The Project Gutenberg EBook of Einiges aus der Geschichte der Astronomie
im Alterthum, by Friedrich Blass (Dr.)

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Title: Einiges aus der Geschichte der Astronomie im Alterthum
       Rede zur Feier des Geburtstags Sr. Maj. des Deutschen
       Kaisers Knigs von Preussen Wilhelm I. gehalten an der
       Christian-Albrechts

Author: Friedrich Blass (Dr.)

Release Date: April 28, 2012 [EBook #39553]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

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 Einiges
 aus der
 Geschichte der Astronomie im Alterthum.

 Rede
 zur
 Feier des Geburtstages Sr. Maj. des Deutschen Kaisers Knigs von Preussen

 Wilhelm I.

 gehalten
 an der Christian-Albrechts-Universitt
 am 17. Mrz 1883

 von

 Dr. Friedrich Blass

 ordentlichem Professor der classischen Philologie.

 Kiel 1883.
 Zu haben in der Universitts-Buchhandlung.
 Druck von Schmidt & Klaunig.




Hochansehnliche Versammlung!

Auch uns vereinigt heute die sechsundachtzigste Wiederkehr des
Geburtstagsfestes unsres erhabenen Kaisers und Knigs, die in wenigen
Tagen bevorsteht. Allberall im deutschen Reiche und weit jenseits der
Grenzen desselben, wo nur berhaupt Menschen deutschen Stammes und
deutscher Sprache beisammen sind, gedenkt man in diesen Tagen mit Freude
und Stolz des Begrnders des deutschen Reiches. Und es ist gut, dass
jhrlich eine Zeit wiederkehrt, die zu diesem Gedenken auffordert und den
Anlass dazu giebt, damit nicht die Gewohnheit uns abstumpfe und uns das
als alltglich und gewhnlich erscheinen lasse, was doch nimmermehr
gewhnlich ist. Wir alle, die wir die grossen Ereignisse der letzten
Decennien, seitdem dieser Herrscher den Thron seiner Vter bestieg, mit
Bewusstsein durchlebt haben, mssen es uns immer wiederholen: wir sind
begnstigt vor vielen andern Geschlechtern. Nicht bloss, weil wir das
haben in Erfllung gehen sehen, was die Hoffnung und die Sehnsucht unsrer
Vter und Grossvter war, sondern auch weil es etwas besonderes ist,
mitbetheiligter, wenn nicht gar mitwirkender Zeuge grosser Dinge und
mitlebender Genosse grosser Mnner zu sein. Gleichwie jetzt unser Volk, in
den altangestammten Provinzen wenigstens, immer noch in den Erinnerungen
an Friedrich den Grossen lebt, und dieser Frst mit seinen Generlen,
einem Seydlitz, Ziethen und so fort, dem gewhnlichsten Manne vertraute
und geliebte Gestalten sind, so wird in kommenden Zeiten in den alten und
in den neuen Provinzen, ja vielmehr in ganz Deutschland, Kaiser Wilhelm I.
mit seinen Prinzen und seinen Genossen, einem Grafen Moltke, Grafen Roon,
Frsten Bismarck, fr Hoch und Niedrig ein geliebter Gegenstand gewohnter
Unterhaltung und, im Bilde, des verehrenden tglichen Anschauens sein.
Billig also drfen wir mit Stolz uns freuen, dass diese Gestalt fr uns
nicht nur in der Erinnerung lebt, und mssen nicht am wenigsten auch _die_
Gnade dankbar preisen, dass die Flle der Jahre das Haupt unsres
allverehrten Kaisers und Knigs noch nicht gebeugt hat. Denn wenn wir in
die Geschichte blicken, so finden wir auch dies soweit entfernt
gewhnlich zu sein, dass es eher beispiellos ist. Gerade der heutige Tag
bringt uns die Grsse dieser Gnadengabe recht zum Bewusstsein.

Hochverehrte Anwesende! Die Universitten, als die Pflegerinnen der
Wissenschaft, und nicht zum wenigsten unsre Christian-Albrechts-
Universitt, haben noch ganz besondre Ursache zum Dank und zur
Freude. Was unsre Universitt dem deutschen Reiche und seinem
erhabenen Begrnder verdankt, steht zum Theil sichtlich vor unsern Augen.
Das neue deutsche Reich hat sich alsbald angeschickt, auch die deutsche
Wissenschaft in allen ihren Theilen zu pflegen und zu frdern. Zwar ist
die Wissenschaft international, aber eben darum ein Gegenstand edlen
Wettstreites unter den Nationen, und wenn wir Deutschen schon vorher, ehe
wir ein geeinigtes Volk wurden, viel Ruhm und Ehren in diesem Wettstreite
erlangt haben, so ziemt es sich jetzt vollends, nicht zurckzubleiben. So
waren denn auch im verflossenen Jahre, durch die Frsorge der Regierung
Sr. Majestt, die deutschen Schiffe und die deutschen Mnner der
Wissenschaft auf den fernsten Punkten des Erdballs zur Stelle, als es
galt, die seit mehr als zweitausend Jahren von der Wissenschaft gesuchte
Entfernung des Himmelskrpers, von dem die Erde ihr Licht und ihre Wrme
empfngt, durch Beobachtung des Venusdurchganges endlich genau zu
ermitteln. Es entspricht dem Gebrauche bei Feierlichkeiten, wie die
heutige, wenn ich an dies vielbesprochene Ereigniss des letzten Jahres
eine kurze rckschauende Betrachtung anknpfe. Die Wissenschaft ist wohl
immer in rastlosem Vordringen zur Erforschung der Geheimnisse der Natur
und des Geistes begriffen, aber daneben ist sie ebenso bestrebt, nach
rckwrts die Verbindung mit den vergangenen Geschlechtern zu erhalten und
deren Arbeit und Thun sich zu vergegenwrtigen. Wie der einzelne Mensch
die Erinnerungen aus seinem Einzelleben pflegt, so die Wissenschaft die
aus dem Gesammtleben der ganzen Menschheit.

