The Project Gutenberg EBook of Ingeborg, by Bernhard Kellermann

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Title: Ingeborg

Author: Bernhard Kellermann

Release Date: September 15, 2012 [EBook #40771]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK INGEBORG ***




Produced by Jens Sadowski








Ingeborg


Roman von
Bernhard Kellermann


Sechste Auflage







S. Fischer, Verlag, Berlin
1907




Alle Rechte,
insbesondere das der bersetzung, vorbehalten.

Published, February 6, 1906. Privilege of copyright
in the United States reserved under the act approved
March 3, 1905, by S. Fischer, Verlag, Berlin.






1


Nun wohne ich in einer Htte, die inmitten der weiten Steppe steht.

Ich lebe gerne hier, es ist so weit und so still. Niemand kennt mich,
niemand kommt zu mir, ich bin ganz allein. Ich kann tun und lassen, was ich
will. Ich habe keine Langeweile, meine Tage vergehen. Wie die Wolken ber
den weiten Himmel streichen, so streichen die Stunden ber mich hinweg.

Ich bin zufrieden.

Zuweilen denke ich noch an das Mdchen aus dem Walde. Ich habe sie noch
nicht vergessen, nein. Es ist ja nicht mehr wie frher, da ich keine Nelke
am Wege sehen konnte und kein Fleckchen blauen Himmels, ohne zu denken:
she sie es doch, she sie doch diese Nelke, dieses blaue Fleckchen! so ist
es ja nicht mehr, aber doch denke ich zuweilen noch an sie.

Sie war . . .

Schmuck der Welt nannte ich sie und Liebling Gottes. Ich gab ihr viele,
viele Namen. Den richtigen fand ich nicht.

Mge es ihr wohl ergehen.

Es gab einen Sommer in meinem Leben, da ich mich am liebsten gekleidet
htte wie ein Grieche, wehende Haare, Rosen in den Haaren, eine goldene
Leier in den Hnden. Diesen Sommer gab es. Er ist lngst vergangen. Sie
schenkte ihn mir.

Mge es ihr wohl ergehen!

                   *       *       *       *       *

Sie kam aus dem Walde, da wo er ganz hoch und nchtig ist. Sie war blond.
Golden kam sie aus dem schwarzen Walde, das dachte ich oft.

Sie ging durch den Wald und sang, sie ging durch das Feld und sang, sie
sang Tag und Nacht. Es klang immer, wo sie ging. Sie schwebte von einer
Stelle zur andern, wie ein Falter, sie kte Blumen und Bume, sie sah
Augen in den Wipfeln der Bume. Sie glaubte an Gnome und Waldwichte . . .

An einem Morgen im zarten Frhling, da kam sie angestiegen. Ganz pltzlich
tauchte sie vor mir auf. Ich sa auf der Treppe meines Hauses im Bergwalde
und sonnte mich. Wir wechselten einige Worte. Ich habe sie noch im
Gedchtnis.

Es fiel mir auf, wie schwebend ihre Stimme klang. Sie sang zur Hlfte, und
sie hatte die Gewohnheit den Kopf dabei zur Seite zu neigen. Sie konnte
auch keinen Augenblick ruhig stehen.

Damals sah sie na aus wie ein Baum am Morgen. Ihr Kleid war durchnt,
ihre Schuhe, die Haare waren zerweicht und hingen ber Schlfen und Wangen.
Sie hatte Tau auf den Lippen und Lidern. Tau und Sonnentropfen.

Es ist heute so na im Walde! sagte sie, und es rieselte ber ihre
Wangen.

Sie lachte.

Sie sitzen vor Ihrem Hause, Frst, wie ein Dachs vor seinem Bau. Wo waren
Sie den langen Winter ber?

Zu Hause, Komtesse. Sie lachte.

Sie nennen mich immer Komtesse, ich bin aber gar nicht Graf Flggens
Tochter.

Sie sei nicht Graf Flggens Tochter?

Papa nennt mich so, aber er ist nicht mein Vater. Haha, wie sagte ich?

Sie lachte und blickte mich von der Seite an.

Nein, er hat mich erzogen, Graf Flggen, seit dem achten Jahre. Und sie
erzhlte, da sie Ingeborg Giselher heie und ihr Vater ein Holzfller sei,
im Revier Otternbrcklein. Er habe viele Kinder, er vermisse sie nicht.
Wenn er das Brot ber dem Tische schneide, so sperrten sich so viele
Mulchen auf, wie wenn man Weibrot in einen Karpfenteich wirft.

-- wie wenn man Weibrot in einen Karpfenteich wirft, so viele Mulchen,
sagte sie und lachte.

Sie sprach noch einige Worte, dann ging sie.

Ich danke fr den Besuch, Frulein Giselher! sagte ich.

O, bitte, erwiderte sie und lchelte ber die Schulter zurck. Es war ja
kein Besuch, ich kam ganz zufllig vorber. Adieu, Frst!

Sie steuerte durch die Wiese, sprang ber den Graben und verschwand im
Walde.

Ich blickte ihr nach. Wie durchnt sie war, dachte ich, wie es ber ihre
Wangen rieselte! Und ich dachte, wie war das mit dem Karpfenteiche? Wie
kann ein Mensch nur auf diesen Einfall kommen? Ich lchelte.




2


Dies war unser erstes Gesprch. Dann sah ich sie lange Zeit nicht mehr, die
Tochter des Holzfllers aus dem Walde. Ich lebte ruhig in meinem Hause im
Bergwalde und es war Frhling. Hier und da kam sie mir in den Sinn: es
rieselte so ber ihre Wangen! Und als einmal meine Blicke auf die Trkise
eines Schmuckes fielen, schwebten ihre Augen vor mir. Sie waren wie betaute
Trkise.

Ich dachte nicht mehr an sie.

Ich lebte ruhig fr mich in meinem Hause, ich streifte in den Wldern
umher.

Ich denke an dieses Haus und ein leiser Schmerz erfat mich. Es war ein
totes Ding, gewi, aber doch kam es mir beseelt vor. Ich sah es im Schnee,
im Gewitter, in der heien Sonne, immer sah es gleichmig ruhig aus. Es
kam mir so tapfer vor.

Nun steht es nicht mehr. Wie eine Wunde wird es wohl aussehen im Bergwalde.
Ich selbst habe dem Bergwalde diese Wunde geschlagen. In einer Nacht --
Aber ich habe es nicht vergessen, es steht immer vor meinen Blicken. Es ist
ein altes Jagdschlo, es sieht aus wie die Arche Noahs und ist ockergelb
gestrichen. In der Sonne kann es wie golden durch die hohen Kastanien
schimmern, es kann glhendrote Wangen bekommen gegen Abend, so sieht es
aus.

Im Innern ist es khl und still, die Gnge mit den vielen Tren sind
schneewei.

Oft wandere ich in Gedanken noch durch diese schneeweien Gnge, diese
groen, khlen Zimmer. Ich gehe hin und her, ffne die Tren, schliee sie.
Ich blicke zum Fenster hinaus. Ich trete ein in die weien Zimmer, begre
sie mit einer Verneigung, lausche und lchle. Ich wische mit dem Finger den
Staub von dem Schreibtische mit dem sonderbaren Lschblatt. Alles in
Gedanken.

Ich ffne die schwere Haustre und trete auf die Treppe. Ich stehe in einer
schattigen Laube, die von den Wipfeln der Kastanien gebildet wird. Dicht
vor mir liegt eine kleine Wiese, dann beginnt der Wald. Ich wende den Kopf
nach links, nach rechts, Wald, Wald, Wald, soweit ich sehen kann, Wald und
Hgelland. Die Bergstrae schlngelt sich an der kleinen Wiese entlang,
dann strzt sie sich ins Tal hinunter, sie bohrt sich in die Wlder hinein.
Tief unten liegt das Tal, klein, schmal, ein feines Band zieht durch den
Grund, darauf zappelt zuweilen etwas, das ist ein Wagen.

Ich blicke ber das Tal, mein Blick fllt auf die Spitze eines Turmes, die,
nicht grer als ein Bleistift, aus dem Walde drben ragt. Das ist Rote
Buche und hinter dem Berge liegt Hohe Fichte. Doch das sieht man nicht. Nun
ist mir nur noch das Jagdschlo geblieben, aber es gengt mir vollauf. So
oft ich die Turmspitze wahrnehme, lchle ich.

Angenehme Erinnerungen! --

Dieser Frhling war schner als jeder andere, den ich erlebte. Er hatte
eine eigentmliche Luft, sie zitterte nicht, sie regte sich nicht, sie lag
wie ein einziger, groer Tautropfen auf dem Tale, klar und durchsichtig war
sie. Sie besa auch einen eigentmlichen Geschmack, ich versprte ihn, so
oft ich sie einatmete. Noch schmeckte sie nach Eis und schon schmeckte sie
nach Honig.

Ich hatte keine Mue an das Mdchen zu denken, das eines Morgens
angestiegen kam, als ich auf der Treppe sa und mich sonnte. Nein. Mein
Herz war erfllt von den kleinen Wundern um mich her. Ich ging herum und
besah mir meine Herrlichkeiten. Ich sah dem Frhling in die schimmernden
Augen.

Im Februar hatte ich schon nach den Spionen des Frhlings gefahndet. Ich
schlte stchen ab, nein, es war noch nichts. Am vierzehnten Februar wlzte
ich einen Stein vom Platze, und siehe da, ein kleiner schwarzer Kfer war
darunter und bleiche Keime. Da es der vierzehnte Februar war, wei ich,
weil ich an diesem Tage einen Brief von Freund Bluthaupt, dem Dichter,
erhielt.

Dann kam der Sdwind, mitten in der Nacht, und ich erwachte augenblicklich
und lachte laut heraus vor Vergngen. Das war ein Hallo im Walde, die Bume
schttelten den Schlaf von sich und taten laut. Seitdem war ich auf dem
Posten. Der Frhling kam aus der feuchten Erde, aus der Luft, er kam von
berall her. Ich stand und lauschte: es rieselte und gluckste berall. Es
war wie ein verstecktes Lachen unter dem faulenden Laube, man wute, da da
drunten Dinge vor sich gingen. Es roch so wunderbar nach Erde und Wurzeln.
Das Wasser der Bche vernderte seinen Geschmack. Und -- ah! -- es schoben
sich grne Spitzen durch die Laubdecke. Was fr ein Grn war es doch! Ich
hatte ja ganz vergessen, da es dieses Grn gab. Feuchtigkeit schlug aus
den Buchenstmmen, berall regte es sich, eine stille Ergriffenheit lag auf
allen Dingen. Ich entdeckte die erste Anemone. Siehst du, Pazzo? sagte ich
zu meinem Hunde, und Pazzo betrachtete aufmerksam die Blume und seine Augen
glnzten.

Dann ging es im Sturmschritt vorwrts, der Frhling fackelte nicht lange.
Es grnte, es knospete. Allerlei billiges, wildes Kraut wuchs zuerst, dann
kletterte das Grn in die Hhe, in die Strucher und schlielich bis in die
obersten stchen der Buchen. Die Knospen der Kastanien tropften, Zge
schneller Vgel glitten hoch am Himmel ber das Tal, ein Fink zog ein im
Buchenwalde, und eines Tages schaukelte ein weier Schmetterling ber die
Wiese! Hoho! rief ich und lachte.

Nun war der Frhling da. Ich hatte gesehen, wie er einzog, und doch schien
es mir jeden Morgen, wenn ich aus dem Fenster blickte und all das, all das
sah, als sei er ber Nacht gekommen.

Ich schttelte den Kopf, ich konnte es nicht fassen.

Die Erde erfate ein Rausch, ein Taumel, sie lachte.

Eines Tages nun, da blhten die Apfelbume an der Bergstrae . . . Sie
marschierten die Strae hinab und ich begriff nicht, warum sie nicht auch
noch sangen und sich schwenkten wie Fahnen.

Das schnste, was ich besa, das war ein kleiner blhender Apfelbaum. Der
stand an der Parkmauer, und ich verliebte mich jedes Frhjahr in ihn. Als
ich ihn zum ersten Mal ansah, zog es leicht an meinem Herzen und mein Atem
setzte eine Weile aus. Er war schn und klein, lieblich, wie eine
geschmckte kleine Prinzessin sah er aus, wei in wei, eine kleine
schlanke Prinzessin, auf die alle Augen gerichtet sind und die nicht wei,
wie schn sie ist, und da alle Leute nichts tun als an sie denken Tag und
Nacht.

Ich war glcklich und blickte in mein Herz. Da war nichts als Freude und
Verwunderung.

Hufig setzte ich mich ins Gras und besah mir eine Stelle, nicht grer als
die Hand. Das schwebte! Das war so kunstvoll und mannigfaltig. Ich sah mir
diese handgroe Stelle an und schttelte den Kopf, und ich begriff nichts,
und eine eigentmliche Rhrung zog durch meinen ganzen Krper, von den
Zehen bis zum Kopfe. Groer Gott, wie hast du das ersinnen knnen? -- Und
Gott lchelte aus dem kleinsten Halme.

Es war alles so wunderbar, und ich lauschte auf meine Atemzge. So
wunderbar waren meine Atemzge. Ich lebte. So wunderbar war dies. Ich ging
in den Wald und sang, um nicht weinen zu mssen.

Das war der Frhling.

Zuweilen kam der Frhling auch des Nachts zu mir, in meine Trume, und ich
lachte viel im Traume. Verliebte und kuriose Abenteuer erlebte ich da. Das
war der Frhling, natrlich. Sicherlich war der Frhling auch schuld daran,
da ich mich in die rothaarige Liselotte, eine geborene Weikersbach,
verliebte. Sie war lngst tot, sie lag drunten in der Dorfkirche, aber ihr
Bild hing in meinem Zimmer. Sie blickte mir nach, wohin ich auch ging. Sie
lchelte. Sie hatte viele Sommersprossen und eine blulichweie Haut. Im
Traume kte ich sie oft. Komme, Axel, rief sie, er ist in die Stadt
gefahren, um einen Schmuck fr mich zu kaufen. Am Morgen darauf lchelte
sie.

Der Frhling hatte mir sein ses Gift in die Adern eingespritzt, das war
es.

Oft stand ich lange Zeit am Waldesrande und blickte auf das Haus und
dachte: Kommt Liselotte heraus im Reifrock und ihr Gemahl mit Percke und
Schnallenschuhen? Und ich wartete, obschon ich wute, da Liselotte und ihr
Gemahl lngst tot waren. Auch das kam wohl vom Frhling, da ich wartete
auf das Unmgliche.

Die Luft war es, die alles zum Mrchen werden lie! Mir kam es vor als
blickte ich in ein wunderliches Bilderbuch mit sonderbaren Figuren, und
unter einer stnde: das ist Axel. -- -- -- -- -- -- -- -- --

In einer Nacht erwachte ich mit dem Gefhle des Glckes: Eine Stimme sang
im Walde.

Ich richtete mich auf und lauschte. Es war ganz schwarz um mich, Sternchen
flimmerten in der Dunkelheit.

Es sang. Die Stimme schwebte in der Nacht.

Wachte ich? Trumte ich?

Die Stimme entfernte sich und schwieg pltzlich.

Es war eine Stunde nach Mitternacht, das Sternbild des Orion sank in den
Wald.

Ich setzte mich im Hemde auf das Fenstergesims.

Mitternachtsluft.




3


Einige Tage darauf traf ich Ingeborg wieder. Ich ging mit Pazzo durch den
Wald. Es war in einem Laubgange, der sich schnurgerade durch den Buchenwald
zog.

Sie kam langsam des Weges daher, sie schlenkerte die Arme und blickte nach
rechts und links in den Wald hinein, als suche sie etwas. Wie neulich war
sie ohne Hut und durchnt vom Tau. Sie trug etwas wie ein Krnzchen in der
Hand. Sie sang halblaut, und erst als wir uns ganz nahe waren, schwieg sie
still.

Sie sah schn aus, wie sie durch den Laubgang wandelte. Der Laubgang war
mit grnem Lichte angefllt und so khl und feierlich wie nur die
Klostergnge sind, durch deren Bogenfenster die Morgensonne flutet. In all
dem grnen Lichte, in der Feierlichkeit wandelte sie, fast durchscheinend,
gewebt aus Wei, Wei, etwas Gold und Rot.

Guten Morgen! rief sie und ihre Augen strahlten.

Ich gab ihr die Hand. Ihre Hand war eisigkalt und ganz blau gefroren. Es
war khl. Auch ihr Gesicht war blau gefroren, schmal, und ihre Nase
erschien spitzig und klein. Ein feiner Ri lief ber ihre Wange.

Heute ist es frisch, Frst! sagte sie und schttelte sich. Ich bin seit
fnf Uhr unterwegs. Man mu jetzt zeitig aufstehen, der Tag ist noch so
kurz.

Ich fragte sie, ob sie wohl den ganzen Tag spazieren ginge und snge?

Ja! erwiderte sie und lchelte und blickte mir in die Augen.

Dieses Lcheln verwirrte mich. Gewi lchelte sie ber mein grnes Htchen,
die hohen Stiefel, oder ber meinen gestutzten Schnurrbart.

Man sah ihre oberen Zhne, wenn sie lchelte. Sie standen etwas vor.

Wohin sie gehe?

Sie beschrieb einen weiten Bogen mit der Hand und zuckte die Achseln.

Ich wei es nicht. Zuerst gehe ich da hinunter! Sie deutete in die
Richtung, aus der ich gekommen war. Pazzo drehte den Kopf und blickte dem
Finger nach.

Dort sei ein kleiner Bach, sie wolle sich umsehen, was er treibe.

Ich lchelte. Es freue mich, da sie die Wlder von Edelhof liebe, sagte
ich. Darauf achtete sie nicht. Sie blickte zu Boden und sah Pazzo
aufmerksam an. Sie war um einen Kopf kleiner als ich, ich sah ihren schnen
Scheitel. Schnurgerade war er. Mein Blick fiel auf ein goldenes Medaillon,
das sie um den nackten Hals trug.

Sie schttelte den Kopf.

Wie klug Ihr Hund blickt, Frst! sagte sie voller Verwunderung. Er hat
Augen wie ein Mensch.

Pazzos Augen glnzten wie nasse Kastanien, er lie die Zunge aus dem Maule
hngen und atmete aufgeregt.

Er ist schn. Wie heit er?

Pazzo.

Pazzo sprang steif auf die Beine und blickte von einem zum andern.

Ingeborg kauerte sich nieder und sagte: Nun komm mal, schner Pazzo! Und
sie legte Pazzo das Krnzchen aus Anemonen um den Hals, das sie in der Hand
trug. Pazzo klffte vor Vergngen und sprang hoch in die Luft.

Ingeborg lachte, sie stand auf. Sie blickte mich an.

Wird er zur Jagd verwendet? fragte sie pltzlich voller Hast.

Er sei ein Jagdhund.

O! -- Ja, er hat Zhne spitz wie Dornen. Ich hasse Jagdhunde und Jger!
sagte sie und sie wurde ganz rot im Gesicht.

Adieu, Frst! sagte sie kurz.

Adieu, Frulein Giselher.

Aber Ingeborg ging nicht sogleich, sie wandte sich zurck.

Sie sagten vorhin, es freue Sie, da ich die Wlder von Edelhof liebe.
Weshalb sagten Sie dies?

Ich lchelte, zog die kurze Pfeife aus der Tasche und steckte sie in Brand.
Ich blinzelte durch den Rauch, wartete noch ein Weilchen, dann antwortete
ich:

So? Habe ich das gesagt? Nun das war albern, Sie haben recht. Jeder
Gutsbesitzer htte so etwas sagen knnen, der sich auf seine Wlder etwas
einbildet.

Ingeborg sah mich prfend an. Es habe so geklungen --

Adieu, Frst!

Adieu, Frulein Giselher!

Im Walde rief ein Kuckuck. Ich ging meines Weges und lchelte in mich
hinein. Der Laubgang war zwei Wegstunden von Ingeborgs Behausung entfernt,
ich aber konnte ihn in zehn Minuten erreichen. --

Ich ging hin und her. Es war ein schner Morgen. Tief drinnen im Walde
wurde Pazzo unruhig und blickte ins Dickicht. Ich sah einen Mann durch das
Dickicht eilen, der den Hut in der Hand hielt. Er trat auf den Weg heraus,
schwang den Hut und tat, als ginge er spazieren. Es war ein schlanker,
junger Mann mit samtschwarzen Haaren und einem bleichen Gesichte. Von
weitem schon fielen mir seine Hnde auf. Sie waren lang, blulichwei und
feingegliedert. Es waren grausame Hnde, die eine groe Macht in sich
trugen. An diesen Hnden erkannte ich den jungen Mann. Es war Harry Usedom,
der Geiger. Ich hatte ihn gute sechs Jahre nicht mehr gesehen, damals war
er fast noch ein Knabe und ganz aus Samt, Samt sein Anzug, seine Haare,
seine Augen und sein Gesicht. Auch sein Spiel war Samt, violetter
seidenweicher Samt war sein Spiel, mit einem Orchideengeruch.

Ich verstand, natrlich. Jetzt begriff ich alles.

Harry Usedom? sagte ich. Er hatte wohl an mir vorbergehen wollen, denn
er heftete die Blicke zu Boden. Er wute nicht, da ich ihm eine groe
Freude machen wollte. Er wandte mir seine groen Augen zu, die wie Veilchen
aussahen, und lchelte mde. Er hatte einen groen Mund, Ekel und Snden.
Aber er war schn. Wie eine bleiche Frau sah Harry Usedom aus mit schmalem,
schlankem Kopfe.

Wir begrten uns und sprachen dies und jenes.

Viele Gre an Ihren Vater, sagte ich, ist er noch leidend?

Ja.

Harry Usedom hatte nicht Lust viel zu sprechen.

Ich lchelte, es sei mir eine Freude, ihn getroffen zu haben. Oft vergingen
Tage und ich trfe keinen Menschen im Walde, heute habe ich schon zwei
getroffen, ihn und vor kurzer Zeit eine junge Dame im Buchengang. Nun also,
auf Wiedersehen!

Harry Usedom verbeugte sich und errtete. Er ging, ich stellte mich hinter
einen Baum und blickte ihm nach. Er hielt den Kopf gesenkt, schwang den
Hut, wie vorhin, und gab sich den Anschein, als setze er in aller Ruhe
seine Promenade fort. Aber ich bemerkte wohl, da er bernatrlich groe
Schritte machte.

Ich lachte.

Ich, Axel, der Patron der Liebenden! Einen Heiligenschein um den Kopf,
Liebestrnke in der Flasche!

Ich wnschte den beiden Glck.

Es ist Frhling und Gott will, da sich die roten Mnder finden!




4


Man soll die Tage, die ohne Wunsch sind, die wunschlosen Tage soll man
preisen und besingen. Sie sind wie ein stiller, stillschaffender Sommer im
Herzen, berwuchern alles, lassen Rosenhecken auf Grbern wachsen, sie sind
stille Fruchtbarkeit und machen reich, und der Reiche ist gerecht. Darum
soll man die wunschlosen Tage loben!

Man soll die Tage der heien lodernden Wnsche loben, auch sie! Sie sind
wie Sensenhiebe in schlfriges Unkraut, sie tragen den Samen glnzender
fremder Blten ins Herz, die Blut anstatt Honig haben und nach Mord und
Vernichtung duften, sie sind wie ein schwarzes Wetter im schwlen Sommer,
das Blitze st und morsche Bume fortlacht. Sie machen demtig und stolz,
auch sie soll man loben.

Man soll das Leben in jeder Form loben, den Mord und die Liebe, heilig sind
Mord und Liebe.

Meine wunschlosen Tage waren gekommen. Sie zogen still vorber wie Leute,
die aus der Kirche kommen. Mit einem warmen, weichen Herzen ging ich einher
und oft habe ich in mich hineingekichert, wenn ich allein war im Walde.

Vor einigen Jahren war ich drauen in der weiten Welt. Ich tanzte. ber
Menschen und heilige Bcher bin ich hinweggetanzt, gewi habe ich manches
Unheil angerichtet, hier und da habe ich auch einer armen Seele eine kleine
Freude bereitet.

Nun lebte ich allein fr mich, ich brauchte niemand, ich war mir allein
genug.

Ich hatte nie Langeweile, nein, niemals.

Tag und Nacht flogen vorbei, und von vielen wute ich nicht, wie sie
vergingen.

Es gab keine Uhren in meinem Hause, in meiner Tasche. Es gab ohnedies genug
Uhren, die Sonne, das Laub der Bume, der Brunnen im Parke. Er rauschte am
Tag anders als in der Nacht, um Mitternacht anders als gegen Morgen. Auch
der Geruch des Waldes war eine Uhr. Auch die kleinen, kleinsten Gerusche,
deren Ursache man nicht kennt, sie hatten ihre bestimmten Stunden.
bergenug Uhren gab es ohnehin.

Ich denke daran, wie diese Tage vergingen, da mein Herz ohne Wnsche war.

Ich pfiff Pazzo, und wir streunten im Walde umher. Zuweilen zog ich die
hohen Stiefel an und ging mit dem Gesinde auf die Felder. Ich schaufelte
und harkte. Hinter dem Pfluge ging ich einher, scherzte und schnupfte und
trank aus irdenen Krgen. Ich ging in die Bibliothek, zog ein Buch heraus
und las. Ich fand einen berckenden Gedanken, erschrak ber seine
Schnheit, seine Tiefe, stellte ihn mir vor, verfolgte ihn. Eine Krone
diesem Mann! dachte ich, eine Krone und ein Kaiserreich. Es hat Kpfe in
der Welt gegeben . . .

Ich setzte mich ans Klavier und schlug eine Taste an und lie den Ton durch
mein Blut rieseln. Lange Stunden konnte ich damit verbringen. Dieser Flgel
war ein allwissendes, allempfindendes Wesen. Des Menschen wildes, zuckendes
Herz war darin verborgen, sein ses Weinen und sein irrsinniges Lachen.
Ich lauschte. Was ist das? dachte ich und erschrak. Und ich wagte es nicht,
den folgenden Akkord anzuschlagen, ich wagte es nicht. Ich hatte soviel
Schmerz in einem Auge gesehen und konnte dieses Auge nicht mehr vergessen.

Es wurde dunkel, die Welt verlor die Farben, und in meinem Kopfe erwachten
sie. Korallenwlder und ein Meer aus Regenbogen, Wnde von Katzenaugen und
eine silberne Unendlichkeit. Kreisende Kometen an meinen Augendeckeln.
Haha!

Ich konnte mir die Welt nach Gutdnken und Belieben zeichnen und malen.
Kohlschwarze Flsse, rote Himmel, grne Menschen, wie ich wollte. Das
Unmgliche konnte ich vollbringen. Es ist schwer, den Teufel auf eine
Nadelspitze zu setzen, aber ich konnte es, und ich konnte mich ergtzen an
seinem jmmerlichen Gesichte, ich konnte Jehovah vorberwandeln lassen, die
Sonne am Siegelring, ich konnte alles was ich wollte. So herrlich waren die
Visionen hinter den geschlossenen Augenlidern, da ich mir zuweilen
wnschte, blind zu sein. Blind, so unsinnig der Gedanke ist.

Zum Beispiel, ja, gut, ich schliee die Augen und warte. Ich sehe eine
bronzegrne Luft. Etwas Weies erscheint. Es ist der Leib eines Weibes,
eines schlanken Mdchens. Das Mdchen richtet seine sanften, warmen Blicke
auf mich, still und steif steht es, die Hnde leicht gegen die Brste
gedrckt. Ich lasse sie nicht aus den Augen und warte. Da beginnen die
Brste zu blhen, ihre Knospen springen auf und durchsichtige Blumenkelche
wachsen heraus. Die Finger des Weibes blhen und kleine weie Blten liegen
wie Milchtropfen auf ihnen. Feine Korallenstchen sind die Adern der Hnde
und Arme. Die Lippen des Weibes blhen purpurrot, die Haare verwandeln sich
in goldene Bltengehnge und fallen ber Schultern und Leib. Eine
kristallhelle blaue Tulpe wchst aus der Stirne, aus den Knien wchst eine
kristallhelle blaue Tulpe. Das Weib bewegt die Lippen und ffnet sie und
flstert, ein winziger Schmetterling schwebt aus dem Munde, wieder einer,
ein Schwarm in allen Farben, und sie umgaukeln das blhende Weib gleich
fliegenden Blten. Das Weib schliet die Lider, da erscheinen in
diamantener Schrift rtselhafte Zeichen auf den Lidern, das Weib ffnet die
Augen und die Augen sind strahlend wei wie Lichter. Nun fangen auch die
Wimpern zu blhen an . . . . .

Manche Nacht habe ich mit solchen Trumen verbracht. Sollte ich Langeweile
haben? Nein, meine Tage vergingen. --

Ich bekam eine Einladung zu einer Abendgesellschaft von Graf Flggen
zugeschickt.

Papa erwartet Sie bestimmt, stand darunter geschrieben.

Soll er warten. Ich habe keine Zeit.

Harry Usedom ging an meinem Hause vorber, in einen phantastischen Mantel
eingehllt, es regnete. Er hatte es sehr eilig. Ich sa am Klavier und sah
ihn die Strae heraufkommen. Ich hielt inne im Spiel. Denn gewi horchte er
mit seinen feinen Ohren, er wollte mein Herz belauschen. Ein wunderlicher
Gedanke war dies, aber er zwang mich innezuhalten.

Viele Gre! dachte ich und lchelte. --

Ich erinnere mich so deutlich an die Nchte dieses Frhlings. Sie waren so
wunderbar still, so still, da man auf die Stille horchen mute. Sie waren
schwarz wie Samt mit vielen, vielen Sternen. Ich lag hufig vor meinem
Hause im Grase und sah in die Sterne empor. Ein herber Duft fiel aus den
Kastanien. Sie standen in Blte, wie groe Christbume sahen sie aus und
ihre Kerzen erschienen wiederum wie Christbumchen, ganz aus Licht. Ich
roch Wiesensalbei und Waldmeister.

Da lag ich, auf dem Rcken, und sah in den Himmel hinein. Das Hirn Gottes
mit seinen Gedanken? Sah ich in Gottes Hirn hinein und sah seine Gedanken
brennen? Die Sterne blickten mich an und es rieselte durch meinen Leib.
Soll ich in die Knie sinken? dachte ich. Und ich wnschte ein Pfeil zu
sein, hineingeschossen zu werden in den Himmel, und eine Sekunde da droben
stille zu stehen und mich zu drehen und umzublicken, bevor ich wieder zur
Erde fiel. Und ich sah solange in die Sterne hinein, bis sie auf mich
heruntertropften, und ich zusammenschrak. Ein Hirn voller Sterne trug ich
ins Haus und dann trumte ich, da ich im Grase lge und in die Sterne
blickte.

Ich war reich und glcklich.

Meine wunschlosen Tage waren dies.

Die Abendgesellschaft bei Graf Flggen fand an einem Sonntage statt. Am
Nachmittage jenes Sonntags fuhr Ingeborg im offenen Jagdwagen am Schlosse
vorber. Sie kutschierte selbst, knallte mit der Peitsche und nickte zu mir
herauf.

Es war ganz eigentmlich. Ich trumte zuerst von ihr. Da stand ich im Hofe,
in Hemdrmeln und schraubte an einem Pfluge, an dem einige Schrauben locker
geworden waren. Der Hof lag zwischen dem Schlosse und den
Wirtschaftsgebuden und hatte ein breites Tor zur Bergstrae. Es war
Sonntag, alles ruhig und leer. Die Sonne schien, so da die Pflugschar
gleite und mir zuweilen in die Augen schnitt.

Pazzo lag in der Sonne, die Fe steif von sich gestreckt, wei und blau
sah er aus, er warf einen hellblauen schmalen Schatten, der jedes
abstehende Hrchen wiedergab. Er blinzelte und schien zu lcheln, weil ich
mich ungeschickt anstellte. Und wenn ich ihn anblickte, so schlug er mit
dem Schwanz auf den Boden, als wolle er sich fr dieses Lcheln
entschuldigen und mich milde stimmen.

Unvermittelt mute ich an Ingeborg denken. Gewi, dachte ich, hat sie dies
vom Weibrot und dem Karpfenteich irgendwo gelesen. Oder wenigstens schon
oft gesagt und nicht erst in jenem Augenblicke erfunden. Nein, sicher hat
sie es gelesen. Kam es mir nicht gleich bekannt vor? Ich werde sie fragen.

Haha, werde ich zu ihr sagen, Frulein Giselher, diese Geschichte vom
Weibrot und dem Karpfenteich habe ich nun in einem Buche entdeckt. Was
sagen Sie dazu?

Gewi wird sie dann nicht leugnen.

Ich werde ihr sagen, da ich mich freuen wrde, sie fters zu sehen. Ich
habe vier junge Fchse, kleine drollige Spitzbuben -- die Knechte nahmen
einen Bau aus -- kommen Sie und schauen Sie sich diese Fchse an, Frulein
Giselher.

Der Schwei rann mir ber das Gesicht und tropfte auf meine Hand, die schon
schmutzig und fettig geworden war. Das Gewinde der Schraube schien
verdorben zu sein.

Alles Ernstes, ich wrde ein langes Gesprch mit ihr fhren!

Frulein Giselher, so wrde ich beginnen, ich habe lange Jahre auf Sie
gewartet, ohne es zu wissen.

Hahaha!

Weshalb sie nun lache? -- Ohne es selbst zu wissen auf Sie gewartet.
Sehnsucht und Trume viele Jahre. Ich strecke meine Arme des Nachts zum
Fenster hinaus, um einen Nacken zu umschlingen -- niemand ist da. Es pocht
an meine Tre. Herein! rufe ich und erschrecke, denn endlich kommt sie.
Aber niemand ist da. Nun aber -- --

Hahaha!

Ja, das sind lauter Lgen, gewi Frulein Giselher. Ich liebe es zu lgen
und ich habe ein groes Geschick dazu. Die Kinder und ich, was lgen wir
doch zusammen! Aber eines sage ich Ihnen -- Sie kennen mich nicht, meine
Freundin. Nein. Ich rauche meine Pfeife und lchle vor mich hin, niemand
wei, was ich denke. Niemand wei, was ich zuweilen denke, wenn der Wald
wehklagt. Wre es nicht mglich, da ich ein Herz htte? Ich sehe die Leute
an und denke: sie kennen dich nicht und das stimmt mich heiter.

Da hob Pazzo den Kopf und zuckte mit den Ohren.

Ein Wagen rasselte die Strae herauf und flog am offenen Tor vorber.

Ingeborg kutschierte. Niemand sa sonst im Wagen, den zwei glnzende Fchse
zogen.

Ich grte, und Ingeborg neigte den Kopf, khl und zurckhaltend, als kenne
sie mich gar nicht.

Mute ich aber auch gerade in Hemdrmeln im Hofe stehen. In Hemdrmeln,
hohen Stiefeln, und dazu hatte ich schmutzige aufgequollene Hnde.

Ich hatte kein Glck . . .

Da empfand ich, da ich trumte, und ich erwachte! Es knatterte in der
Ferne. Es klang, als wrden Nsse aus einem Sack auf die Erde geschttet
und zerschlagen.

Ich lag in meinem Zimmer. Was trumte ich doch! dachte ich.

Das Knattern aber verstrkte sich, und nun hrte ich, da ein Wagen die
Strae herauf kam. Die Pferde muten scharf in den Boden einschlagen, da
die Strae steil anstieg.

Ingeborg flog in einem Jagdwagen heran. Hinter ihr sa steif, die Arme
verschrnkt, ein Lakai.

Ingeborg hielt die Zgel und knallte mit der Peitsche.

Sie blickte an den Fenstern entlang und lchelte, als sie mich gewahrte.
Die Peitsche knallte, so da es klang wie feine Schsse.

Ich verneigte mich und lchelte. Ich dachte an den sonderbaren Traum.

Aber am Abend blieb ich zu Hause. Ich hatte keine Lust, unter Menschen zu
gehen. Dieser Abend war ein einziger, schner Traum und ich schlief erst
ein, als die Hhne krhten. Ich dachte an Liselotte.

                   *       *       *       *       *

Rothaarige Liselotte, geborene Weikersbach, was ist mit uns beiden? Wir
sehen uns an, lcheln, haben verborgene dunkle Snde in den Augen. Was wird
wohl dein Ehegemahl sagen?

Ich ging hinunter in die Dorfkirche von Hohenficht und besah mir Liselottes
Epitaphium. Ich las die wenigen Daten, las den Namen, Liselotte, geborene
Weikersbach, und ward traurig und dunkel in der Seele.

Liselotte, dich wrde ich lieben, wenn du lebtest! Ja, das wei ich!

Wunderbare Abenteuer habe ich mit Liselotte erlebt.

Sie gben ein dickes Buch, wollte ich sie aufschreiben. Ein Buch, ber das
man viel lachen mte. Alle meine Abenteuer mit Liselotte sind heiterer
Natur. -- Habe ich giftige Beeren gegessen?




5


An einem regnerischen Nachmittage im Mai sa Liselotte in meinem Zimmer,
als ich nach Hause kam. Ich war mit Pazzo im Walde gewesen.

Es war nicht Liselotte, es war Ingeborg, Ingeborg Giselher, die schne
Tochter des Holzfllers drinnen im schwarzen Hochwalde. Aber es war
dmmerig in meinem Zimmer und auf den ersten Blick glaubte ich Liselotte,
die Rothaarige, vor mir zu sehen. Und dann als ich lngst wute, da es
Ingeborg Giselher war, die Goldblonde, nahm mein Besuch immer wieder
Liselottes Bild an, und alles schwankte vor meinen Augen.

Liselotte kam, um mit mir zu sprechen. Ja, nun sa sie da, wir kannten uns
aus den Trumen, wir wuten viel von einander, wir zwei.

Es war Ingeborg, natrlich, sie hatten gar keine hnlichkeit, Liselotte und
die Tochter des Holzfllers, und doch war es schwer fr mich, Liselotte
nicht zu sehen in Ingeborg, Liselotte nicht zu hren aus Ingeborgs Stimme.

Die se Luft des Frhlings hatte mir den Sinn betubt. Den ganzen Tag ber
hatte ich an Liselotte gedacht und mir zu erklren versucht, wie es kam,
da ich sie lieben mute, obschon sie doch lngst tot war. Ich war die
Nacht vorher vor ihrem Bilde gesessen, bis mir die Augen zufielen.

Ingeborg kam, um mit mir zu sprechen. Sie schlug eine unangenehme Taste an.
Gewi, es war nicht angenehm, diese Dinge zu hren.

Zuerst sagte sie etwas von einer Jagd, und da sie Gre bringe, recht
herzliche Gre von Graf Flggen.

Sie mssen entschuldigen, da ich Sie in diesen hohen Stiefeln und der
alten Joppe begre, Frulein Giselher, sagte ich, ich komme von der
Jagd.

Bitte, bitte!

Ich bringe recht herzliche Gre von Papa. Er wollte Sie gerne einmal
wieder bei sich sehen! Er wird Sie zur nchsten Jagd einladen.

Dank und Gegengre.

Wir sahen uns an, und ich ging ans Fenster, um mich mit den Vorhngen zu
beschftigen. Ingeborg war geschmckt wie eine Prinzessin, sie sah aus wie
eine Erscheinung aus den Bildern Botticellis.

Sie trug einen weien breitrandigen Strohhut und ihre sorgfltig gelockten
Haare hingen wie goldene Quasten ber die Wangen herab.

Sie sah sich in meinem Zimmer um, das so gro war wie ein Saal, voll von
Schrnkchen, Vasen, Bchern. Es war etwas in Unordnung.

Sie wohnen wie ein Dichter! sagte sie lchelnd.

Ich bin noch bei keinem Dichter gewesen, aber ich glaube, so wohnen sie,
die Dichter.

Ich hrte ihr zu. Liselotte? dachte ich. Liselottes Bild an der Wand begann
zu lcheln.

Wer diese Frau an der Wand dort sei?

Liselotte, eine geborene Weikersbach, antwortete ich und mute lcheln.
Eine schne und lebenslustige Dame, nicht?

Ja.

Dann blickte mich Ingeborg an und sagte: Ich habe Ihnen noch andere Gre
zu bringen. Von Claire Davison. Sie ist gestorben, das wissen Sie?

Gewi߫, sagte ich. Von Claire Davison? Ich war sehr berrascht.

Sie ist sehr unglcklich gewesen. Wissen Sie, wie sie gestorben ist,
Claire?

Ingeborg sah mich an. Aber ich hatte mir nichts vorzuwerfen, ich konnte
ganz ruhig bleiben.

Sie hat mir sehr leid getan, sagte ich. Ich habe alles gehrt, es ist
traurig. Sie war so schn und stolz.

Das war sie, ja.

Sie habe ihr einige Wochen vor ihrem Tode geschrieben, da sie mich gren
solle, trfe sie mich irgendwo einmal. Vor einem Jahre etwa war das. Vor
zwei Jahren sei Claire bei Graf Flggen zu Besuch gewesen, drei Monate, sie
seien einigemal hier vorbeigefahren. Ob ich sie nicht gesehen htte?

Nein. Ich sagte die Wahrheit. Ich danke Ihnen fr die Gre, Frulein
Giselher.

Damit war das unangenehme Gesprch beendet. Wir plauderten noch einiges.
Vielleicht habe sie gehrt, ob der Geiger Harry Usedom nun Rote Buche
gekauft habe oder nicht?

Doch, Herr Usedom habe Rote Buche gekauft.

Der alte Herr Usedom, wo lebt er gegenwrtig?

Gegenwrtig lebe er auf Rote Buche bei seinem Sohne.

Es wurde dunkel. Ingeborg erhob sich. Ich erbot mich, sie ein Stckchen zu
begleiten, da es dunkel und strmisch sei.

Bis zur Hhe nhme sie die Begleitung mit Freuden an, aber nur bis zur
Hhe.

Ich verstand, weshalb ich nur bis zur Hhe mitgehen sollte.

Ein hastiger feuchter Wind blies aus dem Tale herauf und die Wlder
schttelten sich. Zwischen den Bumen war es dunkel und der Wald roch nach
Regen und Nacht. Wir sahen nahezu den Weg nicht. Pazzos weies Fell
leuchtete, er schien abenteuerlich hohe Sprnge zu machen und jeden
Augenblick seine Gestalt zu verndern.

Ingeborg hielt mit beiden Hnden den Hut, und der Wind wehte ihr den Saum
des Kleides um die Fe, so da sie kaum vorwrts kam.

Haha, lachte sie. Welch ein Wind! Eine richtige Unterhaltung war nicht
mglich und unsere Worte flogen vereinzelt und zerfetzt hin und her.

Harry Usedom ist ein ganz auerordentlicher Geiger! schrie ich in den
Wind hinein.

Gewi ist er das, schrie Ingeborg zur Antwort.

Er ist ein schner Mensch!

Ja.

Der Wind hielt inne, es wurde auffallend warm. Wir atmeten auf.

Wissen Sie, da jene Liselotte, deren Bild Sie in meinem Zimmer sahen, im
Schlosse umgeht? Man sagt es. Nachdem sie gestorben war, hat sie jede Nacht
ihren Gemahl besucht. Er wurde immer bleicher und bleicher, war guter Dinge
allezeit und starb acht Wochen nach Liselottes Tod. Erzhlte ich. Das sei
sehr merkwrdig, sagte Ingeborg und blickte mich an und lchelte
unmerklich. Sie lchelte genau wie Liselotte im Traume mich anlchelte, und
ein leises Grauen rieselte ber meinen Rcken.

Sagen Sie, begann sie, man hat mir viele Dinge von Ihnen erzhlt. Ist es
wahr, da Sie buchstblich das Geld auf die Strae warfen? Sie ffneten das
Fenster des Hotels und warfen das Geld auf die Strae.

Ja, es war ein kleiner Scherz, es war auch nicht viel eigentlich.

Ingeborg lchelte und schttelte den Kopf.

Ich lachte, weil ich an die Balgerei vor meinem Fenster dachte und an meine
lustigen Streiche.

Der Wind setzte wieder ein und trieb uns den Berg hinauf, ber die Hhe
fiel blasser Lichtschein. Der Mond kam herauf, in Wolken eingehllt, wie
ein blindes Auge sah er aus. Alle Dinge warfen pltzlich blasse und
wsserige Schatten, die Bume, wir beide, Pazzo. Ingeborgs Lockenbschel
flatterten und ihre Kleider.

Das ist die Hhe, sagte Ingeborg. Wir blieben stehen. Pazzo wartete
abseits und begriff die Strung nicht. Sein Schatten sah aus wie die
Silhouette eines hochbeinigen Fabelwesens.

Ich nahm den Hut ab.

Ich danke Ihnen! sagte Ingeborg. Ein eigentmliches demtiges Lcheln
schimmerte in ihren Augen.

Dank fr den Besuch, sagte ich, den Hut in der Hand haltend, vielleicht
fhrt Sie der Weg wieder einmal an meinem Hause vorber, Frulein
Giselher?

Ingeborg lachte.

Ja, es kann sein, da ich wieder einmal vorbeikomme, rief sie und blickte
in den Mond, der hinter glnzenden Wolken zog. Bluliches Licht huschte
ber ihr Gesicht, ihre Zhne und ihre Augen glnzten wie Email.

Ingeborg blickte in den Mond, dann wandte sie mir den Blick zu und sie
sagte unvermutet: Abscheulich mssen Sie gegen Claire gewesen sein, Frst!
Ja, abscheulich! Sie sprach sehr schnell. Sie schttelte den Kopf und fuhr
leise fort:

Ich begreife Sie gar nicht! Nein! Ich bringe Ihnen Gre von ihr, von
Claire, wir sprechen von ihrem Tode, und Sie verndern keine Miene und
sagen, da Claire Ihnen sehr leid getan habe. Was ist das? Sehr leid hat
sie Ihnen getan! Und Sie haben sie doch ermordet, ja, das haben Sie getan.

Sie sah mir dicht in die Augen, aber ihr Blick war schchtern und demtig.
Ihre Haare wehten.

Wissen Sie, was mir Claire alles von Ihnen erzhlt hat? Nein, sie hat
nicht oft von Ihnen gesprochen, das ist wahr. Sie sagte, Sie seien edel und
gtig. Sie sagte, sie htte nicht mehr als hundert Worte mit Ihnen
gewechselt. Sie haben es wohl gewut, Sie haben alles gewut, aber Sie
waren doch abscheulich! Was htte Claire fr ein Wort von Ihnen gegeben?
Wir fuhren zweimal an Ihrem Hause vorber, Claire wurde so wei wie Kreide.
Nein, ich wei nicht, was zwischen Claire und Ihnen war, aber Sie waren
nicht edel gegen sie. Sie htten bei Papa einen Besuch machen knnen, um
Claire eine Freude zu bereiten, -- nichts taten Sie, gar nichts!

Ich sah sie an und konnte nichts erwidern. Ich dachte an diese sonderbaren
Menschen, an alles dachte ich und an nichts.

Ingeborgs Antlitz war bleich, ihre Augen fllten sich mit dem Lichte des
Mondes und wurden bleich. Auch ihre Stimme klang bleich.

Frst, flsterte sie, wer sind Sie doch? Sie wissen nicht wer Sie sind,
nein. Sie hielt inne. Sie lchelte und schttelte ganz unmerklich den
Kopf. Nein, Sie wissen nicht, wer Sie sind! wiederholte sie noch leiser.
Dann lachte sie, ganz kurz. Sie sah mich mit schwrmerischen Augen an und
sagte:

Ich liebe Sie nicht, nein, aber ich mu immerfort an Sie denken. Weshalb
kamen Sie am Sonntag nicht? Ich schrieb noch eine Zeile unter die
Einladung, ich dachte, Sie mten nun kommen. Aber dann bekam ich Angst und
ich fuhr auf Umwegen an Edelhof vorber. Aber doch kamen Sie nicht. Ich
habe gewartet und gewartet, ich sa auf der Treppe und der Wind blies. Herr
Usedom war da, auch Harry Usedom, alle waren sie da. Ich sprach kein Wort.
Was werden sie sich von mir denken? Das ist mir ganz gleichgltig. Harry
Usedom sagte zu mir: Was haben Sie doch? Nichts, sagte ich. Ich sagte es
sehr unhflich. Ich wartete auf Sie, auf Sie ganz allein! Es ist mir
gleichgiltig, da ich unhflich gegen Harry Usedom war -- -- haha -- --
alles hat sich vor meinen Augen gedreht, dann lief ich bis zur Hhe, bis
hieher und wartete. Sie kamen aber nicht!

Ich wollte sprechen, aber Ingeborg lie es nicht zu.

Es hilft nichts, da ich immer singe, fuhr sie fort, und das
eigentmliche demtige Lcheln auf ihrem Antlitze irrte hin und her. Es
hilft nichts mehr. Den ganzen Winter ber habe ich an etwas gedacht und
wute nicht woran. Aber als es Frhling wurde, da fiel es mir ein. Ich bin
zu Ihnen gegangen, was hat es mich gekostet? Das mit Claire ist ja gar
nicht wahr, ach, es ist ja gar nicht wahr! Sie hat mir keine Gre
aufgetragen. Ich habe eine schwere Schuld auf mich geladen. Du knntest ihm
Gre bringen, schrieb Claire, aber dann sofort, ich dachte nur so, es war
Scherz. Bringe ihm keine Gre, nein, nein. Claire wollte es nicht, sie
schrieb ausdrcklich, da sie es nicht wollte, ich sage es Ihnen ganz der
Wahrheit gem, aber ich habe es doch getan. Ich mute doch einen Vorwand
haben.

Ich wollte sie unterbrechen.

Nein, nein, sagte sie, Sie haben mich freundlich empfangen. Sie taten
nicht erstaunt. Sie lchelten auch nicht. Sie sagten, da ich entschuldigen
solle -- ja wegen der alten Joppe und der Stiefel -- das war so gtig von
Ihnen! Sie sind gtig, ich wei es, auch Claire sagte es, selbst sie. Ihre
zwei Schlsser und sechs Drfer haben Sie weggegeben fr Almosen -- ich
wei alles von Ihnen.

Ich lchelte. Ich habe gespielt, sagte ich.

Hahaha, lachte Ingeborg, jajaja -- -- sie sah mich an, lachte, dann
senkte sie den Kopf.

Frst, Frst, flsterte sie und schwieg. Ihre Haare wehten. Was sollte
ich tun? Ich fand kein Wort, das gepat htte. Ich htte ihr ja gerne ein
sanftes Wort gesagt, aber es fiel mir nichts ein.

Was wollte sie doch von mir? Zuerst machte sie mir Vorwrfe wegen Claire
und dann . . .

Pltzlich stieg ein Lcheln in mein Gesicht. All das kam mir lcherlich
vor. Diese Worte, diese vielen wirren Worte.

Ich bin dieser Worte nicht wrdig, sagte ich. Ich lchle. Ja, sogar
eitel machen mich diese Worte.

Ingeborg zuckte zusammen und blickte mich erschrocken an. Ihre Lippen
lchelten verzerrt und sie sagte ganz tonlos: Man hat mir viel von Ihnen
erzhlt, Frst, dann dachte ich -- ich habe dann oft an Sie gedacht. Ich
wrde Sie um etwas Liebe bitten, wenn es Wert htte, selbst das wrde ich
tun. Ich habe keinen Stolz vor Ihnen. Aber ich glaube, Sie haben kein
Herz.

Ich erwiderte: Ich lebe fr mich, ich bin mde, ich kann Ihnen nicht sagen
wie es kam.

Das bleiche Mdchengesicht nickte traurig.

Sie knnen also nicht mehr lieben? sagte sie.

Wie lcherlich klang das.

Nein, entgegnete ich, ich wei nicht wie es kommt.

Ingeborg wandte sich ab und ging mit zgernden Schritten davon. Alles
flatterte an ihr.

Frulein Giselher, sagte ich, ich wollte Sie mit keinem Worte verletzen.
Ich gab mir Mhe aufrichtig zu sein. Ich habe mich gefreut, da Sie heute
zu mir kamen.

Ingeborg ging. Ihre weie Gestalt glitt still in die Dmmerung hinein, sie
wurde dster, grau, dann sah ich sie nicht mehr.

Ich rief dem Hunde und stieg die Strae hinab.




6


Ich stieg den Berg hinab. Sobald der Wind aussetzte, steckte ich meine
Pfeife in Brand. Ich schttelte den Kopf und lachte. Gott verzeihe mir, da
ich lachte, aber das Erlebnis da droben auf der Hhe stimmte mich heiter.

Wie das Lcheln auf ihrem Antlitze hin und her irrte, wie ihre Worte
flackerten! Und das alles meinetwegen, war es mglich? Freude und Stolz
schwellten mir die Brust.

Ich stieg den Berg hinab und watete in den Wind hinein. Pazzo zerschnitt
den Wind mit seiner spitzigen Brust. ber den schwarzen Himmel zogen Herden
von Lmmerwlkchen, die sich alle zum Monde begaben, Licht zu trinken. Sie
schimmerten vergngt, sie schienen sich zu tummeln und aneinander zu
reiben. Der Wald wogte. Der Wind suchte sich seine Bume aus und schttelte
sie, da sie mit den Spitzen den Boden berhrten.

Die Funken stoben aus meiner Pfeife, und jedesmal schien es mir, als she
ich mein frhliches Gesicht.

Ingeborgs Worte, diese hastigen wirren Worte, zogen hin und her in meinem
Kopfe. Sie stand vor mir, ihre Haare wehten, ihr Gesicht war bleich und
voller Demut. Schn, rhrend sah sie aus, und wie ihre Augen strahlten! Bei
Gott, ich sah jetzt noch ihren Schein!

Ich schttelte den Kopf. So sonderbar ist der Mensch, da er sich vor einem
Fremden zu Boden wirft und sich demtigt, wenn seine Zeit gekommen ist.

Ich dachte an das junge Mdchen und seine weichen zitternden Worte und war
ergriffen. Es war der Frhling, ja, sie konnte nichts dagegen machen.

