The Project Gutenberg EBook of Der Hase, by Melchior Vischer

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Title: Der Hase
       Eine Erzhlung

Author: Melchior Vischer

Release Date: April 6, 2012 [EBook #39390]
[Last updated: June 18, 2012]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

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Melchior Vischer

Der Hase
Eine Erzhlung








1922

Jakob Hegner, Hellerau







Ich bin ein alter Straenkehrer. Ich arbeite nur drei Stunden tglich; denn
meine Krfte sind nicht mehr gro. Daher habe ich viel Zeit; ich will also
die Ereignisse meines Lebens niederschreiben. Es mag als Leben eines
Straenkehrers unwichtig erscheinen; dennoch ist es nicht unwichtig.
Verzeiht, da ich nur einfach schreibe. Ich kann keine japanisch gedrehten
Stze formen; auch verstehe ich nichts vom klugen Aufbau der Handlung. Das
alles kann ich nicht. Es wre hier auch nicht notwendig; es ist ein
Bericht.

Es war November. Es war ein Wald. Die Bume standen im rtlichen Schimmer
mder Sonne. Nebel gab es noch nicht; nur eine kleine Moosausdnstung,
feucht und schwer, verriet die unsommerliche Zeit. Tannen und Fichten
rochen nach Harz. Ein Hase, noch jung und neugierig, war seiner Familie
entlaufen. Er hatte sich verirrt, weil Nadelbume und Moos, Moos und
Nadelbume wechselten. Der Hase keuchte. Dunkelheit kam und verlschte
letzte Sonne. Da schleppte sich der Hase noch ein wenig weiter; dann konnte
er aber nicht mehr. Er streckte die Lufe von sich und schlief. Der Morgen
war hell. Als der Hase erwacht war, sah er Wunderbares: der Wald war zu
Ende. Er selbst lag am Saum. Vor ihm eine weite, weite Ebene, grn und grau
und gelb. Und rckwrts lagen die Wolken auf der Erde und schliefen.
ngstlich drehte sich der Hase um: da war der Wald, der schwarze Wald.
Schnell schaute er wieder auf die Ebene hinaus: sie schien ihm gut, Weib,
Mutter zu sein. Der Wald ist schwarz, der Wald ist bse, der Wald ist ein
Mann. Und seine Blicke hasteten ber das groe mtterliche Feld. Da stockte
sein Auge, sein linkes Ohr erschrak und schnellte spitz in die Hhe: dort,
dort, dort . . . lag etwas, in der Mitte, breit und wuchtig. Sein Herz
klopfte; er hrte dieses Klopfen, dumpf und schwer. Er war nicht feige,
dennoch berlegte sein kleines Hirn, ob er zurckfliehen sollte in die
Finsternis des Waldes, der hinter ihm lag wie ein drohendes Ungetm, oder
ob er auf das fremdartige Etwas zugehen sollte. Seine Beine waren flink,
flinker noch seine Neugier. Da sprang er: hin lief der Hase ber die
vergrnten Felder. Grer und grer wurde der Block; er unterschied
Linien, Gewlbtes, dann groe Lcher, die wie Wasser glnzten. Da hockte er
nieder, berlegte, lie seine Ohren spielen. Sein Herz war noch immer rege;
es pochte jedoch schon leiser. Die Augen aber schwammen in einem Meer voll
Neugier. Knapp vor ihm waren hohe Stbe aufgerichtet; dahinter lag
geackerte Erde. Er schlich durch den Zaun, lief ber den frisch
aufgeworfenen Humus und stand vor etwas Hohem, das hher, grer und
breiter war als ein Baum. Er legte seine Pfoten vorsichtig an und fhlte
kalten Stein. Da war ein Einschnitt, dunkel gewlbt, er nahm Anlauf, und
mit einem Satz war er drin, in dem unbekannten Bereich. Hier war der Boden
weich und rot; seltsam verwachsene Bume erschienen ganz unkenntlich;
glatt, glnzend, behangen mit fremdartigen Grsern. An der Decke war kein
Himmel sichtbar; trotzdem glitzerte alles und schillerte. Er sprang, --
diesmal wohl aus Angst -- und stie an einen Gegenstand, der umfiel und
zerbrach. Es klang, als wurden kleine Vgel gettet. In Sehnsucht nach der
mtterlichen Haide suchte er einen Ausweg. Er fand keinen. So drckte er
sich in eine Ecke, hrte auf das Klopfen seines scheuen Herzens und auf das
schnelle Keuchen seiner gehetzten Lunge. Seine Augen suchten unterdessen
und fanden nichts. Lrm und Geschrei war zugleich wie eine Erschtterung
der Erde. Ein Schlag drhnte durch die Luft, ein fremdes Wesen, nur auf
zwei Fen gehend, strzte herein. Keuchen erfllte alle Luft. Gepolter
folgte: Rufe, Schreie. Ein zweites Wesen, dem ersten hnlich, nur ein wenig
grer, sprang herein, schrie schrill -- so klang kein Tiereslaut --
schnellte auf und prete dem andern die Gurgel. Das eine drngend, das
andre sich strubend, fielen sie beide hin. Da blitzte es in der Luft: in
den Fngen des greren Unwesens sah der entsetzte Hase etwas Langes,
Spitzes, wie der Schnabel eines Spechtes. Es sauste nieder, ein chzen, ein
Rcheln: die rote Ebene ward rter. Ein schweres Keuchen, das in befreites
Aufatmen ausstrmte, war zu hren. Das eine Wesen lie von dem anderen und
richtete sich empor. Der Hase konnte sich nicht bewegen. Er war gelhmt:
die zwei wilden Augenlichter des Wesens, das kein Tier war, nicht Raubtier,
nicht gutes Tier, das ein Untier war, starrten entsetzt und gro
aufgerissen in die Augen des Hasen. Der Hase zitterte. Gerade das war seine
Rettung. Sein zitternder Blick hatte pltzlich den gewlbten Einschnitt
erhascht: ein Sprung, bebend zwar, aber doch hoch und weit genug, folgte.
Der Hase lief. Der Hase war weg.

Ich bin nicht immer Straenkehrer gewesen. Einst war ich reich. Das Leben,
das ich fhrte, nher zu beschreiben, wre unntz; ich trumte Trume aus
Silber und Alabaster. Ich wre vielleicht auch als Reicher gestorben. Wenn
nicht ein hchst seltsames Ereignis mich aus meinem streng abgezirkelten
Dasein in die Freiheit des Lebens hinausgeworfen htte. An einem
Novembertage verlie ich mit mehreren Freunden mein Haus; wir gingen, was
wir sonst nie taten, zu Fu in die nahe Stadt. Bei Einbruch der Dmmerung
waren wir angelangt. In den Straen war ein Verkehr, der beinahe tosend
war. Die Schaufenster leuchteten wie offene Feuer: so hell. Alle Menschen
eilten. Wir gingen in Gruppen, langsam, wir sprachen von gleichgltigen
Dingen. Nun waren wir auf der Hauptstrae. Wagen und Menschenverkehr war
malos laut; hin, her. Manchmal streifte einer der hastenden Fugnger
meinen Rock. Ich sah niemanden, trotzdem Kopf auf Kopf wechselte. Ein Meer
von Gesichtern. Da sah ich beiseite, ganz ungefhr, zerstreut: mir stockte
der Atem, mein Blut wurde zu Eis, ich konnte nicht weiter. -- Er ging
vorber. Ein Mann. Seine Augen schauten mich an; seine Augen schienen Glas
zu sein. Er sah ganz gewhnlich aus; nichts Besonderes war an ihm. Ein
Gleichgltiger unter Gleichgltigen des Alltags. Ein Mann der Menge in der
Menge. Ich besann mich. Meine Augen sahen schrfer. Da war er schon
vorber. Ich drehte mich um. Verschwunden. Man fragte mich erstaunt: Warum
gehst du nicht? Wen sahst du? Ich machte eine abwehrende Handbewegung. Ich
ging zurck; nichts. Ich ging schneller; nichts. Ich rannte; nichts. Ich
hatte meine Freunde verloren. Ich lief die Strae hinauf; ich lief die
Strae hinab. Langsam, schnell. Ruhelos. Stunden vergingen. Es war Nacht
geworden; spte Nacht. Die Strae war einsam. Nur selten kam ein Mensch.
Das Licht leuchtete nicht mehr; blo Notlaternen brannten. Noch immer ging
ich auf und ab. Hohl klangen meine Schritte. Eine Frage kam immer und immer
wieder: Wer war dieser Mann? -- Warum sah er dich an? Dann lachte ich
heiser auf: Du Tor! Ein Namenloser, ein Mann in der Menge! Ein
Gleichgltiger! Zufllig sah er dich an, zufllig sahst du ihn an, zufllig
kreuzten sich eure Blicke; Zufall, nichts weiter! Ich schlug meine Stirn
und brllte: Tor! Tor! Ich war mde geworden. Ich lehnte mich an eine
Laterne. Mich frstelte. Nun merkte ich erst, da ich Hut und Mantel
verloren hatte. Kaum hatte ich das recht erfat, als schon wieder die Frage
nach dem Unbekannten durch mein Hirn tobte. Wer bist du?! schrie ich auf.
Herr, ist Ihnen schlecht? darf ich einen Wagen rufen? hrte ich noch
jemanden fragen und sah mich selbst eine bejahende Gebrde machen. Dann
wute ich nichts mehr. Nur fern hrte ich, als riefe einer um Hilfe: Wer?
Wer?

Ich wachte auf. Ich war im Bett. Ich war zu Hause. Mein Leibdiener sa im
Zimmer. Ich rief: Hast du ihn gesehen? War er da? Nein, Herr! Ich
richtete mich pltzlich auf und starrte dem Diener ins Gesicht: Du bist ja
alt, Jan, du hast weie Haare! Schon immer, Herr, schon immer, es schien
mir, als se der Alte nur ungern hier an meinem Bett. Ich befahl:
Hinaus! Er ging. Ich sprang aus dem Bett. Ich ri vom Fenstervorhang die
Quaste ab. Ich klingelte. Jan kam. Ich gab ihm eine Ohrfeige. Er stand
stramm. Ich hie ihn gehen. Er ging. Ich kleidete mich an; allein. Ich
tauchte mein Gesicht in kaltes Wasser. Ich fhlte eine Leere im Magen. Ich
nahm trotzdem kein Frhstck. Ich ging ins Bibliothekszimmer; es war
ungeheizt. Ich setzte mich zum Schreibtisch und berlegte. Ich fing an zu
lachen. Denn es war ja doch nur ein ganz gewhnlicher Mann aus der Menge.
Ein Unbekannter. Ein Fremder, der mich zufllig ansah. Zufllig, zuf
. . .? Ja, wer war dieser Mann? Es gibt keinen Zufall, nein, nein! Warum
sah er mich an? Bin ich ein Hundsfott, da mich jeder, der an mir zufllig
vorbergeht, ansehen kann? Und warum schaute ich, der sonst niemanden auf
der Strae anzusehen pflegt, in diesem Augenblick gerade auf und ihm in die
Augen?? Ich schlug mit der Faust auf den Tisch: Ich mu diesen Menschen
finden, ich mu wissen, warum er mich angesehen hat! Ich klingelte. Ein
Diener erschien. Ich klingelte nochmals. Ein zweiter Diener erschien. Ich
klingelte zum drittenmal. Ein dritter Diener erschien. Und dann gab es
Winke, Befehle, Schimpfworte.

