The Project Gutenberg EBook of Aus Trotzkopf's Ehe by Else Wildhagen



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Title: Aus Trotzkopf's Ehe

Author: Else Wildhagen

Release Date: April 2, 2012 [Ebook #39350]

Language: German

Character set encoding: ISO 8859-1


***START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK AUS TROTZKOPF'S EHE***





                         [Illustration: Einband]

                              [Illustration]





                        [Illustration: Titelseite]

AUS TROTZKOPF's
EHE
               VON ELSE WILDHAGEN geb. FRIEDRICH-FRIEDRICH
                 VERFASSERIN von "TROTZKOPF'S BRAUTZEIT"
DRITTER BAND zum "TROTZKOPF"
VON EMMY v. RHODEN (EMMY FRIEDRICH-FRIEDRICH)
JLLUSTRIERT von WILLY PLANCK

Vierzigste Auflage

STUTTGART
GUSTAV WEISE VERLAG





               Druck der Stuttgarter Vereins-Buchdruckerei.






                         [Illustration: Ornament]

"Onkel Heinz, Onkel Heinz," schallte es von hellen Kinderstimmen
durcheinander, und ein Junge im Alter von zehn Jahren, nebst zwei kleinen
Mdchen von acht und sieben Jahren, liefen einem Herrn entgegen, der die
Tr zum Kinderzimmer in Gontraus Hause geffnet hatte und hineinschaute.
Sogleich wurde er von den dreien mit hellem Jubel umringt, der eine zerrte
ihn hierhin, der andre dorthin; lachend versuchte er die Ungestmen
abzuwehren, aber da klammerten sie sich noch fester an ihn, und er kam
nicht los.

"Wollt ihr mich wohl loslassen, ihr Trabanten," rief er endlich; "wartet,
ihr Krten, ich werde euch kommen!"

Und er griff nach seinem Stocke. Da flogen sie kreischend auseinander; der
Junge aber und das lteste der beiden Mdchen, ein dunkellockiges Kind mit
blitzenden, braunen Augen, warfen sich an die Erde und nun begann ein
Raufen und Balgen, da sie wie ein Knuel umherkollerten.

"Aber Ruth, schme dich, gleich stehst du auf!" gebot Ilse, welche in
diesem Augenblicke mit Nellie ebenfalls hereingekommen war, und reichte
dann Onkel Heinz die Hand, der inzwischen die kleine, blonde Marianne
emporgehoben hatte, welche ihre rmchen fest um seinen Hals schlang. Ruth
aber, Gontraus wilde lteste und ihr Freund Fritz, Rosis Junge, hatten
sich hinter seinen Rcken geschlichen, ihn zupfend und neckend, und wenn
er sich umdrehte und sie fortjagen wollte, liefen sie mit lautem Geschrei
zurck. Das war ein Hauptspa.

"Kinder, so seid doch endlich vernnftig," legte sich Nellie jetzt ins
Mittel, denn Onkel Heinz, der sich mit den beiden Frauen unterhalten
wollte, hatte keinen Augenblick Ruhe.

"Ja, nun hrt endlich auf," gebot auch Ilse ernstlich, und ihr gehorchten
die bermtigen. Dann wandte sie sich wieder an Onkel Heinz mit den
Worten:

"Warum waren Sie in den letzten Tagen nicht bei uns, Herr Professor?"

"Ja, ja, das Arbeiten, das leidige Arbeiten, man kommt ja zu nichts," gab
er zur Antwort.

"Onkel Heinz, Onkel Heinz, sieh mal!" rief es nun schon wieder, und da
stand Ruth in seinem Hut und berzieher, die er beide auf einen Stuhl
neben sich gelegt hatte. Das war etwas zum Totlachen fr die Kinder, und
bei dem komischen Anblick der kleinen Person in dem Hute bis ber die
Ohren und dem langen Rocke konnten auch die Groen nicht ernst bleiben.
Natrlich ging's nun wieder an ein An- und Ausprobieren der Reihe nach,
bis Ilse der Sache ein Ende machte.

"Nun ist's genug," sagte sie; "kommen Sie, lieber Professor, wir gehen in
mein Zimmer."

"Nein, Onkel Heinz, bleibe bei uns, bleibe bei uns!" rief es von allen
Seiten, und wie die Kletten hingen sich die Kleinen an ihn, zupften an
seinem Barte, umklammerten seine Arme und hielten ihn daran fest, da er
nicht von der Stelle konnte.

Ruth war die Tollste, sie ruhte nicht eher, bis er am Boden lag. Im Nu
warfen sich die Kinder ber ihn her, ihn zwickend und kneifend. Das war
ein Schreien, sie hatten alle hochrote Backen, und der arme Onkel konnte
vor Lachen nicht dazu kommen, sie abzuwehren, bis er schlielich doch
Gewalt gebrauchen mute, und ein Machtwort von Frau Ilse ihn von der
wilden Horde befreite. Selbst Marianne, die zarte, sanfte Kleine, wurde
von der Ausgelassenheit mit angesteckt, ihr und den brigen hingen die
Haare wirr um den Kopf, und aus den lebensprhenden Kindergesichtern
leuchtete die helle Freude ber den gut gelungenen Spektakel.

"Ihr seid eine Gesellschaft," sagte Ilse kopfschttelnd, aber solche
Szenen waren ihr nichts Ungewohntes, wenn Onkel Heinz auf der Bildflche
erschien.

"O, wie haben die Kinder Sie zerzaust," meinte Nellie, als sie den
Professor ansah.

"Ja, ja, Prgel mssen sie haben," rief er ihnen mit scheinbar bsem
Gesichte zu, doch sie merkten, wie es gemeint war, sie sahen ja seine
lustig zwinkernden Augen und wuten genau, so schaute er nicht aus, wenn
er ernstlich bse war.

Und nun zog er sich seine Manschetten zurecht, die ihm bis auf die Hnde
gerutscht waren, rckte an seiner Brille und fuhr mit der Hand ber sein
kurzgeschorenes Haar, als wollte er fhlen, ob diese Stoppeln bei dem
Kampfe nicht auch in Unordnung geraten wren, aber sie standen nach wie
vor gerade in die Hhe, tadellos in Reih und Glied.

"Mutter, drfen wir nicht mit euch gehen, bitte, bitte?" fragte Ruth, und
die andern bettelten ebenfalls.

"Wir haben Onkel Heinz so lange nicht gesehen," qulte sie, als die Mutter
keine Miene machte, ihre Bitte zu erfllen.

"Da lassen Sie man die Krten mitkommen," legte er sich nun auch ins
Mittel, denn er konnte nicht gut sehen, da seinem Patenkinde und Liebling
Ruth etwas abgeschlagen wurde.

"Kinder, da mt ihr aber auch ruhig und artig sein," gebot Nellie, ihnen
damit schon ihre Erlaubnis erteilend, doch Ilse bestimmte energisch, da
sie in der Kinderstube bleiben sollten.

Ohne weiteres fgten sich Marianne und Fritz, aber Ruth zog ein arges
Gesicht und gab sich erst dann zufrieden, als Onkel Heinz ihr verstohlen
zuflsterte, da sie morgen zu ihm kommen und sich etwas Schnes holen
sollte.

Einige Minuten spter saen Ilse und Nellie mit dem Professor in dem
groen Wohnzimmer in einer behaglichen Ecke im lebhaften Gesprche.
Seitdem wir sie an ihrem Hochzeitstage verlieen, hatte Ilse sich wenig
verndert. Als sie jetzt leicht und schnell durch das Zimmer schritt,
waren es noch ganz ihre alten Bewegungen; nur ihre Gestalt war etwas
voller geworden, und die wilden Locken von einst wurden in einem Knoten
gebndigt. Doch ganz waren sie nicht verschwunden; wo es ging, kamen sie
hervor, kruselten sich im Nacken, auf der Stirn und fielen ber ihre
reizenden kleinen Ohren, zum rger Leos, von dem es eine gewohnheitsmige
Handbewegung war, sie fortzustreichen; denn er liebte es, ihr Ohr zu
sehen, und behauptete, zum Gesichte gehre auch das Ohr, ebensogut wie die
Nase, und es verlre an charakteristischem Ausdruck, wenn das Ohr nicht zu
sehen wre. Die frischen Farben hatte Frau Ilse noch ebensoschn wie
frher, aber die energisch geschwungene Linie der Oberlippe schien etwas
weicher geworden zu sein; ja, es kam vor, da ihr Ausdruck ein geradezu
sanfter war, doch das durfte man ihr nicht sagen, denn "sanft" und "dumm"
stellte sie in eine Reihe. "Eine sanfte Frau bin ich nun einmal nicht und
werde es auch nie," meinte sie, wenn die Rede darauf kam, und da hatte sie
auch recht.

Nur bei einem einzigen Wesen lie sie "sanft" ohne den wenig
schmeichelhaften Zusatz gelten, und das war bei ihrer Herzensfreundin
Nellie. Diese hatte in allen Lebenslagen nur durch Sanftmut geherrscht und
gesiegt.

An ihr waren die Jahre nicht spurlos vorbergegangen wie an Ilse. Der alte
Schelm in den Grbchen kam nicht mehr so oft zum Vorschein wie frher,
dagegen hatten sich um die Mundwinkel einige scharfe Linien eingeprgt,
die ihr leicht einen leidenden Zug gaben.

Seit einigen Jahren lebten die Freundinnen wieder an einem Orte zusammen,
und vor nicht langer Zeit war auch Rosi hinzugekommen, die jetzt eine
wrdige Frau Superintendentin geworden war.

Althoff hatte als Direktor am stdtischen Gymnasium Karriere gemacht und
konnte sich sein Leben in jeder Beziehung angenehm gestalten. Aber leider
machten ihm seine Nerven manchmal zu schaffen; er war leicht gereizt, und
da er bei seiner Frau niemals auf Widerstand stie, sondern immer die
lebhafteste Teilnahme fr die geringfgigste Klage fand, nahm er sich auch
nicht im mindesten zusammen.

"Du verwhnst deinen Mann zu sehr," bemerkte Ilse oft, aber Nellie sah das
nicht ein. Warum sollte sie denn nicht alles fr ihn tun? Kinder, fr die
sie htte sorgen knnen, besa sie zu ihrem grten Kummer nicht, sie
mute aber jemand haben, dessen Pflege sie sich ganz und gar hingab, das
lag nun einmal in ihrer Natur. Zu Ilse kam sie fast tglich, spielte mit
den Kindern oder holte sie zu sich, denn sie hingen mit der grten Liebe
an ihr.

In der Dmmerstunde erschien auch hufig der Professor bei Gontraus, und
meistens forderte Ilse sie beide auf, zum Tee dazubleiben. Althoff wurde
dann geholt, d. h. Nellie holte ihn selbst, denn sie mute ja erst sehen,
ob er in der Stimmung war auszugehen oder nicht. Auch heute ntigte Ilse
zum Bleiben.

"Es ist ein so kstlicher Abend, ihr bleibt hier," entschied sie und
ffnete weit die Fenster, damit die milde Frhlingsluft hereinstrmen
konnte. Auf der uersten Spitze des Birnbaumes drauen wiegte sich ein
Starmtzchen und sang aus voller Kehle in klaren und fltenden Tnen,
hnlich denen der Nachtigall, nur weniger melancholisch. Die Dmmerung
senkte sich jetzt wie ein leichter Schleier auf die frhlingslichte Natur,
und am Horizonte erschien mattglnzend die silberne Mondsichel.

Der Professor hatte wie immer viele Ausflchte, er habe keine Zeit, und zu
Hause warte ein Haufen Arbeit auf ihn. Aber Ilse lie nicht locker, sie
kannte ihn, er lie sich gerne zureden.

"Ach Gott, Sie haben auch immer zu tun," rief sie ungeduldig, denn sie
wute, da er schlielich doch bleiben wrde.

"Ja, Frau Gontrau, ich habe immer zu tun," wiederholte er mit einigem
Nachdruck, "das ist auch recht gut."

"Aber heute kann man doch nicht hinter den staubigen Bchern sitzen! Sehen
Sie doch nur hier diesen wonnigen Frhlingsabend, wie das duftet, wie die
Vgel zwitschern, das ist ja alles viel schner, als Ihr alter
Bcherkram."

"Bcherkram? Wieso alter Bcherkram?" fragte er, die Worte "alter" und
"Kram" besonders betonend, whrend er anfing die Spitze seines dunklen
Kinnbartes zu drehen. Das war aber das sicherste Zeichen seines Unwillens,
Ilse kannte es genau.

"Mit Bcherkram gebe ich mich nicht ab," fuhr er fort.

"Herrgott, Onkel Heinz, nun seien Sie nicht empfindlich, so habe ich das
nicht gemeint. Aber Sie drfen nicht immer arbeiten, Sie mssen doch auch
mal ausruhen."

"Ich wei am besten, was ich tun mu," erwiderte er nicht gerade
freundlich, doch Ilse lie sich dadurch nicht einschchtern, sie kannte
seine Art.

In den sechs Jahren, so lange sie in L. wohnten, wo sich Gontrau als
Dozent an der Universitt niedergelassen hatte, nachdem er einige Jahre in
B. als Assessor ttig gewesen war, kam der Professor Fuchs, oder Onkel
Heinz, wie ihn die Kinder nannten, als hufigster Gast zu ihnen ins Haus.
Er hatte sie bei ihrem Einzuge am Bahnhof in Empfang genommen, er hatte
mitgeholfen die Wohnung einzurichten, und jeden Nagel, den Leo mhsam in
die Wand geschlagen hatte, zog er wieder heraus, weil Leo das nmlich nach
seiner Meinung absolut nicht verstand. Denn er behauptete, zuerst mte
mit dem Steinmeiel ein Loch geschlagen werden, da hinein kme ein
Holzpflckchen und dann erst der Nagel. Wenn das nun auch mit einer groen
Umstndlichkeit geschah, so hatte er wenigstens die Genugtuung, da seine
eingeschlagenen Ngel sich noch nicht von der Stelle gerhrt hatten. Trotz
aller Gelehrsamkeit war er eine praktischere Natur als Leo und ging Ilse
mit Rat und Tat zur Hand, so da sie schlielich bei vielen Dingen nicht
ohne ihn fertig werden konnte. Aber sie kamen fast niemals zusammen, ohne
einen kleinen Streit miteinander zu haben. Er hatte eine rechthaberische
und spttische Art, und wenn Ilse nicht gut auf ihn zu sprechen war,
nannte sie ihn einen "wunderlichen alten Junggesellen", obgleich er nur
wenige Jahre lter als Leo war. Die beiden kannten sich noch von der
Universitt her, hatten in einem Hause zusammen gewohnt und sich trotz der
Verschiedenheit der Charaktere doch immer gut verstanden. Das, was ihm in
Ilses Herzen einen dauernden Platz verschaffte, war seine rhrende Liebe
zu den Kindern. "Sie sind meine beste Erholung," pflegte er zu sagen. Er
ging mit ihnen spazieren, sie besuchten ihn, er zeigte ihnen Bilder,
Marken, Schmetterlinge, er tollte mit ihnen und war ihr bester Freund.
Ruth, sein Liebling, durfte sich alles herausnehmen, dafr besa er aber
auch die ganze Zuneigung ihres Kinderherzens. -

Nellie hatte sich inzwischen erhoben, um nach Hause zu gehen und Fred
selbst zu holen.

"Ich kann ja das Mdchen schicken," meinte Ilse, aber Nellie lie das
nicht zu.

"Ich wei nicht recht, ob Fred nicht noch zu tun hat heute abend, ich will
deshalb lieber selbst gehen," antwortete sie ausweichend. Doch in
Wirklichkeit arbeitete Althoff selten abends und war immer gern bereit,
nach Gontraus zu kommen.

Als sich Nellie verabschiedete, schickte sich auch der Professor zum Gehen
an.

"Sie bleiben auf jeden Fall," sagte Ilse, ihn zurckhaltend, und wies
jeden Einwand, den er machen wollte, zurck.

"Wissen Sie was," rief sie pltzlich, "ich habe heute morgen Waldmeister
gekauft, wir brauen uns eine kleine Bowle, die erste Maibowle in diesem
Jahre, Onkel Heinz - knnen Sie da widerstehen?"

Er lachte.

Die gemtlichen Bowlen bei Gontraus kannte er zur Genge. Die Geister, die
ihnen entstiegen, waren nicht trbselig, es waren die des Frohsinns und
der Heiterkeit, und Onkel Heinz konnte heiter, sogar ausgelassen sein,
doch nur im intimsten Kreise. Fremde Menschen nannten ihn unzugnglich, ja
unliebenswrdig, und lieen ihn bald als "komischen Kauz" ganz links
liegen. Deshalb mied er auch die Menschen, und es kostete stets Kmpfe,
ihn heranzuziehen, wenn eine grere Gesellschaft versammelt war.

Ilse hatte nicht umsonst die Maibowle als Lockmittel gebraucht, denn ohne
langes Zaudern willigte der Professor nun ein, zu bleiben.

"Ja, dann bleibt mir wohl nichts andres brig als dazubleiben," sagte er
vergngt, "aber die Bowle will ich selbst machen, Gontrau kann das nicht,
er macht sie regelmig zu s."

"Natrlich, natrlich," sagte Ilse, "doch dann mssen Sie mit in die Kche
kommen, Onkel Heinz."

Er folgte ihr und traf nun in umstndlichster Weise seine Vorbereitungen.
Die Kinder hatten nur auf den Augenblick gewartet, da Onkel Heinz drauen
erschien, und jetzt waren sie wieder alle um ihn versammelt. Ruth hatte
ihm eine groe, weie Kchenschrze umgebunden, Marianne kletterte auf
einen Stuhl und beugte das Kpfchen tief ber die Terrine, aus welcher
schon der aromatische Duft der Maikruter emporstieg, und Fritz fehlte
natrlich auch nicht dabei. Endlich, nach vielem Probieren von Onkel
Heinz, war die Bowle fertig und mit Kennermiene fhrte er nocheinmal ein
Glas an den Mund - sie war gut geraten.

"Na, nun wollt ihr Krten wohl auch schmecken?" fragte er.

"Ja! ja! bitte, Onkel Heinz!" riefen sie durcheinander, und zugleich
wollten alle nach dem frisch gefllten Glase greifen, das er hoch in der
Luft hielt, damit sie es ihm nicht entreien konnten.

"Herrgott, so wartet doch, einer nach dem andern, sonst kriegt ihr gar
nichts!" Damit drngte er die verlangenden Kinderhnde zurck, und der
Reihe nach bekam jedes zu kosten.

Bei dem einen Glase blieb es natrlich nicht, Onkel Heinz fllte noch
einige Male nach.

"Das schmeckt wohl, ja, das glaube ich," sagte er schmunzelnd und freute
sich ber den guten Zug des Jungen, der zu den schnsten Hoffnungen
berechtigte.

"Aber, bester Professor, wie knnen Sie nur den Kindern so viel Bowle zu
trinken geben," rief Ilse, als sie jetzt hinzukam und den krftigen
Schluck, den Fritz soeben aus dem vollen Glase tat, bemerkte.

"Das schadet ihnen doch nichts," entgegnete Onkel Heinz.

"Ach natrlich, Kinder drfen keinen Alkohol bekommen, der ist ihnen
schdlich!"

"Schdlich? Dummes Zeug! Was soll ihnen dabei schdlich sein, wer sagt
das?"

"Nun unser Arzt behauptet es," gab Ilse zur Antwort.

"Na ja, die rzte!" fiel Onkel Heinz mit hhnischem Lachen ein; "wenn die
so etwas behaupten, knnen Sie dreist das Gegenteil tun, denn meistens ist
es nur Unsinn."

Ilse rgerte sich ber seine absprechende Weise, aber sie schwieg dazu,
ihre Laune war an diesem schnen Abend eine zu gute, und die wollte sie
sich nicht verderben lassen; denn wenn sie mit dem Professor einmal ber
diesen Punkt in Streit geriet, wie schon so oft, blieb doch auf beiden
Seiten eine kleine Mistimmung zurck.

Und deshalb sagte sie nichts, schickte Fritz nach Hause und die Kinder zu
Bett. Dem Qulen und Betteln von Ruth, ob sie nicht noch ein wenig
aufbleiben knnte, setzte sie ein unerschtterliches "Nein" entgegen.

Einige Zeit spter saen die Freunde bei der Bowle vergngt zusammen, und
Onkel Heinz heimste von allen Seiten das Lob ber das gute Gelingen
derselben ein. Im Zimmer wurde es schon ganz dmmerig, aber drauen war es
noch hell und licht, ein wonniger Frhlingsabend. Jeder empfand in seiner
Weise den Zauber desselben, einer oder der andre sa manchmal stumm und
blickte durch das offene Fenster hinaus. In dem Birnbaume davor fltete
jetzt eine Nachtigall ihr melancholisches Lied und der Mond hob sich
hellglnzend vom Himmel ab.

"Schatz, ist es nicht herrlich heute abend?" fragte Leo und sah seine Ilse
berglcklich an. Die Freude ber das gemtliche Zusammensein blickte ihm
so recht lebhaft aus den Augen. "Althoff, Sie trinken ja gar nicht,
trinken Sie doch mal aus," mahnte er den Direktor, aber Nellie, die mit
Argusaugen darber wachte, da Fred ja nicht zu viel trank, flsterte ihm
leise zu, da er daran denken solle, wie leicht er nach solchem Getrnke
Kopfschmerzen bekme.

Ilse hatte die leise Warnung gehrt.

"Nellie, Nellie, immer mut du mit deinem Manne tuscheln, das ist gar
nicht erlaubt," rief sie mahnend und schenkte dem Direktor nochmals
eigenhndig ein.

"O," sagte seine Frau mit einem ngstlichen Blick auf das frischgefllte
Glas, aber da nahm sie schon wieder eine andre Sorge um Fred in Anspruch.
Er sa so nahe am Fenster, ein leichtes Zusammenziehen seiner Schultern
hielt sie fr Frsteln, und besorgt fragte sie, ob er nicht lieber den
Platz mit ihr wechseln wolle, es kme gerade, wo er se, ein khler
Luftzug herein.

Leo sprang dienstbereit auf, das Fenster zu schlieen, Althoff und der
Professor waren aber entschieden dagegen, letzterer mit einer spttischen
Bemerkung, gegen die niemand etwas sagte. Man kannte ihn ja!

"Nein, nein, kein Licht, Marie," rief Ilse, als das Mdchen jetzt die
Lampe hereinbrachte und sich der bluliche Mondesschimmer mit dem
gelblichen Scheine unschn vermischte.

Jetzt so in der duftigen Helle da drauen hinzuwandern, in die
frhlingsfrische Nacht hinein, den Berg hinauf, durch den lichten Wald,
immer weiter, weiter, dem matten Glanze folgend, einsam, still,
unbelauscht zu sein, ganz in der gttlichen Natur, o das wre eine Wonne!
So dachte Ilse in diesem Augenblicke, und der Zauber dieses Gedankens
verfolgte sie fortwhrend. Sie hrte nur mit halbem Ohre hin, als Althoff
von der neuesten Unerhrtheit eines Primaners erzhlte, ber dessen Haupte
die Entlassung aus der Schule schwebte, und Onkel Heinz seine Ansicht ber
Pdagogik, die von der des Direktors sehr abweichend war, kundgab. Sie
empfand eine Sehnsucht hinaus, einen Drang, etwas Besonderes zu
unternehmen, wie man ihn fhlt, wenn die Begeisterung dem Menschen Flgel
zu verleihen scheint, sich ber das alltgliche zu erheben. In solcher
Stimmung war Frau Ilse, und whrend Leo und Nellie glaubten, da sie
gleich ihnen den immer lebhafter gewordenen Streit zwischen dem Direktor
und dem Professor verfolgte, entspann sich in ihrem Gehirn ein
abenteuerlicher Plan.

"Kinder," rief sie pltzlich laut und erregt, "ich habe eine Idee!"

Onkel Heinz war gerade dabei, dem Direktor lang und breit
auseinanderzusetzen, inwiefern der Unterricht fr die Kinder ein andrer
werden msse, als Ilse mit ihrem Ausrufe hineinplatzte und alles Interesse
sich ihr zuwandte.

"Darling, was hast du fr eine Idee?" fragte Nellie.

"Famos, famos!" jubelte Ilse. "Aber ihr mt mir versprechen, da ihr
nicht nein sagt, wollt ihr das?"

"Da knnten wir ja schn reinfallen," sagte Onkel Heinz, und Leo lachte:
"Ja, Schatz, fr so unvorsichtig wirst du uns doch nicht halten."

"Also hrt," fuhr Ilse fort, "in vier Tagen haben wir Vollmond -"

"In fnf Tagen," verbesserte der Professor ruhig.

"Nein, in vier, ich habe noch heute im Kalender nachgesehen; berhaupt,
Onkel Heinz, unterbrechen Sie mich nicht. Also in vier Tagen haben wir
Vollmond, was meint ihr dazu, wenn wir eine Partie auf den Schneekopf
machten, aber in der Nacht. Denkt euch doch nur - im Mondenscheine, wie
poetisch, wie romantisch!"

Man war solche Einflle von Ilse gewhnt, aber doch erregte dieser
pltzliche Vorschlag ein Hin und Wider. Man erhob allerlei Einwnde, der
Weg sei zu weit, zu beschwerlich, die Idee zu abenteuerlich, um ausfhrbar
zu sein, aber Ilse wute auf alle Bedenken einen Ausweg, sie malte ihnen
in den glhendsten Farben aus, wie schn es sein wrde, bis sie
schlielich mit ihrer Begeisterung ansteckend wirkte.

Leo war innerlich schon ganz bereit, er fand die Idee seiner kleinen Frau
auerordentlich verstndig und lie deshalb die andern soviel reden, als
sie wollten. Stillschweigend holte er die Karte und das Kursbuch aus
seinem Zimmer, und ohne die Zustimmung eines jeden abzuwarten, wurde der
Plan entworfen. Nellie hegte doch einige Bedenken, ob ihrem Fred der
nchtliche Weg gut bekommen wrde, aber sie wollte nicht widersprechen,
als sie merkte, da er bereit war, teilzunehmen, eine Ausspannung wrde
ihm ja auch sehr gut sein.

So war man denn bald im besten Zuge und ging schon auf die Einzelheiten
der Partie ber, die am nchsten Sonnabend und Sonntag stattfinden sollte,
als Onkel Heinz pltzlich damit herausrckte, da er nicht mitgehen wrde,
er habe zu arbeiten, er knne sich nicht losmachen. Da brach aber ein
wahrer Sturm ber sein Haupt los!

"Ach, Heinz, nun mach keine Geschichten, du gehst auf jeden Fall mit,"
sagte Leo kategorisch, denn er wute genau, da er es schlielich doch
tat.

"Was mache ich denn fr Geschichten, Gontrau," erwiderte Onkel Heinz mit
einigem Nachdruck, "was soll das heien, Geschichten machen? Ich habe eben
zu tun und kann deshalb nicht mit. Was habt ihr denn berhaupt davon, ob
ich mitgehe oder nicht!"

"Natrlich haben wir etwas davon," sagte Ilse lustig herausfordernd, "ich
htte ja sonst niemand, den ich rgern knnte."

"Ja, da haben Sie recht," gab er zur Antwort und der Ton, mit dem er das
sagte, hatte fast eine wehmtige Frbung.

"Deshalb keine Feindschaft, Onkel Heinz," lachte Ilse und erhob ihr Glas,
um mit ihm anzustoen, denn sie hatte gemerkt, da ihn ihre Neckerei
empfindlich berhrte. "Und nicht wahr, Sie gehen mit?" Dem liebenswrdigen
Blicke, mit dem Ilse ihre Frage begleitete, konnte er nicht widerstehen.

"Ja, dann kann ich wohl nicht anders," sagte er befriedigt.

Es war spt geworden, als sich die Freunde trennten, denn ber die
bevorstehende Partie gab es noch eine Menge zu beraten und zu berlegen.
Zum Schlu kam Ilse noch auf die Idee, Rosi mit ihrem Manne auch
aufzufordern.

"Dann bleibe ich doch lieber zu Hause," sagte Onkel Heinz, denn die
Pastorin war nicht seine beste Freundin.

"Aber glaubst du denn, da die mitgehen?" lachte Leo. Er hatte lngst
erkannt, da Ilse nur hren wollte, was Rosi, die ehrwrdige
Superintendentin, zu ihrem phantastischen Plane sagen wrde. Und so war es
auch!

                                  * * *

In dem hbschen Pfarrhause, das der Kirche gegenber lag, sa Frau Rosi
auf ihrem erhhten Platze am Fenster. Vor ihr stand ein groer Korb mit
Strmpfen; einen davon hatte sie gerade ber die Hand gezogen, und eifrig
flog die Nadel auf und nieder. Sie war noch immer die alte Rosi! Moden und
Neuerungen gingen an ihr ziemlich spurlos vorber, sie war eins von den
Menschenkindern, die niemals jung aussehen, und bei denen man schon als
Kind ganz genau wissen konnte, wie sie mit 40 Jahren sein wrden. Alles
trug bei der Superintendentin einen konservativen Anstrich; sie war kein
Kind ihrer Zeit, sie hielt jeden Fortschritt fr sndhaft und wies ihn mit
den Worten zurck: "Wir sind so lange ohne das fertig geworden, da wir es
jetzt auch entbehren knnen." Wenn es nach ihr ging, hrte alles Streben
auf. Jetzt, wie sie so da sa, tadellos und gerade, wie wir sie kennen,
machte sie nicht den Eindruck, als ob sie eine Altersgenossin von den
Freundinnen wre.

In dem Zimmer waren die Mbel in Reihe und Glied geordnet, vor dem roten
Plschsofa stand der Tisch mit einer ebensolchen Plschdecke, und vier
Plschsessel umgaben ihn steif und langweilig. Alles war gut und gediegen,
aber man suchte unwillkrlich, ob nicht irgend etwas den individuellen
Geschmack der Bewohnerin verriete, etwa eine Besonderheit in der
Ausschmckung der Rume, irgend eine Liebhaberei, eine Geschmacksrichtung
in den Bildern an der Wand - nichts dergleichen. Wie eine drckende
Atmosphre lag es ber dem Ganzen, und feinfhlende Seelen wrden in
diesem Zimmer eine Art Niedergeschlagenheit empfunden haben. Pflanzen
standen nicht am Fenster, Rosi hatte, wie sie behauptete, zuviel mit der
Pflege ihrer Kinder und mit dem Haushalte zu tun, um auch fr diese
Lebewesen noch sorgen zu knnen. Aber an gestickten und gehkelten
Gegenstnden war das Zimmer reich, gestickte Sprche an den Wnden,
gestickte Kissen auf dem Sofa, auf den Sthlen und an der Erde. Der
Ofenschirm zeigte ein gesticktes Ritterfrulein auf grnem Grunde,
gehkelte Decken lagen berall, wo es nur irgend mglich war, gestickt war
natrlich auch die ber die Kanne gezogene Kaffeemtze, kurz berall,
wohin das Auge blickte, sah man die Spuren stickender, strickender,
hkelnder Hnde, wodurch dem ganzen der Stempel des Philistrsen
aufgedrckt wurde. Wie viele Tanten und Basen waren auch zu Weihnachten
fr die Pastorin ttig! Der Geschmack kam dabei nicht in Betracht, nur
selbstgearbeitet mute es sein, darauf legte Rosi den grten Wert. Sie
selbst war in der Weihnachtszeit von einem unheimlichen Fleie, sie nhte
vom Morgen bis zum Abende fr jeden etwas und wre es auch noch so unntz.
Nach dem Buche war Rosi eine Musterfrau, und was ihr der Neid lassen
mute, sie sorgte auch fr andre mit vieler Umsicht, sie besuchte die
Kranken und brachte ihnen Strkendes; sie war auch in allen wohlttigen
Vereinen. Ob alles dieses aber aus tiefinnerstem Drange geschah, oder nur
aus Pflichtgefhl, das war zweifelhaft. Sie sprach viel von Pflicht, sie
fhrte das Wort immer im Munde. Auch jetzt schien sie von ihrem
Pflichtgefhle beseelt zu sein, denn ein Strumpf nach dem andern wurde
vorgenommen, und ohne Unterbrechung ging das so fort. Sie hob kaum den
Kopf und hatte keinen Blick fr die warme Frhlingssonne drauen, die
neugierig zu ihr hereinsah, in hellen Strahlen auf dem Fuboden spielte,
und sich sogar an die Plschsessel wagte, so da deren stumpfes Rot feurig
aufleuchtete. Jetzt wurde die Tr aufgerissen und Fritz strmte ins
Zimmer. Rosi drehte sich unwirsch herum.

"Du sollst nicht immer so laut hereinkommen," sagte sie rgerlich; "wie
oft habe ich dir das schon gesagt, Fritz!"

Fritz, aus dessen blauen Augen noch eben die volle Lust gestrahlt hatte,
legte jetzt seine Mappe und Mtze still auf den Stuhl und trat zur Mutter,
die ihm ihre Wange zum Kusse reichte. Dann arbeitete sie weiter.

"Nun, wie war es, konntest du deine Sachen?"

"Ja, Mutter, alles."

"Wie viele Fehler hast du im Extemporale?"

Kleinlaut flsterte er: "Sieben."

Jetzt lie sie die Hand mit dem Strumpf in den Scho fallen und sah ihn
an.

"Siehst du, das kommt davon, wenn man bis in die sinkende Nacht fortbleibt
und nicht an das Arbeiten denkt."

"Es war so schn bei Tante Ilse," warf Fritz ein.

"Und da konntest du dich nicht trennen, wie gewhnlich," unterbrach ihn
die Mutter mit vielsagendem Blick. "Aber erst kommt die Pflicht, dann das
Vergngen," fuhr sie fort; "es ist schrecklich, da du so leichtsinnig
bist, immer diese vielen Fehler!"

Fritz sah bei dieser Strafrede ganz betrbt vor sich nieder und dachte
darber nach, ob es denn wirklich so schlimm sei, lieber in der herrlichen
Frhlingsluft drauen zu spielen, als ber den langweiligen Bchern zu
sitzen.

"Nun trage nur deine Sachen fort und setze dich an den Tisch, wir trinken
gleich Kaffee."

Fritz gehorchte. In der Tre begegnete ihm ein kleines Mdchen von acht
Jahren, seine Schwester. Ihre hnlichkeit mit der Mutter war unverkennbar,
vielleicht war sie auch deshalb deren Liebling.

"Guten Tag, Mama," sagte sie und umarmte diese so steif und abgemessen,
als wren auch Liebkosungen eine Pflicht, als htte ihr Rosi gesagt, ein
Kind umarmt seine Mutter, weil sich das so gehrt. Aber dennoch war die
Begrung mit der Tochter eine weit wrmere, als mit Fritz. Rosi strich
ihr ber den glatten, blonden Scheitel und band eine Schleife fest, die
sich an einem der kurzen Zpfchen gelockert hatte.

"Bist du auch schon da, Elisabeth?" fragte sie zrtlich; "zeige mal, wie
viel hast du denn in der Handarbeitsstunde gestrickt?"

Die Kleine zog einen langen Strumpf hervor und zeigte der Mutter, wie viel
sie heute daran gearbeitet hatte.

"Du bist ja ganz fleiig gewesen," sagte Frau Rosi, und ein stolzer Blick
glitt ber sie hin. "Jetzt geh und rufe den Vater zum Kaffee."

Nun legte auch die Superintendentin ihre Arbeit beiseite und ging an den
Kaffeetisch, wo sie die Kanne von der wrmenden Hlle befreite. Whrenddem
ffnete sich die Tr lautlos, und lautlos nherte sich dem Tische eine
hagere, alte Frauengestalt in einem schwarzen Kleide.

"Ach, du bist es, Tante Emilie," sagte Rosi und schrak ein wenig zusammen,
als sie dicht neben sich pltzlich den dunklen Schatten bemerkte.

"Nun, bist du schon zurck, ist die Sitzung vom Frauenverein vorbei?"
fragte sie freundlich.

Tante Emilie bejahte und setzte sich nieder. Stillschweigend zog sie einen
groen, grauen Strumpf aus der Tasche, und gleich darauf fingen die Nadeln
an zu klappern.

"Du bist aber auch immer fleiig, Tante," sagte Rosi, und ber das
faltenreiche Gesicht der Angeredeten glitt ein Lcheln der Befriedigung
bei diesen Worten. Sie war eine Schwester von Rosis verstorbener Mutter
und lebte seit einigen Jahren ganz bei ihrer Nichte, in deren Augen sie
als Muster galt, denn bei vielen wohlttigen Vereinen sa sie mit im
Vorstande. Dem Pastor war der stumme, strickende Gast an seinem Tische
keine angenehme Zugabe, und auch heute, als er eintrat, traf sie kein
allzu freundlicher Blick. Rosis Mann hatte sich wenig verndert, es war
noch dasselbe gutmtige Gesicht mit den blauen Augen, die Fritz von ihm
geerbt hatte. Nur blickten die seinigen kecker und selbstbewuter in die
Welt, Lebenslust und Freudigkeit leuchteten daraus hervor, zum heimlichen
Kummer von Rosi, die immer Leichtsinn dahinter witterte. Auch jetzt konnte
sie gar nicht begreifen, da der Junge ungeduldig auf dem Stuhle
herumrutschte; ach, drauen warteten ja schon die Freunde auf ihn.

"Kannst du denn gar nicht ruhig sitzen, Fritz?" bemerkte Rosi, indem sie
den Kaffee einschenkte. "Adolf, du mut wirklich mal streng gegen den
Jungen sein. Und wie it er nun wieder! So i doch nur langsam."

Sie schttelte unmutig den Kopf und reichte ihrem Manne die Tasse.

"Liebe Rosi, wollen wir nachher mit den Kindern einen Spaziergang machen?"
fragte der Pastor; "es ist so herrlich drauen."

"Nein, nein, das geht nicht," erwiderte sie. "Fritz mu arbeiten, er hat
wieder sieben Fehler im Extemporale. Sieben Fehler," wiederholte sie noch
einmal eindringlich ihrem Manne, als sie sah, da ihn diese Nachricht
nicht aus der Fassung brachte, und gab ihm unter dem Tisch einen kleinen
Sto, damit er etwas sagen solle.

"Ja, Fritz," begann der Pastor, indem er sich rusperte, - er tat dies
immer, wenn er zu einer ernsten Rede den Anlauf nahm, - "wie kommt denn
das?"

"Ach, Vater, das Lateinische macht mir einmal kein Vergngen," antwortete
der Junge offen.

"Siehst du, da hrst du's ja, Adolf," fuhr Rosi auf, "aus Fritz wird nie
etwas werden."

"Nun, nun," lenkte Adolf ein, denn er sah, wie dem Kinde bei diesen Worten
das Blut ins Gesicht stieg, "das wollen wir nicht hoffen." Und er strich
ihm beruhigend ber das blonde Haar.

Rosi schttelte den Kopf. Wollte denn ihr Mann gar nicht begreifen, da
Fritz streng behandelt werden mute? In ihren Gedanken stand es fest, da
aus ihm nichts wrde. Wenn sie dagegen Elisabeth nahm, das war ein braves
Kind, kaum da sie ermahnt zu werden brauchte, der lag das Pflichtgefhl
im Blute. Wie manierlich und bescheiden sie am Tische sa und ihr Brtchen
verzehrte; Fritz dagegen konnte berhaupt keinen Augenblick still sitzen.
Doch es war auch keine Kleinigkeit fr ihn, hier in der Stube zu hocken.
Die Sonnenstrahlen wurden immer zudringlicher, sie krochen an ihm herauf,
schienen ihm jetzt voll ins Gesicht, gerade als ob sie ihn rgern wollten;
blinzelnd wich er ihnen aus. Mutter Rosi war aber unerbittlich streng, die
Kaffeezeit durfte nicht abgekrzt werden. Was empfand sie von einem
Kinderherzen, das sich nach dem Schulzwange in die wundervolle Freiheit
sehnte? Endlich gab sie das Zeichen zum Aufbruche, Elisabeth holte das
Prsentierbrett und rumte die Tassen zusammen, Fritz schlpfte schnell
hinaus.

"Gar kein Ernst steckt in dem Jungen," begann Rosi das Thema wieder,
unbekmmert um Elisabeths Gegenwart, die sich im Vollgefhl ihrer
Tadellosigkeit sonnte; sie wute genau, da sie viel besser war als der
Bruder, die Mutter hatte es ihr ja oft genug gesagt.

"Du solltest nicht zu streng sein, Rosi," beschwichtigte der
Superintendent; "wenn du so viel tadelst, untergrbst du sein Ehrgefhl.
Ich war auch kein Held in der Schule, und es ist doch etwas aus mir
geworden."

"Du nimmst Fritz doch stets in Schutz, es ist merkwrdig; tadle ich ihn
wohl zu viel, Tante Emilie?" fragte Rosi diese erregt.

Tante Emilies rote Nasenspitze hob sich ein wenig und das "Nein", das sie
hervorbrachte, klang so dumpf, als kme es unter dem Tische hervor. Aber
das Gesprch fing an, sie zu interessieren, denn wenn sie den grauen Faden
um den Finger legte und dabei etwas lnger zgerte wie gewhnlich, so war
dies ein Beweis, da ihre Teilnahme auch noch von andrer Seite in Anspruch
genommen war. Ebenso interessierte Elisabeth die Unterhaltung der Eltern
aufs hchste, denn auch sie hielt in ihrem Eifer, mit welchem sie das
Geschirr abzurumen begann, inne und hrte andchtig zu.

"Elisabeth, mache, da du fertig wirst, geh dann hinaus und spiele mit
deinem Bruder," sagte der Vater der ihre lauernden Blicke bemerkt hatte.

"Ich mu arbeiten," erwiderte sie trotzig und ging hinaus, indem sie das
Geschirr stehen lie.

"Sage Minna, da sie den Tisch abrumt," rief ihr die Mutter in sanftem
Tone nach.

"Warum fhrst du das Kind so an, Adolf? Sie verdient es viel weniger als
Fritz," sagte Rosi vorwurfsvoll.

"Sie soll nicht horchen, wenn wir miteinander solche Dinge besprechen, das
gehrt sich nicht."

"Elisabeth versteht uns nicht falsch, das wei ich; sie kann dreist so
etwas mit anhren."

"Ich will es aber nicht," sagte der Pastor heftig und stand erregt auf.

Tante Emilies Augen folgten ihm hinter der groen Brille mit gespanntem
Blicke.

"Nimm dich zusammen, ich bitte dich, Adolf; du bist ja stets rgerlich,
wenn ich Fritz tadle, und an Elisabeth hast du immer etwas auszusetzen."

"Nein, du bist ungerecht, gegen Fritz zu strenge und gegen das Mdchen
schwach."

"Bitte, dann erziehe deine Kinder selbst," erwiderte Rosi spitz.

Die vorwitzigen Sonnenstrahlen kamen jetzt auch zu ihr und huschten ber
ihr Gesicht. rgerlich stand sie auf, lie das Rouleau herab, und die
kecken Eindringlinge waren nun ausgesperrt. Nervs rckte sie an den
Tassen, suchte die Krmchen von der Decke, whrend der Pastor an das
Fenster trat, das eben herabgelassene Rouleau wieder aufzog und
hinausblickte. Tante Emilie schrak ordentlich zusammen, als der grelle
Lichtschein so pltzlich wieder auf das dunkle Grau in ihren Hnden fiel.

Aber Rosi witterte eine Absicht ihres Mannes dahinter, als er die eben
verbannten Strahlen wieder hereinlie, und rief rgerlich:

"So la doch das Rouleau zu; du sahst doch, da ich es eben herunterlie,
weil mich die dumme Sonne blendete."

Die Stimmung der beiden Ehegatten war jetzt eine sehr gereizte, wie Tante
Emilie bemerkte, deren Blicke von einem zum andern wanderten, und
sicherlich wrde es noch zu weiteren Auseinandersetzungen gekommen sein,
wenn in diesem Augenblicke nicht Ilse und Nellie angemeldet worden wren.

Bei der Nennung dieser Namen erhob sich Tante Emilie wie auf Befehl,
packte ihr Strickzeug zusammen und verschwand ebenso lautlos, wie sie
gekommen war, denn die beiden Pensionsfreundinnen ihrer Nichte waren ihr
wenig sympathisch, sie nannte Nellie kokett, Ilse keck und frei.

Die Rte der Erbitterung lag noch auf Rosis Wangen, als die beiden
eintraten, aber sie bezwang sich und ging ihnen freundlich entgegen. Ihre
Begrung war ja nie eine strmische oder auch nur besonders herzliche,
wie sie sonst meist unter guten Freundinnen zu sein pflegt; die Pastorin
bewahrte stets eine gewisse Steifheit.

"Bitte, nehmt Platz," ntigte sie, indem sie auf die Plschgarnitur wies,
die in dem gedmpften Lichte wieder stumpf und farblos war.

"Wir dachten gar nicht, euch zu Hause zu treffen bei dem herrlichen
Wetter," sagte Ilse; "es ist zu schn, man mchte den ganzen Tag drauen
sein."

"Dazu habe ich nun leider keine Zeit." Rosi setzte solchen Aussprchen von
Ilse immer einen Dmpfer auf, auch lie sie gar zu gern einflieen, wie
viel sie zu tun habe und wie sehr ihre Zeit in Anspruch genommen sei.

"Ja, meine Frau hat viel zu tun," sagte nun auch der Pastor; er meinte es
wirklich ernst, denn Rosi redete es ihm ja fortwhrend ein.

"O, wir sind auch keine Faulpelze," erwiderte Nellie, "jede Hausfrau hat
zu tun."

"Ach, Kinder, ich mache es mir furchtbar bequem; immer an den Haushalt
denken, ist doch zu langweilig," rief Ilse bermtig. "Manchmal meine ich,
da ich berhaupt zu etwas andrem geboren bin, weil mir die Geschichte so
wenig Spa macht. Was essen wir heute, was essen wir morgen? Das ist das
ewige Motto. Leo mu oft den Kchenzettel machen, wenn ich keine Lust dazu
habe."

Rosis Gesichtsausdruck merkte man es wohl an, wie sie ber diese
uerungen dachte, sie antwortete aber nichts darauf, denn instinktiv
ahnte sie, da derlei nur gesagt wurde, um sie zu reizen. Sie fhlte sich
Nellie und Ilse innerlich vollkommen fremd, aber sie hielt es wiederum fr
ihre "Pflicht", eine Jugendfreundschaft nicht einschlafen zu lassen, und
schwieg deshalb zu vielem, was ihr an den beiden nicht gefiel. Als aber
Ilse heute mit ihrer Aufforderung zur Teilnahme an der geplanten Partie
herausrckte, da konnte sie nicht gut dazu schweigen. Was war das nun
wieder fr eine berspannte Idee, im Mondschein auf den Schneekopf zu
steigen! Das fehlte noch, da sie diesen Unsinn mitmachten! Innerlich war
sie deshalb auch emprt ber ihren Mann, da er berhaupt darauf einging,
und er schien wahrhaftig die grte Lust zum Mitgehen zu haben.

