Project Gutenberg's Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie, by Sigmund Freud

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Title: Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie

Author: Sigmund Freud

Release Date: June 7, 2012 [EBook #39938]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK SEXUALTHEORIE ***




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  DREI ABHANDLUNGEN ZUR
  SEXUALTHEORIE

  VON
  PROF. DR. SIGM. FREUD
  IN WIEN.

  FNFTE, UNVERNDERTE AUFLAGE.

  LEIPZIG UND WIEN
  FRANZ DEUTICKE
  1922


  bersetzungen:

  1910: Englisch von A.A. Brill.
  1911: Russisch von Wjachirew und Poljakow.
  1915: Ungarisch von S. Ferenczi.


  Verlags-Nr. 2724

  Druck von Paul Gerin, Wien.




Vorwort zur dritten Auflage.


Nachdem ich durch ein Jahrzehnt Aufnahme und Wirkung dieses Buches
beobachtet, mchte ich dessen dritte Auflage mit einigen Vorbemerkungen
versehen, die gegen Miverstndnisse und unerfllbare Ansprche an
dasselbe gerichtet sind. Es sei also vor allem betont, da die
Darstellung hierin durchweg von der alltglichen rztlichen Erfahrung
ausgeht, welche durch die Ergebnisse der psychoanalytischen Untersuchung
vertieft und wissenschaftlich bedeutsam gemacht werden soll. Die drei
Abhandlungen zur Sexualtheorie knnen nichts anderes enthalten, als
was die Psychoanalyse anzunehmen ntigt oder zu besttigen gestattet. Es
ist darum ausgeschlossen, da sie sich jemals zu einer Sexualtheorie
erweitern lieen, und begreiflich, da sie zu manchen wichtigen
Problemen des Sexuallebens berhaupt nicht Stellung nehmen. Man wolle
aber darum nicht glauben, da diese bergangenen Kapitel des groen
Themas dem Autor unbekannt geblieben sind oder von ihm als nebenschlich
vernachlssigt wurden.

Die Abhngigkeit dieser Schrift von den psychoanalytischen Erfahrungen,
die zu ihrer Abfassung angeregt haben, zeigt sich aber nicht nur in der
Auswahl, sondern auch in der Anordnung des Stoffes. berall wird ein
gewisser Instanzenzug eingehalten, werden die akzidentellen Momente
vorangestellt, die dispositionellen im Hintergrunde gelassen und wird
die ontogenetische Entwicklung vor der phylogenetischen bercksichtigt.
Das Akzidentelle spielt nmlich die Hauptrolle in der Analyse, es wird
durch sie fast restlos bewltigt; das Dispositionelle kommt erst hinter
ihm zum Vorschein als etwas, was durch das Erleben geweckt wird, dessen
Wrdigung aber weit ber das Arbeitsgebiet der Psychoanalyse
hinausfhrt.

Ein hnliches Verhltnis beherrscht die Relation zwischen Onto- und
Phylogenese. Die Ontogenese kann als eine Wiederholung der Phylogenese
angesehen werden, soweit diese nicht durch ein rezenteres Erleben
abgendert wird. Die phylogenetische Anlage macht sich hinter dem
ontogenetischen Vorgang bemerkbar. Im Grunde aber ist die Disposition
eben der Niederschlag eines frheren Erlebens der Art, zu welchem das
neuere Erleben des Einzelwesens als Summe der akzidentellen Momente
hinzukommt.

Neben der durchgngigen Abhngigkeit von der psychoanalytischen
Forschung mu ich die vorstzliche Unabhngigkeit von der biologischen
Forschung als Charakter dieser meiner Arbeit hervorheben. Ich habe es
sorgfltig vermieden, wissenschaftliche Erwartungen aus der allgemeinen
Sexualbiologie oder aus der spezieller Tierarten in das Studium
einzutragen, welches uns an der Sexualfunktion des Menschen durch die
Technik der Psychoanalyse ermglicht wird. Mein Ziel war allerdings zu
erkunden, wieviel zur Biologie des menschlichen Sexuallebens mit den
Mitteln der psychologischen Erforschung zu erraten ist; ich durfte auf
Anschlsse und bereinstimmungen hinweisen, die sich bei dieser
Untersuchung ergaben, aber ich brauchte mich nicht beirren zu lassen,
wenn die psychoanalytische Methode in manchen wichtigen Punkten zu
Ansichten und Ergebnissen fhrte, die von den blo biologisch gesttzten
erheblich abwichen.

Ich habe in dieser dritten Auflage reichliche Einschaltungen
vorgenommen, aber darauf verzichtet, dieselben wie in der vorigen
Auflage durch besondere Zeichen kenntlich zu machen. -- Die
wissenschaftliche Arbeit auf unserem Gebiete hat gegenwrtig ihre
Fortschritte verlangsamt, doch waren gewisse Ergnzungen dieser Schrift
unentbehrlich, wenn sie mit der neueren psychoanalytischen Literatur in
Fhlung bleiben sollte.

_Wien_, im Oktober 1914.




Vorwort zur vierten Auflage.


Nachdem die Fluten der Kriegszeit sich verzogen haben, darf man mit
Befriedigung feststellen, da das Interesse fr die psychoanalytische
Forschung in der groen Welt ungeschdigt geblieben ist. Doch haben
nicht alle Teile der Lehre das gleiche Schicksal erfahren. Die rein
psychologischen Aufstellungen und Ermittlungen der Psychoanalyse ber
das Unbewute, die Verdrngung, den Konflikt, der zur Krankheit fhrt,
den Krankheitsgewinn, die Mechanismen der Symptombildung u.a. erfreuen
sich wachsender Anerkennung und finden selbst bei prinzipiellen Gegnern
Beachtung. Das an die Biologie angrenzende Stck der Lehre, dessen
Grundlage in dieser kleinen Schrift gegeben wird, ruft noch immer
unverminderten Widerspruch hervor und hat selbst Personen, die sich eine
Zeitlang intensiv mit der Psychoanalyse beschftigt hatten, zum Abfall
von ihr und zu neuen Auffassungen bewogen, durch welche die Rolle des
sexuellen Momentes fr das normale und krankhafte Seelenleben wieder
eingeschrnkt werden sollte.

Ich kann mich trotzdem nicht zur Annahme entschlieen, da dieser Teil
der psychoanalytischen Lehre sich von der zu erratenden Wirklichkeit
viel weiter entfernen knnte als der andere. Erinnerung und immer wieder
von neuem wiederholte Prfung sagen mir, da er aus ebenso sorgfltiger
und erwartungsloser Beobachtung hervorgegangen ist und die Erklrung
jener Dissoziation in der ffentlichen Anerkennung bereitet keine
Schwierigkeiten. Erstens knnen nur solche Forscher die hier
beschriebenen Anfnge des menschlichen Sexuallebens besttigen, die
Geduld und technisches Geschick genug besitzen, um die Analyse bis in
die ersten Kindheitsjahre des Patienten vorzutragen. Es fehlt hufig
auch an der Mglichkeit hiezu, da das rztliche Handeln eine scheinbar
raschere Erledigung des Krankheitsfalles verlangt. Andere aber als
rzte, welche die Psychoanalyse ben, haben berhaupt keinen Zugang zu
diesem Gebiet und keine Mglichkeit, sich ein Urteil zu bilden, das der
Beeinflussung durch ihre eigenen Abneigungen und Vorurteile entzogen
wre. Verstnden es die Menschen, aus der direkten Beobachtung der
Kinder zu lernen, so htten diese drei Abhandlungen berhaupt
ungeschrieben bleiben knnen.

Dann aber mu man sich daran erinnern, da einiges vom Inhalt dieser
Schrift, die Betonung der Bedeutung des Sexuallebens fr alle
menschlichen Leistungen und die hier versuchte Erweiterung des Begriffes
der Sexualitt, von jeher die strksten Motive fr den Widerstand gegen
die Psychoanalyse abgegeben hat. In dem Bedrfnis nach volltnenden
Schlagworten ist man soweit gegangen, von dem Pansexualismus der
Psychoanalyse zu reden und ihr den unsinnigen Vorwurf zu machen, sie
erklre alles aus der Sexualitt. Man knnte sich darber verwundern,
wenn man imstande wre, an die verwirrende und vergelich machende
Wirkung affektiver Momente selbst zu vergessen. Denn der Philosoph
_Artur Schopenhauer_ hat bereits vor geraumer Zeit den Menschen
vorgehalten, in welchem Ma ihr Tun und Trachten durch sexuelle
Strebungen -- im gewohnten Sinne des Wortes -- bestimmt wird, und eine
Welt von Lesern sollte doch unfhig gewesen sein, sich eine so packende
Mahnung so vllig aus dem Sinne zu schlagen! Was aber die Ausdehnung
des Begriffes der Sexualitt betrifft, die durch die Analyse von Kindern
und von sogenannten Perversen notwendig wird, so mgen alle, die von
ihrem hheren Standpunkt verchtlich auf die Psychoanalyse herabschauen,
sich erinnern lassen, wie nahe die erweiterte Sexualitt der
Psychoanalyse mit dem _Eros_ des gttlichen Plato zusammentrifft. (S.
_Nachmansohn_, Freuds Libidotheorie verglichen mit der Eroslehre Platos,
Intern. Zeitschr. f. Psychoanalyse. III, 1915.)

_Wien_, im Mai 1920.




Inhaltsangabe.


                                         Seite

    I. Die sexuellen Abirrungen              1

   II. Die infantile Sexualitt             38

  III. Die Umgestaltungen der Pubertt      71




I.

Die sexuellen Abirrungen(1).


  (1) Die in der ersten Abhandlung enthaltenen Angaben sind aus den
  bekannten Publikationen von v. _Krafft-Ebing_, _Moll_, _Moebius_,
  _Havelock Ellis_, v. _Schrenck-Notzing_, _Lwenfeld_, _Eulenburg_, J.
  _Bloch_, M. _Hirschfeld_ und aus den Arbeiten in dem vom letzteren
  herausgegebenen Jahrbuch fr sexuelle Zwischenstufen geschpft. Da
  an diesen Stellen auch die brige Literatur des Themas aufgefhrt ist,
  habe ich mir detaillierte Nachweise ersparen knnen.

  Die durch psychoanalytische Untersuchung Invertierter gewonnenen
  Einsichten ruhen auf Mitteilungen von J. _Sadger_ und auf eigener
  Erfahrung.

Die Tatsache geschlechtlicher Bedrfnisse bei Mensch und Tier drckt man
in der Biologie durch die Annahme eines Geschlechtstriebes aus. Man
folgt dabei der Analogie mit dem Trieb nach Nahrungsaufnahme, dem
Hunger. Eine dem Worte Hunger entsprechende Bezeichnung fehlt der
Volkssprache; die Wissenschaft gebraucht als solche _Libido_.(2)

  (2) Das einzig angemessene Wort der deutschen Sprache Lust ist
  leider vieldeutig und benennt ebensowohl die Empfindung des
  Bedrfnisses als die der Befriedigung.

Die populre Meinung macht sich ganz bestimmte Vorstellungen von der
Natur und den Eigenschaften dieses Geschlechtstriebes. Er soll der
Kindheit fehlen, sich um die Zeit und im Zusammenhang mit dem
Reifungsvorgang der Pubertt einstellen, sich in den Erscheinungen
unwiderstehlicher Anziehung uern, die das eine Geschlecht auf das
andere ausbt, und sein Ziel soll die geschlechtliche Vereinigung sein
oder wenigstens solche Handlungen, welche auf dem Wege zu dieser liegen.

Wir haben aber allen Grund, in diesen Angaben ein sehr ungetreues Abbild
der Wirklichkeit zu erblicken; fat man sie schrfer ins Auge, so
erweisen sie sich berreich an Irrtmern, Ungenauigkeiten und
Voreiligkeiten.

Fhren wir zwei Termini ein: heien wir die Person, von welcher die
geschlechtliche Anziehung ausgeht, das _Sexualobjekt_, die Handlung,
nach welcher der Trieb drngt, das _Sexualziel_, so weist uns die
wissenschaftlich gesichtete Erfahrung zahlreiche Abweichungen in bezug
auf beide, Sexualobjekt und Sexualziel, nach, deren Verhltnis zur
angenommenen Norm eingehende Untersuchung fordert.


1. Abweichungen in Bezug auf das Sexualobjekt.

Der populren Theorie des Geschlechtstriebes entspricht am schnsten die
poetische Fabel von der Teilung des Menschen in zwei Hlften -- Mann und
Weib--, die sich in der Liebe wieder zu vereinigen streben. Es wirkt
darum wie eine groe berraschung zu hren, da es Mnner gibt, fr die
nicht das Weib, sondern der Mann, Weiber, fr die nicht der Mann,
sondern das Weib das Sexualobjekt darstellt. Man heit solche Personen
Kontrrsexuale oder besser Invertierte, die Tatsache die der
_Inversion_. Die Zahl solcher Personen ist sehr erheblich, wiewohl deren
sichere Ermittelung Schwierigkeiten unterliegt(3).

  (3) Vergleiche ber diese Schwierigkeiten sowie ber Versuche, die
  Verhltniszahl der Invertierten zu eruieren, die Arbeit von M.
  _Hirschfeld_ im Jahrbuch fr sexuelle Zwischenstufen 1904.


A. Die Inversion.

Verhalten der Invertierten.

Die betreffenden Personen verhalten sich nach verschiedenen Richtungen
ganz verschieden.

a) Sie sind _absolut_ invertiert, d.h. ihr Sexualobjekt kann nur
gleichgeschlechtlich sein, whrend das gegenstzliche Geschlecht fr sie
niemals Gegenstand der geschlechtlichen Sehnsucht ist, sondern sie khl
lt oder selbst sexuelle Abneigung bei ihnen hervorruft. Als Mnner
sind sie dann durch Abneigung unfhig, den normalen Geschlechtsakt
auszufhren oder vermissen bei dessen Ausfhrung jeden Genu.

b) Sie sind _amphigen invertiert_ (psychosexuell-hermaphroditisch),
d.h. ihr Sexualobjekt kann ebensowohl dem gleichen wie dem anderen
Geschlecht angehren; der Inversion fehlt also der Charakter der
Ausschlielichkeit.

c) Sie sind _okkasionell_ invertiert, d.h. unter gewissen ueren
Bedingungen, von denen die Unzugnglichkeit des normalen Sexualobjektes
und die Nachahmung obenan stehen, knnen sie eine Person des gleichen
Geschlechtes zum Sexualobjekt nehmen und im Sexualakt mit ihr
Befriedigung empfinden.

Die Invertierten zeigen ferner ein mannigfaltiges Verhalten in ihrem
Urteil ber die Besonderheit ihres Geschlechtstriebes. Die einen nehmen
die Inversion als selbstverstndlich hin wie der Normale die Richtung
seiner Libido und vertreten mit Schrfe deren Gleichberechtigung mit der
normalen. Andere aber lehnen sich gegen die Tatsache ihrer Inversion auf
und empfinden dieselbe als krankhaften Zwang(4).

  (4) Ein solches Struben gegen den Zwang zur Inversion knnte die
  Bedingung der Beeinflubarkeit durch Suggestivbehandlung oder
  Psychoanalyse abgeben.

Weitere Variationen betreffen die zeitlichen Verhltnisse. Die
Eigentmlichkeit der Inversion datiert bei dem Individuum entweder von
jeher, soweit seine Erinnerung zurckreicht, oder dieselbe hat sich ihm
erst zu einer bestimmten Zeit vor oder nach der Pubertt bemerkbar
gemacht(5). Der Charakter bleibt entweder durchs ganze Leben erhalten
oder tritt zeitweise zurck oder stellt eine Episode auf dem Wege zur
normalen Entwicklung dar; ja er kann sich erst spt im Leben nach Ablauf
einer langen Periode normaler Sexualttigkeit uern. Auch ein
periodisches Schwanken zwischen dem normalen und dem invertierten
Sexualobjekt ist beobachtet worden. Besonders interessant sind Flle, in
denen sich die Libido im Sinne der Inversion ndert, nachdem eine
peinliche Erfahrung mit dem normalen Sexualobjekt gemacht worden ist.

  (5) Es ist von mehreren Seiten mit Recht betont worden, da die
  autobiographischen Angaben der Invertierten ber das zeitliche
  Auftreten der Inversionsneigung unzuverlssig sind, da dieselben die
  Beweise fr ihr heterosexuelles Empfinden aus ihrem Gedchtnis
  verdrngt haben knnten.

  Die Psychoanalyse hat diesen Verdacht fr die ihr zugnglich
  gewordenen Flle von Inversion besttigt und deren Anamnese durch die
  Ausfllung der Kindheitsamnesie in entscheidender Weise verndert.

Diese verschiedenen Reihen von Variationen bestehen im allgemeinen
unabhngig nebeneinander. Von der extremsten Form kann man etwa
regelmig annehmen, da die Inversion seit sehr frher Zeit bestanden
hat, und da die Person sich mit ihrer Eigentmlichkeit einig fhlt.

Viele Autoren wrden sich weigern, die hier aufgezhlten Flle zu einer
Einheit zusammenzufassen, und ziehen es vor, die Unterschiede anstatt
der Gemeinsamen dieser Gruppen zu betonen, was mit der von ihnen
beliebten Beurteilung der Inversion zusammenhngt. Allein so berechtigt
Sonderungen sein mgen, so ist doch nicht zu verkennen, da alle
Zwischenstufen reichlich aufzufinden sind, so da die Reihenbildung sich
gleichsam von selbst aufdrngt.

                   *       *       *       *       *

Auffassung der Inversion.

Die erste Wrdigung der Inversion bestand in der Auffassung, sie sei ein
angeborenes Zeichen nervser Degeneration, und war im Einklange mit der
Tatsache, da die rztlichen Beobachter zuerst bei Nervenkranken oder
Personen, die solchen Eindruck machten, auf sie gestoen waren. In
dieser Charakteristik sind zwei Angaben enthalten, die unabhngig
voneinander beurteilt werden sollen; das Angeborensein und die
Degeneration.

                   *       *       *       *       *

Degeneration.

Die Degeneration unterliegt den Einwnden, die sich gegen die wahllose
Verwendung des Wortes berhaupt erheben. Es ist doch Sitte geworden,
jede Art von Krankheitsuerung, die nicht gerade traumatischen oder
infektisen Ursprunges ist, der Degeneration zuzurechnen. Die
_Magnan_sche Einteilung der Degenerierten hat es selbst ermglicht, da
die vorzglichste Allgemeingestaltung der Nervenleistung die
Anwendbarkeit des Begriffes Degeneration nicht auszuschlieen braucht.
Unter solchen Umstnden darf man fragen, welchen Nutzen und welchen
neuen Inhalt das Urteil Degeneration berhaupt noch besitzt. Es
scheint zweckmiger, von Degeneration nicht zu sprechen:

1. wo nicht mehrere schwere Abweichungen von der Norm zusammentreffen;
2. wo nicht Leistungs- und Existenzfhigkeit im allgemeinen schwer
geschdigt erscheinen(6).

  (6) Mit welchen Vorbehalten die Diagnose auf Degeneration zu stellen
  ist und welch geringe praktische Bedeutung ihr zukommt, kann man aus
  den Ausfhrungen von _Moebius_ [ber Entartung. (Grenzfragen des
  Nerven- und Seelenlebens. Nr.III, 1900)] entnehmen: berblickt man
  nun das weite Gebiet der Entartung, auf das hier einige Schlaglichter
  geworfen worden sind, so sieht man ohneweiters ein, da es sehr
  geringen Wert hat, Entartung berhaupt zu diagnostizieren.

Da die Invertierten nicht Degenerierte in diesem berechtigten Sinne
sind, geht aus mehreren Tatsachen hervor:

1. Man findet die Inversion bei Personen, die keine sonstigen schweren
Abweichungen von der Norm zeigen;

2. desgleichen bei Personen, deren Leistungsfhigkeit nicht gestrt ist,
ja die sich durch besonders hohe intellektuelle Entwicklung und ethische
Kultur auszeichnen(7).

  (7) Es mu den Wortfhrern des Uranismus zugestanden werden, da
  einige der hervorragendsten Mnner, von denen wir berhaupt Kunde
  haben, Invertierte, vielleicht sogar absolut Invertierte waren.

3. Wenn man von den Patienten seiner rztlichen Erfahrung absieht und
einen weiteren Gesichtskreis zu umfassen strebt, stt man nach zwei
Richtungen auf Tatsachen, welche die Inversion als Degenerationszeichen
aufzufassen verbieten.

a) Man mu Wert darauf legen, da die Inversion eine hufige
Erscheinung, fast eine mit wichtigen Funktionen betraute Institution bei
den alten Vlkern auf der Hhe ihrer Kultur war; b) man findet sie
ungemein verbreitet bei vielen wilden und primitiven Vlkern, whrend
man den Begriff der Degeneration auf die hohe Zivilisation zu
beschrnken gewohnt ist (J. _Bloch_). Selbst unter den zivilisierten
Vlkern Europas haben Klima und Rasse auf die Verbreitung und die
Beurteilung der Inversion den mchtigsten Einflu(8).

  (8) In der Auffassung der Inversion sind die pathologischen
  Gesichtspunkte von anthropologischen abgelst worden. Diese Wandlung
  bleibt das Verdienst von J. _Bloch_ (Beitrge zur tiologie der
  Psychopathia sexualis. 2Teile, 1902/03), welcher Autor auch die
  Tatsache der Inversion bei den alten Kulturvlkern nachdrcklich zur
  Geltung gebracht hat.

                   *       *       *       *       *

Angeborensein.

Das Angeborensein ist, wie begreiflich, nur fr die erste, extremste
Klasse der Invertierten behauptet worden, und zwar auf Grund der
Versicherung dieser Personen, da sich bei ihnen zu keiner Zeit des
Lebens eine andere Richtung des Sexualtriebes gezeigt habe. Schon das
Vorkommen der beiden anderen Klassen, speziell der dritten, ist schwer
mit der Auffassung eines angeborenen Charakters zu vereinen. Daher die
Neigung der Vertreter dieser Ansicht, die Gruppe der absolut
Invertierten von allen anderen abzulsen, was den Verzicht auf eine
allgemeingltige Auffassung der Inversion zur Folge hat. Die Inversion
wre demnach in einer Reihe von Fllen ein angeborener Charakter; in
anderen knnte sie auf andere Art entstanden sein.

Den Gegensatz zu dieser Auffassung bildet die andere, da die Inversion
ein _erworbener_ Charakter des Geschlechtstriebes sei. Sie sttzt sich
darauf, da 1. bei vielen (auch absolut) Invertierten ein frhzeitig im
Leben einwirkender sexueller Eindruck nachweisbar ist, als dessen
fortdauernde Folge sich die homosexuelle Neigung darstellt, 2. da bei
vielen anderen sich die ueren begnstigenden und hemmenden Einflsse
des Lebens aufzeigen lassen, die zu einer frheren oder spteren Zeit
zur Fixierung der Inversion gefhrt haben (ausschlielicher Verkehr mit
dem gleichen Geschlecht, Gemeinschaft im Kriege, Detention in
Gefngnissen, Gefahren des heterosexuellen Verkehrs, Zlibat,
geschlechtliche Schwche usw.), 3. da die Inversion durch hypnotische
Suggestion aufgehoben werden kann, was bei einem angeborenen Charakter
Wunder nehmen wrde.

Vom Standpunkt dieser Anschauung kann man die Sicherheit des Vorkommens
einer angeborenen Inversion berhaupt bestreiten. Man kann einwenden
(_Havelock Ellis_), da ein genaueres Examen der fr angeborene
Inversion in Anspruch genommenen Flle wahrscheinlich gleichfalls ein
fr die Richtung der Libido bestimmendes Erlebnis der frhen Kindheit
zutage frdern wrde, welches blo im bewuten Gedchtnis der Person
nicht bewahrt worden ist, aber durch geeignete Beeinflussung zur
Erinnerung gebracht werden knnte. Die Inversion knnte man nach diesen
Autoren nur als eine hufige Variation des Geschlechtstriebes
bezeichnen, die durch eine Anzahl uerer Lebensumstnde bestimmt werden
kann.

Der scheinbar so gewonnenen Sicherheit macht aber die Gegenbemerkung ein
Ende, da nachweisbar viele Personen die nmlichen sexuellen
Beeinflussungen (auch in frher Jugend; Verfhrung, mutuelle Onanie)
erfahren, ohne durch sie invertiert zu werden oder dauernd so zu
bleiben. So wird man zur Vermutung gedrngt, da die Alternative
angeboren -- erworben entweder unvollstndig ist oder die bei der
Inversion vorliegenden Verhltnisse nicht deckt.

                   *       *       *       *       *

Erklrung der Inversion.

Weder mit der Annahme, die Inversion sei angeboren, noch mit der
anderen, sie werde erworben, ist das Wesen der Inversion erklrt. Im
ersten Falle mu man sich uern, was an ihr angeboren ist, wenn man
sich nicht der rohesten Erklrung anschliet, da eine Person die
Verknpfung des Sexualtriebes mit einem bestimmten Sexualobjekt
angeboren mitbringt. Im anderen Falle fragt es sich, ob die mannigfachen
akzidentellen Einflsse hinreichen, die Erwerbung zu erklren, ohne da
ihnen etwas an dem Individuum entgegenkommen msse. Die Verneinung
dieses letzten Momentes ist nach unseren frheren Ausfhrungen
unstatthaft.

                   *       *       *       *       *

Heranziehung der Bisexualitt.

Zur Erklrung der Mglichkeit einer sexuellen Inversion ist seit _Frank
Lydstone_, _Kiernan_ und _Chevalier_ eine Gedankenreihe herangezogen
worden, welche einen neuen Widerspruch gegen die populre Meinung
enthlt. Dieser gilt ein Mensch entweder als Mann oder als Weib. Die
Wissenschaft kennt aber Flle, in denen die Geschlechtscharaktere
verwischt erscheinen und somit die Geschlechtsbestimmung erschwert wird:
zunchst auf anatomischem Gebiet. Die Genitalien dieser Personen
vereinigen mnnliche und weibliche Charaktere (Hermaphroditismus). In
seltenen Fllen sind nebeneinander beiderlei Geschlechtsapparate
ausgebildet (wahrer Hermaphroditismus); zu allermeist findet man
beiderseitige Verkmmerung(9).

  (9) Vergleiche die letzten ausfhrlichen Darstellungen des
  somatischen Hermaphroditismus: _Taruffi_, Hermaphroditismus und
  Zeugungsunfhigkeit, Deutsche Ausgabe von R. _Teuscher_, 1903, und
  die Arbeiten von _Neugebauer_ in mehreren Bnden des Jahrbuches fr
  sexuelle Zwischenstufen.

Das Bedeutsame an diesen Abnormitten ist aber, da sie in unerwarteter
Weise das Verstndnis der normalen Bildung erleichtern. Ein gewisser
Grad von anatomischem Hermaphroditismus gehrt nmlich der Norm an; bei
keinem normal gebildeten mnnlichen oder weiblichen Individuum werden
die Spuren vom Apparat des anderen Geschlechtes vermit, die entweder
funktionslos als rudimentre Organe fortbestehen oder selbst zur
bernahme anderer Funktionen umgebildet worden sind.

Die Auffassung, die sich aus diesen lange bekannten anatomischen
Tatsachen ergibt, ist die einer ursprnglich bisexuellen Veranlagung,
die sich im Laufe der Entwicklung bis zur Monosexualitt mit geringen
Resten des verkmmerten Geschlechts verndert.

Es lag nahe, diese Auffassung aufs psychische Gebiet zu bertragen und
die Inversion in ihren Abarten als Ausdruck eines psychischen
Hermaphroditismus zu verstehen. Um die Frage zu entscheiden, bedurfte es
nur noch eines regelmigen Zusammentreffens der Inversion mit den
seelischen und somatischen Zeichen des Hermaphroditismus.

Allein diese nchste Erwartung schlgt fehl. So nahe darf man sich die
Beziehungen zwischen dem angenommenen psychischen und dem nachweisbaren
anatomischen Zwittertum nicht vorstellen. Was man bei den Invertierten
findet, ist hufig eine Herabsetzung des Geschlechtstriebes berhaupt
(_Havelock Ellis_) und leichte anatomische Verkmmerung der Organe.
Hufig, aber keineswegs regelmig oder auch nur berwiegend. Somit mu
man erkennen, da Inversion und somatischer Hermaphroditismus im ganzen
unabhngig voneinander sind.

Man hat ferner groen Wert auf die sogenannten sekundren und tertiren
Geschlechtscharaktere gelegt und deren gehuftes Vorkommen bei den
Invertierten betont (H. _Ellis_). Auch daran ist vieles zutreffend, aber
man darf nicht vergessen, da die sekundren und tertiren
Geschlechtscharaktere berhaupt recht hufig beim anderen Geschlecht
auftreten und so Andeutungen von Zwittertum herstellen, ohne da dabei
das Sexualobjekt sich im Sinne einer Inversion abgendert zeigte.

Der psychische Hermaphroditismus wrde an Leibhaftigkeit gewinnen, wenn
mit der Inversion des Sexualobjektes wenigstens ein Umschlag der
sonstigen seelischen Eigenschaften, Triebe und Charakterzge in die frs
andere Geschlecht bezeichnende Abnderung parallel liefe. Allein eine
solche Charakterinversion darf man mit einiger Regelmigkeit nur bei
den invertierten Frauen erwarten, bei den Mnnern ist die vollste
seelische Mnnlichkeit mit der Inversion vereinbar. Hlt man an der
Aufstellung eines seelischen Hermaphroditismus fest, so mu man
hinzufgen, da dessen uerungen auf verschiedenen Gebieten eine nur
geringe gegenseitige Bedingtheit erkennen lassen. Das gleiche gilt
brigens auch fr das somatische Zwittertum; nach _Halban_(10) sind auch
die einzelnen Organverkmmerungen und sekundren Geschlechtscharaktere
in ihrem Auftreten ziemlich unabhngig voneinander.

  (10) J. _Halban_, Die Entstehung der Geschlechtscharaktere. Archiv fr
  Gynkologie. Bd.70, 1903. Siehe dort auch die Literatur des
  Gegenstandes.

Die Bisexualittslehre ist in ihrer rohesten Form von einem Wortfhrer
der mnnlichen Invertierten ausgesprochen worden: Weibliches Gehirn im
mnnlichen Krper. Allein wir kennen die Charaktere eines weiblichen
Gehirns nicht. Der Ersatz des psychologischen Problems durch das
anatomische ist ebenso mig wie unberechtigt. Der Erklrungsversuch v.
_Krafft-Ebings_ scheint exakter gefat als der _Ulrichs_', ist aber im
Wesen von ihm nicht verschieden. v. _Krafft-Ebing_ meint, da die
bisexuelle Anlage dem Individuum ebenso mnnliche und weibliche
Gehirnzentren mitgibt wie somatische Geschlechtsorgane. Diese Zentren
entwickeln sich erst zur Zeit der Pubertt, zumeist unter dem Einflusse
der von ihnen in der Anlage unabhngigen Geschlechtsdrse. Von den
mnnlichen und weiblichen Zentren gilt aber dasselbe wie vom
mnnlichen und weiblichen Gehirn, und nebenbei wissen wir nicht einmal,
ob wir fr die Geschlechtsfunktionen abgegrenzte Gehirnstellen
(Zentren) wie etwa fr die Sprache annehmen drfen.

Zwei Gedanken bleiben nach diesen Errterungen immerhin bestehen: da
auch fr die Inversion eine bisexuelle Veranlagung in Betracht kommt,
nur da wir nicht wissen, worin diese Anlage ber die anatomische
Gestaltung hinaus besteht, und da es sich um Strungen handelt, welche
den Geschlechtstrieb in seiner Entwicklung betreffen(11).

  (11) Der erste, der zur Erklrung der Inversion die Bisexualitt
  herangezogen, soll (nach einem Literaturbericht im 6.Band des
  Jahrbuches fr sexuelle Zwischenstufen) E. _Gley_ gewesen sein, der
  einen Aufsatz (Les abrrations de l'instinct sexuel) schon im Jnner
  1884 in der Revue philosophique verffentlichte. -- Es ist brigens
  bemerkenswert, da die Mehrzahl der Autoren, welche die Inversion auf
  Bisexualitt zurckfhren, dieses Moment nicht allein fr die
  Invertierten, sondern fr alle Normalgewordenen zur Geltung bringen
  und folgerichtig die Inversion als das Ergebnis einer Entwicklungsstrung
  auffassen. So bereits _Chevalier_ (Inversion sexuelle, 1893).
  v. _Krafft-Ebing_ (Zur Erklrung der kontrren Sexualempfindung,
  Jahrbcher fr Psychiatrie und Neurologie, XIII.Bd.) spricht
  davon, da eine Flle von Beobachtungen bestehen, aus denen
  sich mindestens die virtuelle Fortexistenz dieses zweiten
  Zentrums (des unterlegenen Geschlechtes) ergibt. Ein Dr. _Arduin_
  (Die Frauenfrage und die sexuellen Zwischenstufen) stellt im zweiten
  Band des Jahrbuches fr sexuelle Zwischenstufen 1900 die Behauptung
  auf: da in jedem Menschen mnnliche und weibliche Elemente vorhanden
  sind (vgl. dieses Jahrbuch, Bd. I, 1899: Die objektive Diagnose der
  Homosexualitt von Dr. M. _Hirschfeld_, S.8-9 u.f.), nur -- der
  Geschlechtszugehrigkeit entsprechend -- die einen unverhltnismig
  strker entwickelt als die anderen, soweit es sich um heterosexuelle
  Personen handelt.... -- Fr G. _Herman_ (Genesis, das Gesetz der
  Zeugung, 9.Bd., Libido und Mania, 1903) steht es fest, da in jedem
  Weibe mnnliche, in jedem Manne weibliche Keime und Eigenschaften
  enthalten sind usw.

  1906 hat dann W. _Flie_ (Der Ablauf des Lebens) einen
  Eigentumsanspruch auf die Idee der Bisexualitt (im Sinne einer
  _Zweigeschlechtigkeit_) erhoben.

                   *       *       *       *       *

Sexualobjekt der Invertierten.

Die Theorie des psychischen Hermaphroditismus setzt voraus, da das
Sexualobjekt des Invertierten das dem normalen entgegengesetzte sei. Der
invertierte Mann unterliege wie das Weib dem Zauber, der von den
mnnlichen Eigenschaften des Krpers und der Seele ausgeht, er fhle
sich selbst als Weib und suche den Mann.

Aber wiewohl dies fr eine ganze Reihe von Invertierten zutrifft, so ist
es doch weit entfernt, einen allgemeinen Charakter der Inversion zu
verraten. Es ist kein Zweifel, da ein groer Teil der mnnlichen
Invertierten den psychischen Charakter der Mnnlichkeit bewahrt hat,
verhltnismig wenig sekundre Charaktere des anderen Geschlechtes an
sich trgt und in seinem Sexualobjekt eigentlich weibliche psychische
Zge sucht. Wre dies anders, so bliebe es unverstndlich, wozu die
mnnliche Prostitution, die sich den Invertierten anbietet -- heute wie
im Altertum--, in allen uerlichkeiten der Kleidung und Haltung die
Weiber kopiert; diese Nachahmung mte ja sonst das Ideal der
Invertierten beleidigen. Bei den Griechen, wo die mnnlichsten Mnner
unter den Invertierten erscheinen, ist es klar, da nicht der mnnliche
Charakter des Knaben, sondern seine krperliche Annherung an das Weib
sowie seine weiblichen seelischen Eigenschaften, Schchternheit,
Zurckhaltung, Lern- und Hilfsbedrftigkeit die Liebe des Mannes
entzndeten. Sobald der Knabe ein Mann wurde, hrte er auf, ein
Sexualobjekt fr den Mann zu sein, und wurde etwa selbst ein
Knabenliebhaber. Das Sexualobjekt ist also in diesem Falle, wie in
vielen anderen, nicht das gleiche Geschlecht, sondern die Vereinigung
beider Geschlechtscharaktere, das Kompromi etwa zwischen einer Regung,
die nach dem Manne, und einer, die nach dem Weibe verlangt, mit der
festgehaltenen Bedingung der Mnnlichkeit des Krpers (der Genitalien),
sozusagen die Spiegelung der eigenen bisexuellen Natur(12).

