                               Boccaccio


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Title: Boccaccio
Author: Hesse, Hermann
Release Date: February 26, 2013 [EBook #42213]
Language: German
Character set encoding: ISO-8859-1


*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK BOCCACCIO ***




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                                                    DIE DICHTUNG BD. VII
                                                         _BOCCACCIO VON_
                                                         _HERMANN HESSE_




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                             _DIE DICHTUNG_
                   *EINE SAMMLUNG VON MONOGRAPHIEEN*
                     HERAUSGEGEBEN VON _PAUL REMER_
                    BUCHSCHMUCK VON HEINRICH VOGELER
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                _Jeder Band elegant kartoniert M. 1.50_
                _Jeder Band in echt Leder geb. M. 2.50_
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                   *EINE SAMMLUNG VON MONOGRAPHIEEN*
                     HERAUSGEGEBEN VON _PAUL REMER_
                    BUCHSCHMUCK VON HEINRICH VOGELER
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                  Es sind einhundert Bnde vorgesehen.

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                               BOCCACCIO

                                  VON

                             HERMANN HESSE

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                           BERLIN UND LEIPZIG




                          DER SIGNORA MARIA IN
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                       SPAZIERGANG IM MUGNONETAL
                              IN VEREHRUNG
                              ZUGEEIGNET!




    ... conciossiecosach le buone novelle sempre possan giovare,
    con attento animo son da ricogliere, chi che d'esse sia il
    dicitore.

                                         Decamerone, giornata prima.


[Illustration: FLORENZ. Nach einem alten Holzschnitt]






Verehrte Herrschaften und vor allem Ihr, schne und angebetete Damen! Es
ist blich, dass demjenigen, der ein schnes Geschenk oder Kleinod
berbringt, ein guter Dank und Lohn zuteil wird; und so werdet auch Ihr,
wenn ich Euch einen reichen Schatz ohne allen Anspruch auf Gewinn oder
Lohn bergebe und anpreise, es freundlich aufnehmen und mir im stillen
Dank dafr wissen. Dies tue ich aber, indem ich Euch das Buch meines
Freundes Giovanni Boccaccio aus Florenz in die Hnde lege; denn Ihr
werdet, sofern Ihr es verstndig leset, in demselben eine solche Flle
von schnen, klugen, erfreulichen, rhrenden und lcherlichen
Geschichten entdecken, wie sie vielleicht ausserdem kein anderes Buch
irgend eines Dichters enthlt.

Seid Ihr nie an einem schnen, warmen Tage im Frhsommer an einem
fremden Garten vorber gegangen? Ihr waret allein und verdrossen, und
aus dem Garten brachte der Wind den Geruch von Rosen und Orangeblten,
das Silbergetn einer pltschernden Fontne, die Klnge einer Guitarre
und das von Gelchter unterbrochene Plaudern frhlicher junger Leute zu
Euch heraus. Da ergriff Euch Traurigkeit und eine mchtige Sehnsucht,
hinein zu gehen, die staubige Landstrasse mit grnem Rasen und
Blumenbeeten zu vertauschen, die Lieder der Snger und die frohen
Gesprche der Glcklichen anzuhren und Eure Sehnsucht an all der
Heiterkeit und Freude nach Herzenslust zu ersttigen.

Wohlan, Ihr werten Leute, hier ist das Tor des Gartens: es ist geffnet,
und aus den Bschen dringt Bltenduft, Gelchter, Liedergesang und
Saitenspiel. Tretet ein, nehmet Platz, sttiget Euer Verlangen! Hret
Ihr gerne schne Lieder an? Oder habt Ihr Lust, Euch eine traurige
Liebesmre erzhlen zu lassen? Oder freut es Euch, einen Witz, eine
Posse, eine krftige Anekdote zu vernehmen? Oder von Beispielen des
Edelsinns und hchster Tugend zu hren? Traget Ihr Verlangen nach
vielfltigen und unerhrten Abenteuern, oder mehr nach galanten
Historien, bei welchen die Damen errten und sich, der guten Sitte
halber, ein wenig entrstet stellen?

Ihr alle mget eintreten, und jeder wird finden, wonach er sich sehnte.
Denn die hundert Geschichten des edlen Herrn Boccaccio sind so
beschaffen, dass sie die Jnglinge zum Entzcken, die Mdchen zum
Errten oder zur Rhrung, die Mnner zum Lachen, die Weisen zum
Nachdenken ntigen. Man findet in diesen Geschichten die verschiedenen
Arten der menschlichen Natur und Temperamente, der Liebe und
Freundschaft, der Schicksale in Leben und Sterben, alles auf eine
anmutige und wahrhaftige Art erzhlt und dargestellt. Fr Kinder von
zartem und unerfahrenem Alter sind sie nicht geeignet, auch nicht fr
bld gewordene Greise, auch nicht fr Leute von feindseliger,
kleinlicher und mrrischer Sinnesart. Ausser diesen aber mgen sie von
Jungen und Alten jeder Art mit grossem Vergngen und gewiss auch nicht
ohne Nutzen gelesen werden.

Ehe ich weiter von diesem merkwrdigen Buche mit Euch rede, will ich
aber erzhlen, wer eigentlich jener Herr Boccaccio war (denn er ist
leider schon seit lngeren Zeiten verstorben), und wie er das Dekameron
geschrieben hat.









Wer jemals auch nur die kleinste Novelle von ihm gelesen hat, der kann
nicht daran zweifeln, dass jener ein echter Florentiner war. Denn wenn
es auch einem Fremden vielleicht mglich gewesen wre, die schne und
glnzende florentinische Sprache so vollkommen zu erlernen, so wrde ihm
doch immer noch der bewegliche, kecke und witzige Geist des geborenen
Florentiners mangeln, den man nicht lernen kann. Denn wohl haben in
spteren Zeiten auch manche weichliche Neapolitaner, leichtsinnige
Mailnder, trge Venetianer und plumpe Sienesen hbsche Novellen
geschrieben; allein diese alle hatten den Boccaccio zum Lehrmeister,
welcher der Vater und Urheber dieser Kunst gewesen ist.

Wenn man nun bedenkt, in welcher Zeit das Buch Dekameron verfasst wurde,
so begreift man leicht, weshalb die Stadt Florenz seine Heimat sein
musste. Diese reiche und prchtige Stadt, welche auch heute noch eine
der schnsten auf Erden ist, befand sich eben zu jener Zeit zwar in
mancherlei Kmpfen und politischen Nten, jedoch begann sie schon
sichtbar nach jener unvergleichlichen Blte hinzustreben, welche sie
hundert Jahre spter erreichte. So erfreute sie sich einer emsigen und
glcklichen Ttigkeit auf allen Gebieten und nahm nicht weniger im
Handel als in den Knsten tglich an Ruhm und Glcke zu, whrend das
mchtige Rom klglich darnieder lag, indem der Papst samt seinem ganzen
Hofhalte sich nach Avignon in der Provence verzogen hatte. Es war von
Florenz sowohl der berhmte Petrarca als der grosse Dichter Dante
gebrtig, obwohl dieser in der Verbannung gestorben war, wie denn auch
infolge bestndiger Brgerkriege des Petrarca Familie vertrieben war und
in Arezzo lebte. Und was die Florentiner an jenem gttlichen Dichter
gesndigt hatten, suchten sie desto eifriger zu shnen, indem sie damals
und noch lange nachher eine grosse Zahl von Gelehrten, Dichtern,
Knstlern und anderen Mnnern beherbergten, deren Ruhm ihrer Stadt zur
Ehre gereichte und sie gewrdigt hat, bis auf diesen Tag die eigentliche
Geburtssttte des rinascimento zu heissen. Zugleich unterhielten die
Kaufleute einen grossen Verkehr nach allen Lndern der Welt, und es
lebten viele Florentiner Brger als Hndler und Geldwechsler in Rom,
Neapel, Mailand, Paris, Byzanz, London, Flandern, auf Sizilien, Malta,
Kreta, Cypern und anderwrts, von wo nicht nur Geld und Wohlstand,
sondern auch mannigfaltige Nachricht und Kunde fremder Gegenden, Sitten
und Begebenheiten tglich in die Stadt kamen.

Aus einer so beschaffenen Zeit und Stadt entstammte also der Verfasser
des Dekameron. Aber dennoch ist er nicht in Florenz oder in dem
benachbarten Certaldo, von wo sein Geschlecht herkam, geboren. Vielmehr
fgte es das Schicksal, das ja stets der grsste Dichter gewesen ist,
dass das Leben dieses weitbekannten Novellenerzhlers in einiger
Dunkelheit und nicht anders als eine Abenteuernovelle begann.

Hret denn, Ihr lieben Herren und Damen, das Wenige, was man vom Leben
dieses herrlichen Dichters heute noch weiss, denn leider ist es lange
nicht so viel, als man wnschen mchte!

Aus dem Stdtchen Certaldo im Elsatal gebrtig, lebte zu Florenz ein
Kaufmann namens Boccaccio. Er war ein fleissiger und kluger, allein auch
geldgieriger und leichtfertiger Mensch, welcher zahlreiche Handelsreisen
teils fr fremde, teils fr eigene Rechnung unternahm, wobei er ebenso
sehr fr seinen Vorteil wie fr sein Vergngen zu sorgen verstand,
jedoch nach Art der Kaufleute auch fteren Zufllen und Glckswechseln
ausgesetzt war. Lngere Zeit war er an dem grossen Bankgeschfte des
altberhmten Hauses der Bardi beteiligt, welches auch in Paris, wie in
anderen Stdten, eine Filiale besass und hohes Ansehen genoss. Diesem
Pariser Hause hat unser Kaufmann eine Zeitlang vorgestanden, und wenn er
dabei sich als einen tchtigen Handelsmann erwies, so liess er doch in
dieser grossen und ppigen Hauptstadt auch sein Vergngen nicht ausser
Augen.