"Lieber Adolf," unterbrach sie das Gesprch, "wir wollen es doch erst
berlegen; du kannst gewi nicht fort."

Der Superintendent sah sie an, und aus ihren Blicken las er deutlich: Ich
will es nicht. Er schwieg daher mit einem leichten Seufzer.

"Aber dein Mann sagte doch eben, da er sehr gut knnte," meinte Nellie,
und der alte Schelm, den Rosi innerlich Bosheit nannte, lachte mal wieder
aus ihren Grbchen.

"Ich gehe keinesfalls mit," entschied die Pastorin. "Adolf kann ja
mitgehen, wenn es ihm Spa macht."

"Aber Rosi!" rief Adolf ganz erschrocken ber eine solche Zumutung.

"Aber denke doch, Rosi, ein solcher Weg im Mondenschein, wie poetisch!"
rief Ilse begeistert.

Rosi sah sie an und schttelte unmerklich mit dem Kopfe; sie begriff sie
eben nicht.

"Ach, ihr kommt doch noch mit," sagte lchelnd Nellie, als htte sie Rosis
Einwnde gar nicht gehrt.

"Nein!" gab diese schroff zur Antwort. Mit ihrer Geduld war es nun zu
Ende, und sie kochte innerlich.

Als die beiden Frauen fort waren, zog sich der Superintendent wohlweislich
in sein Zimmer zurck, denn die Wolken auf der Stirne seiner Rosi kndeten
nichts Gutes. Sie ging ihm aber nach und drckte die Tre hinter sich ins
Schlo.

"Ich begreife dich nicht, Adolf, da du immer und immer wieder etwas tun
willst, was deiner Stellung nur schaden kann."

"Ja, aber wie so denn, Rosi?"

"Ach, tue nur nicht so, du weit recht gut, was ich meine. Ilse und Nellie
denken eben leider sehr frei, was euch Mnnern natrlich das liebste ist
und am besten gefllt."

"Darin, da man eine Partie auf den Schneekopf macht, sehe ich nichts
Freies."

"Nein, darin nicht; aber machen sie diese Partie wohl, wie es Menschen
unsern Standes zukommt? Bei Nacht und Nebel wollen sie hinauf."

"Im Mondenschein," verbesserte er ruhig.

"Eine solche Albernheit fr erwachsene, verheiratete Menschen!" fuhr Rosi
fort.

"Du hast bei allem etwas auszusetzen; es ist oft nicht zum aushalten. Dann
la uns doch lieber den Verkehr mit deinen Freundinnen abbrechen."

"Das liebste wre es mir schon, ich tue es nur der Leute wegen nicht."

Adolf antwortete mit einem resignierten Achselzucken; er kannte diese
Litanei nun schon auswendig, und wenn Rosi in dieses Fahrwasser geriet,
gab es sobald kein Aufhren; er lie sie deshalb ruhig weiterreden.

"Du solltest mir lieber dankbar sein, da ich stets daran denke, wie die
Leute wohl dein Tun und Treiben auffassen. Ich halte es sogar fr meine
Pflicht, dich darauf aufmerksam zu machen."

Wenn Rosi ihr "Pflichtgefhl" als letzten Trumpf ausspielte, wurde ihre
Miene noch um einige Grade strenger. Der Pastor kannte auch diesen
Schlueffekt genau, und es war am besten zu schweigen, wenn sie bei diesem
Punkte angelangt war; er setzte sich daher an seinen Schreibtisch, holte
seine Bcher hervor, schlug sie auf und schien eifrig darin zu lesen. Dies
war fr seine Frau das Zeichen, da er sich auf keine weiteren
Errterungen mehr einlassen wrde; sie konnte sagen, was sie wollte, er
blieb stumm.

"Da du gleich so empfindlich bist," versuchte sie doch noch einmal
anzufangen.

Keine Antwort!

"brigens, mache doch die Partie mit, wenn dir soviel daran liegt. Ich,"
das Wort betonte sie besonders, "gebe mich zu solchen Dingen nicht her."

Wiederum Schweigen!

Adolf schien vertieft in seine Bcher, aber Rosi war heute noch lange
nicht fertig; mit nervsen Fingern zupfte sie an den Fransen der
Tischdecke.

Jetzt versuchte sie es mit einem andern Thema.

"Und dann wollte ich dich auch noch bitten, Adolf, da du etwas strenger
gegen Fritz bist, wir erleben sonst mit ihm noch etwas. Der Umgang mit
Gontraus hat entschieden einen schlechten Einflu auf den Jungen, und von
dem eigentmlichen Professor Fuchs, der fast immer dort ist und mit den
Kindern lauter Unsinn treibt, was sich fr einen Mann in solcher Stellung
doch wahrhaftig nicht schickt, lernen sie auch nichts Gutes."

Doch selbst hiermit konnte sie ihrem Manne keine Antwort entlocken, und
erregt wandte sie sich zum Gehen.

"Natrlich, wenn ich ernste Dinge mit dir besprechen will, dann hast du
keine Lust dazu, nicht mal ber die Kinder kann man sich aussprechen."

Der Pastor zuckte zusammen, als die Tre jetzt unsanft ins Schlo fiel,
stand dann aber auf und steckte sich seine Pfeife an.

Rosi schttete nun Tante Emilie ihr bervolles Herz aus und fand dort fr
alles einen lebhaften Wiederhall. Tante Emilie war mit ihr einer Meinung
ber den Leichtsinn von Fritz, ber die groe Schwche seines Vaters, ber
die Tadellosigkeit von Elisabeth und _last not least_, ber das freie
Benehmen der beiden Freundinnen. Darber hatte die Tante schon manches
gehrt, was sie heute wie mildernden Balsam in die erregte Seele von Rosi
trufelte, denn es war doch wenigstens ein Trost, da andre Menschen
ebenso dachten, wie sie.

                                  * * *

                              [Illustration]

Ilse betrachtete in den nchsten Tagen den Aprilhimmel mit besonderer
Spannung; das kleinste Wlkchen versetzte sie in lebhafte Unruhe, und wohl
hundertmal sah sie sich tagsber das Barometer an, trotzdem ihr Onkel
Heinz gesagt hatte, da das gar nicht ntig wre, denn wenn er sage, "es
bliebe gut," so "bliebe es auch gut". Er zeigte auf einmal ein lebhaftes
Interesse fr die Partie und sprach alle Tage vor, um dies und jenes zu
bringen, zu prfen oder zu besprechen. Ilses Stiefel wurden von ihm einer
grndlichen Prfung unterworfen, und dabei lie er eine lngere Philippika
gegen die Schuster im allgemeinen und denjenigen, welcher diese Schuhe
verbrochen hatte, insbesondere los. "berhaupt welcher Unsinn, so spitze
Schuhe zu tragen, da mssen ja alle Fe Krppel werden," behauptete er
und zeichnete einen normalen Fu auf und einen, der in spitzen Schuhen
gesteckt hatte. Beinahe wren sie wieder in Streit geraten, als Ilse
dagegen protestierte und behauptete, trotz der verpnten spitzen Schuhe
noch einen normalen Fu zu haben. Doch es ging diesmal noch gndig ab. Sie
merkte, da er sich wirklich auf die Partie freute, wenn auch die
Vorbereitungen mit der gewohnten Umstndlichkeit getroffen wurden.

Als Onkel Heinz zur verabredeten Stunde am Sonnabend Nachmittag auf dem
Bahnhofe erschien, konnten die andern kaum ein Lachen unterdrcken. Fr
eine Expedition auf den Groglockner konnte er nicht besser ausgerstet
sein, die dichtbeschlagenen Ngelschuhe hallten bei jedem Schritt wieder,
den er auf dem asphaltierten Bahnsteig machte. Ilse betrachtete sich
seinen ungeheuren Rucksack und fragte, ob er denn auch die Steigeisen
nicht vergessen htte. Er wurde etwas verlegen, und sie lenkte auch sofort
schnell wieder ein, als sie bemerkte, da er seinen Bart zu drehen begann,
das untrglichste Zeichen seines Unmutes.

Nellie und Ilse sahen flott und touristenmig aus mit ihren kurz
geschrzten Kleidern, den derben Schuhen und den Ruckscken auf dem
Rcken. Althoff und Gontrau hatten es sich schon bequem gemacht und ihre
Sachen ins Coup gelegt, whrend sie drauen noch auf und ab spazierten.

"Was machst du denn da?" fragte Ilse, als sie jetzt einstieg und sah, da
Nellie ihres Mannes Rucksack geffnet hatte und demselben eiligst Sachen
entnahm, die sie in den ihrigen steckte.

"Fred hat zu schwer zu tragen," sagte sie etwas verlegen und band schnell
die beiden Scke wieder zu. Derjenige ihres Mannes war nun sehr zusammen
geschrumpft, ihrer dagegen dick aufgeschwollen, Ilse wog sie beide in der
Hand.

"Um Gottes willen, Nellie, das willst du schleppen, whrend dein Mann fast
gar nichts zu tragen hat?"

"La nur, _darling_, la nur! Fred darf sich nicht anstrengen, er ist in
letzter Zeit so nervs," erwiderte Nellie, und bei dem Gedanken an das
Leiden ihres Fred stiegen ihr sofort die Trnen in die Augen.

"Aber dein Mann ist doch ganz gesund," sagte Ilse; "ein bichen nervs, du
lieber Gott, das sind fast alle Menschen, das ist nun einmal die
Modekrankheit."

Nellie schttelte wehmtig den Kopf. Ilse verstand sie in diesem Punkte
nicht, sie nahm die Sache viel zu leicht, _sie_ wute es aber besser.

"Du verwhnst deinen Mann viel zu sehr," fuhr Ilse fort; sie wute ja aus
dem Munde ihres gemeinschaftlichen Arztes, da Althoff wohl etwas reizbare
Nerven habe, im brigen aber kerngesund sei. Sie verstand wirklich die
Freundin hierin nicht und versuchte, sie bald in ernstem, bald in
neckischem Tone von der bertriebenen ngstlichkeit abzubringen.

Die kleine Reise bis zu dem Gebirgsstdtchen, einem Badeorte, von wo aus
der nchtliche Aufstieg unternommen werden sollte, wurde in bester
Stimmung zurckgelegt. Ilse war ganz besonders in ihrer gehobensten Laune
und steckte mit ihrer Lustigkeit alle andern an, auch Onkel Heinz, der ihr
dann und wann unter der Brille hervor einen strahlenden und bewundernden
Blick zuwarf und vergngt mitlachte.

Um diese Zeit waren die Touristen in dem beliebten Badeorte noch selten,
nach der langweiligen Winterzeit die Neugierde wahrscheinlich auch grer,
jedenfalls sahen groe und kleine Menschen unsern Wandernden nach, und
besonders wurden die Damen mit ihren Ruckscken auf dem Rcken vielfach
belchelt. Die Kinder liefen sogar hinterher und konnten sich nicht satt
daran sehen.

"Na, wollt ihr wohl, ihr infamen Krten!" wehrte Onkel Heinz sie mit
seinem Stocke ab, als sie die Urheber ihrer Heiterkeit auf alle mgliche
Weise schlecht zu behandeln versuchten. Aber ob sie nun sein bses Gesicht
nicht ernst nahmen, oder in ihm den Kinderfreund witterten, jedenfalls
strzten sie wie auf Kommando auf ihn los; er setzte sich in Trab,
schreiend liefen die Kinder hinter ihm her, bis er ganz auer Atem kam und
stehen blieb, um auf die brigen zu warten.

Die Strae, die sie durchschritten, dehnte sich fast endlos aus.
Villenartige Huser zu beiden Seiten rsteten sich schon fr die
Sommergste; es roch nach frischem Farbenanstrich, Fenster und Tren
wurden abgewaschen, auch schon neue Gardinen aufgesteckt, und in den
Grten ward gegraben und gepflanzt. Hinter einzelnen blanken Scheiben
prangten bereits groe Plakate: "Logis zu vermieten". Nur noch wenige
Wochen, und alles war fr die Fremden bereit, wie aus einer Spielschachtel
genommen. Dann wogte auch unter den alten Linden, die im Sommer der
Sammelplatz fr die Fremden waren, eine bunte Menge, die Kurmusik
anhrend, Kaffee trinkend, Kuchen essend, lachend und schwatzend, wie ein
Bienenschwarm durcheinander summend. Jetzt standen vor der Tre des
eleganten Restaurants die kleinen Kellnerlehrlinge in blauen Schrzen und
wuschen Tische und Bnke ab. Sie hielten in ihrer Beschftigung inne, als
die fnf einsamen Gestalten vorberkamen. Nun wanderten diese die Hhe
hinauf durch den Buchenwald, dessen zarte Knospen einen lichtgrnen
Schleier ber ihnen woben, und aus dessen Zweigen frhliche Vogelstimmen
tnten, wie eine Verkndigung des nahenden Frhlings.

"O, wie schn! Sieh nur, Fred," sagte Nellie so recht aus vollster Seele
und hing sich an seinen Arm.

Bald kamen sie an eine Lichtung, wo zwischen den abgehauenen Stmmen ein
wahrer Blumenflor wucherte. Anemonen, Primeln und Veilchen, zwar nur
sogenannte Hundsveilchen ohne Duft, aber von entzckender Farbe.

Die beiden Frauen strzten darauf los, und im Nu hatten sie einen groen
Strau gepflckt. Sie schmckten damit sich selbst, die Hte ihrer Mnner
und natrlich auch den von Onkel Heinz.

"Was soll ich denn mit den Dingern anfangen? Die sind ja im Augenblick
verwelkt," sagte er trocken, als Ilse ihm ein Struchen von Primeln und
Veilchen an den Hut steckte, aber schmunzelnd lie er sich doch diesen
Ausputz seines alten, grauen Filzes gefallen.

"Sehen Sie doch nur diese entzckende Farbenzusammenstellung von Blau und
Gelb!" rief Ilse.

"Kann ich nicht finden, viel zu grell," sagte er wieder ablehnend.

Ilse wandte sich ab.

"Na, denn nicht," meinte sie.

"Um Gottes willen, Gontrau, du lufst ja wie ein Wilder," rief Onkel Heinz
nach einer Weile, "man kann ja gar nicht mitkommen."

"Nun, dann gehen wir eben langsamer, Heinz; aber ich gehe doch wahrhaftig
nicht schnell," sagte Gontrau liebenswrdig und nderte sofort das Tempo
seiner Schritte.

"Langsam gehen ist die erste Regel. Hast du schon mal eine ordentliche
Bergtour gemacht, Gontrau?" fragte Onkel Heinz mit einem spttischen
Lcheln.

"Nun, ich denke doch! In der Schweiz war ich auf dem Monte-Rosa, in Tirol
habe ich den Ortler bestiegen."

"Ach, du lieber Gott, diese Hgel, ist ja eine Kleinigkeit!" rief Onkel
Heinz dazwischen und fing nun an, von den Besteigungen auf seinen Reisen
in andern Weltteilen zu erzhlen, allerdings an Gefahren und Abenteuern
reich. Ilse wollte nun auch ihrerseits einige boshafte Bemerkungen
einschalten, wie er es eben getan hatte, aber sie wurde durch seine
interessante Erzhlung so gefesselt, da sie schwieg und aufmerksam
zuhrte. Onkel Heinz war ein guter Erzhler, und wenn er so recht im Zuge
war, dann zeigte sich auch mehr als sonst sein Innenleben, und es war
durchaus keine verkncherte Junggesellenseele, die zum Vorschein kam.
Feine Beobachtungen und Stimmungen lie er durchschimmern, die man ihm
nicht zugetraut htte.

Eine gute Strecke waren sie inzwischen weiter gekommen. Die scheidende
Sonne vergoldete noch die hohen Tannenwipfel und durchleuchtete den
Himmel, vom feurigen Rot und Orange bis zum hellgoldigen Gelb, an das sich
in wirksamem Kontrast das duftige Blau und Violett des westlichen
Firmaments anschlo. Wie ein leichtes Frsteln ging es durch die Natur,
als der farbenprchtige Himmel allmhlich verblate, die goldig warmen und
die blulich khlen Tne in einem nebelhaften Grau verschwanden, und die
durchsichtige Scheibe des Mondes als Alleinherrscherin am Himmel stand.

Schnell huschte die Dmmerung wie ein leichter Schatten herbei, die
Gegenstnde verschleiernd. Die scharfen Umrisse gingen ineinander ber,
verschwommen wurden die fernen Linien, alles lste sich in eine traumhafte
Weichheit auf, und schlaftrunken zirpten die kleinen Snger des Waldes auf
den Zweigen.

Stumm schritten die Freunde weiter, nur manchmal sprachen die beiden Paare
im traulichen Flstertone zu einander. Einsam schritt ihnen Onkel Heinz
voran.

Jetzt kamen sie in einen Tannenwald, hier war es schon dunkler als
drauen, nur durch die Zweige schimmerte noch das helle Grau des Himmels.
Ilse wurde es etwas bnglich zu Sinne hier zwischen den hohen Bumen, sie
glaubte es berall knistern zu hren; bald sah sie sich ngstlich um, bald
sphte sie nach beiden Seiten in den dmmernden Wald. Mit jedem Schritte
wurde ihre Phantasie erregter, die dunklen Stmme und herabhngenden
Zweige nahmen alle mglichen Gestalten an, die schattenhaft an ihr
vorberzogen. Das Knacken und Knistern in den drren sten auf dem Boden
wurde immer deutlicher, jetzt sah sie auch genau, wie sich etwas bewegte.
Unwillkrlich klammerte sie sich noch fester an Leos Arm und starrte mit
angstvollen Augen dorthin, woher das Gerusch kam. Wie es in Augenblicken
groer Furcht gewhnlich ist, wagte sie nicht zu sprechen, kaum zu atmen.
Wenn sie berfallen wrden! Ihre lebhafte Einbildungskraft malte ihr die
schaurigsten Dinge aus, und gerade wollte sie Leo zuflstern, wie sehr sie
sich frchte, als pltzlich zwischen den hohen Stmmen etwas hervorkam -
ein groer Hirsch, der quer ber den Weg setzte und nach einer Lichtung
zulief, wo er send stehen blieb. Nun war der Geisterspuk erklrt, Ilse
atmete auf, aber ein Gefhl der Angst und Unsicherheit blieb doch in ihr
zurck, und da die lustige Ilse, die sonst den Ton angab, schwieg, waren
auch die andern meistens still.

Der Abend war nun ganz hereingebrochen, die Luft khl geworden, und dem
frhlingsjungen Waldboden entstrmte ein feuchter Erdgeruch. An der Seite
rauschte jetzt behende ein Wasser neben ihnen her, einschlfernd durch
seine eintnige Melodie, die sich anhrte, als snge es der zur Ruhe
gehenden Natur ein Schlummerlied.

"Es wird feucht," sagte Althoff und zog seinen Rockkragen in die Hhe.

"O, du frierst doch nicht?" fragte Nellie ngstlich und nahm ihr Tuch von
den Schultern, um es ihm umzulegen. Er wehrte ab, nicht gerade in der
liebenswrdigsten Weise.

"Es geht dir doch gut, Fred?" fragte sie wieder nach einer Weile, und
diesmal antwortete er liebevoller.

"Ja, ja, Kind, nur etwas einseitige Kopfschmerzen, wie gewhnlich."

"Soll ich dir ein Antipyrinpulver geben? Ich habe welches mitgenommen!"
fragte Nellie eifrig.

"Um Gottes willen, nehmen Sie doch nicht solches Zeugs," rief da Onkel
Heinz' Stimme. "Sie vergiften sich ja nur damit."

"O, es hilft Fred aber so gut," meinte Nellie.

"Ja, dann nehmen Sie Ihr Gift nur," erwiderte Onkel Heinz mit
Achselzucken, "aber hier, trinken Sie wenigstens einen Kognak als
Gegengift."

Er reichte ihm seine Flasche hin. Gegen jede Medizin hatte er etwas
einzuwenden, und wenn die Gontrauschen Kinder mal krank waren, lag er mit
Ilse stets im Kampfe, denn sie tat, was der Arzt anordnete, statt seinen
Ratschlgen zu folgen, und wenn er auf die "dummen Kerle", die rzte,
schalt, machte sie ihn mit seinen Mitteln und Mittelchen lcherlich.

Leo, der mit Ilse ein Stck vorausgegangen war, drehte sich jetzt um und
rief den andern zu: "Menschliche Wohnung in Sicht!" indem er dabei auf
einige helle Punkte zeigte, die in der Entfernung durch die Bume
blinkten. Nicht lange mehr und sie konnten die Umrisse eines Gebudes
erkennen, das wohl das Frsterhaus war, an welchem sie vorbeikommen
muten. Einsam lag es am Waldessaume, hohe, dunkle Tannen ragten
majesttisch darber hinweg und hoben sich vom helleren Himmel wie scharfe
Silhouetten ab. Die Tre des Wildgatters das den Wald abschlo, fiel mit
dumpfem Tone zurck, und nun standen die nchtlichen Wanderer in einem
Garten, der zum Frsterhaus gehrte. Ilses feine Nase witterte etwas wie
Veilchenduft, als sie an den frischen Beeten vorbeigingen. Im Erdgescho
waren die Fenster erleuchtet, man konnte ohne Mhe hineinsehen. Die
Frsterfamilie sa um einen runden Tisch versammelt, ber dem eine
Hngelampe brannte, und schien eben zu Abend gegessen zu haben, denn das
Tischtuch lag noch auf, und von seiner blendenden Weie fiel ein heller
Schein auf die rosigen Gesichter in der Runde. Echt deutsche Gemtlichkeit
durchwehte das einfache Zimmer mit den vielen Geweihen und den Buntdrucken
von dem Kaiser und der Kaiserin an den Wnden, sie lachte aus den
freundlichen Mienen der rotwangigen Hausfrau den blonden Kindern entgegen
und umgab auch die krftige Gestalt des Hausherrn, der sich gerade seine
Pfeife stopfte und die Zeitung vor sich liegen hatte. Den Drauenstehenden
tat es leid, dieses harmonische Bild zu stren, sie rhrten sich kaum und
betrachteten es mit Wohlgefallen. In diesem Augenblicke aber wurden die
Hunde im Zimmer unruhig, der Frster erhob sich, kam zur Tre heraus und
nahm die spten Gste freundlich auf. Er war nicht wenig erstaunt, als er
hrte, da die Gesellschaft noch in der Nacht auf den Schneekopf gehen
wollte; so etwas kam wohl im Sommer vor, aber zu dieser Zeit selten.
Schmunzelnd sah er sich die Frauen an, die frisch und unternehmungslustig
vor ihm standen.

"Das nenne ich aber Mut," sagte er zu ihnen. "Ein bichen Schnee wird's da
oben wohl noch geben."

"Wir frchten uns nicht davor, Herr Frster," erwiderte Ilse lustig und
warf ihren Rucksack auf den Stuhl.

"Kann man hier einen guten Kognak haben?" fragte Onkel Heinz und lie sich
in den alten Lehnstuhl am Ofen nieder, da die lahm gewordenen Federn
chzten.

"Alles, was Sie wollen! - Frau, die Herrschaften wnschen etwas zu
genieen," rief er hinaus.

Die Frsterin kam herein, ihre Blondkpfe hinter ihr her, aber diese
blieben neugierig an der Tre stehen. Nellie holte sich die Kleinen, auch
Onkel Heinz erhob sich von seinem bequemen Sitze und stellte allerhand
lustige Fragen an die Kinder. Ilse aber beschftigte sich mit den kleinen,
krummbeinigen Dackeln und dem braunen Hhnerhund mit den herabhngenden
Ohren und den treuen, klugen Augen. Er hatte sich ganz nahe an sie
gedrngt und lie sich von ihr am Halse krauen, und wenn sie einen
Augenblick innehielt, stie er sie mit der Schnauze an.

Die Rast war keine lange, denn Althoff und Leo drngten zum Aufbruche. Sie
hatten mit dem Frster, der ihnen eine kleine Strecke das Geleite geben
wollte, eingehend den Weg besprochen.

Auffallend khl war es geworden, als sie aus dem Hause traten, und in den
dunklen Tannenwipfeln ber ihnen rauschte es leise. Am Himmel stand ruhig,
silberglnzend der Mond, tausend und abertausend Sterne funkelten. Jetzt
verlieen sie die Landstrae, die sich als heller Streifen durch die Wiese
vor ihnen herschlngelte, und bogen in den steilen Waldweg ein, der
steinig und mhsam zu erklettern war. Hier schied der Frster von ihnen.

Nun ging's flott weiter, voran die beiden Damen, deren Hnde sich oftmals
krampfhaft zusammenfanden, wenn ein Gerusch zu hren war oder sie irgend
etwas Schreckhaftes zu sehen glaubten. Die Nacht bevlkert den Wald fr
furchtsame Geister ja mit allen mglichen Spukgestalten, sie hren, wo
nichts zu hren ist, und sehen, wo nichts zu sehen ist. Ilse besonders war
es nicht behaglich zu Mute, aber um keinen Preis wollte sie sich verraten,
wie wrde Onkel Heinz sie sonst wohl verspotten! Auf einmal zuckte sie
doch zusammen und konnte einen lauten Ausruf des Schreckens nicht
unterdrcken.

"Da, da!" rief sie und zeigte entsetzt nach oben.

"Seht ihr nicht die weie Gestalt?"

Eine weie Gestalt war allerdings zu sehen, ja sie schien nher zu kommen
und zu wachsen; selbst weniger Schreckhaften als Ilse wre es bei diesem
Anblick unheimlich geworden. In ihrer Herzensangst berhrte sie ganz die
spttische Bemerkung von Onkel Heinz, der herzhaft weiter- und auf das
Gespenst losschritt. Pltzlich tnte ein schallendes Gelchter durch die
Stille. Onkel Heinz war es, der sich neben die weie Geistergestalt
gestellt hatte und sich vor Lachen ausschtten wollte.

"Ihr Gespenst ist von Stein, Frau Gontrau, kommen Sie nur getrost und
sehen Sie es sich an!" rief er laut.

Ilse rgerte sich im stillen und schmte sich zu gleicher Zeit, da sie
ihre Furcht gezeigt hatte. Die vermeintliche weie Gestalt war ein heller
Stein, ein groer Wegweiser, der in dem matten Mondeslicht blendend
schimmerte.

"Von weitem konnte man den Stein ganz gut fr eine Gestalt halten," meinte
Leo, welcher bemerkt hatte, da Ilse dem Weinen nahe war und sie
entschuldigen wollte.

"Na, Gontrau," rief Onkel Heinz, "nun fngst du wohl auch noch an, an
Gespenster zu glauben?"

Und wieder erschallte sein Lachen durch die stille Nacht.

Ilse erschien es in ihrer aufgeregten Gemtsverfassung fast teuflisch! Ja,
Blen durfte man sich vor Onkel Heinz nicht geben, dann war man verloren.
Aber Rache ist s! Der Augenblick wrde schon kommen, wo Ilse sie ausben
konnte, jetzt war ihre Erregung zu gro, um etwas sagen zu knnen; sie
wich nicht von Leos Arm und sah sich oftmals scheu nach allen Seiten um.

                              [Illustration]

Bei dem Geistersteine verlieen sie den Wald, berschritten den Fahrweg
und waren nun auf der Hhe; nur wenig stieg es noch hinan. Ilse atmete
tief, der frische Hhenwind kam ihnen entgegen, und nach allen Seiten war
der Blick frei, keine beengenden Bume mehr, zwischen deren Stmmen man
allerlei vermuten konnte. Die Mondscheibe erschien hier oben riesengro,
ihr Glanz umgab die Gestalten mit silbernen Rndern und lag breit auf dem
steinigen Wege und auf den niedrigen Fhren, zu deren Fen unter
Steingerll ein flinkes Wsserchen gurgelte, hastend und strzend, als
htte es Eile, ins Tal hinunter zu kommen. Einen Augenblick blieben die
Wanderer stehen, um auszuruhen. Sie waren warm geworden, denn
unwillkrlich geht man in der Nacht schneller, als am Tage, das Auge wird
nicht fortwhrend abgelenkt, vielleicht treibt auch die geheimnisvolle
Heimlichkeit der Nacht schneller zum Ziele.

Die frische Luft khlte erquickend die erhitzten Wangen. Tief unten im
Tale blitzten hier und da Lichter auf, sonst war nichts zu sehen; einsame
Stille herrschte ringsumher.

"O, wenn uns Rosi jetzt sehen knnte!" sagte Nellie.

"Sie wrde uns fr verrckt halten," meinte Fred.

"Was die Leute nicht verstehen, das halten sie allemal fr verrckt,"
erwiderte Onkel Heinz. "Wenn es nicht das Herkmmliche ist, blauer Himmel,
goldner Sonnenschein, grner Wald u. s. w., dann ist die Natur nicht
schn, das kennt man ja. Die Menschen urteilen eben nur nach dem
uerlichen; sich in etwas zu vertiefen, ist zu langweilig, darum lassen
sie es lieber. Das ist nun einmal nicht anders."

Onkel Heinz hatte darin wohl trbe Erfahrungen gemacht! Auch ihn durfte
man nicht nach dem ueren beurteilen; um ihn kennen und schtzen zu
lernen, mute man ihn genau studieren, und selbst dann gab es noch oft
Stellen, wo man ihn nicht verstand, davon konnte Ilse ein Liedchen singen.
Doch heute fhlte sie sich sehr geschmeichelt, da der sonst stets
absprechende Professor Gefallen an der nchtlichen Partie fand, wie es
sein Ausspruch soeben bewies. Nach ihrer Meinung mute aber auch das
hrteste Gemt bei dieser Umgebung in poetische Stimmung geraten, von der
sie ganz erfllt war. Schaudernd und beseligt ergriff sie oft Leos Arm und
drckte ihn leise, wie sie es gerne tat, wenn ihr etwas gefiel.

Gegen zwlf Uhr sahen sie oben auf dem Bergrcken den Giebel eines Hauses
auftauchen, einige Schritte weiter und es erschienen die Fenster, auf
welchen das Mondlicht blulich schimmernd lag. Allmhlich wuchs das Haus
immer hher aus dem Boden empor, bis sie dicht davor standen. Ein groer
Kasten aus grauen Steinen, kahl und ernst! Der Wind rttelte an den
Holzlden vor den Fenstern und fuhr pfeifend um die Hausecken, in die
krummgebeugten Fhren, durch die hohen Grser. Drinnen lag schon alles im
tiefsten Schlummer. Die Tre war verschlossen, und erst, als man eine
Weile mchtig dagegen gehmmert harte, wurde ein schlrfender Schritt im
Hausflur hrbar, und die Tre tat sich auf. Die frhen und doch so spten
Gste muten erst ziemlich lange warten und sogar selbst Hand mit anlegen,
bevor es gemtlich wurde, aber dann lieen sie es sich auch wohl sein im
hellen Zimmer beim knisternden Holzfeuer im Ofen, beim Essen und Trinken,
dem eine wohlige Mdigkeit folgte. Doch diese whrte nicht lange, denn
Frau Ilse war in Stimmung, und das gab den Ausschlag bei den brigen. Sie
sprach viel Vernnftiges und Unvernnftiges durcheinander, war sprudelnd,
lebhaft, witzig und verstand es, die andern mit sich fortzureien.

Nellies Blicke hingen wie verklrt an ihrem Manne, dem die Partie so gut
zu bekommen schien. Die Kopfschmerzen waren ganz fort, wie sie meinte,
durch das Pulver, whrend Onkel Heinz behauptete, durch seinen guten
Kognak.

Auch der Professor war heute in seiner besten Laune, er stimmte in die
Scherze der brigen mit ein, war selbst der Heiterste und setzte allem die
Krone auf, als er schlielich in poetischer Form eine Rede auf Ilse, die
Urheberin dieser schnen Partie, hielt, welche mit groem Beifall
aufgenommen wurde.

"Ich htte gar nicht geglaubt, da Sie so poetisch sein knnen, Onkel
Heinz," sagte Ilse, als sie sich fr diese Aufmerksamkeit bedankte, und um
ihre Mundwinkel zuckte es spttisch.

"Wieso?" fragte der Professor erstaunt.

"Nun, einem so eingefleischten, nchternen Junggesellen, wie Sie es doch
sind, traut man alles eher zu, als gerade Poesie. Ich dachte, Sie knnten
nur ber alles spotten und hhnen."

Onkel Heinz sah sie ganz bestrzt an, er ahnte ja nicht, da dieser Hieb
die Rache dafr war, da er seine Freundin, Frau Ilse, vorhin so herzhaft
ausgelacht hatte. Wie ein kalter Wasserstrahl wirkten deshalb ihre Worte,
und es war gut, da man sich bald trennte, denn um seine lustige Stimmung
war es nun geschehen.

Erst spt erloschen die einsamen Lichter in dem einsamen Hause auf dem
Schneekopf. Aber der sanfte Schein des Mondes spielte noch auf den
Fensterscheiben, bis er im fahlen Dmmer des aufzeigenden Tages verblate
und die glnzende Morgensonne seinen Platz einnahm.

Nur einmal noch in der Nacht ging jemand durch die Haustre, den Kopf
dicht in den Rockkragen vergraben - es war Onkel Heinz. Unruhig schritt er
auf und ab, blieb einige Male stehen, und setzte sich dann auf einen der
hohen Steine, eifrig seine Bartspitze wirbelnd. Die harten Worte von Ilse
heute abend hallten noch in ihm nach, sie hatten ihn tief geschmerzt, und
er konnte deshalb keine Ruhe finden. ber seinem Haupte jagten die Wolken,
vom Sturme getrieben, am Mond vorber, aber Onkel Heinz hatte jetzt keinen
Blick fr solche Naturschauspiele, und er bemerkte deshalb auch nicht, da
am stlichen Himmel ein roter Schein zu sehen war, der in fortwhrender
Bewegung bald feurig, bald blasser leuchtete und allmhlich wieder
verschwand.

Lange noch blieb der Professor drauen.

Des Morgens erschien er erst, als die andern schon beim Kaffee saen. Es
sollte frh aufgebrochen werden. Onkel Heinz war nicht in der besten
Laune, er sagte, da er schlecht geschlafen habe, und schimpfte auf alles.
Die Betten wren zu kurz, das Zimmer bei geschlossenen Lden dumpfig
gewesen, und als er sie geffnet habe, htten sie geklappert, und das
helle Mondlicht htte ihn gestrt.

"O, Herr Professor, seien Sie nicht bse," sagte Nellie; "sehen Sie doch,
wie schn es drauen ist." Und sie zeigte hinaus in den goldenen
Frhlingsmorgen.

"Ja, das kann mir auch nichts helfen, deshalb habe ich doch schlecht
geschlafen," erwiderte er mimutig.

"Alter Freund, du bist wohl mit dem linken Fue zuerst aufgestanden?"
fragte Leo, indem er ihm auf die Schulter klopfte.

"Dummheit, solches altes Weibergeschwtz auch nur zu wiederholen."

Es war nichts mit ihm anzustellen heute morgen, trotzdem er von allen
Seiten um der schlaflosen Nacht und der andern Strungen willen lebhaft
bedauert wurde.

Brummend stieg er mit auf den Aussichtsturm, und obgleich er sagte, da es
berhaupt ganz gleichgltig sei, wie dieser oder jener Berg heie, oder
dieses oder jenes Dorf, es kme nur auf den malerischen Eindruck an, so
stritt er doch bei allem, was gesagt wurde, besonders wenn Gontrau etwas
behauptete.

Ilse, welche ahnte, da sie wohl die Schuld an seiner blen Laune habe,
hatte ihm innerlich schon die schnsten Beinamen gegeben, wie "alter
Junggeselle", "Brummbr" und dergleichen mehr, aber sie schlug doch einen
neckischen Ton ihm gegenber an, in der Hoffnung, ihn dadurch umzustimmen.

Lustig verlie die kleine Gesellschaft etwas spter den Schneekopf. Der
Himmel hatte sich inzwischen bewlkt, der auf der Hhe nie rastende Wind
trieb mit den Wolken sein Spiel, blies den blauen Rauch aus dem
Schornstein auseinander, rttelte an dem Eisengestell des Turmes und jagte
hinter den Gestalten der Wanderer her, da ihre Kleider und Mntel
flatterten. Zu dem Aufstieg in der zauberhaft stillen Mondscheinnacht war
dieser wilde Morgen ein greller Gegensatz. Die schneidende Luft trieb
Trnen in die Augen und blies die Backen feuerrot an.

"Schneeluft," sagte Althoff.

Er hatte recht, nicht lange mehr und die Wolken hatten den ganzen Horizont
bedeckt. Zuerst fielen nur einzelne weie Flocken hernieder, dann aber
wurde es ein lustiges Gestber, wie mitten im Winter. Locker und leicht
legte sich der Schnee wie eine weiche Flaumdecke auf die Frhlingsflur,
aber die Zweige und Halme beugten sich nicht unter seiner Last; es war ja
jetzt kein Ernst mehr mit dem Winter, der nchste warme Sonnenstrahl nahm
ihn wieder mit fort.

An verschiedenen Stellen lag auch noch der Winterschnee fuhoch, und
darber muten sie hinwegschreiten. Fast bei jedem Schritte sanken die
Fe bis ber die Knchel ein, was ein Hauptspa fr Ilse war. Sie fand
diesen "Winter im Frhling" herrlich und konnte ihr Entzcken nicht laut
genug uern, schon deshalb, weil sie bemerkte, wie Onkel Heinz sich
hchst rgerlich bis ber die Ohren in seinem Rockkragen versteckt hatte,
so da nur die Bartspitze herausguckte, und leise vor sich hinbrummte,
wenn er eine Schneeflche durchwaten mute. Auch Althoff war diese Art von
Hindernis nicht angenehm, Nellie verfolgte seine Mienen mit besorgten
Blicken, in denen zu lesen war: wenn es ihm nur gut bekommt.

"Liebster, ich mu dir einen Ku geben, so himmlisch finde ich es hier,"
rief Ilse begeistert, Leo herzhaft kssend, und stampfte mutig weiter,
umtanzt von den Flocken, die sich in ihre krausen Haare setzten und wie
Diamanten darin funkelten.

"Onkel Heinz, finden Sie es denn auch so schn?" rief sie herausfordernd
und warf ihm eine Handvoll Schnee ins Gesicht.

"Kann ich nicht finden," versetzte er unwirsch, nahm seine Brille ab und
wischte die Glser, die na angelaufen waren, wieder trocken.

"Ein Unsinn, Gontrau, da wir diesen Weg machen, er ist viel weiter und
schauderhaft schlecht; durch den Hirschgarten wren wir weit nher
gegangen," sagte er dann zu Leo.

Althoff und Leo stritten dagegen, aber Onkel Heinz blieb bei seiner
Behauptung. Schlielich wurde die Generalstabskarte herausgeholt, und die
drei Mnnerkpfe beugten sich darber, bis Onkel Heinz zugeben mute, da
er unrecht hatte.

"Die Juristen mssen ja immer alles besser wissen," sagte er.

"Und die Zoologen sind immer streitschtig," entgegnete Ilse schlagfertig,
Leo aber erwiderte lachend: "Aber Heinz, du hast dich doch nun auf der
Karte berzeugen mssen, da dieser Weg der krzere ist."

"Sind meistens falsch, die Karten, und mir deshalb gar nicht magebend,"
entgegnete der Professor in unerschtterlicher Streitsucht.

Nun wurde es aber Ilse zu viel, das Ma war voll und lief ber. Alle
Beinamen, die sie ihm am Morgen innerlich gegeben hatte, wiederholte sie
jetzt laut. Er mute anhren, da er ein alter Brummbr sei, der jede
Gemtlichkeit stre, und da er doch froh sein sollte, wenn zwei so nette
Ehepaare, wie sie und Althoffs wren, ihn alten wunderlichen Junggesellen
in ihrer Mitte duldeten, und sie begriffe Leo in der Tat nicht, warum er
sich die ewige Schulmeisterei von ihm gefallen liee, sie htte sich dies
schon lange nicht mehr von ihm bieten lassen. "Gott sei Dank, da Sie
keine Frau haben, Onkel Heinz, die rmste wrde ich bedauern," schlo sie
ihre Strafpredigt, die den andern hchst komisch erschien, denn sie
lachten laut darber, von dem Professor aber sehr ernst aufgenommen wurde.
Er sah sie ganz verdutzt an, als sie so lossprudelte, sagte aber nichts
dazu, sondern zog sich seinen Rockkragen noch fester ber die Ohren, die
Mtze tiefer in die Stirn, und schritt weiter.

"Seien Sie froh, Professor, da Sie nicht verheiratet sind, denn so machen
es die Frauen, sie halten immer Gardinenpredigten," versuchte Althoff zu
scherzen, aber Onkel Heinz blieb unempfindlich gegen alles, stumm und in
sich versunken ging er weiter.

Gegen Mittag hrte das Schneien auf, die Wolken zerrissen, der blaue
Himmel kam wieder zum Vorschein, und als sie unten im Tale ankamen, schien
die Sonne hell auf die blhende Frhlingslandschaft. In dem zarten Laube
hingen noch unzhlige funkelnde Regentropfen, der samtweiche Moosboden
erglnzte unter dem schimmernden Na, und auf den Wiesen, die sich als
eine weite, grne Flche bis zum nchsten Dorfe hinzogen, glitzerten
zwischen Halmen und Grsern feuchte Perlen; die Natur schien unter Trnen
zu lcheln.

Als unsre Freunde den schmalen Wiesenpfad verlieen, der in die Dorfstrae
einmndete, sahen sie schon von weitem eine dunkle Masse sich unruhig hin
und her bewegen, ber die hinweg ein blulicher Rauch in die Hhe zog.
Unter den Trnen, die hier noch in den Augen erglnzten, gab es kein
Lcheln, mit rauher Hand hatte das Schicksal eingegriffen und den
Bewohnern Schrecken und Kummer gebracht. Der rtliche Schein am Himmel in
letzter Nacht, der bis zum Schneekopf geleuchtet, und den Onkel Heinz
nicht bemerkt hatte, war der Widerschein des groen Feuers gewesen, dem
zwanzig Huser zu Opfer fielen. Ein wster Trmmerhaufen, aus dem es noch
hier und da schwlte und der seinen Brandgeruch weit entgegenbrachte, war
fast alles, was den rmsten von ihrer Habe geblieben war. Auf dem
regendurchweichten Wege stand das Wenige, das hatte gerettet werden
knnen, ein paar Sthle, Tische und Schrnke, ein Bndel Betten und
Kleider, armselige Sachen, schlecht und halb zerfallen, und doch, von wie
groem Werte fr ihre Besitzer, die sie immer von neuem betrachteten und
prften, ob ihnen auch nichts geschehen sei. Glcklicherweise war kein
Menschenleben zu beklagen, aber das meiste Vieh, Khe, Ziegen, Schweine,
war ein Raub der Flammen geworden. Der Pastor und der Ortsvorsteher
versuchten den Jammernden Mut einzusprechen, laut weinend standen die
Weiber umher, ngstlich an sie gedrckt die Kinder, bleich und verstrt
sahen die Mnner aus.

Das war ein trauriger Abschlu der schnen Partie und ein beschmendes
Gefhl schlich sich in die Seelen der Freunde bei dem Gedanken, da sie
die Nacht in Lust und Frhlichkeit zugebracht hatten, whrend nur wenige
Stunden von ihnen entfernt das Unglck in so verheerender Weise hauste.
Das trbe Bild verwischte denn auch sofort alle Eindrcke der letzten
Stunden, man dachte an nichts, als an das Feuer, von nichts andrem war
mehr die Rede. In dem kleinen Wirtshause, wo ihnen in aller Eile ein
Mittagessen hergerichtet wurde, sah alles verschlafen und bernchtig aus,
im Bette hatte ja in dieser schrecklichen Nacht niemand gelegen, wo jeder
in hellster Aufregung gewesen war.

Eintnig verlief das Mahl. - Der Wirt, der sich zu ihnen gesetzt hatte,
erzhlte den genauen Hergang des Brandes. Wie das Feuer entstanden, wute
kein Mensch, doch hatte sich jeder seine eigene Geschichte darber zurecht
gemacht. Der eine wollte wissen, da ein altes Weib mit dem brennenden
Licht auf den Boden gegangen sei, ein andrer, da es durch Kinder
entstanden wre, und wieder welche zwinkerten geheimnisvoll mit den Augen
und munkelten, da es "angesteckt" sein msse. So meinte auch der Wirt,
der sogar einen Racheakt dahinter vermutete. Ein Knecht, der von seinem
Bauern vor einigen Tagen fortgejagt worden war, Drohungen ausgestoen und
sich noch einige Tage im Dorfe umhergetrieben hatte, dann aber pltzlich
verschwunden war, sollte am vorigen Abend gesehen worden sein; auf ihn
lenkte sich der Verdacht. Nun, in der Untersuchung wrde es ja
herauskommen, wer der Anstifter gewesen sei, so schlo der Wirt seine
Rede.

Nach dem Essen wurde der Brandplatz noch einmal aufgesucht. Althoff und
Gontrau besichtigten die Brandsttte mit dem Pastor zusammen, Nellie und
Ilse gaben den Frauen einiges Geld und sprachen trstende Worte zu ihnen,
die Ilse trivial und nichtig fand; in diesem Augenblicke, wo den Leuten
alles genommen war, da konnte ihnen nur durch die Tat geholfen werden,
denn auch die besten Trostesworte wrden ihnen das Verlorene nicht wieder
bringen. Hilfe mu auf jeden Fall geschaffen werden! Ja, aber wie? Das war
die Frage, die sich jeder einzelne stellte, als Ilse auf dem Heimwege die
Rede darauf brachte. Mit Wenigem war hier nichts auszurichten. Allerhand
Vorschlge wurden gemacht und wieder verworfen. Nellie riet zu einem
Bazar, aber vor nicht langer Zeit hatte erst einer zum Besten der
Waisenkinder stattgefunden, da wrde jetzt wohl ein zweiter nicht viel
Anklang finden. Althoff wollte ein Schlerkonzert veranstalten, das war
schon eher etwas, Ilse meinte, man sollte einfach sammeln, Onkel Heinz
aber sagte gar nichts; er schwieg zu allem und sah auf der Eisenbahnfahrt
hartnckig aus dem Fenster hinaus. Doch man war viel zu sehr mit dem
neuesten Ereignisse beschftigt und schenkte seiner Schweigsamkeit deshalb
keine Beachtung. Die Vorschlge wurden nochmals berlegt und geprft, bei
dem einen war dies, beim andern jenes auszusetzen, so recht schien noch
keiner zu gefallen, als Leo pltzlich auf den Einfall kam: eine
Dilettantenvorstellung im Theater! Das Wort wirkte zndend, besonders auf
Ilse, welche die Idee mit Begeisterung ergriff.

