The Project Gutenberg EBook of Nationalismus, by Rabindranath Tagore

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Title: Nationalismus

Author: Rabindranath Tagore

Translator: Helene Meyer-Franck

Release Date: October 2, 2012 [EBook #40920]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK NATIONALISMUS ***




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S. 75 erklrt es als eine Gefahr. Der . (Punkt) wurde zu , (Komma)
gendert; S. 78 sonderen Feinde allen Lebens sonderen zu sondern; S.
100 zur Herrschaft gekommen ist ,wird Leerzeichen vor Komma entfernt
und nach Komma hinzugefgt; S. 150 sozialen Ein-Dichtungen zu
verwirklichen Ein-Dichtungen zu Einrichtungen.

Auerdem wurden die Funoten, der Lesbarkeit halber, ans Ende des
zugehrigen Absatzes verschoben.




      RABINDRANATH TAGORE

      NATIONALISMUS

      MNCHEN
      KURT WOLFF VERLAG




Einzig autorisierte deutsche Ausgabe. Nach der von Rabindranath Tagore
selbst veranstalteten englischen Ausgabe ins Deutsche bertragen von
Helene Meyer-Franck

      16.-25. Tausend
      Copyright 1918 by Neuer Geist-Verlag in Leipzig




      NATIONALISMUS IM WESTEN


Die Geschichte der Menschheit gestaltet sich nach den Schwierigkeiten,
denen sie begegnet. Diese stellen uns Aufgaben, die wir lsen mssen,
wenn wir nicht herabsinken oder zugrunde gehen wollen.

Diese Schwierigkeiten sind verschieden bei den verschiedenen Vlkern der
Erde, und die Art, wie sie sie berwinden, macht ihren besonderen
Charakter aus.

Die Skythen des alten Asiens hatten mit der Kargheit ihrer natrlichen
Hilfsquellen zu kmpfen. Als die bequemste Lsung erschien ihnen, da
sie ihre ganze Bevlkerung, Mnner, Frauen und Kinder, zu Ruberbanden
organisierten. Und so wurden sie denen unwiderstehlich, deren
Hauptleistung die friedlich aufbauende Arbeit brgerlicher Gemeinschaft
war.

Aber zum Glck fr den Menschen ist der bequemste Weg nicht der ihm
gemeste Weg. Wenn er nur seinem Instinkt zu folgen htte, wie eine
Schar hungriger Wlfe, wenn er nicht zugleich sittliches Wesen wre, so
wrden jene Ruberhorden schon inzwischen die ganze Erde verheert haben.
Aber der Mensch mu, wenn er Schwierigkeiten gegenbersteht, die Gesetze
seiner hheren Natur anerkennen, deren Nichtbeachtung ihm zwar
augenblicklichen Erfolg bringen kann, aber ihn sicher zum Untergang
fhrt. Denn das, was der niedern Natur nur Hindernis ist, ist der hhern
Lebensform eine Mglichkeit zu hherer Entwicklung.

Indien hat vom Anfang seiner Geschichte an seine Aufgabe gehabt: das
Rassenproblem. Ethnologisch verschiedene Rassen sind in diesem Lande in
nahe Berhrung miteinander gekommen. Die Tatsache war zu allen Zeiten
und ist noch heute die wichtigste in unserer Geschichte. Es ist unsere
Aufgabe, ihr ins Gesicht zu sehen und unsern Menschenwert dadurch zu
erweisen, da wir sie im tiefsten Sinne lsen. Solange wir nicht diese
Aufgabe erfllt haben, wird uns Glck und Gedeihen versagt sein.

Es gibt andere Vlker in der Welt, die in der sie umgebenden Natur
Hindernisse zu berwinden haben oder von mchtigen Nachbarn bedroht
sind. Sie haben ihre Krfte organisiert, nicht nur so weit, da ihnen
von der Natur und von menschlichen Nachbarn keine Gefahr mehr drohen
kann, sondern da sie selbst durch ihre berschssige Kraft zu einer
Gefahr fr andere geworden sind. Aber die Geschichte unseres Landes, wo
die Schwierigkeiten innerer Art sind, ist eine Geschichte bestndiger
sozialer Schlichtung und Anpassung, nicht eine Geschichte zu
Verteidigung und Angriff organisierter Macht.

Weder die farblose Unbestimmtheit des Kosmopolitismus noch die
leidenschaftliche Selbstvergtterung des Nationalittskults ist das Ziel
der menschlichen Geschichte. Und Indien hat versucht, seine Aufgabe zu
erfllen, indem es einerseits die Verschiedenheiten in eine soziale
Ordnung gebracht und andererseits das Bewutsein der Einheit im Geist
entwickelt hat. Es hat schwere Fehler begangen, indem es zu starre
Schranken zwischen den Rassen aufrichtete und durch das Kastenwesen
gewisse Stnde dauernd herabdrckte und zur Minderwertigkeit
verurteilte; es hat oft den Geist seiner Kinder verkrppelt und ihr
Leben eingeengt, um sie den sozialen Formen anzupassen; aber
Jahrhunderte hindurch hat es immer wieder neue Versuche gemacht und
Ausgleichungen geschaffen.

Indiens Aufgabe war die einer Wirtin, die fr zahlreiche Gste zu sorgen
hat, deren Gewohnheiten und Bedrfnisse alle voneinander verschieden
sind. Dies bringt endlose Schwierigkeiten mit sich, deren Hebung nicht
nur Takt erfordert, sondern wahre Teilnahme und das Bewutsein der
Einheit des Menschengeschlechts. Dieses Bewutsein allgemein zu machen,
haben schon seit der frhen Zeit der Upanishads bis in unsere Zeit groe
religise Lehrer geholfen, deren Ziel es war, alle menschlichen
Unterschiede auszulschen im berstrmenden Gottesbewutsein. Unsere
Geschichte besteht frwahr nicht in dem Aufblhen und Zerfallen von
Knigreichen, in Kmpfen um politische bermacht. Bei uns sind die
Berichte von solchen Ereignissen verachtet und vergessen, denn sie
machen keineswegs die wahre Geschichte unseres Volkes aus. Unsere
Geschichte berichtet von sozialem Leben und von der Verwirklichung
religiser Ideale.

Aber wir fhlen, da unsere Arbeit noch nicht getan ist. Die Flut der
Welt ist ber unser Land hingefegt, neue Elemente sind uns zugestrmt,
und Anpassungen greren Stils sind ntig.

Wir fhlen dies um so mehr, als die Lehre und das Beispiel des Westens
dem, was wir fr unsere Aufgabe halten, gerade zuwiderluft. Im Westen
wird durch den nationalen Mechanismus von Handel und Politik die
Menschheit schn ordentlich in Ballen zusammengepret, die ihren Nutzen
und hohen Marktwert haben; sie sind mit eisernen Reifen umspannt, mit
Aufschrift versehen und mit wissenschaftlicher Sorgfalt und Genauigkeit
sortiert. Gott schuf doch wahrlich den Menschen, da er menschlich sei;
aber dieses moderne Produkt ist so wunderbar regelmig zugeschnitten
und poliert, hat so sehr den Charakter der Fabrikware, da der Schpfer
Mhe haben wird, es als ein geistiges Wesen zu erkennen, als das
Geschpf, das er nach seinem gttlichen Bilde schuf.

Aber ich greife schon vor. Was ich sagen wollte, ist dies. Nehmt es, wie
ihr wollt: dieses Indien hat seit wenigstens fnf Jahrtausenden
versucht, in Frieden zu leben, und dies Indien war ohne Politik, ohne
Nationalismus; sein einziger Ehrgeiz war, diese Welt als beseelt zu
erkennen und jeden Augenblick seines Lebens zu leben in demutsvoller
Anbetung und im frohen Bewutsein der ewigen und persnlichen
Verwandtschaft mit ihr. ber diesen abgelegenen Teil der Menschheit, der
die Harmlosigkeit des Kindes und die Weisheit des Alters hatte, brach
die Nation des Westens herein.

Bei allen Kmpfen und Rnken und Betrgereien seiner frheren Geschichte
war Indien selbst unbeteiligt geblieben. Denn seine Heimsttten, seine
Felder, seine Tempel, seine Schulen, in denen Lehrer und Schler in
Einfachheit und Frmmigkeit und stiller Arbeit zusammenlebten, seine
Drfer mit ihrer friedlichen Selbstverwaltung und ihren einfachen
Gesetzen -- alles dies gehrte wirklich zu Indien. Aber nicht seine
Throne. Sie berhrten es so wenig wie die Wolken, die ber sein Haupt
hingingen, bald mit purpurner Pracht gefrbt, bald schwarz,
gewitterdrohend. Oft hatten sie Verheerungen in ihrem Gefolge, aber sie
waren wie Naturkatastrophen, deren Spuren bald verschwinden.

Aber diesmal war es anders. Diesmal war es kein bloes Dahinjagen ber
die Oberflche seines Lebens -- ein Dahinjagen von Reitern und
Fusoldaten, von Elefanten mit reichen Schabracken, weien Zelten und
Sonnendchern, von Reihen geduldiger Kamele, die die Lasten des
kniglichen Hofes trugen, von Fltenblsern und Paukenschlgern,
Marmordomen und Moscheen, Palsten und Grbern. Dies alles kam und ging
sonst wie Perlen von schumendem Wein, und mit ihm die Geschichten von
Verrat und Treue, von pltzlichem Aufstieg und jhem Fall. Diesmal aber
trieb die Nation des Westens die Fhlhrner ihres Mechanismus tief in
den Boden hinein. Deshalb, sage ich euch, mssen wir selbst Zeugnis
ablegen von dem, was unser Volk fr die Menschheit bedeutete. Wir hatten
die Horden der Mongolen und Afghanen kennengelernt, die in Indien
einfielen, aber wir hatten sie kennengelernt als menschliche Rassen mit
ihren besonderen Religionen und Sitten, Neigungen und Abneigungen -- wir
hatten sie nicht als Nation kennengelernt. Wir liebten und haten sie,
wie die Anlsse es ergaben, wir kmpften fr oder gegen sie, sprachen
mit ihnen in einer Sprache, die sowohl ihre als unsere war, und halfen
so an unserm Teile mit, das Schicksal unseres Reiches zu lenken. Aber
diesmal hatten wir es nicht mit Knigen, nicht mit menschlichen Rassen
zu tun, sondern mit einer Nation -- wir, die wir selbst keine Nation
sind.

Wir wollen jetzt einmal aus unserer eigenen Erfahrung heraus die Frage
beantworten: Was ist eine Nation?

Eine Nation im Sinne politischer und wirtschaftlicher Vereinigung eines
Volkes ist die Erscheinung, die eine ganze Bevlkerung bietet, wenn sie
zu einem mechanischen Zweck organisiert wird. Die menschliche
Gesellschaft als solche hat keinen ber sie hinausreichenden Zweck. Sie
ist Selbstzweck. Sie ist die Form, in der der Mensch als soziales Wesen
sich von selbst ausdrckt. Sie ist die natrliche Ordnung menschlicher
Beziehungen, die den Menschen die Mglichkeit gibt, in gemeinsamem
Streben ihre Lebensideale zu entwickeln. Sie hat auch eine politische
Seite, aber diese dient nur einem besonderen Zweck, dem der
Selbsterhaltung. Es ist die Seite der Macht, nicht die des Lebensideals.
Und so war in frheren Zeiten die Politik nur ein besonderes Gebiet, das
Fachleuten vorbehalten war. Aber wenn mit Hilfe der Wissenschaft und der
immer vollkommener werdenden Organisation dies Gebiet zu erstarken
beginnt und reiche Ernten einbringt, dann wchst es mit erstaunlicher
Schnelle ber seine Grenzen hinaus. Denn dann spornt es alle seine
Nachbargebiete zur Gier nach materiellem Gewinn und infolgedessen zu
gegenseitiger Eifersucht an. Und weil jeder den andern frchten mu, mu
jeder nach Macht streben. Die Zeit kommt, wo es kein Halten mehr gibt,
denn der Wettbewerb wird hitziger, die Organisation nimmt immer grern
Umfang an, und die Selbstsucht wird bermchtig. Indem die Politik aus
der Gewinnsucht und Furcht des Menschen Vorteil zieht, nimmt sie in der
Gesellschaft einen immer greren Raum ein und wird zuletzt ihre
beherrschende Macht.

Es ist wohl mglich, da ihr, durch die Gewohnheit abgestumpft, das
Gefhl dafr verloren habt, da heutzutage die natrlichen Bande der
menschlichen Gesellschaft zerreien und rein mechanischer Organisation
Platz machen. Aber ihr knnt die Zeichen davon berall sehen. Ihr seht,
wie Mann und Weib sich gegenseitig den Krieg erklren, weil das
natrliche Band, das sie miteinander in Harmonie verbindet, gerissen
ist. Der Mann ist nur noch Berufsmensch, der fr sich und andere
Reichtmer erzeugt, indem er bestndig das groe Rad der Macht
dreht -- sich selbst und der allgemeinen Bureaukratie zuliebe. Die Frau
mag hinwelken und sterben oder ihren Lebenskampf allein ausfechten. Und
so ist an die Stelle von natrlichem Zusammenwirken Wettbewerb getreten.
So wandelt sich sogar die seelische Beschaffenheit von Mann und Weib
hinsichtlich ihrer Beziehung zueinander, und ihr Verhltnis wird das
roher, kmpfender Elemente, nicht das von Menschen, die in einer auf
gegenseitige Hingabe gegrndeten Vereinigung ihre Ergnzung suchen.
Denn die Elemente, die sich nicht mehr natrlich verbinden knnen, haben
den Sinn ihres Daseins verloren. Wie Gasmolekle, die in einem zu engen
Raum zusammengepret sind, sind sie miteinander in bestndigem Kampf,
bis sie das Gef selbst zersprengen, das sie einzwngt.

Und dann denkt an jene, die sich Anarchisten nennen, die den Druck der
Macht auf das Individuum in keiner Form dulden wollen. Der Grund ihrer
Auflehnung ist, da die Macht etwas zu Abstraktes geworden ist; sie ist
ein wissenschaftliches Produkt, das in dem politischen Laboratorium der
Nation erzeugt wird durch Einschmelzung der menschlichen Persnlichkeit.

Und was bedeuten im wirtschaftlichen Leben diese Streiks, die wie
Dornstrucher auf unfruchtbarem Boden jedesmal, wenn sie
niedergeschlagen sind, mit erneuter Kraft wieder emporschieen? Was
anders, als da der Reichtum erzeugende Mechanismus immer mehr ins
Ungeheure anwchst und in keinem Verhltnis mehr steht zu allen andern
Bedrfnissen der Gesellschaft -- und da der wirkliche Mensch immer
mehr und mehr unter seinem Gewicht erdrckt wird? Solch ein Zustand
bringt unvermeidlich bestndige Fehden mit sich zwischen den Elementen,
die nicht mehr von dem Ideal des vollen Menschentums beherrscht werden,
und Kapital und Arbeit sind in ewigem wirtschaftlichem Kampf
miteinander. Denn Gier nach Reichtum und Macht kennt keine Grenze, und
aus einem Vergleich aus Eigennutz kann nie endgltige Vershnung werden.
Sie mssen bis ans Ende Eifersucht und Mitrauen brten, und dies Ende
kann nur ein pltzlich hereinbrechendes Verderben sein oder geistige
Wiedergeburt.

Wenn diese Organisation von Politik und Handel, die man Nation nennt,
allmchtig wird auf Kosten der Harmonie der hheren Lebensformen, dann
steht es schlimm um die Menschheit. Wenn ein Familienvater sich dem
Spiel ergibt und die Pflichten gegen die Seinen an zweite Stelle treten,
dann ist er nicht mehr ein Mensch, sondern eine von der Gewinnsucht
getriebene Maschine. Dann kann er Dinge tun, deren er sich im normalen
Zustande schmen wrde. Wie beim einzelnen, so ist es auch bei der
menschlichen Gesellschaft. Wenn sie nichts mehr ist als organisierte
Kraft, so gibt es wenig Verbrechen, deren sie nicht fhig ist. Denn
Zweck einer Maschine und das, was ihr ihre Daseinsberechtigung gibt, ist
der materielle Erfolg, whrend Ziel und Zweck des Menschen allein das
Gute ist. Wenn diese Organisationsmaschine anfngt, groen Umfang
anzunehmen, und die Maschinenarbeiter zu Teilen der Maschine werden,
dann wird der persnliche Mensch zu einem Phantom verflchtigt, alles
was Mensch war, wird Maschine und dreht das groe Rad der Politik ohne
das leiseste Gefhl von Mitleid und sittlicher Verantwortung. Es mag
wohl vorkommen, da selbst in diesem seelenlosen Getriebe die sittliche
Natur des Menschen noch versucht, sich zu behaupten, aber all die Seile
und Rollen knarren und kreischen, die Fden des menschlichen Herzens
verstricken sich in dem Rderwerk der menschlichen Maschine, und nur mit
Mhe kann der sittliche Wille ein blasses, verkmmertes Abbild dessen,
was er erstrebte, zustande bringen.

Dies abstrakte Wesen, die Nation, regiert Indien. Es werden bei uns eine
Art Konserven angezeigt, die hergestellt und verpackt sein sollen, ohne
von Hnden berhrt zu sein. Diese Beschreibung pat auf die Art, wie
Indien regiert wird; auch hier ist fast nichts von einer menschlichen
Hand zu spren. Die Gouverneure brauchen unsere Sprache nicht zu kennen,
brauchen nicht in persnliche Berhrung mit uns zu kommen, auer in
ihrer Eigenschaft als Beamte, sie knnen aus hochmtiger Entfernung
unsere Bestrebungen frdern oder hindern, sie knnen uns auf einen
bestimmten politischen Weg fhren und dann am Draht ihrer
Amtsmaschinerie wieder zurckziehen; die englischen Zeitungen, deren
Spalten mit dem Pathos, das die Sache verlangt, ausfhrlich von Unfllen
auf den Londoner Straen erzhlen, brauchen nur eine knappe Notiz zu
bringen von dem Elend, das weite Strecken Indiens heimsucht, die
zuweilen mehr Raum einnehmen als die britischen Inseln.

Aber wir, die wir regiert werden, sind keine bloe Abstraktion. Wir sind
Individuen mit lebendigem Gefhl. Was in Form einer leblosen Politik zu
uns kommt, kann uns ins innerste Lebensmark dringen, kann unser Volk
vielleicht fr immer schwchen und hilflos machen, ohne da auf der
andern Seite ein menschliches Rhren sich fhlbar macht, oder jedenfalls
sich so fhlbar macht, da es irgendwelche Wirkung htte. So umfassende
und summarische Handlungen von so furchtbarer Verantwortung wird der
Mensch nie mit solchem Grad von systematischer Unbekmmertheit da
begehen, wo er individueller Mensch ist. Solche Handlungen werden nur
mglich, wo der Mensch ein Polyp von Abstraktionen ist, der seine sich
schlngelnden Arme mit ihren unzhligen Saugscheiben weit nach allen
Seiten ausstreckt, selbst in die ferne Zukunft hinein. Unter solcher
Regierung der Nation werden die Regierten von Mitrauen verfolgt, und
dies Mitrauen erfllt eine gewaltige Masse von organisiertem Hirn und
Muskeln. Strafen werden zuerkannt, die in unzhligen Menschenherzen
blutige Spuren zurcklassen; aber diese Strafen werden von einer rein
abstrakten Gewalt ausgeteilt, in der die menschliche Persnlichkeit der
ganzen Bevlkerung eines fernen Landes untergegangen ist.

Ich will hier jedoch nicht die Frage errtern, insofern sie mein
eigenes Land angeht, sondern ich will ber ihre Bedeutung fr die
Zukunft der ganzen Menschheit sprechen. Es handelt sich hier nicht um
die englische Regierung, sondern um die Regierung durch die
Nation -- die Nation, die die organisierte Selbstsucht eines ganzen
Volkes ist und alles das von ihm verkrpert, was am wenigsten menschlich
und am wenigsten geistig ist. Wir haben intime Erfahrung nur mit der
englischen Regierung gemacht, und man darf wohl annehmen, da, soweit es
sich um Regierung durch eine Nation handelt, die englische noch eine der
besten ist. Wir mssen auch in Betracht ziehen, da der Osten den Westen
notwendig braucht. Wir ergnzen einander wegen unserer verschiedenen Art
auf das Leben zu blicken, die uns zu verschiedenen Auffassungen von der
Wahrheit gefhrt hat. Wenn es daher wahr ist, da der Geist des Westens
wie ein Sturmwind ber unsere Felder hingefegt ist, so hat er doch auch
lebendigen Samen mit sich gebracht, der unsterblich ist. Und wenn wir in
Indien dahin kommen, das, was in der westlichen Kultur dauernd ist, in
unser Leben aufzunehmen, so werden wir einst in der Lage sein, eine
Vershnung zwischen diesen beiden groen Welten zustande zu bringen.
Dann wird der drckende und verletzende Zustand der einseitigen
Herrschaft ein Ende haben. Und was mehr bedeutet, wir mssen bedenken,
da die Geschichte Indiens nicht einer bestimmten Rasse angehrt,
sondern da in ihrem Verlauf verschiedene Rassen daran schpferischen
Anteil genommen haben -- die Drawiden und Arier, die alten Griechen und
die Perser, die Muhammedaner des Westens und die von Zentralasien. Jetzt
ist die Reihe an den Englndern, dieser Geschichte ihr Recht zu geben
und sie mit dem Einschlag ihres Lebens zu bereichern, und wir haben
weder das Recht noch die Macht, dies Volk zu hindern, am Geschick
Indiens mitzubauen. Daher geht das, was ich ber die Nation sage, mehr
die Geschichte der Menschheit an als die Indiens im besonderen.

Diese Geschichte ist in ein Stadium gekommen, wo der sittliche Mensch,
der ganze Mensch, fast ohne es zu wissen immer mehr und mehr dem
politischen Menschen und dem Geschftsmenschen, dem Menschen des
begrenzten Ziels, Platz macht. Dieser Vorgang, der untersttzt wird
durch die erstaunlichen Fortschritte der Naturwissenschaft, wird immer
riesiger und gewaltiger und bringt den Menschen aus seinem sittlichen
Gleichgewicht, indem er die menschliche Seite seines Wesens durch
seelenlose Organisation berwiegen lt. Wir haben seinen eisernen Griff
an der Wurzel unseres Lebens gesprt, und um der Menschheit willen
mssen wir aufstehen und unsern Warnungsruf erschallen lassen, da
dieser Nationalismus eine furchtbare Epidemie ist, die die heutige
Menschheit erfat hat und an ihrer sittlichen Lebenskraft zehrt.

Ich schtze und liebe die Englnder als Menschen. Sie haben groherzige
Mnner erzeugt, groe Denker und groe Mnner der Tat. Sie haben eine
groe Literatur hervorgebracht. Ich wei, da sie Gerechtigkeit und
Freiheit lieben und die Lge hassen. Sie sind rein in ihrem Fhlen,
offen in ihrem Wesen, treu in ihrer Freundschaft; sie sind ehrlich und
zuverlssig in ihrer Handlungsweise. Die persnlichen Erfahrungen, die
ich mit ihren Gelehrten und Literaten gemacht habe, haben meine
Bewunderung erregt, nicht nur fr ihre Gedankentiefe und Kraft des
Ausdrucks, sondern auch fr ihre ritterliche Menschlichkeit. Wir haben
die Gre dieses Volkes gefhlt, wie wir die Sonne fhlen; aber was die
Nation betrifft, so ist sie fr uns ein dichter, erstickender Nebel, der
die Sonne selbst verdeckt.

Diese Regierung durch die Nation ist weder englisch noch irgendeinem
andern Volk besonders eigentmlich; sie ist eine angewandte Wissenschaft
und daher, wo auch immer sie gebt wird, in ihren Grundstzen mehr oder
weniger sich hnlich. Sie ist wie eine hydraulische Presse, deren Druck
unpersnlich und deswegen von unfehlbarer Wirkung ist. Die Gre ihrer
Kraft kann bei den verschiedenen Maschinen verschieden sein. Es gibt
sogar solche, die mit der Hand getrieben werden und daher noch einen
gewissen Spielraum fr loseren Druck lassen, aber in bezug auf Geist und
Methode sind die Unterschiede gering. Wenn unsere Regierung hollndisch
oder franzsisch oder portugiesisch wre, so wrde sie im wesentlichen
doch dieselben Zge haben wie jetzt. Vielleicht nur, da in einzelnen
Fllen die Organisation nicht so unerbittlich vollkommen wre und noch
ein verlorener Rest von Menschlichkeit am Rad der Maschine hngenbleiben
wrde, bei dem unser pochendes Herz Antwort finden knnte.

Bevor die Nation zur Herrschaft ber uns gelangte, hatten wir andere
fremdlndische Regierungen, und diese hatten, wie alle Regierungen, auch
etwas von der Maschine an sich. Aber der Unterschied zwischen ihnen und
der Regierung durch die Nation ist wie der zwischen Handweberei und
Maschinenweberei. In den Erzeugnissen des Handwebstuhls drckt sich der
Zauber der lebendigen, fhlenden Menschenhand aus, und sein friedliches
Summen ist in Harmonie mit der Musik des Lebens. Aber die Webemaschine
ist starr und unerbittlich genau und monoton in ihrer Arbeit.

