                               Boccaccio


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Title: Boccaccio
Author: Hesse, Hermann
Release Date: February 26, 2013 [EBook #42213]
Language: German
Character set encoding: US-ASCII


*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK BOCCACCIO ***




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                                                    DIE DICHTUNG BD. VII
                                                         _BOCCACCIO VON_
                                                         _HERMANN HESSE_




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                             _DIE DICHTUNG_
                   *EINE SAMMLUNG VON MONOGRAPHIEEN*
                     HERAUSGEGEBEN VON _PAUL REMER_
                    BUCHSCHMUCK VON HEINRICH VOGELER
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                _Jeder Band elegant kartoniert M. 1.50_
                _Jeder Band in echt Leder geb. M. 2.50_
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                             _DIE DICHTUNG_
                   *EINE SAMMLUNG VON MONOGRAPHIEEN*
                     HERAUSGEGEBEN VON _PAUL REMER_
                    BUCHSCHMUCK VON HEINRICH VOGELER
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                     Die Sammlung wird fortgesetzt.

                 Es sind einhundert Baende vorgesehen.

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                               BOCCACCIO

                                  VON

                             HERMANN HESSE

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                    VERLEGT BEI SCHUSTER & LOEFFLER
                           BERLIN UND LEIPZIG




                          DER SIGNORA MARIA IN
                          ERINNERUNG AN UNSERN
                       SPAZIERGANG IM MUGNONETAL
                              IN VEREHRUNG
                              ZUGEEIGNET!




    ... conciossiecosache le buone novelle sempre possan giovare,
    con attento animo son da ricogliere, chi che d'esse sia il
    dicitore.

                                         Decamerone, giornata prima.


[Illustration: FLORENZ. Nach einem alten Holzschnitt]






Verehrte Herrschaften und vor allem Ihr, schoene und angebetete Damen!
Es ist ueblich, dass demjenigen, der ein schoenes Geschenk oder Kleinod
ueberbringt, ein guter Dank und Lohn zuteil wird; und so werdet auch
Ihr, wenn ich Euch einen reichen Schatz ohne allen Anspruch auf Gewinn
oder Lohn uebergebe und anpreise, es freundlich aufnehmen und mir im
stillen Dank dafuer wissen. Dies tue ich aber, indem ich Euch das Buch
meines Freundes Giovanni Boccaccio aus Florenz in die Haende lege; denn
Ihr werdet, sofern Ihr es verstaendig leset, in demselben eine solche
Fuelle von schoenen, klugen, erfreulichen, ruehrenden und laecherlichen
Geschichten entdecken, wie sie vielleicht ausserdem kein anderes Buch
irgend eines Dichters enthaelt.

Seid Ihr nie an einem schoenen, warmen Tage im Fruehsommer an einem
fremden Garten vorueber gegangen? Ihr waret allein und verdrossen, und
aus dem Garten brachte der Wind den Geruch von Rosen und Orangeblueten,
das Silbergetoen einer plaetschernden Fontaene, die Klaenge einer
Guitarre und das von Gelaechter unterbrochene Plaudern froehlicher
junger Leute zu Euch heraus. Da ergriff Euch Traurigkeit und eine
maechtige Sehnsucht, hinein zu gehen, die staubige Landstrasse mit
gruenem Rasen und Blumenbeeten zu vertauschen, die Lieder der Saenger
und die frohen Gespraeche der Gluecklichen anzuhoeren und Eure Sehnsucht
an all der Heiterkeit und Freude nach Herzenslust zu ersaettigen.

Wohlan, Ihr werten Leute, hier ist das Tor des Gartens: es ist
geoeffnet, und aus den Bueschen dringt Bluetenduft, Gelaechter,
Liedergesang und Saitenspiel. Tretet ein, nehmet Platz, saettiget Euer
Verlangen! Hoeret Ihr gerne schoene Lieder an? Oder habt Ihr Lust, Euch
eine traurige Liebesmaere erzaehlen zu lassen? Oder freut es Euch, einen
Witz, eine Posse, eine kraeftige Anekdote zu vernehmen? Oder von
Beispielen des Edelsinns und hoechster Tugend zu hoeren? Traget Ihr
Verlangen nach vielfaeltigen und unerhoerten Abenteuern, oder mehr nach
galanten Historien, bei welchen die Damen erroeten und sich, der guten
Sitte halber, ein wenig entruestet stellen?

Ihr alle moeget eintreten, und jeder wird finden, wonach er sich sehnte.
Denn die hundert Geschichten des edlen Herrn Boccaccio sind so
beschaffen, dass sie die Juenglinge zum Entzuecken, die Maedchen zum
Erroeten oder zur Ruehrung, die Maenner zum Lachen, die Weisen zum
Nachdenken noetigen. Man findet in diesen Geschichten die verschiedenen
Arten der menschlichen Natur und Temperamente, der Liebe und
Freundschaft, der Schicksale in Leben und Sterben, alles auf eine
anmutige und wahrhaftige Art erzaehlt und dargestellt. Fuer Kinder von
zartem und unerfahrenem Alter sind sie nicht geeignet, auch nicht fuer
bloed gewordene Greise, auch nicht fuer Leute von feindseliger,
kleinlicher und muerrischer Sinnesart. Ausser diesen aber moegen sie von
Jungen und Alten jeder Art mit grossem Vergnuegen und gewiss auch nicht
ohne Nutzen gelesen werden.

Ehe ich weiter von diesem merkwuerdigen Buche mit Euch rede, will ich
aber erzaehlen, wer eigentlich jener Herr Boccaccio war (denn er ist
leider schon seit laengeren Zeiten verstorben), und wie er das Dekameron
geschrieben hat.









Wer jemals auch nur die kleinste Novelle von ihm gelesen hat, der kann
nicht daran zweifeln, dass jener ein echter Florentiner war. Denn wenn
es auch einem Fremden vielleicht moeglich gewesen waere, die schoene und
glaenzende florentinische Sprache so vollkommen zu erlernen, so wuerde
ihm doch immer noch der bewegliche, kecke und witzige Geist des
geborenen Florentiners mangeln, den man nicht lernen kann. Denn wohl
haben in spaeteren Zeiten auch manche weichliche Neapolitaner,
leichtsinnige Mailaender, traege Venetianer und plumpe Sienesen huebsche
Novellen geschrieben; allein diese alle hatten den Boccaccio zum
Lehrmeister, welcher der Vater und Urheber dieser Kunst gewesen ist.

Wenn man nun bedenkt, in welcher Zeit das Buch Dekameron verfasst wurde,
so begreift man leicht, weshalb die Stadt Florenz seine Heimat sein
musste. Diese reiche und praechtige Stadt, welche auch heute noch eine
der schoensten auf Erden ist, befand sich eben zu jener Zeit zwar in
mancherlei Kaempfen und politischen Noeten, jedoch begann sie schon
sichtbar nach jener unvergleichlichen Bluete hinzustreben, welche sie
hundert Jahre spaeter erreichte. So erfreute sie sich einer emsigen und
gluecklichen Taetigkeit auf allen Gebieten und nahm nicht weniger im
Handel als in den Kuensten taeglich an Ruhm und Gluecke zu, waehrend das
maechtige Rom klaeglich darnieder lag, indem der Papst samt seinem
ganzen Hofhalte sich nach Avignon in der Provence verzogen hatte. Es war
von Florenz sowohl der beruehmte Petrarca als der grosse Dichter Dante
gebuertig, obwohl dieser in der Verbannung gestorben war, wie denn auch
infolge bestaendiger Buergerkriege des Petrarca Familie vertrieben war
und in Arezzo lebte. Und was die Florentiner an jenem goettlichen
Dichter gesuendigt hatten, suchten sie desto eifriger zu suehnen, indem
sie damals und noch lange nachher eine grosse Zahl von Gelehrten,
Dichtern, Kuenstlern und anderen Maennern beherbergten, deren Ruhm ihrer
Stadt zur Ehre gereichte und sie gewuerdigt hat, bis auf diesen Tag die
eigentliche Geburtsstaette des rinascimento zu heissen. Zugleich
unterhielten die Kaufleute einen grossen Verkehr nach allen Laendern der
Welt, und es lebten viele Florentiner Buerger als Haendler und
Geldwechsler in Rom, Neapel, Mailand, Paris, Byzanz, London, Flandern,
auf Sizilien, Malta, Kreta, Cypern und anderwaerts, von wo nicht nur
Geld und Wohlstand, sondern auch mannigfaltige Nachricht und Kunde
fremder Gegenden, Sitten und Begebenheiten taeglich in die Stadt kamen.

Aus einer so beschaffenen Zeit und Stadt entstammte also der Verfasser
des Dekameron. Aber dennoch ist er nicht in Florenz oder in dem
benachbarten Certaldo, von wo sein Geschlecht herkam, geboren. Vielmehr
fuegte es das Schicksal, das ja stets der groesste Dichter gewesen ist,
dass das Leben dieses weitbekannten Novellenerzaehlers in einiger
Dunkelheit und nicht anders als eine Abenteuernovelle begann.

Hoeret denn, Ihr lieben Herren und Damen, das Wenige, was man vom Leben
dieses herrlichen Dichters heute noch weiss, denn leider ist es lange
nicht so viel, als man wuenschen moechte!

Aus dem Staedtchen Certaldo im Elsatal gebuertig, lebte zu Florenz ein
Kaufmann namens Boccaccio. Er war ein fleissiger und kluger, allein auch
geldgieriger und leichtfertiger Mensch, welcher zahlreiche Handelsreisen
teils fuer fremde, teils fuer eigene Rechnung unternahm, wobei er ebenso
sehr fuer seinen Vorteil wie fuer sein Vergnuegen zu sorgen verstand,
jedoch nach Art der Kaufleute auch oefteren Zufaellen und
Glueckswechseln ausgesetzt war. Laengere Zeit war er an dem grossen
Bankgeschaefte des altberuehmten Hauses der Bardi beteiligt, welches
auch in Paris, wie in anderen Staedten, eine Filiale besass und hohes
Ansehen genoss. Diesem Pariser Hause hat unser Kaufmann eine Zeitlang
vorgestanden, und wenn er dabei sich als einen tuechtigen Handelsmann
erwies, so liess er doch in dieser grossen und ueppigen Hauptstadt auch
sein Vergnuegen nicht ausser Augen.