  (12) Die Psychoanalyse hat bisher zwar keine volle Aufklrung ber die
  Herkunft der Inversion gebracht, aber doch den psychischen Mechanismus
  ihrer Entstehung aufgedeckt und die in Betracht kommenden
  Fragestellungen wesentlich bereichert. Wir haben bei allen
  untersuchten Fllen festgestellt, da die spter Invertierten in den
  ersten Jahren ihrer Kindheit eine Phase von sehr intensiver, aber
  kurzlebiger Fixierung an das Weib (meist an die Mutter) durchmachen,
  nach deren berwindung sie sich mit dem Weib identifizieren und sich
  selbst zum Sexualobjekt nehmen, d.h. vom Narzimus ausgehend
  jugendliche und der eigenen Person hnliche Mnner aufsuchen, die sie
  so lieben wollen, wie die Mutter sie geliebt hat. Wir haben ferner
  sehr hufig gefunden, da angeblich Invertierte gegen den Reiz des
  Weibes keineswegs unempfindlich waren, sondern die durch das Weib
  hervorgerufene Erregung fortlaufend auf ein mnnliches Objekt
  transponierten. Sie wiederholten so whrend ihres ganzen Lebens den
  Mechanismus, durch welchen ihre Inversion entstanden war. Ihr
  zwanghaftes Streben nach dem Manne erwies sich als bedingt durch ihre
  ruhelose Flucht vor dem Weibe.

  Die psychoanalytische Forschung widersetzt sich mit aller
  Entschiedenheit dem Versuche, die Homosexuellen als eine besonders
  geartete Gruppe von den anderen Menschen abzutrennen. Indem sie auch
  andere als die manifest kundgegebenen Sexualerregungen studiert,
  erfhrt sie, da alle Menschen der gleichgeschlechtlichen Objektwahl
  fhig sind und dieselbe auch im Unbewuten vollzogen haben. Ja die
  Bindungen libidinser Gefhle an Personen des gleichen Geschlechts
  spielen als Faktoren im normalen Seelenleben keine geringere, und als
  Motoren der Erkrankung eine grere Rolle als die, welche dem
  entgegengesetzten Geschlecht gelten. Der Psychoanalyse erscheint
  vielmehr die Unabhngigkeit der Objektwahl vom Geschlecht des
  Objektes, die gleich freie Verfgung ber mnnliche und weibliche
  Objekte, wie sie im Kindesalter, in primitiven Zustnden und
  frhhistorischen Zeiten zu beobachten ist, als das Ursprngliche, aus
  dem sich durch Einschrnkung nach der einen oder der anderen Seite der
  normale wie der Inversionstypus entwickeln. Im Sinne der Psychoanalyse
  ist also auch das ausschlieliche sexuelle Interesse des Mannes fr
  das Weib ein der Aufklrung bedrftiges Problem und keine
  Selbstverstndlichkeit, der eine im Grunde chemische Anziehung zu
  unterlegen ist. Die Entscheidung ber das endgltige Sexualverhalten
  fllt erst nach der Pubertt und ist das Ergebnis einer noch nicht
  bersehbaren Reihe von Faktoren, die teils konstitutioneller, teils
  aber akzidenteller Natur sind. Gewi knnen einzelne dieser Faktoren
  so bergro ausfallen, da sie das Resultat in ihrem Sinne
  beeinflussen. Im allgemeinen aber wird die Vielheit der bestimmenden
  Momente durch die Mannigfaltigkeit der Ausgnge im manifesten
  Sexualverhalten der Menschen gespiegelt. Bei den Inversionstypen ist
  durchweg das Vorherrschen archaischer Konstitutionen und primitiver
  psychischer Mechanismen zu besttigen. Die Geltung der _narzitischen
  Objektwahl_ und _die Festhaltung_ der erotischen Bedeutung der
  _Analzone_ erscheinen als deren wesentlichste Charaktere. Man gewinnt
  aber nichts, wenn man auf Grund solcher konstitutioneller Eigenheiten
  die extremsten Inversionstypen von den anderen sondert. Was sich bei
  diesen als anscheinend zureichende Begrndung findet, lt sich
  ebenso, nur in geringerer Strke, in der Konstitution von
  bergangstypen und bei manifest Normalen nachweisen. Die Unterschiede
  in den Ergebnissen mgen qualitativer Natur sein: die Analyse zeigt,
  da die Unterschiede in den Bedingungen nur quantitative sind. Unter
  den akzidentellen Beeinflussungen der Objektwahl haben wir die
  Versagung (die frhzeitige Sexualeinschchterung) bemerkenswert
  gefunden und sind auch darauf aufmerksam geworden, da das
  Vorhandensein beider Elternteile eine wichtige Rolle spielt. Der
  Wegfall eines starken Vaters in der Kindheit begnstigt nicht selten
  die Inversion. Man darf endlich die Forderung aufstellen, da die
  Inversion des Sexualobjekts von der Mischung der Geschlechtscharaktere
  im Subjekt begrifflich strenge zu sondern ist. Ein gewisses Ma von
  Unabhngigkeit ist auch in dieser Relation unverkennbar.

  Eine Reihe bedeutsamer Gesichtspunkte zur Frage der Inversion hat
  _Ferenczi_ in einem Aufsatz: Zur Nosologie der mnnlichen
  Homosexualitt (Homoerotik) (Int. Zeitschrift f. Psychoanalyse, II,
  1914) vorgebracht. _Ferenczi_ rgt mit Recht, da man unter dem Namen
  Homosexualitt, den er durch den besseren Homoerotik ersetzen
  will, eine Anzahl von sehr verschiedenen, in organischer wie in
  psychischer Hinsicht ungleichwertigen, Zustnden zusammenwirft, weil
  sie das Symptom der Inversion gemeinsam haben. Er fordert scharfe
  Unterscheidung wenigstens zwischen den beiden Typen des
  _Subjekthomoerotikers_, der sich als Weib fhlt und benimmt, und des
  _Objekthomoerotikers_, der durchaus mnnlich ist und nur das weibliche
  Objekt gegen ein gleichgeschlechtliches vertauscht hat. Den ersteren
  anerkannt er als richtige sexuelle Zwischenstufe im Sinne von
  _Magnus Hirschfeld_, den zweiten bezeichnet er -- minder glcklich --
  als Zwangsneurotiker. Das Struben gegen die Inversionsneigung sowie
  die Mglichkeit psychischer Beeinflussung kmen nur beim
  Objekthomoerotiker in Betracht. Auch nach Anerkennung dieser beiden
  Typen darf man hinzufgen, da bei vielen Personen ein Ma von
  Subjekthomoerotik mit einem Anteil von Objekthomoerotik vermengt
  gefunden wird.

  In den letzten Jahren haben Arbeiten von Biologen, in erster Linie die
  von _Eugen Steinach_, ein helles Licht auf die organischen Bedingungen
  der Homoerotik sowie der Geschlechtscharaktere berhaupt geworfen.

  Durch das experimentelle Verfahren der Kastration mit nachfolgender
  Einpflanzung von Keimdrsen des anderen Geschlechtes gelang es,
  bei verschiedenen Sugetierarten Mnnchen in Weibchen zu verwandeln
  und umgekehrt. Die Verwandlung betraf mehr oder minder vollstndig
  die somatischen Geschlechtscharaktere und das psychosexuelle
  Verhalten (also Subjekt- und Objekterotik). Als Trger dieser
  geschlechtsbestimmenden Kraft wird nicht der Anteil der Keimdrse
  betrachtet, welcher die Geschlechtszellen bildet, sondern das
  sogenannte interstitielle Gewebe des Organs (die Puberttsdrse).

  In einem Falle gelang die geschlechtliche Umstimmung auch bei einem
  Manne, der seine Hoden durch tuberkulse Erkrankung eingebt hatte.
  Er hatte sich im Geschlechtsleben als passiver Homosexueller weiblich
  benommen und zeigte sehr deutlich ausgeprgte weibliche
  Geschlechtscharaktere sekundrer Art (Behaarung, Bartwuchs, Fettansatz
  an Mammae und Hften). Nach der Einpflanzung eines kryptorchen
  Menschenhodens begann dieser Mann sich in mnnlicher Weise zu benehmen
  und seine Libido in normaler Weise aufs Weib zu richten. Gleichzeitig
  schwanden die somatischen femininen Charaktere. (A. _Lipschtz_, Die
  Puberttsdrse und ihre Wirkungen, Bern 1919.)

  Es wre ungerechtfertigt zu behaupten, da durch diese schnen
  Versuche die Lehre von der Inversion auf eine neue Basis gestellt wird
  und voreilig von ihnen geradezu einen Weg zur allgemeinen Heilung
  der Homosexualitt zu erwarten. W. _Fliess_ hat mit Recht betont, da
  diese experimentellen Erfahrungen die Lehre von der allgemeinen
  bisexuellen Anlage der hheren Tiere nicht entwerten. Es erscheint mir
  vielmehr wahrscheinlich, da sich aus weiteren solchen Untersuchungen
  eine direkte Besttigung der angenommenen Bisexualitt ergeben wird.

Eindeutiger sind die Verhltnisse beim Weibe, wo die aktiv Invertierten
besonders hufig somatische und seelische Charaktere des Mannes an sich
tragen und das Weibliche von ihrem Sexualobjekt verlangen, wiewohl auch
hier sich bei nherer Kenntnisnahme grere Buntheit herausstellen
drfte.

                   *       *       *       *       *

Sexualziel der Invertierten.

Die wichtige festzuhaltende Tatsache ist, da das Sexualziel bei der
Inversion keineswegs einheitlich genannt werden kann. Bei Mnnern fllt
Verkehr per anum durchaus nicht mit Inversion zusammen; Masturbation ist
ebenso hufig das ausschlieliche Ziel und Einschrnkungen des
Sexualzieles -- bis zur bloen Gefhlsergieung -- sind hier sogar
hufiger als bei der heterosexuellen Liebe. Auch bei Frauen sind die
Sexualziele der Invertierten mannigfaltig; darunter scheint die
Berhrung mit der Mundschleimhaut bevorzugt.

                   *       *       *       *       *

Schlufolgerung.

Wir sehen uns zwar auerstande, die Entstehung der Inversion aus dem
bisher vorliegenden Material befriedigend aufzuklren, knnen aber
merken, da wir bei dieser Untersuchung zu einer Einsicht gelangt sind,
die uns bedeutsamer werden kann als die Lsung der obigen Aufgabe. Wir
werden aufmerksam gemacht, da wir uns die Verknpfung des Sexualtriebes
mit dem Sexualobjekt als eine zu innige vorgestellt haben. Die Erfahrung
an den fr abnorm gehaltenen Fllen lehrt uns, da hier zwischen
Sexualtrieb und Sexualobjekt eine Verltung vorliegt, die wir bei der
Gleichfrmigkeit der normalen Gestaltung, wo der Trieb das Objekt
mitzubringen scheint, in Gefahr sind zu bersehen. Wir werden so
angewiesen, die Verknpfung zwischen Trieb und Objekt in unseren
Gedanken zu lockern. Der Geschlechtstrieb ist wahrscheinlich zunchst
unabhngig von seinem Objekt und verdankt wohl auch nicht den Reizen
desselben seine Entstehung.


B. Geschlechtsunreife und Tiere als Sexualobjekte.

Whrend die Personen, deren Sexualobjekt nicht dem normalerweise dazu
geeigneten Geschlechte angehren, die Invertierten also, dem Beobachter
als eine gesammelte Anzahl von sonst vielleicht vollwertigen Individuen
entgegentreten, erscheinen die Flle, in denen geschlechtsunreife
Personen (Kinder) zu Sexualobjekten erkoren werden, von vornherein als
vereinzelte Verirrungen. Nur ausnahmsweise sind Kinder die
ausschlielichen Sexualobjekte; zumeist gelangen sie zu dieser Rolle,
wenn ein feige und impotent gewordenes Individuum sich zu solchem
Surrogat versteht oder ein impulsiver (unaufschiebbarer) Trieb sich
zurzeit keines geeigneteren Objektes bemchtigen kann. Immerhin wirft es
ein Licht auf die Natur des Geschlechtstriebes, da er so viel Variation
und solche Herabsetzung seines Objektes zult, was der Hunger, der sein
Objekt weit energischer festhlt, nur im uersten Falle gestatten
wrde. Eine hnliche Bemerkung gilt fr den besonders unter dem
Landvolke gar nicht seltenen sexuellen Verkehr mit Tieren, wobei sich
etwa die Geschlechtsanziehung ber die Artschranke hinwegsetzt.

Aus sthetischen Grnden mchte man gern diese wie andere schwere
Verirrungen des Geschlechtstriebes den Geisteskranken zuweisen, aber
dies geht nicht an. Die Erfahrung lehrt, da man bei diesen letzteren
keine anderen Strungen des Geschlechtstriebes beobachtet als bei
Gesunden, ganzen Rassen und Stnden. So findet sich sexueller Mibrauch
von Kindern mit unheimlicher Hufigkeit bei Lehrern und Wartepersonen,
blo weil sich diesen die beste Gelegenheit dazu bietet. Die
Geisteskranken zeigen die betreffende Verirrung nur etwa gesteigert
oder, was besonders bedeutsam ist, zur Ausschlielichkeit erhoben und an
Stelle der normalen Sexualbefriedigung gerckt.

Dieses sehr merkwrdige Verhltnis der sexuellen Variationen zur
Stufenleiter von der Gesundheit bis zur Geistesstrung gibt zu denken.
Ich wrde meinen, die zu erklrende Tatsache wre ein Hinweis darauf,
da die Regungen des Geschlechtslebens zu jenen gehren, die auch
normalerweise von den hheren Seelenttigkeiten am schlechtesten
beherrscht werden. Wer in sonst irgend einer Beziehung geistig abnorm
ist, in sozialer, ethischer Hinsicht, der ist es nach meiner Erfahrung
regelmig in seinem Sexualleben. Aber viele sind abnorm im Sexualleben,
die in allen anderen Punkten dem Durchschnitt entsprechen, die
menschliche Kulturentwicklung, deren schwacher Punkt die Sexualitt
bleibt, in ihrer Person mitgemacht haben.

Als allgemeinstes Ergebnis dieser Errterungen wrden wir aber die
Einsicht herausgreifen, da unter einer groen Anzahl von Bedingungen
und bei berraschend viel Individuen die Art und der Wert des
Sexualobjektes in den Hintergrund treten. Etwas anderes ist am
Sexualtrieb das Wesentliche und Konstante(13).

  (13) Der eingreifendste Unterschied zwischen dem Liebesleben der Alten
  Welt und dem unsrigen liegt wohl darin, da die Antike den Akzent auf
  den Trieb selbst, wir aber auf dessen Objekt verlegen. Die Alten
  feierten den Trieb und waren bereit, auch ein minderwertiges Objekt
  durch ihn zu adeln, whrend wir die Triebbettigung an sich
  geringschtzen und sie nur durch die Vorzge des Objekts entschuldigen
  lassen.


2. Abweichungen in bezug auf das Sexualziel.

Als normales Sexualziel gilt die Vereinigung der Genitalien in dem als
Begattung bezeichneten Akte, der zur Lsung der sexuellen Spannung und
zum zeitweiligen Erlschen des Sexualtriebes fhrt (Befriedigung analog
der Sttigung beim Hunger). Doch sind bereits am normalsten
Sexualvorgang jene Anstze kenntlich, deren Ausbildung zu den Abirrungen
fhrt, die man als _Perversionen_ beschrieben hat. Es werden nmlich
gewisse intermedire (auf dem Wege zur Begattung liegende) Beziehungen
zum Sexualobjekt, wie das Betasten und Beschauen desselben, als
vorlufige Sexualziele anerkannt. Diese Bettigungen sind einerseits
selbst mit Lust verbunden, anderseits steigern sie die Erregung, welche
bis zur Erreichung des endgltigen Sexualzieles andauern soll. Eine
bestimmte dieser Berhrungen, die der beiderseitigen Lippenschleimhaut,
hat ferner als Ku bei vielen Vlkern (die hchstzivilisierten darunter)
einen hohen sexuellen Wert erhalten, obwohl die dabei in Betracht
kommenden Krperteile nicht dem Geschlechtsapparat angehren, sondern
den Eingang zum Verdauungskanal bilden. Hiemit sind also Momente
gegeben, welche die Perversionen an das normale Sexualleben anknpfen
lassen und auch zur Einteilung derselben verwendbar sind. Die
Perversionen sind entweder a) anatomische _berschreitungen_ der fr die
geschlechtliche Vereinigung bestimmten Krpergebiete oder b)
_Verweilungen_ bei den intermediren Relationen zum Sexualobjekt, die
normalerweise auf dem Wege zum endgltigen Sexualziel rasch
durchschritten werden sollen.


a) Anatomische berschreitungen.

berschtzung des Sexualobjekts.

Die psychische Wertschtzung, deren das Sexualobjekt als Wunschziel des
Sexualtriebes teilhaftig wird, beschrnkt sich in den seltensten Fllen
auf dessen Genitalien, sondern greift auf den ganzen Krper desselben
ber und hat die Tendenz, alle vom Sexualobjekt ausgehenden Sensationen
mit einzubeziehen. Die gleiche berschtzung strahlt auf das psychische
Gebiet aus und zeigt sich als logische Verblendung (Urteilsschwche)
angesichts der seelischen Leistungen und Vollkommenheiten des
Sexualobjektes sowie als glubige Gefgigkeit gegen die von letzterem
ausgehenden Urteile. Die Glubigkeit der Liebe wird so zu einer
wichtigen, wenn nicht zur uranfnglichen Quelle der Autoritt(14).

  (14) Ich kann mir nicht versagen, hiebei an die glubige Gefgigkeit
  der Hypnotisierten gegen ihren Hypnotiseur zu erinnern, welche mich
  vermuten lt, da das Wesen der Hypnose in die unbewute Fixierung
  der Libido auf die Person des Hypnotiseurs (vermittels der
  masochistischen Komponente des Sexualtriebes) zu verlegen ist.

  S. _Ferenczi_ hat diesen Charakter der Suggerierbarkeit mit dem
  Elternkomplex verknpft. (Jahrbuch fr psychoanalytische und
  psychopathologische Forschungen. I. 1909.)

Diese Sexualberschtzung ist es nun, welche sich mit der Einschrnkung
des Sexualzieles auf die Vereinigung der eigentlichen Genitalien so
schlecht vertrgt und Vornahmen an anderen Krperteilen zu Sexualzielen
erheben hilft(15).

  (15) Es ist indes zu bemerken, da die Sexualberschtzung nicht bei
  allen Mechanismen der Objektwahl ausgebildet wird, und da wir
  spterhin eine andere und direktere Erklrung fr die sexuelle Rolle
  der anderen Krperteile kennen lernen werden. Das Moment des
  Reizhungers, das von _Hoche_ und J. _Bloch_ zur Erklrung des
  bergreifens von sexuellem Interesse auf andere Krperteile als die
  Genitalien herangezogen wird, scheint mir diese Bedeutung nicht zu
  verdienen. Die verschiedenen Wege, auf denen die Libido wandelt,
  verhalten sich zueinander von Anfang an wie kommunizierende Rhren,
  und man mu dem Phnomen der Kollateralstrmung Rechnung tragen.

Die Bedeutung des Moments der Sexualberschtzung lt sich am ehesten
beim Manne studieren, dessen Liebesleben allein der Erforschung
zugnglich geworden ist, whrend das des Weibes zum Teil infolge der
Kulturverkmmerung, zum anderen Teil durch die konventionelle
Verschwiegenheit und Unaufrichtigkeit der Frauen in ein noch
undurchdringliches Dunkel gehllt ist(16).

  (16) Das Weib lt in typischen Fllen eine Sexualberschtzung des
  Mannes vermissen, versumt dieselbe aber fast niemals gegen das von
  ihr geborene Kind.

                   *       *       *       *       *

Sexuelle Verwendung der Lippen-Mundschleimhaut.

Die Verwendung des Mundes als Sexualorgan gilt als Perversion, wenn die
Lippen (Zunge) der einen Person mit den Genitalien der anderen in
Berhrung gebracht werden, nicht aber, wenn beider Teile
Lippenschleimhute einander berhren. In letzterer Ausnahme liegt die
Anknpfung ans Normale. Wer die anderen wohl seit den Urzeiten der
Menschheit gebruchlichen Praktiken als Perversionen verabscheut, der
gibt dabei einem deutlichen _Ekelgefhl_ nach, welches ihn vor der
Annahme eines solchen Sexualzieles schtzt. Die Grenze dieses Ekels ist
aber hufig rein konventionell; wer etwa mit Inbrunst die Lippen eines
schnen Mdchens kt, wird vielleicht das Zahnbrstchen desselben nur
mit Ekel gebrauchen knnen, wenngleich kein Grund zur Annahme vorliegt,
da seine eigene Mundhhle, vor der ihm nicht ekelt, reinlicher sei als
die des Mdchens. Man wird hier auf das Moment des Ekels aufmerksam,
welches der libidinsen berschtzung des Sexualobjekts in den Weg
tritt, seinerseits aber durch die Libido berwunden werden kann. In dem
Ekel mchte man eine der Mchte erblicken, welche die Einschrnkung des
Sexualzieles zustande gebracht haben. In der Regel machen diese vor den
Genitalien selbst Halt. Es ist aber kein Zweifel, da auch die
Genitalien des anderen Geschlechtes an und fr sich Gegenstand des Ekels
sein knnen, und da dies Verhalten zur Charakteristik aller
Hysterischen (zumal der weiblichen) gehrt. Die Strke des Sexualtriebes
liebt es, sich in der berwindung dieses Ekels zu bettigen. (S.u.)

                   *       *       *       *       *

Sexuelle Verwendung der Afterffnung.

Klarer noch als im frheren Falle erkennt man bei der Inanspruchnahme
des Afters, da es der Ekel ist, welcher dieses Sexualziel zur
Perversion stempelt. Man lege mir aber die Bemerkung nicht als
Parteinahme aus, da die Begrndung dieses Ekels, diese Krperpartie
diene der Exkretion und komme mit dem Ekelhaften an sich -- den
Exkrementen -- in Berhrung, nicht viel stichhaltiger ist als etwa die
Begrndung, welche hysterische Mdchen fr ihren Ekel vor dem mnnlichen
Genitale abgeben: es diene der Harnentleerung.

Die sexuelle Rolle der Afterschleimhaut ist keineswegs auf den Verkehr
zwischen Mnnern beschrnkt, ihre Bevorzugung hat nichts fr das
invertierte Fhlen Charakteristisches. Es scheint im Gegenteil, da die
Pdikatio des Mannes ihre Rolle der Analogie mit dem Akt beim Weibe
verdankt, whrend gegenseitige Masturbation das Sexualziel ist, welches
sich beim Verkehr Invertierter am ehesten ergibt.

                   *       *       *       *       *

Bedeutung anderer Krperstellen.

Das sexuelle bergreifen auf andere Krperstellen bietet in all seinen
Variationen nichts prinzipiell Neues, fgt nichts zur Kenntnis des
Sexualtriebes hinzu, der hierin nur seine Absicht verkndet, sich des
Sexualobjekts nach allen Richtungen zu bemchtigen. Neben der
Sexualberschtzung meldet sich aber bei den anatomischen
berschreitungen ein zweites, der populren Kenntnis fremdartiges
Moment. Gewisse Krperstellen, wie die Mund- und Afterschleimhaut, die
immer wieder in diesen Praktiken auftreten, erheben gleichsam den
Anspruch, selbst als Genitalien betrachtet und behandelt zu werden. Wir
werden hren, wie dieser Anspruch durch die Entwicklung des
Sexualtriebes gerechtfertigt und wie er in der Symptomatologie gewisser
Krankheitszustnde erfllt wird.

                   *       *       *       *       *

Ungeeigneter Ersatz des Sexualobjektes -- Fetischismus.

Einen ganz besonderen Eindruck ergeben jene Flle, in denen das normale
Sexualobjekt ersetzt wird durch ein anderes, das zu ihm in Beziehung
steht, dabei aber vllig ungeeignet ist, dem normalen Sexualziel zu
dienen. Wir htten nach den Gesichtspunkten der Einteilung wohl besser
getan, diese hchst interessante Gruppe von Abirrungen des Sexualtriebes
schon bei den Abweichungen in bezug auf das Sexualobjekt zu erwhnen,
verschoben es aber, bis wir das Moment der _Sexualberschtzung_ kennen
gelernt hatten, von welchem diese Erscheinungen abhngen, mit denen ein
Aufgeben des Sexualzieles verbunden ist.

Der Ersatz fr das Sexualobjekt ist ein im allgemeinen fr sexuelle
Zwecke sehr wenig geeigneter Krperteil (Fu, Haar) oder ein unbelebtes
Objekt, welches in nachweisbarer Relation mit der Sexualperson, am
besten mit der Sexualitt derselben, steht. (Stcke der Kleidung, weie
Wsche.) Dieser Ersatz wird nicht mit Unrecht mit dem Fetisch
verglichen, in dem der Wilde seinen Gott verkrpert sieht.

Den bergang zu den Fllen von Fetischismus mit Verzicht auf ein
normales oder perverses Sexualziel bilden Flle, in denen eine
fetischistische Bedingung am Sexualobjekt erfordert wird, wenn das
Sexualziel erreicht werden soll. (Bestimmte Haarfarbe, Kleidung, selbst
Krperfehler.) Keine andere ans Pathologische streifende Variation des
Sexualtriebes hat soviel Anspruch auf unser Interesse wie diese durch
die Sonderbarkeit der durch sie veranlaten Erscheinungen. Eine gewisse
Herabsetzung des Strebens nach dem normalen Sexualziel scheint fr alle
Flle Voraussetzung (exekutive Schwche des Sexualapparates)(17). Die
Anknpfung ans Normale wird durch die psychologisch notwendige
berschtzung des Sexualobjektes vermittelt, welche unvermeidlich auf
alles mit demselben assoziativ Verbundene bergreift. Ein gewisser Grad
von solchem Fetischismus ist daher dem normalen Lieben regelmig eigen,
besonders in jenen Stadien der Verliebtheit, in welchen das normale
Sexualziel unerreichbar oder dessen Erfllung aufgehoben erscheint.

  (17) Diese Schwche entsprche der konstitutionellen Voraussetzung.
  Die Psychoanalyse hat als akzidentelle Bedingung die frhzeitige
  Sexualeinschchterung nachgewiesen, welche vom normalen Sexualziel
  abdrngt und zum Ersatz desselben anregt.

    Schaff' mir ein Halstuch von ihrer Brust,
    Ein Strumpfband meiner Liebeslust!

    (Faust.)

Der pathologische Fall tritt erst ein, wenn sich das Streben nach dem
Fetisch ber solche Bedingung hinaus fixiert und sich an die Stelle des
normalen Zieles setzt, ferner wenn sich der Fetisch von der bestimmten
Person loslst, zum alleinigen Sexualobjekt wird. Es sind dies die
allgemeinen Bedingungen fr das bergehen bloer Variationen des
Geschlechtstriebes in pathologische Verirrungen.

In der Auswahl des Fetisch zeigt sich, wie _Binet_ zuerst behauptet hat
und dann spter durch zahlreiche Belege erwiesen worden ist, der
fortwirkende Einflu eines zumeist in frher Kindheit empfangenen
sexuellen Eindruckes, was man der sprichwrtlichen Haftfhigkeit einer
ersten Liebe beim Normalen (On revient toujours  ses premiers amours)
an die Seite stellen darf. Eine solche Ableitung ist besonders deutlich
bei Fllen mit blo fetischistischer Bedingtheit des Sexualobjektes. Der
Bedeutung frhzeitiger sexueller Eindrcke werden wir noch an anderer
Stelle begegnen(18).

  (18) Tiefer eindringende psychoanalytische Untersuchung hat zu einer
  berechtigten Kritik der _Binet_schen Behauptung gefhrt. Alle hieher
  gehrigen Beobachtungen haben ein erstes Zusammentreffen mit dem
  Fetisch zum Inhalt, in welchem sich dieser bereits im Besitz des
  sexuellen Interesses zeigt, ohne da man aus den Begleitumstnden
  verstehen knnte, wie er zu diesem Besitz gekommen ist. Auch fallen
  alle diese frhzeitigen Sexualeindrcke in die Zeit nach dem
  fnften, sechsten Jahr, whrend die Psychoanalyse daran zweifeln lt,
  ob sich pathologische Fixierungen so spt neubilden knnen. Der
  wirkliche Sachverhalt ist der, da hinter der ersten Erinnerung an das
  Auftreten des Fetisch eine untergegangene und vergessene Phase der
  Sexualentwicklung liegt, die durch den Fetisch wie durch eine
  Deckerinnerung vertreten wird, deren Rest und Niederschlag der
  Fetisch also darstellt. Die Wendung dieser in die ersten
  Kindheitsjahre fallenden Phase zum Fetischismus sowie die Auswahl des
  Fetisch selbst sind konstitutionell determiniert.

In anderen Fllen ist es eine dem Betroffenen meist nicht bewute
symbolische Gedankenverbindung, welche zum Ersatz des Objektes durch den
Fetisch gefhrt hat. Die Wege dieser Verbindungen sind nicht immer mit
Sicherheit nachzuweisen (der Fu ist ein uraltes sexuelles Symbol, schon
im Mythus(19), Pelz verdankt seine Fetischrolle wohl der Assoziation
mit der Behaarung des Mons veneris); doch scheint auch solche Symbolik
nicht immer unabhngig von sexuellen Erlebnissen der Kinderzeit(20).

  (19) Dementsprechend der Schuh oder Pantoffel Symbol des weiblichen
  Genitales.

  (20) Die Psychoanalyse hat eine der noch vorhandenen Lcken im
  Verstndnis des Fetischismus ausgefllt, indem sie auf die Bedeutung
  einer durch Verdrngung verloren gegangenen koprophilen _Riechlust_
  fr die Auswahl des Fetisch hinwies. Fu und Haar sind stark riechende
  Objekte, die nach dem Verzicht auf die unlustig gewordene
  Geruchsempfindung zu Fetischen erhoben werden. In der dem
  Fufetischismus entsprechenden Perversion ist demgem nur der
  schmutzige und belriechende Fu das Sexualobjekt. Ein anderer Beitrag
  zur Aufklrung der fetischistischen Bevorzugung des Fues ergibt sich
  aus den infantilen Sexualtheorien. (S.u.) Der Fu ersetzt den schwer
  vermiten Penis des Weibes.

  In manchen Fllen von Fufetischismus lie sich zeigen, da der
  ursprnglich auf das Genitale gerichtete _Schautrieb_, der seinem
  Objekt von unten her nahe kommen wollte, durch Verbot und Verdrngung
  auf dem Wege aufgehalten wurde, und darum Fu oder Schuh als Fetisch
  festhielt. Das weibliche Genitale wurde dabei, der infantilen
  Erwartung entsprechend, als ein mnnliches vorgestellt.


b) Fixierungen von vorlufigen Sexualzielen.

Auftreten neuer Absichten.

Alle ueren und inneren Bedingungen, welche das Erreichen des normalen
Sexualzieles erschweren oder in die Ferne rcken (Impotenz, Kostbarkeit
des Sexualobjektes, Gefahren des Sexualaktes), untersttzen wie
begreiflich die Neigung, bei den vorbereitenden Akten zu verweilen und
neue Sexualziele aus ihnen zu gestalten, die an die Stelle des normalen
treten knnen. Bei nherer Prfung zeigt sich stets, da die anscheinend
fremdartigsten dieser neuen Absichten doch bereits beim normalen
Sexualvorgang angedeutet sind.

                   *       *       *       *       *

Betasten und Beschauen.

Ein gewisses Ma von Tasten ist wenigstens fr den Menschen zur
Erreichung des normalen Sexualzieles unerllich. Auch ist es allgemein
bekannt, welche Lustquelle einerseits, welcher Zuflu neuer Erregung
anderseits durch die Berhrungsempfindungen von der Haut des
Sexualobjektes gewonnen wird. Somit kann das Verweilen beim Betasten,
falls der Sexualakt berhaupt nur weiter geht, kaum zu den Perversionen
gezhlt werden.

hnlich ist es mit dem in letzter Linie vom Tasten abgeleiteten Sehen.
Der optische Eindruck bleibt der Weg, auf dem die libidinse Erregung am
hufigsten geweckt wird, und auf dessen Gangbarkeit -- wenn diese
teleologische Betrachtungsweise zulssig ist -- die Zuchtwahl rechnet,
indem sie das Sexualobjekt sich zur Schnheit entwickeln lt. Die mit
der Kultur fortschreitende Verhllung des Krpers hlt die sexuelle
Neugierde wach, welche danach strebt, sich das Sexualobjekt durch
Enthllung der verborgenen Teile zu ergnzen, die aber ins Knstlerische
abgelenkt (sublimiert) werden kann, wenn man ihr Interesse von den
Genitalien weg auf die Krperbildung im ganzen zu lenken vermag(21). Ein
Verweilen bei diesem intermediren Sexualziel des sexuell betonten
Schauens kommt in gewissem Grade den meisten Normalen zu, ja es gibt
ihnen die Mglichkeit, einen gewissen Betrag ihrer Libido auf hhere
knstlerische Ziele zu richten. Zur Perversion wird die Schaulust im
Gegenteil, a) wenn sie sich ausschlielich auf die Genitalien
einschrnkt, b) wenn sie sich mit der berwindung des Ekels verbindet
(Voyeurs: Zuschauer bei den Exkretionsfunktionen), c) wenn sie das
normale Sexualziel, anstatt es vorzubereiten, verdrngt. Letzteres ist
in ausgeprgter Weise bei den Exhibitionisten der Fall, die, wenn ich
nach einer einzigen Analyse schlieen darf, ihre Genitalien zeigen, um
als Gegenleistung die Genitalien des anderen Teiles zu Gesicht zu
bekommen(22).

  (21) Es scheint mir unzweifelhaft, da der Begriff des Schnen auf
  dem Boden der Sexualerregung wurzelt und ursprnglich das sexuell
  Reizende (Die Reize) bedeutet. Es steht im Zusammenhange damit, da
  wir die Genitalien selbst, deren Anblick die strkste sexuelle
  Erregung hervorruft, eigentlich niemals schn finden knnen.

  (22) Der Analyse enthllt diese Perversion -- sowie die meisten
  anderen -- eine unerwartete Vielfltigkeit ihrer Motive und
  Bedeutungen. Der Exhibitionszwang zum Beispiel ist auch stark abhngig
  vom Kastrationskomplex; er betont immer wieder die Integritt des
  eigenen (mnnlichen) Genitales und wiederholt die infantile
  Befriedigung ber das Fehlen des Gliedes im weiblichen.