Die Tage, die nach jenem Erlebnis folgten, waren unendlich und grauenvoll.
Ich lie Ankndigungen in den Zeitungen erscheinen, Belohnungen aussetzen:
Wer war dieser Mann? Wer ist dieser Mann? Alles blieb stumm. In den Nchten
war ich allein. Kein Weib lag in meinem Bett. Ich entlie alle Mgde. Ich
schickte Diener und Pferdeknechte weg. Ich nahm neue auf. Alle muten
braune Haare haben. Denn ich glaubte mich zu erinnern, da der Unbekannte
braune Haare gehabt hatte. Ich konnte nicht schlafen. Denn das ist kein
Schlaf, zu schlafen, um im Schlaf zu wissen, da man schlafe, da man
unruhig schlafe. Manchmal sprang ich aus dem Bett und lief, drftig
bekleidet, in den Park hinaus. Dort oben waren die Sterne. Viele waren da.
Auch dort suchte ich. Immer suche ich. Der Mann! Der Mann! Wer war dieser
Mann? Doch die Sterne antworteten nicht. Stille, helle Sterne. Ich lief zum
Hafen und betrat die Fischerhtten. Ich warf Geld hin. Man lie mich
schlafen. Ich konnte nicht schlafen. Da lachte ich laut auf, da es in die
schweigende Nacht hineingellte. Einer, der sucht und nicht findet, kann
nicht schlafen. Auch dann nicht, wenn er gesund wre wie jenes schnarchende
Fischweib dort, das umlagert ist von ihren Kindern. Denn dann htte ich die
Luse und Flhe tten mssen. Ich tte aber keine Tiere. Nie. In diesen
Htten blieb ich kaum zwei Stunden. Dann lief ich wieder weg. Hinaus. Der
Hafen war allmchtig und dunkel. Der Hafen war unheimlich. Die Ozeanfahrer
und groen Segelschiffe, die vor Anker lagen, warfen drohende Schatten ans
Land. berall grinste mir das Gesicht des Namenlosen entgegen. Schaute ich
nach links, so war es da. Schaute ich nach rechts, so war es da. Auch der
Mond, der jetzt aus den Sturmwolken hervorkam, konnte meine Verzweiflung
nicht tten. Es gibt groe Snden. Es gibt strenge Gesetze und harte
Strafen. Nichts aber ist so schrecklich, wie ein Gesicht, das man nicht
kennt, zu sehen. Man wei nichts von ihm. Man wei nur, es ist da. Wo es
ist, wei niemand. Und ich habe es gesehen. Ganz nahe. Nur wei ich nicht,
wo es ist. Ich will es sehen. Wo bist du? Wo bist du?

Meine Freunde zweifelten an meinem Verstand. Ich warf sie hinaus. Ich
wollte niemanden sehen. Der Festsaal meines Hauses war traurig und de
geworden. Die Diener frchteten mich. Ich war ein strenger Herr. Und oft
recht bse. Manchmal auch grausam. Am Tage hhnte ich Gott; des Nachts
verfluchte ich mich selbst. Das half alles nichts. Meine Tage waren
verflucht. Meine Nchte waren verflucht. Ich selbst verfluchte den
Feierabend, an dem ich jenen Unbekannten auf der Strae gesehen hatte. Ich
hatte viele Leute gedungen, die mir den Aufenthalt jenes Menschen
ausforschen sollten. Es kostete viel. Alles vergebens. Da hielt ich es
nicht mehr aus. Ich fate einen neuen Entschlu. Ich ging auf Reisen.

Als ich in gypten ankam, sah ich Wolken um die Pyramiden getrmt. Die
Eingeborenen sagten mir, seit tausend Jahren wre es wieder das erstemal,
da Wolken um die Pyramiden kreisten. Es kme sicher Unglck ber das Land.
Ich hrte zu und schwieg. Dann dachte ich, ob ich hier nicht zufllig ihn
finden wrde. In einem Anfall von Wut gegen mich selbst erschlug ich einen
der Kameltreiber. Die anderen drohten. Ich gab Gold. Man grte mich. Um
Gold ist natrlich der Tod kuflich. Nur der eigene nicht. Als es regnete,
lachte ich. Meine Kameltreiber beteten. Ich lachte laut, weil ich nicht
beten konnte. Man hat noch nie einen Mohammedaner im Gebet gestrt. Ich tat
es. Hier, in der Wste, fern von Sodom, aber doch nahe Gomorrha, begriff
ich erst die Gewalt des Goldes. Und ich lachte malos laut. Dann trieb
meine Knute die Frommen auf. Durch die Wste. Durch die Wste! Ich wollte
immer vom ewigen Horizont umgeben sein. Ich wollte im Wstensand baden,
Sonne trinken und Strme einatmen. In einer Oase hielten wir Rast.
Wochenlang. In der Nhe hausten ein Lwe, eine Lwin und ein Tiger. War der
Lwe in der Wste, brach die Lwin mit dem Tiger die eheliche Treue. Der
Lwe merkte nichts, da sich die Lwin allabendlich, bevor er heimkam, in
der Quelle abwusch. Das hatte ich belauscht. Aus Unrast tat ich Bses. Du
schndest die Natur, du beleidigst Gott, wenn du Tiere zu menschlichen
Handlungen verleitest! Eines Tages lie ich die Quelle mit Steinen
vermauern. Die Lwin kam. Die Lwin stutzte. Sie scharrte; sie whlte die
Erde auf. Sie ging auf und ab. Immer schneller. Sie suchte. Auch ich
suchte! Ihre Augen funkelten. Ihre Augen wurden glanzlos. Sie keuchte. Sie
war abgehetzt und mde. Sie legte sich hin. Der Tiger kam, sah sie und
sprang gegen die Mauer. Sein Kopf blutete. Er lief zurck, nahm Anlauf und
sprang wieder gegen die Steine. Sie wichen nicht. Zum drittenmal
wiederholte der Tiger seinen Versuch; er war schon recht matt. Mit
ungeheurer Wucht schnellte er gegen die unbarmherzige Steinwand. Mit
zerschmettertem Schdel brach er zusammen und verendete. Liebe und
Verzweiflung in den Augen, hatte die Lwin zugeschaut. Beim drittenmal hob
sie schwach die linke Tatze; diese war kaum zu Boden gesunken, als ihr
Tiger schon tot war. Da trat der Lwe aus dem Gezweig. Erst brllte er; sie
wollte weichen, vermochte es aber nicht. Dann wurde er pltzlich still. Er
war geduckt zum Sprung. Seine fragenden Augen suchten Antwort; jetzt bei
dem toten Tiger, jetzt bei der zitternden Lwin. Er hob den Kopf; seine
Nstern bebten und sogen fremde Luft ein. Dann sprang er und zerri sie.
Hernach legte er sich in die Mitte zwischen Tiger und Lwin und blieb lange
so, den Kopf seinem Weib zugewandt. Bei Anbruch des Morgens lief er still
und langsam in die Wste hinaus. Er kam nicht mehr zurck. Ich dachte lange
an dieses groe Erlebnis. Ich hatte dabei fast meine Unrast vergessen. Bald
hrte ich in der Nacht Geheul; die feigen Wstenhunde umkreisten die Oase.
Da peitschte ich meine Leute und lie noch in der Nacht fr den Tiger und
die Lwin ein Steingrab errichten. Am Morgen ergriff wieder Unruhe mein
Herz. Ich peitschte abermals die Kameltreiber; wir brachen auf. Durch die
Wste! Ihr Menschen, ihr Kameltreiber! Ihr Tiere, ihr Kamele! In einem
arabischen Dorf kam ein Jude zu mir. Er grinste. Ich beachtete ihn nicht,
da ich im selben Augenblick gebot, Zelte aufzuschlagen. Er wich nicht. Er
flsterte mir ins Ohr. Nicht wissend, was er von mir wollte, nickte ich
zustimmend. Er eilte weg. Als er wiederkam, fhrte er ein Weib mit. Sie war
schn wie ein Tier. Ich schaute auf. Sie sah mir in die Augen, dann senkte
sie langsam ihr Haupt. Ich warf dem Kuppler einen Beutel mit Silberlingen
zu. Der Alte fiel zu Boden und wollte meine Fe kssen. Ich gab ihm einen
Tritt. Da kte er voller Inbrunst den Beutel. Ich fate das Weib an der
Hand und ging mit ihr ins Zelt. Ich habe sie nie berhrt. Nach Monden
brachen wir auf. Das Weib weinte, als ich weiterzog. Ich sah kaum zurck.
Einen Augenblick berlegte ich, ob ich ihr mein Katzenfell, gefllt mit
Gold, zuwerfen sollte. Sie folgte mir. Ich ritt an einem Brunnen vorber.
Sie folgte mir. Da warf ich die Goldkatze in das tiefe Wasser. Dann zogen
wir wieder durch die Wste. Eine kleine Karawane. Eine Karawane der
Friedlosigkeit und Unrast. Ihr Schluchzen hrte ich noch, als ich nach
Wochen in einem afrikanischen Hafenort ein Kauffahrteischiff bestieg.

Lange fuhr ich auf dem Meer. Heulte des Nachts der Sturm; ward ich ruhiger.
Nur im Aufruhr der Elemente fand ich Frieden. Aber auch aus dem Wind hrte
ich das Wort: Wer? Ich rannte auf Deck auf und ab. Ich strzte in die
Kajte, ergriff meine Koffer, eilte hinauf und schttete alles in die See.
Dann lachte ich. Es klang tonlos, da selbst der Sturm betroffen schwieg.
Und weit hinaus auf dem nchtlichen Meer wurde das tonlose Gelchter
gehrt. Meine Unrast war gro. Meine Unrast war so gro, da ich nicht mehr
verzweifeln konnte. Jeder auf dem Schiffe mied mich. Ich war allein mit
meinem Gelchter. In Singapur legten wir an. Alle Fahrgste stiegen aus.
Sie schienen sehr zu eilen. Der Kapitn sah mich erwartungsvoll an; ich
bemerkte Unruhe in seinem Blick. Diesmal lachte ich nicht, diesmal lchelte
ich blo. Ich zhlte langsam, beinah grausam langsam zehn Golddukaten auf
den Boden des Decks hin. Dann war Schweigen. Ich blieb. Und wieder segelte
das Schiff auf offenem Meer, und wieder war Sturm, und wieder war
Gelchter. Tonloses Gelchter. Jeder Nerv in mir zitterte, jeder gebrochene
Ton des Windes schrie rauh und grundlos: Wo ist der Mann, der mich ansah?
Ich konnte keine Antwort geben. Ich konnte nur lachen. Die Mannschaft
gewhnte sich an mich. So oft wir in den Hafen einbogen, zahlte ich. Darum
blieb ich auf dem Schiff. Jahre. Ich habe die Weltmeere nach allen
Richtungen durchkreuzt. Ich wei, das Meer ist gro, weit, ohne Ende.
Grer aber und unendlicher ist meine Unrast. Einmal, in einer strmischen
Nacht glaubte ich ihn vorn auf Deck zu sehen. Ich verga ihn fr einen
kurzen Windsto lang, so gingen mir die Augen ber. Du! schrie ich,
wilder und jauchzender als der brllende Orkan und strzte vor. Es war der
Steuermann. Ich fiel hin. Als ich aufwachte, waren Wochen vergangen. Ich
hatte das gelbe Fieber berstanden. Ich war geschwcht; ich wurde ans Land
gebracht. Whrend ich in dem kleinen Boot dem Hafen zufuhr, bestrzte mich
mein Schicksal mit jener furchtbaren Frage. Wer? schrie ich laut auf; ein
Chinese nickte freundlich. Ich war in Hongkong.