[Illustration: Jugendbildnis BOCCACCIOS]

Wenigstens sah er daselbst eines Tages eine junge und sehr huebsche
Witwe, welche ihm ueberaus wohlgefiel und deren Gunst er sogleich zu
erwerben sich bemuehte. Dies tat er denn auch, als ein gewiegter Mann,
auf jede Weise, indem er sich fuer einen Edelmann ausgab, was ihm bei
seiner huebschen Gestalt sehr wohl gelang. Er spielte den Feinen und
trat nicht anders auf, als wenn er der Sohn des vornehmsten Hauses
gewesen waere, obwohl er im Grunde wenig mehr als ein baeuerisch
gebildeter Geldwechsler war. Bald hatte er die Augen der schoenen Witwe
auf sich gelenkt und sie seinen ehrerbietigen Bitten zugaenglich
gemacht, und da er ihr mit vielen Schwueren die Ehe versprach, sah er
sich in kurzem am aeussersten Ziel seiner Wuensche angelangt. Zu
beiderseitigem Vergnuegen erfreuten sie sich laengere Zeit ihrer Liebe
ohne Hindernisse, und gewiss haette der Florentiner noch lange nicht an
die Rueckkehr nach seiner Heimat gedacht, waere nicht infolge dieser
Liebschaft jene Witwe nach Jahresfrist mit einem huebschen Knaeblein
niedergekommen. Dieses passte keineswegs in die Plaene des
leichtsinnigen Italieners, und da die Dame ausser ihrer Schoenheit keine
Reichtuemer besass, verliess er, ohne sich seiner Schwuere mehr zu
erinnern, sie und die Stadt Paris in aller Stille und begab sich als ein
lediger Mann nach Florenz zurueck, wie es stets die Art solcher Leute
war, sich um eine leere Flasche und um eine schwanger gewordene Geliebte
mit keinem Blicke mehr zu bekuemmern.

Das Knaeblein aber, das die arme Frau im Jahre 1313 gebar, war Giovanni
Boccaccio.

Von Schmerz und Sorge entkraeftet, lebte die unglueckliche Dame nur noch
wenige Jahre, und nach ihrem Tode ward Giovanni in zartem Knabenalter
nach Florenz zu seinem Vater gebracht. Dort besuchte er eine gute
Schule, erwarb sich einige Kenntnis der lateinischen Sprache und waere
am liebsten bei den Buechern sitzen geblieben, um sich ganz den Studien
hinzugeben. Aber kaum war er etwa dreizehn Jahr alt, so nahm ihn der
Vater zu sich, lehrte ihn die notwendigsten Handgriffe und Rechenkuenste
der Handelsleute und uebergab ihn sodann einem Geldwechsler, damit er
bei diesem die Kaufmannschaft erlernen sollte. Sechs Jahre blieb er denn
bei diesem Gewerbe, ohne jedoch etwas Erkleckliches zu lernen oder gar
den Handel lieb zu gewinnen. Vielmehr lief er ueberall hin, wo er Verse
singen oder vortragen hoeren konnte, und lernte viele Stuecke aus den
grossen Gedichten des Dante und des Virgil auswendig, welche ihn
hoechlich begeisterten und mit einer unausloeschlichen Liebe zur Poesie
erfuellten.

Am Ende dieser sechs Jahre sah jedermann deutlich, dass Giovanni in die
Handelschaft passte wie der Fisch aufs Trockene. Dies sah auch der Vater
wohl ein und beschloss daher, seinen Sohn den Studien an Universitaeten
zu widmen, und zwar waehlte er fuer ihn das Studium des kanonischen
Rechts, indem es ihm als einem klugen Manne schien, es sei mit diesem
Handwerk nicht wenig Geld zu verdienen, wenn einer es ordentlich
verstehe. Weil aber Giovanni um diese Zeit sich eben in Neapel befand,
schien es dem Vater am wohlfeilsten, dass er dort seine Studien abmache,
ohne dass er geahnt haette, welcherlei Kenntnisse derselbe sich dort
erwerben wuerde.

Es war naemlich Neapel zu jener Zeit gewiss die allerueppigste Stadt in
ganz Italien, zumal da gerade unter dem Koenige Robert die Einwohner
eines laengeren Friedens genossen, woran sie nur schlecht gewoehnt
waren. Von dem Leben bei Hofe brauche ich wenig zu sagen, indem
jedermann die Namen der sechs Neffen des Koenigs, sowie seiner
Schwaegerin, der sogenannten Kaiserin von Konstantinopel, und seiner
Enkeltochter Johanna kennt, welche saemtlich durch alle Welt einen
boesen Leumund hatten. Vorab jene Johanna fuehrte ein ueberaus freches
und tadelnswertes Leben, hatte ihres Gatten Bruder zum Buhlen und nahm
ihn spaeter, nachdem sie sich des andern durch Mord entledigt hatte,
ohne paepstlichen Dispens zum Gemahl. Auch sonst war in der Stadt, zumal
unter den Edelleuten, ein vergnuegliches Schlemmen, auch Hader und
kleinere Mordtaten im Schwang, und bei Hofe war laengst zwischen echten
Kindern und Bastarden weder von den Vaetern, noch von anderen mehr zu
unterscheiden. An diesem Hofe, wo er noch zu Lebzeiten des Koenigs von
seinem jungen Landsmanne Niccolo Acciajuoli eingefuehrt wurde, ging nun
das Studentlein ab und zu. Daselbst war mit Festen, Mahlzeiten, Ball,
Tanz und Maskenscherzen ein verschwenderisches Leben, und gewiss hat
Boccaccio niemals irgend eine ueppige oder luesterne Geschichte
erzaehlt, welche er nicht in Neapel viel toller und gruendlicher selbst
mitangesehen hatte. Dass er auf dem Gebiete der gelehrten Studien (das
Latein ausgenommen) etwas Erhebliches geleistet oder den Grad eines
Doctoris juris canonici erlangt haette, wird nirgends berichtet. Statt
dessen legte er damals den Grund zu seiner tiefen Kenntnis der
menschlichen Leidenschaften, da er von hervorragenden Beispielen der
Verschwendung und Habgier, des Aberglaubens, der Wollust, der
Gefraessigkeit, Mordgier, Verschlagenheit und Eitelkeit rings umgeben
war. Am gruendlichsten jedoch unterzog er sich dem Studium der Liebe,
deren Leiden und Freuden er bis zur Neige an sich selber erfuhr.

Eines Tages naemlich, um die Zeit der Ostern, vermutlich im Jahre 1334,
erblickte er in einer Kirche zu Neapel die Dame, welche sein Herz zu
Lust und Pein von da an jahrelang gefangen hielt. Diese war Donna Maria,
die natuerliche Tochter des Koenigs Robert, welche fuer eine Tochter des
Grafen von Aquino galt und mit einem angesehenen Edelmann vermaehlt war.
Die schoene und vornehme Dame betrachtete bald auch von ihrer Seite den
huebschen jungen Florentiner mit Teilnahme und ist eine lange Zeit,
nicht ohne Gewissensbisse und Furcht vor ihrem Eheherrn, seine Geliebte
gewesen. So genoss, wie in der schoensten Abenteuernovelle, der Bastard
eines kleinen Kaufmanns die Tochter eines grossen Koenigs.

Ueber alledem liess Boccaccio das kanonische Recht unbehelligt in den
Pergamentrollen schlummern und vom Lehrstuhl ertoenen. Er trieb nach
seiner Neigung Latein und Astrologie, im uebrigen wandte er sich der
heiteren Seite des Lebens zu und ward nach Kraeften seiner Jugend froh.
Er verfasste in diesen Jahren, zumeist fuer seine Geliebte, eine
unglaubliche Menge von Gedichten und mehrere Romane, von welchen heute
niemand mehr redet. In diesen legte er seiner Dame den Namen Fiammetta
bei, und noch manche Jahre spaeter hat er in wehmuetiger
Liebeserinnerung diesen Namen einer von den Damen des Dekameron gegeben.
Ohne Zweifel ist jene Zeit die heiterste und gluecklichste in seinem
Leben gewesen. Allein wie wir sehen, dass auch den goldensten Tagen zu
frueh die Sonne sinkt, so nahm auch diese Lust zu ihrer Zeit ein Ende.

Im Jahre 1341 befahl der Vater seinem Sohne, nach Florenz
zurueckzukehren, und nach laengerem Zoegern machte dieser sich unmutig
auf den Heimweg. Der Alte, fuer den Giovanni ohnehin keine allzu starke
Zaertlichkeit empfand, hatte inzwischen auch noch eine gewisse Monna
Bice Bostichi geheiratet, worueber der heimkehrende Sohn nicht eben
erfreut war. Es geschahen jedoch weit schlimmere und wichtigere Dinge,
ueber welchen er diese kleineren Sorgen vergass. Es war die Zeit, in
welcher der in Florenz so uebel beleumdete Herr Gautier von Brienne,
genannt Herzog von Athen, sich fuer eine kurze Zeit zum Tyrannen der
Stadt emporschwang. Dieser war ein frecher Abenteurer und hatte im Solde
der Republik gegen Pisa gedient, warf sich nun aber mit Hilfe des
niedrigsten Poebels zum Herrscher auf und schluerfte die Monate seiner
Herrlichkeit zuegellos wie ein Trunkener den letzten Becher. Die Stadt
und das ganze Staatswesen drohten in Truemmer zu gehen.

Boccaccio, ein unbestechlicher Republikaner, hat das Schicksal des
Herzogs von Athen, der mit Schimpf von der Buergerschaft vertrieben
wurde, in einer Abhandlung beschrieben. Nun schienen ihm allmaehlich die
Zustaende in Florenz und im vaeterlichen Hause so wenig ertraeglich,
dass er schon im Jahre 1344 von neuem nach Neapel ging. Die
Rechtsgelehrtheit hatte er schon frueher aufgegeben. Und so genau er
auch im Dekameron die Pest in Florenz geschildert hat, ist er zurzeit
derselben doch nicht daselbst gewesen, sondern in Neapel, wo freilich
der schwarze Tod nicht weniger grauenhaft wuetete. Es starb damals auch
seine Geliebte Maria, und er widmete ihrem Tode zwar einige trauernde
Verse, jedoch war seine urspruenglich so heftige Leidenschaft mit den
Jahren erloschen. Es scheint ausserdem, als habe Donna Maria ihn schon
frueher wieder fahren lassen, obwohl er in seiner Erzaehlung "Fiammetta"
das Gegenteil darstellt. Nicht lange darauf starb auch sein Vater, und
er musste wieder nach Florenz zurueckkehren.

Von da an erblicken wir sein Bild veraendert; sein Leben verlief ohne
heftige Erschuetterungen, und er alterte als ein tuechtiger und
angesehener Buerger. Im Alter von ungefaehr 40 Jahren schrieb er sein
unsterbliches Dekameron, und man koennte glauben, er habe alle seine
Schalkhaftigkeit und froehlich lachende Untugend darin liegen lassen.
Nur noch einmal widerfuhr ihm eine bittere Liebesgeschichte. Er
verliebte sich heftig in eine vornehme Witwe, welche ihm aber einen
boesen Possen spielte. Naemlich sie stellte sich, als waere sie geneigt,
die Wuensche des Dichters zu erfuellen, und benutzte alsdann die erste
Gelegenheit, ihm eine Nase zu drehen und ihn unter dem Hohngelaechter
all ihrer Bekannten und Freunde klaeglich heimzuschicken. Das war
Boccaccios letzte Liebe.