Nun war es Gottes Wille, da sie sich an mich wendete, der gerade seine
wunschlosen Tage hatte, der mde war, zu mde fr die Liebe, die ihren
ganzen Mann erfordert, viel zu mde.

Es hat Zeiten gegeben, da der Blick eines Dienstmdchens wie Feuer in
meinen Adern lief, und ich lange Nchte an diesen armseligen heien Blick
denken mute -- nun aber waren die wunschlosen Tage des trumenden Blutes
gekommen.

Ich blieb stehen, blickte in die ziehenden Wlkchen empor, und Mitleid fr
die gedemtigte Seele erfate mich.

Ich wollte ihr nacheilen und mit ihr sprechen. Dank, Dank, wollte ich
sagen. Ich kann Sie nicht lieben, Frulein Ingeborg, ich habe meine
wunschlosen Tage, aber Dank fr Ihre Liebe. Wenn Sie wollen, kommen Sie zu
mir, Tage und Nchte will ich mit Ihnen plaudern, ich will Ihr Freund sein,
ich schme mich ja, ich bin arm in diesen Tagen, egoistisch, weil ich
glcklich mit mir allein bin.

Aber ich eilte ihr nicht nach. Ich ging weiter.

Ich dachte: vielleicht bin ich nur so reich und glcklich, weil sie mich
liebt? Sie beschenkt mich mit ihren Gedanken, ihrer Liebe, aus der Ferne,
ich werde heiter und froh, und sie wird arm und unglcklich. Sie wirft sich
auf den Boden und weint, und im gleichen Momente durchzuckt mich die
Freude, eine unerklrliche tiefe Freude, und ich atme tief und lchle.
Niemand kann es sagen.

Ich ging immer weiter und weiter die dunkle Waldgasse hinab und bei jedem
Schritte dachte ich, da ich umkehren sollte, um mit ihr zu sprechen.

Nun wanderte sie durch den sausenden Wald, langsam, beschmt und dachte an
den Mann mit dem mden Herzen. Der Wind blies und sie hustete. Dann kam sie
nach Hause, sie legte das Kleid ab, das schne helle Frhlingsgewand und
warf es unter das Bett. Sie wollte es nicht mehr sehen. Im Spiegel haftete
noch ihr Bild von heute Mittag. Ich werde ihm gefallen? lchelte der Mund.
Und die Augen sagten: Ja, ja, wirst ihm gefallen . . . . . . . . Sie
drckte die Lider zu . . . . . . . .

Immer weiter stieg ich die Bergstrae hinab und wollte doch eigentlich
umkehren. Die wunderlichen Worte klangen durch meinen Kopf.

Ja, ich mute umkehren und ihr sagen, da sie doch Geduld haben sollte mit
mir, Geduld! Sie sei schn, ja herrlich sei sie, ergreifend sei sie.

Ich ging und ging. Mein Sinn verdunkelte sich.

Da sprang mein Herz auf.

Wie eine Knospe sprang es auf, ich sprte es. Es durchzuckte mich, es war
wie ein Schrei der Freude in meinem Blute.

Ich kehrte um und stieg den Berg hinauf, zuerst zgernd, dann mit schnellen
Schritten. Der Wind trieb mich, es war ein gewaltiges Brausen im Walde, das
mich bis in die tiefste Seele erschtterte.

Ich ging und ging. Ich holte Ingeborg nicht mehr ein. Ich ging durch den
schwarzen Wald, immer zu. Pltzlich lag ein Schlo mit vielen erleuchteten
Fenstern im Walde.

Es erschien mir wie eine Festung, ich blieb stehen.




7


Wollte ich in das Schlo mit den vielen erleuchteten Fenstern hineingehen
und durch den Diener sagen lassen: es steht einer im Korridore, einer, den
Hut in der Hand?

Es war gegen Morgen, der Tag blaute. Ich blickte aus meinem Fenster, das
auf den Park hinausging, und lauschte auf den Gesang eines Vogels. Er sang
in der weiten Stille des Morgens, da alles schlief.

Die ganze Nacht hindurch sang er, bis die Sonne aufging, der Frhling lie
ihn nicht zur Ruhe kommen. Oft hatte ich mich schon an seinem Gesange
gelabt, aber heute verstand ich den kleinen Vogel und mein Herz bebte. Ich
wute wohl was das bedeutete. Nur die Unglcklichen und die Glcklichen
zittern beim Gesang eines Vogels. Mein Herz zuckte bei jedem Tone, und wenn
er leise zwitscherte, da man ihn kaum noch hrte, so erschrak ich, ich
ffnete die Lippen und mein Atem stockte.

Meine Zeit war gekommen!

Ich prete die Hnde vors Gesicht und lchelte und drckte einen Ku in
meine Hnde.

Meine Zeit war gekommen! -- -- --

Mein Sinn ist dunkel, dunkelgolden ist mein Sinn, es kreist etwas in meinem
Hirn. Ich habe ein lautes Herz in der Brust.

Ich gehe umher, berhre die Schrnke, Tische, als ob sie von Fleisch wren,
ich gehe umher und spreche mit mir selbst. Ich ziehe die Vorhnge des
Zimmers zu, so da es ganz golden um mich wird. In einem goldenen Zimmer
sitze ich und lchle vor mich hin. Ich nehme den Stock und wandere. Mit
groen Schritten, in weiten Kreisen mu ich gehen. Mein Schritt hallt durch
schlafende Drfer, die Hunde klffen, ich wandere, in weiten Kreisen mu
ich wandern. Ich lchle. Die Sterne lcheln. --

Ich lie anspannen und fuhr nach Graf Flggens Schlo.

Ich hatte mich sorgfltig rasiert und eine weie Binde umgebunden. Ingeborg
war nicht zu sehen.

Graf Flggen erschpfte sich in Liebenswrdigkeiten. Er war ein gebckter
Greis mit langem Barte, wie ein Zwerg kam er mir vor. Ich zog das Gesprch
in die Lnge, erzhlte von fernen Lndern und ihrer Sonne, Ingeborg war
nicht zu sehen.

Wagen liefen durch den Abend, vorber an meinem Hause. Ich sah nicht wer
darinnen sa. ber Rote Buche stiegen bunte Leuchtkugeln in die dunkele
Nacht. Ein Fest! dachte ich. Mitten in der Nacht rollten die Wagen wieder
die Bergstrae herauf. Ingeborg sa im vordersten Wagen, ich erkannte sie
an ihrem Hute, ich erkannte sie an dem Wirbeln meines Herzens.

Harry Usedom ging zweimal im Laufe einer Woche an Edelhof vorber, er ging
schnell den Berg hinauf, langsam und schwebend den Berg hinunter. Es gingen
Dinge vor sich.

Wie ein Knabe durch ein Astloch in eine Schaubude spht, so sphte ich in
diese Dinge. Sie huschten und zuckten an meinen Augen vorber.

Ein leises trauriges Lied klang eines Abends durch meine Seele.

Mich frstelte . . . . .

Eines Abends, als der Wald rot leuchtete in der untergehenden Sonne,
begegnete ich Ingeborg und Harry Usedom droben auf der Hhe. Sie kamen des
Weges daher, trugen groe Strue von Maiglckchen in der Hand und lachten.
Ich sah es, ich hrte es. Lchelnd kamen sie beide heran, in Ingeborgs
Augen schimmerte nicht die leiseste Erinnerung an jenen Abend.

Harry Usedoms Augen strahlten. Nie hatte ich solche Augen gesehen, sie
hingen wie Lampen in seinem Gesichte und sein Gesicht, das immer wei und
krankhaft erschien, war von einer feinen Rte des Glckes berzogen.

Die Herren kennen sich? Natrlich -- -- natrlich -- sagte Ingeborg und
lchelte. Dann sprach sie mit Pazzo, und ich wechselte einige Worte mit
Harry Usedom. Ob es ihm auf Rote Buche gefalle. Sehr schne Wlder, nicht
wahr? Prachtvolle Wlder! Und den See habe er auch noch!

Es gefalle ihm sehr gut auf Rote Buche! Seine Augen strahlten, sie waren
wie dunkle Hhlen voller Geschmeide. Ich mute immerfort diese strahlenden
Augen ansehen.

Er schreibe gegenwrtig eine Oper. Die Konzertreisen wolle er aufgeben.

Harry Usedoms Lippen waren breit, in den Mundwinkeln gekruselt. Sie
erinnerten an Orangenschnitten. Sie waren rot.

Die Herren zogen den Hut, Ingeborg nickte und verneigte sich leicht, wir
trennten uns.

Ich bog in den nchsten Seitenweg ein und zndete mir die Pfeife an. Viele
Dinge wirbelten im Rauch der Pfeife vor meinen Augen herum.

Pazzo sah mich an. Er kannte mich genau, und als ich ihn ansprach, sprang
er an mir empor, um mich zu liebkosen. Ich streichelte ihm den Rcken mit
sanfter Hand -- immer auf und ab.

Einige Tage darauf. Ich ging mit Ingeborg oben auf der Hhe, am Waldesrande
entlang. Die Sonne stand schrg und schon etwas rot ber dem Walde und warf
einen schattigen, dunkelen Spitzenkragen ber den Hgel. Auf diesem
Spitzenkragen schritten wir dahin, hoch ber dem Tale und seinen kleinen
Drfern und blitzenden Bchen. Sonnenflecken zuckten ber Ingeborgs Kleid
und Gesicht, wir sprachen nichts. Pazzo schritt neben uns her, er tauchte
mit Behagen die schlanken Fe in das hohe, saftige Gras.

Ingeborgs Gesicht erschien grn im Widerschein des Grases und des Waldes,
zuweilen kam die Sonne, dann glhte es fr einen Augenblick.

Ingeborgs Stirn war voller Gedanken.

Wir kamen an eine Bank und Ingeborg sagte: Wollen wir uns ein wenig
niederlassen? Sie blickte mich kurz an, whrend sie die Frage stellte. Ich
war ihr dankbar fr den Blick und fr die nichtssagenden Worte. Sie fhlte
es, denn sie blickte mich nochmals an und prfte meine Mienen. Ich merkte
es sehr gut. Ich stellte das Gewehr an einen Baum, Pazzo bewachte es.

Hinter der Bank sang ein Vogel. Ich lauschte, was fr ein Vogel war es
doch? Es war ein Vogel, den ich noch nicht gehrt hatte. Vielleicht hatte
er sich verflogen.

Es hatte sich manches gendert, das sah ich wohl ein. Ich sa neben
Ingeborg und mein Herz klopfte. Ingeborg sa mit gleichgltigem,
verschlossenem Gesicht da, das Kinn in die Hand gesttzt und interessierte
sich fr die jungen Heupferdchen, die im Grase herumschnellten.

Eine feine Falte zog zwischen Ingeborgs Brauen, ich wagte es nicht, zu
sprechen. Wenn sie bei schlechter Laune war, weshalb ging sie dann nicht?

Sie sa so nahe, da ich meine Hand nicht neben mich legen konnte, ohne sie
zu berhren, und pltzlich stieg mir das Blut in den Kopf, so nahe sa sie.
Ich fhlte ihre Wrme.

Ich sa still, ich regte mich nicht, ich dachte an die feine Falte zwischen
Ingeborgs Brauen. Sie konnte ber mich befehlen, ja, das konnte sie. Ein
Wink und ich verschwand, und ich trat ihr nie wieder unter die Augen. Ich
verlie die Gegend, wenn sie es verlangte, meine Gegenwart sollte ihr nicht
die Laune verderben.

Schn lag das Tal zu unsern Fen, und bis auf die kleine Falte Ingeborgs
wre alles herrlich gewesen. Ein Bauer mhte mit einer blitzenden Sense
tief unten, er war nicht grer als eine Ameise. ber dem Tale flimmerte es
in einer grnen Wiese wie von einem Edelsteine, aber es war nur ein Stck
Glas, eine zerbrochene Flasche, die dort blitzte. Drben lagen zerstreute
Huschen, still, sie schienen unbewohnt zu sein.

Da tauchte pltzlich aus dem nahen Kornfelde ein Spaten auf, dann ein Hut,
ein Kopf, der Kopf hpfte auf und ab und verschwand wieder im Korn und auch
der Spaten tauchte unter.

Dieser hpfende Kopf scheuchte mich aus meiner Versunkenheit auf. Ein
wahnsinnig khner Gedanke scho durch meinen Kopf. Wie, wenn ich einfach
meinen Arm um Ingeborg legte und sagte: Nun --? Es ist schn hier neben
Ihnen zu sitzen und das Tal zu betrachten. Stundenlang knnte ich hier
neben Ihnen sitzen, wenn Sie auch nichts sprechen.

Ich bewegte die Lippen, feuchtete sie an, dann sagte ich: Es ist schn
hier zu sitzen und das Tal zu betrachten.

Ingeborg nickte. Ja, sagte sie.

Im Tal ging der Mann mit dem Spaten, klein, blau. Mein Herz krampfte sich
zusammen. Die Glasscherbe drben im Felde hrte auf zu blitzen, die
Schatten stiegen. Ich heftete die Augen auf die Huschen uns gegenber. Sie
waren bewohnt, vorhin war eine Tr offen gestanden, jetzt hatte man sie
geschlossen. Aus dem Walde, der den Hgel oberhalb der Huschen bedeckte,
kam etwas hervorgekrochen. Es sah aus wie ein Krrchen, das von weien
Musen gezogen wurde. Etwas Weies ging nebenher, etwas Weies lag auf dem
Krrchen. Er war ein Mller, der Scke auf einem Karren fuhr, den zwei
Schimmel zogen. Die Beine der Schimmel verschwanden im Getreide. Das
Krrchen fuhr bis zu den kleinen Bauernhuschen. Dort machte es Halt, und
einige Leute kamen aus den Tren. Eine Magd schlug auf die Scke und Mehl
stieb heraus, ein rundes Wlkchen, als habe sie geschossen.

Das alles sah ich ganz genau, whrend sich mein Herz zusammenzog.

Ingeborg bewegte einen Fu, ich erschrak. Sie bewegte wieder einen Fu, ich
erschrak. Ja, nun stand sie auf. Wir gingen. Im Walde war es dunkeler
geworden, immer dmmeriger wurde es. Der Himmel leuchtete rot wie Wein
durch die dsteren Wipfel. Lang war unser Weg, wir sprachen nichts.

Ein Vogel zwitscherte. Ich lchelte. Ingeborg sah mich an.

Ich mu an einen Traum denken, Frulein Giselher, sagte ich. Ich sprach
sehr schnell, ich wute, da ich nun sprechen konnte und die Freude
durchrann mich. Ich fuhr fort. Ich mu an einen Traum denken. Ich denke
oft, was es doch fr eine sonderbare Sache mit der Seele des Menschen ist.
Heute denke ich nicht daran zu stehlen, aber morgen habe ich den Wunsch es
zu tun und bermorgen tue ich es. Aber vor drei Tagen, da dachte ich noch
nicht daran. Nun sitze ich im Gefngnis und denke ber mich nach. Pltzlich
fllt mir ein, da ich schon zuweilen vom Stehlen getrumt habe. Ja, was
sage ich da. Es pat nicht hierher, ich wollte es auch nicht sagen, ich
wollte sagen, unsere Seele hat ihre besonderen Wnsche, aber wir kennen sie
nicht. Was wollte ich sagen? Ich wollte Ihnen von einem Traume erzhlen,
den ich hatte. Ich trume die sonderbarsten Dinge der Welt zusammen. Nun
hren Sie, vor einigen Wochen trumte ich von einer Stimme. Welch eine
Stimme war es doch! Berckend schn war sie. Ich liege im Bette und trume,
da ich im Bette liege und eine Stimme spricht zu mir. Sie sollen hren,
wie sonderbar wir uns unterhielten, diese Stimme und ich. Diese Stimme
sagte, da sie nur mich wolle und keineswegs den Leuchter aus Bernstein und
die Schuhe aus Perlmutter. Nein, nein, nur dich, sagte sie. Und ich lag und
lchelte und verlor fast die Besinnung, so herrlich und berckend klang die
Stimme. Dann sagte sie, da wir eine Htte am Strande haben wrden, eine
kleine Htte. Du bist ja ein Fischer, sagte sie. Ein Feuer wird auf unserm
Herde brennen und du wirst mir die Schuhe mit Fischschuppen bekleben. --
Darauf antwortete ich ihr: ja! Ich werde am blauen Grunde des Meeres
herumwandern und nach schnen Dingen fr dich suchen. Vielleicht finde ich
auch ein hbsches Messerchen fr dich, sagte ich.

Ich lchelte und fuhr ebenso hastig fort: Die Stimme sagte darauf, ich
solle mich vor den Sgefischen in acht nehmen, da drunten im Meere. --
Haha! -- Ich aber fuhr fort: einmal wird auch eine Kiste an den Strand
geworfen und wenn wir sie aufbrechen, so fallen lauter alte Kronen heraus,
goldene Reifen mit grnen und roten Steinen, Zepter und Spangen. Auch ein
Haarpfeil ist fr dich dabei. Darauf jubelte die Stimme und begann zu
singen: ich erwachte und im Garten sang eine Nachtigall.

Ich blickte auf Ingeborg und wartete darauf, da sie etwas sagte. Aber
Ingeborg bewegte keine Miene, schmal, gleichsam erfroren sah ihr Gesicht
aus. Sie schttelte den Kopf.

Es sang eben ein Vogel im Walde, da mute ich an die Stimme und den Traum
denken, sagte ich.

Ja, aber -- ich verstehe den Zusammenhang nicht, entgegnete Ingeborg.

Die Falte zwischen ihren Brauen war tiefer geworden.

Zusammenhang? War kein Zusammenhang da?

Ich mute doch mein Lcheln begrnden, Sie blickten mich an, dann glaubte
ich Ihnen sagen zu mssen, weshalb ich lchelte. Es war vielleicht
ungeschickt von mir. -- --

Wir kamen an Graf Flggens Schlo. Die Pfeiler des Gitters trugen Lwen aus
Stein, die zwei Wappen vorhielten. Mit Moos bedeckt waren die Lwen, als
habe man Kbel von Schlamm ber sie gestlpt.

Ingeborg bot mir die Hand. Ich blickte sie an. Sie verstand meinen Blick
recht gut. Sie senkte die Augen, dann sagte sie: Ich habe Harry Usedom
mein Wort gegeben.

Ich verneigte mich. Ich verneigte mich tief, mein Unglck drckte mich
nieder. Ich war voller Demut.

Ich wnsche Ihnen Glck! sagte ich mit ruhiger, tiefer Stimme und nahm
den Hut ab.

Ich ging . . . . .

Ich ging hinein in den Wald, stolperte hin und her, wute nicht, ob ich
nach rechts gehen sollte oder nach links. Es war auch einerlei.

Ich lachte leicht auf, wie einer der friert. Hahaha, lachte ich, hahaha!

Aber gleichzeitig hatte ich den Drang in mir, mich auf den Boden zu werfen
und liegen zu bleiben.

Dann besann ich mich auf den Weg und steuerte meinem Hause zu.

Es war spt, die Sterne tauchten am Himmel auf.

Etwas Weies sa auf der Treppe meines Hauses. Es war Ingeborg.

Sie erhob sich und eilte auf mich zu.

Nein! Nein! rief sie.

Sie kam zu mir her, fate leicht meinen Arm und blickte mir von unten
herauf in die Augen. Wie war der Blick? Voller Suchen, voller Staunen,
voller Glanz. Sie lchelte und schmiegte sich an mich.

Ich legte meinen Arm um sie und kte sie auf den Mund.




8


Wie oft kte ich Ingeborg? Ich habe es nicht gezhlt. Auch Ingeborg hat es
nicht gezhlt.

Siehst du nun? sagte ich und kte sie.

Sie lchelte verzckt und bot mir den Mund und die Stirne zum Kusse. Du
sagtest, du knntest nicht mehr lieben!

Ja, siehst du nun? sagte ich und kte sie.

Ach, nach Hause, nach Hause, nein, nein. Jetzt nach Hause? Nein, nein! Wer
denkt auch daran? Du? Nein, nein, keiner denkt daran.

Wie war dieser Abend? Er war wie der Wind, der ber Blumen gegangen ist. Er
war wie der Traum von zwei Vglein, die in einer Rosenhecke schlummern.
Gott sandte uns ein Lcheln und Gre, viele Gre.

Die Sterne kamen herauf, haha! Blau und voll geheimnisvoller Liebe war der
Himmel. Wir saen unter einem blhenden Apfelbaum, er schumte von Blten.
Die weien Blten und der blaue Nachthimmel, es war Tausendundeinenacht, es
war Himmel.

Ich sah Ingeborg an und sagte: Schn, schn, schn bist du! Du verschenkst
Himmel!

Und ich schttelte den Apfelbaum, da fielen die Blten ber Ingeborgs
schnen Scheitel.

Ingeborg sagte: Nein, du bist schn! Du weit es nicht. Du bist so schn,
als wrst du kein Mensch! Deine Augen sind so warm und rein, du hast
Kinderaugen, weit du es?

Nein. Mein Herz pochte.

Ich glaube, du knntest sterben unter Mrderhnden und deine Augen wrden
sich nicht verndern. Solche Augen hat Jesus Christus gehabt, ich wei es!

Mein Herz pochte.

In meinem Kopfe sprhte es. Ich hatte einen weien Stern in meinem Kopfe.

Hre, se Ingeborg, sagte ich, was denkst du! Eben fllt mir eine
Legende ein. Gerade in diesem Momente. Es ist die Legende von der Mutter
Gottes und dem erfrorenen Weinstock.

Du mut sie hren, denn sie pat so gut. Denke dir, alle Weinstcke treiben
und grnen, nur einer nicht. Er ist erfroren. In einer Nacht packte ihn der
Frost. Ich erzhle schlecht, ach, entschuldige.

Ja. Aber da kam die Mutter Gottes des Weges daher, und nun hre: wie an den
Fenstern hundert Augen erscheinen, zieht die Knigin vorber, so schlugen
pltzlich Blten aus allen Reben, und wie Kinder die rmchen ausstrecken,
kommt die Mutter gegangen, so streckten sich berall Ranken und Bltter
nach der Mutter Gottes aus. Verstehst du?

Schn! -- Wo hast du sie gehrt, die Legende?

Gehrt? Nein, sagte ich nicht, da sie mir eben einfiel, diese Legende, in
diesem Augenblick? -- --

Es ist spt. Gute Nacht, gute Nacht, gute Nacht! Hat jemand eine Ahnung,
wie leise man gute Nacht sagen kann? Immer leiser und leiser und doch hrt
man es noch. Und wie man es sagen kann? da es soviel bedeutet! -- -- --
Gute Nacht, du mein Himmelreich! -- -- -- --

Ich war allein. Pltzlich stand Pazzo vor mir und blickte mich an. Niemand
hatte ihn mehr gesehen. Ich ging nach Hause, durch den stillen weiten Wald
ging ich nach Hause. Mitten im weiten feierlichen Walde begegnete mir Gott.

Bist du es, Axel? sprach Gott zu mir.

Ich kniete nieder. Ja.

Gott hauchte mir seinen Atem ins Gesicht.

Ich ging. Auf einer Lichtung begegnete mir der Frhling. Nackt und keck. Er
kicherte. Verstehst du mich? sagte er. Er hatte hellgrne Augen. Ja, sagte
ich und lchelte, zuerst den kleinen Apfelbaum an der Parkmauer, dann
Liselotte -- -- --

Ich habe meine Dinge vor mit dir! sagte der Frhling und kitzelte mich
unter dem Kinn, da ich lachen mute.

Ich ging hin und her im stillen weiten Walde.

Jemand begegnete mir.

Bist du es wieder?

Ja, ich gehe rings im Kreise, sprach er.

Ich kniete nieder. Er berhrte meine Lider mit dem Finger, da sah ich meine
frohen Tage vor mir liegen. Meine Augen wurden feucht.

                   *       *       *       *       *

Ich bin glcklich, kann es ruhig sagen. Ich liege im Grase vor meinem
Hause, es duftet, ich rieche Harz und Waldmeister. Die Maikfer segeln ber
den Himmel, sie schwirren ber meinem Kopfe. Die ganze Nacht hindurch liege
ich da und sehe mir die Sterne an. Wenn ein Stern blinzelt, so mu ich
ebenfalls blinzeln, silberne dnne Finger fahren nach meinen Augen. Wenn
ein Stern zittert, so spre ich das leise Zittern in der Mitte meines
Herzens.

Ich sehe in die Sterne und mein Herz klopft. Es durchrieselt mich, die
Sterne liebkosen mich.

Ich hre den Frieden da droben. Er lispelt.




9


Der Tag graut. Nebel ziehen. Ein Mann sitzt auf der Hhe. An seiner
Lodenjoppe hngen feine Tauperlen, er hat den Hut aus der heien Stirne
gerckt. Der Nebel zieht in Schnren an ihm vorber.

Es blitzt in der Nebelwolke, blitzende Schwerter fahren hin und her. Der
Nebel zerreit, Tannenwipfel tauchen empor, sie glhen rot. Durch einen Ri
blickt ein Streifen blauen Himmels, ein Eck fahlgrner Wiese, kleine
Bauernhuser mit blinzelnden Fenstern. Langsam weicht der Nebel zurck in
die Wlder, die letzten Fetzen schlpfen ins Gest der Buchen.

Der Mann blickt ber das Tal. Es ist wie eine groe Muschel, in der alle
Farben zusammenflieen. Eine Reihe von Schnittern schwingt tief unten in
gleichmigem Takte die Sense. Die Fenster der Bauernhuser sehen mit
leuchtendem Staunen in die aufsteigende Sonne. Der Wald trieft und atmet
tief auf in der Wonne des Erwachens. Es klingelt im Walde von hellen
Vgelstimmen.

Des Mannes Augen sind geblendet vom Lichte. Die Sonne ist noch nicht rund,
da kommt ein Mdchen aus dem Walde. Sie ist na vom Tau wie Blumen und
Grser. Sie luft, da die Rcke fliegen.

Ich wollte auf dich warten! ruft sie, da es klingt, ich wollte zuerst
da sein!

Sie lacht, sie weint, sie strzt sich an des Mannes Brust.

Des Mannes Hnde zittern.

Die Sonne geht auf und scheucht die Nebel in die Wlder, wir gehen durch
den Wald, die Sonne sinkt hinter goldenen Hhen, wir gehen zusammen, wir
zwei. Wir blicken in die Hhe, die Wipfel der Buchen sind durchsichtig,
hellgrn wie Wasser, wir gehen wie in einem hellgrnen Meere, dessen Grund
die Sonne erleuchtet.

Es ist Mittag, sagen wir.

Tag um Tag. Mein Herz klopft.

Wir treffen uns auf der Bank auf der Hhe. Ingeborg erzhlt mir, wie sie
zur Bank eilt.

Ja, zuerst geht sie schnell, sehr schnell, dann luft sie und zuletzt
fliegt sie durch Dick und Dnn und es geht immer noch zu langsam.

Ich lchle.

Ich habe die ganze Nacht gesessen und an dich gedacht! sage ich.

Ingeborg nimmt das Kettchen mit dem goldenen Medaillon vom Halse und drckt
es mir in die Hand.

Hastig, als knne es jemand sehen.

Nimm, sagt sie, nimm! Ich habe nichts, das mir mehr wert wre.

Erlaube, da ich die Spitze deines Schuhes ksse! sage ich.

Ingeborg kommt am Abend in den Birkenhain vor ihrem Hause, sie trgt ein
kleines Heft in der Hand.

Nimm, sagt sie, nimm! Es ist ein Schulheft, ein kleines Heft, vielleicht
macht es dir Freude?

Ich mu mich abwenden. Ich danke Ingeborg im tiefsten Herzen. Ich nehme den
Hut ab und gehe neben ihr her.

Warum trgst du den Hut in der Hand? fragt Ingeborg.

Es ist schwl im Walde, erwidere ich.

Ingeborg zieht eine Photographie aus der Tasche. Sie lacht.

Da steht er, die Geige in der Hand und sieht uns an mit seinen groen
Frauenaugen.

Ingeborg lacht. Er ist dumm und hochmtig, sagt sie und zerreit das Bild
kreuz und quer.

Die Stcke wirft sie ins Gebsch.

Ich lache. Ja, er ist dumm und hochmtig, sage ich.

Ich mchte dir alles schenken, was ich habe! sagt Ingeborg.

Ich wei nicht, was ich darauf erwidern soll.

Ich drcke ihr die Hand.

O! sagt sie und schliet halb die Augen. Ich trume.

                   *       *       *       *       *

Meine Augen sahen in die schne Welt und ich hatte das tiefe Gefhl, da
ich zu ihr gehrte und mich nicht zu schmen brauchte.

Mein Herz war schwer und reich und es fllte mir die Brust mit ser Brde.
Dankbarkeit und Staunen und Liebe war mein Herz in dieser Zeit.

Ich sah Ingeborgs schwebende Gestalt neben mir hergehen und staunte und war
dankbar, jenem Geiste dankbar, der sie mir schickte in diesem Frhling, ihr
dankbar, da ich neben ihr einhergehen durfte. Ich wnschte mir nichts
anderes, als neben ihr einhergehen zu drfen. Das war Glck!

Ich konnte einschlafen, whrend ich neben Ingeborg einherging, die
Besinnung verlieren, ich hatte keinen Gedanken mehr im Kopfe, keine
Klarheit. Klarheit? Ach -- hahaha -- -- nein, ich war betubt, kein
Gedanke, keine Klarheit.

Ingeborg fhlte meinen Blick, sie kam heran, gab mir die beiden Hnde und
blickte mir in die Augen und lchelte. So standen wir lange, Gott wei wie
lange, wir wuten ja nichts mehr.

Ich kannte ihre Augen ganz genau. Oft dachte ich, immer dachte ich an ihre
Augen. Sie sind wie Trkise, glnzende Trkise, aber was will das sagen? Es
ist ein eigentmlicher, suchender, strahlender Blick in ihnen, etwas
Blitzendes, ich besinne mich, in meinem Kopfe ist es wie ein
Wetterleuchten. Ich habe den Ausdruck ihrer Augen vergessen. Ich sehe sie
wieder an, diese Augen ja, es ist etwas Blinkendes, Schimmerndes in ihren
Augen, niemand kann es im Gedchtnis behalten. Ihr Gesicht ist schmal,
spitzig dem Kinn zu, es lugt aus den goldenen Quasten hervor, die ber die
Wangen herabhngen und nahezu die Brust berhren, wenn sie den Kopf senkt.

Ihre Wangen sind schmal und leicht gertet, sie bekommen Grbchen, sobald
sie lchelt.

Ein verzcktes Lcheln hat sie und alles lchelt an ihr, sobald sie
lchelt, nimmermehr kann ich dies Lcheln vergessen, es umschwebt mich Tag
und Nacht. Ich kenne es gut, aber jeden Tag erscheint es mir neu. Jeden Tag
entdecke ich es, dieses Lcheln, und es rinnt durch mein Blut, da es
heiter und frhlich wird.

Heute denke ich, ein goldener Ton ist ber ihr Gesicht gebreitet wie ber
die Bildnisse alter Meister. Und morgen denke ich: ja, etwas von dem Golde
reifer hren ist ber ihr Gesicht gestreut. Und bermorgen denke ich, da
sie die Farben der Wiesen und Felder im Gesicht hat, das Gold der hren,
das Blau der Vergimeinnichte, das Rot der Erdbeeren. Ingeborg, Ingeborg
. . . .

In dieser Zeit schrieb ich einen Brief an meinen Freund, den Dichter Karl
Bluthaupt. Ich bin glcklich, schrieb ich, komme sofort! Ich bin sehr
glcklich, groe Dinge geschehen, ich wohne auf der Sonne, in einem Garten
auf der Sonne, in der Nachbarschaft der schnsten Engel, ich bin glcklich,
komme sofort.

Noch viel mehr schrieb ich. Nun, Freund Bluthaupt war ein Dichter, der wird
wohl verstehen, wenn er liest: ich bin glcklich, ich bin sehr glcklich.
Ein Meer von Glck ist ber mich gestrzt, ich bin glcklich . . . .

Zwei Stunden hatte ich zu gehen, um diese Botschaft meines Glckes zur Post
zu bringen. Ich ging in der Nacht, lachte und schwang den Brief hin und
her.

Ich bin glcklich, wohne auf der Sonne, in einem Garten auf der Sonne. Ein
Bach von Glck bewssert diesen Garten, die Blumen lachen. Nheres mndlich
-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

                   *       *       *       *       *

Wir gingen durch den Wald, einen hohen Tannenwald. Pazzo spitzte die Ohren
und blieb stehen.

Er schlug an.

Ruhe, Pazzo, rief ich.

Pazzo gehorchte, schlich zu mir heran und blickte ins Dickicht.

Es ist jemand im Walde, sagte ich. Es ist ein Mensch im Dickicht, kein
Tier, ich kenne Pazzo.

Ingeborg sah mich an und erblate. Wir gingen weiter.

La uns ins Freie gehen, sagte Ingeborg. Sie zitterte.

Vielleicht sei es Usedom gewesen?

Sie legte die Hand auf meinen Arm und sah mich prfend an.

Was denkst du?

Ich lchelte. Schn bist du, Ingeborg! das dachte ich. Gtig bist du,
Ingeborg!

La es dir erzhlen, Axel. Hre mir zu. Er schleicht herum, ich wei es.
Seit ich ihn kenne, schleicht er mir nach. Schon als Knabe war er so. Er
ist so aufdringlich und so hochmtig. Ich frchtete mich frher vor ihm,
besonders vor seinen Hnden frchtete ich mich. Ich habe nichts mit ihm
gehabt, ich hate ihn. Ja, es ist wahr, zuweilen liebte ich ihn auch.
Damals war ich ein dummes Mdchen, ich war stolz auf ihn. Er bekam immerzu
Blumen von den Frauen geschickt, er warf sie weg. Er hatte eine Busennadel
von einer Knigin, er schenkte sie einem Bauernknaben. Ich will mir auch
nichts von einer Knigin schenken lassen, sagte er. Das gefiel mir, ich war
ja so tricht damals. Ich hatte es gerne, wenn er vor mir stand, dann sahen
seine Augen aus wie die eines Hundes. Es ist alles Verstellung, er ist so
hochmtig und dumm. Immer spricht er von sich, von seinen Konzerten und da
die Leute an den Bahnhfen stnden, um ihn zu erwarten. Er weinte immer vor
mir. Ich weine vor dir, sagte er, tausend und abertausend Frauen gben ihr
Leben fr mich und du blickst mich nicht an. -- --

Einige Tage darauf gingen wir wieder durch den Wald, und wieder schlug
Pazzo an. Es war in einem Walde hoher dicker Buchen. Pazzo bellte und
sprang in den Wald hinein. Harry Usedom kam hinter einer Buche vor.

Rufen Sie Ihren Hund zurck! rief er und zog die Hnde an sich.

Er stand am Wege und sah Ingeborg an.

Sein Gesicht war fahl, grau, tiefe Ringe zogen um seine Augen, die matt
glnzten.

Sein schmales Gesicht sah aus wie das einer Frau, die dem Tode nahe ist.
Seine Lippen zuckten, er hatte die Linke auf das Herz gelegt, und die
Finger begannen nervs zu trommeln.

Ich suchte Sie seit vielen Tagen zu sprechen, sagte er, ich wollte Ihnen
nur dies sagen: Sie haben ein kurzes Gedchtnis, Frulein Ingeborg!

Er griff an den Hut, wandte sich um und ging mit schnellen Schritten in den
Wald hinein.

Komm, sagte ich zu Ingeborg, indem ich meine Hand sachte auf ihre
Schulter legte.

Ingeborg war bleich, sie sprach lange nichts. Dann sagte sie:

Ich liebe ihn doch.

Ein Stich fuhr mir ins Herz, ich nahm sachte die Hand von ihrer Schulter.

Nein, nein! La doch deine Hand da. Ich liebe ihn noch ein wenig, er tut
mir leid, aber ich liebe dich ja tausendmal mehr, tausendmal mehr. Ksse
mich Axel, sei gut!

Ich liebe dich, sagte ich und kte sie. O, o, nun sei alles gut.

Ich erschrak, Axel. Nun sollst du alles hren. Ich habe ihm mein Wort
gegeben -- es war einige Tage nachdem ich dir auf der Hhe gesagt hatte,
da ich dich liebte. Er kam zu mir in den Garten. Man sieht Sie ja jetzt so
selten, sagte er. Ich gehe viel spazieren. Ja, fuhr er fort, die Krone
eines Frsten ist mehr wert, als der Ruhm eines Geigers. So dumm und plump
war es. Aber ich war in diesen Tagen unglcklich und hilflos, deshalb
zrnte ich ihm nicht. Ich lachte. Was sagen Sie da! rief ich und lachte.
Ach, Usedom, wie tricht knnen Sie doch zuweilen sein. An diesem Abend gab
ich mein Wort, aus Trotz geschah es. Er legte seine Hand auf meine
Schulter, und ich dachte an dich. Das sollte er sehen, dachte ich, das
sollte er nur sehen! Ich ging mit Usedom im Walde herum, nur um dir zu
begegnen und dich zu verletzen. Du wirst das nicht verstehen, nein, du
nicht. Ich war unglcklich und gedemtigt, ich war verwirrt im Kopfe. O,
wie gerne wre ich damals mit dir gegangen, gleich zu dir hingegangen, und
ich sah dich kaum an und sprach mit Pazzo -- -- --

Wir sitzen in der Sonne auf einer Wiese. Ingeborg singt leise und bindet
einen Strau aus Feldblumen. Ich liege im Grase und lausche und sehe zu,
wie Ingeborg den Strau bindet. Nie in meinem Leben hrte ich solch eine
Stimme, nie in meinem Leben habe ich so etwas Schnes gesehen wie Ingeborg.
Ihre Wimpern sind golden und lang. Es ist, als ob sie eine kleine Sonne
unter den Lidern habe, die hervorstrahle. Ihre Brauen sind golden,
regelmig und hochgeschwungen, goldene Bogen, man sieht jedes einzelne
Hrchen. Wie mit einem Pinsel scheinen sie gezeichnet und eines Japaners
Hand schien den Pinsel gefhrt zu haben. Ihre Stirne ist hoch und rein und
dahinter stecken all die vielen Gedanken, die sie selbst noch nicht kennt.
Ingeborg dreht den Strau hin und her und drckt ihn mit mtterlicher Liebe
gegen die Brust. Es singt ein Vogel im nahen Walde, Ingeborg hlt inne und
lauscht.

Sie fhlt meinen Blick, hebt die Lider und lchelt mir zu. Sie beschftigt
sich wieder mit ihrem Straue, vergit mich ganz, macht ein rundes
Kindermulchen und lchelt die Blumen an und singt leise.

Sie ist fertig. Ist er schn? fragt sie.

Ja!

Nun, so nimm ihn! Aber hte ihn gut.

Ingeborg ist die Mutter der Blumen und Vgel und sie streichelt die Bume.
Sie kennt alle Kruter, die Namen aller Vgel, aller Bsche. Sie blickt in
die Wipfel der Bume, als sehe sie Gesichter, und ich habe sie dabei
ertappt, da sie mit Blumen plauderte wie mit Kindern.

Ingeborg ist im Walde geboren.

Ich sehe sie heute, ich sehe sie morgen, jeden Tag sehe ich sie. Jeden Tag
glaube ich sie zum erstenmal zu sehen. Und mein Herz bebt nicht minder,
kommt sie daher, als am ersten Morgen.

In dieser Zeit lag ich oft lange ber Mitternacht vor meinem Hause im
Grase. Silbern schimmerte das Tal und die Wlkchen am Himmel. Dunkele Vgel
strichen lautlos ber den Wald, Leuchtkferchen segelten vorber, zuweilen
setzten sie sich in meine Nhe und ich lie sie nicht aus den Augen. So
klein wie sie waren, so stumm und prchtig. Sie liebten sich und sie waren
so glcklich wie ich groer Kfer. Ich sah ihnen nach, bis sie in der
Dunkelheit der Gebsche verschwanden. Viele Kferchen, Nachtfalter und
Motten mit silberigen Flgeln waren unterwegs.

Ich lag und dachte an Ingeborg, dachte an mich und mein unfabares Glck.
Der Friede des schimmernden Tales zog in mein Herz.

Es war ein solch tiefer Friede, wie ich ihn nie gekannt hatte. Mein Herz
strmte ber. Und ich stand auf und erhob die Hand und segnete die Welt.
Ich dachte: Frieden in alle Menschenherzen, sen Frieden. Glckliche
Stunden allem was da lebt, dem rmsten Manne im fernsten Lande, dem
kleinsten Wurm in der dunkelsten Erde. Feuer dem Frierenden, Brot dem
Hungernden, einen sanften Tod dem Mrder, gute Fahrt dem Seemanne auf dem
Meere!

Ich lag bis spt nach Mitternacht im Grase und ich hatte das Gefhl
dahinzuschweben.

Friedlich schwebt die Erde ihre Bahn, dachte ich. Und ich ffnete die
Lippen und flsterte: Friedlich schwebt die Erde ihre Bahn. --

In dieser Zeit, ja, was war doch alles in dieser Zeit!

Ich legte mich schlafen und zhlte die Minuten, bis ich sie wiedersehen
sollte. Ich ging noch einmal durch den roten Tag und sammelte. Ich fhlte
den Druck ihrer Lippen auf meinem Munde, meine Hnde behielten den Druck
ihrer Hnde in der Erinnerung. Die Wrme ihres Atems war in meinem
Gedchtnis, die Weichheit ihrer Haare, der Glanz ihrer Augen, das Lcheln
ihrer Wangen.

Dann schlief ich ein und im Traume begegnete mir Ingeborg wieder. Von
Stunde zu Stunde erwachte ich, ich blickte in die Sterne empor, sie
funkelten, sie leuchteten, sie flackerten, sie erblaten -- endlich!

Und Ingeborg sprach: Am Tage gehe ich umher, als ob ich trumte. In der
Nacht gehe ich im Traume umher, als ob ich wachte. Ingeborg sprach: Alle
Dinge sehe ich in hohem Glanze. Nie war der Himmel blauer, nie war der Wald
grner. Ich sehe alle Dinge wie mit Regenbogenrndern. O, Axel, dir danke
ich alles!

Ingeborg, Ingeborg, du Liebling Gottes, du Schmuck der Welt!

Die Tage zogen vorber, wie Rosenbltter einen Bach hinabtreiben, so still,
so schn und kaum gesehen, so waren diese Tage.

Das Tal schaukelte wie eine goldene Wiege, der Wald rauschte wie eine
Orgel, die Vgel sangen als htten sie diamantene Schnbel.

Und Ingeborg jubelte: Immer blauer wird der Himmel, immer ser wird dein
Mund!




10


Ich liebe dich. Wie schn ist es, das sagen zu knnen, wie schn ist es,
das zu hren --

Es ist ein kleines, kleines Wort, aber jeder mu es einmal sagen und jeder
hrt es einmal. Wenn eines Menschen Herz aufspringt im Frhling, so mu er
es sagen. Er kann ein Tyrann sein mit blutschwarzen Gedanken, er kann ein
Forscher sein, der immer ber seinen Bchern sitzt, es kommt seine Stunde.

Er vergit alles, sein Sinn wird dunkel, und sein Mund spricht das kleine,
kleine Wort. Schne, ewige Gedanken kann einer im Kopfe haben, er kann ein
groer Mann sein, an den viele denken tagaus, tagein, es kommt seine Stunde
und er findet nichts als dies kleine, kleine Wort.

Es ist alt und tief, birgt des Menschen ganzes blutrotes Herz, all sein
Glck, all seinen Jammer, bei Tag und bei Nacht wurde es gesprochen,
geflstert und geknirscht wurde es, wird gesprochen werden immerfort,
immerfort, solange die Lerche im ther trillert. -- -- --

Sei gegrt, Ingeborg! Ich liebe dich, kannst es glauben.

Ich gehe hin und her, sehe viel in den Himmel empor, sehe viel ins Weite.
Lchle. Stehe vor einem Stein am Wege und lchle. Ich bin nie mde. Nein,
es gibt nun keine Mdigkeit mehr. Ich schlage die Augen auf und es ist hell
und weit in meiner Seele.

Immerzu habe ich Gedanken im Kopfe, herrliche Gedanken, reich ist mein
Gemt, reich und hei. Wie ein Dichter fhle ich mich, durch dessen Herz
groe Werke brausen.

ber die Parkmauer spritzen hohe Wogen von Blten, weie, rote und violette
und zitronengelbe, in meinem Garten stehen viele Blumen, wie wehende
Feuerchen sehen sie aus, brennende Lunten, Sonnenflocken, wie rote Mnder,
wie Augen, ja, auch wie Augen sehen sie aus. Der Frhling hat seine Feuer
in den Bergen angezndet und sie brennen Tag um Tag. Er wirft Herzen von
Menschen, Rehen und Vgeln, Wnsche von Blumen, Schmetterlingen und Bumen
in seine Feuer, da sie brennen.

Der Hirsch schreit im Walde.

Ich gehe durch die brennenden Feuer des Frhlings und lchle.

Zuweilen habe ich wunderliche Gedanken! Eine rote schaumige Abendwolke
steht ber den Bergen, wie ein leuchtendes Schneegebirge. Mchte ich nicht
auf der Spitze dieser Wolke stehen und den Hut schwingen? Ich sehe mir den
Mond an und es geht mir durch den Sinn, da ich auf dem Rande des Mondes
stehen mchte und die Erde gren.

Herrliche Tage und Nchte. Das Herz hpft mir in der Brust, ich lache vor
mich hin.

Niemand wei es, nein, keine Seele ahnt es, deshalb lchle ich auch vor
mich hin.

Ich sitze in meinem Zimmer, es wird Abend. Wollte doch die Nacht schneller
kommen! Knnte ich doch eine dunkle Decke ber die Erde breiten. Es ist
soviele Ungeduld in mir, niemand wei ja, worauf ich warte.

Schweigen ringsum, die Nacht kommt.

Ich znde eine Kerze an und setze mich vor die Flamme. Ich hre mein Herz
pochen. Ich warte.

Es schreitet wohl irgendwo ferne im dunkeln Wald? Es eilt --?

Ich warte. Ich habe Geduld, Geliebte, bereile dich nicht . . .

Da flstert es, etwas Helles tritt in den Rahmen der Tre.

Ingeborg!

Ich gehe hin, gleite in die Knie, auch sie kniet nieder und wir kssen uns,
beide kniend. Wir schmiegen Wange an Wange, pressen Brust an Brust.

Nimm Platz! sage ich leise.

Ja! antwortet Ingeborg ebenso leise. Mich trifft ihr leuchtender Blick.

Ich lege meinen Arm um sie. Du bist bei mir, es ist tief in der Nacht. Ich
danke dir, Ingeborg.

Wir sind ganz allein.

Ja!

Niemand wei, da wir beisammen sind.

Niemand!

Ingeborg, ich liebe dich sehr, du weit es.

Ja, ja!

Ingeborg nickt, sie zieht meine Hand an die Brust.

Ich habe nur dieses Kleid an, flstert sie und lchelt mir zu.

Du bist gut, Ingeborg!

Wir lcheln. Unsere Augen sind ohne Lider, die Wimpern zucken nicht mehr.

Ich stehe auf und blase die Kerze aus.

Nun ist es ganz dunkel. Die dunkelblaue Nacht blickt herein. Ein Stern
wandert vorbei, leuchtet uns bis auf den Grund unserer Augen.

Ingeborgs Zhne schimmern, ihre Haare sprhen golden auf.

Die Wohlgerche des Waldes und des Feldes hauchen durch das Fenster und
sinken ber uns. Aus dem Garten duftet ein Mandelbaum. Feine Gerusche
erwachen, bald nah, bald fern. Bald im Wipfel der Kastanie am Fenster, bald
in den Stllen, ein Klirren, ein Schlrfen, die Nacht klingt leise. Die
Ruhe horcht. Alle kleinen Gerusche halten an sich, keines will den Anfang
machen, die Ruhe zu stren.

Unsere Stimmen sinken zu einem Lispeln herab, nicht lauter als das Rieseln
eines Brunnens.

Meine Wangen sind hei! sagt Ingeborg. Sie ist stolz darauf.

Ja, erwidere ich, deine Wangen sind hei, Liebste.

Darf ich ber deine Brste streichen?

Sie gehren dir!

Es ist s, ber deine Brste zu streichen.

Es ist s, wenn du es tust.

Wir schwatzen lange Zeit. Die kleinen Gerusche erwachen. Wir rhren uns
nicht. Unsere Herzen pochen dumpf.

Wie schn! flstert Ingeborg. Noch nie war es so schn und so traut!

Traut! sagt sie. Das ist ein wunderschnes Wort.

Ein bleierner Ton fllt in der Ferne. Die Uhr im Dorfe drunten schlgt. Es
ist so still im Tale, da man die Uhr weit hinein in die Wlder hrt.

Ingeborg zuckt zusammen.

Wir haben Zeit, flstere ich.

Ingeborg nickt.

Eine Geschichte erwacht in meinem Kopfe, als ich sage: wir haben Zeit.

Wir haben Zeit -- wir haben Zeit. Hre, se Ingeborg, ich denke an zwei
junge Menschen, die auf dem Meere segeln. Es ist die Tochter eines Frsten
und ein junger Goldschmied. Er hat der Tochter des Frsten ein Geschmeide
berbracht, da sahen sie einander. Hre, sie liebten sich und entflohen
ber das Meer.

Unser Schiff ist wie eine Wiege, die zwei Kindlein schaukelt, flstert die
Geliebte. Der Gespiele erwidert:

Das Meer ist unser Brautbett, der Himmel der Dom mit abertausend Kerzen,
die zu unserer Hochzeit angezndet wurden.

Ja, sagt die Tochter des Frsten und schmiegt sich an den Geliebten, Gott
trgt uns auf seiner Hand ber das Meer!

Hre, se Ingeborg. Der Steuermann kommt und spricht:

Herrin, ich finde kein Ziel. Wir mten lngst am Ziele sein, viele Wochen
sind wir unterwegs.

Hahaha -- wir haben Zeit!

Der Steuermann kommt und spricht:

Herrin, ich finde kein Ziel. Meine Haare sind schneewei. Dreiig Jahre
segeln wir. --

Hahaha -- wir haben Zeit!

Hundert Jahre vergehen, tausend Jahre vergehen. Hahaha, wir haben Zeit! --

Ingeborg lchelt.

Du sprichst, da mir das Herz stehen bleibt, sagt sie.

Ich neige mich vor, da ihr Haar meine Wange liebkost, ich schliee die
Augen dabei.

Wir haben Zeit! flstert Ingeborg und lacht leise.

Ja!

Es ist schn, im Dunkeln zu sitzen und die Sterne wandeln drauen vorbei.

Ja, es ist unsagbar schn.




11


Was dachten sich wohl Knechte und Mgde, die im Hause hin- und hergingen?
Sie blickten mich an und dachten, da sich mein Verstand verwirrt habe. Sie
begriffen nicht, weshalb die Treppe mit Blumen bestreut war, als ob eine
Hochzeit wre, sie begriffen nicht, da im Zimmer des Herrn ein Teppich aus
Kornblumen gebreitet war, heute, morgen aus Mohn, und an einem andern Tage
aus Birkenlaub.

Dieses Haus war wei Gott ein verzaubertes Haus! Oft ffnete ich die Tren
aller Zimmer und ging durch alle Zimmer hindurch. Hin und her, mit einem
von Freude und Freiheit geschwellten Herzen.

Die Blumen der Tapeten schienen lebendig geworden zu sein und zu duften,
die Bildnisse der alten Herrschaften mit komischen Hten und Frisuren
lchelten. Liselotte, geborene Weikersbach, blinzelte mir zu. Ich stellte
mich vor sie und lchelte. Ja, sagte ich, konnte dir leider die Treue nicht
halten, Liselotte, so ist die Liebe!

Eine ganz sonderbare Luft webte durch dieses verzauberte Haus.

Diese Luft barg Ausrufe, Flstern, Blicke, das Schimmern von Zhnen, das
Knistern eines schnellen Schrittes. Viele Geheimnisse waren in dieser Luft
verborgen, leises Lachen, verliebte Worte, Lider, die sich bewegen, Arme,
die einen Nacken umschlingen, das Rot eines Mundes, das Blitzen eines
Ringes. Man dachte an nichts, pltzlich hrte man seinen Namen, die Luft
rief ihn, pltzlich sah man einen Mund, der ein Licht ausblst, man
erblickte sich selbst, wie man gerade in einem Spiegel seine glcklichen
Augen studiert. Die Luft spiegelte das.

Den ganzen Tag ging die Sonne in diesem Hause spazieren, sie stieg durch
die Fenster ein, durch die Schlssellcher der Tren. Dann kam die
Dmmerung und eine kurze Zeit war alles still und tot. Doch sobald der Mond
und die Sterne heraufkamen, wurde es wieder lebendig in diesem Hause.
Fnkchen sprangen ber die Tische und Sessel, es knisterte und etwas
kletterte an der Tapete herunter, etwas Silberiges spielte mit einer
Quaste, und die Quaste begann zu baumeln.

Im Dorfe drunten schlug die Uhr. Eins, zwei, drei -- zehn. Im Dorf drunten
schlug die Uhr. Eins, zwei -- elf.

Ein Hauch wehte durch das Haus. Es knisterte, eine Treppe knarrte, ein
Schreiten, ein Flackern und Schweben -- Ingeborg war da!

Es raunte in meinem Zimmer, es wisperte, flsterte und lachte. Ganz als ob
ein kleiner Springbrunnen snge und kichere. Gewi waren die Herrschaften
mit den sonderbaren Kleidern und Frisuren aus den Rahmen gestiegen und
gaben sich Stelldichein in meinem Zimmer.

In vielen, vielen Nchten kam Ingeborg zu mir. Mein Herz klopfte in den
langen Stunden des Wartens. Mit einem Jauchzen empfing sie mein Herz. Ja,
wie begrten wir uns doch? Als seien wir lange Jahre getrennt gewesen und
htte die Sehnsucht unsere Liebe geglht und gesthlt und vertausendfacht.

