The Project Gutenberg EBook of Ass, by Ren Schickele

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Title: Ass

Author: Ren Schickele

Illustrator: Ottomar Starke

Release Date: November 8, 2012 [EBook #41318]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK ASS ***




Produced by Jens Sadowski








ASS


NOVELLE
VON
REN SCHICKELE


LEIPZIG
KURT WOLFF VERLAG
1916


Mit Titelzeichnung und zwei Bildbeigaben nach
Originallithographien von Ottomar Starke.
Gedruckt bei E. Haberland in Leipzig-R. im
November 1915 als vierundzwanzigster Band
der Bcherei Der jngste Tag


COPYRIGHT 1915 BY KURT WOLFF VERLAG  LEIPZIG




ASS


Aus einer Indischen Reise.

Pondichry an der Koromandelkste ist eine alte franzsische Provinzstadt,
wie es sie in Frankreich selbst wohl kaum noch gibt. Sie liegt still und
wei mit groen Pltzen und winkligen Straen, deren Namen die Schreibweise
des vorvorigen Jahrhunderts beibehalten haben. Ich war an den Chefarzt des
Hospitals empfohlen, und da wir nur zwei Tage bleiben sollten, beeilte ich
mich, ihn aufzusuchen.

Ich traf ihn vor einem Pavillon inmitten von Palmen und gezirkelten
Rasenflchen, auf deren Grn die Tulpen wie kleine bunte Laternen brannten.
Die Palmen standen so dicht zusammen, da sie ihre harten Wedel in der Hhe
vermischten, doch schienen sich diese in dem grellen Licht, das sie
tausendfach durchlcherte, zu verflchtigen, man bekam Schwindel, wenn man
lange hinaufsah, der ganze Palmenwald fuhr mit einem in den Himmel. Um so
zuversichtlicher kam dann der Blick auf den Rasen zurck, wo die Tulpen der
Sonne tapfer standhielten, die sie mit Haut und Haaren aufzufressen drohte.
Sie glichen eigensinnigen Kindern, die sich nicht von der Stelle rhren.
ber die roten Sandwege, zwischen den Bumen, in den Bschen voll Glanz und
Dunkel flitzten die Mungos, halb Eichhrnchen, halb Wiesel. Die Europer
zchten sie und lassen sie auf die Schlangen los, die der Hindu nicht von
Menschenhand gettet haben will, weil sie, wie alle Tiere, wandernden
Seelen zum schicksalsvollen Aufenthalt dienen.

Wir wechselten die blichen Begrungsworte und schritten durch den
Palmenwald einem berhellen, zitternden Stck Horizont entgegen.

Was ist das fr ein magisches Licht, das sich dort hinter den Stmmen
bewegt? fragte ich und deutete auf die weie Flamme.

Mein Begleiter blickte auf: Ja, nicht wahr? ein magisches Licht! . . . Und
es ist doch nur eine Hauswand, die Wand eines Pavillons. Allerdings eines
Pavillons in Sdindien. Unsere schne, schne Sonne! Fast alle Europer
hassen sie . . . Ich bleibe einzig und allein ihretwegen hier . . . Vor
zwei Jahren war ich zum letztenmal in Europa . . . Nie wieder! . . . Schon
im Mittellndischen Meer fhlte ich, wie der blaue Himmel ber uns langsam
hinwelkte, das Licht hing stumpf und schwer ber einem kraftlos glitzernden
Meer, das Fenster der Welt schien beschlagen. -- Vierzehn Tage spter
landete ich in einem feuchtkalten Keller. Das war Europa. Jetzt bleibe ich
hier bis zum Ende . . .

Wir betraten den Pavillon, der vom Rauschen der elektrischen Fcher erfllt
war, und wo die Khle duftete.

Der Arzt fhrte mich in ein groes Zimmer. Zwei Betten standen darin. Das
eine war leer, in dem andern lag eine alte Hindufrau, das Gesicht tief in
blauschwarzem Haar. Daneben sa ein Europer, der sich bei unserem Eintritt
erhob: eine magere, gebeugte Gestalt, unter Mittelgre, jedoch auffallend
breitschulterig. Haupthaar und Schnurrbart waren schlohwei. Das fahle
Gesicht beunruhigten kleine, wimmelnde Augen. Aber als ihr Blick sich auf
mich legte, empfand ich etwas zugleich Beklemmendes und Beglckendes, eine
gtige Schwermut, die traurig machte und doch selbst vollkommen leidlos
schien. Vielleicht ist das der Ausdruck des tiefen Glcks, das ja ebenso
vereinsamt, wie der groe Schmerz.

Der Arzt machte uns mit einander bekannt.

Herr Frmard ist ein hervorragender Beamter unserer Kolonie, der auf eine
mehr als dreiigjhrige Dienstzeit zurckblickt. Er leistet seiner
erkrankten Frau Gesellschaft. Madame befindet sich auf dem Weg der
Besserung. Dann lie er mich mit dem Franzosen allein.

Whrend ich mich auf einen Stuhl setzte, den der Franzose mir reichte,
wobei er in reizend liebenswrdiger Weise die Unterhaltung begann, sah die
dunkle, verwitterte Frau in den weien Kissen uns reglos zu. Sie hatte jene
sanften Hinduaugen, die schnsten Augen der Welt, die mich auf meiner Reise
durch Indien begleitet haben wie eine immer erneute Gnade, Schatten und
Khle gewordenes Feuer. Mit einem Blick, der mhelos durch alle Dinge
hindurchging, ohne Sto sich umsah wie ein bestndiger Wind, uralt und eben
geboren -- ein Ausdruck Gottes, ein Wunder. O, ich erinnere mich ihrer, ich
vergesse sie nie: die seligen Augen, die Ewigkeit seliger Augen, die aus
den uralten Liebesgesngen Indiens blicken, wie sie uns noch immer, auf
allen Straen dieses Landes, hundert- und tausendmal begegnen, Schatten und
Khle gewordenes Feuer, schwarzer Diamant, den die indische Sonne flssig
erhlt, groe dunkle Tropfen Seele, die, ganz langsam, durch das blendende
Licht fallen. Wie war das lederne, knochige Gesicht, fast schon ein
Totenkopf, von der Schnheit der tiefliegenden, wie schon halb versunkenen
Augen berschwemmt!

