The Project Gutenberg EBook of Ein Buch, das gern ein Volksbuch werden
mchte, by Marie von Ebner-Eschenbach

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Title: Ein Buch, das gern ein Volksbuch werden mchte

Author: Marie von Ebner-Eschenbach

Release Date: June 16, 2012 [EBook #40012]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK EIN BUCH, DAS GERN EIN VOLKSBUCH ***




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  Ein Buch, das gern ein Volksbuch werden mchte.

  _Aus den Schriften_

  von

  Marie von Ebner-Eschenbach.

  Sechstes bis zehntes Tausend.

  [Illustration]


  Berlin.

  Verlag von Gebrder Paetel

  (*Dr.* Georg Paetel).

  *1911.*




  Alle Rechte, vornehmlich das der bersetzung in fremde Sprachen,
  vorbehalten.


  Altenburg

  Pierersche Hofbuchdruckerei

  Stephan Geibel & Co.




Inhalt.


                                            Seite

    1. Der Kreisphysikus                       7

    2. Der Nebenbuhler                        105

    3. Der Vorzugsschler                     147

    4. Er lat die Hand kssen                205

    5. Frulein Susannes Weihnachtsabend      235




    Der Kreisphysikus.


*I.*

Doktor Nathanael Rosenzweig hatte eine entbehrungsreiche Jugend
durchlebt. Was genieen heit, erfuhr er in der schnsten Zeit des
Daseins nicht. Heute hungern und dabei gerade genug erwerben, um morgen
weiter hungern zu knnen; nachts um zwei Uhr sich zusammenrollen wie ein
Igel und in der Ecke der Kellerstube den harten, traumlosen Schlaf der
Erschpfung schlafen; erwachen bei dem Gewimmer der alten Gromutter,
die sich entschuldigte, da sie noch nicht gestorben sei, da sie ihm
noch zur Last fallen msse; forteilen, um lehrend die Mglichkeit zu
erringen, selbst zu lernen -- so ging es jahraus, jahrein. Erwerben, der
Inbegriff all seines Dichtens und Trachtens, Geld erwerben, Kenntnisse,
Gunst, hauptschlich die seiner Professoren (Nathanael studierte Medizin
an der Universitt in Krakau), erwerben um jeden Preis, den der
Ehrlichkeit einzig ausgenommen, erwerben und nur ja nichts umsonst
hergeben, nicht den kleinsten Teil der eigenen Kraft; keine mitleidige
Regung kennen, keine hemmende Rcksicht.

Seine Gromutter und er, er und seine Gromutter machten fr ihn die
Welt aus, und wie wenn seine Welt klein war, so waren seine Ziele nahe.
Das erste und am schwersten Errungene bestand in dem Ersparnisse so
vieler Gulden, da er und die alte Frau nicht sofort verhungern muten,
wenn ein unvorhergesehenes Unglck seine Ttigkeit fr einige Zeit
lhmen sollte. Als er es erreicht hatte, da fhlte er sich als
Kapitalist und trstete die Gromutter bei ihrer allmorgendlichen Klage
mit den Worten:

Lebe du nur ruhig fort, jetzt kann uns nicht so leicht mehr etwas
geschehen.

Sein rastloser Flei verminderte sich nach dem ersten Erfolge nicht, er
wuchs vielmehr mit der Kraft dessen, der ihn anwandte.

Nathanael wurde ein starker Mann; seine kreuzspinnenartigen Extremitten
krftigten sich zu muskulsen Armen und Beinen, die Brust wurde breit,
die Gestalt bekam etwas Reckenhaftes trotz ihrer Magerkeit. Sein
Auftreten war so sicher, sein Blick ruhig und klar, seine Rede so
bestimmt, da schon seine ersten Patienten -- gar kleine Leute --
meinten:

Das ist ein gescheiter Herr Doktor!

Seine grne Jugend sah ihm niemand an; er hatte sich zu lange in
Gesellschaft der Sorge befunden, und wenn er sie auch bndigte und
unterwarf, -- da sie heimlich an ihm zu nagen fortfuhr, konnte er nicht
verhindern.

Allmhlich kam er in Besitz eines Rufes, eines bescheidenen, aber eines
guten, und dem verdankte er es auch, da er mit dreiig Jahren schon,
von Amts wegen, als Physikus nach einem der westlichen Kreise versetzt
wurde. Ein sicheres Brot von nun an, ein reichliches sogar nach
Nathanaels Begriffen. Er htte bei der Einrichtung seiner Wohnung auf
dem Ring der Kreishauptstadt nicht so ngstlich zu knickern gebraucht,
aber er frchtete, bermtig zu werden, wie die meisten Armen, wenn sie
pltzlich zu Geld kommen, und gab den Handwerkern wenig zu verdienen.
Immer des Wortes eingedenk: Die Axt im Hause erspart den Zimmermann,
schaffte er allerlei Werkzeuge an und lie sich's nicht verdrieen, den
Tischler und den Schlosser gleichfalls zu ersparen. Und wenn es auch
wirklich ein Graus war, wie die Sachen aussahen, den Doktor beirrte das
nicht; der Schnheitssinn war bei ihm entweder nicht vorhanden oder
nicht ausgebildet.

Als die Gromutter, steinalt und unbeweglich, ihre Stube nicht mehr zu
verlassen vermochte, sich aber doch noch herzlich sehnte nach dem
Anblick einer grnen Staude, einer blhenden Blume, da wurde der Herr
Doktor ein Grtner, und bald sahen die Fenster seiner Wohnung aus wie
die eines Treibhauses.

Die Greisin litt manchmal an Rckfllen in ihre ehemalige
Schwachherzigkeit, doch uerte sich diese jetzt in andrer Weise.

Wenn ich nur nicht zu frh sterbe, sagte die Neunzigjhrige. Ein
Begrbnis ist gar zu kostspielig!

Nathanael trstete sie liebreich:

Stirb ja nicht, Gromutter, du wrdest mich um den Lohn aller Mhen
betrgen, die ich um deinetwillen gehabt habe.

Der Besitz Nathanaels mehrte sich im Schranke, die Lust am Besitze stieg
und stieg. Plne, deren Verwirklichung dem klugen Manne in seiner
Jugend als bare Unmglichkeit erschienen wren, erwog er nun mit der
Zuversicht bevorstehender Erfllung. Seine rztliche Praxis war
ausgedehnt und eintrglich. Nach allen Schlssern der Umgebung berief
man ihn. Der trockene, wortkarge Doktor Rosenzweig, der keinen
Widerspruch duldete, der nie eine Schmeichelei ber die Lippen brachte,
wurde der Vertrauensmann der Edelleute und, was viel merkwrdiger war,
das Orakel ihrer liebenswrdigen und feinen Damen und der Freund ihrer
Kinder.

-- Der Kleine ist schwer krank, aber -- Rosenzweig behandelt ihn. --
Den ganzen Tag habe ich in Todesangst um mein Tchterlein zugebracht --
aber jetzt ist Rosenzweig gekommen.

Wenn nur Rosenzweig da war, so war Hilfe da, und blieb sie einmal aus,
dann hatte Gott eben nicht gewollt, da ein Mensch sie bringe.

Unter keinen Umstnden erwies man sich karg gegen ihn, das htte niemand
gewagt. -- Doktor Rosenzweig baut sich ein Haus, ein Haus aus gebrannten
Ziegeln; dazu braucht er Geld. Er hat auerhalb der Stadt einen Baugrund
gepachtet, und unter seiner eigenen Leitung ist auf dem ein viereckiger,
einstckiger Wohnkasten errichtet worden. Stolz ruht er auf tchtigen
Kellergewlben, hat eine steinerne Treppe und ein wetterfestes
Ziegeldach. Die Fensterrahmen sind schneewei angestrichen, die Mauern
schneewei getncht. Als einzige Zierde der Fassade prangt neben der
Glocke an der Tr das Schildchen der Feuerversicherungsgesellschaft.

Aus den Fenstern der vorderen Front -- sie liegt gegen Osten, und ihr
erstes Gescho wird von dem Doktor und seiner Gromutter bewohnt -- hat
man eine weite, weite Aussicht: Himmel und Felder. Frei schweift der
Blick ins Grenzenlose. Kein Hgel hemmt ihn, kein Wald bringt einen
dunklen Fleck hervor auf der glatten, im Sommer goldig, im Winter
silbern schimmernden Flur. Jede Handbreit Erde kann von der lieben Sonne
durch und durch getrnkt werden mit lebenweckenden Strahlen. Gibt es
einen Schatten, so ist es ein solcher, der nicht khlt, nicht ruht, der
keinem Hlmchen die Wrme entzieht, deren es zu seinem wunderbar
geheimnisvollen Reifen bedarf -- der Schatten der fliehenden Wolken. Wie
oft verfolgt ihn Nathanael aufmerksamen Auges, sieht ihn hingleiten ber
den wachsenden, schwellenden Reichtum, den sie zum Herbste einheimsen
und zu Schiff auf der Weichsel nach Deutschland und nach Ruland bringen
und teuer verkaufen werden. Wer sich doch beteiligen knnte an diesem
groartigen Erwerb, ein Hundertstel, ach ein Tausendstel nur von dem
Gewinn, den er abwirft, in die eigne Tasche flieen she! Der Doktor
fngt an, auf der unermelichen Ebene Luftschlsser zu erbauen, so bunt
und mrchenhaft schn, da er nicht umhin kann, whrend er sie baut,
lchelnd zu denken: Mahnst du auch mich einmal, nie angetretenes
Vtererbe -- morgenlndische Phantasie?

Er wendet sich ab von dem Anblick fremden Reichtums und will einen
Strich gezogen haben zwischen diesem und seinem bescheidenen Eigentum.
Das Doktorhaus wird in fnf Klafter breiter Entfernung von jedem Punkte
seiner Mauern mit einem Zaun aus ordentlich zugehobelten Latten
umgeben; nach je ihrer zwanzig kommt ein starker, spitz zulaufender
Pfahl. Aus dem Raume zwischen Haus und Zaun wird nach und nach ein
kleiner Garten werden; die Einteilung in Blumen- und Gemsebeete ist
bereits getroffen. Kein Schachbrett kann genauer quadriert sein.

Im nchsten Jahre, liebe Gromutter, wirst du Rosen und Reseden unter
deinen Fenstern blhen sehen, versprach Nathanael der Greisin, und sie
erwiderte:

Wenn ich es nur noch erlebe, mein Kind. Aufs Jahr werde ich
fnfundneunzig.

Weit ber hundert mut du werden! rief er eifrig. Das bist du mir
schuldig, denke doch! Wie wrde es das Vertrauen der Leute zu mir
erhhen, wenn es hiee: Seine Gromutter hat er auf mehr als hundert
Jahre gebracht. Denn die Leute sind dumm, liebes Godele[1], sie
schreiben meiner Kunst zu, was deine gute Natur getan hat. Bleibe du nur
frohen Mutes, nimm dir nur recht fest vor, noch nicht zu sterben.
Solange du es dir fest vornehmen kannst, wirst du munter weiter leben.

Die Greisin nahm es sich vor, aber von einer rechten Munterkeit war
nicht mehr die Rede.

Mir ist jetzt so oft, sagte sie, als ob dein Grovater vor mich trte
und zu mir sprche wie in seiner Todesstunde: 'Komm bald! Wir wohnen so
friedlich beisammen im Garten Eden, wie wir gehaust haben auf Erden.
Komm bald nach, Rebekka!' ... Damals konnte ich nicht folgen dem Rufe
meines Geliebten, weil du mich hast zurckgehalten, du armes Wrmchen,
du ganz verlassenes. Von Vater und Mutter zuerst, und vom Grovater bald
darauf. Ja, es war eine schreckliche Seuche, die Gott geschickt hat ber
sein Volk im Kazimirz, und nicht gewut htte ich, wem sagen: Sei
barmherzig meinem Enkelkind, wenn ich mich nun auch hinlege zu sterben.
So habe ich damals nicht erfllen drfen den Wunsch meines Geliebten.
Jetzt aber, Nathanael, mein Kind, jetzt aber ist mir, als sollte ich ihn
nicht lnger warten lassen.

Solche Reden schnitten dem Doktor ins Herz. Nie hatte die
zurckhaltende, schweigsame Gromutter hnliche gefhrt. Ein
bedenkliches Zeichen, wenn alte Leute etwas tun, das auerhalb ihrer
Gewohnheiten liegt! Der kleinen Vernderung folgt oft nur gar zu bald
die unwiderrufliche -- die letzte nach. Und noch ein Symptom, das den
Doktor beunruhigte. Die Greisin, die sonst nie genug Einsamkeit haben
konnte, war jetzt nicht mehr gern allein. So oft Nathanael sich bei ihr
verabschiedete, sprach sie:

Geh denn in Gottes Namen, aber schicke mir den Goj[2], da er mir
Gesellschaft leiste, und ich doch blicken knne in ein menschliches
Angesicht und nicht immer und immer nur auf die Felder und den Himmel.

Der Goj war ein Jngling von nun achtzehn Jahren, des Doktors Famulus,
sein Diener, sein Sklave. Des Tages wute er sich nicht zu erinnern, an
dem der Wohltter ihm ein gutes Wort gegnnt oder ein gutes
Kleidungsstck geschenkt htte. Wenn die Rcke und Stiefel Rosenzweigs
unbrauchbar wurden, erhielt der groe Junge sie zur Benutzung und die
Vermahnung dazu, ihnen all die Rcksicht zu erweisen, die man fremdem
Eigentum schuldig ist. Der Doktor ging immer mehr in die Breite, und
fast schien es, als ob er kleiner wrde. Sein Famulus verdnnte sich,
wie Rosenzweig sagte, von Tag zu Tag und scho spargelmig in die Hhe.
Wie ihm die Gewnder des Wohltters saen, das kam dem selbst entweder
erbrmlich oder lcherlich vor -- beides mit einem Zusatze von
Verachtung.

Den Jungen konnte er einmal nicht leiden, sein Widerwillen gegen ihn war
unberwindlich und entsprang aus dem Gedanken, da der Findling seines
Herrn Brot umsonst oder doch fast umsonst esse.

Vor vier Jahren hatte ihn Rosenzweig von der Strae aufgelesen, in einer
eiskalten, herrlichen Winternacht. Mit dem Stolze eines Triumphators war
er im Schlitten des Grafen W. pfeilgeschwind dahingesaust. Der Graf
selbst hatte ihn bei der Abfahrt sorgsam in die Pelzdecke gehllt, in
der er sich so behaglich fhlte, und ihm immer wieder gedankt und immer
von neuem Worte gesucht fr das Unsagbare -- die Glckseligkeit des
Liebenden, dem sein Teuerstes, das er schon verloren gab,
wiedergeschenkt ist. Gerettet die junge Grfin, gerettet vom beinahe
sicheren Tode durch das Genie, durch die erfinderische Sorgfalt des
unvergleichlichen Arztes, der an ihrem Krankenlager gestanden hatte wie
ein Held auf dem Schlachtfelde, fast besiegt noch den Sieg im Auge,
kampfbereit noch im Erliegen, der nicht gewichen war, bevor er sagen
konnte:

Wir haben gewonnen, sie wird leben!

Er hatte so viele Nchte durchwacht und sich auf den guten Schlaf
gefreut whrend der Heimfahrt im bequemen Schlitten. Aber seine
Mdigkeit mute zu gro sein, sie verscheuchte die ersehnte Erquickung,
statt sie herbeizurufen. So oft Nathanael die Augen schlo,
unwillkrlich ffneten sie sich wieder und schwelgten im Anblick des
sternenbeseten, mondhellen Himmels und der schneebedeckten Ebene, die
in wunderbarer Blankheit erglnzte, gleich einer ungeheuren,
neugeprgten Silbermnze ... Wieviel Gold liee sich erwerben um solche
Mnze? Die Keller des viereckigen Doktorhauses htten nicht Raum, sie zu
fassen, die kstlichen Barren, die verehrungswrdigen! Berger und Trger
allbezwingender Krfte, gebundene Zauber, aufgespeicherte Macht. Was
lt sich nicht tauschen um Gold? Unschtzbares erkauft man damit, das
wei der Mann, der denen, die ihn bezahlen, die Gesundheit wiedergibt.

Der Doktor wurde in seinem Gedankengange pltzlich unterbrochen. Das
Gefhrt stand dicht am Straengraben still, und der Kutscher rief:

Herr Doktor! Herr Doktor! ...

Was gibt es, mein Sohn?

Herr Doktor, da liegen zwei Betrunkene.

Steig ab und prgele sie ein wenig durch, damit sie nicht erfrieren.

Indes der Kutscher abstieg und die Zgel am Bocke verknotete, hatte
Nathanael sich aufgerichtet und vorgebeugt und sah einer der auf dem
Boden liegenden Gestalten mit gespannter Aufmerksamkeit in das vom
Mondenlicht hell erleuchtete Gesicht. Kein Sufergesicht, wahrlich!
sondern eines, das Zeugnis gab von ehrlichem Darben und Dulden bis an
die Grenze der menschlichen Kraft.

Der arme Teufel hatte, in dem Augenblick wenigstens, kein Bewutsein
seines Elends, er schien fest zu schlafen. Als aber der Kutscher ihn
packte und emporzerrte, fiel er sofort, steif wie ein Eisblock, in den
Schnee zurck. Jener sprach:

Der eine ist schon erfroren, Herr Doktor!

Rosenzweig sprang mit beiden Fen aus dem Schlitten und berzeugte sich
bald, da die Behauptung des Dieners richtig sei. Grimm erfllte ihn. Da
war ihm einmal wieder der Tod zuvorgekommen, den er am meisten hate,
der nicht durch Krankheit bedingte, durch das Alter herbeigefhrte, der
Tod, dem der Zufall in die Hand gearbeitet hat, der Tod, der seine Beute
umsonst gewinnt, dem sie dumm und tricht zuteil wird, ohne triftigen
Grund.

Sehen mir nach dem andern, sagte der Doktor zwischen den Zhnen.

Der andre schlief auch, aber weniger tief.

Es war ein Knabe von etwa vierzehn Jahren, dem Toten offenbar nahe
verwandt, sein viel jngerer Bruder oder sein Sohn.

Mit dem Feuereifer des Berufs begann der Doktor Wiederbelebungsversuche
anzustellen, und nach langen Mhen krnte sie ein schwacher Erfolg. Ein
kaum sprbares Rieseln war durch des Knaben starre Pulse geglitten, und
wenn es auch sofort wieder staute, dennoch erklrte der Doktor voll
Siegesgewiheit:

Jetzt hab ich ihn!

Und er hllte ihn in seinen Pelz, hob ihn in den Schlitten, brachte ihn
heim und legte ihn in sein eigenes Bett, an dem er das Kind des Elends
mit derselben Hingebung bewachte, die er der Herrin im Grafenschlo
gewidmet hatte. Am Morgen war der Patient auer Lebensgefahr, und
Rosenzweig konnte nicht umhin, zu sich selbst zu sagen: Auch der
gerettet, zwischen zweimaligem Sonnenaufgang zwei!

Schmunzelnd streichelte er seinen langen Mosesbart und freute sich
seines mchtigen Vermgens.

Sein Patient aber erhielt noch am selben Tage die Weisung:

Steh auf und geh.

Wohin? Gndiger Herr Doktor, wohin? Wer nimmt mich ohne meinen Bruder?
antwortete der Knabe verzweifelnd, und nun trat die Frage heran: Was mit
ihm beginnen?

Die Papiere, die der Verstorbene bei sich gehabt hatte, wiesen ihn aus
als den Maschinenschlosser Julian Mierski, der viele Jahre hindurch als
Werkfhrer in einer Fabrik in Lemberg gedient hatte. In seinem Zeugnisse
hie es, der vorzgliche Arbeiter habe, zum Bedauern seines Dienstherrn,
infolge schwerer Erkrankung entlassen werden mssen. Seitdem konnte er
nichts mehr verdienen, sein Bruder aber, den er nach dem Tode der Eltern
-- arme Husler in einem Dorfe bei Lemberg -- zu sich genommen, nur gar
wenig. So gingen, erzhlte der Knabe, in Monaten die Ersparnisse von
Jahren hin und wurden aufgezehrt bis auf einige Gulden, deren Anzahl er
genau angab, und die sich auch richtig im Ranzen des Verunglckten
vorgefunden hatten.

Die Gromutter hrte dem unter Trnen erstatteten Berichte aufmerksam
zu.

Horch, Nathanael, mein Kind, sagte sie. Es ist nicht recht gewesen
von dem Goj in Lemberg, zu verlassen den Mann in seiner Krankheit, der
ihm in Gesundheit gedient hat viele Jahre.

Eine Fabrik ist keine Versorgungsanstalt, erwiderte Rosenzweig und
befahl seinem Geretteten: Sprich weiter.

Dieser fuhr fort:

Vor acht Tagen ist ein Bekannter von meinem Bruder gekommen und hat
erzhlt, da es in Krakau eine Fabrik gibt, wie die unsre, und da sie
uns dort gewi nehmen werden. Mein Bruder war sehr froh: 'Komm, Joseph,
wir wandern', hat er gesagt und hat auf der Reise immer gemeint, der
lange Miggang ist es gewesen, der ihn nicht hat gesund werden lassen,
beim Marschieren wird ihm besser. Auf einmal hat er aber nicht weiter
gekonnt und hat sich in den Schnee gelegt, um ein wenig zu schlafen.

Und du hast das zugegeben? schrie der Doktor ihn an. Weit du nicht,
was einem geschieht, wenn man sich bei solchem Frost in den Schnee
legt?

Der Knabe senkte seine groen Augen, aus denen unaufhrlich Trnen
flossen, und schwieg.

Was soll man anfangen mit einem solchen Chamer[3]? fragte Rosenzweig
die Gromutter.

Die Greisin entgegnete:

La ihn heute noch ruhen unter deinem Dache. Sei ihm barmherzig. Er ist
eine Waise wie du.

Am nchsten Tage lautete ihr Rat:

Behalte ihn. Unsre Magd wird ohnehin alt und wackelig und kann eine
Hilfe brauchen. Behalte ihn und richte ihn ab zu deinem Dienst. Wer wird
es verargen einem groen Mann wie dir, wenn er tut sich halten einen
Famulus?

So wurde der Findling ein Genosse des Doktorhauses und zwar, obwohl
Rosenzweig das nicht gelten lie, ein ungemein ntzlicher. In den Augen
seines Herrn blieb Joseph ein Chamer, der aus Bchern nichts lernte,
nichts zu lernen vermochte. Mit achtzehn Jahren noch las er nicht ohne
Schwierigkeit die einfachsten Kindergeschichten. Ihn zur Schule zu
zwingen, hatte der Doktor schon nach den ersten Monaten aufgegeben, weil
er nur mit Schlgen dahin zu bringen war, und weil sein Wohltter nicht
immer Mue hatte, ihm die zu spenden. Seine mechanischen Fertigkeiten
hingegen waren gro und gro der Flei, mit dem er sie ausbte. Auch er
pfuschte in jedes Handwerk, aber mit besserem Erfolg als dereinst der
Doktor.

In allem, was er unternahm, offenbarte sich ein Schick, eine
Leichtigkeit, ja sogar ein Geschmack, der den Pillenschchtelchen des
Doktors ebensosehr zugute kam, wie den Blumenbeeten im Grtlein vor dem
Hause. Immer nur mit Verdru hrte Nathanael ihn loben, den Tagedieb,
der nichts kann und nie etwas andres knnen wird als spielen.

Er hatte einmal wieder diesen Vorwurf ausgesprochen, da entgegnete
Joseph:

Wenn du dich entschlieen knntest, deine Felder in deine eigene
Verwaltung zu nehmen, wrde ich dir beweisen, da ich kein Tagedieb
bin.

Der Doktor fuhr fort:

Was sprichst du von meinen Feldern? Weit du nicht, da ich ein Jude
bin und als solcher Grundeigentum nicht besitzen darf? Weit du nicht,
da sogar mein Haus auf fremdem Boden steht? --

Joseph wurde rot vor Verlegenheit, sah jedoch dem Doktor vertrauensvoll
und offen ins Gesicht und erwiderte:

Du hast die Felder auf den Namen des Theophil von Kamatzki gekauft,
aber sie sind doch dein.

Sag einmal, mein Junge, woher hast du diese Nachricht? fragte
Rosenzweig, und hchst verdchtig war die Gebrde, mit der er dabei sein
spanisches Rohr zu schwenken begann.

Gelassen antwortete Joseph:

Das ist kein Geheimnis. Alle Leute wissen es und gnnen dir die
Felder.

Whrend dieses Gesprches standen die beiden mitten auf dem Wege, der
schnurgerade von der Haustr zum Gartenpfrtlein fhrte, zwischen zwei
suberlich mit Reseden eingefaten Rosenbeeten. An den Stachelbeerhecken,
die Joseph lngs des Lattenzaunes gezogen hatte, reiften die ersten
Frchte. Was man berblicken konnte an zart entfalteten Salatstauden, an
Rben mit khnen Federbschen, an gelblich zwischen gekruselten
Blttern hervorleuchtendem Blumenkohl, an schier kriegerisch behelmtem
Zwiebelnachwuchs, an zierlichem Majoran und -- *dulce cum utile* -- als
Begrenzung jeglichen Gemsekarrees an duftendem Lavendel, dessen kleine
Knospen zu schwellen anfingen, das war alles so kraftstrotzend und
kerngesund, da bei dem Anblick jedem Menschen, besonders aber einem
Arzte, das Herz im Leibe lachen mute. Mit geheimem Wohlgefallen
betrachtete Rosenzweig die freundlichen Himmelsgaben und sagte:

Weil du ein leidlicher Grtner bist, bildest du dir ein, auch ein
Landwirt sein zu knnen. Damit wollte er abbrechen, besann sich aber
und fgte hinzu, indem er die Spitze seines Stockes mit groer
Hartnckigkeit in die Erde bohrte und diese Operation scheinbar hchst
aufmerksam verfolgte:

Ich htte die Felder nicht -- eigentlich mit einem gewissen Unrecht --
in meinen Besitz gebracht, wenn ich nicht hoffen drfte, sie bald zu
Recht besitzen zu drfen. Du wirst wohl wissen, da eine Vernderung der
Landesgesetze bevorsteht, und da an den greren Freiheiten, die sie
dem Volke Galiziens gewhren werden, auch die Juden teilnehmen sollen.

Joseph wute das und hoffte, der Doktor werde die Felder, wenn sie
einmal vor Gott und der Welt sein Eigentum sein wrden, nicht mehr in
Pacht geben, sondern selbst bewirtschaften.

Dann wirst du Stlle und Scheuern bauen mssen, schlo der Jngling.
Ich habe dem Architekten in der Stadt etwas abgesehen und die Plne
schon fertig.

Bist ein Narr, sprach der Doktor, verlangte aber nach einigen Tagen
doch die Plne zu sehen.

Nun, brauchbar waren sie gewi nicht, doch als merkwrdig mute man es
gelten lassen, da der Findling, dessen Schrift die eines siebenjhrigen
Kindes war, doch so nett und ordentlich und vielleicht auch in den Maen
richtig, einen Plan zu zeichnen vermochte. Das ist eben einer von denen,
die tanzen knnen, bevor sie das Gehen erlernt haben. Es gibt solche
Kuze. Sie setzen uns allerdings manchmal in Erstaunen; gewhnlich wird
aber nichts aus ihnen.

Nathanael, der einen Gedanken, der sein eigenes Wohl und Weh betraf, nie
lange verfolgte, ohne die Gromutter zu seiner Vertrauten zu machen,
fragte bald darauf bei ihr an, was sie zu einer Selbstverwaltung seiner
Grnde sagen wrde. Da zeigte es sich, da dieser Gegenstand zwischen
der Greisin und dem Findling schon errtert worden war.

Du wirst reich werden wie Laban, prophezeite die alte Frau. ber dir
ist des Herrn sichtbarer Segen.

In diesem Frhjahr hatte es sich erwiesen, in diesem fr Tausende
unseligen Frhjahr 1845, als die Weichsel aus ihren Ufern trat und in
einen schlammigen See verwandelte, was ppig und verheiungsvoll
grnende Saat gewesen war. Unaufhaltsam wie ein Gottesgericht waren die
Fluten hereingebrochen, hatten die ernhrende Scholle hinweggesplt und
mit ihr das Hab und Gut und die Hoffnung derer, die sie bebauten.

Bis dicht an die Grenze der Felder Nathanaels erstreckte sich die
Verheerung -- vor ihnen zerrannen die Wellen. Vor ihnen waren die Wasser
hinweggefahren und hatten sich auseinander geteilt, wie einstens die
Wasser des Roten Meeres, als Moses gegen sie den Stab erhob und die Hand
reckte auf Gottes Gebot.

Und als der Herbst kam, herrschte ringsum Hungersnot. Hunderte verlieen
mit ihren Weibern und Kindern die Heimat und wanderten als Bettler, als
Tagelhner, Brot und Arbeit suchend, aus.

Die Gromutter aber fragte tglich:

Wann beginnt die Ernte? In diesem Jahre hat der Weizen hundertfachen
Wert. Wann kommen die Schnitter?

Nathanael erwiderte lchelnd:

Bald, sehr bald. Sie wetzen schon die Sensen!

Indessen erlebte die Greisin die Zeit der Ernte nicht mehr. Sie fiel
selbst als berreifes Krnlein in den Mutterscho der Erde zurck, bevor
ihr Enkel zu ihr hatte sprechen knnen:

Die Schnitter kommen!

Unerhrt spt und doch zu frh war pltzlich ihr Leben erloschen.

Da lag sie nun in ihrem schmalen Sarge, die alte Rebekka, ein wundersam
ergreifender Anblick. Der Tod hatte ihre gekrmmte Gestalt gestreckt,
und weinend und staunend fragte Joseph:

So gro war sie?

Er fragte aber auch:

So schn war sie?

Erlst von allen Gebresten, befreit von der Hilflosigkeit des Alters,
wie majesttisch erschien sie nun, in ihrer unendlichen Ruhe, in ihrem
untrbbaren Frieden! Das Lcheln auf dem Angesicht so vieler, die
berwunden haben, umschwebte diese Lippen nicht. Steinerne Klte sprach
aus den Zgen, die ein Schimmer der begeisterten Liebe und Bewunderung,
welche die Gegenwart des Enkels stets auf ihnen hervorgezaubert, noch in
der Sterbestunde erhellt hatte.

Du bist es nicht mehr! dachte Nathanael, und mit grauser Gewalt ergriff
ihn das Bewutsein des erlittenen Verlustes.

Er winkte Joseph hinweg, er wollte ungestrt bei seiner Toten bleiben.
Am Fuende des Sarges stehend, suchte er in dem fremden, vernderten
Antlitz der Gromutter das lang bekannte, teure und -- fand es nicht.
Das einzige ideale Gut, das er besessen hatte, die Zuneigung dieser
alten Frau, war fr immer dahin und er, als ein bejahrter Mann --
allein. Mit jhem Schreck fiel es ihn an: Zwischen dieser Greisin und
dir liegt eine Generation. Du solltest jetzt hingehen knnen und an der
Brust deines Weibes um sie weinen, und dir Trost schpfen aus dem
Anblick deiner Kinder.

Der rastlos Strebende, der nie zurck, der _nur_ vorwrts geschaut
hatte, nach Zielen, die mit seinen Erfolgen wuchsen, hielt einmal still
in seinem Laufe, wandte sich und durchma im Geiste seinen ganzen
Lebensweg. Viel erreicht! durfte er sich gestehen, doch niemals das
geringste ohne einen Gedanken an dich -- Gromutter. So freudig ihr
Dasein ihn erfllt und beglckt hatte, so schmerzlich klaffte jetzt der
Ri, den ihr Scheiden verursachte.

Sie htte ihn nicht verlassen sollen, sie, deren Nhe ihn ber das
Schwinden der Zeit -- eines Begriffes, der dem hohen Alter verloren
geht, getuscht hatte.

Weiche ab von dem Brauche unsres Volkes, hatte die Greisin oft
gesprochen. Heirate nicht zu frh, setze nicht Bettler in die Welt. Du
kannst warten, mein Kind, du bist jung.

Immer hatte er zu dieser Ermahnung geschwiegen; heute antwortete er ihr,
die ihn nicht mehr hren konnte:

Ich war dir so lange zu jung zum Freien, bis ich mir zu alt dazu
geworden bin.

Alsbald jedoch empfand er den Widerspruch, den er ihr ins Grab
nachgerufen, als einen Frevel. Er trat zu ihr, beugte sich ber sie,
und, was nie geschehen war, so lange sie gelebt hatte, er kte ihre
Hand, kte ihre Stirn und den fr ewig verstummten Mund, den einzigen
auf Erden, von dem er sich mein Kind hatte nennen gehrt.


*II.*

Joseph beteiligte sich als Freiwilliger an den Erntearbeiten, und eines
Nachmittags sah ihn Rosenzweig, der gleichgltig, als ob die Sache ihn
nichts anginge, vorbeischritt, hoch oben stehen auf einem beinahe vllig
beladenen Leiterwagen. Behend und krftig schichtete er die Garben, und
dem Doktor fiel es auf, da der Bursche in der drollig weiten Jacke, die
seinem Wohltter als Rock gedient hatte, und in den viel zu kurzen Hosen
doch ein bildschnes Menschenkind sei. Gro, schlank und stark, wei und
rot im Gesicht, den wohlgeformten Kopf umwallt von leicht gelocktem
blonden Haar, sein ganzes Wesen Freudigkeit atmend an der Arbeit, an der
Mhe, nahm er sich auf seiner stolzen Hhe ganz merkwrdig gut aus.

Unter den auf dem Felde beschftigten Weibern und Mdchen befand sich
auch die Tochter des Pchters, dem Rosenzweig die Grnde des Pan
Theophil von Kamatzki anvertraut hatte. Ein hbsches, lebhaftes Ding,
die echte Masurentochter. Rosenzweig bemerkte, da die braunen,
funkelnden Augen des Mdchens und die blauen des Burschen einander gar
oft begegneten, und wenn sich dann die braunen verlegen senkten, wurden
sie von den blauen hartnckig verfolgt, so hartnckig, so khn, da sie
sich endlich wieder erheben muten, mit oder ohne ihren Willen.

Die Geringschtzung, die Rosenzweig fr Joseph hegte, erhielt durch
diesen kleinen Vorgang neue Nahrung. Ein Mensch, zu ewiger Dienstbarkeit
verurteilt durch die elende Beschaffenheit seines Kopfes, befat sich
damit, den eines Mdchens zu verdrehen? Und in welchem Alter? In dem
eines Knaben, in den Jahren, in denen der Sohn des Doktors stnde, wenn
der Doktor zur rechten Zeit geheiratet htte. Was er in heroischer
Selbstverleugnung so lange zu erringen sumte, bis er die Hoffnung, es
zu erringen, _versumte_, das Glck der Liebe, danach haschte in
gedankenlosem Leichtsinn ein von fremden Gnaden lebender, unreifer
Habenichts!

Am Abend berief ihn Rosenzweig auf sein Zimmer. Das war ein so kahles
und ungemtliches Gela, da jeden, der es betrat, frstelte -- sogar in
den Hundstagen. Die Einrichtung bestand aus einigen an die Wnde
gereihten Sesseln, einem riesigen, mit weier lfarbe angestrichenen
Schreibtisch und einem gleichfalls wei angestrichenen, langen und
niederen Bchergestell, das, einer Gewlbbudel hnlich, das Gemach in
zwei Teile schied. In dem kleineren, zunchst den Fenstern, hielt sich
der Doktor auf, in dem greren, nchst der Tr, hatten die Patienten,
die ihn besuchten, zu warten, bis er zu ihnen trat durch einen schmalen
Raum, der zwischen der Wand und dem Bchergestell frei geblieben war.
Auf dessen oberstem Brette lagen oder standen allerlei Dinge, mit deren
gruselnder Betrachtung die Leute sich die Zeit des Wartens vertrieben.
Sonderbare Instrumente, Messer und Zangen und fest verschlossene Glser,
gefllt mit einer durchsichtigen Flssigkeit, in der der galizische
Instinkt sofort Weingeist witterte. Nur war leider das gute Getrnk
verdorben durch hchst unappetitliche Gebilde, die darin schwammen.

ber all diese Sachen hinweg rief Rosenzweig jetzt dem eintretenden
Joseph zu:

Sag einmal, was hast du mit der kleinen Lubienka des Pchters?

Wie gewhnlich, wenn sein Wohltter ihn scharf anredete, wurde der
Bursche feuerrot, fand auch nicht gleich eine Antwort. Erst nachdem
Rosenzweig seine Frage wiederholt hatte, nahm Joseph sich zusammen und
entgegnete halblaut, aber bestimmt:

Ich hab sie lieb.

Und -- sie?

-- Sie hat mich auch lieb.

Der Doktor lachte bitter und hhnisch:

Das bildest du dir ein?

Das wei ich, gndiger Herr --

Wohin soll dieses Liebhaben fhren?

Nun meinte Joseph, der Doktor habe ihn zum besten, wolle ihn nur ein
wenig aufziehen, und erwiderte ganz munter:

Zu einer Heirat, Herr.

Einer Heirat! Du denkst ans Heiraten?

Ja, Herr! und Lubienka denkt auch daran.

Sie auch!... Was sagt denn ihr Vater dazu?

Dem ist es recht, Panie Kochanku![4] rief Joseph mit einem Ausbruch
berwallender Empfindung und machte Miene, auf dem jedem andern als dem
Doktor verbotenen Weg in das Bereich seines Wohltters zu strzen ...

Der aber erhob sich gebieterisch von seinem Stuhle und bannte den
Jngling mit einem strengen:

Bleib, wo du bist! an seinen Platz.

In grausamen Worten hielt er ihm seine Armut und seine
Aussichtslosigkeit vor. Ihn emprte der Gedanke, da dieser Mensch
vielleicht auf ihn gerechnet habe, respektive auf seinen Geldbeutel, und
er fate den Entschlu, dem interessierten Schlingel nach beendeter
Erntearbeit die Tr zu weisen. Vorlufig wies er ihn aus dem Zimmer und
legte sich mit dem Vorsatz zu Bett, den Pchter am folgenden Tage
ernstlich zu ermahnen, der Lffelei zwischen seiner Tochter und Joseph
ein Ende zu machen.

Gerade an diesem Tage jedoch ereignete sich etwas, das ihn von jedem
unwesentlichen und nebenschlichen Gegenstand ein fr allemal abzog.

Er wurde am frhen Morgen zu dem pltzlich erkrankten Sohn einer
benachbarten Gutsfrau berufen, konnte die besorgte Mutter ber den
Zustand des Patienten beruhigen und wre am liebsten sogleich wieder
nach Hause gefahren. Das gestattete jedoch die landesbliche
Gastfreundschaft nicht. Gern oder ungern hie es an einem reichlichen
Frhstck teilnehmen, das im Salon aufgetragen war. Dort hatte sich eine
groe Anzahl Schlogste versammelt, eine Gesellschaft, dem Doktor
wohlbekannt und so widerwrtig, als ob sie aus lauter Kurpfuschern
bestanden htte. Anhnger und Anhngerinnen Knig Adam Czartoryskis,
Konspiranten gegen die bestehende gute Ordnung, Schwrmer fr die
Wiedereinfhrung der alten polnischen Wirtschaft. Die Frau des Hauses,
noch jung, schn, enthusiastisch, seit dem Tode ihres Mannes
unumschrnkte Herrin der groen Gter, die sie ihm zugebracht hatte, war
die Seele der ganzen Partei und ihre mchtige Sttze. Sie unterhielt
eine lebhafte Korrespondenz mit der Nationalregierung in Paris, empfing
und beherbergte deren Emissre und verwendete jhrlich groe Summen fr
Revolutionszwecke.

Dieses fanatische Treiben mifiel dem Doktor und entstellte ihm das Bild
der in jeder andern Hinsicht, als gute Mutter, als kluge Verwalterin
ihres Vermgens und als humane Herrin ihrer Untertanen verehrungswrdigen
Frau.

Mit verdrielicher Miene nahm er am Teetische Platz, a und trank und
sprach kein Wort, indes Herren und Damen eifrig politisierten. Ihm war,
als sei er von Kindern umgeben, die, statt Soldaten zu spielen, zur
Abwechselung einmal Verschwrer spielten.

Da legte eine weie Hand sich pltzlich auf die Lehne seines Sessels.

Warum so verstimmt, angesichts des schnsten Wunders, mein lieber
Doktor? sprach Grfin Aniela W. zu ihrem Lebensretter.

Rosenzweig erhob und verneigte sich:

Welches Wunder meinen Euer Hochgeboren?

Das der Wiedererweckung des polnischen Reiches! versetzte die reizende
Frau, und aus ihren Taubenaugen scho ein Adlerblick, und ihre
zierliche Gestalt richtete sich heroisch auf.

Der Doktor verbi ein Lcheln, und sogleich riefen mehrere Patriotinnen
in schmerzlicher Enttuschung:

Sie zweifeln? O Doktor, -- ist das mglich? Ein so gescheiter Mann!

Ich zweifle nicht, meine Damen! Wer sagt, da ich zweifle?

Ihr Lcheln sagt es, das ganz unmotiviert ist, da wir Ernst machen,
sprach die Grfin und kreuzte die Arme wie Napoleon.

Der Augenblick, das fremde Joch abzuschtteln, ist gekommen ... Sie
drfen es erfahren, weil Sie ein guter Pole und unser Vertrauter sind!
Das Zeichen zum Ausbruch der Revolution wird in Lemberg auf dem ersten
Balle des Erzherzogs gegeben werden!

Allgemeines Schweigen folgte dieser freimtigen Erklrung. Die
Verschworenen waren betroffen ber die Eigenmchtigkeit, mit der Aniela
ber das gemeinsame Eigentum -- den Plan der Partei -- verfgte.

Doch war sie viel zu liebenswrdig und sah auch viel zu reizend aus, als
da man ihr htte zrnen knnen. Sie trug ein Pariser Hubchen mit einer
Kaskade aus gesinnungstchtigen rot und weien Bndern. Den kstlichen
Stoff des Morgenkleides hatte ihr Gemahl von seiner letzten
Missionsreise nach Ruland, aus Nishnij Nowgorod mitgebracht, -- unter
welchen Gefahren!

Ach, es war eine ganze Geschichte ... Heute wurde sie aber nicht
erzhlt, am wenigsten in diesem Augenblick, in dem es vor allem galt,
den blen Eindruck zu verwischen, den die Politikerin auf ihre Umgebung
hervorgebracht hatte.

Ihr Kleinglubigen! rief sie, zweifelt ihr an der Treue und
Zuverlssigkeit eines Mannes, der dem Vaterlande mein Leben erhalten
hat?

Einige junge Herren beeilten sich zu protestieren, und ein alter
Schlachziz mit langem, herabhngendem Schnurrbart erhob sein
Madeiraglschen, leerte es auf einen Zug und sprach:

Vivat, Doktor Rosenzweig!

Die Frau vom Hause wiederholte:

Vivat, Doktor Rosenzweig, dem so viele von uns ihre eigene Gesundheit
und die ihrer Kinder verdanken!

Sie strzte nach diesem Toast den Rest ihrer sechsten Tasse Tee
hinunter, und statt sich erkenntlich zu zeigen, brummte der Arzt:

Wie oft habe ich Euer Hochgeboren ersucht, nicht so viel Tee zu
trinken. Sie ruinieren Ihre Nerven!

Die schne Festgeberin lchelte berlegen:

Guter Gott, meine Nerven! An die werden bald ganz andre Zumutungen
gestellt werden!

Ich verstehe -- auf jenem Revolutionsballe!

Ja, Doktor! Ja! rief Grfin Aniela dazwischen, -- dem Ball, auf dem
wir ein welthistorisches Ereignis inaugurieren!

Bei der Mazurka oder bei der Franaise?

Beim Kotillon. Die Damen whlen zugleich alle anwesenden Offiziere. Die
Offiziere legen zum Tanz ihre Sbel ab. Die Sbel werden fortgeschafft.
Kaum ist das geschehen, so werfen sich die Polen auf die waffenlosen
Feinde und machen sie nieder!

Vivat! rief der Schlachziz, alle nieder, ohne Pardon!

Einige Damen widersprachen und schlugen vor, den Offizieren Pardon zu
geben, die ihn verlangen wrden. Sie zogen jedoch ihren Antrag zurck,
als sie bemerkten, da er Zweifel an der Echtheit ihres Patriotismus
erregte.

Meine Herrschaften, sagte Rosenzweig, dieser Plan ist wundersam
ausgedacht, aber ausfhren werden Sie ihn nicht.

Warum? rief's von allen Seiten, was soll uns hindern?

Ihre eigene Hochherzigkeit, Ihr eigener loyaler Charakter. Edle Damen
und edle Herren, wie Sie, knnen hassen, knnen befehden, aber sie
verraten nicht, und sie morden nicht.

Monsieur! entgegnete ein neunzehnjhriges Brschlein, das eben aus
einer Pariser Erziehungsanstalt heimgekehrt war. Ihr Argument wrde im
Kriege gelten, aber es gilt nicht in einer Konspiration.

Ganz richtig -- weil ja ... Dem alten Schlachziz war pltzlich
eingefallen, da er jetzt eine Rede halten sollte; er sprang auf, schlug
die Fersen aneinander und rief nach langer berlegung:

Vivat, Polonia! Vivat, Knig Adam!

Nun erhob sich in der Ecke des Zimmers eine zitternde, klanglose Stimme.
Wie aus der Tiefe eines Berges kam sie hervor, einem Berge von
Seiden- und Schalstoffen, von Spitzen, Rschen und Bndern. Die Stimme
gehrte der Starostin Sulpicia, Grotante der Hausfrau, bei der die
hochbejahrte Dame ein sehr reich mit Butter bestrichenes Gnadenbrot
geno.

Olga, Duschenka moja,[5] sprach sie, denke vor allem an dein ewiges
Heil!

Mit Schrecken hatte die Schlodame das leise Sinken des Enthusiasmus
ihrer Gste wahrgenommen, indessen sie selbst nach der siebenten Tasse
Tee auf dem Gipfel der Begeisterung angelangt war. Die Greisin go mit
ihrer Ermahnung l ins Feuer. Es schlug auch sogleich lichterloh empor
in dem lauten, feierlichen Ausrufe:

Alles fr Polen! Mein zeitliches und mein ewiges Heil!

Grfin Aniela warf sich, ganz entzckt von dieser Gre, ihrer Freundin
in die Arme, die Herren kten die Hnde der Patriotinnen. Einer von
ihnen erbat sich die Ehre, aus dem Schuh der Hausfrau trinken zu drfen.
Sie gestattete es aber nicht, aus Rcksicht fr den erhabenen Ernst
dieser Stunde, und der Abgewiesene setzte sich ans Klavier und
intonierte ein melancholisches Nationallied.

Alle schwiegen, alle horchten gerhrt; in manches Auge traten Trnen.

Die unwiderstehliche Macht dieses Gesanges ergriff sogar einen, der
bisher unbeweglich in einer Fensterecke gestanden und am Gesprch nicht
teilgenommen hatte.

Rosenzweig kannte ihn nicht und war in angestammtem Mitrauen geneigt
gewesen, ihn, seiner auffallenden Blsse wegen, fr einen der
verschmten Patienten zu halten, die sich berhmten rzten so gern auf
neutralem Gebiet in den Weg stellen, um im Vorbergehen eine
Konsultation abzuhalten, fr die sie spter das Honorar schuldig
bleiben.

Indessen hatte Rosenzweig sich geirrt. Der Fremde machte keinen Versuch,
in seine Nhe zu gelangen, whrend er selbst nicht mehr vermochte, seine
Aufmerksamkeit von ihm abzulenken.

Er war ein mittelgroer, schlanker Mann mit blondem, dnnem Bart, mit
blauen, offenbar sehr kurzsichtigen Augen. Der Eindruck eines ungemein
regen Geisteslebens, den seine Zge hervorbrachten, wurde durch die
Blsse erhht, die den Doktor anfangs verleitet hatte, ihn fr einen
Kranken zu halten. Doch auch von dieser Meinung war er bald abgekommen.
Krankheit vergeistigt nicht, wie die Poeten oft behaupten, sie zeichnet
vielmehr die Kinder des Staubes mit deutlichen Merkmalen ihrer Abkunft.

In dem Wesen dieses Mannes aber gab sich kein Zeichen von krperlicher
Mhsal kund. Die Leidensspuren auf seiner marmorgleichen Stirn waren
durch rastlos arbeitende Gedanken ausgeprgt worden und der
Schmerzenszug um den jungen Mund durch frhe, schwere Seelenkmpfe. Die
Geringschtzung, mit der das Treiben der Gesellschaft ihn zu erfllen
schien, wurde allmhlich besiegt. Die Klnge des schnen Volksliedes
ergriffen und bewegten auch ihn. _Eine_ Empfindung verband ihn mit
seinen Brdern: Sehnsucht, leidenschaftlich heie Sehnsucht nach dem
verlorenen Vaterland.

An diesem Leidensborn hat kein Volk sich so bersatt getrunken wie das,
aus dessen Herzen solch ein Lied gestrmt. Es singt von dem verirrten
Sohne, der heimkehrt zum Elternhaus, voll Reue und glhender Liebe.
Zagend steht er an der verschlossenen Tr und hrt die Stimme seines
Vaters, die nach ihm ruft, und hrt das Weinen seiner Mutter ... Vater!
Mutter! sthnt er. Sie antworten: Komm! Erlse uns, wir liegen in Banden
... Er rttelt an der eisernen Pforte, zerpocht sich die Hnde,
zerschlgt sich die Stirn, schon fliet sein Blut. Vergeblich. Nie wird
diese Pforte weichen, nie vermag er sie aus den Angeln zu heben. -- Er
wird auf der Schwelle verschmachten.

Der Gesang war verstummt, und die Stille, die ihm folgte, wurde erst
nach einer Weile durch die Wirtin unterbrochen, die sich erhob, auf den
Fremden zuschritt und leise mit ihm zu parlamentieren begann.

Die stattliche Dame machte sich frmlich klein vor ihrem Gast; jede
ihrer Mienen bezeugte Ehrfurcht, jede ihrer Gebrden war Huldigung.

Sie faltete die Hnde und flehte:

Sprechen Sie, o sprechen Sie zu der Versammlung!

Die Aufforderung der Hausfrau fand lebhafte Untersttzung.

Ach ja, sprechen Sie! riefen viele Stimmen durcheinander. -- Es wrde
uns beseligen. -- Wir wagten nur noch nicht, Sie darum zu bitten. --
Aus Bescheidenheit.

Alle kamen heran, sehr freundlich, mit auserlesener Hflichkeit --
keiner ohne eine gewisse Scheu. Sogar die siegessichere Grfin Aniela
war befangen, und ihre anmutigen Lippen zitterten ein wenig, als sie
sprach:

Geben Sie uns eine Probe Ihrer wunderbaren Beredsamkeit, von der wir
schon so viel gehrt haben. Man sagt, da Sie steinerne Herzen zu rhren
und moralisch Tote zu den grten Taten zu wecken vermgen.

Der Fremde lachte, und dieses Lachen war hell und frisch, wie das eines
Kindes. Unwillkrlich mute Rosenzweig denken: Du hast eine unschuldige
Seele.

Wie heit der Mann? fragte er die Hausfrau.

Sie errtete und gab mit nicht sehr glcklich gespielter Unbefangenheit
zur Antwort:

Es ist mein Cousin Roswadowski aus dem Knigreich.

Niemals hatte der Doktor von einem berhmten Redner Roswadowski auch nur
das geringste gehrt; aber was lag daran? In Zeiten nationaler Erhebung
pflegen ja von heut auf morgen nationale Gren aus dem Boden zu
wachsen.

Roswadowski erwiderte den Blick, den der Arzt auf ihm ruhen lie, mit
einem ebenso forschend gespannten, und sich leicht gegen ihn verneigend,
sagte er:

Bitten Sie doch Herrn Doktor Rosenzweig zu sprechen. Er mge Ihnen
sagen, was er von der Revolution erwartet.

Das wissen wir im voraus, entgegnete Aniela, wie jeder gute Pole, die
Wiederherstellung des Reiches, das allgemeine Wohl!

Olga, Duschenka moja, lie wieder die Grotante sich vernehmen, sage
deiner Freundin, da keiner ein guter Pole ist, der nicht ein guter
Katholik ist.