Eine solche rckschauende Betrachtung der Entwickelung der astronomischen
Wissenschaft muss nun, wenn sie bis an die Anfnge reichen will, ber die
Grenzen der christlich-europischen Cultur weit zurckgehen. Denn die
Astronomie ist lter als diese und zeigt schon durch ihre Namen und
Kunstausdrcke, dass sie von andern Nationen und Zeiten her berliefert
worden ist. Ausdrcke wie Zenith, Sternnamen wie Aldebaran sind arabisch;
Sirius und Orion und die ganze Menge der mythologischen Figuren am Himmel,
und dazu Bezeichnungen wie Pol, Ekliptik und so fort, sind griechisch,
ebenso der Name der Wissenschaft. Neben diesen Spuren, welche die Griechen
und die sie ablsenden Araber hinterlassen haben, zeigt die Flle
lateinischer Bezeichnungen, als quator, Meridian, Venus, dass die Rmer
auch in dieser Beziehung die bermittler der griechischen Wissenschaft an
das Abendland geworden sind. Diese lateinischen Bezeichnungen sind eben
aus dem Griechischen bersetzt, gleich wie andre deutsche, als z.B.
Tag- und Nachtgleiche, aus dem Lateinischen bersetzt sind; gehen wir nun
aber noch weiter zurck, so finden wir, dass wie die lateinischen
Planetennamen bersetzungen aus den griechischen Gtternamen, so auch
diese griechischen selbst wieder bersetzungen sind, und dass wir mit den
Griechen noch nicht die ersten Anfnge erreicht haben. Diese sind vielmehr
bei den orientalischen Nationen, den gyptern und Chaldern, und zumal bei
den letzteren, denen in der That ein keineswegs geringer Bestand verdankt
wird. Die Namen der Planeten sind ursprnglich die babylonischer Gtter,
an deren Stelle die Griechen entsprechende aus ihrer eigenen Gtterlehre
setzten; daher sind dann auch, durch weitere bersetzung aus einer Sprache
in die andere, die Namen unsrer Wochentage gekommen. Babylonisch ist auch
die Eintheilung des Thierkreises in 12Zeichen und die Benennung dieser
Zeichen; die Eintheilung des Tages in zweimal zwlf Stunden, statt in
irgend welche andre Zahl, und die der Himmelskreise in sechsmal 60Grade
und des Grades in 60Minuten; berall herrscht hier die Zahl sechs mit
ihren Produkten, wie vor Tausenden von Jahren so noch heute. Und doch
drfte man nicht wohl von einer eigentlichen Wissenschaft der Astronomie
bei den Chaldern reden. Ich las krzlich den Ausspruch eines bedeutenden
Mathematikers, dass die Naturwissenschaften berhaupt nur in dem Masse
wirklich als Wissenschaft gelten knnten, als sie mathematisch geworden
seien. Ob nun dies bei den anderen Naturwissenschaften zutrifft, kommt mir
nicht zu zu entscheiden; unbestreitbar aber gilt es von der Astronomie.
Auch gengt nicht das Zhlen und Rechnen, welches die Chalder auf Grund
jahrhundertelanger Beobachtung zur Bestimmung der Umlaufszeiten der
Planeten handhabten. Das war wohl Material fr wissenschaftliche
Astronomie, aber nicht diese selbst, und die Chalder sind mit ihren
Mitteln und ihrer Methode nicht einmal zu der Erkenntniss gekommen, dass
die Erde eine Kugel ist. Was sie aufbauten und ausbildeten, war vielmehr
die Pseudowissenschaft der Astrologie, vermge deren sie freilich einen
merkwrdigen Einfluss nicht nur auf Griechen und Rmer, sondern indirekt
auch auf die modernen Nationen bis ins 17. Jahrhundert ausgebt haben. Mit
Recht also sagt ein Schler Platons, dass die Griechen hier wie sonst zwar
die Anregungen und Anfnge von den Barbaren berkmen, aber das
Empfangene dann viel schner auszugestalten wssten. Die Chalder blieben
in der Astrologie stecken, die wissenschaftliche, mit der Mathematik
aufgebaute Astronomie ist, wie die Mathematik selbst, eine Schpfung der
Griechen.

Freilich erst sehr allmhlich und niemals ganz hat auch dies begabteste
Volk des Alterthums sich von kindlichen und aberglubischen Vorstellungen
ber die Weltkrper zu befreien vermocht. Nicht frher als etwa im
4.Jahrhundert v.Chr., in der Zeit Platons, beginnt zugleich die
Mathematik und eine auf sie gegrndete Astronomie einen grsseren
Aufschwung zu nehmen. Damals sind es zwei Schulen, die sich die Ausbildung
dieser Wissenschaften angelegen sein lassen: in Athen die des Platon, in
dem griechischen Unteritalien und Sicilien die der Pythagoreer. Auf die
letzteren wird die Aufstellung des Hauptproblems der alten Astronomie
zurckgefhrt, welches sie so fassten: was fr gleichmssige und
kreisfrmige Bewegungen man vorauszusetzen habe, um den thatschlichen
Erscheinungen am Himmel gerecht zu werden. Wir knnen hier tadeln, dass
das Problem zu frh gestellt sei, vor gengender Feststellung der
thatschlichen Erscheinungen, und ferner, dass die Lsung ungehriger
Weise durch zwei Bedingungen prjudicirt wurde, nmlich durch die
geforderte Gleichmssigkeit und Kreisfrmigkeit der Bewegungen. Es haben
sich aber smmtliche Astronomen des Alterthums und auch die der Neuzeit
bis zu Kepler an diese Bedingungen gebunden; selbst letzterer hat erst
spt und mit Widerstreben die kreisfrmige Bewegung aufgeopfert. Bei den
Alten nun hngt diese Forderung mit ihrer Religion zusammen. Denn whrend
der Christ in den Dingen am Himmel nur eine Schpfung sieht, welche mit
der Erkenntniss zu beherrschen er sich berufen fhlt, erblickte die antike
Menschheit, Schpfer und Schpfung vermischend, in der Sonne und den
anderen Himmelskrpern sowie auch in der Erde etwas unmittelbar
Gttliches, einen Gegenstand religiser Verehrung. Ein Mann wie Platon
will den Atheismus bezwingen durch den Hinweis auf die sichtbaren
Gtter, d.i. Sonne, Mond und Sterne, und die materialistische Schule des
Epikur weiss diese beunruhigende Gtterfurcht nicht anders fernzuhalten
als indem sie, mit dem ihr eignen Dogmatismus, aller Mathematik zum Trotz
auf das Dogma schwor, dass die Sonne nicht grsser sei als sie scheine,
d.h. etwa einen Fuss breit. Erst das Christenthum hat dem Menschen die
Freiheit von der Natur und die Herrschaft ber sie zurckgegeben. Wenn nun
aber, gemss der antiken Auffassung, die Gestirne Gtter waren, so
_schickte sich_ fr sie nur eine ganz gleichmssige Bewegung, und ferner
keine andre als die allerregelmssigste und einfachste, nmlich die
Kreisbewegung. Man wird ber diesen Grundirrthum der antiken Astronomie
billiger urtheilen, wenn man bedenkt, dass an den scheinbaren
Unregelmssigkeiten der Planetenbewegung, welche die Alten als nothwendig
bloss scheinbar voraussetzten, der berwiegend grsste Theil wirklich
bloss scheinbar ist, und dass der erste Fortschritt jedenfalls in der
Erkenntniss dieses trglichen Scheines bestehen musste.

