Project Gutenberg's Elsbeth von Kssaberg, by Karl Friedrich Wrtenberger

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Title: Elsbeth von Kssaberg
       das Gotteli von St. Agnesen

Author: Karl Friedrich Wrtenberger

Release Date: February 19, 2012 [EBook #38930]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

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Elsbeth von Kssaberg
das Gotteli von St. Agnesen

Ein episches Gedicht
aus dem Kletgau
von
K. Fr. Wrtenberger.

Mit Illustrationen.

St. Petersburg.
Buchdruckerei fr Kaiserl. Russische Staatspapiere.
1889.


Alle Rechte vorbehalten.

Die Illustrationen sind mit Genehmigung der Censur-Behrde gedruckt.
St.-Petersburg, den 14. December 1888.


Meiner herzlieben Heimat
zum freundlichen Andenken.


Erstes Kapitel.

Da, wo am Rhein, in Badens herrlichen Gefilden,
Zu Schutz und Trutz von edeln Herrn erbaut,
Ein weithin sichtbar Wahrzeichen des Kletgau's,
Die Kssaburg von stolzer Hhe schaut;
Vom Tann' bekrnzt, von Eppich bersponnen --
Da sprudelt dieses Sanges frischer Bronnen. --

Noch heute, eines Weihenpaares Horst und Veste,
Ragt hoch, vom Bergfried wohl, ein Mauerrest;
Nach Moder dnstende, verschttete Gewlbe
Gewhren scheuem Wild ein sicher Nest.
Wo einst das Palas stand, sind Trmmerhaufen,
Durch deren Wirrni bunte Kfer laufen.

Mitleidig deckt die blitzzerspellten Thurmruinen,
Ein hundert Jahre alter Epheukranz,
Der, Wurzel treibend zwischen Kalkstein-Quadern,
Ihr Grau umzieht mit dunkelgrnem Glanz;
Auf schwachen Spuren lngst zerfallner Zinnen,
Sonnt sich das Echslein, weben braune Spinnen.

Den weiten Zwingolf fllt Gestrppe; Brombeerranken
Verwehren neidisch des Besuchers Fu
Den Pfad zu wrzig-duft'gen Knigskerzen,
Die weithin winken ihren goldnen Gru.
Um Baum und Busch wogt summendes Gewimmel
Und blau, durch Fensterscharten, schaut der Himmel.

Tiefernstes Schweigen waltet, heil'ge Ruh hier oben,
Und wenn zu Zeiten mal den den Raum
Ein Mensch betritt, will's ihn gemahnen,
Als schlief hier alles lngst in schwerem Traum; --
Von dem selbst Thor und Umzug bang befangen,
Die beide noch mit festen Mauern prangen.

So liegt die Sttte heute stille und verlassen,
Wo einst im Kampfe Waffenlrm getost.
Ein heimlich Scheuen nimmt den Sinn gefangen
Und, wenn ein Lftlein mit den Blttern kost
Ist es, als tnte Flstern in den Rumen,
Verlockend, am helllichten Tag zu trumen. --

Und wirklich, sieh! Dem Blick erstehen Thurm und Zinnen.
Hoch berm Thore prangt das Wappenschild
Der alten Kssaberger steingemeielt;
Sie fhrten eines Lwen Haupt als Bild.
In braungetfelten Gemchern waltet
Des Hauses Tochter, die als Herrin schaltet.

Was weiter, Traum berckt, ich schaute und vernommen,
Es will nicht weichen mehr mir aus dem Sinn.
Mu immerdar der holden Herrin denken,
So oft ich hier, wo einst sie lebte, bin;
Des Frauenbildes, das, vor grauen Jahren,
Der Liebe Lust und Leid gar reich erfahren.

Doch, lat mich schlicht erzhlen, wie sich Alles fgte
Und was es war, das mich zum Singen zwang.
Der leise Wunsch, dem Schutze deutscher Dichtung
Mein Kssaburg zu weihen im Gesang,
Will ohnehin mir nimmer Ruhe lassen;
Die Kunst ist nur, geziemend mich zu fassen. --

   * * *

Im khlen Schatten der Ruinen sa ich sinnend
An einem Julitage, wie gewohnt,
Hinunter auf die Rebenhnge blickend,
Die, gndig mal vom Maienfrost verschont,
In jenem Jahre uns ein Weinlein brachten,
Von dem noch jeder Tropfen hoch zu achten.

So recht von Herzen mich des reichen Segens freuend,
Den Gott hier reifen lie im Sonnenschein,
Erhoben sich die Blicke mlig hher,
Weit ber waldgekrnte Hgelreihn,
Bis wo, als ob im Duste sie verblauten,
Gleich Silberburgen sich die Alpen bauten.

Die Stolzen zeigten sich dem froh entzckten Blicke
In selten klarem, wundervollem Glanz;
Vom Sntis an weithin zum fernen Montblanc --
Zog schimmernd ihr krystallner, prcht'ger Kranz.
Es war, als schmckte den uralten Firnen
Ein glitzernd Diadem die weien Stirnen.

Gen Abend aber setzte, Riesen-Firsten gleich, der Jura
In dunkeln Zacken sich zum Schwarzwald fort,
Und sonnbeglastet, von der Wasserfluehe
Bis hoch zum Randen, ruhte Ort an Ort.
Im Osten, wo des Hegau's Hhen blauen,
War selbst ein Streiflein noch vom "Twiel" zu schauen.

Thalnieder endlich zog der alte Vater Rhenus
Ein blinkend Band um heitrer Hgel Fu
Und links ob Zurzach aus Helvetiens Gauen,
Bot Schwester Habsburg fernher ihren Gru. --
Die Drflein rings, die Stdtlein, Au'n, Gefilde,
Sie reihten alle sich zum schnsten Bilde!

Es ward dem Herzen leicht, ob dieses hehren Anblicks;
In vollen Zgen trank ich Waldesduft,
Vom tiefsten Frieden wonniglich umfchelt.
Wer freut sich nicht in Gottes freier Luft,
Wenn uns, da Leib und Seele frisch genesen,
Ein Pltzlein ist, wie dieses, auserlesen! --

Wer auch die ersten Siedler dieser Sttte waren,
Sie bauten nicht zu Schutz und Trutz allein;
Im Busen mochten sie ein Gleiches fhlen
Wie unsereines hier im Sonnenschein.
Es waren darum gar nicht schlecht berathen,
Die einst dahier sich huslich niederthaten.

Von woher kamen sie? Zu welcher Zeit? We' Stammes?
Hat Steinbeil oder Erz gefllt den Tann?
That's Feuer oder Eisen? War's der Kelte,
Dem dann der Rmer folgt', der Alemann? --
So dachte ich und lie die Zeit verrinnen,
Den Blick gerichtet auf der Alpen Zinnen. --

Da kam mir vor, als hrt' ich rasseln, wie von Ketten;
Ein mchtig Thor erhob sich vor dem Blick.
Ich sah die Brcke von der Windberg' schwanken,
Die schweren Bohlen dran, wie Bume dick;
Auch riefen Stimmen, welche hastig trieben,
Den Balken, so das Thor schlo, wegzuschieben. -- --

Zum Himmel schier sah man zwei graue Thrme ragen,
In deren Fenstern Laden anstatt Glas,
-- Die tiefen Nischen sind noch jetzt zu schauen,
Wenn berwuchert auch von Strauch und Gras, --
Den Thrmen seitwrts stand ein Mgdegaden,
Das Bretterdach mit Steinen schwer beladen.

Aus Rmer Fundament erhob sich stolz der Bergfried,
Wie blich seines Herren Wohngemach
In sichrer Hhe bergend, von wo weiter
Der Wendeltreppe leichtes Holzgefach
Zur Laube fhrte, die den Thurm umspannte,
Da sich des Wrtels Blick zum "Auslueg" wandte.

Im Erdgescho' zunchst dem Thurme lag die Halle,
Ein rauchgeschwrzter Raum mit Tisch und Bank,
In welcher fahrendem Gesind zuweilen
Man Obdach bot und Speis' und Trank.
Ein dunkler Gang von nur zwei Schritten Breite,
Schied ab die Herdstatt von des Palas Seite.

Rechts vorne, nah dem Bergfried, war der Rad-Ziehbrunnen
Viel hundert Fu im Berge abgeteuft;
Es heit vom Brunnen, da sein Wasserspiegel
Im gleichen Strich mit dem des Rheines luft.
Die Schlokapelle, um auch sie zu nennen,
Stand dicht daneben, leichtlich zu erkennen.

Des Weitern gab es dann noch Raum fr Tro und Rosse;
Denn wo die Zingeln an das Thor gelehnt,
Den Weg verengen lt zu beiden Seiten,
War, bei der Schmiede, stattlich ausgedehnt,
Der Stall und die Gelasse fr die Leute,
Ein Falkenhaus und eines fr die Meute.

So sah des Geistes Aug' den alten Schlobau ragen.
Er liegt gebrochen, Niemand kennt ihn mehr,
Graf Rudolf, aus dem Hause Sulz, verbaute
Im Bauernkriege ihn zu Schutz und Wehr;
Doch, auch des Grafen Arbeit liegt in Trmmern,
Mag sich kein Mensch viel um die Steine kmmern! -- --

Als auf der andern Seite jetzt die Brcke fest lag
Da nahte ihr gemach ein junger Mann,
Dem auf dem Fu ein mdes Rlein folgte,
Das langsam frbas seine Schritte spann.
Man sah, es konnten beide, Ro und Reiter,
Vor Mdigkeit und Hitze kaum mehr weiter.

In seiner Rechten hielt der Fremde das Barettlein,
Mit welchem er im Gehen sich den Schwei
Wohl ab und zu von nasser Stirne wischte,
Denn heute schien die Sonne gar so hei;
Sie mute ja im Thal die Trauben kochen,
Sonst htt's Freund Bachus bel ihr gerochen.

Ein feines Handgewaffen, drauf die Linke ruhte,
Noch mehr der Kleidung modig feiner Schnitt,
Verriethen leicht den adeligen Herren,
Der rasten wollt' nach einem weiten Ritt.
Ein Mantelscklein, auf des Rosses Rcken,
Schien wenig nur das Thierlein zu bedrcken.

Die Brcke berschreitend, sah alsbald der Fremde
Am Thore harrend etlich' Knechte stehn,
Die, als er nher kam, ihn freundlich grten.
Doch er verlangte kurz den Vogt zu sehn,
Und nun ihm Antwort ward, der Herr sei droben,
Begehrt' er ihn zu sprechen unverschoben.

Nach Zaum und Zgel fassend, hatten schon die Knechte
Vom Ro das Mantelscklein losgeschnallt,
Als hoch vom Bergfried, laut den Einzug meldend,
Ein rauher Hornruf durch die Lfte hallt'.
Der Wrtel hatte wieder sanft geschlafen,
Bis Lrm und Hufschall seine Ohren trafen.

Doch dafr machte jetzt sein Ruf im Schlosse Leben.
Aus kurzer Mittagsruhe aufgejagt
Fuhr unwirsch das Gesinde vor die Thren.
Erst Kunz, dann Jochen und die Obermagd;
Dem ersteren, er mute flink sich rhren,
Gebot sein Amt, die Gste einzufhren. --

Des Schlosses Vogt, Herr Heinz von Kssaberg, vom Horne
Aus sem Mittagsschlfchen aufgeweckt,
War kaum vordem im Lehnstuhl eingeschlummert.
Er sah im Traum den Berg mit Korn bedeckt,
Sah Zehentgarben seine Bauern bringen;
Doch sie zu zhlen, wollt' ihm nicht gelingen.

Auf einem Tisch aus Maserholz und Schieferplatte,
Bemerkte man von ungebter Hand
Mit Kreide groe Zahlen aufgeschrieben,
Auf deren Werth sich blo Herr Heinz verstand.
Noch lag die Kreide, mder Hand entsunken,
Bei einem Humpen, der halb ausgetrunken.

Ein Glas, mit eingeschliffnen Buckeln, stand daneben,
Zur Hlfte noch gefllt mit Rebensaft,
Wie ihn der Hr'ge und ein guter Jahrgang
Dem Vogte in des Schlosses Keller schafft;
Leicht schillernd, etwas herbe in der Jugend,
Kommt erst auf Lager ihm die rechte Tugend.

Die Tfelei des Zimmers, das der Vogt bewohnte,
War braun gefrbt vom Alter und vom Rauch.
An breiter Wand hing blinkendes Gewaffen,
Auch Harnisch, Helm und Sporen, wie es Brauch;
In einer Ecke sah man Fe prangen
Von einem Bette, das jedoch verhangen.

Ein grner Kachelofen nahm von dem Gemache
Die andre Seite fast zur Hlfte ein
Und mocht' die Eichenbank, so ihn umschrnkte,
Zur Winterzeit ein warmes Pltzlein sein;
Denn "Greif" und "Pfeil", des Vogtes Lieblingshunde,
Verschnarchten unter ihr gar manche Stunde.

Verbleite Fensterscheiben, in zwei tiefen Nischen,
Gewhrten dem Gemach ein sprlich Licht,
Ein Strahl des letztren traf ein Frauenbildchen
Mit gutgemaltem, lieblichem Gesicht.
Zu nennen sind auch noch zwei schwere Truhen,
In denen wohl des Hausherrn Schtze ruhen. --

Um seinen Schlaf gekommen, rieb Herr Heinz die Augen
Und stemmte dann die Hnde auf den Tisch,
Sich ghnend aus dem Lederkulter hebend.
Nun er so da stand, seine Wangen frisch
Gerthet und noch dichten, blonden Haaren,
War's schwer zu sagen, wie hoch er in Jahren.

Aus edlem Antlitz blickten helle, blaue Augen,
In denen Schalkheit sich mit Gte paart'.
Die Wangen, wie das runde Kinn verzierte
Ein nicht zu starker, blonder Zwickelbart,
In welchem sich, bei nherem Betrachten,
Zwei graue Strhne leicht bemerklich machten. --

Das Glas erfassend, wollte just der Vogt Eins trinken,
Als Kunz die Thre sich zu ffnen traut',
In seiner Meldung jedoch unterbrochen wurde,
Denn wie aus einem Munde klang es laut:
"Seid mir Willkommen, Junker! Gottwillkommen!"
""Mein Gru, Herr Heinz! Der Willkomm soll uns frommen!...""

Es war der Fremde und der Vogt, die so sich grten,
Indessen Kunz, der wute, was sich schickt',
Die Siedeln zurecht stellte; doch sich drckte,
Als er bemerkte, da sein Herr ihm nickt'
Das Zimmer, ohne weiteres versumen,
Mit seiner Gegenwart nun flink zu rumen.

Als hinter Kunzen sich die Thr' geschlossen hatte,
Zog selbst der Junker eine Fensterbank
Des Vogtes Lehnstuhl nah und lie sich nieder,
Derweil Herr Heinz ihm, fr den Willkommtrank,
Ein Glslein vom Gesims herunter langte,
Vor dessen Gre heute manchem bangte.

Dem Junker freilich, schien es nicht zu imponiren,
Denn als der Vogt, sein Glas erfassend, sprach:
"Gestattet mir, Euch einen Trunk zu bringen!"
Kam ihm der Gast mit Freuden sofort nach
Und that, den Wunsch des alten Freunds zu ehren,
Das Glas bis auf die Nagelprobe leeren.

Doch, als Herr Heinz die Glser wieder fllen wollte,
Litt dies der Junker nicht; er meinte fein:
"Lat mich erzhlen, warum ich gekommen,
Es giebt wohl nachher Zeit und Weil zum Wein!"
Das schien nun auch dem Hausherrn zu behagen,
War damals noch nicht Sitte, viel zu fragen. --

"Als wir im letzten Frhjahr uns in Kostniz trafen," --
Hob frisch der Junker an, "bei Eurem Herrn,
Dem Bischof, habet Ihr mich eingeladen,
Und ich gab wahrlich Euch die Zusag' gern;
Da jedoch so schnell ich mein Wort kunnt' halten,
Verdanken wir des Bischofs klugem Walten."

"Ihr wisset ja, als Bischof sorgt der Ohm sich weidlich
Da Frieden werde zwischen Papst und Reich;
Doch da ist schwer zu rathen, schwer zu helfen,
Wo beide Parten scheuen den Vergleich, --
Wird dabei gar ein frschnell Wort gesprochen,
Ist flugs der Zwist von Neuem ausgebrochen."

"Ihr wisset, wie ich denke kommt's mir auch vom Munde.
Zwar schafft' ich dadurch mir so manchen Span,
Dem besser aus dem Weg ich blieben wre,
Htt' ich der Zungen nicht den Lauf gela'n.
Ja, klug ist's schon zur rechten Zeit zu schweigen,
Mcht' nur die Unzeit sich im Voraus zeigen!

"So ging es neulich mir bei jenem Urtelspruche,
Den im Konzil sie ber Hu gefllt.
Es war dem Manne frei Geleit versprochen;
Doch, wie man Oben das Versprechen hlt,
Mag nun der Bhmenrektor bas erkennen;
Sie werden ihn, trotz frei Geleit, verbrennen!"

"An eines Knigs Wort lt sich nicht drehn noch deuteln,
So dachte ich in gradem, biedrem Sinn;
Drum konnt' den Wortbruch ich nicht ruhig nehmen
Und, offenherzig, wie ich einmal bin,
Bekannt' ich ehrlich, was ich drber dachte,
Weil Sigismund sein Wort so wenig achte."

"Mein Sprechen kam ihm denn auch bald genug zu Ohren,
Schon nchsten Tages, vor dem Mittagsmahl,
Lie hart er an den Bischof meinetwegen
Und schrie, man hrte es im ganzen Saal.
Der Knig war gekrnkt, nicht abzusehen,
Ob mir der Ohm Verzeihung mocht' erflehen!"

"In seiner Angst schickte der Ohm mir einen Schreiber
Und lie mich wissen durch des Treuen Mund:
Ich mchte Euch besuchen und im Schlosse
Verbleiben, bis von ihm mir wieder Kund'
Gesendet werde, was er noch beschlossen,
Und ob der Knig mein noch denkt verdrossen."

"So ritt ich denn am Rhein hinunter bis Schaffhausen,
Wo mich der Rheinfall eine Weil' gestellt. --
Ist das ein Donnern, Durcheinanderstrmen
Von grnen Fluthen, die der Sturz zerschellt!
Hei, wie die Strudel silbern schumend blitzten
Und hoch den Gischt zum blauen Himmel spritzten!"

"Als ich mich von dem Anblick endlich trennen konnte,
Gings noch bis Kaiserstuhl den Flu entlang.
Von dort hat mich ein Bblein durch die Wlder
Bergaus, bergab gefhrt zum Schloberghang.
Den Weg durch's Kletgau hab' ich fein gemieden,
Weil ich vom Hof nicht schied mit Knigs Frieden."

"Mein Ro und ich -- wir haben wacker ausgehalten,
Bis heute frh wir Euer festes Haus
Hier oben, schier den Wolken nah, erblickten.
Da schien's mit meines Thierlein's Krften aus;
Doch war's nun nicht mehr nthig, sich zu hasten,
Lie drum beim "Wirth am Berg" zu Knach rasten."

"Wir htten wohl noch lnger dort der Ruh' gepflogen,
Htt' mir geschwant, da hier heraus der Pfad
Sich steil bergan zieht und kaum Schatten bietet.
So gab's fr Mann und Ro ein heies Bad!
Nun aber -- saget mir ganz unumwunden,
Hat der Verbannte einen Freund gesunden .... ?"

Da go Herr Heinz aus seinem Humpen rasch die Glser
Bis hoch zum Rande voll mit klarem Wein
Und sprach, sein Glas erhebend, freundlich schmunzelnd:
"Von Herzen hei' ich Euch Willkommen mein,
Weil Ihr gesprochen, wo so Viele schwiegen;
Ein Knigswort darf man nicht drehn noch biegen!"

Hell klangen nun die beiden Glser aneinander
Und Wirth und Gast sie zeigten guten Zug.
Zum Danke bot der Junker seine Rechte
Dem Vogt, darein der mit den Worten schlug:
"Ein Mann -- ein Wort heit es in deutschen Landen,
Wird leider allzuwenig nur verstanden!"

"Traun!" fuhr er launig fort, "was wir hier bieten knnen,
Das soll Euch stets und gern zu Diensten stehn.
So lange Ihr auf Kssaberg verweilet,
Wll'n wir in Treuen mit Euch stehn und gehn! --
Nur msset Ihr dem Freunde auch versprechen,
Den Frieden hier in keiner Weis' zu brechen."

"Noch jung, rollt Euch das Blut viel wrmer in den Adern,
Als unsereinem, da heit's langsam 'than!
Lat Euch drum warnen: unser Heer, der Kaplan,
Kann heftig werden, wie ein wlscher Hahn.
Er liebt es manchmal, tapfern Trunk zu ben
Und ist dann leichtlich sein Humor zu trben."