Ohne auf die Unterbrechung zu achten, fuhr Roswadowski fort:

Das allgemeine Wohl soll jedes besondere in sich begreifen, also auch
das dieses Mannes und seiner Glaubensgenossen. Warum hre ich keinen von
euch, die ihr seines Lobes voll seid, davon sprechen, da ihr die Schuld
abzutragen gedenkt, in der wir alle ihm gegenberstehen und seinem
Volke?

*Ce cher douard!* rief Graf W. und fgte, sich in den Hften
wiegend, mit slichem Lcheln, nur vernehmbar fr seine Frau und fr
den neben ihr stehenden Rosenzweig hinzu: Er wird immer verrckter.

Auch die Schlodame war unzufrieden mit dem unerwarteten Ausfall ihres
Cousins und erklrte sehr scharf, in einer Schuld der Dankbarkeit und
Verehrung fhle sie wenigstens sich dem vortrefflichen Doktor gegenber
nicht.

Und was die Gleichberechtigung aller Konfessionen im Knigreiche Polen
betrifft, sagte Aniela, so ist sie bereits im Prinzip festgestellt.
Mit den Modalitten wird man sich beschftigen. Bis jetzt hatte man aber
noch nicht Zeit, auf Details einzugehen.

Ich falle Ihnen zu Fen! sprach Rosenzweig. Um die Sache der Juden
ist mir nicht mehr bang.

Ihre Verheiung macht ihn lachen, so gro ist sein Vertrauen --, nahm
Roswadowski wieder das Wort. Er, dessen ganzes Leben nur eine bung im
Dienste der Pflicht gegen uns ist, erwartet von uns -- nichts.

Herr, wenn ich meine Pflicht nicht tte, km ich um mein Amt, fiel der
Doktor ein, im Tone eines Menschen, der einer unangenehmen Errterung
ein Ende machen will.

Sein unberufener Parteignger jedoch entgegnete:

Wenn ich von Pflicht sprach, so hatte ich eine hhere im Auge, als die,
die Ihr Amt Ihnen auferlegt. Von Amts wegen sind Sie ein tchtiger
Kreisphysikus, zum Samariter macht Sie Ihr eigenes Herz.

Samariter!... Ich?

Jawohl, Sie! Der des Evangeliums pflegte des Sterbenden an der
Heerstrae und bergab ihn dann fremder Hut. Sie haben den Sterbenden,
den Sie auf Ihrem Wege fanden, in Ihr Haus aufgenommen, das dem
verwaisten Christenknaben ein Vaterhaus geworden ist.

Der Doktor deprezierte:

-- Wie man's nimmt, und dachte im stillen ganz grimmig: Du bist gut
unterrichtet, Lobhudler! Mein Haus ein Vaterhaus fr einen solchen
Chamer!

Und in dem Augenblick beantwortete sich ihm eine Frage, die er oft
erwogen hatte, die Frage: ob man wohl zwei Gedanken auf einmal haben
knne, denn wahrhaftig, er hatte _zugleich_ auch den: ich will dem
Chamer, bevor ich ihn wegschicke, doch einen neuen Anzug machen lassen.

So hat ein Jude getan, wandte der Redner sich an die Gesellschaft,
aus freiem Willen fr einen Andersglubigen, und was haben wir
Andersglubigen jemals aus freiem Willen fr einen seines Volkes getan?
Leset eure Geschichte und fragt euch selbst, ob ein Jude die Tage
herbeiwnschen _kann_, in denen in Polen wieder Polen herrschen?

Olga und Aniela erhoben Einwendungen; was die Herren betraf, so waren
die meisten von ihnen dem Grafen W. in das Nebenzimmer gefolgt und
hatten dort an Spieltischen Platz genommen. Nur der ehrwrdige
Schlachziz und der Ankmmling aus Paris hielten ritterlich bei den Damen
aus, und der erste versicherte, er habe sich in seiner Jugend auch mit
der Geschichte seines Landes beschftigt, darin jedoch niemals andre als
glorreiche Dinge gelesen.

Jetzt wurde die Tr aufgerissen, ein Diener strzte herein und meldete:

Der Herr Kreishauptmann. Er wird gleich in den Hof fahren.

Die mutigen Damen stieen einen Schrei des Entsetzens aus:

Um Gottes willen, der Kreishauptmann!

Voll Todesangst ergriff die Hausfrau die Hand ihres Vetters: Fort!
fort! verbergen Sie sich!

Ich denke nicht daran, erwiderte er ganz ruhig, ich bleibe; ich freue
mich sehr, die Bekanntschaft eines liebenswrdigen Mannes zu machen.

Sie bleiben nicht! Sie gehen -- weil Ihre Gegenwart uns
kompromittiert, rief Graf W., der mit bestrzter Miene in den Salon
zurckgekehrt war.

Ein Wortwechsel entspann sich ...

Doktor, ich beschwre Sie, eilen Sie dem Kreishauptmann entgegen,
suchen Sie ihn so lange als mglich auf der Treppe aufzuhalten, flehte
die Herrin des Schlosses und drngte Rosenzweig zur Tr.

Ich werde tun, was ich kann; ich empfehle mich, meine Herrschaften!
antwortete er und verlie den Salon, im Grund der Seele hchlich ergtzt
ber das Ende, das die Versammlung der Verschwrer genommen hatte.

Vom Gange aus sah er den Kreishauptmann soeben in das Haus treten. Ein
behbiger, feiner, mit uerster Sorgfalt gekleideter Herr. Der Deckel
seines Zylinders glnzte in der Vogelperspektive, in der er sich zuerst
dem Doktor zeigte, wie die Mondesscheibe. Nicht minder glnzte der
Lackstiefel an dem kleinen Fue, den der Beamte auf die erste Stufe der
niederen Treppe setzte, als Rosenzweig bei ihm anlangte.

Ich habe die Ehre, Euer Hochwohlgeboren zu begren! sprach der
Doktor, seinen Hut feierlich schwenkend.

Wie, mein lieber Doktor? Sind Sie es wirklich? Was? sprach der Beamte
mit dem gndigsten Lcheln, auch Sie im Neste der Verschwrer?

-- Herausgefallen, als ein noch nicht flgges Vglein! -- Wie befinden
sich Euer Gnaden?

Gut. Dank Ihren Ordonnanzen.

Und der Pnktlichkeit, mit der Euer Gnaden ihnen nachkommen. Sie sind
ein so vortrefflicher Patient, da Sie verdienen wrden, immer krank zu
sein.

Sehr verbunden fr den christlichen Wunsch ... Entschuldigen Sie -- da
habe ich mich versprochen. Und nun kam die Frage, die der
Kreishauptmann dem Doktor auch bei der flchtigsten Begegnung nicht
erlie. Aber, mein lieber Doktor, wann werden Sie sich denn endlich
taufen lassen?

Auf die stehende Frage erfolgte die stehende Antwort:

Ich wei es noch nicht genau.

Entschlieen Sie sich! Sie sind ja ohnehin nur ein halber Jude.

Ich wrde vermutlich auch nur ein halber Christ sein.

Oho! das ist etwas andres! entgegnete der Beamte streng. Wir sprechen
noch davon; jetzt sagen Sie mir -- seine Miene blieb unverndert, aber
seine kleinen klugen Augen blickten den Doktor durchdringend an: Ist er
oben, der Sendbote? Haben Sie ihn gesehen?

Welchen Sendboten?

Hier im Hause wird er als Herr von Roswadowski vorgestellt.

Auf dem Gesichte Rosenzweigs malte sich ein so aufrichtiges Erstaunen,
da der Beamte ausrief:

Sie sind nicht eingeweiht! -- Nun, ich will Ihnen Ihre politische
Unschuld nicht rauben ... Ganz scharmant, diese Konspiranten! besonders
die Damen. brigens haben wir uns weniger in acht vor ihnen zu nehmen,
als sie sich selbst vor -- andern. Es ballt sich ein Gewitter ber ihren
Huptern zusammen, von dessen Aufsteigen sie keine Ahnung haben. Diese
harmlosen Unzufriedenen, die sich fr bedrohlich halten, sind selbst von
ganz anders Unzufriedenen, in ganz anders gefhrlicher Weise bedroht.

Rosenzweig konnte eine Erklrung dieser Worte nicht mehr erbitten. Auf
der Hhe der Treppe erschien soeben die Hausfrau, strahlend vor
Freundlichkeit, und der Kreishauptmann schwebte ihr in zierlichen
Schritten eiligst entgegen.


*III.*

Rosenzweig lie seinem Kutscher den Befehl erteilen, anzuspannen und ihm
auf der Strae nachzufahren. Er selbst ging zu Fue voraus und schlug
bald einen schmalen Weg ein, der, die Felder quer durchschneidend, in
der Nhe eines steinernen Kreuzes in die Landstrae ausmndete. Dort
wollte er seinen Wagen erwarten.

Er sehnte sich danach, tchtig auszuschreiten, frische, freie Luft zu
atmen und den gesunden Erdgeruch einzuziehen, der aus den aufgerissenen
Schollen emporstieg. Nur Wunder nahm es ihn, da er die Wonne und
Wohltat, der parfmierten Salonluft und Gesellschaft entronnen zu sein,
nicht so recht zu empfinden vermochte.

Ein tiefinnerliches Unbehagen erfllte ihn; ein unbestimmtes Etwas ging
ihm nach, von dem er sich keine andre Rechenschaft zu geben wute, als
da es sehr qulend sei.

Pltzlich rief er mehrmals hintereinander laut aus: Narr! Narr!

Die Apostrophe galt dem, den der Kreishauptmann soeben einen Sendboten
genannt, und die Erinnerung an das unverdiente Lob, das dieser Mensch
ihm gespendet hatte, das war's, was dem Doktor die Laune verdarb. Jedes
Wort, das der Narr gesprochen, jeder Zug seines durchgeistigten
Apostelgesichts, der Ausdruck der schwrmerischen Ehrfurcht, mit dem
seine tiefblauen Augen auf ihm geruht -- alles hrte, alles sah er
wieder, und eine zornige Beschmung erfllte ihn.

Er, der trockene, auf seinen Vorteil bedachte Nathanael Rosenzweig --
ein Menschenfreund und Samariter? -- So einsam er da wandelte auf dem
Felde, ihm scho das Blut in die Wangen, da sie glhten. Er gedachte
all der Hnde, die sich im Verlauf seines langen Lebens flehend zu ihm
ausgestreckt, und sagte sich: Nie hast du geholfen auer im Beruf. Und
was wir dem zuliebe tun, tun wir uns selbst zuliebe. Seine Schuldigkeit
hatte er in ihrem ganzen Umfang erfllt; aber Schuldigkeit -- es liegt
schon im Worte -- ist nur ein Tausch. Mehr als getauscht hatte er nie.
Seine Kraft, sein Talent, die Frchte seines rastlos vermehrten Wissens
gegen den Wohlstand, den er durch sie erwarb, und gegen die Achtung der
Menschen. So hatte er bisher gehalten und -- Nathanael warf den Kopf
zurck in seinen breiten Nacken -- so wollte er es auch ferner halten.
Mge erst jeder seinem Beispiel folgen! Mge diese, im Grunde niedere
Stufe der Moral erst von der Mehrzahl erreicht sein, dann werden _sie_
zu Worte kommen, die Idealisten, die Trumer von einem goldenen
Zeitalter allgemeiner Nchstenliebe. Frher -- nicht!

Jetzt hatte er sich wieder zurechtgefunden und schritt rstig und
sorglos weiter in gewohnter Seelenruhe.

Lange vor seinem Wagen, von dem trotz allen Ausblickens keine Spur zu
entdecken war, erreichte er das steinerne Kreuz. An dessen Fue kauerte
eine klgliche Gestalt. Ein alter Mann, die Knie heraufgezogen bis ans
Kinn, eine hohe Schafspelzmtze auf dem Kopfe, um die Schultern die
Reste eines blauen Fracks, den vermutlich dereinst in Tagen
schlummernden Nationalgefhls der verewigte Gutsherr getragen. Die
mageren Beine des Greises wurden von einer ausgefransten Leinwandhose
umschlottert und befanden sich, wie sein ganzer kleiner Krper, in einer
unaufhrlich zitternden Bewegung.

Als der Doktor sich ihm nherte und ihn ansprach, erhob er langsam,
mhsam das juchtenfarbige, faltige Gesicht und blickte aus
halberloschenen, rotumrnderten Augen mit dem demtigen Leidensausdrucke
eines alten Jagdhundes zu ihm empor.

Was tust du hier? fragte Rosenzweig.

Ich warte, mein gndiger Herr, ich bete und warte, antwortete der
Angeredete und streckte seine kncherne Rechte aus, an deren Fingern ein
vielgebrauchter Rosenkranz hing, ich warte immer auf einen Brief von
unserm lieben Herrgott.

Was soll denn unser lieber Herrgott dir schreiben?

Da ich zu ihm kommen darf, ist ja hohe, hohe Zeit.

Wie alt bist du?

Siebzig, nicht mehr. Aber wie ich aussehe, und wenn Euer Gnaden wten,
wie mir ist. Da -- er klopfte auf seine eingefallene, pfeifende Brust
-- kein Atem. Jeden Tag meine ich, ich sterbe auf dem Wege, ich
erreiche das Kreuz nicht mehr.

Warum bleibst du nicht zu Hause?

Der Alte ffnete die Arme mit einer unbeschreiblich hilflosen Gebrde:
Sie jagen mich ja hinaus, die Tochter, der Schwiegersohn, die Kinder.
Nun ja -- sie haben selbst keinen Platz in der kleinen Schaluppe.

Wem gehrt die Schaluppe?

Der Tochter. Ja, der Tochter. Ich habe sie ihr zur Aussteuer
geschenkt.

Ein Schrzenvermgen also! spttelte der Doktor. Und jetzt jagt sie
dich aus dem Haus, das du ihr geschenkt hast?

Mein Gott, was soll sie tun? Der Schwiegersohn prgelt sie ohnehin,
weil ich so lange lebe. Der Schwiegersohn sagt zu den Kindern: 'Kinder,
betet, da der Grovater bald stirbt.' -- Ja!

Du hast da einen saubern Schwiegersohn.

Mein Gott, Herr, die Leute sind schon so. Solche Herren, wie du, wissen
nicht, wie die Leute sind. Es gibt noch viel, viel rgere im Dorf.
Besonders jetzt in dieser Zeit. Er senkte die keuchende Stimme. Weh
allen Panowies und Panies, die das nchste Jahr erleben!

Warum denn? Was meinst du damit?

O, die armen Herrschaften! Die Armen, Armen! wimmerte der Greis und
begann bitterlich zu weinen. Alles wird man ihnen wegnehmen, und
erschlagen wird man sie auch.

Der Doktor fuhr auf: Du bist nicht bei Trost!

Nun begann der andre die Hnde zu ringen!

Auch du antwortest mir so? Das ist ein Unglck! Ach, das ist ein
Unglck!... So hat der Herr Pfarrer mir geantwortet, wie ich in der
Beichte ausgesagt habe, was ich wei; so hat der Herr Mandatar mir
geantwortet, und der Herr Verwalter hat gar gedroht, mich auf die Bank
legen zu lassen, wenn ich solche Sachen rede ... Er richtete seinen
unsicher suchenden Blick auf den Doktor: Bist auch du mit ihnen
einverstanden?

Einverstanden -- ich? mit wem?... Sag alles! befahl Rosenzweig. Was
wird ums neue Jahr geschehen?

Mnner von jenseits des Meeres werden kommen und werden alle adeligen
Besitzungen unter die Bauern verteilen.

-- Auch die des Pan Theophil Kamatzki. -- Wartet, Kanaillen! dachte der
Doktor und sprach: Was wird denn die Regierung dazu sagen?

Die Regierung? Ach! Jesus! Von der Regierung aus ist im vorigen
Frhjahr schon alles Land vermessen worden, damit die fremden Mnner
wissen, wie geteilt werden soll.

Rosenzweig brach in ein schallendes Gelchter aus:

O! dieses Volk!... Seit fnfzig Jahren verkehre ich mit diesem Volk,
aber die Wege seiner Dummheit habe ich noch nicht erforscht ... Alter!
die Vermessungen hat der Kaiser vornehmen lassen, weil er wissen will,
wie gro sein Galizien ist, und wie viel Steuern es ihm zahlen kann.

Unglubig wackelte der Greis mit dem Kopfe:

Das wissen wir besser, verzeih. Der Kaiser nimmt den Herren, die gegen
ihn sind, das Land und schenkt es den Bauern, die fr ihn sind. Dann
wird es gut sein, glauben die meisten ... Ich glaube, da es schlecht
sein wird. Jeden Tag wird Sonntag sein, und was tun die Bauern am
Sonntag, als raufen und sich betrinken?... O, mein gndiger Herr, knnt
man's doch verhten.

Sei du ganz ruhig, das wird gewi verhtet werden, entgegnete
Rosenzweig und lachte wieder.

Da wurde der Alte pltzlich aufgebracht:

Wenn du gestern abend im Wirtshaus gewesen wrest und den Kommissr
httest predigen gehrt, du wrdest nicht lachen.

Den Kommissr? Den Emissr, willst du wohl sagen! Ein Emissr, wie sie
jetzt zu Dutzenden herumziehen.

Nein, nein, kein solcher. Einer, der einmal ein Herr war und jetzt
sagt, da es keine Herren mehr geben soll. Er wei so gut, was fr
Zeiten kommen werden, da er lieber gleich von selbst ein Bauer geworden
ist und hat alles verschenkt.

Diese Worte erweckten Nathanaels ganze Aufmerksamkeit und erhoben es ihm
zur berzeugung, da der Alte von demselben Manne sprach, den der
Kreishauptmann den Sendboten genannt, und vor dem er selbst eben erst
Aug in Auge gestanden hatte.

Derselbe! er war es -- er gewi, der Rtselhafte, dessen
Lebensgeschichte die Vernnftigen einander mit Hohn und Spott erzhlten,
die Furchtsamen mit Ha, die Phantasten mit Begeisterung, es war
-- _Eduard Dembowski_.

Oft hatte er sagen gehrt, da von diesem Menschen ein Zauber ausgehe,
dem sich niemand zu entziehen vermge, und dieser geheimnisvollen
Einwirkung den grten Unglauben entgegengebracht, und nun gestand er
sich, da er doch etwas ihr hnliches erfahre.

Ja! der bleiche Schwrmer schritt wie ein Gespenst neben ihm her. Ja!
sein Bild verfolgte ihn mit unleidlicher Hartnckigkeit. Vergeblich
suchte er seine Gedanken von ihm abzulenken, immer wieder tauchte es auf
und trotzte dem Willen, es zu verscheuchen.

Das Gefhrt des Doktors stand schon seit geraumer Weile auf der Strae.
Eine bequeme Britzschka, bespannt mit einem Paar kugelrunder
Falbenstuten, in zierlichen Krakauergeschirren, mit glockenbehangenen
Kummeten. Der Kutscher war ein schlanker Bursche im saubern, einfach
verschnrten Leibrock, und das Ganze bildete eine hbsche Equipage, um
die so mancher Edelmann den Doktor beneidete.

Dieser klopfte den Falben die starken Hlse und legte ihnen die Zpflein
der schwarzen, eingeflochtenen Mhnen zurecht. Schon war er im Begriff,
in den Wagen zu steigen, da wandte er sich zu dem Alten am Fue des
Kreuzes zurck:

Du! wie heit du?

Semen Plachta, Herr.

Hr an, Semen! Krieche heim und sage deinem Schwiegersohn, da Doktor
Rosenzweig morgen kommen wird, dich zu besuchen. Er soll dich zu Hause
lassen. Verstehst du mich? Wenn ich komme und dich nicht zu Hause finde,
werde ich dafr sorgen, da dein Schwiegersohn noch vor der allgemeinen
Verteilung als erste Abschlagzahlung auf das Knftige eine Tracht Prgel
erhlt. Rosenzweig hatte seine Brieftasche gezogen und ihr eine
Fnfguldenbanknote entnommen. Sein Gesicht wurde sehr ernst, whrend er
sie betrachtete. Ein kurzes Zgern noch -- dann reichte er sie dem
Greise hin.

Das aber gehrt dir. Ich will morgen hren, ob das Geld fr dich
verwendet worden ist.

Semen streckte die Hand nach dem fabelhaften Reichtum aus; -- zu
sprechen, zu danken vermochte er nicht. Auch der Kutscher auf dem Bocke
blieb starr, ri die Augen auf, lie vor Erstaunen beinah die Zgel
fallen. Was sollte das heien, um Gottes willen? Sein Herr verschenkte
fnf Gulden an einen Straenbettler?!

Herr, sagte er, als der Doktor in den Wagen stieg, du hast ihm fnf
Gulden gegeben. Hast du dich nicht geirrt?

Schweig und fahr zu! befahl Rosenzweig, und die Peitsche knallte, und
die Falben griffen aus.

Bald kam auf der weiten Ebene das Doktorhaus in Sicht. Es stand jetzt
nicht mehr so allein da wie ein Grenzstein; sehr nette Stallungen und
Schuppen erhoben sich hufeisenfrmig im Hintergrund, und eine
wohlgepflegte Baumschule fllte den Raum zwischen den Wohn- und
Wirtschaftsgebuden.

Die letzteren waren wirklich nach einem Plane des Chamers, dem der
Architekt seine Sanktion gegeben hatte, ausgefhrt worden und gut
ausgefallen, das mute man gelten lassen.

Ob Rosenzweig zu seinem Daheim zurckkehrte aus dem Gehft eines
Schlachziz, aus dem Hause eines Grundherrn oder aus dem Schlosse eines
Magnaten -- sein geliebtes Besitztum begrte er stets mit der gleichen
Freude. Den andern das ihre, das meine mir! -- Aufrichtig gesagt,
getauscht htte er, wenn auch noch so gewinnreich, mit keinem. Er hatte
ja nie ein lebendes Wesen (seine Gromutter ausgenommen) so geliebt, wie
er sein kleines Gut liebte. Und wie es da so schmuck vor ihm lag, das
langsam und mhsam Erworbene, die Verkrperung seiner Kraft und
Tchtigkeit, ein so wahrhaft zu Recht bestehendes Eigentum, wie es
wenige gab, da ballten sich seine Fuste, und er vollzog einen
imaginren Totschlag an dem imaginren ersten, der es wagen wrde, ihm
seinen Besitz anzutasten.

Am Abend noch besuchte er den Kreishauptmann und berichtete ihm Wort fr
Wort sein Gesprch mit Semen Plachta.

Der Beamte lie sich in eine ausfhrliche Errterung der kommunistischen
Umtriebe im Lande ein; die eigentlichen Absichten ihres Urhebers jedoch,
das Wesen des seltsamen Mannes berhaupt, wute er nicht zu erklren, so
genaue Kenntnis er auch von dessen ganzem Lebenslaufe besa.

Der Sendbote, der das Land rastlos durchpilgerte und in den Palsten und
den Htten das Evangelium der Gleichberechtigung aller Menschen und der
Gleichteilung allen Grund und Bodens verkndete, gehrte, als Sohn des
Senatorkastellans von Polen und Herrn der Herrschaft Rudy im Warschauer
Gouvernement, dem hohen Adel an. Auch er war wie seine Standesgenossen
aufgewachsen und erzogen worden im Bewutsein berkommener Rechte,
ererbter Macht und der Pflicht, sie zu wahren und sie auszuben.

Kaum jedoch in ihren Besitz gelangt, hatte er sich ihrer freiwillig
entuert. Die Ertrgnisse seiner Gter flossen in die Bettelscke der
Gterlosen oder wurden zu Revolutionszwecken verwendet. Er aber zog
umher und warb Jnger fr seine Lehre und fand ihrer in den Reihen
seiner eigenen Standesgenossen. An die eindrucksfhigen Herzen der
Jugend wandte er sich, und je reiner und unschuldiger diese Herzen
waren, desto feuriger erglhten sie in Verehrung fr ihn, und in
Sehnsucht, seinem opfermutigen Beispiel zu folgen. Boten des Sendboten
tauchten auf im Knigreiche Polen, im westlichen Ruland, in Posen, in
Galizien. Die Worte ihres Abgottes auf den Lippen, riefen sie dem Adel
zu: -- Wirf deine Reichtmer und deine zu lang genossenen Vorrechte von
dir. Vorrecht ist Unrecht. Und dem Volke: -- Kommt, ihr Armen! Nehmt
euern Anteil an dem Boden, den seit Jahrhunderten euer Schwei, und wie
oft! auch euer Blut gedngt hat. -- Zu allen aber sprachen sie: Erhebt
euch, schttelt das Joch der Fremden ab! Wir wollen ein Reich grnden,
darin es weder berflu noch Armut, nicht Herrschaft noch Knechtschaft
gibt, das Reich -- das Christus gepredigt hat.

Der geistige Leiter dieser Missionen hatte sich inzwischen an dem gegen
Ruland geplanten und fast im Augenblick des Losbruchs gescheiterten
Aufstande des Jahres 1843 beteiligt. Als Flchtling entkam er nach
Posen, wurde dort binnen kurzem wegen Verbreitung kommunistischer
Grundstze zur Rechenschaft gezogen, in Haft genommen, endlich verbannt.
Er begab sich nach Brssel, wo Lelewel die Verirrungen seiner
allzuheien Freiheits- und Vaterlandsliebe in den Qualen bittersten
Heimwehs verbte. Der Umgang mit diesem Gromeister der Revolutionre
steigerte die Begeisterung Dembowskis zum Fanatismus. Was seine Seele
fortan erfllte, war nicht mehr Mitleid allein mit den Elenden und
Armen, es war auch Ha gegen die Starken und Reichen, hieen sie nun die
Beherrscher der Teilungsmchte oder die Inhaber der polnischen
Zentralgewalt in Paris und Usurpatoren des Knigreichs, das sie
wiederherstellen wollten.

Der Apostel der Nchstenliebe kehrte als ein politischer Agitator nach
der Heimat zurck. Er, den bisher nur seine eigenen Eingebungen geleitet
hatten, bernahm die Ausfhrung fremder Plne und die Aufgabe, Galizien
zur Emprung reif zu machen. In dieser Aufgabe wirkte er nun. Wuten
die, die ihn mit ihr betrauten, was sie taten? Sahen sie ihn und seine
Lehre nur als das Ferment an, das die stumpfsinnige Menge in Grung
bringen, in eine Bewegung setzen sollte, der die Richtung vorzuschreiben
sie sich anmaten? --

Die Sympathie und Bewunderung, die jeder echte Pole fr den empfindet,
der im Kampfe gegen die Fremdherrschaft gelitten hat, bewhrte sich von
neuem. Der Adel nahm den Gechteten in Schutz, obwohl er einen Gegner
seiner Interessen in ihm erkannte. Mochte er welcher Partei immer
angehren, die Befreiung Polens war auch sein Ziel, auf dem Wege traf
man zusammen und drckte einander die Hand.

Und sehen Sie, schlo der Kreishauptmann, so sehr ist der Mensch in
mir im Beamten doch nicht aufgegangen, da ich diese Polen um solcher
Zge ihres oft unbesonnenen, blinden, stets aber hochherzigen
Patriotismus willen nicht lieben und zugleich -- beneiden mte.

Euer Gnaden! rief Nathanael mibilligend aus, und beide Mnner
schwiegen. Nach geraumer Zeit erst nahm der Doktor wieder das Wort:

Ich glaube, Euer Gnaden, es wre Sache der Regierung, vor allem sich
und den Adel vor dem verderblichen Einflu des kommunistischen groen
Herrn zu schtzen. Hier flocht er das ruthenische Sprichwort ein: 'Ein
schlechter Vogel, der sein eigenes Nest beschmutzt.' -- Ich begreife
nicht, warum man so lange unttig zusieht. Warum man ihn nicht hindert
gleichsam unter den Augen der gesetzlichen Macht sein tdliches Gift
auszustreuen.

Unangenehm berhrt durch die Entschiedenheit, mit der Rosenzweig sprach,
entgegnete der Kreishauptmann mit khler berlegenheit:

Es geschieht schwerlich ohne Grund. brigens -- unter uns! -- wir haben
Weisung, auf ihn zu fahnden -- in unaufflliger Weise.

O -- dann! rief Nathanael bereifrig -- dann beschwre ich Euer
Gnaden, meine Dienste in Anspruch zu nehmen. Unaufflliger wre nichts,
als einen Kranken dem Arzte anzuvertrauen. Und da Ihr 'Sendbote' krank
ist -- hier, er deutete auf die Stirn, und in das Beobachtungszimmer
des Kreisphysikus gehrt, darauf schwre ich!

Der Ausdruck im Gesichte des Beamten wurde immer klter; er richtete
pltzlich eine gleichgltige Frage an den Doktor und entlie ihn, indem
er beim Abschied warnend Talleyrands berhmtes *Surtout pas trop de
zle!* zitierte.

Die Warnung blieb fruchtlos. Des Doktors ein mal entfesselter Eifer fr
die Sache der Ordnung und des Gesetzes war nicht mehr zu bndigen. Er
htte die Friedlosigkeit, die ihn umherjagte, auch den andern mitteilen
mgen, legte einen Abscheu ohnegleichen gegen die zuwartende Geduld an
den Tag, deren man sich in magebenden Kreisen befli, und nannte sie
verbrecherischen Leichtsinn und unverzeihliche Lauheit.

Sein politisches Glaubensbekenntnis hatte sich bisher in dem Satze
zusammenfassen lassen:

Unsre Regierung wird die denkbar beste sein, sobald sie sich nur noch
herbeilt, den Juden das Recht zu geben, Grund und Boden zu besitzen.
Jetzt aber war ihm der Glaube an die Weisheit dieser Regierung
erschttert, und er begann sich als ihr Belehrer und Ratgeber zu
gebrden. Auf dem Kreisamt hatte man wenig Ruhe vor ihm, er brachte
tglich neue, immer bedenklicher lautende Nachrichten von dem
Umsichgreifen der kommunistischen Propaganda, und riet immer dringender,
man mge sich doch entschlieen, energische Sicherheitsmaregeln zu
ergreifen.

Die genaue Bekanntschaft des Schwiegersohnes Semen Plachtas, die er
gemacht hatte, gab ihm viel zu denken. Er hatte sich bisher niemals mit
dem Studium einer Bauernseele beschftigt. Ein Bauer war in seinen Augen
der uninteressanteste von allen mit einer Menschenhaut berzogenen
Bipedes. Jetzt nahm er einen von der Sorte aufs Korn, beobachtete ihn
genau, ging sogar mit ihm ins Wirtshaus, lie sich mit ihm in Gesprche
ein und wute am dritten Tage, was er schon im ersten Augenblick gewut
hatte, da der Mann faul, trunkschtig und einfltig war. Wie einfltig,
das kam erst zum Vorschein, wenn ihm der Branntwein die schwere Zunge
lste und es nur weniger Fragen bedurfte, um sich zu berzeugen, da ihm
sogar die Kardinalerkenntnis der Unterscheidung zwischen mein und dein
fehlte.

Der Doktor fuhr zur Grfin Aniela und hielt ihr einen Vortrag ber den
Zustand der Landbevlkerung. Ja, schlo er, der Bauer ist dumm, aber
wodurch soll er denn gescheit werden, wenn er es nicht zufllig von
Natur ist? Ja, der Bauer ist faul, aber was wrde die Arbeitsamkeit ihm
ntzen, sie brchte ihn doch nimmer auf einen grnen Zweig. Seine
Arbeitsamkeit kme mehr dem Herrn zugute als ihm. Ja, der Bauer trgt
den heute verdienten Groschen heute noch in die Schenke, aber diese
Verschwendung kommt von seinem Elend. Das Elend ist nicht sparsam, das
Elend vermag einen so gesunden und fruchtbringenden Gedanken, wie den
der Sparsamkeit, gar nicht zu fassen.

Grfin Aniela streckte das zierliche Hlschen in die Hhe, ihre
lieblichen Lippen verzogen sich spttisch.

Verehrter Lebensretter, Sie sprechen ja ganz wie der 'Sendbote', sagte
sie, man glaubt ihn zu hren.

Der Doktor schwieg; der scherzhaft gemeinte Vorwurf traf ihn tief.

Eine Stunde spter stand er in seiner Baumschule vor einem Stmmchen,
nicht viel dicker als ein Finger, und doch trug es schon unter seiner
kleinen Bltterkrone drei herrliche pfel, vllig reif beinah, mit
gelblich glnzender Schale. Zu jeder andern Zeit htte der Doktor an dem
Anblick seine Freude gehabt, heute vermehrte sich durch ihn nur sein
Mimut. Joseph kam aus dem Hause, sein Arbeitsgert auf der Schulter,
und wollte den Wohltter noch zu andern Bumchen fhren, die ein ebenso
krftiges Streben, brave Bume zu werden, an den Tag legten, wie das,
welches er staunend betrachtete.

Er erhielt keine Antwort. Mit finsterer Strenge funkelten die schwarzen
Augen Rosenzweigs unter ihren buschigen Brauen den Jngling an, und
pltzlich sprach er:

Sag einmal, hast du nie etwas von einem Freiheitshelden, so eine Art
Narren gehrt, der sich hier in der Gegend aufhlt, und, wie man
behauptet, den Bauern in den Wirtshusern Revolution predigt?

Joseph sah offenbar betroffen aus und schwieg.

Gesteh! Gesteh! befahl Rosenzweig, und sein drohendes, zornrotes
Gesicht nherte sich dem des Jnglings.

Ich wei nicht, Herr, stammelte dieser, ob du den meinst, den sie den
Sendboten nennen.

Den eben meine ich!

Der predigt aber nicht Revolution, der predigt Flei und Nchternheit.

Flei im Stehlen, Nchternheit beim Totschlagen -- was? hhnte der
Doktor.

Ungewohnterweise lie sich Joseph nicht aus der Fassung bringen. Noch
mehr! Er erlaubte sich einen Widerspruch:

Du bist im Irrtum. Ich kenne ihn.

Rosenzweig prallte mit einem unartikulierten Ausruf zurck, und Joseph
fuhr fort:

Ich habe lange mit ihm gesprochen.

Wo? und wann? und was?

Auf dem Felde, in der vorigen Woche; und von dir ist die Rede gewesen.

-- Von mir?

Aus dem Munde des Chamers hat er seine Nachrichten ber mich? dachte der
Doktor. -- Nun, sie sind danach!

Ich habe ihn nie predigen gehrt, nahm Joseph wieder das Wort.

Mchtest aber wohl?

O ja! -- ich mchte wohl. Kein Pfarrer kann es ihm gleichtun, heit es.
Es heit auch, da er heute nacht zum letztenmal in unsrer Gegend
sprechen wird, in der Schenke des Abraham Dornenkron, eine Meile von
hier, auf der Strae nach Dolego.

Eine lange Pause entstand, der der Doktor ein Ende machte, indem er
Joseph befahl, an die Arbeit zu gehen; er selbst begab sich zum
Kreishauptmann, meldete, was er soeben in bezug auf den Emissr in
Erfahrung gebracht hatte, und fragte an, ob es nicht geraten wre, ein
Pikett Husaren nach der Schenke zu schicken und den Aufwiegler gefangen
nehmen zu lassen.

Was ntig ist, wird geschehen, mein lieber Rosenzweig! antwortete der
Beamte. Wir sind von allem, was vorgeht, auf das genaueste unterrichtet
und finden darin keinen Grund zur Sorge. Wovor frchten denn Sie sich?
Sie gehren zu uns. Ich wollte, ich knnte etwas von Ihrer Vorsicht
denen einflen, die ihrer bedrftiger wren als Sie und wir.

Rosenzweig machte noch einige Krankenbesuche und kam erst spt am Abend
heim. Vor dem Gartentor fand er Joseph, der ihn erwartete.

Was hast du dazustehen? Geh schlafen! herrschte er ihm zu.

Auch er htte gern Ruhe gefunden, aber sie floh ihn in dieser Nacht, wie
in den vorhergehenden Nchten.

Auf einmal fiel es ihm ein, ob es nicht mglich wre, da Joseph sich
jetzt aus dem Hause schliche, um nach der Schenke zu rennen und die
Abschiedsrede des Agitators zu hren. Der Weg ist freilich weit, und die
Nacht schon vorgeschritten, aber der Bursch hat junge Beine ... brigens
-- wer wei? Wenn er frchtet, zu spt zu kommen, nimmt er am Ende gar
ein Pferd aus dem Stall ...

Nun, _der_ Zweifel wenigstens sollte ihn nicht lange qulen. Rasch nahm
er den Leuchter vom Tisch und eilte ber die Treppe, den Gang, nach der
von Joseph bewohnten Stube.

In Jahren hatte er sie nicht betreten; sie war die einzige schlechte im
Hause und rgerte ihn, so oft er sie sah. Ein lnglicher, schmaler Raum,
einfenstrig, mit Ziegeln gepflastert. Wre Rosenzweig nicht der
Wohltter, sondern der Arzt Josephs gewesen, er htte ihm verboten, da
zu schlafen auf dem Strohsack, im Winkel zwischen der Drehbank und der
Mauer, die frmlich troff von Feuchtigkeit.

Er sagte sich das, als er eintretend den Menschen, den er auf dem Wege
nach Dolego vermutete, lang ausgestreckt fand auf seiner mehr als
bescheidenen Lagersttte, tief und selig schlafend.

Als Rosenzweig sich ber ihn beugte und ihm ins Gesicht leuchtete,
zuckten seine Augenlider, sein roter, frischer Mund zog sich trotzig
zusammen, aber nur um gleich wieder mit leicht aufeinander ruhenden
Lippen ungestrt weiter zu atmen. Htte er tausend Zungen gehabt, sie
wrden nicht vermocht haben, krftigere Frsprache fr die Lauterkeit
seines Herzens einzulegen, als es der Ausdruck des bewutlosen,
schweigenden Friedens auf seinem Antlitz tat.

Der Doktor stellte den Leuchter auf die Drehbank und begann sich in der
Kammer umzusehen. Was es da gab an begonnenen, an halb und fast
beendeten Arbeiten, das alles war die Frucht des Fleies emsig
schaffender und geschickter Hnde. Und es mute doch kein so bler
Verstand sein, der ihr Tun leitete, denn nirgend fand sich die Spur
verwsteten Materials oder kindischer Spielerei. Und worauf sich das
ganze Sinnen und Denken dieses Verstandes richtete, das war das Wohl und
Gedeihen des Doktorhauses, ihm kam all sein Streben zugute, das frderte
er nach bester Kraft und Einsicht. Ein Beispiel fr hundert fiel dem
Doktor auf und -- fast rhrte es ihn.

Er hatte unlngst das hlzerne Gartenpfrtlein durch ein eisernes
ersetzen lassen und war zufrieden gewesen mit der vom Stadtschlosser
gelieferten Arbeit, aber Joseph meinte: Sie ist nicht schn genug, ich
will eine Verzierung anbringen. Rosenzweig verhhnte ihn damals, und
nun war das Werk schon unternommen, war schon mit unsglicher Mhe aus
starkem Eisenblech herausgesgt und gefeilt, und inmitten schmucker
Arabesken zeichnete sich, gar knstlich verschlungen, der Namenszug
Rosenzweigs.

Dieser lchelte, kreuzte die Hnde und versank in eine, zum erstenmal
wohlwollende und mitleidige Betrachtung des bescheidenen
Tausendknstlers. Zu Hupten seines Lagers bemerkte er ein Bild des
heiligen Joseph, mit vier Ngeln an der Wand befestigt, und darunter
stand in ungefgiger Schrift:

Von meiner Lubienka.

-- Die deine, du armer Junge, der auf der weiten Erde nichts besitzt?
Hab erst festen Boden unter deinen eigenen Fen, eh du es wagst, einem
schwcheren Menschenkinde zuzurufen: Tritt zu mir! Du hast dir noch
nichts erworben, noch nichts verdient trotz deiner Arbeitsfreudigkeit
und Treue, nichts -- keinen Lohn, keinen Dank, kein Recht. Was du mir
leistest und ntzest, gilt nur als Zahlung einer dereinst --
unfreiwillig eingegangenen Schuld.

Wann wird diese Schuld endlich getilgt sein, armer Geselle?... Ist sie
es denn im Grunde nicht lngst? Besest du Klugheit genug, um
abzurechnen und abzuwgen, vor Jahren schon httest du gesagt: Wir sind
quitt! Von nun an bezahle mich, Herr! Ich will auch fr mich erwerben.
-- Ich sei ein harter Mann, heit es, aber ungerecht darf mich niemand
schelten. Wenn du gefordert httest, ich htte dir gegeben, ich htte
dich gelten lassen, wenn du dich geltend gemacht httest ... Du hast es
aber nicht getan; du bist schweigend unter deinem Joche weitergeschritten
und wirst so weiterschreiten, bis du zusammenbrichst, und am Ausgang
deines Lebens so hilflos dastehst, wie du an seinem Eingang gestanden
hast.. Wessen Schuld? -- Warum denkst du nicht? Warum sprichst du nicht?
Warum verschwendest du die kostbaren Krfte deiner Jugend?... Aber es
geschieht, und ich verbrauche sie -- und so wie ich tun Tausende, und
so wie du Hunderttausende ...

Noch einen Blick auf den sanft Schlafenden, und Nathanael schlo die
Augen und prete die Hnde an seine Stirn. Grell und blendend drang es
auf ihn ein, wie ein im Dunkel aufflammendes Licht. Mit Grauen und
Entsetzen erfllte ihn das Bewutsein: Da schlft er noch still und
harmlos, und die Hunderttausende seinesgleichen schlafen wie er. Doch
werden sie erwachen -- schon weckt man sie. Zu welchen Taten? Wie werden
sie hausen, die pltzlich entfesselten Knechte?

Ein Schwindel ergriff ihn, ihm war, als wanke sein Haus.

Noch nicht! rief er und stie den Fu heftig gegen den Boden.

Joseph erwachte, sprang auf: Was befiehlst du, Herr? Das Bewutsein
kehrte ihm nicht schneller zurck, als diese Frage auf seine Lippen
trat.

Wissen will ich, was vorgeht, hren, was euch gepredigt wird. Ich will
den Sendboten hren. Spann die Falben vor den Wagen, du wirst mich nach
der Schenke des Dornenkron fahren. Spann ein!


*IV.*

Die Nacht war dunkel. Ein feiner, dichter Regen strmte unablssig,
emsig auf die Erde nieder, und ein andrer, ein kompakter Regen spritzte
von ihr auf beim energischen Gestampfe der wackeren Rlein. Polens
fnftes Element umwirbelte und bersprhte das von Joseph gelenkte
Gefhrt, das zwischen einer doppelten Reihe riesiger Pappeln auf der
Kaiserstrae dahinrollte.

Der Doktor sa lange Zeit schweigend in seinen Mantel gehllt. Ungeduld
verzehrte ihn.

Wir kommen zu spt, sagte er endlich. Treib die Falben an.

Sie laufen ja, was sie knnen, antwortete Joseph. Wir sind schon
weit. Er deutete nach einem groen, weilichen Fleck im Nordwesten des
bleigrauen Horizonts, die Weichsel und der Dunajec stecken schon ihre
Fahnen aus.

Eine Viertelstunde spter war das Ziel erreicht: ein niedriges,
weitlufiges Gebude. Vor dem standen allerlei Fuhrwerke und hinderten
Joseph, sich mit dem seinen zu nhern.

Rosenzweig hie ihn halten, stieg ab und suchte sich einen Weg durch das
Gewirr der Wagen und Pferde zu bahnen. Es war keine leichte Aufgabe fr
einen, der mglichst unbemerkt in das Haus gelangen wollte.

Die meisten Kutscher hatten ihr Gespann verlassen, die andern schliefen
auf dem Bocke oder taten so und leisteten dem Befehl des Doktors, ein
wenig Raum zu geben, keine Folge. Er hob eben den Stock, um sich ihnen
deutlicher verstndlich zu machen, als Abraham Dornenkron auf der
Schwelle des Hauses erschien, einen brennenden Span in der Hand.

Schaff mir Platz, Abraham, sprach der Doktor, ich bin's, ich, Doktor
Rosenzweig.

Gott der Gerechte! stie der Wirt erschrocken hervor, fate sich aber
sogleich und patschte dienstwillig in den Sumpf, der die Zufahrt zu
seinem Gasthof bildete. Er schob die knstlich aufgestellte Wagenburg
auseinander und rief dabei fortwhrend mit berflssigem Stimmaufwand:

Der Herr Doktor Rosenzweig! -- Is wer krank? Wohin belieben zu reisen
der Herr Doktor?

Sobald die Mglichkeit vorhanden war, sich ihm zu nhern, sprang
Nathanael auf ihn los und packte ihn beim Ohr:

Sei still, Spitzbube! Du brauchst mich bei deinen Gsten nicht
anzumelden. Ich will das schon selbst besorgen.

Und als das Mnnlein trotzdem nicht aufhrte, seine Verwunderung ber
die Ankunft des Doktors laut auszuschreien, drckte der ihn gegen den
Trpfosten, da ihm der Atem verging, und drang an ihm vorbei in den
Flur.

Ein Gibor![6] Schema Isroel, ein Gibor der gewaltige Doktor! raunte
Abraham einem migestalteten Wesen zu, das pltzlich im Dunkel
geruschlos wie eine Eidechse, krummbeinig wie ein Kobold, neben ihm
aufgetaucht war.

Es wiegte den unfrmigen Kopf; seine nachtschwarzen Augen funkelten klug
und feurig.

Er ist eingezogen, zu spionieren, Tateleben. Wir wollen ihm kommen
zuvor, da uns nicht kann begegnen ein Unglck, flsterte der Kleine.

Elend ber Elend! Wie heit ihm kommen zuvor?

Ich will nehmen ein Pferd, Tateleben, und reiten nach Tarnow wie ein
Windsto, zu melden bei der Polizei, da bei uns Versammlung halten die
rebellischen Gojim, und da die kaiserliche Regierung soll ausschicken
gegen sie Soldaten, wenn es is gefllig der kaiserlichen Regierung.

Abraham betrachtete seinen Sprling mit Blicken bewundernder Liebe:

Reit wie ein Windsto, mein Sohnleben, da du mit Gott bald kommst ans
Ziel. Reit, wiederholte er und setzte in naiver Frsorge hinzu: Tu
dich nur nehmen in acht, da du nicht kommst um deine graden Glieder.

Rosenzweig war inzwischen in die Wirtsstube getreten oder hatte sich
vielmehr hineingezwngt.

Es herrschte darinnen eine dicke, dumpfe Atmosphre, das Produkt von
mehr als hundert, dicht aneinandergepferchten Menschen, in nassen
Pelzen, Kleidern und Stiefeln. Fuseldnste und der Qualm einer an der
Decke hngenden Naphthalampe trugen dazu bei, das Atmen in diesem Raume
zu erschweren. Die Anwesenden jedoch erfuhren unbewut den beklemmenden
Einflu, der die Gesichter der einen glhen machte und die andrer bis
zur Todesblsse entfrbte. Es waren Mnner, den verschiedensten
Altersstufen und Stnden angehrig, in rmlicher Kleidung, im reichen
Nationalkostm, im Priestertalar, im Studentenrock, im schbigen,
schwarzen Gewand des Winkelschreibers. Die keinen andern Platz mehr
gefunden hatten, waren auf die Bnke gestiegen und, zwischen die Mauern
und die Menge geklemmt, bezahlten sie bei jedem neuen Andrang den
Vorteil ihrer erhhten Stellung mit der Gefahr, erdrckt zu werden.

In der vordersten Reihe, seine Umgebung berragend, stand ein
grauhaariger, graubrtiger, breitschultriger Herr, in kostbarer
Magnatentracht. Wenn er den Kopf wandte, zeigte sich dem beobachtenden
Nathanael das ausdrucksvolle asiatische Profil eines der mchtigsten
Frsten des Landes.

-- Auch du, *Starosta princeps nobilitatis*? dachte Rosenzweig. Aber
eine noch grere berraschung erwartete ihn.

Der einzige in der Stube freigebliebene Raum war der vor dem Eingang in
das Nebenzimmer, dessen offene Tr von einigen jungen Leuten mit
wahrhaft wildem Eifer vor der Zudringlichkeit der Neugier oder des
Fanatismus behtet wurde. Dort schritt Dembowski im Gesprch mit einem
Schlachziz auf und ab, in dem Rosenzweig zu seinem grenzenlosen
Erstaunen den vertrauten Freund des Kreishauptmanns erkannte. Er lebte
in glcklichen Familien- und geordneten Vermgensverhltnissen, war ein
harmloser, aufrichtiger Mensch, dem der Friede ber alles ging. Nie
hatte er es dahin gebracht, einer politischen Debatte seiner
Gutsnachbarn bis ans Ende zu folgen, weil er regelmig frher
einschlief. Und dieser ruhigste und stillste aller Staatsbrger, da
wandelte er nun flammend und glhend in einem Seelenkampfe, dessen Pein
sich in seinem zuckenden Gesicht malte, neben dem Aufwiegler einher.

Der aber, leicht vorgebeugt, den Arm des Neophiten sanft berhrend,
sprach eindringlich und leise zu ihm, sprach Worte, auf welche dieser
keine Erwiderung mehr zu finden schien. Ein letztes noch -- und er
wandte sich von dem Erschtterten und trat zu seiner Gemeinde, die ihn
mit unendlichem Jubel empfing.

Der Sendbote war als Bauer gekleidet. Er trug einen langen, weien
Kaftan, der am Halse durch zwei groe Metallknpfe geschlossen war, hohe
Stiefel, ein Hemd aus grober Leinwand und Pluderhosen aus demselben
Stoffe. Ein lederner Riemen, an dem ein kleines Kruzifix aus schwarzem
Holze hing, umgrtete seine Lenden. Sein dichtes, dunkelblondes Haar war
kurz geschoren; es wuchs in scharfer Spitze in die Stirn und zog schn
gewlbte Bogen um die mattweien, etwas eingedrckten Schlfen.

Ruhig lie er den Freudensturm des Willkomms verbrausen, stand da mit
herabhngenden Armen, die Finger nur leicht gekreuzt, und schaute ins
Gewhl lssig und obenhin, wie sehr Kurzsichtige pflegen, die schauend
schon im voraus auf das Sehen verzichten.

Freunde, Brder, begann er, ohne die Stimme zu erheben, und sogleich
wurde es still bis zur Lautlosigkeit, -- ich gre euch zum letztenmal
vor dem Kampf, vielleicht zum letztenmal vor dem Tode.

Sei uns gegrt! antwortete ein brauner Kumpan von martialischem
Aussehen; im Kampf, im Tod, im Sieg!

Im Sieg! durchlief's die Menge als Seufzer der Sehnsucht, als Schrei
der Hoffnung, als Ausruf der Zuversicht.

Sieg? wiederholte der Redner, ihr habt ihn schon errungen. Ein Kampf
wie der eure ist ein Sieg und ein Sieger jeder von euch, ob er den Fu
auf seine Feinde stellt, ob er zertreten von ihren Rossen auf dem
Schlachtfelde liegt. Meine Brder! was immer uns beschieden sein mag,
der Gedanke, der uns beseelt, kann nicht mehr sterben. Er wird
fortleben, sogar auf den Lippen derer, die uns um seinetwillen verfolgen
und tten. Sie selbst werden die heilige Lehre noch verbreiten, indem
sie von dem Mrtyrertum erzhlen, das wir erlitten haben.

Allmhlich war die lhmende Mdigkeit von ihm gewichen, seine
geschmeidige Gestalt hatte sich emporgerichtet:

Vielleicht ist die Erinnerung an unsern Tod das einzige, was wir denen
hinterlassen knnen, fr die wir so gern gelebt htten. Wir mssen dafr
sorgen, da dieses Erbe ein glorreiches sei ... Es wird _kein_
glorreiches sein, wenn nicht jeder einzelne, der zu unserm Bunde
geschworen hat, sich als ein Priester fhlt, dessen Ehrgeiz Entsagung
und dessen Ruhm grenzenlose Hingebung an die Sache Gottes ist.

Vereinzelte Laute der Zustimmung lieen sich vernehmen, aber so manches
Antlitz drckte Enttuschung aus.