Wir mssen zugeben, da in den frheren Zeiten der persnlichen
Regierung Flle von Tyrannei, Ungerechtigkeit und Erpressung vorkamen.
Sie brachten Leiden und Unruhe, und wir sind dankbar, davon befreit zu
sein. Der Schutz des Gesetzes ist nicht nur ein Geschenk, das uns
zuteil wurde, sondern auch eine wertvolle Lehre. Er lehrt uns, welche
Zucht ntig ist, wenn die Kultur Bestand haben und der Fortschritt
dauern soll. Durch ihn wird uns klar, da es eine allgemeine Norm der
Gerechtigkeit gibt, auf die alle Menschen, ohne Rcksicht auf ihre Kaste
und Farbe, gleiches Anrecht haben.

Diese Herrschaft des Gesetzes in der gegenwrtigen Regierung Indiens hat
Ordnung hergestellt in diesem weit ausgedehnten Lande, das von Vlkern
verschiedener Rassen und verschiedener Sitten bewohnt wird. Sie hat es
diesen Vlkern mglich gemacht, nher miteinander in Berhrung zu kommen
und sich zu hherem Streben zu verbinden.

Aber es ist der ~Geist~ des Westens, nicht die ~Nation~ des Westens, die
in den verschiedenen Rassen Indiens die Sehnsucht nach brderlicher
Vereinigung geweckt hat. Wo auch immer ein Volk Asiens eine hhere
Weisheit vom Westen gelernt hat, da geschah es gegen den Willen der
westlichen Nation. Nur weil Japan der Herrschaft der westlichen Nation
hatte trotzen knnen, konnte es sich die Gaben der westlichen Kultur in
vollstem Mae zu eigen machen. Und China, das von dieser Nation an der
Quelle seines moralischen und physischen Lebens vergiftet worden ist,
kann es vielleicht noch gelingen, dem Westen seine besten Lehren
abzulauschen, wenn die Nation es nicht daran hindert. Erst jngst
geschah es, da Persien, durch den Ruf des Westens aus seinem
jahrhundertelangen Schlummer aufgeweckt, sich erhob, um sofort wieder
von der Nation niedergetreten und zum Schweigen gebracht zu werden.
Dieselbe Erscheinung zeigt sich auch hier bei euch in Amerika, wo das
~Volk~ gastfrei ist, aber nicht die ~Nation~, die einem Gast aus dem
Orient so begegnet, da er sich als Vertreter seines Vaterlandes vor
euch gedemtigt fhlt.

Wir in Indien leiden unter dem Konflikt zwischen dem ~Geist~ des Westens
und der ~Nation~ des Westens. Die Wohltaten der westlichen Kultur werden
uns von der Nation mit dem knappsten Mae zugeteilt. Sie versucht,
unsere Ernhrung dem Nullpunkt der Lebensfhigkeit so nah wie mglich zu
halten. Was unserm Volk an Erziehung gewhrt wird, ist so krglich und
armselig, da es das Anstandsgefhl eines europischen Menschen empren
mte. Wir haben gesehen, wie in den westlichen Lndern das Volk auf
jede Weise ermutigt wird, sich zu bilden, und wie ihm jede Gelegenheit
gegeben wird, sich tchtig zu machen fr den groen Wettkampf auf dem
Weltmarkt, whrend in Indien das einzige, was die Nation fr uns tut,
ist, da sie uns verhhnt, weil wir zurckgeblieben sind. Whrend sie
uns alle Mglichkeiten verschliet und unsere Erziehung auf das Minimum
beschrnkt, das eine fremde Regierung fr ihre Durchfhrung braucht,
beruhigt diese Nation ihr Gewissen damit, da sie uns herabzusetzen
sucht, indem sie geschftig die zynische Weisheit verbreitet, da Osten
Osten und Westen Westen bleibt und die beiden nie eins werden knnen.
Wenn wir glauben mssen, was unser westlicher Lehrer uns hhnend
vorwirft, da nach fast zwei Jahrhunderten seiner Vormundschaft Indien
nicht nur unfhig geblieben ist, sich selbst zu regieren, sondern auch
auf geistigem Gebiete keine Originalitt hat aufweisen knnen -- mssen
wir dies der Art der westlichen Kultur und unserer angeborenen
Unfhigkeit, sie aufzunehmen, zuschreiben, oder dem berechnenden Geiz
der Nation, die die Aufgabe der Europer, den Osten zu zivilisieren, auf
sich genommen hat? Da das japanische Volk Gaben hat, die uns fehlen,
geben wir gern zu, aber da unser Geist von Natur unschpferisch ist im
Vergleich zu ihrem, dies knnen wir selbst denen nicht zugeben, denen zu
widersprechen fr uns gefhrlich ist.

In Wahrheit ist nmlich der westliche Nationalismus nicht auf soziales
Zusammenwirken gegrndet, sondern von Anfang an und bis in seinen
innersten Kern vom Geist des Kampfes und der Eroberungssucht beherrscht.
Er hat die Organisation der Macht bis zur Vollkommenheit entwickelt,
aber keinen geistigen Idealismus. Er hat den Geist des Raubtiers, das
seine Beute haben mu. Um keinen Preis will er dulden, da seine
Jagdgrnde in Kulturland umgeschaffen werden. Ja, im Grunde kmpfen
diese Nationen miteinander nur um grere Ausdehnung ihres Jagdgebietes.
Daher stellt sich die westliche Nation wie ein Damm auf, um den freien
Strom der westlichen Kultur in das nationslose Land aufzuhalten. Weil
diese Kultur eine Kultur der Macht ist, sucht sie sich abzuschlieen und
will ihre Quellen nicht ffnen, die sie sich zur Ausbeutung erwhlt hat.

Aber trotz alledem ist doch das sittliche Gesetz das Gesetz der
menschlichen Natur, und der sich abschlieenden Kultur, die sich von
denen nhrt, denen sie ihre Wohltaten versagt, wird ihre sittliche
Halbheit zum Verderben. Die Sklaverei, die sie zchtet, trocknet
allmhlich die Brunnen ihrer Freiheitsliebe aus. Die Hilflosigkeit, zu
der sie ihre Opfer verdammt, hngt sich mit ihrer ganzen Schwere an sie,
und es wird ein Tag kommen, wo all die Lnder der Welt, die die Nation
am Eigenleben und an der Selbsterhaltung hindert, die furchtbarste aller
Lasten fr sie werden und sie in den Abgrund ziehen. Wenn die Macht so
weit geht, da sie, um ungehindert ihren Weg fortzusetzen, alle
Hindernisse beiseite schiebt, dann endet ihre triumphierende Siegesfahrt
mit jhem Sturz. Ihr sittlicher Hemmschuh gibt mit jedem Tage, ohne da
sie es merkt, immer mehr nach, und der Pfad, auf dem sie so leicht
dahinglitt, wird ihr zum Verhngnis.

Von allen Gaben der europischen Kultur sind es nur Gesetz und Ordnung,
die uns die westliche Nation mit freigebigem Ma zugeteilt hat. Whrend
die kleine Saugflasche, in der sie uns Erziehung verabfolgt, fast leer
ist und die Gesundheitspflege am Hungertuch nagt, sind Einrichtungen wie
die Heeresorganisation, das Verwaltungs- und Polizeiwesen, die
Geheimpolizei, das geheime Spionagesystem zu abnormer Krperflle
gediehen und machen sich in jedem Winkel unseres Landes breit. Sie sind
ntig, um die Ordnung aufrechtzuerhalten. Aber ist nicht diese Ordnung
ein rein negatives Gut? Sollte Ordnung nicht dazu da sein, dem Volke
mehr Mglichkeiten zu schaffen, sich ungehindert zu entwickeln? Hat sie
nicht die Aufgabe der Eierschale, deren Wert darin besteht, da sie dem
Kchlein und seiner Nahrung Schutz gibt, nicht darin, da sie dem
Menschen in bequemer Form eine Frhstcksspeise bietet? Bloe Verwaltung
ist unfruchtbar, ist nicht schpferisch, da sie etwas Lebloses ist. Sie
ist eine Dampfwalze, die furchtbar an Gewicht und Kraft ist, auch ihren
Nutzen hat, aber nichts dazu tun kann, den Boden fruchtbar zu machen.
Wenn sie, nachdem sie ihr ungeheures Werk getan hat, uns die Gabe des
Friedens bietet, so knnen wir nur leise murmeln: Friede ist gut, aber
Leben ist besser, und das ist die Gabe, die Gott uns verliehen hat.

Andererseits fehlte es unsern frheren Regierungen an vielen Vorteilen
der heutigen Regierung. Aber weil sie nicht Regierungen der Nation
waren, war ihr Gewebe so lose gewoben und lie Raum genug, da unser
eigenes Leben seine Fden hindurchschieen und seine Muster heimlich
hineinweben konnte. Sicher hatten wir in jener Zeit Dinge zu ertragen,
die uns uerst unangenehm waren. Aber wir wissen, da, wenn wir barfu
auf Kieswegen gehen, unsere Fe sich allmhlich den Launen der
ungastlichen Erde anbequemen, whrend der kleinste Kiesel uns plagt und
nicht zur Ruhe kommen lt, sobald er in unsern Schuh dringt. Und die
Regierung durch die Nation ist solch ein Schuh -- er schliet knapp an,
er regelt unsere Schritte nach einem festen System und lt unsern
Fen so gut wie keine Freiheit, sich darin einzurichten. Wenn ihr daher
eure Statistiken aufweist, die die Anzahl von Kieseln, an die unsere
Fe frher stieen, mit der geringen Zahl unter dem gegenwrtigen
System vergleichen, so treffen diese kaum das Wesentliche. Es handelt
sich nicht um die Zahl der ueren Hindernisse, sondern um die Ohnmacht
des einzelnen, sie aus dem Wege zu rumen. Diese Beschrnkung der
Freiheit ist ein bel, das nicht sowohl durch seinen Umfang als durch
seine Art unertrglich wird. Und wir knnen nicht umhin, den Widerspruch
zu sehen, da, whrend der ~Geist~ des Westens unter dem Banner der
Freiheit dahinschreitet, die ~Nation~ des Westens ihre eisernen Ketten
der Organisation schmiedet, die hrtesten und unzerbrechlichsten, die je
in der Menschheitsgeschichte geschmiedet wurden.

Als Indien noch nicht unter der Herrschaft der Organisation stand, waren
die Mglichkeiten, da die Zustnde sich verndern knnten, gro genug,
um kraftvollen und mutigen Mnnern das Gefhl zu geben, da sie ihr
Schicksal in ihre eigene Hand nehmen konnten. Die Hoffnung auf das
Unerwartete war immer da, und ein freieres Spiel der Einbildungskraft,
sowohl auf Seiten der Regierenden als der Regierten, beeinflute den
Werdegang der Geschichte. Wir standen nicht vor einer Zukunft, die wie
eine kalte weie Mauer von Granitblcken der Auswirkung und Ausbreitung
unserer Krfte sich entgegenstellte, wobei das Hoffnungslose darin
liegt, da diese Krfte infolge des knstlichen Lhmungsverfahrens an
der Wurzel absterben. Denn jeder einzelne Mensch in dem nationslosen
Lande ist vollstndig in der Gewalt einer ganzen Nation, deren nie
ermdender Wachsamkeit -- da es die Wachsamkeit einer Maschine
ist -- die Mglichkeit menschlicher Nachsicht und Unterscheidung fehlt.
Bei dem geringsten Druck auf ihren Knopf wird das Ungeheuer ganz Auge,
und kein einziger in der unendlichen Menge der von ihr Beherrschten kann
ihrem scheulich starrenden Aufpasserblick ausweichen. Und sobald nur
ein klein wenig an der Schraube gedreht wird, fhlt die ganze groe
Bevlkerung, Mnner, Frauen, Kinder, wie ihr Griff sie fester umklammert
und ihnen den Atem raubt, und kein Entweichen ist mglich, weder im
eigenen Lande noch selbst in irgendein fremdes Land.

Dieser bestndige ungeheure mechanische Druck des Leblosen auf das
Lebendige ist es, worunter die heutige Welt sthnt. Nicht nur die
unterworfenen Rassen, sondern ihr selbst, die ihr glaubt frei zu sein,
opfert tglich eure Freiheit und Menschheit dem Gtzen Nationalismus und
lebt in der dumpfen, vergifteten Atmosphre von Mitrauen, Gier und
Angst, die sich ber die ganze Welt erstreckt.

Ich habe in Japan gesehen, wie das ganze Volk sich freiwillig geistig
zurechtstutzen und seine Freiheit beschneiden lt von einer Regierung,
die durch allerlei erziehliche Manahmen ihre Gedanken regelt, ihre
Gefhle knstlich erzeugt, argwhnisch aufpat, wenn sie Miene machen,
sich geistigen Dingen zuzuwenden, und sie auf engem Pfade nicht zu ihrem
wahren Ziele fhrt, sondern dahin, wo sie sie nach ihrem Rezept zu einer
gleichfrmigen Masse zusammenschweien kann. Und das Volk fgt sich
freudig und stolz in diese allgemeine geistige Sklaverei, weil es den
krankhaften Wunsch hat, auch so eine Kraftmaschine, die man Nation
nennt, zu werden und es andern Maschinen an Kollektiveigennutz
gleichzutun.

Wenn man so einen neu bekehrten Fanatiker des Nationalismus nach der
Weisheit seines Strebens fragt, so antwortet er: Solange Nationen in
dieser Welt so um sich greifen, haben wir nicht mehr das Recht, unser
hheres Menschentum frei zu entwickeln. Wir brauchen alle unsere Krfte,
um dem bel zu widerstehen, und das tun wir am besten, wenn wir es uns
selbst im hchsten Grade zu eigen machen. Denn die einzige Verbrderung,
die in der modernen Welt mglich ist, ist die Spiegesellenschaft des
Banditentums. Die Stiftung des Bruderbundes zwischen Japan und Ruland,
die jngst mit so viel Jubel in Japan gefeiert wurde, hatte ihren Grund
nicht in dem pltzlichen Wiederaufleben des christlichen oder
buddhistischen Geistes, sondern sie grndete sich auf etwas, was nach
den modernen Glaubensstzen sicherer und zuverlssiger ist, auf
gegenseitige Bedrohung.

Man mu zugeben, da dies das wahre Bild der Welt der Nation ist, und
die einzige Lehre, die die Vlker der Erde daraus ziehen knnen, ist,
da sie alle physischen, geistigen und sittlichen Krfte anstrengen
sollten, einander in dem groen Ringkampf um die Macht zu Boden zu
werfen. In den alten Zeiten richtete Sparta sein ganzes Augenmerk
darauf, wie es mchtig werden knnte; es gelang ihm dadurch, da es
seine Menschheit verstmmelte, und es starb an der Amputation.

Aber es ist fr uns kein Trost, zu wissen, da das Verkmmern der
menschlichen Natur, unter dem die heutige Zeit leidet, sich nicht auf
die unterworfenen Vlker beschrnkt, da das bel bei den Vlkern, die
sich frei glauben, noch schlimmer ist, weil es nicht als solches erkannt
und ihm freiwillig Raum gegeben wird. Wenn ihr eure hheren Lebensgter
um Gewinn und Macht verschachert, so ist es eure freie Wahl, und
meinetwegen steht da und freut euch ber euer wachsendes Gedeihen,
whrend eure Seele Schiffbruch leidet. Aber werdet ihr nie Rechenschaft
ablegen mssen dafr, da ihr die selbstschtigen Triebe in ganzen
Vlkern auf den hchsten Grad entwickelt und organisiert und dies gut
nennt? Ich frage euch, gibt es in der ganzen Menschheitsgeschichte,
selbst in ihren dunkelsten Perioden, etwas so Ungeheuerliches wie diese
Untat der Nation, die ihre Pranken tief in das nackte Fleisch der Welt
schlgt, und deren einzige Sorge ist, da sie nur keinen Augenblick den
Griff lockert?

Ihr Vlker des Westens, die ihr dieses Ungeheuer ausgebrtet habt, knnt
ihr euch die trostlose Verzweiflung derer vorstellen, die diesem
abstrakten Gespenst des organisierenden Menschen zum Opfer gefallen
sind? Knnt ihr euch an die Stelle der Vlker versetzen, die zum ewigen
Verlust ihrer Menschheit verdammt scheinen, die nicht nur bestndig in
ihrer Menschheit gekrnkt werden, sondern Loblieder anstimmen mssen auf
die Gte eines mechanischen Apparats, der die Rolle ihrer Vorsehung
spielt?

Habt ihr nicht gesehen, da, seit es eine Nation gibt, die ganze Welt
vor ihr wie vor einer Spukgestalt zittert? Wo es nur eine dunkle Ecke
gibt, da hat man Angst vor ihrer heimlichen Bosheit, und wo sie ihre
Augen nicht zu frchten brauchen, da haben die Menschen bestndig Angst
vor ihrem Rcken. Jedes Gerusch eines Trittes, jeder Laut in der
Nachbarschaft lt alle vor Schrecken zusammenfahren. Und diese Angst
ruft alles Bse in der Menschennatur wach. Sie bewirkt es, da er sich
seiner Unmenschlichkeit fast nicht mehr schmt. Auf kluge Lgen tut er
sich etwas zugute. Feierliche Gelbde werden ihm gerade durch ihre
Feierlichkeit zur lcherlichen Farce. Die Nation mit all ihrer
Ausstaffierung von Macht und Erfolg, mit ihren Fahnen und frommen
Hymnen, ihren gotteslsterlichen Gebeten in den Kirchen und den
prahlerischen Donnerworten ihrer patriotischen Grosprecherei, kann doch
die Tatsache nicht verbergen, da die Nation selbst das grte bel fr
die Nation ist, da alle ihre Vorsichtsmaregeln gegen sie gerichtet
sind und da die Geburt jeder neuen Nation in der Welt in ihr die Furcht
vor einer neuen Gefahr erweckt. Ihr einziger Wunsch ist, sich die
Schwche der brigen Welt zunutze zu machen, wie einige Insektenarten,
die den Opfern, in deren wehrlosem Fleisch sie ihre Brut groziehen,
nur gerade so viel Leben lassen, da sie geniebar und nahrhaft sind.
Daher ist sie immer bereit, ihre giftige Flssigkeit in die Lebensorgane
der andern Vlker zu flen, die nicht Nationen und daher wehrlos sind.
Aus diesem Grunde hat die Nation von jeher ihre reichste Weide in Asien
gehabt. Das groe China, mit seinem Reichtum an alter Weisheit und
sozialer Ethik, mit seiner Erziehung zu Flei und Selbstbeherrschung,
ist wie ein Walfisch, der die Beutegier im Herzen der Nation erweckt.
Schon sitzen in seinem bebenden Fleisch die Harpunen, die die nie ihr
Ziel verfehlende Nation, die Tochter der modernen Wissenschaft und des
Egoismus, nach ihm schleuderte. Sein klglicher Versuch, seine alten
Traditionen von Menschlichkeit und seine sozialen Ideale abzuschtteln
und den letzten Rest seiner erschpften Krfte darauf zu verwenden, sich
fr die moderne Welt tchtig zu machen, wird bei jedem Schritt von der
Nation vereitelt. Diese zieht die Schlinge seiner finanziellen
Verpflichtungen immer fester um seinen Leib und versucht, ihn aufs
Trockene zu ziehen und in Stcke zu zerlegen, um dann hinzugehen und
ffentlich Dankgottesdienst zu halten, weil Gott verhindert hat, da
neben dem einen groen bel ein zweites aufkomme und es gefhrde. Und
fr alles dies erhebt die Nation Anspruch auf den Dank der Geschichte
und auf das Recht, die Welt in alle Ewigkeit auszubeuten, und lt von
einem Ende der Welt bis zum andern Loblieder auf sich singen als auf das
Salz der Erde, die Zierde der Menschheit, den Segen Gottes, den er mit
aller Gewalt den Nationslosen auf die nackten Schdel schleudert.

Ich wei, welchen Rat ihr uns gebt. Ihr werdet sagen: Schliet euch
selbst zu einer Nation zusammen und widersetzt euch den bergriffen der
Nation. Aber ist das der rechte Rat? Der Rat, den der Mensch dem
Menschen gibt? Warum sollte dies notwendig sein? Ich wrde euch gern
glauben, wenn ihr sagtet: Werdet besser, gerechter, wahrer in eurem
Verhltnis zu den Menschen, zgelt eure Gier, macht euer Leben gesund
durch grere Einfachheit und zeigt mehr, da ihr an das Gttliche im
Menschen glaubt. Aber drft ihr sagen, da nicht die Seele, sondern die
Maschine das Wertvollste fr uns ist und da das Heil des Menschen
davon abhngt, da er es in der Kunst, sich dem Rhythmus des toten
Rderwerks anzupassen, zur Vollkommenheit bringt? Da Maschine gegen
Maschine, Nation gegen Nation kmpfen mu in einem endlosen
Stiergefecht?

Ihr sagt, da diese Maschinen ein bereinkommen treffen werden zu
gegenseitigem Schutz, das sich auf ihre Furcht voreinander grndet. Aber
wo bleibt bei diesem Bndnis von Dampfkesseln die Seele, die Seele, die
ihr Gewissen und ihren Gott hat? Und was soll aus dem groen Teil der
Welt werden, den anzugreifen keine Furcht euch zurckhalten kann? Die
einzige Sicherheit, die jene nationslosen Lnder jetzt haben gegen die
Zgellosigkeit von Schmiede, Hammer und Schraubenzieher, ergibt sich aus
der gegenseitigen Eifersucht der Mchte. Aber wenn sie aus zahlreichen
Einzelmaschinen sich zu einer organisierten Herdeneinheit verbinden, um
gemeinsam auf den Gebieten des Handels und der Politik ihre Gier noch
besser stillen zu knnen, welche leiseste Hoffnung, sich zu retten,
bleibt dann jenen andern, die gelebt und gelitten, geliebt und
angebetet, in tiefem Sinnen und friedlicher Arbeit ihre Tage verbracht
haben, und deren einziges Verbrechen es war, da sie sich nicht
organisierten?

Aber, sagt ihr, das macht nichts, was nicht widerstandsfhig ist, mu
zugrunde gehen, das ist Naturgesetz. Dann mssen sie eben sterben.

Nein, sage ich, um eurer selbst willen sollen sie leben und werden
sie leben. Es ist sehr khn von mir, dies in unserer Zeit zu sagen,
aber ich behaupte, da die Welt des Menschen eine sittliche Welt ist,
nicht weil wir bereingekommen sind, es blindlings zu glauben, sondern
weil es wirklich so ist und weil es gefhrlich fr uns ist, diese
Wahrheit nicht zu sehen. Und das sittliche Gesetz im Menschen kann nicht
auf verschiedenen Gebieten verschiedene Geltung haben. Ihr knnt nicht
daheim strenge Strafen auf seine bertretung setzen und es drauen fr
euch so dehnen, da es sich euren ungezgelten Begierden anpat.

Habt ihr diese Wahrheit nicht schon jetzt erkannt, wo dieser grausame
Krieg seine Klauen in die Eingeweide Europas geschlagen hat? Wo seine
angehuften Schtze in Rauch aufgehen und seine Menschheit auf den
Schlachtfeldern in Stcke zerrissen wird? Ihr fragt erstaunt: Was hat
Europa getan, da es dies verdient htte? Die Antwort ist, da der
Westen systematisch seine sittliche Natur versteinert hat, um eine
solide Grundlage zu haben, auf der diese abstrakten Ungetme die grte
Wirksamkeit entfalten knnen. Er hat die ganze Zeit den persnlichen
Menschen darben lassen, damit der Berufsmensch gedeihe.

Der einfache und natrliche Mensch des mittelalterlichen Europas mit all
seinen heftigen Leidenschaften und Begierden versuchte, eine Vershnung
zu finden in dem Kampf zwischen Fleisch und Geist. In der ganzen
strmischen Zeit seiner kraftvollen Jugend haben die weltlichen und
geistlichen Mchte gleichzeitig auf den europischen Menschen eingewirkt
und ihn zu einer vollen sittlichen Persnlichkeit gebildet. Europa
verdankt alle seine menschliche Gre jener Zeit der Zucht, der Zucht
des noch unverkmmerten Menschen.