Bei der Perversion, deren Streben das Schauen und Beschautwerden ist,
tritt ein sehr merkwrdiger Charakter hervor, der uns bei der
nchstfolgenden Abirrung noch intensiver beschftigen wird. Das
Sexualziel ist hiebei nmlich in zweifacher Ausbildung vorhanden, in
_aktiver_ und in _passiver_ Form.

Die Macht, welche der Schaulust entgegensteht und eventuell durch sie
aufgehoben wird, ist die _Scham_ (wie vorhin der Ekel).

                   *       *       *       *       *

Sadismus und Masochismus.

Die Neigung, dem Sexualobjekt Schmerz zuzufgen und ihr Gegenstck,
diese hufigste und bedeutsamste aller Perversionen, ist in ihren beiden
Gestaltungen, der aktiven und der passiven, von v. _Krafft-Ebing_ als
_Sadismus_ und _Masochismus_ (passiv) benannt worden. Andere Autoren
ziehen die engere Bezeichnung _Algolagnie_ vor, welche die Lust am
Schmerz, die Grausamkeit, betont, whrend bei den Namen, die v.
_Krafft-Ebing_ gewhlt hat, die Lust an jeder Art von Demtigung und
Unterwerfung in den Vordergrund gestellt wird.

Fr die aktive Algolagnie, den Sadismus, sind die Wurzeln im Normalen
leicht nachzuweisen. Die Sexualitt der meisten Mnner zeigt eine
Beimengung von _Aggression_, von Neigung zur berwltigung, deren
biologische Bedeutung in der Notwendigkeit liegen drfte, den Widerstand
des Sexualobjekts noch anders als durch die Akte der _Werbung_ zu
berwinden. Der Sadismus entsprche dann einer selbstndig gewordenen,
bertriebenen, durch Verschiebung an die Hauptstelle gerckten
aggressiven Komponente des Sexualtriebes.

Der Begriff des Sadismus schwankt im Sprachgebrauch von einer blo
aktiven, sodann gewaltttigen, Einstellung gegen das Sexualobjekt bis
zur ausschlielichen Bindung der Befriedigung an die Unterwerfung und
Mihandlung desselben. Strenge genommen hat nur der letztere extreme
Fall Anspruch auf den Namen einer Perversion.

In hnlicher Weise umfat die Bezeichnung Masochismus alle passiven
Einstellungen zum Sexualleben und Sexualobjekt, als deren uerste die
Bindung der Befriedigung an das Erleiden von physischem oder seelischem
Schmerz von Seiten des Sexualobjektes erscheint. Der Masochismus als
Perversion scheint sich vom normalen Sexualziel weiter zu entfernen als
sein Gegenstck; es darf bezweifelt werden, ob er jemals primr auftritt
oder nicht vielmehr regelmig durch Umbildung aus dem Sadismus
entsteht. Hufig lt sich erkennen, da der Masochismus nichts anderes
ist als eine Fortsetzung des Sadismus in Wendung gegen die eigene
Person, welche dabei zunchst die Stelle des Sexualobjektes vertritt.
Die klinische Analyse extremer Flle von masochistischer Perversion
fhrt auf das Zusammenwirken einer groen Reihe von Momenten, welche die
ursprngliche passive Sexualeinstellung bertreiben und fixieren.
(Kastrationskomplex, Schuldbewutsein.)

Der Schmerz, der hiebei berwunden wird, reiht sich dem Ekel und der
Scham an, die sich der Libido als Widerstnde entgegengestellt hatten.

Sadismus und Masochismus nehmen unter den Perversionen eine besondere
Stellung ein, da der ihnen zugrunde liegende Gegensatz von Aktivitt und
Passivitt zu den allgemeinen Charakteren des Sexuallebens gehrt.

Da Grausamkeit und Sexualtrieb innigst zusammengehren, lehrt die
Kulturgeschichte der Menschheit ber jeden Zweifel, aber in der
Aufklrung dieses Zusammenhanges ist man ber die Betonung des
aggressiven Moments der Libido nicht hinausgekommen. Nach einigen
Autoren ist diese dem Sexualtrieb beigemengte Aggression eigentlich ein
Rest kannibalischer Gelste, also eine Mitbeteiligung des
Bemchtigungsapparates, welcher der Befriedigung des anderen,
ontogenetisch lteren, groen Bedrfnisses dient(23). Es ist auch
behauptet worden, da jeder Schmerz an und fr sich die Mglichkeit
einer Lustempfindung enthalte. Wir wollen uns mit dem Eindruck begngen,
da die Aufklrung dieser Perversion keineswegs befriedigend gegeben
ist, und da mglicherweise hiebei mehrere seelische Strebungen sich zu
einem Effekt vereinigen.

  (23) Vgl. hiezu die sptere Mitteilung ber die prgenitalen Phasen
  der Sexualentwicklung, in welcher diese Ansicht besttigt wird.

Die aufflligste Eigentmlichkeit dieser Perversion liegt aber darin,
da ihre aktive und ihre passive Form regelmig bei der nmlichen
Person mitsammen angetroffen werden. Wer Lust daran empfindet, anderen
Schmerz in sexueller Relation zu erzeugen, der ist auch befhigt, den
Schmerz als Lust zu genieen, der ihm aus sexuellen Beziehungen
erwachsen kann. Ein Sadist ist immer auch gleichzeitig ein Masochist,
wenngleich die aktive oder die passive Seite der Perversion bei ihm
strker ausgebildet sein und seine vorwiegend sexuelle Bettigung
darstellen kann(24).

  (24) Anstatt vieler Belege fr diese Behauptung zitiere ich nur die
  eine Stelle aus _Havelock Ellis_ (Das Geschlechtsgefhl, 1903). Alle
  bekannten Flle von Sadismus und Masochismus, selbst die von v.
  _Krafft-Ebing_ zitierten, zeigen bestndig (wie schon _Colin_, _Scott_
  und _Fr_ nachgewiesen) Spuren beider Gruppen von Erscheinungen an
  ein und demselben Individuum.

Wir sehen so gewisse der Perversionsneigungen regelmig als
_Gegensatzpaare_ auftreten, was mit Hinblick auf spter beizubringendes
Material eine hohe theoretische Bedeutung beanspruchen darf(25). Es ist
ferner einleuchtend, da die Existenz des Gegensatzpaares Sadismus --
Masochismus aus der Aggressionsbeimengung nicht ohneweiters ableitbar
ist. Dagegen wre man versucht, solche gleichzeitig vorhandene
Gegenstze mit dem in der Bisexualitt vereinten Gegensatz von mnnlich
und weiblich in Beziehung zu setzen, dessen Bedeutung in der
Psychoanalyse auf den Gegensatz von aktiv und passiv reduziert ist.

  (25) Vgl. die sptere Erwhnung der Ambivalenz.


3. Allgemeines ber alle Perversionen.

Variation und Krankheit.

Die rzte, welche die Perversionen zuerst an ausgeprgten Beispielen und
unter besonderen Bedingungen studiert haben, sind natrlich geneigt
gewesen, ihnen den Charakter eines Krankheits- oder Degenerationszeichens
zuzusprechen, ganz hnlich wie bei der Inversion. Indes
ist es hier leichter als dort, diese Auffassung abzulehnen. Die
alltgliche Erfahrung hat gezeigt, da die meisten dieser
berschreitungen, wenigstens die minder argen unter ihnen, einen selten
fehlenden Bestandteil des Sexuallebens der Gesunden bilden und von ihnen
wie andere Intimitten auch beurteilt werden. Wo die Verhltnisse es
begnstigen, kann auch der Normale eine solche Perversion eine ganze
Zeit lang an die Stelle des normalen Sexualzieles setzen oder ihr einen
Platz neben diesem einrumen. Bei keinem Gesunden drfte irgend ein
pervers zu nennender Zusatz zum normalen Sexualziel fehlen und diese
Allgemeinheit gengt fr sich allein, um die Unzweckmigkeit einer
vorwurfsvollen Verwendung des Namens Perversion darzutun. Gerade auf dem
Gebiete des Sexuallebens stt man auf besondere, eigentlich derzeit
unlsbare Schwierigkeiten, wenn man eine scharfe Grenze zwischen bloer
Variation innerhalb der physiologischen Breite und krankhaften Symptomen
ziehen will.

Bei manchen dieser Perversionen ist immerhin die Qualitt des neuen
Sexualzieles eine solche, da sie nach besonderer Wrdigung verlangt.
Gewisse der Perversionen entfernen sich inhaltlich so weit vom Normalen,
da wir nicht umhin knnen, sie fr krankhaft zu erklren,
insbesondere jene, in denen der Sexualtrieb in der berwindung der
Widerstnde (Scham, Ekel, Grauen, Schmerz) erstaunliche Leistungen
vollfhrt. (Kotlecken, Leichenmibrauch.) Doch darf man auch in diesen
Fllen sich nicht der sicheren Erwartung hingeben, in den Ttern
regelmig Personen mit andersartigen schweren Abnormitten oder
Geisteskranke zu entdecken. Man kommt auch hier nicht ber die Tatsache
hinaus, da Personen, die sich sonst normal verhalten, auf dem Gebiete
des Sexuallebens allein, unter der Herrschaft des ungezgeltsten aller
Triebe, sich als Kranke dokumentieren. Manifeste Abnormitt in anderen
Lebensrelationen pflegt hingegen jedesmal einen Hintergrund von abnormem
sexuellen Verhalten zu zeigen.

In der Mehrzahl der Flle knnen wir den Charakter des Krankhaften bei
der Perversion nicht im Inhalt des neuen Sexualzieles, sondern in dessen
Verhltnis zum Normalen finden. Wenn die Perversion nicht _neben_ dem
Normalen (Sexualziel und Objekt) auftritt, wo gnstige Umstnde dieselbe
frdern und ungnstige das Normale verhindern, sondern wenn sie das
Normale unter allen Umstnden verdrngt und ersetzt hat; -- in der
_Ausschlielichkeit_ und in der _Fixierung_ also der Perversion sehen
wir zu allermeist die Berechtigung, sie als ein krankhaftes Symptom zu
beurteilen.

                   *       *       *       *       *

Die seelische Beteiligung bei den Perversionen.

Vielleicht gerade bei den abscheulichsten Perversionen mu man die
ausgiebigste psychische Beteiligung zur Umwandlung des Sexualtriebes
anerkennen. Es ist hier ein Stck seelischer Arbeit geleistet, dem man
trotz seines greulichen Erfolges den Wert einer Idealisierung des
Triebes nicht absprechen kann. Die Allgewalt der Liebe zeigt sich
vielleicht nirgends strker als in diesen ihren Verirrungen. Das Hchste
und das Niedrigste hngen in der Sexualitt berall am innigsten
aneinander (Vom Himmel durch die Welt zur Hlle).

                   *       *       *       *       *

Zwei Ergebnisse.

Bei dem Studium der Perversionen hat sich uns die Einsicht ergeben, da
der Sexualtrieb gegen gewisse seelische Mchte als Widerstnde
anzukmpfen hat, unter denen Scham und Ekel am deutlichsten
hervorgetreten sind. Es ist die Vermutung gestattet, da diese Mchte
daran beteiligt sind, den Trieb innerhalb der als normal geltenden
Schranken zu bannen, und wenn sie sich im Individuum frher entwickelt
haben, ehe der Sexualtrieb seine volle Strke erlangte, so waren sie es
wohl, die ihm die Richtung seiner Entwicklung angewiesen haben(26).

  (26) Man mu diese die Sexualentwicklung eindmmenden Mchte -- Ekel,
  Scham und Moralitt -- anderseits auch als historische Niederschlge
  der ueren Hemmungen ansehen, welche der Sexualtrieb in der
  Psychogenese der Menschheit erfahren hat. Man macht die Beobachtung,
  da sie in der Entwicklung des Einzelnen zu ihrer Zeit wie spontan auf
  die Winke der Erziehung und Beeinflussung hin auftreten.

Wir haben ferner die Bemerkung gemacht, da einige der untersuchten
Perversionen nur durch das Zusammentreten von mehreren Motiven
verstndlich werden. Wenn sie eine Analyse -- Zersetzung -- zulassen,
mssen sie zusammengesetzter Natur sein. Hieraus knnen wir einen Wink
entnehmen, da vielleicht der Sexualtrieb selbst nichts Einfaches,
sondern aus Komponenten zusammengesetzt ist, die sich in den
Perversionen wieder von ihm ablsen. Die Klinik htte uns so auf
_Verschmelzungen_ aufmerksam gemacht, die in dem gleichfrmigen normalen
Verhalten ihren Ausdruck eingebt haben(27).

  (27) Ich bemerke vorgreifend ber die Entstehung der Perversionen, da
  man Grund hat anzunehmen, es sei vor der Fixierung derselben, ganz
  hnlich wie beim Fetischismus, ein Ansatz normaler Sexualentwicklung
  vorhanden gewesen. Die analytische Untersuchung hat bisher in
  einzelnen Fllen zeigen knnen, da auch die Perversion der Rckstand
  einer Entwicklung zum dipuskomplex ist, nach dessen Verdrngung die
  der Anlage nach strkste Komponente des Sexualtriebes wieder
  hervorgetreten ist.


4. Der Sexualtrieb bei den Neurotikern.

Die Psychoanalyse.

Einen wichtigen Beitrag zur Kenntnis des Sexualtriebes bei Personen, die
den Normalen mindestens nahe stehen, gewinnt man aus einer Quelle, die
nur auf einem bestimmten Wege zugnglich ist. Es gibt nur ein Mittel,
ber das Geschlechtsleben der sogenannten Psychoneurotiker (Hysterie,
Zwangsneurose, flschlich sogenannte Neurasthenie, sicherlich auch
Dementia praecox, Paranoia) grndliche und nicht irre leitende
Aufschlsse zu erhalten, nmlich wenn man sie der psychoanalytischen
Erforschung unterwirft, deren sich das von J. _Breuer_ und mir 1893
eingesetzte, damals kathartisch genannte Heilverfahren bedient.

Ich mu vorausschicken, respektive aus anderen Verffentlichungen
wiederholen, da diese Psychoneurosen, soweit meine Erfahrungen reichen,
auf sexuellen Triebkrften beruhen. Ich meine dies nicht etwa so, da
die Energie des Sexualtriebes einen Beitrag zu den Krften liefert,
welche die krankhaften Erscheinungen (Symptome) unterhalten, sondern ich
will ausdrcklich behaupten, da dieser Anteil der einzig konstante und
die wichtigste Energiequelle der Neurose ist, so da das Sexualleben der
betreffenden Personen sich entweder ausschlielich oder vorwiegend oder
nur teilweise in diesen Symptomen uert. Die Symptome sind, wie ich es
an anderer Stelle ausgedrckt habe, die Sexualbettigung der Kranken.
Den Beweis fr diese Behauptung hat mir eine seit fnfundzwanzig Jahren
sich mehrende Anzahl von Psychoanalysen hysterischer und anderer
Nervser geliefert, ber deren Ergebnisse im einzelnen ich an anderen
Orten ausfhrliche Rechenschaft gegeben habe und noch weiter geben
werde(28).

  (28) Es ist nur eine Vervollstndigung und nicht eine Verringerung
  dieser Aussage, wenn ich sie dahin abndere: Die nervsen Symptome
  beruhen einerseits auf dem Anspruch der libidinsen Triebe,
  andererseits auf dem Einspruch des Ichs, der Reaktion gegen dieselben.

Die Psychoanalyse beseitigt die Symptome Hysterischer unter der
Voraussetzung, da dieselben der Ersatz -- die Transskription gleichsam
-- fr eine Reihe von affektbesetzten seelischen Vorgngen, Wnschen und
Strebungen sind, denen durch einen besonderen psychischen Proze (_die
Verdrngung_) der Zugang zur Erledigung durch bewutseinsfhige
psychische Ttigkeit versagt worden ist. Diese also im Zustande des
Unbewuten zurckgehaltenen Gedankenbildungen streben nach einem ihrem
Affektwert gemen Ausdruck, einer _Abfuhr_, und finden eine solche bei
der Hysterie durch den Vorgang der _Konversion_ in somatischen
Phnomenen -- eben den hysterischen Symptomen. Bei der kunstgerechten,
mit Hilfe einer besonderen Technik durchgefhrten Rckverwandlung der
Symptome in nun bewut gewordene, affektbesetzte Vorstellungen ist man
also imstande, ber die Natur und die Abkunft dieser frher unbewuten
psychischen Bildungen das Genaueste zu erfahren.

                   *       *       *       *       *

Ergebnisse der Psychoanalyse.

Es ist auf diese Weise in Erfahrung gebracht worden, da die Symptome
einen Ersatz fr Strebungen darstellen, die ihre Kraft der Quelle des
Sexualtriebes entnehmen. Im vollen Einklange damit steht, was wir ber
den Charakter der hier zum Muster fr alle Psychoneurotiker genommenen
Hysteriker vor ihrer Erkrankung und ber die Anlsse zur Erkrankung
wissen. Der hysterische Charakter lt ein Stck _Sexualverdrngung_
erkennen, welches ber das normale Ma hinausgeht, eine Steigerung der
Widerstnde gegen den Sexualtrieb, die uns als Scham, Ekel und Moral
bekannt geworden sind, eine wie instinktive Flucht vor der
intellektuellen Beschftigung mit dem Sexualproblem, welche in
ausgeprgten Fllen den Erfolg hat, die volle sexuelle Unwissenheit noch
bis in die Jahre der erlangten Geschlechtsreife zu bewahren(29).

  (29) Studien ber Hysterie. 1895. J. _Breuer_ sagt von seiner
  Patientin, an der er die kathartische Methode zuerst gebt hat: Das
  sexuale Moment war erstaunlich unentwickelt.

Dieser fr die Hysterie wesentliche Charakterzug wird fr die grobe
Beobachtung nicht selten durch das Vorhandensein des zweiten
konstitutionellen Faktors der Hysterie, durch die bermchtige
Ausbildung des Sexualtriebes verdeckt, allein die psychologische Analyse
wei ihn jedesmal aufzudecken und die widerspruchsvolle Rtselhaftigkeit
der Hysterie durch die Feststellung des Gegensatzpaares von bergroem
sexuellen Bedrfnis und zu weit getriebener Sexualablehnung zu lsen.

Der Anla zur Erkrankung ergibt sich fr die hysterisch disponierte
Person, wenn infolge der fortschreitenden eigenen Reifung oder uerer
Lebensverhltnisse die reale Sexualforderung ernsthaft an sie
herantritt. Zwischen dem Drngen des Triebes und dem Widerstreben der
Sexualablehnung stellt sich dann der Ausweg der Krankheit her, der den
Konflikt nicht lst, sondern ihm durch die Verwandlung der libidinsen
Strebungen in Symptome zu entgehen sucht. Es ist nur eine scheinbare
Ausnahme, wenn eine hysterische Person, ein Mann etwa, an einer banalen
Gemtsbewegung, an einem Konflikt, in dessen Mittelpunkt nicht das
sexuelle Interesse steht, erkrankt. Die Psychoanalyse kann dann
regelmig nachweisen, da es die sexuelle Komponente des Konflikts ist,
welche die Erkrankung ermglicht hat, indem sie die seelischen Vorgnge
der normalen Erledigung entzog.

                   *       *       *       *       *

Neurose und Perversion.

Ein guter Teil des Widerspruches gegen diese meine Aufstellungen erklrt
sich wohl daraus, da man die Sexualitt, von welcher ich die
psychoneurotischen Symptome ableite, mit dem normalen Sexualtrieb
zusammenfallen lie. Allein die Psychoanalyse lehrt noch mehr. Sie
zeigt, da die Symptome keineswegs allein auf Kosten des sogenannten
normalen Sexualtriebes entstehen (wenigstens nicht ausschlielich oder
vorwiegend), sondern den konvertierten Ausdruck von Trieben darstellen,
welche man als _perverse_ (im weitesten Sinne) bezeichnen wrde, wenn
sie sich ohne Ablenkung vom Bewutsein direkt in Phantasievorstzen und
Taten uern knnten. Die Symptome bilden sich also zum Teil auf Kosten
abnormer Sexualitt; _die Neurose ist sozusagen das Negativ der
Perversion_(30).

  (30) Die klar bewuten Phantasien der Perversen, die unter gnstigen
  Umstnden in Veranstaltungen umgesetzt werden, die in feindlichem
  Sinne auf andere projizierten Wahnbefrchtungen der Paranoiker und die
  unbewuten Phantasien der Hysteriker, die man durch Psychoanalyse
  hinter ihren Symptomen aufdeckt, fallen inhaltlich bis in einzelne
  Details zusammen.

Der Sexualtrieb der Psychoneurotiker lt alle die Abirrungen erkennen,
die wir als Variationen des normalen und als uerungen des krankhaften
Sexuallebens studiert haben.

a) Bei allen Neurotikern (ohne Ausnahme) finden sich im unbewuten
Seelenleben Regungen von Inversion, Fixierung von Libido auf Personen
des gleichen Geschlechts. Ohne tief eindringende Errterung ist es nicht
mglich, die Bedeutung dieses Moments fr die Gestaltung des
Krankheitsbildes entsprechend zu wrdigen; ich kann nur versichern, da
die unbewute Inversionsneigung niemals fehlt und insbesondere zur
Aufklrung der mnnlichen Hysterie die grten Dienste leistet(31).

  (31) Psychoneurose vergesellschaftet sich auch sehr oft mit manifester
  Inversion, wobei die heterosexuelle Strmung der vollen Unterdrckung
  zum Opfer gefallen ist. -- Ich lasse nur einer mir zu teil gewordenen
  Anregung Recht widerfahren, wenn ich mitteile, da erst private
  uerungen von W. _Flie_ in Berlin mich auf die notwendige
  Allgemeinheit der Inversionsneigung bei den Psychoneurotikern
  aufmerksam gemacht haben, nachdem ich diese in einzelnen Fllen
  aufgedeckt hatte. -- Diese nicht genug gewrdigte Tatsache mte alle
  Theorien der Homosexualitt entscheidend beeinflussen.

b) Es sind bei den Psychoneurotikern alle Neigungen zu den anatomischen
berschreitungen im Unbewuten und als Symptombildner nachweisbar, unter
ihnen mit besonderer Hufigkeit und Intensitt diejenigen, welche fr
Mund- und Afterschleimhaut die Rolle von Genitalien in Anspruch nehmen.

c) Eine ganz hervorragende Rolle unter den Symptombildnern der
Psychoneurosen spielen die zumeist in Gegensatzpaaren auftretenden
Partialtriebe, die wir als Bringer neuer Sexualziele kennen gelernt
haben, der Trieb der Schaulust und der Exhibition und der aktiv und
passiv ausgebildete Trieb zur Grausamkeit. Der Beitrag des letzteren ist
zum Verstndnis der Leidensnatur der Symptome unentbehrlich und
beherrscht fast regelmig ein Stck des sozialen Verhaltens der
Kranken. Vermittels dieser Grausamkeitsverknpfung der Libido geht auch
die Verwandlung von Liebe in Ha, von zrtlichen in feindselige Regungen
vor sich, die fr eine groe Reihe von neurotischen Fllen, ja, wie es
scheint, fr die Paranoia im ganzen charakteristisch ist.

Das Interesse an diesen Ergebnissen wird noch durch einige
Besonderheiten des Tatbestandes erhht.

A) Wo ein solcher Trieb im Unbewuten aufgefunden wird, welcher der
Paarung mit einem Gegensatze fhig ist, da lt sich regelmig auch
dieser letztere als wirksam nachweisen. Jede aktive Perversion wird
also hier von ihrem passiven Widerpart begleitet; wer im Unbewuten
Exhibitionist ist, der ist auch gleichzeitig Voyeur, wer an den Folgen
der Verdrngung sadistischer Regungen leidet, bei dem findet sich ein
anderer Zuzug zu den Symptomen aus den Quellen masochistischer Neigung.
Die volle bereinstimmung mit dem Verhalten der entsprechenden
positiven Perversionen ist gewi sehr beachtenswert. Im
Krankheitsbilde spielt aber die eine oder die andere der gegenstzlichen
Neigungen die berwiegende Rolle.

B) In einem ausgeprgteren Falle von Psychoneurose findet man nur selten
einen einzigen dieser perversen Triebe entwickelt, meist eine grere
Anzahl derselben und in der Regel Spuren von allen; der einzelne Trieb
ist aber in seiner Intensitt unabhngig von der Ausbildung der anderen.
Auch dazu ergibt uns das Studium der positiven Perversionen das genaue
Gegenstck.


Partialtriebe und erogene Zonen.

Halten wir zusammen, was wir aus der Untersuchung der positiven und der
negativen Perversionen erfahren haben, so liegt es nahe, dieselben auf
eine Reihe von _Partialtrieben_ zurckzufhren, die aber nichts
Primres sind, sondern eine weitere Zerlegung zulassen. Unter einem
_Trieb_ knnen wir zunchst nichts anderes verstehen als die
psychische Reprsentanz einer kontinuierlich flieenden,
innersomatischen Reizquelle, zum Unterschiede vom _Reiz_, der durch
vereinzelte und von auen kommende Erregungen hergestellt wird. Trieb
ist so einer der Begriffe der Abgrenzung des Seelischen vom
Krperlichen. Die einfachste und nchstliegende Annahme ber die Natur
der Triebe wre, da sie an sich keine Qualitt besitzen, sondern nur
als Mae von Arbeitsanforderung fr das Seelenleben in Betracht kommen.
Was die Triebe voneinander unterscheidet und mit spezifischen
Eigenschaften ausstattet, ist deren Beziehung zu ihren somatischen
_Quellen_ und ihren _Zielen_. Die Quelle des Triebes ist ein erregender
Vorgang in einem Organ und das nchste Ziel des Triebes liegt in der
Aufhebung dieses Organreizes.

Eine weitere vorlufige Annahme in der Trieblehre, welcher wir uns nicht
entziehen knnen, besagt, da von den Krperorganen Erregungen von
zweierlei Art geliefert werden, die in Differenzen chemischer Natur
begrndet sind. Die eine dieser Arten von Erregung bezeichnen wir als
die spezifisch sexuelle und das betreffende Organ als die _erogene
Zone_ des von ihm ausgehenden sexuellen Partialtriebes(32).

  (32) Es ist nicht leicht, diese Annahmen, die aus dem Studium einer
  bestimmten Klasse von neurotischen Erkrankungen geschpft sind, hier
  zu rechtfertigen. Andererseits wird es aber unmglich, etwas
  Stichhltiges ber die Triebe auszusagen, wenn man sich die Erwhnung
  dieser Voraussetzungen erspart.

Bei den Perversionsneigungen, die fr Mundhhle und Afterffnung
sexuelle Bedeutung in Anspruch nehmen, ist die Rolle der erogenen Zone
ohneweiters ersichtlich. Dieselbe benimmt sich in jeder Hinsicht wie ein
Stck des Geschlechtsapparates. Bei der Hysterie werden diese
Krperstellen und die von ihnen ausgehenden Schleimhauttrakte in ganz
hnlicher Weise der Sitz von neuen Sensationen und Innervationsnderungen
-- ja von Vorgngen, die man der Erektion vergleichen kann
-- wie die eigentlichen Genitalien unter den Erregungen
der normalen Geschlechtsvorgnge.

Die Bedeutung der erogenen Zonen als Nebenapparate und Surrogate der
Genitalien tritt unter den Psychoneurosen bei der Hysterie am
deutlichsten hervor, womit aber nicht behauptet werden soll, da sie fr
die anderen Erkrankungsformen geringer einzuschtzen ist. Sie ist hier
nur unkenntlicher, weil sich bei diesen (Zwangsneurose, Paranoia) die
Symptombildung in Regionen des seelischen Apparates vollzieht, die
weiter ab von den Zentralstellen fr die Krperbeherrschung liegen. Bei
der Zwangsneurose ist die Bedeutung der Impulse, welche neue Sexualziele
schaffen und von erogenen Zonen unabhngig erscheinen, das Aufflligere.
Doch entspricht bei der Schau- und Exhibitionslust das Auge einer
erogenen Zone, bei der Schmerz- und Grausamkeitskomponente des
Sexualtriebes ist es die Haut, welche die gleiche Rolle bernimmt, die
Haut, die sich an besonderen Krperstellen zu Sinnesorganen
differenziert und zur Schleimhaut modifiziert hat, also die erogene Zone
~kat' exochn~(33).

  (33) Man mu hier der Aufstellung von _Moll_ gedenken, welche den
  Sexualtrieb in Kontrektations- und Detumeszenztrieb zerlegt.
  Kontrektation bedeutet ein Bedrfnis nach Hautberhrung.


Erklrung des scheinbaren berwiegens perverser Sexualitt bei den
Psychoneurosen.

Durch die vorstehenden Errterungen ist die Sexualitt der
Psychoneurotiker in ein mglicherweise falsches Licht gerckt worden. Es
hat den Anschein bekommen, als nherten sich die Psychoneurotiker in
ihrem sexuellen Verhalten der Anlage nach sehr den Perversen und
entfernten sich dafr um ebensoviel von den Normalen. Nun ist sehr wohl
mglich, da die konstitutionelle Disposition dieser Kranken auer einem
bergroen Ma von Sexualverdrngung und einer bermchtigen Strke des
Sexualtriebes eine ungewhnliche Neigung zur Perversion im weitesten
Sinne mitenthlt, allein die Untersuchung leichterer Flle zeigt, da
letztere Annahme nicht unbedingt erforderlich ist, oder da zum
mindesten bei der Beurteilung der krankhaften Effekte die Wirkung eines
Faktors in Abzug gebracht werden mu. Bei den meisten Psychoneurotikern
tritt die Erkrankung erst nach der Puberttszeit auf unter der
Anforderung des normalen Sexuallebens. Gegen dieses richtet sich vor
allem die Verdrngung. Oder sptere Erkrankungen stellen sich her, indem
der Libido auf normalem Wege die Befriedigung versagt wird. In beiden
Fllen verhlt sich die Libido wie ein Strom, dessen Hauptbett verlegt
wird; sie fllt die kollateralen Wege aus, die bisher vielleicht leer
geblieben waren. Somit kann auch die scheinbar so groe (allerdings
negative) Perversionsneigung der Psychoneurotiker eine kollateral
bedingte, mu jedenfalls eine kollateral erhhte sein. Die Tatsache ist
eben, da man die Sexualverdrngung als inneres Moment jenen ueren
anreihen mu, welche wie Freiheitseinschrnkung, Unzugnglichkeit des
normalen Sexualobjekts, Gefahren des normalen Sexualaktes usw.
Perversionen bei Individuen entstehen lassen, welche sonst vielleicht
normal geblieben wren.

In den einzelnen Fllen von Neurose mag es sich hierin verschieden
verhalten, das einemal die angeborene Hhe der Perversionsneigung, das
anderemal die kollaterale Hebung derselben durch die Abdrngung der
Libido vom normalen Sexualziel und Sexualobjekt das Magebendere sein.
Es wre unrecht, eine Gegenstzlichkeit zu konstruieren, wo ein
Kooperationsverhltnis vorliegt. Ihre grten Leistungen wird die
Neurose jedesmal zustande bringen, wenn Konstitution und Erleben in
demselben Sinne zusammenwirken. Eine ausgesprochene Konstitution wird
etwa der Untersttzung durch die Lebenseindrcke entbehren knnen, eine
ausgiebige Erschtterung im Leben etwa die Neurose auch bei
durchschnittlicher Konstitution zustande bringen. Diese Gesichtspunkte
gelten brigens in gleicher Weise fr die tiologische Bedeutung von
Angeborenem und akzidentell Erlebtem auch auf anderen Gebieten.

Bevorzugt man die Annahme, da eine besonders ausgebildete Neigung zu
Perversionen doch zu den Eigentmlichkeiten der psychoneurotischen
Konstitution gehrt, so erffnet sich die Aussicht, je nach dem
angeborenen Vorwiegen dieser oder jener erogenen Zone, dieses oder jenes
Partialtriebes, eine Mannigfaltigkeit solcher Konstitutionen
unterscheiden zu knnen. Ob der perversen Veranlagung eine besondere
Beziehung zur Auswahl der Erkrankungsform zukommt, dies ist wie so
vieles auf diesem Gebiete noch nicht untersucht.


Verweis auf den Infantilismus der Sexualitt.

Durch den Nachweis der perversen Regungen als Symptombildner bei den
Psychoneurosen haben wir die Anzahl der Menschen, die man den Perversen
zurechnen knnte, in ganz auerordentlicher Weise gesteigert. Nicht nur,
da die Neurotiker selbst eine sehr zahlreiche Menschenklasse
darstellen, es ist auch in Betracht zu ziehen, da die Neurosen von
allen ihren Ausbildungen her in lckenlosen Reihen zur Gesundheit
abklingen; hat doch _Moebius_ mit guter Berechtigung sagen knnen: Wir
sind alle ein wenig hysterisch. Somit werden wir durch die
auerordentliche Verbreitung der Perversionen zu der Annahme gedrngt,
da auch die Anlage zu den Perversionen keine seltene Besonderheit,
sondern ein Stck der fr normal geltenden Konstitution sein msse.

Wir haben gehrt, da es strittig ist, ob die Perversionen auf
angeborene Bedingungen zurckgehen oder durch zufllige Erlebnisse
entstehen, wie es _Binet_ fr den Fetischismus angenommen hat. Nun
bietet sich uns die Entscheidung, da den Perversionen allerdings etwas
Angeborenes zugrunde liegt, aber etwas, _was allen Menschen angeboren_
ist, als Anlage in seiner Intensitt schwanken mag und der Hervorhebung
durch Lebenseinflsse wartet. Es handelt sich um angeborene, in der
Konstitution gegebene Wurzeln des Sexualtriebes, die sich in der einen
Reihe von Fllen zu den wirklichen Trgern der Sexualttigkeit
entwickeln (Perverse), andere Male eine ungengende Unterdrckung
(Verdrngung) erfahren, so da sie auf einem Umweg als Krankheitssymptome
einen betrchtlichen Teil der sexuellen Energie an sich
ziehen knnen, whrend sie in den gnstigsten Fllen zwischen
beiden Extremen durch wirksame Einschrnkung und sonstige Verarbeitung
das sogenannte normale Sexualleben entstehen lassen.

Wir werden uns aber ferner sagen, da die angenommene Konstitution,
welche die Keime zu allen Perversionen aufweist, nur beim Kinde
aufzeigbar sein wird, wenngleich bei ihm alle Triebe nur in bescheidenen
Intensitten auftreten knnen. Ahnt uns so die Formel, da die
Neurotiker den infantilen Zustand ihrer Sexualitt beibehalten haben
oder auf ihn zurckversetzt worden sind, so wird sich unser Interesse
dem Sexualleben des Kindes zuwenden, und wir werden das Spiel der
Einflsse verfolgen wollen, die den Entwicklungsproze der kindlichen
Sexualitt bis zum Ausgang in Perversion, Neurose oder normales
Geschlechtsleben beherrschen.




II.

Die infantile Sexualitt.


Es ist ein Stck der populren Meinung ber den Geschlechtstrieb, da er
der Kindheit fehle und erst in der als Pubertt bezeichneten
Lebensperiode erwache. Allein dies ist nicht nur ein einfacher, sondern
sogar ein folgenschwerer Irrtum, da er hauptschlich unsere gegenwrtige
Unkenntnis der grundlegenden Verhltnisse des Sexuallebens verschuldet.
Ein grndliches Studium der Sexualuerungen in der Kindheit wrde uns
wahrscheinlich die wesentlichen Zge des Geschlechtstriebes aufdecken,
seine Entwicklung verraten und seine Zusammensetzung aus verschiedenen
Quellen zeigen.