Die Sache Gottes, meine Brder! wiederholte der Redner. Vermchte ich
den Feuereifer, ihr zu dienen, in euern Seelen zu erwecken, den er in
der meinen erweckt hat, und euch den Abscheu und die Scham kennen zu
lehren, womit ich zurckblicke auf die einst genossenen Erdenfreuden.
Mitten in der Flle ihrer Gensse fand mich der Herr. Aus ihrem Taumel
schrak ich auf bei seinem Ruf. Und die Stimme, mit der der Allerbarmer
mich rief, war die des Mitleids, und das Mitleid gebar den Zweifel und
der Zweifel die Erkenntnis.

Verklrung breitete sich ber seine Zge; das Licht der schnsten
Liebesgedanken leuchtete auf seiner Stirn.

Ich lebte, wie die Verwhnten leben. Weil der Zufall mir zuviel
beschert hatte, kannt ich kein Gengen; in meiner heien Hand zerschmolz
das Gold.

Da war einer unter meinen Dienern -- Jelek hie er, ein Bauerssohn, der,
aufgeweckt und tchtig, es bis zu dem Amte meines Gterverwalters
gebracht hatte. Er allein wagte es einmal, eine Warnung gegen mich
auszusprechen, und fiel dadurch bei mir in Ungnade.

An einem Sommermorgen ritt ich nach frhlich durchlebter Nacht mit
meinem Anhang von einem Feste bei meiner Geliebten heim. Ihre Ksse
brannten noch auf meinen Lippen, die Klnge der Musik summten mir noch
im Ohr, liebliche Bilder gaukelten vor meinen Augen, eine beglckende
Lebenslust erfllte mich. In meiner Seele vermhlten sich die Erinnerung
an genossene Freuden mit der Erwartung knftiger, und bermtig rief ich
meinen Gefhrten zu:

'Wie heute, so morgen, und immer!'

Wir waren am Ausgang des Waldes angelangt; vor uns lagen im schimmernden
Duft des jungen Tages die taufrischen Wiesen, das hrenmeer der Felder,
und aus der Ferne grte mein bewimpeltes Schlo mit seinen starken
Trmen. Seine Fenster blinkten, auf seinem altersgrauen Gemuer lag der
Glanz der aufgehenden Sonne wie ein Lcheln auf dem Antlitz eines
Greises. Einen schnen Anblick bot mein ehrwrdiges, gastliches Haus,
und mit Jauchzen sprengten meine Gefhrten ihm zu.

Ich aber verhielt mein Ro.

Ich hatte lngs des Waldsaumes einen Mann in hastender Eile herbeikommen
gesehen und Jelek, meinen Verwalter, in ihm erkannt. 'Woher und wohin?'
rief ich ihn an. Er nannte einen weit entfernten Meierhof, nach dem ihn
der Intendant mit einem Auftrag schickte. -- 'Fand sich dazu kein
Geringerer? Seit wann machst du Botengnge?' -- Auf diese meine Frage gab
er zur Antwort: 'Seit ich bei dir in Ungnade gefallen bin. Dein
Intendant hat mich meines Amtes entsetzt und bedenkt mich dafr mit
allerlei mtern.' -- Er keuchte und wischte sich den Schwei von der
Stirn, und ich sah es ihm an, da ihm der Boden unter den Fen brannte.
Ich sah auch, da sich vom Dorfe aus ein langer Zug nach der Strae hin
bewegte, und da der es war, dem er entgegenstrebte. Ich setzte mein
Pferd in Schritt, und er folgte mir. So kamen wir zur Landstrae, auf
der die Leute wanderten. Ein paar hundert Mnner, Jnglinge, Greise,
ihre Sensen auf den Schultern, Scke auf den Rcken. Sie schritten
stumm, mit gesenkten Kpfen, die meisten barfu und zerlumpt -- meine
Bauern!... Und wie sie, sich bis zur Erde verneigend, an mir
vorberschlichen, unlustig, wie eine Herde, die nach fremdem Pferch
getrieben wird, da wut ich: die Leute sind vermietet fr die Erntezeit,
weithin vielleicht, und werden den Boden, auf dem ihre eigene rmliche
Ernte reift, nicht wiedersehen, eh der Schnee ihn bedeckt.

Jelek hatte ein Tchlein hervorgezogen, in dem einige Mnzen
eingebunden waren, und drckte es einem Alten in die Hand, der am Ende
des Zuges mhsam nachhumpelte: -- 'Damit du nicht darbst unterweges,
Vater. Gott trste dich. Meinetwegen mut du fort.'

Der Alte barg das Tuch an seiner Brust, und der Haiduk, der die Schar
geleitete, stie ihn vorwrts.

In die Augen Jeleks traten Trnen des Schmerzes und der Wut.

'Warum sagtest du,' fragte ich ihn, 'dein Vater msse um deinetwillen
fort?'

'Weil es so ist. Der Intendant htte sich nicht getraut, ihn zu
vermieten, wenn du mir noch gndig wrest wie sonst.'

Ein paar Tage spter traf ich meinen Jelek, wie er einen Arbeiter auf
dem Felde, einen hochbejahrten Mann, der Faulheit anklagte und
erbrmlich schlug.

'Siehst du nicht, da der Mann erschpft ist und nicht mehr arbeiten
kann?' sagte ich, und er erwiderte:

'So werden sie es in der Fremde auch meinem Vater tun. Warum soll es dem
einen besser gehen als dem andern?'

Was ich ihm antworten sollte, wute ich nicht, aber zu dem Alten sagte
ich:

'Tun dir die Schlge nicht weh, da du dastehst und nicht einmal
klagst?'

'O, mein gndiger Herr!' entgegnete er, 'was wrde das Klagen mir ntzen?'

Und auch darauf mute ich schweigen ...

Heimkehrend fand ich das Haus zum Empfang meiner Geliebten geschmckt,
und alle, die um meine Gunst buhlten, waren versammelt, um ihr zu
huldigen. Sie erschien in ihrer kniglichen Schnheit, und ihr Anblick
und der Anblick der Pracht, die mich umgab, und der kriechenden
Dienstfertigkeit meines Anhangs -- Grauen, meine Brder! Grauen
erweckten sie mir ... Ein Dmon, meint ich, habe tckisch mein Auge zu
furchtbarem Hellsehen geschrft ... All der Glanz, alle die Pracht und
Herrlichkeit und die Liebe des Weibes und die Treue der Freunde -- sie
hatten einen Preis, und bezahlt hatte ihn das Elend. Die hatten ihn
bezahlt, die zum Frondienst vermietet hingezogen waren in die Fremde..
Das Gewhl vor mir, die Wnde des Saales wurden durchsichtig. Wie durch
schimmernde Schleier sah ich eine wandernde Schar, deutlich jede Linien
der Gestalten, jeden Zug der Gesichter, die mein Auge an jenem Morgen
nur flchtig gestreift hatte. Ergebung auf allen! Nicht schne,
mnnliche -- nein! die trost- und hoffnungslose Ergebung des
Stumpfsinns. Was jenes Opfer der ungerechten Vergeltung, die mein Diener
bte, gesprochen hatte, das sprachen auch sie in ihrem Schweigen. 'Was
wrden Klagen uns ntzen?'

Brder! in dieser Stunde habe ich meiner Macht geflucht und mein Glck
gerichtet ... Meine Macht war zum Unheil andrer ausgebt worden, mein
Glck wuchs nicht wie eine Blume aus dem gesunden Mutterscho der Erde,
es war ein Wuchergebilde, ihrer Krankheit Frucht, und nhrte sich
parasitisch von kostbaren Lebenssften.

Der Redner bog den Kopf zurck; seine Lider schlossen sich, einem
Gepeinigten gleich zog er den Atem ein.

Da ergo sich in meine Brust ein Strom der Schmerzen ... Die Schmerzen
jedes einzelnen, der um meinetwillen gelitten hatte, ergossen sich in
meine Brust!... Und jede Schuld und jedes Unrecht, das _die_ begangen
hatten, die mir dienten, als _meine_ Schuld empfand ich sie und vernahm
schaudernd, wie ihr Schrei gegen mich zum Himmel stieg.

Die Luft im Saale lastete wie Blei, aus den Augen meiner Geliebten
blickte die Snde, die Tne der Musik girrten sinnverwirrende Melodien,
und -- fort trieb es mich, hinweg von dem durchschauten Trug in die
khle, klare Nacht. Ich wanderte unter ihren schimmernden Sternen,
soweit meine Fe mich trugen, und wie auch mein Herz blutete und rang,
mir war, als lebte ich auf. In der herben Qual, die ich litt, fhlte ich
die Hand meines Herrn, verstand die Mahnung, deren er mich gewrdigt
hatte. Und whrend sie mich suchten im Schlosse und in den Grten, lag
ich im Waldesgrund auf dem Angesicht vor meinem Gott und flehte um Kraft
zur Bue und Shne, und bot mich ihm dar zum Werkzeug seines Willens,
zum Verknder seiner Lehre, und flehte den Urquell des Lichtes um
Erleuchtung auf meinem Wege an.

Sie wurde mir. Wie das Auge des Blindgeborenen, als der Finger des
Heilands es berhrte, sich der alten, vertrauten und ihm doch
unbekannten Welt erschlo, so erschlo sich meine Erkenntnis der
Offenbarung, in deren Licht ich gewandelt war von Jugend an -- ein
Blinder. Und je tiefer ich in den Geist des gttlichen Wortes eindrang,
desto klarer wird es mir: Inbegriff seiner Weisheit ist die Liebe. Fr
uns Menschen -- die Nchstenliebe!

Die hochgehenden Wogen der Begeisterung, mit der der Sendbote empfangen
worden, waren allmhlich verebbt. Ein Gemurmel der Mibilligung, in das
sich nur vereinzelt warme Zurufe mischten, erhob sich jetzt. Aus der
Gruppe, die den Frsten umdrngte, scholl rauh die Mahnung:

La den Pfarrer von Nchstenliebe sprechen, sprich du von der Befreiung
des Vaterlands!

Eines, die beiden! antwortete der Redner. Keine Befreiung ohne die
Liebe des Nchsten. Sie ist der unermelich reiche Schatz, der uns an
dem Tag erlst, an dem wir uns entschlieen, ihn zu heben. Nur verstehen
mt ihr ihr Gesetz. Fr euch, ihr Mchtigen und Reichen, lauten seine
ersten Worte: Entsagung, Entbehrung, Shne!

Die Lippen des Frsten kruselte ein Lcheln, aber mit immer mchtiger
werdender Stimme fuhr der Redner fort:

Es gibt nur einen Herrn, den Knig der Himmel und der Welten, und nur
ein Menschenvolk gleichgeborener Brder. Der sich Herrschaft anmat ber
seine Brder, set und erntet Unheil; die Seele des Knechtenden wie die
des Geknechteten verdirbt.

Mit einem raschen Schritte trat er auf den Frsten zu:

Rette deine Seele, demtige dich! Gedenke der Snden deiner Vter,
gedenke der Flche, die auf deinem Haupte lasten. Wie? -- Befreiung von
fremder Tyrannei verlangt ihr? Was habt denn ihr jemals ausgebt an dem
bejammernswerten Volke, als Tyrannei? Ihr, der Adel, ihr wart der Staat.
Niemals ist in Polen ein andrer Stand zu Wort gekommen, als der eure,
und wohin habt ihr das Land gebracht?... Euer Eigennutz hat es
ausgebeutet, eure Zwietracht es zerrissen, euer Verrat es den Feinden
ausgeliefert!

Du lgst! Schweig! Wir wollen dich nicht mehr hren! tnte es ihm
zurck.

Ein rasender Tumult erhob sich.

Platz da! Platz fr den Frsten! riefen die Begleiter des Magnaten,
der sich schweigend und verchtlich umgewandt hatte, und dem die Seinen
mit Stoen und Drngen einen Weg zum Ausgang zu bahnen suchten.

Nathanael, in der Nhe stehend, erwies sich ihnen hilfreich. Die Menge
war wie eingekeilt unter der Tr, aber sein eiserner Arm teilte sie, um
den Fortstrmenden Raum zu schaffen, und ein allgemeines Aufatmen gab
es, als der Frst mit seiner Schar das Freie gewonnen hatte.

Von drauen vernahm man ihr Schreien, Fluchen und Lachen. Die Herren
pfiffen ihren Kutschern und ihren Hunden, Peitschen knallten, Fuhrwerke
setzten sich in Bewegung.

Der Blick des Sendboten glitt schwermtig ber die gelichteten Reihen
seiner Jnger.

Auf die Groen dieser Erde habe ich nicht gezhlt; wohl uns, wenn wir
keine andern Gegner htten als sie, sprach er ruhig. Der Bedrcker
sind wenige, der Bedrckten viele. Wenn die Bedrckten sich erheben und
im Namen des Allgerechten ihren Anteil am Besitz der Erde fordern
wrden, dann wre die Macht der Mchtigen wie Spreu. Aber der Kolo, der
sich nur zu regen brauchte, um seine Bande zu sprengen -- er regt sich
nicht. Er duldet und front und wird ewig dulden und fronen. Durch das
unwrdige Leben, das er seit Jahrhunderten fhrt, ist das Bewutsein
seines Menschentums, seines freien Willens in ihm erstickt worden. Sie
aber, die ihm dieses Bewutsein raubten, haben nicht nur gegen das
elende, von ihnen verachtete Volk, sie haben -- und dessen gedenken sie
nicht! -- sie haben gegen Gott gefrevelt, indem sie Tausende seiner
Geschpfe unfhig machten, sein Bild widerzuspiegeln.

Er hielt inne, und die jungen Leute jubelten ihm Beifall zu. Die lteren
Mnner schwiegen. Einige Geistliche hatten sich in die Nhe der Tr
begeben. Der treulose Freund des Kreishauptmanns war samt den Edelleuten
verschwunden, nachdem er mit staunendem Schrecken den groen Kopf
Rosenzweigs aus dem Gedrnge hervorragen gesehen hatte. Der Doktor
jedoch, mit der Wucht eines Pfeilers auf seinem Vordermann lastend,
brachte jeden allmhlich zum Weichen und stand nun auf demselben Fleck,
auf dem frher der Frst gestanden hatte, dicht vor dem Sendboten.

Eine freudige Rte stieg diesem in die Wangen, als er Nathanaels
ansichtig wurde.

Gott wird die Schuldigen richten! nahm er wieder das Wort. Was uns
zukommt, ist die Erlsung der Armen, deren Jammer zu ermessen wir besser
vermgen, als sie selbst. Was ich von euch fordere, ihr Herren, ihr wit
es, besprochen und wieder besprochen haben wir's in langen Stunden. Ihr
aber, Studenten und Mnner der Wissenschaft, die ihr dem Volke nahe
steht wie euerm Vater, betreut es, als wre es euer Kind. Lehrt es euch
lieben und vertrauen, verwendet zu seinen Gunsten euer Wissen, euer
Knnen, eure Erfahrung, Kraft und Zeit. Verget euch selbst in seinem
Dienst. Keiner von euch pflege mehr seinen Geist in kaltsinniger
Abgeschlossenheit ... Mit welchem Rechte vertieft ihr euch in die
Erforschung der schwierigsten Welt- und Daseinsrtsel, whrend um euch
her noch Menschen leben, mit dem gleichen Anspruch auf Erkenntnis
ausgestattet wie ihr -- und unfhig, die einfachsten Gedankenreihen zu
bilden?... Ihr sucht nach Zielen in euern Wissenschaften und werdet
immer nur Grenzen finden. Ich nenne euch ein Ziel, das sich erreichen
lt: die Verminderung des Irrtums, des Wahns, des Aberglaubens unter
euern Brdern ... Dem Zug einer ungeheuern Heersule, die nachts
aufbricht, um zum Kampfplatz zu eilen, gleicht das Wandeln des
Menschengeschlechts ber die Erde. Die, denen Kraft gegeben ward, die
andern zu berholen, haben sich an die Spitze gestellt. Sie schreiten
schon im rosigen Morgenlicht, die Schatten fliehen, ein Wunderland
ffnet sich vor ihnen. Unaufhaltsam jagen sie ihm zu, auf
sonnenbeglnzter Bahn, unbekmmert um die Nachhut, die hinter ihnen im
Dunkel tappt und sich verirrt, und keinen Steg mehr findet, der zu den
Glcklichen hinberfhrt, an deren Seite auch sie den Kampf des Lebens
zu kmpfen berufen waren ... Deshalb, ihr Fhrer, macht halt! ffnet
eure Reihen, lat die Nachhut herankommen. Einen breiten Weg fr die
Nachhut! Zu ihrem Heil, meine Brder! aber auch zu dem eurigen, denn aus
jedem bisher blden Auge, das sich dank eurer frsorgenden Liebe einem
Strahl der Wahrheit ffnet, wird euch der Himmel gren ...

Einige Schulmnner in der Nhe Rosenzweigs wechselten bedeutungsvolle
Blicke: Ich bin sehr enttuscht, flsterte ein Advokatenschreiber den
gelehrten Herren zu: Das ist ja gar nichts.

Der Doktor stand nach und nach ganz bequem, von einem Gedrnge war keine
Rede mehr. Das Auditorium machte sich langsam und geruschlos fort.
Wagen um Wagen rollte, Reiter trabten davon.

Die Zurckbleibenden widersetzten sich endlich dieser Flucht. Die
Verwnschungen, mit denen die Abtrnnigen begleitet wurden, begannen in
Ttlichkeiten auszuarten.

Gebieterisch erhob der Redner seinen Arm.

Lat jeden unbehelligt ziehen, befahl er. Wer von euch kann sagen, ob
das Samenkrnlein Wahrheit, das jetzt von der Brust dieser Mnner
abzuprallen schien, nicht, ohne da sie selbst es ahnen, in ihr Wurzel
geschlagen hat? Vielleicht tritt mancher von denen, die uns jetzt
verlassen, noch dereinst in unsre Reihen ein. Mir aber, meine Brder,
mir ist es ein Segen zu fhlen: was mich in dieser Abschiedsstunde
umgibt, ist Treue, was mich vernimmt -- Verstndnis. Den tiefsten Inhalt
meiner Lehre, in eure Herzen darf ich ihn gieen wie in kstliche
Schalen, die ihn rein und lauter bewahren, und ihn andern Herzen also
mitteilen werden.

Brder, wir mssen immer hren, ohne Kampf der Menschen untereinander
knne die Welt nicht bestehen; in einem allgemeinen Frieden wrden unsre
Krfte einrosten und unsre Geister erschlaffen. Das ist falsch. Friede
zwischen den Menschen bedeutet ja nicht das Ende aller Kmpfe, es
bedeutet vielmehr den Beginn eines neuen, eines herrlichen Kampfes.
Whrend der Ha der Urheber aller bisherigen Kmpfe gewesen ist, wird
die Liebe die Mutter der knftigen sein. Die Streiter, die sie aufruft,
werden nicht etwa ein leichtes Spiel haben, denn die Feinde, denen sie
gegenberstehen, gnnen ihren berwindern nicht Ruhe, nicht Rast;
tglich besiegt, erheben sie sich tglich wieder. _Leiden_ und
_Leidenschaft_ sind ihre Namen. Fat sie nur einmal scharf ins Auge, und
ihr werdet euch fragen mssen: Ist es mglich, da wir jemals einen
andern Streit unternommen haben als den gegen sie, als den gegen die
Leiden der andern und gegen die Leidenschaft in unsrer eigenen Brust?
Wie? es gibt in der Welt diese frchterlichen Gewalten, und wir haben
mit ihnen einen faulen Frieden geschlossen? Wir haben sie hingenommen
wie das Notwendige und Unentrinnbare, wir haben schlfrig und lau den
Vampyr an unserm Marke zehren lassen und unsre Streitlust nicht an _ihm_
gebt, nein, an unsern Brdern, unsern mitleidenden Brdern! Wir haben
Beladenen neue Lasten auferlegt, wir haben Verwundete verletzt.

O, des Wahnsinns! Oder -- des Verbrechens -- oder vielmehr der beiden!
Verbrechen ist Wahnsinn, die Torheit ist die Quelle jedes Unrechts.

Ja, und tausendmal ja! dachte Rosenzweig, Trnen in den Augen,
erschttert in allen Fugen seines Wesens. Ein unermeliches Glck
durchdrang ihn, er empfand die hchste aller Wonnen -- die Wonne, aus
den beengenden Schranken der Selbstsucht aufzusteigen wie aus einem
Grabe. Was er bisher am meisten geschtzt hatte, erschien ihm wertlos,
die Arbeit vergeudet, die er auf die Erwerbung seines Reichtums
verwandt, verchtlich seine engherzige Freude an ihm, der, ein toter
Staub, in seinen Hnden gelegen. Beschmung erfllte seine Seele, aber
mit Entzcken gab er sich ihr hin als dem Wahrzeichen seiner Wandlung,
dem Beginn seines inneren Wachsens und Klrens. Nur ein Gedanke trbte
die reine Seligkeit dieses Augenblicks; er galt dem Apostel des Mitleids
und der Liebe und wurde schmerzlicher und sorgenvoller, als dieser die
Zukunft, die er trumte, als eine erreichbare zu schildern begann. --
Tusche dich nicht! htte er ihm zurufen mgen. Das Land deiner
Verheiung hat auf Erden keine Sttte. Begnge dich damit, unsre
Sehnsucht nach ihm erweckt zu haben. Schon das ist Befreiung.

Aber der Sendbote sprach ... Der Klang seiner Stimme fllte wie etwas
Krperliches den Raum, der Glutstrom seiner Beredsamkeit trieb seine
khnsten, prchtigsten Wogen, und endlich schlo er:

Zweck und Ziel unsres Bundes ist das Wohl des Volks, das Wohl eines
jeden Bewohners der polnischen Erde; schwrt Treue unserm Bunde! Da
riefen alle, da tnte es mit der Stimme _einer_ Begeisterung aus der
Brust von jung und alt, von Besonnenen und Schwrmern:

Wir schwren!

Sie fielen vor ihm nieder und kten seine Hnde, seine Knie, seine
Fe. Wir schwren dir Gehorsam bis in den Tod! berschrie einer aus
der Menge alle brigen. Der Sendbote wehrte ab:

Nicht mir Gehorsam -- der Sache schwrt, die Armen und Bedrckten zu
lieben, wie euch selbst, und das Vaterland mehr, als euch selbst.

Die Beteuerungen wiederholten sich.

So geht denn hin. Werbt im Volke, werbt Werber fr das Volk. Entsendet
keinen, der nicht auf das Kruzifix geschworen hat. Ich bringe euch die
Eidesformel und den Katechismus, sprach der Agitator, und Stille trat
whrend der Verteilung der Schriften ein.

Pltzlich wurde sie durch ein so angstvolles Gekreisch unterbrochen, da
alle zusammenfuhren. Abraham Dornenkron strzte herein,
schreckensbleich, mit aufgelsten Locken:

Rette sich, wer kann sich retten! Mein Sohnleben ist gewesen in Tarnow,
hat gesehen steigen auf die Husaren, gleich werden sie sein hier, mein
Sohnleben is geritten ihnen voraus.

Die Warnung Abrahams erweckte Hohn, Trotz, Bestrzung. Einige stammelten
ein leises Abschiedswort und eilten rasch davon. Was Waffen trug,
scharte sich um Dembowski und schickte sich zu seiner Verteidigung an.
Er aber wies seine Getreuen hinweg.

Fort! Ihr, ich, wir alle. Noch ist es nicht Zeit zum Kampfe. Ein
Hochverrter jeder, der den Kampf zu frh beginnt. Fort! Alle fort!

Die Stube leerte sich. Der letzte, der hinaustrat, war der Sendbote,
knapp vor ihm schritt Nathanael. In tiefer Stille bestiegen die
Verschworenen ihre Wagen und stoben auseinander wie Schatten. Das Pferd
des Redners wurde vorgefhrt, er schwang sich hinauf und gab ihm die
Fersen. Das Tier bumte sich, fiel schwer auf einen Vorderfu zurck und
zog den andern mit schmerzvollem Zucken in die Hhe.

Eilends sprang Rosenzweig herbei. Ihr Pferd lahmt, sagte er, auf dem
Pferde kommen Sie nicht weit.

Der Wirt nherte sich, eine Flasche tragend, in deren Hals eine
tropfende Unschlittkerze stak, hockte am Boden nieder und besttigte
jammernd den Ausspruch des Doktors. Diesen ergriff ein Verdacht, er
hielt dem Juden die geballte Faust vors Gesicht:

Wart, Kerl, wenn du das getan hast!

Abraham brach sofort in Wehklagen und Unschuldsbeteuerungen aus. Der
Emissr war vom Pferde gestiegen, stand regungslos und horchte.

Deutlich vernahm man schon das Heransprengen der Reiter auf der Strae.
Sie ritten mit dem scharf herber pfeifenden Wind. Gelblichgrau begann
der Horizont zu schimmern. Der fahle Schein der ersten Dmmerung
verbreitete sich ber die Ebene. Nathanael frstelte und glhte. Kalter
Schwei rann ihm ber die Stirn, eine eiserne Kralle schnrte ihm die
Kehle zu. _Das war Furcht_, deren Symptome er so oft an andern
beobachtet, die er an sich selbst nie erfahren hatte.

Verbergen Sie sich im Haus, sprach er zum Emissr.

Was wrde mir das ntzen, wenn der Wirt falsch ist -- und er ist es,
antwortete jener. Ich will meinen Beinen vertrauen. So viel Klugheit
wie das gehetzte Wild habe auch ich. Irgendwo findet sich ein Hohlweg,
ein Baum, ein mitleidiger Strauch, der mich verbirgt.

Er schickte sich zur Flucht an.

Da fate ihn der Doktor mit berlegener Kraft und drngte ihn zu seinem
Wagen hin.

Herunter, Joseph! befahl er, und sieh zu, wie du nach Hause kommst.
Sie aber, nehmen Sie seinen Platz ein. Rasch!

Der Widerstrebende war auf den Wagen hinaufgehoben, bevor er sich's
versah. Der Doktor warf ihm seinen im Wagen zurckgebliebenen Mantel
ber die Schultern, Joseph legte die Zgel in seine Hand und trat sofort
im Eilschritt den Heimweg an.

Du! sprach Nathanael, und Abraham beugte sich beinahe bis zur Erde
unter dem Blitz, der aus den Augen des Doktors auf ihn niederfuhr, du
sollst mich kennen lernen, wenn du den Verrter weiter spielst! Einige
Verwnschungen folgten, die ihm leicht von den Lippen flossen. Schwerer
wurde es ihm, hinzuzusetzen: Wenn du aber dein Maul hltst -- dann
kriegst du von mir fr dein Schweigen das Doppelte von dem, was deine
Angeberei dir eingetragen htte.

Er machte eine rasche Wendung den immer nherkommenden Reitern entgegen.

Hallo ho! rief er, die Hnde vor dem Munde zum Sprachrohr geformt, zu
spt! zu spt!

Ein Pikett Husaren mit einem blutjungen Kadetten an der Spitze kam
angaloppiert. Der Kadett ri sein Pferd dicht vor Nathanael zusammen:

Gottes Donner! der Herr Doktor! Was fhrt Sie her?

Beim Zeus! die Neugier, mein Grflein. Aber Sie -- warum just Sie? Ein
heier Ritt in kalter Morgenstunde, das gibt, so wahr ich Sie kenne,
eine Halsentzndung.

Gottes Donner! scherzen Sie nicht! komm ich wirklich zu spt? Ist das
Nest leer? War der Emissr wirklich da? Haben Sie ihn gesehen? fragte
der Jngling in berstrzter Hast.

Gesehen, gehrt, ihn als unschdlichen Schwrmer diagnostiziert.

Unschdlich? Dann war er's nicht.

Er war's!

Es is gewesen er! fiel Abraham gelufig ein. Der Herr Kadett knnen
noch sehn stehn hier sein Pferd, das ich hab vernagelt, damit er nicht
kann reiten davon.

Was ihn zwang, bemerkte Rosenzweig, im Wagen eines seiner Freunde
davon zu _fahren_!

Der Jngling nahm das Pferd in Augenschein, lie ihm das Eisen abreien
und befahl einem Soldaten, es am Zgel mit zu fhren.

Ich nehm es mit, als Pfand, sagte er. Und nun -- in welcher Richtung
ist er davongefahren, Doktor?

Das verrate ich Ihnen um keinen Preis.

In welcher Richtung? Die Sache ist ernst. Ich bin ein gemachter Mann,
wenn ich ihn fange. Wir haben verschrfte Order erhalten, heute
nachmittag. -- In welcher Richtung, Doktor?... Gottes Donner! sprechen
Sie!

Rosenzweig entgegnete mrrisch: Ich wei nichts. Vielleicht sind Sie
ihm selbst begegnet auf der Strae.

Niemandem bin ich begegnet auer einigen guten Bekannten ... brigens
-- er hielt inne und schlug sich vor die Stirn. Auch die sind ja
verdchtig ... Rechts um! kommandierte er seinen Leuten, und die
Husaren machten kehrt. Adieu, Doktor. Und du, Jude, merk auf! Es soll
ein Preis auf den Kopf des Emissrs gesetzt sein, heit es, ein Preis
von tausend Gulden. Dein wre er gewesen, htt ich den Kerl hier
erwischt.

Abraham zuckte zusammen, wand sich wie ein Wurm und kreischte laut. Der
Fu des Doktors stand auf dem seinen und trat ihn unbarmherzig.

Was gibt's? rief der Husar.

Er weint um die tausend Gulden, die ihm an der Nase vorbei geflogen
sind, entgegnete Rosenzweig.

Der Kadett setzte sich wieder an die Spitze seiner Mannschaft: Ich
reite zurck. Die Wagen holen wir noch ein ... Gottes Donner! die wollen
wir jetzt aufs Korn nehmen ... In Galopp, Marsch! Und das Pikett
rasselte davon.

Abraham hpfte klglich auf einem Fue und hielt den andern,
zurckgekrmmten, wie in einer Schlinge in der Hand.

Zweitausend Gulden! winselte er. Sie haben mir zerquetscht, Herr
Doktor, Sie Gibor, zwei Zehen.. Aber sie sollen gehen drein, ich verlang
kein Schmerzensgeld, wenn Sie mir auszahlen morgen meine zweitausend
Gulden, die Sie sind mir schuldig, so wahr Gott lebt!

Rosenzweig antwortete dumpf: Komm nur, Halunke. Was ich verspreche,
halte ich -- auch einem Halunken.

Er trat an den Wagen und sprach, auf den Rcksitz deutend, zu seinem
Fahrgast:

Da hinber steigen Sie, berlassen Sie mir Ihren Platz. Ich bringe Sie
in Sicherheit.

Der Sendbote stand mit einem Satze neben ihm und drckte krftig seine
Hand:

Haben Sie Dank. Sorgen Sie nicht weiter um mich; ich finde Freunde
berall.

Vergeblich suchte der Doktor ihn zurckzuhalten, er entwand sich ihm und
war bald den Augen seines Retters im verhllenden Zwielicht
entschwunden.


*V.*

Rosenzweig kutschierte nach Hause, im kurzen Trab, im Schritt -- wie es
den Falben beliebte. Er hatte keine Eile. Wre der Weg noch einmal so
lang gewesen, er wrde ihm nicht zu lang geworden sein. Dem, der ber
ein Wunder nachdenkt, vergeht die Zeit geschwind.

Gelogen, betrogen, einen Schurken bestochen -- hatte er das wirklich
getan, er, der redliche Rosenzweig? Um eines Menschen willen getan, den
er noch vor kurzem fr einen Feind der Gesellschaft, fr seinen eigenen
Feind gehalten?

Die widersprechendsten Empfindungen lieferten sich eine Schlacht in
Nathanaels sonst so gleichmtiger Seele. Nur die schlimmste von allen,
die Reue, war nicht unter ihnen.

Am Nachmittag kam Abraham, sein Geld zu holen. Ja, der Spitzbube nannte
es sein, das schne, zum Ankauf eines neuen Feldes bestimmte Geld.
Finster gab der Doktor es hin.

Dann begab er sich auf das Kreisamt.

Er hatte die Absicht, seinem Chef die Ereignisse in der Schenke genau zu
berichten, fand ihn jedoch so beschftigt und in so ungewhnlicher
Aufregung, da er es vorzog, zu schweigen. Auch in den folgenden Tagen
ging es nicht besser.

Auf dem Amte herrschte in dieser Zeit eine bestndige Unruhe, eine
auerordentliche Ttigkeit. Der Kreishauptmann bewahrte mit Mhe den
Schein seines heitern Selbstvertrauens. Die Zuversicht war erzwungen,
mit der er beteuerte, alle Fden des Netzes in seiner Hand zu halten, an
dem Tyssowski in Krakau, Skarzynski im Bochnier, Julian Goslar im
Sandezer, Wolanski im Jasloer und Mazurkiewicz im Sanoker Kreise
knpften. Die Untreue seines besten Freundes, der offen zur
Revolutionspartei bergetreten war, machte einen tiefen Eindruck auf
ihn. Er und der Doktor tauschten allmhlich die Rollen. Der ngstliche
wurde der Sorglose und der Sorglose der ngstliche.

Eines Morgens berbrachte Joseph seinem Herrn einen Brief, der durch
einen Boten im Hause abgegeben worden war. Er enthielt zwei
Eintausendguldennoten in ein Blatt gefaltet, auf dem die Worte
geschrieben standen:

Meine Schuld bleibt ewig ungetilgt.

Nathanael barg das Blatt an seiner Brust und legte die Noten vor sich
hin auf den Tisch.

Joseph, rief er.

Was befiehlst du?

Sieh diese zwei Bilder gut an. Weit du, was sie vorstellen?

Viel Geld, mein ich.

Geld! Geld! nun ja -- aber noch etwas andres.

Was denn, Herr?

Den Lohn deiner jahrelangen Arbeit ... Nein, nicht ihren Lohn -- ihren
redlich verdienten Ertrag.

Joseph sah den Gebieter fragend an.

_Dahin_ sieh, auf die Bilder, nicht auf mich, rief dieser. Sie
stellen noch ein drittes vor.

Was denn, Herr? wiederholte Joseph.

Was denn? Soll ich Lubienka rufen? Die wte es gleich, da es nichts
andres sein kann als -- dein Heiratsgut.

Da rief Joseph mit einem Schrei der Wonne:

Mein Wohltter, mein Herr, du Gtigster! und wollte sich vor ihm
niederwerfen.

Steh! befahl Nathanael, legte beide Hnde auf seine Schultern und
blickte ernst in sein Angesicht, das sich zu ihm emporwandte wie zu
einem Gott.

Du hast eine harte Jugend gehabt, mein Joseph.

Ich? -- Was sagst du, Herr? -- Warst du nicht immer wie ein Vater gegen
mich?

Nein, nein, mein Junge, wirklich nicht. Aber du bist gegen mich immer
wie ein Sohn gewesen, antwortete der Doktor und setzte die fr Joseph
unverstndlichen Worte hinzu: Gb es viele deinesgleichen, dann wre
der himmlische Sendbote -- kein Tor.

Von nun an hatte Joseph glckliche Tage, und noch viel glcklicher wren
sie gewesen, wenn die groe Vernderung, die mit seinem Herrn
vorgegangen war, ihn nicht bekmmert htte. Sie fiel jedem auf und
erregte das Befremden aller Freunde des Doktors. Er, der emsige Sparer,
wurde oft von gromtigen Regungen ergriffen. Er, fr den der Bettler
und der Dieb bisher in eine Kategorie gehrt hatten, begann zwischen
ihnen einen groen Unterschied zu entdecken. Er, auf den bisher die
Reichen und der Reichtum eine starke Anziehungskraft ausgebt, betrat
nur noch gerufen die Schlsser, ungerufen aber die Htten der Armen. Die
Unruhe, die ihn umhergejagt hatte, war verschwunden. Mit stillem,
hartnckigem Eifer ging er seinem Beruf nach. Als die Revolution
ausbrach und ihre ersten blutigen Opfer forderte, verstand er es, immer
da zu sein, wo man seiner am meisten bedurfte. Nie, auch nicht in den
schlimmsten Tagen, verlie ihn die kaltbltige Zuversicht: von der
Revolution ist nichts zu frchten.

Andrer Ansicht war der Kreishauptmann.

Alle Mutigen wandten sich schon der berzeugung zu, der Aufstand msse
in kurzem beendet sein, als er noch davon sprach, die Provinz sei
verloren, wenn nicht in hchster Eile eine Armee einrcke, die
tausendkpfige Hyder der verwstenden Insurrektion zu bekmpfen. Er
meinte, Rosenzweig habe den Verstand verloren, als er eines Tages
erwiderte:

Die Insurrektion ist keine tausendkpfige Hyder, sondern ein hilfloses
Kind. Mit Blumen in den Hnden kommt es heran, mit einem Herzen voll
Liebe, und mit Worten der Erlsung auf den Lippen. So kommt es zu uns.
Aber wir sind Wlfe, Bren, Tiger, aber wir sind reiende Bestien. Wir
verstehen die Sprache dieses Kindes nicht. Es predigt Erbarmen,
Gerechtigkeit und Gte, und wir wollen von alledem nichts wissen, wir
wollen mit niemand Erbarmen haben, als mit uns selbst, wir wollen
bleiben, was wir sind, behalten, was wir haben, womglich noch andern
etwas wegnehmen, um uns zu bereichern. Und so wird es immer sein, und
ein Narr, der daran zweifelt! Und wir, reiende Tiere, wir werden das
Kind zerfleischen und fressen, und uns zufrieden schlafen legen nach
dieser Heldentat.

Phantasterei! Das ist ja pure Phantasterei! rief der Beamte voll
Bestrzung aus. Was ist mit Ihnen vorgegangen! Welcher Teufel hat Ihre
gesunden Sinne verwirrt?

Wissen Sie, nahm er nach kurzem Schweigen wieder das Wort, da mir
berichtet wurde, Sie htten einer Zusammenkunft beigewohnt, in der der
gefhrlichste Kommunistenfhrer eine seiner berchtigten Ansprachen
hielt? Wissen Sie, da schlechte Sptter behaupten, seine Beredsamkeit
habe Sie zum Schwrmer gemacht?

Nathanael lie sich durch diese Anklage nicht auer Fassung bringen.

Ein Schwrmer wre ich, entgegnete er, wenn ich an die Verwirklichung
der Utopien glaubte, fr die dieser 'Kommunistenfhrer', wie Sie ihn
nennen, lebt, und fr die er sterben wird. Nun, nicht einmal unter dem
Einflu seiner Nhe, beim Wohllaut seines Wortes, unter den Blitzen
seines Auges ist es mir auch nur durch den Sinn geflogen: Wer wei?
vielleicht doch!... Vielleicht vermag ein Beispiel, wie das deine, uns
Selbstlosigkeit zu lehren und allgemeine Erfllung der einfachsten
Pflichten. O nein, nein! dazu kenne ich uns Menschen zu gut. Aber
gedacht habe ich mir: du wirst zu Boden geworfen, zertreten, ein Narr
geheien und -- vergessen werden. Kaum gibt es in zehn Jahren noch
einen unter allen, die du liebtest, der deinen Namen nennt. Trotzdem ist
der mchtige Frst, den die Neugier oder der Wunsch, sich populr zu
machen, in deine Versammlung trieb, ein Bettler gegen dich. Reich bleibt
ewig nur der Schenkende, und die Gre des Mannes mit sich nach der
seiner Idee und der Opfer, die er ihr bringt. Die deine hat das Ma
berschritten, das sich in unsrer kleinen Welt verwirklichen lt. Ihre
Gre macht sie zum Irrtum, und dich zum Irrenden. So dachte ich; und
ich, der Arzt, der eingefleischte Hasser und Verfolger alles
Krankhaften, berspannten, Wahnbefangenen, ich tat ein Gebet fr ihn zu
meinem Gott:

La ihn sterben, umringt von allen Gebilden seiner Torheit, la ihn
ungeheilt sterben, o Herr!

       *       *       *       *       *

Dieses Gebet schien bald im vollkommensten Mae erhrt.

Die Erhebung war am Widerstand der Landbevlkerung gescheitert; das
Korps, das die Insurgenten aufgebracht hatten, war durch dreihundert
Mann kaiserlicher Truppen und eine zehnfache Anzahl Bauern, die sich
ihnen anschlossen, unter Benedeks energischer Fhrung, bei Gdow
geschlagen worden.

Von der erlittenen Niederlage erhielt die Revolutionsregierung in Krakau
entstellte Kunde.

Die Freiheitshelden waren, so lautete sie, nicht durch regulre Truppen,
sondern durch fanatisierte Bauernhorden berwltigt worden, die, bis
Wieliczka vorgedrungen, sich jetzt im Anmarsche auf die Stadt befanden.

Ein Schrei der Rache erhob sich und -- verstummte vor der Beredsamkeit
eines Mannes, der Schonung des verblendeten und irregefhrten Volkes
forderte und verlangte, ihm als Bekehrer entgegengesendet zu werden.

Dieser Mann war Eduard Dembowski, und sein Wille geschah.

Vertrauend auf die Gewalt seines Wortes verlie er Krakau, von Priestern
im reichen Ornate, von Fahnen und Kreuze tragenden Mnchen begleitet.
Eine groe Menschenmasse folgte; dreiig Scharfschtzen deckten den Zug.
Er berschritt die Weichselbrcke und bewegte sich durch die Vorstadt
Podgorze auf der Strae nach Wieliczka.

Sie lag still und de; so weit das Auge reichte, keine Spur von
herannahenden Bauernrotten. Von Podgorze aus kam jedoch eine
Schreckenskunde, der Nachhut durch eilende Boten zugetragen; sie
durchfiel den Zug wie ein Blitz:

sterreichische Truppen marschieren gegen Podgorze.

Ein rascher Befehl seines Fhrers, und der Zug trat den Rckweg an in
der Hoffnung, die Stadt vor den Kaiserlichen erreichen und die Brcke
noch gewinnen zu knnen.

Auf den Anhhen rechts von Podgorze angelangt, konnte der Sendbote schon
den Sturm auf die Stadt und das siegreiche Vordringen der Truppen
berblicken.

Die Kaserne war genommen, die Kirche besetzt; die polnischen Schtzen,
aus den Husern vertrieben, jagten in ungeordneter Flucht der Brcke zu.

Grimm und Schmerz erfllten bei diesem Anblick die Seele des Emissrs.

Vorwrts! Mit Gott vorwrts, wir schlagen uns durch, wir erreichen noch
die Brcke. Mut! rief er den zgernden Priestern zu. Ihr habt nichts
zu frchten. Die man zum Sturme zwingt, folgen widerwillig. Es sind
Galizier, sie schieen nicht auf ihre Landsleute, schieen nicht auf
geweihte Priester!

Er befahl, ein geistliches Lied anzustimmen, und in majesttischer
Ordnung, langsam und feierlich, kam die Prozession die Anhhe herab. Der
Emissr schritt voran im Bauernkleide, sein heller Kaftan schimmerte in
der anbrechenden Dmmerung; in der Hand hielt er ein kleines schwarzes
Kreuz.

Ungehindert gelangte der Zug durch den noch unbesetzten Stadtteil bis
zur Kirche. Hierher aber war schon eine Kompanie vorgedrungen, die den
Weg zur Brcke versperrte.

Der Emissr machte halt.

Seht eure Brder! sprach er die Soldaten an und deutete auf die
Scharen, die ihm folgten. Auch ihr seid Polen. Keinen Kampf, Brder --
gebt Raum!

Schweigen antwortete ihm. Noch einmal begann er die Soldaten zu
beschwren -- da ertnte das Kommando:

Fllt das Bajonett!

Mit einem Blick der Verzweiflung sah Dembowski sich um.

Die Geistlichen und Mnche waren zurckgewichen. Seine Getreuen jedoch
und die Schtzen drngten sich um ihn.

Kein Ausweg ... Schiet -- und vorwrts! rief er pltzlich mit wilder
Entschlossenheit und drang auf die Soldaten ein.

Zwei Dechargen erwiderten den unerwarteten Angriff.

Nach der ersten sah man Dembowski noch aufrecht stehen, das Kreuz hoch
ber seinem Haupte schwingend. Nach der zweiten sank er, in den Kopf
getroffen.

Rosenzweig erfuhr den Tod des Sendboten durch den Kreishauptmann, der
seinen Bericht mit den Worten schlo: So mute ein Wahnsinniger enden.

Die Prophezeiung Nathanaels traf ein; der idealste Vertreter der
Revolution erfuhr den einstimmigen Tadel und Hohn aller Parteien; sein
Andenken erlosch auch bald im Volke.

Seine Leiche war unter denen der in Podgorze Gefallenen nicht
aufgefunden worden, und eine Zeit lang erhielt sich das Gercht, er sei
nicht tot, er lebe versteckt als Bauer und werde beim Ausbruch neuer
Freiheitskmpfe auf ihrem Schauplatz erscheinen.

Als jedoch die Strme des Jahres 1848 aufstiegen und verbrausten, ohne
ihn aus seiner vermeintlichen Verborgenheit gelockt zu haben, erlosch
auch in denen, die sie am lngsten genhrt hatten, die Hoffnung auf
seine Wiederkehr.

       *       *       *       *       *

Es war zu Ende der fnfziger Jahre, an einem milden Septemberabend, in
einem Dorfe unweit der schlesischen Grenze. Vor der Schenke hielt eine
gedeckte Britschka, der ein paar tchtige Braune vorgespannt waren.
Behaglich, ohne Eile, wie es guten Fressern geziemt, lieen sie sich den
Inhalt einer vor ihnen aufgestellten Futterkrippe schmecken. Der
Kutscher, ein ltlicher Mann, so wohlgenhrt wie seine Pferde, hatte
sich auf die Bank vor dem Hause gesetzt, dampfte aus einer kurzen Pfeife
und machte sich ein Vergngen daraus, die Fragen der hbschen Wirtsmagd
mit einer schelmischen Zurckhaltung zu beantworten, die darauf
abzielte, ihre durch die Ankunft vllig fremder Gste ohnehin erregte
Neugier noch zu spannen.

Ihr fahrt wohl recht weit ber Land? fragte sie.

Weiter, als du denken kannst, erwiderte er.

Vielleicht gar ins Ungarn hinein?

Pah! Das wre ja nur ein Katzensprung!

Das Mdchen stemmte den Arm in die Seite und lachte:

Die mcht ich sehen, die Katz, die so springen knnt!

Bei uns zu Haus gibt's ihrer genug. Komm du nur hin, dann wirst sie
sehen.

Ei, so was!... Aber wo ist denn Euer zu Haus?

Wo? Er deutete mit der Hand nach drei verschiedenen Richtungen: Da --
und da, und dort.

Geh weg, du spaest.

Frag meinen Herrn, wenn du mir nicht glaubst.

Ja, just, spottete sie, fragen -- so einen Herrn!

Frcht'st dich? -- er zwinkerte sie verschmitzt an. Hast es schon
weg, da er ein Hexenmeister ist?

Sie schlug rasch und verstohlen ein Kreuz:

So? Das htt ich ihm nicht angesehen.

Ja, ein gar groer Hexenmeister. Macht die Kranken gesund, macht die
Toten lebendig.

Die Toten? ... Das Mdchen schauerte.

Die Halbtoten also. Zu so einem sind wir g'rad auf dem Weg.

Da kommt ihr ja zu spt, wenn ihr noch lang zu fahren habt.

Wir kommen nie zu spt. Der Herr sagt nur: Wart! -- und der Tod
wartet.

So? Hat dein Herr auch eine Frau?

Eine Frau hat er nicht, aber mehr als hundert Kinder.

Was du sagst? und wieder lachte sie hellaut auf.

Der Gegenstand dieses Gesprches war ein Greis von krftiger Gestalt. Er
trug eine Reisekappe und einen langen, auf der Brust leicht verschnrten
Rock. Den untern Teil des markigen, dunkelfarbigen Gesichtes bedeckte
der Bart, der, wei und dicht wie die Haare, in zwei mchtige Strhne
geteilt, fast bis zum Grtel herabwallte. Der Alte, die Hnde auf dem
Rcken, stand am jenseitigen Ufer des Teiches, der sich auf eines
Steinwurfs Entfernung vom Wirtshaus befand und ein lang gestrecktes Oval
bildete, an dessen einem schmalen Ende knorrige, ganz schief gewachsene
Weiden ihre Zweige zu seinem trben Spiegel niedersenkten, whrend das
andre sich sanft gegen die ansteigende Dorfstrae verflachte.

Der Teich war alles in allem: Badeort fr die Jugend, Waschanstalt fr
die Hausfrauen, See fr das schwimmtchtige Geflgel, Schwemme fr die
Pferde. Am Werktagabend ging es in seiner Umgebung lebendig zu. Groe
und kleine Knaben, barfig, die Hosen bers Knie gezogen, ritten ihre
Pferde ins Wasser, bewundert und beneidet von den Kindern, die am Ufer
standen oder saen, die meisten als ziemlich lssige Hter jngerer
Geschwister. Mnner und Weiber kehrten vom Felde heim, und, von weitem
schon angekndigt durch die Tne eines schallenden Gesanges, kam eine
Mdchenschar, Rechen und Sicheln tragend, ins Dorf gezogen.

Unter den am Teiche spielenden Kindern war eines, das die besondere
Aufmerksamkeit des Fremden erregte. Ein Brschlein von etwa sechs
Jahren, mit sehr lieblichem, aber blassem Gesichtchen. Seine schlichten,
blonden Haare, im Nacken lang, ber der Stirn gerade geschnitten,
quollen reich unter dem Mtzchen hervor. Er hatte tiefliegende, blaue
Augen, eine schmale, leicht gebogene Nase und einen feinen,
ausdrucksvollen Mund. Nach der Beschaffenheit seines Kaftans und seiner
Stiefel zu schlieen, gehrte er wohlhabenden Eltern an.

In der offenen Tr eines der nchstgelegenen Huser war ein junges,
hbsches Weib mit einem Kinde auf dem Arm erschienen und rief dem Knaben
zu:

Jasiu, der Vater kommt.

Da machte das Bbchen einen Luftsprung und lief von seinen
Spielgefhrten fort, dem Angekndigten entgegen. Der blieb stehen,
beugte sich und lachte, als sein Junge im vollen Lauf an ihn anprallte.
Er rckte ihm die verschobene Mtze zurecht, nahm seine Hand und schritt
mit ihm weiter.

Es war ergtzlich, sie daher kommen zu sehen, den Bauern und das
Buerlein, das zweite in Haltung, Gang, Gestalt und Kleidung das
verkleinerte Ebenbild des ersten.

Sie nherten sich, und der Fremde bemerkte auf dem Gesicht des Bauern
die entstellenden Spuren einer schweren Verwundung. Die rechte Wange war
eingefallen und von Narben zerrissen, das rechte Auge geschlossen.

Auch ein Veteran der letzten Kmpfe, dachte der Greis und
heftete den Blick immer aufmerksamer auf den Herankommenden. Ein
mrchenhaft-wunderlicher Einfall durchzuckte ihn. Pltzlich machte er
ein paar rasche Schritte, stand dicht vor dem Bauern, starrte ihn an und
rief:

Ist es mglich?

berrascht wich jener zurck, aber nur, um schon im nchsten Augenblick
auf ihn zuzustrzen.

Sie! O Gott, Sie -- Doktor Rosenzweig! sagte er mit einer Stimme,
deren Wohllaut unvergessen in der Erinnerung des Alten gelebt hatte.
Frher als dieser gewann er seine Fassung wieder: So habe ich Sie nicht
umsonst erwartet, nicht vergeblich gehofft, da Sie auf einem Ihrer
Samariterzge den Weg durch unser Dorf nehmen wrden, um -- fgte er
mit Rcksicht auf das Publikum, das sie umgab, hinzu -- Ihren Diener
Hawryl zu besuchen.

Hawryl -- stammelte Rosenzweig, Hawryl also ... Wie geht's, Hawryl?

berzeugen Sie sich selbst. Erweisen Sie mir die Ehre, in mein Haus
einzutreten, ruhen Sie ein wenig aus unter meinem Dache.

Schweigend, noch ganz betubt, folgte der Doktor dieser Einladung und
lie sich zu dem Hause geleiten, auf dessen Schwelle die junge Frau
stehen geblieben war und sich bemhte, das krftige Kind in ihren Armen,
das dem Vater jauchzend und mit ausgestreckten Hndchen entgegenstrebte,
festzuhalten.

Mein liebes Weib, Herr Doktor, sprach Hawryl, und zu ihr gewandt:
Heie ihn willkommen, Magdusia, einen werteren Gast kann uns der Himmel
nicht schicken.