Im uebrigen, da der Vater ihm eine kleine Erbschaft hinterlassen hatte,
lebte er als ein stillgewordener Mann und widmete sich allerlei
gelehrten Studien. Den Griechen Leontius Pilatus hatte er, um seine
Sprache zu lernen, ueber zwei Jahre lang bei sich im Hause. Oefters
uebernahm er im Dienste der Stadt politische Auftraege und Ambassaden,
unter anderem besuchte er dreimal als Gesandter den Papsthof zu Avignon.
Mit grossem Eifer forschte er dem Leben und den Schriften des Dante
nach, den er ungemein verehrte. Mit dem etwas aelteren Petrarca, welcher
damals von sich selber und von jedermann fuer den groessten lebenden
Dichter gehalten wurde, pflegte er eine edle und herzliche Freundschaft
und war untroestlich, als dieser im Jahre 1374 starb.

Aber das Leben dieses merkwuerdigen Mannes, dessen Anfang ein Abenteuer
und dessen erste Haelfte ein Hymnus der Liebe zu sein scheinen,
verwandelte sich zum Schlusse noch in eine fromme Posse. Noch als ein
ruestiger Mann hatte er das Dekameron geschrieben, welches bald auf
schalkhafte, bald auf leidenschaftliche Art dem Dienste schoener Frauen
huldigt und ueber Moenche und Priester unerschoepflichen Hohn ergiesst.
Nicht gar viel spaeter aber gelang es einem schwindelhaften Moenche,
namens Ciani, ihn zu bekehren, und zwar vermittelst einer nicht einmal
sehr durchtriebenen Bauernfaengerei, und von da an hoerte man ihn seine
schoensten Werke nie anders denn als verwerfliche Jugendsuenden und
Verirrungen bezeichnen. Noch viel schlimmer aber und laecherlicher ist
es, dass der vormalige Schalk und Weiberfreund in seinen aelteren Tagen
zu einem argen Frauenveraechter ward und ein Buch mit dem Titel
Corbaccio geschrieben hat, in welchem man, wenn man Lust hat, hunderte
von schimpflichen, grausamen, hasserfuellten und anklagenden Reden ueber
die Weiber finden kann -- dazu in einer Redeweise, welche an
Unflaetigkeit auch die kuehnsten Stellen seiner frueheren Werke zehnmal
uebertrifft. Das sollte seine Rache an jener grausamen Witwe sein;
allein der Dichter tat damit, wie wir es oft sich ereignen sehen, nur
einen Schnitt ins eigene Fleisch.

Eine spaete Ehre ward ihm zuteil, indem er nach mannigfachen Studien und
Reisen im Jahre 1373 zum oeffentlichen Ausleger der goettlichen Komoedie
des Dante zu Florenz ernannt wurde, wofuer er jaehrlich hundert
Goldgulden bezog. Diese Vorlesungen hielt er unter grossem Zulaufe in
der Kirche Santo Stefano bis kurz vor seinem Tode. Er starb am 21.
Dezember 1375, zweiundsechzig Jahre alt, und wurde ehrenvoll bestattet.
Die Liebe zu der grossen Dichtung des Dante verlieh seinen spaeteren
Tagen, trotz des boesen Corbaccio, noch eine gewisse ehrwuerdige Glorie.
Fuer die nachfolgenden Jahrhunderte aber ist er wieder der
Geschichtenerzaehler mit der Schelmenmiene geworden, und dem heutigen
Geschlecht ist an einem einzigen Witz aus einer seiner Novellen mehr
gelegen als an der ganzen Gelehrsamkeit und Ehrbarkeit seines
ehrenvollen Alters.







Ueber die Dichtergroesse des Boccaccio, welchen man gerne den dritten
unter den grossen italienischen Poeten nennt, steht in vielen Buechern
viel geschrieben, was alles zu wiederholen nicht vonnoeten ist. Er war
unter denen, welche jemals kunstgerechte Novellen verfasst haben, nicht
nur der Erste, sondern indem er diese scheinbar geringe Kunst frueher
als irgend ein anderer betrieben, ja eigentlich erfunden hat, uebte er
sie sogleich mit einer solchen Vollendung aus, dass er von keinem seiner
unzaehligen Nachfolger uebertroffen oder auch nur erreicht werden
konnte. Nicht weniger gross ist aber sein Verdienst um die italienische
Sprache, welche er nicht etwa nur verschoenert und ausgeschmueckt,
sondern in gewissem Sinne eigentlich neu geschaffen hat. Denn obwohl
schon lange vor ihm der Florentiner Dante das groesste und schoenste
italienische Gedicht verfasst hat, war doch das Gebiet der Erzaehlung
und die Prosasprache ueberhaupt noch von keinem mit einiger Kunst
gepflegt worden, indem die Gelehrten haeufig lateinisch geschrieben
hatten. Die muendliche Sprache des Volks, welche in Florenz mit
besonderer Schoenheit und Reinheit gebraucht wird, hat Boccaccio als der
Erste in seinen Erzaehlungen mit ihrer natuerlichen Anmut und
Mannigfaltigkeit verwendet und zugleich mit so grosser Kunst gepflegt,
dass sie in seinen Haenden sich in etwas ganz neues und herrliches
verwandelte.

In den Buechern des Dekameron zu lesen, ist fuer einen, welcher seine
Lust an einer schoenen und lebendigen Sprache hat, nicht anders als ein
Wandeln unter bluehenden Baeumen und als ein Baden in einem reinen
Gewaesser. Die Worte klingen so frisch, als waeren sie soeben erschaffen
und vorher noch in keinem Munde gewesen; in jedem kleinen Satze springen
klare, lachende Quellen auf, und die Saetze tanzen bald leicht und
zierlich, bald rollen sie toenend und wohllaut hin. Vielen will es
scheinen, es habe Boccaccio zuweilen seiner Sprache Gewalt angetan, und
es mag ein wenig Wahrheit daran sein. Waehrend er die Worte aus der
Sprache des Volkes von Gassen und Maerkten nahm, bildete er hinwieder
den Bau seiner Perioden vornehmlich nach dem Muster der roemischen
Redner und Autoren, zumal des Cicero, den er ungemein verehrte.

Dadurch mag vielen, auch wenn sie der heutigen italienischen Sprache
maechtig sind, das Lesen des Dekameron ein schweres und muehsames Werk
erscheinen. Allein es ist nicht nur der Anfang dieses Buches der langen
Perioden wegen schwieriger zu lesen als die Folge, sondern es pflegen
ohnehin nach einigen Versuchen die meisten an dieser Sprache ein solches
Gefallen zu finden, dass sie schnell einige Uebung darin erlangen. Und
vornehmlich darf derjenige, welchem etwa das Lesen des Dante zu
schwerster Muehsal gereichte, so dass er ermuedet davon abliess,
durchaus nicht fuerchten, hier auf dieselben Schwierigkeiten zu stossen.
Kurzum, wer einigermassen italienisch versteht, moege sich nicht
scheuen, das Dekameron im originalen Texte zu lesen.* Sobald er nur
einige Uebung erlangt hat, wird ihm ueber den Seiten dieses Buches sein,
als hoere er Voegel zwitschern, Kinder lachen und Wasser rauschen, eine
solche innere Kraft und freudige Lebensfuelle ist in dieser Sprache
verborgen.

  [*] Wodurch aber niemand von der Lektuere einer Uebersetzung
      abgeschreckt werden soll! Vor den zahlreichen verkuerzten und
      verstuemmelten Ausgaben aber sei dringend gewarnt! Das Dekameron
      muss notwendig unverkuerzt gelesen werden. Zur Zeit ist die
      einzige vollstaendige, uebrigens ganz vortreffliche deutsche
      Uebersetzung die von Schaum, deren neue Ausgabe in drei Baenden
      1903 im Insel-Verlag in Leipzig erschienen ist.

Was das Dekameron als Dichtung anbelangt, so ist es ueberaus merkwuerdig
zu sehen, wie alle Kraefte und Vorzuege des Dichters, welcher ja auch
eine nicht geringe Zahl von anderen Werken geschrieben hat, in diesem
einen Hauptwerke sich schoen und harmonisch vereinigen. Die frueheren,
allmeist in Neapel entstandenen Dichtungen des Meisters handeln fast
ohne eine einzige Ausnahme von der Liebe, und die Erzaehlung "Fiammetta"
ist bei weitem die schoenste unter ihnen. Jedoch weiss in allen diesen
Dichtungen Boccaccio nichts anderes darzustellen als seine eigenen
Gefuehle und Liebesgedanken, ohne genuegende Mannigfaltigkeit, und die
Verse, soweit es sich um solche handelt, sind mit grossem Fleisse, aber
geringer Erfindungskraft dem Muster des Petrarca nachgeformt, wie denn
stets die jungen Poeten solche Beruehmtere nachzuahmen bestrebt waren.
Von diesen Dichtungen erwecken mehrere eine Ahnung von seinem spaeteren
Werke, als habe die Idee desselben ihm schon laengere Jahre am Herzen
gelegen.

[Illustration: BOCCACCIOS Handschrift]

Aber wie ein frischer und tuechtiger Mann erst in den Jahren der
voelligen Reife die schwere Kunst des Lebens lernt, die darin besteht,
dass der einzelne Mensch seine Schicksale und Gefuehle gleich der Welle
im Meer ansehen und mit heiterer Bescheidenheit im groesseren Leben der
Gesamtheit verbergen kann, so besann sich auch dieser Boccaccio erst in
spaeteren Jahren, als schon die Leidenschaft seiner Jugendzeit
verglommen war, auf alle seine Kraefte. Was er von Kind auf, aus seiner
Bastardkindschaft her, und alsdann in Florenz und Neapel und auf manchen
Reisen erfahren hatte, wurde nun zu ploetzlicher Klarheit erhoben und im
stillen entbunden. Nicht weniger die Leiden und die Wollust der
Frauenliebe als der Zauber des Reisens und Schauens, die Erlebnisse und
Sitten der Studenten ebenso wie die Sorgen und Plagen der Kaufleute, die
Gebraeuche, Tugenden und Laster derer, die bei Hofe und die in der
Wechselbank und die auf den Maerkten oder zu Schiffe leben und ihr Brot
zu erwerben suchen, die Eigenschaften der Narren wie der Weisen, die
Lebensart der Priester, der Richter, der Soldaten, der Seefahrer, der
Frauen, der Dirnen sowie alles Ernste, Schoene, Seltsame, Laecherliche
und Traurige des menschlichen Lebens, soweit nur jemals ein Mensch es
erfahren und beobachtet hat -- dieses alles zog er nun aus seinem
Gedaechtnisse hervor.