                   *       *       *       *       *

Vernachlssigung der Infantilen.

Es ist bemerkenswert, da die Autoren, welche sich mit der Erklrung der
Eigenschaften und Reaktionen des erwachsenen Individuums beschftigen,
jener Vorzeit, welche durch die Lebensdauer der Ahnen gegeben ist, so
viel mehr Aufmerksamkeit geschenkt, also der Erblichkeit so viel mehr
Einflu zugesprochen haben, als der anderen Vorzeit, welche bereits in
die individuelle Existenz der Person fllt, der Kindheit nmlich. Man
sollte doch meinen, der Einflu dieser Lebensperiode wre leichter zu
verstehen und htte ein Anrecht, vor dem der Erblichkeit bercksichtigt
zu werden(34). Man findet zwar in der Literatur gelegentliche Notizen
ber frhzeitige Sexualbettigung bei kleinen Kindern, ber Erektionen,
Masturbation und selbst koitushnliche Vornahmen, aber immer nur als
ausnahmsweise Vorgnge, als Kuriosa oder als abschreckende Beispiele
voreiliger Verderbtheit angefhrt. Kein Autor hat meines Wissens die
Gesetzmigkeit eines Sexualtriebes in der Kindheit klar erkannt und in
den zahlreich gewordenen Schriften ber die Entwicklung des Kindes wird
das Kapitel Sexuelle Entwicklung meist bergangen(35).

  (34) Es ist ja auch nicht mglich, den der Erblichkeit gebhrenden
  Anteil richtig zu erkennen, ehe man den der Kindheit zugehrigen
  gewrdigt hat.

  (35) Die hier niedergeschriebene Behauptung erschien mir selbst
  nachtrglich als so gewagt, da ich mir vorsetzte, sie durch
  nochmalige Durchsicht der Literatur zu prfen. Das Ergebnis dieser
  berprfung war, da ich sie unverndert stehen lie. Die
  wissenschaftliche Bearbeitung der leiblichen wie der seelischen
  Phnomene der Sexualitt im Kindesalter befindet sich in den ersten
  Anfngen. Ein Autor S. _Bell_ (A preliminary study of the Emotion of
  love between the sexes. American Journal of Psychology, XIII, 1902)
  uert: I know of no scientist, who has given a careful analysis of
  the emotion as it is seen in the adolescent. -- Somatische
  Sexualuerungen aus der Zeit vor der Pubertt haben nur im
  Zusammenhange mit Entartungserscheinungen und als Zeichen von
  Entartung Aufmerksamkeit gewonnen. -- Ein Kapitel ber das Liebesleben
  der Kinder fehlt in allen Darstellungen der Psychologie dieses Alters,
  die ich gelesen habe, so in den bekannten Werken von _Preyer_,
  _Baldwin_ (Die Entwicklung des Geistes beim Kinde und bei der Rasse,
  1898), _Prez_ (L'enfant de 3-7 ans, 1894), _Strmpell_ (Die
  pdagogische Pathologie, 1899), Karl _Groos_ (Das Seelenleben des
  Kindes, 1904), Th. _Heller_ (Grundri der Heilpdagogik, 1904),
  _Sully_ (Untersuchungen ber die Kindheit, 1897) u.a. Den besten
  Eindruck von dem heutigen Stande auf diesem Gebiet holt man sich aus
  der Zeitschrift Die Kinderfehler (von 1896 an). -- Doch gewinnt man
  die berzeugung, da die Existenz der Liebe im Kindesalter nicht mehr
  entdeckt zu werden braucht. _Prez_ (l.c.) tritt fr sie ein; bei K.
  _Groos_ (Die Spiele der Menschen, 1899) findet sich als allgemein
  bekannt erwhnt, da manche Kinder schon sehr frh fr sexuelle
  Regungen zugnglich sind und dem anderen Geschlecht gegenber einen
  Drang nach Berhrungen empfinden (S.336); der frheste Fall von
  Auftreten geschlechtlicher Liebesregungen (sex-love) in der
  Beobachtungsreihe von S. _Bell_ betraf ein Kind in der Mitte des
  dritten Jahres. -- Vergleiche hiezu noch _Havelock Ellis_, Das
  Geschlechtsgefhl (bersetzt von _Kurella_), 1903, Appendix, II.

  Das obenstehende Urteil ber die Literatur der infantilen Sexualitt
  braucht seit dem Erscheinen des gro angelegten Werkes von _Stanley
  Hall_ (Adolescence, its psychology and its relations to physiology,
  anthropology, sociology, sex, crime, religion and education. Two
  volumes, New York, 1908) nicht mehr aufrecht erhalten zu werden. --
  Das rezente Buch von A. _Moll_, Das Sexualleben des Kindes, Berlin
  1909, bietet keinen Anla zu einer solchen Modifikation. Siehe
  dagegen: _Bleuler_, Sexuelle Abnormitten der Kinder. (Jahrbuch der
  schweizerischen Gesellschaft fr Schulgesundheitspflege, IX, 1908.)

  Ein Buch von Frau Dr. H. v. _Hug-Hellmuth_, Aus dem Seelenleben des
  Kindes, 1913, hat seither dem vernachlssigten sexuellen Faktor
  vollauf Rechnung getragen.

                   *       *       *       *       *

Infantile Amnesie.

Den Grund fr diese merkwrdige Vernachlssigung suche ich zum Teil in
den konventionellen Rcksichten, denen die Autoren infolge ihrer eigenen
Erziehung Rechnung tragen, zum anderen Teil in einem psychischen
Phnomen, welches sich bis jetzt selbst der Erklrung entzogen hat. Ich
meine hiemit die eigentmliche _Amnesie_, welche den meisten Menschen
(nicht allen!) die ersten Jahre ihrer Kindheit bis zum 6. oder 8.
Lebensjahre verhllt. Es ist uns bisher noch nicht eingefallen, uns ber
die Tatsache dieser Amnesie zu verwundern; aber wir htten guten Grund
dazu. Denn man berichtet uns, da wir in diesen Jahren, von denen wir
spter nichts im Gedchtnis behalten haben als einige unverstndliche
Erinnerungsbrocken, lebhaft auf Eindrcke reagiert htten, da wir
Schmerz und Freude in menschlicher Weise zu uern verstanden, Liebe,
Eifersucht und andere Leidenschaften gezeigt, die uns damals heftig
bewegten, ja da wir Aussprche getan, die von den Erwachsenen als gute
Beweise fr Einsicht und beginnende Urteilsfhigkeit gemerkt wurden. Und
von alledem wissen wir als Erwachsene aus eigenem nichts. Warum bleibt
unser Gedchtnis so sehr hinter unseren anderen seelischen Ttigkeiten
zurck? Wir haben doch Grund zu glauben, da es zu keiner anderen
Lebenszeit aufnahms- und reproduktionsfhiger ist als gerade in den
Jahren der Kindheit(36).

  (36) Eines der mit den frhesten Kindheitserinnerungen verknpften
  Probleme habe ich in einem Aufsatze ber Deckerinnerungen
  (Monatsschrift fr Psychiatrie und Neurologie, VI, 1899) zu lsen
  versucht.

Auf der anderen Seite mssen wir annehmen oder knnen uns durch
psychologische Untersuchung an anderen davon berzeugen, da die
nmlichen Eindrcke, die wir vergessen haben, nichtsdestoweniger die
tiefsten Spuren in unserem Seelenleben hinterlassen haben und bestimmend
fr unsere ganze sptere Entwicklung geworden sind. Es kann sich also um
gar keinen wirklichen Untergang der Kindheitseindrcke handeln, sondern
um eine Amnesie, hnlich jener, die wir bei den Neurotikern fr sptere
Erlebnisse beobachten, und deren Wesen in einer bloen Abhaltung von
Bewutsein (Verdrngung) besteht. Aber welche Krfte bringen diese
Verdrngung der Kindheitseindrcke zustande? Wer dieses Rtsel lste,
htte wohl auch die hysterische Amnesie aufgeklrt.

Immerhin wollen wir nicht versumen hervorzuheben, da die Existenz der
infantilen Amnesie einen neuen Vergleichspunkt zwischen dem
Seelenzustand des Kindes und dem des Psychoneurotikers schafft. Einem
anderen sind wir schon frher begegnet, als sich uns die Formel
aufdrngte, da die Sexualitt der Psychoneurotiker den kindlichen
Standpunkt bewahrt hat oder auf ihn zurckgefhrt worden ist. Wenn nicht
am Ende die infantile Amnesie selbst wieder mit den sexuellen Regungen
der Kindheit in Beziehung zu bringen ist!

Es ist brigens mehr als ein bloes Spiel des Witzes, die infantile
Amnesie mit der hysterischen zu verknpfen. Die hysterische Amnesie, die
der Verdrngung dient, wird nur durch den Umstand erklrlich, da das
Individuum bereits einen Schatz von Erinnerungsspuren besitzt, welche
der bewuten Verfgung entzogen sind, und die nun mit assoziativer
Bindung das an sich reien, worauf vom Bewuten her die abstoenden
Krfte der Verdrngung wirken(37). Ohne infantile Amnesie, kann man
sagen, gbe es keine hysterische Amnesie.

  (37) Man kann den Mechanismus der Verdrngung nicht verstehen, wenn
  man nur einen dieser beiden zusammenwirkenden Vorgnge bercksichtigt.
  Zum Vergleich mge die Art dienen, wie der Tourist auf die Spitze der
  groen Pyramide von _Gizeh_ befrdert wird; er wird von der einen
  Seite gestoen, von der anderen Seite gezogen.

Ich meine nun, da die infantile Amnesie, die fr jeden einzelnen seine
Kindheit zu einer gleichsam _prhistorischen_ Vorzeit macht und ihm die
Anfnge seines eigenen Geschlechtslebens verdeckt, die Schuld daran
trgt, wenn man der kindlichen Lebensperiode einen Wert fr die
Entwicklung des Sexuallebens im allgemeinen nicht zutraut. Ein einzelner
Beobachter kann die so entstandene Lcke in unserem Wissen nicht
ausfllen. Ich habe bereits 1896 die Bedeutung der Kinderjahre fr die
Entstehung gewisser wichtiger, vom Geschlechtsleben abhngiger Phnomene
betont und seither nicht aufgehrt, das infantile Moment fr die
Sexualitt in den Vordergrund zu rcken.


Die sexuelle Latenzperiode der Kindheit und ihre Durchbrechungen.

Die auerordentlich hufigen Befunde von angeblich regelwidrigen und
ausnahmsartigen sexuellen Regungen in der Kindheit sowie die Aufdeckung
der bis dahin unbewuten Kindheitserinnerungen der Neurotiker gestatten
etwa folgendes Bild von dem sexuellen Verhalten der Kinderzeit zu
entwerfen(38):

Es scheint gewi, da das Neugeborene Keime von sexuellen Regungen
mitbringt, die sich eine Zeitlang weiter entwickeln, dann aber einer
fortschreitenden Unterdrckung unterliegen, welche selbst wieder durch
regelrechte Vorste der Sexualentwicklung durchbrochen und durch
individuelle Eigenheiten aufgehalten werden kann. ber die
Gesetzmigkeit und die Periodizitt dieses oszillierenden
Entwicklungsganges ist nichts Gesichertes bekannt. Es scheint aber, da
das Sexualleben der Kinder sich zumeist um das dritte oder vierte
Lebensjahr in einer der Beobachtung zugnglichen Form zum Ausdruck
bringt(39).

  (38) Letzteres Material wird durch die berechtigte Erwartung
  verwertbar, da die Kinderjahre der spteren Neurotiker hierin nicht
  wesentlich, nur in Hinsicht der Intensitt und Deutlichkeit, von denen
  spter Gesunder abweichen drften.

  (39) Eine mgliche anatomische Analogie zu dem von mir behaupteten
  Verhalten der infantilen Sexualfunktion wre durch den Fund von
  _Bayer_ (Deutsches Archiv fr klinische Medizin, Bd.73) gegeben, da
  die inneren Geschlechtsorgane (Uterus) Neugeborener in der Regel
  grer sind als die lterer Kinder. Indes ist die Auffassung dieser
  durch _Halban_ auch fr andere Teile des Genitalapparates
  festgestellten Involution nach der Geburt nicht sichergestellt. Nach
  _Halban_ (Zeitschrift fr Geburtshilfe und Gynkologie, LIII, 1904)
  ist dieser Rckbildungsvorgang nach wenigen Wochen des Extrauterinlebens
  abgelaufen.

  Die Autoren, welche den interstitiellen Anteil der Keimdrse als das
  geschlechtsbestimmende Organ betrachten, sind durch anatomische
  Untersuchungen dazu gefhrt worden, ihrerseits von infantiler
  Sexualitt und sexueller Latenzzeit zu reden. Ich zitiere aus dem
  S.13 erwhnten Buche von _Lipschtz_ ber die Puberttsdrse:
  ....Man wird den Tatsachen viel eher gerecht, wenn man sagt, da
  die Ausreifung der Geschlechtsmerkmale, wie sie sich in der Pubertt
  vollzieht, nur auf einem um diese Zeit stark beschleunigten Ablauf von
  Vorgngen beruht, die schon viel frher begonnen haben -- unserer
  Auffassung nach schon im embryonalen Leben. (S.169.) -- _Was man
  bisher als Pubertt schlechtweg bezeichnet hat, ist wahrscheinlich nur
  eine zweite groe Phase der Pubertt, die um die Mitte des zweiten
  Jahrzehntes einsetzt_..... Das Kindesalter, von der Geburt bis zu
  Beginn der zweiten groen Phase gerechnet, knnte man als die
  _intermedire Phase der Pubertt_ bezeichnen. (S.170.)

  Diese in einem Referat von _Ferenczi_ (Int. Zeitschr. f.
  PsychoanalyseVI, 1920) hervorgehobene bereinstimmung anatomischer
  Befunde mit der psychologischen Beobachtung wird durch die eine Angabe
  gestrt, da der _erste Gipfelpunkt_ der Entwicklung des
  Sexualorgans in die frhe Embryonalzeit fllt, whrend die kindliche
  Frhblte des Sexuallebens in das dritte und vierte Lebensjahr zu
  verlegen ist. Die volle Gleichzeitigkeit der anatomischen Ausbildung
  mit der psychischen Entwicklung ist natrlich nicht erforderlich. Die
  betreffenden Untersuchungen sind an der Keimdrse des Menschen gemacht
  worden. Da den Tieren eine Latenzzeit im psychologischen Sinne nicht
  zukommt, lge viel daran zu wissen, ob die anatomischen Befunde, auf
  deren Grund die Autoren zwei Gipfelpunkte der Sexualentwicklung
  annehmen, auch an anderen hheren Tieren nachweisbar sind.

                   *       *       *       *       *

Die Sexualhemmungen.

Whrend dieser Periode totaler oder blo partieller Latenz werden die
seelischen Mchte aufgebaut, die spter dem Sexualtrieb als Hemmnisse in
den Weg treten und gleich wie Dmme seine Richtung beengen werden (der
Ekel, das Schamgefhl, die sthetischen und moralischen
Idealanforderungen). Man gewinnt beim Kulturkinde den Eindruck, da der
Aufbau dieser Dmme ein Werk der Erziehung ist, und sicherlich tut die
Erziehung viel dazu. In Wirklichkeit ist diese Entwicklung eine
organisch bedingte, hereditr fixierte und kann sich gelegentlich ganz
ohne Mithilfe der Erziehung herstellen. Die Erziehung verbleibt durchaus
in dem ihr angewiesenen Machtbereich, wenn sie sich darauf einschrnkt,
das organisch Vorgezeichnete nachzuziehen und es etwas sauberer und
tiefer auszuprgen.

                   *       *       *       *       *

Reaktionsbildung und Sublimierung.

Mit welchen Mitteln werden diese, fr die sptere persnliche Kultur und
Normalitt so bedeutsamen Konstruktionen aufgefhrt? Wahrscheinlich auf
Kosten der infantilen Sexualregungen selbst, deren Zuflu also auch in
dieser Latenzperiode nicht aufgehrt hat, deren Energie aber -- ganz
oder zum grten Teil -- von der sexuellen Verwendung abgeleitet und
anderen Zwecken zugefhrt wird. Die Kulturhistoriker scheinen einig in
der Annahme, da durch solche Ablenkung sexueller Triebkrfte von
sexuellen Zielen und Hinlenkung auf neue Ziele, ein Proze, der den
Namen _Sublimierung_ verdient, mchtige Komponenten fr alle kulturellen
Leistungen gewonnen werden. Wir wrden also hinzufgen, da der nmliche
Proze in der Entwicklung des einzelnen Individuums spielt und seinen
Beginn in die sexuelle Latenzperiode der Kindheit verlegen(40).

  (40) Die Bezeichnung sexuelle Latenzperiode entlehne ich ebenfalls
  von W. _Flie_.

Auch ber den Mechanismus einer solchen Sublimierung kann man eine
Vermutung wagen. Die sexuellen Regungen dieser Kinderjahre wren
einerseits unverwendbar, da die Fortpflanzungsfunktionen aufgeschoben
sind, was den Hauptcharakter der Latenzperiode ausmacht, anderseits
wren sie an sich pervers, d.h. von erogenen Zonen ausgehend und von
Trieben getragen, welche bei der Entwicklungsrichtung des Individuums
nur Unlustempfindungen hervorrufen knnten. Sie rufen daher seelische
Gegenkrfte (Reaktionsregungen) wach, die zur wirksamen Unterdrckung
solcher Unlust die erwhnten psychischen Dmme: Ekel, Scham und Moral,
aufbauen(41).

  (41) In dem hier besprochenen Falle geht die Sublimierung sexueller
  Triebkrfte auf dem Wege der Reaktionsbildung vor sich. Im allgemeinen
  darf man aber Sublimierung und Reaktionsbildung als zwei verschiedene
  Prozesse begrifflich voneinander scheiden. Es kann auch Sublimierungen
  durch andere und einfachere Mechanismen geben.

                   *       *       *       *       *

Durchbrche der Latenzzeit.

Ohne uns ber die hypothetische Natur und die mangelhafte Klarheit
unserer Einsichten in die Vorgnge der kindlichen Latenz- oder
Aufschubsperiode zu tuschen, wollen wir zur Wirklichkeit zurckkehren,
um anzugeben, da solche Verwendung der infantilen Sexualitt ein
Erziehungsideal darstellt, von dem die Entwicklung der einzelnen meist
an irgend einer Stelle und oft in erheblichem Mae abweicht. Es bricht
zeitweise ein Stck Sexualuerung durch, das sich der Sublimierung
entzogen hat, oder es erhlt sich eine sexuelle Bettigung durch die
ganze Dauer der Latenzperiode bis zum verstrkten Hervorbrechen des
Sexualtriebes in der Pubertt. Die Erzieher benehmen sich, insofern sie
berhaupt der Kindersexualitt Aufmerksamkeit schenken, genau so, als
teilten sie unsere Ansichten ber die Bildung der moralischen
Abwehrmchte auf Kosten der Sexualitt und als wten sie, da sexuelle
Bettigung das Kind unerziehbar macht, denn sie verfolgen alle sexuellen
uerungen des Kindes als Laster, ohne viel gegen sie ausrichten zu
knnen. Wir aber haben allen Grund, diesen von der Erziehung
gefrchteten Phnomenen Interesse zuzuwenden, denn wir erwarten von
ihnen den Aufschlu ber die ursprngliche Gestaltung des
Geschlechtstriebes.


Die uerungen der infantilen Sexualitt.

Aus spter zu ersehenden Motiven wollen wir unter den infantilen
Sexualuerungen das _Ludeln_ (Wonnesaugen) zum Muster nehmen, dem der
ungarische Kinderarzt _Lindner_ eine ausgezeichnete Studie gewidmet
hat(42).

  (42) Im Jahrbuch fr Kinderheilkunde, N. F., XIV. 1879.

                   *       *       *       *       *

Das Lutschen.

Das _Ludeln_ und _Lutschen_, das schon beim Sugling auftritt und bis in
die Jahre der Reife fortgesetzt werden oder sich durchs ganze Leben
erhalten kann, besteht in einer rhythmisch wiederholten saugenden
Berhrung mit dem Munde (den Lippen), wobei der Zweck der
Nahrungsaufnahme ausgeschlossen ist. Ein Teil der Lippe selbst, die
Zunge, eine beliebige andere erreichbare Hautstelle -- selbst die groe
Zehe--, werden zum Objekt genommen, an dem das Saugen ausgefhrt wird.
Ein dabei auftretender Greiftrieb uert sich etwa durch gleichzeitiges
rhythmisches Zupfen an Ohrlppchen und kann sich eines Teiles einer
anderen Person (meist ihres Ohres) zu gleichem Zwecke bemchtigen. Das
Wonnesaugen ist mit voller Aufzehrung der Aufmerksamkeit verbunden,
fhrt entweder zum Einschlafen oder selbst zu einer motorischen Reaktion
in einer Art von Orgasmus(43). Nicht selten kombiniert sich mit dem
Wonnesaugen die reibende Berhrung gewisser empfindlicher Krperstellen,
der Brust, der ueren Genitalien. Auf diesem Wege gelangen viele Kinder
vom Ludeln zur Masturbation.

  (43) Hier erweist sich bereits, was frs ganze Leben Gltigkeit hat,
  da sexuelle Befriedigung das beste Schlafmittel ist. Die meisten
  Flle von nervser Schlaflosigkeit gehen auf sexuelle Unbefriedigung
  zurck. Es ist bekannt, da gewissenlose Kinderfrauen die schreienden
  Kinder durch Streichen an den Genitalien einschlfern.

_Lindner_ selbst hat die sexuelle Natur dieses Tuns klar erkannt und
rckhaltlos betont. In der Kinderstube wird das Ludeln hufig den
anderen sexuellen Unarten des Kindes gleichgestellt. Von seiten
zahlreicher Kinder- und Nervenrzte ist ein sehr energischer Einspruch
gegen diese Auffassung erhoben worden, der zum Teil gewi auf der
Verwechslung von sexuell und genital beruht. Dieser Widerspruch
wirft die schwierige und nicht abzuweisende Frage auf, an welchem
allgemeinen Charakter wir die sexuellen uerungen des Kindes erkennen
wollen. Ich meine, da der Zusammenhang der Erscheinungen, in welchen
wir durch die psychoanalytische Untersuchung Einsicht gewonnen haben,
uns berechtigt, das Ludeln als eine sexuelle uerung in Anspruch zu
nehmen und gerade an ihm die wesentlichen Zge der infantilen
Sexualbettigung zu studieren(44).

  (44) Ein Dr. _Galant_ hat 1919 im Neurol. Zentralbl. Nr.20 unter dem
  Titel Das Lutscherli das Bekenntnis eines erwachsenen Mdchens
  verffentlicht, welches diese kindliche Sexualbettigung nicht
  aufgegeben hat und die Befriedigung durch das Lutschen als vllig
  analog einer sexuellen Befriedigung, insbesondere durch den Ku des
  Geliebten, schildert.

  Nicht alle Ksse gleichen einem Lutscherli: nein, nein, lange nicht
  alle! Man kann nicht schreiben, wie wohlig es einem durch den ganzen
  Krper beim Lutschen geht; man ist einfach weg von dieser Welt, man
  ist ganz zufrieden und wunschlos glcklich. Es ist ein wunderbares
  Gefhl; man verlangt nichts als Ruhe, Ruhe, die gar nicht unterbrochen
  werden soll. Es ist einfach unsagbar schn: man sprt keinen Schmerz,
  kein Weh und, ach, man ist entrckt in eine andere Welt.

                   *       *       *       *       *

Autoerotismus.

Wir haben die Verpflichtung, dieses Beispiel eingehend zu wrdigen.
Heben wir als den aufflligsten Charakter dieser Sexualbettigung
hervor, da der Trieb nicht auf andere Personen gerichtet ist; er
befriedigt sich am eigenen Krper, er ist _autoerotisch_, um es mit
einem glcklichen, von _Havelock Ellis_ eingefhrten Namen zu sagen(45).

  (45) H. _Ellis_ hat den Terminus autoerotisch allerdings etwas
  anders bestimmt, im Sinne einer Erregung, die nicht von auen
  hervorgerufen wird, sondern im Innern selbst entspringt. Fr die
  Psychoanalyse ist nicht die Genese, sondern die Beziehung zu einem
  Objekt das Wesentliche.

Es ist ferner deutlich, da die Handlung des lutschenden Kindes durch
das Suchen nach einer -- bereits erlebten und nun erinnerten -- Lust
bestimmt wird. Durch das rhythmische Saugen an einer Haut- oder
Schleimhautstelle findet es dann im einfachsten Falle die Befriedigung.
Es ist auch leicht zu erraten, bei welchen Anlssen das Kind die ersten
Erfahrungen dieser Lust gemacht hat, die es nun zu erneuern strebt. Die
erste und lebenswichtigste Ttigkeit des Kindes, das Saugen an der
Mutterbrust (oder an ihren Surrogaten), mu es bereits mit dieser Lust
vertraut gemacht haben. Wir wrden sagen, die Lippen des Kindes haben
sich benommen wie eine _erogene Zone_, und die Reizung durch den warmen
Milchstrom war wohl die Ursache der Lustempfindung. Anfangs war wohl die
Befriedigung der erogenen Zone mit der Befriedigung des
Nahrungsbedrfnisses vergesellschaftet. Die Sexualbettigung lehnt sich
zunchst an eine der zur Lebenserhaltung dienenden Funktionen an und
macht sich erst spter von ihr selbstndig. Wer ein Kind gesttigt von
der Brust zurcksinken sieht, mit gerteten Wangen und seligem Lcheln
in Schlaf verfallen, der wird sich sagen mssen, da dieses Bild auch
fr den Ausdruck der sexuellen Befriedigung im spteren Leben magebend
bleibt. Nun wird das Bedrfnis nach Wiederholung der sexuellen
Befriedigung von dem Bedrfnis nach Nahrungsaufnahme getrennt, eine
Trennung, die unvermeidlich ist, wenn die Zhne erscheinen und die
Nahrung nicht mehr ausschlielich eingesogen, sondern gekaut wird. Eines
fremden Objektes bedient sich das Kind zum Saugen nicht, sondern lieber
einer eigenen Hautstelle, weil diese ihm bequemer ist, weil es sich so
von der Auenwelt unabhngig macht, die es zu beherrschen noch nicht
vermag, und weil es sich solcher Art gleichsam eine zweite, wenngleich
minderwertige, erogene Zone schafft. Die Minderwertigkeit dieser zweiten
Stelle wird es spter mit dazu veranlassen, die gleichartigen Teile, die
Lippen, einer anderen Person zu suchen. (Schade, da ich mich nicht
kssen kann, mchte man ihm unterlegen.)

Nicht alle Kinder lutschen. Es ist anzunehmen, da jene Kinder dazu
gelangen, bei denen die erogene Bedeutung der Lippenzone konstitutionell
verstrkt ist. Bleibt diese erhalten, so werden diese Kinder als
Erwachsene Kufeinschmecker werden, zu perversen Kssen neigen oder als
Mnner ein krftiges Motiv zum Trinken und Rauchen mitbringen. Kommt
aber die Verdrngung hinzu, so werden sie Ekel vor dem Essen empfinden
und hysterisches Erbrechen produzieren. Kraft der Gemeinsamkeit der
Lippenzone wird die Verdrngung auf den Nahrungstrieb bergreifen. Viele
meiner Patientinnen mit Estrungen, hysterischem Globus, Schnren im
Hals und Erbrechen waren in den Kinderjahren energische Ludlerinnen
gewesen.

Am Lutschen oder Wonnesaugen haben wir bereits die drei wesentlichen
Charaktere einer infantilen Sexualuerung bemerken knnen. Dieselbe
entsteht in _Anlehnung_ an eine der lebenswichtigen Krperfunktionen,
sie kennt noch kein Sexualobjekt, ist _autoerotisch_, und ihr Sexualziel
steht unter der Herrschaft einer _erogenen Zone_. Nehmen wir vorweg, da
diese Charaktere auch fr die meisten anderen Bettigungen der
infantilen Sexualtriebe gelten.


Das Sexualziel der infantilen Sexualitt.

Charaktere erogener Zonen.

Aus dem Beispiel des Ludelns ist zur Kennzeichnung einer erogenen Zone
noch mancherlei zu entnehmen. Es ist eine Haut- oder Schleimhautstelle,
an der Reizungen von gewisser Art eine Lustempfindung von bestimmter
Qualitt hervorrufen. Es ist kein Zweifel, da die lusterzeugenden Reize
an besondere Bedingungen gebunden sind; wir kennen dieselben nicht. Der
rhythmische Charakter mu unter ihnen eine Rolle spielen, die Analogie
mit dem Kitzelreiz drngt sich auf. Minder ausgemacht scheint es, ob man
den Charakter der durch den Reiz hervorgerufenen Lustempfindung als
einen besonderen bezeichnen darf, wo in dieser Besonderheit eben das
sexuelle Moment enthalten wre. In Sachen der Lust und Unlust tappt die
Psychologie noch so sehr im Dunkeln, da die vorsichtigste Annahme die
empfehlenswerteste sein wird. Wir werden spter vielleicht auf Grnde
stoen, welche die Besonderheitsqualitt der Lustempfindung zu
untersttzen scheinen.

Die erogene Eigenschaft kann einzelnen Krperstellen in ausgezeichneter
Weise anhaften. Es gibt prdestinierte erogene Zonen, wie das Beispiel
des Ludelns zeigt. Dasselbe Beispiel lehrt aber auch, da jede beliebige
andere Haut- oder Schleimhautstelle die Dienste einer erogenen Zone auf
sich nehmen kann, also eine gewisse Eignung dazu mitbringen mu. Die
Qualitt des Reizes hat also mit der Erzeugung der Lustempfindung mehr
zu tun als die Beschaffenheit der Krperstelle. Das ludelnde Kind sucht
an seinem Krper herum und whlt sich irgend eine Stelle zum Wonnesaugen
aus, die ihm dann durch Gewhnung die bevorzugte wird; wenn es zufllig
dabei auf eine der prdestinierten Stellen stt (Brustwarze,
Genitalien), so verbleibt freilich dieser der Vorzug. Die ganz analoge
Verschiebbarkeit kehrt dann in der Symptomatologie der Hysterie wieder.
Bei dieser Neurose betrifft die Verdrngung die eigentlichen
Genitalzonen am allermeisten, und diese geben ihre Reizbarkeit an die
brigen, sonst im reifen Leben zurckgesetzten, erogenen Zonen ab, die
sich dann ganz wie Genitalien gebrden. Aber auerdem kann ganz wie beim
Ludeln jede beliebige andere Krperstelle mit der Erregbarkeit der
Genitalien ausgestattet und zur erogenen Zone erhoben werden. Erogene
und hysterogene Zonen zeigen die nmlichen Charaktere(46).

  (46) Weitere berlegungen und die Verwertung anderer Beobachtungen
  fhren dazu, die Eigenschaft der Erogeneitt allen Krperstellen und
  inneren Organen zuzusprechen. Vgl. hiezu weiter unten ber den
  Narzimus.

                   *       *       *       *       *

Infantiles Sexualziel.

Das Sexualziel des infantilen Triebes besteht darin, die Befriedigung
durch die geeignete Reizung der so oder so gewhlten erogenen Zone
hervorzurufen. Diese Befriedigung mu vorher erlebt worden sein, um ein
Bedrfnis nach ihrer Wiederholung zurckzulassen, und wir drfen darauf
vorbereitet sein, da die Natur sichere Vorrichtungen getroffen hat, um
dieses Erleben der Befriedigung nicht dem Zufalle zu berlassen(47). Die
Veranstaltung, welche diesen Zweck fr die Lippenzone erfllt, haben wir
bereits kennen gelernt, es ist die gleichzeitige Verknpfung dieser
Krperstelle mit der Nahrungsaufnahme. Andere hnliche Vorrichtungen
werden uns noch als Quellen der Sexualitt begegnen. Der Zustand des
Bedrfnisses nach Wiederholung der Befriedigung verrt sich durch
zweierlei: durch ein eigentmliches Spannungsgefhl, welches an sich
mehr vom Charakter der Unlust hat, und durch eine _zentral bedingte_, in
die peripherische erogene Zone projizierte Juck- oder Reizempfindung.
Man kann das Sexualziel darum auch so formulieren, es kme darauf an,
die projizierte Reizempfindung an der erogenen Zone durch denjenigen
ueren Reiz zu ersetzen, welcher die Reizempfindung aufhebt, indem er
die Empfindung der Befriedigung hervorruft. Dieser uere Reiz wird
zumeist in einer Manipulation bestehen, die analog dem Saugen ist.

  (47) Man kann es in biologischen Errterungen kaum vermeiden, sich der
  teleologischen Denkweise zu bedienen, obwohl man wei, da man im
  einzelnen Falle gegen den Irrtum nicht gesichert ist.

Es ist nur im vollen Einklang mit unserem physiologischen Wissen, wenn
es vorkommt, da das Bedrfnis auch peripherisch, durch eine wirkliche
Vernderung an der erogenen Zone geweckt wird. Es wirkt nur einigermaen
befremdend, da der eine Reiz zu seiner Aufhebung nach einem zweiten, an
derselben Stelle angebrachten, zu verlangen scheint.


Die masturbatorischen Sexualuerungen(48).

  (48) Vgl. hiezu die sehr reichhaltige, aber meist in den
  Gesichtspunkten unorientierte Literatur ber Onanie, z.B. _Rohleder_,
  Die Masturbation, 1899, ferner das II.Heft der Wiener Diskussionen
  Die Onanie, Wiesbaden 1912.

Es kann uns nur hchst erfreulich sein zu finden, da wir von der
Sexualbettigung des Kindes nicht mehr viel Wichtiges zu lernen haben,
nachdem uns der Trieb von einer einzigen erogenen Zone her verstndlich
geworden ist. Die deutlichsten Unterschiede beziehen sich auf die zur
Befriedigung notwendige Vornahme, die fr die Lippenzone im Saugen
bestand und die je nach Lage und Beschaffenheit der anderen Zonen durch
andere Muskelaktionen ersetzt werden mu.

                   *       *       *       *       *

Bettigung der Afterzone.

Die Afterzone ist hnlich wie die Lippenzone durch ihre Lage geeignet,
eine _Anlehnung_ der Sexualitt an andere Krperfunktionen zu
vermitteln. Man mu sich die erogene Bedeutung dieser Krperstelle als
ursprnglich sehr gro vorstellen. Durch die Psychoanalyse erfhrt man
dann nicht ohne Verwunderung, welche Umwandlungen mit den von hier
ausgehenden sexuellen Erregungen normalerweise vorgenommen werden, und
wie hufig der Zone noch ein betrchtliches Stck genitaler Reizbarkeit
frs Leben verbleibt(49). Die so hufigen Darmstrungen der Kinderjahre
sorgen dafr, da es der Zone an intensiven Erregungen nicht fehle.
Darmkatarrhe im zartesten Alter machen nervs, wie man sich ausdrckt;
bei spterer neurotischer Erkrankung nehmen sie einen bestimmenden
Einflu auf den symptomatischen Ausdruck der Neurose, welcher sie die
ganze Summe von Darmstrungen zur Verfgung stellen. Mit Hinblick auf
die wenigstens in Umwandlung erhalten gebliebene erogene Bedeutung der
Darmausgangszone darf man auch die hmorrhoidalen Einflsse nicht
verlachen, denen die ltere Medizin fr die Erklrung neurotischer
Zustnde soviel Gewicht beigelegt hat.