"Ein famoser Gedanke!" rief sie ein ber das andre Mal, und auch die
brigen stimmten ihr bei, ausgenommen Onkel Heinz, dessen spttisches
Zucken um die Mundwinkel Ilse glcklicherweise nicht bemerkte. Sie war
Feuer und Flamme! Eine Dilettantenvorstellung war etwas ganz Neues, das
mute ziehen. Sicher wrde man ihnen zu diesem guten Zwecke das Theater
gern berlassen, meinte Leo, und Ilse drngte, da er schon gleich morgen
Schritte dazu tun sollte. Sie konnte es kaum mehr erwarten, bis die
Geschichte in Gang kam. Nun aber war die wichtige Frage, die natrlich
auch sofort errtert wurde, "welches Stck?" Das war gar nicht so einfach,
denn was fr Schauspieler gut und passend war, brauchte fr Dilettanten
noch lange nicht geeignet zu sein. Da gab es mancherlei zu bedenken und zu
berlegen. Wenn der eine dies oder jenes Stck vorschlug, hatte wieder der
andre alles mgliche daran auszusetzen, und so ging es fort, ohne da sie
zum Schlu kamen.

"Herr Professor, wissen Sie denn kein Stck, das Dilettanten spielen
knnten?" fragte Althoff endlich den schweigsamen Onkel Heinz, der die
Telegraphenstangen zu zhlen schien, so beharrlich sah er nach ihnen
hinaus.

Da kam der Direktor aber an den Rechten; fr Komdienspiel hatte der
Professor nie viel brig gehabt.

"Mit Theaterstcken wei ich nicht Bescheid, ich habe mein Lebtag mehr zu
tun gehabt, als solche Narrheiten zu treiben," war die scharf betonte
Antwort.

Hu, wie grob! Aber Althoff kannte Onkel Heinz hinreichend und war weit
davon entfernt, ihm seine unfreundliche Antwort bel zu nehmen. Er lachte
darber, und die andern lachten auch, bis auf Ilse, die dem Professor
einen Blick zusandte, der sehr beredt war. -

Der Mond strahlte wieder ruhig und sanft, als die beiden Ehepaare und der
schweigsame Hagestolz vom Bahnhof nach Hause gingen. Beim Anblick des
milden Lichtes hoch ber ihnen kehrte die Erinnerung an den gestrigen
Abend lebhaft zurck und verdrngte fr einige Zeit das letzte Erlebnis.
Es war doch herrlich gewesen, drauen zu wandern im Mondenscheine, der
heller, reiner gestrahlt hatte, als heute abend bei der nebligen Luft, die
ber der Stadt lagerte und ihn nicht zur vollen Wirkung kommen lie. Matt
lag er auf den Schieferdchern, auf den hellen Hauswnden und den grauen
Straen, an den erleuchteten Fenstern erlosch er ganz zum blassen
Schimmer.

Onkel Heinz verlie die brigen nach kurzem Gutenachtgrue an der Strae,
die nach seinem Hause fhrte. Einsam verhallten seine Schritte durch die
stille Nacht.

                                  * * *

Mit einem wahren Feuereifer betrieb Ilse die Vorbereitungen zu der
Wohlttigkeitsvorstellung. Leo hatte am Tage nach der Partie das Ntigste
besorgt, und das Theater war ihm zu diesem Zwecke gern berlassen worden.
Tglich wanderten Ste von Bchern aus der Leihbibliothek in das
Gontrausche Haus, jeden freien Augenblick benutzte Ilse, um zu lesen, zu
whlen. Nachmittags kam regelmig Nellie, und der Abend wurde dazu
verwandt, bei ihr oder Gontraus groen Kriegsrat zu halten. Und wen die
Sache noch aufs hchste interessierte, das war Ruth! Mutter und Vater
wollten Theater spielen, darin lag fr sie ein groer Zauber! Schon einige
Male war sie in Kindervorstellungen gewesen, dann hatte sie aber vor
Aufregung nicht einschlafen knnen, und die nchsten Tage wurde nichts
anderes gespielt als Theater. Leo hatte schlielich verboten, sie wieder
mitzunehmen, aber das, was sich in ihrem kleinen Hirne weiter fortspann,
konnte er doch nicht verhindern. Heimlich stellte sie sich vor den
Spiegel, ordnete die Haare phantastisch, sprach oder sang laut und
begleitete Rede und Gesang mit lebhaftem Mienenspiel; so trieb sie es eine
Zeitlang, bis andre Eindrcke diesen in ihrer jungen Seele verwischten.
Doch jetzt erwachte der Sinn dafr pltzlich wieder aufs lebhafteste, sie
horchte mit neugierigen Augen und Ohren auf alles, was die Eltern
sprachen. Das glnzende Haus mit den vielen Lichtern, der geheimnisvolle
Vorhang, der sich beim Klingelzeichen aufrollte und sie in eine
Mrchenwelt eingefhrt hatte mit all ihrem bunten Glanz und Flimmer, das
stand wieder deutlich vor ihrem Geiste, und sie war ganz erfllt von dem
Kommenden. Auch der Schwester versuchte sie etwas von dem zauberhaften
Reize des Theaters beizubringen. Vergebens! Marianne sah sie mit ihren
groen, blauen Augen verstndnislos an, sie hatte mehr Sinn dafr, ihre
Puppen wie eine richtige kleine Mutter zu hegen und zu pflegen. Ruth
dagegen fhrte allerhand Komdien mit denen, die ihr gehrten, auf, und
wenn das Personal zu ihren Vorstellungen nicht ausreichte, dann nahm sie
in ihrem Eifer Mariannes Puppen, die meistens gerade schliefen oder krank
im Bette liegen muten, und schleppte sie aus ihrem behaglich stillen
Leben mitten zwischen ihr Theatervolk hinein. Trnen, Streit und ein
Richterspruch von Ilse bildeten meist den Schlu.

Nach langem Whlen hatte man sich endlich fr drei Einakter entschieden:
"die Jugendliebe" von Wilbrandt, "das erste Mittagessen" von Grlitz und
"die Hochzeitsreise" von Benedix. Die Stcke hatte man nun glcklich, doch
jetzt kam etwas nicht minder Wichtiges, fr das zu sorgen war, nmlich:
die Darsteller. Mit wieviel Schwierigkeiten da zu kmpfen ist, kann nur
derjenige nachfhlen, der einmal eine Dilettantenvorstellung
zustandegebracht hat.

Im Geiste hatten Ilse und Nellie schon alle Rollen besetzt, und wie
erstere glaubte, brauchte man nur an die Tren zu klopfen, um gefllige
Mitwirkung zu bitten, und mit Freuden wrde jeder einwilligen, sich fr
einen so guten Zweck herzugeben.

Deshalb wanderten auch die beiden Freundinnen - zu zweien geht so etwas
viel besser - eines Tages wohlgemut los, um sich ihre Knstlerinnen
zusammen zu holen.

Ihr Mut sank schon nach den ersten Versuchen um etliche Grad tiefer, und
Ilse hatte sich bereits einige Male sehr energisch ber die kleinlichen,
engherzigen Ansichten der Menschen ergangen.

"Theaterspielen auf einer ffentlichen Bhne!" Das war fast in allen
Husern dasselbe Stichwort, und ein gewisses Nasenrmpfen dabei, als ob
von den hheren Tchtern etwas Unerhrtes verlangt wrde, brachte Ilses
Blut in Wallung.

"Nein, meine Liebe," sagte z. B. Frau So und So, "das knnen Sie nicht von
meinen Tchtern verlangen, sich der ffentlichen Kritik auszusetzen."

"Ja, aber Ihre Tchter reichten doch im Bazar Bier und belegte Brtchen
herum," gab Ilse zur Antwort. "Haben sie sich denn da nicht auch der
ffentlichen Kritik ausgesetzt?"

"Ja, sehen Sie, das war doch nicht im Theater, das ist etwas ganz andres."

Inwiefern das "etwas andres" war, konnte Ilse nicht herausbekommen, trotz
einer lngeren Erklrung der Dame, die es wohl selbst nicht wute. Die
beiden gaben jeden weiteren Versuch auf.

Eine junge Frau, welche aufgefordert wurde, meinte, das ginge doch nicht,
da sie sich auf einer ffentlichen Bhne zeigte, denn ihr Schuster, ihre
Schneiderin knnten ja nachher sagen: "Gndige Frau, was haben Sie aber
schn gespielt!"

"O," erwiderte Nellie mit ihrem liebenswrdigsten Schelmengesicht, das sie
stets aufsetzte, wenn sie einen besonders guten Trumpf ausspielte, "Sie
brauchten sich doch darber nur zu rgern, wenn Ihr Schuster und Ihre
Schneiderin fnden, da Sie schlecht gespielt htten."

"Ja, aber ich bitte, meinen Sie denn, da mir berhaupt an dem Urteile
solcher Leute etwas liegt?" erwiderte die junge Frau pikiert. "Ich will
mich nur ihrer Kritik nicht aussetzen."

"Schuster und Schneiderinnen sind doch auch Menschen, und es ist doch
keine Schande, ihr Urteil anzuhren," sagte Ilse, innerlich emprt ber
solche Anschauungen.

Die junge Frau zuckte mit den Achseln und meinte, darber dchte sie nun
einmal anders.

Mit khlem Gru verabschiedeten sich die beiden.

"O, was ist sie verrckt," sagte Nellie laut lachend, als sie auf der
Strae standen, aber Ilse war schon ganz kleinmtig geworden und wollte
die Sache aufgeben. Sie kam sich vor, als ginge sie an den Tren betteln
und wrde berall abgewiesen. Der gute Zweck allein hatte ihnen doch den
Gedanken an eine Auffhrung eingegeben, und mit freudigem Herzen hatten
sie das Werk begonnen. Ilse war im hchsten Grade aufgeregt; beinahe fing
sie an zu weinen und wollte schon die Flinte ins Korn werfen, aber die
viel ruhigere Nellie gab die Sache noch lange nicht auf.

"O, so leicht geht das nicht; Fred meinte das gleich. Nur Mut, _darling_,"
trstete sie.

Bei der nchsten Anfrage hatten sie denn auch wirklich mehr Glck; ja die
Idee wurde sogar mit groer Begeisterung aufgenommen. Man tat gern etwas
fr die armen Leute, von deren Unglck die Zeitungen schon viel berichtet
hatten. Die Dame, welche ihre Zustimmung gab, die sich wie ein lindernder
Balsam auf Ilses leidenschaftliche Erregung legte, war allerdings schon in
den Jahren, wo ein junges Mdchen anfngt, "ein lteres junges Mdchen" zu
werden, aber im Vergleich zu ihren beiden noch lteren Schwestern und
ihrer betagten Mutter blieb sie doch immer die jngste und wurde "das
Kind" genannt. "Das Kind" hatte eine schngeistig angelegte Natur, sie
dichtete sogar in stillen Stunden, hatte reges Interesse fr das Theater,
selbst - "mit vielem Talent", wie die Schwestern einschalteten, - schon
oft gespielt, und war gern bereit, eine Rolle zu bernehmen.

"Vielen, vielen Dank fr Ihre liebenswrdige Zusage, Frulein Born," sagte
Ilse mit einem herzlichen Hndedruck beim Fortgehen und versprach ihr,
bald Nachricht zu geben, wann die Leseprobe stattfinden sollte.

"Das alte Frulein kann die taube Tante in der Jugendliebe geben," sagte
Ilse drauen zu Nellie, whrend das "alte Frulein" drinnen bereits mit
der jungen Frau in der "Hochzeitsreise" liebugelte und die Schwestern
sogar meinten, den Backfisch in der Jugendliebe knnte sie auch noch sehr
gut spielen, sie htte sogar das richtige Temperament dazu.

Ilse war hoch erfreut ber den Erfolg in diesem Hause, sie dachte ja mit
keinem Gedanken daran, da dieser gefangene Fisch noch gewaltig im Netze
zappeln wrde, wenn sich ihm das Schicksal in Gestalt der "tauben Tante"
nahte.

Bei dem Doktor Schmidt, dem gemeinschaftlichen Hausarzte von Althoffs und
Gontraus, klopften sie auch nicht vergeblich an. Die Eltern hatten nichts
dagegen, und die beiden Tchter nahmen das Anerbieten mit groer
Lebhaftigkeit auf; sie versprachen auch noch eine Freundin mitzubringen,
ein frisches Mdchen, die gewi gern eine Rolle bernehmen wrde.

                              [Illustration]

Der Rundgang konnte nun als beendigt gelten, da die Rollen so ziemlich
besetzt waren. Fr die Herren sorgten Althoff und Gontrau; bei ihnen ging
es viel einfacher, als bei den Damen. Ein "Ja" oder "Nein", und die Sache
war abgemacht.

Ilse und Nellie erzhlten, als sie heimgekommen waren, beim Mittagessen
ihren Mnnern die Erlebnisse des Vormittags. Ein klein wenig war Ilses
Begeisterung, die vorher den hchsten Gipfel erreicht hatte, doch schon
herabgesunken. Sie hatte geglaubt, ein jeder wrde die Idee mit ihren
Augen ansehen, und an etwaige Hindernisse, die in den Weg kommen knnten,
gar nicht einmal gedacht. Nach der Leseprobe aber berzeugte sie sich noch
mehr, da eine Dilettantenauffhrung zustande zu bringen nicht so schn
und leicht ist, wie sie es sich ausgemalt hatte, und Leo mute ihr immer
wieder Mut einsprechen. Er bernahm die Regie, Althoff war Inspizient und
Requisitenmeister.

Endlich fand die Leseprobe glcklich statt. Glcklich?

Nein, das ist zuviel gesagt, denn glatt ging sie nicht ab. Die "taube
Tante" in der "Jugendliebe" wurde mit Entrstung von Frulein Born
zurckgewiesen, und die beiden Frulein Schmidt zogen lange Gesichter, als
ihrer Freundin, die sie doch erst eingefhrt hatten, die reizende
Backfischrolle der Adelheid in der "Jugendliebe" gegeben wurde.

"Ach, das Dienstmdchen soll ich spielen?" sagte Erna, die lteste
Schmidt, im langgezogenen Tone, und ihre Schwester Mietze meinte, die
Rolle der sanften "Betty" in der "Jugendliebe" passe ihr auch nicht recht
und wre doch zu kurz.

Da stiegen schon wieder Wolken auf, und erst, nachdem Leo ziemlich
bestimmt seine Rechte als Regisseur geltend gemacht hatte, kam die Sache
etwas in Gang.

"Ja, meine Damen," hatte er gesagt, "wenn Sie sich nicht in die Rolle
fgen wollen, die ich Ihnen bestimme, dann wird aus der Geschichte nichts.
Wir mssen vor einem groen Publikum auftreten und wollen uns doch nicht
blamieren."

Das war ziemlich deutlich, niemand wagte dagegen etwas einzuwenden, und es
wurde mit verteilten Rollen gelesen. Ilse sollte die junge Frau im "ersten
Mittagessen" geben, Nellie die in der "Hochzeitsreise"; die beiden
Ehemnner wollte Gontrau spielen. Althoff hatte es abgelehnt, aktiv
mitzuwirken, aber er wollte bei den Proben zugegen und ein scharfer
Kritiker sein.

Am Tage nach der Leseprobe erhielt Ilse zwei Briefchen. Ahnungslos ffnete
sie dieselben, aber gleich darauf erschien sie beinahe weinend bei Leo,
der gerade in der tiefsten Arbeit steckte, da er voraussah, da ihm in den
nchsten Tagen wenig Zeit brig bleiben wrde.

"Was gibt's denn schon wieder?" fragte er rgerlich ber die Strung.

"Da, hier lies," rief Ilse. "Frulein Born will die taube Tante nicht
spielen, und dann schreibt mir auch Erna Schmidt, ihre Mutter wnsche
nicht, da sie als Dienstmdchen in die ffentlichkeit trete. Wenn sie
spter wieder mit den ihr bekannten Herren auf den Bllen zusammentrfe,
knnte das zu Miverstndnissen fhren. Was sollen wir nun tun? Es wird ja
nichts, es wird sicher nichts, Leo! La uns die Sache aufstecken,"
jammerte sie.

Zur rechten Zeit erschien Nellie, und es gelang ihr im Verein mit Leo,
Ilse zu trsten und zu beruhigen, bis sie schlielich auf dem Standpunkt
der beiden anlangte und sich mit ihnen zusammen ber alles lustig machte,
denn im Grunde genommen war es doch hchst amsant, die Menschen auch mal
bei solcher Gelegenheit kennen zu lernen.

Nellie berbrachte einen Vorschlag ihres Gatten, der mit Gontraus
Einwilligung bereit war, einen Prolog zu verfassen.

"Herrlich, herrlich," rief Leo, "und wie wre es, wenn wir Frulein Born
als Kder den Prolog gben, damit sie uns dann die taube Tante spielt?"

"O, das tut sie, das tut sie gewi!" meinte Nellie.

"Ja, und das Dienstmdchen im 'ersten Mittagessen', wer wird das
bernehmen?" fragte Leo.

"Das spiele ich und gebe Erna Schmidt die junge Frau in demselben Stck,"
sagte Ilse pltzlich. "Die Rolle des Dienstmdchens ist ja eigentlich viel
hbscher; da ich daran nicht gleich gedacht habe!"

"O, wie schade, du wrdest als junge Frau so nett sein," sagte Nellie.
"Kann ich nicht das Mdchen spielen? Aber ein Dienstmdchen mit englischem
Akzent pat doch wohl nicht?"

Nein, nein, wie Ilse sagte, sollte es bleiben, sie bernahm das
Dienstmdchen.

Beide Freundinnen machten sich nun abermals auf den Weg, um die verlorenen
Krfte wieder einzufangen.

Erna wollte mit Freuden die Rolle der jungen Frau geben, und mit einigem
Zureden gelang es auch, Mietze zu berzeugen, da die Rolle der sanften
Betty in der "Jugendliebe" zwar klein, aber doch sehr hbsch sei.

Gott sei Dank, das war in Ordnung gebracht!

Etwas schwieriger wurde die Situation bei Frulein Born. Die jungen Frauen
wurden von den beiden lteren Schwestern empfangen, das "Kind" war in der
Singstunde, mute aber jeden Augenblick kommen. Steif und unnahbar saen
die beiden Frulein Born da, und die Unterhaltung mit ihnen bereitete
einige Verlegenheit. Die "taube Tante" flog wie ein Fangball zwischen
beiden Parteien hin und her. Die ltlichen Schwestern meinten, zu einer
solchen Rolle sei denn das "Kind" doch noch zu jung, warum gerade sie
diese Rolle spielen sollte, whrend Ilse ihnen ziemlich heftig die Vorzge
derselben auseinandersetzte.

Das "Kind" erschien, und mit aller Entschiedenheit wies sie die "taube
Tante" von sich, indem sie erklrte, berhaupt nicht mitspielen zu wollen.

"O," rief Nellie mit gut geheucheltem Bedauern, "mein Mann hat einen
schnen Prolog gedichtet und hoffte, da Sie ihn als Muse sprechen
sollten; o, wie schade, da Sie nicht mitwirken wollen."

"Einen Prolog?" fragte Frulein Born einlenkend, und ber ihr Gesicht ging
es wie ein Leuchten. Sie sah sich im Geiste schon als Muse dastehen,
weies Gewand, klassischer Faltenwurf, grner Epheukranz auf dem
griechischen Haarknoten. Das war etwas, ja, das war das Richtige fr sie!

Ohne langes Zgern gab sie ihr Jawort - wenn es auch leider noch nicht vor
dem Altare war - und erklrte sich nun ohne weiteren Widerspruch bereit,
die "taube Tante" mit in den Kauf zu nehmen. Schlielich, damit trstete
sie sich, war es doch nur eine groe Selbstverleugnung von ihr, die Rolle
einer Alten zu spielen, und das wrde man auch gewi allgemein anerkennen.

Mit einem Seufzer der Erleichterung gingen die beiden jungen Frauen wieder
aus dem Hause; vor diesem Gange hatten sie besonders groe Angst gehabt.

Die Aufregungen, in welche ein lebhaftes Gemt durch solche Vorbereitungen
versetzt wird, blieben auch bei Ilse nicht aus; wachend und schlafend
beschftigte sie sich nur mit dem Theater, nachts hielt sie fters lngere
Selbstgesprche, bald heiterer, meist aber angstvoller Art. Da sie die
Sache auf die leichte Schulter nahm, konnte man nicht behaupten, sie hatte
eine groe Angst, ob alles gut gehen wrde.

Einige Proben waren bereits bei Gontraus im Hause gewesen, heute sollte
nun die erste auf der Bhne stattfinden.

"Mutter, la mich mitgehen," bettelte Ruth mit glnzenden Augen, aber Ilse
wies ihre Bitte zurck. Kinder konnte man nicht auch noch gebrauchen, wo
so wie so schon alles etwas kunterbunt herging, sie wurde deshalb bis zur
Generalprobe vertrstet.

Laut weinend ging Ruth ins Kinderzimmer zu Marianne und klagte dieser
leidenschaftlich ihr Leid, die so etwas nicht begreifen konnte. -

Das Theater, von der Bhne aus gesehen, kannte fast keiner der
Mitwirkenden, und mit neugierigen Blicken wurde es deshalb gemustert.
Heute trug es ein andres Ansehen, als wenn es abends bei den Vorstellungen
im hellen Lichterglanze strahlte. Der Vorhang war hoch gezogen, dunkel und
tot lag der Zuschauerraum vor ihnen, welchen sonst das vielkpfige
Ungeheuer Publikum belebte, das auf den roten, jetzt mit grauen Hllen
berzogenen Samtsitzen sa und ber die goldverzierten Brstungen lehnte.
Da wurde sonst geplaudert, gelacht, kritisiert, da sah man heitere
Gesichter, wenn es ein Lustspiel gab, und traurige, wenn die Muse ernst
war. Da wurden Blicke ausgetauscht, und manches Opernglas richtete sich
nach dem Platze, wo ein blhendes junges Mdchenantlitz zu sehen war. Wie
bekannt erschien das alles und doch wieder wie fremd! Man zeigte sich
untereinander die Pltze, wo man auch oft gesessen und erwartungsvoll nach
dem Vorhange geschaut hatte, hinter dem sie nun diesmal selbst stehen
sollten, um vor den neugierigen Blicken der groen Menge drauen zu
erscheinen. Etwas Herzklopfen machte sich bei diesem Gedanken bemerkbar,
einige beschlich schon heute das Lampenfieber. Und als man das Interesse
der Bhne zulenkte - das waren nun also die Bretter, welche die Welt
bedeuten! Neugierig wurde die Bhne von allen Seiten betrachtet; nchtern,
de, geschftsmig sah es hinter den Kulissen aus, das hatten sich die
meisten doch anders gedacht! Man mute sich in acht nehmen, nicht ber
Gerte und Stricke zu stolpern, und wie grellfarbig erschienen die
Kulissen, die abends beim Lampenscheine so wunderbar wirkten und die Natur
tuschend nachahmten. Ein bhnenkundiger Herr zeigte die Donnermaschine,
lie es regnen und den Wind unheimlich heulen, erklrte den Schnrboden,
stieg in die Versenkung und kam wieder herauf, und konnte die vielen
wibegierigen Fragen, die an ihn gestellt wurden, kaum alle beantworten.
Aber trotz mancher Enttuschung ber das "hinter den Kulissen" blieb doch
die Wirkung des gewissen "Etwas", was man Theaterluft nennt, nicht aus,
die der eine mehr, der andre weniger empfand. Ilse atmete sie mit vollen
Zgen ein; Frulein Born aber war vor die Rampe getreten und probierte im
Geiste ihre Stellung als prologsprechende Muse. Mit schwrmerischen Augen
sah sie in das leere Haus!

Leo lie eine Weile dem Treiben freien Lauf; die Neugierde mute erst
befriedigt sein, dann aber begann er mit der Probe. Die Nichtbeteiligten
und Direktor Althoff saen verteilt in den Parkettreihen, gespenstisch
leuchteten die weien Gesichter in der Dunkelheit.

Zuerst sollte der Prolog gesprochen werden. Das "Kind" berkam ein leises
Zittern, als jetzt das Klingelzeichen ertnte und sie nun sprechen mute.
Leise, mit unsicherer Stimme fing sie an.

"Lauter, lauter," rief Leo aus den Kulissen hervor; als Echo ertnte im
gleichen Augenblick dieselbe Mahnung von Althoff, und auch aus den
hintersten Reihen des Parketts lie sich eine Stimme vernehmen:

"Man versteht hier kein Wort, nichts ist zu hren!"

Frulein Born wurde verwirrt, fing an zu holpern und mute auf Leos Gehei
noch einmal von vorn anfangen.

Sie war emprt darber! Zu Hause hatte sie den Prolog den Schwestern und
der Mutter verschiedene Male vorgesprochen; sie waren entzckt gewesen und
nun diese Zurechtweisungen! Als aber gar an ihrem Ausdruck, an der
Betonung, die sie ber allen Zweifel erhaben glaubte, ohne Schonung
herumgetadelt wurde, da brach es los; sie konnte die aufsteigenden Trnen
nicht zurckhalten, das "Kind" fing an, wie ein Kind zu weinen.

Siedendhei berlief es Ilse, der Anfang war ja wieder gut! Doch es half
nichts, der Kelch mute geleert werden, wenn er auch noch so bitter war.

So lief sie denn hinter die Kulissen und suchte Frulein Born auf, welche
schluchzend in ihrer Garderobe sa.

"Aber ich bitte Sie um Gottes willen, liebes Frulein, warum weinen Sie
denn?" redete ihr Ilse zu.

"Soll ich da nicht weinen, wenn ich ffentlich blamiert werde?" gab das
Kind auer sich zur Antwort.

"Aber das ist doch keine Blamage, mein Mann meint es doch gut," trstete
Ilse krampfhaft, aber ihre Worte waren in den Wind gesprochen.

"Es wre besser, ich spielte gar nicht mit, wenn ich es doch zu schlecht
mache! Gerade mein Vortrag wurde immer besonders gerhmt, und meine
Schwestern fanden, da ich den Prolog mit sehr viel Ausdruck sprche; aber
wenn man nur Tadel und kein Lob hrt, verliert man alle Lust."

Ilse konnte gegen diesen Ausbruch, den sie einige Male unterbrechen
wollte, nicht aufkommen, auch flossen die Trnen eher noch reichlicher,
als zuvor.

In ihrer Verzweiflung ging sie zu Leo, der von der Unterbrechung keine
Notiz genommen hatte.

"Um Gottes willen, sei vorsichtig mit deinen uerungen," sagte sie nervs
zu ihm. "Die Born sitzt in der Garderobe und weint und will nicht
mitspielen, du hast sie furchtbar beleidigt."

"Ach, dann la die alte Schachtel nur, sie spricht ja auch grlich," gab
er eilig zur Antwort.

"Ja was sollen wir denn aber tun, wir haben doch keine andre!"

"Sie wird sich schon wieder trsten, Schatz," sagte Leo flchtig; er hatte
jetzt keine Zeit zu lngeren Auseinandersetzungen, denn die Probe zur
"Jugendliebe" sollte im Augenblick beginnen.

Der Inspizient, Direktor Althoff, mute verschiedene Male an die Tre von
Frulein Borns Garderobe klopfen, bevor diese sich ffnete und das "Kind"
auf der Schwelle erschien, mit gerteten Augen und mit den Blicken einer
erzrnten Gttin.

Ilse war froh, als die gekrnkte Muse wieder sichtbar wurde, sie hatte
schon geglaubt, da dieselbe im Ernst ihre Drohung ausfhren und nicht
mitspielen wrde. Leo, der auch jetzt nicht die geringste Notiz von dem
Vorhergegangenen nahm, wies Frulein Born ihren Platz an. Marionettenhaft
tat sie alles, was er sagte, und leierte die Rolle der "tauben Tante" in
einem Tone herunter, der gengend von ihrem innern Zustande zeugte. Sie
hatte sich in eine Art von Resignation begeben, oder besser gesagt, sie
"muckte", wie ein strrisches Droschkenpferd, und selbst die
Peitschenhiebe, deren Stelle in diesem Falle die Kritik ersetzte, konnten
sie nicht aufrtteln.

"Viel mehr Ausdruck, die Taubheit mu besser zur Geltung kommen," rief
Althoff ein ber das andremal, und wirklich fing das "Kind" auf einmal an,
die "taube Tante" sehr natrlich zu spielen, d. h. sie schien nichts von
dem zu hren, was ihr gesagt wurde. Leo lie sie denn fr heute auch in
Ruhe, als er merkte, da alle seine Bemhungen vergeblich waren.

Ob nun der Stumpfsinn der "tauben Tante" die andern Mitspielenden
ansteckte oder ob es an sonst etwas lag, kurz es war kein Zug in der
Geschichte. Steif und unbeholfen dargestellt, schlecht memoriert wurde das
reizende Lustspiel zu einer Karrikatur herabgezogen. Leo und Althoff
muten immer tadeln und verbessern; aber trotzdem wurde alles verkehrt
gemacht; es war ein schrecklicher Wirrwarr. Der Backfisch, der in den
ersten Proben zu den besten Hoffnungen berechtigt hatte, war heute abend
unausstehlich; er fand den richtigen Ton nicht und wirkte manchmal
geradezu albern. Leo bewahrte eine bewunderungswrdige Geduld, er zeigte
immer wieder, lie immer wiederholen, whrend Althoff schon lngst auf
seinem Sitze unruhig hin und her rckte.

"O, wie soll das werden!" sagte Ilse seufzend zu Nellie, der es bei dieser
Probe auch etwas bnglich zu Mute wurde.

Die Liebesszene zwischen "Adelheid" und "Ferdinand von Bruck" fiel
glnzend ins Wasser, bei jeder Annherung des Liebhabers zuckte der
Backfisch wie von einer Viper gestochen zusammen, und bei der schchternen
Umarmung steckte er die Miene eines Opferlammes auf und lie das
"Schreckliche", ohne ein Glied zu rhren, ber sich ergehen. Fr die
Zuschauer ein hchst spahafter Anblick, fr Leo aber auf die Dauer eine
Qual. Er hatte es unzhlige Male selbst vorgemacht, er hatte zugeredet,
scherzend, liebenswrdig, ernst, aber nun ri endlich sein Geduldsfaden,
seine Stimme klang lauter, erregter, seine Worte wurden weniger gewhlt.

"So geht das nicht, liebes Frulein, wenn Sie -", er verbesserte sich
schnell und sagte: "wir so spielen, blamieren wir uns."

Die "taube Tante" zeigte eine schadenfrohe Miene bei dieser Zurechtweisung
- Gott sei Dank war sie nicht die einzige, die so angefahren wurde;
wenigstens ein schwacher Trost. Dem blonden Backfisch aber, der reizenden
Freundin der beiden Schmidts, Erika Blum, stieg das rote Blut bis unter
die hellen Haarwurzeln bei Leos Worten; einige Minuten spter sa auch sie
in der Garderobe, wie vorhin das "Kind", weinend und schluchzend. Nummer
zwei an diesem Abend.

Diesmal bernahm es Nellie, Trost zu bringen, aber Ilse war ihr gefolgt
und ging nun erregt auf und ab, mit geteilten Gefhlen. Einesteils fand
sie, da Leo wirklich etwas zu barsch geworden war, andrerseits schien ihr
die groe Empfindlichkeit der Mitwirkenden geradezu lcherlich.

Das "Kind" war auch hereingeschlpft, mit ihr die andern jungen Mdchen,
sie muten doch ebenfalls alles sehen und hren, was da vorging.

"Ach, weine doch nicht, Erika," redete Mietze Schmidt ihr zu, "wir haben
doch alle unser Teil bekommen, das nchste Mal werden wir es schon besser
machen."

"Ja, es haben auch noch andre ihr Teil bekommen," sagte Frulein Born mit
spitziger Betonung und Beziehung. "Der Herr Gontrau nimmt gerade keine
besondere Rcksicht."

"Na, ich frchte mich schon vor dem nchsten Stck, wenn ich dran komme,"
meinte Erna Schmidt. "Das kann heute noch gut werden."

"Aber ich bitte Sie, meine Damen," fuhr Ilse erregt dazwischen; "wenn Sie
eben keinen Tadel vertragen knnen, wollen wir die Geschichte lieber
aufgeben, die so viel Mhe und bis jetzt so wenig Freude macht."

"Ihr Herr Gemahl wird nicht zufrieden zu stellen sein," erwiderte Frulein
Born, indem sie dabei an den Prolog dachte, den sie nach ihrer Meinung
doch ausgezeichnet gesprochen hatte. "Und ich spiele doch wahrhaftig nicht
deshalb Theater, um mich nur zu rgern; Ihr Herr Gemahl scheint zu
glauben, da er dumme Schulkinder vor sich hat."

Hierauf gab Ilse eine erregte Antwort und verteidigte den Angegriffenen
mit der Heftigkeit, wie ungefhr eine Lwin ihr Junges verteidigt. Ein
Wort gab das andre, die brigen mischten sich mit hinein, schlielich
sprachen alle durcheinander, und nur einzelne Schlagworte, wie "nicht
mitspielen", "rcksichtslos" usw., tauchten wie Froschkpfe in einem
Teiche aus diesen Redewellen auf. Die Garderobe war nur eng und klein, fr
zwei Personen berechnet, jetzt aber liefen sechs aufgeregte Menschenkinder
durcheinander, deren heftige Gestikulationen als groteske Schattenbilder
an den weigetnchten Wnden erschienen. Die hellen Gasflammen zu beiden
Seiten des Spiegels und das dicht verhngte Fenster, durch welches kein
Luftzug dringen konnte, verursachten eine wahrhaft tropische Hitze in dem
Raum, und da war es denn kein Wunder, da sich nicht nur die Gemter,
sondern auch die Kpfe erhitzten. Erika Blum sa auf dem einen der beiden
einzigen Sthle, Nellie daneben auf dem andern und sprach ihr liebevoll
zu. Die Trnen versiegten auch wirklich bald, und einige Male hatte sie
sogar schon gelchelt.

Das Verschwinden der smtlichen weiblichen Mitspielenden war schlielich
Leo und Althoff aufgefallen; auch sollte mit dem zweiten Stcke begonnen
werden. Als sie jetzt in den Gang eintraten, in welchen die
Damengarderoben mndeten, hrten sie durch die Tre ein lebhaftes
Stimmengewirr, das sich von drauen wie das Summen von vielen, in einer
Schachtel eingesperrten Maikfern anhrte. Alles Rufen, Klopfen, Rtteln
an der verschlossenen Tre wurde von den eifrigen Streiterinnen vollkommen
berhrt; erst als das Klopfen zu einem donnerhnlichen Drhnen anschwoll,
gltteten sich die aufgeregten Wogen. Frulein Borns Flacon, das sie
stets, mit klnischem Wasser gefllt bei sich trug, wanderte von einer zur
andern, die Taschentcher wurden getrnkt und muten die Wangen khlen.
Dann erst wurde die Tre geffnet.

"Mein Gott, wo bleibt ihr denn?" fragte Leo seine Frau etwas rgerlich,
aber er verstummte, als er in ihr bittendes und zugleich aufgeregtes
Gesicht sah.

Die jungen Herren waren schon ungeduldig geworden und hatten nicht viel
Zeit mehr, es mute deshalb schnell zu Ende geprobt werden.

Auch die beiden andern Stcke wurden nicht viel besser gespielt; es
herrschte durchweg keine besondere Stimmung, und so viel auch Leo redete
und ermahnte, es ging eben heute nicht. Ilse spielte das Dienstmdchen im
"ersten Mittagessen" so tragisch, da man ber diese komische Rolle eher
zu weinen, als zu lachen versucht war. Der Darstellerin war es aber auch
keineswegs lustig zumute; bei den fortwhrenden unangenehmen
Zwischenfllen konnte man unmglich seine gute Laune behalten. Die junge
Frau, Erna Schmidt, mute ebenfalls noch viel vertrauter mit ihrer Rolle
werden, und Nellie sprach heute mit so starkem Akzent, da es weit
bemerkbarer war, als man erwartet hatte. Leo als Professor, zwei
Referendare als Famulus und Stiefelputzer in der "Hochzeitsreise" lieen
die unter Null gesunkene Hoffnung auf das Gelingen der Auffhrung durch
ihr Spiel wieder etwas steigen; es wurde sogar einige Male herzhaft
gelacht.

Ilse lachte nicht mit, sie war im hchsten Grade aufgeregt. Da - zwischen
den Kulissen stand die Born, im Kreise um sie herum die andern; sie sprach
und gestikulierte mit hochroten Wangen, und aus den Blicken, die oftmals
nach Leo hinberflogen, konnte man schlieen, da von ihm, und zwar nicht
in der liebenswrdigsten Weise, die Rede war. Das alles bemerkte Ilse; am
liebsten wre sie hingegangen und htte die zischelnde Gruppe gesprengt,
aber sie hielt doch an sich. Sie war froh, als die Probe jetzt zu Ende war
und sie mit Leo und Althoffs heimgehen konnte.

Der Direktor hatte unterwegs noch sehr viel auszusetzen, auch Ilse und
Nellie muten manche Rge, manchen Tadel einstecken.

Immer hher schien der Berg zu wachsen, der sich heute abend schon als
unberwindliches Hindernis vor Frau Ilses Augen aufgebaut hatte. In sechs
Tagen schon sollte die Auffhrung sein - das war ja ein Ding der
Unmglichkeit! Und sie erzhlte im Verein mit Nellie von den Szenen, die
sich hinter den Kulissen, nmlich in der weiblichen Garderobe abgespielt
hatten.

Leo brach in ein lautes Gelchter aus, und Althoff meinte, ohne Zank knne
es bei den Weibern nun einmal nicht abgehen.

Ilse jedoch lie ihren Trnen freien Lauf, sie war abgespannt und nervs
von dem Tumulte der letzten Tage; es kam so vieles zusammen.

"O, _darling_, du mut dir die Sache nicht so zu Herzen nehmen," beruhigte
Nellie; "an allem ist die dumme Born schuld. O, was war sie giftig in der
Garderobe!"

Aber der Freundin Kummer mute sich austoben. Der einzige, der ihr recht
gab und dergleichen auch hchst rgerlich fand, war Althoff; er stimmte
ihr vollstndig bei, whrend Leo die Sache von der komischen Seite
auffate.

"Pat auf, morgen bekommen wir wieder einige Absagebriefchen," sagte Ilse,
"und was machen wir dann?"

Leo lachte sie aus.

"Im Gegenteil, sie werden nach den heutigen Erfahrungen in sich gehen und
sich die Sache berlegen; das Theaterspielen hat doch zu groen Reiz fr
alle. Komm, Schatz, und sei nicht so tragisch," sagte er liebevoll und zog
sie in seine Arme.

Dennoch begab sich Ilse mit banger Sorge zur Ruhe, und in der Nacht litt
sie an Alpdrcken. Sie trumte, da sie in der engen Garderobe mit den
andern zusammen, wie in einer Sardinenbchse hermetisch eingeschlossen
sei. Die Born, "das Kind", hatte eine Teufelsmaske vor dem Gesicht und
Krallen an den Fingern; dabei kam sie ihr so nahe, da sie frchtete,
erdrckt zu werden; auch konnte sie keinen Atem holen; weder rckwrts
noch vorwrts sich bewegen, nicht schreien oder rufen - es war ein
entsetzlicher Zustand. Dann wieder standen sie auf der Bhne, die
Vorstellung sollte beginnen, das Publikum wurde bereits ungeduldig, aber
nichts war in Ordnung, niemand war zur Stelle; Ilse konnte kein Wort von
ihrer Rolle, die Klingel ertnte, der Vorhang hob sich. Gott sei Dank, in
diesem Augenblicke der hchsten Qual erwachte sie. Die helle
Frhlingssonne schien herein, und durch die offenen Fenster strich
erquickend die frische Morgenluft. Vor ihrem Bette standen die Kinder,
Ruth mit einem Veilchenstraue in der Hand, den sie eben aus dem Garten
geholt hatte. Wie himmlisch war das Erwachen nach einem so bsartigen
Traume! Sie wollte nun auch den ganzen Morgen nichts von der
Theaterangelegenheit hren. Nachdem sie sich angezogen hatte, ging sie mit
Ruth und Marianne hinaus in den lachenden Frhlingsmorgen. Seit einigen
Tagen war sie nur im Hause gewesen oder in der staubigen Stadt
umhergelaufen, da hatte sie nicht bemerken knnen, wie weit das Grnen und
Blhen drauen gediehen war. Und die Kinder hatten ihr so viel zu erzhlen
- sie kam sich als eine ganz schlechte Mutter vor, weil sie die Kleinen in
der letzten Zeit etwas hatte vernachlssigen mssen. Aber bald wrde alles
vorbei sein, und dann war sie wieder ganz ungeteilt fr sie allein da.

Auch von Onkel Heinz war die Rede, Ruth hatte ihn einige Male besucht,
aber seine Tre war verschlossen gewesen.

Onkel Heinz! Selbst fr den alten Freund hatte Ilse in diesen Tagen keinen
Gedanken brig gehabt; es war ihr nicht einmal aufgefallen, da er sich
nach der Partie noch nicht hatte sehen lassen. Einesteils aber war sie
ganz froh darber, denn jetzt auch noch seinen Spott zu hren, htte sie
nicht ertragen, und an Spott wrde er es sicher nicht haben fehlen lassen.

Der Spaziergang tat ihr ungemein wohl und beruhigte ihre aufgeregten
Nerven. Sie besuchte auch Nellie, die ihr blondes Patenkind Marianne bis
zu Abend bei sich behielt. Auf dem Rckweg begegnete ihnen Rosi.

"Nun, ich hre, ihr wollt Theater spielen?" fragte sie mit einem leisen
Anflug von Spott in der Stimme. Wie die Pastorin darber urteilen wrde,
konnte sich Ilse ganz genau denken, dennoch rgerte sie die Art, in
welcher Rosi danach fragte.

"Es ist nur gut, da ihr es wenigstens fr einen guten Zweck tut," fuhr
sie fort; "mein Mann hat auch schon fr die armen Leute sammeln lassen."

Das "nur gut" und "wenigstens" brachte Ilses Blut in Wallung, aber sie
bezwang sich und fragte: "Ihr kommt doch auch?"

"Ich wei noch nicht, ob Adolf Zeit hat."

Innerlich war sie fest entschlossen hinzugehen; die Neugierde war doch zu
gro und siegte ber die sonstige Abneigung gegen das Theater.

Vor der nchsten Probe hatte Ilse eine frmliche Angst. Doch es schien
wahrhaftig, als sollte Leo Recht behalten. Man hatte besser gelernt, die
Bewegungen waren freier, ungezwungener, das Sprechen ging flotter, und
nachdem die grten Schwierigkeiten berwunden waren, stellte sich auch
die Lust und Begeisterung wieder ein.

Das "Kind" hatte sich diesmal ihre beiden Schwestern mitgebracht, und
trotzdem es andern als den Mitspielern untersagt war, an den Proben
teilzunehmen, mute man sie dulden, da man sie doch nicht hinausweisen
konnte.

Wie zwei gestrenge Wchterinnen nahmen sie in der ersten Parkettreihe
Platz und blieben dort den ganzen Abend ber sitzen.

Tglich wurde jetzt geprobt, und allmhlich trat die richtige Stimmung
ein, wie sie sonst in Dilettantenproben zu herrschen pflegt. Es wurde
gelacht, gescherzt und Unsinn getrieben, und man nahm sich auch laute
Kritiken nicht mehr bel.

Sogar Frulein Born hatte sich mit der "tauben Tante" etwas angefreundet
und behandelte sie nicht mehr so gleichgltig; auch der Backfisch war bei
der "schrecklichen Umarmung", wie sie es nannte, etwas gefhlvoller als
das erste Mal.

So war man glcklich bis zur Generalprobe gelangt, die wie gewhnlich
nicht zum besten verlief. Am Tage danach sollte die Auffhrung
stattfinden.

Es herrschte keine geringe Aufregung unter den Mitwirkenden, und doch
konnten sie kaum die Zeit erwarten, bis der Abend erschien und sie zur
verabredeten Stunde ins Theater gehen konnten. Um 6 Uhr sollte man dort
sein, als aber Ilse und Nellie gleich nach 5 Uhr eintrafen, fanden sie
fast alle schon versammelt, und ein reges Leben und Treiben war im Gange.

Das helle Tageslicht drang nicht in diese Rume; wo ja ein lichter Strahl
von drauen sich herein verirren konnte, wurde er durch dichte Vorhnge
daran verhindert. In dieser Welt des Scheins regierten nur die Gasflammen.

Von der Bhne her tnte Sprechen und Hmmern. Ilse lief schnell erst
einmal dorthin, um Leo zu begren, der mit Althoff zusammen noch alle
mglichen Anordnungen zu treffen hatte. Es bebte ihr das Herz, wenn sie
daran dachte, da sie binnen wenigen Stunden hier stehen sollte, und doch
- welcher Zauber lag in dem Gedanken!

In den Damengarderoben schwirrte es durcheinander von erregten Stimmen.
Die Tren standen offen; man ging bald hier-, bald dorthin; die Toiletten
wurden nochmals einer genauen Prfung unterworfen, diese und jene kleine
nderung vorgenommen, und eine Wolke von Schminke- und Parfmduft lagerte
ber dem Ganzen. Das "Kind" sa im Frisiermantel in seiner Garderobe mit
aufgelstem Haare, das die eine der beiden Schwestern mit Brste und Kamm
bearbeitete, whrend die andre geruschvoll ein Ei mit Zucker in einem
Glase zusammenquirlte. Das war gut fr die Stimme und wurde der Erregten
lffelweise eingegeben; auerdem standen noch eine Flasche Wein auf dem
Tische und ein Teller mit belegten Brtchen, um die Krfte der vom
Lampenfieber Ergriffenen zu erhalten. Die Rolle hielt sie krampfhaft in
den Hnden und memorierte fortwhrend.

"Unsre arme Schwester ist so erregt," sagte das lteste Frulein Born, als
Ilse jetzt eintrat, um Gutenabend zu sagen. "Aber sie braucht doch
wahrhaftig keine Angst zu haben, wer seine Sache so gut kann wie sie!"

                              [Illustration]

"O, Angst habe ich auch nicht, liebe Anna, du lieber Gott, wie oft habe
ich schon Theater gespielt," fuhr das "Kind" dazwischen.

Und in der Tat, was das "Knnen" betrifft, hatte sie keine Angst, so etwas
fhlten nach ihrer Meinung nur gewhnliche Sterbliche, Knstlerseelen, wie
sie, waren ber dergleichen erhaben. Sie hatte keine Ahnung, da selbst
die grten Knstler das Lampenfieber niemals ganz verlieren, und da,
wenn man sie auf den Brettern so sicher und selbstbewut auftreten sieht,
diese Ruhe schwer erkauft ist. Dem wahren Knstler bleibt die Kunst stets
ein Ringen, ein Kampf, denn nur er kennt die Schwierigkeiten, ber welche
der Dilettant in sorgloser Unwissenheit hinwegschreitet.