Ich sprach nicht chinesisch. Ich wurde immer verstanden. Gold ist die
einzige Vlkersprache. Ich kaufte mir einen Palast; seine Einsamkeit tat
wohl. Hier lernte ich das Weib der Erde kennen. Ich hatte Sehnsucht,
unbewute Sehnsucht. Fern ahnte ich, da meine ewige Frage betubt wrde,
wenn ich ein Weib fnde. Die Augen meines chinesischen Dieners strahlten
beim Aussprechen ihres Namens. Ich habe ihn schon vergessen. Er war nicht
alltglich. Nicht alltglich war auch der Augenblick und der Ort, an dem
ich sie zuerst sah. Der Diener verneigte sich, der Diener sprach und ging
voraus. Ich folgte. Die Chinesenstadt war abscheulich und mrchenhaft. Er
ging voraus. Ich folgte. Da breitete sich ein weites Feld aus. Stoppeln
standen bestimmt und schmerzten nackte Fe. Viele Leute waren da, groe
und kleine, junge und alte, gute und bse Chinesen. Sie hatten alle ernste
Gesichter. Jetzt fiel mir erst auf, da nur Mnner hier standen. Kein Weib
war zu sehen. Die Mitte war leer. Da blieb mein Diener stehen; seine mir
zugeneigte Gebrde hie mich warten. Ich stand und sah geradeaus. Da tnte
ein Gong. Alle reckten die Hlse; in den Kreis trat eine Schar. Ein Greis
fhrte sie. Alle wollten ihre Hnde erheben und Beifall klatschen; sie
lieen sie aber lautlos wieder sinken. Mein Atem ging schwer; ich wute
nicht, warum. Da hob der Greis die Hand und trat beiseite; wir sahen seine
Begleiter: Jnglinge; sie waren blind. Sie stellten sich auf, in eine
Reihe. Dann standen sie still. Ein Gong schlug. Dann riefen drei Tuben. Und
pltzlich trat ein Weib in den Kreis. Alle erhoben ihre Arme und schrien
laut. Sie war fast nackt, sprang hoch und tanzte. Langsam. Ich schaute ihr
Gesicht; ihren Krper. Sie sah eher europisch aus, denn asiatisch; ihre
Haut war wei. Ihr Antlitz glich dem unbeschreiblichen sdlichen Wind.
Volle Ruhe herrschte. Kein Laut war zu hren. Nur ein Gesicht war: ihr
Tanz. So tanzte sie, da jenes graue Stoppelfeld, das sie mit ihren blanken
Fen kte, einem samtenen Teppich gleich sah. Wir waren stumm und wuten
es. Wir konnten uns vor Begeisterung nicht bewegen. Wir waren Stein. Da
drang ein Laut aus dem Munde des Greises. Wir schauten auf; wir folgten dem
Blick des Alten. Dieser fiel auf die Jnglinge. In unsern Augen standen
Trnen. Der Bann war gewichen. Wir hoben die Arme zum Himmel empor und
schrien laut: Die Jnglinge waren sehend geworden. So hatte das Weib der
Erde getanzt. Nun weinten sie unbekmmert still und heftig. Mein Diener
klopfte an meine Wade, ich erschrak und hrte: Herr, lat uns gehen, der
Tanz ist zu Ende! Da neigte ich mein Haupt und folgte dem Diener
fassungslos und stumm. Es war ein kurzer Augenblick des Glcks gewesen; ich
hatte schier die rohe Frage vergessen: Wer? Wer? Sie klang jetzt wohl mit
dem gleichen Wort: Es war aber nicht mehr Bedrngnis und Leid, es war
Hoffnung und Ruhe. Trnen standen in den Augen meines Dieners; die Bewegung
seiner Hand schien Erfllung zu verheien. Dann stand sie vor mir, das Weib
der Erde. Ich habe sie sehr geliebt. Was ist es nur, da ich ihren Namen
vergessen habe?

Nur kurz war die Zeit meiner Ruhe. Eines Tages kam sie nicht mehr.
Vielleicht hatte sie jemand gettet. Vielleicht hatte einer blo mich
gettet. Finster waren die folgenden Tage. Mein Diener wute nichts. Ich
lie sie suchen. Nichts. Niemand brachte mir Nachricht von ihr. Auch fr
Gold nicht. Sie blieb verschollen. Ich war allein. Und wieder kam die alte
Frage: Wer? Meine Unrast war mein ewiger Begleiter. Ich bin der Verdammte,
weil ich der Gehetzte bin. Gehetzt bin ich, weil ich nicht wei warum. Und
auch nicht wei diese Frage, die Erde ist und Sturm zugleich: Wer?

Ich zndete meinen Palast an. Er brannte nieder. Als nichts mehr war,
lachte ich auf wie damals. Es klang tonlos. Mein Diener schluchzte und ging
fort. Wieder war ich allein in der Welt mit meinem Gelchter. Htte ich
geklagt und Asche auf mein Haupt gestreut, es wre unntz gewesen. Das
wute ich. So warf ich Gold unter die Leute und machte die Menschen bser,
als sie waren. Ich wanderte. Ich war ein Bettler. Ich war ein reicher
Bettler. Ich wanderte durch Asien. Ich ging auf ein Schiff. Ich fuhr bers
Meer. Ich landete in Australien. Ich wanderte durch Stdte, ber Gebirg
hinweg, durch weite Ebenen. Immer ging jemand mir zur Seite. Meine Unrast
und meine Frage: Wer? Des Nachts schlief ich in Einden, deckte mich mit
meinem Gelchter zu. Alle Tiere, auch die wilden, mieden mich.

Die Landstrae fhrte aus dem Wald hervor und war dunkel. Die ganze Nacht
schritt ich durch; gegen Morgen htte ich gern ein Kruzifix gekt. Ich
hatte aber keines; nur ein zerrissenes schmutziges Tuch und einen harten
Knotenstock. Ein Widerstand versperrte mir den Weg. Dumpf pochte ich an das
eichene Tor. Hier war unter der Klinke ein wurmstichiges Loch im Holz. Da
griff ich an die Stirn, mein Atem ging schneller, meine Augen weiteten
sich. Ich pochte laut und ungeduldig. Der Torflgel ging auf. Ich sttzte
mich auf meinen Knotenstock und sah geradeaus. Das war das Haus. Ein Diener
stand da. Er fragte nicht. Einen zerfetzten Gauch braucht auch keiner zu
fragen. Man wartet, bis er selbst bittet. Ich schaute lange durch das
Dunkel der Tr; dann schritt ich pltzlich fest ein, warf keinen Blick auf
den Diener, sah geradeaus, immer geradeaus. Hart und bestimmt sprach ich:
Das ist mein Haus. Da erkannte mich der Diener an der heftigen Gebrde.
Er streckte die Arme empor, drehte sich um, lief und rief: Der Herr ist
gekommen, ihr da hrt, unser Herr ist gekommen! Sie eilten alle herbei und
weinten. Da erfate mich Ekel. Denn ich, der sie immer geschlagen hatte,
ich, der jetzt kam wie ein Landstreicher, ich war der Trnen um mich nicht
wert. Mein Auge ward bse. Sie wichen zurck und gehorchten. Ich schritt
ein in mein Schlo. Ich wusch mich rein vom Schmutz der Landstrae, der
Erde und der Jahre. Als ich aus dem Wasser stieg, sah ich mit Verachtung
auf das Bndel meiner Demtigung hernieder; dann war ich in neuen
Gewndern. Wieder gingen die Diener scheu. Wieder war eine irrsinnig leise
Ttigkeit im Hause. In den Gemchern und auf den Gngen war mehr Schatten
als Helle. Alle Tage war das so. Ich sa in dem groen schwarzen Zimmer auf
dem grn gepolsterten Lehnstuhl. Ich sah starr vor mich hin. Ich trumte
allein; es war leblos und still im Raum. Ich hatte einen neuen Willen und
eine neue Gewalt. Ich wollte nicht mehr daran denken. Ich wollte nichts
denken. Des Nachts sa ich auch auf diesem Stuhl. Die bsen Mchte schienen
keine Macht zu haben ber den, der da im Grnen sa. Eines Morgens weckte
mich eine Fliege aus meinem grenzenlosen Schlaf. Ich schlug zu. Sie fiel
tot zu Boden. Ich war pltzlich ganz wach und ngstlich. Ich hatte noch nie
ein Tier gettet, und mein Blick erstarrte. Es kam ein Bewutsein ber
mich, das nicht schrecklich war und auch nicht gut. Hernach kam mir der
Gedanke, da dieser Mord die frhe Vorausahnung spterer Morde sein msse.
Es war mir auf einmal, als stnde ich in dunkler Nacht am Meeresstrande:
Ich hrte den Sturm heulen, aber Nacht lag vor meinen Augen. Ich sah das
Meer, das dunkle tobende Meer nicht; ich wute nur, es war da, ganz nahe.
Ich htte jetzt gern geweint. Ich konnte nicht. Ich wollte lachen. Ich
konnte nicht. An diesem Morgen sah ich keine Sonne; nur Nebel drckte sich
an die Scheiben und machte den Tag grau. Immer pocht mein Herz im Herbst so
bang. Warum nur? Ich sa wie gebrochen im Lehnstuhl und sah vor mich hin.
Ich wute nichts. Ich wei nichts. Wenn man jenes Wissen, eine Fliege
gettet zu haben, als Wissen nehmen will, dann wei ich viel.

Eines Tages sahen mich die Diener fremd an. Das war ein Tag. Am zweiten
blickten sie frech. Ich wies sie zurecht. Sie lachten. Dann trat pltzlich
ein Mann mit einer grnen Mtze ins Zimmer. Er nahm aus einem Bndel
Papiere ein Schriftstck und reichte es mir. Sein Gesicht war nicht sanft,
nicht bse. Er lachte nicht, er weinte nicht. Weder war Unmut noch
Zufriedenheit aus seinem Blick zu deuten. Ich nahm das zusammengelegte
Papier, entfaltete und las; im Augenblick hatte ich nicht einmal Kraft zum
Erstaunen. Dann fiel es nieder. Ich wollte schreien, brachte jedoch keinen
Laut ber meine bitteren Lippen. Mein Auge sah geradeaus, ins Schwarze des
Nichts hinein. Langsam begriff ich: meine Schulden waren grer als mein
Besitz. Alles Bargeld erschpft. Ich war arm. Ich war ohne Haus. Das wute
ich. Ich stand auf und sagte: Ja! Dann leiser: Nehmt, was euer ist. So
ging ich.