Ist Ass nicht schn?! rief der Franzose. Die Frau verstand offenbar
seine Sprache, denn sie verzog die harten Muskeln um ihren Mund zu einem
Lcheln, einem Lcheln, das die zahnlosen Kiefer entblte und zuckend ber
das ganze Gesicht kroch, dessen Hlichkeit noch entstellend. Zugleich
stieg aus ihren Augen eine Wolke schimmernden Dunkels: Glck!

                   *       *       *       *       *

Da rckte der Franzose mit dem Stuhl nher und berhrte mein Knie:

Darf ich Ihnen erzhlen, wie ich Ass kennen lernte? O, es ist lange her,
es war drben in Frankreich, in Paris, unter der Regentschaft des Herzogs
von Bourbon, jedoch ich entsinne mich genau des Morgens in Saint-Sulpice,
wo mir bewut wurde, welchen Schatz ich, der arme, kleine Chevalier
d'Aydin, in Ass gefunden hatte.

Ich hrte stehend die Messe an. Wenn das Rascheln eines Kleides an mein Ohr
drang, dachte ich an das Bse, das sich da rhrte. Ein Ruspern, ein
Degenklirren gemahnte mich, da ich von Raubtieren umgeben war, die ihre
Beute musterten, und, den Sprung berechnend, lautlos heranschlichen. Alle
lauerten unruhig hinter der zur Schau getragenen Wrde. Ihre Gedanken,
unter denen sich Kleider, Percken, Stcke und Degen unausgesetzt wie in
einem Luftzug bewegten, verwandelten das Heiligtum in einen Ort der
berlegten, sorgsam vorbereiteten und dann, pltzlich, mit Peitschenhieben
losgelassenen Laster. Saint-Sulpice war das Palais-Royal am frhen Morgen
. . . Bald verga ich alle, die sich um mich rhrten, bis auf eine, deren
Stille anschwellend zu mir drang und mich einhllte. Obwohl ich damals
leider nicht mehr glubig war, folgte ich doch der heiligen Handlung mit
aufmerksamer Hingabe. Die sich steigernden Gebrden des Opfers reinigten
auch mich, indem sie mit ihrer, aus dem Dunkel der Geschlechter und meiner
eigenen Kindheit wirkenden Kraft meine Sammlung vertieften. Alles, was vor
der Welt den Herrn Chevalier d'Aydin ausmachte, fiel von mir ab, die
tausend Nichtigkeiten, die sich in einem lautern Charakter festsetzen und
an ihm zehren, starben, es blieb nur ein menschlich Herz, das an seine Gte
glaubt. Als die Klingel rief und der Priester ber der in die Knie
gesunkenen Gemeinde die Hostie hob, empfand ich diesen Augenblick als den
beglckenden Hhepunkt meines Zwiegesprchs mit dem Ewigen.

Ich hatte zwei Jahre am Rande der tollen Kirche gelebt, in der die Teufel
Menuett tanzten, da den armen Engeln das Entsetzen durch die steinernen
Glieder rann und die Frommen vor dem Altar nicht aus ihren Gebeten
aufzublicken wagten. Aber die Versuchungen hatten mich in meinem Winkel
aufgesucht, Frauen ergriffen meine Hnde und wollten mich in das Gedrnge
ziehen, wo die Wildheit der einen sich an der Berhrung der andern
entflammte, wo der Atem all dieser erhitzten Menschen, der Duft ihrer
Blumen und Essenzen, die zngelnden, stachelnden Liebkosungen ihres Witzes
und ihre tiefen Schreie eine Atmosphre schufen, die wie eine glitzernde
Glasglocke ber ihnen stand. Die Strke der Versuchung hielt mich zurck.
Denn so sehr empfand ich die Gewalt des grenzenlosen Lustverlangens, da
ich meinte, ich mte in wenigen Wochen tot oder als ein Krppel
zusammenbrechen, wenn ich dem grausamen Jagdruf meiner Sinne folgte. Wie
andere mit unverletzlichem, weil demtigem Vertrauen an Gott glauben, so
stellte ich all meinen Mut auf die Liebe. Meine Mutter war eine reine Frau,
sinnlich, heiter und berlegsam, die ihren Mann liebte, nicht heute,
gestern und morgen, sondern wahrhaft in Ewigkeit. Darum konnten
Enttuschung, Schmerz und manchmal recht langer Gram kommen, sie bckte
sich mit verhaltener Innigkeit unter dem Windsto, der vorberzog, ihr Mund
blieb jung und ihre Liebe ein einziger Sommer. Sie konnte nicht rechten,
weil sie an das Geschenk ihrer Liebe keine Bedingungen geknpft hatte, und
sie liebte auch nicht, um dafr belohnt zu werden. Sie liebte.

Das war alles. Ich war ihr einziger Sohn. Und wenn sie mich auch nicht
fromm erhalten konnte, so bewahrte sie mich doch stark und gerade.

