The Project Gutenberg EBook of Klingsors letzter Sommer, by Hermann Hesse

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Title: Klingsors letzter Sommer
       Kinderseele / Klein und Wagner / Klingsors letzter Sommer

Author: Hermann Hesse

Release Date: March 15, 2013 [EBook #42338]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK KLINGSORS LETZTER SOMMER ***




Produced by Jens Sadowski








Klingsors
letzter Sommer


Erzhlungen
von
Hermann Hesse


1920
S. Fischer / Verlag / Berlin


Von diesem Werk wurden fr Hermann Hesse 100 numerierte
Exemplare auf holzfreiem Papier abgezogen, die mit
seiner Unterschrift nur vom Dichter selbst (Wohnsitz:
Montagnola, Schweiz) zu beziehen sind


Erste bis zehnte Auflage
Alle Rechte, besonders das der bersetzung, vorbehalten
Copyright S. Fischer, Verlag, Berlin




Kinderseele


Manchmal handeln wir, gehen aus und ein, tun dies und das, und es ist alles
leicht, unbeschwert und gleichsam unverbindlich, es knnte scheinbar alles
auch anders sein. Und manchmal, zu anderen Stunden, knnte nichts anders
sein, ist nichts unverbindlich und leicht, und jeder Atemzug, den wir tun,
ist von Gewalten bestimmt und schwer von Schicksal.

Die Taten unseres Lebens, die wir die guten nennen und von denen zu
erzhlen uns leicht fllt, sind fast alle von jener ersten, leichten Art,
und wir vergessen sie leicht. Andere Taten, von denen zu sprechen uns Mhe
macht, vergessen wir nie mehr, sie sind gewissermaen mehr unser als
andere, und ihre Schatten fallen lang ber alle Tage unseres Lebens.

Unser Vaterhaus, das gro und hell an einer hellen Strae lag, betrat man
durch ein hohes Tor, und sogleich war man von Khle, Dmmerung und steinern
feuchter Luft umfangen. Eine hohe, dstere Halle nahm einen schweigsam auf,
der Boden von roten Sandsteinfliesen fhrte leicht ansteigend gegen die
Treppe, deren Beginn zuhinterst tief im Halbdunkel lag. Viele tausend Male
bin ich durch dies hohe Tor eingegangen, und niemals hatte ich acht auf Tor
und Flur, Fliesen und Treppe; dennoch war es immer ein bergang in eine
andere Welt, in unsere Welt. Die Halle roch nach Stein, sie war finster
und hoch, hinten fhrte die Treppe aus der dunklen Khle empor und zu Licht
und hellem Behagen. Immer aber war erst die Halle und die ernste Dmmerung
da: etwas von Vater, etwas von Wrde und Macht, etwas von Strafe und
schlechtem Gewissen. Tausendmal ging man lachend hindurch. Manchmal aber
trat man herein und war sogleich erdrckt und zerkleinert, hatte Angst,
suchte rasch die befreiende Treppe.

Als ich elf Jahre alt war, kam ich eines Tages von der Schule her nach
Hause, an einem von den Tagen, wo Schicksal in den Ecken lauert, wo leicht
etwas passiert. An diesen Tagen scheint jede Unordnung und Strung der
eigenen Seele sich in unserer Umwelt zu spiegeln und sie zu entstellen.
Unbehagen und Angst beklemmen unser Herz, und wir suchen und finden ihre
vermeintlichen Ursachen auer uns, sehen die Welt schlecht eingerichtet und
stoen berall auf Widerstnde.

hnlich war es an jenem Tage. Von frh an bedrckte mich -- wer wei woher?
vielleicht aus Trumen der Nacht -- ein Gefhl wie schlechtes Gewissen,
obwohl ich nichts Besonderes begangen hatte. Meines Vaters Gesicht hatte am
Morgen einen leidenden und vorwurfsvollen Ausdruck gehabt, die
Frhstcksmilch war lau und fad gewesen. In der Schule war ich zwar nicht
in Nte geraten, aber es hatte alles wieder einmal trostlos, tot und
entmutigend geschmeckt und hatte sich vereinigt zu jenem mir schon
bekannten Gefhl der Ohnmacht und Verzweiflung, das uns sagt, da die Zeit
endlos sei, da wir ewig und ewig klein und machtlos und im Zwang dieser
blden, stinkenden Schule bleiben werden, Jahre und Jahre, und da dies
ganze Leben sinnlos und widerwrtig sei.

Auch ber meinen derzeitigen Freund hatte ich mich heute gergert. Ich
hatte seit kurzem eine Freundschaft mit Oskar Weber, dem Sohn eines
Lokomotivfhrers, ohne recht zu wissen, was mich zu ihm zog. Er hatte
neulich damit geprahlt, da sein Vater sieben Mark im Tag verdiene, und ich
hatte aufs Geratewohl erwidert, der meine verdiene vierzehn. Da er sich
dadurch hatte imponieren lassen, ohne Einwnde zu machen, war der Anfang
der Sache gewesen. Einige Tage spter hatte ich mit Weber einen Bund
gegrndet, indem wir eine gemeinsame Sparkasse anlegten, aus welcher spter
eine Pistole gekauft werden sollte. Die Pistole lag im Schaufenster eines
Eisenhndlers, eine massive Waffe mit zwei blulichen Stahlrohren. Und
Weber hatte mir vorgerechnet, da man nur eine Weile richtig zu sparen
brauche, dann knne man sie kaufen. Geld gebe es ja immer, er bekomme sehr
oft einen Zehner fr Ausgnge, oder sonst ein Trinkgeld, und manchmal finde
man Geld auf der Gasse, oder Sachen mit Geldeswert, wie Hufeisen,
Bleistcke und anderes, was man gut verkaufen knne. Einen Zehner hatte er
auch sofort fr unsere Kasse hergegeben, und der hatte mich berzeugt und
mir unseren ganzen Plan als mglich und hoffnungsvoll erscheinen lassen.

Indem ich an jenem Mittag unsere Hausflur betrat und mir in der kellerig
khlen Luft dunkle Mahnungen an tausend unbequeme und hassenswerte Dinge
und Weltordnungen entgegenwehten, waren meine Gedanken mit Oskar Weber
beschftigt. Ich fhlte, da ich ihn nicht liebte, obwohl sein gutmtiges
Gesicht, das mich an eine Waschfrau erinnerte, mir sympathisch war. Was
mich zu ihm hinzog, war nicht seine Person, sondern etwas anderes, ich
knnte sagen sein Stand -- es war etwas, das er mit fast allen Buben von
seiner Art und Herkunft teilte: eine gewisse freche Lebenskunst, ein dickes
Fell gegen Gefahr und Demtigung, eine Vertrautheit mit den kleinen
praktischen Angelegenheiten des Lebens, mit Geld, mit Kauflden und
Werksttten, Waren und Preisen, mit Kche und Wsche und dergleichen.
Solche Knaben wie Weber, denen die Schlge in der Schule nicht weh zu tun
schienen und die mit Knechten, Fuhrleuten und Fabrikmdchen verwandt und
befreundet waren, die standen anders und gesicherter in der Welt, als ich;
sie waren gleichsam erwachsener, sie wuten, wieviel ihr Vater im Tag
verdiene, und wuten ohne Zweifel auch sonst noch vieles, worin ich
unerfahren war. Sie lachten ber Ausdrcke und Witze, die ich nicht
verstand. Sie konnten berhaupt auf eine Weise lachen, die mir versagt war,
auf eine dreckige und rohe, aber unleugbar erwachsene und beinah
mnnliche Weise. Es half nichts, da man klger war als sie und in der
Schule viel mehr wute. Es half nichts, da man besser als sie gekleidet,
gekmmt und gewaschen war. Im Gegenteil, eben diese Unterschiede kamen
ihnen zugute. In die Welt, wie sie mir in Dmmerschein und
Abenteuerschein vorschwebte, schienen mir solche Knaben wie Weber ganz ohne
Schwierigkeiten eingehen zu knnen, whrend _mir_ die Welt so sehr
verschlossen war und jedes ihrer Tore durch unendliches lterwerden,
Schulesitzen, durch Prfungen und Erzogenwerden mhsam erobert werden
mute. Natrlich fanden solche Knaben auch Hufeisen, Geld und Stcke Blei
auf der Strae, bekamen Lohn fr Besorgungen, kriegten in Lden allerlei
geschenkt und gediehen auf jede Weise.

Ich fhlte dunkel, da meine Freundschaft zu Weber und seiner Sparkasse
nichts war als wilde Sehnsucht nach jener Welt. An Weber war nichts fr
mich liebenswert, als sein groes Geheimnis, kraft dessen er den
Erwachsenen nher stand als ich, in einer schleierlosen, nackteren,
robusteren Welt lebte, als ich mit meinen Trumen und Wnschen. Und ich
fhlte voraus, da er mich enttuschen wrde, da es mir nicht gelingen
werde, ihm sein Geheimnis und den magischen Schlssel zum Leben zu
entreien.

Eben hatte er mich verlassen, und ich wute, er ging nun nach Hause, breit
und behbig, pfeifend und vergngt, von keiner Sehnsucht, von keinen
Ahnungen verdstert. Wenn er die Dienstmgde und Fabrikler antraf und ihr
rtselhaftes, vielleicht wunderbares, vielleicht verbrecherisches Leben
fhren sah, so war es ihm kein Rtsel und ungeheures Geheimnis, keine
Gefahr, nichts Wildes und Spannendes, sondern selbstverstndlich, bekannt
und heimatlich wie der Ente das Wasser. So war es. Und ich hingegen, ich
wrde immer nebendrauen stehen, allein und unsicher, voll von Ahnungen,
aber ohne Gewiheit.

berhaupt, das Leben schmeckte an jenem Tage wieder einmal hoffnungslos
fade, der Tag hatte etwas von einem Montag an sich, obwohl er ein Samstag
war, er roch nach Montag, dreimal so lang und dreimal so de als die
anderen Tage. Verdammt und widerwrtig war dies Leben, verlogen und
ekelhaft war es. Die Erwachsenen taten, als sei die Welt vollkommen und als
seien sie selber Halbgtter, wir Knaben aber nichts als Auswurf und
Abschaum. Diese Lehrer --! Man fhlte Streben und Ehrgeiz in sich, man nahm
redliche und leidenschaftliche Anlufe zum Guten, sei es nun zum Lernen der
griechischen Unregelmigen oder zum Reinhalten seiner Kleider, zum
Gehorsam gegen die Eltern oder zum schweigenden, heldenhaften Ertragen
aller Schmerzen und Demtigungen -- ja, immer und immer wieder erhob man
sich, glhend und fromm, um sich Gott zu widmen und den idealen, reinen,
edlen Pfad zur Hhe zu gehen, Tugend zu ben, Bses stillschweigend zu
dulden, anderen zu helfen -- ach, und immer und immer wieder blieb es ein
Anlauf, ein Versuch und kurzer Flatterflug! Immer wieder passierte schon
nach Tagen, o schon nach Stunden etwas, was nicht htte sein drfen, etwas
Elendes, Betrbendes und Beschmendes. Immer wieder fiel man mitten aus den
trotzigsten und adligsten Entschlssen und Gelbnissen pltzlich
unentrinnbar in Snde und Lumperei, in Alltag und Gewhnlichkeiten zurck!
Warum war es so, da man die Schnheit und Richtigkeit guter Vorstze so
wohl und tief erkannte und im Herzen fhlte, wenn doch bestndig und
immerzu das ganze Leben (die Erwachsenen einbegriffen) nach Gewhnlichkeit
stank und berall darauf eingerichtet war, das Schbige und Gemeine
triumphieren zu lassen? Wie konnte es sein, da man morgens im Bett auf den
Knien oder nachts vor angezndeten Kerzen sich mit heiligem Schwur dem
Guten und Lichten verbndete, Gott anrief und jedem Laster fr immer Fehde
ansagte -- und da man dann, vielleicht blo ein paar Stunden spter, an
diesem selben heiligen Schwur und Vorsatz den elendesten Verrat ben
konnte, sei es auch nur durch das Einstimmen in ein verfhrerisches
Gelchter, durch das Gehr, das man einem dummen Schulbubenwitze lieh?
Warum war das so? Ging es andern anders? Waren die Helden, die Rmer und
Griechen, die Ritter, die ersten Christen -- waren diese alle andere
Menschen gewesen als ich, besser, vollkommener, ohne schlechte Triebe,
ausgestattet mit irgendeinem Organ, das mir fehlte, das sie hinderte, immer
wieder aus dem Himmel in den Alltag, aus dem Erhabenen ins Unzulngliche
und Elende zurckzufallen? War die Erbsnde jenen Helden und Heiligen
unbekannt? War das Heilige und Edle nur Wenigen, Seltenen, Auserwhlten
mglich? Aber warum war mir, wenn ich nun also kein Auserwhlter war,
dennoch dieser Trieb nach dem Schnen und Adligen eingeboren, diese wilde,
schluchzende Sehnsucht nach Reinheit, Gte, Tugend? War das nicht zum Hohn?
Gab es das in Gottes Welt, da ein Mensch, ein Knabe, gleichzeitig alle
hohen und alle bsen Triebe in sich hatte und leiden und verzweifeln mute,
nur so als eine unglckliche und komische Figur, zum Vergngen des
zuschauenden Gottes? Gab es das? Und war dann nicht -- ja war dann nicht
die ganze Welt ein Teufelsspott, gerade wert, sie anzuspucken?! War dann
nicht Gott ein Scheusal, ein Wahnsinniger, ein dummer, widerlicher
Hanswurst? -- Ach, und whrend ich mit einem Beigeschmack von
Emprerwollust diese Gedanken dachte, strafte mich schon mein banges Herz
durch Zittern fr die Blasphemie!

Wie deutlich sehe ich, nach dreiig Jahren, jenes Treppenhaus wieder vor
mir, mit den hohen, blinden Fenstern, die gegen die nahe Nachbarmauer
gingen und so wenig Licht gaben, mit den weigescheuerten, tannenen Treppen
und Zwischenbden und dem glatten, harthlzernen Gelnder, das durch meine
tausend sausenden Abfahrten poliert war! So fern mir die Kindheit steht,
und so unbegreiflich und mrchenhaft sie mir im ganzen erscheint, so ist
mir doch alles genau erinnerlich, was schon damals, mitten im Glck, in mir
an Leid und Zwiespalt vorhanden war. Alle diese Gefhle waren damals im
Herzen des Kindes schon dieselben, wie sie es immer blieben: Zweifel am
eigenen Wert, Schwanken zwischen Selbstberschtzung und Mutlosigkeit,
zwischen weltverachtender Idealitt und gewhnlicher Sinneslust -- und wie
damals, so sah ich auch hundertmal spter noch in diesen Zgen meines
Wesens bald verchtliche Krankheit, bald Auszeichnung, habe zu Zeiten den
Glauben, da mich Gott auf diesem qualvollen Wege zu besonderer
Vereinsamung und Vertiefung fhren wolle, und finde zu andern Zeiten wieder
in alledem nichts als die Zeichen einer schbigen Charakterschwche, einer
Neurose, wie Tausende sie mhsam durchs Leben schleppen.

Wenn ich alle die Gefhle und ihren qualvollen Widerstreit auf ein
Grundgefhl zurckfhren und mit einem einzigen Namen bezeichnen sollte, so
wte ich kein anderes Wort als: Angst. Angst war es, Angst und
Unsicherheit, was ich in allen jenen Stunden des gestrten Kinderglcks
empfand: Angst vor Strafe, Angst vor dem eigenen Gewissen, Angst vor
Regungen meiner Seele, die ich als verboten und verbrecherisch empfand.

Auch in jener Stunde, von der ich erzhle, kam dies Angstgefhl wieder ber
mich, als ich in dem heller und heller werdenden Treppenhause mich der
Glastr nherte. Es begann mit einer Beklemmung im Unterleib, die bis zum
Halse emporstieg und dort zum Wrgen oder zu belkeit wurde. Zugleich damit
empfand ich in diesen Momenten stets, und so auch jetzt, eine peinliche
Geniertheit, ein Mitrauen gegen jeden Beobachter, einen Drang zu
Alleinsein und Sichverstecken.

Mit diesem blen und verfluchten Gefhl, einem wahren Verbrechergefhl, kam
ich in den Korridor und in das Wohnzimmer. Ich sprte: es ist heut der
Teufel los, es wird etwas passieren. Ich sprte es, wie der Barometer einen
vernderten Luftdruck sprt, mit rettungsloser Passivitt. Ach, nun war es
wieder da, dies Unsgliche! Der Dmon schlich durchs Haus, Erbsnde nagte
am Herzen, riesig und unsichtbar stand hinter jeder Wand ein Geist, ein
Vater und Richter.

Noch wute ich nichts, noch war alles blo Ahnung, Vorgefhl, nagendes
Unbehagen. In solchen Lagen war es oft das beste, wenn man krank wurde,
sich erbrach und ins Bett legte. Dann ging es manchmal ohne Schaden
vorber, die Mutter oder Schwester kam, man bekam Tee und sprte sich von
liebender Sorge umgeben, und man konnte weinen oder schlafen, um nachher
gesund und froh in einer vllig verwandelten, erlsten und hellen Welt zu
erwachen.

Meine Mutter war nicht im Wohnzimmer, und in der Kche war nur die Magd.
Ich beschlo, zum Vater hinauf zu gehen, zu dessen Studierzimmer eine
schmale Treppe hinauffhrte. Wenn ich auch Furcht vor ihm hatte, zuweilen
war es doch gut, sich an ihn zu wenden, dem man so viel abzubitten hatte.
Bei der Mutter war es einfacher und leichter, Trost zu finden; beim Vater
aber war der Trost wertvoller, er bedeutete einen Frieden mit dem
richtenden Gewissen, eine Vershnung und ein neues Bndnis mit den guten
Mchten. Nach schlimmen Auftritten, Untersuchungen, Gestndnissen und
Strafen war ich oft aus des Vaters Zimmer gut und rein hervorgegangen,
bestraft und ermahnt zwar, aber voll neuer Vorstze, durch die
Bundesgenossenschaft des Mchtigen gestrkt gegen das feindliche Bse. Ich
beschlo, den Vater aufzusuchen und ihm zu sagen, da mir bel sei.

Und so stieg ich die kleine Treppe hinauf, die zum Studierzimmer fhrte.
Diese kleine Treppe mit ihrem eigenen Tapetengeruch und dem trockenen Klang
der hohlen, leichten Holzstufen war noch unendlich viel mehr als die
Hausflur ein bedeutsamer Weg und ein Schicksalstor; ber diese Stufen
hatten viele wichtige Gnge mich gefhrt, Angst und Gewissensqual hatte ich
hundertmal dort hinaufgeschleppt, Trotz und wilden Zorn, und nicht selten
hatte ich Erlsung und neue Sicherheit zurckgebracht. Unten in unsrer
Wohnung waren Mutter und Kind zu Hause, dort wehte harmlose Luft; hier oben
wohnten Macht und Geist, hier waren Gericht und Tempel und das Reich des
Vaters.

Etwas beklommen wie immer drckte ich die altmodische Klinke nieder und
ffnete die Tr halb. Der vterliche Studierzimmergeruch flo mir
wohlbekannt entgegen: Bcher- und Tintenduft verdnnt durch blaue Luft aus
halboffnen Fenstern, weie, reine Vorhnge, ein verlorner Faden von
Klnisch-Wasser-Duft, und auf dem Schreibtisch ein Apfel. -- Aber die Stube
war leer.

Mit einer Empfindung halb von Enttuschung und halb von Aufatmen trat ich
ein. Ich dmpfte meinen Schritt und trat nur mit den Zehen auf, so wie wir
hier oben manchmal gehen muten, wenn der Vater schlief oder Kopfweh hatte.
Und kaum war dies leise Gehen mir bewut geworden, so bekam ich Herzklopfen
und sprte verstrkt den angstvollen Druck im Unterleib und in der Kehle
wieder. Ich ging schleichend und angstvoll weiter, einen Schritt und wieder
einen Schritt, und schon war ich nicht mehr ein harmloser Besucher und
Bittsteller, sondern ein Eindringling. Mehrmals schon hatte ich heimlich in
des Vaters Abwesenheit mich in seine beiden Zimmer geschlichen, hatte sein
geheimes Reich belauscht und erforscht und hatte zweimal auch etwas daraus
entwendet.

Die Erinnerung daran war alsbald da und erfllte mich, und ich wute
sofort: jetzt war das Unglck da, jetzt passierte etwas, jetzt tat ich
Verbotenes und Bses. Kein Gedanke an Flucht! Vielmehr, ich dachte wohl
daran, dachte sehnlich und inbrnstig daran, davonzulaufen, die Treppe
hinab und in mein Stbchen oder in den Garten -- aber ich wute, ich werde
das doch nicht tun, nicht tun knnen. Innig wnschte ich, mein Vater mchte
sich im Nebenzimmer rhren und hereintreten und den ganzen grauenvollen
Bann durchbrechen, der mich dmonisch zog und fesselte. O kme er doch!
Kme er doch, scheltend meinetwegen, aber kme er nur, eh es zu spt ist!

Ich hustete, um meine Anwesenheit zu melden, und als keine Antwort kam,
rief ich leise: Papa! Es blieb alles still, an den Wnden schwiegen die
vielen Bcher, ein Fensterflgel bewegte sich im Winde und warf einen
hastigen Sonnenspiegel ber den Boden. Niemand erlste mich, und in mir
selber war keine Freiheit, anders zu tun, als der Dmon wollte.
Verbrechergefhl zog mir den Magen zusammen und machte mir die
Fingerspitzen kalt, mein Herz flatterte angstvoll. Noch wute ich
keineswegs, was ich tun wrde. Ich wute nur, es wrde etwas Schlechtes
sein.

Nun war ich beim Schreibtisch, nahm ein Buch in die Hand und las einen
englischen Titel, den ich nicht verstand. Englisch hate ich -- das sprach
der Vater stets mit der Mutter, wenn wir es nicht verstehen sollten und
auch wenn sie Streit hatten. In einer Schale lagen allerlei kleine Sachen,
Zahnstocher, Stahlfedern, Stecknadeln. Ich nahm zwei von den Stahlfedern
und steckte sie in die Tasche, Gott wei wozu, ich brauchte sie nicht und
hatte keinen Mangel an Federn. Ich tat es nur, um dem Zwang zu folgen, der
mich fast erstickt htte, dem Zwang, Bses zu tun, mir selbst zu schaden,
mich mit Schuld zu beladen. Ich bltterte in meines Vaters Papieren, sah
einen angefangenen Brief liegen, ich las die Worte: es geht uns und den
Kindern, Gott sei Dank, recht gut, und die lateinischen Buchstaben seiner
Handschrift sahen mich an wie Augen.

Dann ging ich leise und schleichend in das Schlafzimmer hinber. Da stand
Vaters eisernes Feldbett, seine braunen Hausschuhe darunter, ein
Taschentuch lag auf dem Nachttisch. Ich atmete die vterliche Luft in dem
khlen, hellen Zimmer ein, und das Bild des Vaters stieg deutlich vor mir
auf, Ehrfurcht und Auflehnung stritten in meinem beladenen Herzen. Fr
Augenblicke hate ich ihn und erinnerte mich seiner mit Bosheit und
Schadenfreude, wie er zuweilen an Kopfwehtagen still und flach in seinem
niederen Feldbett lag, sehr lang und gestreckt, ein nasses Tuch ber der
Stirn, manchmal seufzend. Ich ahnte wohl, da auch er, der Gewaltige, kein
leichtes Leben habe, da auch ihm, dem Ehrwrdigen, Zweifel an sich selbst
und Bangigkeit nicht unbekannt waren. Schon war mein seltsamer Ha
verflogen, Mitleid und Rhrung folgten ihm. Aber inzwischen hatte ich eine
Schieblade der Kommode herausgezogen. Da lag Wsche geschichtet und eine
Flasche Klnisches Wasser, das er liebte; ich wollte daran riechen, aber
die Flasche war noch ungeffnet und fest verstpselt, ich legte sie wieder
zurck. Daneben fand ich eine kleine runde Dose mit Mundpastillen, die nach
Lakrizen schmeckten, von denen steckte ich einige in den Mund. Eine gewisse
Enttuschung und Ernchterung kam ber mich, und zugleich war ich doch
froh, nicht mehr gefunden und genommen zu haben.

Schon im Ablassen und Verzichten zog ich noch spielend an einer andern
Lade, mit etwas erleichtertem Gefhl und mit dem Vorsatz, nachher die zwei
gestohlenen Stahlfedern drben wieder an ihren Ort zu legen. Vielleicht
waren Rckkehr und Reue mglich, Wiedergutmachung und Erlsung. Vielleicht
war Gottes Hand ber mir strker als alle Versuchung . . .

Da sah ich mit schnellem Blick noch eilig in den Spalt der kaum
aufgezogenen Lade. Ach, wren Strmpfe oder Hemden oder alte Zeitungen
darin gewesen! Aber da war nun die Versuchung, und sekundenschnell kehrte
der kaum gelockerte Krampf und Angstbann wieder, meine Hnde zitterten, und
mein Herz schlug rasend. Ich sah in einer aus Bast geflochtenen, indischen
oder sonst exotischen Schale etwas liegen, etwas berraschendes,
Verlockendes, einen ganzen Kranz von wei bezuckerten, getrockneten Feigen!

Ich nahm ihn in die Hand, er war wundervoll schwer. Dann zog ich zwei, drei
Feigen heraus, steckte eine in den Mund, einige in die Tasche. Nun waren
alle Angst und alles Abenteuer doch nicht umsonst gewesen. Keine Erlsung,
keinen Trost konnte ich mehr von hier fortnehmen, so wollte ich wenigstens
nicht leer ausgehen. Ich zog noch drei, vier Feigen von dem Ring, der davon
kaum leichter wurde, und noch einige, und als meine Taschen gefllt und von
dem Kranz wohl mehr als die Hlfte verschwunden war, ordnete ich die
briggebliebenen Feigen auf dem etwas klebrigen Ring lockerer an, so da
weniger zu fehlen schienen. Dann stie ich, in pltzlichem hellem
Schrecken, die Lade heftig zu und rannte davon, durch beide Zimmer, die
kleine Stiege hinab und in mein Stbchen, wo ich stehen blieb und mich auf
meinen kleinen Stehpult sttzte, in den Knien wankend und nach Atem
ringend.

Bald darauf tnte unsre Tischglocke. Mit leerem Kopf und ganz von
Ernchterung und Ekel erfllt, stopfte ich die Feigen in mein Bcherbrett,
verbarg sie hinter Bchern und ging zu Tische. Vor der Ezimmertr merkte
ich, da meine Hnde klebten. Ich wusch sie in der Kche. Im Ezimmer fand
ich alle schon am Tische warten. Ich sagte schnell Gutentag, der Vater
sprach das Tischgebet, und ich beugte mich ber meine Suppe. Ich hatte
keinen Hunger, jeder Schluck machte mir Mhe. Und neben mir saen meine
Schwestern, die Eltern gegenber, alle hell und munter und in Ehren, nur
ich Verbrecher elend dazwischen, allein und unwrdig, mich frchtend vor
jedem freundlichen Blick, den Geschmack der Feigen noch im Munde. Hatte ich
oben die Schlafzimmertr auch zugemacht? Und die Schublade?

Nun war das Elend da. Ich htte mir die Hand abhauen lassen, wenn dafr
meine Feigen wieder oben in der Kommode gelegen htten. Ich beschlo, sie
fortzuwerfen, sie mit in die Schule zu nehmen und zu verschenken. Nur da
sie wegkmen, da ich sie nie wieder sehen mte!

Du siehst heut' schlecht aus, sagte mein Vater ber den Tisch weg. Ich
sah auf meinen Teller und fhlte seine Blicke auf meinem Gesicht. Nun wrde
er es merken. Er merkte ja alles, immer. Warum qulte er mich vorher noch?
Mochte er mich lieber gleich abfhren und meinetwegen totschlagen.

Fehlt dir etwas? hrte ich seine Stimme wieder. Ich log, ich sagte, ich
habe Kopfweh.

Du mut dich nach Tisch ein wenig hinlegen, sagte er. Wieviel Stunden
habt ihr heut nachmittag?

Blo Turnen.

Nun, turnen wird dir nicht schaden. Aber i auch, zwinge dich ein bichen!
Es wird schon vergehen.

Ich schielte hinber. Die Mutter sagte nichts, aber ich wute, da sie mich
anschaue. Ich a meine Suppe hinunter, kmpfte mit Fleisch und Gemse,
schenkte mir zweimal Wasser ein. Es geschah nichts weiter. Man lie mich in
Ruhe. Als zum Schlu mein Vater das Dankgebet sprach: Herr, wir danken
dir, denn du bist freundlich, und deine Gte whret ewiglich, da trennte
wieder ein tzender Schnitt mich von den hellen, heiligen, vertrauensvollen
Worten und von allen, die am Tische saen; mein Hndefalten war Lge, und
meine andchtige Haltung war Lsterung.

Als ich aufstand, strich mir die Mutter bers Haar und lie ihre Hand einen
Augenblick auf meiner Stirn liegen, ob sie hei sei. Wie bitter war das
alles!

In meinem Stbchen stand ich dann vor dem Bcherbrett. Der Morgen hatte
nicht gelogen, alle Anzeichen hatten recht gehabt. Es war ein Unglckstag
geworden, der schlimmste, den ich je erlebt hatte. Schlimmeres konnte kein
Mensch ertragen. Wenn noch Schlimmeres ber einen kam, dann mute man sich
das Leben nehmen. Man mte Gift haben, das war das beste, oder sich
hngen. Es war berhaupt besser, tot zu sein, als zu leben. Es war ja alles
so falsch und hlich. Ich stand und sann und griff zerstreut nach den
verborgenen Feigen und a davon, eine und mehrere, ohne es recht zu wissen.

Unsre Sparkasse fiel mir in die Augen, sie stand im Bord unter den Bchern.
Es war eine Zigarrenkiste, die ich fest zugenagelt hatte; in den Deckel
hatte ich mit dem Taschenmesser einen ungefgen Schlitz fr die Geldstcke
geschnitten. Er war schlecht und roh geschnitten, der Schlitz, Holzsplitter
standen heraus. Auch das konnte ich nicht richtig. Ich hatte Kameraden, die
konnten so etwas mhsam und geduldig und tadellos machen, da es aussah wie
vom Schreiner gehobelt. Ich aber pfuschte immer nur, hatte es eilig und
machte nichts sauber fertig. So war es mit meinen Holzarbeiten, so mit
meiner Handschrift und meinen Zeichnungen, so war es mit meiner
Schmetterlingssammlung und mit allem. Es war nichts mit mir. Und nun stand
ich da und hatte wieder gestohlen, schlimmer als je. Auch die Stahlfedern
hatte ich noch in der Tasche. Wozu? Warum hatte ich sie genommen -- nehmen
_mssen_? Warum mute man, was man gar nicht wollte?

In der Zigarrenkiste klapperte ein einziges Geldstck, der Zehner von Oskar
Weber. Seither war nichts dazu gekommen. Auch diese Sparkassengeschichte
war so eine meiner Unternehmungen! Alles taugte nichts, alles miriet und
blieb im Anfang stecken, was ich begann! Mochte der Teufel diese unsinnige
Sparkasse holen! Ich mochte nichts mehr von ihr wissen.

Diese Zeit zwischen Mittagessen und Schulbeginn war an solchen Tagen wie
heute immer milich und schwer herumzubringen. An guten Tagen, an
friedlichen, vernnftigen, liebenswerten Tagen war es eine schne und
erwnschte Stunde; ich las dann entweder in meinem Zimmer an einem
Indianerbuche oder lief sofort nach Tische wieder auf den Schulplatz, wo
ich immer einige unternehmungslustige Kameraden traf, und dann spielten
wir, schrien und rannten und erhitzten uns, bis der Glockenschlag uns in
die vllig vergessene Wirklichkeit zurckrief. Aber an Tagen wie heute --
mit wem wollte man da spielen und wie die Teufel in der Brust betuben? Ich
sah es kommen -- noch nicht heute, aber ein nchstes Mal, vielleicht bald.
Da wrde mein Schicksal vollends zum Ausbruch kommen. Es fehlte ja nur noch
eine Kleinigkeit, eine winzige Kleinigkeit mehr an Angst und Leid und
Ratlosigkeit, dann lief es ber, dann mute es ein Ende mit Schrecken
nehmen. Eines Tages, an gerade so einem Tag wie heute, wrde ich vollends
im Bsen untersinken, ich wrde in Trotz und Wut und wegen der sinnlosen
Unertrglichkeit dieses Lebens etwas Grliches und Entscheidendes tun,
etwas Grliches, aber Befreiendes, das der Angst und Qulerei ein Ende
machte, fr immer. Ungewi war, was es sein wrde; aber Phantasien und
vorlufige Zwangsvorstellungen davon waren mir schon mehrmals verwirrend
durch den Kopf gegangen, Vorstellungen von Verbrechen, mit denen ich an der
Welt Rache nehmen und zugleich mich selbst preisgeben und vernichten wrde.
Manchmal war es mir so, als wrde ich unser Haus anznden: ungeheure
Flammen schlugen mit Flgeln durch die Nacht, Huser und Gassen wurden vom
Brand ergriffen, die ganze Stadt loderte riesig gegen den schwarzen Himmel.
Oder zu andern Zeiten war das Verbrechen meiner Trume eine Rache an meinem
Vater, ein Mord und grausiger Totschlag. Ich aber wrde mich dann benehmen
wie jener Verbrecher, jener einzige, richtige Verbrecher, den ich einmal
hatte durch die Gassen unsrer Stadt fhren sehen. Es war ein Einbrecher,
den man gefangen hatte und in das Amtsgericht fhrte, mit Handschellen
gefesselt, einen steifen Melonenhut schief auf dem Kopf, vor ihm und hinter
ihm ein Landjger. Dieser Mann, der durch die Straen und durch einen
riesigen Volksauflauf von Neugierigen getrieben wurde, an tausend Flchen,
boshaften Witzen und herausgeschrienen bsen Wnschen vorbei, dieser Mann
hatte in nichts jenen armen, scheuen Teufeln geglichen, die man zuweilen
vom Polizeidiener ber die Strae begleitet sah und welche meistens blo
arme Handwerksburschen waren, die gebettelt hatten. Nein, dieser war kein
Handwerksbursche und sah nicht windig, scheu und weinerlich aus, oder
flchtete in ein verlegen-dummes Grinsen, wie ich es auch schon gesehen
hatte -- dieser war ein echter Verbrecher und trug den etwas zerbeulten Hut
khn auf einem trotzigen und ungebeugten Schdel, er war bleich und
lchelte still verachtungsvoll, und das Volk, das ihn beschimpfte und
anspie, wurde neben ihm zu Pack und Pbel. Ich hatte damals selbst
mitgeschrien: Man hat ihn, der gehrt gehngt!; aber dann sah ich seinen
aufrechten, stolzen Gang, wie er die gefesselten Hnde vor sich her trug,
und wie er auf dem zhen, bsen Kopf den Melonenhut khn wie eine
phantastische Krone trug -- und wie er lchelte! und da schwieg ich. So wie
dieser Verbrecher aber wrde auch ich lcheln und den Kopf steif halten,
wenn man mich ins Gericht und auf das Schafott fhrte, und wenn die vielen
Leute um mich her drngten und hohnvoll aufschrien -- ich wrde nicht ja
und nicht nein sagen, einfach schweigen und verachten.

Und wenn ich hingerichtet und tot war und im Himmel vor den ewigen Richter
kam, dann wollte ich mich keineswegs beugen und unterwerfen. O nein, und
wenn alle Engelscharen ihn umstanden und alle Heiligkeit und Wrde aus ihm
strahlte! Mochte er mich verdammen, mochte er mich in Pech sieden lassen!
Ich wollte mich nicht entschuldigen, mich nicht demtigen, ihn nicht um
Verzeihung bitten, nichts bereuen! Wenn er mich fragte: Hast du das und
das getan? so wrde ich rufen: Jawohl habe ich's getan, und noch mehr,
und es war recht, da ich's getan habe, und wenn ich kann, werde ich es
wieder und wieder tun. Ich habe totgeschlagen, ich habe Huser angezndet,
weil es mir Spa machte, und weil ich dich verhhnen und rgern wollte. Ja,
denn ich hasse dich, ich spucke dir vor die Fe, Gott. Du hast mich
geqult und geschunden, du hast Gesetze gegeben, die niemand halten kann,
du hast die Erwachsenen angestiftet, uns Jungen das Leben zu versauen.

Wenn es mir glckte, mir dies vollkommen deutlich vorzustellen und fest
daran zu glauben, da es mir gelingen wrde, genau so zu tun und zu reden,
dann war mir fr Augenblicke finster wohl. Sofort aber kehrten die Zweifel
wieder. Wrde ich nicht schwach werden, wrde mich einschchtern lassen,
wrde doch nachgeben? Oder, wenn ich auch alles tat, wie es mein trotziger
Wille war -- wrde nicht Gott einen Ausweg finden, eine berlegenheit,
einen Schwindel, so wie es den Erwachsenen und Mchtigen ja immer gelang,
am Ende noch mit einem Trumpf zu kommen, einen schlielich doch noch zu
beschmen, einen nicht fr voll zu nehmen, einen unter der verfluchten
Maske des Wohlwollens zu demtigen? Ach, natrlich wrde es so enden.

Hin und her gingen meine Phantasien, lieen bald mich, bald Gott gewinnen,
hoben mich zum unbeugsamen Verbrecher und zogen mich wieder zum Kind und
Schwchling herab.

Ich stand am Fenster und schaute auf den kleinen Hinterhof des
Nachbarhauses hinunter, wo Gerststangen an der Mauer lehnten und in einem
kleinen winzigen Garten ein paar Gemsebeete grnten. Pltzlich hrte ich
durch die Nachmittagsstille Glockenschlge hallen, fest und nchtern in
meine Visionen hinein, einen klaren, strengen Stundenschlag, und noch
einen. Es war zwei Uhr, und ich schreckte aus den Traumngsten in die der
Wirklichkeit zurck. Nun begann unsre Turnstunde, und wenn ich auch auf
Zauberflgeln fort und in die Turnhalle gestrzt wre, ich wre doch schon
zu spt gekommen. Wieder Pech! Das gab bermorgen Aufruf, Schimpfworte und
Strafe. Lieber ging ich gar nicht mehr hin, es war doch nichts mehr
gutzumachen. Vielleicht mit einer sehr guten, sehr feinen und glaubhaften
Entschuldigung -- aber es wre mir in diesem Augenblick keine eingefallen,
so glnzend mich auch unsre Lehrer zum Lgen erzogen hatten; ich war jetzt
nicht imstande, zu lgen, zu erfinden, zu konstruieren. Besser war es,
vollends ganz aus der Stunde wegzubleiben. Was lag daran, ob jetzt zum
groen Unglck noch ein kleines kam!

Aber der Stundenschlag hatte mich geweckt und meine Phantasiespiele
gelhmt. Ich war pltzlich sehr schwach, berwirklich sah mein Zimmer mich
an, Pult, Bilder, Bett, Bcherschaft, alles geladen mit strenger
Wirklichkeit, alles Zurufe aus der Welt, in der man leben mute, und die
mir heut wieder einmal so feindlich und gefhrlich geworden war. Wie denn?
Hatte ich nicht die Turnstunde versumt? Und hatte ich nicht gestohlen,
jmmerlich gestohlen, und hatte die verdammten Feigen im Bcherbrett
liegen, soweit sie nicht schon aufgegessen waren? Was ging mich jetzt der
Verbrecher, der liebe Gott und das Jngste Gericht an! Das wrde alles dann
schon kommen, zu seiner Zeit -- aber jetzt, jetzt im Augenblick war es weit
weg und war dummes Zeug, nichts weiter. Ich hatte gestohlen, und jeden
Augenblick konnte das Verbrechen entdeckt werden. Vielleicht war es schon
so weit, vielleicht hatte mein Vater droben schon jene Schieblade gezogen
und stand vor meiner Schandtat, beleidigt und erzrnt, und berlegte sich,
auf welche Art mir der Proze zu machen sei. Ach, er war mglicherweise
schon unterwegs zu mir, und wenn ich nicht sofort entfloh, hatte ich in der
nchsten Minute schon sein ernstes Gesicht mit der Brille vor mir. Denn er
wute natrlich sofort, da ich der Dieb war. Es gab keine Verbrecher in
unserm Hause auer mir, meine Schwestern taten nie so etwas, Gott wei
warum. Aber wozu brauchte mein Vater da in seiner Kommode solche
Feigenkrnze verborgen zu haben?

Ich hatte mein Stbchen schon verlassen und mich durch die hintere Haustr
und den Garten davongemacht. Die Grten und Wiesen lagen in heller Sonne,
Zitronenfalter flogen ber den Weg. Alles sah jetzt schlimm und drohend
aus, viel schlimmer als heut morgen. O, ich kannte das schon, und doch
meinte ich es nie so qualvoll gesprt zu haben: wie da alles in seiner
Selbstverstndlichkeit und mit seiner guten Gewissensruhe mich ansah, Stadt
und Kirchturm, Wiesen und Weg, Grasblten und Schmetterlinge, und wie alles
Hbsche und Frhliche, was man sonst mit Freuden sah, nun fremd und
verzaubert war! Ich kannte das, ich wute, wie es schmeckt, wenn man in
Gewissensangst durch die gewohnte Gegend luft! Jetzt konnte der seltenste
Schmetterling ber die Wiese fliegen und sich vor meinen Fen hinsetzen --
es war nichts, es freute nicht, reizte nicht, trstete nicht. Jetzt konnte
der herrlichste Kirschbaum mir seinen vollsten Ast herbieten -- es hatte
keinen Wert, es war kein Glck dabei. Jetzt gab es nichts als fliehen, vor
dem Vater, vor der Strafe, vor mir selber, vor meinem Gewissen, fliehen und
rastlos sein, bis dennoch unerbittlich und unentrinnbar alles kam, was
kommen mute.

Ich lief und war rastlos, ich lief bergan und hoch bis zum Walde, und vom
Eichenberg nach der Hofmhle hinab, ber den Steg und jenseits wieder
bergauf und durch Wlder hinan. Hier hatten wir unser letztes Indianerlager
gehabt. Hier hatte letztes Jahr, als der Vater auf Reisen war, unsre Mutter
mit uns Kindern Ostern gefeiert und im Wald und Moos die Eier fr uns
versteckt. Hier hatte ich einst mit meinen Vettern in den Ferien eine Burg
gebaut, sie stand noch halb. berall Reste von einstmals, berall Spiegel,
aus denen mir ein andrer entgegensah, als der ich heute war! War ich das
alles gewesen? So lustig, so zufrieden, so dankbar, so kameradschaftlich,
so zrtlich mit der Mutter, so ohne Angst, so unbegreiflich glcklich? War
das ich gewesen? Und wie hatte ich so werden knnen, wie ich jetzt war, so
anders, so ganz anders, so bse, so voll Angst, so zerstrt? Alles war noch
wie immer, Wald und Flu, Farnkruter und Blumen, Burg und Ameisenhaufen,
und doch alles wie vergiftet und verwstet. Gab es denn gar keinen Weg
zurck, dorthin, wo das Glck und die Unschuld war? Konnte es nie mehr
werden, wie es gewesen war? Wrde ich jemals wieder so lachen, so mit den
Schwestern spielen, so nach Ostereiern suchen?

Ich lief und lief, den Schwei auf der Stirn, und hinter mir lief meine
Schuld und lief gro und ungeheuer der Schatten meines Vaters als Verfolger
mit.

An mir vorbei liefen Alleen, sanken Waldrnder hinab. Auf einer Hhe machte
ich halt, abseits vom Weg, ins Gras geworfen, mit Herzklopfen, das vom
Bergaufwrtsrennen kommen konnte, das vielleicht bald besser wurde. Unten
sah ich Stadt und Flu, sah die Turnhalle, wo jetzt die Stunde zu Ende war
und die Buben auseinanderliefen, sah das lange Dach meines Vaterhauses.
Dort war meines Vaters Schlafzimmer und die Schublade, in der die Feigen
fehlten. Dort war mein kleines Zimmer. Dort wrde, wenn ich zurckkam, das
Gericht mich treffen. -- Aber wenn ich nicht zurckkam?

Ich wute, da ich zurckkommen werde. Man kam immer zurck, jedesmal. Es
endete immer so. Man konnte nicht fort, man konnte nicht nach Afrika
fliehen oder nach Berlin. Man war klein, man hatte kein Geld, niemand half
einem. Ja, wenn alle Kinder sich zusammentaten und einander hlfen! Sie
waren viele, es gab mehr Kinder als Eltern. Aber nicht alle Kinder waren
Diebe und Verbrecher. Wenige waren so wie ich. Vielleicht war ich der
einzige. Aber nein, ich wute, es kamen fters solche Sachen vor wie meine
-- ein Onkel von mir hatte als Kind auch gestohlen und viel Sachen
angestellt, das hatte ich irgendwann einmal erlauscht, heimlich aus einem
Gesprch der Eltern, heimlich, wie man alles Wissenswerte erlauschen mute.
Doch das alles half mir nicht, und wenn jener Onkel selber da wre, er
wrde mir auch nicht helfen! Er war jetzt lngst gro und erwachsen, er war
Pastor, und er wrde zu den Erwachsenen halten und mich im Stich lassen. So
waren sie alle. Gegen uns Kinder waren sie alle irgendwie falsch und
verlogen, spielten eine Rolle, gaben sich anders, als sie waren. Die Mutter
vielleicht nicht, oder weniger.

Ja, wenn ich nun nicht mehr heimkehren wrde? Es knnte ja etwas passieren,
ich konnte den Hals brechen oder ertrinken oder unter die Eisenbahn kommen.
Dann sah alles anders aus. Dann brachte man mich nach Hause, und alles war
still und erschrocken und weinte, und ich tat allen leid, und von den
Feigen und allem war nicht mehr die Rede.

Ich wute sehr gut, da man sich selber das Leben nehmen konnte. Ich dachte
auch, da ich das wohl einmal tun wrde, spter, wenn es einmal ganz
schlimm kam. Gut wre es gewesen, krank zu werden, aber nicht blo so mit
Husten, sondern richtig todkrank, so wie damals, als ich Scharlachfieber
hatte.

Inzwischen war die Turnstunde lngst vorber, und auch die Zeit war
vorber, wo man mich zu Hause zum Kaffee erwartete. Vielleicht riefen und
suchten sie jetzt nach mir, in meinem Zimmer, im Garten und Hof, auf dem
Estrich. Wenn aber der Vater meinen Diebstahl schon entdeckt hatte, dann
wurde nicht gesucht, dann wute er Bescheid.

Es war mir nicht mglich, lnger liegenzubleiben. Das Schicksal verga mich
nicht, es war hinter mir her. Ich nahm das Laufen wieder auf. Ich kam an
einer Bank in den Anlagen vorber, an der hing wieder eine Erinnerung,
wieder eine, die einst schn und lieb gewesen war und jetzt wie Feuer
brannte. Mein Vater hatte mir ein Taschenmesser geschenkt, wir waren
zusammen spazierengegangen, froh und in gutem Frieden, und er hatte sich
auf diese Bank gesetzt, whrend ich im Gebsch mir eine lange Haselrute
schneiden wollte. Und da brach ich im Eifer das neue Messer ab, die Klinge
dicht am Heft, und kam entsetzt zurck, wollte es erst verheimlichen, wurde
aber gleich danach gefragt. Ich war sehr unglcklich, wegen dem Messer und
weil ich Scheltworte erwartete. Aber da hatte mein Vater nur gelchelt, mir
leicht die Schulter berhrt und gesagt: Wie schade, du armer Kerl! Wie
hatte ich ihn da geliebt, wieviel ihm innerlich abgebeten! Und jetzt, wenn
ich an das damalige Gesicht meines Vaters dachte, an seine Stimme, an sein
Mitleid -- was war ich fr ein Ungeheuer, da ich diesen Vater so oft
betrbt, belogen und heut bestohlen hatte!

Als ich wieder in die Stadt kam, bei der oberen Brcke und weit von unserm
Hause, hatte die Dmmerung schon begonnen. Aus einem Kaufladen, hinter
dessen Glastr schon Licht brannte, kam ein Knabe gelaufen, der blieb
pltzlich stehen und rief mich mit Namen an. Es war Oskar Weber. Niemand
konnte mir ungelegener kommen. Immerhin erfuhr ich von ihm, da der Lehrer
mein Fehlen in der Turnstunde nicht bemerkt habe. Aber wo ich denn gewesen
sei?

Ach nirgends, sagte ich, ich war nicht recht wohl.

Ich war schweigsam und zurckweisend, und nach einer Weile, die ich
emprend lang fand, merkte er, da er mir lstig sei. Jetzt wurde er bse.

La mich in Ruh', sagte ich kalt, ich kann allein heimgehen.

So? rief er jetzt. Ich kann gradeso gut allein gehen wie du, dummer
Fratz! Ich bin nicht dein Pudel, da du's weit. Aber vorher mchte ich
doch wissen, wie das jetzt eigentlich mit unserer Sparkasse ist! Ich habe
einen Zehner hineingetan und du nichts.

Deinen Zehner kannst du wiederhaben, heut noch, wenn du Angst um ihn hast.
Wenn ich dich nur nimmer sehen mu. Als ob ich von dir etwas annehmen
wrde!

Du hast ihn neulich gern genommen, meinte er hhnisch, aber nicht, ohne
einen Trspalt zur Vershnung offen zu lassen.

Aber ich war hei und bse geworden, alle in mir angehufte Angst und
Ratlosigkeit brach in hellen Zorn aus. Weber hatte mir nichts zu sagen!
Gegen ihn war ich im Recht, gegen ihn hatte ich ein gutes Gewissen. Und ich
brauchte jemand, gegen den ich mich fhlen, gegen den ich stolz und im
Recht sein konnte. Alles Ungeordnete und Finstere in mir strmte wild in
diesen Ausweg. Ich tat, was ich sonst so sorgfltig vermied, ich kehrte den
Herrensohn heraus, ich deutete an, da es fr mich keine Entbehrung sei,
auf die Freundschaft mit einem Gassenbuben zu verzichten. Ich sagte ihm,
da fr ihn jetzt das Beerenessen in unserm Garten und das Spielen mit
meinen Spielsachen ein Ende habe. Ich fhlte mich aufglhen und aufleben:
ich hatte einen Feind, einen Gegner, einen, der schuld war, den man packen
konnte. Alle Lebenstriebe sammelten sich in diese erlsende, willkommene,
befreiende Wut, in die grimmige Freude am Feind, der diesmal nicht in mir
selbst wohnte, der mir gegenberstand, mich mit erschreckten, dann mit
bsen Augen anglotzte, dessen Stimme ich hrte, dessen Vorwrfe ich
verachten, dessen Schimpfworte ich bertrumpfen konnte.