Gewisslich sind von den hundert Erzaehlungen des Buches Dekameron nur
sehr wenige von Boccaccio selbst erfunden worden. Vielmehr hatte er die
einen erzaehlen hoeren, die anderen selbst erlebt oder sich zutragen
sehen, andere auch aus alten Sagen und Liedern und Fabeln genommen. Nur
ein Tor moechte wuenschen, er haette sie alle selbst sich ausgedacht. Im
Gegenteil ist es einer der groessten Vorzuege des Dekameron, dass es
gleich einem Speicher oder Juwelenschrank die Erfahrungen und Schicksale
unzaehliger Menschen und Zeiten in sich beschlossen haelt. Viele von den
Geschichten kamen aus dem Morgenlande, aus Griechenland und aus
Frankreich, Spanien und Germanien her, viele sind schon sehr alt
gewesen, andere wieder erst von gestern. Dass aber ein einzelner Mann
diese zahllosen kleinen Stuecke in seinem Gedaechtnis gesammelt, alsdann
geordnet und verbessert und am Ende zu einem grossen, wundervollen
Ganzen zusammengesetzt hat, dazu in einer von ihm selbst geschaffenen,
vollkommenen Sprache -- und das Ganze so ebenmaessig, rein und klar und
in sich selber einig, als waere alles am selben Tag und aus demselben
Geist entstanden -- dieses ist, so oft man es auch betrachte, ein fast
unbegreifliches Wunder. Begebenheiten und Lehren, Spaesse und weise
Erfahrungen, die eine uralt, die andere frisch von der Gasse, die eine
von Hofe, die andre aus dem Bettelvolk, die eine arabischen, die andre
deutschen, die dritte franzoesischen Ursprungs, lustige und klaegliche,
edle und gemeine, diese alle zusammen zu einem einzigen praechtigen Werk
vereinigt, aneinander gefuegt und wie die Steine eines Geschmeides jede
die Nachbarin hebend und verzierend, und dennoch jede einzelne bis in
die geringsten Teile mit aller Kunst und Sorgfalt ausgebaut und zur
Vollkommenheit gebracht! Wahrlich, wenn Boccaccio in seinem Leben eine
grosse Torheit und Suende begangen hat, so war es, als er sein
unsterbliches Werk selber als eine muessige und leichtfertige
Jugendarbeit und Verirrung verleumdete.

Allerdings genoss er zu seinen Lebzeiten den meisten Ruhm nicht um der
Novellen, sondern um seiner gelehrten Werke willen, von welchen heute
nur noch die Vita di Dante einigen Wert hat. Dennoch zaehlte er zu den
unterrichtetsten Maennern seiner Zeit, und indem er einen schoenen
lateinischen Stil schrieb, sich sehr um die alten Autoren bemuehte und
auch die damals nur wenig gepflegte Kenntnis des Griechischen
auszubreiten bestrebt war, hat er ebenso wie Petrarca einen ruhmvollen
Anteil an der Begruendung des italienischen rinascimento.

Von der Beschaffenheit, Einrichtung und Konstruktion des Dekameron will
ich spaeter sprechen. Ueber das Schicksal desselben ist wenig zu sagen,
als dass es -- unendlichen Anklagen und Verleumdungen zum
Trotze -- schon nach kurzer Zeit ueber mehrere Laender verbreitet war,
auch seither in vielen Uebersetzungen und hunderten von Ausgaben immer
wieder gedruckt worden ist. Ungluecklicherweise ist keine Handschrift
der Novellen von der eigenen Hand des Boccaccio erhalten geblieben, und
lange Zeit wurde mit dem Texte so nach Willkuer umgesprungen, dass es
erst spaeter fleissigen Gelehrten gelang, ihn so ziemlich wieder auf den
status quo ante zu bringen.

Das Dekameron hat haeufige Wiedergeburten im Geiste anderer grosser
Dichter und Kuenstler gefeiert. Gleichwie in dem Schauspiel "Nathan der
Weise" die dritte Novelle, von den drei Ringen, eine neue Gestalt annahm
und wieder Tausende erfreute, so haben frueher und spaeter viele andere,
vor allem Shakespeare, aus dem Schatze des Florentiners geschoepft,
dessen Spuren in zahlreichen Dichtungen aller Voelker zu finden sind.
Nicht weniger haben die Zeichner und Maler sich an ihm vergnuegt und
viele seiner Novellen in Bildern dargestellt; und noch im Jahre 1849 hat
der britische Malermeister Millais aus der Novelle vom Basilikumtopf
(Tag 4, Novelle 5) eine Szene in einem beruehmten Gemaelde abgebildet.

Der vielen anstoessigen Stellen wegen hat man schon frueher des oefteren
sogenannte verbesserte und purgierte Ausgaben veranstaltet. Was in
solchen Faellen, zumeist von geistlichen Herren, am Text verballhornt
und geschaendet worden ist, laesst sich leicht denken. Dabei kuemmerte
man sich uebrigens wenig um die derben und heiklen Stellen, sondern vor
allem um jene, in welchen Boccaccio der Geistlichkeit unliebsame
Wahrheiten gesagt hat. Einmal, ums Jahr 1570, wurden zu Florenz vier
Herren ernannt zu der Aufgabe, das Dekameron endgueltig von allen gegen
die Satzungen der Kirche verstossenden Stellen zu saeubern. Da wurden,
wo immer es noetig schien, aus den Moenchen Buerger und Ritter, aus den
Nonnen Edeldamen gemacht, zwei von den Novellen wurden zu einem
mysterioesen Unsinn verbessert, und als nach langer Muehe die Ausgabe
vollendet war, zeigte es sich, dass den Herren eine der heitersten
Geschichten durch die Finger geschluepft war, und jenes Dekameron hatte
statt hundert nur neunundneunzig Novellen. Ausserdem ist das Buch
haeufige Male "fuer die Jugend" ediert worden und wird es in Italien
"per giovani modesti" heute noch.

Besonders schlimm erging es ihm mehr als hundert Jahre nach seines
Verfassers Tod, zur Zeit des wohlbekannten oder uebelbekannten
Savonarola. Dieser wuetende und vermutlich geisteskranke Moench, welcher
nach Kraeften dazu beitrug, Florenz und Italien dem Untergang naeher zu
bringen, hat ausser einer Menge von anderen schoenen Dingen auch sehr
viele Exemplare des Dekameron oeffentlich verbrennen lassen.

Wo jedoch eine kraeftige Quelle aus der Erde gebrochen ist, hat das
Verbauen und das Exorzieren niemals viel geholfen, und es ist schwerer,
etwas geistig Lebendiges zu ertoeten, als etwas Totes wieder zum Leben
zu bringen. So hat denn auch Boccaccio manche Zeitgenossen und
Nachfolger gehabt, deren erloschenen Ruhm die Gelehrten mit unsaeglichen
Muehen bis auf heute herueber geschleppt haben, indessen er selber
inmitten aller Keulenschlaege am Leben blieb und heute noch den gleichen
Glanz und Zauber hat wie seinerzeit.

Indem ich dieses schreibe, traeumt mir von einem Cypressenbaum am
Huegelabhang zwischen Vincigliata und Settignano, wo ich vor Zeiten zum
erstenmal, im Grase liegend, das koestliche Buch genoss. Es lief ein
lauer Wind talab, mit Bluetenduft von Limonen und Mandeln beladen, es
lag ein suesses Licht ueber Florenz und allen Bergen, und es sang aus
einem fernen Garten eine welsche Laute herueber, allein ich sah es nicht
und hoerte es nicht; ein suesserer Duft und ein viel koestlicherer Klang
stieg mir aus den gelben Blaettern des alten Buches zu Haeupten.






Das Buch Dekameron ist auf eine solche Art eingerichtet, dass seine
hundert Novellen an zehn Tagen von zehn jungen und edlen Leuten erzaehlt
werden, und darunter sind sieben Maedchen und drei Juenglinge. Auf diese
Weise kommt daher jede Novelle nicht aus unbestimmter Ferne, sondern
frisch aus dem Munde eines jungen Erzaehlenden zu uns her geklungen. Und
ueberdies ist also diese Zahl von hundert Geschichten und Schwaenken von
einer lebendigen Erzaehlung umflochten, hat auch jeder von den zehn
Tagen seine besondere Art und Faerbung.

Die Erfindung des Boccaccio ist diese: Zur Zeit des schwarzen Todes,
welcher die Stadt Florenz im Jahre 1348 heimsuchte, waren in dieser
Stadt alle frueheren Ordnungen und Gewohnheiten vollkommen aufgeloest.
Es lagen in den Haeusern, auf den Treppen und vor den Tueren, ja in
allen Gassen da und dort teils Tote, teils Todkranke umher, und die
Gefahr der Ansteckung war so gross, dass Eltern und Kinder, Brueder und
Schwestern einander flohen und die Erkrankten einsam und ohne Pflege
dahinsterben liessen, welche Zustaende Herr Boccaccio im Beginn seines
Buches mit der groessten Genauigkeit und Sichtbarkeit uns schildert. Bei
solcher grausamen Verwirrung und Schrecknis trafen sich eines Morgens
sieben junge Damen in der herrlichen Kirche Santa Maria Novella, welche
zwar damals noch der beruehmten Wandmalereien des Ghirlandajo entbehrte,
aber auch schon zu jener Zeit eine der schoensten Kirchen von Florenz
gewesen ist.

Diese Sieben, da sie sich unter gemeldeten Umstaenden nicht allein in
bestaendiger Todesgefahr, sondern auch jeglicher Freude und Lustbarkeit
durchaus beraubt sahen, beschlossen auf den Rat der Pampinea, welche die
Aelteste von ihnen war, sich in Gesellschaft auf das Land zu begeben und
dort einige Zeit in Ruhe und heiteren Gespraechen zu verweilen, wobei
sie die gegenwaertige Trauer und Bangnis ein wenig vergessen koennten.
Und siehe, waehrend sie noch ueber einige etwa passende Begleiter und
ueber den Ort ihres Aufenthaltes beratschlagten, traten drei edle
Juenglinge in dieselbe Kirche, von welchen jeder in eine unter diesen
Damen verliebt war. Ihnen eroeffnete Pampinea, welche mit einem
derselben verwandt war, ihr Vorhaben und forderte sie auf, als Fuehrer
und Kavaliere mit ihnen zu kommen; und sogleich waren die jungen Herren,
wie man sich denken kann, von Herzen gern dazu bereit. Auch diejenigen
von den Maedchen, welche anfaenglich einige Scheu gehabt hatten, freuten
sich nun darueber, denn es war sogleich vereinbart worden, dass Sitte
und Ehrbarkeit in jeder Weise gewahrt blieben.