Nachdem nun in der pythagoreischen und demnchst auch in der platonischen
Schule das astronomische Problem so gestellt war, entstand ein Eifer es zu
lsen, der die ganze Frische einer jungen Wissenschaft zeigt. Man ging
dabei im allgemeinen, wie auch natrlich war, von der Annahme aus, dass
das Ruhen der Erde kein blosser Schein sei, dass also der Himmel sich
bewege. ber die Kugelgestalt der Erde war man sich damals schon fast oder
vllig einig; um diese Kugel herum nun dachte man sich andre Kugeln
gelegt, zunchst die, mit der sich der Mond bewege, dann weiter die Kugeln
oder Sphren der Planeten, worunter auch der Sonne, und schliesslich alle
umfassend die Sphre des Fixsternhimmels. Diese letztere bewege sich, alle
eingeschlossenen Sphren mit sich reissend, alle 24 Stunden einmal von
Osten nach Westen um die Weltachse herum; die eingeschlossenen Sphren
aber htten ausserdem jede ihre eigenthmliche Bewegung, in
entgegengesetzter Richtung und um eine anders liegende Achse, die der
Ekliptik. Von diesen Annahmen nun, die im ganzen Alterthum herrschend
geblieben sind, war keine in dem Masse unwahrscheinlich und unglaublich,
wie die tgliche Bewegung des Fixsternhimmels, zumal da man schon frh
mehr und mehr den ungeheuer weiten Abstand der Himmelskrper zu ahnen
begann. Und ferner lag doch auch die berlegung nahe, dass man den
thatschlichen Erscheinungen durch die Annahme einer tglichen Umdrehung
der Erde um ihre Achse nicht minder gerecht werden knne. Wirklich ist
diese Ansicht sowohl in der pythagoreischen wie in der platonischen Schule
aufgestellt worden, in letzterer von Herakleides dem Pontiker; aus
ersterer werden die Syrakusier Hiketas und Ekphantos genannt, bei denen,
und speziell bei Hiketas, auch die Prioritt zu suchen ist. Andere
Pythagoreer hatten eine eigenthmliche Lehre von einem uns stets
unsichtbaren Centralfeuer, um welches Erde, Sonne und Planeten kreiseten;
die tgliche Umdrehung des Himmels wurde auch hierdurch beseitigt. Platon
selbst gebraucht an einer Stelle von der Erde, die er in den Mittelpunkt
des Weltalls setzt, einen mehrdeutigen Ausdruck, den man schon im
Alterthum auf Achsendrehung bezogen hat: aber da er daneben unzweideutig
die Drehung des Himmels lehrt, so ist fr Achsendrehung in seinem System
keine Stelle. Aristoteles aber sucht jegliche Bewegung der Erde als
unstatthaft nachzuweisen, aus Grnden der usserst mangelhaften antiken
Physik, welche auf die Entwickelung der Astronomie einen sehr blen
Einfluss ausgebt hat. Indem man sich die Welt als einheitliches Ganzes
aus den vier oder fnf Elementen construirte, wies man denselben ihren
Platz je nach der Schwere nher dem Mittelpunkte oder ferner von demselben
an; also musste die Erde in der Mitte sein, die Gestirne aber, welche von
dieser fern und ferner kreiseten, aus den leichtesten Elementen, dem Feuer
und ther, bestehen. Und auch gegen eine Achsendrehung der Erde hat
Aristoteles seine physikalischen Grnde. Es waren berhaupt wahre Berge
von Vorurtheilen zu berwinden, und das Verwunderliche ist schliesslich
nicht, dass man im allgemeinen sich nicht entschloss die Erde zu bewegen,
sondern dass Einzelne doch trotz aller Vorurtheile dies thaten. Von
demselben Herakleides und den Pythagoreern lesen wir auch, dass sie den
Mond und die Sterne fr besondre Welten gleich der Erde hielten, jeden wie
diese von seiner Atmosphre umschlossen, und von Herakleides allein, dass
er wenigstens zwei der Planeten, den Merkur und die Venus, nicht um die
Erde, sondern um die Sonne kreisen liess. Das sich hieraus ergebende
Weltsystem, nicht unhnlich dem zur Vermittelung zwischen dem antiken und
dem coppernicanischen von Tycho de Brahe aufgestellten, nannte man sonst
wohl das gyptische, indem man die Stelle eines spten lateinischen Autors
dahin missverstand, als htten die gypter dies gelehrt. Es findet sich
aber bei einem andern spten Lateiner dies System ohne weiteres als das
richtige vorgetragen, woraus zu schliessen, dass dasselbe auch nach
Herakleides Vertreter gefunden hat; denn es ist gleich undenkbar, dass
jener Autor es aus sich erfunden, wie dass er es aus dem alten Herakleides
entnommen htte. Die Sache ist die, dass diese beiden inneren Planeten aus
sehr einfachen Grnden sich immer nahe der Sonne zeigen, weswegen auch,
bei der anscheinend mit der Sonne gleichen Umlaufszeit, die Vertreter des
gewhnlichen Weltsystems fortwhrend stritten, ob die Sonne oder diese
Planeten, und ob Merkur oder Venus hher stehe. Herakleides' Aufstellung
also bildet den Anfang des die Sonne ins Centrum setzenden, sogenannten
heliocentrischen Systems, welches bald seine vollere Ausbildung erhalten
sollte.