Ihr Gesicht spiegelte die Freude, die sich auf dem ihres Mannes malte,
rein und innig wider: Seien Sie schn gegrt, Herr, sagte sie und
lachte ihn mit ihren groen Augen treuherzig an.

Nathanael war wie im Traum. Erst in der Stube, allein mit Hawryl, begann
er sich von seinem Staunen zu erholen:

Sie leben! -- Mensch, Sie leben! Ist das auch wahr, da Sie leben? Aber
wenn es wahr ist, so stehen Sie doch nicht so gleichgltig da --

Gleichgltig? rief Hawryl.

So reichen Sie mir doch die Hand!

Zum zweitenmal hielt er sie in der seinen -- eine andre als damals, eine
derb gewordene Hand, deren Besitzer den Bauern nicht nur _spielte_.

Sie nahmen Platz am Tische, der mitten in der freundlichen Stube stand,
und lange dauerte es, bevor Hawryl, immer von neuem durch die
verwunderten Ausrufungen des Doktors unterbrochen, die seltsame und
doch so einfache Geschichte seiner Rettung beenden konnte.

Zunchst schrieb er sie der Kleidung zu, die er trug, als er bei der
Kirche in Podgorze verwundet wurde und fr tot liegen blieb. Er war, da
sich noch Leben in ihm fand, mit andern Landleuten und Soldaten ins
Spital nach Krakau gebracht worden. Dort hatte er das Bewutsein wieder
erlangt, bald aber auch die berzeugung, da der Arzt, der ihn
behandelte, ihn keineswegs fr einen Bauern hielt. Spter verrieten ihm
einige, wie absichtslos hingeworfene Worte des Doktors, da er von ihm
erkannt worden war.

An dem Tage, an dem man ihn fr geheilt erklrte, kam der Direktor, ein
Pole -- man hatte die Spitalsleitung noch nicht gewechselt -- in die
Rekonvaleszentenstube.

Der Agitator sah diesen Mann damals zum ersten- und letztenmal in seinem
Leben.

Du heiest Hawryl Koska, sagte er zu ihm, bist ein aus dem Knigreich
zugereister Untertan des Grafen Branski, der dich nach seiner
galizischen Herrschaft, auf ein Bauerngut, bersiedelt. So lese ich in
deinem Passe. Ist das richtig?

Und ohne die Antwort abzuwarten, reichte er ihm einen auf den Namen
Hawryl Koska lautenden, mit einer auf ihn passenden Personalbeschreibung
versehenen Pa, wandte sich an seinen Nachbar und lie den Umgetauften
stehen.

In der verworrensten Gemtsstimmung, Freund, rief Hawryl, in der ein
Mensch sich befinden kann. Ich hatte zuversichtlich erwartet, nach
meiner Genesung vor Gericht gebracht und als einer der Unruhstifter
erschossen zu werden, und hatte mich auf den Tod vorbereitet, wie ein
glubiger Christ. Und nun sollte ich leben. -- Mein erstes Gefhl war
das der Enttuschung, mein erster Gedanke ein Gedanke schon des
Hochmuts: Gott spart dich auf. Er will nicht deinen Tod, er will deinen
Dienst. Das Werk, das zu beginnen du ausersehen warst, du sollst es auch
vollenden.

Von diesem stolzen Glauben erfllt, trat ich ins Volk und wurde sein
Genosse: scheinbar ein Gleicher unter Gleichen, in meinen eigenen,
eitlen Augen -- ein verkleideter Prophet. O Freund! ein einziges Jahr
dieses Lebens, und der vermeinte Prophet war ein demtiger Mensch
geworden. Das fr erreichbar gehaltene Ziel rckte in unabsehbare
Fernen. Zu der Kirche, die ich mit einer herrlichen Kuppel krnen
wollte, war der Grundstein noch nicht gelegt, ja, der Boden fr ihn noch
nicht ausgehoben! Nicht die Arbeit des Knstlers war zu tun, sondern die
des bescheidenen Taglhners.

Das erkannte ich.

Und nun -- wre ich nicht ein elender Wortheld gewesen, wenn ich es
verschmht htte, mich an dieser Arbeit, dieser allerwichtigsten, zu
beteiligen?... So griff ich denn zu Schaufel und Spaten, nicht blo im
bildlichen Sinn. Das Kruzifix, in dessen Zeichen ich dereinst zum Kampfe
schritt -- da hngt es ber dem Bette meiner Kinder. O sehen Sie die
ausgebreiteten Arme der Liebe, die verwundete Brust, das geneigte,
edelste Haupt ... Wer darf sich vermessen, in dieses Vershners Namen
aufzurufen zu Kampf und Streit?

Er seufzte, aber sein Angesicht bewahrte den Ausdruck tiefsten, klarsten
Friedens, und mit einem heiteren Lcheln fuhr er fort:

So finden Sie den gefhrlichen Agitator wieder. Ach, wenn ich an meinen
Ausgang denke, an alles, was ich gehofft, was ich mir zugetraut habe --
und jetzt! Vergngt lege ich mich zur Ruhe und preise den Tag, an dem es
mir gelungen ist, den Jan abzuhalten, sein Weib zu prgeln, den Martin,
in die Schenke zu gehen, oder den Basil dahin zu bringen, seinen alten
Pflug in den Winkel zu werfen und mit dem neuen auf den Acker zu
fahren.

Ihr Geheimnis aber, fragte Nathanael, den Gang des Gesprches
unterbrechend, war das nie in Gefahr, verraten zu werden?

Der vorige Gutsherr hat es mit ins Grab genommen. Fr seinen Nachfolger
bin ich ein Bauer wie ein andrer.

-- Ein Bauer! Ein Bauer!... Und so wollen Sie es forttreiben bis an Ihr
Ende?

-- Bis an mein Ende, und ich glaube nicht, damit etwas Groes zu tun
und ihnen mehr zu geben, als ich von ihnen empfange. Ich bin keineswegs
immer ihr Lehrer, sie sind auch die meinen. Ihre Freuden zu teilen,
vermag ich nicht, aber in Leid und Schmerz haben wir uns oft gefunden.
Ich habe Bauern vor ihrem verhagelten Feld, ich habe Mtter an der
Leiche ihrer Kinder stehen gesehen und Ehrfurcht gefhlt. Selten ist mir
einer von ihnen verachtungswrdig erschienen, aber hundert unzhlige
Male beklagenswert.

In seinem Auge leuchtete die alte schwrmerische Glut, seine gebrunten
Wangen erbleichten vor innerer Bewegung:

Es ist ein Schatz an Geduld, Ausdauer, heldenmtiger Ergebung in einen
hheren Willen in diesem Volke, den alle Mihandlung, die es erfahren
hat, nicht zu erschpfen vermochte. Aber seines Reichtums unbewut,
streut es ihn aus und erwirbt nichts dazu. Die Einsicht fehlt und mit
ihr das Wirken der ttigen, sittlichen Krfte. Genug! Genug! das alles
wissen Sie so gut wie ich, und somit auch, da es vieles nicht geringe
zu tun gibt auf meinem geringen Posten. Ihn auszufllen, reicht mein
Knnen gerade hin. Hawryl Koska wird nicht umsonst gelebt haben. -- Der
_Sendbote_ ist gestorben, ohne einen Jnger zu hinterlassen.

Einen doch! rief Nathanael. Einen, den Sie aus den Reihen Ihrer
eifrigsten Gegner geholt haben. Einen Mann, dessen Zwecke irdischer
Natur gewesen sind, dessen Herz an verlierbaren Gtern gehangen hat und
den Sie den Wert der unverlierbaren kennen gelehrt haben. Sendbote! da
steht er vor Ihnen, Ihr Jnger in weien Haaren.

Beide waren zugleich aufgesprungen, strzten einander an die Brust und
hielten sich fest umschlungen.

FUSSNOTEN:

[1] Gromtterchen.

[2] Andersglubiger.

[3] Esel.

[4] Lieber Herr!

[5] Mein Seelchen.

[6] Ein Riese.




Der Nebenbuhler.


*I.*

Graf Edmund N. an seine Hochwrden Herrn Professor Erhard.

      Paris, den 10. Mai 1875.

  Mein verehrter Freund!

Da bin ich, aus Marseille eingetroffen, vor vierzehn Tagen, die mir
vergangen sind wie vierzehn Stunden.

Es ist unmglich, liebenswrdiger empfangen zu werden, als ich es wurde
von Freunden und Verwandten. Freilich begegnet man auch nicht alle Tage
einem Manne, der direkt von den Antipoden kommt, mit Menschenfressern zu
Mittag gespeist, am Salzsee gewohnt, den schwarzen Turban der Kopten
getragen, den Schrei auf Ceylon gehrt und bei indischen
Schlangenbndigern in die Lehre gegangen ist.

Tante Brigitte grt Dich. Sie hat sich krzlich frisch emaillieren und
perckieren lassen, und jetzt machen wir gegenseitig Staat miteinander.
Von einer Vernderung an ihr keine Spur. Sie sagt noch immer bei den
unpassenden Gelegenheiten: *Ah, je comprends a*! Sie spricht noch
immer mit derselben Schwrmerei von meiner verstorbenen Mutter: ihrem
Kinde mehr als ihrer Schwester, und bricht pltzlich ab mitten in der
tiefsten Rhrung, wischt sich die Augen, winkt mit dem Taschentuche und
seufzt: *Va, mon enfant, va te distraire.*

Lieber Freund, ich bilde mir ein, da auch sie vor Zeiten nicht
verschmht hat, kleine Zerstreuungen zu suchen in ihrem Schmerze, erst
um die Schwester, dann um den Gatten. Heil ihr! mge noch so mancher
Frhling frisch gemalte Rosen auf ihren Wangen erblhen sehen. Sie ist
die gutmtigste Egoistin, die ich kenne.

Ganz in bereinstimmung mit Dir, will sie mich jetzt verheiraten, und
gegen die junge Dame, die sie mir ausgesucht hat, ist nichts
einzuwenden. Sie stammt aus gutem Hause, von braven Eltern, ist
verteufelt hbsch, hat einen klaren, schlagfertigen Verstand, eigenes
Urteil, den Mut es auszusprechen und -- was unendlich mehr: die
Fhigkeit, auch ein gegenteiliges anzuhren und sogar gelten zu lassen.
Dabei gleichmig heiter, harmlos, unbefangen. Ich glaube, da sie noch
nie vor einem Menschen die Augen niedergeschlagen hat; und es wre
schade wahrlich, denn sie sind prachtvoll; dunkelgrau wie ein
Gewitterhimmel, und wenn es in ihnen aufblitzt bei irgend einem Anla,
da gibt's einen schnen Anblick.

Ich hoffe, du besttigst mir heute oder morgen den Empfang meiner
Sendung aus Marseille. Kurz vor dem Einlaufen in den Hafen, an Bord des
Triomphant, schrieb ich die Schluworte des letzten Kapitels meines
Reisetagebuchs. Streiche fort, was Dir sentimental vorkommt, ehe Du
abschreiben lssest. Nach zweijhrigem Herumbummeln in fremden
Weltteilen hat mich die Heimkehr ins alte Europa seltsam bewegt.
Pltzlich ist alles vor mir gestanden, was zu vergessen ich auf und
davon gegangen ...

Aber -- sei unbesorgt, es war nur eine flchtige Erinnerung. In die
Tiefen des Ozeans versenkt, in den Sand der Wste vergraben, in die
Lfte gestreut habe ich die Leidenschaft meiner Jugend.

Und jetzt will ich glcklich und ttig sein, ein Landwirt werden, ein
Familienvater, ein Brgermeister, alles, alles -- nur nicht Politiker.

Vorher indessen noch eine Zeitlang: *cum dignitate otium*. Es ist ein
gewaltiger Strom des Lebens, der hier an einem vorberbraust, und mit
gekreuzten Armen seinem Treiben zuzusehen, hat einen groen Reiz.

Jedenfalls, Lieber, Verehrter, drfte der Aufenthalt in Paris mir jetzt
gesnder sein als vor zehn Jahren, da ich, ein laubfroschfarbiger
Jngling, in dieser Stadt der Arbeit und des Genusses erschien. Damals
an Deiner Hand, mein Mentor, oder vielmehr in Deiner Hand, das reine
Postpaket, aufgegeben von meinem armen, weltentfremdeten Vater in Korin
an der Wottawa, abzugeben in Paris, Rue St. Dominique im Hotel der
Tante. Sie hatte mich reklamiert, und Ihr liefertet mich aus fr ein
Jahr, in dem es mir oblag, tanzen und fechten zu lernen und mich in der
Aussprache des Franzsischen zu vervollkommnen.

O, Ihr alten, unschuldigen Kinder!

Wir haben leicht lachen heute, aber einen zwanzig-jhrigen, in einem
Privat-Trappisten-Kloster zwischen zwei greisen Gelehrten erzogenen
Menschen nach Paris schicken, zu einer langmtigen Tante, die den
Bengel vergttert -- das war ein Wagnis, das ich nicht unternehmen
werde mit meinen Shnen.

Ei, wenn er nur welche htte! denkst Du im stillen. Nun, Freund,
vielleicht ist heute bers Jahr schon einer auf dem Wege. Sobald er sein
erstes Lustrum erreicht haben wird, kommt er zu Dir in die Lehre. Du
lssest einen kleinen Pfahlbau fr ihn im Teiche errichten, und er
stellt mit seinen Bausteinen keltische Monumente auf und getreuliche
Nachbildungen der Stufenpyramiden auf Otaheiti. Alle Kinder, die
berhaupt Bausteine besitzen, tun das unbewut, die meinen werden es mit
Bewutsein tun.

Und nun fr heute lebe wohl!

    Dein Edmund.


*II.*

Professor Erhard an den Grafen Edmund N.

      Korin, den 15. Mai 1875.

  Hochgeborener Herr Graf!

  Mein lieber Mundi!

Ballen und Kisten glcklich einpassiert. Ei, wie kstlich! Gratuliere
vornehmlich zur Erwerbung des Papyrus. Da ist Arbeit fr viele Jahre in
Aussicht gestellt. Mge Dein gehorsamster Diener sie zu Ende fhren
knnen. Dazu jedoch mchte die Zeit nicht langen, und wenn sein guter,
gndiger Gott ihn auch das Alter Methusalems erzielen liee.

Da Dein edler Vater noch lebte, sich der altgyptischen Statuette zu
erfreuen, und der trefflichen Produkte textiler Kunst aus dem einstigen
Reiche der Sikhs! Lieber Mundi, mein teurer Graf, Du hast im grten wie
im kleinsten bei der Auswahl der von Dir nach Hause geschickten,
vielfach unschtzbaren Gegenstnde Dich in einem hohen Grade umsichtig
und weise erwiesen. So bist und warst Du von jeher, und ich wrde mich
sehr besinnen, Deiner Behauptung zuzustimmen, da Dein hochseliger Vater
und meine Wenigkeit sich in ein Wagnis eingelassen, als wir dich vor
zehn Jahren fr reif erklrten zu einem Aufenthalt im modernen Babel.
Wir wuten, was wir taten, und durften es -- wie Figura zeigt -- wohl
tun.

Dein Reisetagebuch wird bestens abgeschrieben werden; doch darf ich
leider nicht zur Indrucklegung raten, ein Vorschlag, mit dem ich Dich zu
berraschen gedachte; es fehlt gar zu oft der ntige Zusammenhang. Die
sentimental-feurige Apostrophe an die sdliche Kste Frankreichs ist
eine Zierde des Manuskriptes, und ich mte lgen, wenn ich behauptete,
da sie mich, wenn auch nur gelinde, erschreckt hat. Was Du so
schwungvoll die Leidenschaft Deiner Jugend nennst (ein hbscher Ausdruck
und mir durchaus neu) drfte derzeit wohl zur Gnze erloschen sein und
Dein guter Verstand eingesehen haben, da auf Erwiderung niemals zu
hoffen, ja, da eine solche niemals zu wnschen war. Eine vermhlte,
eine edle, heilig-zarte Frau, und zugleich die Deines besten Freundes,
der Dich liebt, wie wenn Du der Sohn wrest, den er, leider vergeblich,
ersehnt -- das mte ein andrer als mein Mundi sein, der sich da mit
unerlaubten Gedanken trge oder getragen htte; denn wenn sich ja
dereinst etwas hnliches in seiner schnen Seele begeben hat, liegt es
derselben heute ferner als uns die Sintflut.

Glck und Segen und des Himmels auserlesenste Gunst ber Dich! Ich bitte
um Mitteilung des werten Namens derjenigen, die, Gott gebe es! bald den
teuren Deinen tragen wird. Wolle mich, wenn Du das Haus ihrer
hochschtzbaren Eltern besuchst, dort allerseits des Angelegentlichsten
empfehlen.

In treuer Wertschtzung, Liebe, Ergebenheit

    Dein alter Lehrer P. Erhard.

*PS.* In Deiner Wirtschaft herrscht beste Ordnung, in Deinem Schlosse
beginnt sie schon das Szepter zu schwingen. Auf Schritt und Tritt
begegnet dem Wissenden Genu, dem Schler Belehrung. Der Boden der Halle
mit Ausgrabungen bedeckt, darf ohne Ruhmredigkeit verglichen werden mit
einem klassischen Trmmerfeld. Aus bereits eingetretenem Mangel an Raum
waren wir gentigt, die holdig-schnen von ungemeinem antiquarischen
Reiz umflossenen Mumien in Deinem Schlafgemache unterzubringen.


*III.*

Graf Edmund N. an Professor Erhard.

      Paris, den 22. Mai 1875.

  Lieber Professor, bester Freund!

Allzubreit darf das Altertum sich in meinem Hause doch nicht machen, wer
wei, ob wir nicht, in erwartbarer Zeit, darin Platz brauchen fr eine
junge Frau. Die Mumien lasse, wenn's nicht anders geht, in den Keller
schaffen. Es gehrt zu meinen Marotten, da ich lieber in meinem Bette
schlafe als im Sarge einer Pharaonentochter.

Um die Erlaubnis, das Elternhaus Madeleines -- so heit nmlich die
halb und halb Erwhlte -- besuchen zu drfen, habe ich noch nicht
gebeten, mich noch nicht entschlossen zu dem entscheidenden Schritt.
Keineswegs aus Angst vor einem Korbe. Madeleine hat fr mich *de
l'amiti* -- nicht zu bersetzen mit unserm deutschen Freundschaft;
es heit weniger und mehr und jedenfalls etwas ganz andres. Die Mutter
ist mir wohlgesinnt, und geradezu geliebt werde ich vom Vater. Der wrde
Dir gefallen, den wrdest Du zu erwerben suchen -- fr unsre Sammlung.
Denke Dir das schnste Exemplar einer Rasse, die wir fr ausgestorben
hielten, einen *chasseur du roi*, wie ihn die Bretagne um 1794 nicht
charakteristischer aufgestellt: Untersetzt, breitnackig, breitgestirnt,
mit funkelnden Falkenaugen, kurzer Nase, runden Nstern, Mund und Kinn
wie, ziemlich grob, aus Stein gemeielt. Ich wette, er schwrt noch bei
der heiligen Jungfrau von Auray und trgt unter dem Hemde mehr Amulette
als Ludwig *XI.* In seinen Augen ist jedes Migeschick, von dem
Frankreich seit dem Zusammentreten der Nationalversammlung betroffen
wurde, eine Shne fr die Zertrmmerung des Knigtums. Mit dem letzten
Kriege lie Gott die schwerste Geiel ber das abtrnnige Reich des
Heiligen Ludwig niedersausen. Die Deutschen sind ihm nur Werkzeuge der
Rache des Allgerechten, und als solche drfte er sie eigentlich nicht
hassen, aber er hat sie doch und ingrimmig. Mich, als den Sohn eines
Tschche und einer Franzsin, hlt er fr einen geborenen Widersacher
seiner Feinde und zieht in meiner Gegenwart mit besonderem Schwung gegen
sie los.

Da habe ich denn schon oft bemerkt, wie peinlich solche Ausbrche des
Zornes gegen uns -- welch ein Schnitzer! ich sage _uns_, ich Tschche,
-- auf Madeleine wirken.

Sie schweigt zwar, aber sie kmpft entschieden mit innerster Emprung;
wechselt die Farbe, und gestern sah ich, wie ihre schnen Hnde, die
einen so ausgesprochen festen und braven Charakter haben, krampfhaft
zitterten auf ihrem Schoe.

Vielleicht ahnt sie etwas von meiner wahren Gesinnung, dachte ich, und
frchtet, ich knnte mich durch die Ausflle ihres Vaters verletzt
fhlen. In der Absicht, sie darber zu beruhigen, sagte ich ihr, da ich
Kosmopolit bin aus ganzem Herzen. Ich wiederholte, was ich so oft von
Dir gehrt, und was sich mir berzeugend eingeprgt hat: da unsre
Nation nur unsre erweiterte Familie ist, und da der rechte und gute
Mensch seine Familie nicht auf Kosten andrer liebt, lobt und frdert.
Indessen vermge ich doch, mich in die Empfindungen eines, in seinem
Stolze gekrnkten Patrioten hineinzudenken, und sie, trotz ihrer
Verschiedenheit von den meinen, zu ehren.

Sie hrte mich aufmerksam an und nickte zustimmend, freilich auch etwas
spttisch, und lchelte, wie sie pflegt, wenn ich ihr gegenber einmal
einen warmen, vertrauensvollen Ton anschlage ... Es ist eine ungute Art
zu lcheln, die mich aus der Fassung bringt, mich immer unvorbereitet
findet und peinlich berrascht.

Das war anders dereinst! Elsbeth konnte mich nie berraschen; sie konnte
mich nur stets von neuem in der hohen Meinung, die ich von ihr hatte,
bestrken. Bei zahlreichen Gelegenheiten fragte ich mich: was wrde
jetzt das Prototyp dieser Frau tun? dachte mir das Schnste und
Schwerste aus -- und das war dann, was sie tat, so natrlich und
einfach, wie wenn es das Selbstverstndliche wre.

Ja, diese Frau! Ich habe dem Geschick fr vieles zu danken, fr nichts
aber so hei, als da ich drei Jahre in ihrer Nhe leben und mit ihr
verkehren durfte, fast wie ein Hausgenosse. Ohne sie wre ich
untergegangen, war auf dem besten Wege ... Sehr unrecht hast Du, es zu
bezweifeln! Erinnere Dich, wie ich Euch heimkehrte, nach jenem ersten
lehrreichen Aufenthalt in Paris. Ich sehe noch den Ausdruck des
Schreckens im Angesicht meines armen, damals schon todkranken Vaters bei
unserm ersten Tischgesprche, da ich meine neuerworbenen Ansichten vom
Leben auskramte, mit meinen Erfahrungen prahlte und mich erhaben dnkte
ber Euch, wie ein aus dem Kriege kommender Soldat ber ein paar alte
Ofenhocker.

Und spter -- das Eis war gebrochen, es hatte schon begonnen zu tauen in
meiner erwachenden Seele ... weit Du noch? -- lag ich auf den Knien vor
dem Sterbenden, und er segnete mich und sprach leise mit seinem
allgtigen Lcheln: Verliebe Dich, mein Sohn.

Wahrlich, ein vterlicher Rat ist nie treuer befolgt worden. Ich habe
geliebt, wie man nicht mehr liebt im neunzehnten Jahrhundert, und wie
vielleicht auch in den vorigen Jahrhunderten nur wenig Frauen geliebt
worden sind.

Die Frau Deines vterlichen Freundes, sagst Du vorwurfsvoll. -- Aber
dieses Bewutsein verschrfte nur die Qual und nderte nichts an der
Empfindung.

Niemand vermag mir den Glauben zu nehmen, da sie fr mich, und da ich
fr sie geboren war, da wir Eins gewesen sein muten in einem frheren
Leben und nun zueinander strebten mit derselben Urgewalt, wie die Fluten
des durch Klippen getrennten Bergstroms, der zu Tale strzt.

Und dennoch, so zuversichtlich ich hoffte, da jede sehnschtige
Empfindung meiner Seele einen Widerhall in der ihren fnde, so fest war
meine berzeugung, da Elsbeth lieber sterben wrde und lieber mich
sterben liee, als ein Unrecht tun. Ich aber hatte Augenblicke -- Dir,
alter Mensch, darf ich's sagen, unsre Schuljungen wrden mich verhhnen
-- in denen alle meine Wnsche schwiegen vor dem einen, ihrer wrdig,
ihr Freund, ihr geistiger Genosse zu bleiben. Die ich wie eine Gttin
verehrte, sollte nicht niedersteigen, um in meinen Armen eine Erdenfrau
zu werden. Aber diese Augenblicke wurden immer seltener, die
Selbstbeherrschung wurde mir immer schwerer, um so mehr, als Elsbeth ihr
Benehmen nderte, ihre Unbefangenheit zu verlieren, jedes Alleinsein mit
mir ngstlich zu vermeiden schien -- --

Unwandelbar derselbe blieb nur Er, der Lustspielgatte, der arglose,
alberne -- anbetungswrdige. Er hielt mich mit Gewalt fest, wenn ich
fort wollte, er plagte mich, um mir mein kroatisches Gut zu erhalten,
das ihm das seine so schn arrondiert htte, und das schon zu Zeiten
meines Vaters losgeschlagen werden sollte, weil wir Geld brauchten fr
die arg zurckgegangene Wirtschaft in Korin.

Aber er weigerte sich zu kaufen. Im Anfang zgernd, dann immer
entschiedener. -- Es ist halt schwer, es ist halt schwer. Mir wrde der
Krempel passen. Du gehst mathematisch darauf zu Grund. Kennst Dich ja
bei uns gar nicht aus.

So kaufe! kaufe! zahle, was du recht findest.

Was ich recht fnde, kann ich nicht zahlen, und weniger mag ich nicht
zahlen; ich mache keinen Handel mit einem Menschen, der wie Du in
Geschften ein Mondkalb ist. Das darf nicht sein. Was meinst, Elsbeth?

Sie lachte. Es gibt nichts, das lieblicher wre als ihr Lachen. Um so
lachen zu knnen, mu man eine groartige und milde Seele haben. Gar
wenige Frauen lachen schn. Was soll ich nur antworten, ohne entweder
unhflich oder gewissenlos zu sein? fragte sie, und er schmunzelte und
begann seinen graublonden Knebelbart um den Zeigefinger zu wickeln: Ja,
wenn ich Kinder htte, Gott wei, welcher Schandtat ich fhig wre, --
aber so!

Und spter hie es dann: Weil ich keine Kinder habe und mathematisch
keine bekommen werde, will ich Deine lang vernachlssigten Interessen
vertreten, Du Junge Du, wie wenn es die meiner Kinder wren.

Nein, einen solchen Mann betrgt man nicht: Das darf nicht sein, wie
er sagt.

Aber so schwer als mglich hat er mir's gemacht, ein ehrlicher Kerl zu
bleiben. Ich _mute_ am Ende heraus mit einem halben Gestndnis. Da
murmelte er etwas von Unsinn und wurde ein wenig rot. Du weit nicht
mehr, was Du erfinden sollst, damit man Dich nur fortlt, sagte er und
-- lie mich ziehen.

Kommst halt wieder, wenn Du mathematisch sicher bist: ich darf mit gutem
Gewissen!

Und ich darf! Ich werde mit meiner jungen Frau den ersten Winter in
meinem, durch den frsorgenden Freund bewohnbar gemachten Hause in der
Nhe von Fiume verleben, gut nachbarlich mit Elsbeth und mit meinem
lieben alten Hans.

Seit drei Tagen schreibe ich an diesem Brief. Nun soll er endlich
abgeschickt werden. Wir reisen morgen auf das Land.

Die Tante hat ihre Einladungen gemacht; unter den ersten Aufgeforderten
waren die Eltern Madeleines samt Tochter.

Die letztere und ich hatten eben vom Ende der Saison gesprochen, vom
nahen Scheiden, als die Tante herantrat mit der Kunde, da uns ein
baldiges Wiedersehen bevorstehe.

Da bereitete mir Madeleine wieder eine berraschung -- ein heller
Freudenglanz berflog ihr Gesicht, leuchtete aus ihren Augen.

Dieses pltzliche Aufflammen war wirklich eigentmlich. Ich glaube, sie
hat mehr *amiti* fr mich, als sich einbildete

    Dein treuer Schler.

Wenn die Eifersucht der Mumien es erlaubt, so schreibe mir doch einmal
wieder und adressiere: *Les Ormeaux, Dpartement Meurthe et Moselle,
prs Cirey les fosses*. Wie nahe der jetzt deutschen Grenze!


*IV.*

Graf Edmund N. an Professor Erhard.

      Les Ormeaux, den 2. Juni 1875.

  Teurer Freund, lieber Professor!

Gestern hatte die Tante den Besuch einer merkwrdigen Frau.

Ich will sie Irina nennen.

Vor Jahren in Wien lernte ich sie kennen. Sie war reizend und sehr
gefeiert. Ihr Mann, ein widerwrtiger Gesell, ein Streber, hatte sie aus
Ehrgeiz geheiratet; sie galt, als Adoptivtochter eines hohen
Wrdentrgers, fr einflureich. Der Gatte lie ihr volle Freiheit.
Welchen Gebrauch sie in Petersburg davon gemacht, wei ich nicht; in
Wien bestand ihr Hauptvergngen darin, die Herzen ihrer zahlreichen
Anbeter an langsamem Feuer zu braten. Wie niemand verstand sie sich auf
die Kunst, nichts zu versprechen und -- alles hoffen zu lassen. An mir
ging sie gerade so lange gleichgltig vorbei, als sie meine
Gleichgltigkeit nicht bemerkte. Dann begann der Kampf. Meine Seele lag
in Elsbeths Banne. Ich konnte mir jederzeit ihr Bild so deutlich
heraufbeschwren, da ich sie sah wie mit krperlichen Augen, -- aber
kennst Du den Mann, der einer hbschen Frau gegenber, die sich ihm an
den Kopf wirft, den Sprden spielt? -- Ich hatte nur den Abhub der Liebe
zu vergeben, Irina begngte sich damit, sie triumphierte. Der Rausch war
kurz, aber noch vor der vlligen Ernchterung trennten uns die
Verhltnisse.

Zwei ihrer Briefe beantwortete ich, den dritten und vierten nicht mehr.

Und jetzt sehe ich sie wieder; etwas gealtert, aber noch immer
verlockend, und, wie ich hre, noch immer sehr umworben. Eine
gefhrliche Frau; besonders fr junge Leute, die die Kinderschuhe eben
ausgetreten haben, oder fr die alten, die eben im Begriffe sind, wieder
hinein zu schlpfen.

Bei Tische schenkte sie mir keine Aufmerksamkeit; als ich aber
nachmittags in den Garten ging, um im Freien meine Zigarre zu rauchen
(aus dem Hause der Tante ist der Tabak verbannt), kam sie mir nach, eine
Zigarette dampfend. Wir wandelten eine Weile am Ufer des Teiches
nebeneinander und fhrten ein unbedeutendes Gesprch. Pltzlich blieb
sie stehen, sah mich fest an und sagte in ihrer nachlssigen und sanften
Weise: Unter anderm, warum haben Sie meine letzten Briefe nicht
beantwortet?

Ich war auf diese Frage gefat und erwiderte ohne Zgern: Weil ich
wute, da Sie mir einst danken wrden fr diese weise Zurckhaltung.

Wirklich? Mir ist das nicht ausgemacht.

Mir hingegen mit einer Gewiheit, so gro, da sie auslangt fr uns
beide.

Wir setzten unsre Wanderung wieder fort; die Luft war drckend schwl,
hinter den Hgeln an der deutschen Grenze stiegen schwere Gewitterwolken
auf.

Irina zog mit einem tiefen Atemzuge den Rauch ihrer Zigarette ein und
lie ihn, langsam genieend, wieder herausqualmen zwischen den leicht
geffneten Lippen. -- Wenn ich nicht irre, trug ich Ihnen an, mich
scheiden und mich mit Ihnen trauen zu lassen in irgendeinem
siebenbrgischen Gretna Green.

Etwas dergleichen ... Denken Sie, wenn ich selbstschtig genug gewesen
wre, Sie beim Wort zu nehmen?

Nun?

Sie htten auf alles verzichten mssen: Ihre Stellung in der Welt,
Ihren Einflu, die Liebe der Ihren, Ihr abwechslungsreiches Leben ...

Und die Folge dieser Entbehrungen?

Da Sie sich unglcklich gefhlt htten.

Was weiter? Wer sagt Ihnen, da Durst nach Glck mich veranlat hat,
Ihnen den Vorschlag zu machen, der so wenig Anwert bei Ihnen fand? Es
war Durst nach dem Gegenteil, nach Leid, nach Schmerz, mit einem Worte
-- nach Liebe.

Ich mu sie sehr zweifelnd angesehen haben, denn sie beeilte sich, zu
bekrftigen -- Liebe, ja, ja. Schade, da ich sie nur zu empfinden und
nicht einzuflen verstand. Wir wren miteinander durchgegangen, und Sie
htten mich unglcklich gemacht, und das wre wundervoll gewesen --
unglcklich durch einen Menschen, den man liebt. Die Hand, die mich
schlgt, ich ksse sie. Qule, mihandle mich, so viel es Dich freut,
mit meiner Liebe wirst Du doch nicht fertig, diesen Reichtum erschpfst
Du nicht ... Und den in sich zu fhlen, den gttlichen Lebensquell ...
was ist all das kleine Glck, das sich uns im Leben bietet, gegen ein
solches Unglck?

Sie verlangsamte ein wenig ihren noch sehr jugendlichen und hbschen
Gang; ihre ganze Art und Weise blieb ruhig, ja gleichgltig, und dieser
Gegensatz zwischen ihren Worten und ihrem Benehmen hatte einen
eigentmlichen Reiz.

Wir nahmen Platz auf einer Gartenbank; der Himmel verfinsterte sich mehr
und mehr, es herrschte ein malerisches Halbdunkel unter den Bumen, das
uerst vorteilhaft war fr Irinas farblosen, durchsichtigen Teint. Ihr
feines Gesicht mit den groen grauen Augen, die zarte Gestalt im
duftigen Spitzenkleide gewannen in der schmeichelnden Beleuchtung etwas
Poetisches, Elfenhaftes.

Das Glck, sagte ich, mit dem Sie sich in Ermangelung des erwnschten
Gegenteils begngen muten, hat doch auch sein Gutes, es hat Sie jung
erhalten und schn.

Und leichtsinnig, setzte sie hinzu, in nur allzu berzeugtem Tone.
Wir Frauen haben einmal im Leben nichts als die Liebe, und wenn wir mit
der unsern nicht an den Rechten gekommen sind, dann heit es eben --
trste Dich, wie du kannst!... Man sucht, man findet ... das
wohlbekannte Surrogat: Zerstreuung -- ohne Liebe ... Sie aber -- der
wehmtige Ausdruck, den ihre Zge angenommen hatten, verwandelte sich in
einen bermtig schalkhaften -- Sie werden Liebe haben -- ohne
Zerstreuung.

Ich verstand sie nicht gleich und brachte ein albernes Wieso? vor,
dessen ich mich zur Stunde noch schme.

Der Donner grollte, einige Regentropfen fielen, sie achtete ihrer nicht,
schalt mich einen Geheimniskrmer, den sie jedoch durchschaue, und
gratulierte mir zu meiner bevorstehenden Heirat. Als echter Deutscher
(ihr bin ich ein Deutscher) htte ich klug und praktisch gewhlt. -- Das
Erbfrulein ist hbsch, wohlerzogen, hat einen vortrefflichen Charakter.
Kann man mehr verlangen? fragte sie. Sie treffen es gut -- beinahe so
gut wie -- Ihre Braut. Und somit gebe ich Ihnen meinen Segen.

Sie erhob sich rasch und streifte meine Stirn mit flchtigem Kusse. Ich
wollte sie an mich ziehen, doch entwand sie sich mir und sprach: O nein
... Aus, aus!... Ob die Liebe gar nicht kommt, ob zur unrechten Zeit,
ist eins und dasselbe ... wir sind geschiedene Leute. -- Wenn unsre Wege
sich nicht mehr kreuzen sollten, Sie nur noch von mir hren, und nicht
immer das Beste, dann gesellen Sie sich nicht zu denen, die einen Stein
auf mich werfen. Sie haben kein Recht dazu, schlo sie sanft.

Ich war ergriffen und gerhrt. Es ist nicht heiter, wenn jemand, mit dem
wir glaubten, lngst abgerechnet zu haben, vor uns hintritt und uns
beweist, da wir tief in seiner Schuld stehen.

Etwas dergleichen sagte ich auch, ohne damit einen besonderen Eindruck
zu machen.

Die schwarzen Wolken am Himmel platzten und sandten einen Gu nieder wie
aus hunderttausend Traufen. Irina, leicht aufatmend, bot dem strmenden
Regen ihr unbedecktes Haupt und schlug ohne die geringste Eile den
Heimweg ein.

Zur Albernheit verurteilt an diesem Nachmittag, wute ich nichts andres
zu sagen als: Ihr schnes Kleid wird ganz verdorben.

Durch Ihre Schuld! erwiderte sie mit scherzender Anklage. Warum
mahnten Sie nicht frher zum Aufbruch ... Jetzt haben Sie auch mein
Kleid auf dem Gewissen.

Triefend kamen wir nach Hause. Irina ging, sich umkleiden zu lassen, und
betrat eine halbe Stunde spter im Reiseanzug den Salon. Die Tante
beschwor sie zu bleiben, wenigstens morgen noch, vergeblich, sie lie
sich nicht erbitten.

Wir begleiteten sie zur Bahn, im offenen Wagen. Das Gewitter hatte sich
vllig verzogen, der Sommerabend war mild und hell, ein krftiger
Erdgeruch wallte aus den feuchten Feldern und Wiesen zu uns herauf. Ich
sa Irina gegenber; sie lchelte mir zu und machte sich lustig ber die
Melancholie, in die mich, wie sie behauptete, ihre Abreise versetzte.

Auf der Station warteten einige Bauern, der Zug war schon signalisiert;
Irinas Leute hatten kaum Zeit, die Bagage aufzugeben und Billetts zu
lsen, da brauste er heran.

Aus dem Fenster eines Coups erster Klasse beugte sich ein junger Mensch
weit heraus, ein langer, hbscher, blasser Bursche, mit keimendem
Schnurr- und Backenbrtchen. Als er Irina erblickte, stieg eine dunkle
Rte ihm in die Wangen, die aufrichtigste Seligkeit funkelte aus seinen
unverwandt auf sie gerichteten Augen. Hastig winkte er den Schaffner
herbei.

Ach, mein Neffe Wladimir, welcher Zufall! sagte Irina mit frmlich
herausfordernder Unbefangenheit und nahm Abschied. Ich fhrte sie zum
Waggon, dessen Tr bereits offen stand. Der Jngling hatte das
Handgepck, das der Kammerdiener hineinreichte, in Empfang genommen,
stand da und hielt selbstvergessen die Reisetasche Irinas mit
leidenschaftlicher Innigkeit an seine Brust gepret. Ich half der
schnen Frau einsteigen. Der Duft frischer Blumen strmte uns aus dem
Wagen entgegen; in den Netzen hingen, auf den Sitzen lagen die schnsten
Teerosenstrue. -- Ich hrte Irina noch sagen: *Quelle folie!* Dann
flog die Tr zu, die Lokomotive pfiff und pustete, die Rder setzten
sich in Bewegung, ein letzter Gru, ein Taschentuch, das man flattern
sieht an einem Fenster und -- alles vorber.

Die Tante und ich fuhren nach Hause. Sie war auerordentlich aufgerumt.
Durch alle ihre Kosmetikes hindurch schimmerte der Glanz stiller
Heiterkeit. In einem alten Renner, vor dessen Augen ein andres Pferd
durchgeht, mgen sich hnliche Erinnerungen regen, wie die ihren waren
in diesem Augenblicke.

Ganz gegen ihre Gewohnheit, denn sie gehrt zu den harmlosesten
Geschpfen, die ich kenne, bemerkte sie nach einer kleinen Pause,
whrend der wir uns unsren Betrachtungen berlassen hatten:

Frher waren es Cousins, jetzt sind es Neffen. Ich wei nicht, ob das
ein Fortschritt oder ein Rckschritt ist.

*Mais*, setzte sie seufzend hinzu, und ihre Stirn wrde sich in
nachdenkliche Falten gelegt haben, wenn die *Crme de Lys  la Ninon*
eine solche Hautgymnastik erlaubt htte -- *mais je comprends a!*

    Dein Edmund.


*V.*

Graf Edmund N. an Professor Erhard.

      Les Ormeaux, den 25. Juni 1875.

  Lieber verehrter Freund!

Bereite Dich auf eine berraschung vor. Unsre Plne sind umgestoen. Ich
schrieb Dir gestern in verdrielicher Laune. Dank der Nachlssigkeit
meines Dieners blieb der Brief liegen. Heute zerreie ich ihn, schreibe
einen neuen und hoffe, wenn diese Zeilen in Deine Hnde kommen, bin ich
ganz vershnt mit meinem Lose und habe eingesehen, da alles Segen
war.

Was sich begeben hat, ist folgendes:

Neulich am Abend waren wir alle auf dem Balkon. Eine Dame aus der
Nachbarschaft, die sich fr eine Naturfreundin hlt, hatte uns dahin
beordert, um den Aufgang des Mondes zu bewundern. Sie quittierte die Oh
und Ah, die ausgestoen wurden, und machte die Honneurs des schnen
Schauspiels, als ob sie es erfunden htte. Es verdro sie, da Madeleine
sich schweigend verhielt. -- Die jetzige Jugend lobt nichts, meinte
sie, nicht einmal den lieben Gott in seinen Werken. Ein Anblick wie
dieser lt Euch khl. Nicht wahr, liebe Kleine?

Die Kleine, von der die dicke Naturschwrmerin um einen halben Kopf
berragt wird, sah zu ihr nieder und erwiderte rasch und lebhaft: Sie
tun mir unrecht, niemand schtzt den Mond mehr als ich, diesen
liebenswrdigen Alten, dessen Glanz schon lngst erloschen ist, der sich
aber in Ermangelung eigenen Lichtes zum Spiegel fremden Lichtes macht
und uns so hold die Nacht erhellt. Ich will mir sogar ein Beispiel an
ihm nehmen und bei fremdem Glcke borgen, was man so braucht, um den
Schein der Heiterkeit zu haben und zu verbreiten.

Welche Resignation! rief ich aus.

Eine sehr bedingte, wohl gemerkt, erwiderte sie. Mit dem Scheine
begngt ein braves Herz sich erst, wenn das Wesen ihm unerreichbar
bleibt ... Ja, wenn die Wahl frei stnde ... sie hielt inne. Es war
wieder das Aufblitzen in ihrem Gesichte, das Leuchten der Augen, das
bermtig schalkhafte Lcheln. --

Pltzlich warf sie einen Blick voll Entschlossenheit auf eine junge Frau
hinber, die ich lngst im Verdachte hatte, die Vertraute aller ihrer
Mdchengeheimnisse zu sein, und fuhr fort: Zum Beispiel Sie, meine
Damen, wenn Sie sich statt dieses Anblicks, den Arm ausstreckend,
deutete sie nach dem Horizont, den eines _Sonnen_aufganges gnnen
wollten, was so leicht geschehen kann, und -- ich wette, noch nicht
geschehen ist.

Einige widersprachen, ein kurzer Streit entspann sich. Am Ende beschlo
die ganze Gesellschaft einstimmig, morgen mit dem frhesten auszureiten
und von einem Hgel aus, der zu Pferde in zwanzig Minuten zu erreichen
war, das Erscheinen des Tagesgestirns zu erwarten.

Seien Sie pnktlich, empfahl mir Madeleine, ehe wir uns trennten, und
ich versprach's und hielt Wort. Ich war der erste beim Stelldichein im
weitlufigen, kiesbestreuten Hofe, in dessen Mitte eine Fontne
pltscherte. Ihr einfrmiges Gerusch wurde allmhlich eine Art Stimme
und gurgelte: Mach Dich gefat! Mach Dich gefat! Es kam sogar zu
einem Vers:

    Als Junggeselle reit ich aus,
    Als Brutigam kehr ich nach Haus.

Nicht sehr schn, aber was kann man von einer Fontne verlangen?

Die Pferde wurden vorgefhrt, streckten die Hlse, senkten die Kpfe;
alle schienen unzufrieden, gegen jede Gewohnheit so frh aus dem Stall
zu mssen.

Und nun erschien Madeleine unter dem Portal. Im dunkeln, enganliegenden
Reitkleid nahm ihr ganzes Wesen sich so gar jung und unfertig aus ... Da
hie es: nicht vergleichen! nicht denken an Elsbeths wundervolle
Frauengestalt.

Madeleine, die Reitpeitsche unter dem Arme, knpfte mit der bloen
Rechten den Handschuh der Linken zu. Sie hatte mich gesehen, aber ohne
zu gren hastig den Kopf gesenkt, runzelte ein wenig die breiten Brauen
(die hat sie vom Vater), prete die Lippen aufeinander ...

Ich sage Dir alles, demnach auch die Vermutungen, die mir da in den Sinn
kamen: Ah, Mademoiselle, ich zgere Ihnen wohl zu lange? Sie haben
wahrscheinlich geflunkert mit ihrer Eroberung, und nun fragen die
Freundinnen: Was ist das? will der Besiegte sich noch immer nicht
ergeben?... Die Entscheidung mu endlich herbeigefhrt werden. So oder
so! In der Khlwanne lt sich unsereines nicht halten ... Wohlan, ich
will Ihnen den Sieg nicht schwer machen, sagte ich zu mir, trat an sie
heran, und wir wnschten einander einen guten Morgen und waren gleich
einig, da wir auf die brige Gesellschaft nicht warten wollten.

Welches Pferd befehlen Mademoiselle? fragte der Stallmeister.

Gleichviel, das erste beste, gab sie zur Antwort mit kaum
unterdrckter Ungeduld und sa im nchsten Augenblick schon im Sattel
auf einem tchtigen Braunen, und auch ich whlte nicht lange -- was mich
spter reute --, sondern bestieg, weil er am nchsten bei der Hand war,
einen hochbeinigen, langohrigen Gaul, auf dem nicht einmal der Apollo
von Belvedere sich gut htte ausnehmen knnen.

Wir ritten im Schritt aus dem Hofe, dann im kurzen Trabe durch den Park
und sprengten drauen in einen munteren Jagdgalopp ein. Madeleine, des
Weges kundig, fhrte. Es ging immer schneller vorwrts, eine gute Weile
ber das Weideland, zwischen flachen grnen Hgeln dem Licht entgegen,
das im Osten emporlohte.

Wohin denn? fragte ich endlich. Wo ist das Ziel?

Sie erwiderte: Lngst berholt, hielt ihr Pferd an, lauschte und
sphte in die Ferne, und ich rief:

Bravo! Wissen Sie, wo wir sind? Da steht der Grenzpfahl -- auf
deutschem Boden -- in der Hhle des Lwen.

Jawohl, und da schickt er einen Abgesandten.

Von der flammenden Morgenrte am Himmel hob sich der Schattenri eines
Reiters, der, wie aus dem Boden gewachsen, vor uns auftauchte. Es war
ein deutscher Offizier, ein schner Mensch, sehr sonnverbrannt, sehr
hbsch gewachsen, vortrefflich beritten. Er legte die Hand an die Mtze,
und ich dumme gute Haut dankte ihm noch und bemerkte nicht gleich, da
der Held nur Augen hatte fr Madeleine, die er voll Ehrfurcht und
frommer Anbetung begrte.

O Lieber! und sie senkte den Blick vor dem seinen; und ich habe mich
geirrt -- sie kann das doch auch.

Madeleine, sagte er, und seine Stimme war tief und wohlklingend und
htte mir in jedem andern Augenblick einen angenehmen Eindruck gemacht.

Arnold, sagte sie. Das D tnte so zrtlich nach, so liebevoll:
Arnolde. Sie reichten einander die Hnde.

Ich danke Ihnen, da Sie gekommen sind.

Ihre ablehnende Gebrde drckte deutlich aus: Dafr keinen Dank! --
Morgen also? fragte sie nach einer langen Pause ernster, schweigender
Seligkeit.

Morgen. Vergessen Sie mich nicht, Sie wissen, wovon ich lebe.

Und ich? -- Als neulich Ihr Brief nicht kam am bestimmten Tage und auch
am nchsten nicht -- ich wre fast gestorben.

Wie voreilig! sprach er und wurde rot vor Bestrzung und Wonne und
drckte ihre Hand fester, liebe Madeleine ...

Mein edler, mein treuer Freund.

Treu, ja, aber das ist mein Schicksal, nicht mein Verdienst.

Ich lobe Sie auch nicht, ich sage nur, Sie sind es.

Wie Sie.

Das heit: bis ans Ende.

Bis ans Ende.

Gott behte Sie, Arnold.

Sie wollen mich schon verlassen?

Ich will nicht -- ich mu.

Madeleine!

Noch einmal, noch tausendmal: Gott behte Sie! Ich bete zu ihm fr Ihr
Glck.

-- Dann beten Sie fr sich.

Das war, glaube ich, ihr ganzes Gesprch. Mglich, da ich einiges
berhrte. Mein Untier von einem Rotschimmel hatte einen Anfall von
Heimweh bekommen und kehrte ganz entschlossen um; ich wandte ihn und er
wieder sich; wir waren einer hartkpfiger als der andre und fhrten,
indem wir uns kaffeemhlenartig auf dem Fleck herumdrehten, ein
sonderbares *accompagnement* auf zu der Liebesszene, die sich zehn
Schritte von uns abspielte.

Nachdem der Offizier (der mich gewi fr irgendeine untergeordnete
Vertrauensperson gehalten hat) sich empfohlen, ritten wir in
entgegengesetzter Richtung dem Aussichtshgel zu und erblickten, an
dessen Fu angelangt, die vom Schlosse her trabende Kavalkade.

Frulein, sagte ich mit verachtungswrdiger Plumpheit zu Madeleine,
wissen Ihre Eltern?...

Das versteht sich, fiel sie mir ins Wort und hatte ein gar rhrendes
Lcheln, sie wissen es, aber sie glauben es nicht.

Was nicht?

Da meine Neigung alles berdauert, ihren Widerstand, die immerwhrende
Trennung. Sie meinen, endlich wird diese Liebe doch erlschen. Nur Zeit
lassen, nur Geduld haben. Ein andrer wird kommen und das Bild des
Abwesenden aus ihrem Herzen verdrngen. Da stellen sie von Zeit zu Zeit
Proben an ...

Und Bewerber auf, rief ich ungemein beleidigt.

Sie aber erzhlte in wenig Worten, das Schlo ihrer Eltern sei im
Kriegsjahre zu einem Spitale gemacht worden. Mit andren Verwundeten
wurde 'Er' gebracht, sterbend, der Arzt gab ihn auf. -- Meine Mutter
aber, sagte Madeleine, pflegte ihn gesund. Ich bin ihr kaum mehr Dank
schuldig fr mein Leben, als er ihr fr das seine. Das verpflichtet, Sie
begreifen. Wir werden meine Eltern nie betrgen ... Er hat mir einmal
die Hand gekt, in Gegenwart meines Vaters ... Er ist einmal aus seiner
Heimat nach Falaise gekommen, zwei Nchte und einen Tag gereist, um mich
zu sehen, an der Seite meiner Mutter, um auf der Strae an mir
vorberzugehen und stumm zu gren. -- Ich war krank gewesen, er hatte
durch meine Freundin davon gehrt ...

Sublim! spttelte ich. Es mu ihre Eltern rhren, sie werden endlich
nachgeben.

Sie werden nie nachgeben und wir auch nicht.

In einem solchen Kampfe siegen die berlebenden. Nach dem gewhnlichen
Lauf der Dinge also -- die Jngeren.

Wir waren nicht mehr allein, die Reiter hatten uns eingeholt.

Madeleine sprach mit gesenkter Stimme: Gott erhalte mir meine Eltern!

Oben auf dem Hgel war es herrlich. Ein feuriger Glutball, stieg sie
empor, die Lichtspenderin, die Urheberin alles Lebens ... Lieber Freund,
die Schilderung des Sonnenaufganges wirst Du mir wohl erlassen.

    Dein Edmund.


*VI.*

Graf Edmund N. an Professor Erhard.