Boleslav hauste unweit des Schlosses in einer Khlerhtte. Langsam schritt
ich durch den Wald. Ich hatte keine Gedanken, Ich hatte alles vergessen.
Mein Hirn war ausgelscht. Da stand Boleslav vor mir. Schwarz von
Angesicht, den Kittel beschmutzt. Ich hatte ihn frher beschimpft und
geschlagen. Jetzt war ich stumm. Denn bitten konnte ich noch nicht.
Boleslav fiel nieder und kte meine Fe. Ich wies auf die Htte. Er stand
auf und ging demtig voraus. In der Htte brannte ein Feuer. Es roch nach
Rauch, Harz, verbrannten Fichtennadeln und Wild. Er machte mir ein Lager
zurecht. Nun reichte er mir Fleisch und Obst. Ich schttelte das Haupt,
warf mich auf die Spreu und schlief ein. Im Schlaf hrte ich eintnige
Laute, als betete jemand. Ich habe mich nicht gesehen, aber ich mu
verzweiflungsvoll und unbewut aus dem Schlaf gelchelt haben. Am Morgen
gab mir Boleslav warme Kuhmilch. Ich trank. Dann ergriff ich seine
schmutzigen Hnde, kte sie und weinte. Boleslav schien das nicht fassen
zu knnen, nahezu entsetzt sprang er auf und rief: Herr, Herr, was tut
ihr? Ich wute kaum, was ich sprach, doch auf einmal fhlte ich nach
langer, langer Zeit eine haltlos freie Seligkeit und immer und immer wieder
sagte ich: Komm, weine mit mir. Weine mit mir, denn es sind viele Jahre
vergangen, da ich nicht mehr geweint habe. Immer wollte ich weinen, aber
nie vermochte ichs. Boleslav, gib mir deine Hand! Du bist gut. Ich habe
dich geschlagen, tat ich dir weh? Sieh, ich wute es nicht, sonst htte ich
es nicht getan: Dann beugte ich mich zu ihm nieder und flsterte
geheimnisvoll. Weit du, htte ich damals weinen knnen, so htte ich
dich auch nicht geschlagen. Jetzt kann ich weinen! Weit du, was das
heit? Meine Stimme erstickte vor Freiheit: Jetzt kann ich weinen,
Boleslav, freue dich, weine mit mir! Boleslav wute nicht, wie ihm
geschah. Er stammelte ratlos und unbeholfen: Herr, Herr, Herr . . .
Pltzlich schien ihm etwas einzufallen; er sprang auf und brachte eine
Schssel mit Wasser herbei. Ich tauchte meine Hnde ins Wasser und benetzte
mir Augen und Stirn. Ein Pferd wieherte in der Nhe. Boleslav lief hinaus.
Ich weinte nicht mehr. Denn ein mir neuer Gedanke brach ber mich herein:
Es gibt Menschen auf der Welt. Nein! das will ich nicht denken. Denn sonst
kme abermals jene Frage und frge: Wer? Boleslav trat wieder in die Htte.
Boleslav war ein guter Mensch. Ich blieb.

Ich half dem Khler und Knecht Boleslav bei der Arbeit. Ich spaltete Holz.
Ich blies Feuer an. Ich wusch den Kessel. Ich molk die Kuh. Ich half ihm
die Pferde bewachen. Geweint habe ich nach jenem Morgen nicht mehr. Zeit
verging. Ob es Jahre oder Stunden waren, wute ich nicht. Boleslav war
nicht mehr unterwrfig zu mir. Manchmal sah ich in seinem Blick etwas
Lauerndes, das sogar herrschend wurde, weil meine Augen nicht mehr
befahlen. Rief ich: Boleslav! so murrte er mitunter. Ja, er wagte es,
mich bei meinem verfluchten Namen zu rufen. Die Jahreszeiten wechselten.
Meine Haut wurde hart wie Leder. Einmal wollte ich mich auf eines der
Pferde schwingen und in den Wald reiten. Da rief mich seine Stimme zurck.
Ich hrte nicht. Da lief Boleslav mir nach, zerrte mich an meinem Bein vom
Pferd herunter und schlug mich. Voller Wut schlug ich zurck. Wir wlzten
uns am Boden. Meine Krfte waren zu schwach. Er schlug mich lange, bis ich
nichts mehr sprte. Dann warf er mich in ein Erdloch, in dem er frher
Schweine gehalten hatte. Ich wei nicht, warum mich Boleslav berfallen
hat. Vielleicht hatte er in jenem Augenblick gefhlt, da ich nicht mehr
Herr sei, und alle seine Demut hatte sich in feige Wut verwandelt. Boleslav
hielt mich viele Tage in dem Loch eingesperrt. Ich war allein. Nur Erde um
mich. Heraus konnte ich nicht, denn die Zauntr war aus starken sten
gemacht. Doch ich war nicht allein! Auf meiner Hand kroch eine Fliege. Ich
sah und sah und sah. Trnen drangen mir aus den Augen, warm und gut. Ich
war nicht allein mit der Erde! Eine Fliege war hier, bei mir und teilte
mein Leid. Kein Mensch wei, wie beglckend es ist, im Alleinsein, in der
Einsamkeit ein alltgliches Tier zu finden. Ich wei es. Gute Fliege. Als
mir eines Tages Boleslav Wasser und Obst hereinreichte, rief ich leise:
Boleslav. Da lie er mich frei. Aus Dankbarkeit machte ich ihm in der
Htte ein groes Feuer an. Am Morgen nahm ich Frchte und gedrrtes
Fleisch, hing mir eine tnerne Flasche mit Wasser um, gab Boleslav die Hand
und ging.

Da war die kleine Stadt mit dem Rohrbrunnen am Markte. Bei einem Kfer ward
ich aufgenommen. Ich las ihm nach Feierabend aus der Bibel vor. Tagsber
half ich seiner Frau, wusch die Kinder und tat Dienst wie eine Magd. Am
Sonntag schrieb ich dem Meister die Rechnungen der Woche. So diente ich
meinen Mitmenschen fr karge Speise und Wohnung. Ich suchte alles zu
vergessen. Ich dachte an nichts. Mein Leben war gerecht; wenigstens nicht
ungerechter als das der andern. Brannte des Nachts in meiner Kammer die
Unschlittkerze, sah ich in die Flamme, lange. Und ich sah Feuer, nichts als
Feuer. Nicht mehr traten mir aus der Flamme Schemen, fremde vergessene oder
irgendwo verlorene Gestalten entgegen. Keine Frage wollte beantwortet sein.
Ich konnte sagen, ich war beinahe frei. Das tat ich auch jede Nacht, statt
ein Gebet zu sagen. Dann lschte ich das Licht aus. Leute rannten. Tore und
Fenster wurden aufgerissen. Glocken luteten. Dann wirbelte die Trommel
ihre Kriegsweisen. Ich hrte das und lachte, lachte, lachte. Dann schrie
ich laut durch das ganze Haus: Nein, nein, nein! Ich rannte zum Markt.
Ich vertrieb am Rohrbrunnen die Weiber mit meinem Geschrei. Ich lief
zurck. Treppauf in meine Kammer. Dort schlug ich eine Scheibe ein. Dann
hinunter, dann wieder hinauf. Das Hirn schien mir aus dem Kopf zu weichen,
als mein Meister mich fragte: Wann meldest du dich bei deiner Fahne? Mein
Gelchter war wie Ochsengebrll; dann ward ich pltzlich still. Ich hrte
mich nur atmen. Wieder rannte ich die Holzstiege empor in meine Kammer.
Oben sank ich auf mein Bett und sagte immer nur vor mich hin: Ich will
nicht spielen, ich will nicht! Hinweg mit der Karte des Knigs! Hinweg!
Dann tnte es an meine Ohren, hhnend und dumpf: Du mut, du mut! Ich
hielt es hier nicht aus. Eine Hand mit Spielkarten sah ich vor meinen Augen
auftauchen und wieder verschwinden. Ich strmte aus dem Haus, lief durch
die Stadt in die Felder hinein. Die Karten! Die Karten! Immer im Kreise um
die Stadt. Die Hand mit den Karten wich nicht. Der Mond ward hell; der Mond
war schon bleich geworden, als ich keuchend wiederum vor dem Hause des
Kfers stand und langsam, sehr langsam die Stiege zu meiner Kammer
emporkletterte. Ich war mde, fand aber keinen Schlaf. Nur ein lebender
Traum schwand nicht. Die Hand kroch herauf wie ein groer migestalteter
Kfer, lie die Karten auf meine Bettdecke fallen, und eine Stimme rief,
ohne zu tnen: Spiele! -- Ich will nicht! schrie ich auf. -- Du mut.
Der Knig will es! und die Karte mit dem Knig ward riesengro im Raum. --
Gelobt sei der Knig, aber ich habe nie Karten gespielt, ich will nicht!!
Die Karten schienen mir auf einmal zu lachen, aber kalt und hart, wie das
Lachen des Gesetzes. Es war schrecklicher noch als tonloses Gelchter. So
wrde das Gesetz gewi lachen, wollte einer, der zu einer Mordtat
vorbestimmt ist, entweichen, mit seinem Leben entweichen wie ein Deserteur,
noch ehe er die Tat begangen. Da wrde das Gesetz lachen, ohne Gerusch.
Auch die uere Geste wrde das Gelchter nicht verraten. Dennoch wte
jeder: Hier lacht jemand. Genau so lachten jetzt die Karten. Dazwischen
drangen Befehle: Spiele! Auf dieser Seite ist der Knig; auf deiner der
Landsknecht! Hier wird befohlen, dort gehorcht. Gehorche also und spiele
mit! Nein, nein! meine Stimme war ganz leise geworden. -- Los! ertnte
es von der Gegenseite. Hier sind die Karten, du mut spielen! -- Mu
ich? fragte nicht ich, sondern eine andere Stimme aus mir heraus. Du
mut! Dann sank ich in traumlosen Schlaf. Und die Schritte drhnten genau
und berraschend kurz. Die Trommel klang dumpf. Die Pfeife schrill. Und sie
marschierten vorber. Die Sonne ging auf und schien durchs Fenster. Mrbe
und schwach erhob ich mich. Da sank ich wieder zurck aufs Bett. Ein
Gedanke wurde bermchtig in mir: War Frieden und alles geordnet, fand ich
ihn nicht. Jetzt war Krieg, wo alles durcheinandergeht, wo die Zahl sich
auf den Kopf stellt und der Fisch aufs Land springt, die Feldmaus aber ins
Wasser; jetzt kannst du auch ihn finden. Du kannst ihn als Krieger finden.
Vielleicht wird er dir als Feind gegenberstehen. Du kannst ihn
durchbohren, denn es ist sogar deine Pflicht. Es wird dir befohlen. Er kann
aber auch dich tten, denn auch ihm wird es befohlen. Alles gleich. So oder
so, in jedem Fall wirst du von ihm frei. Reicht mir die Karten! Ich
spiele!