"Es wrde mir den Herrn aus Rand und Band schier bringen,
So es der Zufall fgte, da Ihr strt,
Wenn er ein Glas getrunken, ihn mit Fragen,
Wie man im Gau jetzt allzuviel sie hrt;
Doch lasset Ihr die Kirche aus dem Spiele,
Ist unser Heer gemthlich, wie so Viele!"

"Will aber ab und zu Euch lange Weile qulen,
Wie solche wohl mal junge Herren plagt,
So stehen rings Euch Forst und Felder offen;
Zum Schlo gehren hoch und niedre Jagd.
Erlaubt's die Zeit, so mag ich Euch begleiten,
War je schon meine Lust, im Tann' zu reiten."

"Kann ich nicht mit, so haltet Euch an Kunz und Jochen,
Die wissen mit dem Waidwerk bas Bescheid;
Auch ist die Meute gut und Spie und Armbrust
Stets hergerichtet fr ein scharf Gejaid.
Nur, da im Herbst wir nicht des Brods entrathen,
Verschonet mir im Thal die jungen Saaten!"

"Auch mget Ihr mich hie und da zu Thal begleiten.
Sie halten dort nun bald ihr alt Gericht,
Allwo der Bauer seit Urvter Tagen
Im Mai- und Herbstgeding selbst Rechtens spricht;
Manch seltsam Sprchlein lernet da Ihr kennen
Und, wie nur schwer wir uns vom Alten trennen."

"Sonst aber drft Ihr weiter nicht auf Kurzweil zhlen;
Es sind der Mannen eben nicht zu viel
Hier oben und, besonders jetzt im Sommer,
Nur selten Tage fr ein mig Spiel.
Im Winter freilich, sind wir desto freier,
Und giebt es Zeit fr Karten, Wein und Leier."

"Doch wozu schwatz' ich lange!" unterbrach er selbst sich,
"Ihr sehnet Euch nach traulichem Gemach,
Derweil ich plaud're. Gleich soll Euch dies werden;
Nehmt vorlieb nur mit dem gebot'nen Dach.
Fr's erste, denk' ich, wird es Euch erquicken,
So Ihr durch Kunzen lt ein Bad beschicken!"

Mit diesen Worten war der Vogt zur Thr' gegangen,
Vor welcher Kunz schon dienstbereit geharrt,
Und rief, sie ffnend, laut den Knecht beim Namen,
Dem, als er eintrat, nun die Weisung ward:
Den Gast ins frnehmste Gemach zu bringen
Und selbst zu Dienst ihm stehn in allen Dingen.

Noch, whrend Kunz sich etwas ungeschickt verbeugte,
Besiegelte ein derber Druck der Hand
Da Wirth und Gastfreund sich verstanden hatten
Und warme Freundschaft beider Herzen band.
Dann folgte Letztrer seinem Knappen rstig,
Nach Bad und Ruhe nunmehr selbst gelstig.

Bedchtig leerte noch der Vogt den Rest im Humpen,
Als es ihm einfiel, nach dem Thurm zu gehn,
In welchem Elsbeth, seine Tochter, weilte.
Er hatte sie seit Mittag nicht gesehn;
Ihr mu er sagen, da ein Freund gekommen,
Soll, wie er's wnschte, dem die Herberg frommen.

   * * *

Elisabeth! Die Feder will der Hand entsinken,
Nun auch sie zeichnen soll Dein holdes Bild.
Fast bang' ich, da, nach so viel langen Jahren,
Erinn'rung treu behielt dein Wesen mild,
Und doch scheint mir, gleich lichtem Stern, zu winken
Aus Deinen Augen: la' den Muth nicht sinken!

So sei es denn! Vor meinem Blick erstehst Du wieder.
Ich seh' im blauen Linnenkleid Dich gehn,
Aus dessen aufgeschlitzten, puff'gen Aermeln,
Das weie "Pfeitlein" liebt' hervor zu sehn;
Den Seidengrtel trgst Du ungezwungen
Und lose um den schlanken Leib geschlungen.

Du blickst mich wieder an mit Deinen Kinderaugen,
Ein schner Blau sah ich am Himmel nicht;
Des Haares goldne Wellen schau ich wieder,
Wie noch es ungern sich zusammenflicht.
Dein frhlich Lied, ich hr's im Herzen klingen,
Gleich ferner Sonntagglocken hellem Singen.

Aus Deinem Antlitz ruht der Seele ser Friede;
Der Wangen Grblein zeigen noch den Ku
Mit dem Dich, segnend, einst ein Engel weihte,
Als Dir er bot des Daseins ersten Gru.
Dein lieblich Lcheln, heut' noch kann ich's schauen,
Ein lichter Sonnenstrahl im Maienthauen!

Am schmalen Grtel dort, Dein braunes Ledertschchen,
Noch hlt es Nachbarschaft dem Schlsselbund.
Sie deuten beide, da auf Deinen Schultern
Der Hausfrau Pflichten ruhen alle Stund';
Wem Speis' und Trank gebricht, dem wirst Du spenden;
Der Kranke darf sich trostlich an Dich wenden.

In milder Weise waltest Du im Haus und Hofe
Seit Deiner lieben Mutter frhem Tod;
Des Vaters Stolz bist Du emporgeblhet,
Verscheuchend ihm einsamer Tage Noth. --
Halb Kind, halb Jungfrau, eine Frhlingsblume!
Elisabeth, was sag' ich noch zu Deinem Ruhme? --


Zweites Kapitel.

Vom Morgenroth sind berfluthet Thal und Hhen.
Aus jedem Httlein wirbelt blauer Rauch
Zum Himmel auf, gleich wie von Opferflammen;
Demantenhell blitzt es in Busch und Strauch,
Und durch ein Meer von goldnem Lichte schwimmen
Der Morgenglocken laute Weckerstimmen.

Vom ersten Sonnenstrahl getroffen, flieht der Nebel
In den sich keusch gehllt der Berge Haupt.
Errthend treten frisch dem Tag entgegen
In Purpurgluth die Wlder, grn belaubt;
Im feuchten Grase, welch' ein Glitzern, Schimmern!
Ist's nicht, als ob viel Tausend Sternlein flimmern?

Ein lauer Westwind trgt die lieben, alten Klnge
Von Zurzachs Betzeitglocken durch die Luft.
Die Schatten, auf des Schwarzwalds Hhen lagernd,
Verfrben mlig sich zu blauem Duft;
Im Thale steigt die Lerche aus den Halmen
Und jubelt ihrem Schpfer Lobespsalmen. -- --

Vom Bergfried hatte Gottfrieds Horn mit lautem Schalle
Verkndet, da ein neuer Morgen wach,
Und waren Knecht' und Mgde bald im Kirchlein,
Wo still der Kaplan seine Messe sprach,
Zu der auch stets der Vogt und Elsbeth kamen,
Geduldig harrend auf das letzte Amen.

Als dies gesprochen, blieben, wie an jedem Tage,
Die Knechte vor des Kirchleins Pforte stehn
Und lauschten schweigend auf des Herrn Befehle,
Was jeder heute sollte schaffen gehn;
Denn vorher schickte keiner sich zum Essen,
Eh' nicht das Tagewerk ihm zugemessen. --

Frisch, wie der junge Tag, trat dann auch Elsbeth nahe
Und brachte ihren Gru dem Vater dar,
Den dieser frhlich zu erwiedern pflegte
Mit einem Kusse auf ihr blondes Haar;
So war's sein lieber Brauch noch jeden Morgen,
Wenn abgethan des Hauses erste Sorgen. --

"Erlaubet Vater," hrte heut' man Elsbeth sprechen,
"Da ich hinunter gehen darf zu Thal,
Nothburga's Joseph lag schwer siech darnieder,
Als ich in Knach war das letzte Mal;
Sein armes Weib gab keine Ruh' mit Flehen,
Bis ich versprochen, wieder nach zu sehen."

"Von meinem Trnklein wird er wohl nicht ganz genesen,
Ich kochte zwar der Kruter siebnerlei,
Denn es gebricht an Nahrung fr den Armen;
Ist diese da, ist bald der Brest vorbei.
Drum bitte noch ich, es nicht zu versagen,
Da Kunz mein Krblein hilft zu Thale tragen."

"Der Kunz," entgegnete der Vater, milde lchelnd,
"Steht, wie Du weit, in Junker Kuonrads Pflicht;
Willst Du den Diener, mut den Herren fragen,
Von mir aus geb' ich ihm den Urlaub nicht!"
Da, wie gerufen, nahte von der Seite
Herr Kuonrad sich, den Kaplan im Geleite. --

Wie damals es der Vogt sich vorgenommen hatte,
Erzhlte er der Tochter von dem Gast
Und gab ihr Winke, sich darnach zu halten,
Die Elsbeth freilich rasch genug erfat';
Denn gern sah sie den Herrn im Hause weilen,
Wut' er doch viel des Neuen mitzutheilen. --

"Man mchte Euch den Kunz entfhren!" sagte heiter
Der Vogt zum Freund nach ausgetauschtem Gru,
Und fuhr dann fort: "Die Els' will einem Kranken,
Der lange schon sein Siechbett hten mu,
Ein Krblein Essen bringen, das zu tragen
Sie Euch um Euer Knechtlein mchte fragen!"

Der Junker hatte diese Worte kaum vernommen,
Als schon er freundlich sich an Elsbeth wandt'
Und bat: "Vergnnet mir Euch zu begleiten;
Viel schneller rinnet ja im Glas der Sand,
Kann ich mit Pflichten meine Zeit mir wrzen,
Von langer Weil' verschont, die Stunden krzen!"

Da zog ein lieblich Lcheln um der Holden Lippen,
Und fragend schaute sie zum Vater aus.
Doch weil der schwieg, so galt es selbst zu reden,
Und so erwiederte sie sittsam draus:
"Wollt Ihr so gut sein und mein Krblein tragen,
Darf mit zu gehen Euch ich nicht versagen."

"Es ist ein gutes Werk," sprach noch sie, leis errthend,
Und gnne Euch ich gern des Dankes Theil,
Den uns die Armen ja von Gott erstehen,
An zeitlichem Gedeihn und ew'gem Heil,
Selbst da, wo kaum an ein Verdienst wir glauben --
Ich mcht' Euch solchen Segens nicht berauben."

"Wollt Ihr denn mit, so harret meiner dort beim Brunnen,
Nehmt aber vorher guten Imbi ein;
Wir werden schwerlich vor dem Mittagluten
Im Schlo zurck von unsrer Thalfahrt sein!"
Dann neigte sie sich leicht und schritt zur Halle,
Wo schon das Mahl bereitet stand fr Alle.

Gemchlich folgten auch die andern dorthin -- aen
An einem Tische doch noch Herr und Knecht. --
Das Essen, so in grauen Schsseln dampfte,
War Haferbrei, der, steif gekocht und recht
Mit ser Milch begossen, trefflich schmeckte,
Wenn auch kein Linnen fein die Tische deckte.

Kurz Haar ist bald gebrstet! Als das Mahl zu Ende,
Rief Elsbeth Frida, ihre alte Magd.
Die mute ihr den Tragkorb fllen helfen
Mit einem Hslein von der letzten Jagd;
Dann kam noch Brod und auch ein Krug mit Weine,
Und hob sie selbst den Korb, wie schwer er scheine.

Er schien ihr leicht genug, auch etwas Mehl zu fassen,
Drauf aber lief sie flink in ihr Gemach,
Ein gutes Tchlein um den Kopf zu binden.
Sie kannte noch kein besser Sonnendach;
Denn einen Hut durft' sie nur Festtags tragen,
Sonst fand der Kaplan wieder Grund zu klagen.

Ohn' viele Worte schritten bald darauf die Beiden,
Der Korb hing unschwer in des Junkers Hand,
Der Halde zu; jung Elsbeth weithin kenntlich
Durch ihr, im Winde wehend, blau Gewand,
Das sie, weil dies bergab den Schritt ihr krzte,
Am Waldrand zchtig etwas hher schrzte.

Von hier an ging es flink die grne Halde nieder.
Noch blhten Glockenblumen, Thymian,
Das Krutlein Augentrost mit weien Blmchen,
Goldgelber Ginster, duft'ger Enzian,
Und froh im Reigen um die Blthen schwebten
Beschwingte Wesen, die nach Honig strebten.

Ein paar Mal wandte Elsbeth sich an den Gefhrten
Und frug ihn lchelnd, ob der Korb noch nicht
Zu schwer geworden; aber stets verneinte
Der Junker dies mit freundlichem Gesicht.
Ja, er verschwor im Scherz sich, es zu wagen,
Ihr Krblein bis an's End' der Welt zu tragen.

Auf einmal jedoch war die Rasche ihm entschwunden,
Und zwar just da, wo's steil zur Tiefe ging;
Herr Kuonrad mute wohl des Krbleins achten
Und dessen Inhalt; doch das war nicht 'ring.
Schon perlten auf der Stirne ihm die Tropfen,
Er hrte deutlich seines Herzens Klopfen.

Vom Wald umfangen schritt er dennoch eilig abwrts;
Kein Laut ertnte, nicht ein Vglein sang;
Der Pfad fiel immer steiler ab, ward schlpfrig
Und schien dem Junker bald unendlich lang.
Doch stieg er, sich verschnaufend hin und wieder,
So gut er konnte durch die Halde nieder.

Das Krblein aber ward indessen immer schwerer.
Er sprach im Stillen manches derbe Wort,
Wenn Brombeerranken mit den scharfen Dornen,
Am Gehn ihn hinderten in einem fort.
Wie war's dem Herrn sonst doch so leicht erschienen,
In hfisch feiner Art den Frau'n zu dienen?

Doch endlich schimmerte es licht durch das Gezweige,
Zur Rechten sah er einen Rebenhang
Und links, im Schatten alter Wallnubume,
Lief breit sein Weg den grnen Rain entlang.
Verdrossen fast, weil Elsbeth nicht zu sehen,
Hob jetzt der Junker schneller an zu gehen.

Da klang es silberhell aus eines Nubaums Schatten:
"Herr Kuonrad, wartet -- ruht ein wenig aus!
Das Krblein ist Euch wahrlich schwer geworden;
Gebt mir es, wir sind bald beim ersten Haus!"
Und nun er seitwrts ins Gebsche blickte,
Sa Elsbeth dort, die froh ihm winkend nickte.

Im weichen Grase ruhend, wies sie mit dem Finger
Thalauswrts, wo im Morgensonnenschein
Das Drflein lag; etlich' zerstreute Huser
An eines Baches grnem Uferrain,
In deren Mitte sich ein Httlein zeigte,
De' Strohdach fast bis an die Erde neigte.

"Wenn Ihr Euch setzen wollt, hier ist ein lauschig Pltzchen!"
Fing Elsbeth wieder an, und dabei wand
Sie spielend um ein Bschel blauer Blumen,
Die an dem Wege durch den Wald sie fand,
Ein Endchen Zwirn, sich einen Strau zu binden,
Der Platz an ihrem Busen sollte finden.

Md', wie der Junker war, befolgte er die Worte
Und lagerte sich hin in's hohe Gras;
Das Krblein stand als Grenzmark zwischen Beiden,
So da sein Trger nicht zu nahe sa.
Mocht' er's auch heimlich um den Platz beneiden,
Es half ihm nichts, er mut' es eben leiden.

Gar s klang dafr es jetzt in Herrn Kuonrads Ohren:
"Verzeiht, da ich so eilte durch den Tann
Und voraus ging; das macht, weil abwrts steigend
Ich manchmal nicht die Schritte hemmen kann.
Um jedoch volle Wahrheit Euch zu sagen,
Mag Schuld daran auch die Gewohnheit tragen.

So oft sonst Kunz mit mir zu Thale ging, erzhlte
Er jedes Mal auch irgend eine Mhr
Vom Bergmnnlein, das hier im Walde hauset,
So da am liebsten dann ich drauen wr.
Ja, neulich noch, schwur er mir hoch und theuer,
Er htt' es selbst gesehn im Wald am Feuer!"

"Zwar bin ich wohl gefestet wider Spuck und Zauber;
Doch frchte ich des Auges bsen Blick,
Vor diesem kann kein Heilthum uns bewahren
Und wen er trifft, den fasset schlimm Geschick.
Zu dessen Rettung soll kein Mittel taugen,
Wer sich bezaubern lie durch ein paar Augen!"

"Des Vaters Muhme hat mir davon oft gesprochen.
Die wute es und ihr hab' ich geglaubt,
Als sie mir einst erzhlte, da zwei Augen
Den Frieden ihr fr Lebenslang geraubt. --
Nun werdet Ihr mir hoffentlich verzeihen,
Da Eurer ich erst wartete im Freien."

Die letzten Worte hatte Elsbeth leis gesprochen
Und dabei sich bemht den Blumenstrau
Am Busen festzunesteln. Damit fertig
Sah sie, wie trumend, nun ins Feld hinaus;
Vom Thale klang des Baches munter Rauschen,
Ihm mochte, unbewut, die Holde lauschen.

"Da war ich bel dran," versetzte jetzt der Junker,
Ihr Trumen unterbrechend, "als allein
Den wilden Weg Ihr so mich wandern lieet!
Mir schwante selber, da es dort nicht rein;
Denn ganz gewilich haust in diesen Bergen
Noch eine Schaar von Unholden und Zwergen!"

"Wenn die mich nun im Wald gefangen halten wrden
Mitsammt dem Korbe? Httet Ihr nicht Schuld,
Da Euch bewut ist, da es nicht geheuer?
Ihr zeigtet, frwahr! mir nur wenig Huld,
Und wr' am Ende es Euch recht gewesen,
Wenn so ein Unhold mich zum Ziel erlesen?"

Herr Kuonrad wollte schon den Scherz noch weiter treiben,
Da fiel sein Blick auf Elsbeths Angesicht.
Wie Purpurgluthen lag's auf ihren Wangen:
Ob er dies Alles wohl im Ernste spricht?
Und pltzlich wollte es ihm nun erscheinen,
Sie sei dem Lachen ferner, denn dem Weinen.

Ein groer Blick aus ihren blauen Sonnenaugen,
Der Seele tief entsteigend, traf sein Herz;
Der Junker krzte also schnell die Rede
Und schlo gar schelmisch seinen kleinen Scherz:
"Will Euch fr dies Mal keines Unrechts zeihen,
Wollt meiner Bitte Ihr Gehr verleihen!"

"Verschenket mir das blaue Strulein dort vom Busen;
Ich acht' es gegen Zauberei als Schild
Und will es halten, als der Herrin Farbe,
Zum Angedenken holder Dame Bild.
Gewhret daher gerne mir die Bitte;
Die Gabe halt' ich werth nach Rittersitte!"

Holdselig Lcheln aus den Wangen, reichte Elsbeth
Ihm ohne Zaudern das Verlangte dar.
Stolz steckte er es an's Barett, das schlichte,
So keck, ihm sa auf dunklem Lockenhaar,
Und dankte, glcklich ber die paar Blthen,
Gelobend, sie gleich theurem Schatz zu hten.

Ein sanft Errthen lohnte schn ihm fr die Worte,
Dann jedoch sprang sie auf; es griff die Hand
Flink nach dem Krblein, um dies selbst zu tragen.
Herr Kuonrad aber hielt als Trger Stand;
Er bat nur darum, ihm den Arm zu reichen,
Ein zweites Mal sollt' Elsbeth nicht entweichen.

"Bin dieses nicht gewohnt," klang heiter ihre Antwort,
"Auch ist mir fremd, wie man's am Hofe hlt.
Ihr werdet aber, hoff' ich, mir verzeihen,
Denn wenig nur sah ich noch von der Welt;
Doch Ihr, Herr, habt gewi schon Viel gesehen?
Erzhlet, bitte, whrenddem wir gehen!"

Dann schritt sie leicht an seinem Arm dem Dorf entgegen,
So friedlich lag in Laubgrn eingewiegt.
Es glich die Maid der zarten Eppichranke,
Die sich an einen festen Eichbaum schmiegt
Und schchtern strebt, sich dran empor zu winden;
Ein besser Gleichni wei ich nicht zu finden.

Im Gehen wiederholte Elsbeth bald die Bitte,
Herr Kuonrad sollt' erzhlen, was er sah
Auf seinen Fahrten durch die fremden Lnder
Und was ihm selber da und dort geschah.
Nun, wollte er sich ihr als Ritter zeigen,
Durft' lnger wohl der Junker nicht mehr schweigen. --

Vor Jahren hatte er den Ohm nach Rom begleitet
Und mancherlei erlebt auf jener Fahrt
Von wlscher Tcke und vielschnen Frauen,
Von fremden Sitten und gar feiner Art.
Nun lie er's nicht am rechten Ausdruck fehlen
Und mischte Scherz dem Ernste im Erzhlen.

Verhaltnen Athems fast, ging Elsbeth still daneben
Und lauschte staunend jeder neuen Kund'.
Herr Kuonrad wute prchtig zu erzhlen,
Ihr Blick hing unverwandt an seinem Mund;
Sie folgte ihm zur "Stadt der sieben Hgel,"
Als ob sie selber in des Zelters Bgel.

