zerschellen, und das eiserne Ungeheuer strich davon. Dann jagten
wir durch die Nacht die vielen Meilen zurck. Die Sturzseen prasselten auf
unseren gelten Anzgen. Unsere Augen lagen auf der schwarzen Strae vor
uns und sphten nach Gischt aus. Denn wo Gischt war, waren Klippen. Im
Nebel aber legten wir uns ber den Bootsrand und schnupperten ganze Tonnen
von Luft durch unsere geringelten Nasen -- um die Klippen zu _riechen_.

Wir tranken. O, wie mrderisch tranken wir! Mit der Flasche in der Hand
taumelten wir an den Wnden entlang und tranken, weil wir durstig waren.
All das Salz, hinab damit. Die Fischer brllten zum Fenster hinaus. Das
Meer hatte ihre Herzen wild gemacht und was sollten sie damit tun? Brlle
auch! schrie Yann, und ich brllte ebenfalls zum Fenster hinaus. Es machte
uns Vergngen. --

Tagelang aber hausten wir einsam da drauen mit dem Wind und den Mwen,
Poupoul und ich.

Vor meinem Hause lag ein Stein, gro und flach wie ein Tisch. Er war grau
in der Sonne, bei trbem Wetter aber frbte er sich dunkel. Auf diesem
Stein sa ich und sah dem Meere zu.

Die Wolken zogen am Himmel und ihre Schatten trieben bers Meer wie dunkle
Inseln. Der Wind blies scharf hinein ins milchig grne Wasser, ohne
nachzulassen, und das Meer war eine Armee spitzer Wellen, der Horizont
rauchte. Der Wind heulte und schrie und das Meer war getigert mit breiten
zornigen Gischtstreifen, die dahinfuhren, Donner und Blitz.

Die Stunde kam und das Meer war anders.

Die Weite blendete mich. Ich stand auf, als ob ich etwas sagen wollte,
ungeheure Worte schwebten mir auf den Lippen, Felsen von Worten, aber ihr
Sinn war mir fremd und ich sagte nichts. Ich setzte mich wieder. Der Wind
blies und fachte mein Herz an, da es glhte, bis dahin, wo es ganz alt
war. Und ich sa inmitten der Weite und Leere und der unbekannten Dinge,
die in der Luft sind. So sa ich vom Morgen bis zum Abend und nun verstand
ich, was mein Herz mir sagen wollte. Ja! Ich blickte in die Hhe. Gott war
verreist, er hatte die Erde vorlufig allein gelassen, da sie aus den
Kinderschuhen heraus war, aber die alten Gtter lebten noch, denen ich
rucherte, da ich bers Gebirge kam, die Steinaxt auf der Schulter. Hrst
du es? Wie es sauste da droben! Die alten Gtter waren da droben unterwegs.

Tausend Quadratmeilen Wasser, tausend Kubikmeilen Luft, alles gehrte mir.
Nein, die da droben sollten nicht auf den Gedanken verfallen, es mit einem
undankbaren, schbigen Burschen zu tun zu haben. Ich ging und stahl einen
halben Gartenzaun und machte ein Feuer an zwischen den Klippen. Ich warf
Fische hinein, die ich eigenhndig gefangen hatte, mit Augen und
Eingeweiden warf ich sie ins Feuer, und der Rauch schwrzte mein Gesicht.
Sie sollten es sehen, wenn sie dort oben durch den ther fuhren!

Und Tag um Tag sa ich auf dem Stein vor meinem Hause.

Drauen zogen die Dampfer vorber.

Ich unterschied die kleinste Rauchwolke unter dem hngenden Gewlk, ja
sogar ein Mast, der am Horizont wanderte, fein wie eine Nadel, konnte
meinen Augen nicht entgehen. Die Rauchwolke wuchs, ein grauer qualmender
Turm stand auf der Linie des Horizonts. Der Turm wlbte sich, bekam Maste,
Kamine, Verdecke. Die Mwen schwangen sich von den Klippen und schossen
schrillend hinaus. Und der Dampfer kmpfte sich nher. Sein Bug, sank ein
und verschwand, lange, als ginge es hinab. Dann stieg der Bug in die Hhe
und der Stern versank. Und wieder neigte sich der Bug. So zog er dahin. Die
Gischtsulen fuhren senkrecht am Schnabel in die Hhe, die Sturzseen
strichen bers Deck. Wenn es dunstig war, so kam es vor, da ich die
Dampfer aus den Augen verlor und minutenlang suchen mute, bis ich sie
wiederfand. Bei Sturm erschienen sie wie verzweifelte Gespenster, die sich
mit dem Meere schlugen. Sie sahen kahl aus, wie rasiert vom Wetter. Sie
stampften auf und ab, qualmten, rollten hin und her, versanken, und oft
dauerte es eine Stunde, bis sie den groen Strom passiert hatten.

Sie zogen nach Sden und Sdwest. Von meinem Stein aus sah ich bis nach den
heien wimmelnden Stdten Asiens, nach Sdafrika, Mexiko und Sdamerika,
und zuweilen bis dahin, wo die Palmeninseln in einem Meer so blau wie Samt
schlummern, und die Affen kletterten in unseren Tauen, sobald wir anlegten.

Ich sphte hinaus. Der Wind zerrte in meinen Haaren, die Funken stoben aus
meiner Pfeife und fuhren wagrecht ber die Heide. Auf einem Felsen sa ein
Mwe mit gestrubten Federn und sphte hinaus wie ich.

Poupoul hockte neben mir und seine Nase ringelte sich bei all den Dften,
die das Meer sandte. Er war ein pensionierter Schiffshund, ein zottiger
schwarzer Pudel, gro und ein wahrer Teufel, und hatte alle Meere befahren.
Ich hatte ihn drben an der Kste gegen eine Flasche eau de vie
eingehandelt. Zuweilen machte er eine kleine Exkursion, die Schnauze am
Boden, ob nicht etwa Schweinsohren versteckt wren. Er trollte hin und her
und lief hinab zum Meer. Das tat er auf drei Beinen, denn gewi war es so
ein erhhtes Vergngen. Er sprang vor und zurck, hielt den Rachen schrg
und schnappte nach der Welle. Dann kam er zurck und setzte sich, wieder
still neben mich.

Ein Dreimaster stand auf dem Meer. Poupouls gelbe Augen blendeten durch
seine ergrauenden Haarbschel hindurch zu mir empor.

Ja, Poupoul, ich sehe ihn schon.

Poupoul aber wollte wissen, ob das sein Schiff sei.

Ja, es ist deines!

Da heulte Poupoul kurz und hei. Ich klopfte ihm den Pelz. Komm! Wir
gingen. Wir suchten eine Mwenfeder fr meine Pfeife und strichen durch die
Klippen. Gott gebe, Poupoul, da wir eine passende Feder finden! Die
Welle klopfte. Ich sah sie an und sagte: Und was willst du? Zuweilen
redete ich mit den Sandkrnern, die ber die Heide rollten; denn ich konnte
nicht immer nur mit Poupoul reden. Auch mit den schwarzen Hammeln sprach
ich, die da und dort angepflckt waren und darauf warteten, da ein
Grashalm wuchs. Ich begrte sie und machte ihnen meinen Standpunkt klar.

Da Ihre Herren Vter Hammel waren, mit Ihrer Erlaubnis, sagte ich, ist
keine Schande! Nein, deswegen vertragen wir uns recht gut. Aber, da Ihre
Abkmmlinge noch in Millionen von Jahren nichts als Hammel sein werden, das
macht Sie verchtlich. Sie haben sich in eine Sackgasse verrannt, Ihr
Zustand flt mir Mitleid ein. Ich bitte um Verzeihung, meine Herren! Ich
grte und ging. Die Hammel sahen mir frierend und zitternd nach.

Wir hatten die Feder gefunden und gingen wieder nach Hause. Horch! Ringsum
mahlte es wie tausend Wasserflle -- die groe Lunge atmete. Die Mwe war
unterwegs, die Meerschwalbe lutete.

Trii! -- Trii! --

Di! Di! Gullugullugullu -- di!

Der Wind fegte und ich mute mich an den Steinen in der Heide festhalten.

Wenn aber die Sonne schien und ich bei guter Laune war, so setzte ich mich
in die Klippen und zog meine kleine Flte aus der Tasche. Ich hatte sie bei
Noel gekauft, um mir die Zeit damit zu vertreiben, sie kostete zehn Sou,
besa aber einen wundervollen Ton. Nun, ich spielte nicht fr euch, keine
Angst, ich spielte fr die kleine Welle zu meinen Fen, fr die Fische im
Meer, fr den Dampfer in der Ferne, fr Poupoul und mich.

Ja, herrlich klang es! Wunderbar klar hallte die Flte in den Klippen
wider. Poupoul zuckte mit den Ohren und sah mich voller Bewunderung an.




IV


Nichts geschah. Das Meer wanderte. Aber dann trappelte es drauen und ich
stand auf und mein Herz klopfte. Horch, Poupoul! Was trappelt so? Geht man
drauen?

Nun, so warte doch, du schwarzer Satan, wohin? Wie dein Haar glnzt! Wie
heit du -- Yvonne? Ich mchte deinen braunen Nacken kssen, Yvonne, wo der
Wind dein Haar auseinanderblst. So, siehst du, keine Angst -- zurck,
Poupoul! Hahaha -- sie ist doch kein Hammel!

Nun vergingen wieder viele Tage, bevor sich hier auen ein Mensch zeigte.
Ich klopfte die Pfeife aus. Tock -- tock -- es hallte in der Heide. Aber
dann tauchte ein Mann aus der Heide auf und steuerte auf mein Haus zu. Es
war Kedril, der kam um mich zu seiner Hochzeit einzuladen.

Du heiratest also, mon vieux?

Ja. Ich trinke zu viel. Wirst du kommen?

Wenn ich nicht komme, kommt niemand, Pilot!

Vielleicht kannst du deine Flte mitbringen? (Meine kleine Flte war auf
der ganzen Insel berhmt.)

Gewi, mon cher!

Auf dieser Hochzeit sah ich das gelbhaarige Mdchen wieder.

Um nichts zu versumen, war ich schon am frhen Morgen zur Stelle. Der Tau
lag noch auf den Halmen.

Ich war rasiert, mein noch in Europa gewaschener Kragen (der letzte)
blendete in der Sonne. An der Hand trug ich zwei Ringe und ber der Weste
eine dnne silberne Kette, die ich schon seit fnf Jahren mit mir in der
Hosentasche herumtrug. Gott wei, warum. Ungeheuer vornehm nahm ich mich
unter den Fischern aus, und das Aufsehen war gro.

In der Kirche knieten links die Frauen mit den weien Hauben, rechts die
Mnner. Rosseherres helles Haar stach unter all den schwarzen Mhnen ab wie
ein neugeprgter Louisdor unter alten Kupfermnzen. So oft sie das Kreuz
schlug, bewegte sie die Lippen; sie sah weder rechts noch links. Der
Priester gackerte wie eine Henne, der schweres Unrecht widerfahren ist und
die ihr seelisches Gleichgewicht nicht wiederfinden kann. Er eiferte gegen
die Trunksucht. Gewi, er fuhr in Wind und Regen hinaus aufs Meer und lebte
das ganze Jahr von getrockneten Fischen und Kautabak, whrend die Fischer
in einem gepolsterten Lehnstuhl saen und sich an der Freundschaft der
Heiligen wrmten. Wir wurden langsam im Fegfeuer gerstet, dann strich ein
leiser Zephir der Seligkeit ber uns hin und es war zu Ende. Alle waren
ergriffen. Kedril, der Brutigam, der schon um sieben Uhr morgens betrunken
war, lauschte mit ein wenig ausgestreckter Zunge und der pure Alkohol
rieselte ihm aus den entzndeten Augen. Seine Braut kniete mit fettem,
gewlbtem Rcken, den Kopf gesenkt, wie bereit zur Hinrichtung.

Poupoul unterhielt sich unterdessen prchtig mit Noels grnem Papagei, der
auf dem Kirchplatz seine Morgenpromenade machte. Ich hrte die beiden
disputieren. Auf das schallende Spottgelchter des Papageis antwortete
Poupoul stets mit rasendem Klffen.

Nach der Trauung kten sich alle. Ein Mann machte die Runde mit einer
Flasche und jeder bekam einen Schluck geweihten Wein und ein Stckchen
geweihtes Brot. Der kleine Kirchplatz wimmelte von weien Hauben; als sei
soeben ein Extrablatt ausgeworfen worden, so sah es aus.

Rosseherre stand in meiner Nhe und wandte zuweilen den Kopf nach mir. Auf
den ersten Blick hatte sie entdeckt, da ich heute meine smtlichen Juwelen
angelegt hatte. Zwei alte Fischer nherten sich ihr, nahmen die flachen
Tellermtzen von den kahlen Schdeln und rieben ihre stachligen Gesichter
gegen ihre Wange, whrend sie mit eingeknickten Knien standen. Rosseherre
lchelte mir zu, als die Fischer sie kten.

Nun kam die Reihe an mich. Ich nahm die Mtze ab und trat an Rosseherre
heran. Sie sah mich mit ungeheuer verwunderten Augen an. Diese Augen waren
graugrn und hatten gelbe Sterne in der Mitte. Sie sahen ganz anders aus
als neulich. Wie hatte ich doch denken knnen, da ihre Augen wahnsinnig
ausshen? Nur alt erschienen sie mir. Ihre tiefroten rissigen Lippen
standen voll Erstaunen offen. Dann brach sie in kindliches Gelchter aus.
Sie klemmte die Hnde zwischen die Knie und schttelte sich wie ein
messinggelber Pudel, der aus dem Wasser kommt.

Alle wurden von ihrer Heiterkeit angesteckt, auch ich; ich lachte um meine
Niederlage zu verbergen.

Du bist ja kein Fischer! sagte sie im singenden Franzsisch der Bretonin.

Woher weit du das? Nun warte, wenn nicht heute, so morgen!

Wiederum lachten alle.

Hierauf begaben sich die Geladenen ins Grandhotel, und auch die
Nichtgeladenen gingen dahin.

Das Grandhotel war eine elende gelbe Htte, die abseits vom Dorfe stand,
dicht ber der Bai, und sich nicht entschlieen konnte, nach welcher Seite
sie umfallen sollte. Vor der krummen kleinen Tr saen zwei Papageien auf
Sardinenbchsen. Ohne jedes Zeichen von Aufregung saen sie da, bald auf
der rechten Kralle, bald auf der linken, rollten die Liderkapseln, knarrten
und zuweilen lachten sie und schrien markerschtternd: Dieb, Lump,
Faulpelz!

Im Grandhotel hauste Madame Chikel, ein stmmiges Weib,  la bonheur, mit
einem lauten Mundwerk, immer liebenswrdig, immer entgegenkommend, und mit
Hnden wie Anker. In ihrem Schatten fristete Herr Chikel sein jmmerliches
Dasein, wie ein Pilz im Schatten einer Eiche. Mit seinem breitrandigen
Plantagenbesitzerhut, den er sich beigelegt hatte, seinen ewigen Bandagen
an Kopf, Armen und Beinen, erinnerte er auch an einen Pilz.

Zuweilen bekam Herr Chikel einen Schlag mit einer Flasche ber den Schdel,
zuweilen auch nur eine Serie der entzckendsten Backpfeifen. Manchmal mute
er auch seiner Gesundheit halber im Freien bernachten. Er erschien im
Mondschein wie ein Bndel in der Tr und flog die Treppe hinab. Die Tr
krachte ins Schlo, der Riegel klirrte. Vorsicht! Aus dem Fenster flogen
Hmmer, Flaschen, und Chikel war gezwungen, sich in die Klippen
zurckzuziehen, in eine Art Fort, und hier schlief er.

Herr Chikel war eine Hundeseele. Lchle ihn an, was tut er? Er zittert mit
dem Bein und lchelt wieder. Lchle etwas spttisch oder sauer, er wird
spttisch oder sauer lcheln. Ziehe die Brauen zusammen und durchbohre ihn
mit Blicken, als ob du ihn tten wolltest -- er wird alles nachahmen. Er
war verdammt dazu, den Gemtszustand anderer widerzuspiegeln, und man
konnte ihn die Skala der Empfindungen auf- und abhetzen, bis ihm der
Schwei aus den Poren brach.

Madame Chikel war ihm so sehr an Krften berlegen, da er mit List kmpfen
mute. Er liebte es sich mit spitzen Gegenstnden zu verteidigen, mit
Nadeln und Glasscherben, die er ins Bett legte; es kam ihm auch nicht
darauf an etwas Petroleum in den Strohsack zu gieen und nebenher ein
Streichholz fallen zu lassen. Sobald aber Madame Chikel etwas merkte, da
zum Beispiel ein Nagel durch die Sohle ihres Holzschuhs getrieben war, oder
sonst etwas, schlug sie ohne Mitleid auf den Pilz ein.

In diesem, dem ersten Etablissement der Insel fand Kedrils Hochzeit statt.

Die Weiber der Geladenen brachten ihre eigenen Bestecke und Teller mit --
denn das Etablissement konnte nicht so viele stellen -- und das Mahl
begann. Ein wirres Meergespenst erhob sich und sprach. Es sprach
bretonisch. Es waren Namen, Namen, eine endlose Reihe. Da und dort schlug
einer das Kreuz und auch Rosseherre zuckte pltzlich zusammen, beugte den
Kopf und bewegte die Lippen. Dann sah sie auf, etwas bleich und scheu,
whrend sie zu lcheln versuchte. Es waren die Namen all derer, die aufs
Meer hinausgefahren und nicht mehr zurckgekehrt waren. Speisen und
Getrnke wurden aufgetischt. Es gab Fisch, Hammel und einen Kuchen uralten
Rezepts, der aus Schweineblut, Mehl und Zwetschgen gebacken war. Am Anfang
ging es burisch steif zu, dann begann die Unterhaltung. Sie begann damit,
da man allgemeinen Zweifel ber die Treue von Kedrils Braut uerte.
Kedril erstickte vor Lachen.

Nach dem Mahl wurde auf der Heide getanzt.

Bumba -- bumba -- alle formten einen Kreis und stampften mit den
Holzschuhen, als stiegen sie eine Treppe empor und sangen: bumba -- bumba.
Das dauerte endlos. Pltzlich aber begann eine einzelne Mdchenstimme zu
schrillen und der Kreis setzte sich in Bewegung.

Es war Rosseherre, die sang. Sie sang mit der Fistel, so hoch und schrill,
da selbst eine Grille erstaunt wre. Sie sang das bretonische
Hochzeitslied:

   Gib mir doch, gib mir doch, dein klein' Herz, mein Lieb --
   Gib mir doch, gib mir doch, dein kleines ses Herz --

Sie wiegte den Kopf dabei und sah zum Himmel empor. Ihre Haare flogen und
der Reigen drehte sich. Die Holzschuhe klapperten, die Tcher wehten, die
langen Haare der Frauen, die Bnder der weien Hauben. Auf der einen Hlfte
des Reigens wehte alles einwrts, auf der andern nach auen. Die Fischer
mit den Kpfen Ertrunkener und den blinkenden Augen trollten unbeholfen
dahin, die braungebeizten Indianerweiber lachten und zeigten die weien
Zhne, whrend die Rcke ber ihre dicken weien Strmpfe emporschlugen. Um
den Reigen herum standen die Kinder, grell geputzt wie Puppen, mit
Ruschelkpfen, roten Backen und staunenden, strahlenden Augen.

Tief unten rauschte das Meer. Die Brandung lief und donnerte. Die Mwen
schrillten und flogen ber den Reigen weg, der Wind wehte. Es war Sommer,
die Sonne schien, aber die Insel sah aus wie eine trostlose de von
starrenden Felsen. In der Ferne zogen auf einem tiefblauen Streifen im Meer
zwei Dampfer gegen Sden; da drauen lief die Strae vorbei, auf der die
Zeit wanderte.

   Gib mir doch, gib mir doch, dein klein' Herz, mein Lieb --

Ich stand und folgte dem blonden Kopf Rosseherres, der im Kreise ging wie
eine funkelnde Glocke, die bimmelte. Rhrend sang sie --

Neben mir stand Yann, der kleine Kapitn, denn wir waren stets beisammen.
Yanns Distelkopf war heute nicht nur gewaschen, sondern abgescheuert wie
ein Deck. Man sah noch deutlich jeden Brstenstrich. Seine hellblauen
Kinderaugen waren geputzt wie Schiffslaternen. Er trug zur Feier des Tages
einen eingeschrumpften weien Kittel, einen zerknitterten Kragen, blaue
Manschetten, schwarze Holzschuhe und ein dnnes Bambusstckchen. Durch die
Krawatte hatte er eine Nadel mit einem riesigen Brillanten gesteckt, der
Quere nach, so da die Nadel fingerlang herausragte. Und dazu -- ha, ha,
riechst du es nicht? -- hatte er sich parfmiert, der Elegant. Die blaue
schmucke Kapitnsmtze trug er nachlssig hinten im Genick wie etwas
Nebenschliches und Lstiges.

Yann stand natrlich mit gespreizten Beinen, die Hnde in den Hosentaschen,
aber das war bei weitem nicht genug. Die Fe waren einwrts gerichtet,
besonders der rechte, die Schenkel auf unmgliche Weise verdreht, so da
sein rundes Sitzfleisch plastisch hervortrat. Die linke Hfte war stark
herausgedrckt, dann machte Yanns Taille einen grazisen Bogen einwrts und
die Brust stand vollkommen senkrecht. Diese Stellung gab einen federnden
Unterbau aus Gummi und Stahl, und so konnte man in aller Gemtsruhe auf
einem schwankenden Verdeck in der grbsten See stehen. Auch lie sich der
Oberkrper nach Belieben wenden und drehen, ohne da man je den Unterbau
verndern mute.

Yann war Kapitn eines kleinen Regierungsdampfers, der drunten auf der
Reede vor Anker lag. Seine Laufbahn war die bliche gewesen: Mousse auf
einem Fischerkutter, Ohrfeigen und nichts zu essen, Leichtmatrose auf
verschiedenen Segelschiffen, Ohrfeigen und wenig zu essen, zwei Campagnen
Stockfischfang auf den Bnken von St. Pierre, Hundefressen, ein paar Jahre
Dienst auf einem Amerikadampfer, ertrgliches Essen. Von da an war es rasch
in die Hhe gegangen mit ihm. Er wurde geprfter Pilot und die Regierung
vertraute ihm jenen schwarzlackierten Sarg mit Dampfheizung an, hundert
Tonnen, sechs Mann Besatzung. Diese Auszeichnung war ihm zu gnnen. Seine
Fingerkappen waren noch heute verunstaltet vom Reffen der Segel -- und da
drunten bei Kap Horn waren die vereisten Segel hart wie Glas, da das Blut
aus den Ngeln sprang und man zuletzt die Ellbogen nehmen mute -- sein
rechter Zeigefinger war gebogen vom Abschneiden von Tausenden von
Stockfischkpfen. Seine Finger hatten tiefe Rinnen von den Angelleinen,
seine Hnde waren hart vom Rudern und den ewigen Tauen.

Yann war ein Tausendsasa. Er war Schneider, Schuster, Tischler, Schlosser,
Koch, was war er nicht, er konnte Strmpfe stricken, Netze knpfen und
flicken, mit einem Stck Draht, das er auf der Strae fand, ffnete er dir
jedes Schlo. Dieser Teufelskerl sprach Arabisch, Malaiisch, Chinesisch,
was nicht, abgesehen von jenen lumpigen Sprachen wie Spanisch,
Portugiesisch, Englisch usw. Von all diesen Sprachen wute er nur fnf
Wrter. Aber damit konnte er alles sagen, was ntig war die Bedrfnisse
eines Seemannes zu decken, der an Land geht. Obendrein wute er von allen
Sprachen das gemeinste Schimpfwort, das er anwandte, wenn ihn die
Kenntnisse verlieen oder ihm etwas gegen den Strich ging. Sobald er den
Fu auf eine ferne Kste setzte, schleuderte er dem Gewrm dieses kapitale
Schimpfwort entgegen. Ah, ein Eingeweihter, kein Neuling! Die Preise sanken
rapid, denn Yann stie bei jedem, auch dem demtigsten Angebot dasselbe
ungeheure Schimpfwort hervor, und das gleiche Wort bekam der Glckliche an
den Kopf, dem er etwas abkaufte.

So war Yann! Er war vollgestopft mit verfnglichen Scherzfragen und mit
zwlf Streichhlzern konnte er schdelspaltende Probleme bewltigen. Aus
einer einzigen Spielkarte konnte er etwas so unerhrt Unanstndiges
schneiden, da einem das Wasser aus den Augen sprang. Gib Yann zum Beispiel
dein Taschenmesser. Er nimmt es in die Hand wie ein Numismatiker eine
seltene Mnze. Messingfalse, gut, sie rosten nicht. Er stt es in Noels
Ladentisch, wippt daran, er schneidet eine tiefe Kerbe in Noels Tisch: der
Stahl ist gut, berhaupt ein hbsches Messer! Er stellt beide Klingen
senkrecht zum Griff -- wenn nun einer Lust hat, ich stelle mich gegen die
Wand, heran -- wupp! zwei Stiche auf einmal. Yann streckt die Klingen. So!
Wenn nun hinten einer kommt und vorn -- eins, zwei! -- man schwingt den
Arm, der hinten erhlt das Messer in den Bauch, der vorn in die Kehle. Ein
hbsches Messer, merci!

Und doch war Yann ein Gemt. Es kam wohl vor, da er seinen Schiffsjungen
mit der Faust ins Gesicht schlug, aber er gab ihm doch sofort zehn Sou, als
die Mutter dieses Schiffsjungen erkrankte. Er konnte mit Trnen in den
Augen schwrmen von einem Weinchen, das er vor sechs Jahren irgendwo
getrunken hatte, von Mdchen, die er genossen hatte -- ah, so etwas, s,
saftig, und welch eine liebliche Stimme -- ! --

Da stand er nun, duftend und herausgeputzt, vom Kopf bis zu den Zehen eine
einzige ungeheure berlegenheit und Verachtung, und sein loses Maul stand
nicht einen Augenblick still.

He, dich haben sie wohl heute aus dem Friedhof freigelassen,
Gromtterchen? sagte er zu einer verschrumpften Greisin mit wachsgelbem
Gesicht. Ein Mdchen, das guter Hoffnung war, grte er beraus hflich:
Bonjour, messieurs-dames! Fr jeden hatte er eine kleine Aufmerksamkeit
auf Lager. Doch man nahm es ihm weiter nicht bel und zahlte ihm mit
gleicher Mnze heim. Aber Yann behielt stets das letzte Wort.

Ha! ha! ha! Und mit einem schallenden Lachen machte er dem
niedergeschmetterten Gegner den Garaus.

Nun aber war seine Stunde gekommen. Er rusperte sich, was zum Teufel
steckt mir doch in der Kehle? Vorwrts, gehen wir hinein. Ein Glschen,
he!

Der Reigen gefiel mir, ich blieb. Ich stand und sah Rosseherre an.

Yann lachte. Wie kann dir das doch gefallen! Das sind ja Wilde! sagte er
verchtlich. Glaube nicht, da das Franzosen sind! He! Nein, das sind
Leute aus der Sintflut, ohne jede Zivilisation und Bildung, sie sterben
aus. Sieh sie doch an -- bumba, bumba! Und Yann lachte rasend um mir
seinen ungleich hheren Kulturzustand darzutun. Dabei war er aus Roskoff,
Yann hie er und war selbst ein Bretone von oben bis unten, o du Schurke!

Kennst du Rosseherre? fragte ich ihn. Rosseherre? Natrlich kenne ich
sie! Yann sah an mir vorbei. Sonst sagte er nichts. Hm! Nun marsch! Er
wollte trinken und da gab es kein Struben bei ihm.




V


Wir hatten ganze fnf Schritte zu gehen, aber Yann handhabte sein
Bambusstckchen, als ob er im Bois de Boulogne lustwandle.

Im Grandhotel ging es schon laut her. Die Fischer schwangen die Glser in
den steifen Hnden, sie sprachen wie Fsser und Rhren, stieen sich
gutmtig mit den Fusten und spritzten einander ganze Duschen von Schnaps
ins Gesicht, wenn sie in Gelchter ausbrachen. Alles war in Bewegung, nur
Chikel, die Hundeseele, rhrte sich nicht. Er hatte es sich in den Kopf
gesetzt nicht mitzumachen. Den bandagierten Fu auf einem Stuhl, sa er in
der Ecke und spielte Domino mit einem unsichtbaren Gegner. Sein Kopf war
verbunden und nur ein kleines Auge bewegte sich hinter dem Verband, wie ein
kleines glnzendes Tier in einem dunklen Kfig.

Hallo, Chikel, neulich war dein Arm verbunden und heute bist du ganz
eingewickelt?

Yann aber sagte nichts, er postierte sich vor Chikel auf und lachte
unverschmt.

Das sind die Folgen meiner schlechten Auffhrung, erwiderte Chikel mit
einem scheuen Achselzucken und schob mit der zarten schmutzigen Hand die
Dominosteine. Madame Chikel aber rief von der Bar herber, da man ihrem
Lumpen keinen Sou in die Hand geben solle. Heute nacht hatte ihr Lump die
Bretter der Bettstatt durchgesgt, so da sie durchkrachte. O, was fr
eine erbrmliche Kanaille!

Hier Pfiff Chikel vor boshaftem Vergngen wie eine Maus, aber
augenblicklich schwieg er wieder still, da seine Gattin eine Gebrde
machte.

Der Reigen war zu Ende und die Hochzeitsgesellschaft fllte die kleine Bar.
Das eigentliche Fest begann. Die Bar wurde unter eau de vie gesetzt. Man
schrie und betrank sich, Mnner und Frauen. Ein Dudelsack winzelte und man
tanzte. Es war eine Art Schottisch, aber die Hauptsache dabei war, da man
gehrig mit den Holzschuhen stampfte. Das Grandhotel tobte wie das Innere
einer groen Trommel, auf die ein Rasender mit Prgeln losschlgt. Ganze
Wolken von Staub stiegen von den Dielen auf.

Rosseherre kam in meine Nhe und ich trat an sie heran und bat sie um einen
Tanz.

Ihr kleines Gesicht war mit einer sonderbaren Rte bedeckt, als sei es mit
Ziegelmehl gepudert. Sie lachte mich an. Ihr Gebi blitzte. Sie sagte
nichts.

Nun, Rosseherre? Willst du nicht?

Rosseherre schttelte den Kopf und lachte wieder. Sie war verlegen.

Schn. Ich wandte mich ab und kehrte zu Yann zurck um einen geeigneteren
Zeitpunkt fr eine Annherung abzuwarten.

Yann amsierte sich prchtig. Er sa in einer Ecke, trank, applizierte den
Tnzern kleine Futritte in die Kniekehle und kniff die Frauen. Ho! Ho! Ho!
Und wie er dabei lachte! Schlielich stach er sich die Hand an seiner
Krawattennadel blutig, und augenblicklich ri er Binde und Kragen ab und
zerstampfte wtend diese Anhngsel der Zivilisation. Nun fhlte er sich
wieder Mensch, und es war merkwrdig, er trank jetzt zweimal so rasch.

Da gab es einen kleinen Zwischenfall. Jean Louis, den sie den Meerknig
nannten, ein kleiner weihaariger Greis, sank lautlos in sich zusammen. Man
trug ihn hinaus und legte ihn vor das Haus.

Rosseherre trat zu Yann. Grovater liegt vor der Tr, sagte sie etwas
beunruhigt.

Yann lachte. Nun, und was weiter? fragte er. Glaubst du, jemand wird
kommen und ihn stehlen?

Rosseherre lchelte. Nein, nun war sie beruhigt. Yann reichte ihr geners
sein Glas.

Das hier ist mein Freund! schrie er und deutete auf mich. Umarme ihn,
vorwrts!

Das kam Rosseherre sehr komisch vor.

Wir kennen uns schon, sagte ich, indem ich ihr die Hand reichte und in
die Augen sah, aber Rosseherre will nichts mit mir zu tun haben, sie ist
zu stolz.

Stolz? O, ich bin gar nicht stolz! rief Rosseherre singend aus und rckte
verlegen an der Haube.

Aber doch willst du nicht mit mir tanzen, Rosseherre!

Sie lachte.

Tanze mit ihm, tanze sofort mit ihm, er ist mein Freund, schrie Yann.
Tanze mit ihm! Das wiederholte er hundertmal, bis Rosseherre einwilligte.

Ich stampfte im Kreise wie die andern, Rosseherre im Arm. Sie war leicht
und schmal und ihre Haare fielen weich ber meine Hand.

Du bist wohl drben an der Kste gewesen, Rosseherre?

Ach, nein, sie war nicht auf der groen Erde, sie war nur auf der Insel
Molen.

Heute in der Kirche sahst du so hbsch aus, Rosseherre. Wie eine kleine
Madonna. Du hast mir gefallen, bei Gott! sagte ich und zog sie an mich.

Rosseherre strubte sich nicht; sie lchelte und sah flchtig zu mir empor.

Sie hatte viele Sommersprossen, besonders unter den Augen. Ihr Mund war
voll und weich, ein Mund, der sich beim Kusse ganz ergibt. Sie hatte fast
gar keine Brauen. Kindlich und unentwickelt war ihr Gesicht, trotz der
merkwrdigen, alten Augen. Auf ihrer niedrigen, eigensinnigen Stirn waren
die Linien vieler Falten zu sehen, wie bei allen Mdchen der Insel und
selbst bei Kindern. Denn in die grausame Helle des weiten Himmels konnte
man nur mit zusammengezogenen Brauen blicken.

Wir wurden langsam in der Runde geschoben. So oft wir an Yann vorbeikamen,
stach er nach uns mit seinem Bambusstckchen. Dann war der Tanz zu Ende.

Rosseherre war erhitzt und trocknete sich die Stirn mit dem rmel. Ich zog
ein kleines, blaues Tuch aus der Tasche und reichte es ihr.

Ein hbsches Foulard! rief sie aus.

Yann prfte fachmnnisch das Gewebe.

Prima! sagte er.

Ich faltete das Tuch zusammen und legte es in Rosseherres kleine braune
Hand.

Nun?

Behalte es, wenn du willst, Rosseherre. Ich brauche es nicht.

Rosseherre sah mich unglubig an.

Nun, so nimm es doch, Rosseherre! schrie Yann. Er ist mein Freund!

Rosseherre sah mich dankbar an. Merci! sagte sie leise und lchelte. Sie
betrachtete das Tuch nochmals von allen Seiten. Wo hast du es gekauft? --
In Paris!? Das konnte Rosseherre kaum fassen. Dann beugte sie sich ber
meine Hand und studierte die Ringe. Wie hbsch sie sind, Yann, sieh doch!
Ich nahm die Ringe ab und sie streifte sie ber die Finger. Sie hielt sie
gegen das Licht, damit sie glnzten, und ihre Augen waren voll verliebter
Gier.

Nun aber mute Yann sein Gutachten abgeben. Er zog ein derbes Messer aus
der Tasche hinten, schabte vorsichtig daran und ritzte die Steine. Zuletzt
spie er etwas darauf und polierte sie am rmel.

Echt! sagte er.

Rosseherre war durstig und wollte gerne Cidre haben. Also, Cidre,
Patronne! Im Namen der Hlle, rasch, sechs Flaschen!

Yann prfte ihn. Er roch, leckte, zerprete einen kleinen Schluck auf der
Zunge und je weiter seine Untersuchung vorschritt, desto strahlender wurde
seine Miene. Das war ein Cidre . . .! Auch Rosseherre und ich muten daran
riechen, Yann zwinkerte vielsagend und berhufte im nchsten Augenblick
Madame Chikel mit den wstesten Vorwrfen, uns so etwas fr diesen Preis
vorzusetzen. Madame Chikel war gezwungen den Preis um einen Sou pro Flasche
nachzulassen, ob sie wollte oder nicht. Nun war Yann glcklich.

Ich tue das immer, sagte er, das sind ja lauter Diebe, diese Leute auf
der Insel. Selbst die Priester sind Diebe hier. Dann zeigte er mir, wie
man Cidre zu trinken habe. Nicht schlucken, um Gottes willen nicht
schlucken -- so -- einfach hinablaufen lassen. Durchs Schlucken verliert
der Cidre vollkommen seine Blume, seine Seele. Aber wenn man getrunken hat,
mu man die Zunge gegen den Gaumen pressen, das prickelt angenehm. So!

Pltzlich schwang Yann seinen Fu rasch unterm Tisch. Ich wollte nur
sehen, ob ihr zwei -- haha!

Wir unterhielten uns ausgezeichnet. Auch Poupoul. Es schien, als ob die
Erinnerung an seine besten Zeiten in ihm erwache. Er lchelte. Einigemal
wandte er mit groer Geschicklichkeit seinen Rattenfallentrick an, der
darin bestand, da er die Zhne um ein Bein schlug und festhielt ohne zu
beien.

Die schwarze Jeanette stand lchelnd neben uns und sah mit verlangenden
Augen zu, wie wir tafelten.

Hole dir ein Glas, Jeanette! rief ich ihr zu.

Aber da wurde Rosseherre purpurrot im Gesicht.

Nun, ein Glas Cidre mag sie wohl haben?

Yann sagte: Sie ist Rosseherres Feindin.

Ach so!

Da stand Jeanette mit dem Glas in der Hand. Yann sah sie an und lchelte
verchtlich.

Du hast dir das Glas geholt? fragte er spttisch. Nun, trag es wieder
hbsch zurck. Ho! Ho! Ho!

Und Jeanette ffnete verblfft den Mund, lachte laut und herzlich und trug
das Glas zurck.

Sie trstete sich rasch. Ein kleiner stiernackiger Seemann hatte den Arm um
sie gelegt und sie ging mit ihm hinaus. Unter der Tre sah sie lachend zu
uns her und zeigte die Zhne.

Siehst du, sagte Yann, da geht sie hinaus, sie schmt sich gar nicht.

Die Bar tobte. Man htte hier einen Dampfhammer arbeiten lassen knnen,
niemand htte ihn gehrt. Ha! Ha! Ha! Hoo! Es entstanden heulende
Schwingungen infolge des Getses und zuweilen schien es, als fliege das
Grandhotel durch die Luft. Diese stillen, schweigsamen Leute, die in der
Einsamkeit der Wogen beim Rauschen des Meeres arbeiteten, brllten heute
fr ein ganzes Jahr. In der Ecke stand einer, den Kopf gegen die Wand
gelehnt, die Augen verzckt geschlossen, und ri das Maul auf und schrie
sinnlos heraus.

Die Kpfe dampften, die Arme wirbelten. Die Augen glhten wie geschmolzenes
Blei in den brandroten Gesichtern. Die Frauen kreischten und quiekten. Es
herrschte eine Betrunkenheit, die in Europa lngst ausgestorben ist. Nur
Chikel sa in seinem Winkel und spielte Domino.

Ich mu gestehen, da ich mich hier zu Hause fhlte. Ich liebe sittsame
Gesellschaften nicht. Zuweilen staut sich die Luft in meinen Lungen und
dann macht es mir Vergngen zu brllen. Die berschssige Kraft zuckt in
meinen Muskeln und sie werden pltzlich hart wie Stein, und dann ist es
hbsch einen Teller in Stcke zu schlagen. Siehst du! Wenn mich in guter
Gesellschaft ein Idiot langweilt, so mu ich dazu lcheln, hier aber kann
ich ihm sofort sagen, da er in die Hlle fahren mge. Ja, bitte! Hier
konnte man auch trinken, ohne sofort als Pavian zu gelten und tausend
gestreckte Meilen Abstand zwischen sich und seine Umgebung zu legen.

Ha! Ha! Ha! Hooo!

Kedril hat allen Grund mit seiner Hochzeit zufrieden zu sein. Und er war
es. In eine Wolke von Alkohol eingehllt, mit Gespensteraugen, ging er mit
einer Flasche in der Hand umher, wie ein Sprengwagen. Und dazu sprach
dieser Mann eine vollkommen neue Sprache! Hatte sich der Geist eines
Hhlenbewohners Chikels Seele bemchtigt und ritt sie?

Was zum Teufel redet er denn?

Yann wute es. Die Mondsprache, sagte er und begann eine Unterhaltung in
diesem Idiom mit Kedril. Kedril war entzckt, er verstand, er antwortete.
Ich aber war Auslnder, Kedril sah das ein.

Wo steckt denn deine Frau, Kedril?

Frau? Frau? Frau? Kedril tanzte mit der Flasche. O, er hatte ganz
vergessen --

Wie schn der Priester heute gesprochen hat, wie? fuhr er fort. Du
sollst dich nicht vollsaufen, hahaha, so schn, so rhrend hat er
gesprochen. Morgen passiert die >Lady of Ireland<, morgen abend, wirst du
mitkommen? Eine Spazierfahrt. Ja, sagte ich, mein kleines Haifischchen --
Er erzhlte verworren von seinem Haifisch, den er im vorigen Sommer
gefangen hatte. Mein kleiner Haifisch, ich sehe ihn, er marschiert daher,
komm heran, mein Kleiner, mit deinen hbschen Zhnchen -- keine Angst, gib
mit die Ehre. Es sah aus, als habe er ihn mit der Hand gefangen und an den
Zhnen herausgezogen -- ekelhaft!

O Kedril, Pilot Nummer Eins, Haifischfnger, ich sage dir, mein Bruder,
dieser Haifisch, der dich berhmt gemacht hat, war dein Verderben. Du warst
der ordentlichste Mann der Insel, jetzt geht es dahin mit dir. Du hast
geheiratet, wirst Kinder zeugen, Hydrocephalen, du wirst dein Boot
vertrinken und deine Frau wird dich windelweich hauen. Es gibt kein Zurck
mehr.

Kedril war gerhrt ber meine Ansprache. Er umarmte und kte mich. Dank,
mein Freund, du meinst es gut mit mir!

Ich drckte ihm verstohlen ein Fnffrankenstck in die Hand. Es soll
lustig hergehen auf deiner Hochzeit, Pilot.

Kedril prfte die Mnze zwischen den hlzernen Fingern und bohrte sich mit
der Flasche in die Mauer von Rcken, die die Bar umgab.

Eine neue Epoche des Festes begann. Sie charakterisierte sich dadurch, da
es in allen Ecken klirrte und kurze Streitigkeiten aufflackerten. Sie
wurden in triefender Sentimentalitt ertrnkt. Die beiden Papageien, die
man hereingenommen hatte, turnten auf ihrer Stange und schrien begeistert.

Und nun spiele! rief Yann. Du hast doch die Flte dabei?

Jawohl!

So spiele uns etwas.

Ich nahm die Flte aus der Tasche, feuchtete die Lippen an und lie die
Finger ber die Lcher galoppieren. Und meine kleine Flte sang:

   Freut eu--ich des Lebens, weil no--och das L--mpchen glht --
   Pflcke--et die Rose, eh' sie--ie verblht -- --

Hoho! Bravo! Bis -- bis!

Und wieder sang meine kleine Flte:

   Freut eu--ich des Lebens . . .

Der Dudelsack winselte und die Holzschuhe stampften.

Da war auch die schwarze Jeanette wieder. Sie stand mit einem jungen
Fischer und sah zu uns her.

Da ist sie wieder! sagte Yann verchtlich.

Wirklich, sie schmte sich nicht im geringsten.

Ich tanzte immerfort mit Rosseherre.

Tanzt nur, tanzt nur! schrie Yann. Nun, wir tanzten. Wir wurden
gequetscht und getreten, aber es war schn. Rosseherres kleine Brust atmete
erregt. Ihr Gesicht war rot vom Cidre. So oft ich sie an mich zog, sah sie
zu mir empor und lachte mich an. Martina zupfte mich am Arm und sagte:
Hallo! Aber ich beachtete sie gar nicht. Es gab hier einige Mdchen, die
mir groes Entgegenkommen zeigten, aber was waren sie gegen Rosseherre? Sie
hatten alle dicke Buche, als ob sie guter Hoffnung wren, Rosseherre
dagegen, ha!

Vielleicht werde ich dir einmal einen meiner Ringe schenken, Rosseherre,
sagte ich ihr ins Ohr. Wie hbsch ihre kleine weie Haube war, und ihr
Mieder war mit einem halben Hundert farbiger Nadeln zugesteckt.

Pltzlich aber tanzte etwas durch die Luft, tanzte und tanzte mir mitten
auf die Stirn. Ein Weinglas. Ich bekam einen kleinen Ri in die Haut und
blutete. Ich richtete mich auf. Im Falle es auf der Insel Sitte sein sollte
mit Glsern zu werfen, diese Sitte machte ich nicht mit, nein, merci!

Wer hat geworfen? schrie ich. Rosseherre zupfte mich am Arm und ich
verstand.

Es war Yann. Er lachte, und in seinen hellblauen Kinderuglein sah ich
gerade den letzten Funken Zorn erlschen.

Deine letzte Stunde ist gekommen, kleiner Kapitn. Alle Kalenderheiligen
knnen dich nicht mehr retten!

Hehe! lachte Yann und wand sich. Du wirst doch nicht! Hehehe, ihr sollt
endlich aufhren zu tanzen.

Er blutet ja, sagte Rosseherre und reichte mir das kleine Tuch, das ich
ihr geschenkt hatte.

Das beruhigte mich augenblicklich. Yann geno ja mildernde Umstnde, das
Leben sollte ihm noch einmal geschenkt sein. Meine gute Stimmung kehrte
zurck, denn war es nicht rhrend, da stand Rosseherre mit dem Tuch in der
Hand. Meine Seele, ber die eben ein Taifun dahinwirbelte, lag spiegelglatt
da. Ich lachte. Ja, man mu lachen ber ein Rindvieh deines Kalibers, Yann!
Ich bedauerte ihn sogar ein wenig. Er hatte zwei kolossale strategische
Fehler gemacht. Erstens hatte er mir durch den voreilig abgefeuerten Schu
seine Stellung verraten, und zweitens hatte er Rosseherre gezeigt, da er
eiferschtig war. Und das war der schlimmere Fehler.

Yann stand auf und legte die Hand feierlich aufs Herz. Seine treuen
Kinderaugen standen voller Trnen. Ich wollte ja nur ein wenig werfen, ein
wenig, mein Freund.

Ich reichte ihm die Hand. Auch ich hatte Trnen in den Augen. Wir umarmten
und kten uns wie es sich gehrt, und somit war die Sache erledigt.

Rosseherre aber stand stumm da und ihre niedrige Stirn war in tausend
kleine Falten gekruselt, wie das Meer, wenn es zu wehen anfngt.

Ich wusch die Schramme mit Cidre aus und bestellte Wein. Wir wollen Dampf
aufsetzen! Rosseherre lache!

Rosseherre lchelte.

Nun war alles in Ordnung.

Es schien mir nur recht und billig, da ich mich fr Kedrils Einladung
revanchierte, indem ich etwas ganz Auerordentliches zur Erhhung des
Festes beisteuerte. Infolgedessen gab ich einen Cakewalk zum besten. Ich
hmmerte mit den Abstzen darauf los -- hang it all --

   Da was no ha'r on de top of his haid
   De place whar de ha'r ought to grow!
   An he had no teef fo' to eat de hoe-cake
   So he had to let de hoe-cake go!
   Hang up de fiddle ad de bo-oo-ow --

O-oo-ooh! Hahaha! Was war das fr ein Erfolg!

Poupoul umkreiste mich klffend, er frchtete um meinen Verstand.

   Take down de shovel and de hoe --

Kedril dankte mir gerhrt. Dann stotterte er, da Madame Chikel nichts auf
Borg gbe, und ich suchte meine Franken zusammen. Keinen Dank, Kedril,
wegen Aufgabe des Geschfts wird das Lager verschleudert.

Eine neue, glnzendere Epoche des Festes begann. Rosseherre aber tanzte
nicht mehr mit mir.




VI


Es ist jammerschade, da Kedrils Hochzeitsfest, das so glnzend und in
groem Stil verlief, mit einer klglichen Dissonanz endete: Chikel, das
Lazarett, geladen mit Wut ber sein freiwilliges Martyrium, fing wegen
nichts Streit an. Die Hochzeitsgesellschaft knulte sich zu einer
unheilvollen Wolke zusammen, aber da fegte Madame Chikel wie ein Sturmwind
hinter der Bar vor. Das Blut stieg ihr in den Kopf, sie bekam ihren Anfall
von Raserei und warf uns alle zur Tre hinaus. Die Papageien erwachten bei
dem Lrm und schrien aus vollen Lungen: Dieb, Lump, Dieb, Dieb --

So endete Kedrils Ehrentag.

Ich lachte noch auf dem Heimweg. Ich bellte vor Lachen, denn ich war
vollkommen heiser. Hoho, wie wir alle zur Tre hinausflogen und ber die
Heide rollten! Kedril rollte mit einer Flasche, die er hoch hielt. Yann,
Yann, wo bist du so pltzlich hingekommen? Das war nicht das langweilige,
vorsichtige Europa, das waren Leute aus der Steinzeit, die alles auf Leben
und Tod taten!