In den Garderoben der jungen Mdchen herrschte ein lustiges Durcheinander.
Auch hier erwiesen sich Mtter und Tanten als helfende Engel; es gab ja so
vielerlei zu tun. Erika Blum lie sich noch einmal ihre Rolle berhren;
besonders die eine dumme Stelle, wo sie immer stecken blieb; der Souffleur
hatte sich schon einen dicken Strich darunter machen mssen. Wenn es nur
heute abend gut ging! Sie sah brigens reizend aus, die hbsche Erika. Das
blonde Haar hing nach Backfischmanier als dicker blonder Zopf ber den
Rcken herunter und wurde von einer rosaseidenen Schleife
zusammengehalten. Von derselben Farbe war das duftige Kleid, das
sorgfltig ausgebreitet ber dem Stuhle lag. Das wichtige Geschft des
Ankleidens mute nun beginnen, denn schon war der Friseur hinter Frulein
Borns Tre verschwunden und wrde gleich zu den andern kommen.

Die letzten Stunden in der Damengarderobe vor einer Dilettantenauffhrung
wrden einem objektiven Beobachter eine Flle von komischen Eindrcken
bieten. Da lst sich alles in ein buntes Chaos auf; von menschlicher
Nchstenliebe ist nichts mehr zu bemerken, statt dessen kommt der Egoismus
zu Tage, jeder denkt nur an sich selbst, jeder mchte zuerst fertig sein,
zuerst den Friseur haben, zuerst geschminkt werden; das ist ein Rufen,
Fragen, Schwatzen ohne Ende!

In der Garderobe von Erika Blum und den Schmidtschen Mdchen fhrten zwei
Mtter einen heftigen Wettkampf auf, denn jede wollte, da ihre Tochter
die schnste sei, und trotz des Eifers und der groen Eile flogen doch
verstohlene, prfende Blicke hinber und herber.

Jetzt erschien der Friseur mit Schminke und Puderbchse; er wurde sofort
frmlich umringt.

"Bitte, erst mich, ich komme zuerst dran."

"Meine Haarfrisur hlt aber solange auf, Sie mssen mich zuerst
frisieren!"

"Sehen Sie doch, bitte, ich habe mich schon selbst geschminkt; ist es so
richtig, oder mu der schwarze Strich unter den Augen strker sein?"

Der parfmierte Jngling konnte sich vor so vielen Fragen und
Anforderungen kaum retten, hilfeflehend sah er von einer zur andern;
endlich scho Erika den Vogel ab; sie wurde die erste.

"Nur nicht so rote Backen," sagte sie, denn schon im gewhnlichen Leben
waren ihre frischen Farben ihr grter Kummer, sie fand es interessanter,
etwas bla auszusehen. Endlich war sie fertig und kam sich mit dem
angemalten Gesicht wie ein Puppenkopf vor, aber der duftende Haarknstler
versicherte immer wieder, da sie ausgezeichnet "wirken" wrde, und die
Freundinnen fanden den Backfisch Erika "reizend, s, entzckend!" Auch
Frau Dr. Schmidt sagte der Mutter von Erika viel Angenehmes ber das
reizende Tchterchen, und Frau Blum behauptete mit gleicher
Liebenswrdigkeit, da Erna und Mietze doch noch viel hbscher ausshen.

In demselben Augenblick flog die Tre auf, das zweite Frulein Born
strzte aufgeregt herein, und der Friseur wurde noch einmal zum "Kinde"
zurckgeholt, denn die blonde klassische Percke hatte sich verschoben,
als sie den Epheukranz darin befestigen wollte; auerdem war das Schminken
noch nicht zur vollen Zufriedenheit ausgefallen.

"Gott, Sie sind schon alle fertig?" fragte Frulein Born ngstlich, als
die jungen Mdchen jetzt zu ihr kamen und auch Ilse in ihrem einfachen
Dienstmdchenkleid erschien.

"Aber Sie fassen doch Ihre Rolle zu realistisch auf, liebste Frau Gontrau,
sich so rote Arme zu schminken!" bemerkte sie leichthin zu Ilse, wandte
dann aber sofort ihre Aufmerksamkeit wieder sich selbst zu. "Bitte, nun
sagt mir mal ehrlich, sehe ich wirklich nicht grlich aus?"

Da diese Frage nicht im Ernste gestellt war, daran zweifelte keine von
den Gefragten, sie selbst aber am wenigsten, denn sie lchelte ihrem
Spiegelbilde wohlgefllig zu, und ihre beiden Schwestern versicherten
fortwhrend, wie reizend sie ausshe. Dabei legten sie immer wieder die
weichen Falten des Gewandes zurecht, wenn sie sich bei den unruhigen und
keineswegs klassischen Bewegungen seiner Trgerin verschoben.

Wirklich war denn auch mit dem Kinde eine vorteilhafte Verwandlung vor
sich gegangen. Die blonde Percke, die Schminke und das griechische Gewand
hatten Wunder vollbracht und ihr ein jugendliches Ansehen verliehen, das
sie sonst im Leben nicht mehr besa. Fr die brigen hatte die aufgeregte
Muse nur wenig Zeit und Interesse, herablassend klopfte sie Erika auf die
Wange.

"Wie niedlich Sie aussehen, Kleine; na, da werde ich als alte Tante schn
von Ihnen abstechen!"

Und mimutig glitten ihre Blicke ber das graue Kleid der "tauben Tante",
das schlaff und dunkel an der weien Wand hing. Dahinein mute sie nachher
und ihr poetisches Gewand mit diesem unkleidsamen vertauschen, es war
eigentlich zu rgerlich.

Aus ihren Betrachtungen wurde sie durch die elektrische Glocke gerissen,
deren schriller Klang wie ein Zauberzeichen wirkte. Jetzt wurde es Ernst,
jetzt muten alle Gedanken zusammengenommen werden. Nur noch ein prfender
Blick in den Spiegel.

"Liebste Anna, noch etwas Puder auf den Hals - noch eine Haarnadel -
schnell - hier diese Falte bauscht sich doch zu sehr, stecke sie lieber
fest. Mein Gott, sitzt denn wohl alles ordentlich?"

Annas Hnde flogen, whrend die andre Schwester mit dem roten
Strkungstranke bereit stand. "Nur einen Schluck," drngte sie und hielt
der Muse das volle Weinglas an die Lippen.

"Vorsichtig, vorsichtig, da die Schminke nicht abgeht," gebot das Kind, -
dann rauschte es hinaus.

Die andern waren schon auf der, zu einem Garten verwandelten Bhne
versammelt. Man drngte sich an die kleinen Lcher im Vorhang, um ins
Publikum sehen zu knnen, man entdeckte Verwandte, Freunde und Bekannte in
dem lichterstrahlenden Raume, der fast schon ganz besetzt schien, und doch
strmte es noch fortwhrend herein. In der ersten Reihe saen die beiden
Gontrauschen Kinder. Ruths Augen starrten gro und erwartungsvoll auf den
bunten Vorhang; sie malte sich aus, wie es wohl jetzt dahinter aussehen
mochte; denn whrend der Generalprobe hatte sie einen Blick in die
Kulissen tun drfen - o, das war eine Wonne gewesen!

Wie fernes Meeresrauschen tnte das Stimmengewirr im Zuschauerraum zu den
Mitwirkenden hinter den Vorhang. Dann und wann konnte man eine besonders
laute Stimme heraushren, oder ein kurzes helles Lachen, dazwischen tnten
einzelne langgezogene Geigenstriche aus dem Orchester, das seine
Instrumente stimmte.

Alle diese Gerusche verstummten augenblicklich, als das Klingelzeichen
zum Beginn ertnte und mit vollem harmonischen Akkord die Musik einsetzte.

Nur wer einmal eine solche Auffhrung mit durchgemacht hat, kann die
allgemeine bange Stimmung der letzten Minuten, bevor sich der Vorhang zum
ersten Male hebt, nachfhlen!

Die Bhne, auf der noch lachende, plaudernde Gruppen umherstanden, wurde
im schnellsten Laufschritte verlassen, als die Glocke ertnte; voll
Spannung standen nun alle hinter den Kulissen und warteten. Eiskalte Hnde
und Fe, hmmerndes Herzklopfen, momentane vollstndige
Gedchtnislosigkeit, Zittern in allen Gliedern, das waren die Symptome des
Lampenfiebers, welches, trotz aller Prahlerei vorher, doch alle mehr oder
weniger ergriffen hatte.

Die Ouvertre neigte sich ihrem Ende zu, jetzt, jetzt verhallte der letzte
Ton, noch ein Klingelzeichen, dann ein leises Rauschen wie ein
Flgelschlag, - der Vorhang ging in die Hhe.

Das Gefhl, welches Frulein Born beim Beschreiten der Bhne hatte, war
demjenigen sehr hnlich, welches man empfindet, wenn man sich in den
Marterstuhl eines Zahnarztes niederlt. Vor ihren Augen tanzte das
vielkpfige Publikum wie in einem Kaleidoskop durcheinander. Die ersten
Worte blieben ihr fast in der Kehle stecken und kamen nur als Flstern
ber die Lippen. Aber mehr und mehr schwand die Befangenheit, die Stimme
wurde lauter, und ohne besonderen Zwischenfall ging alles vorber.

"Einige falsche Betonungen, zuviel Pathos," kritisierte Leo hinter den
Kulissen, aber das Publikum nahm die herzlichen Worte doch sehr warm auf,
und wie Sphrenmusik klang das laute Hndeklatschen an das Ohr des
"Kindes", als der Vorhang gefallen war. Zweimal mute er sich wieder
heben, zweimal durfte sie sich tief verbeugen - wer kann die Wonne eines
solchen Augenblicks beschreiben!

Mit geffneten Armen und einem dicken Tuche empfing Schwester Anna die
tief Bewegte, whrend die andre schon wieder den bewuten Labetrank bereit
hielt.

"Schnell, schnell umkleiden," rief Leo ihr zu, und nun kam sie sich
wirklich wie eine groe Knstlerin vor, als an allen Ecken und Enden
helfende Hnde bereit waren, die Muse in die "taube Tante" umzuwandeln.
Hinein mute sie ins prosaische Alltagskleid, auf die gepuderten Haare
wurde ein Spitzenhubchen gesteckt. Der Friseur tnzelte um sie herum, und
unter seinen flinken Hnden entstand ein wrdiges Matronenantlitz.

"Hier noch einige Falten, meine Schwester sieht noch viel zu jung aus,"
sagte Anna und zeigte mit dem Finger auf deren Stirn.

"Nein, nein, keine knstlichen Falten, es wird sonst zu viel," erwiderte
der gelockte Jngling und besah prfend sein Werk, hier und da noch einen
kleinen Strich aufsetzend oder mit dem Puderquast tupfend.

"Lassen Sie nur, Sie knnen gehen," sagte das Kind, mit hoheitsvoller
Miene sich erhebend, und nannte ihn, als er drauen war, einen
widerlichen, unverschmten Menschen.

Die "Jugendliebe" wurde gut und flott gespielt, die blonde Erika
entwickelte viel mehr Temperament, als in irgend einer der Proben, und
auch die Umarmungsszene geriet weit natrlicher als bisher. Mietze Schmidt
und ihr komischer Liebhaber paten vortrefflich zusammen, und die "taube
Tante" hrte es mit Genugtuung an, wie man ber ihre Schwerhrigkeit
lachte.

Der Beifall war geradezu strmisch, als das reizende Lustspiel zu Ende
war, und als Erika auf der Bhne erschien, flog ein wundervoller Strau,
ganz aus Rosen und Maiblumen bestehend, zu ihren Fen nieder. Galant
berreichte ihn Ferdinand von Bruck der Gefeierten, und trotz der Schminke
konnte man doch bemerken, wie tief sie errtete.

"Von wem, von wem?" rief und fragte es durcheinander, als sie hinter den
Kulissen erschien. Sie konnte kaum die Karte lesen, die in den Blumen
steckte, und auf welcher nur die Worte standen: "Der reizenden Adelheid",
so eilig hatten es die brigen, den Strau zu sehen und zu bewundern. Er
wanderte von einer Hand in die andre, und die zarten Maiblumen fingen
bereits an, ihre Glckchen zu senken, als sich so viele Nasen darber
beugten. Dieser Strau war ein Ereignis, und wer ihn wohl geschickt haben
mochte, darber zerbrach man sich die Kpfe. Erika mute viel mit anhren.
Sie wute ja natrlich, von "wem" diese Blumenspende kam, sie wollte es
nur nicht sagen, und was dergleichen Reden mehr waren.

Frulein Born aber meinte, anonyme Geschenke drfe ein junges Mdchen
eigentlich gar nicht annehmen, sie fnde es wenigstens nicht schicklich
und wrde es sicher nicht tun.

Erika wurde es bei dem vielen Hin- und Herreden ganz unbehaglich zu Mute,
sie wnschte schon, sie htte die Blumen lieber nicht bekommen, die jetzt
die Ursache so heftiger Debatten waren, und hielt die duftenden Blten
ganz traurig in der Hand, als ihr Nellie zuraunte, sie mge sich nur ja
darber freuen, die andern wren alle nur neidisch auf sie.

"Wahrscheinlich wieder so eine Anbndelei von der Erika; sie hat eben doch
ein etwas leichtes Wesen," sagte das Kind spter zu den Schwestern, und
die hbsche Erika wurde von den dreien tchtig durchgenommen und zerlegt.
Der Refrain lautete immer: "Es ist schade um das hbsche Mdchen!"

Als Ilse im "ersten Mittagessen" in ihrer Dienstmdchenrolle erschien,
erklang pltzlich das helle Lachen einer Kinderstimme laut durch das Haus.
Es war Marianne, welche ihre Mama in diesem Anzuge zu komisch fand und
sich gar nicht darber beruhigen konnte, bis Ruth sie energisch am rmel
zupfte und zur Ruhe verwies.

brigens kam auch das Publikum nicht aus dem Lachen heraus bei der
wirklichen Komik, die Ilse in ihrem Spiel entfaltete; sie wurde sogar
einige Male bei offener Szene gerufen. - Es war nun schon eine gewisse
Dreistigkeit ber die Mitspielenden gekommen, man zitterte nicht mehr,
wenn der Vorhang in die Hhe ging, sondern fhlte sich schon ganz heimisch
auf den Brettern, und in den Pausen wurde auf der Bhne nach der Musik
getanzt. Freunde und Bekannte erschienen hinter den Kulissen, lobten die
Darsteller, berbrachten die Kritiken aus dem Publikum - natrlich nur die
guten - und besahen neugierig sich das bunte Treiben.

"Sie spielen aber wirklich famos, deine Freundin Ilse hat viel Talent,"
sagte auch der Pastor im Parkett zu Rosi, die einige Male gelchelt hatte,
aber zu einem wahren Genu nicht gekommen war.

"Passend finde ich es nicht, da eine Frau noch Theater spielt," warf sie
ein, "aber freilich, Ilse und Nellie denken ber so etwas anders!"

Die Betonung dieser Worte lie erraten, welchen Sinn sie hineinlegte.

"Aber bedenke doch den guten Zweck, Rschen; sie nehmen eine Menge Geld
ein fr die armen Abgebrannten," meinte ihr Mann und sah sich in dem
vollen Hause um.

Es war bis auf den letzten Platz besetzt - lauter mitleidige, wohlttige
Seelen? Wenn mit einem Schlage die Beweggrnde eines jeden auf seiner
Stirn zu lesen gewesen wren, die ihn heute abend ins Theater gefhrt
hatten, so wrde wahrscheinlich bei vielen die Neugierde ber die
Wohlttigkeit den Sieg davon getragen haben. Gute Bekannte in der
ffentlichkeit wirken zu sehen, hat ja immer einen groen Reiz.

Zum dritten und letzten Male ertnte jetzt die Klingel. Die
"Hochzeitsreise" von Benedix wurde fast noch flotter als die andern Stcke
gegeben. Nellie und Leo spielten das Professoren-Ehepaar, und ebenso wie
diese waren die andern Rollen, sowohl der Famulus und der Stiefelputzer,
als das Kammermdchen, vorzglich besetzt. Der Beifall war ein groer, und
zum Schlusse muten die Spielenden vier- bis fnfmal erscheinen;
unermdlich rhrten sich die Hnde der Zuschauer, und einzelne Begeisterte
dankten sogar mit lauten Bravorufen. -

Nun war alles vorbei! Der eiserne Vorhang rasselte herab, die beiden
Welten wieder voneinander trennend. Die Lichter erloschen in dem leeren
Zuschauerraume, und den roten Samtsitzen wurden die grauen Kappen
bergezogen. In den Garderoben hantierte man eifrig mit Cold Cream, Seife
und Waschwasser; damit wurde das blendende Theatergesicht bearbeitet und
wieder in das alltgliche verwandelt.

Mit wehmtig zrtlichen Blicken betrachtete das "Kind" ihr griechisches
Gewand, das die Schwestern soeben sorgfltig in den Korb einpackten. Wie
schade, da der schne Traum aus und die lustige Zeit vorbei war! Das
bedauerten auch alle andern, indem sie dem Ehepaare Gontrau einstimmig
versicherten, wie herrlich das Theaterspielen gewesen sei.

Ilse schien aber doch ganz froh darber zu sein, da die aufgeregte Zeit
ein Ende hatte, so sehr sie auch mit Leib und Seele dabei gewesen war -
vielleicht zu sehr, denn bis zum letzten Augenblicke hatte sie noch immer
gezweifelt, ob es gelingen wrde und geseufzt: "Ach, wenn es nur gelingt."

Und wie war es gelungen! Fr allen rger im Anfang, fr alle Mhe, war der
Lohn wenigstens nicht ausgeblieben, und man konnte den Obdachlosen 800
Mark bermitteln; das war doch ein gutes Ergebnis. Ein rhrendes
Dankschreiben vom dortigen Pastor traf sofort danach ein, welches die
Runde unter denen machte, die mitgewirkt hatten. Es war doch ein schnes
Gefhl, fr ein gutes Werk etwas getan und dazu beigetragen zu haben, so
viel Jammer und Elend zu lindern.

In den ersten Tagen nach der Dilettantenauffhrung gab es natrlich nur
dies eine Thema, wenn Gontraus Bekannte sahen und trafen. Bei den meisten
klang die Kritik berraschend hnlich, da sie sich eben nur in
Gemeinpltzen bewegten. Einige schmeichelten dagegen so verstndnislos,
da man genau wute, hinter dem Rcken sprachen sie ganz anders. Nur
wenige uerten ein Urteil, dem man entnehmen konnte, da sie in die Sache
eingedrungen waren; auch da sie dies oder jenes tadelten, sich manches
anders gewnscht htten, war ein Beweis, da man der Wahrheit ihrer Worte
trauen konnte. Den grten Spa bereitete es Ilse und Nellie, wenn sie die
oft zutreffende Kritik aus den unteren Volksschichten hrten; wie sehr
wrde darber die betreffende Dame, welcher gerade dieser Umstand einen
triftigen Grund abgegeben hatte, nicht mitzuwirken, die Nase germpft
haben. -

Fritz war am Tage nach der Auffhrung heimlich in aller Eile gekommen und
hatte sich von Ruth erzhlen lassen, denn er selbst war natrlich nicht im
Theater gewesen. Rosi behandelte ihn berhaupt jetzt unerbittlich strenge,
die Erholungszeit wurde ihm sehr knapp zugemessen und auf jedes
mangelhafte Extemporale eine empfindliche Strafe gesetzt. "Es mu und soll
etwas Tchtiges aus dem Jungen werden," sagte Rosi zu Tante Emilie; "wenn
Adolf eben zu schwach ist, werde ich die Erziehung allein in die Hand
nehmen."

Tante Emilie hatte diesen Ausspruch mit beiflligem Kopfnicken begleitet
und gab dann mit vieler Wichtigkeit ihre Ansichten ber Kindererziehung
zum besten, die in der Theorie nichts zu wnschen brig lieen, jedoch in
der Praxis wohl zu einem klglichen Resultat gefhrt haben wrden. Aber
fr Rosi war so etwas wie ein Evangelium. Oftmals fragte sie sich, warum
ihre Erziehung bei Elisabeth so herrlich einschlug und bei Fritz so ganz
und gar nicht? "Weil du ihn nicht verstehst, weil du auf seine Eigenheiten
nicht eingehst," htte man ihr zur Antwort geben mssen. Bei Tante Ilse
fhlte er sich so wohl, sie hatte Verstndnis fr den aufgeweckten Jungen
und war ihm ebenso zugetan, wie ihn Ruth liebte, die sich dagegen mit
Elisabeth durchaus nicht anfreunden wollte. Das stille Mdchen erregte
stets ihren Widerspruchsgeist; mit dem feinen Instinkt, den Kinder
besitzen, hatte sie deren schwache Seiten lngst erkannt, und zwischen den
beiden war ein ewiger Kampf. Rosi nannte Ruth ein herrschschtiges Kind,
Ilse dagegen fand Elisabeth unsympathisch.

Fritz hrte mit offenem Munde Ruths Erzhlung ber das Theaterspielen an.
Ach, das mute doch herrlich gewesen sein, wenn er es doch auch htte
sehen knnen! Einige Darsteller ahmte Ruth so deutlich nach, da selbst
Ilse, die eben dazu kam, darber lachen mute, und dann berichtete sie,
welche Gesichter die Zuschauer gemacht und was die Leute gesagt htten.
Aber warum mochte wohl Onkel Heinz nicht dagewesen sein? Sie hatte ihn
vergeblich auf allen Pltzen gesucht. Das fragte sie jetzt die Mutter.

Ilse lchelte zu dieser Frage. Da sich Onkel Heinz solchen
"Mummenschanz", wie er es nannte, nicht ansehen wrde, hatte sie wohl
gewut, aber auffallend war es, da er sich gar nicht sehen lie. War er
noch bse? Sie hatte darber in den letzten Tagen wenig nachdenken knnen,
aber jetzt kam ihr der Gedanke pltzlich, und alles stand wieder deutlich
vor ihrer Seele; der Streit mit ihm, seine Schweigsamkeit den ganzen
brigen Tag, sein kurzer Abschied am Abend und dann sein Fortbleiben.
Sonst vergingen kaum einige Tage, ohne da er kam - natrlich: "er brummte
wohl mal wieder!"

"Ach Gott, was doch solche Junggesellen empfindlich sind," sagte Ilse
spter zu Leo, als sie mit ihm darber sprach und auch er die Meinung
uerte, da der Professor zrne.

"Ja natrlich, Ehemnner mssen sich das belnehmen mit der Zeit
abgewhnen," erwiderte er seufzend, aber die glcklichen Augen, mit denen
er seine Frau ansah, straften ihn Lgen.

"Die Ehemnner, welche sich am glcklichsten fhlen, beklagen sich am
meisten," gab Ilse zurck, die selten um eine Antwort verlegen war. "Eine
Frau, die zu allem Ja und Amen sagt, wre dir doch auch mit der Zeit
langweilig gewesen, Schatz, aber wie bin ich gegen frher doch ganz anders
geworden, nicht wahr?"

Er zgerte mit der Antwort und neckte sie noch eine Weile, bis er sah, da
sie Ernst machte, denn sie war in diesem Punkte etwas empfindlich, weil
sie sich des einstigen Trotzkopfes schmte und sich nicht gern daran
erinnern lie.

Die Sache mit Onkel Heinz ging Ilse doch gewaltig im Kopfe herum, sie rief
sich alles wieder ins Gedchtnis zurck, was er gesagt und was sie
erwidert hatte, und ihre Endbetrachtung war: "Warum mute er sie auch
immer so reizen!"

Als Leo am Nachmittage den Professor besuchen wollte, fand er die Wohnung
verschlossen und erfuhr von den Wirtsleuten, da er schon seit lngerer
Zeit schwer krank in der Klinik lag, da er im Hause nicht die ntige
Pflege htte finden knnen. Leo suchte ihn dort sofort auf.

Onkel Heinz war bereits wieder aufgestanden, sah aber schlecht aus und
mute sich noch sehr schonen, so lautete Leos Bericht, als er gegen Abend
heimkehrte.

Das Mitleid verdrngte bei Ilse sofort jeden andern Gedanken, sie war ganz
von freundschaftlichster Teilnahme erfllt und malte sich das Bild des
einsamen, kranken Junggesellen in den trbsten Farben aus. Warum hatte er
auch nicht zu ihnen geschickt!

"Da wohnt man nun in einer und derselben Stadt, ist intim befreundet, und
doch knnte einer sterben und verderben, ohne da man etwas davon merkt!"
rief sie mit Trnen in den Augen, und auch die Kinder fingen an zu weinen,
als sie erfuhren, da ihr geliebter Onkel krank sei. Ruth in ihrer
leidenschaftlichen Art fragte fortwhrend unter Schluchzen, ob Onkel Heinz
nicht am Ende sterben wrde, und lie sich kaum beruhigen.

Am andern Tage mute Leo auf Ilses Bitten noch einmal in die Klinik gehen
und fragen, ob sie den Professor besuchen drfe.

Mit einem "Nein" kam ihr Mann zurck und erzhlte, da sich der Professor
durch Ilse tief gekrnkt fhle und durchaus nichts von ihrem Besuche
wissen wolle. Darber war die junge Frau sehr traurig und mit ihr Ruth,
deren lebhaften Fragen, "warum sie der Onkel denn nicht sehen wolle," sie
mit der Antwort auswich, da er sich noch zu krank dazu fhle.

"Ich will den lieben kranken Onkel sehen," sagte auch Marianne, und Ilse
hatte Not, die betrbten Kleinen wieder zu trsten und zu erheitern. Jetzt
empfand sie so recht, wie gut und treu doch der Freund sein msse, der
sich in solcher Weise in die Kinderherzen eingeschlichen hatte, welche ihn
nchst ihren Eltern am meisten liebten.

Am Morgen des bernchsten Tages kam Ruth strahlend zur Mutter gelaufen,
einen Brief hoch in der Luft schwenkend.

"Mutti, Mutti, lies doch - von Onkel Heinz - wir sollen ihn besuchen -
heute - in der Klinik - an mich ist der Brief," kam es in hastig
abgebrochenen Stzen aus ihrem Munde, und ihre Augen lachten in heller
Freude.

Ilse nahm ihr den Brief aus der Hand und las ihn. Wahrhaftig, da schrieb
er in seinem alten neckischen Tone an Ruth, da er sie am Nachmittage mit
Mutter und Schwester erwarten wrde.

Fragend sah Ilse ihr Tchterchen an, die selbst auch kaum erwarten konnte,
ihre Heldentat zu erzhlen. Sie hatte ganz allein an Onkel Heinz
geschrieben und den Brief durch einen Dienstmann in die Klinik geschickt.

"Mutti, dem Dienstmann habe ich 20 Pfennig aus meiner Sparbchse gegeben.
Ist das wohl zu viel?" fragte sie lebhaft.

Das Kind war voller Stolz ber diese eigenmchtige Tat und erzhlte immer
wieder von neuem, wie sie das alles gemacht habe. Niemand htte ihr
geholfen, sie wre ganz allein an die Straenecke gegangen, wo die
Dienstleute immer stnden, und htte einem davon den Brief gegeben.

"Willst du ihn mal lesen?" fragte sie dann pltzlich, und ohne eine
Antwort abzuwarten, flog sie hinaus, um ihn zu holen.

"Sie hat doch ein gutes Herz, das tolle Ding," dachte Ilse voll Rhrung.
Oft genug hatte sie ihr ja schon Kummer bereitet, wenn sie beim Spielen
mit der kleinen Schwester so egoistisch und auffahrend war, was sie
allerdings im nchsten Augenblicke schon wieder bereute. Im Lieben und
Hassen war sie gleich stark. Fr Onkel Heinz, den sie liebte, wrde sie
alles tun, dagegen gab es Leute, die sie nicht leiden konnte, und gegen
die sie sich geradezu unliebenswrdig zeigte.

Ruth kam nach wenigen Minuten mit ihrer Tafel zurck, auf welcher der
Entwurf zu dem Briefe an Onkel Heinz stand, der folgendermaen lautete:






    "Lieber Onkel Heinz!

"Es tuht mir so leit das Du Krank bist aber Mutter sagt schterben wrdest
du nicht es giebt chetzt auch schon Maiblumen und Marichane ist gestern
aufs Knie gefallen und Mutter und ich mchten Dich so gern in der Klinick
besuchen und heute mute eine in unser Schule nach bleiben die hat aber
gebrlt. Lieber Onkel ich schicke Dir fiele grse ich brle aber nicht wen
ich nach bleiben mus das ist zu dum. Lieber Onkel Tut Dier fieles weh
Mutter weis nicht das ich Dir schreibe ich habe den Dienstmann 20 Pfennig
gegeben fr den weg.

                              Es grst Dich
                                                         Deine libe Ruth."






Diesem Briefe hatte er nicht widerstehen knnen; Ruth war nun einmal sein
erklrter Liebling. Diese beiden so verschiedenartigen Naturen waren frs
Leben verbunden, die Liebe des Kindes, des spteren jungen Mdchens, sie
war der erhellende Sonnenstrahl auf dem einsamen Lebenswege von Onkel
Heinz.

Ruth konnte kaum den Nachmittag erwarten und war voll Unruhe. Bald lief
sie durch alle Zimmer, singend und trllernd, oder in den Garten, wo sie
einen groen Maiblumenstrau fr den geliebten Onkel pflckte. Jubelnd
brachte sie Ilse den ersten Maikfer, den sie eben gefangen und in eine
leere Streichholzschachtel auf zarte, grne Bltter gebettet hatte - er
sollte auch mit zu Onkel Heinz wandern.

"Da wird er sich drber freuen," meinte sie strahlend. Welches Opfer aber
auch fr ein Kind, den ersten Maikfer zu verschenken, den es so eifrig
gesucht, auf den es sich so lange gefreut hat!

Gegen drei Uhr, die Besuchszeit in der Klinik, machte sich Ilse mit ihren
beiden Kleinen auf den Weg. Ihre aufgeregte lteste hatte unterwegs in
einem fort zu fragen; sie wollte wissen, wie eine Klinik ausshe, ob da
viele kranke Menschen wren und wer wei, was noch alles; ihr
Plappermulchen stand keinen Augenblick still, und Ilse mute sie
schlielich ganz energisch zur Ruhe verweisen, als sie vor der Tre
standen und die Glocke gezogen hatten.

Neugierig sahen die beiden Kinder auf die barmherzige Schwester, die ihnen
ffnete und mit sanfter Stimme nach ihren Wnschen fragte.

Onkel Heinz hatte schon die Anweisung gegeben, da Ilse gleich
hinaufgefhrt werden solle, wenn sie kme, und die Schwester mit dem
milden Gesicht unter dem weien Hubchen fhrte sie deshalb ohne weitere
Anmeldung die Treppe hinauf.

Ihre Schritte verhallten lautlos auf den dicken Lufern. Geheimnisvoll
still war es im ganzen Hause. In dem langen Korridor befand sich Zimmer an
Zimmer, und wattierte grne Tren davor hielten jeden Ton, der strend
nach innen wirken konnte, fern. Ruhig glitten die Schwestern, alle in der
gleichen dunklen Tracht, auf ihrem Wege aneinander vorber. Eine peinliche
Sauberkeit herrschte berall, und in den groen, hellen Fenstern standen
blhende Pflanzen - ebenfalls Pfleglinge der Schwestern -, die dem Ganzen
etwas von dem Charakter des Strengen und Ernsten benahmen.

Hinter einer der vielen Tren verschwand nun die Schwester, und nach
einigen Augenblicken kam sie mit dem Bescheid zurck, da der Herr
Professor bitten liee einzutreten.

Zgernd berschritt Ilse die Schwelle, Ruth und Marianne an der Hand
haltend, welche beide schweigsam die fremde Umgebung mit groen Augen
musterten. Wie hatte Ruth sich auf den Augenblick gefreut, Onkel Heinz
wiederzusehen, und nun sie am Ziele ihrer Wnsche angelangt war, wurde sie
zaghaft und scheu.

Die Gestalt, die dort in dem kleinen, hellen Zimmer am Fenster auf einem
Krankenstuhle sa, eingehllt in warme Decken, mit dem Aussehen von
jemand, der schwere Krankheit berstanden hat, glich auch wenig dem alten
Onkel Heinz, der sich mit den Kindern auf der Erde herumkugelte und zu
jedem Spae bereit war.

Aber sein Gesicht hellte sich doch auf, als er jetzt die Eintretenden sah,
besonders beim Anblick von Ruth. Ilse hatte er mit einem flchtigen
Hndedruck begrt und dabei versucht, eine linkische Verbeugung zu
machen. Marianne aber zog er neben sich und nahm sie in seine Arme, dann
wandte er sich wieder an Ruth, welche zgernd stehen geblieben war und ihn
betrachtete.

"Na, nun komm doch nher, alte Krte!" rief er endlich herzlich.

Bei dem vertrauten Klang seiner Stimme schwand ihre Scheu, sie lief zu ihm
hin und warf sich strmisch in seine Arme.

"Halt, sachte, sachte," wehrte er den Wildfang ab, aber als Ilse sie
zurckziehen wollte, hielt er sie doch wieder fest, und sie schmiegte sich
noch enger an ihn.

Jetzt hatte er wieder sein altes Kinderonkelgesicht! Marianne erzhlte von
ihrer Puppe, die neulich auch so sehr krank gewesen sei, Ruth zeigte ihm
den ersten Maikfer in seinem engen Gefngnis, und konnte nicht genug
berichten, wie schn es im Theater gewesen sei.

"Habe von der Mimerei gehrt," sagte Onkel Heinz kurz.

Ilse hatte inzwischen die Maiblumen ins Wasser und neben ihn gestellt; mit
den duftenden Blten kam ein Stckchen Frhling in das nchterne Zimmer.

"Bitte, Frau Gontrau, wollen Sie nicht Platz nehmen? Ruth, hole deiner
Mutter einen Stuhl; fix, Mdel!" rief er und konnte eine gewisse
Verlegenheit nicht verbergen.

"Ich danke," sagte Ilse und setzte sich ihm gegenber.

Sie hatte schon einige Male versucht ein Gesprch anzufangen, aber er ging
nicht so recht darauf ein. Es schien eher, als vermeide er, sie anzusehen,
denn nur scheu streifte sie sein Blick, dagegen beschftigte er sich
eifrig mit den Kindern, die in einem fort kicherten und schwatzten.

Ilse hatte sich eigentlich dieses Wiedersehen in ihrer Phantasie weit
poetischer vorgestellt, ja sogar etwas romanhaft ausgeschmckt, und war
nun enttuscht, da der Professor jede Annherung abwehrte und auch nicht
die Spur weich gestimmt zu sein schien. Doch wie kam sie auch auf so
verwegene Gedanken! Sie htte ihn doch hinreichend kennen sollen, um zu
wissen, da er nicht der Mann war, sich in einer solchen Situation
geschickt zu benehmen.

Mit aufrichtiger Teilnahme wollte sie ihm entgegenkommen. Freilich
leugnete er immer sehr bestimmt ab, da er irgend etwas vermisse, wenn sie
ihn bedauerte, weil er so allein sei. War das nun wirklich Wahrheit oder
tuschte er sich selbst? Darber war sie oft im Zweifel, aber doch neigte
sie sich mehr der Ansicht zu, da er, um glcklich zu sein, weiter nichts
brauche, als seine Arbeit, seine Bcher.

Und doch - ein eingefleischter Bchermensch hatte nicht das warme Herz,
das Verstndnis fr die Kinder, wie er es besa! Er ging auf ihre Ideen
ein, wie es niemand besser verstand.

"Na, wie ist es denn jetzt in der Schule, Ruth, bist du immer noch die
letzte?" fragte er in diesem Augenblick.

"Aber, Onkel Heinz," rief Ruth entrstet, "ich bin niemals die letzte
gewesen!"

"Natrlich, du Faulpelz, du kannst und weit ja nie etwas, du bist die
Dmmste in der ganzen Klasse .."

"Das ist nicht wahr - das ist nicht wahr!"

"Schweig, du Krte, ich wei es besser!"

"Ach, du weit gar nichts, Onkel Heinz."

Wenn der Professor diesen Ton mit den Kindern anschlug, wuten sie genau,
da sie sich alles mgliche herausnehmen durften, und meistens endete eine
solche Neckerei mit einer kameradschaftlichen Balgerei. Auch heute tat
Ruth alles mgliche, um Onkel Heinz herauszufordern, aber er schien doch
noch zu hinfllig zu sein, um mit seiner kleinen Freundin sich in einen
Kampf einlassen zu knnen.

Wiederholt versuchte Ilse ein Gesprch anzuknpfen doch er wandte sein
ganzes Interesse den Kindern zu und antwortete ihr nur kurz - sie mute
ihn tief, tief gekrnkt haben, wie er ja auch Leo eingestanden hatte.

"Sie waren recht krank, lieber Professor?" fragte sie nach einer Weile in
ihrem sanftesten Tone.

"Ja, na diesmal bin ich noch mit dem Leben davongekommen!"

"Sie hatten ein schweres gastrisches Fieber?" fuhr Ilse fort.

"So nannten es die rzte wenigstens. Warte du Strick," wandte er sich dann
sofort wieder an Ruth, die ihm den Maikfer in den Bart gesetzt hatte.

Diese Unterbrechung der von Ilse aufs neue begonnenen Unterhaltung schien
ihm sehr angenehm zu sein - frchtete er etwa eine Auseinandersetzung?
Doch Frau Ilse wollte nun einmal sprechen, sie hatte ihn gekrnkt und
mute ihn wieder vershnen. Auf einmal kam er in seiner ganzen Lage ihr so
verlassen vor, so trostlos traurig, da sie nur der eine Wunsch beseelte,
er mchte ihr verzeihen. Aber die Kinder muten erst fort sein, er htte
bei ihnen sonst immer wieder eine Ablenkung gesucht und gefunden. Sie
schickte sie deshalb auf den kleinen Balkon vor dem Fenster mit dem
Befehle, sich dort ruhig und artig zu verhalten, bis sie gerufen wrden.

Ruth wollte sich wie gewhnlich widersetzen, wenn sie aus der Nhe ihres
Onkel Heinz verbannt werden sollte, aber diesmal gengte ein Blick auf
Ilse, um ihr zu zeigen, da mit der Mutter jetzt nicht zu spaen war;
daher ging sie ganz still mit Marianne hinaus.

"Warum lassen Sie denn die Kinder nicht hier?" fragte der Professor.

"Sie machen zuviel Spektakel, und Sie sind doch seit Ihrer Krankheit gewi
die grte Ruhe gewohnt. Aber nicht wahr, es geht Ihnen doch schon viel
besser? Wenigstens sehen Sie recht gut aus."

Onkel Heinz brummte etwas Unverstndliches in den Bart, wobei er
unverwandt durch das Glasfenster in der Tre auf den Balkon blickte, wo
seine kleinen Freundinnen den Maikfer nochmals einer genauen Besichtigung
unterwarfen.

"Warum haben Sie uns denn gar nicht wissen lassen, da Sie krank waren?"
fragte Ilse wieder.

"Das htte mir auch nichts ntzen knnen, wenn Sie das gewut htten,"
antwortete er nicht gerade liebenswrdig.

Dann schwiegen wieder beide.

Auf diese Weise kamen sie nicht weiter, das sah Ilse ein und beschlo
deshalb, direkt auf ihr Ziel loszusteuern.

"Nicht wahr, Sie sind mir noch sehr bse, Onkel Heinz?" fing sie an.

Er antwortete nicht.

"Ich wollte Sie ja nicht krnken," fuhr sie fort.

"O - Sie krnken mich oft, sehr oft, wenn ich es mir auch nicht immer
merken lasse," unterbrach er sie nun fast heftig.

Hierauf wollte Ilse ihm erwidern, da er sie durch sein Benehmen oft reize
und auch letzthin gereizt habe, aber sie unterdrckte doch lieber diese
Bemerkung.

"Mein Gott, Sie necken mich, ich necke Sie wieder, weiter ist doch nichts
dabei," gab sie statt dessen freundlich zur Antwort.

"Ihre Neckereien haben meistens einen bitteren Beigeschmack," warf er ein.

"Ja, aber wieso denn?"

"Nun, bald nennen Sie mich einen alten eingefleischten Junggesellen, oder
Sie sagen, ich sollte froh sein, da ich nicht verheiratet wre, denn ich
wrde eine Frau nur unglcklich machen, na - und hnliche Redensarten
mehr!"

"Aber, das ist doch alles nur Scherz!"

Ilse mute beinahe lachen, als er so getreulich wiederholte, was sie oft
zu ihm gesagt hatte, aber es war ihr bei diesem Gesprch doch zu ernsthaft
zumute.

"Sie trauen mir wenig feines Gefhl zu, wenn Sie glauben, da ich den
Stachel in solchen Bemerkungen nicht empfinde, der oft recht, recht tief
sitzt," erwiderte Onkel Heinz mit bewegter Stimme.

Es entstand abermals eine Pause, beide sahen nachdenklich vor sich hin.
Nach einer Weile fuhr er fort:

"Sie sind glcklich, Frau Gontrau, Sie sind verwhnt, zu verwhnt, - denn
offen gestanden behandelt Sie Gontrau nach meiner Meinung oft gar nicht
richtig - Sie sind verheiratet, haben Kinder," fuhr er fort.

"Aber, bester Professor," unterbrach ihn Ilse, "dieses Glck knnten Sie
doch auch haben, wenn Sie wollten! Ich denke immer, es lge Ihnen nichts
daran und Sie htten nur Interesse fr Ihre Bcher."

"Meinen Sie?" fragte er langsam und gedehnt und sah ihr zum ersten Male
voll in die Augen mit einem Ausdruck, vor welchem sie die ihrigen senken
mute.

"Halten Sie mich solcher Gefhle nicht fr wrdig oder nicht fr fhig?"
fing er wieder an.

"Da Sie ein warmes Herz haben, beweist mir Ihre Liebe zu den Kindern,"
erwiderte Ilse etwas verlegen.

"Glauben Sie mir, auch ich kenne Stunden, wo mir kein Buch, keine Arbeit
ber das Gefhl der Einsamkeit hinweghilft. - Sie kennen so etwas
natrlich nicht, Sie werden es wahrscheinlich auch nicht begreifen, da
Ihr alter 'eingefleischter Junggeselle' solche Empfindungen haben kann,
und hinter meinem Rcken werden Sie gewi darber spotten und lachen."

Ein leichter Seufzer begleitete seine Worte.

"Aber, Onkel Heinz, was trauen Sie mir da alles zu, halten Sie mich denn
fr so falsch?" fragte Ilse mit trauriger Stimme. "Und dann noch eins,"
fuhr sie nach einer kleinen Weile fort, "Sie sagten vorhin, mein Mann
behandle mich nicht richtig, wie meinen Sie das?"

"Nun, wie ich schon sagte, er verwhnt Sie zu sehr, er lt Ihnen zuviel
Ihren Willen; Gontrau ist zu schwach. Sie werden dadurch egoistisch - Sie
htten ganz anders erzogen werden mssen."

"Erzogen, erzogen!" brauste Ilse auf und glich in diesem Augenblick auf
ein Haar dem Trotzkopf von frher, "Ich bin doch kein Kind mehr, das
'Erziehen' wrde ich mir von meinem Manne recht hbsch verbitten."

"Ja, wenn Sie nicht ruhig bleiben knnen, Frau Gontrau, dann wollen wir
dieses Thema lieber verlassen," sagte Onkel Heinz in jenem
Schulmeistertone, der Ilse schon oft zur Verzweiflung gebracht hatte.

Aber sie bezwang sich heute, es wre sonst wieder zu einem neuen Streite
statt zur Vershnung gekommen. Auch hallten seine Worte, durch welche er
ihr vorhin sein Inneres erschlossen hatte, tief in ihr nach. Also so
dachte und fhlte er oft!

"Warum heiraten Sie nicht, Onkel Heinz?" fragte sie pltzlich, "warum
nicht?"

Er gab keine Antwort, aber eigentmlich war der Blick, den er Ilse zuwarf.
Sie konnte sich denselben nicht recht erklren, dennoch fhlte sie
instinktiv, was er ausdrckte - es beunruhigte - es verwirrte sie.

"Sie halten mich wohl fr recht schlecht?" platzte sie in ihrer
Verlegenheit heraus. "Sagen Sie mir nur meine Fehler immer offen."

"Ich halte Sie fr gut, Frau Gontrau," erwiderte der Professor einfach,
"sonst wrde ich berhaupt Ihr Freund nicht sein, und der bin ich doch,
nicht wahr? Schne Redensarten kann ich nun einmal nicht machen, will es
auch nicht, aber ich meine es trotzdem gut mit Ihnen. Oder glauben Sie das
nicht?"

Abwechselnd klang seine Stimme weich und dann wieder schroff, als kmpfe
er mit seinen Gefhlen.

"Gewi, gewi, Onkel Heinz," sagte Ilse schnell; "aber oft sind Sie zu
absprechend, und nicht allein gegen mich, auch gegen Leo; wie machen Sie
seine Wissenschaft manchmal herunter!"

Ironisch lchelnd drehte Onkel Heinz seine Bartspitze.

"Ja, die Juristen sind nun einmal einseitig, verstehen nicht viel andres."

"So?" unterbrach ihn Ilse lebhaft; "wenn also die Juristen einseitig sind,
dann sind die Zoologen eingebildet, Onkel Heinz, das will ich Ihnen nur
sagen."

"Da sehen Sie ja, wie Sie mich immer miverstehen, Frau Gontrau. Nun
wollen wir das Thema lieber ruhen lassen, sonst streiten wir uns wieder.
Wenn ich so etwas sage, meine ich es doch nicht persnlich, es gibt ja
doch Ausnahmen unter den Juristen!"

"Leo ist eine Ausnahme, nicht wahr?" fragte Ilse schnell.

"Sonst wre er mein Freund nicht," gab Onkel Heinz wieder mit Nachdruck
zur Antwort.

Ilse amsierte sich innerlich ber die gute Meinung, die er von sich
hatte, aber gleichviel; was waren seine Eigentmlichkeiten gegen seine
wahre Freundschaft fr sie und ihre Familie! Er hatte nur wenige, mit
denen er verkehrte, fast gar keine Freunde, war ohne Verwandte, er wrde
mit der Welt ganz abschlieen und ein Einsiedler werden, wenn die
Freundschaft mit Gontraus durch irgend etwas zerstrt werden sollte. War
es deshalb nicht auch eine heilige Pflicht, hier ein Menschenleben zu
retten, das allerdings nicht in Lebensgefahr, wohl aber in Gefahr war,
sich selbst durch seine vollkommene Abgeschlossenheit in der Welt zu
verlieren?