Als ich, zweiundzwanzigjhrig, nach Paris kam, stellte ich mich, ber meine
Unscheinbarkeit erfreut, belustigt und die Menschen nehmend, wie sie waren,
aller Kamerad, ohne Furcht vor Gefahr und Verrat, unter die einstrmenden
Gste des Karnevals, sah alles, nahm manchmal teil und suchte gleichzeitig
mit den Blicken, ob nicht vielleicht irgendwo eine Frau stnde und ihren
wissenden Blick ebenso schweifen liee . . . Sie sa vor dem jungen Herrn
von Richelieu, der mit strahlendem Gesicht auf sie einredete! Ihre eine
Hand hielt die andere fest umschlungen, und ihr Blick irrte hilfesuchend
durch den Saal. Der Blick traf mich und verweilte; ich kam. Richelieu
stellte mich vor. Ich verlie sie nicht an diesem Abend. Wochen, Monate
warb ich um ihre Liebe, bis sie mich eines Tages fortschickte . . . Ich
sollte sie vergessen . . . Und reiste acht Monate ins Ausland, kam zurck.
Sie gab sich mir. Ich bot ihr meine Hand an, sie schlug sie aus und lie
mich versprechen, niemand zu sagen, da ich sie habe heiraten wollen.

Alle Frauen von Paris zusammen hatten nicht so viel Liebeskraft, wie Ass
in einer Stunde an ihren Geliebten hingab. Es war, als ob die Liebe der
Welt in ihrem Herzen zusammenstrmte. Sie war so voll Liebe, da sie mich
nur von weitem anzublicken brauchte: gleich fhlte ich in mir eine Quelle
von Freude aufbrechen, die meinen ganzen Krper durchdrang und sogar
verklrte, was um mich war. Ich ging in meinem eignen Schein. In Wahrheit
trug ich nur einen Abglanz von Ass durch die Stadt. Sie aber leuchtete
wirklich.

Das alles wurde mir an jenem Morgen in Saint-Sulpice klar.

Der Priester segnete die vornehme Welt, die diskret lrmend aufbrach und
sich mit herrischen Mienen aneinander drngte, whrend sie dem Ausgang
zustrmte. Die Mnner streiften die Frauen, es wurden heimliche Hndedrcke
und eindeutige Blicke gewechselt, ein beschnalltes Knie stie flchtig in
einen Rock. Vor der Tr wurden die Wagen aufgerufen.

Und wie seltsam: auch fr Ass wurde dieser Morgen entscheidend.

Als sie mit ihrer Zofe in der Kirche allein war, schickte sie das Mdchen
in die Sakristei und lie den Priester bitten, ihr die Beichte abzunehmen.

Ehrwrdiger Vater, sagte sie, Sie wissen ja, ich war ein Heidenkind; als
man mir von Christus erzhlte, liebte ich ihn gleich wie meinen groen
Bruder, und es fiel nicht schwer, mich zu bekehren. Im Gegenteil, mir war,
als sei ich, seit ich lebte, durch einen dunkeln Gang marschiert, immer
geradeaus, bis in die Kapelle des Klosters, wo im Weihrauch die goldene
Monstranz war und die weien Schwestern sangen. Aber nun sterbe ich daran.
Ich spre es, ich frchte sogar, da es schnell geht. Ich magere
schrecklich ab. Ich verzehre mich. Herr von Ferriol hat mir einmal
geschrieben, schlimmer als in einem Harem htten es die Frauen in Paris
auch nicht. Er hat vielleicht recht. Und die Frauen wollen es ja nicht
anders. Aber ich kann nicht. Ich liebe, ehrwrdiger Vater, ich liebe mit
ganzem Herzen, und, nein, ich kann meine Liebe nicht fr Snde halten. Aber
das ist es nicht. Ich mu sterben, weil ich den Chevalier nicht heiraten
kann . . .

Der Priester wollte sie unterbrechen, aber Ass fuhr schnell fort:

Ja, er will mich heiraten -- ihn trifft keine Schuld. Sie mssen einsehen,
da ich ihn nicht heiraten darf. Er kann keine Sklavin heiraten, und ich
bin eine Sklavin, eine bse, eiferschtige Sklavin, die ihm nie verziehe,
wenn er sie einmal nicht mehr liebte, und sich gleich auf der Stelle
wegwrfe, um sich an ihm zu rchen. Wie sind sie jetzt schon hinter mir
her! Oh, sie haben mich verhhnt, als ich herkam, und gesagt, man sehe an
meinem Gang, da ich eine Sklavin sei, ich stiee mit dem Fu ein rohes Ei
vor mir her, darum schliche ich so. Dann haben sie alle versucht, meinen
Gang nachzuahmen. Ich bin ihnen nicht bse, viele haben mich gestreichelt,
-- und im brigen wei ich sehr wohl, da ich schner bin, als sie, und da
sie neidisch sind, je lter sie werden. Und sie werden jeden Tag lter.
Nein, ich bin ihnen nicht bse. Wer fnde es nicht natrlich, da sie einen
Eindringling wie mich nicht gelten lassen wollen! Und wissen nicht alle,
da Herr von Ferriol mich auf dem Sklavenmarkt wie ein Tier gekauft hat,
damit ich ihm nach seiner Rckkehr wie ein Tier diene? Sie htten nur
gewnscht, da ich nicht auf ihn wartete. Denn sie leiden, wenn sie sehen,
da jemand nicht betrogen wird, und was mich betrifft, so schwanken sie
zwischen Abscheu und Zufriedenheit. Sie verabscheuen mich, weil ich
tugendhaft scheine, sind es aber zufrieden, weil meine Dummheit, wie sie
sagen, mich unschdlich macht. Dem Chevalier geht es nicht besser. Sie
haben ihn nicht fr sich haben knnen, jetzt tun sie alles, um ihn aus
ihrer Gesellschaft zu vertreiben. Zugleich freuen sie sich, da er mich
liebt. Denn er ist nicht reich, ohne Protektion, und ich -- mir gehrt
nicht einmal das Hemd an meinem Leib. Es ist frchterlich, arm zu sein. Und
daran bin ich schuld, ich allein. Aber ich liebe ihn, doch, ich liebe ihn,
liebe ihn, liebe ihn! . . . Was soll ich tun? Fr sie bin und bleibe ich
die Sklavin des Herrn von Ferriol. Sie wollen es nicht anders. Es darf
nicht anders sein.