Doch, als er gar erzhlte, da, um eines Scherzes willen
Ein wlscher Bube fast ihn niederstach,
Da lief ein Schauern durch den Krper Elsbeths,
Ihr sonnig Angesicht erblate jach;
Am Arme aber fhlte er ein Drcken,
Als mte noch ihr seine Rettung glcken.

Sie hatte nicht drauf Acht, da, whrend des Erzhlens,
Sich beider Schritte schon dem Drflein nahn;
Nicht, wie die Hrigen einander winkten,
Als ihre Herrin still sie wandeln sahn.
Kaum, da sie flchtig grte auf dem Wege
Zur Htte, ihrem Ziele berm Stege.

Hier endlich mute Elsbeth doch ihr Krblein haben,
Mit dem sie nun im Httchen flugs verschwand.
Herr Kuonrad wute nicht, sollt' er ihr folgen;
Doch, wie er eben berlegend stand,
Sahn seine Augen jetzt ein Bblein stehen,
Das sich nicht traute ihm vorbei zu gehen.

Ein Fingerlein im Mulchen, schlich es zagen Schrittes
Zu einem Holzblock hin, der unweit stund.
Das fragte, Kurzweil hoffend, jetzt der Junker
Nach seinem Vater; doch des Bbleins Mund
Blieb stumm, es wurde immer mehr verlegen
Und lie sich nicht zum kleinsten Wort bewegen. --

Im Stblein drinnen hatte unterdessen Elsbeth
Den Inhalt ihres Krbleins ausgepackt;
Sie stand nun kosend mit zwei kleinen Mdchen,
Die, bis auf ein geflicktes Hemdlein, nackt,
Weil beide schon ihr Stcklein Brod empfangen,
Zum Ku der Guten boten Mund und Wangen.

Da ging die Thre auf und aus der dunklen Kammer
Trat Seppel, noch ganz bleich und abgezehrt;
Die Herrin schauend, sank er ihr zu Fen,
Die sie, weil Brauch, zu kssen ihm nicht wehrt.
Mit wahrer Freude hrt' ihn Elsbeth sagen,
Da es viel besser seit den letzten Tagen.

"Das Weib ist noch im Felde drauen," sprach er heiser,
Nach etwas Futter fr die Geis zu sehn;
Derweilen mu ich ihr die Mgdlein hten,
So gut es mag mit schwachen Krften gehn.
Doch, Gott und Euch sei Dank! sie kommen wieder,
Sind manchmal bleischwer mir auch noch die Glieder!"

Zufrieden, Seppel auf der Besserung zu finden,
Wies Elsbeth auf das Hslein und den Wein
Und sagte: "in dem Krug das Trnklein,
Mcht' jetzt das rechte Mittel fr Dich sein;
Auch magst Du Dich an solchen schnen Tagen,
Wie heute, kecklich an die Sonne wagen!"

Nach diesen Worten bckte sie sich zu den Mgdlein
Und wechselte mit jedem einen Ku;
Dann, aus dem Angesicht ein glcklich Lcheln,
Enteilte Elsbeth flink mit mildem Gru,
Gleich holdem Engel, der da Hlfe brachte,
Wo ein arm Herz in schweren Sorgen wachte.

"Die Herrin blieb sonst lnger!" meinte Seppel brummend,
Als er so eilig sie verschwinden sah;
Sie selber mochte hnlich denken, aber --
Vorm Httlein wartete der Junker ja.
Ihr Nahen machte jetzt das Bblein munter;
Es sprang vergngt von seinem Block herunter.

Mit nackten Fchen lief es Elsbeth schnell entgegen
Und ruhte nicht, bis es aus ihrem Schoo
Den lngst gewohnten Ku empfangen hatte.
Dann strampelte das Bblein rasch sich los,
Um in des Httleins Thre zu verschwinden;
Es wute ja, nun wrde Brod sich finden.

Herr Kuonrad aber meinte heiter: "Ihr knnt zaubern!
Mir weigerte der Junge Gru und Wort;
Doch, nun er Euch erblickt, bekommt er Leben
Und kt und liebkost Euch in Einem fort!
Ein solch' Geheimni acht' ich werth zu kennen;
Wollt Ihr mir diesen Zauber nicht auch nennen?"

"Ist kein Geheimni! Kinder fhlen, wer sie lieb hat!"
Gab freundlich sie Herrn Kuonrad jetzt zurck:
"Sie geben Lieb' um Liebe, wiederspiegelnd
Ein uns oft lange schon entschwunden Glck.
In jede Kinderseele bringt man Leben,
Versuchet's nur, Euch mit ihr abzugeben!"

"Nun aber sagt, ward Euch das Warten berdrssig,
Und blieb ich lange weg? Es ducht mich fast!
Gelt, dafr gehn wir auf dem Heimweg schneller;
Das heit, so Euch dies so beliebt und pat.
Noch ist es frhe, brauchen nicht zu eilen,
Auch schiet uns Keiner nach mit Bolz und Pfeilen!"

Als htte sie zu viel gesprochen, schwieg hier Elsbeth
Und band mit Flei das Tchlein wieder fest,
So ihr das Bblein vorhin arg verschoben,
Als sie es kssend an die Brust gepret,
Herr Kuonrad aber kaum den Augen traute,
Da selten wohl ein schner Bild er schaute.

Die Strahlenaugen voll zu ihm emporgerichtet
War sie bemht ein widerspenstig Paar
Goldfarbner Lcklein unters Band zu schieben,
Das blau umzog das herrlich blonde Haar,
Und als sich ihr die Losen endlich fgen,
Lag froh ein Lcheln auf den holden Zgen.

Herr Kuonrad schaute ihr beglckt in's schne Antlitz,
So voller Unschuld ihm entgegensah,
Bis sie, als ahnte ihr, wie seinem Herzen
Von solchem Schauen wunderbar geschah,
Sich tief errthend wandte um zu gehen,
und er nun auch nicht durfte bleiben stehen.

Doch da den Arm er bot, schien sie dies nicht zu achten,
So, wie beim Kommen, ging's im Rckweg nicht;
Denn fast aus jedem Fenster nickte freundlich
Ein frhlich lachend Kinderangesicht.
Am Wege aber harrten auch die Alten,
Ein grend Wort der Herrin zu erhalten.

Ein kleiner Blondkopf, frisch gewaschen und gestrhlet,
Kam schon von Weitem auf sie zugerannt
Und hielt sein braunes Hndchen ihr entgegen;
Der Herrin Tschlein war dem Schelm bekannt,
Nun will der Ku allein ihm nicht recht munden,
Mit dem sie ihn fr dies Mal abgefunden.

Die Schflein, von Elsbeth aus sem Teig gebacken,
Sie fehlten heute fr die Kinderschaar;
Zum ersten Male hatt' sie die vergessen,
Mcht' wissen, welches wohl die Ursach' war!
Je nun, es waren leer des Fruleins Taschen,
Und gab fr heute es drum nichts zu naschen. --

Beim letzten Httlein erst ward sie der Kleinen ledig,
Die Kinder zogen heim in muntrem Trab;
Nun bot von neuem seinen Arm der Junker;
Doch Elsbeth lehnte mit den Worten ab:
"Bergaufwrts mchte es beschwerlich fallen,
Wir wandeln nicht in eines Palas Hallen!"

"Auch bin ich es gewohnt die Halde zu erklettern,
Gleich flinkem Rehe, ber Stock und Stein,
Manch heilsam Krutlein suchend oder Blumen,
Wie sie im Sommer blhen hier am Rain;
Doch, weil sich dabei schwerlich lt erzhlen,
Will gerne ich mit Euch zu gehen whlen!"

Geduldig ging der Junker wieder an's Erzhlen
Und schilderte, was drauen er geschaut;
Was ihm gefallen in den fremden Lndern
Und wie er da und dort dem Glck vertraut.
Wohl sei es schn, frei durch die Welt zu reisen;
Doch wrd' ein trautes Heim er mehr noch preisen.

Gefangen von Herrn Kuonrads weltgewandter Sprache,
Schritt sie indessen ihm zur Seite hin,
Zuweilen mal im Gang sich unterbrechend,
Wenn nah' dem Hang ein duftig Blmlein schien,
Das ihre Hand erreichen konnt' und pflcken,
Im Gehen sich den Busen mit zu schmcken.

Nur, als sie weiter oben an der Halde waren,
An jener Stelle, wo sie erst geruht,
Da bat ihn Elsbeth leise links zu wenden:
"Der Pfad ist schattig und auch sonsten gut."
War ja kein Unrecht weitern Weg zu whlen,
Der Junker konnte dafr mehr erzhlen.

So schritten sie denn auf dem lngern Pfade langsam
Zusammen aufwrts durch den grnen Wald,
Der hier den Schloberg breit und dicht umgrtet,
Und wandelten im tiefsten Schatten bald,
Als, whrend Elsbeth ernst dem Junker lauschte,
Ein Windsto heulend durch die Wipfel rauschte. --

Es hatte keins von Beiden sonderlich beachtet,
Da lngst verschwunden war des Himmels Blau
Und schwere Wolken ber ihnen druten,
Die alles hllten in ein dster Grau.
Jetzt erst bemerkten sie, wie Nebelschwaden
Am Hungerberge zogen, sturmbeladen.

Bald schlossen, eh' sie es geahnt, die Wetterwolken
Rings Berg und Thal in ihren dunkeln Schoo.
Schon jagten Blitze sich; vom Strahl getroffen
Sank mancher Waldbaum jh in's grne Moos;
Ein Felsblock scho in ihrer Nhe nieder,
De' Donnern hallte laut im Thale wieder.

Dann go der Regen Fluthen; wild, wie Meereswogen,
Es rann und schwoll das nasse Element;
Ein jedes Rinnsal ward zum grimmen Strome,
De' Spuren noch der spte Enkel kennt.
Fast schien's, als ob der Himmel sich emprte
Und, was er schuf, mit Grausen nun zerstrte.

Am Stamme einer dicht belaubten Eiche lehnend,
Fand Elsbeth Schutz vor des Gewitters Macht.
Sie schlug ein Kreuz, so oft der Blitz urpltzlich
Mit greller Flamme hellte rings die Nacht;
Auch betete sie leis den Wettersegen,
Der soll sie schtzen und der Sturm sich legen.

Herr Kuonrad hatte minder Glck sich schnell zu bergen,
Und blieb drum, unweit Elsbeth, wartend stehn;
Des Wetters wenig bange, schien ihm sicher,
Da dieses bald vorber drfte gehn.
Er lie sich nicht so leicht von Furcht beschleichen,
Auch wollt' er nicht von seiner Herrin weichen.

Mit Plaudern suchte er die Aengstliche zu trsten,
Doch diese fand zum Sprechen keinen Muth.
Sie unterbrach sein scherzhaft Reden leise:
"Hrt uns das Bergweiblein, so thut's nicht gut;
Denn diese Unholdin, aus Dunst geboren,
Hat sicher das Gewitter her beschworen."

"Zuweilen stt sich das Gewlk am Schloberggipfel
Und nimmt dann, minder schadend, seinen Weg
Das Kletgau aufwrts, wo es, ausgeschttet,
Gefhrdet hchstens eines Bchleins Steg.
Doch weh! wenn es zum Thal den Strich gefunden,
So ist ein Ausweg nimmer zu erkunden!"

"Es kann nicht vor- nicht rckwrts, mu sich hier entleeren
In seiner ganzen unheilvollen Macht;
Verderben bringt es oft auf viele Jahre,
Als htte uns die Sonne nie gelacht,
Und, wo wir heute noch im Grnen gehen,
Knnt Ihr schon morgen eine Wste sehen!" --

Sie hatte kaum geendet, zuckt ein Strahl hernieder
Aus schwarzer Wolke auf den nchsten Baum,
Sekundenlang loht auf ein Meer von Flammen,
In fahlem Scheine glimmt der ganze Raum;
Es knattert schrill ein kurzer Knall dazwischen,
Der sich im Moos verliert in leisem Zischen.

Der Sturm peitscht wthend hin und her die Wipfel,
Und krachend fllt so manches grne Haupt;
Wildschaurig gellt ein Pfeifen durch's Gezweige,
Da man der Hlle Macht entfesselt glaubt.
Des Waldes Thiere packt es voll Entsetzen,
Sie mssen blindlings in's Verderben hetzen.

Vor Schrecken bleich, die Hnde im Gebet gefaltet,
Wagt Elsbeth keinen lauten Athemzug;
Ihr Muth ist hin, sie bebt an allen Gliedern,
Seit, ihr so nah, der Blitz zu Boden schlug.
So steht sie mitten in dem grausen Rauschen
Und hofft ein Wort des Junkers zu erlauschen.

Doch der bleibt stumm. Von einem Tannenast getroffen
Liegt wund Herr Kuonrad tief im Haidekraut;
Im Bann der Ohnmacht weigern Mund und Lippen
Der fast Verzweifelnden den kleinsten Laut.
Mit ihrem Blick, bis wo er liegt zu dringen,
Kann in der Dunkelheit ihr nicht gelingen.

Noch wird ihr banger Ruf vom Sturmwind bertoset,
Sie starrt voll Aengsten in die Waldesnacht,
Den Junker und sich selbst der Mutter Gottes
Empfehlend, deren Frsprache und Macht
Ein Leichtes, des Gewitters Wuth zu enden
Und gndig alles Unheil abzuwenden.

Da sieh! Es legt sich doch des Sturmes brausend Toben,
Nicht mehr so nahe rollt des Donners Hall;
In Elsbeths Ohren klingt, gleich Himmelsbotschaft,
Vom Schlosse her des Wetterglckleins Schall.
Das Dunkel weicht, das tief den Wald umwoben,
Und heller wird es in den Wipfeln oben. --

Wie schnell das Wetter kam, so ging es auch vorber,
Geendet whnte Elsbeth alle Noth.
Da traf ihr Blick am Boden den Gefhrten,
Von seiner Stirne flo es blutigroth,
In lautem Aufschrei sank sie zu ihm nieder;
Doch nur das Echo scholl als Antwort wieder.

Gebrochnen Ast zur Seite, lag betubt Herr Kuonrad
Im Haidekraut, das roth gefrbt sein Blut;
Nur leise hob die Brust sich auf und nieder,
Wie einem der die letzten Zge thut.
Nicht hoffend, da sich hier noch Rettung fnde,
Rang Elsbeth, Schmerz erfllt, die zarten Hnde.

Doch halt! es regten sthnend sich des Wunden Lippen,
Mit stummer Freude hat sie es gehrt,
Und nun war auch des Schmerzes Bann gebrochen,
Der Elsbeth bislang schwer den Sinn bethrt;
Sie nahm ihr Tchlein, na und schwer vom Regen,
Es sachte auf des Junkers Stirn' zu legen.

Nach diesem raffte sie ein Huflein Moos zusammen,
Bestimmt zu einem Kissen fr sein Haupt;
Schon ruht es schwer auf ihren weichen Hnden,
Noch immer der Besinnung ganz beraubt;
Doch, nun sie's sorglich wollte niederlegen,
Sah wieder sie die Lippen zitternd regen

Gewiheit, da das Leben ihm noch nicht entflohen,
Gab jetzt zum Rettungswerk ihr weiter Kraft.
Mit nassem Moos rieb sie des Wunden Schlfen,
Bis fast die Hand vor Mdigkeit erschlafft,
Da lohnte denn der Himmel ihr Bemhen
Und lie Herrn Kuonrads Lmplein neu erglhen.

Er wachte mlig auf und seine braunen Augen
Begrten fragend Elsbeths feuchten Blick;
Bald suchte auch ein Lcheln auf den Lippen
Ihr Trost zu spenden ber sein Geschick,
Und schnell, wie dies der Jugend ja gegeben,
Mocht' sich der Junker nun vom Fall erheben.

Noch vorher aber fate er der Jungfrau Rechte,
Die, wie sein guter Engel, vor ihm stand,
Und prete wortlos ein paar heie Ksse,
Als seinen Dank, ihr auf die kleine Hand.
Verklrten Blicks sah Elsbeth zu ihm nieder
Eh', mhsam nur, sie fand die Sprache wieder.

"Versuchet aufzustehen -- vielleicht knnt Ihr gehen!
Wir sind vom Schlosse nicht mehr allzufern
Und das Gewitter ist, Gottlob! vorber.
Die Heiligen und Euer guter Stern,
Sie haben Euch gar treu in Schutz genommen,
Sonst wret wohl Ihr bs davon gekommen!"

Der Guten Worte waren kaum verklungen, als auch
Herr Kuonrad aufrecht stand und ihr versprach,
Zum Heimweg noch gengend Kraft zu haben;
Dann, fhlend da ihm weiter nichts gebrach,
Wollt' er sein Dankgefhl in Worte kleiden,
Die anzuhren Elsbeth will vermeiden.

Sie mahnte also "Kommt, es mu bald Mittag luten!
Bis dahin mssen wir zu Hause sein;
Doch erst lat mich die Stirne Euch verbinden,
Mein Tchlein taugt uns, denk' ich, dazu fein.
Frisch Wasser wird die bse Wunde khlen
Und auch die Schmerzen minder lassen fhlen!"

Gehorsam bot der Junker gern die wunde Stirne,
Aus der das Blut noch tropfte, Elsbeth dar.
Sie hob mit leichter Hand des Tchleins Enden
Und splte es im nchsten Rinnsal klar,
Dann ward die Wunde gut und fest verbunden;
Ihm aber schien, er msse gleich gesunden.

Jetzt, endlich, ging es wieder frbas. Zwischen Fichten
Und dunkeln Tannen fhrte schmal der Weg.
Wie frisch geschmolzen Silber glnzten Tropfen
Vom Regen noch im buschigen Geheg.
Balsamisch dufteten des Waldes Blthen,
Ein linder Lusthauch zog, statt Sturmes Wthen.

Gedanken eigner Art beschftigten die Beiden
Auf ihrem Pfad zum Schloberghof empor;
Versuchte es Herr Kuonrad mal zu scherzen,
So schwieg nun Elsbeth, stiller als zuvor.
Ein Krutlein keimte in dem jungen Herzen,
Ein Krutlein, das viel Glck bringt -- oder Schmerzen.

   * * *

Die Hhe ward erreicht und bald darauf die Brcke,
Wo schon der Herrin harrend Frida stund;
Denn lngst war ja die Mittagszeit vorber,
Des Glckleins Schall verschlang des Sturmes Mund.
Es zuckte schalkhaft im Gesicht der Alten,
Nun musleinna sie sah die zwei Gestalten.

"Dacht ich's doch gleich, das Wetter werde Euch erwischen!"
Hob zungenfertig jetzt die Alte an,
"Sonst wret Ihr zu Mittag hier gewesen;
Doch da hat es am wstesten gethan!
Wird heute nun die Herrin auch noch lachen,
Wie frher, wenn ich sprach vom Wettermachen?

"Der Pfarr', der Neiding! hat das Wetter hergezaubert.
Er sieht's, wenn Ihr zu Thale geht, nicht gern.
Sollt immer in der Kemenate sitzen
Und Litaneien lernen bei dem Herrn!
Wohl bin ich alt und mag nicht viel mehr taugen;
Doch blieben mir, Gottlob, noch klare Augen!"

Hier jedoch fiel ihr Elsbeth schnell in's Wort und sagte:
"Sei lieber still und schaff' uns Kunzen her,
Da er den Herrn in sein Gemach begleitet;
Denn siehst Du nicht? er leidet schwer!
Vom Strahl getroffen, schlug ein Ast ihn nieder,
Ein Wunder nur, da noch ihm heil die Glieder!"

"Du selber aber magst mir Spitzenwegrich suchen,
Des Krutleins Saft, bekanntlich weit und breit
Im Rufe, da er kstlich gegen Wunden,
Soll zeigen, ob zur Heilung er gedeiht!
Nun eile Dich, den Kunz herbei zu finden,
Er mu dem Herrn die Stirne frisch verbinden!"

Herr Kuonrad lehnte derweil mde am Gelnder.
Vom Blutverluste wohl ein wenig matt,
War nicht ihm unlieb, da auf Fridas Rufen
Sich Kunze gar eilig eingefunden hatt'.
Der staunte bas, den Herrn allso zu sehen,
Doch dieser hie ihn kurz mit ihm zu gehen. --

Mit warmem Hndedruck und einem langen Blicke
In Elsbeths licht erglnzend Augenpaar
Schied, im Geleit des Knappen, nun der Junker.
Sie sah ihm nach, bis er verschwunden war;
Ein glcklich Lcheln schwebt auf ihrem Munde --
Dein Dichter, Elsbeth, wei aus welchem Grunde!


Drittes Kapitel.

Viel schneller, als der Junker dies erwartet hatte,
That Krutlein Spitzenwegrich seine Pflicht;
Denn kaum war eine Woche hingegangen,
Trat er geheilt vor Elsbeths Angesicht
Und dankte ihr fr alle Mh' und Sorgen,
Die sie um ihn gehabt an jenem Morgen.