      Les Ormeaux, den 5. Juli 1875.

  Bester Freund!

Glaubst Du, da es heutzutage einen Romancier gibt, khn genug, um
seinem Publikum ein Liebespaar wie Madeleine und Arnold vorzufhren?
-- Er mte sich darauf gefat machen, ein lcherlicher Idealist genannt
zu werden, der faden Brei rhrt fr literarische Kinderstuben und
Menschen schildert, die es nie und nirgends gibt.

Und doch wre der Mann ein so treuer Darsteller der Wirklichkeit, wie
nur irgendein orthodoxer Naturalist. -- Allerdings wrde diese
Wirklichkeit niemanden mehr interessieren.

Ich bin veraltet, mich interessiert sie. Madeleine und ich haben ein
Freundschaftsbndnis geschlossen.

Konnte ich Ihnen, sagte sie, einen greren Beweis von Vertrauen
geben, als den, Sie zum Zeugen meiner Zusammenkunft mit Arnold zu
machen? Auf Gnade und Ungnade habe ich Ihnen mein Geheimnis
ausgeliefert.

Was ich vor drei Tagen miterlebte, war ein Abschied. Das Regiment
Arnolds, das im Elsa stand, hat Marschbefehl bekommen und kehrt zurck
nach Bayern. Die Trennung der Liebenden wird dadurch rumlich erweitert,
tatschlich bleibt sie dieselbe. Sie sehen einander nicht, sie stehen
nur in freilich sehr eifrigem, schriftlichem Verkehr. Als Briefbote
fungiert die Freundin -- wie mir scheint, nicht ohne Wissen der Eltern.
Die denken wohl: Schwrmt Euch aus, in _solcher_ Art ist's ungefhrlich;
man wird ihrer md.

Meine Meinung aber ist, da diese beiden tun werden, wie sie sagen, und
einander treu bleiben bis ans Ende. Gestern machte ich mich in denkbarst
vorsichtiger Weise zu ihrem Anwalt -- bei der Mutter; an den alten
*Chouan* wollte ich erst spter heran. Aber ich traf auf den
unbeugsamsten Widerstand; -- so einen sanften, wohlberlegten, gegen
jeden Angriff gefeiten. Welche Kraft von Fanatismus in dieser
schmchtigen, blassen Frau, deren Stimme sich nie ber den
Konversationston erhebt, deren Lippen ohne Beben dem Glck der armen
Madeleine das Todesurteil sprechen! Sie liebt ihr Kind, sie wei, da
Arnold ein braver Mensch ist, aber zugeben, da ihre Tochter die Frau
eines Deutschen werde -- o, da wrde sie _sich_ doch ebenso gern auf den
Pranger stellen und ffentlich brandmarken lassen.

Das nenn ich einen gehrigen Rassenha!... Etwas Grliches wahrhaftig
und Dummes obendrein, wie denn jeder Ha, der sich gegen Menschen
wendet, statt gegen das Unrecht, das sie tun ... Weise ist nur die Liebe
-- halte mir den khnen bergang zugute, ich bin mir des Mangels an
Folgerichtigkeit in meinem Gedankengange sehr bewut ... Weise ist
Irina, die dafr, da sie nicht geliebt wurde, wie sie es erstrebt,
Trost findet, indem sie sich lieben lt. Weise ist Madeleine, die im
Vollgefhl ihrer groartigen Empfindung eine hhere Befriedigung geniet
als mancher, dessen Leben eine Kette erfolggekrnter Liebesabenteuer
war.

Unweise ist Elsbeth, unweise bin ich mit meiner Selbstberwindung, die
so viel Verlogenheit in sich birgt.

Jede echte Liebe, sogar eine hoffnungslose, ist herrlich, erbrmlich und
tricht, aber der Kleinmut, der verzichtet.

Wir Frauen haben nur die Liebe, sagt Irina. So hat denn Elsbeth --
nichts.

Arme Elsbeth!

Lebe wohl und schreibe doch einmal wieder

    Deinem treuen Edmund.


*VII.*

Graf Edmund N. an Professor Erhard.

      Wien, den 12. August 1875.

  Mein verehrter Freund!

Dir schreiben, was ich vorhabe, fllt mir schwer. Es wird Dich empren,
es wird Dir weh tun. Wenn Dich dieser Brief findet, mitten in einer
fesselnden Arbeit, dann lege ihn weg und lies ihn erst am Abend, vor dem
Einschlafen. Das ist der rechte Moment. Da bist Du in der unendlich
wohlwollenden und vershnlichen Stimmung, die jeden guten Menschen
ergreift, wenn er sich, zufrieden mit seinem Tagewerk, auf das Lager
streckt und die angenehme Mdigkeit seiner Glieder, die kstlichste
Abgespanntheit seiner Nerven ihm eine vortreffliche Nacht verheien ...
Dann nimm dieses Blatt zur Hand. So sanft wie die Traumseligkeit, die
Dich umfngt, wird Dein Urteil sein; Du wirst denken: Sieh doch, seinem
Verhngnis entgeht keiner ... Ei, ei! -- Nun, Gott mit ihm. Nach
Nowidworo denn ...

Ja, nach Nowidworo, das ist das Ende vom Liede.

Ich will hintreten vor meinen alten Hans und will ihm sagen: Alles war
vergeblich, die Flucht, die Trennung, der lange Kampf. Ich komme wieder
als derselbe, der ich gegangen, nur da ich erprobt habe, da meine
Liebe unberwindlich ist. Habe ich nicht getan, was ich konnte? Habe ich
nicht sogar heiraten wollen? Danke ich's nicht ganz allein der
Seelengre Madeleines, da der lgenhafte Bund nicht geschlossen wurde?

Mache mit mir, was Du willst, wirf mich hinaus, schie mich tot, ich
verlange nur Eins: bevor Du es tust, frage Deine Frau, ob ihr damit ein
Gefallen geschieht ... Man mu doch auch an sie denken. -- Haben wir
einmal Phantasie, stellen wir uns vor, da ich um ein Jahr frher nach
Fiume gekommen wre, sie kennen gelernt und heimgefhrt htte ...
Verzeih, verzeih, lieber Hans! Du bist ein Engel, und ich bin nur ein
gewhnlicher Sterblicher -- aber Elsbeth wre vielleicht mit mir
glcklicher geworden als mit Dir ... Nicht wegen des geringeren
Unterschieds im Alter, -- was sind die Jahre! Im Gemte wirst Du immer
ein Jngling bleiben. Wie oft kam ich mir, mit Dir verglichen, wie ein
Greis vor.

Aber Du kennst die Frauen nicht, hast Dich nie mit ihnen befat, Du bist
mit der Deinen wie der beste Vater ... Ich, mein teurer, treuer Hans,
ich wrde wahrscheinlich trotz aller Anbetung weniger zart mit ihr
umgehen als Du, ich wrde sie mit Eifersucht qulen, aber es gbe
nichts, was mich je von dem Gedanken an sie ablenken knnte. Immer htte
ich in ihrer Gegenwart die Empfindung eines reicheren, erhhten Lebens,
immer sie in der meinen das Bewutsein, eines andern Menschen
kstlichstes Gut, sein Um und Auf, sein Schicksal zu sein.

Ich wrde sie nicht tage- und wochenlang allein lassen, und nachmittags,
wenn ich noch so mde aus der Wirtschaft nach Hause gekommen wre, wrde
ich nicht einschlafen ... und wenn ich mit ihr im Walde spazieren ginge,
wrde ich noch Sinn fr andres haben, als fr die Anzahl Raummeter, die
der Holzschlag ergeben wird, und fr den wahrscheinlichen Ertrag der
Eichelmast.

Hans, mein vterlicher Freund, werfen wir einmal alles ber Bord:
Vorurteil, die sogenannten Gesetze der Ehre, und fragen wir uns, ob Du
Dich nicht ebenso zufrieden fhlen wrdest wie jetzt, wenn Du ... nun,
das ist wirklich schwer auszusprechen ... wenn -- sagen wir, Elsbeth und
ich Deine Kinder wren, Deine dankbaren, in Dir den Schpfer ihres
Glckes verehrenden Kinder ...

Lieber Hans, was ist die Aufgabe des Menschenfreundes? Nach den
schwachen Krften, die ihm als einzelnen gegeben sind, die Summe des
auf Erden vorhandenen Leids zu vermindern, die des Glckes zu erhhen.
-- Mathematisch, um mit Dir zu sprechen: Ich besitze etwas, das mir
Freude macht = 6; doch kenne ich einen, dem dieses selbe etwas Freude
machen wrde = 100.000. -- Was tue ich, der Menschenfreund? Ich schenke
ihm den bewuten Gegenstand und erhhe damit die Summe der Weltfreude um
99.994!

hnliches, liebster Professor, habe ich einmal getan. Ich hatte ein
Bild, das jeden Kenner entzckte. Einen mir befreundeten Maler machte
der Wunsch, es zu besitzen, halb verrckt. Er sann und trumte nichts
andres; er meinte, es sein nennen zu drfen, wrde ihn beseligen und
lutern und jede in seiner Knstlerseele noch schlummernde Kraft zur
hchsten Entfaltung bringen.

Ich erwog das Glck, das ich diesem Menschen bereiten konnte, machte die
bewute Rechnung und -- schenkte ihm das Bild.

O Freund, es handelte sich um eine bemalte Leinwand, die nichts davon
wute, ob der begeisterungstrunkene Blick eines Knstlers auf ihr ruhte,
ob der meine es streifte mit flchtigem Wohlgefallen.

Sie aber lebt, und, ich glaube es wenigstens, ist mir gut. Eigentmlich,
da sich meiner, je nher der Augenblick des Wiedersehens kommt, Zweifel
bemchtigen, vielleicht begrndete?

Nein doch, nein! -- ich brauche mich nur der Nachmittage unter den
Linden auf der Terrasse zu erinnern ... Ich las vor -- Faust von
Turgenjew ... Wie sie da horchte, mit welcher Spannung, wie sie mich
ansah ... Am selben Abend entstand ein Gedicht, das natrlich verbrannt
wurde, und das ich vergessen habe, bis auf die eine Strophe:

    Zu mir erhebt mit stummem Fragen
    Dein dunkles Aug sich unbewut,
    Dieselbe tiefe Sehnsucht tragen
    Wir beide in verschwiegner Brust ...

So war es. Aber freilich, zu wem htte sie auch die Augen erheben
sollen? Mein Hans, ihr Hans, ich will sagen: unser Hans schlief oder
schlummerte wenigstens ...

In zwei Tagen werde ich viel mehr wissen als heute. Ich schreibe Dir
gleich, noch unter dem ersten Eindruck. Was steht mir bevor?

    Dein Edmund.


*VIII.*

Professor Erhard an Freiherrn Hans v. B.

      Korin, den 12. September 1875.

  Euer Hochwohlgeboren!

  Hochverehrter Herr Freiherr!

Fr die Belstigung auf das Hflichste um gndige Nachsicht bittend,
wage ich es, Euer Hochwohlgeboren um eine Kunde von meinem lieben Grafen
zu bitten. Derselbe uerte in seinem letzten Schreiben die Absicht, die
Gegend von Fiume zu besuchen, und drfte es bei dieser Gelegenheit
schwerlich verabsumt haben, Euer Hochwohlgeboren seine Aufwartung zu
machen. Auf die Annahme dieses Falles hin darf ich vermuten, da es Euer
freiherrlichen Gnaden bekannt sein drfte, wohin unser teurer Reisender
seine Schritte gelenkt, und dieser Vermutung wieder entspringt das oben
gestellte flehentliche Ersuchen.

Genehmigen Euer Hochwohlgeboren den Ausdruck der unbegrenzten
Hochverehrung, mit welcher zeichnet

    Euer Hochwohlgeboren
      untertnigster Diener
        P. Erhard.


*IX.*

Hans v. B. an Professor Erhard.

      Nowidworo, den 14. September 1875.

  Euer Hochwrden

setzen mich in Bestrzung.

Unser lieber Edmund hat uns nach zweitgigem Aufenthalte verlassen, um
geraden Weges heimzufahren nach Korin.

Sieht aus wie das Leben, ist prchtig. Er mu seinen Plan gendert
haben; ich staune, da er nichts davon schrieb.

Mit der instndigen Bitte, mir sein Eintreffen zu Hause telegraphisch
bekannt zu geben,

    Euer Hochwrden
      tief ergebener Hans B.


*X.*

Graf Edmund N. an Professor Erhard.

      Abbazia, den 20. September 1875.

  Lieber, verehrter Freund!

Ich habe noch eine kleine Seefahrt unternommen, bin aber jetzt auf dem
Heimwege; heftig regt sich in mir die Sehnsucht nach meinem Zuhause.
Eines schnen Morgens wirst Du im Frhstckszimmer erscheinen, mit einem
Schweinsledernen unter jedem Arme, und -- plumps! da liegen die
Folianten; Du hast sie fallen lassen, Du brauchst Deine beiden Hnde, um
sie vor Verwunderung ber dem Kopfe zusammenzuschlagen und dann dem
Freunde zu reichen, der Dir die seinen entgegenstreckt.

Freue Dich, Du Lieber und Getreuer! ich komme fr lange Zeit.

Wenn Jahre zwischen heute und dem Tage lgen, an dem ich Dir zum letzten
Male schrieb, eine grere Wandlung knnte mit mir nicht vorgegangen
sein; ich bin, scheint mir -- klug geworden.

Als ein ganzer Geck kam ich noch am Nachmittag des 14. August in
Karlstadt an. Ich hatte im natrlich reservierten Coup Toilette gemacht
und gefiel mir selbst in meinem Knickerbocker und meinem englischen,
helmfrmigen Hut.

Auf dem Bahnhofe wartete der Wagen aus Nowidworo, der gelbe Phaeton, den
Hans nur bei groen Gelegenheiten ausrcken lt; vorgespannt war der
Jucker-Viererzug, und auf dem Bocke prangte mein dicker, schweigsamer
Freund Djuro.

*Pomez Bog*, rief ich, und er erwiderte: *Ljubim ruka*. Sein
braunes Gesicht glnzte gleich einem blankgescheuerten Kupferkessel, und
er lachte mich so vergngt an, als ob ihm das verkrperte Trinkgeld
entgegentrte.

Wir flogen schon ein Weilchen dahin zwischen rebenbepflanzten Hgeln und
Gelnden, als er sich besann, da er etwas an mich zu bestellen habe,
und mir einen Brief in den Wagen reichte. -- Von Hans. Sein
gewhnliches Riesenformat, der Inhalt drei Zeilen im Telegrammstil:

Willkommen! hochwillkommen, Du, mein Junge, Du! Erwarten Dich mit
offenen Armen. Haben uns redlich nach Dir gesehnt.

    Elsbeth und Hans.

Beide hatten unterschrieben.

Ich zerknllte das Blatt und schleuderte es fort; denn es brannte wie
eine Kohle in meiner geschlossenen Hand. Die Sonne brannte auch, der
Himmel erstrahlte in feurigem Blau, zu eitel Fnkchen wurde der Staub,
der uns umwirbelte. Am Saume der groen Ebene dunkelten die Wlder,
erhoben sich die Spitzen der Okiker Gebirge.

Mit innigem Entzcken begrte ich sie ... Die schnsten Bilder tauchten
vor mir empor, holde Trume umfingen mich.

Mein Kutscher war pltzlich aufgestanden, schwang die Peitsche und
schnalzte krftig. Ein Leiterwagen, mit trkischem Weizen beladen,
wackelte vor uns her. Die kleinen, mageren Pferde krochen nur so; ihr
Lenker schlief, der Lnge nach ausgestreckt, auf seiner Ernte. Djuros
Peitschenknall weckte ihn, er fuhr empor, wich aus, und wir sausten
weiter.

Das Gefhl ist nicht zu beschreiben, das mich ergriff, als ich die
Schlomauern von Nowidworo durch die Bume des Gartens schimmern sah und
bald jedes Fenster am Mansardendache unterschied.

Die Luft schien mir dnner und reiner zu werden, mein Herz war so
leicht, der letzte Zweifel abgetan. Ich mute mich zusammennehmen, um
nicht laut aufzujubeln.

Beim steinernen Kreuze, wo der Weg sich abzweigt, der zwischen
Walnubumen gerade zum Schlosse fhrt, lenkte Djuro nach rechts, und
wir fuhren lngs des Gartenzauns dem schlanken, zinnengekrnten Trmchen
an der Ecke, der sogenannten Warte, zu.

Dort oben hatten Hans und Elsbeth gewi gestanden und nach mir
ausgespht, und jetzt eilen sie die Treppe hinab und zur Pforte zwischen
den Pfeilern und werden gleich heraustreten ... Wenn _sie_ zuerst kommt,
dann ist's ein gutes Zeichen.

Das _Zeichen_ stimmte wohl --

Sie kam zuerst, wei gekleidet, im reichen Schmuck ihrer dunkeln Haare,
in ihrem ganzen Liebreiz -- ein wenig bla kam sie mir vor im ersten
Augenblick.

Hinter ihr breitete sich's chamoisfarbig; ein paar Arme fochten sinnlos
in der Luft herum und bemchtigten sich meiner, als ich aus dem Wagen
sprang. Es waren die Arme meines alten Hans, und er drckte mich an
seine Brust wie ein Br. Seine Augen standen voll Trnen, alle seine
Gesichtsmuskeln zitterten.

Elserl, brachte er nach vielen vergeblichen Anstrengungen endlich
heraus, umarm ihn auch -- Du darfst, weil er da ist -- -- wenn er nicht
da wre, drftest Du nicht, sprach er in warnendem Tone und zwinkerte
mir voll Verstndnis zu.

Auch seine Frau verstand diese allerdings sehr einfache Logik. Sie
errtete, eine tiefe Verwirrung malte sich in ihren Zgen, doch gelang
es ihr bald, eine heitere Miene anzunehmen. Mit ihrer gewohnten,
sanften Sicherheit blickte sie zuerst ihn, dann mich an und bot mir die
Wange.

Ich kte sie ... das Unglaubliche geschah -- ich kte sie, und ob es
mich auch durchzuckte vom Wirbel bis zu den Fen, ob mir der Atem
vergehen wollte -- ich verlor meine Fassung nicht.

Jetzt die berraschung, sagte Hans zwischen Weinen und Lachen ... Wir
haben nmlich eine berraschung ... Du wirst Dich wundern.

Mein lieber Freund, eine flchtige Erinnerung an die Absicht, mit der
ich gekommen, an die berhmte Rechnung, kam mir in den Sinn, und mich
berlief's.

Elsbeth nahm meinen Arm, sie drckte ihn herzlich mit ihrer Hand, Hans
ging nebenher, klopfte mich von Zeit zu Zeit auf die Schulter und
murmelte: Du, mein Junge, Du! Er lobte und bewunderte alles an mir,
mein Aussehen, meinen Vollbart, meinen Anzug, und Elsbeth stimmte ihm
bei, und wenn er sich wie ein sehr erfreuter Vater benahm, so hatte sie
in ihrer Art und Weise gegen mich etwas entschieden Mtterliches.

Wir nherten uns dem schattigen Platze unter den Linden, den edlen,
herrlichen, die am Rande der Wiese vor dem Schlosse stehen.

Dort habe ich ihr das Meisterwerk des groen russischen Erzhlers
vorgelesen, diese Bume haben leise dazu gerauscht; auf der Bank unter
dem mchtigsten von ihnen hat sie gesessen, mir gegenber in sprachloser
Ergriffenheit, und mich angesehen mit jenem unvergelichen Blick ...

Auf derselben Stelle unter demselben Baum befand sich jetzt eine
stattliche Frau, in halb stdtischer, halb lndlicher Tracht, und neben
ihr stand ein Korbwgelchen mit blauseidenem Dach.

*Spovo on?* fragte Elsbeth.

*Sada isputje*, antwortete die Frau.

Das heit: Schlft er? und: Eben erwacht.

Mein dummer Kopf hatte eine pltzliche Erleuchtung. Sie war so hell --
zu hell -- -- sie schmerzte.

Elsbeth fhrte mich zu dem Wgelchen, hob die Schleier, die es
verhllten, und der Inhalt der kleinen Equipage kam zum Vorschein. Er
hatte kugelrunde, rosige Wangen und dunkle Augen, machte Fustchen,
strampelte und war -- mein Nebenbuhler.

Wie sie sich zu ihm hinabneigte, gewann ihr Gesicht einen Ausdruck
stiller, vollkommener Seligkeit, der mich sofort belehrte: Wenn je ein
Funke Neigung fr mich in ihrem Herzen erglomm -- er ist erloschen. Der
Atem dieses Kindleins hat ihn ausgeblasen.

Sein Vater warf sich in die Brust, kreuzte die Arme und betrachtete
abwechselnd seinen Sohn und mich mit, -- glaube mir, -- fast gleicher
Zrtlichkeit.

Nun, mein Junge, rief er mich an, was sagst Du? sag etwas zu Deinem
*quasi* Bruder.

Aber ich konnte nichts sagen, ich war in den Anblick Elsbeths versunken.

Wir Frauen, sagt Irina, haben nur die Liebe, nun -- Elsbeth ist
reich.

Zwei Tage hielt ich es wacker aus bei ihr und ihm und dem Kinde, am
dritten rumte ich dem Nebenbuhler das Feld.

Die Frage, ob ich nicht auch ohne ihn von dannen gegangen wre, wie ich
ging, will ich einstweilen unerrtert lassen.

Auf Wiedersehen, Freund und Mentor! Schalte und walte in meinem Hause,
wie's Dir gefllt. Auch wenn ich nur durch eine Allee von Mumien in mein
Zimmer gelangen kann -- mir ist alles recht und eines gewi: Vorlufig
interessiere ich mich fr keine Frau mehr, die nicht tot ist seit
mindestens dreitausend Jahren.

Galgenhumor, denkst Du und irrst; es ist der ehrliche, sehr harmlose,
der einem etwas verwundeten Herzen entstrmt. Aber die Wunde schliet
sich schon, bald gibt es ehrenvolle Narben.

Erwarte mich ohne Bangen, ich bin geheilt.

    Dein Edmund.




    Der Vorzugsschler.


Mutter und Sohn saen einander gegenber am Tische, der als Arbeits- und
Speisetisch diente, und dessen eine Hlfte schon fr die Abendmahlzeit
gedeckt war. Eine Petroleumlampe mit grnem Schirm beleuchtete hell die
Schulbcher, die der Knabe vor sich aufgeschichtet hatte, und die
ungemein geschont aussahen nach einer mehr als halbjhrigen Benutzung.
Es war Ende Mrz, und in wenigen Monaten mute Georg Pfanner aus der
dritten Klasse, wie aus jeder frheren Vorbereitungs- und
Gymnasialklasse, als Vorzugsschler hervorgegangen sein. Mute! Wohl und
Weh des Hauses hing davon ab, der -- wenigstens relative -- Frieden
seiner Mutter, der Schlaf ihrer Nchte ... Wenn dem Vater schien, da
sein Bub im Flei nachlasse, wurde sie zur Verantwortung gezogen. Das
wirkte viel strker auf den Jungen, als die strengste Ermahnung und
Strafe getan htte. Fr seine Mutter empfand er eine anbetende Liebe und
war das ein und alles der freudlosen, vor der Zeit gealterten Frau. Die
beiden gehrten zueinander, verstanden einander wortlos, sie hatten,
ohne es sich selbst zu gestehen, ein Schutz- und Trutzbndnis gegen
einen Dritten geschlossen, dem sie im stillen immer Unrecht gaben, auch
wenn er recht hatte, weil sie sich im Grund ihrer Seele in steter
Emprung gegen ihn befanden. Frau Agnes wrde erstaunt und
wahrscheinlich entrstet gewesen sein, wenn man ihr gesagt htte, da
ihre Empfindung fr ihren Mann lngst nichts mehr war als eine Mischung
von Furcht und von Mitleid. Georg wrde eher die ganze Schule zum Kampf
herausgefordert, als geduldet haben, da ein unehrerbietiges Wort ber
seinen Vater gesprochen werde. Aber weder der Mutter noch dem Sohne
wurde es wohl in seiner Nhe. Seine Anwesenheit bedrckte, lschte jede
heitere Regung im ersten Aufflackern aus. Und doch war der einzige
Lebenszweck dieses Mannes die Sorge um das Wohl seines Kindes in
Gegenwart und Zukunft.

Frau Agnes lie ihre Arbeit in den Scho sinken und blickte nach der
Schwarzwlderuhr, die an der Wand neben dem Kleiderschrank ihr
blechernes Pendel schwang. So spt schon, und der Mann kam noch immer
nicht aus dem Bureau. Sie lasteten ihm dort so unbarmherzig viel Arbeit
auf, und er besorgte sie widerspruchslos und nahm noch Arbeit mit nach
Hause, um die Vorgesetzten nur gewi zufrieden zu stellen und beim
nchsten Avancement bercksichtigt zu werden.

Ja, der Mann plagte sich, und es war sehr begreiflich, da er bermdet
und mrrisch heimkehrte. Und der Junge, der liebe, geliebte Junge,
plagte sich auch. Heute ganz besonders. Dunkelrot brannten seine Wangen,
und sogar die Kopfhaut war gertet, und die Stirn zog sich kraus. In
Hemdrmeln sa er da, die Ellbogen auf den Tisch gesttzt, prete das
Kinn auf seine geballten Hnde und starrte ratlos zu seinem Hefte
nieder. Dreimal schon hatte er die Rechenaufgabe gemacht und jedesmal
ein andres Resultat erhalten, und keines, das sah er wohl, konnte das
richtige sein.

Die Mutter wagte nicht, ihn anzusprechen, um ihn nicht zu stren, warf
nur verstohlen von Zeit zu Zeit einen bekmmerten Blick auf ihn und
vertiefte sich wieder in ihre Arbeit und flickte emsig am schadhaften
Futter der Jacke, die er ausgezogen hatte.

Nun wurde nebenan ein Gerusch vernehmbar. Im Schlo der Kchentr
drehte sich der Schlssel.

Der Vater kommt, sprach Frau Agnes. Bist fertig, Schorschi?

Mit der Rechnung noch lang nicht. Sein Mund verzog sich, und unter
seinen blonden Wimpern quollen pltzlich Trnen hervor.

Um Gottes willen, Schorschi, nicht weinen, du weit ja -- der Vater ...

Da trat er ein, und sie stand auf und ging ihm entgegen, und er
erwiderte ihr schchternes Willkomm mit einem ungewohnt freundlichen:

Na, gr euch Gott.

       *       *       *       *       *

Offizial Pfanner war um ein weniges kleiner als seine Frau und ungemein
drr. Die Kleider schlotterten ihm am Leibe. Seine dichten, eisengrauen
Haare standen auf dem Scheitel brstenartig in die Hhe, seine noch
schwarz gebliebenen Brauen bildeten zwei breite, fast gerade Striche
ber den dunkeln, sehr klugen Augen. Den Mund beschattete ein
mchtiger, ebenfalls noch schwarzer Schnurrbart, den Pfanner sorgfltig
pflegte, und der dem Beamten der Kaiserlich Kniglich sterreichischen
Staatsbahn etwas Militrisches gab.

Pfanner hatte einen groen Pack Schriften mitgebracht und war doch nicht
unwirsch. Er lie sich von seiner Frau den berrock ausziehen und sagte
sanft und ruhig: Bring das Essen und lsch die Lampe in der Kche aus.
Die brennt, ich wei nicht zu was. -- Lern weiter! befahl er dem Sohn,
der sich nach ihm gewendet hatte und ihn scheu und ngstlich ansah.

Es ist so schwer, murmelte Georg.

Der Vater stand jetzt hinter seinem Stuhle: Schwer, fauler Bub? Deine
Faulheit berwinden, das wird dir schwer, sonst nichts. Einem Kind, das
Talent hat, wird nichts schwer. Faul bist.

Ich hab alles fertig, sprach Georg mit einem trockenen Schluchzen und
drngte die Trnen zurck, die ihm wieder in die Augen treten wollten,
nur die Rechnung nicht ... da kippte seine Stimme um, der Satz endete
mit einem schrillen Jammerton, und zugleich beugte der Kopf des Jungen
sich tiefer. Seinem Bekenntnis mute die Strafe folgen, er erwartete die
unausbleibliche mit dumpfer Resignation, den wohlbekannten Schlag der
kleinen, harten Hand, die wie ein Hammer niederfiel und das Ohr und die
Wange Georgs auf Tage hinaus grn und blau marmorierte.

Aber heute zrnte der Vater nicht. Nach einer kleinen Weile streckte
sich sein Arm ber die Schulter des Knaben, der Zeigefinger bezeichnete
eine Stelle in der Rechnung, deren sorgfltig geschriebene Zahlen eine
Seite des Heftes bedeckten.

Da sitzt der Fehler. Siehst du?

War's mglich, da Georg ihn noch immer nicht sah? da er sich keinen
Rat wute, auch dann nicht, als der Vater zu erklren begann. Er tat das
auf eine so vllig andre Art als der Lehrer. Dem Kind wollte und wollte
das richtige Verstndnis nicht aufgehen, trotz aller Anstrengung und
Mhe. Dazu die Furcht: Jetzt reit dem Vater die Geduld, jetzt kommt der
Schlag. Zuletzt dachte er nur noch an den und wnschte, die Zchtigung
wre vollzogen, damit er sich nicht mehr vor ihr ngstigen brauche.

Gib acht, du gibst nicht acht! rief Pfanner und begab sich auf seinen
Platz am oberen Ende des Tisches, wo fr ihn gedeckt war. Die Mutter
hatte das Abendessen aufgetragen. Kartoffeln in der Schale, ein schnes
Stck Butter, ein Laib Brot, eine Schssel mit kaltem Fleische. Die
stellte sie zagend vor ihren Mann hin, und seine Mibilligung blieb
nicht aus.

Fleisch am Abend -- was heit das? Keine neue Einfhrung, bitt ich mir
aus.

Sie entschuldigte sich. Sie log. Die Nachbarin htte so schnes Fleisch
vom Land bekommen und ihr dieses schon eingekaufte um ein Billiges
abgetreten: Es ist auch noch fr morgen da, setzte sie hinzu, um einer
wiederholten Rge vorzubeugen, die viel schrfer ausgefallen wre. Sie
htte aber auch die schrfste ber sich ergehen lassen. Es galt einen
Kampf, in dem sie, die sonst willensschwache Frau, um keinen Preis
nachgeben durfte.

Das Abendessen war lngst vorbei, die Mutter lngst zur Ruhe gegangen,
Vater und Sohn saen noch bei ihrer Arbeit. Pfanner befate sich mit dem
Aufstellen einer statistischen Tabelle, Georg kam mit seiner Rechnung
nicht zu Ende. Die Aufmerksamkeit weder des einen noch des andern war
vllig bei seiner Beschftigung. Jeder von ihnen hatte heute ein Glck
erfahren, und die Erinnerung daran stellte sich immer und immer wieder
zerstreuend und ablenkend ein.

Pfanner war dem Herrn Subdirektor begegnet, und der hatte ihn
angesprochen und ihn der Wohlmeinung des Herrn Direktors und seiner
eigenen versichert. Der Herr Direktor warte nur auf die erste
Gelegenheit, dem unermdlichen Flei und Diensteifer des Offizianten die
gebhrende Anerkennung zuteil werden zu lassen.

Fr auergewhnliche Leistungen auergewhnliche Auszeichnungen.
Verlassen Sie sich darauf. Mit diesen Worten hatte der hohe Vorgesetzte
ihn verlassen, und Pfanner war weiter gewandert, von einem berauschenden
Glcksgefhl ergriffen. Worauf durfte er sich Hoffnung machen? Auf
Befrderung auer der Tour? Auf eine groe Remuneration? Die wre ihm
vielleicht das liebste. Georgs Sparkassenbuch wrde dadurch eine
unverhoffte Bereicherung erfahren. An jedem letzten Tag des Monats nahm
er es aus der Lade und lie die wenigen, mhselig vom Gehalt ersparten
Gulden eintragen, um nur ja nicht unntigerweise einen Heller Zinsen
einzuben.

Der Sparkassenbeamte lachte schon: Was bringen's denn heut, Herr
Offizial, einen halben Gulden, einen ganzen?

Pfanners Hochmut litt unter diesen Sptteleien. Und jetzt stellte er
sich vor, wie ihm sein wrde, wenn er einen Hunderter oder gar zwei
hinlegen knnte und nachlssig sagen:

Bitte, tragen Sie heute das ein, ins Buch von meinem Buben.

Sein Georg an der Spitze eines, wenn auch kleinen Vermgens -- er liebte
ihn mehr, wenn er daran dachte.

Der zuknftige Kapitalist hielt die Feder in der Hand und sann. Nicht
ber seine Rechnungsaufgabe. Seine Gedanken trugen ihn weit weg aus der
kahlen, drftig eingerichteten Stube ins Freie, wo jetzt schon neues
Leben sich zu regen begann und ein Frhling sich ankndigte, von dem er
wieder nichts haben sollte. Dem Frhling wrde der Sommer folgen, die
Schule geschlossen werden, und die Kameraden wrden auf Ferien gehen;
einige in die Nhe von Wien, andre glckliche ganz aufs Land, auf das
wirkliche Land, oder gar ins Gebirge, in die Wlder, an die schimmernden
Seen und Flsse, an brausende Wasserflle ... Nur er kam nie hinaus aus
den trostlosen Straen der Vorstadt, nie fort vom mdmachenden,
langweiligen, verhaten Straenpflaster, auf dem man sich die Schuhe
zerri und die Fe wund ging. Dazu des Vaters ewig wiederholtes:

Lern! Hast gelernt? Kinder sind da, um zu lernen.

In seinem Jungen aber schrie es: Nicht _nur_ um zu lernen! Manchmal
schon hatte er sich ein Herz gefat und gesagt: Die andern sind jetzt
auf Ferien und lernen nicht.

Da war der Vater bs geworden. Sind das Vorzugsschler? Wenn ja ein
paar darunter sind, dann sind sie nicht leichtsinnig und zerstreut wie
du, fauler Bub. Haben vielleicht nicht einmal Talent wie du, dafr aber
Flei, eisernen Flei. Ferien ... was Ferien! Ein tchtiger Mensch
braucht keine, will keine. Hab ich Ferien? Es war der Stolz Pfanners,
da er noch nie Urlaub genommen.

Indessen, trotz all der vterlichen Strenge, ein wahres Lschhorn fr
jede heitere, lustige Regung, hatte es einige Jahre gegeben, in denen
Georg eine Frhlingsfreude genossen. Und heute war der gesegnete Tag, an
dem ihm endlich ein langgehegter, heier Wunsch erfllt wurde. Er trug
das Mittel, Frhlingsfreude wieder zu erwecken, in seiner Tasche.

       *       *       *       *       *

Um ein Stockwerk tiefer als die Familie Pfanner, im dritten des
gegenber liegenden Hauses, wohnte ein Schuster, der eine Nachtigall
besa. Wenn der Frhling anbrach, hing er ihren Kfig unter den
Fenstersims an die Mauer. Der Kfig war eng und schmal, hatte dicke
Sprossen und bot seiner Bewohnerin wenig Raum und wenig Licht. Sie sang
wundersam in ihrer traurigen Gefangenschaft. Ihre sen Lieder klangen
nicht nur klagend und sehnsuchtsvoll, auch hell und jubelnd und wie voll
des seligen Entzckens ber die eigene Herrlichkeit, berauscht vom
Triumph ber die eigene hinreiende Macht. Die Tne, die der kleinen
Brust entquollen, erfllten die Gasse mit Wohllaut.

Georg brachte jeden freien Augenblick am Fenster zu, beugte sich hinaus
und sandte der Nachtigall seine Liebesgre. Der Schuster, das konnte
man leicht bemerken, kmmerte sich nicht viel um die holde Sngerin.
Wre sie Georgs Eigentum gewesen, wie htte er sie gehegt und gepflegt!
Sie war sein Glck, seine Wohltterin, sie zauberte ihm den Frhling in
die traurige Stube und Schnheit und Poesie in sein des Leben. Er
lauschte ihr, und mrchenhaft liebliche Bilder tauchten vor ihm auf,
Landschaften im purpurnen Grn des neuen jungen Lebens, bltendurchhaucht,
lichtgetrnkt. Alles, wovon er gelesen und gehrt hatte das zu erblicken
er sich gesehnt, das fr ihn das ewig Unerreichbare bleiben sollte.

Bis Johannis ging es so fort, dann hrte die Nachtigall auf zu schlagen,
und der Schuster nahm das Bauer wieder ins Zimmer herein. Im letzten
Frhjahr hatte Georg vergeblich auf das Erscheinen des Bauers gewartet.
Der Schuster hatte die Nachtigall vielleicht verschenkt, oder vielleicht
war sie gestorben, und mit ihr all die schnen Trume, die ihr Gesang
geweckt, und die stille, geheimnisvolle Wonne, sich ihnen zu berlassen
und ihnen nachzuhngen.

Nun aber, vor einigen Wochen an einem grauen, frostigen Februarmorgen,
tnten Georg, als er in die Nhe der Schule kam, die schmerzlich
vermiten Nachtigallenklnge entgegen. Er stie einen Freudenschrei aus,
sah um sich, sah zu den Husern empor, und da war nirgends ein
Vogelbauer zu entdecken, und nirgends stand ein Fenster offen, aus dem
der Gesang htte dringen knnen. Die Tne schlugen einmal strker,
einmal schwcher an sein Ohr. Sie wanderten, nherten, entfernten sich,
und pltzlich lachte Georg laut auf. Die Nachtigall, die so prachtvoll
sang, spazierte vor ihm her, blieb stehen, schmetterte ihre Lockrufe in
die Luft hinaus, ging ein Stck weiter, kehrte um und kam jetzt auf ihn
zu.

Sie hie Salomon Levi, war fnfzehn Jahre alt und trug schiefgetretene
Stiefel, einen schwarzen Kaftan, einen steifen, breitkrempigen Hut. Ihre
eingefallenen Wangen entlang baumelten ein Paar glnzende, rabenschwarze
Schlfenlocken.

Herrje, Salomon! hatte Georg ausgerufen, was ist mit dir? bist eine
Nachtigall worden?

Der Angeredete trug an einem fettigen Riemen ein Tabulett, noch einmal
so breit als er selbst, und hinkte von frh bis abends unermdlich auf
dem Kai vor der Schulgasse auf und ab. Sein Warenlager erfreute sich
unter den Studenten des Rufes groer Soliditt und bestand aus Brief-
und Geldtaschen, Spiegeln, Messern, Uhrketten und dergleichen. Der junge
Hausierer fhrte auch allerlei Spielzeug, das auf Georg eine starke
Anziehung bte. Er hatte nie, nicht einmal als kleines Kind, Spielzeug
besessen.

Spielereien kaufen -- Geld hinauswerfen, Unsinn! sagte Pfanner. Ein
Kind, das Phantasie hat, ein Kind wie das meine braucht keine. Ein
Scheit Holz oder ein hlzernes Pferd sind dasselbe fr ihn, sind ihm
beide ein lebendiges Pferd. Eine Puppe in Seidenkleidern oder der in
Zeitungspapier gewickelte Stiefelknecht sind ihm eines wie das andere,
ein lebendiges Kind.

Fr Georg haftete der Reiz des Versagten an jedem Gegenstand in Salomons
Auslagekasten. Er kam nie ohne Herzweh an ihm vorber und knpfte, so
oft es anging, ein Gesprch mit Levi an, um alle die Kostbarkeiten, die
er ausbot, mit Mue betrachten und sogar berhren zu drfen.

Ach Salomon, sagte er ihm einmal, wie glcklich bist du! Kannst immer
auf und ab gehen, und mut nicht mehr in die Schule, hast so viele
schne Sachen und kannst sie den ganzen Tag ansehen. Wie froh mut du
sein!

Salomon sah ihn wehmtig an. In welchem Irrtum war Georg befangen! Wenn
Salomon alle die schnen Sachen anbrchte, und noch viele andre und
Geld fr sie bekme und studieren knnte, dann wre er froh.

Sie hielten nun tglich eine Unterredung, eine kurze blo, denn Georg
wute, da der Vater ihn daheim fast regelmig, mit der Uhr in der
Hand, erwartete, und wenn er sich um ein paar Minuten versptete, dann
gab es bse Minuten fr seine arme Mutter.

So flchtig aber auch die Begegnungen der beiden Knaben waren, sie
bildeten allmhlich ein starkes Band. Jeder von ihnen kannte das Leiden;
einer bedauerte den andern und beneidete ihn auch. Frs Leben gern
htten sie getauscht, verhandelten oft darber und waren schon gute
Bekannte gewesen vor jenem Februarmorgen, an dem der Vorzugsschler dem
Hausierer zugerufen hatte:

Bist eine Nachtigall worden?

Helles Entzcken durchstrmte ihn, als Salomon ihm ein Instrumentchen
zeigte, nicht grer wie eine Nu, in dem alle Fltentne der Nachtigall
schliefen. Man brauchte es nur zwischen die Lippen zu nehmen und
geschickt mit der Zunge zu behandeln, um den lieblichen Gesang zu
wecken. Er htte sich auf die Knie werfen und Salomon beschwren mgen:
Sei gut, sei gromtig, schenk mir die Nachtigall! Aber das Bild
seines Vaters schwebte ihm vor, er vernahm die Worte: Du bist ein
Beamtensohn, du unterstehst dich nicht, etwas anzunehmen, nicht ein
Endchen Bleistift, nicht eine Feder. Von keinem Mitschler, von keinem
Menschen.

So stotterte er denn mit fliegendem Atem: Was kostet die Nachtigall?

Sie kostete zwanzig Heller, und Salomon hatte heute schon ein paar
Dutzend verkauft und hoffte, noch ein paar Dutzend zu verkaufen und bald
auch seinen ganzen Vorrat, denn sie gingen reiend ab.

Georg berlegte: Wirst du in fnf Tagen keine mehr haben...? Hebe mir
eine auf, ich bitte dich. Wenn ich mein Jausengeld erspare, habe ich in
fnf Tagen zwanzig Heller beisammen und kann dir die Nachtigall
bezahlen.

Salomon war sehr unglubig. Mehrmals schon hatte Georg versucht, sein
Jausengeld zu sparen, um bei ihm einen Einkauf machen zu knnen, es aber
nie weiter gebracht als bis zu acht, hchstens zu zehn Heller. Dann war
er pltzlich an einem Nachmittag zu hungrig geworden und hatte sein
ganzes Geld auf einmal ausgegeben, fr eine besonders lockende Brezel.
Beim Bcker an der Ecke bekam man so kstliche! Er hatte auch schon
seinen kleinen Besitz an Kupfermnzen rmeren, als er selbst war,
geschenkt. Salomon zweifelte mit gutem Grund an der Fhigkeit des
jungen Herrn, etwas zurckzulegen. Dennoch erfllte er ihm seinen
Wunsch. Eine Nachtigall blieb unverkauft, die beste. Wer die zu
behandeln verstand, konnte ihr ganz besonders klangreiche Tne
entlocken.

Und heute hatte Georg sie erworben, war glorreich vor Salomon
hingetreten, hatte ihm zehn Zweihellerstcke in die Hand gezhlt und die
Nachtigall in Empfang genommen.

Der Unterricht in der Gebrauchsanweisung war dreingegangen. Das kleine
Instrument wanderte von einem Mund zum andern, und sogleich, mit
bewunderungswrdiger Schnelligkeit lernte Georg dem Tabulettkrmer seine
Kunst ab.

Was ein Talent zur Musik! Ich hab mssen lernen drei Tag, bis ich hab
spielen gekonnt. Sie knnen gleich spielen, besser als ich.

Georg erwiderte glckselig, es sei ja so leicht. Ach, wenn alles so
leicht wre, wenn es mit der Mathematik und der Geschichte und mit dem
Griechischen auch so ginge!

In Salomons melancholischen Augen leuchtete es auf: Mir mchte leicht
sein das Studieren, sprach er und sah sehr hochmtig und sehr traurig
aus.

       *       *       *       *       *

Jetzt war es nahe an elf Uhr. Frau Agnes hatte sich auf Befehl Pfanners
zu Bette begeben, sie schlief aber nicht; sie beobachtete vom dunkeln
Alkoven aus ihren Mann, der mit unvermindertem Eifer liniierte,
rubrizierte, und ihren Jungen, der md und bla sich ber sein Heft
beugte oder mit vertrumten Augen emporblickte zu dem grauen Fleck, den
der Rauch der Lampe allmhlich an die Decke gemalt hatte. Er durfte noch
immer auf des Vaters grimmig wiederholtes Bist fertig? nicht mit ja
antworten; er war eben nicht bei der Sache. Er hatte eine Hand in die
Tasche gesteckt und die Finger um die Nachtigall gelegt und prete sie
manchmal, als ob sie etwas Lebendiges wre und es fhlen knnte, mit
groer, sanfter Liebe.

Der Heimweg, der ihm sonst immer endlos vorkam, war ihm heute zu kurz
gewesen. Fast die ganze Zeit hindurch hatte er die Nachtigall schlagen
lassen, und Kinder und selbst Erwachsene waren stehen geblieben und
hatten ihm zugehrt und sich ber die herzige Musik gefreut. Es wre ihm
ein Glck gewesen, vor der Mutter eine Probe seiner neu erlernten Kunst
abzulegen. Aber das ging nicht an, die Mutter wrde sogleich gesagt
haben: Du mut dem Vater das Ding zeigen, du weit ja, er mag
Spielereien nicht. Und wenn Georg auch geantwortet htte: Es ist keine
Spielerei, es ist ein Instrument, wrde sie doch dabei geblieben sein:
Hinter dem Rcken des Vaters darf man nichts tun und nichts haben. So
hatte sie es immer gehalten ... bis heute.

Georg aber konnte nicht vergessen, da ihm vor Jahren der jngste Sohn
der Nachbarin, Karl Walcher, seine Flte geliehen; er htte sie ihm auch
gern geschenkt, ohne Pfanners spartanisches Verbot. Was Georg einmal
hrte von den Kinderliedern, die seine Mutter ihm vorsummte, bis zum
feierlichen Kirchengesang, alles merkte er sich und brachte die Melodie
ganz richtig heraus auf dem hchst primitiven Instrumentchen. Frau
Walcher und ihre Shne hatten ihn bewundert und sogar sein Vater ihm
manchmal ein zustimmendes: Nicht bel gespendet. Aber bald war ihm
seine Freude verdorben worden.

La die Dummheiten -- lern! hatte es bald geheien. An dem geringsten
Versumnis, an jeder Zerstreutheit des Knaben hatte die Flte Schuld
getragen. Bald, schrecklich bald hatte der Vater sie ihrem Eigentmer
zurckgestellt. So wrde er gewi auch die Nachtigall nicht dulden, und
deshalb mute sie vor ihm verborgen bleiben, die liebe, herrliche.

Als Georg endlich zur Ruhe gehen durfte, erhielt sie ihren Platz unter
seinem Kopfkissen. Nach Mitternacht erwachte er, zog sie an seine
Lippen. Um sie zu kssen; natrlich nur, sie schlagen zu lassen, konnte
ihm doch nicht einfallen ... Zwar -- die Eltern schliefen. Zwischen
ihnen und ihm, am Mauervorsprung des Alkoven, tickte krftig, jedes
schwache Gerusch bertnend, der flinke Gang der Schwarzwlderin.
Dennoch wre es nicht geraten ... und whrend er dachte: nicht geraten,
berhrte seine Zungenspitze schon das khle Metallplttchen. Ohne seinen
Willen, fast ohne sein Zutun begann die Nachtigall ihren Gesang zu
erheben. Sie klagte, sie lockte, sie verkndete eine unerfllbare
Sehnsucht. Ihre Tne stiegen, schwollen, brachen pltzlich ab. Herrgott
im Himmel ... Zu laut, zu laut! Der Vater hat einen gar leisen Schlaf
... Entsetzlich erschrocken, von Schauern der Angst durchrieselt,
steckte Georg seinen Kopf unter die Decke. Am nchsten Morgen beim
Frhstck erzhlte der Vater von einem merkwrdigen Traum, den er in der
Nacht gehabt. Der Schuster hatte wieder eine Nachtigall angeschafft, und
Pfanner war gewesen, als ob er sie so laut schlagen hrte, da er
darber erwachte, und dann, das war das Merkwrdige, hatte er sich
eingebildet, wach zu sein und sie noch zu hren. Seine Frau konnte nicht
genug staunen, auch ihr hatte etwas ganz hnliches getrumt, und das
mute wohl etwas zu bedeuten haben.

Georg stand auf und trat ans Fenster, damit die Eltern sein Errten
nicht shen.

       *       *       *       *       *

Auch Frau Agnes hatte ihr Geheimnis, und sie mute, um es zu bewahren,
allerlei Ausflchte gebrauchen, die gar oft weitab von der Wahrheit
lagen. Seit einiger Zeit war bei allen Mahlzeiten der Tisch reichlicher
besetzt, und Pfanner hatte doch nicht mehr Wirtschaftsgeld bewilligt als
frher. Seine Frau konnte nicht immer bei der Wahrheit bleiben, wenn er
sie darber zur Rede stellte. Ungern genug hrte er schon und fhlte
sich gedemtigt, wenn sie gestand, einige Konfektionsarbeiten gemacht
und durch Vermittlung Frau Walchers unter der Hand verkauft zu haben.
Nie htte er erfahren drfen, da sie ein eben entbehrliches
Kleidungsstck oder Hausgert ins Versatzamt getragen, einen noch aus
dem vterlichen Hause mitgebrachten kleinen Schmuckgegenstand veruert
hatte. Er hielt viel auf diese Reste einer ehemaligen Wohlhabenheit; es
schmeichelte ihm, sich seine einst sehr schne Frau -- nur leider die
Hellblonden verblhen sehr schnell! -- aus einem guten und damals fast
reichen Hause geholt zu haben. Der geringste Zufall konnte alles an den
Tag bringen und dann -- Agnes schlo die Augen und erzitterte bei dem
Gedanken, was dann geschehen wrde. Aber gleichviel, das Kind mute um
jeden Preis besser genhrt werden als bisher.

Frau Adjunkt Walcher hatte sich schon vor einem Jahre in ihrer kurz
angebundenen, offenherzigen Weise darber ausgesprochen: Mir scheint
immer, Sie halten Ihren Schorsch zu kurz in der Kost, Frau Offizial. So
ein Bub will tchtig essen. 'Das Lernen zehrt, und in einen kleinen Ofen
mu man fter nachlegen als in einen groen', sagt mein Mann. Er und ich
sind oft hungrig schlafen gegangen -- Herrgott, ein Adjunkt mit tausend
Gulden Gehalt! -- unsre zwei Buben waren immer satt geworden. Sehen auch
aus wie die Knpf. Ihr Schorsch schiet in die Hh, wird ja bald den
Herrn Offizial eingeholt haben, setzt aber kein Lot Fleisch an.

Finden Sie, da er schlecht aussieht? hatte Frau Agnes in Bestrzung
ausgerufen.

Nun nein, das fand die Frau Adjunkt gerade nicht, aber so gewi kleber
und eine bessere Farb sollt er haben: Die Nahrung mu ausreichend
sein, sie betonte das Wort mit Wohlgeflligkeit, es kam ihr so gebildet
vor. Ausreichend, sagt mein Mann. Das viele Lernen schlgt sich sonst
den Kindern auf die Nerven.

Dies Gesprch hatte entschieden; die Liebe der Mutter hatte ber den
Widerwillen der ehrlichen Frau gegen Falschheit und Lge gesiegt. Ihrem
Manne Vorstellungen zu machen, einen Versuch zu machen, ihn zur
geringsten Mehrausgabe zu bewegen, wre ihr so wenig eingefallen, als
einem Stein zuzureden, sich in Brot zu verwandeln. Eine Errterung
zwischen ihm und ihr kam berhaupt nicht vor. Vom Anfang ihrer Ehe an
hatte sein herrisches und ablehnendes Wesen jede Mglichkeit, ihm
vertrauensvoll zu nahen, ausgeschlossen. Was konnte eine Frau ihm zu
sagen haben? Er war er, und auer ihm war die Pflicht, und diesen beiden
hchsten Mchten unterstand die Welt, die er begriff. Erst als ein Sohn
ihm geboren wurde, gab es ein zweites Wesen, ihm ebenso wichtig, wie er
sich selbst. Eine Fortsetzung seines Ich, eine vervollkommnete
Fortsetzung. Alles, was seinem Ehrgeiz versagt geblieben, was er nicht
errungen, sollte sein Sohn erringen.