Dann kam das Zeitalter des Intellekts, der Wissenschaft. Wir wissen
alle, da der Intellekt etwas Unpersnliches ist. Unser Leben und unser
Herz sind eins mit uns, aber unser Geist kann vom persnlichen Menschen
losgelst werden, und nur dann kann er frei schweifen in der Welt der
Gedanken. Unser Intellekt ist wie ein Asket, der keine Kleider trgt,
keine Nahrung zu sich nimmt, keinen Schlaf kennt, keine Wnsche hat,
nicht Liebe noch Ha noch Mitleid mit menschlichen Unzulnglichkeiten
fhlt, der, unberhrt durch alle Wechselflle des Lebens, nur seinen
Gedanken nachhngt. Er grbt bis an die Wurzeln der Dinge, weil er kein
persnliches Gefhl fr die Dinge selbst hat. Der Grammatiker geht durch
alle Poesie ungehindert zu den Wurzeln der Wrter, denn er sucht nicht
lebendige Wirklichkeit, sondern Gesetz. Wenn er das Gesetz gefunden hat,
kann er die Leute lehren die Worte zu meistern. Dies ist eine Kraft,
eine Kraft, die ihren besondern Nutzen hat und einem besondern Bedrfnis
des Menschen entspricht.

Die lebendige Wirklichkeit aber ist die Harmonie, die die einzelnen
Teile eines Dinges zu einem Ganzen verbindet. Lst ihr dies Band, so
fliegen alle Teile auseinander, bekmpfen einander und haben den Sinn
ihres Daseins verloren. Die nach Macht begierig sind, suchen sich die
sich bekmpfenden Urelemente zu unterwerfen und sie gewaltsam durch enge
Kanle so zu leiten, da sie den besonderen Bedrfnissen der Menschheit
dienstbar werden.

Es ist etwas Groes um diese Befriedigung der menschlichen Bedrfnisse.
Sie gibt ihm Freiheit innerhalb der physischen Welt. Sie gibt ihm
Herrschaft ber Raum und Zeit. Er kann in krzerer Zeit etwas ausrichten
und mit mehr Vorteil einen groem Raum einnehmen. Daher kann er leicht
die berholen, die in einer Welt von langsamerem Tempo und weniger
ausgenutztem Raum leben.

Dies Anwachsen der Macht geschieht in immer schnellerem Tempo. Und weil
sie etwas vom Menschen Losgelstes ist, wird sie bald die ganze
Menschheit berholen. Der sittliche Mensch bleibt hinter ihr zurck,
weil er seinen Blick auf die Dinge selbst und nicht nur auf das
unpersnliche und abstrakte Gesetz der Dinge richtet.

So ist der Mensch, wenn seine geistige und krperliche Kraft sich
weit ber seine sittliche Kraft hinaus entwickelt, wie eine
Giraffenkarikatur, deren Kopf pltzlich meilenweit ber ihren brigen
Krper hinaus emporgeschossen und kaum noch in Verbindung mit ihm ist.
Dieser gierige Kopf mit seinem gewaltigen Gebi hat alle Gipfel der
Bume abgefressen, aber die Nahrung gelangt zu spt in die
Verdauungsorgane, so da das Herz an Blutmangel leidet. Aber der Westen
selbst scheint in glcklicher Unwissenheit ber diese Disharmonie in
seiner Natur zu leben. Die erstaunliche Gre seines materiellen Erfolgs
nimmt seine ganze Aufmerksamkeit in Anspruch, und er wnscht sich Glck
zu seinem Wachstum. Der Optimismus seiner Logik berechnet sein
zunehmendes Gedeihen nach der Ausbreitung seines Eisenbahnnetzes und
sieht noch unendliche Mglichkeiten. Er ist oberflchlich genug zu
denken, da alle Morgen dem Heute gleichen und ihm nur vierundzwanzig
Stunden hinzufgen. Er frchtet die Kluft nicht, die sich mit jedem Tag
weiter ffnet zwischen seinen sich fllenden Vorratshusern und der
hungernden Menschheit. Seine Logik wei nicht, da tief unter den
endlosen Schichten von Reichtum und Behagen Erdbeben sich vorbereiten,
die das Gleichgewicht in der sittlichen Welt wiederherstellen sollen,
und da eines Tages der ghnende Abgrund geistiger Leere den ganzen
aufgehuften Reichtum dieser staubgeborenen Dinge verschlingen wird.

Der Mensch in seiner Ganzheit ist nicht mchtig, sondern vollkommen.
Wenn ihr ihn daher zu einer bloen Kraft machen wollt, so mt ihr seine
Seele soviel wie mglich beschneiden. Wenn wir ganze Menschen sind, so
knnen wir nicht einander an die Kehle fahren; unsere sozialen
Instinkte, die Traditionen unserer sittlichen Ideale hindern uns daran.
Wenn man mich dazu bringen will, da ich menschliche Wesen hinschlachte,
so mu man die Ganzheit meines Menschentums durch etwas zerstren, das
meinen Willen ttet, mein Denken lhmt, meine Bewegungen mechanisiert,
und dann wird aus der Auflsung der vollen menschlichen Persnlichkeit
jene Abstraktion hervorgehn, jene zerstrende Kraft, die nichts mehr
mit wahrer Menschlichkeit zu tun hat, und die daher leicht brutal wird.
Nehmt den Menschen heraus aus seiner natrlichen Umgebung, aus seinem
reichen Gemeinschaftsleben mit seinen sozialen Pflichten und all seiner
Flle von Liebe und Schnheit, und nichts ist mehr da, was seine
Ganzheit zusammenhlt, ihr knnt ihn stckweise in das Rderwerk eurer
groen Maschine einfgen, die dazu dient, in riesigem Mastabe
Reichtmer zu erzeugen. Macht einen Baum zu einem Holzblock, und er wird
euch Feuer geben, aber nicht lebendige Blten und Frchte.

Diese systematische Entmenschlichung ist auf dem Gebiete des Handels und
der Politik vor sich gegangen. Und aus den langen Geburtswehen der
mechanischen Energie ist dieses vollentwickelte Ungeheuer von
erstaunlicher Kraft und berraschendem Appetit hervorgegangen, das der
Westen auf den Namen Nation getauft hat. Wie ich schon sagte, ist sie,
weil sie eine Abstraktion ist, mit der grten Leichtigkeit dem
Vollmenschen als sittlichem Wesen weit vorausgeeilt. Und da sie das
Gewissen eines seelenlosen Gespenstes und die fhllose Vollkommenheit
eines Automaten hat, fhrt sie zu Katastrophen, die die vulkanischen
Ausbrche des jungen Mondes durch ihre zerstrende Wildheit beschmen.
Die Folge ist, da das Mitrauen von Mensch zu Mensch bestndig wie
Nesseln diese Kultur an allen Gliedern reizt. Jedes Land wirft sein
Spionagenetz in die trben Wasser des andern und fischt nach dessen
Geheimnissen, die in den schlammigen Tiefen der Diplomatie ausgebrtet
werden. Und was ist ihr geheimes Wirken anders als das lichtscheue
Gewerbe der Nation: Raub, Mord, Verrat und all die scheulichen
Verbrechen, die in den tiefsten Abgrnden der Verderbtheit gezeugt
werden? Da jede Nation ihre eigene Geschichte von Raub und Lge und
Treulosigkeit hat, so kann im Verkehr zwischen ihnen nur Mitrauen und
Eifersucht gedeihen, und internationale sittliche Scham wird in einem
Grade blutarm, da sie ganz jmmerlich anzusehen ist. Die Nation hat auf
ihrem Dudelsack frommer Entrstung so oft die Melodie gewechselt, je
nachdem der Wechsel der Zeiten und der diplomatischen Bndnisse es
forderten, da man es als amsante Varietvorstellung im politischen
Tingeltangel genieen kann.

Ich komme eben von einer Reise nach Japan zurck, wo ich diese junge
Nation ermahnte, an ihren hheren Idealen der Menschlichkeit
festzuhalten und nie vom Westen die organisierte Selbstsucht des
Nationalismus als Religion zu bernehmen, sich nie an der Schwche
seiner Nachbarn zu weiden, nie gewissenlos den Schwachen gegenber zu
handeln, an denen man ungestraft und mit billigem Ruhm Gemeinheiten
begehen kann, whrend man seine rechte, von Menschlichkeit strahlende
Wange zum Ku der Bewunderung denen reicht, die die Macht dazu haben,
ihr einen Streich zu versetzen. Einige Zeitungen lobten meine Rede wegen
ihrer poetischen Eigenschaften, whrend sie mit bezeichnendem
Seitenblick hinzufgten, da es die Poesie eines unterworfenen Volkes
sei. Ich fhlte, da sie recht hatten. Japan hat in einer modernen
Schule gelernt, wie man mchtig wird. Es hat seine Lehrzeit beendet und
will nun die Frchte seiner Ausbildung genieen. Der Westen hatte mit
der Stimme seiner donnernden Kanonen vor den Toren Japans gerufen: Es
werde eine Nation! Und siehe da, es ward eine Nation. Und nun, da sie da
ist, warum habt ihr nicht im innersten Herzen ein reines Gefhl der
Freude und sagt, da sie gut ist? Wie kommt es, da ich in einer
englischen Zeitung eine uerung der Bitterkeit las, als Japan sich
seiner berlegenheit in der Kultur rhmte -- etwas, was die Englnder
sowie die andern Nationen jahrhundertelang ohne zu errten getan haben?
Weil der Idealismus der Selbstsucht sich bestndig mit einer Dosis von
Eigenlob berauschen mu. Aber dieselben Laster, die ihnen bei sich
selbst so natrlich und harmlos erscheinen, fallen ihnen unangenehm auf
und empren sie, sobald sie sie an andern Nationen gewahren. Wenn ihr
daher die japanische Nation, nach eurem eigenen Bilde geschaffen, auf
dem Fahrwasser nationaler Prahlerei vom Stapel laufen seht, so schttelt
ihr den Kopf und sagt: Es ist nicht gut. Ist Japan nicht auch eine
Ursache, da man hier bei euch die Losung ausgegeben hat, sich
angesichts des neuen drohenden bels mit noch grerer Schadenskraft zu
rsten? Japan versichert, da es sein _bushido_[1] hat, da es Amerika
gegenber, dem es Dank schuldet, nie treulos handeln kann. Aber es wird
euch schwer, ihm zu glauben, denn die Weisheit der Nation besteht nicht
im Glauben an die Menschheit, sondern im absoluten Mitrauen. Ihr sagt
euch, da ihr es nicht mit dem Japan des _bushido_, mit dem Japan der
sittlichen Ideale zu tun habt, sondern mit der Abstraktion der
Selbstsucht des Volkes, mit der Nation; und eine Nation kann nur der
andern trauen, soweit ihre Interessen zusammengehen, oder wenigstens
sich nicht entgegenstehen. Euer Instinkt sagt euch, da das Eintreten
eines neuen Volkes in die Arena der Nationalitt das bel vergrert,
das alledem widerspricht, was das Hchste im Menschen ist, und das durch
seinen Erfolg beweist, da Gewissenlosigkeit der Weg zum Gedeihen
ist -- und Gutsein gut fr die Schwachen, und Gott der einzig bleibende
Trost der Unterworfenen.

  [1] bushido, gewhnlich mit Ritterlichkeit bersetzt, das
  ungeschriebene Gesetzbuch des japanischen Rittertums (der Samurai),
  berhaupt der Inbegriff der moralischen Grundstze des japanischen
  Volkes.

Ja, dies ist die Logik der Nation. Und sie wird nie auf die Stimme von
Recht und Wahrheit hren. Sie wird diesen Reigen sittlicher Verderbtheit
fortsetzen und Stahl an Stahl, Maschine an Maschine fgen und all die
holden Blumen des frommen Glaubens und der lebendigen Ideale des
Menschen niedertreten.

Aber wir lassen uns zu dem Glauben verleiten, da in unserer Zeit mehr
Menschlichkeit herrsche als jemals frher. Der Grund dieser
Selbsttuschung ist, da unsere Lebensbedrfnisse reichlicher befriedigt
und unsere physischen Leiden wirksamer gelindert werden als frher. Doch
dies geschieht in der Hauptsache nicht durch sittliche Opferfreudigkeit,
sondern durch intellektuelle Kraft. An Umfang ist dieses Gute gro, aber
es kommt nicht aus der Tiefe und geht nicht in die Tiefe. Kenntnisse und
Leistungsfhigkeit sind mchtig gemessen an ihrer Wirkung nach auen,
aber sie sind die Diener des Menschen, nicht der Mensch selbst. Ihr
Dienst ist wie die Bedienung in einem Hotel, wo alles tadellos
eingerichtet ist, aber der Wirt fehlt; es ist mehr bequem als gastlich.

Daher drfen wir nicht vergessen, da die systematischen
Organisationen, die sich nach allen Seiten weithin ausbreiten, zwar
unsere Macht strken, aber nicht unsere Menschlichkeit. Mit der
zunehmenden Macht der Nation wchst ihre Selbstanbetung und erhlt das
bergewicht. Der einzelne lt die Nation bereitwillig auf seinem Rcken
reiten, und so geschieht das Naturwidrige, das so groes Unglck im
Gefolge hat, da der Mensch mit allen Opfern einen Gott verehrt, der
sittlich viel tiefer steht als er selbst. Dies htte nie geschehen
knnen, wenn der Gott so wirklich wre, wie der Mensch selbst.

Lat mich hierzu eine treffende Erluterung geben. In einigen Teilen
Indiens wird es der Witwe als besonderer Akt der Frmmigkeit auferlegt,
sich alle vierzehn Tage einen ganzen Tag lang des Essens und Trinkens
gnzlich zu enthalten. Dies fhrt oft zu sinnloser und unmenschlicher
Grausamkeit. Und doch sind die Menschen von Natur nicht in dem Mae
grausam. Aber da diese Frmmigkeit nichts als ein toter Begriff ist, so
ttet sie das sittliche Gefhl des Menschen vollstndig, ebenso wie ein
Mensch, der sonst kein Tier unntig qulen wrde, doch einer groen
Menge unschuldiger Geschpfe furchtbare Leiden verursacht, wenn er sein
Gefhl mit der Idee Sport betubt hat. Weil diese Ideen Erzeugnisse
des Intellekts, logische Klassifikationen sind, knnen sie den
persnlichen Menschen so leicht in ihren Nebel einhllen.

Und die Idee der Nation ist eins der wirksamsten Betubungsmittel, die
der Mensch erfunden hat. Unter dem Einflu seiner Dnste kann ein ganzes
Volk sein systematisches Programm krassester Selbstsucht ausfhren, ohne
sich im geringsten seiner sittlichen Verderbtheit bewut zu
werden -- ja, es wird gefhrlich gereizt, wenn man es darauf hinweist.

Aber kann dies in alle Ewigkeit so fortgehen, da das sittliche Gefhl
des Menschen immer mehr abstumpft? Wird es sich nicht irgendeinmal
rchen? Wird diese riesige Organisationsmaschine in dieser Welt nicht
eines Tages auf eine Schranke stoen, die ihre rasende Fahrt aufhlt und
sie zertrmmert? Glaubt ihr denn wirklich, da man das Bse auf die
Dauer dadurch in Schach halten kann, da man es zu berbieten sucht, und
da kluge Beratung den Teufel in dem Kfig der gegenseitigen
Vereinbarungen festhalten kann, in dem man ihn provisorisch
untergebracht hat?

Dieser Krieg der europischen Nationen ist ein Vergeltungskrieg. Der
Mensch als solcher mu sich mit allen Krften dagegen wehren, da tote
Dinge an Stelle des Herzens treten und Systeme und Staatskunst an Stelle
lebendiger Beziehung von Mensch zu Mensch. Die Zeit ist gekommen, wo um
der ganzen schmhlich mihandelten Menschheit willen Europa am eigenen
Leibe die furchtbare Sinnwidrigkeit dessen, was man Nation nennt, in
ihrem ganzen Umfange spren mu.

Die Nation ist lange auf Kosten der verstmmelten Menschlichkeit
gediehen. Die Menschen, die vollkommensten Geschpfe Gottes, gingen aus
dieser nationalen Fabrik zu groen Scharen als Krieg und Geld machende
Drahtpuppen hervor, lcherlich eitel auf die erbrmliche Vollkommenheit
ihres Mechanismus. Die menschliche Gesellschaft wurde immer mehr zu
einem Marionettentheater von Politikern, Soldaten, Fabrikanten und
Bureaukraten, die durch groartig funktionierende Drahteinrichtungen
hin- und herbewegt werden.

Aber die ganze Brut der Selbstsucht: Ha und Gier, Furcht und Heuchelei,
Argwohn und Tyrannei, ist auf die Dauer nicht lebensfhig. Diese
Ungeheuer wachsen zu einer Riesengre an, aber das Ebenma fehlt ihnen.
Und der Leib dieser Nation, der nicht aus Fleisch und Blut, sondern aus
Stahl und Dampf und Amtsgebuden besteht, kann zu einer immer
phantastischeren Ungeheuerlichkeit anschwellen, bis endlich die
Migestalt ihren ganzen Umfang nicht mehr zusammenhalten kann -- sie
wird anfangen zu krachen und zu bersten, keuchend giftige Dmpfe und
Feuer auszuspeien, und wir hren im Donner der Kanonen ihr Todesrcheln.
In diesem Kriege hat der Todeskampf der Nation angefangen. Ihr ganzer
Mechanismus ist pltzlich toll geworden und hat einen Furientanz
begonnen, indem er seine eigenen Glieder zerschmettert und in den Staub
wirft. Es ist der fnfte Akt der Tragdie des falschen Scheins.

Die irgendwelchen Glauben an die Menschheit haben, knnen nur sehnlichst
hoffen, da die Tyrannei der Nation nicht ihre frhere Gestalt
unversehrt zurckerhlt: ihre Zhne und Klauen, ihre weitreichenden
Eisenarme und ihre ungeheure innere Hohlheit, wo alles Magen ist und
kein Herz; sie mssen hoffen, da der Mensch aus dem Nebelmeer von
Abstraktionen, das ihn einhllte, zur Freiheit der Persnlichkeit neu
geboren wird.

Dieser furchtbare Krieg hat den Schleier gehoben, und der Westen steht
Antlitz in Antlitz seiner Schpfung gegenber, der er seine Seele
geopfert hat. Jetzt mu er wissen, was das fr eine Schpfung ist.

Er hat nie geahnt, wie in seiner sittlichen Natur ein Proze von
langsamem und unmerklichem Absterben und Verwesen vor sich ging, der
sich bald in skeptizistischen Lehren kund gab, bald und noch fter und
anscheinend harmloser, aber darum gefhrlicher, in der Ahnungslosigkeit
von all der Verstmmelung und Schmach, die er einem groen Teil der
Menschheit zugefgt hat. Jetzt mu er die Wahrheit durch eigene
Erfahrung lernen.

Und dann werden unter seinen eigenen Kindern solche aufstehen, die sich
aus der Knechtschaft der gegenwrtigen Illusion befreien, aus dieser
Verderbtheit einer Verbrderung, die auf Selbstsucht gegrndet ist. Sie
werden erkennen, da sie Gottes Kinder sind und nicht Sklaven einer
Maschinerie, die Seelen in Ware verwandelt und das Leben in Fcher
einteilt, die mit ihren eisernen Klauen der Welt das Herz ausreit und
nicht wei, was sie getan hat.

Und wir Nationslosen, deren Haupt bis in den Staub gebeugt ist, wir
wollen uns sagen, da dieser Staub heiliger ist als die Ziegelsteine,
aus denen die Macht ihr stolzes Schlo aufrichtet. Denn dieser Staub ist
fruchtbar an Leben und Schnheit und Erhabenheit. Wir wollen Gott
danken, da es unser Los war, in Schweigen die Nacht der Trbsal und
Verzweiflung hindurch zu wachen, den Hohn der Stolzen und die Last des
Gewaltigen zu tragen, da wir in all dem Leiden, obgleich unser Herz von
Zweifeln und Furcht bebte, dem blinden Glauben an das Heil durch die
Maschine widerstanden und festhielten an unserem Vertrauen auf Gott und
die menschliche Seele. Und wir hegen doch noch die Hoffnung, da, wenn
die Macht beschmt von ihrem Thron herabsteigt und der Liebe Platz
macht, wenn der Morgen kommt, wo die blutigen Spuren, die die Nation
zurcklie, als sie durch die Menschheit hinschritt, hinweggewaschen
werden, man uns ruft, auf da wir unser heiliges Gef mit Weihwasser
bringen, um die menschliche Geschichte wieder zu reinigen und den
zertretenen Staub der Jahrhunderte wieder mit Fruchtbarkeit zu segnen.




      NATIONALISMUS IN JAPAN


Die schlimmste Form der Knechtschaft ist es, wenn wir der Verzagtheit
anheimfallen, denn sie raubt uns den Glauben an uns selbst und damit
jede Hoffnung auf Befreiung. Man hat uns wiederholt und mit einem
gewissen Recht gesagt, da Asien in der Vergangenheit lebt -- es ist wie
ein reiches Mausoleum, das alle seine Pracht entfaltet, um die Toten
unsterblich zu machen. Man hat von Asien gesagt, da es niemals den Pfad
des Fortschritts beschreiten knne, weil es nicht anders knne als den
Blick nach rckwrts richten. Wir nahmen diesen Vorwurf hin und hielten
ihn schlielich fr berechtigt. Ich wei, da in Indien eine groe
Anzahl unserer Gebildeten die Demtigung, die in diesem Vorwurf liegt,
nicht ertragen kann und nun ihre ganze Fhigkeit zum Selbstbetrug
aufbietet, um ihn in ein Lob zu verwandeln und damit zu prahlen. Aber
Prahlerei ist nur Schamgefhl unter falscher Maske, sie glaubt nicht
wirklich an sich.

Als die Dinge so standen und wir Bewohner Asiens uns in den Glauben
hinein hypnotisierten, da es immer so bleiben msse und auf keine Weise
anders werden knne, erwachte pltzlich Japan aus seinem Schlummer,
holte mit Riesenschritten die mig vertrumten Jahrhunderte nach und
stand bald mit seinen Leistungen in der vordersten Reihe seiner modernen
Zeitgenossen. Dies hat den Zauber gebrochen, in dem wir jahrhundertelang
gebannt lagen, als wir glaubten, unser Los sei nun einmal das Los
bestimmter Vlker unter bestimmten Himmelsstrichen. Wir hatten
vergessen, da in Asien einst groe Knigreiche gegrndet wurden, da
Philosophie, Wissenschaft, Kunst und Literatur bei uns blhten und alle
groen Religionen hier ihre Wiege hatten. Man kann daher nicht sagen,
da in dem Boden und Klima Asiens irgend etwas ist, was geistige
Unttigkeit erzeugt oder im Menschen den Trieb zum Fortschritt
verkmmern lt. Jahrhundertelang haben wir in Asien die Fackel der
Kultur hochgehalten, als der Westen noch im Dunkel schlummerte und dies
kann doch nicht das Zeichen von geistiger Schwerflligkeit und engem
Horizont sein.

Dann kam eine Zeit, wo das Dunkel der Nacht sich auf alle Lnder des
Ostens legte. Der Strom der Zeit schien pltzlich stillzustehen, und
Asien hrte auf, neue Nahrung zu sich zu nehmen; es fing an, sich von
seiner Vergangenheit, das heit in Wahrheit, von sich selbst zu nhren.
Es lag in Totenstille da, und die Stimme, die einst ewige Wahrheiten mit
lautem Ruf verkndet und viele Menschenalter hindurch das Menschenleben
rein gehalten hatte, wie der Ozean von Luft die Erde umsplt und
reinigt, -- diese Stimme war verstummt.

Aber das Leben braucht auch seinen Schlaf, seine Perioden der
Unttigkeit, wo seine Bewegungen aufhren, wo es keine neue Nahrung zu
sich nimmt und von den Vorrten seiner Vergangenheit lebt. Dann wird es
hilflos, seine Muskeln erschlaffen, und es ist leicht, es wegen seiner
Stumpfheit zu verhhnen. Im Rhythmus des Lebens sind diese Pausen ntig,
damit das Leben sich erneuern kann. Ein tatenvolles Leben verausgabt
sich bestndig, verbrennt all sein l. Diese Verschwendung kann nicht
unbegrenzt weitergehen, sondern immer mu ihr eine Zeit der Passivitt
folgen, wo keine Krfte mehr verbraucht und keine Abenteuer mehr
unternommen werden drfen, wo Ruhe erste Pflicht ist, damit die
Lebenskraft allmhlich wieder wachsen kann.

Unser Geist neigt von Natur zur Sparsamkeit, er liebt es, Gewohnheiten
anzunehmen und sich auf ausgefahrenen Gleisen zu bewegen, die ihm die
Mhe sparen, bei jedem Schritt nachzudenken. Fertig bernommene Ideale
machen den Geist trge. Er frchtet, seinen Besitz zu verlieren, im
Ringen nach neuem Erwerb. Er versucht, ihn sich zu sichern, indem er ihn
in einer Festung von Gewohnheiten verschliet. Aber dies heit in
Wahrheit, sich den vollen Genu seines Besitzes unmglich machen. Es ist
Geiz. Die lebendigen Ideale drfen nicht die Berhrung mit dem
wachsenden, wechselnden Leben verlieren. Nicht innerhalb sie sorglich
htender Schranken sind sie wahrhaft frei, sondern drauen auf der
Landstrae des Lebens mit all ihren Abenteuern und Mglichkeiten neuer
Erfahrungen.