Sie warf den Kopf auf den Arm und sthnte auf. Der Priester im Beichtstuhl
hatte die Augen geschlossen und schwieg. Er kannte jede Falte in Asss
Herzen und wute, da sie ohne einen Schatten von Hochmut, gut und geduldig
war, und wie still sie selbst Beleidigungen hinnahm. Daran konnte er die
Gre ihres Schmerzes ermessen, wie sie, die er immer gefat gesehen hatte,
nun verzweifelnd vor ihm lag. Es gab nur ein Mittel, ihr zu helfen. Er
sagte ihr: Christus kannte keine Sklaven, alle Menschen waren gleich vor
ihm.

Ist das ganz sicher? schluchzte Ass.

Nichts konnte gewisser sein. War nicht Christus selbst ein Sklave? Waren
nicht fast alle seine ersten Anhnger, Apostel und Mrtyrer, Sklaven? Arme,
verachtete Sklaven? Hatte er nicht selbst gesagt: Es geht leichter ein
Kamel durch ein Nadelhr, als ein Reicher in den Himmel? Sie war Christin.
Alle Christen waren Brder und Schwestern. Der Knig und seine Leibeignen
waren Brder. Wehe dem Knig, der es verga. Die letzten werden die ersten
sein. Am jngsten Gericht werden beim Ruf der Posaunen die mibrauchten
Throne zusammenbrechen und die Unwrdigen unter sich begraben, inde die
Armen und Gerechten an Gottes Seite treten. Sie war keine Sklavin. Sie
durfte nicht glauben, da sie eine Sklavin sei, das war Snde an Gottes
Kreatur . . . Sie liebte vielleicht zu malos, mehr, als man Menschen
lieben sollte. Er, der Priester, konnte es nicht billigen. Es war einer der
schlimmsten Fallstricke.

Ass schttelte heftig den Kopf.

Doch, das durfte sie nicht vergessen. Aber er hoffte, fr Menschen wie sie
habe Christus das Wort gesprochen: Ihnen wird verziehen werden, weil sie
viel geliebt haben.

Da bin ich so sicher, sagte Ass leise. Ich habe Christus nie
vergessen. Ich kann nur seine unendliche Liebe besser begreifen, seitdem
ich liebe, ich fhle ihn nher, ihn leibhaftig, mit seinen blutenden
Liebeswunden und seinem grenzenlosen Liebesblick ber Himmel und Erde. Wenn
ich ihn mir frher vorstellte, war er immer fern . . . Ehrwrdiger Vater,
ich wei erst, da er lebt, seitdem ich liebe.

Der Priester antwortete fast ebenso leise:

Ja, ich glaube, da ich Sie verstehe. Und ich will Ihnen beistehen mit
meinem Gebet . . . Ass, Sie sind keine Sklavin. Der Chevalier liebt nur
Sie, er kann gewi den Hof entbehren. Heiraten Sie ihn und verlassen Sie
mit ihm Paris. Sie drfen nicht seine Geliebte sein.

Ass dachte lange nach. Unmglich, flsterte sie endlich mit zitternder
Stimme. Denken Sie an den Prinzen von Conti, der seine Frau zuerst so
liebte . . . Sie waren kein Jahr verheiratet, da betrog er sie und kam
nicht einmal mehr nach Hause, um zu essen und zu schlafen. Alle sagen, da
sie einander hassen. Ich ertrge es nicht . . . Wenn er sie entbehren
sollte, zge es ihn vielleicht doch wieder zu den Frauen seiner
Gesellschaft. Ass fuhr in die Hhe und rief trotzig: Und dann, ich will
nicht noch einmal gekauft werden, wie ich gekauft worden bin, nackt und
blo, ohne Eltern und Freunde! Er soll mich lieben, bis ich tot bin, und
dann eine Dame heiraten, mit der er seinen Eltern unter die Augen treten
darf. Nach einer Weile fgte sie hinzu: Ehrwrdiger Vater, es dauert
nicht mehr lange! bitte, haben Sie Nachsicht mit mir, verstoen Sie mich
nicht.

Sie starrte in das Dunkel des Beichtstuhls mit angstgroen Augen, die ihr
Urteil erwarteten.

Dann sagen Sie wenigstens und lassen Sie verbreiten, da der Chevalier
Ihnen seine Hand angeboten hat.

Warum? fragte Ass.

Damit Ihre Liebe nicht erniedrigt wird.

Er bat Ass, bald wiederzukommen, und entlie sie ohne Absolution . . .

                   *       *       *       *       *

Am Abend dieses selben Tages gab der Regent seinen Freunden ein Fest. Da
sa Ass und war gezwungen, Frau von Berry, der Tochter des Regenten, die
in fetter Rte neben ihr thronte, ihre Beobachtungen ber das Hofleben
mitzuteilen. Sie wandte das schmchtige Gesicht hin und her und konnte ihre
Ungeduld nicht verbergen.

Madame, Sie verzeihen, aber Ihre Sitten werden mir wohl immer ein wenig
fremd bleiben. Herr von Ferriol hat mich auf einem Sklavenmarkt aufgelesen,
wo ich, elfjhrig, zum Kauf angeboten wurde, und mich nach Paris in seine
Familie und dann ins Kloster gebracht. Ich habe mir viel Mhe gegeben zu
lernen. Trotzdem kann ich nicht lieben, wie die hohen Damen, die mich mit
ihrer Freundschaft beehren.

Die Herzogin von Berry warf den Fcher auseinander und sagte
entschuldigend:

Sie sind ja auch noch fast unverdorben . . . Herr von Ferriol wird sich
freuen, Sie in solchem Zustand zu bekommen. Wie lange bleibt er denn noch
in Konstantinopel?

Ass errtete.