  (49) Vgl. den Aufsatz Charakter und Analerotik in der Sammlung
  kleiner Schriften zur Neurosenlehre, zweite Folge 1909. Ferner: ber
  Triebumsetzungen insbesondere der Analerotik, Sammlung usw., vierte
  Folge 1918.

Kinder, welche die erogene Reizbarkeit der Afterzone ausntzen, verraten
sich dadurch, da sie die Stuhlmassen zurckhalten, bis dieselben durch
ihre Anhufung heftige Muskelkontraktionen anregen und beim Durchgang
durch den After einen starken Reiz auf die Schleimhaut ausben knnen.
Dabei mu wohl neben der schmerzhaften die Wollustempfindung zustande
kommen. Es ist eines der besten Vorzeichen spterer Absonderlichkeit
oder Nervositt, wenn ein Sugling sich hartnckig weigert, den Darm zu
entleeren, wenn er auf den Topf gesetzt wird, also wenn es dem Pfleger
beliebt, sondern diese Funktion seinem eigenen Belieben vorbehlt. Es
kommt ihm natrlich nicht darauf an, sein Lager schmutzig zu machen; er
sorgt nur, da ihm der Lustnebengewinn bei der Defkation nicht entgehe.
Die Erzieher ahnen wiederum das Richtige, wenn sie solche Kinder, die
sich diese Verrichtungen aufheben, schlimm nennen.

Der Darminhalt, der als Reizkrper fr eine sexuell empfindliche
Schleimhautflche sich wie der Vorlufer eines anderen Organs benimmt,
welches erst nach der Kindheitsphase in Aktion treten soll, hat fr den
Sugling noch andere wichtige Bedeutungen. Er wird offenbar wie ein
zugehriger Krperteil behandelt, stellt das erste Geschenk dar, durch
dessen Entuerung die Gefgigkeit, durch dessen Verweigerung der Trotz
des kleinen Wesens gegen seine Umgebung ausgedrckt werden kann. Vom
Geschenk aus gewinnt er dann spter die Bedeutung des Kindes, das
nach einer der infantilen Sexualtheorien durch Essen erworben und durch
den Darm geboren wird.

Die Zurckhaltung der Fkalmassen, die also anfangs eine absichtliche
ist, um sie zur gleichsam masturbatorischen Reizung der Afterzone zu
bentzen, oder in der Relation zu den Pflegepersonen zu verwenden, ist
brigens eine der Wurzeln der bei den Neuropathen so hufigen
Obstipation. Die ganze Bedeutung der Afterzone spiegelt sich dann in der
Tatsache, da man nur wenige Neurotiker findet, die nicht ihre
besonderen skatologischen Gebruche, Zeremonien u.dgl. htten, die von
ihnen sorgfltig geheim gehalten werden(50).

  (50) In einer Arbeit, welche unser Verstndnis fr die Bedeutung der
  Analerotik auerordentlich vertieft (Anal und Sexual, ImagoIV.,
  1916), hat _Lou Andreas-Salom_ ausgefhrt, da die Geschichte des
  ersten Verbots, welches an das Kind herantritt, des Verbots aus der
  Analttigkeit und ihren Produkten Lust zu gewinnen, fr seine ganze
  Entwicklung magebend wird. Das kleine Wesen mu bei diesem Anlasse
  zuerst die seinen Triebregungen feindliche Umwelt ahnen, sein eigenes
  Wesen von diesem Fremden sondern lernen, und dann die erste
  Verdrngung an seinen Lustmglichkeiten vollziehen. Das Anale
  bleibt von da an das Symbol fr alles zu Verwerfende, vom Leben
  Abzuscheidende. Der spter geforderten reinlichen Scheidung von Anal-
  und Genitalvorgngen widersetzen sich die nahen anatomischen und
  funktionellen Analogien und Beziehungen zwischen beiden. Der
  Genitalapparat bleibt der Kloake benachbart, ist ihr beim Weibe sogar
  nur abgemietet.

Echte masturbatorische Reizung der Afterzone mit Hilfe des Fingers,
durch zentral bedingtes oder peripherisch unterhaltenes Jucken
hervorgerufen, ist bei lteren Kindern keineswegs selten.

                   *       *       *       *       *

Bettigung der Genitalzonen.

Unter den erogenen Zonen des kindlichen Krpers befindet sich eine, die
gewi nicht die erste Rolle spielt, auch nicht die Trgerin der ltesten
sexuellen Regungen sein kann, die aber zu groen Dingen in der Zukunft
bestimmt ist. Sie ist beim mnnlichen wie beim weiblichen Kind in
Beziehung zur Harnentleerung gebracht (Eichel, Klitoris) und beim
ersteren in einen Schleimhautsack einbezogen, so da es ihr an Reizungen
durch Sekrete, welche die sexuelle Erregung frhzeitig anfachen knnen,
nicht fehlen kann. Die sexuellen Bettigungen dieser erogenen Zone, die
den wirklichen Geschlechtsteilen angehrt, sind ja der Beginn des spter
normalen Geschlechtslebens.

Durch die anatomische Lage, die berstrmung mit Sekreten, durch die
Waschungen und Reibungen der Krperpflege und durch gewisse akzidentelle
Erregungen (wie die Wanderungen von Eingeweidewrmern bei Mdchen) wird
es unvermeidlich, da die Lustempfindung, welche diese Krperstelle zu
ergeben fhig ist, sich dem Kinde schon im Suglingsalter bemerkbar
mache und ein Bedrfnis nach ihrer Wiederholung erwecke. berblickt man
die Summe der vorliegenden Einrichtungen und bedenkt, da die Maregeln
zur Reinhaltung kaum anders wirken knnen als die Verunreinigung, so
wird man sich kaum der Auffassung entziehen knnen, da durch die
Suglingsonanie, der kaum ein Individuum entgeht, das knftige Primat
dieser erogenen Zone fr die Geschlechtsttigkeit festgelegt wird. Die
den Reiz beseitigende und die Befriedigung auslsende Aktion besteht in
einer reibenden Berhrung mit der Hand oder in einem gewi reflektorisch
vorgebildeten Druck durch die zusammenschlieenden Oberschenkel.
Letztere Vornahme ist die beim Mdchen weitaus hufigere. Beim Knaben
weist die Bevorzugung der Hand bereits darauf hin, welchen wichtigen
Beitrag zur mnnlichen Sexualttigkeit der Bemchtigungstrieb einst
leisten wird(51).

  (51) Ungewhnliche Techniken bei der Ausfhrung der Onanie in spteren
  Jahren scheinen auf den Einflu eines berwundenen Onanieverbots
  hinzuweisen.

Es wird der Klarheit nur frderlich sein, wenn ich angebe, da man drei
Phasen der infantilen Masturbation zu unterscheiden hat. Die erste von
ihnen gehrt der Suglingszeit an, die zweite der kurzen Bltezeit der
Sexualbettigung um das vierte Lebensjahr, erst die dritte entspricht
der oft ausschlielich gewrdigten Puberttsonanie.

                   *       *       *       *       *

Die zweite Phase der kindlichen Masturbation.

Die Suglingsonanie scheint nach kurzer Zeit zu schwinden, doch kann mit
der ununterbrochenen Fortsetzung derselben bis zur Pubertt bereits die
erste groe Abweichung von der fr den Kulturmenschen anzustrebenden
Entwicklung gegeben sein. Irgend einmal in den Kinderjahren nach der
Suglingszeit, gewhnlich vor dem vierten Jahr, pflegt der Sexualtrieb
dieser Genitalzone wieder zu erwachen und dann wiederum eine Zeitlang
bis zu einer neuen Unterdrckung anzuhalten oder sich ohne Unterbrechung
fortzusetzen. Die mglichen Verhltnisse sind sehr mannigfaltig und
knnen nur durch genauere Zergliederung einzelner Flle erlutert
werden. Aber alle Einzelheiten dieser _zweiten_ infantilen
Sexualbettigung hinterlassen die tiefsten (unbewuten) Eindrucksspuren
im Gedchtnis der Person, bestimmen die Entwicklung ihres Charakters,
wenn sie gesund bleibt, und die Symptomatik ihrer Neurose, wenn sie nach
der Pubertt erkrankt(52). Im letzteren Falle findet man diese
Sexualperiode vergessen, die fr sie zeugenden bewuten Erinnerungen
verschoben; -- ich habe schon erwhnt, da ich auch die normale
infantile Amnesie mit dieser infantilen Sexualbettigung in Zusammenhang
bringen mchte. Durch psychoanalytische Erforschung gelingt es, das
Vergessene bewut zu machen und damit einen Zwang zu beseitigen, der vom
unbewuten psychischen Material ausgeht.

  (52) Warum das Schuldbewutsein der Neurotiker regelmig, wie noch
  krzlich _Bleuler_ anerkannt hat, an die erinnerte onanistische
  Bettigung, meist der Puberttszeit, anknpft, harrt noch einer
  erschpfenden analytischen Aufklrung. Der grbste und wichtigste
  Faktor dieser Bedingtheit drfte wohl die Tatsache sein, da die
  Onanie ja die Exekutive der ganzen infantilen Sexualitt darstellt und
  darum befhigt ist, das dieser anhaftende Schuldgefhl zu bernehmen.

                   *       *       *       *       *

Wiederkehr der Suglingsmasturbation.

Die Sexualerregung der Suglingszeit kehrt in den bezeichneten
Kinderjahren entweder als zentral bedingter Kitzelreiz wieder, der zur
onanistischen Befriedigung auffordert, oder als pollutionsartiger
Vorgang, der analog der Pollution der Reifezeit die Befriedigung ohne
Mithilfe einer Aktion erreicht. Letzterer Fall ist der bei Mdchen und
in der zweiten Hlfte der Kindheit hufigere, in seiner Bedingtheit
nicht ganz verstndlich und scheint oft -- nicht regelmig -- eine
Periode frherer aktiver Onanie zur Voraussetzung zu haben. Die
Symptomatik dieser Sexualuerungen ist armselig; fr den noch
unentwickelten Geschlechtsapparat gibt meist der Harnapparat, gleichsam
als sein Vormund, Zeichen. Die meisten sogenannten Blasenleiden dieser
Zeit sind sexuelle Strungen; die Enuresis nocturna entspricht, wo sie
nicht einen epileptischen Anfall darstellt, einer Pollution.

Fr das Wiederauftreten der sexuellen Ttigkeit sind innere Ursachen und
uere Anlsse magebend, die beide in neurotischen Erkrankungsfllen
aus der Gestaltung der Symptome zu erraten und durch die
psychoanalytische Forschung mit Sicherheit aufzudecken sind. Von den
inneren Ursachen wird spter die Rede sein; die zuflligen ueren
Anlsse gewinnen um diese Zeit eine groe und nachhaltige Bedeutung.
Voran steht der Einflu der Verfhrung, die das Kind vorzeitig als
Sexualobjekt behandelt und es unter eindrucksvollen Umstnden die
Befriedigung von den Genitalzonen kennen lehrt, welche sich onanistisch
zu erneuern es dann meist gezwungen bleibt. Solche Beeinflussung kann
von Erwachsenen oder anderen Kindern ausgehen; ich kann nicht
zugestehen, da ich in meiner Abhandlung 1896 ber die tiologie der
Hysterie die Hufigkeit oder die Bedeutung derselben berschtzt habe,
wenngleich ich damals noch nicht wute, da normal gebliebene Individuen
in ihren Kinderjahren die nmlichen Erlebnisse gehabt haben knnen, und
darum die Verfhrung hher wertete als die in der sexuellen Konstitution
und Entwicklung gegebenen Faktoren(53). Es ist selbstverstndlich, da
es der Verfhrung nicht bedarf, um das Sexualleben des Kindes zu wecken,
da solche Erweckung auch spontan aus inneren Ursachen vor sich gehen
kann.

  (53) _Havelock Ellis_ bringt in einem Anhang zu seiner Studie ber das
  Geschlechtsgefhl (1903) eine Anzahl autobiographischer Berichte von
  spter vorwiegend normal gebliebenen Personen ber ihre ersten
  geschlechtlichen Regungen in der Kindheit und die Anlsse derselben.
  Diese Berichte leiden natrlich an dem Mangel, da sie die durch
  infantile Amnesie verdeckte, prhistorische Vorzeit des
  Geschlechtslebens nicht enthalten, welche nur durch Psychoanalyse bei
  einem neurotisch gewordenen Individuum ergnzt werden kann. Dieselben
  sind aber trotzdem in mehr als einer Hinsicht wertvoll und
  Erkundigungen der gleichen Art haben mich zu der im Text erwhnten
  Modifikation meiner tiologischen Annahmen bestimmt.

                   *       *       *       *       *

Polymorph perverse Anlage.

Es ist lehrreich, da das Kind unter dem Einflu der Verfhrung
polymorph pervers werden, zu allen mglichen berschreitungen verleitet
werden kann. Dies zeigt, da es die Eignung dazu in seiner Anlage
mitbringt; die Ausfhrung findet darum geringe Widerstnde, weil die
seelischen Dmme gegen sexuelle Ausschreitungen, Scham, Ekel und Moral,
je nach dem Alter des Kindes noch nicht aufgefhrt oder erst in Bildung
begriffen sind. Das Kind verhlt sich hierin nicht anders als etwa das
unkultivierte Durchschnittsweib, bei dem die nmliche polymorph perverse
Veranlagung erhalten bleibt. Dieses kann unter den gewhnlichen
Bedingungen etwa sexuell normal bleiben, unter der Leitung eines
geschickten Verfhrers wird es an allen Perversionen Geschmack finden
und dieselben fr seine Sexualbettigung festhalten. Die nmliche
polymorphe, also infantile, Anlage beutet dann die Dirne fr ihre
Berufsttigkeit aus, und bei der riesigen Anzahl der prostituierten
Frauen und solcher, denen man die Eignung zur Prostitution zusprechen
mu, obwohl sie dem Berufe entgangen sind, wird es endgltig unmglich,
in der gleichmigen Anlage zu allen Perversionen nicht das allgemein
Menschliche und Ursprngliche zu erkennen.

                   *       *       *       *       *

Partialtriebe.

Im brigen hilft der Einflu der Verfhrung nicht dazu, die anfnglichen
Verhltnisse des Geschlechtstriebes zu enthllen, sondern verwirrt
unsere Einsicht in dieselben, indem er dem Kinde vorzeitig das
Sexualobjekt zufhrt, nach dem der infantile Sexualtrieb zunchst kein
Bedrfnis zeigt. Indes mssen wir zugestehen, da auch das kindliche
Sexualleben, bei allem berwiegen der Herrschaft erogener Zonen,
Komponenten zeigt, fr welche andere Personen als Sexualobjekte von
Anfang an in Betracht kommen. Solcher Art sind die in gewisser
Unabhngigkeit von erogenen Zonen auftretenden Triebe der Schau- und
Zeigelust und der Grausamkeit, die in ihre innigen Beziehungen zum
Genitalleben erst spter eintreten, aber schon in den Kinderjahren als
zunchst von der erogenen Sexualttigkeit gesonderte selbstndige
Strebungen bemerkbar werden. Das kleine Kind ist vor allem schamlos und
zeigt in gewissen frhen Jahren ein unzweideutiges Vergngen an der
Entblung seines Krpers mit besonderer Hervorhebung der
Geschlechtsteile. Das Gegenstck dieser als pervers geltenden Neigung,
die Neugierde, Genitalien anderer Personen zu sehen, wird wahrscheinlich
erst in etwas spteren Kinderjahren offenkundig, wenn das Hindernis des
Schamgefhles bereits eine gewisse Entwicklung erreicht hat. Unter dem
Einflu der Verfhrung kann die Schauperversion eine groe Bedeutung fr
das Sexualleben des Kindes erreichen. Doch mu ich aus meinen
Erforschungen der Kinderjahre Gesunder wie neurotisch Kranker den Schlu
ziehen, da der Schautrieb beim Kinde als spontane Sexualuerung
aufzutreten vermag. Kleine Kinder, deren Aufmerksamkeit einmal auf die
eigenen Genitalien -- meist masturbatorisch -- gelenkt ist, pflegen den
weiteren Fortschritt ohne fremdes Dazutun zu treffen und lebhaftes
Interesse fr die Genitalien ihrer Gespielen zu entwickeln. Da sich die
Gelegenheit, solche Neugierde zu befriedigen, meist nur bei der
Befriedigung der beiden exkrementellen Bedrfnisse ergibt, werden solche
Kinder zu Voyeurs, eifrigen Zuschauern bei der Harn- und Kotentleerung
anderer. Nach eingetretener Verdrngung dieser Neigungen bleibt die
Neugierde, fremde Genitalien (des eigenen oder des anderen Geschlechtes)
zu sehen, als qulender Drang bestehen, der bei manchen neurotischen
Fllen dann die strkste Triebkraft fr die Symptombildung abgibt.

In noch grerer Unabhngigkeit von der sonstigen, an erogene Zonen
gebundenen Sexualbettigung entwickelt sich beim Kinde die
Grausamkeitskomponente des Sexualtriebes. Grausamkeit liegt dem
kindlichen Charakter berhaupt nahe, da das Hemmnis, welches den
Bemchtigungstrieb vor dem Schmerz des anderen Halt machen lt, die
Fhigkeit zum Mitleiden, sich verhltnismig spt ausbildet. Die
grndliche psychologische Analyse dieses Triebes ist bekanntlich noch
nicht geglckt; wir drfen annehmen, da die grausame Regung vom
Bemchtigungstrieb herstammt und zu einer Zeit im Sexualleben auftritt,
da die Genitalien noch nicht ihre sptere Rolle aufgenommen haben. Sie
beherrscht dann eine Phase des Sexuallebens, die wir spter als
prgenitale Organisation beschreiben werden. Kinder, die sich durch
besondere Grausamkeit gegen Tiere und Gespielen auszeichnen, erwecken
gewhnlich mit Recht den Verdacht auf intensive und vorzeitige
Sexualbettigung von erogenen Zonen her, und bei gleichzeitiger
Frhreife aller sexuellen Triebe scheint die erogene Sexualbettigung
doch die primre zu sein. Der Wegfall der Mitleidsschranke bringt die
Gefahr mit sich, da diese in der Kindheit erfolgte Verknpfung der
grausamen mit den erogenen Trieben sich spterhin im Leben als unlsbar
erweise.

Als eine erogene Wurzel des passiven Triebes zur Grausamkeit (des
Masochismus) ist die schmerzhafte Reizung der Geshaut allen Erziehern
seit dem Selbstbekenntnis J.J. _Rousseaus_ bekannt. Sie haben hieraus
mit Recht die Forderung abgeleitet, da die krperliche Zchtigung, die
zumeist diese Krperpartie trifft, bei all den Kindern zu unterbleiben
habe, bei denen durch die spteren Anforderungen der Kulturerziehung die
Libido auf die kollateralen Wege gedrngt werden mag(54).

  (54) Zu den obenstehenden Behauptungen ber die infantile Sexualitt
  war ich im Jahre 1905 wesentlich durch die Resultate psychoanalytischer
  Erforschung von Erwachsenen berechtigt. Die direkte Beobachtung
  am Kinde konnte damals nicht im vollen Ausma bentzt werden
  und hatte nur vereinzelte Winke und wertvolle Besttigungen
  ergeben. Seither ist es gelungen, durch die Analyse einzelner Flle
  von nervser Erkrankung im zarten Kindesalter einen direkten Einblick
  in die infantile Psychosexualitt zu gewinnen (Jahrbuch fr
  psychoanalytische und psychopathologische Forschungen, Bd. I, 1909 und
  weitere). Ich kann mit Befriedigung darauf verweisen, da die direkte
  Beobachtung die Schlsse aus der Psychoanalyse voll bekrftigt und
  somit ein gutes Zeugnis fr die Verllichkeit dieser letzteren
  Forschungsmethode abgegeben hat.

  Die Analyse der Phobie eines 5jhrigen Knaben (Jahrbuch Bd.I) hat
  berdies manches Neue gelehrt, worauf man von der Psychoanalyse her
  nicht vorbereitet war, z.B. das Hinaufreichen einer sexuellen
  Symbolik, einer Darstellung des Sexuellen durch nicht sexuelle Objekte
  und Relationen bis in diese ersten Jahre der Sprachbeherrschung.
  Ferner wurde ich auf einen Mangel der obenstehenden Darstellung
  aufmerksam gemacht, welche im Interesse der bersichtlichkeit die
  begriffliche Scheidung der beiden Phasen von _Autoerotismus_ und
  _Objektliebe_ auch als eine zeitliche Trennung beschreibt. Man erfhrt
  aber aus den zitierten Analysen (sowie aus den Mitteilungen von _Bell_
  s.o.), da Kinder im Alter von 3 bis 5 Jahren einer sehr deutlichen,
  von starken Affekten begleiteten _Objektwahl_ fhig sind.


Die infantile Sexualforschung.

Der Witrieb.

Um dieselbe Zeit, da das Sexualleben des Kindes seine erste Blte
erreicht, vom 3. bis zum 5. Jahr, stellen sich bei ihm auch die Anfnge
jener Ttigkeit ein, die man dem Wi- oder Forschertrieb zuschreibt. Der
Witrieb kann weder zu den elementaren Triebkomponenten gerechnet noch
ausschlielich der Sexualitt untergeordnet werden. Sein Tun entspricht
einerseits einer sublimierten Weise der Bemchtigung, anderseits
arbeitet er mit der Energie der Schaulust. Seine Beziehungen zum
Sexualleben sind aber besonders bedeutsame, denn wir haben aus der
Psychoanalyse erfahren, da der Witrieb der Kinder unvermutet frh und
in unerwartet intensiver Weise von den sexuellen Problemen angezogen, ja
vielleicht erst durch sie geweckt wird.

                   *       *       *       *       *

Das Rtsel der Sphinx.

Kastrationskomplex und Penisneid.

Nicht theoretische, sondern praktische Interessen sind es, die das Werk
der Forscherttigkeit beim Kinde in Gang bringen. Die Bedrohung seiner
Existenzbedingungen durch die erfahrene oder vermutete Ankunft eines
neuen Kindes, die Furcht vor dem mit diesem Ereignis verbundenen Verlust
an Frsorge und Liebe machen das Kind nachdenklich und scharfsinnig. Das
erste Problem, mit dem es sich beschftigt, ist entsprechend dieser
Erweckungsgeschichte auch nicht die Frage des Geschlechtsunterschiedes,
sondern das Rtsel: Woher kommen die Kinder? In einer Entstellung, die
man leicht rckgngig machen kann, ist dies auch das Rtsel, welches die
thebaische Sphinx aufzugeben hat. Die Tatsache der beiden Geschlechter
nimmt das Kind vielmehr zunchst ohne Struben und Bedenken hin. Es ist
dem mnnlichen Kinde selbstverstndlich, ein Genitale wie das seinige
bei allen Personen, die es kennt, vorauszusetzen, und unmglich, den
Mangel eines solchen mit seiner Vorstellung dieser anderen zu vereinen.
Diese berzeugung wird vom Knaben energisch festgehalten, gegen die sich
bald ergebenden Widersprche der Beobachtung hartnckig verteidigt und
erst nach schweren inneren Kmpfen (Kastrationskomplex) aufgegeben. Die
Ersatzbildungen dieses verloren gegangenen Penis des Weibes spielen in
der Gestaltung mannigfacher Perversionen eine groe Rolle(55).

  (55) Man hat das Recht, auch von einem Kastrationskomplex bei Frauen
  zu sprechen. Mnnliche wie weibliche Kinder bilden die Theorie, da
  auch das Weib ursprnglich einen Penis hatte, der durch Kastration
  verloren gegangen ist. Die endlich gewonnene berzeugung, da das Weib
  keinen Penis besitzt, hinterlt beim mnnlichen Individuum oft eine
  dauernde Geringschtzung des anderen Geschlechtes.

Die Annahme des nmlichen (mnnlichen) Genitales bei allen Menschen ist
die erste der merkwrdigen und folgenschweren infantilen Sexualtheorien.
Es ntzt dem Kinde wenig, wenn die biologische Wissenschaft seinem
Vorurteile recht geben und die weibliche Klitoris als einen richtigen
Penisersatz anerkennen mu. Das kleine Mdchen verfllt nicht in
hnliche Abweisungen, wenn es das anders gestaltete Genitale des Knaben
erblickt. Es ist sofort bereit, es anzuerkennen, und es unterliegt dem
Penisneide, der in dem fr die Folge wichtigen Wunsch, auch ein Bub zu
sein, gipfelt.

                   *       *       *       *       *

Geburtstheorien.

Viele Menschen wissen deutlich zu erinnern, wie intensiv sie sich in der
Vorpuberttszeit fr die Frage interessiert haben, woher die Kinder
kommen. Die anatomischen Lsungen lauteten damals ganz verschiedenartig:
sie kommen aus der Brust oder werden aus dem Leib geschnitten oder der
Nabel ffnet sich, um sie durchzulassen. An die entsprechende Forschung
der frhen Kinderjahre erinnert man sich nur selten auerhalb der
Analyse; sie ist lngst der Verdrngung verfallen, aber ihre Ergebnisse
waren durchaus einheitliche. Man bekommt die Kinder, indem man etwas
Bestimmtes it (wie im Mrchen), und sie werden durch den Darm wie ein
Stuhlabgang geboren. Diese kindlichen Theorien mahnen an Einrichtungen
im Tierreiche, speziell an die Kloake der Typen, die niedriger stehen
als die Sugetiere.

                   *       *       *       *       *

Sadistische Auffassung des Sexualverkehrs.

Werden Kinder in so zartem Alter Zuschauer des sexuellen Verkehrs
zwischen Erwachsenen, wozu die berzeugung der Groen, das kleine Kind
knne noch nichts Sexuelles verstehen, die Anlsse schafft, so knnen
sie nicht umhin, den Sexualakt als eine Art von Mihandlung oder
berwltigung, also im sadistischen Sinne aufzufassen. Die Psychoanalyse
lt uns auch erfahren, da ein solcher frhkindlicher Eindruck viel zur
Disposition fr eine sptere sadistische Verschiebung des Sexualzieles
beitrgt. Des weiteren beschftigen sich Kinder viel mit dem Problem,
worin der Geschlechtsverkehr oder, wie sie es erfassen, das
Verheiratetsein bestehen mag, und suchen die Lsung des Geheimnisses
meist in einer Gemeinschaft, die durch die Harn- oder Kotfunktion
vermittelt wird.

                   *       *       *       *       *

Das typische Milingen der kindlichen Sexualforschung.

Im allgemeinen kann man von den kindlichen Sexualtheorien aussagen, da
sie Abbilder der eigenen sexuellen Konstitution des Kindes sind und
trotz ihrer grotesken Irrtmer von mehr Verstndnis fr die
Sexualvorgnge zeugen, als man ihren Schpfern zugemutet htte. Die
Kinder nehmen auch die Schwangerschaftsvernderungen der Mutter wahr und
wissen sie richtig zu deuten; die Storchfabel wird sehr oft vor Hrern
erzhlt, die ihr ein tiefes, aber meist stummes Mitrauen
entgegenbringen. Aber da der kindlichen Sexualforschung zwei Elemente
unbekannt bleiben, die Rolle des befruchtenden Samens und die Existenz
der weiblichen Geschlechtsffnung -- die nmlichen Punkte brigens, in
denen die infantile Organisation noch rckstndig ist--, bleibt das
Bemhen der infantilen Forscher doch regelmig unfruchtbar und endet in
einem Verzicht, der nicht selten eine dauernde Schdigung des Witriebes
zurcklt. Die Sexualforschung dieser frhen Kinderjahre wird immer
einsam betrieben; sie bedeutet einen ersten Schritt zur selbstndigen
Orientierung in der Welt und setzt eine starke Entfremdung des Kindes
von den Personen seiner Umgebung, die vorher sein volles Vertrauen
genossen hatten.


Entwicklungsphasen der sexuellen Organisation.

Wir haben bisher als Charaktere des infantilen Sexuallebens
hervorgehoben, da es wesentlich autoerotisch ist (sein Objekt am
eigenen Leibe findet), und da seine einzelnen Partialtriebe im ganzen
unverknpft und unabhngig von einander dem Lusterwerb nachstreben. Den
Ausgang der Entwicklung bildet das sogenannte normale Sexualleben des
Erwachsenen, in welchem der Lusterwerb in den Dienst der
Fortpflanzungsfunktion getreten ist, und die Partialtriebe unter dem
Primat einer einzigen erogenen Zone eine feste Organisation zur
Erreichung des Sexualziels an einem fremden Sexualobjekt gebildet haben.

                   *       *       *       *       *

Prgenitale Organisationen.

Das Studium der Hemmungen und Strungen in diesem Entwicklungsgange mit
Hilfe der Psychoanalyse gestattet uns nun Anstze und Vorstufen einer
solchen Organisation der Partialtriebe zu erkennen, die gleichfalls eine
Art von sexuellem Regime ergeben. Diese Phasen der Sexualorganisation
werden normalerweise glatt durchlaufen, ohne sich durch mehr als
Andeutungen zu verraten. Nur in pathologischen Fllen werden sie
aktiviert und fr grobe Beobachtung kenntlich.

Organisationen des Sexuallebens, in denen die Genitalzonen noch nicht in
ihre vorherrschende Rolle eingetreten sind, wollen wir _prgenitale_
heien. Wir haben bisher zwei derselben kennen gelernt, die wie
Rckflle auf frhtierische Zustnde anmuten.

Eine erste solche prgenitale Sexualorganisation ist die _orale_ oder,
wenn wir wollen, _kannibalische_. Die Sexualttigkeit ist hier von der
Nahrungsaufnahme noch nicht gesondert, Gegenstze innerhalb derselben
nicht differenziert. Das Objekt der einen Ttigkeit ist auch das der
anderen, das Sexualziel besteht in der _Einverleibung_ des Objektes, dem
Vorbild dessen, was spterhin als _Identifizierung_ eine so bedeutsame
psychische Rolle spielen wird. Als Rest dieser fiktiven, uns durch die
Pathologie aufgentigten Organisationsphase kann das Lutschen angesehen
werden, in dem die Sexualttigkeit, von der Ernhrungsttigkeit
abgelst, das fremde Objekt gegen eines am eigenen Krper aufgegeben
hat(56).

  (56) Vgl. ber Reste dieser Phase bei erwachsenen Neurotikern die
  Arbeit von _Abraham_, Untersuchungen ber die frheste prgenitale
  Entwicklungsstufe der Libido (Intern. Zeitschr. f. PsychoanalyseIV,
  1916).

Eine zweite prgenitale Phase ist die der _sadistisch-analen_
Organisation. Hier ist die Gegenstzlichkeit, welche das Sexualleben
durchzieht, bereits ausgebildet; sie kann aber noch nicht _mnnlich_ und
_weiblich_, sondern mu _aktiv_ und _passiv_ benannt werden. Die
Aktivitt wird durch den Bemchtigungstrieb von seiten der
Krpermuskulatur hergestellt, als Organ mit passivem Sexualziel macht
sich vor allem die erogene Darmschleimhaut geltend; fr beide Strebungen
sind Objekte vorhanden, die aber nicht zusammenfallen. Daneben bettigen
sich andere Partialtriebe in autoerotischer Weise. In dieser Phase sind
also die sexuelle Polaritt und das fremde Objekt bereits nachweisbar.
Die Organisation und die Unterordnung unter die Fortpflanzungsfunktion
stehen noch aus.

                   *       *       *       *       *

Ambivalenz.

Diese Form der Sexualorganisation kann sich bereits durchs Leben
erhalten und ein groes Stck der Sexualbettigung dauernd an sich
reien. Die Vorherrschaft des Sadismus und die Kloakenrolle der analen
Zone geben ihr ein exquisit archaisches Geprge. Als weiterer Charakter
gehrt ihr an, da die Triebgegensatzpaare in annhernd gleicher Weise
ausgebildet sind, welches Verhalten mit dem glcklichen, von _Bleuler_
eingefhrten Namen _Ambivalenz_ bezeichnet wird.

Die Annahme der prgenitalen Organisationen des Sexuallebens ruht auf
der Analyse der Neurosen und ist, unabhngig von deren Kenntnis, kaum zu
wrdigen. Wir drfen erwarten, da die fortgesetzte analytische Bemhung
uns noch weit mehr Aufschlsse ber Aufbau und Entwicklung der normalen
Sexualfunktion vorbereitet.

Um das Bild des infantilen Sexuallebens zu vervollstndigen, mu man
hinzunehmen, da hufig oder regelmig bereits in den Kinderjahren eine
Objektwahl vollzogen wird, wie wir sie als charakteristisch fr die
Entwicklungsphase der Pubertt hingestellt haben, in der Weise, da
smtliche Sexualstrebungen die Richtung auf eine einzige Person nehmen,
an der sie ihre Ziele erreichen wollen. Dies ist dann die grte
Annherung an die definitive Gestaltung des Sexuallebens nach der
Pubertt, die in den Kinderjahren mglich ist. Der Unterschied von
letzterer liegt nur noch darin, da die Zusammenfassung der
Partialtriebe und deren Unterordnung unter das Primat der Genitalien in
der Kindheit nicht oder nur sehr unvollkommen durchgesetzt wird. Die
Herstellung dieses Primats im Dienste der Fortpflanzung ist also die
letzte Phase, welche die Sexualorganisation durchluft.

                   *       *       *       *       *

Zweizeitige Objektwahl.

Man kann es als ein typisches Vorkommnis ansprechen, da die Objektwahl
zweizeitig, in zwei Schben erfolgt. Der erste Schub nimmt in den Jahren
zwischen 2 und 5 seinen Anfang und wird durch die Latenzzeit zum
Stillstand oder zur Rckbildung gebracht; er ist durch die infantile
Natur seiner Sexualziele ausgezeichnet. Der zweite setzt mit der
Pubertt ein und bestimmt die definitive Gestaltung des Sexuallebens.

Die Tatsache der zweizeitigen Objektwahl, die sich im wesentlichen auf
die Wirkung der Latenzzeit reduziert, wird aber hchst bedeutungsvoll
fr die Strung dieses Endzustandes. Die Ergebnisse der infantilen
Objektwahl ragen in die sptere Zeit hinein; sie sind entweder als
solche erhalten geblieben oder sie erfahren zur Zeit der Pubertt selbst
eine Auffrischung. Infolge der Verdrngungsentwicklung, welche zwischen
beiden Phasen liegt, erweisen sie sich aber als unverwendbar. Ihre
Sexualziele haben eine Milderung erfahren, und sie stellen nun das dar,
was wir als die _zrtliche_ Strmung des Sexuallebens bezeichnen knnen.
Erst die psychoanalytische Untersuchung kann nachweisen, da sich hinter
dieser Zrtlichkeit, Verehrung und Hochachtung die alten, jetzt
unbrauchbar gewordenen Sexualstrebungen der infantilen Partialtriebe
verbergen. Die Objektwahl der Puberttszeit mu auf die infantilen
Objekte verzichten und als _sinnliche_ Strmung von neuem beginnen. Das
Nichtzusammentreffen der beiden Strmungen hat oft genug die Folge, da
eines der Ideale des Sexuallebens, die Vereinigung aller Begehrungen in
einem Objekt, nicht erreicht werden kann.


Quellen der infantilen Sexualitt.