[Illustration: Jugendbildnis BOCCACCIOS]

Wenigstens sah er daselbst eines Tages eine junge und sehr hbsche
Witwe, welche ihm beraus wohlgefiel und deren Gunst er sogleich zu
erwerben sich bemhte. Dies tat er denn auch, als ein gewiegter Mann,
auf jede Weise, indem er sich fr einen Edelmann ausgab, was ihm bei
seiner hbschen Gestalt sehr wohl gelang. Er spielte den Feinen und trat
nicht anders auf, als wenn er der Sohn des vornehmsten Hauses gewesen
wre, obwohl er im Grunde wenig mehr als ein buerisch gebildeter
Geldwechsler war. Bald hatte er die Augen der schnen Witwe auf sich
gelenkt und sie seinen ehrerbietigen Bitten zugnglich gemacht, und da
er ihr mit vielen Schwren die Ehe versprach, sah er sich in kurzem am
ussersten Ziel seiner Wnsche angelangt. Zu beiderseitigem Vergngen
erfreuten sie sich lngere Zeit ihrer Liebe ohne Hindernisse, und gewiss
htte der Florentiner noch lange nicht an die Rckkehr nach seiner
Heimat gedacht, wre nicht infolge dieser Liebschaft jene Witwe nach
Jahresfrist mit einem hbschen Knblein niedergekommen. Dieses passte
keineswegs in die Plne des leichtsinnigen Italieners, und da die Dame
ausser ihrer Schnheit keine Reichtmer besass, verliess er, ohne sich
seiner Schwre mehr zu erinnern, sie und die Stadt Paris in aller Stille
und begab sich als ein lediger Mann nach Florenz zurck, wie es stets
die Art solcher Leute war, sich um eine leere Flasche und um eine
schwanger gewordene Geliebte mit keinem Blicke mehr zu bekmmern.

Das Knblein aber, das die arme Frau im Jahre 1313 gebar, war Giovanni
Boccaccio.

Von Schmerz und Sorge entkrftet, lebte die unglckliche Dame nur noch
wenige Jahre, und nach ihrem Tode ward Giovanni in zartem Knabenalter
nach Florenz zu seinem Vater gebracht. Dort besuchte er eine gute
Schule, erwarb sich einige Kenntnis der lateinischen Sprache und wre am
liebsten bei den Bchern sitzen geblieben, um sich ganz den Studien
hinzugeben. Aber kaum war er etwa dreizehn Jahr alt, so nahm ihn der
Vater zu sich, lehrte ihn die notwendigsten Handgriffe und Rechenknste
der Handelsleute und bergab ihn sodann einem Geldwechsler, damit er bei
diesem die Kaufmannschaft erlernen sollte. Sechs Jahre blieb er denn bei
diesem Gewerbe, ohne jedoch etwas Erkleckliches zu lernen oder gar den
Handel lieb zu gewinnen. Vielmehr lief er berall hin, wo er Verse
singen oder vortragen hren konnte, und lernte viele Stcke aus den
grossen Gedichten des Dante und des Virgil auswendig, welche ihn
hchlich begeisterten und mit einer unauslschlichen Liebe zur Poesie
erfllten.

Am Ende dieser sechs Jahre sah jedermann deutlich, dass Giovanni in die
Handelschaft passte wie der Fisch aufs Trockene. Dies sah auch der Vater
wohl ein und beschloss daher, seinen Sohn den Studien an Universitten
zu widmen, und zwar whlte er fr ihn das Studium des kanonischen
Rechts, indem es ihm als einem klugen Manne schien, es sei mit diesem
Handwerk nicht wenig Geld zu verdienen, wenn einer es ordentlich
verstehe. Weil aber Giovanni um diese Zeit sich eben in Neapel befand,
schien es dem Vater am wohlfeilsten, dass er dort seine Studien abmache,
ohne dass er geahnt htte, welcherlei Kenntnisse derselbe sich dort
erwerben wrde.

Es war nmlich Neapel zu jener Zeit gewiss die allerppigste Stadt in
ganz Italien, zumal da gerade unter dem Knige Robert die Einwohner
eines lngeren Friedens genossen, woran sie nur schlecht gewhnt waren.
Von dem Leben bei Hofe brauche ich wenig zu sagen, indem jedermann die
Namen der sechs Neffen des Knigs, sowie seiner Schwgerin, der
sogenannten Kaiserin von Konstantinopel, und seiner Enkeltochter Johanna
kennt, welche smtlich durch alle Welt einen bsen Leumund hatten. Vorab
jene Johanna fhrte ein beraus freches und tadelnswertes Leben, hatte
ihres Gatten Bruder zum Buhlen und nahm ihn spter, nachdem sie sich des
andern durch Mord entledigt hatte, ohne ppstlichen Dispens zum Gemahl.
Auch sonst war in der Stadt, zumal unter den Edelleuten, ein
vergngliches Schlemmen, auch Hader und kleinere Mordtaten im Schwang,
und bei Hofe war lngst zwischen echten Kindern und Bastarden weder von
den Vtern, noch von anderen mehr zu unterscheiden. An diesem Hofe, wo
er noch zu Lebzeiten des Knigs von seinem jungen Landsmanne Niccolo
Acciajuoli eingefhrt wurde, ging nun das Studentlein ab und zu.
Daselbst war mit Festen, Mahlzeiten, Ball, Tanz und Maskenscherzen ein
verschwenderisches Leben, und gewiss hat Boccaccio niemals irgend eine
ppige oder lsterne Geschichte erzhlt, welche er nicht in Neapel viel
toller und grndlicher selbst mitangesehen hatte. Dass er auf dem
Gebiete der gelehrten Studien (das Latein ausgenommen) etwas Erhebliches
geleistet oder den Grad eines Doctoris juris canonici erlangt htte,
wird nirgends berichtet. Statt dessen legte er damals den Grund zu
seiner tiefen Kenntnis der menschlichen Leidenschaften, da er von
hervorragenden Beispielen der Verschwendung und Habgier, des
Aberglaubens, der Wollust, der Gefrssigkeit, Mordgier, Verschlagenheit
und Eitelkeit rings umgeben war. Am grndlichsten jedoch unterzog er
sich dem Studium der Liebe, deren Leiden und Freuden er bis zur Neige an
sich selber erfuhr.

Eines Tages nmlich, um die Zeit der Ostern, vermutlich im Jahre 1334,
erblickte er in einer Kirche zu Neapel die Dame, welche sein Herz zu
Lust und Pein von da an jahrelang gefangen hielt. Diese war Donna Maria,
die natrliche Tochter des Knigs Robert, welche fr eine Tochter des
Grafen von Aquino galt und mit einem angesehenen Edelmann vermhlt war.
Die schne und vornehme Dame betrachtete bald auch von ihrer Seite den
hbschen jungen Florentiner mit Teilnahme und ist eine lange Zeit, nicht
ohne Gewissensbisse und Furcht vor ihrem Eheherrn, seine Geliebte
gewesen. So genoss, wie in der schnsten Abenteuernovelle, der Bastard
eines kleinen Kaufmanns die Tochter eines grossen Knigs.

ber alledem liess Boccaccio das kanonische Recht unbehelligt in den
Pergamentrollen schlummern und vom Lehrstuhl ertnen. Er trieb nach
seiner Neigung Latein und Astrologie, im brigen wandte er sich der
heiteren Seite des Lebens zu und ward nach Krften seiner Jugend froh.
Er verfasste in diesen Jahren, zumeist fr seine Geliebte, eine
unglaubliche Menge von Gedichten und mehrere Romane, von welchen heute
niemand mehr redet. In diesen legte er seiner Dame den Namen Fiammetta
bei, und noch manche Jahre spter hat er in wehmtiger Liebeserinnerung
diesen Namen einer von den Damen des Dekameron gegeben. Ohne Zweifel ist
jene Zeit die heiterste und glcklichste in seinem Leben gewesen. Allein
wie wir sehen, dass auch den goldensten Tagen zu frh die Sonne sinkt,
so nahm auch diese Lust zu ihrer Zeit ein Ende.

Im Jahre 1341 befahl der Vater seinem Sohne, nach Florenz
zurckzukehren, und nach lngerem Zgern machte dieser sich unmutig auf
den Heimweg. Der Alte, fr den Giovanni ohnehin keine allzu starke
Zrtlichkeit empfand, hatte inzwischen auch noch eine gewisse Monna Bice
Bostichi geheiratet, worber der heimkehrende Sohn nicht eben erfreut
war. Es geschahen jedoch weit schlimmere und wichtigere Dinge, ber
welchen er diese kleineren Sorgen vergass. Es war die Zeit, in welcher
der in Florenz so bel beleumdete Herr Gautier von Brienne, genannt
Herzog von Athen, sich fr eine kurze Zeit zum Tyrannen der Stadt
emporschwang. Dieser war ein frecher Abenteurer und hatte im Solde der
Republik gegen Pisa gedient, warf sich nun aber mit Hilfe des
niedrigsten Pbels zum Herrscher auf und schlrfte die Monate seiner
Herrlichkeit zgellos wie ein Trunkener den letzten Becher. Die Stadt
und das ganze Staatswesen drohten in Trmmer zu gehen.

Boccaccio, ein unbestechlicher Republikaner, hat das Schicksal des
Herzogs von Athen, der mit Schimpf von der Brgerschaft vertrieben
wurde, in einer Abhandlung beschrieben. Nun schienen ihm allmhlich die
Zustnde in Florenz und im vterlichen Hause so wenig ertrglich, dass
er schon im Jahre 1344 von neuem nach Neapel ging. Die Rechtsgelehrtheit
hatte er schon frher aufgegeben. Und so genau er auch im Dekameron die
Pest in Florenz geschildert hat, ist er zurzeit derselben doch nicht
daselbst gewesen, sondern in Neapel, wo freilich der schwarze Tod nicht
weniger grauenhaft wtete. Es starb damals auch seine Geliebte Maria,
und er widmete ihrem Tode zwar einige trauernde Verse, jedoch war seine
ursprnglich so heftige Leidenschaft mit den Jahren erloschen. Es
scheint ausserdem, als habe Donna Maria ihn schon frher wieder fahren
lassen, obwohl er in seiner Erzhlung "Fiammetta" das Gegenteil
darstellt. Nicht lange darauf starb auch sein Vater, und er musste
wieder nach Florenz zurckkehren.