So sehr erschtterte mich das Lachen, da es mir unmglich war mich
aufzurichten. Ich kroch auf allen vieren dahin und da ich dazu bellte,
hielt mich Poupoul fr seinesgleichen. Er tanzte wie nrrisch vor mir herum
und zuweilen leckte er mir das Gesicht ab. Ich drehte bei und lauschte.
Dahinten grhlte das Dorf. Es khlte nur langsam ab. Die Nacht war schwarz
wie ein Kohlenbergwerk; Creach stand mitten darin wie ein glhendes
Gespenst, das Feuer durch alle Knochen spie.

Da hielt Poupoul an. Er stellte sich auf die Hinterfe und legte mir die
Pfoten auf die Schultern und klffte. Ich umarmte und kte ihn: Poupoul,
Seele, nun da wir beide Hunde sind!

Und Poupoul leckte mit seiner saugenden Zunge mein Gesicht von unten bis
oben ab. Aber er ging nicht weiter. Da bemerkte ich, da wir vor einem
Abgrund abgestoppt hatten: das war die Schlucht, die sie Poupons Schlucht
nannten.

Meine Stirn wurde eisigkalt. Ich schwang die Zunge zwischen den Zhnen und
dachte angestrengt nach. Lange. Ja! Weshalb sollte ich eigentlich auf allen
vieren kriechen? Das war es. Ich stand auf. Aber da entglitt die Insel
unter meinen Fen wie eine Drehscheibe und ich verwandelte mich wieder in
einen Vierfler. Dagegen war nichts zu tun. Ich hatte die
Durchschlagskraft von Chikels Getrnken unterschtzt, das war alles. Im
brigen, gingen nicht meine Vorfahren ebenfalls auf allen vieren, als sie
noch der Einfachheit halber Haare trugen? Vielleicht wrde es mir bei
einiger Propaganda gelingen, diese Art von Fortbewegung wieder in Mode zu
bringen? Die Menschen waren ja fr jede Neuheit zu haben. Wie? En route,
Poupoul!

Als ich den Mnch passierte, der dastand und den Sauriern predigte, erfate
mich eine seelische Erschtterung. Ich sagte: Ich nahe mich in Ehrfurcht,
auf den Knien, Hochwrdiger. Aber der Mnch holte mit dem Arm aus und
schmetterte mich zu Boden. Lange lag ich leblos und Poupoul stellte
verzweifelte Wiederbelebungsversuche an.

Wie lange brauchten wir, Poupoul, bis wir nach Hause kamen? Aber
schlielich lag ich auf dem Bett. Da kam einer von den Sauriern auf der
Heide herein, ergriff das Bett mit dem Rssel und schleuderte es hoch in
die Luft. Es tanzte und wirbelte herab zur Erde, wo es krachend aufschlug.
Ich erwachte. Aber da sauste ein brennendroter Komet heran und zerplatzte
vor meinem Gesicht. Hehehe! Zweitausend Grillen saen in meinem Kopf und
schrillten: gib mir doch, gib mir doch -- da zog mich die Melodie langsam
im Kreise und ich schlief ein.

Doch ich fand keine Ruhe. Mein Blut kochte. Der Schwei rann in Strmen
ber mein Gesicht. Ich stand auf. Die Tre war offen. Es war khl, ja bei
Gott, das war eine Nacht wie ein khles Leintuch. Ich ging hinaus und
fhlte wie mein Kopf khl und klar wurde. Das Mondlicht lag auf der Heide,
dick wie Schnee, und zwischen den Grsern schwebten zarte, silberne
Lichtgespinste, die zerflossen, wenn man weiter ging. Ich stieg hinab zum
Meer.

Es lag wie flssiges Silber, bebte und flimmerte, in der Nhe aber war es
schwarz und glatt wie Pech. Es atmete verstohlen wie ein Dieb im Versteck
und bei jedem verstohlenen Atemzug ringelte sich eine silberne Schlange im
Sand. Meine Sohlen glhten, ich watete hinein und meine Fe whlten in
gleiendem Silber. Das Silber stieg mir bis an die Brust, an das Kinn --
ah, nun berhrte es meine Lider, es schlug ber mir zusammen. Nun war es
dunkel um mich her, ich aber gleite von oben bis unten. Wie ein
schimmerndes Gespenst bewegte ich mich im schwarzen Meer. Silberne Perlen
stiegen unter meinen Sohlen auf. Ich nieste, und ich nieste Silber, einen
Sprhregen feiner silberner Tropfen, die rasch in die Hhe stiegen. Ich
blickte nach oben. Dort lag das Silber wie eine dicke Schicht. All die
schweren Silberkugeln, die meine Schritte aufrhrten, tanzten blitzschnell
in die Hhe und vereinigten sich mit ihr.

Das ist das Mondlicht auf dem Meere, sagte ich und ging weiter. Wie
wunderbar ging es sich doch auf dem Grund des Meeres!

War vorhin Lrm gewesen? Nein. Aber doch war es jetzt tausendmal stiller.
Solch eine Stille! Ich blieb stehen und lauschte. Diese Stille ergriff
mich. Da stand ich auf dem Grund des Meeres, den Kopf geneigt, und lauschte
und war glcklich. Das ist das Nirwana! sagte ich und nickte. Da sind
wir nun --

Lchelnd ging ich weiter. Es ging ber endlose Dnen, Sand, Sand, mein Fu
sank ein. Das Meer war schwarzgrn wie die Urwlder, in die keine Sonne
dringt. Dann durchwanderte ich einen Wald hoher geisterhafter Eisblumen.
Wie bleiche Flammen standen sie und rhrten sich nicht. Pltzlich aber
schwankten sie, teilten sich und ich sah zwei groe runde Fenster vor mir
glnzen. Etwas mahlte, und nun sah ich, da die groen runden Fenster die
Augen eines Ungetms von einem Fisch waren, der mich neugierig anstarrte
und die Kiefer hin- und herschob. Hehe! Ich schnippte mit den Fingern. Das
Ungetm spreizte seine Rckenflosse, manverierte und zog sich zurck.

Der Wald der Eisblumen war zu Ende und ich stand wieder vor einer endlosen
Sandebene.

Ich suchte etwas. Was, im Namen Gottes, suchte ich doch? Da stie ich an
etwas Hartes. Es war eine kleine Schiffskanone, die im Sande lag. Sie war
dick mit Grnspan bedeckt, ich pickte daran, siehe da, ganze Stcke lieen
sich abbrechen. Ich ging weiter. Was suchte ich doch hier? Ich schttelte
den Kopf, ich wute es nicht. Im Sande lag ein kleiner toter Fisch. Ich sah
ihn lange an. Geheimnisvoll lag er da und sein weier Bauch schien mir zu
sagen, da er lange auf mich gewartet habe, zu lange. Ich grub ein kleines
Loch, bettete den Fisch hinein, wie es sich gehrt, und schttete Sand
darber. Oben auf das kleine Grab legte ich eine Muschel. Alles mute seine
Ordnung haben.

Dann ging ich wieder. Unruhe ergriff mich. Ich blickte um mich, ich sah in
die Hhe. Ringsum war das dunkle unendliche Meer. Und pltzlich packte mich
eine frchterliche Angst, weil ich hier unten im groen Meer irrte, klein
wie ein Sandkorn, und nicht wute, warum. Ich fing an zu laufen. Das Grauen
jagte mich. Die Hnde ausgestreckt, mit vor Entsetzen wehenden Haaren
strzte ich durchs Meer dahin und schrie.

Pltzlich aber hielt ich inne und staunte und wurde ganz ruhig im Herzen:
vor mir lag ein Wrack, grnlichgrau wie das Meer selbst.

Es war ein haushohes altes Kauffahrteischiff, bauchig, mit einer Flucht
viereckiger Luken, plumpen Verdeckbauten und zersplitterten Maststumpen.
Von oben bis unten war es mit einer schleimigen Lehmschicht berzogen und
grne Moosbrte hingen berall herab. Neugierig ging ich um das Wrack
herum. Am Bug war eine verstmmelte Holzfigur, am Heck stand der Name:
Maria A. D. 1730.

Da sah ich oben eine graue Gestalt, die sich ber die Reling beugte, und
mich anrief: Hallo, bist du hier, alter Leichenschnder? Und der Mann
lachte.

Am Lachen erkannte ich ihn. Es war Kerhuel, ein Fischer, der vor einigen
Wochen mit zwei anderen ertrunken war.

Ah, Kerhuel, du bist es!

Komm an Bord! Hast du Tabak bei dir? Hier ist die Leiter, Achtung! Eine
Strickleiter hpfte herab.

Ich geriet in groe Erregung. Ich habe Tabak, Kerhuel! rief ich und stieg
rasch an der schleimigen Wand des Wracks empor.

Vorwrts! schrie Kerhuel, dessen Augen unnatrlich hell waren. Alle sind
hier, Leman, Bec, eine tolle Wirtschaft. Rosseherre wartet schon lange auf
dich!

Rosseherre! Ach, ich war ja ausgezogen um Rosseherre zu suchen! Wie dumm --
nun fiel es mir ein. Du wirst Rosseherre suchen, sagte ich zu mir, als ich
ins Meer stieg.

Hallo! heulte Kerhuel, die Hnde am Mund. Patron! Ein Neuer ist
gekommen! Hallo, Rosseherre, der Hochzeiter ist da! Von allen Seiten
tauchten verwilderte Kpfe aus den Luken.

Ich sah eine Pyramide von grauen Haaren vor mir. Das war der Patron. Sein
Haupthaar, seine Brauen, sein Bart hingen wie Moos bis aufs Deck herab.
Sein Schnauzbart flatterte, sein Bart wehte, er hatte die Lippen schon
lange wieder geschlossen, als ich verstand, was er sagte: Willkommen auf
dem Meeresgrund!

Hundert Hnde streckten sich mir zum Grue entgegen, hundert neugierige
Gesichter, leuchtend von kindlicher Freude, umdrngten mich. Sie alle
hatten helle weitgeffnete Augen und die Haare hingen ihnen wie nasser Tang
ber die fahlen Gesichter. Willkommen auf dem Meeresgrund!

Ich erkannte Leman, wie immer hatte er den kurzen Stumpen einer Gipspfeife
im Mund, Bec mit der Hasenscharte -- hallo! Zwei Fischer, Vater und Sohn,
die ich nie gesehen hatte, schttelten mir derb die Hand.

Das ist Rosseherres Vater und das hier ist dein Schwager, umarme sie!
rief Kerhuel.

Rosseherre ist hier! sagten die zwei und kten mich auf beide Wangen.

Hier war ich gut aufgehoben, ich fhlte mich zu Hause. Da sprte ich einen
kleinen Schlag auf der Schulter und drehte mich augenblicklich um. Das war
Rosseherre! Sie sah mich an und lachte wie jemand, der sich versteckt hatte
und den man endlich aufstberte.

Hast du den Weg doch gefunden? fragte sie. Wo sind die Ringe?

Ich antwortete ihr nicht. Ich war gelaufen durch Tangwlder, Wsten und
ber Wurzelberge und nun war sie da. Ich stie einen wilden Schrei aus,
ergriff sie und hob sie hoch ber den Kopf empor. Dann begann ich zu
laufen. Ich rannte die schmale Treppe hinauf aufs Achterdeck, um die
Taubndel herum, hinunter, an der Reling entlang, hinauf aufs Vorderdeck.
Ich lief wie ein Teufel, und hinter mir her tobte die wilde Jagd.
Rosseherre hielt sich an meinen Haaren fest und stie einen durchdringenden
jauchzenden Schrei aus. Ich sprang mit ihr in eine Luke hinein, kletterte
blitzschnell die steilen Stufen hinab und eilte durch einen schmalen Gang.
Ein Schwarm aufgescheuchter winziger Fische scho vor uns her. Die wilde
Jagd hinter uns heulte, da es brauste. Ich rannte mit Rosseherre auf den
Armen durch ein Labyrinth von Gngen und Gemchern und endlich fing ich
mich in einem groen Raum am Heck. Es gab keinen Ausweg mehr. Die wilde
Jagd brach tobend herein. Ich keuchte.

Hochzeit, Hochzeit! schrien sie und schwangen die Mtzen, indem sie uns
umringten.

Wollt ihr nicht ein wenig Platz machen! sagte ich lachend und wischte den
Schwei vom Gesicht.

Nein, das wollten sie nicht. Reit ihnen die Kleider vom Leib, ho! ho!
Sie heulten und drngten nher. Kopf an Kopf standen sie, hundert
neugierige fahle Gesichter mit nassen. Haaren und hellen Glasaugen. Sie
wollten alles sehen --




VII


Ich erwachte beim klglichen Blken eines Hammels. Die Tre stand offen und
die Sonne schien herein. Sie leckte schon nach meinem schwarzen Kamin, es
war nach Mittag. Ich sprang auf, Poupoul kam herein um beim Lever
gegenwrtig zu sein. Ich schmte mich ein wenig vor ihm und blinzelte ihn
scheu an. Aber seine Hochachtung und Zuneigung hatte nicht im geringsten
gelitten. Dann ging ich hinunter zum Meer und schwamm, bis ich eiskalt bis
in die Knochen wurde. Nun war ich frisch und guter Dinge. Ich hatte heute
nacht eines der tiefsten Bohrlcher meiner Existenz erreicht -- nun wrde
es gesetzmig in die Hhe gehen, immer hher, Gott wei wohin.

Der Tag war herrlich und entfachte Mut.

Das Meer war spiegelglatt und blau wie Seide. Der Himmel war vollkommen
wolkenlos und von wunderbar tiefblauer Frbung. Er flimmerte und da und
dort war er durchsichtig wie Kristall: dort sausten die Windstrme. ber
die Insel aber hauchte nur eine kaum fhlbare Brise. Sie streifte das Meer
und breitete einen groen stahlblauen Fcher darauf aus, der sich bald
ffnete, bald schlo. Ein Schwarm von kleinen leuchtenden Segeln stand
drauen. All die Fischer, die gestern betrunken vor dem Grandhotel rollten,
waren bei der Arbeit. Es wurde Abend, der Himmel frbte sich grnlich. Das
Meer wurde rot wie Wein und die leise Brise hauchte und tupfte das Meer mit
fransigen metallgrnen Flecken, die wanderten.

Die kleinen Segel glitten heimwrts durch die Bai und waren bleich.

Ich ging hinunter zum Hafen und stieg in Kedrils Boot. Als es dunkelte,
zogen wir das Segel auf. Unmerklich glitten wir dahin, lautlos wie ein
groer Vogel, und erst nach einer Stunde hatten wir die groe Bai hinter
uns. Die Mondsichel gleite. Alle groen Sterne funkelten am Himmel, die
kleinen waren nicht zu sehen. Es waren tausend Stockwerke des Raums ber
uns. Die Mondsichel schwebte tief unten im Meer und die groen Sterne
blitzten aus der Tiefe. Es waren tausend Stockwerke unter uns. Zwischen
Oben und Unten war eine dnne Glasscheibe und darauf glitten wir dahin.

Die groe Stille der Nacht machte uns still und jeder hing seinen Gedanken
nach. Am Horizont im Sden sprhte ein Stern, halb im Meer, wie ein
schwimmendes Feuer. Er sandte knisternde Strahlen nach mir -- er sprach mit
mir. Ihr Wesen, die ihr euch an diesem Feuer wrmt, wie nennt ihr diese
Sonne? Hala? Wandelte ich einst unter Halas Strahlen oder ist es mir
bestimmt auf meiner groen Reise dort vorber zu kommen?

Du groer Geist ber den Wassern: La mich einst unter Hala wandeln, la
meine Seele in den Bisonochsen fahren oder den Brllaffen, einerlei -- la
sie nicht sterben --

Kedril nieste. Kedril, Unreiner, weshalb niesest du zu unrechter Zeit und
vermischst deinen Unrat mit dem Weihrauch, den ich dem groen Geiste
emporsende?

Wir lagen und warteten auf die Lady of Ireland aus Queenstown. Creach in
der Ferne schwang seine Lichtwindmhle durch die Nacht und alle sieben
Sekunden blendete uns sein Feuer zweimal nacheinander. Dann schien es, als
wren wir hundert Schritte entfernt und blickten mitten in die gleiende
Linse und erblindeten.

Das Meer pochte am Boot und das Spiegelbild der Mondsichel verzerrte sich
und manchmal brach es in Stcke und Splitter. Die groen Sterne gleiten in
der Tiefe wie faustgroe Brillanten, und zuweilen lsten sie sich in ein
Geflimmer zitternder Funken auf, die sofort wieder zusammenschmolzen. Ich
sah in das schwarze glnzende Pech hinein, durch mein mattes Spiegelbild
hindurch; zuweilen wlbte es sich lautlos, als atme es. Feindselig und
schaurig sah das Meer in der Tiefe aus -- man glitt hinab, ohne Laut,
tiefer und tiefer, es war dunkel und weich und immer noch fhlten die Fe
keinen Grund . . . Pltzlich fiel mir der Traum von heute nacht ein: da
drunten feierte ich Hochzeit mit Rosseherre --. Ich lachte leise.

Siehst du das Licht? fragte Kedril.

Ich machte die Augen scharf. Ein rtliches Pnktchen flimmerte am Horizont,
hundertfach feiner als der verglimmende Docht einer Kerze in einem dunkeln
Raum.

Verteufelt scharfe Augen hast du, Pilot!

Die Lady of Ireland rauschte heran. Ohne Laut. Das Deng-deng der Glocke
auf der Brcke klang klar durch die Stille. Ein paar Schatten beugten sich
herab. Kedril ging an Bord.

Wir wechselten einige Worte mit den Schatten da droben. Eigentmlich
klingen menschliche Stimmen in der Nacht auf dem Meer! Wie Gespenster waren
wir.




VIII


Alles traf so ein, wie ich es vorausgesehen hatte. An einem trben
Nachmittag trappelte es vor meiner Tre wie wenn ein junges Pferd
vorbeigaloppierte, und als ich ffnete, sah ich ein Mdchen mit einer
weien Haube in der Heide stehen. Sie fhrte zwei schwarze Hammel am
Strick. Ich sah bis hierher ihre Zhne, sie lachte. Der Wind flatterte in
ihren Rcken, es schien, als werde sie zu mir hergeweht.

Hier wohnst du? rief sie zu mir herber und der Wind verwehte ihre
Stimme, da sie fadendnn und fern klang.

Ja, hier, hast du es nicht gewut? Wohin gehst du?

Rosseherre drehte sich und lachte. Ich bringe meine Hammel nach Hause.

Was sagst du?

Meine Hammel bringe ich nach Hause!

Ich ging nher.

Wie ist es dir ergangen seit Kedrils Hochzeit? Nichts Neues? Wir gingen
Seite an Seite und kmpften uns gegen den Wind.

Rosseherre sah mich durch das Gitter ihrer wehenden gelben Haare an und
lachte. Yann hat mich vor Zorn geschttelt. Weil ich mit dir tanzte.

Yann? Er sagte doch selbst, da du mit mir tanzen sollst?

Aber weil du _so_ mit mir getanzt hast.

So? Wie sollte ich denn sonst mit dir tanzen? Man tanzt immer _so_ mit
einem Mdchen.

Das sah Rosseherre ein. Yann ist immer bei schlechter Laune, fuhr sie
plappernd fort. Er will, da wir heiraten. Aber Jean Louis gibt nicht die
Einwilligung dazu und ohne das geht es nicht. Ich bin noch zu jung, sagt
Grovater.

Dir eilt es wohl nicht so sehr?

Rosseherre schttelte den Kopf. O, nein! Wenn ich ihn einmal geheiratet
habe, so wird er anfangen zu trinken und mich schlagen, das tun sie alle.

Nein. Yann hat ein gutes Herz.

Rosseherre nickte. Sein Herz ist gut, ja. Aber er ist ein Seemann,
trotzdem.

Rosseherre erzhlte tausend Kleinigkeiten, die ich alle mit Vergngen
anhrte. Ihre hohe kindliche Stimme schwang auf und ab und der Wind
verwehte sie. Die ganze Rosseherre flatterte wie eine Fahne. Bei jedem
Schritt schlpften ihre kleinen runden Fersen aus den Holzschuhen. Ihre
Augen waren zusammengezogen und scharf gegen den Wind gerichtet, wie die
Augen einer Mwe. Sie zuckte nicht einmal mit der Wimper, wenn ihr die
eiskalten Regentropfen ins Gesicht schlugen.

Wie die Erde so braun bist du, Rosseherre, deine Haare sind gelb wie die
Heideblumen und sonst bist du gemacht aus Wind und Regen und Salz!

Wir gingen auf und ab ber die de Heide. Da und dort lagen verwitterte
Steinblcke und Haufen von aufgeschichtetem Tang. Nichts war zu hren als
das klgliche Blken der frierenden Hammel, die hier und da angepflckt
waren, und der schrille Schrei einer Mwe irgendwo. Eine hungrige schwarze
Kuh stand am Wege und muhte melancholisch, als wir vorbeikamen. Sie war
nicht grer als ein Kalb, eine Zwergin von einer Kuh. Keine der wenigen
Khe auf der Insel war grer. Auch die Tiere taten hier nur, was unbedingt
ntig war; die Hhner legten winzige Taubeneier. Am Boden zitterten kleine
kurzstielige Blumen. Der Wind lie sie nicht in die Hhe wachsen. Da sie
die Nordwinde frchteten, so hatten sie sich nur an den sdlichen Rndern
der Erdwlle angesiedelt. Hier lagen sie auf dem Gesicht und froren. So oft
wir aus einer Mulde herauskamen, sahen wir das dster rauchende Meer und
die schumenden Klippen. Der Norden der Insel war in eine Nebelbank
eingehllt, die langsam nherkroch.

Rosseherre wute nichts mehr, und nun erzhlte ich ihr alles, was mir da
drunten auf dem Meeresgrund passiert war. Ich flocht eine Menge
haarstrubender Abenteuer mit Haifischen und Polypen ein um ihrer Phantasie
entgegenzukommen.

Pltzlich blieb Rosseherre, stehen und sah mich erschrocken an. Ihre Augen
waren grn wie der Schaum im Meer. Du hast Vater und Bruder gesehen?
unterbrach sie mich.

Ich trumte das ja nur, Rosseherre.

Rosseherres Blick flackerte und sie wurde rot. Sie sind beide ertrunken,
sagte sie leise. Und sie deutete ber die Heide und ihre Stirn zerknitterte
sich feindselig. Da drauen! Eine Weile erschien sie mir merkwrdig und
um vieles lter, dann aber schttelte sie den Kopf und ging weiter. Und
was sagten sie?

Rosseherre ist hier. Sonst nichts.

Rosseherre lchelte.

Sonst sagten sie nichts?

Nein.

Und ich erzhlte, da sie alle im Kreise standen und heulten, und was ich
mit ihr tat. Da sah mich Rosseherre mit groen, verwunderten, lachenden
Augen an und brach in ein lautes, kindliches Gelchter aus.

Solch ein Traum -- hahaha! -- wie kann ein Mensch nur so etwas trumen.

Ja, was sagst du dazu, Rosseherre? rief ich aus und lachte ebenfalls und
legte den Arm um ihr Mieder. Ist das nicht eine nrrische Sache gewesen?

Rosseherre sah sich um und suchte zu entschlpfen. Wenn es jemand sieht!

Was tut es?

Sie sah mich erstaunt an. Yann wird dich tten?

Haha! Ich lachte. Was tut es? Ich war ganz trunken von ihrer Nhe.
Durch das Mieder fhlte ich die Wrme ihres Krpers und ihre kleinen zarten
Rippen. Ihre Haare wehten mir ins Gesicht. Auf ihrer braunen Wange lag ein
Regentropfen und fing zu rieseln an. Gerade auf diesen rieselnden
Regentropfen kte ich sie. Ihre Wange war kalt wie Eis.

O, wie bse du bist! rief Rosseherre aus, rot im Gesicht.

Was soll ich tun, da du mir gefllst, Rosseherre?

Sie lachte und kmpfte sich tapfer durch den Wind vorwrts.

Du hast auch Jeanette gekt.

Jeanette? Die schwarze Jeanette?

Ja, sie hat es erzhlt. Und man sagt, da du Martina besuchst und einmal
hat man dich nachts in Stiff gesehen, vor dem Hause der Witwe Bec --

Da hatte ich es. Mein Leumund war nicht der beste.

Hahaha, Rosseherre, Rosseherre, was die Leute doch alles zusammenlgen!
Sonst hat man nichts gesagt, wie?

Die Nebelbank war dicht vor uns. Sie kroch auf gekruselten Rdern von
Rauch ber die Heide. Im Augenblick waren wir eingehllt. Der Strick in
Rosseherres Hand wurde unsichtbar und die kleinen Hammel trippelten grau
und verwaschen hinter uns her. Rauch klebte in ihrer Wolle.

Pltzlich erschtterte ein furchtbarer Ton die Luft und wir erbebten. Es
klang, als ob ein haushoher eherner Stier brllte. Sein Atem ri ein Loch
in den Raum, eine Rhre, durch die das Brllen wie eine groe grollende
Kugel hinaus bers Meer rollte, ferne, immer ferner. Dann erhob der eherne
Stier aufs neue sein Gebrll und der Boden zitterte.

Nun sieht uns niemand mehr, Rosseherre! sagte ich und kte ihre eisige
Wange, und ihre feuchten Haare kamen mir zwischen die Lippen.

Rosseherre strubte sich nicht mehr. Aber sie lachte, als fnde sie es
lcherlich, da ich sie kte.

Wenn dir meine Ringe gefallen, Rosseherre, sagte ich, so sollst du sie
haben. Komme zu mir, dann bringe ich sie dir heraus, du brauchst nicht ins
Haus zu treten.

Weshalb aber willst du mir die Ringe schenken? fragte Rosseherre.

Weil du die Schnste der Insel bist!

Hahaha!

Wirst du kommen?

Rosseherre sah mich an. Weshalb soll ich denn nicht kommen? sagte sie
verwundert. Aber du darfst dich nicht mehr mit Jeanette abgeben, hrst du?
Ich hasse sie. Und Yann darf es nicht wissen!

Nie wird Yann etwas erfahren.

Nun, adieu! Rosseherre lief. Doch nach ein paar Schritten blieb sie
wieder stehen. Dis-donc! rief sie durch den Nebel. Kannst du mir zwei
Sou leihen?

Ich lieh ihr zwei Sou. --

Die ganze Nacht hindurch brllte das Nebelhorn von Creach. Alle drei
Minuten erschtterte sein Gebrll zweimal nacheinander mein Haus. Und in
den Pausen war es so bengstigend still, als lausche alles, das Meer, die
Klippen. Und auch da drauen auf den Schiffen lauschten sie; sie neigten
sich ber die Brcke, machten die Ohren scharf und zhlten die Minuten ab
und ihre Herzen klopften.

Ich sa vor meinem kleinen Feuer, rauchte die Pfeife und dachte daran, was
ich Rosseherre sagen wrde, wenn sie kme.

Hre Rosseherre, kleine se Madonna, wollte ich sagen, nimm Platz, ich
habe all die Zeit auf dich gewartet und mein Herz ist voller Freude dich zu
sehen --

Ich lauschte. Ein Dampfer tutete. Ganz fern. Er tutete ngstlich und
eingeschchtert, als ob er sich vorsichtig Schritt um Schritt vorwrts
taste. Der Nebel quoll wie Rauch durch die Ritzen der Tre. Ich legte Holz
aufs Feuer.

Das ist ja alles Unsinn! sagte ich laut. Ich werde ganz anders mit ihr
reden. So, wie man mit einem Fischermdchen spricht, basta!




IX


Als sie aber kam, sagte ich gar nichts. Ah, da bist du ja!

Ja, da bin ich, antwortete sie und zeigte die Zhne.

Willst du nicht hereinkommen?

Sie lugte neugierig durch die Tre.

Nein, ach nein. Die Sonne scheint so schn!

Da sa nun Rosseherre, die kleine Blume der Insel, auf dem Stein vor meiner
Tre und arbeitete an einem dicken weien Strumpf. Die Holzschuhe hingen an
ihren Zehen, zuweilen strich sie sich eine Haarstrhne aus dem Gesicht. Sie
plapperte und ihr frischer, sechzehnjhriger Mund stand nicht einen
Augenblick still.

Ich rauchte und sah ihren flinken braunen Hnden mit den hellen
Fingerngeln zu, und den Stricknadeln, die gegeneinanderschlugen wie ein
Bndel von Masten verankerter Fischerboote bei unruhiger See.

Ein paar Schritte entfernt standen die beiden Hammel Rosseherres, schwarz
wie Teufel. Der Wind spielte in ihrer Wolle. Stundenlang konnten sie ohne
sich zu bewegen uns Wundertiere wie hypnotisiert anstarren und die helle
Angst und Ehrfurcht blendete aus ihren schwarzgeschlitzten Bernsteinaugen.
Zuweilen schnupperten sie mit ihren sanften sffisanten Kamelsschnauzen und
wichen scheu zurck, denn sie frchteten sich vor allem, dem Wind, den
Insekten und selbst vor Dingen, die wir Menschen nicht sehen. Wenn Poupoul
sich nur streckte oder ghnte, so rannten sie rasend vor Schrecken um ihren
Pflock herum. Gewi erschien er ihnen wie ein schrecklicher, haushoher Br,
der sie mit Haut und Haar verschlingen konnte, ohne im geringsten satt zu
sein. Dann standen sie wieder auf ihren dnnen eleganten Beinchen, auf den
Zehen sozusagen, und sahen uns ngstlich und neugierig an.

Auf dem Meere zog ein Dampfer. Winzige Flaggen kletterten an seinen Tauen
in die Hhe, er sprach mit unserem Semaphor. Ich machte die Augen scharf
und sphte hinaus: da ruderte ein Fischer verzweifelt in seinem kleinen
Kahn um nicht zerschmettert zu werden. Nein, es war eine schwarze Klippe,
nichts sonst, immer wieder konnte ich mich tuschen. Die Wogen wanderten
vorber, endlos, immer andere, immer die gleichen. Aus dem Meer hob sich
eine weie Tatze und schlug nach den Klippen.

Es war warm, die Insekten summten. In den letzten Tagen waren vor
Sturmvilla kleine Blumen aufgeblht, die ich noch nirgends gesehen hatte.
Sie sahen aus wie winzige gedrehte Wachskerzen, rundherum liefen kleine
Blten, wchserne Glckchen. Wir hatten es gut hier, und wie herrlich blau
der Rauch meiner Pfeife war!

Rosseherre schwang ihre Holzschuhe an den Zehen und sang halblaut. Es klang
wie das feine Weinen des Windes und zuweilen wie das Piepen der kleinen
Vgel, die auf der Insel lebten und nur leise und schchtern sangen, als
sei es nicht der Mhe wert.

Willst du mir nicht sagen, was du singst, Rosseherre?

Rosseherre dachte lange nach, dann sang sie halblaut und rasch Strophe um
Strophe, erst Bretonisch und dann Franzsisch. Sie zgerte: O, das kann
man nicht auf franzsisch sagen, es hrt sich wie nichts an.

Was ist es?

Es ist ein Fischermdchen, das ins Kloster nach Quimper kommt. Der Fischer
besucht sie und klopft ans Fenster. Mach auf, mach auf! sagt er, blick
heraus. Du brauchst nur die Hand zu ffnen und ich lege einen Apfel und
eine Birne hinein.

Sie wute ein kleines trauriges Lied, das sie oft sang, und ich verga es
nicht wieder. Es braucht nur ein leiser Wind zu wehen und ich hre dieses
Lied in den Ohren. Denn das Lied und der Wind, das ist ein und dasselbe.
Ein Mdchen will einen Fischer heiraten, aber die Frauen sagen: Tu es
nicht. Nichts als Kummer wirst du haben, Kind, dann stirbt er und du bist
allein. -- Vielleicht nicht, sagt sie und nimmt ihn. Der Fischer zieht fort
nach St. Pierre zum Stockfischfang, auf viele Monate. Nun kommt eine Nacht,
eijo, wie wild und dunkel sie ist! Pltzlich pocht es ans Fenster der
Fischerfrau. Mach auf, ich bin's, dein geliebter Mann. Sie ffnet das
Fenster. Da steht er und auf der Hand trgt er sein Herz. Sie schreit und
klagt und luft zu den. Nachbarn: Mein geliebter Mann ist tot.

Ist er auch wirklich tot gewesen, glaubst du?

Rosseherre sah mich mit erstaunten Augen an. Sie antwortete gar nicht.

Am besten aber gefiel mir das Lied, das die Fischerfrauen ihren Kindern
singen.

Sobald Rosseherre es begann, mute ich lcheln.

Rosseherre sang:

Die Fischerfrau kocht den Brei und spricht: Ach, knnt ich doch wissen, wo
mein guter Mann ist. Ein Jahr lang hab ich nichts von ihm gehrt. -- Der
Gnom sitzt im Kamin und fft ihr nach --

Aber Rosseherre sagte ja nicht Gnom, sie sagte Lutin und das klang ganz
anders. Lutin, Lutin. Und die Stimme des Lutin sang sie ganz hoch und
quiekend:

Der Lutin sitzt im Kamin und fft ihr nach: Ach, knnt ich doch wissen, wo
mein guter Mann ist. Ein Jahr lang habe ich nichts gehrt von ihm.

Die Fischerfrau seufzt und spricht: Ach, guter Mann, komm und hilf mir
doch.

Der Lutin fft ihr nach: Ach, guter Mann, komm und hilf mir doch.

Die Fischerfrau spricht: Ach, guter Mann, der Lutin sitzt im Kamin und
fft mir nach.

Der Lutin fft ihr nach: Ach, guter Mann, der Lutin sitzt im Kamin und
fft mir nach.

Die Fischerfrau spricht: Lutin, Lutin, ich habe keine Furcht vor dir.

Der Lutin fft ihr nach: Lutin, Lutin, ich habe keine Furcht vor dir.

Die Fischerfrau spricht: Ach, guter Mann, hilf mir doch, der Lutin hat mir
einen schwarzen Stein in den Brei geworfen!

Der Lutin fft ihr nach: Ach, guter Mann, hilf mir doch, der Lutin hat mir
einen schwarzen Stein in den Brei geworfen!

Schrill und spottend klang hier Rosseherres Stimme. Ich lachte.

Ich mchte das kleine Lied bretonisch haben, sagte ich, willst du es mir
aufschreiben?

Ja.

Komm herein.

Rosseherre sah mich mit heiteren vielsagenden Augen an. Sie schttelte das
gelbe Haar. Nein? Rosseherre, was du doch denkst! Ich brachte ihr ein
Stck Papier und sie beugte sich darber und kritzelte: Rosse--herre.

Aber das Lied?

Rosseherre lachte. Sie konnte nicht schreiben.

Der Abend kam und Rosseherre pflckte die Hammel ab.

Dann nahm sie den Strickstrumpf unter den Arm und lief. Kenavo!

Kenavo!

Die Bnder ihrer weien Haube flatterten. Rasch und lieblich wie die Maus
im Felde bist du, Rosseherre -- -- --




X


An vielen Nachmittagen kam Rosseherre mit ihren Hammeln nach Sturmvilla.
Yann war drauen auf dem Meer.

Und sie erzhlte von den Lutins, die frher an die Fenster der Fischer
klopften, in der Nacht, und schrien: mrri, mrri! Wie eine Katze miaute
Rosseherre. Ja, und ein Lutin zerri einen Brunnenstein, mitten durch ri
er ihn, weil er in Wut kam. Sie lockten die Fischer auch in die Grotten am
Meer, sie sagten: Komm, komm mit in die Grotte, Gold, Gold, ganze Haufen
Gold will ich dir geben. Dann aber kam die Flut und die Fischer ertranken
elend.

Ob sie je einen Lutin gesehen habe?

Rosseherre schttelte den Kopf. Nein, sagte sie und blickte mit offenem
Mund zum Himmel empor. Einmal, glaube ich, habe ich Lutins gesehen, drei
Stck, die nebeneinander hockten und mir Gesichter schnitten. Aber ich mu
mich wohl versehen haben. Denn es gibt keine Lutins mehr. Die Priester sind
gekommen und haben Weihwasser ber die Felsen gesprengt, da sind die Lutins
aufs Meer hinausgefahren, ganze Schwrme. Nur einen Geist gibt es noch auf
der Insel, das ist Poupon, der Mrder.

Poupon, der Mrder?

Rosseherre nickte. Ja, sagte sie ernsthaft, er haust in der tiefen
Schlucht, du gehst jeden Tag vorber. Wenn das Meer wild ist, so kannst du
ihn heulen hren. Hte dich vor ihm!

Hte dich?

Ja. Niemand geht hier vorber. Denn Poupon hat einen bsen Charakter.
Schon viele hat er hinuntergerissen. Alle machen einen Bogen. Poupon, ja,
er war ein Fischer und hatte eine junge Frau. Einmal fuhr er nach der
groen Erde hinber und da kamen groe Strme und er mute drei Wochen
warten. Dann kam er zurck. Und ein Lutin setzte sich auf sein Ohr und
sagte immerfort: Es war einer hier. Seine Frau setzte die Fischsuppe auf
den Tisch und klopfte ihm auf die Backe, aber er stie sie zurck und
sagte: Wer war hier? Sie sagte: Keiner! und weinte.

Poupon aber wurde immer wtender; und nichts ist schrecklicher als ein
Fischer, der eiferschtig ist. Frau! sagte er, wenn es so abgeht, so werde
ich sagen: Frau, ich verzeihe dir. Aber wenn es nicht so abgeht, so werde
ich sagen: Schmutzige Kuh! und werde dich tten. Sie sollte aber ein Kind
bekommen und Poupon erstach sie. Er kam mit einem blutigen Messer ins Dorf
und tanzte vor den Husern, und die Leute frchteten sich. Dann, ja, dann
lief er ber die Heide nach Stiff, wo die Klippen so hoch sind wie zwei
Kirchtrme, und strzte sich hinab. Aber das Meer wollte ihn nicht und warf
ihn zurck. Da rannte er rund um die Insel und schrie so furchtbar, da
alle es hrten und die Tren aufmachten. Er strzte sich dort in der
Schlucht ins Meer, aber das Meer nahm ihn nicht. Seitdem haust er in der
Schlucht. Und sobald der Sturm kommt, strzt er sich ins Meer und heult
lauter als der Sturm, aber das Meer nimmt ihn nicht. Er kann nicht
sterben.

Nun wute ich auch, weshalb Rosseherre stets einen groen Bogen beschrieb,
sobald sie sich Poupons Schlucht nherte.

Weshalb kann er aber nicht sterben? fragte ich und stellte mich dumm.

Rosseherre brach in das heiterste Lachen aus. Weil die Frau unschuldig
war! Der Lutin hatte ihn belogen. Traue nie einem Lutin, das sind schlechte
Wesen. --

Ich ging ins Dorf und lie mir all die Herrlichkeiten an Schultertchern
vorlegen, die Noel besa. Ich whlte ein blauseidenes Tuch mit grellroten
Rosen in den Ecken. In Noels Laden traf ich mit Martina zusammen. Sie rief
mich spter vor Noels Haus an, ich wollte vorbergehen.

Du bist so lange nicht gekommen? sagte sie, und ich sah, da sie trotz
alle dem schne schwarze Augen hatte.

Ich blickte an ihr vorbei, hinaus aufs Meer.

Ich komme auch nicht wieder! entgegnete ich.

Martina sprach kein Wort darauf, sie sah mich verwundert an und ging.

Haha, welche Freude Rosseherre haben wird, wenn ich ihr das Schultertuch
zeige! Und ihre Freude war gro. Das ist fr mich? sagte sie und deutete
auf ihr Herz. O nein, o nein?

Ich hatte ein kleines Messer. Das gefiel Rosseherre und sie bekam es. Mein
Bleistift gefiel ihr, eine alte Kupfermnze, ein Taschentuch. Alles hatte
Wert fr sie und sie bekam es. Rosseherres Gesicht war verdunkelt von einem
tiefen, alten Kummer. Sie war Noel zehn Sou schuldig und er gab nichts
mehr, bevor sie bezahlte. Und Rosseherre zeigte mir ihr kleines
Lederbeutelchen, es waren nur drei Sou darin. Ob ich ihr vielleicht zehn
Sou leihen knne? Und nun war Rosseherre frhlich, so leicht fhlte sie
sich, da sie, immerfort ihre blitzenden Zhne zeigte.

Rosseherre, sagte ich, willst du nicht jetzt die Ringe haben, die ich
dir versprach?

Sie lchelte und schttelte den Kopf.

Nein?

Nein. Denn wenn ich sie habe, so wird niemand auf der Insel glauben, da
du sie mir so geschenkt hast.

Aber du brauchst sie ja nicht zu zeigen.

Was habe ich von Ringen, die niemand sieht?

Und Rosseherre --?

Rosseherre lachte. Sie war ein Kind.

Ich aber fhlte, da ich keine Macht ber sie hatte. Durch nichts konnte
ich Eindruck auf sie machen. Ich war wohl braun wie ein Fischer und meine
Stimme war so rauh wie die eines Matrosen. Zuweilen sagte sie auch, da ich
wilde Augen habe. Ich hob den Stein, auf dem sie sa, ein wenig in die Hhe
um ihr zu zeigen, da ich Kraft hatte. Ich warf mich in die Brust und
sagte, da es mir Vergngen machen wrde, mit einem Schock Teufel um eines
ihrer blonden Haare zu kmpfen. Nichts half.

Rosseherre, was soll ich tun, soll ich Feuer speien und Felsblcke ins Meer
schleudern wie der selige Polyphem? Hehe, Rosseherre, oder soll ich dir
zeigen, da ich strker bin als du --




XI


Es wehte, wirre Stimmen und hohles Geschrei waren in der Luft. Das Meer
warf sich unruhig hin und her und toste. Die Gischtsulen stiegen senkrecht
an den Klippen empor und der Wind schleuderte sie zischend gegen das
Gestein.

Ich sah Rosseherre ber die Heide kommen, aber pltzlich verschwand sie und
erst nach einer Weile entdeckte ich ihre weie Haube drauen zwischen den
Klippen.

Sie sa unttig auf einem Stein und starrte ins Meer hinaus.

Guten Tag, Rosseherre!

Sie antwortete nicht.

Willst du nicht zu mir kommen?

Rosseherre zog die Stirn in tausend kleine Falten, dann sah sie mich an.
Ihre Augen sahen matt und krank aus. Ich verstand, was sie sagen wollte,
und lie sie allein.

Einmal sah ich, da Rosseherre den Kopf in die Hnde nahm und ihn wiegte
wie jemand, der weint. Der Wind fltete in den Felsen und peitschte das
graue Meer. Sie sa im fegenden Regen.

Ich ging nher. Sie weinte nicht, sie sang mit einer hohen traurigen Stimme
und wiegte den Kopf dazu.

Ich rief sie an. Sie wandte den Kopf. Ihre Wangen schienen eingefallen zu
sein, sie sah gealtert aus. Ihre Augen waren ganz verndert und der Blick
so fremd, als erkenne sie mich nicht.

Weshalb sitzt du denn im Regen, Rosseherre?

Sie bewegte die Lippen und lchelte, ein leises, krankes Lcheln. Sie sagte
nichts.

Ich ging. Ich fing an zu verstehen, da etwas nicht in Ordnung sein msse
mit ihr.

Sie sa da drauen im Regen bis es dunkelte. Spter ging ich hinaus um nach
ihr zu sehen. Sie war gegangen, einen andern Weg.




XII


Es ist noch Nacht. Alles ist leer, die Gtter schlafen, die Tiere und
Menschen, ich allein bin wach. Wie ein Geist wandere ich im dstern
Morgengrauen. Stille. Nur mein Schritt pocht, wie ein dumpfer Hammer klopft
es unter dem Boden. Eine lautlose Brise schleicht dahin, gesttigt vom
starkriechenden Nachtschwei des Meeres. Die Gestirne der Insel leuchten
noch, bernchtig erscheinen sie. Der Mond von Stiff zuckt fahl auf und ab,
wei, wei, rot, Creach schwingt seine bleichen Strahlenbndel atemlos im
Kreise. Im Osten birst die Nacht und der Morgen dampft durch den Spalt wie
blutnasses Fleisch. Ein Schauern geht ber das Meer, als frstle es.
Creachs Lichthiebe fliegen wie dnne Schleier dahin, die fahlen Farben der
Insel tauchen auf, das Meer frbt sich. Creach erlischt. Stiff im Norden
glht noch einmal rot, dann kommt sein Licht nicht wieder.

Weit drauen schrillt eine Mwe. Ein Schrei antwortet ihr und pltzlich
erhebt sich auf den Klippen ein wirrer, feilender Lrm. Dieses gierige
Schreien von Raubvogelschnbeln begrt zur gleichen Stunde das Licht von
Tausenden von kahlen Riffen in den Meeren.

Im Dunst des Hafens bewegten sich die Fischer wie plumpe, tappende
Gespenster. Ein riesiges Segel stieg in die Hhe und zog in den Nebel
hinein. Ich begrte Jean Louis, den Meerknig, und schweigsam bereiteten
wir die Fahrt vor. Wir schpften Wasser aus, ordneten Leinen, Kder, Segel.
Die Brandung donnerte. Die Welle spritzte, das Boot rieb sich knirschend am
Kai. Ein Ruder polterte, Ketten klirrten, eine laute Stimme schalt drinnen
im Nebel. Jemand fluchte. Es roch nach faulem Wasser und Fischen. Dann
klapperten wir den Steig hinauf zu Chikel um rasch zu frhstcken. Jean
Louis go sich einen Schoppen eau de vie in die Kehle und damit war er
fertig. Auf dem Meere a er dann den ganzen Tag nichts als ein Stck Brot
und am Abend trank er wieder einen Schoppen Schnaps, dann schlief er. So
lebten sie.

Wir fuhren. Ein paar schattenhafte Segel zogen vor uns im Dunst. Das eisige
Wasser rauchte. ber die klumpigen, niedrigen Wolken hauchte Glut und auf
einmal rckten sie in die Hhe und waren leicht und schwebend. Die Sichel
des Mondes wurde dnn und durchsichtig, die letzten Sterne zuckten
flimmernd und pltzlich waren sie verschwunden. Das Meer frbte sich
dunkelblau im Schatten der Klippen, die wie blarote Korallen blhten.
Milchige Nebelstreifen glitten ber die Insel. Sie verhllten den
Leuchtturm von Creach, und als er wieder auftauchte, blitzte sein glserner
Kopf von roten Feuerchen. Pltzlich wurde das Meer weit und licht und die
Segel drauen leuchteten wie pures Gold.

Der Wind erfate unser Segel und das Boot legte sich zur Seite. Wir
begegneten der ersten Welle von Charakter, das Boot stieg in die Hhe und
glitt hinab. Das war der erste Gru des groen Meeres! Von da drauen --

Ich machte es mir bequem im Boot und zndete eine Zigarette an. Jean Louis
rauchte trocken; er ri das Papier von der Zigarette und steckte den Tabak
in den Mund.

Ein schner Morgen, Jean Louis!

H-h-h!

Der Meerknig war nichts als ein winziges Bndel aus einer schmierigen,
flachen Mtze und schmutzigen Holzpantinen. Unter der Mtze hingen ein paar
dnne, weie Haarstrhnen hervor, und ich sah nur selten sein faustgroes,
rosiges, ewig lchelndes Gesicht. Seine Jacke war von allen Seiten
eingeschrumpft und die Hosen reichten nur bis zum Schienbein. Die blaue
Leinwand war gebleicht, schneewei auf Schultern und Schenkeln, und auch
die vielen Flicken waren schon lngst wieder gebleicht. Die rmel waren mit
einer Kruste bedeckt und glitzerten von Fischschuppen. Er wischte Nase und
Messer daran ab. Jean Louis hatte Hnde aus Holz vom ewigen Rudern und er
konnte die Finger nicht mehr biegen. Seine uglein waren gebleicht wie sein
Kittel, und doch sah er wie ein Fernrohr. Die Holzschuhe hatte er mit Stroh
ausgestopft und wo das Stroh den Schmutzpanzer durchstochen hatte, klebten
groe Tropfen von schwarzem, trockenem Blut.

Der Meerknig war der tapferste Mann der Insel, du kannst fragen, wen du
willst. Er hatte vierzehn Menschen das Leben gerettet und so und so oft
selbst Schiffbruch gelitten. In seiner Jugend hatte er wiederholt die Welt
umsegelt, aber davon wute er nichts mehr. Er war jetzt sben-hund-sbzg
Jahre alt und im nchsten Sommer wurde er acht-hund-sbzig Jahre. Der
Meerknig war der gefrchtetste Dieb der Insel. In Nacht und Nebel fuhr er
hinaus, wo die Fischer die Langustenreusen verankert hatten. Diese Krbe
zog er in die Hhe, obschon sie so schwer waren, da ein starker Mann zu
tun hatte. Er nahm die Langusten heraus, lie die Reusen wieder hinab ins
Meer und legte die Langusten in seine Krbe. Wenn nun die Fischer am
nchsten Tag hinausfuhren, so zeigte es sich, da alle Langusten
ausgerechnet in Jean Louis' Reusen marschiert waren -- h-h-h --! O, sie
hatten ihn schon dabei erwischt --

Wir berquerten den Strom. Das Boot pendelte und das Spritzwasser klatschte
gegen unser Segel. Das Meer sauste und weie Gischtbomben schlugen ber die
Klippen ein.