Die Erde drehte sich schneller. Strme und Wolken waren unheimlich. Das
Mondlicht schien sonnig, die Sonne khl wie der Mond. Bume und Steine
waren zerfetzt. In der Luft war Rache ohne Grund. Horizonte bluteten,
Gebirge rauchten. Flsse waren hei; die Menschen kalt und feindlich. Der
Bruder sagte zum Bruder Satan! Und hatten doch beide vorher Milch von
einer Kuh getrunken. Ich zog mit. Das Schrecklichste, was Menschenaugen
sehen knnen, sah ich. Ich zog mit. Vorne tobten Schlachten. Rckwrts
kamen wir noch, als Gehilfen des Arztes; es war hier noch entsetzlicher als
vorn. Ich sah das alles; ich hoffte nicht, und ich verzweifelte auch nicht.
Wochen vergingen so; Monate. Ein Jahr. Zwei Jahre. Kein Ende, kein Anfang.
Stdte, Drfer, Lnder wechselten mit Soldatengeschrei, Kugellrm,
Verfolgungen. Wohin wir kamen, war Verzweiflung und Tod. Ich habe erlebt.
Da sa der alte Mann; bei seiner zerstrten Htte. Schon vor zwei Jahren
war er hier gesessen, als die Russen das Dorf verlassen hatten und wir
eingezogen waren. Weib und Kind hatte ihm der Krieg genommen. Sein Haus war
tot. Nur er war brig geblieben, er und seine Kuh. Er sa da und hielt die
Kuh an einem Strick. Dann wichen wir. Und kamen wieder durchs Dorf. Noch
immer sa er da. Bei seiner Kuh. Manchmal stand er auf und holte ihr
Futter. Ohne Dach, bei gutem und schlechtem Wetter sa er da und bewachte
sie. Nun sa er wieder da. Bei seiner Kuh. Noch immer an der selben Stelle.
Wie oft wohl mgen an ihm Freund und Feind vorbergezogen sein? Heute die,
morgen die. Er sa da mit seiner Kuh. Gute und schlechte Menschen
marschierten an ihnen vorbei. Die Guten sahen die Zwei an, die Schlechten
sahen beiseite. Niemand tat dem Greise etwas; auch nicht seiner Kuh.
Ringsherum war Verwstung und Tod. Nur die beiden blieben. Ein Mensch und
ein Tier. Ein Mann und ein weibliches Tier. Als Gewalt des Lebens, als Ruf
der unzerstrbaren Natur. Jetzt reichte er seiner Kuh Futter. Sie fra. Der
Alte hatte kindliche Freude; er strich ihr mit der zittrigen Hand kosend
ber das Fell. Sein Blick war leuchtend und unmenschlich gut. Und dauert
der Krieg bis ins Endlose, die beiden werden hier siegen und still auf
Hoffnung warten. Sie werden den Krieg berleben. Der Mann und die Kuh. Der
Mensch und das Tier. Schwer ging ich weiter. Viele Menschen hatte ich in
dieser Zeit gesehen. Menschen vieler Vlker; Menschen ohne Hoffart, ohne
Trost. Dennoch fand ich nie den, den ich suchte. Immer war ich ruhelos.
Meine Kameraden verspotteten mich. Der Feldscher zog mir allabendlich die
Mtze mit Gewalt ins Gesicht und lachte mit den anderen unbndig. Ich
nicht. Ich verband die Verwundeten und lachte nie. Und das war der Karst.
Hier in dem slowenischen Dorf waren wir vor der Schlacht. Ruhig waren die
Menschen, als gbe es keinen Krieg. Bis dann die grausame Nacht kam, die
gro in Vernichtung war. Im Sturmschritt rckten wir an. Wir, die
Blessiertentrger waren mit vorn. Dann, nach Wochen zogen wir zurck. Das
Dorf war nicht mehr. Nur Trmmer und Rauch. Da sah ich das Furchtbare. Von
jedem Haus war irgend ein Rest geblieben. Hier eine halbe Wand, dort die
Grundmauern, in der Mitte Schutt und Balken. Steine und Holz, Holz und
Steine in der qualvollsten Unordnung. Und oben der Himmel. Pltzlich wollte
ich aufschreien; der Laut blieb mir im Mund stecken wie ein qualmender
Pfahl. berall, wo vorher die Huser gestanden, hier und dort, und dort und
hier saen Katzen. Sie rhrten sich nicht vom Fleck. Es waren schwarze
Katzen, halb verhungert, schwarze Skelette. Nur ihre Augen glommen wie
kleine unlebendige Feuer. Sie lebten nicht und waren nicht tot, sie waren
tot und lebten doch: Sie waren wahnsinnig. Langsam kletterte ich ber die
Trmmer. Die Katzen wichen nicht, bewegten sich nicht. Wie stumme, schwarze
Anklagen gegen alles Menschliche saen sie hier und starrten: Die letzten
Grundpfeiler des Hauses. Als ich an dem uersten Schutthaufen vorberkam,
waren mir die Knie schwer wie Blei geworden. Ich wollte nicht aufsehen;
dennoch fhlte ich einen Blick auf mich gerichtet und sah in die irren
Augen einer Katzenmutter; an ihrem Unterleib lagen zwei Junge. Die Augen
der Kleinen blickten ebenso alt und irrsinnig wie die der Mutter. Da warf
ich, mit Mhe schneller keuchend, den Tieren ein Stck Brot zu. Sie rhrten
sich nicht. Ich kam zu meinen Kameraden, wollte ihnen das Entsetzliche
erzhlen und war -- stumm. Sie lachten. Ich schwieg, weil ich schweigen
mute. Dumpf schlug die Trommel, dumpfer schlug die Trommel, der Krieg, der
Krieg, er wurde nicht besiegt. Ich verband die Verwundeten und schwieg.
Eines Tages, es war im dritten Jahre des Krieges und zur Novemberzeit,
gerieten wir in feindliches Feuer. Man verfolgte uns. Wir flohen. Auch ich.
Viele hetzten mich. Ich lief ber die Felder wie ein Hase. Da sprte ich
Schmerz. Schwarz wurde mirs vor den Augen. Ich fiel und blieb liegen. Als
ich aufwachte, war alles um mich fremd. Sprache, Menschen, Raum. Ich konnte
nicht reden. Langsam fate ich. Das war ein Bauernhaus im schmutzigen
galizischen Dorf. Die Leute waren teilnahmslos gut zu mir. Ein Schu durch
den Hals war meine Verwundung. Sie war leicht. Ich sa vor dem Haus in der
Sonne. Nicht weit von mir war Geschrei und Pferdegewieher. Eine Schwadron
lag hier im Dorf. Die Tiere hatte man in den Hfen und Stllen der
Nachbarhuser untergebracht. Vor mir lag ein weiter Hof mit einer Trnke.
Eben wurden mehrere Pferde hingefhrt. Da ertnte ein Hornsignal. Eine
Abteilung von Futruppen marschierte die Strae herauf. Nun kamen die
Soldaten nher, nun waren sie da, nun waren sie vorber. Da hrte man einen
Aufschrei, kurz und freudig. Einer der Soldaten, der unter den Letzten
schritt, sprang aus der Reihe, lief zur Trnke, hin zu den Pferden,
umhalste eines und drckte seinen Kopf an den Kopf des Tieres. Dieses
verga zu trinken und wieherte laut. Die Abteilung hielt. Ein Korporal trat
an beide heran, an den Mann und an das Pferd. Er fragte barsch. Der Soldat
lie nicht von dem Tier. Trnen strmten ber sein schmutziges Gesicht,
seine Stimme aber war frisch: Mein Pferd. Das ist mein Pferd. Vor Jahren,
als der Krieg kam, nahm man es mir weg. Hier steh ich auf fremder Erde;
hier steht mein Pferd auf fremder Erde und trinkt fremdes Wasser. Nun
freuen wir uns beide, da wir noch leben. Denn unsere Heimat ist weit. Und
dies ist mein Pferd! Das Tier wieherte glcklich; seinen Schweif schlug es
hin und her. Nun sah ich in das Gesicht des Soldaten. Ich erkannte ihn und
rief: Boleslav! Boleslav lie von dem Pferd ab und blickte nach der
Richtung, woher der Ruf gekommen war. Ich hatte die Sprache wiedergefunden,
erhob mich und ging auf ihn zu. Da erkannte auch er mich. Er fiel nieder,
weinte und sprach: Herr, Herr, Herr . . . er konnte nicht weiter. Dann
starrte er pltzlich ins Leere und sagte leise: Warum erinnert mich in
dieser Stunde auf einmal alles an meine Heimat? Ist das ein Zeichen? Dann
rief der Korporal: Auf! Boleslav gab mir noch schnell die Hand, umhalste
das Pferd, lange, und trat dann schnell in die Reihe. Schon marschierten
sie. Das Pferd hatte den Kopf den ihren Weg ziehenden Soldaten zugewandt
und blickte ihnen nach, bis sie nicht mehr zu sehen waren. Es blieb noch
lange so, ohne Laut. Die andern Pferde tranken. Es trank nicht.