Er war aus Armut und Niedrigkeit hervorgegangen, hatte einen nur
mangelhaften Schulunterricht genossen und niemals die Aussicht gehabt,
es zu einer hheren Stellung zu bringen. Als kleiner Beamter lebte er
und wrde er sterben. Aber der Sohn: Das Gymnasium als Primus
absolvieren, den Doktorhut *summa cum laude* erwerben, schon in den
ersten Anfngen der Laufbahn von der Glorie reichster Verheiungen
umstrahlt, steigen von Erfolg zu Erfolg, von Ehren zu Ehren -- das
sollte der Sohn. Den nchternen Offizial Pfanner, den unfehlbaren
Rechner, den trockenen Vernunftmenschen nahm, wenn er sich diesen
Vorstellungen hingab, die Phantasie auf ihre Flgel und trug ihn ber
alle Gipfel des Wahrscheinlichen sausend hinweg. Und wenn er dann wieder
zur Erde niederstieg und seinen Georg zufllig einmal mig einhergehen
sah, wetterte er ihn an: Lern!

Er selbst, immer in der Zukunft lebend, die Gegenwart und was sie
darbot, geringschtzend, entfremdete sich mehr und mehr seinen
Standesgenossen. Er erwies sich ihnen gefllig, machte Arbeiten, die
ihnen zugekommen wren, hatte aber dabei nur seinen eigenen Vorteil, die
Verbesserung seiner Stellung im Auge. Dem Verkehr mit ihnen, den
Zusammenknften im Kaffeehaus und im Stammgasthaus, ging er so viel als
mglich aus dem Wege. Nur selten fand er sich mit den Kollegen zusammen.
Beim goldenen Wiesel, wo die Versammlungen der Herren Beamten
stattfanden, an denen auch einige Vorgesetzte und Bekannte der
Vorgesetzten teilnahmen, da begegnete Pfanner richtig jedesmal dem
Manne, den er hate, dem Kunstschlosser Herrn Obernberger. Vor Jahren
hatte es dem als groer Vorzug gegolten, mit den Herren von der
Eisenbahn im Gasthaus zusammenkommen zu drfen. Jetzt hatte der
Standpunkt sich verrckt. Seitdem die Arbeiten aus der Kunstschlosserei
Obernbergers erste Preise auf den Ausstellungen erhalten hatten, seitdem
er viele hundert Arbeiter in seinen Werksttten beschftigte, im eigenen
Hause wohnte, im eigenen Wagen vorfuhr und das Band des Franz
Josephs-Ordens im Knopfloch trug, eilten die meisten der Herren ihm bis
zur Tr entgegen, und bei Tische erhielt er den Platz zur Rechten des
Inspektors.

Das alles htte Pfanner hingehen lassen und sich nicht weiter darum
gekmmert. Aber dieser Schlosser hatte einen Sohn, und dieser Sohn trat
seinem Georg im Gymnasium auf die Fersen, konnte ihn einholen, konnte
ihn berflgeln, denn der verdammte Bub hatte Talent, sein rgster Feind
mute das zugeben. Talent um eine Million, wie Herr Obernberger sagte,
aber nicht um einen Heller Flei.

       *       *       *       *       *

Es war nach der Schule. Pepi Obernberger und Georg Pfanner gingen ein
Stck des Weges miteinander. Sie waren beide aufgerufen worden vom
Professor des Griechischen, und Pepi hatte besser bestanden. Georg
schritt sehr kleinlaut und mit einem ganz roten Kopf neben ihm her. Der
Vater versumte nie zu fragen: Hat der Herr Professor dich aufgerufen,
und wen noch, und wie ist's gegangen?

Du weit immer, sagte Georg zu seinem Kameraden. Hast heut wieder
sehr gut gewut. Ich wre froh, wenn ich immer so gut wte wie du.

Pepi fing sogleich zu prahlen an: Hol's dieser und jener! Ihm lag nichts
an dem dummen Plunder. Kasusartige Endungen, Komparation der Adjektiva,
dummes Zeug! Er plagte sich auch gar nicht damit. Wenn der Trottel von
einem Professor eine neue Walze einlegte in seinen Werkelkasten und
anfing, sie herunter zu leiern, da hchstens hrte er ein bichen zu. Zu
Hause sah er kein Buch an, das war ihm viel zu fad.

Geh, geh! fiel Georg unglubig ein, und er verbesserte sich:

Fast keins, auf Ehre. Da sie mir immer so gute Zeugnisse geben, das
danke den alten Percken der Teufel. Ich gift mich darber, weil's
meinen Alten auf die dumme Idee bringt, einen Professor aus mir zu
machen. Aber nein! Lieber als so ein lcherlicher Zopf zu werden und auf
alles zu verzichten, was schn ist: Rad fahren, reiten, jagen, tanzen,
kutschieren, Billard spielen im Kaffeehaus, Gletscher besteigen, lieber
erschie ich mich!

Georg sah ihn aufmerksam an, er war so ganz und gar das Ebenbild seines
Vaters, des braven, frhlichen Herrn Obernberger mit dem runden Kopf und
dem runden Gesicht und dem freundlich lchelnden Munde. Und der Mensch
sprach von Selbstmord?

Red nicht so! rief Georg. Du wirst keine Todsnde begehen; Selbstmord
ist eine Todsnde und eine Feigheit.

Unsinn! stie Pepi hhnisch aus. Wie kann man so ein Esel sein und
alles nachplappern, was sie einem in der Schul sagen. Aber du hast nie
einen eigenen Einfall. Hast den Kopf schon ganz ausgestopft mit
Pappendeckel. Adje! -- Du Schulesel! setzte er in Gedanken hinzu und
bog ab, um die nchste Tramwaystation zu erreichen.

Georg ging langsam vorwrts und sagte sich doch mit Unbehagen, da jeder
Schritt ihn dem Hause nher brachte, wo der Vater ihn gewi schon
erwartete mit der stndigen Frage, die er heute mit so groem Zagen
beantworten wrde.

O das traurige Haus, das kahle, groe mit den langen Gngen und den
schmalen Stiegen, und das Zimmer, in dem man immer sa zu dreien, und wo
keines sich vor dem andern retten konnte. Dahin mute er zurckkehren,
heute und morgen und alle Tage und noch fnf Jahre lang. Wie soll man
das erleben, und hat man's erlebt, fangen neue Studien an, die
schwersten. Wie ein grauer Berg, den er nie werde bersteigen knnen,
bumte die Zukunft sich vor ihm auf; ein des, trostloses, der
Verzweiflung verwandtes Gefhl ergriff sein Herz und durchtrnkte es mit
unsagbarer Bitternis. Pltzlich kam ein nie gekannter Trotz ber ihn.
Obwohl die Uhr am nchsten Turme halb sieben schlug, obwohl er genau
wute, da er werde sagen mssen: Ja, ich habe mich aufgehalten
unterwegs, setzte er sich auf eine Bank im kleinen Square vor Beginn
der Gasse, in der die elterliche Wohnung lag, zog die Nachtigall aus der
Tasche und lie sie schlagen. Sie trstete, sie milderte jedes herbe
Gefhl. Sie lie ihn einen bergang finden aus tiefer Niedergeschlagenheit
zu lauterem Frohmut.

Er hatte ja nicht nur Betrbnis und Gram in seiner Seele, tief in ihrem
Innersten unter lastenden Schatten lohte rot und warm die Flamme junger
Lebensfreudigkeit, und ein unausgesprochenes, immer zum Schweigen
verdammtes Glcksgefhl wollte sich einmal hinaussingen. Es jubelte in
die laue Luft, zum lichten Frhlingshimmel empor, mit der Stimme der
Nachtigall.

       *       *       *       *       *

Georg fand den Vater nicht daheim. Er war dagewesen, hatte sich
umgekleidet und zu einer Beamtenversammlung ins Stammgasthaus begeben.
Mutter und Sohn sprachen es nicht aus, welch ein Fest das Alleinbleiben
fr sie war. Um jede Minute, die er auf dem Heimweg vertrdelt hatte,
tat es Georg jetzt leid. Die Stube kam ihm auf einmal traut und
freundlich vor, die Luft reiner, und die Lampe schien heller zu leuchten
als sonst. Unter ihr in einem Glase stand ein kleiner Veilchenstrau;
Frau Walcher hatte ihn gebracht.

Georg beugte sich ber ihn und sog seinen zarten Duft ein: Die gute
Frau Walcher; er lchelte seine Mutter pfiffig an. Hat sie den auch
vom Land gekriegt, wie neulich wieder das gute 'Junge' vom Hasen?

Frau Agnes errtete. So war ihr der Schorschi hinter ihre Schliche
gekommen? Sie wich seinem auf sie gerichteten Blick aus, sie antwortete
nicht, sie sprach nur: Der Vater hat dir sagen lassen, du sollst
lernen.

Schon recht, erwiderte er bermtig und warf die Schultasche im weiten
Bogen auf das Sofa, da sie dort, emporgeschnellt, einen frhlichen Hupf
machte.

Aber Georg, du bist ja heut wie ausgewechselt.

Ja, ja, Mutter! Er strzte auf sie zu und schlo sie in seine Arme.

Sie wehrte: Sei gescheit.

Nein, gescheit bin ich heute einmal nicht. Ich mu dich lieb haben und
kssen, dein liebes Gesicht, deine lieben Hnde, jeder Finger bekommt
einen Ku.

Nun denn! Ach, die Zrtlichkeit des Kindes tat sehr wohl. Jetzt aber
setz dich, es wird ja alles kalt.

Und sie setzten sich und aen und lieen sich's schmecken und plauderten
und dachten nicht an morgen, und waren so glcklich, wie die armen Leute
sind, die ganz in der Gegenwart leben, den Augenblick genieen, den
Blick von der Zukunft abgewendet, die ihnen nichts Gutes bringen kann.

Nach dem Abendbrot begab die Mutter sich an die Nhmaschine und wollte
noch ein Stndchen fleiig sein. Die alte Nhmaschine, die sich die
letzte Zeit hindurch nur schwer in Bewegung setzen lie und den Dienst
auch schon mehrmals versagt hatte, glitt heute dahin wie ein Schlitten
auf festgefrorener Bahn. Was war denn da geschehen? Gestern noch hatte
die Mutter gedacht, die alte Getreue werde berhaupt nicht mehr
brauchbar sein und nicht einmal in der Fabrik hergestellt werden knnen.
Was geschehen war? Der Vater hatte sie auseinander genommen und sie
ausgezeichnet repariert.

Der Vater? das gab dem Georg zu denken. Hat denn der Vater gelernt,
Nhmaschinen reparieren?

Gewi nicht. Aber weit du, der Vater kann vieles, das er nicht gelernt
hat, er hat zu allem Talent.

Hat es nicht gelernt und kann es, weil er Talent hat. Etwas knnen, das
man nicht gelernt hat, heit also Talent haben. Er versank in
Grbeleien.

Aber Mutter, ich hab doch auch Talent.

Sie mute lachen. Es war wirklich, wie wenn ein Zweifel aus seinen
Worten sprche: Nun, ich meine, du hrst es oft genug, um es zu
wissen, und sie griff zrtlich mit der Hand in seinen zerzausten
blonden Schopf.

Wenn's nur wahr ist, Mutter, wenn's nur recht wahr ist; er schluckte
mhsam und benetzte die trocken gewordenen Lippen mit der Zunge. Die
Traurigkeit, die ihn nach dem Gesprch mit Pepi angewandelt hatte,
wollte sich wieder in ihm regen; aber die Anwesenheit der Mutter bannte
sie rasch. Sein Herz ging weit auf, nicht das kleinste Geheimnis blieb
darin. Von allem, was bisher stumm und schweigend in ihm gelegen, redete
er, und whrend er es tat, wurde ihm manches klar und ausgemacht, was er
sich selbst nie eingestanden hatte. Die Mhe, die das Lernen ihm
verursachte, und da es ihm so schwer wurde, sich etwas auswendig zu
merken. Andre lernten viel leichter auswendig und merkten sich's viel
lnger.

Du hast kein sehr gutes Gedchtnis, meinte die Mutter und dachte, das
kommt oft vor bei sehr Talentvollen. Sie gab dem Sohn auch etwas
hnliches zu verstehen; er zuckte die Achseln.

Wer Talent hat, das findest du selbst, kann auch, was er nicht gelernt
hat. Ich hab vielleicht gar kein so groes Talent zum Lernen in der
Schule. Aber vielleicht zu etwas anderm ... Das Singen in der
Volksschule hat mich so gefreut. Da hab ich immer einen Einser gehabt
... und -- weit du noch, die Flte! Ach, wenn ich htte lernen drfen
Flte spielen, oder gar Violine ... Jetzt hab ich halt nichts mehr als
nur -- soll ich's dir sagen? soll ich? Ja? -- -- Bleib sitzen -- ganz
ruhig.

Er stand auf und ging in den dunkelsten Winkel des Alkoven, und leise
schwirrten von dort her die Tne der Nachtigall zu der Mutter herber,
und sie staunte und hrte zu und berhrte, da die Kchentr geffnet
wurde, und nun auch die Zimmertr.

Halb elf, sprach Pfanner, eintretend, und du bist noch auf, und wo
ist der Bub?

       *       *       *       *       *

Er war in schlechter Laune.

In der Versammlung war ein Antrag, den Pfanner und einige ltere Beamten
eingebracht hatten, abgelehnt worden. Beim gemeinsamen Abendessen hatte
sich dann Obernberger eingefunden, einen Flaschenkorb in der mchtigen
Rechten, und hatte Bordeaux und Champagner mit so guter, bescheidener
Manier serviert, da selbst der Herr Direktorstellvertreter sich
herbeilie, ein Glschen anzunehmen. Nur Pfanner lehnte schroff ab. In
Gift htte sich ihm ein vom Schlosser kredenzter Trunk verwandelt. Bis
zum berdru renommierte der wieder mit seinem Pepi und gab die tollen
Streiche des Burschen so stolz und behaglich zum Besten, da Pfanner
zuletzt nicht mehr an sich halten konnte!

Wenn's der meine so treiben tt, der sollt mich kennen lernen.

Da waren dann gleich Entschuldigungen Pepis nachgekommen und ein
zrtliches Lob des guten Kerls, der er sei, bei all seinem bermut, und
was fr ein goldenes Herz er habe und -- ein Talent! Die Herren
Professoren zweifelten gar nicht daran, da er in diesem Jahre Primus
werden wrde.

Primus -- der Sohn des Schlossers! Pfanner hatte pltzlich einen
gallbittern Geschmack im Munde, und das Essen widerstand ihm. Sein Georg
war nur in der ersten Klasse Primus gewesen, in der zweiten zweiter
Vorzugsschler, und nun in der dritten konnte er's allem Anschein nach
gar nur zum Vierten, dem letzten Vorzugsschler, bringen. Er hatte ein
Gengend gehabt in Griechisch und ein Befriedigend in Geometrie.
Wohin kam er, wenn er es von nun an nicht zu lauter Vorzugsklassen
brchte? Wohin berhaupt, wenn er in seinen Leistungen von Jahr zu Jahr
zurckblieb? Pfanner sah alles schon verloren, alle Mhe umsonst
angewendet, alle Opfer umsonst gebracht. Der Sohn wrde am Ende auch
nichts andres werden als der Vater, ein armseliger kleiner Beamter.
Dieser Sohn, dem alle Hilfsmittel geboten waren, der nur die Hand nach
ihnen auszustrecken brauchte. Aber es ging ihm zu gut, der Hafer stach
ihn, und er berlie sich seinem Leichtsinn und seiner Faulheit. Von
Erbitterung erfllt, mit dem Vorsatz, die Zgel schrfer anzuziehen, war
Pfanner nach Hause gekommen. Da fand er seine Frau mig im Zimmer
sitzend und dem Vogelgesang lauschen, den sein groer Bub, im Alkoven
versteckt, nachahmte.

Schmst dich nicht? fuhr er ihn an, als Georg auf seinen Befehl
hervortrat. Hast Ehr im Leib oder keine? Was tragst da in der Hand?
Aufmachen die Hand!

Der Knabe gehorchte. Der Gedanke, eine Entschuldigung vorzubringen, kam
ihm gar nicht. Pfanner erfuhr alles, und sein Unwillen, seine Entrstung
kannten keine Grenzen. Dieser Bub! Wirklich ein ungeratener Sohn. Spielt
da, der bald Vierzehnjhrige, mit einer Lockpfeife, oder was das ist.
Spielt bei Tag und Nacht, ja, ja -- er besann sich jetzt -- hat noch die
Eltern zum Narren gehalten. Wenn er abends lernen soll, fallen ihm die
Augen zu, spielen kann er bis in die Nacht. Aber wart nur ... Her mit
dem Quark!

Ein fruchtloser Widerstand des Schwcheren, ein rascher Sieg des
Strkeren, ein Armschwung ... Das Fenster stand offen -- die Nachtigall
flog hinaus.

Frau Agnes zuckte zusammen. Georg stand mit weit aufgerissenen Augen:

Vater, meine einzige Freud! schrie er auf, und galt es nun, was es
mochte, die hrtesten Worte, die grausamsten Schlge, er mute weinen um
seine einzige Freud, weinen, schluchzen, sich auf den Boden werfen und
sich winden in Trostlosigkeit und Verzweiflung. Da der Vater tobte und
schrie, hrte er nicht, da der Vater einen Knoten ins Taschentuch
flocht, sah er nicht, da Hieb auf Hieb auf ihn niedersauste, fhlte er
nicht. Er wute und fhlte nur, da er ein armes Kind war, dem immer das
weggenommen wurde, woran sein Herz ihm hing.

Aufstehen! Still! Augenblicklich still! wetterte Pfanner und hatte
nicht das geringste Mitleid mit dem Kinde, das sich endlich vom Boden
erhob und heftige Anstrengungen machte, sein Schluchzen zu unterdrcken.
Vielmehr forderte sein Zorn noch ein Haupt, sich darber zu ergieen.
Wer trug Schuld an dem frevelhaften Leichtsinn des Buben, wer
untersttzte ihn noch darin? Die Mutter, die verbrecherisch schwache,
trichte Mutter! Wenn aus dem Buben nichts wird, wenn er heranwchst zu
einer Last und sogar Schande der Eltern -- Miggang ist aller Laster
Anfang --, wenn er elend untergeht, fllt die Verantwortung dafr auf
ihr Gewissen, und sie wird einst zur Rechenschaft gezogen werden.

Pfanner verstand es, seine Umgebung stumm zu machen. Es kam kein Laut
ber die Lippen seiner Frau. Bis zu einem gewissen Grade hatte sie sich
im Laufe ihrer Ehe an sein maloses bertreiben gewhnt, und jetzt
freute sie sich gar, da seine Vorwrfe _sie_ trafen. So diente sie
ihrem Jungen eine Zeitlang wenigstens als Schild.

Der Mann schrie und tobte, und dabei zog er den Rock und die Weste aus
und legte sie sorgfltig auf einen Sessel. Sogar in der Wut gegen seine
nchsten Menschen verfuhr er schonend mit seinen Sachen. Nun entstand
eine Pause, aber nur als Vorbereitung zu einem neuen Schrecknis, zu der
Frage:

Sind die Aufgaben gemacht?

Ich werd sie morgen machen, erwiderte Georg bang und zgernd. Morgen
ist Sonntag ...

Ja so. Bring die Aufgaben! Pfanner sah sie durch. Eine Fabel aus
Deutsch in Latein bersetzen. Griechische Grammatik zu lernen:
Unregelmigkeit der Deklination. Geometrie: Drei Aufgaben. Geschichte:
Wiederholung, von den Kreuzzgen bis zu Rudolf von Habsburg. Und von
alledem nichts gemacht? nichts? Das alles soll morgen bewltigt werden?
Er dekretierte: Geschichte heute noch wiederholen, aufmerksam
durchlesen. Wenn man am Abend etwas aufmerksam durchliest, wei man es
am nchsten Morgen wrtlich.

Es sind sechsundzwanzig Seiten, wagte Georg einzuwenden.

Zweiundzwanzig, vier Seiten nehmen die Illustrationen ein. Er legte
das Buch vor ihn hin: Setz dich, lern!

Der Knabe tat, wie ihm geheien worden. Gut also, gut, so setzt er sich
denn hin und lernt. Da er md und schlfrig ist, was liegt daran, ihm
ist alles recht, er lernt. Wenn er sich nur zu Tode lernen knnte, das
wre ihm das allerliebste. Wenn er tot wre, htte er Ruhe, und seine
Mutter htte Ruhe, brauchte sich seinetwegen nicht beschimpfen lassen.
So begann er denn zu lesen: Schon in den ersten Jahrhunderten trieben
Andacht und Glaubensinnigkeit die Christen zu den heiligen Sttten ...

       *       *       *       *       *

An schnen Sonntagnachmittagen unternahm Pfanner regelmig einen
Spaziergang, und Georg durfte ihn begleiten. Ein Vergngen, auf das die
Mutter lngst freiwillig verzichtet hatte, und von dem das Kind
trauriger heimkehrte, als es ausgewandert war. Mit dem Vater spazieren
gehen, bedeutete, an jeder Unterhaltung, jedem Genu _vorber_gehen.
Dort drben, im luftigen Prater, wurde nach der Scheibe geschossen, im
Luftschiff, im mechanischen Ringelspiel gefahren, da gab's
Theaterauffhrungen, Wachsfigurenkabinetts, eine Damenkapelle,
Zigeunermusik. Und ein Aquarium und ein Panorama und so vieles Schne
noch, von dem Georgs Mitschler zu erzhlen wuten. Wenn er eine
Anspielung wagte, eine Frage stellte: Warst du schon einmal im
Wurstelprater? Hast du schon einmal die Zigeuner spielen gehrt?
antwortete der Vater voll Verachtung: Was man im Wurstelprater zu sehen
und zu hren bekme, sei lauter elendes Zeug, an dem nur ungebildete und
rohe Menschen sich zu ergtzen vermchten. Im Bogen wich er allem aus,
was seine eigene Neugier htte reizen knnen oder gar ihn selbst in
Versuchung bringen, sich einen guten Tag zu machen. Einmal in einem
Jahr, nein -- einmal in vielen Jahren. Er _wollte_ nicht! wollte nicht
ein paar Gulden unntig ausgeben, die ins Sparkassenbuch des Kindes
gelegt werden knnten.

Als sie nach Hause kamen, erwartete sie ein gutes, krftiges Abendessen.

Weil heute Sonntag ist, entschuldigte sich Agnes, da Pfanner ihr
neuerdings Verschwendung vorwarf.

Es war ein Verdacht in ihm rege geworden, den er nicht aussprach, der
ihn aber qulte, und der entweder getilgt oder gerechtfertigt werden
mute. Krzlich hatte er sich um Lebensmittelpreise erkundigt, hatte
gerechnet und herausgebracht, da die Ausgaben, die sich seine Frau
fortgesetzt erlaubte, unmglich mit dem ihr zur Verfgung gestellten
Kchengelde bestritten werden konnten. Erarbeitet wollte sie den
berschu haben? Lcherlich! Er, der Sohn einer armen Nherin, wute,
was seine Mutter verdient hatte mit tglich zwlfstndiger emsiger
Arbeit. Ihm ins Gesicht sollte seine Frau, die ihren Haushalt ohne
jegliche Untersttzung bestellte, nicht behaupten, da sie imstande sei,
sich eine regelmige Einnahme zu verschaffen. Womit also bestritt sie
die Mehrauslagen? Pfanner begngte sich nicht lange mit den
ausweichenden Antworten, die sie ihm gab. Eines Tages stellte er ein
scharfes Verhr an, und sie, in die Enge getrieben, angeekelt von der
erniedrigenden Pein, immer neue Ausflchte ersinnen zu sollen --
gestand.

Ja denn, ja, sie verkaufte, sie versetzte, sie gab ihr Letztes her,
damit das Kind, das in fortwhrender geistiger Anspannung lebte,
ordentlich ernhrt werde in den Jahren der Entwicklung und des strksten
Wachsens.

Pfanner zrnte, hhnte: Was hatte denn er gehabt in diesen selben
Jahren? Wer hatte denn gefragt, wie er sich nhrte? Georg wuchs auf wie
ein Hofratssohn im Vergleich zu ihm. Er, zu vierzehn Jahren, hatte sich
sein Brot selbst verdienen mssen, sein Brot im Sinne des Wortes! und
nicht etwa ein frisch gebackenes. Die Entbehrungen hatten ihm sehr gut
angeschlagen, er war immer gesund geblieben. Warum sollte sein Bub
anders geartet sein als er und wie ein Weichling behandelt werden, den
man aufpppeln mu?

Agnes beharrte zum ersten Male whrend ihrer langen Ehe im Widerstand
gegen den Mann. Der Augenblick, den sie so sehr gefrchtet hatte, war
gekommen und fand sie strker, als sie geglaubt hatte sein zu knnen.
Ruhig lie sie die Anklagen Pfanners ber sich ergehen, und indes er ihr
vorwarf, ihn hintergangen zu haben, grbelte sie nach ber eine
Mglichkeit, ihn noch weiter zu hintergehen. Es mute sein, um des
Kindes willen.

So widerstandsfhig, wie sein Vater gewesen, war eben der blasse,
hochaufgeschossene Junge nicht, der jetzt mit einem: Guten Abend, Vater
und Mutter! eintrat und schweratmend an der Tr stehen blieb, als ob
die gewitterschwle Atmosphre, die im Zimmer herrschte, ihm auf die
Brust gefallen wre.

       *       *       *       *       *

Einige Tage spter feierte Georg seinen vierzehnten Geburtstag. Er hatte
zwei Vorzugsnoten aus der Schule mitgebracht. Mit feierlichem Ernst und
mit der Mahnung, das kostbare Geschenk zu schonen, bergab ihm sein
Vater einen neuen Sommeranzug, eine hbsche Mtze und ein Paar solide
Halbschuhe. Am Nachmittag blieb Pfanner lnger als gewhnlich am Tische
sitzen und sprach, nachdem Frau Agnes das Zimmer verlassen hatte,
eingehender und zutraulicher mit Georg, als sonst seine Art war.

Er wute wohl, die Mutter nannte ihn grausam, und fand, da er zu viel
verlange von seinem Sohne. Wenn es nach ihr ginge, wrde der jetzt
freilich gute Tage haben, die Schule Schule sein lassen und nur tun, was
ihm gefiele. Aber dann? Wie wrde die Zukunft aussehen nach einer
vertrdelten Jugend? Und ist die Zukunft nicht die Hauptsache?
Ausgerstet mit der Macht des Wissens soll Georg der seinen
entgegengehen. Ohne Mhe freilich ist Wissen nicht zu erringen. Will er
der Feigling sein, der vor der Mhe flieht, oder der Held, der sie
aufsucht, mit ihr ringt, sie berwindet? Es gibt keinen Sieg auer
diesem ersten. Ohne ihn ist kein hohes Ziel zu erreichen.

Das deine soll ein hohes sein! rief Pfanner aus. Du bist nun kein
Kind mehr, und ich kann dir sagen, das Ziel, das du dir stecken sollst,
ist, ein Staatsmann zu werden. Einer, der mit berlegenem Geiste und mit
starker Hand die Teufel der Zwietracht, die unsre Heimat zerreien,
bezwingt, das groe Wort: 'Gleiches Recht fr alle' von den Lippen in
die Herzen verpflanzt und es zur Tat, und uns einig, gro und glcklich
macht. Denk dir, ein Mann sein, der das vermchte! Er wrde der Retter,
der Erlser, der Abgott seines Volkes.

Georg hrte ihm voll Bewunderung zu. Da sein Vater mit ihm redete wie
mit einem Ebenbrtigen, machte ihn unendlich stolz. Der Glaube an sich
selbst, der ins Schwanken gekommen war, erwachte wieder. Ein
ordentlicher Mensch sein, ist viel, und der mittelmig Begabte mag sich
damit begngen, hatte der Vater unter anderm gesagt, ein
auerordentlich Begabter ist sich selbst und den andern schuldig, ein
groer Mensch zu werden. Bei ihm kommt es nur auf den Willen an, auf
den unerschtterlichen Entschlu ...

Er konnte nicht einschlafen an diesem Abend. Die Zukunftsbilder, die
sein Vater entworfen hatte, standen zu lebhaft vor ihm. Von der
Ttigkeit eines Staatsmannes machte er sich allerdings keinen rechten
Begriff, sah sich vorerst auf der Rednerbhne, einer Versammlung
gegenber, die ihn mit hhnenden Zurufen empfing; Feindseligkeit blickte
aus aller Augen, in jedem Gesicht stand ein: Nein! geschrieben. Und er
begann zu sprechen, und allmhlich verstummten die Zurufe, und von den
Gesichtern verschwand der mignstige Ausdruck, Teilnahme und Zustimmung
wurden rege und begannen sich zu uern, vereinzelt erst, dann immer
hufiger, endlich vllig einstimmig. Er hatte seine Zuhrer hingerissen
durch die Gewalt seines Wortes. Und alle, vom Ersten bis zum Letzten,
sahen den Fhrer in ihm und folgten ihm willig und entzckt; denn sie
wuten, was er wollte, war das Gute, das Weise, und der Weg, den er sie
fhrte, war der Weg zu ihrem Heile.

Auf seinen nchsten Gngen zur Schule blieb er nicht mehr bei Salomon
stehen. Er dankte fr die freundlichen Winke und Verbeugungen des
Hausierers nur mit einem kurzen Gruwort. Einmal hielt er sich aber doch
bei ihm auf. Salomon hatte ihn gar zu instndig flehend angesehen und
fragte gar zu trbselig:

Habe ich Ihnen was getan, junger Herr, sind Sie bse auf mich?

Was dir einfllt, erwiderte Georg, was werd ich denn bs auf dich
sein.

Es kam Salomon halt so vor. Vielleicht hatte die Nachtigall sich doch
nicht bewhrt, hineinschauen kann man ja nicht, und vielleicht wnschte
der junge Herr eine andre. Salomon war bereit, ihm eine andre zu geben
um den halben Preis.

Eine andre um den halben Preis, erwiderte Georg. Gewaltig trat die
Versuchung an ihn, den lockenden Antrag anzunehmen. Aber er bestand, er
siegte in seinem kurzen Seelenkampf.

Nein, nein, ich brauch keine Nachtigall mehr, ich will keine! rief er.
Ich bin jetzt vierzehn Jahre alt, und es gehrt sich fr mich nicht
mehr zu spielen. Ich mu lernen, ich mu trachten, Vorzugsschler zu
bleiben, ich darf keinen andern Gedanken haben als lernen.

Diesen Vorsatz fhrte er aus.

       *       *       *       *       *

Es kamen Tage, an denen sein Flei an Raserei grenzte. Sie verflossen
und lieen eine schauderhafte Erschpfung zurck. Niemandem, nicht
einmal seiner Mutter, vertraute er, was um diese Zeit in ihm vorging.
Ich werd noch nrrisch, dachte er. In meinem Kopf ist kein Blut und
kein Hirn; in meinem Kopf ist es wei und leer. Das Lernen hat alles
aufgefressen und mu jetzt auch aufhren, weil es nichts mehr zu fressen
findet. Das ist ganz natrlich und ganz albern und ein peinigender
Zustand, aus dem sich aufzuraffen unmglich ist ...

Wie im Halbschlaf sa er bei seinen Bchern, und eben in dieser Zeit
lie Pepi sich herab, einer Anwandlung des Fleies nachzugeben, und kam
ihm nach, kam ihm vor in groen Sprngen. Aus jedem Gegenstand, in dem
er aufgerufen wurde, erhielt er eine Vorzugsklasse.

Und wieder fragte ihn Georg: Wie machst du's, da du immer weit? Sag
mir's, wie du's machst?

Pepi steckte die Hnde in die Taschen und warf die Beine, als ob er sie
von sich schleudern wollte:

Zu langweilig!... Dumme Fragerei! ... In abgebrochenen Stzen nur
geruhte er zu antworten. Sein Alter gab klein bei, weil er ihm gedroht
hatte, sich zu erschieen. So tat er ihm denn auch etwas zulieb und
legte seinem Genie keinen Kappzaum mehr an: Und jetzt mach ich ihm halt
die Freud und werd Primus.

Ja, ja, wenn's geht!

Wenn's geht?

Gar gewi ist's doch nicht. Es ist noch der Rott da und der Bingler.

Ich werd Primus, wiederholte Pepi voll Aufgeblasenheit. Alles geht
und wird, wie ich's haben will -- grad so!

Wie du's haben willst?

Grad so. Das kannst du nicht begreifen. Du freilich nicht, du armer
Bffler. Weil du nur ein Bffler bist, kannst du's nicht begreifen. Du
mchtest nur; ich kann, was ich mag.

Georg warf sich in die Brust: Und ich auch, wollte er antworten; doch
brach ihm die Stimme ...

Ihm war, als ob der Boden sich aufrisse und zwischen ihm und dem
gottbegnadeten Kameraden ein unberbrckbarer Abgrund ghne. Drben,
mitten in fruchtbaren Gefilden, in denen alles grnte und blhte, stand
Pepi, und wohin sein Fu trat, entsprang ein Quell, und was seine Hand
berhrte, wurde zur herrlichen Frucht. Und er hben, auf kargem,
steinigem Boden, der widerstrebend nur und ungern sich den schattigen
Zweig, den nhrenden Halm entringen lie.

Warum die schreiende Ungerechtigkeit, warum dem andern alles und ihm so
bettelhaft wenig?

Pepi beobachtete seinen stillen Kampf und verzog hhnisch den Mund.
Bffler! sprach er. Bffeln kommt von Bffel, und Bffel gehren zu
der Gruppe der Rinder.

Da ergriff wilder Zorn den sanftmtigen Georg. Er sprang auf Pepi zu und
packte ihn an der Gurgel.

Der unerwartet Angefallene brllte und wehrte sich mit Hnden und Fen,
und bald waren die beiden umringt von einer johlenden Schar, die sich an
dem Zweikampf beteiligte, fast durchweg zugunsten Georgs. Den
vielbeneideten, vielgehaten Pepi einmal gnzlich berwunden abziehen zu
sehen, gewhrte jedem einzelnen einen kstlichen Genu. Jmmerlich
zugerichtet, in zerfetzten Kleidern, verlie er den Plan. Das begab sich
unweit der Schule, und an der Straenecke war Salomon gestanden und
hatte der Schlacht mit gespannter Teilnahme zugesehen. Er begleitete
Georg mit Glckwnschen und Heilrufen; der aber winkte traurig ab. Er
hatte etwas getan, was seinem ganzen Wesen widersprach, schmte sich
seines Erfolges und betrachtete mit Entsetzen seinen neuen Rock, an dem
die Spuren der Schlgerei zu sehen waren. Nun begann er zu rennen, um
frher als der Vater heimzukommen. In Schwei gebadet betrat er die
Kche, legte das Ohr an das Schlo der Zimmertr und horchte. Alles
still, nur die Nhmaschine schnurrte, die Mutter war allein. O, Gott sei
Lob und Dank! Hastig trat er ein und sprudelte die Geschichte seines
jngsten Erlebnisses heraus:

Und jetzt flick mir den Rock, Mutter, flick mir den Rock!

       *       *       *       *       *

Das Abendessen wurde schweigend eingenommen. Eine dumpfe Verstimmung
herrschte im Hause. Pfanner schmollte noch immer mit seiner Frau. Er
hatte die Scheine ber alle von ihr versetzten Gegenstnde an sich
genommen, um sie nach und nach einzulsen. Gott wei, unter welchen
Bitternissen. Jeder Gulden, den er ins Versatzamt trug, war ein Raub am
Sparkassenbuch seines Sohnes; an diesem knftigen Vermgen, aus dem die
Kosten der Rigorosen und des Freiwilligenjahres bestritten werden
sollten. Es gab Augenblicke, in denen er sie hate, die Schuld an dem
Raube trug. Ihn gutzumachen, lag nicht in ihrer Macht, in der seinen
aber lag, sie ben und leiden zu machen. Tag fr Tag wiederholte sich
dieselbe Tortur. Tag fr Tag verlangte er die Hausrechnung zu sehen,
ging jeden einzelnen Posten durch, bemngelte jeden. Mit raffinierter
Kunst erniedrigte er die Mutter in Gegenwart des Kindes durch sein zur
Schau getragenes Mitrauen.

Wer einmal betrogen hat, gleichviel in welcher Absicht, betrgt wieder!
man mu sich vor ihm in acht nehmen.

Gepeinigt sah Georg zu ihr hinber und warf ihr hinter dem Rcken des
Vaters Ksse zu. Um seinetwillen wurde sie beschmt, er war der
unschuldige Urheber ihrer Qual. Und sie, alles erratend, was in ihm
vorging, bezwang sich, bemhte sich, gelassen und standhaft zu bleiben
bei den Krnkungen, die sie erfuhr. Der Mann hielt fr Unempfindlichkeit,
was hchster Heldenmut war, und verschrfte die Lauge in den Ausdrcken
seiner Geringschtzung. Wie immer war es auch heute gegangen und Agnes
kaum noch imstande, ihre Selbstbeherrschung zu bewahren, als ein
heftiger Ri an der Glocke sie erschreckte. Sie schrie auf; auch Georg
erschrak. Es war etwas so vllig Ungewohntes, da um diese Zeit jemand
Einla bei ihnen begehrte.

Nervs, wie die elektrisierten Frsch, brummte Pfanner. Habt ihr in
eurem Leben noch nicht luten gehrt? Sieh nach, wer's ist, befahl er
der Frau.

Sie zndete rasch eine Kerze an und eilte in die Kche. Schon wurde ein
zweites Mal geschellt, noch ungeduldiger, noch heftiger als frher. Als
Agnes ffnete, stand ein groer, breitschultriger, fein gekleideter Mann
da und fragte:

Ist Herr Offizial Pfanner zu Hause?

Wer konnte das sein? Vielleicht ein Vorgesetzter, der Herr Inspektor
oder gar der Herr Oberinspektor?

Ja, er ist zu Hause, sagte sie, belieben einzutreten.

Ohne Gru ging er an ihr vorbei; er hielt sie offenbar fr die Magd, und
ihr war der Irrtum recht. Sie htte in ihrem grauen, ausgewaschenen
Percailkleide, in ihren geflickten Schuhen einem Vorgesetzten gegenber
nicht fr die Frau eines k. k. Beamten gelten mgen. Hflich stie sie
die Zimmertr vor dem Fremden auf, trat in die Kche zurck und hrte
nur noch ihren Mann in durchaus nicht respektvollem Tone sagen:

Herr Obernberger? Was verschafft mir das Vergngen?

Obernberger schlo die Tr hinter sich, die Magd sollte das Gesprch
zwischen ihm und Pfanner nicht mit anhren.

Vergngen werden Sie von meinem Besuch nicht haben, erwiderte er in
erregtem Tone, ich komme, um mich zu beklagen.

Hoho! Das konnte unangenehm werden. Pfanner hatte ein bses Gewissen.
War eine der wegwerfenden Reden, die er ber Obernberger zu fhren
pflegte, dem Schlosser hinterbracht worden? Vielleicht auch einem der
Vorgesetzten, bei denen der Meister in hohem Ansehen stand? Verfluchte
Geschichte! Pfanner verbarg seine Bestrzung hinter einem besonders
borstigen Wesen: Nur heraus mit der Sprache, genieren Sie sich nicht.
Ich kann was vertragen, sagte er.

Georg war aufgesprungen und hatte einen Sessel herbeigeholt. Obernberger
nahm Platz. Er betrachtete den Knaben, der mit gesenkten Augen und
krampfhaft verschlungenen Fingern vor ihm stehen blieb, streng und
prfend:

Herr Obernberger! Herr Obernberger! sprach Georg leise und
flehentlich.

O, wenn er frher an Herrn Obernberger gedacht htte, er wrde seinen
Sohn nicht geprgelt haben. Herr Obernberger war immer so gtig mit
ihm, wenn er ihn traf, und neulich, als er im Wagen gekommen war, den
Pepi aus der Schule abzuholen, hatte er Georg eingeladen, mitzufahren.
Eine Seligkeit wre es gewesen, der Einladung zu folgen, aber er wagte
es nicht. Der Vater htte gewi gesagt: Hast vergessen, da du keine
Gnaden annehmen sollst?

Je lnger Obernberger seine Augen auf Georg ruhen lie, je milder wurde
ihr Ausdruck, und jetzt redete er ihn an: Wissen Sie, da ich schon auf
dem Wege zum Herrn Direktor war, um mich ber Sie zu beklagen? Ich mag
Ihnen aber doch Ihre gute Note in Sitten nicht verderben und will mich
mit einer huslichen Zchtigung begngen, die Ihnen Ihr Vater sicher
erteilen wird, wenn er hrt, was vorgefallen ist. Herr Offizial,
wendete er sich an Pfanner, Georg hat heute nach der Schule meinen Sohn
angefallen und ihn gewrgt, und andre haben sich hineingemischt, und
mein Pepi ist mir nach Hause gekommen, ganz zerrissen, und das rechte
Auge so blau und geschwollen, da er ein paar Tage hindurch weder lesen
noch schreiben kann. Und das ist geschehen ohne den geringsten Grund.

Ohne den geringsten Grund? wiederholte Pfanner, hob sich halb von
seinem Sitz, und es war, als ob er auf den Sohn losspringen wollte.

Nicht ohne Grund, hauchte Georg mehr als er sprach. Er hat mir
gesagt, da ich ein Bffler bin. Bffeln kommt von Bffel, und Bffel
gehren zu der Gruppe der Rinder, hat er gesagt.

Pfanner schwieg und sa wieder gerade auf seinem Sessel. Obernberger war
betroffen.

Ist das wahr? fragte er, und Georg beteuerte:

Es ist wahr.

Hinaus! rief Pfanner ihm pltzlich zu und wies mit ausgestrecktem Arm
nach der Kchentr.

Drauen stand die Mutter neben dem Herde und zitterte an allen Gliedern
und fragte sich, was fr ein neues Unheil ber ihren Georg
hereingebrochen sein mchte. Er lief auf sie zu, war bleich wie Wachs,
und grnliche Schatten zogen sich lngs der Nase zu den Mundwinkeln
herab: Mutter, Mutter! prete er hervor, was wird jetzt mit mir
geschehen?

       *       *       *       *       *

In der Stube jedoch begab sich das Unerhrte. Pfanner entschuldigte
seinen Sohn. Der Junge war schchtern von Natur und nur zu sanft fr
einen Buben. Wenn er einmal losgeschlagen hatte, mute er arg provoziert
worden sein. Er sei auch absolut wahrhaft, versicherte der Vater, der
ihn noch nie auf einer Lge ertappt hatte.

Knnen Sie das von Ihrem Pepi auch sagen? fragte Pfanner und setzte
die gewisse, militrische Miene auf, die er sich angeeignet hatte, als
er einst, nach wenigen Monaten seiner Dienstzeit, zum Korporal befrdert
worden war.

Der gutmtige Obernberger stand immer noch unter dem Eindruck, den die
Todesangst auf dem Gesichte Georgs auf ihn gemacht hatte. Der groe,
breite Mensch schmolz in der Nhe des kleinen, hitzigen Pfanner
ordentlich zusammen. Ein gewaltiger Schneemann in der Nhe eines
Hufleins glhender Kohlen. Er hatte keine Ursache, sich auf die
Wahrheitsliebe seines Pepi zu verlassen, und weil er das nicht
eingestehen wollte, schwieg er.

Fragen Sie Ihren Pepi aufs Gewissen, ob mein Sohn ihn wirklich ohne
Grund geschlagen hat, sprach Pfanner. Aug in Aug mit dem Buben, in
unsrer Gegenwart soll er es ihm wiederholen. Tut er das, dann lade ich
Sie zu einer Exekution ein, wie sie bei uns noch nicht stattgefunden
hat, obwohl _ich_ bei meinem Buben die Prgel nicht spare.

Bei dieser Abmachung blieb es. Herr Obernberger, der als Richter
gekommen war, verlie die Wohnung des Offizials mit dem Gefhl, eine
Niederlage erlitten zu haben. Er achtete nicht auf die zwei, die sich
tief verneigten, als er die Kche durchschritt. Georg lief ihm voran,
ffnete mit demtiger Beflissenheit die Tr und murmelte:

Verzeihen Sie mir, Herr Obernberger, verzeihen Sie mir, so leise, mit
so von Scheu und Trnen erstickter Stimme, da der in unangenehme
Gedanken versunkene Fabriksherr nichts davon hrte.

Als Agnes und Georg das Zimmer wieder betraten, hatte Pfanner einen
groen, mit Zahlen bedeckten Bogen vor sich liegen, den er mit uerster
Aufmerksamkeit durchsah. Georg holte seine Hefte herbei und machte sich
an seine Arbeit. Eine halbe Stunde verging, ehe der Vater seinen Sohn
ansprach, und dann -- o Wunder! geschah es nicht einmal in
unfreundlicher Weise. Er berzeugte sich, da Georg beinahe fertig war
mit seinen Aufgaben:

Bist du aus Geschichte schon aufgerufen worden? fragte er.

Noch nicht.

Merkwrdig. So spt?

Vielleicht morgen. Wir haben morgen Geschichte.

Nun, da kriegst du doch eine Vorzugsklasse?

Ich wei nicht, vielleicht.

Du! schrie der Vater ihn an. Weit du, was das heit, wenn du keine
Vorzugsklasse kriegst? Weit du, was ein 'Gengend' dich kostet?

Ich wei es, erwiderte Georg tonlos.

Den Vorzugsschler kostet's dich, fauler Bub!

Ich bin nicht faul, Vater.

Der Vater hob namenlos erstaunt den Kopf. Sein friedfertiger Junge war
heute der Held einer Prgelei gewesen, und jetzt verma er sich, ihm zu
widersprechen. Was war vorgegangen? War in dem Jungen der Mann erwacht?
Sollte er am Ende noch so schneidig werden, wie er sich ihn immer
gewnscht?

Frau Agnes hatte ihre Hand auf den Arm des Sohnes gelegt, als er dem
Vater widersprochen: Um Gottes willen, Schorsch!

Still, herrschte Pfanner sie an, la ihn reden. Ich bin nicht faul,
behauptet er. Also red, 's ist erlaubt, 's ist befohlen, drang er in
ihn.

Ich lern den ganzen Tag, sagte Georg. Ich kann nicht mehr lernen als
ich lern, ich wei nicht, was ich anfangen soll, damit du zufrieden
bist. Die Tollkhnheit der Verzweiflung kam ber ihn, und er wagte
hinzuzusetzen: Andre Eltern sind schon zufrieden, wenn ihre Kinder
'Gengend' bekommen, und ich soll lauter 'Vorzglich' und 'Lobenswert'
haben ... Und ich soll mich schinden ... Und ich ... Er konnte nicht
weiter reden, rang die Hnde, schlug mit der Stirn auf den Tisch und
wand sich in einem Schmerze, ber den der Vater selbst erschrak. Zum
erstenmal im Leben fhlte er sich ratlos dem Kinde gegenber.

Ich hab schon ein 'Gengend' in Griechisch! schrie Georg in
pfeifenden, gequetschten Tnen. Wenn ich noch ein 'Gengend' bekomme,
bin ich kein Vorzugsschler mehr. Und ich bekomm gewi noch ein
'Gengend' ...

Das war zu viel. Die Worte machten der Langmut Pfanners ein Ende. Alles
in ihm, das ein bichen weich zu werden begonnen hatte, erstarrte
wieder:

Kein Vorzugsschler mehr! Dieser Bub, der die Fhigkeit besa, einen
Platz unter den Ausgezeichneten zu behaupten, wollte durch die Schule
kriechen mit dem groen Heer der Mittelmigen? Pfui ber den Buben!

Du bleibst Vorzugsschler, oder ich geb dich zu einem Schuster in die
Lehr.

Tu's, Vater, tu's! Aber warum grad zu einem Schuster! erwiderte Georg
auer sich. Du kannst mich auch zu Herrn Obernberger geben, und ich
werd ein Kunstschlosser ... Oder auch mit Musik kann ich mein Brot
verdienen ...

Georg, Georg, um Gottes willen! wiederholte die Mutter. Sie sah ihren
Mann fahl werden vor Wut, sah seine Fuste sich ballen:

Musik? gut, gut! Ich kauf dir einen Leierkasten, kannst in den Husern
orgeln und auf die Kreuzer warten, die sie dir aus den Fenstern
werfen.

Georg prete das Kinn auf die Brust und starrte zu Boden.

Pfanner sprang auf und fhrte einen schweren Schlag auf den Nacken des
Kindes: Kein Wort mehr! Und -- das merke, komm mir nicht noch einmal
mit einer schlechten Note nach Hause. Untersteh dich nicht!

Nein, nein, murmelte Georg. Er war jetzt ganz furchtlos. Um so besser,
wenn er nicht mehr nach Hause zu kommen braucht. Der Vater wird sich
nicht mehr ber ihn rgern, und die Mutter nicht mehr qulen um
seinetwillen. Wre er doch nicht auf die Welt gekommen ... -- oder wre
er schon drauen -- wre er tot!

Am nchsten Morgen war der Vater von einer furchtbar druenden
Schweigsamkeit. Die dunkeln Ringe unter seinen gerteten Augen, bei ihm
das sicherste Zeichen einer schlaflos durchwachten Nacht, gaben ihm das
Aussehen eines Kranken. Er frhstckte hastig, nahm seine Schriften
unter den Arm, setzte den Hut auf und verlie das Zimmer, ohne den Gru
seiner Frau und seines Sohnes zu erwidern. Man hrte ihn die Kchentr
zuschlagen, da sie drhnte.

Georg ordnete die Hefte und Bcher in seiner Schultasche, war fertig,
nahm Stck auf Stck wieder heraus, ordnete alles von neuem, langsam und
bedchtig. Die Mutter mahnte zur Eile. Er lie pltzlich alles liegen
und stehen und warf sich ihr in die Arme, und sie drckte ihn an ihr
Herz. Sie sprachen nicht, es kam keine Anklage ber ihre Lippen, aber
glhend brannte sie in ihren Herzen. Wie glcklich knnten sie sein,
sie zwei, wie glckselig, wenn der Ehrgeiz des Vaters nicht wre, der
blinde, trichte, der vom Apfelbumchen, das ihm Gott in seinen Garten
gepflanzt, die Triebkraft der Eiche verlangte.

Dreimal schon hatte Georg Lebewohl gesagt und brachte sich noch immer
nicht fort.

Du kommst zu spt, Schorschi, sagte Frau Agnes. Lauf jetzt, lauf! Und
sei nicht so traurig, fgte sie hinzu und strich ihm ber die Wangen.

Du bist selbst traurig, antwortete er.

Ach -- das vergeht, bei der Arbeit vergeht's.

Also adieu, sagte er und schritt resolut der Tr zu, und ber die
Treppe hinab bis zum ersten Stockwerk. Dort blieb er stehen, besann
sich, kehrte pltzlich um und strmte in raschen Stzen wieder zurck,
und wie er oben ankam, sah er die Mutter vor der Wohnungstr stehen, auf
derselben Stelle, bis zu der sie ihn begleitet hatte.

Was gibt's? fragte sie wie aus dem Schlaf auffahrend, warf den Kopf
zurck und bemhte sich, eine strenge Miene anzunehmen. Hast was
vergessen?

Ich hab dir ja nicht ordentlich Adieu gesagt, und er fiel ihr um den
Hals und kte sie mit strmischer Zrtlichkeit.

       *       *       *       *       *

In der Schule kam er zu spt. Der erste Vortrag hatte schon vor einer
Viertelstunde begonnen, als er eintrat und sich auf seinen Platz setzte.

Wo steckst denn? raunte der Nachbar ihm zu. Du bist aufgerufen worden
und warst nicht da.

Unglck, Unglck, murmelte Georg und gab sich alle erdenkliche Mhe,
aufmerksam zuzuhren. In seinem Kopfe ging es sonderbar zu. Es summte
und hmmerte darin, und der Stimme, die vom Katheder zu ihm herbertnte
-- sonst eine laute, kraftvolle Stimme --, fehlte der Klang. Die Worte,
die sie sprach, waren nicht artikuliert, flossen ineinander wie Wellen
... Noch etwas Sonderbares! der breite Saal schien sich zu verlngern
ins Unglaubliche. Es war kein Saal mehr, es war ein langer Gang, von
merkwrdig kaltem, weiem Licht erfllt, und ganz weit am Ende stand ein
schwarzer Strich auf einem Piedestal. Georg mute mit Gewalt alle seine
Denkkraft zusammen nehmen, um sich klar zu machen: das ist der Herr
Professor, der einen Vortrag hlt.