Eines Morgens blickte die ganze Welt in Staunen auf: Japan hatte in der
Nacht die Mauern seiner alten Gewohnheiten durchbrochen und trat
triumphierend daraus hervor. Es war in einer so unglaublich kurzen Zeit
geschehen, wie das Wechseln eines Gewandes, nicht wie das langsame
Errichten eines neuen Baues. Das neue Japan zeigte zugleich das
zuversichtliche Kraftbewutsein des reifen Alters und die Frische und
unendliche Mglichkeitsflle neu erwachten Lebens. Man frchtete damals,
da es sich nur um eine pltzliche Laune der Geschichte handelte, um ein
kindisches Spiel der Zeit, eine Seifenblase, zwar vollkommen in ihrer
Rundung und Farbenschnheit, doch innen hohl und ohne Gehalt. Aber Japan
hat endgltig gezeigt, da die pltzliche Offenbarung seiner Macht nicht
ein kurzlebiges Wunder war, eine zufllige und vorbergehende
Erscheinung im Zeitenstrom, aus der dunklen Tiefe heraufgeschleudert, um
im nchsten Augenblick mit den Fluten hinweggerissen zu werden ins Meer
der Vergessenheit.

Denn Japan ist alt und modern zugleich. Es hat sein Erbe alter stlicher
Kultur, jener Kultur, die dem Menschen zur Pflicht macht, wahren
Reichtum und wahre Kraft in sich selbst, in seiner Seele zu suchen,
jener Kultur, die ihm inneren Halt gibt gegenber Verlust und Gefahr,
die ihn opferwillig macht, ohne da er an das denkt, was es ihn kostet,
oder auf Lohn hofft, die ihn lehrt, dem Tod zu trotzen und sich den
unzhligen Verpflichtungen zu unterwerfen, die er als Glied der
Gesellschaft seinen Mitmenschen gegenber hat. Es besitzt das Erbe jener
Kultur, die uns in allen endlichen Dingen die Vision des Unendlichen
gegeben hat, durch die wir erkannt haben, da das Weltall von Leben und
Seele durchtrnkt ist, da es nicht eine ungeheure Maschine ist, die
einst vom Teufel Zufall zum Vorschein gebracht oder von einem
teleologischen Gott geschaffen wurde, der in einem fernen Himmel lebt.
Mit einem Wort, das moderne Japan ist aus dem uralten Osten entsprossen
wie die Lotusblume, die sich leicht und anmutig in der Luft wiegt und
doch fest und tief in dem Boden wurzelt, dem sie entsprungen.

Und Japan, dies Kind des alten Ostens, hat doch keck nach allen Gaben
des modernen Zeitalters gegriffen. Es hat seinen khnen Geist gezeigt,
indem es die Schranken der Gewohnheit durchbrach, welche Trgheit nach
und nach aufgerichtet hatte; seine eigene Tchtigkeit und Wachsamkeit
sollten hinfort seine Sicherheit und sein Schutz sein. So ist es in
Berhrung gekommen mit dem Leben der Zeit und hat mit bewundernswertem
Eifer und erstaunlicher Begabung die Verpflichtungen der modernen
Zivilisation auf sich genommen.

Dies ist es, was dem brigen Osten Mut gemacht hat. Wir haben erkannt,
da Leben und Kraft in uns ist, es gilt nur, die trockene Rinde
abzuwerfen und nackt hineinzutauchen in den verjngenden Strom der Zeit.
Wir haben erkannt, da seine Zuflucht zu toten Dingen nehmen Tod
bedeutet, und da nur der lebt, der das ganze volle Wagnis des Lebens
auf sich nimmt.

Ich meinesteils kann nicht glauben, da Japan das geworden ist, was es
ist, dadurch, da es dem Westen nachahmte. Wir knnen Leben nicht
nachahmen, Kraft nicht lange heucheln, ja, bloes Nachahmen ttet die
Kraft, die da ist. Denn es fesselt unsere wahre Natur und hemmt uns
berall. Es ist, als ob wir ber unsere Knochen die Haut eines andern
Menschen zgen und so zwischen beiden einen ewigen Kampf schfen.

Die Wahrheit ist, da die Wissenschaft nicht zur Natur des Menschen
gehrt; sie ist nur etwas Erlerntes und durch Schulung Erworbenes. Wenn
ihr die Gesetze der ueren Natur kennt, so ndert das noch nichts an
eurer menschlichen Natur. Wissen knnt ihr von andern borgen, aber nicht
Gaben des Gemts.

Aber in der ersten Zeit unserer Ausbildung, wo wir noch nichts weiter
tun als nachmachen, knnen wir noch nicht zwischen Wesentlichem und
Unwesentlichem, zwischen bertragbarem und Nichtbertragbarem
unterscheiden. Es ist wie mit dem Glauben des primitiven Geistes an die
Zauberkraft zuflliger uerer Formen, in denen sich ihm eine Wahrheit
kundgibt. Wir frchten, etwas Wertvolles und Wirksames zurckzulassen,
wenn wir nicht die Schale mit dem Kern verschlucken. Aber whrend unsere
Gier immer das Ganze sich aneignen will, verleiben unsere Leben
schaffenden Organe die nhrenden Stoffe dem Krper ein, und dies ist die
rechte Art, wie ein lebendiger Organismus von den Dingen Besitz nimmt.
Wo Leben ist, da behauptet es sich sicher dadurch, da es das auswhlt,
was es zu seiner Erhaltung braucht, und das Schdliche zurckweist. Der
lebendige Organismus wchst nicht in seine Nahrung hinein, sondern seine
Nahrung wchst in ihn hinein. Und nur so kann er stark werden, nicht
indem er sie nur in sich anhuft oder indem er sich selbst aufgibt.

Japan hat seine Nahrung vom Westen eingefhrt, aber nicht seine
Lebensorgane. Japan kann nicht ganz in der wissenschaftlichen
Ausstaffierung, die es vom Westen bekommen hat, untertauchen und zu
einer bloen bernommenen Maschine werden. Es hat seine eigene Seele,
die sich vor allen andern Bedrfnissen geltend machen mu. Da sie dies
kann und da Japan es versteht, die neuen Errungenschaften sich in
rechter Weise zu eigen zu machen, das beweisen reichlich die Zeichen
krftiger Gesundheit, die wir an ihm wahrnehmen. Und ich hoffe
aufrichtig, da Japan ber dem Stolz auf seine modernen Errungenschaften
nie den Glauben an seine Seele verlieren wird, denn schon jener Stolz
ist eine Demtigung und fhrt am Ende zu Armut und Schwche. Es ist der
Stolz des Gecken, der greren Wert auf seine Kopfbedeckung legt als auf
den Kopf selbst.

Die ganze Welt wartet, um zu sehen, was dieses groe Volk des Ostens nun
anfangen wird mit den Mglichkeiten und Verpflichtungen, die es aus den
Hnden der modernen Zeit empfangen hat. Ist es nur eine Nachbildung des
Westens, so werden die groen Erwartungen, die es erweckt hat, unerfllt
bleiben. Denn es sind ernste Fragen, die die westliche Zivilisation
aufgeworfen und noch nicht ganz gelst hat. Der Konflikt zwischen Staat
und Individuum, Arbeit und Kapital, Mann und Frau; der Konflikt zwischen
materieller Gewinnsucht und Bedrfnis nach geistigem Leben, zwischen der
organisierten Selbstsucht der Vlker und den hheren Idealen der
Menschlichkeit, und all die schlimmen Konflikte, die sich ergeben aus
dem Gegensatz zwischen den riesigen Organisationen des Handels und des
Staates und den natrlichen Instinkten des Menschen, die nach
Einfachheit, Schnheit und Mue rufen -- dies alles soll in Harmonie
gebracht werden auf einem Wege, den noch niemand ahnt.

Wir haben gesehen, wie dieser groe Strom der Zivilisation sich staute
und gehemmt wurde durch die Trmmer, die seine unzhligen Kanle ihm
zutrugen. Wir haben gesehen, da bei all ihrer vielgepriesenen
Menschenliebe die Zivilisation sich selbst als die grte Bedrohung fr
den Menschen erwies, eine weit schlimmere als die pltzlichen berflle
nomadischer Barbaren, durch die die Menschen in frheren Zeitaltern
litten. Wir haben gesehen, da sie, trotzdem sie mit ihrer
Freiheitsliebe prahlte, schlimmere Formen der Sklaverei schuf, als je in
einer menschlichen Gesellschaft blich waren -- eine Sklaverei, deren
Ketten unzerbrechlich sind, entweder weil sie unsichtbar sind oder weil
sie Namen und ueren Schein der Freiheit haben. Wir haben gesehen, wie
der Mensch im Bann ihrer ungeheuren Gemeinheit den Glauben verliert an
all die hohen Ideale des Lebens, die ihn gro gemacht haben.

Daher knnt ihr Japaner nicht leichten Herzens die moderne Zivilisation
annehmen mit all ihren Tendenzen, Methoden und Einrichtungen, in der
Meinung, da das alles dazu gehrt. Ihr mt euren stlichen Sinn, eure
geistige Kraft, eure Liebe zur Einfachheit, eure Gefhle fr soziale
Verpflichtungen einsetzen, um einen neuen Weg zu bahnen fr diesen
groen, ungelenken, mitnig rollenden Triumphwagen des Fortschritts.
Ihr mt die ungeheuren Opfer an Menschenleben und Freiheit, die er bei
jedem Schritt auf seinem Wege fordert, auf das kleinste Ma bringen.
Viele Menschenalter hindurch habt ihr auf eure eigene Art gefhlt,
gedacht und gearbeitet, euch gefreut und eure Gtter verehrt. Diese eure
Art knnt ihr nicht wie ein altes Gewand ablegen. Denn sie ist in eurem
Blut, in dem Mark eurer Knochen, in dem Gewebe eures Fleisches, in den
Windungen eures Gehirns, und sie mu allem, was ihr berhrt, ihren
Stempel geben, ohne euer Wissen, selbst gegen euren Willen. Einst fandet
ihr doch eine Lsung fr die menschlichen Probleme, die euch
befriedigte, und ihr hattet eure eigene Lebensphilosophie und eure
eigene Lebenskunst. Dies alles mt ihr jetzt auf die gegenwrtige Lage
anwenden, und daraus wird eine neue Schpfung entstehen, keine bloe
Wiederholung -- eine Schpfung, welche ganz der Seele eures Volkes
gehrt und welche sie stolz der Welt darbietet als ihren Beitrag zum
Wohl der Menschheit. Von allen Lndern in Asien habt ihr in Japan die
Freiheit, das, was ihr vom Westen bekommen habt, nach eurem Sinn und
eurem Bedrfnis zu nutzen. Ihr habt das Glck, nicht eingeengt zu sein
von auen; daher ist eure Verantwortlichkeit um so grer, denn ihr
antwortet im Namen ganz Asiens auf die Fragen, die Europa der Menschheit
vorgelegt hat. In eurem Lande werden die Versuche fortgefhrt, wodurch
der Osten das Bild der modernen Zivilisation ndern wird, indem er da
Leben einhaucht, wo sie Maschine ist, an Stelle kalter Berechnung
menschliches Gefhl setzt, nicht so sehr nach Macht und Erfolg fragt,
als nach harmonischem und lebendigem Wachstum, nach Wahrheit und
Schnheit.

Ich mu euch an jene Zeiten erinnern, als der ganze Osten Asiens von
Birma bis Japan mit Indien verbunden war durch das Band engster
Freundschaft, das einzig natrliche Band, das zwischen Vlkern bestehen
kann. Damals bestand eine unmittelbare Verbindung von Herz zu Herz; wir
bildeten alle zusammen ein lebendiges Nervensystem, wir sprten
gleichzeitig die tiefsten Bedrfnisse der Menschheit. Wir lebten nicht
in Furcht voreinander, wir brauchten uns nicht zu bewaffnen, um einander
in Schach zu halten. Nicht Eigennutz und Habgier trieb uns zueinander,
Ideen und Ideale wurden ausgetauscht, Gaben der hchsten Liebe
dargeboten und empfangen. Verschiedenheit der Sprachen und Sitten
hinderten nicht die innigste Seelengemeinschaft; kein Rassenstolz, keine
freche berhebung im Bewutsein krperlicher oder geistiger
berlegenheit strte unsere Beziehung; neue Bltter und Blten
entsprossen dem Boden unserer Kunst und Literatur unter dem Sonnenlicht
der Menschenliebe, und Vlker von verschiedenen Lndern, Sprachen und
Vergangenheiten bekannten sich zu dem, was die hchste Einheit der
Menschen bildet und das strkste Liebesband. Wollen wir nicht auch daran
denken, da damals, in jenem goldenen Zeitalter, als die Menschen
gemeinsam nach den hchsten Lebenszielen strebten, eure Natur den Balsam
der Unsterblichkeit fr sich aufspeicherte, der eurem Volk zur
Wiedergeburt in einem neuen Zeitalter verholfen hat und ihm die Kraft
gegeben, seinen alten verbrauchten Leib abzutun und einen neuen Leib
anzulegen und unversehrt hervorzugehen aus der Erschtterung der
wunderbarsten Umwlzung, die die Welt je gesehen hat?

Die politische Kultur, die auf dem Boden Europas gewachsen ist und sich
wie ppig wucherndes Unkraut ber die ganze Erde ausgebreitet hat,
grndet sich auf Ausschlielichkeit. Sie ist immer darauf bedacht,
Fremde in Schach zu halten oder zu vernichten. Sie ist kannibalisch in
ihren Neigungen, nhrt sich von dem, was andere Vlker notwendig zu
ihrem Leben brauchen, und versucht, deren ganze Zukunft zu verschlingen.
Sie frchtet immer, da andere Rassen auch zu Bedeutung gelangen, und
erklrt es als eine Gefahr, und sie versucht, alle Keime von Gre
auerhalb ihrer Grenzen zu ersticken, indem sie die Rassen, die
schwcher sind als sie, zu Boden wirft, damit sie auf ewig in ihrer
Schwche verharren. Bevor diese politische Kultur zur Herrschaft kam und
ihren hungrigen Rachen weit genug ffnete, um ganze Erdteile zu
verschlingen, hatten wir wohl Kriege, Plnderungen, gewaltsame
Thronwechsel, die Elend im Gefolge hatten, aber nie sahen wir solche
furchtbare und hoffnungslose Raubgier, solch ein gegenseitiges
Sichauffressen von Nationen, solche riesigen Maschinen zum Zerhacken
ganzer Erdteile, nie sahen wir solche entsetzlichen Ausgeburten von
Eifersucht, die immer ihre scheulichen Zhne und Klauen bereit haben,
sich gegenseitig die Eingeweide zu zerfleischen. Diese politische Kultur
ist wissenschaftlich, nicht menschlich. Sie ist mchtig, weil sie alle
ihre Krfte auf ~ein~ Ziel richtet, wie der Millionr, der Geld erwirbt
auf Kosten seiner Seele. Sie verrt das Vertrauen, schamlos spinnt sie
Lgennetze, stellt riesige Gtzenbilder der Gier in ihren Tempeln auf
und ist sehr stolz auf die kostspieligen Zeremonien ihres
Gottesdienstes, den sie Patriotismus nennt. Und man kann mit Gewiheit
prophezeien, da solch Treiben ein Ende finden mu, denn es gibt in
dieser Welt ein sittliches Gesetz, dem nicht nur der einzelne, sondern
auch die organisierten Gemeinschaften unterworfen sind. Ihr knnt nicht
diese Gesetze im Namen eurer Nation bestndig verletzen und als
Individuen ihren Segen genieen. Dies ffentliche Untergraben der
menschlichen Ideale wirkt auf jedes Mitglied der Gesellschaft, es macht
allmhlich und unmerklich die Menschen schwach und erzeugt jenes
zynische Mitrauen gegen alles, was in der menschlichen Natur heilig und
ehrwrdig ist, das sichere Anzeichen von Greisenhaftigkeit. Ihr mt
bedenken, da diese politische Kultur, diese Religion des nationalen
Patriotismus, noch nicht lange auf die Probe gestellt ist. Die Fackel
des alten Griechenlands ist in dem Lande, wo sie zuerst entzndet wurde,
erloschen. Roms Macht liegt tot und begraben unter den Trmmern seines
groen Reiches. Aber die Kultur, die sich auf die natrliche
Gesellschaft und auf die geistigen Ideale der Menschen grndet, lebt
noch in China und Indien. Wenn sie, an dem Mastab der mechanischen
Kraft unserer heutigen Zeit gemessen, auch schwach und klein aussieht,
so gleicht sie doch den kleinen Samenkrnern, die Leben enthalten; sie
wird emporsprieen und wachsen, ihre wohlttigen Zweige ausbreiten und
Blten und Frchte hervorbringen, wenn ihre Zeit kommt und der
befruchtende Segen des Himmels auf sie herabstrmt. Aber die Trmmer von
Wolkenkratzern und zerbrochenen Maschinen, die traurigen Reste von Macht
und Gier, kann selbst Gottes Segen nicht wieder aufrichten, denn sie
waren nicht Kinder des Lebens, sondern Feinde allen Lebens -- sie sind
Spuren des Aufruhrs, der im Kampf gegen das Ewige zerschellte.

Aber man macht uns den Vorwurf, da unsere Ideale unbeweglich sind, da
sie nicht die Triebkraft haben, uns zu neuen Ausblicken zu fhren und
neue Gebiete von Wissen und Macht zu erschlieen, da die
philosophischen Systeme, die Hauptsttzen der morschen stlichen Kultur,
alle ueren Beweise verschmhen und in ihrer subjektiven Gewiheit
sich tricht zufriedengeben. Dies beweist nur, da wir, wenn unser
Wissen unklar ist, geneigt sind, dem Gegenstand unseres Wissens
Unklarheit vorzuwerfen. Fr einen europischen Beobachter ist unsere
Kultur nichts als Metaphysik, wie fr einen Tauben das Klavierspiel nur
Fingerbewegung, aber nicht Musik ist. Er kann es nicht glauben, da
diese Kultur eine tiefe, lebendige Wirklichkeit als Grundlage hat, auf
der sich unser Leben aufbaut.

Unglcklicherweise ist der Beweis fr die Wirklichkeit eines Dinges nur
seine sichtbare Vergegenwrtigung. An die Wirklichkeit eurer Umgebung
glaubt ihr, weil ihr sie seht, aber es ist schwer, einem Unglubigen zu
beweisen, da unsere Kultur nicht ein nebelhaftes System von abstrakten
Spekulationen ist, da sie uns etwas gegeben hat, was positive Wahrheit
ist -- eine Wahrheit, die dem Menschenherzen Schutz und Nahrung gibt.
Sie hat einen innern Sinn in uns entwickelt, die Gabe, in allen
endlichen Dingen das Unendliche zu schauen.

Aber, sagt der Europer weiter, ihr macht gar keine Fortschritte, in
euch ist keine Bewegung. Ich frage ihn: Woher wit ihr das?
Fortschritte wollen nach ihrem Ziel beurteilt werden. Der Eisenbahnzug
macht seine Fortschritte auf die Endstation zu -- das ist Bewegung. Aber
ein ausgewachsener Baum hat keine Bewegung dieser Art, sein Fortschritt
ist der Fortschritt des Lebens in ihm. Er lebt, und sein Streben zum
Licht tnt in seinen Blttern und rinnt in seinem Saft.

Auch wir haben jahrhundertelang gelebt, leben noch und streben nach
einer Wirklichkeit, deren Erfllung kein Ende hat -- nach einer
Wirklichkeit, die ber den Tod hinausgeht und ihm erst einen Sinn gibt,
die sich ber alles Elend und alle Trbsal dieser Welt erhebt und in
freudiger Entsagung Frieden und Reinheit bringt. Die Frucht dieses
inneren Lebens ist lebendige Frucht. Nach ihr verlangt der Jngling,
wenn er mde und staubbedeckt heimkehrt, der Soldat, wenn er verwundet
ist; nach ihr verlangt man, wenn der Reichtum verprat und der Stolz
gedemtigt ist, wenn das Menschenherz in dem verwirrenden Durcheinander
der Tatsachen nach Wahrheit und im Widerstreit seiner Neigungen nach
Harmonie ruft. Ihr Wert liegt nicht in ihrer ueren Flle, sondern in
ihrer Vollkommenheit.

Es gibt Dinge, die nicht warten knnen. Wollt ihr kmpfen oder den
besten Platz auf dem Markt haben, so mt ihr euch in Marsch setzen und
laufen und strzen. Ihr spannt eure Nerven aufs uerste an und seid
immer auf dem Posten, wenn ihr Gelegenheiten ergreifen wollt, die sich
nur im Fluge erhaschen lassen. Aber es gibt Ideale, die nicht ein
Versteckspiel treiben mit unserm Leben; sie wachsen langsam vom
Samenkorn zur Blte und von der Blte zur Frucht; sie brauchen unendlich
viel Raum und Himmelslicht, um zu reifen, und die Frchte, die sie
tragen, knnen jahrelang verschmht und vergessen liegen, ohne da sie
faulen. Der Osten mit seinen Idealen, der in seinem Busen das Licht der
Sonne und das Schweigen der Sterne von Jahrhunderten bewahrt, kann
geduldig warten, bis dem Westen, der dem Nutzen nacheilt, der Atem
ausgeht und er stillsteht. Europa wirft, whrend es eiligst zu seinen
Geschften fhrt, einen verchtlichen Blick aus dem Wagenfenster des
Zuges auf den Schnitter, der auf dem Felde sein Getreide mht, und in
der rasenden Geschwindigkeit der Fahrt mu es ihm vorkommen, als ob der
da drauen sehr langsam wre und immer weiter zurckginge. Aber die
Geschwindigkeit nimmt einmal ein Ende, die Geschfte verlieren ihren
Sinn, und das hungernde Herz Europas jammert nach Nahrung, bis es
endlich zu dem bescheidenen Schnitter kommt, der im Sonnenschein seine
Ernte einbringt. Denn wenn auch das Geschft und das Kaufen und
Verkaufen oder die Vergngungssucht nicht warten knnen, die Liebe
wartet und mit ihr die Schnheit und die Weisheit im Leiden und all die
Frchte frommer Demut und glubiger Hingebung. Und so wird der Osten
warten, bis seine Zeit kommt.

Ich will jedoch nicht zgern, das Groe in Europa anzuerkennen, denn
Groes hat es ohne Zweifel. Wir knnen nicht anders als es von Herzen
lieben und bewundern -- dies Europa, von dem sich in Kunst und Literatur
ein unerschpflicher Strom von Schnheit und Wahrheit ergiet, alle
Lnder und Zeiten befruchtend; dies Europa, das mit titanischem Geiste
in nie ermdender Kraft die Hhen und Tiefen des Weltalls durchmit,
das unendlich Groe und unendlich Kleine mit seinem Wissen umfat und
alle Krfte von Herz und Verstand dazu verwendet, die Kranken zu heilen
und all das Elend zu mildern, das wir bis jetzt in hoffnungsloser
Resignation hinnahmen, dies Europa, das die Erde dahin bringt, uns mehr
Frucht zu spenden, als mglich schien, indem es mit Gte und Gewalt alle
groen Krfte der Natur in den Dienst des Menschen zwingt. Wahre Gre
wie diese kann nur auf Geistesstrke beruhen. Denn nur der Geist des
Menschen kann seines endlichen Erfolges gewi, allen Schranken trotzen,
seinen Scheinwerfer hinter das unmittelbar vor Augen Liegende richten,
freudig zum Mrtyrer werden fr ferne Ziele, die er selbst nie erreichen
kann und von denen er durch keinen Fehlschlag sich abbringen lt. Im
Herzen Europas fliet der reinste Strom von Menschenliebe,
Gerechtigkeitsliebe und Opferwillen fr hhere Ideale. Jahrhundertelange
christliche Kultur hat es tief bis ins Lebensmark durchdrungen. Wir
haben gesehen, wie zu allen Zeiten in Europa edle Geister fr die
Rechte des Menschen ohne Rcksicht auf Farbe und Bekenntnis eintraten,
wie sie, Verleumdungen und Schmhungen von Seiten ihres eigenen Volkes
trotzend, fr die Sache der Menschheit kmpften und ihre Stimmen erhoben
gegen die wilden Orgien des Militarismus, gegen die Raserei brutaler
Rachgier und Raubsucht, die bisweilen ein ganzes Volk ergreift. Wir
sehen, wie sie immer bereit sind, das Unrecht wieder gutzumachen, das
ihre eigenen Nationen frher andern zugefgt, und wie sie vergebens
versuchten, die Flut feigherziger Ungerechtigkeit aufzuhalten, die
ungehindert weiter strmt, weil der Widerstand von Seiten der
Geschdigten schwach und ohne Wirkung ist. Sie sind da, diese fahrenden
Ritter des modernen Europas, die den Glauben nicht verloren haben an
selbstlose Liebe zur Freiheit, an die Ideale, die keine nationale
Selbstsucht und keine geographischen Schranken kennen. Sie sind da, und
beweisen uns, da die Quellen ewigen Lebens in Europa nicht vertrocknet
sind, und von dorther wird immer wieder seine Wiedergeburt kommen. Da
jedoch, wo Europa zu bewut am Werk ist, das Gebude seiner Macht
aufzurichten und seine bessere Natur verleugnet und verspottet, da
huft es seine Missetaten zum Himmel auf und fordert Gottes Rache
heraus, indem es die giftige Saat physischer und moralischer Hlichkeit
ber die ganze Erde st und durch sein herzloses Treiben des Menschen
Gefhl fr das Schne und Gute freventlich verletzt. Europa ist uerst
gut in seinem Wohltun, solange es seinen Blick auf die ganze Menschheit
richtet, und es ist uerst bse in seinem beltun, sobald es seinen
Blick nur auf sein eigenes Interesse richtet und alle Kraft zur Gre
nur auf Zwecke verwendet, die dem Unsterblichen und Ewigen im Menschen
entgegen sind.