Von da an erblicken wir sein Bild verndert; sein Leben verlief ohne
heftige Erschtterungen, und er alterte als ein tchtiger und
angesehener Brger. Im Alter von ungefhr 40 Jahren schrieb er sein
unsterbliches Dekameron, und man knnte glauben, er habe alle seine
Schalkhaftigkeit und frhlich lachende Untugend darin liegen lassen. Nur
noch einmal widerfuhr ihm eine bittere Liebesgeschichte. Er verliebte
sich heftig in eine vornehme Witwe, welche ihm aber einen bsen Possen
spielte. Nmlich sie stellte sich, als wre sie geneigt, die Wnsche des
Dichters zu erfllen, und benutzte alsdann die erste Gelegenheit, ihm
eine Nase zu drehen und ihn unter dem Hohngelchter all ihrer Bekannten
und Freunde klglich heimzuschicken. Das war Boccaccios letzte Liebe.

Im brigen, da der Vater ihm eine kleine Erbschaft hinterlassen hatte,
lebte er als ein stillgewordener Mann und widmete sich allerlei
gelehrten Studien. Den Griechen Leontius Pilatus hatte er, um seine
Sprache zu lernen, ber zwei Jahre lang bei sich im Hause. fters
bernahm er im Dienste der Stadt politische Auftrge und Ambassaden,
unter anderem besuchte er dreimal als Gesandter den Papsthof zu Avignon.
Mit grossem Eifer forschte er dem Leben und den Schriften des Dante
nach, den er ungemein verehrte. Mit dem etwas lteren Petrarca, welcher
damals von sich selber und von jedermann fr den grssten lebenden
Dichter gehalten wurde, pflegte er eine edle und herzliche Freundschaft
und war untrstlich, als dieser im Jahre 1374 starb.

Aber das Leben dieses merkwrdigen Mannes, dessen Anfang ein Abenteuer
und dessen erste Hlfte ein Hymnus der Liebe zu sein scheinen,
verwandelte sich zum Schlusse noch in eine fromme Posse. Noch als ein
rstiger Mann hatte er das Dekameron geschrieben, welches bald auf
schalkhafte, bald auf leidenschaftliche Art dem Dienste schner Frauen
huldigt und ber Mnche und Priester unerschpflichen Hohn ergiesst.
Nicht gar viel spter aber gelang es einem schwindelhaften Mnche,
namens Ciani, ihn zu bekehren, und zwar vermittelst einer nicht einmal
sehr durchtriebenen Bauernfngerei, und von da an hrte man ihn seine
schnsten Werke nie anders denn als verwerfliche Jugendsnden und
Verirrungen bezeichnen. Noch viel schlimmer aber und lcherlicher ist
es, dass der vormalige Schalk und Weiberfreund in seinen lteren Tagen
zu einem argen Frauenverchter ward und ein Buch mit dem Titel Corbaccio
geschrieben hat, in welchem man, wenn man Lust hat, hunderte von
schimpflichen, grausamen, hasserfllten und anklagenden Reden ber die
Weiber finden kann -- dazu in einer Redeweise, welche an Unfltigkeit
auch die khnsten Stellen seiner frheren Werke zehnmal bertrifft. Das
sollte seine Rache an jener grausamen Witwe sein; allein der Dichter tat
damit, wie wir es oft sich ereignen sehen, nur einen Schnitt ins eigene
Fleisch.

Eine spte Ehre ward ihm zuteil, indem er nach mannigfachen Studien und
Reisen im Jahre 1373 zum ffentlichen Ausleger der gttlichen Komdie
des Dante zu Florenz ernannt wurde, wofr er jhrlich hundert Goldgulden
bezog. Diese Vorlesungen hielt er unter grossem Zulaufe in der Kirche
Santo Stefano bis kurz vor seinem Tode. Er starb am 21. Dezember 1375,
zweiundsechzig Jahre alt, und wurde ehrenvoll bestattet. Die Liebe zu
der grossen Dichtung des Dante verlieh seinen spteren Tagen, trotz des
bsen Corbaccio, noch eine gewisse ehrwrdige Glorie. Fr die
nachfolgenden Jahrhunderte aber ist er wieder der Geschichtenerzhler
mit der Schelmenmiene geworden, und dem heutigen Geschlecht ist an einem
einzigen Witz aus einer seiner Novellen mehr gelegen als an der ganzen
Gelehrsamkeit und Ehrbarkeit seines ehrenvollen Alters.







ber die Dichtergrsse des Boccaccio, welchen man gerne den dritten
unter den grossen italienischen Poeten nennt, steht in vielen Bchern
viel geschrieben, was alles zu wiederholen nicht vonnten ist. Er war
unter denen, welche jemals kunstgerechte Novellen verfasst haben, nicht
nur der Erste, sondern indem er diese scheinbar geringe Kunst frher als
irgend ein anderer betrieben, ja eigentlich erfunden hat, bte er sie
sogleich mit einer solchen Vollendung aus, dass er von keinem seiner
unzhligen Nachfolger bertroffen oder auch nur erreicht werden konnte.
Nicht weniger gross ist aber sein Verdienst um die italienische Sprache,
welche er nicht etwa nur verschnert und ausgeschmckt, sondern in
gewissem Sinne eigentlich neu geschaffen hat. Denn obwohl schon lange
vor ihm der Florentiner Dante das grsste und schnste italienische
Gedicht verfasst hat, war doch das Gebiet der Erzhlung und die
Prosasprache berhaupt noch von keinem mit einiger Kunst gepflegt
worden, indem die Gelehrten hufig lateinisch geschrieben hatten. Die
mndliche Sprache des Volks, welche in Florenz mit besonderer Schnheit
und Reinheit gebraucht wird, hat Boccaccio als der Erste in seinen
Erzhlungen mit ihrer natrlichen Anmut und Mannigfaltigkeit verwendet
und zugleich mit so grosser Kunst gepflegt, dass sie in seinen Hnden
sich in etwas ganz neues und herrliches verwandelte.

In den Bchern des Dekameron zu lesen, ist fr einen, welcher seine Lust
an einer schnen und lebendigen Sprache hat, nicht anders als ein
Wandeln unter blhenden Bumen und als ein Baden in einem reinen
Gewsser. Die Worte klingen so frisch, als wren sie soeben erschaffen
und vorher noch in keinem Munde gewesen; in jedem kleinen Satze springen
klare, lachende Quellen auf, und die Stze tanzen bald leicht und
zierlich, bald rollen sie tnend und wohllaut hin. Vielen will es
scheinen, es habe Boccaccio zuweilen seiner Sprache Gewalt angetan, und
es mag ein wenig Wahrheit daran sein. Whrend er die Worte aus der
Sprache des Volkes von Gassen und Mrkten nahm, bildete er hinwieder den
Bau seiner Perioden vornehmlich nach dem Muster der rmischen Redner und
Autoren, zumal des Cicero, den er ungemein verehrte.

Dadurch mag vielen, auch wenn sie der heutigen italienischen Sprache
mchtig sind, das Lesen des Dekameron ein schweres und mhsames Werk
erscheinen. Allein es ist nicht nur der Anfang dieses Buches der langen
Perioden wegen schwieriger zu lesen als die Folge, sondern es pflegen
ohnehin nach einigen Versuchen die meisten an dieser Sprache ein solches
Gefallen zu finden, dass sie schnell einige bung darin erlangen. Und
vornehmlich darf derjenige, welchem etwa das Lesen des Dante zu
schwerster Mhsal gereichte, so dass er ermdet davon abliess, durchaus
nicht frchten, hier auf dieselben Schwierigkeiten zu stossen. Kurzum,
wer einigermassen italienisch versteht, mge sich nicht scheuen, das
Dekameron im originalen Texte zu lesen.* Sobald er nur einige bung
erlangt hat, wird ihm ber den Seiten dieses Buches sein, als hre er
Vgel zwitschern, Kinder lachen und Wasser rauschen, eine solche innere
Kraft und freudige Lebensflle ist in dieser Sprache verborgen.

  [*] Wodurch aber niemand von der Lektre einer bersetzung
      abgeschreckt werden soll! Vor den zahlreichen verkrzten und
      verstmmelten Ausgaben aber sei dringend gewarnt! Das Dekameron
      muss notwendig unverkrzt gelesen werden. Zur Zeit ist die einzige
      vollstndige, brigens ganz vortreffliche deutsche bersetzung die
      von Schaum, deren neue Ausgabe in drei Bnden 1903 im Insel-Verlag
      in Leipzig erschienen ist.

Was das Dekameron als Dichtung anbelangt, so ist es beraus merkwrdig
zu sehen, wie alle Krfte und Vorzge des Dichters, welcher ja auch eine
nicht geringe Zahl von anderen Werken geschrieben hat, in diesem einen
Hauptwerke sich schn und harmonisch vereinigen. Die frheren, allmeist
in Neapel entstandenen Dichtungen des Meisters handeln fast ohne eine
einzige Ausnahme von der Liebe, und die Erzhlung "Fiammetta" ist bei
weitem die schnste unter ihnen. Jedoch weiss in allen diesen Dichtungen
Boccaccio nichts anderes darzustellen als seine eigenen Gefhle und
Liebesgedanken, ohne gengende Mannigfaltigkeit, und die Verse, soweit
es sich um solche handelt, sind mit grossem Fleisse, aber geringer
Erfindungskraft dem Muster des Petrarca nachgeformt, wie denn stets die
jungen Poeten solche Berhmtere nachzuahmen bestrebt waren. Von diesen
Dichtungen erwecken mehrere eine Ahnung von seinem spteren Werke, als
habe die Idee desselben ihm schon lngere Jahre am Herzen gelegen.

[Illustration: BOCCACCIOS Handschrift]

Aber wie ein frischer und tchtiger Mann erst in den Jahren der vlligen
Reife die schwere Kunst des Lebens lernt, die darin besteht, dass der
einzelne Mensch seine Schicksale und Gefhle gleich der Welle im Meer
ansehen und mit heiterer Bescheidenheit im grsseren Leben der
Gesamtheit verbergen kann, so besann sich auch dieser Boccaccio erst in
spteren Jahren, als schon die Leidenschaft seiner Jugendzeit verglommen
war, auf alle seine Krfte. Was er von Kind auf, aus seiner
Bastardkindschaft her, und alsdann in Florenz und Neapel und auf manchen
Reisen erfahren hatte, wurde nun zu pltzlicher Klarheit erhoben und im
stillen entbunden. Nicht weniger die Leiden und die Wollust der
Frauenliebe als der Zauber des Reisens und Schauens, die Erlebnisse und
Sitten der Studenten ebenso wie die Sorgen und Plagen der Kaufleute, die
Gebruche, Tugenden und Laster derer, die bei Hofe und die in der
Wechselbank und die auf den Mrkten oder zu Schiffe leben und ihr Brot
zu erwerben suchen, die Eigenschaften der Narren wie der Weisen, die
Lebensart der Priester, der Richter, der Soldaten, der Seefahrer, der
Frauen, der Dirnen sowie alles Ernste, Schne, Seltsame, Lcherliche und
Traurige des menschlichen Lebens, soweit nur jemals ein Mensch es
erfahren und beobachtet hat -- dieses alles zog er nun aus seinem
Gedchtnisse hervor.