Tas Mhr gefllt mir heute ncht! heulte Jean Louis.

Ich lachte vor mich hin. Desto besser! sagte ich und begann, Jean Louis'
Beispiel folgend, die Leine bereit zu machen.

                   *       *       *       *       *

Eine knappe Meile von der Insel entfernt gab es eine Kette von
halbversteckten Klippen und Riffen, gegen die der Strom tobte. An dieser
Kette von Riffen zogen wir entlang, hin und her, und fischten.

Die Wogen waren hier rasch und zornig, sie waren schwarzgrn und mit einer
Schicht wie von l und Ru berzogen. Der helle Kder stieg in sie hinab
wie ein kleines grnes Licht. Das Licht sank und sank, wurde dster, und
endlich erlosch es und nichts blieb als dieses bebende, dahinsausende
Hgelfeld dunkler, schleimiger Wogen. Wir legten die Leine ber den Finger
und fhlten im Beben der Schnur den gewaltigen Hub der groen Schlagader,
die Millionen Tonnen Wasser vom Golf von Mexiko bis hinauf zu den Lofoten
pumpt.

Drunten in der Finsternis aber -- ja, Gott gebe es, denn wir galoppierten
nicht zum Vergngen hier an den Klippen entlang -- da waren sie. Ich
lauschte durch die Leine hundert Meter tief ins Meer hinab -- still! Ja,
sie waren da! Sie schossen hinter dem fliegenden Licht her, beglotzten es
von allen Seiten, ihre Rckenflossen spreizten sich vor Begierde, ihre
Leiber schwollen auf, ihre Schnurrbrte bebten, sie stieen mit den
stumpfen Schnauzen gegen den Kder, zerrten --. Aber noch war der rechte
Augenblick nicht gekommen. Der Fisch ist argwhnisch. Ich zog etwas an der
Leine, um seine Gier zu reizen, lie nach, machte ihn sicher und -- zog an.
Es war geschehen! Meine Arme wirbelten, ich lag ber dem Bootsrand und
arbeitete fieberhaft. Ich hatte gut hundert Arme Leine einzuhaspeln und
mute rasch sein, denn der Fisch lt nichts unversucht. Wie ein Hund ri
er an der Leine, er schmi sich gegen den Haken, zerrte, aber ich gab nicht
nach. Die Bleistckchen erschienen: und da war er. Er glotzte mich mit
aufgerissenen wtenden Augen an, schttelte sich vor Schmerz und Entsetzen
und peitschte mit dem Schwanz. Ich packte ihn um den Leib, hakte die Angel
aus und warf ihn ins Boot. Einen Augenblick lag er erschrocken da, dann
warf er sich verzweifelt am Boden hin und her.

Und wieder stieg das kleine Licht in die Dunkelheit hinab.

Im Hafen hatte ich ein paar Krabben gekauft, fr den Fall, da die Fische
wenig Lust zum Anbeien zeigen sollten. Der Meerknig war nicht zufrieden
und so entschlo er sich, die Krabben zu opfern. Er ri ihnen die Scheren
aus und schrie sie wtend an, da sie sich wehrten. Ho! Ho! -- seht doch
an, diese miserable Kreatur, will sich nicht einmal die Scheren ausreien
lassen, h! Er zerstampfte Scheren und Krabben und warf den Schleim als
Lockspeise ins Meer.

Ich befestigte ein groes Stck am Haken. Wie ein gerstetes Huhn, das
urpltzlich in die Nacht eines Gefngnisses hinabtanzt, mute den Fischen
dieser Braten vorkommen.

Es ging. Die Fische verloren den Kopf und rannten in die Angeln. Triefend
na kamen sie herauf, die Muler verzerrt, und starrten mit entsetzten
Augen in die grausame Helle und die Gesichter dieser rasenden Teufel, denen
es Vergngen machte sie aus ihrer dunkeln, rauschenden Heimat zu reien.
Sie wurden ins Boot geworfen, das mit Blut und Schuppen besudelt war, und
hier mochten sie sterben. Sie schlugen um sich, ihre glnzenden,
silberweien Leiber verfrbten sich, ein gelber Hauch lief daran entlang,
sie bekamen Flecken. Ihre Flanken flogen, die roten Kiemen spreizten sich
und entblten das blutrote Fleisch, ihre goldenen Augen weiteten sich im
Todeskampf. Endlich machten sie eine letzte Anstrengung, sie bogen sich wie
eine Klinge und schnellten in die Hhe. Dann bekamen sie einen Futritt von
Jean Louis und nun lagen sie still. Aber noch nach einer Stunde konnte
Leben in ihnen sein.

Die Sonne stieg hher und wir fischten mechanisch und schweigsam. Das Boot
schwang auf und ab und flog dahin. Ich arbeitete ernst und hingegeben. Mit
groer Sorgfalt schnitt ich den Kder aus den Muscheln, die an flache
Chinesenhte kleinsten Formats erinnerten. Viele trugen Bschelchen von
Moos und Tang und sahen aus wie verwegene Damenhte der letzten Mode. Und
ich lachte vor mich hin, denn allerlei Abenteuer zogen durch meinen Sinn.
Ich kassierte hier auen beim Rauschen des Meeres noch einmal all die
leuchtenden Blicke ein, die mich da und dort getroffen, und atmete nochmals
die Wohlgerche, mit denen die Frauen uns locken wie die Blumen die Bienen.
So wie der Dichter sagt -- aber da ging ein elektrischer Schlag durch die
Leine und ich sprte einen Sto im Herzen: der Fisch . . .

Alle zehn Minuten wechselte der Meerknig das Segel, um zu wenden. Dann
mute ich mich ganz flach machen und doch ri mir das Segel jedesmal die
Kopfhaut ab. Die Wogen rauschten mit einfrmigem Zischen und Sausen vorber
und immerzu nagelte und schabte es am Boot. Zuweilen brauste eine rasche
Woge daher, schleuderte das Boot in die Hhe und berschttete uns mit
Spritzwasser, und ich sah die Woge dahinfahren zwischen den andern, die in
Unordnung gerieten. Wiederum, da zischte es und ein groer marmorierter
Kreis, der knisterte und kochte, erschien: die Sohle der Woge hatte eine
verborgene Klippe getroffen. Der Kreis aus weiem und grnem Marmor flog
rasch weiter, kletterte ber die Rcken der Wogen und noch in weiter Ferne
behielt er seine Form. Die Mwen strichen mit dem Bauch ber die Wogen
dahin, jeder Bewegung, jeder Laune der Woge haarscharf und blitzschnell
folgend, auf und ab, und schrien. Ihre Fittiche schwirrten und ihre spitzen
Hakenschnbel rissen die Luft auf. Ihnen gehrte das Meer und sie kmmerten
sich nicht um die Fischer. Sie strzten sich in den Gischt der Klippen,
schlugen mit den Flgeln, als ob sie sich niederlassen wollten, stiegen
senkrecht in die Hhe, wenn die Woge nach ihnen sprang, und schossen
kopfber herab, wenn die Woge vorbei war. Und das Wasser tropfte glitzernd
aus ihren Schwingen. Das Meer sang und brauste einfrmig; Eine Stunde
verging und es war still. Dann zog ein Trupp Meerschwalben vorber -- di
-- di -- gullugullugullu di -- und schon waren sie weit weg. Wie ein
Faden zogen sie in der Ferne.

Ich zndete die Pfeife an. Ich kniete nieder, prete die Knie gegen die
Bootsrippen und den Kopf gegen die Wand, und nun hatte ich Festigkeit genug
um ein Streichholz anzureiben.

                   *       *       *       *       *

Vor ein paar Minuten hatte ich einen Peitschenhieb von Spritzwasser bers
Gesicht erhalten, kalt wie Eis, jetzt aber bekam ich eine Schaufel Wasser
in die rmel und dieses Wasser war lauwarm. Der Strom hatte gewechselt.
Zuweilen fhrte er ins offene Meer hinaus, zuweilen auf die Insel, nur der
Meerknig kannte seine Geheimnisse. Die Wogen waren vorher glatt gewesen,
nun waren sie mit einem Ringelpanzer bedeckt, da der Wind gegen die
Strmung blies. Die versteckten Klippen, an denen wir entlang zogen,
gebrdeten sich wilder. Unaufhrlich stieg der Gischt an ihnen in die Hhe
wie explodierende Bomben, wehende Schleier flogen auf, die in der Sonne
glitzerten und zerstoben. Man hrte dumpfe Kanonenschsse, die mit jeder
Minute strker wurden, je hher die Flut stieg.

Jean Louis sah das Wasser an und schttelte den Kopf.

Der Himmel bewlkte sich und die Sonne verschwand hinter einer
porzellanweien Wolke. Das Meer nahm ein dsteres und feindseliges Aussehen
an. Dunkel und schwer wlzte es sich heran, und wo das Licht der weien
Wolke auffiel, rollte es wie eine Masse dicker weier lfarbe dahin. Der
Mast knarrte und bog sich, und die Risse in unserem Scheuerlappen von Segel
wurden breit und klaffend. Wir segelten mit sechs Knoten Geschwindigkeit
und das Boot federte. Es scho bebend hinab in die viele hundert Meter
langen Tler, berschnitt pendelnd die Wogen, und wenn wir oben waren, so
kam es mir vor, als se ich auf dem Dachrand eines einstckigen Hauses und
blickte hinab. Dann sah ich die keuchenden Riffe, die die Atemzge dieser
groen Lunge maen. Das Riff entblte sich tief hinab, die Woge saugte,
gurgelte. Dann strzte sie sich gierig in die Hhe und eine Gischtsule
stieg senkrecht ber das Riff empor. Einen Augenblick lang stand sie still,
dann drehte sie sich langsam, wie ein Baum aus Brillanten, und fiel in sich
zusammen. Das Riff war ein Sturz von hundert schumenden Kaskaden. Und
schon tauchte das rostrote Riff wieder bebend empor, wie der Kopf eines
Schwimmers, der noch vom Wasser trieft und schon in der Sonne glnzt.
Manchmal sah ich auch von meiner Aussicht aus bis zum Horizont, nur einen
Moment, dann tauchten wir wieder hinab.

Oft segelte der Meerknig, ohne aufzusehen, haarscharf an die Klippen
heran, aber ich hielt den Mund, denn ich wute, er wrde im letzten
Augenblick das Boot herumwerfen. Der Meerknig bewegte sich in dieser
Wstenei von Wasser so sicher wie jemand in seinem Zimmer. Er kannte hier
jeden Fleck und brauchte nicht aufzusehen. Er hatte seine Punkte; sobald
der und der Felsen in der Ferne zwischen dem und jenem Riff erschien, so
hie es beizudrehen. Er kannte auch die verborgenen Felsen und wenn er
sagte, hier unten ist der men glas so war es sicher, da einen Moment
spter die Woge den Felsen traf und das Meer weithin marmorierte. Er wute
noch mehr. Er wute, wo in dieser und jener Stunde, bei dieser und jener
Strmung die Fische sich aufhielten, wohin sie wanderten, sobald der Strom
wechselte. Er wute, welche Geschwindigkeit das Boot haben mute, damit
diese und jene Art Fische anbi, er wute, wann die Fische zu erwarten
seien und wann sie verschwanden.

Oft mute ich lachen, wenn ich ihn ansah. Da hockte das winzige Bndel,
gleichmtig wie vor dem Kamin und rollte mechanisch hin und her, whrend
ich mich festhalten mute um nicht hinausgeschleudert zu werden. Er kaute,
blies den Schnauzbart, und versah die Angel andchtig mit dem Kder. Es sah
aus, als nhe er. Den alten Kder nahm er mit den Zhnen vom Haken und spie
ihn ins Meer. Er empfing den schweren Fisch mit tppischem Lachen, den
kleinen aber berhufte er mit Schmhworten. Er fing einen winzigen Fisch,
nicht grer als eine Hand, der den Kder vollstndig abgefressen hatte; da
wurde er purpurrot vor Zorn und schleuderte ihn so heftig ins Boot, da das
Fischlein das Maul aufri und augenblicklich still und steif lag.

Zuweilen kauerte der Meerknig im Boot nieder und nahm eine Konservenbchse
zur Hand. Ent--schul--dge, mein Freund! heulte er. Wr snd auf tem
Mhr!

Eine unntige Hflichkeit! In dieser Badewanne, die mit der gesamten
Ausrstung fnfundsechzig Franken kostete, konnte man keinen Komfort haben
wie in einem Hotel.

Auf der Insel lutete es Mittag. Lockend und lieblich klang es zu uns
heraus. Wir aen ein Stck Brot und tranken aus der Wasserflasche, die
Leine um den Finger gewickelt. Und wieder fischten wir. Wir versahen die
Haken schweigsam mit dem Kder, rissen den Fisch ins Boot, fluchten
halblaut, wenn sich die Leine verwirrte. Das Boot zitterte und schwang auf
und ab. Oft hing der Meerknig ber mir, als wolle er herabstrzen auf
mich, im nchsten Augenblick aber war seine Kappe tief unten und ich stand
senkrecht gegen die Bank. Ich war na bis auf die Haut, das Wasser war mir
in den Nacken und die rmel gestrzt. Meine Haare waren zerweicht und die
Augen klebten zusammen und brannten. Mein Gesicht war ausgetrocknet und
hei vom Salz, das sich wie feiner Flugsand in alle Poren fra und die Haut
steif und bewegungslos machte. Meine Hnde zitterten vor Erschpfung, und
der Wind stach mich unaufhrlich wie eine eisige, spitze Nadel ins Ohr.
Mein Herz aber rauschte und sauste und war voll ungestmer Wildheit wie das
Meer um mich her.

Ja, ihr zu Hause, bleibt ruhig in euren Polstersesseln sitzen und lispelt
kluge und feine Worte ber das Leben und werdet schwindschtig. Lat mir
das Leben, das dumm und einfach ist, und ich will euch die Worte schenken.

Ein Segel mit einem Anker darauf zog hinter den schwingenden Linien der
Wogen vorber. Es stieg empor, pendelte, verschwand vollstndig, um erst
nach langer Zeit an entfernter Stelle wieder aufzutauchen. Im Nu war es
verschwunden.

Es ist Zeit! heulte Jean Louis. Wir mssen gehen. Der Pilot fhrt nach
Hause!

Eine Angel wollen wir noch auslegen, Meerknig

Aber da kam eine groe Woge und wir machten uns schleunigst davon.

                   *       *       *       *       *

Diese Woge war die grte und schnste, die ich hier auen sah. Schon von
weitem sah ich sie herankommen. Sie ri sich ihre Bahn durch all die
wandernden Schaumkmme, ihr Gischt flog vor ihr einher und sie brauste und
zischte wie eine Schnellzugslokomotive. So gro und ungestm war sie, da
sie sich inmitten der andern Wogen ausnahm wie die rasende Wildsau unter
den Frischlingen. Dann prallte die ungeheure Wassermasse gegen die Klippen,
sie bebte zornig von oben bis unten, schwoll an und bumte sich auf. Sie
wurde lang wie fnf Huser und hoch wie ein zweistckiges Haus und die
Wogen ringsum sahen winzig aus. Sie war schwarzgrn, aber als sie
anschwoll, wurde sie grn wie Flaschenglas. Darber bebte eine Kuppe von
Trkis und auf dieser Kuppe sa ein Schmelz von gelbem Bernstein, von der
Sonne durchleuchtet, und darber ein Diadem aus schneeweiem Schaum, ber
der ganzen Woge aber schwebte ein breiter Schleier von Dunst, eine Wand von
Dunst, in der die Farben des Regenbogens schillerten. So stand sie. Wir
waren zehn Schritte von ihr entfernt und ich betrachtete erstaunt und
erschreckt dieses wilde schne Tier, das das Meer geboren hatte. Nun aber
-- kam sie _herab_!

Hallo! Jean Louis!

Der Meerknig war gerade dabei das Segel zu wechseln. Er hatte es
losgebunden und hielt die Leine in der Hand. Da erblickte er die Woge, die
bebte und funkelte und sich vornber neigte, getigert mit weien
Gischtstreifen, die fcherfrmig herunterschossen. Er lachte idiotisch:
h-h-h, und hielt die Leine des Segels mit beiden Hnden fest, wie die
Zgel eines Pferdes, das durchgehen will. Er stemmte die Holzschuhe gegen
die Bank und sein Gesicht verzerrte sich vor verzweifelter Anstrengung. Das
Segel spannte sich zum Zerplatzen infolge des ungeheuren Luftdrucks, der
vor der strzenden Wassermasse herfegte.

Die Woge donnerte und brllte, das Boot flog in die Hhe, erst langsam,
dann mit jhem Ruck, und der Meerknig verschwand in einem Schneegestber.
Hhh! Ein dicker Wasserstrahl fuhr wie eine Rakete zischend ber das Boot
empor. Ich blickte durch den Ri eines grnen Fensters weit bers Meer, bis
zum Horizont: dort zog in aller Ruhe ein Dampfer mit zwei braunen Kaminen
und qualmte. Er fuhr gegen Sdwesten. Habana, St. Thomas, Para, Rio
Janeiro, Valparaiso? Glckliche Reise! Da bekam ich einen Hieb ber die
Augen.

Wir schpften das Wasser aus. Vorwrts! Fort! Der Meerknig sah totenbleich
aus und ich fhlte pltzlich genau die Stelle, wo mein Herz sitzt: denn es
war stillgestanden.

                   *       *       *       *       *

Nun blieb uns nur noch brig den Strom zu durchqueren, der den Eintritt der
Bai durchschnitt. Zur Zeit der Ebbe war es nicht leicht, zur Zeit der Flut
fr ein kleines Boot unmglich. Es kam vor, da man fnf Minuten zu spt
kam und dann drei, vier Stunden warten mute, bis sich die Wut des Stromes
gelegt hatte. Einmal fuhr ein Kutter vom Hafen heraus, prchtiger Wind,
aber gerade mitten im Strom hrte der Wind auf und der Kutter wurde in die
Klippen getrieben und zerschellte. Die Mannschaft wurde zerfetzt, so da
man sie nur noch an den Kleidern erkennen konnte; einem Matrosen fehlte der
Kopf.

Wie ein Heer von kolossalen Walfischen, das auf der Flucht war, scho der
Strom dahin. Wir ritten darber hinweg und fuhren in die Bai ein. Ich sa
am Steuer, denn das war meine Arbeit.

Diaul, Diaul! heulte der Meerknig. Ich habe hier auen schon zwei Boote
verloren. Einmal kam ich mit den Trmmern ans Land, einmal sa ich
vierundzwanzig Stunden auf einer Klippe bis sie mich holten. Abermals
gerettet, mein Freund, wir mssen eine Kerze stiften. Eine Zehnsou-Kerze!

Er lachte und nahm die schmierige Kappe ab. Da kam sein bleicher Schdel
zum Vorschein. War das ein Mensch? Sein Schdel war bis zur Gre eines
Straueneis eingeschrumpft. Drei dnne Haarstrhnen klebten an der Glatze.
Das Gesicht war eine Kferlarve, die Nase eingesunken, das Salz hatte die
Augen ringsum zerfressen, so da sie wie Wunden aussahen.

Glaubst du denn an solche Dinge, Jean Louis?

Der Meerknig lachte. Auf dem Lande glaube ich nicht an Gott, sagte er,
aber auf dem Meere. Auf dem Lande kann dir die Regierung helfen, aber auf
dem Meere selbst der Minister nicht!

Das leuchtete mir ein.

Wie lange wirst du noch mit diesem Lumpen von einem Segel fahren? fragte
ich.

Ein neues Segel ist teuer, bei allen Teufeln, unerschwinglich! antwortete
Jean Louis. Ich werde Streifen darber nhen, quer, mein Freund, quer. Vor
zehn Jahren hatte ich ein kleines Malheur mit einem Segel wie diesem da.
Und Jean Louis erzhlte dieses Malheur mit seiner heiser heulenden Stimme.
Er fischte bei Stiff und sein Segel zerri in hundert Fetzen und er trieb
mit dem Strom. Da verlegte er sich aufs Rudern. Er ruderte wie ein
Irrsinniger, aber als er sich nach einer Weile umblickte, war die Insel
schon ganz klein. Am Abend sah er noch das Leuchtfeuer von Stiff, dann sah
er nichts mehr. Er spie ins Meer und sagte: Jetzt geht es dahin mit dir,
Jean Louis, hh! Der Tag kam und er war Gott wei wo. Es war Nebel, die
Dampfer heulten. Wieder wurde es Nacht und er sah eine dunstige
Lichtwindmhle die Flgel werfen. Einerlei, sagte er sich, du schlfst. Er
schlief. Pltzlich hrte er Tuten und lautes Gebrll. Er erwachte und sah
ein riesiges schwarzes Gebude mit vielen Lampen vor sich, und von da
droben riefen sie ihn durch das Sprachrohr an. Er ruderte heran und stieg
an Bord. Mein Boot, sakrenomded! -- Vorwrts, die Glocken klangen, die
Maschinen begannen zu arbeiten und der Dampfer marschierte. Am Morgen stand
der Meerknig inmitten einer eleganten Gesellschaft von Damen und Herren,
die ihn erstaunt anlachten, den alten, weihaarigen, kleinen Meerknig, den
man mitten in der Nacht aus dem Kanal gefischt hatte. Sie stopften ihm die
Tasche voll Geld und besorgten ihm ein Billett zweiter Klasse von London
nach Brest. Hh! Da war er wieder! Gehe in die Hlle, Meerknig, da bist
du ja wieder! Sie hatten schon die Totenmesse gelesen. Ein Kreuzchen mit
seinem Namen stand in der Friedhofskapelle. Und er mute acht Franken fr
eine Messe bezahlen, die er nicht bestellt hatte.

Aber ich bezahlte sie! schrie Jean Louis und schlug an seine Brusttasche.
Nun hab ich eine Messe voraus!

Er, Jean Louis, hatte dem lieben Gott einen Vorschu gewhrt, haha!

Dann lenkte ich das Gesprch auf Rosseherre: Du hast ja eine so hbsche
Enkelin, Jean Louis! sagte ich.

Rosseherre ist meine Pflegetochter! heulte Jean Louis. Meine zwei
Tchter waren bse Weibsbilder und keiner htte sie angerhrt. Sie waren
Kanaillen, sie prgelten mich, wenn ich getrunken hatte, und ich mute
meine kleinen Sous in den Mauerritzen verstecken vor ihnen. Sie htten mir
die kleinen Sous aus dem Maul gestohlen. Hh -- nun sind sie tot! Sie
starben an der Schwindsucht. Rosseherre, mein Freund, ist meine
Pflegetochter.

Du liebst sie wohl sehr, Jean Louis?

--Hhh! Der Meerknig lachte kindisch und schlug sich auf die kurzen
Schenkel. Rosseherre! -- Eines nur ist schade. Sie ist nicht ganz gesund.

Hat sie es auch mit der Brust zu tun?

Der Meerknig schttelte den Kopf. Nein, mein Freund, sie hat es im Kopf.
Sie hat es von ihrer Mutter. Die war eine Geisterseherin. Sie geht mit dem
Meer. Sie hat Zeiten, da ist sie besessen und nicht bei Sinnen. Wenn sie
heute sagt, der Pilot ist in der Nacht ertrunken, so kommt er nicht zurck
-- nie mehr!

Ich hielt auf die rote Boje in der Reede. Und jetzt will Yann sie
heiraten?

Ja! Aber ich gebe meine Einwilligung noch nicht her! Der Meerknig warf
sich in die Brust und tat stolz.

Hre! sagte ich und sah Jean Louis in die flachen, gebleichten Augen, die
wie erblindet aussahen, ich mchte dem kleinen Kapitn einen Streich
spielen, er hat mir neulich ein Weinglas an den Kopf geworfen. Ich werde
dir ein neues Segel kaufen, ein funkelnagelneues Segel aus bestem Material,
erstklassig, wenn du deine Einwilligung noch etwas hinausschiebst.

Jean Louis schlug sofort ein. Er wollte noch so lange warten als ich
bestimmte.

Gut, ich komme morgen zu dir und wir gehen zusammen zu Noel um die
Leinwand zu kaufen. Wir knnen dann auch gleich die Kerze aussuchen.

Hier aber lachte Jean Louis verschmitzt.

Nun, da wir gut angekommen seien, sei es besser, die zehn Sou in Schnaps
anzulegen. Ich hatte nichts dagegen.

Jean Louis splte die Fische ab und legte sie in den Kasten. Er schmunzelte
zufrieden. Einen selten guten Tag hatten wir gehabt. Fr gut drei Franken
hatten wir gefischt in diesen zwlf Stunden! Wir bekamen ja nicht soviel
dafr, die Hndler --. Der kleine Fischhndler auf der Insel, der grere
in Brest und der groe Fischhndler in Paris. Sie alle hatten ungeheure
Spesen, Haus, Familie, Wagen, sie alle hatten ein enormes Risiko. Der
Meerknig dagegen hatte keine Spesen und riskierte nichts als sein Leben.

Jean Louis kroch mhselig ans Land. Auf dem Lande bewegte er sich
unbeholfen wie ein Krebs. Er nahm den Kasten ber die Schulter, die zwei
grten Fische trug er an den Zeigefingern, die er in die Kiemen einhakte,
und so klapperten wir langsam den Steig hinauf zu Chikel. Der Boden wogte
unter meinen Fen, die Steine waren wie Teig.

In der Bar drngten wir die lauten Gste zur Seite. Platz gemacht, wir
sind Fischer, kommen eben von der Arbeit!

Hoho! Seht sie an die krummen Hunde.

Hahaha!

Es ging immer laut und frhlich bei uns zu.

Ich gehe nach Hause. Die Steine klingen unter meinen Schritten, meine Augen
sind scharf und folgen der Mwe weit hinaus bers Meer.




XIII


Am andern Tag machte ich Jean Louis den versprochenen Besuch.

Guten Tag, Meerknig, da bin ich wegen des Segels.

H--h -- Segel?

Er hatte alles schon wieder vergessen.

Hh -- da ist er jetzt -- tritt ein! heulte Jean Louis.

Rosseherre war nicht da. Aber in der Ecke hing ein schwarzglnzender Rock.
Feinste Seide! sagte ich und der Meerknig lachte geschmeichelt.

Das kleine, schmale Wohnzimmer besa nur ein einziges viereckiges
Fensterchen in einer Nische. Die Bettschrnke befanden sich an den
Lngsseiten hinter kleinen, sauberen Vorhngen, wie Kasperltheater sahen
sie aus. Ein Tisch und Bnke rings an den Wnden, das war die ganze
Ausstattung. Unter eine Nische mit einer bunten Madonna aus Gips war jener
Spruch geheftet, mit dem vor Augen die Fischer ihr Leben verbringen:

      Ar Maro

   a zo eur moment terrubl
   evit ar bec'herien,
   galvet int ractal dirag.
   Ar Barner Souveren.

(Der Tod ist ein schrecklicher Augenblick fr die Fischer, denn sie werden
ganz pltzlich abgerufen vor den himmlischen Richter.)

Jean Louis go Wein ein. Der Wein war dunkelgolden, was fr ein Wein war es
doch?

Dieses kleine Weinchen stammt aus einem Schiffbruch, mein Freund!

Der Meerknig verschwand und brachte von irgendwoher ein kleines
japanisches Lackschrnkchen, das, hol mich der Teufel! tausend reizende
Schubfcher hatte.

Schiffbruch!

Ja, frher, da waren die Schiffe gekommen, hh! Als die Feuer und
Nebelsirenen noch nicht so vollendet waren. Manchmal kamen zwei, drei in
einer Nacht. Man brauchte nur aufzulesen. Aber jetzt --? Das Leben wurde
immer schwerer.

Und pltzlich sah ich, da der Tisch, an dem ich sa, ringsum mit einem
Rand versehen war und seine Fe hatten unten Beschlge zum Festschrauben,
was sagst du dazu!

Der Meerknig lchelte pfiffig, gewi hatte er noch ganz andere Reichtmer
irgendwo versteckt.

Dann gingen wir zu Noel.

Willst du also das Tuch bezahlen? fragte Jean Louis auf halbem Wege und
pflanzte sich mit gespreizten Beinen vor mir auf.

Ja!

Wirklich bezahlen?

Wirklich!

Eh bien, mon vieux, en route!

Jean Louis trat herausfordernd an den Kaufmann heran und heulte ihm ins
Gesicht: Ich mchte Leinwand zu einem Segel kaufen, Noel!

Der siegellackrote Noel aber hatte keine Eile. Er zuckte die Achsel und
sagte leise singend, indem er mit einem spttischen Lcheln zum Fenster
hinaussah: O, mein alter Freund, es ist mein Prinzip euch Fischern keinen
Sou zu kreditieren.

Aber Jean Louis, der kaum ber die Bar sehen konnte, deutete auf mich und
schrie wtend: Mein Freund bezahlt! Dann wischte er sich den Schwei von
der Stirn. Der kleine Meerknig zitterte vor Erregung an allen Gliedern.

Sofort flo Noel von Freundlichkeit und Eifer ber. Ah, das ndert die
Sache! Er schleppte Ballen Tuch herbei, er brachte Glser und Flaschen.
Nun begann die Arbeit des Meerknigs. Er musterte die Ballen. Er nahm die
schmierige Kappe ab und setzte sie wieder auf. Dann strzte er ein Glas
Schnaps in die Kehle. Er prfte das Gewebe zwischen den Fingern, ri,
scheuerte, hielt gegen das Licht. Er nahm einzelne Fden und zerri sie.
Nicht zu leicht, nicht zu schwer, nicht zu dnn, nicht zu dick. -- Dann
trank er wieder einen Schnaps und noch einen, er stotterte, taumelte gegen
einen Mehlsack, er trocknete sich die Stirn und sagte, er kme morgen
wieder.

Erst am dritten Tag konnte er sich entschlieen, und dann dmpfte er seine
Erregung mit so vielen gouttes, da er mit dem Tuch unter dem Arm mitten in
der Heide auf einen Felsen rannte, kenterte und liegen blieb.




XIV


Ich begegnete Rosseherre in der Nhe des Dorfes als es dmmerte. Sie trug
einen groen Brotlaib unter dem Arm. Creach zndete gerade sein Feuer an.
In seinem glsernen Kopfe hauchte es, wie wenn jemand ein glimmendes
Streichholz in den Mund nimmt und es anfacht, dann spie er kurze violette
Blitze, die in die Dmmerung wie geschliffene Nadeln stachen. Das Meer war
schon dunkel.

Ihr wret ja neulich auf ein Haar ertrunken! sagte Rosseherre singend und
stemmte den Brotlaib gegen die schmale Hfte.

Ich lachte. Es war nicht so gefhrlich, sagte ich.

Rosseherre wiegte mit kindlichem Ernst den Kopf. Jean Louis hatte die
Hoffnung schon aufgegeben! Und er kennt das Meer da drauen, niemand kennt
es besser. Und dann schwimmst du bei den Klippen, es ist dir schon ganz
einerlei, ob Ebbe oder Flut ist. Es gibt aber Strudel und Strme und das
Meer kann dich hinaustragen. Amorik von Creach sagt, ich kann ihm schon gar
nicht mehr zusehen. Warum tust du das?

Ich schwimme ja nicht, wenn die Brandung sehr stark ist.

Du kennst das Meer nicht, fuhr Rosseherre fort. Du sollst dich in acht
nehmen.

Ich lchelte. Die Besorgnis Rosseherres rhrte mich. Sie war ein Kind. In
acht nehmen?

Ja, vor dem Meer!

Ich mchte wohl gerne wissen, weshalb du auf der Insel lebst? fuhr
Rosseherre fort.

Um das Meer zu hren und den Fisch zu fangen, Rosseherre.

Das verstand sie nicht. Hast du denn keine Eltern und Geschwister?

Nein.

Und keine Frau?

Nein.

Aber Freunde hast du doch?

Nein. Ich bin seit Jahren unterwegs und meine Freunde haben mich lngst
vergessen.

Rosseherre schttelte den Kopf. Der Chef der Post sagt, du bist ein
englischer Spion und willst herausbringen, wo sie mit ihren Kriegsschiffen
auf der Insel landen knnen. Aber das ist nicht wahr. Vielleicht hast du
etwas getan und kannst nicht in dein Vaterland zurckkehren?

Ich lachte.

Oder bist du in deinem Vaterland sehr unglcklich gewesen und hast es
deshalb verlassen?

Nein, glaube das nicht, Rosseherre, ich bin im Gegenteil sehr glcklich
gewesen.

Ja, niemand begreift, weshalb du hier lebst -- hier, wo nichts ist?

Es gefllt mir hier.

Rosseherre wute nichts mehr zu fragen. Ihr Gesicht war nun ganz dunkel
geworden, nur ihre Haube leuchtete noch.

Die Nchte sind nun so schn und warm, Rosseherre, sagte ich, du
solltest hren wie die Grillen bei Sturmvilla in den Nchten lrmen.

Rosseherre drehte sich ein wenig und lachte leise. Ich sah das Weie ihrer
Augen und ihre Zhne.

Kenavo! sagte sie dann.

Kenavo!




XV


In den Nchten war nichts als die Dunkelheit, das Schlagen des Meeres, das
Feilen der Grillen und meine Sehnsucht nach unbekannten und unmglichen
Dingen. Die Erde war schwarz und das Meer, und ich war allein.

Das Meer brandete und donnerte ohne Aufhren, und doch war es so still in
meiner Htte, da ich das feine, klingende Hmmern der Spinnen in den
Wnden hrte. Immerzu blitzte es. Alle sieben Sekunden fuhr zweimal
nacheinander Creachs blitzendes Messer durch die Nacht, zerschnitt das
kleine Fenster, zerschnitt die Htte und mich. Ich achtete nicht mehr
darauf.

In den klaren Nchten ffnete ich die Tre. Der schwle Geruch des Meeres
strmte herein. Im Rahmen der Tre stand der tiefblaue Himmel und die
blitzenden Sternbilder. Ich trat vors Haus, machte ein paar Schritte in den
nassen Grsern und lie den Blick ber die unendliche Kuppel des Firmaments
wandern. Zuweilen sank ein Meteor langsam und leuchtend ins Meer. Und
irgendwo drauen auf dem Wasser gab es ein kleines rotes oder grnes Licht,
das wanderte. Drben ber der Bai aber, an den Klippen, flogen Creachs
Lichthiebe atemlos dahin wie blendend erleuchtete Exprezge der Hlle,
die, tausend in der Stunde, in die Unendlichkeit hinausjagten. Es war
totenstill ringsum und ich ging wieder ins Haus zurck. Aber horch! Hrst
du nicht? Irgend etwas wanderte da drauen, bald nah, bald fern, lautlos
und unsichtbar, aber ich fhlte es, whrend ich vor meinem Feuer sa. Es
gab also noch etwas auer mir hier auen? War es ein toter Seemann, der aus
dem Meere stieg und sich zu seiner Htte schlich um durch das Fenster zu
sphen? Was war es? Horch! Und zuweilen dachte ich an das sonderbare
Bibelwort: der Geist Gottes schwebte ber den Wassern --

Langsam drehte sich die Nacht. Neue Sternbilder erschienen in der Tre. Ich
warf eine Handvoll trockenen Tang auf das Feuer. Das war alles, was ich in
einer Stunde tat. Die Mwen schrillten. Ebbe, dachte ich, die Mwen ziehen
auf Raub aus. Das Meer atmete erschpft. Dann rollte das erste Drhnen am
Gestade entlang: die Flut kam zurck. Und ich sa und hielt die Pfeife im
Gang und lchelte zuweilen, wenn eine schne Vision im Feuer erschien. O,
ich verstand es meine Einsamkeit auszukosten, bis auf den Grund -- so
allein war ich, so herrlich allein, haha! Poupoul schlief vor dem Kamin und
lie die Luft durch die Nasenlcher wie durch Ventile abpfeifen. Wenn ich
ein Wort an ihn richtete, so klopfte er mit dem Schwanzstumpen und ffnete
schlaftrunken ein Auge. Schlafe, Poupoul! Da kroch er nher und legte den
Kopf auf meinen Fu und schlief weiter.

Zuweilen stand ich auf und machte die Augen scharf, als ob ich auf etwas in
ganz weiter Ferne blickte: es waren Menschen, die ich sah, die Menschen,
die ich vor Zeiten gekannt hatte. So weit entfernt war ich nun von ihnen.

Und wieder stand ich auf und blickte in die Ferne: das waren Gedanken, die
ich sah, meine alten Gedanken vor Jahren. So fern, so klein. Weit entfernt
war ich nun von ihnen.

Ich ging hinaus und blickte ber das schlaflose Meer: ein senkrechter Blitz
spaltete die Nacht in zwei Teile wie einen Block glnzender Kohle. Auf dem
Meere waren zwei ferne Stimmen, die riefen und antworteten, aber nichts war
zu sehen. Ein Hauch kam um mein Haus herum und stand neben mir wie ein
Geist. Es rieselte in einem Felsen, hrst du? Der Felsen altert.

Auf dem schlaflosen Meer schwang ein Funke hin und her, und weitab
antwortete ein anderer: zwei Schiffe, die miteinander sprachen.

In einer Nacht begann es zu wehen. Ich hielt den Atem, an. ber mir brauste
der groe Raum. Von Getmmel und Kampf und einem herrlichen wilden Tod
sauste es da droben. Mein Herz pochte laut. Ich ging hinaus. Der Wind
schlug die Arme um mich und heulte mir in die Ohren, da er mein Genosse
sei. Er umtoste mich und pltzlich entfachte er einen wunderbaren Gedanken
in meinem Kopfe. Ja! Wir wollten sehen, was an uns war, heute, jetzt! Und
ich ging hinab zum Meer, entschlossen es mit ihm aufzunehmen, sei es wie es
wolle. Der Wind heulte mir in die Ohren: ja, ja!

Das Meer war leuchtend schwarz und die wirbelnden Schaumkmme schneewei
mit glhenden Feuerchen im Innern. An den Felsen zersprang die Welle zu
Tausenden von Brillanten. Hinein! Ich whlte in grnem Feuer und war selbst
wie ein glhender Geist, der sich im nchtigen Meere bewegte. Da drunten
leuchtete und flimmerte es wie ein schwarzer Wald voller Glhwrmchen.
Feuergarben schlugen bei jedem Schwimmsto empor und meine Arme waren
bedeckt mit phosphoreszierenden Klmpchen. Ich warf mich der Woge entgegen
und wenn sie herankam, hob ich die Faust aus dem Wasser und schlug sie ins
Angesicht. Die Woge trug mich in die Hhe wie einen Span. Ich aber
verwandelte mich in eine wirbelnde Schiffsschraube und es ging dahin. Wenn
ich untertauchte, so wurde es still um mich, kam ich in die Hhe, so heulte
und tobte es in meine Ohren. Auf meinem Lid sa ein leuchtendes Krperchen
und ich fhlte das sanfte Licht durch das Lid hindurch.

Da war ich wieder. Ich stand und dampfte. Ich hatte mich dem Meere
angeboten, aber es hatte mich nicht gewollt. Meine Brust ging ruhig und
meine Arme zitterten nicht. Ich sah weit ber das dunkle Meer hinaus.

Der Wind heulte und versprach mir Ehre und Reichtum und tausend schne
Frauen.

Ich aber lachte. Merci, behalte alles! sagte ich. Ich brauchte nichts, so
stand es. In dieser Minute war ich ohne Wunsch.

Wie schwl es nun in meinem Hause war! Ich braute Grog und suchte meine
Lektre hervor. Meine ganze Bibliothek, bestand aus einer Nummer des
New-York Herald, European Edition, die ich zufllig in der Tasche
mitgebracht hatte. Sie war vergilbt und roch nach Salz und stets kamen ein
paar Spinnen heraus. Ich konnte sie auswendig, jeden einzelnen Artikel und
selbst die Annoncen. Aber ich las sie immer wieder und geriet stets in eine
gehobene Stimmung, wenn ich sie auseinanderfaltete: das war die Welt, meine
Herrschaften, die Welt mit Haut und Borsten, einem Heiligenschein und roten
Mrderhnden.

Ja, haha, zu amsant war das -- prost!

Auf Seite eins lag noch immer der Papst im Bett -- er htete das Bett --
wegen eines leichten rheumatischen Leidens im rechten Knie, nicht im
linken, hol mich der Teufel! Ich wnsche seiner Heiligkeit rasche Genesung.
Auf derselben Seite rasselte ein betreter Affengreis mit den Kinnladen und
die Affen ringsumher schlugen mit den Schwnzen vor Ergebenheit. Du wirst
alt Europa und beginnst zu stinken!

Es rttelte an der Tre, es pochte, und ich wandte den Kopf. Herein!
Niemand antwortete. Eine feine Stimme, wie die einer kleinen frierenden
Seele, wimmerte oben an der Tre.

Da gefiel mir Bobby besser, der Nigger, den man im Staate Ohio hinrichtete.
O nein, zurck, Bobby braucht keinen geistlichen Zuspruch, er geht zu
einem bestimmten Zweck in die Hlle. Wenn es schon sein mu -- prost,
Bobby! -- Was sagst du brigens dazu? Zwischen Deutschland und Italien
herrscht momentan groe Klte. He, dieses Genie, das Papierbrei wiederkaut
und ein von Druckerschwrze schwarzes Maul hat, legt die Hand auf das Herz
der Staaten und konstatiert groe Klte. Ich werde einen glhendheien Grog
trinken, Sie papierenes Rindvieh, denn bei dieser groen Klte zwischen
Deutschland und Italien klappern mir die Zhne.

Regen prasselte ber mein Dach. Jemand pickte an das Guckfenster und ein
Gesicht sah herein und blinzelte mit zu. Aber ich kmmerte mich nicht
darum. Ich war es gewohnt, da nachts Gesichter zu mir hereinsahen. Die
feine Stimme surrte jetzt am Boden, durch die Trritze. Da lie Creach sein
Gebrll in der Ferne hren. Nebel. Ich warf Tang aufs Feuer.

Dann strzte ich mich in die Annoncen. Im Handumdrehen engagierte ich
dreiunddreiig chamber-maids, governesses nicht ber zwanzig, zarte
Behandlung zugesichert, und hierauf verschwand ich blitzschnell unter der
Erde, um einen Kchenchef, 94 rue de Longchamps zu verpflichten. Ich raste
durch die Eingeweide von Paris, stieg ans Tageslicht empor, schwang mich
auf einen Autobus und segelte zwischen den Balkonen und Firmenschildern
dahin, und die Leute unten trieben im Strom. Hlas! Mein Kchenchef war
eben ausgegangen -- also wartete ich in einem Caf, hier traf ich ein
hbsches Mdchen, Auto! Und es ging dahin ber die glitzernden Asphaltseen
von Paris --




XVI


In einer Nacht aber, als ich wieder las, sah ein Gesicht zu meinem Fenster
herein und dieses Gesicht trug eine weie Haube. Poupoul schlug an.

Ich legte den Herald beiseite und ffnete.

Ah, du bist es, Rosseherre?

Ja, ich bin es, sagte sie ohne Atem, ich komme -- Jean Louis ist krank.

Was fehlt ihm denn?

Er spricht und lacht. Er hat Fieber. Komm und sieh!

Wir gingen rasch ber die Heide. Jean Louis lag in seinem Bettschrank und
empfing mich mit lautem Lachen. Hhh!

Hallo, Jean Louis, kennst du mich nicht?

Nein, er erkannte mich nicht. Eine heie, dumpfe, alkoholgeschwngerte Luft
schlug aus seinen Kissen. Rosseherre leuchtete mit einem Stmpfchen Licht,
das ihr ber die Finger rann, und ich sah, da er die Augen offen hatte. Er
lachte und plapperte.

Was sagt er denn, Rosseherre?

Er sagt: komm heraus, mein Herzchen. Er meint den Fisch.

Der Meerknig war nicht nur betrunken, er hatte auch starkes Fieber, was
war zu tun? Wir legten ihm Kompressen auf den Kopf und die Brust und er
kicherte vor Vergngen, als er das kalte Wasser fhlte. Rosseherre
zitterte.

Es wird nicht schlimm sein, Rosseherre.

Nein?

Ich glaube nicht.

Dann saen wir und warteten. Rosseherre klebte das Lichtstmpfchen am Tisch
fest und der Talg flo und tropfte auf den Boden. Der Docht sank in den
geschmolzenen Talg und erlosch. Nun war es ganz finster.

H--h--h! lachte der Meerknig.

Ich legte meine Hand an Rosseherres kleine Brust.

Rosseherre?

Sie neigte sich vor und legte die Hnde um meinen Nacken.

Une bonne pche -- mon vieux -- mon vieux! heulte Jean Louis und lachte.

Aber Jean Louis --? flsterte Rosseherre.

Er kann uns ja nicht sehen! --

Hh -- sakrenomded -- trente sou -- quarante -- hh, lachte der
Meerknig in seinem Bettschrank.

Rosseherre bebte am ganzen Krper. Sie gebrdete sich unsinnig, weinte und
flsterte und bedeckte mein Gesicht mit raschen Kssen. Dann kte sie mir
Hnde und Fe, hundertmal. Me o car, flsterte sie.

Gute Nacht, Rosseherre.

Sie begleitete mich vor die Tre.

Gute Nacht! Sie lchelte und ihre Brust atmete noch rasch.

Aber als ich schon gegangen war, rief sie mich nochmals zurck.

Hre, sagte sie, knntest du mir nicht -- hundert Sou leihen -- ich habe
eine alte Schuld. Sie stammelte. Nein, nicht hundert -- fnfzig --
zwanzig Sou? -- -- --

Am nchsten Abend klopfte es wieder an meinem Fenster und Rosseherre stand
vor der Tr. Sie war gekommen um mir zu sagen, wie es mit Jean Louis gehe.

Es geht ihm gut, ja. Morgen wird er wieder hinausfahren.

Willst du nicht hereinkommen, Rosseherre?

Rosseherre lachte. Ja.

Nun, so tritt ein.

Wie laut die Grillen doch in diesen Sommernchten um Sturmvilla lrmten!
Yann hatte viel drben an der Kste zu tun, er mute Kohlen holen fr
Creach.

Wenn es Abend wurde sa ich gewhnlich auf dem Stein vor meiner Tr, der
noch hei von der Sonne war, und spielte mir ein Lied auf meiner Flte.




XVII


Dann kamen die groen Strme und alles wurde anders. Die Strme selbst
waren schuld daran --

Eines Morgens erwachte ich mit einem elenden Gefhl. Das Atmen wurde mir
schwer. Ich ging hinaus um zu sehen, ob nicht etwa der Himmel herabgekommen
sei und in Mannshhe ber der Insel laste. Alles stand still. Die Grser,
das Meer, die Luft, ber dem Meer lag die lange Rauchwolke eines Dampfers,
der schon entschwunden war, auch diese Rauchwolke stand still. Ein grauer,
greisenhafter Himmel blickte von oben herab. Wo war das Leben hin?

Eine Stunde spter nderte sich alles. Die Mwen waren die ersten, die das
Fest witterten. Sie zogen in weiten raschen Kreisen mit dem Bauch ber das
Meer und schrien wild. Am Horizont schob sich eine unscheinbare,
bleifarbene Wolkenbank empor, aber so rasch, als steige sie aus einer
Versenkung herauf, und whrend sie wuchs wurde sie immer dunkler, fast
schwarz. Senkrechte weiliche Wolkenfetzen flogen vor ihr her. Das Meer
wurde dster und runzelte sich wie die Stirn eines wilden Tieres, das die
Geduld verliert. Die Fittiche der raschen Mwen flatterten kalkbleich vor
der dunkeln Wolke. Die Meerschwalben zogen in Zickzacklinien um die Klippen
und luteten und gurrten. Auf einem Felsen sa ein Fischreiher, sah hinaus
und schlug zuweilen mit den Flgeln.

Mein Herz aber pochte.

Pltzlich ging ein pfeifender Hieb ber uns dahin und die Insel war in eine
ungeheure Staubwolke gehllt, als ginge sie in Rauch auf. Die Grser legten
sich flach auf den Boden, Steinkrner sausten durch die Luft. Da war er --

Was fr ein Gesang war das, bei allen Gttern? Es war das Lied vom Chaos,
als es noch nichts gab als die schwarzen Wasser und das nackte Gestein. Es
war das Schlachtenlied der Urriesen, die um Erde und Meer kmpften und sich
zerschmetterten --

Das Meer drhnte schwer, die Felsen tuteten, und das Toben vereinigte sich
zu einem hohlen, surrenden Brausen, das alles erschtterte. Die Luft
wetterte, die Atmosphre bebte, wie ein Riesenventilator surrte die Luft
und zerrte das Fleisch von den Knochen, ri an den Augenlidern und Lippen,
legte die Ohren um und bog die Nase, wohin sie wollte.

Die Kste ringsum war bis hoch hinauf mit Gischt bedeckt und sah wie
beschneit aus. Die Klippen im Meer trugen wehende Generalsbsche. Das Meer
war getigert bis zum Horizont, ein paar fliegende schneeweie Schaumkmme
mit Nacht dazwischen war das ganze Meer, nichts sonst. Die Schaumkmme aber
rasten gegen die Insel. Je nher sie kamen, desto lebendiger wurden sie. Es
waren Reihen von Schimmeln mit wehenden Mhnen, schumenden Mulern und
strampelnden Vorderfen. Sie galoppierten gegen die Klippen, strzten in
die Hhe, wieherten, schwangen die Mhnen und sanken zerschmettert
rcklings ins Meer. Und augenblicklich galoppierte die nchste Reihe heran,
hoi, hoi, hopp hopp! Der Wind peitschte sie und sie taten ihr Bestes,
flogen heran, hinauf und zerschellten.