Ein Ineinandertauchen der Blicke, gestammelte Worte, ein Ku auf die
Fingerspitzen, das war unsere Begrung. Gar oft sagten wir gar nichts, wir
gaben uns die Hnde und lchelten uns an, lange Zeit.

Ingeborg kam aus dem Walde zu mir, in stiller Nacht, ich durfte ihr nicht
entgegengehen, ich durfte sie nicht begleiten.

Nein, nein, ich bin deine wilde Geliebte, wohne im Walde, komme und gehe --
verstehst du?

Sie sagte es nicht, wenn sie kam. Ich durfte es nicht wissen. Zuweilen
sagte sie: heute komme ich nicht, aber es war kaum Mitternacht, da war sie
bei mir.

Ich htte nicht schlafen knnen, Axel!

Dank, Dank, se Ingeborg! Ich sa hier und dachte an den letzten Blick
heute Abend. Er hat mein Herz glhend gemacht. Ingeborg, hte dich! Ich
werde dich in meinen Armen erdrcken.

Ja, ja! Sie lt den Kopf in den Nacken fallen und schliet die Augen.
Ihre Zhne lcheln.

Das werde ich alles Ernstes tun, hte dich, Ingeborg! Ich liebe dich, du
weit es. Du kannst mit mir tun, was du willst, Ingeborg. Das ist keine
Redensart, nein, es ist Ernst, du kannst mich blenden lassen, ich klage
nicht, nein, ich lchle. Du kannst mich in den Boden hineintreten, alles
was du willst, kannst du. Aber hte dich, meine Liebe ist gefhrlich! Mein
Herz ist rot, blutig rot und wild!

O, Axel, wie gut mu Gott sein, da er uns ein solches Glck schenkt!

Ich erwidere: Er liebt alle Liebenden, mut du wissen. Seht, sagt er zu
seinen Engeln, sie lieben einander! Und die Engel sagen: gelobt seist du,
du Vater der Liebe, du bist ein guter Gott, ja!

Die Nacht vergeht, die Nacht vergeht.

Heute verging die Nacht schneller als gestern, morgen wird sie schneller
vergehen als heute, bermorgen schneller als morgen.

Wir plaudern. Wir schweigen. Wir lauschen auf das Lied des Vogels, der im
stillen Parke von seinem Glcke singt. Die Nacht vergeht.

Horche doch, was der Vogel singt, Axel! Hrst du alles? Nun sang er deinen
Namen --

Ingeborg sieht mich an -- bleibe so, sagte sie, bleibe so -- schliee
die Augen -- lchle ein wenig, so! berirdisch siehst du aus! Bleibe so,
rhre dich nicht! Sie gleitet in die Knie und flstert:

Bleibe so, ich will dich ansehen -- Sie streicht mit dem Finger ber
meine Hand, ganz leise.

Ich liebe deine Hand, Axel -- ich liebe jedes Hrchen deiner Hand, jeden
Nagel, bleibe so, bleibe so -- ich will deine Hand liebkosen --.

Ich sitze mit geschlossenen Augen. Meine Hand wird leicht in die Hhe
gehoben, Ingeborgs Lippen berhren sie -- es durchschauert mich. Es ist ein
erstickter Schrei der Wonne in meiner Kehle --

Die Nacht vergeht, der Morgen dampft. Ein helles Kleid verschwindet im
Dampfe des Morgens. Ich nehme mein Gewehr und wandere in den Wald hinein.
Tief im Walde fallen zwei Schsse.

Was hat der Herr geschossen?

Nichts, nichts.

Ich treffe nichts, schlechte Augen, sodann zittere ich auch etwas, von der
kleinen Pfeife rhrt es her. -- -- --

Ich begegnete ganz zufllig Graf Flggen im Walde, als ich mein Gewehr
spazieren trug. Wie ein Zwerg kam er daher mit langen schlenkernden Armen.
Er ging immer, als suche er etwas auf dem Boden.

Hren Sie doch nur, was fr ein sonderbares Geschpf diese Ingeborg da
ist! sagte Graf Flggen und seine uglein blinkerten. Tag und Nacht luft
sie im Walde herum. Ja, hihi, auch in der Nacht.

Schon jeden Sommer trieb sie es, aber Heuer treibt sie es doch toll.
Schlft im Walde, das Mdchen, schlft im Walde.

Ich lachte.

Graf Flggen lachte ebenfalls. Er hustete, so lachte er.

Aber -- aber natrlich -- er schlug die Hnde an die Schenkel -- sie ist
im Walde geboren. --

Im Walde fand ich sie. Ganz wie in einem Mrchen sa sie da, blond, ein
Zpfchen wie ein Schwnzchen, sang, sang, da man es meilenweit hrte. Wie
heit du? Ich heie Ingeborg Giselher. Wer ist dein Vater? Er haut Bume um
fr die Schiffe und meine Mutter ist aus Dnemark. Sie sprach so klug und
munter, da mir das Herz aufging. Bist du vielleicht der Waldgott, sagte
sie. Ja. Nun, dann kenne ich dich. Ich habe dich vor drei Tagen gesehen,
mit einem Buschen auf dem Kopf und einem groen Prgel in der Hand. -- Hi
hi hi -- -- du singst, Ingeborg? Ja, ich werde eine Sngerin, die Mutter
hat es gesagt. Dann zeigte sie mir auch einen hohlen Baum, in dem gerade
zweitausend Zwerge zu Mittag aen. Seine Tochter ist krank, sagte sie.
Wessen Tochter? Nun, die vom Knig Waps. Sie liegt da. Wo? Nun in der
Spinnenwebe. Sie hat Husten . . . . Ja, was ist uns Ingeborg geworden,
meiner Gattin und mir? Hihi -- eine Freude fr unsere alten Tage, eine
Lust, ein Vergngen -- --. Er kicherte, nickte, Trnen liefen ber seine
Wangen.

Immerzu sprach der alte Mann von Ingeborg. Er war etwas schwatzhaft
geworden in den letzten Jahren. Aber ich hrte zu, meinetwegen.

Ja, ja, schlft im Walde, fast jede Nacht. Nun, sie soll ihre Freude gerne
haben, unsere Ingeborg.

Da stie mich der Teufel ins Genick und ich sagte:

Vielleicht hat sie einen Geliebten, den sie besucht? Wie?

Graf Flggen pfiff durch die Zhne und blinzelte.

Welch ein Einfall! Nein, nein, eine falsche Vermutung -- er ist ja sehr
begabt und hbsch, aber es fehlt ihm -- ja, er ist kein Mann -- er ist
leidend, sehr krank, glaube ich. Nun, denken Sie, schon mit zwlf Jahren
schleppten sie ihn von Stadt zu Stadt. Nein nein, welch ein Einfall von
Ihnen!

Graf Flggen lachte.

Auch ich lachte.

Besuchen Sie mich doch! Keine Zeit? Ich glaube auch unsere Ingeborg wird
sich freuen. Sie sagte neulich, weshalb sieht man Frst Axel so selten?

Ich wrde wohl bald wieder vorsprechen.

Viele Gre an Frulein Ingeborg.

Danke, danke. Das wird sie freuen, ja gewi. Sie hat mir einmal etwas von
Ihren Augen gesagt, kann es Ihnen nicht sagen, junger Freund -- hihi --

Frher stellte sie sich unter Ihnen so etwas wie einen Ritter Blaubart vor,
ganz sicherlich, wie in den Mrchen -- dann bekam sie Sie zu Gesicht,
vorigen Herbst. Papa, sagte sie, nun und dann sagte sie eben das von Ihren
Augen. -- Adieu, junger Freund. Weidmannsheil!




12


Rote Tage! Blaue Nchte! Schn ist das Leben! Die Tage sind ein Rausch, die
Nchte ein Mrchen. Die Tage sind Singen und Lachen, die Nchte sind Ksse,
die Trnen des Glckes aus zuckenden Wimpern trinken. Die Tage sind eine
groe rote Sonne, die Nchte ein blaues Lichtchen Mondenglanz in einem Auge
ohne Grund.

An einem Sonntage kam ein Mann zu mir, der aus Haaren, Harz und Honig war.
Ich stand am Fenster und sah ihn die Bergstrae heraufkommen. Ein dicker
Stock ging neben dem Manne her. Dieser Stock machte noch grere Schritte
als der Mann und war immer um einiges voraus. Der Mann stand still und
stie den Stock in den Boden.

Ist der Herr zu Hause? rief er ber die Wiese.

Ja, der Herr sei zu Hause.

Sofort begann der Mann wieder auszuschreiten, er steuerte auf die Tre zu,
und Mann und Stock verschwanden im Hause.

Es pochte laut, und ein brtiger haselnubrauner Kopf mit leuchtenden
wasserblauen Augen erschien in der Tre.

Guten Tag auch, sagte der Mann und trat ein, den Stock in der Hand.

Er sei ein Holzfller, komme aus dem Walde und heie Frchtegott Giselher.

Willkommen! sagte ich und streckte dem Besuche die Hand hin.

Keine bereilung, Herr! sagte der Mann, der aus dem Walde kam. Er zog
sich einen Stuhl nher zur Tre, lie sich gemchlich nieder, den Hut auf
dem Schoe und den dicken Stock ber den Knien. Er blickte durch mein
Zimmer, das ein Museum auserlesener Gegenstnde war, und lchelte
geringschtzig.

Er hatte einen Kopf wie ein Apostel, sein Gesicht verschwand nahezu in dem
Kranze ruiger, zackiger Haare, zu dem sich Haupt- und Barthaare
vereinigten. Die Brauen, die Federn hnlich waren, hingen halb ber seine
wasserblauen, treuherzigen Augen. Der Mann hatte groe Hnde, xte waren
sie gleichsam, sie waren voller Risse und Sprnge, die Ngel abgeschabt und
braun.

Ja, ich komme aus dem Walde, sagte der Brtige und blickte mich an. Ein
weiter Weg hieher, ein weiter Weg. Aber es ist schn durch Gottes Natur zu
wandeln, allezeit ist es schn, etwa nicht?

Es sei schn, durch Gottes Natur zu wandeln, da habe er recht.

Der Mann zog ein groes blaues Schnupftuch aus der Tasche und schnuzte
sich geruschvoll.

Das Getreide steht gut, die Kartoffeln sehen gut aus. Ein wenig Regen
noch. Nun, der Herr ber Mensch und Vieh wird es wohl einrichten.

Er wickelte das Schnupftuch zusammen, wiegte den Kopf hin und her und
lchelte.

Also er sei Ingeborgs Vater. Ingeborg kenne ich doch, wie?

Gewi, gewi!

Hm. Der Herr Graf ist ein biederer Mann mit einem Herzen, das Gott
gefllt. Er hat Ingeborg zu sich genommen und sie zu einer feinen Dame
erzogen -- das ist alles schn und recht. Sie hat einen klaren Kopf,
Ingeborg, das hat der Herr Graf in der ersten Stunde gemerkt. Wer ist dein
Vater? hat der Herr Graf sie gefragt. Er haut Bume um fr die Schiffe und
meine Mutter ist aus Dnemark, hat sie ihm geantwortet. Sie gefiel ihm, in
Sonderheit ihre Stimme hat ihm recht gefallen -- alles schn und recht, es
fressen viele Muler aus meiner Schssel. Ein Mensch mu auch etwas wissen
in unserer Zeit. Das haben wir nicht im Walde. Alles schn und recht. Ich
habe sie nicht gerne hergegeben, aber es war ja viel besser fr sie und
Eigennutz ist nichts nutz. Nun, nun, nun, ich konnte sie ja auch oft sehen,
ich fragte, was mit dem Waldschlag am Weiher sei, ich fragte, was mit der
Streu sei, -- ich hatte Holz zu fahren -- ja, es gab immer dann und wann
einen Grund ins Schlo zu kommen, ja, ja, ja, gut.

Alles schn und gut, sagte Frchtegott Giselher und wiegte den Kopf auf
den breiten Schultern hin und her.

Alles schn und gut, ja ja. Frchtegott Giselher rusperte sich und nahm
den dicken Stock in die Hand und schwenkte ihn ein wenig auf und ab.

Er blickte mich an und murmelte etwas in den Bart. Dann blies er durch die
Lippen, da der Schnurrbart flatterte.

Alles schn und gut, aber zuweilen denke ich, da es vielleicht besser fr
Ingeborg gewesen wre, wenn sie nicht ins Schlo gekommen wre. Lieber arm
bleiben, aber richtig im Herzen, als eine feine Dame werden -- nun nun, hm,
verstanden?

In den Wald, mein Herr, da kommt die Snde nicht. Hren Sie, Herr, im
Walde -- ha -- dada, was ist im Walde? Was ist im Walde nicht, sage ich.
Schweigen, dunkel, grn und ein Specht klopft. So! Ich sitze vor meiner
Htte und es wird Abend. Es gibt keinen Abend in Stdten und Schlssern,
nur im Walde. Da ist er. Du kannst ihn anfassen, er sitzt neben dir auf der
Bank! Es saust im Walde, es duftet im Walde, Harz tropft von den Bumen.
Herr, wie saust der Wald! Ich hre es. Fnfzig Jahre lebe ich im Walde und
nun hre ich, wie er saust. Es saust ringsumher. Der Wald spricht! Worte
gehen mir durch den Kopf, Worte wie sie in den Bchern stehen. Ich sitze
auf der Bank und klopfe mit der Pfeife den Takt. Ich klopfe den Takt mit
der Pfeife, ich will die Worte aussprechen -- -- fort sind sie. Hahaha! Ich
bin nur in der Dorfschule gewesen, nur in der Dorfschule -- Herr, wo ist
der Feiertag so schn wie im Walde? Ich habe ein frisches Hemd an und meine
besten Kleider, ich sitze vor der Htte und horche auf das Rauschen der
Bume. Ah! Hrt ihr es? Es suselt. Die Wipfel verneigen sich. -- -- Das
ist der Herr!! Der Herr geht durch den Wald, und ich hre es. Ich stehe
auf, nehme den Hut ab und sage -- -- Herr?! -- Ich hre ihn, hre seine
Worte, und ich strecke die Hand aus und spreche zu den Bumen -- zu den --
-- -- ich spreche zu ihnen --

Der Mann aus dem Walde sa steif und mit ausgestreckter Hand und
strahlenden Augen, gerade als ob er zu den Bumen sprche.

Es werde Licht! sage ich. Licht! Verstehst du, Sohn des Himmels, was das
ist? Licht! Es werde Licht! Ich hre Stimmen, ganz deutlich, ich lausche.
Ich hre sie ganz deutlich. -- -- Ich lausche -- -- fort sind sie. Das ist
der Wald.

Und Frchtegott Giselher sprach noch lange ber den Wald, er sagte, da am
Sonntag alte Mnner und Frauen zu ihm kmen und er ihnen die heilige
Schrift auslegte. Woher habe er aber diese Gabe, die heilige Schrift
auszulegen? Von Gott und vom Walde! Dann rckte er auf dem Stuhle zurecht
und sagte: Ich bin von Gott geschickt, um dir das zu sagen. Es ist noch
Zeit umzukehren. Bei den Bchern und nackten Frauen an den Wnden ist
Snde, im Walde ist Gott. Zwischen dir und mir ein Abgrund, mein Freund!

Seine Augen funkelten, er zog auf dem Boden einen Strich mit dem Stock.
Hier arm, hier reich, hier Gott, hier Teufel. Jawohl! Er schttelte den
Kopf, da seine Haare flatterten, und fuhr in erregtem Tone fort: Die
reichen Leute sind fr die Hlle. Reich und gottlos ist ein Ding. Meine
Tochter wurde reich, nun, ich lie sie nicht von mir und ihrer Mutter, auf
da sie auch gottlos werde! Sie hat arme Eltern, die im Walde wohnen, da
kann sie nicht gottlos werden, nein!

Hier nahm ich das Wort. Das sei sie doch wohl nicht geworden?

Nicht!? Frchtegott Giselher lachte grimmig.

Nicht, du Sohn der Snde? -- -- Ja, Gott hat seine Posten berall
ausgestellt. Ich habe einen Brief bekommen von einem Unbekannten --

Gewi, sagte ich, Ingeborg ist meine Braut.

Hahaha! Mein Freund, auch Maren war meine Braut! Braut, was sagst du,
hahaha. Freund, sage ich dir, jung und schn war Maren, aus dem fernen
Dnenlande, sprach so sonderbar, sang wie ein Vogel. Oft kam der Teufel zu
mir und wollte mich verlocken. Niemand sieht es, sagte er, sieh wie es die
anderen treiben! Aber -- ha, acht Jahre haben wir gewartet! -- Braut, das
ist etwas ganz anderes!

Vater Giselher lachte, rckte auf dem Stuhle hin und her und legte beide
Hnde an den dicken Stock.

Ja, deshalb sei er gekommen, Gott freue sich ber jedes wiedergefundene
Schflein. Er wolle wissen -- er wolle wissen --

Ich lchelte. Wir werden uns wohl verstndigen knnen, sagte ich.

Ich beruhigte ihn, so gut ich konnte. Ich wolle mit Ingeborg sprechen.

Alles was er wnsche solle geschehen.

Vater Giselher nickte mit dem Kopfe.

Ich sehe mit dir lt sich reden, mein Sohn, gut! Er stellte den Stock in
die Ecke.

Ein schner Tag! sagte er, tief aufatmend. Kostbare Dinge in diesem
Zimmer da!

Nun knne er mir wohl die Hand geben? Nun schon! Vater Giselher drckte
mir die Hand.

Wir verlebten einen schnen Nachmittag und Abend zusammen, Vater Giselher
und ich. Vater Giselher wollte nicht bleiben, aber ich verstand es ihm
zuzureden. So blieb er bis zum Abend und schlielich bis Mitternacht.

Ich liebte ihn. Wre er nicht Ingeborgs Vater gewesen, so htte ich allein
schon diese Eiche aus dem Walde lieb gewonnen, aber so war er noch dazu
Ingeborgs Vater. Und Ingeborgs Vater htte ich unter allen Umstnden
geliebt, er htte ein zwlffacher Raubmrder sein knnen, ja sogar ein
Taschendieb.

Wir plauderten, aen und tranken. Vater Giselher lehnte jeden Wein zuerst
mit einer schroffen Handbewegung ab, aber als ich ihm sagte, da sogar
Jesus Christus nichts gegen das Weintrinken gehabt habe -- habe er nicht
auf der Hochzeit zu Kana Wasser in feinsten Wein verwandelt? -- lie er
sich bewegen. Er trank den strksten Wein wie Wasser und ich hatte meine
Freude an ihm.

Er sprach, sprach von Ingeborg und wie sehr er sie liebe, mit feuchten
Augen sprach er. Er sprach von der Welt und wie schlecht sie geworden sei.
Er spie voller Verachtung auf den Boden.

Nun, du mut wissen, da ich ein Blatt lese, der Weinstock und die Reben
heit es, der Pfarrer von Heiligenbrunn schickt es mir immer zu, da steht
es drinnen, wie schlecht und gottlos die Welt geworden ist. Eieiei -- eiei!
-- Sollte man es fr mglich halten? Ein unglaublich verrckter Mann hat
behauptet, da Gott gestorben ist! Gott ist gestorben -- wie -- aber dieser
Narr lebt noch! Er hat es gesehen, da Gott gestorben ist, er hat ihm die
Augen zugedrckt, natrlich! hahaha! Und dabei steht doch schon in der
Bibel: ewig, ewig, ewig ist der Herr Zebaoth! Dada! --

Zum Beispiel sei wiederum so ein falscher eitler Schriftgelehrter und
Phariser aufgestanden und habe behauptet, jenes Wunder auf der Hochzeit
von Kana sei erfunden. Haha! Aber ein Mensch, der Tote auferwecken knne,
knne doch auch Wasser in Wein verwandeln? Jedes Kind begreife das!

Wie klug diese Phariser doch seien! Der Herr aber ist allmchtig, er kann
meinen Stock in ein Huhn, uns zwei in Gerstenkrner verwandeln, und das
Huhn frit die Gerstenkrner auf. Niemand wird glauben, da der Stock uns
gefressen hat, und doch ist es so. Ja, bei ihm ist kein Ding unmglich!

Vater Giselher sprach und sprach, a und trank. Immer wieder sprach er vom
Walde und da Worte durch seinen Kopf klngen, soda er sie fast greifen
und festhalten knne. Allmhlich nannte er eine Menge von Namen, die mir
natrlich fremd waren, er fragte dies und jenes, fragte mich auch, ob ich
glaube, da Peter von der Gaschmhle das Mehl gestohlen habe, oder nicht.

Nein, ich glaube es nicht.

Auch Vater Giselher glaubte es nicht. Nein, nie und nimmermehr, denn er
htte doch Peters Vater gekannt, den ein Baum erschlagen habe in jener
Sturmnacht vom 3. November 1867. Ob ich je wieder einen solchen Sturm
erlebt htte?

Haha! Was fr ein Wetter, eiei!

Vater Giselher ahmte das Brllen des Sturmes nach, das Krachen der Bume,
das Pfeifen der Zweige, das Schwanken der Tannen. Die Zweige der Bume
stellte er durch die ausgespreizten Finger dar, er lie sie auf und
abschwanken und stie einige Glser dabei um.

Was aber nun das Sonderbare ist, dieser Peter hat das Mehl doch gestohlen,
Tatsache! Er hat es selbst eingestanden, zwei Monate hat er bekommen!

Pltzlich hob Vater Giselher den Finger in die Hhe. Der Wald sauste.

Ein Lcheln verklrte sein brtiges braunes Gesicht und er bewegte die
Lippen und klopfte mit der Pfeife den Takt auf dem Tische.

Jaja, es leben viele Wunder im Walde, sagte er dann vor sich hin.
Niemand wei, weshalb die Eiche knorrig sein mu und die Tanne schlank,
weshalb das Rotkehlchen eine rote Kehle hat, niemand wei das. Warum sind
die Leute im Walde gottesfrchtig und gottlos die in den Stdten? Antwort?
haha!

Um Mitternacht brach Vater Giselher auf. Ich bot ihm den Wagen an, ich
wollte ihn selbst nach Hause fahren.

Nein nein!

Wenn mir Gott Fe gemacht hat, weshalb soll ich denn fahren? Das ist
wider den Sinn. -- Nun also, wie es ausgemacht ist: vor Gott und dem
Gesetze.

Ich werde mit Ingeborg sprechen.

Vater Giselher ging mit groen Schritten den Berg hinunter und schwang den
Stock, da Funken aus der Strae fuhren. Dann begann er mit lauter Stimme
einen Choral anzustimmen. Der Wald hallte. -- -- --

Am andern Tage traf ich mit Ingeborg im Walde zusammen und ich sprach mit
ihr. Mein Herz zitterte, wollte sie doch ja sagen!

Ingeborg senkte den Kopf und blickte auf den Weg.

Daran habe sie nicht gedacht, nein.

Sie zuckte zusammen. Ja, wer hat ihm denn den Brief geschrieben?

Unsere Blicke begegneten sich.

Ingeborg erblate. -- O, rief sie aus und schlug die Hnde vor das
Gesicht, welch ehrlose Menschen es doch gibt, pfui, pfui!

Sein Unglck hat ihm den Verstand verwirrt, sagte ich. Er wre gewi nie
einer solchen Schlechtigkeit fhig gewesen. Denke daran, wie tief du ihn
getroffen hast.

O, wie schlecht, wie schlecht!

Die Verzweiflung macht sinnlos, Ingeborg. Schlecht ist er erst geworden.

Ingeborg sah mich an und ihre Augen strahlten. Du, du, du bist gut, Axel!
Er ist dein Rivale und doch verteidigst du ihn. Du bist gerecht. -- Ja,
Axel denke nicht, da ich dich nicht liebe, weil ich nicht gleich ja sagte.
Ich wollte deine Geliebte sein, deine wilde Geliebte, die aus dem Walde
kommt. So schn war es. --

Du kannst es ja bleiben, trotzdem.

Du sollst mich immer als deine Geliebte betrachten, Axel. Als nichts
anderes!

Ja, Ingeborg.




13


Sommer! Unser Sommer. Wir wohnen hoch oben ber dem Tale, wie Vgel in
ihrem Horste. Wir fhlen uns stolz und frei, etwas vom Stolze und dem
kniglichen Gefhle der Adler ist in uns gekommen. Tief unten das kleine
Tal, Berge, Berge, Wlder, Wlder, soweit wir blicken knnen. Viele Stunden
weit reicht unser Blick, bis zu den fernen hellblauen Hhenzgen, die den
weiten Himmel tragen. All das was wir sehen ist fr uns zu einem Gesichte
geworden, in dem wir lesen, lcheln kann das Gesicht, schmunzeln, es kann
hilflos aussehen, es kann vor Zorn und verhaltener Wut beben, todtraurig
kann es sein, gleichgltig. Es kann ein Zittern der Rhrung ber dieses
Gesicht rieseln, wenn die feurigen Boten der Sonne am Morgen ber den
Himmel schweben, das Gesicht kann voller Sehnsucht der scheidenden Sonne
nachblicken, verzweifeln, wenn die Sonne gesunken ist, sterben.

Der Mond kommt und kitzelt es, es lchelt, es kichert.

Wie schwebte der Mond in diesem Sommer empor! So frei und stolz und
kniglich still. Erstaunt sah er zuweilen aus, zuweilen lchelnd wie ein
Verschwender, glnzend, als kme er aus dem Bade. Es ging ihm gut. Er
blendete wie ein Spiegel aus Silber, in den die Sonne fllt. Alle Sterne
waren am Platze, funkelten, er lchelte berlegen.

Die Lerche sang und trillerte in diesen weien Nchten.

Die Sonne schttete brennenden Wein auf die Erde, jeden Tag. Es regnete
Sonne, in hellen dampfenden Bchen flo sie die vielen Wege und Pfade ins
Tal hinab. Ein Dampf von Sonne lag ber den Wldern, ein roter Dampf, in
dem lauter kleine Sonnen zitterten. Man mute die Augen scharf machen und
das Licht mit der Hand abblenden, wollte man durch diesen Sonnennebel
hindurchsphen. Dann sah man tief unter den schlummernden Wldern etwas
Blitzendes, eine Schlange aus Quecksilber, das war der Flu. Etwas blitzte,
es zappelte, regte sich, das waren Leute, die auf den Feldern arbeiteten.

Es summte, brummte. Horch! sagte Ingeborg. Ja, ich hrte es, es war als
ob irgendwo in groer Entfernung eine Dreschmaschine surre. Das war der
Sommer.

Der Frhling klingt, der Sommer surrt, der Herbst klagt und murmelt, der
Winter schweigt.

Die Wlder schliefen, sie lchelten im heien Schlafe, heitere Trume
hatten sie, der Boden war hei, als wrde Brot auf ihm gebacken. Traten wir
pltzlich auf eine Lichtung, so stand das Licht vor uns wie eine Mauer, wir
prallten zurck. Die Luft zitterte und farbige Feuerchen tanzten ber den
Grsern.

Die Erdbeeren wurden rot, das Korn golden und die Menschen braun. Der
Schwei stand auf ihren Stirnen, in den schweiigen Augen kochte die Sonne.
Langsam stiegen die Bauern die Bergstrae herauf und sie blieben oft stehen
und fuhren sich mit dem rmel ber das Gesicht. Die Bergstrae war
schneewei, mit hohem Staube bedeckt, und es ging sich auf ihr wie auf
Samt. Die Spuren vieler nackter Sohlen hatten sich in ihr abgeprgt, ganz
deutlich wie in Mehl.

Das Haus funkelte golden hinter den Kastanien hervor, in seinen Fenstern
brannten helle Feuer. Die Wiese stand hoch und unaufhrlich wimmelte sie
von Faltern in allen Farben. Ging man durch sie hindurch, so flatterten sie
ringsum in die Hhe und es war als verfolgten sie einen. Prchtige
Trauermntel saen hufig auf der heien Treppe und sonnten sich.

Im Hause war es hei und die blendendweien Korridore mit den vielen Tren
waren die einzig khlen Orte des Hauses. In den Zimmern war es meistens
dunkel, da die Lden geschlossen werden muten. Steckte man einen Finger
durch den Fensterladen, so konnte man fhlen, wie die Sonne ihn rstete.

Am schnsten war es im Parke. Der Park war verwildert, alt, einem Urwalde
nicht unhnlich mit den dicken bemoosten Bumen, die von allerlei
Schlinggewchsen umsponnen waren. An vielen Stellen vermochte die Sonne
nicht durchzudringen, sie stach mit scharfen Nadeln durch das Laub, aber
sie hatte nicht die Macht, diese Dunkelheit zu zerstren. Hier war es khl
und feucht, moderig. Alle Wege des Parkes waren verwachsen und man mute
sich mit den Ellbogen Bahn schaffen. Es gab nur einen langen Hauptweg, der
zum Schlosse fhrte. Wie ein Bach flo die Sonne im Zickzack in seiner
Mitte. Hier befand sich ein Brunnen, ein rundes Becken, in dem eine dicke
kurze Sule Wassers sprudelte. Diesen singenden murmelnden Brunnen, ber
dem immer Khle schwebte, liebte Ingeborg ganz besonders. Sie konnte
stundenlang auf seinem Rande sitzen und die Hnde in das khle grne Wasser
tauchen und das goldene Netz betrachten, das auf dem Grunde des Beckens
zitterte. Es entstand durch die Brechung des Lichtes mit den kleinen
Wellen, die ohne Aufhren zum Rande des Beckens eilten, und schien nach
Ingeborgs Hnden zu haschen.

Da sa sie und trumte, dann wandte sie sich pltzlich nach mir um und
lchelte fein und voll unsglicher Liebe. Ihr Lcheln glnzte zuerst in den
Augen, dann glitt es ber die Lippen. Die Lippen ffneten sich und ihre
Zhne lchelten, ihre Wangen berzog ein besonders gtiges, beinahe
kindliches Lcheln.

Dann sprach Ingeborg mit vertrumter, weicher Stimme: Hre wie der Brunnen
rauscht!

Sie deutete mit der Hand die Allee hinunter. Etwas Weies schimmerte dort
im Sonnenlichte, die Treppe, die ins Haus fhrte. Und sie sprach: Dort
wohnen wir! Wie im Traume sagte sie es.

Und ich ging nher, legte die Hand auf ihre Schulter, so leicht es ging und
sagte: Ich liebe dich, Ingeborg. So leise es ging.

Ingeborg erwiderte nichts darauf, sie lchelte zu mir empor, nahm meine
Hand und legte sie an ihre Brust.

Fhlst du? fragte ihr Lcheln.

Und mein Lcheln antwortete ihr, da ich es wohl fhlte.

Hrst du, was mein Herz sagt? fragte ihr Lcheln.

Und mein Lcheln antwortete ihr, da ich wohl hrte, was ihr gtiges,
herrliches Herz sagte.

Ingeborg, Ingeborg, wie soll ich doch dein Herz nennen? -- --

Ingeborg wohnt in den weien Zimmern des Schlosses, die gegen Sonnenaufgang
gehen. Ich hre sie singen, hell und rein ist ihre Stimme und krftig, die
Wnde klingen, und der Wald hallt wie von geschwungenen Glocken, wenn sie
drinnen im Walde singt.

Ich sehe auf meine Tre. Da steht: Gehst du, Ingeborg? Und auen an der
Tre da steht: Willkommen Ingeborg!

Ich schlafe ein, fnf Minuten schlummere ich, ich erwache, ein groer Brief
mit fnf roten Siegeln ist angekommen, oder ein Paket mit Blumen und
einigen hbschen Kieselsteinen.

Briefe schwirren hin und her, obschon wir fast stndlich beisammen sind.
Aber immer gibt es noch etwas zu sagen, man hat es vergessen, man kann es
nicht aussprechen. Es kommt ein Buch mit einer angestrichenen Stelle, oder
auch nur ein weies Blatt Papier, ganz leer, nichts steht darauf, aber
nher zugesehen findet man eine kleine matte Stelle.

Ingeborg geht in den Wald, um Blumen zu pflcken, ich sage: eigentlich habe
ich nichts zu tun, Ingeborg, ich gehe mit.

Ich gehe um den kleinen See herum, der mitten im Parke liegt. Da kommt
Ingeborg daher.

Wohin gehst du, Axel?

Ich gehe um den See herum!

Ich habe ganz den gleichen Weg!

Ich lese aber dieses Buch.

Ich lese ganz das gleiche Buch!

Ich erwache des Morgens, ein Mund kt mich, Ingeborg steht vor mir
zerzaust und na vom Tau, Blumen in der Hand.

Wo warst du?

Ich schlief im Walde, o herrlich war es. Ich habe oben im Bach gebadet!

Viele Nchte schlft Ingeborg im Walde, oft bekomme ich sie Tag und Nacht
nicht zu sehen. Ich sitze und tue nichts, ich warte auf sie. Mein Herz
klingt und singt. Mein Sinn wird dunkel -- ich fhle, da sie nun kommt. Da
kommt sie aus dem Walde. Pazzo begleitet sie. Er ist von mir zu ihr
bergegangen.

Danderadei -- danderadei -- singt sie und schwingt den Strau in der Hand.
Es klingt wie Fanfaren.

Meine Hnde beben, meine Fe zittern, ich gehe ihr entgegen, mit feuchten
Augen gehe ich ihr entgegen und ich gehe langsam, weil meine Knie zittern.
Auerdem wrde ich ja springen, sausen. O, du Herrliche! denke ich, ich
flstere es.

Ich fand etwas im Walde! ruft Ingeborg. Sieben Zettelchen. Du hast sie
geschrieben, Axel! Erst fand ich eines. Ich lese: Ingeborg. Axels Hand,
denke ich. Ich suche und finde ihrer sieben. Vergilbt sind sie, aber doch
kann ich sie noch lesen. Wann schriebst du sie?

Ich schrieb sie einige Tage, nachdem du auf der Hhe mit mir gesprochen
hattest, Ingeborg! Ich schrieb viele, viele und streute sie in den Wind.

Axel, Axel!

Ich lasse die Pfeife in das Gras fallen, um unauffllig niederknien zu
knnen vor ihr.

Oft fassen wir uns an den Hnden und laufen ber die Wiese -- durch den
Wald und schreien und lachen. Huriho! Hurihohoho!

Gro und weit ist meine Seele geworden. Ein ganzer Weltenraum ist meine
Seele nun, voll wiegenden Lichtes. Meine Seele zieht ihre Kreise immer
weiter. Ich entdecke mich. Ich staune, staune ber mich selbst, bin
verwundert ber mich selbst. Ich sitze und sehe in mich hinein, blhendes
Chaos, wiegende Wunder, Licht und Purpur und sanfte Musik. Ich breite die
Arme aus und sehe in den Himmel hinein, nie sah ich tiefer in die
Unendlichkeit des Blaus.

Ich breite die Arme aus . . . Da du so schn bist, du groer Gott, wie
gtig mut du sein!

Ich hre mein Blut klingen, es ist rot, funkelt, hat Feuer angezndet, es
lacht durch meinen Kopf, es klingt gegen meine Hirnschale, Licht fhrt aus
meinen Augen.

Ich fhle wie mein Herz das Blut in die Adern schleudert, es rauscht, eine
sprudelnde Quelle von Blut bin ich.

Ich fhle das Leben um mich her. Das Leben in einem Halme, einem Blatte,
die Sfte pochen, der Halm erschauert, eine Blume schwankt, zuckt vor
Wollust zusammen, sie gibt sich hin.

Ingeborg hat den Finger an mein Herz gelegt, da begann es zu schlagen, und
nun schlgt es, schlgt es!

Es sind erstickte Schreie der Wonne in mir, mein Blut schreit und ich zucke
zusammen -- ja -- -- --

Es gab Stunden, da flocht Gott unsere Seelen zusammen zu einem Wesen. Ein
Lcheln entdeckte uns alles was in des andern Brust vorging, wir fhlten
es, die Worte brauchten wir nicht. Ich empfand Ingeborgs Stimme als meine
Stimme, und Ingeborgs Atemzug war mein Atemzug. Dann brach in meinem Kopfe
ein zweites Auge auf, ein schrferes, und dieses Auge blickte hinein in
eine zweite Welt, deren Ahnung mich erschtterte.

Wir saen im dunkeln Zimmer und sahen zu, wie sich eine Blume ffnete. Es
war eine weie Lilie. Sie schlte sich aus ihren Huten, sie sprengte
langsam die Knospe, die Bltter sanken herab, mde befriedigt, voller
Lcheln, voller Weinen und Hoffen.

Es dauerte Stunden, bis die Lilie sich entfaltet hatte. Wir erlebten sie.
Es war als steige Gott mit dem Dufte aus dem Kelche, als jubele es ringsum,
als habe diese kleine Blume eine Erschtterung, eine Vernderung der Welt
hervorgerufen. Die Welt hatte einen Schritt vorwrts gemacht und wir
fhlten ihn. Keine Blume konnte aufgehen, kein Vogel aus dem Ei schlpfen,
ohne da alles was lebte, es fhlte, es miterlebte.

Oft eilt ein leises Lachen durch mein Blut, in Stunden, da ich traurig bin,
ich wei wohl woher es kommt, dieses leise Lachen.

Zuweilen erzhlte Ingeborg.

Hoho! lachte sie, das war noch schn! Dann lachte sie noch eine Weile
fr sich und dann begann sie. Sie erzhlte immer vom Walde. . . . . . da
stand eine alte, alte Tanne, an der das Moos nur so herunterhing wie graue
Brte. Ich sah sie oft lange an. Einmal nun, da klopfte ich an die Tanne --
warum? -- das wei ich nicht mehr. Was meinst du? die alte Tanne sprach!
Gott, Axel, ich habe, habe es gehrt. Sie sprach mit einer tiefen, tiefen
Stimme, wie ein Fa: Willst du Zapfen haben? Dann schttelte sie sich und
es kamen viele, viele Zapfen herunter. Tausend solcher Geschichten
erzhlte sie.

. . . Da schickten sie mich in die Stadt, weil ich etwas lernen sollte.
Ich trumte immer vom Walde. Einmal da trumte ich von einer groen
Lichtung, die von Erdbeeren ganz berst war. Ja, nie habe ich soviele
Erdbeeren gesehen. Ich bckte mich, sie fielen herunter, alle, alle, alle,
es sah rot im Grase aus, es klebte . . . In der Stadt hielt ich es ein Jahr
aus. Dann kam ich zurck. Hre Axel, wie erschrak ich! Der Wald kannte mich
nicht mehr. Er zrnte mir, o, wie sah er mich an! Ich weinte. Dann kam ich
auf eine famose Idee. Sie schmckten mich in dieser Zeit so. Ich nahm die
Kette aus den Haaren, zog mein ltestes Kleid an, zog die Schuhe und
Strmpfe aus, brachte mein Haar in Unordnung, und nun lief ich in den Wald
hinein und schrie wie toll. Solltest du gesehen haben, Axel, Axel, hoho!
Ja, er kannte mich wieder . . .

Einmal wieder, da kam ein Mann durch den Wald, ich habe vergessen, wie er
aussah, er lchelte und hatte helle Augen. Ich ging mit ihm ein gutes Stck
Weges. Er kte mich auf die Stirne. Ich dachte, ich sei mit Jesus Christus
gegangen, und spter als ich erfuhr, da Jesus Christus vor langer Zeit
gelebt hatte, trauerte ich. Aber einige Jahre darauf glaubte ich doch
wieder, da mir Jesus Christus begegnet sei und es wurde so licht in meiner
Seele --

Und jetzt?

Frage nicht, Guter! Sie brach in Weinen aus und bettete den Kopf an meine
Brust.

Nach einer Weile, da sie sich ausgeweint hatte, flsterte sie: Du bist der
Mann im Walde gewesen, du! Ich erkannte dich wieder, als ich dich zuerst
sah. Gehe hin, rede, hilf ihnen, den armen Menschen!




14


Ich erzhle von meinem Glcke, es ist schn, fr mich ist es schn. Nun,
seid gtig, lat mich fortfahren. Ich knnte ja immerzu -- tausend Nchte
. . .

Wtet ihr, wie schn es ist an diese Dinge zu denken! Es lacht in mir, es
jubelt in mir, zuweilen laufe ich im Kreise herum, ich weine vor Freude.
Oft ist die Freude der Erinnerung grer als der Schmerz, da all das
vergangen ist, und das ist es, weshalb ich erzhle. --

Dies sind die Tage der hohen Feste. Ihr Glanz ist noch um mich und verklrt
mir einsame Stunden.

Alles wird Religion, Religion wird alles.

Die Worte ndern den Sinn, die alltglichsten Worte sind zu Rtseln
geworden.

Wir speisen zu Mittag und sprechen alltgliche Worte.

Das Brot, Lieber!

Ja, das Brot, danke. Liebste.

Was fr Worte sind das? Es sind alltgliche Worte, ja, aber es sind
verkappte, rtselhafte Worte. Sie heien: ich liebe dich, Lieber. Sie
heien: ich liebe dich, Liebste.

Aber wiederum, was sind das fr Worte? Es sind verkappte, rtselhafte
Worte. Sie heien: Welt, Leben, Tod. Sie heien: Gott, Ewigkeit, Erlsung.
Aber wiederum, was sind das fr Worte? Verkappte, tiefe, tiefe Worte. Sie
heien, wer nennt sie?

Du nimmst Wein, Liebste?

Ja, danke.

Roten, weien?

Ja, roten, weien?

Du nimmst Gift? Ja, ich nehme Gift. Du nimmst ein Glas Tod? Ja, ich nehme
ein Glas Tod.

Alle Worte ndern den Sinn.

Wir gehen durch den Wald. Ein Wunder ist der Wald, ein Wunder rauscht durch
den Wald. Wir gehen durch die Felder, die Wiesen, ein Wunder sind die
hren, ein Wunder die kleinste Blume. Alles wird zum Wunder.

Wir wollen sehen wie die Sonne untergeht, Axel.

Die Sonne sinkt hinter die Berge.

O, o! Ingeborg pret die Hnde auf die Brust, ihre Augen schimmern.

Es durchschauert mich.

Axel, der Mond kommt herauf!

O, o! Sieh ein kleiner Stern begleitet ihn! Ein groer goldner Stern
funkelt dort ber den Tannen! Sie hat Trnen der Verzckung in den Augen.

Ein Wunder Stern und Mensch -- -- -- --

Ob die Tage schner sind als die Nchte, ob die Nchte schner sind als die
Tage, wer vermchte das zu sagen?

Niemand!

Einigemal in der Woche kommt Graf Flggen angefahren. Er breitet die Arme
aus, sieht er Ingeborg, er winkt mit dem Taschentuch, rollt der Wagen in
den Wald zurck.

Du hast mir alles genommen, Axel! sagt er zu mir, er zrnt mir im
Geheimen. Er geht gebckter, er wird nun pltzlich wirklich alt.

Der Sinn schwindelt mir, denke ich an mein Glck.

Wiederum schrieb ich an Freund Bluthaupt. Komme, komme, schrieb ich. Ich
bin glcklich, alles jauchzt in mir. Komme, ich bin verndert, verzaubert
und verhext, komme, du wirst deine grte berraschung erleben -- -- --

Eines Nachmittags kam Harry Usedom mit einem zerbrochenen Wagen vor mein
Haus.

Ich sa auf der Treppe, lie mich von der Sonne braten, ich wartete auch
auf Ingeborg, die im Walde war.

Ich habe ein kleines Unglck gehabt! sagte Harry Usedom.

Die Deichsel des Wagens war zerbrochen. Der Wagen umgestrzt.

Haben Sie sich verletzt? fragte ich ihn. Er war ber und ber mit Staub
bedeckt.

Nein, sagte er und lchelte. Ich fiel nur auf die Strae. Es ging gut
ab.

Ich bat ihn einzutreten, bis die Knechte den Schaden ausgebessert htten.

Wir saen in meinem Zimmer und plauderten.

Sie haben herrliche Gegenstnde hier, sagte er und betrachtete alles mit
kindlicher Freude. Er sah immer noch bleich aus, aber er ging aufrecht und
sprach frei und heiter. Sein Blick fiel auf die Tre, wo die Worte standen:
Du gehst Ingeborg? er zuckte zusammen, starrte die Worte an, wurde rot.
Dann sammelte er sich wieder und sprach ber die Gegenstnde, die in meinem
Zimmer standen.

Er sprach ber jeden einzeln, lie sich seine Geschichte erzhlen,
lchelte, hrte aufmerksam zu, aber seine Gedanken wanderten. Der Wagen war
ausgebessert.

Harry Usedom ging nicht.

Er sprach weiter ber Vasen und Schalen, dazwischen ging er an den Flgel
und schlug einige Akkorde an. Er sprach, lachte leise und dazwischen
horchte er. Ob ich eine Geige habe? Ich brachte sie ihm und er griff hastig
danach und spielte. Er ging langsam hin und her, whrend er spielte. Er ri
in den Saiten, er sang. Seine Augen leuchteten, sie wurden trb, sein
Gesicht spielte mit. Ich verstand wohl was er spielte.

Mitten in seinem Spiele trat Ingeborg ins Zimmer.

Ihr Gesicht glhte, ihre Augen schimmerten licht und blau. Pazzo kam mit
ihr herein. Er bellte und knurrte und wollte auf Usedom losfahren.

Usedom hrte augenblicklich auf zu spielen. Er legte die Geige auf einen
Stuhl. Dann nahm er sie vom Stuhle und legte sie auf den Flgel. Seine Hand
zitterte, so da die Geige klapperte, whrend er sie auf den Flgel legte.

Du hier? sagte Ingeborg und streckte ihm die Hand hin.

Wie geht es?

Danke! sagte er und es zuckte um seinen Mund. Ich habe einen kleinen
Unfall gehabt mit dem Wagen. Die Deichsel ist gebrochen. Ich verhielt mich
etwas hier, wir plauderten -- ich bin noch bestaubt -- verzeihe -- dann
spielte ich ein wenig Geige -- es war so traulich hier, ich bin immer
allein -- Er stockte, verneigte sich leicht. Er blickte Pazzo an, mit
gtigen Augen blickte er ihn an. Er streichelte ihn.

Bleibe doch, Harry. Spiele weiter.

Danke, sagte er, du bist so gtig, so gtig Ingeborg. Ich danke dir von
ganzem Herzen -- ich will spielen, wenn du es wnschest -- sehr gerne --
Er griff nach der Geige, nahm sie aber nicht.

Nein, fuhr er fort und schttelte den Kopf, ich kann nicht spielen, ich
kann jetzt nicht spielen -- ich erlebe so viel, was ist das fr ein
Augenblick! Du bist gut -- alles strzt ber mich. Er schlo die Augen,
seine Wimpern wurden feucht.

Harry! sagte Ingeborg gtig zu ihm und berhrte seinen Arm.

Da nahm er ihre Hand von seinem Arme, und er strzte in die Knie.

-- -- -- nur einen Augenblick -- einen Augenblick. Ingeborg --

Ingeborgs Augen fllten sich mit Trnen, sie lchelte.

-- -- -- nur einen Augenblick -- einen Augenblick, Ingeborg --

Schluchzen erstickte seine Stimme.

Er stand auf und lchelte, das Gesicht na von Weinen.

Verzeihung! sagte er, er lchelte wie ein glcklicher Knabe und ging. --
-- --

Es war Nacht.

Horch! sagte Ingeborg.

Unsere Blicke begegneten sich. Im Walde sang eine Geige. Die Geige jubelte
und klang. Es war ganz still und die Geige klang so deutlich zu uns herein,
als snge sie dicht unter dem Fenster. Nie in meinem Leben hrte ich solch
ein wunderbares Lied. Das weinende Glck war es.

Ingeborg sa regungslos und blickte mit groen Augen vor sich hin. Dann
begann sie zu weinen, sie weinte unaufhrlich in ihre Hnde, und das Weinen
erschtterte ihren ganzen Krper. Ihre Schultern zuckten.

Das Lied der Geige entfernte sich, es erstarb in der groen Stille.

Verzeihe, da ich weinte, sagte Ingeborg.

Verzeihe, da ich weinte, sagte sie!

In drei Nchten erklang die Geige im stillen Walde.

Dann hrten wir sie nicht mehr. Einige Tage darauf kam aus dem fernen Sden
eine Karte, sie war an uns beide adressiert. Dank! stand darauf. Sonst
nichts.




15


Eines Tags traf Karl Bluthaupt, der Dichter, ein. Das heit, er kam mitten
in der Nacht, hatte alle Zge versumt, mit vielem Hallo und Lrm weckte er
uns aus dem Schlafe.

Nun lebte er oben in den Giebelzimmern des Schlosses und arbeitete Tag und
Nacht. Zuweilen kam er zu uns herunter, er lachte, strahlte, berauscht von
seinem Werke, dann und wann sah ich ihn im Hofe stehen und mit einer
zierlichen hbschen Magd eine Unterhaltung fhren. Dieses Gesprch war
weithin hrbar und der Wald gab Echo, lachte er. Wiederum konnte er uns
begegnen, eine Falte in der Stirne, zerstreut, er grbelte ber seinem
Werke.

Er war gro, um einiges grer noch als ich, breitschulterig, knochig, er
nahm groe Schritte beim Gehen. Seine Haare waren dunkelrot, wie Kupfer,
wirr, er hatte eine Habichtsnase, dunkelblaue Augen und einen immer
offenen, immer lchelnden Mund. Er sah aus wie ein Snger vergangener
Zeiten, der am Tage hinter dem Pfluge einherschreitet und des Abends in der
Halle vor den Frauen singt. Sein Wesen war schwer zu erkennen, viele
Widersprche waren in seinem Wesen, er war sehr stolz und doch schchtern,
seine Forderungen waren hart, grausam und doch war er weichherzig, er
konnte wie ein Kind sein, tanzen, lachen, es gab Stunden, da war er dster,
ernst, es zuckte in seinen Augen, seine Zge fielen ein, er redete
sonderbare tiefe Worte, der Geist kam ber ihn, er sprach mit sich selbst,
mit einem Unsichtbaren. Dann ging er in sein Zimmer und arbeitete. Er
konnte von der Arbeit kommen, mde, glcklich bis zur Ergriffenheit, dann
sprach er mit feuchter weicher Stimme.

Er war geistig und krperlich mutig bis zur Verwegenheit, immer gut, immer
edel, er verlangte nichts von den Menschen, nie, nein. Und gab ihnen
immerzu, alles!

Ich liebte ihn. Stundenlang knnte ich von ihm sprechen, wenn einer es
anhren mchte.

Ja, er kam mitten in der Nacht, durchnt bis auf die Haut, es regnete
diese ganze Nacht.

Hallo! rief es.

Ich schnellte in die Hhe, das Blut scho mir in den Kopf, das war er, dort
stand er. Drei Jahre hindurch hatte ich auf ihn gewartet. Ich erkannte
seine Gestalt wieder, ich hatte sie ja nicht vergessen gehabt, aber ich
erkannte sie wieder. Ich erkannte seine Hand wieder, den Druck seiner Hand
erkannte ich wieder. Sie war schmal und knochig, wie ein Skelett fast,
Freund Bluthaupts Hand.

Dir geht es ja gut, verdammt gut!

Ich erkannte seine Stimme wieder. Wie ich sie liebte, diese krftige, etwas
buerische Stimme!

Natrlich ging es auch ihm gut. Immer ging es ihm gut, er konnte am
Verhungern sein, er konnte mitten in der Verzweiflung leben; es geht mir
gut.

Ich ging rasch zu Ingeborg. Karl ist da, sagte ich zu ihr, lachte und
ging sofort wieder hinaus.

Ich ging rasch den Korridor zurck, der Regen trommelte gegen die Scheiben,
es war ein wohliges Gefhl, ich fhlte alle Tropfen auf meinem Leibe.

Dann kam Ingeborg. In ganz unglaublich kurzer Zeit hatte sie sich
angekleidet. Sie trug ihr schnstes Kleid, es war ganz wei und schmiegte
sich um ihren Krper, sie hatte die Schuhe aus Wieselpelz an, die ich fr
sie ersonnen hatte, eine Rose trug sie an der Brust und eine in der Hand.
Die gab sie Bluthaupt. Ihre Augen waren feucht, sie sprach nichts.

Haha, ja, er war berrascht, ich mu es sagen. Er wurde rot und dann bla,
da sah er sehr schn aus.

Ingeborg bot ihm die Rose, wie ein Kind einem Landesherrn eine Rose
berreicht, sie neigte den Kopf dabei zurck, ganz gebogen stand sie da.

Er nahm die Rose, gab ihr die Hand, stotterte etwas.

Er habe keine Ahnung gehabt -- nicht die leiseste Ahnung -- er bitte um
Entschuldigung, aber alle Zge seien frher abgefahren, als man annehmen
konnte.

Ich amsierte mich sehr in dieser Nacht, ich war so glcklich, da ich mich
herzlich amsieren konnte. Ingeborg blickte Bluthaupt an, seinen Mund,
seine Stirne, seine Hnde, sie lauschte, wenn er die Lippen ffnete. Er
sprach solch einfache Worte.

Sie hatte noch keinen Dichter gesehen und gehrt. Sie dachte, die Dichter
trgen Rosen in den Haaren und sprchen in Versen. Ich stelle mir die
Dichter vor wie etwas Wehendes, etwas Goldenes, so sagte sie einmal.

Wir hatten Bluthaupts Bcher gelesen, zusammen, Kopf an Kopf. Ingeborg
sagte: er kennt mich und deutete auf ihr Herz. Wie er die Menschen doch
kennt! -- Bald wird er kommen, Ingeborg. -- Ja, was sage ich zu ihm?

Und nun sa er vor ihr, sie konnte ihn nicht verstehen, sie konnte durch
keines seiner Worte, keine seiner Mienen eindringen in ihn, sie grbelte,
sie war enttuscht.

O, sagte sie mir am andern Tage, mit besonders rundem Mulchen sagte sie
dieses O. O! Sie schttelte den Kopf. Nein, was kmmern mich diese armen
Droschkenpferde, von denen er so viel sprach? Ich bin nun froh keine
Droschkenpferde mehr zu sehen! Dann fhrt er mit dem Finger in die Luft
hinein und lacht. Diese elenden Droschkenpferde! Haha, das ist der Dichter
Karl Bluthaupt!