Gewisslich sind von den hundert Erzhlungen des Buches Dekameron nur
sehr wenige von Boccaccio selbst erfunden worden. Vielmehr hatte er die
einen erzhlen hren, die anderen selbst erlebt oder sich zutragen
sehen, andere auch aus alten Sagen und Liedern und Fabeln genommen. Nur
ein Tor mchte wnschen, er htte sie alle selbst sich ausgedacht. Im
Gegenteil ist es einer der grssten Vorzge des Dekameron, dass es
gleich einem Speicher oder Juwelenschrank die Erfahrungen und Schicksale
unzhliger Menschen und Zeiten in sich beschlossen hlt. Viele von den
Geschichten kamen aus dem Morgenlande, aus Griechenland und aus
Frankreich, Spanien und Germanien her, viele sind schon sehr alt
gewesen, andere wieder erst von gestern. Dass aber ein einzelner Mann
diese zahllosen kleinen Stcke in seinem Gedchtnis gesammelt, alsdann
geordnet und verbessert und am Ende zu einem grossen, wundervollen
Ganzen zusammengesetzt hat, dazu in einer von ihm selbst geschaffenen,
vollkommenen Sprache -- und das Ganze so ebenmssig, rein und klar und
in sich selber einig, als wre alles am selben Tag und aus demselben
Geist entstanden -- dieses ist, so oft man es auch betrachte, ein fast
unbegreifliches Wunder. Begebenheiten und Lehren, Spsse und weise
Erfahrungen, die eine uralt, die andere frisch von der Gasse, die eine
von Hofe, die andre aus dem Bettelvolk, die eine arabischen, die andre
deutschen, die dritte franzsischen Ursprungs, lustige und klgliche,
edle und gemeine, diese alle zusammen zu einem einzigen prchtigen Werk
vereinigt, aneinander gefgt und wie die Steine eines Geschmeides jede
die Nachbarin hebend und verzierend, und dennoch jede einzelne bis in
die geringsten Teile mit aller Kunst und Sorgfalt ausgebaut und zur
Vollkommenheit gebracht! Wahrlich, wenn Boccaccio in seinem Leben eine
grosse Torheit und Snde begangen hat, so war es, als er sein
unsterbliches Werk selber als eine mssige und leichtfertige
Jugendarbeit und Verirrung verleumdete.

Allerdings genoss er zu seinen Lebzeiten den meisten Ruhm nicht um der
Novellen, sondern um seiner gelehrten Werke willen, von welchen heute
nur noch die Vita di Dante einigen Wert hat. Dennoch zhlte er zu den
unterrichtetsten Mnnern seiner Zeit, und indem er einen schnen
lateinischen Stil schrieb, sich sehr um die alten Autoren bemhte und
auch die damals nur wenig gepflegte Kenntnis des Griechischen
auszubreiten bestrebt war, hat er ebenso wie Petrarca einen ruhmvollen
Anteil an der Begrndung des italienischen rinascimento.

Von der Beschaffenheit, Einrichtung und Konstruktion des Dekameron will
ich spter sprechen. ber das Schicksal desselben ist wenig zu sagen,
als dass es -- unendlichen Anklagen und Verleumdungen zum
Trotze -- schon nach kurzer Zeit ber mehrere Lnder verbreitet war,
auch seither in vielen bersetzungen und hunderten von Ausgaben immer
wieder gedruckt worden ist. Unglcklicherweise ist keine Handschrift der
Novellen von der eigenen Hand des Boccaccio erhalten geblieben, und
lange Zeit wurde mit dem Texte so nach Willkr umgesprungen, dass es
erst spter fleissigen Gelehrten gelang, ihn so ziemlich wieder auf den
status quo ante zu bringen.

Das Dekameron hat hufige Wiedergeburten im Geiste anderer grosser
Dichter und Knstler gefeiert. Gleichwie in dem Schauspiel "Nathan der
Weise" die dritte Novelle, von den drei Ringen, eine neue Gestalt annahm
und wieder Tausende erfreute, so haben frher und spter viele andere,
vor allem Shakespeare, aus dem Schatze des Florentiners geschpft,
dessen Spuren in zahlreichen Dichtungen aller Vlker zu finden sind.
Nicht weniger haben die Zeichner und Maler sich an ihm vergngt und
viele seiner Novellen in Bildern dargestellt; und noch im Jahre 1849 hat
der britische Malermeister Millais aus der Novelle vom Basilikumtopf
(Tag 4, Novelle 5) eine Szene in einem berhmten Gemlde abgebildet.

Der vielen anstssigen Stellen wegen hat man schon frher des fteren
sogenannte verbesserte und purgierte Ausgaben veranstaltet. Was in
solchen Fllen, zumeist von geistlichen Herren, am Text verballhornt und
geschndet worden ist, lsst sich leicht denken. Dabei kmmerte man sich
brigens wenig um die derben und heiklen Stellen, sondern vor allem um
jene, in welchen Boccaccio der Geistlichkeit unliebsame Wahrheiten
gesagt hat. Einmal, ums Jahr 1570, wurden zu Florenz vier Herren ernannt
zu der Aufgabe, das Dekameron endgltig von allen gegen die Satzungen
der Kirche verstossenden Stellen zu subern. Da wurden, wo immer es
ntig schien, aus den Mnchen Brger und Ritter, aus den Nonnen
Edeldamen gemacht, zwei von den Novellen wurden zu einem mysterisen
Unsinn verbessert, und als nach langer Mhe die Ausgabe vollendet war,
zeigte es sich, dass den Herren eine der heitersten Geschichten durch
die Finger geschlpft war, und jenes Dekameron hatte statt hundert nur
neunundneunzig Novellen. Ausserdem ist das Buch hufige Male "fr die
Jugend" ediert worden und wird es in Italien "per giovani modesti" heute
noch.

Besonders schlimm erging es ihm mehr als hundert Jahre nach seines
Verfassers Tod, zur Zeit des wohlbekannten oder belbekannten
Savonarola. Dieser wtende und vermutlich geisteskranke Mnch, welcher
nach Krften dazu beitrug, Florenz und Italien dem Untergang nher zu
bringen, hat ausser einer Menge von anderen schnen Dingen auch sehr
viele Exemplare des Dekameron ffentlich verbrennen lassen.

Wo jedoch eine krftige Quelle aus der Erde gebrochen ist, hat das
Verbauen und das Exorzieren niemals viel geholfen, und es ist schwerer,
etwas geistig Lebendiges zu ertten, als etwas Totes wieder zum Leben zu
bringen. So hat denn auch Boccaccio manche Zeitgenossen und Nachfolger
gehabt, deren erloschenen Ruhm die Gelehrten mit unsglichen Mhen bis
auf heute herber geschleppt haben, indessen er selber inmitten aller
Keulenschlge am Leben blieb und heute noch den gleichen Glanz und
Zauber hat wie seinerzeit.

Indem ich dieses schreibe, trumt mir von einem Cypressenbaum am
Hgelabhang zwischen Vincigliata und Settignano, wo ich vor Zeiten zum
erstenmal, im Grase liegend, das kstliche Buch genoss. Es lief ein
lauer Wind talab, mit Bltenduft von Limonen und Mandeln beladen, es lag
ein ssses Licht ber Florenz und allen Bergen, und es sang aus einem
fernen Garten eine welsche Laute herber, allein ich sah es nicht und
hrte es nicht; ein ssserer Duft und ein viel kstlicherer Klang stieg
mir aus den gelben Blttern des alten Buches zu Hupten.






Das Buch Dekameron ist auf eine solche Art eingerichtet, dass seine
hundert Novellen an zehn Tagen von zehn jungen und edlen Leuten erzhlt
werden, und darunter sind sieben Mdchen und drei Jnglinge. Auf diese
Weise kommt daher jede Novelle nicht aus unbestimmter Ferne, sondern
frisch aus dem Munde eines jungen Erzhlenden zu uns her geklungen. Und
berdies ist also diese Zahl von hundert Geschichten und Schwnken von
einer lebendigen Erzhlung umflochten, hat auch jeder von den zehn Tagen
seine besondere Art und Frbung.

Die Erfindung des Boccaccio ist diese: Zur Zeit des schwarzen Todes,
welcher die Stadt Florenz im Jahre 1348 heimsuchte, waren in dieser
Stadt alle frheren Ordnungen und Gewohnheiten vollkommen aufgelst. Es
lagen in den Husern, auf den Treppen und vor den Tren, ja in allen
Gassen da und dort teils Tote, teils Todkranke umher, und die Gefahr der
Ansteckung war so gross, dass Eltern und Kinder, Brder und Schwestern
einander flohen und die Erkrankten einsam und ohne Pflege dahinsterben
liessen, welche Zustnde Herr Boccaccio im Beginn seines Buches mit der
grssten Genauigkeit und Sichtbarkeit uns schildert. Bei solcher
grausamen Verwirrung und Schrecknis trafen sich eines Morgens sieben
junge Damen in der herrlichen Kirche Santa Maria Novella, welche zwar
damals noch der berhmten Wandmalereien des Ghirlandajo entbehrte, aber
auch schon zu jener Zeit eine der schnsten Kirchen von Florenz gewesen
ist.