Er schlo die Augen, lehnte sich zurck und dachte: Ich werde heute
nicht lernen knnen. Nach einer Weile aber wurde es besser, er vermochte
sich aus dem unheimlich traumhaften Zustand, in den er geraten war,
heraus zu reien. Der zweite Vortrag hatte begonnen. Der jetzt sprach,
war ein sehr beliebter, von der ganzen Schule verehrter Lehrer, der
Professor der Geschichte. Er hatte einen sonst kaum mittelmigen
Schler aufgerufen, und der bestand mit Ehren. Georg folgte. Ach! wenn
er auch so viel Glck htte wie sein Vorgnger. Es schien beinahe. Der
Professor prfte aus dem unlngst von Georg Wiederholten und sagte:

Gut, bis auf zwei Jahreszahlen. Sie bekommen 'Lobenswert'. Ich mchte
Ihnen aber gern 'Vorzglich' geben knnen und stelle deshalb noch einige
Fragen. Nennen Sie mir alle deutschen Kaiser bis zu Rudolf dem Ersten.

Das war keine sehr schwere Frage. Voll Zuversicht begann er sie zu
beantworten und gelangte glorreich bis zu Otto *III.* Da verriet ihn
sein Gedchtnis -- er lie den gelehrten und frommen Kaiser ein hohes
Alter erreichen und Heinrich *II.* den ersten Salier sein.

Der Professor zuckte bedauernd die Achseln und unterbrach ihn: Das geht
nicht gut. -- Etwas andres! Erzhlen Sie mir die Geschichte von
Konradin.

O -- die wute er! die hatte er seiner Mutter erzhlt; so rhrend, da
sie dabei weinen mute. Konradin war ja -- nun ja -- war ja Knig Enzio
... Oder nein, richtig -- Enzio war Konradin ...

Ein kaum unterdrcktes boshaftes Kichern erhob sich, der Pepi lachte ihn
aus. Die Augen des Professors hefteten sich fest auf ihn. Er verstand,
da diese guten, wohlwollenden Augen ganz besorgt fragten: Sind Sie bei
Trost?

Er htte schreien mgen: Nein! ganz verwirrt und konfus bin ich!

Sie tun mir leid, sprach der Professor, aber -- sagen Sie selbst --
welche Klasse haben Sie verdient?

Georg flsterte etwas vllig Unverstndliches. Dem Lehrer schien, es sei
ein Dank gewesen. Der Junge wute heute nichts, erriet aber viel, erriet
das innige Mitleid, das er seinem Lehrer einflte.

Ehe der dritte Vortrag begann, verlie er die Schule und ging langsam
die Strae hinab. Es war ein Frhlingstag mit sommerlichem Sonnenschein,
der Himmel wolkenlos, die Luft noch frei von Staub und Dunst. Georg
schritt mit weit aufgerissenen, verglasten Augen zwischen den Menschen
dahin, die sich in der Hauptverkehrsstrae der Vorstadt drngten. Einem
oder dem andern fiel auf, wie sonderbar verloren er aussah. Keiner
hatte Lust und Zeit, ihn zu fragen, was ihm sei. Ein Tischlerjunge nur,
der einen Handwagen schleppte, und an den er angestoen war, rief ihm
zu:

Ho! wo hast dein Schdel? Anbaut mit samt der Mitzen?

Unwillkrlich griff Georg nach seinem Kopfe. Er war barhaupt, hatte
seine Mtze in der Schule gelassen, und auch seine Lernsachen. Daran lag
aber nichts. Ihn wrde niemand nach ihnen fragen. Er konnte ja nicht
mehr heim. Komm mir nicht nach Hause mit einer schlechten Note! Diese
Worte drhnten unablssig an sein Ohr. Jetzt mute er sie bekommen, die
schlechte Note, die erste, wirklich schlechte. Was wrde der Vater jetzt
mit ihm tun? Und wie wrde die Mutter sich krnken ... Nein, nein, Vater
und Mutter, er wagt es nicht, er kommt nicht mehr zurck, er geht, wohin
schon mancher unglckliche Schler gegangen ist: in die Donau. Und
dieser eine Gedanke, je lnger er ihn vor sich sah, als das
Unabwendbare, Einzige, je mehr befreundete er sich mit ihm. Dieser
Gedanke mit dem dunklen Kerne hatte eine blendende Atmosphre und fing
an, eine groe Helligkeit zu verbreiten. Er gestaltete sich jetzt so:
Ich _mu_ in die Donau, ich will aber auch, und gern. Wie gut ist es,
tot zu sein, nicht mehr hren mssen: Lern! Wie gut auch, wenn es keinen
Zwiespalt mehr zwischen den Eltern gibt. Aber du begehst einen
Selbstmord, fuhr es ihm durch den Sinn, und ein Selbstmord ist eine
Todsnde. Ihn schauderte. Lieber Gott! Allgtiger! sthnte er und
blickte flehend zum Himmel empor. Rechne mir meinen Tod nicht als Snde
an! Ich will keine Snde begehen, ich will sterben fr den Frieden
meiner Eltern. Mein Tod ist ein Opfertod.

Ein Opfertod!

An dieses Wort klammerte er sich; es brachte ihm Trost. Er verwandelte
die Tat der Verzweiflung in eine Heldentat und schwerste Schuld in ein
Mrtyrertum. Es ging auf vor dem armen, irrenden, suchenden Kinde wie
ein Stern in der Nacht. Keine Erwgung, keine berlegung, kein Zweifel
mehr, nicht die geringste Fhigkeit, sich etwas andres vorzustellen, nur
die rasende, unbezwingliche Sehnsucht, Erlsung zu erfahren und Erlsung
zu bringen.

       *       *       *       *       *

Er war am Ende der Strae angelangt, bog in die Seitengasse ein, die auf
den Kai mndete. Bleierne Mdigkeit lag ihm in den Gliedern, sein Kopf
brannte und schmerzte bis zur Bewutlosigkeit. Die Donau, die ist ein
khles, weiches Bett, da findet man Ruhe und Labung. Nur sie erreichen,
nur bis zu ihr hinkommen! Eine dumpfe Angst: sie mignnen mir die
Erlsung, sind hinter mir, verfolgen mich, jagte ihn vorwrts. Er
begann zu laufen, und dabei schien ihm, da er immer auf demselben Fleck
bliebe. Das war frchterlich, noch einmal einen so argen Kampf mit dem
Unberwindlichen kmpfen zu mssen.

Wohin? Was sind Sie so eilig? sprach eine wohlbekannte Stimme ihn an.
Der Hausierer stand vor ihm.

Du? sagte er, du Salomon?

Ein wenig Zeit nahm er sich zum Abschied von dem Armen. Auch der war
elend, dem es Seligkeit gewesen wre, in der Schule zu sitzen, aus der
Georg entflohen war, und der auf und ab wandeln mute vom frhen Morgen
bis in die spte Nacht in Staub und Sonnenbrand, und sah so krank aus,
und seine schmchtige Gestalt war schon ganz schief vom Tragen des
schweren Warenkastens. Ja, ja, wem zu Schweres auferlegt wird, der
verkrppelt. Armer Salomon, den der Wachmann aufscheucht und einzufhren
droht, wenn er ganz erschpft einige Augenblicke auf einer Bank ausruhen
mchte. Fort, fort auf mden Fen in den ausgetretenen, geplatzten
Stiefeln ... Georgs Blick glitt ber sie hinweg, und pltzlich beugte er
sich, zog rasch seine neuen Halbschuhe aus und legte sie auf den
Warenkasten.

Nimm sie, ich brauche sie nicht mehr, sprach er und -- lachte. Ja,
wahrhaftig, Salomon schwor spter darauf, da er gelacht habe, und wie
unaussprechlich schmerzvoll dieses Lachen geklungen, kam ihm erst spter
zum Bewutsein, nachdem alles vorber war. Zuerst in seiner freudigen
Verblffung hatte er nur Augen fr die schnen, guten Schuhe, die ihm
wie aus dem Fllhorn des Glckes zugefallen waren. Als er sich besann,
da Georg seine Schuhe gar nicht verschenken drfe, und wohl nur einen
Spa mit ihm gemacht habe und er sich umsah und rief: Junger Herr!
junger Herr! -- drang schon lautes, vielstimmiges Geschrei an sein Ohr:
Im Wasser! -- Hineingesprungen! -- Hilfe! Hilfe! Von allen Seiten
strzten sie herbei, rannten, krochen die steile Bschung hinab, standen
mit vorgestreckten Hlsen, Entsetzen oder stumpfsinnige oder
abscheuliche Neugier in den Gesichtern, und deuteten: Da! dort! Siehst
ihn?

Anstalten zur Rettung wurden getroffen -- vergebliche. Eine
Stromschnelle hatte den schwimmenden Krper erfat und huptlings an
einen Brckenpfeiler geschleudert.

Mit gellenden Wehrufen drngte sich Salomon durch die Menge zum Ufer
hin. Die Schuhe hatte er von sich geworfen, streute seine Waren im Laufe
achtlos aus ... Gott! Gott! Ins Wasser gesprungen -- in den Tod
gegangen, der, den er bewundert hatte und beneidet, und der immer so gut
gegen ihn gewesen war.

       *       *       *       *       *

Pfanner hatte einen schweren Entschlu gefat und ausgefhrt. Er war zum
Direktor des Gymnasiums gegangen, um Georg seiner Nachsicht zu
empfehlen. Vor wenigen Tagen noch wrde er einen solchen Schritt fr
unmglich gehalten und geglaubt haben, sich und Georg durch ihn zu
erniedrigen.

Mit so viel Wrme und Verbindlichkeit, als ihm irgend zu Gebote stand,
sprach er die Bitte aus, seinen Sohn nachsichtig zu klassifizieren, wenn
der Bursche auch in letzter Zeit etwas nachgelassen habe im Fleie. Sein
Vater brgte dafr, da es von nun an besser werden sollte.

Nachgelassen im Fleie? Das war dem Direktor neu. So viel er wute,
hatte noch keiner der Professoren sich ber Georgs Mangel an Flei
beklagt. Ich wre froh, sagte er, wenn ich allen Eltern so Gutes ber
ihre Shne sagen knnte, wie Ihnen ber Georg. Er ist bei smtlichen
Lehrern vortrefflich angeschrieben, sehr brav und auch durchaus nicht
unbegabt ...

O, das glaub ich! warf Pfanner hochfahrend ein.

Durchaus nicht unbegabt, wiederholte der Direktor khl, aber auch
nicht ungewhnlich begabt. Ich frchte, da Sie zu viel von ihm
verlangen, ihm eine grere Leistungsfhigkeit zutrauen, als er besitzt.
Wenn Sie ihn zwingen, seine Krfte zu berspannen, ruinieren Sie ihn.

Der Offizial kam tief niedergeschlagen ins Bureau. So verlangte er also
zu viel von seinem Buben, so ruinierte er ihn, so sollte Georg nur
mittelmig begabt sein? Er glaubte es nicht. Diese Schulleute irren so
oft. Wie viele, von denen ihre Lehrer nichts gehalten, sind groe Mnner
geworden. Er ging an seine Arbeit, vergrub sich in sie, suchte Rettung
in ihr vor dem schweren Drucke, der ihm auf dem Herzen lastete.

Gegen Mittag meldete ihm der Bureaudiener, es sei jemand da, der ihn
sprechen wolle. Auf dem Gange erwartete ihn Frau Walcher in einem
Zustand furchtbarer Zerstrtheit. Etwas Entsetzliches sei geschehen,
stotterte sie, das rgste, das man sich denken knne. Er solle nur
gleich mit ihr kommen.

Was ist das rgste? fuhr er sie an. Was ist's mit meinem Buben?

Ihre Antwort war eine Gebrde der Verzweiflung.

       *       *       *       *       *

Dem Liebling des Gymnasiums wurde ein feierliches Leichenbegngnis
bereitet. Alle Professoren, alle Schulkameraden beteiligten sich daran.
Meister Obernberger folgte dem Zuge, weinend wie ein Kind, und sein Pepi
hatte heute allen Hochmut abgetan.

Der Vater schritt in guter Haltung hinter dem Sarge. Jedes Wort, das am
Grabe zum Preise seines Sohnes gesprochen wurde, schien ihm wohl zu tun,
whrend die Mutter immer tiefer in sich zusammensank.

Am besten fr sie wr's, sagte schwerbekmmert Frau Walcher zu ihrem
Manne, wenn man sie gleich mitbegraben knnt.

Die zwei Ehepaare traten die Rckfahrt im selben Wagen an. Pfanner und
seine Frau wechselten nicht eine Silbe. Einer wich scheu dem Blick des
andern aus. Daheim angelangt, gab Agnes den dringenden Bitten der
Freundin, zuerst bei ihr einzutreten, nach.

Da hat sie doch ein paar Stunden Frieden, dachte die Getreue.

Als der Abend kam und die gewohnte Pflicht sie rief, ging Agnes
mechanisch daran, das Abendbrot zu bereiten. Sie betrat das Zimmer, um
die Lampe anzuznden. Aber Pfanner hatte das schon selbst getan. Die
Lampe brannte auf dem Tische, und dort lagen die Bcher und die Mtze,
die der Schuldiener zurckgebracht hatte. Vor sich aufgeschlagen hatte
Pfanner ein dnnes Bchlein -- das Vermgen des Kindes, das guldenweise
zusammen gesparte. Und in der gebrochenen Gestalt, die da sa und die
Gegenstnde alle betrachtete, drckte eine herzzerreiende
Trostlosigkeit sich aus. Was ging jetzt vor in dieser Seele!

Agnes kam leise heran.

Die Frau, die er zermalmt und zertreten und zu einer dienenden Maschine
herabgewrdigt hatte, fhlte sich in diesem Augenblick als die Grere
und Strkere und, im Vergleiche zu ihm -- die Glckliche. Sie durfte
ihres Kindes ohne Selbstvorwurf gedenken, von ihr hatte es mit
zrtlicher Liebe Abschied genommen.

Pfanner, sprach sie.

Er fuhr auf und starrte sie an mit Entsetzen. Wollte sie Rechenschaft
von ihm fordern? Seine Lippen zuckten und zitterten, er brachte keinen
Laut hervor. Etwas Greisenhaftes lag in seinen entstellten Zgen.

Da wich der Ha, da schwieg jeder Vorwurf. Sie nherte sich langsam und
sagte:

Du hast ja nur sein Bestes gewollt.

berrascht in demtiger Dankbarkeit nahm er ihre beiden Hnde, legte
sein Gesicht hinein und schluchzte.




    Er lat die Hand kssen.


So reden Sie denn in Gottes Namen, sprach die Grfin, ich werde Ihnen
zuhren; glauben aber nicht ein Wort.

Der Graf lehnte sich behaglich zurck in seinem groen Lehnsessel: Und
warum nicht? fragte er.

Sie zuckte leise mit den Achseln: Vermutlich erfinden Sie nicht
berzeugend genug.

Ich erfinde gar nicht, ich erinnere mich. Das Gedchtnis ist meine
Mue.

Eine einseitige, wohldienerische Mue! Sie erinnert sich nur der Dinge,
die Ihnen in den Kram passen. Und doch gibt es auf Erden noch manches
Interessante und Schne auer dem -- Nihilismus. Sie hatte ihre
Hkelnadel erhoben und das letzte Wort wie einen Schu gegen ihren alten
Verehrer abgefeuert.

Er vernahm es ohne Zucken, strich behaglich seinen weien Bart und sah
die Grfin beinahe dankbar aus seinen klugen Augen an. Ich wollte Ihnen
etwas von meiner Gromutter erzhlen, sprach er. Auf dem Wege hierher,
mitten im Walde, ist es mir eingefallen.

Die Grfin beugte den Kopf ber ihre Arbeit und murmelte: Wird eine
Rubergeschichte sein.

O, nichts weniger! So friedlich wie das Wesen, durch dessen Anblick
jene Erinnerung in mir wachgerufen wurde, Mischka *IV.* nmlich, ein
Urenkel des ersten Mischka, der meiner Gromutter Anla zu einer kleinen
bereilung gab, die ihr spter leid getan haben soll, sagte der Graf
mit etwas affektierter Nachlssigkeit, und fuhr dann wieder eifrig fort:
Ein sauberer Heger, mein Mischka, das mu man ihm lassen! er kriegte
aber auch keinen geringen Schrecken, als ich ihm unvermutet in den Weg
trat -- hatte ihn vorher schon eine Weile beobachtet ... Wie ein
Kfersammler schlich er herum, die Augen auf den Boden geheftet, und was
hatte er im Laufe seines Gewehres stecken? Denken Sie: -- ein Bschel
Erdbeeren!

Sehr hbsch! versetzte die Grfin. Machen Sie sich darauf gefat --
in Blde wandern Sie zu mir herber durch die Steppe, weil man Ihnen den
Wald fortgetragen haben wird.

Der Mischka wenigstens verhindert's nicht.

Und Sie sehen zu?

Und ich sehe zu. Ja, ja, es ist schrecklich. Die Schwche liegt mir im
Blut -- von meinen Vorfahren her. Er seufzte ironisch und sah die
Grfin mit einer gewissen Tcke von der Seite an.

Sie verschluckte ihre Ungeduld, zwang sich, zu lcheln und suchte ihrer
Stimme einen mglichst gleichgltigen Ton zu geben, indem sie sprach:
Wie wr's, wenn Sie noch eine Tasse Tee trinken und die Schatten Ihrer
Ahnen heute einmal unbeschworen lassen wrden? Ich htte mit Ihnen vor
meiner Abreise noch etwas zu besprechen.

Ihren Proze mit der Gemeinde? -- Sie werden ihn gewinnen.

Weil ich recht habe.

Weil Sie vollkommen recht haben.

Machen Sie das den Bauern begreiflich. Raten Sie ihnen, die Klage
zurckzuziehen.

Das tun sie nicht.

Verbluten sich lieber, tragen lieber den letzten Gulden zum Advokaten.
Und zu welchem Advokaten, guter Gott!... ein ruchloser Rabulist. Dem
glauben sie, mir nicht, und wie mir scheint, Ihnen auch nicht, trotz all
Ihrer Popularittshascherei!

Die Grfin richtete die hohe Gestalt empor und holte tief Atem.
Gestehen Sie, da es fr diese Leute, die so tricht vertrauen und
mitrauen, besser wre, wenn ihnen die Wahl ihrer Ratgeber nicht frei
stnde.

Besser wr's natrlich! Ein bestellter Ratgeber, und -- auch bestellt
-- der Glaube an ihn.

Torheit! zrnte die Grfin.

Wie so? Sie meinen vielleicht, der Glaube lasse sich nicht
bestellen?... Ich sage Ihnen, wenn ich vor vierzig Jahren meinem Diener
eine Anweisung auf ein Dutzend Stockprgel gab und dann den Rat, aufs
Amt zu gehen, um sie einzukassieren, nicht einmal im Rausch wre es ihm
eingefallen, da er etwas Besseres tun knnte, als diesen meinen Rat
befolgen.

Ach, Ihre alten Schnurren! -- Und ich, die gehofft hatte, Sie heute
ausnahmsweise zu einem vernnftigen Gesprch zu bringen!

Der alte Herr ergtzte sich eine Weile an ihrem rger und sprach dann:
Verzeihen Sie, liebe Freundin. Ich bekenne, Unsinn geschwatzt zu haben.
Nein, der Glaube lt sich nicht bestellen, aber leider der Gehorsam
ohne Glauben. Das eben war das Unglck des armen Mischka und so mancher
andrer, und deshalb bestehen heutzutage die Leute darauf, wenigstens auf
ihre eigne Fasson ins Elend zu kommen.

Die Grfin erhob ihre nachtschwarzen, noch immer schnen Augen gegen den
Himmel, bevor sie dieselben wieder auf ihre Arbeit senkte und mit einem
Seufzer der Resignation sagte: Die Geschichte Mischkas also!

Ich will sie so kurz machen als mglich, versetzte der Graf, und mit
dem Augenblick beginnen, in dem meine Gromutter zum erstenmal auf ihn
aufmerksam wurde. Ein hbscher Bursche mu er gewesen sein; ich besinne
mich eines Bildes von ihm, das ein Knstler, der sich einst im Schlosse
aufhielt, gezeichnet hatte. Zu meinem Bedauern fand ich es nicht im
Nachla meines Vaters und wei doch, da er es lange aufbewahrt hat, zum
Andenken an die Zeiten, in denen wir noch das *jus gladii* ausbten.

O Gott! unterbrach ihn die Grfin, spielt das *jus gladii* eine
Rolle in Ihrer Geschichte?

Der Erzhler machte eine Bewegung der hflichen Abwehr und fuhr fort:
Es war bei einem Erntefest und Mischka einer der Kranztrger, und er
berreichte den seinen schweigend, aber nicht mit gesenkten Augen, sah
vielmehr die hohe Gebieterin ernsthaft und unbefangen an, whrend ein
Aufseher im Namen der Feldarbeiter die bliche Ansprache
herunterleierte.

Meine Gromutter erkundigte sich nach dem Jungen und hrte, er sei ein
Huslersohn, zwanzig Jahre alt, ziemlich brav, ziemlich fleiig und so
still, da er als Kind fr stumm gegolten hatte, fr dummlich galt er
noch jetzt. -- Warum? wollte die Herrin wissen; warum galt er fr
dummlich?... Die befragten Dorfweisen senkten die Kpfe, blinzelten
einander verstohlen zu und mehr als: 'So, -- ja eben so', und: -- 'je
nun, wie's schon ist', war aus ihnen nicht herauszubringen.

Nun hatte meine Gromutter einen Kammerdiener, eine wahre Perle von
einem Menschen. Wenn er mit einem Vornehmen sprach, verklrte sich sein
Gesicht dergestalt vor Freude, da er beinahe leuchtete. Den schickte
meine Gromutter andern Tages zu den Eltern Mischkas mit der Botschaft,
ihr Sohn sei vom Feldarbeiter zum Gartenarbeiter avanciert und habe
morgen den neuen Dienst anzutreten.

Der eifrigste von allen Dienern flog hin und her und stand bald wieder
vor seiner Gebieterin. 'Nun,' fragte diese -- 'was sagen die Alten?'
Der Kammerdiener schob das rechte, auswrts gedrehte Bein weit vor ...

Waren Sie dabei? fiel die Grfin ihrem Gaste ins Wort.

Bei dieser Referenz gerade nicht, aber bei spteren des edlen Fritz,
erwiderte der Graf, ohne sich irre machen zu lassen. Er schob das Bein
vor, sank aus Ehrfurcht vllig in sich zusammen und meldete, die Alten
schwmmen in Trnen der Dankbarkeit.

'Und der Mischka?'

'O, der' -- lautete die devote Antwort, und nun rutschte das linke Bein
mit anmutigem Schwunge vor -- 'o der -- der lat die Hand kssen.'

Da es einer Tracht vterlicher Prgel bedurft hatte, um den Burschen
zu diesem Handku im Gedanken zu bewegen, verschwieg Fritz. Die
Darlegung der Grnde, die Mischka hatte, die Arbeit im freien Felde der
im Garten vorzuziehen, wrde sich fr Damenohren nicht geschickt haben.
-- Genug, Mischka trat die neue Beschftigung an und versah sie schlecht
und recht. 'Wenn er fleiiger wre, knnt's nicht schaden,' sagte der
Grtner. Dieselbe Bemerkung machte meine Gromutter, als sie einmal vom
Balkon aus zusah, wie die Wiese vor dem Schlosse gemht wurde. Was ihr
noch auffiel, war, da alle andern Mher von Zeit zu Zeit einen Schluck
aus einem Flschchen taten, das sie unter einem Haufen abgelegter
Kleider hervorzogen und wieder darin verbargen. Mischka war der einzige,
der diesen Quell der Labung verschmhend sich aus einem irdenen, im
Schatten des Gebsches aufgestellten Krglein erquickte. Meine
Gromutter rief den Kammerdiener. 'Was haben die Mher in der Flasche?'
fragte sie. -- 'Branntwein, hochgrfliche Gnaden.' -- 'Und was hat Mischka
in dem Krug?'

Fritz verdrehte die runden Augen, neigte den Kopf auf die Seite, ganz
wie unser alter Papagei, dem er hnlich sah wie ein Bruder dem andern,
und antwortete schmelzenden Tones: 'Mein Gott, hochgrfliche Gnaden --
Wasser!'

Meine Gromutter wurde sogleich von einer mitleidigen Regung ergriffen
und befahl, allen Gartenarbeitern nach vollbrachtem Tagewerk Branntwein
zu reichen. 'Dem Mischka auch,' setzte sie noch eigens hinzu.

Diese Anordnung erregte Jubel. Da Mischka keinen Branntwein trinken
wollte, war einer der Grnde, warum man ihn fr dummlich hielt. Jetzt
freilich, nachdem die Einladung der Frau Grfin an ihn ergangen, war's
aus mit Wollen und Nichtwollen. Als er in seiner Einfalt sich zu wehren
versuchte, ward er *mores* gelehrt, zur hchsten Belustigung der Alten
und der Jungen. Einige rissen ihn auf den Boden nieder, ein handfester
Bursche schob ihm einen Keil zwischen die vor Grimm zusammengebissenen
Zhne, ein zweiter setzte ihm das Knie auf die Brust und go ihm solange
Branntwein ein, bis sein Gesicht so rot und der Ausdruck desselben so
furchtbar wurde, da die bermtigen Quler sich selbst davor
entsetzten. Sie gaben ihm etwas Luft, und gleich hatte er sie mit einer
wtenden Anstrengung abgeschttelt, sprang auf und ballte die Fuste ...
aber pltzlich sanken seine Arme, er taumelte und fiel zu Boden. Da
fluchte, sthnte er, suchte mehrmals vergeblich sich aufzuraffen und
schlief endlich auf dem Fleck ein, auf den er hingestrzt war, im Hofe,
vor der Scheune, schlief bis zum nchsten Morgen, und als er erwachte,
weil ihm die aufgehende Sonne auf die Nase schien, kam just der Knecht
vorbei, der ihm gestern den Branntwein eingeschttet hatte. Der wollte
schon die Flucht ergreifen, nichts andres erwartend, als da Mischka fr
die gestrige Mihandlung Rache ben werde. Statt dessen reckt sich der
Bursche, sieht den andern traumselig an und lallt: 'Noch einen
Schluck!'

Sein Abscheu vor dem Branntwein war berwunden.

Bald darauf, an einem Sonntag nachmittag, begab es sich, da meine
Gromutter auf ihrer Spazierfahrt, von einem hbschen Feldweg gelockt,
ausstieg und bei Gelegenheit dieser Wanderung eine idyllische Szene
belauschte. Sie sah Mischka unter einem Apfelbaum am Feldrain sitzen,
ein Kindlein in seinen Armen. Wie er selbst, hatte auch das Kind den
Kopf voll dunkelbrauner Lckchen, der wohlgebildete kleine Krper
hingegen war von lichtbrauner Farbe und das armselige Hemdchen, das
denselben notdrftig bedeckte, hielt die Mitte zwischen den beiden
Schattierungen. Der kleine Balg krhte frmlich vor Vergngen, so oft
ihn Mischka in die Hhe schnellte, stie mit den Fchen gegen dessen
Brust, und suchte ihm mit dem ausgestreckten Zeigefinger in die Augen zu
fahren. Und Mischka lachte und schien sich mindestens ebensogut zu
unterhalten wie das Bbchen. Dem Treiben der beiden sah ein junges
Mdchen zu, auch ein braunes Ding und so zart und zierlich, als ob ihre
Wiege am Ganges gestanden htte. Sie trug ber dem geflickten kurzen
Rocke eine ebenfalls geflickte Schrze und darin einen kleinen Vorrat
aufgelesener hren. Nun brach sie eine derselben vom Stiele, schlich
sich an Mischka heran und lie ihm die hre zwischen der Haut und dem
Hemd ins Genick gleiten. Er schttelte sich, setzte das Kind auf den
Boden und sprang dem Mdchen nach, das leicht und hurtig und ordentlich
wie im Tanze vor ihm floh; einmal pfeilgerade, dann wieder einen
Garbenschober umkreisend, voll ngstlichkeit und dabei doch neckend und
immer hchst anmutig. Allerdings ist bei unsren Landleuten eine gewisse
angeborene Grazie nichts Seltenes, aber diese beiden jungen Geschpfe
gewhrten in ihrer harmlosen Lustigkeit ein so angenehmes Schauspiel,
da meine Gromutter es mit wahrem Wohlgefallen geno. Einen andern
Eindruck brachte hingegen ihr Erscheinen auf Mischka und das Mdchen
hervor. Wie versteinert standen beide beim Anblick der Gutsherrin. Er,
zuerst gefat, neigte sich beinahe bis zur Erde, sie lie die Schrze
samt den hren sinken und verbarg das Gesicht in den Hnden.

Beim Souper, an dem, wie an jeder Mahlzeit, der Hofstaat, bestehend aus
einigen armen Verwandten und aus den Spitzen der grflichen Behrden,
teilnahm, sagte meine Gromutter zum Herrn Direktor, der neben ihr sa:
'Die Schwester des Mischka, des neuen Gartenarbeiters, scheint mir ein
nettes, flinkes Mdchen zu sein, und ich wnsche, es mge fr die Kleine
ein Posten ausgemittelt werden, an dem sie sich etwas verdienen kann.'
Der Direktor erwiderte: 'Zu Befehl, hochgrfliche Gnaden, sogleich ...
obwohl der Mischka meines Wissens eine Schwester eigentlich gar nicht
hat.'

'Ihres Wissens,' versetzte meine Gromutter, 'das ist auch etwas, Ihr
Wissen!... Eine Schwester hat Mischka und ein Brderchen. Ich habe heute
alle drei auf dem Felde gesehen.'

'Hm, hm,' lautete die ehrerbietige Entgegnung, und der Direktor hielt
die Serviette vor den Mund, um den Ton seiner Stimme zu dmpfen, 'es
wird wohl -- ich bitte um Verzeihung des obsznen Ausdrucks, die
Geliebte Mischkas und, mit Respekt zu sagen, ihr Kind gewesen sein.'

Der unwilligen Zuhrerin dieser Erzhlung wurde es immer schwerer, an
sich zu halten, und sie rief nun: Sie behaupten, da Sie nicht dabei
waren, als diese denkwrdigen Reden gewechselt wurden? Woher wissen Sie
denn nicht nur ber jedes Wort, sondern auch ber jede Miene und Gebrde
zu berichten?

Ich habe die meisten der Beteiligten gekannt, und wei -- ein bichen
Maler, ein bichen Dichter, wie ich nun einmal bin -- wei aufs Haar
genau, wie sie sich in einer bestimmten Lage benommen und ausgedrckt
haben mssen. Glauben Sie Ihrem treuen Berichterstatter, da meine
Gromutter nach der Mitteilung, welche der Direktor ihr gemacht, eine
Wallung des Zornes und der Menschenverachtung hatte. Wie gut und
frsorglich fr ihre Untertanen sie war, darber knnen Sie nach dem
bisher Gehrten nicht in Zweifel sein. Im Punkte der Moral jedoch
verstand sie nur uerste Strenge, gegen sich selbst nicht minder als
gegen andre. Sie hatte oft erfahren, da sie bei Mnnern und Frauen der
Sittenverderbnis nicht zu steuern vermge, der Sittenverderbnis bei
halbreifen Geschpfen jedoch, der mute ein Zgel angelegt werden
knnen. -- Meine Gromutter schickte ihren Kammerdiener wieder zu den
Eltern Mischkas. Mit der Liebschaft des Burschen habe es aus zu sein.
Das sei eine Schande fr so einen Buben, lie sie sagen, ein solcher Bub
habe an andre Dinge zu denken.

Der Mischka, der zu Hause war, als die Botschaft kam, schmte sich in
seine Haut hinein ...

Es ist doch stark, da Sie jetzt gar in der Haut Mischkas stecken
wollen! fuhr die Grfin hhnisch auf.

Bis ber die Ohren! entgegnete der Graf, bis ber die Ohren steck ich
darin! Ich fhle, als wre ich es selbst, die Bestrzung und Beschmung,
die ihn ergriff. Ich sehe ihn, wie er sich windet in Angst und
Verlegenheit, einen scheuen Blick auf Vater und Mutter wirft, die auch
nicht wissen, wo ein und aus vor Schrecken, ich hre sein jammervoll
klingendes Lachen bei den Worten des Vaters: 'Erbarmen Sie sich, Herr
Kammerdiener! Er wird ein Ende machen, das versteht sich, gleich wird er
ein Ende machen!'

Diese Versicherung gengte dem edlen Fritz, er kehrte ins Schlo zurck
und berichtete, glcklich ber die treffliche Erfllung seiner Mission,
mit den gewohnten Kniebeugungen und dem gewohnten demtigen und
freudestrahlenden Ausdruck in seiner Vogelphysiognomie: 'Er lat die
Hand kssen, er wird ein Ende machen.'

Lcherlich! sagte die Grfin.

Hchst lcherlich! besttigte der Graf. Meine gute, vertrauensselige
Gromutter hielt die Sache damit fr abgetan, dachte auch nicht weiter
darber nach. Sie war sehr in Anspruch genommen durch die Vorbereitungen
zu den groen Festen, die alljhrlich am zehnten September, ihrem
Geburtstage, im Schlosse gefeiert wurden, und einen Vor- und Nachtrab
von kleinen Festen hatten. Da kam die ganze Nachbarschaft zusammen, und
Dejeuners, auf dem grnen Teppich der Wiesen, Jagden, Pirutschaden,
Soupers bei schnster Waldbeleuchtung, Blle -- und so weiter folgten
einander in frhlicher Reihe ... Man mu gestehen, unsre Alten
verstanden Platz einzunehmen und Lrm zu machen in der Welt. Gott wei,
wie langweilig und de unser heutiges Leben auf dem Schlosse ihnen
erscheinen mte.

Sie waren eben groe Herren, entgegnete die Grfin bitter, wir sind
auf das Land zurckgezogene Armenvter.

Und -- Armenmtter, versetzte der Graf mit einer galanten Verneigung,
die von derjenigen, der sie galt, nicht eben gndig aufgenommen wurde.
Der Graf aber nahm sich das Mifallen, das er erregt hatte, keineswegs
zu Herzen, sondern spann mit hellem Erzhlerbehagen den Faden seiner
Geschichte fort:

So gro der Dienertro im Schlosse auch war, whrend der Dauer der
Festlichkeiten gengte er doch nicht, und es muten da immer Leute aus
dem Dorfe zur Aushilfe requiriert werden. Wie es kam, da sich gerade
dieses Mal auch Mischkas Geliebte unter ihnen befand, wei ich nicht,
genug, es war der Fall, und die beiden Menschen, die einander htten
meiden sollen, wurden im Dienste der Gebieterin noch fter
zusammengefhrt, als dies in frheren Tagen bei der gemeinsamen
Feldarbeit geschehen war. Er, mit einem Botengang betraut, lief vom
Garten in die Kche, sie von der Kche in den Garten -- manchmal trafen
sie sich auch unterwegs und verweilten plaudernd ein Viertelstndchen ...

uerst interessant! spottete die Grfin -- wenn man doch nur wte,
was sie einander gesagt haben.

O, wie Sie schon neugierig geworden sind! -- aber ich verrate Ihnen
nur, was unumgnglich zu meiner Geschichte gehrt. -- Eines Morgens
lustwandelte die Schlofrau mit ihren Gsten im Garten. Zufllig lenkte
die Gesellschaft ihre Schritte nach einem selten betretenen Laubgang und
gewahrte am Ende desselben ein junges Prchen, das, aus verschiedenen
Richtungen kommend, wie freudig berrascht stehen blieb. Der Bursche,
kein andrer als Mischka, nahm das Mdchen rasch in die Arme und kte
es, was es sich ruhig gefallen lie. Ein schallendes Gelchter brach los
-- von den Herren und, ich frchte, auch von einigen der Damen
ausgestoen, die der Zufall zu Zeugen dieses kleinen Auftritts gemacht
hatte. Nur meine Gromutter nahm nicht teil an der allgemeinen
Heiterkeit. Mischka und seine Geliebte stoben natrlich davon. Der
Bursche -- man hat es mir erzhlt -- kam der Graf scherzend einer
voraussichtlichen Einwendung der Grfin entgegen, glaubte in dem
Augenblick sein armes Mdchen zu hassen. Am selben Abend jedoch
berzeugte er sich des Gegenteils, als er nmlich erfuhr, die Kleine
werde mit ihrem Kinde nach einer andern Herrschaft der Frau Grfin
geschickt; zwei Tagereisen weit fr einen Mann, fr eine Frau, die noch
dazu ein anderthalb Jahre altes Kind mitschleppen mute, wohl noch
einmal so viel. -- Mehr als: 'Herrgott! Herrgott! o du lieber Herrgott!'
sprach Mischka nicht, gebrdete sich wie ein Trumender, begriff nicht,
was man von ihm wolle, als es hie an die Arbeit gehen -- warf pltzlich
den Rechen, den ein Gehilfe ihm samt einem erweckenden Rippensto
verabfolgte, auf den Boden, und rannte ins Dorf, nach dem Httchen, in
dem seine Geliebte bei ihrer kranken Mutter wohnte, das heit, gewohnt
hatte, denn nun war es damit vorbei. Die Kleine stand reisefertig am
Lager der vllig gelhmten Alten, die ihr nicht einmal zum Abschiedsegen
die Hand aufs Haupt legen konnte, und die bitterlich weinte. 'Hrt jetzt
auf zu weinen,' sprach die Tochter, 'hrt auf, liebe Mutter. Wer soll euch
denn die Trnen abwischen, wenn ich einmal fort bin?'

Sie trocknete die Wangen ihrer Mutter und dann auch ihre eigenen mit
der Schrze, nahm ihr Kind an die Hand und das Bndel mit ihren wenigen
Habseligkeiten auf den Rcken und ging ihres Weges an Mischka vorbei,
und wagte nicht einmal, ihn anzusehen. Er aber folgte ihr von weitem,
und als der Knecht, der dafr zu sorgen hatte, da sie ihre Wanderung
auch richtig antrete, sie auf der Strae hinter dem Dorfe verlie, war
Mischka bald an ihrer Seite, nahm ihr das Bndel ab, hob das Kind auf
den Arm und schritt so neben ihr her.

Die Feldarbeiter, die in der Nhe waren, wunderten sich: -- 'Was tut er
denn, der Tropf?... Geht er mit? Glaubt er, weil er so dumm ist, da er
nur so mitgehen kann?'

Bald nachher kam keuchend und schreiend der Vater Mischkas gerannt: 'O,
ihr lieben Heiligen! Heilige Mutter Gottes! hab ich mir's doch gedacht
-- seiner Dirne luft er nach, bringt uns noch alle ins Unglck ...
Mischka! Sohn -- mein Junge!... Nichtsnutz! Teufelsbrut!' -- jammerte
und fluchte er abwechselnd.

Als Mischka die Stimme seines Vaters hrte und ihn mit drohend
geschwungenem Stocke immer nher herankommen sah, ergriff er die
Flucht, zur grten Freude des Knbleins, das 'Hott! hott!' jauchzte.
Bald jedoch besann er sich, da er seine Gefhrtin, die ihm nicht so
rasch folgen konnte, im Stich gelassen, wandte sich und lief zu ihr
zurck. Sie war bereits von seinem Vater erreicht und zu Boden
geschlagen worden. Wie wahnsinnig raste der Zornige, schlug drein mit
den Fen und mit dem Stocke, und lie seinen ganzen Grimm ber den Sohn
an dem wehrlosen Geschpfe aus.

Mischka warf sich dem Vater entgegen, und ein furchtbares Ringen
zwischen den beiden begann, das mit der vlligen Niederlage des
Schwcheren, des Jngeren, endete. Windelweich geprgelt, aus einer
Stirnwunde blutend, gab er den Kampf und den Widerstand auf. Der Husler
fate ihn am Hemdkragen und zerrte ihn mit sich; der armen kleinen Frau
aber, die sich inzwischen mhsam aufgerafft hatte, rief er zu: 'Mach
fort!'

Sie gehorchte lautlos, und selbst die Arbeiter auf dem Felde, stumpfes,
gleichgltiges Volk, fhlten Mitleid und sahen ihr lange nach, wie sie
so dahinwankte mit ihrem Kinde, so hilfsbedrftig und so vllig
verlassen.

In der Nhe des Schlosses trafen Mischka und sein Vater den Grtner,
den der Husler sogleich als 'gndiger Herr' ansprach und flehentlich
ersuchte, nur eine Stunde Geduld zu haben mit seinem Sohne. In einer
Stunde werde Mischka gewi wieder bei der Arbeit sein; jetzt msse er
nur geschwind heimgehen und sich waschen und sein Hemd auch. Der Grtner
fragte: 'Was ist ihm denn? er ist ja ganz blutig.' -- 'Nichts ist ihm,'
lautete die Antwort, 'er ist nur von der Leiter gefallen.'

Mischka hielt das Wort, das sein Vater fr ihn gegeben, und war eine
Stunde spter richtig wieder bei der Arbeit. Am Abend aber ging er ins
Wirtshaus und trank sich einen Rausch an, den ersten freiwilligen, war
berhaupt seit dem Tage wie verwandelt. Mit dem Vater, der ihn gern
vershnt htte, denn Mischka war, seitdem er im Schlogarten
Beschftigung gefunden, ein Kapital geworden, das Zinsen trug, sprach er
kein Wort, und von dem Gelde, das er verdiente, brachte er keinen
Kreuzer nach Hause. Es wurde teils fr Branntwein verausgabt, teils fr
Untersttzungen, die Mischka der Mutter seiner Geliebten angedeihen lie
-- und diese zweite Verwendung des von dem Burschen Erworbenen erschien
dem Husler als der rgste Frevel, den sein Sohn an ihm begehen konnte.
Da der arme Teufel, der arme Eltern hatte, etwas wegschenkte, an eine
Fremde wegschenkte, der Gedanke wurde der Alp des Alten, sein nagender
Wurm. Je wtender der Vater sich gebrdete, desto verstockter zeigte
sich der Sohn. Er kam zuletzt gar nicht mehr nach Hause, oder hchstens
einmal im geheimen, wenn er den Vater auswrts mute, um die Mutter zu
sehen, an der ihm das Herz hing. Diese Mutter ... der Graf machte eine
Pause -- Sie, liebe Freundin, kennen sie, wie ich sie kenne.

Ich soll sie kennen?... Sie lebt noch? fragte die Grfin unglubig.

Sie lebt; nicht im Urbilde zwar, aber in vielfachen Abbildern. Das
kleine, schwchliche, immer bebende Weiblein mit dem sanften, vor der
Zeit gealterten Gesicht, mit den Bewegungen des verprgelten Hundes, das
untertnigst in sich zusammensinkt und zu lcheln versucht, wenn eine so
hohe Dame, wie Sie sind, oder ein so guter Herr, wie ich bin, ihm einmal
zuruft: 'Wie geht's?' und in demtigster Freundlichkeit antwortet:
'Vergelt's Gott -- wie's eben kann.' -- Gut genug fr unsereins, ist
seine Meinung, fr ein Lasttier in Menschengestalt. Was drfte man
anders verlangen, und wenn man's verlangte, wer gbe es einem? -- Du
nicht, hohe Frau, und du nicht, guter Herr ...

Weiter, weiter! sprach die Grfin. Sind Sie bald zu Ende?

Bald. -- Der Vater Mischkas kam einst zu ungewohnter Stunde nach der
Htte und fand da seinen Jungen. 'Zur Mutter also kann er kommen, zu mir
nicht,' schrie er, schimpfte beide Verrter und Verschwrer und begann
Mischka zu mihandeln, was sich der gefallen lie. Als der Husler sich
jedoch anschickte, auch sein Weib zu zchtigen, fiel der Bursche ihm in
den Arm. Merkwrdig genug, warum just damals? Wenn man ihn gefragt
htte, wie oft er den Vater die Mutter schlagen sah, htte er sagen
mssen: 'Soviel Jahre, als ich ihrer gedenke, mit dreihundertfnfundsechzig
multipliziert, das gibt die Zahl.' -- Und die ganze Zeit hindurch hatte
er dazu geschwiegen, und heute loderte beim lngst gewohnten Anblick
pltzlich ein unbezwinglicher Zorn in ihm empor. Zum zweiten Male nahm
er gegen den Vater Partei fr das schwchere Geschlecht, und dieses Mal
blieb er Sieger. Er scheint aber mehr Entsetzen als Freude ber seinen
Triumph empfunden zu haben. Mit einem heftigen Aufschluchzen rief er dem
Vater, der nun klein beigeben wollte, rief er der weinenden Mutter zu:
'Lebt wohl, mich seht ihr nie wieder!' und strmte davon. Vierzehn Tage
lang hofften die Eltern umsonst auf seine Rckkehr, er war und blieb
verschwunden. Bis ins Schlo gelangte die Kunde seiner Flucht; meiner
Gromutter wurde angezeigt, Mischka habe seinen Vater halbtot geschlagen
und sich dann davon gemacht. Nun aber war es nach der Verletzung des
sechsten Gebotes diejenige des vierten, die von meiner Gromutter am
schrfsten verdammt wurde; gegen schlechte und undankbare Kinder kannte
sie keine Nachsicht ... Sie befahl, auf den Mischka zu fahnden, sie
befahl, seiner habhaft zu werden und ihn heimzubringen zu exemplarischer
Bestrafung.

Ein paarmal war die Sonne auf- und untergegangen, da stand eines
Morgens Herr Fritz an der Gartenpforte und blickte auf die Landstrae
hinaus. Lau und leise wehte der Wind ber die Stoppelfelder, die
Atmosphre war voll feinen Staubes, den die Allverklrerin Sonne
durchleuchtete und goldig schimmern lie. Ihre Strahlen bildeten in dem
beweglichen Element reizende kleine Milchstraen, in denen Milliarden
von winzigen Sternchen aufblitzten. Und nun kam durch das flimmernde,
tanzende Atomengewimmel eine schwere, graue Wolkensule, bewegte sich
immer nher und rollte endlich so nahe an der Pforte vorbei, da Fritz
deutlich unterscheiden konnte, wen sie umhllte. Zwei Heiducken waren es
und Mischka. Er sah aus bla und hohlugig wie der Tod und wankte beim
Gehen. In den Armen trug er sein Kind, das die Hndchen um seinen Hals
geschlungen, den Kopf auf seine Schulter gelegt hatte und schlief. Fritz
ffnete das Tor, schlo sich der kleinen Karawane an, holte rasch einige
Erkundigungen ein und schwebte dann, ein Papagei im Taubenfluge, ins
Haus, ber die Treppe, in den Saal hinein, in dem meine Gromutter eben
die sonnabendliche Ratsversammlung hielt. Der Kammerdiener, von dem
Glcksgefhl getragen, das Bedientenseelen beim berbringen einer
neuesten Nachricht zu empfinden pflegen, rundete ausdrucksvoll seine
Arme und sprach, vor Wonne fast platzend: 'Der Mischka lat die Hand
kssen. Er ist wieder da.'

'Wo war er?' fragte meine Gromutter.

'Mein Gott, hochgrfliche Gnaden' -- lispelte Fritz, schlug mehrmals
schnell nacheinander mit der Zunge an den Gaumen und blickte die
Gebieterin so zrtlich an, als die tiefste, unterwrfigste Knechtschaft
es ihm nur irgend erlaubte. 'Wo wird er gewesen sein ... Bei seiner
Geliebten. Ja,' besttigte er, whrend die Herrin, emprt ber diesen
frechen Ungehorsam, die Stirn runzelte, 'ja, und gewehrt hat er sich
gegen die Heiducken, und dem Janko hat er, ja, beinahe ein Auge
ausgeschlagen.'

Meine Gromutter fuhr auf: 'Ich htte wirklich Lust, ihn henken zu
lassen.'

Alle Beamten verneigten sich stumm; nur der Oberfrster warf nach
einigem Zagen die Behauptung hin: 'Hochgrfliche Gnaden werden es aber
nicht tun.'

'Woher wei er das?' fragte meine Gromutter mit der strengen
Herrschermiene, die so vortrefflich wiedergegeben ist auf ihrem Bilde
und die mich gruseln macht, wenn ich im Ahnensaal an ihm vorbergehe.
'Da ich mein Recht ber Leben und Tod noch nie ausgebt habe, brgt
nicht dafr, da ich es nie ausben werde.'

Wieder verneigten sich alle Beamten, wieder trat Schweigen ein, das der
Inspektor unterbrach, indem er die Entscheidung der Gebieterin in einer
wichtigen Angelegenheit erbat. Erst nach beendigter Konferenz erkundigte
er sich, gleichsam privatim, nach der hohen Verfgung betreffs Mischkas.

Und nun beging meine Gromutter jene bereilung, von der ich im Anfang
sprach.

'Fnfzig Stockprgel,' lautete ihr rasch gefllter Urteilsspruch;
'gleich heute, es ist ohnehin Samstag.'

Der Samstag war nmlich zu jener Zeit, deren Sie, diesem Worte gab der
Graf eine besondere, sehr schalkhafte Betonung -- sich unmglich
besinnen knnen, der Tag der Exekutionen. Da wurde die Bank vor das
Amtshaus gestellt ...

Weiter, weiter! sagte die Grfin, halten Sie sich nicht auf mit
unntigen Details.

Zur Sache denn! -- An demselben Samstag sollten die letzten Gste
abreisen, es herrschte groe Bewegung im Schlosse; meine Gromutter, mit
den Vorbereitungen zu einer Abschiedsberraschung, die sie den
Scheidenden bereiten lie, beschftigt, kam spt dazu, Toilette zum
Diner zu machen, und trieb ihre Kammerzofen zur Eile an. In diesem
allerungnstigsten Momente lie der Doktor sich anmelden. Er war unter
allen Dignitren der Herrin derjenige, der am wenigsten in Gnaden bei
ihr stand, verdiente es auch nicht besser, denn einen langweiligeren,
schwerflligeren Pedanten hat es nie gegeben.

Meine Gromutter befahl, ihn abzuweisen, er aber kehrte sich nicht
daran, sondern schickte ein zweites Mal und lie die hochgeborene Frau
Grfin untertnigst um Gehr bitten, er htte nur ein paar Worte ber
den Mischka zu sprechen.

'Was will man denn noch mit dem?' rief die Gebieterin; 'gebt mir Ruhe,
ich habe andre Sorgen.'

Der zudringliche Arzt entfernte sich murrend.

Die Sorgen aber, von denen meine Gromutter gesprochen hatte, waren
nicht etwa frivole, sondern solche, die zu den peinvollsten gehren --
Sorgen, fr die Ihnen, liebe Freundin, allerdings das Verstndnis und
infolgedessen auch das Mitleid fehlt -- Poetensorgen.