Madame. Sie tun Herrn von Ferriol Unrecht. Herr von Ferriol ist fr mich
wie ein Vater.

Hren Sie? Hren Sie? rief die Herzogin und winkte mit dem Fcher. Der
Regent blieb vor ihnen stehen:

Braune Diana mit den Honigschultern, sollten Sie endlich meiner Tochter
gestanden haben, da Sie mich nicht mehr verabscheuen?

Der Graf von Charolais aber, der wieder getrunken hatte, sammelte schnell
einige Herren und stellte sich mit ihnen in die nahe Fensternische, von wo
sie Asss Minenspiel beobachten konnten.

Aufgepat, flsterte er. Ich habe zweihundert Dukaten gegen ihre
Unschuld gewettet! Wenn ich euch sage, da Richelieu Bresche gelegt hat
. . . .

Ass sah, wie alle Gste des Regenten einen Kreis um sie schlossen, und
sie bemerkte auch den lsternen Stolz, mit dem Frau von Ferriol, die sie,
mit Spott, ihre Stiefmutter nannten, jetzt durch die wispernden Gruppen auf
sie zuschritt. Das war die ganze Belagerungsarmee, die der Regent geworben
hatte und mit Versprechen von Gold, Regimentern, Pfrnden, Titeln und
wiederum Geld und -- Liebe in Atem hielt. Und dort aus der Tr trat der
bildschne Richelieu, lchelnd, wie immer. Sie schlug erschreckt die Augen
nieder.

Beschmen Sie mich nicht. Wie knnte ich Sie verabscheuen, wo Sie gut zu
mir sind.

Indes, Sie lieben mich auch nicht, und es ist -- vielleicht eine
schlechte, aber, ich versichere Sie, unberwindliche Gewohnheit von mir,
geliebt zu werden!

Ass hob lachend die Augen:

Ich gestand gerade der Frau Herzogin von Berry, da ich nichts von dieser
Liebe verstehe.

Hier aber fuhr Frau von Averne dazwischen, die Ass allzu kokett fand:

Nein, meine Liebe, Sie sind treu, und ich wnschte sehr, da diese Tugend
hier mehr verbreitet wre.

Nun? flsterte Charolais. Seht nur die beiden Weiber an! Wie?

Treu? Herr von Richelieu, wenn Sie mein Freund sind, so fhren Sie Frau
von Averne an die frische Luft, sie knnte sich sonst von ihrem Temperament
hinreien lassen, mich noch einmal zu unterbrechen . . . Treu? Sind Sie
treu?

Wie knnte ich treu sein, da ich nicht liebe?

Gar nicht? Auch nicht den Chevalier?

Noch lange nicht, wie ich mchte.

Da eine Pause eintrat, whrend deren der Regent mit seinen heigespielten
Blicken in den groen Augen vor ihm nach einem Fnkchen suchte, um es zu
entflammen, hrte man die Herzogin von Berry gelangweilt ausrufen:

Wann wird denn endlich das Feuerwerk abgebrannt?

Der Regent nickte:

Die Zndschnur will nicht Feuer fangen . . . Die Hoffnung erhlt mich am
Leben, Mademoiselle.

Er reichte seiner Tochter den Arm -- Vor Ass und Frau von Ferriol stand
der Kardinal Dubois und schwrmte leise:

Madame, Sie sind heute schner denn je, und glauben Sie mir, der Regent
hat ebenso gute, wenn nicht bessere Augen, als ich. Kennen Sie schon die
Geschichte von der Stiftsdame, die sich in die Venus verwandelte? Herr Graf
von Charolais, wenn Sie zuhren wollen, mssen Sie nhertreten . . . Ich
bitte darum . . . Eine Stiftsdame, wie gesagt. In der Garderobe des
Regenten stand auf dem Postament eine Venus, die, weil irgendwie
beschdigt, zur Reparatur weggebracht worden war. Unsere Stiftsdame schlich
sich ins Zimmer, entkleidete sich, nahm den Platz der Gttin ein, und wie
der Regent sich zur Ruhe begeben wollte -- Ich mu sagen, da die Dame von
Natur wunderbar geformt war. Jedoch, es zeigte sich, da sie kein Herz
hatte. Der Regent mute ihr bedeuten, da er es nicht liebe, wenn Damen
zwischen zwei Bettchern von Geschften reden, und schickte sie fort
. . . Sie scheinen toll vor Liebe und wollen doch nur Geschfte machen. Ein
Herz fehlt, ein Herz, das zugleich Frankreichs Herz wre. Denn im Grund ist
er der edelste Charakter, ich kann sagen, der edelste von allen, die ich
kenne.

Er sah Ass fragend an.

Sie lchelte.

Das begreife ich, sagte sie, erhob sich langsam, und dann streckte sie,
wie ein Mdchen, mir, mir, der auf sie zueilte, die kleine runde Hand
entgegen. Zugleich nahm Charolais den Arm des Kardinals:

Kommen Sie, ich mchte den Kerl erst aufspieen, wenn der Regent sich
zurckgezogen hat. Machen wir unterdessen ein Spiel.

Seit vier Stunden bete ich zur himmlischen Jungfrau, da sie dich schicken
mge, um mich zu befreien. Jetzt bist du da.

