The Project Gutenberg EBook of Aus Trotzkopf's Ehe by Else Wildhagen



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Title: Aus Trotzkopf's Ehe

Author: Else Wildhagen

Release Date: April 2, 2012 [Ebook #39350]

Language: German

Character set encoding: US-ASCII


***START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK AUS TROTZKOPF'S EHE***





                         [Illustration: Einband]

                              [Illustration]





                        [Illustration: Titelseite]

AUS TROTZKOPF's
EHE
               VON ELSE WILDHAGEN geb. FRIEDRICH-FRIEDRICH
                 VERFASSERIN von "TROTZKOPF'S BRAUTZEIT"
DRITTER BAND zum "TROTZKOPF"
VON EMMY v. RHODEN (EMMY FRIEDRICH-FRIEDRICH)
JLLUSTRIERT von WILLY PLANCK

Vierzigste Auflage

STUTTGART
GUSTAV WEISE VERLAG





               Druck der Stuttgarter Vereins-Buchdruckerei.






                         [Illustration: Ornament]

"Onkel Heinz, Onkel Heinz," schallte es von hellen Kinderstimmen
durcheinander, und ein Junge im Alter von zehn Jahren, nebst zwei kleinen
Maedchen von acht und sieben Jahren, liefen einem Herrn entgegen, der die
Tuer zum Kinderzimmer in Gontraus Hause geoeffnet hatte und hineinschaute.
Sogleich wurde er von den dreien mit hellem Jubel umringt, der eine zerrte
ihn hierhin, der andre dorthin; lachend versuchte er die Ungestuemen
abzuwehren, aber da klammerten sie sich noch fester an ihn, und er kam
nicht los.

"Wollt ihr mich wohl loslassen, ihr Trabanten," rief er endlich; "wartet,
ihr Kroeten, ich werde euch kommen!"

Und er griff nach seinem Stocke. Da flogen sie kreischend auseinander; der
Junge aber und das aelteste der beiden Maedchen, ein dunkellockiges Kind mit
blitzenden, braunen Augen, warfen sich an die Erde und nun begann ein
Raufen und Balgen, dass sie wie ein Knaeuel umherkollerten.

"Aber Ruth, schaeme dich, gleich stehst du auf!" gebot Ilse, welche in
diesem Augenblicke mit Nellie ebenfalls hereingekommen war, und reichte
dann Onkel Heinz die Hand, der inzwischen die kleine, blonde Marianne
emporgehoben hatte, welche ihre Aermchen fest um seinen Hals schlang. Ruth
aber, Gontraus wilde Aelteste und ihr Freund Fritz, Rosis Junge, hatten
sich hinter seinen Ruecken geschlichen, ihn zupfend und neckend, und wenn
er sich umdrehte und sie fortjagen wollte, liefen sie mit lautem Geschrei
zurueck. Das war ein Hauptspass.

"Kinder, so seid doch endlich vernuenftig," legte sich Nellie jetzt ins
Mittel, denn Onkel Heinz, der sich mit den beiden Frauen unterhalten
wollte, hatte keinen Augenblick Ruhe.

"Ja, nun hoert endlich auf," gebot auch Ilse ernstlich, und ihr gehorchten
die Uebermuetigen. Dann wandte sie sich wieder an Onkel Heinz mit den
Worten:

"Warum waren Sie in den letzten Tagen nicht bei uns, Herr Professor?"

"Ja, ja, das Arbeiten, das leidige Arbeiten, man kommt ja zu nichts," gab
er zur Antwort.

"Onkel Heinz, Onkel Heinz, sieh mal!" rief es nun schon wieder, und da
stand Ruth in seinem Hut und Ueberzieher, die er beide auf einen Stuhl
neben sich gelegt hatte. Das war etwas zum Totlachen fuer die Kinder, und
bei dem komischen Anblick der kleinen Person in dem Hute bis ueber die
Ohren und dem langen Rocke konnten auch die Grossen nicht ernst bleiben.
Natuerlich ging's nun wieder an ein An- und Ausprobieren der Reihe nach,
bis Ilse der Sache ein Ende machte.

"Nun ist's genug," sagte sie; "kommen Sie, lieber Professor, wir gehen in
mein Zimmer."

"Nein, Onkel Heinz, bleibe bei uns, bleibe bei uns!" rief es von allen
Seiten, und wie die Kletten hingen sich die Kleinen an ihn, zupften an
seinem Barte, umklammerten seine Arme und hielten ihn daran fest, dass er
nicht von der Stelle konnte.

Ruth war die Tollste, sie ruhte nicht eher, bis er am Boden lag. Im Nu
warfen sich die Kinder ueber ihn her, ihn zwickend und kneifend. Das war
ein Schreien, sie hatten alle hochrote Backen, und der arme Onkel konnte
vor Lachen nicht dazu kommen, sie abzuwehren, bis er schliesslich doch
Gewalt gebrauchen musste, und ein Machtwort von Frau Ilse ihn von der
wilden Horde befreite. Selbst Marianne, die zarte, sanfte Kleine, wurde
von der Ausgelassenheit mit angesteckt, ihr und den uebrigen hingen die
Haare wirr um den Kopf, und aus den lebenspruehenden Kindergesichtern
leuchtete die helle Freude ueber den gut gelungenen Spektakel.

"Ihr seid eine Gesellschaft," sagte Ilse kopfschuettelnd, aber solche
Szenen waren ihr nichts Ungewohntes, wenn Onkel Heinz auf der Bildflaeche
erschien.

"O, wie haben die Kinder Sie zerzaust," meinte Nellie, als sie den
Professor ansah.

"Ja, ja, Pruegel muessen sie haben," rief er ihnen mit scheinbar boesem
Gesichte zu, doch sie merkten, wie es gemeint war, sie sahen ja seine
lustig zwinkernden Augen und wussten genau, so schaute er nicht aus, wenn
er ernstlich boese war.

Und nun zog er sich seine Manschetten zurecht, die ihm bis auf die Haende
gerutscht waren, rueckte an seiner Brille und fuhr mit der Hand ueber sein
kurzgeschorenes Haar, als wollte er fuehlen, ob diese Stoppeln bei dem
Kampfe nicht auch in Unordnung geraten waeren, aber sie standen nach wie
vor gerade in die Hoehe, tadellos in Reih und Glied.

"Mutter, duerfen wir nicht mit euch gehen, bitte, bitte?" fragte Ruth, und
die andern bettelten ebenfalls.

"Wir haben Onkel Heinz so lange nicht gesehen," quaelte sie, als die Mutter
keine Miene machte, ihre Bitte zu erfuellen.

"Da lassen Sie man die Kroeten mitkommen," legte er sich nun auch ins
Mittel, denn er konnte nicht gut sehen, dass seinem Patenkinde und Liebling
Ruth etwas abgeschlagen wurde.

"Kinder, da muesst ihr aber auch ruhig und artig sein," gebot Nellie, ihnen
damit schon ihre Erlaubnis erteilend, doch Ilse bestimmte energisch, dass
sie in der Kinderstube bleiben sollten.

Ohne weiteres fuegten sich Marianne und Fritz, aber Ruth zog ein arges
Gesicht und gab sich erst dann zufrieden, als Onkel Heinz ihr verstohlen
zufluesterte, dass sie morgen zu ihm kommen und sich etwas Schoenes holen
sollte.

Einige Minuten spaeter sassen Ilse und Nellie mit dem Professor in dem
grossen Wohnzimmer in einer behaglichen Ecke im lebhaften Gespraeche.
Seitdem wir sie an ihrem Hochzeitstage verliessen, hatte Ilse sich wenig
veraendert. Als sie jetzt leicht und schnell durch das Zimmer schritt,
waren es noch ganz ihre alten Bewegungen; nur ihre Gestalt war etwas
voller geworden, und die wilden Locken von einst wurden in einem Knoten
gebaendigt. Doch ganz waren sie nicht verschwunden; wo es ging, kamen sie
hervor, kraeuselten sich im Nacken, auf der Stirn und fielen ueber ihre
reizenden kleinen Ohren, zum Aerger Leos, von dem es eine gewohnheitsmaessige
Handbewegung war, sie fortzustreichen; denn er liebte es, ihr Ohr zu
sehen, und behauptete, zum Gesichte gehoere auch das Ohr, ebensogut wie die
Nase, und es verloere an charakteristischem Ausdruck, wenn das Ohr nicht zu
sehen waere. Die frischen Farben hatte Frau Ilse noch ebensoschoen wie
frueher, aber die energisch geschwungene Linie der Oberlippe schien etwas
weicher geworden zu sein; ja, es kam vor, dass ihr Ausdruck ein geradezu
sanfter war, doch das durfte man ihr nicht sagen, denn "sanft" und "dumm"
stellte sie in eine Reihe. "Eine sanfte Frau bin ich nun einmal nicht und
werde es auch nie," meinte sie, wenn die Rede darauf kam, und da hatte sie
auch recht.

Nur bei einem einzigen Wesen liess sie "sanft" ohne den wenig
schmeichelhaften Zusatz gelten, und das war bei ihrer Herzensfreundin
Nellie. Diese hatte in allen Lebenslagen nur durch Sanftmut geherrscht und
gesiegt.

An ihr waren die Jahre nicht spurlos voruebergegangen wie an Ilse. Der alte
Schelm in den Gruebchen kam nicht mehr so oft zum Vorschein wie frueher,
dagegen hatten sich um die Mundwinkel einige scharfe Linien eingepraegt,
die ihr leicht einen leidenden Zug gaben.

Seit einigen Jahren lebten die Freundinnen wieder an einem Orte zusammen,
und vor nicht langer Zeit war auch Rosi hinzugekommen, die jetzt eine
wuerdige Frau Superintendentin geworden war.

Althoff hatte als Direktor am staedtischen Gymnasium Karriere gemacht und
konnte sich sein Leben in jeder Beziehung angenehm gestalten. Aber leider
machten ihm seine Nerven manchmal zu schaffen; er war leicht gereizt, und
da er bei seiner Frau niemals auf Widerstand stiess, sondern immer die
lebhafteste Teilnahme fuer die geringfuegigste Klage fand, nahm er sich auch
nicht im mindesten zusammen.

"Du verwoehnst deinen Mann zu sehr," bemerkte Ilse oft, aber Nellie sah das
nicht ein. Warum sollte sie denn nicht alles fuer ihn tun? Kinder, fuer die
sie haette sorgen koennen, besass sie zu ihrem groessten Kummer nicht, sie
musste aber jemand haben, dessen Pflege sie sich ganz und gar hingab, das
lag nun einmal in ihrer Natur. Zu Ilse kam sie fast taeglich, spielte mit
den Kindern oder holte sie zu sich, denn sie hingen mit der groessten Liebe
an ihr.

In der Daemmerstunde erschien auch haeufig der Professor bei Gontraus, und
meistens forderte Ilse sie beide auf, zum Tee dazubleiben. Althoff wurde
dann geholt, d. h. Nellie holte ihn selbst, denn sie musste ja erst sehen,
ob er in der Stimmung war auszugehen oder nicht. Auch heute noetigte Ilse
zum Bleiben.

"Es ist ein so koestlicher Abend, ihr bleibt hier," entschied sie und
oeffnete weit die Fenster, damit die milde Fruehlingsluft hereinstroemen
konnte. Auf der aeussersten Spitze des Birnbaumes draussen wiegte sich ein
Starmaetzchen und sang aus voller Kehle in klaren und floetenden Toenen,
aehnlich denen der Nachtigall, nur weniger melancholisch. Die Daemmerung
senkte sich jetzt wie ein leichter Schleier auf die fruehlingslichte Natur,
und am Horizonte erschien mattglaenzend die silberne Mondsichel.

Der Professor hatte wie immer viele Ausfluechte, er habe keine Zeit, und zu
Hause warte ein Haufen Arbeit auf ihn. Aber Ilse liess nicht locker, sie
kannte ihn, er liess sich gerne zureden.

"Ach Gott, Sie haben auch immer zu tun," rief sie ungeduldig, denn sie
wusste, dass er schliesslich doch bleiben wuerde.

"Ja, Frau Gontrau, ich habe immer zu tun," wiederholte er mit einigem
Nachdruck, "das ist auch recht gut."

"Aber heute kann man doch nicht hinter den staubigen Buechern sitzen! Sehen
Sie doch nur hier diesen wonnigen Fruehlingsabend, wie das duftet, wie die
Voegel zwitschern, das ist ja alles viel schoener, als Ihr alter
Buecherkram."

"Buecherkram? Wieso alter Buecherkram?" fragte er, die Worte "alter" und
"Kram" besonders betonend, waehrend er anfing die Spitze seines dunklen
Kinnbartes zu drehen. Das war aber das sicherste Zeichen seines Unwillens,
Ilse kannte es genau.

"Mit Buecherkram gebe ich mich nicht ab," fuhr er fort.

"Herrgott, Onkel Heinz, nun seien Sie nicht empfindlich, so habe ich das
nicht gemeint. Aber Sie duerfen nicht immer arbeiten, Sie muessen doch auch
mal ausruhen."

"Ich weiss am besten, was ich tun muss," erwiderte er nicht gerade
freundlich, doch Ilse liess sich dadurch nicht einschuechtern, sie kannte
seine Art.

In den sechs Jahren, so lange sie in L. wohnten, wo sich Gontrau als
Dozent an der Universitaet niedergelassen hatte, nachdem er einige Jahre in
B. als Assessor taetig gewesen war, kam der Professor Fuchs, oder Onkel
Heinz, wie ihn die Kinder nannten, als haeufigster Gast zu ihnen ins Haus.
Er hatte sie bei ihrem Einzuge am Bahnhof in Empfang genommen, er hatte
mitgeholfen die Wohnung einzurichten, und jeden Nagel, den Leo muehsam in
die Wand geschlagen hatte, zog er wieder heraus, weil Leo das naemlich nach
seiner Meinung absolut nicht verstand. Denn er behauptete, zuerst muesste
mit dem Steinmeissel ein Loch geschlagen werden, da hinein kaeme ein
Holzpfloeckchen und dann erst der Nagel. Wenn das nun auch mit einer grossen
Umstaendlichkeit geschah, so hatte er wenigstens die Genugtuung, dass seine
eingeschlagenen Naegel sich noch nicht von der Stelle geruehrt hatten. Trotz
aller Gelehrsamkeit war er eine praktischere Natur als Leo und ging Ilse
mit Rat und Tat zur Hand, so dass sie schliesslich bei vielen Dingen nicht
ohne ihn fertig werden konnte. Aber sie kamen fast niemals zusammen, ohne
einen kleinen Streit miteinander zu haben. Er hatte eine rechthaberische
und spoettische Art, und wenn Ilse nicht gut auf ihn zu sprechen war,
nannte sie ihn einen "wunderlichen alten Junggesellen", obgleich er nur
wenige Jahre aelter als Leo war. Die beiden kannten sich noch von der
Universitaet her, hatten in einem Hause zusammen gewohnt und sich trotz der
Verschiedenheit der Charaktere doch immer gut verstanden. Das, was ihm in
Ilses Herzen einen dauernden Platz verschaffte, war seine ruehrende Liebe
zu den Kindern. "Sie sind meine beste Erholung," pflegte er zu sagen. Er
ging mit ihnen spazieren, sie besuchten ihn, er zeigte ihnen Bilder,
Marken, Schmetterlinge, er tollte mit ihnen und war ihr bester Freund.
Ruth, sein Liebling, durfte sich alles herausnehmen, dafuer besass er aber
auch die ganze Zuneigung ihres Kinderherzens. -

Nellie hatte sich inzwischen erhoben, um nach Hause zu gehen und Fred
selbst zu holen.

"Ich kann ja das Maedchen schicken," meinte Ilse, aber Nellie liess das
nicht zu.

"Ich weiss nicht recht, ob Fred nicht noch zu tun hat heute abend, ich will
deshalb lieber selbst gehen," antwortete sie ausweichend. Doch in
Wirklichkeit arbeitete Althoff selten abends und war immer gern bereit,
nach Gontraus zu kommen.

Als sich Nellie verabschiedete, schickte sich auch der Professor zum Gehen
an.

"Sie bleiben auf jeden Fall," sagte Ilse, ihn zurueckhaltend, und wies
jeden Einwand, den er machen wollte, zurueck.

"Wissen Sie was," rief sie ploetzlich, "ich habe heute morgen Waldmeister
gekauft, wir brauen uns eine kleine Bowle, die erste Maibowle in diesem
Jahre, Onkel Heinz - koennen Sie da widerstehen?"

Er lachte.

Die gemuetlichen Bowlen bei Gontraus kannte er zur Genuege. Die Geister, die
ihnen entstiegen, waren nicht truebselig, es waren die des Frohsinns und
der Heiterkeit, und Onkel Heinz konnte heiter, sogar ausgelassen sein,
doch nur im intimsten Kreise. Fremde Menschen nannten ihn unzugaenglich, ja
unliebenswuerdig, und liessen ihn bald als "komischen Kauz" ganz links
liegen. Deshalb mied er auch die Menschen, und es kostete stets Kaempfe,
ihn heranzuziehen, wenn eine groessere Gesellschaft versammelt war.

Ilse hatte nicht umsonst die Maibowle als Lockmittel gebraucht, denn ohne
langes Zaudern willigte der Professor nun ein, zu bleiben.

"Ja, dann bleibt mir wohl nichts andres uebrig als dazubleiben," sagte er
vergnuegt, "aber die Bowle will ich selbst machen, Gontrau kann das nicht,
er macht sie regelmaessig zu suess."

"Natuerlich, natuerlich," sagte Ilse, "doch dann muessen Sie mit in die Kueche
kommen, Onkel Heinz."

Er folgte ihr und traf nun in umstaendlichster Weise seine Vorbereitungen.
Die Kinder hatten nur auf den Augenblick gewartet, dass Onkel Heinz draussen
erschien, und jetzt waren sie wieder alle um ihn versammelt. Ruth hatte
ihm eine grosse, weisse Kuechenschuerze umgebunden, Marianne kletterte auf
einen Stuhl und beugte das Koepfchen tief ueber die Terrine, aus welcher
schon der aromatische Duft der Maikraeuter emporstieg, und Fritz fehlte
natuerlich auch nicht dabei. Endlich, nach vielem Probieren von Onkel
Heinz, war die Bowle fertig und mit Kennermiene fuehrte er nocheinmal ein
Glas an den Mund - sie war gut geraten.

"Na, nun wollt ihr Kroeten wohl auch schmecken?" fragte er.

"Ja! ja! bitte, Onkel Heinz!" riefen sie durcheinander, und zugleich
wollten alle nach dem frisch gefuellten Glase greifen, das er hoch in der
Luft hielt, damit sie es ihm nicht entreissen konnten.

"Herrgott, so wartet doch, einer nach dem andern, sonst kriegt ihr gar
nichts!" Damit draengte er die verlangenden Kinderhaende zurueck, und der
Reihe nach bekam jedes zu kosten.

Bei dem einen Glase blieb es natuerlich nicht, Onkel Heinz fuellte noch
einige Male nach.

"Das schmeckt wohl, ja, das glaube ich," sagte er schmunzelnd und freute
sich ueber den guten Zug des Jungen, der zu den schoensten Hoffnungen
berechtigte.

"Aber, bester Professor, wie koennen Sie nur den Kindern so viel Bowle zu
trinken geben," rief Ilse, als sie jetzt hinzukam und den kraeftigen
Schluck, den Fritz soeben aus dem vollen Glase tat, bemerkte.

"Das schadet ihnen doch nichts," entgegnete Onkel Heinz.

"Ach natuerlich, Kinder duerfen keinen Alkohol bekommen, der ist ihnen
schaedlich!"

"Schaedlich? Dummes Zeug! Was soll ihnen dabei schaedlich sein, wer sagt
das?"

"Nun unser Arzt behauptet es," gab Ilse zur Antwort.

"Na ja, die Aerzte!" fiel Onkel Heinz mit hoehnischem Lachen ein; "wenn die
so etwas behaupten, koennen Sie dreist das Gegenteil tun, denn meistens ist
es nur Unsinn."

Ilse aergerte sich ueber seine absprechende Weise, aber sie schwieg dazu,
ihre Laune war an diesem schoenen Abend eine zu gute, und die wollte sie
sich nicht verderben lassen; denn wenn sie mit dem Professor einmal ueber
diesen Punkt in Streit geriet, wie schon so oft, blieb doch auf beiden
Seiten eine kleine Missstimmung zurueck.

Und deshalb sagte sie nichts, schickte Fritz nach Hause und die Kinder zu
Bett. Dem Quaelen und Betteln von Ruth, ob sie nicht noch ein wenig
aufbleiben koennte, setzte sie ein unerschuetterliches "Nein" entgegen.

Einige Zeit spaeter sassen die Freunde bei der Bowle vergnuegt zusammen, und
Onkel Heinz heimste von allen Seiten das Lob ueber das gute Gelingen
derselben ein. Im Zimmer wurde es schon ganz daemmerig, aber draussen war es
noch hell und licht, ein wonniger Fruehlingsabend. Jeder empfand in seiner
Weise den Zauber desselben, einer oder der andre sass manchmal stumm und
blickte durch das offene Fenster hinaus. In dem Birnbaume davor floetete
jetzt eine Nachtigall ihr melancholisches Lied und der Mond hob sich
hellglaenzend vom Himmel ab.

"Schatz, ist es nicht herrlich heute abend?" fragte Leo und sah seine Ilse
uebergluecklich an. Die Freude ueber das gemuetliche Zusammensein blickte ihm
so recht lebhaft aus den Augen. "Althoff, Sie trinken ja gar nicht,
trinken Sie doch mal aus," mahnte er den Direktor, aber Nellie, die mit
Argusaugen darueber wachte, dass Fred ja nicht zu viel trank, fluesterte ihm
leise zu, dass er daran denken solle, wie leicht er nach solchem Getraenke
Kopfschmerzen bekaeme.

Ilse hatte die leise Warnung gehoert.

"Nellie, Nellie, immer musst du mit deinem Manne tuscheln, das ist gar
nicht erlaubt," rief sie mahnend und schenkte dem Direktor nochmals
eigenhaendig ein.

"O," sagte seine Frau mit einem aengstlichen Blick auf das frischgefuellte
Glas, aber da nahm sie schon wieder eine andre Sorge um Fred in Anspruch.
Er sass so nahe am Fenster, ein leichtes Zusammenziehen seiner Schultern
hielt sie fuer Froesteln, und besorgt fragte sie, ob er nicht lieber den
Platz mit ihr wechseln wolle, es kaeme gerade, wo er saesse, ein kuehler
Luftzug herein.

Leo sprang dienstbereit auf, das Fenster zu schliessen, Althoff und der
Professor waren aber entschieden dagegen, letzterer mit einer spoettischen
Bemerkung, gegen die niemand etwas sagte. Man kannte ihn ja!

"Nein, nein, kein Licht, Marie," rief Ilse, als das Maedchen jetzt die
Lampe hereinbrachte und sich der blaeuliche Mondesschimmer mit dem
gelblichen Scheine unschoen vermischte.

Jetzt so in der duftigen Helle da draussen hinzuwandern, in die
fruehlingsfrische Nacht hinein, den Berg hinauf, durch den lichten Wald,
immer weiter, weiter, dem matten Glanze folgend, einsam, still,
unbelauscht zu sein, ganz in der goettlichen Natur, o das waere eine Wonne!
So dachte Ilse in diesem Augenblicke, und der Zauber dieses Gedankens
verfolgte sie fortwaehrend. Sie hoerte nur mit halbem Ohre hin, als Althoff
von der neuesten Unerhoertheit eines Primaners erzaehlte, ueber dessen Haupte
die Entlassung aus der Schule schwebte, und Onkel Heinz seine Ansicht ueber
Paedagogik, die von der des Direktors sehr abweichend war, kundgab. Sie
empfand eine Sehnsucht hinaus, einen Drang, etwas Besonderes zu
unternehmen, wie man ihn fuehlt, wenn die Begeisterung dem Menschen Fluegel
zu verleihen scheint, sich ueber das alltaegliche zu erheben. In solcher
Stimmung war Frau Ilse, und waehrend Leo und Nellie glaubten, dass sie
gleich ihnen den immer lebhafter gewordenen Streit zwischen dem Direktor
und dem Professor verfolgte, entspann sich in ihrem Gehirn ein
abenteuerlicher Plan.

"Kinder," rief sie ploetzlich laut und erregt, "ich habe eine Idee!"

Onkel Heinz war gerade dabei, dem Direktor lang und breit
auseinanderzusetzen, inwiefern der Unterricht fuer die Kinder ein andrer
werden muesse, als Ilse mit ihrem Ausrufe hineinplatzte und alles Interesse
sich ihr zuwandte.

"Darling, was hast du fuer eine Idee?" fragte Nellie.

"Famos, famos!" jubelte Ilse. "Aber ihr muesst mir versprechen, dass ihr
nicht nein sagt, wollt ihr das?"

"Da koennten wir ja schoen reinfallen," sagte Onkel Heinz, und Leo lachte:
"Ja, Schatz, fuer so unvorsichtig wirst du uns doch nicht halten."

"Also hoert," fuhr Ilse fort, "in vier Tagen haben wir Vollmond -"

"In fuenf Tagen," verbesserte der Professor ruhig.

"Nein, in vier, ich habe noch heute im Kalender nachgesehen; ueberhaupt,
Onkel Heinz, unterbrechen Sie mich nicht. Also in vier Tagen haben wir
Vollmond, was meint ihr dazu, wenn wir eine Partie auf den Schneekopf
machten, aber in der Nacht. Denkt euch doch nur - im Mondenscheine, wie
poetisch, wie romantisch!"

Man war solche Einfaelle von Ilse gewoehnt, aber doch erregte dieser
ploetzliche Vorschlag ein Hin und Wider. Man erhob allerlei Einwaende, der
Weg sei zu weit, zu beschwerlich, die Idee zu abenteuerlich, um ausfuehrbar
zu sein, aber Ilse wusste auf alle Bedenken einen Ausweg, sie malte ihnen
in den gluehendsten Farben aus, wie schoen es sein wuerde, bis sie
schliesslich mit ihrer Begeisterung ansteckend wirkte.

Leo war innerlich schon ganz bereit, er fand die Idee seiner kleinen Frau
ausserordentlich verstaendig und liess deshalb die andern soviel reden, als
sie wollten. Stillschweigend holte er die Karte und das Kursbuch aus
seinem Zimmer, und ohne die Zustimmung eines jeden abzuwarten, wurde der
Plan entworfen. Nellie hegte doch einige Bedenken, ob ihrem Fred der
naechtliche Weg gut bekommen wuerde, aber sie wollte nicht widersprechen,
als sie merkte, dass er bereit war, teilzunehmen, eine Ausspannung wuerde
ihm ja auch sehr gut sein.

So war man denn bald im besten Zuge und ging schon auf die Einzelheiten
der Partie ueber, die am naechsten Sonnabend und Sonntag stattfinden sollte,
als Onkel Heinz ploetzlich damit herausrueckte, dass er nicht mitgehen wuerde,
er habe zu arbeiten, er koenne sich nicht losmachen. Da brach aber ein
wahrer Sturm ueber sein Haupt los!

"Ach, Heinz, nun mach keine Geschichten, du gehst auf jeden Fall mit,"
sagte Leo kategorisch, denn er wusste genau, dass er es schliesslich doch
tat.

"Was mache ich denn fuer Geschichten, Gontrau," erwiderte Onkel Heinz mit
einigem Nachdruck, "was soll das heissen, Geschichten machen? Ich habe eben
zu tun und kann deshalb nicht mit. Was habt ihr denn ueberhaupt davon, ob
ich mitgehe oder nicht!"

"Natuerlich haben wir etwas davon," sagte Ilse lustig herausfordernd, "ich
haette ja sonst niemand, den ich aergern koennte."

"Ja, da haben Sie recht," gab er zur Antwort und der Ton, mit dem er das
sagte, hatte fast eine wehmuetige Faerbung.

"Deshalb keine Feindschaft, Onkel Heinz," lachte Ilse und erhob ihr Glas,
um mit ihm anzustossen, denn sie hatte gemerkt, dass ihn ihre Neckerei
empfindlich beruehrte. "Und nicht wahr, Sie gehen mit?" Dem liebenswuerdigen
Blicke, mit dem Ilse ihre Frage begleitete, konnte er nicht widerstehen.

"Ja, dann kann ich wohl nicht anders," sagte er befriedigt.

Es war spaet geworden, als sich die Freunde trennten, denn ueber die
bevorstehende Partie gab es noch eine Menge zu beraten und zu ueberlegen.
Zum Schluss kam Ilse noch auf die Idee, Rosi mit ihrem Manne auch
aufzufordern.

"Dann bleibe ich doch lieber zu Hause," sagte Onkel Heinz, denn die
Pastorin war nicht seine beste Freundin.

"Aber glaubst du denn, dass die mitgehen?" lachte Leo. Er hatte laengst
erkannt, dass Ilse nur hoeren wollte, was Rosi, die ehrwuerdige
Superintendentin, zu ihrem phantastischen Plane sagen wuerde. Und so war es
auch!

                                  * * *

In dem huebschen Pfarrhause, das der Kirche gegenueber lag, sass Frau Rosi
auf ihrem erhoehten Platze am Fenster. Vor ihr stand ein grosser Korb mit
Struempfen; einen davon hatte sie gerade ueber die Hand gezogen, und eifrig
flog die Nadel auf und nieder. Sie war noch immer die alte Rosi! Moden und
Neuerungen gingen an ihr ziemlich spurlos vorueber, sie war eins von den
Menschenkindern, die niemals jung aussehen, und bei denen man schon als
Kind ganz genau wissen konnte, wie sie mit 40 Jahren sein wuerden. Alles
trug bei der Superintendentin einen konservativen Anstrich; sie war kein
Kind ihrer Zeit, sie hielt jeden Fortschritt fuer suendhaft und wies ihn mit
den Worten zurueck: "Wir sind so lange ohne das fertig geworden, dass wir es
jetzt auch entbehren koennen." Wenn es nach ihr ging, hoerte alles Streben
auf. Jetzt, wie sie so da sass, tadellos und gerade, wie wir sie kennen,
machte sie nicht den Eindruck, als ob sie eine Altersgenossin von den
Freundinnen waere.

In dem Zimmer waren die Moebel in Reihe und Glied geordnet, vor dem roten
Plueschsofa stand der Tisch mit einer ebensolchen Plueschdecke, und vier
Plueschsessel umgaben ihn steif und langweilig. Alles war gut und gediegen,
aber man suchte unwillkuerlich, ob nicht irgend etwas den individuellen
Geschmack der Bewohnerin verriete, etwa eine Besonderheit in der
Ausschmueckung der Raeume, irgend eine Liebhaberei, eine Geschmacksrichtung
in den Bildern an der Wand - nichts dergleichen. Wie eine drueckende
Atmosphaere lag es ueber dem Ganzen, und feinfuehlende Seelen wuerden in
diesem Zimmer eine Art Niedergeschlagenheit empfunden haben. Pflanzen
standen nicht am Fenster, Rosi hatte, wie sie behauptete, zuviel mit der
Pflege ihrer Kinder und mit dem Haushalte zu tun, um auch fuer diese
Lebewesen noch sorgen zu koennen. Aber an gestickten und gehaekelten
Gegenstaenden war das Zimmer reich, gestickte Sprueche an den Waenden,
gestickte Kissen auf dem Sofa, auf den Stuehlen und an der Erde. Der
Ofenschirm zeigte ein gesticktes Ritterfraeulein auf gruenem Grunde,
gehaekelte Decken lagen ueberall, wo es nur irgend moeglich war, gestickt war
natuerlich auch die ueber die Kanne gezogene Kaffeemuetze, kurz ueberall,
wohin das Auge blickte, sah man die Spuren stickender, strickender,
haekelnder Haende, wodurch dem ganzen der Stempel des Philistroesen
aufgedrueckt wurde. Wie viele Tanten und Basen waren auch zu Weihnachten
fuer die Pastorin taetig! Der Geschmack kam dabei nicht in Betracht, nur
selbstgearbeitet musste es sein, darauf legte Rosi den groessten Wert. Sie
selbst war in der Weihnachtszeit von einem unheimlichen Fleisse, sie naehte
vom Morgen bis zum Abende fuer jeden etwas und waere es auch noch so unnuetz.
Nach dem Buche war Rosi eine Musterfrau, und was ihr der Neid lassen
musste, sie sorgte auch fuer andre mit vieler Umsicht, sie besuchte die
Kranken und brachte ihnen Staerkendes; sie war auch in allen wohltaetigen
Vereinen. Ob alles dieses aber aus tiefinnerstem Drange geschah, oder nur
aus Pflichtgefuehl, das war zweifelhaft. Sie sprach viel von Pflicht, sie
fuehrte das Wort immer im Munde. Auch jetzt schien sie von ihrem
Pflichtgefuehle beseelt zu sein, denn ein Strumpf nach dem andern wurde
vorgenommen, und ohne Unterbrechung ging das so fort. Sie hob kaum den
Kopf und hatte keinen Blick fuer die warme Fruehlingssonne draussen, die
neugierig zu ihr hereinsah, in hellen Strahlen auf dem Fussboden spielte,
und sich sogar an die Plueschsessel wagte, so dass deren stumpfes Rot feurig
aufleuchtete. Jetzt wurde die Tuer aufgerissen und Fritz stuermte ins
Zimmer. Rosi drehte sich unwirsch herum.

"Du sollst nicht immer so laut hereinkommen," sagte sie aergerlich; "wie
oft habe ich dir das schon gesagt, Fritz!"

Fritz, aus dessen blauen Augen noch eben die volle Lust gestrahlt hatte,
legte jetzt seine Mappe und Muetze still auf den Stuhl und trat zur Mutter,
die ihm ihre Wange zum Kusse reichte. Dann arbeitete sie weiter.

"Nun, wie war es, konntest du deine Sachen?"

"Ja, Mutter, alles."

"Wie viele Fehler hast du im Extemporale?"

Kleinlaut fluesterte er: "Sieben."

Jetzt liess sie die Hand mit dem Strumpf in den Schoss fallen und sah ihn
an.

"Siehst du, das kommt davon, wenn man bis in die sinkende Nacht fortbleibt
und nicht an das Arbeiten denkt."

"Es war so schoen bei Tante Ilse," warf Fritz ein.

"Und da konntest du dich nicht trennen, wie gewoehnlich," unterbrach ihn
die Mutter mit vielsagendem Blick. "Aber erst kommt die Pflicht, dann das
Vergnuegen," fuhr sie fort; "es ist schrecklich, dass du so leichtsinnig
bist, immer diese vielen Fehler!"

Fritz sah bei dieser Strafrede ganz betruebt vor sich nieder und dachte
darueber nach, ob es denn wirklich so schlimm sei, lieber in der herrlichen
Fruehlingsluft draussen zu spielen, als ueber den langweiligen Buechern zu
sitzen.

"Nun trage nur deine Sachen fort und setze dich an den Tisch, wir trinken
gleich Kaffee."

Fritz gehorchte. In der Tuere begegnete ihm ein kleines Maedchen von acht
Jahren, seine Schwester. Ihre Aehnlichkeit mit der Mutter war unverkennbar,
vielleicht war sie auch deshalb deren Liebling.

"Guten Tag, Mama," sagte sie und umarmte diese so steif und abgemessen,
als waeren auch Liebkosungen eine Pflicht, als haette ihr Rosi gesagt, ein
Kind umarmt seine Mutter, weil sich das so gehoert. Aber dennoch war die
Begruessung mit der Tochter eine weit waermere, als mit Fritz. Rosi strich
ihr ueber den glatten, blonden Scheitel und band eine Schleife fest, die
sich an einem der kurzen Zoepfchen gelockert hatte.

"Bist du auch schon da, Elisabeth?" fragte sie zaertlich; "zeige mal, wie
viel hast du denn in der Handarbeitsstunde gestrickt?"

Die Kleine zog einen langen Strumpf hervor und zeigte der Mutter, wie viel
sie heute daran gearbeitet hatte.

"Du bist ja ganz fleissig gewesen," sagte Frau Rosi, und ein stolzer Blick
glitt ueber sie hin. "Jetzt geh und rufe den Vater zum Kaffee."

Nun legte auch die Superintendentin ihre Arbeit beiseite und ging an den
Kaffeetisch, wo sie die Kanne von der waermenden Huelle befreite. Waehrenddem
oeffnete sich die Tuer lautlos, und lautlos naeherte sich dem Tische eine
hagere, alte Frauengestalt in einem schwarzen Kleide.

"Ach, du bist es, Tante Emilie," sagte Rosi und schrak ein wenig zusammen,
als sie dicht neben sich ploetzlich den dunklen Schatten bemerkte.

"Nun, bist du schon zurueck, ist die Sitzung vom Frauenverein vorbei?"
fragte sie freundlich.

Tante Emilie bejahte und setzte sich nieder. Stillschweigend zog sie einen
grossen, grauen Strumpf aus der Tasche, und gleich darauf fingen die Nadeln
an zu klappern.

"Du bist aber auch immer fleissig, Tante," sagte Rosi, und ueber das
faltenreiche Gesicht der Angeredeten glitt ein Laecheln der Befriedigung
bei diesen Worten. Sie war eine Schwester von Rosis verstorbener Mutter
und lebte seit einigen Jahren ganz bei ihrer Nichte, in deren Augen sie
als Muster galt, denn bei vielen wohltaetigen Vereinen sass sie mit im
Vorstande. Dem Pastor war der stumme, strickende Gast an seinem Tische
keine angenehme Zugabe, und auch heute, als er eintrat, traf sie kein
allzu freundlicher Blick. Rosis Mann hatte sich wenig veraendert, es war
noch dasselbe gutmuetige Gesicht mit den blauen Augen, die Fritz von ihm
geerbt hatte. Nur blickten die seinigen kecker und selbstbewusster in die
Welt, Lebenslust und Freudigkeit leuchteten daraus hervor, zum heimlichen
Kummer von Rosi, die immer Leichtsinn dahinter witterte. Auch jetzt konnte
sie gar nicht begreifen, dass der Junge ungeduldig auf dem Stuhle
herumrutschte; ach, draussen warteten ja schon die Freunde auf ihn.

"Kannst du denn gar nicht ruhig sitzen, Fritz?" bemerkte Rosi, indem sie
den Kaffee einschenkte. "Adolf, du musst wirklich mal streng gegen den
Jungen sein. Und wie isst er nun wieder! So iss doch nur langsam."

Sie schuettelte unmutig den Kopf und reichte ihrem Manne die Tasse.

"Liebe Rosi, wollen wir nachher mit den Kindern einen Spaziergang machen?"
fragte der Pastor; "es ist so herrlich draussen."

"Nein, nein, das geht nicht," erwiderte sie. "Fritz muss arbeiten, er hat
wieder sieben Fehler im Extemporale. Sieben Fehler," wiederholte sie noch
einmal eindringlich ihrem Manne, als sie sah, dass ihn diese Nachricht
nicht aus der Fassung brachte, und gab ihm unter dem Tisch einen kleinen
Stoss, damit er etwas sagen solle.

"Ja, Fritz," begann der Pastor, indem er sich raeusperte, - er tat dies
immer, wenn er zu einer ernsten Rede den Anlauf nahm, - "wie kommt denn
das?"

"Ach, Vater, das Lateinische macht mir einmal kein Vergnuegen," antwortete
der Junge offen.

"Siehst du, da hoerst du's ja, Adolf," fuhr Rosi auf, "aus Fritz wird nie
etwas werden."

"Nun, nun," lenkte Adolf ein, denn er sah, wie dem Kinde bei diesen Worten
das Blut ins Gesicht stieg, "das wollen wir nicht hoffen." Und er strich
ihm beruhigend ueber das blonde Haar.

Rosi schuettelte den Kopf. Wollte denn ihr Mann gar nicht begreifen, dass
Fritz streng behandelt werden musste? In ihren Gedanken stand es fest, dass
aus ihm nichts wuerde. Wenn sie dagegen Elisabeth nahm, das war ein braves
Kind, kaum dass sie ermahnt zu werden brauchte, der lag das Pflichtgefuehl
im Blute. Wie manierlich und bescheiden sie am Tische sass und ihr Broetchen
verzehrte; Fritz dagegen konnte ueberhaupt keinen Augenblick still sitzen.
Doch es war auch keine Kleinigkeit fuer ihn, hier in der Stube zu hocken.
Die Sonnenstrahlen wurden immer zudringlicher, sie krochen an ihm herauf,
schienen ihm jetzt voll ins Gesicht, gerade als ob sie ihn aergern wollten;
blinzelnd wich er ihnen aus. Mutter Rosi war aber unerbittlich streng, die
Kaffeezeit durfte nicht abgekuerzt werden. Was empfand sie von einem
Kinderherzen, das sich nach dem Schulzwange in die wundervolle Freiheit
sehnte? Endlich gab sie das Zeichen zum Aufbruche, Elisabeth holte das
Praesentierbrett und raeumte die Tassen zusammen, Fritz schluepfte schnell
hinaus.

"Gar kein Ernst steckt in dem Jungen," begann Rosi das Thema wieder,
unbekuemmert um Elisabeths Gegenwart, die sich im Vollgefuehl ihrer
Tadellosigkeit sonnte; sie wusste genau, dass sie viel besser war als der
Bruder, die Mutter hatte es ihr ja oft genug gesagt.

"Du solltest nicht zu streng sein, Rosi," beschwichtigte der
Superintendent; "wenn du so viel tadelst, untergraebst du sein Ehrgefuehl.
Ich war auch kein Held in der Schule, und es ist doch etwas aus mir
geworden."

"Du nimmst Fritz doch stets in Schutz, es ist merkwuerdig; tadle ich ihn
wohl zu viel, Tante Emilie?" fragte Rosi diese erregt.

Tante Emilies rote Nasenspitze hob sich ein wenig und das "Nein", das sie
hervorbrachte, klang so dumpf, als kaeme es unter dem Tische hervor. Aber
das Gespraech fing an, sie zu interessieren, denn wenn sie den grauen Faden
um den Finger legte und dabei etwas laenger zoegerte wie gewoehnlich, so war
dies ein Beweis, dass ihre Teilnahme auch noch von andrer Seite in Anspruch
genommen war. Ebenso interessierte Elisabeth die Unterhaltung der Eltern
aufs hoechste, denn auch sie hielt in ihrem Eifer, mit welchem sie das
Geschirr abzuraeumen begann, inne und hoerte andaechtig zu.

"Elisabeth, mache, dass du fertig wirst, geh dann hinaus und spiele mit
deinem Bruder," sagte der Vater der ihre lauernden Blicke bemerkt hatte.

"Ich muss arbeiten," erwiderte sie trotzig und ging hinaus, indem sie das
Geschirr stehen liess.

"Sage Minna, dass sie den Tisch abraeumt," rief ihr die Mutter in sanftem
Tone nach.

"Warum faehrst du das Kind so an, Adolf? Sie verdient es viel weniger als
Fritz," sagte Rosi vorwurfsvoll.

"Sie soll nicht horchen, wenn wir miteinander solche Dinge besprechen, das
gehoert sich nicht."

"Elisabeth versteht uns nicht falsch, das weiss ich; sie kann dreist so
etwas mit anhoeren."

"Ich will es aber nicht," sagte der Pastor heftig und stand erregt auf.

Tante Emilies Augen folgten ihm hinter der grossen Brille mit gespanntem
Blicke.

"Nimm dich zusammen, ich bitte dich, Adolf; du bist ja stets aergerlich,
wenn ich Fritz tadle, und an Elisabeth hast du immer etwas auszusetzen."

"Nein, du bist ungerecht, gegen Fritz zu strenge und gegen das Maedchen
schwach."

"Bitte, dann erziehe deine Kinder selbst," erwiderte Rosi spitz.

Die vorwitzigen Sonnenstrahlen kamen jetzt auch zu ihr und huschten ueber
ihr Gesicht. Aergerlich stand sie auf, liess das Rouleau herab, und die
kecken Eindringlinge waren nun ausgesperrt. Nervoes rueckte sie an den
Tassen, suchte die Kruemchen von der Decke, waehrend der Pastor an das
Fenster trat, das eben herabgelassene Rouleau wieder aufzog und
hinausblickte. Tante Emilie schrak ordentlich zusammen, als der grelle
Lichtschein so ploetzlich wieder auf das dunkle Grau in ihren Haenden fiel.

Aber Rosi witterte eine Absicht ihres Mannes dahinter, als er die eben
verbannten Strahlen wieder hereinliess, und rief aergerlich:

"So lass doch das Rouleau zu; du sahst doch, dass ich es eben herunterliess,
weil mich die dumme Sonne blendete."

Die Stimmung der beiden Ehegatten war jetzt eine sehr gereizte, wie Tante
Emilie bemerkte, deren Blicke von einem zum andern wanderten, und
sicherlich wuerde es noch zu weiteren Auseinandersetzungen gekommen sein,
wenn in diesem Augenblicke nicht Ilse und Nellie angemeldet worden waeren.

Bei der Nennung dieser Namen erhob sich Tante Emilie wie auf Befehl,
packte ihr Strickzeug zusammen und verschwand ebenso lautlos, wie sie
gekommen war, denn die beiden Pensionsfreundinnen ihrer Nichte waren ihr
wenig sympathisch, sie nannte Nellie kokett, Ilse keck und frei.

Die Roete der Erbitterung lag noch auf Rosis Wangen, als die beiden
eintraten, aber sie bezwang sich und ging ihnen freundlich entgegen. Ihre
Begruessung war ja nie eine stuermische oder auch nur besonders herzliche,
wie sie sonst meist unter guten Freundinnen zu sein pflegt; die Pastorin
bewahrte stets eine gewisse Steifheit.

"Bitte, nehmt Platz," noetigte sie, indem sie auf die Plueschgarnitur wies,
die in dem gedaempften Lichte wieder stumpf und farblos war.

"Wir dachten gar nicht, euch zu Hause zu treffen bei dem herrlichen
Wetter," sagte Ilse; "es ist zu schoen, man moechte den ganzen Tag draussen
sein."

"Dazu habe ich nun leider keine Zeit." Rosi setzte solchen Ausspruechen von
Ilse immer einen Daempfer auf, auch liess sie gar zu gern einfliessen, wie
viel sie zu tun habe und wie sehr ihre Zeit in Anspruch genommen sei.

"Ja, meine Frau hat viel zu tun," sagte nun auch der Pastor; er meinte es
wirklich ernst, denn Rosi redete es ihm ja fortwaehrend ein.

"O, wir sind auch keine Faulpelze," erwiderte Nellie, "jede Hausfrau hat
zu tun."

"Ach, Kinder, ich mache es mir furchtbar bequem; immer an den Haushalt
denken, ist doch zu langweilig," rief Ilse uebermuetig. "Manchmal meine ich,
dass ich ueberhaupt zu etwas andrem geboren bin, weil mir die Geschichte so
wenig Spass macht. Was essen wir heute, was essen wir morgen? Das ist das
ewige Motto. Leo muss oft den Kuechenzettel machen, wenn ich keine Lust dazu
habe."

Rosis Gesichtsausdruck merkte man es wohl an, wie sie ueber diese
Aeusserungen dachte, sie antwortete aber nichts darauf, denn instinktiv
ahnte sie, dass derlei nur gesagt wurde, um sie zu reizen. Sie fuehlte sich
Nellie und Ilse innerlich vollkommen fremd, aber sie hielt es wiederum fuer
ihre "Pflicht", eine Jugendfreundschaft nicht einschlafen zu lassen, und
schwieg deshalb zu vielem, was ihr an den beiden nicht gefiel. Als aber
Ilse heute mit ihrer Aufforderung zur Teilnahme an der geplanten Partie
herausrueckte, da konnte sie nicht gut dazu schweigen. Was war das nun
wieder fuer eine ueberspannte Idee, im Mondschein auf den Schneekopf zu
steigen! Das fehlte noch, dass sie diesen Unsinn mitmachten! Innerlich war
sie deshalb auch empoert ueber ihren Mann, dass er ueberhaupt darauf einging,
und er schien wahrhaftig die groesste Lust zum Mitgehen zu haben.

"Lieber Adolf," unterbrach sie das Gespraech, "wir wollen es doch erst
ueberlegen; du kannst gewiss nicht fort."

Der Superintendent sah sie an, und aus ihren Blicken las er deutlich: Ich
will es nicht. Er schwieg daher mit einem leichten Seufzer.