Im anschwellenden Wortwechsel, dicht nebeneinander, trieben wir die
dunkelnde Gasse hinab; da und dort sah man uns aus einer Haustre nach. Und
alles, was ich gegen mich selber an Wut und Verachtung empfand, kehrte sich
gegen den unseligen Weber. Als er damit zu drohen begann, er werde mich dem
Turnlehrer anzeigen, war es Wollust fr mich: er setzte sich ins Unrecht,
er wurde gemein, er strkte mich.

Als wir in der Nhe der Metzgergasse handgemein wurden, blieben gleich ein
paar Leute stehen und sahen unserm Handel zu. Wir hieben einander in den
Bauch und ins Gesicht und traten mit den Schuhen gegeneinander. Nun hatte
ich fr Augenblicke alles vergessen, ich war im Recht, war kein Verbrecher,
Kampfrausch beglckte mich, und wenn Weber auch strker war als ich, so war
ich flinker, klger, rascher, feuriger. Wir wurden hei und schlugen uns
wtend. Als er mir mit einem verzweifelten Griff den Hemdkragen aufri,
fhlte ich mit Inbrunst den Strom kalter Luft ber meine glhende Haut
laufen.

Und im Hauen, Reien und Treten, Ringen und Wrgen hrten wir nicht auf,
uns weiter mit Worten anzufeinden, zu beleidigen und zu vernichten, mit
Worten, die immer glhender, immer trichter und bser, immer dichterischer
und phantastischer wurden. Und auch darin war ich ihm ber, war bser,
dichterischer, erfinderischer. Sagte er Hund, so sagte ich Sauhund. Rief er
Schuft, so schrie ich Satan. Wir bluteten beide, ohne etwas zu fhlen, und
dabei huften unsre Worte bse Zauber und Wnsche, wir empfahlen einander
dem Galgen, wnschten uns Messer, um sie einander in die Rippen zu jagen
und darin umzudrehen, wir beschimpften einer des andern Namen, Herkunft und
Vater.

Es war das erste und einzige Mal, da ich einen solchen Kampf im vollen
Kriegsrausch bis zu Ende ausfocht, mit allen Hieben, allen Grausamkeiten,
allen Beschimpfungen. Zugesehen hatte ich oft und mit grausender Lust diese
vulgren, urtmlichen Flche und Schandworte angehrt; nun schrie ich sie
selber heraus, als sei ich ihrer von klein auf gewohnt und in ihrem
Gebrauch gebt. Trnen liefen mir aus den Augen und Blut ber den Mund. Die
Welt aber war herrlich, sie hatte einen Sinn, es war gut zu leben, gut zu
hauen, gut zu bluten und bluten zu machen.

Niemals vermochte ich in der Erinnerung das Ende dieses Kampfes wieder zu
finden. Irgendeinmal war es aus, irgendeinmal stand ich allein in der
stillen Dunkelheit, erkannte Straenecken und Huser, war nahe bei unserm
Hause. Langsam floh der Rausch, langsam hrte das Flgelbrausen und Donnern
auf, und Wirklichkeit drang stckweise vor meine Sinne, zuerst nur vor die
Augen. Da der Brunnen. Die Brcke. Blut an meiner Hand, zerrissene Kleider,
herabgerutschte Strmpfe, ein Schmerz im Knie, einer im Auge, keine Mtze
mehr da -- alles kam nach und nach, wurde Wirklichkeit und sprach zu mir.
Pltzlich war ich tief ermdet, fhlte meine Knie und Arme zittern, tastete
nach einer Hauswand.

Und da war unser Haus. Gott sei Dank! Ich wute nichts auf der Welt mehr,
als da dort Zuflucht war, Friede, Licht, Geborgenheit. Aufatmend schob ich
das hohe Tor zurck.

Da mit dem Duft von Stein und feuchter Khle berstrmte mich pltzlich
Erinnerung, hundertfach. O Gott! O lieber Gott! Es roch nach Strenge, nach
Gesetz, nach Verantwortung, nach Vater und Gott. Ich hatte gestohlen. Ich
war kein verwundeter Held, der vom Kampfe heimkehrte. Ich war kein armes
Kind, das nach Hause findet und von der Mutter in Wrme und Mitleid
gebettet wird. Ich war Dieb, ich war Verbrecher. Da droben war nicht
Zuflucht, Bett und Schlaf fr mich, nicht Essen und Pflege, nicht Trost und
Vergessen. Auf mich wartete Schuld und Gericht.

Damals in der finstern abendlichen Flur und im Treppenhaus, dessen viele
Stufen ich unter Mhen erklomm, atmete ich, wie ich glaube, zum erstenmal
in meinem Leben fr Augenblicke den kalten ther, die Einsamkeit, das
Schicksal. Ich sah keinen Ausweg, ich hatte keine Plne, auch keine Angst,
nichts als das kalte, rauhe Gefhl: Es mu sein. Am Gelnder zog ich mich
die Treppe hinauf. Vor der Glastr fhlte ich Lust, noch einen Augenblick
mich auf die Treppe zu setzen, aufzuatmen, Ruhe zu haben. Ich tat es nicht,
es hatte keinen Zweck. Ich mute hinein. Beim ffnen der Tr fiel mir ein,
wie spt es wohl sei?

Ich trat ins Ezimmer. Da saen sie um den Tisch und hatten eben gegessen,
ein Teller mit pfeln stand noch da. Es war gegen acht Uhr. Nie war ich
ohne Erlaubnis so spt heimgekommen, nie hatte ich beim Abendessen gefehlt.

Gott sei Dank, da bist du! rief meine Mutter lebhaft. Ich sah, sie war in
Sorge um mich gewesen. Sie lief auf mich zu und blieb erschrocken stehen,
als sie mein Gesicht und die beschmutzten und zerrissenen Kleider sah. Ich
sagte nichts und blickte niemand an, doch sprte ich deutlich, da Vater
und Mutter sich mit Blicken meinetwegen verstndigten. Mein Vater schwieg
und beherrschte sich; ich fhlte, wie zornig er war. Die Mutter nahm sich
meiner an, Gesicht und Hnde wurden mir gewaschen, Pflaster aufgeklebt,
dann bekam ich zu essen. Mitleid und Sorgfalt umgab mich, ich sa still und
tief beschmt, fhlte die Wrme und geno sie mit schlechtem Gewissen. Dann
ward ich zu Bett geschickt. Dem Vater gab ich die Hand, ohne ihn anzusehen.

Als ich schon im Bette lag, kam die Mutter noch zu mir. Sie nahm meine
Kleider vom Stuhl und legte mir andere hin, denn morgen war Sonntag. Dann
fing sie behutsam zu fragen an, und ich mute von meiner Rauferei erzhlen.
Sie fand es zwar schlimm, schalt aber nicht und schien ein wenig
verwundert, da ich dieser Sache wegen so sehr gedrckt und scheu war. Dann
ging sie.

Und nun, dachte ich, war sie berzeugt, da alles gut sei. Ich hatte Hndel
ausgefochten und war blutig gehauen worden, aber das wrde morgen vergessen
sein. Von dem andern, dem Eigentlichen, wute sie nichts. Sie war betrbt
gewesen, aber unbefangen und zrtlich. Auch der Vater wute also vermutlich
noch nichts.

Und nun berkam mich ein furchtbares Gefhl von Enttuschung. Ich merkte
jetzt, da ich seit dem Augenblick, wo ich unser Haus betreten hatte, ganz
und gar von einem einzigen, sehnlichen, verzehrenden Wunsch erfllt gewesen
war. Ich hatte nichts anderes gedacht, gewnscht, ersehnt, als da das
Gewitter nun ausbrechen mge, da das Gericht ber mich ergehe, da das
Furchtbare zur Wirklichkeit werde und die entsetzliche Angst davor aufhre.
Ich war auf alles gefat, zu allem bereit gewesen. Mochte ich schwer
gestraft, geschlagen und eingesperrt werden! Mochte er mich hungern lassen!
Mochte er mich verfluchen und verstoen! Wenn nur die Angst und Spannung
ein Ende nahm!

Statt dessen lag ich nun da, hatte noch Liebe und Pflege genossen, war
freundlich geschont und fr meine Unarten nicht zur Rechenschaft gezogen
worden und konnte nun aufs neue warten und bangen. Sie hatten mir die
zerrissenen Kleider, das lange Fortbleiben, das versumte Abendessen
vergeben, weil ich ein wenig mde war und blutete und ihnen leid tat, vor
allem aber, weil sie das andere nicht ahnten, weil sie nur von meinen
Unarten, nichts von meinem Verbrechen wuten. Es wrde mir doppelt
schlimmgehen, wenn es nun ans Licht kam! Vielleicht schickte man mich, wie
man frher einmal gedroht hatte, in eine solche Besserungsanstalt, wo man
altes, hartes Brot essen und whrend der ganzen Freizeit Holz sgen und
Stiefel putzen mute, wo es Schlafsle mit Aufsehern geben sollte, die
einen mit dem Stock schlugen und morgens um vier Uhr mit kaltem Wasser
weckten. Oder man bergab mich der Polizei?

Jedenfalls aber, es komme wie es mge, lag wieder eine Wartezeit vor mir.
Noch lnger mute ich die Angst ertragen, noch lnger mit meinem Geheimnis
herumgehen, vor jedem Blick und Schritt im Hause zittern und niemand ins
Gesicht sehen knnen.

Oder war es am Ende mglich, da mein Diebstahl gar nicht bemerkt wurde?
Da alles blieb, wie es war? Da ich mir alle diese Angst und Pein
vergebens gemacht hatte? -- O, wenn das geschehen sollte, wenn dies
Unausdenkliche, Wundervolle mglich war, dann wollte ich ein ganz neues
Leben beginnen, dann wollte ich Gott danken und mich dadurch wrdig zeigen,
da ich Stunde fr Stunde ganz rein und fleckenlos lebte! Was ich schon
frher versucht hatte und was mir miglckt war, jetzt wrde es gelingen,
jetzt war mein Vorsatz und Wille stark genug, jetzt nach diesem Elend,
dieser Hlle voll Qual! Mein ganzes Wesen bemchtigte sich dieses
Wunschgedankens und sog sich inbrnstig daran fest. Trost regnete vom
Himmel, Zukunft tat sich blau und sonnig auf. In diesen Phantasien schlief
ich endlich ein und schlief unbeschwert die ganze, gute Nacht hindurch.

Am Morgen war Sonntag, und noch im Bett empfand ich, wie den Geschmack
einer Frucht, das eigentmliche, sonderbar gemischte, im ganzen aber so
kstliche Sonntagsgefhl, wie ich es seit meiner Schulzeit kannte. Der
Sonntagmorgen war eine gute Sache: Ausschlafen, keine Schule, Aussicht auf
ein gutes Mittagessen, kein Geruch nach Lehrer und Tinte, eine Menge freie
Zeit. Dies war die Hauptsache. Schwcher nur klangen andere, fremdere,
fadere Tne hinein: Kirchgang oder Sonntagsschule, Familienspaziergang,
Sorge um die schnen Kleider. Damit wurde der reine, gute, kstliche
Geschmack und Duft ein wenig verflscht und zersetzt -- so wie wenn zwei
gleichzeitig gegessene Speisen, etwa ein Pudding und der Saft dazu, nicht
ganz zusammenpaten, oder wie zuweilen Bonbons oder Backwerk, die man in
kleinen Lden geschenkt bekam, einen fatalen leisen Beigeschmack von Kse
oder von Erdl hatten. Man a sie, und sie waren gut, aber es war nichts
Volles und Strahlendes, man mute ein Auge dabei zudrcken. Nun, so hnlich
war meistens der Sonntag, namentlich wenn ich in die Kirche oder
Sonntagsschule gehen mute, was zum Glck nicht immer der Fall war. Der
freie Tag bekam dadurch einen Beigeschmack von Pflicht und von Langeweile.
Und bei den Spaziergngen mit der ganzen Familie, wenn sie auch oft schn
sein konnten, passierte gewhnlich irgend etwas, es gab Streit mit den
Schwestern, man ging zu rasch oder zu langsam, man brachte Harz an die
Kleider; irgendein Haken war meistens dabei.

Nun, das mochte kommen. Mir war wohl. Seit gestern war eine Masse Zeit
vergangen. Vergessen hatte ich meine Schandtat nicht, sie fiel mir schon am
Morgen wieder ein, aber es war nun so lange her, die Schrecken waren
ferngerckt und unwirklich geworden. Ich hatte gestern meine Schuld gebt,
wenn auch nur durch Gewissensqualen, ich hatte einen bsen, jammervollen
Tag durchlitten. Nun war ich wieder zu Vertrauen und Harmlosigkeit geneigt
und machte mir wenig Gedanken mehr. Ganz war es ja noch nicht abgetan, es
klang noch ein wenig Drohung und Peinlichkeit nach, so wie in den schnen
Sonntag jene kleinen Pflichten und Kmmernisse mit hineinklangen.

Beim Frhstck waren wir alle vergngt. Es wurde mir die Wahl zwischen
Kirche und Sonntagsschule gelassen. Ich zog, wie immer, die Kirche vor.
Dort wurde man wenigstens in Ruhe gelassen und konnte seine Gedanken laufen
lassen; auch war der hohe, feierliche Raum mit den bunten Fenstern oft
schn und ehrwrdig, und wenn man mit eingekniffenen Augen durch das lange
dmmernde Schiff gegen die Orgel sah, dann gab es manchmal wundervolle
Bilder; die aus dem Finstern ragenden Orgelpfeifen erschienen oft wie eine
strahlende Stadt mit hundert Trmen. Auch war es mir oft geglckt, wenn die
Kirche nicht voll war, die ganze Stunde ungestrt in einem Geschichtenbuch
zu lesen.

Heut nahm ich keines mit und dachte auch nicht daran, mich um den Kirchgang
zu drcken, wie ich es auch schon getan hatte. So viel klang von gestern
abend noch in mir nach, da ich gute und redliche Vorstze hatte und
gesonnen war, mich mit Gott, Eltern und Welt freundlich und gefgig zu
vertragen. Auch mein Zorn gegen Oskar Weber war ganz und gar verflogen.
Wenn er gekommen wre, ich htte ihn aufs beste aufgenommen.

Der Gottesdienst begann, ich sang die Choralverse mit, es war das Lied
Hirte deiner Schafe, das wir auch in der Schule auswendig gelernt hatten.
Es fiel mir dabei wieder einmal auf, wie ein Liedervers beim Singen, und
gar bei dem schleppend langsamen Gesang in der Kirche, ein ganz anderes
Gesicht hatte als beim Lesen oder Hersagen. Beim Lesen war so ein Vers ein
Ganzes, hatte einen Sinn, bestand aus Stzen. Beim Singen bestand er nur
noch aus Worten, Stze kamen nicht zustande, Sinn war keiner da, aber dafr
gewannen die Worte, die einzelnen, gesungenen, langhin gedehnten Worte ein
sonderbar starkes, unabhngiges Leben, ja, oft waren es nur einzelne
Silben, etwas an sich ganz Sinnloses, die im Gesang selbstndig wurden und
Gestalt annahmen. In dem Vers Hirte deiner Schafe, der von keinem Schlafe
etwas wissen mag war zum Beispiel heute beim Kirchengesang gar kein
Zusammenhang und Sinn, man dachte auch weder an einen Hirten noch an
Schafe, man dachte durchaus gar nichts. Aber das war keineswegs langweilig.
Einzelne Worte, namentlich das Schla--a--fe, wurden so seltsam voll und
schn, man wiegte sich ganz darin, und auch das mag tnte geheimnisvoll
und schwer, erinnerte an Magen und an dunkle, gefhlsreiche, halbbekannte
Dinge, die man in sich innen im Leibe hat. Dazu die Orgel!

Und dann kam der Stadtpfarrer und die Predigt, die stets so unbegreiflich
lang war, und das seltsame Zuhren, wobei man oft lange Zeit nur den Ton
der redenden Stimme glockenhaft schweben hrte, dann wieder einzelne Worte
scharf und deutlich samt ihrem Sinn vernahm und ihnen zu folgen bemht war,
solange es ging. Wenn ich nur im Chor htte sitzen drfen, statt unter all
den Mnnern auf der Empore. Im Chor, wo ich bei Kirchenkonzerten schon
gesessen war, da sa man tief in schweren, isolierten Sthlen, deren jeder
ein kleines festes Gebude war, und ber sich hatte man ein sonderbar
reizvolles, vielfltiges, netzartiges Gewlbe, und hoch an der Wand war die
Bergpredigt in sanften Farben gemalt, und das blaue und rote Gewand des
Heilands auf dem blablauen Himmel war so zart und beglckend anzusehen.

Manchmal knackte das Kirchengesthl, gegen das ich eine tiefe Abneigung
hegte, weil es mit einer gelben, den Lackfarbe gestrichen war, an der man
immer ein wenig kleben blieb. Manchmal summte eine Fliege auf und gegen
eines der Fenster, in deren Spitzbogen blaurote Blumen und grne Sterne
gemalt waren. Und unversehens war die Predigt zu Ende, und ich streckte
mich vor, um den Pfarrer in seinen engen, dunklen Treppenschlauch
verschwinden zu sehen. Man sang wieder, aufatmend und sehr laut, und man
stand auf und strmte hinaus; ich warf den mitgebrachten Fnfer in die
Opferbchse, deren blecherner Klang so schlecht in die Feierlichkeit pate,
und lie mich vom Menschenstrom mit ins Portal ziehen und ins Freie
treiben.

Jetzt kam die schnste Zeit des Sonntags, die zwei Stunden zwischen Kirche
und Mittagessen. Da hatte man seine Pflicht getan, man war im langen Sitzen
auf Bewegung, auf Spiele oder Gnge begierig geworden, oder auf ein Buch,
und war vllig frei bis zum Mittag, wo es meistens etwas Gutes gab.
Zufrieden schlenderte ich nach Hause, angefllt mit freundlichen Gedanken
und Gesinnungen. Die Welt war in Ordnung, es lie sich in ihr leben.
Friedfertig trabte ich durch Flur und Treppe hinauf.

In meinem Stbchen schien Sonne. Ich sah nach meinen Raupenksten, die ich
gestern vernachlssigt hatte, fand ein paar neue Puppen, gab den Pflanzen
frisches Wasser.

Da ging die Tr.

Ich achtete nicht gleich darauf. Nach einer Minute wurde die Stille mir
sonderbar; ich drehte mich um. Da stand mein Vater. Er war bla und sah
geqult aus. Der Gru blieb mir im Halse stecken. Ich sah: er wute! Er war
da. Das Gericht begann. Nichts war gut geworden, nichts abgebt, nichts
vergessen! Die Sonne wurde bleich, und der Sonntagmorgen sank welk dahin.

Aus allen Himmeln gerissen starrte ich dem Vater entgegen. Ich hate ihn,
warum war er nicht gestern gekommen? Jetzt war ich auf nichts vorbereitet,
hatte nichts bereit, nicht einmal Reue und Schuldgefhl. -- Und wozu
brauchte er oben in seiner Kommode Feigen zu haben?

Er ging zu meinem Bcherschrank, griff hinter die Bcher und zog einige
Feigen hervor. Es waren wenige mehr da. Dazu sah er mich an, mit stummer,
peinlicher Frage. Ich konnte nichts sagen. Leid und Trotz wrgten mich.

Was ist denn? brachte ich dann heraus.

Woher hast du diese Feigen? fragte er, mit einer beherrschten, leisen
Stimme, die mir bitter verhat war.

Ich begann sofort zu reden. Zu lgen. Ich erzhlte, da ich die Feigen bei
einem Konditor gekauft htte, es sei ein ganzer Kranz gewesen. Woher das
Geld dazu kam? Das Geld kam aus einer Sparkasse, die ich gemeinsam mit
einem Freunde hatte. Da hatten wir beide alles kleine Geld hineingetan, das
wir je und je bekamen. brigens -- hier war die Kasse. Ich holte die
Schachtel mit dem Schlitz hervor. Jetzt war blo noch ein Zehner darin,
eben weil wir gestern die Feigen gekauft hatten.

Mein Vater hrte zu, mit einem stillen, beherrschten Gesicht, dem ich
nichts glaubte.

Wieviel haben denn die Feigen gekostet? fragte er mit der zu leisen
Stimme.

Eine Mark und sechzig.

Und wo hast du sie gekauft?

Beim Konditor.

Bei welchem?

Bei Haager.

Es gab eine Pause. Ich hielt die Geldschachtel noch in frierenden Fingern.
Alles an mir war kalt und fror.

Und nun fragte er, mit einer Drohung in der Stimme: Ist das wahr?

Ich redete wieder rasch. Ja, natrlich war es wahr, und mein Freund Weber
war im Laden gewesen, ich hatte ihn nur begleitet. Das Geld hatte
hauptschlich ihm, dem Weber, gehrt, von mir war nur wenig dabei.

Nimm deine Mtze, sagte mein Vater, wir wollen miteinander zum Konditor
Haager gehen. Er wird ja wissen, ob es wahr ist.

Ich versuchte zu lcheln. Nun ging mir die Klte bis in Herz und Magen. Ich
ging voran und nahm im Korridor meine blaue Mtze. Der Vater ffnete die
Glastr, auch er hatte seinen Hut genommen.

Noch einen Augenblick! sagte ich, ich mu noch schnell hinausgehen.

Er nickte. Ich ging auf den Abtritt, schlo zu, war allein, war noch einen
Augenblick gesichert. O, wenn ich jetzt gestorben wre!

Ich blieb eine Minute, blieb zwei. Es half nichts. Man starb nicht. Es galt
standzuhalten. Ich schlo auf und kam. Wir gingen die Treppe hinunter.

Als wir eben durchs Haustor gingen, fiel mir etwas Gutes ein, und ich sagte
schnell: Aber heut ist ja Sonntag, da hat der Haager gar nicht offen.

Das war eine Hoffnung, zwei Sekunden lang. Mein Vater sagte gelassen: Dann
gehen wir zu ihm in die Wohnung. Komm.

Wir gingen. Ich schob meine Mtze gerade, steckte eine Hand in die Tasche
und versuchte neben ihm daher zu gehen, als sei nichts Besonderes los.
Obwohl ich wute, da alle Leute mir ansahen, ich sei ein abgefhrter
Verbrecher, versuchte ich doch mit tausend Knsten, es zu verheimlichen.
Ich bemhte mich, einfach und harmlos zu atmen; es brauchte niemand zu
sehen, wie es mir die Brust zusammenzog. Ich war bestrebt, ein argloses
Gesicht zu machen, Selbstverstndlichkeit und Sicherheit zu heucheln. Ich
zog einen Strumpf hoch, ohne da er es ntig hatte, und lchelte, whrend
ich wute, da dies Lcheln furchtbar dumm und knstlich aussehe. In mir
innen, in Kehle und Eingeweiden, sa der Teufel und wrgte mich.

Wir kamen am Gasthaus vorber, beim Hufschmied, beim Lohnkutscher, bei der
Eisenbahnbrcke. Dort drben hatte ich gestern abend mit Weber gekmpft.
Tat nicht der Ri beim Auge noch weh? Mein Gott! Mein Gott!

Willenlos ging ich weiter, unter Krmpfen um meine Haltung bemht. An der
Adlerscheuer vorbei, die Bahnhofstrae hinaus. Wie war diese Strae gestern
noch gut und harmlos gewesen! Nicht denken! Weiter! Weiter!

Wir waren ganz nahe bei Haagers Haus. Ich hatte in diesen paar Minuten
einige hundertmal die Szene voraus erlebt, die mich dort erwartete. Nun
waren wir da. Nun kam es.

Aber es war mir unmglich, das auszuhalten. Ich blieb stehen.

Nun? Was ist? fragte mein Vater.

Ich gehe nicht hinein, sagte ich leise.

Er sah zu mir herab. Er hatte es ja gewut, von Anfang an. Warum hatte ich
ihm das alles vorgespielt und mir so viel Mhe gegeben? Es hatte ja keinen
Sinn.

Hast du die Feigen nicht bei Haager gekauft? fragte er.

Ich schttelte den Kopf.

Ach so, sagte er mit scheinbarer Ruhe. Dann knnen wir ja wieder nach
Hause gehen.

Er benahm sich anstndig, er schonte mich auf der Strae, vor den Leuten.
Es waren viele Leute unterwegs, jeden Augenblick wurde mein Vater gegrt.
Welches Theater! Welche dumme, unsinnige Qual! Ich konnte ihm fr diese
Schonung nicht dankbar sein.

Er wute ja alles! Und er lie mich tanzen, lie mich meine nutzlosen
Kapriolen vollfhren, wie man eine gefangene Maus in der Drahtfalle tanzen
lt, ehe man sie ersuft. Ach, htte er mir gleich zu Anfang, ohne mich
berhaupt zu fragen und zu verhren, mit dem Stock ber den Kopf gehauen,
das wre mir im Grunde lieber gewesen als diese Ruhe und Gerechtigkeit, mit
der er mich in meinem dummen Lgengespinst einkreiste und langsam
erstickte. berhaupt, vielleicht war es besser, einen groben Vater zu
haben, als so einen feinen und gerechten. Wenn ein Vater, so wie es in
Geschichten und Trakttchen vorkam, im Zorn oder in der Betrunkenheit seine
Kinder furchtbar prgelte, so war er eben im Unrecht, und wenn die Prgel
auch weh taten, so konnte man doch innerlich die Achseln zucken und ihn
verachten. Bei meinem Vater ging das nicht, er war zu fein, zu einwandfrei,
er war nie im Unrecht! Ihm gegenber wurde man immer klein und elend.

Mit zusammengebissenen Zhnen ging ich vor ihm her ins Haus und wieder in
mein Zimmer. Er war noch immer ruhig und khl, vielmehr er stellte sich so,
denn in Wahrheit war er, wie ich deutlich sprte, sehr bse. Nun begann er
in seiner gewohnten Art zu sprechen.

Ich mchte nur wissen, wozu diese Komdie dienen soll? Kannst du mir das
nicht sagen? Ich wute ja gleich, da deine ganze hbsche Geschichte
erlogen war. Also wozu die Faxen? Du hltst mich doch nicht im Ernst fr so
dumm, da ich sie dir glauben wrde?

Ich bi weiter auf meine Zhne und schluckte. Wenn er doch aufhren wollte!
Als ob ich selber gewut htte, warum ich ihm diese Geschichte vorlog! Als
ob ich selber gewut htte, warum ich nicht mein Verbrechen gestehen und um
Verzeihung bitten konnte! Als ob ich selber auch nur gewut htte, warum
ich diese unseligen Feigen stahl! Hatte ich das denn _gewollt_, hatte ich
es denn mit berlegung und Wissen und aus Grnden getan?! Tat es mir denn
nicht leid? Litt ich denn nicht mehr darunter als er?

Er wartete und machte ein nervses Gesicht voll mhsamer Geduld. Einen
Augenblick lang war mir selbst die Lage vollkommen klar, im Unbewuten,
doch htte ich es nicht wie heut mit Worten sagen knnen. Es war so: Ich
hatte gestohlen, weil ich trostbedrftig in Vaters Zimmer gekommen war und
es zu meiner Enttuschung leer gefunden hatte. Ich hatte nicht stehlen
wollen. Ich hatte, als der Vater nicht da war, nur spionieren wollen, mich
unter seinen Sachen umsehen, seine Geheimnisse belauschen, etwas ber ihn
erfahren. So war es. Dann lagen Feigen da, und ich stahl. Und sofort
bereute ich, und den ganzen Tag gestern hatte ich Qual und Verzweiflung
gelitten, hatte zu sterben gewnscht, hatte mich verurteilt, hatte neue,
gute Vorstze gefat. Heut aber -- ja, heut war es nun anders. Ich hatte
diese Reue und all das nun ausgekostet, ich war jetzt nchterner, und ich
sprte unerklrliche, aber riesenstarke Widerstnde gegen den Vater und
gegen alles, was er von mir erwartete und verlangte.

Htte ich ihm das sagen knnen, so htte er mich verstanden. Aber auch
Kinder, so sehr sie den Groen an Klugheit berlegen sind, stehen einsam
und ratlos vor dem Schicksal.

Steif vor Trotz und verbissenem Weh schwieg ich weiter, lie ihn klugreden
und sah mit Leid und seltsamer Schadenfreude zu, wie alles schief ging und
schlimm und schlimmer wurde, wie er litt und enttuscht war, wie er
vergeblich an alles Bessere in mir appellierte.

Als er fragte: Also hast du die Feigen gestohlen?, konnte ich nur nicken.
Mehr als ein schwaches Nicken brachte ich auch nicht ber mich, als er
wissen wollte, ob es mir leid tue. -- Wie konnte er, der groe, kluge Mann,
so unsinnig fragen! Als ob es mir etwa nicht leid getan htte! Als ob er
nicht htte sehen knnen, wie mir das Ganze weh tat und das Herz umdrehte!
Als ob es mir mglich gewesen wre, mich etwa gar noch meiner Tat und der
elenden Feigen zu freuen!

Vielleicht zum erstenmal in meinem kindlichen Leben empfand ich fast bis
zur Schwelle der Einsicht und des Bewutwerdens, wie namenlos zwei
verwandte, gegeneinander wohlgesinnte Menschen sich miverstehen und qulen
und martern knnen, und wie dann alles Reden, alles Klugseinwollen, alle
Vernunft blo noch Gift hinzugiet, blo neue Qualen, neue Stiche, neue
Irrtmer schafft. Wie war das mglich? Aber es _war_ mglich, es geschah.
Es war unsinnig, es war toll, es war zum Lachen und zum Verzweifeln -- aber
es war so.

Genug nun von dieser Geschichte! Es endete damit, da ich ber den
Sonntagnachmittag in der Dachkammer eingesperrt wurde. Einen Teil ihrer
Schrecken verlor die harte Strafe durch Umstnde, welche freilich mein
Geheimnis waren. In der dunkeln, unbenutzten Bodenkammer stand nmlich tief
verstaubt eine Kiste, halb voll mit alten Bchern, von denen einige
keineswegs fr Kinder bestimmt waren. Das Licht zum Lesen gewann ich durch
das Beiseiteschieben eines Dachziegels.

Am Abend dieses traurigen Sonntags gelang es meinem Vater, kurz vor
Schlafengehen mich noch zu einem kurzen Gesprch zu bringen, das uns
vershnte. Als ich im Bette lag, hatte ich die Gewiheit, da er mir ganz
und vollkommen verziehen habe -- vollkommener als ich ihm.




Klein und Wagner


I

Im Schnellzug, nach den raschen Handlungen und Aufregungen der Flucht und
der Grenzberschreitung, nach einem Wirbel von Spannungen und Ereignissen,
Aufregungen und Gefahren, noch tief erstaunt darber, da alles gut
gegangen war, sank Friedrich Klein ganz und gar in sich zusammen. Der Zug
fuhr mit seltsamer Geschftigkeit -- nun wo doch keine Eile mehr war --
nach Sden und ri die wenigen Reisenden eilig an Seen, Bergen,
Wasserfllen und andern Naturwundern vorber, durch betubende Tunnels und
ber sanft schwankende Brcken, alles fremdartig, schn und etwas sinnlos,
Bilder aus Schulbchern und aus Ansichtskarten, Landschaften, die man sich
erinnert einmal gesehen zu haben, und die einen doch nichts angehen. Dieses
war nun die Fremde, und hierher gehrte er nun, nach Hause gab es keine
Rckkehr. Das mit dem Geld war in Ordnung, es war da, er hatte es bei sich,
alle die Tausenderscheine, und trug es jetzt wieder in der Brusttasche
verwahrt.

Den Gedanken, da ihm jetzt nichts mehr geschehen knne, da er jenseits
der Grenze und durch seinen falschen Pa vorlufig vor aller Verfolgung und
allem Verdacht gesichert sei, diesen angenehmen und beruhigenden Gedanken
zog er zwar immer wieder hervor, voll Verlangen sich an ihm zu wrmen und
zu sttigen; aber dieser hbsche Gedanke war wie ein toter Vogel, dem ein
Kind in die Flgel blst. Er lebte nicht, er tat keine Auge auf, er fiel
einem wie Blei aus der Hand, er gab keine Lust, keinen Glanz, keine Freude
her. Es war seltsam, es war ihm dieser Tage schon mehrmals aufgefallen: er
konnte durchaus nicht denken, an was er wollte, er hatte keine Verfgung
ber seine Gedanken, sie liefen wie sie wollten, und sie verweilten trotz
seinem Struben mit Vorliebe bei Vorstellungen, die ihn qulten. Es war,
als sei sein Gehirn ein Kaleidoskop, in dem der Wechsel der Bilder von
einer fremden Hand geleitet wurde. Vielleicht war es nur die lange
Schlaflosigkeit und Erregung, er war ja auch schon lngere Zeit nervs.
Jedenfalls war es hlich, und wenn es nicht bald gelang, wieder etwas Ruhe
und Freude zu finden, war es zum Verzweifeln.

Friedrich Klein tastete nach dem Revolver in seiner Manteltasche. Das war
auch so ein Stck, dieser Revolver, das zu seiner neuen Ausrstung und
Rolle und Maske gehrte. Wie war es im Grunde lstig und ekelhaft, all das
mit sich zu schleppen und bis in den dnnen vergifteten Schlaf hinein bei
sich zu tragen, ein Verbrechen, geflschte Papiere, heimlich eingenhtes
Geld, den Revolver, den falschen Namen. Es schmeckte so nach
Rubergeschichten, nach einer schlechten Romantik, und es pate alles so
gar nicht zu ihm, zu Klein, dem guten Kerl. Es war lstig und ekelhaft, und
nichts von Aufatmen und Befreiung dabei, wie er es erhofft hatte.

Mein Gott, _warum_ hatte er eigentlich das alles auf sich genommen, er, ein
Mann von fast vierzig Jahren, als braver Beamter und stiller harmloser
Brger mit gelehrten Neigungen bekannt, Vater von lieben Kindern? Warum? Er
fhlte: ein Trieb mute dagewesen sein, ein Zwang und Drang von gengender
Strke, um einen Mann wie ihn zu dem Unmglichen zu bewegen -- und erst
wenn er das wute, wenn er diesen Zwang und Trieb kannte, wenn er wieder
Ordnung in sich hatte, erst dann war etwas wie Aufatmen mglich.

Heftig setzte er sich aufrecht, drckte die Schlfen mit den Daumen und gab
sich Mhe zu denken. Es ging schlecht, sein Kopf war wie von Glas, und
ausgehhlt von Aufregungen. Ermdung und Mangel an Schlaf. Aber es half
nichts, er mute nachdenken. Er mute suchen, und mute finden, er mute
wieder einen Mittelpunkt in sich wissen und sich selber einigermaen kennen
und verstehen. Sonst war das Leben nicht mehr zu ertragen.

Mhsam suchte er die Erinnerungen dieser Tage zusammen, wie man kleine
Porzellanscherben mit einer Pinzette zusammenpickt, um den Bruch an einer
alten Dose wieder zu kitten. Es waren lauter kleine Splitter, keiner hatte
Zusammenhang mit den andern, keiner deutete durch Struktur und Farbe aufs
ganze. Was fr Erinnerungen! Er sah eine kleine blaue Schachtel, aus der er
mit zitternder Hand das Amtssiegel seines Chefs herausnahm. Er sah den
alten Mann an der Kasse, der ihm seinen Scheck mit braunen und blauen
Banknoten ausbezahlte. Er sah eine Telephonzelle, wo er sich, whrend er
ins Rohr sprach, mit der linken Hand gegen die Wand stemmte, um aufrecht zu
bleiben. Vielmehr er sah nicht sich, er sah einen Menschen dies alles tun,
einen fremden Menschen, der Klein hie und nicht er war. Er sah diesen
Menschen Briefe verbrennen, Briefe schreiben. Er sah ihn in einem
Restaurant essen. Er sah ihn -- nein, das war kein Fremder, das war _er_,
das war Friedrich Klein selbst! -- nachts ber das Bett eines schlafenden
Kindes gebckt. Nein, das war er selbst gewesen! Wie weh das tat, auch
jetzt wieder in der Erinnerung! Wie weh das tat, das Gesicht des
schlafenden Kindes zu sehen und seine Atemzge zu hren, und zu wissen: nie
mehr wrde man diese lieben Augen offen sehen, nie mehr diesen kleinen Mund
lachen und essen sehen, nie mehr von ihm gekt werden. Wie weh das tat!
Warum tat jener Mensch Klein sich selber so weh?

Er gab es auf, die kleinen Scherben zusammen zu setzen. Der Zug hielt, ein
fremder groer Bahnhof lag da, Tren schlugen, Koffer schwankten am
Wagenfenster vorber, Papierschilde blau und gelb riefen laut: Hotel Milano
-- Hotel Kontinental! Mute er darauf achten? War es wichtig? War eine
Gefahr? Er schlo die Augen und sank eine Minute lang in Betubung,
schreckte sofort wieder auf, ri die Augen weit auf, spielte den Wachsamen.
Wo war er? Der Bahnhof war noch da. Halt -- wie heie ich? Zum
tausendstenmal machte er die Probe. Also: Wie heie ich? Klein. Nein, zum
Teufel! Fort mit Klein, Klein existierte nicht mehr. Er tastete nach der
Brusttasche, wo der Pa steckte.

Wie war das alles ermdend! berhaupt -- wenn man wte, wie wahnsinnig
mhsam es ist, ein Verbrecher zu sein -- --! Er ballte die Hnde vor
Anstrengung. Das alles hier ging ihn ja nichts an, Hotel Milano, Bahnhof,
Koffertrger, das alles konnte er ruhig weglassen -- nein, es handelte sich
um anderes, um Wichtiges. Um was?

Im Halbschlummer, der Zug fuhr schon wieder, kam er zu seinen Gedanken
zurck. Es war ja so wichtig, es handelte sich ja darum, ob das Leben noch
lnger zu ertragen sein wrde. Oder -- war es nicht einfacher, dem ganzen
ermdenden Unsinn ein Ende zu machen? Hatte er denn nicht Gift bei sich?
Das Opium? -- Ach nein, er erinnerte sich, das Gift hatte er ja nicht
bekommen. Aber er hatte den Revolver. Ja richtig. Sehr gut. Ausgezeichnet.

Sehr gut und ausgezeichnet sagte er laut vor sich hin, und fgte mehr
solche Worte hinzu. Pltzlich hrte er sich sprechen, erschrak, sah in der
Fensterscheibe sein entstelltes Gesicht gespiegelt, fremd, fratzenhaft und
traurig. Mein Gott, schrie er in sich hinein, mein Gott! Was tun? Wozu noch
leben? Mit der Stirn in dies bleiche Fratzenbild hinein, sich in diese
trbe blde Scheibe strzen, sich ins Glas verbeien, sich am Glase den
Hals abschneiden. Mit dem Kopf auf die Bahnschwelle schlagen, dumpf und
drhnend, von den Rdern der vielen Wagen aufgewickelt werden, alles
zusammen, Drme und Hirn, Knochen und Herz, auch die Augen -- und auf den
Schienen zerrieben, zu Nichts gemacht, ausradiert. Dies war das einzige,
was noch zu wnschen war, was noch Sinn hatte.

Whrend er verzweifelt in sein Spiegelbild starrte, mit der Nase ans Glas
stie, schlief er wieder ein. Vielleicht Sekunden, vielleicht Stunden. Hin
und her schlug sein Kopf, er ffnete die Augen nicht.

Er erwachte aus einem Traum, dessen letztes Stck ihm im Gedchtnis blieb.
Er sa, so trumte ihm, vorn auf einem Automobil, das fuhr rasch und
ziemlich waghalsig durch eine Stadt, bergauf und ab. Neben ihm sa jemand,
der den Wagen lenkte. Dem gab er im Traum einen Sto in den Bauch, ri ihm
das Steuerrad aus den Hnden und steuerte nun selber, wild und beklemmend
ber Stock und Stein, knapp an Pferden und an Schaufenstern herbei, an
Bume streifend, da ihm Funken vor den Augen stoben.

Aus diesem Traum erwachte er. Sein Kopf war freier geworden. Er lchelte
ber die Traumbilder. Der Sto in den Bauch war gut, er empfand ihn freudig
nach. Nun begann er den Traum zu rekonstruieren und ber ihn nachzudenken.
Wie das an den Bumen vorbei gepfiffen hatte! Vielleicht kam es von der
Eisenbahnfahrt? Aber das Steuern war, bei aller Gefahr, doch eine Lust
gewesen, ein Glck, eine Erlsung! Ja, es war besser, selber zu steuern und
dabei in Scherben zu gehen, als immer von einem andern gefahren und gelenkt
zu werden.

Aber -- wem hatte er eigentlich im Traum diesen Sto gegeben? Wer war der
fremde Chauffeur, wer war neben ihm am Steuer des Automobils gesessen? Er
konnte sich an kein Gesicht, an keine Figur erinnern -- nur an ein Gefhl,
eine vage dunkle Stimmung . . . Wer konnte es gewesen sein? Jemand, den er
verehrte, dem er Macht ber sein Leben einrumte, den er ber sich duldete,
und den er doch heimlich hate, dem er doch schlielich den Tritt in den
Bauch gab! Vielleicht sein Vater? Oder einer seiner Vorgesetzten? Oder --
oder war es am Ende --?

Klein ri die Augen auf. Er hatte ein Ende des verlorenen Fadens gefunden.
Er wute alles wieder. Der Traum war vergessen. Es gab Wichtigeres. Jetzt
wute er! Jetzt begann er zu wissen, zu ahnen, zu schmecken, _warum_ er
hier im Schnellzug sa, warum er nicht mehr Klein hie, warum er Geld
unterschlagen und Papiere geflscht hatte. Endlich, endlich!

Ja, es war so. Es hatte keinen Sinn mehr, es vor sich zu verheimlichen. Es
war seiner Frau wegen geschehen, einzig seiner Frau wegen. Wie gut, da er
es endlich wute!

Vom Turme dieser Erkenntnis aus meinte er pltzlich weite Strecken seines
Lebens zu berblicken, das ihm seit langem immer in lauter kleine, wertlose
Stcke auseinandergefallen war. Er sah auf eine lange durchlaufene Strecke
zurck, auf seine ganze Ehe, und die Strecke erschien ihm wie eine lange,
mde, de Strae, wo ein Mann allein im Staube sich mit schweren Lasten
schleppt. Irgendwo hinten, unsichtbar jenseits des Staubes, wute er
leuchtende Hhen und grne rauschende Wipfel der Jugend verschwunden. Ja,
er war einmal jung gewesen, und kein Jngling wie alle, er hatte groe
Trume getrumt, er hatte viel vom Leben und von sich verlangt. Seither
aber nichts als Staub und Lasten, lange Strae, Hitze und mde Knie, nur im
vertrocknenden Herzen ein verschlafenes, alt gewordnes Heimweh lauernd. Das
war sein Leben gewesen. Das war sein Leben gewesen.

Er blickte durchs Fenster und zuckte erstaunt zusammen. Ungewohnte Bilder
sahen ihn an. Er sah pltzlich aufzuckend, da er im Sden war. Verwundert
richtete er sich auf, lehnte sich hinaus, und wieder fiel ein Schleier, und
das Rtsel seines Schicksals ward ein wenig klarer. Er war im Sden! Er sah
Reblauben auf grnen Terrassen stehn, goldbraunes Gemuer halb in Ruinen,
wie auf alten Stichen, blhende rosenrote Bume! Ein kleiner Bahnhof
schwand vorbei, mit einem italienischen Namen, irgend etwas auf ogno oder
ogna.

Soweit vermochte Klein jetzt die Wetterfahne seines Schicksals zu lesen. Es
ging fort von seiner Ehe, seinem Amt, von allem, was bisher sein Leben und
seine Heimat gewesen war. Und es ging nach Sden! Nun erst begriff er,
warum er, mitten in Hetze und Rausch seiner Flucht, jene Stadt mit dem
italienischen Namen zum Ziel gewhlt hatte. Er hatte es nach einem
Hotelbuch getan, anscheinend wahllos und auf gut Glck, er htte ebenso gut
Amsterdam, Zrich oder Malm sagen knnen. Erst jetzt war es kein Zufall
mehr. Er war im Sden, er war durch die Alpen gefahren. Und damit hatte er
den strahlendsten Wunsch seiner Jugendzeit erfllt, jener Jugend, deren
Erinnerungszeichen ihm auf der langen den Strae eines sinnlosen Lebens
erloschen und verloren gegangen waren. Eine unbekannte Macht hatte es so
gefgt, da ihm die beiden brennendsten Wnsche seines Lebens sich
erfllten: die lngst vergessene Sehnsucht nach dem Sden, und das
heimliche, niemals klar und frei gewordene Verlangen nach Flucht und
Freiheit aus dem Frohndienst und Staub seiner Ehe. Jener Streit mit seinem
Vorgesetzten, jene berraschende Gelegenheit zu der Unterschlagung des
Geldes -- all das, was ihm so wichtig erschienen war, fiel jetzt zu kleinen
Zufllen zusammen. Nicht sie hatten ihn gefhrt. Jene beiden groen Wnsche
in seiner Seele hatten gesiegt, alles andre war nur Weg und Mittel gewesen.

Klein erschrak vor dieser neuen Einsicht tief. Er fhlte sich wie ein Kind,
das mit Zndhlzern gespielt und ein Haus dabei angezndet hat. Nun brannte
es. Mein Gott! Und was hatte er davon? Und wenn er bis nach Sizilien oder
Konstantinopel fuhr, konnte ihn das um zwanzig Jahre jnger machen?

Indessen lief der Zug, und Dorf um Dorf lief ihm entgegen, fremdartig
schn, ein heiteres Bilderbuch, mit allen den hbschen Gegenstnden, die
man vom Sden erwartet und aus Ansichtskarten kennt: steinerne schn
gewlbte Brcken ber Bach und braunen Felsen, Weinbergmauern von kleinen
Farnen berwachsen, hohe schlanke Glockentrme, die Fassaden der Kirchen
bunt bemalt oder von gewlbten Hallen mit leichten, edlen Bogen beschattet,
Huser mit rosenrotem Anstrich und dickgemauerte Arkadenhallen mit dem
khlsten Blau gemalt, zahme Kastanien, da und dort schwarze Zypressen,
kletternde Ziegen, vor einem Herrschaftshaus im Rasen die ersten Palmen
kurz und dickstmmig. Alles merkwrdig und ziemlich unwahrscheinlich, aber
alles zusammen war doch beraus hbsch und verkndete etwas wie Trost. Es
gab diesen Sden, er war keine Fabel. Die Brcken und Zypressen waren
erfllte Jugendtrume, die Huser und Palmen sagten: du bist nicht mehr im
Alten, es beginnt lauter Neues. Luft und Sonnenschein schienen gewrzt und
verstrkt, das Atmen leichter, das Leben mglicher, der Revolver
entbehrlicher, das Ausradiertwerden auf den Schienen minder dringlich. Ein
Versuch schien mglich, trotz allem. Das Leben konnte vielleicht ertragen
werden.

Wieder bernahm ihn die Erschlaffung, leichter gab er sich jetzt hin, und
schlief bis es Abend war und der volltnende Name der kleinen Hotelstadt
ihn weckte. Hastig stieg er aus.

Ein Diener mit dem Schild Hotel Milano an der Mtze redete ihn deutsch
an, er bestellte ein Zimmer und lie sich die Adresse geben. Schlaftrunken
taumelte er aus der Glashalle und dem Rauch in den lauen Abend.

So habe ich mir etwa Honolulu gedacht, ging ihm durch den Kopf. Eine
phantastisch unruhige Landschaft, schon beinahe nchtlich, schwankte ihm
fremd und unbegreiflich entgegen. Vor ihm fiel der Hgel steil hinab, da
lag unten tief geschachtelt die Stadt, senkrecht blickte er auf erleuchtete
Pltze hinunter. Von allen Seiten strzten steile spitze Zuckerhutberge jh
herab in einen See, der am Wiederschein unzhliger Quailaternen kenntlich
wurde. Eine Seilbahn senkte sich wie ein Korb den Schacht hinunter zur
Stadt, halb gefhrlich, halb spielzeughaft. Auf einigen der hohen Bergkegel
glhten erleuchtete Fenster bis zum Gipfel in launischen Reihen, Stufen und
Sternbildern geordnet. Von der Stadt wuchsen die Dcher groer Hotels
herauf, dazwischen schwarzdunkle Grten, ein warmer sommerhafter Abendwind
voll Staub und Duft flatterte wohlgelaunt unter den grellen Laternen. Aus
der wirr durchfunkelten Finsternis am See schwoll taktfest und lcherlich
eine Blechmusik heran.

Ob das nun Honolulu, Mexiko oder Italien war, konnte ihm einerlei sein. Es
war Fremde, es war neue Welt und neue Luft, und wenn sie ihn auch verwirrte
und heimlich in Angst versetzte, sie duftete doch auch nach Rausch und
Vergessen und neuen, unerprobten Gefhlen.

Eine Strae schien ins Freie zu fhren, dorthin schlenderte er, an
Lagerschuppen und leeren Lastfuhrwerken vorber, dann bei kleinen
Vorstadthusern vorbei, wo laute Stimmen italienisch schrien und im Hof
eines Wirtshauses eine Mandoline schrillte. Im letzten Hause klang eine
Mdchenstimme auf, ein Duft von Wohllaut beklemmte ihm das Herz, viele
Worte konnte er zu seiner Freude verstehen und den Refrain sich merken:

   Mama non vuole, papa ne meno.
   Come faremo a fare l'amor?

Es klang wie aus Trumen seiner Jugend her. Bewutlos schritt er die Strae
weiter, flo hingerissen in die warme Nacht, in der die Grillen sangen. Ein
Weinberg kam, und bezaubert blieb er stehen: Ein Feuerwerk, ein Reigen von
kleinen, grn glhenden Lichtern erfllte die Luft und das duftende, hohe
Gras, tausend Sternschnuppen taumelten trunken durcheinander. Es war ein
Schwarm von Leuchtkfern, langsam und lautlos geisterten sie durch die warm
aufzuckende Nacht. Die sommerliche Luft und Erde schien sich phantastisch
in leuchtenden Figuren und tausend kleinen beweglichen Sternbildern,
auszuleben.

Lange stand der Fremde dem Zauber hingegeben und verga die ngstliche
Geschichte dieser Reise und die ngstliche Geschichte seines Lebens ber
der schnen Seltsamkeit. Gab es noch eine Wirklichkeit? Noch Geschfte und
Polizei? Noch Assessoren und Kursberichte? Stand zehn Minuten von hier ein
Bahnhof?