Der Professor hatte nun einmal kein glattes Wesen, das den Verkehr zwar
erleichtert, aber zu einem wirklichen Freundschaftsverhltnis doch nicht
ausreichend ist. Er bekannte offen und frei ins Gesicht, was er dachte,
jedoch hinter dem Rcken verteidigte er seine Freunde, selbst wenn es
gegen seine berzeugung ging.

Dies alles fuhr jetzt Ilse durch den Sinn; sie fhlte, da sie ihm heute,
in diesem Augenblicke viel, viel nher gerckt war als je zuvor, denn in
solchem Mae hatte er ihr noch niemals sein Vertrauen geschenkt, so offen
hatte er sein Inneres noch nicht vor ihr gezeigt. Gab es eine Wunde darin,
hatte auch Onkel Heinz eine schmerzhafte Stelle?

Nach Frauenart war Ilse neugierig geworden und htte gern mehr darber
erfahren. Das beunruhigende, verwirrende Gefhl, das sie vorhin unter
seinem Blicke beschlichen hatte, war vollstndig gewichen, sonst htte sie
wohl keine Lust zu weiteren Fragen empfunden.

Handelte es sich bei Onkel Heinz etwa gar um eine unglckliche Liebe?

Sie sah ihn sich daraufhin an, und wollte schon den Faden wieder
aufnehmen, aber sein vernderter Ausdruck belehrte sie eines Besseren, und
das war gut.

Onkel Heinz sah aus wie jemand, der es bereut, seine Gefhle zu offen
gezeigt zu haben, ein ironischer Zug lagerte sich um seinen Mund, als
mache er sich ber sich selbst lustig, was er auch tat, - aber mit einem
wahren Galgenhumor.

Unaufhrlich drehte er seine Bartspitze und sah hinaus in die helle,
sonnige Luft, welche die beiden Kinderkpfe auf dem Balkon duftig umwob.

Laut rief er sie bei Namen.

"Ruth, Marianne, kommt herein!"

Die beiden lieen sich das nicht zweimal sagen, ungestm strmten sie ins
Zimmer.

"Lat die Tre offen, Krten, es ist eine dumpfe Luft hier!"

Ilse ffnete Fenster und Tre weit - sie und Onkel Heinz atmeten tief auf,
als der frische Zug von drauen hereinwehte - belebend, ermutigend!

"Onkel Heinz," rief Ruth frhlich, "gestern haben wir uns den Rasenabhang
- weit du den, wo die vielen Veilchen stehen - heruntergekugelt. Wie
schade, da du nicht dabei warst, ich sage dir, es war himmlisch! Wenn du
erst wieder gesund bist, nicht wahr, dann kugelst du dich auch mit
herunter?"

Onkel Heinz versprach es und noch viel mehr, alles, was die Kinder von ihm
verlangten.

"Onkel Heinz," sagte Ilse auf einmal lachend und einer pltzlichen
Eingebung folgend, "wie haben Sie sich denn hier mit den rzten vertragen,
die Sie ja doch so sehr verabscheuen?"

"Ja," erwiderte er in resigniertem Tone, aber gut gelaunt, "was soll man
denn machen, wenn sie einen in vllig wehrlosem Zustande in die Klinik
schleppen? Ihren Klauen entgeht man nun einmal nicht!"

"Unter diesen 'Klauen' sind Sie aber Gott sei Dank wieder gesund geworden,
Onkel Heinz, und das ist die Hauptsache!"

"Haben die rzte nicht Schuld, sondern nur meine gute Natur!"

Streiten mute er nun einmal immer.

"Wenn Sie erst wieder ausgehen knnen, werden Sie sich gewi schnell
erholen in der himmlischen Frhlingsluft. Drfen wir bald mal
wiederkommen?"

Ilse fragte mit bestechender Liebenswrdigkeit; in dem unklaren Gefhl,
da sie trotz allem einen nicht geringen Einflu auf Onkel Heinz ausbe;
so empfindlich derselbe sich manchmal ihrer Schroffheit gegenber zeigte,
ebenso empfnglich war er andrerseits auch fr die geringste
Freundlichkeit.

So schieden die beiden denn im besten Einvernehmen.

Beim Fortgehen sagte Ilse leise:

"Seien Sie nicht mehr bse, wir wollen stets gute Freundschaft halten."

Onkel Heinz wute, was es sie kostete, eine solche Bitte ber ihre Lippen
zu bringen, kannte er sie doch auch ganz genau. Desto wertvoller waren ihm
ihre Worte.

"Auf gute Freundschaft!" erwiderte er herzlich und reichte ihr seine Hand.

Der Abschied von den Kindern war ein sehr zrtlicher, namentlich von Ruth,
die sich gar nicht trennen konnte, bis Ilse energisch ein Ende machte.

Als sich die Tre hinter ihnen geschlossen hatte, war es wie zuvor still
und ruhig im Zimmer. Onkel Heinz lehnte sich zurck und schlo die Augen.
Worber er nachdachte? Wir wissen ja, da er sein Inneres gut verbarg. Den
Einblick, den Ilse heute hinein getan hatte, verdankte sie dem Zufall, wie
er denjenigen manchmal begnstigt, der auf hohem Berge steht und
sehnschtig in die von grauem Nebel verhllte Tiefe schaut, wenn er auf
einmal die dichten Schleier zerreien sieht. Neugierig spht er hinab,
sieht unter sich ein blhendes Tal - hier ein Dorf - dort ein Schlo auf
der Hhe. Was liegt nun noch dort drben? Was dort? Das mchte er wissen,
mchte alles sehen, aber schon ist es wieder vorbei! Von neuem schieben
sich die Wolken davor, alles verbergend und verhllend.

So hatte sich auch ber die Gedankenwelt von Onkel Heinz die
undurchdringliche Wand wieder vorgeschoben, welche sein Inneres jedem
Blicke verbarg.

Nach einiger Zeit trat die barmherzige Schwester ein, lautlos wie immer,
und brachte seine Abendmahlzeit.

"Soll ich das Fenster schlieen? Es wird zu khl, Sie knnten sich sonst
erklten, Herr Professor," sagte sie freundlich.

Er erwachte wie aus einem Traume!

"Lassen Sie nur offen! Erklten - erklten - ist ja Unsinn - Luft schadet
nichts, will mich nicht verpimpeln."

Die Schwester, an alle erdenklichen Launen und Ausbrche der Kranken
gewhnt, tat trotz dieser Rede doch, was sie fr ihre Pflicht hielt; sie
schlo die Tre und zog das Fenster etwas mehr zu. Die Sonne war im
Scheiden, und noch waren die Abende frisch und khl. -

Ilse ging an demselben Abend mit Leo hinaus in die Anlagen vor der Stadt,
um den Maitag in seinem Zauber bis zuletzt zu genieen, und dabei erzhlte
sie ihrem Schatz den Besuch bei Onkel Heinz mit allen seinen Einzelheiten.
Das, was er ihr heute gesagt, hatte einen tiefen Eindruck auf sie gemacht,
und sie nahm sich vor, ihn von jetzt ab mit viel mehr Rcksicht zu
behandeln als bisher.

Die Frhlingsstimmung ringsumher, der schwermtige Gesang der Nachtigallen
machten sie heute weicher, als es sonst ihre Art war; ihre Phantasie spann
einen ganzen Roman um die Gestalt von Onkel Heinz. Er erschien ihr auf
einmal in einem ganz andern Lichte; seine uere Rauheit war nur Schein,
dahinter verbargen sich schmerzliche Gefhle von Einsamkeit,
Verlassenheit, ja vielleicht eine betrogene Hoffnung! Sie wollte ihn
knftig zarter anfassen und ihm zeigen, da sie des ihr geschenkten
Vertrauens wrdig war.

Unwillkrlich schweiften ihre Gedanken immer wieder zurck zu dem kleinen
Krankenzimmer in der Klinik, sie sah ihn vor sich, betrbt und
nachdenklich, und fate den festen Vorsatz, ihm eine treue Freundin zu
sein. -

Die gerhrte Stimmung, in welche Onkel Heinz Frau Ilse versetzt hatte,
hielt zum Glck nicht lange an.

Er war nun wieder wohl, auch sehr vergngt, ganz der Alte, und jedes
mitleidige Wort, das Ilse ber seine Krankheit, ber sein einsames Leben
an ihn richtete, schnitt er mit der Bemerkung ab, da dabei gar nichts zu
bedauern sei, denn er wre nicht sentimental angelegt und wte sich mit
den Tatsachen abzufinden.

So geriet allmhlich der Verkehr zwischen den beiden wieder in das alte
Geleise, sie neckten und stritten sich wie zuvor, aber dennoch nahm sich
Ilse mehr zusammen, und Worte wie: "alter Junggeselle, Brummbr" usw., die
ihn so tief gekrnkt hatten, bekam er nicht mehr zu hren.

                                  * * *

Die Rosen standen schon in voller Blte, die Tage waren hei, das frische
Grn der Grten wurde durch eine graue Staubdecke gedmpft - der Sommer
war eingezogen und hatte den Frhling verdrngt.

Aber der Rosenmonat wurde jetzt ebenso als der schnste gepriesen, wie
kurz vorher sein Vorgnger, der wonnige Mai.

Eines Morgens fand Ilse auf dem Kaffeetische einen Brief von Flora mit
vielen engbeschriebenen Seiten vor, nachdem dieselbe lange nichts hatte
von sich hren lassen.

Seitdem wir Flora als schwergeprfte junge Witwe verlieen, war eine
Wandlung mit ihr vorgegangen. Sie schien eine Zeitlang wie gebrochen zu
sein, und ihr Kummer war auch ein aufrichtiger, denn sie rhrte keine
Feder an, sie verfate keine Trauergedichte, sie klagte nicht mit
berschwenglichen Worten. Der erste groe Schicksalsschlag ging nicht
spurlos an ihr vorber, er rttelte sie aus ihren trichten Ideen auf, das
Leben nahm fr sie seine wirkliche Gestalt an, und ihre schemenhaften
Ideale zerflossen davor in nichts. So war sie denn, ohne da es ihr
eigentlich zum Bewutsein gekommen wre, eine andre geworden, als sie den
Witwenschleier wieder ablegte. Vor allen Dingen versuchte sie nun
Kthchens Herz zu gewinnen, sie machte ihre Mutterrechte geltend und holte
sie von der Gromama zurck. Nach und nach gewhnte sich die Kleine mehr
an sie, doch hatte sie manchen Kampf mit ihr zu bestehen und war oft nahe
daran zu verzweifeln, denn Kthchen schien es nicht vergessen zu haben,
wie sie frher an ihr gehandelt hatte. Aber endlich wurde Floras Mhe und
Ausdauer durch Erfolg belohnt, und das Verhltnis zwischen Mutter und
Stieftochter gestaltete sich mit der Zeit sogar zu einem sehr herzlichen.

So vergingen einige Jahre, als Flora sich zum zweiten Male mit einem
Gutsbesitzer, Namens Werner, verheiratete. Die poetische Flora und ein
Landwirt! Was das fr ein Kontrast sein mute, malten sich Ilse und Nellie
oft aus, aber sie hatten doch schon aus Floras Briefen ersehen, da diese
sich gendert haben mute, denn sie klangen ganz vernnftig, und nur
selten noch erging sie sich in berspannten Schwrmereien. ber ihre zwei
kleinen Mdchen von sechs Jahren, ein Zwillingsprchen, schrieb sie
glcklich und stolz und brannte darauf, sie den Freundinnen zeigen zu
knnen. Fast jeder ihrer Briefe enthielt eine dringende Einladung. Die
Freundinnen hatten sich seit Jahren nicht wiedergesehen, und Flora schien
nicht vergessen zu haben, in welcher Weise Ilse und Nellie ihr einst in
der schweren Zeit beigestanden hatten.

Auch heute bat sie wieder in dem Briefe, den Ilse soeben zu Ende gelesen
hatte, um ihren und der Kinder Besuch; sie schilderte verlockend, wie
herrlich jetzt das Landleben sei, und schrieb, da sie auch Nellie gebeten
habe, mitzukommen.

Leo riet seiner Frau dringend, die Einladung anzunehmen, und nach einigem
Hin- und Herberlegen entschlo sich Ilse auch dazu und antwortete Flora,
da sie kommen und, wenn es ihr pate, um die und die Zeit mit den Kindern
eintreffen wrde. Ruths Ferien sollten in den nchsten Tagen beginnen, und
auch ihr und Marianne wrde ein Aufenthalt in der reinen Landluft sehr gut
tun.

Nun galt es aber, auch Nellie zum Mitkommen zu bewegen, die es zunchst
als eine Unmglichkeit hinstellte, ihren Mann zu verlassen. Was sollte
Fred ohne ihre stets sorgende Hand anfangen, nur allein auf das
Dienstmdchen angewiesen! Nein, nein, das ginge nicht, erklrte sie rund
heraus.

Aber Ilse gab sich damit nicht zufrieden; sie steckte sich hinter den
Direktor, sagte ihm, sie fnde Nellie schlecht aussehend, und stellte ihm
dies so beharrlich vor, bis er schlielich selbst fand, da seine Frau
erholungsbedrftig sei. Nellie war deshalb nicht wenig erstaunt, als er
pltzlich darauf bestand, sie solle mitreisen und sich erholen. Seine
Sorge fr ihre Gesundheit war etwas ganz Ungewhnliches und, wie sie
meinte, Unntiges. Sie war ja gesund, aber der arme Fred, der sich so
abqulen mute, der mute gepflegt und gehegt werden, machten ihm seine
dummen Nerven doch so oft zu schaffen. Und nun sollte sie ihn verlassen,
er wollte in der staubigen, heien Stadt allein zurckbleiben und
arbeiten, immer arbeiten; niemand wrde da sein, der fr ihn sorgte, wenn
er mde und abgespannt nach Hause kme, niemand, der an eine Erholung fr
ihn dchte und seine Wnsche, ehe sie nur ausgesprochen wurden, zu
erfllen suchte. O, sie wrde keine ruhige Minute auf der Reise haben,
nicht die Spur von Vergngen, sie wrde fortwhrend voller Sorge an ihn
denken.

Das alles klagte sie Ilse unter Trnen und ahnte nicht, da diese sich
heimlich ins Fustchen lachte, als sie sah, da ihre Bemhungen
erfolgreich gewesen waren. Sie fand es ganz heilsam fr den nervsen
Direktor, da er einmal ohne Nellie fertig werden sollte, denn nach ihrer
Meinung war er sich noch viel zu wenig bewut, was er an dieser Frau
besa, die ganz und gar in ihm aufging und nur fr ihn auf der Welt zu
sein schien. Mit Vorstellungen und Ratschlgen war bei Nellie nichts
auszurichten; sie gab stets zur Antwort, da Ilse gar nicht wisse und
beurteilen knne, wie elend ihr Fred oft sei und trotz aller Liebe fr die
Freundin fand sie dennoch, da diese solche Dinge zu leicht nehme.

"O, ich bitte dich," flehte sie Ilse an, "rede es Fred aus, da ich fort
soll, sage ihm, da du mich frisch und gesund fndest, und da ich keine
Erholungsreise ntig htte, denn er gibt so viel auf dich."

Ilse wrde sich wohl hten, so etwas zu tun, das erklrte sie ganz offen
gegen Nellie. So mute sich diese denn ins Unvermeidliche fgen. Fred
hatte ihre Bitten zuerst geduldig angehrt, aber bei den immer neuen und
durch Trnen verstrkten Auflagen derselben war er schlielich so nervs
und ungeduldig geworden, da sie endlich hatte nachgeben mssen. Wie ein
Schatten schlich sie die Tage vor der Abreise im Hause umher und schrieb
ellenlange Zettel, auf welchen die bis ins kleinste gehenden Anordnungen
fr das Dienstmdchen whrend ihrer Abwesenheit standen. Alle seine
Lieblingsgerichte sollten gekocht werden, auerdem sollten zum Frhstck
und Abendessen noch besondere Leckerbissen auf den Tisch kommen, so da
der arme, verlassene Mann wenigstens nicht zu darben brauchte.

Endlich war die Stunde der Abreise gekommen, und der Direktor und Leo
begleiteten ihre Frauen zum Bahnhofe. Ersterer mute noch unzhlige
Ermahnungen ber sich ergehen lassen, und mit schwerem Herzen nahm Nellie
von ihm Abschied. Auch Onkel Heinz erschien noch im letzten Augenblicke;
aus jeder seiner Rocktaschen guckte eine Dte heraus, die von den Kindern
mit Jubel begrt wurde.

"Ich bin berzeugt, die beiden Strohwitwer werden sich herrlich
amsieren," sagte Ilse, um Nellie etwas aufzuheitern, und im gleichen
Augenblicke rief Gontrau ihr neckend zu, da er ihren Mann jeden Abend zur
Kneipe abholen wrde, denn sie mten doch ihre Freiheit genieen.

"Siehst du wohl," lachte Ilse.

Aber spahaft war es Nellie keineswegs zumute, im Gegenteil bat sie Leo in
vollem Ernst, ihren Fred doch ja nicht zu verfhren, er knne so wenig
vertragen und msse es nachher immer ben, wenn er je einmal des Guten zu
viel getan htte.

"Seien Sie nur ganz ruhig, Frau Althoff," sagte Onkel Heinz mit pfiffigem
Lcheln, "ich werde auf die beiden Mnner achten."

"O, Sie sind mir der Rechte," erwiderte Nellie, die den Spott aus seinen
Worten gut herausfhlte. -

Als sich der Zug in Bewegung setzte, flatterten noch lange die
Taschentcher aus dem Coupfenster den Zurckbleibenden zum Abschiedsgrue
zu.

Nellies gedrckte Stimmung hielt nicht lange an, denn die Freude der
beiden Kinder wirkte ansteckend. Sie hatten fortwhrend zu fragen und zu
zeigen, wollten bald dies, bald jenes wissen, bald essen, bald trinken,
kurz und gut, es bedurfte der ungeteilten Aufmerksamkeit beider Frauen, um
sie zufrieden zu stellen.

So verflog denn die Zeit mit Windeseile, und schon hielt der Zug auf der
letzten Station an, wo Flora sie mit dem Wagen erwartete.

Ihre Freude ber das Wiedersehen war eine aufrichtige; sie konnte sich an
Ruth und Marianne gar nicht satt sehen, und fragte und kte sie immer
wieder.

Und dann, als sie behaglich im Wagen saen, musterten sich die Freundinnen
untereinander mit groem Interesse. "Du hast dich aber gar nicht
verndert," hie es. "Etwas strker bist du geworden." "Und du siehst viel
wohler aus, als frher," und hnliche Redensarten mehr wurden
ausgetauscht, wie es zu geschehen pflegt, wenn man sich nach jahrelanger
Trennung wiedersieht.

Flora hatte sich in der Tat sehr zu ihrem Vorteile verndert. Durch die
Landluft hatte sie frischere Farben bekommen, was ihr sehr gut stand, auch
pate der Vergleich mit einer Hopfenstange nicht mehr auf sie. Nur der
Ausdruck ihrer wasserblauen Augen war derselbe geblieben, und als der
Wagen durch blhende Wiesen und ppige Kornfelder dahinfuhr, und sie den
Freundinnen zeigte, was davon zu ihrem Besitztum gehrte, hatte sie wieder
den alten schwrmerischen Blick in die nebelgraue Ferne gerichtet, als ob
sie von dort etwas Besonderes erwarte.

Die Fahrt in der frischen Luft nach der staubigen Eisenbahn war herrlich.
Zwar brannte noch heier Sonnenschein herab, aber hier in der freien Natur
war derselbe weit ertrglicher, als vorhin im Coup, in dem eine
Temperatur wie in einem Backofen geherrscht hatte.

Jetzt fuhren sie durch ein kleines Tannenwldchen, das unter den warmen
Strahlen einen kstlichen Duft ausstrmte, dann bogen sie wieder in die
staubige Chaussee ein und konnten nun schon die ersten Huser des Dorfes
erblicken, an dessen Ende sich das Gut befand.

Als sie die sauberen Huschen erreicht hatten, hinter deren
blumengeschmckten Fenstern neugierige Gesichter zum Vorschein kamen,
whrend barfige Bauernkinder lustig schreiend hinter dem Wagen
herliefen, da schien sich Flora doch wie eine Knigin in ihrem Reiche zu
fhlen.

Sie nickte den Leuten freundlich, aber doch mit hoheitsvoller Miene zu,
und wehrte drohend die Kinder ab, die zu nahe an den Wagen herankamen.

"Sie kennen mich alle," sagte sie stolz, "und ich darf auch wohl sagen,
da ich ihnen eine brave Gutsherrin bin." "Wie geht's dem Vater?" fragte
sie im Vorbeifahren ein halbwchsiges Mdchen, deren Antwort in dem
Gerusche der Rder erstarb, aber Flora rief ihr noch zu: "Ich komme in
diesen Tagen und bringe ihm wieder Wein."

Die Dorfstrae war bald zu Ende, jetzt durchkreuzten sie noch einen kurzen
Feldweg, kamen dann an einigen groen Scheunen vorbei, hinter denen
stattliche Misthaufen den tchtigen Landwirt erraten lieen, und fuhren
nun in den Gutshof ein.

"Vor das Schlo fahren," befahl Flora mit komischer Grandezza.

Der Kutscher lenkte in einen breiten Weg ein, der mitten durch den Garten
fhrte, und hielt vor einem groen kastenartigen Gebude - es war das
sogenannte "Schlo". - Nur gut, da ihm Flora selbst diese Bezeichnung
gegeben hatte, denn Nellie und Ilse htten es sicher nicht mit dem stolzen
Namen belegt. Es zeigte eine lange Front mit vielen Fenstern, aber ohne
jeden Zierat. Nur ein in Stein gemeieltes Wappen ber der Eingangstr
lie erraten, da die frheren Bewohner Adelige gewesen waren.

"Es gehrte einem Baron v. H.," erklrte Flora, als sie bemerkte, da die
Freundinnen das Wappen, welches einen Eberkopf darstellte, aufmerksam
betrachteten. In demselben Augenblick ffnete sich die Tre, ein
schlankes, junges Mdchen trat heraus, an jeder Hand einen kleinen
Blondkopf fhrend - Kthe mit Floras Zwillingen. Nun gab es wieder eine
Menge Fragen, die bunt durcheinander schwirrten. Also das war Kthe! Das
verschchterte Kind hatte sich zu einem hbschen Mdchen entwickelt,
Nellie und Ilse muten sie immer wieder betrachten. Und dann die
Zwillinge, glichen sie wohl Flora? Ruth war sofort zu ihnen gelaufen und
erzhlte ihnen von der Reise, von Onkel Heinz und den Bonbons, die er
ihnen geschenkt hatte.

Aber die beiden Kleinen sahen sie und Marianne nur scheu an und gaben
keine Antwort.

"Thusnelda, Hildegard, so gebt doch eure Hndchen," rief Flora, als sie
sah, wie sich Ruth umsonst mit ihnen abmhte.

Nach diesen hochtrabenden Namen sahen die Kinder allerdings nicht aus,
sondern sie glichen eher den beiden Reuterschen ltten Druwppeln "Lining"
und "Mining"; lndlich gesund erschienen sie, mit prallen roten Backen,
hellen blauen Augen und strhnig blondem Haar.

Ilse ertappte Flora auf demselben vergleichenden Blicke, den auch sie in
diesem Moment ber die vier Kinder gleiten lie, als sie so beisammen
standen. Fast jede Mutter ist eitel und findet ihre Kinder am hbschesten!
So mochte wohl auch Floras Urteil zu Gunsten ihrer Zwillinge ausfallen,
aber da Ilses Mdchen einen feineren Eindruck machten, schien ihr doch
unwillkrlich aufzufallen, denn sie fand pltzlich, Thusnelda und
Hildegard mten wohl sehr umhergetollt sein, weil sie so hochrote Wangen
htten.

"Sonst haben sie nmlich frische, aber zarte Farben," wandte sie sich an
Ilse und Nellie, und dann schalt sie, da Kthe ihnen die Haare so glatt
gekmmt habe, und fuhr mit einem Blick auf Ruths Locken ber die
Blondkpfe, als knnten sich unter dieser Berhrung die glatten Strhnen
in Locken verwandeln.

"Aber nun kommt herein," sagte sie, als die Begrung vorber war, und
fragte ihre Kinder: "Wo ist denn der Papa?"

"Vater ist im Schweinestall bei den kleinen Ferkelchen," berichtete
Thusnelda mit lauter Stimme; es war das erste Wort, welches sie sprach.

Flora konnte eine kleine Verlegenheit bei dieser prosaischen Auskunft
nicht verbergen.

"Ach, liebe Tante Flora, wo sind die kleinen Ferkelchen, ich mchte sie
gerne sehen," bettelte nun Ruth, fr die ein solcher Anblick
hochinteressant war.

"Spter, spter," antwortete Flora flchtig.

Sie hatte ihre Gste mittlerweile die Treppe hinaufgefhrt und in die
Fremdenzimmer geleitet. Das Innere des Hauses glich ganz dem ueren. Die
wei getnchten Wnde sahen sauber, aber nchtern und kahl aus, der helle
Estrich und die frisch gescheuerten Treppen brachten ebenfalls keine
Abwechslung in die Eintnigkeit der Farben. Auch die Zimmer schienen
soeben erst aus den reinigenden Wasserstrzen hervorgegangen zu sein, denn
ein feuchter Geruch schlug den Eintretenden entgegen. Aufdringlich wirkten
die Tapeten, deren grelles Muster selbst die farbenreichen ldruckbilder
an den Wnden um alle Wirkung brachten. Altmodische, steifbeinige Mbel,
mit buntem Kattun berzogen, bildeten die Einrichtung; ber die
Tischdecke, schwarz mit groen roten Blumen, war als Schutz noch eine
weie Serviette gebreitet, und auf dieser stand ein groer
Feldblumenstrau - das einzig Geschmackvolle in dieser Umgebung.

Aber gleichviel! Schon die peinliche Sauberkeit war darin nicht verwhnten
Stdtern eine Wohltat, und mit noch grerer Wonne sogen sie die herrliche
Landluft ein, welche durch die offenen Fenster strmte.

Nellie las auf Floras gespanntem Gesicht die Frage: Nun, wie gefllt es
euch hier? und deshalb lobte sie in ihrer Gutmtigkeit alles.

"Nicht wahr, es ist recht gemtlich hier? Die Mbel stammen noch von den
Groeltern des Barons, sind also ganz antik," erwiderte Flora und zeigte
dabei stolz auf die kattunbezogenen Steifbeine. "Aber nun will ich nicht
weiter stren, ihr werdet euch erfrischen wollen. Wenn ihr fertig seid,
erwarte ich euch im Ezimmer - im unteren Flur die Tre rechts."

Und mit freundlichem Nicken ging sie hinaus. Marianne hatte die frischen
Zwillinge gleich in ihr kleines Herz geschlossen, whrend Ruth die kleinen
Ferkel, nach denen sie sich immer wieder erkundigte, vorlufig noch viel
mehr zu interessieren schienen, als die neuen Freundinnen, denn sie
meinte, die htte sie noch gar nicht gern, sie sprchen ja nichts und
shen genau so aus, wie die Bauernkinder, welche ihnen vorhin begegnet
wren.

Mit aller Entschiedenheit verwies Ilse der vorlauten Tochter ihr rasches
Urteil, indem sie ihr klar machte, da sie dergleichen ja nicht etwa zu
Tante Flora, berhaupt nicht zu andern sagen drfe.

Als die beiden Frauen mit den Kindern einige Zeit spter ins Ezimmer,
einen groen hellen Raum, traten, fanden sie hier neben Flora, Kthe und
den Zwillingen ihren Wirt, auf dessen Bekanntschaft sie begreiflicherweise
hchst neugierig waren.

Nur flchtig glitten deshalb Ilses Blicke ber die prchtigen Geweihe an
den Wnden, die sie sich als Kennerin sonst gewi eingehend betrachtet
haben wrde, und blieben an der mchtigen Gestalt des Hausherrn haften,
neben welcher seine schmchtige Frau vollstndig verschwand. Die
sthetische Flora und dieser Kolo, den Ilse auf 200 Pfund taxierte, -
einen greren Gegensatz konnte man sich nicht vorstellen. Auf den breiten
Schultern sa ein kugelrunder Kopf, dessen rosige Haut durch die hellen
kurzgeschorenen Haare schimmerte; rot war auch sein joviales Gesicht und
seine krftigen Hnde; breit und energisch der Nacken, der in einer dicken
Falte ber dem Rockkragen lag. Wie kam Flora zu diesem verkrperten Bilde
der Prosa! Sah sie ihn etwa durch die verklrende Brille der Poesie an?

Ob sie nun die forschenden Blicke von Nellie und Ilse bemerkte, oder ob
ihr von selbst die rosige Rundlichkeit ihres Gatten auffiel, genug, sie
strich ber seine Stirn und fand, da er sehr erhitzt wre. Hatte er wohl
sonst auch so zarte Farben, wie die Zwillinge?

Diese Frage konnte man unausgesprochen hinter dem schelmischen Lcheln von
Nellie vermuten.

"Der rmste hat in der groen Hitze auf den Feldern sein mssen," wandte
sich Flora an die Freundinnen, whrend man sich um den Tisch zum Essen
niedersetzte.

                              [Illustration]

"Ja, ja, es ist zum Braten drauen," erwiderte er und wischte sich die
hellen Perlen von der Stirn. "War wohl auch 'ne nette Temperatur in den
Coups, was?" wandte er sich an seine Nachbarinnen.

"O ja," lachte Ilse, "aber dafr haben wir's auch jetzt gut, hier ist es
ja herrlich khl. In der Stadt fanden wir es unertrglich und freuten uns
deshalb sehr, als Ihre liebenswrdige Einladung ankam."

"Wenn das Wetter nur gut bleibt, damit wir Ausflge machen knnen! Die
Umgegend ist so schn," sagte Flora.

"Was? Wetter schn bleiben! Regen mssen wir haben, es ist die hchste
Zeit. Der ist so ntig, wie 's liebe Brot. Das Land ist wie ausgedorrt,
alles vertrocknet; wenn's so fortgeht, werden wir bald kein Futter frs
Vieh mehr haben."

"Aber August, jetzt, wo wir so liebe Gste haben, drfen wir uns doch
keinen Regen wnschen," erwiderte Flora vorwurfsvoll. Es war ihr offenbar
peinlich, da er so sprach.

Doch Ilse enthob sie ihrer Verlegenheit und sagte:

"Ich bitte dich, Flora, dein Mann mte kein guter Landwirt sein, wenn er
nicht so dchte. Als einstiges Landkind wei ich ganz genau, was es
bedeutet: kein Regen!"

"So, Sie haben auf dem Lande gewohnt?" fragte der Gutsbesitzer voll
Teilnahme und sah sich Ilse daraufhin noch einmal genauer an.

"Aber, August," rief Flora, "ich habe dir doch alles von Frau Gontrau und
Frau Althoff erzhlt."

"Ja, Kind, das habe ich, offen gestanden, wieder vergessen. Mir geht so
vieles durch den Kopf, da ich fr so etwas kein Gedchtnis habe."

"August!" Sie warf ihm einen bedeutungsvollen Blick zu.

"O, das kenne ich von Fred genau," trstete Nellie. "Der arme Mann ist oft
so vergelich! Das kommt von seinem anstrengenden Berufe, dadurch sind
seine Nerven auch sehr herunter."

Hieran anknpfend erzhlte sie die ganze Leidensgeschichte des armen
vielgeplagten Fred, und wie schwer es ihr geworden wre, ihn zu verlassen,
da er ihrer Pflege so sehr bedrfe.

Flora hrte geduldig zu und trstete so gut sie es verstand.

Whrenddem entspann sich auch zwischen Ilse und Herrn Werner eine lngere
Unterhaltung, die ihn aber nicht hinderte, dem Essen und Trinken tchtig
zuzusprechen. Voll Erstaunen sah die junge Frau die groen Portionen
verschwinden; trotz der Hitze schmeckte es ihm herrlich. brigens wurde
ihr Floras Riesenmann mit jedem Worte sympathischer; die feinen
Umgangsformen eines Salonmenschen fehlten ihm allerdings, dafr war er zu
derb, dabei aber natrlich, offen und in seiner Art liebenswrdig, das
Urbild der Kraft und Gesundheit. Er schien sehr erfreut, in der Freundin
seiner Frau eine Liebhaberin und Kennerin der Landwirtschaft zu finden,
die fr alles was dazu gehrt, viel Verstndnis hatte. Sie erzhlte ihm
unter anderm, da ihr Vater jetzt einen groen Teil seiner Lndereien mit
Zuckerrben bebaut habe, und da er zur bequemen Befrderung der Rben
eine kleine Bahn ber die Felder legen liee; sie konnte ihm ber alle
Einzelheiten, nach denen er fragte, Auskunft geben, was ihn sehr
interessierte, da auch er gerade im Begriffe stand, einen Teil seiner
Felder zur Rbenkultur vorzubereiten. Sie sprach ber die neuen
landwirtschaftlichen Maschinen, ber die besten Dngemittel wie ein
Fachmann, und folgte aufmerksam seinen Ausfhrungen, als er ihr von seiner
Schweinezucht berichtete, die, wie er hoffte, recht eintrglich werden
wrde.

Flora hrte nur noch mit halbem Ohr auf Nellie, verstohlen beobachtete sie
die beiden andern und zwar zuerst nicht sehr erbaut, da August seine
Nachbarin nicht ber andre Gegenstnde unterhielt. Als sie aber merkte,
da Ilse ganz zufrieden aussah und lebhaftes Interesse zeigte, da
beruhigte sie sich wieder. Dabei war sie jedoch immer noch in einiger
Aufregung darber, welchen Eindruck ihr August wohl auf die Freundinnen
gemacht habe, und sie nahm sich vor, sie nachher offen darber
auszufragen.

Die Kinder hatten sich inzwischen auch angefreundet und saen nicht mehr
so schchtern und still auf ihren Sthlen, wie zu Beginn der Mahlzeit.
Ruth besonders rckte ungeduldig hin und her, sie konnte ja den Augenblick
nicht abwarten, bis sie die kleinen Schweinchen sehen durfte; deshalb war
niemand froher als sie, als Flora jetzt aufstand und verkndete, da der
Kaffee unter der groen schattigen Kastanie im Garten getrunken werden
sollte.

Dort war es kstlich! Die breiten herabhngenden ste wlbten sich zum
schtzenden Dach ber dem Platze, aber die Sonne stahl sich doch durch die
kleinen Ritzen und Lcher in dem grnen Blttergewirr und malte helle
Flecke auf den beschatteten Kiesweg, die gelben Gartensthle und Bnke,
auf die blanken Tassen und Teller, und als sich Werners mit ihren Gsten
niederlieen, tanzten und flimmerten sie auch auf den Gesichtern, den
Haaren und Kleidern. Von dem groen Rasenplatz vor dem Hause sandte ein
Rosenbeet seine sen Dfte herber, vermischt mit dem Wohlgeruch der
Reseda, womit die Beete eingefat waren.

Ilse und Nellie konnten des Lobes kein Ende finden ber den wonnigen
Platz, und letztere dachte im stillen, da diese grne farbige Umgebung,
die freie Luft einen weit besseren Hintergrund fr den rosigen Hausherrn
und seine ebenso rosigen Tchter abgeben, als es die gedmpften Tne im
Zimmer taten.

In lustiger Stimmung wurde der Kaffee getrunken und der riesengroe
Napfkuchen verzehrt, der mitten auf dem Tische prangte und fr die Kinder
eine wahrhaft magnetische Anziehungskraft zu haben schien, denn bis jedes
ein Stck davon auf dem Teller hatte, lieen sie ihn nicht aus den Augen.

Gegen Abend forderte Herr Werner zu einem Rundgange durch sein Besitztum
auf, was besonders von Ruth jauchzend aufgenommen wurde, sollte sie nun
doch endlich zu dem hei ersehnten Anblick der Ferkelchen gelangen.
berhaupt was gab es da alles fr die Kinder zu sehen! Aber unbekannt
waren ihnen diese Dinge nicht, sie wuten ganz gut Bescheid, da sie ja
fast alle Jahre zum Besuche bei den Groeltern in Moosdorf gewesen waren
und das Leben auf dem Lande recht gut kannten.

Es wurden die Scheunen besehen, die Stlle, man ging ber den Geflgelhof,
alles war in bester Ordnung, und wenn die groe Gestalt des Besitzers
erschien, konnte man aus den Mienen der Untergebenen merken, da er ein
strenges, aber gerechtes Regiment fhrte.

"Unsere Konzerte bestehen hier nur aus Naturlauten," sagte Flora
scherzend, als das Blken der Khe, das Wiehern der Pferde und Grunzen der
Schweine ihnen noch nachtnte, whrend sie die Wirtschaftsgebude
verlieen und in den Wiesenweg einbogen, um noch einen kurzen Spaziergang
ber die Felder zu machen. Ein starker Heugeruch kam ihnen entgegen, die
Leute waren gerade dabei, das Heu mit der Harke zu wenden; morgen in aller
Frhe sollte es eingefahren werden. Und wie prachtvoll und ppig standen
die Felder, die hren waren straff und voll! Kornblumen und leuchtend
roter Mohn, auch Kornraden und zarte rosige Winden faten wie eine
Guirlande die Felder ein; achtlos gingen Thusnelda und Hildegard daran
vorber, aber Ruths dunkler Lockenkopf und Mariannes blondes Kpfchen
tauchten bald hier, bald dort zwischen den hren auf. Das Blumenpflcken
war fr die Stadtkinder ja eine wahre Wonne! Mit ganzen Hnden voll bunter
Blumen kamen sie zurck, und Kthe, die nicht mitgegangen war, weil sie im
Hause beschftigt gewesen, nahm ihnen die duftige Brde ab, und ordnete
sie zu einem groen Straue, den sie auf die gedeckte Abendtafel unter der
Kastanie stellte.

Der etwas befangene und fremde Ton, der am Mittag geherrscht hatte, machte
heute abend einer ganz andern Stimmung Platz, im lebhaften Gesprch
unterhielten sich die Erwachsenen, whrend die Kinder geradezu bermtig
umhertollten und Kthe ihre liebe Not hatte, sie zu bndigen. Um neun Uhr
wurde die kleine Gesellschaft trotz allem Betteln und Qulen zu Bett
geschickt, ihr Sprechen und Lachen hrte man aber noch lange durch die
offenen Fenster; es tnte mit dem Zirpen der Grille und dem Froschquaken
um die Wette durch die abendliche Stille.

Pnktlich um 10 Uhr erhob sich auch der Hausherr, um zur Ruhe zu gehen,
worauf auch Nellie und Ilse ebenfalls pflichtschuldig aufstanden. Wie
schade, sie htten den Abend so gerne noch genossen, jetzt erst wurde es
ja khler hier drauen. Daher waren sie sehr erfreut, als Flora sie
fragte, ob sie nicht noch aufbleiben wollten.

"Gerne, gerne," riefen sie beide mit einem fragenden Blick auf Herrn
Werner.

"O, deshalb brauchen wir noch nicht schlafen zu gehen," erwiderte Flora.
"August steht des Morgens jetzt schon um vier Uhr auf, da ist er abends
natrlich mde. Die Damen entschuldigen dich gern, lieber Mann, nicht
wahr?" wandte sie sich an die beiden.

"Selbstverstndlich," gaben sie zur Antwort.

"Na, dann schlafen Sie recht gut," sagte der Hausherr und reichte den
jungen Frauen die derbe Rechte. "Und erzhlen Sie mir morgen frh, was Sie
getrumt haben; das geht ja wohl in Erfllung, wenigstens sagt es meine
Frau, die wei ja in solchen Dingen gut Bescheid. Ich kenne keine Trume!
Gute Nacht, Frau," sagte er dann freundlich zu Flora. "Vergi nicht,
morgen frh mit der Mamsell das Milchgeld abzuzhlen, ob's stimmt, die
mogelt gern ein bichen; und dann sorge dafr, da Hesse mit der Butter
nicht zu spt fortfhrt, damit er nicht in die Hitze kommt; er ist auch
etwas bummelig. Und nun nochmals gute Nacht."

"Ja, ja, es wird schon alles besorgt werden," entgegnete Flora leicht
errtend - die Auftrge schienen ihr nicht gerade angenehm zu sein.

Als die schweren Tritte von Herrn Werner auf dem knirschenden Kies
verhallt waren, hrte man noch eine Weile seine laute Stimme, wie er mit
dem Verwalter sprach, und dann wurde drinnen ein Fenster zugeschlagen.

"Er hat ein Herz wie Gold, wenn er auch manchmal etwas barsch erscheint;
das meint er gar nicht so," fing Flora auf einmal ohne ueren
Zusammenhang an aber ihren inneren Ideengang errieten die Freundinnen in
diesem Augenblicke leicht, und beide versicherten sie deshalb zu gleicher
Zeit, wie gut ihnen Herr Werner gefiele, und wie glcklich sie im Besitze
eines so prchtigen Mannes und so lieber Kinder sein knne.

"Ja, ja, das bin ich auch," erwiderte Flora in aufrichtigem Tone, blickte
dann aber gedankenvoll, wohl in Erinnerung an die Vergangenheit versunken,
vor sich hin. Vieles, vieles ging ihr in dieser Minute durch den Sinn.

"Ihr habt immer treu zu mir gehalten, ihr Lieben," sagte sie nach einer
Weile pltzlich zu den Freundinnen, ihnen herzlich die Hnde drckend, und
fuhr dann fort: "Ich glaube, da wir uns jetzt auch noch besser verstehen
werden, als frher. Ich habe mich in manchen Dingen gendert, denn ich sah
ein, da ich mit meinen idealen Anschauungen nicht in diese materielle
Welt pate. Ihr habt mich ja oft verlacht und verspottet - ja, ja, das
wei ich - aber es war mir wirklich ernst mit meinen Gefhlen. Durch den
Tod meines ersten Mannes bin ich eine andre geworden, Gewissensbisse und
Vorwrfe haben so lange an mir genagt, bis sich mir das Glck zum zweiten
Male mit der Hand meines guten August darbot. Er ist ein echter Landmann
und hat auch nur Interesse fr seinen Beruf. Im Anfange unsrer Ehe
versuchte ich, ihn in die Welt der Poesie einzufhren, und habe ihm hufig
abends vorgelesen, doch er war zu mde und schlief dabei ein. Aber da habe
ich mir gesagt, es sind ja nicht nur diejenigen poetisch veranlagt, die
Gedichte lesen und schreiben; wenn man nur sucht, kann man auch dem
praktischen Leben ideale Seiten abgewinnen."

"Bravo, bravo!" rief Ilse; so vernnftig hatte sie Flora noch niemals
sprechen hren.

"Und wie ist es mit Kthe?" fragte Nellie.

"O, wir verstehen uns prchtig. Sie ist und bleibt ja ein verschlossenes
Mdchen, aber fr die Zwillinge sorgt sie rhrend, denn Kinder liebt sie
ber alles."

"Wie schn fr dich," sagte Nellie.

"Ja, anfangs hatte ich meine liebe Not mit Kthe, sie war so strrisch,
sie wollte nichts von mir wissen, doch das wit ihr ja alles. Wir wollen
nun nicht mehr von der vergangenen traurigen Zeit sprechen."

Sie sagte das mit einem tiefen Seufzer; dem neuen Wendepunkt in ihrem
Leben mochten wohl viele heie Kmpfe gefolgt sein, bis aus dem
berspannten Wesen eine normal denkende Frau geworden war.

"Nun, und Orla?" fragte sie pltzlich. "Was habt ihr von der gehrt? Bis
in meine lndliche Einsamkeit dringen ihre Briefe nicht. brigens, etwas
hochfahrend war sie immer, trotzdem mochte ich sie gerne leiden, hatten
wir doch viele gemeinsame Interessen, denn sie strebte ja ebenso wie ich
nach etwas Hherem."

Also fr hnlich veranlagt, wie Orla, hielt sich Flora immer noch! Nun,
diesen Spa konnte man ihr lassen, wenn sie nur in ihrem Handeln
verstndig war und blieb.

"O, Orla, der geht es ausgezeichnet!" rief Ilse. "Ihr Mann hat durch die
Vermittlung ihrer einflureichen Verwandten am Hospital in Petersburg eine
Stellung bekommen, die mit groen Einnahmen verbunden ist. Durch den Tod
eines alten Onkels von Orla ist ihnen auch noch ein ziemlich bedeutendes
Vermgen zugefallen; da kannst du dir denken, da sie ein groartiges
Leben fhren."

"Ein Leben im groen Stile!" sagte Flora, wie zu sich selbst. "Davon habe
ich auch oft getrumt! Natrlich Dienerschaft in Menge?"

"Jedenfalls," lachte Ilse; "darber schreibt sie aber nichts. Du weit ja,
das Dienstbotenkapitel, wenn es je mal aufs Tapet kam, interessierte Orla
nicht im mindesten. Sie schreibt nicht oft, aber dann lange ausfhrliche
Briefe, und aus jeder Zeile klingt es heraus, da sie sich glcklich
fhlt! Glcklich in ihrer Ehe, glcklich, da sie wieder in ihrem
geliebten Ruland leben kann. Knstler und Gelehrte verkehren bei ihr,
kurzum, sie ist ganz in ihrem Element! O, ich kann mir vorstellen, da sie
eine gefeierte Frau ist, - klug, schn, reich."

"Ja, ihr ist es geglckt," sagte die Gutsbesitzersfrau seufzend. "Sie lebt
in der groen Welt, wird bewundert, gilt etwas, whrend andre in der
Einsamkeit verschimmeln und verbauern. - Orla spielt womglich auch als
Nihilistin eine Rolle?"

"Warum nicht?" meinte Ilse, "zuzutrauen wre es ihr schon, das Zeug htte
sie dazu."

"O, mein Gott, was redet ihr da fr Unsinn - Orla eine Nihilistin!" warf
hier Nellie ein.

"Aber ich bitte dich," sagte Flora, "unmglich ist es doch nicht.
Schrecklich wre es nur, wenn sie eines Tages nach Sibirien verbannt
wrde."

"O, o!" rief Nellie entsetzt, "deine Phantasie geht mit dir durch, Flora.
Sprich doch nicht von so etwas, was sollten da wohl Orlas liebe Jungen
anfangen!"

"Wie viel Kinder hat sie eigentlich?" fragte Flora; "in meiner Einsamkeit
erfahre ich ja gar nichts."

"Vier Stck, acht, sechs, vier, zwei Jahre alt, lauter Prachtkerls, sage
ich dir," antwortete Ilse.

"O, s!" schwrmte auch Nellie, und ein wehmtiger Schatten berflog ihr
Gesicht. "Ich habe das Bild mit und will es dir morgen zeigen."