Also begab sich diese huebsche und froehliche Gesellschaft edler junger
Leute aus der Stadt und hatte die Wahl des Aufenthaltes zwischen gar
vielen Landsitzen, denn infolge der Pest stand auch auf dem Lande alles
leer und verlassen. Nur zwei Meilen weit vor den Toren fand sie denn
auch auf einem Huegel gelegen einen Palast in der schoensten Umgebung,
von Blumenmatten, wohlriechenden Gebueschen und Baeumen und fliessendem
Wasser umkraenzt, mit Garten, Hof und Brunnen; auch waren Saele, Kammern
und Keller wohl versehen. Hier liessen sie sich mit grossem Vergnuegen
samt ihrer mitgebrachten Dienerschaft nieder, und der Juengling Dioneus
war der Erste, welcher allen vorschlug, die Sorgen in der Stadt dahinten
zu lassen und sich, so lange es ihnen gefiele, heitere Tage zu machen.

Alsbald schien es ihnen, auf den Rat der Pampinea, gut, dass an jedem
Tage einer aus der Gesellschaft zum Koenige ernannt wuerde, welcher die
uebrigen samt der Dienerschaft zu beherrschen und alles zum Wohlbehagen
und zu guter Unterhaltung dienliche anzuordnen habe. Und es wurde fuer
diesen ersten Tag als Koenigin die Pampinea gewaehlt. Diese wieder
bestimmte einen aus der Dienerschaft zum Seneschall, andere zum
Aufwarten, zum Kochen und zu sonstigen Diensten, wie in einem
wohleingerichteten Hofstaat. Hierauf begab sich jedermann, wohin er
wollte, und betrachtete die schoenen Gaerten, Saele, Lauben, Wiesen,
Brunnen und Quellen, bis es Zeit zu Tische war. Die Tafel war voll von
trefflichen Speisen und ganz mit Ginsterblueten bestreut, es fehlte
nicht an blanken Glaesern noch an Handwasser und weissem Linnengedeck.
Nach der Mahlzeit aber suchte jeder sich einen Ort zur Ruhe und schlief
eine Weile, bis die Koenigin aufs neue alle zusammen berief und auf
einen schattigen Rasenanger fuehrte. Nachdem sie ein wenig getanzt und
gesungen hatten, standen wohl Schach- und Damenbretter und genug andere
Spiele bereit, allein der Koenigin und auch allen anderen schien es
unterhaltsamer und erfreulicher, dass jeder eine Geschichte, die er
wisse, vortrage. So erzaehlte also jeder eine nach seinem Belieben, und
am Ende der zehn Novellen war es Abend geworden, und sie beschlossen
diesen ersten Tag damit, dass Emilia eine schoene Canzone sang, waehrend
Lauretta einen Tanz dazu auffuehrte, von Musikinstrumenten begleitet.

Darauf uebertrug die Koenigin ihr Regiment an Philomena, und diese
huebsche und kluge junge Dame ordnete an, es sollten am Tage ihrer
Regierung solche Geschichten erzaehlt werden, in welchen einer aus
grossem Unheil unerwartet doch noch entrinnt und ein glueckliches Ziel
erreicht. In einer aehnlichen Weise verliefen alle zehn Tage und zwar in
dieser Ordnung:

Erster Tag: Unter der Koenigin Pampinea erzaehlt ein jeder, was ihm
beliebt und einfaellt.

Zweiter Tag: Unter der Koenigin Philomena werden die Schicksale solcher
vorgetragen, welche unerwartet aus grossem Unheil zu neuem Gluecke
hervorgingen.

Dritter Tag: Unter der Koenigin Neiphile spricht man davon, wie einer
durch Scharfsinn ein ersehntes Ziel erreichte oder etwas Verlorenes
zurueck gewann.

Vierter Tag: Unter dem Koenig Philostratus redet man von Verliebten,
deren Liebe ein tragisches Ende nahm.

Fuenfter Tag: Unter der Koenigin Fiammetta werden Geschichten erzaehlt,
in welchen Liebende nach allerlei Hindernissen und Unfaellen doch noch
zum Gluecke gelangen.

Sechster Tag: Unter der Koenigin Elisa ist die Rede von schnellen und
witzigen Ausspruechen, Antworten und Neckereien.

Siebenter Tag: Unter dem Koenige Dioneus werden Streiche erzaehlt,
welche Ehemaennern von ihren Weibern gespielt wurden.

Achter Tag: Unter der Koenigin Lauretta spricht man von Streichen und
Possen, welche so wohl Eheleute wie beliebige andere Personen einander
gespielt haben.

Neunter Tag: Unter der Koenigin Emilia traegt ein jeder vor, was ihm
behagt.

Zehnter Tag: Unter dem Koenig Pamphilus ist die Rede ausschliesslich von
Taten des Edelmutes und der Hochherzigkeit.

Ausserdem dass jede dieser hundert Novellen durch die Art und Person
dessen, der sie erzaehlt, einen besonderen Ton und eine eigene Art von
Anmut gewinnt, sind die Erzaehlungen unter einander noch auf vielfache
und zierliche Weise verbunden. Denn indem zumeist ueber die soeben
vorgetragene Novelle sich ein kuerzeres oder laengeres Gespraech in der
Gesellschaft entspinnt, knuepft alsdann der nachfolgende Erzaehler fast
immer an dieselbe an und bringt eine Historie zum Vortrag, welche das
angeschlagene Thema von einer neuen Seite beleuchtet und deutlicher
macht, jedoch ohne dass hierdurch jemals der Anschein der Eintoenigkeit
erweckt wuerde. Denn bei mancher Aehnlichkeit des Themas ist dennoch
jede von diesen Novellen von allen anderen scharf unterschieden, und es
gibt keine zwei darunter, die man so leicht mit einander verwechseln
koennte. Naechstdem aber ist jeder Schatten von Gleichfoermigkeit auch
noch durch andere feine Kuenste vermieden worden, indem z. B. Dioneus,
welcher der Hauptspassvogel der Gesellschaft ist, stets mit voellig
unerwarteten neuen Einfaellen dazwischen tritt, auch allerlei
Anspielungen und Neckereien zwischen den Erzaehlenden vorfallen.

[Illustration: DIE KIRCHE SAN STEFANO IN FLORENZ]

Dazu kommt, dass jeder von den zehn Tagen seine eigene Geschichte hat,
mit allerlei kleinen Zwischenfaellen, so dass wir ausser den taeglich
erzaehlten zehn Geschichten auch die uebrigen Beschaeftigungen und
Lustbarkeiten der Gesellschaft erfahren. Daneben ist der Ort, an welchem
sie sich aufhaelt und welchen sie zwischenein auch wechselt, mit Hainen,
Teichen, Baechen, Blumen, Wild und Fischen stets auf das Anmutigste und
Lebhafteste geschildert, wodurch im Gemuet des Lesenden teils ein
fortwaehrendes Behagen, teils auch eine milde, angenehme Sehnsucht nach
solchen auserlesen koestlichen Gegenden erregt wird. Denn der Dichter
hat dieselben zwar einigen Oertern aehnlich gebildet, welche man in der
Naehe von Florenz und namentlich im Tal des Mugnone antrifft, allein
dennoch hat er sie in solcher Art geschmueckt und dargestellt, wie es
nur ein wahrer Kuenstler vermag, so dass sie alle etwas Verschoentes und
wahrhaft Paradiesisches an sich tragen.

So ist denn unter den zahlreichen Buechern, in welchen ein Einzelner
viele verstreute Erzaehlungen gesammelt hat, in aller Welt kein
einziges, welches irgendwie an Schoenheit und Kunst dem Dekameron
vergleichbar waere. Der es seinerzeit geschrieben hat, tat es zum Trost
der ungluecklichen Liebenden und vornehmlich zur Erfreuung der Frauen,
welchen denn auch das ganze Werk in einem vortrefflichen Prologe
zugeeignet ist.







Man hoert gar haeufig sagen, das Dekameron sei ein unanstaendiges und
verwerfliches Buch. Und diejenigen, welche dies sagen und gerne
predigen, sagen es zum Teil nach dem blossen Hoerensagen, zum Teil aber
kennen sie das verwerfliche Buch sehr gut und lesen es in der Stille
haeufig. Was nun die Unanstaendigkeit betrifft, welche stets in Buechern
viel heftiger als im Leben bekaempft wird, so kann und mag ich sie
keineswegs leugnen. Als ich einstmals in demselben Tal des Mugnone, wo
es seinen Schauplatz hat, das Dekameron in einem schoenen
Fruehlingsmonat ganz durchlas, pflegte ich der Waerme wegen frische
Limonen dazu zu speisen. Und nun hatte ich die Gewohnheit, dass ich bei
jeder Novelle, die mir unanstaendig erschien, einen Limonenkern in meine
Tasche steckte, und als ich ganz zu Ende gelesen hatte, zaehlte ich
neununddreissig solche Kerne. Hiernach waere denn etwas mehr als ein
Dritteil des Dekameron von unanstaendiger Beschaffenheit.

Obwohl ich glaube, dass gerade diese neununddreissig Novellen zu den
schoensten und ergoetzlichsten gehoeren, will ich doch den Inhalt
derselben nicht zu verteidigen unternehmen. Es ist eine Ordnung der
Natur, dass die Menschen gleich anderen lebenden Geschoepfen ihre Art
nicht (wie manche Pflanzen tun) sich durch Knollen fortsetzen, sondern
in zwei Geschlechter zerfallen, woraus beiden Teilen ebenso wohl viel
Vergnuegen als haeufiger Kummer entsteht. Und es ist eine andere Ordnung
(diese jedoch nicht von der Natur), dass die meisten wohlgesitteten
Menschen diese natuerlichen Dinge zwar billigen und ihren Gesetzen
folgen, aber durchaus nicht davon gesprochen wissen wollen. Und auch
noch viele, welche muendlich nicht selten davon zu sprechen und zu
hoeren pflegen, sehen es doch in gedruckten Buechern nicht gerne.