In dem Bemhen, die Ursprnge des Sexualtriebes zu verfolgen, haben wir
bisher gefunden, da die sexuelle Erregung entsteht a) als Nachbildung
einer im Anschlu an andere organische Vorgnge erlebten Befriedigung,
b) durch geeignete peripherische Reizung erogener Zonen, c) als Ausdruck
einiger uns in ihrer Herkunft noch nicht voll verstndlicher Triebe,
wie der Schautrieb und der Trieb zur Grausamkeit. Die aus spterer Zeit
auf die Kindheit zurckgreifende psychoanalytische Forschung und die
gleichzeitige Beobachtung des Kindes wirken nun zusammen, um uns noch
andere regelmig flieende Quellen fr die sexuelle Erregung
aufzuzeigen. Die Kindheitsbeobachtung hat den Nachteil, da sie leicht
mizuverstehende Objekte bearbeitet, die Psychoanalyse wird dadurch
erschwert, da sie zu ihren Objekten wie zu ihren Schlssen nur auf
groen Umwegen gelangen kann; in ihrem Zusammenwirken erzielen aber
beide Methoden einen gengenden Grad von Sicherheit der Erkenntnis.

Bei der Untersuchung der erogenen Zonen haben wir bereits gefunden, da
diese Hautstellen blo eine besondere Steigerung einer Art von
Reizbarkeit zeigen, welche in gewissem Grade der ganzen Hautoberflche
zukommt. Wir werden also nicht erstaunt sein zu erfahren, da gewissen
Arten allgemeiner Hautreizung sehr deutliche erogene Wirkungen
zuzuschreiben sind. Unter diesen heben wir vor allen die Temperaturreize
hervor; vielleicht wird so auch unser Verstndnis fr die therapeutische
Wirkung warmer Bder vorbereitet.

                   *       *       *       *       *

Mechanische Erregungen.

Ferner mssen wir hier die Erzeugung sexueller Erregung durch
rhythmische mechanische Erschtterungen des Krpers anreihen, an denen
wir dreierlei Reizeinwirkungen zu sondern haben, die auf den
Sinnesapparat der Vestibularnerven, die auf die Haut und auf die tiefen
Teile (Muskeln, Gelenkapparate). Wegen der dabei entstehenden
Lustempfindungen -- es ist der Hervorhebung wert, da wir hier eine
ganze Strecke weit sexuelle Erregung und Befriedigung
unterschiedslos gebrauchen drfen, und legt uns die Pflicht auf, spter
nach einer Erklrung zu suchen--; es ist also ein Beweis fr die durch
gewisse mechanische Krpererschtterungen erzeugte Lust, da Kinder
passive Bewegungsspiele, wie Schaukeln und Fliegenlassen, so sehr lieben
und unaufhrlich nach Wiederholung davon verlangen(57). Das Wiegen wird
bekanntlich zur Einschlferung unruhiger Kinder regelmig angewendet.
Die Erschtterungen der Wagenfahrt und spter der Eisenbahnfahrt ben
eine so faszinierende Wirkung auf ltere Kinder aus, da wenigstens alle
Knaben irgend einmal im Leben Kondukteure und Kutscher werden wollen.
Den Vorgngen auf der Eisenbahn pflegen sie ein rtselhaftes Interesse
von auerordentlicher Hhe zuzuwenden, und dieselben im Alter der
Phantasiettigkeit (kurz vor der Pubertt) zum Kern einer exquisit
sexuellen Symbolik zu machen. Der Zwang zu solcher Verknpfung des
Eisenbahnfahrens mit der Sexualitt geht offenbar von dem Lustcharakter
der Bewegungsempfindungen aus. Kommt dann die Verdrngung hinzu, die so
vieles von den kindlichen Bevorzugungen ins Gegenteil umschlagen lt,
so werden dieselben Personen als Heranwachsende oder Erwachsene auf
Wiegen und Schaukeln mit blichkeit reagieren, durch eine Eisenbahnfahrt
furchtbar erschpft werden oder zu Angstanfllen auf der Fahrt neigen
und sich durch _Eisenbahnangst_ vor der Wiederholung der peinlichen
Erfahrung schtzen.

  (57) Manche Personen wissen sich zu erinnern, da sie beim Schaukeln
  den Anprall der bewegten Luft an den Genitalien direkt als sexuelle
  Lust versprt haben.

Hier reiht sich dann -- noch unverstanden -- die Tatsache an, da durch
Zusammentreffen von Schreck und mechanischer Erschtterung die schwere
hysteriforme traumatische Neurose erzeugt wird. Man darf wenigstens
annehmen, da diese Einflsse, die in geringen Intensitten zu Quellen
sexueller Erregung werden, in bergroem Mae einwirkend eine tiefe
Zerrttung des sexuellen Mechanismus hervorrufen.

                   *       *       *       *       *

Muskelttigkeit.

Da ausgiebige aktive Muskelbettigung fr das Kind ein Bedrfnis ist,
aus dessen Befriedigung es auerordentliche Lust schpft, ist bekannt.
Ob diese Lust etwas mit der Sexualitt zu tun hat, ob sie selbst
sexuelle Befriedigung einschliet oder Anla zu sexueller Erregung
werden kann, das mag kritischen Erwgungen unterliegen, die sich ja auch
wohl gegen die im Vorigen enthaltene Aufstellung richten werden, da die
Lust durch die Empfindungen passiver Bewegung sexueller Art ist oder
sexuell erregend wirkt. Tatsache ist aber, da eine Reihe von Personen
berichten, sie htten die ersten Zeichen der Erregtheit an ihren
Genitalien whrend des Raufens oder Ringens mit ihren Gespielen erlebt,
in welcher Situation auer der allgemeinen Muskelanstrengung noch die
ausgiebige Hautberhrung mit dem Gegner wirksam wird. Die Neigung zum
Muskelstreit mit einer bestimmten Person, wie in spteren Jahren zum
Wortstreit (Was sich liebt, das neckt sich), gehrt zu den guten
Vorzeichen der auf diese Person gerichteten Objektwahl. In der Befrderung
der sexuellen Erregung durch Muskelttigkeit wre eine der Wurzeln des
sadistischen Triebes zu erkennen. Fr viele Individuen wird die infantile
Verknpfung zwischen Raufen und sexueller Erregung mitbestimmend fr die
spter bevorzugte Richtung ihres Geschlechtstriebes(58).

  (58) Die Analyse der Flle von neurotischer Gehstrung und Raumangst
  hebt den Zweifel an der sexuellen Natur der Bewegungslust auf. Die
  moderne Kulturerziehung bedient sich bekanntlich des Sports im groen
  Umfang, um die Jugend von der Sexualbettigung abzulenken; richtiger
  wre es zu sagen, sie ersetzt ihr den Sexualgenu durch die
  Bewegungslust und drngt die Sexualbettigung auf eine ihrer
  autoerotischen Komponenten zurck.

                   *       *       *       *       *

Affektvorgnge.

Minderem Zweifel unterliegen die weiteren Quellen sexueller Erregung
beim Kinde. Es ist leicht, durch gleichzeitige Beobachtung wie durch
sptere Erforschung festzustellen, da alle intensiveren Affektvorgnge,
selbst die schreckhaften Erregungen, auf die Sexualitt bergreifen, was
brigens einen Beitrag zum Verstndnis der pathogenen Wirkung solcher
Gemtsbewegungen liefern kann. Beim Schulkinde kann die Angst geprft zu
werden, die Spannung einer sich schwer lsenden Aufgabe, fr den
Durchbruch sexueller uerungen wie fr das Verhltnis zur Schule
bedeutsam werden, indem unter solchen Umstnden hufig genug ein
Reizgefhl auftritt, welches zur Berhrung der Genitalien auffordert,
oder ein pollutionsartiger Vorgang mit all seinen verwirrenden Folgen.
Das Benehmen der Kinder in der Schule, welches den Lehrern Rtsel genug
aufgibt, verdient berhaupt in Beziehung zur keimenden Sexualitt
derselben gesetzt zu werden. Die sexuell erregende Wirkung mancher an
sich unlustiger Affekte, des ngstigens, Schauderns, Grausens erhlt
sich bei einer groen Anzahl Menschen auch durchs reife Leben und ist
wohl die Erklrung dafr, da soviel Personen der Gelegenheit zu solchen
Sensationen nachjagen, wenn nur gewisse Nebenumstnde (die Angehrigkeit
zu einer Scheinwelt, Lektre, Theater) den Ernst der Unlustempfindung
dmpfen.

Liee sich annehmen, da auch intensiven schmerzhaften Empfindungen die
gleiche erogene Wirkung zukommt, zumal wenn der Schmerz durch eine
Nebenbedingung abgetnt oder ferner gehalten wird, so lge in diesem
Verhltnis eine der Hauptwurzeln fr den masochistisch-sadistischen
Trieb, in dessen vielfltige Zusammengesetztheit wir so allmhlich
Einblick gewinnen.

                   *       *       *       *       *

Intellektuelle Arbeit.

Endlich ist es unverkennbar, da die Konzentration der Aufmerksamkeit
auf eine intellektuelle Leistung und geistige Anspannung berhaupt bei
vielen jugendlichen wie reiferen Personen eine sexuelle Miterregung zur
Folge hat, die wohl als die einzig berechtigte Grundlage fr die sonst
so zweifelhafte Ableitung nervser Strungen von geistiger
berarbeitung zu gelten hat.

berblicken wir nun nach diesen weder vollstndig noch vollzhlig
mitgeteilten Proben und Andeutungen die Quellen der kindlichen
Sexualerregung, so lassen sich folgende Allgemeinheiten ahnen oder
erkennen: Es scheint auf die ausgiebigste Weise dafr gesorgt, da der
Proze der Sexualerregung -- dessen Wesen uns nun freilich recht
rtselhaft geworden ist -- in Gang gebracht werde. Es sorgen dafr vor
allem in mehr oder minder direkter Weise die Erregungen der sensiblen
Oberflchen -- Haut und Sinnesorgane--, am unmittelbarsten die
Reizeinwirkungen auf gewisse als erogene Zonen zu bezeichnende Stellen.
Bei diesen Quellen der Sexualerregung ist wohl die Qualitt der Reize
das Magebende, wenngleich das Moment der Intensitt (beim Schmerz)
nicht vllig gleichgltig ist. Aber berdies sind Veranstaltungen im
Organismus vorhanden, welche zur Folge haben, da die Sexualerregung als
Nebenwirkung bei einer groen Reihe innerer Vorgnge entsteht, sobald
die Intensitt dieser Vorgnge nur gewisse quantitative Grenzen
berstiegen hat. Was wir die Partialtriebe der Sexualitt genannt haben,
leitet sich entweder direkt aus diesen inneren Quellen der
Sexualerregung ab oder setzt sich aus Beitrgen von solchen Quellen und
von erogenen Zonen zusammen. Es ist mglich, da nichts Bedeutsameres im
Organismus vorfllt, was nicht seine Komponente zur Erregung des
Sexualtriebes abzugeben htte.

Es scheint mir derzeit nicht mglich, diese allgemeinen Stze zu
grerer Klarheit und Sicherheit zu bringen, und ich mache dafr zwei
Momente verantwortlich, erstens die Neuheit der ganzen Betrachtungsweise
und zweitens den Umstand, da uns das Wesen der Sexualerregung vllig
unbekannt ist. Doch mchte ich auf zwei Bemerkungen nicht verzichten,
welche Ausblicke ins Weite zu erffnen versprechen:

                   *       *       *       *       *

Verschiedene Sexualkonstitutionen.

a) Sowie wir vorhin einmal die Mglichkeit sahen, eine Mannigfaltigkeit
der angeborenen sexuellen Konstitutionen durch die verschiedenartige
Ausbildung der erogenen Zonen zu begrnden, so knnen wir nun das
gleiche mit Einbeziehung der indirekten Quellen der Sexualerregung
versuchen. Wir drfen annehmen, da diese Quellen zwar bei allen
Individuen Zuflsse liefern, aber nicht alle bei allen Personen gleich
starke, und da in der bevorzugten Ausbildung der einzelnen Quellen zur
Sexualerregung ein weiterer Beitrag zur Differenzierung der
verschiedenen Sexualkonstitutionen gelegen sein wird(59).

  (59) Als unabweisbare Folgerung aus den obigen Ausfhrungen ergibt
  sich, da jedem Individuum eine Oral-, Anal-, Harnerotik usw.
  zugesprochen werden mu, und da die Konstatierung der diesen
  entsprechenden seelischen Komplexe kein Urteil auf Abnormitt oder
  Neurose bedeutet. Die Unterschiede, die das Normale vom Abnormen
  trennen, knnen nur in der relativen Strke der einzelnen Komponenten
  des Sexualtriebes und in der Verwendung liegen, die sie im Laufe der
  Entwicklung erfahren.

                   *       *       *       *       *

Wege wechselseitiger Beeinflussung.

b) Indem wir die solange festgehaltene figrliche Ausdrucksweise fallen
lassen, in der wir von Quellen der Sexualerregung sprachen, knnen wir
auf die Vermutung gelangen, da alle die Verbindungswege, die von
anderen Funktionen her zur Sexualitt fhren, auch in umgekehrter
Richtung gangbar sein mssen. Ist z.B. der beiden Funktionen gemeinsame
Besitz der Lippenzone der Grund dafr, da bei der Nahrungsaufnahme
Sexualbefriedigung entsteht, so vermittelt uns dasselbe Moment auch das
Verstndnis der Strungen in der Nahrungsaufnahme, wenn die erogenen
Funktionen der gemeinsamen Zone gestrt sind. Wissen wir einmal, da
Konzentration der Aufmerksamkeit Sexualerregung hervorzurufen vermag, so
wird uns die Annahme nahegelegt, da durch Einwirkung auf demselben
Wege, nur in umgekehrter Richtung, der Zustand der Sexualerregung die
Verfgbarkeit ber die lenkbare Aufmerksamkeit beeinflut. Ein gutes
Stck der Symptomatologie der Neurosen, die ich von Strungen der
Sexualvorgnge ableite, uert sich in Strungen der anderen nicht
sexuellen Krperfunktionen, und diese bisher unverstndliche Einwirkung
wird minder rtselhaft, wenn sie nur das Gegenstck zu den
Beeinflussungen darstellt, unter denen die Produktion der Sexualerregung
steht.

Die nmlichen Wege aber, auf denen Sexualstrungen auf die brigen
Krperfunktionen bergreifen, mten auch in der Gesundheit einer
anderen wichtigen Leistung dienen. Auf ihnen mte sich die Heranziehung
der sexuellen Triebkrfte zu anderen als sexuellen Zielen, also die
Sublimierung der Sexualitt vollziehen. Wir mssen mit dem Eingestndnis
schlieen, da ber diese gewi vorhandenen, wahrscheinlich nach beiden
Richtungen gangbaren Wege noch sehr wenig Sicheres bekannt ist.




III.

Die Umgestaltungen der Pubertt.


Mit dem Eintritt der Pubertt setzen die Wandlungen ein, welche das
infantile Sexualleben in seine endgltige normale Gestaltung berfhren
sollen. Der Sexualtrieb war bisher vorwiegend autoerotisch, er findet
nun das Sexualobjekt. Er bettigte sich bisher von einzelnen Trieben und
erogenen Zonen aus, die unabhngig voneinander eine gewisse Lust als
einziges Sexualziel suchten. Nun wird ein neues Sexualziel gegeben, zu
dessen Erreichung alle Partialtriebe zusammenwirken, whrend die
erogenen Zonen sich dem Primat der Genitalzone unterordnen(60). Da das
neue Sexualziel den beiden Geschlechtern sehr verschiedene Funktionen
anweist, geht deren Sexualentwicklung nun weit auseinander. Die des
Mannes ist die konsequentere, auch unserem Verstndnis leichter
zugngliche, whrend beim Weibe sogar eine Art Rckbildung auftritt. Die
Normalitt des Geschlechtslebens wird nur durch das exakte
Zusammentreffen der beiden auf Sexualobjekt und Sexualziel gerichteten
Strmungen, der zrtlichen und der sinnlichen, gewhrleistet, von denen
die erstere in sich fat, was von der infantilen Frhblte der
Sexualitt erbrigt. Es ist wie der Durchschlag eines Tunnels von beiden
Seiten her.

  (60) Die im Text gegebene schematische Darstellung will die
  Differenzen hervorheben. Inwieweit sich die infantile Sexualitt durch
  ihre Objektwahl der definitiven Sexualorganisation annhert, ist
  vorhin S.63 ausgefhrt worden.

Das neue Sexualziel besteht beim Manne in der Entladung der
Geschlechtsprodukte; es ist dem frheren, der Erreichung von Lust
keineswegs fremd, vielmehr ist der hchste Betrag von Lust an diesen
Endakt des Sexualvorganges geknpft. Der Sexualtrieb stellt sich jetzt
in den Dienst der Fortpflanzungsfunktion; er wird sozusagen
altruistisch. Soll diese Umwandlung gelingen, so mu beim Vorgang
derselben mit den ursprnglichen Anlagen und allen Eigentmlichkeiten
des Triebes gerechnet werden.

Wie bei jeder anderen Gelegenheit, wo im Organismus neue Verknpfungen
und Zusammensetzungen zu komplizierten Mechanismen stattfinden sollen,
ist auch hier die Gelegenheit zu krankhaften Strungen durch
Unterbleiben dieser Neuordnungen gegeben. Alle krankhaften Strungen des
Geschlechtslebens sind mit gutem Rechte als Entwicklungshemmungen zu
betrachten.


Das Primat der Genitalzonen und die Vorlust.

Von dem beschriebenen Entwicklungsgang liegen Ausgang und Endziel klar
vor unseren Augen. Die vermittelnden bergnge sind uns noch vielfach
dunkel; wir werden an ihnen mehr als ein Rtsel bestehen lassen mssen.

Man hat das Aufflligste an den Puberttsvorgngen zum Wesentlichen
derselben gewhlt, das manifeste Wachstum der ueren Genitalien, an
denen sich die Latenzperiode der Kindheit durch relative
Wachstumshemmung geuert hatte. Gleichzeitig ist die Entwicklung der
inneren Genitalien so weit vorgeschritten, da sie Geschlechtsprodukte
zu liefern, respektive zur Gestaltung eines neuen Lebewesens aufzunehmen
vermgen. Ein hchst komplizierter Apparat ist so fertig geworden, der
seiner Inanspruchnahme harrt.

Dieser Apparat soll durch Reize in Gang gebracht werden und nun lt uns
die Beobachtung erkennen, da Reize ihn auf dreierlei Wegen angreifen
knnen, von der Auenwelt her durch Erregung der uns schon bekannten
erogenen Zonen, von dem organischen Innern her auf noch zu erforschenden
Wegen und von dem Seelenleben aus, welches selbst eine Aufbewahrungssttte
uerer Eindrcke und eine Aufnahmsstelle innerer Erregungen
darstellt. Auf allen drei Wegen wird das nmliche hervorgerufen,
ein Zustand, der als sexuelle Erregtheit bezeichnet wird
und sich durch zweierlei Zeichen kundgibt, seelische und
somatische. Das seelische Anzeichen besteht in einem eigentmlichen
Spannungsgefhl von hchst drngendem Charakter; unter den
mannigfaltigen krperlichen steht an erster Stelle eine Reihe von
Vernderungen an den Genitalien, die einen unzweifelhaften Sinn haben,
den der _Bereitschaft_, der Vorbereitung zum Sexualakt. (Die Erektion
des mnnlichen Gliedes, das Feuchtwerden der Scheide.)

                   *       *       *       *       *

Die Sexualspannung.

An den Spannungscharakter der sexuellen Erregtheit knpft ein Problem
an, dessen Lsung ebenso schwierig wie fr die Auffassung der
Sexualvorgnge bedeutsam wre. Trotz aller in der Psychologie darber
herrschenden Meinungsverschiedenheiten mu ich daran festhalten, da ein
Spannungsgefhl den Unlustcharakter an sich tragen mu. Fr mich ist
entscheidend, da ein solches Gefhl den Drang nach Vernderung der
psychischen Situation mit sich bringt, treibend wirkt, was dem Wesen der
empfundenen Lust vllig fremd ist. Rechnet man aber die Spannung der
sexuellen Erregtheit zu den Unlustgefhlen, so stt man sich an der
Tatsache, da dieselbe unzweifelhaft lustvoll empfunden wird. berall
ist bei der durch die Sexualvorgnge erzeugten Spannung Lust dabei;
selbst bei den Vorbereitungsvernderungen der Genitalien ist eine Art
von Befriedigungsgefhl deutlich. Wie hngen nun diese Unlustspannung
und dieses Lustgefhl zusammen?

Alles, was mit dem Lust- und Unlustproblem zusammenhngt, rhrt an eine
der wundesten Stellen der heutigen Psychologie. Wir wollen versuchen,
mglichst aus den Bedingungen des uns vorliegenden Falles zu lernen und
es vermeiden, dem Problem in seiner Gnze nher zu treten. Werfen wir
zunchst einen Blick auf die Art, wie die erogenen Zonen sich der neuen
Ordnung einfgen. Ihnen fllt eine wichtige Rolle bei der Einleitung der
sexuellen Erregung zu. Die dem Sexualobjekt entlegenste, das Auge, kommt
unter den Verhltnissen der Objektwerbung am hufigsten in die Lage,
durch jene besondere Qualitt der Erregung, deren Anla wir am
Sexualobjekt als Schnheit bezeichnen, gereizt zu werden. Die Vorgnge
des Sexualobjektes werden darum auch Reize geheien. Mit dieser
Reizung ist einerseits bereits Lust verbunden, andererseits ist eine
Steigerung der sexuellen Erregtheit oder ein Hervorrufen derselben, wo
sie noch fehlt, ihre Folge. Kommt die Erregung einer anderen erogenen
Zone, z.B. der tastenden Hand, hinzu, so ist der Effekt der gleiche,
Lustempfindung einerseits, die sich bald durch die Lust aus den
Bereitschaftsvernderungen verstrkt, weitere Steigerung der
Sexualspannung andererseits, die bald in deutlichste Unlust bergeht,
wenn ihr nicht gestattet wird, weitere Lust herbeizufhren.
Durchsichtiger ist vielleicht noch ein anderer Fall, wenn z.B. bei
einer sexuell nicht erregten Person eine erogene Zone, etwa die
Brusthaut eines Weibes, durch Berhrung gereizt wird. Diese Berhrung
ruft bereits ein Lustgefhl hervor, ist aber gleichzeitig wie nichts
anderes geeignet, die sexuelle Erregung zu wecken, die nach einem Mehr
von Lust verlangt. Wie es zugeht, da die empfundene Lust das Bedrfnis
nach grerer Lust hervorruft, das ist eben das Problem.

                   *       *       *       *       *

Vorlustmechanismus.

Die Rolle aber, die dabei den erogenen Zonen zufllt, ist klar. Was fr
eine galt, gilt fr alle. Sie werden smtlich dazu verwendet, durch ihre
geeignete Reizung einen gewissen Betrag von Lust zu liefern, von dem die
Steigerung der Spannung ausgeht, welche ihrerseits die ntige motorische
Energie aufzubringen hat, um den Sexualakt zu Ende zu fhren. Das
vorletzte Stck desselben ist wiederum die geeignete Reizung einer
erogenen Zone, der Genitalzone selbst an der Glans Penis, durch das dazu
geeignetste Objekt, die Schleimhaut der Scheide, und unter der Lust,
welche diese Erregung gewhrt, wird diesmal auf reflektorischem Wege die
motorische Energie gewonnen, welche die Herausbefrderung der
Geschlechtsstoffe besorgt. Diese letzte Lust ist ihrer Intensitt nach
die hchste, in ihrem Mechanismus von der frheren verschieden. Sie wird
ganz durch Entlastung hervorgerufen, ist ganz Befriedigungslust und mit
ihr erlischt zeitweilig die Spannung der Libido.

Es scheint mir nicht unberechtigt, diesen Unterschied in dem Wesen der
Lust durch Erregung erogener Zonen und der anderen bei Entleerung der
Sexualstoffe durch eine Namengebung zu fixieren. Die erstere kann
passend als _Vorlust_ bezeichnet werden im Gegensatz zur _Endlust_ oder
Befriedigungslust der Sexualttigkeit. Die Vorlust ist dann dasselbe,
was bereits der infantile Sexualtrieb, wenngleich in verjngtem Mae,
ergeben konnte; die Endlust ist neu, also wahrscheinlich an Bedingungen
geknpft, die erst mit der Pubertt eingetreten sind. Die Formel fr die
neue Funktion der erogenen Zonen lautete nun: Sie werden dazu verwendet,
um mittels der von ihnen wie im infantilen Leben zu gewinnenden Vorlust
die Herbeifhrung der greren Befriedigungslust zu ermglichen.

Ich habe vor kurzem ein anderes Beispiel, aus einem ganz verschiedenen
Gebiet des seelischen Geschehens erlutern knnen, in welchem
gleichfalls ein grerer Lusteffekt vermge einer geringfgigeren
Lustempfindung, die dabei wie eine Verlockungsprmie wirkt, erzielt
wird. Dort ergab sich auch die Gelegenheit, auf das Wesen der Lust nher
einzugehen(61).

  (61) Siehe meine 1905 erschienene Studie _Der Witz und seine
  Beziehung zum Unbewuten_. Die durch die Witztechnik gewonnene
  Vorlust wird dazu verwendet, eine grere Lust durch die Aufhebung
  innerer Hemmungen frei zu machen.

                   *       *       *       *       *

Gefahren der Vorlust.

Der Zusammenhang der Vorlust aber mit dem infantilen Sexualleben wird
durch die pathogene Rolle, die ihr zufallen kann, bekrftigt. Aus dem
Mechanismus, in den die Vorlust aufgenommen ist, ergibt sich fr die
Erreichung des normalen Sexualziels offenbar eine Gefahr, die dann
eintritt, wenn an irgend einer Stelle der vorbereitenden Sexualvorgnge
die Vorlust zu gro, ihr Spannungsanteil zu gering ausfallen sollte.
Dann entfllt die Triebkraft, um den Sexualvorgang weiter fortzusetzen,
der ganze Weg verkrzt sich, die betreffende vorbereitende Aktion tritt
an Stelle des normalen Sexualziels. Dieser schdliche Fall hat
erfahrungsgem zur Bedingung, da die betreffende erogene Zone oder der
entsprechende Partialtrieb schon im infantilen Leben in ungewhnlichem
Mae zur Lustgewinnung beigetragen hat. Kommen noch Momente hinzu,
welche auf die Fixierung hinwirken, so entsteht leicht frs sptere
Leben ein Zwang, welcher sich der Einordnung dieser einen Vorlust in
einen neuen Zusammenhang widersetzt. Solcher Art ist in der Tat der
Mechanismus vieler Perversionen, die ein Verweilen bei vorbereitenden
Akten des Sexualvorganges darstellen.

Das Fehlschlagen der Funktion des Sexualmechanismus durch die Schuld der
Vorlust wird am ehesten vermieden, wenn das Primat der Genitalzonen
gleichfalls bereits im infantilen Leben vorgezeichnet ist. Dazu scheinen
die Anstalten wirklich in der zweiten Hlfte der Kinderzeit (von 8 Jahren
bis zur Pubertt) getroffen zu sein. Die Genitalzonen benehmen sich in
diesen Jahren bereits in hnlicher Weise wie zur Zeit der Reife, sie
werden der Sitz von Erregungssensationen und Bereitschaftsvernderungen,
wenn irgendwelche Lust durch Befriedigung anderer erogener Zonen
empfunden wird, obwohl dieser Effekt noch zwecklos bleibt, d.h. nichts
dazu beitrgt, den Sexualvorgang fortzusetzen. Es entsteht also bereits
in den Kinderjahren neben der Befriedigungslust ein gewisser Betrag von
Sexualspannung, obwohl minder konstant und weniger ausgiebig, und nun
knnen wir verstehen, warum wir bei der Errterung der Quellen der
Sexualitt mit ebenso gutem Recht sagen konnten, der betreffende Vorgang
wirke sexuell befriedigend, wie er wirke sexuell erregend. Wir merken,
da wir auf dem Wege zur Erkenntnis uns die Unterschiede des infantilen
und des reifen Sexuallebens zunchst bertrieben gro vorgestellt haben,
und tragen nun die Korrektur nach. Nicht nur die Abweichungen vom
normalen Sexualleben, sondern auch die normale Gestaltung desselben wird
durch die infantilen uerungen der Sexualitt bestimmt.


Das Problem der Sexualerregung.

Es ist uns durchaus unaufgeklrt geblieben, woher die Sexualspannung
rhrt, die bei der Befriedigung erogener Zonen gleichzeitig mit der Lust
entsteht, und welches das Wesen derselben ist(62). Die nchste
Vermutung, diese Spannung ergebe sich irgendwie aus der Lust selbst, ist
nicht nur an sich sehr unwahrscheinlich, sie wird auch hinfllig, da bei
der grten Lust, die an die Entleerung der Geschlechtsprodukte geknpft
ist, keine Spannung erzeugt, sondern alle Spannung aufgehoben wird. Lust
und Sexualspannung knnen also nur in indirekter Weise zusammenhngen.

  (62) Es ist beraus lehrreich, da die deutsche Sprache der im Text
  erwhnten Rolle der vorbereitenden sexuellen Erregungen, welche
  gleichzeitig einen Anteil Befriedigung und einen Beitrag zur
  Sexualspannung liefern, im Gebrauche des Wortes Lust Rechnung trgt.
  Lust ist doppelsinnig und bezeichnet ebensowohl die Empfindung der
  Sexualspannung (Ich habe Lust = ich mchte, ich verspre den Drang)
  als auch die der Befriedigung.

                   *       *       *       *       *

Rolle der Sexualstoffe.

Auer der Tatsache, da normalerweise allein die Entlastung von den
Sexualstoffen der Sexualerregung ein Ende macht, hat man noch andere
Anhaltspunkte, die Sexualspannung in Beziehung zu den Sexualprodukten zu
bringen. Bei enthaltsamem Leben pflegt der Geschlechtsapparat in
wechselnden, aber nicht regellosen Perioden nchtlicherweise sich unter
Lustempfindung und whrend der Traumhalluzination eines sexuellen Aktes
der Sexualstoffe zu entledigen, und fr diesen Vorgang -- die nchtliche
Pollution -- ist die Auffassung schwer abzuweisen, da die
Sexualspannung, die den kurzen halluzinatorischen Weg zum Ersatz des
Aktes zu finden wei, eine Funktion der Samenanhufung in den Reservoirs
fr die Geschlechtsprodukte sei. Im gleichen Sinne sprechen die
Erfahrungen, die man ber die Erschpfbarkeit des sexuellen Mechanismus
macht. Bei entleertem Samenvorrat ist nicht nur die Ausfhrung des
Sexualaktes unmglich, es versagt auch die Reizbarkeit der erogenen
Zonen, deren geeignete Erregung dann keine Lust hervorrufen kann. Wir
erfahren so nebenbei, da ein gewisses Ma sexueller Spannung selbst fr
die Erregbarkeit der erogenen Zonen erforderlich ist.

Man wrde so zur Annahme gedrngt, die, wenn ich nicht irre, ziemlich
allgemein verbreitet ist, da die Anhufung der Sexualstoffe die
Sexualspannung schafft und unterhlt, etwa indem der Druck dieser
Produkte auf die Wandung ihrer Behlter als Reiz auf ein spinales
Zentrum wirkt, dessen Zustand von hheren Zentren wahrgenommen wird und
dann fr das Bewutsein die bekannte Spannungsempfindung ergibt. Wenn
die Erregung erogener Zonen die Sexualspannung steigert, so knnte dies
nur so zugehen, da die erogenen Zonen in vorgebildeter anatomischer
Verbindung mit diesen Zentren stehen, den Tonus der Erregung daselbst
erhhen, bei gengender Sexualspannung den sexuellen Akt in Gang bringen
und bei ungengender die Produktion der Geschlechtsstoffe anregen.

Die Schwche dieser Lehre, die man z.B. in v. _Krafft-Ebings_
Darstellung der Sexualvorgnge angenommen findet, liegt darin, da sie,
fr die Geschlechtsttigkeit des reifen Mannes geschaffen, auf dreierlei
Verhltnisse wenig Rcksicht nimmt, deren Aufklrung sie gleichfalls
liefern sollte. Es sind dies die Verhltnisse beim Kinde, beim Weibe und
beim mnnlichen Kastraten. In allen drei Fllen ist von einer Anhufung
von Geschlechtsprodukten im gleichen Sinne wie beim Manne nicht die
Rede, was die glatte Anwendung des Schemas erschwert; doch ist
ohneweiters zuzugeben, da sich Ausknfte finden lieen, welche die
Unterordnung auch dieser Flle ermglichen wrden. Auf jeden Fall bleibt
die Warnung bestehen, dem Faktor der Anhufung der Geschlechtsprodukte
nicht Leistungen aufzubrden, deren er unfhig scheint.

                   *       *       *       *       *

Einschtzung der inneren Geschlechtsteile.

Da die Sexualerregung in beachtenswertem Grade unabhngig von der
Produktion der Geschlechtsstoffe sein kann, scheinen die Beobachtungen
an mnnlichen Kastraten zu ergeben, bei denen gelegentlich die Libido
der Beeintrchtigung durch die Operation entgeht, wenngleich das
entgegengesetzte Verhalten, das ja die Operation motiviert, die Regel
ist. berdies wei man ja lngst, da Krankheiten, welche die Produktion
der mnnlichen Geschlechtszellen vernichtet haben, die Libido und Potenz
des nun sterilen Individuums ungeschdigt lassen. Es ist dann keineswegs
so verwunderlich, wie C. _Rieger_ es hinstellt, da der Verlust der
mnnlichen Keimdrsen im reiferen Alter ohne weiteren Einflu auf das
seelische Verhalten des Individuums bleiben kann. Die im zarten Alter
vor der Pubertt vorgenommene Kastration nhert sich zwar in ihrer
Wirkung dem Ziel einer Aufhebung der Geschlechtscharaktere, allein auch
dabei knnte auer dem Verlust der Geschlechtsdrsen an sich eine mit
deren Wegfall verknpfte Entwicklungshemmung anderer Faktoren in
Betracht kommen.

                   *       *       *       *       *

Chemische Theorie.