Wir setzten uns nebeneinander an die Wand, den Saal vor uns, und nahmen
eine Haltung ein, als ob wir plauderten. So sangen wir einander unsere
Liebe zu. Wir htten am liebsten geschwiegen, weil wir dann die Stimme am
deutlichsten hrten. Aber wir wagten es nicht. Gleich htte sich, mit
spttischem Gesicht, ein Kavalier eingefunden und behauptet, da er die
junge Dame unterhalten msse. Wir hockten wie halb versteckt an den
untersten Stben eines groen Papageienkfigs, den von Zeit zu Zeit grelle
Flge durchbrausten. Sie strten die sich artig und listig drehenden
Tierchen gewaltsam auf. Dann war alles ein bunter kreischender Wirbel, der
den Kfig selber hochzuheben und fortzureien schien. Aber pltzlich
standen sie wieder in Reih und Glied, schttelten zeremonis die Flgel,
verteilten sich gravittisch, zu vier und fnf, auf den vielen Stben und
Ringen und taten feierlich und immer kokett, als hielten sie, in
verschiedenen Kommissionen, eine wichtige Beratung ab. Am Boden kauerten
Verletzte, andere schaukelten mit eingezogener Pfote auf den Ringen. Sie
gaben sich die grte Mhe, wohlauf und keck zu scheinen, und wuten die
schmerzhaften Zuckungen ihrer Flgel so zu deuten, als ob sie sich gar
nicht an die Ruhe gewhnen knnten und am liebsten gleich wieder den
Verstand verlren. Es kam vor, da einige mit dem Leben auch die Fassung
einbten und rcksichtslos auf den Rcken fielen . . .

Als das Feuerwerk abgebrannt war, kam der Regent auf uns zu.

Chevalier, rief er, ich werde Sie an die Grenze schicken.

Ass, die er dabei ansah, wurde wei um die Augen.

Kind, wie knnen Sie mich fr so grausam halten. Wenn er Sie heiratet,
mache ich ihn zum Hauptmann in der Garde.

Sie sind ein Volk von Wilden, erwiderte sie matt, und der Regent ging
lachend davon. Die schne Trkin durfte sich viel herausnehmen!

Bald darauf entstand Lrm, Frau von Ferriol wand sich durch die nach dem
Spielzimmer drngende Menge:

Im Spielzimmer schlagen sie einander. Der Graf von Charolais hat verloren
. . . Das nennt man ein intimes Fest. Wir wollen nach Hause, -- bevor es
ihnen einfllt, sich ber die Frauen herzumachen.

Im Spielzimmer sah ich, wie der Graf von Charolais seine Freunde von sich
abschttelte und mit geschwungenem Degen auf ein Kruzifix losstrmte, das
ber dem Kamin hing.

Nieder mit ihm! brllte er. Nieder mit ihm . . .

                   *       *       *       *       *

In der Nacht bekam Ass, ohne ersichtlichen Grund, einen heftigen
Fieberanfall. Der Arzt lie sie zur Ader. Nun verfiel sie in einen Zustand
vollkommener Erschpfung, der lange anhielt. Als sie soweit hergestellt
war, da sie das Bett verlassen konnte, bat sie mich, sie fortzunehmen und
in der Nhe von Paris zu verstecken, so da es mir mglich wre, meinen
Dienst in den Gemchern der Regentin zu versehen und dennoch alle freien
Stunden und die Nchte bei ihr zu verbringen.

Ich war glckselig. Ich brachte sie in das Haus eines Pchters, der uns ein
groes Dachzimmer ablie, von wo wir, aus drei Fenstern, ber hohe Wiesen
blickten, die sich tief und gleichmig ausbreiteten, bis sie, auf der
einen Seite, vor einem Walde Halt machten, auf der anderen aber in den
offenen Himmel strmten. Wir waren wie auf einer Insel in einem grnen
Meer.

Ass hatte das Haus der Frau von Ferriol in einem einfachen Kleid
verlassen. Sie tat es ab, lste ihre Haare und legte sich nackt ins Bett,
und ich mute alles, was sie besa, bis auf die Haarspangen, Frau von
Ferriol berbringen mit Asss Dank fr die Wohltaten, die sie in ihrem
Haus empfangen habe: Sie wolle leben und sterben, wie sie gewesen, als Herr
von Ferriol sie gekauft habe. Auch bat sie Frau von Ferriol, sie in Schutz
zu nehmen, wenn man zu schlecht von ihr sprche.

In Asss Umarmungen verlor ich bald das Bewutsein von ihrer Krankheit.
Gab sie mir nicht so viel und mehr, als je zuvor? Zum erstenmal besa ich
sie ganz, ohne Rcksicht auf andere, nicht nur fr Stunden, in den
Zwischenakten der hfischen Komdie, sondern Tage und Nchte, wachend und
im Schlaf. Ich nahm sie nicht mehr in jenem wilden, schwindelerregenden
Anlauf, als mten wir uns schnell aus einer Welt von Verstellung und
Hlichkeit in einen Abgrund strzen, um in dessen Tiefe endlich zusammen
zu kommen und einander zu gehren. Immer war sie bereit fr mich, die
Zeiten des Tags und der Nacht wechselten auf ihrem Krper, Hell und Dunkel
lag in ihren Hnden, ihre Stimme hielt alles zusammen.

Sie schien das Geheimnis des ewigen Lebens zu kennen.

Sie war unerschpflich.

Ihre Arme hoben mich in den Himmel. Sie rief, den schwrmerischen Tod auf
den Lippen, und hielt mich an sich, bis ich wie in Feuer und Schnee in ihr
versank. Ihr Blick, die geringste Bewegung ihres Krpers brach strmende
Kraft in mir auf, und wenn ich mde war, deckte sie mich mit einem
Frhlingshimmel zu. Ein khlender Wind wehte und trieb Schafwlkchen ber
den Himmel. Die Erde roch feucht und erquickend, wie nach einem Regen. Weit
fort, am Waldrand, sangen die Vgel.

Jetzt hingen der Hof und Paris wie eine traumhafte Erscheinung in der Luft,
zitternd, ungewi, ich sah den mir wohlbekannten Chevalier d'Aydin mit
Verwunderung sich in diesem Bild bewegen, die Sinne versagten mir, dann
erwachte ich in Asss Armen zur Wirklichkeit . . . Seht nur das
Gespenst! riefen die Leute, wenn ich auf meinem Pferd durch die Straen
jagte. Der Chevalier ist blind und taub geworden, sagte man bei Hof. Ich
tat meinen Dienst mit einer Art schlafwandlerischer Sicherheit, ohne mich
einen Augenblick bei etwas aufzuhalten, was nicht zu der Funktion gehrte,
die ich, wie mir schien, seit undenklichen Zeiten ausbte. Wie ich mich so
gehen und sprechen, lcheln, den Nacken beugen fhlte, empfand ich mich
selbst immer mehr als ein Gespenst.