Aristoteles' zweiter Nachfolger in der Leitung der von ihm gegrndeten
philosophischen Schule war Straton von Lampsakos, der Physiker genannt,
weil er diesen Theil der Philosophie besonders pflegte. Er wich dabei von
der aristotelischen Lehre wesentlich ab, nach der Seite des Materialismus,
indem er an die Stelle des gttlichen Baumeisters der Welt den Zufall
setzte, der den ersten Anstoss zur Bewegung der Materie und zur
Entwickelung der in ihr wohnenden Krfte gegeben. Von diesem Standpunkte
aus konnte er auch die Dinge am Himmel etwas vorurtheilsfreier betrachten,
als das einem Platon oder Aristoteles mglich war, und so wird es wohl
nicht zufllig sein, dass aus seiner Schule ein Mann hervorging, der die
Khnheit hatte, zur Erklrung der thatschlichen Erscheinungen die der
gewhnlichen entgegengesetzte Hypothese aufzustellen. Es war dies
Aristarchos von Samos, dessen Blthe ungefhr 280-270v.Chr. fllt; er
lebte vielleicht in Alexandria, wo auch Straton eine Zeitlang als
Prinzen-Erzieher sich aufhielt. Denn nicht in Athen und berhaupt nicht in
dem griechischen Mutterlande, dessen geistige Produktionskraft nachgerade
fast erloschen war, sondern in den alten und neuen griechischen Grndungen
im Osten und Westen, als Alexandria, Rhodos, Syrakus, sind fortan die
Hauptsttten der Wissenschaft, Literatur und Kunst zu suchen. Aristarch's
Schrift nun, in der er diese Hypothese voranstellte, ist verloren, und
auch die Nachricht davon war dem Coppernicus noch nicht bekannt, whrend
derselbe von Hiketas' und Herakleides' Achsendrehung durch Autoren, wie
Cicero, Kunde hatte, und auch von einem Systeme, wonach wenigstens die
Planeten sich um die Sonne drehten. Wenn umgekehrt Aristarch's Schrift
erhalten, oder doch das Wissen von ihr lebendig geblieben wre, so wrden
wir wohl unzweifelhaft unser Weltsystem nicht das coppernicanische,
sondern das aristarchische nennen. Nun aber sind nicht einmal die
Einzelheiten der Aufstellung vollstndig berliefert, noch auch Titel und
Inhalt der gesammten Schrift mit Sicherheit zu ermitteln. Dass Aristarch
die neue Meinung in der Form der Hypothese brachte, war nach der
ursprnglichen Fassung des Problems ganz selbstverstndlich; bewiesene
Wahrheit ist sie berhaupt erst spt geworden. Bestimmt bezeugt wird, dass
er die Erde sowohl um ihre eigene Achse, als um die Sonne sich bewegen
liess; um die Erde kreisete der Mond, aus dessen gelegentlicher Stellung
zwischen Erde und Sonne Aristarch gleich den Vertretern des gewhnlichen
Systems die Verfinsterungen der Sonnenscheibe erklrte; von den Planeten
hren wir nichts, indess versteht sich von selbst, dass er auch diesen
eine Bewegung um die Sonne zutheilen musste. Diese bildete ihm das
unbewegliche Centrum der Welt; unbeweglich war auch der das Centrum und
die Erdbahn umschliessende Fixsternhimmel. Um aber dem Einwurfe zu
begegnen, den schon Aristoteles gegen eine Fortbewegung der Erde
vorbringt, dass nmlich dann die Fixsterne den Ort ihres Erscheinens
periodisch wechseln mssten, nahm er alsbald den Satz in seine Hypothese
auf, dass sich die gesammte Erdbahn zu der Sphre der Fixsterne nur wie
der Mittelpunkt zur Oberflche der Kugel verhalte. Der grosse Archimedes,
der uns dies mittheilt, nimmt an der Form dieses Satzes Anstoss, da doch
der Mittelpunkt gar keine Grsse und folglich auch kein Verhltniss zur
Oberflche habe; er kann sich aber offenbar auch in die grossartige
Khnheit der Anschauung nicht finden, nach welcher nicht nur Erde, nicht
nur Sonne, sondern auch die ganze Bahn der ersteren um die letztere zu
einem unmessbaren Punkte wird, wenn man die Abstnde der Fixsterne
vergleicht. Archimedes, der sich mit Astronomie nur zum geringsten Theil
beschftigte und die richtige Erkenntniss haben mochte, dass vor weiterer
Ausbildung der Mathematik und vor weiterer Ansammlung genauer
Beobachtungen eine sichere Construction der Himmelserscheinungen nicht
mglich sei, spricht sich ber die gesammte Hypothese weder billigend noch
missbilligend aus; Andern aber gab sie grossen Anstoss. Wir lesen eine
usserung des stoischen Philosophen Kleanthes, Aristarch msse vor dem
Gerichte aller Hellenen des Religionsfrevels angeklagt werden, weil er den
Heerd der Welt verrcke, die unbewegliche Erde nmlich, welche nach der
alten Anschauung der feste Mittelpunkt der Welt, wie der Heerd und seine
Personifikation, die Gttin Hestia, der des Hauses war. Man muss aber
wegen dieses hyperbolischen Ausdrucks der Entrstung nur nicht meinen,
dass ein wirklicher Prozess gegen Aristarch dazumal berhaupt mglich
gewesen sei. Wohl waren die berlieferten Anschauungen in den Gemthern
der Gebildeten wie der Ungebildeten mchtig und unbezwinglich; aber
hiervon war nur das die Folge, dass Aristarch trotz seines sehr hohen
Ansehens als Astronom seiner Hypothese nicht Eingang verschaffen konnte.
Das heliocentrische System hat unseres Wissens nachher nur noch _einen_
Vertreter gehabt, den Seleukos aus Babylonien, einen Mann chaldischer
Herkunft, aber griechisch gebildet, dessen Zeit man um die Mitte des
2.Jahrhunderts v.Chr. setzen kann. Er stellte die Bewegung der Erde um
die Sonne nicht bloss als Hypothese, sondern als Thatsache hin und
benutzte sie zur Erklrung der Erscheinungen von Ebbe und Fluth, in einer
eigenthmlichen, unsern Einsichten allerdings nicht entsprechenden Weise.