Ostasien hat seinen alten Pfad verfolgt und eine Kultur entwickelt, die
nicht politisch, sondern sozial ist, nicht ruberisch und mechanisch
wirksam, sondern geistig und auf all die mannigfachen tieferen
menschlichen Beziehungen gegrndet. Es hat in stiller Zurckgezogenheit
fr die Lebensprobleme der Vlker Lsungen ersonnen und hat sie im
Schutz seiner Abgeschlossenheit, kaum berhrt von dynastischen Wechseln
und Einfllen fremder Vlker, ausgefhrt. Aber jetzt, da die Welt von
auen ber uns hereingebrochen ist, ist unsere Abgeschlossenheit fr
immer dahin. Und doch drfen wir dies nicht beklagen, wie eine Pflanze
es nicht beklagen darf, wenn sie aus dunkler Erde zum Licht emporgezogen
wird. Jetzt ist die Zeit gekommen, wo wir die Aufgabe der ganzen Welt zu
unserer Aufgabe machen mssen; wir mssen den Geist unserer Kultur mit
der Geschichte aller Nationen der Erde in Einklang zu bringen suchen,
wir drfen uns nicht in trichtem Stolz in der Samenhlle und in der
Erdrinde, die unsere Ideale schtzen und nhrten, festhalten, denn
beide, Hlle und Rinde, mssen durchbrochen werden, wenn das Leben in
all seiner Kraft und Schnheit emporschieen soll, um der Welt im Licht
des Tages seine Gaben zu bieten.

Diese Aufgabe, die Schranke zu durchbrechen und in die Welt
hinauszutreten, hat von den Vlkern des Ostens Japan zuerst auf sich
genommen. Es hat das Herz ganz Asiens mit Hoffnung belebt. Diese
Hoffnung gibt uns die heimliche Flamme, die jedes Schpfungswerk
braucht. Asien fhlt jetzt, da es sein Leben beweisen mu, dadurch, da
es lebendige Werke schafft; da es nicht mig schlafend daliegen oder,
durch Furcht oder Schmeichelei betrt, in schwchlicher Nachahmung dem
Westen huldigen darf. Dafr sagen wir dem Land der aufgehenden Sonne
Dank und bitten es feierlich, immer dessen eingedenk zu sein, da es die
Mission des Ostens zu erfllen hat. Es mu dem Herzen der modernen
Kultur den Lebenssaft tieferer Menschlichkeit einflen. Es darf sie
nicht vom Unterholz ersticken lassen, sondern mu sie hinauffhren zu
Licht und Freiheit, zu reiner Luft und weitem Raum, wo sie im Licht des
Tages und im Dunkel der Nacht die Stimme des Himmels vernehmen kann. Auf
da die Erhabenheit seiner Ideale allen Menschen sichtbar werde wie sein
schneegekrnter Futschijama, der aus dem Herzen seines Landes aufsteigt
in die Region des Unendlichen und sich stolz von seiner Umgebung abhebt,
schn wie ein Mdchen in dem wundervollen Schwung seiner Linien, und
doch fest und stark und von ruhiger Majestt.


      II.

Ich bin in vielen Lndern gereist und Menschen von allen Klassen
begegnet, aber nirgends auf meinen Reisen fhlte ich die Gegenwart des
Menschlichen so stark wie in diesem Lande. In andern groen Lndern
waren die Zeichen der Macht des Menschen weithin sichtbar, und ich sah
ungeheure Organisationen, die sich nach allen Seiten wirksam zeigten.
Die Pracht und ppigkeit, die dort herrscht in Kleidung, Einrichtung und
kostspieliger Unterhaltung, ist erschreckend. Man fhlt sich bei ihnen
in die Ecke gedrckt wie ein ungebetener Gast beim Festmahl; halb ist
man von Neid erfllt, halb atemlos vor Staunen. Bei ihnen hat man nicht
das Gefhl, da der Mensch das Hchste ist, sondern man wird immer gegen
einen Haufen erstaunlicher Dinge geschleudert, die uns von den Menschen
trennen. Aber in Japan ist nicht die Entfaltung von Macht und Reichtum
das herrschende Lebenselement. Man sieht berall Zeichen von Liebe und
Bewunderung und nicht berwiegend von Ehrgeiz und Habsucht. Man sieht
ein Volk, dessen Herz sich erschlossen hat und sich verschwenderisch
ausgibt in den einfachsten Gerten des tglichen Lebens, in seinen
sozialen Einrichtungen, in seinen sorgsam gepflegten und zur
Vollkommenheit ausgebildeten Lebensformen und in seiner Art mit den
Dingen umzugehen, die nicht nur geschickt, sondern zugleich in jeder
Bewegung anmutig ist.

Was in diesem Lande den grten Eindruck auf mich gemacht hat, ist die
Erkenntnis, da ihr die Geheimnisse der Natur nicht durch methodisches
Zergliedern, sondern unmittelbar durch Anempfinden erfat habt. Ihr habt
die Sprache ihrer Linien und die Musik ihrer Farben erkannt, das Ebenma
in ihren Ungleichmigkeiten und den Rhythmus in der Freiheit ihrer
Bewegungen; ihr habt gesehen, wie sie die ungeheuren Scharen ihrer Wesen
fhrt und doch alle Reibungen vermeidet, wie selbst die Widerstreite in
ihren Schpfungen in Tanz und Musik sich lsen, wie ihr berflu die
Flle der selbstlosen Hingabe ist, nicht prahlerische Verschwendung. Ihr
habt erkannt, da die Natur ihre Kraft in Formen der Schnheit
aufbewahrt, und diese Schnheit ist es, welche wie eine Mutter alle
Riesenkrfte an ihrer Brust nhrt, indem sie sie in ttiger
Wirksamkeit, und doch in Ruhe hlt. Ihr habt erkannt, da die
Lebenskrfte der Natur sich vor Erschpfung bewahren durch den Rhythmus
vollkommener Anmut, und da sie durch die Zartheit ihrer geschwungenen
Linien die Mdigkeit von den Muskeln der Welt nimmt. Ich habe gefhlt,
da ihr es vermocht habt, diesen Geheimnissen euer Leben anzugleichen,
und da ihr die Wahrheit, die in der Schnheit aller Dinge liegt, in
eure Seele aufgenommen habt. Ein bloes Wissen von Dingen kann man in
kurzer Zeit erwerben, aber ihr Geist kann nur erworben werden durch
jahrhundertelange Erziehung und Selbstbeherrschung. Die Natur von auen
beherrschen ist viel einfacher als sie in Liebe sich zu eigen machen,
denn dies kann nur ein wahrhaft schpferischer Geist. Euer Volk hat
diese schpferische Kraft gezeigt; es erwarb nicht, sondern es schuf; es
stellte nicht Dinge zur Schau, sondern offenbarte sein eigenes inneres
Wesen. Dieser schpferische Geist ist allen Vlkern eigen; er bemchtigt
sich der Menschennaturen und formt sie nach seinen Idealen. Aber hier
in Japan scheint er seine Aufgabe vollendet zu haben, indem er in den
Geist des ganzen Volkes einging und seine Muskeln und Nerven durchdrang.
Eure Instinkte sind zuverlssig geworden, eure Sinne scharf, und eure
Hnde haben natrliche Geschicklichkeit erlangt. Der Schpfergeist
Europas hat seinen Vlkern die Kraft zur Organisation gegeben, die sich
besonders in der Politik, im Handel und in den wissenschaftlichen
Betrieben gezeigt hat. Der Schpfergeist Japans hat euch die Schnheit
in der Natur gezeigt und euch die Kraft gegeben, sie im Leben zu
verwirklichen.

In jeder besonderen Zivilisation drckt sich eine besondere menschliche
Erfahrung aus. Europa scheint am tiefsten den Widerstreit der Dinge im
Weltall empfunden zu haben, dessen man nur Herr wird, indem man sie
erobert. Daher ist es immer zum Kampf gerstet und richtet seine ganze
Aufmerksamkeit darauf, Krfte zu organisieren. Japan dagegen hat in
seiner Welt die Berhrung mit einem Wesen gesprt, vor dem seine Seele
sich in Ehrfurcht beugt. Daher rhmt es sich nicht, die Natur zu
beherrschen, sondern bringt ihr mit unendlichem und freudigem Bemhen
die Opfer seiner Liebe dar. Seine Verwandtschaft mit der Welt ist die
tiefere Verwandschaft der Seele. Dieses geistige Liebesband verknpft es
mit den Hgeln seines Landes, mit dem Meer und den Strmen, mit den
Wldern und ihrem ganzen Reichtum an Schnheit und Stimmung; es hat das
Rauschen und Flstern und Seufzen der Wlder und das Schluchzen der
Wellen in seine Seele aufgenommen; es hat in stillem, staunendem Schauen
die Sonne des Tags auf ihrem Pfad begleitet und den Mond des Nachts, und
es ist froh, wenn es seine Werksttten und Lden schlieen darf, um
drauen in den Obstgrten und Kornfeldern die Jahreszeiten zu
begren. -- Und so sein Herz der Seele der Welt ffnen, ist nicht das
Vorrecht eines Teils eurer bevorzugten Klassen, es ist nicht knstlich
erworbenes exotisches Kulturprodukt, sondern es ist allen eigen, allen
Mnnern und Frauen aller Stnde. Diese Erfahrung eurer Seele, da ihr
ein persnliches Wesen im Innersten der Welt gesprt habt, ist in eurer
Kultur verkrpert. Es ist die Kultur der Brderlichkeit. So hat eure
Pflicht gegen den Staat den Charakter der Kindespflicht angenommen, und
euer Volk ist eine Familie geworden, deren Haupt der Kaiser ist. Eure
nationale Einheit grndet sich nicht auf Waffenbrderschaft zu
Verteidigung und Angriff, oder auf Spiegesellenschaft zu ruberischen
Abenteuern, wobei jedes Mitglied gleichen Anteil an Gefahr und Beute
hat. Sie ergibt sich nicht aus der Notwendigkeit, sich zu irgendeinem
ber diesen Kreis hinausgreifenden Zweck zu organisieren, sondern sie
ist nur die Ausdehnung des Familiengefhls und der Verpflichtungen des
Herzens auf ein nach Raum und Zeit viel weiteres Feld. Eure Kultur
grndet sich auf das Ideal der maitri[2], -- maitri gegenber den
Menschen und maitri gegenber der Natur. Und der wahre Ausdruck dieser
Liebe ist die Sprache der Schnheit, die die allgemeine Sprache dieses
Landes ist. Sie macht es, da ein Fremder wie ich nicht mit einem Gefhl
des Neides oder der Demtigung all diesen Offenbarungen von Schnheit
und Liebe gegenbersteht, sondern mit Freude und Frohlocken die
Herrlichkeit und Gre des Menschenherzens preist, die sich in ihnen
kundgibt.

  [2] Sanskrit maitri Freundschaft, im Buddhismus Ausdruck fr
  Wohlwollen (eines der vier Gefhle -- Wohlwollen, Mitleid, Heiterkeit,
  Gleichmut -- die als Vorbereitung auf das hhere geistige Streben
  gepflegt werden sollen).

Und aus diesem Grunde frchte ich die Vernderung, die die japanische
Kultur bedroht, wie eine Gefahr fr mich selbst. Denn die ungeheure
Andersartigkeit des modernen Zeitalters, wo der Nutzen das einzige Band
ist, das die Menschen verbindet, sticht nirgends so klglich ab von der
Wrde und verborgenen Kraft stiller Schnheit wie in Japan.

Aber die Gefahr liegt darin, da die organisierte Hlichkeit den Geist
bestrmt und den Sieg davontrgt durch die Wucht ihrer Masse, durch die
Hartnckigkeit ihres Angriffs, durch die Macht des Spottes, den sie
gegen die tieferen Gefhle des Herzens richtet. Ihre grobe
Aufdringlichkeit zieht gewaltsam unseren Blick auf sich und bermannt
unsere Sinne, -- und wir opfern auf ihrem Altar wie der Wilde dem
Fetisch opfert, der ihm wegen seiner grauenhaften Hlichkeit mchtig
erscheint. Daher ist ihre Nebenbuhlerschaft den Dingen, die still und
tief und zart sind, so gefhrlich.

Ich bin sicher, da es bei euch Menschen gibt, die kein Gefhl fr eure
Ideale haben; die nur gewinnen wollen, nicht wachsen. Sie prahlen laut,
da sie Japan modernisiert haben. Wenn ich ihnen auch zugebe, da der
Geist eines Volkes mit dem Geist seiner Zeit bereinstimmen mu, so mu
ich ihnen doch zu bedenken geben, da das Modernisierte ebensowenig das
wahrhaft Moderne ist, wie Versmacherei wahre Dichtkunst. Es ist nichts
als Nachahmung, nur ist die Nachahmung lauter als das Original und folgt
ihm zu sklavisch. Wir mssen bedenken, da die wahrhaft vom modernen
Geist Beseelten es nicht ntig haben, zu modernisieren, ebensowenig wie
die wahrhaft Tapfern Prahler sind. Das Moderne besteht nicht in
europischer Kleidung oder in den hlichen Gebuden, worin man die
Kinder beim Unterricht einsperrt, oder in den viereckigen, von
parallelen Fensterreihen durchlcherten Huserksten, worin die Menschen
zeitlebens eingekerkert sind. Und sicher zeigt sich der moderne Geist
nicht in den mit allen mglichen Widersinnigkeiten beladenen
Damenhten. Diese Dinge sind nicht modern, sondern nur europisch. Das
wahrhaft Moderne ist Freiheit des Geistes, nicht Sklaverei des
Geschmacks. Es ist Unabhngigkeit des Denkens und Handelns, nicht
Unmndigkeit unter der Vormundschaft europischer Schulmeister. Es ist
Wissenschaft, aber nicht ihre verkehrte Anwendung im Leben, eine bloe
Nachahmung unserer Lehrmeister in der Naturwissenschaft, die sie zum
trichten Aberglauben herabwrdigen, indem sie ihre Hilfe zu allen
mglichen und unmglichen Zwecken anrufen.

Das Leben, das sich auf bloe Wissenschaft grndet, hat fr manche einen
Reiz, weil es das Wesen des Sports hat: es gibt sich als Ernst und ist
im Grunde nur eine Unterhaltung. Wer auf die Jagd geht, mu mglichst
wenig von Mitleid wissen, denn sein einziges Ziel ist, das Wild zu jagen
und zu tten, zu fhlen, da er das strkere Tier ist, da seine
Vernichtungsmethode grndlich und wissenschaftlich ist. Und ein Leben,
das in der Wissenschaft aufgeht, ist solch ein oberflchliches
Sportsleben. Es strebt mit Geschick und Grndlichkeit nach Erfolg und
kmmert sich nicht um die hhere Natur des Menschen. Aber die, die roh
genug sind, wirklich glauben zu knnen, da der Mensch nichts weiter als
ein Jger und sein Paradies ein Paradies fr Sportsleute ist, und die
danach ihr Leben einrichten, werden eines Tages mitten unter ihren
Jagdtrophen von Schdeln und Skeletten mit rauher Hand aus ihrem Wahn
herausgerissen.

Ich will damit durchaus nicht sagen, da Japan nicht darauf bedacht sein
sollte, sich moderne Waffen zu seiner Verteidigung zu verschaffen. Aber
dies sollte nie ber das, was der Selbsterhaltungstrieb verlangt,
hinausgehen. Japan mu bedenken, da die wahre Macht nicht in den Waffen
selbst liegt, sondern in dem Mann, der diese Waffen schwingt; und wenn
er in seinem eifrigen Streben nach Macht seine Waffen auf Kosten seiner
Seele vervielfltigt, so ist er selbst in grerer Gefahr als seine
Feinde.

Lebendiges ist so leicht zu verletzen, daher bedarf es des Schutzes. In
der Natur schtzt das Leben sich durch Hllen, die selbst aus lebendigem
Stoff gebaut sind. Daher halten sie mit dem Wachstum des Lebens
Schritt, oder sie lsen sich leicht ab, wenn die Zeit kommt, und werden
vergessen. Der wahre Schutz des Menschen sind seine Ideale, die in
lebendigem Zusammenhang mit seinem Leben stehen und mit ihm wachsen.
Aber zu seinem Unglck sind nicht alle seine Schutzhllen lebendig,
einige sind aus trgem und totem Stahl gemacht. Daher mu der Mensch,
whrend er sie gebraucht, achtgeben, da sie ihm nicht zu Tyrannen
werden. Wenn er so schwach ist, da er sich kleiner macht, um sich
seiner Schutzhlle anzupassen, dann wird es ein langsamer Selbstmord,
indem die Seele nach und nach zusammenschrumpft. Wenn Japan diese Gefahr
vermeiden will, mu es den festen Glauben an das sittliche Lebensgesetz
haben und berzeugt sein, da die Vlker des Westens diesen Pfad zum
Selbstmord gehen, indem sie ihr Menschentum ersticken unter dem
ungeheuren Gewicht ihrer Organisationen, um sich selbst in der Macht und
andere in Sklaverei zu halten.

Das Gefhrliche fr Japan ist nicht die Nachahmung der ueren
Erscheinungen der westlichen Kultur, sondern die bernahme ihrer
inneren Triebkrfte. Seine sozialen Ideale fangen schon an
zurckzuweichen im Kampf gegen die Politik, und es zeigt schon Neigung
zum politischen Hazardspiel, bei dem die Beteiligten ihre Seele
einsetzen, um das Spiel zu gewinnen. Ich sehe ihr Motto, das sie von
der Naturwissenschaft bernommen haben: Das berleben des
Passendsten -- ich sehe es in groen Buchstaben ber dem Eingang ihrer
gegenwrtigen Geschichte, das Motto, dessen Sinn ist: Hilf dir, und
kmmere dich nicht darum, was es andere kostet -- das Motto des
Blinden, der nur an das glaubt, was er berhrt, weil er nicht sehen
kann. Aber die, die sehen knnen, wissen sich so eng mit den Menschen
verbunden, da, wenn sie andere schlagen, der Schlag auf sie
zurckfllt. Die grte Entdeckung, die der Mensch je gemacht hat, ist
die Entdeckung des sittlichen Gesetzes, da der Mensch der Wahrheit um
so nher kommt, je mehr er sich in andern erkennt und empfindet. Diese
Wahrheit hat nicht nur subjektiven Wert, sondern sie offenbart sich in
jeder Lebenssphre. Und Vlker, die eifrig sittliche Blindheit als
Vaterlandsliebe kultivieren, werden jh und gewaltsam zugrunde gehen. In
frheren Zeiten hatten wir die Einflle fremder Eroberer zu erdulden, es
gab Grausamkeit und Blutvergieen, Eifersuchtsintrigen und Habgier. Aber
die Seele des Volkes wurde von alledem nicht in ihrer Tiefe berhrt,
denn das Volk als Ganzes war an diesem Treiben nicht aktiv beteiligt.
Diese Dinge gingen nur aus dem Ehrgeiz einzelner hervor. Das Volk
selbst, da es frei war von der Verantwortlichkeit fr die niedrige und
verbrecherische Seite jener Abenteuer, hatte davon nur den sittlichen
Gewinn, da seine Anlagen zum Heldentum und zur Menschlichkeit dadurch
entwickelt wurden: seine nicht wankende Untertanentreue, seine
unbedingte Hingabe an die Pflichten der Ehre, seine Fhigkeit, sich ganz
aufzuopfern, und seine Furchtlosigkeit gegenber Tod und Gefahr. Daher
wurden die Ideale, die im Herzen des Volkes ihren Sitz hatten, nicht
ernstlich gefhrdet durch die wechselnde Politik der Knige und
Heerfhrer. Aber jetzt, wo der Geist der westlichen Zivilisation zur
Herrschaft gekommen ist, wird in dem ganzen Volk von Kindheit an Ha
und Ehrgeiz genhrt durch alle mglichen Mittel: dadurch, da man die
Geschichte halb wahr oder unwahr darstellt, da man falsche
Vorstellungen von andern Vlkern erweckt und unfreundliche Gefhle gegen
sie grozieht, da man Ereignisse, die um der Menschlichkeit willen
mglichst schnell vergessen werden sollten, in Denkschriften festhlt,
hufig auf Kosten der Wahrheit, und so bestndig schlimme Bedrohungen
gegen Nachbarn und fremde Vlker schafft. Dies heit die Menschlichkeit
an ihrer Quelle vergiften. Es heit die Ideale entwerten, die aus dem
Leben unserer Grten und Besten geboren sind. Es heit die Selbstsucht
als riesiges Gtzenbild aufstellen fr alle Vlker der Erde. Wir knnen
alles andere aus den Hnden der Naturwissenschaft annehmen, nur nicht
dieses Elixir sittlichen Todes. Glaubt doch keinen Augenblick, da das
bel, das ihr andern Vlkern zufgt, euch nicht anstecken wird, und da
die Feindschaft, die ihr rings um euch st, fr alle Zukunft eine
Schutzmauer fr euch werden knnte! Wenn man den Geist eines ganzen
Volkes mit maloser Eitelkeit auf seine berlegenheit erfllt, wenn man
es lehrt, stolz zu sein auf sittliche Stumpfheit und auf seinen durch
Unrecht erworbenen Reichtum, wenn man die Demtigung besiegter Vlker
dauernd macht, indem man Siegestrophen zur Schau stellt und sie in den
Schulen benutzt, um im Herzen der Kinder Verachtung fr andere
grozuziehen, so ahmt man dem Westen da nach, wo er ein eiterndes
Geschwr hat, das immer weiter um sich frit, bis in seinen Lebenskern.

Unsere Nhrpflanzen, die zu unserem Lebensunterhalt ntig sind, sind
Produkte jahrhundertelanger sorgfltiger Auslese und Pflege. Aber die
Pflanzen, die wir nicht zu Lebenssaft in uns umschaffen, bedrfen nicht
der geduldigen Pflege ganzer Menschenalter. Es ist nicht leicht, Unkraut
loszuwerden, aber es ist leicht, durch dauernde Vernachlssigung die
Nhrpflanzen wieder verwildern zu lassen. So verlangte auch die Kultur,
die sich so gtig eurem Boden angepat hat und so mit eurem Leben und
eurer Menschlichkeit verwachsen ist, nicht nur in frheren Zeiten
fleiiges Umgraben und Jten, sondern sie bedarf noch jetzt
sorgfltiger Arbeit und Wachsamkeit. Das, was nur modern ist, wie die
Naturwissenschaft und die Organisation, lt sich verpflanzen; aber das,
was zum Wesen des Menschen gehrt, hat so zarte Fasern und so zahlreiche
und weitgreifende Wurzeln, da es stirbt, wenn es aus seinem Boden
gerissen wird. Daher macht es mich besorgt, wenn ihr mit rauher Hand die
politischen Ideale des Westens euren eigenen aufdrckt. In der
westlichen Politik ist der Staat ein abstrakter Begriff und eine
Verbindung der Menschen auf Grund des Ntzlichkeitsprinzips. Weil solche
Zivilisation nicht im Gefhl wurzelt, ist sie so gefhrlich leicht zu
handhaben. Ein halbes Jahrhundert hat fr euch gengt, um diese Maschine
zu meistern, und es gibt Menschen unter euch, die sie lieber haben als
die lebendigen Ideale, die mit eurem Volk geboren und jahrhundertelang
von euch gepflegt wurden. Sie sind wie Kinder, die in der Begeisterung
des Spiels glauben, ihre Spielsachen mehr zu lieben als ihre Mutter.

Wo der Mensch am grten ist, ist er unbewut. Eure Kultur, die aus
eurem Gemeinschaftsgefhl entsprungen ist, wurzelt in der Tiefe eines
gesunden Lebens, wohin der Spherblick der Selbstbeobachtung nicht
reicht. Aber eine rein politische Zusammengehrigkeit ist durchaus
bewut, sie uert sich als ein pltzlich ausbrechendes Fieber der
Angriffslust, wie es sich jetzt gewaltsam eurer Seele bemchtigt hat.
Und die Zeit ist gekommen, wo ihr zu vollem Bewutsein aufgerttelt
werden mt, damit ihr eure wahre Lebensquelle noch rechtzeitig erkennt,
ehe es zu spt ist. Die Vergangenheit wurde euch von Gott geschenkt, fr
die Gegenwart mt ihr selbst die Wahl treffen.