Im selben Mae wuchs die Macht meiner Vereinigung mit der Geliebten. Es war
ein Strudel, der alles anzog. Eltern, Kindheit, die kleinen und groen
Ereignisse meines Lebens, Hoffnungen und Begierden, alles drngte hier
zusammen und hatte nur noch Leben in ihren Armen. Manchmal sah ich
halbvergessene Menschen krperhaft herbeiwandern, ich hrte ganz nah den
Klang von meines Vaters Stimme, der aus dem Fenster des Wohnzimmers nach
mir rief, ferne Gegenden kamen geschwommen, wie Treibeis, mit Husern,
ckern, Herden darauf. Alles, was ich kannte, machte sich vom Boden los,
verlie die Welt des Scheins und kehrte in die Heimat zurck und nahm Platz
in meinem und der Geliebten einem Herzen.

O wunderbare, lebenslngliche Umarmung! Sie offenbarte mir die tiefe Gte
selbst der Verzweifelten. Wie alle jungen Mnner, hatte ich genossen, um zu
genieen, der Zerstreuung wegen, und weil andere ebenso taten, und auch, um
mich von einem Alb zu befreien, -- und die brennende Scham der Enttuschung
gekannt. Die ersten Frauen, die sich geben, sind ja selten die Geliebten.
Ich sah sie wieder und erkannte allerhand Zeichen, die ich frher bersehen
hatte, da in ihrem Lachen, in ihrem Fieberdurst, in ihrer bald koketten,
bald frechen Sachlichkeit, ihrer zerreienden Neugierde alte Mdchentrume
um Erfllung schrien. Sie betranken sich an der Liebe, wie auch oft am
Wein. Sie muten hinaus ins Grenzenlose, kostete es, was es wollte.
Versuchten immer wieder die Himmelfahrt, erwachten als Dirnen und begannen
von neuem, die Mnner verdarben sie, indem sie die Verfhrten an ihr Laster
gewhnten. Hatten nicht vier Edelleute die Marquise von Grac, der Regent
und der Graf von Charolais eine junge Witwe, Frau von Saint-Sulpice,
betrunken gemacht und die eine den Lakaien vorgeworfen, die andere unter
grausamen Belustigungen fast gettet? Der Regent nicht versucht, Frau von
Rochefoucault mit Hilfe seiner Tochter, die sie festhielt, gewaltsam zu
verfhren? Die Frauen wurden nachts in ihren Betten berfallen, ihre
Gatten, ihre Geliebten verkauften sie, des Gewinnes wegen, oder um selbst
ungehindert nach ihrer Laune zu leben. Sie konnten nicht anders, als sich
verachten, so sanken sie immer tiefer. Der Regent gab das Beispiel, da er
eines Abends bei Tisch sa mit Frau von Parabre, dem Kardinal Dubois und
dem Bankier Law. Gegen Ende der Mahlzeit brachte man ihm eine Verordnung,
die seiner Unterschrift bedurfte. Er konnte nicht schreiben, weil er
betrunken war, und reichte das Papier Frau von Parabre mit den Worten:
Unterschreibe, schlechtes Frauenzimmer. Sie weigerte sich. Da hielt er es
dem Kardinal hin: Unterschreibe, du Zuhlter, und als auch der ablehnte,
wandte er sich an Law: Dieb, so unterschreibe du. Law unterschrieb nicht.
Ein schnes Knigreich, seufzte der Regent, das eine Dirne, ein
Zuhlter, ein Dieb und ein Trunkenbold regieren! und unterschrieb. Aber
selbst die Verdorbensten waren nicht ohne Leidenschaftlichkeit! Frau von
Nesles und Frau von Polignac hatten sich im Bois von Boulogne duelliert,
weil keine wollte, da die andere Herrn von Richelieu beglckte. Und Frau
von Nesles war durch einen Schu in die Schulter verletzt worden. Das
Verlangen verbi sich rasend in sich selbst. Sie suchten alle die Liebe,
aber mit der Selbstachtung und dem Glauben rissen sie auch die Wurzeln der
Freude aus. Schlielich glichen sie alle mehr oder weniger dem Kardinal
Dubois, der sich fr die Nacht eine Dirne kommen lie und zwischen Bett und
Schreibtisch hin und her ging, ohne seine Arbeit zu unterbrechen, und der
jedem versicherte, da die Liebe nichts sei, als eine manchmal amsante
Gewohnheit . . . Und verirrten sich nicht selbst die Gedanken dieses vllig
ernchterten Teufels zu anderen, lieblicheren Gestalten, whrend er seiner
stumpfsinnigen Gewohnheit frhnte? Auf seinem tierischen Mund -- nun sah
ich es! -- schwebte schon das Wort, das ihn befreien sollte, sein lsterner
Blick war bereit, vor der Wahrheit abzudanken . . . Gleich ginge die
schwelende Inbrunst in Flammen auf . . . Ich nannte ihn Bruder. Wie sie in
meine Liebe einzogen, waren sie schon halb erlst -- alle! Das Leben glhte
auf, von einem berirdischen Strahl getroffen. Das Leben erfllte seinen
Sinn. Die Schmerzen hatten, litten ohne Ha, und die Glcklichen spendeten
mit reichen Hnden. Zwischen Geburt und Sterben stand das schwarze Kreuz
des Todes wie der Zeiger einer Wage. Ich lebte -- wie das Leben selbst.

Ass aber starb ewig den Liebestod.