Das war er!

Vater unser -- das ist er! Was soll ich tun? Sag mir den Gesang, den ich
anstimmen soll! Soll ich vom grasgrnen Meerteufel singen, der drunten
schlief und nun emporstieg und sich dreht wie ein rasender Kreisel?

Poupoul sprang an mir empor, und ich packte ihn am Kragen und drosselte
ihn. Nimm dich in acht, Poupoul, siehst du nicht, da ich ein Mrder bin!

Und ich ging dahin und schrie in den Sturm hinein --

Am Hafen unten standen Mnner und Frauen, flatternde Fahnenfetzen, alle
erschrocken und bleich. Eine Frau lief schreiend hin und her und rang die
Hnde. Ihr Mann war nachts hinausgefahren und noch nicht zurckgekehrt.
Jede Woge berflutete die Granitmauern des Dammes und hob spielend die
schweren Eisenringe in die Hhe, da sie klirrten. Ganze Wnde von Wasser
strzten auf uns herab. Auf dem Damm lag ein behauener Granitblock, der
einer Boje als Anker dienen sollte, gut einen Meter hoch und breit. Er war
der Woge im Weg und pltzlich hob sie ihn und strzte ihn ohne viele
Umstnde vornber den Damm hinab. Man hatte das Postschiff rasch in den
Innenhafen gebracht; auf dem Deck liefen brllend die Matrosen umher und
zogen die Taue an. Der Kommissionr war gefesselt wie ein Tobschtiger,
mit Ketten, Drahtseilen, Tauen. Aber er wieherte vor Vergngen, bumte sich
auf, zerri die Fesseln und schlug das Heck der Notre Dame de l'Isle, die
hinter ihm lag, in tausend Stcke. Drauen in der rasenden Bai ritt Yanns
kleiner Dampfer an seinen Ketten. Viel Vergngen, Yann!

Da sah ich auf einmal auch Rosseherre. Sie sa auf der andern Seite des
kleinen Hafens in den Klippen. Sie sah gelb und elend aus und starrte mit
hochgezogenen Brauen in die Ferne. Sie hielt einen Rosenkranz in den Hnden
und ihre Lippen bewegten sich.

Hallo! Rosseherre! schrie ich mit aller Kraft. Aber ich hrte nicht
einmal die eigene Stimme.

Pltzlich klang etwas wie ein ehernes Bellen durch den Sturm. Es lutete.
-- Bei Stiff war ein Schiff in Not.

Sofort machte ich mich auf den Weg. Bis Stiff hatte man eine knappe Stunde
zu gehen, aber ich brauchte zwei geschlagene Stunden dazu. Ich hielt den
Mantel mit den Zhnen fest und bohrte den Kopf in den Sturm. Schritt um
Schritt mute ich mir erkmpfen. Der Sturm hatte die Regentropfen zu Nadeln
zugespitzt und sie spieten sich wie Eispfeile in meine Haut. Zuweilen war
ich gezwungen inne zu halten und im Schutze eines Steins aufzuatmen; wenn
ich nur so viel Deckung fand als fr meinen Kopf ntig war und ein paar
Atemzge tun konnte! Verlie ich die Deckung, so erfate mich der Sturm wie
ein sausender Treibriemen und ri mich mit sich. Poupoul erging es nicht
viel besser. Er streckte alle zehn Schritte sein Hinterteil dem Sturm
entgegen und atmete zwischen den Pfoten, den Kopf auf den Boden gepret.
Ich sah eine Mwe, die rckwrts flog! Sie landete erschpft, ruhte ein
wenig und strzte sich abermals dem Sturm entgegen. Sie drehte sich wie
eine Schiffsschraube, aber der Wind war strker als sie und sie mute
wiederum rckwrts fliegen. Der Sturm trug sie in die Hhe wie ein Stck
Papier, sie schrie, arbeitete wahnsinnig mit den Fittichen, aber es half
nichts, sie mute dahin, wo der Sturm es wollte. In drei Stunden war sie in
England. Pltzlich begann ich zu pfeifen. He! Ja, ich pfiff ohne es, zu
wollen. Der Wind fltete zum Vergngen in meinem Kehlkopf, und durch ffnen
und Schlieen des Mundes konnte ich ein ganzes Konzert pfeifen, ber die
triefende Heide aber zog Rauch. Ich stand still. Eine wagrechte dicke
Rauchwolke zog rasend mit dem Sturm dahin. Brannte es? Brannte ein Schiff
da drunten? Nein, es war Wasserdampf. Die Insel war hier turmhoch, aber der
Sturm blies so heftig, da er den Wasserstaub aus den Schchten und Kaminen
der Klippen ri, wie Rauch aus einem Schlot, und forttrug. Drei, vier
solcher Rauchsulen fegten quer ber die Insel.

Da war endlich Stiff. Sein kleiner gelber Leuchtturm schwamm verkrmmt in
einer Wasserblase, die Htte der Markonistation kauerte wie ein zerzaustes,
graues Tier in der fegenden Heide. Selbst in der Sonne sah Stiff so
trostlos, de und bedrckend aus, da sich der Herzschlag verlangsamte.
Heute aber war es eine unterweltliche Wstenei, die Grauen verbreitete. Und
wie bse stand die schwarze Flagge ber dem Semaphor! Der Sturm stie mich
hier wie ein Bndel vor sich her, er trug mich streckenweise, und es gelang
mir schlielich nur noch, mich auf allen vieren von Stein zu Stein vorwrts
zu bohren. Ohne Atem und fast seekrank vor Erschpfung erreichte ich die
Markonistation. Ich hmmerte gegen den eisernen Laden.

Herr Boucher war hier, Gott sei Dank! Er warf sich gegen die Tre. Ziehen
Sie doch! schrie er.

Ich ziehe ja! antwortete ich. Die Tre schnappte wieder zu. Sollten wir,
zwei Mnner, nicht imstande sein eine lumpige Tre zu ffnen? Herr Boucher
steckte einen Prgel durch die Trspalte, ich zog und die Tre flog
krachend gegen die Hanswand. Da lag sie nun, wie angeschraubt. Wir arbeiten
wie Teufel, der Regen peitschte uns das Gesicht, der Sturm ri uns das
Fleisch von den Knochen -- -- endlich.

Es soll ein Schiff in Not sein, Herr Boucher?

Sehen Sie durch dieses Guckloch. Da drunten ist es. Sehen Sie es nicht?
Ein Fischerboot.

Ja, nun sah ich es. Ein winziges Segel zuckte da drunten in der Tiefe
zwischen den Schaumkappen.

Nun?

Sie sind verloren. Sie knnen nicht hinaus aufs Meer und nicht hinein in
die Bucht, sie wrden in die Felsen geschleudert werden. Herr Boucher nahm
den Stahlbgel mit dem Hrer ber den Kopf und setzte sich vor den Apparat.
Ich habe eben ein Gesprch belauscht zwischen einem Dampfer und Lizard.
Ich glaube ein Schiff ist gescheitert. Lesen Sie hier. Nein, nun hre ich
nichts mehr.

Es war eine Depesche des Cunardliners Celtic an Lizard. Die Celtic
telegraphierte, da sie den Kohlendampfer Fullspeed fnfzehn Meilen
sdlich Scilly-Islands passiert habe, ohne Maste und Kamin, Maschine in
Ordnung.

Ja, nun gehe ich wieder. Vielen Dank, Herr Boucher.

Ich mute hinunter! Es ist mir heute noch rtselhaft, wie wir, Poupoul und
ich, den steilen Pfad zur Bucht hinuntergekommen sind, aber wir kamen
hinunter, das ist eine Tatsache.

Ein Hufchen Fischer kauerte in den Felsennischen. Der Schuppen, in dem
sich das Rettungsboot befand, stand offen. Sie konnten natrlich nicht
hinaus zu dem kleinen zuckenden Segel. Es war sogar unmglich das Boot ins
Wasser zu bringen. Sie standen mit den Hnden in den Hosentaschen schwiegen
und starrten mit zusammengekniffenen Augen hinaus. Die Gischtfahnen gingen
haushoch ber sie dahin.

Vor der Tre des Schuppens sa ein Weib mit zwei Kindern und alle drei
verfolgten regungslos das kleine Segel, das im Kreise zuckte. Das Weib
hatte harte Augen und lchelte kalt und verchtlich.

Sie ist die Frau des Patrons da drauen, sagte mir ein Fischer. Es sind
drei Mann an Bord. Sie sind schon vierundzwanzig Stunden auf dem Meer. Sie
haben nur einen Laib Brot und eine Flasche Schnaps mit. Lange knnen sie es
nicht mehr aushalten. Sie sind hin!

Als ich nach Hause kam, war Sturmvilla wie mit einem Aussatz bedeckt.
Schaumballen schwirrten durch die Luft. Die Wut der Brandung zerrieb das
Wasser zwischen den Felsen zu schmutzigem Schaum und der Wind trug ganze
Blcke Schaum davon. Vor meiner Tre lag er fuhoch und die Heide war
weithin damit bedeckt.

Der Sturm hatte meinen groen Kamin wie mit der Zunge ausgeleckt. Kein
Stubchen war in meinem Zimmer mehr zu sehen.

In dieser Nacht schlief ich wenig. Ich dachte immerfort an das kleine
Segel, das bei Stiff im Kreise zuckte. Nun waren sie dreiig Stunden
drauen. Und immer im Kreise! Vielleicht konnten sie einen Kreis von
zweihundert Meter Umfang segeln, das war alles, was sie sich erlauben
konnten. Und kaum eine halbe Meile vom Land entfernt. Wie? Sie sehen das
Feuer von Stiff vor sich, dicht vor den Augen, am Tage hatten sie deutlich
die schwarze Flagge ber dem Semaphor gesehen: das war der Tod, der da
droben wehte, ihr Tod war es. Vielleicht sahen sie Huser, in denen man
sicher hocken konnte hinter den dicken Wnden und essen und trinken -- und
sie fuhren im Kreise, vor dem Tod her, der mit ihnen ein Spielchen trieb.

Die Nacht war voll von unbeschreiblichem Spektakel. Das Spritzwasser
zischte ber mein Dach und rieselte an den Wnden herab. Regenben
prasselten. Es tobte und toste. Es hrte sich an, als ob ein rasender
Riesengorilla auf den Klippen hockte und mit den Fusten auf seinen Bauch
trommelte. Schreie durchschnitten die Luft, als ob Menschen von den Klippen
herabgestrzt wrden und im Falle schrien. Gelchter, Flche. Es waren all
die Seeleute, die drauen ertrunken waren, die schrien und die Fuste ber
den Klippen schwangen. Sie jammerten, denn sie sollten die Heimat nicht
wiedersehen. All die Schiffe, die hier gescheitert waren, fuhren noch
einmal in dieser Nacht auf. Sie krachten, splitterten, sanken. Und durch
den Lrm hrte ich das dumpfe Luten des Meeres. Bis in die Tiefe war es
aufgewhlt. Da drunten rollten alte behaarte Glockentiere hin und her und
drhnten.

Bum -- baha -- bum baha!

Aus dem Tosen aber hrte ich deutlich ein Heulen heraus, das frchterliche
Heulen einer einzelnen Stimme! Sie rechtete mit Gott und der Hlle und
konnte kein Ende finden. Das war Poupon, der Mrder, den das Meer nicht
wollte. Hrst du ihn? Zuweilen stie er einen Schrei aus und strzte sich
hinab, aber immer kam er wieder, heulte, verfluchte Gott und die Welt und
schleuderte dem Schpfer Felsen ins Gesicht, Felsen, Felsen! Hrst du?

Der Teil der Heide, auf dem mein Haus stand, hie der englische Friedhof.
Vor zweihundert Jahren scheiterte hier eine englische Flotte von vierzig
Segeln und die Leichen bedeckten den Strand. Man begrub sie hier. Ja, nun
hrten auch sie, da da oben etwas vor sich ging und kamen heraus. Sie
johlten und lrmten, viele hundert Stimmen schwirrten durcheinander, aber
ich glaubte doch jede einzelne zu verstehen. Das Haus war ihnen im Weg, sie
muten etwas demolieren, denn sie waren wild geworden. Sie warfen sich mit
den Rcken dagegen. Sie stieen mit den Fen gegen die Tre und lachten.
ffne, ffne, you damn' rascal! Ich hrte sie ganz deutlich, ich hrte
sogar, da sie Englisch sprachen. Auf das Dach! Nun, da waren sie auch
schon auf dem Dach, polterten, zerbrachen mir die Ziegel und schlielich
brllten sie zum Kamin herein. Viele zu gleicher Zeit: Ha! Ha! Ho! Ho! Son
of a bitch. Hooo!

Ich setzte mich aufrecht und die Haare standen mir einzeln zu Berge.

Da aber ging ein schrilles Pfeifen ber das Haus dahin, ein Schleifen, ich
hrte wie sie sich entfernten, wie der letzte vom Dach herabglitt. Sie
rannten johlend ber die Heide. Wie ein Blitz, all die vielen Hundert
zusammen. Ich hrte, wie ihr Gejohl mehr und mehr in die Ferne entschwand.
Das Segel! Ja, das kleine zuckende Segel bei Stiff. Hier gab es Arbeit fr
sie, hier gab es etwas zu tun --

Vielleicht sind sie eben untergegangen, dachte ich laut und fror.




XVIII


Der Tag kam und der Orkan surrte wie tausend rasende Exprezge ber die
Insel dahin. Er heulte nicht mehr, schrie nicht mehr, er surrte, hohl und
dumpf. Nimm den Hut ab, ziehe die Jacke aus, hnge Hut und Jacke an meine
Hauswand, ohne Nagel, wie angeleimt bleiben sie hngen, so wehte es. Das
kleine Segel zuckte noch immer im gleichen Kreise. Sie waren nun
sechsunddreiig Stunden drauen. Die Nacht kam, fnftausend wiehernde
Kannibalen tanzten um mein Haus, wieder tagte es und der Sturm surrte.

Das kleine Segel war verschwunden.

Ich erbleichte, als ich es hrte.

Aber gerade als wir alle in Chikels Bar standen und uns ereiferten: diaul!
einen Laib Brot und eine Flasche Schnaps, zwei Tage ohne Schlaf und welche
Arbeit -- ging die Tr auf, und was kam herein? Drei Seegespenster! Drei
Gespenster mit kalkweien Gesichtern und blauen Lippen, Leichen, die
tagelang in Eiswasser gelegen waren, mit Glasaugen, klebenden dnnen Haaren
und einem irrsinnigen Totenlcheln. Nun also, da waren sie! Es wurde ganz
still. Dann aber begannen die drei Seegespenster in den gemeinsten
Ausdrcken zu schimpfen. Ihr httet uns ruhig ersaufen lassen, ihr
Hundeshne! Gott, sei Dank, sie waren lebendig.

Sie hatten das Verzweifelte getan. Sie waren aufs offene Meer
hinausgefahren, um zu sterben -- oder, die Insel zu umsegeln und im Lee
irgendwo unterzuschlpfen. Es war ihnen geglckt. Hoho, Brderchen! Und nun
kten wir sie alle.

Sie gossen sich Branntwein in die Kehle und gurgelten Schnaps. Einer lie
drei, vier Glser fallen, er hatte jedes Tastgefhl in den Hnden verloren,
und lachte idiotisch.

Da kam noch ein Seegespenst herein. Aber es war nicht wei, sondern schwarz
wie ein Neger, der da und dort Farbe gelassen hatte, mit rotgesumten
Augen. Das war Yann. Der kleine Kapitn sprach wie ein Fa und hatte
einen furchtbaren Brllhusten.

Ich mute an Land gehen, hustete er, ich habe keinen Kognak mehr, he,
Patronne! Rasch! Es war die reinste Hlle in der vergangenen Nacht. Willst
du mit an Bord? He? Ah, Yann, wie spttisch und berlegen du doch
lchelst!

Sechs Flaschen Kognak, Madame Chikel! erwiderte ich. Etwas Kse. Hast du
Brot? Vorwrts Yann!

Im Hafen schwammen die Trmmer der zerschlagenen Notre Dame de l'Isle.
Mit jeder Welle trieben sie vorwrts und zurck. Der gefesselte
Kommissionr hatte sich ein paar Rippen eingeschlagen und lag mit dem
Stern auf Grund und wlzte sich schwerfllig.

Wir sprangen ins Boot, Poupoul voran. Er war atemlos vor Vergngen, sobald
er in ein Boot springen konnte. Die Ruder tauchten ein und das Boot trieb
mit der zurckflutenden Welle hinaus. Yann sa mit gebeugtem Nacken am
Steuer und folgte lauernd den Bewegungen der Wogen, wie ein Boxer jenen
seines Gegners. Er schrie den Matrosen Befehle zu und sie sahen ihm
gespannt auf den Mund, denn hier auen konnte man kein Wort verstehen. Wir
hatten fnfhundert Meter zu rudern, aber es sah aus als sollten wir den
Arbeiter nie erreichen. Manchmal stand das Boot buchstblich senkrecht.

Der Arbeiter zerrte an seinen zwei Ankerketten, bumte sich auf und
schlug aus wie ein Pferd. Bald war sein Deck auf Wasserhhe, bald schnellte
es ein Stockwerk in die Hhe und der Arbeiter zeigte den roten Bauch.

Zuerst stieg Yann an Bord, dann reichte ich Poupoul hinauf, der zappelte
vor Erregung, zuletzt folgte ich.

Der Arbeiter war in voller Fahrt. Mit all seinen sieben Knoten rannte er
vorwrts und kam doch nicht vom Fleck. Ganze Huser, ganze Straen bebender
Wassermassen warfen sich ihm entgegen. Der Abstand zwischen den Wogenreihen
betrug gut zweihundert Schritt. Lange sausende Ebenen flogen heran, die
Wasserberge wuchsen bebend daraus hervor, der Arbeiter stieg, kletterte,
sprang, glitt hinab, und die nchste sausende Ebene flog heran. Der Wind
verwehte das Spritzwasser, so da die Wogen wie mit weien langen Wollfden
bestreut aussahen. Wie ein fliegendes schwarzgrnes Gebirge waren sie, in
dessen Rinnen und Rillen der Schnee schmolz. Sie glitten blitzschnell an
den Wnden des Dampfers entlang, kreiselten wtend und kletterten drhnend
und zischend an Deck. Der Arbeiter troff von oben bis unten.

Eine Sturzsee prasselte wagrecht ber den Arbeiter dahin, vom Bug bis zum
Stern, und ich bekam die volle Ladung ins Gesicht.

Vorwrts! brllte Yann und stie mich in die Luke hinab. Es war unmglich
in der kleinen belriechenden Kajte auch nur eine Sekunde aufrecht zu
stehen. Sie war dunkel und kreiste wie der Bauch eines Haifisches in voller
Fahrt. Und es ist bekannt, da sich ein Haifisch in Spirallinien durchs
Wasser schraubt. Die Luke an der Luvseite war verschraubt und wir bekamen
nur dann etwas Licht, wenn sich das Glas gegenber ber Wasser befand.
Poupoul hustete ein wenig. Nun, Poupoul, du wirst doch nicht? Was fllt dir
ein, ein Schiffshund! Nein, Poupoul hatte ja nur zum Vergngen ein wenig
gehustet, er fhlte sich zu Hause hier unten.

Trinke, rasch! schrie Yann und go Kognak in eine Blechkasserolle.
Augenblicklich begannen wir mrderisch zu trinken, hier unten in dem
kreisenden Haifischbauch blieb nichts anderes zu tun brig, entweder oder.
Also prost, meine Damen!

Ich verbrachte zwei ganz unvergeliche Tage und Nchte auf dem Arbeiter.

Wenn die Flut kam, lste Yann seinen Steuermann ab. Wir muten hinauf.
Sobald wir den Kopf aus der Luke streckten, fegten Wind und Wasser wie ein
Reibeisen ber unser Gesicht. Dann kletterten wir zwischen zwei Sturzseen
die schmale eiserne Treppe zur Brcke empor und hier banden wir uns fest.
Der Sturm empfing uns mit einem pbelhaften Triumphgeheul, als ob wir uns
versteckt gehabt htten. Das Spritzwasser trommelte auf unseren gelten
Anzgen und festgebundenen Sturmhauben, und ganze Grotten von Wasser
strzten auf uns herab. Das Wasser auf der Brcke ging uns ber die
Knchel, aber da wir barfig waren, schadete es nicht weiter. Es schwankte
hin und her, bis es endlich wie ein Wasserfall die eiserne Treppe
hinabstrzte. Zuweilen schlugen Bomben auf dem Dampfer ein, und Maste,
Kamin, alles verschwand in einer Wolke von Gischt und Dunst.

Yann hustete frchterlich und fluchte ununterbrochen. Er hatte sich am
Sprachrohr den Mund blutig gestoen und war wtend. Er berhufte jede
einzelne Woge mit Flchen wie einen persnlichen Feind. So oft einer dieser
fliegenden Wasserberge heranrollte, schrie er ins Sprachrohr: Zurck! --
und wenn wir den Berg hinaufgeklettert waren: Vorwrts! -- um den Anprall
der vielen tausend Tonnen Wasser auszugleichen. Die Ankerketten strafften
sich, knirschten, rasselten, der Bug sank ein, um gleich darauf einige
Stockwerke emporzuschnellen. Oft legte sich der Dampfer so stark zur Seite,
da die Brcke steil wie ein Giebel stand. Das Meer war in der Nacht
schwarz wie Pech und die wirbelnden Gischtkmme leuchteten wie Schnee.
Creach schwang seine Lichtkegel im Kreise und beleuchtete das grauenhaft
gerunzelte Meer. Der Dunst des Spritzwassers glitzerte und funkelte in
seinem Lichte. Dann sahen wir auch alle sieben Sekunden das Kamel, das
drauen in der Bai galoppierte. Das Kamel war ein Felsen, hoch wie ein
fnfstckiges Haus, aber das Wasser fegte darber hin. Zuweilen fuhr der
Gischt nach allen Seiten in die Hhe, als sei das Kamel soeben aus groer
Hhe ins Meer hinabgesprungen.

Gegen drei Uhr nachts hatten wir Unglck. Die Spitze des Fockmastes mit
unserer hbschen Laterne ging ber Bord. Yann stie einen der lngsten und
entsetzlichsten Flche aus, den je eine menschliche Zunge zustande brachte.
Gewi htte er sich in der Wut dem Mast nachgestrzt, wenn er nicht
festgebunden gewesen wre.

Die Sache ist die, schrie mir Yann ins Ohr, und drehte den Bug einer Woge
entgegen, die mit hocherhobenen weien Tatzen schrg herankam und alle
andern berholte, die Anker hatten sich festgebissen, aber der Teufel
wei, ob die Ketten es noch lange aushalten werden. Dann gute Nacht, in
fnf Minuten sind wir in den Klippen. Achtung! O, da alle stinkenden
Teufel der Hlle dich haariges Monstrum --! En arrire! Eine ungeheure
Wassermasse schlug ber Bord und der Dampfer sank so tief ein, da es eine
Ewigkeit dauerte, bis er sich wieder in die Hhe arbeiten konnte.

Dann und wann unternahm ich eine kleine Expedition nach dem Maschinenraum.
Ich kletterte die Treppe hinab an Deck, wartete bis ich den nchsten
Eisengriff fassen konnte ohne ber Bord gefegt zu werden, und kroch im Lee
des Kesselraums entlang. Wo der Wind eine Spalte fand, blies er so rasend,
da ich sprte, wie sich das Fleisch an meinen Knochen verschob und lste.

Haha, da waren sie, schwarz wie Mohren hantierten sie da drunten. Ich
klopfte auf die verschraubte Luke, sie sahen herauf, grinsten und der
Maschinist ffnete. Ich lie mich die eiserne Leiter hinab. Wie warm es
hier war!

Ihr habt es gut hier, ihr Halunken!

Warum hast du uns nichts zu trinken mitgebracht?

Ja, wie konnte ich es auch wagen ohne Kognak zu diesen Ruteufeln zu
kommen, deren Kehlen lichterloh brannten?

Sofort!

Ich kroch wieder zur Luke hinaus, machte die Expedition zur Kajte hin und
zurck und da war ich wieder. Der Heizer lie kochendes Wasser in einen
Tiegel und mischte einen groen Humpen Grog zurecht. Es roch hier unten
nach heiem l und Putzwolle. Die Schaufel scharrte und das Heizloch spie
Gluten. Es gab hier glhende Kohlenstckchen, die es auf meine nackten Fe
abgesehen hatten. Der Sturm toste in der Ferne; man fhlte sich hier wohl
und geborgen wie in einem eleganten Salon, wenn es drauen hagelt. Der Wind
tutete und pfiff durch das Sprachrohr und monoton rasselnd kamen Yanns
Befehle heraus: en route, doucement, en arrire! Der Maschinist hatte die
Hand am Hebel, die Maschine tickte, und wenn sich die Schraube ber Wasser
befand, wackelte sie von oben bis unten.

Hau -- hau -- hau -- en route! hustete Yann.

Der >kleine Kapitn< hat sich etwas erkltet! Die Leute liebten Yann und
verlieen sich auf ihn. Wenn er auch zuweilen mit den Fusten auf sie
losging, er hatte seine guten Seiten, ohne Zweifel. Und dann, er war
tchtig!

Die Burschen hier unten fhrten ein Leben fr sich, was oben war, ging sie
gar nichts an. Nun ja, heute gab es etwas zu tun -- aber das hielt sie
nicht ab sich in aller Gemtlichkeit ber die Dummheiten zu unterhalten,
die sie mit einer dicken Kellnerin in Brest getrieben hatten -- hahaha!

Das Sprachrohr rasselte, und der Dampfer wurde in die Hhe geschleudert.
Eine Sturzsee erschtterte ihn und er sank ein. Wohin sollte es noch gehen?
Eine Weile stand er still, dann legte er sich bebend auf die Seite, so da
der Boden nahezu senkrecht stand und man sich mit Hnden und Fen
festklammern mute. Wir sagten kein Wort. Der Maschinist am Hebel sah
wachsgelb aus unter der Ruschicht.

Wenn jetzt der >kleine Kapitn< nicht bald ein Kommando gibt, dann ist er
ber Bord gegangen! sagte er und ffnete lauschend Mund und Augen.

En route, nom de chien! rasselte das Sprachrohr.




XIX


Sobald Yann abgelst wurde, war er vollkommen Privatmann und tat, als ginge
ihn der ganze Kasten von einem Dampfer nichts mehr an.

Wir soupierten. Yann schnitt ungeheure Terrassen in den Brotlaib und den
Kse und stopfte sich mit beiden Hnden den Mund voll. Whrend er noch mit
der rechten Backe kaute, trank er schon mit der linken aus der Flasche. Er
verlor keine Minute Zeit, immer war er in voller Fahrt. I und trink!
rief er zuweilen. Armer Yann! Er hatte vollkommen die Stimme verloren.
Whrend er sich mit der Zunge noch die Zhne reinigte, entkorkte er schon
eine neue Flasche.

Dann nahm er eine Zigarre aus dem Schubfach, legte sich zurck und atmete
ein paarmal tief auf.

Haha! lachte er.

Prost, Kapitn!

Haha! Yann zwinkerte gut gelaunt und lie vor Vergngen einen Wind
streichen. Dann brach er in lautes, hustendes Lachen aus und machte sich
ans Rauchen. Nun soll man nicht denken, da Yann eine Zigarre ohne weiteres
rauchte. Yann tat nichts ohne weiteres. Er schnitt in der Nhe der Spitze
eine Kerbe in die Zigarre und hier zndete er sie an. Hersehen! Ah, du
wirst die Augen aufreien! Es wird -- hahaha! -- ein Mnch wird es!

Nach einigen Zgen glhte die Kerbe und das war, bei Gott, ein Mnch in der
Kutte, mit einem glhendroten feisten Gesicht, und nun bekam er noch dazu
graue Haare!

Yann betrachtete den Mnch mit verliebten Augen. Hahaha! Siehst du ihn?
Ein Pater, ein Franziskaner, ein Benediktiner, ein Kapuziner!

Er lachte triumphierend.

Bis zur nchsten Wache blieben uns gute vier Stunden und so plauderten wir
ein bichen. Wir hatten nun gegessen und getrunken, so weit es ntig war,
und nun tranken wir zum Vergngen. Wir tranken puren Kognak aus einem
flachen Blechtiegel und klommen Hand in Hand Sprosse um Sprosse empor. Der
Arbeiter stampfte und bebte und krachte in allen Fugen, als wolle er
entzweireien. Die Sturzseen klatschten ber unseren Kpfen auf das Deck,
und unsere kleine Petroleumlampe schwang sich quiekend im Ring und qualmte.
Yanns Gesicht war ganz dunkel und aus seinem finstern Gesicht schimmerten
hell, fast wei seine wasserblauen Augen. Der brennende Mnch stank, als ob
er Hufspne und Haare im Leibe habe.

Die Unterhaltung begann. Wir konnten nie fnf Minuten sprechen, ohne uns in
den Haaren zu liegen. Wir ruhten so bequem auf den Kojen, rauchten, aber
sofort schnellten wir in die Hhe und brllten einander an.

Da war zum Beispiel Yanns zweiter Maschinist lungenkrank und Yann hatte ihm
den Rat gegeben, die Glut des Heizloches einzuatmen um die Bazillen zu
tten.

Das hielt ich fr falsch! Einfach fr verkehrt!

Die moderne Therapie erklrt groe Wrme fr Gift, geradezu -- Yann!

Yann bergo mich mit einem beienden Spottgelchter.

Und man schickt die Kranken nach gypten -- haha!

Der Trockenheit der Luft wegen!

Eh bien, mon cher monsieur le docteur -- ist die Luft aus einem Heizloch
etwa nicht trocken?

Du bist ein Zwanzigtausendtonnen-Rindvieh, Yann!

Haha! Also die kalte Luft soll heilen? Seht an!

Sie ist bazillenfreier, ja.

Bien! Warum schickt man die Kranken nicht nach dem Nordpol? Hast du schon
gehrt, mon trs cher ami, da man einen Schwindschtigen nach dem Nordpol
schickte? Ja! brigens, mein Bruder, ein berhmter Spezialist in Nizza --

Schweige! Schweige! brllte ich.

Ich rede solange ich will! schrie Yann.

Nein, es war nicht gegen Yanns fnfundzwanzig Brder und fnfzig Vettern
aufzukommen, die ber den ganzen Globus verstreut waren. Man mochte von
Maschinen reden, von Astronomie, von Streichholzfabrikation, einerlei,
immer hatte Yann einen Bruder vom Fach, der ihm brhwarm die neuesten
Errungenschaften bermittelt hatte. Yann, Yann, man kann nicht mit dir
debattieren! Yann aber ri stets die Fahne an sich und schwang sie
triumphierend.

Dann erklomm er die nchste Sprosse, auf ihr begannen Scherzfragen und
Kunststcke. Yann warf ein Dutzend Streichhlzer auf den Tisch, und nun
ordne sie so, da --

Gehe in die Hlle, Yann!

Yann aber ordnete die Streichhlzer wie es sich gehrte und lachte. Er
wollte mir ja nur beweisen, da ich nichts wute, nichts, und nichts
konnte, gar nichts. Soll ich dir einen Fcher aus einem Stck Holz
schnitzen?

Nein! Aber doch war ich gespannt, wie er das anstellen wrde.

Du wirst sehen. Auf den Segelschiffen macht man das.

Yann stand auf und hielt rasch Umschau. Er schlug eine Leiste vom
Kartenschrank und begann augenblicklich zu arbeiten. Eins, zwei, die Fetzen
flogen. Er sa mit angezogenen Knien auf der Koje und hantierte sicher mit
dem Messer, obgleich er unaufhrlich auf- und abtanzte. Zuweilen stemmte er
das Knie gegen den Tisch um nicht zu mir herber geschleudert zu werden.
Zuerst schnitzte er einen Stab, den er an verschiedenen Stellen einkerbte
-- das gab die Verzierungen des Griffes und der Stbe -- dann schleite er
ihn in dnne Streifen von oben bis herab zum Griff, und diese Streifen
drehte er vorsichtig auswrts. So! Fnf Minuten und fertig! Haha! Er
fchelte sich kokett.

Nchstens werde ich dir einen Dreimaster in eine Kognakflasche
hineinschnitzen.

Gott beschtze mich!

Vollkommene Ausrstung, mein Lieber!

Darauf fhrte Yann eines seiner Lieblingskunststcke vor. Er nahm das
Messer, ein stumpfes, schmutziges Instrument, mit dem er Fische schlachtete
und Ratten, setzte es an den Daumen und schnitt. Das Blut quoll heraus.
Yann steckte den Daumen in den Mund, massierte ihn -- nichts war mehr zu
sehen, hoho! Ich rckte nher. Ein Schwindler bist du, Yann! Man sah ja
nicht gut, der Rauch war zu dick. Yann wiederholte triumphierend das
Experiment und fhrte mir eindringlich alle Phasen vor. Nun grub er mit dem
Messer rings um den Daumennagel einen Graben, der sich langsam mit
schwarzem Blut fllte. Er leckte, prete -- verschwunden.

Ein Teufelskerl bist du!

Yann aber lachte mich vielsagend an: und was kannst du? Nichts.

Nein, wirklich, ich konnte nichts. Ich konnte einen Bindfaden mit meinem
Bizeps sprengen, zweistimmig pfeifen, amerikanisch ausspucken, zwei
vorsintflutliche Lieder und einen Triller auf der Flte spielen -- lauter
minderwertige Knste.

Dann nahm Yann einen ungeheuren Schluck und warf sich in die Koje, die
Zigarre im Mund. Man hat es nicht schlecht jetzt, man hat es zu etwas
gebracht! begann er zufrieden und verschwand in der Rauchwolke.

Man ist Kapitn, hat seine hundertundzwanzig Franken monatlich, man hat
sein Weinchen, seine Zigarre und eine Couchette zum Schlafen. Was willst du
noch mehr? Man hat das Grbste hinter sich. Ah, das Furchtbarste, weit du,
he, was das Furchtbarste ist? Lege mir zehntausend Franken auf den Tisch --
nein, nie mehr! Ich habe zwei Campagnen mitgemacht. Das ist ein Leben fr
Hunde, fr Schweine!

Wovon faselst du denn?

Idiot, du hrst wohl nicht? Ich rede von St. Pierre, beim Teufel!
Fnfzigtausend Stockfische, achtzigtausend in einer Campagne. He, mein
Lieber! Das Schiff ist von oben bis unten mit Salz angefllt und die Arbeit
beginnt. Fische, Fische, nichts als Fische! Du schlfst, du bist todmde,
pique! pique! auf! Die Fische sind da. Du fhrst in die Hosen. (Hier fuhr
Yann in die Hosen und rieb sich den schweren Schlaf aus den Augen.) hinaus
in die Klte, brrr! Du schlotterst nur so und legst die Angel aus und
ziehst sie ein und schlfst dabei. (Yann legte die Angel aus, zog und
schlief dabei.) Pltzlich -- tsch! -- ein Walfisch kommt daher und verjagt
die Fische. Du legst dich aufs Ohr. Pique, pique! O, gehe in die Hlle! Da
stehst du Tag und Nacht, im Nebel, im Sturm, im Schnee und fischst. Oder du
schneidest die Kpfe ab, tausend Kpfe an einem Tag, zweitausend. Am Tisch
ist ein langer Nagel, da hinein stt du den Fisch und schneidest ihm eins,
zwei den Kopf ab. Du reit die Leber heraus, ins Fa, die Gedrme wirfst du
ins Meer. Links und rechts vom Schiff tnzelt ein Haifisch und schnappt und
frit alles, denn der Haifisch ist nichts als ein Schwein. O, was fr ein
mrderischer Gestank! Die Leber riecht, die Fische stinken, das ganze
Schiff stinkt von oben bis unten wie faule Fische. Mein Lieber, prost! Es
ekelt dich an und du mchtest am liebsten ber Bord gehen. Ich habe
handfeste Burschen gesehen, die weinten vor lauter Traurigkeit.

Hehe! Aber lustig ist es doch! Da gibt es merkwrdige Dinge. Zum Beispiel,
den Sonnenfisch! Er ist hoch wie ein Mann und flach wie ein Teller. Er hat
ein Gesicht und eine Nase wie ein kleiner, gedrrter Jude, ein Judenprofil.
Er fchelt mit den Flanken, so, siehst du, auf diese Weise schwimmt er. Vor
seiner Judennase schwimmt ein kleiner Fisch einher, das ist sein Pilot.
Denn der Sonnenfisch ist ungeheuer dumm und halb blind. Du lachst dich halb
tot ber ihn. Wie ein dicker Bankier, der schwach auf den Beinen ist, lt
er sich von seinem Fremdenfhrer alle Sehenswrdigkeiten zeigen, und dann,
wenn er sich satt gefressen hat, macht er sich schwer und lt sich
hinabsinken auf den Grund des Meeres. Da liegt er im Sand, flach wie eine
Zeitung, und schlft und verdaut. Dann gibt es hier die Schwertfische, die
den Walfisch absolut nicht ausstehen knnen. Sobald so eine Dampfspritze in
voller Fahrt daherkommt, schnellt sich mein Schwertfisch in die Hhe, viele
Meter hoch und grbt sein Schwert in den Wanst des Wales. Hinunter damit!
Ja, beim Teufel, eine gemtliche Welt hat unser Herrgott erschaffen.
Hohoho, wie konnte er nur auf all den Unsinn verfallen! Dann kannst du dich
auch mit dem Hai amsieren. Du lt ein Tau hinab, schwupp, er schneidet es
ab wie eine Zigarre. Wir haben auch dann und wann einen Hai gefangen, zum
Spa, Gott o Gott, wie sie stinken! Und hte dich, ihm noch nach Stunden zu
nahe zu kommen! Dieses Schwein ist mit Elektrizitt geladen und gibt dir
einen Schlag, da dir Hren und Sehen vergeht.

He! Entkorke eine neue Flasche, wir mssen trinken! Das ist eine
niedertrchtige See heute! -- Zu fressen bekommst du bei den Bnken nichts.
bel kann dir werden. Zwei Kartoffeln und grne Erbsen, am Sonntag ein
Stckchen Speck, winzig, und ein Glas Wein. Der Speck wird verlost, wie
beim Pfnderspiel die Pfnder. Wem soll dieses Stck gehren? Sonst wrde
es Streitigkeiten geben, denn alle sind wild vor Hunger wie Wlfe. Man hat
sich auch, nach ein paar Monaten hat man seinen besten Freund. Geh mir aus
dem Weg, du Fratze! Ah, was fr ein Leben! Whrend der ganzen Campagne
wscht sich kein Mensch mehr, wozu? Kommen schne Mdchen an Bord? Aber vor
der Heimreise geht es nach St. Pierre um Einkufe zu machen. Alles geht an
Land und alles wscht sich. Lauter neue Gesichter! Eine neue Equipage, he?
Bon jour, messieurs!

Viele aber reisen nicht heim, mein Freund. Es rentiert sich nicht als
Leiche zu Hause anzukommen. Du mut die Strme nicht vergessen -- und die
Eisberge. Pltzlich tauchen sie vor dir auf und sie werden dich zertreten,
sie sehen dich gar nicht. Und die groen Schnelldampfer bei Nebel! Da heit
es das Nebelhorn drehen -- tuh -- tuh! -- tagelang. Man hrt sie schon
meilenweit. Sie brummen wie Bren, die Hunger haben. Er kommt heran, nher
und nher. Du liegst in der Koje, erwachst, horchst und deine Haare
struben sich. Alles strzt an Deck: Patron, ein Dampfer kommt ber uns!
Was sollst du tun? Wenn er dich nun nicht hrt? Kein Wind, wohin? Und woher
kommt er? He, nun ist er ganz nahe, keine zweihundert Schritt entfernt. Du
wirst ihn nun nicht mehr hren, aber sehen, wenn es sein mu. Du stehst und
wartest und deine Zhne klappern vor Angst. (Bei Gott, Yanns Haare
strubten sich bei der bloen Erinnerung!) Da -- er tutet ferner -- er ist
vorber! Du bist noch einmal mit heiler Haut davongekommen. Jedes Jahr wird
ein halbes Dutzend Boote glatt durchschnitten, das gibt einen kleinen Knax
und weg ist er.

Kommt er nicht zurck, Yann?

Yann lachte. Er wird sich das berlegen. Er braucht eine Viertelstunde,
bis er zurckkommen kann. Und wo bist du dann? Er findet vielleicht eine
Insel gesalzener Stockfische, das ist alles. -- Nun aber, sagen wir, du
kehrst zurck. Der Armateur gibt dir dein Gehalt, sechshundert oder
achthundert Franken, und dazu schenkt er dir zwei Stockfische. Zuerst
betrinkst du dich nun und schlfst dann irgendwo hinter einem Zaun, das
Geld in der verkrampften Hand. Hier ist es am sichersten. Das Geld bringst
du deiner Mutter. Sie gibt dir zehn Franken, damit du dir einen vergngten
Tag machen kannst, staffiert dich aus und du promenierst im Dorf mit deinem
kleinen Bambusstock und lt dich anstaunen. Ja, da bin ich wieder! Wenn du
keine Mutter hast, so gehst du gleich zu den Mdchen. Hier lt du dich
huslich nieder, it, trinkst, machst dir vergngte Stunden mit dem ganzen
Haus, von der Besitzerin angefangen bis herab zum Dienstmdchen, sie nehmen
dir alles ab und werfen dich auf die Strae. Da bist du wieder. Du gehst
und verdingst dich und ein paar Tage spter bist du wieder bei grnen
Erbsen und Kartoffeln angelangt. Hehe! Aber es war hbsch. Und alle andern
erzhlen dir ebenfalls, wie hbsch es war. Sie singen und du singst mit und
bist geborgen. Du bist wieder auf dem Meer, wo du hingehrst.

Pltzlich schnarchte Yann. Er konnte zu jeder Zeit einschlafen und
aufwachen, und es war ihm auch einerlei, in welcher Lage er schlief, ob er
auf einem Stein sa oder auf dem Boden lag, das Gesicht auf den Hnden.

Ich sa mit angezogenen Knien in der Koje und rauchte. Zuweilen schwindelte
mir vorbergehend, es war nicht mehr hbsch. Der Dampfer rollte furchtbar.
Wenn sich die Ankerketten strafften, so erschtterten ihn ungeheure
ruckweise Ste, da alles chzte und knarrte. Er zitterte vom Stampfen der
Maschine, und wenn die Schraube frei lief, so bebten seine Flanken. Droben
trillerte der Sturm in den Tauen, die Sturzseen klatschten und dann tropfte
und rieselte es an der Luke. Dicht an meinem Ohr prallten die Wassermassen
wie Rammkltze gegen die Wandung. Zwei Finger breit und da drauen war das
Meer. Ich sah durch das Guckfenster wie es mit geschliffenen xten und
gezackten, blanken Schwertern auf den Arbeiter einhieb. Das Glas war
pechschwarz, wir waren unten, ein Klumpen groer glotzender Augen hing am
Glas, ein weies, ausstziges Gesicht starrte herein, ich sah das Licht des
Leuchtturms und die Gischtkmme, wir waren oben.

Poupoul leckte mir die Hand und wedelte mit dem Schwanz. Er freute sich. Er
glaubte, wir seien auf hoher See und morgen werde er an Deck gehen um
fliegende Fische anzubellen. Ich plauderte ein wenig mit ihm.

Da erwachte Yann. Haha, und jetzt bist du hier, bist Kapitn, fuhr er in
seinem Gesprch fort, und hast eine silberne Uhr fr dreiig Franken in
der Tasche. -- Hast du alles ausgetrunken? Vorwrts!

Er hatte zehn Minuten versumt und sie muten nachgeholt werden. Im brigen
hatte er recht, man mute trinken. Wenn man nur einen Augenblick nachgab,
wurde man tdlich seekrank.

Yann holte nun aus einem Kstchen seine berhmte Zitronenessenz, die er in
den Kognak trufelte. Die Mischung nannte er Punsch. Dieser Punsch war von
unwiderstehlicher Wirkung und gerade das war Yanns Absicht. In der Tat
gengte ein Tropfen dieses Elixiers um einen Liter Wasser in eine starke
Zitronenlimonade zu verwandeln. Die Essenz stammte aus einem Schiffbruch
und war meines Erachtens fr die Parfm- und Seifenfabrikation bestimmt.

Wir strzten uns abermals in Debatten, wurden laut und hitzig, und
behandelten jetzt berhaupt nur noch Gegenstnde, von denen wir beide gar
nichts verstanden. Aber tuschten wir uns nicht ein wenig, Yann? Sprachen
wir nicht so atemlos um die Angst zu verbergen, die tief innen in unserem
Herzen nagte? Hatten wir nicht, whrend wir redeten und sorglos taten,
immerfort den einen Gedanken: wenn die Ketten reien --? Dann begannen wir
frchterlich zu lgen. Auch darin war Yann nicht zu schlagen. Er fing
sogleich an zu spurten. Nun war er auf jener Sprosse angelangt, auf der er
sich gewhlter, kunstvoller und gedrechselter Redewendungen bediente: das
ist ganz den Umstnden angemessen, das ist von keiner tieferen Bedeutung,
primo, secundo. Er erzhlte eine schauerliche Geschichte von der
Pacifique, einem Dreimaster ohne Steuer, ohne Maste, Segel und Wind. Und
ohne Nahrung. Sie hatten das Los geworfen und zuerst den Steuermann
verzehrt, dann den Kchenjungen, dann --

Da sa Yann mit Trnen in den Augen, whrend ich mich totlachte. Da mir
nicht sofort eine Riesenlge einfiel, mit der ich ihn niederwerfen htte
knnen, so fgte Yann eine Erzhlung hinzu von chinesischen Seerubern, die
sie in den Molukken gekpft hatten. Zopf hoch, wupp! ins Meer, Zopf hoch,
wupp! -- Yann sa und kpfte, hahaha! Yann, wie tief bist du gesunken,
neulich kpfte dein Onkel, der Korvettenkapitn, und heute kpfst du schon
eigenhndig! Selbst der Dampfer lachte, er hpfte auf und ab vor Vergngen
und auch der Wind schrie vor Lachen -- haha!

Ha, sagte ich, da du gerade von Chinesen erzhlst, ich fuhr einmal auf
dem Japanischen Meer, und wir hatten zwei chinesische Boys, Hannes und
Lehmann, das waren Burschen! Wir kamen in einen Taifun und die Boys gingen
buchstblich an der Decke, als sie die Speisen servierten. Ohne einen
Tropfen zu verschtten. An der Decke!

Lgner! schrie Yann.

Ich lachte. Gerade das war wahr!

Hehehe! lachte Yann wtend. Er war geschlagen, ich hatte ihm etwas
_Unglaubliches_ erzhlt.

Hahaha! lachte ich, auer mir vor Vergngen.

Pltzlich schwang sich Yann eine Sprosse hher und auf dieser Sprosse
pflegten ihn seine traurigen Erlebnisse einzuholen. Er erzhlte mir
abermals jene Geschichte von der Charlotte, die ihm vier Monate Gefngnis
eintrug. Alle Ungerechtigkeit der Welt hatte sich gegen ihn vereinigt um
ihn zu vernichten!

Die Charlotte war ein Dampfer, der drauen vor Creach auf Grund geriet.
Yann fuhr mit dem Arbeiter hinaus um sich die Charlotte anzusehen, die
von ihrer Mannschaft verlassen worden war. Als seine Matrosen dieses
hbsche Schiff sahen, wurden sie toll. Sie schlugen alles in Stcke und
plnderten den Dampfer von oben bis unten aus. Selbst die Messingbeschlge
schraubten sie ab. Yann protestierte, fluchte, umsonst. Yann hatte ein
gutes Herz, ein zu gutes. Er erstattete keine Anzeige. Aber als er sechs
Monate spter einen renitenten Matrosen an Land schickte, denunzierte ihn
dieser Schuft und gab an, Yann habe smtliche Schiffsinstrumente gestohlen
und eine silberne Teekanne mit Goldeinlage. Die Hunde von Matrosen schworen
so viele Meineide als ntig waren Yann das Genick zu brechen. Entlassung
und vier Monate Gefngnis!

Ha! Yann lachte hhnische Triller. Ich! Ein Dieb? Ich?? Er raufte sich
die Haare und brach in Trnen aus. Ein Dieb! Ich ein Dieb? Meine arme
Mutter --! (Seine Mutter wurde pltzlich wieder lebendig.)

Hier streckte ich den Kopf aus meiner Muschel -- es war mir nmlich seit
einiger Zeit, als sause ich in einer spitzigen Zaubermuschel dahin -- und
sagte: Du bist ja gnzlich betrunken, Yann!

Yann mit den treuesten blauen Augen, Yann mit dem Kinderherzen -- ein Dieb!
O, wie lcherlich, wie absurd! Volldampf! Ich sauste nieder.