"Aber dein Mann sagte doch eben, dass er sehr gut koennte," meinte Nellie,
und der alte Schelm, den Rosi innerlich Bosheit nannte, lachte mal wieder
aus ihren Gruebchen.

"Ich gehe keinesfalls mit," entschied die Pastorin. "Adolf kann ja
mitgehen, wenn es ihm Spass macht."

"Aber Rosi!" rief Adolf ganz erschrocken ueber eine solche Zumutung.

"Aber denke doch, Rosi, ein solcher Weg im Mondenschein, wie poetisch!"
rief Ilse begeistert.

Rosi sah sie an und schuettelte unmerklich mit dem Kopfe; sie begriff sie
eben nicht.

"Ach, ihr kommt doch noch mit," sagte laechelnd Nellie, als haette sie Rosis
Einwaende gar nicht gehoert.

"Nein!" gab diese schroff zur Antwort. Mit ihrer Geduld war es nun zu
Ende, und sie kochte innerlich.

Als die beiden Frauen fort waren, zog sich der Superintendent wohlweislich
in sein Zimmer zurueck, denn die Wolken auf der Stirne seiner Rosi kuendeten
nichts Gutes. Sie ging ihm aber nach und drueckte die Tuere hinter sich ins
Schloss.

"Ich begreife dich nicht, Adolf, dass du immer und immer wieder etwas tun
willst, was deiner Stellung nur schaden kann."

"Ja, aber wie so denn, Rosi?"

"Ach, tue nur nicht so, du weisst recht gut, was ich meine. Ilse und Nellie
denken eben leider sehr frei, was euch Maennern natuerlich das liebste ist
und am besten gefaellt."

"Darin, dass man eine Partie auf den Schneekopf macht, sehe ich nichts
Freies."

"Nein, darin nicht; aber machen sie diese Partie wohl, wie es Menschen
unsern Standes zukommt? Bei Nacht und Nebel wollen sie hinauf."

"Im Mondenschein," verbesserte er ruhig.

"Eine solche Albernheit fuer erwachsene, verheiratete Menschen!" fuhr Rosi
fort.

"Du hast bei allem etwas auszusetzen; es ist oft nicht zum aushalten. Dann
lass uns doch lieber den Verkehr mit deinen Freundinnen abbrechen."

"Das liebste waere es mir schon, ich tue es nur der Leute wegen nicht."

Adolf antwortete mit einem resignierten Achselzucken; er kannte diese
Litanei nun schon auswendig, und wenn Rosi in dieses Fahrwasser geriet,
gab es sobald kein Aufhoeren; er liess sie deshalb ruhig weiterreden.

"Du solltest mir lieber dankbar sein, dass ich stets daran denke, wie die
Leute wohl dein Tun und Treiben auffassen. Ich halte es sogar fuer meine
Pflicht, dich darauf aufmerksam zu machen."

Wenn Rosi ihr "Pflichtgefuehl" als letzten Trumpf ausspielte, wurde ihre
Miene noch um einige Grade strenger. Der Pastor kannte auch diesen
Schlusseffekt genau, und es war am besten zu schweigen, wenn sie bei diesem
Punkte angelangt war; er setzte sich daher an seinen Schreibtisch, holte
seine Buecher hervor, schlug sie auf und schien eifrig darin zu lesen. Dies
war fuer seine Frau das Zeichen, dass er sich auf keine weiteren
Eroerterungen mehr einlassen wuerde; sie konnte sagen, was sie wollte, er
blieb stumm.

"Dass du gleich so empfindlich bist," versuchte sie doch noch einmal
anzufangen.

Keine Antwort!

"Uebrigens, mache doch die Partie mit, wenn dir soviel daran liegt. Ich,"
das Wort betonte sie besonders, "gebe mich zu solchen Dingen nicht her."

Wiederum Schweigen!

Adolf schien vertieft in seine Buecher, aber Rosi war heute noch lange
nicht fertig; mit nervoesen Fingern zupfte sie an den Fransen der
Tischdecke.

Jetzt versuchte sie es mit einem andern Thema.

"Und dann wollte ich dich auch noch bitten, Adolf, dass du etwas strenger
gegen Fritz bist, wir erleben sonst mit ihm noch etwas. Der Umgang mit
Gontraus hat entschieden einen schlechten Einfluss auf den Jungen, und von
dem eigentuemlichen Professor Fuchs, der fast immer dort ist und mit den
Kindern lauter Unsinn treibt, was sich fuer einen Mann in solcher Stellung
doch wahrhaftig nicht schickt, lernen sie auch nichts Gutes."

Doch selbst hiermit konnte sie ihrem Manne keine Antwort entlocken, und
erregt wandte sie sich zum Gehen.

"Natuerlich, wenn ich ernste Dinge mit dir besprechen will, dann hast du
keine Lust dazu, nicht mal ueber die Kinder kann man sich aussprechen."

Der Pastor zuckte zusammen, als die Tuere jetzt unsanft ins Schloss fiel,
stand dann aber auf und steckte sich seine Pfeife an.

Rosi schuettete nun Tante Emilie ihr uebervolles Herz aus und fand dort fuer
alles einen lebhaften Wiederhall. Tante Emilie war mit ihr einer Meinung
ueber den Leichtsinn von Fritz, ueber die grosse Schwaeche seines Vaters, ueber
die Tadellosigkeit von Elisabeth und _last not least_, ueber das freie
Benehmen der beiden Freundinnen. Darueber hatte die Tante schon manches
gehoert, was sie heute wie mildernden Balsam in die erregte Seele von Rosi
traeufelte, denn es war doch wenigstens ein Trost, dass andre Menschen
ebenso dachten, wie sie.

                                  * * *

                              [Illustration]

Ilse betrachtete in den naechsten Tagen den Aprilhimmel mit besonderer
Spannung; das kleinste Woelkchen versetzte sie in lebhafte Unruhe, und wohl
hundertmal sah sie sich tagsueber das Barometer an, trotzdem ihr Onkel
Heinz gesagt hatte, dass das gar nicht noetig waere, denn wenn er sage, "es
bliebe gut," so "bliebe es auch gut". Er zeigte auf einmal ein lebhaftes
Interesse fuer die Partie und sprach alle Tage vor, um dies und jenes zu
bringen, zu pruefen oder zu besprechen. Ilses Stiefel wurden von ihm einer
gruendlichen Pruefung unterworfen, und dabei liess er eine laengere Philippika
gegen die Schuster im allgemeinen und denjenigen, welcher diese Schuhe
verbrochen hatte, insbesondere los. "Ueberhaupt welcher Unsinn, so spitze
Schuhe zu tragen, da muessen ja alle Fuesse Krueppel werden," behauptete er
und zeichnete einen normalen Fuss auf und einen, der in spitzen Schuhen
gesteckt hatte. Beinahe waeren sie wieder in Streit geraten, als Ilse
dagegen protestierte und behauptete, trotz der verpoenten spitzen Schuhe
noch einen normalen Fuss zu haben. Doch es ging diesmal noch gnaedig ab. Sie
merkte, dass er sich wirklich auf die Partie freute, wenn auch die
Vorbereitungen mit der gewohnten Umstaendlichkeit getroffen wurden.

Als Onkel Heinz zur verabredeten Stunde am Sonnabend Nachmittag auf dem
Bahnhofe erschien, konnten die andern kaum ein Lachen unterdruecken. Fuer
eine Expedition auf den Grossglockner konnte er nicht besser ausgeruestet
sein, die dichtbeschlagenen Naegelschuhe hallten bei jedem Schritt wieder,
den er auf dem asphaltierten Bahnsteig machte. Ilse betrachtete sich
seinen ungeheuren Rucksack und fragte, ob er denn auch die Steigeisen
nicht vergessen haette. Er wurde etwas verlegen, und sie lenkte auch sofort
schnell wieder ein, als sie bemerkte, dass er seinen Bart zu drehen begann,
das untrueglichste Zeichen seines Unmutes.

Nellie und Ilse sahen flott und touristenmaessig aus mit ihren kurz
geschuerzten Kleidern, den derben Schuhen und den Rucksaecken auf dem
Ruecken. Althoff und Gontrau hatten es sich schon bequem gemacht und ihre
Sachen ins Coupe gelegt, waehrend sie draussen noch auf und ab spazierten.

"Was machst du denn da?" fragte Ilse, als sie jetzt einstieg und sah, dass
Nellie ihres Mannes Rucksack geoeffnet hatte und demselben eiligst Sachen
entnahm, die sie in den ihrigen steckte.

"Fred hat zu schwer zu tragen," sagte sie etwas verlegen und band schnell
die beiden Saecke wieder zu. Derjenige ihres Mannes war nun sehr zusammen
geschrumpft, ihrer dagegen dick aufgeschwollen, Ilse wog sie beide in der
Hand.

"Um Gottes willen, Nellie, das willst du schleppen, waehrend dein Mann fast
gar nichts zu tragen hat?"

"Lass nur, _darling_, lass nur! Fred darf sich nicht anstrengen, er ist in
letzter Zeit so nervoes," erwiderte Nellie, und bei dem Gedanken an das
Leiden ihres Fred stiegen ihr sofort die Traenen in die Augen.

"Aber dein Mann ist doch ganz gesund," sagte Ilse; "ein bisschen nervoes, du
lieber Gott, das sind fast alle Menschen, das ist nun einmal die
Modekrankheit."

Nellie schuettelte wehmuetig den Kopf. Ilse verstand sie in diesem Punkte
nicht, sie nahm die Sache viel zu leicht, _sie_ wusste es aber besser.

"Du verwoehnst deinen Mann viel zu sehr," fuhr Ilse fort; sie wusste ja aus
dem Munde ihres gemeinschaftlichen Arztes, dass Althoff wohl etwas reizbare
Nerven habe, im uebrigen aber kerngesund sei. Sie verstand wirklich die
Freundin hierin nicht und versuchte, sie bald in ernstem, bald in
neckischem Tone von der uebertriebenen Aengstlichkeit abzubringen.

Die kleine Reise bis zu dem Gebirgsstaedtchen, einem Badeorte, von wo aus
der naechtliche Aufstieg unternommen werden sollte, wurde in bester
Stimmung zurueckgelegt. Ilse war ganz besonders in ihrer gehobensten Laune
und steckte mit ihrer Lustigkeit alle andern an, auch Onkel Heinz, der ihr
dann und wann unter der Brille hervor einen strahlenden und bewundernden
Blick zuwarf und vergnuegt mitlachte.

Um diese Zeit waren die Touristen in dem beliebten Badeorte noch selten,
nach der langweiligen Winterzeit die Neugierde wahrscheinlich auch groesser,
jedenfalls sahen grosse und kleine Menschen unsern Wandernden nach, und
besonders wurden die Damen mit ihren Rucksaecken auf dem Ruecken vielfach
belaechelt. Die Kinder liefen sogar hinterher und konnten sich nicht satt
daran sehen.

"Na, wollt ihr wohl, ihr infamen Kroeten!" wehrte Onkel Heinz sie mit
seinem Stocke ab, als sie die Urheber ihrer Heiterkeit auf alle moegliche
Weise schlecht zu behandeln versuchten. Aber ob sie nun sein boeses Gesicht
nicht ernst nahmen, oder in ihm den Kinderfreund witterten, jedenfalls
stuerzten sie wie auf Kommando auf ihn los; er setzte sich in Trab,
schreiend liefen die Kinder hinter ihm her, bis er ganz ausser Atem kam und
stehen blieb, um auf die uebrigen zu warten.

Die Strasse, die sie durchschritten, dehnte sich fast endlos aus.
Villenartige Haeuser zu beiden Seiten ruesteten sich schon fuer die
Sommergaeste; es roch nach frischem Farbenanstrich, Fenster und Tueren
wurden abgewaschen, auch schon neue Gardinen aufgesteckt, und in den
Gaerten ward gegraben und gepflanzt. Hinter einzelnen blanken Scheiben
prangten bereits grosse Plakate: "Logis zu vermieten". Nur noch wenige
Wochen, und alles war fuer die Fremden bereit, wie aus einer Spielschachtel
genommen. Dann wogte auch unter den alten Linden, die im Sommer der
Sammelplatz fuer die Fremden waren, eine bunte Menge, die Kurmusik
anhoerend, Kaffee trinkend, Kuchen essend, lachend und schwatzend, wie ein
Bienenschwarm durcheinander summend. Jetzt standen vor der Tuere des
eleganten Restaurants die kleinen Kellnerlehrlinge in blauen Schuerzen und
wuschen Tische und Baenke ab. Sie hielten in ihrer Beschaeftigung inne, als
die fuenf einsamen Gestalten vorueberkamen. Nun wanderten diese die Hoehe
hinauf durch den Buchenwald, dessen zarte Knospen einen lichtgruenen
Schleier ueber ihnen woben, und aus dessen Zweigen froehliche Vogelstimmen
toenten, wie eine Verkuendigung des nahenden Fruehlings.

"O, wie schoen! Sieh nur, Fred," sagte Nellie so recht aus vollster Seele
und hing sich an seinen Arm.

Bald kamen sie an eine Lichtung, wo zwischen den abgehauenen Staemmen ein
wahrer Blumenflor wucherte. Anemonen, Primeln und Veilchen, zwar nur
sogenannte Hundsveilchen ohne Duft, aber von entzueckender Farbe.

Die beiden Frauen stuerzten darauf los, und im Nu hatten sie einen grossen
Strauss gepflueckt. Sie schmueckten damit sich selbst, die Huete ihrer Maenner
und natuerlich auch den von Onkel Heinz.

"Was soll ich denn mit den Dingern anfangen? Die sind ja im Augenblick
verwelkt," sagte er trocken, als Ilse ihm ein Straeusschen von Primeln und
Veilchen an den Hut steckte, aber schmunzelnd liess er sich doch diesen
Ausputz seines alten, grauen Filzes gefallen.

"Sehen Sie doch nur diese entzueckende Farbenzusammenstellung von Blau und
Gelb!" rief Ilse.

"Kann ich nicht finden, viel zu grell," sagte er wieder ablehnend.

Ilse wandte sich ab.

"Na, denn nicht," meinte sie.

"Um Gottes willen, Gontrau, du laeufst ja wie ein Wilder," rief Onkel Heinz
nach einer Weile, "man kann ja gar nicht mitkommen."

"Nun, dann gehen wir eben langsamer, Heinz; aber ich gehe doch wahrhaftig
nicht schnell," sagte Gontrau liebenswuerdig und aenderte sofort das Tempo
seiner Schritte.

"Langsam gehen ist die erste Regel. Hast du schon mal eine ordentliche
Bergtour gemacht, Gontrau?" fragte Onkel Heinz mit einem spoettischen
Laecheln.

"Nun, ich denke doch! In der Schweiz war ich auf dem Monte-Rosa, in Tirol
habe ich den Ortler bestiegen."

"Ach, du lieber Gott, diese Huegel, ist ja eine Kleinigkeit!" rief Onkel
Heinz dazwischen und fing nun an, von den Besteigungen auf seinen Reisen
in andern Weltteilen zu erzaehlen, allerdings an Gefahren und Abenteuern
reich. Ilse wollte nun auch ihrerseits einige boshafte Bemerkungen
einschalten, wie er es eben getan hatte, aber sie wurde durch seine
interessante Erzaehlung so gefesselt, dass sie schwieg und aufmerksam
zuhoerte. Onkel Heinz war ein guter Erzaehler, und wenn er so recht im Zuge
war, dann zeigte sich auch mehr als sonst sein Innenleben, und es war
durchaus keine verknoecherte Junggesellenseele, die zum Vorschein kam.
Feine Beobachtungen und Stimmungen liess er durchschimmern, die man ihm
nicht zugetraut haette.

Eine gute Strecke waren sie inzwischen weiter gekommen. Die scheidende
Sonne vergoldete noch die hohen Tannenwipfel und durchleuchtete den
Himmel, vom feurigen Rot und Orange bis zum hellgoldigen Gelb, an das sich
in wirksamem Kontrast das duftige Blau und Violett des westlichen
Firmaments anschloss. Wie ein leichtes Froesteln ging es durch die Natur,
als der farbenpraechtige Himmel allmaehlich verblasste, die goldig warmen und
die blaeulich kuehlen Toene in einem nebelhaften Grau verschwanden, und die
durchsichtige Scheibe des Mondes als Alleinherrscherin am Himmel stand.

Schnell huschte die Daemmerung wie ein leichter Schatten herbei, die
Gegenstaende verschleiernd. Die scharfen Umrisse gingen ineinander ueber,
verschwommen wurden die fernen Linien, alles loeste sich in eine traumhafte
Weichheit auf, und schlaftrunken zirpten die kleinen Saenger des Waldes auf
den Zweigen.

Stumm schritten die Freunde weiter, nur manchmal sprachen die beiden Paare
im traulichen Fluestertone zu einander. Einsam schritt ihnen Onkel Heinz
voran.

Jetzt kamen sie in einen Tannenwald, hier war es schon dunkler als
draussen, nur durch die Zweige schimmerte noch das helle Grau des Himmels.
Ilse wurde es etwas baenglich zu Sinne hier zwischen den hohen Baeumen, sie
glaubte es ueberall knistern zu hoeren; bald sah sie sich aengstlich um, bald
spaehte sie nach beiden Seiten in den daemmernden Wald. Mit jedem Schritte
wurde ihre Phantasie erregter, die dunklen Staemme und herabhaengenden
Zweige nahmen alle moeglichen Gestalten an, die schattenhaft an ihr
vorueberzogen. Das Knacken und Knistern in den duerren Aesten auf dem Boden
wurde immer deutlicher, jetzt sah sie auch genau, wie sich etwas bewegte.
Unwillkuerlich klammerte sie sich noch fester an Leos Arm und starrte mit
angstvollen Augen dorthin, woher das Geraeusch kam. Wie es in Augenblicken
grosser Furcht gewoehnlich ist, wagte sie nicht zu sprechen, kaum zu atmen.
Wenn sie ueberfallen wuerden! Ihre lebhafte Einbildungskraft malte ihr die
schaurigsten Dinge aus, und gerade wollte sie Leo zufluestern, wie sehr sie
sich fuerchte, als ploetzlich zwischen den hohen Staemmen etwas hervorkam -
ein grosser Hirsch, der quer ueber den Weg setzte und nach einer Lichtung
zulief, wo er aesend stehen blieb. Nun war der Geisterspuk erklaert, Ilse
atmete auf, aber ein Gefuehl der Angst und Unsicherheit blieb doch in ihr
zurueck, und da die lustige Ilse, die sonst den Ton angab, schwieg, waren
auch die andern meistens still.

Der Abend war nun ganz hereingebrochen, die Luft kuehl geworden, und dem
fruehlingsjungen Waldboden entstroemte ein feuchter Erdgeruch. An der Seite
rauschte jetzt behende ein Wasser neben ihnen her, einschlaefernd durch
seine eintoenige Melodie, die sich anhoerte, als saenge es der zur Ruhe
gehenden Natur ein Schlummerlied.

"Es wird feucht," sagte Althoff und zog seinen Rockkragen in die Hoehe.

"O, du frierst doch nicht?" fragte Nellie aengstlich und nahm ihr Tuch von
den Schultern, um es ihm umzulegen. Er wehrte ab, nicht gerade in der
liebenswuerdigsten Weise.

"Es geht dir doch gut, Fred?" fragte sie wieder nach einer Weile, und
diesmal antwortete er liebevoller.

"Ja, ja, Kind, nur etwas einseitige Kopfschmerzen, wie gewoehnlich."

"Soll ich dir ein Antipyrinpulver geben? Ich habe welches mitgenommen!"
fragte Nellie eifrig.

"Um Gottes willen, nehmen Sie doch nicht solches Zeugs," rief da Onkel
Heinz' Stimme. "Sie vergiften sich ja nur damit."

"O, es hilft Fred aber so gut," meinte Nellie.

"Ja, dann nehmen Sie Ihr Gift nur," erwiderte Onkel Heinz mit
Achselzucken, "aber hier, trinken Sie wenigstens einen Kognak als
Gegengift."

Er reichte ihm seine Flasche hin. Gegen jede Medizin hatte er etwas
einzuwenden, und wenn die Gontrauschen Kinder mal krank waren, lag er mit
Ilse stets im Kampfe, denn sie tat, was der Arzt anordnete, statt seinen
Ratschlaegen zu folgen, und wenn er auf die "dummen Kerle", die Aerzte,
schalt, machte sie ihn mit seinen Mitteln und Mittelchen laecherlich.

Leo, der mit Ilse ein Stueck vorausgegangen war, drehte sich jetzt um und
rief den andern zu: "Menschliche Wohnung in Sicht!" indem er dabei auf
einige helle Punkte zeigte, die in der Entfernung durch die Baeume
blinkten. Nicht lange mehr und sie konnten die Umrisse eines Gebaeudes
erkennen, das wohl das Foersterhaus war, an welchem sie vorbeikommen
mussten. Einsam lag es am Waldessaume, hohe, dunkle Tannen ragten
majestaetisch darueber hinweg und hoben sich vom helleren Himmel wie scharfe
Silhouetten ab. Die Tuere des Wildgatters das den Wald abschloss, fiel mit
dumpfem Tone zurueck, und nun standen die naechtlichen Wanderer in einem
Garten, der zum Foersterhaus gehoerte. Ilses feine Nase witterte etwas wie
Veilchenduft, als sie an den frischen Beeten vorbeigingen. Im Erdgeschoss
waren die Fenster erleuchtet, man konnte ohne Muehe hineinsehen. Die
Foersterfamilie sass um einen runden Tisch versammelt, ueber dem eine
Haengelampe brannte, und schien eben zu Abend gegessen zu haben, denn das
Tischtuch lag noch auf, und von seiner blendenden Weisse fiel ein heller
Schein auf die rosigen Gesichter in der Runde. Echt deutsche Gemuetlichkeit
durchwehte das einfache Zimmer mit den vielen Geweihen und den Buntdrucken
von dem Kaiser und der Kaiserin an den Waenden, sie lachte aus den
freundlichen Mienen der rotwangigen Hausfrau den blonden Kindern entgegen
und umgab auch die kraeftige Gestalt des Hausherrn, der sich gerade seine
Pfeife stopfte und die Zeitung vor sich liegen hatte. Den Draussenstehenden
tat es leid, dieses harmonische Bild zu stoeren, sie ruehrten sich kaum und
betrachteten es mit Wohlgefallen. In diesem Augenblicke aber wurden die
Hunde im Zimmer unruhig, der Foerster erhob sich, kam zur Tuere heraus und
nahm die spaeten Gaeste freundlich auf. Er war nicht wenig erstaunt, als er
hoerte, dass die Gesellschaft noch in der Nacht auf den Schneekopf gehen
wollte; so etwas kam wohl im Sommer vor, aber zu dieser Zeit selten.
Schmunzelnd sah er sich die Frauen an, die frisch und unternehmungslustig
vor ihm standen.

"Das nenne ich aber Mut," sagte er zu ihnen. "Ein bisschen Schnee wird's da
oben wohl noch geben."

"Wir fuerchten uns nicht davor, Herr Foerster," erwiderte Ilse lustig und
warf ihren Rucksack auf den Stuhl.

"Kann man hier einen guten Kognak haben?" fragte Onkel Heinz und liess sich
in den alten Lehnstuhl am Ofen nieder, dass die lahm gewordenen Federn
aechzten.

"Alles, was Sie wollen! - Frau, die Herrschaften wuenschen etwas zu
geniessen," rief er hinaus.

Die Foersterin kam herein, ihre Blondkoepfe hinter ihr her, aber diese
blieben neugierig an der Tuere stehen. Nellie holte sich die Kleinen, auch
Onkel Heinz erhob sich von seinem bequemen Sitze und stellte allerhand
lustige Fragen an die Kinder. Ilse aber beschaeftigte sich mit den kleinen,
krummbeinigen Dackeln und dem braunen Huehnerhund mit den herabhaengenden
Ohren und den treuen, klugen Augen. Er hatte sich ganz nahe an sie
gedraengt und liess sich von ihr am Halse krauen, und wenn sie einen
Augenblick innehielt, stiess er sie mit der Schnauze an.

Die Rast war keine lange, denn Althoff und Leo draengten zum Aufbruche. Sie
hatten mit dem Foerster, der ihnen eine kleine Strecke das Geleite geben
wollte, eingehend den Weg besprochen.

Auffallend kuehl war es geworden, als sie aus dem Hause traten, und in den
dunklen Tannenwipfeln ueber ihnen rauschte es leise. Am Himmel stand ruhig,
silberglaenzend der Mond, tausend und abertausend Sterne funkelten. Jetzt
verliessen sie die Landstrasse, die sich als heller Streifen durch die Wiese
vor ihnen herschlaengelte, und bogen in den steilen Waldweg ein, der
steinig und muehsam zu erklettern war. Hier schied der Foerster von ihnen.

Nun ging's flott weiter, voran die beiden Damen, deren Haende sich oftmals
krampfhaft zusammenfanden, wenn ein Geraeusch zu hoeren war oder sie irgend
etwas Schreckhaftes zu sehen glaubten. Die Nacht bevoelkert den Wald fuer
furchtsame Geister ja mit allen moeglichen Spukgestalten, sie hoeren, wo
nichts zu hoeren ist, und sehen, wo nichts zu sehen ist. Ilse besonders war
es nicht behaglich zu Mute, aber um keinen Preis wollte sie sich verraten,
wie wuerde Onkel Heinz sie sonst wohl verspotten! Auf einmal zuckte sie
doch zusammen und konnte einen lauten Ausruf des Schreckens nicht
unterdruecken.

"Da, da!" rief sie und zeigte entsetzt nach oben.

"Seht ihr nicht die weisse Gestalt?"

Eine weisse Gestalt war allerdings zu sehen, ja sie schien naeher zu kommen
und zu wachsen; selbst weniger Schreckhaften als Ilse waere es bei diesem
Anblick unheimlich geworden. In ihrer Herzensangst ueberhoerte sie ganz die
spoettische Bemerkung von Onkel Heinz, der herzhaft weiter- und auf das
Gespenst losschritt. Ploetzlich toente ein schallendes Gelaechter durch die
Stille. Onkel Heinz war es, der sich neben die weisse Geistergestalt
gestellt hatte und sich vor Lachen ausschuetten wollte.

"Ihr Gespenst ist von Stein, Frau Gontrau, kommen Sie nur getrost und
sehen Sie es sich an!" rief er laut.

Ilse aergerte sich im stillen und schaemte sich zu gleicher Zeit, dass sie
ihre Furcht gezeigt hatte. Die vermeintliche weisse Gestalt war ein heller
Stein, ein grosser Wegweiser, der in dem matten Mondeslicht blendend
schimmerte.

"Von weitem konnte man den Stein ganz gut fuer eine Gestalt halten," meinte
Leo, welcher bemerkt hatte, dass Ilse dem Weinen nahe war und sie
entschuldigen wollte.

"Na, Gontrau," rief Onkel Heinz, "nun faengst du wohl auch noch an, an
Gespenster zu glauben?"

Und wieder erschallte sein Lachen durch die stille Nacht.

Ilse erschien es in ihrer aufgeregten Gemuetsverfassung fast teuflisch! Ja,
Bloessen durfte man sich vor Onkel Heinz nicht geben, dann war man verloren.
Aber Rache ist suess! Der Augenblick wuerde schon kommen, wo Ilse sie ausueben
konnte, jetzt war ihre Erregung zu gross, um etwas sagen zu koennen; sie
wich nicht von Leos Arm und sah sich oftmals scheu nach allen Seiten um.

                              [Illustration]

Bei dem Geistersteine verliessen sie den Wald, ueberschritten den Fahrweg
und waren nun auf der Hoehe; nur wenig stieg es noch hinan. Ilse atmete
tief, der frische Hoehenwind kam ihnen entgegen, und nach allen Seiten war
der Blick frei, keine beengenden Baeume mehr, zwischen deren Staemmen man
allerlei vermuten konnte. Die Mondscheibe erschien hier oben riesengross,
ihr Glanz umgab die Gestalten mit silbernen Raendern und lag breit auf dem
steinigen Wege und auf den niedrigen Foehren, zu deren Fuessen unter
Steingeroell ein flinkes Waesserchen gurgelte, hastend und stuerzend, als
haette es Eile, ins Tal hinunter zu kommen. Einen Augenblick blieben die
Wanderer stehen, um auszuruhen. Sie waren warm geworden, denn
unwillkuerlich geht man in der Nacht schneller, als am Tage, das Auge wird
nicht fortwaehrend abgelenkt, vielleicht treibt auch die geheimnisvolle
Heimlichkeit der Nacht schneller zum Ziele.

Die frische Luft kuehlte erquickend die erhitzten Wangen. Tief unten im
Tale blitzten hier und da Lichter auf, sonst war nichts zu sehen; einsame
Stille herrschte ringsumher.

"O, wenn uns Rosi jetzt sehen koennte!" sagte Nellie.

"Sie wuerde uns fuer verrueckt halten," meinte Fred.

"Was die Leute nicht verstehen, das halten sie allemal fuer verrueckt,"
erwiderte Onkel Heinz. "Wenn es nicht das Herkoemmliche ist, blauer Himmel,
goldner Sonnenschein, gruener Wald u. s. w., dann ist die Natur nicht
schoen, das kennt man ja. Die Menschen urteilen eben nur nach dem
Aeusserlichen; sich in etwas zu vertiefen, ist zu langweilig, darum lassen
sie es lieber. Das ist nun einmal nicht anders."

Onkel Heinz hatte darin wohl truebe Erfahrungen gemacht! Auch ihn durfte
man nicht nach dem Aeusseren beurteilen; um ihn kennen und schaetzen zu
lernen, musste man ihn genau studieren, und selbst dann gab es noch oft
Stellen, wo man ihn nicht verstand, davon konnte Ilse ein Liedchen singen.
Doch heute fuehlte sie sich sehr geschmeichelt, dass der sonst stets
absprechende Professor Gefallen an der naechtlichen Partie fand, wie es
sein Ausspruch soeben bewies. Nach ihrer Meinung musste aber auch das
haerteste Gemuet bei dieser Umgebung in poetische Stimmung geraten, von der
sie ganz erfuellt war. Schaudernd und beseligt ergriff sie oft Leos Arm und
drueckte ihn leise, wie sie es gerne tat, wenn ihr etwas gefiel.

Gegen zwoelf Uhr sahen sie oben auf dem Bergruecken den Giebel eines Hauses
auftauchen, einige Schritte weiter und es erschienen die Fenster, auf
welchen das Mondlicht blaeulich schimmernd lag. Allmaehlich wuchs das Haus
immer hoeher aus dem Boden empor, bis sie dicht davor standen. Ein grosser
Kasten aus grauen Steinen, kahl und ernst! Der Wind ruettelte an den
Holzlaeden vor den Fenstern und fuhr pfeifend um die Hausecken, in die
krummgebeugten Foehren, durch die hohen Graeser. Drinnen lag schon alles im
tiefsten Schlummer. Die Tuere war verschlossen, und erst, als man eine
Weile maechtig dagegen gehaemmert harte, wurde ein schluerfender Schritt im
Hausflur hoerbar, und die Tuere tat sich auf. Die fruehen und doch so spaeten
Gaeste mussten erst ziemlich lange warten und sogar selbst Hand mit anlegen,
bevor es gemuetlich wurde, aber dann liessen sie es sich auch wohl sein im
hellen Zimmer beim knisternden Holzfeuer im Ofen, beim Essen und Trinken,
dem eine wohlige Muedigkeit folgte. Doch diese waehrte nicht lange, denn
Frau Ilse war in Stimmung, und das gab den Ausschlag bei den uebrigen. Sie
sprach viel Vernuenftiges und Unvernuenftiges durcheinander, war sprudelnd,
lebhaft, witzig und verstand es, die andern mit sich fortzureissen.

Nellies Blicke hingen wie verklaert an ihrem Manne, dem die Partie so gut
zu bekommen schien. Die Kopfschmerzen waren ganz fort, wie sie meinte,
durch das Pulver, waehrend Onkel Heinz behauptete, durch seinen guten
Kognak.

Auch der Professor war heute in seiner besten Laune, er stimmte in die
Scherze der uebrigen mit ein, war selbst der Heiterste und setzte allem die
Krone auf, als er schliesslich in poetischer Form eine Rede auf Ilse, die
Urheberin dieser schoenen Partie, hielt, welche mit grossem Beifall
aufgenommen wurde.

"Ich haette gar nicht geglaubt, dass Sie so poetisch sein koennen, Onkel
Heinz," sagte Ilse, als sie sich fuer diese Aufmerksamkeit bedankte, und um
ihre Mundwinkel zuckte es spoettisch.

"Wieso?" fragte der Professor erstaunt.

"Nun, einem so eingefleischten, nuechternen Junggesellen, wie Sie es doch
sind, traut man alles eher zu, als gerade Poesie. Ich dachte, Sie koennten
nur ueber alles spotten und hoehnen."

Onkel Heinz sah sie ganz bestuerzt an, er ahnte ja nicht, dass dieser Hieb
die Rache dafuer war, dass er seine Freundin, Frau Ilse, vorhin so herzhaft
ausgelacht hatte. Wie ein kalter Wasserstrahl wirkten deshalb ihre Worte,
und es war gut, dass man sich bald trennte, denn um seine lustige Stimmung
war es nun geschehen.

Erst spaet erloschen die einsamen Lichter in dem einsamen Hause auf dem
Schneekopf. Aber der sanfte Schein des Mondes spielte noch auf den
Fensterscheiben, bis er im fahlen Daemmer des aufzeigenden Tages verblasste
und die glaenzende Morgensonne seinen Platz einnahm.

Nur einmal noch in der Nacht ging jemand durch die Haustuere, den Kopf
dicht in den Rockkragen vergraben - es war Onkel Heinz. Unruhig schritt er
auf und ab, blieb einige Male stehen, und setzte sich dann auf einen der
hohen Steine, eifrig seine Bartspitze wirbelnd. Die harten Worte von Ilse
heute abend hallten noch in ihm nach, sie hatten ihn tief geschmerzt, und
er konnte deshalb keine Ruhe finden. Ueber seinem Haupte jagten die Wolken,
vom Sturme getrieben, am Mond vorueber, aber Onkel Heinz hatte jetzt keinen
Blick fuer solche Naturschauspiele, und er bemerkte deshalb auch nicht, dass
am oestlichen Himmel ein roter Schein zu sehen war, der in fortwaehrender
Bewegung bald feurig, bald blasser leuchtete und allmaehlich wieder
verschwand.

Lange noch blieb der Professor draussen.

Des Morgens erschien er erst, als die andern schon beim Kaffee sassen. Es
sollte frueh aufgebrochen werden. Onkel Heinz war nicht in der besten
Laune, er sagte, dass er schlecht geschlafen habe, und schimpfte auf alles.
Die Betten waeren zu kurz, das Zimmer bei geschlossenen Laeden dumpfig
gewesen, und als er sie geoeffnet habe, haetten sie geklappert, und das
helle Mondlicht haette ihn gestoert.

"O, Herr Professor, seien Sie nicht boese," sagte Nellie; "sehen Sie doch,
wie schoen es draussen ist." Und sie zeigte hinaus in den goldenen
Fruehlingsmorgen.

"Ja, das kann mir auch nichts helfen, deshalb habe ich doch schlecht
geschlafen," erwiderte er missmutig.

"Alter Freund, du bist wohl mit dem linken Fusse zuerst aufgestanden?"
fragte Leo, indem er ihm auf die Schulter klopfte.

"Dummheit, solches altes Weibergeschwaetz auch nur zu wiederholen."

Es war nichts mit ihm anzustellen heute morgen, trotzdem er von allen
Seiten um der schlaflosen Nacht und der andern Stoerungen willen lebhaft
bedauert wurde.

Brummend stieg er mit auf den Aussichtsturm, und obgleich er sagte, dass es
ueberhaupt ganz gleichgueltig sei, wie dieser oder jener Berg heisse, oder
dieses oder jenes Dorf, es kaeme nur auf den malerischen Eindruck an, so
stritt er doch bei allem, was gesagt wurde, besonders wenn Gontrau etwas
behauptete.

Ilse, welche ahnte, dass sie wohl die Schuld an seiner ueblen Laune habe,
hatte ihm innerlich schon die schoensten Beinamen gegeben, wie "alter
Junggeselle", "Brummbaer" und dergleichen mehr, aber sie schlug doch einen
neckischen Ton ihm gegenueber an, in der Hoffnung, ihn dadurch umzustimmen.

Lustig verliess die kleine Gesellschaft etwas spaeter den Schneekopf. Der
Himmel hatte sich inzwischen bewoelkt, der auf der Hoehe nie rastende Wind
trieb mit den Wolken sein Spiel, blies den blauen Rauch aus dem
Schornstein auseinander, ruettelte an dem Eisengestell des Turmes und jagte
hinter den Gestalten der Wanderer her, dass ihre Kleider und Maentel
flatterten. Zu dem Aufstieg in der zauberhaft stillen Mondscheinnacht war
dieser wilde Morgen ein greller Gegensatz. Die schneidende Luft trieb
Traenen in die Augen und blies die Backen feuerrot an.

"Schneeluft," sagte Althoff.

Er hatte recht, nicht lange mehr und die Wolken hatten den ganzen Horizont
bedeckt. Zuerst fielen nur einzelne weisse Flocken hernieder, dann aber
wurde es ein lustiges Gestoeber, wie mitten im Winter. Locker und leicht
legte sich der Schnee wie eine weiche Flaumdecke auf die Fruehlingsflur,
aber die Zweige und Halme beugten sich nicht unter seiner Last; es war ja
jetzt kein Ernst mehr mit dem Winter, der naechste warme Sonnenstrahl nahm
ihn wieder mit fort.

An verschiedenen Stellen lag auch noch der Winterschnee fusshoch, und
darueber mussten sie hinwegschreiten. Fast bei jedem Schritte sanken die
Fuesse bis ueber die Knoechel ein, was ein Hauptspass fuer Ilse war. Sie fand
diesen "Winter im Fruehling" herrlich und konnte ihr Entzuecken nicht laut
genug aeussern, schon deshalb, weil sie bemerkte, wie Onkel Heinz sich
hoechst aergerlich bis ueber die Ohren in seinem Rockkragen versteckt hatte,
so dass nur die Bartspitze herausguckte, und leise vor sich hinbrummte,
wenn er eine Schneeflaeche durchwaten musste. Auch Althoff war diese Art von
Hindernis nicht angenehm, Nellie verfolgte seine Mienen mit besorgten
Blicken, in denen zu lesen war: wenn es ihm nur gut bekommt.

"Liebster, ich muss dir einen Kuss geben, so himmlisch finde ich es hier,"
rief Ilse begeistert, Leo herzhaft kuessend, und stampfte mutig weiter,
umtanzt von den Flocken, die sich in ihre krausen Haare setzten und wie
Diamanten darin funkelten.

"Onkel Heinz, finden Sie es denn auch so schoen?" rief sie herausfordernd
und warf ihm eine Handvoll Schnee ins Gesicht.

"Kann ich nicht finden," versetzte er unwirsch, nahm seine Brille ab und
wischte die Glaeser, die nass angelaufen waren, wieder trocken.

"Ein Unsinn, Gontrau, dass wir diesen Weg machen, er ist viel weiter und
schauderhaft schlecht; durch den Hirschgarten waeren wir weit naeher
gegangen," sagte er dann zu Leo.

Althoff und Leo stritten dagegen, aber Onkel Heinz blieb bei seiner
Behauptung. Schliesslich wurde die Generalstabskarte herausgeholt, und die
drei Maennerkoepfe beugten sich darueber, bis Onkel Heinz zugeben musste, dass
er unrecht hatte.

"Die Juristen muessen ja immer alles besser wissen," sagte er.

"Und die Zoologen sind immer streitsuechtig," entgegnete Ilse schlagfertig,
Leo aber erwiderte lachend: "Aber Heinz, du hast dich doch nun auf der
Karte ueberzeugen muessen, dass dieser Weg der kuerzere ist."

"Sind meistens falsch, die Karten, und mir deshalb gar nicht massgebend,"
entgegnete der Professor in unerschuetterlicher Streitsucht.

Nun wurde es aber Ilse zu viel, das Mass war voll und lief ueber. Alle
Beinamen, die sie ihm am Morgen innerlich gegeben hatte, wiederholte sie
jetzt laut. Er musste anhoeren, dass er ein alter Brummbaer sei, der jede
Gemuetlichkeit stoere, und dass er doch froh sein sollte, wenn zwei so nette
Ehepaare, wie sie und Althoffs waeren, ihn alten wunderlichen Junggesellen
in ihrer Mitte duldeten, und sie begriffe Leo in der Tat nicht, warum er
sich die ewige Schulmeisterei von ihm gefallen liesse, sie haette sich dies
schon lange nicht mehr von ihm bieten lassen. "Gott sei Dank, dass Sie
keine Frau haben, Onkel Heinz, die Aermste wuerde ich bedauern," schloss sie
ihre Strafpredigt, die den andern hoechst komisch erschien, denn sie
lachten laut darueber, von dem Professor aber sehr ernst aufgenommen wurde.
Er sah sie ganz verdutzt an, als sie so lossprudelte, sagte aber nichts
dazu, sondern zog sich seinen Rockkragen noch fester ueber die Ohren, die
Muetze tiefer in die Stirn, und schritt weiter.

"Seien Sie froh, Professor, dass Sie nicht verheiratet sind, denn so machen
es die Frauen, sie halten immer Gardinenpredigten," versuchte Althoff zu
scherzen, aber Onkel Heinz blieb unempfindlich gegen alles, stumm und in
sich versunken ging er weiter.

Gegen Mittag hoerte das Schneien auf, die Wolken zerrissen, der blaue
Himmel kam wieder zum Vorschein, und als sie unten im Tale ankamen, schien
die Sonne hell auf die bluehende Fruehlingslandschaft. In dem zarten Laube
hingen noch unzaehlige funkelnde Regentropfen, der samtweiche Moosboden
erglaenzte unter dem schimmernden Nass, und auf den Wiesen, die sich als
eine weite, gruene Flaeche bis zum naechsten Dorfe hinzogen, glitzerten
zwischen Halmen und Graesern feuchte Perlen; die Natur schien unter Traenen
zu laecheln.

Als unsre Freunde den schmalen Wiesenpfad verliessen, der in die Dorfstrasse
einmuendete, sahen sie schon von weitem eine dunkle Masse sich unruhig hin
und her bewegen, ueber die hinweg ein blaeulicher Rauch in die Hoehe zog.
Unter den Traenen, die hier noch in den Augen erglaenzten, gab es kein
Laecheln, mit rauher Hand hatte das Schicksal eingegriffen und den
Bewohnern Schrecken und Kummer gebracht. Der roetliche Schein am Himmel in
letzter Nacht, der bis zum Schneekopf geleuchtet, und den Onkel Heinz
nicht bemerkt hatte, war der Widerschein des grossen Feuers gewesen, dem
zwanzig Haeuser zu Opfer fielen. Ein wuester Truemmerhaufen, aus dem es noch
hier und da schwaelte und der seinen Brandgeruch weit entgegenbrachte, war
fast alles, was den Aermsten von ihrer Habe geblieben war. Auf dem
regendurchweichten Wege stand das Wenige, das hatte gerettet werden
koennen, ein paar Stuehle, Tische und Schraenke, ein Buendel Betten und
Kleider, armselige Sachen, schlecht und halb zerfallen, und doch, von wie
grossem Werte fuer ihre Besitzer, die sie immer von neuem betrachteten und
prueften, ob ihnen auch nichts geschehen sei. Gluecklicherweise war kein
Menschenleben zu beklagen, aber das meiste Vieh, Kuehe, Ziegen, Schweine,
war ein Raub der Flammen geworden. Der Pastor und der Ortsvorsteher
versuchten den Jammernden Mut einzusprechen, laut weinend standen die
Weiber umher, aengstlich an sie gedrueckt die Kinder, bleich und verstoert
sahen die Maenner aus.

Das war ein trauriger Abschluss der schoenen Partie und ein beschaemendes
Gefuehl schlich sich in die Seelen der Freunde bei dem Gedanken, dass sie
die Nacht in Lust und Froehlichkeit zugebracht hatten, waehrend nur wenige
Stunden von ihnen entfernt das Unglueck in so verheerender Weise hauste.
Das truebe Bild verwischte denn auch sofort alle Eindruecke der letzten
Stunden, man dachte an nichts, als an das Feuer, von nichts andrem war
mehr die Rede. In dem kleinen Wirtshause, wo ihnen in aller Eile ein
Mittagessen hergerichtet wurde, sah alles verschlafen und uebernaechtig aus,
im Bette hatte ja in dieser schrecklichen Nacht niemand gelegen, wo jeder
in hellster Aufregung gewesen war.

Eintoenig verlief das Mahl. - Der Wirt, der sich zu ihnen gesetzt hatte,
erzaehlte den genauen Hergang des Brandes. Wie das Feuer entstanden, wusste
kein Mensch, doch hatte sich jeder seine eigene Geschichte darueber zurecht
gemacht. Der eine wollte wissen, dass ein altes Weib mit dem brennenden
Licht auf den Boden gegangen sei, ein andrer, dass es durch Kinder
entstanden waere, und wieder welche zwinkerten geheimnisvoll mit den Augen
und munkelten, dass es "angesteckt" sein muesse. So meinte auch der Wirt,
der sogar einen Racheakt dahinter vermutete. Ein Knecht, der von seinem
Bauern vor einigen Tagen fortgejagt worden war, Drohungen ausgestossen und
sich noch einige Tage im Dorfe umhergetrieben hatte, dann aber ploetzlich
verschwunden war, sollte am vorigen Abend gesehen worden sein; auf ihn
lenkte sich der Verdacht. Nun, in der Untersuchung wuerde es ja
herauskommen, wer der Anstifter gewesen sei, so schloss der Wirt seine
Rede.

Nach dem Essen wurde der Brandplatz noch einmal aufgesucht. Althoff und
Gontrau besichtigten die Brandstaette mit dem Pastor zusammen, Nellie und
Ilse gaben den Frauen einiges Geld und sprachen troestende Worte zu ihnen,
die Ilse trivial und nichtig fand; in diesem Augenblicke, wo den Leuten
alles genommen war, da konnte ihnen nur durch die Tat geholfen werden,
denn auch die besten Trostesworte wuerden ihnen das Verlorene nicht wieder
bringen. Hilfe muss auf jeden Fall geschaffen werden! Ja, aber wie? Das war
die Frage, die sich jeder einzelne stellte, als Ilse auf dem Heimwege die
Rede darauf brachte. Mit Wenigem war hier nichts auszurichten. Allerhand
Vorschlaege wurden gemacht und wieder verworfen. Nellie riet zu einem
Bazar, aber vor nicht langer Zeit hatte erst einer zum Besten der
Waisenkinder stattgefunden, da wuerde jetzt wohl ein zweiter nicht viel
Anklang finden. Althoff wollte ein Schuelerkonzert veranstalten, das war
schon eher etwas, Ilse meinte, man sollte einfach sammeln, Onkel Heinz
aber sagte gar nichts; er schwieg zu allem und sah auf der Eisenbahnfahrt
hartnaeckig aus dem Fenster hinaus. Doch man war viel zu sehr mit dem
neuesten Ereignisse beschaeftigt und schenkte seiner Schweigsamkeit deshalb
keine Beachtung. Die Vorschlaege wurden nochmals ueberlegt und geprueft, bei
dem einen war dies, beim andern jenes auszusetzen, so recht schien noch
keiner zu gefallen, als Leo ploetzlich auf den Einfall kam: eine
Dilettantenvorstellung im Theater! Das Wort wirkte zuendend, besonders auf
Ilse, welche die Idee mit Begeisterung ergriff.