Wenn damals er im Scherz sie sich zur Herrin whlte,
Der ritterlich zu dienen ihm ein Spiel,
So nahm er's nun mit jedem Tage ernster
Und ist kein Wunsch der Holden ihm zu viel.
Doch, wie es gleich von Anfang ihm geschienen,
War unter ihrem Scepter leicht zu dienen. --

Mit flinken Hnden half Herr Kuonrad jeden Morgen
Der Fleiigen ihr Linnen spannen, reicht',
So oft es nthig, drauf den Wassereimer,
Um jenes feucht zu spritzen, da es bleicht
Im Sonnenschein und Elsbeth sich das Linnen,
Als schlohwei Zeug, bald wieder mocht' gewinnen.

Mit diesem fertig, ging es in den weiten Zwingolf,
An dessen sonnenreichem Mauerrand
Die Liebliche ein kunstlos Grtlein hatte,
Drin', neben Ilgen, manche Rose stand
Und Krautwerk fr die Kche und die Kranken,
Frisch duftenden Salbei bei Bohnenranken.

Hier gab es stets zu thun. Der Junker werkte fleiig;
Er zeigte ihr, wie leicht am wilden Strauch
Die Rosen knstlich sich veredeln lassen.
Gern lernte Elsbeth den ihr fremden Brauch
Und harrte voller Sehnsucht schon der Blthen,
Die zu erzielen beide sich bemhten.

Vom Garten mute Elsbeth in des Schlosses Kche,
Wo Frida herrschte, bis die Herrin da;
Sie war gewohnt, am Herde mit zu helfen,
Da gerne selbst sie nach dem Rechten sah.
Das Essen mute pnktlich fertig stehen,
Sonst war's um Vaters gute Laun' geschehen.

Dann, nach dem Mittagessen, pflog, nach guter Sitte,
Des Hauses Ingesind ein Stndlein Ruh'
Die tiefe Stille nutzend, brachte Elsbeth
Gewhnlich diese Zeit mit Lernen zu;
Der Kaplan, Benno, nahm die Pflichten strenge
Und trieb mit Fragen oftmals sie in's Enge.

Sonst war die Zeit der Schule ihr gar lieb gewesen
Und fand der Kaplan nie zu Klagen Grund;
Doch seit des Junkers Ankunft kam dies anders,
Sie lauschte minder ernst des Lehrers Mund
Und unterbrach wohl selbst sein Wort durch Fragen,
Die fern dem Texte des Erklrers lagen. --

Einst, eines Abends, plagte sie sich auch mit Lernen,
Indess' die Augen nach der Sonne sahn,
Ob deren Strahl sich nicht den Butzenscheiben
Im Bogenfenster endlich mchte nahn;
Es schien ihr fast, da jene, pflichtvergessen,
Nicht so wie sonst die Tagesbahn durchmessen.

Doch, da einmal die Zeit fr Alle vorwrts schreitet,
Gleichviel ob einer hoffet oder bangt;
Zu schnell dem Alter, das nichts mehr zu wollen,
Der Jugend langsam, die noch viel verlangt,
So lie sie heute auch die Sonne sinken,
Die goldnen Strahlen durch die Scheiben blinken.

Nun lie die Ungeduldige sich nicht mehr halten.
Ein frommes Sprchlein noch, und darauf eilt'
Sie, gleich dem Wind, den Bergfried zu ersteigen,
Wo, wie sie wute, gern der Junker weilt',
Der sich den Thurm zum "Lueg ins Land" erkoren,
Und fter droben sa, in's Schau'n verloren.

Schon lange wollte Elsbeth ihrem Gast die Namen
Der Berge nennen, so von hier man sah;
Nun aber war sie doch etwas verlegen
Und trat mit leisem Schritt Herrn Kuonrad nah.
Vor ihnen lag im Abendsonnenglanze
Der Alpenkreis, gleich einem Silberkranze.

Die prchtig klare Fernsicht schauend, wandte sie sich
Dem Junker zu und sagte, mit der Hand
Hinber auf die weien Riesen deutend,
In deren Anblick er versunken stand:
"Erlaubet, Herr, Euch meinen Hof zu zeigen;
Dort, jene Recken all' sind mir zu eigen!"

"Ich bitte jedoch, lasset gndig Nachsicht walten,
So nur die Frnehmsten davon ich nenn';
Frau Sonne will sich schon zu Bette rsten, --
Und das ist bald geschehn, wie ich sie kenn'!
Der Mond, ihr Ritter, aber wird erst leuchten,
Wenn Morgennebel diese Hhen feuchten."

Ein freundlich Nicken war Herrn Kuourads stumme Antwort,
Dann trat er mit ihr an des Sllers Rand,
Der Abendsonne goldne Schimmer flossen
In Purpurfluthen ber alles Land,
Nur fern gen Norden lagen Wolkenschatten,
Die berm "Randen" sich gelagert hatten.

"Schaut dort," hob Elsbeth lchelnd an ihm zu erklren,
"Die Spitzen, wie in Apfelbluest getaucht,"
Es ist der "Sntis" mit dem "Hohen Kasten"
Und nebenan, rothglden angehaucht,
Stellt khn der "Altmann" sich in ganzer Breite
Den ersten beiden Recken an die Seite."

"Dann, etwas herwrts, zhlt Ihr sieben graue Zinken,
Sie sind im Sommer meist wohl ohne Schnee,
Die nennen "Churfrsten" sich stolz mit Namen
Und spiegeln sich in einem grnen See,
Aus dessen Fluthen hoch und frei sie streben,
Da fast in Wolken ihre Hupter schweben."

"Nun, weiter rechts hin, kommt des "Glrnisch" weie Krone;
Die steilen Wnde stehn getaucht in Blau,
Und rosig berhaucht vom Sonnengolde
Scheint, wie verklrt, der Felsen schimmernd Grau.
Auf seinen Schultern aber sieht man's blitzen
Gleich zarten Schleiern, die im Goldschein glitzen."

"Die weie Flche dort, dicht unterm breiten Gipfel,
Mit starren Felsen ringsum eingefat,
Ist "Vrenli's Grtli," eine Alp vor Zeiten;
Doch, seit die Menschen von den Fee'n gehat,
Ruhn tief im Eis versenkt der Matten Spuren,
Auf ewig sind dahin die grnen Fluren."

"Der nchste, mit dem Firnschnee-Scheitel, heit der "Tdi."
Keck ragt der auf zum blauen Firmament,
Als sttzte er allein des Himmels Bogen.
Wie hei im Sommer auch die Sonne brennt,
Im Lenz der Fhnsturm zwingt den Schnee zu thauen --
Sein Haupt ist silbern immerdar zu schauen."

"Auf ihrem Throne dort schwingt Einsamkeit das Scepter,
Nur Geierschrei hallt durch das Felsgewirr;
Doch, mein' ich, schafft auch dort die Zeit im Stillen
Und ruhet nicht ihr ehern Werkgeschirr.
Sie wird dereinst den letzten Fels zerschmettern,
Ob er auch trotzte tausend wilden Wettern!"

"Gleich weiter folgt des "Urirothstocks" Riesenkuppe;
Auch der reckt khn sein eisgrau Haupt empor;
Ein freies Volk soll ihm zu Fen wohnen,
Das nur den Kaiser sich zum Herrn erkor.
Mir schwanet oft, fhl' ich's herber wehen,
Auch unser Volk wird bessre Zeiten sehen."

"Doch, thront der Winter auch auf jenen Hhen ewig,
In milden Thlern schmilzt im Lenz der Schnee,
Dann, hrt' ich sagen, blhen grne Fluren
Und blinkt dazwischen mancher klare See,
So, wenn der Frhling die Gestade krnzet,
Gleich schnem Auge in die Ferne glnzet."

"Die weie Kuppe besser drben ist der "Titlis,"
Das "Sustenhorn" soll dessen Nachbar sein.
Seht hin! wie prchtig die zerrissnen Schrnde
Vergldet sind vom Abendsonnenschein;
Aus unermelich tiefen, grausen Klften
Steigt er empor sein schneeig Haupt zu lften."

"Die Sonne sinkt. Schaut, Regensbergs uralte Firsten
Empfangen eben ihren letzten Gru!
Rubinen schimmer aus des Stdtleins Fenstern
Den Wiederschein vom goldnen Abschiedsku;
Bald wird der "Lgernberg" im Dunkel stehen,
Schon jetzt ist Badens "Stein" nicht mehr zu sehen."

"Nur jene Riesen dort im Duft der blauen Ferne,
Die geben sich so schnell gefangen nicht;
Denn, whrend berall schon Nacht sich breitet,
Erglnzen sie noch hell im Sonnenlicht.
Wie wohl und frei mag es der Brust dort werden,
Von jenen Hh'n zu schau'n auf Gottes Erden!"

"O, htte meine Sehnsucht dorthin Windesflgel,
Da ich mich schwnge hoch von Firn zu Firn,
Um, weltentrckt, im Aetherblau zu schweben,
In Himmelslften badend mir die Stirn'
Und, derweil noch die lieben Sternlein flimmern,
Im erst- und letzten Sonnenku zu schimmern!" --

Verwundert sah Herr Kuonrad hier in Elsbeths Augen,
Die, hold verklrt in wundersamem Glanz,
Hinber blickten, wo aus dunklen Schatten
Sich leuchtend hob des Hochgebirges Kranz,
Indessen abendwrts, von Gold umflossen,
Die Sonne wich mit ihren mden Rossen.

Selbst berwltigt von dem Anblick dieses Schauspiels
Schwieg Elsbeth eine Weile, wie gebannt,
Eh' sie den Hausgenossen traulich fragte,
Ob ihm ein schner Pltzlein wr' bekannt?
Er wollte sprechen, doch sie winkte Schweigen
Und mute sich der Junker folgsam zeigen.

"Ich mu mich eilen," sprach sie, "denn des Abends Schatten
Verhllen schon, was nicht zum Himmel ragt;
Von Nacht wird bald, selbst auf den hchsten Gipfeln,
Der letzte Schein des Tageslichts verjagt
Und, irr' ich nicht, mag's morgen strmisch wehen,
Da heut' die Alpen wir so nahe sehen!"

"Dort jener," eilte sie sich weiter mit Erklren,
"Die breiten Spitzen, sie verglhen grad,
Sich scharf abhebend von des Himmels Blue,
Soll der "Sankt Gotthard" sein, von wo ein Pfad,
Auf dem man leicht sein letztes Stndlein finde,
In wlsches Land sich steil und schaurig winde."

"Dann, nher herwrts, jener Rcken wild zerklftet,
Den Ihr schon tief im Schatten vor uns seht,
Heit der "Pilatus;" er hat seinen Namen
Von einer Sage die im Lande geht:
Es soll der Bse dort den Richter plagen,
Der unsern Heiland einst an's Kreuz geschlagen."

"Gen Mittag aber, jene fernsten, hellen Spitzen,
Sind "Finsteraarhorn," "Schreck-" und "Wetterhorn,"
Dann "Mnch" und "Eiger," wo im lngsten Sommer
Das Eis nie schmilzt und thalwrts Wein und Korn
Ein fremd Gewchs ist; nebenan, im Schimmer
Des Abendroths, da folgt ein Frauenzimmer!"

"Es ist die "Jungfrau." Herrschend ber all' die Riesen,
Ist sie nur selten mal des Schleiers bar;
Doch, wenn sie sich enthllt im Abendscheine,
Erglnzet oft ihr Antlitz sonnenklar,
Um vor dem Schlafengehn den alten Recken
Im kalten Herzen neue Gluth zu wecken."

"Sie selbst bleibt unnahbar, wie dort die goldnen Sterne,
Die leise ausziehn ber unser Haupt,
Und keinem Freier mocht' es noch gelingen,
Da ihr den Schleier einer khn geraubt.
Doch schaut! Verglht sind nun die letzten Gipfel,
In tiefem Dunkel ruhen alle Wipfel!" --

Sie hatte kaum gesprochen, da klang hinter ihnen
Des Wchters Horn in langgezognem Schall,
Fr Schlo und Landschaft Feierabend bietend;
Vom "Hungerberge" scholl der Wiederhall
Und mischte sich mit fernem Glockensummen,
Das bald erstarb in mligem Verstummen.

Nun breitete sich Schweigen ber Berg' und Thler,
Es herrschte Nacht und Ruh! Ein leiser Hauch,
Der Abendwind, zog lind durch das Gebsche,
Als wiegte er in Schlummer Blatt und Strauch,
Und droben, hoch in ungemener Ferne,
Erglnzten schimmernd Millionen Sterne.

Da, horch! Vom Zwingolf unten klang es durch das Dunkel,
Wie flsternd Plaudern, zu den Beiden auf;
Dann war es wieder, als ob leichte Fe
Zum Brunnen huschten in behendem Lauf,
Und jetzt lie, unweit von der innern Pforte,
Ein Liedlein sich vernehmen. Hier die Worte:

"Eine Tanne, schlank und duftig,
Meiner Minne Maienzier
Stelle ich zum Angedenken
Nchtens vor braun Maidlins Thr."

"Rosmarin und rothe Ilgen
Schmcken viel den Maienbaum,
Meine Seele aber zieret,
Ser Minne holder Traum."

"Gb ein Schlsselein die Feine
Mir von Gold, ich schl sie ein,
Tief in meines Herzens Schreine
Und verlr das Schlsselein."

Des Liedleins Tne zitterten noch durch den Zwingolf,
Da scholl vom Brunnen her, wie Wiederhall,
Erst leise, bis der rechte Ton getroffen,
Die Antwort drauf in glockenreinem Schall.
In tiefem Alt, als km' er aus der Seele,
Sang klar und deutlich eine Mdchenkehle:

"Drau' im Walde la' die Tanne.
Und die feinen Blmlein stehn;
Denke, was die Mutter sagte,
Wrd' den Maienbaum sie sehn?"

"Hast den Schlssel Du verloren,
Ist mir recht; denn wahre Minn'
Braucht kein Schllein und kein Schlssel,
Und bleibt doch im Herzen drin'."

"Tief im Walde grnt die Tanne,
Rothe Ilgen duften fein.
B'het Dich Gott in stiller Kammer,
Und gedenk' der Treuen Dein!"

"'s ist Mechtild und ihr Chnab, der Hansli!" sagte Elsbeth
Zum Junker, als der Sang verklungen war.
"Sie sind sich zugethan in allen Ehren
Und, wie ich meine, ist's ein stattlich Paar;
Hab' drum der Maid versprochen, anzufragen
Beim Vater, da die beiden es nicht wagen."

"Doch,nun ist's Zeit fr mich, zu gehen," schlo sie freundlich,
"Gehabt Euch wohl und trumet sanft die Nacht!"
Mit diesen Worten war sie ihm entschwunden
Und huschte nun die Wendeltreppe sacht
Hinunter, da die trocknen Treppensparren
Nicht allzu hrbar chzen oder knarren. --

Herrn Kuonrads "Gute Nacht!" kam ihr nicht mehr zu Ohren,
Weil, als er's sprach, sie schon davon geeilt.
Nun fiel ihm schwer, sich von dem Ort zu trennen,
Wo eben noch die Liebliche geweilt;
Er blickte sinnend nach dem Abendsterne,
Der prchtig flimmerte aus dunkler Ferne.

Mit sich allein, stieg vor des Junkers wacher Seele
Ein Bild empor durch Nacht und Dunkelheit.
Er sah sein Bslein, eine reiche Schne,
Um die im Stillen unlngst er gefreit,
Und der sein Werben auch wohl nicht mifallen,
Da sie nur ihn begnstigte vor Allen.

Schon, weil es galt des Bsleins Eltern zu gewinnen,
Hatt' sich der Junker an den Ohm gewandt,
De' Wort als Bischof mehr als seins mocht' gelten,
Da bald ihm werde der Erkornen Hand.
Da kam der Span mit Sigismund dazwischen,
Vor dessen Zorn Herr Kuonrad mut' entwischen.

Nun stand der Schnen Bild ihm pltzlich vor der Seele:
Die Stirn' umwallt von dunkler Locken Pracht,
Die herrliche Gestalt von ppigstolzen Formen,
Mit Augen, schwrzer als die tiefste Nacht;
Die jedesmal den Sinn ihm neu bestrickten,
Wenn voller Gluthen sie verlangend blickten.

Doch bald verschwanden auch des schnen Bildes Farben,
Es trat an dessen Platz ein ander Bild:
Nicht stolz und ppig, wie das erste zeigte,
Nein, lieblich, hold und fein und mild;
Gleich Sonnenstrahlen, die am Frhlingsmorgen
Im Thau hin kssen bangen Winters Sorgen.

In mildem Strahle glnzten Elsbeths fromme Augen,
Er konnte tief in ihre Seele schau'n,
Die klar und rein sich darin wiederspiegelt'
Und hin sich gab in kindlichem Vertrau'n.
Die Huldgestalt in Minne zu umfangen,
War seines Herzens strmisches Verlangen.

So stand er, sich versenkend in die lieben Zge,
Im Wesen ihm und in Gedanken nah;
Denn jeden Tag mut' er auf's Neu' bewundern,
Was hier zum ersten Mal sein Auge sah:
In Zchten stiller Minne treu ergeben
Und milde waltend, deutsches Frauenleben.

Mit andern Augen schaute er das reiche Bslein,
So stolz, weil es entstammte wlschem Blut;
De' Blicke so vernichtend blitzen konnten,
Und doch verriethen tief verborgne Gluth!
Das tausendmal am gleichen Sommertage
Die Laune wechselte zu seiner Plage.

Nicht mhte er sich mehr, die beiden zu vergleichen,
Er mehrte damit sich nur Schmerz und Qual.
Der Oheim mute lngst geworben haben,
Und blieb denn berhaupt noch eine Wahl?
Herr Kuonrad sagte sich, zwar mit Errthen,
Des Bsleins Reichthum sei ihm sehr von Nthen.

Nun mit sich selber zrnend, stand er lange sinnend,
Bis scharfe Nachtluft ihm die Stirn' gekhlt.
Von heute wollt' er Elsbeth ferne bleiben,
Da nicht sie ahne, was er fr sie fhlt;
Denn nimmermehr wr' Ruhe ihm beschieden,
Wenn er zerstrte ihres Herzens Frieden.

Mit solchem Vorsatz ging der Junker zu der Treppe,
Die er, im Dunkel tastend, niederstieg,
Um unten noch beim Vogte vorzusprechen,
Mit ihm zu plaudern von dem letzten Krieg.
Er traf den Kaplan da, nebst Wein und Karten;
Die Herren mochten seiner lang schon warten. --

Im Zwingolf unten, nun das Abendbrot gegessen,
Verkrzten sich die Knechte auf der Bank
Die Zeit vorm Schlafengehn mit Scherz und Plaudern;
Sie sagten Kunz und Hansli vielen Dank,
Als diese noch, auf allgemein Verlangen,
Ein paar "Gestzlein," die hier folgen, sangen.

Wir lieben's den viel rothen Wein,
Denn er geht frisch in's Blut uns ein.
Gedeihen mu das Leben,
Wenn wir das Knnlein heben!
Gedeihen mu das Leben,
Wenn wir das Knnlein heben!

Kommt es auch vor, da wir einmal
Festsitzen bis zum Morgenstrahl;
Beim Weine uns zu wrmen,
Die ganze Nacht durchschwrmen!
Beim Weine uns zu wrmen,
Die ganze Nacht durchschwrmen!

So sind dem Zecher doch nicht hn
Drob unsre lieben Frauen schn,
Dieweil sie selbst gern nippen
Am Wein, mit Rosenlippen!
Dieweil sie selbst gern nippen
Am Wein, mit Rosenlippen!

Hallowerwein, Du Edelblut,
Du schmeckst zu allen Zeiten gut;
Nach Dir geht unser Streben,
So lange wir am Leben!
Nach Dir geht unser Streben,
So lange wir am Leben!

Und geht es einst auf's Todtenbett,
So reichet uns, als Seelgerett',
Von Hallau Saft der Reben,
In's Jenseits uns zu heben!
Von Hallau Saft der Reben,
In's Jenseits uns zu heben!

   ------

Der schnste Tod, den ich mir wei,
Das ist: im Wald zu sterben;
Viel schner, als im Bette hei,
Aus Lumpen zu verderben!

Der beste Wein, so jeder kennt,
Er mu wohl sein gegohren;
Recht, wie ein Mann, den nichts mehr brennt,
Der d'Hrnlin hat verloren!

   ------

Gott gr' Dich, feurig Rebenblut,
Du Edeltrost der Mannen!
Wie schmeckst Du allerorten gut,
Aus Humpen und aus Kannen.
Hat einer von Dir etzlich Stck
Im khlen Keller vergraben,
So preis' er's als sein grtes Glck,
Am Weine sich zu laben!

Gott gr' Dich, feiner Augentrost,
Vielschne Maid im Walde!
Nach Deiner minniglichen Kost
Sehn' ich mich nur zu balde.
Wer immer Dich sein eigen nennt,
Dem brennt ein Feu'r im Herzen;
Macht, da er keine Jahrzeit kennt
Und thaut, wie Schnee im Mrzen!