"Heute abend noch, bitte, heute abend noch," bettelte Flora, die zu
neugierig war, es zu sehen. Orlas Schicksal erfllte sie doch mit etwas
Neid, den sie nicht ganz unterdrcken konnte. Aber schneller als frher
kam sie darber hinweg in dem Bewutsein, da sie ja auch ihren
Wirkungskreis habe, genau wie Orla; der einzige Unterschied war der, da
diese als Schauplatz die groe geruschvolle Welt hatte, whrend der
ihrige hier in der stillen Abgeschiedenheit lag. Was sollten die Armen und
Kranken in der Umgegend, denen sie oft der einzige Trost, die einzige
Hilfe war, wohl ohne sie anfangen! -

Die Nacht war schon weit vorgeschritten, und die Freundinnen saen noch
immer unter der traulichen Kastanie, welche alle die alten Erinnerungen,
die zwischen den dreien ausgekramt wurden, mit anhrte. Aber sie wollte
auch mitsprechen, und das leise Rauschen in dem Bltterwerk mischte sich
in den Klang der Stimmen; es lie das Licht im Windleuchter, der auf der
bunten Tischdecke stand, hher aufflackern, so da die Flamme nach den
herabhngenden Zweigen leckte, deren Grn in dieser knstlichen
Beleuchtung fast wie auf dem Theater wirkte. Die jugendlichen Gestalten in
ihren hellen Sommerkleidern hoben sich in dem kleinen Lichtkreise
malerisch von der Dunkelheit ringsherum ab. Schade, da niemand das
anziehende Bild sah, aber alles lag ja schon im tiefsten Schlummer, die
Lichter im Hause, auf dem Hofe, in dem Dorfe waren lange verlscht, und
die kleine einsame Gartenlampe war der einzige Lichtpunkt in der Runde.
Droben aber, da glnzte helles Sterngeflimmer am klaren Nachthimmel! -

Vieles, vieles hatten sich die Freundinnen zu erzhlen! Wenn man sich nach
langer Trennung wiedersieht, dann sind die ersten Fragen, die ersten
Gesprche meist sehr gleichgltiger Art, so war es auch bei unsrem
Dreiblatt hier gewesen. Nun aber die Schleusen ihrer Beredsamkeit einmal
geffnet waren, konnten sie kein Ende finden. - Der wrdigen Frau
Superintendentin Rosi mochten an diesem Abend wohl die Ohren geklungen
haben, aber wahrscheinlich das rechte mehr als das linke, denn viel Gutes
wurde nicht ber sie gesprochen, desto mehr wurden ihr Mann und Fritz
gerhmt.

Schlielich jedoch bedurften die vom Sprechen trocken gewordenen Kehlen
noch einer Erquickung; Flora holte deshalb einen groen Korb voll frisch
gepflckter Kirschen heraus, und ein lustiges Schmausen begann. Dann aber,
als sie Nellie einigemal verstohlen ghnen sah, fiel es ihr pltzlich ein,
da ihre Gste gewi von der Reise mde sein wrden, und es wurde
beschlossen, die Sitzung bis auf morgen zu vertagen. Flora leuchtete ihren
Gsten noch bis in ihre Zimmer und ging dann selbst zur Ruhe.

Am andern Morgen waren Ilse und Nellie rechte Langschlferinnen. -

Als sie ins Nebenzimmer kamen, wo Ruth und Marianne schliefen, fanden sie
das Nest leer, aber aus dem Garten hrten sie helle Kinderstimmen
heraufschallen, und bei einem Blick durchs Fenster sahen sie flinke
Beinchen ber den taufrischen Rasen laufen. -

Der Kaffeetisch war wieder unter dem Kastanienbaume hergerichtet; bei dem
Erscheinen der beiden schttelte er leise das ehrwrdige Haupt, als wollte
er sagen: wie lange habt ihr Faulpelze geschlafen. Jubelnd kamen die
rotbackigen Zwillinge, in ihrer Mitte Marianne fhrend, herbeigelaufen,
und Flora erhob sich von ihrem Sitz am Tische. Sie hatte ein Buch vor sich
liegen, in welchem sie eifrig gelesen und gerechnet hatte, und sah in
ihrem hellblauen Morgenkleide frisch und nett aus.

"O, was magst du von uns denken," entschuldigte Nellie, und Ilse meinte:
"Dein Mann wird sich schn ber die faulen Stdterinnen lustig gemacht
haben!"

Aber Flora beruhigte sie ganz und gar. August trnke fast nie des Morgens
mit ihnen Kaffee, er wre schon seit 5 Uhr fort auf die Wiesen, um beim
Heuaufladen zugegen zu sein.

"Nun, stimmt die Milchrechnung?" fragte Nellie lchelnd mit einer
Handbewegung nach dem Buche, das vor Flora auf dem Tische lag. Eine solche
Lektre bei der ehemaligen Dichterin!

"Ja, ja, Kinder, so etwas mu eine Gutsfrau auch tun," sagte Flora, die
aus Nellies Frage einen leichten Spott herauszuhren glaubte. "Poesie und
Prosa gehen Hand in Hand auf dem Lande."

"O, nicht nur auf dem Lande, berall im Leben," antwortete Ilse.

"Ich bin brigens recht froh, da die Kinder in freier, natrlicher
Umgebung aufwachsen," fuhr Flora fort; "es wird dadurch der Sinn fr die
Natur geweckt. Thusnelda" - sie sprach den Namen immer mit der Betonung
einer Klara Ziegler aus - "ist poetisch veranlagt, das Kind hat eine ganz
merkwrdige Auffassung, ihr solltet nur hren, wie sie ber alles spricht,
ber den Gesang der Vgel, ber den Sonnenschein, ber den grnen Wald."

Danach sah der ltte Druwappel allerdings nicht aus, und man konnte auch
nur wnschen, da er in dieser Beziehung lieber nicht von der Mutter
"erblich belastet" sein mchte. uerlich glichen die Zwillinge ja
auffallend dem Vater, wie aus dem Gesicht geschnitten waren sie ihm.

"Ja, aber wo ist denn Ruth?" fragte Ilse pltzlich, sich nach allen Seiten
umsehend.

In derselben Minute liefen die Kinder jubelnd und lachend einem groen,
mit Heu beladenen Wagen entgegen, der, von zwei mchtigen Pferden gezogen,
eben in den Hof einfuhr. Und wer sa mit Bauernkindern zusammen hoch oben
in dem weichen duftenden Neste, frhlich singend, wie eine Lerche in der
Morgenfrhe? Niemand anders als Ruth! Wie eine Katze kletterte sie
herunter und warf sich ungestm in die bereit gehaltenen Arme von Herrn
Werner, der sie lachend auffing und auf einen der breiten Pferdercken
setzte.

Ilse kam es in diesem Augenblicke vor, als wrde ihr ein Spiegel
vorgehalten und sie she sich, die wilde Hummel von einst, wie ein Junge
auf dem Pferde vor dem Heuwagen reiten, gerade so wie jetzt Ruth. Das war
der verhngnisvolle Ausgangspunkt gewesen, von dem aus ihr Leben eine neue
Wendung nahm, - kleine Ursachen, groe Wirkungen!

Und Ruth glich ihr fast auf ein Haar - und doch wieder nicht. Durch den
gnzlichen Mangel an Erziehung, durch das ungebundene Aufwachsen auf dem
Lande, war aus ihr das unbndige, jungenhafte, trotzige Mdchen geworden,
whrend bei Ruth dieselben Eigenschaften sich verfeinert hatten, so da
man sie in "temperamentvoll, eigenartig und willensstark" bersetzen
konnte. Flora witterte sogar etwas Besonderes hinter ihr, und prophezeite
ihr eine groe Zukunft. -

Bestaubt, erhitzt, mit glhenden Wangen kam Ruth jetzt herbeigelaufen und
umarmte ihre Mutter unter strmischen Kssen. Sprudelnd und sich
berhastend erzhlte sie, da sie schon ganz frh wach gewesen sei, und
als sie zum Fenster hinausgesehen habe, wre Herr Werner unten im Garten
gewesen und htte ihr zugerufen, ob sie mit wolle auf die Wiese zum
Heumachen. Da htte sie sich schnell angezogen, ganz allein. "O, ganz
ordentlich," versetzte sie, als Ilses prfender Blick ber ihren Anzug
glitt, und brach dann in den begeisterten Ausruf aus: "Himmlisch war's!"

"Wo ist dein Mann geblieben?" fragte Nellie und sah suchend umher, denn
der Gutsbesitzer war nicht mehr zu sehen.

"Er wird erst Toilette machen, um wrdig vor euch zu erscheinen," erklrte
Flora, aber in der gleichen Sekunde erscholl seine laute Stimme von den
Stllen her. Er schien mit den Knechten zu schelten, denn einzelne
Kraftworte, wie "Donnerwetter, infame Wirtschaft, Dummkpfe", drangen bis
zu der Kastanie herber, zum Gaudium der Zwillinge, die sich halbtot
lachen wollten. Flora waren diese Ausbrche ihres erzrnten Gatten sehr
unangenehm; sie wurde verlegen, schalt die Kinder aus, weil sie lachten,
und wollte selbst nachsehen, was es denn gbe. Aber da kam auch schon
August den Kiesweg heraufgegangen.

Seine hohen Stulpenstiefel waren voller Staub, und der graue Drellanzug
schien zwar sehr bequem zu sein, elegant sah er aber nicht aus. Schlaff
und schlappig hing die Joppe ber seine breiten Schultern, und das farbige
Sporthemd lie seinen starken Hals frei sehen, der ebenso, wie das
Gesicht, vor rger und Hitze blaurot war.

Sein Anblick war keineswegs der eines Gentleman, aber wohl der eines viel
beschftigten Landmannes, und hatte fr Ilse daher durchaus nichts
Fremdes.

Floras deutlich sprechende Blicke, die sie ihm zuwarf, schien er nicht zu
bemerken, denn ungeniert ging er auf den Tisch zu und begrte Nellie und
Ilse.

"Ein ganz famoses Mdel haben Sie, Frau Gontrau," sagte er; "sie hat mir
vielen Spa gemacht heute frh. Das wird mal eine gute Landwirtin!"

Als er der Direktorin die Hand reichte, fragte diese teilnehmend:

"O, haben Sie rger gehabt?"

"Ach ja, es gibt immer rger, manchmal ist's zum Tollwerden! Lassen die
dummen Kerls die Sau mit ihren Jungen zusammen, natrlich hat sie drei
davon tot gebissen. Schafskpfe sind's," setzte er noch hinzu und legte
seine Hand so krftig auf den Tisch, da das Geschirr klirrend
zusammenschlug.

"rgere dich doch nicht so, lieber August," sagte Flora und strich ihm
besnftigend ber die Stirn.

"Hesse ist auch ein Esel," fing er wieder an; "bringt beinahe die Hlfte
der Butter wieder mit, die bei der Hitze natrlich schon zu einem Matsch
geworden ist. Wie ist es mit dem Milchgeld, stimmt's? Der Mamsell mu
tchtig auf die Finger gesehen werden! Und dann mssen auch die
Sauerkirschen gepflckt werden, sind schon eine Menge davon gestohlen
worden in der letzten Nacht."

"Ja, ja, lieber Mann, es soll alles geschehen, aber nun strke und erhole
dich erst," versuchte ihn seine Frau zu beruhigen, indem sie ihm mit
eigener Hand appetitlich belegte Brtchen bereitete und Kthe ins Haus
schickte, um ihm etwas Erfrischendes zum Trinken zu holen.

O, welche Wandlung war mit Flora vorgegangen! Mit Staunen bemerkten es die
Freundinnen immer von neuem. Sie htten es kaum fr mglich gehalten, da
aus der oft verlachten und verspotteten "Dichterin" eine vernnftige Frau
werden knnte, denn soweit es Floras Beanlagung zulie, war sie wirklich
eine solche geworden. Zwar kamen dann und wann noch einige berbleibsel
ihrer einstigen berspanntheit zum Vorschein, aber wer knnte auch seine
innerste Natur ganz verleugnen? berschwenglichkeit war nun einmal der
Grundzug von Floras Charakter. -

Die nchsten Tage vergingen schnell, und das Landleben behagte den groen
und kleinen Gsten herrlich. Den ganzen Tag drauen in der guten Luft,
Abendspaziergnge durch das Dorf, die Felder und Wiesen, Spazierfahrten in
die Umgegend, Picknicks im Walde, und dann, um das beste nicht zu
vergessen, die vielen traulichen Plauderstunden unter dem Kastanienbaum,
denen der Hausherr auch fter beiwohnte. Er schien sich in der
Gesellschaft der beiden Frauen sehr wohl zu fhlen, und auch diese hatten
ihn trotz seiner etwas derben Manieren lieb gewonnen. Oftmals aber fragten
sich Ilse und Nellie untereinander, wie diese beiden so verschiedenen
Menschen nur zusammengekommen sein mochten? Denn von der Frau, die aus dem
Rahmen des Gewhnlichen heraustritt, wollte August nichts wissen.

"Gelehrte Weiber kann ich nicht leiden," sagte er, als eines Tages wieder
die Rede darauf kam.

Flora waren derartige Gesprche immer sehr unangenehm, das konnte man
merken.

"Aber, August," widersprach sie ihm, "eine Frau kann sich fr alles Schne
und Erhabene interessieren, und braucht deshalb ihre Pflichten als Gattin
und Mutter doch nicht zu versumen."

"Ach was, Firlefanzereien! Strmpfe soll sie stricken und gut kochen
knnen, das ist die Hauptsache."

Mit einem leichten Achselzucken schwieg Flora. ber diesen Punkt wrden
sie sich ja doch nicht einigen.

Nellie hatte sich nun auch an die Trennung von ihrem Fred gewhnt, sie
blhte hier ordentlich auf, und daran konnte man am besten sehen, da sie
in der Tat einer Erholung bedurft hatte. Der Direktor schrieb oft und so
vergngt und zufrieden, da sich nach und nach auch die Angst und Sorge um
ihn etwas verringerte. Sie verfate natrlich tglich lange Briefe, worin
mit allen mglichen Variationen das Thema behandelt wurde: Wie geht es
dir? Fhlst du dich auch wohl! Schonst du dich genug? Arbeitest du nicht
zu viel? Wirst du auch gut versorgt? Ilses Neckereien, wenn sie so
stundenlang ber einem Briefe sa, ertrug sie geduldig. Ja, sie hatte gut
reden, ihr Mann war gesund und krftig, und konnte mit dem armen leidenden
Fred nicht verglichen werden.

brigens war der Briefwechsel zwischen dem Gontrauschen Ehepaar ebenfalls
ein reger. Ilse schilderte ihrem Schatz lebhaft alle neuen Eindrcke und
neckte ihn damit, da sie nicht die Spur von Sehnsucht nach ihm habe. Er
erzhlte dagegen, wie wohl er sich in seinem Strohwitwertume fhle, und
wie angenehm es sei, einmal nicht am Gngelbande gefhrt zu werden. Dann
kam auch eines Tages ein Brief von Onkel Heinz an die beiden Frauen, der
wahre Schauergeschichten ber das Leben und Treiben ihrer Ehemnner
berichtete. Darauf erhielt er natrlich eine passende Antwort von Ilse.
Der Wildfang Ruth hatte ihren lieben Onkel auch in dieser, fr sie neuen
Welt nicht vergessen, er hatte schon einige Briefchen von ihr bekommen,
und sie natrlich auch von ihm. brigens erschien das kleine lebhafte Ding
den Zwillingen und den Dorfkindern als ein Wesen hherer Art, und wie gern
lie sie sich anstaunen! Sie erzhlte ihnen Geschichten, da sie Mund und
Nase aufsperrten, und sang die Lieder, welche sie in der Schule gelernt
hatte, mit so reizender Stimme vor, da auch die Groen gern zuhrten.
Trotzdem aber liebten die Zwillinge Marianne weit mehr und waren ihr
zrtlich zugetan, denn diese verstanden sie, was bei Ruth nicht immer der
Fall war. -

Eines Tages sagte Flora, da sie heute unbedingt einige Besuche im Dorfe
bei ihren Kranken machen msse, und fragte, ob die Freundinnen sie
begleiten wollten, was sie natrlich von Herzen gern taten.

So machten sie sich denn gegen Abend auf den Weg; eine Menge Wein, Fleisch
und andre strkende Sachen wurden, in Krben verpackt, mitgenommen.

"Ihr glaubt nicht, wie mildttig August ist, niemals kann ich den Armen
genug geben," sagte die Gutsbesitzerin, als sie mit Ilse und Nellie durch
die Dorfstrae schritt.

Ein starkes Gewitter hatte am Tage vorher den ersehnten Regen gebracht,
der wie ein erfrischendes Bad fr die erschlaffte Natur gewesen war;
begierig hatte der trockene Boden jeden Tropfen eingesogen. Jetzt hatte
sich der Himmel wieder aufgeklrt, und die Abendsonne spiegelte sich in
den vielen groen und kleinen Pftzen, ber welche die drei Frauen hinweg
schreiten und springen muten, indem sie die Kleider sorgfltig in die
Hhe nahmen.

Wirklich schien man Flora Werner berall gern zu sehen, sie blieb bald
hier, bald dort stehen, fragte nach diesem und jenem, und kannte fast von
jedem einzelnen die Verhltnisse genau. Aber merkwrdig! Ihre
Freundlichkeit, ihre Art, mit den Leuten zu sprechen, konnten doch einen
leisen, theatralischen Anstrich nicht verleugnen, und manchmal begegnete
sie vllig verstndnislosen Blicken, wenn sie sich ihrer hochtrabenden
Ausdrcke bediente. Doch, das waren nur uerlichkeiten, wie sich Ilse und
Nellie bald berzeugen konnten. Floras Wohlttigkeitssinn war ein tief
innerlicher, er kam von Herzen, und dieses Feld der Ttigkeit, das sie
sich geschaffen hatte, war ein segensreiches und trug viel gute Frchte.

Meistens, wenn sie in die engen, schlecht gelfteten Bauernstuben
eintraten, flog es wie ein heller Schein ber die Gesichter der alten
Weiblein und Mnnlein, die im Winkel hockten, oder wenn ein Kranker in der
Stube lag, hefteten sich seine Augen fragend und suchend auf den Korb, der
stets etwas Gutes fr ihn enthielt. Bei den jungen Mttern erkundigte sich
Flora nach den kleinen Kindern, gab gute Ratschlge und war mit jeder
Hilfe bereit. Ja, sie ging sogar so weit, in der Kindererziehung Reformen
einfhren zu wollen, z. B. die Kinder sollten mehr abgehrtet werden, im
zarten Lebensalter nicht alles zu essen bekommen und hnliches mehr. Da
aber fand sie keinen fruchtbaren Boden. In ihrem breiten Platt gaben ihr
die Bauernfrauen verstndnislose Antworten, indem sie sie dabei dumm
gutmtig anlachten, und alles blieb beim alten.

Ganz am Ende des Dorfes stand ein kleines bauflliges Haus, in welchem die
junge Witwe eines Knechts wohnte, der im letzten Winter verunglckt war
und seine Frau mit sechs Kindern, im Alter von acht bis herunter zu einem
Jahre, in grter Not krank und elend zurckgelassen hatte. Hier in dieser
armseligen Htte traten jetzt die drei Freundinnen ber die Schwelle. Eine
warme, schlechte Luft drang ihnen entgegen, als sie die niedrige Tre zu
dem Raume ffneten, welcher der Familie zum Wohnen und Kochen diente und
in dem ein grenzenloses Durcheinander herrschte. Beim Eintritt der Frauen
erhob sich von einem alten wackeligen Sofa eine gebrechliche Gestalt und
versuchte schnell etwas Ordnung zu machen, aber Flora hielt sie davon
zurck.

"Lassen Sie nur, Frau Tolle, bleiben Sie ruhig sitzen, die Damen hier
wissen schon, wie es in einer Stube aussieht, wo Kinder sich aufhalten,"
sagte Flora freundlich und rumte selbst drei Sthle ab, auf denen
schmutzige Wsche, in allen Farben gestopfte Strmpfe, zerbrochenes
Spielzeug, abgeknabberte Brotreste und hnliche Dinge umherlagen.

"Ich konnte leider die letzten Tage nicht kommen, weil ich Gste habe;
aber die Sachen, die ich Ihnen schickte, haben Sie doch bekommen, nicht
wahr? Na, und wie geht's denn heute, Frau Tolle?" fragte Flora, indem sie
sich neben dieselbe setzte und sie prfend betrachtete.

ber das bleiche, abgezehrte und abgehrmte Gesicht war eine flchtige
Rte gegangen, die es merkwrdig verschnte, als sie den fremden Besuch
gewahrte, der heute mit der Gutsfrau gekommen war. Vor dieser selbst
brauchte sie sich ja nicht zu schmen, die kam ja so oft und kannte sie so
gut, die war ihr keine Fremde.

"Schlecht, schlecht," antwortete sie leise, "es geht immer schlechter."

"I bewahre, Frau Tolle, Sie sehen ja schon viel wohler aus, verlieren Sie
nur den Mut nicht, der liebe Gott wird Ihnen schon helfen," trstete Flora
sanft und liebevoll.

Ein Kopfschtteln war die Antwort, und ein trauriger Blick streifte dabei
die Kinder, die sich in die Ecken gedrckt hatten und neugierig die
Fremden anstarrten. Sie sahen schmutzig und zerlumpt aus, sauber und gut
gekleidet wren es gewi hbsche Kinder gewesen. Nur bei dem
zweitjngsten, einem kleinen Mdchen von zwei Jahren, wirkten die Lumpen
geradezu malerisch zu der Schnheit des Kindes. Es sa der ltesten
Schwester auf dem Scho; wirre, ungepflegte blonde Lckchen fielen tief
ber ihr Gesichtchen, das unter den zurckgelassenen Spuren schmutziger
Finger dennoch rosig schimmerte. Scheu sah es mit seinen groen braunen
Augen Nellie an, welche mit ihm sprach und liebkosend die nackten braunen
Fchen streichelte.

"O, wie s ist das _baby_," sagte sie zu Ilse. "Wie heit du?" fragte sie
das Kind.

"nnchen," antwortete die ltere Schwester.

"Willst du der Tante nicht ein Hndchen geben?" fragte sie weiter.

Das weiche Kinderpatschchen legte sich zgernd in die Hand der jungen
Frau, aber ohne Widerstreben lie sich die Kleine dann von ihr auf den
Scho nehmen. Zrtlich strich ihr Nellie die hellen Ringeln von der Stirn.

Flora hatte inzwischen Fleisch und Wein fr die Kranke aus dem Korbe
genommen und versprach fr die Kinder abgelegtes Zeug zu schicken.

Mde und apathisch dankte die Frau.

Die Luft in dem kleinen Raume war zum Ersticken; Ilse, die kaum Atem zu
holen wagte, wollte das Fenster ffnen, aber frstelnd schauerte die
Kranke zusammen und sie lie es geschlossen.

"Wo ist denn die Mutter?" fragte Flora sich umblickend.

"Ach, die holt ein bichen Futter fr die Ziege," entgegnete die junge
Witwe.

"Kommt sie denn bald wieder?" forschte Flora weiter. "Sie knnen doch in
Ihrem elenden Zustande nicht allein bleiben."

"Die Kinder sind ja da."

"Die knnen Ihnen doch nichts helfen, auf die mssen Sie ja noch dazu
achtgeben, Frau Tolle. Nein, nein, so geht das nicht lnger," sagte Flora.
"Und den Arzt schicke ich Ihnen morgen auch wieder, er soll jetzt alle
Tage kommen, der macht Sie bald wieder gesund, passen Sie nur auf."

"Der kann mir auch nicht mehr helfen ..." Unendlich schmerzlich klangen
diese Worte.

"Das mssen Sie nicht sagen, Frau Tolle! Trinken Sie nur tchtig von dem
Wein, der krftigt Sie, und wenn er zu Ende ist, bringe ich mehr. Ich
komme bald wieder und sehe nach Ihnen, hoffen Sie nur auf Gott. Guten
Abend und recht, recht gute Besserung."

Flora ergriff die magere, knochige Hand, die sich auch Ilse und Nellie
entgegenstreckte, und dann verlie sie mit den Freundinnen diese Sttte
menschlichen Elends.

Alle drei atmeten erleichtert auf, als sie drauen die frische Abendluft
empfing, und sie nicht mehr das jammervolle Bild vor Augen hatten. Ilse
konnte sich ber die Armseligkeit in dem Huschen, die einen tiefen
Eindruck bei ihr hinterlassen hatte, nicht beruhigen; Nellie sprach in
einem fort von dem armen, sen nnchen, und Flora erzhlte die
Krankheits- und Leidensgeschichte der armen Frau Tolle ausfhrlich. Alle
drei waren von dem, was sie eben gesehen hatten, schmerzlich ergriffen.

"Sie hat sich nach dem letzten Kinde nicht mehr erholen knnen; der Doktor
sagt, es wre ein schweres Herzleiden und nicht zu heilen," berichte
Flora. "Ach, wenn sie dann nur bald erlst wrde, die rmste."

Dieser Wunsch sollte bald in Erfllung gehen! -

Bei dem abendlichen Zusammensein unter der Kastanie wurde der traurige
Fall eingehend errtert, und in den folgenden Tagen fr die unglckliche
Familie ausgiebig gesorgt. Der Arzt mute tglich nach der Kranken sehen,
und eine tchtige Pflegerin besorgte Flora ebenfalls. Diese freundliche
Frsorge erhellte die letzten Tage der Schwergeprften; sie wurde
liebreich gepflegt, samt ihren Kindern mit allem Ntigen versehen, und so
empfand sie noch einmal einen schwachen Schimmer von Glck.

Eines Abends, als die untergehende Sonne auch den armseligen Raum, wo die
Kranke lag, mit ihrem lichten Glanze erfllte, schlossen sich ihre Augen
fr immer - ruhig und sanft schlummerte sie ein. -

Die Nachricht von ihrem Tode erreichte die Gutsherrschaft gerade, als sie
mit ihren Gsten frhlich plaudernd zusammensa, und zwar wie gewhnlich
auf dem Platze unter der Kastanie.

"O, die armen Kinder, das se _baby_, was wird daraus?" rief Nellie mit
Trnen in den Augen.

"Ja, ja, wir mssen helfen," sagte Herr Werner berlegend. Dann fragte er
seine Frau: "Wie viel Kinder sind da?"

"Sechs," antwortete sie. "Es ist ein Jammer! Bei der halb bldsinnigen
Gromutter knnen sie nicht bleiben, und alle die Kleinen dem Waisenhaus
bergeben - es ist zu traurig!"

"Ich will sehen, ob ich nicht einige unterbringen kann," sagte ihr Mann.
"Deichmanns auf der Domne knnten ganz gut eins zu sich nehmen, die haben
Geld und keine Kinder. - Das will ich schon machen. Na, und dann denke
ich, wir knnten auch eins annehmen, was meinst du dazu, Frau? Natrlich
mut du dir's reiflich berlegen, aber wenn du willst - ich bin's
zufrieden."

"O, Herr Werner, dann nehmen Sie das kleine nnchen; o, es ist ein zu
wonniges _baby_!" rief Nellie begeistert, whrend Ilse mit aufrichtiger
Bewunderung den groen Mann mit dem guten Herzen anblickte und auch Floras
Gesicht einen freudig stolzen Ausdruck zeigte.

Den ganzen Tag nach diesem Gesprche blieb Nellie still und nachdenklich,
und als sie abends mit Ilse allein in ihrem Zimmer war, da erfuhr die
letztere, da die Direktorin fortwhrend an klein nnchen dachte und sich
ausmalte, wie das liebliche Geschpf wohl aufblhen wrde, wenn es hier
erst mit den Zwillingen zusammen wre. Mit einem tiefen Seufzer schlo sie
ihre Betrachtungen.

"Hre, Nellie," rief Ilse pltzlich, "wenn dir das Kind so gut gefllt, so
nehmt ihr es doch zu euch."

So schnell wie ihr der Gedanke durch den Kopf gefahren war, hatte sie ihn
auch ausgesprochen. Aber Nellie wurde blutrot bei diesen Worten, und es
schien beinahe, als htte Ilse sie bei ihrem eigenen Gedanken ertappt;
doch heftig schttelte sie den Kopf.

"Nein, o nein, Ilse, denke doch - Fred!" rief sie aus.

"Na, dein Mann wird doch nicht nein sagen."

"O, Fred wrde es nicht wollen; nein, das geht nicht."

"Ob dein Mann das nicht will, weit du ja gar nicht, aber mchtest _du_ es
denn?" fragte Ilse, die Freundin scharf beobachtend.

"O, ich mchte sehr gern, gewi mchte ich, ich liebe die _babys_ so
sehr," erwiderte Nellie leise. "Aber es geht nicht, es geht nicht!" fuhr
sie lauter fort. "Ich habe auch keine Zeit fr solch kleines Ding; Fred
nimmt meine Pflege ganz in Anspruch, ich mte ihn vernachlssigen, o, und
das ginge doch nicht."

Und wieviel auch Ilse dagegen sagte, wieviel auch hin und her gesprochen
wurde, Nellie blieb dabei, "es ginge nicht." Ganz aufgeregt begaben sich
die beiden zur Ruhe, jede lebhaft mit ihren eigenen Gedanken beschftigt.

Aber Ilse lie sich von ihrem "guten Gedanken", wie sie ihn nannte, nicht
abbringen, wenigstens in ihrem Innern nicht, auch nachdem Nellie sie
gebeten hatte, darber fr immer zu schweigen.

Am andern Tage da hatten Frau Ilse Gontrau und Frau Flora Werner
merkwrdig oft zusammen zu tuscheln, und die diskrete Nellie, die keine
Ahnung hatte, worber sie sprachen, und auch gar nicht neugierig war, zog
sich dann jedesmal mit den Kindern zurck, um mit ihnen zu spielen.

Nach Tische saen Ilse und Flora im Zimmer der letzteren. Flora hatte
einen Briefbogen vor sich liegen, auf welchem sie eifrig schrieb, whrend
Ilse diktierte.

"Nein, so doch nicht, lieber so," unterbrach sie sich dabei oft, und dann
wieder lie Flora ihre Bedenken einflieen. Auf diese Manier wurde viel
geschrieben, beinahe ebensoviel gestrichen und wieder von vorn angefangen.
Was mochte das wohl fr ein wichtiges Schreiben sein! Endlich aber war es
fertig, Ilse hatte es abgeschrieben, und als der Brieftrger kam, wurde es
diesem bergeben mit der ausdrcklichen Weisung, den Brief ja ordentlich
und pnktlich zu besorgen.

Was er wohl dazu sagt, ob er es wohl tut? Diese Fragen tauschten die
beiden Geheimnisvollen in den nchsten Tagen unzhlige Male aus, und mit
Spannung sahen sie jeden Morgen dem Brieftrger entgegen.

Eines Tages erschien er, als die Freundinnen wieder wie gewhnlich den
Kaffee unter dem grnen Bltterdach einnahmen. Fr Ilse hatte er nichts,
aber Nellie gab er einen Brief, den sie ihm hastig abnahm.

"Von Fred," sagte sie leicht errtend, worauf sie sich erhob und ins Haus
ging, um den Brief dort zu lesen, denn sie war gern allein, wenn sie die
Episteln von ihrem Fred studierte.

Voller Erwartung blieben die beiden zurck. Nun sie so unmittelbar vor der
Entscheidung standen, hatten sie keine geringe Angst, denn es war doch ein
khnes Wagestck gewesen, das Ilse unternommen hatte.

Nach kurzer Zeit erschien Nellie in der Haustr mit dem Briefe in der
Hand, und kam eiligst den Kiesweg daher geschritten. Ilse und Flora
klopfte das Herz, und sie wagten die junge Frau erst anzusehen, als sie
vor ihnen stand. Sie hatte rotgeweinte Augen, in welchen noch die hellen
Trnen standen, aber zugleich umspielte ein glckliches Lcheln ihre
Lippen.

"O Ilse, was bist du eine _darling_, o was bist du gut, was hast du fr
mir getan!" rief sie, indem sie die Freundin umarmte und kte. In ihrer
Erregung lag sie mit der deutschen Sprache, die sie in den letzten Jahren
fehlerlos beherrschte, auf einmal wieder im Kampfe. Wie frher mihandelte
sie dieselbe in der komischsten Weise, als sie jetzt hastig weiter sprach,
freudig und gerhrt zugleich. Endlich entfaltete sie den Brief ihres Fred
und las ihn mit zitternder Stimme vor. Es stand darin: da er nichts
dagegen habe, wenn sie das kleine verwaiste Kind zu sich nehmen wolle, es
wre ihm sogar sehr lieb, wenn sie, Nellie, in den vielen Stunden, die sie
einsam und allein zubringen mte, etwas Unterhaltung und Zerstreuung
htte, und er hoffe auch, da das kleine Geschpf einiges Leben in ihr
stilles Haus bringen wrde.

Ilse sah Flora lchelnd an. Fast wrtlich wiederholte er, was sie ihm
geschrieben hatte.

"Nun Nellie, bist du zufrieden? Habe ich es gut gemacht?" fragte Ilse, als
diese zu Ende gelesen hatte.

"O, o, was fr ein gutes Mann habe ich, und wie soll ich dich danken, lieb
Ilschen," antwortete sie berglcklich und als ob sie ein Gelbde ablegte,
fuhr sie leise fort: "O, wie will ich die kleine _baby_ lieb haben, und
wie will ich den lieben Gott recht bitten, da er eine gute Mutter aus
mich macht. Ilse, wie soll ich dich das wieder gut machen?"

"Nein, nein, Nellie, so darfst du nicht sprechen," wehrte diese ab. "Was
du an dem einstigen Trotzkopf getan hast, kann ich dir ja doch nie wieder
vergelten."

Innig umarmten sich die beiden Freundinnen.

Das erste war dann, da sich die Direktorin hinsetzte und dem einzigen
Fred schrieb. Bis die ueren Formalitten erledigt waren, flog zwischen
den Ehegatten noch mancher Brief hin und her. Althoff war zu sehr mit
Arbeit berhuft, wie er schrieb, sonst wre er selbst gekommen, um seine
Frau und das Pflegetchterchen zu holen. -

Klein nnchen aber siedelte schon am nchsten Tage zu ihrer neuen Mutter
ber, und frisch gewaschen, sorgfltig gekmmt, in einem neuen Kleidchen,
sah das Kind wirklich reizend aus. Die andern Geschwister wurden so gut
wie mglich untergebracht; den einen Jungen nahmen Werners zu sich und
wollten ihn etwas Tchtiges lernen lassen.

So war mit dem dsteren Tod zugleich das Glck in die arme Htte
eingekehrt und suchte sich unter den Waisen seine Lieblinge heraus, um sie
ihrem bisherigen Elend zu entreien.

Die schne Zeit bei Flora hatte nun noch einen ereignisreichen Abschlu
gefunden, und das Band, das die Freundinnen an Flora knpfte, war diesmal
ein unauflsliches geworden. Der Abschied fiel allen sehr schwer, und die
vielen Trnen, die dabei vergossen wurden, waren wohl der beste Beweis,
da die Freundschaft von neuem feste Wurzeln gefat hatte.

                                  * * *

Klein nnchens Anwesenheit brachte bei dem Ehepaar Althoff wahre
Wunderdinge zustande. Nellie mute ihre Pflege von nun an teilen und, was
sie nie geglaubt htte, ihr Fred kam dabei nicht zu kurz, ja, seine Leiden
besserten sich sogar in auffallender Weise. Wenn er abgespannt nach Hause
kam, waren jetzt nicht mehr die besorgten Fragen seiner Frau das erste,
was ihn empfing - zunchst war da klein nnchen die Hauptsache, und
darber verga Fred seine Klagen und Nellie ihre Fragen. Was die Kleine
nicht alles verstand und wute! Beide konnten ihre Vorzge nicht genug
rhmen, es gab kein aufgeweckteres und hbscheres Kind, und das "Erziehen"
htte leicht ein "Verziehen" werden knnen, wenn nicht Frau Ilse und Onkel
Heinz auch noch dagewesen wren. Die Vortrge des letzteren ber
Kindererziehung waren allerdings oft zu theoretisch gehalten, um zu
wirken, aber desto mehr fruchteten die Ermahnungen der Freundin, welche
Nellie vorwarf, da sie viel zu gutmtig und schwach dem Kinde gegenber
sei, das schon jetzt manchmal versuchte, die andern zu tyrannisieren. Aber
trotzdem hatte es helles Glck in das Heim seiner Pflegeeltern gebracht,
es war der Mittelpunkt, um den sich alles drehte, und wuchs frisch und
frhlich auf, nicht ahnend, aus welcher trostlosen Umgebung einst sein
junges Leben hierher verpflanzt worden war.

                                  * * *

So vergingen die Jahre - schnell, wie im Fluge! Sie brachten Freuden und
Leiden in ihrem Gefolge mit sich und teilten diese Gaben bald nach
Verdienst, bald ungerecht aus. Der eine bekam mehr vom Regen, der andre
mehr vom Sonnenschein, dem einen erschien das Glck frher, dem andern
spter und manchem nie.

Auch an unsern Freunden zog die Zeit in buntem Wechsel vorber, frohe und
trbe Tage waren in das Meer der Vergangenheit gesunken - einer nach dem
andern. Ganz verschont hatte das Schicksal keinen, aber unerbittlich hart
war es nur in der Familie des Superintendenten aufgetreten, als dunkle,
schwere Wolke lagerte es jahrelang ber ihnen.

Wie wir wissen, glaubte Rosi ihren Fritz mit harter Strenge erziehen zu
mssen, und so wurde aus dem frhlichen, frischen Kinde schlielich ein
stiller, verschlossener Junge. An den Vergngungen seiner Schulkameraden
durfte er meistens nicht teilnehmen, weil es in der Schule mit ihm noch
immer nicht besser gehen wollte. Begreiflicherweise, denn infolge der zu
groen Strenge fehlte ihm jeder Eifer, alle Lust und Liebe zum Lernen. An
seinem Vater hatte er nur einen schwachen Halt, auch war derselbe in den
letzten Jahren mit Arbeit sehr berbrdet und konnte sich seiner Familie
nicht so widmen, wie er wohl wnschte. Rosi war wie mit Blindheit
geschlagen! Durch fortwhrende Strafpredigten glaubte sie etwas erreichen
zu knnen und ahnte nicht, was sie damit in der jungen Seele anrichtete.
Fritz stand wie unter einem schweren Drucke, und doch regte sich die
Lebenslust mchtig in ihm; er htte hinauslaufen mgen, weit weg; er
fhlte oft den unwiderstehlichen Drang, die strengen Fesseln zu zerreien.
Und immer hufiger kamen solche Gedanken wieder, und nahmen mehr und mehr
Besitz von ihm. Die weite Welt stand verfhrerisch lockend vor seinen
Blicken. -

Eines Tages kam er aus der Schule nicht mehr nach Hause - er war damals
fnfzehn Jahre alt. Tage, Wochen, Monate vergingen, ohne da die
angestellten Nachforschungen irgend einen Erfolg gehabt htten - er war
und blieb verschollen. Tief gebeugt wiederholte Rosi immer die Worte:
"Gottes Hand ruht schwer auf uns." Ob sie sich wohl innerlich Vorwrfe
machte, oder das Unglck nur als eine Fgung des Himmels ansah? Von ihrem
Manne hrte sie kein Wort des Tadels. Er, den die schwere Prfung ganz
niederdrckte, suchte doch immer nach einem Troste fr Rosi und klagte
sich selbst wegen seiner Schwche an, ihr in den letzten Jahren die
Erziehung des Jungen fast allein berlassen zu haben. Tante Emilie
ihrerseits versuchte Rosi jeden Zweifel dadurch zu benehmen, da sie
sagte, Fritz wre nun einmal leichtsinnig veranlagt gewesen und sie habe
so etwas schon immer kommen sehen. Aber solche Worte fanden doch nur einen
kurzen Wiederhall in dem betrbten Mutterherzen. Eine drckende Schwle
herrschte in dem Pastorenhause seit dem Unglck. Auch jetzt nach Jahren
noch, als Elisabeth zu einem jungen Mdchen herangewachsen war, konnten
sich Rosi und ihr Mann nicht entschlieen, sie in die Welt einzufhren. -

Freundlicher sah es bei Gontraus aus. Dort brachten Ruth und Marianne,
jetzt im achtzehnten und siebenzehnten Lebensjahre stehend, Lust und
Frhlichkeit ins Haus. Zu blhenden, lieblichen Geschpfen waren sie
herangewachsen; etwas Verschiedenartigeres aber, als diese beiden
Schwestern, konnte man sich nicht denken. Die jngere blond, rosig,
zierlich, die ltere gro, schlank, eigenartig, mit dunklen, sprechenden
Augen und einem ewig wechselnden Mienenspiel. Viele fanden Marianne
schner, wozu auch wohl ihr liebenswrdiges, sanftes Wesen beitrug. Ruth
dagegen mit ihrem lebhaften Temperament war nicht so bequem fr den
Verkehr, und Ilse hatte manchmal ihre liebe Not, den leidenschaftlichen,
aufbrausenden Sinn derselben zu dmmen. Wie oft mute sie sich von Leo
necken lassen, wenn sie ber Ruth klagte und er antwortete: "Ganz die
Mutter." Aber da aus ihr nicht ein gleicher Trotzkopf wurde, wie sie es
einst gewesen war, dafr hatte sie gesorgt und ihrem Kinde dadurch viel
schwere Stunden erspart. Die alte Kinderfreundschaft zwischen Onkel Heinz
und Ruth bestand noch immer, er war ihr bester Vertrauter, und man mute
sich nur wundern, mit welcher Liebe, mit welchem Verstndnis er in dem
jungen Mdchenherzen zu lesen wute. Wenn man sie fragte: "Wer ist deine
beste Freundin?" antwortete sie: "Onkel Heinz!" Von ihm lie sie sich weit
mehr sagen, als von andern, trotzdem er oft nicht gerade den
rcksichtsvollsten Ton anschlug. Ilse war jetzt eine Frau Professor
geworden, aber auch unter dieser neuen Wrde hatte sie sich ihren
frischen, natrlichen Sinn erhalten. Die Jahre hatten ihr wohl uere und
innere Vernderungen gebracht, aber den Grundton ihres Charakters konnten
sie nicht verwischen. Sie war der Mittelpunkt im Hause, um den sich alles
drehte, ihr Mann vergtterte sie noch immer, und ihre Tchter liebten sie,
wie nur Kinder eine Mutter zrtlich lieben knnen; sie war ihnen Mutter
und Freundin zugleich.

So war denn der Tag herangekommen, den Leo schon herbeigesehnt hatte, als
Ruth und Marianne noch kleine Mdchen waren, der Tag, an dem er sie auf
den ersten Ball fhren konnte.

Der erste Ball! Welches Zauberwort fr ein junges Mdchenherz! Marianne
und Floras Zwillinge, die schon seit einigen Wochen bei Gontraus zum
Besuche waren, befanden sich denn auch in heller Aufregung, selbst Ilse
schien von dem Ballfieber mit angesteckt zu sein. Sogar Leo war nicht ganz
unberhrt davon geblieben; als er aber beim Mittagessen fragte, ob die
Toiletten der Kinder auch in Ordnung wren, brachen die jungen Mdchen in
ein unsinniges Gelchter aus, denn eine solche Frage von ihm war etwas
ganz Ungewhnliches. Nur Ruth fand es lcherlich, sich um einen "lumpigen
Ball", wie sie sagte, so aufzuregen.

Gegen Abend kam Nellie, die treue Seele, mit nnchen, das inzwischen ein
groes Mdchen geworden war, um, wie immer, wenn es etwas Besonderes zu
tun gab, zu helfen, denn vier kleine Balldamen herzurichten, war keine
Kleinigkeit.

"Nun fang nur auch an, Ruth, du wirst sonst nicht fertig," sagte die
Direktorin, als dieselbe noch immer keine Miene machte, mit ihrer Toilette
zu beginnen.

"Um Gottes willen, Tante, langes Anziehen ist mir verhat, ich werde noch
frh genug fertig," rief das junge Mdchen und sah etwas spttisch
lchelnd auf die Schwester und die Freundinnen, die schon eifrig dabei
waren, sich zu putzen, und deren Wangen vor Eifer glhten. Sie war doch
ganz anders geartet, als sonst die Mdchen ihres Alters, deren Interessen
sie meist nicht teilte. So hatte sie auch darauf bestanden, mit Marianne
nicht gleich gekleidet auf den Ball zu gehen, was diese sehnlich wnschte.

"Um Himmels willen, nur nicht wie zwei Inseparables," hatte Ruth gesagt,
als die Rede davon war, "wir sind so grundverschieden, und ich wei genau,
da wir in der Auswahl der Farben nicht bereinstimmen wrden, fgen aber
wrde ich mich nicht. Was wrdest du z. B. fr eine Farbe whlen,
Marianne?"

"Ruth, Ruth, nur nicht gleich so herrschschtig," hatte Ilse gemahnt; aber
als Marianne antwortete, sie liebe rosa so sehr, da war sie doch wieder
aufgebraust.

"Natrlich rosa! Ich dachte es mir doch; da wrde ich dir ja hbsch zur
Folie dienen. Ich und ein rosa Kleid mit meinem Teint! Eine solche
Geschmacklosigkeit!"

"Einem jungen Mdchen steht alles," hatte Marianne in weisem Tone
erwidert.

"Na ja, natrlich! Wie kann man nur eine solche Phrase wiederholen, das
ist einfach dumm. Natrlich du mit deiner rosigen Haut wirst wie ein
Pfingstrschen aussehen - aber ich! Mache doch nur die Augen auf und denke
dir eine solche Farbenzusammenstellung!"

Und so war es fortgegangen, bis Marianne in Trnen ausbrach und Ruth sie
nun auf alle Weise zu trsten versuchte, denn sie liebte ihre blonde
Schwester trotzdem zrtlich. Doch dazwischen hatte sie geklagt, ihr wrde
immer gleich alles belgenommen, niemand verstnde sie. Warum gerade sie
wie eine Vogelscheuche aussehen sollte, whrend Marianne natrlich einem
Engel gleichen wrde. Htte nicht Nellie mit der trockenen Bemerkung: sie
habe noch nie eine Vogelscheuche in einem rosenroten Ballkleide gesehen,
Ruths Redeflu ein Ende gemacht, so wren deren leidenschaftliche
Ansprche und Mariannes Trnen gewi noch lange nicht versiegt. So aber
hatten beide lachen mssen, und die Toilettenfrage hatte in Ruhe erledigt
werden knnen.

Floras Zwillinge waren zwei ebenso frische, rotbckige Mdchen geworden,
wie sie zwei frische, rotbckige Kinder gewesen waren, und als sie jetzt
in ihren blauen Ballgewndern neben der in rosa Seide gekleideten Marianne
standen, mute man sich ber diese drei anmutigen Mdchenblten freuen.
Und was war natrlicher, als da in Ilse sowohl als in Nellie durch diesen
Anblick die Erinnerung geweckt wurde, wie sie sich zum ersten Balle in der
Pension geschmckt hatten, und da sie nun zum Ergtzen der Kinder davon
erzhlten.