Und sieh, Axel, darauf wute er mir nicht zu antworten, als ich ihn
fragte, wie die Frauen seien. Ich wollte nun gerade seine Ansicht wissen.
-- Er wich aus. Das kann niemand wissen. Man kennt sie nicht, man kennt nur
Beispiele. Ich traf ein armes Mdchen, sie ging mit mir. Am Morgen verlie
sie mich und eine Stunde spter war sie wieder da, sie hatte mir eine
Kravatte angefertigt. So sind sie. Und wieder, eine Frau kann heute zu
einem Mann sagen, du bist ein Heiliger, du kannst Wunder tun, am andern
Tage, du bist ein kleiner erbrmlicher Mensch. Sie sind rhrend, wenn sie
lieben, interessant, wenn sie hassen. Man kann wirklich nichts bestimmtes
ber sie sagen.

Einige Tage spter kam sie zu mir, nahm mich am Arm und sagte: Du Axel,
nun habe ich es gesehen!

Was hast du gesehen?

Da er ein Dichter ist. In seinen Augen sah ich ein Licht, einen Glanz.
Woran er wohl dachte? Seitdem sehe ich das Licht immer wieder. Ich glaube
es ist das Bewutsein der Unsterblichkeit, dieses Licht?

Einige Tage spter, da sagte sie: Komme, Axel, komme. Es ist etwas ganz
Merkwrdiges geschehen. -- Hre, es ist sonderbar. Der Knecht, den sie den
Mnch nennen, ging an uns vorber. Bluthaupt betrachtete ihn so sonderbar.
Ich lachte. Er trgt Sommer und Winter diesen dicken Mantel und diesen
groen Hut, sagte ich. Das ist es nicht, antwortete er, dieser Mensch ist
ein Verbrecher. Der Mnch! hrst du, Axel? Ja, er hat ein Verbrechen
begangen, einen Mord, aber es ist schon lange Jahre her. Woher er das
wisse? Er hat das Gesicht des Opfers in dem seinen, er hat zwei Gesichter,
ich sehe es, er dachte immer daran. Woher wei er nur, da der Mnch ein
Verbrechen beging?

Ich lchelte. Glaubst du es denn?

Ingeborg sah mich verblfft an. Ja? sagte sie, kindlich verlegen. Und sie
fuhr fort: Hren Sie, fragte ich dann, wenn Sie nun durch die Strae
gehen und sehen viele Gesichter? Darauf sagte er, dann sehe ich viele
Schuld, gewi. Woher er das habe? Ich habe frher viel mein Gesicht
studiert, sagte er, jedes Laster und jede Schuld prgte sich darinnen ab.
Er wurde finster, whrend er dies sagte. Er ist unheimlich! Ich wollte noch
mehr wissen. Wenn sie nun im Gesichte Ihres Bruders einen Mord lsen?
fragte ich. So wrde ich es ihm sagen und mich in acht nehmen. Wovor? Da
ich nicht auch einen Mord begehe. Ich fragte weiter. Wenn er aber Ihre
Geliebte ermordet htte? Was wrden Sie tun?

Ich wrde ihn erschlagen, antwortete er, dabei lchelte er, aber ich
erschrak ber sein Lcheln, er log nicht.

Du forschest ihn aus?

Ja, ich forsche, Axel!

Dann sah sie ihn mit der zierlichen kleinen Magd plaudern. Sie sah ihn
mitten unter den Knechten stehen, er duzte sie alle. Sie schttelte den
Kopf.

Er hat hundert Gesichter, sagte sie, ich gebe es auf ihn zu erforschen.

Seitdem nannte sie ihn den Mann mit den hundert Gesichtern.

Und sie erzhlte es mir immer, wenn sie ein neues Gesicht an ihm entdeckte.

Sehr spt erst entdeckte sie sein wirkliches Gesicht, so wie ich es sehe,
wenn ich die Augen schliee und an ihn denke. --

Ich erinnere mich eines Abends, da er so wunderbar ber die Menschen
sprach, ber Sehnsucht und Glcksverlangen, ber Hoffnung, ber Glck, ber
Verirrung, ber ihre Trauer, ihren Schmerz, ihre Einsamkeit, ihre
Verzweiflung. Wie ein Knstler in die Saiten greift und Akkorde und
Melodien flicht, so flocht er Akkord an Akkord und wir hrten ein Lied ber
des Menschen Herz, das so wunderbar ist, so wunderbar schn, so wunderbar
mild, so wunderbar wild, so wunderbar, so wunderbar . . . . . . .

Ich glaube, da Ingeborg an diesem Abend sein wirkliches Gesicht entdeckte,
ich glaube es, denn sie sprach die ganze Nacht nichts darber, sie blickte
mich nur an und ihre Wangen lchelten. Sie zog meine Hand an die Lippen,
sie kte sie nicht, sie drckte sie nur an den Mund. Sie sann.

Ja, gewi war es an diesem Abend. -- -- --




16


Es ist schn an diesen Sommer zu denken, ihn immer wieder zu durchwandern,
durch seine Sonne zu gehen, seine Sonne, nicht die eines anderen Sommers.
Ich habe ja seine Sonne im Gedchtnis, sie brennt noch auf meinen Hnden
und glht noch um mein Gesicht.

Es ist schn diesen khlen weien Korridor zu durchwandern, die Tren zu
ffnen, zuzuschlagen, zu Freund Bluthaupt hinaufzusteigen und eine
Zigarette bei ihm zu rauchen, ja, es ist eine Lust, in diesen Wald dieses
Sommers zu gehen, Ingeborg an der Seite, eingehllt in Ingeborgs Liebe, die
so warm ist, so warm.

All das ist schn. Es ist schn, in den verwilderten Park hineinzulaufen,
zu rufen, zu singen.

Nun gehrt dieser Park Anton Kreidmeier, einem Knechte.

Ich habe nichts vergessen, nein. Manches ist verschmolzen wie ein
Schmuckstck, das man ins Feuer warf, aber vieles steht ganz klar vor mir,
scharf, einzeln, fr alle Zeiten ist es in meinem Kopfe. Ich bin reich,
zuweilen schmerzt mich mein Reichtum, aber nur zuweilen.

Ich habe einen schmalen Ri in der Hand, er rhrt von Ingeborgs Busennadel
her, all die Jahre ist er nicht vergangen. Oft sehe ich diesen Ri an, ganz
zrtlich betrachte ich ihn, ja, ich habe ihn schon gestreichelt. Ach, ich
wei, ich habe einem Manne auf einem Schiffe eine Geschichte ber diesen
Ri erzhlt -- er sah schlecht -- er vermochte ihn kaum zu entdecken --
einem mir gnzlich unbekannten Manne, eine rhrende Geschichte von einem
Hunde, der diesen Ri verursachte, nur um ber diesen Ri sprechen zu
knnen, da ich gerade an ihn denken mute. So bin ich, mu ich an etwas
denken, so komme ich nicht los davon, bis ich es hundertmal gedacht habe,
ich mu fortgehen, hinauslaufen, immer wieder von vorne anfangen und an das
bestimmte denken. Das ist mir geblieben, es ist recht gut zu vergleichen
mit dem vernarbten Ri in der Hand.

Ich betrachte diesen Ri, ich fhle ein Paar Lippen darauf, die das Blut
aufsaugen, ich sehe sie, diese gespitzten Lippen, diese bittenden
lchelnden Augen, die mich von der Seite her anblicken, um Verzeihung
bitten fr etwas, was nicht der Rede wert ist, ich fhle ein paar Haare,
die mein Handgelenk streifen. Ich spre den Geruch dieser Haare. Worte hre
ich. Ich hre das Wort mein. Diese Stimme die es sagt, ist weich und
zrtlich, sie spricht noch ein kurzes I nach dem Ei, mei--in spricht sie.
Ich knnte diesen kleinen Ri kssen und ihm danken, wre er nicht auf
meiner Hand. Ich tue es nicht. Wer htte je gedacht, da dieser
unscheinbare Ri, das unscheinbarste Ereignis in einer Stunde, in der sonst
noch viel geschah, mir so viel werden knnte, aus einer Zeit, da es viele
Stunden gab, viele, viele Stunden, da ich die Stunden nicht zhlte? Er ist
mir nun alles, ja, ich mu sagen, jetzt in dieser Minute ist er mir alles,
mein ganzes Besitztum, mein Liebling, mein Glck! Ich sehe ihn ja wiederum
wochenlang nicht. Denke nicht an ihn, habe viele viele andere Dinge, die
mich reich machen, in Entzcken versetzen, aber jetzt, ja jetzt ist er mir
alles! --

Die Nachtigall hat uns verlassen, die Lerche brtet zum zweitenmal, die
Kirschen sind rot. Viele Bume sind schon geleert. Grne pfel und Birnen,
mit Flaum bedeckt, sieht man an den Bumen. Die Erde fiebert. Sie ist
Mutter, milliardenfach Mutter, hat viel zu tun und wird nicht mde, mit
heien Wangen schafft sie.

Die Sonne funkelt, der Himmel ist blau wie Stahl, stille weie Wolken sind
ber ihn verstreut wie weie Segel ber ein Meer.

Was dachte ich? wie war ich?

Ich sehe mich herumgehen. Ich trug einen weien Anzug, meine Hnde und mein
Gesicht waren braun von der Sonne. Ich ging mit weiter vorgereckter Brust.
Ich ging leicht dahin, der Boden wippte unter meinen Fen, ich war nie
mde, ich hatte immer das Gefhl zu schweben. Leicht geriet ich ins Tanzen.
Ich ging in meinem Zimmer auf und ab, da passierte es mir oft. Rotes
Viereck, blaues Viereck, meine Fe kaprizierten sich auf das rote Viereck.
Rotes Viereck rechts, rotes Viereck links, -- da tanzte ich schon. Oft
schlich ich, ich ging leise, ganz leise. Weshalb aber ging ich doch nur
leise?

Ich ging tief hinein in den Wald, wo er dunkel wurde und seltsame glnzende
Pilze wuchsen und schillernde Fliegen, dort fing ich an zu singen, ich sang
so laut ich konnte, unsinniges Zeug sang ich. Oder ich sang Ingeborgs
Namen, ich sang so laut ich konnte und lauschte auf den Widerhall. Ich ging
durch den Wald, alle Bltter htte ich kssen mgen, jedes einzeln, vorn
und auf der Rckseite. Viele kte ich auch. Denn es konnte sein, da eine
pltzliche Welle von Glck ber mich strzte, dann mute ich wohl oder bel
die Bltter kssen.

Ich ging um den See herum, der im Parke lag, ich erinnerte mich pltzlich
eines Wortes, eines sen Wortes, das zwei Lippen mir aufs Ohr kten.

Die Welle des Glckes strzte ber mich, ich zog die Ringe vom Finger und
warf sie in den See, ich zog die Nadel aus meiner Binde und warf sie in den
See.

Niemand sah es.

Immerzu sang es in mir.

Wir wollen uns schmcken, mein Mdchen, denn unser Glck ist gekommen! La
uns Krnze von Rosen auf dem Haupte tragen, da es Sommer ist, gib mir deine
Hnde, du Liebe, sieh, wir wollen die Arme schwingen und tanzen, da die
Wiesen grn sind!

So sang es in mir.

Einmal da stand ich am Fenster und die Sonne ging unter. So schn ging sie
unter, das Tal leuchtete, alles hielt der sinkenden Sonne sein Geschenk
entgegen, die Grser funkelnde Rubine, die Wlder goldene Schleier, der
Flu Feuer, ein Winken war es, ein heiteres Abschiednehmen, und die Sonne
lchelte und sank. Da kam es ber mich, da ich die Freude sah und die
Dankbarkeit des Tales und das Lcheln der Sonne, da ich so glcklich war,
so reich, ich lchelte, aber es kam ber mich, und ich mute weinen, ich
lchelte und weinte zu gleicher Zeit.

Wie ich weinte, fate mich eine Hand und ein Paar Augen blickten mich an.
Du weinst, Axel?

Ich lachte, die Trnen spritzten ber mein Gesicht, weil ich beim Lachen
den Kopf schttelte, ich zog Ingeborg an mich und sie blieb regungslos bei
mir, nur ihre Lippen bewegten sich unmerklich, sie kte immerzu mein Herz.
                   *       *       *       *       *

Der glckliche Mensch! Ich kann dir wohl sagen, wie er aussieht, wie er
auen und innen aussieht!

Schn macht das Glck, weise und gut.

Wie ein junger Gott wandelt er, der Glckliche, er geht nicht, er wandelt.
Rosen auf dem Haupte, Rosen auf den Wangen, Rosen in seinem Kopfe, was er
berhrt, das lebt, was er anblickt, das leuchtet. Feuer ist seine Stimme.
Er steht auf seiner Hhe und blickt auf die Dinge und versteht sie, von
oben blickt er auf alles und versteht, denn alle Dinge kommen aus Glck und
Unglck hervor. Er versteht die groen Herzen und die kleinen, die
glhenden und die vereisten, er versteht das Lied des Vogels und eines
Dichters Vers.

Wisse, da er Freude um sich streut, es gibt viele Bettler auf dem Wege des
Lebens, und die meisten erkennt nur das Auge des Glcklichen. Er sucht. Er
hat einen Feind, den er grimmig hate, viele Jahre, einen der ihn bitter
verriet, er ist glcklich, schreibt an ihn, la es gut sein, schreibt er an
ihn, es ist vergessen, neue Tage sind gekommen. Mit Trnen in den Augen
schreibt er es, sein Herz strmt ber. Er wandert zu dem Trotzigen, pocht
an seiner Tre, pocht und pocht, bis er ffnet. Verzeihe, verzeihe, sagt
er, ich, ich war ja schuld --

Schon manch einen habe ich gekannt, der Geld und Gut und Ehre verschenkte,
weil er glcklich war, ja der selbst sein Glck verschenkte, da er
glcklich war, und arm davontanzte in einem Hemde.

Wisse, so macht das Glck, da sich einer ans Kreuz schlagen lt und
seinen Mrdern nicht flucht, ja, es kann geschehen, da einer lgt und den
Menschen Paradiese erdichtet, weil er glcklich ist.

Eine Lawine von Glck rollt er durch Jahrtausende.

So ist das Glck: Sprichst du davon, so mut du sprechen, tausend und
tausend Tage und Nchte und du findest kein Ende, immerzu mut du sprechen,
immerzu --

Zwei glckliche Menschen wohnen da oben im Bergwalde.

Ich sehe ein kleines Lichtchen brennen in einem dunkelen Zimmer. Ein
kleines Lichtchen, ich sehe ein Lcheln, ein Gesicht, das in goldenen
Haaren schwimmt.

Ich hre flstern. Ich bin dein.

Ich bin dein, ich bin dein.

Sommernacht, du bist ein dunkelblauer Edelstein.

Sommernacht, du bist ein duftender Hauch aus Gottes Munde. Sommernacht, du
bist das klare gtige Auge einer jungen Mutter.

Ist nicht das die Sommernacht, ein warmer dunkelblauer Wald, ein nacktes
Kindchen im Moose, das mit einem brummelnden Bren spielt? Ist nicht das
die Sommernacht, ein Zwerg sitzt auf einem Brunnenrande und blickt in einen
Spiegel? Ist nicht das die Sommernacht -- ein Gesang aus der Ferne -- ein
Winken irgendwo -- ein Ku in der Luft -- -- ein Seufzen -- -- ein Blitz
von Blut --

Ich bin dein, ich bin dein!

Ich denke an den Leib eines Weibes, der zu blhen beginnt. Das trumte ich
einmal, es standen rtselhafte Worte auf den Lidern des Weibes -- weie
Augen -- Augen wie Lichter --

Ich denke -- -- Tiefen ffnen sich, die Welt schlgt ihr Auge auf und
blickt mich an -- ich knie vor Gottes Thron und Gott flstert mir seine
Geheimnisse ins Ohr.

Ich bin dein, ich bin dein!!

Die Welt steht still, es ist weder dunkel noch hell, laut noch leise. Es
flstert.

Siehst du meine Augen?

Ja, ich sehe sie. Sie brennen.

Deine Augen sind eine glnzende Nacht. Sterne sind darin. Es flstert.

Es ist ein Sprhen und Schreiten ringsum. Alte uralte Gtter wandeln um
uns. -- --

Sommernacht, du bist ein dunkler Zypressenhain, durch den uralte Gtter
wandeln mit langen Brten. Sie tragen die Brte auf den Armen, um nicht
daraufzutreten, es ist dunkel, ihre Augen leuchten -- --

Diese Dinge, die kein Mensch erfassen kann, kein Mensch denken kann -- --

Der Tag graut, es wispert in meinem Zimmer, es kichert. Der Mond fllt
rckwrts in den Wald, sagt Ingeborg und kichert.

Was sieht er wohl alles in einer Nacht? sage ich.

Ingeborg kichert.

Mir fllt eben ein, Ingeborg, erinnerst du dich, ein Mann hat geschrieben:
Des Lebens ungemischte Freude --?

Ja, o Axel, ein armer, armer, unglcklicher Mann war das --

Hahaha!

Sind wir Kinder?

Ja, ich bin so frhlich, so leicht. Ich fliege. Ich knnte ohne Aufhren
lachen, lachen! -- --

Auf der Wiese vor dem Schlosse stand eine kleine schlanke Birke. Sie hatte
seidenweiche junge Bltter, die immer etwas zu wispern hatten, und eine
Rinde so wei und weich wie das Fell eines Kaninchens. Vor diese Birke
zimmerten wir eine Bank, Ingeborg und ich. Einen Tag brauchten wir dazu,
bis wir die Pflcke zuspitzten, das Brett sgten. Wir lachten viel bei der
Arbeit und Ingeborg fieberte vor Eifer.

Viele Abende saen wir auf dieser kleinen Bank und sahen zu wie die Sonne
unterging.

Wir saen wieder auf der Bank unter der Birke und der Abend begann zu
glhen.

Euch Gttern schreiben wir einen Brief! Wir Ingeborg und Axel! sagte ich.

Beginne Axel! sagte Ingeborg.

Und ich begann: Ihr Gtter, ihr guten Gtter, ihr habt eure guten und eure
schlechten Tage wie wir Menschen. An euern schlechten Tagen, da schafft ihr
Menschen mit gewhnlichen Gesichtern und einer Seele nicht tiefer und
wrmer als eine Regenpftze im Mrz.

Aber an euern guten Tagen, da schafft ihr Menschen mit einem Antlitze,
unvergelich, mit einer glhenden tiefen Seele. An eurem besten Tage, da
schufet ihr Ingeborg.

Ihr guten Gtter, ihr habt gewi groe Ohren, dann hrtet ihr was Axel
sprach und ihr vernahmet seine sanfte Stimme. Seht euch sein Gesicht an und
ihr wit, wie gtig er sein mu.

Ihr Gtter ber den Wolken, ihr kennt Ingeborg wohl, dann begreift ihr
auch und ihr verzeiht mir, da ich nicht mit euch ber den Wolken wandeln
mchte, trotzdem ihr Gtter seid.

Das mchte ich auch nicht! schrie Ingeborg. Nein, ihr alten freundlichen
Gtter. Aber ich bitte euch, straft uns nicht fr unsern Frevel! -- --

Wir saen wieder auf der Bank unter der kleinen Birke. Die Bank hatte
gerade Raum fr zwei Menschen.

Es war in der Stunde, da die Sterne noch nicht aufgegangen sind und man sie
doch alle mit den Blicken ahnt.

Ich sagte: Ingeborg, du bist mein Liebling, und mein Herz ist so reich
geworden, seitdem ich dich kte.

Ingeborg sagte: O, Axel, ich erschrecke vor Freude, sehe ich deinen
Schatten um die Ecke kommen. Das Blut weicht aus meinen Wangen, wenn ich
deine Stimme hre. Es ist mir unbegreiflich, da ich deine Ksse ertrage,
ohne zu sterben.

Ich sagte: O, Ingeborg, ich bin ein Garten, ein blhender Garten. Ich bin
in Blte, Ingeborg!

Ingeborg sagte: Ich sehe alle Dinge verndert, und liebe sie mehr als je.
Ich liebe die Steine sogar, die auf der Strae liegen. Auf allen Dingen
scheinst du zu sein. Die ganze Welt ist ein Spiegel geworden, der dich mir
zeigt. Ich habe dein Lcheln schon im Laube einer Buche gesehen und deine
Hand in einer Wiese, die sich bewegte. Ach, kme doch etwas, wodurch ich
dir meine Liebe zeigen knnte. Ich wrde betteln gehen fr dich, von Haus
zu Haus --

Ich sagte: Ich hre kaum was du sagst, ich hre nur deine Stimme. Sie
singt mich in den Tod. Das ist herrlich. Das ist herrlich, die Augen zu
schlieen und in Gedanken der Linie deines Profiles zu folgen.

Das ist herrlich, deine Haare anzusehen, ich habe jedes Fnkchen deiner
Haare im Gedchtnis. Wie sind deine Haare? Sie sind als ob sie berall
Augen htten. Das ist herrlich, deine Wimpern haben einmal meine Schultern
berhrt, immerzu fhle ich es -- jetzt -- in jeder Minute --

Ingeborg sagte: O, mein Geliebter, wirst du mich immer so lieben?

Ich sagte: Warum fragst du, se Herrlichkeit? Ingeborg sagte: Ich wei
es, ja! Aber doch sollst du mir es im Tage einmal sagen und tausendmal, da
du mich liebst.

Ich nahm Ingeborgs Hnde und legte sie auf meine Brust, ich ffnete das
Hemd, so da sie meine nackte Brust berhrten.

Und ich sagte: Ich werde dich lieben in alle Ewigkeit, ich liebe dich, ich
liebe dich, ich liebe dich -- --

So ist das Glck: Sprichst du davon, so mut du sprechen, Tag um Tag, Nacht
um Nacht, du kannst nimmer aufhren, nein, das kannst du nicht, du mut
sprechen, sprechen -- schreien -- flstern -- immerzu -- --




17


Es zog eine drohende Wolke herauf ber unseren Himmel, eine finstere Wolke,
sie drckte mich nieder. Ich schlug an meine Brust, brach in die Knie und
betete zu dem groen Geiste.

Die drohende Wolke zog vorbei, sie zerschmetterte mich nicht. Lange danach
erst kam der Blitz, da der Himmel wieder klar und leuchtend war -- --

Ingeborg erkrankte.

So begann es. Wir saen auf der Wiese am Waldesrande, die Ingeborg
Honigtrpflein taufte. Da standen viele gelbe Blumen, aus denen Honig
tropfte. Man roch den Honig schon von weitem, ein Heer von Bienen brummelte
immerzu auf der Wiese. Da saen wir in der glhenden Sonne, aber Ingeborg
frstelte.

Wir gingen nach Hause, durch den Park, Ingeborg schmiegte sich an mich.
Pltzlich stie sie einen Schrei aus. In der Allee stand eine Statue, die
das Schweigen darstellte, eine Frau, die zwei Finger an die Lippen legte.
Die Blsse des Marmors hatte Ingeborg erschreckt. Am Abend erholte sie sich
wieder. Karl speiste mit uns, wir waren guter Dinge, plauderten, lachten.

Aber am andern Morgen war Ingeborg krank.

Ich jagte in die Stadt und holte einen Arzt, depeschierte in die
Hauptstadt. Der Weg fhrte durch den sommerstillen Wald, die Vgel
zwitscherten. Mein Herz war unruhig, meine Ungeduld flog vor mir her. Ich
jagte durch Drfer und Ortschaften, die Leute drohten mit der Faust. Es kam
auf ein Dutzend dieser Bauernkaffern nicht an.

Der Arzt verstand nichts. Auch Karl verstand nichts, oder er stellte sich
so.

Ingeborg lchelte.

Es ginge vorber, heute Abend wolle sie wieder aufstehen.

Niemand schien zu hren, da sie hastig sprach, fast plappernd wie ein
Kind, niemand schien den metallenen Glanz in ihrem Auge zu sehen.

Karl las vor. Ich hrte nicht, was er las, nur dann und wann trat ein Bild
vor mein Auge, farb- und konturlos wie ein abgewaschenes Aquarell. Ingeborg
schlief ein.

Ich sa allein bei Ingeborg im weien Zimmer. Die Angst nagte an meinem
Herzen. Goldene Dmmerung kam ins Gemach, Ingeborgs Haare glnzten wie Erz.
Ihre Brust hob und senkte sich langsam, diese gleichmige Bewegung brachte
Frieden in mein Herz. Unwillkrlich atmete ich im selben Takte, dann fiel
es mir auf, wieder begann die Angst zu nagen. Es wurde dunkel, Ingeborgs
Haare schimmerten, die Dmmerung senkte sich immer dichter ber sie, es
war, als entwiche sie mir. Ich zndete eine Kerze an. Da erwachte Ingeborg.

Sie blickte mich mit groen Augen an und es schien, als besnne sie sich.

Wie spt ist es, Axel? fragte sie.

Der Abend sei eben gekommen.

Dann mu ich noch lange schlafen, sagte Ingeborg. Aber sie schlief nicht
wieder ein. Es sei hei. Ihre Wangen glhten. Ich ffnete ein Fenster, ein
khler Wind wehte, wie nach einem Gewitter, ich mute es wieder schlieen,
ber den Himmel zogen schwere hngende Wolken, die die Wlder streiften. In
der Ferne dampfte es, es regnete. Ich legte kalte Tcher auf Ingeborgs
Stirne, aber im Augenblicke waren diese Tcher warm. Ingeborgs Augen waren
feuchtglnzend, wie blaues und weies Email.

Nun bin ich krank, sagte Ingeborg und nickte mde. Sie schlo die Augen.

Die Nacht kam. Karl lie fragen, ob er mir irgendwie behilflich sein
knnte. Nein, danke. Langsam gingen die Minuten. Der Wind wurde strker, er
fauchte gegen die Scheiben, zuweilen murmelte er, als schttele ihn die
Klte. Es rumorte in den Bergen und Wldern von fernem, dumpfem Donner.

Es zogen Gedanken hin und her in meinem Kopfe, eine Stimme flsterte in
mir. -- --

Das groe gelbe Haus mit den vielen Zimmern lag ganz still, als wohne
niemand darinnen als die Bilder an den Wnden und Erinnerungen.

Man hrte weder Tren noch Schritte, und der Hof lag ebenfalls ohne Laut
wie am Sonntage, wenn das Gesinde in der Kirche war. Nichts rhrte sich,
kein Ruf, kein Schritt. Dieses Schweigen war hrbar und es kam mir vor als
verdichte es sich von Stunde zu Stunde.

Ich setzte einige Uhren in Gang. Nun hrte man nichts als diese Uhren. Das
Schweigen aber wuchs, es breitete sich immer dichter um das Haus. Alles
schien zu lauschen auf einen Schritt in der Ferne, der nher kam.

Eine Stimme flsterte in mir. Ich verschlo ihr mein Ohr. Ich wollte sie
nicht hren.

Der Arzt aus der Hauptstadt traf ein. Er sagte, da Ingeborg eine
auergewhnlich krftige Natur habe. Da flsterte die Stimme in mir lauter,
es waren nun zwei Stimmen, die in mir flsterten. Ich hrte sie, aber ich
glaubte ihnen nicht. Ich ging umher und trug ein gleichmtiges, ja ein
zuversichtliches Gesicht zur Schau.

Die Stunden waren endlos. Bis die Nacht kam, bis die Nacht verging! Es
waren khle strmische Gewittertage, die Wolken fingen sich in den Bergen
und fanden keinen Ausweg mehr. Langsam schleppten sie sich im Kreise und
knurrten.

Ich schlief nicht. Ich sprte keine Mdigkeit, aber mein Gehr schlief ein.
Ich lie Ingeborg nicht aus den Augen, es gab Kissen zu richten, Fruchtsaft
zu reichen, Eis aufzulegen. Ich lie niemand ins Krankenzimmer auer dem
Arzte. Er hatte im Schlosse Wohnung genommen.

Ich trug Ingeborgs fiebernden Krper ins Bad und zurck ins Bett, ich war
krftig, im brigen war es meine Ingeborg, und niemand hatte ein Recht, sie
zu pflegen auer mir.

Schlafen Sie doch! sagte der Arzt. Sie sind selbst krank! Nein! sagte ich.

Es kam eine Nacht, da sa Ingeborg pltzlich steif im Bette mit langem
Gesichte, glitzernden Augen, und zhlte an den Fingern etwas ab.

Sieben Zettelchen, es sind sieben! rief sie mit der Stimme eines
erschrockenen Kindes.

Ich erblate. Da war es!

Stundenlang phantasierte Ingeborg, bis sie ermattet in die Kissen
zurckfiel.

Viele Stimmen schrien in mir, so laut, da ich sie hren mute. Sie ist
verloren! schrien sie. Und eine schrie unausgesetzt: Ingeborg! Ingeborg!
Und eine betete, betete wirre, entsetzte, hilflose Worte, immerzu.

Tag und Nacht waren die Stimmen in mir.

Pazzo heulte im Hofe. Er ahnte, da die Herrin in Gefahr schwebte.

Ich taumelte hin und her in meinem Zimmer. Ich weinte nicht, ich klagte
nicht, nein, ich betete nicht. Die Stimmen waren in mir. Es war nun auch
eine Stimme in mir, die unausgesetzt weinte. Aber ich weinte nicht. Ich
taumelte in meinem Zimmer hin und her.

Ich nahm ohne Gedanken ein Federmesser vom Schreibtisch und stie es mir in
die Hand. Ich sprte nichts, es blutete. Ich sah das Blut, ja, ich hatte
mir das Federmesser in die Hand gestoen, wann denn, warum denn?

Es kam noch eine Stimme in mich hinein, die schrie unausgesetzt: Hilfe,
Hilfe! Sie rang die Hnde, die Stimme rang die Hnde. -- -- --

Ich habe gerungen mit Ingeborg, mit aller Kraft, sie war strker als ein
Mann, ich mute sie zurckhalten, ich mute ihr wehe tun. Sie jammerte,
jammerte. Sie wollte in den Wald laufen. -- -- --

Ob etwa eine seelische Erregung vorhergegangen sei? fragte der Arzt.

Liebe, Liebe, mein Bester! -- -- --

Der Tag kommt und geht. Die Nacht kommt und geht.

Nun lebt kein Schweigen mehr im Hause. Nun lebt der Schrecken im Hause. Wo
man hinsieht, kauert er, in allen Gesichtern kauert er und wo man
hinhorcht, hrt man ihn. Ingeborgs Rufen und Jammern wird fr immer in den
Slen des Hauses bleiben.

Der Arzt mit die Temperatur, zhlt den Puls und gibt Befehle. Seine Mienen
sind verschwiegen, er zuckt die Achseln.

Ich bin bleich und verstrt, ich verstehe nicht, was man zu mir sagt. Mein
Krper ist wie gelhmt, ich kann keine Miene mehr bewegen, aber ich schlafe
nicht.

Auf einige Minuten berfllt mich hin und wieder der Schlaf, das ist alles.
Ich blicke in den grauen Wald, ber dem die geballten Wolken hngen, und
der Schrecken greift in mein Herz. Ich blicke auf Ingeborg, die ohne
Bewutsein liegt, und es ist mir als presse eine Hand mein Herz zusammen
wie eine Frucht.

Wie gut ist Karl! Er schlft nicht. Er sitzt nebenan im weien Salon, einen
groen Atlas auf den Knien und studiert Geographie. Es ist hbsch, wie ein
Vogel ber die Kontinente da unten zu fliegen, sagt er. Ich wei wohl, da
ihn die Kontinente gar nicht interessieren, da er leidet und es niemandem
zeigen mchte. Und er beginnt stets von einem hnlichen Falle zu sprechen,
so oft er mich sieht.

Meine Schwester -- zwanzig Tage -- welch ein Fieber, Axel! Heute lachen
wir, tolles Zeug sprach sie.

Mut! Axel, schlafe! Wir wachen ja. Der Alte sagt, Ingeborgs Natur sei
auerordentlich krftig.

Es ist schon gut, danke, sage ich und begebe mich wiederum zu Ingeborg.
Ich friere, meine Kleider sind durchnt, aber ich habe ja keine Zeit, sie
zu wechseln. Sodann ist es ja auch hchst einerlei, ob meine Kleider na
sind oder nicht. Man mute an einen Soldaten im Kriege denken, acht Tage
keinen Schlaf, acht Tage im Schneegestber mit zerschossenen Fingern, man
mute an einen Seemann denken, acht Tage Sturm. Meine Fe sind erstarrt,
ich fhle den Boden nicht mehr, wenn ich gehe, bergauf, bergab scheine ich
zu steigen, oft ist es mir, als ob ich auf den Knien ginge.

Ich wei nicht wie lang mein Arm ist. Ich halte die Hand hinaus und ich
glaube, mein Arm sei so lang, da ich die Tre ffnen knnte, ohne vom
Stuhle aufzustehen. Zuweilen denke ich, ich sei umgefallen und liege auf
dem Boden, aber ich sehe doch, da ich aufrecht stehe. Das Zimmer schwankt
wie ein Schiff.

Aber sobald ich bei Ingeborg bin, sammeln sich meine Krfte und ich
verspre weder Mdigkeit noch Schlaf.

Zuweilen erwachte Ingeborg und sie erkannte mich und sprach einige Worte.

Die Stimmen in mir jauchzten. Alle Stimmen waren zu einer geworden und
diese jauchzte, jauchzte.

Ihre Stimme klang verndert, kindlich und ein wenig heiser. Hufig
vermochte sie es nicht ihre Gedanken zu sammeln. Aber dann sprach sie durch
einen Blick, eine Bewegung der Hand und ich wute, was sie sagen wollte.
Sie war bla und schmal, die Haare umhllten ihren Kopf und ihre Schultern.

Ich bin wohl sehr krank? fragte sie. Ich lchelte und entgegnete ihr, da
es nun schon besser mit ihr ginge.

Axel, ich mchte den Himmel sehen!

Ich zog die Vorhnge zurck, es regnete, die Wlder lagen grau. Eine hohe
dunkle Wetterwolke stand drohend am Himmel und ngstliche Vgel flatterten
wei wie Asche hin und her vor ihr.

Wie geht es unserer kleinen Birke, Axel?

Sie ist traurig, da sie dich nicht sehen kann, Ingeborg.

Was tut sie?

Sie steht im Regen, wie ein Kind, das nicht ins Haus kann und wartet. Ihr
Stamm sieht schneewei aus, ihre Bltter hngen durchnt nach unten und
regen sich nicht.

Ist unsere kleine Bank da?

Freilich, Ingeborg. Die Regentropfen zerspringen auf ihr.

Wie sieht sie aus?

Vielleicht wie ein gelber Hund, der an die Birke angebunden ist und den
sein Herr vergessen hat.

Ingeborg neigt den Kopf zur Seite und lchelt mde.

Was ist auf der Strae zu sehen, Axel?

Tiefe Rderspuren, in denen das Wasser rieselt. Grauer Schlamm ist sie.
Weit und breit ist kein Mensch zu sehen. Man sieht so wenig, da du glaubst
auf dem flachen Lande zu wohnen.

Einen Vogel siehst du wohl nicht, Axel?

Doch, Ingeborg. Ein ganz kleiner sitzt dort auf einem Apfelbaum.

Was tut er?

Er sitzt unter einem kleinen Dache aus Blttern und schaut dann und wann
heraus, in den Himmel hinauf, ob es noch nicht bald zu regnen aufhrt.

Ingeborg blickt in eine unbestimmte Weite. Lange. Trnen treten in ihre
Augen.

Nein, sagt sie dann, es ist unmglich! Sie schttelt langsam den Kopf;
es ist als wiege sie ihn hin und her.

Was meinst du?

Ich kann nicht sterben. Es ist unmglich! Ich zwinge mich zu einem
Lcheln. Ein krankes, mattes Kindchen sei sie. Ich nehme ihre Hand. Es ist
keine Kraft in den langen, abgezehrten Fingern.

Ingeborg, ich liebe dich.

Ingeborg nickt mde und lchelt.

Ja, sagte sie, ja, und blickt in die Weite.

Ich rufe Karl. Karl tritt ein.

Hallo! ruft er. Nun geht es ja wieder gut, Frau Ingeborg!

Ingeborg lchelt und nickt.

Ja, sagt sie und blickt in die Weite.




18


Es gab einen Tag, an dem sie noch nicht die Augen geffnet hatte.

Die ganze Nacht hatte sie gefiebert und geredet und phantasiert, nun lag
sie vollkommen erschpft und still.

Ich sa neben dem Bette und beobachtete sie. Ihr Atem ging schnell und
leicht, sie war durchsichtig bla, mit blulichen Schatten unter den Augen
und in den Wangen. Ihre fahlen Lippen waren halb geffnet und die langen
Wimpern schwebten ber den Augen, die als ein schmaler Spalt zu sehen
waren. Der Puls am Handgelenk zuckte.

Am Vorhange spielte eine bleiche Sonne, es wurde wieder dunkel und abermals
spielte die bleiche Sonne an den Vorhngen. Eine Uhr ticktickte. Sie
hmmerte und von Zeit zu Zeit begann es im Gehuse zu sausen und zu
klingen. Zuweilen war es mir, als bewege ich mich sehr schnell von der
Stelle, als se ich in einem dahinfliegenden Zuge. Am Vorhange bewegten
sich die Schatten von Blttern auf und nieder, sobald die Sonne schien, und
dann und wann kamen sie so nahe, da man deutlich ihre Form unterscheiden
konnte. Es waren Lindenbltter mit langen Zhnen am Rande.

Ich sah auf das Zifferblatt der Uhr und entdeckte, da der Minutenzeiger
zuckte wie ein langsamer Puls. Alles im Zimmer begann zu zucken wie
Ingeborgs Puls. Pltzlich blieb die Uhr stehen und ich erschrak. Schweigen
erfllte das Zimmer und die Schatten an den Vorhngen regten sich nicht
mehr.

Es verging eine unendlich lange Zeit, die mit ganz sonderbaren Dingen
angefllt war. Die kleine dunkle Spalte unter Ingeborgs Wimpern vernderte
sich nicht, ihre Lippen schienen erstarrt zu sein.

Ingeborg regte sich nicht mehr, sie lag ganz still und schien lnger
geworden zu sein. Ich sah immerfort diese kleine dunkle Spalte unter
Ingeborgs Wimpern an, sie klaffte, sie war starr. Was ist das? dachte ich.

Ich konnte mich nicht bewegen, ich wollte aufstehen, aber ich war wie
gelhmt, ich wollte rufen, aber ich konnte nur die Zunge gegen die Zhne
drcken, nicht einmal die Lippen konnte ich bewegen. Ingeborg lag steif und
still.

Da hrte ich eine Tre gehen, der Arzt trat lautlos ein. Karl stand unter
der Tre, ich sah ihn stehen, obgleich ich nicht hinblickte. Der Arzt trat
ans Bett und hob Ingeborgs Hand in die Hhe, diese Hand knickte im Gelenk
ab und fiel leblos auf die Decke zurck. Der Arzt blickte mich an, ich
nickte. Karl kam, strich ber mein Haar, und wieder nickte ich. Der Arzt
ging, Karl ging.

Ich begriff nichts. Ingeborg war tot? Nein, es konnte nicht sein.

Es entstand ein Flstern im Zimmer nebenan, die Tre wurde ein wenig
geffnet und in der Spalte zeigte sich eine Menge Gesichter, die Mgde und
Knechte waren es. Jemand schluchzte und einer machte: Pst! ganz leise.

Klaget nicht, sagte ich und stand auf. Ihr mt nicht klagen, ihr mt
euern Schmerz mit Wrde tragen, Freunde.

Ingeborg war tot, aber ich empfand keinen Schmerz. Es schien, als sei mein
Herz mit Ingeborg gestorben. Die Sonne flutete gegen die Vorhnge und
Ingeborg lchelte friedlich, wie ein Kind, das vom Himmel trumt.

Ingeborg ist tot. Ein Mann trgt seinen Schmerz mit Wrde.

Weinet nicht, ihr Knechte und Mgde. Ihr mt euern Schmerz mit Wrde
tragen.

Man wrde Ingeborg in die Erde versenken, oder man wrde ihren Leichnam mit
Salben durchtrnken, um ihn gegen die Verwesung zu schtzen. In der
Ahnengruft drunten in der Kirche schliefen viele Frauen.

Weinet nicht ihr Knechte und Mgde.

Die alten Diener kamen in Festtagskleidern herauf und fragten, ob sie dem
Herren irgendwie dienen knnten.

Blumen, Blumen . . . . .

In Ingeborgs Gemchern sieht man keinen Sessel mehr, keine Wand, keinen
Teppich.

Blumen, Blumen . . . . .

Eine Bahre aus grnen Zweigen.

Ich denke nach. Nein, ich konnte Ingeborg nicht in die Erde betten. Ich
konnte es nicht zugeben, da sie verweste -- nein, bei Gott, nein! Also
mute sie in die Gruft gebettet werden, mit Spezereien getrnkt. Aber auch
das ging nicht an. Ich hatte Mumien gesehen, die mich mit Schrecken und
Abscheu erfllten. Nein, nein. Auch das ging nicht.

Das Meer? Ein tiefes grnes schaukelndes Grab, ein dunkler immergrner Wald
mit leuchtenden Fischen und Korallenhecken. Aber da wrden die Fische
kommen. Ich sah, wie sie Ingeborgs Leib umkreisten, immer enger, immer
enger --

Nein, nein, auch das ging nicht.

Es gibt nur eines: das Feuer! das Feuer! Ein Grab inmitten donnernder
jubelnder wehender Flammen!

Und ich befehle Holz aufzuschichten fr ein groes Feuer, das ber die
Berge leuchten sollte, damit alle es shen. Auf der Wiese vor dem Hause.

Trnkt das Holz mit l und Wohlgerchen! Ein Teppich aus weien Rosen
bedeckte den Weg, wie ein Bach von Milch flo er aus Ingeborgs Gemchern,
ber die Treppe, ber die Wiese.

Die Stunde kam heran, da sie Ingeborg auf die Wiese trugen und auf den
blumenbersten Scheiterhaufen legten. Ich stand dicht daneben und um
Ingeborgs Grab herum standen Knechte und Mgde, abseits stand Karl mit
groen leuchtenden Augen.

Der Himmel war grnlichblau wie im Frhling, ein frischer Wind blies, die
Vgel sangen im Walde und in den alten Kastanien vor dem Schlosse.

Ich blickte auf Ingeborg, die schlank und schmal in einem Bette von Blumen
lag.

Das Feuer zngelte, ich sah nichts mehr. Feuer, Feuer.

Die Flammensule fiel in sich zusammen und ein dichter brauner Qualm hob
sich aus der Aschensttte, und lste sich auf in feinen Rauch, der ber das
glnzende Blau des Frhlingshimmels wie ein Schleier zog. Der Schleier
zerri und Stck um Stck zog ber das Tal und es sah aus, als ob Schwrme
von Zugvgeln hoch oben ber den Himmel strichen.

Die Knechte und Mgde sahen dem Rauche nach und weinten still: dort oben
zog die Herrin davon! Nie wrden sie sie wiedersehn, nie nie mehr.

Sie standen noch immer im Kreise um diese Sttte wie am Morgen, da die
Sonne aufging. Viele weinten, da und dort aber stand einer und lchelte: er
dachte an die Herrin.

Karl stand und blickte unverwandt auf seine Brust herab. Da lag ein blondes
Haar, das das Feuer zu ihm herbergeweht hatte. Er wagte es nicht, sich zu
bewegen und sah unverwandt auf das blonde Haar auf seiner Brust.

Vor dem Aschenhaufen lag Pazzo und leckte sich die verbrannten Lufe ab, er
heulte dazwischen leise, wobei er den spitzigen Kopf hob und in den Himmel
emporblickte. Er hatte den Versuch gemacht in das Feuer zu springen.

Der Rauch wurde dnner und erstarb.

Sammelt die Asche in silberne Becken! sagte ich und streckte die Hand
aus. Diese Hand war die Hand eines Greises, welke Haut, krause Adern.

Und ich streute die Asche in den Wind, der sie entfhrte. So sollte
Ingeborg zurckkehren in die Welt.

Der Wind wrde die Asche in Bltenkelche streuen, Mdchen auf die roten
Lippen, Zechern in die Becher, schlafenden Kindern in die offenen Mulchen.
Und so bald die Nacht kme, wrde es zu flimmern anfangen, wie die Kerzen
in den dunkeln Hhlen der Kirchen flimmern, in den Wldern, ber den
Feldern, in den finsteren Gemchern, hoch in den dunkeln Wolken, tief im
schwarzen Meere. ber die ganze Welt wrde es flimmern. Ja.

Das war Ingeborg!

Ich wusch die Hnde und kniete nieder. Ich breitete die nassen Hnde vors
Gesicht und weinte.

Ich weinte nicht aus Schmerz, ich weinte, weil ich Ingeborg verschenkt
hatte. Ich htte sie behalten knnen, seht, drunten in der Gruft der Kirche
schliefen viele Frauen, aber ich gab sie her.

Und deshalb weinte ich und ich weinte so sehr, da mir die Trnen wie Bche
ber die Wangen strzten.

Und whrend ich weinte, vernahm ich Ingeborgs Stimme, die mich trstete.
Sie rief.

Axel, Axel! rief sie.

Da lchelte ich und nahm die Hnde vom Gesicht und lauschte auf Ingeborgs
Stimme.

Etwas berhrte meinen Arm und ich richtete mich auf und wandte den Kopf.

Ingeborg sa aufgerichtet im Bette und blickte mich an. Die Haare hingen
ihr ber die schmalen Wangen und ihre Augen waren gro und verwundert auf
mich gerichtet. Sie sah aus wie ein schlankes Mdchen von fnfzehn Jahren.

Axel, sagte sie, warum weintest du? Sie sprach mit kindlicher, hoher
Stimme.

Ich hatte getrumt und dieser schreckliche Traum stand pltzlich wieder vor
mir. O! Ich glitt in die Knie und legte mein Gesicht in Ingeborgs Scho und
schluchzte vor Glck.

Ingeborg, Ingeborg!

Ingeborg kte mir die Haare. Sie atmete tief auf.

Wie frisch fhle ich mich, sagte sie.

Sage. Axel, warum weintest du? Ich hrte dich weinen, erwachte und sah
dich sitzen. Du schliefest, aber die Trnen liefen dir ber die Wangen.
Sage es mir.

Nun weine ich, weil du dich besser fhlst, Ingeborg. Wie herrlich das ist!
-- Ich weinte, ja, ich trumte. Haha, es war ein konfuser Traum! Ich
wollte irgend etwas ersinnen, aber nichts fiel mir ein. Das Blut stieg mir
ins Gesicht. Ich trumte etwas aus meiner Kindheit -- ich zerbrach etwas
-- wei Gott, was ich zerbrach -- ich glaube es war eine Vase -- was war es
doch?

Immer noch schwankten die Schatten der Bltter an den Vorhngen auf und ab,
ich konnte nicht lange geschlafen haben.

Ich mchte Pazzo sehen, sagte Ingeborg. Welche Freude wird er doch
haben.

Ob sie sich nicht noch ein wenig gedulden wolle? Pazzo ginge es
ausgezeichnet.

Geduldig fgte sich Ingeborg.

Es poltere immer. Was sei es doch?

Gewitter ziehen in den Bergen.

Wie schade es sei. Gewitter habe sie so gerne. Sie lachte. Ihr Lachen klang
fieberisch und es erschreckte mich. Ein metallener Glanz zuckte in
Ingeborgs Augen. Aber der war ein Narr, der verlangte, da sie in einer
Stunde gnzlich genas.

Es gbe wohl auch spter noch Gewitter.

Ja, auch das -- Hahaha!

Ich gab ihr Fruchtsaft, ein Schlckchen Wein, und ntigte sie auch, ein
halbes Ei zu essen. Die andere Hlfte verzehrte ich vor ihren Augen, um ihr
zu zeigen, wie rasch so ein halbes Ei im Munde verschwindet.

Darber konnte Ingeborg nicht genug lachen.

Dann fragte sie, ob Karl abgereist sei.

Nein, natrlich sei er noch hier.

Ob ich es ihr bel nehme, da sie Bluthaupt einfach Karl nenne?

Aber Ingeborg?

Sie knne Karl gut leiden, haha.

Ich ging hinaus. Ich ging befreit, als habe ich eine schwere Last
abgeworfen. Es zuckte alles an mir vor Freude.

Es geht gut! sagte ich zum Arzte und lchelte triumphierend.

Der Arzt sah mich an. Es war ein eigentmlicher Blick, der mich sofort
lhmte an allen Gliedern. Auch mein Lcheln lhmte er.

Ich verlie das Zimmer. Der Blick des Arztes weckte alle drohenden Stimmen
in mir, alle, alle.




19


Doppelschlgiger Puls . . . . .

Fassen Sie sich!

Ich lief in den Park hinein, ich mute in den Park hineinlaufen, auf eine
Minute wenigstens.

Es war Nacht im Parke, der Wind warf die Wipfel hin und her. Stimmen waren
in der Luft, all die warnenden, drohenden, unglckverheienden Stimmen, die
in meiner Brust geredet hatten, waren in der Luft, im Rauschen der Bume,
im Fallen der Tropfen. Dann erschien pltzlich Ingeborg in der Dunkelheit,
sie lchelte, schwang einen Strau und rief danderadei!

Fassen Sie sich! Ich danke dem Arzte. Karl blickt mich an. Ich lchle,
ja, seht ihr es denn nicht, ich lchle, spre nichts, nein. Und Karl nimmt
mich beiseite, drckt mich an die Brust und sieht mich an. Mut, Axel! Du
hast ja Macht ber Ingeborg! Hoffe! Es gbe etwas ber der Wissenschaft
und der Kunst eines Arztes. Worte, Worte!

Ich lchle, ich danke Karl durch einen Druck der Hand. Die Uhren fangen an
zu reden, die Kerzen strecken sich zu Feuersulen -- das ist das Zimmer --
auf jedem Gegenstande schimmern Ingeborgs Augen, die kleinste Schale ist
gefllt mit sen Wundern. Ich gehe. Zerreie du Himmel . . . .

Ich lief im Parke hin und her.

Wer konnte es fassen?

Ingeborg sollte sterben! Ingeborg, die liebliche, schne Ingeborg!

Ingeborg, die die Sonne liebte und ihre Strahlen in der hohlen Hand
sammelte, die die Bume kte und mit ihnen plauderte, Ingeborg, die betete
und dankte mit den Blicken, die einem Falter nachsahen.

Ingeborg, die Liebe und Wrme in alle Herzen trug, die gtige, die sanfte
Ingeborg! Nun sollte sie sterben.

Wer sollte das auch fassen knnen?

Still wrde sie liegen, in die Erde wrde man sie betten, da wrde sie
liegen, still in der schwarzen Finsternis, niemand wrde sie mehr sehen!
Konnten denn Ingeborgs strahlende Augen erlschen? Nein, nein!

Niemand konnte das fassen.

Ich schttelte den Kopf und tastete in die Finsternis hinein. Der Park
brauste. In der Ferne bellte ein Hund, heihungrig, fordernd, wie ein
Raubtier. Er wrde nicht frher aufhren zu bellen, ehe man seinen Hunger
stillte. Ich kam an den Brunnen, und der Brunnen berschttete mich mit
Wasser. Dieses war Ingeborgs Brunnen, da sa sie --

Fassen, fassen! Ein Mann -- ja, ein Mann fate sich, ein Mann!

Der Schmerz packte mich pltzlich an den Schultern und warf mich aufs
Gesicht nieder. Ich grub die Zhne in den Sand und schluchzte:

Ingeborg! Ingeborg!

Ich richtete mich auf in die Knie und schluchzte, die Rckseiten der Hnde
gegen die Augen pressend.

Ingeborg! Ingeborg! schrie ich. Ingeborg mu nun sterben, hrt es all
ihr Bume, all ihr Menschen auf der Welt. Ingeborg mu fort!

Die Wipfel brausten und die Stmme chzten. Ein Schauer von Regen prasselte
ber den Park.

Ich raufte mir die Haare, fiel zu Boden und schlug mit Hnden und Fen.
Ich jammerte -- Mein Gott, mein Gott, was hast du denn vor mit mir?

Ich fate mich. Weit und still -- so weit und still wurde es pltzlich in
mir -- ich lchelte.

Ja gewi, ich werde es nicht berleben. In derselben Stunde noch werde ich
Ingeborg nachfolgen.

Ich stand auf. Ich werde es nicht berleben, sagte ich vor mir hin.

Das war ein Trost! Ingeborg und ich, waren wir nicht eins?

Sie konnte nicht von mir gehen, ohne da ich mitging, nein, unmglich war
das!

Ich wurde so ruhig, heiter, wie matt vom Glcke.

Ich ging langsam zurck durch die Allee. Sollte es so sein? Ich liebe das
Leben, das Ingeborg mir schenkte, aber es sollte ja nicht sein . . . . .

Pltzlich standen Karls Augen vor mir in der Luft.

Mut, hoffe! Du hast Macht ber Ingeborg! Ich sah die Augen und sie
bannten mich. Ihr Blick gab mir Krfte, ihr Blick entzndete mein Gehirn.
Aus der tiefsten Dunkelheit in mir rang sich etwas empor. Ich blieb stehen,
mein Herz klopfte wie ein Hammer in der Brust. Die Augen, die vor mir
standen, sprhten und pltzlich zerri die Dunkelheit in mir.

Ich erschrak. Was meinten diese Augen? Was meinten --

Wie?

Ein wonnevoller, ein ser Gedanke. Ein berauschender Gedanke!

Ich breitete die Arme aus. Karls Augen strahlten vor mir, was fr Augen
waren es doch?

Nein, nein!

Ein berckender, sinnverwirrender Gedanke! Eine Erlsung!

Eine Befreiung, eine Verkndigung!

Konnte denn Ingeborg von mir gehen, da ich doch eins mit ihr war? Wenn ich
nun nicht wollte? Wenn ich nun nicht wollte! Ich hatte Macht ber Ingeborg.