   ------

Was ist es, dessen sich freuen soll
Am ersten ein guter Zecher,
Wenn ihm die Maid einen Humpen voll
Mit Wein reicht, dem Sorgenbrecher!
Ist es das Na in der Kanne klar,
Hellperlendes Blut der Reben?
Ist es der Maid frisch Lippenpaar,
Nach denen geht sein Streben?
Ich acht' wohl fein, vieledle Herrn,
Das braucht's nicht lang zu rathen;
Ein Jeder trst' sich Beider gern,
Vom Spielmann bis Prlaten!

   ------

Mein Mgdlein trgt ein Camisol
Mit einem Purpursaume;
Nun gute Nacht und schlafet wohl,
Und denket mein im Traume!


Viertes Kapitel.

Ein Meer von Nebelwolken fllte rings die Thler,
Nur leis bewegt vom lauen Hauch des Fhn.
Aus Silberwogen ragten, Inseln hnlich,
Der nahen Berge dunkelgrne Hhn;
Sie ruhten grend schon im Sonnenstrahle,
Inde' noch dichter Nebel lag im Thale.

Das Auf- und Niederschwanken all' der Nebelmassen
Glich scharfem Stechen, wildemprtem Streit,
Denn kmpfend rang die Sonne mit dem Nebel,
Doch der wich kaum um eine Spanne breit;
Schien an der Halde er auf's Haupt geschlagen,
Sah dafr jenseits man ihn berghoch ragen.

Fast jeden Morgen wiederholt sich dieses Ringen,
Es weisen sich die Kmpen khn die Brust.
Bald schiet die Sonne Strahlen in die Thler,
Bald wieder stockt's von weiem Nebeldust;
Meist bleibt, wer Sieger, lange unentschieden,
Denn Sonn' und Nebel schlieen ungern Frieden. --

Es war Sanct Vrenen Tag, als Frhe schon im Zwingolf
Zum Aufbruch fertig standen Ro und Tro.
Sie feierten die Heilige in Zurzach,
Da durfte fehlen nicht der Vogt vom Schlo,
Und da ihn Elsbeth und Benno begleiten,
War auch Herr Kuonrad einig mitzureiten.

Nun standen plaudernd lngst die Knechte bei den Pferden,
Die, ungeduldig scharrend mit dem Huf,
Schier neidisch auf des Fruleins Zelter blickten.
Es war ein Schimmel. Stolz auf den Beruf,
Des Schlosses Herrin hie und da zu tragen,
Mocht' ihn die Ungeduld am meisten plagen.

Jetzt regte sich's auch in der Windberg' berm Thore.
Dort lieen Haus und Xaver alsgemach
Die Brcke auf den Grabenpfeiler nieder,
Inde' der Erstere zum Letztern sprach:
's ist gar nit koumli, heut in's Thal zu fahren,
Der Nebel lt ja kaum den Weg gewahren!"

"La' nur den Nebel, Bueb! Der ist am Berg von Nthen;
Er ist der Traubenkocher, der schafft Saft!"
Gab Xaver rauh zurck, sich kurz verschnaufend,
Denn an der Winde galt es Manneskraft,
"Bei Euch im Schwarzwald mag er minder taugen,
Doch dafr knnt Ihr auch an Schlehen saugen!"

"Drum ist mir hier der Wein um desto lieber, Vehrli!"
Sprach, neckisch lachend, Hans zum ltern Knecht.
Der aber brummte: "So 'ne Wldergurgel
Find't stets das Beste grade fr sich recht;
Wr' ich der Vogt hier, mten solche Laffen
Mir jeden Gottestag im Rebberg schaffen."

Als Hans den derben Worten jetzt entgegnen wollte,
Da polterte es von der Brcke her,
Schnell traten beide drum zur nchsten Luke,
Von der man bersah des Schlosses Wehr.
's war Kunz, der, mit dem Pferd schon berm Graben,
Wie immer, mute vor dem Vogte traben.

Bald folgte dieser selbst. Zur Seite ritt die Tochter,
Des Zelters Zgel in der zarten Hand.
Es schmiegte sich um Elsbeths schlanke Formen
Ein enganschlieend, schwarzes Sammtgewand;
Den Hals umkruselten schlohweie Spitzen,
Die, steifgedollt, im Strahl der Sonne glitzen.

Des Haares krause Wellen hielt ein Netz gefangen,
Da nicht entrolle sich die goldne Flut;
Zwei weie Strauenfedern wogten prangend
Am, ebenfalls schwarzsammtnen, kleinen Hut,
Der leicht beschattete die feinen Zge,
Doch auch sie sehen lie noch zur Genge.

Auf schmucken Rappen folgten Benno und der Junker.
Die beiden ritten friedlich Seit' an Seit',
Denn da der fromme Herr ein schwacher Reiter,
Bat er den Hausgenossen zum Geleit;
Der wr' zwar lieber mit dem Vogt geritten,
Fgt aber artig sich des Kaplans Bitten.

Zum Schlu kam Jochen, der, ein Packpferd noch am Zgel,
Dicht hinter Benno und dem Junker ritt.
Sein eigensinnig Rlein wollte traben,
Da doch nur Schritt der steile Bergweg litt;
Ein Ruck am Zgel und der Peitsche Schwingen
Verhalfen es in rechten Gang zu bringen.

Bald wurde links geschwenkt und es verschwand die Truppe
Im Nebelmeere an des Schlobergs Wand.
Von kalten, feuchten Wolken rings umschlossen,
War's kaum so hell, da sie den Weg noch fand,
Der jh nach Bechtersbohl hinunter fhrte,
Wo schon der Dorfvogt stand, wie sich's gebhrte.

Mit kurzem Grue ritten sie an ihm vorber
Dangstetten zu; auf breitem Karrenweg
Ging's rasch in schlankem Trab thalnieder,
Bald waren sie am Kreuze bei dem Steg.
Der Nebel aber wollte noch nicht weichen,
Sie sehen nichts vom Dorf, bis sie's erreichen.

Hier harrte ebenfalls der Dorfvogt des Gestrengen
Und brachte ihm, nach Brauch und alter Sitt',
Das Ortsgeschenk, das man zu bieten hatte,
So oft der Schlovogt durch die Gasse ritt:
"Dem Pferd ein Metzlin Hafer, und zwo Kannen
Voll guoten Weines fr des Schlosses Mannen."

So bringt's die Urkund', ist auf Pergament zu lesen. --
Weil noch es frh war, hie des Vogtes Huld
Den Wein und Hafer auf den Abend sparen,
Wo er empfangen will des Dorfes Schuld;
Gar froh, da heut' der Herr nichts fand zu rgen,
Mocht' gern der Bauer dem Bescheid sich fgen.

Nun ging es weiter zwischen strohgedeckten Htten,
Die links und rechts an breiter Gasse stehn;
Sie lagen wie verdet in dem Nebel
Und war kein lebend Wesen nah' zu sehn,
Da all die Bauern, fromm wie ihre Ahnen,
Nach Zurzach unterwegs mit Kreuz und Fahnen.

Bei einem Hause nur verlockt' der Rosse Trappeln
An's schmale Fensterlein ein bleich Gesicht,
De' Eigenthmer scheu gemieden wurde;
Denn er vollzog des Blutbanns streng Gericht.
's war Meister Jakob, der das Fest mut' meiden,
Wollt er nicht andern den Genu verleiden.

Den Herrn erschauend wandte er sich weg vom Fenster
Und dabei traf sein kalter Henkerblick
Das breite Richtschwert in des Stbleins Ecke;
Sonst fhrte er das Schwert mit viel Geschick,
Doch, seit des Vogtherrn Urtel milde enden,
Schwang selten er es mehr in seinen Hnden.

In scharfem Ritte ging's am letzten Haus vorber.
Der Nebel mehrte sich noch bis zum Rhein
Und hllte Ro und Reiter immer dichter
In seinen frostig-feuchten Mantel ein.
Am Kreuzweg nahten sie geweihter Stelle,
Der alten Vierzehn-Nothhelfer-Kapelle.

Hier jedoch hemmte Elsbeth ihres Rleins Schritte
Und wandte sich Herr Kuonrad zu, beschmt,
Da sie der Klte nachgab, mit der Bitte
Um's Schublein, das, mit Fuchspelz warm verbrmt,
In Jochens Packkorb herzlich wenig ntze,
Statt, da es bas sie nun vor Frost beschtze.

Hei! flog auf flinkem Ro Herr Kuonrad da zu Jochen,
Von dem er bald mit Elsbeths Schublein kehrt;
Den Ritterdienst, es fein ihr umzulegen,
Die Herrin ihm mit keinem Worte wehrt',
Und, nun er sah den Vogt beim Kaplan reiten,
Blieb hbsch er fortan an des Fruleins Seiten.

Bewundernd hing sein Blick an ihren feinen Formen,
Die mehr noch hob das knappe Sammetkleid;
Es duchte ihm, als sei vor seinen Augen
Zur Jungfrau auferblht die holde Maid,
Das traute "Elsbeth" msse er vergessen,
Sie "Frulein" nennen, hfisch und gemessen.

Sonst nicht gewohnt nach Worten lang zu suchen, ritt er
Jetzt schweigend neben ihrem Zelter her;
Denn was er auch der Schnen sagen wollte,
Es duchte ihm gar schal und inhaltleer.
Mit vollem Herzen, blde und verlegen
Ritt er zur Seite ihr dem Rhein entgegen.

Noch hatten Beide nicht ein einzig Wort gesprochen,
Als sie in Rheinheim sich beim Posthaus sahn,
Wo Benno just sich abzusteigen mhte;
Sein Ro hielt jedes mal hier selber an,
Da nie sein Herr zu Pferd das Schiff betreten,
So oft der Vogt, ihn neckend, schon gebeten.

Bald nahte Kunz, dem Vogt zu melden, da den Fhrmann
Vom andern Ufer er herber pfiff.
Sie ritten vollends denn zum Rhein hinunter
Und hielten dort im groen Wagenschiff,
Das, als gelst der Ferg' die nassen Seile,
Stromaufwrts mute eine gute Weile.

Dann rauschte es vorbei am Pfahlwerk einer Brcke,
So hier zur Zeit der Rmerherrschaft stand,
Vorn an dem Schnabel sprhten grne Wellen
Ihr perlend Na bis hoch hinaus zum Rand;
Durch Nebeldunst sah man Gemuer thronen,
Die "Burg," erbaut von Roma's Legionen.

Nun war des Fergen schwerste Arbeit berstanden,
Das Schiff flog hin gleich einem Federspiel;
Ein Ruderschlag bracht' es dem Ufer nahe,
Ein zweiter noch, es war am sichern Ziel.
Nur Benno stand noch auf der andern Seite
Und ma im Warten sich des Stromes Breite.

Zu Rosse hoch, wie drben sie das Schiff betreten,
Verlieen es der Vogt und seine Schaar.
Die Pferde hasteten auf holperigem Pflaster,
Da jeder Hufschlag funkensprhend war,
Bergan, und als der steile Weg erstiegen,
Sah hell im Sonnenschein man Zurzach liegen. --

Die Sonne hat gesiegt; der Nebel mute weichen,
Im nahen Rheine ging er still zu Grab.
Von grner Hhe drben grten schimmernd
Die weien Zinnen Kssabergs herab;
In klarer Herbstluft mocht' das Auge schwelgen
Auf lngst bebauten, schn gelegnen Zelgen.

Der Vorsicht halber ritt die Truppe jetzt im Schritte,
Denn nah dem Flecken war die Strae voll
Von Pilgern, die zum Vrenenstifte wallten,
Der Heil'gen bringend frommer Andacht Zoll;
Dann auch von Leuten, die, aus fernen Landen,
Geschften wegen sich zur "Messe" fanden.

Auch, meist in langem Zug die Pferde voreinander,
Fuhr schwerbeladen mancher Wagen ein.
Es gab sich hier am Sankt Verenenfeste
Die halbe Kaufmannswelt ein Stelldichein,
Und selten hat es einen mal verdrossen,
Wenn einen Handel er hier abgeschlossen.

In langen Reihen standen graue Leinwandzelte
Den Weg entlang, fr allerlei Gethier
Und fahrend Volk vorsorglich hier errichtet,
Inde' das eigentliche Marktrevier
Im Flecken selber war, wo Lauben, Bogen,
Zu Dutzenden sich lngs den Husern zogen. --

In heisern, fremden Lauten bot dem Volk hier drauen,
Ein fahrend Kuchenweib s Naschwerk an,
Laut brllten dicht daneben Bnkelsnger
Ein Lied zum Morde auf dem Leinwandplan;
Dazwischen lrmten Kinder, bellten Hunde.
Man hrte kaum das Wort vom eignen Munde.

Ein Wunderdoktor rhmte: Alles zu curiren,
Was je der Menschheit Pein und Plag gemacht;
Sein Diener schlug die groe Kesselpauke,
So oft er unterbrach der Rede Pracht.
Daneben bten Gaukler ihre Lungen
Und berschrieen sich in allen Zungen. --

Verwundert blickte Elsbeth auf dies Treiben nieder,
Nicht achtend, da, vom Volke eingezwngt,
Ihr Zelterlein kaum vorwrts kommen konnte;
Als jetzt Herr Kuonrad, ebenfalls umdrngt,
Dem Knechte winkte, welcher unter Fluchen
Sich mhte einen Ausweg hier zu suchen.

Es ging nicht; denn je nher sie dem Flecken kamen,
Um desto dichter ward die Menschenschaar
Und Jochen durfte sich vergeblich plagen;
Der Junker wurde dieses auch gewahr
Und rieth er drum, geduldig sich zu fassen,
Bis mehr sich lichten wrden ihre Massen.

Ein wenig besser war's dem Vogt ergangen. Er ritt
Mit Kunzen, von den Seinigen getrennt,
Schon nah dem Flecken; nicht gro achtend,
Wie um ihn her die Menge lrmt und rennt.
Gab die nicht Raum auf Kunzens "Platz da!" rufen,
So sorgten dafr seines Hengsten Hufen. --

Noch trieben Elsbeth und Herr Kuonrad hin im Strome
Der Massen, Ro und Reiter eingezwngt,
Als hinter ihnen Angstgeschrei erschallte
Und kreischend sich das Volk noch nher drngt'.
Ein Tanzbr, einen Affen auf dem Rcken,
Versuchte flchtend sich hindurch zu drcken.

Der ungewohnte Anblick des entlaufnen Thieres,
Er wirkte lhmend auf der Meisten Muth;
Die Schreckensrufe gellten immer lauter
Und brachten Petz gar bald in solche Wuth,
Da sein Gebrumm das Schreien bertnte,
Der Affe aber rings die Menge hhnte.

In blinder Hetze jagte, mit der Kette klirrend,
Das Thier durchs Volk, das auseinander stob,
Und fand den Weg gerade zu der Stelle,
Wo Elsbeths Zelter, ungeduldig ob
Dem Hllenlrmen, am Gebisse kaute;
Gespitzten Ohres das Gedrnge schaute.

Schon schnob und brummte es und schnaufte hinter ihnen.
Das Zelterlein hob hoch den Kopf empor;
Jetzt strmte Petz in toller Hatz vorber,
So da der Schimmel drob den Kopf verlor
Und voller Angst in jhem Sprunge scheute,
Gleich seiner Herrin, des Entsetzens Beute.

Doch, eh' des Rleins Hufe wieder Boden fanden,
War dieses schon von seiner Last befreit
Und ruhte Elsbeth in Herr Kuonrads Armen,
Vom Sturz gerettet noch zur rechten Zeit.
Ein Dutzend Hnde fuhren nach dem Pferde
Und hielten fest es ohne viel Beschwerde.

"Um Gottes Willen!" rief der Junker, selbst erschrocken,
Als Elsbeth todtbla hing im Arme sein.
"Habt keine Angst!... Ihr nahmet doch nicht Schaden?
Das Kpfchen hebend, sprach sie leise: "Nein!..."
Indessen rannte fahrend Volk mit Stangen
Und Peitschen nach dem Flchtling, ihn zu fangen.

Da kam auch Jochen nher; grimm die Peitsche brauchend,
Hieb er mit Wucht auf das Gesindel ein,
So lrmend Petzen auf dem Fue folgte,
Das Thier nur rger hetzend mit dem Schrei'n;
Bald gab es Raum, des Bren Hscher wichen
Nach rechts und links, soweit die Hiebe strichen.

Doch dem bedrngten Paare ward noch andre Hlfe:
Vom Mnster her ertnte Glockenklang,
In tiefem Basse scholl die Vrenenglocke,
So da es klang wie ferner Chorgesang.
Im Nu zerstob das Volk nach allen Seiten,
Um in der Mess' zu sein bei rechten Zeiten. --

Noch zitternd, stand das Zelterlein vom Knecht gehalten,
Der es mit strengen Blicken untersucht.
Das Thier war heil, auch fand an Zaum und Gurten
Sich nichts beschdigt von des Sprunges Wucht,
Als nur ein Riemlein, das, weil schwach, zerrissen,
Nun Jochen flink zu binden war beflissen.

Als dies geschehen, griff er nach dem Zaum und fhrte
Das Rlein sorgsam seiner Herrin vor,
Die lehnte noch im Arme ihres Retters,
Fuhr aber tief errthend nun empor;
Ihr wellig Goldhaar streifte seine Wange,
Auch ri, vom raschen Ruck, des Schubleins Spange.

Herr Kuonrad schwang sich jetzo selbst von seinem Rappen
Und hob mit starkem Arm die se Last
Dem Zelter in den Sattel; Elsbeth jedoch,
Als erst sie wieder sicher Platz gefat,
Belohnte mit dem wrmsten ihrer Blicke
Den Junker fr den Schutz im Migeschicke. --

Inzwischen hatte auch die Jagd ein End' genommen,
Weil Meister Petz sich schlielich fangen lie;
Manch derber Hieb traf seinen breiten Rcken,
So da er eilig sich zu gehn befli.
Der Affe aber war und blieb verschwunden
Und Niemand wute, welchen Weg er funden.

Ohn' weitern Unfall war das Paar bald in dem Flecken,
De' Huser, meist mit buntem Schild geschmckt,
Den Fremden gastlich sich zum Obdach boten
Und oft den Whlenden die Wahl bedrckt';
Doch, ob im Flecken unten oder oben,
Sie waren berall gut aufgehoben. --

Wie heute noch, bewohnte damals schon ein bieder,
Gemthlich Vlklein Zurzachs Huserreihn.
Die Brger, freundlich und von schlichtem Wesen,
Vermieden gerne jeden Trug und Schein,
Und waren, um der Reinheit ihrer Sitten,
Rheinauf und ab bei allen wohlgelitten.

Bedrngte Nachbarn fanden hier noch Rath und Hlfe
Wenn anderwrts die Thr verschlossen stand.
Im Stift die Chorherrn und des Fleckens Aerzte,
Sie waren stets fr Seel' und Leib zur Hand;
Auch, nahte sich Sanct Martinus mit Grinsen,
Fand hier der Landmann Geld zu ringen Zinsen. --

Jetzt war es stille in den Gassen, da die Hallen,
Oft bervoll von fremder Kaufherrn Gut,
Verschlossen standen bis zum Schlu des Hochamts,
Den jedesmal ein Glcklein knden thut.
Nur selten sah man, lngs der Huser Zeilen,
Noch da und dort Jemand zur Kirche eilen.

In sachtem Schritte ritten Elsbeth und Herr Kuonrad,
Da nicht der Hufschlag allzu strend hallt',
Der Kirche zu, aus deren offnen Pforten
Schon Megesang und Orgelton erschallt';
Dem Eingang unfern lauschte Kunz dem Singen,
Bis er die Pferde konnt' zur Herberg bringen.

Nun half der Junker ihr vom Zelter und es traten
Die Beiden, sich bekreuz'gend, in den Dom,
Wo, nicht gar fern, der Vogt in Andacht knieete,
Zur Seite seines Bruders, Elsbeths Ohm;
In Klingnau Pfarrherr und auch wohl gelitten,
Kam er heut frhe schon zum Fest geritten.

Herr Kuonrad, frommen Brauches kundig, trat zum Becken,
In welchem sich geweihtes Wasser fand;
Die Finger netzend, reichte draus er hfisch
Auch etlich' Trpflein der Begleitrin Hand,
Und Elsbeth nahm's mit stummem Dank entgegen.
Dann knieeten beide bis zum letzten Segen. --

Das Ite, missa est des Hochamts war gesungen,
Verklungen auch der Orgel letzter Hauch;
In Wolken wogte zur bemalten Decke
Der Duft vom dichtentfachten Opferrauch
Und, Fluten gleichend, strmte laut die Menge
Hinaus zum Tempel durch der Pforten Enge.