Mitten in das lebhafte Sprechen und Lachen hinein ertnten pltzlich aus
dem Nebenzimmer die Klnge eines Flgels und Ruths Stimme.

"Das ist wieder echt wie Ruth, setzt sich hin und singt und denkt gar
nicht an den Ball; am liebsten se sie berhaupt den ganzen Tag am
Flgel. Es ist ja die hchste Zeit, da sie sich anzieht," sagte Ilse,
aber unwillkrlich lauschte sie doch mit den andern eine Weile auf die
vollen herrlichen Tne, und als sie endlich eindrangen zu der Sngerin,
fanden sie dieselbe schon fix und fertig angezogen. Neugierig wurde sie
von der Schwester und den Freundinnen umringt, besehen und bewundert. In
ihrem einfachen, weien Kleide sah sie reizend aus; ohne jeden Schmuck,
ohne Blumen hatte sie etwas Keusches, Unnahbares.

Die andern drei Balldamen rmpften allerdings die Nase ber den gar zu
einfachen Anzug; die eine riet noch zu einer Korallenkette um den Hals,
die andre zu Blumen im Haar.

Ruth lehnte alles ab.

"Kinder, lat mich in Ruhe, ich tue ja doch, was ich will!" rief sie.

In diesem Augenblick erschien das Mdchen mit zwei wundervollen Bouquets,
das eine ganz aus rosa, das andre aus weien Blten. Marianne wurde wie
mit Purpur bergossen, als sie die Karte las, die in den Blumen steckte.
"Von Herrn Jansen," sagte sie strahlend und betrachtete das weie
Blttchen Papier noch eingehender, als den kostbaren Strau.

Herr Jansen, der Sohn des besten Jugendfreundes von Onkel Heinz war vor
einiger Zeit aus den Tropen zurckgekehrt, wo er sich als Kaufmann ein
bedeutendes Vermgen erworben hatte, und durch den Professor bei Gontraus
einfhrt worden. Er verkehrte in dieser Familie ebensoviel und ebensogern,
wie Onkel Heinz, und auch heute war er von Leo zu dem ersten Balle seiner
Tchter eingeladen worden.

Die beiden jungen Mdchen hielten noch immer die duftende Spende in den
Hnden.

"Sieh nur, Mama, der entzckende weie Flieder," rief Ruth, und Marianne
zeigte Nellie wohl zum zehnten Male schon, wie herrlich die roten Kamelien
in ihrem Straue wren. Dazwischen tnten die krftigen Stimmen der
Zwillinge: "O, wie reizend, himmlisch, s," und nnchen lief bald
hierhin, bald dorthin, um alles aufs Genaueste zu sehen und zu hren.

Der Kranz von strahlenden, freudig erregten Mdchengesichtern war in der
Tat ein entzckender Anblick, und selbst Onkel Heinz schien Empfindung
dafr zu haben, denn als er jetzt die Tre ffnete, blieb er wie
angewurzelt in derselben stehen.

"Alle Wetter, ist das ein Staat!" rief er endlich laut.

Alle drehten sich um, und Ruth flog ihm entgegen. Mit Lachen und Jubeln,
wie sie es als Kinder getan, umzingelten ihn nun auch die andern jungen
Dinger. Wahrhaftig, so viel Jugend und Lieblichkeit auf einmal wurde einem
alten Junggesellen nicht so leicht geboten, und er konnte sich wohl
darber freuen. Im Grunde genommen schien er das auch zu tun, denn sein
schmunzelndes Gesicht pate nicht recht zu seinen abwehrenden Bewegungen.
Zwischen den hellen Farben rings um ihn herum stach seine dunkle Gestalt
ab, wie ein schwarzer Kfer auf bunten Bltenblttern.

"Onkel Heinz, gefalle ich dir?" - "Wie findest du mein Kleid, steht es mir
wohl gut?"

"Onkel Heinz, habe ich auch nicht zu rote Backen?" So rief und fragte es
von allen Seiten, und immer enger wurde er von den jungen Mdchen
umschlossen, immer eindringlicher bestrmten sie ihn mit Fragen; er wute
schlielich weder aus noch ein und hielt sich mit beiden Hnden die Ohren
zu.

"Scheulich seht ihr alle aus," platzte er endlich hervor und hoffte
wahrscheinlich durch diese derbe Kritik von den Qulgeistern befreit zu
werden; aber darin hatte er sich getuscht, nun ging es erst recht los.

"Onkel Heinz, sage doch ehrlich, sehen wir wirklich scheulich aus?" -
"Ist das dein Ernst?" - "Gefallen wir dir nicht?" so schwirrte es von
neuem durcheinander.

"Findest du, da mir Rosa gut steht?" fragte Marianne, und ihre Augen
hatten dabei einen so s bittenden Ausdruck, da der Professor nicht
widerstehen konnte.

"Na, es geht!" antwortete er und betrachtete sie eingehend. "Aber sage
mal, du mut etwas um den Hals binden, du erkltest dich ja sonst. Herr
Gott, was ist das berhaupt fr eine Verrcktheit, sich so anzuziehen! In
euren Hauskleidern gefallt ihr mir viel besser. Ihr werdet euch mit dem
bloen Hals und den nackten Armen einen schnen Schnupfen holen."

Da gab es wieder zu lachen ber eine solche Ansicht.

"Wen findest du denn am hbschesten, Onkel Heinz?" fragte Thusnelda.

Seine Blicke schweiften umher und blieben an seinem Lieblinge Ruth haften;
er brauchte deshalb gar keine Antwort zu geben.

"Natrlich Ruth, das haben wir uns gleich gedacht!" riefen sie alle.

"Onkel Heinz, httest du fr mich vielleicht ein weies Kleid hbscher
gefunden?" fragte Marianne.

"Ja Kind, wie die Frauenzimmer zu einem Balle angezogen sein mssen, wei
ich wahrhaftig nicht, das verstehe ich nicht."

"Bist du denn nie auf einem Balle gewesen?" fragte Marianne.

Nun war es Onkel Heinz, der in ein homerisches Gelchter ausbrach.

"Gott sei Dank, nein! Zu solchen unntzen Geschichten habe ich mein Lebtag
keine Zeit gehabt, ich hatte Besseres zu tun."

"Weit du was, Onkel Heinz," schlug Ruth vor, "komm mit auf den Ball, denn
bevor du einmal einen kennen gelernt hast, kannst du doch gar nicht
darber urteilen."

"Ja, ja, komm mit!" riefen nun auch die andern.

"Ich tanze so viel Tnze mit dir, wie du willst."

"Und ich bringe dir den schnsten Kotillonorden."

"Mich darfst du zu Tische fhren."

"Wir wollen berhaupt tun, was du willst."

Sie berboten sich in verlockenden Aussichten, und wieder ragte der
Professor als schwarzer Punkt aus ihrer hellen, duftigen Mitte hervor.

"Krten, so lat mich endlich in Ruhe, ihr seid ja auer Rand und Band!"
rief er, sie zurckdrngend.

Bei dem lebhaften Durcheinandersprechen hatte man ganz berhrt, da die
Tre geffnet wurde, bis Ilse pltzlich Herrn Jansen andchtig auf der
Schwelle stehen sah. Ihn bannte dort das reizende Bild, das er erblickte,
und mit neidischen Augen betrachtete er Onkel Heinz in dem blhenden
Mdchenkranze.

Ilse ging ihm entgegen, und die kleinen Balldamen stoben nach allen Seiten
auseinander, als die hohe Gestalt nher kam. In Mariannes Antlitz aber
stieg eine heie Blutwelle bei seiner herzlichen Begrung, doch
bewundernd blieb sein Blick an Ruth hngen, deren Hand noch in des
Professors Arm lag. Die schlanke, weie Gestalt schien ihn ungemein zu
fesseln, und er nahm ihre zum Grue dargebotene Rechte mit groer Wrme
entgegen.

"Du bist zu beneiden, Onkel," sagte er halblaut.

Jetzt kam auch Leo ins Zimmer, im feierlich schwarzen Anzuge, mit weier
Krawatte, und drngte zur Eile, die Wagen stnden bereits vor der Tre.

"Ja, nun macht nur," mahnte sogar Onkel Heinz, "Tnzer werdet ihr wohl
nicht mehr bekommen."

"Onkel, da du nicht mitkommen willst, ist aber doch jammerschade; jetzt
habe ich gar keine Lust mehr zu dem Balle," meinte Ruth.

"Na, da du sagst, du habest zu solchem Unsinn keine Lust, ist wenigstens
mal ein vernnftiges Wort," erwiderte der Professor. "Aber es geht nun
doch nicht anders, du mut mit, du armes Opferlamm."

"Onkel Heinz," rief Ruth freudig, als htte sie pltzlich einen guten
Einfall bekommen, "weit du was? Du bleibst hier, und ich bleibe bei dir,
und wir beide verleben einen recht gemtlichen Abend zusammen. Ach, das
wre reizend!"

"Und was wrde aus meinem versprochenen Walzer?" fragte Herr Jansen.

"O, da knnte mich ja Marianne vertreten," gab sie zur Antwort und
schmiegte sich zrtlich an den Professor. "Onkel Heinz, ich bleibe bei dir
und singe dir alle deine Lieblingslieder vor."

Etwas wie Rhrung flog nun doch ber das Gesicht von Onkel Heinz, und
seine Stimme klang seltsam weich, als er sagte:

"Alte Krte du! Auf dem Ball wirst du dich doch wohl besser amsieren, als
mit mir alten, langweiligen Knaben hier zu Hause. Nein, nein, gehe nur,
dieser Unsinn gehrt nun einmal mit zum Leben, wie so viele andre unntze
Geschichten. Ich gehe nach Hause und lese, das ist mir doch das liebste.
Morgen vormittag komme ich dann mal vor und lasse mir von eurer Hopserei
berichten. Alte, gute Krte du!"

Er klopfte sie zrtlich auf die Backe.

Marianne und die Zwillinge waren inzwischen warm eingepackt worden, was
fr sie wieder eine Sache von grter Wichtigkeit gewesen war. Diese
Angst, da die Kleider und Blumen zerdrckt werden mchten - es war eine
groe Not. Leo stand mit der Uhr in der Hand dabei, whrend die
geschftigen Hnde in fieberhafter Unruhe flogen, und durcheinander rief
es:

"Wo habt ihr denn meinen Strau hingelegt?"

"Beste Tante Nellie, hast du meine Handschuhe nicht gesehen?"

"Thusnelda, du hattest doch noch eben meinen Fcher in der Hand!"

"Mein Taschentuch hatte ich hier auf den Tisch gelegt, wer hat es denn
fortgenommen?"

Dazwischen drngte Leo, es sei die hchste Zeit, da sie fortkmen; Ilse
schalt ber die Unordnung, nnchen suchte berall herum, trat dabei auf
Hildegards Kleid und warf eine Blumenvase um, in welche Marianne ihren
Strau gestellt hatte, so da sich das Wasser ber den Tisch auf den
Fuboden ergo und alle flchten muten - kurz und gut, richtete mit ihrer
gutgemeinten Hilfe nur Unheil an. Nellie aber hatte gar nichts gesagt,
sondern stillschweigend gesucht und in kurzer Zeit alles Fehlende
gefunden.

"Um Gottes willen, ist das eine Wirtschaft! Ich mache mich aus dem
Staube," sagte Onkel Heinz. "Adieu, Frau Ilse, adieu, Kinder! Na, und viel
Vergngen zu der Geschichte. Bist du denn auch warm genug, Krte?" fragte
er seinen Liebling Ruth und zog ihr dabei das weiseidene Kopftuch noch
tiefer in die Stirn.

Die brigen waren bereits die Treppe hinabgestrmt, nur Nellie stand noch
oben und verabschiedete sich von nnchen. Immer wieder kten sich die
beiden und konnten sich nicht von einander trennen, bis es von unten rief:

"Ruth und Nellie, so kommt doch, wo bleibt ihr denn?"

"Wir kommen, wir kommen!"

Eiligst liefen beide hinunter, langsamer folgte ihnen Onkel Heinz. Von der
Strae her schallten noch lebhafte Stimmen, dann hrte man das Zuklappen
der Wagentren, das schnelle Rollen der Rder, und nun war alles still. -

Der Professor hatte seinen Pelzkragen dicht ber die Ohren gezogen und die
Hnde tief in die warmen Taschen vergraben. Gemessenen Schrittes ging er
die Strae hinab. Mit dem Lesen heute abend schien er es nicht sehr eilig
zu haben, denn er schlenderte noch eine Zeitlang in den hellerleuchteten
Straen umher, und ging dann in das Lokal, wo er seine Mahlzeiten
einzunehmen pflegte. Einsam verzehrte er sein Nachtessen und blieb den
Abend ber da. Der Kellner brachte ihm wie gewhnlich die Zeitungen, er
legte sie aber beiseite und schaute - die eine Hand am Henkel seines
Bierglases - nachdenklich vor sich hin. Ein paar Male schttelte er den
Kopf und sagte leise: Unsinn, Unsinn. Aber in der Seele dieses Hagestolzen
erschien doch in dem verstecktesten Winkel etwas wie ein lichter Punkt,
der aus dem Dunkel auftauchte; und dieser Punkt nahm eine feste Gestalt
an, und diese Gestalt schwebte in hellen, gemtlichen Rumen ordnend,
verschnend umher und drang auch in ein stilles Studierzimmer, in welchem
ein Mann sa und arbeitete. Und auf einmal wurde alles freundlich und
glnzend, und der Lichtschein fiel auf die Gestalt des einsamen Mannes,
der davon wie magisch angezogen wurde; er lie Bcher und Schriften liegen
und ging ihm nach, bis er in einen lichten Raum kam, wo das Feuer im Ofen
knisterte, Blumen dufteten, ein gedeckter Tisch stand, und liebevolle
Hnde bereit waren ihn zu hegen und zu pflegen. Unwillkrlich machte Onkel
Heinz eine heftige Bewegung, als er zum Bewutsein dieser Trume gelangte,
und nun flohen die Bilder und Gestalten, der helle Glanz verblate, und es
erschien wieder sein dsteres Studierzimmer mit den strengen, langen
Bcherreihen, der ausgegangene Ofen und die schlechtbrennende Lampe.
Dieses letzte Bild sollte bald zur Wirklichkeit werden, denn nachdem Onkel
Heinz sein Bier ausgetrunken und bezahlt hatte, kroch er wieder in seinen
Pelz, den ihm der Kellner diensteifrig anziehen half, und ging dann heim.
Doch zum Arbeiten und Lesen konnte er sich heute abend nicht mehr
entschlieen; auch war es zu kalt dazu im Zimmer, der Ofen war - wie
gewhnlich - ausgegangen, und die Lampe hatte - wie gewhnlich - gequalmt.
Er begab sich deshalb zur Ruhe, aber der Schlaf wollte nicht kommen; wohl
versuchte er, sich in eine wissenschaftliche Idee zu versenken, aber es
gelang nicht, denn er sah fortwhrend luftige Gestalten an sich
vorbergaukeln, und sein Traum von vorhin wiederholte sich noch einmal.
"Unsinn, Unsinn," murmelte er und warf sich im Bett umher, bis er endlich
doch einschlief.

Am andern Morgen, als es noch dmmerte, wurde er von seiner Aufwrterin
geweckt, wie an jedem andern Morgen auch. Aber heute war er rgerlich
darber und mit nichts zufrieden. Die Frau hatte an diesem Tage wiederholt
Anla, ihrer Busenfreundin, der Mllern, ihr Herz auszuschtten und ihr zu
klagen, wie bse der Herr Professor heute gewesen sei, so schlecht htte
er sie noch niemals behandelt. ber den Kaffee habe er geschimpft, der
Ofen sei nicht schnell genug warm geworden, die Lampe msse besser geputzt
werden. Und sogar ber den Staub im Zimmer, von dem er noch nie etwas
bemerkt habe, htte er heute gescholten, kurz, nichts sei ihm recht
gewesen.

Whrend Onkel Heinz einen so ungemtlichen Abend verbrachte, hatte seine
Freunde Lust und Lebensfreude umgeben.

Mit Zittern und Zagen hatten die Zwillinge und Marianne den Ballsaal
betreten, und selbst Ruths Herz schlug hher, als sie in dem glnzenden
Raume stand. Der Sorge um Tnzer waren die jungen Mdchen bald berhoben,
denn schon nach kurzer Zeit zeigten sie sich untereinander die mit Namen
dicht besetzten Ballkarten.

"Ja, ja, Nellie, nun sind wir Ballmtter," sagte Ilse lachend, als sie in
den Reihen, welche fr die lteren Damen bestimmt waren, Platz nahmen.

"Macht nichts, wenn wir alte Mtter werden, ist auch fein," sagte Nellie;
aber als die beiden unzertrennlichen Freundinnen jetzt so beisammensaen,
sahen sie durchaus noch nicht aus wie "alte Mtter". Das Glck, das aus
beider Augen strahlte, als Ruth und Marianne im Tanze anmutig an ihnen
vorbeischwebten, der Stolz, mit dem sie ihnen nachblickten, verjngte und
verschnte sie merkwrdig.

Leo und Althoff hatten eine Zeitlang dem bunten Treiben zugesehen, zogen
sich dann aber ins Nebenzimmer zurck, wo sie bei einem Glase Bier
gemtlich ihre Zigarre rauchten und schwatzten. Den Ballstaub von Anfang
bis zum Ende geduldig zu schlucken, versteht eben nur eine Mutter.

Herr Jansen schien an diesem Abend wie bezaubert von Ruth. Seine Blicke
suchten sie, wenn sie im bunten Gewhle verschwand, bis er sie gefunden
hatte, und so oft es ging, nherte er sich ihr; dann plauderten und
lachten sie zusammen und kritisierten die Anwesenden. Aber wenn ihn Ruth
auf dieses oder jenes hbsche Mdchen aufmerksam machte, so fand er sie
alle hlich oder unbedeutend, und seine Augen sagten deutlich genug, wen
er einzig und allein schn fnde. Konnte er nicht mit ihr plaudern oder
tanzen, so suchte er Marianne auf, um so bald als mglich das Gesprch auf
ihre Schwester zu bringen.

Arme, kleine Marianne, wenn doch ein guter Geist dir die Augen ffnen
mchte! Es ist nur zu wahr, die Liebe macht blind.

In dem Herzen von Marianne hatte sich vom ersten Tage an, als Onkel Heinz
Herrn Jansen bei ihren Eltern einfhrte, eine stille Neigung fr diesen
eingeschlichen, die von Tag zu Tag wie ein gut gehegtes Pflnzchen mehr
und mehr emporwuchs. Seine Worte fielen wie Tau auf diese Herzensblume,
seine Freundlichkeiten waren der Sonnenschein, unter welchem sie gedieh
und immer festere Wurzeln in der jungen Seele fate. Arme Marianne!

So waren auch heute abend die Artigkeiten, welche Herr Jansen ihr erwies,
neue Nahrung fr ihre Neigung und sie merkte nicht, da es ja die
Schwester war, welche sein Herz ganz und gar gefangen hielt.

Der Ball nahte sich seinem Ende! Die Zwillinge hatten sich erhitzt und
erschpft mit hochroten Wangen auf einem der Diwans niedergelassen und
tauschten gegenseitig ihre Erlebnisse aus; Marianne wandelte mit Ilse und
Tante Nellie zusammen auf und ab, und ihr glckstrahlendes Gesicht sprach
deutlich genug von den Gefhlen, welche ihr Inneres erfllten. Whrenddem
hatte sich Ruth von Herrn Jansen ein Glschen Eis holen lassen, das sie
nun, nachdem sie in einer der kleinen Pflanzennischen Platz genommen
hatte, mit Behagen verzehrte.

"Es ist doch sehr, sehr hbsch heute abend; ich amsiere mich wenigstens
herrlich, Sie auch?" fragte Ruth vergngt den jungen Mann, der sich an
ihrer Seite niedergelassen hatte.

"Fr mich war es der schnste Abend meines Lebens, Frulein Ruth,"
erwiderte er.

"Da haben Sie wohl noch nicht viel Blle mitgemacht? In Indien gibt es
wahrscheinlich so etwas nicht?" erkundigte sie sich.

"Und wenn ich hundert Blle mitgemacht htte, so wrde dieser doch der
schnste fr mich sein," antwortete er mit Nachdruck.

"So, und warum denn?"

Diese Frage klang durchaus einfach und unbefangen, denn Ruth war wirklich
gnzlich ohne Arg ber die Beziehung, welche seine Worte enthalten hatten.
Er war ein Freund ihrer Eltern, ihres Hauses, und was fr sie sehr ins
Gewicht fiel, der Sohn des Jugendfreundes von Onkel Heinz. Aus diesem
Grunde war sie stets zuvorkommend und freundlich gegen ihn gewesen; aber
da er etwas andres in ihr erblicken knnte als eine Freundin, war ihr
noch nie in den Sinn gekommen. Deshalb erschrak sie auch im hchsten
Grade, als er ihr jetzt mit vor Erregung zitternder Stimme antwortete:
"Weil Sie hier sind!" und die verhngnisvolle Frage daran knpfte: "Haben
Sie mich denn nicht gern, Frulein Ruth?"

Da wurde es ihr auf einmal ganz ngstlich zu Mute, verlegen stand sie auf
und wnschte zu den Ihrigen gefhrt zu werden.

"Haben Sie mich denn nicht gern?" wiederholte er eindringlich seine vorige
Frage, und mechanisch antwortete sie hastig: "O ja, doch, natrlich."

Ohne seinen Arm, den er ihr bot, anzunehmen, eilte sie nach diesen Worten
rasch voraus.

Als sie kurze Zeit darauf zur Heimfahrt in den Wagen stieg, nahm er ihre
Hand und drckte sie zrtlich an seine Lippen. Whrend aber die Schwester
und die Zwillinge unterwegs lebhaft ber ihre Erlebnisse vom heutigen
Abend plauderten, war sie schweigsam und einsilbig. Aus Mariannes Mund
tnte der Name dessen, mit dem sie sich gerade beschftigte, oftmals an
ihr Ohr. Ganz klar war es ihr doch nicht, was er gewollt hatte; aber
schlielich - warum sollte er sie denn nicht fragen, ob sie ihn gern habe?
Und darauf konnte sie ihm doch nur mit einem "Ja" antworten; sie hatte ihn
ja wirklich gern, sehr gern sogar. Er war ein kluger, interessanter Mann,
ganz anders wie die meisten Herren ihrer Bekanntschaft; sie konnte sich
mit ihm prchtig unterhalten und empfand eine Art schwesterlicher
Zuneigung fr ihn. Und er? Ach was, er hatte seine Frage gewi vllig
harmlos gemeint, so viel wute sie doch auch, da eine Liebeserklrung
ganz anders lautete, - wie sollte er berhaupt dazu kommen, ihr einen
Antrag zu machen? Nein, nein, es wrde schon so sein, wie sie dachte. Mit
diesen trstlichen Gedanken begab sie sich zur Ruhe und schlief bald
vollstndig beruhigt ein in dem festen Glauben, da Herr Jansen nur eine
freundschaftliche Frage an sie gerichtet habe.

Marianne dagegen lag, nachdem die Zwillinge endlich aufgehrt hatten zu
schwatzen, noch lange wach. Selige, beglckende Gedanken verursachten ihr
Herzklopfen und raubten ihr den Schlaf; sie wiederholte sich im Geiste
jedes Wort, das der geliebte Mann gesprochen, und rief sich jeden seiner
Blicke ins Gedchtnis zurck. Und weiter spann sie ihre Trume, die ihr
eine unbeschreiblich schne Zukunft vorzauberten, und als sie endlich spt
gegen Morgen eingeschlafen war, lag es wie ein verklrender Schein auf dem
holden Mdchenantlitz.

So beschftigten sich die Gedanken beider Schwestern in dieser Nacht
lebhaft mit dem jungen Freunde von Onkel Heinz. Beide setzten ihre
Hoffnung auf ihn. Whrend aber die eine fest an seine Liebe glaubte,
wnschte die andre sehnlichst, da er fr sie nur freundschaftliche
Gefhle hegen mchte. -

Onkel Heinz hatte am andern Morgen keine rechte Ruhe. Wie schon erzhlt
wurde, schalt er seine Aufwrterin ein ber das andre Mal aus, und als sie
fort war, ging er prfend in seinem Zimmer umher. Hier und da stellte er
einen Stuhl anders, dann rckte er die Bilder, die schief an der Wand
hingen, zurecht, sortierte die unzhligen Papiere, die zerstreut und
bestaubt auf dem Tische lagen, warf einen Teil davon in den Papierkorb und
legte das brige ordentlich zusammen; auch seinen Schreibtisch unterwarf
er einer grndlichen Besichtigung, deren er wahrlich ntig genug bedurfte.
Seiner Aufwrterin hatte er bei ihrem Antritte das Machtwort
entgegengedonnert: "Auf dem Schreibtische ein fr allemal nichts
anrhren!" was diese auch schnell begriff, hatte sie doch viele einzelne
Herren zu bedienen und kannte diese schwache Seite der Mnner hinreichend.
Deshalb lie sie auch den Schreibtisch von Onkel Heinz fr immer in Ruhe,
und da er mit einer dicken Staubschicht berzogen war, konnte ihn also
eigentlich nicht wundern, war ihm auch bis heute, wo er es zum ersten Male
bemerkte, noch nie aufgefallen. Er blies ber die Bcher und Schriften,
da die kleinen Staubteilchen lustig in die Hhe flogen, schttelte den
Aschenbecher, der bis zum Rande mit Asche und Zigarrenresten gefllt war,
in den Kohlenkasten, nahm die Bilder der Familie Gontrau - von Ruth und
Marianne in allen Stadien ihres jungen Lebens - in die Hand und
betrachtete sie eingehend. Die Glser waren fast undurchsichtig, er
wischte sie mit seinem rmel ab und stellte sie dann wieder an seinen
Platz zurck. Schlielich lie er sich an dem gesuberten Schreibtische
nieder, um zu arbeiten, aber damit wollte es auch heute morgen nicht recht
gehen. berdies hatte er schon eine Menge Zeit mit dem Herumstbern
verbummelt, denn als er nach der Uhr sah, war es bereits elf Uhr, und er
hatte versprochen, gegen Mittag bei Gontraus zu sein. Er machte sich
deshalb fertig und wanderte in der warmen Mittagssonne, die seinen Pelz
nicht gerade in die gnstigste Beleuchtung setzte, nach den Freunden hin.

                              [Illustration]

Aber wenn er hier eitel Lust und Frhlichkeit zu finden hoffte, so hatte
er sich getuscht.

Als ihm auf sein Klingeln geffnet wurde und er in den Flur trat, ging
vorsichtig die Tre auf, die zu dem Zimmer der beiden jungen Mdchen
fhrte, und Ruths blasses Gesicht wurde in der offenen Spalte sichtbar.

"Onkel Heinz," rief sie leise, "bitte, bitte, komm erst zu mir herein."

Erstaunt sah er den angstvollen Ausdruck ihrer Augen und fragte, was denn
geschehen sei.

Sie legte ihm die Hand auf den Mund und zog ihn zu sich ins Zimmer herein.

"Was ist denn nur los?" fragte er nochmals, als sich die Tr hinter ihnen
geschlossen hatte.

Statt aller Antwort holte Ruth einen Brief aus der Tasche und gab ihn dem
Professor.

"Lies nur, lies nur, Onkel Heinz, es ist ein Brief von Herrn Jansen, der
eben fr mich abgegeben worden ist," sagte sie mit bebender Stimme und
fuhr dann leidenschaftlich fort: "Aber siehst du, ich kann ganz gewi
nichts dafr, und nicht wahr, wenn ich auch gesagt habe, da ich ihn gern
htte, brauche ich ihn deshalb doch noch nicht zu heiraten, nicht wahr,
Onkel Heinz?"

"Na, nun man sachte, man sachte, ich wei ja noch von gar nichts,"
unterbrach er sie, indem er den Brief auseinanderfaltete und zu lesen
begann.

"Ach Gott, es ist schrecklich, ganz schrecklich!" klagte sie, whrend er
las, und diesen Ausruf wiederholte sie in einem fort, whrend sie erregt
im Zimmer auf und ab wandelte.

"Ja," - sagte Onkel Heinz, als er zu Ende war, fuhr mit der Hand ber
seine grauen Stoppeln und drehte an seiner Bartspitze.

"Nun, was sagst du, Onkel Heinz, ist es nicht schrecklich?" fragte sie
angstvoll.

"Nun - schrecklich kann ich das nicht gerade finden," gab er lchelnd zur
Antwort.

"Was soll ich denn aber tun?"

"Ja -" sagte Onkel Heinz wieder lakonisch und kratzte sich hinterm Ohr,
indem er sein Gesicht in nachdenkliche Falten legte; "da ist nun schwer
etwas zu sagen."

Ruth hing sich an seinen Arm.

"Du mut doch wissen, was ich tun soll, liebster Onkel, du weit ja doch
immer alles," sagte sie, ihn vertrauensvoll anblickend.

Der Professor wollte gerade in seiner gewohnten Manier losplatzen, "da er
besseres zu tun htte, als ber solche Dummheiten nachzudenken," hatte
aber doch wohl das Gefhl, als ob es eine groe Ehre fr ihn wre, von
einem jungen Mdchen in einer so wichtigen Angelegenheit um Rat gefragt zu
werden. Auch konnte er den ngstlich fragenden Augen seines Lieblings
nicht widerstehen und besann sich deshalb eines andern. Aber leicht war
die Sache nicht - wie sollte er denn nur anfangen? berlegend ging er
einige Male im Zimmer auf und ab.

"Ja, sage mal, Krte, magst du Jansen denn leiden?" fragte er endlich.

"Ja natrlich, gewi, ich habe ihn sehr gern," lautete die Antwort.

"Na - dann ist es ja aber ganz einfach, dann heirate ihn doch."

"Aber, Onkel Heinz," unterbrach ihn Ruth hastig, "wenn man jemand auch
leiden kann, braucht man ihn deshalb ja nicht gleich zu heiraten, oder -
meinst du doch?"

Ihre Antwort auf Herrn Jansens Frage vom gestrigen Abend war ihr auf
einmal wieder zentnerschwer aufs Herz gefallen. Er hatte dieselbe als eine
Zusage genommen, wie er in dem soeben erhaltenen Briefe schrieb -
berglcklich schrieb - und wollte noch am heutigen Tage kommen und bei
den Eltern um ihre Hand anhalten. Siedendhei berlief es sie bei diesem
Gedanken; sie wute gar nicht, was sie tun sollte, und Onkel Heinz sagte
auch nichts, gab ihr keine Antwort, sie war vllig ratlos.

"Onkel Heinz, bitte, sage mir doch, was meinst du dazu?" wiederholte sie
ihre Frage noch einmal dringlich.

Er machte wieder ein nachdenkliches Gesicht, brachte aber nur die
nichtssagenden Worte heraus:

"Ja, das ist nicht so leicht," und fuhr dann pltzlich fort, als wre ihm
auf einmal etwas Wichtiges eingefallen: "Wie kommt denn Jansen berhaupt
dazu, dich heiraten zu wollen?"

"Das war so, Onkel Heinz," begann Ruth; "gestern abend auf dem Balle
fragte er mich, ob ich ihn gern htte, und da habe ich ja gesagt, denn es
ist doch auch wahr. Als ich aber jetzt den Brief von ihm bekam, da ist es
mir erst klar geworden, wie er seine Frage gemeint hat. Mu ich ihn denn
nun wohl heiraten?"

Der Professor geriet in keine geringe Klemme. Es war ja wahrhaftig viel
schwerer, hier eine richtige Lsung zu finden, als bei irgend einer noch
so verwickelten, wissenschaftlichen Frage. Er wute nicht ein noch aus,
und Ruth wurde immer dringender.

"Ach, gib mir doch eine Antwort," bat sie flehentlich.

"Das kommt nun von solchem Unsinn, wie es ein Ball ist; nun mu man sich
den Kopf ber so dummes Zeug zerbrechen," fuhr er barsch heraus; als er
aber sah, da Ruth in ihrer Herzensangst die Trnen in die Augen stiegen,
lenkte er sofort wieder ein. Weibertrnen konnte er nicht sehen, am
wenigsten bei Ruth, die ja Gott sei Dank nur selten weinte.

"Na - wir wollen mal sehen, Krte," sagte er zrtlich, "was in dieser
Sache noch zu machen ist. Ich will mit Jansen sprechen, ob er sich darauf
einlt."

Onkel Heinz selbst fhlte, da seine Antwort etwas dunkel und unklar, auch
wohl sonst nicht ganz die richtige war; jedoch Ruth bemerkte das nicht,
denn in diesem Augenblicke ertnte drauen die Klingel.

"Um Gottes willen, jetzt kommt er, was soll ich denn nur tun? Lieber Onkel
Heinz, hilf mir doch," rief sie und klammerte sich angstvoll an seinen
Arm.

"Hast du denn mit deiner Mutter schon gesprochen, Ruth?" fragte er und
empfand dabei die Beruhigung, da er diesmal etwas ganz Vernnftiges
gesagt habe.

"Nein, nein, Onkel Heinz! Ich wollte ja gerade mit dem Briefe zu ihr
gehen, da kamst du, und da wollte ich doch erst deine Meinung hren. Jetzt
will ich ihr aber alles sagen; ach ja, Mutter wird wohl wissen, was ich
tun mu."

Und mit diesen Worten eilte sie zur Tre hinaus.

Der Professor atmete erleichtert auf; nun war ihm ja das schwere Amt des
Beraters in Heiratsangelegenheiten abgenommen; es war ihm ordentlich hei
dabei geworden - da flog die Tre wieder auf, und Ruth strzte aufgeregt
herein.

"Na, was ist denn schon wieder los?" fragte Onkel Heinz.

"Nun ist es zu spt, nun ist es zu spt!" jammerte sie laut.

"Ja, was ist denn zu spt?" fragte er.

"Herr Jansen ist da, bei Vater im Zimmer, und Mutter ging gerade hinein,
als ich in den Flur trat - ich konnte sie nicht mehr sprechen. Was soll
ich nun tun, was soll ich anfangen?"

Onkel Heinz schwieg. Er wute keinen Rat zu geben, trotzdem Ruth ganz
unglcklich schien; im nchsten Moment schon wrde man ja von ihr
vielleicht eine wichtige Entscheidung fordern, eine Lebensfrage an sie
richten, und das war doch keine Kleinigkeit. Sie erging sich nun in lautem
Selbstgesprch, das Onkel Heinz mit fortwhrenden Randbemerkungen
begleitete.

"Ich werde berhaupt nicht heiraten," fing sie an.

"Das wre das Vernnftigste, was du tun knntest, aber bei euch
Frauenzimmern ist es nun doch einmal die Hauptsache, das Heiraten," sagte
er.

"Ich passe ja gar nicht fr die Ehe, ich wrde einen Mann nur qulen und
unglcklich machen," fuhr sie fort.

Der Professor lchelte ironisch ber dieses Selbstbekenntnis einer edlen
Seele.

"Na - das mte man doch erst mal abwarten, du bist noch lange nicht die
schlechteste," sagte er.

"Es brauchen doch nicht alle Menschen zu heiraten, - du bist ja auch nicht
verheiratet, Onkel Heinz!"

Er machte eine abwehrende Bewegung, aber das "Nein, nein, Gott sei Dank
nicht," kam doch in einem Tone heraus, der halb wie ein
Erleichterungsseufzer, halb wie Bedauern klang, denn auf einmal stand
wieder der Traum von gestern abend vor seiner Seele - er erblickte wieder
die freundlichen hellen Rume und als Gegensatz sein einsames
Studierzimmer. Eifrig fing er an, seinen Bart zu drehen, der zwar im
Verhltnis zu dem grauen Kopfe noch dunkel erschien, aber doch auch schon
von manchem Silberfaden durchzogen war.

"Weit du, Onkel Heinz," rief Ruth pltzlich und sah ihn mit ihren groen,
braunen Augen an, "wenn ich berhaupt je einen Mann nehmen wrde, knntest
nur du es sein, aber Herrn Jansen kann ich nicht heiraten."

Und weinend flog sie an seinen Hals, umschlang ihn mit beiden Armen und
lie ihren Kopf auf seiner Schulter ruhen. -

Nun wute der Professor nicht, sollte das eine Liebeserklrung sein oder
nicht? Nein, in was fr Situationen und Verlegenheiten brachte ihn auch
heute morgen diese Krte! Er wute gar nicht, wie er sich nun in dieser
neuen Lage wieder benehmen sollte. Und deshalb zog er vor zu schweigen und
hielt ganz still unter dieser zrtlichen Umarmung; aber seine Augen
blickten mit hilfesuchendem Ausdruck hinter der goldnen Brille hervor;
zaghaft und unbeholfen, wie ein schchterner Liebhaber, legte er seinen
Arm um ihre Taille.

In dieser Stellung fand Ilse die beiden, als sie bald darauf hereinkam. In
solcher Pose hatte sie den alten Freund denn doch noch nicht gesehen, und
ihr Gesicht drckte daher ein gerechtes Erstaunen aus. Nun geschah auch
noch das Unglaubliche, da Onkel Heinz auf seine alten Tage unter dem
forschenden Blicke seiner besten Freundin, Frau Ilse, errtete und sich
fast wie ein ertappter alter Snder vorkam, obgleich er doch nicht das
geringste dafr konnte, wenn er jetzt so vor ihr stehen mute. Da Ruth
ihn umarmte und kte, war nichts Seltenes, aber heute mute ihre Umarmung
doch wohl einen ungewhnlichen Eindruck machen, und er war froh, als sie
ihn jetzt freigab und ihrer Mutter in die Arme sank. Das war ja auch der
richtige Platz, um ihr bedrngtes Herz zu erleichtern. Unter Weinen und
Schluchzen erfuhr Ilse bald die ganze Leidensgeschichte; sie mute den
Brief lesen, und Ruth lie sich von ihr unzhlige Male wiederholen, da
man jemand noch nicht zu heiraten brauche, wenn man ihn auch gern htte.
"Gernhaben" und "Liebhaben" wre doch ein groer Unterschied, erklrte
Ruth.

Bei diesen Worten lchelte Onkel Heinz spttisch; woher wuten nun wohl
solche Krten so etwas!

"Liebste Mutter, sage es nur gleich Herrn Jansen, da ich ihn nicht
heiraten knnte," drngte Ruth.

"Nein, mein liebes Kind, das werden wir ihm schreiben, er soll gar nicht
erst kommen, denn das wrde dem jungen Manne doch sonst eine groe
Verlegenheit bereiten," sagte Ilse.

"Ja, aber ist denn Herr Jansen nicht drben bei Vater im Zimmer?" fragte
Ruth.

"Bewahre."

"Ihr spracht doch mit einem Herrn."

"Das war Herr Geheimrat Braun, der Vater und mir seinen Besuch machen
wollte," setzte Ilse auseinander.

"Na - siehst du, nun ist es doch gar nicht so schlimm," sagte Onkel Heinz,
"und ich werde auch noch mit Jansen sprechen."

In liebevollster Weise trstete und beruhigte Ilse ihre erregte Tochter,
indem sie ihr zrtlich die erhitzten Wangen streichelte, und erleichtert
atmete dieselbe auf, als der schwere Druck, der auf ihrer jungen Seele
gelastet hatte, von ihr genommen wurde.

Aber die Spuren der heftigen Aufregung waren doch noch auf ihrem Gesichte
zu lesen, als jetzt Marianne eintrat, die mit den Zwillingen zusammen
einige Freundinnen besucht hatte, um mit ihnen ber den gestrigen Ball
nebst allen seinen Einzelheiten zu plaudern.

Verwundert sah Marianne abwechselnd Mutter und Schwester und dann wieder
Onkel Heinz an, der unaufhrlich an seinem Barte drehte und ein Gesicht
machte, das ein Mittelding zwischen Rhrsamkeit und mephistophelischem
Lcheln war. Diesen Ausdruck zeigte es leicht in kritischen Augenblicken.

Mit dem jungen Mdchen war die kalte Winterluft gleichwie eine Erquickung
in das warme Zimmer gedrungen. Frisch und rosig angehaucht leuchtete ihr
Gesichtchen unter der dunklen Pelzmtze hervor, die sie jetzt abnahm,
worauf sie auch das Jckchen auszog.

Onkel Heinz wurde heute nur flchtig begrt, fragend wandte sie sich an
Ilse und Ruth.

"Warum hat Ruth geweint, was ist denn geschehen?" Und voller Sorge blickte
sie die Schwester dabei an.

Statt aller Antwort reichte ihr diese den bewuten Brief hin, den Marianne
ahnungslos entfaltete und las. Doch schon nach den ersten Worten legte es
sich wie ein Schleier ber ihre Augen, das Blatt fing in ihrer Hand leise
an zu zittern, aber mechanisch las sie weiter, trotzdem die Buchstaben
durcheinander zu tanzen schienen. Es begann ein Sausen in den Ohren - die
Gegenstnde wurden verschwommen - ein bengstigendes Gefhl hemmte den
Herzschlag und schnrte ihr die Kehle zusammen - und sie wre unfehlbar
umgesunken, wenn nicht Ilse und Ruth ihre Schwche bemerkt htten und
hinzugesprungen wren. Marianne war ohnmchtig geworden. -

Sie wurde auf das Sofa gelegt, Ilse rieb ihr die Schlfen mit einer
strkenden Essenz, whrend Ruth hinauslief, um Wasser zu holen. Beide
befanden sich in hchster Aufregung. Nur Onkel Heinz bewahrte seine Ruhe;
er stand dabei und betrachtete aufmerksam das blasse Gesicht der
Ohnmchtigen, in das noch kein Schimmer von Rte zurckkehren wollte.
Jetzt kam Ruth mit dem Wasser herein, hinter ihr her strmten die
Zwillinge ins Zimmer, mit vor Neugier hochroten Backen. Beim Anblick der
bewutlosen Freundin fing Hildegard laut an zu weinen, whrend sich
Thusnelda ber sie beugte und ihr laut ins Ohr schrie:

"O Gott, o Gott, sie ist doch nicht tot!"

Ruth zog sie weg und gebot ihr zu schweigen.

Inzwischen war Ilse fortwhrend ngstlich um Marianne bemht, bei der das
Bewutsein immer noch nicht zurckkehren wollte.

"Ja - durch das Reiben und Wasserschlucken kommt sie nicht wieder zu
sich," sagte Onkel Heinz auf einmal, nachdem er eine Weile zugesehen
hatte.

"Wir wollen lieber nach dem Arzt schicken," meinte Ilse besorgt.

"Ach was, der kann auch nichts helfen," erwiderte der Professor.

"Onkel Heinz, was mag Marianne nur haben? Woher kommt es nur?" fragte Ruth
voller Angst.

"Woher das kommt?" wiederholte er bedeutungsvoll. "Woher das kommt? An
allem ist der verrckte Ball schuld! Natrlich habt ihr euch zu eng
geschnrt, habt unsinnig getanzt, euch dabei erhitzt, seid dann in die
Klte gegangen und werdet wahrscheinlich noch mehr unkluge Geschichten
gemacht haben. Davon kommen dann am andern Tage Ohnmachten und
dergleichen, das ist kein Wunder."

Der Professor sah ordentlich grimmig aus, als er von dem Unheil sprach,
welches dieser verrckte Ball angerichtet habe, dann wandte er sich wieder
der Ohnmchtigen zu.

"Frau Gontrau, was Sie da mit Marianne machen, hilft nichts," fing er
wieder an.

"Ja, was soll ich denn aber tun, so sprechen Sie doch," sagte Ilse
ungeduldig und gereizt durch seinen Ton.

"Nehmen Sie mal das Kissen unter dem Kopf fort, da dieser tiefer liegt
und wieder Blut ins Gehirn kommt. So ist es recht! Alles Beengende haben
Sie wohl aufgemacht, nicht wahr? - Warum heult ihr denn so? Da gibt es
doch nichts zu jammern," rief er dann den Zwillingen zu, die ein wahres
Heulkonzert auffhrten.

"Die Kinder haben eben mehr Gefhl als Sie," konnte Ilse trotz ihrer
augenblicklichen Sorge doch nicht unterlassen ihm zu sagen, denn das war
jetzt mal wieder einer der Augenblicke, wo sie sich ber ihn rgerte.

"Wenn man nicht sentimental ist, heit es gleich man hat kein Gefhl,"
erwiderte er ruhig.

Ilse wre ihm sicher auch darauf keine Antwort schuldig geblieben, wenn
nicht gerade jetzt Marianne die Augen aufgeschlagen und ihre ganze
Aufmerksamkeit in Anspruch genommen htte; es vershnte sie auch sofort
wieder mit dem alten Freunde, als er jetzt nher trat, Marianne zrtlich
auf die Backe klopfte und sagte: "Na, Krte, wie geht's denn? Was machst
du aber auch fr Geschichten!"

Als das junge Mdchen wieder zum Bewutsein gekommen war, blickte sie
erstaunt um sich und fing bitterlich an zu schluchzen.

"Liebe Marianne, wie ist es dir jetzt?" rief Thusnelda mit Stentorstimme,
- einem Erbteile des Vaters - und trat mit der Schwester herzu. Der
Professor drngte sie aber mit einer bezeichnenden Geste, da sie
schweigen mchten, zurck.

Ilse rief Marianne trnenden Auges mit den zrtlichsten Schmeichelnamen,
Ruth kniete leise weinend vor ihr, dazwischen tnte das Schluchzen von
Marianne, das herzbrechende Geheul der Zwillinge. - Dem Professor wurde
bei alledem pltzlich sehr unbehaglich zu Mute. Wohin er blickte, sah er
Weibertrnen, und da er sich unter den weinenden, schluchzenden Frauen auf
einmal sehr berflssig fhlte, hielt er es fr das beste, sich
zurckzuziehen. Die besorgte Ilse hatte heute nur ein flchtiges
Abschiedsnicken fr ihn, aber Ruth drckte ihm innig die Hand. -

Als er einige Zeit spter wieder in seiner Junggesellenwohnung anlangte,
betrat er sie mit einem angenehmeren Gefhl, als er sie verlassen hatte.
Das Feuer brannte hell im Ofen, es war behaglich warm, und die
Sonnenstrahlen, die hereindrangen, verliehen dem Ganzen einen gewissen
Glanz. Vor allem empfing ihn hier die Ruhe wie eine Wohltat nach der eben
stattgefundenen Szene bei Gontraus. "Ja, ja, so etwas wrde auch
vorkommen," schien es ihm leise ins Ohr zu raunen und im Selbstgesprche
antwortete er darauf: "es ist schon besser so." Er hatte seinen Pelz
abgezogen und hielt die kalten Hnde an den Ofen; als sie warm geworden
waren, setzte er sich an seinen Schreibtisch, um zu arbeiten. Nun ging es
wieder! Die strengen Geister der Arbeit, die gestern und heute vor den
Lichtgestalten geflohen waren, erschienen wieder, und in ihrer
Gesellschaft fhlte sich Onkel Heinz doch am wohlsten.