Yanns Gemt aber war bis in die Tiefen aufgewhlt. Diese Behauptung ist
eine infame Verleumdung, unwrdig eines Gentleman! sagte er mit
feuchtschimmernden Augen im reinsten Franzsisch, wie man es nur an der
Sorbonne zu hren bekommt.

Yann fra wohl lebendige Crevetten und Spinnen, aber vier Monate Gefngnis
kitzelten ihn nicht wenig. Er lief von Pontius zu Pilatus und sogar der
Minister geruhte ihm Audienz zu gewhren. Er sah in Yanns strahlende
Kinderaugen -- und Yann wurde zu einer Geldstrafe begnadigt. Nein, Yann war
kein Dieb!

Er geno die Rechtfertigung, pries die Gerechtigkeit des Ministers und
schwor Rache. O, du meine Gte, wie er sich rchen wollte! Ich hrte kaum,
was er sagte, denn ich flog in meiner Zaubermuschel ber Kontinente und
Meere dahin -- ah, das war Kioto unter mir, wo sie gerade das Flufest
feierten, ein Gewimmel von Papierlampen, das Miauen der Tnzerinnen --
weiter --

Pltzlich hrte ich, da Yann von Rosseherre sprach. Da sa er und
schwrmte. Ah, wie hbsch sie doch war, wenn die Bnder ihrer weien Haube
flatterten! Wenn sie lachte und ihre weien Zhne blitzten! Eine kleine
wilde Katze war sie! Ich habe gearbeitet und geschuftet, meine Hnde sind
hart wie Holz, meine Finger haben sich verbogen. Nun will ich Ruhe haben,
ein Heim, Kinderchen -- o! Ein hbsches Huschen. Wehe dem, der mir
Rosseherre anrhrt, hrst du?

Ja, ich hrte, C'est la guerre, dachte ich, Yann. Heute raube ich dir deine
Geliebte, morgen wirst du mir die meine rauben. Frauen wollen noch immer
geraubt werden, es gelten keine Vertrge, hrst du, Yann?

Du hast Rosseherre Ringe geschenkt und ein Tuch. Warum hast du das getan?
He, sage mir die Wahrheit, war sie bei dir?

Hahaha. Yann, Yann! Wie langweilig du bist! sagte ich und ich grte
hinunter, denn ich passierte soeben im Stillen Ozean einen Dampfer -- einen
der schmalen weien Siebentausendtonnendampfer der Toyo Kisen Kaisha mit
einem Fcher in der Flagge -- die Chinesen servierten Tee an Deck und die
Damen winkten mir mit den Taschentchern.

Yann stand auf. Du bist mein Freund, sagte er, ich gebe mein Leben fr
dich hin -- aber wenn ich es herausbringe -- hrst du mich? Er knirschte
mit den Zhnen.

Hahaha, Yann, schme dich, so betrunken zu sein. Ho, wie du aussiehst --
du hast einen Kopf wie ein Ballon -- so gro -- o, Yann, hahaha!

In diesem Augenblick bumte sich der Arbeiter auf und die Ankerketten
krachten. Der Dampfer schttelte sich wie ein Fisch an der Angel, dann
pendelte er in weitem Bogen.

Yann hatte sich am Tisch festgeklammert. Da streiten wir uns ber ein
Frauenzimmer, und unterdessen --! flsterte er erschrocken. Er lauschte.
Die Ketten sind gerissen! Der Dampfer treibt!! schrie er und strzte die
Treppe hinauf.

Ich aber sauste gerade ber Honolulu dahin, dicht ber den Krater des
Halewauwau, Haus des ewigen Feuers -- die Schwarzen lieen sich auf
Brettern in der Brandung treiben und schrien: jiiii!

Nein, der Dampfer trieb nicht, er pendelte, es war nur eine Kette gerissen.

Ich zog mich in meine Muschel zurck und schlief.

Wir trennten uns nicht im besten Einverstndnis, Yann und ich. Jean Louis
hatte ihm die Sache von dem Segel verraten, und Yann konnte in seiner
Betrunkenheit nicht umhin diesen Trumpf gegen mich auszuspielen.

Jean Louis ist ein alter Idiot, sagte ich, wei Gott, was in seinem
morschen Schdel vor sich geht.

Aber trotzdem schieden wir nicht als Freunde. Yann sprach sogar davon mich
ber Bord werfen zu lassen. Yann, mon cher ami, das Kindergemt. Er war
toll von all dem Trinken und seine Augen waren blutunterlaufen und
schielten etwas. Nun, ich zog es vor mich freiwillig zu verabschieden.

Yann stand oben auf dem Verdeck und schnellte ganze Stockwerke in die Hhe
und dabei wiederholte er mit spttischem Lcheln ohne Aufhren: Au revoir
et merci, merci!

Ich lachte noch nach Wochen, wenn ich daran dachte, wie er auf- und abflog
und spttisch sagte: Au revoir et merci, merci!




XX


Als ich an Land kam, sah ich die Luft voll kleiner weier Teufel mit
gespreizten Fledermausflgeln und auch die Erde war bedeckt damit, hier
waren sie grau. In ganzen Schwrmen zogen sie hin und her vor meinen Augen.

Hoho! sagte ich. Poupoul, da haben wir es glcklich, weit du, was das
ist? Das Delirium tremens, mein Sohn.

Gott sei Dank, Sturmvilla stand noch! Immer noch sa der rasende Gorilla
drauen auf den Klippen und trommelte mit den Fusten auf seinen Bauch. Ich
war erschpft und schlief augenblicklich ein. Nach vielen Stunden erwachte
ich wieder. Etwas war geschehen! Die Fledermausteufel waren fort. Ich
lauschte. Der Wind weinte im Kamin, das Trommeln des Gorillas hatte
aufgehrt. Der Sturm lie nach. Ich trat vor die Tre. Das Meer schumte
und raste und die Dmmerung eines Tages, der nie hell gewesen war, regnete
wie dicke graue Asche auf das dstere Chaos herab. Ein farbloser Dampfer
rollte drauen im frchterlichen Seegang, ein groer P. u. O.-Steamer, kaum
sichtbar. Diese Dmmerung erfllte das Herz mit dem Gefhl entsetzlichster
Verlassenheit und ich wagte weder zu denken noch zu fhlen. Ich schlief.
Dann weckte mich ein bekanntes Pochen.

Es war finstere Nacht. Creachs Lichtgarben wehten in zitternden Wellen, wie
feinstes Frauenhaar, durch die dunstige Atmosphre. Im Norden stand der
scharlachrote Widerschein einer Feuersbrunst: das war das Feuer von Stiff,
ber das drhnende Meer wlzte sich Rauch.

Aber Rosseherre kam nicht plappernd und mit bermtigen singenden Ausrufen
herein, sie war scheu und ngstlich und sprach leise und etwas heiser.

Ich sah dich heute an Land gehen, sagte sie und drckte mir ein Paketchen
in die Hand. Wie finster es bei dir ist.

Guten Abend, Rosseherre! Was macht Jean Louis?

Jean Louis schlft.

Ich zndete Feuer an, und nun konnte ich wenigstens Rosseherres weie Haube
und ihre hellen Haare sehen. Sie sa zusammengeduckt auf dem Bett.

Was ist denn in dem Papier, Rosseherre?

ffne doch.

Es war ein Klumpen Honig darin.

Die Schiffe auf dem Meeresgrund brechen auf, sagte Rosseherre. Jean
Louis hat eine groe Bchse gefunden. Auch einen Ballen Feigen, doch sie
waren verdorben.

Aber Rosseherres Worte wurden von einem leisen Wimmern erstickt. Und
pltzlich weinte sie laut und herzzerbrechend, wie ein Bauernmdchen weint,
das Kummer hat.

Rosseherre?

Rosseherre schttelte den Kopf und die Trnen sprangen ihr ber die Hnde
und durch die Finger hindurch. Ich wei es nicht, sagte sie, aber ich
habe Angst. Wenn es strmt, so bricht mein Herz. Ich mu an Vater denken
und an den Tag, da Diaul angehetzt kam. Diaul war Vaters Hund, eine Dogge,
so gro wie ein Kalb und ganz wild. Niemand durfte ihn anrhren, nur Vater.
Vater besorgte die Post von der Kste herber. Er hatte ein hbsches Boot,
er war ja Pilot. In einem Vierteljahr waren schon zwei Postboote
untergegangen und da bernahm Vater die Post. Einmal nun war das Meer hoch,
es wehte, aber es war kein Sturm. Da kam Diaul angehetzt. Seht, sagte ich,
Vater ist zurck, da haben wir Diaul schon. Er troff von Wasser, aber Vater
warf ihn oft ins Wasser, es fiel uns nicht auf. Diaul, willst du nicht Ruhe
geben? Er war wie ein Narr, er sprang an mir empor und klffte. Er war auch
gar nicht bse, ich schlug ihn auf die Schnauze, auch das lie er sich
gefallen. Mit einem Male fing ich an zu schreien und ich lachte doch noch.
Ich verstand Diaul! Ich verstand auch pltzlich, weshalb vor einer
Viertelstunde mein Herz auf einmal stillgestanden war. Denn es war
stillgestanden und hatte sich nicht mehr gerhrt! Ich lief hinter Diaul
her, alle liefen wir hinter ihm her, einer hinter dem andern, quer ber die
Insel. Und ich war die erste von allen. Da lagen die Trmmer von Vaters
schnem Boot in den Klippen und Leichen. Acht Menschen sind ertrunken in
der Brandung, auch Vater. Man fand ihn nicht. Nur Diaul konnte sich
retten.

Sie weinte mit zusammengepreten Augen und Lippen. Ich legte meine Wange an
die ihre und schaukelte sie leicht hin und her wie ein Kind. Mein Gesicht
wurde na von ihren Trnen.

Diaul, mein armer Diaul! wimmerte Rosseherre. Wir hatten ihn so gern. Da
irrte er umher und verwilderte und bellte in den Nchten da drauen bei den
Klippen, wo das Boot gescheitert war. Dann ging Noel mit seiner Bchse
hinaus und ich hrte es knallen und dann kam Noel und sagte: nun ist Diaul
tot.

Rosseherre weinte leise und fuhr fort: Ich hatte auch einen Bruder. Er
hatte einen langen Schnurrbart. Er war ein wilder Mensch und er trank wie
alle. Aber er liebte mich. Oft sagte er zu mir: Rosseherre! und klopfte mir
auf die Wange. Sie fuhren hinaus zum Fischen und er kam nicht wieder. Und
ich hatte den ganzen Tag solch schreckliche Angst! Ich sah ja, sah es ja,
wie er ber Bord strzte und sein roter Schnurrbart schwamm auf dem Wasser.
Ich ging hinunter zum Hafen und wartete. Ich wute wohl, Emile kommt nicht
wieder, aber ich wartete trotz alledem und betete. Da kam das Boot herein.
Der Patron sagte: Rosseherre --? Sonst sagte er nichts. Spter sagte er zu
mir: der Strom nahm ihn mit sich, sein Schnurrbart schwamm, aber wir
konnten ihn nicht mehr einholen. Ich sa und betete fr seine Seele, und
als es dunkel wurde, kam Jean Louis und sagte: nun, Rosseherre, es wird
Nacht.

Ich wiegte Rosseherre und streichelte sie, so gut ich es konnte. Weine
dich nur aus, kleine Rosseherre, dann wird es besser.

Der Wind wimmerte leise an der Tre. Er klagte, als fiele ihm etwas
Trauriges ein, das er einmal gesehen hatte und nicht vergessen konnte. Das
Meer drhnte wie dumpfer Kanonendonner. Es drhnte regelmig alle zwei
Sekunden, und bei jedem Donnern ging ein leises Beben durch Rosseherres
Krper.

Sie hob den Kopf. Hrst du das Meer? fragte sie. Ich werde wohl gehen
mssen, denn man wei nicht, was geschieht. Es gibt Nebel.

Was soll denn geschehen?

Alles kann geschehen.

Alles?

Ja, denn ich habe Vater gesehen. Heute am lichten Tag.

Deinen Vater?

Ja. Er kam zur Tre herein und sagte: heute sollen sie sich in acht
nehmen, die da drauen.

Die auf dem Meer?

Ja!

Poupoul nieste und Rosseherre erschrak, da sie aufschrie.

Aber, Rosseherre? sagte ich lchelnd. Was ist mit dir heute?

Sie sah mich an. Ihre Augen flackerten im Feuerschein wie die Augen eines
Tieres, das voller Angst ist. Ich wei es nicht, sagte sie und blickte zu
Boden, aber ich habe Angst. All die Tage lang hatte ich schreckliche
Angst. So vieles geht mir durch den Kopf und ngstigt mich. Ich denke
daran, da Yann im Meer sterben wird und auch ich, ich auch.

Nein, Rosseherre.

Vater sagte es mir, erwiderte Rosseherre mit einem kleinen vertrumten
Lcheln. Schon lange. O, ich wei, was ich wei! Es ist auch nicht das
schlimmste. Denn dann kann ich vielleicht mit Vater und Bruder da drunten
sein, wo du sie einmal gesehen hast.

Rosseherre, das war doch ein einfltiger Traum. Ich hatte so viel
getrunken auf Kedrils Hochzeit.

Ja, ja. Rosseherre lchelte unglubig und blickte vor sich hin. Dann
lachte sie leise. Nein, das eine ist gut, Jean Louis kann das Meer nichts
tun. Grovater ist gefeit. Sie schttelte die Haare vor Freude. Ihre
Wangen waren hei und ihre Augen glnzten. Sonderbar war sie heute.

Nun roch auch ich den Nebel. Er roch wie Jod. Da begann Creach zu brllen,
fern und dumpf, und ich sah ihn vor mir, eingepackt in undurchdringliche
Nebelballen.

Rosseherre erbebte. Sie zog die Brauen in die Hhe und lauschte angestrengt
auf das Brllen des Nebelhorns, das bers Meer rollte und in einem fernen
Grollen unterging.

Ich mu nun doch gehen, sagte sie voller Angst.

Aber ich berredete sie zu bleiben. Wir werden ein groes Feuer anznden,
Rosseherre, etwas Grog wollen wir kochen, und dann werde ich dir eine
kleine Geschichte erzhlen, warte nur. Du zitterst ja so, weil es kalt ist
hier. Poupoul, geh aus dem Weg! Du wirst sehen, wie hbsch es hier wird!

Ich verbrannte meine englische Zeitung und dann ri ich die Schublade
meines kleinen Tisches in Stcke und warf sie ins Feuer. Auch der kleine
Tisch wrde wohl bald an die Reihe kommen, es ging nicht anders. Whrend
ich den Grog braute, erzhlte ich Rosseherre ein kleines lustiges Erlebnis
und als ich verstohlen zu ihr hinblickte, sah ich, da sie lchelte.
Poupoul, der seine Leute kannte, sa vor ihr und klopfte mit dem Schwanz.
Auch er gab sich Mhe Rosseherre auf andere Gedanken zu bringen.

Ist es nicht schon hbscher bei uns, wie, Rosseherre?

Ja! Rosseherre nickte und sah ohne Blick vor sich hin. Sie schlrfte den
heien Grog durch ein Stckchen Zucker, das sie hinter den Zhnen hielt.
Ihr Gesicht glnzte im Feuerschein, noch na von Trnen, ihre gelben Haare
flimmerten als ob die Sonne darauf schien. Nun habe ich keine so groe
Angst mehr, sagte sie und holte tief Atem, aber zuweilen mchte ich
sterben vor Angst. Das Meer ruft mir. Gesichter erscheinen im Meer. Einmal
sah ich den Bruder auf einer Klippe sitzen. Er kam mit einer Welle herauf
und da sa er und sah mich an. Aber da schrie ich vor Angst und er tauchte
mit der Welle hinab. Einmal, als es strmte, ging ich abends an den Klippen
entlang. Da lag ein Stein. Aber pltzlich stand der Stein auf und es war
ein alter Mann mit langen grauen Haaren. Er stand ganz ruhig und sah mich
an und aus seinen Augen fuhr Feuer -- da lief ich davon und frchtete mich
eine ganze Woche lang. In den letzten Tagen aber hielt ich es nicht mehr
aus. Nun, sagte ich, es wird das beste sein, du springst hinab, die
gebenedeite Jungfrau wird dir vergeben. Ich ging nach Stiff, wo die Klippen
steil abfallen. Da weinte ich und betete und bat die gebenedeite Jungfrau
die groe Snde von mir zu nehmen. Aber als ich es tun wollte -- was meinst
du? Da sa Vater am Rande der Klippen, die Pfeife im Mund, genau so wie ich
ihn immer vor mir sehe. Er sah mich nicht an, aber er sa da. Er versperrte
mir den Weg. Merkwrdig lchelte Rosseherre, als sie das sagte.

Und ich dachte, sonderbare Dinge gehen in deinem kleinen Kopf vor,
Rosseherre! Sonderbare Dinge!

Es schien Rosseherre zu erleichtern, wenn sie von Vater und Bruder sprechen
konnte. Ich lie sie gewhren. Und sie erzhlte mir alles aus ihrem jungen
Leben und was Jean Louis ihr von Eltern und Groeltern berichtet hatte. Die
meisten waren ertrunken. Und wie merkwrdig war es doch: keinen hatte das
Meer zurckgegeben, keinen einzigen. Sonderbar war der Tod ihres
Grovaters. Er fuhr nach Molen. Das Meer war glatt wie l. Er kam nie an,
kein Span seines Bootes fand sich, nichts --

Nichts fand sich, Rosseherre?

Nichts! Und Rosseherre lchelte sonderbar und fgte geheimnisvoll hinzu:
Sie haben ihn hinabgezogen!

Dann versank sie in Grbeleien.

Creach brllte dumpf und Rosseherre zitterte am ganzen Krper.

Ich erzhlte ihr von den fernen Lndern, die ich gesehen hatte und wie
merkwrdig die Leute dort waren. Sie hatten vielhundertjhrige
Schildkrten, mit Edelsteinen und Schmuck besetzt, und beteten sie an. Und
sie hatten Gtter, klein wie ein Dumling und wiederum gro wie der Phare
von Creach.

Rosseherre hatte kaum zugehrt, nun aber lchelte sie. Das sind Heiden,
meiner Treu!

Dann mute ich ihr von Paris erzhlen. Von Paris konnte sie nicht genug
hren. Sie wollte wissen, was ein Diner kostete und wieviel sie im Hotel
fr ein Zimmer verlangten. O, Diaul, wie unverschmt sie doch waren!
Rosseherre lachte und doch zitterte sie dabei.

Vielleicht gehen wir einmal zusammen nach Paris. Rosseherre?

Sie sah mich mit groen Augen an. Nach Paris?

Ja, weshalb nicht? Jeden Tag knnen wir fahren.

Rosseherre lchelte und schttelte den Kopf. Paris? Es ist so weit, nie
werde ich Paris sehen!

Sie blieb lange still und teilnahmslos, ich konnte sagen, was ich wollte.
Sie lauschte unausgesetzt. Einmal sagte sie: Man hrt Creach nicht mehr so
laut, wie dicht der Nebel wird!

Dann streichelte sie ganz mechanisch meine Hand. Sie sprach kein Wort. Sie
kniete sich zu meinen Fen auf den Boden nieder, legte das Gesicht auf
meine Fe und umschlang sie mit den Armen, und so lag sie, ohne sich zu
rhren. Das tat sie oft und ich wehrte es ihr nicht. All ihre Zrtlichkeit
und Ergebenheit drckte sie damit aus.

Sie war nur ein Kind, das weder Vater noch Mutter hatte.

Lange verharrte sie so, und endlich hrte ich, da sie schlief.

Ich wartete eine Weile, dann hob ich sie aufs Bett. Sie ffnete die Augen,
sah mich an ohne mich zu erkennen und schlief weiter. Zuweilen plapperte
sie im Traum, aber ich verstand nicht was sie sagte, denn sie sprach
Bretonisch.

Was trumte Rosseherre?

Ich sa und rauchte die Pfeife und sah zu, wie sie atmete. Vielleicht
trumte sie, sie sa bei den Klippen und alle kamen sie aus dem Meer und
plauderten freundlich mit ihr und niemand sah es?

An der Tre rauchte es. Durch mein kleines Fenster blickte ein vergrmtes
Gesicht. Der Nebel. Ich warf Holz aufs Feuer, denn sie sollte nicht
frieren. Eine Stunde verging, zwei Stunden. Alle drei Minuten erschtterte
Creach mit seinem Brllen die Luft, und der Sand rieselte in meinen Wnden.
Creach brllte immer zweimal nacheinander. Zuerst wie ein wildes Tier, das
gereizt auffhrt und wtend angreift, dann als ob es sich verwundet
zurckziehe und schmerzlich rchele. Eine Ewigkeit sind drei Minuten, wenn
man wartet. Creach hat nun zehnmal gebrllt, eine halbe Stunde ist
vergangen.

Rosseherre redete unruhig und angstvoll. Trumte sie, da sie alle drauen
vorbersegelten und ihr winkten, sie aber konnte nicht hinauskommen, denn
das Meer war ja zwischen ihnen?

Pltzlich setzte sie sich auf und starrte mich an.

Nebel, Rosseherre, schlafe.

Und sofort schlief sie wieder ein. Ich suchte meine dnne silberne Kette
hervor und legte sie ihr auf die Brust. Wenn sie nun wieder erwachte,
sollte sie sie finden.

Der Nebel wurde von Minute zu Minute dichter. Creach brllte nicht mehr. Er
grollte wie ein zu Tode verwundetes Tier, das elend zurckgeschlagen sich
im Versteck die Wunden leckt und knurrt und rchelt. Das Meer donnerte
lauter in den Klippen und die Brandung in der Bai drhnte, als ob alle zwei
Sekunden eine Huserreihe einstrzte. Die Flut kam zurck. Aber hier bei
unserem verglimmenden Feuer war es totenstill. Zuweilen kamen feine,
komische Gerusche aus Rosseherres Nase. Ein kleiner Falter, den die Wrme
geweckt hatte, schwirrte an der Decke, eine schwarze Spinne wanderte ohne
Lrm zu machen die Wand hinauf.

Tief und gleichmig gingen Rosseherres Atemzge. Ich legte das Ohr an ihre
Brust. Es rauschte, es atmete. Wie das Meer, wenn die Ebbe nahe ist.

Und was ist das Atmen der Menschen anders, frage ich, als das Atmen des
Meeres, aus dem sie kamen?

Rosseherres Atemzge verbreiteten Stille und Frieden, ja eine Art
Heiligkeit. Eine sonderbare Scheu ergriff mich vor dem Stck Leben, das
hier bei mir war. Scheu vor deiner Jugend, Rosseherre, deinen schnen
Haaren und weien Zhnen und all dem Leid in deinem kleinen Herzen. Ich
kenne dich nicht.

Ich bewegte mich lautlos und wagte kaum zu atmen. Dann setzte ich mich vor
das Feuer und dachte an viele Dinge, die lngst vergangen waren. Vergangen!
Gott sei gelobt! Gesegnet sei das Gesetz der Vergnglichkeit, das die Tage
neu macht.

Gesegnet sei auch eure Unbestndigkeit, ihr Freunde und Frauen, die ihr
mich so jmmerlich belogen und betrogen habt -- es gibt vier Wnde und es
gibt vier Himmelsgegenden, was ist dir lieber?

Wie lange ich so sa, wei ich nicht, denn vieles ging mir durch den Sinn.
Dann aber weckte mich ein feines Rieseln. Die kleine Kette war auf den
Boden herabgeglitten.

Rosseherre sa, aufrecht und lauschte. Ohne Laut hatte sie sich
aufgerichtet. Ihre Augen waren ohne jeden Blick. Sie lauschte, mit jeder
Fiber und all den tausend Ohren ihres Krpers lauschte sie. Ihre Wangen
waren gertet vom Schlaf, aber pltzlich wurden sie schneewei.

Rosseherre?

Rosseherre bebte. Sie flsterte ein paar hastige Worte, aber ich verstand
sie nicht.

Sprich Franzsisch, Rosseherre! Aber merkwrdig, ich wagte es nicht
aufzustehen und zu ihr zu gehen.

Horch doch! sagte sie.

Ich lauschte. Das Meer. Creach rchelte in der Ferne, Poupoul sa an der
Tr und sah mich fragend an; auch er hrte nichts.

Aber Rosseherre zitterte am ganzen Krper als ob sie friere, und
schrecklich bla sah sie aus. Ich stand auf, doch sie machte mir ein
Zeichen mit der Hand.

Sie lchelte krank.

Sie haben den Weg verloren, sagte sie ohne Stimme.

Was sagte sie?

Wach auf, Rosseherre!

Da blickte sie mich an und ihre Augen waren geschmolzen von einer
grauenhaften Angst, die Pupillen unnatrlich geweitet.

Was war das? Das war ja --

Gehe hinaus, flsterte sie, geschttelt vom Fieber.

Beruhige dich, sagte ich, ich will hinausgehen.

Der Nebel wlzte sich augenblicklich herein wie ein Gespenst, das vor der
Tre gelauert hatte. Das Meer donnerte ehern und Creach grollte im Herzen
der undurchdringlichen Nebelnacht. Ich lauschte. Ein dumpfer Hammer schlug
in meiner Brust. Die Angst, die von Rosseherre ausstrmte, hatte auch mich
ergriffen. Ich ging ein paar Schritte um mich zurecht zu finden, schttelte
den Kopf und kehrte zur Tre zurck. Aber als ich die Tre zuziehen wollte,
hielt ich pltzlich inne. Was war es? Meine Fe klebten am Boden und
wurden bleiern, meine Fingerspitzen erstarrten, meine Hnde, meine Arme,
ich wurde ganz steif, die Haut spannte sich kalt ber mein Gesicht und
meine Haare stellten sich bschelweise in die Hhe:

_Da drauen -- tutete es ja --_

O, jaja, ich hrte deutlich das hohle, dumpfe Tuten eines Dampfers durch
das Toben der Brandung hindurch. Es brach ab. Aber gerade als ich aufatmen
wollte, kehrte es wieder. Mir schwindelte. Ich legte mich nach vorn und
machte mich ganz Ohr, und mein Ohr saugte wie ein riesiger Schalltrichter
dieses Tuten in sich. Nun begann auch eine Pfeife in der Ferne zu schrillen
-- als ob ein groes wildes Tier und sein Junges zusammen um Hilfe schrien.

Da schlug Poupoul an. Kein Zweifel. Und ich taumelte betubt ein paar
Schritte in den Nebel hinein. Rosseherre glitt an mir vorber. Sie lief
klappernd und schrie: Naufrage, naufrage! Dann hrte ich nicht mehr, was
sie rief, aber ihre hohe Stimme schwang im Nebel.

Nein! Nein! Nein! Ich fate mit den Fusten in meine gestrubten Haare und
schttelte den Kopf hin und her. Nein! Das alles ist ein furchtbarer Alp,
ein entsetzlicher Zauber -- niemand kann durch den Nebel sehen, was man
nicht sehen kann, niemand in der Welt. Die Woge drhnte, die Welle lief
zornig gegen mich an und der Gischt kruselte an mir empor. Horch! Ja,
trotz des irrsinnigen Zhneklapperns, das mich befallen hatte, hrte ich
es: es tutete, pfiff, die beiden Stimmen da drauen im Nebel riefen noch
immer. Dann verstummte das Tuten pltzlich und die Pfeife brach mit einem
klglichen Winseln ab.

Ich machte meine Stimme stark und schrie hinein in den Nebel: Hallo? Hal
-- lo -- --? Eine Gischtpeitsche schlug mich bers Gesicht. So lcherlich
war es zu rufen.

Da vernahm ich das zischende Ausstrmen von Dampf und ein fernes Drhnen,
als ob Eisen genietet wrde. Dann schien es mir, als hrte ich das ferne
Geschrei einer Menge Menschen. Und nun war es still. Das Meer schlug, die
Brandung donnerte, Creach grollte in der Ferne.

Ich lief ins Dorf. Ein Dampfer ist gescheitert! schrie ich. Ein Dampfer
ist gescheitert! Ich war sinnlos vor Erregung und das Wasser sprang mir
aus den Augen, da ich erblindete.




XXI


Die Glocken begannen im Nebel zu bellen wie kleine Hunde, die im Schlafe
gestrt wurden.

Das Dorf schlief noch. Aber da und dort rhrte es sich schon, Holzschuhe
klapperten, Fenster erhellten sich, Stimmen kamen aus dem Nebel. Am Hafen
unten schlo der Maire den Schuppen auf, in dem sich das Rettungsboot
befand. Der Nebel war so dicht, da man keinen Menschen sah, bevor man ihn
anrannte, und wenn man mit jemand sprach, so zerflo sein Gesicht in
Schleiern.

Zurufe, Flche, Durcheinander. Ein Seil schleifte am Boden und unsichtbare
Hnde zogen es straff. Ich griff zwischen ein paar Fuste hinein und zog
an. Rder knarrten und das Rettungsboot erschien gespensterhaft hoch und
lang auf dem Wagen. Schatten warfen sich in die Radspeichen und eine Kette
von Schatten hielt den Wagen hinten am Seil fest, damit er nicht zu rasch
den Steig hinabrollte. Wie ein schwerflliges, hundertfiges Ungeheuer aus
der Vorzeit bewegte sich das Boot zum Meer hinab und die Welle spritzte
gegen seinen Bauch.

Vorwrts! schrie ich. Da drauen warteten sie --

Wir mssen warten, bis es Tag wird! Man sieht ja nicht die Hand vor den
Augen!

Wo ist Kedril? He, Kedril, Pilot, dein Tag ist gekommen. Das ist eine
Arbeit fr dich. Ich zeige dir, wo der Dampfer liegt.

Mein Freund, antwortete Kedril, nicht fr tausend Franken knnte ich das
Boot hinausbringen. Bei diesem Meer! Wir mssen auf die Ebbe warten.

Wenn du es auch sagst, Kedril! Ich war entmutigt, ich ging.

Im Dorf rannte ich gegen Noel, der sich ganz in geltes Leder verpackt
hatte und ein Fernrohr in der Hand trug.

Nun, rief er mir zu, habe ich es Ihnen nicht gesagt, als Sie Sturmvilla
mieteten, alle Schiffbrche vollziehen sich dicht vor Ihren Augen -- haha!

Ich gab ihm keine Antwort. Ich lief nach Sturmvilla zurck. Nichts war als
Nebel, das Branden des Meeres und alle drei Minuten grollte Creach in der
Ferne wie ein todwundes Tier.

Etwas scharrte zwischen den Klippen. Es war Jean Louis. Ein Dampfer ging
in die Klippen -- hh! sagte er und lachte idiotisch. Rosseherre war
wieder die erste --

Was kann man tun? fragte ich.

Was man tun kann? Nichts. Hh! Die Klippen sind wie Messer da drauen.
Sie fahren alle an derselben Stelle auf. Sie werden vom Strom abgetrieben
und hren Creach erst, wenn sie festsitzen. Er trappelte hin und her und
sphte auf den Boden. Eine Gruppe von Fischern, Frauen und Kindern sammelte
sich an, und alle sphten sie auf die ankommende Welle mit vorgeneigten
Kpfen und gierigen Augen. Sie waren die Abkmmlinge von Seerubern und ihr
Herz hatte das Meer gehrtet. Was war ein Schiffbruch fr sie? Es hatte
Nchte gegeben, da drei Schiffe scheiterten, und wiederum hatte man in drei
Nchten nacheinander die Sturmglocken gelutet.

Etwas Dunkles trieb ans Land und alle strzten sich gleichzeitig darauf. Es
war das Wrack eines kleinen, schwarzen Bootes. Wie ein zertrmmerter
Brustkorb. Dann wichen sie pltzlich alle zurck: mitten in der Welle stand
ein Mensch, der von Wasser troff und die Arme nach ihnen ausstreckte. Er
fiel vornber und die Woge trug ihn ans Land und legte ihn schweigend
nieder. Die nchste Welle fuhr ber ihn hin und er bewegte sich, als ob er
sich aufsetzen wolle. Dann zogen Jean Louis und ich ihn weiter aufs Land.

Er lag mit offenen Augen da, als ob er sehr erschrocken wre, und lchelte
mit geffneten Lippen, da man die Zhne unter seinem kleinen dnnen
Schnurrbart sah. An der rechten Schlfe hatte er eine schwarze Schramme. Er
war tot.

Die Fischer standen um ihn im Kreise. Jean Louis nahm die Mtze ab und
schlug das Kreuz. Alle folgten seinem Beispiel. Creach knurrte in der
Ferne, whrend sie das Gebet murmelten.

Hier liegt er jetzt!

Es ist rasch gegangen mit ihm. Das Meer warf ihn gegen einen Felsen.

Ein kleines Mdchen sagte leise und lachte vor Angst dazu: Vater, er lacht
ja!

Nun beruhige dich, alle Toten lachen.

Ein junger Mensch ist er.

Zweiundzwanzig.

Das kleine Mdchen sagte und wieder lachte sie etwas: Vater, er sieht mich
an!

Alle Toten sehen dich an, beruhige dich!

Dann durchsuchten sie ihm die Taschen. Aber der Tote besa nichts. Eine
Pfeife, ein Messer, ein rotes Taschentuch. In der Brusttasche seines kurzen
Kittels fand sich ein Brief.

Ein Brief!

Ich zndete ein Streichholz an.

Er heit -- wartet -- er heit Joe Gordon, der Dampfer heit Indiana und
kommt von Kapstadt.

Joe Gordon -- Indiana --

Willst du die Streichhlzer nehmen?

Der Brief war zerweicht und schwer leserlich. Er lautete ungefhr: Dear
Joe, wenn du nach Liverpool kommst, so besuche mich. Fahre nicht gleich
wieder weg, wie das letztemal. Ich bin krank und mein Fu tut mir weh. Ich
gehe nicht mehr aus und warte auf dich. Das Leben ist recht elend, wenn
einen die Kinder ganz vergessen. Deine alte Mutter.

Das Marineamt wird ihr eine Depesche senden.

Joe wird nicht kommen. Und sie ist alt und krank, hm.

Da war auch pltzlich Rosseherre wieder da. Sie drngte die Leute zur Seite
und schrie und warf sich weinend ber den Toten. Sie sprach mit ihm, sie
nannte ihn mon coeur, mon petit und schluchzte herzzerreiend.

Ich ertrug es nicht lnger, ich ging.

                   *       *       *       *       *

Vorwrts! schrie ich. Worauf wartet ihr denn noch?!

Es war Tag. Das Rettungsboot sah wie ein Phantom im bleichen Nebel aus,
unnatrlich hoch und lang, und die Welle leckte seinen weien Bauch.

Gesichter gingen im Rauch. Wir knnen unmglich fahren.

Hunde seid ihr, wenn ihr nicht fahrt.

Aber das Meer ist schrecklich, wir kommen nicht zur Bai hinaus!

Ich zitterte vor Erregung. Ich bot meine ganze berredungsgabe auf. Aber
sie blieben kalt und ruhig.

Da drauen sind sie!

Hier sind unsere Frauen und Kinder.

Chikel hatte morgens um fnf Uhr die Bar geffnet und eine Lampe
angezndet. Vielleicht ging es so! Ich ging umher und go den Fischern ein.
Sie hatten keine Phantasie. Sie sahen nicht, wie sie da drauen auf dem
Wrack saen, sich festklammerten und hofften, ah, pfui!

Aber ihr mt fahren! sagte ich. Das bichen Meer, was fr Leute seid
ihr doch! Ich kenne euch nun so lange!

Die Fischer rekelten sich.

Unmglich!

In die Hlle mit euch!

Ich ging. Ich bebte vor Zorn.

Nebel. Dick und hlich gelb, wie Eiter. Creach grollte alle drei Minuten,
das Meer schlug.

Bei den Klippen standen die Fischer und lauerten auf alles, was geschwommen
kam. Zerschmetterte Leichname trieben ans Land. Am Vormittag zhlte man
sieben, am Abend dreizehn. Der Nebel aber stand wie eine Mauer.

Creach brllte die ganze Nacht. Am nchsten Morgen war der Nebel dnner
geworden, und pltzlich unterschied man im Dster drauen den Dampfer. Er
lag schrg, sein Achterdeck stand ber Wasser und bei jeder Woge stieg ein
Turm von Gischt daran in die Hhe. In den Tauwnden hing etwas wie graue
Flocken, das waren Menschen. Der Nebel zog und wir sahen sie nicht mehr.

Um zwei Uhr aber, zur Zeit der Ebbe, fuhr Yann hinaus.

Hoch Yann, und dreimal hoch!

Ja, pltzlich regte es sich auf dem Arbeiter, der drauen im Nebel
inmitten der Sturzseen tanzte. Die Ankerwinde rasselte. Wir sahen einander
an. Wie? Es zischte und aus dem Kamin quoll eine dicke Rauchwolke, die den
Arbeiter in graue Nebelballen einpackte. Der kleine Kapitn marschiert!
Ja, natrlich marschiert er! Das war Yann, der wie ein Mdchen weinte, wenn
er betrunken war. Nun aber zeigte es sich, was in ihm steckte! Er hatte
lange genug gewartet und nun ging er los und war nicht mehr zu halten.
Entweder -- oder. Gewi hatte er die Zhne gezeigt, als seine Mannschaft
zgerte. Eine Stunde lang rasselte die Ankerwinde, sto- und ruckweise, der
Anker sa fest. Pltzlich aber hrten wir etwas, ein _frchterliches
Gebrll_ -- trotz der Entfernung. Das war Yann. Gleichzeitig bewegte sich
der Nebeldampfer. Er fuhr rckwrts! O, lala! sagte Noel. Dann stellte er
sich auf die Hinterbeine und strzte kopfber hinab, rollte und ging
vorwrts. Wir sprachen kein Wort. Nur, da wir lange zusahen, wie sich Yann
Zoll um Zoll den Weg erkmpfte, sagte einer: Wenn die Maschine es aushlt
--! Wir warteten stundenlang auf demselben Fleck und sphten in den Nebel
hinein. So oft wir Yann tuten hrten, sahen wir einander an und regten uns.

Yann kehrte mit acht Schiffbrchigen zurck. Es war ihm gelungen, ein Seil
zu werfen, ber das sie an Bord klettern konnten. Am nchsten Morgen ging
das Rettungsboot hinaus und holte die zehn brigen. Nun waren sie alle
gerettet bis auf einen, einen Neger, einen Stoker, der sich nicht ber das
Seil wagte.

Man sah ihn den ganzen Tag ber oben auf dem Mast hocken wie einen kleinen
dunklen Klumpen. Der Nebel zog und verbarg ihn, der Nebel wurde dnner, und
immer noch sa der Neger da. Der Mast hatte sich geneigt und ragte nur noch
zum vierten Teil aus dem Wasser. Gegen Abend ging das Rettungsboot nochmals
hinaus und fuhr so nahe wie mglich an den Mast heran. Gespenstisch wie der
Fliegende Hollnder tanzte das Boot im Nebel. Aber der Neger rhrte sich
nicht vom Platze. Am andern Morgen hatte sich die Mastspitze bis aufs Meer
herabgesenkt. Das Spritzwasser ging ber den Neger hin. Wieder fuhr das
Boot hinaus, aber der Neger rhrte sich nicht. Er hockte da und heulte. Er
hatte den Verstand verloren. Am Abend, als sich der Nebel auf Augenblicke
lichtete, war die Mastspitze leer.

Man grub eine Reihe Grber in der Heide. Alle Fischer standen mit der Mtze
in der Hand. Auch ich. Der Priester sprach, und der Totengrber spritzte in
gleichen Zwischenrumen den Tabaksaft durch die Zhne ins Grab hinab.

Und nun erschien auch ein Fleckchen blauer Himmel zwischen den Nebelbnken.

In den Klippen aber sa ganz allein Rosseherre und starrte aufs Meer
hinaus. Die winzige Mastspitze war gesunken. Von der Indiana war nichts
mehr zu sehen.

Ich ging nahe an Rosseherre vorbei. Sie sang leise mit einer hohen,
weinenden Stimme wie der Wind und wiegte den Kopf dabei.

Ich sah ber die Insel: sie kam mir schrecklich vor.




XXII


Ich sa auf einem Stein in der Heide. Die Sonne schien. Ich rauchte. Die
Heide war braun und gelb, aber an einer Stelle hatte sie eine frische Narbe
-- dort lagen sie. So oft mein Blick auf die frische Narbe fiel, dachte
ich: dort liegen sie, dort liegt auch Joe Gordon mit der gespaltenen
Schlfe und dem kleinen Schnurrbart --

Einige Tage lang mute ich immer wieder dasselbe denken. Es lag etwas wie
ser Leichengeruch in der Luft. Dann aber gelangte ich dahin, die frische
Narbe in der Heide mit den rechten Augen zu betrachten: ja, da lagen sie
und sie waren glcklich zu preisen! Eines herrlichen, wilden Todes waren
sie gestorben. Ihr Gtter da droben, lat mich sterben wie sie! Schleudert
Felsblcke nach mir oder Donnerkeile, in einem Eisenbahnzusammensto
vernichtet mich oder auf wildem Meer, einerlei, aber lat mich nicht im
Bett sterben wie ein altes Weib, darum mchte ich bitten.

Ich sah nicht mehr auf die frische Narbe in der Heide -- eine Art Betubung
hatte sich auf meine Sinne gelegt gehabt, nun war sie vorber -- ich lie
meine kleine Flte hell ber die Heide klingen: es war der Tod, nichts
sonst, heute bist du es und morgen bin ich es. Unser ist das Leben, sela!

An diesem Tage fand ich drauen bei den Klippen einen halben Mast.
Vielleicht war es jene Spitze, an der sich der Schwarze festgeklammert
hatte? Ich holte die Axt und begann zu arbeiten. Ich griff den Mast an
verschiedenen Stellen an. Er klang so eigentmlich: er war ein Teil von der
Leiche eines Dampfers. Die Splitter flogen. Sie leuchteten in der Sonne,
sie begannen zu brennen. Ich stand inmitten eines groen blendenden Feuers.

Ein paar Fischer kamen mit xten und Sgen. Da standen sie und sahen mir
zu.

Schnes Holz hast du gefunden!

Ja, es ist trocken.

Es wird einen tchtigen Haufen geben!

Der Winter ist lang.

Ich schien nicht auszusehen wie ein Mann, der mit einer Axt in der Hand
einen Mast im Stich lt, und sie gingen wieder.

Meine Axt blitzte und der Schwei rann mir bers Gesicht.

Die groen atmosphrischen Differenzen hatten sich ausgeglichen und die
Luft war rein und durchsichtig wie eine Linse. Man sah die fernsten
Klippen, um die das Meer spielte, jede Ritze, alles war nahe und scharf.
Meine Axt hallte laut wider, und wenn ich pfiff, so klang es fast wie eine
Flte. Der Himmel blendete und das Meer war flssiges Silber. Da und dort
blitzte ein Streifen wie ein Schnitt. Die Dampfer zogen ruhig vorbei und
ihr Kielwasser stand meilenweit hinter ihnen wie eine Strae.

Der Strand war bedeckt mit grellrotem und grellgrnem Salat, mit groen
Rhren und Klumpen. Wie Lungen und Eingeweide, die das Meer ausgespien
hatte, sahen sie aus. Ganze Wlle von starkriechendem Tang sumten den
Strand, von Millionen von Insekten und Stechfliegen bevlkert. Ging man
vorbei, so prasselte und knisterte es, als begnnen die Wlle zu brennen.
Das Leben kommt, wo Schmutz und Wrme ist.

So oft ich ber die Insel blickte, konnte ich nicht umhin verchtlich zu
lcheln. Wie sonnig und friedfertig sie aussah. Sie dachte nicht mehr an
die Indiana, die da drauen lag mit all den Kupferbarren im Leib. Sie
hatte all die Dampfer vergessen, die sich an den Klippen die Nase
einstieen, zurckfuhren und sanken, und all die Segler, die im Sturm
angeritten kamen und ihr in die Zhne rannten. Sie hatte auch jenen Dampfer
der Union Castle Line vergessen -- damals starben zweihundertundzwanzig
Menschen. Sie hatte all jene Leichen vergessen, die einzeln angetrieben
wurden, und niemand wute, woher sie kamen und wie sie hieen. Genug. Sie
dachte auch nicht mehr an jene vierundzwanzig Schiffbrchigen, die eines
Tages in einem kleinen Boot ankamen und die sie mit der sicheren Rettung
vor Augen zerschmetterte. Genug, genug!

Sie lag und lchelte und blinzelte zuweilen aufs Meer hinaus, eingehllt in
Sonnenschleier. Wie eine jener Frauen war sie, deren Wangen zart wie junge
Rosenbltter sind und die fnfundzwanzig Mnner ruiniert haben -- du aber
gehst an ihnen vorbei und schlgst das Kreuz und sprichst: Heilige
Unschuld, sie war die Mutter Gottes oder wenigstens eine ihrer nchsten
Verwandten --

Ich lachte: Gott, der Herr, sende sie mir in den Weg --

Am vierten Tage war der Mast in Sturmvilla verstaut. Einen groen Sto
mute ich noch vor der Tr aufstapeln. Da lag er nun, der so viele
Seemeilen weit gewandert war und noch immer strmte er die Sonne ferner
Meere aus und den Geruch fremder Ksten. So oft ich ein Scheit verbrannte,
sah ich merkwrdige Dinge: Papageien und Affen, die sich an den Schwnzen
schwangen, pechschwarze Negerweiber -- und einen Dampfer, der ber das de
Meer in wolkigen Mondnchten zog, und seine Masten wanderten still und
stolz dahin.




XXIII


Von Rosseherre sah ich all die Tage nichts. Und um die Wahrheit zu sagen,
ich sehnte mich auch nicht nach ihr. Zu meinem grten Erstaunen machte ich
die Entdeckung, da eine Vernderung mit mir vorgegangen war. Mein Herz
schlug in einem andern Takt, meine Gedanken hatten einen andern Kurs,
genommen. Ich betrachtete die ganze Welt unter einem andern Winkel, mehr
von der Seite, wenn ich so sagen darf. Die groen Strme waren schuld
daran. Sie hatten meine Seele blank- und glattgeschliffen und alles
weggefegt. Wenn ich zurckblickte, so schttelte ich voll Verwunderung den
Kopf: wie viele Monate waren doch seit den groen Strmen und dem
Schiffbruch der Indiana vergangen? Alles lag weit dahinten, bla und
fern. Der Sturm hatte mich in Schwung gebracht und ich konstatierte mit
groer Genugtuung, da meine Seele mit all ihren Knoten dahinsegelte und
die Dinge berholte. Ich blickte geradeaus: mochte kommen, was da wollte,
es sollte mir willkommen sein -- --

Jean Louis erzhlte mir beim Fischen drauen, da Rosseherre lache und
schreie und einen der schwersten Anflle von Gemtsstrung habe. Sie tat
mir leid, sonst fhlte ich nichts. Dann erfuhr ich, da es ihr um vieles
besser gehe, das freute mich.

Ich dachte zuweilen an ihre verliebte Trunkenheit und die malose
Leidenschaft, die in ihrem kleinen braunen Krper hauste -- aber wenn du
jetzt kommst, Rosseherre, so werde ich sagen: guten Tag und wie geht's,
sonst nichts. Ja, wenn die Knigin von Honolulu kommt, von der man
behauptet, da sie alle Frauen an Liebreiz bertrifft, so werde ich sagen:
guten Abend, gndige Frau, und mein Pfeifenrohr ausblasen: fff --

Das war das Meer, nichts sonst. Ich habe Seeleute gekannt, die von heute
auf morgen eine funkelnagelneue Seele bekamen und alles mit einer
unverstndlichen Naivitt hinter sich lieen, Schulden, Versprechungen,
Gewissensbisse -- ja, nun verstand ich sie.

Meine Vergangenheit war wie weggeblasen und ich sa auf dem Strich zwischen
Vergangenheit und Zukunft und freute mich.

Ich war nicht so tricht mir sofort wieder eine Vergangenheit anzuschaffen.
Nein, ich geno diesen wunderbaren Zustand, mit einem neugeborenen Herzen
einherzugehen, in vollen Zgen. Ich lebte allein und der Herr sandte mir
Erleuchtungen.

Ich legte bei den Klippen die Angel aus. Denn es hungerte uns frchterlich,
Poupoul und mich. Auf den Klippen gab es kleine Tmpel, die mit hohlem
gelbem Eis bedeckt waren. Das war das Salz von den Strmen. Hier auen
hielten sich wenig Fische auf und oft mute ich stundenlang warten, bis
etwas anbi. Da sa ich nun und das Meer schlug und die Gedanken wanderten
in meinem Kopfe. Bum! In meinem Kopfe fiel ein Schu: ah, ich war auf der
Jagd in Nordgrnland und scho Eisbren. Die Atemzge des Meeres wurden
schwcher, ich hrte es, auch wenn ich nicht darauf achtete. Die Riffe
drauen wuchsen, sie schoben sich langsam aus dem Meer. Wie der Rachen
eines Nilpferds, der sich allmhlich aus dem Wasser hebt und Schlamm und
Unrat triefen aus seinen Zahnstumpen, so hob sich das Gestade in die Hhe.
Es rieselte wie im Frhling in den Wldern. berall strzten schumende
Kaskaden ins Meer. Das Rieseln verstummte, es tropfte, es wurde ganz still.
Die Welle schlepperte wie kleine Katzen und tndelte mit den Klippen.