"Ein famoser Gedanke!" rief sie ein ueber das andre Mal, und auch die
uebrigen stimmten ihr bei, ausgenommen Onkel Heinz, dessen spoettisches
Zucken um die Mundwinkel Ilse gluecklicherweise nicht bemerkte. Sie war
Feuer und Flamme! Eine Dilettantenvorstellung war etwas ganz Neues, das
musste ziehen. Sicher wuerde man ihnen zu diesem guten Zwecke das Theater
gern ueberlassen, meinte Leo, und Ilse draengte, dass er schon gleich morgen
Schritte dazu tun sollte. Sie konnte es kaum mehr erwarten, bis die
Geschichte in Gang kam. Nun aber war die wichtige Frage, die natuerlich
auch sofort eroertert wurde, "welches Stueck?" Das war gar nicht so einfach,
denn was fuer Schauspieler gut und passend war, brauchte fuer Dilettanten
noch lange nicht geeignet zu sein. Da gab es mancherlei zu bedenken und zu
ueberlegen. Wenn der eine dies oder jenes Stueck vorschlug, hatte wieder der
andre alles moegliche daran auszusetzen, und so ging es fort, ohne dass sie
zum Schluss kamen.

"Herr Professor, wissen Sie denn kein Stueck, das Dilettanten spielen
koennten?" fragte Althoff endlich den schweigsamen Onkel Heinz, der die
Telegraphenstangen zu zaehlen schien, so beharrlich sah er nach ihnen
hinaus.

Da kam der Direktor aber an den Rechten; fuer Komoedienspiel hatte der
Professor nie viel uebrig gehabt.

"Mit Theaterstuecken weiss ich nicht Bescheid, ich habe mein Lebtag mehr zu
tun gehabt, als solche Narrheiten zu treiben," war die scharf betonte
Antwort.

Hu, wie grob! Aber Althoff kannte Onkel Heinz hinreichend und war weit
davon entfernt, ihm seine unfreundliche Antwort uebel zu nehmen. Er lachte
darueber, und die andern lachten auch, bis auf Ilse, die dem Professor
einen Blick zusandte, der sehr beredt war. -

Der Mond strahlte wieder ruhig und sanft, als die beiden Ehepaare und der
schweigsame Hagestolz vom Bahnhof nach Hause gingen. Beim Anblick des
milden Lichtes hoch ueber ihnen kehrte die Erinnerung an den gestrigen
Abend lebhaft zurueck und verdraengte fuer einige Zeit das letzte Erlebnis.
Es war doch herrlich gewesen, draussen zu wandern im Mondenscheine, der
heller, reiner gestrahlt hatte, als heute abend bei der nebligen Luft, die
ueber der Stadt lagerte und ihn nicht zur vollen Wirkung kommen liess. Matt
lag er auf den Schieferdaechern, auf den hellen Hauswaenden und den grauen
Strassen, an den erleuchteten Fenstern erlosch er ganz zum blassen
Schimmer.

Onkel Heinz verliess die uebrigen nach kurzem Gutenachtgrusse an der Strasse,
die nach seinem Hause fuehrte. Einsam verhallten seine Schritte durch die
stille Nacht.

                                  * * *

Mit einem wahren Feuereifer betrieb Ilse die Vorbereitungen zu der
Wohltaetigkeitsvorstellung. Leo hatte am Tage nach der Partie das Noetigste
besorgt, und das Theater war ihm zu diesem Zwecke gern ueberlassen worden.
Taeglich wanderten Stoesse von Buechern aus der Leihbibliothek in das
Gontrausche Haus, jeden freien Augenblick benutzte Ilse, um zu lesen, zu
waehlen. Nachmittags kam regelmaessig Nellie, und der Abend wurde dazu
verwandt, bei ihr oder Gontraus grossen Kriegsrat zu halten. Und wen die
Sache noch aufs hoechste interessierte, das war Ruth! Mutter und Vater
wollten Theater spielen, darin lag fuer sie ein grosser Zauber! Schon einige
Male war sie in Kindervorstellungen gewesen, dann hatte sie aber vor
Aufregung nicht einschlafen koennen, und die naechsten Tage wurde nichts
anderes gespielt als Theater. Leo hatte schliesslich verboten, sie wieder
mitzunehmen, aber das, was sich in ihrem kleinen Hirne weiter fortspann,
konnte er doch nicht verhindern. Heimlich stellte sie sich vor den
Spiegel, ordnete die Haare phantastisch, sprach oder sang laut und
begleitete Rede und Gesang mit lebhaftem Mienenspiel; so trieb sie es eine
Zeitlang, bis andre Eindruecke diesen in ihrer jungen Seele verwischten.
Doch jetzt erwachte der Sinn dafuer ploetzlich wieder aufs lebhafteste, sie
horchte mit neugierigen Augen und Ohren auf alles, was die Eltern
sprachen. Das glaenzende Haus mit den vielen Lichtern, der geheimnisvolle
Vorhang, der sich beim Klingelzeichen aufrollte und sie in eine
Maerchenwelt eingefuehrt hatte mit all ihrem bunten Glanz und Flimmer, das
stand wieder deutlich vor ihrem Geiste, und sie war ganz erfuellt von dem
Kommenden. Auch der Schwester versuchte sie etwas von dem zauberhaften
Reize des Theaters beizubringen. Vergebens! Marianne sah sie mit ihren
grossen, blauen Augen verstaendnislos an, sie hatte mehr Sinn dafuer, ihre
Puppen wie eine richtige kleine Mutter zu hegen und zu pflegen. Ruth
dagegen fuehrte allerhand Komoedien mit denen, die ihr gehoerten, auf, und
wenn das Personal zu ihren Vorstellungen nicht ausreichte, dann nahm sie
in ihrem Eifer Mariannes Puppen, die meistens gerade schliefen oder krank
im Bette liegen mussten, und schleppte sie aus ihrem behaglich stillen
Leben mitten zwischen ihr Theatervolk hinein. Traenen, Streit und ein
Richterspruch von Ilse bildeten meist den Schluss.

Nach langem Waehlen hatte man sich endlich fuer drei Einakter entschieden:
"die Jugendliebe" von Wilbrandt, "das erste Mittagessen" von Goerlitz und
"die Hochzeitsreise" von Benedix. Die Stuecke hatte man nun gluecklich, doch
jetzt kam etwas nicht minder Wichtiges, fuer das zu sorgen war, naemlich:
die Darsteller. Mit wieviel Schwierigkeiten da zu kaempfen ist, kann nur
derjenige nachfuehlen, der einmal eine Dilettantenvorstellung
zustandegebracht hat.

Im Geiste hatten Ilse und Nellie schon alle Rollen besetzt, und wie
erstere glaubte, brauchte man nur an die Tueren zu klopfen, um gefaellige
Mitwirkung zu bitten, und mit Freuden wuerde jeder einwilligen, sich fuer
einen so guten Zweck herzugeben.

Deshalb wanderten auch die beiden Freundinnen - zu zweien geht so etwas
viel besser - eines Tages wohlgemut los, um sich ihre Kuenstlerinnen
zusammen zu holen.

Ihr Mut sank schon nach den ersten Versuchen um etliche Grad tiefer, und
Ilse hatte sich bereits einige Male sehr energisch ueber die kleinlichen,
engherzigen Ansichten der Menschen ergangen.

"Theaterspielen auf einer oeffentlichen Buehne!" Das war fast in allen
Haeusern dasselbe Stichwort, und ein gewisses Nasenruempfen dabei, als ob
von den hoeheren Toechtern etwas Unerhoertes verlangt wuerde, brachte Ilses
Blut in Wallung.

"Nein, meine Liebe," sagte z. B. Frau So und So, "das koennen Sie nicht von
meinen Toechtern verlangen, sich der oeffentlichen Kritik auszusetzen."

"Ja, aber Ihre Toechter reichten doch im Bazar Bier und belegte Broetchen
herum," gab Ilse zur Antwort. "Haben sie sich denn da nicht auch der
oeffentlichen Kritik ausgesetzt?"

"Ja, sehen Sie, das war doch nicht im Theater, das ist etwas ganz andres."

Inwiefern das "etwas andres" war, konnte Ilse nicht herausbekommen, trotz
einer laengeren Erklaerung der Dame, die es wohl selbst nicht wusste. Die
beiden gaben jeden weiteren Versuch auf.

Eine junge Frau, welche aufgefordert wurde, meinte, das ginge doch nicht,
dass sie sich auf einer oeffentlichen Buehne zeigte, denn ihr Schuster, ihre
Schneiderin koennten ja nachher sagen: "Gnaedige Frau, was haben Sie aber
schoen gespielt!"

"O," erwiderte Nellie mit ihrem liebenswuerdigsten Schelmengesicht, das sie
stets aufsetzte, wenn sie einen besonders guten Trumpf ausspielte, "Sie
brauchten sich doch darueber nur zu aergern, wenn Ihr Schuster und Ihre
Schneiderin faenden, dass Sie schlecht gespielt haetten."

"Ja, aber ich bitte, meinen Sie denn, dass mir ueberhaupt an dem Urteile
solcher Leute etwas liegt?" erwiderte die junge Frau pikiert. "Ich will
mich nur ihrer Kritik nicht aussetzen."

"Schuster und Schneiderinnen sind doch auch Menschen, und es ist doch
keine Schande, ihr Urteil anzuhoeren," sagte Ilse, innerlich empoert ueber
solche Anschauungen.

Die junge Frau zuckte mit den Achseln und meinte, darueber daechte sie nun
einmal anders.

Mit kuehlem Gruss verabschiedeten sich die beiden.

"O, was ist sie verrueckt," sagte Nellie laut lachend, als sie auf der
Strasse standen, aber Ilse war schon ganz kleinmuetig geworden und wollte
die Sache aufgeben. Sie kam sich vor, als ginge sie an den Tueren betteln
und wuerde ueberall abgewiesen. Der gute Zweck allein hatte ihnen doch den
Gedanken an eine Auffuehrung eingegeben, und mit freudigem Herzen hatten
sie das Werk begonnen. Ilse war im hoechsten Grade aufgeregt; beinahe fing
sie an zu weinen und wollte schon die Flinte ins Korn werfen, aber die
viel ruhigere Nellie gab die Sache noch lange nicht auf.

"O, so leicht geht das nicht; Fred meinte das gleich. Nur Mut, _darling_,"
troestete sie.

Bei der naechsten Anfrage hatten sie denn auch wirklich mehr Glueck; ja die
Idee wurde sogar mit grosser Begeisterung aufgenommen. Man tat gern etwas
fuer die armen Leute, von deren Unglueck die Zeitungen schon viel berichtet
hatten. Die Dame, welche ihre Zustimmung gab, die sich wie ein lindernder
Balsam auf Ilses leidenschaftliche Erregung legte, war allerdings schon in
den Jahren, wo ein junges Maedchen anfaengt, "ein aelteres junges Maedchen" zu
werden, aber im Vergleich zu ihren beiden noch aelteren Schwestern und
ihrer betagten Mutter blieb sie doch immer die juengste und wurde "das
Kind" genannt. "Das Kind" hatte eine schoengeistig angelegte Natur, sie
dichtete sogar in stillen Stunden, hatte reges Interesse fuer das Theater,
selbst - "mit vielem Talent", wie die Schwestern einschalteten, - schon
oft gespielt, und war gern bereit, eine Rolle zu uebernehmen.

"Vielen, vielen Dank fuer Ihre liebenswuerdige Zusage, Fraeulein Born," sagte
Ilse mit einem herzlichen Haendedruck beim Fortgehen und versprach ihr,
bald Nachricht zu geben, wann die Leseprobe stattfinden sollte.

"Das alte Fraeulein kann die taube Tante in der Jugendliebe geben," sagte
Ilse draussen zu Nellie, waehrend das "alte Fraeulein" drinnen bereits mit
der jungen Frau in der "Hochzeitsreise" liebaeugelte und die Schwestern
sogar meinten, den Backfisch in der Jugendliebe koennte sie auch noch sehr
gut spielen, sie haette sogar das richtige Temperament dazu.

Ilse war hoch erfreut ueber den Erfolg in diesem Hause, sie dachte ja mit
keinem Gedanken daran, dass dieser gefangene Fisch noch gewaltig im Netze
zappeln wuerde, wenn sich ihm das Schicksal in Gestalt der "tauben Tante"
nahte.

Bei dem Doktor Schmidt, dem gemeinschaftlichen Hausarzte von Althoffs und
Gontraus, klopften sie auch nicht vergeblich an. Die Eltern hatten nichts
dagegen, und die beiden Toechter nahmen das Anerbieten mit grosser
Lebhaftigkeit auf; sie versprachen auch noch eine Freundin mitzubringen,
ein frisches Maedchen, die gewiss gern eine Rolle uebernehmen wuerde.

                              [Illustration]

Der Rundgang konnte nun als beendigt gelten, da die Rollen so ziemlich
besetzt waren. Fuer die Herren sorgten Althoff und Gontrau; bei ihnen ging
es viel einfacher, als bei den Damen. Ein "Ja" oder "Nein", und die Sache
war abgemacht.

Ilse und Nellie erzaehlten, als sie heimgekommen waren, beim Mittagessen
ihren Maennern die Erlebnisse des Vormittags. Ein klein wenig war Ilses
Begeisterung, die vorher den hoechsten Gipfel erreicht hatte, doch schon
herabgesunken. Sie hatte geglaubt, ein jeder wuerde die Idee mit ihren
Augen ansehen, und an etwaige Hindernisse, die in den Weg kommen koennten,
gar nicht einmal gedacht. Nach der Leseprobe aber ueberzeugte sie sich noch
mehr, dass eine Dilettantenauffuehrung zustande zu bringen nicht so schoen
und leicht ist, wie sie es sich ausgemalt hatte, und Leo musste ihr immer
wieder Mut einsprechen. Er uebernahm die Regie, Althoff war Inspizient und
Requisitenmeister.

Endlich fand die Leseprobe gluecklich statt. Gluecklich?

Nein, das ist zuviel gesagt, denn glatt ging sie nicht ab. Die "taube
Tante" in der "Jugendliebe" wurde mit Entruestung von Fraeulein Born
zurueckgewiesen, und die beiden Fraeulein Schmidt zogen lange Gesichter, als
ihrer Freundin, die sie doch erst eingefuehrt hatten, die reizende
Backfischrolle der Adelheid in der "Jugendliebe" gegeben wurde.

"Ach, das Dienstmaedchen soll ich spielen?" sagte Erna, die aelteste
Schmidt, im langgezogenen Tone, und ihre Schwester Mietze meinte, die
Rolle der sanften "Betty" in der "Jugendliebe" passe ihr auch nicht recht
und waere doch zu kurz.

Da stiegen schon wieder Wolken auf, und erst, nachdem Leo ziemlich
bestimmt seine Rechte als Regisseur geltend gemacht hatte, kam die Sache
etwas in Gang.

"Ja, meine Damen," hatte er gesagt, "wenn Sie sich nicht in die Rolle
fuegen wollen, die ich Ihnen bestimme, dann wird aus der Geschichte nichts.
Wir muessen vor einem grossen Publikum auftreten und wollen uns doch nicht
blamieren."

Das war ziemlich deutlich, niemand wagte dagegen etwas einzuwenden, und es
wurde mit verteilten Rollen gelesen. Ilse sollte die junge Frau im "ersten
Mittagessen" geben, Nellie die in der "Hochzeitsreise"; die beiden
Ehemaenner wollte Gontrau spielen. Althoff hatte es abgelehnt, aktiv
mitzuwirken, aber er wollte bei den Proben zugegen und ein scharfer
Kritiker sein.

Am Tage nach der Leseprobe erhielt Ilse zwei Briefchen. Ahnungslos oeffnete
sie dieselben, aber gleich darauf erschien sie beinahe weinend bei Leo,
der gerade in der tiefsten Arbeit steckte, da er voraussah, dass ihm in den
naechsten Tagen wenig Zeit uebrig bleiben wuerde.

"Was gibt's denn schon wieder?" fragte er aergerlich ueber die Stoerung.

"Da, hier lies," rief Ilse. "Fraeulein Born will die taube Tante nicht
spielen, und dann schreibt mir auch Erna Schmidt, ihre Mutter wuensche
nicht, dass sie als Dienstmaedchen in die Oeffentlichkeit trete. Wenn sie
spaeter wieder mit den ihr bekannten Herren auf den Baellen zusammentraefe,
koennte das zu Missverstaendnissen fuehren. Was sollen wir nun tun? Es wird ja
nichts, es wird sicher nichts, Leo! Lass uns die Sache aufstecken,"
jammerte sie.

Zur rechten Zeit erschien Nellie, und es gelang ihr im Verein mit Leo,
Ilse zu troesten und zu beruhigen, bis sie schliesslich auf dem Standpunkt
der beiden anlangte und sich mit ihnen zusammen ueber alles lustig machte,
denn im Grunde genommen war es doch hoechst amuesant, die Menschen auch mal
bei solcher Gelegenheit kennen zu lernen.

Nellie ueberbrachte einen Vorschlag ihres Gatten, der mit Gontraus
Einwilligung bereit war, einen Prolog zu verfassen.

"Herrlich, herrlich," rief Leo, "und wie waere es, wenn wir Fraeulein Born
als Koeder den Prolog gaeben, damit sie uns dann die taube Tante spielt?"

"O, das tut sie, das tut sie gewiss!" meinte Nellie.

"Ja, und das Dienstmaedchen im 'ersten Mittagessen', wer wird das
uebernehmen?" fragte Leo.

"Das spiele ich und gebe Erna Schmidt die junge Frau in demselben Stueck,"
sagte Ilse ploetzlich. "Die Rolle des Dienstmaedchens ist ja eigentlich viel
huebscher; dass ich daran nicht gleich gedacht habe!"

"O, wie schade, du wuerdest als junge Frau so nett sein," sagte Nellie.
"Kann ich nicht das Maedchen spielen? Aber ein Dienstmaedchen mit englischem
Akzent passt doch wohl nicht?"

Nein, nein, wie Ilse sagte, sollte es bleiben, sie uebernahm das
Dienstmaedchen.

Beide Freundinnen machten sich nun abermals auf den Weg, um die verlorenen
Kraefte wieder einzufangen.

Erna wollte mit Freuden die Rolle der jungen Frau geben, und mit einigem
Zureden gelang es auch, Mietze zu ueberzeugen, dass die Rolle der sanften
Betty in der "Jugendliebe" zwar klein, aber doch sehr huebsch sei.

Gott sei Dank, das war in Ordnung gebracht!

Etwas schwieriger wurde die Situation bei Fraeulein Born. Die jungen Frauen
wurden von den beiden aelteren Schwestern empfangen, das "Kind" war in der
Singstunde, musste aber jeden Augenblick kommen. Steif und unnahbar sassen
die beiden Fraeulein Born da, und die Unterhaltung mit ihnen bereitete
einige Verlegenheit. Die "taube Tante" flog wie ein Fangball zwischen
beiden Parteien hin und her. Die aeltlichen Schwestern meinten, zu einer
solchen Rolle sei denn das "Kind" doch noch zu jung, warum gerade sie
diese Rolle spielen sollte, waehrend Ilse ihnen ziemlich heftig die Vorzuege
derselben auseinandersetzte.

Das "Kind" erschien, und mit aller Entschiedenheit wies sie die "taube
Tante" von sich, indem sie erklaerte, ueberhaupt nicht mitspielen zu wollen.

"O," rief Nellie mit gut geheucheltem Bedauern, "mein Mann hat einen
schoenen Prolog gedichtet und hoffte, dass Sie ihn als Muse sprechen
sollten; o, wie schade, dass Sie nicht mitwirken wollen."

"Einen Prolog?" fragte Fraeulein Born einlenkend, und ueber ihr Gesicht ging
es wie ein Leuchten. Sie sah sich im Geiste schon als Muse dastehen,
weisses Gewand, klassischer Faltenwurf, gruener Epheukranz auf dem
griechischen Haarknoten. Das war etwas, ja, das war das Richtige fuer sie!

Ohne langes Zoegern gab sie ihr Jawort - wenn es auch leider noch nicht vor
dem Altare war - und erklaerte sich nun ohne weiteren Widerspruch bereit,
die "taube Tante" mit in den Kauf zu nehmen. Schliesslich, damit troestete
sie sich, war es doch nur eine grosse Selbstverleugnung von ihr, die Rolle
einer Alten zu spielen, und das wuerde man auch gewiss allgemein anerkennen.

Mit einem Seufzer der Erleichterung gingen die beiden jungen Frauen wieder
aus dem Hause; vor diesem Gange hatten sie besonders grosse Angst gehabt.

Die Aufregungen, in welche ein lebhaftes Gemuet durch solche Vorbereitungen
versetzt wird, blieben auch bei Ilse nicht aus; wachend und schlafend
beschaeftigte sie sich nur mit dem Theater, nachts hielt sie oefters laengere
Selbstgespraeche, bald heiterer, meist aber angstvoller Art. Dass sie die
Sache auf die leichte Schulter nahm, konnte man nicht behaupten, sie hatte
eine grosse Angst, ob alles gut gehen wuerde.

Einige Proben waren bereits bei Gontraus im Hause gewesen, heute sollte
nun die erste auf der Buehne stattfinden.

"Mutter, lass mich mitgehen," bettelte Ruth mit glaenzenden Augen, aber Ilse
wies ihre Bitte zurueck. Kinder konnte man nicht auch noch gebrauchen, wo
so wie so schon alles etwas kunterbunt herging, sie wurde deshalb bis zur
Generalprobe vertroestet.

Laut weinend ging Ruth ins Kinderzimmer zu Marianne und klagte dieser
leidenschaftlich ihr Leid, die so etwas nicht begreifen konnte. -

Das Theater, von der Buehne aus gesehen, kannte fast keiner der
Mitwirkenden, und mit neugierigen Blicken wurde es deshalb gemustert.
Heute trug es ein andres Ansehen, als wenn es abends bei den Vorstellungen
im hellen Lichterglanze strahlte. Der Vorhang war hoch gezogen, dunkel und
tot lag der Zuschauerraum vor ihnen, welchen sonst das vielkoepfige
Ungeheuer Publikum belebte, das auf den roten, jetzt mit grauen Huellen
ueberzogenen Samtsitzen sass und ueber die goldverzierten Bruestungen lehnte.
Da wurde sonst geplaudert, gelacht, kritisiert, da sah man heitere
Gesichter, wenn es ein Lustspiel gab, und traurige, wenn die Muse ernst
war. Da wurden Blicke ausgetauscht, und manches Opernglas richtete sich
nach dem Platze, wo ein bluehendes junges Maedchenantlitz zu sehen war. Wie
bekannt erschien das alles und doch wieder wie fremd! Man zeigte sich
untereinander die Plaetze, wo man auch oft gesessen und erwartungsvoll nach
dem Vorhange geschaut hatte, hinter dem sie nun diesmal selbst stehen
sollten, um vor den neugierigen Blicken der grossen Menge draussen zu
erscheinen. Etwas Herzklopfen machte sich bei diesem Gedanken bemerkbar,
einige beschlich schon heute das Lampenfieber. Und als man das Interesse
der Buehne zulenkte - das waren nun also die Bretter, welche die Welt
bedeuten! Neugierig wurde die Buehne von allen Seiten betrachtet; nuechtern,
oede, geschaeftsmaessig sah es hinter den Kulissen aus, das hatten sich die
meisten doch anders gedacht! Man musste sich in acht nehmen, nicht ueber
Geraete und Stricke zu stolpern, und wie grellfarbig erschienen die
Kulissen, die abends beim Lampenscheine so wunderbar wirkten und die Natur
taeuschend nachahmten. Ein buehnenkundiger Herr zeigte die Donnermaschine,
liess es regnen und den Wind unheimlich heulen, erklaerte den Schnuerboden,
stieg in die Versenkung und kam wieder herauf, und konnte die vielen
wissbegierigen Fragen, die an ihn gestellt wurden, kaum alle beantworten.
Aber trotz mancher Enttaeuschung ueber das "hinter den Kulissen" blieb doch
die Wirkung des gewissen "Etwas", was man Theaterluft nennt, nicht aus,
die der eine mehr, der andre weniger empfand. Ilse atmete sie mit vollen
Zuegen ein; Fraeulein Born aber war vor die Rampe getreten und probierte im
Geiste ihre Stellung als prologsprechende Muse. Mit schwaermerischen Augen
sah sie in das leere Haus!

Leo liess eine Weile dem Treiben freien Lauf; die Neugierde musste erst
befriedigt sein, dann aber begann er mit der Probe. Die Nichtbeteiligten
und Direktor Althoff sassen verteilt in den Parkettreihen, gespenstisch
leuchteten die weissen Gesichter in der Dunkelheit.

Zuerst sollte der Prolog gesprochen werden. Das "Kind" ueberkam ein leises
Zittern, als jetzt das Klingelzeichen ertoente und sie nun sprechen musste.
Leise, mit unsicherer Stimme fing sie an.

"Lauter, lauter," rief Leo aus den Kulissen hervor; als Echo ertoente im
gleichen Augenblick dieselbe Mahnung von Althoff, und auch aus den
hintersten Reihen des Parketts liess sich eine Stimme vernehmen:

"Man versteht hier kein Wort, nichts ist zu hoeren!"

Fraeulein Born wurde verwirrt, fing an zu holpern und musste auf Leos Geheiss
noch einmal von vorn anfangen.

Sie war empoert darueber! Zu Hause hatte sie den Prolog den Schwestern und
der Mutter verschiedene Male vorgesprochen; sie waren entzueckt gewesen und
nun diese Zurechtweisungen! Als aber gar an ihrem Ausdruck, an der
Betonung, die sie ueber allen Zweifel erhaben glaubte, ohne Schonung
herumgetadelt wurde, da brach es los; sie konnte die aufsteigenden Traenen
nicht zurueckhalten, das "Kind" fing an, wie ein Kind zu weinen.

Siedendheiss ueberlief es Ilse, der Anfang war ja wieder gut! Doch es half
nichts, der Kelch musste geleert werden, wenn er auch noch so bitter war.

So lief sie denn hinter die Kulissen und suchte Fraeulein Born auf, welche
schluchzend in ihrer Garderobe sass.

"Aber ich bitte Sie um Gottes willen, liebes Fraeulein, warum weinen Sie
denn?" redete ihr Ilse zu.

"Soll ich da nicht weinen, wenn ich oeffentlich blamiert werde?" gab das
Kind ausser sich zur Antwort.

"Aber das ist doch keine Blamage, mein Mann meint es doch gut," troestete
Ilse krampfhaft, aber ihre Worte waren in den Wind gesprochen.

"Es waere besser, ich spielte gar nicht mit, wenn ich es doch zu schlecht
mache! Gerade mein Vortrag wurde immer besonders geruehmt, und meine
Schwestern fanden, dass ich den Prolog mit sehr viel Ausdruck spraeche; aber
wenn man nur Tadel und kein Lob hoert, verliert man alle Lust."

Ilse konnte gegen diesen Ausbruch, den sie einige Male unterbrechen
wollte, nicht aufkommen, auch flossen die Traenen eher noch reichlicher,
als zuvor.

In ihrer Verzweiflung ging sie zu Leo, der von der Unterbrechung keine
Notiz genommen hatte.

"Um Gottes willen, sei vorsichtig mit deinen Aeusserungen," sagte sie nervoes
zu ihm. "Die Born sitzt in der Garderobe und weint und will nicht
mitspielen, du hast sie furchtbar beleidigt."

"Ach, dann lass die alte Schachtel nur, sie spricht ja auch graesslich," gab
er eilig zur Antwort.

"Ja was sollen wir denn aber tun, wir haben doch keine andre!"

"Sie wird sich schon wieder troesten, Schatz," sagte Leo fluechtig; er hatte
jetzt keine Zeit zu laengeren Auseinandersetzungen, denn die Probe zur
"Jugendliebe" sollte im Augenblick beginnen.

Der Inspizient, Direktor Althoff, musste verschiedene Male an die Tuere von
Fraeulein Borns Garderobe klopfen, bevor diese sich oeffnete und das "Kind"
auf der Schwelle erschien, mit geroeteten Augen und mit den Blicken einer
erzuernten Goettin.

Ilse war froh, als die gekraenkte Muse wieder sichtbar wurde, sie hatte
schon geglaubt, dass dieselbe im Ernst ihre Drohung ausfuehren und nicht
mitspielen wuerde. Leo, der auch jetzt nicht die geringste Notiz von dem
Vorhergegangenen nahm, wies Fraeulein Born ihren Platz an. Marionettenhaft
tat sie alles, was er sagte, und leierte die Rolle der "tauben Tante" in
einem Tone herunter, der genuegend von ihrem innern Zustande zeugte. Sie
hatte sich in eine Art von Resignation begeben, oder besser gesagt, sie
"muckte", wie ein stoerrisches Droschkenpferd, und selbst die
Peitschenhiebe, deren Stelle in diesem Falle die Kritik ersetzte, konnten
sie nicht aufruetteln.

"Viel mehr Ausdruck, die Taubheit muss besser zur Geltung kommen," rief
Althoff ein ueber das andremal, und wirklich fing das "Kind" auf einmal an,
die "taube Tante" sehr natuerlich zu spielen, d. h. sie schien nichts von
dem zu hoeren, was ihr gesagt wurde. Leo liess sie denn fuer heute auch in
Ruhe, als er merkte, dass alle seine Bemuehungen vergeblich waren.

Ob nun der Stumpfsinn der "tauben Tante" die andern Mitspielenden
ansteckte oder ob es an sonst etwas lag, kurz es war kein Zug in der
Geschichte. Steif und unbeholfen dargestellt, schlecht memoriert wurde das
reizende Lustspiel zu einer Karrikatur herabgezogen. Leo und Althoff
mussten immer tadeln und verbessern; aber trotzdem wurde alles verkehrt
gemacht; es war ein schrecklicher Wirrwarr. Der Backfisch, der in den
ersten Proben zu den besten Hoffnungen berechtigt hatte, war heute abend
unausstehlich; er fand den richtigen Ton nicht und wirkte manchmal
geradezu albern. Leo bewahrte eine bewunderungswuerdige Geduld, er zeigte
immer wieder, liess immer wiederholen, waehrend Althoff schon laengst auf
seinem Sitze unruhig hin und her rueckte.

"O, wie soll das werden!" sagte Ilse seufzend zu Nellie, der es bei dieser
Probe auch etwas baenglich zu Mute wurde.

Die Liebesszene zwischen "Adelheid" und "Ferdinand von Bruck" fiel
glaenzend ins Wasser, bei jeder Annaeherung des Liebhabers zuckte der
Backfisch wie von einer Viper gestochen zusammen, und bei der schuechternen
Umarmung steckte er die Miene eines Opferlammes auf und liess das
"Schreckliche", ohne ein Glied zu ruehren, ueber sich ergehen. Fuer die
Zuschauer ein hoechst spasshafter Anblick, fuer Leo aber auf die Dauer eine
Qual. Er hatte es unzaehlige Male selbst vorgemacht, er hatte zugeredet,
scherzend, liebenswuerdig, ernst, aber nun riss endlich sein Geduldsfaden,
seine Stimme klang lauter, erregter, seine Worte wurden weniger gewaehlt.

"So geht das nicht, liebes Fraeulein, wenn Sie -", er verbesserte sich
schnell und sagte: "wir so spielen, blamieren wir uns."

Die "taube Tante" zeigte eine schadenfrohe Miene bei dieser Zurechtweisung
- Gott sei Dank war sie nicht die einzige, die so angefahren wurde;
wenigstens ein schwacher Trost. Dem blonden Backfisch aber, der reizenden
Freundin der beiden Schmidts, Erika Blum, stieg das rote Blut bis unter
die hellen Haarwurzeln bei Leos Worten; einige Minuten spaeter sass auch sie
in der Garderobe, wie vorhin das "Kind", weinend und schluchzend. Nummer
zwei an diesem Abend.

Diesmal uebernahm es Nellie, Trost zu bringen, aber Ilse war ihr gefolgt
und ging nun erregt auf und ab, mit geteilten Gefuehlen. Einesteils fand
sie, dass Leo wirklich etwas zu barsch geworden war, andrerseits schien ihr
die grosse Empfindlichkeit der Mitwirkenden geradezu laecherlich.

Das "Kind" war auch hereingeschluepft, mit ihr die andern jungen Maedchen,
sie mussten doch ebenfalls alles sehen und hoeren, was da vorging.

"Ach, weine doch nicht, Erika," redete Mietze Schmidt ihr zu, "wir haben
doch alle unser Teil bekommen, das naechste Mal werden wir es schon besser
machen."

"Ja, es haben auch noch andre ihr Teil bekommen," sagte Fraeulein Born mit
spitziger Betonung und Beziehung. "Der Herr Gontrau nimmt gerade keine
besondere Ruecksicht."

"Na, ich fuerchte mich schon vor dem naechsten Stueck, wenn ich dran komme,"
meinte Erna Schmidt. "Das kann heute noch gut werden."

"Aber ich bitte Sie, meine Damen," fuhr Ilse erregt dazwischen; "wenn Sie
eben keinen Tadel vertragen koennen, wollen wir die Geschichte lieber
aufgeben, die so viel Muehe und bis jetzt so wenig Freude macht."

"Ihr Herr Gemahl wird nicht zufrieden zu stellen sein," erwiderte Fraeulein
Born, indem sie dabei an den Prolog dachte, den sie nach ihrer Meinung
doch ausgezeichnet gesprochen hatte. "Und ich spiele doch wahrhaftig nicht
deshalb Theater, um mich nur zu aergern; Ihr Herr Gemahl scheint zu
glauben, dass er dumme Schulkinder vor sich hat."

Hierauf gab Ilse eine erregte Antwort und verteidigte den Angegriffenen
mit der Heftigkeit, wie ungefaehr eine Loewin ihr Junges verteidigt. Ein
Wort gab das andre, die uebrigen mischten sich mit hinein, schliesslich
sprachen alle durcheinander, und nur einzelne Schlagworte, wie "nicht
mitspielen", "ruecksichtslos" usw., tauchten wie Froschkoepfe in einem
Teiche aus diesen Redewellen auf. Die Garderobe war nur eng und klein, fuer
zwei Personen berechnet, jetzt aber liefen sechs aufgeregte Menschenkinder
durcheinander, deren heftige Gestikulationen als groteske Schattenbilder
an den weissgetuenchten Waenden erschienen. Die hellen Gasflammen zu beiden
Seiten des Spiegels und das dicht verhaengte Fenster, durch welches kein
Luftzug dringen konnte, verursachten eine wahrhaft tropische Hitze in dem
Raum, und da war es denn kein Wunder, dass sich nicht nur die Gemueter,
sondern auch die Koepfe erhitzten. Erika Blum sass auf dem einen der beiden
einzigen Stuehle, Nellie daneben auf dem andern und sprach ihr liebevoll
zu. Die Traenen versiegten auch wirklich bald, und einige Male hatte sie
sogar schon gelaechelt.

Das Verschwinden der saemtlichen weiblichen Mitspielenden war schliesslich
Leo und Althoff aufgefallen; auch sollte mit dem zweiten Stuecke begonnen
werden. Als sie jetzt in den Gang eintraten, in welchen die
Damengarderoben muendeten, hoerten sie durch die Tuere ein lebhaftes
Stimmengewirr, das sich von draussen wie das Summen von vielen, in einer
Schachtel eingesperrten Maikaefern anhoerte. Alles Rufen, Klopfen, Ruetteln
an der verschlossenen Tuere wurde von den eifrigen Streiterinnen vollkommen
ueberhoert; erst als das Klopfen zu einem donneraehnlichen Droehnen anschwoll,
glaetteten sich die aufgeregten Wogen. Fraeulein Borns Flacon, das sie
stets, mit koelnischem Wasser gefuellt bei sich trug, wanderte von einer zur
andern, die Taschentuecher wurden getraenkt und mussten die Wangen kuehlen.
Dann erst wurde die Tuere geoeffnet.

"Mein Gott, wo bleibt ihr denn?" fragte Leo seine Frau etwas aergerlich,
aber er verstummte, als er in ihr bittendes und zugleich aufgeregtes
Gesicht sah.

Die jungen Herren waren schon ungeduldig geworden und hatten nicht viel
Zeit mehr, es musste deshalb schnell zu Ende geprobt werden.

Auch die beiden andern Stuecke wurden nicht viel besser gespielt; es
herrschte durchweg keine besondere Stimmung, und so viel auch Leo redete
und ermahnte, es ging eben heute nicht. Ilse spielte das Dienstmaedchen im
"ersten Mittagessen" so tragisch, dass man ueber diese komische Rolle eher
zu weinen, als zu lachen versucht war. Der Darstellerin war es aber auch
keineswegs lustig zumute; bei den fortwaehrenden unangenehmen
Zwischenfaellen konnte man unmoeglich seine gute Laune behalten. Die junge
Frau, Erna Schmidt, musste ebenfalls noch viel vertrauter mit ihrer Rolle
werden, und Nellie sprach heute mit so starkem Akzent, dass es weit
bemerkbarer war, als man erwartet hatte. Leo als Professor, zwei
Referendare als Famulus und Stiefelputzer in der "Hochzeitsreise" liessen
die unter Null gesunkene Hoffnung auf das Gelingen der Auffuehrung durch
ihr Spiel wieder etwas steigen; es wurde sogar einige Male herzhaft
gelacht.

Ilse lachte nicht mit, sie war im hoechsten Grade aufgeregt. Da - zwischen
den Kulissen stand die Born, im Kreise um sie herum die andern; sie sprach
und gestikulierte mit hochroten Wangen, und aus den Blicken, die oftmals
nach Leo hinueberflogen, konnte man schliessen, dass von ihm, und zwar nicht
in der liebenswuerdigsten Weise, die Rede war. Das alles bemerkte Ilse; am
liebsten waere sie hingegangen und haette die zischelnde Gruppe gesprengt,
aber sie hielt doch an sich. Sie war froh, als die Probe jetzt zu Ende war
und sie mit Leo und Althoffs heimgehen konnte.

Der Direktor hatte unterwegs noch sehr viel auszusetzen, auch Ilse und
Nellie mussten manche Ruege, manchen Tadel einstecken.

Immer hoeher schien der Berg zu wachsen, der sich heute abend schon als
unueberwindliches Hindernis vor Frau Ilses Augen aufgebaut hatte. In sechs
Tagen schon sollte die Auffuehrung sein - das war ja ein Ding der
Unmoeglichkeit! Und sie erzaehlte im Verein mit Nellie von den Szenen, die
sich hinter den Kulissen, naemlich in der weiblichen Garderobe abgespielt
hatten.

Leo brach in ein lautes Gelaechter aus, und Althoff meinte, ohne Zank koenne
es bei den Weibern nun einmal nicht abgehen.

Ilse jedoch liess ihren Traenen freien Lauf, sie war abgespannt und nervoes
von dem Tumulte der letzten Tage; es kam so vieles zusammen.

"O, _darling_, du musst dir die Sache nicht so zu Herzen nehmen," beruhigte
Nellie; "an allem ist die dumme Born schuld. O, was war sie giftig in der
Garderobe!"

Aber der Freundin Kummer musste sich austoben. Der einzige, der ihr recht
gab und dergleichen auch hoechst aergerlich fand, war Althoff; er stimmte
ihr vollstaendig bei, waehrend Leo die Sache von der komischen Seite
auffasste.

"Passt auf, morgen bekommen wir wieder einige Absagebriefchen," sagte Ilse,
"und was machen wir dann?"

Leo lachte sie aus.

"Im Gegenteil, sie werden nach den heutigen Erfahrungen in sich gehen und
sich die Sache ueberlegen; das Theaterspielen hat doch zu grossen Reiz fuer
alle. Komm, Schatz, und sei nicht so tragisch," sagte er liebevoll und zog
sie in seine Arme.

Dennoch begab sich Ilse mit banger Sorge zur Ruhe, und in der Nacht litt
sie an Alpdruecken. Sie traeumte, dass sie in der engen Garderobe mit den
andern zusammen, wie in einer Sardinenbuechse hermetisch eingeschlossen
sei. Die Born, "das Kind", hatte eine Teufelsmaske vor dem Gesicht und
Krallen an den Fingern; dabei kam sie ihr so nahe, dass sie fuerchtete,
erdrueckt zu werden; auch konnte sie keinen Atem holen; weder rueckwaerts
noch vorwaerts sich bewegen, nicht schreien oder rufen - es war ein
entsetzlicher Zustand. Dann wieder standen sie auf der Buehne, die
Vorstellung sollte beginnen, das Publikum wurde bereits ungeduldig, aber
nichts war in Ordnung, niemand war zur Stelle; Ilse konnte kein Wort von
ihrer Rolle, die Klingel ertoente, der Vorhang hob sich. Gott sei Dank, in
diesem Augenblicke der hoechsten Qual erwachte sie. Die helle
Fruehlingssonne schien herein, und durch die offenen Fenster strich
erquickend die frische Morgenluft. Vor ihrem Bette standen die Kinder,
Ruth mit einem Veilchenstrausse in der Hand, den sie eben aus dem Garten
geholt hatte. Wie himmlisch war das Erwachen nach einem so boesartigen
Traume! Sie wollte nun auch den ganzen Morgen nichts von der
Theaterangelegenheit hoeren. Nachdem sie sich angezogen hatte, ging sie mit
Ruth und Marianne hinaus in den lachenden Fruehlingsmorgen. Seit einigen
Tagen war sie nur im Hause gewesen oder in der staubigen Stadt
umhergelaufen, da hatte sie nicht bemerken koennen, wie weit das Gruenen und
Bluehen draussen gediehen war. Und die Kinder hatten ihr so viel zu erzaehlen
- sie kam sich als eine ganz schlechte Mutter vor, weil sie die Kleinen in
der letzten Zeit etwas hatte vernachlaessigen muessen. Aber bald wuerde alles
vorbei sein, und dann war sie wieder ganz ungeteilt fuer sie allein da.

Auch von Onkel Heinz war die Rede, Ruth hatte ihn einige Male besucht,
aber seine Tuere war verschlossen gewesen.

Onkel Heinz! Selbst fuer den alten Freund hatte Ilse in diesen Tagen keinen
Gedanken uebrig gehabt; es war ihr nicht einmal aufgefallen, dass er sich
nach der Partie noch nicht hatte sehen lassen. Einesteils aber war sie
ganz froh darueber, denn jetzt auch noch seinen Spott zu hoeren, haette sie
nicht ertragen, und an Spott wuerde er es sicher nicht haben fehlen lassen.

Der Spaziergang tat ihr ungemein wohl und beruhigte ihre aufgeregten
Nerven. Sie besuchte auch Nellie, die ihr blondes Patenkind Marianne bis
zu Abend bei sich behielt. Auf dem Rueckweg begegnete ihnen Rosi.

"Nun, ich hoere, ihr wollt Theater spielen?" fragte sie mit einem leisen
Anflug von Spott in der Stimme. Wie die Pastorin darueber urteilen wuerde,
konnte sich Ilse ganz genau denken, dennoch aergerte sie die Art, in
welcher Rosi danach fragte.

"Es ist nur gut, dass ihr es wenigstens fuer einen guten Zweck tut," fuhr
sie fort; "mein Mann hat auch schon fuer die armen Leute sammeln lassen."

Das "nur gut" und "wenigstens" brachte Ilses Blut in Wallung, aber sie
bezwang sich und fragte: "Ihr kommt doch auch?"

"Ich weiss noch nicht, ob Adolf Zeit hat."

Innerlich war sie fest entschlossen hinzugehen; die Neugierde war doch zu
gross und siegte ueber die sonstige Abneigung gegen das Theater.

Vor der naechsten Probe hatte Ilse eine foermliche Angst. Doch es schien
wahrhaftig, als sollte Leo Recht behalten. Man hatte besser gelernt, die
Bewegungen waren freier, ungezwungener, das Sprechen ging flotter, und
nachdem die groessten Schwierigkeiten ueberwunden waren, stellte sich auch
die Lust und Begeisterung wieder ein.

Das "Kind" hatte sich diesmal ihre beiden Schwestern mitgebracht, und
trotzdem es andern als den Mitspielern untersagt war, an den Proben
teilzunehmen, musste man sie dulden, da man sie doch nicht hinausweisen
konnte.

Wie zwei gestrenge Waechterinnen nahmen sie in der ersten Parkettreihe
Platz und blieben dort den ganzen Abend ueber sitzen.

Taeglich wurde jetzt geprobt, und allmaehlich trat die richtige Stimmung
ein, wie sie sonst in Dilettantenproben zu herrschen pflegt. Es wurde
gelacht, gescherzt und Unsinn getrieben, und man nahm sich auch laute
Kritiken nicht mehr uebel.

Sogar Fraeulein Born hatte sich mit der "tauben Tante" etwas angefreundet
und behandelte sie nicht mehr so gleichgueltig; auch der Backfisch war bei
der "schrecklichen Umarmung", wie sie es nannte, etwas gefuehlvoller als
das erste Mal.

So war man gluecklich bis zur Generalprobe gelangt, die wie gewoehnlich
nicht zum besten verlief. Am Tage danach sollte die Auffuehrung
stattfinden.

Es herrschte keine geringe Aufregung unter den Mitwirkenden, und doch
konnten sie kaum die Zeit erwarten, bis der Abend erschien und sie zur
verabredeten Stunde ins Theater gehen konnten. Um 1/26 Uhr sollte man dort
sein, als aber Ilse und Nellie gleich nach 5 Uhr eintrafen, fanden sie
fast alle schon versammelt, und ein reges Leben und Treiben war im Gange.

Das helle Tageslicht drang nicht in diese Raeume; wo ja ein lichter Strahl
von draussen sich herein verirren konnte, wurde er durch dichte Vorhaenge
daran verhindert. In dieser Welt des Scheins regierten nur die Gasflammen.

Von der Buehne her toente Sprechen und Haemmern. Ilse lief schnell erst
einmal dorthin, um Leo zu begruessen, der mit Althoff zusammen noch alle
moeglichen Anordnungen zu treffen hatte. Es bebte ihr das Herz, wenn sie
daran dachte, dass sie binnen wenigen Stunden hier stehen sollte, und doch
- welcher Zauber lag in dem Gedanken!

In den Damengarderoben schwirrte es durcheinander von erregten Stimmen.
Die Tueren standen offen; man ging bald hier-, bald dorthin; die Toiletten
wurden nochmals einer genauen Pruefung unterworfen, diese und jene kleine
Aenderung vorgenommen, und eine Wolke von Schminke- und Parfuemduft lagerte
ueber dem Ganzen. Das "Kind" sass im Frisiermantel in seiner Garderobe mit
aufgeloestem Haare, das die eine der beiden Schwestern mit Buerste und Kamm
bearbeitete, waehrend die andre geraeuschvoll ein Ei mit Zucker in einem
Glase zusammenquirlte. Das war gut fuer die Stimme und wurde der Erregten
loeffelweise eingegeben; ausserdem standen noch eine Flasche Wein auf dem
Tische und ein Teller mit belegten Broetchen, um die Kraefte der vom
Lampenfieber Ergriffenen zu erhalten. Die Rolle hielt sie krampfhaft in
den Haenden und memorierte fortwaehrend.

"Unsre arme Schwester ist so erregt," sagte das aelteste Fraeulein Born, als
Ilse jetzt eintrat, um Gutenabend zu sagen. "Aber sie braucht doch
wahrhaftig keine Angst zu haben, wer seine Sache so gut kann wie sie!"

                              [Illustration]

"O, Angst habe ich auch nicht, liebe Anna, du lieber Gott, wie oft habe
ich schon Theater gespielt," fuhr das "Kind" dazwischen.

Und in der Tat, was das "Koennen" betrifft, hatte sie keine Angst, so etwas
fuehlten nach ihrer Meinung nur gewoehnliche Sterbliche, Kuenstlerseelen, wie
sie, waren ueber dergleichen erhaben. Sie hatte keine Ahnung, dass selbst
die groessten Kuenstler das Lampenfieber niemals ganz verlieren, und dass,
wenn man sie auf den Brettern so sicher und selbstbewusst auftreten sieht,
diese Ruhe schwer erkauft ist. Dem wahren Kuenstler bleibt die Kunst stets
ein Ringen, ein Kampf, denn nur er kennt die Schwierigkeiten, ueber welche
der Dilettant in sorgloser Unwissenheit hinwegschreitet.

In den Garderoben der jungen Maedchen herrschte ein lustiges Durcheinander.
Auch hier erwiesen sich Muetter und Tanten als helfende Engel; es gab ja so
vielerlei zu tun. Erika Blum liess sich noch einmal ihre Rolle ueberhoeren;
besonders die eine dumme Stelle, wo sie immer stecken blieb; der Souffleur
hatte sich schon einen dicken Strich darunter machen muessen. Wenn es nur
heute abend gut ging! Sie sah uebrigens reizend aus, die huebsche Erika. Das
blonde Haar hing nach Backfischmanier als dicker blonder Zopf ueber den
Ruecken herunter und wurde von einer rosaseidenen Schleife
zusammengehalten. Von derselben Farbe war das duftige Kleid, das
sorgfaeltig ausgebreitet ueber dem Stuhle lag. Das wichtige Geschaeft des
Ankleidens musste nun beginnen, denn schon war der Friseur hinter Fraeulein
Borns Tuere verschwunden und wuerde gleich zu den andern kommen.