Langsam wandte sich der Flchtling, der aus seinem Leben heraus in ein
Mrchen gereist war, gegen die Stadt zurck. Laternen glhten auf. Menschen
riefen ihm Worte zu, die er nicht verstand. Unbekannte Riesenbume standen
voll Blten, eine steinerne Kirche hing mit schwindelnder Terrasse ber dem
Absturz, helle Straen, von Treppen unterbrochen, flossen rasch wie
Bergbche in das Stdtchen hinab.

Klein fand sein Hotel, und mit dem Eintritt in die berhellen nchternen
Rume, Halle und Treppenhaus schwand sein Rausch dahin, und es kehrte die
ngstliche Schchternheit zurck, sein Fluch und Kainszeichen. Betreten
drckte er sich an den wachen, tarierenden Blicken des Concierge, der
Kellner, des Liftjungen, der Hotelgste vorbei in die deste Ecke eines
Restaurants. Er bat mit schwacher Stimme um die Speisekarte, und las, als
wre er noch arm und mte sparen, bei allen Speisen sorgfltig die Preise
mit, bestellte etwas Wohlfeiles, ermunterte sich knstlich zu einer halben
Flasche Bordeaux, der ihm nicht schmeckte, und war froh, als er endlich
hinter verschlossener Tr in seinem schbigen kleinen Zimmer lag. Bald
schlief er ein, schlief gierig und tief, aber nur zwei, drei Stunden. Noch
mitten in der Nacht wurde er wieder wach.

Er starrte, aus den Abgrnden des Unbewuten kommend, in die feindselige
Dmmerung, wute nicht wo er war, hatte das drckende und schuldhafte
Gefhl, Wichtiges vergessen und versumt zu haben. Wirr umhertastend
erfhlte er einen Drcker und drehte Licht an. Das kleine Zimmer sprang ins
grelle Licht, fremd, de, sinnlos. Wo war er? Bse glotzten die
Plschsessel. Alles blickte ihn kalt und fordernd an. Da fand er sich im
Spiegel und las das Vergessene aus seinem Gesicht. Ja, er wute. Dies
Gesicht hatte er frher nicht gehabt, nicht diese Augen, nicht diese
Falten, nicht diese Farben. Es war ein neues Gesicht, schon einmal war es
ihm aufgefallen, im Spiegel einer Glasscheibe, irgendwann im gehetzten
Theaterstck dieser wahnsinnigen Tage. Es war nicht sein Gesicht, das gute,
stille und etwas duldende Friedrich Klein-Gesicht. Es war das Gesicht eines
Gezeichneten, vom Schicksal mit neuen Zeichen gestempelt, lter und auch
jnger als das frhere, maskenhaft und doch wunderlich durchglht. Niemand
liebte solche Gesichter.

Da sa er im Zimmer eines Hotels im Sden mit seinem gezeichneten Gesicht.
Daheim schliefen seine Kinder, die er verlassen hatte. Nie mehr wrde er
sie schlafen, nie mehr sie aufwachen sehen, nie mehr ihre Stimmen hren. Er
wrde niemals mehr aus dem Wasserglas auf jenem Nachttisch trinken, auf dem
bei der Stehlampe die Abendpost und ein Buch lag, und dahinter an der Wand
berm Bett die Bilder seiner Eltern, und alles, und alles. Statt dessen
starrte er hier im auslndischen Hotel in den Spiegel, in das traurige und
angstvolle Gesicht des Verbrechers Klein, und die Plschmbel blickten kalt
und schlecht, und alles war anders, nichts war mehr in Ordnung. Wenn sein
Vater das noch erlebt htte!

Niemals seit seiner Jugendzeit war Klein so unmittelbar und so einsam
seinen Gefhlen berlassen gewesen, niemals so in der Fremde, niemals so
nackt und senkrecht unter der unerbittlichen Sonne des Schicksals. Immer
war er mit irgend etwas beschftigt gewesen, mit etwas anderm als mit sich
selbst, immer hatte er zu tun und zu sorgen gehabt, um Geld, um Befrderung
im Amt, um Frieden im Hause, um Schulgeschichten und Kinderkrankheiten;
immer waren groe, heilige Pflichten des Brgers, des Gatten, des Vaters um
ihn her gestanden, in ihrem Schutz und Schatten hatte er gelebt, ihnen
hatte er Opfer gebracht, von ihnen her war seinem Leben Rechtfertigung und
Sinn gekommen. Jetzt hing er pltzlich nackt im Weltraum, er allein Sonne
und Mond gegenber, und fhlte die Luft um sich dnn und eisig.

Und das Wunderliche war, da kein Erdbeben ihn in diese bange und
lebensgefhrliche Lage gebracht hatte, kein Gott und kein Teufel, sondern
er allein, er selber! Seine eigene Tat hatte ihn hierher geschleudert, hier
allein mitten in die fremde Unendlichkeit gestellt. In ihm selbst war alles
gewachsen und entstanden, in seinem eigenen Herzen war das Schicksal gro
geworden, Verbrechen und Auflehnung, Wegwerfen heiliger Pflichten, Sprung
in den Weltenraum, Ha gegen sein Weib, Flucht, Vereinsamung und vielleicht
Selbstmord. Andere mochten wohl auch Schlimmes und Umstrzendes erlebt
haben, durch Brand und Krieg, durch Unfall und bsen Willen anderer -- er
jedoch, der Verbrecher Klein, konnte sich auf nichts dergleichen berufen,
auf nichts hinausreden, nichts verantwortlich machen, hchstens vielleicht
seine Frau. Ja, sie, sie allerdings konnte und mute herangezogen und
verantwortlich gemacht werden, auf sie konnte er deuten, wenn einmal
Rechenschaft von ihm verlangt wurde!

Ein groer Zorn brannte in ihm auf, und mit einemmal fiel ihm etwas ein,
brennend und tdlich, ein Knuel von Vorstellungen und Erlebnissen. Es
erinnerte ihn an den Traum vom Automobil, und an den Sto, den er seinem
Feinde dort in den Bauch gegeben hatte.

Woran er sich nun erinnerte, das war ein Gefhl, oder eine Phantasie, ein
seltsamer und krankhafter Seelenzustand, eine Versuchung, ein wahnsinniges
Gelst, oder wie immer man es bezeichnen wollte. Es war die Vorstellung
oder Vision einer furchtbaren Bluttat, die er beging, indem er sein Weib,
seine Kinder und sich selbst ums Leben brachte. Mehrmals, so besann er sich
jetzt, whrend noch immer der Spiegel ihm sein gestempeltes, irres
Verbrechergesicht zeigte, -- mehrmals hatte er sich diesen vierfachen Mord
vorstellen mssen, vielmehr sich verzweifelt gegen diese hliche und
unsinnige Vision gewehrt, wie sie ihm damals erschienen war. Genau damals
hatten die Gedanken, Trume und qulenden Zustnde in ihm begonnen, so
schien ihm, welche dann mit der Zeit zu der Unterschlagung und zu seiner
Flucht gefhrt hatten. Vielleicht -- es war mglich -- war es nicht blo
die bergro gewordene Abneigung gegen seine Frau und sein Eheleben
gewesen, die ihn von Hause fortgetrieben hatte, sondern noch mehr die Angst
davor, da er eines Tages doch noch dies viel furchtbarere Verbrechen
begehen mchte: sie alle tten, sie schlachten und in ihrem Blut liegen
sehen. Und weiter: auch diese Vorstellung noch hatte eine Vorgeschichte.
Sie war zu Zeiten gekommen, wie etwa ein leichter Schwindelanfall, wo man
meint, sich fallen lassen zu mssen. Das Bild aber, die Mordtat, stammte
aus einer besonderen Quelle her! Unbegreiflich, da er das erst jetzt sah!

Damals, als er zum erstenmal die Zwangsvorstellung vom Tten seiner Familie
hatte, und ber diese teuflische Vision zu Tode erschrocken war, da hatte
ihn, gleichsam hhnisch, eine kleine Erinnerung heimgesucht. Es war diese:
Vor Jahren, als sein Leben anscheinend noch harmlos, ja beinahe glcklich
war, sprach er einmal mit Kollegen ber die Schreckenstat eines
sddeutschen Schullehrers namens W. (er kam nicht gleich auf den Namen),
der seine ganze Familie auf eine furchtbar blutige Weise abgeschlachtet und
dann die Hand gegen sich selber erhoben hatte. Es war die Frage gewesen,
wie weit bei einer solchen Tat von Zurechnungsfhigkeit die Rede sein
knne, und im weiteren darber, ob und wie man berhaupt eine solche Tat,
eine solche grausige Explosion menschlicher Scheulichkeit verstehen und
erklren knne. Er, Klein, war damals sehr erregt gewesen und hatte gegen
einen Kollegen, welcher jenen Totschlag psychologisch zu erklren
versuchte, beraus heftig geuert: einem so scheulichen Verbrechen
gegenber gebe es fr einen anstndigen Mann keine andere Haltung als
Entrstung und Abscheu, eine solche Bluttat knne nur im Gehirn eines
Teufels entstehen, und fr einen Verbrecher dieser Art sei berhaupt keine
Strafe, kein Gericht, keine Folter streng und schwer genug. Er erinnerte
sich noch heut genau des Tisches, an dem sie saen, und des verwunderten
und etwas kritischen Blickes, mit dem jener ltere Kollege ihn nach diesem
Ausbruch seiner Entrstung gestreift hatte.

Damals nun, als er sich selber zum erstenmal in einer hlichen Phantasie
als Mrder der Seinigen sah und er vor dieser Vorstellung mit einem
Schauder zurckschreckte, da war ihm dies um Jahre zurckliegende Gesprch
ber den Verwandtenmrder W. sofort wieder eingefallen. Und seltsam. Obwohl
er htte schwren knnen, da er damals vllig aufrichtig seine wahrste
Empfindung ausgesprochen habe, war jetzt in ihm innen eine hliche Stimme
da, die ihn verhhnte und ihm zurief: schon damals, schon damals vor Jahren
bei dem Gesprch ber den Schullehrer W. habe sein Innerstes dessen Tat
verstanden, verstanden und gebilligt, und seine so heftige Entrstung und
Erregung sei nur daraus entstanden, da der Philister und Heuchler in ihm
die Stimme des Herzens nicht habe gelten lassen wollen. Die furchtbaren
Strafen und Foltern, die er dem Gattenmrder wnschte, und die entrsteten
Schimpfworte, mit denen er dessen Tat bezeichnete, die hatte er eigentlich
gegen sich selber gerichtet, gegen den Keim zum Verbrechen, der gewi
damals schon in ihm war! Seine groe Erregung bei diesem ganzen Gesprch
und Anla war nur daher gekommen, da in Wirklichkeit er sich selbst sitzen
sah, der Bluttat angeklagt, und da er sein Gewissen zu retten suchte,
indem er auf sich selber jede Anklage und jedes schwere Urteil hufte. Als
ob er damit, mit diesem Wten gegen sich selbst, das heimliche
Verbrechertum in seinem Innern bestrafen oder bertuben knnte.

Soweit kam Klein mit seinen Gedanken, und er fhlte, da es sich da fr ihn
um Wichtiges, ja um das Leben selber handle. Aber es war unsglich mhsam,
diese Erinnerungen und Gedanken auseinanderzufdeln und zu ordnen. Eine
aufzuckende Ahnung letzter, erlsender Erkenntnisse unterlag der Mdigkeit
und dem Widerwillen gegen seine ganze Situation. Er stand auf, wusch sich
das Gesicht, ging barfu auf und ab, bis ihn frstelte, und dachte nun zu
schlafen.

Aber es kam kein Schlaf. Er lag unerbittlich seinen Empfindungen
ausgeliefert, lauter hlichen, schmerzenden und demtigenden Gefhlen: dem
Ha gegen seine Frau, dem Mitleid mit sich selber, der Ratlosigkeit, dem
Bedrfnis nach Erklrungen, Entschuldigungen, Trostgrnden. Und da ihm fr
jetzt keine andern Trostgrnde einfielen, und da der Weg zum Verstndnis so
tief und schonungslos in die heimlichsten und gefhrlichsten Dickichte
seiner Erinnerungen fhrte, und der Schlaf nicht wieder kommen wollte, lag
er den Rest der Nacht in einem Zustande, den er in diesem hlichen Grad
noch nicht gekannt hatte. Alle die widerlichen Gefhle, die in ihm
stritten, vereinigten sich zu einer furchtbaren, erstickenden, tdlichen
Angst, zu einem teuflischen Alpdruck auf Herz und Lunge, der sich immer von
neuem bis an die Grenze des Unertrglichen steigerte. Was Angst war, hatte
er ja lngst gewut, seit Jahren schon, und seit den letzten Wochen und
Tagen erst! Aber so hatte er sie noch nie an der Kehle gefhlt! Zwanghaft
mute er an die wertlosesten Dinge denken, an einen vergessenen Schlssel,
an die Hotelrechnung, und daraus Berge von Sorgen und peinlichen
Erwartungen schaffen. Die Frage, ob dies schbige Zimmerchen fr die Nacht
wohl mehr als dreieinhalb Franken kosten wrde, und ob er in diesem Fall
noch lnger im Hause bleiben solle, hielt ihn wohl eine Stunde lang in
Atem, Schwei und Herzklopfen. Dabei wute er genau, wie dumm diese
Gedanken seien, und sprach immer wieder sich selbst vernnftig und
begtigend zu, wie einem trotzigen Kind, rechnete sich an den Fingern die
vllige Haltlosigkeit seiner Sorgen vor -- vergebens, vollkommen vergebens!
Vielmehr dmmerte auch hinter diesem Trsten und Zureden etwas wie blutiger
Hohn auf, als sei auch das blo Getue und Theater, gerade so wie damals
sein Getue wegen dem Mrder W. Da die Todesangst, da dies grauenhafte
Gefhl einer Umschnrung und eines Verurteiltseins zu qualvollem Ersticken
nicht von der Sorge um die paar Franken oder von hnlichen Ursachen
herkomme, war ihm ja klar. Dahinter lauerte Schlimmeres, Ernsteres -- aber
was? Es muten Dinge sein, die mit dem blutigen Schullehrer, mit seinen
eigenen Mordwnschen und mit allem Kranken und Ungeordneten in ihm zu tun
hatten. Aber wie daran rhren? Wie den Grund finden? Da gab es keine Stelle
in ihm innen, die nicht blutete, die nicht krank und faul und wahnsinnig
schmerzempfindlich war. Er sprte: Lange war das nicht zu ertragen. Wenn es
so weiter ging, und namentlich wenn noch manche solche Nchte kamen, dann
wurde er wahnsinnig oder nahm sich das Leben.

Angespannt setzte er sich im Bett aufrecht und suchte das Gefhl seiner
Lage auszuschpfen, um einmal damit fertig zu werden. Aber es war immer
dasselbe: Einsam und hilflos sa er, mit fieberndem Kopf und schmerzlichem
Herzdruck, in Todesbangigkeit dem Schicksal gegenber wie ein Vogel der
Schlange, festgebannt und von Furcht verzehrt. Schicksal, das wute er
jetzt, kam nicht von irgendwo her, es wuchs im eigenen Innern. Wenn er kein
Mittel dagegen fand, so fra es ihn auf -- dann war ihm beschieden, Schritt
fr Schritt von der Angst, von dieser grauenhaften Angst verfolgt und aus
seiner Vernunft verdrngt zu werden, Schritt fr Schritt, bis er am Rande
stand, den er schon nahe fhlte.

Verstehen knnen -- das wre gut, das wre vielleicht die Rettung! Er war
noch lange nicht am Ende mit dem Erkennen seiner Lage und dessen, was mit
ihm vorgegangen war. Er stand noch ganz im Anfang, das fhlte er wohl. Wenn
er sich jetzt zusammenraffen und alles ganz genau zusammenfassen, ordnen
und berlegen knnte, dann wrde er vielleicht den Faden finden. Das Ganze
wrde einen Sinn und ein Gesicht bekommen und wrde dann vielleicht zu
ertragen sein. Aber diese Anstrengung, dieses letzte Sichaufraffen war ihm
zu viel, es ging ber seine Krfte, er konnte einfach nicht. Je
angespannter er zu denken versuchte, desto schlechter ging es, er fand
statt Erinnerungen und Erklrungen in sich nur leere Lcher, nichts fiel
ihm ein, und dabei verfolgte ihn schon wieder die qulende Angst, er mchte
gerade das Wichtigste vergessen haben. Er strte und suchte in sich herum
wie ein nervser Reisender, der alle Taschen und Koffer nach seiner
Fahrkarte durchwhlt, die er vielleicht am Hut oder gar in der Hand hat.
Aber was half es, das Vielleicht?

Vorher, vor einer Stunde oder lnger -- hatte er da nicht eine Erkenntnis
gehabt, einen Fund getan? Was war es gewesen, was? Es war fort, er fand es
nicht wieder. Verzweifelnd schlug er sich mit der Faust an die Stirn. Gott
im Himmel, la mich den Schlssel finden! La mich nicht so umkommen, so
jammervoll, so dumm, so traurig! In Fetzen gelst wie Wolkentreiben im
Sturm floh seine ganze Vergangenheit an ihm vorber, Millionen Bilder,
durcheinander und bereinander, unkenntlich und hhnend, jedes an irgend
etwas erinnernd -- an was? An was?

Pltzlich fand er den Namen Wagner auf seinen Lippen. Wie bewutlos
sprach er ihn aus: Wagner -- Wagner. Wo kam der Name her? Aus welchem
Schacht? Was wollte er? Wer war Wagner? Wagner?

Er bi sich an den Namen fest. Er hatte eine Aufgabe, ein Problem, das war
besser als dies Hangen im Gestaltlosen. Also: Wer ist Wagner? Was geht mich
Wagner an? Warum sagen meine Lippen, die verzogenen Lippen in meinem
Verbrechergesicht, jetzt in der Nacht den Namen Wagner vor sich hin? Er
nahm sich zusammen. Allerlei fiel ihm ein. Er dachte an Lohengrin, und
damit an das etwas unklare Verhltnis, das er zu dem Musiker Wagner hatte.
Er hatte ihn, als Zwanzigjhriger, rasend geliebt. Spter war er
mitrauisch geworden, und mit der Zeit hatte er gegen ihn eine Menge von
Einwnden und Bedenken gefunden. An Wagner hatte er viel herumkritisiert,
und vielleicht galt diese Kritik weniger dem Richard Wagner selbst als
seiner eigenen, einstigen Liebe zu ihm? Haha, hatte er sich wieder
erwischt? Hatte er da wieder einen Schwindel aufgedeckt, eine kleine Lge,
einen kleinen Unrat? Ach ja, es kam einer um den andern zum Vorschein -- in
dem tadellosen Leben des Beamten und Gatten Friedrich Klein war es gar
nicht tadellos, gar nicht sauber gewesen, in jeder Ecke lag ein Hund
begraben! Ja, richtig, also so war es auch mit Wagner. Der Komponist
Richard Wagner wurde von Friedrich Klein scharf beurteilt und gehat.
Warum? Weil Friedrich Klein es sich selber nicht verzeihen konnte, da er
als junger Mensch fr diesen selben Wagner geschwrmt hatte. In Wagner
verfolgte er nun seine eigne Jugendschwrmerei, seine eigne Jugend, seine
eigne Liebe. Warum? Weil Jugend und Schwrmerei und Wagner und all das ihn
peinlich an Verlorenes erinnerten, weil er sich von einer Frau hatte
heiraten lassen, die er nicht liebte, oder doch nicht richtig, nicht genug.
Ach, und so, wie er gegen Wagner verfuhr, so verfuhr der Beamte Klein noch
gegen viele und vieles. Er war ein braver Mann, der Herr Klein, und hinter
seiner Bravheit versteckte er nichts als Unflat und Schande! Ja, wenn er
ehrlich sein wollte -- wieviel heimliche Gedanken hatte er vor sich selber
verbergen mssen! Wieviel Blicke nach hbschen Mdchen auf der Gasse,
wieviel Neid gegen Liebespaare, die ihm abends begegneten, wenn er vom Amt
zu seiner Frau nach Hause ging! Und dann die Mordgedanken. Und hatte er
nicht den Ha, der ihm selber htte gelten sollen, auch gegen jenen
Schullehrer -- -- --

Er schrak pltzlich zusammen. Wieder ein Zusammenhang! Der Schullehrer und
Mrder hatte ja -- Wagner geheien! Also da sa der Kern! Wagner -- so hie
jener Unheimliche, jener wahnsinnige Verbrecher, der seine ganze Familie
umgebracht hatte. War nicht mit diesem Wagner irgendwie sein ganzes Leben
seit Jahren verknpft gewesen? Hatte nicht dieser ble Schatten ihn berall
verfolgt?

Nun, Gott sei Dank, der Faden war wieder gefunden. Ja, und ber diesen
Wagner hatte er einst, in langvergangener besserer Zeit, sehr zornig und
emprt gescholten und ihm die grausamsten Strafen gewnscht. Und dennoch
hatte er spter selber, ohne mehr an Wagner zu denken, denselben Gedanken
gehabt und hatte mehrmals in einer Art von Vision sich selber gesehen, wie
er seine Frau und seine Kinder ums Leben brachte.

Und war denn das nicht eigentlich sehr verstndlich? War es nicht richtig?
Konnte man nicht sehr leicht dahin kommen, da die Verantwortung fr das
Dasein von Kindern einem unertrglich wurde, ebenso unertrglich wie das
eigene Wesen und Dasein, das man nur als Irrtum, nur als Schuld und Qual
empfand?

Aufseufzend dachte er diesen Gedanken zu Ende. Es schien ihm jetzt ganz
gewi, da er schon damals, als er ihn zuerst erfuhr, im Herzen jenen
Wagnerschen Totschlag verstanden und gebilligt habe, gebilligt natrlich
nur als Mglichkeit. Schon damals, als er noch nicht sich unglcklich und
sein Leben verpfuscht fhlte, schon damals vor Jahren, als er noch meinte,
seine Frau zu lieben und an ihre Liebe glaubte, schon damals hatte sein
Innerstes den Schullehrer Wagner verstanden und seinem entsetzlichen
Schlachtopfer heimlich zugestimmt. Was er damals sagte und meinte, war
immer nur die Meinung seines Verstandes gewesen, nicht die seines Herzens.
Sein Herz -- jene innerste Wurzel in ihm, aus der das Schicksal wuchs --
hatte schon immer und immer eine andere Meinung gehabt, es hatte Verbrechen
begriffen und gebilligt. Es waren immer zwei Friedrich Klein dagewesen, ein
sichtbarer und ein heimlicher, ein Beamter und ein Verbrecher, ein
Familienvater und ein Mrder.

Damals aber war er im Leben stets auf der Seite des bessern Ich
gestanden, des Beamten und anstndigen Menschen, des Ehemannes und
rechtlichen Brgers. Die heimliche Meinung seines Innersten hatte er nie
gebilligt, er hatte sie nicht einmal gekannt. Und doch hatte diese innerste
Stimme ihn unvermerkt geleitet und schlielich zum Flchtling und
Verworfenen gemacht!

Dankbar hielt er diesen Gedanken fest. Da war doch ein Stck
Folgerichtigkeit, etwas wie Vernunft. Es gengte noch nicht, es blieb alles
Wichtige noch so dunkel, aber eine gewisse Helligkeit, eine gewisse
Wahrheit war doch gewonnen. Und Wahrheit -- das war es, worauf es ankam.
Wenn ihm nur das kurze Ende des Fadens nicht wieder verlorenging!

Zwischen Wachen und Schlaf vor Erschpfung fiebernd, immer an der Grenze
zwischen Gedanke und Traum, verlor er hundertmal den Faden wieder, fand ihn
hundertmal neu. Bis es Tag war und der Gassenlrm zum Fenster hereinscholl.


II

Den Vormittag lief Klein durch die Stadt. Er kam vor ein Hotel, dessen
Garten ihm gefiel, ging hinein, sah Zimmer an und mietete eines. Erst im
Weggehen sah er sich nach dem Namen des Hauses um und las: Hotel
Kontinental. War ihm dieser Name nicht bekannt? Nicht vorausgesagt worden?
Ebenso wie Hotel Milano? Er gab es indessen bald auf, zu suchen, und war
zufrieden in der Atmosphre von Fremdheit, Spiel und eigentmlicher
Bedeutsamkeit, in die sein Leben geraten schien.

Der Zauber von gestern kam allmhlich wieder. Es war sehr gut, da er im
Sden war, dachte er dankbar. Er war gut gefhrt worden. Wre dies nicht
gewesen, dieser liebenswerte Zauber berall, dies ruhige Schlendern und
Sichvergessenknnen, dann wre er Stunde um Stunde vor dem furchtbaren
Gedankenzwang gestanden und wre verzweifelt. So aber gelang es ihm,
stundenlang in angenehmer Mdigkeit dahin zu vegetieren, ohne Zwang, ohne
Angst, ohne Gedanken. Das tat ihm wohl. Es war sehr gut, da es diesen
Sden gab, und da er ihn sich verordnet hatte. Der Sden erleichterte das
Leben. Er trstete. Er betubte.

Auch jetzt am hellen Tage sah die Landschaft unwahrscheinlich und
phantastisch aus, die Berge waren alle zu nah, zu steil, zu hoch, wie von
einem etwas verschrobenen Maler erfunden. Schn aber war alles Nahe und
Kleine: ein Baum, ein Stck Ufer, ein Haus in schnen heitern Farben, eine
Gartenmauer, ein schmales Weizenfeld unter Reben stehend, klein und
gepflegt wie ein Hausgarten. Dies alles war lieb und freundlich, heiter und
gesellig, es atmete Gesundheit und Vertrauen. Diese kleine, freundliche,
wohnliche Landschaft samt ihren stillheitern Menschen konnte man lieben.
Etwas lieben zu knnen -- welche Erlsung!

Mit dem leidenschaftlichen Willen, zu vergessen und sich zu verlieren,
schwamm der Leidende, auf der Flucht vor den lauernden Angstgefhlen,
hingegeben durch die fremde Welt. Er schlenderte ins Freie, in das
anmutige, fleiig bestellte Bauernland hinein. Es erinnerte ihn nicht an
das Land und Bauerntum seiner Heimat, sondern mehr an Homer und an die
Rmer, er fand etwas Uraltes, Kultiviertes und doch Primitives darin, eine
Unschuld und Reife, die der Norden nicht hat. Die kleinen Kapellen und
Bildstcke, die farbig und zum Teil zerfallend, fast alle von Kindern mit
Feldblumen geschmckt, berall an den Wegen zu Ehren von Heiligen standen,
schienen ihm denselben Sinn zu haben und vom selben Geist zu stammen wie
die vielen kleinen Tempel und Heiligtmer der Alten, die in jedem Hain,
Quell und Berg eine Gottheit verehrten und deren heitere Frmmigkeit nach
Brot und Wein und Gesundheit duftete. Er kehrte in die Stadt zurck, lief
unter hallenden Arkaden, ermdete sich auf rauhem Steinpflaster, blickte
neugierig in offene Lden und Werksttten, kaufte italienische Zeitungen,
ohne sie zu lesen, und geriet endlich mde in einen herrlichen Park am See.
Hier schlenderten Kurgste und saen lesend auf Bnken, und alte ungeheure
Bume hingen wie in ihr Spiegelbild verliebt berm schwarzgrnen Wasser,
das sie dunkel berwlbten. Unwahrscheinliche Gewchse, Schlangenbume und
Perckenbume, Korkeichen und andre Seltsamkeiten standen frech oder
ngstlich oder trauernd im Rasen, der voll Blumen war, und an den fernen
jenseitigen Seeufern schwammen wei und rosig lichte Drfer und Landhuser.

Als er auf einer Bank zusammengesunken sa und nah am Einnicken war, ri
ein fester elastischer Schritt ihn wach. Auf hohen rotbraunen
Schnrstiefeln, im kurzen Rock ber dnnen durchbrochenen Strmpfen lief
eine Frau vorbei, ein Mdchen, krftig und taktfest, sehr aufrecht und
herausfordernd, elegant, hochmtig, ein khles Gesicht mit geschminkter
Lippenrte und einem hohen dichten Haarbau von hellem, metallischem Gelb.
Ihr Blick traf ihn im Vorbeigehen eine Sekunde, sicher und abschtzend wie
die Blicke der Portiers und Boys im Hotel, und lief gleichgltig weiter.

Allerdings, dachte Klein, sie hat recht, ich bin kein Mensch, den man
beachtet. Unsereinem schaut so eine nicht nach. Dennoch tat die Krze und
Khle ihres Blickes ihm heimlich weh, er kam sich abgeschtzt und miachtet
vor von jemand, der nur Oberflche und Auenseite sah, und aus den Tiefen
seiner Vergangenheit wuchsen ihm Stacheln und Waffen empor, um sich gegen
sie zu wehren. Schon war vergessen, da ihr feiner belebter Schuh, ihr so
sehr elastischer und sicherer Gang, ihr straffes Bein im dnnen
Seidenstrumpf ihn einen Augenblick gefesselt und beglckt hatte.
Ausgelscht war das Rauschen ihres Kleides und der dnne Wohlgeruch, der an
ihr Haar und an ihre Haut erinnerte. Weggeworfen und zerstampft war der
schne holde Hauch von Geschlecht und Liebesmglichkeit, der ihn von ihr
gestreift hatte. Statt dessen kamen viele Erinnerungen. Wie oft hatte er
solche Wesen gesehn, solche junge, sichere und herausfordernde Personen,
seien es nun Dirnen oder eitle Gesellschaftsweiber, wie oft hatte ihre
schamlose Herausforderung ihn gergert, ihre Sicherheit ihn irritiert, ihr
khles, brutales Sichzeigen ihn angewidert! Wie manchmal hatte er, auf
Ausflgen und in stdtischen Restaurants, die Emprung seiner Frau ber
solche unweibliche und hetrenhafte Wesen von Herzen geteilt!

Mimutig streckte er die Beine von sich. Dieses Weib hatte ihm seine gute
Stimmung verdorben! Er fhlte sich rgerlich, gereizt und benachteiligt, er
wute: wenn diese mit dem gelben Haar nochmals vorberkommen und ihn
nochmals mustern wrde, dann wrde er rot werden und sich in seinen
Kleidern, seinem Hut, seinen Schuhen, seinem Gesicht, Haar und Bart
unzulnglich und minderwertig vorkommen! Hole sie der Teufel! Schon dies
gelbe Haar! Es war falsch, es gab nirgends in der Welt so gelbe Haare.
Geschminkt war sie auch. Wie nur ein Mensch sich dazu hergeben konnte,
seine Lippen mit Schminke anzumalen -- negerhaft! Und solche Leute liefen
herum, als gehrte ihnen die Welt, sie besaen das Auftreten, die
Sicherheit, die Frechheit und verdarben anstndigen Leuten die Freude.

Mit den wieder aufwogenden Gefhlen von Unlust, rger und Befangenheit kam
abermals ein Schwall von Vergangenheit heraufgekocht, und pltzlich
dazwischen der Einfall: du berufst dich ja auf deine Frau, du gibst ihr ja
recht, du ordnest dich ihr wieder unter! Einen Augenblick lang berflo ihn
ein Gefhl wie: ich bin ein Esel, da ich noch immer mich unter die
anstndigen Menschen rechne, ich bin ja keiner mehr, ich gehre gerade so
wie diese Gelbe zu einer Welt, die nicht mehr meine frhere und nicht mehr
die anstndige ist, in eine Welt, wo anstndig oder unanstndig nichts mehr
bedeutet, wo jeder fr sich das schwere Leben zu leben sucht. Einen
Augenblick lang empfand er, da seine Verachtung fr die Gelbe ebenso
oberflchlich und unaufrichtig war wie seine einstige Emprung ber den
Schullehrer und Mrder Wagner, und auch seine Abneigung gegen den andern
Wagner, dessen Musik er einst als allzu sinnenschwl empfunden hatte. Eine
Sekunde lang tat sein verschtteter Sinn, sein verlorengegangenes Ich die
Augen auf und sagte ihm mit seinem alleswissenden Blick, da alle Emprung,
aller rger, alle Verachtung ein Irrtum und eine Kinderei sei und auf den
armen Kerl von Verchter zurckfalle.

Dieser gute, alleswissende Sinn sagte ihm auch, da er hier wieder vor
einem Geheimnis stehe, dessen Deutung fr sein Leben wichtig sei, da diese
Dirne oder Weltdame, da dieser Duft von Eleganz, Verfhrung und Geschlecht
ihm keineswegs zuwider und beleidigend sei, sondern da er sich diese
Urteile nur eingebildet und eingehmmert habe, aus Angst vor seiner
wirklichen Natur, aus Angst vor Wagner, aus Angst vor dem Tier oder Teufel,
den er in sich entdecken konnte, wenn er einmal die Fesseln und
Verkleidungen seiner Sitte und Brgerlichkeit abwrfe. Blitzhaft zuckte
etwas wie Lachen, wie Hohnlachen in ihm auf, das aber alsbald wieder
schwieg. Es siegte wieder das Migefhl. Es war unheimlich, wie jedes
Erwachen, jede Erregung, jeder Gedanke ihn immer wieder unfehlbar dorthin
traf, wo er schwach und nur zu Qualen fhig war. Nun sa er wieder mitten
darin und hatte es mit seinem fehlgeratenen Leben, mit seiner Frau, mit
seinem Verbrechen, mit der Hoffnungslosigkeit seiner Zukunft zu tun. Angst
kam wieder, das allwissende Ich sank unter wie ein Seufzer, den niemand
hrt. O welche Qual! Nein, daran war nicht die Gelbe schuld. Und alles, was
er gegen sie empfand, tat ihr ja nicht weh, traf nur ihn selber.

Er stand auf und fing zu laufen an. Frher hatte er oft geglaubt, er fhre
ein ziemlich einsames Leben, und hatte sich mit einiger Eitelkeit eine
gewisse resignierte Philosophie zugeschrieben, galt auch unter seinen
Kollegen fr einen Gelehrten, Leser und heimlichen Schngeist. Mein Gott,
er war nie einsam gewesen! Er hatte mit den Kollegen, mit seiner Frau, mit
den Kindern, mit allen mglichen Leuten geredet, und der Tag war dabei
vergangen und die Sorgen ertrglich geworden. Und auch wenn er allein
gewesen war, war es keine Einsamkeit gewesen. Er hatte die Meinungen, die
ngste, die Freuden, die Trstungen vieler geteilt, einer ganzen Welt.
Stets war um ihn her und bis in ihn hinein Gemeinsamkeit gewesen, und auch
noch im Alleinsein, im Leid und in der Resignation hatte er stets einer
Schar und Menge angehrt, einem schtzenden Verband, der Welt der
Anstndigen, Ordentlichen und Braven. Jetzt aber, jetzt schmeckte er
Einsamkeit. Jeder Pfeil fiel auf ihn selber, jeder Trostgrund erwies sich
als sinnlos, jede Flucht vor der Angst fhrte nur in jene Welt hinber, mit
der er gebrochen hatte, die ihm zerbrochen und entglitten war. Alles, was
sein Leben lang gut und richtig gewesen war, war es jetzt nicht mehr. Alles
mute er aus sich selber holen, niemand half ihm. Und was fand er denn in
sich selber? Ach, Unordnung und Zerrissenheit!

Ein Automobil, dem er auswich, lenkte seine Gedanken ab, warf ihnen neues
Futter zu; er fhlte im unausgeschlafenen Schdel Leere und Schwindel.
Automobil, dachte er, oder sagte es, und wute nicht, was es bedeute. Da
sah er, einen Augenblick im Schwchegefhl die Augen schlieend, ein Bild
wieder, das ihm bekannt schien, das ihn erinnerte und seinen Gedanken neues
Blut zufhrte. Er sah sich auf einem Auto sitzen und es steuern, das war
ein Traum, den er einmal getrumt hatte. In jenem Traumgefhl, da er den
Lenker hinabgestoen und sich selber der Steuerung bemchtigt hatte, war
etwas wie Befreiung und Triumph gewesen. Es gab da einen Trost, irgendwo,
schwer zu finden. Aber es gab einen. Es gab, und sei es auch nur in der
Phantasie oder im Traum, die wohlttige Mglichkeit, sein Fahrzeug ganz
allein zu steuern, jeden andern Fhrer hohnlachend vom Bock zu werfen, und
wenn das Fahrzeug dann auch Sprnge machte und ber Trottoirs oder in
Huser und Menschen hineinfuhr, so war es doch kstlich und war viel
besser, als geschtzt unter fremder Fhrung zu fahren und ewig ein Kind zu
bleiben.

Ein Kind! Er mute lcheln. Es fiel ihm ein, da er als Kind und Jngling
seinen Namen Klein manchmal verflucht und gehat hatte. Jetzt hie er nicht
mehr so. War das nicht von Bedeutung -- ein Gleichnis, ein Symbol? Er hatte
aufgehrt, klein und ein Kind zu sein und sich von andern fhren zu lassen.

Im Hotel trank er zu seinem Essen einen guten, sanften Wein, den er auf gut
Glck bestellt hatte und dessen Namen er sich merkte. Wenige Dinge gab es,
die einem halfen, wenige, die trsteten und das Leben erleichterten; diese
wenigen Dinge zu kennen war wichtig. Dieser Wein war so ein Ding, und die
sdliche Luft und Landschaft war eines. Was noch? Gab es noch andre? Ja,
das Denken war auch so ein trstliches Ding, das einem wohltat und leben
half. Aber nicht jedes Denken! O nein, es gab ein Denken, das war Qual und
Wahnsinn. Es gab ein Denken, das whlte schmerzvoll im Unabnderlichen und
fhrte zu nichts als Ekel, Angst und Lebensberdru. Ein anderes Denken war
es, das man suchen und lernen mute. War es berhaupt ein Denken? Es war
ein Zustand, eine innere Verfassung, die immer nur Augenblicke dauerte und
durch angestrengtes Denkenwollen nur zerstrt wurde. In diesem hchst
wnschenswerten Zustand hatte man Einflle, Erinnerungen, Visionen,
Phantasien, Einsichten von besonderer Art. Der Gedanke (oder Traum) vom
Automobil war von dieser Art, von dieser guten und trstlichen Art, und die
pltzlich gekommene Erinnerung an den Totschlger Wagner und an jenes
Gesprch, das er vor Jahren ber ihn gefhrt hatte. Der seltsame Einfall
mit dem Namen Klein war auch so. Bei diesen Gedanken, diesen Einfllen wich
fr Augenblicke die Angst und das scheuliche Unwohlsein einer rasch
aufleuchtenden Sicherheit -- es war dann, als sei alles gut, das Alleinsein
war stark und stolz, die Vergangenheit berwunden, die kommende Stunde ohne
Schrecken.

Er mute das noch erfassen, es mute sich begreifen und lernen lassen! Er
war gerettet, wenn es ihm gelang, hufig Gedanken von jener Art in sich zu
finden, in sich zu pflegen und hervorzurufen. Und er sann und sann. Er
wute nicht, wie er den Nachmittag verbrachte, die Stunden schmolzen ihm
weg wie im Schlaf, und vielleicht schlief er auch wirklich, wer wollte das
wissen. Immerzu kreisten seine Gedanken um jenes Geheimnis. Er dachte sehr
viel und mhsam ber seine Begegnung mit der Gelben nach. Was bedeutete
sie? Wie kam es, da in ihm diese flchtige Begegnung, das sekundenkurze
Wechseln eines Blickes mit einem fremden, schnen, aber ihm unsympathischen
Weibe fr lange Stunden zur Quelle von Gedanken, von Gefhlen, von
Erregungen, Erinnerungen, Selbstpeinigungen, Anklagen wurde? Wie kam das?
Ging das andern auch so? Warum hatte die Gestalt, der Gang, das Bein, der
Schuh und Strumpf der Gelben ihn einen winzigen Moment entzckt? Warum
hatte dann ihr khl abwgender Blick ihn so sehr ernchtert? Warum hatte
dieser fatale Blick ihn nicht blo ernchtert und aus der kurzen erotischen
Bezauberung geweckt, sondern ihn auch beleidigt, emprt und vor sich selbst
entwertet? Warum hatte er gegen diesen Blick lauter Worte und Erinnerungen
ins Feld gefhrt, welche seiner einstigen Welt angehrten, Worte die keinen
Sinn mehr hatten, Grnde an die er nicht mehr glaubte? Er hatte Urteile
seiner Frau, Worte seiner Kollegen, Gedanken und Meinungen seines einstigen
Ich, des nicht mehr vorhandenen Brgers und Beamten Klein, gegen jene gelbe
Dame und ihren unangenehmen Blick aufgeboten, er hatte das Bedrfnis
gehabt, sich gegen diesen Blick mit allen erdenklichen Mitteln zu
rechtfertigen, und hatte einsehen mssen, da seine Mittel lauter alte
Mnzen waren, welche nicht mehr galten. Und aus allen diesen langen,
peinlichen Erwgungen war ihm nichts geworden als Beklemmung, Unruhe und
leidvolles Gefhl des eigenen Unwerts! Nur einen einzigen Moment aber hatte
er jenen andren, so sehr zu wnschenden Zustand wieder empfunden, einen
Moment lang hatte er innerlich zu all jenen peinlichen Erwgungen den Kopf
geschttelt und es besser gewut. Er hatte gewut, eine Sekunde lang: Meine
Gedanken ber die Gelbe sind dumm und unwrdig, Schicksal steht ber ihr
wie ber mir, Gott liebt sie, wie er mich liebt.

Woher war diese holde Stimme gekommen? Wo konnte man sie wiederfinden, wie
sie wieder herbeilocken, auf welchem Ast sa dieser seltne, scheue Vogel?
Diese Stimme sprach die Wahrheit, und Wahrheit war Wohltat, Heilung,
Zuflucht. Diese Stimme entstand, wenn man im Herzen mit dem Schicksal einig
war und sich selber liebte; sie war Gottes Stimme, oder war die Stimme des
eigenen, wahrsten, innersten Ich, jenseits von allen Lgen,
Entschuldigungen und Komdien.

Warum konnte er diese Stimme nicht immer hren? Warum flog die Wahrheit an
ihm immer vorbei wie ein Gespenst, das man nur mit halbem Blick im
Vorbeihuschen sehen kann und das verschwindet, wenn man den vollen Blick
darauf richtet? Warum sah er wieder und wieder diese Glckspforte
offenstehen, und wenn er hineinwollte, war sie doch geschlossen!

In seinem Zimmer aus einem Schlummer aufwachend, griff er nach einem
Bndchen Schopenhauer, das auf dem Tischchen lag und das ihn meistens auf
Reisen begleitete. Er schlug blindlings auf und las einen Satz: Wenn wir
auf unsern zurckgelegten Lebensweg zurcksehn und zumal unsre
unglcklichen Schritte, nebst ihren Folgen, ins Auge fassen, so begreifen
wir oft nicht, wie wir haben dieses tun, oder jenes unterlassen knnen; so
da es aussieht, als htte eine fremde Macht unsre Schritte gelenkt. Goethe
sagt im Egmont: Es glaubt der Mensch sein Leben zu leiten, sich selbst zu
fhren; und sein Innerstes wird unwiderstehlich nach seinem Schicksal
gezogen. -- Stand da nicht etwas, was ihn anging? Was mit seinen heutigen
Gedanken nah und innig zusammenhing? -- Begierig las er weiter, doch es kam
nichts mehr, die folgenden Zeilen und Stze lieen ihn unberhrt. Er legte
das Buch weg, sah auf die Taschenuhr, fand sie unaufgezogen und abgelaufen,
stand auf und blickte durchs Fenster, es schien gegen Abend zu sein.

Er fhlte sich etwas angegriffen wie nach starker geistiger Anstrengung,
aber nicht unangenehm und fruchtlos erschpft, sondern sinnvoll ermdet wie
nach befriedigender Arbeit. Ich habe wohl eine Stunde oder mehr geschlafen,
dachte er, und trat vor den Spiegelschrank, um sein Haar zu brsten. Es war
ihm seltsam frei und wohl zumute, und im Spiegel sah er sich lcheln! Sein
bleiches, beranstrengtes Gesicht, das er seit langem nur noch verzerrt und
starr und irr gesehen hatte, stand in einem sanften, freundlichen, guten
Lcheln. Verwundert schttelte er den Kopf und lchelte sich selber zu.

Er ging hinab, im Restaurant wurde an einigen Tischen schon soupiert. Hatte
er nicht eben erst gegessen? Einerlei, er hatte groe Lust, es sofort
wieder zu tun, und er bestellte, mit Eifer den Kellner befragend, eine gute
Mahlzeit.

Will der Herr vielleicht heut abend nach Castiglione fahren? fragte ihn
der Kellner beim Vorlegen. Es geht ein Motorboot vom Hotel.

Klein dankte mit Kopfschtteln. Nein, solche Hotelveranstaltungen waren
nichts fr ihn. -- Castiglione? Davon hatte er schon sprechen hren. Es war
ein Vergngungsort mit einer Spielbank, so etwas wie ein kleines Monte
Carlo. Lieber Gott, was sollte er dort tun?

Whrend der Kaffee gebracht wurde, nahm er aus dem Blumenstrau, der in
einer Kristallvase vor ihm stand, eine kleine weie Rose und steckte sie
an. Von einem Nebentische her streifte ihn der Rauch einer frisch
angezndeten Zigarre. Richtig, eine gute Zigarre wollte er auch haben.

Unschlssig stieg er dann vor dem Hause hin und her. Ganz gerne wre er
wieder in jene drfliche Gegend gegangen, wo er gestern abend beim Gesang
der Italienerin und dem magischen Funkentanz der Leuchtkfer zum erstenmal
die se Wirklichkeit des Sdens gesprt hatte. Aber es zog ihn auch zum
Park, an das schattig berlaubte stille Wasser, zu den seltsamen Bumen,
und wenn er die Dame mit dem gelben Haar wieder angetroffen htte, so wrde
ihr kalter Blick ihn jetzt nicht rgern noch beschmen. brigens -- wie
unausdenklich lang war es seit gestern! Wie fhlte er sich in diesem Sden
schon heimisch! Wieviel hatte er erlebt, gedacht, erfahren!

Er schlenderte eine Strae weit, umflossen von einem guten, sanften
Sommerabendwind. Nachtfalter kreisten leidenschaftlich um die eben
entzndeten Straenlaternen, fleiige Leute schlossen spt ihre Geschfte
zu und klappten Eisenstangen vor die Lden, viele. Kinder trieben sich noch
herum und rannten bei ihren Spielen zwischen den kleinen Tischen der
Kaffees herum, an denen mitten auf der Strae Kaffee und Limonaden
getrunken wurden. Ein Marienbild in einer Wandnische lchelte im Schein
brennender Lichter. Auch auf den Bnken am See war noch Leben, wurde
gelacht, gestritten, gesungen, und auf dem Wasser schwamm hier und dort
noch ein Boot mit hemdrmeligen Ruderern und Mdchen in weien Blusen.

Klein fand leicht den Weg zum Park wieder, aber das hohe Tor stand
geschlossen. Hinter den hohen Eisenstangen stand die schweigende
Baumfinsternis fremd und schon voll Nacht und Schlaf. Er blickte lang
hinein. Dann lchelte er, und es wurde ihm nun erst der heimliche Wunsch
bewut, der ihn an diese Stelle vor das verschlossene Eisentor getrieben
hatte. Nun, es war einerlei, es ging auch ohne Park.

Auf einer Bank am See sa er friedlich und sah dem vorbertreibenden Volk
zu. Er entfaltete im hellen Laternenlicht eine italienische Zeitung und
versuchte zu lesen. Er verstand nicht alles, aber jeder Satz, den er zu
bersetzen vermochte, machte ihm Spa. Erst allmhlich begann er, ber die
Grammatik weg, auf den Sinn zu achten, und fand mit einem gewissen
Erstaunen, da der Artikel eine heftige, erbitterte Schmhung seines Volkes
und Vaterlandes war. Wie seltsam, dachte er, das alles gibt es noch! Die
Italiener schrieben ber sein Volk, genau so wie die heimischen Zeitungen
es immer ber Italien getan hatten, genau so richtend, genau so emprt,
genau so unfehlbar vom eigenen Recht und fremden Unrecht berzeugt! Auch
da diese Zeitung mit ihrem Ha und ihrem grausamen Aburteilen ihn nicht zu
empren und zu rgern vermochte, war ja seltsam. Oder nicht? Nein, wozu
sich empren? Das alles war ja die Art und Sprache einer Welt, zu der er
nicht mehr gehrte. Sie mochte die gute, die bessere, die richtige Welt
sein -- es war nicht mehr die seine.

Er lie die Zeitung auf der Bank liegen und ging weiter. Aus einem Garten
strahlten ber dicht blhende Rosenstmme hinweg hundert bunte Lichter.
Menschen gingen hinein, er schlo sich an, eine Kasse, Aufwrter, eine Wand
mit Plakaten. Mitten im Garten war ein Saal ohne Wnde, nur ein groes
Zeltdach, von welchem alle die zahllosen vielfarbigen Lampen niederhingen.
Viele halbbesetzte Gartentische fllten den lustigen Saal; im Hintergrunde
silbern, grn und rosa in grellen Farben glitzerte berhell eine schmale
erhhte Bhne. Unter der Rampe saen Musikanten, ein kleines Orchester.
Beschwingt und licht atmete die Flte in die bunte warme Nacht hinaus, die
Oboe satt und schwellend, das Cello sang dunkel, bang und warm. Auf der
Bhne darber sang ein alter Mann komische Lieder, sein gemalter Mund
lachte starr, in seinem kahlen bekmmerten Schdel spiegelte das ppige
Licht.

Klein hatte nichts dergleichen gesucht, einen Augenblick fhlte er etwas
wie Enttuschung und Kritik und die alte Scheu vor dem einsamen Sitzen
inmitten einer frohen und eleganten Menge; die knstliche Lustbarkeit
schien ihm schlecht in den duftenden Gartenabend zu stimmen. Doch setzte er
sich, und das aus so vielen buntfarbigen gedmpften Lampen niederrinnende
Licht vershnte ihn alsbald, es hing wie ein Zauberschleier ber dem
offenen Saal. Zart und innig glhte die kleine Musik herber, gemischt mit
dem Duft der vielen Rosen. Die Menschen saen heiter und geschmckt in
gedmpfter Frhlichkeit; ber Tassen, Flaschen und Eisbechern schwebten,
von dem milden farbigen Licht hold behaucht und bepudert, helle Gesichter
und schillernde Frauenhte, und auch das gelbe und rosige Eis in den
Bechern, die Glser mit roten, grnen, gelben Limonaden klangen in dem
Bilde festlich und juwelenhaft mit.