Nur wem ein stiller Wunsch die Seele noch erfllte,
Wer sich gelobt, in Freude oder Schmerz,
Zu knieen an dem Grabe Sankt Verenens
Und auszuschtten da sein volles Herz,
Der schritt jetzt leise zu des Chores Pforte,
Die ihm den Weg erschlo zum Gnadenorte.

In breitgewlbter Krypta schlummert dort die Jungfrau
Im Sarg, den frommer Glaube berbaut';
Das Gitter, so die stille Gruft umfriedet,
Wohl manch bedrngtes Herz hat es geschaut.
Ein steinern Bildni zeigt die Wundersame,
Das Krglein in den Hnden sammt dem Kamme.

Auch Elsbeth zog es hin; inmitten frommer Waller
Stieg bald ihr Flehn zur Heiligen empor.
Um was? Nur diese mochte es erlauschen,
Denn kaum ein Flstern nur vernahm das Ohr;
Doch tief sah man die Betende sich neigen
In heiem Flehen, ganz der Andacht eigen.

Ein milder Glanz verklrte hold das schne Antlitz,
Als sie sich endlich vom Gebet erhob;
Die Sonnenaugen schienen Glck zu strahlen,
In das sich Seligkeit und Wonne wob,
Und unschwer war der Frommen anzusehen,
Da sie erhret whnt des Herzens Flehen.

Still kehrte sie zurck durch's Grabkapellenpfrtchen,
Wo ihr Begleiter traumverloren stand.
Bis dorthin folgte vorhin er der Herrin
Und lehnte, ihrer harrend, an der Wand;
Doch, nun den Arm der Holden er wollt' reichen,
Wut' Elsbeth sittig diesem auszuweichen.

"'s ziemt nicht, im Hause Gottes eitlen Brauch zu pflegen!"
Verwies sie flsternd zu ihm hingewandt,
"Doch wollt Ihr spter Euch gefllig zeigen,
So mgt ihr mich begleiten nach der Hand;
Hab' manchen Auftrag fr den Markt bekommen,
Und Euer Schutz wird im Gewhl mir frommen!"

Schon standen Beide da auch vor der Kirche drauen,
Wo nun Herr Kuonrad doch die Frage wagt',
Ob Elsbeth im Gebet auch sein gedachte?
Sie gab zur Antwort darauf unverzagt:
"Gott will ja, da wir fr einander beten,
So oft wir stehend vor sein Antlitz treten!"

Dann bat sie lchelnd: "Lat uns nach der Herberg gehen
Und sehen, ob ein Imbi fertig steht.
Wie schon ich sagte, bleibt mir viel zu schaffen,
Eh' es am Nachmittag zur Vesper geht;
Mu ja, soll mir die Mefahrt bas gelingen,
Fr Jedes einen Kram nach Hause bringen."

Bei diesen Worten legte Elsbeth leicht die Linke
In den vom Junker ihr gebot'nen Arm,
Die Rechte aber hob des Kleides Schleppe,
Da nicht sie hindere im Menschenschwarm;
Denn Kreuz und Quer galt es sich durchzuwinden,
Bis in der "Rosen" sie den Vater finden. --

Kurz vor den Beiden war der Vogt dort eingetroffen;
Nun sa am Tisch er, ihrer harrend, da.
Die hellen Augen blinzelten gar freundlich,
Als er die Zwei in's Stblein treten sah
Und, ihren Gru erwiedernd, rief er heiter:
"Da kommen ja die lngst vermiten Reiter!"

Als drauf sie ihm zur Seite Platz genommen hatten,
Erzhlte ihnen sein gesprch'ger Mund,
Da zu dem Mahle, so das Stift alljhrlich
Am Vrenentage, nach der Vesperstund'
Bewhrten Freunden biete, Seine Gnaden,
Der Propst, auch sie gar freundlich eingeladen.

"Da hab' ich," sprach er lchelnd, "nun versprechen mssen,
Der Einladung zu folgen, die uns ehrt.
Wir werden zwischen Sankt Verenens Gsten
Auch etlich' Freunde treffen, lieb und werth,
So sich mit uns in Ehren bas erfreuen;
Die alte Freundschaft wiederum erneuen!"

Als er geendet, dankte ihm Herr Kuonrad frhlich,
Denn der war ob der Botschaft hoch erfreut;
Sie brachte Wechsel in das stille Leben,
Das auf dem Berge er gefhrt bis heut',
Und sah er drum dem Mahle gern entgegen.
Nicht ganz so leicht lie Elsbeth sich bewegen.

Das Kpflein senkend, sah sie sinnend vor sich nieder,
Mit tiefem Ernst im lieblichen Gesicht.
Ihr war, als sollt' dem Mahl sie ferne bleiben,
Das Warum? wute selbst sie jedoch nicht;
Doch, stets gewohnt des Vaters Wort zu ehren,
Versuchte nicht sie seinem Wunsch zu wehren.

Sie sann noch immer, als die schmucke Rosenwirthin,
Den Imbi bringend, in das Stblein trat
Und, weil es lang gedauert bis der fertig,
Die Gste hflich um Verzeihung bat:
Es sei viel Arbeit heut' in allen Ecken,
Und sie gewohnt, den Gsten selbst zu decken.

Da fiel ihr Blick auf Elsbeth und, die Maid bewundernd,
Pries sie dem Vogt der Tochter Schnheit hoch,
So da die, schmig drob, die Lider senkte
Und froh war, als die Wirthin schlielich doch
Sich eifrig an dem Tisch zu schaffen machte;
Dort alles rein und nett in Ordnung brachte.

Ein gro Stck Rheinlachs neben leckeren Forellen,
Im Maul der letztern prangte frisches Grn,
Und dazu Wein, von Badens "Goldwand" stammend,
Verlockten bald zu einem Angriff khn;
Es mochte auch der weite Ritt am Morgen
Fr guten Appetit der Dreie sorgen.

Als Wrze kam zum Mahl der Wirthin harmlos Plaudern,
Das stets vom Vogt auf's neue ward geweckt;
Sie bat dazwischen, tapfer zuzugreifen,
Da es sie freue, wenn's den Gsten schmeckt.
Die Herren thaten denn auch so; indessen
Das Frulein lieber lauschte, statt zu essen.

Die Redesel'ge wurde endlich mde, oder
Der Stoff versiegte ihrem rothen Mund;
Denn sie empfahl sich mit dem schlauen Vorwand:
Am Buffert stecke noch das Schlsselbund,
So abzuziehen vorhin sie versehen --
Und nun konnt' Elsbeth auch an's Essen gehen.

Als sie zu Ende, gnnten sich die Drei am Tische
Noch etwas Ruhe, unter Plaudern zwar,
Eh' es hinaus ging in des Marktes Treiben,
Wo heute manches einzukaufen war.
Die Wirthschaft braucht gar viel im Lauf des Jahres,
Nun lacht der Krmer, bringst Du Geld ihm, baares.

Auch Jochen und sein Packpferd muten mit zum Markte;
Denn was die Herrschaft kauft, er ldt es auf.
Bald standen sie im dichtesten Gedrnge,
Doch dabei ward geschlossen mancher Kauf;
Es ruhten Zindal, Palmat, feines Saben,
Schon tief in Jochens Packkrben vergraben.

Zum Kulterberzuge fr des Vaters Lehnstuhl
Gab Elsbeth heimlich noch ihr Spargeld her;
Inde Herr Heinz still bei sich berlegte,
Was wohl dem Tchterlein zu kaufen wr';
Herr Kuonrad aber schlich sich unterdessen
Von ihnen weg, den Marktplatz zu durchmessen.

Bei einem Goldschmiedladen blieb er jedoch stehen,
Es lockte dorten ihn ein Ringlein fein.
Ohn' viel zu feilschen, kaufte er das Reifchen
Und barg es in sein drftig Beutelein;
Dann zog's ihn wieder, Elsbeth aufzusuchen,
Die er auch fand bei einem Zelt mit Kuchen.

Ein Ritterfrulein, aus gebruntem Teig gebacken,
Mit Kleid und Hut und buntem Frauentand,
Geruhte, huldvoll, sie fr ihn zu kaufen
Und drckte ihm dies flink nun in die Hand.
Nicht lange zgernd kaufte, unter Scherzen,
Der Junker dafr eins der braunen Herzen.

"Allberall ist Minne, nur in der Hll' nicht drinne!"
Hie dessen Aufschrift; als das Wiederspiel
Zu seinem Frulein, schenkte er es Elsbeth,
Verhoffend, da das Sprchlein ihr gefiel';
Sie nahm es lachend an, worauf inmitten
Der Zeltenzeilen Beide weiter schritten.

Jetzt kam des Schlosses Ingesinde an die Reihe,
Denn einen Kram erwarten Knecht und Magd.
Es durfte Elsbeth derer nicht vergessen,
Die sich Jahr aus Jahr ein im Dienst geplagt;
Zum ersten mute da sie Frida's denken,
Der sie ein "hornin Noster" wollte schenken.

Als dies in Ordnung, wurden auch die andern alle
Der Reihe nach bedacht mit Tchern, Band
Und derlei Herrlichkeiten; auch mit Hel'gen,
Wie es die Herrin fr sie passend fand;
Noch kam auch manches, de' sie erst nicht dachte,
Das, schn zur Schau gestellt, um's Geld sie brachte.

Des Rleins Krbe waren ziemlich voll geworden
Und Jochen konnte damit heimwrts ziehn,
Als auch die Glocken schon sich hren lieen,
Zum Zeichen, da die Vesperzeit erschien;
Es legte sich der Lrm, das Feilschen, Schwren,
Der Chorherrn Vespersang ja nicht zu stren. --

Wie Viele, zog's auch unser Dreiblatt in die Kirche,
So freundlich lag im Abendsonnenschein.
Dort lauschten voller Andacht sie dem Sange
Des Chores, Elsbeth stimmte auch mit ein;
Hell stieg aus ihrer Brust ein s Erklingen
Von Tnen, die beschwingt zum Himmel dringen.

Bald jedoch war der feierliche Sang zu Ende
Und ging's hinber in der Propstei Saal,
Wo lange, weigedeckte Tafeln harrten
Der Gste, die geladen sind zum Mahl.
Auch Elsbeth trat, geblendet fast vom Schimmer
Der Kerzen, an des Vaters Arm in's Zimmer.

Wohl pochte anfnglich es bange ihr im Herzen,
Und machte gar verlegen sie der Wahn,
Als ob hier Alle, wie mit einem Blicke,
Nur ihr und wieder ihr entgegen sahn;
Fast stolz jedoch, schritt mit ihr durch die Reihen
Der Vater, und Herr Kuonrad folgt' den Zweien.

Herr Heinz stie bald auf ihm bekannte Edelleute,
So da er grend anhielt hier und dort;
Er wechselte auch im Vorbergehen
Mit dem und jenem wohl ein lnger Wort.
Zum Beispiel mit dem Herrn von Alt-Krnkingen,
Dem Gutenburger und dem Wielandingen.

Es kamen auch die Nachbarn, Heiner, vom Schlo Rtteln,
Den Elsbeth fter schon beim Vater sah;
Der Freiherr von Schwarz-Wasserstelz im Rheine,
War mit Gemahlin und der Tochter da,
Und endlich noch trat mitten aus dem Schwarme,
Des Schlosses Kaplan mit dem Ohm am Arme.

Beim Wiedersehen ihrer beiden alten Freunde,
Ward es in Elsbeths Herzen mlig leicht;
Ihr frischer Liebreiz und anmuthig Wesen
Htt' einer Knigin zur Ehr' gereicht,
Bald ruhten aller Augen mit Gefallen.
Auf ihr, so hier die Schnste war von Allen.

Wie zu der Rose hin die Falter ziehen, zog es
Die Herren zu der wunderschnen Maid;
Es sprachen von der "Kssaberger Blume"
Die Damen, wohl nicht ohne leisen Neid.
Sie aber, nun den Oheim sie gesehen,
Bat ihren Vater, mit zu ihm zu gehen.

Der Ohm erkannte sie nicht gleich, es war schon lange
Seit er zum letzten Mal sein Niftel sah.
Das Kindlein, so er auf dem Kniee geschaukelt,
Wr' vor ihm die vielschne Jungfrau da?
Doch jeder Zweifel mute ihm vergehen,
Er sah ja seinen Bruder bei ihr stehen.

Auch rief ihr herzig Plaudern jetzt dem alten Herren,
Die lngst verwichnen Zeiten schnell zurck.
Hei! wie erstrahlten, als er ihrer dachte,
Die schnen Augen Elsbeths voller Glck.
Er mute wieder sie "traut Else" nennen,
Eh' will sie heut' sich nicht mehr von ihm trennen.

Der Ohm that's lchelnd. Dann begleitete er Beide
Zum Stiftspropst hin, der schon im Saale war,
Nicht wenig stolz sein Niftel prsentirend;
Der reichte gndig eine Hand ihr dar
Und schmunzelte, als Elsbeth, sich verneigend,
Dieselbe kte, ihre Ehrfurcht zeigend.

Gern berlie der Vogt die Tochter nun dem Bruder
Und sah sich um, wo denn Herr Kuonrad blieb;
Der war hier fremd und harrte lngst des Freundes,
Da er ihn vorstell', wie der Brauch es schrieb.
Dies that der Vogt und, weil er Viele kannte,
Wut' bald ein jeder, wie der Herr sich nannte.

Es hatte dabei wohl des Junkers hfisch Wesen,
Zu manchem Gnner ihm verholfen schon.
Wie immer, waren es zuerst die Damen,
Die er gewonnen durch vornehmen Ton,
Und war dies auch natrlich, da die Frauen
Vor Allem stets auf feinen Anstand schauen.

Die Freiin von Schwarz-Wasserstelz hielt bald den Junker
Gefangen sich; auch ihr hold Tchterlein,
Die braune Adelgunde lie, nicht schchtern,
Mit ihm sich tief in ein Geplauder ein,
In welchem sie ihn fest zu halten wute,
Bis er mit Elsbeth jetzt zur Tafel mute.

That es der Zufall -- oder Frulein Adelgunde?
Die gern den Junker lnger hielt in Haft,
Da sich die Freiin grade gegenber
Des Vogtes Sippschaft einen Platz verschafft!
Es war geschehn. Doch, jetzt begann das Essen,
Fr's Erste stille und gar steif, gemessen.

Als jedoch nach dem Braten laut der Vogt von Baden,
Das erste Hoch dem Vrenenstift gebracht,
In sem Vino d'Asti, so die Damen,
Schon damals gerne tranken, kam es sacht,
Wie Frhlingswehen, in der Gste Reihen;
Froh mochte jeder sich dem Nachbar weihen.

Nach jedem Hoch und Heilo, das im Saal erbrauste
Auf Stift und Propst und dessen Gastfreiheit,
Erhhte sich der Gste munter Wesen
Und waltete gar bald Gemthlichkeit,
Die machte, da die Alten wie die Jungen,
Beim Mahl sich unterhielten ungezwungen.

Nur Elsbeth blieb in sich gekehrt und schweigend, bedrckt
Von Qualen, die sie nie gefhlt zuvor.
Ein heimlich Wehe nagte ihr am Herzen,
Im zarten Busen quoll es hei empor;
Doch mochte schwerlich einer dies beachten
Von allen, die ihr einen Trunk zu brachten.

Vertieft in ihr Gesprche, schlrften Ohm und Vater
Behaglich dann und wann ein Glslein Wein,
Bis drauf der Vogt, dem auch der Pfarrer folgte,
Sich plaudernd wandte an die Nachbarn sein;
Nicht merkend, da, im Auge feuchtes Blinken,
Jung-Elsbeth sa, als sei ihr Muth am Sinken. --

Fr Elsbeth viel zu lange, hielt der Freifrau Plaudern
Den Junker fest und, schwieg die letztre mal,
Dann wute wieder Frulein Adelgunde
Zu fesseln ihn mit Fragen ohne Zahl,
So da im Stillen der sich schier beklagte,
Wenn offen er's auch nicht zu zeigen wagte:

Er hielt denn artig aus, wie es sich ziemt bei Damen,
Fr einen Mann, der gute Sitte kennt,
Und sagte ihnen, mit gewhlten Worten,
Manch feines, aber hfisch Compliment,
Das, er war sicher, drang's zu Elsbeths Ohren,
Fr sie so gut wie jeden Sinn verloren.

Sie aber zwang es, wie sie sich auch drob erwehrte,
Doch immer wieder, nach dem Freund zu sehn,
Was links und rechts die Nachbarn frhlich plaudern,
Es schuf ihr Mhe, dieses zu verstehn;
Sie sah nur ihn und hrte ihn nur sprechen,
Wollt' auch, vor Weh, das Herz ihr drber brechen.

Zwar winkte oft Herr Kuonrad mit dem Glas hinber
Und trank ihr Wohlsein mit beherztem Zug;
Doch jedes Mal, wenn dann sie sprechen wollte,
Kam ihr die Freiin zuvor oder frug
Just Adelgunde etwas und -- befangen,
Schwieg drauf sie wieder mit erglhten Wangen. --

O Maid, weit Du denn nicht, da Du im Netz verstricket,
Das, viel zu frhe, Dir Dein Herz gestellt?
Ahnst Du denn nicht, da Dich die Macht bezwungen,
Der widerstand noch Niemand in der Welt?
Mag immerhin Dein Mund das Wort auch hehlen,
Du fhlst es dennoch auf dem Grund der Seelen.

Du fhlst im Herzen Dein der ersten Liebe Werben,
Aus Deinen Sonnenaugen schaut sie klar;
Ein s Gefhl durchschauert Dir die Seele,
Was es bedeutet, wird Dir offenbar,
Nun, unwillkrlich, nimmst Du Dich zusammen,
Soll Keiner ahnen, da Dein Herz in Flammen. --

Ihr Weh bezwingend, suchte Elsbeth im Gesprche,
Das zwischen Ohm und Vater neu im Gang,
Auch ab und zu ein Wrtlein mit zu reden,
Als laut ihr Glas in hellem Ton erklang
Und sie den Kaplan sah, dem nicht entgangen,
Wie immer bleicher worden ihre Wangen.

Der brave Herr, vom Weine etwas warm geworden,
Blieb eine Weile still, als snn' er nach;
Doch that er dies, um besser sehn zu knnen,
Was aus den Augen seines Lieblings sprach,
Und nun er tief in ihrem Blick gelesen,
War, schien es, klar ihm, was der Grund gewesen.

Sich an Herrn Kuonrad wendend, sprach er launig: "Junker!
Gnnt Unsereinem auch einmal das Wort!
Wie wr's, so Ihr mit uns ein Glslein lpftet,
Eh' Euch im Sprechen noch die Zunge dorrt?
Ein edel Trpflein darf nicht lange stehen,
Soll dessen Blume nicht in Dunst verwehen!"

Mit sichtlichem Vergngen folgte auch Herr Kuonrad
Und wandte sich zu Benno mit dem Glas,
Der leise schmunzelnd auf die Seite schaute,
Weil, etwas gro, der Freiin Blick ihn ma,
Da er den Muth besessen, sie im Sprechen
Mit solchem Herren frech zu unterbrechen.

Doch bald sprach Benno lchelnd: "Da Ihr uns vergessen,
Erfordert wahrlich Bue nach Gebhr;
Drum trinket Eins mit Euern Hausgenossen,
Sonst seht Euch nur bas auf den Heimweg fr!"
Der Junker fgte sich dem Urtheil willig
Und that die Bue, wie es recht und billig.

Sein eigner Zutrank darauf aber galt jetzt Elsbeth.
Sie hielt ihr Kelchglas zitternd in der Hand
Und blickte schchtern in des Freundes Antlitz,
Der, ihr zum Wohl, ein feines Sprchlein fand.
Im Nu war all' das Herzweh da vergangen. --
Und prangten, wie mit Rosen, ihre Wangen.

Dem Kaplan war es mittlerweile doch gelungen,
Da er die Freifrau unterhielt beim Mahl;
Nun hielt er schlau die Plaudernde gefangen
Mit Frag' und Antwort ohne Wahl und Qual;
Selbst, als den Freund bedrngte Adelgunde,
Hascht' klug auch dieser er das Wort vom Munde!

Der Junker mhte sich indessen, braune Mandeln
Fr Elsbeth auszuknacken als Dessert;
Derweilen sie dem Vater nun erzhlte,
Da heute schon sie fast verunglckt wr',
So nicht Herr Kuonrad noch vorm Ungeschicke
Beschtzte sie im letzten Augenblicke.

Als Elsbeth schwieg, bedankte sich der Vogt beim Freunde
Und meinte, der sei jetzt der Schuld auch bar,
Die schwer das weiche Herze ihm bedrckte,
Seit jenem Tag, als das Gewitter war;
Das Tchterlein sei nun bei ihm in Schulden
Und msse, die zu zahlen, sich gedulden.

Dies jedoch wollte Jener nun nicht gelten lassen
Und blieb dabei, da er in ihrer Schuld
Sein ganzes Leben lang sich fhlen werde,
Ob der an jenem Tag erwies'nen Huld;
Was er gethan, sei nimmer zu vergleichen
Und aus dem Schuldbuch als bezahlt zu streichen.