Die letzten Stunden in der Damengarderobe vor einer Dilettantenauffuehrung
wuerden einem objektiven Beobachter eine Fuelle von komischen Eindruecken
bieten. Da loest sich alles in ein buntes Chaos auf; von menschlicher
Naechstenliebe ist nichts mehr zu bemerken, statt dessen kommt der Egoismus
zu Tage, jeder denkt nur an sich selbst, jeder moechte zuerst fertig sein,
zuerst den Friseur haben, zuerst geschminkt werden; das ist ein Rufen,
Fragen, Schwatzen ohne Ende!

In der Garderobe von Erika Blum und den Schmidtschen Maedchen fuehrten zwei
Muetter einen heftigen Wettkampf auf, denn jede wollte, dass ihre Tochter
die schoenste sei, und trotz des Eifers und der grossen Eile flogen doch
verstohlene, pruefende Blicke hinueber und herueber.

Jetzt erschien der Friseur mit Schminke und Puderbuechse; er wurde sofort
foermlich umringt.

"Bitte, erst mich, ich komme zuerst dran."

"Meine Haarfrisur haelt aber solange auf, Sie muessen mich zuerst
frisieren!"

"Sehen Sie doch, bitte, ich habe mich schon selbst geschminkt; ist es so
richtig, oder muss der schwarze Strich unter den Augen staerker sein?"

Der parfuemierte Juengling konnte sich vor so vielen Fragen und
Anforderungen kaum retten, hilfeflehend sah er von einer zur andern;
endlich schoss Erika den Vogel ab; sie wurde die erste.

"Nur nicht so rote Backen," sagte sie, denn schon im gewoehnlichen Leben
waren ihre frischen Farben ihr groesster Kummer, sie fand es interessanter,
etwas blass auszusehen. Endlich war sie fertig und kam sich mit dem
angemalten Gesicht wie ein Puppenkopf vor, aber der duftende Haarkuenstler
versicherte immer wieder, dass sie ausgezeichnet "wirken" wuerde, und die
Freundinnen fanden den Backfisch Erika "reizend, suess, entzueckend!" Auch
Frau Dr. Schmidt sagte der Mutter von Erika viel Angenehmes ueber das
reizende Toechterchen, und Frau Blum behauptete mit gleicher
Liebenswuerdigkeit, dass Erna und Mietze doch noch viel huebscher aussaehen.

In demselben Augenblick flog die Tuere auf, das zweite Fraeulein Born
stuerzte aufgeregt herein, und der Friseur wurde noch einmal zum "Kinde"
zurueckgeholt, denn die blonde klassische Peruecke hatte sich verschoben,
als sie den Epheukranz darin befestigen wollte; ausserdem war das Schminken
noch nicht zur vollen Zufriedenheit ausgefallen.

"Gott, Sie sind schon alle fertig?" fragte Fraeulein Born aengstlich, als
die jungen Maedchen jetzt zu ihr kamen und auch Ilse in ihrem einfachen
Dienstmaedchenkleid erschien.

"Aber Sie fassen doch Ihre Rolle zu realistisch auf, liebste Frau Gontrau,
sich so rote Arme zu schminken!" bemerkte sie leichthin zu Ilse, wandte
dann aber sofort ihre Aufmerksamkeit wieder sich selbst zu. "Bitte, nun
sagt mir mal ehrlich, sehe ich wirklich nicht graesslich aus?"

Dass diese Frage nicht im Ernste gestellt war, daran zweifelte keine von
den Gefragten, sie selbst aber am wenigsten, denn sie laechelte ihrem
Spiegelbilde wohlgefaellig zu, und ihre beiden Schwestern versicherten
fortwaehrend, wie reizend sie aussaehe. Dabei legten sie immer wieder die
weichen Falten des Gewandes zurecht, wenn sie sich bei den unruhigen und
keineswegs klassischen Bewegungen seiner Traegerin verschoben.

Wirklich war denn auch mit dem Kinde eine vorteilhafte Verwandlung vor
sich gegangen. Die blonde Peruecke, die Schminke und das griechische Gewand
hatten Wunder vollbracht und ihr ein jugendliches Ansehen verliehen, das
sie sonst im Leben nicht mehr besass. Fuer die uebrigen hatte die aufgeregte
Muse nur wenig Zeit und Interesse, herablassend klopfte sie Erika auf die
Wange.

"Wie niedlich Sie aussehen, Kleine; na, da werde ich als alte Tante schoen
von Ihnen abstechen!"

Und missmutig glitten ihre Blicke ueber das graue Kleid der "tauben Tante",
das schlaff und dunkel an der weissen Wand hing. Dahinein musste sie nachher
und ihr poetisches Gewand mit diesem unkleidsamen vertauschen, es war
eigentlich zu aergerlich.

Aus ihren Betrachtungen wurde sie durch die elektrische Glocke gerissen,
deren schriller Klang wie ein Zauberzeichen wirkte. Jetzt wurde es Ernst,
jetzt mussten alle Gedanken zusammengenommen werden. Nur noch ein pruefender
Blick in den Spiegel.

"Liebste Anna, noch etwas Puder auf den Hals - noch eine Haarnadel -
schnell - hier diese Falte bauscht sich doch zu sehr, stecke sie lieber
fest. Mein Gott, sitzt denn wohl alles ordentlich?"

Annas Haende flogen, waehrend die andre Schwester mit dem roten
Staerkungstranke bereit stand. "Nur einen Schluck," draengte sie und hielt
der Muse das volle Weinglas an die Lippen.

"Vorsichtig, vorsichtig, dass die Schminke nicht abgeht," gebot das Kind, -
dann rauschte es hinaus.

Die andern waren schon auf der, zu einem Garten verwandelten Buehne
versammelt. Man draengte sich an die kleinen Loecher im Vorhang, um ins
Publikum sehen zu koennen, man entdeckte Verwandte, Freunde und Bekannte in
dem lichterstrahlenden Raume, der fast schon ganz besetzt schien, und doch
stroemte es noch fortwaehrend herein. In der ersten Reihe sassen die beiden
Gontrauschen Kinder. Ruths Augen starrten gross und erwartungsvoll auf den
bunten Vorhang; sie malte sich aus, wie es wohl jetzt dahinter aussehen
mochte; denn waehrend der Generalprobe hatte sie einen Blick in die
Kulissen tun duerfen - o, das war eine Wonne gewesen!

Wie fernes Meeresrauschen toente das Stimmengewirr im Zuschauerraum zu den
Mitwirkenden hinter den Vorhang. Dann und wann konnte man eine besonders
laute Stimme heraushoeren, oder ein kurzes helles Lachen, dazwischen toenten
einzelne langgezogene Geigenstriche aus dem Orchester, das seine
Instrumente stimmte.

Alle diese Geraeusche verstummten augenblicklich, als das Klingelzeichen
zum Beginn ertoente und mit vollem harmonischen Akkord die Musik einsetzte.

Nur wer einmal eine solche Auffuehrung mit durchgemacht hat, kann die
allgemeine bange Stimmung der letzten Minuten, bevor sich der Vorhang zum
ersten Male hebt, nachfuehlen!

Die Buehne, auf der noch lachende, plaudernde Gruppen umherstanden, wurde
im schnellsten Laufschritte verlassen, als die Glocke ertoente; voll
Spannung standen nun alle hinter den Kulissen und warteten. Eiskalte Haende
und Fuesse, haemmerndes Herzklopfen, momentane vollstaendige
Gedaechtnislosigkeit, Zittern in allen Gliedern, das waren die Symptome des
Lampenfiebers, welches, trotz aller Prahlerei vorher, doch alle mehr oder
weniger ergriffen hatte.

Die Ouvertuere neigte sich ihrem Ende zu, jetzt, jetzt verhallte der letzte
Ton, noch ein Klingelzeichen, dann ein leises Rauschen wie ein
Fluegelschlag, - der Vorhang ging in die Hoehe.

Das Gefuehl, welches Fraeulein Born beim Beschreiten der Buehne hatte, war
demjenigen sehr aehnlich, welches man empfindet, wenn man sich in den
Marterstuhl eines Zahnarztes niederlaesst. Vor ihren Augen tanzte das
vielkoepfige Publikum wie in einem Kaleidoskop durcheinander. Die ersten
Worte blieben ihr fast in der Kehle stecken und kamen nur als Fluestern
ueber die Lippen. Aber mehr und mehr schwand die Befangenheit, die Stimme
wurde lauter, und ohne besonderen Zwischenfall ging alles vorueber.

"Einige falsche Betonungen, zuviel Pathos," kritisierte Leo hinter den
Kulissen, aber das Publikum nahm die herzlichen Worte doch sehr warm auf,
und wie Sphaerenmusik klang das laute Haendeklatschen an das Ohr des
"Kindes", als der Vorhang gefallen war. Zweimal musste er sich wieder
heben, zweimal durfte sie sich tief verbeugen - wer kann die Wonne eines
solchen Augenblicks beschreiben!

Mit geoeffneten Armen und einem dicken Tuche empfing Schwester Anna die
tief Bewegte, waehrend die andre schon wieder den bewussten Labetrank bereit
hielt.

"Schnell, schnell umkleiden," rief Leo ihr zu, und nun kam sie sich
wirklich wie eine grosse Kuenstlerin vor, als an allen Ecken und Enden
helfende Haende bereit waren, die Muse in die "taube Tante" umzuwandeln.
Hinein musste sie ins prosaische Alltagskleid, auf die gepuderten Haare
wurde ein Spitzenhaeubchen gesteckt. Der Friseur taenzelte um sie herum, und
unter seinen flinken Haenden entstand ein wuerdiges Matronenantlitz.

"Hier noch einige Falten, meine Schwester sieht noch viel zu jung aus,"
sagte Anna und zeigte mit dem Finger auf deren Stirn.

"Nein, nein, keine kuenstlichen Falten, es wird sonst zu viel," erwiderte
der gelockte Juengling und besah pruefend sein Werk, hier und da noch einen
kleinen Strich aufsetzend oder mit dem Puderquast tupfend.

"Lassen Sie nur, Sie koennen gehen," sagte das Kind, mit hoheitsvoller
Miene sich erhebend, und nannte ihn, als er draussen war, einen
widerlichen, unverschaemten Menschen.

Die "Jugendliebe" wurde gut und flott gespielt, die blonde Erika
entwickelte viel mehr Temperament, als in irgend einer der Proben, und
auch die Umarmungsszene geriet weit natuerlicher als bisher. Mietze Schmidt
und ihr komischer Liebhaber passten vortrefflich zusammen, und die "taube
Tante" hoerte es mit Genugtuung an, wie man ueber ihre Schwerhoerigkeit
lachte.

Der Beifall war geradezu stuermisch, als das reizende Lustspiel zu Ende
war, und als Erika auf der Buehne erschien, flog ein wundervoller Strauss,
ganz aus Rosen und Maiblumen bestehend, zu ihren Fuessen nieder. Galant
ueberreichte ihn Ferdinand von Bruck der Gefeierten, und trotz der Schminke
konnte man doch bemerken, wie tief sie erroetete.

"Von wem, von wem?" rief und fragte es durcheinander, als sie hinter den
Kulissen erschien. Sie konnte kaum die Karte lesen, die in den Blumen
steckte, und auf welcher nur die Worte standen: "Der reizenden Adelheid",
so eilig hatten es die uebrigen, den Strauss zu sehen und zu bewundern. Er
wanderte von einer Hand in die andre, und die zarten Maiblumen fingen
bereits an, ihre Gloeckchen zu senken, als sich so viele Nasen darueber
beugten. Dieser Strauss war ein Ereignis, und wer ihn wohl geschickt haben
mochte, darueber zerbrach man sich die Koepfe. Erika musste viel mit anhoeren.
Sie wusste ja natuerlich, von "wem" diese Blumenspende kam, sie wollte es
nur nicht sagen, und was dergleichen Reden mehr waren.

Fraeulein Born aber meinte, anonyme Geschenke duerfe ein junges Maedchen
eigentlich gar nicht annehmen, sie faende es wenigstens nicht schicklich
und wuerde es sicher nicht tun.

Erika wurde es bei dem vielen Hin- und Herreden ganz unbehaglich zu Mute,
sie wuenschte schon, sie haette die Blumen lieber nicht bekommen, die jetzt
die Ursache so heftiger Debatten waren, und hielt die duftenden Blueten
ganz traurig in der Hand, als ihr Nellie zuraunte, sie moege sich nur ja
darueber freuen, die andern waeren alle nur neidisch auf sie.

"Wahrscheinlich wieder so eine Anbaendelei von der Erika; sie hat eben doch
ein etwas leichtes Wesen," sagte das Kind spaeter zu den Schwestern, und
die huebsche Erika wurde von den dreien tuechtig durchgenommen und zerlegt.
Der Refrain lautete immer: "Es ist schade um das huebsche Maedchen!"

Als Ilse im "ersten Mittagessen" in ihrer Dienstmaedchenrolle erschien,
erklang ploetzlich das helle Lachen einer Kinderstimme laut durch das Haus.
Es war Marianne, welche ihre Mama in diesem Anzuge zu komisch fand und
sich gar nicht darueber beruhigen konnte, bis Ruth sie energisch am Aermel
zupfte und zur Ruhe verwies.

Uebrigens kam auch das Publikum nicht aus dem Lachen heraus bei der
wirklichen Komik, die Ilse in ihrem Spiel entfaltete; sie wurde sogar
einige Male bei offener Szene gerufen. - Es war nun schon eine gewisse
Dreistigkeit ueber die Mitspielenden gekommen, man zitterte nicht mehr,
wenn der Vorhang in die Hoehe ging, sondern fuehlte sich schon ganz heimisch
auf den Brettern, und in den Pausen wurde auf der Buehne nach der Musik
getanzt. Freunde und Bekannte erschienen hinter den Kulissen, lobten die
Darsteller, ueberbrachten die Kritiken aus dem Publikum - natuerlich nur die
guten - und besahen neugierig sich das bunte Treiben.

"Sie spielen aber wirklich famos, deine Freundin Ilse hat viel Talent,"
sagte auch der Pastor im Parkett zu Rosi, die einige Male gelaechelt hatte,
aber zu einem wahren Genuss nicht gekommen war.

"Passend finde ich es nicht, dass eine Frau noch Theater spielt," warf sie
ein, "aber freilich, Ilse und Nellie denken ueber so etwas anders!"

Die Betonung dieser Worte liess erraten, welchen Sinn sie hineinlegte.

"Aber bedenke doch den guten Zweck, Roeschen; sie nehmen eine Menge Geld
ein fuer die armen Abgebrannten," meinte ihr Mann und sah sich in dem
vollen Hause um.

Es war bis auf den letzten Platz besetzt - lauter mitleidige, wohltaetige
Seelen? Wenn mit einem Schlage die Beweggruende eines jeden auf seiner
Stirn zu lesen gewesen waeren, die ihn heute abend ins Theater gefuehrt
hatten, so wuerde wahrscheinlich bei vielen die Neugierde ueber die
Wohltaetigkeit den Sieg davon getragen haben. Gute Bekannte in der
Oeffentlichkeit wirken zu sehen, hat ja immer einen grossen Reiz.

Zum dritten und letzten Male ertoente jetzt die Klingel. Die
"Hochzeitsreise" von Benedix wurde fast noch flotter als die andern Stuecke
gegeben. Nellie und Leo spielten das Professoren-Ehepaar, und ebenso wie
diese waren die andern Rollen, sowohl der Famulus und der Stiefelputzer,
als das Kammermaedchen, vorzueglich besetzt. Der Beifall war ein grosser, und
zum Schlusse mussten die Spielenden vier- bis fuenfmal erscheinen;
unermuedlich ruehrten sich die Haende der Zuschauer, und einzelne Begeisterte
dankten sogar mit lauten Bravorufen. -

Nun war alles vorbei! Der eiserne Vorhang rasselte herab, die beiden
Welten wieder voneinander trennend. Die Lichter erloschen in dem leeren
Zuschauerraume, und den roten Samtsitzen wurden die grauen Kappen
uebergezogen. In den Garderoben hantierte man eifrig mit Cold Cream, Seife
und Waschwasser; damit wurde das blendende Theatergesicht bearbeitet und
wieder in das alltaegliche verwandelt.

Mit wehmuetig zaertlichen Blicken betrachtete das "Kind" ihr griechisches
Gewand, das die Schwestern soeben sorgfaeltig in den Korb einpackten. Wie
schade, dass der schoene Traum aus und die lustige Zeit vorbei war! Das
bedauerten auch alle andern, indem sie dem Ehepaare Gontrau einstimmig
versicherten, wie herrlich das Theaterspielen gewesen sei.

Ilse schien aber doch ganz froh darueber zu sein, dass die aufgeregte Zeit
ein Ende hatte, so sehr sie auch mit Leib und Seele dabei gewesen war -
vielleicht zu sehr, denn bis zum letzten Augenblicke hatte sie noch immer
gezweifelt, ob es gelingen wuerde und geseufzt: "Ach, wenn es nur gelingt."

Und wie war es gelungen! Fuer allen Aerger im Anfang, fuer alle Muehe, war der
Lohn wenigstens nicht ausgeblieben, und man konnte den Obdachlosen 800
Mark uebermitteln; das war doch ein gutes Ergebnis. Ein ruehrendes
Dankschreiben vom dortigen Pastor traf sofort danach ein, welches die
Runde unter denen machte, die mitgewirkt hatten. Es war doch ein schoenes
Gefuehl, fuer ein gutes Werk etwas getan und dazu beigetragen zu haben, so
viel Jammer und Elend zu lindern.

In den ersten Tagen nach der Dilettantenauffuehrung gab es natuerlich nur
dies eine Thema, wenn Gontraus Bekannte sahen und trafen. Bei den meisten
klang die Kritik ueberraschend aehnlich, da sie sich eben nur in
Gemeinplaetzen bewegten. Einige schmeichelten dagegen so verstaendnislos,
dass man genau wusste, hinter dem Ruecken sprachen sie ganz anders. Nur
wenige aeusserten ein Urteil, dem man entnehmen konnte, dass sie in die Sache
eingedrungen waren; auch dass sie dies oder jenes tadelten, sich manches
anders gewuenscht haetten, war ein Beweis, dass man der Wahrheit ihrer Worte
trauen konnte. Den groessten Spass bereitete es Ilse und Nellie, wenn sie die
oft zutreffende Kritik aus den unteren Volksschichten hoerten; wie sehr
wuerde darueber die betreffende Dame, welcher gerade dieser Umstand einen
triftigen Grund abgegeben hatte, nicht mitzuwirken, die Nase geruempft
haben. -

Fritz war am Tage nach der Auffuehrung heimlich in aller Eile gekommen und
hatte sich von Ruth erzaehlen lassen, denn er selbst war natuerlich nicht im
Theater gewesen. Rosi behandelte ihn ueberhaupt jetzt unerbittlich strenge,
die Erholungszeit wurde ihm sehr knapp zugemessen und auf jedes
mangelhafte Extemporale eine empfindliche Strafe gesetzt. "Es muss und soll
etwas Tuechtiges aus dem Jungen werden," sagte Rosi zu Tante Emilie; "wenn
Adolf eben zu schwach ist, werde ich die Erziehung allein in die Hand
nehmen."

Tante Emilie hatte diesen Ausspruch mit beifaelligem Kopfnicken begleitet
und gab dann mit vieler Wichtigkeit ihre Ansichten ueber Kindererziehung
zum besten, die in der Theorie nichts zu wuenschen uebrig liessen, jedoch in
der Praxis wohl zu einem klaeglichen Resultat gefuehrt haben wuerden. Aber
fuer Rosi war so etwas wie ein Evangelium. Oftmals fragte sie sich, warum
ihre Erziehung bei Elisabeth so herrlich einschlug und bei Fritz so ganz
und gar nicht? "Weil du ihn nicht verstehst, weil du auf seine Eigenheiten
nicht eingehst," haette man ihr zur Antwort geben muessen. Bei Tante Ilse
fuehlte er sich so wohl, sie hatte Verstaendnis fuer den aufgeweckten Jungen
und war ihm ebenso zugetan, wie ihn Ruth liebte, die sich dagegen mit
Elisabeth durchaus nicht anfreunden wollte. Das stille Maedchen erregte
stets ihren Widerspruchsgeist; mit dem feinen Instinkt, den Kinder
besitzen, hatte sie deren schwache Seiten laengst erkannt, und zwischen den
beiden war ein ewiger Kampf. Rosi nannte Ruth ein herrschsuechtiges Kind,
Ilse dagegen fand Elisabeth unsympathisch.

Fritz hoerte mit offenem Munde Ruths Erzaehlung ueber das Theaterspielen an.
Ach, das musste doch herrlich gewesen sein, wenn er es doch auch haette
sehen koennen! Einige Darsteller ahmte Ruth so deutlich nach, dass selbst
Ilse, die eben dazu kam, darueber lachen musste, und dann berichtete sie,
welche Gesichter die Zuschauer gemacht und was die Leute gesagt haetten.
Aber warum mochte wohl Onkel Heinz nicht dagewesen sein? Sie hatte ihn
vergeblich auf allen Plaetzen gesucht. Das fragte sie jetzt die Mutter.

Ilse laechelte zu dieser Frage. Dass sich Onkel Heinz solchen
"Mummenschanz", wie er es nannte, nicht ansehen wuerde, hatte sie wohl
gewusst, aber auffallend war es, dass er sich gar nicht sehen liess. War er
noch boese? Sie hatte darueber in den letzten Tagen wenig nachdenken koennen,
aber jetzt kam ihr der Gedanke ploetzlich, und alles stand wieder deutlich
vor ihrer Seele; der Streit mit ihm, seine Schweigsamkeit den ganzen
uebrigen Tag, sein kurzer Abschied am Abend und dann sein Fortbleiben.
Sonst vergingen kaum einige Tage, ohne dass er kam - natuerlich: "er brummte
wohl mal wieder!"

"Ach Gott, was doch solche Junggesellen empfindlich sind," sagte Ilse
spaeter zu Leo, als sie mit ihm darueber sprach und auch er die Meinung
aeusserte, dass der Professor zuerne.

"Ja natuerlich, Ehemaenner muessen sich das Uebelnehmen mit der Zeit
abgewoehnen," erwiderte er seufzend, aber die gluecklichen Augen, mit denen
er seine Frau ansah, straften ihn Luegen.

"Die Ehemaenner, welche sich am gluecklichsten fuehlen, beklagen sich am
meisten," gab Ilse zurueck, die selten um eine Antwort verlegen war. "Eine
Frau, die zu allem Ja und Amen sagt, waere dir doch auch mit der Zeit
langweilig gewesen, Schatz, aber wie bin ich gegen frueher doch ganz anders
geworden, nicht wahr?"

Er zoegerte mit der Antwort und neckte sie noch eine Weile, bis er sah, dass
sie Ernst machte, denn sie war in diesem Punkte etwas empfindlich, weil
sie sich des einstigen Trotzkopfes schaemte und sich nicht gern daran
erinnern liess.

Die Sache mit Onkel Heinz ging Ilse doch gewaltig im Kopfe herum, sie rief
sich alles wieder ins Gedaechtnis zurueck, was er gesagt und was sie
erwidert hatte, und ihre Endbetrachtung war: "Warum musste er sie auch
immer so reizen!"

Als Leo am Nachmittage den Professor besuchen wollte, fand er die Wohnung
verschlossen und erfuhr von den Wirtsleuten, dass er schon seit laengerer
Zeit schwer krank in der Klinik lag, da er im Hause nicht die noetige
Pflege haette finden koennen. Leo suchte ihn dort sofort auf.

Onkel Heinz war bereits wieder aufgestanden, sah aber schlecht aus und
musste sich noch sehr schonen, so lautete Leos Bericht, als er gegen Abend
heimkehrte.

Das Mitleid verdraengte bei Ilse sofort jeden andern Gedanken, sie war ganz
von freundschaftlichster Teilnahme erfuellt und malte sich das Bild des
einsamen, kranken Junggesellen in den truebsten Farben aus. Warum hatte er
auch nicht zu ihnen geschickt!

"Da wohnt man nun in einer und derselben Stadt, ist intim befreundet, und
doch koennte einer sterben und verderben, ohne dass man etwas davon merkt!"
rief sie mit Traenen in den Augen, und auch die Kinder fingen an zu weinen,
als sie erfuhren, dass ihr geliebter Onkel krank sei. Ruth in ihrer
leidenschaftlichen Art fragte fortwaehrend unter Schluchzen, ob Onkel Heinz
nicht am Ende sterben wuerde, und liess sich kaum beruhigen.

Am andern Tage musste Leo auf Ilses Bitten noch einmal in die Klinik gehen
und fragen, ob sie den Professor besuchen duerfe.

Mit einem "Nein" kam ihr Mann zurueck und erzaehlte, dass sich der Professor
durch Ilse tief gekraenkt fuehle und durchaus nichts von ihrem Besuche
wissen wolle. Darueber war die junge Frau sehr traurig und mit ihr Ruth,
deren lebhaften Fragen, "warum sie der Onkel denn nicht sehen wolle," sie
mit der Antwort auswich, dass er sich noch zu krank dazu fuehle.

"Ich will den lieben kranken Onkel sehen," sagte auch Marianne, und Ilse
hatte Not, die betruebten Kleinen wieder zu troesten und zu erheitern. Jetzt
empfand sie so recht, wie gut und treu doch der Freund sein muesse, der
sich in solcher Weise in die Kinderherzen eingeschlichen hatte, welche ihn
naechst ihren Eltern am meisten liebten.

Am Morgen des uebernaechsten Tages kam Ruth strahlend zur Mutter gelaufen,
einen Brief hoch in der Luft schwenkend.

"Mutti, Mutti, lies doch - von Onkel Heinz - wir sollen ihn besuchen -
heute - in der Klinik - an mich ist der Brief," kam es in hastig
abgebrochenen Saetzen aus ihrem Munde, und ihre Augen lachten in heller
Freude.

Ilse nahm ihr den Brief aus der Hand und las ihn. Wahrhaftig, da schrieb
er in seinem alten neckischen Tone an Ruth, dass er sie am Nachmittage mit
Mutter und Schwester erwarten wuerde.

Fragend sah Ilse ihr Toechterchen an, die selbst auch kaum erwarten konnte,
ihre Heldentat zu erzaehlen. Sie hatte ganz allein an Onkel Heinz
geschrieben und den Brief durch einen Dienstmann in die Klinik geschickt.

"Mutti, dem Dienstmann habe ich 20 Pfennig aus meiner Sparbuechse gegeben.
Ist das wohl zu viel?" fragte sie lebhaft.

Das Kind war voller Stolz ueber diese eigenmaechtige Tat und erzaehlte immer
wieder von neuem, wie sie das alles gemacht habe. Niemand haette ihr
geholfen, sie waere ganz allein an die Strassenecke gegangen, wo die
Dienstleute immer staenden, und haette einem davon den Brief gegeben.

"Willst du ihn mal lesen?" fragte sie dann ploetzlich, und ohne eine
Antwort abzuwarten, flog sie hinaus, um ihn zu holen.

"Sie hat doch ein gutes Herz, das tolle Ding," dachte Ilse voll Ruehrung.
Oft genug hatte sie ihr ja schon Kummer bereitet, wenn sie beim Spielen
mit der kleinen Schwester so egoistisch und auffahrend war, was sie
allerdings im naechsten Augenblicke schon wieder bereute. Im Lieben und
Hassen war sie gleich stark. Fuer Onkel Heinz, den sie liebte, wuerde sie
alles tun, dagegen gab es Leute, die sie nicht leiden konnte, und gegen
die sie sich geradezu unliebenswuerdig zeigte.

Ruth kam nach wenigen Minuten mit ihrer Tafel zurueck, auf welcher der
Entwurf zu dem Briefe an Onkel Heinz stand, der folgendermassen lautete:






    "Lieber Onkel Heinz!

"Es tuht mir so leit das Du Krank bist aber Mutter sagt schterben woerdest
du nicht es giebt chetzt auch schon Maiblumen und Marichane ist gestern
aufs Knie gefallen und Mutter und ich moechten Dich so gern in der Klinick
besuchen und heute musste eine in unser Schule nach bleiben die hat aber
gebruelt. Lieber Onkel ich schicke Dir fiele gruese ich bruele aber nicht wen
ich nach bleiben mus das ist zu dum. Lieber Onkel Tut Dier fieles weh
Mutter weis nicht das ich Dir schreibe ich habe den Dienstmann 20 Pfennig
gegeben fuer den weg.

                              Es gruest Dich
                                                         Deine libe Ruth."






Diesem Briefe hatte er nicht widerstehen koennen; Ruth war nun einmal sein
erklaerter Liebling. Diese beiden so verschiedenartigen Naturen waren fuers
Leben verbunden, die Liebe des Kindes, des spaeteren jungen Maedchens, sie
war der erhellende Sonnenstrahl auf dem einsamen Lebenswege von Onkel
Heinz.

Ruth konnte kaum den Nachmittag erwarten und war voll Unruhe. Bald lief
sie durch alle Zimmer, singend und traellernd, oder in den Garten, wo sie
einen grossen Maiblumenstrauss fuer den geliebten Onkel pflueckte. Jubelnd
brachte sie Ilse den ersten Maikaefer, den sie eben gefangen und in eine
leere Streichholzschachtel auf zarte, gruene Blaetter gebettet hatte - er
sollte auch mit zu Onkel Heinz wandern.

"Da wird er sich drueber freuen," meinte sie strahlend. Welches Opfer aber
auch fuer ein Kind, den ersten Maikaefer zu verschenken, den es so eifrig
gesucht, auf den es sich so lange gefreut hat!

Gegen drei Uhr, die Besuchszeit in der Klinik, machte sich Ilse mit ihren
beiden Kleinen auf den Weg. Ihre aufgeregte Aelteste hatte unterwegs in
einem fort zu fragen; sie wollte wissen, wie eine Klinik aussaehe, ob da
viele kranke Menschen waeren und wer weiss, was noch alles; ihr
Plappermaeulchen stand keinen Augenblick still, und Ilse musste sie
schliesslich ganz energisch zur Ruhe verweisen, als sie vor der Tuere
standen und die Glocke gezogen hatten.

Neugierig sahen die beiden Kinder auf die barmherzige Schwester, die ihnen
oeffnete und mit sanfter Stimme nach ihren Wuenschen fragte.

Onkel Heinz hatte schon die Anweisung gegeben, dass Ilse gleich
hinaufgefuehrt werden solle, wenn sie kaeme, und die Schwester mit dem
milden Gesicht unter dem weissen Haeubchen fuehrte sie deshalb ohne weitere
Anmeldung die Treppe hinauf.

Ihre Schritte verhallten lautlos auf den dicken Laeufern. Geheimnisvoll
still war es im ganzen Hause. In dem langen Korridor befand sich Zimmer an
Zimmer, und wattierte gruene Tueren davor hielten jeden Ton, der stoerend
nach innen wirken konnte, fern. Ruhig glitten die Schwestern, alle in der
gleichen dunklen Tracht, auf ihrem Wege aneinander vorueber. Eine peinliche
Sauberkeit herrschte ueberall, und in den grossen, hellen Fenstern standen
bluehende Pflanzen - ebenfalls Pfleglinge der Schwestern -, die dem Ganzen
etwas von dem Charakter des Strengen und Ernsten benahmen.

Hinter einer der vielen Tueren verschwand nun die Schwester, und nach
einigen Augenblicken kam sie mit dem Bescheid zurueck, dass der Herr
Professor bitten liesse einzutreten.

Zoegernd ueberschritt Ilse die Schwelle, Ruth und Marianne an der Hand
haltend, welche beide schweigsam die fremde Umgebung mit grossen Augen
musterten. Wie hatte Ruth sich auf den Augenblick gefreut, Onkel Heinz
wiederzusehen, und nun sie am Ziele ihrer Wuensche angelangt war, wurde sie
zaghaft und scheu.

Die Gestalt, die dort in dem kleinen, hellen Zimmer am Fenster auf einem
Krankenstuhle sass, eingehuellt in warme Decken, mit dem Aussehen von
jemand, der schwere Krankheit ueberstanden hat, glich auch wenig dem alten
Onkel Heinz, der sich mit den Kindern auf der Erde herumkugelte und zu
jedem Spasse bereit war.

Aber sein Gesicht hellte sich doch auf, als er jetzt die Eintretenden sah,
besonders beim Anblick von Ruth. Ilse hatte er mit einem fluechtigen
Haendedruck begruesst und dabei versucht, eine linkische Verbeugung zu
machen. Marianne aber zog er neben sich und nahm sie in seine Arme, dann
wandte er sich wieder an Ruth, welche zoegernd stehen geblieben war und ihn
betrachtete.

"Na, nun komm doch naeher, alte Kroete!" rief er endlich herzlich.

Bei dem vertrauten Klang seiner Stimme schwand ihre Scheu, sie lief zu ihm
hin und warf sich stuermisch in seine Arme.

"Halt, sachte, sachte," wehrte er den Wildfang ab, aber als Ilse sie
zurueckziehen wollte, hielt er sie doch wieder fest, und sie schmiegte sich
noch enger an ihn.

Jetzt hatte er wieder sein altes Kinderonkelgesicht! Marianne erzaehlte von
ihrer Puppe, die neulich auch so sehr krank gewesen sei, Ruth zeigte ihm
den ersten Maikaefer in seinem engen Gefaengnis, und konnte nicht genug
berichten, wie schoen es im Theater gewesen sei.

"Habe von der Mimerei gehoert," sagte Onkel Heinz kurz.

Ilse hatte inzwischen die Maiblumen ins Wasser und neben ihn gestellt; mit
den duftenden Blueten kam ein Stueckchen Fruehling in das nuechterne Zimmer.

"Bitte, Frau Gontrau, wollen Sie nicht Platz nehmen? Ruth, hole deiner
Mutter einen Stuhl; fix, Maedel!" rief er und konnte eine gewisse
Verlegenheit nicht verbergen.

"Ich danke," sagte Ilse und setzte sich ihm gegenueber.

Sie hatte schon einige Male versucht ein Gespraech anzufangen, aber er ging
nicht so recht darauf ein. Es schien eher, als vermeide er, sie anzusehen,
denn nur scheu streifte sie sein Blick, dagegen beschaeftigte er sich
eifrig mit den Kindern, die in einem fort kicherten und schwatzten.

Ilse hatte sich eigentlich dieses Wiedersehen in ihrer Phantasie weit
poetischer vorgestellt, ja sogar etwas romanhaft ausgeschmueckt, und war
nun enttaeuscht, dass der Professor jede Annaeherung abwehrte und auch nicht
die Spur weich gestimmt zu sein schien. Doch wie kam sie auch auf so
verwegene Gedanken! Sie haette ihn doch hinreichend kennen sollen, um zu
wissen, dass er nicht der Mann war, sich in einer solchen Situation
geschickt zu benehmen.

Mit aufrichtiger Teilnahme wollte sie ihm entgegenkommen. Freilich
leugnete er immer sehr bestimmt ab, dass er irgend etwas vermisse, wenn sie
ihn bedauerte, weil er so allein sei. War das nun wirklich Wahrheit oder
taeuschte er sich selbst? Darueber war sie oft im Zweifel, aber doch neigte
sie sich mehr der Ansicht zu, dass er, um gluecklich zu sein, weiter nichts
brauche, als seine Arbeit, seine Buecher.

Und doch - ein eingefleischter Buechermensch hatte nicht das warme Herz,
das Verstaendnis fuer die Kinder, wie er es besass! Er ging auf ihre Ideen
ein, wie es niemand besser verstand.

"Na, wie ist es denn jetzt in der Schule, Ruth, bist du immer noch die
letzte?" fragte er in diesem Augenblick.

"Aber, Onkel Heinz," rief Ruth entruestet, "ich bin niemals die letzte
gewesen!"

"Natuerlich, du Faulpelz, du kannst und weisst ja nie etwas, du bist die
Duemmste in der ganzen Klasse .."

"Das ist nicht wahr - das ist nicht wahr!"

"Schweig, du Kroete, ich weiss es besser!"

"Ach, du weisst gar nichts, Onkel Heinz."

Wenn der Professor diesen Ton mit den Kindern anschlug, wussten sie genau,
dass sie sich alles moegliche herausnehmen durften, und meistens endete eine
solche Neckerei mit einer kameradschaftlichen Balgerei. Auch heute tat
Ruth alles moegliche, um Onkel Heinz herauszufordern, aber er schien doch
noch zu hinfaellig zu sein, um mit seiner kleinen Freundin sich in einen
Kampf einlassen zu koennen.

Wiederholt versuchte Ilse ein Gespraech anzuknuepfen doch er wandte sein
ganzes Interesse den Kindern zu und antwortete ihr nur kurz - sie musste
ihn tief, tief gekraenkt haben, wie er ja auch Leo eingestanden hatte.

"Sie waren recht krank, lieber Professor?" fragte sie nach einer Weile in
ihrem sanftesten Tone.

"Ja, na diesmal bin ich noch mit dem Leben davongekommen!"

"Sie hatten ein schweres gastrisches Fieber?" fuhr Ilse fort.

"So nannten es die Aerzte wenigstens. Warte du Strick," wandte er sich dann
sofort wieder an Ruth, die ihm den Maikaefer in den Bart gesetzt hatte.

Diese Unterbrechung der von Ilse aufs neue begonnenen Unterhaltung schien
ihm sehr angenehm zu sein - fuerchtete er etwa eine Auseinandersetzung?
Doch Frau Ilse wollte nun einmal sprechen, sie hatte ihn gekraenkt und
musste ihn wieder versoehnen. Auf einmal kam er in seiner ganzen Lage ihr so
verlassen vor, so trostlos traurig, dass sie nur der eine Wunsch beseelte,
er moechte ihr verzeihen. Aber die Kinder mussten erst fort sein, er haette
bei ihnen sonst immer wieder eine Ablenkung gesucht und gefunden. Sie
schickte sie deshalb auf den kleinen Balkon vor dem Fenster mit dem
Befehle, sich dort ruhig und artig zu verhalten, bis sie gerufen wuerden.

Ruth wollte sich wie gewoehnlich widersetzen, wenn sie aus der Naehe ihres
Onkel Heinz verbannt werden sollte, aber diesmal genuegte ein Blick auf
Ilse, um ihr zu zeigen, dass mit der Mutter jetzt nicht zu spassen war;
daher ging sie ganz still mit Marianne hinaus.

"Warum lassen Sie denn die Kinder nicht hier?" fragte der Professor.

"Sie machen zuviel Spektakel, und Sie sind doch seit Ihrer Krankheit gewiss
die groesste Ruhe gewohnt. Aber nicht wahr, es geht Ihnen doch schon viel
besser? Wenigstens sehen Sie recht gut aus."

Onkel Heinz brummte etwas Unverstaendliches in den Bart, wobei er
unverwandt durch das Glasfenster in der Tuere auf den Balkon blickte, wo
seine kleinen Freundinnen den Maikaefer nochmals einer genauen Besichtigung
unterwarfen.

"Warum haben Sie uns denn gar nicht wissen lassen, dass Sie krank waren?"
fragte Ilse wieder.

"Das haette mir auch nichts nuetzen koennen, wenn Sie das gewusst haetten,"
antwortete er nicht gerade liebenswuerdig.

Dann schwiegen wieder beide.

Auf diese Weise kamen sie nicht weiter, das sah Ilse ein und beschloss
deshalb, direkt auf ihr Ziel loszusteuern.

"Nicht wahr, Sie sind mir noch sehr boese, Onkel Heinz?" fing sie an.

Er antwortete nicht.

"Ich wollte Sie ja nicht kraenken," fuhr sie fort.

"O - Sie kraenken mich oft, sehr oft, wenn ich es mir auch nicht immer
merken lasse," unterbrach er sie nun fast heftig.

Hierauf wollte Ilse ihm erwidern, dass er sie durch sein Benehmen oft reize
und auch letzthin gereizt habe, aber sie unterdrueckte doch lieber diese
Bemerkung.

"Mein Gott, Sie necken mich, ich necke Sie wieder, weiter ist doch nichts
dabei," gab sie statt dessen freundlich zur Antwort.

"Ihre Neckereien haben meistens einen bitteren Beigeschmack," warf er ein.

"Ja, aber wieso denn?"

"Nun, bald nennen Sie mich einen alten eingefleischten Junggesellen, oder
Sie sagen, ich sollte froh sein, dass ich nicht verheiratet waere, denn ich
wuerde eine Frau nur ungluecklich machen, na - und aehnliche Redensarten
mehr!"

"Aber, das ist doch alles nur Scherz!"

Ilse musste beinahe lachen, als er so getreulich wiederholte, was sie oft
zu ihm gesagt hatte, aber es war ihr bei diesem Gespraech doch zu ernsthaft
zumute.

"Sie trauen mir wenig feines Gefuehl zu, wenn Sie glauben, dass ich den
Stachel in solchen Bemerkungen nicht empfinde, der oft recht, recht tief
sitzt," erwiderte Onkel Heinz mit bewegter Stimme.

Es entstand abermals eine Pause, beide sahen nachdenklich vor sich hin.
Nach einer Weile fuhr er fort:

"Sie sind gluecklich, Frau Gontrau, Sie sind verwoehnt, zu verwoehnt, - denn
offen gestanden behandelt Sie Gontrau nach meiner Meinung oft gar nicht
richtig - Sie sind verheiratet, haben Kinder," fuhr er fort.

"Aber, bester Professor," unterbrach ihn Ilse, "dieses Glueck koennten Sie
doch auch haben, wenn Sie wollten! Ich denke immer, es laege Ihnen nichts
daran und Sie haetten nur Interesse fuer Ihre Buecher."

"Meinen Sie?" fragte er langsam und gedehnt und sah ihr zum ersten Male
voll in die Augen mit einem Ausdruck, vor welchem sie die ihrigen senken
musste.

"Halten Sie mich solcher Gefuehle nicht fuer wuerdig oder nicht fuer faehig?"
fing er wieder an.

"Dass Sie ein warmes Herz haben, beweist mir Ihre Liebe zu den Kindern,"
erwiderte Ilse etwas verlegen.

"Glauben Sie mir, auch ich kenne Stunden, wo mir kein Buch, keine Arbeit
ueber das Gefuehl der Einsamkeit hinweghilft. - Sie kennen so etwas
natuerlich nicht, Sie werden es wahrscheinlich auch nicht begreifen, dass
Ihr alter 'eingefleischter Junggeselle' solche Empfindungen haben kann,
und hinter meinem Ruecken werden Sie gewiss darueber spotten und lachen."

Ein leichter Seufzer begleitete seine Worte.

"Aber, Onkel Heinz, was trauen Sie mir da alles zu, halten Sie mich denn
fuer so falsch?" fragte Ilse mit trauriger Stimme. "Und dann noch eins,"
fuhr sie nach einer kleinen Weile fort, "Sie sagten vorhin, mein Mann
behandle mich nicht richtig, wie meinen Sie das?"

"Nun, wie ich schon sagte, er verwoehnt Sie zu sehr, er laesst Ihnen zuviel
Ihren Willen; Gontrau ist zu schwach. Sie werden dadurch egoistisch - Sie
haetten ganz anders erzogen werden muessen."

"Erzogen, erzogen!" brauste Ilse auf und glich in diesem Augenblick auf
ein Haar dem Trotzkopf von frueher, "Ich bin doch kein Kind mehr, das
'Erziehen' wuerde ich mir von meinem Manne recht huebsch verbitten."

"Ja, wenn Sie nicht ruhig bleiben koennen, Frau Gontrau, dann wollen wir
dieses Thema lieber verlassen," sagte Onkel Heinz in jenem
Schulmeistertone, der Ilse schon oft zur Verzweiflung gebracht hatte.

Aber sie bezwang sich heute, es waere sonst wieder zu einem neuen Streite
statt zur Versoehnung gekommen. Auch hallten seine Worte, durch welche er
ihr vorhin sein Inneres erschlossen hatte, tief in ihr nach. Also so
dachte und fuehlte er oft!

"Warum heiraten Sie nicht, Onkel Heinz?" fragte sie ploetzlich, "warum
nicht?"

Er gab keine Antwort, aber eigentuemlich war der Blick, den er Ilse zuwarf.
Sie konnte sich denselben nicht recht erklaeren, dennoch fuehlte sie
instinktiv, was er ausdrueckte - es beunruhigte - es verwirrte sie.

"Sie halten mich wohl fuer recht schlecht?" platzte sie in ihrer
Verlegenheit heraus. "Sagen Sie mir nur meine Fehler immer offen."

"Ich halte Sie fuer gut, Frau Gontrau," erwiderte der Professor einfach,
"sonst wuerde ich ueberhaupt Ihr Freund nicht sein, und der bin ich doch,
nicht wahr? Schoene Redensarten kann ich nun einmal nicht machen, will es
auch nicht, aber ich meine es trotzdem gut mit Ihnen. Oder glauben Sie das
nicht?"

Abwechselnd klang seine Stimme weich und dann wieder schroff, als kaempfe
er mit seinen Gefuehlen.

"Gewiss, gewiss, Onkel Heinz," sagte Ilse schnell; "aber oft sind Sie zu
absprechend, und nicht allein gegen mich, auch gegen Leo; wie machen Sie
seine Wissenschaft manchmal herunter!"

Ironisch laechelnd drehte Onkel Heinz seine Bartspitze.

"Ja, die Juristen sind nun einmal einseitig, verstehen nicht viel andres."

"So?" unterbrach ihn Ilse lebhaft; "wenn also die Juristen einseitig sind,
dann sind die Zoologen eingebildet, Onkel Heinz, das will ich Ihnen nur
sagen."

"Da sehen Sie ja, wie Sie mich immer missverstehen, Frau Gontrau. Nun
wollen wir das Thema lieber ruhen lassen, sonst streiten wir uns wieder.
Wenn ich so etwas sage, meine ich es doch nicht persoenlich, es gibt ja
doch Ausnahmen unter den Juristen!"

"Leo ist eine Ausnahme, nicht wahr?" fragte Ilse schnell.

"Sonst waere er mein Freund nicht," gab Onkel Heinz wieder mit Nachdruck
zur Antwort.

Ilse amuesierte sich innerlich ueber die gute Meinung, die er von sich
hatte, aber gleichviel; was waren seine Eigentuemlichkeiten gegen seine
wahre Freundschaft fuer sie und ihre Familie! Er hatte nur wenige, mit
denen er verkehrte, fast gar keine Freunde, war ohne Verwandte, er wuerde
mit der Welt ganz abschliessen und ein Einsiedler werden, wenn die
Freundschaft mit Gontraus durch irgend etwas zerstoert werden sollte. War
es deshalb nicht auch eine heilige Pflicht, hier ein Menschenleben zu
retten, das allerdings nicht in Lebensgefahr, wohl aber in Gefahr war,
sich selbst durch seine vollkommene Abgeschlossenheit in der Welt zu
verlieren?

Der Professor hatte nun einmal kein glattes Wesen, das den Verkehr zwar
erleichtert, aber zu einem wirklichen Freundschaftsverhaeltnis doch nicht
ausreichend ist. Er bekannte offen und frei ins Gesicht, was er dachte,
jedoch hinter dem Ruecken verteidigte er seine Freunde, selbst wenn es
gegen seine Ueberzeugung ging.

Dies alles fuhr jetzt Ilse durch den Sinn; sie fuehlte, dass sie ihm heute,
in diesem Augenblicke viel, viel naeher gerueckt war als je zuvor, denn in
solchem Masse hatte er ihr noch niemals sein Vertrauen geschenkt, so offen
hatte er sein Inneres noch nicht vor ihr gezeigt. Gab es eine Wunde darin,
hatte auch Onkel Heinz eine schmerzhafte Stelle?

Nach Frauenart war Ilse neugierig geworden und haette gern mehr darueber
erfahren. Das beunruhigende, verwirrende Gefuehl, das sie vorhin unter
seinem Blicke beschlichen hatte, war vollstaendig gewichen, sonst haette sie
wohl keine Lust zu weiteren Fragen empfunden.