Tierversuche mit Entfernung der Keimdrsen (Hoden und Ovarien) und
entsprechend variierter Einpflanzung neuer solcher Organe bei
Wirbeltieren (s. das zitierte Werk von _Lipschtz_, S.13) haben endlich
ein partielles Licht auf die Herkunft der Sexualerregung geworfen und
dabei die Bedeutung einer etwaigen Anhufung der zelligen
Geschlechtsprodukte noch weiter zurckgedrngt. Es ist dem Experiment
mglich geworden (E. _Steinach_), ein Mnnchen in ein Weibchen und
umgekehrt ein Weibchen in ein Mnnchen zu verwandeln, wobei sich das
psychosexuelle Verhalten des Tieres entsprechend den somatischen
Geschlechtscharakteren und gleichzeitig mit ihnen nderte. Dieser
geschlechtsbestimmende Einflu soll aber nicht dem Anteil der Keimdrse
zukommen, welcher die spezifischen Geschlechtszellen (Samenfden und Ei)
erzeugt, sondern dem interstitiellen Gewebe derselben, welches darum von
den Autoren als Puberttsdrse hervorgehoben wird. Es ist sehr wohl
mglich, da weitere Untersuchungen ergeben, die Puberttsdrse sei
normalerweise zwittrig angelegt, wodurch die Lehre von der Bisexualitt
der hheren Tiere anatomisch begrndet wrde, und es ist schon jetzt
wahrscheinlich, da sie nicht das einzige Organ ist, welches mit der
Produktion der Sexualerregung und der Geschlechtscharaktere zu tun hat.
Jedenfalls schliet dieser neue biologische Fund an das an, was wir
schon vorher ber die Rolle der Schilddrse fr die Sexualitt erfahren
haben. Wir drfen nun glauben, da im interstitiellen Anteil der
Keimdrsen besondere chemische Stoffe erzeugt werden, die vom Blutstrom
aufgenommen die Ladung bestimmter Anteile des Zentralnervensystems mit
sexueller Spannung zustande kommen lassen, wie wir ja solche Umsetzung
eines toxischen Reizes in einen besonderen Organreiz von anderen dem
Krper als fremd eingefhrten Giftstoffen kennen. Wie die Sexualerregung
durch Reizung erogener Zonen bei vorheriger Ladung der zentralen
Apparate entsteht, und welche Verwicklungen von rein toxischen und
physiologischen Reizwirkungen sich bei diesen Sexualvorgngen ergeben,
das auch nur hypothetisch zu behandeln, kann keine zeitgeme Aufgabe
sein. Es genge uns als wesentlich an dieser Auffassung der
Sexualvorgnge, die Annahme besonderer, dem Sexualstoffwechsel
entstammender Stoffe festzuhalten. Denn diese anscheinend willkrliche
Aufstellung wird durch eine wenig beachtete, aber hchst beachtenswerte
Einsicht untersttzt. Die Neurosen, welche sich nur auf Strungen des
Sexuallebens zurckfhren lassen, zeigen die grte klinische
hnlichkeit mit den Phnomenen der Intoxikation und Abstinenz, welche
sich durch die habituelle Einfhrung Lust erzeugender Giftstoffe
(Alkaloide) ergeben.


Die Libidotheorie.

Mit diesen Vermutungen ber die chemische Grundlage der Sexualerregung
stehen in guter bereinstimmung die Hilfsvorstellungen, die wir uns zur
Bewltigung der psychischen uerungen des Sexuallebens geschaffen
haben. Wir haben uns den Begriff der _Libido_ festgelegt als einer
quantitativ vernderlichen Kraft, welche Vorgnge und Umsetzungen auf
dem Gebiete der Sexualerregung messen knnte. Diese Libido sondern wir
von der Energie, die den seelischen Prozessen allgemein unterzulegen
ist, mit Beziehung auf ihren besonderen Ursprung und verleihen ihr so
auch einen qualitativen Charakter. In der Sonderung von libidinser und
anderer psychischer Energie drcken wir die Voraussetzung aus, da sich
die Sexualvorgnge des Organismus durch einen besonderen Chemismus von
den Ernhrungsvorgngen unterscheiden. Die Analyse der Perversionen und
Psychoneurosen hat uns zur Einsicht gebracht, da diese Sexualerregung
nicht von den sogenannten Geschlechtsteilen allein, sondern von allen
Krperorganen geliefert wird. Wir bilden uns also die Vorstellung eines
Libidoquantums, dessen psychische Vertretung wir die _Ichlibido_ heien,
dessen Produktion, Vergrerung oder Verminderung, Verteilung und
Verschiebung uns die Erklrungsmglichkeiten fr die beobachteten
psychosexuellen Phnomene bieten soll.

Dem analytischen Studium bequem zugnglich wird diese Ichlibido aber
nur, wenn sie die psychische Verwendung zur Besetzung von Sexualobjekten
gefunden hat, also zur _Objektlibido_ geworden ist. Wir sehen sie dann
sich auf Objekte konzentrieren, an ihnen fixieren oder aber diese
Objekte verlassen, von ihnen auf andere bergehen und von diesen
Positionen aus die Sexualbettigung des Individuums lenken, die zur
Befriedigung, d.h. zum partiellen und zeitweisen Erlschen der Libido
fhrt. Die Psychoanalyse der sogenannten bertragungsneurosen (Hysterie
und Zwangsneurose) gestattet uns hier einen sicheren Einblick.

Von den Schicksalen der Objektlibido knnen wir noch erkennen, da sie
von den Objekten abgezogen, in besonderen Spannungszustnden schwebend
erhalten und endlich ins Ich zurckgeholt wird, so da sie wieder zur
Ichlibido geworden ist. Die Ichlibido heien wir im Gegensatz zur
Objektlibido auch _narzitische_ Libido. Von der Psychoanalyse aus
schauen wir wie ber eine Grenze, deren berschreitung uns nicht
gestattet ist, in das Getriebe der narzitischen Libido hinein und
bilden uns eine Vorstellung von dem Verhltnis der beiden. Die
narzitische oder Ichlibido erscheint uns als das groe Reservoir, aus
welchem die Objektbesetzungen ausgeschickt und in welches sie wieder
einbezogen werden, die narzitische Libidobesetzung des Ichs als der in
der ersten Kindheit realisierte Urzustand, welcher durch die spteren
Aussendungen der Libido nur verdeckt wird, im Grunde hinter denselben
erhalten geblieben ist.

Die Aufgabe einer Libidotheorie der neurotischen und psychotischen
Strungen mte sein, alle beobachteten Phnomene und erschlossenen
Vorgnge in den Terminis der Libidokonomie auszudrcken. Es ist leicht
zu erraten, da den Schicksalen der Ichlibido dabei die grere
Bedeutung zufallen wird, besonders wo es sich um die Erklrung der
tieferen psychotischen Strungen handelt. Die Schwierigkeit liegt dann
darin, da das Mittel unserer Untersuchung, die Psychoanalyse, uns
vorlufig nur ber die Wandlungen an der Objektlibido sichere Auskunft
bringt, die Ichlibido aber von den anderen im Ich wirkenden Energien
nicht ohneweiters zu scheiden vermag(63). Eine Fortfhrung der
Libidotheorie ist deshalb vorlufig nur auf dem Wege der Spekulation
mglich. Man verzichtet aber auf allen Gewinn aus der bisherigen
psychoanalytischen Beobachtung, wenn man nach dem Vorgang von C.G.
_Jung_ den Begriff der Libido selbst verflchtigt, indem man sie mit der
psychischen Triebkraft berhaupt zusammenfallen lt.

  (63) S. Zur Einfhrung des Narzimus, Jahrbuch der PsychoanalyseVI,
  1913. -- Der Terminus Narzimus ist nicht, wie dort irrtmlich
  angegeben, von _Naecke_, sondern von H. _Ellis_ geschaffen worden.

Die Sonderung der sexuellen Triebregungen von den anderen und somit die
Einschrnkung des Begriffes Libido auf diese ersteren findet eine starke
Untersttzung in der vorhin errterten Annahme eines besonderen
Chemismus der Sexualfunktion.


Differenzierung von Mann und Weib.

Es ist bekannt, da erst mit der Pubertt sich die scharfe Sonderung des
mnnlichen und weiblichen Charakters herstellt, ein Gegensatz, der dann
wie kein anderer die Lebensgestaltung der Menschen entscheidend
beeinflut. Mnnliche und weibliche Anlage sind allerdings schon im
Kindesalter gut kenntlich; die Entwicklung der Sexualittshemmungen
(Scham, Ekel, Mitleid usw.) erfolgt beim kleinen Mdchen frhzeitiger
und gegen geringeren Widerstand als beim Knaben; die Neigung zur
Sexualverdrngung erscheint berhaupt grer; wo sich Partialtriebe der
Sexualitt bemerkbar machen, bevorzugen sie die passive Form. Die
autoerotische Bettigung der erogenen Zonen ist aber bei beiden
Geschlechtern die nmliche und durch diese bereinstimmung ist die
Mglichkeit eines Geschlechtsunterschiedes, wie er sich nach der
Pubertt herstellt, fr die Kindheit aufgehoben. Mit Rcksicht auf die
autoerotischen und masturbatorischen Sexualuerungen knnte man den
Satz aufstellen, die Sexualitt der kleinen Mdchen habe durchaus
mnnlichen Charakter. Ja, wte man den Begriffen mnnlich und
weiblich einen bestimmteren Inhalt zu geben, so liee sich auch die
Behauptung vertreten, _die Libido sei regelmig und gesetzmig
mnnlicher Natur, ob sie nun beim Manne oder beim Weibe vorkomme und,
abgesehen von ihrem Objekt, mag dies der Mann oder das Weib sein_(64).

  (64) Es ist unerllich, sich klar zu machen, da die Begriffe
  mnnlich und weiblich, deren Inhalt der gewhnlichen Meinung so
  unzweideutig erscheint, in der Wissenschaft zu den verworrensten
  gehren und nach mindestens _drei_ Richtungen zu zerlegen sind. Man
  gebraucht mnnlich und weiblich bald im Sinne von _Aktivitt_ und
  _Passivitt_, bald im _biologischen_ und dann auch im _soziologischen_
  Sinne. Die erste dieser drei Bedeutungen ist die wesentliche und die
  in der Psychoanalyse allein verwertbare. Ihr entspricht es, wenn die
  Libido oben im Text als mnnlich bezeichnet wird, denn der Trieb ist
  immer aktiv, auch wo er sich ein passives Ziel gesetzt hat. Die
  zweite, biologische, Bedeutung von mnnlich und weiblich ist die,
  welche die klarste Bestimmung zult. Mnnlich und weiblich sind hier
  durch die Anwesenheit der Samen- respektive Eizelle und durch die von
  ihnen ausgehenden Funktionen charakterisiert. Die Aktivitt und ihre
  Nebenuerungen, strkere Muskelentwicklung, Aggression, grere
  Intensitt der Libido, sind in der Regel mit der biologischen
  Mnnlichkeit verltet, aber nicht notwendigerweise verknpft, denn es
  gibt Tiergattungen, bei denen diese Eigenschaften vielmehr dem
  Weibchen zugeteilt sind. Die dritte, soziologische, Bedeutung erhlt
  ihren Inhalt durch die Beobachtung der wirklich existierenden
  mnnlichen und weiblichen Individuen. Diese ergibt fr den Menschen,
  da weder im psychologischen noch im biologischen Sinne eine reine
  Mnnlichkeit oder Weiblichkeit gefunden wird. Jede Einzelperson weist
  vielmehr eine Vermengung ihres biologischen Geschlechtscharakters mit
  biologischen Zgen des anderen Geschlechts und eine Vereinigung von
  Aktivitt und Passivitt auf, sowohl insofern diese psychischen
  Charakterzge von den biologischen abhngen als auch insoweit sie
  unabhngig von ihnen sind.

Seitdem ich mit dem Gesichtspunkte der Bisexualitt bekannt geworden
bin, halte ich dieses Moment fr das hier magebende und meine, ohne der
Bisexualitt Rechnung zu tragen, wird man kaum zum Verstndnis der
tatschlich zu beobachtenden Sexualuerungen von Mann und Weib gelangen
knnen.

                   *       *       *       *       *

Leitzonen bei Mann und Weib.

Von diesem abgesehen, kann ich nur noch folgendes hinzufgen: Die
leitende erogene Zone ist auch beim weiblichen Kinde an der Klitoris
gelegen, der mnnlichen Genitalzone an der Eichel also homolog. Alles,
was ich ber Masturbation bei kleinen Mdchen in Erfahrung bringen
konnte, betraf die Klitoris und nicht die fr die spteren
Geschlechtsfunktionen bedeutsamen Partien des ueren Genitales. Ich
zweifle selbst daran, da das weibliche Kind unter dem Einflusse der
Verfhrung zu etwas anderem als zur Klitorismasturbation gelangen kann,
es sei denn ganz ausnahmsweise. Die gerade bei kleinen Mdchen so
hufigen Spontanentladungen der sexuellen Erregtheit uern sich in
Zuckungen der Klitoris, und die hufigen Erektionen derselben
ermglichen es den Mdchen, die Sexualuerungen des anderen
Geschlechtes richtig auch ohne Unterweisung zu beurteilen, indem sie
einfach die Empfindungen der eigenen Sexualvorgnge auf die Knaben
bertragen.

Will man das Weibwerden des kleinen Mdchens verstehen, so mu man die
weiteren Schicksale dieser Klitoriserregbarkeit verfolgen. Die Pubertt,
welche dem Knaben jenen groen Vorsto der Libido bringt, kennzeichnet
sich fr das Mdchen durch eine neuerliche Verdrngungswelle, von der
gerade die Klitorissexualitt betroffen wird. Es ist ein Stck
mnnlichen Sexuallebens, was dabei der Verdrngung verfllt. Die bei
dieser Puberttsverdrngung des Weibes geschaffene Verstrkung der
Sexualhemmnisse ergibt dann einen Reiz fr die Libido des Mannes und
ntigt dieselbe zur Steigerung ihrer Leistungen; mit der Hhe der Libido
steigt dann auch die Sexualberschtzung, die nur fr das sich
weigernde, seine Sexualitt verleugnende Weib im vollen Mae zu haben
ist. Die Klitoris behlt dann die Rolle, wenn sie beim endlich
zugelassenen Sexualakt selbst erregt wird, diese Erregung an die
benachbarten weiblichen Teile weiter zu leiten, etwa wie ein Span
Kienholz dazu bentzt werden kann, das hrtere Brennholz in Brand zu
setzen. Es nimmt oft eine gewisse Zeit in Anspruch, bis sich diese
bertragung vollzogen hat, whrend welcher dann das junge Weib
ansthetisch ist. Diese Ansthesie kann eine dauernde werden, wenn die
Klitoriszone ihre Erregbarkeit abzugeben sich weigert, was gerade durch
ausgiebige Bettigung im Kinderleben vorbereitet wird. Es ist bekannt,
da die Ansthesie der Frauen hufig nur eine scheinbare, eine lokale
ist. Sie sind ansthetisch am Scheideneingang, aber keineswegs
unerregbar von der Klitoris oder selbst von anderen Zonen aus. Zu diesen
erogenen Anlssen der Ansthesie gesellen sich dann noch die
psychischen, gleichfalls durch Verdrngung bedingten.

Ist die bertragung der erogenen Reizbarkeit von der Klitoris auf den
Scheideneingang gelungen, so hat damit das Weib seine fr die sptere
Sexualbettigung leitende Zone gewechselt, whrend der Mann die seinige
von der Kindheit an beibehalten hat. In diesem Wechsel der leitenden
erogenen Zone sowie in dem Verdrngungsschub der Pubertt, der gleichsam
die infantile Mnnlichkeit beiseite schafft, liegen die Hauptbedingungen
fr die Bevorzugung des Weibes zur Neurose, insbesondere zur Hysterie.
Diese Bedingungen hngen also mit dem Wesen der Weiblichkeit innigst
zusammen.


Die Objektfindung.

Whrend durch die Puberttsvorgnge das Primat der Genitalzonen
festgelegt wird und das Vordrngen des erigiert gewordenen Gliedes beim
Manne gebieterisch auf das neue Sexualziel hinweist, auf das Eindringen
in eine die Genitalzone erregende Krperhhle, vollzieht sich von
psychischer Seite her die Objektfindung, fr welche von der frhesten
Kindheit an vorgearbeitet worden ist. Als die anfnglichste
Sexualbefriedigung noch mit der Nahrungsaufnahme verbunden war, hatte
der Sexualtrieb ein Sexualobjekt auerhalb des eigenen Krpers in der
Mutterbrust. Er verlor es nur spter, vielleicht gerade zur Zeit, als es
dem Kinde mglich wurde, die Gesamtvorstellung der Person, welcher das
ihm Befriedigung spendende Organ angehrte, zu bilden. Der
Geschlechtstrieb wird dann in der Regel autoerotisch und erst nach
berwindung der Latenzzeit stellt sich das ursprngliche Verhltnis
wieder her. Nicht ohne guten Grund ist das Saugen des Kindes an der
Brust der Mutter vorbildlich fr jede Liebesbeziehung geworden. Die
Objektfindung ist eigentlich eine Wiederfindung(65).

  (65) Die Psychoanalyse lehrt, da es zwei Wege der Objektfindung gibt,
  erstens die im Text besprochene, die in _Anlehnung_ an die
  frhinfantilen Vorbilder vor sich geht, und zweitens die
  _narzitische_, die das eigene Ich sucht und im anderen wiederfindet.
  Diese letztere hat eine besonders groe Bedeutung fr die
  pathologischen Ausgnge, fgt sich aber nicht in den hier behandelten
  Zusammenhang.

                   *       *       *       *       *

Sexualobjekt der Suglingszeit.

Aber von dieser ersten und wichtigsten aller sexuellen Beziehungen
bleibt auch nach der Abtrennung der Sexualttigkeit von der
Nahrungsaufnahme ein wichtiges Stck brig, welches die Objektwahl
vorbereiten, das verlorene Glck also wiederherstellen hilft. Die ganze
Latenzzeit ber lernt das Kind andere Personen, die seiner Hilflosigkeit
abhelfen und seine Bedrfnisse befriedigen, _lieben_, durchaus nach dem
Muster und in Fortsetzung seines Suglingsverhltnisses zur Amme. Man
wird sich vielleicht struben wollen, die zrtlichen Gefhle und die
Wertschtzung des Kindes fr seine Pflegepersonen mit der
geschlechtlichen Liebe zu identifizieren, allein ich meine, eine
genauere psychologische Untersuchung wird diese Identitt ber jeden
Zweifel hinaus feststellen knnen. Der Verkehr des Kindes mit seiner
Pflegeperson ist fr dasselbe eine unaufhrlich flieende Quelle
sexueller Erregung und Befriedigung von erogenen Zonen aus, zumal da
letztere -- in der Regel doch die Mutter -- das Kind selbst mit Gefhlen
bedenkt, die aus ihrem Sexualleben stammen, es streichelt, kt und
wiegt und ganz deutlich zum Ersatz fr ein vollgltiges Sexualobjekt
nimmt(66). Die Mutter wrde wahrscheinlich erschrecken, wenn man ihr die
Aufklrung gbe, da sie mit all ihren Zrtlichkeiten den Sexualtrieb
ihres Kindes weckt und dessen sptere Intensitt vorbereitet. Sie hlt
ihr Tun fr asexuelle reine Liebe, da sie es doch sorgsam vermeidet,
den Genitalien des Kindes mehr Erregungen zuzufhren, als bei der
Krperpflege unumgnglich ist. Aber der Geschlechtstrieb wird nicht nur
durch Erregung der Genitalzone geweckt, wie wir ja wissen; was wir
Zrtlichkeit heien, wird unfehlbar eines Tages seine Wirkung auch auf
die Genitalzonen uern. Verstnde die Mutter mehr von der hohen
Bedeutung der Triebe fr das gesamte Seelenleben, fr alle ethischen und
psychischen Leistungen, so wrde sie sich brigens auch nach der
Aufklrung alle Selbstvorwrfe ersparen. Sie erfllt nur ihre Aufgabe,
wenn sie das Kind lieben lehrt; es soll ja ein tchtiger Mensch mit
energischem Sexualbedrfnis werden und in seinem Leben all das
vollbringen, wozu der Trieb den Menschen drngt. Ein Zuviel von
elterlicher Zrtlichkeit wird freilich schdlich werden, indem es die
sexuelle Reifung beschleunigt, auch dadurch, da es das Kind verwhnt,
es unfhig macht, im spteren Leben auf Liebe zeitweilig zu verzichten
oder sich mit einem geringeren Ma davon zu begngen. Es ist eines der
besten Vorzeichen spterer Nervositt, wenn das Kind sich unersttlich
in seinem Verlangen nach Zrtlichkeit der Eltern erweist, und
andererseits werden gerade neuropathische Eltern, die ja meist zur
malosen Zrtlichkeit neigen, durch ihre Liebkosungen die Disposition
des Kindes zur neurotischen Erkrankung am ehesten erwecken. Man ersieht
brigens aus diesem Beispiel, da es fr neurotische Eltern direktere
Wege als den der Vererbung gibt, ihre Strung auf die Kinder zu
bertragen.

  (66) Wem diese Auffassung frevelhaft dnkt, der lese die fast
  gleichsinnige Behandlung des Verhltnisses zwischen Mutter und Kind
  bei _Havelock Ellis_ nach. (Das Geschlechtsgefhl, S.16.)

                   *       *       *       *       *

Infantile Angst.

Die Kinder selbst benehmen sich von frhen Jahren an, als sei ihre
Anhnglichkeit an ihre Pflegepersonen von der Natur der sexuellen Liebe.
Die Angst der Kinder ist ursprnglich nichts anderes als der Ausdruck
dafr, da sie die geliebte Person vermissen; sie kommen darum jedem
Fremden mit Angst entgegen; sie frchten sich in der Dunkelheit, weil
man in dieser die geliebte Person nicht sieht, und lassen sich
beruhigen, wenn sie dieselbe in der Dunkelheit bei der Hand fassen
knnen. Man berschtzt die Wirkung aller Kinderschrecken und gruseligen
Erzhlungen der Kinderfrauen, wenn man diesen Schuld gibt, da sie die
ngstlichkeit der Kinder erzeugen. Kinder, die zur ngstlichkeit neigen,
nehmen nur solche Erzhlungen auf, die an anderen durchaus nicht haften
wollen; und zur ngstlichkeit neigen nur Kinder mit bergroem oder
vorzeitig entwickeltem oder durch Verzrtelung anspruchsvoll gewordenem
Sexualtrieb. Das Kind benimmt sich hiebei wie der Erwachsene, indem es
seine Libido in Angst verwandelt, sowie es sie nicht zur Befriedigung zu
bringen vermag, und der Erwachsene wird sich dafr, wenn er durch
unbefriedigte Libido neurotisch geworden ist, in seiner Angst wie ein
Kind benehmen, sich zu frchten beginnen, sowie er allein, d.h. ohne
eine Person ist, deren Liebe er sicher zu sein glaubt, und diese seine
Angst durch die kindischesten Maregeln beschwichtigen wollen(67).

  (67) Die Aufklrung ber die Herkunft der kindlichen Angst verdanke
  ich einem dreijhrigen Knaben, den ich einmal aus einem dunklen Zimmer
  bitten hrte: Tante, sprich mit mir; ich frchte mich, weil es so
  dunkel ist. Die Tante rief ihn an: Was hast du denn davon? Du siehst
  mich ja nicht. Das macht nichts, antwortete das Kind, wenn jemand
  spricht, wird es hell. -- Er frchtete sich also nicht vor der
  Dunkelheit, sondern weil er eine geliebte Person vermite, und konnte
  versprechen sich zu beruhigen, sobald er einen Beweis von deren
  Anwesenheit empfangen hatte. -- Da die neurotische Angst aus der
  Libido entsteht, ein Umwandlungsprodukt derselben darstellt, sich also
  etwa so zu ihr verhlt, wie der Essig zum Wein, ist eines der
  bedeutsamsten Resultate der psychoanalytischen Forschung. Eine weitere
  Diskussion dieses Problems siehe in meinen Vorlesungen zur Einfhrung
  in die Psychoanalyse 1917, woselbst wohl auch nicht die endgltige
  Aufklrung erreicht worden ist.

                   *       *       *       *       *

Inzestschranke.

Wenn die Zrtlichkeit der Eltern zum Kinde es glcklich vermieden hat,
den Sexualtrieb desselben vorzeitig, d.h. ehe die krperlichen
Bedingungen der Pubertt gegeben sind, in solcher Strke zu wecken, da
die seelische Erregung in unverkennbarer Weise zum Genitalsystem
durchbricht, so kann sie ihre Aufgabe erfllen, dieses Kind im Alter der
Reife bei der Wahl des Sexualobjektes zu leiten. Gewi lge es dem Kinde
am nchsten, diejenigen Personen selbst zu Sexualobjekten zu whlen, die
es mit einer sozusagen abgedmpften Libido seit seiner Kindheit
liebt(68). Aber durch den Aufschub der sexuellen Reifung ist die Zeit
gewonnen worden, neben anderen Sexualhemmnissen die Inzestschranke
aufzurichten, jene moralischen Vorschriften in sich aufzunehmen, welche
die geliebten Personen der Kindheit als Blutsverwandte ausdrcklich von
der Objektwahl ausschlieen. Die Beachtung dieser Schranke ist vor allem
eine Kulturforderung der Gesellschaft, welche sich gegen die Aufzehrung
von Interessen durch die Familie wehren mu, die sie fr die Herstellung
hherer sozialer Einheiten braucht, und darum mit allen Mitteln dahin
wirkt, bei jedem einzelnen, speziell beim Jngling, den in der Kindheit
allein magebenden Zusammenhang mit seiner Familie zu lockern(69).

  (68) Vgl. hiezu das auf S.64 ber die Objektwahl des Kindes Gesagte:
  die zrtliche Strmung.

  (69) Die Inzestschranke gehrt wahrscheinlich zu den historischen
  Erwerbungen der Menschheit und drfte wie andere Moraltabu bereits bei
  vielen Individuen durch organische Vererbung fixiert sein. (Vgl. meine
  Schrift: Totem und Tabu 1913.) Doch zeigt die psychoanalytische
  Untersuchung, wie intensiv noch der Einzelne in seinen Entwicklungszeiten
  mit der Inzestversuchung ringt, und wie hufig er sie in
  Phantasien und selbst in der Realitt bertritt.

Die Objektwahl wird aber zunchst in der Vorstellung vollzogen und das
Geschlechtsleben der eben reifenden Jugend hat kaum einen anderen
Spielraum, als sich in Phantasien, d.h. in nicht zur Ausfhrung
bestimmten Vorstellungen zu ergehen(70). In diesen Phantasien treten bei
allen Menschen die infantilen Neigungen, nun durch den somatischen
Nachdruck verstrkt, wieder auf, und unter ihnen in gesetzmiger
Hufigkeit und an erster Stelle die meist bereits durch die
Geschlechtsanziehung differenzierte Sexualregung des Kindes fr die
Eltern, des Sohnes fr die Mutter und der Tochter fr den Vater(71).
Gleichzeitig mit der berwindung und Verwerfung dieser deutlich
inzestusen Phantasien wird eine der bedeutsamsten, aber auch
schmerzhaftesten, psychischen Leistungen der Puberttszeit vollzogen,
die Ablsung von der Autoritt der Eltern, durch welche erst der fr den
Kulturfortschritt so wichtige Gegensatz der neuen Generation zur alten
geschaffen wird. Auf jeder der Stationen des Entwicklungsganges, den die
Individuen durchmachen sollen, wird eine Anzahl derselben
zurckgehalten, und so gibt es auch Personen, welche die Autoritt der
Eltern nie berwunden und ihre Zrtlichkeit von denselben nicht oder nur
sehr unvollstndig zurckgezogen haben. Es sind zumeist Mdchen, die so
zur Freude der Eltern weit ber die Pubertt hinaus bei der vollen
Kinderliebe verbleiben, und da wird es dann sehr lehrreich zu finden,
da es diesen Mdchen in ihrer spteren Ehe an dem Vermgen gebricht,
ihren Mnnern das Gebhrende zu schenken. Sie werden khle Ehefrauen und
bleiben sexuell ansthetisch. Man lernt daraus, da die anscheinend
nicht sexuelle Liebe zu den Eltern und die geschlechtliche Liebe aus
denselben Quellen gespeist werden, d.h. da die erstere nur einer
infantilen Fixierung der Libido entspricht.

  (70) Die Phantasien der Puberttszeit knpfen an die in der Kindheit
  verlassene infantile Sexualforschung an, reichen wohl auch ein Stck
  in die Latenzzeit zurck. Sie knnen ganz oder zum groen Teil
  unbewut gehalten werden, entziehen sich darum hufig einer genauen
  Datierung. Sie haben groe Bedeutung fr die Entstehung mannigfaltiger
  Symptome, indem sie geradezu die Vorstufen derselben abgeben, also die
  Formen herstellen, in denen die verdrngten Libidokomponenten ihre
  Befriedigung finden. Ebenso sind die Vorlagen der nchtlichen
  Phantasien, die als Trume bewut werden. Trume sind hufig nichts
  anderes als Wiederbelebungen solcher Phantasien unter dem Einflu und
  in Anlehnung an einen aus dem Wachleben erbrigten Tagesreiz.
  (Tagesreste.) -- Unter den sexuellen Phantasien der Puberttszeit
  ragen einige hervor, welche durch allgemeinstes Vorkommen und
  weitgehende Unabhngigkeit vom Erleben des Einzelnen ausgezeichnet
  sind. So die Phantasien von der Belauschung des elterlichen
  Geschlechtsverkehrs, von der frhen Verfhrung durch geliebte
  Personen, von der Kastrationsdrohung, die Mutterleibsphantasien, deren
  Inhalt Verweilen und selbst Erlebnisse im Mutterleib sind, und der
  sogenannte Familienroman, in welchem der Heranwachsende auf den
  Unterschied seiner Einstellung zu den Eltern jetzt und in der Kindheit
  reagiert. Die nahen Beziehungen dieser Phantasien zum Mythus hat fr
  das letzte Beispiel O. _Rank_ in seiner Schrift Der Mythus von der
  Geburt des Helden 1909 aufgezeigt.

  Man sagt mit Recht, da der dipuskomplex der Kernkomplex der Neurosen
  ist, das wesentliche Stck im Inhalt der Neurose darstellt. In ihm
  gipfelt die infantile Sexualitt, welche durch ihre Nachwirkungen die
  Sexualitt des Erwachsenen entscheidend beeinflut. Jedem menschlichen
  Neuankmmling ist die Aufgabe gestellt, den dipuskomplex zu
  bewltigen; wer es nicht zustande bringt, ist der Neurose verfallen.
  Der Fortschritt der psychoanalytischen Arbeit hat diese Bedeutung des
  dipuskomplexes immer schrfer gezeichnet; seine Anerkennung ist das
  Schiboleth geworden, welches die Anhnger der Psychoanalyse von ihren
  Gegnern scheidet.

  (71) Vergleiche die Ausfhrungen ber das unvermeidliche Verhngnis in
  der dipusfabel (Traumdeutung, 4.Auflage, S.198).

Je mehr man sich den tieferen Strungen der psychosexuellen Entwicklung
nhert, desto unverkennbarer tritt die Bedeutung der inzestusen
Objektwahl hervor. Bei den Psychoneurotikern verbleibt infolge von
Sexualablehnung ein groes Stck oder das Ganze der psychosexuellen
Ttigkeit zur Objektfindung im Unbewuten. Fr die Mdchen mit
bergroem Zrtlichkeitsbedrfnis und eben solchem Grausen vor den
realen Anforderungen des Sexuallebens wird es zu einer unwiderstehlichen
Versuchung, sich einerseits das Ideal der asexuellen Liebe im Leben zu
verwirklichen und andererseits ihre Libido hinter einer Zrtlichkeit,
die sie ohne Selbstvorwurf uern drfen, zu verbergen, indem sie die
infantile, in der Pubertt aufgefrischte Neigung zu Eltern oder
Geschwistern frs Leben festhalten. Die Psychoanalyse kann solchen
Personen mhelos nachweisen, da sie in diese ihre Blutsverwandten im
gemeinverstndlichen Sinne des Wortes _verliebt_ sind, indem sie mit
Hilfe der Symptome und anderen Krankheitsuerungen ihre unbewuten
Gedanken aufsprt und in bewute bersetzt. Auch wo ein vorerst Gesunder
nach einer unglcklichen Liebeserfahrung erkrankt ist, kann man als den
Mechanismus solcher Erkrankung die Rckwendung seiner Libido auf die
infantil bevorzugten Personen mit Sicherheit aufdecken.

                   *       *       *       *       *

Nachwirkung der infantilen Objektwahl.

Auch wer die inzestuse Fixierung seiner Libido glcklich vermieden hat,
ist dem Einflu derselben nicht vllig entzogen. Es ist ein deutlicher
Nachklang dieser Entwicklungsphase, wenn die erste ernsthafte
Verliebtheit des jungen Mannes, wie so hufig, einem reifen Weibe, die
des Mdchens einem lteren, mit Autoritt ausgestatteten Manne gilt, die
ihnen das Bild der Mutter und des Vaters beleben knnen(72). In freierer
Anlehnung an diese Vorbilder geht wohl die Objektwahl berhaupt vor
sich. Vor allem sucht der Mann nach dem Erinnerungsbild der Mutter, wie
es ihn seit den Anfngen der Kindheit beherrscht; im vollen Einklang
steht es damit, wenn sich die noch lebende Mutter gegen diese ihre
Erneuerung strubt und ihr mit Feindseligkeit begegnet. Bei solcher
Bedeutung der kindlichen Beziehungen zu den Eltern fr die sptere Wahl
des Sexualobjektes ist es leicht zu verstehen, da jede Strung dieser
Kindheitsbeziehungen die schwersten Folgen fr das Sexualleben nach der
Reife zeitigt; auch die Eifersucht des Liebenden ermangelt nie der
infantilen Wurzel oder wenigstens der infantilen Verstrkung.
Zwistigkeiten zwischen den Eltern selbst, unglckliche Ehe derselben,
bedingen die schwerste Prdisposition fr gestrte Sexualentwicklung
oder neurotische Erkrankung der Kinder.

  (72) S. meinen Aufsatz ber einen besonderen Typus der Objektwahl
  beim Manne 1910 in Sammlung klein. Schriften z. Neurosenlehre,
  IV.Folge.

Die infantile Neigung zu den Eltern ist wohl die wichtigste, aber nicht
die einzige der Spuren, die, in der Pubertt aufgefrischt, dann der
Objektwahl den Weg weisen. Andere Anstze derselben Herkunft gestatten
dem Manne noch immer in Anlehnung an seine Kindheit mehr als eine
einzige _Sexualreihe_ zu entwickeln, ganz verschiedene Bedingungen fr
die Objektwahl auszubilden(73).

  (73) Ungezhlte Eigentmlichkeiten des menschlichen Liebeslebens sowie
  das Zwanghafte der Verliebtheit selbst sind berhaupt nur durch die
  Rckbeziehung auf die Kindheit und als Wirkungsreste derselben zu
  verstehen.

                   *       *       *       *       *

Verhtung der Inversion.

Eine bei der Objektwahl sich ergebende Aufgabe liegt darin, das
entgegengesetzte Geschlecht nicht zu verfehlen. Sie wird, wie bekannt,
nicht ohne einiges Tasten gelst. Die ersten Regungen nach der Pubertt
gehen hufig genug -- ohne dauernden Schaden -- irre. _Dessoir_ hat mit
Recht darauf aufmerksam gemacht, welche Gesetzmigkeit sich in den
schwrmerischen Freundschaften von Jnglingen und Mdchen fr
ihresgleichen verrt. Die grte Macht, welche eine dauernde Inversion
des Sexualobjektes abwehrt, ist gewi die Anziehung, welche die
entgegengesetzten Geschlechtscharaktere fr einander uern; zur
Erklrung derselben kann im Zusammenhange dieser Errterungen nichts
gegeben werden. Aber dieser Faktor reicht fr sich allein nicht hin, die
Inversion auszuschlieen; es kommen wohl allerlei untersttzende Momente
hinzu. Vor allem die Autorittshemmung der Gesellschaft; wo die
Inversion nicht als Verbrechen betrachtet wird, da kann man die
Erfahrung machen, da sie den sexuellen Neigungen nicht weniger
Individuen voll entspricht. Ferner darf man fr den Mann annehmen, da
die Kindererinnerung an die Zrtlichkeit der Mutter und anderer
weiblicher Personen, denen er als Kind berantwortet war, energisch
mithilft, seine Wahl auf das Weib zu lenken, whrend die von seiten des
Vaters erfahrene frhzeitige Sexualeinschchterung und die
Konkurrenzeinstellung zu ihm vom gleichen Geschlechte ablenkt. Beide
Momente gelten aber auch fr das Mdchen, dessen Sexualbettigung unter
der besonderen Obhut der Mutter steht. Es ergibt sich so eine feindliche
Beziehung zum eigenen Geschlecht, welche die Objektwahl entscheidend in
dem fr normal geltenden Sinn beeinflut. Die Erziehung der Knaben durch
mnnliche Personen (Sklaven in der antiken Welt) scheint die
Homosexualitt zu begnstigen; beim heutigen Adel wird die Hufigkeit
der Inversion wohl durch die Verwendung mnnlicher Dienerschaft wie
durch die geringere persnliche Frsorge der Mtter fr ihre Kinder um
etwas verstndlicher. Bei manchen Hysterischen ergibt sich, da der
frhzeitige Wegfall einer Person des Elternpaares (durch Tod,
Ehescheidung, Entfremdung), worauf dann die brigbleibende die ganze
Liebe des Kindes an sich gezogen hatte, die Bedingung fr das Geschlecht
der spter zum Sexualobjekt gewhlten Person festgestellt und damit auch
die dauernde Inversion ermglicht hat.