Wir sehen also, dass die Erkenntniss des Weltsystems im Alterthum
gewissermassen eine rcklufige Bewegung nimmt, soweit dass bei Ptolemus,
dessen Almagest sozusagen das Facit der gesammten astronomischen
Leistungen des Alterthums darstellt, die heliocentrische Hypothese nicht
einmal mehr bekmpft, noch berhaupt erwhnt wird. Jedes Zeitalter und
jedes Volk hat sein bestimmtes Mass von Erkenntniss, welches es erreichen
soll und erreicht; fr die antike Welt war hier die Grenze, innerhalb
deren indess auch nach Aristarch noch ausserordentlich viel geleistet
worden ist. Denn auch das rechne ich unter die Leistungen, dass das
gewhnliche Weltsystem gerade durch die hchst vollkommene Ausbildung, die
es unter den Hnden grosser Astronomen erfuhr, in seiner Unhaltbarkeit und
Unmglichkeit aufgewiesen wurde; es war ja auch in der Ordnung, dass man
die zunchstliegende Annahme der ruhenden Erde vorlufig festhielt und nun
grndlich untersuchte, ob man damit zur Erklrung der thatschlichen
Erscheinungen auskommen konnte. Diese zur Erklrung zu bringenden
Erscheinungen bestehen nun nicht nur in dem scheinbaren Stillstehen und
Rckwrtsgehen der Planeten, sondern auch in der Ungleichheit der
Zeitabschnitte, in denen die Sonne die vier vollkommen gleichen
Abschnitte, in die man ihre Bahn im Thierkreise zerlegt, zu durchlaufen
scheint. Zur Erklrung der Planetenbewegung stellte Plato's Schler, der
bedeutende Astronom und Mathematiker Eudoxos, und nach ihm zu Aristoteles'
Zeit Kallippos von Kyzikos ein System von vielen um denselben Mittelpunkt
liegenden Sphren auf, jede mit ihrer eigenthmlichen Bewegung; die
Planeten und ebenso Sonne und Mond waren jeder in einer dieser ziemlich
solide gedachten Sphren befestigt, es gehrten aber ausserdem zu jedem
noch mehrere sogenannte sternlose Sphren, um die den Planeten tragende
herumliegend. Es entstand somit ein hchst complicirtes System von
Bewegungen, indem jede dieser usseren Sphren des Planeten auf die
inneren einwirkte und ihre Bewegung auf diese bertrug, und die innerste,
den Planeten tragende schliesslich die Bewegungen aller anderen und ihre
eigne in sich vereinigte. Aber man erkannte bald, dass dieser Weg ein
heilloser und hoffnungsloser Irrweg sei, zumal da _eine_ Art von
Unregelmssigkeit schlechterdings ohne Erklrung blieb, die nmlich, dass
der Mond und die Planeten Mars und Venus augenfllig in ihrer scheinbaren
Grsse, d.i. in ihrer Entfernung vom Mittelpunkte wechseln. So verfielen
denn die Astronomen nach Kallippos und vielleicht schon vor ihm auf eine
andere Art der Erklrung. Sie gaben nmlich den gemeinsamen Mittelpunkt
der Bahnen auf, und theilten jeder Planetenbahn einen besondern, von dem
Mittelpunkte der Welt, d.i. der Erde, mehr oder weniger weit abliegenden
Mittelpunkt zu; mit andern Worten, sie liessen Sonne, Mond, Planeten sich
in excentrischen Kreisen um die Erde bewegen. Somit mussten denn die
Weltkrper dieser bald nher, bald ferner zu stehen kommen und darnach
bald grsser, bald kleiner erscheinen, und auch jene Unregelmssigkeit der
Sonne, dass sie gleiche Abschnitte ihrer scheinbaren Bahn in ungleichen
Zeiten durchluft, erhielt auf diese Weise ihre vollkommen befriedigende
Erklrung. Denn wenn die wirkliche Bahn der Sonne eine andere, der Erde
hier nher, dort ferner liegende ist, so sind auch die scheinbar gleichen
Abschnitte der Bahn in Wirklichkeit ungleiche, und die Sonne wird, ohne in
Wahrheit ihre Schnelligkeit zu steigern oder darin nachzulassen, doch als
schneller laufend erscheinen, wenn sie die in Wirklichkeit krzere Strecke
durchluft, und umgekehrt als langsamer laufend, wenn sie sich durch die
lngere Strecke bewegt. Fr die Sonne, d.h. thatschlich fr die Bewegung
der Erde um die Sonne, hat sich denn auch das nachfolgende Alterthum im
ganzen bei dieser Erklrung durch den excentrischen Kreis beruhigt, welche
ja auch mit der Keplerschen durch die elliptische Bahn eine gewisse
hnlichkeit hat. Es war allerdings vllig unerfindlich, weshalb denn die
Sonne sich nicht um den Mittelpunkt der Welt, sondern um einen von diesem
ziemlich entfernten Punkt, der ganz im freien Raume lag, bewege; aber um
die physikalische Erklrung kmmerten sich die Astronomen wenig, da sie
laut dem ursprnglichen Problem nur zu untersuchen hatten, durch was fr
gleichmssige und kreisfrmige Bewegungen sich die thatschlichen
Erscheinungen erklren liessen. Auch Kepler hat fr die von ihm
construirten Bewegungen die physikalische Erklrung noch nicht gegeben,
sondern erst Newton; der erhebliche Unterschied ist ja freilich, dass sich
das Kepler'sche System physikalisch begrnden liess, das der excentrischen
Kreise nimmermehr. Indess auch die Alten waren mit diesem Systeme noch
keineswegs am Ende ihrer Mhen. Denn die Bewegungen der mit der Erde um
die Sonne kreisenden Planeten, und die des die Erde begleitenden Mondes
erscheinen ganz erheblich complicirter, und diese Erscheinungen wurden nun
den Griechen mehr und mehr bekannt, theils durch die fortgesetzte eigne
Beobachtung, theils indem ihnen, von den Zeiten Alexanders des Grossen ab,
die vielhundertjhrigen babylonischen Beobachtungen zugnglich wurden. Es
kam auch das dazu, dass durch eine Reihe von Erfindungen die Instrumente
zur Beobachtung sich etwas vermehrten und verbesserten, so ungeheuer weit
auch gerade hier der Abstand zwischen der modernen Verfeinerung und
Prcision und den antiken Anfngen geblieben ist. Ferner sind sehr
wesentlich die im 3. und 2.Jahrhundert v.Chr. gemachten
ausserordentlichen Fortschritte der Mathematik. So kam man denn zur
Erklrung der Bewegungen noch auf eine andere Construction, die der
sogenannten Epicykeln. Thatschlich ist die Bewegung des Mondes eine
derartige, dass er um die kreisende Erde selber herumkreist; nicht
unhnlich der eines Punktes auf einem kleinen Maschinenrade, welches an
dem Rande eines sich drehenden grsseren befestigt ist und nun theils mit
diesem gedreht wird, theils daneben noch seine eigene Bewegung hat. Die
Alten nun construirten sich die Bewegung des Mondes so, dass er um einen
Punkt seiner Bahn, dieser Punkt aber mit dem kreisenden Monde sich um die
Erde bewege; sie dachten sich die Erde gleichsam inmitten jenes grossen
Rades, sagen wir an der ruhenden Achse befestigt, und zwar auch nicht
gleich weit von den Punkten des Umfangs entfernt, den Mond aber am Umfange
des kleinen Rades, und sie nannten nun dies kleine Rad oder vielmehr den
entsprechenden Drehungskreis den Epicykel. Es ist begreiflich, dass man
beim Monde mit einer solchen Construktion einigermassen auskam, da sie den
Thatsachen entspricht, sowie man an Stelle der Erde die Sonne, die Erde
aber in das bei den Alten leere Centrum des kleinen Kreises setzt. Bei den
Planeten aber langte weder diese Erklrung noch irgend eine andre zu, so
dass hieran, trotz aller scharfsinnigen Versuche, das antike System mit
der ruhenden Erde zu Schanden geworden ist. Der grsste aller Astronomen
des Alterthums, Hipparchos, hat dies indirekt auch selber anerkannt, indem
er bei den Planeten auf eine eigne Erklrung verzichtete, und sich auf den
Nachweis der Unhaltbarkeit der bisherigen Erklrungen beschrnkte.
Hipparchos, von dessen zahlreichen Schriften leider nur eine einzige, noch
dazu eine mehr populre und wissenschaftlich nicht bedeutende erhalten
ist, stammte aus Nica in Bithynien, lebte aber nachher theils, wie es
scheint, in Alexandrien, theils und vornehmlich auf Rhodos; seine
astronomischen Beobachtungen lassen sich von 161-126v.Chr. verfolgen.
Das Schicksal der griechischen Wissenschaft war, dass er keinen Nachfolger
in seinem Werke fand, ausser dreihundert Jahre spter den Claudius
Ptolemus, der seinen Almagest grsstentheils mit Hipparch's Methoden und
mit Hipparch's Beobachtungen herstellte. Mit dem zweiten Jahrhundert
v.Chr. nmlich ging nicht nur die politische Blthe der griechischen und
halbgriechischen Staaten des Ostens allenthalben zu Ende, sondern auch die
frische und Neues erzeugende Kraft der griechischen Wissenschaft und
berhaupt des griechischen Geistes. Die Zeit der Kaiser, besonders derer
am Anfange des zweiten Jahrhunderts n.Chr., brachte nur noch eine
Nachblthe, der auch Ptolemus angehrt. Hipparch nun verfasste, um nur
Einiges anzufhren, ein ausgedehntes Werk ber Trigonometrie, deren er bei
seinen Berechnungen vor allem bedurfte; ferner eine Schrift ber die
genaue Lnge des Sonnenjahres, eine andre ber die genaue Dauer des
Mondumlaufes, sodann, wie wenigstens Plinius sagt, eine Tabelle der
Sonnen- und Mondfinsternisse, auf sechshundert Jahre fr eine Reihe von
rtern der Erde vorausberechnet; wiederum, als nothwendige und doch bisher
noch fast vllig mangelnde Grundlage fr astronomische Beobachtungen,
entwarf er eine Himmelskugel und eine Planisphre, auf denen die
Sternbilder und Sterne nach Lnge und Breite genau eingetragen waren, und
ein Verzeichniss von mehr als 1000 so bestimmten Sternen. Eben dies fhrte
ihn auf seine berhmte Entdeckung der rckschreitenden Bewegung der
Tag- und Nachtgleichenpunkte, indem er bei Vergleichung seiner