Nun war es Elsbeth wieder, die von solcher Rede
Nichts hren wollte und Herrn Kuonrad droht',
Wenn er sich seiner Schuld nicht ledig achte,
So thue er sich selber dies zu Noth;
Er drfe nicht mehr jenes Diensts gedenken,
Sonst wrde sie es ihrer Lebtag krnken.

Bei solcherlei Geplauder war es spt geworden,
Doch achteten die Frohen nicht der Zeit,
Bis Benno, mahnend, sich zu ihnen wandte,
Zum Aufbruch rathend, denn der Weg sei weit.
Er hatte noch sein Ro in Rheinheim stehen,
Und mute nun zu Fu bis dorthin gehen.

So brachen sie denn auf. Doch schritten erst die Viere
Noch Abschied nehmend durch der Gste Reihn;
Als dies geschehen, ging es hin zur "Rosen,"
Wo Kunz lngst wartete der Herrschaft sein.
Da ja der Rosse Tritte Niemand wecken,
Verlieen sie in sachtem Schritt den Flecken. --

Die Nacht war hell. Des Mondes volle Scheibe glnzte
Gleich Silber an des Himmels bleichem Blau.
Wie Zauber lag es ber Wald und Fluren;
Im Wiesengrne schimmerte der Thau,
Tief unten flo der Rhein im klaren Bette
Und blinkte mit dem Mondlicht um die Wette.

Vor Rheinheims altberhmtem Posthaus hielt die Truppe,
Wo schon der Kaplan hoch zu Rosse war.
Noch lie der Vogt geschwind zwei Kannen fllen
Und brachte Joachim, der Wirth, sie dar;
Der Schlovogt ritt, dem "Markgrfler" zu Ehren,
Hier nie vorber, ohne einzukehren.

Doch, nun der Wirth die Kannen nochmals fllen wollte
Da wehrte Benno, und ging's wieder fort
In schlankem Trabe durch des Mondlichts Wellen.
Es fiel nur selten mal ein lautes Wort;
Herr Kuonrad gab jetzt Elsbeth das Geleite,
Und ritt der Kaplan an des Vogtes Seite.

Vom Weine warm und sich nach Ruhe sehnend, ritten
Die Herrn allmlig immer schneller hin,
Indessen Elsbeths und des Junkers Rlein
Bald jede Eile unvonnthen schien;
Sie wollten nicht von ihrer Meinung weichen,
Da auch im Schritt die Heimath zu erreichen. --

Kein Lftlein regte sich, kein Laut war zu vernehmen;
Es ruhten Berg und Thal in sem Traum.
Der Weg lag wei im Silberlicht des Mondes,
Goldschimmernd Herbstlaub schlief an Strauch und Baum;
Aus blauer Hhe nieder, blinkten ferne
Des Schlosses Lichter, gleichwie matte Sterne.

In Seligkeit verloren, weil den Freund zur Seite,
Ritt Elsbeth sinnend durch die linde Nacht.
Darf sie denn ihm von ihrer Minne flstern,
Darf sie ihm sagen, was sie glcklich macht?
Soll sie verrathen, was ihr Herz empfindet,
Welch' wonnig Trumen ihr die Lippen bindet?

Herrn Kuonrad war es selber auch nicht viel um's reden.
Er ritt, die Zgel lssig in der Hand,
Zur Seite Elsbeths, seine braunen Augen
In einemfort der Holden zugewandt;
Denn, sah er in ihr Antlitz, schien ihm immer,
Als strahlte daraus her der Mondenschimmer.

Versunken in ihr Schweigen ritten still die Beiden,
Bis, wo der Weg sich abbog aus dem Thal
Und links nach Bechtersbohl zur Hhe fhrte;
Wo er dann rauher ward und dabei schmal
Am Abhang lief, meist zwischen dunklen Fichten,
Die, nah' dem Schlosse erst, sich wieder lichten.

"Erzhlet etwas, Frulein!" meinte nun der Junker,
Als hier die Pferde wechselten den Gang,
Um, voller Vorsicht, auf dem Pfad zu klimmen,
Der tief im Schatten auswrts stieg am Hang.
"Wenn wir mit Sprechen Kurzweil uns bereiten,
Scheint nicht der Weg so lang, nach Haus zu reiten!"

"Ja, Ihr habt recht! Nur wird mein schlicht Erzhlen
Euch kaum gengen," gab Elsbeth zurck,
"Und msset Ihr halt Nachsicht mit mir haben;
Mein Wissen bildet just kein groes Stck.
Doch sollt zum mindsten Ihr den Willen sehen,
Wollt spter Ihr auch meiner Frage stehen!"

Herr Kuonrad sagte zu, ihr ehrlich Red' zu geben,
Was sie auch immer von ihm fragen sollt';
Nur msse sie etwas aus ihrem Leben
Ihm erst erzhlen, eh' er reden wollt'.
Da ging denn Elsbeth munter an's Erzhlen;
Der lange Weg schien Keines mehr zu qulen.

Es wich ihr traulich Plaudern aber bitterm Ernste,
Als auch die Rede auf den Vater kam.
"Sein eigen," meinte Elsbeth, "wr' hier Alles,
So nicht der Bischof einst das Erbe nahm
Jetzt freilich wrd' selbst dieses nicht mehr ntzen,
Es fehlt ein Sohn, der's weiter mcht' beschtzen."

"So ist der Vater denn der letzte Kssaberger
Und gehet," fgte traurig sie hinzu,
"Mit ihm und seinen ltern beiden Brdern,
Mein uralt Ahngeschlecht zur letzten Ruh';
Doch ist mir oft, als hrt' mein Herz ich sagen,
Man wird uns nennen noch in spten Tagen!"

Nach diesen Worten hielt sie unwillkrlich inne
Und nahm Herr Kuonrad darum nun das Wort.
Er frug: "Ja, wo bleibt Ihr denn, wenn im Vater
Verlieret Ihr, einst Euern Schutz und Hort? --
Ihr wisst, der Weise denket auch an Morgen;
Mich wrd' es schmerzen, wt' ich Euch in Sorgen!"

"Habt vielen Dank, Herr!" lautete die Antwort Elsbeths,
"Es wre unntz, wenn Ihr Sorgen hegt.
Bekanntlich wird ja in den deutschen Gauen
Der Frauen Recht vom Manne stets gepflegt;
Wir kennen nicht des Willens frei Genieen,
Auch ziemt uns schlecht das eigene Entschlieen."

"So darf auch mir mit nichten fr die Zukunft bangen.
Ich soll, wie dieses armen Tchtern geht,
Im Sankt Agnesenstifte zu Schaffhausen
Mein Leben Gott darbringen im Gebet;
Der Vater glaubt, er wird dann ruhig sterben
Und sich und mir das Himmelreich erwerben."

"In's Kloster! Ihr?" rief voll Entrstnug da Herr Kuonrad
Und ri den Rappen einen Schritt zurck.
"Der Jugend schne Tage wolltet Ihr vertrauern?
Von selbst entsagen allem Erdenglck? --
Knnt Ihr dies thun, so sag' ich ohne Scheuen,
Zeit meines Lebens soll mich nichts mehr freuen!"

"Doch, Euch beliebt zu scherzen!" sprach er dringlich weiter,
"In enger Zelle ist gar dumpf die Luft.
Der Weihrauch riecht zwar gut, doch angenehmer
Beut sich im Frhling frischer Blmlein Duft;
Auch dchte ich, im Wald der Tannen Rauschen
Behagte mehr Euch, als der Orgel lauschen!"

"Und dann -- was werden Eure Hr'gen dazu sagen,
So Noth und Elend Ihr nicht mehr, wie heut',
Von ihnen wendet? Was des Drfleins Kinder,
Wenn ihnen Niemand mehr ein Naschwerk beut?
Knnt Ihr noch Gutes thun und ntzlich walten,
So feuchte Mauern Euch gefangen halten?"

"Nein, Elsbeth! Ihr mt eines Mannes Gattin werden,
Sein bester Freund ihm sein in Sorg und Noth;
Sein harsches Wort durch Eure Gte mildern,
Ein Schutz und Trost, so Elend ihn bedroht;
Im Glck den Uebermuth ihm ferne halten,
Als guter Geist zu seinen Hupten walten!"

"Glaubt einem Freunde -- jener Mann ist zu beneiden,
Dem Euer Herze nur ein wenig hold;
Er findet seinen Himmel schon auf Erden,
Gewhret Ihr ihm ser Minne Sold.
Nun, Elsbeth, sprechet! Sagt es mir ganz offen,
Habt wirklich Ihr die Wahl schon gltig troffen?"

Sein heies Herz nicht mehr bemeisternd, bog Herr Kuonrad
Sich nun zu Elsbeth und nahm ihre Hand
In seine Rechte, die sie jedoch zitternd
Im nchsten Augenblicke ihm entwand.
's war gut, da hinter dichten Fichtenzweigen,
Der Mond sich barg; er half der Maid jetzt schweigen.

In ihrem Herzen freilich rief's in hellem Jubel:
"Er liebt mich!" und der frische, rothe Mund
Mcht' freudig es in alle Lfte jauchzen,
Es knden laut dem ganzen Erdenrund,
Da es erklnge, als ein Lied der Lieder:
"Er liebt Dich und Du Sel'ge liebst ihn wieder!"

Doch leider schwieg gar bald des Herzens Jubiliren;
Es fate sie ein schneidig, bitter Weh,
Das einem Lenzfrost gleich sie kalt durchschauert',
Mit jhem Tod bedroht den Blthenschnee,
Als Elsbeth dachte, was der Vater sage,
Wenn irdisch Glck sie zu erhoffen wage. --

Vor Kurzem noch war es ihr schnster Traum gewesen,
Vereinigt mit den Schwestern im Gebet
In stiller Klause, von der Welt geschieden,
Um Glck zu flehen, das kein Sturm verweht;
Es hatte oft ihr Herz in solchen Stunden
Schon hier des Himmels Seligkeit empfunden.

Und nun? Wie vor der Sonne Ku der Rauhreif schwindet,
Schwand vor Herr Kuonrads Worten hin der Traum;
In wenig Wochen war das Krutlein Minne
Ihr aufgeblht zum schnsten Maienbaum.
Ja, wo die Liebe naht, mu alles weichen,
Wie vor des Tages Licht die Sternlein bleichen.

Seltsame Maid? Als Antwort auf des Freundes Frage,
Stahl aus den Augen sich ein Thrnlein hei.
War dessen Quelle die Entsagung, oder
Erblinkte es, weil sie sich glcklich wei?
Wie kommt es, da der Seele Freuden, Leiden,
Wenn sie am hchsten sind, das Wort vermeiden? --

In tiefem Schweigen ritten Beide bis zur Hhe.
Des Mondes Licht, es flutete um sie;
In blauer Dmmerferne lag, wie Silber,
Der weie Alpenkranz in hehrer Harmonie,
Und leise nur, fast kaum noch zu erlauschen,
Scholl fernher durch die Nacht des Rheinfalls Rauschen.

Noch wenig Schritte und es hob sich schon der Bergfried,
Vom Mond beleuchtet aus der Nacht empor.
Durch Buschwerk schimmerten des Schlosses Mauern
Aus dunkler Bltterwirrni hell hervor.
Doch, eh' sich Thor und Brcke mochten zeigen,
Blieb noch ein letztes Stck bergan zu steigen.

Da, seine Frage ihr erneuernd, fate leise
Herr Kuonrad Elsbeth wieder bei der Hand
Und blickte sphend in der Holden Antlitz,
Ob da die Antwort nicht zu lesen stand.
Statt solcher sah er nur ein schnell Errthen,
Das ihm verrieth, wie sehr ihr Herz in Nthen.

"Ihr zaudert, Elsbeth?" klang es weich von seinen Lippen,
"Ja, wer die Wahl hat, der hat auch die Qual!
Nun denn, es sei die Antwort Euch erlassen,
Bis Ihr die selbst mir sagt aus freier Wahl.
Doch, da wir Beide dieses Tages denken,
Erlaubet mir, Euch diesen Ring zu schenken!"

Vor Elsbeths Blicken glnzte hell ein glden Reiflein
Im Mondschein, das der Junker khnlich nun
Auf einen ihrer schlanken Finger streifte,
Die warm und weich in seiner Linken ruhn;
Dann lie der Glckliche die Hand entgleiten
Und trieb den Rappen schneller auszuschreiten.

Aus ihrem Sinnen aufgeschreckt und gluthbegossen,
Da solcher Ueberraschung sie nicht dacht',
Griff Elsbeth aber jetzt nach ihrem Kettlein,
Und hatte dran das Schaustck losgemacht.
Es war ein Mnzlein, glden und gar selten,
Mit ihm will sie Herrn Kuonrad nun vergelten.

"Soll ich das Ringlein werth behalten," sprach sie flsternd,
"So drft Ihr es nicht weigern, auch ein Stck
Von meinem kleinen Reichthum zu empfangen;
Es ist geweiht und bringt dem Trger Glck.
Des Tages aber will ich bas gedenken
Und billig meine Frage Euch nun schenken!"

So sprechend, bot sie frhlich ihr Geschenk dem Junker,
Der, ohne sich zu sperren, es auch nahm
Und lchelnd nun versprach, es stets zu tragen,
Gedenkend der, von welcher es ihm kam.
Er wollte noch mehr sprechen, doch da sahen
Sie ihnen eilig sich Mechtildis nahen. -- --

Das Mdchen hatte sich den Beiden kaum genhert,
Als schon sie, aufschluchzend, der Herrin klagt',
Da Hansli halb todt in der Halle liege,
Von seinem Flugversuch, den er gewagt.
Im Busch der Halde habe sie ihn funden,
Und sei der Aermste jmmerlich zerschunden.

Da schien's, als ob auch Elsbeths Zelter stiegen sollte,
So rasch ging es des Schlosses Brcke zu;
Schon drhnten unter ihm die schweren Bohlen
Und war die Herrin dann bei Hans im Nu.
Mechtildis hatte ihr ja nie verschwiegen,
Da Hansli damit umging mal zu fliegen.

Nun waltete das Frulein an des Kranken Lager
Und ordnete, was fr das Knechtlein gut;
Doch war, zu seinem Glck, ihm nichts gebrochen.
Die Herrin spendete ihm also Muth
Und stillte, milde trstend, seinen Jammer,
Eh', selber md, sie suchte ihre Kammer. --

Herr Kuonrad ritt im Schritt vollends zum Schlosse frder
Und lauschte dabei auf der Magd Bericht:
Da Hansli, unter beiden Armen Wannen,
Wie man in Schleitheim sie seit langem flicht
Und er als Flgel nutzen wollt' beim Fliegen,
Um Vesperzeit den Bergfried htt' erstiegen.

"Das Fliegen wr' gelungen," sprach Mechtildis weinend,
Wenn er gewartet bis der Vogel Specht
Ihm eine Springwurz schaffte; ohne solche
Gedeiht so wges Thun dem Menschen schlecht.
Er strzte darum, trotz den beiden Wannen,
Kopfber, grad hinunter in die Tannen.

Dann fing das arme Mgdlein wieder an zu schluchzen,
Da es erbarmen konnte einen Stein;
Hielt aber Schritt doch mit des Junkers Rappen,
Um ihrem Schatz nicht lange fern zu sein. --
Nun liegen Thor und Zingeln hinter beiden,
Im Mondschein ruhen Felder, Wald und Waiden.


Fnftes Kapitel.

Novembermonat hat die Herrschaft bernommen;
In weie Decken hllt er Berg und Thal,
Vom Sturm gerttelt stehen Busch und Bume,
Des Bltterschmuckes ledig, nackt und kahl.
Was nun nicht Nadeln trgt im Waldreviere
Mu schlafen gehn, damit es nicht erfriere.

Grn Tanngezweig hngt, von des Schneees Last gebogen,
Herunter dort aus den Wachholderstrauch,
Der, berset mit blauen Beerlein, pranget,
Regiert der Winter auch mit strengem Brauch;
Indessen rothe Mehl- und Vogelbeeren
Sich ganz umsonst des frhen Todes wehren.

Auf kahlem Zweig sich duckend, zirpt ein Vglein leise
Und wundert sich, vom Schneemann berrascht,
Da sein gedecktes Tischchen ausgeblieben,
An dem es gestern noch so frei genascht.
Nun mu es hurtig sich beim Mahle eilen
Und die paar Beerlein mit gar vielen theilen.

Vom bsen Hunger aus dem warmen Nest getrieben,
Das Hslein sich gescharrt am Fichtenbaum,
Hpft es in Sprngen, ohne viel zu ugen,
Den Schnee hindurch zum nahen Waldessaum;
Dort grnt ein Saatfeld, nicht zu tief vergraben,
De' zarte Keime es gar kstlich laben.

Auf seinem Pfad stt Langohr auf die frischen Spuren
Von Seinesgleichen, in den Schnee gedrckt;
Das lt ihn hoffen, da nach leckrem Mahle,
Am Ende auch ein muntres Tnzchen glckt,
Denn Lampe hat ein warmes Herz zu Zeiten --
Und lt sich dann zum Uebermuth verleiten.

In weitem Zickzack schleicht Freund Reinecke nach Hause.
Sein Buchlein hat im Thale er gefllt,
Nun zieht's ihn bergwrts zum versteckten Baue,
Um dort, in seinen Winterpelz gehllt,
Den kurzen Tag in Ruhe zu vertrumen,
Falls nichts ihn zwingt, sein sicher Heim zu rumen.

Im Matzenthale drben ziehen Hirsch' und Rehe,
Fr ein paar Stunden satt, sich scheu zurck;
Sie kreuzen auf dem Hornspitz ihre Fhrte
Mit manchem waidgerechten Schwarzwildstck.
An schlanken Stmmen hrt man Spechte hmmern
Und fern im Osten fngt es an zu dmmern.

Im klaren Aether scheint der Alpenkranz so nahe,
Als trennte nur die Breite einer Hand;
Die weien Hupter werfen scharfe Schatten,
In tiefer Blue stehen Schrund und Wand.
Schon wogt in Gluthen und in goldnen Blitzen
Das Morgenroth um eisverhllte Spitzen.

Aus Purpurschleiern hebt sich sumig nun die Sonne,
Als goldner Ball beginnend ihren Lauf;
Die wen'gen Strahlen, so sie heut' begleiten,
Sie schossen vor ihr schon am Himmel auf,
Beleuchten rosenfarb des Schlosses Fronte,
Inde' sie selbst noch tief am Horizonte.

Doch weh! Die goldnen Gluthen, sie verblassen wieder;
Gleich Schleiern sinkt es um der Berge Haupt,
Der Wolken zart Geweb' wird mlig dichter,
So da sein Grau dem Blick die Fernsicht raubt.
Schon ist auch von der Sonn' nichts mehr zu sehen,
Vom Randen her zieht scharf des Nordwinds Wehen.

Da, horch! Es tnt vom niedern Hungerberg herber
Ein hell Halali! durch die Morgenluft,
Dem bald, als ob es drauf gewartet htte,
Vom Thurm des Wrtels Horn die Antwort ruft;
Dann poltert Hufschlag auf der Brcke Bohlen
Und "Waidmanns Heil!" hrt man vom Bergfried johlen. --

Es war Herr Kuonrad und der Vogt, die hoch zu Rosse,
Begleitet von des Schlosses Jgertro,
In's nahe Matzenthal hinber ritten,
Wo Kssaberg das Wildbannrecht geno.
Statt Hansli, der noch lahmte, fhrte heute
Der dicke Kunz der Rden laute Meute.

Wie oft schon, so auch krzlich wieder, lud die Nachbarn
Von Wasserstelz der Vogt zur hohen Jagd,
Vereinigt wollten sie am Tage pirschen
Und dann probiren, wie der "Neu" behagt,
Mit dem Herr Heinz, nach stattgehabtem Hetzen,
Die Freunde dachte gastlich zu ergtzen.

Der Freiherr und sein Sprling Udo, sie versprachens.
Nun mute Jochen dran, nach Waidmannsbrauch,
Im Walde einen "Hirzen" zu bestt'gen;
Da gestern dies gelang dem schlauen Gauch,
So lie noch spt der Vogt den Herrn berichten,
Sie mchten sich fr heut' auf's Jagen richten.

Im jungen Schlage drben, bei den sieben Wegen,
Soll man sich treffen, war es abgemacht.
Nun sind die Gste angelangt und harren
Bei einem Feuer, das sie flink entfacht,
Des Freundes, whrend Udo's Jgersegen
Ihm schon von weitem hallte froh entgegen.

Und nun -- ei sieh! Herr Kuonrad wollte sich's kaum glauben,
Als auch er Adelgunden da erblickt',
Die hoch zu Ro, doch ohne Jagdgewaffen,
Errthend ihm und fast vertraulich nickt'
Und vorgab, da kein lustiger Ergetzen
Sie kenne, als des Waldes Wild zu hetzen.