Diese Sieben, da sie sich unter gemeldeten Umstnden nicht allein in
bestndiger Todesgefahr, sondern auch jeglicher Freude und Lustbarkeit
durchaus beraubt sahen, beschlossen auf den Rat der Pampinea, welche die
lteste von ihnen war, sich in Gesellschaft auf das Land zu begeben und
dort einige Zeit in Ruhe und heiteren Gesprchen zu verweilen, wobei sie
die gegenwrtige Trauer und Bangnis ein wenig vergessen knnten. Und
siehe, whrend sie noch ber einige etwa passende Begleiter und ber den
Ort ihres Aufenthaltes beratschlagten, traten drei edle Jnglinge in
dieselbe Kirche, von welchen jeder in eine unter diesen Damen verliebt
war. Ihnen erffnete Pampinea, welche mit einem derselben verwandt war,
ihr Vorhaben und forderte sie auf, als Fhrer und Kavaliere mit ihnen zu
kommen; und sogleich waren die jungen Herren, wie man sich denken kann,
von Herzen gern dazu bereit. Auch diejenigen von den Mdchen, welche
anfnglich einige Scheu gehabt hatten, freuten sich nun darber, denn es
war sogleich vereinbart worden, dass Sitte und Ehrbarkeit in jeder Weise
gewahrt blieben.

Also begab sich diese hbsche und frhliche Gesellschaft edler junger
Leute aus der Stadt und hatte die Wahl des Aufenthaltes zwischen gar
vielen Landsitzen, denn infolge der Pest stand auch auf dem Lande alles
leer und verlassen. Nur zwei Meilen weit vor den Toren fand sie denn
auch auf einem Hgel gelegen einen Palast in der schnsten Umgebung, von
Blumenmatten, wohlriechenden Gebschen und Bumen und fliessendem Wasser
umkrnzt, mit Garten, Hof und Brunnen; auch waren Sle, Kammern und
Keller wohl versehen. Hier liessen sie sich mit grossem Vergngen samt
ihrer mitgebrachten Dienerschaft nieder, und der Jngling Dioneus war
der Erste, welcher allen vorschlug, die Sorgen in der Stadt dahinten zu
lassen und sich, so lange es ihnen gefiele, heitere Tage zu machen.

Alsbald schien es ihnen, auf den Rat der Pampinea, gut, dass an jedem
Tage einer aus der Gesellschaft zum Knige ernannt wrde, welcher die
brigen samt der Dienerschaft zu beherrschen und alles zum Wohlbehagen
und zu guter Unterhaltung dienliche anzuordnen habe. Und es wurde fr
diesen ersten Tag als Knigin die Pampinea gewhlt. Diese wieder
bestimmte einen aus der Dienerschaft zum Seneschall, andere zum
Aufwarten, zum Kochen und zu sonstigen Diensten, wie in einem
wohleingerichteten Hofstaat. Hierauf begab sich jedermann, wohin er
wollte, und betrachtete die schnen Grten, Sle, Lauben, Wiesen,
Brunnen und Quellen, bis es Zeit zu Tische war. Die Tafel war voll von
trefflichen Speisen und ganz mit Ginsterblten bestreut, es fehlte nicht
an blanken Glsern noch an Handwasser und weissem Linnengedeck. Nach der
Mahlzeit aber suchte jeder sich einen Ort zur Ruhe und schlief eine
Weile, bis die Knigin aufs neue alle zusammen berief und auf einen
schattigen Rasenanger fhrte. Nachdem sie ein wenig getanzt und gesungen
hatten, standen wohl Schach- und Damenbretter und genug andere Spiele
bereit, allein der Knigin und auch allen anderen schien es
unterhaltsamer und erfreulicher, dass jeder eine Geschichte, die er
wisse, vortrage. So erzhlte also jeder eine nach seinem Belieben, und
am Ende der zehn Novellen war es Abend geworden, und sie beschlossen
diesen ersten Tag damit, dass Emilia eine schne Canzone sang, whrend
Lauretta einen Tanz dazu auffhrte, von Musikinstrumenten begleitet.

Darauf bertrug die Knigin ihr Regiment an Philomena, und diese hbsche
und kluge junge Dame ordnete an, es sollten am Tage ihrer Regierung
solche Geschichten erzhlt werden, in welchen einer aus grossem Unheil
unerwartet doch noch entrinnt und ein glckliches Ziel erreicht. In
einer hnlichen Weise verliefen alle zehn Tage und zwar in dieser
Ordnung:

Erster Tag: Unter der Knigin Pampinea erzhlt ein jeder, was ihm
beliebt und einfllt.

Zweiter Tag: Unter der Knigin Philomena werden die Schicksale solcher
vorgetragen, welche unerwartet aus grossem Unheil zu neuem Glcke
hervorgingen.

Dritter Tag: Unter der Knigin Neiphile spricht man davon, wie einer
durch Scharfsinn ein ersehntes Ziel erreichte oder etwas Verlorenes
zurck gewann.

Vierter Tag: Unter dem Knig Philostratus redet man von Verliebten,
deren Liebe ein tragisches Ende nahm.

Fnfter Tag: Unter der Knigin Fiammetta werden Geschichten erzhlt, in
welchen Liebende nach allerlei Hindernissen und Unfllen doch noch zum
Glcke gelangen.

Sechster Tag: Unter der Knigin Elisa ist die Rede von schnellen und
witzigen Aussprchen, Antworten und Neckereien.

Siebenter Tag: Unter dem Knige Dioneus werden Streiche erzhlt, welche
Ehemnnern von ihren Weibern gespielt wurden.

Achter Tag: Unter der Knigin Lauretta spricht man von Streichen und
Possen, welche so wohl Eheleute wie beliebige andere Personen einander
gespielt haben.

Neunter Tag: Unter der Knigin Emilia trgt ein jeder vor, was ihm
behagt.

Zehnter Tag: Unter dem Knig Pamphilus ist die Rede ausschliesslich von
Taten des Edelmutes und der Hochherzigkeit.

Ausserdem dass jede dieser hundert Novellen durch die Art und Person
dessen, der sie erzhlt, einen besonderen Ton und eine eigene Art von
Anmut gewinnt, sind die Erzhlungen unter einander noch auf vielfache
und zierliche Weise verbunden. Denn indem zumeist ber die soeben
vorgetragene Novelle sich ein krzeres oder lngeres Gesprch in der
Gesellschaft entspinnt, knpft alsdann der nachfolgende Erzhler fast
immer an dieselbe an und bringt eine Historie zum Vortrag, welche das
angeschlagene Thema von einer neuen Seite beleuchtet und deutlicher
macht, jedoch ohne dass hierdurch jemals der Anschein der Eintnigkeit
erweckt wrde. Denn bei mancher hnlichkeit des Themas ist dennoch jede
von diesen Novellen von allen anderen scharf unterschieden, und es gibt
keine zwei darunter, die man so leicht mit einander verwechseln knnte.
Nchstdem aber ist jeder Schatten von Gleichfrmigkeit auch noch durch
andere feine Knste vermieden worden, indem z. B. Dioneus, welcher der
Hauptspassvogel der Gesellschaft ist, stets mit vllig unerwarteten
neuen Einfllen dazwischen tritt, auch allerlei Anspielungen und
Neckereien zwischen den Erzhlenden vorfallen.

[Illustration: DIE KIRCHE SAN STEFANO IN FLORENZ]

Dazu kommt, dass jeder von den zehn Tagen seine eigene Geschichte hat,
mit allerlei kleinen Zwischenfllen, so dass wir ausser den tglich
erzhlten zehn Geschichten auch die brigen Beschftigungen und
Lustbarkeiten der Gesellschaft erfahren. Daneben ist der Ort, an welchem
sie sich aufhlt und welchen sie zwischenein auch wechselt, mit Hainen,
Teichen, Bchen, Blumen, Wild und Fischen stets auf das Anmutigste und
Lebhafteste geschildert, wodurch im Gemt des Lesenden teils ein
fortwhrendes Behagen, teils auch eine milde, angenehme Sehnsucht nach
solchen auserlesen kstlichen Gegenden erregt wird. Denn der Dichter hat
dieselben zwar einigen rtern hnlich gebildet, welche man in der Nhe
von Florenz und namentlich im Tal des Mugnone antrifft, allein dennoch
hat er sie in solcher Art geschmckt und dargestellt, wie es nur ein
wahrer Knstler vermag, so dass sie alle etwas Verschntes und wahrhaft
Paradiesisches an sich tragen.

So ist denn unter den zahlreichen Bchern, in welchen ein Einzelner
viele verstreute Erzhlungen gesammelt hat, in aller Welt kein einziges,
welches irgendwie an Schnheit und Kunst dem Dekameron vergleichbar
wre. Der es seinerzeit geschrieben hat, tat es zum Trost der
unglcklichen Liebenden und vornehmlich zur Erfreuung der Frauen,
welchen denn auch das ganze Werk in einem vortrefflichen Prologe
zugeeignet ist.







Man hrt gar hufig sagen, das Dekameron sei ein unanstndiges und
verwerfliches Buch. Und diejenigen, welche dies sagen und gerne
predigen, sagen es zum Teil nach dem blossen Hrensagen, zum Teil aber
kennen sie das verwerfliche Buch sehr gut und lesen es in der Stille
hufig. Was nun die Unanstndigkeit betrifft, welche stets in Bchern
viel heftiger als im Leben bekmpft wird, so kann und mag ich sie
keineswegs leugnen. Als ich einstmals in demselben Tal des Mugnone, wo
es seinen Schauplatz hat, das Dekameron in einem schnen Frhlingsmonat
ganz durchlas, pflegte ich der Wrme wegen frische Limonen dazu zu
speisen. Und nun hatte ich die Gewohnheit, dass ich bei jeder Novelle,
die mir unanstndig erschien, einen Limonenkern in meine Tasche steckte,
und als ich ganz zu Ende gelesen hatte, zhlte ich neununddreissig
solche Kerne. Hiernach wre denn etwas mehr als ein Dritteil des
Dekameron von unanstndiger Beschaffenheit.

Obwohl ich glaube, dass gerade diese neununddreissig Novellen zu den
schnsten und ergtzlichsten gehren, will ich doch den Inhalt derselben
nicht zu verteidigen unternehmen. Es ist eine Ordnung der Natur, dass
die Menschen gleich anderen lebenden Geschpfen ihre Art nicht (wie
manche Pflanzen tun) sich durch Knollen fortsetzen, sondern in zwei
Geschlechter zerfallen, woraus beiden Teilen ebenso wohl viel Vergngen
als hufiger Kummer entsteht. Und es ist eine andere Ordnung (diese
jedoch nicht von der Natur), dass die meisten wohlgesitteten Menschen
diese natrlichen Dinge zwar billigen und ihren Gesetzen folgen, aber
durchaus nicht davon gesprochen wissen wollen. Und auch noch viele,
welche mndlich nicht selten davon zu sprechen und zu hren pflegen,
sehen es doch in gedruckten Bchern nicht gerne.