Handelte es sich bei Onkel Heinz etwa gar um eine unglueckliche Liebe?

Sie sah ihn sich daraufhin an, und wollte schon den Faden wieder
aufnehmen, aber sein veraenderter Ausdruck belehrte sie eines Besseren, und
das war gut.

Onkel Heinz sah aus wie jemand, der es bereut, seine Gefuehle zu offen
gezeigt zu haben, ein ironischer Zug lagerte sich um seinen Mund, als
mache er sich ueber sich selbst lustig, was er auch tat, - aber mit einem
wahren Galgenhumor.

Unaufhoerlich drehte er seine Bartspitze und sah hinaus in die helle,
sonnige Luft, welche die beiden Kinderkoepfe auf dem Balkon duftig umwob.

Laut rief er sie bei Namen.

"Ruth, Marianne, kommt herein!"

Die beiden liessen sich das nicht zweimal sagen, ungestuem stuermten sie ins
Zimmer.

"Lasst die Tuere offen, Kroeten, es ist eine dumpfe Luft hier!"

Ilse oeffnete Fenster und Tuere weit - sie und Onkel Heinz atmeten tief auf,
als der frische Zug von draussen hereinwehte - belebend, ermutigend!

"Onkel Heinz," rief Ruth froehlich, "gestern haben wir uns den Rasenabhang
- weisst du den, wo die vielen Veilchen stehen - heruntergekugelt. Wie
schade, dass du nicht dabei warst, ich sage dir, es war himmlisch! Wenn du
erst wieder gesund bist, nicht wahr, dann kugelst du dich auch mit
herunter?"

Onkel Heinz versprach es und noch viel mehr, alles, was die Kinder von ihm
verlangten.

"Onkel Heinz," sagte Ilse auf einmal lachend und einer ploetzlichen
Eingebung folgend, "wie haben Sie sich denn hier mit den Aerzten vertragen,
die Sie ja doch so sehr verabscheuen?"

"Ja," erwiderte er in resigniertem Tone, aber gut gelaunt, "was soll man
denn machen, wenn sie einen in voellig wehrlosem Zustande in die Klinik
schleppen? Ihren Klauen entgeht man nun einmal nicht!"

"Unter diesen 'Klauen' sind Sie aber Gott sei Dank wieder gesund geworden,
Onkel Heinz, und das ist die Hauptsache!"

"Haben die Aerzte nicht Schuld, sondern nur meine gute Natur!"

Streiten musste er nun einmal immer.

"Wenn Sie erst wieder ausgehen koennen, werden Sie sich gewiss schnell
erholen in der himmlischen Fruehlingsluft. Duerfen wir bald mal
wiederkommen?"

Ilse fragte mit bestechender Liebenswuerdigkeit; in dem unklaren Gefuehl,
dass sie trotz allem einen nicht geringen Einfluss auf Onkel Heinz ausuebe;
so empfindlich derselbe sich manchmal ihrer Schroffheit gegenueber zeigte,
ebenso empfaenglich war er andrerseits auch fuer die geringste
Freundlichkeit.

So schieden die beiden denn im besten Einvernehmen.

Beim Fortgehen sagte Ilse leise:

"Seien Sie nicht mehr boese, wir wollen stets gute Freundschaft halten."

Onkel Heinz wusste, was es sie kostete, eine solche Bitte ueber ihre Lippen
zu bringen, kannte er sie doch auch ganz genau. Desto wertvoller waren ihm
ihre Worte.

"Auf gute Freundschaft!" erwiderte er herzlich und reichte ihr seine Hand.

Der Abschied von den Kindern war ein sehr zaertlicher, namentlich von Ruth,
die sich gar nicht trennen konnte, bis Ilse energisch ein Ende machte.

Als sich die Tuere hinter ihnen geschlossen hatte, war es wie zuvor still
und ruhig im Zimmer. Onkel Heinz lehnte sich zurueck und schloss die Augen.
Worueber er nachdachte? Wir wissen ja, dass er sein Inneres gut verbarg. Den
Einblick, den Ilse heute hinein getan hatte, verdankte sie dem Zufall, wie
er denjenigen manchmal beguenstigt, der auf hohem Berge steht und
sehnsuechtig in die von grauem Nebel verhuellte Tiefe schaut, wenn er auf
einmal die dichten Schleier zerreissen sieht. Neugierig spaeht er hinab,
sieht unter sich ein bluehendes Tal - hier ein Dorf - dort ein Schloss auf
der Hoehe. Was liegt nun noch dort drueben? Was dort? Das moechte er wissen,
moechte alles sehen, aber schon ist es wieder vorbei! Von neuem schieben
sich die Wolken davor, alles verbergend und verhuellend.

So hatte sich auch ueber die Gedankenwelt von Onkel Heinz die
undurchdringliche Wand wieder vorgeschoben, welche sein Inneres jedem
Blicke verbarg.

Nach einiger Zeit trat die barmherzige Schwester ein, lautlos wie immer,
und brachte seine Abendmahlzeit.

"Soll ich das Fenster schliessen? Es wird zu kuehl, Sie koennten sich sonst
erkaelten, Herr Professor," sagte sie freundlich.

Er erwachte wie aus einem Traume!

"Lassen Sie nur offen! Erkaelten - erkaelten - ist ja Unsinn - Luft schadet
nichts, will mich nicht verpimpeln."

Die Schwester, an alle erdenklichen Launen und Ausbrueche der Kranken
gewoehnt, tat trotz dieser Rede doch, was sie fuer ihre Pflicht hielt; sie
schloss die Tuere und zog das Fenster etwas mehr zu. Die Sonne war im
Scheiden, und noch waren die Abende frisch und kuehl. -

Ilse ging an demselben Abend mit Leo hinaus in die Anlagen vor der Stadt,
um den Maitag in seinem Zauber bis zuletzt zu geniessen, und dabei erzaehlte
sie ihrem Schatz den Besuch bei Onkel Heinz mit allen seinen Einzelheiten.
Das, was er ihr heute gesagt, hatte einen tiefen Eindruck auf sie gemacht,
und sie nahm sich vor, ihn von jetzt ab mit viel mehr Ruecksicht zu
behandeln als bisher.

Die Fruehlingsstimmung ringsumher, der schwermuetige Gesang der Nachtigallen
machten sie heute weicher, als es sonst ihre Art war; ihre Phantasie spann
einen ganzen Roman um die Gestalt von Onkel Heinz. Er erschien ihr auf
einmal in einem ganz andern Lichte; seine aeussere Rauheit war nur Schein,
dahinter verbargen sich schmerzliche Gefuehle von Einsamkeit,
Verlassenheit, ja vielleicht eine betrogene Hoffnung! Sie wollte ihn
kuenftig zarter anfassen und ihm zeigen, dass sie des ihr geschenkten
Vertrauens wuerdig war.

Unwillkuerlich schweiften ihre Gedanken immer wieder zurueck zu dem kleinen
Krankenzimmer in der Klinik, sie sah ihn vor sich, betruebt und
nachdenklich, und fasste den festen Vorsatz, ihm eine treue Freundin zu
sein. -

Die geruehrte Stimmung, in welche Onkel Heinz Frau Ilse versetzt hatte,
hielt zum Glueck nicht lange an.

Er war nun wieder wohl, auch sehr vergnuegt, ganz der Alte, und jedes
mitleidige Wort, das Ilse ueber seine Krankheit, ueber sein einsames Leben
an ihn richtete, schnitt er mit der Bemerkung ab, dass dabei gar nichts zu
bedauern sei, denn er waere nicht sentimental angelegt und wuesste sich mit
den Tatsachen abzufinden.

So geriet allmaehlich der Verkehr zwischen den beiden wieder in das alte
Geleise, sie neckten und stritten sich wie zuvor, aber dennoch nahm sich
Ilse mehr zusammen, und Worte wie: "alter Junggeselle, Brummbaer" usw., die
ihn so tief gekraenkt hatten, bekam er nicht mehr zu hoeren.

                                  * * *

Die Rosen standen schon in voller Bluete, die Tage waren heiss, das frische
Gruen der Gaerten wurde durch eine graue Staubdecke gedaempft - der Sommer
war eingezogen und hatte den Fruehling verdraengt.

Aber der Rosenmonat wurde jetzt ebenso als der schoenste gepriesen, wie
kurz vorher sein Vorgaenger, der wonnige Mai.

Eines Morgens fand Ilse auf dem Kaffeetische einen Brief von Flora mit
vielen engbeschriebenen Seiten vor, nachdem dieselbe lange nichts hatte
von sich hoeren lassen.

Seitdem wir Flora als schwergepruefte junge Witwe verliessen, war eine
Wandlung mit ihr vorgegangen. Sie schien eine Zeitlang wie gebrochen zu
sein, und ihr Kummer war auch ein aufrichtiger, denn sie ruehrte keine
Feder an, sie verfasste keine Trauergedichte, sie klagte nicht mit
ueberschwenglichen Worten. Der erste grosse Schicksalsschlag ging nicht
spurlos an ihr vorueber, er ruettelte sie aus ihren toerichten Ideen auf, das
Leben nahm fuer sie seine wirkliche Gestalt an, und ihre schemenhaften
Ideale zerflossen davor in nichts. So war sie denn, ohne dass es ihr
eigentlich zum Bewusstsein gekommen waere, eine andre geworden, als sie den
Witwenschleier wieder ablegte. Vor allen Dingen versuchte sie nun
Kaethchens Herz zu gewinnen, sie machte ihre Mutterrechte geltend und holte
sie von der Grossmama zurueck. Nach und nach gewoehnte sich die Kleine mehr
an sie, doch hatte sie manchen Kampf mit ihr zu bestehen und war oft nahe
daran zu verzweifeln, denn Kaethchen schien es nicht vergessen zu haben,
wie sie frueher an ihr gehandelt hatte. Aber endlich wurde Floras Muehe und
Ausdauer durch Erfolg belohnt, und das Verhaeltnis zwischen Mutter und
Stieftochter gestaltete sich mit der Zeit sogar zu einem sehr herzlichen.

So vergingen einige Jahre, als Flora sich zum zweiten Male mit einem
Gutsbesitzer, Namens Werner, verheiratete. Die poetische Flora und ein
Landwirt! Was das fuer ein Kontrast sein musste, malten sich Ilse und Nellie
oft aus, aber sie hatten doch schon aus Floras Briefen ersehen, dass diese
sich geaendert haben musste, denn sie klangen ganz vernuenftig, und nur
selten noch erging sie sich in ueberspannten Schwaermereien. Ueber ihre zwei
kleinen Maedchen von sechs Jahren, ein Zwillingspaerchen, schrieb sie
gluecklich und stolz und brannte darauf, sie den Freundinnen zeigen zu
koennen. Fast jeder ihrer Briefe enthielt eine dringende Einladung. Die
Freundinnen hatten sich seit Jahren nicht wiedergesehen, und Flora schien
nicht vergessen zu haben, in welcher Weise Ilse und Nellie ihr einst in
der schweren Zeit beigestanden hatten.

Auch heute bat sie wieder in dem Briefe, den Ilse soeben zu Ende gelesen
hatte, um ihren und der Kinder Besuch; sie schilderte verlockend, wie
herrlich jetzt das Landleben sei, und schrieb, dass sie auch Nellie gebeten
habe, mitzukommen.

Leo riet seiner Frau dringend, die Einladung anzunehmen, und nach einigem
Hin- und Herueberlegen entschloss sich Ilse auch dazu und antwortete Flora,
dass sie kommen und, wenn es ihr passte, um die und die Zeit mit den Kindern
eintreffen wuerde. Ruths Ferien sollten in den naechsten Tagen beginnen, und
auch ihr und Marianne wuerde ein Aufenthalt in der reinen Landluft sehr gut
tun.

Nun galt es aber, auch Nellie zum Mitkommen zu bewegen, die es zunaechst
als eine Unmoeglichkeit hinstellte, ihren Mann zu verlassen. Was sollte
Fred ohne ihre stets sorgende Hand anfangen, nur allein auf das
Dienstmaedchen angewiesen! Nein, nein, das ginge nicht, erklaerte sie rund
heraus.

Aber Ilse gab sich damit nicht zufrieden; sie steckte sich hinter den
Direktor, sagte ihm, sie faende Nellie schlecht aussehend, und stellte ihm
dies so beharrlich vor, bis er schliesslich selbst fand, dass seine Frau
erholungsbeduerftig sei. Nellie war deshalb nicht wenig erstaunt, als er
ploetzlich darauf bestand, sie solle mitreisen und sich erholen. Seine
Sorge fuer ihre Gesundheit war etwas ganz Ungewoehnliches und, wie sie
meinte, Unnoetiges. Sie war ja gesund, aber der arme Fred, der sich so
abquaelen musste, der musste gepflegt und gehegt werden, machten ihm seine
dummen Nerven doch so oft zu schaffen. Und nun sollte sie ihn verlassen,
er wollte in der staubigen, heissen Stadt allein zurueckbleiben und
arbeiten, immer arbeiten; niemand wuerde da sein, der fuer ihn sorgte, wenn
er muede und abgespannt nach Hause kaeme, niemand, der an eine Erholung fuer
ihn daechte und seine Wuensche, ehe sie nur ausgesprochen wurden, zu
erfuellen suchte. O, sie wuerde keine ruhige Minute auf der Reise haben,
nicht die Spur von Vergnuegen, sie wuerde fortwaehrend voller Sorge an ihn
denken.

Das alles klagte sie Ilse unter Traenen und ahnte nicht, dass diese sich
heimlich ins Faeustchen lachte, als sie sah, dass ihre Bemuehungen
erfolgreich gewesen waren. Sie fand es ganz heilsam fuer den nervoesen
Direktor, dass er einmal ohne Nellie fertig werden sollte, denn nach ihrer
Meinung war er sich noch viel zu wenig bewusst, was er an dieser Frau
besass, die ganz und gar in ihm aufging und nur fuer ihn auf der Welt zu
sein schien. Mit Vorstellungen und Ratschlaegen war bei Nellie nichts
auszurichten; sie gab stets zur Antwort, dass Ilse gar nicht wisse und
beurteilen koenne, wie elend ihr Fred oft sei und trotz aller Liebe fuer die
Freundin fand sie dennoch, dass diese solche Dinge zu leicht nehme.

"O, ich bitte dich," flehte sie Ilse an, "rede es Fred aus, dass ich fort
soll, sage ihm, dass du mich frisch und gesund faendest, und dass ich keine
Erholungsreise noetig haette, denn er gibt so viel auf dich."

Ilse wuerde sich wohl hueten, so etwas zu tun, das erklaerte sie ganz offen
gegen Nellie. So musste sich diese denn ins Unvermeidliche fuegen. Fred
hatte ihre Bitten zuerst geduldig angehoert, aber bei den immer neuen und
durch Traenen verstaerkten Auflagen derselben war er schliesslich so nervoes
und ungeduldig geworden, dass sie endlich hatte nachgeben muessen. Wie ein
Schatten schlich sie die Tage vor der Abreise im Hause umher und schrieb
ellenlange Zettel, auf welchen die bis ins kleinste gehenden Anordnungen
fuer das Dienstmaedchen waehrend ihrer Abwesenheit standen. Alle seine
Lieblingsgerichte sollten gekocht werden, ausserdem sollten zum Fruehstueck
und Abendessen noch besondere Leckerbissen auf den Tisch kommen, so dass
der arme, verlassene Mann wenigstens nicht zu darben brauchte.

Endlich war die Stunde der Abreise gekommen, und der Direktor und Leo
begleiteten ihre Frauen zum Bahnhofe. Ersterer musste noch unzaehlige
Ermahnungen ueber sich ergehen lassen, und mit schwerem Herzen nahm Nellie
von ihm Abschied. Auch Onkel Heinz erschien noch im letzten Augenblicke;
aus jeder seiner Rocktaschen guckte eine Duete heraus, die von den Kindern
mit Jubel begruesst wurde.

"Ich bin ueberzeugt, die beiden Strohwitwer werden sich herrlich
amuesieren," sagte Ilse, um Nellie etwas aufzuheitern, und im gleichen
Augenblicke rief Gontrau ihr neckend zu, dass er ihren Mann jeden Abend zur
Kneipe abholen wuerde, denn sie muessten doch ihre Freiheit geniessen.

"Siehst du wohl," lachte Ilse.

Aber spasshaft war es Nellie keineswegs zumute, im Gegenteil bat sie Leo in
vollem Ernst, ihren Fred doch ja nicht zu verfuehren, er koenne so wenig
vertragen und muesse es nachher immer buessen, wenn er je einmal des Guten zu
viel getan haette.

"Seien Sie nur ganz ruhig, Frau Althoff," sagte Onkel Heinz mit pfiffigem
Laecheln, "ich werde auf die beiden Maenner achten."

"O, Sie sind mir der Rechte," erwiderte Nellie, die den Spott aus seinen
Worten gut herausfuehlte. -

Als sich der Zug in Bewegung setzte, flatterten noch lange die
Taschentuecher aus dem Coupefenster den Zurueckbleibenden zum Abschiedsgrusse
zu.

Nellies gedrueckte Stimmung hielt nicht lange an, denn die Freude der
beiden Kinder wirkte ansteckend. Sie hatten fortwaehrend zu fragen und zu
zeigen, wollten bald dies, bald jenes wissen, bald essen, bald trinken,
kurz und gut, es bedurfte der ungeteilten Aufmerksamkeit beider Frauen, um
sie zufrieden zu stellen.

So verflog denn die Zeit mit Windeseile, und schon hielt der Zug auf der
letzten Station an, wo Flora sie mit dem Wagen erwartete.

Ihre Freude ueber das Wiedersehen war eine aufrichtige; sie konnte sich an
Ruth und Marianne gar nicht satt sehen, und fragte und kuesste sie immer
wieder.

Und dann, als sie behaglich im Wagen sassen, musterten sich die Freundinnen
untereinander mit grossem Interesse. "Du hast dich aber gar nicht
veraendert," hiess es. "Etwas staerker bist du geworden." "Und du siehst viel
wohler aus, als frueher," und aehnliche Redensarten mehr wurden
ausgetauscht, wie es zu geschehen pflegt, wenn man sich nach jahrelanger
Trennung wiedersieht.

Flora hatte sich in der Tat sehr zu ihrem Vorteile veraendert. Durch die
Landluft hatte sie frischere Farben bekommen, was ihr sehr gut stand, auch
passte der Vergleich mit einer Hopfenstange nicht mehr auf sie. Nur der
Ausdruck ihrer wasserblauen Augen war derselbe geblieben, und als der
Wagen durch bluehende Wiesen und ueppige Kornfelder dahinfuhr, und sie den
Freundinnen zeigte, was davon zu ihrem Besitztum gehoerte, hatte sie wieder
den alten schwaermerischen Blick in die nebelgraue Ferne gerichtet, als ob
sie von dort etwas Besonderes erwarte.

Die Fahrt in der frischen Luft nach der staubigen Eisenbahn war herrlich.
Zwar brannte noch heisser Sonnenschein herab, aber hier in der freien Natur
war derselbe weit ertraeglicher, als vorhin im Coupe, in dem eine
Temperatur wie in einem Backofen geherrscht hatte.

Jetzt fuhren sie durch ein kleines Tannenwaeldchen, das unter den warmen
Strahlen einen koestlichen Duft ausstroemte, dann bogen sie wieder in die
staubige Chaussee ein und konnten nun schon die ersten Haeuser des Dorfes
erblicken, an dessen Ende sich das Gut befand.

Als sie die sauberen Haeuschen erreicht hatten, hinter deren
blumengeschmueckten Fenstern neugierige Gesichter zum Vorschein kamen,
waehrend barfuessige Bauernkinder lustig schreiend hinter dem Wagen
herliefen, da schien sich Flora doch wie eine Koenigin in ihrem Reiche zu
fuehlen.

Sie nickte den Leuten freundlich, aber doch mit hoheitsvoller Miene zu,
und wehrte drohend die Kinder ab, die zu nahe an den Wagen herankamen.

"Sie kennen mich alle," sagte sie stolz, "und ich darf auch wohl sagen,
dass ich ihnen eine brave Gutsherrin bin." "Wie geht's dem Vater?" fragte
sie im Vorbeifahren ein halbwuechsiges Maedchen, deren Antwort in dem
Geraeusche der Raeder erstarb, aber Flora rief ihr noch zu: "Ich komme in
diesen Tagen und bringe ihm wieder Wein."

Die Dorfstrasse war bald zu Ende, jetzt durchkreuzten sie noch einen kurzen
Feldweg, kamen dann an einigen grossen Scheunen vorbei, hinter denen
stattliche Misthaufen den tuechtigen Landwirt erraten liessen, und fuhren
nun in den Gutshof ein.

"Vor das Schloss fahren," befahl Flora mit komischer Grandezza.

Der Kutscher lenkte in einen breiten Weg ein, der mitten durch den Garten
fuehrte, und hielt vor einem grossen kastenartigen Gebaeude - es war das
sogenannte "Schloss". - Nur gut, dass ihm Flora selbst diese Bezeichnung
gegeben hatte, denn Nellie und Ilse haetten es sicher nicht mit dem stolzen
Namen belegt. Es zeigte eine lange Front mit vielen Fenstern, aber ohne
jeden Zierat. Nur ein in Stein gemeisseltes Wappen ueber der Eingangstuer
liess erraten, dass die frueheren Bewohner Adelige gewesen waren.

"Es gehoerte einem Baron v. H.," erklaerte Flora, als sie bemerkte, dass die
Freundinnen das Wappen, welches einen Eberkopf darstellte, aufmerksam
betrachteten. In demselben Augenblick oeffnete sich die Tuere, ein
schlankes, junges Maedchen trat heraus, an jeder Hand einen kleinen
Blondkopf fuehrend - Kaethe mit Floras Zwillingen. Nun gab es wieder eine
Menge Fragen, die bunt durcheinander schwirrten. Also das war Kaethe! Das
verschuechterte Kind hatte sich zu einem huebschen Maedchen entwickelt,
Nellie und Ilse mussten sie immer wieder betrachten. Und dann die
Zwillinge, glichen sie wohl Flora? Ruth war sofort zu ihnen gelaufen und
erzaehlte ihnen von der Reise, von Onkel Heinz und den Bonbons, die er
ihnen geschenkt hatte.

Aber die beiden Kleinen sahen sie und Marianne nur scheu an und gaben
keine Antwort.

"Thusnelda, Hildegard, so gebt doch eure Haendchen," rief Flora, als sie
sah, wie sich Ruth umsonst mit ihnen abmuehte.

Nach diesen hochtrabenden Namen sahen die Kinder allerdings nicht aus,
sondern sie glichen eher den beiden Reuterschen luetten Druwaeppeln "Lining"
und "Mining"; laendlich gesund erschienen sie, mit prallen roten Backen,
hellen blauen Augen und straehnig blondem Haar.

Ilse ertappte Flora auf demselben vergleichenden Blicke, den auch sie in
diesem Moment ueber die vier Kinder gleiten liess, als sie so beisammen
standen. Fast jede Mutter ist eitel und findet ihre Kinder am huebschesten!
So mochte wohl auch Floras Urteil zu Gunsten ihrer Zwillinge ausfallen,
aber dass Ilses Maedchen einen feineren Eindruck machten, schien ihr doch
unwillkuerlich aufzufallen, denn sie fand ploetzlich, Thusnelda und
Hildegard muessten wohl sehr umhergetollt sein, weil sie so hochrote Wangen
haetten.

"Sonst haben sie naemlich frische, aber zarte Farben," wandte sie sich an
Ilse und Nellie, und dann schalt sie, dass Kaethe ihnen die Haare so glatt
gekaemmt habe, und fuhr mit einem Blick auf Ruths Locken ueber die
Blondkoepfe, als koennten sich unter dieser Beruehrung die glatten Straehnen
in Locken verwandeln.

"Aber nun kommt herein," sagte sie, als die Begruessung vorueber war, und
fragte ihre Kinder: "Wo ist denn der Papa?"

"Vater ist im Schweinestall bei den kleinen Ferkelchen," berichtete
Thusnelda mit lauter Stimme; es war das erste Wort, welches sie sprach.

Flora konnte eine kleine Verlegenheit bei dieser prosaischen Auskunft
nicht verbergen.

"Ach, liebe Tante Flora, wo sind die kleinen Ferkelchen, ich moechte sie
gerne sehen," bettelte nun Ruth, fuer die ein solcher Anblick
hochinteressant war.

"Spaeter, spaeter," antwortete Flora fluechtig.

Sie hatte ihre Gaeste mittlerweile die Treppe hinaufgefuehrt und in die
Fremdenzimmer geleitet. Das Innere des Hauses glich ganz dem Aeusseren. Die
weiss getuenchten Waende sahen sauber, aber nuechtern und kahl aus, der helle
Estrich und die frisch gescheuerten Treppen brachten ebenfalls keine
Abwechslung in die Eintoenigkeit der Farben. Auch die Zimmer schienen
soeben erst aus den reinigenden Wasserstuerzen hervorgegangen zu sein, denn
ein feuchter Geruch schlug den Eintretenden entgegen. Aufdringlich wirkten
die Tapeten, deren grelles Muster selbst die farbenreichen Oeldruckbilder
an den Waenden um alle Wirkung brachten. Altmodische, steifbeinige Moebel,
mit buntem Kattun ueberzogen, bildeten die Einrichtung; ueber die
Tischdecke, schwarz mit grossen roten Blumen, war als Schutz noch eine
weisse Serviette gebreitet, und auf dieser stand ein grosser
Feldblumenstrauss - das einzig Geschmackvolle in dieser Umgebung.

Aber gleichviel! Schon die peinliche Sauberkeit war darin nicht verwoehnten
Staedtern eine Wohltat, und mit noch groesserer Wonne sogen sie die herrliche
Landluft ein, welche durch die offenen Fenster stroemte.

Nellie las auf Floras gespanntem Gesicht die Frage: Nun, wie gefaellt es
euch hier? und deshalb lobte sie in ihrer Gutmuetigkeit alles.

"Nicht wahr, es ist recht gemuetlich hier? Die Moebel stammen noch von den
Grosseltern des Barons, sind also ganz antik," erwiderte Flora und zeigte
dabei stolz auf die kattunbezogenen Steifbeine. "Aber nun will ich nicht
weiter stoeren, ihr werdet euch erfrischen wollen. Wenn ihr fertig seid,
erwarte ich euch im Esszimmer - im unteren Flur die Tuere rechts."

Und mit freundlichem Nicken ging sie hinaus. Marianne hatte die frischen
Zwillinge gleich in ihr kleines Herz geschlossen, waehrend Ruth die kleinen
Ferkel, nach denen sie sich immer wieder erkundigte, vorlaeufig noch viel
mehr zu interessieren schienen, als die neuen Freundinnen, denn sie
meinte, die haette sie noch gar nicht gern, sie spraechen ja nichts und
saehen genau so aus, wie die Bauernkinder, welche ihnen vorhin begegnet
waeren.

Mit aller Entschiedenheit verwies Ilse der vorlauten Tochter ihr rasches
Urteil, indem sie ihr klar machte, dass sie dergleichen ja nicht etwa zu
Tante Flora, ueberhaupt nicht zu andern sagen duerfe.

Als die beiden Frauen mit den Kindern einige Zeit spaeter ins Esszimmer,
einen grossen hellen Raum, traten, fanden sie hier neben Flora, Kaethe und
den Zwillingen ihren Wirt, auf dessen Bekanntschaft sie begreiflicherweise
hoechst neugierig waren.

Nur fluechtig glitten deshalb Ilses Blicke ueber die praechtigen Geweihe an
den Waenden, die sie sich als Kennerin sonst gewiss eingehend betrachtet
haben wuerde, und blieben an der maechtigen Gestalt des Hausherrn haften,
neben welcher seine schmaechtige Frau vollstaendig verschwand. Die
aesthetische Flora und dieser Koloss, den Ilse auf 200 Pfund taxierte, -
einen groesseren Gegensatz konnte man sich nicht vorstellen. Auf den breiten
Schultern sass ein kugelrunder Kopf, dessen rosige Haut durch die hellen
kurzgeschorenen Haare schimmerte; rot war auch sein joviales Gesicht und
seine kraeftigen Haende; breit und energisch der Nacken, der in einer dicken
Falte ueber dem Rockkragen lag. Wie kam Flora zu diesem verkoerperten Bilde
der Prosa! Sah sie ihn etwa durch die verklaerende Brille der Poesie an?

Ob sie nun die forschenden Blicke von Nellie und Ilse bemerkte, oder ob
ihr von selbst die rosige Rundlichkeit ihres Gatten auffiel, genug, sie
strich ueber seine Stirn und fand, dass er sehr erhitzt waere. Hatte er wohl
sonst auch so zarte Farben, wie die Zwillinge?

Diese Frage konnte man unausgesprochen hinter dem schelmischen Laecheln von
Nellie vermuten.

"Der Aermste hat in der grossen Hitze auf den Feldern sein muessen," wandte
sich Flora an die Freundinnen, waehrend man sich um den Tisch zum Essen
niedersetzte.

                              [Illustration]

"Ja, ja, es ist zum Braten draussen," erwiderte er und wischte sich die
hellen Perlen von der Stirn. "War wohl auch 'ne nette Temperatur in den
Coupes, was?" wandte er sich an seine Nachbarinnen.

"O ja," lachte Ilse, "aber dafuer haben wir's auch jetzt gut, hier ist es
ja herrlich kuehl. In der Stadt fanden wir es unertraeglich und freuten uns
deshalb sehr, als Ihre liebenswuerdige Einladung ankam."

"Wenn das Wetter nur gut bleibt, damit wir Ausfluege machen koennen! Die
Umgegend ist so schoen," sagte Flora.

"Was? Wetter schoen bleiben! Regen muessen wir haben, es ist die hoechste
Zeit. Der ist so noetig, wie 's liebe Brot. Das Land ist wie ausgedorrt,
alles vertrocknet; wenn's so fortgeht, werden wir bald kein Futter fuers
Vieh mehr haben."

"Aber August, jetzt, wo wir so liebe Gaeste haben, duerfen wir uns doch
keinen Regen wuenschen," erwiderte Flora vorwurfsvoll. Es war ihr offenbar
peinlich, dass er so sprach.

Doch Ilse enthob sie ihrer Verlegenheit und sagte:

"Ich bitte dich, Flora, dein Mann muesste kein guter Landwirt sein, wenn er
nicht so daechte. Als einstiges Landkind weiss ich ganz genau, was es
bedeutet: kein Regen!"

"So, Sie haben auf dem Lande gewohnt?" fragte der Gutsbesitzer voll
Teilnahme und sah sich Ilse daraufhin noch einmal genauer an.

"Aber, August," rief Flora, "ich habe dir doch alles von Frau Gontrau und
Frau Althoff erzaehlt."

"Ja, Kind, das habe ich, offen gestanden, wieder vergessen. Mir geht so
vieles durch den Kopf, dass ich fuer so etwas kein Gedaechtnis habe."

"August!" Sie warf ihm einen bedeutungsvollen Blick zu.

"O, das kenne ich von Fred genau," troestete Nellie. "Der arme Mann ist oft
so vergesslich! Das kommt von seinem anstrengenden Berufe, dadurch sind
seine Nerven auch sehr herunter."

Hieran anknuepfend erzaehlte sie die ganze Leidensgeschichte des armen
vielgeplagten Fred, und wie schwer es ihr geworden waere, ihn zu verlassen,
da er ihrer Pflege so sehr beduerfe.

Flora hoerte geduldig zu und troestete so gut sie es verstand.

Waehrenddem entspann sich auch zwischen Ilse und Herrn Werner eine laengere
Unterhaltung, die ihn aber nicht hinderte, dem Essen und Trinken tuechtig
zuzusprechen. Voll Erstaunen sah die junge Frau die grossen Portionen
verschwinden; trotz der Hitze schmeckte es ihm herrlich. Uebrigens wurde
ihr Floras Riesenmann mit jedem Worte sympathischer; die feinen
Umgangsformen eines Salonmenschen fehlten ihm allerdings, dafuer war er zu
derb, dabei aber natuerlich, offen und in seiner Art liebenswuerdig, das
Urbild der Kraft und Gesundheit. Er schien sehr erfreut, in der Freundin
seiner Frau eine Liebhaberin und Kennerin der Landwirtschaft zu finden,
die fuer alles was dazu gehoert, viel Verstaendnis hatte. Sie erzaehlte ihm
unter anderm, dass ihr Vater jetzt einen grossen Teil seiner Laendereien mit
Zuckerrueben bebaut habe, und dass er zur bequemen Befoerderung der Rueben
eine kleine Bahn ueber die Felder legen liesse; sie konnte ihm ueber alle
Einzelheiten, nach denen er fragte, Auskunft geben, was ihn sehr
interessierte, da auch er gerade im Begriffe stand, einen Teil seiner
Felder zur Ruebenkultur vorzubereiten. Sie sprach ueber die neuen
landwirtschaftlichen Maschinen, ueber die besten Duengemittel wie ein
Fachmann, und folgte aufmerksam seinen Ausfuehrungen, als er ihr von seiner
Schweinezucht berichtete, die, wie er hoffte, recht eintraeglich werden
wuerde.

Flora hoerte nur noch mit halbem Ohr auf Nellie, verstohlen beobachtete sie
die beiden andern und zwar zuerst nicht sehr erbaut, dass August seine
Nachbarin nicht ueber andre Gegenstaende unterhielt. Als sie aber merkte,
dass Ilse ganz zufrieden aussah und lebhaftes Interesse zeigte, da
beruhigte sie sich wieder. Dabei war sie jedoch immer noch in einiger
Aufregung darueber, welchen Eindruck ihr August wohl auf die Freundinnen
gemacht habe, und sie nahm sich vor, sie nachher offen darueber
auszufragen.

Die Kinder hatten sich inzwischen auch angefreundet und sassen nicht mehr
so schuechtern und still auf ihren Stuehlen, wie zu Beginn der Mahlzeit.
Ruth besonders rueckte ungeduldig hin und her, sie konnte ja den Augenblick
nicht abwarten, bis sie die kleinen Schweinchen sehen durfte; deshalb war
niemand froher als sie, als Flora jetzt aufstand und verkuendete, dass der
Kaffee unter der grossen schattigen Kastanie im Garten getrunken werden
sollte.

Dort war es koestlich! Die breiten herabhaengenden Aeste woelbten sich zum
schuetzenden Dach ueber dem Platze, aber die Sonne stahl sich doch durch die
kleinen Ritzen und Loecher in dem gruenen Blaettergewirr und malte helle
Flecke auf den beschatteten Kiesweg, die gelben Gartenstuehle und Baenke,
auf die blanken Tassen und Teller, und als sich Werners mit ihren Gaesten
niederliessen, tanzten und flimmerten sie auch auf den Gesichtern, den
Haaren und Kleidern. Von dem grossen Rasenplatz vor dem Hause sandte ein
Rosenbeet seine suessen Duefte herueber, vermischt mit dem Wohlgeruch der
Reseda, womit die Beete eingefasst waren.

Ilse und Nellie konnten des Lobes kein Ende finden ueber den wonnigen
Platz, und letztere dachte im stillen, dass diese gruene farbige Umgebung,
die freie Luft einen weit besseren Hintergrund fuer den rosigen Hausherrn
und seine ebenso rosigen Toechter abgeben, als es die gedaempften Toene im
Zimmer taten.

In lustiger Stimmung wurde der Kaffee getrunken und der riesengrosse
Napfkuchen verzehrt, der mitten auf dem Tische prangte und fuer die Kinder
eine wahrhaft magnetische Anziehungskraft zu haben schien, denn bis jedes
ein Stueck davon auf dem Teller hatte, liessen sie ihn nicht aus den Augen.

Gegen Abend forderte Herr Werner zu einem Rundgange durch sein Besitztum
auf, was besonders von Ruth jauchzend aufgenommen wurde, sollte sie nun
doch endlich zu dem heiss ersehnten Anblick der Ferkelchen gelangen.
Ueberhaupt was gab es da alles fuer die Kinder zu sehen! Aber unbekannt
waren ihnen diese Dinge nicht, sie wussten ganz gut Bescheid, da sie ja
fast alle Jahre zum Besuche bei den Grosseltern in Moosdorf gewesen waren
und das Leben auf dem Lande recht gut kannten.

Es wurden die Scheunen besehen, die Staelle, man ging ueber den Gefluegelhof,
alles war in bester Ordnung, und wenn die grosse Gestalt des Besitzers
erschien, konnte man aus den Mienen der Untergebenen merken, dass er ein
strenges, aber gerechtes Regiment fuehrte.

"Unsere Konzerte bestehen hier nur aus Naturlauten," sagte Flora
scherzend, als das Bloeken der Kuehe, das Wiehern der Pferde und Grunzen der
Schweine ihnen noch nachtoente, waehrend sie die Wirtschaftsgebaeude
verliessen und in den Wiesenweg einbogen, um noch einen kurzen Spaziergang
ueber die Felder zu machen. Ein starker Heugeruch kam ihnen entgegen, die
Leute waren gerade dabei, das Heu mit der Harke zu wenden; morgen in aller
Fruehe sollte es eingefahren werden. Und wie prachtvoll und ueppig standen
die Felder, die Aehren waren straff und voll! Kornblumen und leuchtend
roter Mohn, auch Kornraden und zarte rosige Winden fassten wie eine
Guirlande die Felder ein; achtlos gingen Thusnelda und Hildegard daran
vorueber, aber Ruths dunkler Lockenkopf und Mariannes blondes Koepfchen
tauchten bald hier, bald dort zwischen den Aehren auf. Das Blumenpfluecken
war fuer die Stadtkinder ja eine wahre Wonne! Mit ganzen Haenden voll bunter
Blumen kamen sie zurueck, und Kaethe, die nicht mitgegangen war, weil sie im
Hause beschaeftigt gewesen, nahm ihnen die duftige Buerde ab, und ordnete
sie zu einem grossen Strausse, den sie auf die gedeckte Abendtafel unter der
Kastanie stellte.

Der etwas befangene und fremde Ton, der am Mittag geherrscht hatte, machte
heute abend einer ganz andern Stimmung Platz, im lebhaften Gespraech
unterhielten sich die Erwachsenen, waehrend die Kinder geradezu uebermuetig
umhertollten und Kaethe ihre liebe Not hatte, sie zu baendigen. Um neun Uhr
wurde die kleine Gesellschaft trotz allem Betteln und Quaelen zu Bett
geschickt, ihr Sprechen und Lachen hoerte man aber noch lange durch die
offenen Fenster; es toente mit dem Zirpen der Grille und dem Froschquaken
um die Wette durch die abendliche Stille.

Puenktlich um 10 Uhr erhob sich auch der Hausherr, um zur Ruhe zu gehen,
worauf auch Nellie und Ilse ebenfalls pflichtschuldig aufstanden. Wie
schade, sie haetten den Abend so gerne noch genossen, jetzt erst wurde es
ja kuehler hier draussen. Daher waren sie sehr erfreut, als Flora sie
fragte, ob sie nicht noch aufbleiben wollten.

"Gerne, gerne," riefen sie beide mit einem fragenden Blick auf Herrn
Werner.

"O, deshalb brauchen wir noch nicht schlafen zu gehen," erwiderte Flora.
"August steht des Morgens jetzt schon um vier Uhr auf, da ist er abends
natuerlich muede. Die Damen entschuldigen dich gern, lieber Mann, nicht
wahr?" wandte sie sich an die beiden.

"Selbstverstaendlich," gaben sie zur Antwort.

"Na, dann schlafen Sie recht gut," sagte der Hausherr und reichte den
jungen Frauen die derbe Rechte. "Und erzaehlen Sie mir morgen frueh, was Sie
getraeumt haben; das geht ja wohl in Erfuellung, wenigstens sagt es meine
Frau, die weiss ja in solchen Dingen gut Bescheid. Ich kenne keine Traeume!
Gute Nacht, Frau," sagte er dann freundlich zu Flora. "Vergiss nicht,
morgen frueh mit der Mamsell das Milchgeld abzuzaehlen, ob's stimmt, die
mogelt gern ein bisschen; und dann sorge dafuer, dass Hesse mit der Butter
nicht zu spaet fortfaehrt, damit er nicht in die Hitze kommt; er ist auch
etwas bummelig. Und nun nochmals gute Nacht."

"Ja, ja, es wird schon alles besorgt werden," entgegnete Flora leicht
erroetend - die Auftraege schienen ihr nicht gerade angenehm zu sein.

Als die schweren Tritte von Herrn Werner auf dem knirschenden Kies
verhallt waren, hoerte man noch eine Weile seine laute Stimme, wie er mit
dem Verwalter sprach, und dann wurde drinnen ein Fenster zugeschlagen.

"Er hat ein Herz wie Gold, wenn er auch manchmal etwas barsch erscheint;
das meint er gar nicht so," fing Flora auf einmal ohne aeusseren
Zusammenhang an aber ihren inneren Ideengang errieten die Freundinnen in
diesem Augenblicke leicht, und beide versicherten sie deshalb zu gleicher
Zeit, wie gut ihnen Herr Werner gefiele, und wie gluecklich sie im Besitze
eines so praechtigen Mannes und so lieber Kinder sein koenne.

"Ja, ja, das bin ich auch," erwiderte Flora in aufrichtigem Tone, blickte
dann aber gedankenvoll, wohl in Erinnerung an die Vergangenheit versunken,
vor sich hin. Vieles, vieles ging ihr in dieser Minute durch den Sinn.

"Ihr habt immer treu zu mir gehalten, ihr Lieben," sagte sie nach einer
Weile ploetzlich zu den Freundinnen, ihnen herzlich die Haende drueckend, und
fuhr dann fort: "Ich glaube, dass wir uns jetzt auch noch besser verstehen
werden, als frueher. Ich habe mich in manchen Dingen geaendert, denn ich sah
ein, dass ich mit meinen idealen Anschauungen nicht in diese materielle
Welt passte. Ihr habt mich ja oft verlacht und verspottet - ja, ja, das
weiss ich - aber es war mir wirklich ernst mit meinen Gefuehlen. Durch den
Tod meines ersten Mannes bin ich eine andre geworden, Gewissensbisse und
Vorwuerfe haben so lange an mir genagt, bis sich mir das Glueck zum zweiten
Male mit der Hand meines guten August darbot. Er ist ein echter Landmann
und hat auch nur Interesse fuer seinen Beruf. Im Anfange unsrer Ehe
versuchte ich, ihn in die Welt der Poesie einzufuehren, und habe ihm haeufig
abends vorgelesen, doch er war zu muede und schlief dabei ein. Aber da habe
ich mir gesagt, es sind ja nicht nur diejenigen poetisch veranlagt, die
Gedichte lesen und schreiben; wenn man nur sucht, kann man auch dem
praktischen Leben ideale Seiten abgewinnen."

"Bravo, bravo!" rief Ilse; so vernuenftig hatte sie Flora noch niemals
sprechen hoeren.

"Und wie ist es mit Kaethe?" fragte Nellie.

"O, wir verstehen uns praechtig. Sie ist und bleibt ja ein verschlossenes
Maedchen, aber fuer die Zwillinge sorgt sie ruehrend, denn Kinder liebt sie
ueber alles."

"Wie schoen fuer dich," sagte Nellie.

"Ja, anfangs hatte ich meine liebe Not mit Kaethe, sie war so stoerrisch,
sie wollte nichts von mir wissen, doch das wisst ihr ja alles. Wir wollen
nun nicht mehr von der vergangenen traurigen Zeit sprechen."

Sie sagte das mit einem tiefen Seufzer; dem neuen Wendepunkt in ihrem
Leben mochten wohl viele heisse Kaempfe gefolgt sein, bis aus dem
ueberspannten Wesen eine normal denkende Frau geworden war.

"Nun, und Orla?" fragte sie ploetzlich. "Was habt ihr von der gehoert? Bis
in meine laendliche Einsamkeit dringen ihre Briefe nicht. Uebrigens, etwas
hochfahrend war sie immer, trotzdem mochte ich sie gerne leiden, hatten
wir doch viele gemeinsame Interessen, denn sie strebte ja ebenso wie ich
nach etwas Hoeherem."

Also fuer aehnlich veranlagt, wie Orla, hielt sich Flora immer noch! Nun,
diesen Spass konnte man ihr lassen, wenn sie nur in ihrem Handeln
verstaendig war und blieb.

"O, Orla, der geht es ausgezeichnet!" rief Ilse. "Ihr Mann hat durch die
Vermittlung ihrer einflussreichen Verwandten am Hospital in Petersburg eine
Stellung bekommen, die mit grossen Einnahmen verbunden ist. Durch den Tod
eines alten Onkels von Orla ist ihnen auch noch ein ziemlich bedeutendes
Vermoegen zugefallen; da kannst du dir denken, dass sie ein grossartiges
Leben fuehren."

"Ein Leben im grossen Stile!" sagte Flora, wie zu sich selbst. "Davon habe
ich auch oft getraeumt! Natuerlich Dienerschaft in Menge?"

"Jedenfalls," lachte Ilse; "darueber schreibt sie aber nichts. Du weisst ja,
das Dienstbotenkapitel, wenn es je mal aufs Tapet kam, interessierte Orla
nicht im mindesten. Sie schreibt nicht oft, aber dann lange ausfuehrliche
Briefe, und aus jeder Zeile klingt es heraus, dass sie sich gluecklich
fuehlt! Gluecklich in ihrer Ehe, gluecklich, dass sie wieder in ihrem
geliebten Russland leben kann. Kuenstler und Gelehrte verkehren bei ihr,
kurzum, sie ist ganz in ihrem Element! O, ich kann mir vorstellen, dass sie
eine gefeierte Frau ist, - klug, schoen, reich."

"Ja, ihr ist es geglueckt," sagte die Gutsbesitzersfrau seufzend. "Sie lebt
in der grossen Welt, wird bewundert, gilt etwas, waehrend andre in der
Einsamkeit verschimmeln und verbauern. - Orla spielt womoeglich auch als
Nihilistin eine Rolle?"

"Warum nicht?" meinte Ilse, "zuzutrauen waere es ihr schon, das Zeug haette
sie dazu."

"O, mein Gott, was redet ihr da fuer Unsinn - Orla eine Nihilistin!" warf
hier Nellie ein.

"Aber ich bitte dich," sagte Flora, "unmoeglich ist es doch nicht.
Schrecklich waere es nur, wenn sie eines Tages nach Sibirien verbannt
wuerde."

"O, o!" rief Nellie entsetzt, "deine Phantasie geht mit dir durch, Flora.
Sprich doch nicht von so etwas, was sollten da wohl Orlas liebe Jungen
anfangen!"

"Wie viel Kinder hat sie eigentlich?" fragte Flora; "in meiner Einsamkeit
erfahre ich ja gar nichts."

"Vier Stueck, acht, sechs, vier, zwei Jahre alt, lauter Prachtkerls, sage
ich dir," antwortete Ilse.

"O, suess!" schwaermte auch Nellie, und ein wehmuetiger Schatten ueberflog ihr
Gesicht. "Ich habe das Bild mit und will es dir morgen zeigen."