Das war ein berauschender, ein betubender Gedanke! Ich glaubte an meine
Kraft! Nein! Ich gab es nicht zu!

Ingeborg konnte nicht von mir gehen! -- -- --

Die Menschen wissen nichts. Dumme und anmaende Wesen sind die Menschen.
Sie behaupten, da es keine Wunder gibt. Es kann Wunder geben. Sie
behaupten, es gibt keinen Gott. Und es kann doch einen Gott geben.

Der Mensch ist mehr als ein Staat von Zellen. Es gibt Stunden, die dem
Menschen die Augen eines Sehers und die Zunge eines Propheten geben.
Stunden, in denen er an Dinge glauben mu, ber die er lachte und ber die
alle vernnftigen Leute lachen.

In solchen Stunden glaubt er, da Lazarus wieder zu den Lebenden
zurckgerufen wurde, obgleich er schon tot war --

Was glaube ich heute? Ich wei es nicht. Es liegt viel alltgliches
Empfinden ber jener Stunde, da ich an alle Wunder und an Gott glaubte, da
ich mit Gott rang, ja, da ich mit Gott rang.

Ich besiegte ihn nicht, nein, wenn er nicht gewollt htte, so htte ich
umsonst ringen knnen, aber vielleicht achtete er meinen Willen?

Ingeborgs krftige Natur siegte. Man kann so sagen. Ich glaube es auch, ja,
aber ich wei, da ich einst etwas ganz anderes glaubte.

Bin ich irrsinnig gewesen? Vielleicht. Vielleicht war all dieser Irrsinn
gar nicht notwendig? Vielleicht wre Ingeborg ganz allein genesen? Ich wei
es nicht. Es gab aber Stunden, da ich wute, da es kein Irrsinn war, nein,
nimmermehr! Da ich wute, da Ingeborg nicht ganz allein genesen wre.

Alles verwirrt sich in mir. Aber ich glaube, da der Mensch nur in einer
Stunde, nur einer einzigen Minute seines Lebens vielleicht, mehr ist als
ein Mensch, viele, viele, ja die meisten Menschen erleben sie nie, diese
einzige Minute. Und dann ist er wieder gewhnlich und selbst ber seine
gttliche Minute urteilt er gewhnlich.

Wre Ingeborg tot gewesen, ich htte sie wieder erweckt, ich htte ihr Herz
wieder in Bewegung gebracht, mit meinem Gedanken, mit meinem Glauben htte
ich sie wie mit Strahlen durchglht, bis das Herz wieder geklopft htte.
Ich htte nicht nachgelassen, nein, ich htte gekmpft bis zum Tode oder
bis zum Wahnsinn. Das wei ich noch. Es war dies meine Stunde!

Ingeborg war nicht tot, aber der Arzt hatte sie aufgegeben. Sie lag lang
ausgestreckt, die Augen geschlossen, ohne Kraft. Ihr Krper zitterte leicht
im Fieber, vom Kopfe bis zu den Zehen lief das Zittern, herauf, hinunter.
Ich sa bei ihr und hielt ihre Hnde in den meinigen und dachte nichts als
dies: Du darfst nicht von mir gehen! Der Gedanke erfllte mich mit einer
nie gekannten Macht, mein Gehirn war starr, meine Sehnen gespannt, wie Erz
war mein ganzer Krper. Ingeborg verfrbte sich, das Fieber wechselte, der
Frost schttelte sie. Ich legte mich zu ihr, neben sie legte ich mich und
wrmte sie mit meinem Leibe -- ich dachte -- immer das gleiche -- --

Nein, ich kann es nicht wieder denken. Das ist dies, was man nicht ein
zweites Mal denken kann -- --

Ich habe gebetet, ich schme mich nicht es zu sagen. Ich habe nicht zum
Gott der Juden oder Christen gebetet, ich habe zu Gott gebetet, dem
Einzigen. Der Schwei stand auf meiner Stirne, er lief mir ber das
Gesicht. Schrecken, Angst -- -- --

Es sind geheime Krfte in der ganzen Natur verborgen, die zog ich an mich,
ich lenkte sie durch meine Brust, ich leitete sie in Ingeborgs Krper, den
der Tod anfiel, sie, die Krfte des Lebens, des Bewegens, des Wachsens.

Ich weckte Ingeborgs Seele, die schon entflohen war, ich rief sie zurck,
ich ruhte nicht. Ich gab nicht nach. Ich betete und machte den starken
Gedanken noch strker, immer wieder strker. Meine Seele und die Ingeborgs
waren ein feines geheimnisvolles Gewebe geworden, es konnte zerreien, ja,
aber es konnte sich nicht lsen. Wir beide oder keines.

Ingeborg phantasierte, ihre Seele schwankte bis zum Grunde, hin und her
wlzte sie sich. Ich sah Gott ins Auge, ich bat ihn, ich drohte ihm!

Ingeborg stie hastige Worte hervor, eine fremde Sprache schien es mir. Es
vergingen Stunden. Dann endlich vernahm ich ein Wort.

Mutterchen, flsterte Ingeborg.

Und ich legte meine Lippen an ihr Ohr und rief: Mutterchen ist bei dir! Du
bist meine kleine se Ingeborg!

Ich umschlang Ingeborg und kte ihre Wange, die so hei war wie ein
glhender Stein. Ich liebkoste sie, streichelte sie, wiegte sie hin und
her.

Mutterchen ist ja da! Ich flsterte und rief ihr alle kindlichen
Kosenamen ins Ohr. So weich machte ich meine Stimme.

Ich beruhigte sie mit vielen Worten, wie eine Mutter ihr Kind beruhigt, und
ich sagte ihr hundertmal, da Mutterchen bei ihr sei.

Ich hatte Ingeborgs Seele gefat, ich lie sie nicht mehr los. Ich lauschte
verzweifelt, ich machte mein Ohr ganz scharf, spitzig, denn es war schwer
aus den wirren Worten herauszuhren, was diesen fiebernden Kopf
beschftigte. Hin und her ging es. Wie ein Irrlicht in der Nacht irrte
Ingeborgs Gedanke, dahin, dorthin, und es war bermenschlich schwer, ihm zu
folgen und ihn fr einige Sekunden festzuhalten. Die Schule, Graf Flggens
Schlo, der Wald, wirre Kindheitserlebnisse, Axel, Karl, der Park, die
Statue in der Allee, Tiere, Pazzo.

So vergingen lange Stunden. Und wie ein Mensch einem Tollgewordenen durch
Gassen, Felder, Hecken, Feuer und Wasser nachrennt und ihn zu haschen
sucht, so folgte mein Gedanke dem irrenden Gedanken Ingeborgs.

Ich hrte wohl, da der Regen gegen die Scheiben trommelte, da der Wald
brauste und der Donner rollte. Aber all das war in weiter Ferne.

Es gelang mir, Ingeborg beim Sonnenschein und den Blumen und den Vgeln
festzuhalten. Ich ahmte das Rauschen der Bume, das Pfeifen der Amseln, das
Zirpen der Grillen nach, und das Lachen von Kindern, Frauen und Knechten.

Ingeborg wurde ruhiger. Ihr Blick haftete an meinen Augen und ich mute die
Augen scharf und stechend machen, um den glitzernden zitternden Blick
Ingeborgs zu bannen. Ich sprach, lachte, rief und prete Ingeborg an mich.
Man sah es ja, da ich Ingeborg festhalten konnte! Sie gehrte nun schon
mir und ich lie sie nicht mehr los. Meine Krfte wuchsen, die Hoffnung
lie sie wachsen.

Ich wute nicht, wie diese Nacht verging. Zuweilen polterte es, als strze
der Himmel zusammen, bluliches Licht flog ber die Wnde, im Walde
knatterte es. Es prasselte gegen Scheiben, als regne es Zhne, der Sturm
setzte sich auf das Dach des Hauses, hopste wie ein Reiter darauf herum und
johlte, er peitschte das Haus, da es klatschte. Glas klirrte. Der Regen
schwieg, der Wind schob das Haus vor sich her, hinein in den Wald, ber den
schwarzen kochenden brodelnden Wald flog der schreckenbleiche Mond,
verfolgt und gebissen von langgestreckten Wolkenhunden. Wieder rauschte es,
an den Scheiben flo das Wasser herunter.

Fieber, Schttelfrost. Ich wrmte sie. Ich kte sie. Ich sprach, ich
lachte, schrie -- -- -- Nein, ich solle nicht versucht haben, das
Undenkbare wieder zurckzurufen. Es martert mich. Von allem, was ich frher
und spter erlebte, ist nichts entsetzlicher, nichts martert meine Gedanken
so als die Erinnerung daran.

War es Irrsinn, was ich tat? Ich wei es nicht.

Nein, es war nicht Irrsinn, nein -- -- --

Ich sprach von mir. Ich erzhlte der empfindungslosen Seele von unserem
Sommer, von unserer Liebe, unseren Nchten, stundenlang. Ingeborg wurde
ruhiger. Dann geschah etwas -- es war das Schrecklichste -- --

Ingeborg blickte mich mit sprhenden Blicken an.

Sie flsterte. Karl -- Karl! flsterte sie.

Sie sprach von Angst und Liebe. Und ich beruhigte sie.

Karl liebt dich ja. Bin ich nicht bei dir, Karl?

Aber sie war voller Angst. Sie sprach und fieberte. Sie knne mir nie
folgen, ich solle es doch nicht verlangen! Da sei ja auch Axel, und auch
Axel liebe sie.

Ach, gehe nicht, gehe nicht. Karl!

Karl wird immer bei dir bleiben, Ingeborg!

Ingeborg weinte und lachte.

Ja, ja, aber Axel wird sie nicht fortlassen. Er wird sie in sein Zimmer
sperren.

Nein, Axel habe es mir gesagt, er wrde sie fortlassen, ganz gewi. Wohin
sie auch wolle. Er wrde sie keineswegs in sein Zimmer sperren.

Du bist schn, Karl! Ich liebe, liebe dich! Verrate es Axel nicht!

Sie umschlang mich und mein Herz blieb mit einem Ruck stehen bei dieser
Umarmung.

Ein violetter Blitz erhellte das Zimmer, zuckte unaufhrlich, aber es
schien als wolle er nicht mehr erlschen. Und Ingeborg kte mich, whrend
der Blitz um sie leuchtete, sie kte mich fieberhaft rasch und es kam mir
vor als ksse sie mich hundertmal. Ihr Gesicht war wei wie Kreide und hell
wie Brillanten waren ihre Augen. Pltzlich wurde es schwarze Nacht, der
Donner knatterte, als springe ein diamantener Blick eine klingende
Stahltreppe hinab, so klang er. Im Walde brach ein Baum entzwei und eine
tiefe unheimliche Stille folgte dem Gesplitter. Dann rauschte es, als
schtte man Schffer von Wasser vom Dach auf die Strae.

Ich verrate es Axel nicht, liebste Ingeborg. Nein, nein, kein Wort sage
ich ihm.

O, o!

Du wirst immer bei mir sein, Ingeborg! Hrst du es! Hahaha, welch ein
schnes Leben werden wir zwei haben. Sieh, so wird es sein, gib acht, ich
werde dir die Hnde und Wangen kssen, ich werde dich auf die Arme nehmen
und in die Hhe heben -- ich werde --

Und ich sprach und sprach -- wie schn sie es mit Karl haben solle.

Ingeborg lauschte auf mich. Sie atmete gleichmig und ihre Augen
glitzerten nicht mehr.

Schlafe nun, mein Mdchen, schlafe nun. Gute Nacht! se Ingeborg, schlafe
nun -- der Regen rauscht -- hrst du?

Schlafe, schlafe -- -- --

Der Tag graute. Die Lampe sah rot aus, blaues Licht sickerte durch die
Scheiben.

Ingeborg lag still und atmete leise.

Sie schlief.

Ingeborg schlief.

Ach, kme doch die Sonne heute!

Stunden verrannen und die Sonne ging auf.

Sonne, Sonne! rief ich leise und kte den ersten Strahl. Ich ffnete das
Fenster. Der Wind hat nachgelassen, wie gut das war. Die Luft war herrlich,
nagewrzt. Diese Luft wrde Ingeborg vollends heilen. Vereinzelte Tropfen
fielen aus dem Himmel. Sie glitzerten in der Sonne. Es regnete Honig. Die
Strae war zerwhlt und Bche strzten den Berg hinunter. Die Wiese vor dem
Hause war mit Schlamm und Sand berschwemmt.

O! die kleine Birke lag zerfetzt auf dem Rasen und die Bank, die ich mit
Ingeborg zimmerte, war verschwunden, nur die Pfhle standen noch und ein
Splitter des Sitzes hing an einem herab.

Weiter unten lag der Wipfel eines Apfelbaumes auf der Strae, wie in einem
Bache lag er da. Ein Bauernknabe kletterte auf ihm herum.

Da begann Ingeborg wieder zu flstern und zu sprechen und ich beruhigte sie
wie in der Nacht. Das Fieber war nicht mehr so heftig, aber es nahm meine
ganze Kraft in Anspruch.

So verging der Tag und die nchste Nacht, die voll wilder Schreie und
Hilferufe war, als wrden Leute drinnen im Walde erschlagen, und voller
Sthnen, als habe man Menschen an die Bume genagelt.

Am andern Morgen fhlte ich mich aufgehoben und ich erkannte Karl. Sie
hatten die Tre erbrochen.

Ingeborg schlft, sagte er, es geht besser! Er sttzte mich und fhrte
mich hinaus. Und ich hatte das Gefhl, als sei ich ein Greis, schneeweie
Haare, zitternde Fe, ein gekrmmter Rcken.

Es war ein Winken in mir, ein Leuchten, eine Drohung, eine drohende Faust
wuchs aus meiner Seele, ich sah sie -- aber ich lchelte --

Ich fhlte nicht mehr, was mit mir geschah.




20


Jemand rttelte meinen Arm und ich hatte das Gefhl, als sei ich ein Baum,
der geschttelt werde.

Ich schlug die Augen auf, so gut es ging, aber sie fielen mir sofort wieder
zu.

Eine tiefe Stimme sprach, ich hrte meinen Namen und etwas von Ingeborg. Es
war mir aber alles einerlei, nur Ruhe wollte ich haben, und ich sank wieder
in eine wohltuende Finsternis und Erstarrung zurck. Man schttelte mich
nach langer Zeit wieder am Arm und diesmal hrte ich Karls Stimme. Karl
sagte, da es gut stnde mit Ingeborg. Es sei Zeit aufzuwachen. Ich ffnete
die Augen und sah einen rothaarigen lachenden Kopf dicht vor mir. Es war
Karl. Ich hatte wiederum vergessen, da Karl eben zu mir sprach. Da schlief
ich schon wieder. Wasser pltscherte und etwas Kaltes und Nasses fuhr ber
mein Gesicht. Ich duckte mich zusammen, aber das Nasse verfolgte mich, und
ich schlief und dachte, da das keine Neuigkeit sei, da es gut stnde mit
Ingeborg. Die Sperlinge pfiffen es am Dache. Doch war irgend ein Schrecken
in mir, als ob etwas Furchtbares geschehen wre. Dieser Schrecken weckte
mich pltzlich auf.

Wie geht es Ingeborg? fragte ich.

Es ginge vorzglich. Sie schlafe ruhig.

Weshalb erschrak ich doch? dachte ich. Etwas Furchtbares mu geschehen
sein, aber wenn es gut mit Ingeborg geht, was sollte dann noch Furchtbares
mglich sein?

Du hast drei Tage geschlafen, Axel, sagte Karl und lchelte gtig. Sein
Lcheln war so schn und fein, da es mir wie eine Liebkosung erschien.

Ich erhob mich mhsam. Ich war sehr mde und mein Kopf war wie mit Blei
ausgegossen. Ich konnte keinen klaren Gedanken fassen.

Aber Ingeborg war ja gerettet!

Ich sa auf dem Bettrande und lchelte. Ich vermochte das Glck nicht zu
fassen.

Und Karl zog mir die Strmpfe an, der Dichter Karl Bluthaupt half mir in
die Strmpfe! -- -- --

Freudenfeuer auf den Bergen! Tanz, Spiel und Gesang! Gold in die Htten der
Armen!

Zwei Tage und zwei Nchte brennt lichterloh ein Wald auf der Hhe, mein
Wald. Die Feuerwehren aller Drfer sind ausgerckt mit vielem Getute und
Gerumpel. Lat ihn brennen! Lat ihn brennen! Lichterloh flammt der Wald
durch die Nacht. Weithin mu man es sehen.




21


Ingeborg sitzt auf der Veranda, ein Tuch um die Schultern geschlungen. Sie
ist bleich und man glaubt, das Blut in den Adern der Schlfen und der Hand
laufen zu sehen. Mit staunenden groen Augen blickt sie in die Bume, die
in der Sonne eingenickt sind, auf die Wiese, die duftet und leicht schwankt
im Schlafe, hinab ins Tal. Dort stehen kleine Pferde und Wagen und kleine
Wesen sind beschftigt, Heu auf die Wagen zu schichten. Zuweilen blitzt
etwas auf, ein Beschlge, eine Gabel, eine Sense, feine verwehte Rufe
dringen herauf.

Nach den Tagen voll ziehender Gewitter, folgten Wochen herrlicher Sonne,
jener Sonne, die flimmernd rot und gleichmig ber der Erde liegt, wenn
der Sommer zu Ende geht.

Die Schwalben schossen schrillend in der Luft, bald schmal wie Fische, bald
wirbelnd wie kleine Turbinen. Bald schwebten sie alle auf eine Stelle
zusammen, bald verteilten sie sich blitzschnell nach allen Richtungen ber
das ganze Tal. Sie schrien, sie konnten wie ein Pfeil in die Hhe schieen,
sie konnten wie ein Stein herunterfallen, um pltzlich die Flgel
auszubreiten und ruhig zu schweben wie ein Raubvogel.

Und Ingeborg hat Trnen in den Augen, sieht sie die Sonne, und Trnen in
den Augen, hrt sie die Schwalben schreien.

Ich bin ganz weich, wie ein Kind, sagt sie und eine Trne fllt auf ihre
Hand. Nie war mein Herz so voller Staunen und Dankbarkeit.

Ich sitze bei ihr, plaudere oder schweige, je nachdem Ingeborg es wnscht.
Schnere und leisere Stunden habe ich nicht erlebt als die Tage von
Ingeborgs Genesung. Ich bin still vor Glck geworden und meine Brust ist
immer voll von Trnen, ohne da ich weinen knnte.

Ich und Karl sind bemht, Ingeborg tausend Geflligkeiten zu erweisen in
einer Art, die wenig auffllt. Immerfort sind Ingeborgs Zimmer mit Blumen
geschmckt und auf Teppichen weier Rosen wandelt sie. Karl bringt von
seinen Spaziergngen den ganzen Wald ins Haus, Strue von roten und
schwarzen Beeren, die den Saft und den Wohlgeruch des Sommers bergen.

Ja, Karl lie sich sogar dazu herbei, Ingeborg Stellen aus seinen Bchern
vorzulesen, die sie besonders liebte. Seine ruhige Stimme, sein abgeklrtes
Wesen wirken wohltuend auf Ingeborg, sie scheint krftiger zu sein in Karls
Nhe. Und wenn Karl lacht, so macht sie Miene herauszulachen und ihre
Wangen bekommen Farbe.

Hast du es gehrt, Axel, heute sagte Herr Karl liebe Frau Ingeborg zu mir
-- haha! Er hat es noch nie gesagt.

Ich rume die Mappen aus und bringe die herrlichsten Bilder zu Ingeborg,
Bilder von denen man trumt, sieht man sie einmal, und lege sie vor ihr
auf, wie ein Museum ist es. Oder ich spiele Klavier, alle Stcke die
Ingeborg liebt, und durch die geffneten Fenster dringt es wie eine warme
liebkosende Welle, die sie badet wie die Sonne.

Mde ist Ingeborg vom Sehen. Sie schliet die Augen und legt den Kopf ins
Kissen zurck und sagt Erzhle Axel.

Wie war die Legende von dem erfrorenen Weinstock? Und die von den
Liebenden auf dem Meere? Erzhle Axel, ersinne etwas.

Ich blicke Ingeborg an und hundert Geschichten fallen mir ein. Und ich
erzhle. Ich erzhle ihr die Geschichte von dem Priester mit dem silbernen
Herzen, ich erzhle ihr die Geschichte von Karin, der um die halbe Erde
wanderte um zu seinem Weibe zu kommen. Ich erzhle ihr die Geschichte von
Hermann Ecke, dem Gutsherrn auf Entenweiher, den Eva verlassen hatte. Sie
lebten glcklich, Eva und er, aber Eva ging von ihm zu einem andern. Warum?
Niemand wei es. Wird sie immer bei dem andern bleiben? Nein, sie wird wohl
zurckkommen zu Hermann Ecke.

Und er wartet, Hermann Ecke, da sie wiederkme. Einen Garten legt er ihr
an, eine Terrasse baut er ihr. Jahre vergehen. Wo ist Eva? Sie kommt nicht
wieder. Aber er wartet und die Jahre vergehen. Lange Jahre war er traurig
und niedergeschlagen, aber seht ihn jetzt, straff und aufgerichtet geht er
einher mit leuchtenden Augen. Es fragt der Freund: Glaubst du denn, da Eva
wiederkommt? -- Hahaha, antwortete Hermann Ecke. Sonst nichts. Hermann
Eckes Haare werden wei. Es fragt der Freund: Was wirst du sagen, wenn Eva
wiederkommt?

Knigin, werde ich sagen, erwidert Hermann Ecke, dein Thron steht bereit.
La uns von den kommenden Tagen reden.

Traurig lchelt der Freund, Hermann Ecke hat den Verstand verloren.

Eine Lampe brennt in Evas Zimmer, Strue prangen fortwhrend in den Vasen.
Hermann Ecke steht jeden Abend auf dem Turm und blickt die Strae entlang,
ob kein Wagen kommt. Nein, es kommt kein Wagen.

Der Freund sieht Hermann Ecke an und denkt: Bald stirbst du jetzt. Dein
Herz ist schwach. Er sinnt.

Ja, Eva hat eine Schwester, die mu kommen, um ihm von Eva zu erzhlen und
ihm zu sagen, da sie bald kme, Eva. Die Schwester kommt und spricht mit
dem Freunde. Eva ist tot, arm und verlassen ist sie gestorben. Sagen sie
ihm das nicht, Beste, spricht der Freund, sagen sie ihm, da sie in Glanz
und Glck lebe und viel gefeiert werde. Bald kme sie zu ihm.

Ja!

Da tritt er ein, Hermann Ecke. Und er richtet die Augen auf die Schwester
-- er rckt die Brille zurecht -- siehst du es --? seine Augen fllt ein
berirdischer Glanz. Er breitet die Hnde aus -- siehst du es? --

Evas Schwester! flstert der Freund.

Hrt es Hermann Ecke? Nein.

Er spricht: Knigin, dein Thron steht bereit, la uns von den kommenden
Tagen reden!

Hermann Eckes letzte Worte waren das. -- --

Was sagst du dazu, Ingeborg?

Ingeborg nickt, sie lchelt und ihre Wimpern zittern und werden feucht.

Erzhle Axel! Ersinne etwas!

Die Stunde ist golden, die Sonne segnet die Welt. Ein Lcheln liegt auf
allen Dingen, selbst auf den Spitzen der Grser. Die Wlder nahe und ferne
sind wie hohe Wogen flssigen Goldes. Ein goldener Himmel, und ein goldener
Funkenregen, der zur Erde sinkt. Im Westen liegen schmale Wolken gleich
groen glhenden Scheitern, darauf verbrennt die Sonne und ihr Feuer lodert
ber den Himmel. Goldene Bltter zittern im goldenen Himmel, man sieht die
Zweige nicht, an denen sie hngen. Wie eine Grotte mit goldenen Sulen,
gefllt mit funkelndem Geschmeide ist der Wald drben anzusehen. Dort gehen
Pferde und ein Knecht, golden sind die Pferde, golden der Knecht. Ein
goldener Wind weht und goldener Tau tropft von den Bumen.

Ich sehe auf Ingeborg, deren Antlitz und Hnde die Sonne durchleuchtet. Von
der Farbe des alten Goldes ist das Haar und ein feines Gespinst von Feuer
zittert darber. Sie hat die Lider geschlossen, aber sie erscheinen so
dnn, da man die Augen darunter zu sehen vermeint. Ein mdes glckliches
Lcheln schwebt auf ihrem schmalen Gesichte, wie es nur die Genesenden und
die Wchnerinnen haben und die Liebenden am Morgen einer trauten Nacht.

Pazzo liegt zu ihren Fen und sie hat die Fe auf seine atmenden Flanken
gestellt.

Und ich blicke auf Ingeborg und beginne mit leiser Stimme:

Diesmal erzhle ich dir von einer schnen Knigin, weil ich gerade an eine
schne Knigin denke. Es ist die Knigin, die sie goldenes Herz nannten.
Silvia hie sie. Sie war Nicolo Dandoldis Weib, jung, Nicolo alt. Nicolo
hie der Einugige mit dem siegreichen Schwert, im Volke der Schlaflose.
Spter der Wortbrchige. Du wirst gleich hren weshalb. Er war sehr
grausam, wie alle Knige in den Legenden und man sagte, wenn er soviele
Ellen tief in die Hlle kme, als er Menschen gettet habe, wrde er vom
Lichte nicht mehr sehen, als eine Nadelspitze ausmacht.

Natrlich kommt auch ein Page darin vor, du wirst es gleich hren,
Ingeborg. Der Page hie Auge, denn schne Augen hatte er, das wuten alle
Frauen.

Schn sind deine Augen, sagte Silvia, als sie ihn zum erstenmal sah. Wie im
Traume sprach sie. Goldenes Herz liebte Auge, und Auge liebte goldenes
Herz.

Sie trafen sich im Garten der Frauen und saen die Nchte hindurch unter
den Bschen, im verschwiegenen Schatten, den der Palast ber den Garten
warf. Da saen sie und plauderten, und ich wute alles was sie einander
sagten. Auch Ingeborg wute es und sie lchelte. Wieviele Nchte saen sie
da! Aber der Priester umschlich sie und in einer Nacht, die herrlich und
duftend war wie keine, da geschah es. Zur Zeit der ersten Kirschenblte
hatten sie sich zuerst gesehen, als die Kirschen sich rteten, war es schon
geschehen um sie.

Sie sollten sterben.

Der Knig lud allen Adel ein, wie zu einem Feste, und sie saen gekleidet
in den Glanz eines vielhundertjhrigen Reichtums in den Galerien. Von
weitem mochten sie wohl erscheinen wie Krbe voller Blumen, die die Grtner
zum Verkaufe ausstellten.

Silvia und der Page wurden hereingefhrt, da erbleichten alle und ihre
Gesichter wurden so wei wie die Kerzen, die die Mnche trugen. Als die
beiden niederknieten und die Henker hinter sie traten, da wurde es so
still, da jeder sein eigenes Herz klopfen hrte.

Der Knig sah aus wie eine Reliquie aus gelbem Wachse, wie sie in den
Kirchen zu sehen sind. Silvia sah so schn und rhrend aus, da im Herzen
des Knigs ein Kampf zwischen Liebe und Rachedurst entstand.

Und er rief: Der Knigin steht eine Bitte frei! Doch das Leben des Buhlen
bleibt in meiner Hand.

Es war stille und die se Mdchenstimme der Knigin sprach: Ich bitte,
da man den Sklaven, der des Nachts so traurig am Lido singt, in seine
Heimat sendet.

Der Knig lachte heiser.

Der Knigin steht eine Bitte frei, rief er abermals und seine Stimme
keuchte.

Da bat goldenes Herz, da man sie vor dem Geliebten tte. Sie wollte nicht
hren, wie sein Haupt fiel.

Aber der Geliebte widersprach. Sie solle den Himmel lnger sehen als er,
sagte er. Lange Zeit stritten sie hin und her, jeder wollte zuerst sterben.
Die Frauen in der Galerie weinten. Und abermals machte sich Silvia bereit
zu sterben.

Da erhob sich der Knig und beugte sich ber die Galerie und keuchte und
rief: Der Knigin steht noch eine Bitte frei! Und er bohrte seine Blicke
in Silvias Augen.

Aber Silvia sprach nicht die Bitte aus, die er erwartete.

Ich bitte meine Schuld bekennen zu drfen sagt sie.

Der Knig fiel in den Sessel zurck und nickte.

Es war ein eigentmliches Sndenbekenntnis, Ingeborg, du wirst es hren.

Silvia begann und sagte, da sie jung wre und die Muttergottes bte, ihr
zu vergeben, da sie erst siebzehn Jahre alt wre.

Lieber htte ich siebzig Jahre alt sein wollen, als ich Knigin wrde.
Aber mge mir die Muttergottes gndig sein, da ich jauchzte, so jung zu
sein, als ich den Geliebten erblickte. Denn bei den Wunden des Erlsers,
wre ich alt gewesen, aus Gram darber wre ich in derselben Nacht
gestorben.

Und sie erzhlte, wie sie den Geliebten zum erstenmal sah.

Er stand im Saale der gewebten Wnde, wo so viele Herren und Frauen
lautlos tafeln und lachen, da man glaubt zwischen Gespenstern zu gehen und
einem bange wird. Da sah ich ihn und er verneigte sich vor mir, und ich
erschrak. Wei nicht weshalb.

Schne Augen hast du! sagte ich zu ihm. Bei Gott ich wute nicht, was ich
tat. Erst spter fiel mir ein, was ich gesagt hatte.

Ziemt es sich fr eine Knigin, stehen zu bleiben und solche Worte zu
sprechen? Gewi nicht. Ich tat es.

Ich konnte nicht von der Stelle gehen, zitterte und lachte. Ziemt es sich
fr eine Knigin zu lachen wie ein Kind? Aber ich tat es.

Ich traf ihn wieder an der silbernen Treppe, er legte Kissen in die Barke
des Knigs. Er war sehr bla.

Weshalb bist du so bla? fragte ich.

Und er erwiderte: Ich bin so bla, weil ich ein Mdchen liebe und es ihr
nimmermehr sagen kann.

Ich erschrak nicht -- Haha -- nein, denn ich wute wohl, wer das Mdchen
war.

Wrdest du das Mdchen kssen, wenn du knntest?

Das wrde ich bei Gott tun.

So ksse mich.

Er kte mich. Freunde, es war am Tage, es war angesichts des Palastes, die
Mven haben es gesehen, die Fische im Meer und Gottes tausend strahlende
Augen, nur euch hat Gott die Augen versiegelt.

Und ich erzhlte, da goldenes Herz fortwhrend von dem Geliebten und ihrer
Liebe gesprochen habe und nicht mde geworden sei, die Schnheit des
Geliebten, seine Augen, seine Lippen, seine Hnde, seine Stimme zu preisen
und die Sigkeit ihrer Liebe zu besingen. Ja, so sprach sie, da die
Mnche und Nonnen sich abwendeten.

O, ihr Frauen dort oben! rief sie. Seht mich Gefallene! Aber ich sage
euch, nimmermehr mchte ich mit euch tauschen. Gerne wrde ich sterben fr
jedes seiner Worte und fr jede Wimper seiner Lider. Wie glcklich wre
wohl jede von euch, knnte sie diese Worte sprechen! Haha! Ihr wrdet keine
Reue empfinden, htte er einmal nur seinen Arm um euern Nacken gelegt, die
tiefste Hlle wrdet ihr lieber ertragen, als da ihr einen seiner Ksse
entbehrtet. Ich wei es, ja, ja, ja!

Also sprach Silvia und sie konnte nicht aufhren von dem Geliebten zu
sprechen und den Herrlichkeiten ihrer Liebe.

Sie sprach nicht, nein, sie jauchzte. Sie lachte und weinte whrend sie
sprach und ihre Wangen rtete das Glck.

Auge aber weinte vor Seligkeit hinter der Kapuze, die sie ihm ber den Kopf
gezogen hatten, und er weinte so sehr, da die Steine zu seinen Fen
dunkel wurden, trotzdem die Sonne brannte.

Die Gste zitterten. Der Knig krmmte sich unter Silvias Worten und
erstarrte, immer mehr.

Tiefe graue Furchen entstanden in seinen Wangen und an den Schlfen.

Dann machte sich Silvia wieder bereit zu sterben. Sie war so schn und ihr
Antlitz so heiter, so strahlend, als wrde sie dem Geliebten vermhlt und
ginge es nicht in den Tod.

Die Henker lauerten des Winkes, aber da hob der Knig wiederum die Hand.

Halt! halt! rief er keuchend und sann nach. Und er wandte sich zu den
Gsten. Seht! Seht! Seht doch wie lieblich sie ist! Wie schn sie ist! Wer
sah je ein solch schnes Weib?

Und er beugte sich weit ber die Brstung und flsterte: Noch eine Bitte
steht dir frei, herrlichste Silvia, jede Bitte, welche es auch sei -- bei
meiner Ehre!

Die Gste jubelten.

Was denkst du nun, da Silvia bat? Ja, was gab es auch anderes zu bitten,
wie?

Aber als sie die Lippen zu diesem Wunsche ffnete, berfiel den Knig
pltzlich der alte Grimm.

Ttet sie, ttet sie! keuchte er und bewegte die Arme, als schleudere er
Steine auf sie.

Silvias Haupt sprang ber das Schwert.

Und als sie Auges Haupt abschlagen wollten, da fanden sie, da er schon tot
war.

Er ist schon tot, Herr! schrie der Henker. Die Furcht hat ihn gettet.

Die Furcht -- --

Was sagst Du dazu Ingeborg?

Ingeborg schwieg. Ingeborg schttelte den Kopf.

Du mut sie entkommen lassen, Axel, willst du?

Ja!

Und ich erzhlte von der Stelle an: die Gste jubelten. Und Silvia sprach:
Bist du so gndig, Herr, so lohne es dir Gott. Schenke uns beiden Leben
und Freiheit.

Der Knig lchelte und nickte.

Da schmetterten Posaunen und die Gste jubelten, da die Dcher der
Galerien in die Hhe flogen, und alles ging zum Mahle. --

Ingeborg lchelte.

Es war eine goldene Stunde und die ganze Welt, die Wlder, das Tal, das
Schlo, Ingeborg und ich und Pazzo zu Ingeborgs Fen, alles war aus Gold,
und der goldene Regen fiel immer noch langsam vom Himmel. Ich fhlte, da
mein Herz golden war und es begann leise zu klingen wie eine Glocke.

Ingeborg lchelte. Sie lchelte noch nicht wie frher.

Schner als all deine Legenden ist die von Axel und Ingeborg. Ingeborg war
dem Tode nahe, aber Axel pflegte sie mit solcher Hingabe, da sie genas und
nicht sterben konnte. Gibt es eine schnere Geschichte? Nein, nein . . . .
. .

Diese Stunde war golden und meine schnste Stunde war es.

Schner als deine Legenden ist die von Axel und Ingeborg . . . . .

O, Ingeborg. -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

Die Tage gingen und Ingeborg wurde mit jedem Tage krftiger und gesunder.
Aber doch sprach sie noch nicht wie frher, aber doch lachte sie noch wie
frher.

Mde war Ingeborg noch.

Ingeborg ging umher und sann. Stundenweit ging sie in den Wald und sann.
Ihr Antlitz war gebrunt wie im Sommer, da die Sonne brannte.

Was sann Ingeborg doch?

Ich lag viele Nchte und schlief nicht.

Ingeborg war noch nicht die alte.

Die Vgel sangen nicht mehr wie frher. Die Felder waren gemht.

Ich lag viele Nchte und schlief nicht. Aber am Tage berfiel mich oft die
Mdigkeit und ich mute schlafen. Ich fuhr oft aus dem Schlafe empor,
Trume marterten mich. Ich trumte immer wieder und wieder von jener Nacht,
da ich um Ingeborgs Leben kmpfte. Schrecken jagten durch meine Seele. Es
erhoben sich Fuste und schlugen mich nieder -- und ich erwachte.

Ich vernahm Stimmen, drohende Stimmen, ich vernahm ein Brausen und das
Brausen sprach: Du hast es gewagt!

Hatte ich etwas Bses getan?

Ich sah schlecht aus, als ob ich krank wre. Zuweilen hatte ich auch
Fieber.

Wie war meine Seele? Wie das Tal war sie, Sonne und Wolkenschatten, jagende
Wolkenschatten, ich freute mich ber die Sonne, ich griff nach ihr, wollte
sie bannen, ich war glcklich, ich dachte nicht an die Schatten. Nein, ich
wollte nicht an sie denken.

Ingeborg liebte mich. Sie kte mich tausendmal. Aber ihre Lippen kten
anders, es war ein anderer Ku.




22


Es gab eine frhliche Nacht, eine Nacht voller Gesang, voller Lachen,
voller Blicke, Ksse in der Luft.

Der Himmel tiefblau, Sterne, viele Sterne, Friede ringsum, heiliger Friede,
im Walde, im Tale. Hundert Kerzen brennen in meinem Zimmer, wir feiern das
Fest der Genesung.

Lachen, Gesang, frhliche Worte und Wein.

Was geschah alles in dieser Nacht? Ich wei es nicht mehr. Wir waren
frhlich und guter Dinge, hundert Kerzen brannten in meinem Zimmer. Wie ein
flammendes Blumenbeet, weie Stengel, brennende Blten.

Es blitzte und funkelte, nie habe ich eine solche Helle wieder gesehen,
solche Augen, solche Lippen, solche Hnde, nie wieder.

Wir tranken, Ingeborg und ich und Karl. Karl lachte, trank auf Ingeborg,
auf mich, auf alle Heiligen, die im Kalender stehen.

Er las eine kleine Geschichte vor, eine geniale, feine Arbeit. Sie hie
Der Verschwender.

Ich liebe die Verschwender, die Verschwender, die immer verschwenden, Gold,
Gedanken und Gefhle, die alles, alles und immer verschwenden!

Ja, das war Karl! Ich hasse die Brger, die Krmer, die Rechner, nieder,
nieder mit den Brgern, ja, nieder mit den Brgern!

A bas,  bas!

Das war Karl.

Wir tranken auf das Wohl der Verschwender, wir tranken auf den Untergang
der Brger.

Ingeborg sang. Sie sang nie so schn wie in dieser Nacht, zum erstenmal
dachte ich nicht mehr, da es Ingeborg war, die da sang, es war eine
Stimme, die Stimme einer Sngerin. Ich war frhlich, leicht war mein Herz.
Alles war vergessen, alle Schatten. Hatte ich an Schatten gedacht? Ich war
wohl tricht.

Ingeborgs Blick suchte den meinigen, er sprhte Verfhrung. Ingeborg kte
mein Ohr, als ich am Flgel sa und Karl es nicht sehen konnte. Ich schrie
leicht auf. Der Flgel kicherte und lachte.

Ich hrte Ingeborgs alte Stimme wieder, ich sah Ingeborgs alte Augen.

Karl sprhte von Ideen und wir lachten und staunten in einem fort. Er
erzhlte eine Geschichte von den Obdachlosen, traurige und abscheuliche
Einzelheiten, aber er erzhlte sie so, da wir ber alles lachen muten.

Die Nacht verging.

Ein Hahn krhte. Da brachen wir alle in Gelchter aus, aber niemand htte
den Grund angeben knnen, weshalb wir lachten, denn der Hahn krhte wie ein
ganz gewhnlicher Hahn. Ich erhob mich.

Freunde, sagte ich, hrt! Ich mache euch einen Vorschlag. Ihr seid
Freunde, du Ingeborg und du Karl, ich wnsche, da ihr Geschwister seid.
Knnt ihr das, so nennt euch du!

Ingeborg wurde verlegen. Ihr Blick flackerte. Karl sagte, da er mir danke,
das knnten sie ja einmal versuchen.

Und Ingeborg sagte: Ja und lchelte.

Gut! rief ich. So kt euch. Ich lachte. Es wurde still.

Welche Kinder sie doch waren, diese beiden!

Ingeborg blickte Karl an, und diesen Blick kannte ich. Ich hatte irgend ihn
einmal gesehen, ja, es war droben auf der Hhe, damals als der Wind wehte.

Nun, so kt euch doch!

Karl nahm Ingeborgs Kopf sanft zwischen die Hnde und sah sie an. Er wurde
bleich und seine Augen strahlten. Er sah schn aus, verlegen und
triumphierend zugleich. Das war Karls wirkliches Gesicht. Und er kte
Ingeborg auf den Mund. Ingeborg errtete. Sie schlo die Augen.

Dann waren sie beide verschmt und still.

Solche Kinder waren sie.

Man mu neue Kerzen aufstecken, sagte Ingeborg verlegen, und Karl go
sich das Glas voll und trank auf mein Wohl, mit verlegener Miene. --

Spter befahl ich den Wagen und wir fuhren hinein in den Wald, der Tag kam
herauf.

Ingeborg wurde still und schlfrig und schlo die Augen.

Bist du mde, Ingeborg? fragte ich.

Nein, sagte Ingeborg. Ich bin gar nicht mde. Sie lchelte mit
geschlossenen Lidern. -- -- -- -- --

Ingeborg geht herum und hat ein Lcheln auf den Lippen, Trume in den
Augen. Wenn ich sie anrufe, so erschrickt sie und sie lchelt mir zu.

Woran denkst du, Ingeborg?

Ingeborg lchelt und geht.

Ich sage es nicht, Axel, sagt sie und lchelt ber die Schulter zurck.




23


Ingeborg sang und plauderte. Es war Ingeborgs alte Stimme. Ich hrte einen
Schritt ber den Korridor eilen, es war Ingeborgs alter Schritt. Ingeborg
ging ber die Wiese, ich rief sie an, sie wandte sich um, es war Ingeborgs
alte Bewegung.

Ich war glcklich, wie im Sommer, ja, aber doch berfiel es mich mitunter,
eine leise grundlose Angst, ein Gefhl des Schwindels. Ich dachte, es kme
noch von jener Nacht her -- ich war nicht mehr so gesund wie zuvor. Dann
ereignete sich etwas. Es war an einem Nachmittag.

Ich ging durch den Park, Karl und Ingeborg zu suchen. Sie wollten ein wenig
rudern auf dem See. Karl war mit seiner Arbeit fertig, er war unermdlich
im Vergngen wie in der Arbeit, es mute immer etwas geschehen. Immerzu war
er unterwegs, sein Lachen klang herzlich und laut. Das Kind, das im Dichter
steckt, beherrschte ihn in diesen Tagen.

Ich ging durch den Park, ja. Ich war nicht frhlich, ich wute nicht
weshalb. Aber ich entdeckte, da der Herbst kommen wollte. Welke Bltter
hingen da und dort, die Wipfel waren so dicht, da man nur kleine,
schimmernde, helle Sternchen des Himmels sah, die Bume hatten alle Kraft
entfaltet.

Ein ser, schwerer, welker Geruch fiel aus den Wipfeln, es roch fast wie
in einem Sterbehause. Und es sauste immerzu im Parke. Das war das Sausen
des Herbstes, so leise, so mde, so gleichmig.

Ein Vogel pipste in seinem Neste. Er wetzte den Schnabel hin und her. Das
gab einen leisen, rhrenden Ton, es klang als sei der Vogel allein und
verlassen im Parke. Der Herbst war im Blute des kleinen Vogels, er wute
nicht, wovon er singen sollte.

Ich kam an den See, Ingeborg und Karl waren nicht zu sehen, der Kahn lag
trocken am Ufer. Ich bog in einen schmalen Pfad ein, der mit Moos berzogen
war, und berlegte, wo die beiden wohl stecken mchten, da sah ich
unerwartet Ingeborgs Gewand durch die dichten Gebsche schimmern. Ich
freute mich. Sie sitzen in der Grotte, dachte ich und beschleunigte meinen
Schritt.

Im Park gab es eine Grotte, ein berhngender Fels, ein kleiner klarer
Tmpel darunter, in den von Zeit zu Zeit, in gleichen Zwischenrumen ein
Tropfen fiel. Der Tropfen rief im Wasser und in der Grotte ein feines
Klingen hervor. Das war eine schne, geheimnisvolle Musik, die man nicht
hren konnte, ohne schwermtig zu werden und ber die Rtsel der Welt
nachzudenken.

Ich freute mich, dort wrde ich sie treffen, diese zwei, die ich so sehr
liebte. Weshalb schlug mein Herz so sehr?

Ich hrte Ingeborgs Stimme, die einige Worte sprach. Das war unsagbar
schn, die Stimme der Geliebten durch die Stille des Parkes zu hren.

Ich ging leise, vielleicht wrde sie wieder sprechen.

Sie sprach wieder und es klang als sprche sie in bittendem Tone.

Ich hrte meinen Namen. Mein Herz begann laut zu pochen. Ich lchelte. Ich
stand nicht weit von ihnen entfernt und sie wuten nicht, da ich da stand.
Wie schn wrde es sein, ihre Worte zu vernehmen und gar, was sie ber mich
sagten. Dann wollte ich aus dem Gebsche hervortreten, wie die Zauberer in
den Mrchen, und sagen: ganz dasselbe denke ich auch, Ingeborg, oder
irgendetwas. Und ich freute mich auf ihre berraschten Gesichter und ihr
Lachen.

Ich hrte den Wassertropfen in den Tmpel fallen und dann sprach Ingeborg,
und es erschien mir pltzlich, als sprche sie ferne. Und doch stand ich
nur wenige Schritte hinter ihnen. Ich sah Ingeborgs Nacken, einige
Korallenperlen darauf, ich sah einen Hut, Karls Hut und daneben eine
knochige, schmale Hand, die das Gras niederdrckte, Karls Hand.

Was denkst du aber? sagte Ingeborg. Liebst du mich denn nicht?

Peng -- fiel der Tropfen.

Und Karl antwortete mit ernster, gleichtnender Stimme:

Ich denke an Axels vornehmes Herz und an die schwere Arbeit meines
Lebens.

Die Lider fielen mir zu und meine Arme wurden steif.

Es verging eine endlose Zeit, dann sprach Ingeborg wieder, noch leiser,
noch ferner: Aber was soll ich tun? Karl, Karl, rate mir doch! Ich ertrage
es nicht lnger. Ich liebe Axel, ja, gewi, aber --

Da gelang es mir, die gelhmten Hnde an die Ohren zu pressen. Es wetterte
dumpf in meinen Ohren, wie in der Nhe eines Dampfkessels. Leise und
vorsichtig schlich ich fort, ich tnzelte fast auf dem glatten Moose. Meine
Zhne schlugen aufeinander, der Schmerz fiel wie ein Beil in mein Herz.

Aber was soll ich tun? Karl, Karl, rate mir doch --

Ich eilte schneller, erreichte die breite Allee, es wehte zwischen den
Bumen.

Huh, wie blies der Wind so kalt!

Aber was soll ich tun? Karl, Karl --

Ich wnschte, dem Tode zu begegnen. Ich lief, ich taumelte, ich sthnte --
immer noch hielt ich mir die Ohren zu. -- -- --

Es liegt ein Mann in der Nacht und findet keinen Schlaf. Er wartet, ob sich
nicht eine Tre rhrt. Daran dachte ich. Nun wute ich es.

Lange Zeit verging, dann kamen sie, Ingeborg und Karl.

Wir haben einen wunderschnen Spaziergang gemacht, sagte Ingeborg hastig,
nicht, Karl?

Karl erwiderte nichts.

Eine Lge flackerte in Ingeborgs Stimme, ein Geheimnis schwieg in Karls
Schweigen.

Ich lchelte, ich beherrschte mich.

Hungrig werdet ihr sein, Freunde. Kommt! sagte ich.

Und ich ging voran und sie folgten mir, Ingeborg und Karl.




24


Am andern Tage reiste Karl ab, er lie sich durch kein Zureden halten. Ich
mu, Axel! Ich lie ihn ziehen, ich liebte ihn. Ingeborg war bleich, ohne
Worte.

Die Felder sind gemht. Die Wiesen sind braungrn. Die Sonne funkelt noch,
aber ein leichter Wind weht immerzu, herauf aus dem Tale und verweht die
Strahlen der Sonne.

Der Sommer verglht, der Herbst kommt, bald werden die Krhen schreien,
denke ich. Und ich sehe in Gedanken Schnee vom Himmel fallen.

Es ist schwl im Hause und doch zieht es, wo man geht. Die Hnde und Fe
frieren, ein kalter Atem streicht ber den Rcken.

Es ist nun sehr stille geworden bei uns und die Uhren ticktacken, wohin man
kommt.

Ingeborg sitzt am Fenster und blickt die Strae hinab, die ins Dorf fhrt.

Vor dem Hause auf der Wiese steht eine Birke, eine neue Bank, aber es ist
eine andere Birke, eine andere Bank.

Ich lchle und sage zu Ingeborg:

Wie stille ist es bei uns, gute Ingeborg!

Es sei sehr stille, ja, erwidert Ingeborg und blickt lchelnd zu mir empor.

Ich gehe. Dieses Lcheln tut mir weh.

So vergeht der Tag.

Ingeborg sitzt am Fenster und blickt die Strae hinab, die zum Dorfe fhrt.

Ich setze mich zu ihr und sage: Wie man doch Karl vermit. Ein solch
gtiger Mensch, ein solch herrlicher Mensch! Wie schn war er doch
anzusehen, wenn er kutschierte! Wie ein griechischer Wagenlenker stand er
im Wagen und lie die Peitsche ber den Pferden knallen und schrie, da die
Pferde scheuten und sein langes, rotes Haar flatterte im Winde um sein
lachendes, verzcktes Gesicht.

Ingeborg lchelt und blickt hinab ber die dstern Buchenwlder, die sich
leise wiegen.

Ingeborg lacht leise.

Sonderbar war er vor allem, sonderbar in allem, was er tat. Erinnerst du
dich, wie er am ersten Abend sagte, die Frauen seien ganz gute Geschpfe,
glaube er. Und er erzhlte von einem armen Mdchen, das ihm eine Kravatte
geschenkt habe? Wie hrte sich das an! Und zu gleicher Zeit schrieb er an
einem Gedichte, zwlf Gesnge zur Verherrlichung der Frau -- haha!

Ja, sonderbar war er, du hast recht, Ingeborg. Wer ist er doch? Ich habe
nie eine Silbe der Klage von seinen Lippen gehrt, nie einen Zug des
Unmutes bei ihm gesehen. Und doch hat er so viel gelitten. Immer frhlich
ist er und immer schenkt er.

Darauf spricht Ingeborg und sie zieht bedeutsam die Brauen in die Hhe:
Ein Weiser ist er und ein Kind. O, er ist ein Mensch! Ich habe eine Stelle
in einem seiner Bcher gefunden, die heit: Leiden mut du knnen bis zur
Verzweiflung und lachen bis zum Irrsinn, ohne zu verzweifeln, ohne
irrsinnig zu werden. Das sagt viel von ihm.

Und Ingeborg lchelt und sieht die Strae hinab und eine kleine Falte ist
zwischen ihren Brauen zu sehen. Ihre Lider sind halb geschlossen.

Ich gehe. Diese kleine unterdrckte Falte zwischen den Brauen zerschneidet
mir das Herz.

So vergeht der Tag.

Und Ingeborg ist bla und ein eigentmlicher Schein ist in ihren Augen. Wo
sah ich doch diesen Schein schon und diese erstarrte Miene?

Es fllt mir ein: damals auf der Hhe, an jenem Abend, bevor wir uns
kten.

Ingeborg lacht eigentmlich und sagt: Weit du, woher die Feuerlilie ihre
Glut hat und die Amsel ihren Gesang?

Nein, das wute ich nicht. Wie sollte ich wissen, woher die Feuerlilie ihre
Glut und die Amsel ihren Gesang hat? Ich hatte mich nie mit diesen Dingen
beschftigt.

Karl wei es!

Karl wei es. Bin ich ein Dichter? Nein. Karl ist ein Dichter und mute es
wohl wissen.

Ingeborg blickt an mir vorber, hinunter auf die Strae, die zum Dorfe
fhrt, und spricht:

Karl hat eine neue Unsterblichkeitslehre gefunden. Wie gro ist ihm der
Mensch. Mir verriet er es, mit niemand sprach er sonst davon.

Weit du, wie man sich Zuneigung und Abneigung erklren kann? Er sprach
von Geschlechterreihen und da --

Was wei ich von diesen Dingen?

Der Tag vergeht, es weht vom Tal herauf. Grellgelbe Flecken bekommen die
Wlder. Ein einzelner brennendroter Baum steht in der Ferne im grnen
Walde.

Ich gehe herum und sinne. Ich gehe in die Stlle und sehe den Knechten
nach. Ich spreche mit ihnen. Ich gehe in die Scheunen, wo die
Futterschneidmaschine surrt. Es treibt mich herum.

Ingeborg! Ingeborg! Jeden Tag gehst du weiter weg von mir, Ingeborg. Bald
werde ich dich nimmer sehen. Jeden Tag klingt deine Stimme ferner, es wird
ein Tag kommen, da werde ich dich nimmer hren knnen. Eine fremde Sprache
wirst du sprechen.

Eine groe Traurigkeit breitet sich in meinem Herzen aus und alles will sie
verdunkeln. O, Ingeborg, Ingeborg!

Es treibt mich herum. Ich fasse einen Baum an und sage zu dem Baume: O,
Ingeborg!

Hin und her wandere ich. Ich kann mich keinen Augenblick mehr niedersetzen.
Ich zernage mir die Lippen. Der Schrecken lhmt mich zuweilen, so da mein
Herz stille steht. Mein Gesicht ist erstarrt, es ist ganz steif geworden.
Ich habe das Gefhl, als mte ich in die Knie brechen. -- Zuweilen habe
ich es --

Es zerbrckelt etwas. Es zerbrckelt unaufhrlich, ich fhle es, ich hre
es, es zerbrckelt um mich, in mir --

Ich schlafe nicht mehr. Ich liege immer, immer wach. In meinem Kopfe jagt
es. Gegen Morgen sinke ich vor Mattigkeit in den Schlaf. Ich trume, da
ich weine. Ich hre mich weinen, ich erwache, meine Augen sind trocken,
aber es weint in mir. Ich bin erstaunt, ich erschrecke, es weint immerzu in
mir.