Bestimmungen von Sternen mit einigen wenigen ihm vorliegenden lteren
solche Unterschiede fand, die ihm durch die Ungenauigkeit jener lteren
Messungen nicht gengend erklrt schienen. Er trug allerdings seine
nachmals vollauf besttigte Theorie nur als Vermuthung vor, und so verfuhr
er berall, wo ihm das Material einschliesslich seiner eignen Messungen
noch nicht den wnschenswerthen Grad von Genauigkeit und Zuverlssigkeit
zu haben schien. Denn neben dem unermdlichen Fleisse und der Genauigkeit
und Sorgfalt, die so weit ging, wie sie mit jenen Instrumenten der Alten
nur immer gehen konnte, wird ihm besonders seine Wahrheitsliebe
nachgerhmt, jene nmlich, die den Unterschied zwischen Hypothesen und
erwiesenen Thatsachen, unbeirrt durch Eigenliebe, nicht verkennt und nicht
verwischt, sondern im Gegentheil immer hervorkehrt, und die ganz gewiss
eins der entschiedensten Kennzeichen echter Wissenschaftlichkeit ist. Eben
als Mann der Wissenschaft liess er auch, wie es scheint, die
Construktionen der Philosophen, die sich dazumal vermassen berall die
Ursachen und die letzten Grnde hchst ungengend festgestellter
Erscheinungen erkennen zu knnen, unbeachtet bei Seite, wofr ihm jene mit
einem Bedauern seiner mangelhaften Erkenntniss vergolten haben. Dagegen
sehen wir aus der erhaltenen Schrift, dass er auch philologisch gebildet
war: gleichwie berhaupt die Gelehrten auch noch in jener Zeit eine
gewisse Universalitt der Bildung anstrebten. Unter seine astronomischen
Leistungen gehrt nun auch eine Berechnung der Entfernung und der Grsse
von Sonne und Mond mit Hlfe der auch heute noch dazu benutzten
sogenannten Parallaxe, und damit werden wir wieder auf unsern
Ausgangspunkt zurckgefhrt. Denselben Gegenstand behandelt die einzige,
wenigstens im Auszuge erhaltene Schrift des Aristarch von Samos; aber die
Methode ist hier noch eine andre, viel unzulnglichere, und aus der
Vergleichung sieht man, welche Fortschritte die Astronomie mit den hundert
bis hundertfunfzig Jahren zwischen Beiden gemacht hat. Aristarch schickt
seiner Beweisfhrung sechs Hlfsannahmen voraus, von denen einige auch von
der gefrderten Astronomie gebilligt wurden, andre aber ganz und gar
nicht. So gleich die zweite, dass die gesammte Erde in Vergleich zu der
Sphre, d.i. dem Umlaufskreise des Mondes, sich nur wie ein unmessbarer
Punkt verhalte. Hiermit wird nmlich die Parallaxe sogar mit Beziehung auf
den Mond, wo sie am allergrssten ist, von vornherein aufgehoben, und der
einzig geeignete Weg zur Lsung des Problems versperrt. Die Sache ist die.
Wenn wir auf der Erde am fernsten Horizonte, etwa im Norden, einen
hervorragenden Punkt haben, einen Kirchthurm z.B., und ferner ungefhr in
der Richtung dieses Punktes, nicht allzuweit von uns entfernt, ein Haus
oder dergleichen, so ist es klar, dass, wenn wir uns in der Richtung von
Ost nach West oder von West nach Ost eine gewisse Strecke fortbewegen, die
Stellung des Hauses und des Thurmes zu einander sich verschieben wird, so
dass der Thurm bald rechts vom Hause erscheint, bald verdeckt von
demselben, bald links hervortretend. Messen wir nun die von uns
zurckgelegte Strecke und den Winkel zwischen beiden Gegenstnden, wie sie
von den beiden Endpunkten aus erscheinen, und zwischen einem Gegenstande
und dem etwa durch einen Baum markirten andern Endpunkte der Strecke, so
sind wir mittels der Trigonometrie im Stande, die Entfernung der
Gegenstnde zu berechnen, und aus dem scheinbaren Durchmesser auch den
wirklichen Durchmesser. Auf dieselbe Weise nun verschiebt der Mond, wenn
wir unsern Standort auf der Erde um eine bedeutende, sagen wir einige
hundert Meilen betragende Strecke wechseln, seine Stellung zu den
Fixsternen, so dass ein bestimmter Stern bald rechts vom Monde erscheint,
bald von ihm bedeckt wird, bald links hervortritt. Darnach ergeben sich
Methoden, die Entfernung und Grsse des Mondes zu berechnen, aus seiner
Parallaxe, d.i., nach dem ursprnglichen Wortsinne, dem Unterschiede
seiner Stellung zu den ferneren Himmelskrpern oder den Himmelskreisen,
welcher durch die besondern Standorte auf der Erde hervorgebracht wird.
hnlich verhlt es sich mit der Sonne, und mit Sonne und Mond zugleich,
wenn bei der Sonnenfinsterniss dieser vor jener vorbergeht, und mit Sonne
und Venus und sofort. Nur fr die Fixsterne ist wegen ihrer ungeheuren
Entfernung die Parallaxe gleich Null, und so setzte auch Hipparch im
Verhltniss zum Fixsternhimmel die gesammte Erde einem Punkte gleich,
durchaus aber nicht im Verhltniss zur Entfernung des Mondes oder der
Sonne, sondern hier suchte er die Parallaxe zu finden. Ein andres
wichtiges Stck fr die Berechnung ist die mglichst genaue Bestimmung des
scheinbaren Durchmessers von Sonne und Mond. Hier finden wir nun zu unserm
Erstaunen unter Aristarchs Prmissen die, dass der scheinbare Durchmesser
des Mondes 2Grad oder 1/180 der Peripherie des Himmels betrage, d.i.
etwa viermal mehr als die richtige Messung ist. Und doch konnte das schon
der Augenschein lehren, dass ein Zeichen des Thierkreises, d.i. 1/12 des
ganzen Kreises, von 15 nebeneinander gedachten Monden noch lange nicht
ausgefllt wurde, also auch nicht der ganze Kreis von 180. Unser Erstaunen
wchst, wenn wir bei Archimedes lesen, dass derselbe Aristarch den
scheinbaren Sonnendurchmesser auf 1/2Grad oder 1/720 des Thierkreises
bestimmte, was annhernd richtig ist. Sonne und Mond erscheinen aber
ziemlich gleich gross, und nun soll ein Astronom sich eingebildet haben,
dass die Sonne viermal kleiner ausshe? Und doch wird jene Prmisse in der
Schrift wirklich so benutzt, freilich, was wieder merkwrdig ist, ohne
dass die schliesslichen Resultate dadurch verflscht wrden; im
Gegentheil, wenn man einen viermal kleineren Werth einsetzt, so bleibt
doch, was Aristarch ber das Verhltniss von Sonnen-, Erd- und
Monddurchmesser und ber das Verhltniss der Abstnde der beiden
Himmelskrper herausrechnet, genau so stehen. Da nun dies durchaus nicht
wie Zufall aussieht, so wird man annehmen mssen, dass der Astronom sich
ber die Falschheit der Prmisse keineswegs tuschte, aber Grnde hatte,
doch mit ihr als mit einer gegebenen zu rechnen, da er den Fehler
unschdlich fand; in der ursprnglichen, vollstndigen Schrift wird ja
wohl eine Aufklrung darber gegeben sein. Ebenso auch wohl darber, dass
er die gesammte Erde als Punkt ansetzte und den Standort des Beobachters
mit dem Mittelpunkte der Erde identificirte, whrend doch aus den brigen
Annahmen und Rechnungen sich ableiten lsst, dass der Erddurchmesser mehr
als den 57.Theil der Mondbahn ausmache, der gegenber er als unmessbar
kleine Grsse bezeichnet wird. Aber Aristarch verstand es eben noch
nicht, mittelst der Parallaxe selbst zu berechnen, und so strich er sie
lieber ganz, um nicht durch sie seine Rechnungen ohne wesentlichen Nutzen
complicirt zu machen. Was er nun an sonstigen Methoden und Construktionen
hat, ist zwar an sich nicht zu beanstanden und zeigt ausserordentlichen
Scharfsinn, reicht aber, auch abgesehen von der Ungenauigkeit der
Messungen, zur Gewinnung gengend prcisirter Ergebnisse nicht aus.
Immerhin ist in Bezug auf die Grsse des Mondes sein Ergebniss nicht
allzufalsch; denn er findet den Durchmesser des Mondes ungefhr dreimal
kleiner als den der Erde, whrend er in der That nahezu viermal kleiner
ist. Wie gross er den Erddurchmesser annahm, wird nirgends angedeutet; der
berhmte Eratosthenes von Kyrene, der etwa um eine Generation jnger war,
berechnete den Erdumfang bereits auf einige 100Meilen richtig. Bezglich
der Sonne hatte schon Eudoxos erschlossen, dass sie grsser als die Erde
sei; von der Wahrheit aber, dass ihr Durchmesser den der Erde um mehr als
das Hundertfache bertreffe, blieb das ganze Alterthum noch weit entfernt,
und Aristarch setzte wenigstens ein hheres Maass als alle seine
Vorgnger, nmlich etwa das Siebenfache des Erddurchmessers. Ebenso,
whrend thatschlich die Entfernung der Sonne das Vierhundertfache von der
des Mondes ist, berechnete Aristarch sie als kleiner denn das
Zwanzigfache. Die Entfernung des Mondes aber im Verhltniss zu seinem
eigenen Durchmesser ist durch die Bestimmung des scheinbaren Durchmessers
alsbald gegeben; also hier kommt bei dem Fehler, der bezglich des
letzteren vorliegt, etwas recht Falsches heraus. Die Spteren, Hipparch
und Ptolemus, erkannten erstlich, dass der Mond durchaus nicht immer
gleich weit entfernt sei; sodann massen sie genau den Durchmesser, wie er
bei den verschiedenen Abstnden erschien, und bedienten sich auch noch
weiterer Beobachtungen und Methoden, mit denen sie, und namentlich
Ptolemus, Entfernung und Grsse dieses uns nchsten Himmelskrpers
annhernd richtig bestimmten. Die Sonne, bei der die Parallaxe so sehr
viel kleiner ist, vermochte Ptolemus nicht weiter zu entfernen als schon
Aristarch im Verhltniss zum Monde gethan; Hipparch aber fand wenigstens
das Doppelte dieser Entfernung, und ebenso nahezu den doppelten
Durchmesser, nmlich mehr als das Zwlffache des Erddurchmessers, wogegen
Ptolemus auf das 51/2fache zurckfiel.