Daher mt ihr diese Fragen an euch stellen: Haben wir die Welt falsch
verstanden und unsere Beziehung zu ihr auf Unkenntnis der menschlichen
Natur gegrndet? Hat der Instinkt des Westens recht, der sein nationales
Wohl aufbauen will hinter einer Mauer von Mitrauen gegen die ganze
Menschheit?

Ihr mt immer einen starken Unterton von Furcht gesprt haben, wenn der
Westen von der Mglichkeit sprach, da ein stliches Volk emporkommen
knnte. Der Grund dafr ist, da die Macht, wodurch der Westen
herrscht, eine bse Macht ist. Solange er sie allein auf seiner Seite
hat, ist er sicher, whrend die brige Welt zittert. Die gegenwrtige
Zivilisation Europas mu, wenn sie leben soll, trachten, den Satan und
seine Mchte ausschlielich in ihrem Dienst zu haben. Ihre ganze
Kriegsausrstung und Diplomatie richten sich auf dies eine Ziel. Aber
all diese kostspieligen Riten zur Beschwrung des bsen Geistes fhren
auf einem Weg ueren Gedeihens zum Rand eines Abgrunds. Die
Schreckensfurien, die der Westen auf Gottes Welt losgelassen hat, werden
zu ihm zurckkommen und ihn selbst bedrohen und ihn zu immer
furchtbareren Rstungen treiben, und er wird keine Ruhe finden und alles
vergessen und an nichts anderes denken knnen als an die Gefahren, die
er fr andere bewirkt und die er selbst auf sich ldt. Dieser Politik
des Teufels opfert er andere Lnder. Er nhrt sich von den Erschlagenen
und wird fett davon, solange die Leichname frisch sind; aber sie werden
zuletzt faulen und ihr Rachewerk beginnen, indem sie weithin ihre
unreinen Stoffe verbreiten und die Lebenskraft derer vergiften, die
sich von ihnen nhren. Japan hatte all seinen Reichtum an
Menschlichkeit, seine Begeisterung fr Heldentum und Schnheit, seine
bewundernswerte Kraft, sich zu beherrschen und sein Wesen in der Kunst
zum Ausdruck zu bringen; doch die westlichen Vlker hatten keine
Ehrfurcht vor ihm, bis es ihnen zeigte, da die Bluthunde des Satans
nicht nur in den Hundehtten Europas gezchtet werden, sondern da man
sie auch in Japan zhmen und mit dem Elend der Menschen fttern kann.
Sie geben Japans Gleichberechtigung nur zu, wenn sie wissen, da Japan
auch den Schlssel besitzt, um die Schleusen der Hlle zu ffnen und
diese schne Erde mit ihrer Flut zu berschwemmen, sobald es will, und
da es nach ihrer eigenen Melodie den Hllentanz von Plnderung, Mord
und Frauenschndung tanzen kann, whrend die Welt zugrunde geht. Wir
wissen, da der sittlich noch unreife Mensch nur vor dem Gott Ehrfurcht
hat, dessen Tcke er frchtet. Aber ist dies das Ideal des Menschen, zu
dem wir mit Stolz aufsehen knnen? Wenn nach Jahrhunderten der
Zivilisation die Vlker einander frchten wie in der Nacht nach Beute
herumstreifende Raubtiere, wenn sie ihre Tren ungastlich verschlieen
und sich nur zum Angriff oder zur Verteidigung zusammentun, wenn sie
ihre Handelsgeheimnisse, Staatsgeheimnisse, Rstungsgeheimnisse in ihren
Hhlen verbergen, wenn sie den bellenden Hunden der andern Fleisch zur
Beschwichtigung bieten, das ihnen nicht gehrt, wenn sie gesunkene
Vlker, die versuchen sich aufzurichten, mit Gewalt niederhalten, wenn
sie ihre Sicherheit nur in der Schwche der brigen Menschheit sehen,
wenn sie schwcheren Vlkern mit der Rechten Religion reichen und sie
mit der Linken berauben, -- ist darin irgend etwas, das uns zur
Nacheiferung anspornen knnte? Sollen wir unsere Knie vor dem Geiste
dieser Zivilisation beugen, der Samen von Furcht, Gier und Mitrauen und
salbungsvolle Lgen von seiner Friedensliebe und seinem guten Willen und
von der allgemeinen Brderlichkeit mit breitem Wurf ber die ganze Welt
st? Knnen wir ohne Mitrauen im Herzen auf den Markt des Westens
eilen, um fr unser Erbe jenes auslndische Erzeugnis einzutauschen? Ich
wei, wie schwer es ist, sich selbst zu kennen, und da der Mann, der
betrunken ist, wtend seine Trunksucht ableugnet; doch der Westen selbst
denkt mit Sorge ber seine Schden nach und sucht nach Heilmitteln. Aber
er ist wie der Schlemmer, der nicht das Herz hat, seine Unmigkeit im
Essen aufzugeben, und der sich tricht an die Hoffnung klammert, er
knnte seine Verdauungsbeschwerden durch Arznei heilen. Europa ist nicht
gewillt, seine unmenschliche Politik und all die niederen
Leidenschaften, die dazu gehren, aufzugeben; es glaubt nur an eine
nderung des Systems, aber nicht an eine Umwandlung des Herzens.

Wir wollen uns wohl ihre Maschinen aneignen, doch nicht mit dem Herzen,
sondern nur mit dem Hirn. Wir werden sie ausprobieren und Schuppen fr
sie bauen, doch in unser Heim und unsere Tempel lassen wir sie nicht
ein. Es gibt Vlker, welchen die Tiere, die sie tten, heilig sind; wir
knnen wohl Fleisch von ihnen kaufen, wenn wir hungrig sind, aber den
Kult bernehmen wir nicht mit. Wir drfen nicht die Herzen unserer
Kinder vergiften mit dem Aberglauben: Geschft ist Geschft, Krieg ist
Krieg, Politik ist Politik. Wir mssen wissen, da das Geschft dem
Menschen mehr sein mu als bloes Geschft, und ebenso Krieg und
Politik. Ihr hattet eure eigene Industrie in Japan; wie peinlich ehrlich
und gediegen sie war, sieht man an den Erzeugnissen, an ihrer Feinheit
und Haltbarkeit, an der gewissenhaften Ausfhrung der kleinen
Einzelheiten, die man beim Einkauf kaum bemerkt. Aber die Flutwoge des
Betrugs ist ber euer Land gefegt von dem Teil der Welt her, wo Geschft
Geschft ist und Ehrlichkeit dabei nur als die beste Politik befolgt
wird. Habt ihr euch nie geschmt, wenn ihr saht, wie die Reklamezettel
nicht nur die ganze Stadt mit Lgen und bertreibungen bekleben, sondern
auch in die grnen Felder dringen, wo der Landmann seine ehrliche Arbeit
tut, und auf die Spitzen der Hgel, die das erste reine Licht des
Morgens begrt? Es ist leicht, unseren Sinn fr Ehrlichkeit und unser
Zartgefhl durch bestndiges Reiben abzustumpfen, whrend die Lge im
Namen von Handel, Politik und Patriotismus mit stolzem Schritt
einherstelzt, so da jeder Protest gegen ihr fortwhrendes Eindringen
in unser Leben als Sentimentalitt gilt, die eines rechten Mannes
unwrdig ist.

Und so weit ist es gekommen, da die Nachkommen jener Helden, die um ihr
Leben nicht wortbrchig geworden wren, die es verwerflich gefunden
htten, Menschen um gemeinen Vorteils willen zu betrgen, die selbst im
Kampf die Niederlage einem unehrenhaften Sieg vorgezogen htten, -- da
diese Nachkommen sich eifrig der Lgen bedienen und sich nicht schmen,
dadurch Vorteile zu gewinnen. Und dies ist bewirkt durch den Zauber des
Wortes modern. Aber wenn reine Ntzlichkeit modern ist, so ist die
Schnheit ewig; wenn niedere Selbstsucht modern ist, so sind die
menschlichen Ideale keine neuen Erfindungen. Und wir mssen berzeugt
sein, wie modern auch die technische Fertigkeit ist, die den Menschen um
Methoden und Maschinen willen stutzt und verkrppelt, alt werden wird
sie nicht.

Aber whrend wir versuchen, uns von den Anmaungen Europas und von
unserer eigenen Verblendung zu befreien, knnen wir leicht in den
gegenteiligen Fehler verfallen und durch ein allgemeines Mitrauen gegen
den Westen unsere Augen der Wahrheit verschlieen. Wenn wir aus einer
Tuschung gerissen werden, so treibt uns der Rckschlag der Enttuschung
immer genau so weit von der Wirklichkeit ab wie der erste Schwung des
Wahns. Wir mssen versuchen, zu der normalen Gemtsverfassung zu kommen,
wo wir deutlich die Gefahr fr uns sehen und vermeiden knnen, ohne
gegen die Ursache der Gefahr ungerecht zu sein. Wir sind immer von Natur
versucht, Europa in seiner eigenen Mnze heimzuzahlen und Verachtung mit
Verachtung, Bses mit Bsem zu vergelten. Aber das hiee wieder einen
der schlimmsten Charakterzge Europas nachahmen, der sich in seinem
Betragen gegen die Vlker zeigt, die es als gelbe oder rote, braune oder
schwarze Rassen bezeichnet. (Hier ist brigens ein Punkt, wo wir
stlichen Vlker uns ebenso schuldig bekennen mssen, da wir die
Menschheit beleidigten, indem wir Menschen, die zu einem besonderen
Glauben, einer besonderen Farbe oder Kaste gehrten, mit uerster
Verachtung und Grausamkeit behandelten.) Nur weil wir uns vor unserer
eigenen Schwche frchten, die sich durch den Anblick der Macht
berwltigen lt, versuchen wir, eine andere Schwche an ihre Stelle zu
setzen, die uns blind macht gegen das, was den wahren Ruhm des Westens
ausmacht. Erst wenn wir das Europa wahrhaft kennen, das gro und gut
ist, knnen wir uns wirksam vor dem Europa bewahren, das niedrig und
habgierig ist. Man wird leicht unbillig in seinem Urteil, wenn man dem
menschlichen Elend gegenbersteht, -- und man wird pessimistisch in
seinen Theorien, wenn das Herz leidet. Aber nur der kann an der
Menschheit verzweifeln, der den Glauben an die hhere Macht verliert,
die ihr wieder Kraft gibt, wenn sie am klglichsten darniederliegt, und
die aus ihren Ruinen neues Leben weckt. Wir mssen nicht verkennen, da
im Westen eine lebendige Seele ist, die einen stillen Kampf kmpft gegen
die ungeheuren Organisationen, unter denen Mnner, Frauen und Kinder
zermalmt werden, weil ihr Mechanismus keine geistigen und menschlichen
Gesetze kennt -- eine lebendige Seele, deren Gefhl sich nicht ganz
abstumpfen lt durch die gefhrliche Gewohnheit, rcksichtslos gegen
die Vlker zu verfahren, fr die ihr die natrliche Sympathie fehlt. Der
Westen htte sich nie zu der Hhe erheben knnen, die er erreicht hat,
wenn seine Strke nur die Strke des wilden Tieres oder der Maschine
wre. Das Gttliche in seinem Herzen leidet bei den Wunden, die seine
Hand der Welt schlgt, -- aus diesem Schmerz seiner besseren Natur
fliet der geheime Balsam, der all jene Wunden heilen wird. Immer wieder
hat er gegen sich selbst gekmpft und die Fesseln gelst, die seine
eigenen Hnde um hilflose Glieder gelegt hatten; und wenn er ein groes
Volk mit dem Schwerte zwang, das Gift, das er ihm bot, zu trinken, nur
um schnden Geldgewinn, so rttelte er sich doch selbst auf zur
Erkenntnis seiner Tat und suchte sie wieder gutzumachen. Dies zeigt, da
an scheinbar den, unfruchtbaren Stellen verborgene Quellen von
Menschlichkeit flieen. Es zeigt, da der wahre Kern seiner Natur, der
all diese Feigheit und Grausamkeit berleben kann, nicht Selbstsucht
ist, sondern Ehrfurcht vor selbstlosen Idealen. Wir wrden sowohl
Europa als auch uns selbst unrecht tun, wenn wir sagten, es htte den
modernen Osten nur durch die bloe Schaustellung seiner Macht bestrickt.
Durch den Rauch der Kanonen und durch den Staub der Mrkte hat das Licht
seiner sittlichen Natur hell geleuchtet und uns das Ideal sittlicher
Freiheit gebracht, das tiefere Grundlagen hat als gesellschaftliche
Konventionen, und dessen Wirkungsbereich die ganze Welt ist.

Der Osten hat durch seine Abneigung hindurch instinktiv gefhlt, da er
viel von Europa zu lernen hat, nicht nur in bezug auf die materiellen
Mittel seiner Macht, sondern auch auf ihre inneren Quellen, die dem
Geist und der sittlichen Natur des Menschen angehren. Europa hat uns
gelehrt, da wir neben den Pflichten gegen die Familie und den Stamm
hhere haben gegen die Allgemeinheit; es hat uns die Heiligkeit des
Gesetzes gelehrt, das die Gesellschaft unabhngig macht von der Laune
des einzelnen, ihr dauernder Fortschritt und allen Menschen in allen
Lebenslagen gleiches Recht sichert. Vor allem hat Europa in
jahrhundertelangem Leiden und Kmpfen das Banner der Freiheit
hochgehalten, der Freiheit des Gewissens, der Freiheit des Denkens und
Handelns, der Freiheit fr seine Ideale in der Kunst und Literatur. Und
weil sich Europa unsere tiefe Achtung erworben hat, ist es so gefhrlich
fr uns geworden da, wo es schwach und falsch ist, -- gefhrlich wie
Gift, das man uns in unsere beste Speise mischt. Es gibt eine Rettung
fr uns, auf die wir hoffen knnen: wir knnen Europa selbst als
Bundesgenossen anrufen im Kampf gegen seine Verfhrungen und gewaltsamen
bergriffe; denn da es immer sein sittliches Ideal hochgehalten hat, an
dem wir es messen und seinen Abfall ihm nachweisen knnen, so knnen wir
es vor sein eigenes Gericht fordern und es beschmen, und solche Scham
ist das Zeichen wahren Adelsstolzes.

Doch wir frchten, da das Gift wirksamer ist als die Speise, und da
das, was sich heute als Kraft uert, nicht Zeichen von Gesundheit,
sondern vom Gegenteil ist. Wir frchten, da das Bse, wenn es so
ungeheure Formen annimmt, einen verhngnisvollen Zauber ausbt, und
wenn es auch sicher durch sein abnormes Miverhltnis das Gleichgewicht
verliert, so ist doch das Unheil, das es vor seinem Sturz anrichtet,
vielleicht nicht wieder gutzumachen.

Daher bitte ich euch, habt die Kraft des Glaubens und die Klarheit des
Geistes einzusehen, da der schwerfllige Bau des modernen Fortschritts,
der durch die eisernen Klammern der Ntzlichkeit zusammengehalten wird
und auf den Rdern des Ehrgeizes rollt, nicht lange halten kann. Es
werden sicher Zusammenste kommen, denn er mu auf den Schienen der
Organisation laufen, er kann seinen Weg nicht frei whlen, und wenn er
einmal entgleist, entgleist mit ihm der ganze Wagenzug. Es wird ein Tag
kommen, wo er in Trmmer fallen und zu einer ernstlichen Verkehrshemmung
in der Welt werden wird. Sehen wir nicht schon jetzt Anzeichen davon?
Hren wir nicht eine Stimme durch den Lrm des Krieges, durch das
Hageschrei, das Jammern der Verzweiflung, durch das Aufrhren des
unsagbaren Schmutzes, der sich jahrhundertelang auf dem Boden der
modernen Zivilisation angesammelt hat, eine Stimme, die unserer Seele
zuruft, da der Turm der nationalen Selbstsucht, der sich Patriotismus
nennt und sein Banner des Verrats frech zum Himmel wehen lt, ins
Schwanken geraten und mit gewaltigem Krach zusammenstrzen wird, durch
seine eigene Masse herabgezogen, so da seine Fahne den Staub kt und
sein Licht erlischt? Meine Brder, wenn die roten Flammen dieses
gewaltigen Brandes prasselnd ihr Gelchter zu den Sternen schicken,
setzt ihr euer Vertrauen auf die Sterne und nicht auf das vernichtende
Feuer. Denn wenn dieser Brand sich verzehrt hat und erlischt und einen
Aschenhaufen als Denkzeichen zurcklt, wird das ewige Licht wieder im
Osten leuchten -- im Osten, wo das Morgenlicht der Menschheitsgeschichte
geboren ist. Und wer wei, ob nicht dieser Tag schon dmmert, ob nicht
am stlichen Horizont Asiens die Sonne schon aufgegangen ist? Dann
begre ich wie die Snger meiner Vorfahren das Morgenrot dieser
stlichen Sonne, die bestimmt ist, noch einmal die ganze Welt zu
erleuchten.

Ich wei, meine Stimme ist zu schwach, sich ber den Lrm dieser
hastenden Zeit zu erheben, und es ist leicht fr jeden Gassenbuben, mir
das Wort unpraktisch nachzuwerfen. Es bleibt an mir kleben und lt
sich nicht abwischen und bewirkt, da alle achtbaren Menschen ber mich
hinwegsehen. Ich wei, welche Gefahr man bei der robusten Menge luft,
wenn man Idealist genannt wird, heutzutage, wo Throne ihre Wrde
verloren haben und Propheten ein Anachronismus geworden sind, wo das
Geschrei des Marktes alle anderen Stimmen bertnt. Doch als ich eines
Tages an der ueren Husergrenze der Stadt Jokohama stand, die von
modernen Dingen strotzte, und die Sonne langsam hinabtauchen sah in euer
sdliches Meer, als ich es in seiner stillen Majestt daliegen sah
zwischen euren mit Fichten bedeckten Hgeln, --als ich den groen
Fudschijama am goldenen Horizont verblassen sah wie einen Gott, der von
seinem eigenen Glanz berwltigt wird -- da quoll die Musik der Ewigkeit
herauf zu mir durch das Abendschweigen, und ich wute, da Himmel und
Erde mit all ihrer Schnheit auf seiten der Dichter und Idealisten sind,
und nicht auf seiten der Marktleute mit ihrer derben Verachtung fr
alles Gefhlswesen; ich wute, da der Mensch, nachdem er eine Zeitlang
seinen gttlichen Ursprung vergessen hat, sich wieder daran erinnern
wird, da der Himmel stets in Berhrung mit seiner Erde ist und sie
nicht fr immer den raubgierigen Wlfen unserer heutigen Zeit
preisgibt.




      NATIONALISMUS IN INDIEN


Indiens wahre Aufgabe liegt nicht auf dem Gebiete der Politik; sie ist
sozialer Art. Und dies ist nicht nur in Indien, sondern in berwiegendem
Mae bei allen Vlkern der Fall. Ich glaube nicht an ein ausschlielich
politisches Interesse. Im Westen hat die Politik auf die Ideale
beherrschenden Einflu gehabt, und wir Inder versuchen, eurem Beispiel
zu folgen. Wir mssen bedenken, da in Europa, wo die Vlker von Anfang
an ihre Rasseneinheit hatten und wo die Natur den Bewohnern nicht genug
bot, um ihr Bedrfnis zu befriedigen, die Kultur ganz von selbst den
Charakter politischer und kommerzieller Aggressivitt annehmen mute.
Denn einerseits hatten sie keine innern Schwierigkeiten, und
andererseits hatten sie es mit Nachbarn zu tun, die stark und raublustig
waren. So schien ihre einzige Aufgabe zu sein, nach innen fest
zusammenzuhalten und nach auen eine wachsame und feindselige Haltung zu
wahren. In frheren Zeiten organisierten sie sich, um zu plndern, heute
ist der Geist, der bei ihnen herrscht, derselbe -- sie organisieren, um
die ganze Welt auszubeuten.

Aber seit den ersten Anfngen unserer Geschichte hat Indien bestndig
sein Problem vor Augen gehabt -- das Rassenproblem. Jedes Volk mu sich
seiner Mission bewut sein, und wir Inder mssen uns klarmachen, da wir
eine armselige Rolle spielen, wenn wir versuchen, Politik zu treiben,
nur weil wir es noch nicht fertig gebracht haben, das zu leisten, was
die Vorsehung uns aufgegeben hat.

Vor dies Problem der Rasseneinheit, das wir so viele Jahre lang zu lsen
versucht haben, seid auch ihr hier in Amerika gestellt. Viele Leute in
diesem Lande fragen mich, wie es mit den Kastenunterschieden in Indien
sei. Aber wenn sie diese Frage an mich richten, so tun sie es gewhnlich
mit berlegener Miene. Und ich fhle mich versucht, unseren
amerikanischen Kritikern dieselbe Frage zu stellen, nur mit einer
kleinen Abnderung: Was habt ihr eigentlich mit dem Indianer und dem
Neger gemacht? Denn ihnen gegenber seid ihr ber euren Kastengeist
noch nicht hinausgekommen. Ihr habt gewaltsame Methoden angewandt, um
andere Rassen von euch fernzuhalten, aber solange ihr hier in Amerika
nicht die Frage gelst habt, habt ihr kein Recht, Indien zu fragen.

Jedoch trotz der groen Schwierigkeit hat Indien etwas getan. Es hat
versucht, die Rassen einander anzupassen, die wirklichen Unterschiede,
da wo sie existieren, bestehen zu lassen und doch eine gemeinsame Basis
zu finden. Diese Basis haben unsere heiligen Mnner wie Nanak, Kabir,
Tschaitanja und andere gefunden, die allen Rassen Indiens den einen Gott
predigten.

Wenn wir die Lsung unseres Problems gefunden haben, so haben wir damit
zugleich geholfen, das Weltproblem zu lsen. Denn was Indien gewesen
ist, das ist die ganze Welt jetzt. Die Welt ist im Begriff, durch die
technischen Erleichterungen zu einem einzigen Lande zu werden. Und der
Augenblick kommt, wo ihr auch nach einer Basis fr eure Einheit suchen
mt, die nicht politischer Art ist. Wenn Indien seine Aufgabe gelst
hat, so hat es dies fr die ganze Menschheit getan. Es gibt berhaupt
nur eine Geschichte -- die Geschichte des Menschen. Die Geschichten der
Vlker sind nur einzelne Kapitel dieser groen Geschichte. Und wir Inder
wollen gern fr eine so groe Sache leiden.

Jedes Individuum hat seine Selbstliebe. Daher wird es von seinem
tierischen Instinkt getrieben, nur um seines eigenen Interesses willen
mit andern zu kmpfen. Aber der Mensch hat auch seine hheren Instinkte:
Mitgefhl und Hilfsbereitschaft. Die Menschen, denen es an dieser
hheren sittlichen Kraft fehlt, und die sich daher nicht mit andern zu
einer Gemeinschaft verbinden knnen, mssen umkommen oder in einem
Zustande der Erniedrigung leben. Nur die Vlker haben fortgelebt und es
zur Kultur gebracht, in denen dieser Gemeinschaftsgeist stark lebendig
ist. So finden wir, da vom Anfang der Geschichte an die Menschen zu
whlen hatten zwischen Kampf und Gemeinschaft, Eigeninteresse und
Allgemeininteresse.

In den Zeiten unserer frhen Geschichte, als die geographischen Grenzen
des einzelnen Landes nur klein und die Verkehrsmglichkeiten gering
waren, hatte auch dies Problem nur verhltnismig geringen Umfang. Es
gengte, wenn die Menschen ihr Gemeinschaftsgefhl nur innerhalb der
Grenzen ihres abgesonderten Gebiets entwickelten. Zu jenen Zeiten
schlossen sie sich zusammen und kmpften gegen andere. Aber es war dies
sittliche Gefhl der Gemeinschaft, das die wahre Grundlage ihrer Gre
wurde, auf der sich Kunst, Wissenschaft und Religion entwickeln konnten.
In jenen frhen Zeiten war die wichtigste Tatsache, deren der Mensch
sich bewut sein mute, da er in einer engeren Rassengemeinschaft
lebte. Wem diese Tatsache wahrhaft in sein sittliches Bewutsein
eingegangen war, der machte sich um die Geschichte verdient.

Die wichtigste Tatsache der heutigen Zeit ist, da die verschiedenen
Menschenrassen in nahe Berhrung miteinander gekommen sind. Und wieder
haben wir zwischen zwei Wegen die Wahl: die Frage ist, ob die
verschiedenen Vlkergruppen fortfahren sollen einander zu bekmpfen,
oder ob sie versuchen sollen, eine Grundlage fr Vershnung und
gegenseitige Hilfe zu finden; ob ewiger Wettstreit oder Zusammenarbeiten
die Losung sein soll.