Ich sehe nicht gut aus. Ich sehe gealtert aus. Ich fhle, wie Ingeborgs
Blick auf meinem Gesichte ruht. Ich fhle, da alle Worte sie reuen, die
sie ber mein Gesicht sagte. Ich fhle es.

Ich spreche mit Ingeborg. So gtig wie mglich suche ich zu sprechen.

Erinnerst du dich, wie wir unter dem Apfelbaum saen, er blhte?

Ingeborg schweigt.

Der Sommer war doch schn, Ingeborg?

Ja, er war schn, sagt Ingeborg mit einer teilnahmslosen, mden Stimme.
Gereiztheit verbirgt sich darin.

Das hat mir wehe getan!

Ich gehe. Es treibt mich herum.

Hin und her gehe ich und berall stehe ich und plaudere ein paar Worte mit
dem Gesinde.

Hat sie noch ein wenig Sonne erwischt? sage ich zur alten Maria, die am
Fenster sitzt und Strmpfe stopft. Ich spreche sanft und ich bin ergriffen,
als sprche ich zu meiner Mutter. Ganz eigentmlich ist das.

Ja, es ist heute warm. Bald wird der Winter da sein, ehe man sich
umschaut. Sie glaube, da heuer der Winter frh komme.

Das glaube ich auch, sage ich. Ich glaube sogar, da es ein strenger
Winter werden wird.

Die Schlehen htten so stark geblht, ja.

Was sie da fr einen Vogel habe. Ganz traurig she er aus. Er snge wohl
nicht.

Ein Rotkehlchen, Herr. Singen tut es nicht, nein.

Sie habe einen Kanarier gehabt, er sei gestorben. Sie glaube, er sei aus
Furcht vor der Katze gestorben. Wenn sie das gedacht htte, wre die Katze
nicht ins Zimmer gekommen. Aber sie knne keinen leeren Kfig sehen, bis
ein neuer Kanarier zu haben wre, wolle sie das Rotkehlchen behalten.

Hre, sage ich, schenke mir das Rotkehlchen. Ich besorge dir einen
Kanarier. Die sind es seit jeher gewhnt, in Kfigen zu sitzen und singen
auch.

Schon recht.

Ich nehme den Kfig und gehe zu Ingeborg. Ingeborg sitzt am Fenster und
blickt in den Sonnenuntergang hinaus. Sanft geht der Tag zu Ende, mit
gleichmiger Rte im Westen und zitternden Wlkchen am hohen Himmel. Ganz
wie ein Frhlingstag. Die Luft weht lau, klingende Rufe zittern aus dem
Tale herauf.

Sieh, sage ich.

O! sagt Ingeborg.

Ein Rotkehlchen gehrt in den Wald, nicht in den Kfig, Ingeborg, denke.

Ingeborg sieht mitleidig lchelnd und voller Liebe auf das Vgelchen, als
blicke sie einem armen, weinenden Kinde in die Augen. Eine schne rote
Brust hat der Vogel, in die er den klugen Kopf drckt. Seine Augen sind
schwarz wie Beeren und sphen ngstlich.

Ich will sprechen, aber ich kann es nicht.

Auf der Wiese nahe der kleinen Birke steht ein alter Knecht, in
zusammengeschrumpften Hosen und blauem Arbeitskittel, er ruft zu einem
Bauern auf der Strae hinber. Von einer Kirchweih erzhlt er. Er lacht,
aber er bewegt die Arme, als wolle er Streit anfangen.

Es ist ein armes Vgelchen, ging gerne in die Freiheit, sage ich.

Ingeborg denkt, was meint er doch? Sie blickt mich an und ihre Lider zucken
verlegen.

Der Knecht auf der Wiese lacht und ruft: Alle Hohenfichtener sind
dagewesen. Eine Hetze war es, haha!

Hahaha -- antwortet es von der Strae her. Und der Knecht bricht wiederum
in Gelchter aus. Glcklich und jung lacht er trotz seiner grauen Haare.

Siehe, Ingeborg, was ich mit solchen eingesperrten Vgelchen tue.

Ich ffne den Kfig. Das Rotkehlchen steht unter der Tre, pfeift
schchtern und wendet das gereckte Kpfchen nach links und rechts. Glaubt
man nicht, man knnte ohne weiteres fortfliegen, denkt es -- zit zit! Es
betrachtet sich die weite Welt und schttelt die Flgel.

Ich lchle.

Es will gar nicht gehen. Aber die Tre steht ja offen. Ich bin doch nicht
so grausam, es zurckzuhalten --

Geh, kleiner Vogel, flieg!

Zit! pipst der Vogel. Er blickt rasch zurck, dann gleitet er vom Gesimse
und breitet die Flgel aus.

Er fliegt bis zur kleinen Birke, lt sich nieder und beginnt zu
schmettern. Dann schwingt er sich in die Hhe und fliegt hinein ins Tal,
berauscht, in groen Bogen. Er begegnet einigen Schwalben und scheint ihnen
etwas zuzurufen, denn die Schwalben ndern pltzlich die Richtung und geben
ihm ein Streckchen das Geleite.

Ich vermag es nicht, Ingeborg in die Augen zu sehen, und so blicke ich dem
kleinen Vogel nach, der in die Freiheit hinausflog. Bald sieht es aus, als
fliege ein Schmetterling im gerteten Himmel.

Dann zittert nur noch ein Pnktchen ber dem Tale, es tanzt auf und ab.

Siehst du, ich bin doch nicht so grausam, ihn zurckzuhalten? Ich freue
mich mit ihm ber seine Freude.

Da begegne ich Ingeborgs Blick. Sie hat verstanden.

Sie blickt mich an und ich sehe, da sie irgendetwas tun mchte, um mir zu
danken. Aber sie wagt es nicht.

Sie blickt mich nur an.

Wir geben uns die Hand.

Vor dem Hause erzhlt der Knecht immer noch von der Kirchweih und dem Tanze
in Rotenbuch.

Ich hre es, verstehe jedes Wort, obgleich mein Herz zerbricht.




25


In jener Nacht lag ich ausgestreckt in meinem Zimmer und rhrte mich nicht.
Ich lag und blickte zur Decke empor und rhrte mich nicht.

Da schlich es, es knisterte und rauschte. Ingeborg glitt neben mir auf den
Boden.

Sie umschlang mich und kte mich, sie kte jede Stelle meines Gesichtes,
meinen Hals, meine Hnde. Sie weinte, ich hrte es nicht, aber ich sprte
ihre Trnen. Sie badeten mein Gesicht, meinen Hals, meine Hnde.

Mir war so wohl, so wohl. Ich dankte ihr. Ich wurde frhlich, glcklich war
ich. Mehr, mehr dachte ich.

Dann flsterte sie: Ich erinnere mich freilich daran, wie wir unter dem
blhenden Apfelbaum saen. An alles, alles erinnere ich mich, Axel. Ich
werde nichts vergessen, nichts.

Und sie erzhlte von unserem Frhling, unserem Sommer immerzu, jede
Einzelheit.

Mir war so wohl, so leicht . . .




26


Neuer Morgen kam -- er mute kommen, die Sonne mute aufgehen. --

Die Sonne geht auf und die Fenster des Schlosses strahlen, als sei es zu
einem Feste beleuchtet.

Es ist khl und im Tale ziehen Nebel. Feucht riecht der Wald, es glitzert
und Tau perlt an den Grsern. Spinnengewebe hngen an den Brombeerbschen
und zwischen den Halmen, und in jedem liegt ein ovaler Tautropfen wie in
einer feingesponnenen Wiege.

Es rasselt, der Wagen fhrt vor. Ich trete aus dem Hause, Pazzo folgt mir.
Ich spreche mit dem Kutscher. Mgde schleppen das Gepck.

Da kommt Ingeborg die Treppe herunter, sie knpft sich die Handschuhe zu.
Sie trgt einen breiten Hut und das ist auffallend, denn den ganzen Sommer
ber trug sie nie einen Hut. Der Hut verndert sie, der Reisemantel, fast
wie eine Fremde sieht sie aus.

Ein schnes Reisewetter, Ingeborg, sage ich. Ich lchle, ich will es ihr
leicht machen.

Ingeborg hat Trnen in den Augen.

Verzeih, verzeih, flstert sie und beschwrt mich mit den Blicken.

Beruhige dich, Ingeborg!

Ich kann ja nicht anders. Es ist mein Schicksal!

Wohl wei ich das.

Die Pferde scharren mit den Hufen. Pazzo bellt und umkreist den Wagen. Der
Kutscher sitzt steif und bereit zur Fahrt.

Adieu, Ingeborg!

O, Axel!

Gre Karl!

Ich danke, Axel!

Wenn du mich besuchen willst, ich freue mich immer ber deinen Besuch, du
weit es.

Freilich, freilich besuche ich dich. Bald besuche ich dich.

Wenn du ausruhen willst, nirgends ist es stiller als hier, du weit es.

Ich denke daran. Schreibe bald, Axel! Versprich es!

Ich werde schreiben.

Hastig nestelt Ingeborg an den Handschuhen und zieht sie von den Hnden.

Lebewohl, Axel!

Ingeborg, lebewohl!

Wir kssen uns. Ich stehe auf dem Trittbrett des Wagens und Ingeborg
umschlingt mich mit den Armen. Unter dem Hoftore stehen Knechte und Mgde,
die begreifen nichts.

Die Pferde ziehen an, der Wagen rollt die Strae hinab.

Pazzo heult klglich, bellt, blickt auf mich.

Adieu! Adieu!

Ingeborg steht im Wagen und winkt mit dem Taschentuch.

Noch sehe ich ihre Augen deutlich und den bittenden Ausdruck des Antlitzes,
das unter dem breiten Hute leuchtet. Golden schimmern die Lockenbschel.
Nun sehe ich die Augen nicht mehr, etwas Blasses schimmert unter dem Hute.
Das weie Tuch weht.

Der Wagen biegt um die Ecke, ganz klein ist er geworden.

Eine weie Taube flattert im Walde, ein Beschlge blitzt, nichts ist mehr
zu sehen. Wald, Wald, Wald --

Pazzo winselt und klfft. Er springt an mir empor.

Pazzo!

Pazzo fliegt in groen Sprngen den Berg hinunter. Das ist noch ein letzter
Gru, nicht?

Adieu, Ingeborg! -- --

Ich habe einen Geschmack auf den Lippen.




27


Nun ist Ingeborg fort. --

Ich sehe einen Mann, der die Stufen zum Hause emporsteigt. Er steigt und
steigt, wieviele Stufen sind es doch? Er blickt nicht zurck. Er steht vor
der Tre, ffnet sie, sie ist schwer. Er blickt nicht zurck. Er
verschwindet im Hause. Er steigt die Stiege empor, er geht den langen
weien Korridor entlang. Er bleibt stehen, die Augen fallen ihm zu.

Dieses ist ein Mann, der alles was er besa, verlor. Er erblat. Es sind
zwei Worte an eine weie Tre gekritzelt. Er sieht ber sein Zimmer. Es ist
sein Zimmer. Da sieht er nun, sieht in sein Zimmer und wagt es nicht, es zu
betreten. Er wagt es nicht, nein! Dieses Zimmer ist leer, leer.

Schreien, lachen, niederstrzen? Wie? Nein, nichts von alldem. Ein Zittern
in den Hnden, ein Beben der Knie, das ist alles. Verzweifelte Gebrden in
mir, tief in mir. Wirre, jagende Bilder in meinem Kopfe, sie zerbrechen,
andere kommen, zerbrochene. Sie zerbrechen.

Ich setze mich in einen Stuhl. Ich lchle.

Ich habe einen Geschmack auf den Lippen. Adieu, adieu. Ich nehme Abschied.
Tautropfen, bittende Augen, eine nackte Hand. Eine Stimme.

Sie schwebt ber mir wie Gesang. Ich verneige mich vor der Stimme. Ich
lchle. Ich stehe auf dem Trittbrett und lege meinen Arm um Ingeborg.

Wie verzweifelt das Lcheln hin und her irrte auf ihrem Antlitze? Und ihre
Augen, die segneten, segneten! Gelobet seist du in alle Ewigkeit, Ingeborg!
Ich liebe dich.

Mein Herz krampft sich zusammen, es wird dunkel in meinem Kopfe. Ja, nun
ist sie fort. Ich habe alles verloren, was ich besa.

Ich stehe auf. Es dreht mich im Kreise. Vor meinen Augen wird es schwarz.
Soll ich niederstrzen? Drfte ich es doch! Ein klein wenig. Einmal
zusammenbrechen, schreien, eine Sekunde nur. Nein, ich tue es nicht, ich
stehe aufrecht, ich kmpfe. Ich beginne zu wandern. Meine Wanderung
beginnt.

Sie dauerte Wochen, Monate, nun begann sie.

In den Wald? Nein, da ist sie. Vielleicht gar in die weien Zimmer? Wohin?
In den Keller? Da ist sie auch.

Was ich gewesen bin, was ich war, was ich sein konnte, Sonne, Glck,
Schnheit, Reichtum. Alles verloren. Vorbei das Wandeln.

Nein, ich brach nicht zusammen, ich schluchzte nicht, ich grub nicht die
Ngel in die Schlfen. Das ist nicht wahr, ich tat es nicht. Ich zerri ein
Taschentuch in Streifchen, das tat ich, ja, das!

Ich wanderte. Wenn ich nur gehen durfte.

Auf der Strae waren die Spuren von Rdern und Hufen zu sehen. Fuspuren.
Ich entdeckte meinen Schuhabdruck, ich entdeckte ihren Schuhabdruck. Ich
sah ihn an. Ich fhlte beobachtende Gesichter hinter mir, deshalb ging ich.
Morgen wrde man diese Spur im Staube nicht mehr sehen. Sie hat sich in
mein Gedchtnis eingegraben, oft trumte ich von der Spur im weien Staube.
Ich ging in den Wald, stand stille. Adieu, adieu, immerzu nahm ich
Abschied. Ich ging zurck ins Haus, kam wieder zum Vorschein, stand wieder
bei der kleinen Spur im Staube.

Der Wagen kam von der Station zurck. Der Kutscher sprang vom Bock und ein
Knecht kam und spannte die Pferde aus.

Ich fragte den Kutscher: Wo ist Pazzo?

Der Kutscher hatte ihn nicht mehr gesehen. An der Station sah er ihn zum
letztenmal. Wei der Teufel wo der Hund steckt. Ja, wei der Teufel --
haha!

Dieser Wagen war frchterlich leer. Ein elender Anblick war dieser leere
Wagen. Glatt waren die Polster, nichts war auf den Polstern zu sehen.

Ein Knecht kam mit der Brste.

La es. Schiebe den Wagen in die Remise. Eine Decke darber, so wie er
ist. Der Wagen ist altmodisch, ich habe einen neuen bestellt.

Ich trat ins Haus.

Da du mir etwas Ordentliches kochen lt, Mtterchen, sagte ich zur
alten Maria. Ich habe einen schrecklichen Hunger, bin heute frh
aufgestanden.

Die alte Marie hatte etwas auf dem Herzen. Man sah es gleich an der Art,
wie sie sich umwendete.

Sprich nur.

Auf wielange die Herrin fortreise?

Das knne man nicht so genau sagen. Vielleicht einen Monat, vielleicht ein
Jahr. Sie sei nach Paris gereist.

Nach Paris?

Ja, verstehst du, um das Singen zu lernen.

Aber das knne sie doch schon.

Mtterchen, haha, gelungen sprichst du daher. Wie kannst du ber diese
Dinge sprechen?

Freilich knne sie schon singen, schn sogar, sehr schn. Aber es mu alles
gelernt sein, heutzutage, auf den Schulen. Siehst du, du kannst sehr klug
und gelehrt sein, warst du nicht auf vielen Schulen, so glaubt es dir kein
Mensch und du hast nichts davon.

So ist es auch mit dem Singen.

Der Tag ging langsam. Ich hatte nichts zu tun. Langsam drehte sich der
Schatten der kleinen Birke im Kreise. Pazzo war noch nicht da.

Also an der Station sahst du ihn zuletzt?

Ja, Herr.

Und dann nicht mehr?

Nein, Herr.

Ich stahl mich in die Remise. Ich lftete die Decke, die ber den Wagen
gebreitet war. Bestaubt stand er da. Ich suchte in den Polstern, Staub um
die Knpfe, sonst nichts. Es war nichts zu finden.

Ich nahm den Hut und Stock und pfiff. Ich erinnerte mich, da Pazzo ja
nicht da war. Ich lchelte. Ich stieg die Strae hinab, dieselbe Strae.
Deutlich konnte ich die Rderspuren herausfinden, auch Pazzos Spur. Er war
gehetzt. Wie groe Ausrufezeichen sahen seine Spuren aus. Ich kam an die
Stelle, wo er den Wagen eingeholt hatte. Der Wagen hatte gehalten, Pazzo
war in den Wagen gesprungen. Das sah ich alles aus den Spuren. Im Dorfe
verschwand die Spur des Wagens, hinter dem Dorfe tauchte sie wieder auf.
Sie zog mich durchs Tal, ber den Berg hinber, an Rote Buche vorbei. Da
waren alle Lden geschlossen. Sie zog mich bis zur Station. Ich stand am
Perron und blickte dem Geleise nach. Ein Beamter trat heraus und grte.

Ich suche meinen Hund, sagte ich.

Ja, ach ja, dieser Hund. Es sei eine Wirtschaft gewesen. Der Hund wollte
nicht auen bleiben. Er habe geheult und gewinselt. Die Frstin wre ganz
ergriffen gewesen.

Soso.

Ich ging die Geleise entlang. Hier lag Sand, ich konnte Pazzos Spuren nicht
entdecken. Diese Geleise. Sie glnzten. Ich berhrte sie mit dem Finger.
Ich sah ihnen nach. Sie erschienen mir so sonderbar. Sie zogen mich, zogen
mich. Ich rollte auf ihnen dahin, flog, flog. Ich sah einen grellgelben
riesigen Eichbaum am Bahndamm. Ich sah ihn mir an. Gewi war er ihr
aufgefallen.

Ich wurde zu einem Eisenbahnzug, sauste, flog durch die Wlder und Wiesen,
die Wlder und Wiesen drehten sich mir entgegen. Wieder, da stand ich auf
einer Station und sah auf einen Kopf hinter einer Scheibe. Ein runder,
feiner Kopf, glatte goldene Haare, Lockenbschel, die bis zur Schulter
herabfallen.

Dann ging ich quer durch den Wald nach Hause. Immer stand ich auf dem
Trittbrett des Wagens. Es jagte in meinem Kopfe. Meine Hnde zitterten.

                   *       *       *       *       *

Ich hatte im geheimen gehofft, Pazzo anzutreffen. Er war noch nicht
zurckgekommen. Nun, Geduld!

Ich hatte nicht daran gedacht, da die Sonne untergehen wrde, da die
Nacht heute kommen knnte. Aber alles ging seinen Gang, als wre nichts
geschehen. Pltzlich wurde alles rot, durchtrnkt vom Blute der Sonne. Auch
meine Hnde. Friede und Schnheit berall, meine Brust tobte. Dann sah ich
es mit Grauen dunkel werden, immer dunkler. Asche fiel auf die Erde.
Finstere Schatten hoben sich aus den Wldern, irrten hin und her und
kauerten sich nieder. Es wurde still, so still wie es nie war. Schweigen,
Schweigen. Nicht jenes Schweigen, das man noch hrt, nein, ein tieferes
unhrbares Schweigen, ein grauenhaftes Schweigen, das mich lhmte. Leer,
alles leer.

Nun brach die Nacht an. Pazzo war noch nicht zurckgekehrt. Ich ging hin
und her. Ich wartete, ja, worauf wartete ich denn? Ich wartete darauf, da
das Haus ber mich zusammenbrche. Ich ging gedankenlos an den Flgel und
schlug eine Taste an. Es war ein heller Ton, Ingeborgs Ton war es. Jeder
Mensch hat seinen Ton. Mute ich auch gerade Ingeborgs Ton unter den Finger
bekommen.

Ich zndete eine Kerze an, aber die Flamme flsterte, sie sprach, ein
Gesicht erschien in der Flamme. Ich verlschte sie wieder, viel zu viel
wute die Flamme.

Ich ging hin und her. Es war dunkel. Ich trat ans Fenster. Alles war
schwarz. Selbst die Luft war schwarz. Die Sterne fielen vom Himmel und
zersprangen auf den finsteren ckern.

Mich fror.

Pltzlich sah ich ein Zimmer vor mir, eine Lampe war darin, zwei Menschen
unter der Lampe, ein Gesicht rckte in den Lichtkreis. So deutlich sah ich
es. Ich schlo die Augen.

Ja, Karl konnte Ingeborg haben, wenn Ingeborg nur wollte. Er ganz allein,
ja. Er hatte nie ein Glck gekannt, Hunger und Sorgen und Nchte voller
Arbeit, er hatte Ingeborg ntig. Dann war es Karl, der Dichter! Ich
dagegen, wer war ich gegen Karl?

Ich wrde auch allein leben knnen -- ja auch allein, dachte ich und ging
mit steifem Krper hin und her. Mich fror. Alles war leer, alles. Ich
dachte an die Fuspur im Staube, an die Geleise in der Sonne. Ich sah wie
jemand die Handschuhe abstreifte. Ich sah ein Gesicht, das in der Ferne
entwich, ein Paar Augen, die kleiner und kleiner wurden. Ein Tuch flatterte
im Walde.

Ich prete die Finger auf die Augen und drckte die Daumen gegen die
Schlfen. Ich sa und dachte, dachte, dachte immerzu.

Da hrte ich ein leises Wimmern, als ob ein Kind wimmere.

Ich erschrak.

Ich stand auf, rusperte mich und ging wieder auf und ab. Mein Glck,
meinen Sommer im Kopfe, Ingeborg, jeden Schritt, jedes Lachen im Kopfe und
das andere im Kopfe, so ging ich hin und her. Ich hatte ja seit einigen
Tagen gewut, da das andere kommen wrde, da diese Nacht, da alles leer
war, kommen wrde, ich hatte es gewut, meine Seele gewappnet -- aber -- --

Nein, nein, nein!

Ich stand in meinem Zimmer, prete die Hnde auf die Augen und sagte immer
das gleiche Wort. Nein, nein, nein . . .

Die Nacht verging, der Tag graute.

Wie verging diese Nacht? Gott wei es. Auch ich wei es. Ich denke nicht
daran. Ich habe mich nicht auf den Boden geworfen, ich habe mir nicht die
Haare gerauft und die Brust zerfleischt, nein, wer dies behauptet, der
lgt. Ich hatte nur etwas Blut am Kinn, das war alles.

Die alte Maria entdeckte es, ich hatte es nicht weggewischt. Ich lchelte,
so gut es ging, es wollte nicht gut gehen, diesmal, nein, aber doch brachte
ich es fertig.

Ist Pazzo nicht gekommen? Nein.

Der Schlingel! sagte ich und lchelte. Ich sah mein Gesicht dabei, wie
ich es sagte, mein Lcheln. Meine Stimme hatte sich verndert.

Die alte Maria starrte mich an und ging rckwrts zur Tre hinaus.

Natrlich, ich konnte nicht wie ein Brutigam aussehen. -- -- --

Erst einige Tage danach fand ich es: viele, viele meiner Haare waren wei
geworden. Ich war sehr betrbt darber.




28


Es kamen die Tage des lauten Schmerzes.

Allmchtiger Geist ber den Sternen, Vater der Menschen, habe Erbarmen mit
mir. Ein neues Herz, ein neues Hirn! Ich flehe dich an, ein neues Herz, ein
neues Hirn! Erbarme dich meiner! -- --

Ein Gebet war in mir, meine Lippen flsterten es nicht, meine Seele sprach
es. Einst lag ich in der Nacht im Walde, da hrte ich, wie meine Seele es
sprach, ich lauschte, ich verstand. Es waren diese Worte.

Ich dachte, ich knnte nicht unglcklicher werden, als ich in jener ersten
Nacht war. Ich dachte, ich htte den tiefsten Grund des Unglcks erreicht.
Nein. Es sollte in die Tiefe mit mir gehen, jene erste Nacht war die erste
Stufe, dann ging ich Stufe um Stufe abwrts, immer tiefer, immer tiefer.

Ich habe die Hnde gerungen, ich lag Nchte hindurch im Walde und prete
die Zhne zusammen, ich irrte umher, durch Nacht und Regen, mit verwirrtem
Sinn. Die Bume woben sich zu Ingeborgs Antlitz, die Wlder, die Wolken, wo
ich hinsah, da war es, da lchelte es, da schimmerte es. Ich sah es im
Sternenhimmel. Und schlo ich die Augen, so war es in mir, in mir da
funkelte Ingeborgs Antlitz in den Farben des Brillanten. berall waren
Rufe, berall ein Flstern, ein Lcheln, Worte, Gesang.

Da ich doch krank wrde! Krank, lange Wochen und dann erwachte, erneuert,
gesund -- -- o, o! Da ich doch krperliche Schmerzen zu ertragen htte,
die mich vergessen lieen, was da innen so wehe tat.

Einmal hagelte es, ich wei es, ich nahm den Hut ab, die Schloen schlugen
mich auf den Kopf, ins Gesicht, auf die Lippen und Augen, es war wie eine
Zchtigung, die der Himmel ber mich verhngte. Das tat gut. Ich verstand
viel, viel, was ich nie verstanden hatte. Die Klster, wo sie kein Wort
mehr sprachen, nur knieten, knieten, lange Gnge entlang rutschten auf den
wunden Knien, ich verstand die Flagellanten, die sich den Rcken geieln,
die Einsiedler in den Wsten. Das war eine Wonne, o, das war ja eine Wonne
gegen all das andere, gegen das da innen.

Ich verstand die Trinker, die Verbrecher, die Elenden, die Verworfenen.

Ich erinnerte mich an Harry Usedom, wie er vor uns im Walde stand und mit
den Fingern auf sein Herz trommelte. Ich erinnerte mich an Claire Davison,
wie sie vor mir stand, einst, wie sie drei Worte sagte: Leben Sie wohl! Ich
verstand sie nicht, nicht diesen Blick. Ich habe gesndigt an ihr, schwer
gesndigt.

O, wenn dich einer liebt, so sei gtig und schonend gegen ihn, wandere,
wandere, bis du ihn findest, wirf dich in die Knie und danke ihm!

Ich irrte umher. Tage und Nchte. Lange Tage kam ich nicht in mein Haus
zurck. Lange Tage kam ich nicht in eine menschliche Wohnung. Ich war da
tief drinnen im Walde. Ich redete mit mir, mit den Bumen -- --

Ein neues Herz, ein neues Hirn! Es betete in mir, betete -- --

Ich habe Ingeborg oft gesagt, da ich sie liebe. Nein, ich liebte sie
nicht. Ich glaubte es, ja, ich log nicht, aber ich liebte sie in dem
Augenblick erst, da sie mich verlie. Ich wute nicht, was Liebe ist, nein.
Nun wute ich es. Ich fand kein Wort mehr fr diese Liebe, die die richtige
war. Flammen, Brausen, das war sie. Sie zerri mein Herz. Es war, als
schnitten Messer kreuz und quer in meinem Herzen. Das war sie.

Ich ging durch den Wald, es war Nacht, es brauste im Walde, die Bltter
fielen.

Ich ging, ich ging neben Ingeborg einher. Ich sprach mit ihr. Ich liebe
dich, sagte ich, Ingeborg, jetzt, ja, jetzt liebe ich dich! Jetzt bist du
in mir, jetzt -- keine Worte -- Die Trnen strzten mir aus den Augen. Ich
kniete nieder und drckte die Stirne in den Boden.

Jetzt liebe ich dich, Ingeborg, jetzt. Es stach in mein Gesicht, Nadeln
stachen und stchen, ich drckte die Stirne tief hinein, es schmerzte, ich
hob das Gesicht, es war gespickt mit Nadeln.

Jetzt liebe ich dich, Ingeborg! jetzt! -- -- --

Wenn aber Gott aus seinem Sternenwagen gestiegen wre zu mir herab in den
Wald, wo ich litt und verzweifelte, wenn er es getan htte und gesagt: Ich
will dir ein neues Herz geben, ein neues Hirn! Siehe, jetzt lsche ich
alles aus, alles.

Nein, nein, mein Gott, tue es nicht!

Das htte ich geschrien.

Die Tage gingen, ich wurde ruhiger.

Ja, es ist wahr, mein Herz zitterte noch, es war, als verndere es seinen
Platz in der Brust, es war, als fre etwas daran, als hinge etwas Schweres
mit scharfen Zhnen an meinem Herzen, es ist wahr, ich erwachte oft des
Nachts, weil ich weinte, ich schlief auch wenig, aber ich war doch ruhiger
geworden.

                   *       *       *       *       *

Ich begegnete Harry Usedom im Walde.

Wir sahen uns an. Wir grten. Wir gingen aneinander vorber.




29


Trauer erfllte mein Herz. Eine schwere, tiefe Trauer, sie erfllte mein
Herz, stieg bis in den Hals, die Augen, ich dachte, es wrden Trnen aus
meinen Augen fallen, sobald ich den Kopf neigte. Deshalb neigte ich ihn
nicht, ich ging aufgerichtet einher.

Das war der Herbst. Das Laub frbte sich, es war als schicke die Erde ihr
Blut in die ste, auszublicken, auszusphen, da der lange Winterschlaf
kommen sollte, wo sie nichts mehr wute. Der Wind wehte, und das Laub fiel.
Zuerst von den obersten sten, dann bis tief herunter. Die Bume standen
kahl, nackt, sie grmten sich, sie verzweifelten, sie resignierten. Sie
lchelten in der matten Sonne, wie Sterbende lcheln. Es gab einzelne
Bltter, die sich verzweifelt wehrten und nicht fallen wollten. Aber der
Wind ri und ri und endlich ri er sie doch los und warf sie roh
triumphierend in die Luft. Und mir war es, als hre ich die flatternden
Bltter schreien. Die Vgel sammelten sich, sie schrien, lrmten und eines
Tages schwangen sie sich in die Hhe und zogen fort.

Es wurde stiller, stiller. Auch die Grille zirpte nicht mehr des Nachts. Es
war ein Weinen im Walde, ein unterdrcktes Schluchzen irrte in der Mitte
des Waldes.

Von den Kastanien vor dem Hause fielen die Bltter, es knallte, eine Frucht
zerplatzte auf den Stufen. Nun hingen nur noch einige Bltter daran, sie
sahen aus wie verkrmmte, vertrocknete Hnde. Das Haus stand kahl da,
nackt, geschoren, blogestellt, es war grer geworden, grer und der.

Das ganze Tal machte den Eindruck eines Zimmers, dem man Vorhnge, Teppiche
und Bilder genommen hat.

Schmutziggraue Wolken schleppten sich ber das Tal. Ich dachte an die
schaumigen, weien Wolken des Sommers, die ber den blauen Himmel
schwebten, Verzierungen gleichsam, ein Schmuck des Sommers. Ich dachte an
den Herbst im vorigen Jahre, der mein Herz entzndet hatte mit seiner Glut,
seinem Stolze, seinem jauchzenden Tode.

Ich war traurig, ich empfand nichts mehr, keine Farben, keine Gluten, es
war auch alles schmutzig, mde, es war ein Herbst, der einen hlichen,
feigen Tod starb.

Ich ging durch den Park, der ganz ohne Laut dalag. Es war ein Friedhof, in
dem ein groer Toter schlummerte. Ich kam vorber an der Statue, dem
Brunnen, an der Grotte stand ich ein Weilchen still. Der Tropfen fiel. Ich
ging durch das Pfrtchen hinaus in den Wald. Da war ein Pfad und ich
lchelte und sagte: Hier gingst du, gtige Ingeborg, in jenen Nchten --

Ich sagte es mit sanfter Stimme und es tat mir wohl, es recht gtig zu
sagen, als hre es Ingeborg, die Gute.

Ich legte die Handflche an den Boden und streichelte ihn. Vielleicht
huschte hier Ingeborgs Fu darber? Man kann es nicht sagen. Ich fand einen
Kiesel, der in den Pfad getreten war. Vielleicht hatte Ingeborgs Fu ihn in
den Pfad getreten? Sollte ich ihn mitnehmen? Nein.

Aber ich wandte doch um und nahm ihn mit.

Vielleicht? Niemand kann es sagen.

Heilige Erde, heiliges Land, heiliger Wald! Ich kniete nieder und kte den
Boden des Waldes. Heiliges Land, hier wandelte ihr Fu! heilige Bume, an
euch ging sie vorber!

Und die Bume, die der Herbst geschndet hatte, wiegten sich traurig hin
und her und klagten leise. Sie trauerten mit mir und der ganze Wald
flsterte Ingeborgs Namen. Ich ging durch den Wald und lauschte. Es tat
wohl, da alles mit mir trauerte.

Ich erschrak, sah ich einen Stein, auf dem wir saen, ich erschrak, sah ich
einen Baum, den wir beide kannten. Ich freute mich, ich litt.

O hrt, ich fand eine hohe, ernsthafte Edeltanne im Walde, worunter wir
einst saen, als es regnete. Ingeborg lugte aus dem Versteck hervor und
haschte mit dem Munde nach Regentropfen. Ich liebe die kleinen
Regentropfen, sagte sie. Und dann zhlte sie alles auf, was sie liebte,
whrend der Regen herabstrmte und wir unter einem Wasserfall saen.

Ich liebe die kleinen Regentropfen, Axel, ja. O, ich liebe Wind und Wetter,
ich liebe Hagelschlag und Schnee, ich liebe die Sonne ber alles, die
Wolken, die Bume und das Rauschen der Bume, ich liebe ber alles die
Vglein und ganz besonders die Johanniswrmchen, auch die Blitze, sie
lachen mich ja an, und dich, dich, Axel, dich mehr als alles, alles, mehr
als tausend Sonnen und mehr als alle Sternennchte und das wildeste
Gewitter --

Ich ging vorber an der Edeltanne und lchelte, aber ich mute den Kopf
zurckbeugen.

Es sang kein Vogel mehr im Walde, nein.

Ich ging bis an Graf Flggens Schlo, sah das Tor mit den bemoosten Lwen,
die die Wappen hinhielten, ich ging durch unser Birkenwldchen, ich kam an
unseren Apfelbaum. Kahl stand er. Braune, lederne Bltter baumelten an den
Stielen. Im welken Grase lagen verfaulte Frchte.

Einst, im lichten Frhling, da schttelte ich ihn und es fielen die Blten
ber einen goldenen Scheitel -- --

Ich ging auf die Hhe, wo die Bank stand. Das Tal lag da wie durch gelbes
Glas gesehen. Welk und mde und leuchtend, wie das Antlitz eines
Sterbenden, das ein eigentmliches Licht ausstrahlt. Die Wiesen waren braun
und sumpfig, Herbstzeitlosen standen darauf. Die Gruben waren mit welkem
Laube gefllt, sie waren Grber, der Sommer lag darin, Hoffnung und Freude
des Sommers und sein Duft. Neben der Bank stand eine Distel, sie sah aus
wie der graue Kopf eines alten, schmutzigen Weibes mit gestrubten Haaren.
Die Felder waren gemht. Die Stoppeln taten mir weh, es war mir, als ginge
ich mit nackten Fen ber die Stoppelfelder. Ich dachte an den Frhling,
da die Saat aufging, so jung so grn, sie kitzelte mein Herz, und dann, wie
es wuchs und sie die grnen Fahnen aussteckte und schwenkte vor Freude.
Dann kam die Zeit, da das Tal wie in einer groen Pfanne briet und jeder
Punkt der Luft zu singen begann, da wurde der Weizen blinkend wie Messing
und das Korn rot wie das Fell des Fuchses. Das war ein Gren und Nicken
und Verneigen, wenn wir durch die Felder gingen! Und die Grillen zirpten in
den Feldern, das klang als wren tausend winzige Schmiede tief in der Erde
beschftigt, feines Silber zu hmmern. Dann kamen die schlimmen Tage, die
Sichel rupste und rauschte und eines Tages lagen die hren da, gefllt,
steif, auf dem Gesichte, wie erschossene Soldaten. Das schmerzte uns beide
sehr.

Ich stand im Winde, die Feder auf meinem Hute schnurrte, mitten im kahlen
Herbste, und dachte an den Sommer und die Stoppeln schmerzten mich, wie
Krppel kamen sie mir vor.

Ich ging weiter.

Ich ging umher, besuchte alle Bnke, Steine, Lichtungen, die von
Erinnerungen umschwebt waren. Es gab viele heilige Orte im Walde, solche,
die ich nicht betrat, ich sah sie nur aus der Ferne an. Schwermtige
Geheimnisse waren in meiner Brust.

Meine gewhnlichen Wege waren das.

Dann wurde es dunkel, die Sonne verschwand bald und nach kurzem Abschiede
hinter den Bergen.

Es war Herbst, Herbst. Der Wind wehte kalt. Gewi wrde es bald dunkel und
kalt sein auf der Welt, auf lange, lange Wochen. Alle Dinge froren schon,
die den Winter ahnten und die finsteren Nchte.

Es war lange bis zum Frhling.

Ich blickte in den Wald hinein, der braunschwarz in der Tiefe war. Ach,
traurig sah es da drinnen wohl aus. Und ich dachte -- wie ich darauf kam,
wei ich nicht -- ich dachte -- so kann es wohl sein: Unter einem faulen
Pilz, da sitzt ein Zwerg im finstern Walde und er flickt zhneklappernd den
Wintermantel aus Maulwurfspelz. Eine Schnecke leuchtete ihm.

Ich werde sterben, klagt die Schnecke.

Ich werde leben, erwidert der Zwerg und seine Zhne klappern. Ihr Schnecken
habt es gut! Es ist lange bis zum Frhling!

Ich trat ins Haus. Vielleicht war auch ein Zwerg im Walde, ein grauer,
mder Zwerg, der sich eigenhndig in die Erde einschaufelte.

Es war so stille im Hause und berall schien einer zu stehen, der etwas
sagen mchte. Ich pfiff.

Eine Tr ffnete sich und der kahle Kopf der alten Maria erschien kugelrund
in der hellen Spalte.

Ich bin es, rief ich laut. Hat man die Zeitungsannonce wegen Pazzos
besorgt?

Ja, Herr.

Dann ist es gut. Er wird nun bald kommen, unser guter Pazzo. Haha. Gute
Nacht, Mtterchen!

Gute Nacht auch, Herr.

Nun kam die Nacht, die lange Nacht.

Ich schlief sehr wenig in diesen ersten Wochen. Ich sa in der Bibliothek
und las. Ich spielte Klavier. Da kam dann Ingeborg aus allen Tnen, in
allen Gebrden, es war schn, aber oft mute ich aufhren.

Ich sa auf dem Fenstersims in den weien Zimmern und wartete auf den
Morgen. Ingeborg war um mich.

Ein Duft von Waldmeister war in den weien Zimmern, er war mir frher nie
so stark aufgefallen. Am Morgen, da wohnte die Frhsonne darin. Es
tummelten sich Milliarden blitzender Fnkchen in den weien Rumen, sie
flogen mir in die Augen, so da ich sie geblendet schlieen mute. Nachts
da zitterte ein gespenstisches, mattes Licht ber allen Dingen und die
welken Strue in den Vasen und Krgen begannen zu duften. Ihr Geruch war
der Geruch der Vergangenheit, man wute: hier hat jemand gewohnt.
Entbltterte Rosen lagen auf dem Boden, gelber Bltenstaub auf der
Tischdecke. Ein feiner Geruch von Ingeborgs Gewndern und ihrem Nacken,
ihren Haaren schwebte aus den toten Mbeln. Ich sa auf dem Fenstersims, im
blauen Mondlicht und plauderte mit ihr. Ganz wie einst. Wir fhrten
Gesprche und ich ahmte Ingeborgs Stimme nach, so gut es ging. Wir fhrten
mitunter scherzhafte Gesprche, ich stellte mich ungeschickt, unwissend.
Wir lachten. Wir plauderten.

Der Mond geht auf, ich sage:

Der Mond ist ein Brief von Silber, den die Sonne an die Erdenkinder
schreibt, weil sie verreist ist, Ingeborg.

Alte Worte.

Soll ich dir den Mond schenken, Ingeborg?

Ingeborg lacht. Ich schenke dir die Schmetterlinge von hundert Sommern,
Axel. Willst du?

Alte Worte.

Zuweilen schauere ich zusammen. Es ist so stille in den weien Zimmern und
ich spreche mit einem Gespenste.

Ich schlich herum in diesen Zimmern, schlich, flsterte.

Ich betastete die Mbel. Es gab ein Kissen, in dem zuletzt ihr Kopf geruht
hatte. Man sah es -- -- --

Diese Zimmer zogen mich immer wieder und wieder an! Hier war ihre Stimme,
ihr Gesang! Oft fingen die Zimmer ganz deutlich zu singen an. Die Tre, die
zum Schlafzimmer fhrte, stand halb offen, sie schien sich zu bewegen und
noch leise zu knarren. Ich entdeckte Spuren ihrer Schritte auf den
Teppichen, ich fand ein Lschblatt, auf das ein Tannenbaum gekritzelt war,
eine Kuh, ein Monogramm, geflochten aus A und I. Auf einem Tische lag ein
Buch Karls, viele Stellen waren mit feinen Strichen angemerkt. Ich fand
auch ein goldenes Haar zwischen zwei Seiten. Wie erschrak ich da, als ich
ganz pltzlich dieses goldene Haar fand!

Ich hatte es vielleicht gekt, ja sicherlich, es war um meinen Nacken
geschlungen gewesen. Diesen ganzen Tag whlte ich in goldenen Haaren, ich
badete mich darin, ich lie sie ber mein Gesicht streichen.

Ich fand eine Stelle in Karls Buch, die Ingeborg angestrichen hatte. Sie
hie: Wir sahen uns an. Deine Seele umschlang die meinige und sie wollten
sich nicht mehr lassen und doch standen wir viele Schritte voneinander
entfernt. Dann gingst du. Auch ich ging. Wahrhaftig, wie zwei Fische im
Meer zogen wir aneinander vorber. Das ist Menschenart.

Ich hrte Ingeborg seufzen. Ich entfloh.

Es sang in der Nacht. Herrlich sang es. Ich erwachte und lauschte. Die
Stimme entfernte sich. Ich lchelte und prete die Hnde auf das Herz. --
-- --

In einer Nacht, da bellte ein Hund vor dem Hause. Ich sprang aus dem Bette.
War es Pazzo? Nein, es war nichts zu sehen. Nun heulte es ganz tief im
Walde. Ich kleidete mich an und lief in den Wald hinein. Ich pfiff.

Nichts regte sich als das Gerusch der fallenden Bltter.




30


Eines Nachmittags fielen zwei Menschen in mein Haus, zwei Menschen, die
lachten und guter Dinge waren.

Harry Usedom mit dem schmalen hohen Frauenkopf und ein rothaariger Irrwisch
mit Sommersprossen, treuherzigen Augen und einer kleinen Nase, eine
Eggern-Weikersbach, Isabella hie sie. Sie war eine Kusine von mir.
Schlerin von Usedom, jetzt seine Frau.

Er hat mich aus Verzweiflung geheiratet! sagte sie. Sie lachte, konnte
keinen Augenblick still sitzen und schob ihren Hut hin und her auf dem
Kopfe.

Harry Usedom sprach und sprach. Sie unterhielten mich beide, lachten,
bestellten Kaffee und Wein und Kognak, und taten, als ob sie sich einnisten
wollten. Ich merkte recht gut, da sie gekommen waren, um mich zu
zerstreuen.

Wir werden dir den ganzen Mozart vorspielen, Axel.

Ich versuchte frhlich mit ihnen zu sein, mit ihnen zu plaudern, es ging
nicht. Ich lchelte hie und da.

Isabella schlug Harry Usedom auf den Mund, wenn er keck wurde.

Nun, sie gingen wieder.

Wir kommen jeden Tag, Axel! Nur keine Ausflchte!

Sie gingen, Isabella kam nochmals zurck.

Sie umschlang mich und schmiegte sich an mich. Hre, sagte sie, was ist
doch mit dir? Wie siehst du aus? Du siehst ja wie eine Leiche aus! Ganz
grn und wchsern. Axel, beichte!

Ich lchelte.

O, Axel, bessere dich. Was warst du fr ein lustiger Kamerad, frher. Ich
sagte zu allen Leuten, das ist gar nichts, da solltet ihr Axel sehen! Nun
Adieu, du! -- --

Ich besah mich im Spiegel. Ja, ich sah wie eine Leiche aus. Woher kam es?
Kam es daher, da ich immer mit einem Gespenste lebte? -- -- --

Sie kamen wieder, Usedom und Isabella, ich war nicht zu Hause. Sie luden
mich nach Rote Buche ein. Sie schickten den Wagen, der mich abholen sollte.

Nein, ich ging nicht.

Merkten sie es denn nicht, da ich keine Menschen sehen konnte?




31


Das Schlo lag im kahlen Bergwalde, im Regen, im Winde, geduckt unter den
schleppenden Wolken, es sah verlassen aus. Es war still wie ein Haus, in
dem jemand gestorben ist.

Die Tage waren lang und die Nchte noch lnger. Es regnete und wehte, die
Welt hatte ihre trbste Seele.

Diese Tage und Nchte waren nicht leicht zu ertragen.

In den schnsten Stunden, da trumte ich, da Pazzo zurckkme und ich mit
ihm sprechen knnte, in den schnsten Stunden, da trumte ich von Ingeborg.
Ein Rausch brauste durch die weiten Sle, die Blumen der Tapeten blhten
wieder, die Gesichter an den Wnden lchelten wieder, es brannten viele
Kerzen in meinem Zimmer und ich ging trunkenen Herzens hin und her. Es war
Sommer.

Ingeborg lacht und fragt: Wie oft wirst du mich heute noch kssen? Ich
stehe vor ihr und meine Brust ist weit. Tausendmal! sage ich. Und
Ingeborg schlgt die Hnde vors Gesicht, schttelt sich und lacht.

Es ist Sommer und im Parke singen die Vgel, da man glaubt, einer
schttele ein Bndel heller Schellen wie verrckt in der Hand.

Die Sonne funkelt. Hallo! Ein Regenbogen ist das Tor zu diesem Hause!

Die Kerzen erlschen, eine um die andere, es wird dunkeler um mich und
dunkler in meinem Herzen.

Ich sitze vor der letzten Kerze und sehe zu, wie sie kleiner wird. So
vergeht die Zeit, sie schmilzt und man sieht es.

Ich bin allein, die Gste gingen.

Und ich denke: schwer ist das Leben, es stellt schwierige Aufgaben. Suche
dir ein Glck, o Mensch! Lebe ein Glck, o Mensch! Lchle wieder, nachdem
du vor Glck geschluchzt hast, o Mensch!

Spricht das Leben und zuckt mit keiner Wimper.

In einer Nacht, da der Wind an den Scheiben rttelte, verfiel ich auf den
Gedanken, an Ingeborg zu schreiben. Ich schrieb die ganze Nacht hindurch
und mein Herz wurde leichter. Ich schrieb:

Ingeborg, Ingeborg, warum hast du mich verlassen? Ja, warum? Habe ich dich
nicht geliebt, war es nicht schn in diesem Frhling und Sommer? Ich frage
dich, es soll kein Vorwurf sein, nein. Du sahst Karl, du sahst Karls
wirkliches Gesicht, sein wirkliches. Dann mutest du wohl. Ich schreibe an
dich. Du wirst diese Briefe nie erhalten, aber es ist so verlockend schn,
an dich zu schreiben.

Wtest du, wie einsam es bei mir ist. Nichts regt sich in den Zimmern. Ich
schlage die Tren zu, ich pfeife, aber die Stille schlgt darauf um so
furchtbarer ber mich zusammen. Wtest du, was ich alles erdulde!
Vielleicht kmst du auf eine Stunde zu mir. Vielleicht schriebest du mir
ein paar Worte. Ja, du bist so gtig, du wrdest es gewi tun. Wtest du
nur alles.

Ingeborg, sei gegrt! Ich denke immerfort an dich. Du mut es mir nicht
verbeln in diesen ersten Wochen. Sobald ich einmal nicht mehr Abschied von
dir nehmen werde, wird es besser gehen.

Ingeborg, ich sehe dich. Du lchelst und aus deinen Augen springen Funken,
hell wie die Funken, die aus einem Steine springen.

Ingeborg, du bist ein goldener, runder Ring, du bist eine goldene Kugel,
ja, das bist du, denn die Kugel ist die Handschrift des Schpfers, du bist
wie die weiche Luft im Frhling, wenn der Schnee zerrinnt, Ingeborg. Du
bist eine weie Glockenblume voller Tau.

Wieviel schreibe ich dir doch, Ingeborg! Aber es ist erst zehn Uhr und die
Nacht ist lang. Nun schreibe ich dir noch ein Stckchen.

Ingeborg, so fahre ich fort, ich fhle es, wenn du an mich denkst. Ich
lese, aber da werde ich pltzlich unruhig, du stehst hinter mir, du
streichst leise ber meinen Scheitel und berhrst die abstehenden Hrchen,
wohl fhle ich es.

Ingeborg, es kann sein, da dein Antlitz in der Luft schwebt oder nur der
Glanz deiner Wange, ein Lcheln deines Mundes. Ingeborg, hre, manche Nacht
kommst du zu mir und legst mir zwei Trnen unter die Augenlider. Da erwache
ich dann, denn die Trnen fangen an zu glhen, und ich finde sie auf meiner
Wange.

Ingeborg, zuweilen sprichst du mit mir, du sprichst wie jemand, der sich
abwendet und fortgehen will. Axel, so flsterst du, weshalb gehe ich doch
von dir? Wie schn war unsere Liebe!

Das Schicksal winkte.

Ich wollte dir nicht wehe tun. Axel.

Nein, nimmermehr, du Gute, wie knntest du es doch gewollt haben. Gehe hin
und freue dich. Alles wird gut sein, lasse nur noch einige Tage
verstreichen. Bis ich nicht mehr Abschied von dir nehme, weit du -- -- --

Ingeborg, Ingeborg, fielen mir doch rasch zehntausend schne Namen fr dich
ein!

                   *       *       *       *       *

Ingeborg kmmt sich die Haare. Ich denke daran.

Ingeborg liebte es, sich die Haare zu kmmen, sie konnte Stunden damit
zubringen. Und ich konnte stundenlang zusehen.

Es waren so viele Haare! Es waren Bche, sie rieselten, strzten ber ihre
Schultern, ber ihre Brust, wenn sie den Kopf schttelte, so bewegten sie
sich von oben bis unten, wie Flammen wehten sie. Sie konnten das Gesicht
einhllen, da es wie aus einer Hhle blickte. Dann schimmerten die Augen
so stolz und gtig.

Sie bndigte die freigelassenen Haare mit der Hand und drehte den Kopf nach
links, whrend sie mit dem Kamme durch die Haare fuhr. Ich habe nie
gesehen, da sie den Kopf nach rechts gedreht htte. Und es knisterte.

Heute knistert es besonders stark! sagte Ingeborg. Die Haare lagen auf
meiner Hand, ein Netz, ein Gespinst, sie waren weich, sie schmeichelten.
Man konnte sich nicht denken, was es ist, Haare, nein, etwas ganz
Wunderbares war es.

Dann wurden sie gefesselt und in den Nacken gewunden. Ich sah ihnen nach.
Ingeborg kmmt sich die Haare. Ich denke daran. Stunden vergehen. Es ist
eigentmlich, ganz unbedeutende Dinge knnen zu Ereignissen werden.

Aus einer Zeit, da ich einen gespitzten Mund kte und ausrief: Alle Tage
ist nun Hochzeit, du!

                   *       *       *       *       *

Ich habe einen Geschmack auf den Lippen.

Zuweilen vergeht er, aber er taucht immer wieder auf.

Ich fhle ihn des Morgens, wenn ich aufstehe und das ist mein ganzes Glck
fr den Tag. Es kann sein, da ich den Geschmack auf den Lippen verliere,
aber ich trume des Nachts von ihm, ich erwache, er ist auf meinen Lippen.
--

Dann wage ich es nicht wieder einzuschlafen. -- -- --

Was soll ich tun? Soll ich lesen? Ich begreife ja keine Zeile. Soll ich
Klavier oder Geige spielen? Ingeborg ist ja in jedem Tone. Soll ich den
Wald ausrotten, eine Wiese entwssern, einen Kanal graben fr die
Schiffahrt und den Handel?

Soll ich fortreisen, in die Ferne, bis dorthin, wo die Bahn aufhrt und
dann wandern, wandern --?

Ja! aber wenn es Ingeborg einfiele, mich auf Edelhof zu besuchen? -- -- --

Ich mute in dieser Zeit viel an die Geschichte von Hermann Ecke denken,
den Gutsherrn auf Entenweiher, den seine Frau verlie.

Zur Zeit von Ingeborgs Genesung hatte ich sie Ingeborg erzhlt. War es
nicht sonderbar? Ahnte meine Seele voraus, was kommen sollte?

Ich mute oft an die Geschichte denken von Hermann Ecke, der glaubte, da
Eva wieder zu ihm kme.

Einen Rosengarten legte er ihr an, er baute eine Veranda fr sie. Immer
frische Strue in den Vasen, eine brennende Lampe die ganze Nacht in ihrem
Zimmer.

Hurtig, hurtig, ihr Leute.

Ja, nun konnte Eva kommen.

Sagt der Freund zu Hermann Ecke: Kommt sie auch? Hahaha, antwortet Hermann
Ecke. Das ist alles, was er antwortet.

Freilich kommt Eva wieder. Herrliches habe ich erlebt, wird sie sprechen,
alle haben mich angebetet.

Knigin, dein Thron ist bereit -- ah, ein Narr! Ja, Hermann Ecke ist ein
Narr. Aber ein glcklicher Narr ist er. -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
--

In einer Nacht schrie der Hirsch in den Bergen. Ich stand am Fenster und
horchte auf seinen Schrei.

Da stieg er in meinem Herzen auf der Gedanke, zum erstenmal, ganz deutlich,
fordernd und stark. Ich rang mit ihm. Wochen und Monate habe ich mit ihm
gerungen, mit diesem Gedanken.