Niemand hrte dem Komiker zu. Der drftige Alte stand gleichgltig und
vereinsamt auf seiner Bhne und sang, was er gelernt hatte, das kstliche
Licht flo an seiner armen Gestalt herab. Er endete sein Lied und schien
zufrieden, da er gehen konnte. An den vordersten Tischen klatschten zwei,
drei Menschen mit den Hnden. Der Snger trat ab und erschien bald darauf
durch den Garten im Saale, an einem der ersten Tische beim Orchester nahm
er Platz. Eine junge Dame schenkte ihm Sodawasser in ein Glas, sie erhob
sich dabei halb, und Klein blickte hin. Es war die mit den gelben Haaren.

Jetzt tnte von irgendwo her eine schrille Klingel lang und dringlich, es
entstand Bewegung in der Halle. Viele gingen ohne Hut und Mantel hinaus.
Auch der Tisch beim Orchester leerte sich, die Gelbe lief mit den andern
hinaus, ihr Haar glnzte hell noch drauen in der Gartendmmerung. An ihrem
Tisch blieb nur der alte Snger sitzen.

Klein gab sich einen Sto und ging hinber. Er grte den Alten hflich,
der nickte nur.

Knnen Sie mir sagen, was dies Klingeln bedeutet? fragte Klein.

Pause, sagte der Komiker.

Und wohin sind all die Leute gegangen?

Spielen. Jetzt ist eine halbe Stunde Pause, und so lange kann man im
Kursaal drben spielen.

Danke. -- Ich wute nicht, da auch hier eine Spielbank ist.

Nicht der Rede wert. Nur fr Kinder, hchster Einsatz fnf Franken.

Danke sehr.

Er hatte schon wieder den Hut gezogen und sich umgedreht. Da fiel ihm ein,
er knnte den Alten nach der Gelben fragen. Der kannte sie.

Er zgerte, den Hut noch in der Hand. Dann ging er weg. Was wollte er
eigentlich? Was ging sie ihn an? Doch sprte er, sie ging ihn trotzdem an.
Es war nur Schchternheit, irgendein Wahn, eine Hemmung. Eine leise Welle
von Unmut stieg in ihm auf, eine dnne Wolke. Schwere war wieder im Anzug,
jetzt war er wieder befangen, unfrei, und ber sich selbst rgerlich. Es
war besser, er ging nach Hause. Was tat er hier, unter den vergngten
Leuten? Er gehrte nicht zu ihnen.

Ein Kellner, der Zahlung verlangte, strte ihn. Er war ungehalten.

Knnen Sie nicht warten, bis ich rufe?

Entschuldigen, ich dachte, der Herr wolle gehen. Mir ersetzt es niemand,
wenn einer drausluft.

Er gab mehr Trinkgeld, als ntig war.

Als er die Halle verlie, sah er aus dem Garten her die Gelbe zurckkommen.
Er wartete und lie sie an sich vorbergehen. Sie schritt aufrecht, stark
und leicht wie auf Federn. Ihr Blick traf ihn, khl, ohne Erkennen. Er sah
ihr Gesicht hell beleuchtet, ein ruhiges und kluges Gesicht, fest und bla,
ein wenig blasiert, der geschminkte Mund blutrot, graue Augen voll
Wachsamkeit, ein schnes, reich ausgeformtes Ohr, an dem ein grner
lnglicher Stein blitzte. Sie ging in weier Seide, der schlanke Hals sank
in Opalschatten hinab, von einer dnnen Kette mit grnen Steinen umspannt.

Er sah sie an, heimlich erregt, und wieder mit zwiespltigem Eindruck.
Etwas an ihr lockte, erzhlte von Glck und Innigkeit, duftete nach Fleisch
und Haar und gepflegter Schnheit, und etwas anderes stie ab, schien
unecht, lie Enttuschung frchten. Es war die alte, anerzogene und ein
Leben lang gepflegte Scheu vor dem, was er als dirnenhaft empfand, vor dem
bewuten Sichzeigen des Schnen, vor dem offenen Erinnern an Geschlecht und
Liebeskampf. Er sprte wohl, da der Zwiespalt in ihm selbst lag. Da war
wieder Wagner, da war wieder die Welt des Schnen, aber ohne Zucht, des
Reizenden, aber ohne Verstecktheit, ohne Scheu, ohne schlechtes Gewissen.
Da steckte ein Feind in ihm, der ihm das Paradies verbot.

Die Tische in der Halle wurden jetzt von Dienern umgestellt und ein freier
Raum in der Mitte geschaffen. Ein Teil der Gste war nicht wiedergekommen.

Dableiben, rief ein Wunsch in dem einsamen Mann. Er sprte voraus, was
fr eine Nacht ihm bevorstand, wenn er jetzt fortging. Eine Nacht wie die
vorige, wahrscheinlich eine noch schlimmere. Wenig Schlaf, mit bsen
Trumen, Hoffnungslosigkeit und Selbstqulerei, dazu das Geheul der Sinne,
der Gedanke an die Kette von grnen Steinen auf der weien und perlfarbigen
Frauenbrust. Vielleicht war schon bald, bald der Punkt erreicht, wo das
Leben nicht mehr auszuhalten war. Und er hing doch am Leben, sonderbar
genug. Ja, tat er das? Wre er denn sonst hier? Htte er seine Frau
verlassen, htte er die Schiffe hinter sich verbrannt, htte er diesen
ganzen bsartigen Apparat in Anspruch genommen, alle diese Schnitte ins
eigene Fleisch, und wre er schlielich in diesen Sden hergereist, wenn er
nicht am Leben hinge, wenn nicht Wunsch und Zukunft in ihm waren? Hatte er
es nicht heut gefhlt, klar und wunderschn, bei dem guten Wein, vor dem
geschlossenen Parktor, auf der Bank am Kai?

Er blieb und fand Platz am Tisch neben jenem, wo der Snger und die Gelbe
saen. Dort waren sechs, sieben Menschen beisammen, welche sichtlich hier
zu Hause waren, gewissermaen ein Teil dieser Veranstaltung und Lustbarkeit
waren. Er blickte bestndig zu ihnen hinber. Zwischen ihnen und den
Stammgsten dieses Gartens bestand Vertraulichkeit, auch die Leute vom
Orchester kannten sie und gingen an ihrem Tische ab und zu oder riefen
Witze herber, sie nannten die Kellner du und mit den Vornamen. Es wurde
deutsch, italienisch und franzsisch durcheinander gesprochen.

Klein betrachtete die Gelbe. Sie blieb ernst und khl, er hatte sie noch
nicht lcheln sehen, ihr beherrschtes Gesicht schien unvernderlich. Er
konnte sehen, da sie an ihrem Tische etwas galt, Mnner und Mdchen hatten
gegen sie einen Ton von kameradschaftlicher Achtung. Er hrte nun auch
ihren Namen nennen: Teresina. Er besann sich, ob sie schn sei, ob sie ihm
eigentlich gefalle. Er konnte es nicht sagen. Schn war ohne Zweifel ihr
Wuchs und ihr Gang, sogar ungewhnlich schn, ihre Haltung beim Sitzen und
die Bewegungen ihrer sehr gepflegten Hnde. An ihrem Gesicht und Blick aber
beschftigte und irritierte ihn die stille Khle, die Sicherheit und Ruhe
der Miene, das fast maskenhaft Starre. Sie sah aus wie ein Mensch, der
seinen eigenen Himmel und seine eigene Hlle hat, welche niemand mit ihm
teilen kann. Auch in dieser Seele, welche durchaus hart, sprde und
vielleicht stolz, ja bse schien, auch in dieser Seele mute Wunsch und
Leidenschaft brennen. Welcherlei Gefhle suchte und liebte sie, welche floh
sie? Wo waren ihre Schwchen, ihre ngste, ihr Verborgenes? Wie sah sie
aus, wenn sie lachte, wenn sie schlief, wenn sie weinte, wenn sie kte?

Und wie kam es, da sie nun seit einem halben Tage seine Gedanken
beschftigte, da er sie beobachten, sie studieren, sie frchten, sich ber
sie rgern mute, whrend er noch nicht einmal wute, ob sie ihm gefalle
oder nicht?

War sie vielleicht ein Ziel und Schicksal fr ihn? Zog eine heimliche Macht
ihn zu ihr, wie sie ihn nach dem Sden gezogen hatte? Ein eingeborener
Trieb, eine Schicksalslinie, ein lebenslanger unbewuter Drang? War die
Begegnung mit ihr ihm vorbestimmt? ber ihn verhngt?

Er hrte ein Bruchstck ihres Gesprchs mit angestrengtem Lauschen aus dem
vielstimmigen Geplauder heraus. Zu einem hbschen, geschmeidigen, eleganten
Jngling mit gewelltem schwarzen Haar und glattem Gesicht hrte er sie
sagen: Ich mchte noch einmal richtig spielen, nicht hier, nicht um
Pralins, drben in Castiglione oder in Monte Carlo. Und dann, auf seine
Antwort hin, nochmals: Nein, Sie wissen ja gar nicht, wie das ist! Es ist
vielleicht hlich, es ist vielleicht nicht klug, aber es ist hinreiend.

Nun wute er etwas von ihr. Es machte ihm groes Vergngen, sie beschlichen
und belauscht zu haben. Durch ein erleuchtetes kleines Fenster hatte er,
der Fremde, von auen her, auf Posten stehend, einen kurzen Spherblick in
ihre Seele werfen knnen. Sie hatte Wnsche. Sie wurde von Verlangen
geqult nach etwas, was erregend und gefhrlich war, nach etwas, an das man
sich verlieren konnte. Es war ihm lieb, das zu wissen. -- Und wie war das
mit Castiglione? Hatte er davon nicht heut schon einmal reden hren! Wann?
Wo?

Einerlei, er konnte jetzt nicht denken. Aber er hatte jetzt wieder, wie
schon mehrmals in diesen seltsamen Tagen, die Empfindung, da alles, was er
tat, hrte, sah und dachte, voll von Beziehung und Notwendigkeit war, da
ein Fhrer ihn leite, da lange, ferne Ursachenreihen ihre Frchte trugen.
Nun, mochten sie ihre Frchte tragen. Es war gut so.

Wieder berflog ihn ein Glcksgefhl, ein Gefhl von Ruhe und Sicherheit
des Herzens, wunderbar entzckend fr den, der die Angst und das Grauen
kennt. Er erinnerte sich eines Wortes aus seiner Knabenzeit. Sie hatten,
Schulknaben, miteinander darber gesprochen, wie es wohl die Seiltnzer
machen, da sie so sicher und angstlos auf dem Seil gehen konnten. Und
einer hatte gesagt: Wenn du auf dem Stubenboden einen Kreidestrich ziehst,
ist es grade so schwer, genau auf diesem Kreidestrich vorwrtszugehen, wie
auf dem dnnsten Seil. Und doch tut man es ruhig, weil keine Gefahr dabei
ist. Wenn du dir vorstellst, es sei blo ein Kreidestrich, und die Luft
daneben sei Fuboden, dann kannst du auf jedem Seil sicher gehen. Das fiel
ihm ein. Wie schn war das! War es bei ihm nicht vielleicht umgekehrt? Ging
es ihm nicht so, da er auch auf keinem ebenen Boden mehr ruhig und sicher
gehen konnte, weil er ihn fr ein Seil hielt?

Er war innig froh darber, da solche trstliche Sachen ihm einfallen
konnten, da sie in ihm schlummerten und je und je zum Vorschein kamen. In
sich innen trug man alles, worauf es ankam, von auen konnte niemand einem
helfen. Mit sich selbst nicht im Krieg liegen, mit sich selbst in Liebe und
Vertrauen leben -- dann konnte man alles. Dann konnte man nicht nur
seiltanzen, dann konnte man fliegen.

Eine Weile hing er, alles um sich her vergessend, diesen Gefhlen auf
weichen, schlpfrigen Pfaden der Seele in sich nachtastend wie ein Jger
und Pfadfinder, mit auf die Hand gesttztem Kopfe wie entrckt ber seinem
Tisch. In diesem Augenblick sah die Gelbe herber und sah ihn an. Ihr Blick
verweilte nicht lang, aber er las aufmerksam in seinem Gesicht, und als er
es fhlte und ihr entgegenblickte, sprte er etwas wie Achtung, etwas wie
Teilnahme und auch etwas wie Verwandtschaft. Diesmal tat ihr Blick ihm
nicht weh, tat ihm nicht Unrecht. Diesmal, so fhlte er, sah sie ihn, ihn
selbst, nicht seine Kleider und Manieren, seine Frisur und seine Hnde,
sondern das Echte, Unwandelbare, Geheimnisvolle an ihm, das Einmalige,
Gttliche, das Schicksal.

Er bat ihr ab, was er heut Bittres und Hliches ber sie gedacht hatte.
Aber nein, da war nichts abzubitten. Was er Bses und Trichtes ber sie
gedacht, gegen sie gefhlt hatte, das waren Schlge gegen ihn selbst
gewesen, nicht gegen sie. Nein, es war gut so.

Pltzlich erschreckte ihn der Wiederbeginn der Musik. Das Orchester stimmte
einen Tanz an. Aber die Bhne blieb leer und dunkel, statt auf sie waren
die Blicke der Gste nach dem leeren Viereck zwischen den Tischen
gerichtet. Er erriet, es wrde getanzt werden.

Aufblickend sah er am Nebentisch die Gelbe und den jungen bartlosen Elegant
sich erheben. Er lchelte ber sich, als er bemerkte, wie er auch gegen
diesen Jngling Widerstnde fhlte, wie er mit Widerwillen seine Eleganz,
seine sehr netten Manieren, sein hbsches Haar und Gesicht anerkannte. Der
Jngling bot ihr die Hand, fhrte sie in den freien Raum, ein zweites Paar
trat an, und nun tanzten die beiden Paare elegant, sicher und hbsch einen
Tango. Er verstand nicht viel davon, aber er sah bald, da Teresina
wunderbar tanze. Er sah: sie tat etwas, was sie verstand und bemeisterte,
was in ihr lag und natrlich aus ihr herauskam. Auch der Jngling mit dem
gewellten schwarzen Haar tanzte gut, sie paten zusammen. Ihr Tanz erzhlte
den Zuschauern lauter angenehme, lichte, einfache und freundliche Dinge.
Leicht und zart lagen ihre Hnde ineinander, willig und froh taten ihre
Knie, ihre Arme, ihre Fe und Leiber die zartkrftige Arbeit. Ihr Tanz
drckte Glck und Freude aus, Schnheit, Luxus, gute Lebensart und
Lebenskunst. Er drckte auch Liebe und Geschlechtlichkeit aus, aber nicht
wild und glhend, sondern eine Liebe voll Selbstverstndlichkeit, Naivitt
und Anmut. Sie tanzten den reichen Leuten, den Kurgsten das Schne vor,
das in deren Leben lag und das diese selber nicht ausdrcken und ohne eine
solche Hilfe nicht einmal empfinden konnten. Diese bezahlten, geschulten
Tnzer dienten der guten Gesellschaft zu einem Ersatz. Sie, die selber
nicht so gut und geschmeidig tanzten, die angenehme Spielerei ihres Lebens
nicht recht genieen konnten, lieen sich von diesen Leuten vortanzen, wie
gut sie es hatten. Aber das war es nicht allein. Sie lieen sich nicht nur
eine Schwerelosigkeit und heitere Selbstherrlichkeit des Lebens vorspielen,
sie wurden auch an Natur und Unschuld der Gefhle und Sinne gemahnt. Aus
ihrem berhasteten und berarbeiteten oder auch faulen und bersttigten
Leben, das zwischen wilder Arbeit, wildem Vergngen und erzwungener
Sanatoriumspnitenz pendelte, blickten sie lchelnd, dumm und heimlich
gerhrt auf den schnen Tanz dieser hbschen und gewandten jungen Menschen
wie auf einen holden Lebensfrhling hin, wie auf ein fernes Paradies, das
man verloren hat und von dem man nur noch an Feiertagen den Kindern
erzhlt, an das man kaum mehr glaubt, von dem man aber nachts mit
brennendem Begehren trumt.

Und nun ging whrend des Tanzes mit dem Gesicht der Gelbhaarigen eine
Vernderung vor, welcher Friedrich Klein mit reinem Entzcken zuschaute.
Ganz allmhlich und unmerklich, wie das Rosenrot ber einen Morgenhimmel,
kam ber ihr ernstes, khles Gesicht ein langsam wachsendes, langsam sich
erwrmendes Lcheln. Gradaus vor sich hinblickend, lchelte sie wie
erwachend, so als sei sie, die Khle, erst nun durch den Tanz zum vollen
Leben erwrmt worden. Auch der Tnzer lchelte, und auch das zweite Paar
lchelte, und auf allen vier Gesichtern war es wunderhbsch, obwohl es wie
maskenhaft und unpersnlich erschien -- aber bei Teresina war es am
schnsten und geheimnisvollsten, niemand lchelte so wie sie, so unberhrt
von auen, so im eigenen Wohlgefhl von innen her aufblhend. Er sah es mit
tiefer Rhrung, es ergriff ihn wie die Entdeckung eines heimlichen
Schatzes.

Was fr wundervolles Haar sie hat! hrte er in der Nhe jemand leise
rufen. Er dachte daran, da er dies wundervolle blondgelbe Haar geschmht
und bezweifelt hatte.

Der Tango war zu Ende, Klein sah Teresina einen Augenblick neben ihrem
Tnzer stehen, der ihre linke Hand mit den Fingern noch in Schulterhhe
hielt, und sah den Zauber auf ihrem Gesicht nachleuchten und langsam
schwinden. Es wurde halblaut geklatscht, und jedermann blickte den beiden
nach, als sie mit schwebendem Schritt an ihren Tisch zurckkehrten.

Der nchste Tanz, der nach einer kurzen Pause begann, wurde nur von einem
einzigen Paar ausgefhrt, von Teresina und ihrem hbschen Partner. Es war
ein freier Phantasietanz, eine kleine komplizierte Dichtung, beinahe schon
eine Pantomime, die jeder Tnzer fr sich allein spielte und die nur in
einigen aufleuchtenden Hhepunkten und im galoppierend raschen Schlusatz
zum Paartanz wurde.

Hier schwebte Teresina, die Augen voll von Glck, so aufgelst und innig
dahin, folgte mit schwerelosen Gliedern so selig den Werbungen der Musik,
da es still in der Halle wurde und alle hingegeben auf sie schauten. Der
Tanz endete mit einem heftigen Wirbel, wobei Tnzer und Tnzerin sich nur
mit Hnden und Fuspitzen berhrten und sich, weit hintenber hngend,
bacchantisch im Kreise drehten.

Bei diesem Tanz hatte jedermann das Gefhl, da die beiden Tanzenden in
ihren Gebrden und Schritten, in Trennung und Wiedervereinigung, in immer
erneutem Wegwerfen und Wiedergreifen des Gleichgewichtes Empfindungen
darstellten, die allen Menschen vertraut und zutiefst erwnscht sind, die
aber nur von wenigen Glcklichen so einfach, stark und unverbogen erlebt
werden: die Freude des gesunden Menschen an sich selber, die Steigerung
dieser Freude in der Liebe zum andern, das glubige Einverstandensein mit
der eigenen Natur, die vertrauensvolle Hingabe an die Wnsche, Trume und
Spiele des Herzens. Viele empfanden fr einen Augenblick nachdenkliche
Trauer darber, da zwischen ihrem Leben und ihren Trieben so viel
Zwiespalt und Streit bestand, da ihr Leben kein Tanz, sondern ein mhsames
Keuchen unter Lasten war -- Lasten, die schlielich nur sie selber sich
aufgebrdet hatten.

Friedrich Klein blickte, whrend er dem Tanz folgte, durch viele vergangene
Jahre seines Lebens hindurch wie durch einen finstern Tunnel, und jenseits
lag in Sonne und Wind grn und strahlend das Verlorene, die Jugend, das
starke einfache Fhlen, die glubige Bereitschaft zum Glck -- und all dies
lag wieder seltsam nah, nur einen Schritt weit, durch Zauber herangezogen
und gespiegelt.

Das innige Lcheln des Tanzes noch auf dem Gesicht, kam Teresina jetzt an
ihm vorber. Ihn durchflo Freude und entzckte Hingabe. Und als habe er
sie gerufen, blickte sie ihn pltzlich innig an, noch nicht erwacht, die
Seele noch voll Glck, das se Lcheln noch auf den Lippen. Und auch er
lchelte ihr zu, dem nahen Glcksschimmer, durch den finstern Schacht so
vieler verlorener Jahre.

Zugleich stand er auf, und gab ihr die Hand, wie ein alter Freund, ohne ein
Wort zu sagen. Die Tnzerin nahm sie und hielt sie einen Augenblick fest,
ohne stehenzubleiben. Er folgte ihr. Am Tisch der Knstler wurde ihm Platz
gemacht, nun sa er neben Teresina und sah die lnglichen grnen Steine auf
der hellen Haut ihres Halses schimmern.

Er nahm nicht an den Gesprchen teil, von denen er das wenigste verstand.
Hinter Teresinas Kopf sah er, im grelleren Licht der Gartenlaternen, die
blhenden Rosenstmme, dunkle volle Kugeln, abgezeichnet, hier und da von
Leuchtkfern berflogen. Seine Gedanken ruhten, es gab nichts zu denken.
Die Rosenkugeln schaukelten leicht im Nachtwind, Teresina sa neben ihm, an
ihrem Ohr hing glitzernd der grne Stein. Die Welt war in Ordnung.

Jetzt legte Teresina die Hand auf seinen Arm.

Wir werden miteinander sprechen. Nicht hier. Ich erinnere mich jetzt, Sie
im Park gesehen zu haben. Ich bin morgen dort, um die gleiche Zeit. Ich bin
jetzt mde und mu bald schlafen. Gehen Sie lieber vorher, sonst pumpen
meine Kollegen Sie an.

Da ein Kellner vorberlief, hielt sie ihn an:

Eugenio, der Herr will zahlen.

Er zahlte, gab ihr die Hand, zog den Hut, und ging davon, dem See nach, er
wute nicht wohin. Unmglich, jetzt sich in sein Hotelzimmer zu legen. Er
lief die Seestrae weiter, zum Stdtchen und den Vororten hinaus, bis die
Bnke am Ufer und die Anlagen ein Ende nahmen. Da setzte er sich auf die
Ufermauer und sang vor sich hin, ohne Stimme, verschollene
Liederbruchstcke aus Jugendjahren. Bis es kalt wurde und die steilen Berge
eine feindselige Fremdheit annahmen. Da ging er zurck, den Hut in der
Hand.

Ein verschlafener Nachtportier ffnete ihm die Tr.

Ja, ich bin etwas spt, sagte Klein, und gab ihm einen Franken.

O, wir sind das gewohnt. Sie sind noch nicht der Letzte. Das Motorboot von
Castiglione ist auch noch nicht zurck.


III

Die Tnzerin war schon da, als Klein sich im Park einfand. Sie ging mit
ihrem federnden Schritt im Innern des Gartens um die Rasenstcke und stand
pltzlich am schattigen Eingang eines Gehlzes vor ihm.

Teresina musterte ihn aufmerksam mit den hellgrauen Augen, ihr Gesicht war
ernst und etwas ungeduldig. Sofort im Gehen fing sie zu sprechen an.

Knnen Sie mir sagen, was das gestern war? Wie kommt das, da wir uns so
in den Weg liefen? Ich habe darber nachgedacht. Ich sah Sie gestern im
Kursaalgarten zweimal. Das erstemal standen Sie am Ausgang und sahen mich
an, Sie sahen gelangweilt oder gergert aus, und als ich Sie sah, fiel mir
ein: Dem bin ich schon einmal im Park begegnet. Es war kein guter Eindruck,
und ich gab mir Mhe, Sie gleich wieder zu vergessen. Dann sah ich Sie
wieder, kaum eine Viertelstunde spter. Sie saen am Nebentisch und sahen
pltzlich ganz anders aus, ich merkte nicht gleich, da Sie derselbe seien,
der mir vorher begegnet war. Und dann, nach meinem Tanz, standen Sie auf
einmal vor mir und hielten mich an der Hand, oder ich Sie, ich wei nicht
recht. Wie ging das zu? Sie mssen doch etwas wissen. Aber ich hoffe, Sie
sind nicht etwa gekommen, um mir Liebeserklrungen zu machen?

Sie sah ihn befehlend an.

Ich wei nicht, sagte Klein. Ich bin nicht mit bestimmten Absichten
gekommen. Ich liebe Sie, seit gestern, aber wir brauchen ja nicht davon zu
sprechen.

Ja, sprechen wir von anderm. Es war gestern einen Augenblick etwas
zwischen uns da, was mich beschftigt und auch erschreckt hat, als htten
wir irgend etwas hnliches oder Gemeinsames. Was ist das? Und, die
Hauptsache: Was war das fr eine Verwandlung mit Ihnen? Wie war es mglich,
da Sie innerhalb einer Stunde zwei so ganz verschiedene Gesichter haben
konnten? Sie sahen aus wie ein Mensch, der sehr Wichtiges erlebt hat.

Wie sah ich aus? fragte er kindlich.

O, zuerst sahen Sie aus wie ein lterer, etwas vergrmter, unangenehmer
Herr. Sie sahen aus wie ein Philister, wie ein Mann, der gewohnt ist, den
Zorn ber seine eigene Unfhigkeit an andern auszulassen.

Er hrte mit gespannter Teilnahme zu und nickte lebhaft. Sie fuhr fort:

Und dann, nachher, das lt sich nicht gut beschreiben. Sie saen etwas
vorgebckt; als Sie mir zufllig in die Augen fielen, dachte ich in der
ersten Sekunde noch: Herrgott, haben diese Philister traurige Haltungen!
Sie hatten den Kopf auf die Hand gesttzt, und das sah nun pltzlich so
seltsam aus: es sah aus, als wren Sie der einzige Mensch in der Welt, und
als sei es Ihnen ganz und gar einerlei, was mit Ihnen und mit der ganzen
Welt geschhe. Ihr Gesicht war wie eine Maske, schauderhaft traurig oder
auch schauderhaft gleichgltig --

Sie brach ab, schien nach Worten zu suchen, sagte aber nichts.

Sie haben recht, sagte Klein bescheiden. Sie haben so richtig gesehen,
da ich erstaunt sein mte. Sie haben mich gelesen wie einen Brief. Aber
eigentlich ist es ja nur natrlich und richtig, da Sie das alles sahen.

Warum natrlich?

Weil Sie, auf eine etwas andere Art, beim Tanzen ganz das gleiche
ausdrcken. Wenn Sie tanzen, Teresina, und auch sonst in manchen
Augenblicken, sind Sie wie ein Baum oder ein Berg oder Tier, oder ein
Stern, ganz fr sich, ganz allein, Sie wollen nichts anders sein, als was
Sie sind, einerlei ob gut oder bse. Ist es nicht das gleiche, was Sie bei
mir sahen?

Sie betrachtete ihn prfend, ohne Antwort zu geben.

Sie sind ein wunderlicher Mensch, sagte sie dann zgernd. Und wie ist
das nun: sind Sie wirklich so, wie Sie da aussahen? Ist Ihnen wirklich
alles einerlei, was mit Ihnen geschieht?

Ja. Nur nicht immer. Ich habe oft auch Angst. Aber dann kommt es wieder,
und die Angst ist fort, und dann ist alles einerlei. Dann ist man stark.
Oder vielmehr: einerlei ist nicht das Richtige: alles ist kstlich und
willkommen, es sei, was es sei.

Einen Augenblick hielt ich es sogar fr mglich, da Sie ein Verbrecher
wren.

Auch das ist mglich. Es ist sogar wahrscheinlich. Sehen Sie, ein
>Verbrecher<, das sagt man so, und man meint damit, da einer etwas tut,
was andre ihm verboten haben. Er selber aber, der Verbrecher, tut ja nur,
was in ihm ist. -- Sehen Sie, das ist die hnlichkeit, die wir beide haben:
wir beide tun hier und da, in seltnen Augenblicken, das, was in uns ist.
Nichts ist seltener, die meisten Menschen kennen das berhaupt nicht. Auch
ich kannte es nicht, ich sagte, dachte, tat, lebte nur Fremdes, nur
Gelerntes, nur Gutes und Richtiges, bis es eines Tages damit zu Ende war.
Ich konnte nicht mehr, ich mute fort, das Gute war nimmer gut, das
Richtige war nimmer richtig, das Leben war nicht mehr zu ertragen. Aber ich
mchte es dennoch ertragen, ich liebe es sogar, obwohl es soviel Qualen
bringt.

Wollen Sie mir sagen, wie Sie heien und wer Sie sind?

Ich bin der, den Sie vor sich sehen, sonst nichts. Ich habe keinen Namen
und keinen Titel und auch keinen Beruf. Ich mute das alles aufgeben. Mit
mir steht es so, da ich nach einem langen braven und fleiigen Leben eines
Tages aus dem Nest gefallen bin, es ist noch nicht lange her, und jetzt mu
ich untergehen oder fliegen lernen. Die Welt geht mich nichts mehr an, ich
bin jetzt ganz allein.

Etwas verlegen fragte sie: Waren Sie in einer Anstalt?

Verrckt, meinen Sie? Nein. Obwohl auch das ja mglich wre. Er wurde
zerstreut, Gedanken packten ihn von innen. Mit beginnender Unruhe sprach er
fort: Wenn man darber _redet_, wird auch das Einfachste gleich
kompliziert und unverstndlich. Wir sollten gar nicht davon sprechen! --
Man tut das ja auch nur, man spricht nur dann darber, wenn man es nicht
verstehen _will_.

Wie meinen Sie das? Ich will wirklich verstehen. Glauben Sie mir! Es
interessiert mich sehr.

Er lchelte lebhaft.

Ja, ja. Sie wollen sich darber unterhalten. Sie haben etwas erlebt und
wollen jetzt darber reden. Ach, es hilft nichts. Reden ist der sichere Weg
dazu, alles mizuverstehen, alles seicht und de zu machen. -- Sie wollen
mich ja nicht verstehen und auch sich selber nicht! Sie wollen blo Ruhe
haben vor der Mahnung, die Sie gesprt haben. Sie wollen mich und die
Mahnung damit abtun, da Sie die Etikette finden, unter der Sie mich
einreihen knnen. Sie versuchen es mit dem Verbrecher und mit dem
Geisteskranken, Sie wollen meinen Stand und Namen wissen. Das alles fhrt
aber nur weg vom Verstehen, das alles ist Schwindel, liebes Frulein, ist
schlechter Ersatz fr Verstehen, ist vielmehr Flucht vor dem
Verstehenwollen, vor dem Verstehenmssen.

Er unterbrach sich, strich geqult mit der Hand ber die Augen, dann schien
ihm etwas Freundliches einzufallen, er lchelte wieder. Ach sehen Sie, als
Sie und ich gestern einen Augenblick lang genau das gleiche fhlten, da
sagten wir nichts und fragten nichts und dachten auch nichts -- auf einmal
gaben wir einander die Hand, und es war gut. Jetzt aber -- jetzt reden wir
und denken und erklren -- und alles ist seltsam und unverstndlich
geworden, was so einfach war. Und doch wre es ganz leicht fr Sie, mich
ebenso gut zu verstehen wie ich Sie.

Sie glauben mich so gut zu verstehen?

Ja, natrlich. Wie Sie leben, wei ich nicht. Aber Sie leben, wie ich es
auch getan habe und wie alle es tun, meistens im Dunkeln und an sich selber
vorbei, irgendeinem Zweck, einer Pflicht, einer Absicht nach. Das tun fast
alle Menschen, daran ist die ganze Welt krank, daran wird sie auch
untergehen. Manchmal aber, beim Tanzen zum Beispiel, geht die Absicht oder
Pflicht Ihnen verloren, und Sie leben auf einmal ganz anders. Sie fhlen
auf einmal so, als wren Sie allein auf der Welt, oder als knnten Sie
morgen tot sein, und da kommt alles heraus, was Sie wirklich sind. Wenn Sie
tanzen, stecken Sie damit sogar andere an. Das ist Ihr Geheimnis.

Sie ging eine Strecke weit rascher. Zu uerst auf einem Vorsprung berm
See blieb sie stehen.

Sie sind sonderbar, sagte sie. Manches kann ich verstehen. Aber -- was
wollen Sie eigentlich von mir?

Er senkte den Kopf und sah einen Augenblick traurig aus.

Sie sind es so gewohnt, da man immer etwas von Ihnen haben will.
Teresina, ich will von Ihnen nichts, was nicht Sie selber wollen und gerne
tun. Da ich Sie liebe, kann Ihnen gleichgltig sein. Es ist kein Glck,
geliebt zu werden. Jeder Mensch liebt sich selber, und doch qulen sich
Tausende ihr Leben lang. Nein, geliebt werden ist kein Glck. Aber lieben,
das ist Glck!

Ich wrde Ihnen gern irgendeine Freude machen, wenn ich knnte, sagte
Teresina langsam, wie mitleidig.

Das knnen Sie, wenn Sie mir erlauben, Ihnen irgendeinen Wunsch zu
erfllen.

Ach, was wissen Sie von meinen Wnschen!

Allerdings, Sie sollten keine haben. Sie haben ja den Schlssel zum
Paradies, das ist Ihr Tanz. Aber ich wei, da Sie doch Wnsche haben, und
das ist mir lieb. Und nun wissen Sie: da ist einer, dem macht es Spa,
Ihnen jeden Wunsch zu erfllen.

Teresina besann sich. Ihre wachsamen Augen wurden wieder scharf und khl.
Was konnte er von ihr wissen? Da sie nichts fand, begann sie vorsichtig:

Meine erste Bitte an Sie wre die, da Sie aufrichtig sind. Sagen Sie mir,
wer Ihnen etwas von mir erzhlt hat.

Niemand. Ich habe niemals mit einem Menschen ber Sie gesprochen. Was ich
wei -- es ist sehr wenig -- wei ich von Ihnen selbst. Ich hrte Sie
gestern sagen, da Sie sich wnschen, einmal in Castiglione zu spielen.

Ihr Gesicht zuckte.

Ach so, Sie haben mich belauscht.

Ja, natrlich. Ich habe Ihren Wunsch verstanden. Weil Sie nicht immer
einig mit sich sind, suchen Sie nach Erregung und Betubung.

O nein, ich bin nicht so romantisch, wie Sie meinen. Ich suche beim Spiel
nicht Betubung, sondern einfach Geld. Ich mchte einmal reich sein oder
doch sorgenfrei, ohne mich dafr verkaufen zu mssen. Das ist alles.

Das klingt so richtig, und doch glaube ich es nicht. Aber wie Sie wollen!
Sie wissen ja im Grunde ganz gut, da Sie sich nie zu verkaufen brauchen.
Reden wir nicht davon! Aber wenn Sie Geld haben wollen, sei es nun zum
Spielen oder sonst, so nehmen Sie es doch von mir! Ich habe mehr, als ich
brauche, glaube ich, und lege keinen Wert darauf.

Teresina zog sich wieder zurck.

Ich kenne Sie ja kaum. Wie soll ich Geld von Ihnen nehmen?

Er zog pltzlich den Hut, wie von einem Schmerz befallen, und brach ab.

Was haben Sie? rief Teresina.

Nichts, nichts. -- Erlauben Sie, da ich gehe! Wir haben zuviel
gesprochen, viel zuviel. Man sollte nie soviel sprechen.

Und da lief er schon, ohne Abschied genommen zu haben, rasch und wie von
Verzweiflung hingeweht durch den Baumgang fort. Die Tnzerin sah ihm mit
gestauten, uneinigen Empfindungen nach, aufrichtig verwundert ber ihn und
ber sich.

Er aber lief nicht aus Verzweiflung, sondern nur aus unertrglicher
Spannung und Geflltheit. Es war ihm pltzlich unmglich geworden, noch ein
Wort zu sagen, noch ein Wort zu hren, er mute allein sein, mute
notwendig allein sein, denken, horchen, sich selber zuhren. Das ganze
Gesprch mit Teresina hatte ihn selbst in Erstaunen gesetzt und berrascht,
die Worte waren ohne seinen Willen so gekommen, es hatte ihn wie ein Wrgen
das heftige Bedrfnis befallen, seine Erlebnisse und Gedanken mitzuteilen,
zu formen, auszusprechen, sie sich selber zuzurufen. Er war erstaunt ber
jedes Wort, das er sich sagen hrte, aber mehr und mehr fhlte er, wie er
sich in etwas hineinredete, was nicht mehr einfach und richtig war, wie er
unntzerweise das Unbegreifliche zu erklren versuchte -- und mit einemmal
war es ihm unertrglich geworden, er hatte abbrechen mssen.

Jetzt aber, wo er sich der vergangenen Viertelstunde wieder zu erinnern
suchte, empfand er dies Erlebnis freudig und dankbar. Es war ein
Fortschritt, eine Erlsung, eine Besttigung.

Die Zweifelhaftigkeit, in welche die ganze gewohnte Welt fr ihn gefallen
war, hatte ihn furchtbar ermdet und gepeinigt. Er hatte das Wunder erlebt,
da das Leben am sinnvollsten wird in den Augenblicken, wo alle Sinne und
Bedeutungen uns verloren gehen. Immer wieder aber war ihm der peinliche
Zweifel gekommen, ob diese Erlebnisse wirklich wesentlich seien, ob sie
mehr seien als kleine zufllige Kruselungen an der Oberflche eines
ermdeten und erkrankten Gemtes, Launen im Grunde, kleine
Nervenschwankungen. Jetzt hatte er gesehen, gestern abend und heute, da
sein Erlebnis wirklich war. Es hatte aus ihm gestrahlt und ihn verndert,
es hatte einen andern Menschen zu ihm hergezogen. Seine Vereinsamung war
durchbrochen, er liebte wieder, es gab jemand, dem er dienen und Freude
machen wollte, er konnte wieder lcheln, wieder lachen!

Die Welle ging durch ihn hin wie Schmerz und wie Wollust, er zuckte vor
Gefhl, Leben klang in ihm auf wie eine Brandung, unbegreiflich war alles.
Er ri die Augen auf und sah: Bume an einer Strae, Silberflocken im See,
ein rennender Hund, Radfahrer -- und alles war sonderbar, mrchenhaft und
beinahe allzu schn, alles wie nagelneu aus Gottes Spielzeugschachtel
genommen, alles nur fr ihn da, fr Friedrich Klein, und er selbst nur dazu
da, diesen Strom von Wunder und Schmerz und Freude durch sich hinzucken zu
fhlen. berall war Schnheit, in jedem Dreckhaufen am Weg, berall war
tiefes Leiden, berall war Gott. Ja, das war Gott, und so hatte er ihn, vor
unausdenklichen Zeiten, als Knabe einst empfunden und mit dem Herzen
gesucht, wenn er Gott und Allgegenwart dachte. Herz, brich nicht vor
Flle!

Wieder schossen aus allen vergessenen Schchten seines Lebens frei
gewordene Erinnerungen zu ihm empor, unzhlbare: an Gesprche, an seine
Verlobungszeit, an Kleider, die er als Kind getragen, an Ferienmorgen der
Studentenzeit, und ordneten sich in Kreisen um einige feste Mittelpunkte:
um die Gestalt seiner Frau, um seine Mutter, um den Mrder Wagner, um
Teresina. Stellen aus klassischen Schriftstellern fielen ihm ein und
lateinische Sprichwrter, die ihn als Schler einst ergriffen hatten, und
trichte sentimentale Verse aus Volksliedern. Der Schatten seines Vaters
stand hinter ihm, er erlebte wieder den Tod seiner Schwiegermutter. Alles,
was je durch Auge und Ohr, durch Menschen und Bcher, mit Wonne oder Leid
in ihn eingegangen und in ihm untergesunken war, alles schien wieder da zu
sein, alles zugleich, aufgerhrt und durcheinander gewirbelt, ohne Ordnung,
doch voller Sinn, alles wichtig, alles bedeutungsvoll, alles unverloren.

Der Andrang wurde zur Qual, zu einer Qual, die von hchster Wollust nicht
zu unterscheiden war. Sein Herz schlug rasch, Trnen standen ihm in den
Augen. Er begriff, da er nahe am Wahnsinn stehe, und wute doch, da er
nicht wahnsinnig werden wrde, und blickte zugleich in dies neue Seelenland
des Irrsinns mit demselben Erstaunen und Entzcken wie in die
Vergangenheit, wie in den See, wie in den Himmel: auch hier war alles
zauberhaft, wohllaut und voll Bedeutung. Er begriff, warum im Glauben edler
Vlker der Wahnsinn fr heilig galt. Er begriff alles, alles sprach zu ihm,
alles war ihm erschlossen. Es gab keine Worte dafr, es war falsch und
hoffnungslos, irgend etwas in Worten ausdenken und verstehen zu wollen! Man
mute nur offenstehen, nur bereit sein: dann konnte jedes Ding, dann konnte
in unendlichem Zug wie in eine Arche Noahs die ganze Welt in einen
hineingehen, und man besa sie, verstand sie und war eins mit ihr.

Trauer ergriff ihn. O, wenn alle Menschen dies wten, dies erlebten! Wie
wurde drauflos gelebt, drauflos gesndigt, wie blind und malos wurde
gelitten! Hatte er nicht gestern noch sich ber Teresina gergert? Hatte er
nicht gestern noch seine Frau gehat, sie angeklagt und fr alles Leid
seines Lebens verantwortlich machen wollen? Wie traurig, wie dumm, wie
hoffnungslos! Alles war doch so einfach, so gut, so sinnvoll, sobald man es
von innen sah, sobald man hinter jedem Ding das Wesen stehen sah, ihn,
Gott.

Hier bog ein Weg zu neuen Vorstellungsgrten und Bilderwldern ein. Wendete
er sein heutiges Gefhl der Zukunft zu, sprhten hundert Glckstrume auf,
fr ihn und fr alle. Sein vergangenes, dumpfes, verdorbenes Leben sollte
nicht beklagt, nicht angeklagt, nicht gerichtet werden, sondern erneut und
ins Gegenteil verwandelt, voll Sinn, voll Freude, voll Gte, voll Liebe.
Die Gnade, die er erlebt, mute widerstrahlen und weiter wirken.
Bibelsprche kamen ihm in den Sinn, und alles, was er von begnadeten
Frommen und Heiligen wute. So hatte es immer begonnen, bei allen. Sie
waren denselben harten und finstern Weg gefhrt worden wie er, feig und
voll Angst, bis zur Stunde der Umkehr und Erleuchtung. In der Welt habet
ihr Angst, hatte Jesus zu seinen Jngern gesagt. Wer aber die Angst
berwunden hatte, der lebte nicht mehr in der Welt, sondern in Gott, im
tausendjhrigen Reich.

So hatten alle gelehrt, alle Weisen der ganzen Welt, Buddha und
Schopenhauer, Jesus, die Griechen. Es gab nur _eine_ Weisheit, nur _einen_
Glauben, nur ein Denken: das Wissen von Gott in uns. Wie wurde das in den
Schulen, Kirchen, Bchern und Wissenschaften verdreht und falsch gelehrt!

Mit weiten Flgelschlgen flog Kleins Geist durch die Bezirke seiner innern
Welt, seines Wissens, seiner Bildung. Auch hier, wie in seinem uern
Leben, lag Gut um Gut, Schatz um Schatz, Quelle um Quelle, aber jedes fr
sich, abgesondert, tot und wertlos. Nun aber, mit dem Strahl des Wissens,
mit der Erleuchtung, zuckte auch hier pltzlich Ordnung, Sinn und Formung
durch das Chaos, Schpfung begann, Leben und Beziehung sprang von Pol zu
Pol. Sprche entlegenster Kontemplation wurden selbstverstndlich, Dunkles
wurde hell, und das Einmaleins wurde zum mystischen Bekenntnis. Beseelt und
liebeglhend ward auch diese Welt. Die Kunstwerke, die er in jngeren
Jahren geliebt hatte, klangen mit neuem Zauber herauf. Er sah: die
rtselhafte Magie der Kunst ffnete sich demselben Schlssel. Kunst war
nichts andres als Betrachtung der Welt im Zustand der Gnade, der
Erleuchtung. Kunst war: hinter jedem Ding Gott zeigen.

Flammend schritt der Beseligte durch die Welt, jeder Zweig an jedem Baume
hatte teil an einer Ekstase, strebte edler empor, hing inniger herab, war
Sinnbild und Offenbarung. Dnne violette Wolkenschatten liefen ber den
Seespiegel, schaudernd in zrtlicher Se. Jeder Stein lag bedeutungsvoll
neben seinem Schatten. So schn, so tief und heilig liebenswert war die
Welt noch nie gewesen, oder nie mehr seit den geheimnisvollen, sagenhaften
Jahren der ersten Kindheit. So ihr nicht werdet wie die Kinder, fiel ihm
ein, und er fhlte: ich bin wieder Kind geworden, ich bin ins Himmelreich
eingegangen.

Als er Mdigkeit und Hunger zu spren begann, fand er sich weit von der
Stadt. Nun erinnerte er sich, woher er kam, was gewesen war, und da er
ohne Abschied von Teresina weggelaufen war. Im nchsten Dorf suchte er ein
Wirtshaus. Ein kleiner lndlicher Weinschank, mit einem eingepflockten
Holztisch im Grtchen unterm Kirschlorbeer, zog ihn an. Er verlangte Essen,
man hatte aber nichts als Wein und Brot. Eine Suppe, bat er, oder Eier,
oder Schinken. Nein, es gab solche Sachen hier nicht. Niemand a hier
dergleichen bei der teuren Zeit. Er hatte erst mit der Wirtin, dann mit
einer Gromutter verhandelt, die auf der Steinschwelle der Haustr sa und
Wsche flickte. Nun setzte er sich in den Garten untern tiefschattenden
Baum, mit Brot und herbem Rotwein. Im Nachbargarten, unsichtbar hinter
Reblaub und aufgehngter Wsche, hrte er zwei Mdchenstimmen singen.
Pltzlich fuhr ein Wort des Liedes ihm ins Herz, ohne da er es doch
festhalten konnte. Es kam im nchsten Vers wieder, es war der Name
Teresina. Das Lied, ein Couplet von halb komischer Art, handelte von einer
Teresina. Er verstand:

   La sua mama a la finestra
   Con una voce serpentina:
   Vieni a casa, o Teresina,
   Lasc' andare quel traditor!

Teresina! Wie liebte er sie! Wie herrlich war es, zu lieben!

Er legte den Kopf auf den Tisch und dmmerte, schlummerte, ein und erwachte
wieder, mehrmals, oftmals. Es war Abend. Die Wirtin kam und stellte sich
vor den Tisch, ber den Gast verwundert. Er legte Geld hin, erbat noch ein
Glas Wein, fragte sie nach jenem Liede. Sie wurde freundlich, brachte den
Wein und blieb bei ihm stehen. Er lie sich das ganze Teresina-Lied
vorsagen, und hatte groe Freude an dem Vers:

   Jo non sono traditore
   E ne meno lusinghero,
   Jo son' figlio d'un ricco Signore,
   Son' venuto per fare l'amor.

Die Wirtin meinte, jetzt knnte er eine Suppe haben, sie koche ohnehin fr
ihren Mann, den sie erwarte.

Er a Gemsesuppe und Brot, der Wirt kam heim, an den grauen Steindchern
des Dorfes verglhte die spte Sonne. Er fragte nach einem Zimmer, es wurde
ihm eines angeboten, eine Kammer mit dicken nackten Steinwnden. Er nahm
es. Noch nie hatte er in einer solchen Kammer geschlafen, sie kam ihm vor
wie das Gela aus einem Ruberdrama. Nun ging er durch das abendliche Dorf,
fand einen kleinen Kramladen noch offen, bekam Schokolade zu kaufen und
verteilte sie an Kinder, die in Mengen durch die Gasse schwrmten. Sie
liefen ihm nach, Eltern grten ihn, jedermann wnschte ihm gute Nacht, und
er gab es zurck, nickte allen den alten und jungen Menschen zu, die auf
den Schwellen und Vortreppen der Huser saen.

Mit Freude dachte er an seine Kammer im Wirtshaus, an diese primitive,
hhlenhafte Unterkunft, wo der alte Kalk von den grauen Mauern bltterte
und nichts Unntzes an den nackten Wnden hing, nicht Bild noch Spiegel,
nicht Tapete noch Vorhang. Er lief durch das abendliche Dorf wie durch ein
Abenteuer, alles war beglnzt, alles voll geheimer Versprechung.

In die Osteria zurckkehrend, sah er vom leeren und dunkeln Gastzimmer aus
Licht in einem Trspalt, ging ihm nach und kam in die Kche. Der Raum
erschien ihm wie eine Mrchenhhle, das wenige dnne Licht flo ber einen
roten steinernen Boden und verlief sich, ehe es die Wnde und Decke
erreichte, in dichte warme Dmmerung, und von dem ungeheuer und tiefschwarz
herabhngenden Rauchfang schien eine unerschpfliche Quelle von Finsternis
auszuflieen.

Die Frau sa da mit der Gromutter, sie saen beide gebckt, klein und
schwach auf niederen demtigen Schemeln, die Hnde auf den Knien ausruhend.
Die Wirtsfrau weinte, niemand kmmerte sich um den Eintretenden. Er setzte
sich auf den Rand eines Tisches neben Gemseresten, ein stumpfes Messer
blinkte bleiern auf, im Lichtschein glhte blankes Kupfergeschirr rot an
den Wnden. Die Frau weinte, die alte Graue stand ihr bei und murmelte mit
ihr in der Mundart, er verstand allmhlich, da Hader im Hause und der Mann
nach einem Streit wieder fortgegangen war. Er fragte, ob er sie geschlagen
habe, bekam aber keine Antwort. Allmhlich fing er an zu trsten. Er sagte,
der Mann werde gewi schon bald wiederkommen. Die Frau sagte scharf: Heut
nicht und vielleicht auch morgen nicht. Er gab es auf, die Frau setzte
sich aufrechter, man sa schweigend, das Weinen war verstummt. Die
Einfachheit des Vorgangs, zu dem keine Worte gemacht wurden, schien ihm
wundervoll. Man hatte Streit gehabt, man hatte Schmerz empfangen, man hatte
geweint. Jetzt war es vorbei, jetzt sa man still und wartete. Das Leben
wrde schon weiter gehen. Wie bei Kindern. Wie bei Tieren. Nur nicht reden,
nur nicht das Einfache kompliziert machen, nur nicht die Seele nach auen
drehen.

Klein lud die Gromutter ein, Kaffee zu kochen, fr sie alle drei. Die
Frauen leuchteten auf, die Alte legte sofort Reisig in den Kamin, es
knisterte von brechenden Zweigen, von Papier, von aufprasselnder Flamme. Im
jh aufflammenden Feuerschein sah er das Gesicht der Wirtin, von unten her
beleuchtet, etwas vergrmt und doch beruhigt. Sie schaute ins Feuer,
zwischenein lchelte sie, pltzlich stand sie auf, ging langsam zum
Wasserhahn und wusch sich die Hnde.