Ich bin gewi, da die, die mit der sittlichen Kraft der Liebe und dem
Ideal einer geistigen Einheit unter den Vlkern begnadet sind, die am
wenigsten von Feindseligkeit den fremden Nationen gegenber wissen und
Verstndnis und Mitgefhl genug haben, um sich in die Lage der andern zu
versetzen, ich glaube, da diese die Geeignetsten sein werden, ihren
Platz in dem kommenden Zeitalter zu behaupten, whrend die, die
bestndig ihren angeborenen Trieb zu Kampf und Unduldsamkeit pflegen,
untergehen werden. Denn dies ist das Problem, das jetzt vor uns liegt,
und wir mssen unser hheres Menschentum dadurch beweisen, da wir es
auf sittlichem Wege lsen. Die riesigen Organisationen, die dazu dienen,
andere anzugreifen und ihre Angriffe abzuwehren, Geld zu erringen, indem
man andere beiseite stt, diese werden uns nicht helfen. Im Gegenteil,
durch ihr zermalmendes Gewicht, ihre ungeheuren Kosten und ihre
erttende Wirkung auf das lebendige Menschentum werden sie unsere Kraft
in dem grozgigeren Leben einer hheren Kultur ernstlich gefhrden.

Als die Nation noch in der Entwicklung begriffen war, da war die
sittliche Kultur der Brderlichkeit in geographische Grenzen
eingeschlossen, weil damals jene Grenzen auch wirkliche Grenzen waren.
Jetzt sind sie zu traditionellen Linien geworden, die nur in der
Einbildung bestehen und den Charakter wirklicher Schranken verloren
haben. So ist die Zeit gekommen, wo die sittliche Natur des Menschen in
allem Ernst mit dieser wichtigen Tatsache rechnen oder sich verloren
geben mu. Die erste Folge von diesem Wechsel der Umstnde war, da die
niederen Leidenschaften des Menschen, Gier und wilder Ha, jh
emporschumten. Wenn dies unbegrenzt weitergeht, wenn die
Kriegsrstungen immer weiter bis ins Phantastische und Sinnlose
gesteigert werden, wenn Maschinen und Lagerhuser mit ihrem Rauch und
Schmutz und mit all ihrer Scheulichkeit diese schne Erde einhllen, so
wird sie in einem Weltbrand ein selbstmrderisches Ende nehmen. Daher
mu der Mensch die ganze Kraft seiner Liebe und seines schauenden
Geistes anstrengen, um eine neue sittliche Ordnung aufzurichten, die die
ganze Menschheit umfat und nicht nur einzelne Nationen, die immer nur
einen Bruchteil ausmachen. Der Ruf ergeht heute an jeden einzelnen, sich
und seine Umgebung vorzubereiten fr die Morgendmmerung einer neuen
Weltperiode, wo der Mensch in der geistigen Einheit aller menschlichen
Wesen seine Seele entdecken wird.

Wenn es berhaupt dem Westen beschieden ist, aus diesem Gestrpp der
tieferen Abhnge sich zu dem geistigen Gipfel der Menschheit
emporzuarbeiten, so ist es, glaube ich, die besondere Mission Amerikas,
diese Hoffnung Gottes und der Menschheit zu erfllen. Ihr seid das Land
der Erwartung, das ber das Gegebene hinausstrebt. Europa hat seine
geistigen Gewohnheiten und Konventionen. Aber Amerika hat sich bis jetzt
noch nirgends festgelegt. Mir ist klar geworden, wie frei Amerika von
allen Traditionen der Vergangenheit ist, und ich wei die Neigung zum
Experimentieren als ein Zeichen seiner Jugend zu schtzen. Amerikas Ruhm
und Gre grndet sich mehr auf die Zukunft als auf die Vergangenheit,
und wer die Gabe des Hellsehens hat, wird das Amerika der Zukunft lieben
mssen.

Amerika hat die Aufgabe, dem Osten gegenber die westliche Kultur zu
rechtfertigen. Europa hat den Glauben an die Menschheit verloren und ist
mitrauisch und krnklich geworden. Amerika dagegen ist weder
pessimistisch noch blasiert. Ihr wit als Volk, da, wenn man das Gute
hat, man das Bessere und Beste suchen kann, und da man um so mehr zu
wissen strebt, je mehr man wei. Traditionen aber und Gewohnheiten
bewirken das Gegenteil. Und es gibt Gewohnheiten, die nicht nur durch
trges Beharren hemmen, sondern anmaend und aggressiv sind. Sie sind
nicht bloe Mauern, sondern stachlige Distelhecken. Europa hat jahrelang
diese Hecken von Gewohnheiten grogezogen, bis sie es dicht und stark
und hoch eingeschlossen haben. Der Stolz auf seine Traditionen hat tief
in seinem Herzen Wurzel geschlagen. Ich will nicht behaupten, da dieser
Stolz unberechtigt ist. Aber jede Art von Stolz macht schlielich blind.
Wie bei allen knstlichen Reizmitteln ist seine erste Wirkung eine
Erhhung des Lebensgefhls, aber bei vermehrter Dosis wird das
Bewutsein getrbt und ein Rausch erzeugt, der es irrefhrt. Europas
Herz hat sich allmhlich verhrtet in dem Stolz auf seine Traditionen.
Es kann nicht nur nicht vergessen, da es der kultivierte Westen ist,
sondern ergreift auch jede Gelegenheit, andern die Tatsache ins Gesicht
zu schleudern, um sie zu demtigen. Dadurch macht es sich unfhig,
sowohl dem Osten sein Bestes zu geben als auch im rechten Geiste die
Weisheit aufzunehmen, die der Osten seit Jahrhunderten aufgespeichert
hat.

In Amerika haben nationale Gewohnheiten und Traditionen noch nicht Zeit
gehabt, ihre klammernden Wurzeln um euer Herz zu schlagen. Ihr habt
bestndig die Nachteile auf eurer Seite empfunden und beklagt, wenn ihr
eure nomadische Ruhelosigkeit mit den festen Traditionen Europas
vergleicht, jenes Europas, das das Bild seiner Gre so wirkungsvoll vom
Hintergrund seiner Vergangenheit sich abheben lassen kann. Aber in
dieser gegenwrtigen bergangszeit, wo ein neues Zeitalter der Kultur
seinen Trompetenruf erschallen lt an alle Vlker der Welt in eine
unbegrenzte Zukunft hinein, da wird gerade diese Ungebundenheit euch
befhigen, seinem Ruf zu folgen und das Ziel zu erreichen, das Europa
erstrebte, aber zu dem es auf halbem Wege steckenblieb. Denn es lie
sich durch den Stolz auf seine Macht und durch die Gier nach Besitz von
seiner Bahn ablenken.

Nicht nur die Freiheit der einzelnen von festen Denkgewohnheiten,
sondern auch die Freiheit eurer Geschichte von allen Verwicklungen, die
sie htten beflecken knnen, macht euch fhig, die Bannertrger der
knftigen Kultur zu sein. Alle groen Nationen Europas haben irgendwo in
der Welt ihre Opfer. Dies erttet nicht nur ihre seelische, sondern auch
ihre intellektuelle Sympathie, die zum Verstndnis fremder Rassen so
ntig ist. Die Englnder knnen Indien nie wahrhaft verstehen, weil ihr
Geist in bezug auf dies Land nicht frei von eigenntzigem Interesse ist.
Wenn man England mit Deutschland oder Frankreich vergleicht, so findet
man, da es die kleinste Anzahl von Gelehrten aufzuweisen hat, die
indische Literatur und Philosophie mit einem gewissen Grad von
Verstndnis und Grndlichkeit studiert haben. Diese Haltung von
Gleichgltigkeit und Verachtung ist natrlich, wo das Verhltnis
unnormal und auf nationalen Stolz und Egoismus gegrndet ist. Aber eure
Geschichte ist selbstlos gewesen, und daher habt ihr Japan helfen
knnen, als es nach westlicher Kultur verlangte; daher kann auch China
in seiner gegenwrtigen so schwer wie noch nie bedrohten Lage auf euch
seine beste Hoffnung setzen. Ja, ihr tragt die ganze Verantwortung fr
eine groe Zukunft, weil ihr nicht in den Klauen einer engherzigen
Vergangenheit zurckgehalten werdet. Daher mu von allen Vlkern der
Erde Amerika am festesten diese Zukunft ins Auge fassen; es darf seinen
Blick nicht trben lassen, und sein Glaube an die Menschheit mu
jugendlich stark bleiben.

Eine hnlichkeit besteht zwischen Amerika und Indien: beide mssen
verschiedene Rassen zu einer Einheit verschmelzen.

In meinem Lande haben wir versucht, etwas zu finden, was allen Rassen
gemeinsam ist und worauf sich ihre wirkliche Einheit grnden lt. Eine
Nation, die diese Einheit auf eine rein politische oder wirtschaftliche
Basis zu grnden sucht, wird finden, da diese Basis nicht gengt.
Denkende und einflureiche Mnner werden entdecken, worin diese geistige
Einheit besteht, sie werden sich ihr Bild im Geiste ausmalen und es
ihrem Volk verknden.

Indien hat nie den wirklichen Sinn fr Nationalismus gehabt. Obgleich
man mich von klein auf gelehrt hat, da der Gtzendienst der Nation fast
noch besser ist als die Ehrfurcht vor Gott und der Menschheit, so bin
ich, glaube ich, doch dieser Lehre entwachsen, und ich bin berzeugt,
da meine Landsleute ihr Indien in Wahrheit dadurch gewinnen werden, da
sie gegen eine Lehre kmpfen, die ihnen sagt, ein Land stnde hher als
die Ideale der Menschheit.

Der gebildete Inder versucht heutzutage Lehren aus der Geschichte zu
entnehmen, die den Lehren unserer Vorfahren widersprechen. Ja, der Osten
versucht, sich eine Geschichte anzueignen, die gar nicht das Ergebnis
seines eigenen Lebens ist. Japan zum Beispiel glaubt, dadurch mchtig
zu werden, da es europische Methoden bernimmt, aber nachdem es sein
eigenes Erbe vergeudet hat, wird es nur die geborgten Waffen der ueren
Kultur in der Hand behalten. Denn es hat sich nicht aus sich heraus
entwickelt.

Europa hat seine Vergangenheit. Europas Strke liegt daher in seiner
Geschichte. Wir in Indien mssen uns klarmachen, da wir nicht die
Geschichte eines andern Volkes bernehmen knnen und da wir Selbstmord
begehen, wenn wir unsere eigene ersticken. Wer seinem Leben knstlich
etwas Fremdes aufsetzt, der erdrckt es.

Und daher glaube ich, da es nicht gut fr Indien ist, wenn es sich mit
der westlichen Kultur auf ihrem Felde zu messen sucht. Wenn wir dagegen
der uns vom Schicksal gewiesenen Bahn treu bleiben, so werden uns alle
Schmhungen, mit denen man uns berhufen mag, reichlich vergtet
werden.

Es gibt Lehren, die uns unterweisen und uns zu geistiger Arbeit tchtig
machen. Diese sind einfach und knnen mit Nutzen erworben und angewandt
werden. Aber es gibt andere, die uns tiefer berhren und unsere
Lebensrichtung ndern. Bevor wir sie annehmen und ihren Wert mit unserem
eigenen Erbe bezahlen, mssen wir haltmachen und ernsthaft nachdenken.
Es kommen in der menschlichen Geschichte zuweilen Perioden, wo gewaltige
Ereignisse wie Feuerwerke uns blenden durch ihre Strke und
Schnelligkeit. Sie verlachen nicht nur die bescheidenen Lampen unseres
Heims, sondern auch die ewigen Sterne. Aber lat uns durch ihre
Herausforderung nicht zu dem Wunsch gereizt werden, unsere Lampen
wegzuwerfen. Lat uns geduldig den gegenwrtigen Schimpf ertragen und
bedenken, da diese Feuerwerke wohl hellen Glanz, aber keine Dauer haben
wegen ihrer groen Explosionskraft, die die Ursache ihrer Strke, aber
auch zugleich die ihres schnellen Erlschens ist. Sie verbrauchen ein
verhngnisvolles Quantum von Energie und Substanz im Verhltnis zu dem,
was sie leisten und einbringen.

Jedenfalls sind unsere Ideale durch unsere eigene Geschichte entwickelt
worden, und wenn wir ein Feuerwerk aus ihnen machen wollten, so wrde
es doch nur klglich ausfallen, da sie aus anderem Stoff sind als eure,
wie auch ihr sittliches Ziel ein anderes ist. Wenn wir den Wunsch hegen,
unsere ganze Habe gegen politischen Nationalismus einzutauschen, so ist
dies ebenso unsinnig, als wenn die Schweiz ihr Leben an die Erfllung
des ehrgeizigen Wunsches setzte, eine Flotte zu bauen, die es mit der
englischen aufnehmen knnte. Der Fehler, den wir machen, ist der, da
wir glauben, es gbe nur einen Weg zu menschlicher Gre -- den, den wir
heute zu unserem Schmerz als breite Strae ber die Welt des Westens
laufen sehen und auf dem freche Anmaung die Fhrerin ist.

Wir mssen die Gewiheit haben, da eine Zukunft vor uns liegt und da
diese Zukunft die erwartet, welche reich an sittlichen Idealen sind und
nicht an bloen Dingen. Und es ist das Vorrecht des Menschen, fr
Frchte zu arbeiten, die er noch nicht sogleich sammeln kann, und sein
Leben nicht durch den Erfolg des Augenblicks bestimmen zu lassen oder
auch durch eine vorsichtige, in ihren Zielen begrenzte Vergangenheit,
sondern durch eine unendliche Zukunft, die unsere hchsten Ideale in
sich birgt.

Wir mssen erkennen, da die gttliche Vorsehung selbst den Westen nach
Indien fhrte. Und doch mu jemand kommen, der dem Westen den Osten
deutet und ihm klarmacht, da der Osten sein Teil beizusteuern hat zur
Geschichte der Kultur. Indien kommt nicht als Bettler zum Westen. Und
mag auch der Westen dies glauben, so rate ich doch nicht, da wir die
westliche Kultur verschmhen und uns in stolzer Unabhngigkeit
absondern. Nein, lat uns uns innerlich mit ihm tief verbinden. Wenn die
Vorsehung England dazu ausersehen hat, da es diesen Bund, diesen
inneren Bund, stifte und leite, so will ich mich dem in aller Demut
beugen. Ich habe einen groen Glauben an die menschliche Natur, und so
glaube ich auch, da der Westen seine wahre Mission erkennen wird. Ich
spreche mit Bitterkeit von der westlichen Kultur, wenn ich sehe, wie sie
das ihr Anvertraute verrt und ihrem eigenen Ziel entgegenarbeitet. Der
Westen darf sich nicht zu einem Fluch fr die Welt machen, indem er
seine Macht zu selbstischen Zwecken braucht, sondern dadurch, da er
die Unwissenden belehrt und den Schwachen hilft, sollte er sich vor der
Gefahr schtzen, die dem Starken drohen kann, wenn er den Schwachen
stark genug werden lt, seinem Eindringen zu widerstehen. Auch mu er
seinen Materialismus nicht als das Hchste und Letzte predigen, sondern
er mu erkennen, da er sich um die Menschheit verdient macht, wenn er
den Geist von der Tyrannei der Materie befreit.

Ich wende mich nicht gegen eine Nation im besonderen, sondern gegen
Nationen im allgemeinen. Was ist eine Nation?

Es ist die Erscheinung eines ganzen Volkes als organisierte Macht. Diese
Organisation zielt bestndig dahin, da die Bevlkerung stark und
leistungsfhig werde. Aber dies rastlose Streben nach Strke und
Leistungsfhigkeit entzieht der hheren Natur des Menschen, die ihn
aufopfernd und schpferisch machte, ihre Kraft. Seine Opferfhigkeit
wird von ihrem eigentlichen, sittlichen und lebendigen Ziel abgelenkt
auf ein mechanisches und lebloses, die Erhaltung dieser Organisation.
Und doch fhlt er in der Erreichung dieses Zieles die ganze Genugtuung
sittlicher Erhebung und wird daher der Menschheit uerst gefhrlich. Er
fhlt sich in seinem Gewissen beruhigt, wenn er seine Verantwortlichkeit
auf diese Maschine schieben kann, die eine Schpfung seines Intellekts
und nicht seiner ganzen sittlichen Persnlichkeit ist. So kommt es, da
das Volk, welches die Freiheit liebt, in einem groen Teil der Welt die
Sklaverei fortbestehen lt mit dem wohltuenden Gefhl des Stolzes,
seine Pflicht getan zu haben. Menschen, die von Natur gerecht sind,
knnen sowohl im Handeln wie im Denken grausam ungerecht sein und dabei
das Gefhl haben, da sie den Menschen nur zu dem verhelfen, was sie
verdienen. Menschen, die sonst ehrlich sind, knnen, ohne zu wissen, was
sie tun, andern dauernd ihr Menschenrecht auf hhere Entwicklung rauben
und dabei die Beraubten schmhen, da sie keine bessere Behandlung
verdient htten. Wir haben im tglichen Leben gesehen, wie sogar kleine
Geschfts- und Berufsorganisationen Menschen, die von Natur nicht
schlecht sind, gefhllos machen, und wir knnen uns wohl vorstellen,
welch eine Zerstrung in der sittlichen Welt angerichtet wird, wenn
ganze Vlker sich mit rasendem Eifer organisieren, um Macht und Reichtum
zu gewinnen.

Der Nationalismus ist eine sehr schwere Gefahr. Er ist seit Jahren die
Ursache von allen Leiden Indiens. Und da wir von einer Nation regiert
und beherrscht werden, die in ihrer Haltung ausschlielich politisch
ist, haben wir trotz des Erbes unserer Vergangenheit versucht, den
Glauben in uns zu entwickeln, da wir auch vielleicht eine politische
Aufgabe haben.

Es gibt in Indien verschiedene Parteien, die ihre verschiedenen Ideale
haben. Einige streben nach politischer Unabhngigkeit. Andere glauben,
da die Zeit dazu noch nicht gekommen ist, aber sie meinen, Indien
sollte die Rechte der englischen Kolonien haben. Sie wollen soweit wie
mglich Selbstregierung.

Als die politische Bewegung in Indien anfing, da gab es noch keinen
Parteistreit wie heute. Damals gab es eine Partei, die sich Indischer
Kongre nannte. Sie hatte kein wirkliches Programm; sie wies auf einige
Mistnde hin und forderte ihre Abstellung von seiten der Behrden. Sie
wnschte eine grere Vertretung im Regierungsrat und mehr Freiheit in
der Gemeindeverwaltung. Sie verlangte lauter Kleinigkeiten, aber sie
hatte kein aufbauendes Ideal. Daher konnte ich mich fr ihr Vorgehen
nicht begeistern. Es war meine berzeugung, da das, was Indien am
meisten braucht, schpferische, aus seinem eigenen Geist geborene Arbeit
ist. Und bei dieser Arbeit mssen wir alle Gefahren auf uns nehmen und
selbst noch in des Verfolgers Rachen nicht aufhren, unsere uns vom
Schicksal auferlegte Pflicht zu tun, und so durch Leiden und Mierfolg
bei jedem Schritt moralische Siege gewinnen. Wir mssen denen ber uns
zeigen, da wir sittliche Kraft und Strke haben, fr die Wahrheit zu
leiden. Haben wir aber selber nichts aufzuweisen, so knnen wir nur
betteln. Es wrde verderblich fr uns sein, wenn uns die Gaben, um die
wir bitten, sogleich gewhrt wrden, und ich habe meinen Landsleuten
immer wieder gesagt, da sie sich zusammenschlieen sollen, nicht um zu
betteln, sondern um Mglichkeiten zu schaffen, da unser Geist der
Selbstaufopferung sich wirksam erweisen kann.

Der Indische Kongre verlor jedoch an Einflu, da das Volk bald sah, wie
nutzlos die Halbheit seiner politischen Bestrebungen war. Die Partei
spaltete sich, und es bildeten sich die Radikalen, die die bisherige
Methode des Bittens -- die leichteste Methode, sich der
Verantwortlichkeit gegen sein Land zu entschlagen -- verwarfen und fr
absolute Freiheit des Handelns eintraten. Ihre Ideale grndeten sich auf
die Geschichte des Westens. Sie hatten kein Gefhl fr die besonderen
Probleme Indiens. Sie erkannten die offenbare Tatsache nicht an, da
unsere Gesellschaftsordnung uns unfhig macht, es mit den fremden
Vlkern aufzunehmen. Denn was wrde aus uns werden, wenn England
irgendwie aus Indien vertrieben wrde? Wir wrden nur andern Nationen
zum Opfer fallen. Dieselben sozialen bel wrden bestehen bleiben. Was
wir in Indien erstreben mssen, ist dies: wir mssen suchen, mit den
sozialen Sitten und Idealen aufzurumen, die uns unsere Selbstachtung
genommen und uns von denen, die uns beherrschen, ganz abhngig gemacht
haben -- mit dem Kastensystem und mit der blinden und trgen
Gewohnheit, uns auf die Autoritt von Traditionen zu verlassen, die
heutzutage vernunftwidrige Anachronismen geworden sind.

Ich lenke noch einmal eure Aufmerksamkeit auf die Schwierigkeiten hin,
mit denen Indien zu kmpfen gehabt hat. Sein Problem war das Weltproblem
im kleinen. Indien hat eine zu groe Ausdehnung und beherbergt zu
verschiedene Rassen. Es sind in ihm viele Lnder in einen geographischen
Behlter zusammengepackt. Es ist gerade das Gegenteil von dem, was
Europa in Wahrheit ist: ein einziges Land, das in viele Lnder zerteilt
ist. So hat Europa bei seinem Wachstum und Fortschritt den doppelten
Vorteil gehabt: es hatte die Strke der Vielheit und die Strke der
Einheit. Indien dagegen, das von Natur eine Vielheit und nur durch
Zufall eine Einheit ist, hat immer unter dem losen Zusammenhang der
ersteren und unter der Schwche der letzteren gelitten. Wahre Einheit
ist wie eine runde Kugel, sie rollt von selbst und trgt ihr Gewicht mit
Leichtigkeit; aber Vielheit ist ein Ding mit vielen Ecken und Kanten,
das man mit aller Kraft ziehen und vorwrtsstoen mu. Es mu zu
Indiens Rechtfertigung gesagt werden, da es diese Vielheit nicht selbst
geschaffen hat, es hat sie von Anfang seiner Geschichte an als eine
Tatsache hinnehmen mssen. In Amerika und Australien hat Europa sich
sein Problem dadurch vereinfacht, da es die Urbevlkerung fast ganz
ausrottete. Und noch heute macht sich dieser Ausrottungsgeist bei den
Europern bemerkbar, indem sie Fremde ungastlich ausschlieen, sie, die
selbst als Fremde kamen in die Lnder, die sie nun beherrschen. Aber
Indien duldete von Anfang an die Verschiedenheit der Rassen, und diesen
Geist der Duldsamkeit hat es in seiner ganzen Geschichte gezeigt.

In ihm hat auch sein Kastensystem seinen letzten Grund. Denn Indien hat
immer versucht, eine soziale Einheit zu entwickeln, die alle die
verschiedenen Vlker zusammenhielt und ihnen doch die Freiheit lie, die
bei ihnen bestehenden Unterschiede zu wahren. Das Band war so lose wie
mglich, und doch so fest, wie die Umstnde es gestatteten. So ist etwas
wie ein sozialer Bund von Vereinigten Staaten entstanden, dessen
gemeinsamer Name Hinduismus ist.

Indien hat gefhlt, da Rassenunterschiede sein mssen und sollen, was
auch ihre Nachteile sein mgen, und da wir nie die Natur in enge, uns
bequeme Grenzen zwingen knnen, ohne es eines Tages teuer bezahlen zu
mssen. Soweit war Indien im Recht; aber es bedachte nicht, da die
Unterschiede, die die Menschen trennen, nicht wie Gebirgsgrenzen sind,
die fr immer bestehen, sondern flieend mit des Lebens Flu und Lauf,
Gestalt und Gre wechseln.

Indien erkannte durch seine Kasteneinteilung die Unterschiede an, aber
nicht die Wandelbarkeit, die das Gesetz des Lebens ist. Indem es
versuchte, Zusammenste zu vermeiden, stellte es unbewegliche Mauern
als Schranken auf und gab so seinen zahlreichen Rassen die negative
Wohltat der Ordnung und Ruhe, aber nicht die positive Mglichkeit der
freien Bewegung und Ausbreitung. Es lie die Natur gelten, wo sie
Verschiedenheiten geschaffen hatte, aber hinderte sie, diese
Verschiedenheiten im ewigen Spiel ihrer schpferischen Ttigkeit neu zu
wandeln. Es wurde der Buntheit des Lebens gerecht, aber es versndigte
sich an seiner ewigen Bewegung. Und so entfloh ihm das Leben aus seiner
Gesellschaftsordnung, und Indien betet nun statt seiner den prchtigen
Kfig mit den vielen Abteilen an, wohinein es das Leben sperren wollte.