Unser Novellenbuch hat das Bestreben und die Eigenschaft, ein Spiegel
des wirklichen Lebens zu sein. Wie ich fr sicher glaube, hat wohl an
der Hlfte aller wichtigen menschlichen Begebnisse, Leidenschaften,
Schicksale, Freuden und Leiden das Verhltnis der Geschlechter grossen
Anteil. Wenn nun das Geschichtenbuch des Boccaccio nur zu einem Dritteil
von solchen Stoffen handelt, ist es also doch immer noch um ein
Erkleckliches anstndiger und schamhafter als das Leben selber.
Ausserdem sind diese Stoffe von den Erzhlern teils so zart und mit
guten Nutzanwendungen vorgetragen, teils so fein und erheiternd mit Witz
und Wortspiel verziert, teils auch so burlesk und drollig, dass ihnen
die natrliche Gemeinheit zum guten Teil genommen ist und dass sie bei
gesunden und vernnftigen Lesern gewiss keinen Schaden anzurichten
vermgen. Dazu kommt, dass neben diesen anderen so viele Geschichten
voll Reinheit und Edelsinn stehen, ja auch unter denen, welche
ausschliesslich von der Liebe handeln, finden sich nicht wenige
Beispiele von seltener Keuschheit, Treue und Ehrbarkeit. berdies war
der Meister ehrlich genug, jeder Geschichte ihren kurzen Inhalt in
berschriften voranzustellen, so dass, wer gewisse Dinge verabscheut,
die davon handelnden Novellen ungelesen berschlagen kann.

Ein besonderer Vorwurf wird ungerechter Weise dem Dekameron darber
gemacht, dass die einzelnen Geschichten von Erzhlern beiderlei
Geschlechts berichtet werden und dass die jungen Damen nicht nur manche
derbe Posse mit anhren, sondern auch selbst solche erzhlen. Mir ist
zwar nicht bekannt, weshalb die Frauen so viel mehr als die Mnner vor
jenen Dingen Scheu haben sollten, auch kann man jeden Tag sehen, dass
dem in Wirklichkeit nicht so ist; dennoch hat auch hierfr der Meister
sich fein und deutlich entschuldigt, indem fast jede Novelle im Beginn
oder am Schlusse einleuchtend erklrt, warum und in welcher Absicht sie
erzhlt sei. Die Einfhrung der Erzhlungen heiklen Inhalts hat
Boccaccio auf eine ungemein heitere und kluge Weise gegeben. Unter den
drei Jnglingen der Gesellschaft befindet sich einer namens Dioneus, ein
Witzemacher, Sptter und Schalk vom reinsten Wasser. Dieser nun ist der
erste, welcher am ersten Tage es wagt, eine sogenannte saftige
Geschichte vorzutragen, und er behlt sich das Recht vor, ohne Zwang
jedesmal gerade das zu erzhlen, was er im Augenblick besonders
unterhaltend fnde. Dieser Dioneus fhrt denn auch stets, ohne sich
sonderlich an das vorgeschlagene Thema zu halten, in der begonnenen Art
fort, und unter den zehn von ihm erzhlten Novellen sind nur zwei, die
nicht anstssig wren, und auch von diesen beiden ist noch die eine,
obwohl frei von Liebesabenteuern, voll von anderen krftigen Scherzen
und Spttereien.

Die erste von Dioneus erzhlte Posse, worin ein Mnch sich in die Liebe
einer Dirne mit dem Abte teilt, erregt bei den Damen Errten und
Schelten. Allmhlich wagen es nun auch die beiden anderen Jnglinge,
hnliches vorzutragen, bei den Mdchen berwiegt bald das Gelchter den
Unwillen, und nach und nach entschlpft auch ihnen da und dort eine
derbe Historie, bis am Ende die Scheu ganz berwunden ist und alle ihren
natrlichen Eingebungen folgen, so dass zuletzt auch von den Damen jede
wenigstens eine oder zwei derartige Anekdoten zum Besten gegeben hat.
Dioneus freilich bleibt hierin obenan, nicht nur was die Anzahl, sondern
auch was die Strke seiner Possen betrifft. Welcher Novelle in dieser
schlimmen Hinsicht der Vorrang gebhre, mag jeder fr sich entscheiden.
Aber auch davon abgesehen, dass alle diese von der sinnlichen Liebe
handelnden Stoffe mit vieler Schnheit und Kunst vorgetragen werden,
sind Reden und Benehmen der zehn jungen Leute im brigen so ehrbar und
tadelfrei, dass man wohl sehen kann, wie Reden und Tun zweierlei Dinge
sind und wie Freimtigkeit sich mit guter Sitte sehr wohl vertrgt.
Darin knnte sogar mancher von den Erzhlern der hundert Novellen viel
Ntzliches lernen.

Im Ernst mchte ich keinem klugen Leser raten, die unanstndigeren
Novellen des Dekameron vllig zu berschlagen. Wer selbst von guter und
reinlicher Natur ist, wird gewiss das wirklich Unsuberliche von selber
liegen lassen. Davon abgesehen, offenbart sich aber gerade in einigen
der derberen Geschichten die Art des Boccaccio am besten, so dass man in
ihnen ebenso die grosse Anschaulichkeit und Wahrheit der Darstellung wie
die Lebendigkeit der Sprache bewundern muss. Es sind von Alters her die
Florentiner in Witzworten, Anspielungen und schalkhaften Wendungen der
Rede sehr gebt gewesen und sind es auch heute noch in hohem Grade. Da
nun Boccaccio in jenen Anekdoten und Possen durchaus dieselbe Sprache
redet wie das florentinische Volk auf der Gasse, zeigen dieselben ihrem
Inhalte zum Trotz hufig eine Anmut und Natrlichkeit, welche fast nie
von anderen Schriftstellern erreicht wurde.

Wer noch weiteres zur Verteidigung des armen Giovanni gegen fromme
Vorwrfe fr notwendig hlt, mge seine eigenen Rechtfertigungen lesen,
welche am ausfhrlichsten in der Einleitung, sowie in der Vorrede zum
vierten Tage und im Epilog sich finden. Wohl dem, der dessen nicht
bedarf und sich frohen Herzens des dargebotenen reichen Genusses
erfreut!

[Illustration: BOCCACCIO nach einem Gemlde von Andrea del Castagno]

brigens sind die Novellen des Boccaccio vor Zeiten keineswegs
vornehmlich deshalb so getadelt worden, weil sie fters in freimtiger
Weise von den Vergngungen der Liebe handeln; denn von diesen Dingen
wurde in jenen Zeiten viel natrlicher und freier gesprochen, als es
heute Sitte ist, wo man zwar in allen Verderbtheiten grosse bung hat,
aber davon zu reden sich gewaltig scheut. Auch ist sowohl die deutsche
wie die englische Literatur der lteren Zeit reich an Unfltereien,
neben welchen die bsesten Stellen des Boccaccio noch wie Gebete
klingen.

Vielmehr zielten die vielen Anklagen damaliger Zensoren fast
ausschliesslich darauf, dass im Dekameron hufig, wie man meinte, die
heilige Religion und Kirche angetastet und verhhnt werde. In dieser
Hinsicht ist nun freilich die heutige Zeit weniger eilig zum Verdammen
geneigt.

In Wirklichkeit findet man in dem ganzen Werke keine noch so kleine
Stelle, welche wider die Religion gerichtet wre oder die Absicht htte,
sie zu verspotten. Im Gegenteil ist fters von gttlichen Gesetzen und
vom christlichen Glauben in den aufrichtigsten und glubigsten
Ausdrcken die Rede. So wird auch von der Gesellschaft der Zehne
jedesmal der Freitag und Samstag mit Strenge gefeiert, und an diesen
Tagen hren wir weder von Geschichtenerzhlen noch von sonstigen
Lustbarkeiten. Was aber uns heute billig und gerecht erscheint, damals
jedoch zu grosser Verdammung gereichte, das ist der Umstand, dass
Boccaccio bei jeder Gelegenheit von Priestern, Mnchen und Nonnen, auch
von bten, Bischfen, Prioren und hohen geistlichen Herren mit der
khnsten Freimtigkeit gesprochen hat. Er tat dieses teils, indem er die
unanstndigen und lasterhaften Handlungen, wenn er solche berichtet,
fast immer solchen Klerikern in die Schuhe schob, teils redete er aber
auch unverhllt in den strengsten und heftigsten Ausdrcken ber
Priester und Mnche. Von diesen sagt er, ausser an vielen anderen Orten,
in der siebenten Novelle des dritten Tages:

"Sie schreien ber die ppigkeit gegen die Mnner, damit, wenn sie diese
sich vom Halse geschafft haben, die Weiber fr die Schreier
zurckbleiben. Sie verdammen den Wucher, damit sie, wenn der Snder
durch ihre Hnde den ungerechten Gewinst zurckerstattet, sich vorher
daraus die weitesten Kutten machen lassen und Bistmer und Prlaturen
kaufen knnen. Sie predigen lauter Gutes -- aber warum? Damit sie selbst
das tun knnen, was, wenn sie es den Weltlichen nicht verbten, sie
nicht tun knnten! Wenn du den Weibern nachlufst, so kann der Frater
nicht bei ihnen ankommen. Wenn du nicht geduldig bist und Beleidigungen
vergibst, so darf der Frater es nicht wagen, dir in's Haus zu dringen
und deine Familie zu beschmutzen. Ich habe in meinem Leben tausende von
ihnen gesehen, welche nicht allein weltliche Frauen, sondern auch solche
aus den Klstern liebten, verfhrten und besuchten, und das waren jene,
die den meisten Lrm auf den Kanzeln machten."