Dann saen sie alle drei am Kchentisch und tranken den heien schwarzen
Kaffee, und einen alten Wacholderlikr dazu. Die Weiber wurden lebendiger,
sie erzhlten und fragten, lachten ber Kleins mhsame und fehlerhafte
Sprache. Ihm schien, er sei schon sehr lange hier. Wunderlich, was in
diesen Tagen alles Platz hatte! Ganze Zeitrume und Lebensabschnitte fanden
Raum in einem Nachmittag, jede Stunde schien mit Lebensfracht berladen.
Sekundenlang zuckte Furcht in ihm wetterleuchtend auf, es knnte pltzlich
Mdigkeit und Verbrauch der Lebenskraft ihn verhundertfacht berfallen und
ihn aussaugen, wie Sonne einen Tropfen vom Felsen leckt. In diesen sehr
flchtigen, doch zuweilen wiederkehrenden Augenblicken, in diesem fremden
Wetterleuchten sah er sich selbst leben, fhlte und sah in sein Gehirn und
sah dort in beschleunigten Schwingungen einen unsglich komplizierten,
zarten, kostbaren Apparat vor tausendfacher Arbeit vibrieren, wie hinter
Glas ein hchst sensibles Uhrwerk, das zu stren ein Stubchen gengt.

Es wurde ihm erzhlt, da der Wirt sein Geld in unsichere Geschfte stecke,
viel auer Hause sei und da und dort Verhltnisse mit Frauen unterhalte.
Kinder waren nicht da. Whrend Klein sich Mhe gab, die italienischen Worte
fr einfache Fragen und Ausknfte zu finden, arbeitete hinterm Glas das
zarte Uhrwerk rastlos in seinem Fieber fort, jeden gelebten Moment sofort
in seine Abrechnungen und Abwgungen einbeziehend.

Zeitig erhob er sich, um schlafen zu gehen. Er gab den beiden Frauen die
Hand, der alten und der jungen, die ihn durchdringend ansah, whrend die
Gromutter mit dem Ghnen kmpfte. Dann tastete er sich die dunkle
Steintreppe hinauf, erstaunlich hohe Riesenstufen, in seine Kammer. Dort
fand er Wasser in einem Tonkrug bereit, wusch sich das Gesicht, vermite
einen Augenblick Seife, Hausschuhe, Nachthemd, lag noch eine Viertelstunde
im Fenster, auf das granitne Gesimse gesttzt, zog sich dann vollends aus
und legte sich in das harte Bett, dessen grobe Leinwand ihn entzckte und
einen Schwall von holden lndlichen Vorstellungen weckte. War es nicht das
einzig Richtige, stets so zu leben, in einem Raum aus vier Steinwnden,
ohne den lcherlichen Kram der Tapeten, des Schmucks, der vielen Mbel,
ohne all das bertriebene und im Grund barbarische Zubehr? Ein Dach berm
Kopf, gegen den Regen, eine einfache Decke um sich, gegen die Klte, etwas
Brot und Wein oder Milch, gegen den Hunger, morgens die Sonne zum Wecken,
abends die Dmmerung zum Einschlafen -- brauchte der Mensch mehr?

Aber kaum hatte er das Licht gelscht, so war Haus und Kammer und Dorf in
ihm versunken. Er stand wieder am See bei Teresina und sprach mit ihr,
konnte sich des heutigen Gesprches nur mit Mhe erinnern und wurde
zweifelhaft, was er ihr eigentlich gesagt habe, ja ob nicht das ganze
Gesprch nur ein Traum und Phantom von ihm gewesen sei. Die Dunkelheit tat
ihm wohl -- wei Gott, wo er morgen aufwachen wrde?

Ein Gerusch an der Tr weckte ihn. Leise wurde die Klinke gedreht, ein
Faden dnnen Lichtes sank herein und zgerte im Spalt. Verwundert und doch
im Augenblick wissend, blickte er hinber, noch nicht in der Gegenwart. Da
ging die Tre auf, mit einem Licht in der Hand stand die Wirtsfrau, barfu,
lautlos. Sie blickte zu ihm her, durchdringend, und er lchelte und
streckte die Arme aus, tief erstaunt, gedankenlos. Da war sie schon bei
ihm, und ihr dunkles Haar lag neben ihm auf dem rauhen Kissen.

Sie sprachen kein Wort. Von ihrem Ku entzndet, zog er sie an sich. Die
pltzliche Nhe und Wrme eines Menschen an seiner Brust, der fremde starke
Arm um seinen Nacken erschtterte ihn seltsam -- wie war diese Wrme ihm
unbekannt, wie fremd, wie schmerzlich neu war ihm diese Wrme und Nhe --
wie war er allein gewesen, wie sehr allein, wie lang allein! Abgrnde und
Flammenhllen hatten zwischen ihm und aller Welt geklafft -- und nun war da
ein fremder Mensch gekommen, in wortlosem Vertrauen und Trostbedrfnis,
eine arme, vernachlssigte Frau, so wie er selbst jahrelang ein
vernachlssigter und verschchterter Mann gewesen war, und hing an seinem
Hals und gab und nahm und sog mit Gier den Tropfen Wonne aus dem kargen
Leben, suchte trunken und doch schchtern seinen Mund, spielte mit traurig
zrtlichen Fingern in den seinen, rieb ihre Wange an seiner. Er richtete
sich ber ihrem blassen Gesichte auf und kte sie auf beide geschlossene
Augen, und dachte: Sie glaubt zu nehmen und wei nicht, da sie gibt, sie
flchtet ihre Vereinsamung zu mir und ahnt die meine nicht! Erst jetzt sah
er sie, neben der er den ganzen Abend blind gesessen hatte, sah, da sie
lange, schlanke Hnde und Finger hatte, hbsche Schultern und ein Gesicht
voll von Schicksalsangst und blindem Kinderdurst, und ein halb ngstliches
Wissen um kleine, holde Wege und bungen der Zrtlichkeit.

Er sah auch und wurde traurig darber, da er selbst in der Liebe ein Knabe
und Anfnger geblieben war, in langer, lauer Ehe resigniert, schchtern und
doch ohne Unschuld, begehrlich und doch voll von schlechtem Gewissen. Noch
whrend er mit durstigen Kssen an Mund und Brust des Weibes hing, noch
whrend er ihre Hand zrtlich und fast mtterlich auf seinen Haaren fhlte,
empfand er im voraus Enttuschung und Druck im Herzen, er fhlte das
Schlimme wiederkommen: die Angst, und es durchflo ihn schneidend kalt die
Ahnung und Furcht, da er tief in seinem Wesen nicht zur Liebe fhig sei,
da Liebe ihm nur Qual und bsen Zauber bringen knne. Noch ehe der kurze
Sturm der Wollust vertobt war, schlug in seiner Seele Bangigkeit und
Mitrauen das bse Auge auf, Widerwille dagegen, da er genommen worden sei
statt selbst zu nehmen und zu erobern, und Vorgefhl von Ekel.

Lautlos war die Frau wieder davongeschlpft, samt ihrem Kerzenlicht. Im
Dunkeln lag Klein, und es kam mitten in der Sttigung der Augenblick, den
er schon vorher, schon vor Stunden in so viel ahnenden wetterleuchtenden
Sekunden gefrchtet, der schlimme Augenblick, wo die berreiche Musik
seines neuen Lebens in ihm nur noch mde und verstimmte Saiten fand und
tausend Lustgefhle pltzlich mit Mdigkeit und Angst bezahlt werden
muten. Mit Herzklopfen fhlte er alle Feinde auf der Lauer liegen,
Schlaflosigkeit, Depression und Alpdruck. Das rauhe Linnen brannte an
seiner Haut, bleich sah die Nacht durchs Fenster. Unmglich, hier zu
bleiben und wehrlos den kommenden Qualen standzuhalten! Ach, es kam wieder,
die Schuld und Angst kam wieder und die Traurigkeit und die Verzweiflung!
Alles berwundene, alles Vergangene kam wieder. Es gab keine Erlsung.

Hastig kleidete er sich an, ohne Licht, suchte vor der Tr seine staubigen
Stiefel, schlich hinab und aus dem Hause und lief, auf mden, einsinkenden
Beinen, verzweifelt durch Dorf und Nacht davon, von sich selbst verhhnt,
von sich selbst verfolgt, von sich selbst gehat.


IV

Ringend und verzweifelnd schlug sich Klein mit seinem Dmon. Was ihm seine
Schicksalstage an Neuem, an Erkenntnis und Erlsung gebracht hatten, war in
der trunkenen Gedankenhast und Hellsichtigkeit des vergangenen Tages zu
einer Welle gestiegen, deren Hhe ihm unverlierbar erschienen war, whrend
er schon wieder aus ihr zu sinken begann. Jetzt lag er wieder im Tal und
Schatten, noch kmpfend, noch heimlich hoffend, aber tief verwundet. Einen
Tag lang, einen kurzen, glnzenden Tag lang war es ihm gelungen, die
einfache Kunst zu ben, die jeder Grashalm kann. Einen armen Tag lang hatte
er sich selbst geliebt, sich selbst als Eines und Ganzes gefhlt, nicht in
feindliche Teile zerspalten, er hatte sich geliebt, und in sich die Welt
und Gott, und nichts als Liebe, Besttigung und Freude war ihm von berall
her entgegengekommen. Htte gestern ein Ruber ihn berfallen, ein Polizist
ihn verhaftet, es wre Besttigung, Lcheln, Harmonie gewesen! Und nun,
mitten im Glck war er wieder umgefallen und klein geworden. Er ging mit
sich ins Gericht, whrend sein Innerstes wute, da jedes Gericht falsch
und tricht sei. Die Welt, welche einen herrlichen Tag lang durchsichtig
und ganz von Gott erfllt gewesen war, lag wieder hart und schwer, und
jedes Ding hatte seinen eigenen Sinn, und jeder Sinn widersprach jedem
andern. Die Begeisterung dieses Tages hatte wieder weichen, hatte sterben
knnen! Sie, die heilige, war eine Laune gewesen, und die Sache mit
Teresina eine Einbildung, und das Abenteuer im Wirtshaus eine zweifelhafte
und anrchige Geschichte.

Er wute bereits, da das wrgende Angstgefhl nur dann verging, wenn er
nicht an sich schulmeisterte und Kritik bte, nicht in den Wunden
stocherte, in den alten Wunden. Er wute: alles Schmerzende, alles Dumme,
alles Bse wurde zum Gegenteil, wenn man es als Gott erkennen konnte, wenn
man ihm in seine tiefsten Wurzeln nachging, die weit ber das Weh und Wohl
und Gut und Bse hinauf reichten. Er wute es. Aber es war nichts dagegen
zu tun, der bse Geist war in ihm, Gott war wieder ein Wort, schn und
fern. Er hate und verachtete sich, und dieser Ha kam, wenn es Zeit war,
ebenso ungewollt und unabwendbar ber ihn wie zu andern Zeiten die Liebe
und das Vertrauen. Und so mute es immer wieder gehen! Immer und immer
wieder wrde er die Gnade und das Selige erleben, und immer wieder das
verfluchte Gegenteil, und nie wrde sein Leben die Strae gehen, die sein
eigener Wille ihm vorschrieb. Spielball und schwimmender Kork, wrde er
ewig hin und wider geschlagen werden. Bis es zu Ende war, bis einmal eine
Welle sich berschlug und Tod oder Wahnsinn ihn aufnahm. O, mchte es bald
sein!

Zwangsweise kehrten die ihm lngst so bitter vertrauten Gedanken wieder,
unntze Sorgen, unntze ngste, unntze Selbstanklagen, deren Unsinn
einzusehen nur eine Qual mehr war. Eine Vorstellung kehrte wieder, die er
krzlich (ihm schien, es seien Monate dazwischen) auf der Reise gehabt
hatte: Wie gut es wre, sich auf die Schienen unter einen Bahnzug zu
strzen, den Kopf voran! Diesem Bilde ging er begierig nach, atmete es wie
ther ein: den Kopf voran, alles in Splitter und Fetzen gehauen und
gemahlen, alles auf die Rder gewickelt und auf den Schienen zu nichts
zerrieben! Tief fra sein Leid sich in diese Visionen ein, mit Beifall und
Wollust hrte, sah und schmeckte er die grndliche Zerstrung des Friedrich
Klein, fhlte sein Herz und Gehirn zerrissen, verspritzt, zerstampft, den
schmerzenden Kopf zerkracht, die schmerzenden Augen ausgelaufen, die Leber
zerknetet, die Nieren zerrieben, das Haar wegrasiert, die Knochen, Knie und
Kinn zerpulvert. Das war es, was der Totschlger Wagner hatte fhlen
wollen, als er seine Frau, seine Kinder und sich selbst im Blut ersufte.
Genau dies war es. O, er verstand ihn so gut! Er selbst war Wagner, war ein
Mensch von guten Gaben, fhig das Gttliche zu fhlen, fhig zu lieben,
aber allzu beladen, allzu nachdenklich, allzu leicht zu ermden, allzu wohl
unterrichtet ber seine Mngel und Krankheiten. Was in aller Welt hatte
solch ein Mensch, solch ein Wagner, solch ein Klein denn zu tun? Immer die
Kluft vor Augen, die ihn von Gott trennte, immer den Ri der Welt durch
sein eignes Herz gehen fhlend, ermdet, aufgerieben vom ewigen Aufschwung
zu Gott, der ewig mit Rckfall endete -- was sollte solch ein Wagner, solch
ein Klein anderes tun als sich auslschen, sich und alles was an ihn
erinnern konnte, und sich zurckwerfen in den dunkeln Scho, aus dem der
Unausdenkliche immer und ewig wieder die vergngliche Welt der Gestaltungen
ausstie? Nein, es war nichts anderes mglich! Wagner mute gehen, Wagner
mute sterben, Wagner mute sich aus dem Buch des Lebens ausstreichen. Es
mochte vielleicht nutzlos sein, sich umzubringen, es mochte vielleicht
lcherlich sein. Vielleicht war alles das ganz richtig, was die Brger, in
jener anderen Welt drben, ber den Selbstmord sagten. Aber gab es irgend
etwas fr den Menschen in diesem Zustande, das nicht nutzlos, das nicht
lcherlich war? Nein, nichts. Immer noch besser, den Schdel unter den
Eisenrdern zu haben, ihn krachen zu fhlen und mit Willen in den Abgrund
zu tauchen.

Auf schwankenden Knien hielt er sich Stunde um Stunde rastlos unterwegs.
Auf den Schienen einer Bahnlinie, an die der Weg ihn gefhrt hatte, lag er
einige Zeit, schlummerte sogar ein, den Kopf auf dem Eisen, erwachte wieder
und hatte vergessen, was er wollte, stand auf, wehte taumelnd weiter,
Schmerzen an den Sohlen, Qualen im Kopf, zuweilen fallend, von einem Dorn
verletzt, zuweilen leicht und wie schwebend, zuweilen Schritt um Schritt
mhsam bezwingend.

Jetzt reitet mich der Teufel reif! sang er heiser vor sich hin. Reif
werden! Unter Qualen fertig gebraten, zu Ende gerstet werden, wie der Kern
im Pfirsich, um reif zu sein, um sterben zu knnen!

Ein Funke schwamm hier in seiner Finsternis, an den hing er alsbald alle
Inbrunst seiner zerrissenen Seele. Ein Gedanke: es war nutzlos, sich zu
tten, sich jetzt zu tten, es hatte keinen Wert, sich Glied fr Glied
auszurotten und zu zerschlagen, es war nutzlos! Gut aber und erlsend war
es, zu leiden, unter Qualen und Trnen reif gegoren, unter Schlgen und
Schmerzen fertig geschmiedet zu werden. Dann durfte man sterben, und dann
war es ein gutes Sterben, schn und sinnvoll, das Seligste der Welt,
seliger als jede Liebesnacht: ausgeglht und vllig hingegeben in den Scho
zurckzufallen, zum Erlschen, zum Erlsen, zur Neugeburt. Solch ein Tod,
solch ein reifer und guter, edler Tod allein hatte Sinn, nur er war
Erlsung, nur er war Heimkehr. Sehnsucht weinte in seinem Herzen auf. O, wo
war der schmale, schwere Weg, wo war die Pforte? Er war bereit, er sehnte
sich mit jeder Zuckung seines von Ermattung zitternden Leibes, seiner von
Todespein geschttelten Seele.

Als der Morgen am Himmel aufgraute und der bleierne See im ersten khlen
Silberblitz erwachte, stand der Gejagte in einem kleinen Kastanienwalde,
hoch ber See und Stadt, zwischen Farnkraut und hohen, blhenden Spiren,
feucht vom Tau. Mit erloschenen Augen, doch lchelnd, starrte er in die
wunderliche Welt. Er hatte den Zweck seiner triebhaften Irrfahrt erreicht:
er war so totmde, da die gengstigte Seele schwieg. Und, vor allem, die
Nacht war vorbei! Der Kampf war gekmpft, eine Gefahr war berstanden. Von
der Erschpfung gefllt, sank er wie ein Toter zwischen Farn und Wurzeln
auf den Waldboden, den Kopf ins Heidelbeerkraut, vor seinen versagenden
Sinnen schmolz die Welt hinweg. Die Hnde ins Gekrut geballt, Brust und
Gesicht an der Erde, gab er sich hungernd dem Schlafe hin, als sei es der
ersehnte letzte.

In einem Traume, von dem nur wenige Bruchstcke ihm nachher erinnerlich
waren, sah er folgendes: An einem Tor, das wie der Eingang zu einem Theater
aussah, hing ein groer Schild mit einer riesigen Aufschrift: sie hie (das
war unentschieden) entweder Lohengrin oder Wagner. Zu diesem Tore ging
er hinein. Drinnen war eine Frau, die glich der Wirtsfrau von heute nacht,
aber auch seiner eigenen Frau. Ihr Kopf war entstellt, er war zu gro, und
das Gesicht zu einer fratzenhaften Maske verndert. Widerwille gegen diese
Frau ergriff ihn mchtig, er stie ihr ein Messer in den Leib. Aber eine
andere Frau, wie ein Spiegelbild der ersten, kam von hinten ber ihn,
rchend, schlug ihm scharfe, starke Krallen in den Hals und wollte ihn
erwrgen.

Beim Aufwachen aus diesem tiefen Schlaf sah er verwundert Wald ber sich
und war steif vom harten Liegen, doch erfrischt. Mit leiser Bengstigung
klang der Traum in ihm nach. Was fr seltsame, naive und negerhafte Spiele
der Phantasie! dachte er, einen Augenblick lchelnd, als ihm die Pforte mit
der Aufforderung zum Eintritt in das Theater Wagner wieder einfiel.
Welche Idee, sein Verhltnis zu Wagner so darzustellen! Dieser Traumgeist
war roh, aber genial. Er traf den Nagel auf den Kopf. Und er schien alles
zu wissen! Das Theater mit der Aufschrift Wagner war das nicht er selbst,
war es nicht die Aufforderung, in sich selbst einzutreten, in das fremde
Land seines wahren Innern? Denn Wagner war er selber -- Wagner war der
Mrder und Gejagte in ihm, aber Wagner war auch der Komponist, der
Knstler, das Genie, der Verfhrer, die Neigung zu Lebenslust, Sinnenlust,
Luxus -- Wagner war der Sammelname fr alles Unterdrckte, Untergesunkene,
zu kurz Gekommene in dem ehemaligen Beamten Friedrich Klein. Und
Lohengrin -- war nicht auch das er selbst, Lohengrin, der irrende Ritter
mit dem geheimnisvollen Ziel, den man nicht nach seinem Namen fragen darf?
Das weitere war unklar, die Frau mit dem furchtbaren Maskenkopf und die
andere mit den Krallen -- der Messersto in ihren Bauch erinnerte ihn auch
noch an irgend etwas, er hoffte es noch zu finden -- die Stimmung von Mord
und Todesgefahr war seltsam und grell vermischt mit der von Theater, Masken
und Spiel.

Beim Gedanken an die Frau und das Messer sah er einen Augenblick deutlich
sein eheliches Schlafzimmer vor sich. Da mute er an die Kinder denken --
wie hatte er die vergessen knnen! Er dachte an sie, wie sie morgens in
ihren Nachthemdchen aus den kleinen Betten kletterten. Er mute an ihre
Namen denken, besonders an Elly. O, die Kinder! Langsam liefen ihm Trnen
aus den Augen ber das bernchtige Gesicht. Er schttelte den Kopf, erhob
sich mit einiger Mhe und begann Laub und Erdkrumen von seinen zerdrckten
Kleidern zu lesen. Nun erst erinnerte er sich klar dieser Nacht, der kahlen
Steinkammer in der Dorfschenke, der fremden Frau an seiner Brust, seiner
Flucht, seiner gehetzten Wanderung. Er sah dies kleine, entstellte Stck
Leben an wie ein Kranker die abgezehrte Hand, den Ausschlag an seinem Bein
anschaut.

In gefater Trauer, noch mit Trnen in den Augen, sagte er leise vor sich
hin: Gott, was hast du noch mit mir im Sinn? Aus den Gedanken der Nacht
klang nur die eine Stimme voll Sehnsucht in ihm fort: nach Reifsein, nach
Heimkehr, nach Sterbendrfen. War denn sein Weg noch weit? War die Heimat
noch fern? War noch viel, viel Schweres, war noch Unausdenkliches zu
leiden? Er war bereit dazu, er bot sich hin, sein Herz stand offen:
Schicksal, sto zu!

Langsam kam er durch Bergwiesen und Weinberge gegen die Stadt
hinabgeschritten. Er suchte sein Zimmer auf, wusch und kmmte sich,
wechselte die Kleider. Er ging speisen, trank etwas von dem guten Wein, und
sprte die Ermdung in den steifen Gliedern sich lsen und wohlig werden.
Er erkundigte sich, wenn im Kursaal getanzt werde, und ging zur Teestunde
hin.

Teresina tanzte eben, als er eintrat. Er sah das eigentmlich glnzende
Tanzlcheln auf ihrem Gesicht wieder und freute sich. Er begrte sie, als
sie zu ihrem Tisch zurckging, und nahm dort Platz.

Ich mchte Sie einladen, heute abend mit mir nach Castiglione zu fahren,
sagte er leise.

Sie besann sich.

Gleich heut? fragte sie. Eilt es so sehr?

Ich kann auch warten. Aber es wre hbsch. Wo darf ich Sie erwarten?

Sie widerstand der Einladung nicht und nicht dem kindlichen Lachen, das fr
Augenblicke seltsam hbsch in seinem zerfurchten, einsamen Gesicht hing,
wie an der letzten Wand eines abgebrannten und eingerissenen Hauses noch
eine frohe bunte Tapete hngt.

Wo waren Sie denn? fragte sie neugierig. Sie waren gestern so pltzlich
verschwunden. Und jedesmal haben Sie ein anderes Gesicht, auch heute
wieder. -- Sie sind doch nicht Morphinist?

Er lachte nur, mit dem seltsam hbschen und etwas fremdartigen Lachen, bei
dem sein Mund und Kinn ganz knabenhaft aussah, whrend ber Stirn und Augen
unverndert der Dornenreif lag.

Bitte holen Sie mich gegen neun Uhr ab, im Restaurant des Hotel Esplanade.
Ich glaube, um neun geht ein Boot. Aber sagen Sie, was haben Sie seit
gestern gemacht?

Ich glaube, ich war spazieren, den ganzen Tag, und auch die ganze Nacht.
Ich habe eine Frau in einem Dorf trsten mssen, weil ihr Mann fortgelaufen
war. Und dann habe ich mir viel Mhe mit einem italienischen Lied gegeben,
das ich lernen wollte, weil es von einer Teresina handelt.

Was ist das fr ein Lied?

Es fngt an: Su in cima di quel boschetto.

Um Gottes willen, diesen Gassenhauer kennen Sie auch schon? Ja, der ist
jetzt in Mode bei den Ladenmdchen.

O, ich finde das Lied sehr hbsch.

Und eine Frau haben Sie getrstet?

Ja, sie war traurig, ihr Mann war weggelaufen und war ihr untreu.

So? Und wie haben Sie sie getrstet?

Sie kam zu mir, um nicht mehr allein zu sein. Ich habe sie gekt und bei
mir liegen gehabt.

War sie denn hbsch?

Ich wei nicht, ich sah sie nicht genau. -- Nein, lachen Sie nicht, nicht
hierber! Es war so traurig.

Sie lachte dennoch. Wie sind Sie komisch! Nun, und geschlafen haben Sie
berhaupt nicht? Sie sehen danach aus.

Doch, ich habe mehrere Stunden geschlafen, in einem Wald dort oben.

Sie blickte seinem Finger nach, der in die Saaldecke deutete, und lachte
laut.

In einem Wirtshaus?

Nein, im Wald. In den Heidelbeeren. Sie sind schon beinahe reif.

Sie sind ein Phantast. -- Aber ich mu tanzen, der Direktor klopft schon.
-- Wo sind Sie, Claudio?

Der schne, dunkle Tnzer stand schon hinter ihrem Stuhl, die Musik begann.
Am Schlu des Tanzes ging er.

Abends holte er sie pnktlich ab und war froh, den Smoking angezogen zu
haben, denn Teresina hatte sich beraus festlich gekleidet, violett mit
vielen Spitzen, und sah wie eine Frstin aus.

Am Strande fhrte er Teresina nicht zum Kursschiff, sondern in ein hbsches
Motorboot, das er fr den Abend gemietet hatte. Sie stiegen ein, in der
halboffenen Kajte lagen Decken fr Teresina bereit und Blumen. Mit
scharfer Kurve schnob das rasche Boot zum Hafen hinaus in den See.

Drauen in der Nacht und Stille sagte Klein: Teresina, ist es nicht
eigentlich schade, jetzt dort hinber unter die vielen Menschen zu gehen?
Wenn Sie Lust haben, fahren wir weiter, ohne Ziel, solang es uns gefllt,
oder wir fahren in irgendein hbsches stilles Dorf, trinken einen Landwein
und hren zu, wie die Mdchen singen. Was meinen Sie?

Sie schwieg, und er sah alsbald Enttuschung auf ihrem Gesicht. Er lachte.

Nun, es war ein Einfall von mir, verzeihen Sie. Sie sollen vergngt sein
und haben, was Ihnen Spa macht, ein andres Programm haben wir nicht. In
zehn Minuten sind wir drben.

Interessiert Sie denn das Spiel gar nicht? fragte sie.

Ich werde ja sehen, ich mu es erst probieren. Der Sinn davon ist mir noch
etwas dunkel. Man kann Geld gewinnen und Geld verlieren. Ich glaube, es
gibt strkere Sensationen.

Das Geld, um das gespielt wird, braucht ja nicht blo Geld zu sein. Es ist
fr jeden ein Sinnbild, jeder gewinnt oder verliert nicht Geld, sondern all
die Wnsche und Trume, die es fr ihn bedeutet. Fr mich bedeutet es
Freiheit. Wenn ich Geld habe, kann niemand mir mehr befehlen. Ich lebe, wie
ich will. Ich tanze, wann und wo und fr wen ich will. Ich reise, wohin ich
will.

Er unterbrach sie.

Was sind Sie fr ein Kind, liebes Frulein! Es gibt keine solche Freiheit,
auer in Ihren Wnschen. Werden Sie morgen reich und frei und unabhngig --
bermorgen verlieben Sie sich in einen Kerl, der Ihnen das Geld wieder
abnimmt, oder der Ihnen bei Nacht den Hals abschneidet.

Reden Sie nicht so scheulich! Also: wenn ich reich wre, wrde ich
vielleicht einfacher leben als jetzt, aber ich tte es, weil es mir Spa
machte, freiwillig und nicht aus Zwang. Ich hasse Zwang! Und sehen Sie,
wenn ich nun mein Geld im Spiel einsetze, dann sind bei jedem Verlust und
Gewinn alle meine Wnsche beteiligt, es geht um alles, was mir wertvoll und
begehrenswert ist, und das gibt ein Gefhl, das man sonst nicht leicht
findet.

Klein sah sie an, whrend sie sprach, ohne sehr auf ihre Worte zu achten.
Ohne es zu wissen, verglich er Teresinas Gesicht mit dem Gesicht jener
Frau, von der er im Walde getrumt hatte.

Erst als das Boot in die Bucht von Castiglione einfuhr, wurde es ihm
bewut, denn jetzt erinnerte ihn der Anblick des beleuchteten Blechschildes
mit dem Stationsnamen heftig an den Schild im Traum, auf welchem
Lohengrin oder Wagner gestanden hatte. Genau so hatte jenes Schild
ausgesehen, genau so gro, so grau und wei, so grell beleuchetet. War dies
hier die Bhne, die auf ihn wartete? Kam er hier zu Wagner? Nun fand er
auch, da Teresina der Traumfrau glich, vielmehr den beiden Traumfrauen,
deren eine er mit dem Messer totgestochen, deren andre ihn tdlich mit den
Krallen gewrgt hatte. Ein Schrecken lief ihm ber die Haut. Hing denn das
alles zusammen? Wurde er wieder von unbekannten Geistern gefhrt? Und
wohin? Zu Wagner? Zu Mord? Zu Tod?

Beim Aussteigen nahm Teresina seinen Arm, und so Arm in Arm gingen sie
durch den kleinen bunten Lrm der Schifflnde, durchs Dorf und in das
Kasino. Hier gewann alles jenen halb reizenden, halb ermdenden Schimmer
von Unwahrscheinlichkeit, den die Veranstaltungen gieriger Menschen stets
da bekommen, wo sie fern den Stdten in stille Landschaften verirrt stehen.
Die Huser waren zu gro und zu neu, das Licht zu reichlich, die Sle zu
prchtig, die Menschen zu lebhaft. Zwischen den groen, finsteren Bergzgen
und dem weiten, sanften See hing der kleine dichte Bienenschwarm
begehrlicher und bersttigter Menschen so ngstlich gedrngt, als sei er
keine Stunde seiner Dauer gewi, als knne jeden Augenblick etwas
geschehen, das ihn wegwischte. Aus Slen, wo gespeist und Champagner
getrunken wurde, quoll se berhitzte Geigenmusik heraus, auf Treppen
zwischen Palmen und laufenden Brunnen glhten Blumengruppen und
Frauenkleider durcheinander, bleiche Mnnergesichter ber offnen
Abendrcken, blaue Diener mit Goldknpfen geschftig, dienstbar und
vielwissend, duftende Weiber mit sdlichen Gesichtern bleich und glhend,
schn und krank, und nordische derbe Frauen drall, befehlend und
selbstbewut, alte Herren wie aus Illustrationen zu Turgenjew und Fontane.

Klein fhlte sich unwohl und mde, sobald sie die Sle betraten. Im groen
Spielsaal zog er zwei Tausenderscheine aus der Tasche.

Wie nun? fragte er. Wollen wir gemeinsam spielen?

Nein, nein, das ist nichts. Jeder fr sich.

Er gab ihr einen Schein und bat sie, ihn zu fhren. Sie standen bald an
einem Spieltisch. Klein legte seine Banknote auf eine Nummer, das Rad wurde
gedreht, er verstand nichts davon, sah nur seinen Einsatz weggewischt und
verschwunden. Das geht schnell, dachte er befriedigt, und wollte Teresina
zulachen. Sie war nicht mehr neben ihm. Er sah sie bei einem andern Tisch
stehen und ihr Geld wechseln. Er ging hinber. Sie sah nachdenklich,
besorgt und sehr beschftigt aus wie eine Hausfrau.

Er folgte ihr an einen Spieltisch und sah ihr zu. Sie kannte das Spiel und
folgte ihm mit scharfer Aufmerksamkeit. Sie setzte kleine Summen, nie mehr
als fnfzig Franken, bald hier bald dort, gewann einige Male, steckte
Scheine in ihre perlengestickte Handtasche, zog wieder Scheine heraus.

Wie geht's? fragte er zwischenein.

Sie war empfindlich ber die Strung.

O, lassen Sie mich spielen! Ich werde es schon gut machen. Bald wechselte
sie den Tisch, er folgte ihr, ohne da sie ihn sah. Da sie so sehr
beschftigt war und seine Dienste nie in Anspruch nahm, zog er sich auf
eine Lederbank an der Wand zurck. Einsamkeit schlug ber ihm zusammen. Er
versank wieder in Nachdenken ber seinen Traum. Es war sehr wichtig, ihn zu
verstehen. Vielleicht wrde er nicht oft mehr solche Trume haben,
vielleicht waren sie wie im Mrchen die Winke der guten Geister: zweimal,
auch dreimal wurde man gelockt, oder wurde gewarnt, war man dann immer noch
blind, so nahm das Schicksal seinen Lauf und keine befreundete Macht griff
mehr ins Rad. Von Zeit zu Zeit blickte er nach Teresina aus, sah sie an
einem der Tische bald sitzen, bald stehen, hell schimmerte ihr gelbes Haar
zwischen den Frcken.

Wie lang sie mit den tausend Franken ausreicht! dachte er gelangweilt, bei
mir ging das schneller.

Einmal nickte sie ihm zu. Einmal, nach einer Stunde, kam sie herber, fand
ihn in sich versunken und legte ihm die Hand auf den Arm.

Was machen Sie? Spielen Sie denn nicht?

Ich habe schon gespielt.

Verloren?

Ja. O, es war nicht viel.

Ich habe etwas gewonnen. Nehmen Sie von meinem Geld.

Danke, heut nicht mehr. -- Sind Sie zufrieden?

Ja, es ist schn. Nun, ich gehe wieder. Oder wollen Sie schon nach Hause?

Sie spielte weiter, da und dort sah er ihr Haar zwischen den Schultern der
Spieler aufglnzen. Er brachte ihr ein Glas Champagner hinber, und trank
selbst ein Glas. Dann setzte er sich wieder auf die Lederbank an der Wand.

Wie war das mit den beiden Frauen im Traum? Sie hatten seiner eigenen Frau
geglichen und auch der Frau im Dorfwirtshaus und auch Teresina. Von andern
Frauen wute er nicht, seit Jahren nicht. Die eine Frau hatte er erstochen,
voll Abscheu ber ihr verzerrtes geschwollenes Gesicht. Die andre hatte ihn
berfallen, von hinten, und erwrgen wollen. Was war nun richtig? Was war
bedeutsam? Hatte er seine Frau verwundet, oder sie ihn? Wrde er an
Teresina zugrunde gehen, oder sie an ihm? Konnte er eine Frau nicht lieben,
ohne ihr Wunden zu schlagen, und ohne von ihr verwundet zu werden? War das
sein Fluch? Oder war das allgemein? Ging es allen so? War alle Liebe so?

Und was verband ihn mit dieser Tnzerin? Da er sie liebte? Er hatte viele
Frauen geliebt, die nie davon erfahren hatten. Was band ihn an sie, die
drben stand und das Glcksspiel wie ein ernstes Geschft betrieb? Wie war
sie kindlich in ihrem Eifer, in ihrer Hoffnung, wie war sie gesund, naiv
und lebenshungrig! Was wrde sie davon verstehen, wenn sie seine tiefste
Sehnsucht kannte, das Verlangen nach Tod, das Heimweh nach Erlschen, nach
Rckkehr in Gottes Scho! Vielleicht wrde sie ihn lieben, schon bald,
vielleicht wrde sie mit ihm leben -- aber wrde es anders sein, als es mit
seiner Frau gewesen war? Wrde er nicht, immer und immer, mit seinen
innigsten Gefhlen allein sein?

Teresina unterbrach ihn. Sie blieb bei ihm stehen und gab ihm ein Bndel
Banknoten in die Hand.

Bewahren Sie mir das auf, bis nachher.

Nach einer Zeit, er wute nicht, war es lang oder kurz, kam sie wieder und
erbat das Geld zurck.

Sie verliert, dachte er, Gott sei Dank! Hoffentlich ist sie bald fertig.

Kurz nach Mitternacht kam sie, vergngt und etwas erhitzt. So, ich hre
auf. Sie Armer sind gewi mde. Wollen wir nicht noch einen Bissen essen,
eh' wir heimfahren?

In einem Speisesaal aen sie Schinkeneier und Frchte und tranken
Champagner. Klein erwachte und wurde munter. Die Tnzerin war verndert,
froh und in einem leichten sen Rausch. Sie sah und wute wieder, da sie
schn war und schne Kleider trug, sie sprte die Blicke der Mnner, die
von benachbarten Tischen herber warben, und auch Klein fhlte die
Verwandlung, sah sie wieder von Reiz und holder Verlockung umgeben, hrte
wieder den Klang von Herausforderung und Geschlecht in ihrer Stimme, sah
wieder ihre Hnde wei und ihren Hals perlfarben aus den Spitzen steigen.

Haben Sie auch tchtig gewonnen? fragte er lachend.

Es geht, noch nicht das groe Los. Es sind etwa fnftausend.

Nun, das ist ja ein hbscher Anfang.

Ja, ich werde natrlich fortfahren, das nchstemal. Aber das richtige ist
es noch nicht. Es mu auf einmal kommen, nicht tropfenweise.

Er wollte sagen: Dann mten Sie auch nicht tropfenweise setzen, sondern
alles auf einmal -- aber er stie statt dessen mit ihr an, auf das groe
Glck, und lachte und plauderte weiter.

Wie war das Mdchen hbsch, gesund und einfach in seiner Freude! Vor einer
Stunde noch hatte sie an den Spieltischen gestanden, streng, besorgt,
faltig, bse, rechnend. Jetzt sah sie aus, als habe nie eine Sorge sie
berhrt, als wisse sie nichts von Geld, Spiel, Geschften, als kenne sie
nur Freude, Luxus und mheloses Schwimmen an der schillernden Oberflche
des Lebens. War das alles wahr, alles echt? Er selbst lachte ja auch, war
ja auch vergngt, warb ja auch um Freude und Liebe aus heitern Augen -- und
doch sa zugleich einer in ihm, der an das alles nicht glaubte, der dem
allem mit Mitrauen und mit Hohn zusah. War das bei andern Menschen anders?
Ach, man wute so wenig, so verzweifelt wenig von den Menschen! Hundert
Jahreszahlen von lcherlichen Schlachten und Namen von lcherlichen alten
Knigen hatte man in den Schulen gelernt, und man las tglich Artikel ber
Steuern oder ber den Balkan, aber vom Menschen wute man nichts! Wenn eine
Glocke nicht schellte, wenn ein Ofen rauchte, wenn ein Rad in einer
Maschine stockte, so wute man sogleich, wo zu suchen sei, und tat es mit
Eifer, und fand den Schaden und wute, wie er zu heilen war. Aber das Ding
in uns, die geheime Feder, die allein dem Leben den Sinn gibt, das Ding in
uns, das allein lebt, das allein fhig ist, Lust und Weh zu fhlen, Glck
zu begehren, Glck zu erleben -- das war unbekannt, von dem wute man
nichts, gar nichts, und wenn es krank wurde, so gab es keine Heilung. War
es nicht wahnsinnig?

Whrend er mit Teresina trank und lachte, stiegen in andern Bezirken seiner
Seele solche Fragen auf und nieder, dem Bewutsein bald nher bald ferner.
Alles war zweifelhaft, alles schwamm im Ungewissen. Wenn er nur das Eine
gewut htte: ob diese Unsicherheit, diese Not, diese Verzweiflung mitten
in der Freude, dieses Denkenmssen und Fragenmssen auch in andern Menschen
so war, oder nur in ihm allein, in dem Sonderling Klein?

Eines fand er, darin unterschied er sich von Teresina, darin war sie anders
als er, war kindlich und primitiv gesund. Dies Mdchen rechnete, wie alle
Menschen, und wie auch er selbst es frher getan hatte, immerzu instinktiv
mit Zukunft, mit Morgen und bermorgen, mit Fortdauer. Htte sie sonst
spielen und das Geld so ernst nehmen knnen? Und da, das fhlte er tief, da
stand es bei ihm anders. Fr ihn stand hinter jedem Gefhl und Gedanken das
Tor offen, das ins Nichts fhrte. Wohl litt er an Angst, an Angst vor sehr
vielem, vor dem Wahnsinn, vor der Polizei, der Schlaflosigkeit, auch an
Angst vor dem Tod. Aber alles, wovor er Angst empfand, das begehrte und
ersehnte er dennoch zugleich -- er war voll brennender Sehnsucht und
Neugierde nach Leid, nach Untergang, nach Verfolgung, nach Wahnsinn und
Tod.

Komische Welt, sagte er vor sich hin, und meinte damit nicht die Welt um
ihn her, sondern dies innere Wesen. Plaudernd verlieen sie den Saal und
das Haus, kamen im blassen Laternenlicht an das schlafende Seeufer, wo sie
ihren Bootsmann wecken muten. Es dauerte eine Weile, bis das Boot abfahren
konnte, und die beiden standen nebeneinander, pltzlich aus der Lichtflle
und farbigen Geselligkeit des Kasinos in die dunkle Stille des verlassenen
nchtlichen Ufers verzaubert, das Lachen von drben noch auf erhitzten
Lippen und schon khl berhrt von Nacht, Schlafnhe und Furcht vor
Einsamkeit. Sie fhlten beide dasselbe. Unversehens hielten sie sich bei
den Hnden, lchelten irr und verlegen in die Dunkelheit, spielten mit
zuckenden Fingern einer auf Hand und Arm des andern. Der Bootsmann rief,
sie stiegen ein, setzten sich in die Kabine, und mit heftigem Griff zog er
den blonden schweren Kopf zu sich her und in die ausbrechende Glut seiner
Ksse.

Zwischenein sich erwehrend, setzte sie sich aufrecht und fragte: Werden
wir wohl bald wieder hier herber fahren?

Mitten in der Liebeserregung mute er heimlich lachen. Sie dachte bei allem
noch ans Spiel, sie wollte wiederkommen und ihr Geschft fortsetzen.

Wann du willst, sagte er werbend, morgen und bermorgen und jeden Tag,
den du willst.

Als er ihre Finger in seinem Nacken spielen fhlte, durchzuckte ihn
Erinnerung an das furchtbare Gefhl im Traum, als das rchende Weib ihm die
Ngel in den Hals krallte.

Jetzt sollte sie mich pltzlich tten, das wre das richtige, dachte er
glhend -- oder ich sie.

Ihre Brust mit tastender Hand umspannend lachte er leise vor sich hin.
Unmglich wre es ihm gewesen, noch Lust und Weh zu unterscheiden. Auch
seine Lust, seine hungrige Sehnsucht nach der Umarmung mit diesem schnen
starken Weibe, war von Angst kaum zu unterscheiden, er ersehnte sie wie der
Verurteilte das Beil. Beides war da, flammende Lust und trostlose Trauer,
beides brannte, beides zuckte in fiebernden Sternen auf, beides wrmte,
beides ttete.

Teresina entzog sich geschmeidig einer zu khnen Liebkosung, hielt seine
beiden Hnde fest, brachte ihre Augen nah an seine und flsterte wie
abwesend: Was bist du fr ein Mensch, du? Warum liebe ich dich? Warum
zieht mich etwas zu dir? Du bist schon alt und bist nicht schn -- wie ist
das? Hre, ich glaube doch, da du ein Verbrecher bist. Bist du nicht
einer? Ist dein Geld nicht gestohlen?

Er suchte sich loszumachen: Rede nicht, Teresina! Alles Geld ist
gestohlen, alle Habe ist ungerecht. Ist denn das wichtig? Wir sind alle
Snder, wir sind alle Verbrecher, nur schon weil wir leben. Ist denn das
wichtig?

Ach, was ist wichtig? zuckte sie auf.

Wichtig ist, da wir diesen Becher austrinken, sagte Klein langsam,
nichts anderes ist wichtig. Vielleicht kommt er nicht wieder. Willst du
mit mir schlafen kommen, oder darf ich mit zu dir gehen?

Komm zu mir, sagte sie leise. Ich habe Angst vor dir, und doch mu ich
bei dir sein. Sage mir dein Geheimnis nicht! Ich will nichts wissen!

Das Abklingen des Motors weckte sie, sie ri sich los, strich sich klrend
ber Haar und Kleider. Das Boot lief leise an den Steg, Laternenlichter
spiegelten splitternd im schwarzen Wasser. Sie stiegen aus.

Halt, meine Tasche! rief Teresina nach zehn Schritten. Sie lief zum Steg
zurck, sprang ins Boot, fand auf dem Polster die Tasche mit ihrem Geld
liegen, warf dem mitrauisch blickenden Fhrmann einen der Scheine hin und
lief Klein in die Arme, der sie am Kai erwartete.


V

Der Sommer hatte pltzlich begonnen, in zwei heien Tagen hatte er die Welt
verndert, die Wlder vertieft, die Nchte verzaubert. Hei drngte sich
Stunde an Stunde, schnell lief die Sonne ihren glhenden Halbkreis ab,
schnell und hastig folgten ihr die Sterne, Lebensfieber glhte hoch, eine
lautlose gierige Eile jagte die Welt.

Ein Abend kam, da wurde Teresinas Tanz im Kursaal durch ein rasend
hertobendes Gewitter unterbrochen. Lampen erloschen, irre Gesichter
grinsten sich im weien Flackern der Blitze an, Weiber schrien, Kellner
brllten, Fenster zerklirrten im Sturm.

Klein hatte Teresina sofort zu sich an den Tisch gezogen, wo er neben dem
alten Komiker sa.

Herrlich! sagte er. Wir gehen. Du hast doch keine Angst?

Nein, nicht Angst. Aber du darfst heut nicht mit mir kommen. Du hast drei
Nchte nicht geschlafen, und du siehst scheulich aus. Bring mich nach
Haus, und dann geh schlafen in dein Hotel! Nimm Veronal, wenn du es
brauchst. Du lebst wie ein Selbstmrder.

Sie gingen, Teresina im geborgten Mantel eines Kellners, mitten durch Sturm
und Blitze und aufheulende Staubwirbel durch die leer gefegten Straen,
hell und frohlockend knallten die prallen Donnerschlge durch die
aufgewhlte Nacht, pltzlich brauste Regen los, auf dem Pflaster
zerspritzend, voll und voller mit dem erlsenden Schluchzen wilder Gsse im
dicken Sommerlaub.

Na und durchschttelt kamen sie in die Wohnung der Tnzerin, Klein ging
nicht nach Hause, es wurde nicht mehr davon gesprochen. Aufatmend traten
sie ins Schlafzimmer, taten lachend die durchnten Kleider ab, durchs
Fenster schrillte grell das Licht der Blitze, in den Akazien whlte Sturm
und Regen sich mde.

Wir waren noch nicht wieder in Castiglione, spottete Klein. Wann gehen
wir?

Wir werden wieder gehen, verla dich drauf. Hast du Langeweile?

Er zog sie an sich, beide fieberten, und Nachglanz des Gewitters loderte in
ihrer Liebkosung. In Sten kam durchs Fenster die gekhlte feuchte Luft,
mit bittrem Geruch von Laub und stumpfem Geruch von Erde. Aus dem
Liebeskampf fielen sie beide schnell in Schlummer. Auf dem Kissen lag sein
ausgehhltes Gesicht neben ihrem frischen, sein dnnes trocknes Haar neben
ihrem vollen blhenden. Vor dem Fenster glhte das Nachtgewitter in letzten
Flammen auf, wurde mde und erlosch, der Sturm schlief ein, beruhigt rann
ein stiller Regen in die Bume.

Bald nach ein Uhr erwachte Klein, der keinen lngern Schlaf mehr kannte,
aus einem schweren schwlen Traumgewirre, mit wstem Kopf und schmerzenden
Augen. Regungslos lag er eine Weile, die Augen aufgerissen, sich besinnend,
wo er sei. Es war Nacht, jemand atmete neben ihm, er war bei Teresina.

Langsam richtete er sich auf. Nun kamen die Qualen wieder, nun war ihm
wieder beschieden, Stunde um Stunde zu liegen, Weh und Angst im Herzen,
allein, nutzlose Leiden leiden, nutzlose Gedanken denken, nutzlose Sorgen
sorgen. Aus dem Alpdrcken, das ihn geweckt hatte, krochen schwere fette
Gefhle ihm nach, Ekel und Grauen, bersttigung, Selbstverachtung.

Er tastete nach dem Licht und drehte an. Die khle Helligkeit flo bers
weie Kissen, ber die Sthle voll Kleider, schwarz hing das Fensterloch in
der schmalen Wand. ber Teresinas abgewandtes Gesicht fiel Schatten, ihr
Nacken und Haar glnzte hell.

So hatte er einst auch seine Frau zuweilen liegen sehen, auch neben ihr war
er zu Zeiten schlaflos gelegen, ihren Schlummer beneidend, von ihrem satten
zufriedenen Atemholen wie verhhnt. Nie, niemals war man von seinem
Nchsten so ganz und gar, so vollkommen verlassen, als wenn er schlief! Und
wieder, wie schon oft, fiel ihm das Bild des leidenden Jesus ein, im Garten
Gethsemane, wo die Todesangst ihn ersticken will, seine Jnger aber
schlafen, schlafen.

Leise zog er das Kissen mehr zu sich herber, samt dem schlafenden Kopf
Teresinas. Nun sah er ihr Gesicht, im Schlaf so fremd, so ganz bei sich
selbst, so ganz von ihm abgewandt. Eine Schulter und Brust lag blo, unter
dem Leintuch wlbte sich sanft ihr Leib bei jedem Atemzug. Komisch, fiel
ihm ein, wie man in Liebesworten, in Gedichten, in Liebesbriefen immer und
immer von den sen Lippen und Wangen sprach, und nie von Bauch und Bein!
Schwindel! Schwindel! Er betrachtete Teresina lang. Mit diesem schnen
Leib, mit dieser Brust und diesen weien, gesunden, starken, gepflegten
Atmen und Beinen wrde sie ihn noch oft verlocken und ihn umschlingen und
Lust von ihm nehmen und dann ruhen und schlafen, satt und tief, ohne
Schmerzen, ohne Angst, ohne Ahnung, schn und stumpf und dumm wie ein
gesundes schlafendes Tier. Und er wrde neben ihr liegen, schlaflos, mit
flackernden Nerven, das Herz voll Pein. Noch oft? Noch oft? Ach nein, nicht
oft mehr, nicht viele Male mehr, vielleicht keinmal mehr! Er zuckte
zusammen. Nein, er wute es: keinmal mehr!

Sthnend bohrte er den Daumen in seine Augenhhle, wo zwischen Auge und
Stirn diese teuflischen Schmerzen saen. Gewi, auch Wagner hatte diese
Schmerzen gehabt, der Lehrer Wagner. Er hatte sie gehabt, diese
wahnsinnigen Schmerzen, gewi jahrelang, und hatte sie getragen und
erlitten, und sich dabei reifen und Gott nher kommen gemeint in seinen
Qualen, seinen nutzlosen Qualen. Bis er eines Tages es nicht mehr ertragen
konnte -- so wie auch er, Klein, es nicht mehr ertragen konnte. Die
Schmerzen waren ja das wenigste, aber die Gedanken, die Trume, das
Alpdrcken! Da war Wagner eines Nachts aufgestanden und hatte gesehen, da
es keinen Sinn habe, noch mehr, noch viele solche Nchte voll Qual
aneinander zu reihen, da man dadurch nicht zu Gott komme, und hatte das
Messer geholt. Es war vielleicht unntz, es war vielleicht tricht und
lcherlich von Wagner, da er gemordet hatte. Wer seine Qualen nicht
kannte, wer seine Pein nicht gelitten hatte, der konnte es ja nicht
verstehen.