Zusammenfassung.

Es ist an der Zeit, eine Zusammenfassung zu versuchen. Wir sind von den
Abirrungen des Geschlechtstriebes in bezug auf sein Objekt und sein Ziel
ausgegangen, haben die Fragestellung vorgefunden, ob diese aus
angeborener Anlage entspringen oder infolge der Einflsse des Lebens
erworben werden. Die Beantwortung dieser Frage ergab sich uns aus der
Einsicht in die Verhltnisse des Geschlechtstriebes bei den
Psychoneurotikern, einer zahlreichen und den Gesunden nicht ferne
stehenden Menschengruppe, welche Einsicht wir durch psychoanalytische
Untersuchung gewonnen hatten. Wir fanden so, da bei diesen Personen die
Neigungen zu allen Perversionen als unbewute Mchte nachweisbar sind
und sich als Symptombildner verraten, und konnten sagen, die Neurose sei
gleichsam ein Negativ der Perversion. Angesichts der nun erkannten
groen Verbreitung der Perversionsneigungen drngte sich uns der
Gesichtspunkt auf, da die Anlage zu den Perversionen die ursprngliche
allgemeine Anlage des menschlichen Geschlechtstriebes sei, aus welcher
das normale Sexualverhalten infolge organischer Vernderungen und
psychischer Hemmungen im Laufe der Reifung entwickelt werde. Die
ursprngliche Anlage hofften wir im Kindesalter aufzeigen zu knnen;
unter den die Richtung des Sexualtriebes einschrnkenden Mchten hoben
wir Scham, Ekel, Mitleid und die sozialen Konstruktionen der Moral und
Autoritt hervor. So muten wir in jeder fixierten Abirrung vom normalen
Geschlechtsleben ein Stck Entwicklungshemmung und Infantilismus
erblicken. Die Bedeutung der Variationen der ursprnglichen Anlage
muten wir in den Vordergrund stellen, zwischen ihnen und den Einflssen
des Lebens aber ein Verhltnis von Kooperation und nicht von
Gegenstzlichkeit annehmen. Anderseits erschien uns, da die
ursprngliche Anlage eine komplexe sein mute, der Geschlechtstrieb
selbst als etwas aus vielen Faktoren Zusammengesetztes, das in den
Perversionen gleichsam in seine Komponenten zerfllt. Somit erwiesen
sich die Perversionen einerseits als Hemmungen, andererseits als
Dissoziationen der normalen Entwicklung. Beide Auffassungen vereinigten
sich in der Annahme, da der Geschlechtstrieb des Erwachsenen durch die
Zusammenfassung vielfacher Regungen des Kinderlebens zu einer Einheit,
einer Strebung mit einem einzigen Ziel entstehe.

Wir fgten noch die Aufklrung fr das berwiegen der perversen
Neigungen bei den Psychoneurotikern bei, indem wir dieses als
kollaterale Fllung von Nebenbahnen bei Verlegung des Hauptstrombettes
durch die Verdrngung erkannten, und wandten uns dann der Betrachtung
des Sexuallebens im Kindesalter zu(74). Wir fanden es bedauerlich, da
man dem Kindesalter den Sexualtrieb abgesprochen und die nicht selten zu
beobachtenden Sexualuerungen des Kindes als regelwidrige Vorkommnisse
beschrieben hat. Es schien uns vielmehr, da das Kind Keime von
Sexualttigkeit mit zur Welt bringt und schon bei der Nahrungsaufnahme
sexuelle Befriedigung mitgeniet, die es sich dann in der gut gekannten
Ttigkeit des Ludelns immer wieder zu verschaffen sucht. Die
Sexualbettigung des Kindes entwickle sich aber nicht im gleichen
Schritt wie seine sonstigen Funktionen, sondern trete nach einer kurzen
Blteperiode vom 2. bis zum 5. Jahre in die sogenannte Latenzperiode
ein. In derselben wrde die Produktion sexueller Erregung keineswegs
eingestellt, sondern halte an und liefere einen Vorrat von Energie, der
groenteils zu anderen als sexuellen Zwecken verwendet werde, nmlich
einerseits zur Abgabe der sexuellen Komponenten fr soziale Gefhle,
andererseits (vermittels Verdrngung und Reaktionsbildung) zum Aufbau
der spteren Sexualschranken. Demnach wrden die Mchte, die dazu
bestimmt sind, den Sexualtrieb in gewissen Bahnen zu erhalten, im
Kindesalter auf Kosten der groenteils perversen Sexualregungen und
unter Mithilfe der Erziehung aufgebaut. Ein anderer Teil der infantilen
Sexualregungen entgehe diesen Verwendungen und knne sich als
Sexualbettigung uern. Man knne dann erfahren, da die Sexualerregung
des Kindes aus vielerlei Quellen fliee. Vor allem entstehe Befriedigung
durch die geeignete sensible Erregung sogenannter erogener Zonen als
welche wahrscheinlich jede Hautstelle und jedes Sinnesorgan,
wahrscheinlich jedes Organ, fungieren knne, whrend gewisse
ausgezeichnete erogene Zonen existieren, deren Erregung durch gewisse
organische Vorrichtungen von Anfang an gesichert sei. Ferner entstehe
sexuelle Erregung gleichsam als Nebenprodukt bei einer groen Reihe von
Vorgngen im Organismus, sobald dieselben nur eine gewisse Intensitt
erreichen, ganz besonders bei allen strkeren Gemtsbewegungen, seien
sie auch peinlicher Natur. Die Erregungen aus all diesen Quellen setzten
sich noch nicht zusammen, sondern verfolgten jede vereinzelt ihr Ziel,
welches blo der Gewinn einer gewissen Lust ist. Der Geschlechtstrieb
sei also im Kindesalter _nicht zentriert_ und zunchst objektlos,
_autoerotisch_.

  (74) Dies gilt nicht nur fr die in der Neurose negativ auftretenden
  Perversionsneigungen, sondern ebenso fr die positiven, eigentlich so
  benannten Perversionen. Diese letzteren sind also nicht blo auf die
  Fixierung der infantilen Neigungen zurckzufhren, sondern auch auf
  die Regression zu denselben infolge der Verlegung anderer Bahnen der
  Sexualstrmung. Darum sind auch die positiven Perversionen der
  psychoanalytischen Therapie zugnglich.

Noch whrend der Kinderjahre beginne die erogene Zone der Genitalien
sich bemerkbar zu machen, entweder in der Art, da sie wie jede andere
erogene Zone auf geeignete sensible Reizung Befriedigung ergebe, oder
indem auf nicht ganz verstndliche Weise mit der Befriedigung von
anderen Quellen her gleichzeitig eine Sexualerregung erzeugt werde, die
zu der Genitalzone eine besondere Beziehung erhalte. Wir haben es
bedauern mssen, da eine gengende Aufklrung des Verhltnisses
zwischen Sexualbefriedigung und Sexualerregung sowie zwischen der
Ttigkeit der Genitalzone und der brigen Quellen der Sexualitt nicht
zu erreichen war.

Durch das Studium der neurotischen Strungen haben wir gemerkt, da sich
im kindlichen Sexualleben von allem Anfang an Anstze zu einer
Organisation der sexuellen Triebkomponenten erkennen lassen. In einer
ersten sehr frhen Phase steht die _Oral_erotik im Vordergrunde; eine
zweite dieser _prgenitalen_ Organisationen wird durch die
Vorherrschaft des _Sadismus_ und der _Anal_erotik charakterisiert, erst
in einer dritten Phase wird das Sexualleben durch den Anteil der
eigentlichen Genitalzonen mitbestimmt.

Wir haben dann als eine der berraschendsten Ermittlungen feststellen
mssen, da diese Frhblte des infantilen Sexuallebens (2-5 Jahre) auch
eine Objektwahl mit all den reichen, seelischen Leistungen zeitigt, so
da die daran geknpfte, ihr entsprechende Phase trotz der mangelnden
Zusammenfassung der einzelnen Triebkomponenten und der Unsicherheit des
Sexualzieles als bedeutsamer Vorlufer der spteren endgltigen
Sexualorganisation einzuschtzen ist.

Die Tatsache des _zweizeitigen Ansatzes_ der Sexualentwicklung beim
Menschen, also die Unterbrechung dieser Entwicklung durch die
Latenzzeit, erschien uns besonderer Beachtung wrdig. Sie scheint eine
der Bedingungen fr die Eignung des Menschen zur Entwicklung einer
hheren Kultur, aber auch fr seine Neigung zur Neurose zu enthalten.
Bei der tierischen Verwandtschaft des Menschen ist unseres Wissens etwas
Analoges nicht nachweisbar. Die Ableitung der Herkunft dieser
menschlichen Eigenschaft mte man in der Urgeschichte der Menschenart
suchen.

Welches Ma von sexuellen Bettigungen im Kindesalter noch als normal,
der weiteren Entwicklung nicht abtrglich, bezeichnet werden darf,
konnten wir nicht sagen. Der Charakter der Sexualuerungen erwies sich
als vorwiegend masturbatorisch. Wir stellten ferner durch Erfahrungen
fest, da die ueren Einflsse der Verfhrung vorzeitige Durchbrche
der Latenzzeit bis zur Aufhebung derselben hervorrufen knnen, und da
sich dabei der Geschlechtstrieb des Kindes in der Tat als polymorph
pervers bewhrt; ferner, da jede solche frhzeitige Sexualttigkeit die
Erziehbarkeit des Kindes beeintrchtigt.

Trotz der Lckenhaftigkeit unserer Einsichten in das infantile
Sexualleben muten wir dann den Versuch machen, die durch das Auftreten
der Pubertt gesetzten Vernderungen desselben zu studieren. Wir griffen
zwei derselben als die magebenden heraus, die Unterordnung aller
sonstigen Ursprnge der Sexualerregung unter das Primat der Genitalzonen
und den Proze der Objektfindung. Beide sind im Kinderleben bereits
vorgebildet. Die erstere vollzieht sich durch den Mechanismus der
Ausntzung der Vorlust, wobei die sonst selbstndigen sexuellen Akte,
die mit Lust und Erregung verbunden sind, zu vorbereitenden Akten fr
das neue Sexualziel, die Entleerung der Geschlechtsprodukte werden,
dessen Erreichung unter riesiger Lust der Sexualerregung ein Ende macht.
Wir hatten dabei die Differenzierung des geschlechtlichen Wesens zu Mann
und Weib zu bercksichtigen und fanden, da zum Weibwerden eine
neuerliche Verdrngung erforderlich ist, welche ein Stck infantiler
Mnnlichkeit aufhebt und das Weib fr den Wechsel der leitenden
Genitalzone vorbereitet. Die Objektwahl endlich fanden wir geleitet
durch die infantilen, zur Pubertt aufgefrischten Andeutungen sexueller
Neigung des Kindes zu seinen Eltern und Pflegepersonen und durch die
mittlerweile aufgerichtete Inzestschranke von diesen Personen weg auf
ihnen hnliche gelenkt. Fgen wir endlich noch hinzu, da whrend der
bergangszeit der Pubertt die somatischen und die psychischen
Entwicklungsvorgnge eine Weile unverknpft nebeneinander hergehen, bis
mit dem Durchbruch einer intensiven seelischen Liebesregung zur
Innervation der Genitalien die normalerweise erforderte Einheit der
Liebesfunktion hergestellt wird.

                   *       *       *       *       *

Entwicklungsstrende Momente.

Jeder Schritt auf diesem langen Entwicklungswege kann zur
Fixierungsstelle, jede Fuge dieser verwickelten Zusammensetzung zum
Anla der Dissoziation des Geschlechtstriebes werden, wie wir bereits an
verschiedenen Beispielen errtert haben. Es erbrigt uns noch, eine
bersicht der verschiedenen, die Entwicklung strenden, inneren und
ueren Momente zu geben und beizufgen, an welcher Stelle des
Mechanismus die von ihnen ausgehende Strung angreift. Was wir da in
einer Reihe anfhren, kann freilich unter sich nicht gleichwertig sein,
und wir mssen auf Schwierigkeiten rechnen, den einzelnen Momenten die
ihnen gebhrende Abschtzung zuzuteilen.

                   *       *       *       *       *

Konstitution und Hereditt.

An erster Stelle ist hier die angeborene _Verschiedenheit der sexuellen
Konstitution_ zu nennen, auf die wahrscheinlich das Hauptgewicht
entfllt, die aber, wie begreiflich, nur aus ihren spteren uerungen
und dann nicht immer mit groer Sicherheit zu erschlieen ist. Wir
stellen uns unter ihr ein berwiegen dieser oder jener der mannigfachen
Quellen der Sexualerregung vor und glauben, da solche Verschiedenheit
der Anlagen in dem Endergebnis jedenfalls zum Ausdruck kommen mu, auch
wenn dies sich innerhalb der Grenzen des Normalen zu halten vermag.
Gewi sind auch solche Variationen der ursprnglichen Anlage denkbar,
welche notwendigerweise und ohne weitere Mithilfe zur Ausbildung eines
abnormen Sexuallebens fhren mssen. Man kann dieselben dann
degenerative heien und als Ausdruck ererbter Verschlechterung
betrachten. Ich habe in diesem Zusammenhange eine merkwrdige Tatsache
zu berichten. Bei mehr als der Hlfte meiner psychotherapeutisch
behandelten schweren Flle von Hysterie, Zwangsneurose usw. ist mir der
Nachweis der vor der Ehe berstandenen Syphilis der Vter sicher
gelungen, sei es, da diese an Tabes oder progressiver Paralyse gelitten
hatten, sei es, da deren luetische Erkrankung sich anderswie
anamnestisch feststellen lie. Ich bemerke ausdrcklich, da die spter
neurotischen Kinder keine krperlichen Zeichen von hereditrer Lues an
sich trugen, so da eben die abnorme sexuelle Konstitution als der
letzte Auslufer der luetischen Erbschaft zu betrachten war. So fern es
mir nun liegt, die Abkunft von syphilitischen Eltern als regelmige
oder unentbehrliche tiologische Bedingung der neuropathischen
Konstitution hinzustellen, so halte ich doch das von mir beobachtete
Zusammentreffen fr nicht zufllig und nicht bedeutungslos.

Die hereditren Verhltnisse der positiv Perversen sind minder gut
bekannt, weil dieselben sich der Erkundung zu entziehen wissen. Doch hat
man Grund anzunehmen, da bei den Perversionen hnliches wie bei den
Neurosen gilt. Nicht selten findet man nmlich Perversion und
Psychoneurose in denselben Familien auf die verschiedenen Geschlechter
so verteilt, da die mnnlichen Mitglieder oder eines derselben positiv
pervers, die weiblichen aber der Verdrngungsneigung ihres Geschlechts
entsprechend negativ pervers, hysterisch sind, ein guter Beleg fr die
von uns gefundenen Wesensbeziehungen zwischen den beiden Strungen.

                   *       *       *       *       *

Weitere Verarbeitung.

Man kann indes den Standpunkt nicht vertreten, als ob mit dem Ansatz der
verschiedenen Komponenten in der sexuellen Konstitution die Entscheidung
ber die Gestaltung des Sexuallebens eindeutig bestimmt wre. Die
Bedingtheit setzt sich vielmehr fort und weitere Mglichkeiten ergeben
sich je nach dem Schicksal, welches die aus den einzelnen Quellen
stammenden Sexualittszuflsse erfahren. Diese _weitere Verarbeitung_
ist offenbar das endgltig Entscheidende, whrend die der Beschreibung
nach gleiche Konstitution zu drei verschiedenen Endausgngen fhren
kann. Wenn sich alle die Anlagen in ihrem, als abnorm angenommenen,
relativen Verhltnis erhalten und mit der Reifung verstrken, so kann
nur ein perverses Sexualleben das Endergebnis sein. Die Analyse solcher
abnormer konstitutioneller Anlagen ist noch nicht ordentlich in Angriff
genommen worden, doch kennen wir bereits Flle, die in solchen Annahmen
mit Leichtigkeit ihre Erklrung finden. Die Autoren meinen z.B. von
einer ganzen Reihe von Fixationsperversionen, dieselben htten eine
angeborene Schwche des Sexualtriebs zur notwendigen Voraussetzung. In
dieser Form scheint mir die Aufstellung unhaltbar; sie wird aber
sinnreich, wenn eine konstitutionelle Schwche des einen Faktors des
Sexualtriebs, der genitalen Zone, gemeint ist, welche Zone spterhin die
Zusammenfassung der einzelnen Sexualbettigungen zum Ziel der
Fortpflanzung als Funktion bernimmt. Diese in der Pubertt geforderte
Zusammenfassung mu dann milingen und die strkste der anderen
Sexualittskomponenten wird ihre Bettigung als Perversion
durchsetzen(75).

  (75) Man sieht dabei hufig, da in der Puberttszeit zunchst eine
  normale Sexualstrmung einsetzt, welche aber infolge ihrer inneren
  Schwche vor den ersten ueren Hindernissen zusammenbricht und dann
  von der Regression auf die perverse Fixierung abgelst wird.

                   *       *       *       *       *

Verdrngung.

Ein anderer Ausgang ergibt sich, wenn im Laufe der Entwicklung einzelne
der berstark angelegten Komponenten den Proze der _Verdrngung_
erfahren, von dem man festhalten mu, da er einer Aufhebung nicht
gleichkommt. Die betreffenden Erregungen werden dabei wie sonst erzeugt,
aber durch psychische Verhinderung von der Erreichung ihres Zieles
abgehalten und auf mannigfache andere Wege gedrngt, bis sie sich als
Symptome zum Ausdruck gebracht haben. Das Ergebnis kann ein annhernd
normales Sexualleben sein, -- meist ein eingeschrnktes--, aber ergnzt
durch psychoneurotische Krankheit. Gerade diese Flle sind uns durch die
psychoanalytische Erforschung Neurotischer gut bekannt geworden. Das
Sexualleben solcher Personen hat wie das der Perversen begonnen, ein
ganzes Stck ihrer Kindheit ist mit perverser Sexualttigkeit
ausgefllt, die sich gelegentlich weit ber die Reifezeit erstreckt;
dann erfolgt aus inneren Ursachen -- meist noch vor der Pubertt, aber
hie und da sogar spt nachher -- ein Verdrngungsumschlag, und von nun
an tritt, ohne da die alten Regungen erlschen, Neurose an die Stelle
der Perversion. Man wird an das Sprichwort Junge Hure, alte
Betschwester erinnert, nur da die Jugend hier allzu kurz ausgefallen
ist. Diese Ablsung der Perversion durch die Neurose im Leben derselben
Person mu man ebenso wie die vorhin angefhrte Verteilung von
Perversion und Neurose auf verschiedene Personen derselben Familie mit
der Einsicht, da die Neurose das Negativ der Perversion ist,
zusammenhalten.

                   *       *       *       *       *

Sublimierung.

Der dritte Ausgang bei abnormer konstitutioneller Anlage wird durch den
Proze der _Sublimierung_ ermglicht, bei welchem den berstarken
Erregungen aus einzelnen Sexualittsquellen Abflu und Verwendung auf
andere Gebiete erffnet wird, so da eine nicht unerhebliche Steigerung
der psychischen Leistungsfhigkeit aus der an sich gefhrlichen
Veranlagung resultiert. Eine der Quellen der Kunstbettigung ist hier zu
finden und, je nachdem solche Sublimierung eine vollstndige oder
unvollstndige ist, wird die Charakteranalyse hochbegabter, insbesondere
knstlerisch veranlagter Personen jedes Mengungsverhltnis zwischen
Leistungsfhigkeit, Perversion und Neurose ergeben. Eine Unterart der
Sublimierung ist wohl die Unterdrckung durch _Reaktionsbildung_, die,
wie wir gefunden haben, bereits in der Latenzzeit des Kindes beginnt, um
sich im gnstigen Falle durchs ganze Leben fortzusetzen. Was wir den
Charakter eines Menschen heien, ist zum guten Teil mit dem Material
sexueller Erregungen aufgebaut und setzt sich aus seit der Kindheit
fixierten Trieben, aus durch Sublimierung gewonnenen und aus solchen
Konstruktionen zusammen, die zur wirksamen Niederhaltung perverser, als
unverwendbar erkannter Regungen bestimmt sind(76). Somit kann die
allgemein perverse Sexualanlage der Kindheit als die Quelle einer Reihe
unserer Tugenden geschtzt werden, insofern sie durch Reaktionsbildung
zur Schaffung derselben Ansto gibt(77).

  (76) Bei einigen Charakterzgen ist selbst ein Zusammenhang mit
  bestimmten erogenen Komponenten erkannt worden. So leiten sich Trotz,
  Sparsamkeit und Ordentlichkeit aus der Verwendung der Analerotik ab.
  Der Ehrgeiz wird durch eine starke urethralerotische Anlage bestimmt.

  (77) Ein Menschenkenner wie E. _Zola_ schildert in La Joie de vivre
  ein Mdchen, das in heiterer Selbstentuerung alles, was es besitzt
  und beanspruchen knnte, sein Vermgen und seine Lebenswnsche
  geliebten Personen ohne Entlohnung zum Opfer bringt. Die Kindheit
  dieses Mdchens ist von einem unersttlichen Zrtlichkeitsbedrfnis
  beherrscht, das sie bei einer Gelegenheit von Zurcksetzung gegen eine
  andere in Grausamkeit verfallen lt.

                   *       *       *       *       *

Akzidentell Erlebtes.

Gegenber den Sexualentbindungen, Verdrngungsschben und
Sublimierungen, letztere beide Vorgnge, deren innere Bedingungen uns
vllig unbekannt sind, treten alle anderen Einflsse weit an Bedeutung
zurck. Wer Verdrngungen und Sublimierungen mit zur konstitutionellen
Anlage rechnet, als die Lebensuerungen derselben betrachtet, der hat
allerdings das Recht zu behaupten, da die Endgestaltung des
Sexuallebens vor allem das Ergebnis der angeborenen Konstitution ist.
Indes wird kein Einsichtiger bestreiten, da in solchem Zusammenwirken
von Faktoren auch Raum fr die modifizierenden Einflsse des akzidentell
in der Kindheit und spterhin Erlebten bleibt. Es ist nicht leicht, die
Wirksamkeit der konstitutionellen und der akzidentellen Faktoren in
ihrem Verhltnis zueinander abzuschtzen. In der Theorie neigt man immer
zur berschtzung der ersteren; die therapeutische Praxis hebt die
Bedeutsamkeit der letzteren hervor. Man sollte auf keinen Fall
vergessen, da zwischen den beiden ein Verhltnis von Kooperation und
nicht von Ausschlieung besteht. Das konstitutionelle Moment mu auf
Erlebnisse warten, die es zur Geltung bringen, das akzidentelle bedarf
einer Anlehnung an die Konstitution, um zur Wirkung zu kommen. Man kann
sich fr die Mehrzahl der Flle eine sogenannte Ergnzungsreihe
vorstellen, in welcher die fallenden Intensitten des einen Faktors
durch die steigenden des anderen ausgeglichen werden, hat aber keinen
Grund, die Existenz extremer Flle an den Enden der Reihe zu leugnen.

Der psychoanalytischen Forschung entspricht es noch besser, wenn man den
Erlebnissen der frhen Kindheit unter den akzidentellen Momenten eine
Vorzugsstellung einrumt. Die eine tiologische Reihe zerlegt sich dann
in zwei, die man die _dispositionelle_ und die _definitive_ heien kann.
In der ersteren wirken Konstitution und akzidentelle Kindheitserlebnisse
ebenso zusammen wie in der zweiten Disposition und sptere traumatische
Erlebnisse. Alle die Sexualentwicklung schdigenden Momente uern ihre
Wirkung in der Weise, da sie eine _Regression_, eine Rckkehr zu einer
frheren Entwicklungsphase hervorrufen.

Wir setzen hier unsere Aufgabe fort, die uns als einflureich fr die
Sexualentwicklung bekannt gewordenen Momente aufzuzhlen, sei es, da
diese wirksame Mchte oder blo uerungen solcher darstellen.

                   *       *       *       *       *

Frhreife.

Ein solches Moment ist die spontane sexuelle _Frhreife_, die wenigstens
in der tiologie der Neurosen mit Sicherheit nachweisbar ist, wenngleich
sie so wenig wie andere Momente fr sich allein zur Verursachung
hinreicht. Sie uert sich in Durchbrechung, Verkrzung oder Aufhebung
der infantilen Latenzzeit und wird zur Ursache von Strungen, indem sie
Sexualuerungen veranlat, die einerseits wegen des unfertigen
Zustandes der Sexualhemmungen, andererseits infolge des unentwickelten
Genitalsystems nur den Charakter von Perversionen an sich tragen knnen.
Diese Perversionsneigungen mgen sich nun als solche erhalten oder nach
eingetretenen Verdrngungen zu Triebkrften neurotischer Symptome
werden; auf alle Flle erschwert die sexuelle Frhreife die
wnschenswerte sptere Beherrschung des Sexualtriebs durch die hheren
seelischen Instanzen und steigert den zwangartigen Charakter, den die
psychischen Vertretungen des Triebes ohnedies in Anspruch nehmen. Die
sexuelle Frhreife geht hufig vorzeitiger intellektueller Entwicklung
parallel; als solche findet sie sich in der Kindheitsgeschichte der
bedeutendsten und leistungsfhigsten Individuen; sie scheint dann nicht
ebenso pathogen zu wirken, wie wenn sie isoliert auftritt.

                   *       *       *       *       *

Zeitliche Momente.

Ebenso wie die Frhreife fordern andere Momente Bercksichtigung, die
man als _zeitliche_ mit der Frhreife zusammenfassen kann. Es scheint
phylogenetisch festgelegt, in welcher Reihenfolge die einzelnen
Triebregungen aktiviert werden, und wie lange sie sich uern knnen,
bis sie dem Einflu einer neu auftretenden Triebregung oder einer
typischen Verdrngung unterliegen. Allein sowohl in dieser zeitlichen
Aufeinanderfolge wie in der Zeitdauer derselben scheinen Variationen
vorzukommen, die auf das Endergebnis einen bestimmenden Einflu ben
mssen. Es kann nicht gleichgltig sein, ob eine gewisse Strmung frher
oder spter auftritt als ihre Gegenstrmung, denn die Wirkung einer
Verdrngung ist nicht rckgngig zu machen; eine zeitliche Abweichung in
der Zusammensetzung der Komponenten ergibt regelmig eine nderung des
Resultats. Andererseits nehmen besonders intensiv auftretende
Triebregungen oft einen berraschend schnellen Ablauf, z.B. die
heterosexuelle Bindung der spter manifest Homosexuellen. Die am
heftigsten einsetzenden Strebungen der Kinderjahre rechtfertigen nicht
die Befrchtung, da sie den Charakter des Erwachsenen dauernd
beherrschen werden; man darf ebensowohl erwarten, da sie verschwinden
werden, um ihrem Gegenteile Platz zu machen. (Gestrenge Herren regieren
nicht lange.) Worauf solche zeitliche Verwirrungen der Entwicklungsvorgnge
rckfhrbar sind, vermgen wir auch nicht in Andeutungen
anzugeben. Es erffnet sich hier ein Ausblick auf eine tiefere
Phalanx von biologischen, vielleicht auch historischen Problemen,
denen wir uns noch nicht auf Kampfesweite angenhert haben.

                   *       *       *       *       *

Haftbarkeit.

Die Bedeutung aller frhzeitigen Sexualuerungen wird durch einen
psychischen Faktor unbekannter Herkunft gesteigert, den man derzeit
freilich nur als eine psychologische Vorlufigkeit hinstellen kann. Ich
meine die erhhte _Haftbarkeit_ oder _Fixierbarkeit_ dieser Eindrcke
des Sexuallebens, die man bei spteren Neurotikern wie bei Perversen zur
Ergnzung des Tatbestands hinzunehmen mu, da die gleichen vorzeitigen
Sexualuerungen bei anderen Personen sich nicht so tief einprgen
knnen, da sie zwangartig auf Wiederholung hinwirken und dem
Sexualtrieb fr alle Lebenszeit seine Wege vorzuschreiben vermgen.
Vielleicht liegt ein Stck der Aufklrung fr diese Haftbarkeit in einem
anderen psychischen Moment, welches wir in der Verursachung der Neurosen
nicht missen knnen, nmlich in dem bergewicht, welches im Seelenleben
den Erinnerungsspuren im Vergleich mit den rezenten Eindrcken zufllt.
Dieses Moment ist offenbar von der intellektuellen Ausbildung abhngig
und wchst mit der Hhe der persnlichen Kultur. Im Gegensatz hiezu ist
der Wilde als das unglckselige Kind des Augenblickes charakterisiert
worden(78). Wegen der gegenstzlichen Beziehung zwischen Kultur und
freier Sexualittsentwicklung, deren Folgen weit in die Gestaltung
unseres Lebens verfolgt werden knnen, ist es auf niedriger Kultur- oder
Gesellschaftsstufe so wenig, auf hherer so sehr frs sptere Leben
bedeutsam, wie das sexuelle Leben des Kindes verlaufen ist.

  (78) Mglicherweise ist die Erhhung der Haftbarkeit auch der Erfolg
  einer besonders intensiven somatischen Sexualuerung frherer Jahre.

                   *       *       *       *       *

Fixierung.

Die Begnstigung durch die eben erwhnten psychischen Momente kommt nun
den akzidentell erlebten Anregungen der kindlichen Sexualitt zugute.
Die letzteren (Verfhrung durch andere Kinder oder Erwachsene in erster
Linie) bringen das Material bei, welches mit Hilfe der ersteren zur
dauernden Strung fixiert werden kann. Ein guter Teil der spter
beobachteten Abweichungen vom normalen Sexualleben ist so bei
Neurotikern wie bei Perversen durch die Eindrcke der angeblich
sexualfreien Kindheitsperiode von Anfang an festgelegt. In die
Verursachung teilen sich das Entgegenkommen der Konstitution, die
Frhreife, die Eigenschaft der erhhten Haftbarkeit und die zufllige
Anregung des Sexualtriebs durch fremden Einflu.

Der unbefriedigende Schlu aber, der sich aus diesen Untersuchungen ber
die Strungen des Sexuallebens ergibt, geht dahin, da wir von den
biologischen Vorgngen, in denen das Wesen der Sexualitt besteht, lange
nicht genug wissen, um aus unseren vereinzelten Einsichten eine zum
Verstndnis des Normalen wie des Pathologischen gengende Theorie zu
gestalten.




  [ Im folgenden werden alle genderten Textzeilen angefhrt, wobei
    jeweils zuerst die Zeile wie im Original, danach die genderte Zeile
    steht.

  _Bloch_, M. _Hirschfeld_ und aus den Arbeiten in den vom letzteren
  _Bloch_, M. _Hirschfeld_ und aus den Arbeiten in dem vom letzteren

  Fhren wir zwei Termine an: heien wir die Person, von welcher die
  Fhren wir zwei Termini ein: heien wir die Person, von welcher die

  der mnnlichen Intervierten ausgesprochen worden: Weibliches Gehirn im
  der mnnlichen Invertierten ausgesprochen worden: Weibliches Gehirn im

  Einpfanzung von Keimdrsen des anderen Geschlechtes gelang es, bei
  Einpflanzung von Keimdrsen des anderen Geschlechtes gelang es, bei

  Auftreten neuer Absichten
  Auftreten neuer Absichten.

  Strebungen, sind, denen durch einen besonderen psychischen Proze (_die
  Strebungen sind, denen durch einen besonderen psychischen Proze (_die

  psychische Ttigkeit versagt worden ist. Diese also im Zustande der
  psychische Ttigkeit versagt worden ist. Diese also im Zustande des

  Sexuallebens studiert haben;
  Sexuallebens studiert haben.

  Bei den Perversionsneigungen, die fr Mundhhle und Aftererffnung
  Bei den Perversionsneigungen, die fr Mundhhle und Afterffnung

  Charaktere erogener Zonen
  Charaktere erogener Zonen.

  durch den After einen starken Reiz auf die Schleimheit ausben knnen.
  durch den After einen starken Reiz auf die Schleimhaut ausben knnen.

  Die zweite Phase der kindlichen Masturbation
  Die zweite Phase der kindlichen Masturbation.

  Das Rtsel der Sphinx
  Das Rtsel der Sphinx.

  Um das Bild des infantilen Sexuallebens zu vervollstndigen mu man
  Um das Bild des infantilen Sexuallebens zu vervollstndigen, mu man

  b) durch geeignete peripherische Reizung erogener Zone, c) als Ausdruck
  b) durch geeignete peripherische Reizung erogener Zonen, c) als Ausdruck

  in welcher Situation auer der allgemeinen Muskelantsrengung noch die
  in welcher Situation auer der allgemeinen Muskelanstrengung noch die

  Richtung gangbar sein mssen. Ist wz.B. der beiden Funktionen gemeinsame
  Richtung gangbar sein mssen. Ist z.B. der beiden Funktionen gemeinsame

  dessen Erreichtung alle Partialtriebe zusammenwirken, whrend die
  dessen Erreichung alle Partialtriebe zusammenwirken, whrend die

  von der Pubertt vorgenommene Kastration nhert sich zwar in ihrer
  vor der Pubertt vorgenommene Kastration nhert sich zwar in ihrer

  Die Sonderung der sexuellen Triebregungen von dem anderen und somit die
  Die Sonderung der sexuellen Triebregungen von den anderen und somit die

  unzweideutig erscheint, in der Wissenschaft zu den verworrendsten
  unzweideutig erscheint, in der Wissenschaft zu den verworrensten

  Der Fortschritt der psychoanalitischen Arbeit hat diese Bedeutung des
  Der Fortschritt der psychoanalytischen Arbeit hat diese Bedeutung des

  ]






End of the Project Gutenberg EBook of Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie, by 
Sigmund Freud

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Volunteers and financial support to provide volunteers with the
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Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
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To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
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and the Foundation information page at www.gutenberg.org


Section 3.  Information about the Project Gutenberg Literary Archive
Foundation

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501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
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permitted by U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
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North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887.  Email
contact links and up to date contact information can be found at the
Foundation's web site and official page at www.gutenberg.org/contact

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     Dr. Gregory B. Newby
     Chief Executive and Director
     gbnewby@pglaf.org

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