Ebbe.

Die Mwen schwirrten und schrillten. Strme von slichem Duft stiegen aus
dem blogelegten Scho des Meeres empor. Ich ging hinunter, denn ich mute
mitten im mtterlichen Geruch des Meeres stehen. Die schwl dampfenden
Klippen waren bedeckt mit harten gerippten Muscheln und purpurnen,
gallertartigen Knollen, die zitterten, wenn man sie berhrte. Viele
verschwanden unter schleimigen Helmbschen, und unter meinem Fu
quietschten meterlange fleischige Palmbltter und hohle Knollen. Kleine
grne Tmpel lagen zwischen den Steinen. Wie liliputanische Mrchengrten
sahen sie aus. In der Mitte wuchs eine schlanke Palme und darunter stand
ein winziger Fisch, der Herr des Gartens. Pltzlich zuckte es drinnen, der
Fisch stand nicht mehr unter der Palme, er war in die dunkeln
Lorbeerboskette am Rande entflohen. Auf dem gelben Sandwege des Gartens lag
ein vergessener kleiner roter Hut mit grnen Fransen; auf einmal begann der
rote Hut zu steigen, die Fransen atmeten ein und aus. Eine kleine Muschel
ruderte von einer Grotte zur andern. Nein, der kleine Fisch war nicht der
einzige Bewohner dieses Mrchengartens, er war trchtig von Leben.

Eine Handvoll von diesem Schlamm auf einen den Planeten geworfen, Poupoul
-- und wir kommen wieder heraus wir zwei, ganz so wie wir hier stehen, und
die Zunge hngt dir genau so aus dem Maul.

Die Mwen schossen aufgeregt dahin, kleine Fische im Schnabel, die
Seesterne schrumpften in der Sonne und verfrbten sich und bekamen
brennende Flecken, das Moosgespinst auf den groen porsen Steinschwmmen
trocknete dampfend und wurde wei wie Asche. Der Geruch des Meeres wurde so
s und betubend, da er belkeit erregte.

Die Welle tnzelte heran, spielte zwischen den Steinen und legte sich zu
meinen Fen nieder, gehorsam wie ein Hund. Aber die nchste Welle scho
gegen meine Schuhe und zischte bse. Ich mute zurck. Die Klippen sanken
wieder langsam ins Meer hinab. Die Kaskaden begannen abermals zu rieseln.
Drauen stieg ein weier Korallenbaum auf, drehte sich und strzte in sich
zusammen. Die Woge scho heran, wand sich zornig zwischen den Blcken,
gurgelte, zischte und leckte nach all dentrockenen Stellen. Das Meer kam
zurck. Es donnerte und strzte sich an den Klippen in die Hhe, und der
Wind trieb das Spritzwasser ber die Heide. Flut.

Glhend rot sank die Sonne an diesen Tagen ins Meer, immer an der gleichen
Stelle.

So ging es viele Tage lang.

Yann machte mir einen Besuch in Sturmvilla und wir feierten Vershnung.
Worber stritten wir eigentlich? sagten wir beide und sahen einander
gerhrt an. Dann gingen wir auf die Jagd. Denn Yann hatte seine Bchse
mitgebracht, ein zerbrochenes Zndnadelgewehr, das mit Drhten
zusammengebunden war. (Es stammte von seinem Urgrovater, gnral unter
Napolon premier.) Wie er damit schieen konnte, war mir ein Rtsel, aber
er scho damit. Er glhte vor Jagdeifer und scho auf Mwen, Meerschwalben,
Hammel, auf alles, was lebte. ber die Heide zogen Rauchschwaden, es roch
nach Pulver wie nach einer Schlacht, die Hammel rannten wie irrsinnig im
Kreise. Und doch war Yann der ungefhrlichste Jger, den es gab. Er traf
nie etwas, Gott wei wohin die Kugeln flogen. Dann kam es ihm in den Sinn,
Champignons zu suchen. Hoho, er wute wohl, wo sie zu finden seien. Und
richtig, da waren sie. Wir brieten sie in einem Topf, bis alle unsere
Champignons in einen Fingerhut gingen, aen, schnalzten mit der Zunge und
wanden uns zwei Tage in den furchtbarsten Krmpfen. Yann konnte es nicht
fassen. Tiens! sagte er, im vorigen Jahre waren es doch Champignons?

Wir legten ein Netz aus in der Bai und saen unterdessen halb nackt auf dem
heien Deck des Arbeiters und unterhielten uns ber lenkbare Luftschiffe,
whrend Yann eifrig an einem Strumpf strickte.

He! sagte Yann, wollen wir nicht heute abend eine kleine
Entdeckungsreise unternehmen? Jetzt im Sommer sind sie alle ganz toll.

Merci. Ich hatte keine Lust.




XXIV


Dann aber, ganz pltzlich -- so ist der Mensch -- hatte ich genug davon,
mit einem unbeschriebenen Herzen einherzugehen, und ich beschlo mir wieder
eine Vergangenheit anzuschaffen. Ich ging hinein ins Dorf und hielt Umschau
unter den Tchtern des Landes.

Das Glck lchelte mir. Meine Augen fielen auf Yvonne, die Tochter Amoriks.

Ich machte Einkufe bei Noel. Noels Bar und Laden mit all den von der Decke
herabhngenden Talglichtern und Seilen sah wie eine Tropfsteinhhle aus.
Und doch war sie die geistige und gesellschaftliche Zentrale der Insel und
das Leben war hier im vollen Schwung.

Der dicke Brieftrger und Chef der Post sa an seinem kleinen Tischchen und
sammelte Krfte fr den nchsten Posttag. Bei den Mehlscken stand der
Grovater, ein ehemaliger Schiffskapitn, der sich die Hlzer auf den
Planken krumm gestanden hatte, und dste vor sich hin wie ein im Nachdenken
versunkener Maulesel. Das ganze Jahr stand er so und nie sprach er ein
Wort. Einmal wagte ich es ihn anzureden. C'a marche, capitain? Er drehte
langsam bei, sah mich erstaunt an, bewegte die Kinnlade und sagte:

Merci. Dann schwenkte er wieder und stand wie zuvor.

Der rote Noel hantierte hinter der Bar, schwitzend vor Eifer und
Wohlbehagen. Zuweilen kommandierte er mit lauter, hallender Stimme:
Antoinette, Josephine, Maria!, und die kleinen Mgde mit den weien
Hauben, die in dunklen Lchern und Winkeln whlten, antworteten singend:
jaa! und unterdrckten einen Fluch.

Noel setzte mir ein Konzert von Schnpsen vor. Das tat er immer. Er fhrte
alle groen Marken der Welt, und ich mit meinem europischen Gaumen mute
sie prfen.

Ich nahm das erste Glschen und go es hinter die Binde, ich nahm das
zweite, das dritte -- hm! Noel machte verzckte Augen -- gut, gut! --
Noel lachte, da ihm der Schleim aus dem Rachen fuhr -- ah, das ist ein
Likrchen! -- Noel drehte sich auf dem Absatz und klatschte auf die
Schenkel.

Ja, das ist ein Likrchen, sage ich, wie?! In Paris bekommen Sie ihn nicht
besser! -- Antoinette, Josephine, Maria, man mu die Lampe anznden!

Jaa! (Nom de chien!)

Solange die Lampe angezndet wurde, verharrte alles in Stillschweigen. Es
wre ungebildet und roh gewesen, whrend dieser Prozedur zu sprechen.

Antoinette kletterte auf den Stuhl und Noel stand vterlich besorgt und
ngstlich neben ihr, bereit sie aufzufangen. Nimm dich in acht -- der
Patentbrenner -- langsam drehen!

Guten Abend! sagte Antoinette.

Brennt er nicht herrlich, der Patentbrenner? fragte Noel. Ja, haha,
fnfzehn Franken kostete mich die Lampe!

Ausgezeichnet!

Aber da klapperte es im Flur und man wute schon, wer kam. Das war Gaston
Grouzen, der verrckte Gaston. Er war acht Jahre in Kalifornien gewesen und
hatte sich tausend Dollar erspart. Nun war er von frh bis nachts damit
beschftigt von Kneipe zu Kneipe zu rennen, um recht rasch seine Dollars
los zu werden.

Da kommt der verrckte Gaston! lachte Noel und stellte das Glas bereit.

Gaston Grouzen nahm einen Augenblick die bis zum Kopf abgebissene
Gipspfeife aus dem Mund und strzte den Schnaps hinab. Ah, da sah er mich!

Er umarmte mich und rieb sein stachliges Gesicht gegen meine Backen. Dann
zeigte er, wie immer, auf eine Narbe unter dem linken Auge. Im Krieg gegen
die prussiens. Me California. You have match? -- Welcome! Und weg war er,
er hatte keine Zeit zu versumen.

Ein Trupp Fischer kam herein, sie rusperten sich und spuckten. Aber dieses
Ruspern und Spucken war eine Konversation, man mute nur die Ohren
aufmachen. Auch Yann kam und wir traktierten uns gegenseitig mit Schnpsen
aller Art.

Merkwrdig ist der Mensch! Als Yann nach seiner verwegenen Fahrt zum
erstenmal an Land gekommen war, hatten wir ihm die Finger entzwei gedrckt:
hoch Yann, Filou! Und Yann hatte die Achseln gezuckt: was war weiter dabei?
Nun aber, da niemand mehr davon sprach, mute Yann den ganzen Tag von
seiner Heldentat reden und die Zeitungen aus der Tasche ziehen -- und wir
nahmen es ihm bel.

Der Arbeiter ist doch ein gutes Boot, sagte der dicke Chef der Post; er
war ein neidischer Hund.

Yann brllte ihn zu Boden. Cochon! Was versteht ein Briefmarkenlecker von
Navigation? Ich sage ja nicht, da es eine Heldentat war, aber es war nicht
leicht, den alten Kahn so lange im Strom zu halten. He, halte dein
hlzernes Maul! Zehn Kapitne kannst du hinstellen, sie schaffen es nicht!

Yann und der Chef waren Spinnenfeinde. Nur mit Ekel auf den Lippen sprachen
sie voneinander. Und Yann peinigte den dicken Chef, so sehr er konnte. Wenn
er gar nichts zu versumen hatte und guter Laune war, so tat er etwas
Unerhrtes: er klopfte an das kleine Fenster der Post. Das kam selten vor
und war das schlimmste, was man dem Chef antun konnte. Hallo!

Der Chef schnarchte drinnen und Yann klopfte lauter. Der Chef fuhr auf:
Malheureux! und kam an das Guckfenster.

Eine Marke fr einen Sou!

Dann ging Yann in eine Bar und nach einer halben Stunde klopfte er wieder.

Hallo!

Malheureux! schrie der Chef innen verzweifelt.

Noch eine Marke. Ich verga ganz.

Yann lachte sich tot, aber nach einer halben Stunde war er schon wieder da.

Hallo!

Der Chef tobte. Malheureux!

Eine Marke fr einen Sou. O, lala, was fr eine Riesenkorrespondenz ich
heute habe.

Der Chef wurde blau vor Zorn. Das ist Schikane, einfach!

Aber Yann klopfte mit seinem Sou. Voyons! Ich bezahle. Tue deine Pflicht
und halte das Maul!

Nach einer halben Stunde aber war er schon wieder da -- -- ho! ho! ho!

Da aber schlpfte der Dorflump mit den klaffenden Hosen in die Bar. Er
streckte mir die Hand hin: Eine Prise Tabak, Herr! Papier habe ich
selbst! Ja, richtig, er hielt ein zerknittertes Zigarettenpapierchen
zwischen den schmutzigen Fingern. Aber ehe ich ihm Tabak geben konnte,
hatte Yann dem Dorflump eine Schaufel zwischen die Beine geworfen und der
Dorflump entfloh.

Yann behandelte den Dorflump wie eine Katze.

Hahaha!

Der versteinerte Grovater drehte sich um und nieste.

Keinen Augenblick lang stand das Leben in Noels Bar still.

Ein totenbleich aussehender Fischer kam herein und trat zu Noel und
murmelte ihm etwas ins Ohr.

Haha! lachte Noel laut. Bezahle die zehn Sou, die du schuldig bist, und
ich kreditiere wieder.

Meine Kinder haben nichts -- murmelte der Fischer.

Bah! Arbeite --!

Ich bin krank.

Krank? Haha! Du kennst meine Prinzipien, Freund.

Der bleiche Fischer nickte und ging wieder.

Sie wrden mir das Fleisch von den Knochen fressen! rief Noel aus.

O, lala, ja so war er. Er zog den Fischern jeden Sou aus der Tasche,
verkaufte ihnen schimmeliges Brot und gemeinen Fusel, platzte von all den
fetten Speisen und guten Weinchen, hatte ein Haus und einen Harem kleiner
rundlicher Mgde, die er der Reihe nach schwngerte, aber sobald es ans
Kreditieren ging verstand der Inselknig keinen Scherz. Und die Fischer
fanden das ganz in Ordnung.

Alle hatten den bleichen Fischer schon vergessen, da rief Noel mit lauter
Stimme: Antoinette, Maria -- man mu einen Laib Brot zu Breton tragen,
jetzt gleich! Sage, Noel schickt es. Auch einen Topf Milch mu man
hintragen! Und zu den Gsten in der Bar sagte er: Man kann die Leute ja
doch nicht verhungern lassen. Und er seufzte.

So war Noel. Er hatte ein gutes Herz, man darf ihm nicht unrecht tun.

In diesem Augenblick aber fielen meine Augen auf Yvonne, die Tochter
Amoriks, des Wchters von Creach. Sie kam um Brot zu kaufen.

Yvonne war schn! Erinnerst du dich? Einmal im Frhling kam ein Mdchen an
Sturmvilla vorbeigeklappert in ihren Holzschuhen, ihre Hammel wollte sie
suchen, und ich kte sie auf den braunen Nacken. Yvonne, da ich dich so
lange vergessen konnte!

Yvonne hatte ein braunes Gesicht und eine hohe glnzende Stirn. Wenn sie
lchelte, erschienen Grbchen in ihren Wangen und dann glnzten auch die
Wangen. Ihre Augen waren schwarz wie Pech. Das schnste aber war ihr Haar.
Es war sorgfltig ber der Stirn gescheitelt und schwarzglnzend wie das
eines Rappen, aber doch seidenweich.

Noel zeigte ihr sein Wohlwollen. Er legte den Laib, den sie gewhlt hatte,
zurck und suchte ihr einen andern aus. Nimm diesen, Yvonne, das ist der
beste! Diese Auszeichnung genossen nur seine geachtetsten Kunden.

Fr Amorik! sagte Yvonne.

Schon gut, schon gut, gre Amorik! Amorik geno Kredit wie alle Leute
mit einem festen Einkommen.

Kenavo! sagte Yvonne und ging.

Ah, sie ist ein hbsches Mdchen!

Ja, und ein anstndiges Mdchen!

Ich aber sagte gar nichts. Ich nickte nur. Dann schlo ich meine Einkufe
ab -- ohne Eile zu verraten. Man mute gerissen sein auf der Insel.

He, Antoinette, Josephine! schrie Noel. Man mu mich daran erinnern, da
die Waren nach Sturmvilla gebracht werden. Man mu um sieben Uhr
einspannen!

Noel besa nmlich ein Fuhrwerk, obgleich die grte Reise, die man auf der
Insel machen konnte, eine Wegstunde weit war. Sein Pferd war dick und fett
und hatte lange Haare an den Beinen, frmliche Pelzhosen. Das Einspannen
war eine Komdie. Dann setzte sich Noel, gestiefelt und gespornt, auf den
Bock und rasselte dahin, Brrr! Schon war er angekommen. Man mu Zephir
abreiben und striegeln, Zephir mu Wasser bekommen, brr, brr, Ruhe,
Zephir!

Nun gut, ich ging. Guten Abend!

Auf der Heide holte ich Yvonne ein. Ich rief sie an und sie blieb stehen.

Wir haben ja den gleichen Weg, Yvonne!

Ja! Sie lchelte. Ich sah wie schlicht und gut ihr Herz war.

Du kennst mich doch, du weit doch noch --?

Yvonne lachte. O ja, sie hatte es nicht vergessen.

Da ich dich nie mehr gesehen habe! Ich komme doch so oft nach Creach. Wo
warst du denn den ganzen Sommer?

Ich? Auf der Insel. Ich habe dich oft gesehen, ja. Doch halt, ich war ja
nicht immer auf der Insel, ich war vierzehn Tage in Brest.

Nun, siehst du?

Und Yvonne beeilte sich mir von ihren Erlebnissen in der Weltstadt Brest zu
erzhlen. Sie war da auch im Theater und hatte ein Stck gesehen, das
Ohrfeigensalat hie. Ein reicher Bauer kam nach Paris und mietete die
Wohnung eines lebenslustigen Junggesellen und nun ging es los, er bekam
Ohrfeigen von allen Seiten.

Er erhielt immerzu Ohrfeigen, erzhlte Yvonne, es kamen Glubiger des
Junggesellen, klatsch, Eiferschtige, klatsch -- haha -- immerzu klatschte
es.

Hahaha!

Wir gingen vorgebeugt durch den Wind und sahen einander ins Gesicht,
whrend wir plauderten und lachten. Yvonne sprach ganz hinten im Kehlkopf
und ihr herzliches Lachen kam wie aus weiter Ferne.

Wie alt bist du, Yvonne?

La sehen --? Ich bin neunzehn.

Ich sah sie an. Sie war gro und stark.

Und du hast doch einen Geliebten?

Haha -- was er denkt! Nein, nein, nein!

Yvonne lachte.

Sie gefiel mir.




XXV


Am nchsten Sonntag nach dem Kirchgang traf ich sie wieder bei Noel. Sie
kaufte Wolle ein fr Amoriks Strmpfe und die Wahl unter all den bunten
Strngen wurde ihr schwer. Endlich entschied sie sich fr himbeerfarbene.
Dann whlte sie in allerlei Kram und zog eine schmale Spitze hervor.

O, wie hbsch sie ist. Fr die Haube!

Ein halbes Meter. Zehn Sou!

O! Yvonne warf die Spitze auf den Ladentisch. Was denkst du, so reich
bin ich nicht!

Gib mir die Spitze, sagte ich und legte zehn Sou hin. Da aber fhlte ich,
da mich jemand ansah, und ich wandte mich um: Rosseherre stand hinter uns.
Mit ihren gelben Haaren, den schmalen Wangen und vielen Sommersprossen,
welk sah sie aus trotz ihrer Jugend -- Guten Tag, Rosseherre -- aber sie
war schon gegangen.

Nun, Yvonne, willst du die Spitze haben?

Nein, ach nein! Aber als ich sie recht hbsch bat, nahm sie doch das
kleine Geschenk an.

Ich ging nach Creach. Es wurde Abend. Kahl und nchtern stand der
Leuchtturm inmitten der kleinen Htten in der Heide. Jemand ging oben auf
der Galerie und pfiff, und das Pfeifen klang klar wider in der dnnen Luft.

Guten Abend, Yvonne! Yvonne stand am Fenster und helle Lichter glnzten
auf ihren braunen Wangen. Ein schner Abend? Wie warm der Wind ist! Willst
du nicht ein wenig herauskommen zu mir? Yvonne trat zurck und ihr Gesicht
wurde ganz dunkel. Ihre Zhne blinkten matt. Gewi knisterten ihre
pechschwarzen Haare, wenn man sie anfate. Yvonne lchelte und schttelte
den Kopf.

Da rief man mir. Vater ruft dir!

Amorik beugte sich oben ber die Galerie und winkte. Ich stieg die
Schneckentreppe hinauf in den hallenden Schlot. Amorik, der Einugige, nahm
die Tcher von den Scheiben und die untergehende Sonne zersprang in den
Linsen und Segmenten dieses blitzenden kristallenen Spielzeugs zu tausend
farbigen Feuern. Gleiende blaue und gelbe Dolchbschel stachen nach mir,
scharfe rote und grne Sicheln zerschnitten mir die Augen. Die Insel unter
uns war schon dunkel und die Klippen schwarz. Drben an der fernen Kste
zuckte ein Feuer empor -- immer als ob es sich strecke -- irgendein
eisernes Gespenst, das in der Brandung stand und sein Auge rollte. Die
Kerze knisterte, der Lichtbogen sprang ber, Amorik schaltete den Apparat
ein, und das glitzernde Spielzeug begann sich geruschlos zu drehen und
schleuderte seine vier Strahlengarben ber unsere Kpfe hinweg bers Meer
hinaus. Man konnte nicht hineinsehen ohne zu erblinden. Nun blinzelte und
funkelte an der Kste ein Dutzend weier, roter und grner Feuer, der
Schmuck der groen Kokotte Frankreich blitzte in der Nacht.

Amorik sa auf einem kleinen Schemel und sein linkes Auge wachte. Wo hast
du dein Auge verloren, grauer Amorik? He, der Wind kam und blies und sagte:
ich bin der Wind, und blies es dir aus der Hhle? Nein, whrend eines
Sturmes war ihm eine Segelsparre ins Auge gefallen.

Mit seinem feinen Lcheln sa Amorik da und sein Gesicht war gesttigt mit
der Gte jener Menschen, die einsam in der stillen Nacht wachen und
schweigen. Und wo konnte man einsamer sein, als unter der gleienden Mhle?

Ich trat auf die Galerie. Der Nachtwind legte mir die Kleider glatt an den
Krper und zerrte an meinen Augenlidern. An den Scheiben tanzten groe
Falter und Myriaden von Milben und bohrten sich wollstig ins Licht. Wie
rotierende weiglhende Fontnen schossen die Strahlengarben in die
Finsternis empor und hinaus, dreiig Seemeilen weit und mehr. Die Insel war
vollkommen schwarz, mattschwarz, und glnzendschwarz war das Meer und
bewegte sich.

Ein grner Funke wanderte nach Norden. Sie wuten, das ist Creach, in vier
Stunden sind wir im Kanal, in zwanzig, in fnfzig Stunden zu Hause. Noch
nach fnf Stunden wrden sie uns sehen.

Wir wachten und wechselten dann und wann ein kurzes Wort. Amorik hatte es
lngst verlernt zu reden.

Im Falle Nebel kommt, werden wir den kleinen Hebel ffnen und die
komprimierte Luft wird im Schalltrichter brllen. Aber es kam kein Nebel,
die Nacht war berst mit Sternen.

Nun, gute Nacht, Amorik.

Du gehst?

Ja, ich bin mde.

Bist du noch wach, Yvonne, so tief in der Nacht?

Yvonne stand im dunkeln Fenster und lchelte. Sie wute alles und doch war
sie ein junges Mdchen.

Komm heraus, Yvonne. Nicht? Yvonne, so reich mir doch die Hand heraus.
Kenavo, Yvonne!

Kenavo! flsterte sie.

Yvonne, mache nochmals auf!

Ja?

Ich nahm die kleine silberne Kette aus der Tasche und warf sie ins Fenster.
Ich hrte wie sie auffiel. Ich sagte nichts und ging.




XXVI


Einige Tage spter sa ich auf dem Stein vor meinem Hause. Ich legte die
Hand darauf und siehe, sie wurde immer noch wei: das war das Salz, von all
dem Spritzwasser der groen Strme. Ich sa und sonnte mich und hatte
friedliche Gedanken im Herzen. Da kam ein Mdchen ber die Heide. Sie sah
aus, als suche sie etwas. Sie blieb stehen, dann kam sie geradeswegs auf
mich zu. Ist es --? Nein, sie hatte helles Haar.

Du bist es, Rosseherre! sagte ich und stand auf. Ich war so khl im
Herzen und auch mein Blick war khl. Der Sturm ist gekommen und hat mich in
eine ferne Gegend geweht, Rosseherre, ich wohne nicht mehr hier. Poupoul
dagegen gebrdete sich ganz nrrisch vor Freude und sprang mit der Zunge
nach Rosseherres Gesicht.

Rosseherre sagte nichts. Sie wehrte Poupoul ab und sah mich an.

Wo bliebst du so lange, Rosseherre? fragte ich lchelnd.

Rosseherre sah mich an. Die Zeit wird dir nicht lang geworden sein --,
stammelte sie. Das Blut stieg ihr ins Gesicht und ihre Augen wurden dunkel
und hart. Dann lchelte sie verchtlich und ihr Blick flammte auf. Sie zog
etwas aus dem Mieder und warf mir meine zwei Ringe vor die Fe.

Ich brauche deine Ringe nicht! stie sie hervor und wurde bleich. Gib
sie Yvonne! Auch dein Geld will ich dir bringen --

Ich mute lachen. Rosseherre war eiferschtig, seht an. Rosseherre,
Rosseherre, was fllt dir ein? Dachtest du, ich wrde mich auf ewig vor
deinem Herzen vor Anker legen? Weit du nicht, da ich unterwegs bin in den
groen Jagdgrnden des Lebens, heute da und morgen dort, und immer in einem
leichten Zelte unter den Sternen schlafe? O, Rosseherre, ich werde mir erst
ein festes Haus bauen, wenn ich vor Gichtbeulen nicht mehr stehen kann und
die Langeweile mich zwingt meine Memoiren zu diktieren.

Ich sah Rosseherre an und schttelte lachend den Kopf. Du wirst doch nicht
tricht sein, Rosseherre, sagte ich, die Ringe gehren dir, ich hebe sie
nicht auf. Sprich auch nicht von den paar Franken, die ich dir geliehen
habe. Wie sonderbar du doch bist!

Rosseherre aber bebte vor Zorn. Sie schrie laut und wtend, aber ich
verstand kein Wort, denn sie sprach Bretonisch. Schlielich schttelte sie
mich am Rock, so sehr verga sie sich. Poupoul klffte und knurrte und
machte sich zu meiner Verteidigung bereit.

Hre endlich auf, was schreist du denn, so, Rosseherre! sagte ich barsch,
und da ich sprach, wie man auf der Insel spricht, kam Rosseherre sofort zur
Besinnung.

Ich sage nichts mehr, fuhr sie auf franzsisch fort, du kannst ihr ruhig
Ketten schenken und was du willst -- ihr -- hohoho -- mit allen Matrosen
hat sie es --

Yvonne?

Ja, Yvonne!

Ich lachte. Yvonne! Haha! O nein, die hat es nicht mit allen Matrosen.

Rosseherres Augen kochten. Ihre Lippen wurden ganz wei. Willst du damit
sagen, da ich es mit allen Matrosen habe?

Sagte ich ein Wort --?

Und wenn du es auch gesagt hast, ich kann vor der Mutter Gottes
beschwren, da ich nie einem andern gehrte als Yann. Und Yann wird mich
heiraten. Aber Yvonne -- nein, laufe ihr ruhig nach -- jeder Mensch auf der
Insel kann dir sagen, da sie mit sechzehn Jahren ein totgeborenes Kind
gehabt hat -- sie ist nichts als Schmutz!

Gott stehe mir bei! Ich lachte. Rosseherre, was sagst du doch -- Yvonne --
hahaha?

Es ist so, wie ich es sagte -- nun, du wirst es noch bald genug erfahren
-- Hunde seid ihr Mnner, Hunde! -- warte nur, bis sie dich bestiehlt --
und was fr Worte hast du mir gegeben -- Lgner, Lgner!

Hre, Rosseherre, sagte ich und berhrte ihren Arm um sie zu beruhigen,
du hast ja Yann, nicht wahr, es ist besser so!

Rosseherre wich zurck. Ja, ich habe Yann, entgegnete sie, das ist wahr,
und obwohl er nur ein einfacher Seemann ist, ist er mir doch tausendmal
lieber als du.

Das glaube ich gern.

Tausendmal! wiederholte Rosseherre und sah mich voller Ha an. Ihre Augen
waren so gelb im Sonnenlicht wie die einer Katze. Du kannst ruhig zu
Yvonne gehen, du bist so schlecht wie sie -- hoho -- und du glaubst
vielleicht, da ich eiferschtig bin -- o nein -- Sie schlug die Hnde
vors Gesicht und ging.

Rosseherre! rief ich.

Aber sie fing an zu laufen. Dann blieb sie pltzlich stehen und lachte
schallend: Du bist ja ein Narr -- hahaha! -- ein Narr! Und wieder lief
sie.

Ich sah ihr nach. Wie rasch sie lief, wie sie flatterte. Ihre Gestalt
versank und ich sah nur noch ihre weie Haube ber die Heide gleiten -- so
rasch.

Nun, zuweilen war es an mir so zu laufen, nun war es an ihr, die Zeiten
haben sich gendert.

Wie rasend sie war, welch ein Ha in diesem gelben Irrwisch steckte! Gott
erbarme sich meiner, sie hatte mich bel zugerichtet, keinen guten Faden
hatte sie an mir gelassen.

Ich ging ber die Heide, nach Creach. Poupoul, sprich! sagte ich zu
Poupoul, der schon wieder alles vergessen hatte. Sprich die Wahrheit, dir,
einem Tier, wird es leichter fallen gerecht zu sein als uns Menschen: haben
wir nicht oft gesehen, wie die kleine weie Haube in der Nacht zum
>Arbeiter< hinber ruderte, und haben wir jemals ein Wort gesagt? Und sie
-- he, Poupoul, sprich die Wahrheit! Und wieder mute ich lachen: wie
schnell sie lief, obschon ihr doch niemand folgte!




XXVII


Nein, Rosseherre war nicht gut auf mich zu sprechen. Auch Yann sagte es
mir, als er am andern Tag zu mir kam. Tiens, tiens, wie bse sie auf dich
ist!

Am Morgen war ich drauen gewesen und hatte einen schweren, dicken Fisch
gefangen, eine fette Kafferntante. Toll vor Wut hatte sie mich angefunkelt,
als ich sie aus dem Wasser zog. Nun aber lag sie da und die Schuppen
flogen. Meine Kafferntante war ein gefriger Klumpen mit dummen goldenen
Glotzaugen und hmischen fahlen Negerlippen, zwischen denen die spitzen
porzellanweien Zhne grinsten. Hinten am Rachen hatte sie ein zweites
Gebi, ein Reibeisen aus flachen Zhnen. Ihr fetter Wanst war von einem
schleimigen, dicken Netz berzogen, das schildkrotfarben und morchelhnlich
war und ihr erlaubte, getrost drunten in den Tangwldern zu stehen ohne
gesehen zu werden. Hatte ich jemals etwas hnliches an Habgier,
Gefrigkeit und Gemeinheit gesehen? O, jawohl: Menschen! Oft sah ich
gleich ein ganzes Dutzend portrthnlicher Exemplare beisammen. Htte ich
euch hier -- unter meinen entblten Armen und blutigen Hnden, es wre mir
ein Vergngen --

Da kam Yann. Er schleppte einen groen irdenen Topf, und das bedeutete, da
wir eine seiner berhmten bretonischen Suppen kochen wrden.

Yann war in vorzglicher Stimmung und ich sah ihm sofort an, da etwas
besonderes vorgefallen sein mute.

Nachdem er mir ein Kompliment gemacht hatte ber die schwere Kafferntante,
griff er in die Brusttasche: Willst du etwas sehen, he?

Was gibt es?

Nun, willst du etwas sehen? wiederholte Yann und blitzte mich mit den
hellblauen Augen an.

La sehen! erwiderte ich neugierig.

Yann lie den Rand eines groen Briefes erscheinen. Er zupfte daran und die
Ecken von Banknoten wurden sichtbar. Eins, zwei, drei -- fnfhundert
Franken!

Ich ri die Augen auf und starrte Yann an.

Dann zog Yann den Brief heraus und berreichte mir mit einer groartigen
Geste das Schreiben.

Es war von der englischen Gesellschaft, der die Indiana gehrt hatte.

Jeder meiner Matrosen hat hundert Franken erhalten! sagte Yann. He, wie
hflich sie schreiben, wie? Und sieh das Kuvert an: es ist mit Leinwand
ausgeschlagen, hast du je solch ein Kuvert gesehen?

Ich sah das Kuvert von auen und innen an. Nom de pipe! sagte ich.

Yann richtete sich stolz auf und sandte einen khnen Blick bers Meer. Es
ist wie ein Geschenk vom Himmel. Pro Kopf ber sechzig Franken! Ja, was
kann ich jetzt tun? Und Yann sah mir in die Augen. Jetzt kann ich tun,
was ich will, siehst du!

ber Nacht war er reich geworden.

Wenn du nun Geld brauchst, fgte Yann hinzu, du brauchst nur ein Wort zu
reden -- und er hielt mir zwei-, drei-, vierhundert Franken hin -- du
bist mein Freund und kannst soviel haben wie du willst.

Yann war doch ein prchtiger Bursche!

Dann strzte er sich in die Arbeit. Er warf den Kittel weg, rckte die
Mtze ins Genick und stlpte die geschwrzten Hemdrmel auf. In dem Topf
befanden sich Kartoffeln, Gemse, Kraut und Rben, ein Klumpen graues Fett,
grease bretonne, eine Flasche Kognak und ein rundes Paket. Er wusch,
schabte, schnitt, machte Feuer an. Da der irdene Topf einen Sprung hatte,
holte er rasch Erde, knetete sie und verschmierte den Ri, eins, zwei --

Dann ffnete er das sorgfltig verschnrte, runde Paket. Und hier ist ein
kleines Andenken, mein Freund! sagte er.

Es war eine Teekanne aus weiem Porzellan mit billiger Goldverzierung.

Yann stand mit gespreizten Beinen und sah mich vielsagend an. Nun?

Nun, sie ist hbsch.

Yann lachte hhnisch und betrachtete die Teekanne mit spttischen Blicken.
Das ist sie, sagte er, das ist die berhmte Teekanne von der
>Charlotte<! Und diese meineidigen Hunde schworen seinerzeit, ich htte
eine silberne Teekanne mit Goldeinlage gestohlen! Haha, was sagst du dazu?

Ich sah Yann an und lachte.

Nun, willst du sie, diese silberne Kanne? fragte er.

Ich schttelte den Kopf. Nein, Yann, merci. Ich will nichts besitzen, was
man nicht in die Tasche stecken kann, verstehst du?

Bien! Yann nahm die Kanne und warf sie in weitem Bogen in die Klippen, wo
sie zerschellte. Au revoir!

Darauf zog er eine Uhr aus der Hosentasche. Drei Uhr, sagte er nebenhin,
um acht ist die Suppe fertig. Ich aber sah die Uhr kaum an und so hielt
sie mir Yann dicht unter die Nase. Ja, genau drei Uhr! Da fiel mir die
Uhr auf. Sie war aus Gold und hatte einen Springdeckel, so etwas! Diese Uhr
war dreihundert Franken wert und das Geschenk eines Pariser Bekannten.

Ich staunte und schttelte den Kopf. Yann lie mich ins Werk hineinsehen,
wo es tickte und schwang.

Dann zeigte er mir, da er die Hosentasche mit Putzwolle ausgestopft hatte,
damit die Uhr nicht beschdigt werde.

Warum hast du dir denn von dem Pariser Freunde nicht lieber
Schiffsinstrumente schenken lassen, Yann? fragte ich arglistig, nachdem
ich mich von meiner Verblffung erholt hatte.

Yann zog das Augenlid mit dem Zeigefinger herab. Eh! rief er aus. Warum?
Wie kann ein Mensch so dumm fragen? Man htte behauptet, ich habe die
Schiffsinstrumente von der >Charlotte< gestohlen.

Die Uhr war gut. Yann hatte keinen schlechten Tausch gemacht!

Ich mute lachen: Yann, Yann, wie soll man klug aus dir werden? Wie oft
hast du mir jene Geschichte von der Charlotte erzhlt, da sie dich so
frech verleumdeten, und ich hatte Mitleid mit dir! Wie oft standen deine
treuen Kinderaugen voller Trnen und lachtest du hhnische Triller: Ich,
ein Dieb? Ich?

Hahaha! Yanns Seele war derartig mit Ehrlichkeit imprgniert, da sie den
Verdacht des Diebstahls entsetzt zurckwies. Nie, nie wrde Yann glauben,
da er gestohlen hatte, selbst mit der Kanne vor Augen und der goldenen Uhr
in der Tasche nicht, niemals, er war zu ehrlich dazu.

Unsere Suppe mute fnf Stunden ber langsamem Feuer kochen, und so hatten
wir Zeit ein wenig zu plaudern. Wir saen vor dem Hause auf dem Boden und
Yann go aus der Flasche ein, die er -- ein reicher Mann -- mitgebracht
hatte.

Pltzlich lachte er laut heraus. Was in aller Welt hast du denn Rosseherre
getan? rief er aus. Tiens, tiens, wie wtend sie auf dich ist.

Nichts habe ich ihr getan.

O, sie ist nicht gut auf dich zu sprechen, mein Freund! fuhr Yann fort.
Du hast ein Auge auf Yvonne Amorik geworfen -- sie ist Rosseherres beste
Freundin gewesen, trotzdem -- wer kennt sich mit diesen Frauenzimmern aus!
Hast du Yvonne nicht eine Kette geschenkt? Hoho, ist es so? Und was glaubst
du, was Rosseherre mich fragte? Hehe -- was glaubst du?

Nun?

Sie fragte mich, ob ich dich tten knnte.

Hallo!

Ja, haha, so verrckt sind diese Weiber, wenn sie eiferschtig sind.

Und, Yann, was hast du ihr geantwortet?

Ja, habe ich gesagt, warum nicht? Ich wollte sie bei guter Laune haben.

Ich pfiff durch die Zhne und lachte.

Auch Yann lachte. Er lachte mit der heiteren Sicherheit eines Liebhabers,
dessen Rivale endgltig ungefhrlich geworden ist. Ich habe ihr sogar
versprochen dich zu tten, sagte er, dann wurde sie demtig und gefgig
wie ein kleiner Hund! Yann brach ab und zog mit erstaunter Miene einen
Ring zwischen den Grsern hervor. He, was ist das?

Hier ist der andere, unter dem Stein, antwortete ich, sie hat mir die
Ringe zurckgebracht.

Yann steckte die Ringe in die Tasche. Er schttelte rgerlich den Kopf. So
ein verrcktes Frauenzimmer, he! Ich werde ihr die Ringe geben, wenn sie
vernnftiger geworden ist.

Also, du hast ihr versprochen --?

Ja! sagte Yann lachend. O, sie war so verrckt, sie verweigerte sich mir
-- sie machte eine Bedingung daraus, hahaha -- aber sie hat mir keinen
Termin gesetzt -- das hat sie vergessen. Ich gebe dir noch viele Jahre
Zeit, mein Freund! Keine Eile!

Dann sprachen wir von etwas anderem und Rosseherres Name wurde nicht mehr
erwhnt.

Die Suppe war fertig. Yann schnalzte mit der Zunge, solch eine Suppe! Er
schlrfte voller Entzcken die beiden Augen meiner Kafferntante. Wir saen
und schmausten, wir drei, Yann, Poupoul und ich. Die Tre stand offen, und
drauen drhnte das Meer.

Eine Stunde lang fuhren wir mit den Lffeln in den Topf hinein, bis wir uns
nicht mehr regen konnten. Der Topf aber war noch lange nicht leer, wir aen
stets zwei, drei Tage daran. Dann setzten wir uns vor der Tre in die Heide
und tauchten.

Spiele ein kleines Lied, sagte Yann, gerade jetzt, wo es dunkelt --

Ich spielte. Aber whrend ich die kleine Flte schwang, schielte ich zu
Yann hin: da sa er, die fnfhundert Franken in der Hand und sah hinaus
aufs Meer und trumte.

Es wurde Nacht und wir gingen ins Haus zurck um ein Glschen zu trinken.

Yann breitete seine Banknoten aus, er lie unendlich oft den Springdeckel
der Uhr springen. Er strahlte vor Glckseligkeit. Ein wenig spter aber
legte er die Uhr unter den Holzschuh und trat ein wenig darauf um zu sehen,
was die Uhr aushalte. Knax, das Glas sprang. Aber deshalb ist die Uhr doch
noch nicht kaputt, wie, hahaha! Er nahm die Banknoten, machte eine Kugel
daraus und lie sie von Poupoul apportieren. Dieses Geld, pfui, man sollte
es einem Hund zum Fressen geben, man sollte es ins Feuer werfen!

Yann fhrte einige seiner Kunststcke vor. Er holte eine Mnze aus einem
Teller voll Wasser, ohne sich auch nur die Fingerspitzen zu netzen. Das
vollfhrte dieser Tausendsasa vermittels heier Luft in einem Weinglas.

Er schttete sich Kognak in die Kehle und erzhlte von der Seeschlange, die
er in der Sdsee gesehen hatte. Dabei entblte er den Arm, spitzte die
Hand zu und bewegte sie im Gelenk; genau so reckte sich die Seeschlange aus
den Fluten und sagte: Guten Morgen, Yann aus Roskoff! Und in den Molukken
gab es ein Meer, das schwer wie Blei war; fuhr ein Schiff hindurch, so
blieb das Kielwasser eine ganze Woche lang stehen.

Haha! O Yann!

Es war tief in der Nacht, als wir uns trennten. Yann glttete die Scheine
und zhlte sie zweimal -- ob er nichts vergessen habe, immer noch suchte er
mit den Augen auf dem Boden. Er war eine einfache Natur und konnte es
deshalb nicht unterlassen mich dutzendmal seiner ewigen Freundschaft zu
versichern.

Wegen eines verrckten Frauenzimmers werden wir uns nicht verfeinden!
sagte er und sah mich mit Trnen in den Augen an. Wie?

Das fehlte noch, Yann!

Yann prete mir die Hand.

Noch eines, Yann. Ist es wahr, da Yvonne es mit allen Matrosen hlt und
mit sechzehn Jahren ein Kind hatte?

Tiens! lachte Yann. Wie kann jemand solch eine Lge ersinnen!




XXVIII


Das Meer lockte mich. Ich sah es an und es winkte mir mit seinen tausend
Hnden. Ich wurde krank im Herzen, wenn ich die Dampfer drauen in hoher
See sah -- denn ich war nicht an Bord, hinaus!

Tag fr Tag arbeitete ich drauen auf dem Meere. Wir fischten in dieser
Zeit einen meterlangen, aalfrmigen Fisch, congre, der sich in groen
Tiefen aufhlt. Die Leinen waren ordentliche Seile und so lang, da sie das
ganze Boot ausfllten. Der Fisch aber war wie von Teufeln besessen und man
mute ihn augenblicklich abschlachten. Die Sonne rstete mich. Mein
Gesicht, mein Nacken und meine Brust, meine Arme und Hnde wurden kupferrot
und an manchen Stellen schwarz wie Ru und die Haut lste sich in groen
Stcken ab. Meine Haare verfilzten und fielen aus, meine Augen entzndeten
sich vom Salz, meine Stimme wurde rauh und heiser wie die der Fischer. Ich
sprach auch dasselbe heulende Franzsisch der Bretonen, das selbst
Franzosen schwer verstehen. Und, gehe in die Hlle, ich hatte es gelernt zu
fluchen und die Faust zu ballen!

Wenn das Wetter schlecht war, so verstndigte ich mich mit Jean Louis. Fr
eine Flasche eau de vie fhrt der Meerknig, wann du willst. Ganz allein
zogen wir in unserem winzigen Boot hinaus, whrend die groen Langustiers
an ihren Ketten rissen. Wir hatten stets Glck.

Das Meer sang und jubelte. Oft tobte es verfhrerisch in der Nacht vor
meinem Hause und ich erwachte. Der Regen peitschte ans Fenster und der Wind
schrie.

Hallo! Pilot! Kedril! Hallo!

Was gibt es?

Ich mchte fahren, Pilot!

Fahren? Wohin? Jetzt?

Ich lachte. Ja, hinaus! Eine kleine Spritztour. Du sollst es ja nicht
umsonst tun!

Kedril steckte den Kopf durch das Guckfenster. Hrst du das Meer? Wir
kommen keine hundert Meter weit.

Ich biete dir zwanzig Franken. Zwei Seemeilen ber die Bai hinaus!

Kedril kam halb angekleidet heraus und klapperte ans Meer. Er hob mit einer
plumpen Gebrde die Hnde.

Ich biete dir fnfzig Franken fr eine Stunde!

Kedril sah mich an und ging in sein Haus.

Hallo! Pilot!

Aber Kedril antwortete nicht mehr. Und ich sah mit heien, trockenen Augen
bers Meer.

In diesen Tagen sah ich einmal auch Rosseherre.

Eines Abends kam ich mit Jean Louis zurck und als wir anlegten, stand
Rosseherre am Kai. Sie hatte einen kleinen runden Korb in der Hand und
zeigte ihn Jean Louis.

Crevetten! Sie lachte. Sie sah mich nicht an, aber pltzlich wurde sie
dunkelrot, denn sie fhlte meinen Blick.

Hh! lachte Jean Louis und stieg aus.

Da wandte mir Rosseherre den Blick zu und sagte lchelnd und etwas scheu:
Wollen Sie Crevetten haben, monsieur?

Danke, sagte ich khl.

Da flammten Rosseherres Augen auf und sie schleuderte den Korb mit den
Crevetten ins Wasser und lief fort.

Hh, was hat sie denn? lachte Jean Louis tppisch.

In den folgenden Tagen ereigneten sich einige Dinge, die ich wenig
beachtete und erst spter verstand.

Einmal kam ich nach Hause und sah zu meiner berraschung jemand unter der
Tre stehen. Es war Noel, der Kaufmann. Ich kam nher und siehe da, der
Maire erschien neben Noel in der Tre. Beide waren verlegen.

Was gibt es? sagte ich.

Noel sah den Maire an und der Maire sah Noel an.

Wir sind bei Ihnen eingebrochen, sagte Noel lchelnd.

Ich richtete mich auf. Sie sehen mich berrascht, mein Herr! sagte ich.

Wieder tauschten die Biedermnner Blicke.

Die Wahrheit zu sagen, begann der Maire, es lief eine Anzeige bei der
Mairie ein. Man hat behauptet, du seist ein Spion, der die Insel
auskundschaftet.

Ich lachte laut auf. Ich bezahle auf der Stelle tausend Franken, sagte
ich, wenn ihr einen Strich oder eine geschriebene Zeile bei mir findet!

Nun ja, wir taten unsere Pflicht! Und die begossenen Pudel gingen.

Ein paar Tage spter bemerkte ich, da kein Wasser in der Tonne war. Es
hatte in den Nchten heftig geregnet, aber im Fa war kein Tropfen Wasser.
Ich untersuchte die Tonne, ja, sie war leck. Am untern Rand war eine Daube
beschdigt. Poupoul beschnupperte einen Stein, der neben der Tonne lag.
Aber das fiel mir erst spter auf.

Ich dachte an nichts.

Es kamen trbe und mutlose Tage. Sie sahen aus wie die Gesichter
Verzweifelter, die dahingehen ohne Ziel und zuweilen stehen bleiben um sich
auf etwas zu besinnen, was ihr kranker Kopf lngst vergessen hat.

Das Meer warf sich sthnend hin und her. All die irrenden Wellen -- sie
waren Menschen, Tausende und Tausende von Menschen, die dahin gehen und
dorthin und untergehen und niemand hat gesehen, wann und wo. Nicht so! La
den Sturm kommen, den gewaltigen, denn herrlich ist ein wilder Tod. --

Die Fischer fuhren nicht hinaus. Auch Jean Louis nicht. Ich konnte mit
harten Talern in der Tasche klimpern, der Meerknig blieb taub.

Ich habe Furcht! heulte er.

Wenn du schon Furcht hast, Meerknig --!

Ich strich ber die Insel, eine Falte in der Stirn und lauschte auf das
Toben des Meeres. Als stnde ich in der Mitte eines Wasserfalls, so klang
es. Der Himmel war voller Schmutz und Unrat und trbe Wolkenfetzen hingen
senkrecht aus ihm herab und schleiften ber Insel und Meer. Die Falte in
meiner Stirn wurde tiefer. Ich ging nicht nach Creach. Nein. Yvonne -- ich
hatte keine trichten Gedanken im Herzen. So kam ich nach Stiff in die
Markonistation.

Tagelang arbeitete ich hier, so eifrig, als sollte ich bald eine
entscheidende Prfung ablegen. Wir sprachen mit grnem Feuer und Ozon zu
den Unsichtbaren, wie Geister sich unterhalten. Wie es roch! Wie in den
Wldern meiner Heimat nach Regengssen.