Er selbst hatte vor kurzem, in einem Traum, eine Frau mit dem Messer
erstochen, weil ihr entstelltes Gesicht ihm unertrglich gewesen war.
Entstellt war freilich jedes Gesicht, das man liebte, entstellt und grausam
aufreizend, wenn es nicht mehr log, wenn es schwieg, wenn es schlief. Da
sah man ihm auf den Grund und sah nichts von Liebe darin, wie man auch im
eigenen Herzen nichts von Liebe fand, wenn man auf den Grund sah. Da war
nur Lebensgier und Angst, und aus Angst, aus dummer Kinderangst vor der
Klte, vor dem Alleinsein, vor dem Tode floh man zueinander, kte sich,
umarmte sich, rieb Wange an Wange, legte Bein zu Bein, warf neue Menschen
in die Welt. So war es. So war er einst zu seiner Frau gekommen. So war die
Frau des Wirtes in einem Dorf zu ihm gekommen, einst, am Anfang seines
jetzigen Weges, in einer kahlen steinernen Kammer, barfu und schweigend,
getrieben von Angst, von Lebensgier, von Trostbedrfnis. So war auch er zu
Teresina gekommen, und sie zu ihm. Es war stets derselbe Trieb, dasselbe
Begehren, dasselbe Miverstndnis. Es war auch stets dieselbe Enttuschung,
dasselbe grimme Leid. Man glaubte, Gott nah zu sein, und hielt ein Weib in
den Armen. Man glaubte, Harmonie erreicht zu haben, und hatte nur seine
Schuld und seinen Jammer weggewlzt, auf ein fernes zuknftiges Wesen! Ein
Weib hielt man in den Armen, kte ihren Mund, streichelte ihre Brust und
zeugte mit ihr ein Kind, und einst wrde das Kind, vom selben Schicksal
ereilt, in einer Nacht ebenso neben einem Weibe liegen und ebenso aus dem
Rausch erwachen und mit schmerzenden Augen in den Abgrund sehen, und das
Ganze verfluchen. Unertrglich, das zu Ende zu denken!

Sehr aufmerksam betrachtete er das Gesicht der Schlafenden, die Schulter
und Brust, das gelbe Haar. Das alles hatte ihn entzckt, hatte ihn
getuscht, hatte ihn verlockt, das alles hatte ihm Lust und Glck
vorgelogen. Nun war es aus, nun wurde abgerechnet. Er war in das Theater
Wagner eingetreten, er hatte erkannt, warum jedes Gesicht, sobald die
Tuschung dahinfiel, so entstellt und unausstehlich war.

Klein stand vom Bett auf und ging auf die Suche nach einem Messer. Im
Vorbeischleichen streifte er Teresinas lange hellbraune Strmpfe vom Stuhl
-- dabei fiel ihm blitzschnell ein, wie er sie das erstemal gesehen, im
Park, und wie von ihrem Gang und von ihrem Schuh und straffen Strumpf der
erste Reiz ihm zugeflogen war. Er lachte leise, wie schadenfroh, und nahm
Teresinas Kleider, Stck um Stck, in die Hand, befhlte sie und lie sie
zu Boden fallen. Dann suchte er weiter, dazwischen fr Momente alles
vergessend. Sein Hut lag auf dem Tisch, er nahm ihn gedankenlos in die
Hnde, drehte ihn, fhlte, da er na war, und setzte ihn auf. Beim Fenster
blieb er stehen, sah in die Schwrze hinaus, hrte Regen singen, es klang
wie aus verschollenen anderen Zeiten her. Was wollte das alles von ihm,
Fenster, Nacht, Regen -- was ging es ihn an, das alte Bilderbuch aus der
Kinderzeit?

Pltzlich blieb er stehen. Er hatte ein Ding in die Hand genommen, das auf
einem Tische lag, und sah es an. Es war ein silberner ovaler Handspiegel,
und aus dem Spiegel schien ihm sein Gesicht entgegen, das Gesicht Wagners,
ein irres verzogenes Gesicht mit tiefen schattigen Hhlen und zerstrten,
zersprungenen Zgen. Das geschah ihm jetzt so merkwrdig oft, da er sich
unversehens in einem Spiegel sah, ihm schien, er habe frher jahrzehntelang
nie in einen geblickt. Auch das, schien es, gehrte zum Theater Wagner.

Er blieb stehen und blickte lang in das Glas. Dies Gesicht des ehemaligen
Friedrich Klein war fertig und verbraucht, es hatte ausgedient, Untergang
schrie aus jeder Falte. Dies Gesicht mute verschwinden, es mute
ausgelscht werden. Es war sehr alt, dies Gesicht, viel hatte sich in ihm
gespiegelt, allzu viel, viel Lug und Trug, viel Staub und Regen war darber
gegangen. Es war einmal glatt und hbsch gewesen, er hatte es einst geliebt
und gepflegt und Freude daran gehabt, und hatte es oft auch gehat. Warum?
Beides war nicht mehr zu begreifen.

Und warum stand er jetzt da, nachts in diesem kleinen fremden Zimmer, mit
einem Glas in der Hand und einem nassen Hut auf dem Kopf, ein seltsamer
Hanswurst -- was war mit ihm? Was wollte er? Er setzte sich auf den
Tischrand. Was hatte er gewollt? Was suchte er? Er hatte doch etwas
gesucht, etwas sehr Wichtiges gesucht?

Ja, ein Messer.

Pltzlich ungeheuer erschttert sprang er empor und lief zum Bett. Er
beugte sich ber das Kissen, sah das schlafende Mdchen im gelben Haare
liegen. Sie lebte noch! Er hatte es noch nicht getan! Grauen berflo ihn
eisig. Mein Gott, nun war es da! Nun war es so weit, und es geschah, was er
schon immer und immer in seinen furchtbarsten Stunden hatte kommen sehen.
Nun war es da. Nun stand er, Wagner, am Bett einer Schlafenden, und suchte
das Messer! -- Nein, er wollte nicht. Nein, er war nicht wahnsinnig. Gott
sei Dank, er war nicht wahnsinnig! Nun war es gut.

Es kam Friede ber ihn. Langsam zog er seine Kleider an, die Hosen, den
Rock, die Schuhe. Nun war es gut.

Als er nochmals zum Bett treten wollte, fhlte er Weiches unter seinem Fu.
Da lagen Teresinas Kleider am Boden, die Strmpfe, das hellgraue Kleid.
Sorgfltig hob er sie auf und legte sie ber den Stuhl.

Er lschte das Licht und ging aus dem Zimmer. Vor dem Hause troff Regen
still und khl, nirgends Licht, nirgends ein Mensch, nirgends ein Laut, nur
der Regen. Er wandte das Gesicht nach oben und lie sich den Regen ber
Stirn und Wangen laufen. Kein Himmel zu finden. Wie dunkel es war! Gern,
gern htte er einen Stern gesehen.

Ruhig ging er durch die Straen, vom Regen durchweicht. Kein Mensch, kein
Hund begegnete ihm, die Welt war ausgestorben. Am Seeufer ging er von Boot
zu Boot, sie waren alle hoch ans Land gezogen und stramm mit Ketten
befestigt. Erst ganz in der Vorstadt auen fand er eins, das locker am
Strick hing und sich lsen lie. Das machte er los und hngte die Ruder
ein. Schnell war das Ufer vergangen, es flo ins Grau hinweg wie nie
gewesen, nur Grau und Schwarz und Regen war noch auf der Welt, grauer See,
nasser See, grauer See, nasser Himmel, alles ohne Ende.

Drauen, weit im See, zog er die Ruder ein. Es war nun so weit, und er war
zufrieden. Frher hatte er, in den Augenblicken, wo Sterben ihm
unvermeidlich schien, doch immer gern noch ein wenig gezgert, die Sache
auf morgen verschoben, es erst noch einmal mit dem Weiterleben probiert.
Davon war nichts mehr da. Sein kleines Boot, das war er, das war sein
kleines, umgrenztes, knstlich versichertes Leben -- rundum aber das weite
Grau, das war die Welt, das war All und Gott, dahinein sich fallen zu
lassen war nicht schwer, das war leicht, das war froh.

Er setzte sich auf den Rand des Bootes nach auen, die Fe hingen ins
Wasser. Er neigte sich langsam vor, neigte sich vor, bis hinter ihm das
Boot elastisch entglitt. Er war im All.

In die kleine Zahl von Augenblicken, welche er von da an noch lebte, war
viel mehr Erlebnis gedrngt als in den vierzig Jahren, die er zuvor bis zu
diesem Ziel unterwegs gewesen war.

Es begann damit: Im Moment, wo er fiel, wo er einen Blitz lang zwischen
Bootsrand und Wasser schwebte, stellte sich ihm dar, da er einen
Selbstmord begehe, eine Kinderei, etwas zwar nicht Schlimmes, aber
Komisches und ziemlich Trichtes. Das Pathos des Sterbenwollens und das
Pathos des Sterbens selbst fiel in sich zusammen, es war nichts damit. Sein
Sterben war nicht mehr notwendig, jetzt nicht mehr. Es war erwnscht, es
war schn und willkommen, aber notwendig war es nicht mehr. Seit dem
Moment, seit dem aufblitzenden Sekundenteil, wo er sich mit ganzem Wollen,
mit ganzem Verzicht auf jedes Wollen, mit ganzer Hingabe hatte vom
Bootsrand fallen lassen, in den Scho der Mutter, in den Arm Gottes -- seit
diesem Augenblick hatte das Sterben keine Bedeutung mehr. Es war ja alles
so einfach, es war ja alles so wunderbar leicht, es gab ja keine Abgrnde,
keine Schwierigkeiten mehr. Die ganze Kunst war: sich fallen lassen! Das
leuchtete als Ergebnis seines Lebens hell durch sein ganzes Wesen: sich
fallen lassen! Hatte man das einmal getan, hatte man einmal sich
dahingegeben, sich anheimgestellt, sich ergeben, hatte man einmal auf alle
Sttzen und jeden festen Boden unter sich verzichtet, hrte man ganz und
gar nur noch auf den Fhrer im eigenen Herzen, dann war alles gewonnen,
dann war alles gut, keine Angst mehr, keine Gefahr mehr.

Dies war erreicht, dies Groe, Einzige: er hatte sich fallen lassen! Da er
sich ins Wasser und in den Tod fallen lie, wre nicht notwendig gewesen,
ebensogut htte er sich ins Leben fallen lassen knnen. Aber daran lag
nicht viel, wichtig war dies nicht. Er wrde leben, er wrde wieder kommen.
Dann aber wrde er keinen Selbstmord mehr brauchen und keinen von all
diesen seltsamen Umwegen, keine von all diesen mhsamen und schmerzlichen
Torheiten mehr, denn er wrde die Angst berwunden haben.

Wunderbarer Gedanke: ein Leben ohne Angst! Die Angst berwinden, das war
die Seligkeit, das war die Erlsung. Wie hatte er sein Leben lang Angst
gelitten, und nun, wo der Tod ihn schon am Halse wrgte, fhlte er nichts
mehr davon, keine Angst, kein Grauen, nur Lcheln, nur Erlsung, nur
Einverstandensein. Er wute nun pltzlich, was Angst ist, und da sie nur
von dem berwunden werden kann, der sie erkannt hat. Man hatte vor tausend
Dingen Angst, vor Schmerzen, vor Richtern, vor dem eigenen Herzen, man
hatte Angst vor dem Schlaf, Angst vor dem Erwachen, vor dem Alleinsein, vor
der Klte, vor dem Wahnsinn, vor dem Tode -- namentlich vor ihm, vor dem
Tode. Aber all das waren nur Masken und Verkleidungen. In Wirklichkeit gab
es nur eines, vor dem man Angst hatte: das Sichfallenlassen, den Schritt in
das Ungewisse hinaus, den kleinen Schritt hinweg ber all die
Versicherungen, die es gab. Und wer sich einmal, ein einziges Mal
hingegeben hatte, wer einmal das groe Vertrauen gebt und sich dem
Schicksal anvertraut hatte, der war befreit. Er gehorchte nicht mehr den
Erdgesetzen, er war in den Weltraum gefallen und schwang im Reigen der
Gestirne mit. So war das. Es war so einfach, jedes Kind konnte das
verstehen, konnte das wissen.

Er dachte dies nicht, wie man Gedanken denkt, er lebte, fhlte, tastete,
roch und schmeckte es. Er schmeckte, roch, sah und verstand, was Leben war.
Er sah die Erschaffung der Welt, er sah den Untergang der Welt, beide wie
zwei Heerzge bestndig gegeneinander in Bewegung, nie vollendet, ewig
unterwegs. Die Welt wurde immerfort geboren, sie starb immerfort. Jedes
Leben war ein Atemzug, von Gott ausgestoen. Jedes Sterben war ein Atemzug,
von Gott eingesogen. Wer gelernt hatte, nicht zu widerstreben, sich fallen
zu lassen, der starb leicht, der wurde leicht geboren. Wer widerstrebte,
der litt Angst, der starb schwer, der wurde ungern geboren.

Im grauen Regendunkel ber dem Nachtsee sah der Untersinkende das Spiel der
Welt gespiegelt und dargestellt: Sonnen und Sterne rollten herauf, rollten
hinab, Chre von Menschen und Tieren, Geistern und Engeln standen
gegeneinander, sangen, schwiegen, schrien, Zge von Wesen zogen
gegeneinander, jedes sich selbst mikennend, sich selbst hassend, und sich
in jedem andern Wesen hassend und verfolgend. Ihrer aller Sehnsucht war
nach Tod, war nach Ruhe, ihr Ziel war Gott, war die Wiederkehr zu Gott und
das Bleiben in Gott. Dies Ziel schuf Angst, denn es war ein Irrtum. Es gab
kein Bleiben in Gott! Es gab keine Ruhe! Es gab nur das ewige, ewige,
ewige, herrliche, heilige Ausgeatmetwerden und Eingeatmetwerden, Gestaltung
und Auflsung, Geburt und Tod, Auszug und Wiederkehr, ohne Pause, ohne
Ende. Und darum gab es nur eine Kunst, nur eine Lehre, nur ein Geheimnis:
sich fallen lassen, sich nicht gegen Gottes Willen struben, sich an nichts
klammern, nicht an Gut noch Bse. Dann war man erlst, dann war man frei
von Leid, frei von Angst, nur dann.

Sein Leben lag vor ihm wie ein Land mit Wldern, Talschaften und Drfern,
das man vom Kamm eines hohen Gebirges bersieht. Alles war gut gewesen,
einfach und gut gewesen, und alles war durch seine Angst, durch sein
Struben zu Qual und Verwicklung, zu schauerlichen Knueln und Krmpfen von
Jammer und Elend geworden! Es gab keine Frau, ohne die man nicht leben
konnte -- und es gab auch keine Frau, mit der man nicht htte leben knnen.
Es gab kein Ding in der Welt, das nicht ebenso schn, ebenso begehrenswert,
ebenso beglckend war wie sein Gegenteil! Es war selig zu leben, es war
selig zu sterben, sobald man allein im Weltraum hing. Ruhe von auen gab es
nicht, keine Ruhe im Friedhof, keine Ruhe in Gott, kein Zauber unterbrach
je die ewige Kette der Geburten, die unendliche Reihe der Atemzge Gottes.
Aber es gab eine andere Ruhe, im eigenen Innern zu finden. Sie hie: La
dich fallen! Wehre dich nicht! Stirb gern! Lebe gern!

Alle Gestalten seines Lebens waren bei ihm, alle Gesichter seiner Liebe,
alle Wechsel seines Leidens. Seine Frau war rein und ohne Schuld wie er
selbst, Teresina lchelte kindlich her. Der Mrder Wagner, dessen Schatten
so breit ber Kleins Leben gefallen war, lchelte ihm ernst ins Gesicht,
und sein Lcheln erzhlte, da auch Wagners Tat ein Weg zur Erlsung
gewesen war, auch sie ein Atemzug, auch sie ein Symbol, und da auch Mord
und Blut und Scheulichkeit nicht Dinge sind, welche wahrhaft existieren,
sondern nur Wertungen unsrer eigenen, selbstqulerischen Seele. Mit dem
Morde Wagners hatte er, Klein, Jahre seines Lebens hingebracht, in
Verwerfen und Billigen, Verurteilen und Bewundern, Verabscheuen und
Nachahmen hatte er sich aus diesem Morde unendliche Ketten von Qualen, von
ngsten, von Elend geschaffen. Er hatte hundertmal voll Angst seinem
eigenen Tode beigewohnt, er hatte sich auf dem Schafott sterben sehen, er
hatte den Schnitt des Rasiermessers durch seinen Hals gefhlt und die Kugel
in seiner Schlfe -- und nun, da er den gefrchteten Tod wirklich starb,
war es so leicht, war es so einfach, war es Freude und Triumph! Nichts in
der Welt war zu frchten, nichts war schrecklich -- nur im Wahn machten wir
uns all diese Furcht, all dies Leid, nur in unsrer eignen, gengsteten
Seele entstand Gut und Bse, Wert und Unwert, Begehren und Furcht.

Die Gestalt Wagners versank weit in der Ferne. Er war nicht Wagner, nicht
mehr, es gab keinen Wagner, das alles war Tuschung gewesen. Nun, mochte
Wagner sterben! Er, Klein, wrde leben.

Wasser flo ihm in den Mund, und er trank. Von allen Seiten, durch alle
Sinne flo Wasser herein, alles lste sich auf. Er wurde angesogen, er
wurde eingeatmet. Neben ihm, an ihn gedrngt, so eng beisammen wie die
Tropfen im Wasser, schwammen andere Menschen, schwamm Teresina, schwamm der
alte Snger, schwamm seine einstige Frau, sein Vater, seine Mutter und
Schwester, und tausend, tausend, tausend andre Menschen, und auch Bilder
und Huser, Tizians Venus und der Mnster von Straburg, alles schwamm, eng
aneinander, in einem ungeheuren Strom dahin, von Notwendigkeit getrieben,
rasch und rascher, rasend -- und diesem ungeheuern, rasenden Riesenstrom
der Gestaltungen kam ein anderer Strom entgegen, ungeheuer, rasend, ein
Strom von Gesichtern, Beinen, Buchen, von Tieren, Blumen, Gedanken,
Morden, Selbstmorden, geschriebenen Bchern, geweinten Trnen, dicht,
dicht, voll, voll, Kinderaugen und schwarze Locken und Fischkpfe, ein Weib
mit langem starren Messer im blutigen Bauch, ein junger Mensch, ihm selbst
hnlich, das Gesicht voll heiliger Leidenschaft, das war er selbst,
zwanzigjhrig, jener verschollene Klein von damals! Wie gut, da auch diese
Erkenntnis nun zu ihm kam: da es keine Zeit gab! Das einzige, was zwischen
Alter und Jugend, zwischen Babylon und Berlin, zwischen Gut und Bse, Geben
und Nehmen stand, das einzige, was die Welt mit Unterschieden, Wertungen,
Leid, Streit, Krieg erfllte, war der Menschengeist, der junge ungestme
und grausame Menschengeist im Zustand der tobenden Jugend, noch fern vom
Wissen, noch weit von Gott. Er erfand Gegenstze, er erfand Namen. Dinge
nannte er schn, Dinge hlich, diese gut, diese schlecht. Ein Stck Leben
wurde Liebe genannt, ein andres Mord. So war dieser Geist, jung, tricht,
komisch. Eine seiner Erfindungen war die Zeit. Eine feine Erfindung, ein
raffiniertes Instrument, sich noch inniger zu qulen und die Welt vielfach
und schwierig zu machen! Von allem, was der Mensch begehrte, war er immer
nur durch Zeit getrennt, nur durch diese Zeit, diese tolle Erfindung! Sie
war eine der Sttzen, eine der Krcken, die man vor allem fahren lassen
mute, wenn man frei werden wollte.

Weiter quoll der Weltstrom der Gestaltungen, der von Gott eingesogene, und
der andere, ihm entgegen, der ausgeatmete. Klein sah Wesen, die sich dem
Strom widersetzten, die sich unter furchtbaren Krmpfen aufbumten und sich
grauenhafte Qualen schufen: Helden, Verbrecher, Wahnsinnige, Denker,
Liebende, Religise. Andre sah er, gleich ihm selbst, rasch und leicht in
inniger Wollust der Hingabe, des Einverstandenseins dahingetrieben, Selige
wie er. Aus dem Gesang der Seligen und aus dem endlosen Qualschrei der
Unseligen baute sich ber den beiden Weltstrmen eine durchsichtige Kugel
oder Kuppel aus Tnen, ein Dom von Musik, in dessen Mitte sa Gott, sa ein
heller, vor Helle unsichtbarer Glanzstern, ein Inbegriff von Licht,
umbraust von der Musik der Weltchre, in ewiger Brandung.

Helden und Denker traten aus dem Weltstrom, Propheten, Verknder. Siehe,
das ist Gott der Herr, und sein Weg fhrt zum Frieden, rief einer, und
viele folgten ihm. Ein andrer verkndete, da Gottes Bahn zum Kampf und
Kriege fhre. Einer nannte ihn Licht, einer nannte ihn Nacht, einer Vater,
einer Mutter. Einer pries ihn als Ruhe, einer als Bewegung, als Feuer, als
Khle, als Richter, als Trster, als Schpfer, als Vernichter, als
Verzeiher, als Rcher. Gott selbst nannte sich nicht. Er wollte genannt, er
wollte geliebt, er wollte gepriesen, verflucht, gehat, angebetet sein,
denn die Musik der Weltchre war sein Gotteshaus und war sein Leben -- aber
es galt ihm gleich, mit welchen Namen man ihn pries, ob man ihn liebte oder
hate, ob man bei ihm Ruhe und Schlaf, oder Tanz und Raserei suchte. Jeder
konnte suchen. Jeder konnte finden.

Jetzt vernahm Klein seine eigene Stimme. Er sang. Mit einer neuen,
gewaltigen, hellen, hallenden Stimme sang er laut, sang er laut und hallend
Gottes Lob, Gottes Preis. Er sang im rasenden Dahinschwimmen, inmitten der
Millionen Geschpfe, ein Prophet und Verknder. Laut schallte sein Lied,
hoch stieg das Gewlbe der Tne auf, strahlend sa Gott im Innern.
Ungeheuer brausten die Strme hin.




Klingsors letzter Sommer


Vorbemerkung

Den letzten Sommer seines Lebens brachte der Maler Klingsor, im Alter von
zweiundvierzig Jahren, in jenen sdlichen Gegenden in der Nhe von
Pampambio, Kareno und Laguno hin, die er schon in frhern Jahren geliebt
und oft besucht hatte. Dort entstanden seine letzten Bilder, jene freien
Paraphrasen zu den Formen der Erscheinungswelt, jene seltsamen, leuchtenden
und doch stillen, traumstillen Bilder mit den gebogenen Bumen und
pflanzenhaften Husern, welche von den Kennern denen seiner klassischen
Zeit vorgezogen werden. Seine Palette zeigte damals nur noch wenige, sehr
leuchtende Farben: Kadmium gelb und rot, Veronesergrn, Emerald, Kobalt,
Kobaltviolett, franzsischer Zinnober, Geraniumlack und helles Eilidorot.

Die Nachricht von Klingsors Tode erschreckte seine Freunde im Sptherbst.
Manche seiner Briefe hatten Vorahnungen oder Todeswnsche enthalten.
Hieraus mag das Gercht entstanden sein, er habe sich selbst das Leben
genommen. Andre Gerchte, wie sie eben einem umstrittenen Namen anfliegen,
sind kaum weniger haltlos als jenes. Viele behaupten, Klingsor sei schon
seit Monaten geisteskrank gewesen, und ein wenig einsichtiger
Kunstschriftsteller hat versucht, das Verblffende und Ekstatische in
seinen letzten Bildern aus diesem angeblichen Wahnsinn zu erklren! Mehr
Grund als diese Redereien hat die anekdotenreiche Sage von Klingsors
Neigung zum Trunk. Diese Neigung war bei ihm vorhanden, und niemand nannte
sie offenherziger mit Namen als er selbst. Er hat zu gewissen Zeiten, und
so auch in den letzten Monaten seines Lebens, nicht nur Freude am hufigen
Pokulieren gehabt, sondern auch den Weinrausch bewut als Betubung seiner
Schmerzen und einer oft schwer ertrglichen Schwermut gesucht. Li Tai Pe,
der Dichter der tiefsten Trinklieder, war sein Liebling, und im Rausche
nannte er oft sich selbst Li Tai Pe und einen seiner Freunde Thu Fu.

Seine Werke leben fort, und nicht minder lebt, im kleinen Kreis seiner
Nchsten, die Legende seines Lebens und jenes letzten Sommers weiter.


Klingsor

Ein leidenschaftlicher und raschlebiger Sommer war angebrochen. Die heien
Tage, so lang sie waren, loderten weg wie brennende Fahnen, den kurzen
schwlen Mondnchten folgten kurze schwle Regennchte, wie Trume schnell
und mit Bildern berfllt fieberten die glnzenden Wochen dahin.

Klingsor stand nach Mitternacht, von einem Nachtgang heimgekehrt, auf dem
schmalen Steinbalkon seines Arbeitszimmers. Unter ihm sank tief und
schwindelnd der alte Terrassengarten hinab, ein tief durchschattetes Gewhl
dichter Baumwipfel, Palmen, Zedern, Kastanien, Judasbaum, Blutbuche,
Eukalyptus, durchklettert von Schlingpflanzen, Lianen, Glyzinen. ber der
Baumschwrze schimmerten blaspiegelnd die groen blechernen Bltter der
Sommermagnolien, riesige schneeweie Blten dazwischen halbgeschlossen,
gro wie Menschenkpfe, bleich wie Mond und Elfenbein, von denen
durchdringend und beschwingt ein inniger Zitronengeruch herberkam. Aus
unbestimmter Ferne her mit mden Schwingen kam Musik geflogen, vielleicht
eine Gitarre, vielleicht ein Klavier, nicht zu unterscheiden. In den
Geflgelhfen schrie pltzlich ein Pfau auf, zwei- und dreimal, und
durchri die waldige Nacht mit dem kurzen, bsen und hlzernen Ton seiner
gepeinigten Stimme, wie wenn das Leid aller Tierwelt ungeschlacht und
schrill aus der Tiefe schellte. Sternlicht flo durch das Waldtal, hoch und
verlassen blickte eine weie Kapelle aus dem endlosen Walde, verzaubert und
alt. See, Berge und Himmel flossen in der Ferne ineinander.

Klingsor stand auf dem Balkon, im Hemde, die nackten Arme auf die
Eisenbrstung gesttzt, und las halb unmutig, mit heien Augen, die Schrift
der Sterne auf dem bleichen Himmel und der milden Lichter auf dem schwarzen
klumpigen Gewlk der Bume. Der Pfau erinnerte ihn. Ja, es war wieder
Nacht, spt, und man htte nun schlafen sollen, unbedingt und um jeden
Preis. Vielleicht, wenn man eine Reihe von Nchten wirklich schlafen wrde,
sechs oder acht Stunden richtig schlafen, so wrde man sich erholen knnen,
so wrden die Augen wieder gehorsam und geduldig sein, und das Herz
ruhiger, und die Schlfen ohne Schmerzen. Aber dann war dieser Sommer
vorber, dieser tolle flackernde Sommertraum, und mit ihm tausend
ungetrunkene Becher verschttet, tausend ungesehene Liebesblicke gebrochen,
tausend unwiederbringliche Bilder ungesehen erloschen!

Er legte die Stirn und die schmerzenden Augen auf die khle Eisenbrstung,
das erfrischte fr einen Augenblick. In einem Jahr vielleicht, oder frher,
waren diese Augen blind, und das Feuer in seinem Herzen gelscht. Nein,
kein Mensch konnte dies flammende Leben lang ertragen, auch nicht er, auch
nicht Klingsor, der zehn Leben hatte. Niemand konnte eine lange Zeit
hindurch Tag und Nacht alle seine Lichter, alle seine Vulkane brennen
haben, niemand konnte mehr als eine kurze Zeit lang Tag und Nacht in
Flammen stehen, jeden Tag viele Stunden glhender Arbeit, jede Nacht viele
Stunden glhender Gedanken, immerzu genieend, immerzu schaffend, immerzu
in allen Sinnen und Nerven hell und berwach wie ein Schlo, hinter dessen
smtlichen Fenstern Tag fr Tag Musik erschallt, Nacht fr Nacht tausend
Kerzen funkeln. Es wird zu Ende gehen, schon ist viel Kraft vertan, viel
Augenlicht verbrannt, viel Leben hingeblutet.

Pltzlich lachte er und reckte sich auf. Ihm fiel ein: oft schon hatte er
so empfunden, oft schon so gedacht, so gefrchtet. In allen guten,
fruchtbaren, glhenden Zeiten seines Lebens, auch in der Jugend schon,
hatte er so gelebt, hatte seine Kerze an beiden Enden brennen gehabt, mit
einem bald jubelnden, bald schluchzenden Gefhl von rasender Verschwendung,
von Verbrennen, mit einer verzweifelten Gier, den Becher ganz zu leeren,
und mit einer tiefen, verheimlichten Angst vor dem Ende. Oft schon hatte er
so gelebt, oft schon den Becher geleert, oft schon lichterloh gebrannt.
Zuweilen war das Ende sanft gewesen, wie ein tiefer bewutloser
Winterschlaf. Zuweilen auch war es schrecklich gewesen, unsinnige
Verwstung, unleidliche Schmerzen, rzte, trauriger Verzicht, Triumph der
Schwche. Und allerdings war von Mal zu Mal das Ende einer Glutzeit
schlimmer geworden, trauriger, vernichtender. Aber immer war auch das
berlebt worden, und nach Wochen oder Monaten, nach Qual oder Betubung war
die Auferstehung gekommen, neuer Brand, neuer Ausbruch der unterirdischen
Feuer, neue glhendere Werke, neuer glnzender Lebensrausch. So war es
gewesen, und die Zeiten der Qual und des Versagens, die elenden
Zwischenzeiten waren vergessen worden und untergesunken. Es war gut so. Es
wrde gehen, wie es oft gegangen war.

Lchelnd dachte er an Gina, die er heut abend gesehen hatte, mit der auf
dem ganzen nchtlichen Heimweg seine zrtlichen Gedanken gespielt hatten.
Wie war dies Mdchen schn und warm in seiner noch unerfahrenen und
ngstlichen Glut! Spielend und zrtlich sagte er vor sich hin, als flstere
er ihr wieder ins Ohr: Gina! Gina! Cara Gina! Carina Gina! Bella Gina!

Er trat ins Zimmer zurck und drehte das Licht wieder an. Aus einem kleinen
wirren Bcherhaufen zog er einen roten Band Gedichte; ein Vers war ihm
eingefallen, ein Stck eines Verses, der ihm unsglich schn und liebevoll
schien. Er suchte lange, bis er ihn fand:

   La mich nicht so der Nacht, dem Schmerze,
   Du Allerliebstes, du mein Mondgesicht!
   O, du mein Phosphor, meine Kerze,
   Du meine Sonne, du mein Licht!

Tief genieend schlrfte er den dunklen Wein dieser Worte. Wie schn, wie
innig und zauberhaft war das: O, du mein Phosphor! Und: Du mein
Mondgesicht!

Lchelnd ging er vor den hohen Fenstern auf und ab, sprach die Verse, rief
sie der fernen Gina zu: O, du mein Mondgesicht! und seine Stimme wurde
dunkel vor Zrtlichkeit.

Dann schlo er die Mappe auf, die er nach dem langen Arbeitstage noch den
ganzen Abend mit sich getragen hatte. Er ffnete das Skizzenbuch, das
kleine, sein liebstes, und suchte die letzten Bltter, die von gestern und
heut, auf. Da war der Bergkegel mit den tiefen Felsenschatten; er hatte ihn
ganz nahe an ein Fratzengesicht heran modelliert, er schien zu schreien,
der Berg, vor Schmerz zu klaffen. Da war der kleine Steinbrunnen, halbrund
im Berghang, der gemauerte Bogen schwarz mit Schatten gefllt, ein
blhender Granatbaum drber blutig glhend. Alles nur fr ihn zu lesen, nur
Geheimschrift fr ihn selbst, eilige gierige Notiz des Augenblicks, rasch
herangerissene Erinnerung an jeden Augenblick, in dem Natur und Herz neu
und laut zusammenklangen. Und jetzt die grern Farbskizzen, weie Bltter
mit leuchtenden Farbflchen in Wasserfarben: die rote Villa im Gehlz,
feurig glhend wie ein Rubin auf grnem Sammet, und die eiserne Brcke bei
Castiglia, rot auf blaugrnem Berg, der violette Damm daneben, die rosige
Strae. Weiter: der Schlot der Ziegelei, rote Rakete vor khlhellem
Baumgrn, blauer Wegweiser, hellvioletter Himmel mit der dicken wie
gewalzten Wolke. Dies Blatt war gut, das konnte bleiben. Um die
Stalleinfahrt war es schade, das Rotbraun vor dem sthlernen Himmel war
richtig, das sprach und klang; aber es war nur halb fertig, die Sonne hatte
ihm aufs Blatt geschienen und wahnsinnige Augenschmerzen gemacht. Er hatte
nachher lange das Gesicht in einem Bach gebadet. Nun, das Braunrot vor dem
bsen metallenen Blau war da, das war gut, das war um keine kleine Tnung,
um keine kleinste Schwingung geflscht oder miglckt. Ohne caput mortuum
htte man das nicht herausbekommen. Hier, auf diesem Gebiet lagen die
Geheimnisse. Die Formen der Natur, ihr Oben und Unten, ihr Dick und Dnn
konnte verschoben werden, man konnte auf alle die biederen Mittel
verzichten, mit denen die Natur nachgeahmt wird. Auch die Farben konnte man
flschen, gewi, man konnte sie steigern, dmpfen, bersetzen, auf hundert
Arten. Aber wenn man mit Farbe ein Stck Natur umdichten wollte, so kam es
darauf an, da die paar Farben genau, haargenau in gleichem Verhltnis, in
der gleichen Spannung zueinander standen wie in der Natur. Hier blieb man
abhngig, hier blieb man Naturalist, einstweilen, auch wenn man statt grau
Orange und statt schwarz Krapplack nahm.

Also, ein Tag war wieder vertan, und der Ertrag sprlich. Das Blatt mit dem
Fabrikschlot und der rotblaue Klang auf dem andern Blatt und vielleicht die
Skizze mit dem Brunnen. Wenn morgen bedeckter Himmel war, ging er nach
Carabbina; dort war die Halle mit den Wscherinnen. Vielleicht regnete es
auch wieder einmal, dann blieb er zu Haus und fing das Bachbild in l an.
Und jetzt zu Bett! Es war wieder ein Uhr vorbei.

Im Schlafzimmer ri er das Hemd ab, go sich Wasser ber die Schultern, da
es auf dem roten Steinboden klatschte, sprang ins hohe Bett und lschte das
Licht. Durchs Fenster sah der blasse Monte Salute herein, tausendmal hatte
Klingsor vom Bett aus seine Formen abgelesen. Ein Eulenruf aus der
Waldschlucht tief und hohl, wie Schlaf, wie Vergessen.

Er schlo die Augen und dachte an Gina, und an die Halle mit den
Wscherinnen. Gott im Himmel, so viel tausend Dinge warteten, so viel
tausend Becher standen eingeschenkt! Kein Ding auf der Erde, das man nicht
htte malen mssen! Keine Frau in der Welt, die man nicht htte lieben
mssen! Warum gab es Zeit! Warum immer nur dies idiotische Nacheinander,
und kein brausendes, sttigendes Zugleich? Warum lag er jetzt wieder allein
im Bett, wie ein Witwer, wie ein Greis? Das ganze kurze Leben hindurch
konnte man genieen, konnte man schaffen, aber man sang immer nur Lied um
Lied, nie klang die ganze volle Symphonie mit allen hundert Stimmen und
Instrumenten zugleich.

Vor langer Zeit, im Alter von zwlf Jahren, war er Klingsor mit den zehn
Leben gewesen. Es gab da bei den Knaben ein Ruberspiel, und jeder von den
Rubern hatte zehn Leben, von denen er jedesmal eines verlor, wenn er vom
Verfolger mit der Hand oder mit dem Wurfspeer berhrt wurde. Mit sechs, mit
drei, mit einem einzigen Leben konnte man noch davonkommen und sich
befreien, erst mit dem zehnten war alles verloren. Er aber, Klingsor, hatte
seinen Stolz darein gesetzt, sich mit allen, allen seinen zehn Leben
durchzuschlagen, und es fr eine Schande erklrt, wenn er mit neun, mit
sieben davonkam. So war er als Knabe gewesen, in jener unglaublichen Zeit,
wo nichts auf der Welt unmglich, nichts auf der Welt schwierig war, wo
alle Klingsor liebten, wo Klingsor allen befahl, wo alles Klingsor gehrte.
Und so hatte er es weiter getrieben und immer mit zehn Leben gelebt. Und
wenn auch nie die Sttigung, niemals die volle brausende Symphonie zu
erreichen war -- einstimmig und arm war sein Lied doch nicht gewesen, immer
doch hatte er ein paar Saiten mehr auf seinem Spiel gehabt als andere, ein
paar Eisen mehr im Feuer, ein paar Taler mehr im Sack, ein paar Rosse mehr
am Wagen! Gott sei Dank!

Wie klang die dunkle Gartenstille voll und durchpulst herein, wie Atem
einer schlafenden Frau! Wie schrie der Pfau! Wie brannte das Feuer in der
Brust, wie schlug das Herz und schrie und litt und jubelte und blutete. Es
war doch ein guter Sommer hier oben in Castagnetta, herrlich wohnte er in
seiner alten noblen Ruine, herrlich blickte er auf die raupigen Rcken der
hundert Kastanienwlder hinab, schn war es, je und je aus dieser edlen
alten Wald- und Schlowelt gierig hinabzusteigen und das farbige frohe
Spielzeug drunten anzuschauen und in seiner guten frohen Grellheit zu
malen: die Fabrik, die Eisenbahn, den blauen Tramwagen, die Plakatsule am
Kai, die stolzierenden Pfauen, Weiber, Priester, Automobile. Und wie schn
und peinigend und unbegreiflich war dies Gefhl in seiner Brust, diese
Liebe und flackernde Gier nach jedem bunten Band und Fetzen des Lebens,
dieser se wilde Zwang zu schauen und zu gestalten, und doch zugleich
heimlich, unter dnnen Decken, das innige Wissen von der Kindlichkeit und
Vergeblichkeit all seines Tuns!

Fiebernd schmolz die kurze Sommernacht hinweg, Dampf stieg aus der grnen
Taltiefe, in hunderttausend Bumen kochte der Saft, hunderttausend Trume
quollen in Klingsors leichtem Schlummer auf, seine Seele schritt durch den
Spiegelsaal seines Lebens, wo alle Bilder vervielfacht und jedesmal mit
neuem Gesicht und neuer Bedeutung sich begegneten und neue Verbindungen
eingingen, als wrde ein Sternhimmel im Wrfelbecher durcheinander
geschttelt.

Ein Traumbild unter den vielen entzckte und erschtterte ihn: Er lag in
einem Walde und hatte ein Weib mit rotem Haar auf seinem Scho, und eine
Schwarze lag an seiner Schulter, und eine andere kniete neben ihm, hielt
seine Hand und kte seine Finger, und berall und rundum waren Frauen und
Mdchen, manche noch Kinder, mit dnnen hohen Beinen, manche in voller
Blte, manche reif und mit den Zeichen des Wissens und der Ermdung in den
zuckenden Gesichtern, und alle liebten ihn, und alle wollten von ihm
geliebt sein. Da brach Krieg und Flamme zwischen den Weibern aus, da griff
die Rote mit rasender Hand in das Haar der Schwarzen und ri sie daran zu
Boden und ward selber hinabgerissen, und alle strzten sich aufeinander,
jede schrie, jede ri, jede bi, jede tat Weh, jede litt Weh, Gelchter,
Wutschrei und Schmerzgeheul klang ineinander verwickelt und verknotet, Blut
flo berall, Krallen schlugen blutig in feistes Fleisch.

Mit einem Gefhl von Weh und Beklemmung erwachte Klingsor fr Minuten, weit
offen starrten seine Augen nach dem lichten Loch in der Wand. Noch standen
die Gesichter der rasenden Weiber vor seinem Blick, und viele von ihnen
kannte und nannte er mit Namen: Nina, Hermine, Elisabeth, Gina, Edith,
Bertha und sagte mit heiserer Stimme noch aus dem Traum heraus: Kinder,
hrt auf! Ihr lgt ja, ihr lgt mich ja an; nicht euch msset ihr
zerreien, sondern mich, mich!


Louis

Louis der Grausame war vom Himmel gefallen, pltzlich war er da, Klingsors
alter Freund, der Reisende, der Unberechenbare, der in der Eisenbahn wohnte
und dessen Atelier sein Rucksack war. Gute Stunden tropften vom Himmel
dieser Tage, gute Winde wehten. Sie malten gemeinsam, auf dem lberg und in
Cartago.

Ob diese ganze Malerei eigentlich einen Wert hat? sagte Louis auf dem
lberg, nackt im Grase liegend, den Rcken rot von der Sonne. Man malt
doch blo faute de mieux, mein Lieber. Httest du immer das Mdchen auf dem
Scho, das dir gerade gefllt, und die Suppe im Teller, nach der heute dein
Sinn steht, du wrdest dich nicht mit dem wahnsinnigen Kinderspiel plagen.
Die Natur hat zehntausend Farben, und wir haben uns in den Kopf gesetzt,
die Skala auf zwanzig zu reduzieren. Das ist die Malerei. Zufrieden ist man
nie, und mu noch die Kritiker ernhren helfen. Hingegen eine gute
Marseiller Fischsuppe, caro mio, und ein kleiner lauer Burgunder dazu, und
nachher ein Mailnder Schnitzel, zum Dessert Birnen und einen Gorgonzola,
und ein trkischer Kaffee -- das sind Realitten, mein Herr, das sind
Werte! Wie it man schlecht in eurem Palstina hier! Ach Gott, ich wollte,
ich wr' in einem Kirschbaum, und die Kirschen wchsen mir ins Maul, und
grade ber mir auf der Leiter stnde das braune heftige Mdchen, dem wir
heut frh begegnet sind. Klingsor, gib das Malen auf! Ich lade dich zu
einem guten Essen in Laguno ein, es wird bald Zeit.

Gilt es? fragte Klingsor blinzelnd.

Es gilt. Ich mu nur vorher noch schnell an den Bahnhof. Nmlich, offen
gestanden, ich habe einer Freundin telegraphiert, da ich am Sterben sei,
sie kann um elf Uhr da sein.

Lachend ri Klingsor die begonnene Studie vom Brett.

Recht hast du, Junge. Gehen wir nach Laguno! Zieh dein Hemd an, Luigi. Die
Sitten hier sind von groer Unschuld, aber nackt kannst du leider nicht in
die Stadt gehen.

Sie gingen ins Stdtchen, sie gingen zum Bahnhof, eine schne Frau kam an,
sie aen schn und gut in einem Restaurant, und Klingsor, der dies in
seinen lndlichen Monaten ganz vergessen hatte, war erstaunt, da es alle
diese Dinge noch gab, diese lieben heiteren Dinge: Forellen, Lachsschinken,
Spargeln, Chablis, Waliser Dle, Benediktiner.

Nach dem Essen fuhren sie, alle drei, in der Seilbahn durch die steile
Stadt hinauf, quer durch die Huser, an Fenstern und hngenden Grten
vorber, es war sehr hbsch, sie blieben sitzen und fuhren wieder hinab,
und noch einmal hinauf und hinab. Sonderbar schn und seltsam war die Welt,
sehr farbig, etwas fragwrdig, etwas unwahrscheinlich, jedoch wunderschn.
Klingsor nur war ein wenig befangen, er trug Kaltbltigkeit zur Schau,
wollte sich nicht in Luigis schne Freundin verlieben. Sie gingen nochmals
in ein Kaffee, sie gingen in den leeren mittglichen Park, legten sich am
Wasser unter die Riesenbume. Vieles sahen sie, was htte gemalt werden
mssen: rote edelsteinerne Huser in tiefem Grn, Schlangenbume und
Perckenbume, blau und braun berostet.

Du hast sehr liebe und lustige Sachen gemalt, Luigi, sagte Klingsor, die
ich alle sehr liebe: Fahnenstangen, Clowns, Zirkusse. Aber das Liebste von
allem ist mir ein Fleck auf deinem nchtlichen Karussellbild. Weit du, da
weht ber dem violetten Gezelt und fern von all den Lichtern hoch oben in
der Nacht eine khle kleine Fahne, hellrosa, so schn, so khl, so einsam,
so scheulich einsam! Das ist wie ein Gedicht von Li Tai Pe oder von Paul
Verlaine. In dieser kleinen, dummen Rosafahne ist alles Weh und alle
Resignation der Welt, und auch noch alles gute Lachen ber Weh und
Resignation. Da du dieses Fhnchen gemalt hast, damit ist dein Leben
gerechtfertigt, ich rechne es dir hoch an, das Fhnchen.

Ja, ich wei, da du es gern hast.

Du selber hast es auch gern. Schau, wenn du nicht einige solche Sachen
gemalt httest, dann wrden alle guten Essen und Weine und Weiber und
Kaffees dir nichts helfen, du wrest ein armer Teufel. So aber bist du ein
reicher Teufel, und bist ein Kerl, den man lieb hat. Sieh, Luigi, ich denke
oft wie du: unsre ganze Kunst ist blo ein Ersatz, ein mhsamer und zehnmal
zu teuer bezahlter Ersatz fr versumtes Leben, versumte Tierheit,
versumte Liebe. Aber es ist doch nicht so. Es ist ganz anders. Man
berschtzt das Sinnliche, wenn man das Geistige nur als einen Notersatz
fr fehlendes Sinnliches ansieht. Das Sinnliche ist um kein Haar mehr wert
als der Geist, so wenig wie umgekehrt. Es ist alles eins, es ist alles
gleich gut. Ob du ein Weib umarmst oder ein Gedicht machst, ist dasselbe.
Wenn nur die Hauptsache da ist, die Liebe, das Brennen, das Ergriffensein,
dann ist es einerlei, ob du Mnch auf dem Berge Athos bist oder Lebemann in
Paris.

Louis blickte langsam aus den spttischen Augen herber. Junge, brich dir
man keene Verzierungen ab!

Mit der schnen Frau durchstreiften sie die Gegend. Im Sehen waren sie
beide stark, das konnten sie. Im Umkreis der paar Stdtchen und Drfer
sahen sie Rom, sahen Japan, sahen die Sdsee und zerstrten die Illusionen
wieder mit spielendem Finger; ihre Laune zndete Sterne am Himmel an und
lschte sie wieder aus. Durch die ppigen Nchte lieen sie ihre
Leuchtkugeln steigen; die Welt war Seifenblase, war Oper, war froher
Unsinn.

Louis, der Vogel, schwebte auf seinem Fahrrad durch die Hgelgegend, war da
und dort, whrend Klingsor malte. Manche Tage opferte Klingsor, dann sa er
wieder verbissen drauen und arbeitete. Louis wollte nicht arbeiten. Louis
war pltzlich abgereist, samt der Freundin, schrieb eine Karte aus weiter
Ferne. Pltzlich war er wieder da, als Klingsor ihn schon verloren gegeben
hatte, stand im Strohhut und offnen Hemde vor der Tr, als wre er nie
weggewesen. Noch einmal sog Klingsor aus dem sesten Becher seiner
Jugendzeit den Trank der Freundschaft. Viele Freunde hatte er, viele
liebten ihn, vielen hatte er gegeben, vielen sein rasches Herz geffnet,
aber nur zwei von den Freunden hrten auch in diesem Sommer noch den alten
Herzensruf von seinen Lippen: Louis der Maler, und der Dichter Hermann,
genannt Thu Fu.

An manchen Tagen sa Louis im Feld auf seinem Malstuhl, im
Birnbaumschatten, im Pflaumenbaumschatten, und malte nicht. Er sa und
dachte und hielt Papier auf das Malbrett geheftet und schrieb, schrieb
viel, schrieb viele Briefe. Sind Menschen glcklich, die so viele Briefe
schreiben? Er schrieb angestrengt, Louis, der Sorglose, sein Blick hing
eine Stunde lang peinlich am Papier. Viel Verschwiegenes trieb ihn um.
Klingsor liebte ihn dafr.

Anders tat Klingsor. Er konnte nicht schweigen. Er konnte sein Herz nicht
verbergen. Von den heimlichen Leiden seines Lebens, von denen wenige
wuten, lie er doch die Nchsten wissen. Oft litt er an Angst, an
Schwermut, oft lag er im Schacht der Finsternis gefangen, Schatten aus
seinem frhern Leben fielen zu Zeiten bergro in seine Tage und machten
sie schwarz. Dann tat es ihm wohl, Luigis Gesicht zu sehen. Dann klagte er
ihm zuweilen.

Louis aber sah diese Schwchen nicht gerne. Sie qulten ihn, sie forderten
Mitleid. Klingsor gewhnte sich daran, dem Freund sein Herz zu zeigen, und
begriff zu spt, da er ihn damit verliere.

Wieder begann Louis von Abreise zu sprechen. Klingsor wute, nun wrde er
ihn noch fr Tage halten knnen, fr drei, fr fnf; pltzlich aber wrde
er ihm den gepackten Koffer zeigen und abreisen, um lange Zeit nicht wieder
zu kommen. Wie war das Leben kurz, wie unwiederbringlich war alles! Den
einzigen seiner Freunde, der seine Kunst ganz verstand, dessen eigene Kunst
der seinen nah und ebenbrtig war, diesen einzigen hatte er nun erschreckt
und belstigt, ihn verstimmt und abgekhlt, blo aus dummer Schwche und
Bequemlichkeit, blo aus dem kindlichen und unanstndigen Bedrfnis, einem
Freund gegenber sich keine Mhe geben zu mssen, keine Geheimnisse vor ihm
zu hten, keine Haltung vor ihm zu bewahren. Wie dumm, wie knabenhaft war
das gewesen! So strafte sich Klingsor, zu spt.