Dann war eines Tages Geschrei. Die Bauern liefen aus ihren Husern. Die
Husaren schlugen aus Freude die Pferde. Dann bliesen Trompeten. Die Trommel
klang hell. Der Krieg war aus. Ich schnrte das Bndel. Meine Wunde war
geheilt. Ich schenkte den Wirtsleuten mein Bajonett, meinen Lederriemen und
meine Soldatenmtze. Ich setzte mir einen Bauernhut auf, aus Bast
geflochten, und ging. Ich schlo mich auf der Landstrae andern Soldaten
an, die heimzogen. Lange marschierten wir, viele Tage, bis wir zur Bahn
gelangten. Die andern freuten sich. Ich war eher bedrckt. Meine Unruhe
steigerte sich, je nher wir der Stadt kamen. Und dann war auch diese da,
und auch ich war da und stand vor dem Bahnhof. Niemand grte mich. Ein
Polizist fuhr mich an. Hier drfe man nicht herumlungern, das war der
Satz, den ich verstand. Ich ging weiter. Durch die nchsten Straen. Das
war also die Stadt, in der ich vor Jahren jenen furchtbaren Menschen
gesehen hatte. Ich blickte den Vorbergehenden frech ins Gesicht. Es ntzte
nichts, er war nicht darunter. Ich fhlte Hunger. Ich hatte kein Geld. Das
letzte, was ich an Essen bei mir gehabt, war aufgezehrt. Da ich frher
einmal reich gewesen, das fiel mir jetzt nicht einmal mehr ein. Irgend ein
Sprsinn fhrte mich zum Rathaus. Ich ging hinein und trat ins Zimmer. Man
wies mich in ein zweites. Von dort in ein drittes. Immer so weiter, bis
mich im sechzehnten einer eingehender fragte. Ich sagte, ich sei ein
entlassener Soldat und kein Deserteur und bte um Arbeit. So, also den
Feldzug mitgemacht! ermunterte mich der Mann am Schreibtisch. Jawohl, an
drei Fronten gekmpft, antwortete ich. Bravo! da ihr noch lebt, beweist,
da ihr tapfer gekmpft habt! Und ich bin auch verwundet gewesen, ja
verwundet, sagte ich schnell und wies auf meine Narbe. Das freut mich,
sprach der Beamte, das freut uns, wir nehmen Euch in unsere Dienste. Ihr
seid Straenkehrer am Novemberplatz. Ihr habt sechs Straen zu kehren. Eure
Nummer ist acht. Hier ist sie. Geht und meldet Euch beim Straenmeister!
damit reichte er mir eine Karte. Darauf stand gro die Nummer acht. Ich
dankte und ging. Aus Freude oder auch aus Verwirrtheit hatte Ich meinen
schnen galizischen Hut vergessen. Ich wagte nicht mehr zurckzugehn. Nach
stundenlangem Herumirren erfragte ich endlich das Zimmer des
Straenmeisters. Ich klopfte und trat ein. Er war nicht da. Ich setzte mich
auf eine Bank und wartete. Einen Hut brauchte ich nicht erst abzulegen, da
ich keinen mehr hatte. Gro und einfach sa ich da. Endlich kam der
Straenmeister. Ich zeigte meine Karte. Er nahm sie und schrieb etwas
darauf und schickte mich damit in den Nebenraum. Dort gab man mir eine
Lederschrze, eine schwarze Mtze mit Stadtwappen, eine Schaufel, einen
Besen und einen Schubkarren. Dazu drei Kronen als Lohn. Morgen wrde ich
sieben bekommen, vier Kronen seien fr die Schreibgebhren abgezogen, und
brigens sei ja schon spter Nachmittag. Ich grte mit meiner neuen Mtze
etwas umstndlich, packte den Wagen, legte Schaufel und Besen darauf. Dann
stie ich ihn vor mir her, hinaus auf die Strae. Jemand rief mir noch
nach: Am Novemberplatz, Haus Nummer vier, im Hintergebude links unten
beim Keller ist Eure Schlafstelle. Dort seid Ihr mit drei andern zusammen!
Ja, ja, sagte ich. Der Novemberplatz war nicht weit. Ich fuhr mit meinem
Schubkarren die sechs Straen des Gevierts herauf und herunter. Blieb
stehn. In einem Bckerladen kaufte ich mir ein Laib Brot. Dann kehrte ich.
Fuhr weiter. Und blieb abermals stehn. Und kehrte wieder. Ich kehrte
absichtlich gewissenhaft und dachte nur an dies. So konnte ich mich
wenigstens auf Stunden vor Fragen, vor einer Frage retten, die immer und
immer wieder kam. Es war schon Nacht, da war ich gerade fertig geworden.
Ich spuckte aus, tat Schaufel und Besen in den Karren. Aus der Tasche nahm
ich das Stck Brot, das mir briggeblieben war und a es gierig. Dann gab
ich dem Karren einen Sto, und zog ihn hinter mir nach zum Novemberplatz,
Haus Nummer vier. Ich fuhr durch den Seiteneingang in den Hinterhof,
stellte den Karren an die Mauer und tastete mich in den Keller hinab.
Hinter einer Tr hrte ich Mnnerstimmen. Ich machte auf. Eine Kerze
brannte hier auf einem Fa. Drei besoffene Kerle grhlten und sahen auf
mich, der eintrat. Ich bin der neue Straenkehrer, sagte ich, meine
Stimme bewut erhebend. Woher kommst du? Von der Strae. Ich habe bis
jetzt gekehrt! Waaas? schrien die Mnner und sprangen auf. Bis in die
Nacht? Du kehrst zu gut! Damit drangen sie alle auf mich ein und prgelten
mich. Dann lag ich in einer Ecke. Sie in den anderen. Bald schliefen wir.

Die drei Straenkehrer hatten mit mir Freundschaft geschlossen. Ich kehrte
auch ihre Straen mit. Von frh bis abends. Sie saen unterdessen in dem
Loch und tranken. Ich kehrte gern. Ich kehrte grndlich. Ich sah nichts.
Ich hrte nichts. Nur den gewhnlichen, gleichmigen Takt des Kehrens. So
dachte ich an nichts. Kam ich abends nach Hause, prgelten sie mich
manchmal, manchmal schliefen sie schon den Schlaf der Betrunkenen. Mde
schlief ich gleich ein. Nur so hatte ich, mitten in der grten Unrast der
Straen stehend, eine gewisse Ruhe. Eine Ruhe allerdings, die ich in
manchen Augenblicken als lauernd fhlte. Aber was machte das. Ich war
wenigstens nicht mehr gehetzt. Und das war schon viel. Das war sehr viel.
Und ich kehrte und kehrte und kehrte und kehrte. Vierundzwanzig Straen
kehrte ich tglich. Das tat ich nun schon ein ganzes Jahr. Als ich eines
Tages nach Hause kam, schrien mich die andern an: Du bist kein
Straenkehrer! Du bist ein Knecht! Ich sagte nichts darauf. Mir war alles
gleich. Jawohl, du bist ein Knecht! Einer trat dicht an mich heran und
schlug mir die Faust ins Gesicht: Du machst uns Schande. Ein richtiger
Straenkehrer mu saufen. Ein richtiger Straenkehrer suft! Pltzlich
hatten mich alle umringt: Du mut saufen! Los! Sauf auch! Sauf! schrie
der, der mir die Faust ins Gesicht geschlagen hatte und hielt mir die
Flasche mit Fusel hin. Und ich trank, mit Ekel erst, dann gierig. Bis ich
einschlief. Jetzt ist er erst ein Straenkehrer, rief noch eine tiefe
Stimme. Dann hrte ich nichts mehr.

Ich trank gut. Ich kehrte gut. So wich der Gedanke immer mehr und mehr von
mir. Ich war dreckig. Ich spuckte aus. Ich stritt mit dem Wachmann. Es war
ja Sommer. Ich lachte, wenn eine Magd Milch verschttete. Ich kehrte wie
wtend und wirbelte dichten Staub hoch, fuhr ein Gemse- oder Obstwagen
vorber. Ja, mein Staub wurde geradezu fett, kreuzte ein Konditorjunge mit
einer schnen groen Torte meinen reinigenden Weg. Ich rief dem
Droschkenkutscher Schimpfworte nach. Ich trank. Ich kehrte. Ich trank. Am
Sonntag war es besonders lustig. Da gingen wir vier in eine Schnke und
blieben dort von Mittag bis in die Nacht. Die Straenkehrer! riefen die
Stammgste. Kommt uns kehren! schrien die Dirnen und lachten. Wir soffen,
wir rauften, wir brllten. Ich spuckte. Ich war roh zu den Weibern. Darum
stieg ich in der Achtung meiner Genossen. Er ist ein echter Straenkehrer
geworden, lachten sie anerkennend und tranken mir zu. Schon das dritte
Jahr war das Leben so. Ich kehrte, soff, schimpfte und spuckte. Zur
Herbstzeit war ich zwar immer noch ein wenig unruhig; mir war in diesen
Wochen das Herz recht beklommen. Ich hatte auch eine Scheu vor den
Polizisten, die ich doch sonst nie frchtete. Es war mir immer, als wrde
jeden Augenblick aus dem Dunkel jemand auf mich springen und mich verfolgen
wollen. Ich kehrte dann krftiger und spuckte strker aus. Ich betrank mich
mit Willen. Trotz allem kehrte ich gut.

Es war Abend. Ich schob den Karren vor mir her. Da stand jemand im Weg.
Klein und zerlumpt. Es war ein Mdchen. Ich stellte den Karren nieder und
trat zu dem Kind. Es weinte heftig. Warum weinst du? fragte ich. Ich
habe soviel Luse und Flhe. Wscht dich denn niemand? Meine Eltern
sind tot. Was machst du, Wo wohnst du? Ich bettle auf der Strae. Da
trstete ich das Mdchen und legte ihm meine Rechte aufs Haupt. Ich hatte
keine Angst vor Lusen. Komm mit mir, sagte ich und nahm sie bei der
Hand, mit der Linken hob ich den Karren und zog ihn hinter mir. Wir gingen
recht langsam. Als wir beim Haus auf dem Novemberplatz angelangt waren,
hie ich das Mdchen warten. Ich ging voraus, um zu sehen, was meine
Freunde trieben. Sie schliefen schon. Ich kam wieder herauf und zog das
Mdchen mit mir herunter. In der Ecke, wo ich zu schlafen pflegte, machte
ich ihr ein Lager. Dann legten wir uns schlafen. Sie schlief an meiner
Seite. Ich frchtete die Flhe nicht. Am Morgen staunten die andern kaum,
als sie das Mdchen sahen. Sie hatten Mitleid mit ihm, als ich ihnen
erzhlte, wer das Kind sei. Sie wuschen sich nicht. Sie berlieen dem
Mdchen ihr Waschwasser, das eiskalt im Krug stand. Ich go es in einen
Topf, den ich am Feuer wrmte. Dann entkleidete ich das Kind und wusch es.
Einer schnitt ihr die Haare ab, ein anderer gab ihr sein reines Hemd, das
er sonst nur zur Weihnachtszeit anzulegen pflegte. Der Dritte kramte in
einer Ecke, lange, bis er endlich einen roten Flanellrock hervorzog, den er
noch von seinem verstorbenen Weib hatte. Ich reinigte die zerrissene Bluse,
so gut es ging. Dann fand sich noch ein alter Mantel, den hing ich ihr um.
Einer fragte pltzlich: Wie heit du? Maria, antwortete sie scheu. Nun
stand sie da und war rein. Wir wollen wrfeln, wer ihr Vater sein soll!
sagte einer. Ja, lat uns wrfeln! Wir kauerten uns hin und wrfelten.
Eins! Drei! Sechs! Ich war noch brig. Ich warf. Neun! Du sollst
Vater sein! Hte sie gut. An diesem Morgen tranken sie nicht. Sie gingen
sogar an die Arbeit und kehrten selbst. Ich war der letzte, der den Raum
verlie. Vater, sagte Maria, du bist wohl schon sehr alt? Warum?
fragte ich. Deine Haare sind so wei. Da griff ich mit den Fingern in
meine Haare und ri. Sie waren in meiner Hand. Ich blickte hin. Sie waren
wei. Ich gab keine Antwort und ging hinaus. Ich hatte weniger zu tun. Nie
mehr blieben meine Genossen daheim und tranken. Sie hielten ihre rohen
Reden und derben Spe zurck. Sie waren gut zu Maria, wie ich gut zu ihr
war. Nur am Sonntag gingen wir in die Schnke; als wir heimkamen, schlief
das Mdchen schon. Waren wir angeheitert, so machten wir dennoch keinen
Lrm, um Maria nicht zu wecken.