Unser Novellenbuch hat das Bestreben und die Eigenschaft, ein Spiegel
des wirklichen Lebens zu sein. Wie ich fuer sicher glaube, hat wohl an
der Haelfte aller wichtigen menschlichen Begebnisse, Leidenschaften,
Schicksale, Freuden und Leiden das Verhaeltnis der Geschlechter grossen
Anteil. Wenn nun das Geschichtenbuch des Boccaccio nur zu einem Dritteil
von solchen Stoffen handelt, ist es also doch immer noch um ein
Erkleckliches anstaendiger und schamhafter als das Leben selber.
Ausserdem sind diese Stoffe von den Erzaehlern teils so zart und mit
guten Nutzanwendungen vorgetragen, teils so fein und erheiternd mit Witz
und Wortspiel verziert, teils auch so burlesk und drollig, dass ihnen
die natuerliche Gemeinheit zum guten Teil genommen ist und dass sie bei
gesunden und vernuenftigen Lesern gewiss keinen Schaden anzurichten
vermoegen. Dazu kommt, dass neben diesen anderen so viele Geschichten
voll Reinheit und Edelsinn stehen, ja auch unter denen, welche
ausschliesslich von der Liebe handeln, finden sich nicht wenige
Beispiele von seltener Keuschheit, Treue und Ehrbarkeit. Ueberdies war
der Meister ehrlich genug, jeder Geschichte ihren kurzen Inhalt in
Ueberschriften voranzustellen, so dass, wer gewisse Dinge verabscheut,
die davon handelnden Novellen ungelesen ueberschlagen kann.

Ein besonderer Vorwurf wird ungerechter Weise dem Dekameron darueber
gemacht, dass die einzelnen Geschichten von Erzaehlern beiderlei
Geschlechts berichtet werden und dass die jungen Damen nicht nur manche
derbe Posse mit anhoeren, sondern auch selbst solche erzaehlen. Mir ist
zwar nicht bekannt, weshalb die Frauen so viel mehr als die Maenner vor
jenen Dingen Scheu haben sollten, auch kann man jeden Tag sehen, dass
dem in Wirklichkeit nicht so ist; dennoch hat auch hierfuer der Meister
sich fein und deutlich entschuldigt, indem fast jede Novelle im Beginn
oder am Schlusse einleuchtend erklaert, warum und in welcher Absicht sie
erzaehlt sei. Die Einfuehrung der Erzaehlungen heiklen Inhalts hat
Boccaccio auf eine ungemein heitere und kluge Weise gegeben. Unter den
drei Juenglingen der Gesellschaft befindet sich einer namens Dioneus,
ein Witzemacher, Spoetter und Schalk vom reinsten Wasser. Dieser nun ist
der erste, welcher am ersten Tage es wagt, eine sogenannte saftige
Geschichte vorzutragen, und er behaelt sich das Recht vor, ohne Zwang
jedesmal gerade das zu erzaehlen, was er im Augenblick besonders
unterhaltend faende. Dieser Dioneus faehrt denn auch stets, ohne sich
sonderlich an das vorgeschlagene Thema zu halten, in der begonnenen Art
fort, und unter den zehn von ihm erzaehlten Novellen sind nur zwei, die
nicht anstoessig waeren, und auch von diesen beiden ist noch die eine,
obwohl frei von Liebesabenteuern, voll von anderen kraeftigen Scherzen
und Spoettereien.

Die erste von Dioneus erzaehlte Posse, worin ein Moench sich in die
Liebe einer Dirne mit dem Abte teilt, erregt bei den Damen Erroeten und
Schelten. Allmaehlich wagen es nun auch die beiden anderen Juenglinge,
Aehnliches vorzutragen, bei den Maedchen ueberwiegt bald das Gelaechter
den Unwillen, und nach und nach entschluepft auch ihnen da und dort eine
derbe Historie, bis am Ende die Scheu ganz ueberwunden ist und alle
ihren natuerlichen Eingebungen folgen, so dass zuletzt auch von den
Damen jede wenigstens eine oder zwei derartige Anekdoten zum Besten
gegeben hat. Dioneus freilich bleibt hierin obenan, nicht nur was die
Anzahl, sondern auch was die Staerke seiner Possen betrifft. Welcher
Novelle in dieser schlimmen Hinsicht der Vorrang gebuehre, mag jeder
fuer sich entscheiden. Aber auch davon abgesehen, dass alle diese von
der sinnlichen Liebe handelnden Stoffe mit vieler Schoenheit und Kunst
vorgetragen werden, sind Reden und Benehmen der zehn jungen Leute im
uebrigen so ehrbar und tadelfrei, dass man wohl sehen kann, wie Reden
und Tun zweierlei Dinge sind und wie Freimuetigkeit sich mit guter Sitte
sehr wohl vertraegt. Darin koennte sogar mancher von den Erzaehlern der
hundert Novellen viel Nuetzliches lernen.

Im Ernst moechte ich keinem klugen Leser raten, die unanstaendigeren
Novellen des Dekameron voellig zu ueberschlagen. Wer selbst von guter
und reinlicher Natur ist, wird gewiss das wirklich Unsaeuberliche von
selber liegen lassen. Davon abgesehen, offenbart sich aber gerade in
einigen der derberen Geschichten die Art des Boccaccio am besten, so
dass man in ihnen ebenso die grosse Anschaulichkeit und Wahrheit der
Darstellung wie die Lebendigkeit der Sprache bewundern muss. Es sind von
Alters her die Florentiner in Witzworten, Anspielungen und schalkhaften
Wendungen der Rede sehr geuebt gewesen und sind es auch heute noch in
hohem Grade. Da nun Boccaccio in jenen Anekdoten und Possen durchaus
dieselbe Sprache redet wie das florentinische Volk auf der Gasse, zeigen
dieselben ihrem Inhalte zum Trotz haeufig eine Anmut und Natuerlichkeit,
welche fast nie von anderen Schriftstellern erreicht wurde.

Wer noch weiteres zur Verteidigung des armen Giovanni gegen fromme
Vorwuerfe fuer notwendig haelt, moege seine eigenen Rechtfertigungen
lesen, welche am ausfuehrlichsten in der Einleitung, sowie in der
Vorrede zum vierten Tage und im Epilog sich finden. Wohl dem, der dessen
nicht bedarf und sich frohen Herzens des dargebotenen reichen Genusses
erfreut!

[Illustration: BOCCACCIO nach einem Gemaelde von Andrea del Castagno]

Uebrigens sind die Novellen des Boccaccio vor Zeiten keineswegs
vornehmlich deshalb so getadelt worden, weil sie oefters in freimuetiger
Weise von den Vergnuegungen der Liebe handeln; denn von diesen Dingen
wurde in jenen Zeiten viel natuerlicher und freier gesprochen, als es
heute Sitte ist, wo man zwar in allen Verderbtheiten grosse Uebung hat,
aber davon zu reden sich gewaltig scheut. Auch ist sowohl die deutsche
wie die englische Literatur der aelteren Zeit reich an Unflaetereien,
neben welchen die boesesten Stellen des Boccaccio noch wie Gebete
klingen.

Vielmehr zielten die vielen Anklagen damaliger Zensoren fast
ausschliesslich darauf, dass im Dekameron haeufig, wie man meinte, die
heilige Religion und Kirche angetastet und verhoehnt werde. In dieser
Hinsicht ist nun freilich die heutige Zeit weniger eilig zum Verdammen
geneigt.

In Wirklichkeit findet man in dem ganzen Werke keine noch so kleine
Stelle, welche wider die Religion gerichtet waere oder die Absicht
haette, sie zu verspotten. Im Gegenteil ist oefters von goettlichen
Gesetzen und vom christlichen Glauben in den aufrichtigsten und
glaeubigsten Ausdruecken die Rede. So wird auch von der Gesellschaft der
Zehne jedesmal der Freitag und Samstag mit Strenge gefeiert, und an
diesen Tagen hoeren wir weder von Geschichtenerzaehlen noch von
sonstigen Lustbarkeiten. Was aber uns heute billig und gerecht
erscheint, damals jedoch zu grosser Verdammung gereichte, das ist der
Umstand, dass Boccaccio bei jeder Gelegenheit von Priestern, Moenchen
und Nonnen, auch von Aebten, Bischoefen, Prioren und hohen geistlichen
Herren mit der kuehnsten Freimuetigkeit gesprochen hat. Er tat dieses
teils, indem er die unanstaendigen und lasterhaften Handlungen, wenn er
solche berichtet, fast immer solchen Klerikern in die Schuhe schob,
teils redete er aber auch unverhuellt in den strengsten und heftigsten
Ausdruecken ueber Priester und Moenche. Von diesen sagt er, ausser an
vielen anderen Orten, in der siebenten Novelle des dritten Tages:

"Sie schreien ueber die Ueppigkeit gegen die Maenner, damit, wenn sie
diese sich vom Halse geschafft haben, die Weiber fuer die Schreier
zurueckbleiben. Sie verdammen den Wucher, damit sie, wenn der Suender
durch ihre Haende den ungerechten Gewinst zurueckerstattet, sich vorher
daraus die weitesten Kutten machen lassen und Bistuemer und Praelaturen
kaufen koennen. Sie predigen lauter Gutes -- aber warum? Damit sie
selbst das tun koennen, was, wenn sie es den Weltlichen nicht verboeten,
sie nicht tun koennten! Wenn du den Weibern nachlaeufst, so kann der
Frater nicht bei ihnen ankommen. Wenn du nicht geduldig bist und
Beleidigungen vergibst, so darf der Frater es nicht wagen, dir in's Haus
zu dringen und deine Familie zu beschmutzen. Ich habe in meinem Leben
tausende von ihnen gesehen, welche nicht allein weltliche Frauen,
sondern auch solche aus den Kloestern liebten, verfuehrten und
besuchten, und das waren jene, die den meisten Laerm auf den Kanzeln
machten."

Von den allerhoechsten Kirchenfuersten aber handelt die von Neiphile
erzaehlte zweite Novelle des ersten Tages. Naemlich einem reichen und
redlichen juedischen Kaufmann zu Paris, namens Abraham, liegt sein
Herzensfreund dringlich an, er moechte doch die Taufe nehmen und Christ
werden, um nicht der ewigen Seligkeit dereinst ledig zu bleiben. Der
Jude, als ein sehr verstaendiger Mann, sieht dessen Richtigkeit wohl ein
und beschliesst, nach Rom zu reisen und daselbst des Papstes und der
Kardinale Art und Sitten wohl zu beobachten, ob sie wirklich als die
Hueter und Verkuendiger eines so erhabenen Glaubens zu schaetzen seien.
Vergebens sucht der erschrockene Freund, welcher allzuwohl weiss, wie es
in Rom aussieht und zugeht, ihn abzuhalten. Abraham besteht auf seinem
Entschluss und zieht nach Rom, und was er dort zu sehen bekommt, ist
Laster ueber Laster, Habgier, Herrschsucht, Neid, Wollust, Unflat und
derlei mehr. Allein der kluge Jude, da er endlich wieder nach Paris
heimkehrte, laesst sich zum unendlichen Erstaunen seines Freundes
trotzdem taufen. Denn, sagt er, wenn der Papst und alle seine Oberhirten
und Unterhirten seit langer Zeit alle statt Gotte dem Teufel dienen und
sich Muehe geben, Christi Lehre in den Kot zu treten, diese aber dennoch
besteht und lebt und sich ausbreitet, so muss sie wahrlich von Gott
sein, sonst waere sie laengst ertoetet und von der Erde verschwunden.