Von den allerhchsten Kirchenfrsten aber handelt die von Neiphile
erzhlte zweite Novelle des ersten Tages. Nmlich einem reichen und
redlichen jdischen Kaufmann zu Paris, namens Abraham, liegt sein
Herzensfreund dringlich an, er mchte doch die Taufe nehmen und Christ
werden, um nicht der ewigen Seligkeit dereinst ledig zu bleiben. Der
Jude, als ein sehr verstndiger Mann, sieht dessen Richtigkeit wohl ein
und beschliesst, nach Rom zu reisen und daselbst des Papstes und der
Kardinale Art und Sitten wohl zu beobachten, ob sie wirklich als die
Hter und Verkndiger eines so erhabenen Glaubens zu schtzen seien.
Vergebens sucht der erschrockene Freund, welcher allzuwohl weiss, wie es
in Rom aussieht und zugeht, ihn abzuhalten. Abraham besteht auf seinem
Entschluss und zieht nach Rom, und was er dort zu sehen bekommt, ist
Laster ber Laster, Habgier, Herrschsucht, Neid, Wollust, Unflat und
derlei mehr. Allein der kluge Jude, da er endlich wieder nach Paris
heimkehrte, lsst sich zum unendlichen Erstaunen seines Freundes
trotzdem taufen. Denn, sagt er, wenn der Papst und alle seine Oberhirten
und Unterhirten seit langer Zeit alle statt Gotte dem Teufel dienen und
sich Mhe geben, Christi Lehre in den Kot zu treten, diese aber dennoch
besteht und lebt und sich ausbreitet, so muss sie wahrlich von Gott
sein, sonst wre sie lngst erttet und von der Erde verschwunden.

Ich weiss nicht, ob diese Anekdote jemals dem Doktor Luther zu seiner
Zeit bekannt worden ist. Wenn er sie aber gehrt hat, so weiss ich
gewiss, dass er seine grosse Lust daran gehabt hat.









Zum Schnsten und Holdesten, was im Dekameron, ja berhaupt bei irgend
einem berhmten Dichter zu finden ist, zhlen jene Novellen, in welchen
die Schicksale tragischer Liebe, und jene, in welchen Taten des
Edelsinns und der Seelengrsse berichtet werden. Schon Petrarca, welcher
im brigen kein grosser Bewunderer des Dekameron war, hat an einer
derselben (es ist die letzte Novelle, die zehnte des zehnten Tages) ein
solches Gefallen gefunden, dass er sie nicht bloss jedermann und immer
wieder erzhlte, sondern sie auch, zum Zwecke weiterer Verbreitung, mit
eigener Mhe ins Lateinische bersetzt hat. Nicht minder schn und
rhrend ist jene schon erwhnte Erzhlung vom Basilikumtopfe, handelnd
von der Liebe und dem Tode zweier unschuldiger junger Leute, welche
nicht nur jenes Bild des Malers Millais, sondern auch eine schne
Dichtung, verfasst von dem Englnder Keats, veranlasst hat.

Vielleicht das Zarteste und Edelste aber, das man sich nur ersinnen
kann, ist die Geschichte, welche am fnften Tage Fiammetta erzhlt, von
dem jungen Edelmanne Federigo Alberighi und seinem Falken. Es wrde mir
eine Snde scheinen, diese Novelle anders als mit des Boccaccio eigenen
Worten wieder zu erzhlen, wozu hier nicht der Ort ist. Diese Erzhlung
stellt, ohne ein einziges berflssiges Wort, eine edle und treue Liebe
dar, welcher kein Opfer je zu gross ist, und ist mit einer so feinen,
wehmtigen Einfalt erzhlt, dass es schwerlich sonst je einem Dichter
gelungen ist, mit so bescheidenen Worten das Herz des Zuhrers so
mchtig zu ergreifen.

[Illustration: Mittelfeld des Titelblatts der 1492 zu Venedig
erschienenen Druckausgabe des Dekameron.]

[Illustration: BOCCACCIOS Standbild von Passaglia in Certaldo]

Ungemein lieblich erscheint mir auch der kleine Traum eines Liebenden,
welchen in der sechsten Novelle des vierten Tages Gabriotto trumte. Ihm
war im Traum, als wandle er mit seiner Geliebten irgendwo im Freien
umher, und diese friedvolle Lust erschien ihm in einem merkwrdigen
Bilde, wie er erzhlt: "Es kam mir vor, als befnde ich mich in einem
schnen und reizenden Walde, in welchem ich jagte und eine so schne,
liebliche Hindin gefangen hatte, wie man nur je eine gesehen hat; es
schien mir, als wre sie weisser wie Schnee und mir in kurzer Zeit so
zahm geworden, dass sie sich gar nicht von mir trennte. Dagegen kam es
mir vor, als wre sie mir auch so lieb geworden, dass, ob sie gleich
nicht von mir ging, sie ein goldenes Halsband um den Hals zu tragen
schien, das ich an einer goldenen Kette in den Hnden hielt." -- In eben
derselben Erzhlung ist es beraus schn und rhrend zu lesen, wie ein
Mdchen ihren toten Geliebten auf ein feines Tuch aus Seide legt, ihm
einen Kranz von Rosen um die Stirne flicht und auch den ganzen Leichnam
ber und ber mit Rosen zudeckt.

Neben solchen Schnheiten findet man aber auch eine Menge von
merkwrdigen Schilderungen sowohl aus der Natur, wie aus dem Leben der
Menschen. ber die Verpflichtungen und Gewohnheiten der Kaufleute in
fremden Seestdten, wie sie ihre Ware im Hafenmagazin unterbringen und
versichern, berichtet die Einleitung der Novelle von Salabaetto (achter
Tag, zehnte Novelle). In derselben Geschichte erfhrt man auch einiges
ber das Leben und Gebahren der schlauen und betrgerischen Dirnen von
Palermo. Von dem so sehr berhmten Maler Giotto kommt eine Anekdote in
der fnften Novelle des sechsten Tages vor. Von einem Pfleger und Kenner
reiner toskanischer Weine, welche auch heute noch so kstlich munden,
hren wir am selben Tage in der zweiten Novelle. Eine prchtige
Beschreibung kstlicher Tafelfreuden im Freien, wobei die ntigen Fische
unter den Augen der Gste im Gartenteich von schnen Mdchen mit der
Hand gefangen werden, findet man in der sechsten Novelle des zehnten
Tages.

Auch von Zauber- und Schlafmitteln, Arzneien und Kuren, sowie von
Schwarzknstlern und Taschenspielern ist hier und dort die Rede, nicht
weniger von Reise und Schiffahrt, von Bettlern, von Knstlern, von
Spassmachern und Schmarotzern bei Hofe, von Jagd und Tanz, vom Verlieben
durch Hrensagen, von Hochzeiten und Festen, von Richtern und Henkern.
Wenn einer ber die Beschftigungen und Lebensweise der verschiedensten
Menschen und Stnde zu jener Zeit Genaues erfahren will, der wird in den
smtlichen Werken der Gelehrten nicht so viel finden und lernen wie in
diesem Buche, welches das Treiben und Gebahren der Menschen von damals
treuer und deutlicher als ein Spiegel vor unsre Augen stellt. Dazu
gehrt auch seine Schilderung der schrecklichen Pest, welche mit Recht
als ein Meisterstck angesehen wird. Der berhmte Herr Machiavelli, da
er am Ende des zweiten Buches seiner Istorie Fiorentine dieser
Schreckenszeit, gedenkt, enthlt sich einer weiteren Beschreibung und
redet nur von "der Pest, welche Messer Boccaccio mit so herrlicher
Beredsamkeit geschildert hat und durch welche die Stadt mehr als 96000
Einwohner verlor." Und sicherlich hat selten ein so entsetzliches
Unglck eine so kstliche Frucht getragen wie die grosse Pest von
Florenz, zu deren Andenken das Dekameron geschrieben worden ist.







Nachdem wir betrachtet haben, in welcher Weise Boccaccio von der Liebe,
von der Religion, von edlen Taten und vom tglichen Leben aller Stnde
redet, bleibt brig, zu einem frhlichen Schlusse auch noch der
Schelmenstcke, Witzworte und Possen des Zehntagebuches zu gedenken. Was
diese betrifft, so kann man sagen, dass in den Schwnken des Dekameron
der witzige Florentiner Geist sich selber bertroffen habe. Denn wenn
schon ohnehin die Florentiner jederzeit Freunde von Schalkspossen als
auch wahre Muster im Erzhlen derselben und in sonstigen Witzen gewesen
sind, so hat Boccaccio diese muntere Kunst wahrhaft unbertrefflich
verstanden. Unter denjenigen seiner Nachfolger, welche ihm mit dem
grssten Glcke nacheiferten und es ihm in manchem gleichzutun schienen,
hat kein einziger in so hohem Masse diese Gabe besessen, komische Dinge
in wenigen Worten mit Grazie und feinem Humor vorzutragen.

Auf diesem Gebiete hat es dem Dichter gewiss noch weniger als auf
anderen an Stoff gemangelt, denn an Witzbolden, Schelmen, Schalksnarren
und ihren Stcklein ist die Stadt Florenz schon von frhen Zeiten her
unglaublich reich gewesen, und auch jetzt noch hrt man in ganz Italien
nirgends so viele drollige oder bissige Scherzworte, Schimpfnamen,
Spottreden und Wortspiele wie in Florenz, und es ist gut, dass die
Fremden sie nicht alle verstehen. Von zahllosen Beamten, Malern,
Gelehrten, Baumeistern, Goldschmieden, Bildhauern und andern
hochberhmten Florentinern sind uns aus allen Jahrhunderten eine Menge
von Streichen und lustigen Anekdoten berliefert. Man braucht sich nur
etwa an Brunelleschi, den Erbauer der Domkuppel, zu erinnern, der die
fabelhafte Ulkerei mit dem dicken Tischler anstellte, oder an den
grossen Lorenzo dei Medici, genannt il Magnifico, welcher zu seinen
Zeiten einer der berhmtesten Frsten der ganzen Welt gewesen ist und
doch noch Zeit und Laune genug hatte, um mit grsster berlegung dem
Arzt Manente einen hchst durchtriebenen und grndlichen Streich zu
spielen, wie es uns Herr Antonio Francesco Grazzini, beigenannt il
Lasca, erzhlt hat.