Dasselbe geschah, als Indien es versuchte, die Zusammenste der
verschiedenen Handelsinteressen zu vermeiden. Es wies bestimmte Gewerbe
und Berufe bestimmten Kasten zu. Dies hatte die Wirkung, da der endlose
Neid und Ha des Wettstreits fr immer beseitigt war -- dieses
Wettstreits, der soviel Grausamkeiten im Gefolge hat und die ganze
Atmosphre mit Lgen und Betrug vergiftet. Aber auch hierbei legte
Indien, das Gesetz der Wandlung auer acht lassend, den ganzen Nachdruck
auf das Gesetz der Vererbung und setzte so allmhlich Kunst auf
Kunstfertigkeit, und schpferische Kraft auf Geschicklichkeit herab.

Was jedoch dem westlichen Beobachter entgeht, ist die Tatsache, da
Indien, als es das Kastensystem schuf, mit ganzem Ernst und im vollen
Bewutsein seiner Verantwortlichkeit daran ging, das Rassenproblem so zu
lsen, da alle Reibung vermieden, und doch jeder Rasse innerhalb ihrer
Grenzen Freiheit gewhrt wurde. Wir wollen zugeben, da Indien dies
nicht in vollem Mae gelungen ist. Aber eines mt ihr auch einrumen:
da der Westen, da er in bezug auf Gleichartigkeit der Rasse in einer
viel gnstigeren Lage ist, dem Rassenproblem nie seine Aufmerksamkeit
zugewandt hat, und da er, wenn er vor dies Problem gestellt wurde, sich
leicht damit abfand, ohne eine ernsthafte Lsung zu suchen. So macht er
es auch jetzt, wo er die Asiaten systematisch von den Ksten dieses
Landes fernzuhalten sucht und sie ihres Rechtes beraubt, ihren
Lebensunterhalt hier ehrlich zu erwerben. In den meisten eurer Kolonien
lat ihr sie nur unter der Bedingung zu, da sie die niedern Dienste von
Holzhauern und Wassertrgern auf sich nehmen. Entweder verschliet ihr
den Fremden eure Tren, oder ihr wrdigt sie zu Sklaven herab. Dies ist
eure Art, das Problem des Rassenstreites zu lsen. Welche Vorzge diese
Art auch haben mag, ihr werdet zugeben mssen, da sie nicht hheren
sittlichen Motiven entspringt, sondern den niederen Leidenschaften der
Gier und des Hasses. Ihr sagt: So ist die menschliche Natur. Indien
glaubte auch, die menschliche Natur zu kennen, als es seine
verschiedenen Rassen durch feste soziale Ranggrenzen voneinander
absperrte. Aber wir haben durch teure Erfahrung gelernt, da die
menschliche Natur nicht das ist, was sie scheint, sondern da ihre
Wahrheit in ihren unendlichen Mglichkeiten liegt. Und wenn wir in
unserer Blindheit die Menschheit wegen ihres zerlumpten Gewandes
schmhen, so lt sie diese Verkleidung fallen, und wir sehen, da wir
die Gottheit geschmht haben. Die Erniedrigung, die wir in unserem Stolz
oder Eigennutz andern antun, fllt auf unsere eigene Menschheit -- und
dies ist die furchtbarste Strafe, denn wir spren sie erst, wenn es zu
spt ist.

Nicht nur in eurer Beziehung zu fremden Vlkern, sondern auch in der
Beziehung eurer verschiedenen Gesellschaftsklassen zueinander habt ihr
keine vershnende Harmonie zustande gebracht. Der Geist des Kampfes und
Wettstreits darf ungezgelt seinen Lauf nehmen. Und da er der Sprling
von Habsucht und Machtgier ist, kann er nicht anders enden als mit
gewaltsamem Tode. In Indien wurde die Herstellung von Waren unter das
Gesetz sozialer Ordnung gebracht. Ihre Grundlage war Zusammenwirken, ihr
Ziel vollkommene Befriedigung der sozialen Bedrfnisse. Im Westen ist
Wettstreit ihre Triebkraft und Erwerb von Reichtum fr die Einzelnen ihr
Ziel. Aber der Einzelne ist wie die geometrische Linie, die nur eine
Ausdehnung hat. Sie hat keine Breite und keine Tiefe und kann nicht
irgend etwas umfassen und dauernd halten. Und daher luft sie ewig
suchend und unbefriedigt fort. Sie kann in ihrer endlosen Verlngerung
andere Linien kreuzen und Verwicklungen verursachen, aber sie wird immer
dnn und isoliert bleiben und das Ideal der Vollstndigkeit nicht
erreichen.

Bei allen unseren physischen Begierden erkennen wir eine Grenze. Wir
wissen, da, wenn wir darber hinausgehen, es auf Kosten unserer
Gesundheit geschieht. Aber hat denn diese Gier nach Reichtum und Macht
nicht auch Grenzen, jenseits welcher das Reich des Todes ist?
Verbrauchen die westlichen Vlker bei diesen nationalen Karnevalfesten
des Materialismus nicht den grten Teil ihrer Lebenskraft dabei, da
sie tote Dinge schaffen statt lebendiger Ideale? Und kann das eine
wirkliche Kultur sein, die das Gesetz der sittlichen Gesundheit auer
acht lt und dadurch, da sie unaufhaltsam materielle Stoffe in sich
hineinschlingt, zu scheulicher Aufgedunsenheit anschwillt? Im sozialen
Leben sucht der Mensch seine Begierden zu zgeln und den hheren Zwecken
seiner Natur zu unterwerfen. Aber im wirtschaftlichen Leben kennen
unsere Begierden keine anderen Schranken als die von Angebot und
Nachfrage, und diese knnen knstlich verrckt werden, so da der
Einzelne seinen ausschweifenden Gelsten, soviel er will, sich hingeben
kann. In Indien legten unsere sozialen Ideale unseren Begierden Zgel
an -- vielleicht unterdrckten sie sie gnzlich--, im Westen jedoch
treibt der Geist der wirtschaftlichen Organisation, der kein sittliches
Ziel kennt, die Menschen zum fortwhrenden Jagen nach Reichtum; aber ist
dem keine heilsame Grenze gesetzt?

Die Ideale, die sich in den sozialen Einrichtungen zu verwirklichen
suchen, haben ein doppeltes Ziel. Einmal sollen sie unsere
Leidenschaften und Begierden zgeln und dadurch unsere harmonische
Entwicklung mglich machen, und dann sollen sie uns helfen, in
selbstloser Liebe fr unsere Mitmenschen zu wirken. Daher ist die
Gesellschaft der Ausdruck jenes sittlichen und geistigen Strebens, das
zur hheren Natur des Menschen gehrt.

Unsere Nahrung ist schpferisch, sie baut unseren Krper auf; aber der
Wein, der nur aufregt, ist es nicht. Unsere sozialen Ideale schaffen die
menschliche Welt, aber wenn unser Geist von ihnen abgelenkt wird auf
Gier nach Macht, dann leben wir in einem Zustande des Rausches und
infolgedessen in einer naturwidrigen Welt, wo unsere Kraft nicht
Gesundheit und unsere Freiheit nur Ungebundenheit ist. Daher kann uns
die politische Freiheit keine wahre Freiheit geben, solange der Geist
nicht frei ist. Ein Automobil kann mir nicht Freiheit der Bewegung
geben, weil es eine bloe Maschine ist. Wenn ich selbst frei bin, so
kann ich das Automobil im Dienst meiner Freiheit brauchen.

Wir drfen in der gegenwrtigen Zeit nicht vergessen, da die Menschen,
die politische Freiheit erlangt haben, darum noch nicht frei zu sein
brauchen, sie sind nur mchtig. Die Leidenschaften, die ungezgelt in
ihnen wirken knnen, schaffen riesige Organisationen einer Sklaverei,
die sich fr Freiheit ausgibt. Die sich Gelderwerb als hchstes Ziel
gesetzt haben, verkaufen, ohne da sie sich dessen bewut sind, ihre
Seele dem Reichtum, entweder einzelnen oder Gemeinschaften. Jene, die in
ihre politische Macht verliebt sind und sich an der Ausdehnung ihrer
Herrschaft ber fremde Rassen weiden, liefern allmhlich ihre eigene
Freiheit und Menschlichkeit den Organisationen aus, die ntig sind, um
andere Vlker in Sklaverei zu halten. In den sogenannten freien Lndern
ist die Mehrzahl des Volkes nicht frei; sie wird von der Minderheit nach
einem Ziel hingetrieben, das sie nicht einmal kennt. Dies wird nur
dadurch mglich, da die Menschen die sittliche und geistige Freiheit
nicht als ihr Ziel anerkennen. Sie schaffen mit ihren Leidenschaften
riesige Strudel, und wenn sie von der bloen Geschwindigkeit ihrer
wirbelnden Bewegung ganz berauscht und schwindlig sind, so halten sie
dies fr Freiheit. Aber das Verhngnis, das ihrer wartet, ist so gewi
wie der Tod, -- denn die Wahrheit des Menschen ist sittliche Wahrheit,
und seine wahre Befreiung geschieht nur im Geiste.

Die groe Mehrzahl der heutigen Nationalisten in Indien ist der Meinung,
da wir mit der Entwicklung unserer sozialen und geistigen Ideale
endgltig fertig sind, da diese Arbeit des Aufbaus der Gesellschaft
schon seit Jahrtausenden bei uns getan ist, und da wir jetzt unsere
ganze Schaffenskraft in politischer Richtung bettigen knnen. Wir
denken nicht im entferntesten daran, unsere gegenwrtige Hilflosigkeit
auf soziale Unzulnglichkeit zurckzufhren, denn unser Nationalismus
hat den Glauben, da dies System schon fr alle Zukunft zur Vollendung
gebracht wurde von unseren Vorfahren, die die bermenschliche Gabe
prophetischen Schauens und die bernatrliche Kraft der Frsorge fr
unendliche Zukunft hatten. Daher machen wir fr alles Elend und fr
alle Unzulnglichkeiten die geschichtlichen Ereignisse verantwortlich,
die pltzlich von auen ber uns hereinbrachen. Und aus diesem Grunde
glauben wir, da es unsere einzige Aufgabe ist, ein politisches Wunder
von Freiheit auf dem Flugsand sozialer Sklaverei aufzubauen. Ja, wir
wollen den Strom unserer eigenen Geschichte abdmmen und aus den Quellen
der Geschichte anderer Vlker Macht borgen.

Die unter uns, die dem Wahn erlegen sind, da politische Freiheit uns
frei machen wrde, haben die Lehre des Westens als Evangelium angenommen
und ihren Glauben an die Menschheit verloren. Wir mssen bedenken, da
jede soziale Schwche, an der wir festhalten, in der Politik zu einer
Quelle von Gefahren wird. Dieselbe Passivitt, die uns bei unseren
sozialen Einrichtungen an toten Formen hngen lt, wird in der Politik
starre Kerkermauern um uns aufrichten. Die Engherzigkeit, die es mglich
macht, da wir einem groen Teil der Menschheit das drckende Joch der
Minderwertigkeit auflegen, wird sich in der Politik als Tyrannei und
Ungerechtigkeit behaupten.

Wenn unsere Nationalisten von ihren Idealen sprechen, so vergessen sie,
da bei uns dem Nationalismus die Grundlage fehlt. Dieselben Leute, die
diese Ideale hochhalten, sind in ihrer sozialen Haltung die
Konservativsten. Die Nationalisten sagen z.B.: Seht die Schweiz, wo
sich trotz der Rassenunterschiede die Vlker zu einer Nation
zusammengeschlossen haben. Aber ihr mt bedenken, da sich in der
Schweiz die Rassen vermischen und untereinander heiraten knnen, weil
sie eines Stammes sind. In Indien ist dies nicht der Fall. Und wenn wir
von den verschiedenen Nationalitten Europas sprechen, so denken wir
nicht daran, da dort die Nationen nicht den physischen Widerwillen
gegeneinander haben wie unsere verschiedenen Kasten. Gibt es irgendwo in
der Welt ein Beispiel dafr, da Glieder eines Volkes, die ihr Blut
nicht mischen drfen, doch ihr Blut fr einander vergieen, es sei denn
gezwungen oder um Sold? Und knnen wir jemals hoffen, da diese
moralischen Schranken, die der Vermischung unserer Rassen im Wege
stehen, nicht auch ein Hindernis fr unsere politische Einheit sein
werden?

Auch drfen wir uns nicht verhehlen, da unsere sozialen Beschrnkungen
noch immer so tyrannisch sind, da sie die Menschen zu Feiglingen
machen. Wenn mir jemand sagt, er habe ketzerische Ansichten, wage aber
nicht, ihnen zu folgen, weil er sonst gesellschaftlich gechtet wrde,
so verzeihe ich es ihm, da er ein unwahres Leben fhrt, um berhaupt
leben zu knnen. Dieser bei uns herrschende soziale Geist, der uns dazu
treibt, unseren Mitmenschen das Leben zur Last zu machen, wenn sie auch
nur in der Wahl ihrer Nahrung von uns abweichen, wird sich sicher in
unserer politischen Organisation behaupten und schlielich
Zwangsmaschinen erzeugen, die jeden vernunftgemen Unterschied und
damit jedes wirkliche Leben zermalmen werden. Und die Tyrannei wird die
unvermeidliche Lge und Heuchelei im politischen Leben nur noch
schlimmer machen. Ist denn der bloe Name Freiheit so wertvoll, da wir
um seinetwillen unsere sittliche Freiheit opfern sollen?

Die Wirkung unserer ausschweifenden Gewohnheiten zeigt sich noch nicht
gleich, wenn wir noch in der vollen Kraft unserer Jugend sind. Aber sie
zehrt allmhlich diese Kraft auf, und wenn die Zeit des Abstiegs
beginnt, da haben wir unsere Rechnungen zu begleichen und unsere
Schulden zu bezahlen und stehen bald vor dem Bankrott. Noch knnt ihr im
Westen den Kopf hoch tragen, obgleich eure Menschlichkeit aus dem Rausch
organisierender Macht nicht mehr herauskommt. Auch Indien konnte auf der
Hhe seiner Jugend die Last seiner sozialen Organisationen, die auf
seine Lebensorgane drckten, tragen und hielt sich tadellos gerade
dabei, aber es ist ihm zum Verhngnis geworden und hat seine lebendige
Natur allmhlich gelhmt. Und so ist es gekommen, da die gebildeten
Schichten Indiens kein Gefhl haben fr seine sozialen Nte. Sie sind
gerade stolz auf die Steifheit unseres sozialen Rckgrats, -- und weil
das gesunde Schmerzgefhl in den Gliedern unseres sozialen Organismus
abgestorben ist, so lassen sie sich zu dem Glauben verleiten, da alles
in Ordnung sei. Daher glauben sie, da das politische Feld jetzt der
einzige Spielraum fr alle ihre Krfte ist. Sie machen es wie jemand,
dessen Beine eingeschrumpft und unbrauchbar geworden sind und der sich
einzureden versucht, er fhle diese Glieder nicht, weil sie ganz
wiederhergestellt seien, nur die Krcken seien nicht in Ordnung.

Dies ist es, was ich ber die soziale und politische Wiedergeburt
Indiens sagen wollte. Nun ein Wort ber seine Industrie. Man hat mich
oft gefragt, ob seit dem Beginn der britischen Herrschaft die Industrie
in Indien sich gehoben habe. Ich mu daran erinnern, da die britische
Regierung gleich am Anfang unsere Industrie unterdrckt hat und da wir
seit der Zeit keinerlei wirkliche Hilfe oder Ermutigung gefunden haben,
uns den ungeheuren Handelsorganisationen der modernen Welt gegenber zu
behaupten. Die Nationen haben entschieden, da wir ein lediglich
ackerbautreibendes Volk bleiben und sogar den Gebrauch der Waffen fr
alle Zeiten verlernen sollen. So wird Indien in eine Reihe leicht
verdaulicher Bissen verwandelt, die jede Nation, auch wenn sie ein noch
so unentwickeltes Gebi hat, zu jeder Zeit verschlucken kann.

Indien hat daher wenig Gelegenheit, seine Originalitt auf dem Gebiete
der Industrie zu zeigen. Ich meinesteils glaube nicht an die plumpen
Riesenorganisationen unserer heutigen Zeit. Schon die Tatsache ihrer
Hlichkeit zeigt, da sie in Disharmonie mit der ganzen Schpfung sind.
Die groen Krfte der Natur offenbaren ihre Wahrheit nicht in
Hlichkeit, sondern in Schnheit. Schnheit ist das Siegel, das der
Schpfer unter seine Werke setzt, wenn er mit ihnen zufrieden ist. Alle
unsere Erzeugnisse, die die Gesetze der Vollkommenheit frech verletzen
und sich schamlos in ihrer hlichen Plumpheit zeigen, sind bestndig
unter dem Gewicht von Gottes Zorn. Wenn euer Handel nicht die Wrde der
Schnheit hat, ist er unwahr. Die Schnheit und ihre Zwillingsschwester,
die Wahrheit, brauchen zu ihrer Entfaltung Mue und Selbstbeherrschung.
Aber die Gewinnsucht kennt keine Schranken, wenn sie sich nur ausdehnen
kann. Ihr einziges Ziel ist Hervorbringen und Verschlingen. Sie hat
weder Mitleid mit der schnen Natur noch mit lebendigen menschlichen
Wesen. Sie ist unbarmherzig bereit, ohne auch nur einen Augenblick zu
zgern, Schnheit und Leben zu zermalmen und sie zu Geld zu machen.
Diese hliche Roheit im Handel stand in Verachtung bei unseren
Vorfahren, die noch Mue hatten, das Idealbild der Menschheit ruhigen,
ungetrbten Blickes zu schauen. Die Menschen jener Zeiten schmten sich
mit Recht des niederen Triebes, der nur auf Gewinn geht. Aber in unserem
Zeitalter der Naturwissenschaften hat das Geld durch das Gewicht seiner
Masse sich den Thron erworben. Und wenn es nun vom Gipfel seiner
aufgehuften Schtze aus die hheren Instinkte des Menschen verhhnt und
die Schnheit und alle edlen Gefhle aus seiner Nhe verbannt, so
unterwerfen wir uns ihm. Denn wir haben uns in unserer Armseligkeit von
ihm bestechen lassen, und unsere Einbildungskraft, von seinem
Riesenumfang berwltigt, kriecht vor ihm im Staube.

Aber gerade dieser Riesenumfang und seine endlose Kompliziertheit sind
sichere Zeichen seines Versagens und seiner inneren Schwche. Ein
gebter Schwimmer zeigt seine Muskelkraft nicht durch heftige
Bewegungen; seine Kraft ist unsichtbar und uert sich in vollkommener
Anmut und Ruhe. Was den Menschen vom Tier unterscheidet, ist seine
innere Kraft und sein innerer Wert, die beide nicht von auen sichtbar
sind. Aber die heutige Handelskultur braucht nicht nur zuviel Zeit und
Raum, sondern ttet Zeit und Raum. Ihre Bewegungen sind heftig, ihre
Stimme laut und mitnend. Sie trgt ihren Fluch in sich, weil sie die
Menschheit, auf der sie steht, zu einer unfrmlichen Masse zertrampelt.
Sie ist rastlos bemht, Glck in Geld umzuwandeln. Der Mensch sucht
seine Menschlichkeit in die kleinste Ecke zusammenzudrcken, um fr ihre
Organisation ausgiebigen Raum zu schaffen. Er spottet seine menschlichen
Gefhle zuschanden, weil sie seinen Maschinen im Wege sein knnten.

In unserer Mythologie haben wir die Sage, da der, der sich Kasteiungen
auferlegt, um die Unsterblichkeit zu gewinnen, Versuchungen zu bestehen
hat, die ihm von Indra, dem Herrn der Unsterblichen, geschickt werden.
Wenn er sich von ihnen verlocken lt, ist er verloren. Der Westen hat
seit Jahrhunderten nach Unsterblichkeit gestrebt. Indra hat ihm die
Versuchung geschickt, um ihn zu prfen. Diese ungeheure Versuchung heit
Reichtum. Der Westen hat nicht widerstanden, und seine menschliche
Kultur hat sich in der Wste des Maschinenwesens verirrt.

Dieser Handelsgeist mit seinem barbarisch hlichen Schmuck ist eine
furchtbare Gefahr fr die ganze Menschheit, weil er das Ideal der Macht
ber das der Vollkommenheit stellt. Er lt den Kultus der Selbstsucht
in schamloser Nacktheit triumphieren. Unsere Nerven sind zarter als
unsere Muskeln. Das Feinste und Wertvollste in uns wird hilflos und
schwach, wenn wir ihm den Schutz nehmen, den es gerade wegen seiner
Feinheit braucht. Wenn daher die gefhllose, rohe Macht in blinder Wut
ber die Strae der Menschheit hinstrmt, so verscheucht sie durch ihre
Roheit die Ideale, die wir in jahrhundertelangem Martyrium gehegt haben.

Die Versuchung, die schon dem Starken verhngnisvoll ist, wird es dem
Schwachen noch mehr. Und daher kann ich sie bei uns in Indien nicht
willkommen heien, wenn auch der Herr der Unsterblichen sie gesandt
hat. Lat unser Leben einfach in seiner ueren Erscheinung und reich an
innerem Gewinn sein. Lat unsere Kultur sich auf die feste Basis
sozialen Zusammenwirkens grnden, und nicht auf Kampf und
wirtschaftliche Ausbeutung. Wie wir dies heute knnen, wo wir in den
Zhnen des wirtschaftlichen Drachen sind, der unser Lebensblut aussaugt,
dies zu finden, ist die Aufgabe der Denker aller stlichen Vlker, die
an die menschliche Seele glauben. Es ist ein Zeichen von Ohnmacht und
Trgheit, wenn wir Lebensbedingungen annehmen, die andere mit andern
Idealen uns auferlegen. Wir sollten uns aufraffen und die Krfte der
Welt uns dazu dienstbar machen, unsere Geschichte zu ihrem eigenen Ziel,
der Vollkommenheit, zu fhren.

Aus dem Gesagten wird man sehen, da ich kein Volkswirtschaftler bin.
Ich will zugeben, da es ein Gesetz von Angebot und Nachfrage gibt und
da der Trieb des Menschen immer dahin geht, mehr haben zu wollen, als
gut fr ihn ist. Und doch halte ich an meinem Glauben fest, da es so
etwas gibt wie die Harmonie vollen Menschentums. Wer sie hat, der ist
reich bei aller Armut, er ist Sieger, wenn er auch besiegt wird, ihn
fhrt der Tod zur Unsterblichkeit, wo die ewige Gerechtigkeit seine
Schmach in strahlenden Triumph wandelt.




      DER SONNENUNTERGANG
      DES JAHRHUNDERTS

    Geschrieben in bengalischer Sprache am letzten Tage des letzten
    Jahrhunderts


      1.

Die letzte Sonne des Jahrhunderts versinkt in den blutigroten Wolken des
Westens und im Wirbelsturm des Hasses.

Die nackte Selbstsucht der Vlker tanzt in wahnsinniger, trunkener Gier
zu den Klngen der klirrenden Schwerter und der heulenden Rachegesnge.


      2.

Doch der hungrige Leib der Nation wird im Augenblick der hchsten
Raserei zerplatzen von ihrem schamlosen Fressen.

Denn sie hat die Welt zu ihrem Fra gemacht.

Und whrend sie sie gierig beleckt und zermalmt und in groen Bissen
hinabschlingt,

Schwillt sie mehr und mehr,

Bis mitten in diesem unheiligen Festmahl der Strahl des Himmels
pltzlich herabfhrt und ihr brutales Herz durchbohrt.


      3.

Das purpurne Leuchten am Horizont ist nicht die Morgenrte deines
Friedens, mein Mutterland,

Es ist der Widerschein des Scheiterhaufens, auf dem ein ungeheurer
Leichnam zu Asche verbrennt; die Selbstsucht der Nation, die sich den
Tod gefressen.

Dein Morgen wartet hinter dem stillen Dunkel des Ostens,

Er wartet geduldig und schweigend.


      4.

Sei wach, Indien!

Halt' dein Opfer bereit fr den heiligen Sonnenaufgang!

La deine Stimme die erste sein, die ihn begrt, und singe:

Komm Friede, du aus Gottes groem Schmerz geborene Tochter,

Komm mit deinem Schatz von stillem Glck,

Komm mit dem Schwert der Tapferkeit,

Komm mit dem Kranz der Sanftmut auf der Stirn!


      5.

Oh, meine Brder, schmt euch nicht, vor den Stolzen und Mchtigen zu
stehen

In dem weien Gewande eurer Einfalt!

Eure Krone sei die Demut, und eure Freiheit die Freiheit der Seele.

Auf der kahlen Sttte eurer Armut errichtet tglich von neuem Gottes
Thron,

Und wisset: das Ungeheure ist nicht das Groe, und Stolz whrt nicht
ewig.




      INHALT


      Nationalismus im Westen                5

      Nationalismus in Japan                61

      Nationalismus in Indien              120

      Der Sonnenuntergang des Jahrhunderts 164




      [Illustration]

      Gedruckt
      im Sommer 1921
      bei Poeschel & Trepte
      in Leipzig
      *





End of the Project Gutenberg EBook of Nationalismus, by Rabindranath Tagore

*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK NATIONALISMUS ***

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