Den letzten Tag wanderten sie zusammen durch die goldenen Tler, Louis war
sehr guter Laune, Abreise war Lebenslust fr sein Vogelherz. Klingsor
machte mit, sie hatten wieder den alten, leichten, spielenden und
spttischen Ton gefunden, und lieen ihn nimmer los. Abends saen sie im
Garten des Wirtshauses. Fische lieen sie sich backen, Reis mit Pilzen
kochen, und gossen Maraschino ber Pfirsiche.

Wohin reisest du morgen? fragte Klingsor.

Ich wei nicht.

Fhrst du zu der schnen Frau?

Ja. Vielleicht. Wer kann das wissen? Frage nicht so viel. Wir wollen
jetzt, zum Schlu, noch einen guten Weiwein trinken. Ich bin fr
Neuenburger.

Sie tranken; pltzlich rief Louis: Es ist schon gut, da ich abreise,
alter Seehund. Manchmal, wenn ich so neben dir sitze, zum Beispiel jetzt,
fllt mir pltzlich etwas Dummes ein. Es fllt mir ein, da jetzt da die
zwei Maler sitzen, die unser gutes Vaterland hat, und dann habe ich ein
scheuliches Gefhl in den Knien, wie wenn wir beide aus Bronze wren und
Hand in Hand auf einem Denkmal stehen mten, weit du, so wie der Goethe
und der Schiller. Die knnen schlielich auch nichts dafr, da sie ewig
dastehen und einander an der Bronzehand halten mssen, und da sie uns
allmhlich so fatal und verhat geworden sind. Vielleicht waren sie ganz
feine Kerle und reizende Burschen, vom Schiller habe ich frher einmal ein
Stck gelesen, das war direkt hbsch. Und doch ist jetzt das aus ihm
geworden, da er ein berhmtes Vieh ist, und neben seinem siamesischen
Zwilling stehen mu, Gipskopf neben Gipskopf, und da man ihre gesammelten
Werke herumstehen sieht und sie in den Schulen erklrt. Es ist
schauderhaft. Denke dir, ein Professor in hundert Jahren, wie er den
Gymnasiasten predigt: Klingsor, geboren 1877, und sein Zeitgenosse Louis,
genannt der Vielfra, Erneuerer der Malerei, Befreiung vom Naturalismus der
Farbe, bei nherer Betrachtung zerfllt dies Knstlerpaar in drei deutlich
unterscheidbare Perioden! Lieber komme ich noch heut unter eine
Lokomotive.

Gescheiter wre es, es kmen alle Professoren darunter.

So groe Lokomotiven gibt es nicht. Du weit, wie kleinlich unsre Technik
ist.

Schon kamen Sterne herauf. Pltzlich stie Louis sein Glas an das des
Freundes.

So, wir wollen anstoen und austrinken. Dann setze ich mich auf mein Rad
und adieu. Nur keinen langen Abschied! Der Wirt ist bezahlt. Prosit,
Klingsor!

Sie stieen an, sie tranken aus, im Garten stieg Louis aufs Zweirad,
schwang den Hut, war fort. Nacht, Sterne. Louis war in China. Louis war
eine Legende.

Klingsor lchelte traurig. Wie liebte er diesen Zugvogel! Lange stand er im
Kies des Wirtsgartens, sah die leere Strae hinab.


Der Kareno-Tag

Zusammen mit den Freunden aus Barengo und mit Agosto und Ersilia unternahm
Klingsor die Fureise nach Kareno. Sie sanken in der Morgenstunde, zwischen
den stark duftenden Spiren und umzittert von den noch betauten
Spinngeweben der Waldrnder, durch den steilen warmen Wald hinab in das Tal
von Pampambio, wo vom Sommertag betubt an der gelben Strae grelle gelbe
Huser schliefen, vornbergeneigt und halbtot, und am versiegten Bach die
weien metallenen Weiden hingen mit schweren Flgeln ber den goldenen
Wiesen. Farbig schwamm die Karawane der Freunde auf der rosigen Strae
durch das dampfende Talgrn: die Mnner wei und gelb in Leinen und Seide,
die Frauen wei und rosa, der herrliche veronesergrne Sonnenschirm
Ersilias funkelte wie ein Kleinod im Zauberring.

Melancholisch klagte der Doktor, mit der menschenfreundlichen Stimme: Es
ist ein Jammer, Klingsor, Ihre wunderbaren Aquarelle werden in zehn Jahren
alle wei sein; diese Farben, die Sie bevorzugen, halten alle nicht.

Klingsor: Ja, und was noch schlimmer ist: Ihre schnen braunen Haare,
Doktor, werden in zehn Jahren alle grau sein, und eine kleine Weile spter
liegen unsere hbschen frohen Knochen irgendwo in einem Loch in der Erde,
leider auch Ihre so schnen und gesunden Knochen, Ersilia. Kinder, wir
wollen nicht so spt im Leben noch anfangen vernnftig zu werden. Hermann,
wie spricht Li Tai Pe?

Hermann der Dichter blieb stehen und sprach:

   Das Leben vergeht wie ein Blitzstrahl,
   Dessen Glanz kaum so lange whrt, da man ihn sehen kann.
   Wenn die Erde und der Himmel ewig unbeweglich stehen,
   Wie rasch fliegt die wechselnde Zeit ber das Antlitz der Menschen.
   O du, der du beim vollen Becher sitzest und nicht trinkst,
   O sage mir, auf wen wartest du noch?

Nein, sagte Klingsor, ich meine den andern Vers, mit Reimen, von den
Haaren, die am Morgen noch dunkel waren --

Hermann sagte alsbald den Vers:

   Noch am Morgen glnzten deine Haare wie schwarze Seide,
   Abend hat schon Schnee auf sie getan,
   Wer nicht will, da er lebendigen Leibes sterbend leide,
   Schwinge den Becher und fordre den Mond als Kumpan!

Klingsor lachte laut, mit seiner etwas heiseren Stimme.

Braver Li Tai Pe! Er hatte Ahnungen, er wute allerlei. Auch wir wissen
allerlei, er ist unser alter kluger Bruder. Dieser trunkene Tag wrde ihm
gefallen, es ist gerade so ein Tag, an dessen Abend es schn wre, den Tod
Li Tai Pes zu sterben, im Boot auf dem stillen Flu. Ihr werdet sehen,
alles wird heut wunderbar sein.

Was war das fr ein Tod, den Li Tai Pe auf dem Flu gestorben ist? fragte
die Malerin.

Aber Ersilia unterbrach, mit ihrer guten tiefen Stimme: Nein, jetzt hret
auf! Wer noch ein Wort von Tod und Sterben sagt, den habe ich nicht mehr
lieb. Finisca adesso, brutto Klingsor!

Klingsor kam lachend zu ihr herber: Wie haben Sie recht, bambina! Wenn
ich noch ein Wort vom Sterben sage, drfen Sie mir mit dem Sonnenschirm in
beide Augen stoen. Aber im Ernst, es ist heut wunderbar, liebe Menschen!
Ein Vogel singt heut, der ist ein Mrchenvogel, ich hab' ihn schon am
Morgen gehrt. Ein Wind geht heut, der ist ein Mrchenwind, das himmlische
Kind, der weckt die schlafenden Prinzessinnen auf und schttelt den
Verstand aus den Kpfen. Heut blht eine Blume, die ist eine Mrchenblume,
die ist blau und blht nur einmal im Leben, und wer sie pflckt, der hat
die Seligkeit.

Meint er etwas damit? fragte Ersilia den Doktor. Klingsor hrte es.

Ich meine damit: Dieser Tag kommt niemals wieder, und wer ihn nicht it
und trinkt und schmeckt und riecht, dem wird er in aller Ewigkeit kein
zweites Mal angeboten. Niemals wird die Sonne so scheinen wie heut, sie hat
eine Konstellation am Himmel, eine Verbindung mit Jupiter, mit mir, mit
Agosto und Ersilia und uns allen, die kommt nie, niemals wieder, nicht in
tausend Jahren. Darum mchte ich jetzt, weil das Glck bringt, ein wenig an
Ihrer linken Seite gehen und Ihren smaragdenen Sonnenschirm tragen, in
seinem Licht wird mein Schdel aussehen wie ein Opal. Sie aber mssen auch
mittun und mssen ein Lied singen, eines von Ihren schnsten.

Er nahm Ersilias Arm, sein scharfes Gesicht tauchte weich in den blaugrnen
Schatten des Schirmes, in den er verliebt war und dessen grellse Farbe
ihn entzckte.

Ersilia fing zu singen an:

   Il mio papa non vuole,
   Ch' io spos' un bersaglier --

Stimmen schlossen sich an, man schritt singend bis zum Walde und in den
Wald hinein, bis die Steigung zu gro wurde, der Weg fhrte wie eine Leiter
steil bergan durch die Farnkruter den groen Berg empor.

Wie wundervoll gradlinig ist dieses Lied! lobte Klingsor. Der Papa ist
gegen die Liebenden, wie er es immer ist. Sie nehmen ein Messer, das gut
schneidet, und machen den Papa tot. Weg ist er. Sie machen es in der Nacht,
niemand sieht sie als der Mond, der verrt sie nicht, und die Sterne, die
sind stumm, und der liebe Gott, der wird ihnen schon verzeihen. Wie schn
und aufrichtig ist das! Ein heutiger Dichter wrde dafr gesteinigt
werden.

Man klomm im durchsonnten spielenden Kastanienschatten den engen Bergweg
hinan. Wenn Klingsor aufblickte, sah er vor seinem Gesicht die dnnen Waden
der Malerin rosig aus durchsichtigen Strmpfen scheinen. Sah er zurck, so
wlbte sich ber dem schwarzen Negerkopf Ersilias der Trkis des
Sonnenschirmes. Darunter war sie violett in Seide, die einzige Dunkle unter
allen Figuren.

Bei einem Bauernhaus blau und orange lagen gefallene grne Sommerpfel in
der Wiese, khl und sauer, von denen probierten sie. Die Malerin erzhlte
schwrmend von einem Ausflug auf der Seine, in Paris, einst, vor dem
Kriege. Ja, Paris, und das selige Damals!

Das kommt nicht wieder. Nie mehr.

Es soll auch nicht, rief der Maler heftig und schttelte grimmig den
scharfen Sperberkopf. Nichts soll wiederkommen! Wozu denn? Was sind das
fr Kinderwnsche! Der Krieg hat alles, was vorher war, zu einem Paradies
umgemalt, auch das Dmmste, auch das Entbehrlichste. Gut so, es war schn
in Paris und schn in Rom und schn in Arles. Aber ist es heut und hier
weniger schn? Das Paradies ist nicht Paris und nicht die Friedenszeit, das
Paradies ist hier, da oben liegt es auf dem Berg, und in einer Stunde sind
wir mitten drin und sind die Schcher, zu denen gesagt wird: Heut wirst du
mit mir im Paradiese sein.

Sie brachen aus dem durchsprenkelten Schatten des Waldpfades auf die offene
breite Fahrstrae hinaus, die fhrte licht und hei in groen Spiralen zur
Hhe. Klingsor, die Augen mit der dunkelgrnen Brille geschtzt, ging als
letzter und blieb oft zurck, um die Figuren sich bewegen und ihre farbigen
Konstellationen zu sehen. Er hatte nichts zum Arbeiten mitgenommen,
absichtlich, nicht einmal das kleine Notizbuch, und stand doch hundertmal
still, bewegt von Bildern. Einsam stand seine hagere Gestalt, wei auf der
rtlichen Strae, am Rand des Akaziengehlzes. Sommer hauchte hei ber den
Berg, Licht flo senkrecht herab, Farbe dampfte hundertfltig aus der Tiefe
herauf. ber die nchsten Berge, die grn und rot mit weien Drfern
aufklangen, schauten bluliche Bergzge, und lichter und blauer dahinter
neue und neue Zge und ganz fern und unwirklich die kristallnen Spitzen von
Schneebergen. ber dem Wald von Akazien und Kastanien trat freier und
mchtiger der Felsrcken und hckrige Gipfel des Salute hervor, lila und
hellviolett. Schner als alles waren die Menschen, wie Blumen standen sie
im Licht unterm Grn, wie ein riesiger Skarabus leuchtete der smaragdne
Sonnenschirm, Ersilias schwarzes Haar darunter, die weie schlanke Malerin,
mit rosigem Gesicht, und alle andern. Klingsor trank sie mit durstigem
Auge, seine Gedanken aber waren bei Gina. Erst in einer Woche konnte er sie
wieder sehen, sie sa in einem Bro in der Stadt und schrieb auf der
Maschine, selten nur glckte es, da er sie sah, und nie allein. Und sie
liebte er, gerade sie, die nichts von ihm wute, die ihn nicht kannte,
nicht verstand, fr die er nur ein seltner seltsamer Vogel, ein fremder
berhmter Maler war. Wie seltsam war das, da gerade an ihr sein Verlangen
hngen blieb, da kein anderer Liebesbecher ihm gengte. Er war es nicht
gewohnt, lange Wege um eine Frau zu gehen. Um Gina ging er sie, um eine
Stunde neben ihr zu sein, ihre schlanken kleinen Finger zu halten, seinen
Schuh unter ihren zu schieben, einen schnellen Ku auf ihren Nacken zu
drcken. Er sann darber nach, sich selbst ein drolliges Rtsel. War dies
schon die Wende? Schon das Alter? War es nur das, nur der Johannistrieb des
Vierzigjhrigen zur Zwanzigjhrigen?

Der Bergrcken war erreicht, und jenseits brach eine neue Welt dem Blick
entgegen: hoch und unwirklich der Monte Gennaro, aufgebaut aus lauter
steilen spitzen Pyramiden und Kegeln, die Sonne schrg dahinter, jedes
Plateau emailglnzend auf tief violetten Schatten schwimmend. Zwischen dort
und hier die flimmernde Luft, und unendlich tief verloren der schmale blaue
Seearm, khl hinter grnen Waldflammen ruhend.

Ein winziges Dorf auf dem Berggrat: ein Herrschaftsgut mit kleinem
Wohnhaus, vier, fnf andere Huser, steinern, blau und rosig bemalt, eine
Kapelle, ein Brunnen, Kirschbume. Die Gesellschaft hielt in der Sonne am
Brunnen, Klingsor ging weiter, durch einen Torbogen in ein schattiges
Gehft, drei bluliche Huser standen hoch, mit wenig kleinen Fenstern,
Gras und Gerll dazwischen, eine Ziege, Brennesseln. Ein Kind lief vor ihm
fort, er lockte es, zog Schokolade aus der Tasche. Es hielt, er fing es
ein, streichelte und ftterte es, es war scheu und schn, ein kleines
schwarzes Mdchen, erschrockene schwarze Tieraugen, schlanke nackte Beine
braun und glnzend. Wo wohnt ihr? fragte er, sie lief zur nchsten Tr,
die in dem Husergeklft sich ffnete. Aus einem finstern Steinraum wie aus
Hhlen der Urzeit trat ein Weib, die Mutter, auch sie nahm Schokolade. Aus
schmutzigen Kleidern stieg der braune Hals, ein festes breites Gesicht,
sonnverbrannt und schn, breiter voller Mund, groes Auge, roher ser
Liebreiz, Geschlecht und Mutterschaft sprach breit und still aus groen
asiatischen Zgen. Er neigte sich verfhrend zu ihr, sie wich lchelnd aus,
schob das Kind zwischen sich und ihn. Er ging weiter, zu einer Wiederkehr
entschlossen. Diese Frau wollte er malen, oder ihr Geliebter sein, sei es
nur eine Stunde lang. Sie war alles: Mutter, Kind, Geliebte, Tier, Madonna.

Langsam kehrte er zur Gesellschaft zurck, das Herz voll von Trumen. Auf
der Mauer des Gutes, dessen Wohnhaus leer und geschlossen schien, waren
alte rauhe Kanonenkugeln befestigt, eine launische Treppe fhrte durch
Gebsch zu einem Hain und Hgel, zu oberst ein Denkmal, da stand barock und
einsam eine Bste, Kostm Wallenstein, Locken, gewellter Spitzbart. Spuk
und Phantastik umglhte den Berg, im gleienden Mittagslicht, Wunderliches
lag auf der Lauer, auf eine andere, ferne Tonart war die Welt gestimmt.
Klingsor trank am Brunnen, ein Segelfalter flog her und sog an den
verspritzten Tropfen auf dem kalksteinernen Brunnenrand.

Dem Grat nach fhrte die Bergstrae weiter, unter Kastanien, unter
Nubumen, sonnig, schattig. An einer Biegung, eine Wegkapelle, alt und
gelb, in der Nische verblichene alte Bilder, ein Heiligenkopf engels und
kindlich, ein Stck Gewand rot und braun, der Rest verbrckelt. Klingsor
liebte alte Bilder sehr, wenn sie ihm ungesucht entgegenkamen, er liebte
solche Fresken, er liebte die Wiederkehr dieser schnen Werke zum Staub und
zur Erde.

Wieder Bume, Reben, heie Strae blendend, wieder eine Biegung: da war das
Ziel, pltzlich, unverhofft: ein dunkler Torgang, eine groe hohe Kirche
aus rotem Stein, froh und selbstbewut in den Himmel hinan geschmettert,
ein Platz voll Sonne, Staub und Frieden, rot verbrannter Rasen, der unterm
Fue brach, Mittagslicht von grellen Wnden zurckgeworfen, eine Sule,
eine Figur darauf, unsichtbar vor Sonnenschwall, eine Steinbrstung um
weiten Platz ber blaue Unendlichkeit. Dahinter das Dorf, Kareno, uralt,
eng, finster, sarazenisch, dstere Steinhhlen unter verblichen braunem
Ziegelstein, Gassen bedrckend traumschmal und voll Finsternis, kleine
Pltze pltzlich in weier Sonne aufschreiend, Afrika und Nagasaki, darber
der Wald, darunter der blaue Absturz, weie, fette, satte Wolken oben.

Es ist komisch, sagte Klingsor, wie lange man braucht, bis man sich in
der Welt ein bichen auskennt! Als ich einmal nach Asien fuhr, vor Jahren,
kam ich im Schnellzug in der Nacht sechs Kilometer von hier vorbeigefahren,
oder zehn, und wute nichts. Ich fuhr nach Asien, und es war damals sehr
notwendig, da ich es tat. Aber alles, was ich dort fand, das finde ich
heut auch hier: Urwald, Hitze, schne fremde Menschen ohne Nerven, Sonne,
Heiligtmer. Man braucht so lang, bis man lernt, an einem einzigen Tage
drei Erdteile zu besuchen. Hier sind sie. Willkommen, Indien! Willkommen,
Afrika! Willkommen, Japan!

Die Freunde kannten eine junge Dame, die hier oben hauste, und Klingsor
freute sich auf den Besuch bei der Unbekannten sehr. Er nannte sie die
Knigin der Gebirge, so hatte eine geheimnisvolle morgenlndische Erzhlung
in den Bchern seiner Knabenjahre geheien.

Erwartungsvoll brach die Karawane durch die blaue Schattenschlucht der
Gassen, kein Mensch, kein Laut, kein Huhn, kein Hund. Aber im Halbschatten
eines Fensterbogens sah Klingsor lautlos eine Gestalt stehen, ein schnes
Mdchen, schwarzugig, rotes Kopftuch um schwarzes Haar. Ihr Blick, still
nach den Fremden lauernd, traf den seinen, einen langen Atemzug lang
schauten sie, Mann und Mdchen, sich in die Augen, voll und ernst, zwei
fremde Welten einen Augenblick lang einander nah. Dann lchelten sich beide
kurz und innig den ewigen Gru der Geschlechter zu, die alte, se, gierige
Feindschaft, und mit einem Schritt um die Kante des Hauses war der fremde
Mann hinweggeflossen, und lag in des Mdchens Truhe, Bild bei vielen
Bildern, Traum bei vielen Trumen. In Klingsors nie ersttigtem Herzen
stach der kleine Stachel, einen Augenblick zgerte er und dachte
umzukehren, Agosto rief ihn, Ersilia fing zu singen an, eine Schattenmauer
schwand hinweg, und ein kleiner greller Platz mit zwei gelben Palsten lag
still und blendend im verzauberten Mittag, schmale steinerne Balkone,
geschlossene Lden, herrliche Bhne fr den ersten Akt einer Oper.

Ankunft in Damaskus, rief der Doktor. Wo wohnt Fatme, die Perle unter
den Frauen?

Antwort kam berraschend aus dem kleineren Palast. Aus der khlen Schwrze
hinter der halbgeschlossenen Balkontr sprang ein seltsamer Ton, noch einer
und zehnmal der gleiche, dann die Oktave dazu, zehnmal -- ein Flgel, der
gestimmt wurde, ein singender Flgel voller Tne mitten in Damaskus.

Hier mute es sein, hier wohnte sie. Das Haus schien aber ohne Tor zu sein,
nur rosig gelbe Mauer mit zwei Balkonen, darber am Verputz des Giebels
eine alte Malerei: Blumen blau und rot und ein Papagei. Eine gemalte Tr
htte hier sein mssen, und wenn man dreimal an sie pochte und den
Schlssel Salomonis dazu sprach, ging die gemalte Pforte auf, und den
Wanderer empfing der Duft von persischen len, hinter Schleiern thronte
hoch die Knigin der Gebirge. Sklavinnen kauerten auf den Stufen zu ihren
Fen, der gemalte Papagei flog kreischend auf die Schulter der Herrin.

Sie fanden eine winzige Tr in einer Nebengasse, eine heftige Glocke,
teuflischer Mechanismus, schrillte bse auf, eng wie eine Leiter fhrte
eine steile Treppe empor. Unausdenklich, wie der Flgel in dies Haus
gekommen war. Durchs Fenster? Durchs Dach?

Ein groer schwarzer Hund kam gestrzt, ein kleiner blonder Lwe ihm nach,
groer Lrm, die Stiege klapperte, hinten sang der Flgel elfmal den
gleichen Ton. Aus einem rosig getnchten Raum quoll sanftses Licht, Tren
schlugen. War da ein Papagei?

Pltzlich stand die Knigin der Gebirge da, schlanke elastische Blte,
straff und federnd, ganz in Rot, brennende Flamme, Bildnis der Jugend. Vor
Klingsors Auge stoben hundert geliebte Bilder hinweg, und das neue sprang
strahlend auf. Er wute sofort, da er sie malen wrde, nicht nach der
Natur, sondern den Strahl in ihr, den er empfangen hatte, das Gedicht, den
holden herben Klang: Jugend, Rot, Blond, Amazone. Er wrde sie ansehen,
eine Stunde lang, vielleicht mehrere Stunden lang. Er wrde sie gehen
sehen, sitzen sehen, lachen sehen, vielleicht tanzen sehen, vielleicht
singen hren. Der Tag war gekrnt, der Tag hatte seinen Sinn gefunden. Was
weiter dazu kommen mochte, war Geschenk, war berflu. Immer war es so: das
Erlebnis kam nie allein, immer flogen ihm Vgel voraus, immer gingen ihm
Boten und Vorzeichen voran, der mtterlich asiatische Tierblick unter jener
Tr, die schwarze Dorfschne im Fenster, dies und das.

Eine Sekunde lang empfand er aufzuckend: Wre ich zehn Jahre jnger, zehn
kurze Jahre, so knnte diese mich haben, mich fangen, mich um den Finger
wickeln! Nein, du bist zu jung, du kleine rote Knigin, du bist zu jung fr
den alten Zauberer Klingsor! Er wird dich bewundern, er wird dich auswendig
lernen, er wird dich malen, er wird das Lied deiner Jugend fr immer
aufzeichnen; aber er wird keine Wallfahrt um dich tun, keine Leiter nach
dir steigen, keinen Mord um dich begehen und kein Stndchen vor deinem
hbschen Balkon bringen. Nein, leider wird er dies alles nicht tun, der
alte Maler Klingsor, das alte Schaf. Er wird dich nicht lieben, er wird
nicht den Blick nach dir werfen, den er nach der Asiatin, den er nach der
Schwarzen im Fenster warf, die vielleicht keinen Tag jnger ist als du. Fr
sie ist er nicht zu alt, nur fr dich, Knigin der Gebirge, rote Blume am
Berg. Fr dich, Steinnelke, ist er zu alt. Fr dich gengt die Liebe nicht,
die Klingsor zwischen einem Tag voll Arbeit und einem Abend voll Rotwein zu
verschenken hat. Desto besser wird mein Auge dich trinken, schlanke Rakete,
und von dir wissen, wenn du mir lang erloschen bist.

Durch Rume mit Steinbden und offenen Bogen kam man in einen Saal, wo
barocke wilde Stuckfiguren ber hohen Tren emporflackerten und rundum auf
dunklem gemalten Fries Delphine, weie Rosse und rosenrote Amoretten durch
ein dicht bevlkertes Sagenmeer schwammen. Ein paar Sthle und am Boden die
Teile des zerlegten Flgels, sonst war nichts in dem groen Raum, aber zwei
verlockende Tren fhrten auf die zwei kleinen Balkone ber dem strahlenden
Opernplatz hinaus, und gegenber ber Eck brsteten sich die Balkone des
Nachbarpalastes, auch sie mit Bildern bemalt, dort schwamm ein roter
feister Kardinal wie ein Goldfisch in der Sonne.

Man ging nicht wieder fort. Im Saale wurden Vorrte ausgepackt und ein
Tisch gedeckt, Wein kam, seltener Weiwein aus dem Norden, Schlssel fr
Heere von Erinnerungen. Der Klavierstimmer hatte die Flucht ergriffen, der
zerstckte Flgel schwieg. Nachdenklich starrte Klingsor in das entblte
Saitengedrme, dann tat er leise den Deckel zu. Seine Augen schmerzten,
aber in seinem Herzen sang der Sommertag, sang die sarazenische Mutter,
sang blau und schwellend der Traum von Kareno. Er a und stie mit seinem
Glase an Glser, er sprach hell und froh, und hinter all dem arbeitete der
Apparat in seiner Werkstatt, sein Blick war um die Steinnelke, um die
Feuerblume ringsum wie das Wasser um den Fisch, ein fleiiger Chronist sa
in seinem Gehirn und schrieb Formen, Rhythmen, Bewegungen genau wie in
ehernen Zahlensulen auf.

Gesprch und Gelchter fllten den leeren Saal. Klug und gtig lachte der
Doktor, tief und freundlich Ersilia, stark und unterirdisch Agosto,
vogelleicht die Malerin, klug sprach der Dichter, spahaft sprach Klingsor,
beobachtend und ein wenig scheu ging die rote Knigin unter ihren Gsten,
Delphinen und Rossen umher, war hier und dort, stand am Flgel, kauerte auf
einem Kissen, schnitt Brot, schenkte Wein mit unerfahrener Mdchenhand.
Freude scholl im khlen Saal, Augen glnzten schwarz und blau, vor den
lichten hohen Balkontren lag starr der blendende Mittag auf Wache.

Hell flo der edle Wein in die Glser, holder Gegensatz zum einfachen
kalten Mahl. Hell flo der rote Schein vom Kleid der Knigin durch den
hohen Saal, hell und wachsam folgten ihm die Blicke aller Mnner. Sie
verschwand, kam wieder und hatte ein grnes Brusttuch umgebunden. Sie
verschwand, kam wieder und hatte ein blaues Kopftuch umgebunden.

Nach Tische ermdet und gesttigt brach man frhlich auf, in den Wald,
legte sich in Gras und Moos, Sonnenschirme leuchteten, unter Strohhten
glhten Gesichter, gleiend brannte der Sonnenhimmel. Die Knigin der
Gebirge lag rot im grnen Gras, hell stieg ihr feiner Hals aus der Flamme,
satt und belebt sa ihr hoher Schuh am schlanken Fu. Klingsor, ihr nahe,
las sie, studierte sie, fllte sich mit ihr, wie er als Knabe die
Zaubergeschichte von der Knigin der Gebirge gelesen und sich mit ihr
erfllt hatte. Man ruhte, man schlummerte, man plauderte, man kmpfte mit
Ameisen, glaubte Schlangen zu hren, stachliche Kastanienschalen blieben in
Frauenhaaren hngen. Man dachte an abwesende Freunde, die in diese Stunde
gepat htten, es waren nicht viele. Louis der Grausame wurde
herbeigesehnt, Klingsors Freund, der Maler der Karusselle und Zirkusse,
sein phantastischer Geist schwebte nah ber der Runde.

Der Nachmittag ging hin, wie ein Jahr im Paradiese. Beim Abschied wurde
viel gelacht, Klingsor nahm alles in seinem Herzen mit: die Knigin, den
Wald, den Palast und Delphinensaal, die beiden Hunde, den Papagei.

Im Bergabwandern zwischen den Freunden berkam ihn allmhlich die frohe und
hingerissene Laune, die er nur an den seltenen Tagen kannte, an denen er
freiwillig die Arbeit hatte ruhen lassen. Hand in Hand mit Ersilia, mit
Hermann, mit der Malerin tanzte er die besonnte Strae hinab, stimmte
Lieder an, ergtzte sich kindlich an Witzen und Wortspielen, lachte
hingegeben. Er rannte den andern voraus und versteckte sich in einen
Hinterhalt, um sie zu erschrecken.

So rasch man ging, die Sonne ging rascher, schon bei Palazzetto sank sie
hinter den Berg, und unten im Tale war es schon Abend. Sie hatten den Weg
verfehlt und waren zu tief gestiegen, man war hungrig und mde und mute
die Plne aufgeben, die man fr den Abend gesponnen hatte: Spaziergang
durchs Korn nach Barengo, Fischessen im Wirtshaus des Seedorfes.

Liebe Leute, sagte Klingsor, der sich auf eine Mauer am Wege gesetzt
hatte, unsre Plne waren ja sehr schn, und ein gutes Abendessen bei den
Fischern oder im Monte d'oro wrde gewi mich dankbar finden. Aber wir
kommen nicht mehr so weit, ich wenigstens nicht. Ich bin mde, und ich habe
Hunger. Ich gehe von hier aus keinen Schritt mehr weiter als bis zum
nchsten Grotto, der gewi nicht weit ist. Dort gibt es Wein und Brot, das
gengt. Wer kommt mit?

Sie kamen alle. Der Grotto wurde gefunden, im steilen Bergwald auf schmaler
Terrasse standen Steinbnke und Tische im Baumdunkel, aus dem Felsenkeller
brachte der Wirt den khlen Wein, Brot war da. Nun sa man schweigend und
essend, froh, endlich zu sitzen. Hinter den hohen Baumstmmen erlosch der
Tag, der blaue Berg wurde schwarz, die rote Strae wurde wei, man hrte
unten auf der nchtlichen Strae einen Wagen fahren und einen Hund bellen,
da und dort gingen am Himmel Sterne und an der Erde Lichter auf, nicht
voneinander zu unterscheiden.

Glcklich sa Klingsor, ruhte, sah in die Nacht, fllte sich langsam mit
Schwarzbrot, leerte still die blulichen Tassen mit Wein. Gesttigt fing er
wieder zu plaudern und zu singen an, schaukelte sich im Takt der Lieder,
spielte mit den Frauen, witterte im Duft ihrer Haare. Der Wein schien ihm
gut. Alter Verfhrer, redete er leicht die Vorschlge zum Weitergehen
nieder, trank Wein, schenkte Wein ein, stie zrtlich an, lie neuen Wein
kommen. Langsam stiegen aus den irdenen blulichen Tassen, Sinnbild der
Vergnglichkeit, die bunten Zauber, wandelten die Welt, frbten Stern und
Licht.

Hoch saen sie in schwebender Schaukel berm Abgrund der Welt und Nacht,
Vgel in goldenem Kfig, ohne Heimat, ohne Schwere, den Sternen gegenber.
Sie sangen, die Vgel, sangen exotische Lieder, sie phantasierten aus
berauschten Herzen in die Nacht, in den Himmel, in den Wald, in das
fragwrdige, bezauberte Weltall hinein. Antwort kam von Stern und Mond, von
Baum und Gebirg, Goethe sa da und Hafis, hei duftete gypten und innig
Griechenland herauf, Mozart lchelte, Hugo Wolf spielte den Flgel in der
irren Nacht.

Lrm krachte erschreckend auf, Licht blitzte knallend: unter ihnen mitten
durch das Herz der Erde flog mit hundert blendenden Lichtfenstern ein
Eisenbahnzug in den Berg und in die Nacht hinein, oben vom Himmel her
luteten Glocken einer unsichtbaren Kirche. Lauernd stieg der halbe Mond
ber den Tisch, blickte spiegelnd in den dunkeln Wein, ri Mund und Auge
einer Frau aus der Finsternis, lchelte, stieg weiter, sang den Sternen zu.
Der Geist Louis des Grausamen hockte auf einer Bank, einsam, schrieb
Briefe.

Klingsor, Knig der Nacht, hohe Krone im Haar, rckgelehnt auf steinernem
Sitz, dirigierte den Tanz der Welt, gab den Takt an, rief den Mond hervor,
lie die Eisenbahn verschwinden. Fort war sie, wie ein Sternbild bern Rand
des Himmels fllt. Wo war die Knigin der Gebirge? Klang nicht ein Flgel
im Wald, bellte nicht fern der kleine mitrauische Lwe? Hatte sie nicht
eben noch ein blaues Kopftuch getragen? Halloh, alte Welt, trage Sorge, da
du nicht zusammenfllst! Hierher, Wald! Dorthin, schwarzes Gebirg! Im Takt
bleiben! Sterne, wie seid ihr blau und rot, wie im Volkslied: Deine roten
Augen und dein blauer Mund!

Malen war schn, Malen war ein schnes, ein liebes Spiel fr brave Kinder.
Anders war es, grer und wuchtiger, die Sterne zu dirigieren, Takt des
eigenen Blutes, Farbenkreise der eigenen Netzhaut in die Welt hinein
fortzusetzen, Schwebungen der eigenen Seele ausschwingen zu lassen im Wind
der Nacht. Weg mit dir, schwarzer Berg! Sei Wolke, fliege nach Persien,
regne ber Uganda! Her mit dir, Geist Shakespeares, sing uns dein
besoffenes Narrenlied vom Regen, der regnet jeglichen Tag!

Klingsor kte eine kleine Frauenhand, er lehnte sich an eine wohlig
atmende Frauenbrust. Ein Fu unterm Tische spielte mit seinem. Er wute
nicht, wessen Hand oder wessen Fu, er sprte Zrtlichkeit um sich, fhlte
alten Zauber neu und dankbar: er war noch jung, es war noch weit vom Ende,
noch ging Strahlung und Verlockung von ihm aus, noch liebten sie ihn, die
guten ngstlichen Weibchen, noch zhlten sie auf ihn.

Er blhte hher auf. Mit leiser, singender Stimme begann er zu erzhlen,
ein ungeheures Epos, die Geschichte einer Liebe, oder eigentlich einer
Reise nach der Sdsee, wo er in Begleitung von Gauguin und Robinson die
Papageieninsel entdeckt und den Freistaat der glckseligen Inseln begrndet
hatte. Wie hatten die tausend Papageien im Abendlicht gefunkelt, wie hatten
ihre blauen Schwnze sich in der grnen Bucht gespiegelt! Ihr Geschrei, und
das hundertstimmige Geschrei der groen Affen hatte ihn wie ein Donner
begrt, ihn, Klingsor, als er seinen Freistaat ausrief. Dem weien Kakadu
hatte er die Bildung eines Kabinetts aufgetragen, und mit dem mrrischen
Nashornvogel hatte er Palmwein aus schweren Kokosbechern getrunken. O, Mond
von damals, Mond der seligen Nchte, Mond ber der Pfahlhtte im Schilf!
Sie hie Kl Kala, die braune scheue Prinzessin, schlank und langgliedrig
schritt sie im Pisanggehlz, honigglnzend unterm saftigen Dach der
Riesenbltter, Rehauge im sanften Gesicht, Katzenglut im starken biegsamen
Rcken, Katzensprung im federnden Knchel und sehnigen Bein. Kl Kala,
Kind, Urglut und Kinderunschuld des heiligen Sdostens, tausend Nchte
lagst du an Klingsors Brust, und jede war neu, jede war inniger, war holder
als alle gewesenen. O, Fest des Erdgeistes, wo die Jungfern der
Papageieninsel vor dem Gotte tanzten!

ber Insel, Robinson und Klingsor, ber Geschichte und Zuhrer wlbte sich
die wei gestirnte Nacht, zrtlich schwoll der Berg wie ein sanfter
atmender Bauch und Busen unter den Bumen und Husern und Fen der
Menschen, im Eilschritt tanzte fiebernd der feuchte Mond ber die
Himmelshalbkugel, von den Sternen im wilden schweigenden Tanz verfolgt.
Ketten von Sternen waren aufgereiht, gleiende Schnur der Drahtseilbahn zum
Paradiese. Urwald dunkelte mtterlich, Schlamm der Urwelt duftete Verfall
und Zeugung, Schlange kroch und Krokodil, ohne Ufer ergo sich der Strom
der Gestaltungen.

Ich werde doch wieder malen, sagte Klingsor, schon morgen. Aber nicht
mehr diese Huser und Leute und Bume. Ich male Krokodile und Seesterne,
Drachen und Purpurschlangen, und alles im Werden, alles in der Wandlung,
voll Sehnsucht, Mensch zu werden, voll Sehnsucht, Stern zu werden, voll
Geburt, voll Verwesung, voll Gott und Tod.

Mitten durch seine leisen Worte und durch die aufgewhlte trunkne Stunde
klang tief und klar Ersilias Stimme, still sang sie das Lied vom bel mazzo
di fiori vor sich hin, Friede strmte von ihrem Liede aus, Klingsor hrte
es wie von einer fernen schwimmenden Insel ber Meere von Zeit und
Einsamkeit herber. Er drehte seine leere Weintasse um, er schenkte nimmer
ein. Er hrte zu. Ein Kind sang. Eine Mutter sang. War man nun ein
verirrter und verruchter Kerl, im Schlamm der Welt gebadet, ein Strolch und
Luder, oder war man ein kleines dummes Kind?

Sora Ersilia, sagte er mit Ehrerbietung, du bist unser guter Stern.

Durch steilen finstern Wald bergan, an Zweig und Wurzel geklammert, quoll
man hinweg, den Heimweg suchend. Lichter Waldrand ward erreicht, Feld
geentert, schmaler Weg im Maisfeld atmete Nacht und Heimkehr, Mondblick im
spiegelnden Blatt des Maises, Rebenreihen schrg entfliehend. Nun sang
Klingsor, leise, mit der etwas heiseren Stimme, sang leise und viel,
deutsch und malayisch, mit Worten und ohne Worte. Im leisen Gesang strmte
er gestaute Flle aus, wie eine braune Mauer am Abend gesammeltes
Tageslicht ausstrahlt.

Hier nahm einer der Freunde Abschied, und dort einer, schwand im
Rebenschatten auf kleinem Pfad dahin. Jeder ging, jeder war fr sich,
suchte Heimkehr, war allein unterm Himmel. Eine Frau kte Klingsor zur
guten Nacht, brennend sog ihr Mund an seinem. Weg rollten sie, weg
schmolzen sie, alle. Als Klingsor allein die Treppe zu seiner Wohnung
erstieg, sang er noch immer. Er besang und lobte Gott und sich selbst, er
pries Li Tai Pe und pries den guten Wein von Pampambio. Wie ein Gtze ruhte
er auf Wolken der Bejahung.

Inwendig, sang er, bin ich wie eine Kugel von Gold, wie die Kuppel eines
Domes, man kniet darin, man betet, Gold strahlt von der Wand, auf altem
Bilde blutet der Heiland, blutet das Herz der Maria. Wir bluten auch, wir
Anderen, wir Irrgegangenen, wir Sterne und Kometen, sieben und vierzehn
Schwerter gehn durch unsre selige Brust. Ich liebe dich, blonde und
schwarze Frau, ich liebe alle, auch die Philister; ihr seid arme Teufel wie
ich, ihr seid arme Kinder und fehlgeratene Halbgtter wie der betrunkne
Klingsor. Sei mir gegrt, geliebtes Leben! Sei mir gegrt, geliebter
Tod!


Klingsor an Edith

Lieber Stern am Sommerhimmel!

Wie hast Du mir gut und wahr geschrieben, und wie ruft Deine Liebe mir
schmerzlich zu, wie ewiges Leid, wie ewiger Vorwurf. Aber Du bist auf gutem
Wege, wenn Du mir, wenn Du Dir selbst jede Empfindung des Herzens
eingestehst. Nur nenne keine Empfindung klein, keine Empfindung unwrdig!
Gut, sehr gut ist jede, auch der Ha, auch der Neid, auch die Eifersucht,
auch die Grausamkeit. Von nichts andrem leben wir als von unsern armen,
schnen, herrlichen Gefhlen, und jedes, dem wir unrecht tun, ist ein
Stern, den wir auslschen.

Ob ich Gina liebe, wei ich nicht. Ich zweifle sehr daran. Ich wrde kein
Opfer fr sie bringen. Ich wei nicht, ob ich berhaupt lieben kann. Ich
kann begehren, und kann mich in andern Menschen suchen, nach Echo
aushorchen, nach einem Spiegel verlangen, kann Lust suchen, und alles das
kann wie Liebe aussehen.

Wir gehen beide, Du und ich, im selben Irrgarten, im Garten unsrer Gefhle,
die in dieser blen Welt zu kurz gekommen sind, und wir nehmen dafr, jeder
nach seiner Art, Rache an dieser bsen Welt. Wir wollen aber einer des
andern Trume bestehen lassen, weil wir wissen, wie rot und s der Wein
der Trume schmeckt.

Klarheit ber ihre Gefhle und ber die Tragweite und Folgen ihrer
Handlungen haben nur die guten, gesicherten Menschen, die an das Leben
glauben und keinen Schritt tun, den sie nicht auch morgen und bermorgen
werden billigen knnen. Ich habe nicht das Glck, zu ihnen zu zhlen, und
ich fhle und handle so, wie einer, der nicht an morgen glaubt und jeden
Tag fr den letzten ansieht.

Liebe schlanke Frau, ich versuche ohne Glck meine Gedanken auszudrcken.
Ausgedrckte Gedanken sind immer so tot! Lassen wir sie leben! Ich fhle
tief und dankbar, wie Du mich verstehst, wie etwas in Dir mir verwandt ist.
Wie das im Buch des Lebens zu buchen sei, ob unsre Gefhle Liebe, Wollust,
Dankbarkeit, Mitleid, ob sie mtterlich oder kindlich sind, das wei ich
nicht. Oft sehe ich jede Frau an wie ein alter gewiegter Wstling und oft
wie ein kleiner Knabe. Oft hat die keuscheste Frau fr mich die grte
Verlockung, oft die ppigste. Alles ist schn, alles ist heilig, alles ist
unendlich gut, was ich lieben darf. Warum, wie lange, in welchem Grad, das
ist nicht zu messen.

Ich liebe nicht Dich allein, das weit Du, ich liebe auch nicht Gina
allein, ich werde morgen und bermorgen andre Bilder lieben, andre Bilder
malen. Bereuen aber werde ich keine Liebe, die ich je gefhlt, und keine
Weisheit oder Dummheit, die ich ihretwegen begangen. Dich liebe ich
vielleicht, weil Du mir hnlich bist. Andre liebe ich, weil sie so anders
sind als ich.

Es ist spt in der Nacht, der Mond steht berm Salute. Wie lacht das Leben,
wie lacht der Tod!

Wirf den dummen Brief ins Feuer, und wirf ins Feuer

Deinen Klingsor.


Die Musik des Untergangs

Der letzte Tag des Juli war gekommen, Klingsors Lieblingsmonat, die hohe
Festzeit Li Tai Pes, war verblht, kam nimmer wieder, Sonnenblumen schrien
im Garten golden ins Blau empor. Zusammen mit dem treuen Thu Fu pilgerte
Klingsor an diesem Tage durch eine Gegend, die er liebte: verbrannte
Vorstdte, staubige Straen unter hoher Allee, rot und orange bemalte
Htten am sandigen Ufer, Lastwagen und Ladepltze der Schiffe, lange
violette Mauern, farbiges armes Volk. Am Abend dieses Tages sa er am Rand
einer Vorstadt im Staube und malte die farbigen Zelte und Wagen eines
Karussells, am Straenbord auf kahlem, versengtem Anger sa er hingekauert,
angesogen von den starken Farben der Zelte. Tief bi er sich fest im
verschossenen Lila einer Zeltborte, im freudigen Grn und Rot der
schwerflligen Wohnwagen, in den blau-wei gestrichnen Gerststangen.
Grimmig whlte er im Kadmium, wild im skhlen Kobalt, zog die
verflieenden Striche Krapplack durch den gelb und grnen Himmel. Noch eine
Stunde, o, weniger, dann war Schlu, die Nacht kam, und morgen begann schon
der August, der brennende Fiebermonat, der so viel Todesfurcht und Bangnis
in seine glhenden Becher mischt. Die Sense war geschrft, die Tage neigten
sich, der Tod lachte versteckt im brunenden Laub. Klinge hell und
schmettre, Kadmium! Prahle laut, ppiger Krapplack! Lache grell,
Zitrongelb! Her mit dir, tiefblauer Berg der Ferne! An mein Herz ihr,
staubgrne matte Bume! Wie seid ihr md, wie lat ihr ergebene fromme ste
sinken! Ich trinke euch, ich schlucke, ich fresse euch, holde
Erscheinungen! Ich tusche euch Dauer und Unsterblichkeit vor, ich, der
Vergnglichste, der Unglubigste, der Traurigste, der mehr als ihr alle an
der Angst vor dem Tode leidet. Juli ist verbrannt, August wird schnell
verbrannt sein, pltzlich frstelt uns aus gelbem Laub am betauten Morgen
das groe Gespenst entgegen. Pltzlich fegt November ber den Wald.
Pltzlich lacht das groe Gespenst, pltzlich friert uns das Herz,
pltzlich fllt uns das liebe rosige Fleisch von den Knochen, in der Wste
heult der Schakal, heiser singt sein verfluchtes Lied der Aasgeier. Ein
verfluchtes Blatt der Grostadt bringt mein Bild und darunter steht:
Vortrefflicher Maler, Expressionist, groer Kolorist, starb am 16. dieses
Monats.

Voll Ha ri er eine Furche Pariserblau unter den grnen Zigeunerwagen.
Voll Erbitterung schlug er die Kante Chromgelb auf die Prellsteine. Voll
tiefer Verzweiflung setzte er Zinnober in einen ausgesparten Fleck,
vertilgte das fordernde Wei, kmpfte blutend um Fortdauer, schrie hellgrn
und neapelgelb zum unerbittlichen Gott. Sthnend warf er mehr Blau in das
fade Staubgrn, flehend zndete er innigere Lichter im Abendhimmel an. Die
kleine Palette voll reiner, unvermischter Farben von hellster Leuchtkraft,
sie war sein Trost, sein Turm, sein Arsenal, sein Gebetbuch, seine Kanone,
aus der er nach dem bsen Tode scho. Purpur war Leugnung des Todes,
Zinnober war Verhhnen der Verwesung. Gut war sein Arsenal, glnzend stand
seine kleine tapfere Truppe, strahlend luteten die raschen Schsse seiner
Kanonen auf. Es half ja nichts, alles Schieen war ja vergebens, aber
Schieen war doch gut, war Glck und Trost, war noch Leben, war noch
Triumphieren.

Thu Fu war gegangen, einen Freund zu besuchen, der dort zwischen Fabrik und
Ladeplatz seine Zauberburg bewohnte. Nun kam er und brachte ihn mit, den
armenischen Sterndeuter.

Klingsor, mit dem Bilde fertig, atmete tief auf, als er die beiden
Gesichter bei sich sah, das blonde gute Haar Thu Fus, den schwarzen Bart
und den mit weien Zhnen lchelnden Mund des Magiers. Und da kam mit ihnen
auch der Schatten, der lange, dunkle, mit den weit zurckgeflohenen Augen
in den tiefen Hhlen. Willkommen auch du, Schatten, lieber Kerl!

Weit du, was fr ein Tag heut ist? fragte Klingsor seinen Freund.

Der letzte Juli, ich wei.

Ich stellte heut ein Horoskop, sagte der Armenier, und da sah ich, da
dieser Abend mir etwas bringen wird. Saturn steht unheimlich, Mars neutral,
Jupiter dominiert. Li Tai Pe, sind Sie nicht ein Julikind?

Ich bin am zweiten Juli geboren.

Ich dachte es. Ihre Sterne stehen verwirrt, Freund, nur Sie selbst knnten
sie deuten. Fruchtbarkeit umgibt Sie wie eine Wolke, die nahe am Bersten
ist. Seltsam stehen Ihre Sterne, Klingsor, Sie mssen es fhlen.

Li packte sein Gert zusammen. Erloschen war die Welt, die er gemalt hatte,
erloschen der gelb und grne Himmel, ertrunken die blaue helle Fahne,
ermordet und verwelkt das schne Gelb. Er war hungrig und durstig, die
Kehle hing ihm voll Staub.

Freunde, sagte er herzlich, wir wollen diesen Abend beisammen bleiben.
Wir werden nicht mehr zusammen sein, wir alle vier, ich lese das nicht aus
den Sternen, es steht mir im Herzen geschrieben. Mein Julimond ist vorber,
dunkel glhn seine letzten Stunden, in der Tiefe ruft die groe Mutter. Nie
war die Welt so schn, nie war ein Bild von mir so schn, Wetterleuchten
zuckt, Musik des Untergangs ist angestimmt. Wir wollen sie mitsingen, die
se bange Musik, wir wollen hier beisammen bleiben und Wein trinken und
Brot essen.

Neben dem Karussell, dessen Zelt eben abgedeckt und fr den Abend gerstet
wurde, standen einige Tische unter Bumen, eine hinkende Magd ging ab und
zu, ein kleines Wirtshaus lag im Schatten. Hier blieben sie und saen am
Brettertisch, Brot wurde gebracht und Wein in die irdenen Schalen
geschenkt, unter den Bumen glommen Lichter auf, drben begann die Orgel
des Karussells zu erdrhnen, heftig warf sie ihre brckelnde gelle Musik in
den Abend.

Dreihundert Becher will ich heute leeren, rief Li Tai Pe und stie mit
dem Schatten an. Sei gegrt, Schatten, standhafter Zinnsoldat! Seid
gegrt, Freunde! Seid gegrt, elektrische Lichter, Bogenlampen und
funkelnde Pailletten am Karussell! O, da Louis da wre, der flchtige
Vogel! Vielleicht ist er uns schon vorausgeflogen in den Himmel. Vielleicht
auch kommt er morgen wieder, der alte Schakal, und findet uns nicht mehr
und lacht und pflanzt Bogenlampen und Fahnenstangen auf unser Grab.

Still ging der Magier und holte neuen Wein, froh lchelten seine weien
Zhne aus dem roten Mund.