Ich weiss nicht, ob diese Anekdote jemals dem Doktor Luther zu seiner
Zeit bekannt worden ist. Wenn er sie aber gehoert hat, so weiss ich
gewiss, dass er seine grosse Lust daran gehabt hat.









Zum Schoensten und Holdesten, was im Dekameron, ja ueberhaupt bei irgend
einem beruehmten Dichter zu finden ist, zaehlen jene Novellen, in
welchen die Schicksale tragischer Liebe, und jene, in welchen Taten des
Edelsinns und der Seelengroesse berichtet werden. Schon Petrarca,
welcher im uebrigen kein grosser Bewunderer des Dekameron war, hat an
einer derselben (es ist die letzte Novelle, die zehnte des zehnten
Tages) ein solches Gefallen gefunden, dass er sie nicht bloss jedermann
und immer wieder erzaehlte, sondern sie auch, zum Zwecke weiterer
Verbreitung, mit eigener Muehe ins Lateinische uebersetzt hat. Nicht
minder schoen und ruehrend ist jene schon erwaehnte Erzaehlung vom
Basilikumtopfe, handelnd von der Liebe und dem Tode zweier unschuldiger
junger Leute, welche nicht nur jenes Bild des Malers Millais, sondern
auch eine schoene Dichtung, verfasst von dem Englaender Keats,
veranlasst hat.

Vielleicht das Zarteste und Edelste aber, das man sich nur ersinnen
kann, ist die Geschichte, welche am fuenften Tage Fiammetta erzaehlt,
von dem jungen Edelmanne Federigo Alberighi und seinem Falken. Es wuerde
mir eine Suende scheinen, diese Novelle anders als mit des Boccaccio
eigenen Worten wieder zu erzaehlen, wozu hier nicht der Ort ist. Diese
Erzaehlung stellt, ohne ein einziges ueberfluessiges Wort, eine edle und
treue Liebe dar, welcher kein Opfer je zu gross ist, und ist mit einer
so feinen, wehmuetigen Einfalt erzaehlt, dass es schwerlich sonst je
einem Dichter gelungen ist, mit so bescheidenen Worten das Herz des
Zuhoerers so maechtig zu ergreifen.

[Illustration: Mittelfeld des Titelblatts der 1492 zu Venedig
erschienenen Druckausgabe des Dekameron.]

[Illustration: BOCCACCIOS Standbild von Passaglia in Certaldo]

Ungemein lieblich erscheint mir auch der kleine Traum eines Liebenden,
welchen in der sechsten Novelle des vierten Tages Gabriotto traeumte.
Ihm war im Traum, als wandle er mit seiner Geliebten irgendwo im Freien
umher, und diese friedvolle Lust erschien ihm in einem merkwuerdigen
Bilde, wie er erzaehlt: "Es kam mir vor, als befaende ich mich in einem
schoenen und reizenden Walde, in welchem ich jagte und eine so schoene,
liebliche Hindin gefangen hatte, wie man nur je eine gesehen hat; es
schien mir, als waere sie weisser wie Schnee und mir in kurzer Zeit so
zahm geworden, dass sie sich gar nicht von mir trennte. Dagegen kam es
mir vor, als waere sie mir auch so lieb geworden, dass, ob sie gleich
nicht von mir ging, sie ein goldenes Halsband um den Hals zu tragen
schien, das ich an einer goldenen Kette in den Haenden hielt." -- In
eben derselben Erzaehlung ist es ueberaus schoen und ruehrend zu lesen,
wie ein Maedchen ihren toten Geliebten auf ein feines Tuch aus Seide
legt, ihm einen Kranz von Rosen um die Stirne flicht und auch den ganzen
Leichnam ueber und ueber mit Rosen zudeckt.

Neben solchen Schoenheiten findet man aber auch eine Menge von
merkwuerdigen Schilderungen sowohl aus der Natur, wie aus dem Leben der
Menschen. Ueber die Verpflichtungen und Gewohnheiten der Kaufleute in
fremden Seestaedten, wie sie ihre Ware im Hafenmagazin unterbringen und
versichern, berichtet die Einleitung der Novelle von Salabaetto (achter
Tag, zehnte Novelle). In derselben Geschichte erfaehrt man auch einiges
ueber das Leben und Gebahren der schlauen und betruegerischen Dirnen von
Palermo. Von dem so sehr beruehmten Maler Giotto kommt eine Anekdote in
der fuenften Novelle des sechsten Tages vor. Von einem Pfleger und
Kenner reiner toskanischer Weine, welche auch heute noch so koestlich
munden, hoeren wir am selben Tage in der zweiten Novelle. Eine
praechtige Beschreibung koestlicher Tafelfreuden im Freien, wobei die
noetigen Fische unter den Augen der Gaeste im Gartenteich von schoenen
Maedchen mit der Hand gefangen werden, findet man in der sechsten
Novelle des zehnten Tages.

Auch von Zauber- und Schlafmitteln, Arzneien und Kuren, sowie von
Schwarzkuenstlern und Taschenspielern ist hier und dort die Rede, nicht
weniger von Reise und Schiffahrt, von Bettlern, von Kuenstlern, von
Spassmachern und Schmarotzern bei Hofe, von Jagd und Tanz, vom Verlieben
durch Hoerensagen, von Hochzeiten und Festen, von Richtern und Henkern.
Wenn einer ueber die Beschaeftigungen und Lebensweise der
verschiedensten Menschen und Staende zu jener Zeit Genaues erfahren
will, der wird in den saemtlichen Werken der Gelehrten nicht so viel
finden und lernen wie in diesem Buche, welches das Treiben und Gebahren
der Menschen von damals treuer und deutlicher als ein Spiegel vor unsre
Augen stellt. Dazu gehoert auch seine Schilderung der schrecklichen
Pest, welche mit Recht als ein Meisterstueck angesehen wird. Der
beruehmte Herr Machiavelli, da er am Ende des zweiten Buches seiner
Istorie Fiorentine dieser Schreckenszeit, gedenkt, enthaelt sich einer
weiteren Beschreibung und redet nur von "der Pest, welche Messer
Boccaccio mit so herrlicher Beredsamkeit geschildert hat und durch
welche die Stadt mehr als 96000 Einwohner verlor." Und sicherlich hat
selten ein so entsetzliches Unglueck eine so koestliche Frucht getragen
wie die grosse Pest von Florenz, zu deren Andenken das Dekameron
geschrieben worden ist.







Nachdem wir betrachtet haben, in welcher Weise Boccaccio von der Liebe,
von der Religion, von edlen Taten und vom taeglichen Leben aller Staende
redet, bleibt uebrig, zu einem froehlichen Schlusse auch noch der
Schelmenstuecke, Witzworte und Possen des Zehntagebuches zu gedenken.
Was diese betrifft, so kann man sagen, dass in den Schwaenken des
Dekameron der witzige Florentiner Geist sich selber uebertroffen habe.
Denn wenn schon ohnehin die Florentiner jederzeit Freunde von
Schalkspossen als auch wahre Muster im Erzaehlen derselben und in
sonstigen Witzen gewesen sind, so hat Boccaccio diese muntere Kunst
wahrhaft unuebertrefflich verstanden. Unter denjenigen seiner
Nachfolger, welche ihm mit dem groessten Gluecke nacheiferten und es ihm
in manchem gleichzutun schienen, hat kein einziger in so hohem Masse
diese Gabe besessen, komische Dinge in wenigen Worten mit Grazie und
feinem Humor vorzutragen.

Auf diesem Gebiete hat es dem Dichter gewiss noch weniger als auf
anderen an Stoff gemangelt, denn an Witzbolden, Schelmen, Schalksnarren
und ihren Stuecklein ist die Stadt Florenz schon von fruehen Zeiten her
unglaublich reich gewesen, und auch jetzt noch hoert man in ganz Italien
nirgends so viele drollige oder bissige Scherzworte, Schimpfnamen,
Spottreden und Wortspiele wie in Florenz, und es ist gut, dass die
Fremden sie nicht alle verstehen. Von zahllosen Beamten, Malern,
Gelehrten, Baumeistern, Goldschmieden, Bildhauern und andern
hochberuehmten Florentinern sind uns aus allen Jahrhunderten eine Menge
von Streichen und lustigen Anekdoten ueberliefert. Man braucht sich nur
etwa an Brunelleschi, den Erbauer der Domkuppel, zu erinnern, der die
fabelhafte Ulkerei mit dem dicken Tischler anstellte, oder an den
grossen Lorenzo dei Medici, genannt il Magnifico, welcher zu seinen
Zeiten einer der beruehmtesten Fuersten der ganzen Welt gewesen ist und
doch noch Zeit und Laune genug hatte, um mit groesster Ueberlegung dem
Arzt Manente einen hoechst durchtriebenen und gruendlichen Streich zu
spielen, wie es uns Herr Antonio Francesco Grazzini, beigenannt il
Lasca, erzaehlt hat.

So gab es auch zu Boccaccios Zeiten manche Streichemacher in seiner
Vaterstadt, und unter ihnen standen, neben dem lustigen Witzbold Michele
Skalza, obenan die beiden Maler Bruno und Buffalmacco, samt ihrem
Freunde Maso del Saggio. Diese haben teils ihrem sehr einfaeltigen
Freunde Calandrino, der gleichfalls ein Maler war, teils dem Arzte
Simone, teils anderen, eine Menge Schabernack angetan. Denn kaum hat am
achten Tage des Dekameron das Fraeulein Elisa ein Stuecklein von ihnen
erzaehlt, so fallen sogleich mehreren Zuhoerern andere solche Streiche
der beiden ein, welche sie unter vielem Gelaechter mitteilen. Diesen
Kameraden Bruno und Buffalmacco gelang es einst, dem guten Calandrino
ein fettes Schwein zu stehlen, ihm weis zu machen, er haette es sich
selber gestohlen, und sich von ihm noch dafuer bezahlen zu lassen, dass
sie reinen Mund hielten. Damit nicht genug, machten sie ihn ein andermal
in eine Dirne verliebt, knoepften ihm Geschenke fuer dieselbe ab und
holten dann, als er endlich sich seiner Liebe erfreuen wollte, im
fatalsten Augenblick seine wuetende Frau herbei. Was soll man aber dazu
sagen, dass sie bei einer anderen Gelegenheit es verstanden, diesem
selben Calandrino einzubilden, er sei schwanger, und ihn, nicht ohne ein
ordentliches Entgelt dafuer zu nehmen, nach einigen Tagen durch eine
Schuessel Haferschleim vor der Niederkunft bewahrten?