Herr Boucher handhabte den Drcker und die grnen Blitze sprangen zwischen
den blanken Konduktoren und schnarrten und knatterten, zuweilen war der
Dampfer, mit dem wir sprachen, ganz nahe und wir konnten seine Rauchfahne
am Horizont sehen. Oft aber waren sie fern. Geben Sie uns bitte Ihren
Punkt! Trr--trr--tack--tack--trr-- das war sein Punkt. Gott stehe uns bei,
wo war er? Er war noch westlich von den Azoren. Wir arbeiteten geduldig und
ruhig. Manchmal muten wir eine Frage dutzendmal depeschieren, bis wir
verstanden wurden. Seit zwei Tagen suchten wir uns mit einem Dampfer zu
verstndigen, an dessen Bord sich Mr. William Finch befand. Ihr Koffer
folgt mit dem nchsten Schiff. Trr--trr-- Ihr Koffer folgt mit dem --
Immer, wenn Herr Boucher eine freie Viertelstunde hatte, jagte er diese
Depesche in die Luft. Zuweilen wurde die Verbindung pltzlich durch Gott
wei was unterbrochen und erst Stunden spter hrte man uns wieder. All die
kleinen Worte, die durch die Luft schwirrten! Wir sandten tglich einige
Scke Ksse bers Meer. Wir waren diejenigen, die Herrn Schmidt, Edgar
Schmidt, tausend Seemeilen entfernt, in einen Freudentaumel versetzten, da
wir ihm mitteilten, da seine Frau Anna mit den Kindern im Hotel de
Commerce in Cherbourg ihn erwarte. Er sitzt im Rauchsalon, dieselbe
zerlesene Nummer der Fliegenden Bltter in der Hand, und sieht gelangweilt
durch das kleine Fenster, wie die Reling sanft steigt und fllt, der
Streifen Meer wird schmal, breit, seit Wochen schrumpft und wchst dieser
Streifen: Herr Schmidt, Herr Schmidt! Siehst du, wie es ihn trifft? Zum
Teufel, mein Hut! Trr--tack--tack-- wie rasch er gewesen ist! Bin gesund
und wohlauf. Sonst fiel ihm in der Eile nichts ein.

Dann nahm Herr Boucher den Stahlbgel mit der Hrmuschel ber die Glatze
und lauschte auf das Ticken und schrieb die Worte nieder. Wir konnten alles
hren, was Lizard den groen Amerikadampfern telegraphierte, die jeden Tag
eine Zeitung drucken. Auf diese Weise waren wir von allem unterrichtet, was
die Welt beschftigte, ja wir erhielten die Neuigkeiten sogar frher als
die Zeitungsleser. Die Knige da drben rusperten sich in ihren
verrosteten Rstungen und wir hrten es. Wir hrten das groe Feuer
prasseln, das in den Wldern Sdrulands wtete. Wir hrten den Lrm der
Brse, die Papiere fielen, o, pfui Teufel!

Herr Boucher schrieb und ich bersetzte -- denn ich fungierte hier als
bersetzer. Herr Boucher las zwar flieend die Klassiker der groen
Sprachen, von der Umgangssprache aber verstand er kein Wort.

Es war sehr still bei uns. Die Drhte unserer Empfangsmaste schwangen und
klirrten und der Wind schleifte ber die de Heide. Drei unserer kleinen
Ratten, die in der Station hausten (es waren siebzehn), spielten vor der
Tre. Das Meer aber wusch. Sobald es dunkel wurde, erbleichte die Heide wie
im Mondlicht, zweimal, dann brannte sie einmal rot wie glhendes Moos. Das
war das Feuer von Stiff. Wenn Herr Boucher hinaus ging um Luft zu schpfen,
so sah er zweimal wie ein kalkweies Gespenst aus und dann verwandelte er
sich in einen roten Dmon.

Trr--trr--tack--tack -- Herr Boucher sa und schrieb die Worte nieder. Es
war ein schwaches Echo der groen Trommel Europa, das zu uns herberdrang.

Schlu. Lizard hatte nichts mehr zu sagen.

Spt in der Nacht kam ich nach Hause. Noch im Traum telegraphierte ich.
Children all well. Much love. Grace. Die Funken knatterten. Und der
Empfnger tickte: Am 21. 39 12' 44 8' 10" zwei Eisberge gesichtet.
Pennsylvania. Da schlug Poupoul an. Schweig doch! sagte ich. Poupoul
leckte mir die Hand und winselte. Dann hrte ich ihn an der Tre
schnuppern. Ich schlief wieder. Gleich darauf weckte mich Poupoul abermals.
Er schlug laut und zornig an.

Ich lauschte.

Drauen knisterte und raschelte es. Es war mir, als rche ich Rauch. In
diesem Augenblick donnerte es und ein Gewitterregen ging prasselnd nieder.

Es regnet ja nur, Poupoul! sagte ich. Schlafe, alter Schwede!

Aber am andern Morgen sah ich, da der Holzsto vor meiner Tre zum Teil
verbrannt war. Die Wand des Hauses war geschwrzt von Rauch. Wre der
Gewitterregen nicht zur rechten Zeit niedergegangen, so stnde Sturmvilla
wohl nicht mehr.

Ich schttelte den Kopf. Solche Leute gibt es hier, sie gnnen dir nicht
einmal das Holz! sagte ich und spie aus.




XXIX


In einer Nacht erwachte ich und begann nachzudenken.

Ja, bei Gott, warum muten meine Augen gerade auf Yvonne fallen, die sich
hinter ihrer Jungfrulichkeit verschanzte wie hinter sechszlligen
Panzerplatten. Warum war gerade sie anders als die Mdchen auf der Insel,
die wenig Umstnde machten?

Nun, ich werde zu dir gehen, Yvonne, und dir reinen Wein einschenken, ich
werde dir sagen, was ich denke und was ich will und du wirst mir antworten.

Ich stand auf. O, nein, ich hatte gar keine Lust, dem Schicksal aus der
Hand zu fressen. Aber es war noch Nacht, eine helle Spalte klaffte im
Osten, es war vier Uhr morgens.

Am Vormittag machte ich mich auf den Weg nach Creach -- aber da kam Kedril
heran und schwenkte eine Depesche: trois btiments russes! He,
Kriegsschiffe, die nach Brest wollten. Es gab ein hbsches Stck Geld zu
verdienen und zwanzig Lotsen von der Kste und den Inseln machten sich auf
die Suche. Wir wrden natrlich das Geld einstreichen, Kedril und ich!

Vor der Fahrt tranken wir bei Chikel, das ganze Dorf betrank sich vor
Aufregung: das groe Geld, Gott beschtze mich! Alle Not wrde ein Ende
haben --

Es gab nun gar _keinen Zweifel_ mehr, da die Russen uns gehrten. Wie
Pilot? Haha, los! Yvonne, nun du bleibst ja hier --

Es war mehr als klar, da die Panzer auf das Feuer von Creach halten
wrden, und auf dieser Annahme basierten unsere Operationen. Aber man kann
von russischen Kriegsschiffen unmglich Pnktlichkeit verlangen, sie lieen
auf sich warten. Die See tobte und spektakelte, das Grosegel donnerte und
der Mast chzte und kreischte. Kedril lag mit dem Krper gegen das Steuer
und brllte so laut er konnte seine Befehle. Und wir, der Matrose und ich,
wiederholten sie brllend, zum Zeichen, da wir verstanden hatten, und
unter einem unbeschreiblichen Geheul jagten wir durch die nchtigen
Wasserschluchten und kletterten wir ber die bebenden, atemlosen
Wogenketten. Unser Fockmast bohrte sich bis zum Schnabel in die
schwarzglnzenden Glasberge, die uns unaufhrlich entgegenrollten, und
schaufelte Blcke von Wasser in die Hhe. Wie ein zerfetztes Banner sah er
aus. Die Sturzseen zischten und der Wind trillerte in den Seilen. Irgendwo
erschien ein zerfetzter, verwehter Lichtfunke im Sden und wir galoppierten
unsere fnf geschlagenen Meilen. Ein lumpiger, verfluchter Frachtdampfer,
gehe in die Hlle!

Es wurde nichts mit dem Stck Geld, die trois btiments russes waren uns
entgangen. Wir betranken uns aus Wut. Wir zitterten vor Erschpfung --
achtundvierzig Stunden lang hatten wir uns mit einer frchterlichen See
herumgeschlagen, ohne einen Bissen ber die Lippen zu bringen. Und nichts!
Diaul! Hehe! Wie hatte es Mathieu, dieser Satan, nur fertig gebracht -- war
er ihnen bis zum quator entgegengefahren -- he, Kedril, Pilot Nummer Eins?
Wir pufften uns ein wenig zum Scherz. Was fr Hmmer Kedrils Fuste waren!
Wir waren aufgelegt zu einer Prgelei -- heran! --

Nun, da bin ich wieder.

Komm heraus, Yvonne. So reich mir doch die Hand heraus!

Yvonnes Mund war khl, aber ihre Wangen glhten. Ihr Haar roch warm wie der
Sommer und der Geruch der Heide stieg aus ihren Kleidern. Lichter glnzten
auf ihren braunen Wangen und ihrer gewlbten Stirn. Sie war so braun, wie
Amorik selbst, der Einugige.

Wirst du herauskommen, Maria?

Sie lchelte. Sie wute alles, was geschehen wrde, wenn sie herauskme.

Das nchste Mal will ich herauskommen, flsterte sie.

Nein, heute, Yvonne!

Das nchste Mal!

Gut.

Ich ging und mitten in der Heide setzte ich mich auf einen Stein. Sie nahm
es so heilig, sie war ein Mdchen. Sie bebte und zitterte vor ihrer Stunde.
Ich werde warten, Yvonne, ich schwre dir Geduld zu haben.

Horch! Das ist die Flut. Der Strom donnert. Horch! Ebbe. Es sind Mwen
unterwegs. Der Regen prasselte ber mein Dach und hoch oben strzte heulend
der Wind dahin. Ich sang. Ich ging hinaus in den Sturm und sang mit lauter
Stimme, denn ich fhlte, da ich lebte. Nebel. Er quoll durch Tre und
Wnde und mein Tabak wurde feucht. Creach brllte Nchte lang. Ich ging auf
und ab und mein Herz schlug, so oft Creach die Stimme erhob. Drauen
antwortete ein Dampfer. Still! Er fuhr zu nahe. Ich trat vors Haus und
lauschte mit verhaltenem Atem. Nun heulte er ferner. Es gab keine Gefahr
mehr. In einer Nebelnacht hrte ich das Tuten eines Dampfers, der einen
vollkommen falschen Kurs steuerte. Er fuhr an der falschen Seite vorber,
die gefhrliche Passage de Fromveur, die alle Seeleute kennen. Er fuhr
sorglos darauf los, tutete und verschwand, ohne je zu ahnen, wie nahe sein
Kiel den Klippen gewesen war. Da drauen gab es Riffe wie Sensen, die nur
darauf gelauert hatten ihn der Lnge nach aufzuschlitzen.

Wenn die Sonne aufging und all die Halme und Grser der Heide streifte, so
sah die Insel wie bereift aus. Die Vogelzge kamen aus dem Norden, von
Irland und England, und zogen keilfrmig ber die Insel dahin und
verschwanden blitzschnell hinter dem Horizont. Dahinterher kamen stets
Trppchen von Nachzglern -- mochten sie mitkommen oder nicht, es gab hier
keine Rcksichten. In den schwarzen Nchten aber sausten die Schwrme den
Leuchtfeuern entgegen, die vor ihnen aufblitzten, und ehe der schwirrende
Keil schwenken konnte, hatten sich Hunderte von Vgeln die Schdel
eingerannt. Die ganze Insel nhrte sich in dieser Zeit von Vgeln. Auch
ich. Man brauchte nur nach Creach zu gehen und sie aufzulesen. Sie lagen
auf der Heide, in den Klippen, berall. Ihre Schnbel standen ein wenig
offen, als htten sie im Sturz geschrien, runde, graue Kapseln wlbten sich
ber ihre kleinen Augen, die feucht blinkten. Und wie zart sich die Knochen
unter den flaumigen Federn anfhlten!

Poupoul hatte gute Tage.




XXX


Guten Tag, Mathieu! Guten Tag, L'honneur, Petitjean! Guten Tag, alle
zusammen!

Wir sind herbergekommen zum Fischen, wir wollten sehen, wie es dir geht.

Sie hatten mich nicht vergessen! Ja, sie waren sogar bis nach Sturmvilla
gewandert.

Nun, ihr braucht ja keine Glser, so vornehm seid ihr nicht -- ah, bei
allen Teufeln, Petitjean, du sufst ja die ganze Flasche aus! Sind wir
fertig? Erzhlt was es Neues gibt! Ihr Hunde, jetzt fllt es mir ein, ihr
habt uns ja die drei Russen weggeschnappt, ihr Kerle! Kedril und ich, wir
sind fast hin geworden auf dem Meer!

Der Morgen war frisch und klar. Wie ein einziger tadellos reiner Block von
Kristall lag die Luft auf dem Meer. Das Meer leuchtete stahlblau und
strahlte einen khnen Glanz aus und eine blitzende Helle, bebend von
intensiven Vibrationen, die das Herz leicht und heiter machten. Am Horizont
flo ein Streifen von sattem Ultramarin dahin. Man konnte ihn nicht ohne
Verwunderung betrachten. Die nassen Riffe glitzerten in der Sonne. Am Hafen
unten standen die Fischer, laut und frhlich, und warteten auf eine Brise.
Ihre frischgewaschenen Gesichter leuchteten rot in der Sonne. Guten Morgen!
Guten Morgen allerseits!

Wir ruderten hinber zum Kirchturm. In der Bai stand ein kleines
leuchtendes Segel, das war Jean Louis. Immer war der Meerknig der erste.
Es sah aus, als ob es da drauen eine Handvoll Wind gbe und so zogen wir
das Grosegel auf. L'honneur, Petitjean und ich. Ho-hupp, langsam stieg das
schwere Tuch in die Hhe und wir lagen mit dem Rcken auf dem Verdeck. Dann
spannten sich L'honneur und Petitjean im Nachen vor den Kirchturm, ich
lehnte mit dem Rcken gegen den Mast und handhabte das fnf Meter lange
Ruder -- es federte, meine Arme wurden eisenhart -- und der massige
Kirchturm kroch langsam dahin. Das Grosegel hing schlaff wie ein
Gehenkter und zappelte zuweilen ein wenig, das war alles. Kein Wind.

Die Bai war glatt wie l. Wo sonst die Brandung wirbelte, kruselte und
wlbte sich das Meer nur ein wenig. Die Klippen blhten wie Kirschbume in
der Sonne und weit drauen schimmerten sie wie Perlmutter. Milchige,
sonnendurchtrnkte Nebelstreifen schwebten langsam ber die Insel, einer
hinter dem andern. Ein kleiner Frachtdampfer winselte fern und dann und
wann erhob auch Creach auf Minuten sein Gebrll.

Wir hatten die Bai hinter uns und waren auf dem Meer. Die Matrosen stiegen
an Bord und die Arbeit begann. Wir machten die Reusen zurecht. Das waren
Weidenkrbe in der Form groer Fliegenglser. Sie hatten nur oben einen
Eingang. In der Mitte wurde ein Fisch befestigt, ein halbverfaulter lascher
Fisch, dessen Augen schon grau waren, Steine waren am Boden festgebunden.
Die Krbe waren schwer und das Blut hmmerte in meinen Schlfen, als ich
sie zusammen mit L'honneur ber Bord warf. Eine perlende Schaumkrone stieg
auf wo sie auffielen, dann sanken sie auf den Grund des Meeres hinab. Sie
waren mit langen Stricken versehen, die am Ende Bndel von Korkstcken
trugen, damit man sie wieder heraufziehen konnte.

Die Arbeit war getan und wir hatten gute sechs Stunden Zeit.

Der mousse hatte unterdessen Kaffee gekocht und wir saen rings im Kreise
auf dem Deck und tranken ihn aus einem Blechtopf, der Jahresringe von
Schmutz, Wein, Kaffee und Kognak hatte. Ich streckte mich in der Sonne aus
und bot ihr Arme und Gesicht und die nackten Fe dar. Und ich fhlte, da
ich in der Hitze aufging wie das Brot im Ofen. Das Meer war glatt und
durchsichtig wie Eis, mit einem weilichgrnen Ri da und dort in der
Tiefe. Zuweilen kruselte es sich wie Hautfalten und steuerbord zog in der
Ferne eine glitzernde Strae vorbei, wie Myriaden kleiner, rascher Fische.
Die Mwen schwirrten und Trppchen von Meerschwalben zogen dahin.

Triii -- triii --

Di -- di -- gullugullu gullu -- di.

Eine dreieckige Flosse tauchte auf und etwas atmete, genau wie die
Luftbremse einer elektrischen Tram, und strich rasch dahin, gute vier Meter
lang. Ein souffleur. Er schwamm rasch, atmete noch zweimal, dreimal und
war verschwunden. Die Insel lag in der Ferne, wie ein graues
schuppengepanzertes Tier, das schreckliche Gebi lauernd halb unter Wasser,
einen Stachel auf der Nase. Sie sah unbewohnt aus, und wem htte es auch
einfallen sollen, auf diesem unwirtlichen Steinhaufen zu wohnen? Ein
Nebelstreifen nherte sich Creach, verhllte ihn, und Creach brllte,
whrend hier auen die hellste Sonne schien. Der Nebelstreifen kroch nher
und hllte den Kirchturm ein. Nebelschnre zogen vorber und hngten sich
in Kleider und Haare, so da alle aussahen, als gingen sie in Rauch auf.
Ein Dampfer tutete, mchtig und ruhig, wie nur ein groes Postschiff tutet,
das keine Angst hat und um freie Fahrt ersucht. Er kam nher und wir
griffen zu den Rudern, denn man konnte nicht wissen, woher er kam. Da
erschien er wie ein riesiges Gespenst im Nebel, mit all seinen Masten,
Rahen, Kaminen, Verdecken. Es war ein P.- und O.-Steamer. In diesem
Augenblick schlpfte der Nebel hinweg und der Dampfer zog leuchtend und
glnzend an uns in nchster Nhe vorbei.

Auf dem Verdeck standen Gruppen von Mdchen mit wehenden Schleiern.
Augenblicklich begann L'honneur die Mundharmonika zu spielen. Sie schrien
und quiekten und ihre weien Taschentcher flatterten. Hiiii! Wollt ihr
Fische haben? L'honneur hielt einen Fisch in die Hhe und warf ihn dem
Dampfer entgegen. Hiii! schrien die Mdchen. Dann spielte L'honneur, der
ein Allerweltskerl war: God save the queen. Hi--hi--hiii! schrien sie. Der
Kirchturm kam ins Schaukeln.

L'honneur! sagte L'honneur. Wenn wir sie doch hier htten! Ah! Fr jeden
eine und fr mich zwei junge Witwen! Und er blickte dem davonstreichenden
Dampfer mit hellen, wilden Augen nach. Dann machte er eine instinktive,
unglaublich komische Bewegung und wir starben vor Lachen.

Ein oiltank kam heran. Dieser Dampfer sah komisch aus, da er den Kamin ganz
hinten hatte. Es waren unfreundliche Leute, schwarz wie Neger sahen sie zu
uns her und grinsten nur ein wenig, L'honneur erbot sich sie auf die
hlzerne Fresse zu schlagen.

Eine Weile war es ruhig -- da und dort standen Dampfer, sie verschwanden in
den Nebelstreifen, tuteten, erschienen wieder -- dann kam ein sonderbarer
Segler heran. Guter Gott! Er war klein und stammte sicher aus einem andern
Jahrtausend. Er hatte zwei Maste, einen richtigen Mast und dahinter einen
Stumpen. Die Reling war zwei Handbreiten hoch, das war alles, und
sonderbare Burschen handhabten die langen Ruder. Es war ein Boot, in dem
man kaum ber einen See fahren konnte geschweige bers Meer.

He, wieviele Knoten macht ihr in der Stunde?

Niemand antwortete.

L'honneur steckte die Finger in den Mund und pfiff herausfordernd. Sollen
wir an Bord kommen und euch verhauen?

Woher kommt ihr?

Von Spanien.

Hier aber wurde Petitjean lebendig. Er schnupperte mit der Stumpfnase und
seine kleinen Augen sprhten Funken.

Wohin fahrt ihr? fragte er. Sie waren nun ganz nahe.

Nach Le Havre.

Also nach England fahrt ihr? sagte Petitjean und lachte. Was fr Ladung
habt ihr?

Wein.

Petitjean kannte diese Sorte. Er war ja selbst in dieser Branche ttig
gewesen. Es sind Schmuggler, sagte er zu mir, sieh doch das Schiff an!
Natrlich fahren sie nie nach Le Havre. Hahaha, gebt uns etwas Wein, wir
wollen euch Fische geben.

Aber die Leute auf dem sonderbaren Boot verstanden auf einmal kein Wort
Franzsisch mehr, sie schimpften auf Spanisch.

L'honneur erbot sich ihnen die Schdel einzuschlagen.

Petitjean aber folgte ihnen mit glnzenden, sehnschtigen Blicken. Ah, sie
sind in der Klemme, sie rudern ja. Sie sind abgetrieben worden und haben
keinen Wind. Er sah ihnen voll Mitgefhl nach und schnalzte mit der Zunge.

Petitjean war ein dumm und treuherzig aussehender Bursche, so wie die oft
aussehen, die pltzlich zum Tod verurteilt werden. Sie haben da etwas
getan, bei Gott, sie wissen kaum was, sie sind ganz erstaunt. Er hatte fnf
Jahre bei einem Patron gedient, dessen Spezialitt es war Schiffe zu
verlieren. Vertraue ihm ein abgedientes Schiff an, das die Gesellschaften
nur noch ungern versichern, du brauchst ihm gar nichts zu sagen: die
Gesellschaften ziehen nicht mehr recht oder sonst etwas, das gengt. Das
Schiff kommt nicht zurck! -- Es scheitert, es sinkt, eines ist sicher, es
kommt nicht wieder. Es ist zum Beispiel angebohrt, sinkend, in jmmerlicher
Verfassung, Torpedoboote knnen es schleppen wollen, es ergibt sich nicht,
es stirbt. Petitjean hatte mehr Schiffbrche mitgemacht als irgend ein
anderer. Die Bezahlung war ausgezeichnet. Aber dann, gerade als Petitjean
zum Militr mute, ertrank sein Patron mit der ganzen Besatzung. Er hatte
diesmal einen kleinen Fehler gemacht, er rannte auf, bevor er es wollte.

Tagelang konnte Petitjean erzhlen. Drei Worte, drei Gesten, aber man sah
alles. Er war zu dumm um zu lgen.

L'honneur dagegen war ein witziger Bursche mit hellen Augen und
entwickelten Zgen. Er log. Alle seine Bewegungen waren rasch. Er war immer
geschftig. Er nagelte an einer Stange, knpfte ein Seil, flickte ein
Segel, immer sah er etwas. Er war barfig, trug eine kurze Hose und ein
lcherlich kurzes Hemd -- was fr ein Hemd war es doch! Es reichte nur ein
wenig unter die Schultern, lie seinen ganzen braunen Rcken, die Arme und
die Brust frei, und doch war es ein Hemd und noch dazu ein Hemd aus San
Franzisko. Auf seinen rechten Arm war ein Segelschiff ttowiert und
Napoleon, um den sich eine dicke Schlange ringelte, auf seine Brust ein
Riesenbildnis der Republik, und wenn seine Hose herabrutschte, so sah man
auf seinem Sitzfleisch einen runden, bse blickenden Fisch mit zornigen
Stacheln, L'honneur war braun und halbnackt und man sah, da er
unzweifelhaft mnnlichen Geschlechts war.

L'honneur legte ein Seil wie eine Acht auf das Deck und tanzte, whrend er
dazu spielte; er machte seine Sache geschickt und berhrte das Seil nie mit
den Fen.

Natrlich konnte ich das auch. L'honneur, spiele! Aber, siehe da, es war
nicht so leicht wie es aussah.

Dann legten wir die Leinen aus und wurden ganz still. Stunden vergingen.
Wir fischten den lieu, blank wie Stahl, mit spitzer Hechtschnauze, den
silberglnzenden pirronneau, der einen Drachenflgel auf dem Rcken hat,
den grausamen sarthe, mit spitzen Zhnen im Rachen, gieriger breiter
Drossel, gewlbten Katzenaugen, getigertem Leib, ziegelrotem Kopf und
rotgelben Flossen, den liebchen coquette, der scharlachrot wird, wenn er an
die Luft kommt, den morchelartigen vielle, dick und plump, mit lsternen
Negerlippen, den rouget, merland, congre. Da lagen sie in der Ecke,
schnappten nach Luft, starben. Morgen werden wir ins Meer strzen und nach
Luft schnappen. Sarthe wird herankommen wie ein Unterseeboot und uns die
Augen ausreien, und der dicke vielle wird uns mit seinen lsternen
Negerlippen die Nase abknabbern.

Die Sonne stieg ins Zenit und ich lag auf dem heien Deck ausgestreckt und
blinzelte zu ihr empor. Sie fauchte, flackte und lie mir lange feurige
Fahnen ums Gesicht wehen. Ich schlo die Augen und schlief. Aber da zuckte
die Leine an meinem Finger: irgendein Fisch da drunten, der mich in einer
dringenden Angelegenheit zu sprechen wnschte.

Die Glocken der Insel bimmelten in der Ferne und der Schiffsjunge trug das
Mittagessen auf. Das war ein groer Topf, gefllt mit Brhe, Kartoffeln,
Kohl, Fischstcken, herrlich. Wir saen um den Topf herum und fuhren mit
den Lffeln hinein. L'honneur schlug ein derartig rasendes Tempo an, da
niemand ihm folgen konnte. Der mousse durfte den Topf auslecken.

Nun war es Zeit, die Reusen in die Hhe zu ziehen. Die Seile hatten schon
Rinnen in den Bootsrand geschnitten und das Boot schnurrte und surrte wie
eine Bageige. Man mute ein Stck Zeug um die Hnde wickeln, denn die
nassen belasteten Stricke zerfetzten die Haut. Das Boot troff von Wasser
und die mit Tang und Gras behngten Reusen brachten einen starken
fruchtbaren Geruch vom Meeresgrund herauf. Die ersten Krbe waren leer, ein
paar Muscheln und Seesterne, nur eine groe Krabbe hockte darin, L'honneur
empfing sie wenig hflich. Da sie nicht freiwillig aus dem Korb spazieren
wollte, ri er ihr zuerst einige Beine aus, ja, nun ging es. Korb um Korb
stieg empor und wir sahen alle gespannt ins Wasser, wo der Korb erscheinen
mute. Wenn man die bleiche Fischleiche schimmern sah, so war wenig
Hoffnung vorhanden. Das Geschft blhte, wir waren nicht unzufrieden.

Hehe! Heraus mit euch!

L'honneur fate sie geschickt um die Taille, prete sie zwischen die Knie
und schnitt ihnen die Sehnen der Scheren durch. Die Langusten schnurrten,
burr! burr! und schnellten sich auf den Schwnzen rckwrts, sie scheuten
vor L'honneurs Messer und glotzten es mit ihren langen Pilzaugen an. Es
half ihnen nichts. Es war merkwrdig, da sie meistens zu Paaren in den
Krben saen. Gewi war das eine Art von Hochzeitsreisenden, die pltzlich
auf ihrer Wanderung diese herrliche mit Fisch gefllte Villa auf dem
Meeresgrund angetroffen hatten und sich huslich niederlieen. Hier wollen
wir bleiben, Geliebte -- aber da fing die Villa an zu marschieren. Sie
trugen Kupferpanzer und im Nacken Knorpelschilder; auch ein Paar Hummern
war dabei, in blanken Stahlbrnnen. Sie schlugen wild mit den Zangen um
sich und L'honneur erhielt einen Schlag in die Hand. Das Blut sprang
heraus. Sacre nom de bleu cochon!! Vorsicht, L'honneur! Ein Hummer
schneidet einen Finger glatt durch.

Wir hatten die Krbe wieder instand gesetzt und hinabgelassen, als sich ein
kleines Boot nherte. Wir machten die Augen scharf, wer in aller Welt -- es
war Yann.

Da kam er herausgerudert, vier Meilen weit, um uns einen Besuch
abzustatten.

Ah, der kleine Kapitn! Ihr arbeitet heute nicht?

Nein, die Maschine ist kaputt! Yann tat laut und gleichmtig, er wollte
nur sehen was wir trieben -- aber ich fhlte sofort, da Yanns Besuch einen
bestimmten Zweck hatte. Er galt mir.

Yann hatte blutunterlaufene Augen und ich wute, was das bedeutete. Er
hatte seine Periode. Dann trank er schrecklich, er trank tagelang, und die
Matrosen auf dem Arbeiter wagten nicht zu sprechen. Mit einem vor
unsinniger Wut geschwollenen Nacken tigerte er hin und her und suchte nach
Rostflecken auf dem Deck. Er schabte, kratzte, untersuchte jeden Nagel,
rasselte mit den Ankerketten und Winden, knurrend, ohne eine Wort zu reden.
Er ri dem Matrosen, der mit Anstreichen beschftigt war, wortlos den
Pinsel aus der Hand und strich selbst an. Der Matrose aber nahm sich wohl
in acht ein Wort zu sagen: denn dann spie dieser Vulkan Feuer und es
hagelte Felsblcke. Und immer schrecklicher trank Yann, ohnmchtig vor Wut,
denn er wute nicht warum.

In dieser Verfassung traf Yann auf dem Kirchturm ein.




XXXI


Aber Yann sagte nichts.

Es wurde Abend und auch der Abend brachte uns keinen Wind. Wir trieben mit
dem Strom an der Insel vorber, nach Norden. Eine Zeitlang muten sich die
Matrosen im Nachen vorspannen und Yann und ich arbeiteten mit dem langen
Ruder. Wir strichen haarscharf an den Klippen vorbei, an denen der Gischt
sausend emporscho.

Nun, Yann, wie geht es?

Yann sah mich scheu an. Gut, wie sonst?

Die Sonne sank und das Meer blinkte wie tausend Fensterscheiben. Sie glhte
purpurn in einem violetten Himmel, dann wurde sie gelb und matt und der
Himmel hinter ihr fahlgrau. Die blendende Strae, die von ihr bis zu uns
ans Boot fhrte, schrumpfte zusammen, wurde krzer und krzer und
verschwand. Die Sonne war gegangen; auf dem Stillen Ozean graute der
Morgen. Hinter der dunkeln Insel schossen Lichtgarben hervor, das war
Creach. Stiff leuchtete dicht vor uns, wei, wei, rot, immer ferner.

Die Dmmerung war weich wie blauer Rauch.

Der mousse fachte Kohlen auf einem kleinen Ofen an, und als sie glhten,
legte er unsere groe Krabbe mit dem Rcken darauf. Zuerst fhlte sie sich
behaglich; das war eine Art Julisonne, die ihr auf den Rcken brannte, sie
streckte sich wohlig aus, dann aber wurde es ihr zu hei. Sie ruderte
verzweifelt mit den Scheren und mahlte mit den Frewerkzeugen. Die Schale
bekam ein Loch, es zischte in den Kohlen, aber immer noch regte sie sich.
Endlich lag sie still und das war das Zeichen, da sie gar war.

Wir hatten Brot, einen Tiegel ranziger Butter und als Leckerbissen unsere
Krabbe. Ich bekam die Scheren. Hallo! Wie das schmeckte! Auch die Butter
war eigentlich nicht ranzig und mundete vorzglich. Wir waren ausgehhlt
vom Hunger und htten Blechbchsen und Sgespne verschlungen. Yann
entkorkte eine Flasche und lie sie zirkulieren.

Ich mu sagen, es war schn. Wir waren mde, satt und tranken. Sie alle
saen im Kreise, braun und wild, mit hellen Augen im Kopf, gutmtig, wie
Kinder, die das Meer gro gezogen hatte, mit krftigem, anheimelndem
Lachen, L'honneur erzhlte ein Erlebnis. Wie ihr Schiff zu Eis wurde, im
Norden von Neufundland. Das Deck vereiste zuerst und die Reling, die Maste
vereisten und lange Eiszapfen hingen von den Rahen und Tauwnden herab, das
Steuer vereiste und schlielich war das ganze Schiff ein schwerflliger
Eisklumpen. Und das Treibeis kam und schlo es ein und prete es, da es
knarrte. So trieb es langsam dahin, viele Tage lang, L'honneur hatte einen
sorgfltig gehteten Zeitungsausschnitt in der Kajte und holte ihn. Ich
mute ihn lesen.

Dann erzhlte Petitjean von seinem Patron. So erzhlte er: Der Patron,
siehst du, war klein und breit. Viereckig. Er war stark und ri einen Anker
mit der Hand aus dem Grund. Er wird zornig, siehst du, und sein Nacken
steigt ber den Kopf empor. So! Wir haben Kohle geladen. In England. Kohle?
Dreck! Der Patron geht herum und spricht nicht. Gib acht! sagen wir. Der
Patron sieht sich den Himmel an. Das Meer. Die Kste -- da in der Ferne.
Der Patron kennt jeden Stein im Meer. Mit verbundenen Augen segelt er um
die Erde. Auf Ehre! Der Patron kommt bers Deck geschaukelt, eine Flasche
in der Hand. Garons, wir wollen ein Glschen trinken. Verstehst du? Das
ist das Zeichen. Wir packen unser Bndel. Morgen ist das Schiff nicht mehr
ber Wasser.

Der Patron war ein Seemann. Ein Seemann! Er segelte bei schlimmstem Wetter
mit einem Taschentuch an den Stangen zwischen zwei Husern hindurch. Auf
Ehre! Der Patron war ein Knstler, ein professeur! sagte Petitjean und ri
die Augen furchtbar weit auf.

Und wir lachten, weil er die Augen so frchterlich aufri.

Nun aber kam die Reihe an mich.

He, und nun spiele etwas! sagte Mathieu.

Ich zog die Flte aus der Tasche, blies den Tabak heraus und feuchtete die
Lippen an.

Was wollt ihr hren?

Einerlei.

Also spitzte ich die Lippen, blies in meine kleine Flte hinein und lie
die Finger im Stechschritt auf den Lchern spazieren gehen. Wunderbar klar
klang meine kleine Flte bers Meer:

   Letzte Rose, wie magst du so einsam hier blhn?
   Deine freundlichen Schwestern sind lngst, schon lngst dahin,
   Keine Bl -- te . . . .

Sie saen alle im Kreise und lauschten.

Weiter!

Und ich lies die Finger auf der Flte tanzen und blies:

   Freut euch des Lebens, weil noch das Lmpchen glht,
   Pflcket die Rose, eh' sie verblht . . .

Ich schlo mit einem wunderbaren Triller und hiermit war mein Repertoir
erschpft.

Wie schn er spielt!

Du wirst doch nicht schon aufhren? Vorwrts!

Ihr wollt also noch mehr hren? Gut.

Ich klopfte die Flte aus und setzte sie wieder an den Mund.

Und abermals sang meine kleine Flte:

   Letzte Rose, wie magst du so einsam hier blhn --

Und hierauf:

   Freut euch des Lebens, solange noch das Lmpchen glht -- --

Wiederum schlo ich mit einem wunderbaren Triller, den ich leise ausklingen
lie, und das Konzert war zu Ende.

Sie saen im Kreise und nickten.

Schn hast du gespielt, heute!

Nur Yann sagte nichts.

Der Himmel wurde tiefblau und die Nacht kam. Alle verkrochen sich, nur
Mathieu hockte wie ein regungsloser Schatten am Steuer. Ich lag auf dem
Verdeck, das sich voll Wrme gesogen hatte, die Arme unter dem Kopf
verschrnkt und lauschte auf all die kleinen Gerusche, die am Boot pickten
und klopften. Stiff im Sden blinkte und Creach stach mit gleienden
Dolchen nach uns. Dort schlief Yvonne. Im Norden kroch ein grner Funke:
ein Dampfer, der in den Kanal hineinfuhr. Haarscharf zeichneten sich die
Taue ber mir vom Himmel ab. Die Sterne blitzten und flimmerten. Wie ein
Regen fllt -- dachte ich.

Da kam der Mond herauf. Glhend rot und bermig gro stand er am Horizont
und all die kleinen Wellen schauerten ihm entgegen. Er stieg, erhaben und
wrdig, ohne jedoch Scheu oder Furcht einzuflen. Er wurde zitronengelb,
und als er hher stieg, silberwei und gleiend. Die Taue warfen
haarscharfe Schatten ber das Deck, die sich zuweilen leicht schwangen und
ineinander flossen. Mit dem Mond war eine kleine, schmale Wolke
heraufgekommen. Sie hatte sich ber den ganzen Himmel ausgebreitet und
schimmerte wei wie frischgefallener lockerer Schnee. Aber so schnell wie
Schnee schmilzt, so schnell zerging sie und im Augenblick war der Himmel
wieder klar. Dann erschien am Himmelsrand unter dem Mond ein Rudel kleiner
Wolken, wie die Kundschafter eines Heeres, die kamen um auszulugen. Sie
schwenkten und verschwanden wieder, das Heer kam nicht herauf. berall
zngelten kleine Rauchwlkchen auf den kleinen Wellen, als ob das Meer zu
brennen anfinge. Sie wurden dichter und auf dem Meer schwamm eine Insel von
Dunst, wie auf einer Wiese im Herbst. Und pltzlich erhob sich die
Nebelinsel und schwebte langsam in die Hhe: das -- Meer hatte eine Wolke
geboren.

Wir werden Nebel bekommen, sagte Mathieu, wie eine Stimme aus dem Meer.

Und wieder lag ich und gab acht auf all die merkwrdigen Dinge, die ringsum
vor sich gingen.

Das Meer wurde dunstig und grau, als sei der Mond pltzlich untergegangen.
Stiffs Feuer in der Ferne sah aus wie ein entzndetes rotes Auge, das sich
nur mhsam unter Schmerzen ffnete und augenblicklich wieder schlo. Am
Horizont aber huschten fahlschimmernde Lichthiebe, das war Creach.

Ein Schatten tauchte aus der Luke und ich hrte nackte Fe auf dem Deck.
Ich schlo die Augen.

He! flsterte Yann und kauerte sich knackend neben mir nieder.

Ich rhrte mich nicht. Ich hatte ja gewut, da sein Besuch mir galt.

He! Yann rttelte mich und ich schlug die Augen auf. Eine Weile sah mich
Yann an, dann sagte er: Reise ab!

Ich ffnete vor Erstaunen den Mund, ich entgegnete nichts.

Reise ab! wiederholte Yann.

Ich lchelte. Yanns Augen waren wie dunkle glnzende Lcher. Selbst jetzt
im Halbdunkel konnte ich bemerken, da sie blutunterlaufen waren.
Kognaknebel strmten aus seinem Mund.

Yann, sagte ich, du bist verrckt. Gehe schlafen, mein Freund!

Da du es weit, fuhr Yann fort, mit unserer Freundschaft ist es aus.
Wir haben nichts mehr miteinander zu tun.

Er sprach die Wahrheit, ich hrte es an seiner Stimme. Ich richtete mich
auf.

Yann?

Yann knurrte. Rosseherre hat mir alles gesagt. Gestern nacht. Heute frh
war ich bei dir, aber du warst fort. Deshalb kam ich aufs Meer heraus. Ja,
sie hat mir gestanden, da sie bei dir war -- in einer schwachen Stunde,
ich war in Brest, da kam sie zu dir und klopfte und du kamst heraus. Sie
lief davon, aber du holtest sie ein und trugst sie auf den Armen ins Haus.

Ich erstaunte immer mehr. Meine Gelenke wurden ganz schwach. Sie hat es
dir also gesagt, Yann?

Ja, alles. Und ich habe sie geschlagen, bei Gott, furchtbar schlug ich
sie. Ich war auer mir. Es htte nicht viel gefehlt und ich htte sie
totgeschlagen. Aber sie gab keinen Laut von sich, deshalb hrte ich auf.

Pause.

Eine Sternschnuppe glitt ber den Himmel. Auch da drauen war nicht alles
in Ordnung. Ich dachte nach. Wie sollte ich Rosseherre je verstehen? Sie
hatte sich Yann ausgeliefert -- nur um ihn gegen mich aufzureizen. Aus
keinem andern Grund.

Das ist alles, was ich dir sagen wollte, flsterte Yann von neuem. Du
hast mich betrogen. Einer ist nun zuviel auf der Insel. Reise ab, sage ich
dir!

Und wenn ich nicht reise? fragte ich nach einer Weile.

Yann schwieg. Dann lachte er leise und heiser. Reise! flsterte er. Du
bist mein Freund gewesen und deshalb sage ich dir: reise! Ich bin toll,
hrst du? Reise mit dem nchsten Boot!

Das war unsere ganze Unterredung. Ich lag und dachte lange nach, ber Nacht
war alles anders geworden. Ich hatte Yann verloren und wir waren doch so
gute Kameraden, wie? Lebe wohl, Yann! Ob ich aber reisen wrde oder nicht,
das war wohl meine Sache. Da berrieselte es mich kalt. O ja, Yann war ein
Bursche, dem man manches zutrauen konnte. Ich lachte leise vor mich hin.
Mochte er in Gottes Namen tun, was er wollte. Er sollte sehen, wie er mit
diesem Anfall von Eifersucht fertig wrde -- gute Nacht!

Ich schlief, tief und gesund. Gegen Mitternacht erwachte ich bei einem
Pfeifen, das ber mich hinging. Es donnerte fern, Blitze irrten am Horizont
wie fein verzweigtes Geder aus Feuer und beleuchteten die Rnder schwerer
Wolkenmassen ber uns. Das Segel knatterte wie Salven und wir trieben rasch
dahin.

Nimm dich in acht, da du nicht ber Bord gehst! rief Mathieu lachend. Er
hatte immer noch Wache.

Wie konnte ich denn ber Bord gehen, da ich so nahe an der Reling lag! Es
begann zu regnen und ich zog einen Segelfetzen ber mich; der Regen flo
ber mein Gesicht, er war lauwarm. Die Blitze blendeten durch meine Lider
hindurch und leuchteten rings durch mein Gehirn. Ich schlief wieder.

Als ich bei einem Gefhl der belkeit erwachte, war es Morgen. Der
Kirchturm rollte, drckte sich in die Wogen und stieg. Die beiden kleinen
Nachen im Schlepptau folgten ihm hastig und mit ngstlichen Sprngen, wie
zwei junge Hunde der Mutter. Das Meer war grau und ein grauer, feiner Regen
fegte schrg darber hin. Wir waren von einem kreisrunden Wall von Rauch
eingeschlossen und konnten keine zweihundert Meter weit sehen.

An Deck waren sie geschftig.

Wohin fahren wir?

Nach England. Es wird schlimme See geben, L'honneur! Trinke deinen Kaffee
drunten.

Wohlan, nach England! Ich kletterte in die Kajte hinab, es gab hier keine
Treppe, man mute einen Klimmzug machen und seine Beine geschickt durch die
Luke schwingen. Ich trat auf Fleisch. Das war Yann, der sich auf dem Boden
zusammengeringelt hatte und schlief. Poupoul lehnte mit dem Rcken gegen
ihn und streckte die Pfoten in die Hhe. Nur Petitjean sa auf der schmalen
Holzbank und trank aus dem Blechtopf.

Er hat die ganze Nacht nicht geschlafen, der kleine Kapitn! flsterte
er, nachdem wir uns guten Morgen gesagt hatten. Was hat er doch?
Petitjean schob mir den Blechtopf hin. Ich trank rasch, denn hier unten
gefiel es mir nicht.

Die Kajte war winzig, eine Kiste, in der man nicht aufrecht stehen konnte.
In der Ecke stand eine kleine bunte Madonnenstatue und an die Wand war in
verschnrkelten Buchstaben gemalt: Dieu protge le Clocher du village et
son quipage. Darunter hatte L'honneur geschrieben: Gott beschtze die
Trunkenbolde.

Nun, ich hatte genug und turnte an Deck. Ein Dreimaster ritt durch den
Dunst, erdrckt von seinen fnfzig schweren Segeln. Er profitierte vom
Wind.

Ja, es gab schlimme See. Die raschen Wasserhgel bedeckten sich mit den
bekannten weien Schnren und die Schaumkronen brachen nicht mehr ber,
sondern stiegen gezackt in die Hhe und der Wind zerri sie wie Fahnen. In
unseren Seilen tremulierte der Wind in den hchsten Lagen. Die toten Fische
rutschten ber das triefende Deck und der mousse, bla und krank, sammelte
sie in einen Korb. Dampfer tuteten, heulten und winselten da drauen und
zuweilen erschien der trbe Schatten eines Dampfers innerhalb unseres
Rauchwalls, um rasch wieder zu verschwinden.

Da geschah etwas ganz Auerordentliches, L'honneur am Steuer wandte sich
pltzlich ab und begann zu spucken.

L'honneur! schrien wir alle und lachten laut.

L'honneur wandte uns das grne Gesicht zu. Ha! O, Hlle, das ist mir seit
sechs Jahren nicht mehr passiert, L'honneur!

Der Schiffsjunge aber lag flach auf dem Deck, die Arme links und rechts
ausgestreckt und bei jeder Bewegung des Kirchturms wackelte sein
Lausbubengesicht hin und her. Er sah wie tot aus.

Auch ich hatte Unglck. Eine Schaufel Spritzwasser war ausgerechnet in
meine linke Hosentasche gestrzt und hatte mir den Tabak durchnt. Also
mute ich hinunter in die Kajte, Kohlen anfachen, den Tabak trocknen. Yann
war eben aufgestanden. Er sa auf der Bank, den Blechtopf in den Hnden,
und sah mich mit leeren. Augen an.

Morgen, Yann!

Yann schwieg.

Dann hrten wir einen groen Dampfer tuten. Er brllte hinter unserem
Rauchwall, der mit uns wanderte, so schnell wir auch fuhren, bald
schrumpfte und bald sich weitete. Wir legten die Ohren ber die Reling und
sprachen kein Wort. Das surrende Tuten kam nher, aber es war unmglich die
Richtung zu bestimmen. Pltzlich aber warf sich Mathieu gegen das Steuer
und brllte: Changez les voiles! Wir heulten zur Antwort und gingen an die
Arbeit. Mathieu hatte zuerst den Bug des Dampfers gesehen und wagte es
nicht ihn zu kreuzen. Der Dampfer zog vorber. Er hatte vier braune
Schornsteine und vier Maste und ein dreistckiges langes Verdeckgebude.
Ein Lloyddampfer. Die Sturzseen schlugen ber sein Vorderdeck, aber er lag
vollkommen ruhig. Die Brcke war mit Segeltuch abgedeckt und keine Seele
war an Bord zu sehen. Wie tot sah er aus, nur seine Schornsteine qualmten.
Aber horch! Horch doch! -- Musik! Wir sahen einander an und lchelten.
Diese Lumpen saen bei der Tafel und die Kapelle konzertierte! Er
durchdrang den Rauchwall und verschwand. Wir schnupperten in der Luft. Das
war sein Rauch. L'honneur!

Gegen fnf Uhr drehte sich der Wind um einige Striche und raste nun wie ein
Orkan daher. Wir aber waren guter Dinge.

Petitjean und Yann lagen am Steuer, die Sturmkappen tief ber die nassen,
zerzausten Gesichter gezogen und sangen ein bretonisches Lied. Sie
brllten, da ihnen die Augen aus dem Kopf traten.

Die See sah wenig ermutigend aus. Von allen Seiten strmte sie gegen uns
an. Wir waren verloren in den Wogen wie die Laus im Gesusel der Bltter.

Ich kauerte mich in einen Winkel, zog die Knie an und blies mit aller Kraft
in meine Flte. Der Sturm ri in meinen Haaren und verbog mir die Nase im
Gesicht.

   Freut eu--ich des Lebens . . .

Meine Finger wurden schwach. Hehe -- die Flte geht nicht mehr --!

Und wieder brllten die Steuerleute.

Du vielgeliebtes Mdchen am fernen, fernen Strand --

Ich hrte sie in weiter Ferne, das Blut rauschte in meinen Ohren. Ich
fhlte, wie ich bleicher und bleicher wurde, aber ich bi die Zhne
zusammen: ich werde mich nicht ergeben --! Der kalte Schwei brach mir aus
den Schlfen, das Meer flo in einem grauen Strudel zusammen, der steiler
und steiler wurde.

Gesichter tauchten aus dem kreisenden Strudel auf, es wimmelte von
ekelhaften Fratzen und Larven unter mir im Meer. Hnde griffen nach mir. Da
erhielt ich einen Schlag in die Magengtube, da es mir dunkel vor den Augen
wurde. Eiserne Finger schraubten sich um meine Schlfen. Aber dann --
whrend mich ein Dutzend Hnde an den Haaren festhielt -- schob sich ein
schleimiger, spinnenbeiniger Finger durch meine Zhne in den Mund, den
Schlund hinab, bis zum Magen. O, hoho! Ich schttelte mich. Da zerrten die
Hnde an meinen Haaren, da sie meterlang wurden -- ich war steif und
kraftlos am ganzen Krper -- und die Hnde zerrten mich ber Bord. Sie
rissen mich in die Tiefe und schleiften mich an den Haaren durch das
nachtschwarze Meer. Blitzschnell, meilenweit. Pltzlich lieen sie mich
fahren und mein Schdel krachte gegen den Grund. Ich rang nach Luft und
stieg kreiselnd empor. Sollte es denn kein Ende haben -- noch eine Sekunde
und ich kann nicht mehr. Da -- ich war oben und schpfte Luft. Ich war
immer noch an Bord des Kirchturms und hrte die Steuerleute wieder
brllen.

Hehe! rief mich Mathieu an. Wie geht es?

Vorzglich, schrie ich und sah ihm mit verglasten Augen ins Gesicht.




XXXII


Am dritten Tage erreichten wir gegen Abend wieder die Insel.

Yann sah mich bedeutungsvoll an, als wir an Land gingen.