Schwermut, sagte er mit einem Blick zu Klingsor hinber, ist eine Sache,
die man nicht mit sich tragen sollte. Es ist so leicht -- es ist das Werk
einer Stunde, einer kurzen intensiven Stunde mit zusammengebissenen Zhnen,
dann ist man mit der Schwermut fr immer fertig.

Klingsor sah aufmerksam auf seinen Mund, auf die hellen klaren Zhne,
welche einst in einer glhenden Stunde die Schwermut erwrgt und
totgebissen hatten. War auch ihm mglich, was dem Sterndeuter mglich
gewesen war? O, kurzer ser Blick in ferne Grten: Leben ohne Angst, Leben
ohne Schwermut! Er wute, diese Grten waren ihm unerreichbar. Er wute,
ihm war andres bestimmt, anders blickte zu ihm Saturn herber, andre Lieder
wollte Gott auf seinen Saiten spielen.

Jeder hat seine Sterne, sagte Klingsor langsam, jeder hat seinen
Glauben. Ich glaube nur an Eines: an den Untergang. Wir fahren in einem
Wagen berm Abgrund, und die Pferde sind scheu geworden. Wir stehen im
Untergang, wir alle, wir mssen sterben, wir mssen wieder geboren werden,
die groe Wende ist fr uns gekommen. Es ist berall das Gleiche: der groe
Krieg, die groe Wandlung in der Kunst, der groe Zusammenbruch der Staaten
des Westens. Bei uns im alten Europa ist alles das gestorben, was bei uns
gut und unser eigen war; unsre schne Vernunft ist Irrsinn geworden, unser
Geld ist Papier, unsre Maschinen knnen blo noch schieen und explodieren,
unsre Kunst ist Selbstmord. Wir gehen unter, Freunde, so ist es uns
bestimmt, die Tonart Tsing Tse ist angestimmt.

Der Armenier schenkte Wein ein.

Wie Sie wollen, sagte er. Man kann ja sagen, und man kann nein sagen,
das ist nur Kinderspiel. Untergang ist etwas, das nicht existiert. Damit
Untergang oder Aufgang wre, mte es unten und oben geben. Unten und oben
aber gibt es nicht, das lebt nur im Gehirn des Menschen, in der Heimat der
Tuschungen. Alle Gegenstze sind Tuschungen: wei und schwarz ist
Tuschung, Tod und Leben ist Tuschung, gut und bse ist Tuschung. Es ist
das Werk einer Stunde, einer glhenden Stunde mit zusammengebissenen
Zhnen, dann hat man das Reich der Tuschungen berwunden.

Klingsor hrte seiner guten Stimme zu.

Ich spreche von uns, gab er Antwort, ich spreche von Europa, von unsrem
alten Europa, das zweitausend Jahre lang das Gehirn der Welt zu sein
glaubte. Dies geht unter. Meinst du, Magier, ich kenne dich nicht? Du bist
ein Bote aus dem Osten, ein Bote auch an mich, vielleicht ein Spion,
vielleicht ein verkleideter Feldherr. Du bist hier, weil hier das Ende
beginnt, weil du hier Untergang witterst. Aber wir gehen gerne unter, du,
wir sterben gerne, wir wehren uns nicht.

Du kannst auch sagen: gerne werden wir geboren, lachte der Asiate. Dir
scheint es Untergang, mir scheint es vielleicht Geburt. Beides ist
Tuschung. Der Mensch, der an die Erde glaubt als an die feststehende
Scheibe unterm Himmel, der sieht und glaubt Aufgang und Untergang -- und
alle, fast alle Menschen glauben an diese feste Scheibe! Die Sterne selbst
wissen kein Auf und Unter.

Sind nicht Sterne untergegangen? rief Thu Fu.

Fr uns, fr unsre Augen.

Er schenkte die Tassen voll, immer machte er den Schenken, immer war er
dienstfertig und lchelte dazu. Er ging mit dem leeren Kruge weg, neuen
Wein zu holen. Schmetternd schrie die Karussellmusik.

Gehen wir hinber, es ist so schn, bat Thu Fu, und sie gingen hin,
standen an der bemalten Barriere, sahen im stechenden Glanz der Pailletten
und Spiegel das Karussell im Kreise wten, hundert Kinder mit den Augen
gierig am Glanze hngen. Einen Augenblick fhlte Klingsor tief und lachend
das Urtmliche und Negerhafte dieser kreiselnden Maschine, dieser
mechanischen Musik, dieser grellen wilden Bilder und Farben, Spiegel und
irrsinnigen Schmucksulen, alles trug Zge von Medizinmann und Schamane,
von Zauber und uralter Rattenfngerei, und der ganze wilde wste Glanz war
im Grund nichts andres als der zuckende Glanz des Blechlffels, den der
Hecht fr ein Fischlein hlt und an dem man ihn herauszieht.

Alle Kinder muten Karussell fahren. Allen Kindern gab Thu Fu Geld, alle
Kinder lud der Schatten ein. In Knueln umgaben sie die Schenkenden, hingen
sich an, flehten, dankten. Ein schnes blondes Mdchen, zwlfjhrig, dem
gaben sie alle, sie fuhr jede Runde. Im Lichterglanz wehte hold der kurze
Rock um ihre schnen Knabenbeine. Ein Knabe weinte. Knaben schlugen sich.
Peitschend knallten zur Orgel die Tschinellen, gossen Feuer in den Takt,
Opium in den Wein. Lange standen die Vier im Getmmel.

Wieder saen sie dann unterm Baume, in die Tassen go der Armenier den
Wein, schrte Untergang, lchelte hell.

Dreihundert Becher wollen wir heute leeren, sang Klingsor; sein
verbrannter Schdel glhte gelb, laut schallte sein Gelchter hin;
Schwermut kniete, ein Riese, auf seinem zuckenden Herzen. Er stie an, er
pries den Untergang, das Sterbenwollen, die Tonart Tsing Tse. Brausend
erscholl die Karussellmusik. Aber innen im Herzen sa Angst, das Herz
wollte nicht sterben, das Herz hate den Tod.

Pltzlich klirrte eine zweite Musik wtend in die Nacht, schrill, hitzig,
aus dem Hause her. Im Erdgescho, neben dem Kamin, dessen Gesimse voll
schn geordneter Weinflaschen stand, knallte ein Maschinenklavier los,
Maschinengewehr, wild, scheltend, berstrzt. Leid schrie aus verstimmten
Tnen, Rhythmus bog mit schwerer Dampfwalze sthnende Dissonanzen nieder.
Volk war da, Licht, Lrm, Burschen tanzten und Mdchen, auch die hinkende
Magd, auch Thu Fu. Er tanzte mit dem blonden kleinen Mdchen, Klingsor sah
zu, leicht und hold wehte ihr kurzes Sommerkleid um die dnnen schnen
Beine, freundlich lchelte Thu Fus Gesicht, voll Liebe. An der Kaminecke
saen die andern, vom Garten hereingekommen, nah bei der Musik, mitten im
Lrm. Klingsor sah Tne, hrte Farben. Der Magier nahm Flaschen vom Kamin,
ffnete, schenkte ein. Hell stand sein Lcheln auf dem braunen klugen
Gesicht. Furchtbar donnerte die Musik im niedern Saal. In die Reihe der
alten Flaschen berm Kamin brach der Armenier langsam eine Bresche, wie ein
Tempelruber Kelch um Kelch die Gerte eines Altars wegnimmt.

Du bist ein groer Knstler, flsterte der Sterndeuter Klingsor zu, indem
er seine Tasse fllte. Du bist einer der grten Knstler dieser Zeit. Du
hast das Recht, dich Li Tai Pe zu nennen. Aber du bist, Li Tai, du bist ein
gehetzter, armer, ein gepeinigter und angstvoller Mensch. Du hast die Musik
des Untergangs angestimmt, du sitzest singend in deinem brennenden Haus,
das du selber angezndet hast, und es ist dir nicht wohl dabei, Li Tai Pe,
auch wenn du jeden Tag dreihundert Becher leerst und mit dem Monde anstt.
Es ist dir nicht wohl dabei, es ist dir sehr weh dabei, Snger des
Untergangs, willst du nicht innehalten? Willst du nicht leben? Willst du
nicht fortdauern?

Klingsor trank und flsterte mit seiner etwas heisern Stimme zurck: Kann
man denn Schicksal wenden? Gibt es denn Freiheit des Wollens? Kannst denn
du, Sterndeuter, meine Sterne anders lenken?

Nicht lenken, nur deuten kann ich sie. Lenken kannst nur du dich selbst.
Es gibt Freiheit des Wollens. Sie heit Magie.

Warum soll ich Magie treiben, wenn ich Kunst treiben kann? Ist Kunst nicht
ebenso gut?

Alles ist gut. Nichts ist gut. Magie hebt Tuschungen auf. Magie hebt jene
schlimmste Tuschung auf, die wir >Zeit< heien.

Tut das Kunst nicht auch?

Sie versucht es. Ist dein gemalter Juli, den du in deinen Mappen hast, dir
genug? Hast du Zeit aufgehoben? Bist du ohne Angst vor dem Herbst, vor dem
Winter?

Klingsor seufzte und schwieg, schweigend trank er, schweigend fllte der
Magier seine Tasse. Irrsinnig tobte die entfesselte Klaviermaschine,
zwischen den Tanzenden schwebte engelhaft Thu Fus Gesicht. Der Juli war zu
Ende.

Klingsor spielte mit den leeren Flaschen auf dem Tische, ordnete sie im
Kreise.

Dies sind unsre Kanonen, rief er, mit diesen Kanonen schieen wir die
Zeit kaputt, den Tod kaputt, das Elend kaputt. Auch mit Farben habe ich auf
den Tod geschossen, mit dem feurigen Grn, mit dem knallenden Zinnober, mit
dem sen Geraniumlack. Oft habe ich ihn auf den Schdel getroffen, Wei
und Blau habe ich ihm ins Auge gejagt. Oft habe ich ihn in die Flucht
geschlagen. Noch oft werde ich ihn treffen, ihn besiegen, ihn berlisten.
Seht den Armenier, wieder ffnet er eine alte Flasche, und die
eingeschlossene Sonne vergangener Sommer schiet uns ins Blut. Auch der
Armenier hilft uns, auf den Tod zu schieen, auch der Armenier wei keine
andre Waffe gegen den Tod.

Der Magier brach Brot und a.

Gegen den Tod brauche ich keine Waffe, weil es keinen Tod gibt. Es gibt
aber eines: Angst vor dem Tode. Die kann man heilen, gegen die gibt es eine
Waffe. Es ist die Sache einer Stunde, die Angst zu berwinden. Aber Li Tai
Pe will nicht. Li liebt ja den Tod, er liebt ja seine Angst vor dem Tode,
seine Schwermut, sein Elend, nur die Angst hat ihn ja all das gelehrt, was
er kann und wofr wir ihn lieben.

Spttisch stie er an, seine Zhne blitzten, immer heiterer ward sein
Gesicht, Leid schien ihm fremd. Niemand gab Antwort. Klingsor scho mit der
Weinkanone gegen den Tod. Gro stand der Tod vor den offenen Tren des
Saales, der von Menschen, Wein und Tanzmusik geschwollen war. Gro stand
der Tod vor den Tren, leise rttelte er am schwarzen Akazienbaum, finster
stand er im Garten auf der Lauer. Alles war drauen voll Tod, voll von Tod,
nur hier im engen schallenden Saal ward noch gekmpft, ward noch herrlich
und tapfer gekmpft gegen den schwarzen Belagerer, der nah durch die
Fenster greinte.

Spttisch blickte der Magier ber den Tisch, spttisch schenkte er die
Schalen voll. Viele Schalen schon hatte Klingsor zerbrochen, neue hatte er
ihm gegeben. Viel hatte auch der Armenier getrunken, aber aufrecht sa er
wie Klingsor.

La uns trinken, Li, hhnte er leise. Du liebst ja den Tod, gerne willst
du ja untergehen, gerne den Tod sterben. Sagtest du nicht so, oder habe ich
mich getuscht -- oder hast du mich und dich selber am Ende getuscht? La
uns trinken, Li, la uns untergehen!

Zorn quoll in Klingsor empor. Auf stand er, stand aufrecht und hoch, der
alte Sperber mit dem scharfen Kopf, spie in den Wein, zerschmi seine volle
Tasse am Boden. Weithin spritzte der rote Wein in den Saal, die Freunde
wurden bleich, fremde Menschen lachten.

Aber schweigend und lchelnd holte der Magier eine neue Tasse, schenkte sie
lchelnd voll, bot sie lchelnd Li Tai an. Da lchelte Li, da lchelte auch
er. ber sein verzerrtes Gesicht lief das Lcheln wie Mondlicht.

Kinder, rief er, lat diesen Fremdling reden! Er wei viel, der alte
Fuchs, er kommt aus einem versteckten und tiefen Bau. Er wei viel, aber er
versteht uns nicht. Er ist zu alt, um Kinder zu verstehen. Er ist zu weise,
um Narren zu verstehen. Wir, wir Sterbenden, wissen mehr vom Tode als er.
Wir sind Menschen, nicht Sterne. Seht da meine Hand, die eine kleine blaue
Schale voll Wein hlt! Sie kann viel, diese Hand, diese braune Hand. Sie
hat mit vielen Pinseln gemalt, sie hat neue Stcke der Welt aus dem
Finstern gerissen und vor die Augen der Menschen gestellt. Diese braune
Hand hat viele Frauen unterm Kinn gestreichelt, und hat viele Mdchen
verfhrt, viel ist sie gekt worden, Trnen sind auf sie gefallen, ein
Gedicht hat Thu Fu auf sie gedichtet. Diese liebe Hand, Freunde, wird bald
voll Erde und voll Maden sein, keiner von euch wrde sie mehr anrhren.
Wohl, eben darum liebe ich sie. Ich liebe meine Hand, ich liebe meine
Augen, ich liebe meinen weien, zrtlichen Bauch, ich liebe sie mit
Bedauern und mit Spott und mit groer Zrtlichkeit, weil sie alle so bald
verwelken und verfaulen mssen. Schatten du, dunkler Freund, alter
Zinnsoldat auf dem Grabe Andersens, auch dir ergeht es so, lieber Kerl!
Sto mit mir an, unsre lieben Glieder und Eingeweide sollen leben!

Sie stieen an, dunkel lchelte der Schatten aus seinen tiefen Hhlenaugen
-- und pltzlich ging etwas durch den Saal, wie ein Wind, wie ein Geist.
Verstummt war unversehens die Musik, pltzlich, wie erloschen, weggeflossen
waren die Tnzer, von der Nacht verschlungen, und die Hlfte der Lichter
war verlscht. Klingsor blickte nach den schwarzen Tren. Drauen stand der
Tod. Er sah ihn stehen. Er roch ihn. Wie Regentropfen in Landstraenstaub,
so roch der Tod.

Da rckte Li die Schale von sich weg, stie den Stuhl von sich und ging
langsam aus dem Saal, in den dunkeln Garten hinaus und fort, im Finstern,
Wetterleuchten berm Haupt, allein. Schwer lag ihm das Herz in der Brust,
wie der Stein auf einem Grab.


Abend im August

Im sinkenden Abend kam Klingsor -- er hatte den Nachmittag in Sonne und
Wind bei Manuzzo und Veglia gemalt -- sehr mde im Wald ber Veglia zu
einem kleinen, schlafenden Canvetto. Es gelang ihm, eine greise Wirtsfrau
herbeizurufen, sie brachte ihm eine irdene Tasse voll Wein, er setzte sich
auf einen Nubaumstumpf vor der Tr und packte den Rucksack aus, fand noch
ein Stck Kse und einige Pflaumen darin, und hielt sein Nachtmahl. Die
alte Frau sa dabei, wei, gebckt und zahnlos, und erzhlte mit faltig
arbeitendem Halse und stillgewordenen alten Augen vom Leben ihres Weilers
und ihrer Familie, vom Krieg und der Teuerung und vom Stand der Felder, von
Wein und Milch und was sie kosten, von gestorbenen Enkeln und
ausgewanderten Shnen; alle Lebenszeiten und Sternbilder dieses kleinen
Bauernlebens lagen klar und freundlich ausgebreitet, rauh in drftiger
Schnheit, voll Freude und Sorge, voll Angst und Leben. Klingsor a, trank,
ruhte, hrte zu, fragte nach Kindern und Vieh, Pfarrer und Bischof, lobte
freundlich den rmlichen Wein, bot eine letzte Pflaume an, gab die Hand,
wnschte eine glckliche Nacht und stieg, am Stock und mit dem Sack
beschwert, langsam in den lichten Wald bergaufwrts, dem Nachtlager
entgegen.

Es war die sptgoldene Stunde, noch glhte Licht des Tages berall, doch
gewann der Mond schon Schimmer, und erste Fledermuse schwammen in der
grnen Flimmerluft. Ein Waldrand stand sanft im letzten Licht, helle
Kastanienstmme vor schwarzem Schatten, eine gelbe Htte strahlte leise das
eingesogene Tageslicht von sich, sanftglhend wie ein gelber Topas,
rosenrot und violett fhrten die kleinen Wege durch Wiesen, Reben und Wald,
da und dort schon ein gelber Akazienzweig, der Westhimmel golden und grn
ber sammetblauen Bergen.

O, jetzt noch arbeiten zu knnen, in der letzten, verzauberten
Viertelstunde des reifen Sommertages, der nie wieder kam! Wie namenlos
schn war alles jetzt, wie ruhig, gut und spendend, wie voll von Gott!

Klingsor setzte sich ins khle Gras, griff mechanisch nach dem Bleistift
und lie die Hand lchelnd wieder sinken. Er war todmde. Seine Finger
betasteten das trockene Gras, die trockene mrbe Erde. Wie lange noch, dann
war dies liebe erregende Spiel vorbei! Wie lange noch, dann hatte man Hand
und Mund und Augen voll Erde! Thu Fu hatte ihm dieser Tage ein Gedicht
gesandt, dessen erinnerte er sich und sagte es langsam vor sich hin:

   Vom Baum des Lebens fllt
   Mir Blatt um Blatt.
   O taumelbunte Welt,
   Wie machst du satt,
   Wie machst du satt und md,
   Wie machst du trunken!
   Was heut noch glht,
   Ist bald versunken.
   Bald klirrt der Wind
   ber mein braunes Grab,
   ber das kleine Kind
   Beugt sich die Mutter herab.
   Ihre Augen will ich wiedersehn,
   Ihr Blick ist mein Stern,
   Alles andre mag gehn und verwehn,
   Alles stirbt, alles stirbt gern;
   Nur die ewige Mutter bleibt,
   Von der wir kamen.
   Ihr spielender Finger schreibt
   In die flchtige Luft unsre Namen.

Nun, es war gut so. Wie viele hatte Klingsor noch von seinen zehn Leben?
Drei? Zwei? Mehr als eines war es immer noch, immer noch mehr als ein
braves, gewhnliches Allerwelts- und Brgerleben. Und viel hatte er getan,
viel gesehen, viel Papier und Leinwand bemalt, viele Herzen in Liebe und
Ha erregt, in Kunst und Leben viel rgernis und frischen Wind in die Welt
gebracht. Viel Frauen hatte er geliebt, viele Traditionen und Heiligtmer
zerstrt, viel neue Dinge gewagt. Viele volle Becher hatte er leergesogen,
viel Tage und Sternennchte geatmet, unter vielen Sonnen gebrannt, in
vielen Wassern geschwommen. Nun sa er hier, in Italien oder Indien oder
China, der Sommerwind stie launisch in die Kastanienkronen, gut und
vollkommen war die Welt. Es war gleichgltig, ob er noch hundert Bilder
malte oder zehn, ob er noch zwanzig Sommer lebte oder einen. Mde war er
geworden, mde. Alles stirbt, alles stirbt gern. Braver Thu Fu!

Es war Zeit, nach Hause zu kommen. Er wrde ins Zimmer wanken, vom Wind
durch die Balkontr empfangen. Er wrde Licht machen und seine Skizzen
auspacken. Das Waldinnere mit dem vielen Chromgelb und Chinesischblau war
vielleicht gut, es wrde einmal ein Bild geben. Auf denn, es war Zeit.

Er blieb dennoch sitzen, den Wind im Haar, in der wehenden, beschmierten
Leinenjacke, Lcheln und Weh im abendlichen Herzen. Weich und schlaff wehte
der Wind, weich und lautlos taumelten die Fledermuse im erlschenden
Himmel. Alles stirbt, alles stirbt gern. Nur die ewige Mutter bleibt.

Er konnte auch hier schlafen, wenigstens eine Stunde, es war ja warm. Er
legte den Kopf auf den Rucksack und sah in den Himmel. Wie ist die Welt
schn, wie macht sie satt und md!

Schritte kamen den Berg herab, krftig auf losen hlzernen Sohlen. Zwischen
den Farren und Ginstern erschien eine Gestalt, eine Frau, schon waren die
Farben ihrer Kleider nicht mehr zu erkennen. Sie kam nher, in gesundem,
gleichmigem Tritt. Klingsor sprang auf und rief guten Abend. Sie erschrak
ein wenig und blieb einen Augenblick stehen. Er sah ihr ins Gesicht. Er
kannte sie, er wute nicht, woher. Sie war hbsch und dunkel, hell blitzten
ihre schnen, festen Zhne.

Sieh da! rief er und gab ihr die Hand. Er sprte, da ihn etwas mit
dieser Frau verband, irgendeine kleine Erinnerung. Kennt man sich noch?

Madonna! Ihr seid ja der Maler von Castagnetta! Habt Ihr mich noch
gekannt?

Ja, jetzt wute er. Sie war eine Bauernfrau vom Taverne-Tal, bei ihrem
Hause hatte er einst, in der schon so schattentiefen und verwirrten
Vergangenheit dieses Sommers, einige Stunden gemalt, hatte Wasser an ihrem
Brunnen geschpft, eine Stunde im Schatten des Feigenbaumes geschlummert,
und zum Schlu einen Becher Wein und einen Ku von ihr bekommen.

Ihr seid nie mehr wiedergekommen, klagte sie. Ihr hattet es mir doch so
sehr versprochen.

Mutwille und Herausforderung klang in ihrer tiefen Stimme. Klingsor wurde
lebendig.

Ecco, desto besser, da du nun zu mir gekommen bist! Was fr ein Glck ich
habe, grade jetzt, wo ich so allein und traurig war!

Traurig? Machet mir nichts vor, Herr, Ihr seid ein Spamacher, kein Wort
darf man Euch glauben. Na, ich mu aber weiter.

O, dann begleite ich dich.

Es ist nicht Euer Weg und ist auch nicht ntig. Was soll mir passieren?

Dir nichts, aber mir. Wie leicht knnte einer kommen und dir gefallen und
ginge mit dir und kte deinen lieben Mund und deinen Hals und deine schne
Brust, ein andrer statt meiner. Nein, das darf nicht sein.

Er hatte die Hand um ihren Nacken gelegt und lie sie nicht mehr los.

Stern, mein kleiner! Schatz! Meine kleine se Pflaume! Bei mich, sonst
esse ich dich.

Er kte sie, die sich lachend zurckbog, auf den offnen, starken Mund,
zwischen Struben und Widerreden gab sie nach, kte wieder, schttelte den
Kopf, lachte, suchte sich freizumachen. Er hielt sie an sich gezogen,
seinen Mund auf ihrem, seine Hand auf ihrer Brust, ihr Haar roch wie
Sommer, nach Heu, Ginster, Farnkraut, Brombeeren. Einen Augenblick tief
Atem schpfend, bog er den Kopf zurck, da sah er am verglhten Himmel
klein und wei den ersten Stern aufgegangen. Die Frau schwieg, ihr Gesicht
war ernst geworden, sie seufzte, sie legte ihre Hand auf seine und drckte
sie fester um ihre Brust. Er bckte sich sanft, drckte ihr den Arm in die
Kniekehlen, die nicht widerstrebten, und bettete sie ins Gras.

Hast du mich lieb? fragte sie wie ein kleines Mdchen. Povera me!

Sie tranken den Becher, Wind strich ber ihr Haar und nahm ihren Atem mit.

Ehe sie Abschied nahmen, suchte er im Rucksack, in seinen Rocktaschen, ob
er ihr nichts zu schenken habe, fand eine kleine silberne Taschendose, noch
halb voll von Zigarettentabak, die leerte er aus und gab sie ihr.

Nein, kein Geschenk, gewi nicht! versicherte er. Nur ein Andenken, da
du mich nicht vergit.

Ich vergesse dich nicht, sagte sie. Und: Kommst du wieder?

Er wurde traurig. Langsam kte er sie auf beide Augen.

Ich komme wieder, sagte er.

Noch eine Weile hrte er, regungslos stehend, ihre Schritte auf den
Holzsohlen bergabwrts klingen, ber den Wiesengrund, durch den Wald, auf
Erde, auf Fels, auf Laub, auf Wurzeln. Nun war sie fort. Schwarz stand der
Wald in der Nacht, lau strich der Wind ber die erloschene Erde. Irgend
etwas, vielleicht ein Pilz, vielleicht ein welkes Farnkraut, roch scharf
und bitter nach Herbst.

Klingsor konnte sich nicht zur Heimkehr entschlieen. Wozu jetzt den Berg
hinaufsteigen, wozu in seine Zimmer zu all den Bildern gehen? Er streckte
sich ins Gras und lag und sah die Sterne an, schlief endlich ein und
schlief, bis spt in der Nacht ein Tierschrei oder ein Windsto oder die
Khle des Taus ihn erweckte. Dann stieg er nach Castagnetta hinauf, fand
sein Haus, seine Tr, seine Zimmer. Briefe lagen da und Blumen, es war
Freundesbesuch dagewesen.

So mde er war, er packte doch, nach der alten zhen Gewhnung, in aller
Nacht noch seine Sachen aus und sah beim Lampenlicht die Skizzenbltter des
Tages an. Das Waldinnere war schn, Gekrut und Gestein im
lichtdurchzuckten Schatten glnzte khl und kstlich wie eine Schatzkammer.
Es war richtig gewesen, da er nur mit Chromgelb, Orange und Blau
gearbeitet und das Zinnobergrn weggelassen hatte. Lange sah er das Blatt
an.

Aber wozu? Wozu alle die Bltter voll Farbe? Wozu all die Mhe, all der
Schwei, all die kurze, trunkene Schaffenslust? Gab es Erlsung? Gab es
Ruhe? Gab es Frieden?

Erschpft sank er, kaum entkleidet, ins Bett, lschte das Licht, suchte
nach Schlaf und summte leise die Verse Thu Fus vor sich hin:

   Bald klirrt der Wind
   ber mein braunes Grab.


Klingsor schreibt an Louis den Grausamen

Caro Luigi! Lange hat man Deine Stimme nicht mehr gehrt. Lebst Du noch am
Lichte? Nagt schon der Geier Dein Gebein?

Hast Du einmal mit einer Stricknadel in einer stehengebliebenen Wanduhr
gestochert? Ich tat es einmal, und habe es erlebt, da pltzlich der Teufel
in das Werk fuhr und die ganze vorhandene Zeit abrasselte, die Zeiger
machten Wettrennen ums Zifferblatt, mit einem unheimlichen Gerusch drehten
sie sich wahnsinnig fort, prestissimo, bis ebenso pltzlich alles
abschnappte und die Uhr den Geist aufgab. Genau so ist es zurzeit hier bei
uns: Sonne und Mond rennen gehetzt wie Amoklufer ber den Himmel, die Tage
jagen sich, die Zeit luft einem davon, wie durch ein Loch im Sack.
Hoffentlich wird auch das Ende dann ein pltzliches sein und diese
betrunkene Welt untergehen, statt wieder in ein brgerliches Tempo zu
fallen.

Die Tage ber bin ich zu sehr beschftigt, als da ich etwas denken knnte
(wie wahnsinnig komisch das brigens klingt, wenn man einen solchen
sogenannten Satz einmal laut vor sich hin sagt: als da ich etwas denken
knnte)! Aber am Abend fehlst Du mir oft. Ich sitze dann meistens irgendwo
im Wald in einem der vielen Keller und trinke den beliebten Rotwein, der
zwar meistens nicht gut ist, aber doch auch das Leben tragen hilft und den
Schlaf befrdert. Einige Male bin ich sogar am Tisch im Grotto
eingeschlafen und habe unter dem Grinsen der Eingeborenen bewiesen, da es
mit meiner Neurasthenie doch nicht so schlimm stehen kann. Manchmal sind
Freunde und Mdchen dabei, und man bt seine Finger am Plastizin weiblicher
Glieder und spricht ber Hte und Abstze und die Kunst. Manchmal glckt
es, da eine gute Temperatur erreicht wird, dann schreien und lachen wir
die ganze Nacht, und die Leute freuen sich, da Klingsor so ein lustiger
Bruder ist. Es gibt hier eine sehr hbsche Frau, die jedesmal, wenn ich sie
sehe, heftig nach Dir fragt.

Die Kunst, die wir beide treiben, hngt, wie ein Professor sagen wrde,
noch immer zu eng am Gegenstand (wre fein als Bilderrtsel darzustellen).
Wir malen immer noch, wenn auch mit etwas freier Handschrift und fr den
Bourgeois aufregend genug, die Dinge der Wirklichkeit: Menschen, Bume,
Jahrmrkte, Eisenbahnen, Landschaften. Darin fgen wir uns noch einer
Konvention. Wirklich nennt ja der Brger die Dinge, die von allen oder
doch vielen hnlich wahrgenommen und beschrieben werden. Ich habe im Sinn,
sobald dieser Sommer herum ist, eine Zeitlang nur noch Phantasien zu malen,
namentlich Trume. Es wird darin zum Teil auch nach Deinem Sinn zugehen,
nmlich wahnsinnig lustig und berraschend, etwa so wie in den Geschichten
Collofinos des Hasenjgers vom Klner Dom. Wenn ich auch fhle, da der
Boden unter mir etwas dnn geworden ist, und wenn ich auch im ganzen mich
wenig nach weitern Jahren und Taten sehne, ich mchte doch immerhin noch
einige heftige Raketen dieser Welt in den Rachen jagen. Ein Bilderkufer
schrieb mir krzlich, er sehe mit Bewunderung, wie ich in meinen neuesten
Arbeiten eine zweite Jugend erlebe. Etwas daran ist ja richtig. Zu malen
habe ich eigentlich erst dies Jahr recht angefangen, scheint mir. Aber es
ist weniger ein Frhling, was ich da erlebe, als eine Explosion.
Erstaunlich, wie viel Dynamit in mir noch steckt; aber Dynamit lt sich
schlecht im Sparherd brennen.

Lieber Louis, schon oft habe ich mich im stillen darber gefreut, da wir
zwei alten Wstlinge im Grunde so rhrend schamhaft sind und einander
lieber die Glser an den Kopf schmeien, als etwas von unsern Gefhlen
gegeneinander merken zu lassen. Mge es so bleiben, alter Igel!

Wir haben dieser Tage in jenem Grotto bei Barengo ein Fest mit Brot und
Wein gefeiert, herrlich klang unser Gesang im hohen Wald in der
Mitternacht, die alten rmischen Lieder. Man braucht so wenig zum Glck,
wenn man lter wird und an den Fen zu frieren beginnt: acht bis zehn
Stunden Arbeit im Tag, einen Liter Piemonteser, ein halbes Pfund Brot, eine
Virginia, ein paar Freundinnen, und allerdings Wrme und gutes Wetter. Die
haben wir, die Sonne funktioniert prachtvoll, mein Schdel ist verbrannt
wie der einer Mumie.

An manchen Tagen habe ich das Gefhl, mein Leben und Arbeiten beginne eben
erst, manchmal aber kommt es mir vor, ich habe achtzig Jahre schwer
gearbeitet und habe bald einen Anspruch auf Ruhe und Feierabend. Jeder
kommt einmal an ein Ende, mein Louis, auch ich, auch Du. Wei Gott, was ich
Dir da schreibe, man sieht, da ich etwas unwohl bin. Es sind wohl
Hypochondrien, ich habe viel Augenschmerzen, und manchmal verfolgt mich die
Erinnerung an eine Abhandlung ber Netzhautablsung, die ich vor Jahren
gelesen habe.

Wenn ich durch meine Balkontr hinuntersehe, die Du kennst, dann wird mir
klar, da wir noch eine gute Weile fleiig sein mssen. Die Welt ist
unsglich schn und mannigfaltig, durch diese grne hohe Tr lutet sie Tag
und Nacht zu mir herauf und schreit und fordert, und immer wieder renne ich
hinaus und reie ein Stck davon an mich, ein winziges Stck. Die grne
Gegend hier ist durch den trocknen Sommer jetzt wunderbar licht und rtlich
geworden, ich htte nie gedacht, da ich wieder zu Englischrot und Siena
greifen wrde. Dann steht der ganze Herbst bevor, Stoppelfelder, Weinlese,
Maisernte, rote Wlder. Ich werde das alles noch einmal mitmachen, Tag fr
Tag, und noch einige hundert Studien malen. Dann aber, das fhle ich, werde
ich den Weg nach Innen gehen und noch einmal, wie ich es als junger Kerl
eine Weile tat, ganz aus der Erinnerung und Phantasie malen, Gedichte
machen und Trume spinnen. Auch das mu sein.

Ein groer Pariser Maler, den ein junger Knstler um Ratschlge bat, hat
ihm gesagt: Junger Mann, wenn Sie ein Maler werden wollen, so vergessen
Sie nicht, da man vor allem gut essen mu. Zweitens ist die Verdauung
wichtig, sorgen Sie fr einen regelmigen Stuhlgang! Und drittens: halten
Sie sich stets eine hbsche kleine Freundin! Ja, man sollte meinen, diese
Anfnge der Kunst habe ich gelernt, und es knne mir hierin eigentlich kaum
fehlen. Aber dies Jahr, es ist verflucht, stimmt es bei mir auch in diesen
einfachen Dingen nicht mehr recht. Ich esse wenig und schlecht, oft ganze
Tage nur Brot, ich habe zu Zeiten mit dem Magen zu tun (ich sage Dir: das
Unntzeste, was man zu tun haben kann!), und ich habe auch keine richtige
kleine Freundin, sondern habe mit vier, fnf Frauen zu tun und bin
ebensooft erschpft wie hungrig. Es fehlt etwas am Uhrwerk, und seit ich
mit der Nadel hineingestochen habe, luft es zwar wieder, aber rasch wie
der Satan, und rasselt so unvertraut dabei. Wie einfach ist das Leben, wenn
man gesund ist! Du hast noch nie einen so langen Brief von mir bekommen,
auer vielleicht damals in der Zeit, wo wir ber die Palette disputierten.
Ich will aufhren, es geht gegen fnf Uhr, das schne Licht fngt an. Sei
gegrt von Deinem Klingsor.

Nachschrift:

Ich erinnere mich, da Du ein kleines Bild von mir gern hattest, das am
meisten chinesische, das ich gemacht habe, mit der Htte, dem roten Weg,
den veronesergrnen Zackenbumen und der fernen Spielzeugstadt im
Hintergrund. Ich kann es jetzt nicht schicken, wei auch nicht, wo Du bist.
Aber es gehrt Dir, das mchte ich Dir fr alle Flle sagen.


Klingsor schickt seinem Freunde Thu Fu ein Gedicht

(Aus den Tagen, in welchen er an seinem Selbstbildnis malte)

   Trunken sitz ich des Nachts im durchwehten Gehlz,
   An den klagenden Zweigen hat Herbst genagt,
   Murmelnd luft in den Keller,
   Meine leere Flasche zu fllen, der Wirt.

   Morgen, morgen haut mir der bleiche Tod
   Seine klirrende Sense ins rote Fleisch,
   Lange schon auf der Lauer
   Wei ich ihn liegen, den falschen Hund.

   Ihn zu hhnen, sing ich die halbe Nacht,
   Lalle mein trunkenes Lied in den mden Wald;
   Seiner Drohung zu spotten
   Ist meines Liedes und meines Trinkens Sinn.

   Vieles tat und erlitt ich, Wandrer auf langem Weg,
   Nun am Abend sitz ich, trinke und warte bang,
   Bis die blitzende Sichel
   Mir das Haupt vom zuckenden Herzen trennt.


Das Selbstbildnis

In den ersten Septembertagen, nach vielen Wochen einer ungewhnlichen
trocknen Sonnenglut, gab es einige Regentage. In diesen Tagen malte
Klingsor, in dem hochfenstrigen Saal seines Palazzos in Castagnetta, sein
Selbstportrt, das jetzt in Frankfurt hngt.

Dies furchtbare und doch so zauberhaft schne Bild, sein letztes ganz zu
Ende gefhrtes Werk, steht am Ende der Arbeit jenes Sommers, am Ende einer
unerhrt glhenden, rasenden Arbeitszeit, als deren Gipfel und Krnung.
Vielen ist es aufgefallen, da jeder, der Klingsor kannte, ihn auf diesem
Bilde sofort und unfehlbar wiedererkannte, obwohl niemals ein Bildnis sich
so weit von jeder naturalistischen hnlichkeit entfernte.

Wie alle spteren Werke Klingsors, so kann man auch dies Selbstbildnis aus
den verschiedensten Standpunkten betrachten. Fr manche, zumal solche, die
den Maler nicht kannten, ist das Bild vor allem ein Farbenkonzert, ein
wunderbar gestimmter, trotz aller heftigen Buntheit still und edel
wirkender Teppich. Andre sehen darin einen letzten khnen, ja verzweifelten
Versuch zur Befreiung vom Gegenstndlichen: ein Antlitz wie eine Landschaft
gemalt, Haare an Laub und Baumrinde erinnernd, Augenhhlen wie Felsspalten
-- sie sagen, dies Bild erinnere an die Natur nur so wie mancher Bergrcken
an ein Menschengesicht, mancher Baumast an Hnde und Beine erinnert, nur
von ferne her, nur gleichnishaft. Viele aber sehen im Gegenteil gerade in
diesem Werk nur den Gegenstand, das Gesicht Klingsors, von ihm selbst mit
unerbittlicher Psychologie zerlegt und gedeutet, eine riesige Konfession,
ein rcksichtsloses, schreiendes, rhrendes, erschreckendes Bekenntnis.
Noch andere, und darunter einige seiner erbittertsten Gegner, sehen in
diesem Bildnis lediglich ein Produkt und Zeichen von Klingsors angeblichem
Wahnsinn. Sie vergleichen den Kopf des Bildes mit dem naturalistisch
gesehenen Original, mit Photographien, und finden in den Deformationen und
bertreibungen der Formen negerhafte, entartete, atavistische, tierische
Zge. Manche von diesen halten sich auch ber das Gtzenhafte und
Phantastische dieses Bildes auf, sehen eine Art von monomanischer
Selbstanbetung darin, eine Blasphemie und Selbstverherrlichung, eine Art
von religisem Grenwahn. Alle diese Arten der Betrachtung sind mglich
und noch viele andere.

Whrend der Tage, die er an diesem Bilde malte, ging Klingsor nicht aus,
auer des Nachts zum Wein, a nur Brot und Obst, das ihm die Hauswirtin
brachte, blieb unrasiert und sah mit den unter der verbrannten Stirn tief
eingesunkenen Augen in dieser Verwahrlosung in der Tat erschreckend aus. Er
malte sitzend und auswendig, nur von Zeit zu Zeit, fast nur in den
Arbeitspausen, ging er zu dem groen, altmodischen, mit Rosenranken
bemalten Spiegel an der Nordwand, streckte den Kopf vor, ri die Augen auf,
schnitt Gesichter.

Viele, viele Gesichter sah er hinter dem Klingsor-Gesicht im groen Spiegel
zwischen den dummen Rosenranken, viele Gesichter malte er in sein Bild
hinein: Kindergesichter s und erstaunt, Jnglingsschlfen voll Traum und
Glut, spttische Trinkeraugen, Lippen eines Drstenden, eines Verfolgten,
eines Leidenden, eines Suchenden, eines Wstlings, eines enfant perdu. Den
Kopf aber baute er majesttisch und brutal, einen Urwaldgtzen, einen in
sich verliebten, eiferschtigen Jehova, einen Popanz, vor dem man Erstlinge
und Jungfrauen opfert. Dies waren einige seiner Gesichter. Ein andres war
das des Verfallenden, des Untergehenden, des mit seinem Untergang
Einverstandenen: Moos wuchs auf seinem Schdel, schief standen die alten
Zhne, Risse durchzogen die welke Haut, und in den Rissen stand Schorf und
Schimmel. Das ist es, was einige Freunde an dem Bilde besonders lieben. Sie
sagen: es ist der Mensch, ecce homo, der mde, gierige, wilde, kindliche
und raffinierte Mensch unsrer spten Zeit, der sterbende, sterbenwollende
Europamensch: von jeder Sehnsucht verfeinert, von jedem Laster krank, vom
Wissen um seinen Untergang enthusiastisch beseelt, zu jedem Fortschritt
bereit, zu jedem Rckschritt reif, ganz Glut und auch ganz Mdigkeit, dem
Schicksal und dem Schmerz ergeben wie der Morphinist dem Gift, vereinsamt,
ausgehhlt, uralt, Faust zugleich und Karamasow, Tier und Weiser, ganz
entblt, ganz ohne Ehrgeiz, ganz nackt, voll von Kinderangst vor dem Tode
und voll von mder Bereitschaft, ihn zu sterben.

Und noch weiter, noch tiefer hinter all diesen Gesichtern schliefen
fernere, tiefere, ltere Gesichter, vormenschliche, tierische, pflanzliche,
steinerne, so als erinnere sich der letzte Mensch auf Erden im Augenblick
vor dem Tode nochmals traumschnell an alle Gestaltungen seiner Vorzeit und
Weltenjugend.

In diesen rasend gespannten Tagen lebte Klingsor wie ein Ekstatiker. Nachts
fllte er sich schwer mit Wein und stand dann, die Kerze in der Hand, vor
dem alten Spiegel, betrachtete das Gesicht im Glas, das schwermtig
grinsende Gesicht des Sufers. Den einen Abend hatte er eine Geliebte bei
sich, auf dem Diwan im Studio, und whrend er sie nackt an sich gedrckt
hielt, starrte er ber ihre Schulter weg in den Spiegel, sah neben ihrem
aufgelsten Haar sein verzerrtes Gesicht, voll Wollust und voll Ekel vor
der Wollust, mit gerteten Augen. Er hie sie morgen wiederkommen, aber
Grauen hatte sie gefat, sie kam nicht wieder.

Nachts schlief er wenig. Oft erwachte er aus angstvollen Trumen, Schwei
im Gesicht, wild und lebensmde, und sprang doch alsbald auf, starrte in
den Schrankspiegel, las die wste Landschaft dieser verstrten Zge ab,
dster, havoll, oder lchelnd, wie schadenfroh. Er hatte einen Traum, in
dem sah er sich selbst, wie er gefoltert wurde, in die Augen wurden Ngel
geschlagen, die Nase mit Haken aufgerissen; und er zeichnete dies
gefolterte Gesicht, mit den Ngeln in den Augen, mit Kohle auf einen
Buchdeckel, der ihm zur Hand lag; wir fanden das seltsame Blatt nach seinem
Tode. Von einem Anfall von Gesichtsneuralgien befallen, hing er krumm ber
die Lehne eines Stuhles, lachte und schrie vor Pein, und hielt sein
entstelltes Gesicht vor das Glas des Spiegels, betrachtete die Zuckungen,
verhhnte die Trnen.

Und nicht sein Gesicht allein, oder seine tausend Gesichter, malte er auf
dies Bild, nicht blo seine Augen und Lippen, die leidvolle Talschlucht des
Mundes, den gespaltenen Felsen der Stirn, die wurzelhaften Hnde, die
zuckenden Finger, den Hohn des Verstandes, den Tod im Auge. Er malte, in
seiner eigenwilligen, berfllten, gedrngten und zuckenden Pinselschrift
sein Leben dazu, seine Liebe, seinen Glauben, seine Verzweiflung. Scharen
nackter Frauen malte er mit, im Sturm vorbeigetrieben wie Vgel,
Schlachtopfer vor dem Gtzen Klingsor, und einen Jngling mit dem Gesicht
des Selbstmrders, ferne Tempel und Wlder, einen alten brtigen Gott
mchtig und dumm, eine Frauenbrust vom Dolch gespalten, Schmetterlinge mit
Gesichtern auf den Flgeln, und zuhinterst im Bilde, am Rande des Chaos den
Tod, ein graues Gespenst, der mit einem Speer, klein wie eine Nadel, in das
Gehirn des gemalten Klingsor stach.

Wenn er stundenlang gemalt hatte, trieb Unruhe ihn auf, rastlos lief er und
flackernd durch seine Zimmer, die Tren wehten hinter ihm, ri Flaschen aus
dem Schrank, ri Bcher aus den Schften, Teppiche von den Tischen, lag
lesend am Boden, lehnte sich tief atmend aus den Fenstern, suchte alte
Zeichnungen und Photographien und fllte Bden und Tische und Betten und
Sthle aller Zimmer mit Papieren, Bildern, Bchern, Briefen an. Alles wehte
wirr und traurig durcheinander, wenn der Regenwind durch die Fenster kam.
Er fand sein Kinderbildnis unter alten Sachen, Lichtbild aus seinem vierten
Jahr, in einem weien Sommeranzug, unterm weilich hellblonden Haar ein
strotziges Knabengesicht. Er fand die Bilder seiner Eltern, Photographien
von Jugendgeliebten. Alles beschftigte, reizte, spannte, qulte ihn, ri
ihn hin und her, alles ri er an sich, warf es wieder hin, bis er wieder
davon zuckte, ber seiner Holztafel hing und weiter malte. Tiefer zog er
die Furchen durch das Geklft seines Bildnisses, breiter baute er den
Tempel seines Lebens auf, mchtiger sprach er die Ewigkeit jedes Daseins
aus, schluchzender seine Vergnglichkeit, holder sein lchelndes Gleichnis,
hhnischer seine Verurteilung zur Verwesung. Dann sprang er wieder auf,
gejagter Hirsch, und lief den Trab des Gefangenen durch seine Zimmer.
Freude durchzuckte ihn und tiefe Schpfungswonne wie ein feuchtes
frohlockendes Gewitter, bis Schmerz ihn wieder zu Boden warf und ihm die
Scherben seines Lebens und seiner Kunst ins Gesicht schmi. Er betete vor
seinem Bild, und er spie es an. Er war irrsinnig, wie jeder Schpfer
irrsinnig ist. Aber er tat im Irrsinn des Schaffens unfehlbar klug wie ein
Nachtwandler alles, was sein Werk frderte. Er fhlte glubig, da in
diesem grausamen Kampf um sein Bildnis nicht nur Geschick und Rechenschaft
eines Einzelnen sich vollziehe, sondern Menschliches, sondern Allgemeines,
Notwendiges. Er fhlte, nun stand er wieder vor einer Aufgabe, vor einem
Schicksal, und alle vorhergegangene Angst und Flucht und aller Rausch und
Taumel war nur Angst und Flucht vor dieser seiner Aufgabe gewesen. Nun gab
es nicht Angst noch Flucht mehr, nur noch Vorwrts, nur noch Hieb und
Stich, Sieg und Untergang. Er siegte, und er ging unter und litt und lachte
und bi sich durch, ttete und starb, gebar und wurde geboren.

Ein franzsischer Maler wollte ihn besuchen, die Wirtin fhrte ihn ins
Vorzimmer, Unordnung und Schmutz grinste im berfllten Raum. Klingsor kam,
Farbe an den rmeln, Farbe im Gesicht, grau, unrasiert, mit langen
Schritten rannte er durch den Raum. Der Fremde brachte Gre aus Paris und
Genf, sprach seine Verehrung aus. Klingsor ging auf und ab, schien nicht zu
hren. Verlegen schwieg der Gast und begann sich zurckzuziehen, da trat
Klingsor zu ihm, legte ihm die farbenbedeckte Hand auf die Schulter, sah
ihm nah ins Auge. Danke, sagte er langsam, mhsam, danke, lieber Freund.
Ich arbeite, ich kann nicht sprechen. Man spricht zu viel, immer. Seien Sie
mir nicht bse, und gren Sie mir meine Freunde, sagen Sie ihnen, da ich
sie liebe. Und verschwand wieder ins andre Zimmer.

Das fertige Bild stellte er, am Ende dieser gepeitschten Tage, in die
unbentzte leere Kche und schlo ab. Er hat es nie gezeigt. Dann nahm er
Veronal und schlief einen Tag und eine Nacht hindurch. Dann wusch er sich,
rasierte sich, legte neue Wsche und Kleider an, fuhr zur Stadt und kaufte
Obst und Zigaretten, um sie Gina zu schenken.




Werke von Hermann Hesse


   Peter Camenzind.
   Roman. 98. Auflage.

   Diesseits.
   Erzhlungen. 23. Auflage.

   Nachbarn.
   Erzhlungen. 13. Auflage

   Umwege.
   Erzhlungen. 13. Auflage.

   Aus Indien.
   Aufzeichnungen von einer indischen Reise. 9. Auflage.

   Rohalde.
   Roman. 42. Auflage.

   Mrchen.
   21. Auflage.

   Unterm Rad.
   Roman.

   Knulp.
   Drei Geschichten aus dem Leben Knulps.

   Schn ist die Jugend.

   Wanderung.
   Mit 14 farbigen Bildern vom Verfasser.

Druck der Spamerschen Buchdruckerei in Leipzig




Anmerkungen zur Transkription


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End of Project Gutenberg's Klingsors letzter Sommer, by Hermann Hesse

*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK KLINGSORS LETZTER SOMMER ***

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Foundation's web site and official page at www.gutenberg.org/contact

For additional contact information:
     Dr. Gregory B. Newby
     Chief Executive and Director
     gbnewby@pglaf.org

Section 4.  Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
spread public support and donations to carry out its mission of
increasing the number of public domain and licensed works that can be
freely distributed in machine readable form accessible by the widest
array of equipment including outdated equipment.  Many small donations
($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United
States.  Compliance requirements are not uniform and it takes a
considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
with these requirements.  We do not solicit donations in locations
where we have not received written confirmation of compliance.  To
SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
particular state visit www.gutenberg.org/donate

While we cannot and do not solicit contributions from states where we
have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
against accepting unsolicited donations from donors in such states who
approach us with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make
any statements concerning tax treatment of donations received from
outside the United States.  U.S. laws alone swamp our small staff.

Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
methods and addresses.  Donations are accepted in a number of other
ways including checks, online payments and credit card donations.
To donate, please visit:  www.gutenberg.org/donate


Section 5.  General Information About Project Gutenberg-tm electronic
works.

Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm
concept of a library of electronic works that could be freely shared
with anyone.  For forty years, he produced and distributed Project
Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.

Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
unless a copyright notice is included.  Thus, we do not necessarily
keep eBooks in compliance with any particular paper edition.

Most people start at our Web site which has the main PG search facility:

     www.gutenberg.org

This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
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