Ich war traurig, traurig.

Ich ging in Sack und Asche einher. Ich lachte nicht mehr, ich lchelte
selten. Ich liebte es, zu tanzen und zu jubeln vor Freude, ich liebte es,
prchtige Gedanken im Kopfe zu tragen, ich liebte es, mein Herz klopfen zu
hren. Ja, in jenem Sommer, da waren Symphonien in mir, Symphonien, ohne
Ende, ohne Ende.

Nun war ich aus meinem Reiche vertrieben, ein Bettler, der sich
dahinschleppte, Hunger in den Augen.

Einst wandelte ich, jetzt kroch ich.

Mchte doch die Sonne erblinden, mchte doch die Welt zerfallen in Schutt,
Schutt.

Die Hand des Schicksals hat mein Gesicht zerknittert, es erscheint mir
fremd. Meine Augen sind zusammengerckt und sie stechen, eine tiefe Falte
spaltet meine Stirn, meine Lippen hat die Bitternis gesumt.

Ich bin unglcklich.

Es ist ein kleines Wort. Wehe, wenn du einmal nichts anderes mehr sagen
kannst als dies.




32


In der Nacht, da der erste Reif fiel, hatte ich einen herrlichen Traum. Ich
trumte, Ingeborg stnde an meinem Bette. Ich sah sie stehen, es war wie im
Sommer, der Mond schien durch die Kastanien und der Boden des Zimmers sah
aus wie ein Spiegel, der in tausend Stcke zersprungen war. Auch Ingeborg
glitzerte. Ich erwachte: da war es leer und kalt um mich. Ich stand auf und
ging den Berg hinunter, ber das Tal. Ich stie auf Geleise. Die Geleise
waren bereift.

Es kamen zwei glckliche Tage. Zwei Tage mit Wangen wie der Mai und
leichten Fen wie die Sonnenstrahlen.

An einem Tage kam Pazzo zurck. Am andern traf ein Brief von Ingeborg ein.

Ich stand am Fenster und blickte die Strae hinab. Die Strae herauf kam
ein Jger mit seinem Hunde. Nein, es war kein Jger, er hatte kein Gewehr
und ging auch nicht wie die Jger gehen, es war ein Hirte mit seinem Hunde.
Nein, es war auch kein Hirte, ein Bahnwrter war es, man sah es an der
Mtze, und dieser Hund war nicht der Hund des Bahnwrters, dieser
schleichende, magere Hund war ja Pazzo.

Ich ri das Fenster auf und pfiff. Der Hund stellte die Ohren, bellte matt
und trabte mde heran.

Kommen Sie herein! Herein, mein Freund! rief ich dem Bahnwrter zu.

Pazzo kam klffend die Treppe herauf und sprang an mir empor. Er sah
verndert, ja ganz entstellt aus. Dann winselte er und kroch um meine Fe.
Er heulte klglich, legte sich auf den Boden und schlug mit dem Schwanze.

Was ist mit dir, Pazzo? Deine Augen sind ganz trb.

Der Bahnwrter trat ein.

Paulus schreibe ich mich, sagte er. Ich habe den Hund eingefangen. Er
sprang hin und her mit den Zgen, immer am Bahndamm entlang.

Am Bahndamm? Jawohl. Ein guter Hund!

Ja, ein guter Hund. Aber er ist krank. Frit nichts!

Das wird schon wieder werden, was, Pazzo? Pazzo schlug mit dem Schwanze
und winselte.

Er sei immer am Bahndamm hin und her gelaufen. Barbeck von Unternzell habe
gesagt: Hast du den Hund gesehen -- ein weier Jagdhund --

Nehmen Sie Platz! -- Wein! -- Bitte, erzhlen Sie. Der Mann, der sich
Paulus schrieb, erzhlte ausfhrlich von dem weien Hhnerhund.

Er habe ihn in das Grtchen eingeschlossen und auch eine Kiste fr ihn
hingestellt. Aber nun, ein schwieriger Fall! Wem gehrte dieser Hund, der
nicht auf den Namen Waldmann oder Feldmann, Nero oder Packan hrte? Kein
Halsband, nichts. Er mute weit her sein, war vielleicht aus dem Zuge
gesprungen. Nun, er wohne einsam, komme nur alle Sonnabend ins Dorf. Sagt
der Wirt vom schwarzen Bren: Paulus, da steht es. Nun, ich mache mich auf
und bringe den Ausreier gleich selbst her. Ich habe freie Fahrt.

Die Erzhlung whrte lange Zeit, aber dann lie ich mir noch ausfhrlich
ber Einzelheiten berichten.

Also was ich nun schuldig sei, fragte ich.

Der Bahnwrter schmunzelte, leckte den Schnurrbart und drehte die Mtze
zwischen den Fingern.

Nun, der Hund habe keine Strung ins Haus gebracht. Gefressen habe er auch
nicht viel. Er wolle halt sagen -- er wolle es dem gndigen Herrn selbst
berlassen.

Ein Vorschlag.

Sagen wir im ganzen fnf Mark.

Ich lchelte. Aber bitte --? sagte ich. Er sollte Pazzo nicht umsonst
gepflegt haben!

So sagen wir in Gottesnamen drei Mark. Ich versume auch einen halben Tag.
Verkstigung auswrts -- Ich mute lachen. Der Bahnwrter bekam einen
roten Kopf.

Ich mute immer mehr lachen. Da sa ich nun, zitterte vor Freude und er
verlangte fnf Mark! Das war unerhrt. Er htte mein Vermgen verlangen
knnen, ich htte es ihm gegeben. Erlauben Sie, mein Freund, sagte ich zu
ihm, es ist mir nicht zuviel, sondern zuwenig. Ich knnte Sie nun betrgen
und fnfzig Mark geben -- Sie wrden zufrieden sein -- aber es wre Betrug.
Denn dieser Hund da, jawohl dieser Hund da, ist kein gewhnlicher Hund,
nein! Ich erzhlte nun, was das fr eine Rasse sei, da er mir schon ber
fnfzigtausend Mark an Prmien eingebracht habe, demnchst nach Amerika
eingeschifft werde zu einer internationalen Hundeausstellung.

Es fiel mir schwer, nicht herauszulachen, denn das Gesicht des Bahnwrters
wurde lnger bei jeder Prmie. Die beste Zeit des Hundes ist ja vorber,
schlo ich. Er kann noch einige Prmien bekommen, ja. Ich wrde ihn nicht
fr fnfzigtausend Mark hergeben. Ein Gerichtstaxator wrde den Wert des
Tieres auf etwa dreiigtausend Mark schtzen. Sagen wir zwanzigtausend. Nun
haben Sie gerichtlich zehn Prozent des Wertes eines Fundgegenstandes zu
beanspruchen, ich bin bereit, Ihnen zweitausend Mark auszubezahlen. Sind
Sie damit zufrieden?

Nonono?!

Kein Scherz, ich kann Ihnen die Prmiierungs-Urkunden zeigen, wenn Sie es
wnschen. Ich will Sie nicht betrgen. -- Ich sprach leichthin, aber in
berzeugendem Tone.

Der Bahnwrter lachte wie besessen, stand militrisch stramm, legte die
Hand an die Mtze, warf mir Kuhnde zu. Dann rannte er wie verrckt den
Berg hinunter, er verlor dreimal die Mtze.

Wie er sich freute! Zweitausend Mark! Es gibt Leute, denen kannst du ganz
Indien und das Paradies dazu schenken, und sie werden nicht einmal rot.

Ich riegelte die Tre ab.

Pazzo, Pazzo!

Ich warf mich auf den Boden und weinte und lachte vor Freude.

Ja, Pazzo, du gute Seele, mein Freund. Du guter Pazzo -- immer am Bahndamm
entlang, hin und her --

Pazzo leckte mir die Hand und das Gesicht ab und wedelte und bellte. Ich
sah ihn mir an. Was wute er alles. Htte er reden knnen!

Er war nicht ganz gesund. Halb verhungert war er.

Aber nun war alles gut. Hahaha!

Pazzo war da, Pazzo! --

Gib einem Menschen Indien und das Paradies dazu, die tausend schnsten
Frauen der Welt -- ein Herz beginnt zu schlagen, wo sie dich berhren, an
jeder Stelle deines Krpers -- er errtet nicht einmal. Gib ihm eine Zeile,
ein Wort von der Geliebten, er wird bleich vor Freude.

Ja, ein Brief kam, von Ingeborg. Ich sa in meinem Zimmer und pflegte
Pazzo. Pazzo schlief ununterbrochen und wandte den Kopf zur Seite, wenn ich
ihm Wein reichen wollte oder gehacktes Fleisch. Seine Augen waren rot
unterlaufen. Aber bald wrde er gesund sein und dann war eine schne Zeit
gekommen. Wir wrden den Winter ertragen knnen zusammen, die Tage, die
Nchte, alles.

Da kam ein Brief. Die alte Maria reichte ihn mir, sie tat, als sei es gar
nichts besonderes -- und ich las die Aufschrift: er war von Ingeborg --

Der Bote hat ihn nicht umsonst gebracht.

Freunde, Freunde, Freunde und liebe Leute allesamt auf der Welt. -- Nein,
stille, stille!

War das Ingeborgs Schrift? Ja, das war sie. Ruhte hier Ingeborgs Hand? Ja,
ja. Ingeborgs Lippen haben den Brief zugeklebt.

Weit du, wie das ist, wenn einem Unglcklichen eine Freude zuteil wird? Es
ist eine Sonne um Mitternacht, es ist als ob Gott selbst zu ihm eintrete,
es ist -- -- nein, stille!

Ich nahm den Hut und ging in den Wald. Pazzo? Aber Pazzo blinzelte nur und
lugte und bewegte den Schwanz ein wenig. In den Wald. Denn der Brief mute
im Walde gelesen werden. Noch war er nicht dunkel genug, noch war er nicht
schn genug. Hurtig!

Immer tiefer ging ich in den Wald hinein, den Brief in der Hand. Da
begannen ringsumher Glocken im Walde zu luten. Die Erde lutete und die
Bume.

Ihre Wipfel schwangen sich hin und her und luteten.

Ich ging dahin, getragen von dem Summen der dumpfen, feierlichen Glocken,
sie luteten, luteten. Und ich suchte mir ein verstecktes Pltzchen,
streckte mich ins Moos und lauschte auf das sonderbare, summende,
feierliche Luten um mich her.

Schn war es, hier zu liegen und zu lauschen und Ingeborgs Brief anzusehen.

Hallo, Ingeborg!

Ingeborg schrieb nur wenige Worte. Ich solle ihr vergeben -- -- Hrt, das
ist Ingeborg! -- Sie habe nicht gewagt, an mich zu schreiben -- Hrt ihr
es? -- Karl lasse gren, sie bitte um einige Kleinigkeiten. Ob sie mich
nicht bitten drfe, ihr das Medaillon mit dem Bilde ihrer Mutter zu
schicken. Sie knne nicht leben ohne das Medaillon.

Viel zu tun habe sie. Gesangstunde. Karl arbeite fortwhrend und nur ein
Stndchen knnten sie am Abend zusammen sein. Aber sie sei sehr glcklich.

Das Medaillon sollte sie mit der nchsten Post bekommen. Ich trug es um den
Hals, versteckt unter dem Kragen, aber sie konnte es haben. Was sie wollte,
alles!

Schreibe bald, Axel.

Ja, heute noch wollte ich schreiben.

Ich bin tief in den Wald hineingegangen, Ingeborg, wrde ich schreiben, der
Wald begann zu luten. Sonderbar war es, unvergelich. Ich habe mich sehr
gefreut, wie habe ich mich gefreut!

Ja, ein herrlicher Brief wrde es werden.

Hin und her streifte ich im Walde. Gab es heute einen glcklicheren
Menschen auf der Erde? Nein, nein! Wer das behauptete, der kam nicht aus
den finsteren Nchten hervor.

Vergessen waren die finsteren Nchte!

Den ganzen Nachmittag trieb ich mich im Walde umher und ich war ausgelassen
wie ein Knabe. Hundertmal las ich Ingeborgs Brief. Immer noch lutete der
Wald. Es war ein herrlicher Tag, der mit sanfter Dmmerung zu Ende ging.

Es begann zu rieseln im Walde, als regne es.

Ich kam auf die Bergstrae. Aus einer gelben, groen Wolke fiel der Regen
in dnnen Schnren durch die blaue Dmmerung. Blaue Adern zuckten ber den
Weg. Das Laub auf der Strae und zwischen den Bumen erschien wie ein
schner Teppich.

Ein Schritt klang auf der Strae und ich wandte mich um. Ein schmchtiger
Mann mit bleigrauem Gesichte und kurz geschorenen Haaren kam die Strae
herauf. Seine groen Augen flammten. Er schwang den Hut in der Hand und
ging langsam, wie von schwerem Unglck gebeugt. Aber als er nher kam,
bemerkte ich, da er nur langsam ging, um ein wenig zu ruhen. Er kam wohl
weit her. Seine Schuhe waren ganz wei vom Staube, mit schwarzen Sternchen
darauf, vom Regen. Er hatte das verhrmte Gesicht eines Mnches und die
leuchtenden Augen, die frei und klar in die Welt sahen, beleuchteten es.

Gr Gott! rief der Mnch und schwang den Hut.

Gr Gott! antwortete ich.

Der Wanderer blieb stehen und blinzelte.

Ha! rief er, ein herrlicher Regen! Wie! Diese Luft! Dieser Regen -- der
reinste Wein! Er blinzelte, nickte, drehte den kahlen Schdel nach links
und rechts und blinzelte wiederum.

So ein Baum! Was? Eine Buche! Wei der Himmel, diese Welt ist ein einziges
Wunder!

Schn sei diese Welt, ja.

Ich lachte.

Der Wanderer setzte sich in Bewegung und ich ging neben ihm her.

Diese Farben! Rot, gelb, grn, wie du sie nur denken kannst. Ungeheuer
schn! Der Wald gro, frei, verstehst du, Freund, der Himmel so hoch!
Obschon es regnet. Hoch! hoch! Gott, wie hoch ist dein Himmel!

Er jauchzte und schwang den Hut.

Gott, wie hoch ist dein Himmel! rief er und breitete die Arme aus.

Da sprang ein Eichhrnchen ber die Strae.

Teufel! schrie er. Hast du es gesehen? Ein verteufeltes Tier, einen
Schwanz wie eine Fahne! Und -- ratsch! -- wie geschickt den Baum hinauf.
Rings herum -- holla! Dort sitzt es. Siehst du? Ein Eichhrnchen. Wei der
Himmel, ein feines, listiges und kluges Tierchen. Hab viele Jahre keins
gesehen. Ah! -- ha -- ha -- es flog!! Flog von einem Baum zum andern, gute
fnf Meter unter Brdern!

Schritt auf Schritt brach der bleiche kleine Mann in Ausrufe des Entzckens
aus. Er sah aus, als sei er jahrelang krank gelegen und habe erst heute
wieder die dumpfe Krankenstube verlassen.

Ein Frosch, du! Wohin, mein Herr? Hoppla!

Ich lachte. Ich konnte mich nicht genug wundern ber den sonderbaren
Wanderer und nicht genug freuen ber seine Frhlichkeit. Wahrhaftig, zu
keiner gelegeneren Stunde htte er mir begegnen knnen! Ich war heute
aufgelegt zu einem Gesprche, lange Wochen hatte ich mit keinem Menschen
mehr gesprochen.

Ob er krank gewesen wre? fragte ich.

Ja, schwer krank. Aber nun sei er wieder gesund! Niemand glaube, wie
glcklich er sei. Es gbe keine glcklicheren Menschen auf der Welt.

Wie?

Der Wanderer blieb stehen und blinzelte und lachte. Es war sonderbar, zu
sehen wie dieses verhrmte Gesicht mit den grauen Trnenfurchen lachte. Ein
Strich waren die Augen und augenblicklich darauf groe, leuchtende Rder.

Sieh mich an, Freund! Ein Bild! Etwas Seltenes, sage ich dir. Weit du,
mit wem du gehst? Vielleicht hltst du mich fr einen Narren? Kurz und
bndig, sieh mich an, der glcklichste Mensch der Welt steht vor dir!

Ich schlug ihn mit der flachen Hand auf die Schulter, da der kleine
Geselle fast in die Knie brach.

Das trifft sich gut, Freund rief ich lachend aus und verbeugte mich tief.
Ich bin dein Bruder. Ebenfalls der glcklichste Mann der Welt!

Hehehehe!

Hahaha!

Wir lachten und es schien als machten wir einander groe Verbeugungen, so
schttelte uns das Lachen. Standen mitten auf der Strae, im Herbstwald, im
Regen, und verneigten uns.

Ja sagte ich, glaubst du es nicht? Lieber Freund, was ich fr ein Glck
hatte! Ich bin ein Bahnwrter bei Unternzell. Sehe immer einen Hund am
Bahndamm laufen, ich fange diesen Hund, Waldmann rufe ich, Feldmann, fange
ihn wie gesagt und bringe ihn seinem Herrn. Hast du das Schlo gesehen, da
drunten?

Ja, schnes Schlo!

Nun hre weiter. Ich bringe ihm den Hund. Was verlangst du, fragte er.
Ganz kurz, wie die reichen Leute sprechen, er wollte eben ausfahren mit
seiner Frau. Lieber, was er fr eine schne Frau hat, sage ich dir!
Schlank, blond und ein gewinnendes Lcheln. Die Locken hngen ber die
Wangen, wie man es bei Kindern sieht. Augen hat sie, klein und frisch,
hellblau wie Vergimeinnichte. Eine Stimme wie ein Vogel. Wenn sie nur
spricht -- --

Also was verlangtest du?

Ich verlange also fnf Mark. War es zuviel?

Wielange hattest du den Hund in Pflege, darauf kommt es an.

Sechs Wochen!

Dann ist es nicht zuviel.

Was meinst du aber was passierte? Der Herr lachte gerade heraus. Und auch
seine schne Frau lachte. Noch nie habe ich eine Frau so lachen gehrt. Du,
Ingeborg, sagte der Herr, fnf Mark verlangt er. Die schne Frau sagte
darauf, da ich verrckt sei. Und beide lachten. Was meinst du aber, da
sie mir gaben?

Zwanzig Mark?

Zweitausend!! Ich schrie es, da der Wald hallte.

Hoho! hehehe! Sachte, sachte! schrie der Kleine, ebenso laut.

Ja, zweitausend Mark. Du kannst sie sehen. Ich zog meine Brieftasche
heraus.

Hier sind sie. Siehst du? Also keine Lge. Du hast keine Vorstellung, was
das fr ein Hund war! Ein preisgekrntes Vieh, berall preisgekrnt.
Nchstens kommt er nach Amerika.

Sehr merkwrdig. Hchst eigentmlich.

Ja, Glck mu der Mensch haben, so laufen ihm preisgekrnte Hunde ins
Haus. Was sagst du jetzt, wenn ich behaupte, der glcklichste Mensch der
Welt zu sein?

Gehen wir weiter, sagte der Wanderer, im Gehen spricht sich's ebenso
gut. Selbst wenn ich annehme, da es so ist, so ist dein Glck doch nicht
so gro, wie das meinige. Es ist mehr uerlicher Natur. Geld macht kein
Glck. Du kannst dir viel schnes und ntzliches dafr anschaffen, stimmt.
Aber mein Glck sitzt tiefer, das sitzt mitten im Herzen, da zittert es, da
drinnen, ja! Ich bin wiedergeboren, verstehst du, habe Leben und Freiheit,
ich wandere durch die schne Welt, wandere noch vierzehn Tage, dann bin ich
bei meiner Frau, habe zwei Kinder, die nun schon in die Schule gehen. Ein
Mdchen, ein Knabe. Das ist etwas anderes, nicht? Du hast alles vielleicht
auch --

Gewi, gewi! Nur in die Schule gehen meine Kinder noch nicht. Hm. Ich
verstehe dich schon, du hast deine Gesundheit wiederum, das Wiedersehen zu
Hause nach langen Jahren, ja, aber trotzdem bin ich sehr glcklich, Freund,
sehr glcklich. Sage, ist es bei dir ebenso, wenn ich glcklich bin, so
mchte ich anderen gerne eine Freude machen.

Eine allgemein menschliche Eigenschaft sei dies.

Nun hre. Ich htte ebensogut nur tausend Mark bekommen knnen. Wie wre
es, wenn wir teilten? Ich brauche das Geld nicht.

Der Wanderer blinzelte und lachte. Er klimperte mit der Hand in der Tasche
und es klang nach harten Talern.

Er schnalzte mit der Zunge. Da, habe Geld, brauche keines, sagte er. Ich
bin so glcklich, da das Geld bei mir keine Rolle spielt, Freund. Alles
steht gut, meine Frau hat sich eine Strickmaschine angeschafft, ist sehr
geschickt und fleiig.

Ja, wenn er nun so stolz wre --

Lassen wir uns die Stimmung nicht verderben, sagte der Kleine, weil wir
doch die glcklichsten Menschen der Welt sind. Du hast ein gutes Herz, du
bist auch glcklich, ja, denn sonst wrdest du nicht so lcheln. Ich kenne
Lachen und Lcheln der Menschen genau, ich war da, wo man selten lacht,
verstehst du. Du bist so glcklich, da du Scherze treiben mut. Sieh,
Bruder, ich sehe deine Hnde an. Du bist kein Bahnwrter, nein --

Haha!

Nein. Hat ein Bahnwrter eine Brieftasche? Wo hast du das schon gesehen?
Ein Bahnwrter spricht auch ganz anders. Ich bin Reisender und kenne die
Bahnwrter also besser als du. Wer sollte auch so ein Narr sein, da er
zweitausend Mark bezahlt, wenn man ihm seinen Hund zurckbringt? Wir sind
doch nicht in Amerika! Ich wei wohl, da du aus dem Schlosse da drunten
bist, vielleicht der Herr selbst --?

Ich lachte.

Schlaukopf, Schlaukopf! Soll ich jedem sagen, weshalb ich glcklich bin?

Nun, dir kann ich es sagen, das mit dem Hunde war freilich Lge. Aber ich
will dir die Wahrheit sagen. Ich habe heute einen Brief von meiner Frau
erhalten. Sie ist im Bad. Ein Kind hat sie geboren, einen Knaben!

Aha! Aha! Ja, das sitzt schon tiefer, das Glck! Gratulation,
Gratulation!

Danke, danke!

Ich mute mich abwenden. Pltzlich hatte ich Trnen in den Augen. Wie dumm
das war!

Der Kleine blinzelte. Er schttelte eigentmlich den Kopf. Was ist mit
dir? sagte er. Du bist so sonderbar -- so sonderbar bist du -- ei, ei
--?

Es ist nichts, rief ich und lachte und warf den Kopf zurck in den
Nacken.

Desto besser. Es schien mir so -- auch dein Lcheln ist so eigentmlich.
Lebe wohl! Noch eines, eine Aufrichtigkeit ist die andere wert, Freund!
Sieh mich nur an, mein Gesicht, meine geschorenen Haare. Wenn du nicht
blind bist, so weit du, aus welchem Krankenhaus ich komme. Vier Jahre! Es
war ein schlechter und leichtsinniger Streich. Vorbei, vorbei -- lebe
wohl.

Wir schttelten uns die Hnde.

Der Kleine stieg mit raschen Schritten ins Tal hinunter. Er wandte sich
dazwischen um und jauchzte und schwang den Hut.

Und ich schwang den Hut und jauchzte Antwort.

Bald sah ich ihn nicht mehr, er tauchte in die Dmmerung unter.

Aber ich hrte noch lange Zeit den jauchzenden Gru und ich antwortete, bis
ich nichts mehr vernahm.

Ein herrlicher Tag!




33


Der Brief ist geschrieben, das Medaillon ist fortgeschickt. Viele Mhe hat
mir dieser Brief gemacht. Nun, ich schreibe selten Briefe. Aber dieser
Brief durfte nichts von Traurigkeit enthalten, es hat seinen Grund, er
durfte auch nichts von Frhlichkeit enthalten, es hat seinen Grund. So
schrieb ich von Pazzo. Da Pazzo sich verlaufen gehabt htte, sechs Wochen
strolchte er umher, aber jetzt wre er hier. Aber er sei krank und
verstrt. Zuweilen knurre er sogar, wenn man ihn streichle, mrrisch sei er
wie ein rechter Kranker. Er habe Falten zwischen den Augen bekommen, ein
wirkliches griesgrmiges Gesicht. Aber ich hoffe, da es nun bald eine
Wendung zum guten nehme mit Pazzo. Und nun viele Gre, viele, viele Gre
an euch, ihr lieben Freunde.

Ja, bei Gott, was sollte ich auch anderes schreiben? Der Brief ist
geschrieben, das Medaillon ist fortgeschickt. Gerne htte ich es behalten.
Ich sah es mir gut an, bevor ich es einpackte. Ingeborg hatte Karl, hatte
Gesprche und Lachen, ich hatte -- nun, Ingeborg brauchte es. Gut.

Ich behielt nun nur noch ein kleines Vschen aus grnem Glase von Ingeborg
zurck. Alles andere war eingeschlossen worden in Ingeborgs Gemcher. Diese
Gemcher waren verschlossen fr immer und die Schlssel lagen in einem
Schranke alter Kleider.

Ein neues Leben mute begonnen werden!

Aber das grne Vschen hatte ich zurckbehalten. Es stand auf dem Flgel
und ich sah es an, so oft ich vorberging. Es hatte Form und Farbe einer
unreifen Zitrone, goldne Reifchen am Rande. Es war krnig wie rauhes Eis.

Die Tage gingen.

Ich dachte, da vielleicht bald wieder ein Brief von Ingeborg kme. Ich
habe deinen Brief und das Medaillon erhalten, so wrde Ingeborg wohl
schreiben. Ich sa in meinem Zimmer und bltterte in den Mappen, vielleicht
kam der Brief, oder ich ging in den Wald und wenn ich zurckkehrte, lag der
Brief da. Man konnte es nicht wissen.

Die Tage gingen. Trbe Tage. Der Wind heulte und warf schmutzige Bltter
gegen die Scheiben, da sie kleben blieben. Alles welke Laub kam aus den
Wldern auf der Wiese vor dem Fenster zusammen und fhrte Tnze auf. Es war
eine hohe, wirbelnde Sule, die tanzte, sie tanzte in den Wald hinein. Die
Bume standen kahl und man sah pltzlich den Turm der Dorfkirche zwischen
den sten. Die Herbstzeitlosen waren verwelkt und verfault, es gab keine
Blumen mehr.

Eine groe schwarze Krhe wiegte sich auf dem obersten Zweig einer Buche,
der blaue Rauch kleiner Feuer stieg aus dem Walde.

Schwere Wolken schleppten sich ber die Berge, sie blieben in den Wipfeln
hngen und zuweilen regnete es Tag und Nacht in Strmen, so da man
glaubte, das Schlo wrde fortschwimmen.

Oft trat die alte Maria ins Zimmer. Ich sah auf ihre Hnde. Sie hielten ein
Tablett, einen Teller fr Pazzo, einen Schlsselbund.

Nur Geduld, Geduld. Ingeborg hat viel zu tun. Sie schrieb es ja. Mein Tag
ist ausgefllt mit Gesangstudien. Ich habe einen sehr talentvollen Lehrer,
den Komponisten Holger Hunt, er ist ein Bekannter von Karl. Gegenwrtig
komponiert er eine Oper, Merlin heit sie. Er ist sehr streng und ich mu
viel arbeiten.

Einmal aber wrde sie schon Zeit finden.

Ich verbrachte meine Tage in der Bibliothek. Ich hatte viel zu lernen, es
gab der Wunder unzhlige in den Bchern.

Was ist mit Pazzo?

Pazzo was ist mit dir?

Pazzo liegt auf der Decke vor dem Kamin und ffnet die Augen. Er ist krank
und ein starrer, glserner Ausdruck liegt in seinem Blick. Er frit fast
nichts und ist schrecklich mager geworden. Und nun ist er so schwach, da
er kaum mit den Ohren zucken und den Schwanz bewegen kann.

Wenn ich ihn berhrte, so strubten sich die Haare auf seinem Rcken und er
knurrte mrrisch. Niemand durfte in seine Nhe kommen und er fra nur aus
meiner Hand. Kam eine Dienerin, um Holz in den Kamin zu legen, so blies er
zornig durch die Nstern und zeigte die Zhne.

Der Zustand des Tieres machte mir groe Sorge. Aber wiederum zerstreute
mich die Pflege des Hundes und ich pflegte ihn, wie eine Mutter ihr Kind
pflegt.

Es wird schon gehen, nur Mut, Pazzo! sagte ich und kauerte auf dem Boden
vor ihm. Nur Mut, mein Liebling!

Aber es ging nicht besser, nichts wollte helfen, und in einer strmischen
Nacht erhob sich Pazzo pltzlich und schlug laut an. Es war ein heiseres
Klffen, wild und hungerig.

Ich sa am Schreibtisch und las. Ich las in der Bibel, die Geschichte der
herrlichen Esther, der Knigin. Neben mir stand der Leuchter und mein
Schatten fiel gro und phantastisch an die Wand.

Vielleicht hatte der Schatten Pazzo erschreckt, oder das Klappern der
Zweige vor dem Fenster.

Und ich beruhigte Pazzo, indem ich freundlich auf ihn einsprach.

Aber Pazzo bellte abermals, scharf und feindselig, und dieser Laut war so
fremdartig und entsetzlich, da es mir kalt ber den Rcken rieselte.

Ruhe, Pazzo! rief ich.

Pazzo stand mager auf hohen, dnnen Beinen und seine Haare waren gestrubt.
Seine Augen funkelten grn und gelb, wie die Augen von Katzen, denen man in
dunkelen Gassen begegnet. Geifer hing aus seinem Munde und tropfte auf den
Boden.

Das war . . . . .

Sobald ich mich bewegte, zog er die Nase in die Hhe, so da der Oberkiefer
blinkte. Er fauchte wie eine Katze.

Nun ist Pazzo toll geworden! dachte ich und der Schmerz wollte mich
berwltigen. Es kam so pltzlich! Ich hatte Mhe mich zurckzuhalten und
mich nicht vor dem Hunde niederzuwerfen und ihn zu umschlingen.

Da kam Pazzo gesenkten Hauptes, die Augen stechend wie Brillanten, auf mich
zu. Es mute sein.

Ich nahm das Buch vom Schreibtisch und schleuderte es ihm mit aller Gewalt
an den Kopf. Pazzo sprang zurck und klffte, da es hallte.

Dann tat ich es. Ich nahm den Revolver aus dem Schubfache.

Komm Pazzo, mein Liebling! sagte ich und zielte auf Pazzos Stirne. Die
Trnen trbten meinen Blick.

Ich scho, Pazzo sprang zur Seite, wankte und fiel zusammen. Er bekam noch
eine Kugel durchs Ohr. Er zuckte, spreizte die Beine und bog den Kopf
zurck. Er war tot, seine Augen starrten glsern auf die Quaste eines
Sessels, die baumelte. --

Das waren die Augen, die Ingeborg zuletzt gesehen hatten . . .

Eine Stimme im Hause schrie und kreischte. Ein Laufen in den Gngen. Dann
kamen einige Mgde ins Zimmer gestrzt, drftig gekleidet, ohne
anzuklopfen. Sie starrten mich wie versteinert an.

Tragt ihn hinaus, sagte ich, verscharrt ihn.

Sie nahmen Pazzos Krper und schleppten ihn aus dem Zimmer. Sein Kopf hing
nach unten und er starrte mich an, bis er in der Tre verschwand. --

Er war ein solch schnes und treues Tier, so klug, liebenswrdig, hflich.
Er hatte solch klare, vergngte Augen, sein Fell war so wei und weich. Und
die Sprnge, die er machen konnte! Er schwebte in der Luft, flog, und er
konnte sausen, da seine Ohren wie weie Fhnlein flatterten. Er hatte ein
paar schwarze Kleckse an der linken Flanke -- als habe jemand ein Tintenfa
nach ihm geworfen, so sagte Ingeborg. Er war so dankbar, bei einem Worte,
da leuchteten seine Augen, und bei zwei Worten, da tanzte er, und bei drei
Worten, da legte er sich einem zu Fen und schlug mit dem Schwanze. -- --
--

Nun war ich allein. Tag fr Tag, Nacht fr Nacht.

Das Leben war nicht leicht zu ertragen.

Ich schttelte den Kopf und lchelte: Welch ein Winter! Ich mute viel an
Hermann Ecke denken, den Herrn auf Entenweiher, den Eva verlie.

Vielleicht hat Hermann Ecke auch einen Hund gehabt, der toll wurde? Nun
kannte ich Hermann Ecke genau. Ja, ich sah ihn vor mir.

So, so, ja so sieht er aus! -- Wenn du einem begegnest, fahl sein Gesicht,
die Augenbrauen hochgezogen, gro und verwundert seine Augen und ohne
Blick, ein wundes Lcheln auf den Lippen: Das ist er!

Da ist seine Geschichte. Ich schrieb sie, weil mich der Kummer
niederdrckte.

Ein Mann wandert durch sein Haus und sinnt. Das ist Hermann Ecke. Was sinnt
er doch? Es ist kalt in seinem Hause, er kann die Hnde durch das Feuer
strecken, ohne da es wrmt. Es ist still. Die Nchte tragen Schrecken und
Finsternis um das Haus gleich einem schwarzen Sarge, dem der Wind jammernd
folgt.

Es ist Nacht, Hermann Ecke trgt eine Kerze in der Hand und wandert. Hin
und her wandert er und sucht. Was sucht er doch?

Eva ist nicht hier, nein.

Eine Mcke summt im Zimmer. Hermann Ecke lchelt. Eine Mcke, sagt er und
sieht der kleinen Mcke nach. Er kommt an einem Spiegel vorber und
schliet die Augen, er will sein Gesicht nicht sehen.

Er trgt ein Licht in der Hand, es flackert und Laute kommen aus der
Flamme. Er erschrickt und wendet sich um, ein Schatten duckt sich hinter
den Schreibtisch. Er geht weiter, aber er fhlt, wie sich der Schatten aus
dem Verstecke reckt. Er sieht ihn wachsen, ber die Wand, die Decke und
eine dunkle lange Hand greift nach seinen Haaren, wie ein verkohlter Arm
baumelt es ber ihm.

Da schreit er.

Was ist Herr?

Nichts, danke.

O!

Hermann Ecke steht am Fenster und blickt auf die Strae hinab. Klingen
nicht Schlittenglocken durch die Winterstille? Ein Wagen saust daher.
Wohin? Zu Nachbar Dohn.

Kam da nicht ein Bote? Er taumelte vor Erregung und schwenkte ein Tuch in
der Hand. Nein, es ist ein Betrunkener, der ein weies Bndel trgt.
Vielleicht kommt er von einer Hochzeit.

Ist es heute nicht, ist es morgen.

berall ist er zu sehen, Hermann Ecke. Im Walde, im Felde, im Dorfe. Aber
er lchelt nicht mehr, er ist bleich, und gro und verwundert blicken seine
Augen. Er geht einher, als suche er etwas auf dem Boden.

Hermann Ecke geht zu den Knechten und Mgden in die Gesindestube, er will
sich unterhalten mit ihnen. Er spricht und sie antworten. Immer mehr
spricht er, immer weniger sprechen sie. Er sitzt und redet, redet. Alle
sehen ihn an. Er geht.

Es ist dunkel, ein dunkler feuchter Abend, ohne Mond, ohne Sterne, feucht,
schwarz, und nasser Schnee treibt ber die Strae. Hermann Ecke geht ins
Dorf hinab und tritt in die Schenke.

Junges Volk ist da versammelt. Knechte und Mgde. Die Dirnen legen die
Kpfe gegen die Schultern der Burschen oder sie sitzen ihnen auf den Knien.

Ein Bursche in Hemdrmeln, den Hut im Nacken, spielt die Zither.

Guten Abend, ihr Leute, sagt Hermann Ecke.

Guten Abend.

Die Zither klingt und der Bursche singt. Er singt von einem Stier und einer
scheckigen Kuh und da eine Dirne dabeistand und sie lachte dazu.

So singt er, und die Mgde lachen, und die Burschen fassen sie um den Leib.

Da ist ein kleiner Bursche, ein Schneider, der den Mund weit aufreit. Er
behauptet keine Knochen zu haben. Er hat keine Knochen, prgeln kann man
ihn, er sprt keinen Schmerz. Zwei packen ihn an den Hnden und Fen,
schwingen ihn hin und her und schleudern ihn gegen die Tre, da sie
kracht. Er steht auf. Nichts hat er gesprt, er hat keine Knochen.

Die Knechte lachen, da es drhnt, und die Mgde kreischen.

Hermann Ecke lchelt. Er bezahlt und geht. Gottes Friede sei mit euch ihr
guten Leute, spricht er.

Einige kichern und einer sagt: Amen!

Wenn sie alt geworden sind, so werden sie wissen, was es bedeutet, wenn
einer sagt: Gottes Friede sei mit euch, ihr guten Leute.

Hermann Ecke wandert durch die holperigen dunklen Gassen des Dorfes. Wo ein
helles Fenster ist, dahin schleicht er. Wie ein Dieb schleicht er um die
Bauernhfe und er blickt verstohlen in die erleuchteten Fenster. Eine
Buerin knetet Teig und rollt ihn mit einem Holze aus, ein Bauer steht am
Bette und entkleidet sich langsam. Eine junge Mutter badet ihr Kind, es
strampelt, da das Wasser gegen die Scheiben spritzt. Hin und her schleicht
der Dieb und an dem hellen Fenster bleibt erstehen. Da sitzt ein Knabe und
lernt. Er bewegt die Lippen und Hermann Ecke hrt, da er lernt. Dann
versteht er des Knaben Worte. Heilig, heilig, heilig ist der Herr Zebaoth
und alle Lande -- heilig, heilig ist der Herr Zebaoth und alle Lande sind
seiner Ehre voll. Heilig, heilig -- Mutter! ruft er pltzlich laut, es
steht wer am Fenster!

Der Dieb verschwindet in die dunkelste Gasse.

An einem Zaune wispert es. Der Dieb steht hinter einem Holzsto und hrt,
was die beiden dort wispern. Es ist dunkel, aber er sieht ihre Gesichter
und ihre Hnde. Der Bursche nestelt am Mieder des Mdchens, es schimmert
aus dem Mieder. Da knackt ein stchen.

Hm, sagt der Bursche und lt die Hnde sinken und geht nher.

Der Dieb springt in den Wald hinein. Atemlos.

Hermann Ecke.

Hermann Ecke irrt hin und her. Er kniet im dunkeln Wald und spricht.

Ich knie hier. Ich knie hier ganz allein im Walde.

Die Trnen laufen ihm ber die Wangen.

Ich knie hier, ganz allein --

Hermann Ecke.

Hermann Ecke, mein Bruder, hrme dich nicht!

Hermann Ecke keucht und er grbt die Ngel in seine Brust. Er schreit:
Ewige Seligkeit allen Menschen und mir eine ruhige Stunde!

Willst du nicht Gift nehmen -- Gift --?

Hermann Ecke, mein guter Bruder, verzweifle nicht!

Ein Vogel zwitschert vor Hermann Eckes Fenster und Hermann Ecke lchelt. Er
denkt an alte Dinge. Der Vogel fliegt fort, nichts ist mehr zu hren.

Eva war ein solcher Vogel, denkt Hermann Ecke. Wenn ein Vogel vor deinem
Fenster singt, so kannst du zuhren und dich freuen und dem kleinen Vogel
danken. Du kannst ihn nicht halten, mit Worten und Bitten und feinem Kuchen
nicht -- er fliegt fort und singt vor einem andern Fenster.

Hermann Ecke kann kein Glck mehr finden, es ist vorbei.

Ihr Menschen, ihr Menschen, ich frage euch, was wit ihr? Ihr habt Weib und
Kind und knnt es kssen. Ich habe nichts als leere Zimmer. Auch habt ihr
euer Glck nicht mit Eva gelebt! Was wit ihr also?

Nichts wit ihr!

Hermann Ecke, mein guter, guter Bruder . . .

Da er nicht immer so verzagt und traurig blieb, das weit du. Und wie er
starb, weit du auch.

Er starb den seligen Tod.

Hermann Ecke.




34


Als der Schnee zu fallen begann, kam zu mir ein unglcklicher Mensch und
weinte vor mir.

Es war die ausgelassene Isabella mit den brennendroten Haaren und den
treuherzigen Augen.

Sie weinte, knetete das Taschentuch und weinte es na.

Ich habe im Scherz gesagt, er hat mich aus Verzweiflung geheiratet, es ist
kein Scherz mehr. O, bin ich unglcklich! Ich habe einen Verrckten zum
Manne. Er redet des Nachts im Schlafe, zankt sich mit einer Frau, nennt sie
Lgnerin und weint und sagt Liebste, Schnste! Nein, Harry ist verloren,
ich sehe es ein. Ich bin ein Surrogat, sonst nichts. Denke dir, ich bin ein
Surrogat!

Sie weinte, weinte.

Harry ist verloren. Er ist schon seit Jahren verrckt. Wenn er lacht, so
ist er betrunken, er trinkt zwanzig Glschen Kognak an einem Tage! Er kann
nicht mehr Geige spielen, sie wrden ihn auslachen. Er war aber ein
Phnomen! Seine Kompositionen sind nichts wert. Nur manchmal spielt er gut,
da spielt er am Abend und ich sitze und hre ihm zu. Er blickt mich an. Ich
spiele nicht fr dich, sagen seine Augen. Und einmal da sprach er es auch
aus -- er wollte nicht, aber er sagte es --

Sie weinte, weinte. Ich unterbrach sie nicht. Ach, ein paar Wochen, da war
es wunder -- wunderbar schn! Er sagte, da ich ihn gerettet habe. Aber nun
-- er ist tagelang fort, mit dem Automobil. Denke dir, er, der so nervs
ist, da er ber keinen Steg gehen kann, jagt durch Nacht und Schnee.
Wohin? Ich wei es nicht. Dann kommt er zurck, dann lchelt er vor sich
hin -- seine Augen glnzen. Das, das kann ich nicht mit ansehen, dieses
Lcheln, diesen Glanz -- o!

Sie weinte, weinte.

Er ist solch ein guter Mensch, solch ein seelenguter Kerl -- so mute er
werden. Ich habe ihn gesehen, vor Jahren, er spielte, ach, das war Jugend,
leichter Sinn, Glnzen, Strahlen -- und jetzt -- --

Ich fragte sie: Weshalb verlt du ihn nicht?

Sie sah mich an. Wie? Ja, ich liebe ihn ja!

Dann sagte ich: So sei so gut zu ihm als es dir mglich ist. Muntere ihn
auf, reise mit ihm, reise wohin er will --

Ja, aber, hrst du, Axel, was bekomme ich aber fr alle Liebe, ich?

Du kannst um ihn sein, antwortete ich.

Sie sah mich an. Sie verstand es nicht.

Ich werde zugrunde gehen! weinte sie. -- -- --

Ein groer Zauberer hat ein Buch geschrieben, so s und schn, da wer es
liest sterben mu. Alle lesen es, obgleich sie wissen, da sie dann sterben
mssen.




35


Es ging nicht besser mit mir, nein.

Ich dachte es zuweilen, aber ich tuschte mich. Ich arbeitete viel. Ja, ich
kann sagen, nie in meinem Leben habe ich soviel gelesen und studiert wie in
diesem Winter. Ich studierte ferne Lnder, lernte ihre Sprachen, denn es
konnte sein, da ich bald dorthin reisen wrde, wohin keine Geleise mehr
laufen. Ich habe keinen eigentlichen Beruf, keine besonderen Anlagen und
Talente, ich habe keine Lust und keine Zeit dazu. Ich bin aus altem
Geschlechte, degeneriert, gehre zu jener Klasse der Luxusmenschen, die
allmhlich ausstirbt. Ich wnsche es nicht; aber man wird bald nur noch
Gemse pflanzen und Rindvieh zchten, der Mensch wird praktisch.

Ja, ich habe viel gearbeitet.

Ich arbeitete, um mich zu vergessen. Ich ging auf die Jagd, wanderte mich
mde, ich war ruhig. Aber pltzlich tauchte Ingeborg vor mir auf, so
herrlich, so wunderbar -- dann war die Ruhe vorbei, der Schmerz schttelte
mich und ich wute, da ich immer noch auf dem Grunde lag und nie mehr
Frieden haben sollte da drinnen.

Ich schrieb viele Briefe an Ingeborg, ich sandte sie nicht ab, nur um Ruhe
zu bekommen, schrieb ich sie.

Ich schrieb einen, der lautete:

Ingeborg, es ist ein finsterer Gedanke in mir, mit dem ich immerzu ringen
mu. Er lockt mich, er gaukelt mir Dinge vor -- er winkt und ruft -- ich
ringe mit ihm, es ist schwer, es ist ein verzweifelter Kampf!

Hilf mir! Jeden Tag bekommt der Gedanke mehr Kraft. Er lockt nicht mehr, er
hhnt und spottet und lacht. Er triumphiert im geheimen.

Ich schrieb einen, der lautete:

Komme, Ingeborg, Ingeborg! Ich breite die Arme aus! Komme, hier ist deine
Heimat.

Komme, komme, eine Pforte aus Rosen will ich bauen, jeder Baum im Walde
soll eine lichte Flagge haben, tausend Kerzen znde ich dir an in jedem
Saale, ich will niederknien und deine Fe mit Trnen baden und mit Kssen
trocknen. Ingeborg will ich sagen, bist du da? Gebenedeiet seist du, ich
bin dein!

Komme, komme, Ingeborg, ich bin auf dem Grunde, ich kann nicht mehr, ich
flehe dich an um ein Wort, ein einziges Wort.

Mit Trnen in den Augen schrieb ich diesen.

Dann schrieb ich einen, zerknirscht, bleich: Ingeborg, nicht von Liebe
spreche ich heute zu dir.

Nein, ich will dir beichten, Ingeborg, beichten! Ich habe verbrecherische
Wnsche, Ingeborg, verbrecherische Gedanken. Ich mchte meine Hand um
deinen Grtel legen und dich an mich pressen. Einmal noch! Ich mchte
deinen Scheitel ansehen, leicht darber streichen ber deinen schnen,
gttlichen Scheitel. Ich mchte dich auch auf den Mund kssen, nur einmal
noch -- einmal noch! Ja -- haha -- so bin ich nun! Ingeborg, einmal mchte
ich noch meine Lippen auf deine Brust pressen -- einmal noch mchte ich
eine Stunde um Mitternacht bei dir sein --

Es ist auch ein bser Gedanke in mir aufgewachsen, ein Unkraut, ich kann
nichts dafr, eine bse Hand ste es. Ich dachte: vielleicht hast du
schlecht an mir gehandelt?

Da begann mein Herz zu klopfen und es klopfte so frchterlich, einige
Minuten lang, da ich bestraft genug war. Verzeihe!

Ich liebe dich. Ich ksse oft meine Kissen, die Stelle -- -- --

Dann schrieb ich einen, ich schrieb ihn mitten im Schrecken: O, ihr
Freunde, ihr! Wtet ihr es! Ich empfinde jeden Ku, ich empfinde jeden
Hndedruck, jeden Blick. Er fllt mir wie ein glhender Tropfen auf mein
Herz. Ich empfinde alles, alles, was martert ihr mich denn! Ihr qult mich
zu Tode, zu Tode, zu Tode!!

Ich arbeitete, arbeitete, sah nicht links noch rechts, vergrub den Kopf in
die Hnde. Manche Zeile las ich zwanzigmal, ich zwang mich.




36


Es war Nacht im Walde, nur den Schnee sah ich. Es ging ein Schritt neben
mir her. Es war in der Nhe meines Hauses. Es ging eine Stimme neben mir
her. Sie flsterte. Ich wollte sie nicht hren. Sie flsterte: Ich habe
sie gesehen, sie trgt einen breiten Pelzkragen, grau ist er. Sie sieht so
schn und eigenartig aus, da alle Leute nach ihr blicken. Einer ging neben
ihr her, er war gro, machte groe Schritte. Er war rothaarig.

Mein Atem stockte, mein Herz schlug. Ich lauschte, wollte aber doch nicht
zuhren. Die Stimme lockte.

Ich habe sie oft gesehen, oft. Ich sah sie auch mit Holger Hunt, dem
Komponisten. Sie bewundert ihn, ich sah es an einem Blicke. Haha -- ich
betrachte sie, fahre ganz langsam, ich trage eine Brille, eine Kapuze,
niemand sieht mich. Eine groartige Erfindung, das Automobil. Ich bog zur
Seite. Die Stimme ging neben mir her. Ich sah ihre Hand, sie streifte den
Handschuh ab, um Geld aus dem Tschchen zu nehmen Ihre Hand war schneewei.
Ihr Hals ist frei, auch im Winter. Ich hab ihr dicht in die Augen gesehen
-- Himmel! diese, diese Augen! -- sie mute warten, bis mein Wagen ber die
Strae gefahren war. -- Haha, ich wollte Ihnen das schon lngst erzhlen,
ich lief immer um Ihr Haus herum, traf Sie nicht. Ich gehe gerne um dieses
Haus herum, ja, es ist so eigen, sich vorzustellen -- gewi -- man kann sie
nicht mehr vergessen, nein. Sie vergit leichter, ha! Sie lebt tagweise.
Stimmt es? Sie ist lieblich wie ein Kind und grausam wie ein Kind -- sie
lgt -- sie kann keine Blume zertreten, aber einen Menschen zu Tode
peinigen --

Ich lief weg, hinein in den Wald.

Ich schickte einen Boten nach Rote Buche mit einem Briefe, darinnen stund:
Ich gehe nur noch mit geladenem Gewehre im Walde!

Harry Usedom schickte mir eine Antwort: Vergebung, Vergebung, das wollte
ich doch nicht.

Ich verachtete ihn. Aber ich verga nicht, wie berckend seine Geige einst
im Walde klang, als er das weinende Glck spielte. --

Einige Wochen darauf erfuhr ich, da Harry Usedom einen Selbstmordversuch
gemacht habe. Er hatte sich aus dem Fenster gestrzt. Er hatte sich schwer
verletzt, aber es war nicht lebensgefhrlich.

Ich erschrak . . . . . .

Es war als ob etwas ber mich snke, immerzu, immer dichter, ich wehrte
mich, aber es lhmte mich, immer undurchdringlicher wurde es.

In Nacht und Grauen wird einer versinken, einer, ich wei es!




37


Es ging in die Tiefe. So begann es -- --

Ingeborg ist zurckgekehrt. Ist es mglich?

Ich sa im Zimmer und hrte weder den Wagen, noch Schritte. Da ging die
Tre und Ingeborg stand auf der Schwelle.

Sie war in einen dicken Reisemantel gehllt und ihr Gesicht verschwand fast
ganz im Pelzkragen. Rot vor Frost war dieses Gesicht, ein kleines,
erfrorenes, lchelndes Kindergesicht.

Hahaha! lachte Ingeborg. Kennst du mich nicht mehr? Ich begriff all das
nicht. Ich stand auf und lchelte. Ich bewegte die Lippen, aber ich
vermochte nicht zu sprechen.

Und Ingeborg lachte wieder und sagte, da sie nun auf Besuch zu mir komme,
wie sie es versprochen habe. Zwei Monate lang.

Hahaha, ja, gr Gott, Axel!

Ich gebe ihr die Hand, ich kann noch nichts denken. Auf dem Pelze und den
goldenen Locken Ingeborgs zerschmilzen kleine Schneesternchen. Ingeborgs
Stimme ist krftiger und tnender geworden.

Gr Gott! Ingeborg --

Ja, ja ja -- Axel, Axel! Bekomme ich denn keinen Ku? Ksse mich doch. Ich
freute mich seit Wochen auf diesen Ku.

Mein Herz steht still. Ich ksse Ingeborg auf den Mund und verliere die
Besinnung --

Da erwachte ich.

Ich lag im Zimmer auf der Ottomane. Es dmmerte. Auf den naschwarzen sten
der Kastanien lag Schnee, ein Sperling schaukelte auf einem stchen und
Schnee stieb herab.

Ich finde keine Ruhe mehr! flsterte ich. Ich war totmde, einige Tage
und Nchte hatte ich nicht mehr geschlafen. So heimtckisch arbeitete es in
mir, am Tage konnte ich mich betuben, solange ich wachte, aber im Traum,
da war ich wehrlos. Ich sprach mit mir. Ich finde selbst im Schlafe keine
Ruhe mehr -- es bleibt mir nichts anderes brig. Nein, ein Frst tut es
nicht, ein Bankier kann es tun -- ein Frst nicht. Ach, das sind einfltige
Redensarten. Nun hat der finstere Gedanke doch gesiegt!

Ich stehe auf, krame im Schubfache des Schreibtisches und verlasse das
Haus. Blaue Winterdmmerung ringsum. Alles schlft, Bume, Tiere, nur ich
kann nicht schlafen. Bald werde ich es knnen. Der Schnee leuchtet blau,
wie Stahl fast, die Abendklte hat ihn mit einer dnnen Eiskruste
berzogen, die unter den Schritten kracht. Ich gehe an der Statue vorber,
einen Eisbrenpelz hat sie um die Schultern geschlungen, als ging sie ins
Theater. Pst! hat sie nicht pst! gerufen? Im runden Brunnen sprudelt
schwarze Tinte, die eiskalt glitzert. Der Brunnen ist mit dickem Eise
bedeckt wie mit Aussatz.

Ich eile durch den Park, zur Grotte, wo der ewige Tropfen fllt. Kupferrot
steigt der Mond hinter den Stmmen empor, in Dunst gepackt. Der Schnee ist
mit schmutzigem Blute getrnkt.

Die Grotte ist still. Der Tropfen schweigt, der Tmpel ist gefroren. Ein
toter Frosch ist im Eise zu sehen, er zeigt den gelben Bauch. Die Grotte
ist mit Eis berzogen und eine Sule aus Eis, einer groen geronnenen Kerze
hnlich, hngt vom Felsen zum Tmpel.