So gab es auch zu Boccaccios Zeiten manche Streichemacher in seiner
Vaterstadt, und unter ihnen standen, neben dem lustigen Witzbold Michele
Skalza, obenan die beiden Maler Bruno und Buffalmacco, samt ihrem
Freunde Maso del Saggio. Diese haben teils ihrem sehr einfltigen
Freunde Calandrino, der gleichfalls ein Maler war, teils dem Arzte
Simone, teils anderen, eine Menge Schabernack angetan. Denn kaum hat am
achten Tage des Dekameron das Frulein Elisa ein Stcklein von ihnen
erzhlt, so fallen sogleich mehreren Zuhrern andere solche Streiche der
beiden ein, welche sie unter vielem Gelchter mitteilen. Diesen
Kameraden Bruno und Buffalmacco gelang es einst, dem guten Calandrino
ein fettes Schwein zu stehlen, ihm weis zu machen, er htte es sich
selber gestohlen, und sich von ihm noch dafr bezahlen zu lassen, dass
sie reinen Mund hielten. Damit nicht genug, machten sie ihn ein andermal
in eine Dirne verliebt, knpften ihm Geschenke fr dieselbe ab und
holten dann, als er endlich sich seiner Liebe erfreuen wollte, im
fatalsten Augenblick seine wtende Frau herbei. Was soll man aber dazu
sagen, dass sie bei einer anderen Gelegenheit es verstanden, diesem
selben Calandrino einzubilden, er sei schwanger, und ihn, nicht ohne ein
ordentliches Entgelt dafr zu nehmen, nach einigen Tagen durch eine
Schssel Haferschleim vor der Niederkunft bewahrten?

Ewig unvergesslich und lcherlich aber ist des famosen Dioneus Historie
von Bruder Zippolla, die er am sechsten Tag erzhlt. Dies Stcklein
spielt in Certaldo, der Heimat des Hauses Boccaccio. Der Bruder Zippolla
ist, um die guten Einwohner wieder einmal ordentlich zu schrpfen, zum
Almosensammeln nach Certaldo gekommen und hat den Bauern versprochen, er
werde ihnen in der Kirche eine wunderbare Reliquie zeigen, nmlich eine
Feder des Engels Gabriel. Indes er aber die Messe liest, entwenden ihm
einige Spassvgel die mitgebrachte Papageienfeder und legen statt
derselben ein paar Kohlen in sein Kstchen. Alsdann hlt er eine
herrliche Predigt zum Preise des Engels Gabriel, wie er aber die Feder
nehmen und vorzeigen will, findet er sein Reliquienkstchen voller
Kohlen. Sogleich beginnt er eine neue Rede, worin er eine schwindelhafte
Reise durch allerlei Schlaraffenlnder erzhlt, wobei er bis zum
Patriarchen von Jerusalem gelangt. Dann fhrt er fort:

"Der Patriarch zeigte mir so viele heilige Reliquien, dass ich sie
unmglich alle herzhlen kann. Doch um Euch nicht ganz trostlos zu
lassen, will ich wenigstens von einigen sagen. Er zeigte mir zuerst die
Zehe des heiligen Geistes, so ganz und unversehrt, wie sie nur je
gewesen ist, und den Haarbschel des Seraph, der dem heiligen Franziskus
erschien, und einen der Fingerngel der Cherubim, und eine der Rippen
des beilufig zu Fleisch gewordenen Verbum, und etliche der Kleider des
allein selig machenden Glaubens, und einige von den Strahlen des
Sternes, der den drei Weisen aus Morgenland erschien, und ein Flschlein
voll Schweiss von dem heiligen Michael, als er mit dem Teufel stritt,
und noch anderes mehr. Und weil ich ihm einen Gefallen tat, schenkte er
mir einen von den Zhnen des heiligen Kreuzes, und in einer kleinen
Flasche etwas von dem Tone der Glocken im Tempel Salomonis, die Feder
des Engels Gabriel, ausserdem aber gab er mir noch einige Kohlen von
denen, auf welchen der allerheiligste Mrtyrer Sankt Laurentius gebraten
wurde."

Und so noch lange weiter. Dann zeigt er den ergriffenen Landleuten statt
der Papageienfeder die Kohlen und erntet reiche Gaben. Die Leute drngen
sich inbrnstig gegen den Altar, um die Reliquie nahe zu sehen, und
Bruder Zippolla malt jedem ein grosses, fettes Kohlenkreuz aufs schne
Sonntagskleid.

Weltberhmt ist ja auch der Einfall jenes Kochs, welcher in der Kche
das eine Bein eines gebratenen Kranichs wegnimmt, was sein Herr bei
Tische mit Zorn bemerkt. Der Koch in seiner Angst behauptet, es sei eine
Eigenschaft der Kraniche, dass sie nur ein Bein htten. Nachher geht der
Herr mit ihm ins Freie, wo sie bald einige Kraniche erblicken, die alle
auf einem Beine stehen. "Seht Ihr wohl?" sagt der Koch freudig. Da
klatscht der Herr in die Hnde, so dass die Vgel flchten und dabei
ihre beiden Beine zeigen. "Schau, dass Du gelogen hast!" ruft er zornig
und will den Koch zchtigen. Der sagt jedoch: "Herr, es ist Euer Fehler.
Httet Ihr vorher bei Tische auch so geklatscht, gewiss htte dann auch
jener Kranich ein zweites Bein herausgestreckt." Der Herr muss lachen
und kann nicht umhin, ihm zu verzeihen.

Es nimmt kein Ende. Da ist die wunderliche Geschichte von der
Priesterhose (Tag IX, Nov. 2), des Skalza Witz von den "Baranci" (Tag
VI, Nov. 6), die tolle Nachtherberge im Mugnone-Tal (Tag IX, Nov. 6) und
eine Menge anderer. Wenn man sie liest und sein unendliches Vergngen
daran hat, knnte man wohl zuweilen meinen, es passierten heutzutage
niemals mehr so drollige und gepfefferte Geschichten. Aber dem ist
freilich nicht so, sondern diese Sorte von Abenteuern ist unsterblich,
und ich selber knnte Euch mancherlei von dieser Art, was ich selber
erlebt und gesehen habe, erzhlen, wenn ich von der herrlichen Kunst und
Gabe des grossen Giovanni Boccaccio auch nur den zehnten Teil bessse.




[Illustration: HERM. HESSES SCHRIFTEN]

ROMANTISCHE LIEDER.
  Bei E. Pierson, Dresden 1898


HERMANN LAUSCHER.
  Bei R. Reich, Basel 1901


GEDICHTE.
  Bei G. Grote, Berlin 1902


PETER CAMENZIND.
  Bei S. Fischer, Berlin 1904




             *Insel-Verlag -- Leipzig -- Lindenstrasse 20.*
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                Das Decameron des Giovanni di Boccaccio

    Neue, vollstndige Taschenausgabe in drei Bnden unter
    Zugrundelegung der _Schaum_schen bertragung von 1823;
    durchgesehen und vielfach ergnzt von _D. Carl Mehring_.
    Zweifarbiger Titelrahmen und Einbandzeichnung von _Walter
    Tiemann_. Gewhnliche Ausgabe auf feinem dnnem englischen
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                   *EINE SAMMLUNG VON MONOGRAPHIEEN*
                  HERAUSGEGEBEN VON DR. CARL HAGEMANN
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    Bd.   I.    Der grosse Schrder     von Prf. B. Litzmann
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    Goethe als Theaterleiter         von Philipp Stein
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                    *Herros & Ziemsen, Wittenberg.*




                     Anmerkungen zur Transkription


Das aus dem Dekameron (aus der Einfhrung zur neunten Novelle des ersten
Tages) stammende Zitat am Anfang des hier vorliegenden Werkes ist
ungenau: conciossiecosach sollte gewhnlichen Ausgaben zufolge _con ci
sia cosa che_ zitiert werden. (Der wesentlich Fehler liegt in der
Buchstabenfolge _sie_ in der Mitte des Wortes.)  Im selbigen Zitat fgte
Hesse das aus dem vorangehenden, nicht zitierten Satzteil stammende Wort
novelle zur Herstellung des Kontextes ein.

Hesses Schreibweise einiger Namen von Figuren des Dekameron weicht vom
italienischen Original ab und ist hier wie von Hesse gewhlt belassen
worden. In der folgenden Liste wird die italienische
Originalschreibweise in Klammern aufgefhrt: Michele Skalza [*Scalza*],
Bruder Zippolla [*frate Cipolla*], Baranci [*Baronci*].

Der folgende Druckfehler wurde korrigiert:

  - *Seite 38, Zeile 12:* _schon frhe des fteren_ ----> schon frher
    des fteren




*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK BOCCACCIO ***




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   Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg(tm)


Project Gutenberg(tm) is synonymous with the free distribution of
electronic works in formats readable by the widest variety of computers
including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
people in all walks of life.

Volunteers and financial support to provide volunteers with the
assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg(tm)'s
goals and ensuring that the Project Gutenberg(tm) collection will remain
freely available for generations to come. In 2001, the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation was created to provide a secure and
permanent future for Project Gutenberg(tm) and future generations. To
learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and
how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 and the
Foundation web page at http://www.pglaf.org .


  Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
                               Foundation


The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the state
of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal Revenue
Service. The Foundation's EIN or federal tax identification number is
64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
http://www.gutenberg.org/fundraising/pglaf . Contributions to the
Project Gutenberg Literary Archive Foundation are tax deductible to the
full extent permitted by U.S.  federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr.
S. Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
throughout numerous locations. Its business office is located at 809
North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
information can be found at the Foundation's web site and official page
at http://www.pglaf.org

For additional contact information:

    Dr. Gregory B. Newby
    Chief Executive and Director
    gbnewby@pglaf.org


Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg Literary
                           Archive Foundation


Project Gutenberg(tm) depends upon and cannot survive without wide
spread public support and donations to carry out its mission of
increasing the number of public domain and licensed works that can be
freely distributed in machine readable form accessible by the widest
array of equipment including outdated equipment. Many small donations
($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United
States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
with these requirements. We do not solicit donations in locations where
we have not received written confirmation of compliance. To SEND
DONATIONS or determine the status of compliance for any particular state
visit http://www.gutenberg.org/fundraising/donate

While we cannot and do not solicit contributions from states where we
have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
against accepting unsolicited donations from donors in such states who
approach us with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make any
statements concerning tax treatment of donations received from outside
the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.

Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
methods and addresses. Donations are accepted in a number of other ways
including checks, online payments and credit card donations. To donate,
please visit: http://www.gutenberg.org/fundraising/donate


 Section 5. General Information About Project Gutenberg(tm) electronic
                                 works.


Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg(tm)
concept of a library of electronic works that could be freely shared
with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
Gutenberg(tm) eBooks with only a loose network of volunteer support.

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