Bin ich schon tot? fragte sie manchmal, wenn wir, noch ineinander
verschlungen, ruhten. Zwei Pflanzen waren wir, die, auer sich vor Freude,
einander mit ihren Sften durchdrangen und voneinander zehrten. Die Mndung
zweier Strme. Ein Kandelaber mit vielen brennenden Kerzen.

Ass ffnete nicht einmal die Augen, wenn ich sie verlie, und meine
Rckkehr war, als htte ich sie nie verlassen. Wir kannten weder Zwang noch
Versagen. Wir waren die beiden Flgel eines Vogels, die einander mhelos
berboten und sich zusammenschlossen.

O Wollust, rief sie, gute Wollust!

Ass wute nichts mehr von Paris, sie war im Kloster gestorben, als die
Monstranz funkelte und die hellen Schwestern sangen. Der Geliebte hatte
sich ber sie gebeugt, sie auf seine Schulter gehoben und in den Himmel
getragen. Nun kte er sie unaufhrlich, und sie umarmte ihn ohne Ende. Wir
brannten und hatten wieder khl. Millionen Wesen nahmen, von _einem_ Blut
durchstrmt, an unserer Freude teil, eine unbersehbare, glckverstummte
Schar, aus der manchmal, deutlich erkennbar, die Heiligen auftauchten.
Ass erkannte sie nach den Bildern, die sie auf der Erde von ihnen gesehen
hatte. Es war ein ewiges Kommen und Gehen wie auf einem groen
Sklavenmarkt. Ein Sichsuchen, Sichfinden, ohne da wir einander verloren.
Zuweilen tauchte aus dem Goldlicht die dunklere Silhouette von
Konstantinopel. Auf den Minarets hoben sich ganz dnne Arme. Das waren die
Mnner, die zum Gebet riefen. Aber ihre Stimme hrte man nicht.

Asss Gang war noch leiser, ihre Bewegungen noch demtiger geworden. Sie
schwebte durchs Zimmer, bereitete das Essen, verweilte still und tat alles
mit der Selbstverstndlichkeit einer freien Magd. Sie kannte weder Scham
noch Furcht.

Eines Tages versuchte sie mhsam, sich aus meinem Arm zu erheben, und fiel
zurck. Da sagte sie:

Du mut meinen Beichtvater holen.

Der Priester kam und traute uns. Der Pchter und ein Knecht waren Zeugen.

Jetzt, rief Ass, kannst du tun, was dir beliebt, bis du stirbst. Dann
werden wir Hochzeit halten im Himmel, denn du bist mein Gatte! Hrst du?
Mein Gatte! Du gehrst Gott und mir allein.

In der Nacht begann der Todeskampf. Sie klammerte sich an mich, und litt
knieend in meinen Armen, die sie hielten. Dann strich sie mit beiden Hnden
langsam ber meinen Krper und legte den Kopf auf meinen Leib.

Ich hielt zwei Tage und zwei Nchte Totenwacht. Ass lag nackt und einsam
ohne eine Blume zwischen den Kerzen, sie schien mit den Haaren an das groe
weie Bett festgewachsen. Sie hllten sie in das Laken und legten sie in
den Sarg.

                   *       *       *       *       *

Am Grab war die mnnliche Gemeinde von Saint-Sulpice versammelt. Der Regent
lie sich durch den Grafen von Charolais vertreten. Als der Priester die
letzten Gebete sprechen wollte, verga er sie mit einemmal. Er starrte mit
gerteten Augen abwechselnd ins Grab und in sein Buch. Endlich sagte er
einfach:

Sie wird auferstehen!

Kurze Zeit darnach folgte ich meiner Geliebten. Als ich spt abends den
gewohnten Weg zum Pchterhause ritt, scheute auf der Brcke bei Suresnes
mein Pferd vor einem Wagen und sprang ber das Gelnder in die Seine. Ich
ertrank . . .

Der Franzose legte seine Hnde auf meine Kniee und sah mir lchelnd in die
Augen.

Ich ertrank, aber bald darauf erwachte ich in einem fremden Land. Ich sah
gleich, da alle Frauen hier Ass glichen und war nicht erstaunt, als ich
sie selbst eines Abends wiederfand. Sie sa im groen blauen Salon unseres
Gouverneurs, und ihre Augen suchten. Der Sohn des Gouverneurs hatte den Arm
auf die Lehne ihres Stuhles gesttzt und sprach gebeugten Hauptes auf sie
ein. Unsere Blicke trafen einander und lieen nicht los. Ich trat hinzu und
bat meinen Freund, mich vorzustellen. Aber ohne diese Frmlichkeit
abzuwarten, streckte Ass mir ihre kleine runde Hand entgegen . . . Und
nun werden wir vielleicht bald wieder sterben, jedes fr sich, und einander
scheinbar verlieren, um des Glcks willen, einander wieder zu finden. So
wandern wir durch die grenzenlose Welt, wir beiden . . .

Sein Blick lag auf mir, ein Blick, den ich bei den Betern im Ganges, nie
bei einem Europer bemerkt hatte, der Blick, der _hinbersieht_, kampflos
und weit offen, stark wie die Stille des Mittags in Benares, ausgefllt von
der Sonne, in deren volle Glut sie dort mit demtig zurckgebeugtem Nacken
hineinsehen. Ein Mrtyrerblick, neben dem die Frauen, die ihr nasses
Gesicht gleichfalls in die Sonne heben, sanft und mtterlich verblassen.
Ich hrte die Ventilatoren im Hause rauschen, und vor der offenen
Verandatr, die ein Moskitonetz verhing, balgten sich zwei kreischende
Papageien. Die alte Frau hielt die Augen geschlossen. Sie schien zu
schlafen.




Anmerkungen zur Transkription


Offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert.






End of the Project Gutenberg EBook of Ass, by Ren Schickele

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