Hre, Yann, sagte ich zu ihm und legte ihm die Hand auf die Schulter, du
mut dir diesen Gedanken aus dem Kopf schlagen. Ich reise nicht. Ich reise,
wann es mir gefllt.

Du reist also nicht? Morgen geht der Kommissionr hinber.

Nein.

Yann senkte den Nacken. Du bist ein toter Mann! sagte er nach einer
Weile. Ganz leise sagte er es.

Ah, Yann, du wirst schon vernnftiger werden, ich kenne dich ja. Gute
Nacht!

Yann ging ohne mich anzusehen, ohne Gru.




XXXIII


Der Kommissionr fuhr. Ich sah ihn durch die Bai kreuzen. Ich lachte.
Nein, mein Freund, ich habe noch eine Menge vor auf der Insel! Heute ist
Mittwoch und Amorik, der Einugige, hat Dienst.

In der tiefen Stille der Nacht erklang nur ein dumpfer Schritt. Das Meer
wusch, aber ich hrte es nicht mehr. Mein Schritt war es.

Ich pochte an ein Fenster.

Ich bin es, Yvonne. Da bin ich wieder! Ja, wir wurden vom Unwetter
verschlagen.

Ich kte Yvonnes warmen Hals. Sie prete meinen Kopf darauf und mein Mund
versank darin.

Dann erzhlte sie mir flsternd, da sie um mich gebangt hatte in diesen
Tagen.

ber uns drehte sich die gleiende Windmhle und versprengte Lichtreflexe
kreisten glitzernd ber den schwarzen Boden. Wir aber standen ganz im
Dunkeln. Es fiel! Was ist das? Es klang so weich. Es regnete weiche
Gerusche, Flattern.

Das sind die Vgel!

O ja, es waren die Vgel, die aus dem Norden kamen und ins Licht rannten.

Yvonne?

Selbst im Dunkeln sah ich die Grbchen in Yvonnes Wangen. Sie lchelte.

Du weit, was du mir versprochen hast?

Ich wei es.

Und du wirst heute herauskommen?

Yvonne nahm meine Hand in ihre heien Hnde und prete sie. Sie zitterte.

Nicht heute, flsterte sie, nicht heute. Morgen, bermorgen --

Da fiel etwas Weiches auf meine Schulter. Ein Vogel. Ich erschrak und kte
Yvonne, da mich die Lippen schmerzten.

Ich denke an dich, Yvonne, flsterte ich, ich bin auf dem Meere und
denke an dich. Ich kann dich nicht vergessen. Komm, Yvonne!

Yvonne schttelte den Kopf. bermorgen --

Das Blut rauschte in meinem Kopf.

Und bermorgen --? sagte ich laut.

Um Gottes willen, sprich nicht so laut!

Ich hielt mich am Gesims fest und schwang mich hinauf. Yvonne wich zurck.
Ich stand in der finstern Stube.

Jesus, flsterte Yvonne.

Wenn du nicht herauskommst --! sagte ich und zog sie an mich. Yvonne
bebte und kte mich auf die Wange --

Ich ging. Ich ging ber die Heide. Ich nahm die Mtze ab um meinen heien
Kopf zu khlen.

Ja, Yvonne, sagte ich, wie lange wolltest du mich noch warten lassen?
Wie lange, haha!

In der Heide tauchten Gruppen von weien Zelten auf: das waren die bleichen
Giebel der Htten im Schein von Creachs Feuer. Mitten unter ihnen stand ein
hohes, spitzes Zelt, die Kirche. Ich ging am Meer entlang, nach Hause.

Das Meer dampfte, es war still und die Welle klopfte in den Felsen.
Tock--tock--tock. Ich pfiff vor mich hin. Creachs Lichthiebe jagten
Dunstkegel vor sich her. Als ich nahe bei Poupons Schlucht war, begann mein
Herz zu pochen, und ich hrte auf zu pfeifen. Es war so still hier und die
Welle klopfte eigentmlich. Ich blieb stehen. Creachs Lichthiebe fegten
ber die Heide und ber Poupons Schlucht wallte ein haushohes Gespenst. Das
war der Nebel, der aus der Schlucht stieg. Ich wartete bis der Lichtkegel
wiederkehrte: immer noch stand das riesengroe Gespenst in der Nacht und
winkte mir mit weien Armen.

Ein Gefhl des Schwindels berfiel mich. Es ging dort turmhoch hinab ins
weie Nichts.

Ich mchte einen Menschen bitten mir zu sagen, weshalb ich gerade in diesem
Augenblick und gerade an dieser Stelle den Schritt anhielt? Und weshalb mir
gerade jetzt der Gedanke durch den Kopf scho, da es dort turmhoch hinab
ging?

Poupoul zog die Luft ein und schlug kurz an. Stand jemand in der Heide?

Ruhe, Poupoul!

Creachs Licht kehrte wieder und beleuchtete den Pfad. Niemand. Nur ein
Haufen ausgeschichteter Tang lag am Wege.

Da aber begann Poupoul rasend zu klffen. Seine Augen sahen grnschillernd
zu mir empor.

Ich lachte leise vor mich hin. Vielleicht war -- Yann in der Nhe? Yann,
Yann! rief ich. Bist du hier? Und ich lachte dazu, um ihm zu zeigen, da
ich keine Angst htte, im Falle er hier wre. Aber mein Rcken war eisig
kalt, als sei mein Rock hinten aufgeschlitzt.

Ich schritt auf den Tanghaufen am Wege zu: ja, da stand Yann! Wirklich, da
stand er --

Guten Abend, Yann! sagte ich. Was tust du hier so spt in der Nacht,
mein Sohn?

Yann entgegnete nichts, Poupoul hatte ihn nun erkannt und kroch ihm wedelnd
um die Fe. Aber Yann regte sich nicht. Er stand und sah mich an. Es waren
Yanns Augen und doch waren sie fremd. Sie brannten dster von dummer Wut
und burischem Trotz. Er rhrte sich nicht, er sagte nichts, er stand und
sah mich an und seine Augen wurden immer grer.

In diesem Augenblick kam mir Yann hchst lcherlich vor. Wenn er hier auf
mich gelauert hatte, weshalb regte er sich nicht? Sollte ich in Poupons
Schlucht verschwinden ohne eine Spur im Rasen zu hinterlassen? Yann, Yann,
heraus mit dir! Zeige, wer du bist. Du wirst mich ja nicht umsonst
bekommen, aber vielleicht billig. Hoho, wie lcherlich er war!

Wolltest du dir die Pfeife anznden, Yann? sagte ich und lachte ihm ins
Gesicht. Sein dummer Trotz und das alberne Anstarren machte mich zornig.
War das eine Art mit mir zu verkehren?

Aber Yann regte sich nicht. Seine Augen waren nun wie groe glhende
Lcher.

Wenn du die Sprache verloren hast, Yann, dann gute Nacht! sagte ich
spttisch um ihn zu reizen. Ich werde jeden Abend diesen Weg gehen,
verstehst du mich, jeden Abend. Ich schwre es dir. Und jeden Abend werde
ich genau an dieser Stelle ein wenig warten. Au revoir et merci, merci!

Ich ging. Ganz langsam wandte ich Yann den Rcken zu, wartete noch ein
wenig und dann ging ich. Aber Yann rhrte sich nicht. Ich lachte, immer
noch erregt und zornig.

Sollte er in Gottes Namen sehen, wie er aus diesem Wahnsinn herausfand, in
den ihn ein kleines Mdchen und der Schnaps hineinjagten. Das war nicht
meine Sache. Er ist ein Narr, Poupoul, und wir lassen uns nichts
vorschreiben. Die Winterstrme werden ber die Insel rasen und wir wollen
sie hren. Es wird Schnee und Eis hageln und das wollen wir spren, hrst
du, Kamerad, wir wollen ber die Heide gehen, wenn sie gefroren ist. Und
unser groes Feuer wird prasseln und uns durch und durch blenden und die
groen glitzernden Hhlen in unserer Seele beleuchten, die wir noch nicht
kennen. Siehst du, wie wir mit gelben Augen ins Feuer starren und um uns
heult der Wind seinen groen Gesang?

Yann, Yann!

Am Morgen fand ich einen Brief unter der Tre. Hte dich! stand darin.

Yann hatte nicht einmal seine Schrift verstellt. Wie unvorsichtig, wenn man
den Brief spter bei mir fnde? Ich zerri ihn in kleine Stckchen und
streute sie in den Wind. Dann aber begann ich nachzudenken.

Nein, Yann, es ist genug! Du sollst wieder Ruhe haben. Ich will zu
Rosseherre gehen und mit ihr reden, und ich will zu dir gehen und deine
Vershnung erbitten.

Yann wird sich ja tot trinken und wir sind trotz alledem Freunde.




XXXIV


Das war -- wann war es? Vor drei Tagen. Heute aber ist alles anders. Ich
habe nicht mit Rosseherre und Yann gesprochen, vielleicht htte ich es doch
tun sollen.

Schon gestern begann es, aber ich verstand nicht. Wer sollte auch so etwas
denken?

Gestern machte ich mich auf den Weg zu Noel um mit ihm wegen eines Bootes
zu verhandeln, das er mir zum Kauf angeboten hatte. Ich kam an Jean Louis'
Htte vorbei. Soll ich hineingehen, dachte ich. Warum? Du hast ja Zeit. Und
ich ging nicht hinein.

Da sind Sie also wegen der belle femme? sagte der rote Noel und setzte
mir wie gewhnlich sein Konzert von Schnpsen vor. He, Franoise,
Antoinette -- man mu Poupoul zu Fressen geben! Ihr Hund frit aus dem
Zwetschgensack, haha, schadet nichts. Ein hbsches Boot, die belle femme!
Sie haben sich also entschlossen?

Ja, ich habe mich entschlossen.

Sie wollen es also machen wie die andern?

Weshalb nicht?

Nun, Sie wissen ich bin Fischhndler, ich verpflichte mich Ihnen alle
Fische abzunehmen.

Schn.

He, Antoinette, Maria -- man mu den Schuppen im Hafen aufsperren!

Ich verhielt mich etwas bei Noel, ich hatte nichts zu versumen. Der
verrckte Gaston kam auf seinen geknickten Knien hereingesegelt und lud
mich zu einem Glas Wein ein. Dazu aen wir Kse, und den spendierte ich.
Dann kam der Dorflump.

Herr, sagte er, geben Sie mir einen Franken und ich will Ihnen eine
uerst wichtige Mitteilung machen!

Pack dich! sagte ich. Eine Tracht Prgel, wenn du willst! Der Dorflump
grinste und entfloh.

Wir sahen uns die belle femme im Schuppen an.

Niemand hatte einen Bootsschuppen, nur Noel. Unter den bloliegenden
Pfhlen wateten Buben umher und drehten die Steine um. Sie ergriffen die
kleinen Krabben, die sich davonmachen wollten, an den Scheren, und den
jungen Aalen, die sie fingen, schnitten sie sofort die Kehle durch.

Ich klopfte die belle femme ab. Sie war breit gebaut.

Sie ist das schnellste Boot auf der Insel! sagte Noel.

Bann und Kedril hatten mir schon frher gesagt, da die belle femme ein
ausgezeichnetes Boot wre. Sie gefiel mir. Steuerbord mute ein Steven neu
eingesetzt werden, sonst war alles in Ordnung.

Wir einigten uns nach einigem Hinundherreden ber den Preis. Ich unterbot
Noels Offerte so unverschmt, da ihn fast der Schlag rhrte. Nun, ich
werde dir nicht meine Louisdors in den Rachen werfen, Inselknig.

In einer Gasse traf ich wieder den Dorflumpen. Er hatte mir aufgelauert.

Herr! flsterte er geheimnisvoll. Geben Sie mir doch einen Franken, ich
werde Ihnen eine wichtige Mitteilung machen.

Ich lachte. So frech, zerlumpt und schmutzig sah er aus.

Nimm dich in acht, Schmutzfink! rief ich und hob den Arm. Der Dorflump
nahm die Mtze in die Hand und lief was er konnte.

Zu Hause vermite ich Poupoul. Nun erst fiel mir auf, da ich ihn, seit wir
Noels Bar verlassen hatten, nicht mehr gesehen hatte.

Ich pfiff und blickte ber die Heide. Aber der rasche dunkle Knuel tauchte
nirgends auf. Poupoul streunte. Er kam den ganzen Nachmittag nicht, erst
spt abends klffte er vor der Tre. Haha, alter Vagabund! In einer elenden
Verfassung kehrte Poupoul von seinen Abenteuern zurck. Er hinkte und
blutete an mehreren Stellen zugleich. Seine Nase war zerschnitten und am
rechten Hinterfu hatte er eine schreckliche klaffende Wunde. Am Hals aber
hing ein Stck von einem durchgebissenen Strick.

Hoho, Poupoul, was haben sie mit dir angestellt? Haben sie dich
festgebunden und du bist durch ein Fenster gesprungen?

Poupoul winselte und sah mich beschmt an. So schlimm war es ihm noch nie
ergangen.

Ich wusch seine Wunden aus, verband sie, und nun lag Poupoul auf der linken
Seite, die Pfoten von sich gestreckt und zitterte an allen Gliedern. Am
andern Morgen machte er einen Versuch aufzustehen. Aber er brach winselnd
zusammen. Ich trug ihn vors Haus in die Sonne und stellte Wasser vor ihn
hin.

Morgen ist es schon wieder gut, Poupoul, bleibe hbsch liegen, adieu!

Poupoul klopfte mit dem Schwanz, legte den Kopf flach auf den Boden und
bereitete sich geduldig auf ein langes Warten vor.

Ich sprach im Dorf mit dem Zimmermann, dann ging ich quer ber die Insel
nach Stiff und arbeitete den Nachmittag ber bei Herrn Boucher. Als ich
zurckkehrte war die Sonne im Begriff unterzugehen.

Ich fand Poupoul in genau derselben Lage vor der Tre, wie ich ihn
verlassen hatte.

Hallo, Poupoul!

Aber er regte sich nicht. Er lag, die bandagierten Pfoten von sich
gestreckt, und der Wind spielte in seinen Haaren. Ich kauerte mich nieder
und ein paar Fliegen summten auf. Ich berhrte Poupoul -- er war steif und
hart. Poupoul war tot.

Bist du gestorben, mein Hund, und ich bin nicht bei dir gewesen? fragte
ich leise.

Bist du gestorben, mein Hund! rief ich.

Ja, Poupoul war tot.

Ich stand auf und sah ber das Meer.

Vielleicht htte ich ihn retten knnen, wenn ich dagewesen wre? Wie
merkwrdig, er war an diesen unscheinbaren Wunden gestorben.

Ich ging ein paar Schritte, um meinen Schmerz zu vergehen, dann kehrte ich
zurck. Ich setzte mich auf den Stein vor der Tre und sah Poupoul an. Der
Wind fegte und jammerte hoch in der Luft. Das Meer wogte wie Feuer.
Zwischen den mchtigen Schollen treibender schwarzer und glhender Schlacke
zngelten die hellen Flammen empor. Das Meer brannte bis zum Grunde. Eine
breite purpurne Lohe wlzte sich vom Horizont her bers Meer, der Himmel
war bedeckt mit Qualm, rot vom Widerschein, und spiegelte gespenstisch die
Feuersbrunst da unten wider. Auf dem brennenden Meere zog ein groer
Ostasienfahrer und zerschmolz. Seine Verdecke zerrannen, die Maste und
Rahen tropften herab und sein dicker Kamin wurde rings vom Feuer
zerfressen. Eine dicke, pechschwarze Rauchwolke stieg aus ihm empor --

Ich sa und sah Poupoul an. Meine Augen wurden trocken in den Hhlen.

Poupoul, mein Kamerad! sagte ich und kniete nieder und kte ihn zwischen
die Augen.

Da machte ich die Entdeckung, da er eine dnne Schnur um den Hals hatte,
und meine Hnde wurden ganz schwach. Es war eine Schnur, wie man sie zum
Fischen bentzt, es war eine Schlinge --

_Man hatte Poupoul ermordet!_

Ich erhob mich und erbebte vor Schmerz und Wut.

So seid ihr! Das seid ihr! schrie ich und schwang die Fuste gegen das
Dorf. Da erblate ich.

Yann! Yann!

Warum hast du mir das angetan, Yann! Weil Poupoul dich neulich verriet, du
Wegelagerer? Deshalb? Yann, weshalb hast du nicht mir die Schlinge ber den
Kopf geworfen, ich htte mich wehren knnen, aber dieser da --

Poupoul hatte ja wohl noch die Hand geleckt, die ihm die Schlinge um den
Hals legte, hatte gebellt und gewedelt vor Vergngen, weil jemand zu ihm
herauskam, da er so allein dalag.

Ich ging ins Dorf. Wo ich dich auch finde, Yann, ich werde dich an den
Schultern packen und zu Boden schleudern, ich werde dich an der Kehle
fassen und dir mit der Faust das Gesicht zerschlagen, bis du still bist,
hte dich, ich komme!

Ist Yann an Bord! fragte ich, steif und bla.

Nein, Yann ist an Land.

Wo ist er?

Sie lachten. Wie sollten sie wissen, wo er sei?

Jean Louis, guten Abend, ist Yann nicht bei dir?

Yann, hh -- nein, mein Freund.

Chikel, hast du Yann gesehen?

Nein!

Yann, Yann, wo hltst du dich verborgen? Heraus mit dir!

Es wurde dunkel. Das Dorf lag friedlich da mit seinen sprlichen Lichtern.
Der Lichtkegel Creachs fegte heran und die Silhouette der Dcher hob sich
scharf und schwarz davon ab, dann versank alles in Dunst und Nebel, Huser,
Lichter, und der Lichthieb flog ber mich hin und blendete mich. Und wieder
lag das dunkle Dorf friedlich mit seinen blinzelnden Lichtern da.

Ich kehrte wieder nach Sturmvilla zurck. Fliegen summten ber Poupouls
Leichnam. Ich nahm ihn auf den Arm und trug ihn hinab zum Meer. Du hast ja
immer auf dem Meer gelebt, Poupoul, sagte ich. Poupoul war steif, als ob
er ausgestopft wre. Lebe wohl, mein Kamerad!

Poupoul trieb. Er schwamm langsam hinaus, dann aber kam er in einen Strudel
und verschwand. Eine Welle scho heran und als ihr Gischt zerstoben war,
lag Poupoul wieder vor mir.

Nun, lebe wohl, Poupoul, es mu ja doch sein!

Merkwrdig! Ich versuchte es an drei, vier Stellen, immer wieder kam
Poupoul zu mir zurck.

Da nahm ich ihn wieder auf den Arm, triefend na wie er war, und trug ihn
quer ber die Insel. Er war schwer und ich keuchte.

Im Osten waren Meer und Himmel blauschwarz, im Westen kupferrot. Eine
kleine braune Mondsichel stand ber der Insel und der Wind fegte.

Wo die Klippen senkrecht abfallen, warf ich Poupoul ins Meer. Ich sah wie
er auffiel, ich hrte es. Nun konnte er nicht mehr zurckkommen. Er rollte
an den Klippen entlang, dann packte ihn der Strom und er verschwand.

Ich begleitete ihn auf seiner Fahrt, bis ich zur Markonistation kam. Hier
trat ich ein.

Nehmen Sie Platz, sagte Herr Boucher liebenswrdig, wie sehen Sie aus?

Danke, erwiderte ich, ich will stehen, mein Hund ist gestorben.

So so, Ihr Hund ist gestorben?

Ja!

Ich ging wieder. Ich setzte mich auf einen Stein und blickte hinaus aufs
Meer. Pechschwarz lag es unter dem schwarzvioletten Nordhimmel, schrecklich
leer und de. Dort drauen reiste Poupoul und die Wogen spielten mit ihm.

Ich kam erst spt nach Hause. Ein paar Stunden hatte ich bei Poupons
Schlucht auf Yann gewartet. Er war nicht gekommen.

In meiner Htte war es einsam. Der Regen prasselte ber das Dach und
tropfte durch die Risse und ich dachte an Poupoul.

Erinnerst du dich, mein Freund, wie wir uns kennen lernten? Das war drben
an der Kste. Du hieltst mich mit deinen scharfen Zhnen am Bein fest, ohne
zu beien. Das gefiel mir! Erinnerst du dich, wie ich deine Treue prfte
und mich beim Schwimmen stellte, als ob ich ertrnke -- du aber hast nicht
gezgert und sprangst augenblicklich ein Stockwerk hoch ins Meer um mir
beizustehen.

Tip -- tiptip -- der Regen tropfte und telegraphierte wirre sinnlose Worte,
hinter denen eine schreckliche Bedeutung zu lauern schien. Der Wind fegte
drauen -- und horch: klffte nicht ein Hund in der Heide? Ich richtete
mich auf. Schreie waren drauen in der Nacht, Schreie einer mrderischen
Lust und das schrille Lachen Gemarterter. Das Blut gerann in meinen Adern
und ganze Teile meines Krpers waren wie gelhmt.

Nein, hier gefiel es mir nicht. Ich ging hinaus und legte mich unter einem
Felsen schlafen.




XXXV


Es kamen ein paar elende Tage.

Der Wind fegte und fegte. Er kam aus einem Wolkenloch im Nordwesten und
fuhr dahin, eisig kalt und dicht ber dem Boden.

Zu Hause gefiel es mir nicht. Ich trieb mich im Dorf umher, ich
telegraphierte mit Herrn Boucher, ich war berall. Ich konnte diese
namenlose Schndlichkeit nicht verwinden! Yann war ja im Grunde seines
Herzens ein guter Bursche, das wute ich. Wie hatte er es nur tun knnen?
Sprich, Yann! Aber schlielich -- was war ihm mit seiner naiven Roheit ein
Hund?

Der Wind fuhr kalt und heulend dahin und die Insel war nichts als ein der
seelenloser Schutthaufen, auf den das Meer von allen Seiten mit xten und
Spitzhacken einschlug, um ihn aus dem Weg zu rumen. Ich fror.

Ich sah hinaus bers Meer. Es winkte und lockte, da es mir fast den Atem
benahm. Was willst du? was willst du von mir --?

Weit drauen zog ein Dreimaster mit nassen, schweren Segeln. Ich sah ihm
nach. Die Sonne des quators wird auf sie herabbrennen und die Haare werden
ihnen ankleben am Pech des Decks, wenn sie schlafen. Der tropische Regen
wird fallen und sie werden bis an die Knie im lauwarmen Wasser waten. Sie
werden in der Windstille festliegen und tausendmal am Tage den Horizont
absuchen. Sie werden singend im Kreise gehen und die schweren Segel in die
Hhe winden und vor dem Sturme fliegen. Sie werden den Albatros fangen mit
der Angel und der groe, plumpe Vogel wird vor all den lachenden braunen
Gesichtern hilflos auf dem Deck stehen --

Ich stand auf.

Pltzlich stand der Dreimaster drauen in hellen Flammen. Aber in
Wirklichkeit brannte nicht er, sondern mein Herz hatte sich pltzlich
entzndet und Feuer in meine Augen geschleudert. Ich sprte einen Schmerz,
als ob meine Brust in zwei Stcke zerrisse. Weit du, was das ist?! Das war
die Sehnsucht nach da drauen!

La uns gehen! La uns in die Wlder gehen, die kein Ende haben und
rauschen, la uns zu den Schneefeldern im Norden gehen, wo keine Sonne ist
-- einerlei, in die Hlle, wenn du willst -- aber la uns zu _neuen Dingen_
gehen!

Und ich stie einen Schrei aus, der weit ber das Meer klang.

Hren Sie, Noel, ich mchte den Kauf der belle femme rckgngig machen.

Sie wollen die belle femme nicht nehmen?

Nein, ich reise.

Sie reisen?

Ja. Ich bin gerne bereit Ihnen eine Entschdigung zu zahlen.

O, so ntig habe ich das Geld ja nicht, wie? Wenn Sie reisen wollen, was
sollen Sie da mit der belle femme anfangen, nicht wahr?

Aber ich reiste nicht von heute auf morgen ab. Yann sollte nicht auf den
Gedanken kommen, da ich aus Furcht vor ihm die Insel verlie. O nein! Wir
waren uns ja nun gegenseitig manches schuldig und ich liebe klare Rechnung.

Vier Nchte lang hockte ich ber Poupons Schlucht und wartete auf Yann. Da
sa ich und fror. Der Wind fegte, Creachs Lichtblitze flogen ber mich hin.
Ich rauchte die Pfeife und hielt die Hand darber, damit der Wind nicht den
Tabak aus der Pfeife reien konnte. So wrmte ich mich auch.

Habe ich dir nicht geschworen, da ich jeden Abend hier sein werde, Yann?
Wo bleibst du so lange, heran, Yann -- hier bin ich --

Die Stunden gingen. Houhuuho -- heulte der Wind und eine Stimme flog in der
Hhe dahin: hiihiii -- Zuweilen tutete eine Felsenspalte. Auf dem Meer
drauen zog ein Postdampfer, wie ein Feenschlo sah er aus mit seinen
vielen Lichtern. Ich sa und wartete.

Sobald aber etwas in der Heide scharrte und kratzte, stellten sich die
Haare auf meinen Poren in die Hhe. Drohende Stimmen waren im Wind und ich
lauschte mit verhaltenem Atem. Pltzlich kam ein schreckliches weies
Gespenst auf mich zu galoppiert. Ich schwre, da ich mich in diesem
Augenblicke aufblhte wie ein Stachelschwein und das weie Gespenst mit den
Blicken durchbohrte. Es war ein Stck Papier und schadete mir weiter nicht.
Zuweilen pochte und hallte es unter mir. Die Schlucht roch wie ein alter
Brunnen, faul und morsch, und es klatschte und schabte da drunten, als ob
sich ein schwerer, nasser Krper hin und her schiebe. Ein kalter Hauch traf
mich -- da war er! Das war Poupon, der Mrder, er zog an meinen Fen,
bohrte den Finger durch das Loch meines rechten Schuhes und schnaufte. Dann
lie er sich wieder klatschend hinabgleiten.

Obgleich ich aus einer Sensation in die andere fiel und meine Haut
Fischschuppen bekam, blieb ich ruhig sitzen. Ich wrde mich auch vorerst
nicht rhren, wenn Yann kam. Ich wrde taubstumm sein, einen taubstummen
Pfeifenraucher sollte er hier vorfinden, der ber Poupons Schlucht in
philosophische Betrachtungen versunken war. Yann sollte Gelegenheit haben
seine Schuld, einzukassieren. Dann aber -- nun dann kam die Reihe an mich!

Zuweilen zog ich meine kleine Flte aus der Tasche und blies ein Lied oder
einen Triller.

Yann? Hrst du nicht, Yann?

Einmal schlief ich sogar ein. Aber da wurde ich durch einen Kanonenschu
geweckt und erwachte. Meine Pfeife war hinunter gefallen. Nun, ich bin
nicht der Mann, der nur eine Pfeife hat, ich habe Pfeifen in jeder Tasche.
Also steckte ich eine andere Pfeife in Brand.

Yann?

Ich wartete stets vier, fnf Stunden. Ob es zu meiner Ehrenrettung gengt,
wei ich nicht. Mir gengte es.

Yann aber kam nicht.




XXXVI


Lebe wohl, Kedril, Pilot Nummer Eins! Wo ist Jean Louis? Lebt alle, alle
wohl!

Die Fischer umringten mich und rieben ihre stacheligen Wangen an mein
Gesicht. Wir kten uns. Da du fort von uns gehst --! sagten sie und
schttelten die Kpfe. Ihre Hnde waren hart wie Holz. Aber ihre Augen
waren treu und herzlich. Kedril lie es sich nicht nehmen mich zum
Kommissionr hinberzurudern. Ich schenkte ihm eine Pfeife zum Andenken.

Die Matrosen zogen den Anker auf.

Da kam vom Arbeiter ein Nachen herber und Yann stieg an Bord des
Kommissionrs. Ich stand am Heck und sah ihn herankommen. Ich fhlte wie
mir das Blut aus dem Gesicht wich, meine Hnde in den Manteltaschen
krampften sich zusammen. Ich begann langsam zu wachsen --! Aber als mich
Yann ansah, berkam mich eine heie Mattigkeit. Yanns blaue Kinderaugen
nmlich schimmerten voller Liebe. Es waren Yanns, alte Augen, so wie sie
frher waren, und sie entwaffneten mich augenblicklich. Yann trat auf mich
zu. Er sah schmutzig aus, auf der Stirn hatte er eine schreckliche, blutige
Schramme und das Weie seiner Augen war immer noch blutunterlaufen.

Du fhrst! sagte er lchelnd und deutete mit den Blicken auf das kleine
Paket, das ich unter dem Arm hatte.

Ich erwiderte nichts. Ich sah ihn an.

Yann wartete eine Weile und sah mir forschend in die Augen, dann begann er
von neuem: Du denkst vielleicht, ich htte Poupoul umgebracht? Nein, ich
war es nicht. Rosseherre tat es.

Ich ffnete den Mund. Rosseherre --?

Ja. Ich sagte ihr: Poupoul hat mich verraten, er bellte. Darauf sagte sie:
so, sein Hund hat dich verraten. Sonst sagte sie nichts. Aber zwei Tage
spter sagte sie zu mir: nun kann dich Poupoul nicht mehr verraten, Yann.

Ich sah Yann an und ein verchtliches Lcheln kam auf meine Lippen. Ich
lchelte ber mich. Sie ist ein Kind, diese Rosseherre. O, jawohl, meine
Herrschaften, hier sehen Sie einen Menschenkenner erster Gte vor sich! Ich
werde eine Tournee unternehmen und mich mit einem Ring an der Nase und
einem Pfahl im Hirnkasten gegen Entree sehen lassen!

Zu Yann aber sagte ich mit einem vorwurfsvollen Blick: Yann, ich wartete
jede Nacht bei Poupons Schlucht. Weshalb kamst du nicht?

Yann sah mich erstaunt an. Es ging ja kein Boot hinber, antwortete er,
wie konntest du da reisen?

Ich lachte laut auf. Ich lachte ber mich. Also ganz grundlos waren mir die
Haare zu Berg gestanden -- Yann war es gar nicht in den Sinn gekommen mir
einen Besuch abzustatten. Genug! Fort!

Die letzten Tage waren die Hlle! fuhr Yann fort und seine
blutunterlaufenen Augen sprhten und die Adern an seinem Hals schwollen an.
Dieses Frauenzimmer machte mich verrckt. Hrst du? Toll! Ich glaube, sie
ist besessen und hat mich behext. Das glaube ich! Neulich, in der Nacht --
da konnte ich es nicht tun. Du hast gepfiffen, du gingst so arglos dahin.
Deshalb. Nun, du reist, es ist gut. Ich wute nicht mehr, was ich tun
sollte. Und wir sind ja doch Freunde, wie? Wenn sie auch bei dir war, was
liegt daran? Lebe wohl, mon trs cher ami.

Yann streckte mir die Hand hin und seine Augen schimmerten feucht. Ich
ergriff seine Hand und wir sahen einander lange in die Augen. Wir hatten
uns geqult, recht und schlecht, wie Menschen es tun mssen, die einander
nherkommen.

Dann griff Yann in die Tasche und zog die goldene Uhr mit dem Springdeckel
heraus.

Ein Glas mut du dir einsetzen lassen, sagte er, nimm doch! So nimm
doch!

Ich lchelte. Nein, niemals werde ich diese Menschen verstehen. Die Uhr
aber nahm ich nicht.

Ich will nichts besitzen, was mehr als zehn Franken wert ist, verstehst
du, Yann? sagte ich. Etwas anderes vielleicht?

Yann suchte in den Taschen und gab mir sein feststehendes Messer.

Ja, das kann ich brauchen, danke! Ich griff in meinen Rock und zog die
kleine Flte heraus. Ich gab sie Yann.

Merci! sagte er. Wieviele schne Stunden -- nun, lebe wohl! Vergi mich
nicht!

Ich schttelte den Kopf und drckte Yann nochmals die Hand.

Das Segel stieg.

Der Kommissionr galoppierte durch die Bai. Wir hatten mehr Wind als
ntig war. Um das Kamel spielten schwarze kleine Enten und tauchten und
berschlugen sich. Die Mwen saen auf den Klippen und ihre Kpfe blendeten
so wei wie frisch mit lfarbe gestrichene Knpfe. An den Riffen saugte und
atmete das Meer.

Wir durchquerten den Strom und der Kommissionr ging auf den andern Bug
ber.

Dann passierten wir die versteckte Klippenreihe, wo ich so oft mit dem
Meerknig gefischt hatte. Das Meer donnerte und die Gischtschleier stoben
in die Hhe. Da sah ich ein kleines wohlbekanntes Segel, das in der
schweren See pendelte. Es kam auf uns zu. Jean Louis!

Aber es war nicht der kleine Meerknig, der im Boot sa. Eine weie Haube
tauchte unter dem Segel auf.

Rosseherre -- ho! ho! schrien die Matrosen.

Das Boot segelte dicht an uns heran. Rosseherre sa mit gebeugtem Rcken am
Steuer, die Augen auf ihren Weg geheftet, die niedere Stirn in hundert
kleine Falten gerunzelt. Sie sah nicht auf.

Eine Woge hob das Boot in die Hhe und trug es fort. Im Nu war das kleine
pendelnde Segel unsern Blicken entschwunden.

Dieser Satan! Seht an! schrien die Matrosen und lachten.

Warum? Warum kamst du heraus aufs Meer? --

Wie eine hohe violette Felsenburg mit zwei dnnen Trmen liegt die Insel im
Meer. Mwen umschwirren uns und von den fernen Klippen her dringt ein
feines feilendes Geschrei.

Die hohe Felsenburg wird blau und sinkt ins Meer. Nun ist nichts mehr zu
sehen, nur Creachs dicker Kopf schwimmt am Horizont.

Da sprte ich einen Schlag im Herzen. Yvonne! Gott stehe mir bei, ich hatte
all die Tage nicht mehr an sie gedacht, ich hatte sie vollkommen vergessen.

Sonderbar ist der Mensch.

Nun, Yvonne wird bald einen anderen Geliebten finden.

                   *       *       *       *       *

An der Kste drben traf ich Mathieu, L'honneur und Petitjean. Gott sei
Dank, sie waren da. Ich glaube, ich hatte Trnen in den Augen, als ich sie
sah.

Da bin ich!

Ah, da bist du!

Wir zechten bis spt in die Nacht. Dann nahmen wir Abschied. Ha, was ist
das? Das Meer war schwarz und schwarz war der Himmel. Am Horizont aber
atmete ein Blinkfeuer, wei, wei, rot, und eine Lichtwindmhle warf ihre
Flgel in die Hhe. Das waren Stiff und Creach.

Lebt wohl, Kameraden! Und wenn ihr hinberkommt nach sa, grt mir Amorik
und seine Tochter, Yann und Jean Louis! Und verget mir nicht Rosseherre zu
gren! Grt alle, alle!

Zwei Tage spter betrat ich in Cherbourg den groen
Zwanzigtausendtonnen-Dampfer. Die Sirene tutete, die Kapelle spielte auf
dem Promenadedeck, en route!

Ich war in jmmerlicher seelischer Verfassung. Gleich am Anfang passierte
mir das Migeschick den Obersteward durch meine Stimme zu beleidigen. Ja,
glauben Sie, verehrtester Herr, da ich erst drei rohe Eier trinke, bevor
ich es wage mich einer so hochstehenden Persnlichkeit zu nhern? Ich nahm
den Mann ins Auge. Wie sollte ich es anstellen, diesen
Gesandtschaftsattach um eine anstndige Kabine zu bitten? Glatt geleckt
von der Zunge der Kultur stand er vor mir. Er kam mir schrecklich bekannt
vor. Ich bertillonierte seinen Schdel. Ja, ich hatte ihn schon gesehen.
Tausendmal und allerorts. Es war das europische Gesicht! Nichts anderes.

Ich sprach kein Wort mehr. Ich nahm ein Fnffrankenstck und lie es in
seine europische Hand gleiten. Er verstand augenblicklich und verbeugte
sich: mgen der Herr getrost die heilige Ruhe dieses eleganten
Dampfkarussells durch seine Stimme entweihen --

In der Kabine prfte ich den Teppich mit den Fingern und auch den
Treppenbelag untersuchte ich verstohlen: Gummi! Yann, wo sind wir?
Elektrische Brennscheren, Dampfheizung, Blumenladen, Druckerei, Hotel  la
Riz, he, ich war von der Peripherie der Zivilisation direkt ins kochende
Zentrum gesprungen. Der Dampfer war still wie eine Kirche, nur da und dort
hrte man einen frchterlichen Brllhusten: das war ich.

Ich stieg hinauf aufs Sonnendeck und lchelte verchtlich: ihr kleinstes
Rettungsboot war grer als das grte Boot, das wir auf der Insel hatten.
Es wehte. Nordwestnord, Windstrke acht, grobe See! Aber der Kolo regte
sich nicht. Er fuhr achtzehn Knoten in der Stunde und doch schien er
vollkommen still zu stehen und nur die schmalen Korridore wanderten. Das
Meer lag tief unten, unscheinbar und nichtig. Wir waren Durchreisende,
nichts sonst. Es wurde Abend und die Feuer des Kanals zuckten und
wirbelten. Eine elende Fischerbarke zog an uns vorbei. Sie schlingerte und
schlug aus und stieg.

Hallo! schrie ich und schwenkte die Mtze.

Aber sie beachteten mich gar nicht.

Und nun berkam mich die Erkenntnis, die nackte, schreckliche Erkenntnis:
_ich gehrte nicht mehr dazu!_ Die Wogen, der Wind, das ganze groe Meer --
_ich gehrte nicht mehr dazu_ --

Ich ging in den Rauchsalon, legte mich in einen Klubsessel und nahm einen
Whisky und noch einen. Dann kaufte ich die ganze Flasche. Unsere zwei
Gestirne glhten jetzt ber der schwarzen Insel im lauten Meer --

Warum? Warum kamst du heraus aufs Meer?

Da lauschte ich: hrst du die Maschinen pumpen? Durch die Vibration
hindurch, durch all die Stockwerke und Korridore, hindurch, hrst du das
groe Stahlherz pochen? Das war Europas Herz, Europas, woher ich kam! Und
pltzlich strmte die ruhige Kraft der Maschinen, die da drunten unter mir
sangen, in mich ber und erfllte mich mit Strke und unermelicher
Zuversicht. Ich go mein Glas voll und summte mir ein Lied.

Sei ruhig, mein Herz, sagte ich zu meinem Herzen, die Jagdgrnde des
Lebens sind gro. Du wirst sie alle wiederfinden, Yann, Yvonne, Rosseherre
und Jean Louis, alle! Und auch Poupoul wirst du wiederfinden, nichts ist
unersetzlich!

In der Nacht aber erwachte ich pltzlich. Der Dampfer knarrte wie Leder
knarrt. Ich lauschte. Da drauen war der Wind, das Meer, es waren Stimmen
da drauen und ich verstand sie. Mein Herz krampfte sich zusammen.

Lebt wohl, ihr Geliebten, sagte ich und lauschte auf die Stimmen, lebt
wohl, ich komme wieder!

Ende




Werke von Bernhard Kellermann


Yester und Li

Die Geschichte einer Sehnsucht. (Fischers Bibliothek zeitgenssischer
Romane.) Gebunden 1 Mark, in Leinen 1,25 Mark.

Die Geschichte einer Sehnsucht ist es, die der Verfasser erzhlt -- einer
zarten, zitternden, tastenden Sehnsucht. Einer so verzehrenden,
wahnwitzigen, ungeheuerlichen Liebessehnsucht, wie sie nur ein Dichter, ein
Auserwhlter unter den Menschen, zu einem auserwhlten, seltenen,
wundervollen Weibe empfinden kann. Wunderbar ergreifend ist der Schlu. Ein
Dichter hat dies Buch geschrieben. Ein wirklicher Dichter. Mit sanfter,
zagender Hand sind die letzten Hllen von menschlichen Seelen gezogen. Und
doch erscheint alles wie durch zarte Schleier, von einem seltsamen matten
Glanz umsponnen. Letzte Menschlichkeiten werden aufgedeckt. Feines, Leises
wird gegeben, wie mit dem Silberstift gezeichnet.

(Knigsberger Allgemeine Zeitung.)

Ingeborg

Roman. 45. Auflage. Geheftet 4 Mark, gebunden 5,50 Mark.

Ein groer Zauberer hat ein Buch geschrieben, so s und schn, da, wer es
liest, sterben mu. Alle lesen es, obgleich sie wissen, da sie dann
sterben mssen. (Ingeborg, Kapitel 33)

Es ist noch nicht allzulange her, da Bernhard Kellermann mit seinem
Erstlingswerk Yester und Li als eine neue Hoffnung des deutschen Romans
begrt wurde. Rascher als selbst die khnsten seiner Propheten erwarteten,
hat er den Wechsel auf seine Zukunft eingelst -- sein jngster Roman
Ingeborg stellt ihn mit einem Schlage in die erste Reihe unserer groen
zeitgenssischen Erzhler. Man wird von diesem Buche sprechen, wie man
einst von Peter Nansens Gottesfriede sprach -- viele werden es als eine
Erlsung preisen, viele als eine Affektion verdammen, die meisten aber
werden es lieben mssen, dieses Buch der Liebe -- auch wenn sie nicht erst
ber mancherlei Hemmungen hinweg zu seiner tiefen Schnheit bekehrt haben
sollten . . . Fr die Gegenwart ist Ingeborg jedenfalls ein gefhrliches
Buch. Es knnte in gewissem Sinne der Werther des 20. Jahrhunderts
werden. Denn es ist s und schn wie das wirkliche Buch der Liebe und --
ein groer Zauberer hat es geschrieben.

(Bohemia, Prag.)

Frauen und Jnglinge, leset dies neue Buch. -- Ingeborg -- diesen zweiten
Roman von Bernhard Kellermann. Die Liebe lebt darin und die Romantik. Und
der Wald lebt darin und alle Jahreszeiten. Wahrhaftig ein nrrisches Buch,
aber weise, und klug bei aller Narretei, denn die unerforschlichen,
unabnderlichen Lebensgesetze sprechen daraus. Jung ist es, ganz jung-jung,
und das Blut macht es unruhig, es fiebert vor Liebe. In einigen
Mrznchten, als der Fhn vor den Fenstern strmte, habe ich es gelesen,
mein Herz kam vllig aus dem Takt, und ich glaube nicht, da der Fhn
allein schuld war . . . Ich will mich mit diesem Buche nicht allein freuen.
Jedem mchte ich es in die Hnde drcken, der berhaupt noch einen Roman
lesen kann.

(Die Zeit, Wien.)

Der Tor

Roman. 20. Auflage. Geheftet 5 Mark, geb. 6,50 Mark.

Hier sind Menschen, eine Flle Menschen, nicht nur scharf voneinander
geschieden und als Einzelgestalten deutlich in der Phantasie, sondern in
Bewegung, im Zusammensein, im Gesprch in einer Vielzahl von Aktionen. Ich
sehe alle, die im Eisenbahnkupee den Selbstmord des Dienstmdchens errtern
-- wie hrt man das Laute ihrer Reden, die Heftigkeit ihrer Diskussion und
Ueberzeugungssucht, das Rasseln und Knattern des Zuges bertnen! Der
Liederkranzball, den fnf Kapitel umschlieen, bleibt wie ein Erlebtes
unverlschlich in der Erinnerung: hier ist ein solcher Sturm, ein solches
Getse, ein solches Ineinanderspielen von Ttigkeiten und Gesprchen, von
Trunk, Spiel, Streit und Hohn, ein solches Chaos bewegter Menschlichkeiten,
aus dem die Gestalten des Helden und seiner Geliebten leuchtend
hervortreten, ein solches Auf- und Abstrmen des lebendigsten Lebens, da
man im Lesen den Atem anhlt, von der Flle und Intensitt einer ganz nahen
Wirklichkeit bis an das eigene Fhlen wunderbar beherrscht . . . Nicht
Vergangenes erzhlt dieser Dichter wie alle vor und neben ihm: er trgt die
Gegenwart. Sein Stil, knapp, rasch, ungeduldig, reit hin. Kurze Stze
jagen hintereinander her, berstrzen sich, erleuchten und verdunkeln
einander -- dann wieder langsam hintereinanderschreitend, lassen sie der
Einbildungskraft Raum, das Bild, das sie halten, zu betrachten, das Gefhl,
die unsichtbare Gottheit, der sie dienen, zu begreifen. Und wie sie dem
Gefhl dienen! Jedes Wort, jeder Ausruf glaubt sich stark genug, das
Gttliche durch sich offenbaren zu knnen, und ist es doch so gering, da
alles nur hingestammelt wird, bebend, stehend, erstickt, berwltigt. Alles
ist da, ist Leben, ist Augenblick. Geschehnis und Gedanke gehen ineinander
ber, eins aus dem andern hervor. Eh man sich's versieht, biegt der Weg um:
neue Landschaft erschliet sich dem Staunenden -- man mu das Buch fr
Augenblicke sinken lassen, um sich zurckfinden zu knnen.

(Neue Freie Presse, Wien.)

Der Tunnel

Roman. 140. Auflage. Geh. 3,50 Mark, geb. 5 Mark.

Voll frappanter Lebendigkeit sitzt diese amerikanische, ber und ber
vergoldete Menschheit da, diese Mnner, die nur in Ziffern denken, diese
schnen, verwhnten Frauen, die sich in luxurisen Spielereitrumen wiegen.
Von einem atemlosen Tempo wird man durch die vierhundert Seiten dieses
Buches dahingefegt. Man ist in ihnen wie in einem Exprezug. Umgeben und
durchschttert von dem Sausen vorwrts jagender Eile. Eingehllt von dem
Drhnen einer metallisch donnernden Kraft. In diesem Buch rollt der Donner
ungeheuerer moderner Maschinen. Weite und Welthorizonte sind in ihm. Aber
alles wirbelt und tanzt und dreht sich, und man sieht nur groe Konturen,
sieht nur Massen, zusammengeballt und mit fortgerissen in der rasenden
Bewegung dieser Zeit. Man sprt das unerhrte Tempo der Gegenwart, der
heutigen Epoche, whrend man dieses Buch liest. Man sprt gleichsam die
Erde ringsum vibrieren, als erbebe sie bis in ihren Grund unter der
zugreifenden Gewalt des Menschen. Man sprt das Fiebern, Keuchen, Wten und
geniale Delirieren der unermelichen Arbeit, die rund um uns her verrichtet
wird. Und das ist zuerst ein beklemmendes Gefhl, dann aber ein befreiendes
Glcksbewutsein. Man wird niedergedrckt und gleich darauf angefeuert,
hoch emporgehoben und wie berauscht von Mut, von Entschlufreude und
Zuversicht und von Seligkeit, dieses schumende Leben heute mitleben zu
drfen. Man wird gewissermaen lebendiger, indem man dieses Buch liest. Das
aber scheint mir der edelste Gehalt dieser Dichtung zu sein. Das ist es ja,
was wir berhaupt brauchen: Bcher, die unser Daseinsgefhl steigern,
Kenntnis, Zutrauen, Beziehung und Wille zur Welt in uns vervielfltigen,
mit einem Wort: Bcher, die uns lebendiger machen.

(Neue Freie Presse, Wien.)

Der Krieg im Westen

Kriegsberichte. 20. Auflage. Geheftet 2 Mark, geb. 3,25 Mark.

Da der Dichter des Tunnel ein glnzender Kriegsberichterstatter sein
wrde, war vorauszusehen. Geist fr groe Zwecke, Herz fr den
unbesieglichen menschlichen Wagemut, Sinn fr das Technische, das alles
bewies er, in einer unaufhaltsam vorwrts dringenden Darstellung, schon
durch seinen Roman. Nun im Kriege hatte er eine Wirklichkeit vor sich, so
ungeheuer und phantastisch und mit jedem Atemzug so tief und schicksalsvoll
ins Menschliche eindringend, da jede Phantasie daneben erblassen mu und
da noch wildere Projekte als die eines Tunnels von Amerika nach Europa
bedeutungslos wrden. Vielleicht den schwersten Teil von allen unseren
Kmpfen hat Kellermann miterleben drfen, ein Zeuge mit wachsten Sinnen und
angespannten, vibrierenden Nerven, immer mit allen Fasern mitten darin in
dem, was er sah. Die Namen Arras, Souchez, Lorettohhe, Argonnen, La Bassee
sind es vornehmlich, die aus seinen Berichten klingen. Wer es bei
Kellermann liest, ist mit dabei. Er lt uns bis zur unmittelbaren
Erschtterung die Schlacht sehen und hren. Ohne Lyrik, nur mit seiner aufs
letzte gehenden Intensitt singt er ein hohes Lied des deutschen Krieges,
des Todesmutes und der Aufopferung. Ein Dichter mit der grten
Leidenschaft des Auges und der Nerven hat diese Berichte geschrieben; sie
werden den Tag berdauern und zu den Dokumenten der Tatsachen, die die
Geschichte sammelt, das Dokument der Stimmung fgen.

Druck von Pa & Garleb G. m. b. H., Berlin




Anmerkungen zur Transkription


Offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert.





End of the Project Gutenberg EBook of Das Meer, by Bernhard Kellermann

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