"Heute abend noch, bitte, heute abend noch," bettelte Flora, die zu
neugierig war, es zu sehen. Orlas Schicksal erfuellte sie doch mit etwas
Neid, den sie nicht ganz unterdruecken konnte. Aber schneller als frueher
kam sie darueber hinweg in dem Bewusstsein, dass sie ja auch ihren
Wirkungskreis habe, genau wie Orla; der einzige Unterschied war der, dass
diese als Schauplatz die grosse geraeuschvolle Welt hatte, waehrend der
ihrige hier in der stillen Abgeschiedenheit lag. Was sollten die Armen und
Kranken in der Umgegend, denen sie oft der einzige Trost, die einzige
Hilfe war, wohl ohne sie anfangen! -

Die Nacht war schon weit vorgeschritten, und die Freundinnen sassen noch
immer unter der traulichen Kastanie, welche alle die alten Erinnerungen,
die zwischen den dreien ausgekramt wurden, mit anhoerte. Aber sie wollte
auch mitsprechen, und das leise Rauschen in dem Blaetterwerk mischte sich
in den Klang der Stimmen; es liess das Licht im Windleuchter, der auf der
bunten Tischdecke stand, hoeher aufflackern, so dass die Flamme nach den
herabhaengenden Zweigen leckte, deren Gruen in dieser kuenstlichen
Beleuchtung fast wie auf dem Theater wirkte. Die jugendlichen Gestalten in
ihren hellen Sommerkleidern hoben sich in dem kleinen Lichtkreise
malerisch von der Dunkelheit ringsherum ab. Schade, dass niemand das
anziehende Bild sah, aber alles lag ja schon im tiefsten Schlummer, die
Lichter im Hause, auf dem Hofe, in dem Dorfe waren lange verloescht, und
die kleine einsame Gartenlampe war der einzige Lichtpunkt in der Runde.
Droben aber, da glaenzte helles Sterngeflimmer am klaren Nachthimmel! -

Vieles, vieles hatten sich die Freundinnen zu erzaehlen! Wenn man sich nach
langer Trennung wiedersieht, dann sind die ersten Fragen, die ersten
Gespraeche meist sehr gleichgueltiger Art, so war es auch bei unsrem
Dreiblatt hier gewesen. Nun aber die Schleusen ihrer Beredsamkeit einmal
geoeffnet waren, konnten sie kein Ende finden. - Der wuerdigen Frau
Superintendentin Rosi mochten an diesem Abend wohl die Ohren geklungen
haben, aber wahrscheinlich das rechte mehr als das linke, denn viel Gutes
wurde nicht ueber sie gesprochen, desto mehr wurden ihr Mann und Fritz
geruehmt.

Schliesslich jedoch bedurften die vom Sprechen trocken gewordenen Kehlen
noch einer Erquickung; Flora holte deshalb einen grossen Korb voll frisch
gepflueckter Kirschen heraus, und ein lustiges Schmausen begann. Dann aber,
als sie Nellie einigemal verstohlen gaehnen sah, fiel es ihr ploetzlich ein,
dass ihre Gaeste gewiss von der Reise muede sein wuerden, und es wurde
beschlossen, die Sitzung bis auf morgen zu vertagen. Flora leuchtete ihren
Gaesten noch bis in ihre Zimmer und ging dann selbst zur Ruhe.

Am andern Morgen waren Ilse und Nellie rechte Langschlaeferinnen. -

Als sie ins Nebenzimmer kamen, wo Ruth und Marianne schliefen, fanden sie
das Nest leer, aber aus dem Garten hoerten sie helle Kinderstimmen
heraufschallen, und bei einem Blick durchs Fenster sahen sie flinke
Beinchen ueber den taufrischen Rasen laufen. -

Der Kaffeetisch war wieder unter dem Kastanienbaume hergerichtet; bei dem
Erscheinen der beiden schuettelte er leise das ehrwuerdige Haupt, als wollte
er sagen: wie lange habt ihr Faulpelze geschlafen. Jubelnd kamen die
rotbackigen Zwillinge, in ihrer Mitte Marianne fuehrend, herbeigelaufen,
und Flora erhob sich von ihrem Sitz am Tische. Sie hatte ein Buch vor sich
liegen, in welchem sie eifrig gelesen und gerechnet hatte, und sah in
ihrem hellblauen Morgenkleide frisch und nett aus.

"O, was magst du von uns denken," entschuldigte Nellie, und Ilse meinte:
"Dein Mann wird sich schoen ueber die faulen Staedterinnen lustig gemacht
haben!"

Aber Flora beruhigte sie ganz und gar. August traenke fast nie des Morgens
mit ihnen Kaffee, er waere schon seit 5 Uhr fort auf die Wiesen, um beim
Heuaufladen zugegen zu sein.

"Nun, stimmt die Milchrechnung?" fragte Nellie laechelnd mit einer
Handbewegung nach dem Buche, das vor Flora auf dem Tische lag. Eine solche
Lektuere bei der ehemaligen Dichterin!

"Ja, ja, Kinder, so etwas muss eine Gutsfrau auch tun," sagte Flora, die
aus Nellies Frage einen leichten Spott herauszuhoeren glaubte. "Poesie und
Prosa gehen Hand in Hand auf dem Lande."

"O, nicht nur auf dem Lande, ueberall im Leben," antwortete Ilse.

"Ich bin uebrigens recht froh, dass die Kinder in freier, natuerlicher
Umgebung aufwachsen," fuhr Flora fort; "es wird dadurch der Sinn fuer die
Natur geweckt. Thusnelda" - sie sprach den Namen immer mit der Betonung
einer Klara Ziegler aus - "ist poetisch veranlagt, das Kind hat eine ganz
merkwuerdige Auffassung, ihr solltet nur hoeren, wie sie ueber alles spricht,
ueber den Gesang der Voegel, ueber den Sonnenschein, ueber den gruenen Wald."

Danach sah der luette Druwappel allerdings nicht aus, und man konnte auch
nur wuenschen, dass er in dieser Beziehung lieber nicht von der Mutter
"erblich belastet" sein moechte. Aeusserlich glichen die Zwillinge ja
auffallend dem Vater, wie aus dem Gesicht geschnitten waren sie ihm.

"Ja, aber wo ist denn Ruth?" fragte Ilse ploetzlich, sich nach allen Seiten
umsehend.

In derselben Minute liefen die Kinder jubelnd und lachend einem grossen,
mit Heu beladenen Wagen entgegen, der, von zwei maechtigen Pferden gezogen,
eben in den Hof einfuhr. Und wer sass mit Bauernkindern zusammen hoch oben
in dem weichen duftenden Neste, froehlich singend, wie eine Lerche in der
Morgenfruehe? Niemand anders als Ruth! Wie eine Katze kletterte sie
herunter und warf sich ungestuem in die bereit gehaltenen Arme von Herrn
Werner, der sie lachend auffing und auf einen der breiten Pferderuecken
setzte.

Ilse kam es in diesem Augenblicke vor, als wuerde ihr ein Spiegel
vorgehalten und sie saehe sich, die wilde Hummel von einst, wie ein Junge
auf dem Pferde vor dem Heuwagen reiten, gerade so wie jetzt Ruth. Das war
der verhaengnisvolle Ausgangspunkt gewesen, von dem aus ihr Leben eine neue
Wendung nahm, - kleine Ursachen, grosse Wirkungen!

Und Ruth glich ihr fast auf ein Haar - und doch wieder nicht. Durch den
gaenzlichen Mangel an Erziehung, durch das ungebundene Aufwachsen auf dem
Lande, war aus ihr das unbaendige, jungenhafte, trotzige Maedchen geworden,
waehrend bei Ruth dieselben Eigenschaften sich verfeinert hatten, so dass
man sie in "temperamentvoll, eigenartig und willensstark" uebersetzen
konnte. Flora witterte sogar etwas Besonderes hinter ihr, und prophezeite
ihr eine grosse Zukunft. -

Bestaubt, erhitzt, mit gluehenden Wangen kam Ruth jetzt herbeigelaufen und
umarmte ihre Mutter unter stuermischen Kuessen. Sprudelnd und sich
ueberhastend erzaehlte sie, dass sie schon ganz frueh wach gewesen sei, und
als sie zum Fenster hinausgesehen habe, waere Herr Werner unten im Garten
gewesen und haette ihr zugerufen, ob sie mit wolle auf die Wiese zum
Heumachen. Da haette sie sich schnell angezogen, ganz allein. "O, ganz
ordentlich," versetzte sie, als Ilses pruefender Blick ueber ihren Anzug
glitt, und brach dann in den begeisterten Ausruf aus: "Himmlisch war's!"

"Wo ist dein Mann geblieben?" fragte Nellie und sah suchend umher, denn
der Gutsbesitzer war nicht mehr zu sehen.

"Er wird erst Toilette machen, um wuerdig vor euch zu erscheinen," erklaerte
Flora, aber in der gleichen Sekunde erscholl seine laute Stimme von den
Staellen her. Er schien mit den Knechten zu schelten, denn einzelne
Kraftworte, wie "Donnerwetter, infame Wirtschaft, Dummkoepfe", drangen bis
zu der Kastanie herueber, zum Gaudium der Zwillinge, die sich halbtot
lachen wollten. Flora waren diese Ausbrueche ihres erzuernten Gatten sehr
unangenehm; sie wurde verlegen, schalt die Kinder aus, weil sie lachten,
und wollte selbst nachsehen, was es denn gaebe. Aber da kam auch schon
August den Kiesweg heraufgegangen.

Seine hohen Stulpenstiefel waren voller Staub, und der graue Drellanzug
schien zwar sehr bequem zu sein, elegant sah er aber nicht aus. Schlaff
und schlappig hing die Joppe ueber seine breiten Schultern, und das farbige
Sporthemd liess seinen starken Hals frei sehen, der ebenso, wie das
Gesicht, vor Aerger und Hitze blaurot war.

Sein Anblick war keineswegs der eines Gentleman, aber wohl der eines viel
beschaeftigten Landmannes, und hatte fuer Ilse daher durchaus nichts
Fremdes.

Floras deutlich sprechende Blicke, die sie ihm zuwarf, schien er nicht zu
bemerken, denn ungeniert ging er auf den Tisch zu und begruesste Nellie und
Ilse.

"Ein ganz famoses Maedel haben Sie, Frau Gontrau," sagte er; "sie hat mir
vielen Spass gemacht heute frueh. Das wird mal eine gute Landwirtin!"

Als er der Direktorin die Hand reichte, fragte diese teilnehmend:

"O, haben Sie Aerger gehabt?"

"Ach ja, es gibt immer Aerger, manchmal ist's zum Tollwerden! Lassen die
dummen Kerls die Sau mit ihren Jungen zusammen, natuerlich hat sie drei
davon tot gebissen. Schafskoepfe sind's," setzte er noch hinzu und legte
seine Hand so kraeftig auf den Tisch, dass das Geschirr klirrend
zusammenschlug.

"Aergere dich doch nicht so, lieber August," sagte Flora und strich ihm
besaenftigend ueber die Stirn.

"Hesse ist auch ein Esel," fing er wieder an; "bringt beinahe die Haelfte
der Butter wieder mit, die bei der Hitze natuerlich schon zu einem Matsch
geworden ist. Wie ist es mit dem Milchgeld, stimmt's? Der Mamsell muss
tuechtig auf die Finger gesehen werden! Und dann muessen auch die
Sauerkirschen gepflueckt werden, sind schon eine Menge davon gestohlen
worden in der letzten Nacht."

"Ja, ja, lieber Mann, es soll alles geschehen, aber nun staerke und erhole
dich erst," versuchte ihn seine Frau zu beruhigen, indem sie ihm mit
eigener Hand appetitlich belegte Broetchen bereitete und Kaethe ins Haus
schickte, um ihm etwas Erfrischendes zum Trinken zu holen.

O, welche Wandlung war mit Flora vorgegangen! Mit Staunen bemerkten es die
Freundinnen immer von neuem. Sie haetten es kaum fuer moeglich gehalten, dass
aus der oft verlachten und verspotteten "Dichterin" eine vernuenftige Frau
werden koennte, denn soweit es Floras Beanlagung zuliess, war sie wirklich
eine solche geworden. Zwar kamen dann und wann noch einige Ueberbleibsel
ihrer einstigen Ueberspanntheit zum Vorschein, aber wer koennte auch seine
innerste Natur ganz verleugnen? Ueberschwenglichkeit war nun einmal der
Grundzug von Floras Charakter. -

Die naechsten Tage vergingen schnell, und das Landleben behagte den grossen
und kleinen Gaesten herrlich. Den ganzen Tag draussen in der guten Luft,
Abendspaziergaenge durch das Dorf, die Felder und Wiesen, Spazierfahrten in
die Umgegend, Picknicks im Walde, und dann, um das beste nicht zu
vergessen, die vielen traulichen Plauderstunden unter dem Kastanienbaum,
denen der Hausherr auch oefter beiwohnte. Er schien sich in der
Gesellschaft der beiden Frauen sehr wohl zu fuehlen, und auch diese hatten
ihn trotz seiner etwas derben Manieren lieb gewonnen. Oftmals aber fragten
sich Ilse und Nellie untereinander, wie diese beiden so verschiedenen
Menschen nur zusammengekommen sein mochten? Denn von der Frau, die aus dem
Rahmen des Gewoehnlichen heraustritt, wollte August nichts wissen.

"Gelehrte Weiber kann ich nicht leiden," sagte er, als eines Tages wieder
die Rede darauf kam.

Flora waren derartige Gespraeche immer sehr unangenehm, das konnte man
merken.

"Aber, August," widersprach sie ihm, "eine Frau kann sich fuer alles Schoene
und Erhabene interessieren, und braucht deshalb ihre Pflichten als Gattin
und Mutter doch nicht zu versaeumen."

"Ach was, Firlefanzereien! Struempfe soll sie stricken und gut kochen
koennen, das ist die Hauptsache."

Mit einem leichten Achselzucken schwieg Flora. Ueber diesen Punkt wuerden
sie sich ja doch nicht einigen.

Nellie hatte sich nun auch an die Trennung von ihrem Fred gewoehnt, sie
bluehte hier ordentlich auf, und daran konnte man am besten sehen, dass sie
in der Tat einer Erholung bedurft hatte. Der Direktor schrieb oft und so
vergnuegt und zufrieden, dass sich nach und nach auch die Angst und Sorge um
ihn etwas verringerte. Sie verfasste natuerlich taeglich lange Briefe, worin
mit allen moeglichen Variationen das Thema behandelt wurde: Wie geht es
dir? Fuehlst du dich auch wohl! Schonst du dich genug? Arbeitest du nicht
zu viel? Wirst du auch gut versorgt? Ilses Neckereien, wenn sie so
stundenlang ueber einem Briefe sass, ertrug sie geduldig. Ja, sie hatte gut
reden, ihr Mann war gesund und kraeftig, und konnte mit dem armen leidenden
Fred nicht verglichen werden.

Uebrigens war der Briefwechsel zwischen dem Gontrauschen Ehepaar ebenfalls
ein reger. Ilse schilderte ihrem Schatz lebhaft alle neuen Eindruecke und
neckte ihn damit, dass sie nicht die Spur von Sehnsucht nach ihm habe. Er
erzaehlte dagegen, wie wohl er sich in seinem Strohwitwertume fuehle, und
wie angenehm es sei, einmal nicht am Gaengelbande gefuehrt zu werden. Dann
kam auch eines Tages ein Brief von Onkel Heinz an die beiden Frauen, der
wahre Schauergeschichten ueber das Leben und Treiben ihrer Ehemaenner
berichtete. Darauf erhielt er natuerlich eine passende Antwort von Ilse.
Der Wildfang Ruth hatte ihren lieben Onkel auch in dieser, fuer sie neuen
Welt nicht vergessen, er hatte schon einige Briefchen von ihr bekommen,
und sie natuerlich auch von ihm. Uebrigens erschien das kleine lebhafte Ding
den Zwillingen und den Dorfkindern als ein Wesen hoeherer Art, und wie gern
liess sie sich anstaunen! Sie erzaehlte ihnen Geschichten, dass sie Mund und
Nase aufsperrten, und sang die Lieder, welche sie in der Schule gelernt
hatte, mit so reizender Stimme vor, dass auch die Grossen gern zuhoerten.
Trotzdem aber liebten die Zwillinge Marianne weit mehr und waren ihr
zaertlich zugetan, denn diese verstanden sie, was bei Ruth nicht immer der
Fall war. -

Eines Tages sagte Flora, dass sie heute unbedingt einige Besuche im Dorfe
bei ihren Kranken machen muesse, und fragte, ob die Freundinnen sie
begleiten wollten, was sie natuerlich von Herzen gern taten.

So machten sie sich denn gegen Abend auf den Weg; eine Menge Wein, Fleisch
und andre staerkende Sachen wurden, in Koerben verpackt, mitgenommen.

"Ihr glaubt nicht, wie mildtaetig August ist, niemals kann ich den Armen
genug geben," sagte die Gutsbesitzerin, als sie mit Ilse und Nellie durch
die Dorfstrasse schritt.

Ein starkes Gewitter hatte am Tage vorher den ersehnten Regen gebracht,
der wie ein erfrischendes Bad fuer die erschlaffte Natur gewesen war;
begierig hatte der trockene Boden jeden Tropfen eingesogen. Jetzt hatte
sich der Himmel wieder aufgeklaert, und die Abendsonne spiegelte sich in
den vielen grossen und kleinen Pfuetzen, ueber welche die drei Frauen hinweg
schreiten und springen mussten, indem sie die Kleider sorgfaeltig in die
Hoehe nahmen.

Wirklich schien man Flora Werner ueberall gern zu sehen, sie blieb bald
hier, bald dort stehen, fragte nach diesem und jenem, und kannte fast von
jedem einzelnen die Verhaeltnisse genau. Aber merkwuerdig! Ihre
Freundlichkeit, ihre Art, mit den Leuten zu sprechen, konnten doch einen
leisen, theatralischen Anstrich nicht verleugnen, und manchmal begegnete
sie voellig verstaendnislosen Blicken, wenn sie sich ihrer hochtrabenden
Ausdruecke bediente. Doch, das waren nur Aeusserlichkeiten, wie sich Ilse und
Nellie bald ueberzeugen konnten. Floras Wohltaetigkeitssinn war ein tief
innerlicher, er kam von Herzen, und dieses Feld der Taetigkeit, das sie
sich geschaffen hatte, war ein segensreiches und trug viel gute Fruechte.

Meistens, wenn sie in die engen, schlecht geluefteten Bauernstuben
eintraten, flog es wie ein heller Schein ueber die Gesichter der alten
Weiblein und Maennlein, die im Winkel hockten, oder wenn ein Kranker in der
Stube lag, hefteten sich seine Augen fragend und suchend auf den Korb, der
stets etwas Gutes fuer ihn enthielt. Bei den jungen Muettern erkundigte sich
Flora nach den kleinen Kindern, gab gute Ratschlaege und war mit jeder
Hilfe bereit. Ja, sie ging sogar so weit, in der Kindererziehung Reformen
einfuehren zu wollen, z. B. die Kinder sollten mehr abgehaertet werden, im
zarten Lebensalter nicht alles zu essen bekommen und aehnliches mehr. Da
aber fand sie keinen fruchtbaren Boden. In ihrem breiten Platt gaben ihr
die Bauernfrauen verstaendnislose Antworten, indem sie sie dabei dumm
gutmuetig anlachten, und alles blieb beim alten.

Ganz am Ende des Dorfes stand ein kleines baufaelliges Haus, in welchem die
junge Witwe eines Knechts wohnte, der im letzten Winter verunglueckt war
und seine Frau mit sechs Kindern, im Alter von acht bis herunter zu einem
Jahre, in groesster Not krank und elend zurueckgelassen hatte. Hier in dieser
armseligen Huette traten jetzt die drei Freundinnen ueber die Schwelle. Eine
warme, schlechte Luft drang ihnen entgegen, als sie die niedrige Tuere zu
dem Raume oeffneten, welcher der Familie zum Wohnen und Kochen diente und
in dem ein grenzenloses Durcheinander herrschte. Beim Eintritt der Frauen
erhob sich von einem alten wackeligen Sofa eine gebrechliche Gestalt und
versuchte schnell etwas Ordnung zu machen, aber Flora hielt sie davon
zurueck.

"Lassen Sie nur, Frau Tolle, bleiben Sie ruhig sitzen, die Damen hier
wissen schon, wie es in einer Stube aussieht, wo Kinder sich aufhalten,"
sagte Flora freundlich und raeumte selbst drei Stuehle ab, auf denen
schmutzige Waesche, in allen Farben gestopfte Struempfe, zerbrochenes
Spielzeug, abgeknabberte Brotreste und aehnliche Dinge umherlagen.

"Ich konnte leider die letzten Tage nicht kommen, weil ich Gaeste habe;
aber die Sachen, die ich Ihnen schickte, haben Sie doch bekommen, nicht
wahr? Na, und wie geht's denn heute, Frau Tolle?" fragte Flora, indem sie
sich neben dieselbe setzte und sie pruefend betrachtete.

Ueber das bleiche, abgezehrte und abgehaermte Gesicht war eine fluechtige
Roete gegangen, die es merkwuerdig verschoente, als sie den fremden Besuch
gewahrte, der heute mit der Gutsfrau gekommen war. Vor dieser selbst
brauchte sie sich ja nicht zu schaemen, die kam ja so oft und kannte sie so
gut, die war ihr keine Fremde.

"Schlecht, schlecht," antwortete sie leise, "es geht immer schlechter."

"I bewahre, Frau Tolle, Sie sehen ja schon viel wohler aus, verlieren Sie
nur den Mut nicht, der liebe Gott wird Ihnen schon helfen," troestete Flora
sanft und liebevoll.

Ein Kopfschuetteln war die Antwort, und ein trauriger Blick streifte dabei
die Kinder, die sich in die Ecken gedrueckt hatten und neugierig die
Fremden anstarrten. Sie sahen schmutzig und zerlumpt aus, sauber und gut
gekleidet waeren es gewiss huebsche Kinder gewesen. Nur bei dem
zweitjuengsten, einem kleinen Maedchen von zwei Jahren, wirkten die Lumpen
geradezu malerisch zu der Schoenheit des Kindes. Es sass der aeltesten
Schwester auf dem Schoss; wirre, ungepflegte blonde Loeckchen fielen tief
ueber ihr Gesichtchen, das unter den zurueckgelassenen Spuren schmutziger
Finger dennoch rosig schimmerte. Scheu sah es mit seinen grossen braunen
Augen Nellie an, welche mit ihm sprach und liebkosend die nackten braunen
Fuesschen streichelte.

"O, wie suess ist das _baby_," sagte sie zu Ilse. "Wie heisst du?" fragte sie
das Kind.

"Aennchen," antwortete die aeltere Schwester.

"Willst du der Tante nicht ein Haendchen geben?" fragte sie weiter.

Das weiche Kinderpatschchen legte sich zoegernd in die Hand der jungen
Frau, aber ohne Widerstreben liess sich die Kleine dann von ihr auf den
Schoss nehmen. Zaertlich strich ihr Nellie die hellen Ringeln von der Stirn.

Flora hatte inzwischen Fleisch und Wein fuer die Kranke aus dem Korbe
genommen und versprach fuer die Kinder abgelegtes Zeug zu schicken.

Muede und apathisch dankte die Frau.

Die Luft in dem kleinen Raume war zum Ersticken; Ilse, die kaum Atem zu
holen wagte, wollte das Fenster oeffnen, aber froestelnd schauerte die
Kranke zusammen und sie liess es geschlossen.

"Wo ist denn die Mutter?" fragte Flora sich umblickend.

"Ach, die holt ein bisschen Futter fuer die Ziege," entgegnete die junge
Witwe.

"Kommt sie denn bald wieder?" forschte Flora weiter. "Sie koennen doch in
Ihrem elenden Zustande nicht allein bleiben."

"Die Kinder sind ja da."

"Die koennen Ihnen doch nichts helfen, auf die muessen Sie ja noch dazu
achtgeben, Frau Tolle. Nein, nein, so geht das nicht laenger," sagte Flora.
"Und den Arzt schicke ich Ihnen morgen auch wieder, er soll jetzt alle
Tage kommen, der macht Sie bald wieder gesund, passen Sie nur auf."

"Der kann mir auch nicht mehr helfen ..." Unendlich schmerzlich klangen
diese Worte.

"Das muessen Sie nicht sagen, Frau Tolle! Trinken Sie nur tuechtig von dem
Wein, der kraeftigt Sie, und wenn er zu Ende ist, bringe ich mehr. Ich
komme bald wieder und sehe nach Ihnen, hoffen Sie nur auf Gott. Guten
Abend und recht, recht gute Besserung."

Flora ergriff die magere, knochige Hand, die sich auch Ilse und Nellie
entgegenstreckte, und dann verliess sie mit den Freundinnen diese Staette
menschlichen Elends.

Alle drei atmeten erleichtert auf, als sie draussen die frische Abendluft
empfing, und sie nicht mehr das jammervolle Bild vor Augen hatten. Ilse
konnte sich ueber die Armseligkeit in dem Haeuschen, die einen tiefen
Eindruck bei ihr hinterlassen hatte, nicht beruhigen; Nellie sprach in
einem fort von dem armen, suessen Aennchen, und Flora erzaehlte die
Krankheits- und Leidensgeschichte der armen Frau Tolle ausfuehrlich. Alle
drei waren von dem, was sie eben gesehen hatten, schmerzlich ergriffen.

"Sie hat sich nach dem letzten Kinde nicht mehr erholen koennen; der Doktor
sagt, es waere ein schweres Herzleiden und nicht zu heilen," berichte
Flora. "Ach, wenn sie dann nur bald erloest wuerde, die Aermste."

Dieser Wunsch sollte bald in Erfuellung gehen! -

Bei dem abendlichen Zusammensein unter der Kastanie wurde der traurige
Fall eingehend eroertert, und in den folgenden Tagen fuer die unglueckliche
Familie ausgiebig gesorgt. Der Arzt musste taeglich nach der Kranken sehen,
und eine tuechtige Pflegerin besorgte Flora ebenfalls. Diese freundliche
Fuersorge erhellte die letzten Tage der Schwergeprueften; sie wurde
liebreich gepflegt, samt ihren Kindern mit allem Noetigen versehen, und so
empfand sie noch einmal einen schwachen Schimmer von Glueck.

Eines Abends, als die untergehende Sonne auch den armseligen Raum, wo die
Kranke lag, mit ihrem lichten Glanze erfuellte, schlossen sich ihre Augen
fuer immer - ruhig und sanft schlummerte sie ein. -

Die Nachricht von ihrem Tode erreichte die Gutsherrschaft gerade, als sie
mit ihren Gaesten froehlich plaudernd zusammensass, und zwar wie gewoehnlich
auf dem Platze unter der Kastanie.

"O, die armen Kinder, das suesse _baby_, was wird daraus?" rief Nellie mit
Traenen in den Augen.

"Ja, ja, wir muessen helfen," sagte Herr Werner ueberlegend. Dann fragte er
seine Frau: "Wie viel Kinder sind da?"

"Sechs," antwortete sie. "Es ist ein Jammer! Bei der halb bloedsinnigen
Grossmutter koennen sie nicht bleiben, und alle die Kleinen dem Waisenhaus
uebergeben - es ist zu traurig!"

"Ich will sehen, ob ich nicht einige unterbringen kann," sagte ihr Mann.
"Deichmanns auf der Domaene koennten ganz gut eins zu sich nehmen, die haben
Geld und keine Kinder. - Das will ich schon machen. Na, und dann denke
ich, wir koennten auch eins annehmen, was meinst du dazu, Frau? Natuerlich
musst du dir's reiflich ueberlegen, aber wenn du willst - ich bin's
zufrieden."

"O, Herr Werner, dann nehmen Sie das kleine Aennchen; o, es ist ein zu
wonniges _baby_!" rief Nellie begeistert, waehrend Ilse mit aufrichtiger
Bewunderung den grossen Mann mit dem guten Herzen anblickte und auch Floras
Gesicht einen freudig stolzen Ausdruck zeigte.

Den ganzen Tag nach diesem Gespraeche blieb Nellie still und nachdenklich,
und als sie abends mit Ilse allein in ihrem Zimmer war, da erfuhr die
letztere, dass die Direktorin fortwaehrend an klein Aennchen dachte und sich
ausmalte, wie das liebliche Geschoepf wohl aufbluehen wuerde, wenn es hier
erst mit den Zwillingen zusammen waere. Mit einem tiefen Seufzer schloss sie
ihre Betrachtungen.

"Hoere, Nellie," rief Ilse ploetzlich, "wenn dir das Kind so gut gefaellt, so
nehmt ihr es doch zu euch."

So schnell wie ihr der Gedanke durch den Kopf gefahren war, hatte sie ihn
auch ausgesprochen. Aber Nellie wurde blutrot bei diesen Worten, und es
schien beinahe, als haette Ilse sie bei ihrem eigenen Gedanken ertappt;
doch heftig schuettelte sie den Kopf.

"Nein, o nein, Ilse, denke doch - Fred!" rief sie aus.

"Na, dein Mann wird doch nicht nein sagen."

"O, Fred wuerde es nicht wollen; nein, das geht nicht."

"Ob dein Mann das nicht will, weisst du ja gar nicht, aber moechtest _du_ es
denn?" fragte Ilse, die Freundin scharf beobachtend.

"O, ich moechte sehr gern, gewiss moechte ich, ich liebe die _babys_ so
sehr," erwiderte Nellie leise. "Aber es geht nicht, es geht nicht!" fuhr
sie lauter fort. "Ich habe auch keine Zeit fuer solch kleines Ding; Fred
nimmt meine Pflege ganz in Anspruch, ich muesste ihn vernachlaessigen, o, und
das ginge doch nicht."

Und wieviel auch Ilse dagegen sagte, wieviel auch hin und her gesprochen
wurde, Nellie blieb dabei, "es ginge nicht." Ganz aufgeregt begaben sich
die beiden zur Ruhe, jede lebhaft mit ihren eigenen Gedanken beschaeftigt.

Aber Ilse liess sich von ihrem "guten Gedanken", wie sie ihn nannte, nicht
abbringen, wenigstens in ihrem Innern nicht, auch nachdem Nellie sie
gebeten hatte, darueber fuer immer zu schweigen.

Am andern Tage da hatten Frau Ilse Gontrau und Frau Flora Werner
merkwuerdig oft zusammen zu tuscheln, und die diskrete Nellie, die keine
Ahnung hatte, worueber sie sprachen, und auch gar nicht neugierig war, zog
sich dann jedesmal mit den Kindern zurueck, um mit ihnen zu spielen.

Nach Tische sassen Ilse und Flora im Zimmer der letzteren. Flora hatte
einen Briefbogen vor sich liegen, auf welchem sie eifrig schrieb, waehrend
Ilse diktierte.

"Nein, so doch nicht, lieber so," unterbrach sie sich dabei oft, und dann
wieder liess Flora ihre Bedenken einfliessen. Auf diese Manier wurde viel
geschrieben, beinahe ebensoviel gestrichen und wieder von vorn angefangen.
Was mochte das wohl fuer ein wichtiges Schreiben sein! Endlich aber war es
fertig, Ilse hatte es abgeschrieben, und als der Brieftraeger kam, wurde es
diesem uebergeben mit der ausdruecklichen Weisung, den Brief ja ordentlich
und puenktlich zu besorgen.

Was er wohl dazu sagt, ob er es wohl tut? Diese Fragen tauschten die
beiden Geheimnisvollen in den naechsten Tagen unzaehlige Male aus, und mit
Spannung sahen sie jeden Morgen dem Brieftraeger entgegen.

Eines Tages erschien er, als die Freundinnen wieder wie gewoehnlich den
Kaffee unter dem gruenen Blaetterdach einnahmen. Fuer Ilse hatte er nichts,
aber Nellie gab er einen Brief, den sie ihm hastig abnahm.

"Von Fred," sagte sie leicht erroetend, worauf sie sich erhob und ins Haus
ging, um den Brief dort zu lesen, denn sie war gern allein, wenn sie die
Episteln von ihrem Fred studierte.

Voller Erwartung blieben die beiden zurueck. Nun sie so unmittelbar vor der
Entscheidung standen, hatten sie keine geringe Angst, denn es war doch ein
kuehnes Wagestueck gewesen, das Ilse unternommen hatte.

Nach kurzer Zeit erschien Nellie in der Haustuer mit dem Briefe in der
Hand, und kam eiligst den Kiesweg daher geschritten. Ilse und Flora
klopfte das Herz, und sie wagten die junge Frau erst anzusehen, als sie
vor ihnen stand. Sie hatte rotgeweinte Augen, in welchen noch die hellen
Traenen standen, aber zugleich umspielte ein glueckliches Laecheln ihre
Lippen.

"O Ilse, was bist du eine _darling_, o was bist du gut, was hast du fuer
mir getan!" rief sie, indem sie die Freundin umarmte und kuesste. In ihrer
Erregung lag sie mit der deutschen Sprache, die sie in den letzten Jahren
fehlerlos beherrschte, auf einmal wieder im Kampfe. Wie frueher misshandelte
sie dieselbe in der komischsten Weise, als sie jetzt hastig weiter sprach,
freudig und geruehrt zugleich. Endlich entfaltete sie den Brief ihres Fred
und las ihn mit zitternder Stimme vor. Es stand darin: dass er nichts
dagegen habe, wenn sie das kleine verwaiste Kind zu sich nehmen wolle, es
waere ihm sogar sehr lieb, wenn sie, Nellie, in den vielen Stunden, die sie
einsam und allein zubringen muesste, etwas Unterhaltung und Zerstreuung
haette, und er hoffe auch, dass das kleine Geschoepf einiges Leben in ihr
stilles Haus bringen wuerde.

Ilse sah Flora laechelnd an. Fast woertlich wiederholte er, was sie ihm
geschrieben hatte.

"Nun Nellie, bist du zufrieden? Habe ich es gut gemacht?" fragte Ilse, als
diese zu Ende gelesen hatte.

"O, o, was fuer ein gutes Mann habe ich, und wie soll ich dich danken, lieb
Ilschen," antwortete sie uebergluecklich und als ob sie ein Geluebde ablegte,
fuhr sie leise fort: "O, wie will ich die kleine _baby_ lieb haben, und
wie will ich den lieben Gott recht bitten, dass er eine gute Mutter aus
mich macht. Ilse, wie soll ich dich das wieder gut machen?"

"Nein, nein, Nellie, so darfst du nicht sprechen," wehrte diese ab. "Was
du an dem einstigen Trotzkopf getan hast, kann ich dir ja doch nie wieder
vergelten."

Innig umarmten sich die beiden Freundinnen.

Das erste war dann, dass sich die Direktorin hinsetzte und dem einzigen
Fred schrieb. Bis die aeusseren Formalitaeten erledigt waren, flog zwischen
den Ehegatten noch mancher Brief hin und her. Althoff war zu sehr mit
Arbeit ueberhaeuft, wie er schrieb, sonst waere er selbst gekommen, um seine
Frau und das Pflegetoechterchen zu holen. -

Klein Aennchen aber siedelte schon am naechsten Tage zu ihrer neuen Mutter
ueber, und frisch gewaschen, sorgfaeltig gekaemmt, in einem neuen Kleidchen,
sah das Kind wirklich reizend aus. Die andern Geschwister wurden so gut
wie moeglich untergebracht; den einen Jungen nahmen Werners zu sich und
wollten ihn etwas Tuechtiges lernen lassen.

So war mit dem duesteren Tod zugleich das Glueck in die arme Huette
eingekehrt und suchte sich unter den Waisen seine Lieblinge heraus, um sie
ihrem bisherigen Elend zu entreissen.

Die schoene Zeit bei Flora hatte nun noch einen ereignisreichen Abschluss
gefunden, und das Band, das die Freundinnen an Flora knuepfte, war diesmal
ein unaufloesliches geworden. Der Abschied fiel allen sehr schwer, und die
vielen Traenen, die dabei vergossen wurden, waren wohl der beste Beweis,
dass die Freundschaft von neuem feste Wurzeln gefasst hatte.

                                  * * *

Klein Aennchens Anwesenheit brachte bei dem Ehepaar Althoff wahre
Wunderdinge zustande. Nellie musste ihre Pflege von nun an teilen und, was
sie nie geglaubt haette, ihr Fred kam dabei nicht zu kurz, ja, seine Leiden
besserten sich sogar in auffallender Weise. Wenn er abgespannt nach Hause
kam, waren jetzt nicht mehr die besorgten Fragen seiner Frau das erste,
was ihn empfing - zunaechst war da klein Aennchen die Hauptsache, und
darueber vergass Fred seine Klagen und Nellie ihre Fragen. Was die Kleine
nicht alles verstand und wusste! Beide konnten ihre Vorzuege nicht genug
ruehmen, es gab kein aufgeweckteres und huebscheres Kind, und das "Erziehen"
haette leicht ein "Verziehen" werden koennen, wenn nicht Frau Ilse und Onkel
Heinz auch noch dagewesen waeren. Die Vortraege des letzteren ueber
Kindererziehung waren allerdings oft zu theoretisch gehalten, um zu
wirken, aber desto mehr fruchteten die Ermahnungen der Freundin, welche
Nellie vorwarf, dass sie viel zu gutmuetig und schwach dem Kinde gegenueber
sei, das schon jetzt manchmal versuchte, die andern zu tyrannisieren. Aber
trotzdem hatte es helles Glueck in das Heim seiner Pflegeeltern gebracht,
es war der Mittelpunkt, um den sich alles drehte, und wuchs frisch und
froehlich auf, nicht ahnend, aus welcher trostlosen Umgebung einst sein
junges Leben hierher verpflanzt worden war.

                                  * * *

So vergingen die Jahre - schnell, wie im Fluge! Sie brachten Freuden und
Leiden in ihrem Gefolge mit sich und teilten diese Gaben bald nach
Verdienst, bald ungerecht aus. Der eine bekam mehr vom Regen, der andre
mehr vom Sonnenschein, dem einen erschien das Glueck frueher, dem andern
spaeter und manchem nie.

Auch an unsern Freunden zog die Zeit in buntem Wechsel vorueber, frohe und
truebe Tage waren in das Meer der Vergangenheit gesunken - einer nach dem
andern. Ganz verschont hatte das Schicksal keinen, aber unerbittlich hart
war es nur in der Familie des Superintendenten aufgetreten, als dunkle,
schwere Wolke lagerte es jahrelang ueber ihnen.

Wie wir wissen, glaubte Rosi ihren Fritz mit harter Strenge erziehen zu
muessen, und so wurde aus dem froehlichen, frischen Kinde schliesslich ein
stiller, verschlossener Junge. An den Vergnuegungen seiner Schulkameraden
durfte er meistens nicht teilnehmen, weil es in der Schule mit ihm noch
immer nicht besser gehen wollte. Begreiflicherweise, denn infolge der zu
grossen Strenge fehlte ihm jeder Eifer, alle Lust und Liebe zum Lernen. An
seinem Vater hatte er nur einen schwachen Halt, auch war derselbe in den
letzten Jahren mit Arbeit sehr ueberbuerdet und konnte sich seiner Familie
nicht so widmen, wie er wohl wuenschte. Rosi war wie mit Blindheit
geschlagen! Durch fortwaehrende Strafpredigten glaubte sie etwas erreichen
zu koennen und ahnte nicht, was sie damit in der jungen Seele anrichtete.
Fritz stand wie unter einem schweren Drucke, und doch regte sich die
Lebenslust maechtig in ihm; er haette hinauslaufen moegen, weit weg; er
fuehlte oft den unwiderstehlichen Drang, die strengen Fesseln zu zerreissen.
Und immer haeufiger kamen solche Gedanken wieder, und nahmen mehr und mehr
Besitz von ihm. Die weite Welt stand verfuehrerisch lockend vor seinen
Blicken. -

Eines Tages kam er aus der Schule nicht mehr nach Hause - er war damals
fuenfzehn Jahre alt. Tage, Wochen, Monate vergingen, ohne dass die
angestellten Nachforschungen irgend einen Erfolg gehabt haetten - er war
und blieb verschollen. Tief gebeugt wiederholte Rosi immer die Worte:
"Gottes Hand ruht schwer auf uns." Ob sie sich wohl innerlich Vorwuerfe
machte, oder das Unglueck nur als eine Fuegung des Himmels ansah? Von ihrem
Manne hoerte sie kein Wort des Tadels. Er, den die schwere Pruefung ganz
niederdrueckte, suchte doch immer nach einem Troste fuer Rosi und klagte
sich selbst wegen seiner Schwaeche an, ihr in den letzten Jahren die
Erziehung des Jungen fast allein ueberlassen zu haben. Tante Emilie
ihrerseits versuchte Rosi jeden Zweifel dadurch zu benehmen, dass sie
sagte, Fritz waere nun einmal leichtsinnig veranlagt gewesen und sie habe
so etwas schon immer kommen sehen. Aber solche Worte fanden doch nur einen
kurzen Wiederhall in dem betruebten Mutterherzen. Eine drueckende Schwuele
herrschte in dem Pastorenhause seit dem Unglueck. Auch jetzt nach Jahren
noch, als Elisabeth zu einem jungen Maedchen herangewachsen war, konnten
sich Rosi und ihr Mann nicht entschliessen, sie in die Welt einzufuehren. -

Freundlicher sah es bei Gontraus aus. Dort brachten Ruth und Marianne,
jetzt im achtzehnten und siebenzehnten Lebensjahre stehend, Lust und
Froehlichkeit ins Haus. Zu bluehenden, lieblichen Geschoepfen waren sie
herangewachsen; etwas Verschiedenartigeres aber, als diese beiden
Schwestern, konnte man sich nicht denken. Die juengere blond, rosig,
zierlich, die aeltere gross, schlank, eigenartig, mit dunklen, sprechenden
Augen und einem ewig wechselnden Mienenspiel. Viele fanden Marianne
schoener, wozu auch wohl ihr liebenswuerdiges, sanftes Wesen beitrug. Ruth
dagegen mit ihrem lebhaften Temperament war nicht so bequem fuer den
Verkehr, und Ilse hatte manchmal ihre liebe Not, den leidenschaftlichen,
aufbrausenden Sinn derselben zu daemmen. Wie oft musste sie sich von Leo
necken lassen, wenn sie ueber Ruth klagte und er antwortete: "Ganz die
Mutter." Aber dass aus ihr nicht ein gleicher Trotzkopf wurde, wie sie es
einst gewesen war, dafuer hatte sie gesorgt und ihrem Kinde dadurch viel
schwere Stunden erspart. Die alte Kinderfreundschaft zwischen Onkel Heinz
und Ruth bestand noch immer, er war ihr bester Vertrauter, und man musste
sich nur wundern, mit welcher Liebe, mit welchem Verstaendnis er in dem
jungen Maedchenherzen zu lesen wusste. Wenn man sie fragte: "Wer ist deine
beste Freundin?" antwortete sie: "Onkel Heinz!" Von ihm liess sie sich weit
mehr sagen, als von andern, trotzdem er oft nicht gerade den
ruecksichtsvollsten Ton anschlug. Ilse war jetzt eine Frau Professor
geworden, aber auch unter dieser neuen Wuerde hatte sie sich ihren
frischen, natuerlichen Sinn erhalten. Die Jahre hatten ihr wohl aeussere und
innere Veraenderungen gebracht, aber den Grundton ihres Charakters konnten
sie nicht verwischen. Sie war der Mittelpunkt im Hause, um den sich alles
drehte, ihr Mann vergoetterte sie noch immer, und ihre Toechter liebten sie,
wie nur Kinder eine Mutter zaertlich lieben koennen; sie war ihnen Mutter
und Freundin zugleich.

So war denn der Tag herangekommen, den Leo schon herbeigesehnt hatte, als
Ruth und Marianne noch kleine Maedchen waren, der Tag, an dem er sie auf
den ersten Ball fuehren konnte.

Der erste Ball! Welches Zauberwort fuer ein junges Maedchenherz! Marianne
und Floras Zwillinge, die schon seit einigen Wochen bei Gontraus zum
Besuche waren, befanden sich denn auch in heller Aufregung, selbst Ilse
schien von dem Ballfieber mit angesteckt zu sein. Sogar Leo war nicht ganz
unberuehrt davon geblieben; als er aber beim Mittagessen fragte, ob die
Toiletten der Kinder auch in Ordnung waeren, brachen die jungen Maedchen in
ein unsinniges Gelaechter aus, denn eine solche Frage von ihm war etwas
ganz Ungewoehnliches. Nur Ruth fand es laecherlich, sich um einen "lumpigen
Ball", wie sie sagte, so aufzuregen.

Gegen Abend kam Nellie, die treue Seele, mit Aennchen, das inzwischen ein
grosses Maedchen geworden war, um, wie immer, wenn es etwas Besonderes zu
tun gab, zu helfen, denn vier kleine Balldamen herzurichten, war keine
Kleinigkeit.

"Nun fang nur auch an, Ruth, du wirst sonst nicht fertig," sagte die
Direktorin, als dieselbe noch immer keine Miene machte, mit ihrer Toilette
zu beginnen.

"Um Gottes willen, Tante, langes Anziehen ist mir verhasst, ich werde noch
frueh genug fertig," rief das junge Maedchen und sah etwas spoettisch
laechelnd auf die Schwester und die Freundinnen, die schon eifrig dabei
waren, sich zu putzen, und deren Wangen vor Eifer gluehten. Sie war doch
ganz anders geartet, als sonst die Maedchen ihres Alters, deren Interessen
sie meist nicht teilte. So hatte sie auch darauf bestanden, mit Marianne
nicht gleich gekleidet auf den Ball zu gehen, was diese sehnlich wuenschte.

"Um Himmels willen, nur nicht wie zwei Inseparables," hatte Ruth gesagt,
als die Rede davon war, "wir sind so grundverschieden, und ich weiss genau,
dass wir in der Auswahl der Farben nicht uebereinstimmen wuerden, fuegen aber
wuerde ich mich nicht. Was wuerdest du z. B. fuer eine Farbe waehlen,
Marianne?"

"Ruth, Ruth, nur nicht gleich so herrschsuechtig," hatte Ilse gemahnt; aber
als Marianne antwortete, sie liebe rosa so sehr, da war sie doch wieder
aufgebraust.

"Natuerlich rosa! Ich dachte es mir doch; da wuerde ich dir ja huebsch zur
Folie dienen. Ich und ein rosa Kleid mit meinem Teint! Eine solche
Geschmacklosigkeit!"

"Einem jungen Maedchen steht alles," hatte Marianne in weisem Tone
erwidert.

"Na ja, natuerlich! Wie kann man nur eine solche Phrase wiederholen, das
ist einfach dumm. Natuerlich du mit deiner rosigen Haut wirst wie ein
Pfingstroeschen aussehen - aber ich! Mache doch nur die Augen auf und denke
dir eine solche Farbenzusammenstellung!"

Und so war es fortgegangen, bis Marianne in Traenen ausbrach und Ruth sie
nun auf alle Weise zu troesten versuchte, denn sie liebte ihre blonde
Schwester trotzdem zaertlich. Doch dazwischen hatte sie geklagt, ihr wuerde
immer gleich alles uebelgenommen, niemand verstaende sie. Warum gerade sie
wie eine Vogelscheuche aussehen sollte, waehrend Marianne natuerlich einem
Engel gleichen wuerde. Haette nicht Nellie mit der trockenen Bemerkung: sie
habe noch nie eine Vogelscheuche in einem rosenroten Ballkleide gesehen,
Ruths Redefluss ein Ende gemacht, so waeren deren leidenschaftliche
Ansprueche und Mariannes Traenen gewiss noch lange nicht versiegt. So aber
hatten beide lachen muessen, und die Toilettenfrage hatte in Ruhe erledigt
werden koennen.

Floras Zwillinge waren zwei ebenso frische, rotbaeckige Maedchen geworden,
wie sie zwei frische, rotbaeckige Kinder gewesen waren, und als sie jetzt
in ihren blauen Ballgewaendern neben der in rosa Seide gekleideten Marianne
standen, musste man sich ueber diese drei anmutigen Maedchenblueten freuen.
Und was war natuerlicher, als dass in Ilse sowohl als in Nellie durch diesen
Anblick die Erinnerung geweckt wurde, wie sie sich zum ersten Balle in der
Pension geschmueckt hatten, und dass sie nun zum Ergoetzen der Kinder davon
erzaehlten.

Mitten in das lebhafte Sprechen und Lachen hinein ertoenten ploetzlich aus
dem Nebenzimmer die Klaenge eines Fluegels und Ruths Stimme.

"Das ist wieder echt wie Ruth, setzt sich hin und singt und denkt gar
nicht an den Ball; am liebsten saesse sie ueberhaupt den ganzen Tag am
Fluegel. Es ist ja die hoechste Zeit, dass sie sich anzieht," sagte Ilse,
aber unwillkuerlich lauschte sie doch mit den andern eine Weile auf die
vollen herrlichen Toene, und als sie endlich eindrangen zu der Saengerin,
fanden sie dieselbe schon fix und fertig angezogen. Neugierig wurde sie
von der Schwester und den Freundinnen umringt, besehen und bewundert. In
ihrem einfachen, weissen Kleide sah sie reizend aus; ohne jeden Schmuck,
ohne Blumen hatte sie etwas Keusches, Unnahbares.

Die andern drei Balldamen ruempften allerdings die Nase ueber den gar zu
einfachen Anzug; die eine riet noch zu einer Korallenkette um den Hals,
die andre zu Blumen im Haar.