Wir finden vielleicht das von den Alten Erreichte gering, im Vergleich zu
dem was wir erreicht haben. Es wre auch kein gutes Zeugniss fr uns, wenn
wir _nicht_ solche Fortschritte gemacht htten. In den dreihundert Jahren
seit Coppernicus haben die europischen Nationen fast alle wetteifernd an
dem Ausbau der Wissenschaft gearbeitet; was in Italien oder Deutschland
geleistet war, wurde in Frankreich oder England fortgefhrt, und so weiter
mit bestndiger Wechselwirkung. Im Alterthum waren es wesentlich die
Griechen allein, welche forschten; ein Rmer glaubte viel zu thun, wenn er
sich nur die Resultate aneignete. Und dazu waren die Griechen, vollends
nach Hipparchs Zeiten, eine abnehmende und erschpfte Nation. Bis dahin
aber war in etwa 300 Jahren der Fortschritt der Erkenntniss ein relativ
wohl noch grsserer als der in der Neuzeit; denn dreihundert Jahre vor
Hipparch hatte der freieste Denker, Anaxagoras, doch erst zu behaupten
gewagt, dass die Sonne grsser als der Peloponnes sei, und auch das war
schon eine wissenschaftliche That, gegenber den kindlichen Anschauungen
der anderen damaligen grossen Geister. Die Alten selber haben es gefhlt
und ausgesprochen: Das Volk einer kommenden Zeit wird vieles uns
unbekannte wissen; nicht auf einmal erschliesst die Natur ihre
Geheimnisse; wir halten uns fr Eingeweihte, und stehen doch erst noch an
der Thr. Auch uns mchte immer noch eine gleiche Bescheidenheit
geziemen.