Still und ruhig war's im Zimmer, man hrte nur das Gerusch der
schreibenden Feder, und wie das Papier knitterte, oder das Feuer im Ofen
lustig knackte und knisterte.

Der Professor blieb den ganzen Tag ber angestrengt bei seiner Arbeit
sitzen. Gegen Abend, so nahm er sich vor, wollte er noch einmal nach
Gontraus gehen, um sich nach Marianne zu erkundigen, aber Ruth kam ihm
zuvor. Als es dmmerte, erschien sie bei ihm und rttelte ihn wieder aus
seiner schwer erkauften Ruhe auf. Das war aber auch ein Tag heute, was
sich da alles zutrug! Ruth berichtete unter Trnen, da sie die
eigentliche Ursache von Mariannes Ohnmacht gewesen sei, weil sie ihr den
verhngnisvollen Brief von Herrn Jansen gegeben habe, ohne die geringste
Ahnung davon, welches Unheil sie damit anrichten wrde. Marianne htte
nmlich ein tiefes Interesse fr Jansen und sei berzeugt gewesen, da er
dasselbe erwidere.

Onkel Heinz hatte whrend dieser Erzhlung mehrmals den Kopf geschttelt
und seine Bartspitze so zusammengedreht, da man sie htte durch ein
Nadelhr einfdeln knnen. Das war nun die zweite Liebesgeschichte an
diesem Tage - zwei unglckliche Lieben!

Ruth weinte leidenschaftlich, und selbst die Trostworte von Onkel Heinz
konnten sie nicht beruhigen, so sehr war sie ergriffen von dem Kummer der
Schwester und voll ngstlicher Sorge ber deren Zustand. In Abstzen
erfuhr der Professor, da Marianne krank im Bett liege, da man einen Arzt
habe holen mssen, der eine Nervenerschtterung konstatiert und grte
Ruhe anempfohlen habe.

"Wenn sie nur nicht stirbt an ihrer unglcklichen Liebe!" rief Ruth laut
jammernd aus.

"Ach was, dummes Zeug, so etwas kommt nur in verrckten Romanen vor, aber
im Leben nicht," entgegnete Onkel Heinz.

"Sie ist aber so elend."

"Wird sich schon wieder erholen."

"Glaubst du wirklich?"

"Natrlich! Beruhige dich nur, alte Krte," redete er ihr liebevoll zu.

"Warum mute es auch so kommen?" klagte Ruth. "Warum liebt Herr Jansen
nicht Marianne statt mich?"

Onkel Heinz zuckte die Achseln, er wute es doch auch nicht.

"Hast du schon mal jemand kennen gelernt, der unglcklich liebte?" fragte
das junge Mdchen den alten Hagestolz in ernstem Tone.

Der Professor wandte sich ab und gab keine Antwort.

Ruth bemerkte es nicht, gedankenvoll blickte sie vor sich hin.

"Hast du niemals geliebt, Onkel Heinz?" fragte sie dann wieder.

Das war eine Gewissensfrage! Er zuckte unmerklich zusammen.

"Dummes Zeug! Unsinn!" sagte er dann ziemlich schroff.

"Hltst du die Liebe wirklich nur fr Unsinn?" Und als er nicht
antwortete, fuhr sie fort: "Weit du, Onkel Heinz, ich glaube, ich kann
berhaupt nicht lieben."

"Was die Krte da heute doch immer von Liebe schwatzt," dachte der
Professor bei sich.

"Willst du wissen, was ich wohl mchte?" fragte Ruth nach einer kleinen
Weile lebhaft, und ihre noch feuchten Augen blitzten auf. "Willst du es
wissen? Ich mchte singen knnen, singen wie eine richtige Sngerin, ich
mchte - eine Knstlerin werden."

Der Professor prallte ordentlich zurck, so erregt hatte sie diese Worte
ausgerufen.

"Weit du denn berhaupt, du Kickindiewelt, was eine Knstlerin ist?"
fragte er, das Wort 'Knstlerin' nicht gerade in der schmeichelhaftesten
Weise betonend.

Dann kam er wieder nher und sah sie scharf an mit hchst wichtiger Miene.

Sie entgegnete nichts darauf, sondern fuhr fort:

"Siehst du, Onkel, hier - hier -," sie zeigte auf ihr Herz, "da ist es oft
so komisch, so - ich wei nicht wie! Ich habe das Gefhl, als mte etwas
heraus, als mte ich jauchzen oder weinen, ich fhle mich glcklich und
unglcklich zugleich. Und wenn ich mich dann hinsetze und singe, dann
wird's mir leichter, dann kommt es mir vor, als wre ich gar nicht auf der
Erde, als trgen mich Flgel empor - dann bin ich gut - dann denke ich
edel - dann - dann wird mir erst wieder wohl - ich kann dir gar nicht
beschreiben, wie wohl! Und siehst du, Onkel Heinz, deshalb habe ich solche
Freude an meiner Stimme, die jubelt mit mir und ist mit mir traurig."

Der Professor hatte sich vor sie hingestellt und blickte sie bei jedem
Worte erstaunter an. Was sprach da diese Krte! Dieses Kind! Solche
Redensarten konnte es machen, da hrte ja einfach alles auf. Aber er
empfand doch mit einem Male, als er in die vor Begeisterung funkelnden
Augen seines Lieblings sah, da dieses Kind kein Kind mehr war, da es
eigene Anschauungen, eigene Gedanken hatte wie ein erwachsener Mensch, -
ja, ja, jetzt kam die junge Generation an die Reihe. Onkel Heinz sah sich
das junge Mdchen, seinen Sonnenschein, seine alte Krte noch immer
schweigend und so prfend an, als erblicke er sie heute zum ersten Male.
So sah er sie ja auch wirklich zum ersten Male, so kannte er sie noch
nicht: es war noch die alte Ruth und doch eine andre, nicht mehr das
kleine Mdchen, das er bisher noch immer in ihr erblickt hatte, sondern
eine Jungfrau, die da vor ihm stand. Wie eine Offenbarung kam das
pltzlich ber ihn, und er konnte seine Blicke nicht von ihr losreien.

"Aber Onkel Heinz, warum starrst du mich so an?" bemerkte sie lchelnd.

Da erwachte er aus seinen Gedanken.

"Hm!" brummte er nur und fuhr sich ber seine Stoppeln, das sollte so viel
heien, als: es ist nun einmal so.

"Onkel Heinz," fing sie wieder an und schmiegte sich in zrtlicher
Vertraulichkeit an ihren alten Freund. "Ich habe eine groe Bitte an dich,
aber - du mut mir versprechen, da du sie erfllen willst."

"Da werde ich mich schn hten," warf er ein und lchelte spttisch.
Vorher versprechen, so etwas zu verlangen, konnte auch nur ein
Frauenzimmer fertig bringen.

"Na, dann sprich mal, was ist es denn, was soll ich denn tun?" fragte er
aber dennoch.

Sie sah ihm ja so schmeichelnd in die Augen, da er wie gewhnlich nicht
widerstehen konnte.

"Onkel Heinz," kam es etwas zaghaft und zgernd von ihren Lippen, "wenn du
doch nur mal mit den Eltern sprechen mchtest, ob - ob sie meine Stimme
nicht ausbilden lassen wollen. Du kannst das viel besser als ich, und
siehst du," fuhr sie leidenschaftlich fort, "ich mchte so gern etwas
Ordentliches lernen, ich will so fleiig sein, will mir so viele Mhe
geben, will ganz und gar nur der Kunst leben."

"Das ist ja Unsinn," sagte der Professor ausweichend, aber sie unterbrach
ihn ernsthaft.

"Nein, Onkel Heinz, sage das nicht, das ist kein Unsinn, wenn ich so
spreche, das ist mein heiligster Ernst. Ich bin jetzt wirklich nicht zum
Scherzen aufgelegt."

Dabei fiel ihr wieder die arme kranke Schwester ein, Trnen stiegen ihr in
die Augen, und das - das konnte er nun einmal nicht sehen.

"Weine doch nicht, Krte; da ihr Weiber doch immer gleich flennen mt,"
sagte er etwas unmutig, streichelte dabei aber ihre dunklen Haare, die
wellig gescheitelt bis tief in die Schlfen fielen und das feine, schn
geschnittene Gesicht dadurch noch interessanter erscheinen lieen. "Aber
das mit der Knstlerin schlage dir nur aus dem Sinn," fuhr er fort, "das
geht nicht, das geht auf keinen Fall."

Sie sah ihn bittend, fast flehend an.

"Aber Onkel Heinz!"

"Was willst du denn berhaupt fr eine Knstlerin werden? Willst du etwa
Mummenschanz treiben? Hm?" Er sagte das sehr geringschtzig, denn unter
dem 'Mummenschanztreiben' verstand er, ob sie vielleicht zur Bhne gehen
wolle. "Da bist du denn doch wahrhaftig zu gut dazu, Krte, da gehrst du
nicht hin, das geben die Eltern berhaupt nicht zu und ich auch nicht,
daraus wird nichts!"

Er hatte sich ordentlich ereifert bei diesen Worten, denn da Ruth
vielleicht eine solche Absicht haben knnte, war ihm ein furchtbarer
Gedanke. "Ja, ja, wenn das alles so wre, wie es sein sollte," setzte er
wie im Selbstgesprche fort, "aber das ist es eben nicht, der bunte
Flitterkram, das ist die Hauptsache, und die Kunst ist Nebensache. Kunst,
Kunst! Davon haben ja die wenigsten Menschen berhaupt einen Begriff!"

Erregt schritt er auf und ab, Ruth folgte ihm und hatte schon ein paarmal
versucht, ihn zu unterbrechen, ohne da es ihr gelungen wre. Jetzt hielt
sie ihn am Arme fest.

"Onkel Heinz, das alles wei ich ja noch nicht, darber habe ich noch
nicht nachgedacht. Vorlufig mchte ich nur lernen, mich meinen
Gesangsstudien ganz hingeben knnen, an nichts andres zu denken brauchen.
Siehst du, was ich jetzt lerne in den Stunden, fr den Hausgebrauch, wie
es heit, das macht mir wenig Spa, das befriedigt mich nicht, weil ich
fhle, da es nur oberflchlich und nicht das Richtige ist."

"Das ist ja ganz vernnftig gedacht; na, und deine Stimme ist nicht bel,
das ist wahr," sagte er einlenkend.

Diese Worte nahm sie schon fr eine Zusage und fragte nun freudig und
zuversichtlich:

"Nicht wahr, du sprichst mit den Eltern?"

"Halt, Halt - man sachte, soweit sind wir noch lange nicht," sagte er
abwehrend.

"Einziger, ser Onkel, tue es doch!" bat sie und hing sich an seinen Arm.
Er entgegnete nichts, drehte aber seine Bartspitze mit groer
Geschwindigkeit.

"Du bekommst auch schon vorher einen schnen Ku zum Lohn," versprach sie.

"Will ich gar nicht," brummte er vor sich hin.

"Ach, Onkel Heinz, nun tu nur nicht so," rief sie lchelnd und fragte
dann, als ob schon alles bestimmt abgemacht wre: "Wann willst du denn mit
den Eltern sprechen?"

"Gar nicht," erwiderte er kurz.

Ruth schien diese Antwort zu berhren und sagte weiter:

"Jetzt geht es natrlich nicht, solange Marianne krank ist, aber sobald es
ihr wieder besser geht, nicht wahr, Onkel Heinz, dann? dann tust du es?"

"Nein!"

"Bitte, bitte, sage ja."

"Nein, nein, nein!" widersprach er heftig.

"Onkel Heinz!"

Wer htte wohl diesem Blick der schnen dunklen Augen widerstehen knnen!
Der Professor konnte es wenigstens nicht, trotzdem er sich unwirsch
abwandte.

"Lieber Onkel Heinz."

Er antwortete nicht.

"Lieber, guter, einziger Onkel Heinz, sage doch ja!"

Und sie qulte solange, ihn dabei streichelnd und liebkosend, bis er
schlielich nachgab - er konnte der Krte nun einmal nichts abschlagen.

"Meinetwegen denn ja! Qulgeist du!" rief er laut.

Sie jubelte auf, als sie ihn endlich besiegt hatte und trotzdem er sich
strubte, heimste er doch den Ku - den versprochenen Lohn - gern ein. -

Die nchste Zeit verlief fr Gontraus still und traurig. Marianne lag
krank darnieder, ihre junge gebeugte Seele wollte sich gar nicht wieder
erheben, geistig und krperlich schien sie gebrochen zu sein. Nur der
unermdlichen Pflege, der zarten Sorgfalt von Ilse gelang es, sie nach und
nach wieder aufzurichten, und wenn Nellie oft innerlich gedacht hatte, da
die Freundin keine rechte Pflegerin sein knne, weil ihre Ansichten ber
diesen Punkt so weit auseinander gingen, so berzeugte sie sich jetzt von
dem Gegenteil, als sie sah, mit welcher Aufopferung Ilse Tag und Nacht am
Krankenlager ausharrte. Und auch Ruth erkannte man kaum wieder, wie sie
sich jetzt ebenso sanft und liebevoll gegen die Schwester zeigte, als sie
frher manchmal herrschschtig und aufbrausend gegen sie sein konnte. Der
Professor aber erwies sich in der schweren Zeit wieder als treuer,
zuverlssiger Freund. Er kam tglich, widersprach natrlich bei allem, was
der Arzt verordnete, wute alles besser, trstete aber Ilse, wenn sie
niedergedrckt und mutlos war, und sprach mit der Kranken in seiner alten
gewohnten Weise, soda es ihm einzig und allein manchmal gelang, sogar ein
Lcheln auf das blasse, ernste Gesicht zu zaubern.

Herr Jansen war bald nach dem Balle abgereist. Wie Onkel Heinz Ilse und
Leo erzhlte, hatte er krzlich von ihm einen Brief aus Amerika erhalten,
wo er sich einige Zeit aufhalten und von wo er dann wieder nach Indien
zurckkehren wollte. Sein Name wurde sonst bei Gontraus nicht genannt,
weil derselbe bei Ruth ein peinliches und bei Marianne ein schmerzliches
Gefhl hervorgerufen haben wrde.

Als letztere einigermaen wieder hergestellt war, mute Onkel Heinz sein
Versprechen, das ja durch den Ku von Ruth besiegelt worden war, einlsen.
Im Verein mit dieser gelang es ihm, ihre Eltern zu bestimmen, da sie ihre
Stimme prfen lieen, und da dieselbe bei der Prfung fr sehr bedeutend
erklrt wurde, sollte sie eine knstlerische Ausbildung erhalten. Mit
Flei und Liebe, und ganz durchdrungen von der Schwere und dem Ernst des
Knstlerberufs begann Ruth ihr Studium.

Whrenddem erholte sich Marianne langsam. Krperlich war sie ganz
hergestellt, und auch ihr Geist fing wieder an, leise seine Schwingen zu
entfalten, allmhlich, ganz allmhlich gesundete er. Den zarten
Bltenhauch aber der ersten, unberhrten Jugend hatte diese getuschte
Hoffnung mit fortgenommen, der kindlich unbefangene Ausdruck in ihren
Augen war gewichen, und ihr helles, glckliches Lachen ertnte nicht mehr
so oft wie frher. Ganz tief im innersten Herzen trug sie noch immer das
Bild des geliebten Mannes, in einsamen Stunden weinte sie noch manchmal,
aber das Leben machte doch seine Rechte wieder geltend, und sie war
glcklicherweise in dem Alter, wo sie noch vergessen konnte. Das Frhjahr
verlebte sie bei ihren Freundinnen, den Zwillingen, auf dem Lande, den
Sommer bei den Groeltern in Moosdorf, im Herbst aber machte sie mit den
Eltern, Ruth und Onkel Heinz eine herrliche Reise nach Italien bis nach
Sizilien hinunter. Der Professor war ein vortrefflicher Cicerone, er
kannte den Sden durch seine vielen Reisen auf das genaueste und
beherrschte vollkommen die italienische Sprache, konnte deshalb auch den
Freunden manchen Vorteil verschaffen. Na, und wenn er mit den beiden
Krten am Arm zuweilen auf eigene Faust losging, um ihnen die Kunstwerke
der alten Meister zu zeigen - er war ein geschworener Feind der modernen
Malerei, ber die er mit Ilse viel und oftmals stritt - und den beiden
hbschen Mdchen bewundernde Blicke nachflogen, dann zeigte sich auf
seinem Gesicht ein freudiges Schmunzeln, und er erzhlte es spter Ilse
voller Stolz.

Erst spt im Herbst, der im Norden schon mit grauen trben Tagen
eingezogen war und die Bume entlaubt hatte, kehrten sie heim, reich an
schnen Eindrcken und Erlebnissen. Mit noch grerer
Begeisterungsfhigkeit nahm Ruth ihr Studium wieder auf, Marianne aber
hatte frische Krfte gesammelt und neuen Mut mitgebracht, so da ihr die
Zukunft nicht mehr als eine trostlose de erschien, wie es noch vor kurzer
Zeit der Fall gewesen war; sie konnte jetzt ohne Schmerz an Herrn Jansen
denken, wie an einen fernen lieben Freund.

So verging der Winter und der Sommer und noch ein Winter und Sommer, bis
es wiederum Herbst war. - Ein lachender, trgerischer Herbst, der es ganz
vergessen lie, da er der Vorbote des Winters war, denn in seinem warmen
Sonnenscheine wurde das Herz von Frhlingsgedanken erfat und die Menschen
strmten hinaus in die strahlende Natur wie an einem ersten schnen
Frhlingstage nach dem langen, langen Winter.

An einem dieser sonnendurchfluteten Herbsttage machte Onkel Heinz mit
seiner Freundin Ilse einen Spaziergang hinaus in das Freie, in den bunten
Wald. Die klare Luft war von weien Fden durchzogen, und die gelben,
roten und braunen Bltter wlbten sich zum farbenprchtigen Zelte ber
ihnen; noch raschelte unter ihren Tritten kein welkes Laub, nur dann und
wann flatterte, durch einen Luftzug abgepflckt, ein Blatt luftig und
leicht vor ihre Fe. Heiter, strahlend und hoffnungsfreudig lag Wald und
Flur vor ihren Blicken ausgebreitet, als begnne erst jetzt die Zeit des
Wachsens und Werdens, aber diese Hoffnung war doch nur Tuschung. Lose
geschlungen war das Band, welches die Natur noch mit dem Leben verknpfte,
locker hingen alle die buntgemalten Bltter an den Zweigen, und nur unter
dem warmen Ku der Sonne, umgeben von der milden, sanften Luft, wagten
sich im Garten die Rosensptlinge aus ihrer schtzenden Knospenhlle
hervor. Schein war alles! Und diese blendende Herrlichkeit wrde mit einem
Schlage vorbei sein, wenn das allmchtige Himmelslicht droben hinter
Wolken verschwand und der Herbstwind brausend darber hinfuhr und daran
rttelte - dann begann mit einem Schlage das groe gewaltige Sterben.
Unverschleiert war die Ferne, die sich in scharfen, bestimmten Linien
abhob, und gedankenvoll schweiften Ilses Augen in die durchsichtige Weite.
Aber ihr fehlte heute das rechte Interesse fr den herzerquickenden
Herbsttag, ihr Gesicht sah erregt aus, als beschftige sie etwas lebhaft.

"Wenn nur alles gut geht," sagte sie seufzend zu dem Professor.

Er lchelte mit berlegener Miene und entgegnete:

"Ich habe gar keine Angst, die Krte hat ja tchtig gelernt, die kann ja
was."

"Was gehrt aber auch heutzutage dazu, um etwas zu erreichen! Mit Begabung
und Flei allein kann das nicht geschehen, das Glck mu auch mit helfen.
Nun, was in meinen Krften steht, habe ich getan, um Ruth immer und immer
wieder davon zu berzeugen, mit wieviel Kmpfen und Schwierigkeiten der
Beruf einer Knstlerin erkauft werden mu. Ich habe sie stets ermahnt,
sich viel mehr auf Enttuschungen gefat zu machen, als auf Erfolge, denn
guten Mut hat sie selbst genug. Na, und Onkel Heinz, fr eine tchtige
Ausbildung haben wir doch auch gesorgt; im Winter aber mu sie noch einige
Zeit in Paris Unterricht nehmen, um ihrer Stimme sozusagen den letzten
Schliff zu geben. Ach ja, bevor eine Sngerin fertig ist, dauert es
lange."

"Frau Gontrau, Ruth hat Talent, die bringt es zu etwas Tchtigem, das wei
ich," versicherte Onkel Heinz mit wichtiger Miene, als knne daran nicht
mehr gezweifelt werden, wenn er es einmal gesagt habe.

"Wre das Konzert nur erst glcklich vorber," meinte Ilse und holte tief
Atem.

"Wenn ich Ihnen sage, da Sie keine Angst zu haben brauchen, so haben Sie
es auch nicht ntig, liebe Frau Gontrau," sagte Onkel Heinz und legte
einen Augenblick seine Hand auf ihren Arm.

Sie fhlte, da er sie auf seine Art beruhigen wollte, und sah ihn dankbar
an. Er war doch ein treuer, ehrlicher Freund! Und je lter sie wurde,
destomehr befestigte sich in ihr die berzeugung, da wahre, aufrichtige
Freundschaft ein kstliches, seltenes Gut ist, das man hten mu wie einen
groen Schatz. Sie hatte in ihrem Leben viel Liebe und Freundschaft
erfahren und ihren Freunden viel zu verdanken. Leo hatte sie die wahre
Liebe des Weibes gelehrt; durch das sanfte Beispiel ihrer einzigen Nellie
lernte sie Selbstbeherrschung und Nachgiebigkeit. Onkel Heinz endlich
hatte durch seine unumwundene Offenheit sie zwar hufig gereizt und ihren
Widerspruch hervorgerufen, zugleich aber bewirkt, da sie oft genug in
sich ging, ber sich nachdachte, fortwhrend selbsterzieherisch ttig war
und sich immer mehr daran gewhnte, auf die Eigenschaften andrer Rcksicht
zu nehmen; sie brauchte ja nur daran zu denken, wieviel Nachsicht man
einst mit ihr hatte haben mssen, als sie noch das ungebndigte
Menschenkind, der Trotzkopf, war. Alles dies ging Ilse jetzt durch den
Sinn und noch viel mehr. Der Professor aber, der sie so nachdenklich an
seiner Seite schreiten sah, glaubte, da sie sich noch immer damit
beschftige, wie wohl das Konzert ausfallen wrde, in welchem Ruth heute
abend zum ersten Male ffentlich in der Kirche singen sollte. Und deshalb
beschlo er, ein neues Gesprch anzufangen, um sie auf andre Gedanken zu
bringen. Seine Bartspitze drehend, grbelte er darber nach, auf welche
Weise dies am besten geschehe, denn Diplomatie war nicht seine starke
Seite.

"Na, sagen Sie mal, Frau Gontrau," fing er dann pltzlich an, "bei
Superintendents ist man wohl berglcklich, da der Ausreier wieder da
ist? Ist brigens ein famoser Kerl geworden, der Fritz; er war gestern bei
mir."

"Ja," entgegnete Ilse so recht aus tiefstem Herzensgrunde, "Gott sei Dank,
da er wieder da ist! Und wie hat er sich durchgearbeitet, von der Picke
auf gedient, und was ist aus ihm geworden! Ich habe brigens nie daran
gezweifelt, da ein tchtiger Kern in ihm stecke."

"Ja, ja, die _selfmade men_, das sind die besten," warf Onkel Heinz ein.

"Er hat Ihnen wohl erzhlt, was er alles erlebt hat, nicht wahr?" fragte
Ilse.

"Ja wohl, alles ganz ausfhrlich, und es hat mich sehr interessiert. Der
Junge hat brigens viel Glck gehabt, denn da drben gibt's nur zweierlei,
entweder man wird was Rechtes, oder man geht zu Grunde. Da die
amerikanische Familie sich bei der berfahrt auf der Germania, auf welcher
sich Fritz als Schiffsjunge verdungen hatte, gleich fr ihn so lebhaft
interessierte, ist doch ein seltener Zufall zu nennen. Na, ja, aber die
Amerikaner sind darin andre Leute, die kleben nicht an Vorurteilen, die
denken freier als wir; ich bin ja lange drben gewesen und kenne die
Verhltnisse genau. Da der Bengel ausgekniffen war, genierte die Leute
eben gar nicht, als praktischer Geschftsmann erkannte Mister Smith
sofort, als er ihn sah, da er den aufgeweckten jungen Deutschen in seinem
Geschft gebrauchen knne, na, und da war die Sache bald abgemacht."

"Aber ein Tollkopf scheint der Fritz doch zu sein," warf Ilse ein. "Er
hatte es so gut bei den Leuten, die Frau sorgte fr ihn wie eine Mutter,
und blo, weil ihn die andern im Geschfte wegen seiner Aussprache des
Englischen hnselten, ging er fort, - das htte er nicht tun sollen."

"Das mute er wohl tun, das war ganz verstndig von ihm," widersprach
Onkel Heinz, "so wird das da drben gemacht, da kennt man keine
Sentimentalitten. Er handelte ganz richtig, da er mehr nach dem Westen
ging, wo man noch leichter zu etwas kommen kann. Du lieber Gott, schlechte
Zeiten mu der _selfmade man_ auch mit in den Kauf nehmen, das gehrt
dazu. Er ist ja nicht einmal bis zum Stiefelputzer gesunken, und unter
diesen findet man oft sehr aristokratische Namen, Grafen und Barone."

"Er mu jetzt als Prokurist in dem groen Bankhause in San Franzisko eine
brillante Stellung haben. Rosi erzhlte mir strahlend davon," meinte Ilse.

"Natrlich, jetzt ist er der gemachte Mann! Jedenfalls ist er ganz anders
geworden, als wenn er in dem Pastorenhause weiter herangewachsen wre,
unter den spiebrgerlichen Ansichten seiner Mutter," gab Onkel Heinz zur
Antwort.

"Aber da er seinen Eltern nicht einmal Nachricht gab all die Jahre
hindurch," wandte Ilse vorwurfsvoll ein.

"Da hatte er ganz recht," unterbrach sie der Professor von neuem; "er
wollte erst was ordentliches werden. Und fr Ihre Freundin Rosi war diese
Sorge sehr heilsam, sie hat ja den Jungen ganz verrckt erzogen, der htte
ganz anders behandelt werden mssen."

"Sie ist hart genug bestraft worden und hat schwer dafr ben mssen; fr
die ganze Familie waren es schreckliche Jahre," erwiderte Ilse.

"Ja, ja, das ist wahr, der Mann hat mir auch sehr leid getan; ich mag ihn
gern leiden, nur mte er eine andre Frau haben, denn er ist schwach - wie
berhaupt alle verheirateten Mnner. Gott sei Dank, da mich der Himmel
vor einer Frau bewahrt hat," neckte Onkel Heinz seine alte Freundin mit
einem pfiffigen Seitenblick auf sie.

"Oho, Fuchs! Die Trauben sind sauer, nicht wahr, Onkel Heinz?" rief Ilse
lachend.

Er erwiderte nichts, aber der sarkastische Zug um seinen Mund bewies, wie
er darber dachte.

"Sind Sie denn nun ruhiger?" fragte er nach einer kleinen Pause, whrend
sie den Heimweg antraten, und als Ilse nickte, fuhr er fort: "Na, sehen
Sie wohl, wie gut es war, da ich Sie abholte, ich wei doch auch ganz
genau, was fr Sie das Richtige ist. Ein Spaziergang in der frischen
Herbstluft ist fr erregte Gemter jedenfalls viel besser als Ihr altes
Zuckerwasser, das Sie vorhin zu Hause einnehmen wollten und woran ich Sie,
Gott sei Dank, noch verhindern konnte."

"Aber das war doch kein Zuckerwasser," berichtigte sie lachend, "das war
ja Bromkali -"

"Wei schon, wei schon," unterbrach er sie schnell. "Ich kenne das Zeugs
alles ganz genau, es hilft auch nicht mehr wie Brauselimonade oder
Zuckerwasser. Verschonen Sie nur Ruth mit dergleichen Geschichten, das
kann ihr eher schaden als ntzen."

"O, die ist lange nicht so aufgeregt als ich," sagte Ilse; "bei der ist es
nur die Freude, welche sie unruhig macht. Gehen Sie mit herein?" fragte
sie dann den Professor, denn sie waren in diesem Augenblick an ihrem Hause
angelangt. Er gab zur Antwort, da er lieber heim gehen und sie dann
spter in der Kirche treffen wolle, seine Krte knne er ja jetzt doch
nicht sprechen, die msse Ruhe haben.

                              [Illustration]

Onkel Heinz ging aber nicht nach Hause, denn als er die Uhr herauszog,
bemerkte er, da bis zum Anfange des Konzerts nur noch wenig Zeit brig
war, und er berlegte sich deshalb, da es sich gar nicht lohnen wrde,
vorher noch seine Wohnung aufzusuchen. Und da fiel ihm dann auch ein, da
es wohl besser wre, wenn er noch mal bei dem Blumenladen vorginge, wo er
fr Ruth den Blumenkorb bestellt hatte, und nachfrge, ob alles in Ordnung
sei. Die Verkuferin hatte sich schon am Morgen ber den "wunderlichen
alten Herrn" amsiert, der in umstndlichster Weise seine Bestellung
gemacht und ganz genau angegeben hatte, in welcher Art die Blumen geordnet
werden sollten. Alle Vorschlge, die sie machte, wurden von ihm verworfen
und geschmacklos gefunden; er suchte selbst die Blumen aus und gab an, so
und so sollte die Farbenzusammenstellung sein und nicht ein Tpfelchen
anders. Am Mittag war er wieder gekommen, hatte sich den fertigen Korb
angesehen, und ein Etui hineingesteckt, das eine kleine Brosche ganz aus
Trkisen und Brillanten enthielt, welche er seiner Krte zum heutigen
wichtigen Tage schenken wollte. Aber trotzdem das Blumenarrangement ganz
genau nach seiner Angabe gemacht worden war, hatte er doch daran zu mkeln
und zog hier noch eine Blte, dort noch ein Blatt heraus, die nach seiner
Meinung in die Farbenharmonie nicht paten. Wer wohl diese Gabe, die dem
alten Herrn soviel Kopfzerbrechen machte, bekam? Das htte das junge
Mdchen in dem Laden gar zu gern gewut, denn eine Frau besa er nicht,
das hatte ihr kundiger Blick gleich erkannt, na, und fr einen Brutigam
war er doch zu alt. Als der Professor jetzt wieder erschien - zum dritten
Male an diesem Tage - da mute sie unwillkrlich lachen; sie gab ihm aber
auf seine bis ins kleinste gehenden Fragen, ob die Bestellung auch richtig
und pnktlich besorgt sei, geduldig Antwort. In ihrem Innern meinte sie
jedoch, da so komisch, wie dieser Herr, ihr noch selten jemand
vorgekommen wre, trotzdem sie mit allen mglichen Menschen verkehren
mute.

Nachdem der Professor den Laden verlassen hatte, schlug er langsamen
Schrittes die Strae ein, die nach der Magdalenenkirche, in welcher das
Konzert stattfinden sollte, fhrte, indem er hier und da noch stehen blieb
und sich die Schaufenster ansah. Er hatte ja keine rechte Ruhe, das erste
Auftreten seines Patenkindes ging ihm sehr im Kopfe herum, denn es war
doch keine Kleinigkeit und wichtig fr ihr ganzes Leben. Als er den hohen
gotischen Bau erreicht hatte, sah er die bunten Glasfenster schon
erleuchtet, und ber die breite Treppe, die nach dem Eingang fhrte,
schritten viele Leute hinauf; er blickte ihnen nach, bis sie durch die
groe Tr verschwunden waren, ging dann noch ein Weilchen auf und ab und
trat endlich gleichfalls durch das weit geffnete Portal. Der mchtige
Raum war mit Menschen bereits dicht gefllt. Die flackernden Lichter
warfen einen matten Schein auf die unruhige Menge und streiften mit ihren
Strahlen die grauen Pfeiler und Sulen und die dunkle Holzvertfelung der
Kirchensthle. Onkel Heinz hatte beim Eintreten seinen Hut abgenommen und
betrachtete sich mit Wohlgefallen das malerische Bild des Ganzen, worauf
seine Augen suchend umherblickten. Unten im Schiff sah er Gontraus sitzen,
Althoffs mit nnchen, Flora mit den krftigen Zwillingen, Rosi nebst
Familie - und wer sa da neben Marianne? Ein junger, blonder Mann,
bartlos, mit energisch geschnittenem Gesicht und kecken, blauen Augen. Wir
erkennen ihn wieder - es war Fritz. Lebhaft sprach er mit Marianne, seiner
Jugendgespielin, und bewundernd hingen seine Blicke oft an der reizenden
Mdchengestalt neben ihm, whrend auch sie ihn manchmal verstohlen von der
Seite anblickte - er gefiel ihr gut mit seinem frischen, offenen Wesen.
Der Professor fand, da Ilse heute einen Schein blasser aussah, als er
sich jetzt an ihrer Seite niederlie, trotzdem sie ihre Aufregung zu
verbergen suchte. Auch Leo war still und in sich gekehrt, und auf die
Scherze, mit denen Onkel Heinz den Freunden etwas ber ihre Stimmung
hinweg zu helfen hoffte, gingen sie nicht ein. Oben auf dem Chore sah man
die Kpfe der Mitwirkenden wie Silhouetten sich eifrig hin und her
bewegen, whrend die Instrumente gestimmt wurden. Der Professor blickte,
so lange nur die Orgel und das Orchester spielten, ohne besonderes
Interesse vor sich hin. Das herrliche Werk: die Schpfung von Haydn, wute
er nicht zu wrdigen, denn er war gnzlich unmusikalisch, und nur Gesang
konnte ihn erfreuen. Aufmerksamer hrte er schon zu, als die Chre
gesungen wurden; sobald aber Ruth da oben erschien, fing er an, seine
Bartspitze zu drehen, und whrend er gespannt hinhorchte, waren seine
Augen unverwandt auf sie gerichtet. Im Anfang verriet ein leises Beben der
Stimme die Befangenheit der jungen Sngerin, zaghaft und scheu glitten die
Tne ber ihre Lippen; aber nur eine kurze Zeit, dann wurden sie in
reinen, mchtigen Schwingungen durch den Raum getragen und fanden in den
Herzen der Zuhrer einen lebhaften Widerhall. Und als sie geendet hatte,
ging ein Murmeln durch die Reihen; fast einstimmig war das Lob ber die
herrliche Stimme, deren jugendlicher Schmelz, Kraft und Weichheit
besonders hervorgehoben wurde. Nur der heilige Ort verhinderte, da sich
die Hnde zu begeistertem Beifall rhrten. Leo hielt Ilses Hand in der
seinen, Onkel Heinz aber blickte sie voll triumphierender Freude an und
flsterte ihr zu: "Sehen Sie wohl, da Sie keine Angst zu haben brauchten,
hatte ich nun nicht recht?" Sie lchelte wie verklrt, sagte aber nichts,
denn in diesem Augenblick trat Ruth wieder hervor und sang die schne
Arie: 'Nun beut die Flur.' Andchtig lauschte die Menge, nur das leise
Rascheln der Programme oder ein kurzes, unterdrcktes Hsteln unterbrach
manchmal die fast lautlose Stille. Freudestrahlend sa jetzt Ilse da. Ihre
Angst schwand mit jeder Minute mehr, und an deren Stelle trat die frohe
Zuversicht, da ihr Kind etwas Bedeutendes leisten knne und wrde. Aber
trotzdem verga sie nicht, scharf aufzupassen, wie sie sich fest
vorgenommen hatte. Nur keine Halbheit, immer nach dem Vollkommensten
streben, niemals zufrieden mit sich sein, das war es, was sie Ruth immer
und immer wieder vorhielt und einprgte. Als das Konzert sein Ende
erreicht hatte, entstand eine frmliche Aufregung im Publikum, und der
Andrang zu Gontraus war gro: Freunde, Bekannte, selbst Fremde traten
heran, um zu dem ersten groen Erfolge ihrer Tochter zu gratulieren. Der
Professor war dem Gewhl entflohen und hatte sich in eine Ecke geflchtet,
um da zu warten, bis sich die Menge verlaufen htte, welche die Treppe von
den Emporen herunterkam. Neugierig sphte er, ob er nicht Ruths Kpfchen
dazwischen entdecken knne, aber lauter fremde Gesichter gingen an ihm
vorbei. Nach und nach hrte das Gedrnge etwas auf, er kroch aus seiner
Ecke hervor und wagte sich nun nahe an die Treppe heran, um sie besser
bersehen zu knnen und Ruth ja nicht zu verfehlen. Jetzt kamen die
Mitwirkenden, unter ihnen die sehnschtig Erwartete, mit erhitzen Wangen
und glnzenden Augen. Leichtfig hpfte sie herunter, und als sie Onkel
Heinz gewahr wurde, sprang sie behende die letzten Stufen herab und gerade
in seine Arme. Sie jubelte, lachte und weinte in einem Atem, und er
klopfte und streichelte sie fortwhrend; sprechen konnte er nicht viel,
nur die Worte: "Alte, gute Krte," wiederholte er immer wieder, und eine
rhrende vterliche Liebe klang aus ihnen hervor. Innig hielt der
graukpfige Hagestolz das junge, blhende Mdchen umschlossen. Aber dann
machte sie sich los und eilte zu den Eltern. In den Augen Ilses schimmerte
es feucht, voll stolzer Freude hielt sie das geliebte Kind lange in den
Armen. Auch Leo kte sie und Marianne, Nellie, Flora, die Zwillinge, alle
die guten Freunde, sie bildeten einen Kreis um die Debtantin, jeder
wollte sie zuerst beglckwnschen, ihr zuerst die Hand drcken. Nellie war
ganz gerhrt, und Flora erinnerte daran, da sie es gewesen war, welche
ihr einst eine groe Zukunft prophezeit hatte, darauf war sie sehr stolz.
Auch Rosi und ihr Mann sagten der jungen Knstlerin viel lobende Worte.
Die letzten Jahre waren an der Pastorin nicht wirkungslos vorbergegangen;
Kummer und Sorgen hatten ihre Spuren in ihrem Gesichte zurckgelassen, und
der glatte, blonde Scheitel war grau geworden. Aber als sie jetzt Fritz
ansah, der neben Marianne stand, da leuchtete es in ihren Augen doch
freudig auf, und unwillkrlich ergriff sie seine Hand.

"O, was ein schnes Paar, sieh nur Fred," sagte Nellie zu ihrem Manne, als
die beiden blonden Gestalten so nebeneinander standen. Direktor Althoff
war aber von seiner Pflegetochter ganz in Anspruch genommen, die er am
Arme hatte und mit der er sich munter herumneckte. Er sah frisch und
gesund aus, ebenso wie auch Nellie; der wehmtige Zug, der ihr in frheren
Jahren leicht einen leidenden Ausdruck gegeben hatte, war ganz
geschwunden. Wie hatte sich das Leben fr die beiden Ehegatten doch anders
gestaltet, seitdem das junge Wesen ihr Haus erhellte! Ilse und Leo
wanderten den langen Gang, der in der Mitte durch das Schiff der Kirche
lief, auf und ab, er hatte seinen Arm um ihre Taille gelegt, und sie
sprachen eifrig miteinander. Was sich die beiden alles zu sagen hatten,
wissen wir nicht, aber viel Liebes und Schnes mute es wohl sein, denn
sie sahen froh und glcklich aus. Whrend diese Stimmungen noch die
Gemter in der verschiedensten Weise beherrschten, hrte man pltzlich das
absichtlich laute und auffllige Klappern eines Schlsselbundes, und mit
harten Schritten ging der Kastellan ber die Steinfliesen, um die Lichter
auszudrehen, und gab damit zu verstehen, da es jetzt an der Zeit sei,
heimzugehen.

Der Abend war mild und warm, als Gontraus mit den Freunden aus der Kirche
ins Freie traten. Und das Leben und Treiben auf den Straen war wie an
einem schnen Sommerabend, niemand schien im Hause bleiben zu wollen.
Plaudernd und lachend schritt das junge Volk voran, in ihrer Mitte Ruth,
die Gefeierte; bedchtig gingen die Alten hinterher.

"Ja, ja, aus Kindern werden Leute," sagte Ilse zu dem Professor, indem sie
auf die Jugend vor ihnen zeigte, und wehmtig fgte sie hinzu mit einem
Blick auf Ruth und Marianne: "Wie lange wird's dauern, und eines Tages
fliegen beide aus dem Neste."

"ber so etwas mu man eben nicht sentimental denken," erwiderte Onkel
Heinz, aber in seinem Innern hatte doch auch er ein sehr unangenehmes
Gefhl, wenn er daran dachte, seine beiden Krten einmal hergeben zu
mssen.

"Onkel Heinz, was fangen wir denn an, wenn wir mal allein sein werden?"
fragte Ilse den alten Freund schmerzlich bewegt von diesen Gedanken.

"Ja, was fangen wir an?" wiederholte er und sah sie forschend an. Auf
einmal flog ein spttisches Lcheln ber sein Gesicht, und er sagte: "Dann
schreiben Sie doch Ihre Memoiren nieder, Frau Gontrau."

Es war natrlich nur ein Scherz, womit er sie und sich ber die Stimmung
hinwegbringen wollte, die etwas rhrselig zu werden drohte, und das liebte
er nicht. Ilse ging aber wider sein Erwarten ganz ernsthaft auf seinen
Vorschlag ein.

"Spotten Sie nur nicht, Onkel Heinz," rief sie; "vielleicht tue ich das
wirklich noch mal. Ja, ja, sehen Sie mich nur nicht so erstaunt an, Sie
haben mich da auf einen guten Gedanken gebracht. Und Sie kommen auch mit
vor in meiner Lebensgeschichte, Sie sollen sogar eine Hauptrolle darin
spielen, Onkel Heinz."

"Na, das wird was Schnes werden," gab der Professor zur Antwort, "eine
schreibende Frau? Brr!"

"Onkel Heinz, das sagen Sie nicht. Denken Sie doch, wie interessant es fr
Sie sein wird, wenn Sie bei dieser Gelegenheit erfahren, wie ich einst war
- eigensinnig, unbeugsam, wild und unbndig, ein rechter bser Trotzkopf.
Und was ich dann alles leiden und ertragen mute, und wie ich geheilt
wurde durch alle meine Lieben und Freunde, durch Leo, durch Nellie und
auch durch Sie, Onkel Heinz."

"Durch mich?" fragte er, sie unglubig ansehend.

"Ja, auch durch Sie, Onkel Heinz, glauben Sie es mir nur," gab sie mit
ernstem Gesicht zur Antwort, und der dankbare Blick, der ihn traf, bewies
ihm, da sie die volle Wahrheit gesprochen hatte.




Die jungen Leserinnen, welche die Personen dieser Erzhlung liebgewonnen
haben, werden gerne erfahren, da die Fortsetzung dieses Bandes unter dem
Titel "Trotzkopf als Gromutter" in gleichem Verlag erschienen ist.






BEMERKUNGEN ZUR TEXTGESTALT


Die Originalausgabe ist in Fraktur gesetzt. In Antiqua gesetzt sind in ihr
einzelne Wrter aus fremden Sprachen, hier durch Unterstrich (_)
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      Seite 201: "Profossor" gendert in "Professor"
      Seite 208: berflssiges Anfhrungszeichen entfernt hinter
      "abschlagen."
      Seite 223: Komma ergnzt hinter "Zwillinge"





***END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK AUS TROTZKOPF'S EHE***



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April 2, 2012

            Project Gutenberg TEI edition 1
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to provide a replacement copy in lieu of a refund. If you received the
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1.F.4.


Except for the limited right of replacement or refund set forth in
paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS,' WITH NO OTHER
WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO
WARRANTIES OF MERCHANTIBILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.


1.F.5.


Some states do not allow disclaimers of certain implied warranties or the
exclusion or limitation of certain types of damages. If any disclaimer or
limitation set forth in this agreement violates the law of the state
applicable to this agreement, the agreement shall be interpreted to make
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shall not void the remaining provisions.


1.F.6.


INDEMNITY -- You agree to indemnify and hold the Foundation, the trademark
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Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic works in accordance with this agreement, and
any volunteers associated with the production, promotion and distribution
of Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic works, harmless from all liability, costs
and expenses, including legal fees, that arise directly or indirectly from
any of the following which you do or cause to occur: (a) distribution of
this or any Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} work, (b) alteration, modification, or
additions or deletions to any Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} work, and (c) any Defect
you cause.


Section  2.


           Information about the Mission of Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~}


Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} is synonymous with the free distribution of electronic
works in formats readable by the widest variety of computers including
obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists because of the
efforts of hundreds of volunteers and donations from people in all walks
of life.

Volunteers and financial support to provide volunteers with the assistance
they need, is critical to reaching Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~}'s goals and ensuring
that the Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} collection will remain freely available for
generations to come. In 2001, the Project Gutenberg Literary Archive
Foundation was created to provide a secure and permanent future for
Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} and future generations. To learn more about the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation and how your efforts and donations
can help, see Sections 3 and 4 and the Foundation web page at
http://www.pglaf.org.


Section 3.


   Information about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation


The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the state of
Mississippi and granted tax exempt status by the Internal Revenue Service.
The Foundation's EIN or federal tax identification number is 64-6221541.
Its 501(c)(3) letter is posted at
http://www.gutenberg.org/fundraising/pglaf. Contributions to the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation are tax deductible to the full
extent permitted by U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr.
S. Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
throughout numerous locations. Its business office is located at 809 North
1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact information
can be found at the Foundation's web site and official page at
http://www.pglaf.org

For additional contact information:


    Dr. Gregory B. Newby
    Chief Executive and Director
    gbnewby@pglaf.org


Section 4.


  Information about Donations to the Project Gutenberg Literary Archive
                                Foundation


Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} depends upon and cannot survive without wide spread
public support and donations to carry out its mission of increasing the
number of public domain and licensed works that can be freely distributed
in machine readable form accessible by the widest array of equipment
including outdated equipment. Many small donations ($1 to $5,000) are
particularly important to maintaining tax exempt status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United States.
Compliance requirements are not uniform and it takes a considerable
effort, much paperwork and many fees to meet and keep up with these
requirements. We do not solicit donations in locations where we have not
received written confirmation of compliance. To SEND DONATIONS or
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While we cannot and do not solicit contributions from states where we have
not met the solicitation requirements, we know of no prohibition against
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International donations are gratefully accepted, but we cannot make any
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Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation methods
and addresses. Donations are accepted in a number of other ways including
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Section 5.


      General Information About Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic works.


Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~}
concept of a library of electronic works that could be freely shared with
anyone. For thirty years, he produced and distributed Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~}
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