O mein Gott! sagte die Grfin unbeschreiblich wegwerfend, und der
Erzhler entgegnete:

Verachten Sie's, soviel Sie wollen, meine Gromutter besa poetisches
Talent, und es manifestierte sich deutlich in dem Schferspiel *Les
adieux de Chlo*, das sie gedichtet und den Darstellern selbst
einstudiert hatte. Das Stckchen sollte nach der Tafel, die man im
Freien abhielt, aufgefhrt werden, und der Dichterin, obwohl sie ihres
Erfolges ziemlich sicher war, bemchtigte sich, je nher der
entscheidende Augenblick kam, eine desto weniger angenehme Unruhe. Beim
Dessert, nach einem feierlichen, auf die Frau des Hauses ausgebrachten
Toast, gab jene ein Zeichen. Die mit Laub berflochtenen Wnde, welche
den Einblick in ein aus beschnittenen Buchenhecken gebildetes Halbrund
verdeckt hatten, rollten auseinander, und eine improvisierte Bhne wurde
sichtbar. Man erblickte die Wohnung der Hirtin Chlo, die mit
Rosenblttern bestreute Moosbank, auf der sie schlief, den mit Tragant
berzogenen Hausaltar, an dem sie betete, und den mit einem rosafarbigen
Band umwundenen Rocken, an dem sie die schneeig weie Wolle ihrer
Lmmchen spann. Als idyllische Schferin besa Chlo das Geheimnis
dieser Kunst. Nun trat sie selbst aus einem Taxusgange, und hinter ihr
schritt ihr Gefolge, darunter ihr Liebling, der Schfer Myrtill. Alle
trugen Blumen, und in vortrefflichen Alexandrinern teilte nun die zarte
Chlo dem aufmerksam lauschenden Publikum mit, dies seien die Blumen der
Erinnerung, gepflckt auf dem Felde der Treue, und bestimmt, dargebracht
zu werden auf dem Altar der Freundschaft. Gleich nach dieser Erffnung
brach ungemessener Jubel im Auditorium los und steigerte sich von Vers
zu Vers. Einige Damen, die Racine kannten, erklrten, er knne sich vor
meiner Gromutter verstecken, und einige Herren, die ihn nicht kannten,
besttigten es. Sie aber konnte ber die Echtheit des Enthusiasmus, den
ihre Dichtung erweckte, nicht in Zweifel sein. Die Ovationen dauerten
noch fort, als die Herrschaften schon ihre Wagen oder ihre Pferde
bestiegen hatten und teils in stattlichen Equipagen, teils in leichten
Fuhrwerken, teils auf flinken Rossen aus dem Hoftor rollten oder
sprengten.

Die Herrin stand unter dem Portal des Schlosses und winkte den
Scheidenden grend und fr ihre Hochrufe dankend zu. Sie war so
friedlich und frhlich gestimmt, wie dies einem Selbstherrscher, auch
des kleinsten Reiches, selten zuteil wird. Da -- eben im Begriff, sich
ins Haus zurckzuwenden, gewahrte sie ein altes Weiblein, das in
respektvoller Entfernung vor den Stufen des Portals kniete. Es hatte den
gnstigen Augenblick wahrgenommen und sich durch das offenstehende Tor
im Gewirr und Gedrnge unbemerkt hereingeschlichen. Jetzt erst wurde es
von einigen Lakaien erblickt. Sogleich rannten sie, Herrn Fritz an der
Spitze, auf das Weiblein zu, um es grblich hinwegzuschaffen. Zum
allgemeinen Erstaunen jedoch winkte meine Gromutter die dienstfertige
Meute ab und befahl zu fragen, wer die Alte sei und was sie wolle. Im
nmlichen Moment rusperte sich's hinter der Gebieterin und niete, und,
den breitkrempigen Hut in der einen Hand und mit der andern die
Tabaksdose im Busen verbergend, trat der Herr Doktor bedchtig heran.
'Es ist, hm, hm, hochgrfliche Gnaden werden entschuldigen,' sprach er,
'es ist die Mutter des Mischka.'

'Schon wieder Mischka, hat das noch immer kein Ende mit dem Mischka?...
Und was will die Alte!'

'Was wird sie wollen, hochgrfliche Gnaden? Bitten wird sie fr ihn
wollen, nichts andres.'

'Was denn bitten? Da gibt's nichts zu bitten.'

'Freilich nicht, ich habe es ihr ohnehin gesagt, aber was nutzt's? Sie
will doch bitten, hm, hm.'

'Ganz umsonst, sagen Sie ihr das. Soll ich nicht mehr aus dem Hause
treten knnen, ohne zu sehen, wie die Gartenarbeiter ihre Geliebten
embrassieren?'

Der Doktor rusperte sich, und meine Gromutter fuhr fort: 'Auch hat er
seinen Vater halbtot geschlagen.'

'Hm, hm, er hat ihm eigentlich nichts getan, auch nichts tun _wollen_,
nur abhalten, die Mutter nicht _ganz_ totzuschlagen.'

'So?'

'Ja, hochgrfliche Gnaden. Der Vater, hochgrfliche Gnaden, ist ein
Mistvieh, hat einen Zahn auf den Mischka, weil der der Mutter seiner
Geliebten manchmal ein paar Kreuzer zukommen lt.'

'Wem?'

'Der Mutter seiner Geliebten, hochgrfliche Gnaden, ein
erwerbsunfhiges Weib, dem sozusagen die Quellen der Subsistenzmittel
abgeschnitten worden sind ... dadurch, da man die Tochter fortgeschickt
hat.'

'Schon gut, schon gut!... Mit den huslichen Angelegenheiten der Leute
verschonen Sie mich, Doktor, da mische ich mich nicht hinein.'

Der Doktor schob mit einer breiten Gebrde den Hut unter den Arm, zog
das Taschentuch und schneuzte sich diskret. 'So werde ich also der Alten
sagen, da es nichts ist.' Er machte, was die Franzosen *une fausse
sortie* nennen, und setzte hinzu: 'Freilich, hochgrfliche Gnaden, wenn
es nur wegen des Vaters wre ...'

'Nicht blo wegen des Vaters, er hat auch dem Janko ein Auge
ausgeschlagen.'

Der Doktor nahm eine wichtige Miene an, zog die Augenbrauen so hoch in
die Hhe, da seine dicke Stirnhaut frmliche Wlste bildete, und
sprach: 'Was dieses Auge betrifft, das sitzt fest und wird dem Janko
noch gute Dienste leisten, sobald die Sugillation, die sich durch den
erhaltenen Faustschlag gebildet hat, aufgesaugt sein wird. Htte mich
auch gewundert, wenn der Mischka imstande gewesen wre, einen krftigen
Hieb zu fhren nach der Behandlung, die er von den Heiducken erfahren
hat. Die Heiducken, hochgrfliche Gnaden, haben ihn bel zugerichtet.'

'Seine Schuld; warum wollte er ihnen nicht gutwillig folgen.'

'Freilich, freilich, warum wollte er nicht? Vermutlich, weil sie ihn
vom Sterbebette seiner Geliebten abgeholt haben -- da hat er sich schwer
getrennt ... Das Mdchen, hm, hm, war in andern Umstnden, soll vom
Vater des Mischka sehr geprgelt worden sein, bevor sie die Wanderung
angetreten hat. Und dann -- die Wanderung, die weit ist, und die Person,
hm, hm, die immer schwach gewesen ist ... kein Wunder, wenn sie am Ziele
zusammengebrochen ist.'

Meine Gromutter vernahm jedes Wort dieser abgebrochenen Stze, wenn
sie sich auch den Anschein zu geben suchte, da sie ihnen nur eine
oberflchliche Aufmerksamkeit schenkte. 'Eine merkwrdige Verkettung von
Fatalitten,' sprach sie, 'vielleicht eine Strafe des Himmels.'

'Wohl, wohl,' nickte der Doktor, dessen Gesicht zwar immer seinen
gleichmtigen Ausdruck behielt, sich aber allmhlich purpurrot gefrbt
hatte. 'Wohl, wohl, des Himmels, und wenn der Himmel sich bereits
dreingelegt hat, drfen hochgrfliche Gnaden ihm vielleicht auch das
Weitere in der Sache berlassen ... ich meine nur so!' schaltete er,
seine vorlaute Schlufolgerung entschuldigend, ein -- 'und dieser
Bettlerin', er deutete nachlssig auf die Mutter Mischkas, 'huldvollst
ihre flehentliche Bitte erfllen.'

Die kniende Alte hatte dem Gesprch zu folgen gesucht, sich aber mit
keinem Laut daran beteiligt. Ihre Zhne schlugen vor Angst aneinander,
und sie sank immer tiefer in sich zusammen.

'Was will sie denn eigentlich?' fragte meine Gromutter.

'Um acht Tage Aufschub, hochgrfliche Gnaden, der ihrem Sohne
diktierten Strafe, untersteht sie sich zu bitten, und ich, hochgrfliche
Gnaden, untersttze das Gesuch, durch dessen Genehmigung der
Gerechtigkeit besser Genge geschhe, als heute der Fall sein kann.'

'Warum?'

'Weil der Delinquent in seinem gegenwrtigen Zustande den Vollzug der
ganzen Strafe schwerlich aushalten wrde.'

Meine Gromutter machte eine unwillige Bewegung und begann langsam die
Stufen des Portals niederzusteigen. Fritz sprang hinzu und wollte sie
dabei untersttzen. Sie aber winkte ihn hinweg: 'Geh aufs Amt,' befahl
sie, 'Mischka ist begnadigt.'

'Ah!' stie der treue Knecht bewundernd hervor und enteilte, whrend
der Doktor bedchtig die Uhr aus der Tasche zog und leise vor sich
hinbrummte: 'Hm, hm, es wird noch Zeit sein, die Exekution drfte eben
begonnen haben.'

Das Wort 'begnadigt' war von der Alten verstanden worden; ein Gewinsel
der Rhrung, des Entzckens drang von ihren Lippen, sie fiel nieder und
drckte, als die Herrin nher trat, das Gesicht auf die Erde, als ob sie
sich vor so viel Gre und Hoheit dem Boden frmlich gleichzumachen
suche.

Der Blick meiner Gromutter glitt mit einer gewissen Scheu ber dieses
Bild verkrperter Demut: 'Steh auf', sagte sie und -- zuckte zusammen
und horchte ... und alle Anwesenden horchten erschaudernd, die einen
starr, die andern mit dem albernen Lachen des Entsetzens. Aus der Gegend
des Amtshauses hatten die Lfte einen grlichen Schrei herbergetragen.
Er schien ein Echo geweckt zu haben in der Brust des alten Weibleins,
denn es erhob sthnend den Kopf und murmelte ein Gebet ...

'Nun?' fragte einige Minuten spter meine Gromutter den atemlos
herbeistrzenden Fritz: 'Hast du's bestellt?'

'Zu dienen,' antwortete Fritz und brachte es diesmal statt zu seinem
sen Lcheln nur zu einem klglichen Grinsen: 'Er lat die Hand kssen,
er ist schon tot.' --

Frchterlich! rief die Grfin aus, und das nennen Sie eine friedliche
Geschichte?

Verzeihen Sie die Kriegslist, Sie htten mich ja sonst nicht angehrt,
erwiderte der Graf. Aber vielleicht begreifen Sie jetzt, warum ich den
sanftmtigen Nachkommen Mischkas nicht aus dem Dienst jage, obwohl er
meine Interessen eigentlich recht nachlssig vertritt.




    Frulein Susannens Weihnachtsabend.


Frulein Susette, oder wie sie sich lieber nennt, Susanne, spazierte am
Weihnachtsabend munter in ihrem Zimmer hin und her. Sie hatte viele
Leute beschenkt, versetzte sich nun im Geiste zu dem und jenem der
angenehm berraschten und befand sich da sehr behaglich. Ihre zu
kleinen, aber flinken und geschickten Hnde schlugen gleichsam den Takt
zu der Freudenmusik in ihrem Innern, indem sie die beinernen Nadeln der
Strickerei rasch und lieblich klappern lieen.

Andern Vergngen machen ist ein Vergngen fr jeden natrlich gearteten
Menschen, dachte sie, fr mich aber, die so spt dazu kam, ein
berauschendes Glck. -- Wenn einem die Eltern miraten sind, wenn man
ein langes Dasein der freudlosen Pflichterfllung, der Unterwrfigkeit
und Entbehrung hinter sich hat, und erwacht eines Morgens selbstndig,
frei, wohlhabend, gar nicht mehr jung, aber mit einem ungehobenen Schatz
an Heiterkeit im Herzen, das ist zum bermtigwerden, und Susanne wurde
bermtig und machte ausschweifenden Gebrauch von ihrer Unabhngigkeit
und von ihrem Reichtum.

Sie hatte viele Jahre mit ihrer begterten, aber vom Geizteufel
besessenen Gromutter in einer armen Leuten abgemieteten Dachkammer
gelebt. Wie gelebt! Als geduldige und mihandelte Magd. Dennoch vergo
sie am Sterbebette ihrer Tyrannin ehrliche Trnen.

Nach dem Tode der alten Frau befand sich Susanne, deren einziges
Enkelkind, an der Spitze eines nach ihren Begriffen groen Vermgens.
Die Erbin bezog nun eine hbsche, aus drei Zimmern und einer Kche
bestehende Wohnung im vierten Stock eines stattlichen Hauses in der
Gttweihergasse. Sie nahm ein Dienstmdchen auf, ging oft spazieren und
stieg, wenn sie mde wurde, in einen Stellwagen, ohne weiteres -- wie
eine Prinzessin.

Der Luxus jedoch, den sie am malosesten betrieb, war der
Verschenkluxus; ihm ergab sie sich immer, besonders aber um die
gesegnete Weihnachtszeit, und ein solcher Christabend, an dem Susanne
auf und ab pendelte in ihrer guten Stube -- sorgfltig vermeidend, den
Rand des kleinen, unter dem Tische liegenden Teppichs zu betreten, um
ihn nicht abzuntzen -- und an alle die Menschen dachte, denen sie eine
Freude bereitet hatte -- ein solcher Christabend ... Niemand vermag
seine stillen Entzckungen zu schildern. Das Frulein wute nur eins:
sich die Hochgefhle, von denen sie jetzt beseelt wird, in Permanenz
versetzt denken, und sie hat eine Vorstellung dessen, was himmlische
Seligkeit ist.

Auf einmal blieb Susanne stehen und horchte. Durch die Wand, aus der
Wohnung nebenan, war das Gekreische jubelnder Stimmen zu ihr gedrungen.
Haha, die Kunzelkinder! Nur zu! Dieser Jubel macht dem Frulein kein
geringes Vergngen, denn sie ist dessen Urheberin. Sie hat den
Christbaum gekauft und geschmckt, der jetzt so begeistert akklamiert
wird. Ohne sie htten die Nachbarn einen traurigen Weihnachtsabend
gehabt. Sie war krzlich dem Haupte der Familie, dem Herrn
Krschnermeister Kunzel, und seinem ltesten Sprling, dem
siebenjhrigen Toni, auf der Treppe begegnet und hatte zu dem Kinde
gesagt: Nun, Toni, freust du dich auf den Christbaum? worauf der Junge
seine kleinen, tiefliegenden Augen gesenkt, die Unterlippe vorgeschoben
und etwas Unverstndliches gemurmelt, der Krschnermeister jedoch mit
einer weit ausholenden Schwenkung des Hutes und ehrfrchtiger Verbeugung
geantwortet hatte: Ach nein, gndigstes Frulein, heuer hlt sich das
Christkinderl bei uns nicht auf ... Es wird ... es hat ... Er stockte,
fuhr langsam mit seiner breiten Hand ber den Kopf und das Gesicht und
setzte verlegen hinzu: Es mu sparen ... auf eine neue Wiege -- mit
Zubehr ... die alte tut's durchaus nicht mehr ...

Mein Gott, das sechste, und ich habe schon das vierte und das fnfte
aus der Taufe gehoben! sagte Susanne zu sich selbst, und zu Herrn
Kunzel sagte sie nichts, sondern ging stumm und unaufhaltsam ihrer Wege,
was sie spter sehr bereute. Wenn man auch keineswegs gesonnen ist, bei
Nummer sechs Taufpatenstelle zu vertreten, luft man doch nicht mit
unanstndiger Eile davon, weil einem dessen bevorstehende Ankunft
angezeigt wird.

Das Schlimme, ja das Abscheuliche dabei ist, da Susanne um die Gunst,
welche sie eben in Gedanken verweigerte -- nie gebeten worden ist,
dieselbe vielmehr selbst angeboten und sogar nach der Geburt von Nummer
fnf aufgedrungen, als sie gehrt hatte: die Krschnersleute finden
keine Taufpatin fr ihre Jngste.

Wie berrascht waren jene gewesen, da Susanne im Augenblick der grten
Verlegenheit als rettender Engel erschien, aber auch wie ehrlich
beschmt! Der Mann ganz rot, und die Frau ganz bla, hatten zuerst an
das gromtige Anerbieten kaum glauben knnen. Sie hatten einander
bestrzt angesehen und gemurmelt: Nein, Mutter ... das wre zu viel.
-- Nein, Vater, das gibt's nicht ...

Und einmal wieder hatte Susanne was zu viel ist und was es nicht
gibt getan und einmal wieder in den auserlesensten Hochgefhlen
geschwelgt und sich in eine neue Gelegenheit zu fortwhrenden Opfern
hineingestrzt mit Mutius Scvolaischer Begeisterung.

Das der wirkliche Sachverhalt, bei dem sich die Noblesse des braven
Ehepaares so deutlich geoffenbart, und aus dem Susanne so wenig gelernt
hatte, da sie entfloh wie vor einer Gefahr, vor der Aussicht auf ein
neues Kunzelchen.

Welche Abgrnde im Menschenherzen, sogar in einem ganz passablen! klagte
sie. Stille, schwarze Wsserchen, verborgene Miserabilittsadern in
einem scheinbar leidlich gesunden Organismus.

Susanne hatte viel gelitten durch die Erinnerung an ihr schndes
Benehmen gegen Herrn Kunzel, und das Gejauchze seiner Kinder, das sie
jetzt vernahm, wirkte unsagbar heilend auf ihre Seelenwunde. Gar lebhaft
und innig regte sich in dem Frulein der Wunsch, ein bichen
hinberzugehen zu den guten Leutchen, um persnlich an ihrer Freude
teilzunehmen.

Aber der Respekt der Einsamen vor der Familie, die man an einem Tage,
wie der heutige, in ihrem friedlichen Beisammensein nicht stren darf,
hielt sie davon ab, und so fuhr sie fort, ihre Besuche vergngt in
Gedanken abzustatten.

Sie flog in die Brigittenau zu ihrer Wscherin und von da zu dem
Buchbinder Hasse in Lerchenfeld, und von Lerchenfeld in die Kumpfgasse
zur alten Blumenresel, zu lauter wackeren, schwer ringenden Menschen,
die heute aufatmen -- Susanne hat sie von ihren drckenden Sorgen
befreit. Von der Kumpfgasse begibt sich das Frulein nach der Freiung,
sie tut es ein wenig zgernd.

Ach -- es kann nicht anders sein!... Wenn sie von Leuten kommt, die sich
eine Ehre aus ihr machen -- jetzt naht sie einer Wohnung, die auch nur
im Geiste zu betreten eitel Ehre fr sie ist, denn in dieser Wohnung
residiert ihr Vetter Joseph, der kaiserlich knigliche Hofrat. Ein
Pracht- und Mustermensch, der Vetter Hofrat, angebetet von seinen
Untergebenen, hochgeschtzt von seinen Vorgesetzten, ein Beamter mit
groer Zukunft. Und was fr ein Ehemann! Die Ritterlichkeit, die Liebe
selbst. -- Verehrter Joseph!... Ja, was fr ein Ehemann! Was fr ein
Vater, und -- Susanne darf sagen -- was fr ein Vetter!

Musterhaft schon von jeher, hatte Joseph aus reinem Pflichtgefhl die
Grotante manchmal in ihrer Dachkammer besucht und auf Susanne einen
Eindruck gemacht, dessen Tiefe sie erst erma, als sie hrte: der Vetter
heiratet ein schnes, sehr reiches Frulein.

Sie erschrak tdlich ber diese Nachricht und dann ber ihr
Erschrecken. Hatte sie denn auf ihn gehofft, den Hohen, Einzigen? --
Niemals! Mit Seelenstrke berwand sie ihren unberechtigten Schmerz; sie
begeisterte sich sogar fr die Frau ihres Vetters und fuhr fort, ihn zu
bewundern. Seine glnzende Heirat machte ihn nicht hochmtig, er blieb
immer gleich huldvoll gegen die arme Susanne.

In ihren schwersten Tagen -- nie wird sie es ihm vergessen --, wenn sie
ihn auf der Strae traf und wegen ihres in der Auflsung begriffenen
Fhnchens und ihres rmlichen alten Umhngetuches vor Beschmung am
liebsten zu einem Schatten auf dem Trottoir zerflossen wre -- hatte er
sie nie verleugnet. Im Gegenteil, sie immer herablassend gegrt mit
zwei Fingern der schwedisch behandschuhten Rechten, die er eigens zu
diesem Behufe, sogar im Winter, aus der Tasche des kostbaren,
ehrfurchtgebietenden Paletots gezogen; manchmal auch: Gu'n Morgen,
Sette, dazu gesagt ...

Gu'n Morgen, Sette! ... Wie lange, wie s hatte es immer in ihr
nachgehallt und sie mit einem Klange umschmeichelt, fr den sie nur
_eine_ richtige Bezeichnung fand -- einem balsamischen Klange.

Jetzt, zu Geld und Gut gekommen, zeigte Susanne sich dankbar, indem sie
jede Gelegenheit ergriff, ihrem Vetter oder einem der Seinen eine
Aufmerksamkeit zu erweisen, und mit den Christgeschenken trieb sie es
gromtiger von Jahr zu Jahr. Ihr Budget wurde dadurch sehr beschwert --
aber ihre Seele bekam Flgel.

Und nicht genug ...

Mit den Wonnen des heutigen Tages fand das Glck sich noch nicht ab. Es
brachte Fortsetzung -- einen unaussprechlich lieben Besuch. Morgen,
Susanne darf darauf rechnen, nach der heiligen Messe, wird der Vetter
weihrauchduftend erscheinen, in Begleitung seiner imponierend schnen
Frau, seines lieben fnfzehnjhrigen Sohnes und seiner kleinen Tochter.
Sein mchtiges, glatt rasiertes Gesicht wird von dem Lichte wrdevollen
Wohlwollens erhellt sein, und er wird sagen: Wirklich, Sette, zu viel,
wir bitten ...

Die schne Base jedoch wird ihm ins Wort fallen -- spttisch lachend,
wie sie pflegt, wahrscheinlich weil es ihr so reizend steht: Nein, wie
die gute Susette nur jedesmal errt, was wir uns am meisten wnschen!
Wie sie das nur anfngt, die gute Susette!

Eine groe Verwirrung wird sich des Fruleins bemchtigen. Sollte die
Kammerjungfer das geheime Einverstndnis, in dem sie sich befinden,
verraten haben? -- Aber nein, das wre zu schlecht, solche
Schlechtigkeit kann nicht vorkommen in der Nhe _dieser_ Menschen. Damit
wird sie sich trsten; es werden noch einige Reden gewechselt werden,
und dann wird Joseph aufstehen und sprechen: Wir sind auch gekommen, um
dir glckliche Feiertage und ein glckliches neues Jahr zu wnschen,
Sette. Kinder, gratuliert der Tante!

Die wohlerzogenen artigen Kinder werden sogleich die Absicht an den Tag
legen, dem Frulein die Hnde zu kssen, was sie natrlich nicht zugeben
wird. Und die schne Cousine wird -- abermals mit ihrem reizend
spttischen Lcheln, ihre Wange derjenigen Susannes bis auf einen
Zentimeter nhern und dabei die Luft kssen ... Und dann werden sie
gehen, und Susanne wird sie bis an die Haustr begleiten, ins Zimmer
zurckeilen, die Arme ausbreiten und rufen:

Sie waren da! Sie waren da! und Rosi, die verdienstvolle Magd, wird
ihre Zustimmung kundgeben. No jo. Dos sind holt Herrschoften. Do
hoben's Frul'n auch amol an B'such von Herrschoften kriegt und nit
immer nur von so Leut, die wos wolln. No joh!

Ach, der Vorgenu und der Nachgenu, das sind die rechten. Der
Augenblick selbst hat etwas berwltigendes ... Schon das gewisse Wrgen
im Halse, das sich einstellt, wenn um Zwlf die Glocke ertnt ...

Hilf Gott! just als sie es denkt, da lutet's. Was bedeutet das? Wem
kann es nur einfallen, daher zu kommen am Weihnachtsabend? Rosi erwartet
allerdings ihre Schwestern, aber die klingeln nicht, die klopfen.

Etwas Unheimliches ist's zum Glcke nicht, das Frulein hrt ihre
Dienerin auf dem Gange sehr heiter sprechen, und nun tritt die
schmunzelnd ein und sagt:

Eine Visit soll ich anmelden. Noh, Tonerl, is g'fllig?

Es ist gefllig; der Angerufene, Toni Kunzel, erscheint. Mit ernster,
geschftsmiger Miene, den groen, lichtblonden Kopf vorgebeugt, geht
er gradaus auf den Tisch zu und legt drei Pakete von verschiedener Gre
darauf. Zu gren hat er vergessen vor lauter Wichtigkeit. Er wickelt
das Mitgebrachte schweigend aus den vielen, nicht eben blanken Papieren,
in die es eingehllt ist, knllt jedes extra zusammen und steckt es in
die rckwrtige Tasche seines grnen Jckchens, das zuletzt wegragt wie
ein Pfauenschwanz.

Nach und nach sind zum Vorschein gekommen: eine vergoldete Nu, ein
roter Apfel und ein lebzeltener Husar, mit einem von kleinen Zhnen
etwas angenagten Federbusch. Toni legt alles schn nebeneinander, ndert
die Reihenfolge einige Male, bis sie ihm recht ist und der Husar zuerst
und die Nu zuletzt kommt. Dann fhrt er mit dem Rcken der Hand an
dieser Darbringung, sie gleichsam unterstreichend, vorbei und sagt:

So, Frul'n. Nimm Sie sich das. Weil heut Christabend is. Da Sie auch
was hat; und sieht sie dabei so kapabel und berlegen an, aus unsagbar
ehrlichen und unschuldigen Augen, und wartet siegessicher auf die
uerung des Beifalls, den seine Gromut erwecken mu.

O du Toni! will Susanne ausrufen, aber mitten im Satze kippt ihre
Stimme um; es schiet ihr hei in die Augen, und ihr Nschen rtet sich.
Sie nimmt den edlen Spender beim Kopf und drckt einen Ku auf seinen
Scheitel, und Toni, offenbar ungemein geschmeichelt und gerhrt, packt
ihre kleine Rechte und kt sie auf das allerinnigste. Dann lt er noch
eine Anpreisung und Gebrauchsanweisung seiner Gaben folgen: 's is alles
gut. Alles vom Christkinderl. Sie kann alles essen, auch die Nu. Aber
schad wr's halt.

Damit empfiehlt er sich.

Das Frulein ist wieder allein. Se, schner denn je belebte
Einsamkeit!... O du Toni! und! Nein, das Kind! sagt sie unzhlige
Male. Da hat sie nun die erste Christbescherung erhalten in ihrem
ganzen Leben, und das macht ihr einen Eindruck ... sie wird ganz
tricht, als sie sich Rechenschaft von ihm geben will ... Es ist ein
himmelblauer Eindruck, meint sie, und lacht und strickt dazu. Himmelblau
mit goldenen Sternchen, und stellenweise, wo er durchsichtig wird, guckt
ein wehmtig grauer Hintergrund heraus. Musik ist auch dabei, die
Sternchen klingen. Ein wenig verrckt diese Idee ... sei's darum! Nach
einem auerordentlichen Ereignis hat man eben andre als
Werkeltagsgedanken, und -- was fhrt Susannen nicht alles durch den Kopf!
Viel angenehmer Unsinn, an den sie beileibe nicht glaubt, den sie sich
aber doch vorspiegeln lt von Dame Phantasie, weil die heute so gut bei
Laune ist.

-- Wenn ein Kind das Herzensbedrfnis empfand, dich zu beschenken,
spricht die alte, ewig junge Faslerin, warum sollten nicht auch
Erwachsene es empfinden? Warte nur, was heute noch alles kommt!

Susanne depreziert: Wer sollte mir etwas schenken? Der es tun knnte,
der Vetter, ein Familienvater, hat andre Sorgen -- und meine brigen
Bekannten sind arme Leute. --

Das macht nichts, auch die knnen geben. Die Blumenresel zum Beispiel,
die gerade jetzt, dank deiner Verwendung, dreiig Jubilumsstrue in
der Singerstrae abzuliefern hat, knnte wohl im Vorbergehen eine
schne, frische Rose fr dich abgeben. Sie brauchte sich deiner nur zu
erinnern, wie der kleine Toni sich deiner erinnert hat ... Und der
Buchbinder Hasse in Lerchenfeld, fr den du den Mietzins erlegtest, und
der aus Abschnitzeln so allerliebste Notizbchelchen macht. Ein Dutzend
davon hast du ihm abgenommen und verschenkt bis auf eines, das du
kindische alte Person gar zu gern selbst behalten httest, das rehbraune
mit dem vierblttrigen Klee -- du berwandest diese Regung des Geizes,
denn Rosi lechzte ja frmlich nach dem Bchlein, im Interesse ihres
Liebhabers, ohne Zweifel. Wenn nun dem guten Hasse einfiele, was dem
Kunzeltoni eingefallen ist, da auch du am Christabend etwas haben
sollst, wenn der Meister ein solches Bchlein brchte, oder schickte,
durch die Post ... Es wre noch Zeit, eben schlgt's Sieben, da kommt
der Brieftrger ins Haus ...

Kling! kling! o Tag der Wunder! wird die Schwtzerin recht behalten? --
Es hat wieder gelutet: Rosi geht die Haustr ffnen und schreit so laut
auf, da man's deutlich bis ins Zimmer hrt: Jo wos denn? Na, so wos
... Und schon wirbelt sie herein, und ihr auf dem Fue folgt ein
Kommissionr, dessen Gesicht feuerfarbig und dessen Gang schwankend ist,
und trgt ein mit winzigen Kerzen bestecktes, mit dem feinsten Konfekt
behangenes Christbumchen.

Susanne starrt und starrt und bringt keine Silbe ber die Lippen.

Um so beredter ist Rosi, die spricht ohne Aufhren: Von der Freiung
Nummer sechzehn is er geschickt, sogt er. No joh, vom Herrn Vetter, no i
sog's holt -- die Herrschoften ... 's is lang nix kommen, ober wenn emol
was kommt, kommt was Rechts. Do stellen's es her auf'n Tisch, 's
Christbumerl.

Merkwrdigerweise zgert der Kommissionr, er sieht sowohl Rosi wie
Susanne betroffen an, und sagt, er habe den Auftrag, das Prsent dem
Frulein persnlich zu bergeben. Die Versicherung Rosis, das Frulein
stehe vor ihm, will ihm nicht recht einleuchten. Frulein Rainer mit
einem A sei ihm gesagt worden.

Reiner mit E, berichtigt Susanne, und er wiederholt:

Mit E? und stellt das Bumchen auf den Tisch, um in seiner Tasche nach
dem Adrezettel zu suchen, den ihm sein Auftraggeber eingehndigt hat.
Rosis Geduld jedoch ist erschpft. Sie nimmt den Mann bei den Schultern
und schiebt ihn mit krftigen Armen aus dem Zimmer. Der Angetrunkene
sucht Widerstand zu leisten, es ist aber vergeblich. Gib ihm einen
Gulden! ruft Susanne ihrer Dienerin nach, und das kommt mit einem
Jauchzen heraus, glckseliger als das der Kunzelkinder. Die Jugend ist
die Zeit der Freude, sagen die Leute. Irrtum! Irrtum! alt mu man sein
und eine Freude kaum mehr erwartet haben, um sie zu begren, wenn sie
kommt, wie Frhlingsodem an einem Wintertag.

Unwillkrlich hat Susanne vor dem Bumchen die Hnde gefaltet. Ich lasse
einen Glassturz darber machen, beschliet sie, an meinem Sterbebette
soll es stehen. Mein letzter Blick soll darauf fallen und Gott danken,
da er seine Menschen so gut gegen mich sein lie.

Wie Susanne das Bumchen immer aufmerksamer betrachtet, entdeckt sie
halb verborgen im Moose, das den zierlichen Stamm umgibt, ein Pckchen
in schneeweiem Papier. Sie entfaltet es: sein Inhalt besteht in einem
mit rosafarbigem Atlas berzogenen Etui. Auf dem Deckel ist ein
Papierstreifen angesteckt, der eine in der mikroskopischen Schrift des
Vetters ausgefhrte Widmung trgt. Sie lautet:

    Es zeigt Dir dieser Stein hier,
    Was immer ist ohne Dir:

      Dein Seppel.

Ohne Dir und -- Seppel! O verehrter Joseph! -- Nun, ein Scherz,
aber, Susanne kann sich nicht helfen, er hat etwas Verletzendes fr sie,
und geradezu von Schwindel wird sie ergriffen, als sie das Etui ffnet
und ... Gott! was blinkt und blitzt ihr entgegen in allen Farben des
Regenbogens? -- ein wundervoll gefater Solitr ...

Wahrlich, das bersteigt das Ma, innerhalb dessen eine freudige
berraschung noch angenehm ist; das geht in das Gebiet des beunruhigend
Unbegreiflichen ber.

Am liebsten wrde Susanne die Widmung von dem Etui herabnehmen, dasselbe
sorgfltig zusammenpacken und sogleich mit einigen dankend ablehnenden
Zeilen an den Vetter zurckschicken. Doch frchtet sie, ihn dadurch zu
verletzen, und beschliet, die delikate Angelegenheit morgen mndlich
abzumachen. Halb im Scherz, halb im Ernst wird sie den Vetter fragen, ob
er sie fr eine Person hlt, die man ohne weiteres grausam beschmen
darf? und den Solitr an _das_ Herz legen, an dem er seine Heimsttte zu
suchen und zu finden hat, das Herz der Gemahlin.

Susanne hat sich in Gedanken alles zurecht gelegt, aber schlafen wird
sie heute kaum. Die Sorge um den wertvollen Schmuckgegenstand, den sie
gegen ihren Willen in Verwahrung hat, wird ihr die Ruhe rauben. Noch ist
sie unentschieden, in welchem ihrer Schrnke sie ihn bergen soll, als
derbe Schritte das Nahen Rosis anzeigen, und Susanne nichts brig
bleibt, als das Pckchen einstweilen wieder im Moose zu verstecken. Mit
einem brennenden Wachsstock in der Hand tritt die Magd ein, ist sehr
unwirsch und brummt: Nit zum Wegbringen der Mensch. Betrunken wie a
Kanon am heilgen Weihnachtsabend. Steht noch auf der Stieg'n und
studiert sei schmierige Adre. 'Nummer fnf heit's,' sogt er, Nummer
drei heit's, sog i, kennen's nit lesen?

Nummer fnf? fragt das Frulein beunruhigt, liebe Rosi, wenn es
wirklich fnf hiee und nicht drei?

Ihr Bedenken wird mit berlegenheit belchelt, die ihr wohltut; dabei
zndet die Magd Kerzlein um Kerzlein an. Das reich geputzte Bumchen
erstrahlt in magischem Glanze, und dieser Glanz dringt in alle
Seelentiefen Susannens und leuchtet jeden Zweifel, jede leise
auftauchende Sorge hinaus.

Sie ist vllig verzckt. Ihr gutes, kleines Mopsgesicht gewinnt einen
Ausdruck rhrend reiner Freude, und sie sagt glckselig bewegt: Mein
erster Christbaum, Rosi, mein erster Christbaum, Ro -- --

Die zweite Silbe bleibt ihr in der Kehle stecken ... Es hat wieder
gelutet, hastig, ja wild. Susannens Augen richten sich erschrocken auf
ihre Magd. Die jedoch ist ganz bermtig: Heut geht's ober zu. No jo,
vielleicht schickt Seine Majestt der Kaiser wos.

Sie enteilt, um die Tr aufzureien vor der neuen berraschung, und
eine berraschung ist's, aber was fr eine!

Drauen lt das Drohen und Fluchen einer rauhen Mnnerstimme sich
vernehmen. Ohne anzuklopfen, ohne die Mtze zu rcken, poltert der
Kommissionr ins Zimmer, schimpft frchterlich, als er die angezndeten
Kerzchen am Christbaum erblickt, blst gleich drei, vier auf einmal aus
und fhrt Rosi, die ihm auf dem Fue gefolgt ist, mit unglaublicher
Grobheit an. Er hat es ja gesagt, hinber auf Nummer fnf gehrt das
Bumerl, zur Rainer mit A, und nicht zu einer alten Schachtel mit E. Den
Guldenzettel, den sie ihm gespendet hat, wirft er auf den Tisch. Da hat
sie das Ihrige, und jetzt hofft er nur, da ihm nichts weggekommen ist,
sonst -- den Weg zur Polizei kennt er, den braucht ihm niemand weisen.

Kurz, nachdem er sich benommen wie in einer Diebeshhle, nimmt er das
Bumchen unter den Arm, trampelt davon und schlgt hinter sich die Tr
zu, da alles drhnt.

Susanne lie sich auf einen Sessel, nicht wie sie sonst pflegte aus
Rcksicht fr den berzug, nieder_gleiten_, sonder nieder_fallen_, Rosi
stand vor ihr, nahm einen Zipfel der blanken Schrze, und steckte ihn in
den Grtel. Ihre Augen funkelten vor Entrstung, ihre Lippen wurden dick
und scharlachrot. Sie kreuzte die nackten Arme und sprach erregt:

Na, dos is aber doch!

Das Frulein hat indessen ein stilles Gebet verrichtet: Lieber Gott, gib
mir Kraft, vor diesem braven, aber der hchsten Politur ermangelnden
Mdchen die Wrde des Familienlebens meines tiefgesunkenen Vetters zu
wahren. Gib mir Kraft, ich brauche sie; ich glaube, ich habe keinen
Puls, und meine Fe sind ganz steif. Wie mir jetzt ist, so drfte es
der Erde sein, wenn sie dereinst in die Eisperiode tritt. O meine Sonne,
mein Prachtmenschenexemplar -- wie siehst du aus!

Die Rainer, nimmt Rosi wieder das Wort, dos is die Lokalsngerin, wo
neulich so viel in der Zeitung g'standen is. Do die daneben wohnt, wei
freilich die ganze Stra'n. Da aber der Herr Vetter zu _der_ ihrer
Bekonntschoft g'hrt, htt i mer nit denkt. Hot so e scheene Frau und
lauft der schiechen Astel nach.

Susannens Zhne klappern aneinander, die Zunge klebt ihr am Gaumen, doch
gelingt es ihr, dank ihrer heroischen Anstrengung, in ziemlich
natrlichem Tone zu sagen: Ja, meine liebe Rosi, die Rainer ist eben
eine groe Knstlerin.

So? und drum schickt er ihr wos zu Weihnachten, und vielleicht gar
hinterm Rucken der gndigen Frau?

Liebe Rosi, erwidert Susanna zurechtweisend und setzt ihre
Wahrheitsliebe hintan, um die Familienehre zu schtzen, dieses
Geschenk, es wird von ihm und von ihr sein. Es ist so Sitte bei den
Herrschaften, da sie groen Knstlerinnen zu passenden Gelegenheiten
Blumen schicken oder -- Christbume.

Meinen's Frulein? -- No jo, spricht Rosi mit ihrem gewohnten
berlegenen Lcheln und geht, das Abendessen anzurichten, das heute aus
Fisch und Gugelhupf besteht. Dazu braut sie einen guten Punsch fr sich
und ihre Schwestern. Es geschieht ohne Wissen der Gebieterin, die nicht
ahnen darf, da in ihrem Hause Spirituosen, diese Mrder der
Intelligenz, genossen werden.

Whrend der kleine Betrug an ihr verbt wird, bleibt Susanne ihren
traurigen Betrachtungen berlassen.

-- Solitr, wenn er nicht bei Frulein Rainer ist! Ein Ehegatte und
Familienvater? -- Ohne _Dir_ ... Sie sind also auf dem Du-Fue, --
Ohne _Dir_, schauderhaft. Wenn er noch gesagt htte: Ohne _Dich_!
-- Gott, wie tief sinkt man sofort in jeder Hinsicht, wenn man in einer
das Gleichgewicht verloren hat.

Tiefbekmmert fragt sich Susanne, ob sie dem ahnungslosen Vetter, hinter
dessen tiefstes Geheimnis sie gekommen ist, je wieder unter die Augen
wird treten knnen, und gar seiner betrogenen Gattin und seinen armen
Kindern, deren Vater, statt fr sie zu sparen, Solitre kauft fr
Frulein Rainer.

Zu Tode schmen mu sie sich vor ihnen allen ... sie, die Mitwisserin
einer groen Schuld. Es wird ihr aufs Herz fallen, verdammende Stimmen
werden ihr zurufen: Mitwisserin! -- Ach, gar zu gern htte sie sich den
morgigen Besuch, vor dem ihr schaudert, erspart, sich krank melden, sich
entschuldigen lassen. Doch nein! Sie hat leider schon gelogen am
heiligen Abend, sie wird nicht wieder lgen am heiligen Tage. Durch!
sagt sie mit Strafford, mitten durch die gehuften Trmmer ihres
schnsten Wahngebildes.

Nun sitzt sie da, die Hnde im Schoe, wie sie nicht mehr gesessen,
seitdem sie Totenwache gehalten hat an der Bahre ihrer Gromutter.

Rosi lt sich wieder sehen, deckt den Tisch, stellt mit berechtigtem
Stolze das Souper auf und wnscht guten Appetit. Sie wird fr heute des
weiteren Dienstes enthoben und kehrt zu ihren Schwestern zurck, die
bereits eingetroffen sind.

In der Kche geht es munter zu. Man schmaust, man plaudert, man findet
des Kicherns kein Ende.

Susanne nickt zustimmend mit dem Kopfe, so oft sie lachen hrt: Freut
euch des Lebens, ihr Armen, euch glht ja noch das Lmpchen des Glaubens
an die Menschen, sagt sie leise und wrgt einige Stckchen Fisch
hinunter.

Sie tut es nur, um Rosi, wenn die am nchsten Tage fragen sollte: Hat's
geschmeckt? erwidern zu knnen: Es war so gut, da ich nicht alles auf
einmal verspeisen wollte, und mir etwas aufgehoben habe fr heute. --
Ach Gott ja, morgen ist wieder ein Heute, und bermorgen auch, und so
geht es fort und drfte noch lange fortgehen, denn Susanne hat eine
eiserne Gesundheit. Vor ihr liegt ein weiter, ein einsamer Weg. Die
Menschen, denen sie Gutes tut, was ist sie ihnen? Eine unermelich
reiche Person, die einen Teil ihres berflusses dazu verwendet, sie aus
drckender Not zu befreien. Mit der Erinnerung an diese schwindet auch
die Erinnerung an die Befreierin.

Stunden verflieen. Im Hause ist alles still geworden. Das Frulein geht
sich berzeugen, ob die Wohnungstr versperrt und verriegelt und die
Sicherheitskette vorgelegt ist. Ja wohl, so mde und schlfrig Rosi
gewesen sein mag, sie hat alles in Ordnung gebracht, ehe sie zur Ruhe
ging. Brave Person! Eine brave Dienerin zu haben ist ein Glck, das ein
einzeln stehendes weibliches Wesen nicht hoch genug schtzen kann. Als
Susanne in ihrem Schlafzimmer niederkniet zum Abendgebet, dankt sie dem
Himmel ganz besonders fr diese Gnade; sie betet berhaupt sehr lange,
gibt immer wieder einige Vaterunser zu fr einen vom rechten Wege weit
Abgeirrten.

Endlich legt sie sich zu Bette und will schlafen. Aber der Wille
gebietet dem Schlaf nicht, verscheucht ihn im Gegenteil durch
energisches Herbeirufen. Schweige denn, Wille, weichet hinweg, Gedanken!
Ein tiefer, gesunder Schlaf wird Susannen heute schwerlich erquicken,
doch vielleicht gelingt es ihr, in einen ihre Traurigkeit abstumpfenden
Dusel zu kommen. So dmmert sie hin in der Finsternis, die rings um sie,
die in ihr herrscht, schliet die Augen und rhrt sich nicht.

Nach einer Weile, was sieht sie mit ihren geschlossenen Augen? Gerade
vor sich das Erglimmen eines schwachen Lichtscheins. Er wird immer
heller und geht von einer vergoldeten Nu aus, die langsam ber den Rand
des Bettes aufsteigt, wie ein kleinwinziger Mond. Das Licht, das er
verbreitet, ist warm wie das Leben und rosig wie junge Liebe. Allmhlich
nimmt er eine noch schnere Frbung an, und darber braucht man sich
nicht zu wundern, denn die Morgenrte ist dazu gekommen, eine herrlich
strahlende Morgenrte, die das Nahen der Sonne verkndet, und da flammt
sie auch schon empor in Gestalt eines feuerfarbigen Apfels. Als Herold,
mit etwas defektem Federbusch, sprengt ein gelber Reiter vor ihr her. Er
gibt seinem Rosse die Sporen, ein mchtiger Satz, und da steht er
salutierend auf dem Federbette des Fruleins.

Sie fhrt auf, schlgt sich vor die Stirn, hat im Nu Licht gemacht,
schlpft in ihre Pantoffelchen und eilt ins Nebenzimmer.

Da liegt auf dem Tische vergessen ihre Christbescherung, der sichtbare
Beweis, da es doch ein Wesen gibt, das sich ihrer am heiligen Abende
erinnert und das -- _selbst_ ein Kind, die Geschenke des Christkindleins
mit ihr geteilt hat.

Dieses wunderbare Erlebnis ist ihr aufgespart worden, ihr, der alten
Jungfer, die gar keinen Anspruch machen darf auf die Liebe von Kindern.
Krzlich erst hat sie ein solches Glck erfahren, und statt sich seiner
innigst zu freuen, setzt sie sich hin, die undankbare Krte! und
melancholisiert und berlt sich feigem Selbstbedauern!

Beschmt und reuig, aber mit einer sozusagen wonnegetrnkten Seele
ergriff Susanne ihren Husaren, ihren Apfel, ihre Nu, und begab sich
zurck ins Schlafgemach. Bevor sie ihr Lager wieder aufsuchte, legte sie
die Geschenke Tonis auf das Nachtkstchen in derselben Reihenfolge, die
er ihnen mit Ordnungssinn und seinem Gefhle fr Rangunterschiede
angewiesen hatte.

Sie blieb hellmunter und berlie sich heiteren Vorstellungen.

Den Mittelpunkt derselben bildete Toni. Was fr treuherzige Augen er
hat, und _treu_herzig ist er und _warm_herzig dazu, das sprach sich gar
deutlich in seinem Handku aus. Welch ein Unterschied zwischen diesem
und den *pro forma*-Handkssen des hflichen Neffen und der
zierlichen Nichte. Susanne erinnert sich vieler kleiner Zge, die ihr im
Benehmen Tonis angenehm aufgefallen sind; des Ernstes, den sie so oft an
ihm bewundert hat, des Buckels voll Sorgen, den er macht, wenn ihm die
Obhut ber seine jngeren Geschwister anvertraut wird. Er nimmt seinen
Teil der huslichen Sorgenlast auf seine jungen Schultern. Und wie brav
und verllich er ist! er vergit nie einen Auftrag, den man ihm gibt.

Zum Pfadfinder und Genie scheint Toni -- wohl ihm! -- keine Anlage zu
haben, aber ein vortrefflicher Mann, geschickt in seinem Fache, ein
Muster fr seine Standesgenossen, die Vorsehung seiner Gehilfen knnte
er werden, wenn er eine tchtige Erziehung, wenn er Bildung bekme, die
echte Bildung, die von innen heraus kommt, die den Wert des Menschen
erhht und den Stolz auf seinen Wert verringert.

-- Wenn er die bekommen _knnte_? wiederholt Susanne und ruft auf einmal
laut aus: Er _soll_ sie bekommen!

Ein Gedanke ber alle Gedanken ist raketenartig in ihr emporgeschossen;
sie setzt sich auf in ihrem Bette, sie lacht und weint. Es vergeht eine
lange Zeit, bevor die hochgehenden Fluten ihrer Empfindungen sanft und
selig verebben. Endlich liegt der Kopf wieder auf dem Kissen, sie atmet
leicht und wird gut schlafen.

Vorher aber komme noch einmal, Freundin Phantasie, und male ihr die am
morgigen Tage bevorstehenden Ereignisse deutlich aus.

Sie sieht sich, bereits um acht Uhr frh, in grter Parade und mit der
Spitzencoiffe, federnden Ganges hinberwandeln zu Kunzel. Die
Bedienerin lt sie ein, und sie findet die Familie, wie immer zu dieser
Stunde an einem Feiertage, um den Frhstckstisch versammelt.

Beim Eintreten des verehrten und unerwarteten Gastes springen alle auf.
Sie aber spricht: Sitzen bleiben! Ich allein stehe, wie sich's gehrt
fr eine Bittende.

Lieber Meister, liebe Meisterin, erlauben Sie mir, den Toni zu
adoptieren. Er bleibt Ihr Sohn und wird auch der meine, und im nchsten
Jahre nehme ich als Familienglied teil an Ihrem Weihnachtsfeste.

[Illustration]




Verlag von _Gebrder Paetel_ (Dr. Georg Paetel) in Berlin W.

Ein Buch fr die Jugend.

Aus meinen Schriften.

Von

Marie von Ebner-Eschenbach.

_Dritte Auflage._

(Elftes bis fnfzehntes Tausend.)

Quart; 6 Bogen.

In Originalleinenband 1 Mark.

Inhalt:

     _Zum Geleite._ -- _Erzhlungen_: Der Fink; Die Spitzin; Der Muff;
     Krambambuli; Aus Meine Kinderjahre. -- _Mrchen und Parabeln_:
     Brautwahl; Die Begegnung; Das Blatt; Die Siegerin; Doppelfreude;
     Wertbestimmung; Die Nachbarn. -- _Spruchverse._ -- _Die
     Erdbeerfrau._ -- _Zwanzig Aphorismen._

_Zu beziehen durch alle Buchhandlungen._




Verlag von _Gebrder Paetel_ (Dr. Georg Paetel) in Berlin W.

Werke von Marie von Ebner-Eschenbach:

=Das Gemeindekind.= Erzhlung. Zwlfte Auflage. Oktav. Geheftet 3 Mark.
Elegant gebunden 4 Mark.

=Dorf- und Schlogeschichten.= Neunte Auflage. Oktav. Geheftet 4 Mark.
Elegant gebunden 5 Mark.

     _Inhalt_: 1. Der Kreisphysikus. -- 2. Jakob Szela. -- 3.
     Krambambuli. -- 4. Die Resel. -- 5. Die Poesie des Unbewuten.
     Novellchen in Korrespondenzkarten.

=Neue Dorf- und Schlogeschichten.= Fnfte Auflage. Oktav. Geheftet 4
Mark. Elegant gebunden 5 Mark.

    _Inhalt_: 1. Die Unverstandene auf dem Dorfe. -- 2. Er lat die Hand
    kssen. -- 3. Der gute Mond.

=Lotti, die Uhrmacherin.= Erzhlung. Achte Auflage. Oktav. Geheftet 4
Mark. Elegant gebunden 5 Mark.

_Zu beziehen durch alle Buchhandlungen._




Liste der vorgenommenen nderungen

Unter der Beschreibung der nderung steht jeweils zuerst die Textstelle
im Original, dann die genderte Textstelle.

  S. 56: nur noch herbeilt, den Juden das Gecht zu geben
         nur noch herbeilt, den Juden das Recht zu geben

  S. 64: die Weichsel und der Dunajec
         die Weichsel und der Dujanec

  S. 135: halte mir den khnen Ubergang zugute
          halte mir den khnen bergang zugute

  S. 229: 'Schon wieder Mischka, hat das noch immer kein Ende mit dem
          Mischka?... Und was will die Alte!
          'Schon wieder Mischka, hat das noch immer kein Ende mit dem
          Mischka?... Und was will die Alte!'

  S. 253: Ohne _Dir_, schauderschaft.
          Ohne _Dir_, schauderhaft.





End of the Project Gutenberg EBook of Ein Buch, das gern ein Volksbuch
werden mchte, by Marie von Ebner-Eschenbach

*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK EIN BUCH, DAS GERN EIN VOLKSBUCH ***

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Section  2.  Information about the Mission of Project Gutenberg-tm

Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
electronic works in formats readable by the widest variety of computers
including obsolete, old, middle-aged and new computers.  It exists
because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
people in all walks of life.

Volunteers and financial support to provide volunteers with the
assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
remain freely available for generations to come.  In 2001, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
and the Foundation information page at www.gutenberg.org


Section 3.  Information about the Project Gutenberg Literary Archive
Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
Revenue Service.  The Foundation's EIN or federal tax identification
number is 64-6221541.  Contributions to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
permitted by U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
throughout numerous locations.  Its business office is located at 809
North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887.  Email
contact links and up to date contact information can be found at the
Foundation's web site and official page at www.gutenberg.org/contact

For additional contact information:
     Dr. Gregory B. Newby
     Chief Executive and Director
     gbnewby@pglaf.org

Section 4.  Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

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