Ruth lehnte alles ab.

"Kinder, lasst mich in Ruhe, ich tue ja doch, was ich will!" rief sie.

In diesem Augenblick erschien das Maedchen mit zwei wundervollen Bouquets,
das eine ganz aus rosa, das andre aus weissen Blueten. Marianne wurde wie
mit Purpur uebergossen, als sie die Karte las, die in den Blumen steckte.
"Von Herrn Jansen," sagte sie strahlend und betrachtete das weisse
Blaettchen Papier noch eingehender, als den kostbaren Strauss.

Herr Jansen, der Sohn des besten Jugendfreundes von Onkel Heinz war vor
einiger Zeit aus den Tropen zurueckgekehrt, wo er sich als Kaufmann ein
bedeutendes Vermoegen erworben hatte, und durch den Professor bei Gontraus
einfuehrt worden. Er verkehrte in dieser Familie ebensoviel und ebensogern,
wie Onkel Heinz, und auch heute war er von Leo zu dem ersten Balle seiner
Toechter eingeladen worden.

Die beiden jungen Maedchen hielten noch immer die duftende Spende in den
Haenden.

"Sieh nur, Mama, der entzueckende weisse Flieder," rief Ruth, und Marianne
zeigte Nellie wohl zum zehnten Male schon, wie herrlich die roten Kamelien
in ihrem Strausse waeren. Dazwischen toenten die kraeftigen Stimmen der
Zwillinge: "O, wie reizend, himmlisch, suess," und Aennchen lief bald
hierhin, bald dorthin, um alles aufs Genaueste zu sehen und zu hoeren.

Der Kranz von strahlenden, freudig erregten Maedchengesichtern war in der
Tat ein entzueckender Anblick, und selbst Onkel Heinz schien Empfindung
dafuer zu haben, denn als er jetzt die Tuere oeffnete, blieb er wie
angewurzelt in derselben stehen.

"Alle Wetter, ist das ein Staat!" rief er endlich laut.

Alle drehten sich um, und Ruth flog ihm entgegen. Mit Lachen und Jubeln,
wie sie es als Kinder getan, umzingelten ihn nun auch die andern jungen
Dinger. Wahrhaftig, so viel Jugend und Lieblichkeit auf einmal wurde einem
alten Junggesellen nicht so leicht geboten, und er konnte sich wohl
darueber freuen. Im Grunde genommen schien er das auch zu tun, denn sein
schmunzelndes Gesicht passte nicht recht zu seinen abwehrenden Bewegungen.
Zwischen den hellen Farben rings um ihn herum stach seine dunkle Gestalt
ab, wie ein schwarzer Kaefer auf bunten Bluetenblaettern.

"Onkel Heinz, gefalle ich dir?" - "Wie findest du mein Kleid, steht es mir
wohl gut?"

"Onkel Heinz, habe ich auch nicht zu rote Backen?" So rief und fragte es
von allen Seiten, und immer enger wurde er von den jungen Maedchen
umschlossen, immer eindringlicher bestuermten sie ihn mit Fragen; er wusste
schliesslich weder aus noch ein und hielt sich mit beiden Haenden die Ohren
zu.

"Scheusslich seht ihr alle aus," platzte er endlich hervor und hoffte
wahrscheinlich durch diese derbe Kritik von den Quaelgeistern befreit zu
werden; aber darin hatte er sich getaeuscht, nun ging es erst recht los.

"Onkel Heinz, sage doch ehrlich, sehen wir wirklich scheusslich aus?" -
"Ist das dein Ernst?" - "Gefallen wir dir nicht?" so schwirrte es von
neuem durcheinander.

"Findest du, dass mir Rosa gut steht?" fragte Marianne, und ihre Augen
hatten dabei einen so suess bittenden Ausdruck, dass der Professor nicht
widerstehen konnte.

"Na, es geht!" antwortete er und betrachtete sie eingehend. "Aber sage
mal, du musst etwas um den Hals binden, du erkaeltest dich ja sonst. Herr
Gott, was ist das ueberhaupt fuer eine Verruecktheit, sich so anzuziehen! In
euren Hauskleidern gefallt ihr mir viel besser. Ihr werdet euch mit dem
blossen Hals und den nackten Armen einen schoenen Schnupfen holen."

Da gab es wieder zu lachen ueber eine solche Ansicht.

"Wen findest du denn am huebschesten, Onkel Heinz?" fragte Thusnelda.

Seine Blicke schweiften umher und blieben an seinem Lieblinge Ruth haften;
er brauchte deshalb gar keine Antwort zu geben.

"Natuerlich Ruth, das haben wir uns gleich gedacht!" riefen sie alle.

"Onkel Heinz, haettest du fuer mich vielleicht ein weisses Kleid huebscher
gefunden?" fragte Marianne.

"Ja Kind, wie die Frauenzimmer zu einem Balle angezogen sein muessen, weiss
ich wahrhaftig nicht, das verstehe ich nicht."

"Bist du denn nie auf einem Balle gewesen?" fragte Marianne.

Nun war es Onkel Heinz, der in ein homerisches Gelaechter ausbrach.

"Gott sei Dank, nein! Zu solchen unnuetzen Geschichten habe ich mein Lebtag
keine Zeit gehabt, ich hatte Besseres zu tun."

"Weisst du was, Onkel Heinz," schlug Ruth vor, "komm mit auf den Ball, denn
bevor du einmal einen kennen gelernt hast, kannst du doch gar nicht
darueber urteilen."

"Ja, ja, komm mit!" riefen nun auch die andern.

"Ich tanze so viel Taenze mit dir, wie du willst."

"Und ich bringe dir den schoensten Kotillonorden."

"Mich darfst du zu Tische fuehren."

"Wir wollen ueberhaupt tun, was du willst."

Sie ueberboten sich in verlockenden Aussichten, und wieder ragte der
Professor als schwarzer Punkt aus ihrer hellen, duftigen Mitte hervor.

"Kroeten, so lasst mich endlich in Ruhe, ihr seid ja ausser Rand und Band!"
rief er, sie zurueckdraengend.

Bei dem lebhaften Durcheinandersprechen hatte man ganz ueberhoert, dass die
Tuere geoeffnet wurde, bis Ilse ploetzlich Herrn Jansen andaechtig auf der
Schwelle stehen sah. Ihn bannte dort das reizende Bild, das er erblickte,
und mit neidischen Augen betrachtete er Onkel Heinz in dem bluehenden
Maedchenkranze.

Ilse ging ihm entgegen, und die kleinen Balldamen stoben nach allen Seiten
auseinander, als die hohe Gestalt naeher kam. In Mariannes Antlitz aber
stieg eine heisse Blutwelle bei seiner herzlichen Begruessung, doch
bewundernd blieb sein Blick an Ruth haengen, deren Hand noch in des
Professors Arm lag. Die schlanke, weisse Gestalt schien ihn ungemein zu
fesseln, und er nahm ihre zum Grusse dargebotene Rechte mit grosser Waerme
entgegen.

"Du bist zu beneiden, Onkel," sagte er halblaut.

Jetzt kam auch Leo ins Zimmer, im feierlich schwarzen Anzuge, mit weisser
Krawatte, und draengte zur Eile, die Wagen staenden bereits vor der Tuere.

"Ja, nun macht nur," mahnte sogar Onkel Heinz, "Taenzer werdet ihr wohl
nicht mehr bekommen."

"Onkel, dass du nicht mitkommen willst, ist aber doch jammerschade; jetzt
habe ich gar keine Lust mehr zu dem Balle," meinte Ruth.

"Na, dass du sagst, du habest zu solchem Unsinn keine Lust, ist wenigstens
mal ein vernuenftiges Wort," erwiderte der Professor. "Aber es geht nun
doch nicht anders, du musst mit, du armes Opferlamm."

"Onkel Heinz," rief Ruth freudig, als haette sie ploetzlich einen guten
Einfall bekommen, "weisst du was? Du bleibst hier, und ich bleibe bei dir,
und wir beide verleben einen recht gemuetlichen Abend zusammen. Ach, das
waere reizend!"

"Und was wuerde aus meinem versprochenen Walzer?" fragte Herr Jansen.

"O, da koennte mich ja Marianne vertreten," gab sie zur Antwort und
schmiegte sich zaertlich an den Professor. "Onkel Heinz, ich bleibe bei dir
und singe dir alle deine Lieblingslieder vor."

Etwas wie Ruehrung flog nun doch ueber das Gesicht von Onkel Heinz, und
seine Stimme klang seltsam weich, als er sagte:

"Alte Kroete du! Auf dem Ball wirst du dich doch wohl besser amuesieren, als
mit mir alten, langweiligen Knaben hier zu Hause. Nein, nein, gehe nur,
dieser Unsinn gehoert nun einmal mit zum Leben, wie so viele andre unnuetze
Geschichten. Ich gehe nach Hause und lese, das ist mir doch das liebste.
Morgen vormittag komme ich dann mal vor und lasse mir von eurer Hopserei
berichten. Alte, gute Kroete du!"

Er klopfte sie zaertlich auf die Backe.

Marianne und die Zwillinge waren inzwischen warm eingepackt worden, was
fuer sie wieder eine Sache von groesster Wichtigkeit gewesen war. Diese
Angst, dass die Kleider und Blumen zerdrueckt werden moechten - es war eine
grosse Not. Leo stand mit der Uhr in der Hand dabei, waehrend die
geschaeftigen Haende in fieberhafter Unruhe flogen, und durcheinander rief
es:

"Wo habt ihr denn meinen Strauss hingelegt?"

"Beste Tante Nellie, hast du meine Handschuhe nicht gesehen?"

"Thusnelda, du hattest doch noch eben meinen Faecher in der Hand!"

"Mein Taschentuch hatte ich hier auf den Tisch gelegt, wer hat es denn
fortgenommen?"

Dazwischen draengte Leo, es sei die hoechste Zeit, dass sie fortkaemen; Ilse
schalt ueber die Unordnung, Aennchen suchte ueberall herum, trat dabei auf
Hildegards Kleid und warf eine Blumenvase um, in welche Marianne ihren
Strauss gestellt hatte, so dass sich das Wasser ueber den Tisch auf den
Fussboden ergoss und alle fluechten mussten - kurz und gut, richtete mit ihrer
gutgemeinten Hilfe nur Unheil an. Nellie aber hatte gar nichts gesagt,
sondern stillschweigend gesucht und in kurzer Zeit alles Fehlende
gefunden.

"Um Gottes willen, ist das eine Wirtschaft! Ich mache mich aus dem
Staube," sagte Onkel Heinz. "Adieu, Frau Ilse, adieu, Kinder! Na, und viel
Vergnuegen zu der Geschichte. Bist du denn auch warm genug, Kroete?" fragte
er seinen Liebling Ruth und zog ihr dabei das weissseidene Kopftuch noch
tiefer in die Stirn.

Die uebrigen waren bereits die Treppe hinabgestuermt, nur Nellie stand noch
oben und verabschiedete sich von Aennchen. Immer wieder kuessten sich die
beiden und konnten sich nicht von einander trennen, bis es von unten rief:

"Ruth und Nellie, so kommt doch, wo bleibt ihr denn?"

"Wir kommen, wir kommen!"

Eiligst liefen beide hinunter, langsamer folgte ihnen Onkel Heinz. Von der
Strasse her schallten noch lebhafte Stimmen, dann hoerte man das Zuklappen
der Wagentueren, das schnelle Rollen der Raeder, und nun war alles still. -

Der Professor hatte seinen Pelzkragen dicht ueber die Ohren gezogen und die
Haende tief in die warmen Taschen vergraben. Gemessenen Schrittes ging er
die Strasse hinab. Mit dem Lesen heute abend schien er es nicht sehr eilig
zu haben, denn er schlenderte noch eine Zeitlang in den hellerleuchteten
Strassen umher, und ging dann in das Lokal, wo er seine Mahlzeiten
einzunehmen pflegte. Einsam verzehrte er sein Nachtessen und blieb den
Abend ueber da. Der Kellner brachte ihm wie gewoehnlich die Zeitungen, er
legte sie aber beiseite und schaute - die eine Hand am Henkel seines
Bierglases - nachdenklich vor sich hin. Ein paar Male schuettelte er den
Kopf und sagte leise: Unsinn, Unsinn. Aber in der Seele dieses Hagestolzen
erschien doch in dem verstecktesten Winkel etwas wie ein lichter Punkt,
der aus dem Dunkel auftauchte; und dieser Punkt nahm eine feste Gestalt
an, und diese Gestalt schwebte in hellen, gemuetlichen Raeumen ordnend,
verschoenend umher und drang auch in ein stilles Studierzimmer, in welchem
ein Mann sass und arbeitete. Und auf einmal wurde alles freundlich und
glaenzend, und der Lichtschein fiel auf die Gestalt des einsamen Mannes,
der davon wie magisch angezogen wurde; er liess Buecher und Schriften liegen
und ging ihm nach, bis er in einen lichten Raum kam, wo das Feuer im Ofen
knisterte, Blumen dufteten, ein gedeckter Tisch stand, und liebevolle
Haende bereit waren ihn zu hegen und zu pflegen. Unwillkuerlich machte Onkel
Heinz eine heftige Bewegung, als er zum Bewusstsein dieser Traeume gelangte,
und nun flohen die Bilder und Gestalten, der helle Glanz verblasste, und es
erschien wieder sein duesteres Studierzimmer mit den strengen, langen
Buecherreihen, der ausgegangene Ofen und die schlechtbrennende Lampe.
Dieses letzte Bild sollte bald zur Wirklichkeit werden, denn nachdem Onkel
Heinz sein Bier ausgetrunken und bezahlt hatte, kroch er wieder in seinen
Pelz, den ihm der Kellner diensteifrig anziehen half, und ging dann heim.
Doch zum Arbeiten und Lesen konnte er sich heute abend nicht mehr
entschliessen; auch war es zu kalt dazu im Zimmer, der Ofen war - wie
gewoehnlich - ausgegangen, und die Lampe hatte - wie gewoehnlich - gequalmt.
Er begab sich deshalb zur Ruhe, aber der Schlaf wollte nicht kommen; wohl
versuchte er, sich in eine wissenschaftliche Idee zu versenken, aber es
gelang nicht, denn er sah fortwaehrend luftige Gestalten an sich
voruebergaukeln, und sein Traum von vorhin wiederholte sich noch einmal.
"Unsinn, Unsinn," murmelte er und warf sich im Bett umher, bis er endlich
doch einschlief.

Am andern Morgen, als es noch daemmerte, wurde er von seiner Aufwaerterin
geweckt, wie an jedem andern Morgen auch. Aber heute war er aergerlich
darueber und mit nichts zufrieden. Die Frau hatte an diesem Tage wiederholt
Anlass, ihrer Busenfreundin, der Muellern, ihr Herz auszuschuetten und ihr zu
klagen, wie boese der Herr Professor heute gewesen sei, so schlecht haette
er sie noch niemals behandelt. Ueber den Kaffee habe er geschimpft, der
Ofen sei nicht schnell genug warm geworden, die Lampe muesse besser geputzt
werden. Und sogar ueber den Staub im Zimmer, von dem er noch nie etwas
bemerkt habe, haette er heute gescholten, kurz, nichts sei ihm recht
gewesen.

Waehrend Onkel Heinz einen so ungemuetlichen Abend verbrachte, hatte seine
Freunde Lust und Lebensfreude umgeben.

Mit Zittern und Zagen hatten die Zwillinge und Marianne den Ballsaal
betreten, und selbst Ruths Herz schlug hoeher, als sie in dem glaenzenden
Raume stand. Der Sorge um Taenzer waren die jungen Maedchen bald ueberhoben,
denn schon nach kurzer Zeit zeigten sie sich untereinander die mit Namen
dicht besetzten Ballkarten.

"Ja, ja, Nellie, nun sind wir Ballmuetter," sagte Ilse lachend, als sie in
den Reihen, welche fuer die aelteren Damen bestimmt waren, Platz nahmen.

"Macht nichts, wenn wir alte Muetter werden, ist auch fein," sagte Nellie;
aber als die beiden unzertrennlichen Freundinnen jetzt so beisammensassen,
sahen sie durchaus noch nicht aus wie "alte Muetter". Das Glueck, das aus
beider Augen strahlte, als Ruth und Marianne im Tanze anmutig an ihnen
vorbeischwebten, der Stolz, mit dem sie ihnen nachblickten, verjuengte und
verschoente sie merkwuerdig.

Leo und Althoff hatten eine Zeitlang dem bunten Treiben zugesehen, zogen
sich dann aber ins Nebenzimmer zurueck, wo sie bei einem Glase Bier
gemuetlich ihre Zigarre rauchten und schwatzten. Den Ballstaub von Anfang
bis zum Ende geduldig zu schlucken, versteht eben nur eine Mutter.

Herr Jansen schien an diesem Abend wie bezaubert von Ruth. Seine Blicke
suchten sie, wenn sie im bunten Gewuehle verschwand, bis er sie gefunden
hatte, und so oft es ging, naeherte er sich ihr; dann plauderten und
lachten sie zusammen und kritisierten die Anwesenden. Aber wenn ihn Ruth
auf dieses oder jenes huebsche Maedchen aufmerksam machte, so fand er sie
alle haesslich oder unbedeutend, und seine Augen sagten deutlich genug, wen
er einzig und allein schoen faende. Konnte er nicht mit ihr plaudern oder
tanzen, so suchte er Marianne auf, um so bald als moeglich das Gespraech auf
ihre Schwester zu bringen.

Arme, kleine Marianne, wenn doch ein guter Geist dir die Augen oeffnen
moechte! Es ist nur zu wahr, die Liebe macht blind.

In dem Herzen von Marianne hatte sich vom ersten Tage an, als Onkel Heinz
Herrn Jansen bei ihren Eltern einfuehrte, eine stille Neigung fuer diesen
eingeschlichen, die von Tag zu Tag wie ein gut gehegtes Pflaenzchen mehr
und mehr emporwuchs. Seine Worte fielen wie Tau auf diese Herzensblume,
seine Freundlichkeiten waren der Sonnenschein, unter welchem sie gedieh
und immer festere Wurzeln in der jungen Seele fasste. Arme Marianne!

So waren auch heute abend die Artigkeiten, welche Herr Jansen ihr erwies,
neue Nahrung fuer ihre Neigung und sie merkte nicht, dass es ja die
Schwester war, welche sein Herz ganz und gar gefangen hielt.

Der Ball nahte sich seinem Ende! Die Zwillinge hatten sich erhitzt und
erschoepft mit hochroten Wangen auf einem der Diwans niedergelassen und
tauschten gegenseitig ihre Erlebnisse aus; Marianne wandelte mit Ilse und
Tante Nellie zusammen auf und ab, und ihr glueckstrahlendes Gesicht sprach
deutlich genug von den Gefuehlen, welche ihr Inneres erfuellten. Waehrenddem
hatte sich Ruth von Herrn Jansen ein Glaeschen Eis holen lassen, das sie
nun, nachdem sie in einer der kleinen Pflanzennischen Platz genommen
hatte, mit Behagen verzehrte.

"Es ist doch sehr, sehr huebsch heute abend; ich amuesiere mich wenigstens
herrlich, Sie auch?" fragte Ruth vergnuegt den jungen Mann, der sich an
ihrer Seite niedergelassen hatte.

"Fuer mich war es der schoenste Abend meines Lebens, Fraeulein Ruth,"
erwiderte er.

"Da haben Sie wohl noch nicht viel Baelle mitgemacht? In Indien gibt es
wahrscheinlich so etwas nicht?" erkundigte sie sich.

"Und wenn ich hundert Baelle mitgemacht haette, so wuerde dieser doch der
schoenste fuer mich sein," antwortete er mit Nachdruck.

"So, und warum denn?"

Diese Frage klang durchaus einfach und unbefangen, denn Ruth war wirklich
gaenzlich ohne Arg ueber die Beziehung, welche seine Worte enthalten hatten.
Er war ein Freund ihrer Eltern, ihres Hauses, und was fuer sie sehr ins
Gewicht fiel, der Sohn des Jugendfreundes von Onkel Heinz. Aus diesem
Grunde war sie stets zuvorkommend und freundlich gegen ihn gewesen; aber
dass er etwas andres in ihr erblicken koennte als eine Freundin, war ihr
noch nie in den Sinn gekommen. Deshalb erschrak sie auch im hoechsten
Grade, als er ihr jetzt mit vor Erregung zitternder Stimme antwortete:
"Weil Sie hier sind!" und die verhaengnisvolle Frage daran knuepfte: "Haben
Sie mich denn nicht gern, Fraeulein Ruth?"

Da wurde es ihr auf einmal ganz aengstlich zu Mute, verlegen stand sie auf
und wuenschte zu den Ihrigen gefuehrt zu werden.

"Haben Sie mich denn nicht gern?" wiederholte er eindringlich seine vorige
Frage, und mechanisch antwortete sie hastig: "O ja, doch, natuerlich."

Ohne seinen Arm, den er ihr bot, anzunehmen, eilte sie nach diesen Worten
rasch voraus.

Als sie kurze Zeit darauf zur Heimfahrt in den Wagen stieg, nahm er ihre
Hand und drueckte sie zaertlich an seine Lippen. Waehrend aber die Schwester
und die Zwillinge unterwegs lebhaft ueber ihre Erlebnisse vom heutigen
Abend plauderten, war sie schweigsam und einsilbig. Aus Mariannes Mund
toente der Name dessen, mit dem sie sich gerade beschaeftigte, oftmals an
ihr Ohr. Ganz klar war es ihr doch nicht, was er gewollt hatte; aber
schliesslich - warum sollte er sie denn nicht fragen, ob sie ihn gern habe?
Und darauf konnte sie ihm doch nur mit einem "Ja" antworten; sie hatte ihn
ja wirklich gern, sehr gern sogar. Er war ein kluger, interessanter Mann,
ganz anders wie die meisten Herren ihrer Bekanntschaft; sie konnte sich
mit ihm praechtig unterhalten und empfand eine Art schwesterlicher
Zuneigung fuer ihn. Und er? Ach was, er hatte seine Frage gewiss voellig
harmlos gemeint, so viel wusste sie doch auch, dass eine Liebeserklaerung
ganz anders lautete, - wie sollte er ueberhaupt dazu kommen, ihr einen
Antrag zu machen? Nein, nein, es wuerde schon so sein, wie sie dachte. Mit
diesen troestlichen Gedanken begab sie sich zur Ruhe und schlief bald
vollstaendig beruhigt ein in dem festen Glauben, dass Herr Jansen nur eine
freundschaftliche Frage an sie gerichtet habe.

Marianne dagegen lag, nachdem die Zwillinge endlich aufgehoert hatten zu
schwatzen, noch lange wach. Selige, beglueckende Gedanken verursachten ihr
Herzklopfen und raubten ihr den Schlaf; sie wiederholte sich im Geiste
jedes Wort, das der geliebte Mann gesprochen, und rief sich jeden seiner
Blicke ins Gedaechtnis zurueck. Und weiter spann sie ihre Traeume, die ihr
eine unbeschreiblich schoene Zukunft vorzauberten, und als sie endlich spaet
gegen Morgen eingeschlafen war, lag es wie ein verklaerender Schein auf dem
holden Maedchenantlitz.

So beschaeftigten sich die Gedanken beider Schwestern in dieser Nacht
lebhaft mit dem jungen Freunde von Onkel Heinz. Beide setzten ihre
Hoffnung auf ihn. Waehrend aber die eine fest an seine Liebe glaubte,
wuenschte die andre sehnlichst, dass er fuer sie nur freundschaftliche
Gefuehle hegen moechte. -

Onkel Heinz hatte am andern Morgen keine rechte Ruhe. Wie schon erzaehlt
wurde, schalt er seine Aufwaerterin ein ueber das andre Mal aus, und als sie
fort war, ging er pruefend in seinem Zimmer umher. Hier und da stellte er
einen Stuhl anders, dann rueckte er die Bilder, die schief an der Wand
hingen, zurecht, sortierte die unzaehligen Papiere, die zerstreut und
bestaubt auf dem Tische lagen, warf einen Teil davon in den Papierkorb und
legte das uebrige ordentlich zusammen; auch seinen Schreibtisch unterwarf
er einer gruendlichen Besichtigung, deren er wahrlich noetig genug bedurfte.
Seiner Aufwaerterin hatte er bei ihrem Antritte das Machtwort
entgegengedonnert: "Auf dem Schreibtische ein fuer allemal nichts
anruehren!" was diese auch schnell begriff, hatte sie doch viele einzelne
Herren zu bedienen und kannte diese schwache Seite der Maenner hinreichend.
Deshalb liess sie auch den Schreibtisch von Onkel Heinz fuer immer in Ruhe,
und dass er mit einer dicken Staubschicht ueberzogen war, konnte ihn also
eigentlich nicht wundern, war ihm auch bis heute, wo er es zum ersten Male
bemerkte, noch nie aufgefallen. Er blies ueber die Buecher und Schriften,
dass die kleinen Staubteilchen lustig in die Hoehe flogen, schuettelte den
Aschenbecher, der bis zum Rande mit Asche und Zigarrenresten gefuellt war,
in den Kohlenkasten, nahm die Bilder der Familie Gontrau - von Ruth und
Marianne in allen Stadien ihres jungen Lebens - in die Hand und
betrachtete sie eingehend. Die Glaeser waren fast undurchsichtig, er
wischte sie mit seinem Aermel ab und stellte sie dann wieder an seinen
Platz zurueck. Schliesslich liess er sich an dem gesaeuberten Schreibtische
nieder, um zu arbeiten, aber damit wollte es auch heute morgen nicht recht
gehen. Ueberdies hatte er schon eine Menge Zeit mit dem Herumstoebern
verbummelt, denn als er nach der Uhr sah, war es bereits elf Uhr, und er
hatte versprochen, gegen Mittag bei Gontraus zu sein. Er machte sich
deshalb fertig und wanderte in der warmen Mittagssonne, die seinen Pelz
nicht gerade in die guenstigste Beleuchtung setzte, nach den Freunden hin.

                              [Illustration]

Aber wenn er hier eitel Lust und Froehlichkeit zu finden hoffte, so hatte
er sich getaeuscht.

Als ihm auf sein Klingeln geoeffnet wurde und er in den Flur trat, ging
vorsichtig die Tuere auf, die zu dem Zimmer der beiden jungen Maedchen
fuehrte, und Ruths blasses Gesicht wurde in der offenen Spalte sichtbar.

"Onkel Heinz," rief sie leise, "bitte, bitte, komm erst zu mir herein."

Erstaunt sah er den angstvollen Ausdruck ihrer Augen und fragte, was denn
geschehen sei.

Sie legte ihm die Hand auf den Mund und zog ihn zu sich ins Zimmer herein.

"Was ist denn nur los?" fragte er nochmals, als sich die Tuer hinter ihnen
geschlossen hatte.

Statt aller Antwort holte Ruth einen Brief aus der Tasche und gab ihn dem
Professor.

"Lies nur, lies nur, Onkel Heinz, es ist ein Brief von Herrn Jansen, der
eben fuer mich abgegeben worden ist," sagte sie mit bebender Stimme und
fuhr dann leidenschaftlich fort: "Aber siehst du, ich kann ganz gewiss
nichts dafuer, und nicht wahr, wenn ich auch gesagt habe, dass ich ihn gern
haette, brauche ich ihn deshalb doch noch nicht zu heiraten, nicht wahr,
Onkel Heinz?"

"Na, nun man sachte, man sachte, ich weiss ja noch von gar nichts,"
unterbrach er sie, indem er den Brief auseinanderfaltete und zu lesen
begann.

"Ach Gott, es ist schrecklich, ganz schrecklich!" klagte sie, waehrend er
las, und diesen Ausruf wiederholte sie in einem fort, waehrend sie erregt
im Zimmer auf und ab wandelte.

"Ja," - sagte Onkel Heinz, als er zu Ende war, fuhr mit der Hand ueber
seine grauen Stoppeln und drehte an seiner Bartspitze.

"Nun, was sagst du, Onkel Heinz, ist es nicht schrecklich?" fragte sie
angstvoll.

"Nun - schrecklich kann ich das nicht gerade finden," gab er laechelnd zur
Antwort.

"Was soll ich denn aber tun?"

"Ja -" sagte Onkel Heinz wieder lakonisch und kratzte sich hinterm Ohr,
indem er sein Gesicht in nachdenkliche Falten legte; "da ist nun schwer
etwas zu sagen."

Ruth hing sich an seinen Arm.

"Du musst doch wissen, was ich tun soll, liebster Onkel, du weisst ja doch
immer alles," sagte sie, ihn vertrauensvoll anblickend.

Der Professor wollte gerade in seiner gewohnten Manier losplatzen, "dass er
besseres zu tun haette, als ueber solche Dummheiten nachzudenken," hatte
aber doch wohl das Gefuehl, als ob es eine grosse Ehre fuer ihn waere, von
einem jungen Maedchen in einer so wichtigen Angelegenheit um Rat gefragt zu
werden. Auch konnte er den aengstlich fragenden Augen seines Lieblings
nicht widerstehen und besann sich deshalb eines andern. Aber leicht war
die Sache nicht - wie sollte er denn nur anfangen? Ueberlegend ging er
einige Male im Zimmer auf und ab.

"Ja, sage mal, Kroete, magst du Jansen denn leiden?" fragte er endlich.

"Ja natuerlich, gewiss, ich habe ihn sehr gern," lautete die Antwort.

"Na - dann ist es ja aber ganz einfach, dann heirate ihn doch."

"Aber, Onkel Heinz," unterbrach ihn Ruth hastig, "wenn man jemand auch
leiden kann, braucht man ihn deshalb ja nicht gleich zu heiraten, oder -
meinst du doch?"

Ihre Antwort auf Herrn Jansens Frage vom gestrigen Abend war ihr auf
einmal wieder zentnerschwer aufs Herz gefallen. Er hatte dieselbe als eine
Zusage genommen, wie er in dem soeben erhaltenen Briefe schrieb -
uebergluecklich schrieb - und wollte noch am heutigen Tage kommen und bei
den Eltern um ihre Hand anhalten. Siedendheiss ueberlief es sie bei diesem
Gedanken; sie wusste gar nicht, was sie tun sollte, und Onkel Heinz sagte
auch nichts, gab ihr keine Antwort, sie war voellig ratlos.

"Onkel Heinz, bitte, sage mir doch, was meinst du dazu?" wiederholte sie
ihre Frage noch einmal dringlich.

Er machte wieder ein nachdenkliches Gesicht, brachte aber nur die
nichtssagenden Worte heraus:

"Ja, das ist nicht so leicht," und fuhr dann ploetzlich fort, als waere ihm
auf einmal etwas Wichtiges eingefallen: "Wie kommt denn Jansen ueberhaupt
dazu, dich heiraten zu wollen?"

"Das war so, Onkel Heinz," begann Ruth; "gestern abend auf dem Balle
fragte er mich, ob ich ihn gern haette, und da habe ich ja gesagt, denn es
ist doch auch wahr. Als ich aber jetzt den Brief von ihm bekam, da ist es
mir erst klar geworden, wie er seine Frage gemeint hat. Muss ich ihn denn
nun wohl heiraten?"

Der Professor geriet in keine geringe Klemme. Es war ja wahrhaftig viel
schwerer, hier eine richtige Loesung zu finden, als bei irgend einer noch
so verwickelten, wissenschaftlichen Frage. Er wusste nicht ein noch aus,
und Ruth wurde immer dringender.

"Ach, gib mir doch eine Antwort," bat sie flehentlich.

"Das kommt nun von solchem Unsinn, wie es ein Ball ist; nun muss man sich
den Kopf ueber so dummes Zeug zerbrechen," fuhr er barsch heraus; als er
aber sah, dass Ruth in ihrer Herzensangst die Traenen in die Augen stiegen,
lenkte er sofort wieder ein. Weibertraenen konnte er nicht sehen, am
wenigsten bei Ruth, die ja Gott sei Dank nur selten weinte.

"Na - wir wollen mal sehen, Kroete," sagte er zaertlich, "was in dieser
Sache noch zu machen ist. Ich will mit Jansen sprechen, ob er sich darauf
einlaesst."

Onkel Heinz selbst fuehlte, dass seine Antwort etwas dunkel und unklar, auch
wohl sonst nicht ganz die richtige war; jedoch Ruth bemerkte das nicht,
denn in diesem Augenblicke ertoente draussen die Klingel.

"Um Gottes willen, jetzt kommt er, was soll ich denn nur tun? Lieber Onkel
Heinz, hilf mir doch," rief sie und klammerte sich angstvoll an seinen
Arm.

"Hast du denn mit deiner Mutter schon gesprochen, Ruth?" fragte er und
empfand dabei die Beruhigung, dass er diesmal etwas ganz Vernuenftiges
gesagt habe.

"Nein, nein, Onkel Heinz! Ich wollte ja gerade mit dem Briefe zu ihr
gehen, da kamst du, und da wollte ich doch erst deine Meinung hoeren. Jetzt
will ich ihr aber alles sagen; ach ja, Mutter wird wohl wissen, was ich
tun muss."

Und mit diesen Worten eilte sie zur Tuere hinaus.

Der Professor atmete erleichtert auf; nun war ihm ja das schwere Amt des
Beraters in Heiratsangelegenheiten abgenommen; es war ihm ordentlich heiss
dabei geworden - da flog die Tuere wieder auf, und Ruth stuerzte aufgeregt
herein.

"Na, was ist denn schon wieder los?" fragte Onkel Heinz.

"Nun ist es zu spaet, nun ist es zu spaet!" jammerte sie laut.

"Ja, was ist denn zu spaet?" fragte er.

"Herr Jansen ist da, bei Vater im Zimmer, und Mutter ging gerade hinein,
als ich in den Flur trat - ich konnte sie nicht mehr sprechen. Was soll
ich nun tun, was soll ich anfangen?"

Onkel Heinz schwieg. Er wusste keinen Rat zu geben, trotzdem Ruth ganz
ungluecklich schien; im naechsten Moment schon wuerde man ja von ihr
vielleicht eine wichtige Entscheidung fordern, eine Lebensfrage an sie
richten, und das war doch keine Kleinigkeit. Sie erging sich nun in lautem
Selbstgespraech, das Onkel Heinz mit fortwaehrenden Randbemerkungen
begleitete.

"Ich werde ueberhaupt nicht heiraten," fing sie an.

"Das waere das Vernuenftigste, was du tun koenntest, aber bei euch
Frauenzimmern ist es nun doch einmal die Hauptsache, das Heiraten," sagte
er.

"Ich passe ja gar nicht fuer die Ehe, ich wuerde einen Mann nur quaelen und
ungluecklich machen," fuhr sie fort.

Der Professor laechelte ironisch ueber dieses Selbstbekenntnis einer edlen
Seele.

"Na - das muesste man doch erst mal abwarten, du bist noch lange nicht die
schlechteste," sagte er.

"Es brauchen doch nicht alle Menschen zu heiraten, - du bist ja auch nicht
verheiratet, Onkel Heinz!"

Er machte eine abwehrende Bewegung, aber das "Nein, nein, Gott sei Dank
nicht," kam doch in einem Tone heraus, der halb wie ein
Erleichterungsseufzer, halb wie Bedauern klang, denn auf einmal stand
wieder der Traum von gestern abend vor seiner Seele - er erblickte wieder
die freundlichen hellen Raeume und als Gegensatz sein einsames
Studierzimmer. Eifrig fing er an, seinen Bart zu drehen, der zwar im
Verhaeltnis zu dem grauen Kopfe noch dunkel erschien, aber doch auch schon
von manchem Silberfaden durchzogen war.

"Weisst du, Onkel Heinz," rief Ruth ploetzlich und sah ihn mit ihren grossen,
braunen Augen an, "wenn ich ueberhaupt je einen Mann nehmen wuerde, koenntest
nur du es sein, aber Herrn Jansen kann ich nicht heiraten."

Und weinend flog sie an seinen Hals, umschlang ihn mit beiden Armen und
liess ihren Kopf auf seiner Schulter ruhen. -

Nun wusste der Professor nicht, sollte das eine Liebeserklaerung sein oder
nicht? Nein, in was fuer Situationen und Verlegenheiten brachte ihn auch
heute morgen diese Kroete! Er wusste gar nicht, wie er sich nun in dieser
neuen Lage wieder benehmen sollte. Und deshalb zog er vor zu schweigen und
hielt ganz still unter dieser zaertlichen Umarmung; aber seine Augen
blickten mit hilfesuchendem Ausdruck hinter der goldnen Brille hervor;
zaghaft und unbeholfen, wie ein schuechterner Liebhaber, legte er seinen
Arm um ihre Taille.

In dieser Stellung fand Ilse die beiden, als sie bald darauf hereinkam. In
solcher Pose hatte sie den alten Freund denn doch noch nicht gesehen, und
ihr Gesicht drueckte daher ein gerechtes Erstaunen aus. Nun geschah auch
noch das Unglaubliche, dass Onkel Heinz auf seine alten Tage unter dem
forschenden Blicke seiner besten Freundin, Frau Ilse, erroetete und sich
fast wie ein ertappter alter Suender vorkam, obgleich er doch nicht das
geringste dafuer konnte, wenn er jetzt so vor ihr stehen musste. Dass Ruth
ihn umarmte und kuesste, war nichts Seltenes, aber heute musste ihre Umarmung
doch wohl einen ungewoehnlichen Eindruck machen, und er war froh, als sie
ihn jetzt freigab und ihrer Mutter in die Arme sank. Das war ja auch der
richtige Platz, um ihr bedraengtes Herz zu erleichtern. Unter Weinen und
Schluchzen erfuhr Ilse bald die ganze Leidensgeschichte; sie musste den
Brief lesen, und Ruth liess sich von ihr unzaehlige Male wiederholen, dass
man jemand noch nicht zu heiraten brauche, wenn man ihn auch gern haette.
"Gernhaben" und "Liebhaben" waere doch ein grosser Unterschied, erklaerte
Ruth.

Bei diesen Worten laechelte Onkel Heinz spoettisch; woher wussten nun wohl
solche Kroeten so etwas!

"Liebste Mutter, sage es nur gleich Herrn Jansen, dass ich ihn nicht
heiraten koennte," draengte Ruth.

"Nein, mein liebes Kind, das werden wir ihm schreiben, er soll gar nicht
erst kommen, denn das wuerde dem jungen Manne doch sonst eine grosse
Verlegenheit bereiten," sagte Ilse.

"Ja, aber ist denn Herr Jansen nicht drueben bei Vater im Zimmer?" fragte
Ruth.

"Bewahre."

"Ihr spracht doch mit einem Herrn."

"Das war Herr Geheimrat Braun, der Vater und mir seinen Besuch machen
wollte," setzte Ilse auseinander.

"Na - siehst du, nun ist es doch gar nicht so schlimm," sagte Onkel Heinz,
"und ich werde auch noch mit Jansen sprechen."

In liebevollster Weise troestete und beruhigte Ilse ihre erregte Tochter,
indem sie ihr zaertlich die erhitzten Wangen streichelte, und erleichtert
atmete dieselbe auf, als der schwere Druck, der auf ihrer jungen Seele
gelastet hatte, von ihr genommen wurde.

Aber die Spuren der heftigen Aufregung waren doch noch auf ihrem Gesichte
zu lesen, als jetzt Marianne eintrat, die mit den Zwillingen zusammen
einige Freundinnen besucht hatte, um mit ihnen ueber den gestrigen Ball
nebst allen seinen Einzelheiten zu plaudern.

Verwundert sah Marianne abwechselnd Mutter und Schwester und dann wieder
Onkel Heinz an, der unaufhoerlich an seinem Barte drehte und ein Gesicht
machte, das ein Mittelding zwischen Ruehrsamkeit und mephistophelischem
Laecheln war. Diesen Ausdruck zeigte es leicht in kritischen Augenblicken.

Mit dem jungen Maedchen war die kalte Winterluft gleichwie eine Erquickung
in das warme Zimmer gedrungen. Frisch und rosig angehaucht leuchtete ihr
Gesichtchen unter der dunklen Pelzmuetze hervor, die sie jetzt abnahm,
worauf sie auch das Jaeckchen auszog.

Onkel Heinz wurde heute nur fluechtig begruesst, fragend wandte sie sich an
Ilse und Ruth.

"Warum hat Ruth geweint, was ist denn geschehen?" Und voller Sorge blickte
sie die Schwester dabei an.

Statt aller Antwort reichte ihr diese den bewussten Brief hin, den Marianne
ahnungslos entfaltete und las. Doch schon nach den ersten Worten legte es
sich wie ein Schleier ueber ihre Augen, das Blatt fing in ihrer Hand leise
an zu zittern, aber mechanisch las sie weiter, trotzdem die Buchstaben
durcheinander zu tanzen schienen. Es begann ein Sausen in den Ohren - die
Gegenstaende wurden verschwommen - ein beaengstigendes Gefuehl hemmte den
Herzschlag und schnuerte ihr die Kehle zusammen - und sie waere unfehlbar
umgesunken, wenn nicht Ilse und Ruth ihre Schwaeche bemerkt haetten und
hinzugesprungen waeren. Marianne war ohnmaechtig geworden. -

Sie wurde auf das Sofa gelegt, Ilse rieb ihr die Schlaefen mit einer
staerkenden Essenz, waehrend Ruth hinauslief, um Wasser zu holen. Beide
befanden sich in hoechster Aufregung. Nur Onkel Heinz bewahrte seine Ruhe;
er stand dabei und betrachtete aufmerksam das blasse Gesicht der
Ohnmaechtigen, in das noch kein Schimmer von Roete zurueckkehren wollte.
Jetzt kam Ruth mit dem Wasser herein, hinter ihr her stuermten die
Zwillinge ins Zimmer, mit vor Neugier hochroten Backen. Beim Anblick der
bewusstlosen Freundin fing Hildegard laut an zu weinen, waehrend sich
Thusnelda ueber sie beugte und ihr laut ins Ohr schrie:

"O Gott, o Gott, sie ist doch nicht tot!"

Ruth zog sie weg und gebot ihr zu schweigen.

Inzwischen war Ilse fortwaehrend aengstlich um Marianne bemueht, bei der das
Bewusstsein immer noch nicht zurueckkehren wollte.

"Ja - durch das Reiben und Wasserschlucken kommt sie nicht wieder zu
sich," sagte Onkel Heinz auf einmal, nachdem er eine Weile zugesehen
hatte.

"Wir wollen lieber nach dem Arzt schicken," meinte Ilse besorgt.

"Ach was, der kann auch nichts helfen," erwiderte der Professor.

"Onkel Heinz, was mag Marianne nur haben? Woher kommt es nur?" fragte Ruth
voller Angst.

"Woher das kommt?" wiederholte er bedeutungsvoll. "Woher das kommt? An
allem ist der verrueckte Ball schuld! Natuerlich habt ihr euch zu eng
geschnuert, habt unsinnig getanzt, euch dabei erhitzt, seid dann in die
Kaelte gegangen und werdet wahrscheinlich noch mehr unkluge Geschichten
gemacht haben. Davon kommen dann am andern Tage Ohnmachten und
dergleichen, das ist kein Wunder."

Der Professor sah ordentlich grimmig aus, als er von dem Unheil sprach,
welches dieser verrueckte Ball angerichtet habe, dann wandte er sich wieder
der Ohnmaechtigen zu.

"Frau Gontrau, was Sie da mit Marianne machen, hilft nichts," fing er
wieder an.

"Ja, was soll ich denn aber tun, so sprechen Sie doch," sagte Ilse
ungeduldig und gereizt durch seinen Ton.

"Nehmen Sie mal das Kissen unter dem Kopf fort, dass dieser tiefer liegt
und wieder Blut ins Gehirn kommt. So ist es recht! Alles Beengende haben
Sie wohl aufgemacht, nicht wahr? - Warum heult ihr denn so? Da gibt es
doch nichts zu jammern," rief er dann den Zwillingen zu, die ein wahres
Heulkonzert auffuehrten.

"Die Kinder haben eben mehr Gefuehl als Sie," konnte Ilse trotz ihrer
augenblicklichen Sorge doch nicht unterlassen ihm zu sagen, denn das war
jetzt mal wieder einer der Augenblicke, wo sie sich ueber ihn aergerte.

"Wenn man nicht sentimental ist, heisst es gleich man hat kein Gefuehl,"
erwiderte er ruhig.

Ilse waere ihm sicher auch darauf keine Antwort schuldig geblieben, wenn
nicht gerade jetzt Marianne die Augen aufgeschlagen und ihre ganze
Aufmerksamkeit in Anspruch genommen haette; es versoehnte sie auch sofort
wieder mit dem alten Freunde, als er jetzt naeher trat, Marianne zaertlich
auf die Backe klopfte und sagte: "Na, Kroete, wie geht's denn? Was machst
du aber auch fuer Geschichten!"

Als das junge Maedchen wieder zum Bewusstsein gekommen war, blickte sie
erstaunt um sich und fing bitterlich an zu schluchzen.

"Liebe Marianne, wie ist es dir jetzt?" rief Thusnelda mit Stentorstimme,
- einem Erbteile des Vaters - und trat mit der Schwester herzu. Der
Professor draengte sie aber mit einer bezeichnenden Geste, dass sie
schweigen moechten, zurueck.

Ilse rief Marianne traenenden Auges mit den zaertlichsten Schmeichelnamen,
Ruth kniete leise weinend vor ihr, dazwischen toente das Schluchzen von
Marianne, das herzbrechende Geheul der Zwillinge. - Dem Professor wurde
bei alledem ploetzlich sehr unbehaglich zu Mute. Wohin er blickte, sah er
Weibertraenen, und da er sich unter den weinenden, schluchzenden Frauen auf
einmal sehr ueberfluessig fuehlte, hielt er es fuer das beste, sich
zurueckzuziehen. Die besorgte Ilse hatte heute nur ein fluechtiges
Abschiedsnicken fuer ihn, aber Ruth drueckte ihm innig die Hand. -

Als er einige Zeit spaeter wieder in seiner Junggesellenwohnung anlangte,
betrat er sie mit einem angenehmeren Gefuehl, als er sie verlassen hatte.
Das Feuer brannte hell im Ofen, es war behaglich warm, und die
Sonnenstrahlen, die hereindrangen, verliehen dem Ganzen einen gewissen
Glanz. Vor allem empfing ihn hier die Ruhe wie eine Wohltat nach der eben
stattgefundenen Szene bei Gontraus. "Ja, ja, so etwas wuerde auch
vorkommen," schien es ihm leise ins Ohr zu raunen und im Selbstgespraeche
antwortete er darauf: "es ist schon besser so." Er hatte seinen Pelz
abgezogen und hielt die kalten Haende an den Ofen; als sie warm geworden
waren, setzte er sich an seinen Schreibtisch, um zu arbeiten. Nun ging es
wieder! Die strengen Geister der Arbeit, die gestern und heute vor den
Lichtgestalten geflohen waren, erschienen wieder, und in ihrer
Gesellschaft fuehlte sich Onkel Heinz doch am wohlsten.

Still und ruhig war's im Zimmer, man hoerte nur das Geraeusch der
schreibenden Feder, und wie das Papier knitterte, oder das Feuer im Ofen
lustig knackte und knisterte.

Der Professor blieb den ganzen Tag ueber angestrengt bei seiner Arbeit
sitzen. Gegen Abend, so nahm er sich vor, wollte er noch einmal nach
Gontraus gehen, um sich nach Marianne zu erkundigen, aber Ruth kam ihm
zuvor. Als es daemmerte, erschien sie bei ihm und ruettelte ihn wieder aus
seiner schwer erkauften Ruhe auf. Das war aber auch ein Tag heute, was
sich da alles zutrug! Ruth berichtete unter Traenen, dass sie die
eigentliche Ursache von Mariannes Ohnmacht gewesen sei, weil sie ihr den
verhaengnisvollen Brief von Herrn Jansen gegeben habe, ohne die geringste
Ahnung davon, welches Unheil sie damit anrichten wuerde. Marianne haette
naemlich ein tiefes Interesse fuer Jansen und sei ueberzeugt gewesen, dass er
dasselbe erwidere.

Onkel Heinz hatte waehrend dieser Erzaehlung mehrmals den Kopf geschuettelt
und seine Bartspitze so zusammengedreht, dass man sie haette durch ein
Nadeloehr einfaedeln koennen. Das war nun die zweite Liebesgeschichte an
diesem Tage - zwei unglueckliche Lieben!