Es war November. Ich kehrte. Es war Mittag. Maria wrde mir bald das Essen
bringen. Ich kehrte. Mitten im grten Verkehr, mitten in der grten
Unruhe stand ich da und kehrte. Ruhig. Da schaute ich auf, zufllig. Ein
Blick war auf mich gerichtet. Kurz, dann ging er weiter. Er. Der Mann.
Seine Augen hatten mich angeschaut. Seine Augen hatten hart geblickt, wie
Glas. Er sah ganz gewhnlich aus. Nichts besonderes war an ihm. Ein
Gleichgltiger unter Gleichgltigen des Alltags. Ein Mann der Menge in der
Menge. Meine Ohren zitterten. Meine Augen zitterten. Meine Lippen
zitterten. Mein Kinn zitterte. Meine Hnde zitterten. Meine Knie zitterten.
Ich zitterte. Ein Strom drang durch mein Hirn, hei. Dann ein Gegenstrom,
kalt. Da war der, den ich suchte, um dessentwillen ich alt geworden war.
Ich wollte vorstrzen. In dem Augenblick, wo er mich ansah, htte ich es
nicht vermocht. Da wre ich eher geflohen. Denn etwas Zwingendes,
Treibendes war in seinem Blick. Nun aber kann ich ihm nachstrzen! Er
schaut mich nicht mehr an. Dort geht er. Dort ging er. Er war schon weit.
Kaum konnte ich ihn mehr erkennen. Du sollst mir nicht entkommen! schrie,
lachte, gebot, weinte ich. Du nicht! Ein Leben habe ich auf dich gewartet.
Nun sollst du mir Rede stehen, wer du bist. Es gilt. Mein Leben hast du
gemordet, nur, weil du mich angesehen hast. Nun bezahlst du mir. Dein Leben
fr das meine. Dies strmte auf mich ein, als ich losrannte. Ihm nach! Ich
stolperte und fiel. Der Karren. Sofort war ich wieder auf und lief. Er war
schon ganz unten, beim Eck der Strae. Ich lief ihm nach. Mein Atem
keuchte. Er war um die Ecke. Ich lief schneller. Die Ecke kam nher, sie
war da. Ich lief vorber. Ich sah ihn nicht mehr. Ich hielt inne. Doch ja,
dort, dort, dort, er lief ebenfalls. Er war schon ganz oben, bei der Ecke
der nchsten Strae. Ich lief wieder. Einige wollten mich aufhalten. Ich
stie sie beiseite. Und lief. Ich hrte schon nicht mehr meine Lungen
keuchen, ich hrte nichts mehr. Ich sah blo. Ich sah ihn, ihn, ihn. Nun
kam ich etwas nher. Nun war er aber wieder um die Ecke. Doch nein, du
entkommst mir nicht. Diesmal nicht. Auch ich war schon um die Ecke. Da
stand er unweit von mir. So unerregt, so sicher. Ruhig. Und sah mich an.
Ich blieb pltzlich stehen. Ich mute stehen bleiben. Ich hrte mich wieder
keuchen. Er sah mich noch immer an. Ich verlor allen Mut. Ich wollte
zurcklaufen, fliehen. Fliehen, fliehen! Denn jetzt erkannte ich auf einmal
sein Gewand; es war grn. Und auf seinem Hut stak eine Feder. Und ber
seinem Rcken hing ein Gewehr. Das gewahrte ich alles erst jetzt. Das
schaute ich jetzt. Er stand ruhig und sah mich an. Sein Blick! sein Blick!
Nun wute ich, wer es war. Es war ein Jger. Da wandte er sich um und ging
weiter. Im selben Augenblick war der Bann von mir gewichen. Ich konnte ihm
wieder folgen. Aber ich ging schwer. Mein Hirn war kalt. Ich mute ihm
folgen, das wute ich. Er ging durch viele Gassen. Ich folgte. Er bog ums
Eck. Ich auch. Er ging schneller. Ich auch. Er ging langsamer. Ich auch.
Die Straen wurden einsamer. Noch immer ging er. Ich auch. Die Huser
hatten aufgehrt. Er schritt und schritt. Ich auch. Er setzte sich auf
einen Stein und rastete. Auch ich. Er stand wieder auf und ging weiter.
Auch ich. Es kamen Felder. Wir gingen durch. Es kam Wald. Wir gingen durch.
Da, als wir aus dem Wald herausgetreten waren, blieb er pltzlich stehn.
Dort unten lag ein Haus. Dahinter waren weite Felder, rckwrts wieder
Wald. Der da vorne schritt auf das Haus zu. Ich folgte. Er war schon bald
da. Ich schritt schneller aus. Er trat durchs Tor. Ich folgte rasch. ber
dem Eingang hing ein Geweih. Auf der Flur hatte der Mann eben sein Gewehr
an einen Rechen gehngt, seinen Hut auf einen Nagel, als ich mit Gepolter
im Rahmen der Tre stand. Er sah mich an. Doch ich frchtete mich nicht
mehr. Er war kleiner als ich. Was willst du? fragte er ruhig. Dich!
schrie ich und sprang vor. Er wollte mich packen, ich war strker. Sein
Blick machte mich wtend und gab mir Strke. Ich packte fest zu und drngte
ihn durch eine Tr in ein Zimmer. An der Wand hatte ich einen Dolch
erblickt, ich ergriff das Messer, noch ehe wir beide zu Boden gefallen
waren, und mit meinem Gebrll seinen Wehruf berschreiend, stach ich es ihm
ins Herz. Ich keuchte noch schwer, dann atmete ich auf. Er war tot. Niemand
hatte es gesehen. Niemand. Ich war frei. Ich hatte nichts mehr zu suchen.
Ich war ein Mensch wie die andern. Nun schnell fort. Ich richtete mich
empor. Da berlief es mich kalt. Mir stockte der Atem. Mir gerann das Blut.
Meine Augen starrten. Ich konnte mich nicht bewegen. Ich war gelhmt: Ich
sah in die entsetzten und gro aufgerissenen Augen eines Hasen. Ich hrte
mein Herz klopfen und auch das des Hasen. Der Hase zitterte. Sein Blick
zitterte. Pltzlich sprang er und war weg. Ich konnte mich wieder bewegen.
Da sah ich, da ein Fenster offen war. Hin ber die vergrnten Felder lief
der Hase. Da wute ich auf einmal, warum er lief. Scheu, den Blick vom
Boden der Tat wegwendend, drehte ich mich um und lief aus dem Zimmer, durch
die Flur und aus dem Haus heraus. Ich lief. Ich war weg.

Die Strae, der Wald, der Wald, der Wald, der Wald war unendlich. Langsam
kam die Dmmerung. Noch immer lief ich. Endlich sah ich Lichter. Ich lief
langsamer. Die ersten Huser kamen schon, nun Straen. Ich lief nicht mehr.
Ich blieb stehn. Ich wischte mir den Schwei von der Stirn. Ein Finger war
blutbespritzt. Ich bckte mich, steckte ihn in warmen Pferdekot und zog ihn
wieder heraus. Man sah nichts mehr. Ich war rein vom Blut. Ich ging. Es war
schon spt in der Nacht, als ich heimkam. Ich tastete an der Wand. Da
standen vier Karren. Sollte das alles ein Traum gewesen sein? Es war
finster. Dennoch wute ich, da ich lchelte, als ich zu den Meinen
eintrat. Sie schnarchten. Ich legte mich hin; in meine Ecke. Ich hrte
Maria regelmig atmen. Ich wlzte mich auf die linke Seite und schlief
unglcklich. Am Morgen fragten mich alle, wo ich gewesen. Ein Schwindel
ergriff mich, ich fiel hin; als ich aufwachte, war ich bei guten Leuten.
Ich glaube, es war der Hausmeister von der grnen Villa in der
Jgerstrae, sagte ich matt und wunderte mich im Innern ber meine Lge.
Ja, ja, du wirst alt, Vater, meinte Maria und reichte mir warmen Kaffee.
Was glaubst du, wie ich erschrak, als ich mit dem Essen kam und dich nicht
sah, nur deinen Schubkarren. Eine Stunde habe ich gewartet. Das Essen war
kalt geworden. Ich gab es in den Wagen, nahm Schaufel und Besen und zog
voller Angst heimwrts. Du gutes Kind, du bist so gut, so gut, sagte
ich. Also auf! rusperte sich einer der andern, kehren wir wieder einmal
den Dreck des Lebens von der einen auf die andere Seite. Ob so oder so,
Dreck bleibt Dreck! Also los, Bruder, kehren wir! Ja, sagte ich und
folgte ihnen nach.

Kein Tag war glcklich. Keinen Augenblick fand ich Ruhe. Ich stand und
kehrte. Meine Augen hasteten. Meine Ohren hrten, mitten im Lrm der
Strae, auf ein leises Gerusch. Ein Gerusch, das so leise ist, weil es
vom Tappen kleiner Pfoten kommt. Ich kehrte schlecht. Ich war zerstreut.
Ich hrte die Reden Marias nicht. Ich hrte auch nicht die Flche meiner
Genossen. Nichts hrte ich. Nur eines wute ich, und immer und immer wieder
eines: Jemand wei, jemand war Zeuge, jemand war ein Hase. Ein Hase! Ein
Hase! Hast du nicht den Hasen gesehn? fragte ich den Kutscher. Der hieb
auf die Pferde ein und lachte. Ich war nicht frei. Noch immer nicht frei.
Frei wie andere. Solange nicht, bis ich den Hasen gefunden hatte. Ich lief
dem Wagen des Kaufmanns nach; da lagen viele Hasen, tot. Vielleicht war
auch mein Hase darunter. Ich beugte mich ber jedes Tier und sah in die
erstarrten Augen. Mein Hase war da nicht. Du willst wohl stehlen? brllte
mich der Fuhrmann an, der gerade aus der Schnke herauskam und auf den
Kutscherbock stieg. Nein! ich habe nur meinen Hasen gesucht. Weg!
schrie der Mann, schlug nach mir mit der Peitsche und fuhr. Ich schaute vor
den Wildlden die hier hngenden Hasen lang und streng an. Ich fand nichts.
Ich streichelte Maria nicht mehr; ich htte an das Hasenfell denken mssen.
Ich war unruhig. Ich war sehr unruhig. Ich schlief schlecht. Ich kehrte
schlecht. Ich verdaute schlecht. Ich fand nichts. Tage waren nach dem Mord
vergangen. Wochen. Ich hatte alle Hasen der Stadt gesehn, tote und bald
tote; denn ich war am Dienstag und Freitag schon um vier Uhr frh an der
Ostseite der Stadt und wartete auf die Bauern, die mit Hasen zur Stadt
fuhren. Meinen Hasen fand ich nicht. Tagsber stand ich auf der Strae und
kehrte schlecht. Fuhr ein Leichenwagen vorber, hielt ich inne im Kehren
und stand stramm wie ein Soldat.