Hochverehrte Anwesende! Die Wissenschaft, auch als Ganzes genommen, ist
nur eins der Gebiete, welche dem Menschen von seinem Schpfer zum Anbau
zugewiesen sind. Ebenso glnzend wie die Namen der grossen Forscher
erscheinen in der Geschichte der Menschheit andre Namen, die der Dichter,
der Knstler, die der Grnder und Leiter von Staaten und Nationen, im
Kriege und im Frieden. Und es ist nicht einmal das Wissen und die
Erkenntniss, so hoch sie zu schtzen sind, das Hchste im Menschen, noch
das was ihm seinen eigentlichen Werth verleiht, sondern dies ist sein
Wollen und Streben und die Selbsthingabe, und das Thun und die Thaten,
welche aus dieser entspringen. Wir haben das hohe Glck, in unserm
erhabenen Monarchen eine Persnlichkeit anschauen zu drfen, deren ganzes
Leben und Thun die Selbsthingabe an das Wohl seiner Vlker darstellt, und
deren Thaten nicht der Kunst eines Geschichtsschreibers bedrfen, um
unvergesslich zu sein. Vereinigen wir uns daher am heutigen Tage zu dem
Wunsche aus tiefstem Herzen, dass dieses leuchtende Vorbild noch lange
unter uns bleibe, ein Schirmherr des Friedens nach aussen und nach innen,
ein hochherziger Pfleger jedes edeln menschlichen Strebens. GOTT SEGNE UND
ERHALTE UNSERN ALLERGNDIGSTEN KAISER UND KNIG WILHELM I. ER LEBE HOCH!




[Anmerkungen zur Transkription:

 Gesperrt gesetzter Text wurde mit _gesperrter Text_ ausgezeichnet, fett
 gesetzter Text in GROSSBUCHSTABEN dargestellt.

 Die Schreibweise der groen Umlaute Ae, Oe und Ue wurde in ,  und 
 gendert.

 Gegenber der gedruckten Version wurden folgende Satzfehler korrigiert:

 original: Claudius Ptolemaeus
 ebook:    Claudius Ptolemus

 original: der auch Ptolemaeus
 ebook:    der auch Ptolemus

 Andere Inkonsistenzen im Text wurden beibehalten.]







End of the Project Gutenberg EBook of Einiges aus der Geschichte der
Astronomie im Alterthum, by Friedrich Blass (Dr.)

*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK EINIGES AUS DER GESCHICHTE ***

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