Ich setze mich in den Schnee. Ich berhre einen Busch und Schnee stiebt
ber mich und fllt mir ins Genick, soda ich zusammenschaure. Ich nehme
den Revolver aus der Tasche.

Alles ist Schnee und Eis.

Umsobesser, geht es mir durch den Kopf, ich konserviere mich besser,
brigens liegt dort auch schon einer. Schade, da ich keine gelbe Weste
anhabe! Wer htte gedacht, da die Geschichte so leicht ist?

Ich setze den Revolver an die Schlfe und schliee die Augen.

Tick! Der Revolver versagte. Ich blicke in die Trommel. Ich sehe die Kugel.

Und ich setze wiederum den Lauf an die Schlfe. Da berhrt jemand meine
Schulter und ich blicke mich um. Das verhrmte Gesicht des glcklichen
Wanderers nickt traurig ber mir.

Bruder, Bruder, spricht er sanft und hebt den Zeigefinger mitleidig
drohend empor, es gibt weitaus schlimmere Dinge als ein Weib zu verlieren.
Vier Jahre Kerker, Bruder, das ist hart. Ach, ohne frische Luft, ohne
Himmel, ohne Freiheit, Bruder weitaus schlimmer ist dies!

Schere dich zum Teufel! schreie ich und presse den Revolver auf das Herz.
Aber der Wanderer wirft sich ber mich und umklammert mein Handgelenk. Ich
keuche.

La los! Ich ringe mit ihm. Ich nehme alle Kraft zusammen, ein Ruck noch
und mein Arm ist frei --

La los.

Ich erwachte.

Ich lag immer noch auf der Ottomane. Ich schauderte zusammen.

Aber jemand stand im Zimmer, in einen dicken Mantel eingehllt, einen
groen Hut auf dem Kopfe. Er hatte ein rotes aufgeblasenes Gesicht mit
heimtckischen kleinen Chinesenaugen. Er stand am Flgel, nahm das grne
Vschen in die Hand, steckte es ein und schlich sich hinaus.

Ich fuhr auf. Ich hrte wie eine Tre vorsichtig zugemacht wurde.

Jemand war eben im Zimmer gewesen. Der Knecht, den sie den Mnch nennen.
Ja! Er hatte das Vschen gestohlen.

Ich blickte auf den Flgel: das Vschen war fort!! Trumte ich? Nein, ich
trumte nicht mehr. Ich hatte zwei Trume hintereinander getrumt, den von
Ingeborg, den von der Grotte. Das wute ich genau und ich wrde es nicht
wissen, trumte ich noch. Ich sah ja, konnte mich anfassen, fhlen.

Das Vschen war fort! Lange Wochen stand es doch auf dem Flgel!

Ich rannte aus dem Zimmer, die Treppe hinab, ber den Hof. Gro und
messinggelb stand der Mond ber dem Walde in einem violetten Himmel. Der
gelbe Schnee knarrte unter meinen flchtigen Schritten. In den Stllen
klirrten Ketten und die Pferde stampften.

Ich eilte ins Haus und ri die Tre zur Gesindestube auf. Da saen sie alle
im Tabaksqualm, Knechte und Mgde und flochten Strohbnder. Sie rauchten,
lachten und erhoben sich, als ich eintrat.

Ich warf die Tre ins Schlo. Es wurde so stille, da man hrte, wie die
Khe nebenan das Heu aus dem Barren rupften.

Dort stand auch er, der Mnch, im dicken Mantel, den er Sommer und Winter
trug, und den groen Hut auf dem roten Kopfe. Wie immer schlug er den Blick
zu Boden. Ich trat auf ihn zu und schttelte ihn leicht am Arme.

Da bist du ja! sagte ich und lachte hhnisch.

Der Knecht hob furchtsam die Lider und blickte erschrocken auf mich. Die
Rte wich aus seinem Gesichte und die dicken Backen zitterten. Er senkte
die Lider, schneewei lagen sie in seinem fahlen Gesichte.

Schon lange habe ich ein Auge auf dich, du! sagte ich. Alle standen sie
ringsumher erschrocken, mit groen Augen und geffneten Mulern.

Ja ja, murmelte der Mnch. Hole den Schandarm!

Du hast es getan? Wie?

Ja ja.

Der Knecht fiel in die Knie und sagte: Ich habs getan. Ich bereue es. Zehn
Jahre habe ich dran gewrgt.

Was tat der Mnch? fragte einer.

Er hat gestohlen! rief ich. Ein Vschen.

Gestohlen? Nichts habe er gestohlen.

Jetzt leugnet er wieder, hoho! rief ich und ich bewegte die Hand so
schnell vor dem Gesichte des Knienden, da sie dreiig Finger bekam. Eben
gestand er es ein, jetzt lgt er frech. Hre, du, ich lasse dich
auspeitschen, da dir Hren und Sehen vergeht!

Aber da bekam ich Mitleid mit dem Knechte, der in seinem dicken Mantel vor
mir kniete und den Kopf neigte. Er hatte sogar den Hut abgenommen, seine
Haare waren wei wie Mehl.

Ein armer Mensch war das. Wie schlecht bin ich doch geworden, da ich ihn
so anschreien konnte. Wie schlecht! Schlecht mute ich also auch noch
werden!

Hre, sagte ich, was fllt dir ein. Ich tue dir nichts. Gib nur das
Vschen her. Hast du es vergraben? Sag es?

Ich habe das Ding nicht gestohlen.

Vor einer Minute hast du es aus meinem Zimmer gestohlen.

Herr, er war diesen ganzen Nachmittag und Abend mit keinem Fu aus der
Stube.

Alle sagten es.

Nicht? Nicht?

Also hatte ich doch getrumt. Aber das Vschen stand ja nicht mehr auf dem
Flgel.

Der Knecht erhob sich und setzte den Hut wieder auf den Kopf.

Und mir fiel ein, da ich das Vschen heute morgen in den Schreibtisch
geschlossen hatte, damit es die Magd nicht unglcklicherweise zerbrche.

Ich erbleichte. Stille war es.

Verzeihe mir, sagte ich zu dem Knechte und verlie die Stube. Alle Augen
folgten mir.

Ich stand im Hofe unter dem dunklen Himmel, aus dem die Sterne wie Eis
heruntertropfen.

Meine Fe zitterten.

Was ist das? Was ist das? flsterte ich und ging mde ins Haus zurck. --




38


Ich erkrankte. Diese Reihe von Tagen, bis ich mde zusammenstrzte, bis ich
liegen blieb und mich nicht mehr rhrte, sie ist in meinem Gedchtnis
ausgestrichen!

Ich erkrankte.

Wie lange lag ich krank? Ich wei es nicht. Dann erwachte ich wieder. Eine
Stimme flsterte. -- Du Herr, der du Berge versetzen kannst und Mauern
einstrzen mit dem Atem deines Mundes, nimm dich des armen Kranken an, auf
da er genese --

Ich hob die Lider. Ich lag im Bette, am Fenster sa die alte Maria, eine
groe Brille auf der Nasenspitze und betete. Wie Stricke lagen ihre
gebleichten Haare auf dem runden rosigen Schdel. Wo hatte ich dieses
Rosige schon gesehen und dieses Krnzchen? Richtig, bei Spanferkeln, genau
so, von hinten gesehen.

Und ich lag stille, es machte mir Freude zuzuhren, wie jemand mit seinem
Gotte sprach, fr mich, immerzu fr mich. Ich kicherte beinahe, so schn
hrte sich das an. wie Maria Gott pries, als wolle sie ihn durch
Schmeicheleien willfhriger stimmen, und dann um meine Gesundheit flehte.

Die Sonne steht still auf dein Gehei -- Tatata, dachte ich bei mir.

-- und Tote stehen auf, auf dein Wort -- Tatata, dachte ich bei mir.

Sieh auf den armen Kranken und schicke ihm Gesundheit --

Nach Belieben, dachte ich bei mir. Es war mir so leicht ums Herz und ich
war zum Scherzen aufgelegt. Ich schlief wieder ein und als ich aufwachte,
war es Abend geworden. Maria sa bei einem Lichte und betete immer noch.

Und ich schlief wieder ein und erwachte am lichten Morgen.

Nun war ich gesund. Ich stand auf und kleidete mich an. Ich war gesund und
frisch, wie neugeboren und wollte singen. Aber gerade in dem Augenblicke,
da ich beginnen wollte, konnte ich nicht singen. Es war eine eigentmliche
Traurigkeit in mir, die mich nicht singen lie.

Was aber war das doch fr eine Traurigkeit? --

Tiefer Winter. Tiefer Winter.

Scke voll Schnee hat der Himmel ber die Wlder geschttet, die Bume sind
starr und glashart. Ein roter Mond geht auf, eine rote Sonne kriecht durch
den dunstigen Tag. Wie Grotten aus blauem Eise sind die Nchte. Der Schnee
knarrt, im Walde bellen die Fchse. Sonst regt sich nichts mehr. Die Klte
zerfrit die Augen. --

Heute schien die Sonne durch den Dunst und das Tal glitzerte weithin vor
Freude. Eine Ahnung vom Frhling zitterte tief in der Erde.

Ich sah in die Sonne, es war mir als mte ich durchsichtig sein wie Glas.
Sie wrmte so ganz anders als das lustigste Feuer. Und ich dachte, da der
Frhling schn sei. Ein blhender lachender Apfelbaum am Wege, eine
lachende Sonne, eine lachende Wiese, ein Hirtenmdchen, das den Mund bis zu
den Ohren verzieht und lacht, ganz wie die Sonne, das ist der Frhling.

Ich schlpfte in die Lodenjoppe, zog die hohen Stiefel an, nahm den Stock
und das grne Htchen und ging.

Ausgestorben liegt das Haus, ausgestorben liegen die Stlle und Scheunen,
mit dicken Polstern weien Schnees bedeckt. Sie sind in die Erde gesunken.
Die Fenster sind schwarz. Vieh und Pferde sind verkauft, Mgde und Knechte
sind fortgegangen.

Nun, ich hielt sie nicht. Sie wollten sich einen andern Dienst suchen. Zu
einsam sei es hier oben im Bergwalde. Ich hielt sie nicht auf.

Nur die alte Maria ist bei mir geblieben. In Tcher eingehllt sitzt sie in
ihrem Kmmerchen, wie eine Kastanienverkuferin in der kalten Strae. Sie
wird alt und friert. Am Abend jedoch fllt ein gelber Lichtfleck auf den
Schnee des Hofes, aus dem Fenster der Gesindestube. Wer ist noch in der
Gesindestube?

Der Mnch. Hin und her geht er, im Mantel, den groen Hut auf dem Kopfe.

Er hat keine Ruhe. Er bt fr etwas. Wofr? Niemand geht das etwas an.

Ich schwinge den Stock und gehe hinein in den stillen Wald. Ich lchle. Ich
rcke den Hut zurck und mchte lachen und singen. Aber sobald ich die
Lippen ffne, um zu lachen und zu singen, hlt mich etwas zurck. Ich wei
nicht was es ist.

Es ist ein eigentmliches Gefhl.

Was ist es doch fr ein Gefhl? Rhrung, Ergriffenheit, Traurigkeit,
Freude?

Von allem ein wenig.

Zartblau ist der Schnee im Walde zwischen den fahlen gefleckten Stmmen der
Buchen. Gelbe Wege, gelbe Streifen, das ist die Sonne. Der Himmel schimmert
wei. Die Wipfel der Bume sind wie in dicke Watte gepackt. Ein stchen
rhrt sich, eine kleine weie Schlange gleitet herab. Von vielen Bschen
sieht man nur noch einzelne Zweigchen, die aus dem Schneehaufen
hervorlugen. ber den Weg laufen Spuren von Rehen und Fchsen. Ein Hufchen
Krhenfedern liegt im Walde. In der Ferne lacht ein Hher.

Die Grben sind gefroren und wenn ich mit dem Stocke auf das Eis stoe, so
fallen lange Scheiben splitternd ins bereifte Gras. Ein spiegelglatter
Tmpel. Ich nehme einen Anlauf und sause darber hinweg.

Es ist nicht kalt. Die Luft ist frisch und so oft man sie einatmet, glaubt
man Eiswasser zu schlrfen.

Da liegt eine Wiese am Waldesrande, sieht aus wie das reinlichgedeckte Bett
eines Riesen. Im Sommer stehen gelbe Blumendolden darauf, aus denen der
Honig tropft.

Honigtrpflein heit die Wiese.

Und ich denke an den Sommer. Schwei, Honig und Feuer ist der Sommer, denke
ich, und ein heier Ku im Traume.

Ich gehe durch den Wald, stundenlang, auf, ab, auf, ab. Ich mu tchtig
ausgreifen, der Weg bis zum Revier Otternbrcklein ist weit.

Einsam ist es, einsam und feierlich. Der weie Tod haust im Walde.

Ich komme in fremdes Gebiet. Axtschlge fallen im Walde. Das ist
wunderschn, so still, so feierlich und diese Axtschlge. Man glaubt das
Herz des Waldes schlagen zu hren. Das Gefhl, da ein Mensch in der Nhe
ist, tut wohl. Man will nichts von ihm, man sieht ihn gar nicht und doch
tut es wohl, zu wissen, da dort einer ist.

Ja!

Da erschrecke ich und trete hinter einen Baum. Ein Wolf! Nein, ein Fuchs.
In weitem Bogen zieht er vorber, den dicken Schwanz durch den Schnee
schleifend.

Ich lchle. Weshalb frchtete ich mich? Nie in meinem Leben war ich
furchtsam.

Ich greife tchtig aus. Hochwald. Das ist Revier Otternbrcklein. Dort
liegt die Htte des Holzfllers.

Vater Giselher sitzt vor der Tre in dunkler Sonntagskleidung. Ernst ist
sein Gesicht und er sieht weder nach rechts noch nach links. Seine derben
Hnde liegen auf den Knien, sie ruhen wie er.

Guten Tag, Vater Giselher! rufe ich und schwinge den Hut.

Guten Tag.

Ich kam lange nicht dazu, dich zu besuchen, Vater Giselher, sage ich. Ich
komme in Verlegenheit.

Selbstschtig seien Jugend und Glck. Htten nicht Augen und Ohren fr
andere.

Ja, er zrnt immer noch, weil wir den Pfarrer nicht nahmen, damals. Er
blickt weder nach links noch nach rechts.

Aber der Tod gebiete Vershnung. Meinen Dank, da du kommst. Tritt nur
ein, da drinnen liegt sie.

Wer?

Wer lag da drinnen?

Ihr Tagwerk ist vollbracht. Vierzehn Kinder hat sie geboren und
grogezogen. Ihre Pflicht ist erfllt. Der Herr wei was er tut.

Ich atmete auf, ich trat in die Htte. Es war dster hier, eine hohe Kerze
brannte. Daneben schimmerte das friedlich schlummernde, hohlwangige Gesicht
einer alten Frau. Die Frau lag langgestreckt in einem breiten, derben
Sarge. Ihr Mund war einwrts gezogen und fast kreisrund, der Tod hatte
alles spitzig gemacht, die Nase, die Backenknochen, das Kinn. Die Hnde
lagen im eingefallenen Schoe der Toten, gelb mit blauen Ngeln.

Um den Sarg herum saen still, die Hnde gefaltet, die Kinder der Toten. Es
mochten ihrer wohl zehn sein, in allen Gren, Mdchen mit hellblonden
abstehenden Zpfchen und Knaben mit nubraunen Gesichtern und wirren
Haaren. Ein schlankes Mdchen von siebzehn Jahren sa auf einem Stuhl und
stopfte einen Strumpf. Ihr zu Fen kauerte ein kleines Kind, das mit
Bohnen spielte. Alle hatten rote Ohren und rote Nasenspitzen, denn es war
kalt in der Htte. Sie wandten mir die Gesichter zu, als ich eintrat, aber
sie regten sich nicht. Sie blieben still, die Hnde gefaltet.

Ich bin Ingeborgs Mann, flsterte ich dem Mdchen zu, das den Strumpf
stopfte. Ich schmte mich, dies zu sagen.

Mutter ist tot -- hohoho! schluchzte das Mdchen und groe Trnen fielen
auf den Strumpf herab.

Hohoho -- weinten sie alle ringsum und sie hrten auf, als die Schwester
aufhrte.

Das Kind am Boden kroch unter den Sarg, eine Bohne war fortgerollt.

Und die Tote lchelte friedlich im Lichte der einzigen Kerze.

Da liegt sie! Ingeborgs Mutter ist das!

Das ist ja Ingeborgs Mutter! Sie ist tot. Seht, die Ingeborg geboren hat,
ist gestorben!

Ich konnte mich nicht halten, ich brach in Schluchzen aus.

Das ist ja Ingeborgs Mutter!

Ist das nicht die Stirne Ingeborgs? O, ja! Ach, das ist Ingeborgs Kinn!

Ich schluchzte und beugte mich ber die Tote und streichelte ihre kalten
feuchten Wangen.

Ingeborgs Mutter ist das ja!

Ich mu mich schicken, sagte das lteste Mdchen. Gleich werden sie da
sein, um Mutter zu ho -- ho -- holen.

Ob ich ihr nicht helfen wolle, Mutter den Strumpf anzuziehen.

O, ja, gerne wolle ich ihr helfen, Mutter den Strumpf anzuziehen.

Der Strumpf war na von den Trnen des Mdchens. Ich betrachtete sie.

Wie heit du? fragte ich und lchelte leise. Es war so manches in diesem
Gesichte --

Maria -- ach nun ist Mutter tot!

Willst du nicht zu mir kommen, Maria? flsterte ich. Die Stimme wollte
mir versagen. Ich hatte vergessen, da eine Tote im Zimmer lag. Mein
Hauswesen fhren?

Sie brauchten sie hier.

Ich sah mir die Geschwister an. In jedem Gesichte fand ich etwas -- etwas
--

Vater Giselhers tiefe, ruhige Stimme wurde hrbar vor der Tre, Hsteln und
Sprechen.

Vater Giselher ffnete die Tre. Tretet ein! Durch den Spalt sah man den
Kopf eines Schimmels, daneben das runde frostrote Gesicht eines
Bauernburschen. Eine Anzahl alter Mnnerchen und Weiberchen trat ein, so
da das Gemach voller Menschen war. Sie flsterten, hstelten und eine Frau
begann zu weinen, es klang wie Gekicher.

Ein Greis sagte mit nselnder halblauter Stimme: Da liegt sie nun, unsere
Mutter Giselher.

Und ein weihaariges verwachsenes Mtterchen zischelte: Einen schnen Tod
hat sie gehabt, und alle nickten mit den Kpfen.

Sie ruht in Gott.

Vater Giselher schob sich durch die Gruppe. Er nahm ein dickes Buch zur
Hand und stellte sich hinter die Kerze. Seine Gestalt war aufrecht wie
immer, und sein brtiger Kopf sa fest und gefat auf den breiten
Schultern.

Klar und hell war sein Auge.

Und er schlug das Buch auf und begann zu lesen. Wir standen um den Sarg und
hatten die Hnde gefaltet, die Greise und Mtterchen, die Kinder, und auch
ich hrte zu mit gesenktem Kopfe, mit gefalteten Hnden, wie die andern.

Es stehet geschrieben in Gottes Wort, las Vater Giselher, in den Psalmen
Davids, Psalm 39, Vers 6 bis 8: Siehe meine Tage sind einer Hand breit bei
Dir und mein Leben ist nichts vor Dir. Wie gar nichts sind alle Menschen,
die doch so sicher leben! Sela. Sie gehen daher wie Schemen und machen sich
viel vergebliche Unruhe, sie sammeln und wissen nicht, wer es kriegen wird.
Nun Herr, wes soll ich mich trsten? Ich hoffe auf dich.

Vater Giselher schlo das Buch. Ich hoffe auf dich! Brder und Schwestern
im Herrn -- eitel sind unsere Hoffnungen dieser Erde, wes soll ich mich
trsten? Ich hoffe auf dich. Vater Giselher sprach und sprach. Laut und
markig klang seine Stimme und seine wasserblauen strahlenden Augen
wanderten im Kreise umher.

Vater Giselher sprach lange von den Tugenden der Gestorbenen und der
Herrlichkeit des himmlischen Reiches und Gottes hoher Gnade. Wenn er den
Namen Gottes oder des Erlsers aussprach, so neigten die Mnner und Weiber
den Kopf.

Dann schwieg er und nach einer kurzen Pause begannen sie alle wie auf ein
Zeichen das Vaterunser zu beten. Allen wurden die Augen na, nur Vater
Giselhers Auge blieb trocken.

Vater Giselher trat an den Sarg und sprach: Ich sehe dich an und ich sehe
dich nicht zum letzten Mal. Ich werde dich da droben wiedersehn, so wahr
Gott ist, und Freude wird in unsern Herzen sein.

Der Sarg wurde geschlossen und hinausgetragen und auf den Karren gelegt.
Der Bauernbursche sagte: hh! und der Schimmel wieherte und stampfte durch
den Schnee.

Neben dem Sarge schritt Vater Giselher, das Trpplein der Kinder folgte
ihm, dann kam der Zug der alten Weiber und Mnner und weit hinter allen
ging ich.

Maria und das kleine Kind blieben in der Htte zurck. Adieu, Maria,
sagte ich leise und sah sie an. Sie hatte goldene Haare und blaue Augen --
--

Der Schimmel stampfte durch den Schnee und nickte bei jedem Schritte mit
dem Kopfe, die Kinder trippelten und die alten zusammengeschrumpften Mnner
und Weiber humpelten und hinkten, in Tcher eingehllt, hinter dem
schwankenden Sarge einher.

Der Wald begann ringsum zu rauchen. Feiner Schnee fiel.

Es ging steil bergab.

Da kam aus der Tiefe das wehmtige Bimmeln einer Glocke.

Die Kinder begannen bitterlich zu weinen.

Und ich prete die Hnde vors Gesicht und weinte wie die Kinder. Ich weinte
leise, damit mich niemand hrte. Leise und unaufhrlich, und je mehr ich
weinte, desto leichter wurde es mir im Herzen und ich whnte nimmermehr
aufhren zu knnen zu weinen.

Vor mir her schwankte der Zug, die Greise und Mtterchen, die Kinder, der
Sarg. Feiner Schnee fiel vom Himmel.

Aus dem Tale rief die Glocke.

Und ich weinte, weinte, immerzu und immer heftiger, weinte, weinte -- -- --
-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --




39


Der Frhling kommt. Der Sommer kommt.

Wohnt denn niemand in diesem Hause? -- Nein!

Scheiben sind zersprungen, die Dachrinne hngt ber das Dach, viele Lden
sind geschlossen und Sperlinge nisten darin.

Der Sommer geht. Es kommt der Herbst.

Wohnt denn niemand in diesem Hause? Nein!

Der Winter kommt. Still liegt das Haus im Walde.

Es kommen Leute, pochen, pochen --

Es wohnt niemand in diesem Hause.

Nein!

Wie dieses Jahr verging? Ich sage es nicht. Nein, ich sage es keinem
Menschen, selbst Freund Karl nicht, nicht einmal mir. Es ist ausgelscht,
dieses Jahr. Ich habe alles, alles vergessen, ich wei nichts mehr. Ich
wei, da ich herum ging, sorgfltig gekleidet und rasiert, da ich immer
ber Bchern sa. Was tat ich in den Nchten? Das habe ich vergessen. Ich
legte ein Rosenbeet an im Parke, das kann ich gestehen, ich kann auch
gestehen, da in den weien Zimmern des Nachts eine Lampe brannte.
Zuweilen. Nicht in jeder Nacht. Ich kann auch gestehen, da ich zuweilen
des Abends zu den Giebelfenstern hinaussphte, die Strae hinunter und
wartete, brigens nicht jeden Tag. Es standen auch dann und wann frische
Strue in den weien Zimmern.

Ich kann auch gestehen, da am 25. Mai Tag und Nacht eine Kerze in meinem
dunklen Zimmer brannte und ich -- nein!

Ich bin nicht ber den Park hinaus gekommen, nicht aus dem Hause. Ich hatte
keine Lust.

Die Tre des Hauses war abgeschlossen, niemand kam herein. Der alten Maria
und dem Mnche hatte ich meine Befehle gegeben und sie gehorchten!

Ich sah alles, was die Bergstrae herauf kam. Nichts konnte mir entgehen.

Eines Tages kamen ein Herr in Reisekleidern und eine Dame mit brennend
roten Haaren die Bergstrae herauf. Sie war ebenfalls in Reisekleidern. Ich
sah sie kommen, stand hinter der Tre, Angst erfllte mich. Sie pochten,
pochten. Die Angst in mir wuchs, mein Herz stand still, ich hielt den Atem
an. Nein, ich habe nichts mehr mit den Menschen gemein, ich kann nie mehr
offen mit einem Menschen reden, selbst mit Freund Karl nicht, nie mehr.

Der Herr sagte: Ist er doch verreist? Die Dame sagte: Bestimmt nicht!

Dann sagte der Herr: Wir wollen es unter der Tre durchschieben. Er wird
sich freuen darber.

Eine Weile verging, dann schoben sich Zeitungen herein. Die Spitzen dnner,
weier Finger erschienen. Die Dame sagte leise: Er tut mir leid!

Sie meinte mich . . . . Ich atmete wieder.

Es waren groe englische Zeitungen. Eine Visitenkarte lag dazwischen. Wir
kommen eben von London! Herzlichen Gru!

Ich las diese Zeitungen: Tristan und Isolde -- Merlin von Holger Hunt
-- -- Ingeborg Hunt-Giselher.

Triumphe, Triumphe! --

Sonst geschah nichts in diesem Jahre. Doch, es kam ein Buch von Karl.

Karls neues Buch. Es hie Sturm. Es waren knorrige Eichen, die brausten
und knarrten, sich schttelten und lachten. -- Seht!

Das Jahr verging. Ich habe vergessen, wie. Dann sah ich wieder mit andern
Augen in die Welt.

Der Frhling kam wieder! Abermals kam er.




40


Es ist Frhling.

Ich sitze auf der Treppe meines Hauses und rauche aus meiner kurzen Pfeife.
Lustig wirbelt der Rauch heraus. Die Sonne scheint, die Welt ist grn. Grn
und durchsichtig wie Glas ist die Wiese, das Laub der Buchen. Blau und
durchsichtig wie Glas ist der Himmel. Die Sonne scheint. Die Vgel singen,
Tau tropft aus den Bumen.

Ich rauche die Pfeife und lchle.

Schn ist die Welt! Schn ist das Leben!

Da liegt das Tal, schimmernd und grn. Aus dem Walde drben winkt eine
kleine Fahne.

Die Apfelbume blhen an der Strae. Ein Wegmacher scharrt auf der Strae,
das Messingband auf seinem Hute funkelt wie ein Kronenreif.

Friede und Schnheit sanken vom Himmel auf die Erde, denke ich. Die Sonne
schttet brennenden Wein aus Kannen ber die Welt, wie ehedem.

Ich lchle.

Es klingt im Walde, im Tal.

Die Bergstrae herab kommt ein Mdchen, ein schlankes Bauernmdchen, ein
weies Tuch um den Kopf geschlungen, ein Bndel in der Hand. Golden funkelt
es unter dem Kopftuche.

Es nickt herber zu mir, seine Zhne blitzen und seine Augen.

Kind, Kind, was funkelst du mit den Augen und lchelst? Gehst in den Wald
und suchst nach einem Geliebten? Es ist Frhling, nimm dich in acht, Kind!

Guten Morgen! ruft das Mdchen mit klingender Stimme und geht die Strae
hinab.

Und ich stehe auf. Diese Stimme --

Habe ich pltzlich Feuer im Kopfe?

Und ich lchle und stoe einen Schrei aus, wie ein Falke, der sich im ther
wiegt.

Ich gehe ins Haus und reie mir alle weien Haare aus. -- -- -- -- -- -- --
-- -- -- -- -- --

Die Dmmerung sinkt ber das Tal, alles ist still, das Dorf schlft.

Ich sitze auf einem Brunnen, der vor der Htte steht, weit drauen vor dem
Dorfe.

Der Brunnen plaudert und mein Herz bebt.

Ein Mdchen tritt aus der Htte, mit einem Kruge in der Hand.

Ich stehe auf.

Guten Abend, Maria.

Das Mdchen schrickt zusammen und lugt unter dem Kopftuche hervor. Auf dem
Kopftuche sind graue blasse Sterne zu sehen.

Golden funkelt es unter dem Tuche.

Guten Abend, Herr Schwager.

Ein schner Abend, Maria?

Ja!

Wie schn, Maria! Es ist Frhling. Ich bin hierhergekommen, um mit dir zu
sprechen. Ein Wegmacher hat mir gesagt, wo du jetzt wohnst.

Ob ich ihr etwas von Ingeborg zu sagen habe? Nein, nein! Sprechen wir
nicht von Ingeborg. Wir wollen von uns beiden sprechen, haha! Aber da du
von Ingeborg sprichst, so kann ich dir schon etwas sagen. Sei stolz auf
Ingeborg, hrst du, sie ist ja deine Schwester. Sie feiern sie, sie beugen
die Knie vor ihr. -- Aber sprechen wir nicht von ihr. Sprechen wir von
uns!

Marie lt den Krug voll Wasser laufen und der Krug gluckst, lacht und
singt, immer heller.

Was ich wolle?

Mit ihr sprechen!

Aus der Htte ruft eine Stimme.

Der Bauer ruft.

Maria geht hinein.

                   *       *       *       *       *

Im Walde liegt eine kleine Wiese und Maria pflgt, eine Kuh zieht den
Pflug.

Ich trete aus dem Walde, das Gewehr auf der Schulter.

Da bin ich wieder, sage ich frhlich. Unbefangen und jung mache ich meine
Stimme.

Maria schweigt.

Neulich kam der Bauer dazu -- haha! Schn ist es heute, wie! Die ganze
Welt brennt!

Ich blicke unter das weie Kopftuch Marias.

Ja, ich sei zu ihr gekommen, gerades Weges zu ihr, sage ich und lege sanft
meine Hand auf ihre Schulter.

Maria sieht mich erschrocken an. Es glitzert in ihren Augen.

Ja ja, gerades Weges zu ihr!

Ich liebe dich Maria, kannst es glauben!

Maria senkt rasch den Kopf. Blablaue Sternchen sind auf dem weien
Kopftuche Marias zu sehen.

Ich liebe dich, Maria -- was sagst du dazu? Nie -- nie habe ich ein
Mdchen so sehr geliebt.

Ich sage es ganz leise und lchle nicht mehr. Meine Augen sind feucht.

Ich bitte Euch, Herr --

Haha, hrst du nicht, da ich du zu dir sage? Du sollst in mein Haus
kommen, die Herrin sollst du sein, Maria -- sprich doch --

Maria blickt mich an und ihr Gesicht ist so wei wie das Kopftuch.

Es ist stille. Ein Vogel singt. In der Ferne blst ein Hirt die Flte.

D -- ddd -- dd -- hell klingt es, nach Liebe und Glck.

Maria weicht langsam zurck, als habe sie Furcht vor mir.

Ich lchle.

Du bist ganz bleich, Maria. Ich habe dich erschreckt. Wie ungeschickt war
ich doch.

Sie solle mir doch die Hand geben.

Nein, nein!

Maria weicht zurck. Sie sinnt nach, sie sinnt so lange nach, da mir bange
wird. Dann sagt sie, und das Blut kehrt in ihre Wangen zurck:

Ich bitte Euch, geht. Das kann ja nicht sein sagt sie hastig. Seht doch,
Herr, berlegt es Euch, ich bin eine Bauernmagd, Ihr seid ein Frst, ein
Schlo habt Ihr, Felder und Wlder --

Maria spricht es gtig und sanft.

Haha. Ich lache.

Was den Frsten anbelangt -- so ist das -- eine Form -- das ist -- und --

Ich nicke und gehe. Ein Gedanke jagt durch meinen Kopf.

Auf Wiedersehn, Maria! Ich verschwinde im Walde. Man mu nicht blde sein
gegen junge Mdchen. Frisch angepackt, immer los aufs Ziel!

Ich gehe nach Hause und schreibe einen Brief und siegle ihn mit dem Wappen.

                   *       *       *       *       *

Ich trete in den Hof, den Brief mit dem groen Siegel in der Hand. Ich gehe
ans Fenster der Gesindestube und poche.

Der Mnch kommt heraus und nimmt den Hut ab.

Ich sage zu ihm: Siehst du diesen Brief hier? Den trage in die Stadt. Er
gehrt an den Notar. Verliere ihn nicht, denn es steht auch fr dich etwas
darin. Ich habe dich einmal unrecht behandelt vor all dem Gesinde, ich habe
es nicht vergessen -- auch hast du Pazzo immer so freundlich gestreichelt.
Ich habe es beobachtet. Auch die alte Maria habe ich nicht vergessen.
Eile.

Es ist Nacht. Dunkel liegt die Erde und hell ist der Himmel und er glitzert
von Sternen.

Ich sitze auf der Bank unter der Birke und blicke auf das Schlo.

Ich lchle. Ein kleines Glck. Hrst du, was klopft in meinem Herzen?

Ich denke an eine kleine Htte im Walde, an den Geruch des Dngers, an eine
hbsche Kuh. An ein Gesicht beim Scheine der Kerze. Wie schn wird es sein,
wenn ich dieses Gesicht ansehen darf!

Trume wiegen sich in meinem Kopfe. Wie lieblich sind die Frauen! Wenn sie
nur guten Tag sagen! Wie das klingt! Wenn sie schlafen -- es atmet unter
der Decke, es atmet so!

Ich blicke auf alle Fenster des Schlosses. Noch ist nichts zu sehen. Aber
pltzlich ist ein Zimmer beleuchtet, noch eines, wieder eines. Eine Scheibe
klirrt und Rauch fhrt heraus.

Das Schlo steht in Flammen.

Hunderttausend rote Derwische heulen und tanzen in den Slen und auf dem
Giebel.

Da wird die Tre aufgerissen und lautschreiend rennt eine Gestalt im Hemd
heraus. Es ist die alte Maria. Sie schreit und luft ber die Wiese, die
Strae, in den Wald hinein. Ihr Hemd leuchtet rot und weht um die dnnen
nackten Beine.

Ich hatte gar nicht an sie gedacht.

                   *       *       *       *       *

Ein herrlicher, frischer Morgen. Rauch zieht ber den Wald.

Ich trete aus dem Walde auf die Wiese, Maria pflgt.

Da bin ich, Maria.

Maria nimmt die Schrze vors Gesicht und bricht in Schluchzen aus. O,
Herr, Herr, was habt Ihr getan?

Siehst du es nun, da ich dich liebe? frage ich leise. Ich bin das Gras
zu ihren Fen.

O, Herr, Herr, was habt Ihr doch getan!

Ratlos stehe ich da. Die Kuh dreht den Kopf und blickt mich an. Ein Vogel
singt. Wie gestern blst des Hirten Flte in der Ferne.

Hre, Maria, sage ich, weine nicht. Welch gutes Herz hast du doch,
Maria. Ich liebe dich, -- nun --?

Maria weint in die Schrze.

O, Herr, Herr! Was habt Ihr doch nur getan!

So sei nur stille, Maria. Siehst du, eine Htte werden wir haben, eine
Kuh. Schn wird es sein. Wenn die Vgel singen, wenn der Regen rauscht --

Maria schttelt den Kopf.

Ich erblasse, ich fhle es. Wie? denke ich und erblasse.

Ich spreche.

So sage, Maria, was ist dir? Kannst du mich nicht lieben? Ich sah es ja
neulich deinen Augen an -- Ingeborg -- haha, wie sage ich, Maria --

Maria schttelt den Kopf.

O, Herr, Herr.

Ich stehe still. Meine Lippen zucken. Ich bin wie verzweifelt, einen
Augenblick.

Liebst du einen andern, Maria, sag es? frage ich leise. Sage es offen.

Maria nickt.

Ja, sagt sie schluchzend, was habt Ihr getan. Herr!

Nun, beruhige dich, Maria. Ja dann -- --. Leb wohl. Maria gib mir die
Hand. Willst du nicht?

Maria nimmt eine Hand von der Schrze und reicht sie mir.

Leb wohl, Maria.

Ich gehe. Einige Schritte, dann kehre ich zurck. Ich habe etwas in der
Tasche fr sie.

Immer noch steht Maria da, die Schrze vor dem Gesicht und weint.

Maria, sage ich, ich mchte dir wenigstens etwas schenken. Vielleicht
gefllt es dir?

Ich ziehe ein kleines grnes Vschen aus der Tasche.

Da nimm es. Du kannst Blumen hineintun, die dir dein Liebster schenkt.
Willst du es nicht nehmen?

Maria nimmt die Hand von der Schrze und ich lege ihr das Vschen in die
braune schne Hand.

Leb wohl, Maria!

Maria weint.

Ich sehe sie mir noch einmal an -- dann gehe ich in den Wald hinein.

Ich wende mich um, immer noch hat Maria die Schrze vor dem Gesichte.

Die Zweige verdecken sie.

Ich komme auf die Strae und wandere sie entlang, ins Tal hinunter. Die
Sonne steigt ber die Hhe.

Ich wandere und wandere. Viele Gedanken schwirren mir durch den Kopf. Ich
gehe immer weiter, immer weiter. Ich bin noch ein wenig traurig, aber es
wird bald vorber sein -- -- --

Ich schreite tchtig aus -- --

                   *       *       *       *       *

Nun lebe ich in der Steppe, wo die Sonne blendet und jedes noch so kleine
Grschen einen geschliffenen trkisblauen Schatten wirft.

Es ist Nacht geworden. Ich liege im Grase, die Arme unter dem Kopfe
verschrnkt und sehe den Sternen zu, die ber den Himmel wandeln. Auch den
Sternen im Nordwesten sehe ich zu.

Es ist Nacht, kein Laut in der Steppe, am Himmel glnzen feierlich und
schn die Sterne. Tau fllt auf jede Kreatur.

_Ende_


Druck von W. Drugulin in Leipzig.



Gustaf af Gejerstam

Frauenmacht. Roman. 6. Tausend. Geh. 2 Mk., geb. 3 Mk.

Das Buch vom Brderchen. Roman. 10. Taus. Jeder Band geh. 3.50 Mk., geb.
4.50 Mk.

Die Komdie der Ehe. Roman. 6. Tausend.

Wald und See. Novellen. 4. Tausend.

Kampf der Seelen. Roman. 4. Tausend.

Alte Briefe. Novellen. 4. Tausend.

_Frauenmacht_: Es sind Stellen in dem Buch, die sind zum jubeln, und
Stellen von einer Schnheit der Wehmut, wie sie wohl nur der Verfasser des
Buches vom Brderchen schreiben kann. Hier ist ein inniges Kunstwerk,
durch das man nicht hindurchgeht, ohne bereichert und beglckt zu werden.

(Nationalzeitung, Berlin)

_Das Buch vom Brderchen_: Wie ein groer Dichter seinen tiefsten Schmerz
durch seine Kunst verklrt, sehen wir hier mit Bangen und Andacht.
Sterbendes Glck zeigt das hinreiende Buch, zeigt es so innig, warm und
mit einer hoheitsvollen Ruhe, da wir wie im Schatten der Ewigkeit wandeln.

(Deutsche Literatur- und Kunst-Zeitung)

_Die Komdie der Ehe_: In engem Stimmungszusammenhang mit seinem
entzckend feinen und wehmtigen Buch vom Brderchen fhrt der Dichter
uns in die enge, aber unvergleichlich innig bewegte Welt einer Ehe, die
seltsam zusammenfllt. Jedes Wort, das hier geschrieben ist, war sicher ein
Blutstropfen, von der Gewalt und Tiefe der Stimmung, dieses ganzen
kstlichen Duftes, kann man nicht erzhlen.

(Breslauer Zeitung)

_Wald und See_: Dieser schwedische Dichter hat die beneidenswerte Gabe,
mit den schlichtesten und wahrsten und dabei ungemein poetisch wirkenden
Worten den erhabenen Frieden des Waldes zu schildern und uns vollstndig in
den Bann seiner Geschichten zu ziehen: Wald und See und Menschen und der
Himmel ber ihnen: alles eine einzige wundersame Stimmung.

(Literarische Warte)


Otto Erich Hartleben

Die Serenyi. Novellen, 6. Auflage. Geh. 2 M., geb. 3 M.

Die Geschichte vom abgerissenen Knopfe. 16. Aufl. Geh. 2 M.

Vom gastfreien Pastor. Novellen. 20. Aufl. Geh. 2, geb. 3 M.

Der rmische Maler. Novellen. 6. Aufl. Geh. 2, geb. 3 M.

_Die Geschichte vom abgerissenen Knopfe_: Hier offenbart sich ein
humoristisches Genie ersten Ranges. Hartleben macht keine Witze; keine
scharfen, ausgeklgelten Wortspiele, keine raffiniert berechneten
Situationen sollen die Kosten der Wirkung bestreiten. Es ist einzig und
allein sein goldner Humor, der alles durchtrnkt; ihn schlrfen wir
hinunter wie einen edlen, klaren, schimmernd hellen Rheinwein besten
Jahrgangs, und wohlige Behaglichkeit umfngt uns beim Genu.

(Reichsanzeiger, Berlin)

_Vom gastfreien Pastor_: In der frhlichen Erzhlung vom Gastfreien
Pastor hat Hartleben ein deutsches Seitenstck geliefert zur lustigen
Maison Tellier von Maupassant. Bewundernswert ist die schalkhafte Feinheit,
mit der er den Hauptwitz der Handlung so verschleiert hat, da z. B. ein
wirklich unschuldiges, weltunerfahrenes Mdchen die ganze Geschichte lesen
knnte und so wenig als der arglose Pastor von Stolberg merken wrde, was
eigentlich passiert sei. Wir wollen niemand das berraschende Vergngen,
das dieser kstliche Schwank jedem Leser bereiten mu, dadurch wegnehmen,
da wir den Gang der Handlung andeuten.

(Berner Bund)

_Der rmische Maler_: Diese reizvollen, sprhenden Prosastcke, denen man
es anmerkt, da sie ihr Autor erst dann schrieb, als er das unabweisliche,
drngende Verlangen darnach sprte, haben alle die seltene Eigenschaft, da
man sie ein halbdutzendmal lesen kann und jedesmal wieder sein Ergtzen
daran findet. Hartleben ist einer der ungezwungensten und Humorvollsten
unserer modernen Autoren.

(Ostdeutsche Rundschau)


Hermann Hesse

Peter Camenzind. Roman, 33. Aufl. Geh. 3 Mk., geb. 4 Mk.

Unterm Rad. Roman. 15. Aufl. Geh. 3.50 Mk., geb. 4.50 Mk.

_Peter Camenzind_: Es ist ein kstliches, lebensstarkes Buch, eines von
den Bchern, die, nachdem wir sie gelesen, eine stille Gewalt ber unsere
Seelen ben. Diese Schpfung von Hesse ist so reich und meist auch von so
reifer Kunst, da sie dem Besten, was seine Landsleute Keller und Meyer
geschaffen haben, an die Seite gestellt werden darf.

(Der Tag, Berlin)

_Unterm Rad_: Es ist dieser Roman ein gutes, tiefes, starkes Buch,
geluterter noch als der Camenzind, von einer tchtigen Mnnlichkeit
durchweht, eine Wohltat fr den, der ihn liest, treuherzig, berzeugend,
von lebhaftem, heiem Natursinn kndend, frei von sthetischer Krnkelei --
ein klares Schwabenbuch, ein durch und durch deutscher Roman.

(Mnchener Neueste Nachrichten)


Friedrich Huch

Geschwister. Roman. 2. Aufl. Geh. 3.50 Mk., geb. 4.50 Mk.

Wandlungen. Roman. 2. Aufl. Geh. 2.50 Mk., geb. 3.50 Mk.

_Geschwister_: Ein voller, inniger Kultus der Schnheit geht durch das
ganze Werk, aus jeder Zeile spricht die tiefe Empfindung des Dichters,
dessen Wesen reine Harmonie offenbart. Es tut unendlich wohl, einem solchen
Geiste zu begegnen und seinen wohlgegliederten Stzen zu lauschen.

(Allgemeine Zeitung, Mnchen)

_Geschwister_: Es ist unmglich, den Eindruck, den dieses seltsame Buch
macht, in trockenen Worten wiederzugeben. Es ist zart, duftig und
stimmungsvoll wie ein Gedicht.

(Neue Zricher Zeitung)


E. v. Keyserling

Beate und Mareile. Roman. Geh. 3 Mk., geb. 4 Mk.

Schwle Tage. Novellen. Geh. 2 Mk., geb. 3 Mk.

_Beate und Mareile_: Diese elegante Schlogeschichte, ein sparsam, aber
virtuos getntes distinguiertes Aquarell, ist berckend in ihrer
anspruchslosen Selbstverstndlichkeit. Knnte man diese kondensierte,
weltmnnisch berlegene und dichterisch beseelte Geschichte -- etwa in
Pastillenform wie ein Medikament verabreichen, wre die Anmie der
deutschen Produktion behoben.

(Wiener Abendpost)

Beate und Mareile ist das Werk einer vornehmen, im Psychologischen
wunderbar feinfhligen, mit scharfer Beobachtungsgabe und knstlerischer
Konzentrationsfhigkeit ausgersteten Begabung.

(Das literarische Echo)


George Meredith

Richard Feverel. Roman. Geh. 4 Mk., geb. 5 Mk.

Der Egoist. Roman. Geh. 6 Mk., geb. 7.50 Mk.

_Richard Feverel_: Der Roman ist reich an Begebenheiten und glnzend
beobachteten und gezeichneten Charakterbildern, unter denen sich namentlich
Frauengestalten von rhrender Schnheit und warmbltiger Leibhaftigkeit
befinden.

(Knigsberger Allgemeine Zeitung)

_Der Egoist_: Ein knstlerischer Geist von unerschpflicher Flle greift
hier in das Leben und zeigt es uns an dem kleinen Ausschnitte nur einer
Familie, aber welch einen Strom von Bewegung wei er auf diesem engen
Hintergrunde zu entfesseln. Esprit, Satire, Humor, eine glnzende Flle
tiefer Lebensweisheit entstrzt seinem funkelnden Geiste und umhllt und
umspielt seine Gestalten, da man zuletzt kaum mehr wei, durch welche
seiner knstlerischen Qualitten dieser Philosoph und Dichter unsere
Bewunderung am strksten fesselt.

(Freistatt, Mnchen)


Thomas Mann

Buddenbrooks. Roman. 37. Aufl. Geh. 5 Mk., geb. 6 Mk.

Tristan. Novellen. 6. Aufl. Geh. 3.50 Mk., geb. 4.50 Mk.

Fiorenza. Drei Akte. 2. Aufl. Geh. 2.50 Mk., geb. 3.50 Mk.

_Buddenbrooks_: Dieser Roman bleibt ein unzerstrbares Buch. Er wird
wachsen mit der Zeit und noch von vielen Generationen gelesen werden; eines
jener Kunstwerke, die wirklich ber Tag und Zeitalter erhaben sind, die
nicht im Sturm mit sich fortreien, aber mit sanfter berredung allmhlich
und unwiderstehlich berwltigen.

(Berliner Tageblatt)

_Tristan_: Hlt man den Tristan-Band mit den Buddenbrooks zusammen, so
hat man eine Verheiung fr die Zukunft, deren sich unser Volk wohl freuen
kann.

(Hannoverscher Courier)


Jakob Wassermann

Die Geschichte der jungen Renate Fuchs. Roman. 9. Auflage. Geh. 6 Mk., geb.
7.50 Mk.

Alexander in Babylon. Roman. 3. Aufl. Geh. 3.50, geb. 4.50.

_Alexander in Babylon_: Wassermann hat mit dieser Krankheitsgeschichte
eines Riesengeistes ein Kunstwerk geschaffen, das weit hinausragt ber die
meisten historischen Romane alten Stils.

(Kreuzzeitung, Berlin)

_Die Geschichte der jungen Renate Fuchs_: Jedes groe, befreiende Buch
mu ein Buch der Erlsung und der Wiedergeburt sein. Dies ist ein Buch von
der Erlsung der Frauen, die alten sinnlichen Vorurteilen zu mitrauen
beginnen, die ihr Schicksal, ihr Frauenschicksal erleben und nicht lnger
leibeigen sein wollen. -- Seit dem Grnen Heinrich Kellers ist in
deutscher Sprache kein so interessanter und tiefsinniger Roman erschienen.

(Die Zukunft)


Hermann Stehr

Leonore Griebel. Roman. Geh. 3 Mk., geb. 4 Mk.

Der begrabene Gott. Roman. 2. Aufl. Geh. 4 Mk., geb. 5 Mk.

_Der begrabene Gott_: wieder hat der einsame Lehrer im unbekannten
schlesischen Dorfe ein Werk geschaffen, dster, tiefaufwhlend, von
gewaltiger Tragik; wieder zeugt dieser neue Roman von dem Seherblick des
Psychologen, der mit unheimlicher Notwendigkeit Charakter und Schicksale
seiner Personen ineinander flicht, unerbittlich bis zur letzten
erschtternden Katastrophe . . . . Die Sprache ist von einer seltsamen
Glut; es klingt zwischen den Zeilen wie verhaltenes Schluchzen und man
fhlt von Anfang bis Ende die starke und grenzenlose Liebe und Achtung, mit
der der Dichter allem Hohen und Tiefen der Menschenseele nachsprt.

(Bremer Brgerzeitung)


Emil Strau

Der Engelwirt. Eine Schwabengeschichte. Geh. 3 Mk., geb. 4 Mk.

Freund Hein. Roman. 14. Auflage. Geh. 4 Mk., geb. 5 Mk.

Kreuzungen. Roman. 6. Auflage. Geh. 4 Mk., geb. 5 Mk.

Vielleicht war Strauens voriger Roman, der _Freund Hein_, packender,
vielleicht griff dies wahrhaft bedeutende Buch uns strker und
unmittelbarer ans Herz, weil es unmittelbarer aus eines echten Dichters
tiefem Herzen kam. Ein Kunstwerk, ein ganzes, rundes, sind darum die
_Kreuzungen_, die Strau nun folgen lie, nicht minder; sie sind
vielleicht in eigentlichstem Sinne mehr noch Kunstwerk, als Freund Hein,
insofern gerade in ihnen eine vllig ausgeglichene, zielbewut in sich
ruhende objektive Gestaltungskraft bewunderungswrdig zutage tritt . . .
Reifer noch geworden denn zuvor, steht Strau jetzt beinahe goethisch ber
seinem Stoff; reifer nicht nur als Knstler, sondern auch als Mensch lt
er nun auch strker jenen heimatlichen, souvernen Humor hervortreten, der
in gelegentlichen Lichtern schon im Freund Hein aufblitzte.

(Hamburger Fremdenblatt)






Anmerkungen zur Transkription


Im Original folgt auf Kapitel 24 noch einmal Kapitel 24. Dies und alle
nachfolgenden Kapitelnummern wurden stillschweigend korrigiert.

Offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert.






End of the Project Gutenberg EBook of Ingeborg, by Bernhard Kellermann

*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK INGEBORG ***

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PROVIDED IN PARAGRAPH 1.F.3.  YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE
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LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR
INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH
DAMAGE.

1.F.3.  LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND - If you discover a
defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can
receive a refund of the money (if any) you paid for it by sending a
written explanation to the person you received the work from.  If you
received the work on a physical medium, you must return the medium with
your written explanation.  The person or entity that provided you with
the defective work may elect to provide a replacement copy in lieu of a
refund.  If you received the work electronically, the person or entity
providing it to you may choose to give you a second opportunity to
receive the work electronically in lieu of a refund.  If the second copy
is also defective, you may demand a refund in writing without further
opportunities to fix the problem.

1.F.4.  Except for the limited right of replacement or refund set forth
in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS', WITH NO OTHER
WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO
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1.F.5.  Some states do not allow disclaimers of certain implied
warranties or the exclusion or limitation of certain types of damages.
If any disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the
law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be
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provision of this agreement shall not void the remaining provisions.

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providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in accordance
with this agreement, and any volunteers associated with the production,
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that arise directly or indirectly from any of the following which you do
or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.


Section  2.  Information about the Mission of Project Gutenberg-tm

Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
electronic works in formats readable by the widest variety of computers
including obsolete, old, middle-aged and new computers.  It exists
because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
people in all walks of life.

Volunteers and financial support to provide volunteers with the
assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
remain freely available for generations to come.  In 2001, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
and the Foundation information page at www.gutenberg.org


Section 3.  Information about the Project Gutenberg Literary Archive
Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
Revenue Service.  The Foundation's EIN or federal tax identification
number is 64-6221541.  Contributions to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
permitted by U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
throughout numerous locations.  Its business office is located at 809
North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887.  Email
contact links and up to date contact information can be found at the
Foundation's web site and official page at www.gutenberg.org/contact

For additional contact information:
     Dr. Gregory B. Newby
     Chief Executive and Director
     gbnewby@pglaf.org

Section 4.  Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
spread public support and donations to carry out its mission of
increasing the number of public domain and licensed works that can be
freely distributed in machine readable form accessible by the widest
array of equipment including outdated equipment.  Many small donations
($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United
States.  Compliance requirements are not uniform and it takes a
considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
with these requirements.  We do not solicit donations in locations
where we have not received written confirmation of compliance.  To
SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
particular state visit www.gutenberg.org/donate

While we cannot and do not solicit contributions from states where we
have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
against accepting unsolicited donations from donors in such states who
approach us with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make
any statements concerning tax treatment of donations received from
outside the United States.  U.S. laws alone swamp our small staff.

Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
methods and addresses.  Donations are accepted in a number of other
ways including checks, online payments and credit card donations.
To donate, please visit:  www.gutenberg.org/donate


Section 5.  General Information About Project Gutenberg-tm electronic
works.

Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm
concept of a library of electronic works that could be freely shared
with anyone.  For forty years, he produced and distributed Project
Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.

Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
unless a copyright notice is included.  Thus, we do not necessarily
keep eBooks in compliance with any particular paper edition.

Most people start at our Web site which has the main PG search facility:

     www.gutenberg.org

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including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
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