Ruth weinte leidenschaftlich, und selbst die Trostworte von Onkel Heinz
konnten sie nicht beruhigen, so sehr war sie ergriffen von dem Kummer der
Schwester und voll aengstlicher Sorge ueber deren Zustand. In Absaetzen
erfuhr der Professor, dass Marianne krank im Bett liege, dass man einen Arzt
habe holen muessen, der eine Nervenerschuetterung konstatiert und groesste
Ruhe anempfohlen habe.

"Wenn sie nur nicht stirbt an ihrer ungluecklichen Liebe!" rief Ruth laut
jammernd aus.

"Ach was, dummes Zeug, so etwas kommt nur in verrueckten Romanen vor, aber
im Leben nicht," entgegnete Onkel Heinz.

"Sie ist aber so elend."

"Wird sich schon wieder erholen."

"Glaubst du wirklich?"

"Natuerlich! Beruhige dich nur, alte Kroete," redete er ihr liebevoll zu.

"Warum musste es auch so kommen?" klagte Ruth. "Warum liebt Herr Jansen
nicht Marianne statt mich?"

Onkel Heinz zuckte die Achseln, er wusste es doch auch nicht.

"Hast du schon mal jemand kennen gelernt, der ungluecklich liebte?" fragte
das junge Maedchen den alten Hagestolz in ernstem Tone.

Der Professor wandte sich ab und gab keine Antwort.

Ruth bemerkte es nicht, gedankenvoll blickte sie vor sich hin.

"Hast du niemals geliebt, Onkel Heinz?" fragte sie dann wieder.

Das war eine Gewissensfrage! Er zuckte unmerklich zusammen.

"Dummes Zeug! Unsinn!" sagte er dann ziemlich schroff.

"Haeltst du die Liebe wirklich nur fuer Unsinn?" Und als er nicht
antwortete, fuhr sie fort: "Weisst du, Onkel Heinz, ich glaube, ich kann
ueberhaupt nicht lieben."

"Was die Kroete da heute doch immer von Liebe schwatzt," dachte der
Professor bei sich.

"Willst du wissen, was ich wohl moechte?" fragte Ruth nach einer kleinen
Weile lebhaft, und ihre noch feuchten Augen blitzten auf. "Willst du es
wissen? Ich moechte singen koennen, singen wie eine richtige Saengerin, ich
moechte - eine Kuenstlerin werden."

Der Professor prallte ordentlich zurueck, so erregt hatte sie diese Worte
ausgerufen.

"Weisst du denn ueberhaupt, du Kickindiewelt, was eine Kuenstlerin ist?"
fragte er, das Wort 'Kuenstlerin' nicht gerade in der schmeichelhaftesten
Weise betonend.

Dann kam er wieder naeher und sah sie scharf an mit hoechst wichtiger Miene.

Sie entgegnete nichts darauf, sondern fuhr fort:

"Siehst du, Onkel, hier - hier -," sie zeigte auf ihr Herz, "da ist es oft
so komisch, so - ich weiss nicht wie! Ich habe das Gefuehl, als muesste etwas
heraus, als muesste ich jauchzen oder weinen, ich fuehle mich gluecklich und
ungluecklich zugleich. Und wenn ich mich dann hinsetze und singe, dann
wird's mir leichter, dann kommt es mir vor, als waere ich gar nicht auf der
Erde, als truegen mich Fluegel empor - dann bin ich gut - dann denke ich
edel - dann - dann wird mir erst wieder wohl - ich kann dir gar nicht
beschreiben, wie wohl! Und siehst du, Onkel Heinz, deshalb habe ich solche
Freude an meiner Stimme, die jubelt mit mir und ist mit mir traurig."

Der Professor hatte sich vor sie hingestellt und blickte sie bei jedem
Worte erstaunter an. Was sprach da diese Kroete! Dieses Kind! Solche
Redensarten konnte es machen, da hoerte ja einfach alles auf. Aber er
empfand doch mit einem Male, als er in die vor Begeisterung funkelnden
Augen seines Lieblings sah, dass dieses Kind kein Kind mehr war, dass es
eigene Anschauungen, eigene Gedanken hatte wie ein erwachsener Mensch, -
ja, ja, jetzt kam die junge Generation an die Reihe. Onkel Heinz sah sich
das junge Maedchen, seinen Sonnenschein, seine alte Kroete noch immer
schweigend und so pruefend an, als erblicke er sie heute zum ersten Male.
So sah er sie ja auch wirklich zum ersten Male, so kannte er sie noch
nicht: es war noch die alte Ruth und doch eine andre, nicht mehr das
kleine Maedchen, das er bisher noch immer in ihr erblickt hatte, sondern
eine Jungfrau, die da vor ihm stand. Wie eine Offenbarung kam das
ploetzlich ueber ihn, und er konnte seine Blicke nicht von ihr losreissen.

"Aber Onkel Heinz, warum starrst du mich so an?" bemerkte sie laechelnd.

Da erwachte er aus seinen Gedanken.

"Hm!" brummte er nur und fuhr sich ueber seine Stoppeln, das sollte so viel
heissen, als: es ist nun einmal so.

"Onkel Heinz," fing sie wieder an und schmiegte sich in zaertlicher
Vertraulichkeit an ihren alten Freund. "Ich habe eine grosse Bitte an dich,
aber - du musst mir versprechen, dass du sie erfuellen willst."

"Da werde ich mich schoen hueten," warf er ein und laechelte spoettisch.
Vorher versprechen, so etwas zu verlangen, konnte auch nur ein
Frauenzimmer fertig bringen.

"Na, dann sprich mal, was ist es denn, was soll ich denn tun?" fragte er
aber dennoch.

Sie sah ihm ja so schmeichelnd in die Augen, dass er wie gewoehnlich nicht
widerstehen konnte.

"Onkel Heinz," kam es etwas zaghaft und zoegernd von ihren Lippen, "wenn du
doch nur mal mit den Eltern sprechen moechtest, ob - ob sie meine Stimme
nicht ausbilden lassen wollen. Du kannst das viel besser als ich, und
siehst du," fuhr sie leidenschaftlich fort, "ich moechte so gern etwas
Ordentliches lernen, ich will so fleissig sein, will mir so viele Muehe
geben, will ganz und gar nur der Kunst leben."

"Das ist ja Unsinn," sagte der Professor ausweichend, aber sie unterbrach
ihn ernsthaft.

"Nein, Onkel Heinz, sage das nicht, das ist kein Unsinn, wenn ich so
spreche, das ist mein heiligster Ernst. Ich bin jetzt wirklich nicht zum
Scherzen aufgelegt."

Dabei fiel ihr wieder die arme kranke Schwester ein, Traenen stiegen ihr in
die Augen, und das - das konnte er nun einmal nicht sehen.

"Weine doch nicht, Kroete; dass ihr Weiber doch immer gleich flennen muesst,"
sagte er etwas unmutig, streichelte dabei aber ihre dunklen Haare, die
wellig gescheitelt bis tief in die Schlaefen fielen und das feine, schoen
geschnittene Gesicht dadurch noch interessanter erscheinen liessen. "Aber
das mit der Kuenstlerin schlage dir nur aus dem Sinn," fuhr er fort, "das
geht nicht, das geht auf keinen Fall."

Sie sah ihn bittend, fast flehend an.

"Aber Onkel Heinz!"

"Was willst du denn ueberhaupt fuer eine Kuenstlerin werden? Willst du etwa
Mummenschanz treiben? Hm?" Er sagte das sehr geringschaetzig, denn unter
dem 'Mummenschanztreiben' verstand er, ob sie vielleicht zur Buehne gehen
wolle. "Da bist du denn doch wahrhaftig zu gut dazu, Kroete, da gehoerst du
nicht hin, das geben die Eltern ueberhaupt nicht zu und ich auch nicht,
daraus wird nichts!"

Er hatte sich ordentlich ereifert bei diesen Worten, denn dass Ruth
vielleicht eine solche Absicht haben koennte, war ihm ein furchtbarer
Gedanke. "Ja, ja, wenn das alles so waere, wie es sein sollte," setzte er
wie im Selbstgespraeche fort, "aber das ist es eben nicht, der bunte
Flitterkram, das ist die Hauptsache, und die Kunst ist Nebensache. Kunst,
Kunst! Davon haben ja die wenigsten Menschen ueberhaupt einen Begriff!"

Erregt schritt er auf und ab, Ruth folgte ihm und hatte schon ein paarmal
versucht, ihn zu unterbrechen, ohne dass es ihr gelungen waere. Jetzt hielt
sie ihn am Arme fest.

"Onkel Heinz, das alles weiss ich ja noch nicht, darueber habe ich noch
nicht nachgedacht. Vorlaeufig moechte ich nur lernen, mich meinen
Gesangsstudien ganz hingeben koennen, an nichts andres zu denken brauchen.
Siehst du, was ich jetzt lerne in den Stunden, fuer den Hausgebrauch, wie
es heisst, das macht mir wenig Spass, das befriedigt mich nicht, weil ich
fuehle, dass es nur oberflaechlich und nicht das Richtige ist."

"Das ist ja ganz vernuenftig gedacht; na, und deine Stimme ist nicht uebel,
das ist wahr," sagte er einlenkend.

Diese Worte nahm sie schon fuer eine Zusage und fragte nun freudig und
zuversichtlich:

"Nicht wahr, du sprichst mit den Eltern?"

"Halt, Halt - man sachte, soweit sind wir noch lange nicht," sagte er
abwehrend.

"Einziger, suesser Onkel, tue es doch!" bat sie und hing sich an seinen Arm.
Er entgegnete nichts, drehte aber seine Bartspitze mit grosser
Geschwindigkeit.

"Du bekommst auch schon vorher einen schoenen Kuss zum Lohn," versprach sie.

"Will ich gar nicht," brummte er vor sich hin.

"Ach, Onkel Heinz, nun tu nur nicht so," rief sie laechelnd und fragte
dann, als ob schon alles bestimmt abgemacht waere: "Wann willst du denn mit
den Eltern sprechen?"

"Gar nicht," erwiderte er kurz.

Ruth schien diese Antwort zu ueberhoeren und sagte weiter:

"Jetzt geht es natuerlich nicht, solange Marianne krank ist, aber sobald es
ihr wieder besser geht, nicht wahr, Onkel Heinz, dann? dann tust du es?"

"Nein!"

"Bitte, bitte, sage ja."

"Nein, nein, nein!" widersprach er heftig.

"Onkel Heinz!"

Wer haette wohl diesem Blick der schoenen dunklen Augen widerstehen koennen!
Der Professor konnte es wenigstens nicht, trotzdem er sich unwirsch
abwandte.

"Lieber Onkel Heinz."

Er antwortete nicht.

"Lieber, guter, einziger Onkel Heinz, sage doch ja!"

Und sie quaelte solange, ihn dabei streichelnd und liebkosend, bis er
schliesslich nachgab - er konnte der Kroete nun einmal nichts abschlagen.

"Meinetwegen denn ja! Quaelgeist du!" rief er laut.

Sie jubelte auf, als sie ihn endlich besiegt hatte und trotzdem er sich
straeubte, heimste er doch den Kuss - den versprochenen Lohn - gern ein. -

Die naechste Zeit verlief fuer Gontraus still und traurig. Marianne lag
krank darnieder, ihre junge gebeugte Seele wollte sich gar nicht wieder
erheben, geistig und koerperlich schien sie gebrochen zu sein. Nur der
unermuedlichen Pflege, der zarten Sorgfalt von Ilse gelang es, sie nach und
nach wieder aufzurichten, und wenn Nellie oft innerlich gedacht hatte, dass
die Freundin keine rechte Pflegerin sein koenne, weil ihre Ansichten ueber
diesen Punkt so weit auseinander gingen, so ueberzeugte sie sich jetzt von
dem Gegenteil, als sie sah, mit welcher Aufopferung Ilse Tag und Nacht am
Krankenlager ausharrte. Und auch Ruth erkannte man kaum wieder, wie sie
sich jetzt ebenso sanft und liebevoll gegen die Schwester zeigte, als sie
frueher manchmal herrschsuechtig und aufbrausend gegen sie sein konnte. Der
Professor aber erwies sich in der schweren Zeit wieder als treuer,
zuverlaessiger Freund. Er kam taeglich, widersprach natuerlich bei allem, was
der Arzt verordnete, wusste alles besser, troestete aber Ilse, wenn sie
niedergedrueckt und mutlos war, und sprach mit der Kranken in seiner alten
gewohnten Weise, sodass es ihm einzig und allein manchmal gelang, sogar ein
Laecheln auf das blasse, ernste Gesicht zu zaubern.

Herr Jansen war bald nach dem Balle abgereist. Wie Onkel Heinz Ilse und
Leo erzaehlte, hatte er kuerzlich von ihm einen Brief aus Amerika erhalten,
wo er sich einige Zeit aufhalten und von wo er dann wieder nach Indien
zurueckkehren wollte. Sein Name wurde sonst bei Gontraus nicht genannt,
weil derselbe bei Ruth ein peinliches und bei Marianne ein schmerzliches
Gefuehl hervorgerufen haben wuerde.

Als letztere einigermassen wieder hergestellt war, musste Onkel Heinz sein
Versprechen, das ja durch den Kuss von Ruth besiegelt worden war, einloesen.
Im Verein mit dieser gelang es ihm, ihre Eltern zu bestimmen, dass sie ihre
Stimme pruefen liessen, und da dieselbe bei der Pruefung fuer sehr bedeutend
erklaert wurde, sollte sie eine kuenstlerische Ausbildung erhalten. Mit
Fleiss und Liebe, und ganz durchdrungen von der Schwere und dem Ernst des
Kuenstlerberufs begann Ruth ihr Studium.

Waehrenddem erholte sich Marianne langsam. Koerperlich war sie ganz
hergestellt, und auch ihr Geist fing wieder an, leise seine Schwingen zu
entfalten, allmaehlich, ganz allmaehlich gesundete er. Den zarten
Bluetenhauch aber der ersten, unberuehrten Jugend hatte diese getaeuschte
Hoffnung mit fortgenommen, der kindlich unbefangene Ausdruck in ihren
Augen war gewichen, und ihr helles, glueckliches Lachen ertoente nicht mehr
so oft wie frueher. Ganz tief im innersten Herzen trug sie noch immer das
Bild des geliebten Mannes, in einsamen Stunden weinte sie noch manchmal,
aber das Leben machte doch seine Rechte wieder geltend, und sie war
gluecklicherweise in dem Alter, wo sie noch vergessen konnte. Das Fruehjahr
verlebte sie bei ihren Freundinnen, den Zwillingen, auf dem Lande, den
Sommer bei den Grosseltern in Moosdorf, im Herbst aber machte sie mit den
Eltern, Ruth und Onkel Heinz eine herrliche Reise nach Italien bis nach
Sizilien hinunter. Der Professor war ein vortrefflicher Cicerone, er
kannte den Sueden durch seine vielen Reisen auf das genaueste und
beherrschte vollkommen die italienische Sprache, konnte deshalb auch den
Freunden manchen Vorteil verschaffen. Na, und wenn er mit den beiden
Kroeten am Arm zuweilen auf eigene Faust losging, um ihnen die Kunstwerke
der alten Meister zu zeigen - er war ein geschworener Feind der modernen
Malerei, ueber die er mit Ilse viel und oftmals stritt - und den beiden
huebschen Maedchen bewundernde Blicke nachflogen, dann zeigte sich auf
seinem Gesicht ein freudiges Schmunzeln, und er erzaehlte es spaeter Ilse
voller Stolz.

Erst spaet im Herbst, der im Norden schon mit grauen trueben Tagen
eingezogen war und die Baeume entlaubt hatte, kehrten sie heim, reich an
schoenen Eindruecken und Erlebnissen. Mit noch groesserer
Begeisterungsfaehigkeit nahm Ruth ihr Studium wieder auf, Marianne aber
hatte frische Kraefte gesammelt und neuen Mut mitgebracht, so dass ihr die
Zukunft nicht mehr als eine trostlose Oede erschien, wie es noch vor kurzer
Zeit der Fall gewesen war; sie konnte jetzt ohne Schmerz an Herrn Jansen
denken, wie an einen fernen lieben Freund.

So verging der Winter und der Sommer und noch ein Winter und Sommer, bis
es wiederum Herbst war. - Ein lachender, truegerischer Herbst, der es ganz
vergessen liess, dass er der Vorbote des Winters war, denn in seinem warmen
Sonnenscheine wurde das Herz von Fruehlingsgedanken erfasst und die Menschen
stroemten hinaus in die strahlende Natur wie an einem ersten schoenen
Fruehlingstage nach dem langen, langen Winter.

An einem dieser sonnendurchfluteten Herbsttage machte Onkel Heinz mit
seiner Freundin Ilse einen Spaziergang hinaus in das Freie, in den bunten
Wald. Die klare Luft war von weissen Faeden durchzogen, und die gelben,
roten und braunen Blaetter woelbten sich zum farbenpraechtigen Zelte ueber
ihnen; noch raschelte unter ihren Tritten kein welkes Laub, nur dann und
wann flatterte, durch einen Luftzug abgepflueckt, ein Blatt luftig und
leicht vor ihre Fuesse. Heiter, strahlend und hoffnungsfreudig lag Wald und
Flur vor ihren Blicken ausgebreitet, als begaenne erst jetzt die Zeit des
Wachsens und Werdens, aber diese Hoffnung war doch nur Taeuschung. Lose
geschlungen war das Band, welches die Natur noch mit dem Leben verknuepfte,
locker hingen alle die buntgemalten Blaetter an den Zweigen, und nur unter
dem warmen Kuss der Sonne, umgeben von der milden, sanften Luft, wagten
sich im Garten die Rosenspaetlinge aus ihrer schuetzenden Knospenhuelle
hervor. Schein war alles! Und diese blendende Herrlichkeit wuerde mit einem
Schlage vorbei sein, wenn das allmaechtige Himmelslicht droben hinter
Wolken verschwand und der Herbstwind brausend darueber hinfuhr und daran
ruettelte - dann begann mit einem Schlage das grosse gewaltige Sterben.
Unverschleiert war die Ferne, die sich in scharfen, bestimmten Linien
abhob, und gedankenvoll schweiften Ilses Augen in die durchsichtige Weite.
Aber ihr fehlte heute das rechte Interesse fuer den herzerquickenden
Herbsttag, ihr Gesicht sah erregt aus, als beschaeftige sie etwas lebhaft.

"Wenn nur alles gut geht," sagte sie seufzend zu dem Professor.

Er laechelte mit ueberlegener Miene und entgegnete:

"Ich habe gar keine Angst, die Kroete hat ja tuechtig gelernt, die kann ja
was."

"Was gehoert aber auch heutzutage dazu, um etwas zu erreichen! Mit Begabung
und Fleiss allein kann das nicht geschehen, das Glueck muss auch mit helfen.
Nun, was in meinen Kraeften steht, habe ich getan, um Ruth immer und immer
wieder davon zu ueberzeugen, mit wieviel Kaempfen und Schwierigkeiten der
Beruf einer Kuenstlerin erkauft werden muss. Ich habe sie stets ermahnt,
sich viel mehr auf Enttaeuschungen gefasst zu machen, als auf Erfolge, denn
guten Mut hat sie selbst genug. Na, und Onkel Heinz, fuer eine tuechtige
Ausbildung haben wir doch auch gesorgt; im Winter aber muss sie noch einige
Zeit in Paris Unterricht nehmen, um ihrer Stimme sozusagen den letzten
Schliff zu geben. Ach ja, bevor eine Saengerin fertig ist, dauert es
lange."

"Frau Gontrau, Ruth hat Talent, die bringt es zu etwas Tuechtigem, das weiss
ich," versicherte Onkel Heinz mit wichtiger Miene, als koenne daran nicht
mehr gezweifelt werden, wenn er es einmal gesagt habe.

"Waere das Konzert nur erst gluecklich vorueber," meinte Ilse und holte tief
Atem.

"Wenn ich Ihnen sage, dass Sie keine Angst zu haben brauchen, so haben Sie
es auch nicht noetig, liebe Frau Gontrau," sagte Onkel Heinz und legte
einen Augenblick seine Hand auf ihren Arm.

Sie fuehlte, dass er sie auf seine Art beruhigen wollte, und sah ihn dankbar
an. Er war doch ein treuer, ehrlicher Freund! Und je aelter sie wurde,
destomehr befestigte sich in ihr die Ueberzeugung, dass wahre, aufrichtige
Freundschaft ein koestliches, seltenes Gut ist, das man hueten muss wie einen
grossen Schatz. Sie hatte in ihrem Leben viel Liebe und Freundschaft
erfahren und ihren Freunden viel zu verdanken. Leo hatte sie die wahre
Liebe des Weibes gelehrt; durch das sanfte Beispiel ihrer einzigen Nellie
lernte sie Selbstbeherrschung und Nachgiebigkeit. Onkel Heinz endlich
hatte durch seine unumwundene Offenheit sie zwar haeufig gereizt und ihren
Widerspruch hervorgerufen, zugleich aber bewirkt, dass sie oft genug in
sich ging, ueber sich nachdachte, fortwaehrend selbsterzieherisch taetig war
und sich immer mehr daran gewoehnte, auf die Eigenschaften andrer Ruecksicht
zu nehmen; sie brauchte ja nur daran zu denken, wieviel Nachsicht man
einst mit ihr hatte haben muessen, als sie noch das ungebaendigte
Menschenkind, der Trotzkopf, war. Alles dies ging Ilse jetzt durch den
Sinn und noch viel mehr. Der Professor aber, der sie so nachdenklich an
seiner Seite schreiten sah, glaubte, dass sie sich noch immer damit
beschaeftige, wie wohl das Konzert ausfallen wuerde, in welchem Ruth heute
abend zum ersten Male oeffentlich in der Kirche singen sollte. Und deshalb
beschloss er, ein neues Gespraech anzufangen, um sie auf andre Gedanken zu
bringen. Seine Bartspitze drehend, gruebelte er darueber nach, auf welche
Weise dies am besten geschehe, denn Diplomatie war nicht seine starke
Seite.

"Na, sagen Sie mal, Frau Gontrau," fing er dann ploetzlich an, "bei
Superintendents ist man wohl uebergluecklich, dass der Ausreisser wieder da
ist? Ist uebrigens ein famoser Kerl geworden, der Fritz; er war gestern bei
mir."

"Ja," entgegnete Ilse so recht aus tiefstem Herzensgrunde, "Gott sei Dank,
dass er wieder da ist! Und wie hat er sich durchgearbeitet, von der Picke
auf gedient, und was ist aus ihm geworden! Ich habe uebrigens nie daran
gezweifelt, dass ein tuechtiger Kern in ihm stecke."

"Ja, ja, die _selfmade men_, das sind die besten," warf Onkel Heinz ein.

"Er hat Ihnen wohl erzaehlt, was er alles erlebt hat, nicht wahr?" fragte
Ilse.

"Ja wohl, alles ganz ausfuehrlich, und es hat mich sehr interessiert. Der
Junge hat uebrigens viel Glueck gehabt, denn da drueben gibt's nur zweierlei,
entweder man wird was Rechtes, oder man geht zu Grunde. Dass die
amerikanische Familie sich bei der Ueberfahrt auf der Germania, auf welcher
sich Fritz als Schiffsjunge verdungen hatte, gleich fuer ihn so lebhaft
interessierte, ist doch ein seltener Zufall zu nennen. Na, ja, aber die
Amerikaner sind darin andre Leute, die kleben nicht an Vorurteilen, die
denken freier als wir; ich bin ja lange drueben gewesen und kenne die
Verhaeltnisse genau. Dass der Bengel ausgekniffen war, genierte die Leute
eben gar nicht, als praktischer Geschaeftsmann erkannte Mister Smith
sofort, als er ihn sah, dass er den aufgeweckten jungen Deutschen in seinem
Geschaeft gebrauchen koenne, na, und da war die Sache bald abgemacht."

"Aber ein Tollkopf scheint der Fritz doch zu sein," warf Ilse ein. "Er
hatte es so gut bei den Leuten, die Frau sorgte fuer ihn wie eine Mutter,
und bloss, weil ihn die andern im Geschaefte wegen seiner Aussprache des
Englischen haenselten, ging er fort, - das haette er nicht tun sollen."

"Das musste er wohl tun, das war ganz verstaendig von ihm," widersprach
Onkel Heinz, "so wird das da drueben gemacht, da kennt man keine
Sentimentalitaeten. Er handelte ganz richtig, dass er mehr nach dem Westen
ging, wo man noch leichter zu etwas kommen kann. Du lieber Gott, schlechte
Zeiten muss der _selfmade man_ auch mit in den Kauf nehmen, das gehoert
dazu. Er ist ja nicht einmal bis zum Stiefelputzer gesunken, und unter
diesen findet man oft sehr aristokratische Namen, Grafen und Barone."

"Er muss jetzt als Prokurist in dem grossen Bankhause in San Franzisko eine
brillante Stellung haben. Rosi erzaehlte mir strahlend davon," meinte Ilse.

"Natuerlich, jetzt ist er der gemachte Mann! Jedenfalls ist er ganz anders
geworden, als wenn er in dem Pastorenhause weiter herangewachsen waere,
unter den spiessbuergerlichen Ansichten seiner Mutter," gab Onkel Heinz zur
Antwort.

"Aber dass er seinen Eltern nicht einmal Nachricht gab all die Jahre
hindurch," wandte Ilse vorwurfsvoll ein.

"Da hatte er ganz recht," unterbrach sie der Professor von neuem; "er
wollte erst was ordentliches werden. Und fuer Ihre Freundin Rosi war diese
Sorge sehr heilsam, sie hat ja den Jungen ganz verrueckt erzogen, der haette
ganz anders behandelt werden muessen."

"Sie ist hart genug bestraft worden und hat schwer dafuer buessen muessen; fuer
die ganze Familie waren es schreckliche Jahre," erwiderte Ilse.

"Ja, ja, das ist wahr, der Mann hat mir auch sehr leid getan; ich mag ihn
gern leiden, nur muesste er eine andre Frau haben, denn er ist schwach - wie
ueberhaupt alle verheirateten Maenner. Gott sei Dank, dass mich der Himmel
vor einer Frau bewahrt hat," neckte Onkel Heinz seine alte Freundin mit
einem pfiffigen Seitenblick auf sie.

"Oho, Fuchs! Die Trauben sind sauer, nicht wahr, Onkel Heinz?" rief Ilse
lachend.

Er erwiderte nichts, aber der sarkastische Zug um seinen Mund bewies, wie
er darueber dachte.

"Sind Sie denn nun ruhiger?" fragte er nach einer kleinen Pause, waehrend
sie den Heimweg antraten, und als Ilse nickte, fuhr er fort: "Na, sehen
Sie wohl, wie gut es war, dass ich Sie abholte, ich weiss doch auch ganz
genau, was fuer Sie das Richtige ist. Ein Spaziergang in der frischen
Herbstluft ist fuer erregte Gemueter jedenfalls viel besser als Ihr altes
Zuckerwasser, das Sie vorhin zu Hause einnehmen wollten und woran ich Sie,
Gott sei Dank, noch verhindern konnte."

"Aber das war doch kein Zuckerwasser," berichtigte sie lachend, "das war
ja Bromkali -"

"Weiss schon, weiss schon," unterbrach er sie schnell. "Ich kenne das Zeugs
alles ganz genau, es hilft auch nicht mehr wie Brauselimonade oder
Zuckerwasser. Verschonen Sie nur Ruth mit dergleichen Geschichten, das
kann ihr eher schaden als nuetzen."

"O, die ist lange nicht so aufgeregt als ich," sagte Ilse; "bei der ist es
nur die Freude, welche sie unruhig macht. Gehen Sie mit herein?" fragte
sie dann den Professor, denn sie waren in diesem Augenblick an ihrem Hause
angelangt. Er gab zur Antwort, dass er lieber heim gehen und sie dann
spaeter in der Kirche treffen wolle, seine Kroete koenne er ja jetzt doch
nicht sprechen, die muesse Ruhe haben.

                              [Illustration]

Onkel Heinz ging aber nicht nach Hause, denn als er die Uhr herauszog,
bemerkte er, dass bis zum Anfange des Konzerts nur noch wenig Zeit uebrig
war, und er ueberlegte sich deshalb, dass es sich gar nicht lohnen wuerde,
vorher noch seine Wohnung aufzusuchen. Und da fiel ihm dann auch ein, dass
es wohl besser waere, wenn er noch mal bei dem Blumenladen vorginge, wo er
fuer Ruth den Blumenkorb bestellt hatte, und nachfruege, ob alles in Ordnung
sei. Die Verkaeuferin hatte sich schon am Morgen ueber den "wunderlichen
alten Herrn" amuesiert, der in umstaendlichster Weise seine Bestellung
gemacht und ganz genau angegeben hatte, in welcher Art die Blumen geordnet
werden sollten. Alle Vorschlaege, die sie machte, wurden von ihm verworfen
und geschmacklos gefunden; er suchte selbst die Blumen aus und gab an, so
und so sollte die Farbenzusammenstellung sein und nicht ein Tuepfelchen
anders. Am Mittag war er wieder gekommen, hatte sich den fertigen Korb
angesehen, und ein Etui hineingesteckt, das eine kleine Brosche ganz aus
Tuerkisen und Brillanten enthielt, welche er seiner Kroete zum heutigen
wichtigen Tage schenken wollte. Aber trotzdem das Blumenarrangement ganz
genau nach seiner Angabe gemacht worden war, hatte er doch daran zu maekeln
und zog hier noch eine Bluete, dort noch ein Blatt heraus, die nach seiner
Meinung in die Farbenharmonie nicht passten. Wer wohl diese Gabe, die dem
alten Herrn soviel Kopfzerbrechen machte, bekam? Das haette das junge
Maedchen in dem Laden gar zu gern gewusst, denn eine Frau besass er nicht,
das hatte ihr kundiger Blick gleich erkannt, na, und fuer einen Braeutigam
war er doch zu alt. Als der Professor jetzt wieder erschien - zum dritten
Male an diesem Tage - da musste sie unwillkuerlich lachen; sie gab ihm aber
auf seine bis ins kleinste gehenden Fragen, ob die Bestellung auch richtig
und puenktlich besorgt sei, geduldig Antwort. In ihrem Innern meinte sie
jedoch, dass so komisch, wie dieser Herr, ihr noch selten jemand
vorgekommen waere, trotzdem sie mit allen moeglichen Menschen verkehren
musste.

Nachdem der Professor den Laden verlassen hatte, schlug er langsamen
Schrittes die Strasse ein, die nach der Magdalenenkirche, in welcher das
Konzert stattfinden sollte, fuehrte, indem er hier und da noch stehen blieb
und sich die Schaufenster ansah. Er hatte ja keine rechte Ruhe, das erste
Auftreten seines Patenkindes ging ihm sehr im Kopfe herum, denn es war
doch keine Kleinigkeit und wichtig fuer ihr ganzes Leben. Als er den hohen
gotischen Bau erreicht hatte, sah er die bunten Glasfenster schon
erleuchtet, und ueber die breite Treppe, die nach dem Eingang fuehrte,
schritten viele Leute hinauf; er blickte ihnen nach, bis sie durch die
grosse Tuer verschwunden waren, ging dann noch ein Weilchen auf und ab und
trat endlich gleichfalls durch das weit geoeffnete Portal. Der maechtige
Raum war mit Menschen bereits dicht gefuellt. Die flackernden Lichter
warfen einen matten Schein auf die unruhige Menge und streiften mit ihren
Strahlen die grauen Pfeiler und Saeulen und die dunkle Holzvertaefelung der
Kirchenstuehle. Onkel Heinz hatte beim Eintreten seinen Hut abgenommen und
betrachtete sich mit Wohlgefallen das malerische Bild des Ganzen, worauf
seine Augen suchend umherblickten. Unten im Schiff sah er Gontraus sitzen,
Althoffs mit Aennchen, Flora mit den kraeftigen Zwillingen, Rosi nebst
Familie - und wer sass da neben Marianne? Ein junger, blonder Mann,
bartlos, mit energisch geschnittenem Gesicht und kecken, blauen Augen. Wir
erkennen ihn wieder - es war Fritz. Lebhaft sprach er mit Marianne, seiner
Jugendgespielin, und bewundernd hingen seine Blicke oft an der reizenden
Maedchengestalt neben ihm, waehrend auch sie ihn manchmal verstohlen von der
Seite anblickte - er gefiel ihr gut mit seinem frischen, offenen Wesen.
Der Professor fand, dass Ilse heute einen Schein blasser aussah, als er
sich jetzt an ihrer Seite niederliess, trotzdem sie ihre Aufregung zu
verbergen suchte. Auch Leo war still und in sich gekehrt, und auf die
Scherze, mit denen Onkel Heinz den Freunden etwas ueber ihre Stimmung
hinweg zu helfen hoffte, gingen sie nicht ein. Oben auf dem Chore sah man
die Koepfe der Mitwirkenden wie Silhouetten sich eifrig hin und her
bewegen, waehrend die Instrumente gestimmt wurden. Der Professor blickte,
so lange nur die Orgel und das Orchester spielten, ohne besonderes
Interesse vor sich hin. Das herrliche Werk: die Schoepfung von Haydn, wusste
er nicht zu wuerdigen, denn er war gaenzlich unmusikalisch, und nur Gesang
konnte ihn erfreuen. Aufmerksamer hoerte er schon zu, als die Choere
gesungen wurden; sobald aber Ruth da oben erschien, fing er an, seine
Bartspitze zu drehen, und waehrend er gespannt hinhorchte, waren seine
Augen unverwandt auf sie gerichtet. Im Anfang verriet ein leises Beben der
Stimme die Befangenheit der jungen Saengerin, zaghaft und scheu glitten die
Toene ueber ihre Lippen; aber nur eine kurze Zeit, dann wurden sie in
reinen, maechtigen Schwingungen durch den Raum getragen und fanden in den
Herzen der Zuhoerer einen lebhaften Widerhall. Und als sie geendet hatte,
ging ein Murmeln durch die Reihen; fast einstimmig war das Lob ueber die
herrliche Stimme, deren jugendlicher Schmelz, Kraft und Weichheit
besonders hervorgehoben wurde. Nur der heilige Ort verhinderte, dass sich
die Haende zu begeistertem Beifall ruehrten. Leo hielt Ilses Hand in der
seinen, Onkel Heinz aber blickte sie voll triumphierender Freude an und
fluesterte ihr zu: "Sehen Sie wohl, dass Sie keine Angst zu haben brauchten,
hatte ich nun nicht recht?" Sie laechelte wie verklaert, sagte aber nichts,
denn in diesem Augenblick trat Ruth wieder hervor und sang die schoene
Arie: 'Nun beut die Flur.' Andaechtig lauschte die Menge, nur das leise
Rascheln der Programme oder ein kurzes, unterdruecktes Huesteln unterbrach
manchmal die fast lautlose Stille. Freudestrahlend sass jetzt Ilse da. Ihre
Angst schwand mit jeder Minute mehr, und an deren Stelle trat die frohe
Zuversicht, dass ihr Kind etwas Bedeutendes leisten koenne und wuerde. Aber
trotzdem vergass sie nicht, scharf aufzupassen, wie sie sich fest
vorgenommen hatte. Nur keine Halbheit, immer nach dem Vollkommensten
streben, niemals zufrieden mit sich sein, das war es, was sie Ruth immer
und immer wieder vorhielt und einpraegte. Als das Konzert sein Ende
erreicht hatte, entstand eine foermliche Aufregung im Publikum, und der
Andrang zu Gontraus war gross: Freunde, Bekannte, selbst Fremde traten
heran, um zu dem ersten grossen Erfolge ihrer Tochter zu gratulieren. Der
Professor war dem Gewuehl entflohen und hatte sich in eine Ecke gefluechtet,
um da zu warten, bis sich die Menge verlaufen haette, welche die Treppe von
den Emporen herunterkam. Neugierig spaehte er, ob er nicht Ruths Koepfchen
dazwischen entdecken koenne, aber lauter fremde Gesichter gingen an ihm
vorbei. Nach und nach hoerte das Gedraenge etwas auf, er kroch aus seiner
Ecke hervor und wagte sich nun nahe an die Treppe heran, um sie besser
uebersehen zu koennen und Ruth ja nicht zu verfehlen. Jetzt kamen die
Mitwirkenden, unter ihnen die sehnsuechtig Erwartete, mit erhitzen Wangen
und glaenzenden Augen. Leichtfuessig huepfte sie herunter, und als sie Onkel
Heinz gewahr wurde, sprang sie behende die letzten Stufen herab und gerade
in seine Arme. Sie jubelte, lachte und weinte in einem Atem, und er
klopfte und streichelte sie fortwaehrend; sprechen konnte er nicht viel,
nur die Worte: "Alte, gute Kroete," wiederholte er immer wieder, und eine
ruehrende vaeterliche Liebe klang aus ihnen hervor. Innig hielt der
graukoepfige Hagestolz das junge, bluehende Maedchen umschlossen. Aber dann
machte sie sich los und eilte zu den Eltern. In den Augen Ilses schimmerte
es feucht, voll stolzer Freude hielt sie das geliebte Kind lange in den
Armen. Auch Leo kuesste sie und Marianne, Nellie, Flora, die Zwillinge, alle
die guten Freunde, sie bildeten einen Kreis um die Debuetantin, jeder
wollte sie zuerst beglueckwuenschen, ihr zuerst die Hand druecken. Nellie war
ganz geruehrt, und Flora erinnerte daran, dass sie es gewesen war, welche
ihr einst eine grosse Zukunft prophezeit hatte, darauf war sie sehr stolz.
Auch Rosi und ihr Mann sagten der jungen Kuenstlerin viel lobende Worte.
Die letzten Jahre waren an der Pastorin nicht wirkungslos voruebergegangen;
Kummer und Sorgen hatten ihre Spuren in ihrem Gesichte zurueckgelassen, und
der glatte, blonde Scheitel war grau geworden. Aber als sie jetzt Fritz
ansah, der neben Marianne stand, da leuchtete es in ihren Augen doch
freudig auf, und unwillkuerlich ergriff sie seine Hand.

"O, was ein schoenes Paar, sieh nur Fred," sagte Nellie zu ihrem Manne, als
die beiden blonden Gestalten so nebeneinander standen. Direktor Althoff
war aber von seiner Pflegetochter ganz in Anspruch genommen, die er am
Arme hatte und mit der er sich munter herumneckte. Er sah frisch und
gesund aus, ebenso wie auch Nellie; der wehmuetige Zug, der ihr in frueheren
Jahren leicht einen leidenden Ausdruck gegeben hatte, war ganz
geschwunden. Wie hatte sich das Leben fuer die beiden Ehegatten doch anders
gestaltet, seitdem das junge Wesen ihr Haus erhellte! Ilse und Leo
wanderten den langen Gang, der in der Mitte durch das Schiff der Kirche
lief, auf und ab, er hatte seinen Arm um ihre Taille gelegt, und sie
sprachen eifrig miteinander. Was sich die beiden alles zu sagen hatten,
wissen wir nicht, aber viel Liebes und Schoenes musste es wohl sein, denn
sie sahen froh und gluecklich aus. Waehrend diese Stimmungen noch die
Gemueter in der verschiedensten Weise beherrschten, hoerte man ploetzlich das
absichtlich laute und auffaellige Klappern eines Schluesselbundes, und mit
harten Schritten ging der Kastellan ueber die Steinfliesen, um die Lichter
auszudrehen, und gab damit zu verstehen, dass es jetzt an der Zeit sei,
heimzugehen.

Der Abend war mild und warm, als Gontraus mit den Freunden aus der Kirche
ins Freie traten. Und das Leben und Treiben auf den Strassen war wie an
einem schoenen Sommerabend, niemand schien im Hause bleiben zu wollen.
Plaudernd und lachend schritt das junge Volk voran, in ihrer Mitte Ruth,
die Gefeierte; bedaechtig gingen die Alten hinterher.

"Ja, ja, aus Kindern werden Leute," sagte Ilse zu dem Professor, indem sie
auf die Jugend vor ihnen zeigte, und wehmuetig fuegte sie hinzu mit einem
Blick auf Ruth und Marianne: "Wie lange wird's dauern, und eines Tages
fliegen beide aus dem Neste."

"Ueber so etwas muss man eben nicht sentimental denken," erwiderte Onkel
Heinz, aber in seinem Innern hatte doch auch er ein sehr unangenehmes
Gefuehl, wenn er daran dachte, seine beiden Kroeten einmal hergeben zu
muessen.

"Onkel Heinz, was fangen wir denn an, wenn wir mal allein sein werden?"
fragte Ilse den alten Freund schmerzlich bewegt von diesen Gedanken.

"Ja, was fangen wir an?" wiederholte er und sah sie forschend an. Auf
einmal flog ein spoettisches Laecheln ueber sein Gesicht, und er sagte: "Dann
schreiben Sie doch Ihre Memoiren nieder, Frau Gontrau."

Es war natuerlich nur ein Scherz, womit er sie und sich ueber die Stimmung
hinwegbringen wollte, die etwas ruehrselig zu werden drohte, und das liebte
er nicht. Ilse ging aber wider sein Erwarten ganz ernsthaft auf seinen
Vorschlag ein.

"Spotten Sie nur nicht, Onkel Heinz," rief sie; "vielleicht tue ich das
wirklich noch mal. Ja, ja, sehen Sie mich nur nicht so erstaunt an, Sie
haben mich da auf einen guten Gedanken gebracht. Und Sie kommen auch mit
vor in meiner Lebensgeschichte, Sie sollen sogar eine Hauptrolle darin
spielen, Onkel Heinz."

"Na, das wird was Schoenes werden," gab der Professor zur Antwort, "eine
schreibende Frau? Brr!"

"Onkel Heinz, das sagen Sie nicht. Denken Sie doch, wie interessant es fuer
Sie sein wird, wenn Sie bei dieser Gelegenheit erfahren, wie ich einst war
- eigensinnig, unbeugsam, wild und unbaendig, ein rechter boeser Trotzkopf.
Und was ich dann alles leiden und ertragen musste, und wie ich geheilt
wurde durch alle meine Lieben und Freunde, durch Leo, durch Nellie und
auch durch Sie, Onkel Heinz."

"Durch mich?" fragte er, sie unglaeubig ansehend.

"Ja, auch durch Sie, Onkel Heinz, glauben Sie es mir nur," gab sie mit
ernstem Gesicht zur Antwort, und der dankbare Blick, der ihn traf, bewies
ihm, dass sie die volle Wahrheit gesprochen hatte.




Die jungen Leserinnen, welche die Personen dieser Erzaehlung liebgewonnen
haben, werden gerne erfahren, dass die Fortsetzung dieses Bandes unter dem
Titel "Trotzkopf als Grossmutter" in gleichem Verlag erschienen ist.






BEMERKUNGEN ZUR TEXTGESTALT


Die Originalausgabe ist in Fraktur gesetzt. In Antiqua gesetzt sind in ihr
einzelne Woerter aus fremden Sprachen, hier durch Unterstrich (_)
gekennzeichnet, ebenso wie gesperrt gesetzte Woerter.

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vereinheitlicht.

Korrektur von offensichtlichen Druckfehlern:

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      Seite 76: "Schmids" geaendert in "Schmidts"
      Seite 90: "langezogene" geaendert in "langgezogene"
      Seite 113: Punkt ergaenzt hinter "Gefuehlen"
      Seite 149: "Arger" geaendert in "Aerger"
      Seite 162: auf dem Kopf stehendes "a" korrigiert in "las"
      Seite 201: "Profossor" geaendert in "Professor"
      Seite 208: ueberfluessiges Anfuehrungszeichen entfernt hinter
      "abschlagen."
      Seite 223: Komma ergaenzt hinter "Zwillinge"





***END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK AUS TROTZKOPF'S EHE***



CREDITS


April 2, 2012

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1.D.


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can do with this work. Copyright laws in most countries are in a constant
state of change. If you are outside the United States, check the laws of
your country in addition to the terms of this agreement before
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1.E.


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The following sentence, with active links to, or other immediate access
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any copy of a Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} work (any work on which the phrase
"Project Gutenberg" appears, or with which the phrase "Project Gutenberg"
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1.E.2.


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public domain (does not contain a notice indicating that it is posted with
permission of the copyright holder), the work can be copied and
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phrase "Project Gutenberg" associated with or appearing on the work, you
must comply either with the requirements of paragraphs 1.E.1 through 1.E.7
or obtain permission for the use of the work and the Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~}
trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or 1.E.9.


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If an individual Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic work is posted with the
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by the copyright holder. Additional terms will be linked to the Project
Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} License for all works posted with the permission of the
copyright holder found at the beginning of this work.


1.E.4.


Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} License
terms from this work, or any files containing a part of this work or any
other work associated with Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~}.


1.E.5.


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work, or any part of this electronic work, without prominently displaying
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You may convert to and distribute this work in any binary, compressed,
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1.E.7.


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1.E.8.


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      Literary Archive Foundation. Royalty payments must be paid within 60
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      required to prepare) your periodic tax returns. Royalty payments
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1.E.9.


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work or group of works on different terms than are set forth in this
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Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael Hart, the owner of the
Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} trademark. Contact the Foundation as set forth in
Section 3 below.


1.F.


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identify, do copyright research on, transcribe and proofread public domain
works in creating the Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} collection. Despite these
efforts, Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic works, and the medium on which they
may be stored, may contain "Defects," such as, but not limited to,
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or other medium, a computer virus, or computer codes that damage or cannot
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1.F.2.


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Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation, the owner of the Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~}
trademark, and any other party distributing a Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~}
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NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH
OF CONTRACT EXCEPT THOSE PROVIDED IN PARAGRAPH F3. YOU AGREE THAT THE
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refund in writing without further opportunities to fix the problem.


1.F.4.


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WARRANTIES OF MERCHANTIBILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.


1.F.5.


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limitation set forth in this agreement violates the law of the state
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and expenses, including legal fees, that arise directly or indirectly from
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additions or deletions to any Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} work, and (c) any Defect
you cause.


Section  2.


           Information about the Mission of Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~}


Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} is synonymous with the free distribution of electronic
works in formats readable by the widest variety of computers including
obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists because of the
efforts of hundreds of volunteers and donations from people in all walks
of life.

Volunteers and financial support to provide volunteers with the assistance
they need, is critical to reaching Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~}'s goals and ensuring
that the Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} collection will remain freely available for
generations to come. In 2001, the Project Gutenberg Literary Archive
Foundation was created to provide a secure and permanent future for
Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} and future generations. To learn more about the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation and how your efforts and donations
can help, see Sections 3 and 4 and the Foundation web page at
http://www.pglaf.org.


Section 3.


   Information about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation


The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the state of
Mississippi and granted tax exempt status by the Internal Revenue Service.
The Foundation's EIN or federal tax identification number is 64-6221541.
Its 501(c)(3) letter is posted at
http://www.gutenberg.org/fundraising/pglaf. Contributions to the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation are tax deductible to the full
extent permitted by U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr.
S. Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
throughout numerous locations. Its business office is located at 809 North
1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact information
can be found at the Foundation's web site and official page at
http://www.pglaf.org

For additional contact information:


    Dr. Gregory B. Newby
    Chief Executive and Director
    gbnewby@pglaf.org


Section 4.


  Information about Donations to the Project Gutenberg Literary Archive
                                Foundation


Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} depends upon and cannot survive without wide spread
public support and donations to carry out its mission of increasing the
number of public domain and licensed works that can be freely distributed
in machine readable form accessible by the widest array of equipment
including outdated equipment. Many small donations ($1 to $5,000) are
particularly important to maintaining tax exempt status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United States.
Compliance requirements are not uniform and it takes a considerable
effort, much paperwork and many fees to meet and keep up with these
requirements. We do not solicit donations in locations where we have not
received written confirmation of compliance. To SEND DONATIONS or
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While we cannot and do not solicit contributions from states where we have
not met the solicitation requirements, we know of no prohibition against
accepting unsolicited donations from donors in such states who approach us
with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make any
statements concerning tax treatment of donations received from outside the
United States. U.S. laws alone swamp our small staff.

Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation methods
and addresses. Donations are accepted in a number of other ways including
checks, online payments and credit card donations. To donate, please
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Section 5.


      General Information About Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic works.


Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~}
concept of a library of electronic works that could be freely shared with
anyone. For thirty years, he produced and distributed Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~}
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***FINIS***