Der Hase lief. Da waren die Felder hinter ihm. Da war wieder der Wald. Sein
Dunkel war gut. Der Hase hatte keine Angst mehr vor dem Wald. Denn er
verbarg sich hinter Gezweig und wartete. Wartete die ganze Nacht hindurch.
Sein kleines Herz pochte, so lang die Nacht war. Am Morgen schlug es schon
leiser. Da schlief er ein. Als er aufwachte, hatte er Hunger und und fra
drre Bltter. Er wagte nicht, sich zu rhren. Vor seinen Augen sah er noch
das Furchtbare, die Unwesen. Jetzt liebte er den Wald. Er kroch weiter. Er
suchte etwas; er konnte nichts finden. Denn er wute nicht, wo er hin
sollte. Jenes Schreckliche hatte ihm alle Erinnerung an seine Familie
ausgelscht. Er irrte im Wald herum. Aufs Feld traute er sich nicht mehr,
denn dort drohte jenes Das. Er blieb nirgends lange; er floh. Er sa nie,
er lief. Er wute nicht, vor wem er floh. Weiter, weiter. Und die Bume
waren da und das Moos. Bis er mde war, da er nicht mehr weiter konnte,
blieb er liegen und schlief ein. So war er, so lebte er und wute nichts.
Eine Eule hielt er fr seine Mutter. Einmal lief er doch hinaus, ber
Felder der Landstrae zu. Da, er wollte zurckfliehen, standen viele
Unwesen, nun hatten sie ihn gepackt und hielten ihn fest. Er schlo die
Augen und wartete zitternd. Ein lautes Gerusch ertnte, als wrden groe
Tiere brllen. Da sprte er, da ihm nichts mehr weh tat; er tastete mit
den Pfoten, fhlte Erde und sprang und -- lief. Wald. Er war im Wald und
schlo erst jetzt seine Lider. So waren seine Augen in Angst gewesen, da
die Lider sich nicht geschlossen hatten; von dem Augenblick, wo er entlief
ber die weiten, weiten Felder, bis zu dem Augenblick, wo er den Wald
betrat. Der Hase hatte jetzt etwas Schreckliches im Blick, so, da sogar
die Giftschlange sich verbarg und von allem Bsen lie, als sie seine Augen
auf sich gerichtet fhlte.

Zwei Stunden vor der Stadt wurde eine Strae gewalzt. Viele muten dabei
helfen. Auch ich. Tag fr Tag standen wir drauen und rumten Steine aus
dem Weg. Unterdessen verstaubte in der Stadt das Pflaster. Auch meine
Genossen halfen mit. Um zwei Uhr brachte uns Maria immer das Mittagsmahl.
Da war gerade Rast, und wir warteten am Straenrand. Auch heute wieder. Auf
einmal ertnte Geschrei. Alle liefen zusammen und riefen. Ich erhob mich
und schritt langsam dorthin, wo sie mitten auf der Strae standen. Da
teilte sich die Menge. Ich sah einige, die einen Hasen festhielten. In
diesem Augenblick dachte ich an nichts, nur Mitleid ergriff mich, ich
strzte vor und schrie wild: Da mir niemand den Hasen ttet! Sie
erschraken, lieen locker, und der Hase entlief. Dort war er schon, nahe am
Wald. Jetzt sprang er und ward nicht mehr gesehen. Ich hatte ihm
nachgeschaut, ohne Sinn und ohne Regung, bis er verschwunden war. Pltzlich
fiel mir ein: Knnte es nicht mein Hase . . .? Hasenheiland, wann wirst du
deine Predigt halten? hhnten mich viele, aus Wut, da der Hase davon war.

Ich soff. Ich roch nach Schnaps. Ich schlug Maria. Ich schlug meine
Genossen und wurde wieder von ihnen geschlagen. Ich kehrte schlecht. Monate
vergingen. Maria war weggelaufen. Kaum, da ich sie vermit htte. An
Sonntagen rannte ich in den Wald, um den Hasen zu suchen. Als es finster
war, kehrte ich heim. Und Schnee lag berall und war hhnisch. Liefe jetzt
ein Hase bers Feld, es wre unheimlich. Da lief ich. Bis wieder die Stadt
kam, und bis ich wieder zu Hause war. Und so vergingen viele Monate.
Abermals war der Sommer vorber. Ich hate den Herbst. Ich htte ihn tten
mgen. Ich sa in der Schnke. Die Dirne an meiner Seite war krank. Ich sah
es nicht. Ich sa und trank. Die Dirne trank mit. Da schlug ihr einer das
Glas weg, gerade als sie trinken wollte. Ihr Mund blutete. Ich trank und
sah nichts. Da schrie mich das Weib an: Siehst du nicht, da er dich
verspottet?! Ich spielte, sah einen, der ber mich lachte. Ich griff zum
Glase und trank. Alles war gleichgltig. Nur der Schnaps nicht. Jetzt
packte mich die Dirne, rttelte und rief: Du bist ja gar kein Mann, du
bist ein Hase! Ich schaute auf. Meine Augen schlossen sich und ffneten
sich wieder. Das Wort traf mich wie ein Schlag. Ich stand auf. Ich lief
hinaus. Ich lief. Bis der Wald kam.

Lange Zeit war vergangen. Der Wald war wei gewesen, dann wurde er grn,
nun war er gelb. Der Hase hatte nie Ruhe. Er lief und verbarg sich, war
stets gehetzt und frchtete immer etwas Dunkles. Er war alt geworden, weil
er nie rasten konnte. Noch immer hatte er seine starren Augen, noch immer
wute er von seinem frheren Leben nichts. Keine Mutter gab ihm Wrme, kein
Vater Sicherheit. Allein war er im alten Walde. Kein Tier paarte sich mit
ihm. Alles floh, auch bses Getier, kam der fliehende Hase angerannt. Und
er lief und lief, frchtete die Felder und war im Wald. Manchmal hatte er
eine Erinnerung: Das Entsetzliche stieg auf, das eine Unwesen wuchs
riesengro aus dem Moos, dann das zweite, nun fielen sie beide hin -- und
war ein Tier, ein Reh, das, von den starren Augen des Hasen gescheucht,
verwirrt flchtete. Der Hase war mde. Er wollte nicht mehr die Augen
ffnen. Er mute sie ffnen, er mute laufen, er mute fliehen. Er starb
nicht. Er lebte und floh.

Als ich den finstern Wald betrat, wute ich: Meine Seele war hauslos. Die
Bume kamen mir entgegen und wichen zurck. Kein Laut war zu hren. Alle
Tiere und Zweige schwiegen. Ich drang durch Gestrpp und Strucher. Zum
erstenmal taten mir meine Fe wohl. Ich ging auf Moos. Das Moos war gut.
Ich hatte Angst, da drauen die Sonne untergehn knnte. Auch wenn Moos gut
ist, will ich nicht hier bleiben, allein mit mir im Wald, den die
herankommende Nacht umhalsen wird. Ich frchte Nchte im Walde. Ich wollte
mich jetzt selbst beim Namen rufen, er war aber schon lange vergessen. Ich
hatte Angst, auf einmal, vor mir selbst. Ich wute aus irgend einem
verwirrten, aber heftigen Grunde, da ich heute den Herbst tten wrde. Der
Wald war gro. Da fing ich pltzlich zu rennen an. Und rannte im Walde. Die
Strucher und ste zerkratzten mir Gesicht und Hnde. Ganz gleich. Ich
rannte im Walde. Da lief ein Schatten; quer ber den Weg. Der Schatten
stand pltzlich still, als htte ihn der Blitz gerhrt. Der Schatten
bewegte sich nicht. Ich stand genau so still wie der Schatten. Ich konnte
mich nicht rhren. Ich hatte den Schatten erkannt. Der Schatten war ein
Hase. Der Hase! Am Auge hatte ich den Hasen erkannt. Er war gelhmt. Seine
Augen waren gro und starr. Seine Ohren waren steif und spitz. Sein Blick
war entsetzt und irrsinnig. Mein Auge zitterte. Ich sah mich im groen Auge
des Hasen, und der Hase sah sich in meinem Auge. Ich sah den Hasen, und der
Hase sah mich. Lautlos standen wir einander gegenber. Eine Ewigkeit lag
zwischen uns. Und ein Wald. Alles, mein ganzes Leben fiel mir auf einmal
ein, als ich dem Hasen ins Gesicht sah. Am Auge hatte mich der Hase
erkannt. In diesem Atemzug sprang ich mit einem Schrei auf ihn, packte
seinen Hals und -- trotzdem ich als Kind immer geweint hatte, als meine
Mutter das Huhn ttete -- erwrgte ich den Hasen. Seine Augen waren
entsetzlich gro und tot. Ich lachte auf. Meine Finger waren um seinen Hals
gekrampft und lieen nicht locker. So trat ich aus dem Wald heraus. Die
Sonne ging gerade unter. Ich lief nicht mehr. Ich ging langsam. Als ich die
Stadt betrat, brannten schon die Laternen. Meine linke Hand hielt den
Hasen. Ich wute nichts von meiner Linken. Irgendwer schrie aus dem
Halbschatten: Guten Abend, Herr Ha . . Ich hatte etwas gehrt. Nein!
nein, das war ja mein Name, den ich schon vor langem verga. Nein, es war
nichts. Ich lchelte. Ich wute schon nichts mehr. Die Laterne war grn.

Ich war eingetreten. Da saen die Polizisten. Sie schauten zu Boden.
Pltzlich sahn sie auf. Ich stotterte erst, dann sagte ich fest: Ich bin
ein Mrder. Eine namenlose Stimme fragte: Wen haben Sie gemordet? Ich
hob meine Linke mit ihrer Last hoch und sagte: Diesen Hasen. Die
Gesichter der Polizisten erschienen durch den Qualm breiter, voller. Jemand
sprach gtig: Seht doch, es ist hier etwas nicht in Ordnung in der Natur.
Der Hase, den er da in der Linken hlt, hat Augenlider wie ein Mensch, und
jener Mensch hier hat keine Lider, nur groe starre Augen. Die sachliche
Stimme fragte wieder: Wie heien Sie? Mir war es, als fiele ich in ein
Meer. Dann sagte ich voller Unmut und heftig: Wie kann ich das wissen, da
ich doch den Hasen gettet habe! Dann mute ich pltzlich eingeschlafen
sein. Denn als ich aufwachte, lag ich in einem Haus. Und in dem Haus waren
die Wnde bleich.

Eines Tages war der Wind so gut. Ich trat aus dem Haus heraus und war frei.
Die bleichen Wnde lagen hinter mir. Ich bekam wieder meinen Schubkarren,
meine Mtze und meinen Besen. Ich kehrte wieder.

Ich habe berichtet. Das war mein Leben. Ob es gerecht war, wei ich nicht.
Zufllig schaut man ins Leben. Vielleicht war mein Leben nur ein Leben, das
man zwischen dem Erleben lebt. Vielleicht habe ich auch gar kein Leben
gelebt, vielleicht war es das Leben eines andern, oder auch das, was
niemand erlebt hat. Also ist mein Leben kein Leben gewesen. Ich wei es
nicht. Nun habe ich Ruhe. Ich habe meinen Frieden mit allen Menschen und
Hasen gemacht. Ich kehre und frage nicht mehr. Manchmal schaue ich auf und
blicke in die flchtenden Augen vornehmer Frauen, die fragend und schnell
auf meine schmalen langen Hnde sehn und auf meine arabisch geschwungene
Nase.







End of the Project Gutenberg EBook of Der Hase, by Melchior Vischer

*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER HASE ***

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