Ewig unvergesslich und laecherlich aber ist des famosen Dioneus Historie
von Bruder Zippolla, die er am sechsten Tag erzaehlt. Dies Stuecklein
spielt in Certaldo, der Heimat des Hauses Boccaccio. Der Bruder Zippolla
ist, um die guten Einwohner wieder einmal ordentlich zu schroepfen, zum
Almosensammeln nach Certaldo gekommen und hat den Bauern versprochen, er
werde ihnen in der Kirche eine wunderbare Reliquie zeigen, naemlich eine
Feder des Engels Gabriel. Indes er aber die Messe liest, entwenden ihm
einige Spassvoegel die mitgebrachte Papageienfeder und legen statt
derselben ein paar Kohlen in sein Kaestchen. Alsdann haelt er eine
herrliche Predigt zum Preise des Engels Gabriel, wie er aber die Feder
nehmen und vorzeigen will, findet er sein Reliquienkaestchen voller
Kohlen. Sogleich beginnt er eine neue Rede, worin er eine schwindelhafte
Reise durch allerlei Schlaraffenlaender erzaehlt, wobei er bis zum
Patriarchen von Jerusalem gelangt. Dann faehrt er fort:

"Der Patriarch zeigte mir so viele heilige Reliquien, dass ich sie
unmoeglich alle herzaehlen kann. Doch um Euch nicht ganz trostlos zu
lassen, will ich wenigstens von einigen sagen. Er zeigte mir zuerst die
Zehe des heiligen Geistes, so ganz und unversehrt, wie sie nur je
gewesen ist, und den Haarbueschel des Seraph, der dem heiligen
Franziskus erschien, und einen der Fingernaegel der Cherubim, und eine
der Rippen des beilaeufig zu Fleisch gewordenen Verbum, und etliche der
Kleider des allein selig machenden Glaubens, und einige von den Strahlen
des Sternes, der den drei Weisen aus Morgenland erschien, und ein
Flaeschlein voll Schweiss von dem heiligen Michael, als er mit dem
Teufel stritt, und noch anderes mehr. Und weil ich ihm einen Gefallen
tat, schenkte er mir einen von den Zaehnen des heiligen Kreuzes, und in
einer kleinen Flasche etwas von dem Tone der Glocken im Tempel
Salomonis, die Feder des Engels Gabriel, ausserdem aber gab er mir noch
einige Kohlen von denen, auf welchen der allerheiligste Maertyrer Sankt
Laurentius gebraten wurde."

Und so noch lange weiter. Dann zeigt er den ergriffenen Landleuten statt
der Papageienfeder die Kohlen und erntet reiche Gaben. Die Leute
draengen sich inbruenstig gegen den Altar, um die Reliquie nahe zu
sehen, und Bruder Zippolla malt jedem ein grosses, fettes Kohlenkreuz
aufs schoene Sonntagskleid.

Weltberuehmt ist ja auch der Einfall jenes Kochs, welcher in der Kueche
das eine Bein eines gebratenen Kranichs wegnimmt, was sein Herr bei
Tische mit Zorn bemerkt. Der Koch in seiner Angst behauptet, es sei eine
Eigenschaft der Kraniche, dass sie nur ein Bein haetten. Nachher geht
der Herr mit ihm ins Freie, wo sie bald einige Kraniche erblicken, die
alle auf einem Beine stehen. "Seht Ihr wohl?" sagt der Koch freudig. Da
klatscht der Herr in die Haende, so dass die Voegel fluechten und dabei
ihre beiden Beine zeigen. "Schau, dass Du gelogen hast!" ruft er zornig
und will den Koch zuechtigen. Der sagt jedoch: "Herr, es ist Euer
Fehler. Haettet Ihr vorher bei Tische auch so geklatscht, gewiss haette
dann auch jener Kranich ein zweites Bein herausgestreckt." Der Herr muss
lachen und kann nicht umhin, ihm zu verzeihen.

Es nimmt kein Ende. Da ist die wunderliche Geschichte von der
Priesterhose (Tag IX, Nov. 2), des Skalza Witz von den "Baranci" (Tag
VI, Nov. 6), die tolle Nachtherberge im Mugnone-Tal (Tag IX, Nov. 6) und
eine Menge anderer. Wenn man sie liest und sein unendliches Vergnuegen
daran hat, koennte man wohl zuweilen meinen, es passierten heutzutage
niemals mehr so drollige und gepfefferte Geschichten. Aber dem ist
freilich nicht so, sondern diese Sorte von Abenteuern ist unsterblich,
und ich selber koennte Euch mancherlei von dieser Art, was ich selber
erlebt und gesehen habe, erzaehlen, wenn ich von der herrlichen Kunst
und Gabe des grossen Giovanni Boccaccio auch nur den zehnten Teil
besaesse.




[Illustration: HERM. HESSES SCHRIFTEN]

ROMANTISCHE LIEDER.
  Bei E. Pierson, Dresden 1898


HERMANN LAUSCHER.
  Bei R. Reich, Basel 1901


GEDICHTE.
  Bei G. Grote, Berlin 1902


PETER CAMENZIND.
  Bei S. Fischer, Berlin 1904




             *Insel-Verlag -- Leipzig -- Lindenstrasse 20.*
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                Das Decameron des Giovanni di Boccaccio

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    durchgesehen und vielfach ergaenzt von _D. Carl Mehring_.
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                  HERAUSGEGEBEN VON DR. CARL HAGEMANN
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    Wilhelmine Schroeder-Devrient     von Dr. C. Hagemann
    Goethe als Theaterleiter         von Philipp Stein
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                    *Herrose & Ziemsen, Wittenberg.*




                     Anmerkungen zur Transkription


Das aus dem Dekameron (aus der Einfuehrung zur neunten Novelle des
ersten Tages) stammende Zitat am Anfang des hier vorliegenden Werkes ist
ungenau: conciossiecosache sollte gewoehnlichen Ausgaben zufolge _con
cio sia cosa che_ zitiert werden. (Der wesentlich Fehler liegt in der
Buchstabenfolge _sie_ in der Mitte des Wortes.)  Im selbigen Zitat
fuegte Hesse das aus dem vorangehenden, nicht zitierten Satzteil
stammende Wort novelle zur Herstellung des Kontextes ein.

Hesses Schreibweise einiger Namen von Figuren des Dekameron weicht vom
italienischen Original ab und ist hier wie von Hesse gewaehlt belassen
worden. In der folgenden Liste wird die italienische
Originalschreibweise in Klammern aufgefuehrt: Michele Skalza [*Scalza*],
Bruder Zippolla [*frate Cipolla*], Baranci [*Baronci*].

Der folgende Druckfehler wurde korrigiert:

  - *Seite 38, Zeile 12:* _schon fruehe des oefteren_ ----> schon
    frueher des oefteren




*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK BOCCACCIO ***




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    Gutenberg Literary Archive Foundation. Royalty payments must be paid
    within 60 days following each date on which you prepare (or are
    legally required to prepare) your periodic tax returns. Royalty
    payments should be clearly marked as such and sent to the Project
    Gutenberg Literary Archive Foundation at the address specified in
    Section 4, "Information about donations to the Project Gutenberg
    Literary Archive Foundation."

  - You provide a full refund of any money paid by a user who notifies
    you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he
    does not agree to the terms of the full Project Gutenberg(tm)
    License. You must require such a user to return or destroy all
    copies of the works possessed in a physical medium and discontinue
    all use of and all access to other copies of Project Gutenberg(tm)
    works.

  - You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of
    any money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
    electronic work is discovered and reported to you within 90 days of
    receipt of the work.

  - You comply with all other terms of this agreement for free
    distribution of Project Gutenberg(tm) works.


*1.E.9.* If you wish to charge a fee or distribute a Project
Gutenberg(tm) electronic work or group of works on different terms than
are set forth in this agreement, you must obtain permission in writing
from both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael
Hart, the owner of the Project Gutenberg(tm) trademark. Contact the
Foundation as set forth in Section 3. below.

*1.F.*

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effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
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Despite these efforts, Project Gutenberg(tm) electronic works, and the
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WARRANTIES OF MERCHANTABILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.

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with this agreement, and any volunteers associated with the production,
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or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg(tm)
work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
Project Gutenberg(tm) work, and (c) any Defect you cause.


   Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg(tm)


Project Gutenberg(tm) is synonymous with the free distribution of
electronic works in formats readable by the widest variety of computers
including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
people in all walks of life.

Volunteers and financial support to provide volunteers with the
assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg(tm)'s
goals and ensuring that the Project Gutenberg(tm) collection will remain
freely available for generations to come. In 2001, the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation was created to provide a secure and
permanent future for Project Gutenberg(tm) and future generations. To
learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and
how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 and the
Foundation web page at http://www.pglaf.org .


  Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
                               Foundation


The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the state
of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal Revenue
Service. The Foundation's EIN or federal tax identification number is
64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
http://www.gutenberg.org/fundraising/pglaf . Contributions to the
Project Gutenberg Literary Archive Foundation are tax deductible to the
full extent permitted by U.S.  federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr.
S. Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
throughout numerous locations. Its business office is located at 809
North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
information can be found at the Foundation's web site and official page
at http://www.pglaf.org

For additional contact information:

    Dr. Gregory B. Newby
    Chief Executive and Director
    gbnewby@pglaf.org


Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg Literary
                           Archive Foundation


Project Gutenberg(tm) depends upon and cannot survive without wide
spread public support and donations to carry out its mission of
increasing the number of public domain and licensed works that can be
freely distributed in machine readable form accessible by the widest
array of equipment including outdated equipment. Many small donations
($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United
States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
with these requirements. We do not solicit donations in locations where
we have not received written confirmation of compliance. To SEND
DONATIONS or determine the status of compliance for any particular state
visit http://www.gutenberg.org/fundraising/donate

While we cannot and do not solicit contributions from states where we
have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
against accepting unsolicited donations from donors in such states who
approach us with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make any
statements concerning tax treatment of donations received from outside
the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.

Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
methods and addresses. Donations are accepted in a number of other ways
including checks, online payments and credit card donations. To donate,
please visit: http://www.gutenberg.org/fundraising/donate


 Section 5. General Information About Project Gutenberg(tm) electronic
                                 works.


Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg(tm)
concept of a library of electronic works that could be freely shared
with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
Gutenberg(tm) eBooks with only a loose network of volunteer support.

Project Gutenberg(tm) eBooks are often created from several printed
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