Ein kurzer Gru und fort gings, nach des Leithunds Fhrung,
Waldeinwrts bald auf tiefverschneitem Weg,
Der, nicht gar lang, zum Matzenthal sie brachte,
Da Jochens "Hirz" im dichtesten Geheg
Ein stilles Ruhepltzchen auserlesen,
Wo er sich niederthat nach jedem Aesen.

Von Jochen gestern schon geknickte Zweige weisen
Den Pfad dem Schlauen zu des Thieres Stand,
Nun auch der Wind ihm glcklich abgewonnen,
Giebt er dem Kunz ein Zeichen mit der Hand;
Der lst die Koppel frei, die Rden rasen
Dem Dickicht zu mit tief gesenkten Nasen.

Nun, zierlich Rehlein, auf! und Du, Freund Lampe, ducke
Dich tief in's Nestlein unterm lockern Schnee!
Mit Windeseile nahen sich die Feinde,
Und Spie und Armbrust bringen Tod und Weh;
Gilt's auch dem "Achtzehnender" heut', dem Stolzen,
Gar leicht verirren sich des Waidmanns Bolzen!

Durch Wald und Buschwerk strmt es hin in wildem Jagen,
Der Hirsch voran in unentwegtem Muth;
Laut schallt es Hussa! Hallo! Holla! Heda!
Wo eben noch die Stille selbst geruht.
Die Meute bellt, es hallt der Jger Rufen,
Der Boden bebt fast unter Rosses Hufen.

In weiten Sprngen geht es ber Wurzeln, Grben,
Dem Flchtling nach, wie eilig der mocht' fliehn,
Und mit den Jgern hetzt auch Adelgunde,
Dem Junker stets zur Seite bleibend, hin.
Was treibt die Maid solch' khnen Ritt zu wagen,
Im Fluge durch des Waldes Dickicht jagen?

Ja, wer der Frauen Herze ganz durchschauen knnte
Mit klarem Blicke bis zum tiefsten Grund,
Den Pfaden folgen, die zur Seele fhren,
Dem wrde darauf jetzt die Antwort kund
Und damit auch die groe Kunst gelungen,
Von der bis heute manches Lied erklungen. --

Die Beiden sausen fort auf schaumbedeckten Rossen,
Da Adelgundens Kleid im Winde weht;
Dem Junker mangelt Will' und Weil' zum Sprechen,
Doch dafr denkt er an Elisabeth,
Und wie auch jene immer mag beginnen,
Er mu sich jedes Mal auf's Wort besinnen.

So reiten sie dahin in scharfem, heiem Hetzen,
Hoch wirbelt hinter ihnen auf der Schnee;
Ihr Fragen hat das Frulein aufgegeben
Und fhlt' im Herzen nun ein seltsam Weh.
Doch kann sie sich nicht von Herr Kuonrad trennen,
Bleibt treu zur Seite ihm beim wilden Rennen.

Ein Halten giebt es nicht, der Jger kennt kein Rasten,
So lang das Wild noch flink den Tann durchfliegt;
Wie oft es auch im raschen Lauf mag schrnken,
Die Rden ruhen nicht, bis es besiegt.
Die Rosse wissen's, die den Boden stampfen
Und, vorwrts strmend, aus den Nstern dampfen.

Erschttert zittern die vom Schnee gebognen Zweige
Und schtteln von sich ab die weie Last;
Die Jger achten nicht in ihrer Hitze,
Da wund sie ritzt bald da und dort ein Ast.
"Fa' Greif! Fa' Pfeil! Voraus! Hallo, ihr Thiere!"
Gellt's hallend durch des Waldes weit Reviere.

Jetzt ras't das wilde Treiben schon dem Rhein entgegen,
Doch immer noch stellt sich der Flchtling nicht:
Das mchtige Geweihe tief im Nacken,
Saust er durch's Holz, da Zweig und Astwerk bricht.
Kein Ruhen giebt's; bergauf, bergab geht's weiter,
Die Meute hinter ihm und Ro und Reiter.

   * * *

Der Hifte heller Schall war mlig leis verklungen,
Da immer ferner hin sich zog die Jagd,
Als Elsbeth, die dem letzten Klang gelauschet,
Zur Kche eilte, um dort mit der Magd,
Nach Hausfraunbrauch nun weislich zu ermessen,
Was jene rsten sollt' zum Abendessen.

Mit Frida fertig, wandte Elsbeth sich an Mechtild,
-- Die, seit ihr Hansli ward so gut geheilt
Von seinem Fluge durch die Tannenwipfel,
Bestndig fast in ihrer Nhe weilt' --
Und forderte die auf, sie zu begleiten
Im Palas ein paar Betten zu bereiten.

Seit langher stand die Kemenate unbewohnet,
Die dort fr werthe Gste war bereit;
Drum wurden jetzt die Fenster weit geffnet,
Da frische Luft vertrieb die Dumpfigkeit,
Dann ward von Elsbeth Mechtild angewiesen
Vom Staub zu reinigen Gesims und Fliesen.

Sie selber machte sich zu schaffen an den Betten,
So in zwei Nischen des Gemachs erbaut,
Fast einem Dutzend Schlfer Herberg boten,
Ob deren jedem schn ein Himmel blaut.
-- An's offne Fenster, um sie durchzulften,
Mu Kulter, Pflumit aus den Riesengrften.

Dann nahm sie aus bemalter Truhe schneewei Linnen,
Gebtens Blickes prfend Stck fr Stck;
Ein duftend Kruterbndlein, so dazwischen,
Schob sie behutsam wiederum zurck.
Bald war gewhlt, was passend ihr erschienen
Und zum Beziehn der Betten mute dienen.

Auf reichen Linnenschatz, von eigner Hand geufnet,
Hielt damals, wie noch jetzt, die deutsche Frau,
Und was ihr Flei in langen Jahren mehrte,
Sie stellt es gerne fremdem Blick zur Schau;
Es zeugen ja die schweren, vollen Truhen,
Wie wenig nur der Hausfrau Hnde ruhen. --

Zufriednen Blickes legte sie das Ausgewhlte
Zu gleichen Theilen auf die Betten hin;
Mechtildis sollte alles fertig finden,
Wenn Abends sie die mute berziehn.
Denn vorher brauchte das nicht zu geschehen,
Da sicher spt die Herrn zur Ruhe gehen.

Zu Ende damit, rieb sie die erstarrten Finger,
Vom Froste rosig berhaucht zu schaun;
Denn eisig zog es durch die offnen Fenster,
Und den Kamin -- vergaen sie beim Bau'n,
Lag man nur erst mal zwischen all' den Kissen,
Lie ja der letztere sich leichtlich missen.

Der Klte trotzend schaute Elsbeth aus dem Fenster
Und lauschte, ob sich nicht der Hifte Klang
Vernehmen lasse; es blieb jedoch stille.
Der Nebel wogte um des Schlobergs Hang;
Wie gerne nhme sie, den Freund zur Seite,
Am Jagen theil, auf flinkem Pferde heute!

Zwar hatte sie die Lust am Waidwerke verloren,
Als eines Hirschen traurig-sanfter Blick
Im Tode sie noch ansah, gleichsam klagend,
Ob dem erlittnen, schmerzlichen Geschick;
Nun fand mit einem Mal sie dran Gefallen,
Im Tann zu reiten, bei des Hifthorns Schallen.

Sie kam sich berhaupt so anders vor, es fllte
Die Seele ihr, wie Paradieses Lust,
Seit jenem Heimritt vom Sankt Vrenenfeste;
Im Sang entstieg der jugendlichen Brust,
Was s sie ahnte, Lieb und Herzensfrieden,
Die ihrem Innern herrlich nun beschieden.

Von frh bis spt ertnte oft ihr herzig Lachen,
Es schimmerte des Frohsinns holder Schein
Um alle, die in ihrer Nhe weilten;
Doch ihr Geheimni hielt sie fein allein.
Sie fhlte heier es im Herzen glhen,
Je mehr sich Aug' und Mund zu schweigen mhen. --

Wo jene Himmelsblume, die wir Liebe nennen,
Zum ersten Mal erblht im Menschenherz,
Da weilt das Glck, wohnt Lenzlust, ob der Winter
Sich auch mit Macht ausbreite allerwrts;
Ein wahres Heiligthum ist dann die Seele
Und wandelt vor dem Hchsten ohne Fehle.

Doch, wo der Sinne Lust ein thricht Herz beherrschet,
Da stirbt gar bald der Blume feiner Duft;
Von Leidenschaft wird unser Sein verbittert,
Zu kaltem Winter Lenzes linde Luft.
Die Seligkeit der Liebe geht verloren,
Entschwindet wieder, da sie kaum geboren. --

In Elsbeths Herzen war der Frhling eingezogen,
Sie fhlte ihrer Liebe sen Bann
Und war zufrieden in dem stillen Wahne,
Es liebe wieder sie der liebe Mann;
Ein Lcheln von ihm und ihn nah' zu wissen,
Gengte ihr und lie sie Alles missen.

Getheilet in ihr Wirken zu des Hauses Bestem
Und tief empfundener Glckseligkeit,
Entflohen ihr des Herbstes kurze Tage,
Da kaum sie merkte, wie verging die Zeit;
Sie waltete, froh im Gefhl der Minne,
Des Tagewerks mit immer heitrem Sinne.

Herr Kuonrad selber hatte, seit dem Ritt im Mondschein,
Mit jener Frage nie sie mehr bedrngt;
Auch gab er zu, bei Gngen nach dem Thale,
Da Kunz ihr Krblein an den Arm sich hngt.
Er mute, Elsbeth's wegen, sich bezwingen,
Ihr kalt erscheinen, nur wollt's nicht gelingen.

Oft zehn Mal tglich schritt er durch des Schlosses Rume,
Und hoffte da sie ihm begegnen mu;
Wenn alsdann Elsbeth, neben ihren Pflichten,
Fr ihn noch Zeit gewann zu Blick und Gru,
Dann ward ihm jedes Mal gar froh zu Muthe
Und wut' ein trautes Wort er fr die Gute.

Bald war's ein stetes Meiden und sich wieder suchen,
Es wuten Beide nicht, wie es geschehn,
Da sie, die eben in der Halle schieden,
Im Letzegang sich pltzlich wieder sehn;
Doch hrte Keines man mit Worten sagen,
Was ihre Blicke zu bekennen wagen.

Herr Kuonrad kmpfte freilich mit dem eignen Herzen
Dazwischen fters um den Siegespreis,
Von Tag zu Tage aber ward er mder
Und gnnte jenem, da es siegte, leis'.
Wohl selten ist Vernunft nicht unterlegen,
Trat ihr im Kampf ein warmes Herz entgegen.

Mit jeder Stunde, welche er im Schlosse weilte,
Verblate ihm des Bsleins Bildni mehr;
Bewundernd sah er Elsbeths sinnig Walten
Und wie nur Segen blhte um sie her.
Ein ser Zauber hielt ihn fest befangen,
Dem zu entfliehn ihm mangelt' das Verlangen.

Es klang so s dem Ohre, wenn vom Sller nieder,
Er jeden Morgen ihr "Gr  Gott!" vernahm,
Und sang sie Abends mit den Spinnerinnen,
War's sicher, da den Weg er dorthin nahm,
Und oft den Freund allein beim Knnlein Weine
Mit Benno ziehen lie die Brettspielsteine.

In ungeahnter Wonne hob es ihm die Seele
Bei dem Gedanken, da ihn Elsbeth liebt';
Die holde Blume mit dem keuschen Herzen,
In ihrer Unschuld sich ihm eigen giebt.
Nichts soll ihm frder mehr das Herz bethren,
Er will nur ihr auf immer angehren!

Sein einzig Sehnen war, nur bald sie sein zu nennen,
Ihr auszuschtten sein gequltes Herz
Und ihr bekennen, da sie ihn besiegte;
Vor seiner Liebe schmolz des Panzers Erz,
In dem er seine Ruh' geborgen glaubte,
Eh sie durch ihren Liebreiz die ihm raubte.

Lngst wnschte er fr sich zu offnem Minnewerben
Die schicklichste Gelegenheit herbei,
Und schien ihm endlich, da auch die sich biete,
Denn er fand in des Vogtes Bcherei
Ein Bndlein Schriften, "Parzifal" geheien,
Das nur der Zufall schtzte vorm zerreien.

Gern hatte sie erlaubt, ihr daraus vorzulesen,
Wenn es im Lauf des Tages mal gelang',
Da sie ein kurzes Stndlein der Erholung
Von ihren vielen Pflichten sich errang.
Dann, ganz allein mit ihr, wird es wohl gehen,
Der Lieblichen die Minne zu gestehen.

Nach ihrem Willen sollte heute nun Herr Kuonrad
Ans Lesen jener alten Sage gehn,
Da auch sich Elsbeth darauf hin schon freute,
Vermochte er an ihrem Blick zu sehn,
Da -- lud der Vogt ihn gestern ein zum Jagen,
Und mute seinen Plan er drum vertagen. --

Noch lauschte Elsbeth am weit offnen Bogenfenster
Vergeblich auf des Jagdhorns hellen Klang.
Sie konnte heut' nicht singen, war nicht frhlich,
Auf ihrer Seele lastete es bang,
Als ob ein trbes Ahnen sie durchschauert;
Nur ist ihr nicht bewut, warum sie trauert.

Mechtildis, der das stille Wesen Elsbeths auffiel,
Zermarterte indessen ihr Gehirn
Zu rathen, was der lieben Herrin fehle;
Verlegen rieb sie aber bald die Stirn'
Und war schon dran sich heimlich auszuschelten,
Weil die Gedanken dort nur Hansli gelten.

Jetzt jedoch wandte Elsbeth sich zu ihr und fragte:
"Sag' Kind! ist Dir Dein Schatz auch wirklich gut?"
Es kam dies unvermittelt, klang wie Zweifel,
So da Mechtildis schier entfiel der Muth,
Die lngst gewohnte Antwort zu erneuern
Und Hansli's Liebe zu ihr zu betheuern.

"Das will ich bas vermeinen!" sprach sie, glutroth werdend,
"Sein bester Freund bin ich, sein Trost, sein Glck,
Und sollt' ich zweifeln, mu der Zweifel schwinden,
Wenn ich mir sage, wie manch' schnes Stck
Vom kargen Jahrlohn mir der Gute spendet,
Ja, oft ihn nur fr mich allein verwendet!

"Bald ist's ein Tchlein, so er eingehandelt, oder
Ein Band ins Haar, wie dieses, das Ihr heut'
In meinen Zpfen eingeflochten sehet;
Kurz immer etwas, das ein Mgdlein freut.
Auch fhlt es jede ja im Herzen drinne
Ob einer gut ist ihr in wahrer Minne!"

"Die schnste Scheibe, so am Fastnachtabend glhend
Vom Hungerberg sie schleuderten zu Thal,
Schier wie ein feurig Rad flog sie durch's Dunkel,
Gehrte Hansli, und er rief drei mal, --
Da ja die Chnaben nicht im Zweifel blieben,
Mit lauter Stimme -- sie sei mir getrieben!"

"Ich tht ihn lange nicht an unsern Junker tauschen,"
-- Nun bergo die Herrin es mit Glut --
"Ist der auch frnehm und von feinen Sitten,
So schaut mein Hansli aus, wie Milch und Blut
Und kann, wie keiner, schne Weisen singen,
Gilt's Mechtild seinen Abendgru zu bringen!"

"Das wei ich!" fiel ihr lchelnd Elsbeth in die Rede,
"Das wei ich, Traute! Du sprachst immer so.
Auch wrde wohl sich Jede glcklich preisen,
Wr sie, wie Du, so ihrer Liebe froh; --
Denn lieben mssen wir, das ist uns eigen,
Mag man's nun hehlen, oder offen zeigen!"

"Dochs will mir scheinen, ist nur jene Liebe wahrhaft,
Die jeder Zeit der Treue sich befli
Und drum, was Dich so froh von Lieb lt reden,
Ist sicher Hansli's Treue Dir gewi!
Ei, wurde Dir noch niemals heimlich bange,
Da er nach einer anderen verlange?"

"Nein, Herrin!" rief da Mechtild, "wr' dies Liebe,
Die erst der Treue sich versehen mu?
Ist Einer einer zugethan von Herzen,
So sieht sie's schon am ersten Blick, am Gru,
Oh er's auch ehrlich mit der Treue meine,
Sonst wrde sie ja nimmermehr die Seine!"

"Wo Zweie sich, wie ich und Hansli, gut von Herzen,
Da hat der liebe Gott es so gefgt,
Und darum wohl zu bangen unvonnthen,
Da etwan eines sich im andern trgt.
Doch km' es so, wie Ihr halb prophezeiet,
So wt' ich Eine -- die selbst dies verzeihet!"

Mechtildens Antwort mute Elsbeth hoch erfreuen,
Denn sie hob mit der Hand des Mgdlein's Kinn,
Und kte ihr die Wange mit den Worten:
"Mir fuhr die Frage nur so durch den Sinn,
Du Trautkind! Ja, wie Du liebst, das heit lieben;
Auf ewig Einem eigen sich verschrieben!" --

So man vom Wolf spricht, ist er nahe! sagt ein Sprchlein.
Noch hinkend kam jetzt Hansli durch den Gang
Und meldete, mit einem Blick auf Mechtild,
Da auf dem Hof ein Bauernweib schon lang
Mit ihrem Bblein in der Klte stehe
Und jammernd um der Herrin Hlfe flehe.

Als Elsbeth dies vernommen, sumte sie nicht lange,
Zum Hofe ging's auf flinken Fen fort;
Dort trat ihr zaghaft, bleich ein Weib entgegen,
Das frh' schon herkam aus dem nchsten Ort,
Mit einem Bblein, so, vor Schmerz im Finger,
Laut aufschrie, da es wiederscholl im Zwinger.

Die Herrin schauend, hielt es jedoch ein mit Schreien
Und sah durch Thrnen scheu zu ihr empor,
Wie sie sich mild an seine Mutter wandte,
Die vor ihr stand wie ein gebrochen Rohr
Und erst, nach freundlich wiederholten Fragen,
Den Mund aufthat, sein Leiden ihr zu klagen.

Nun die zu Ende, zog Elsbeth das Bblein nher
Und lste langsam und mit leichter Hand
Dem Zagen, unter kosendem Geplauder,
Vom hochgeschwollnen Finger den Verband;
Der Kleine zuckte zwar, von Schmerz gepeinigt,
Als sie nun auch das kranke Glied ihm reinigt'.

"Da sitzt der Wurm im Finger," sprach sie drauf bedchtig,
"Und darum sind die Schmerzen auch so gro.
Die Heilung zu erreichen, ist's am besten
Wir beizen mlig die Geschwulst ihm los.
Verweil' Dich also etwas mit dem Kinde,
Bis ich das rechte Krutlein dazu finde."

Doch eh' sie ging, schritt sie noch in die Thurmthorhalle
Und schnitt vom Brod, das fr's Gesind dort war,
In aller Eile ein paar groe Stcke;
Die reichte drauf sie Beiden freundlich dar
Um, whrend Kind und Mutter daran kauen,
Im Stblein oben nach dem Kraut zu schauen.

Es lag zur Hand, wie noch ein Slblein und alt Linnen,
Das letztre zum Gebrauche fein gezupft.
Schnell war jetzt Elsbeth wieder bei dem Bblein,
De' Finger mit dem Slblein sie betupft';
Dann blies sie drei Mal mit dem Rosenmunde
Ein leises "Heilo, Segen!" auf die Wunde.

Zum Schlusse ward der kranke Finger gut verbunden
Und noch dem Weib die Anweisung ertheilt,
Wie Kraut und Slblein zu gebrauchen seien,
Da bald das kranke Glied des Bbleins heilt.
Doch nun die Beiden vor ihr knieen wollen,
Hie sie sie freundlich ihres Weges trollen. --

Sie selber aber ging zu Frida in die Kche
Um nachzuschauen, da zur rechten Zeit,
Das Essen fr die Gste fertig werde,
Denn bis zum Abend ist es nicht mehr weit.
Es war auch noch der Wrzwein zu bereiten,
Ein warm Getrnk, die Mahlzeit einzuleiten.

Dann eilte wieder sie in's Palas. Hier, im Saale,
Wo jeder Tritt ein lautes Echo weckt,
Gab es noch viel zu thun, denn Mechtild hatte
Nur erst den groen Eichentisch gedeckt.
Nun gingen hurtig sie daran zu Zweien,
Vom Buffert Glas und Teller sich zu leihen.

Sie waren noch nicht fertig, als die Thre aufging
Und Hansli mit der neuen Meldung naht',
Da sich ein Spielmann eingefunden habe,
Der fr die Nacht um warmes Obdach bat;
So man es wnsche, wolle gern er singen,
Auch sei ihm Kundschaft von gar vielen Dingen.

"Gewhr' ihm Herberg, Hansli," -- war der Herrin Antwort,
"Und von dem Heurigen 'nen vollen Krug;
Doch ja nicht mehr!" ergnzte sie mit Lachen,
"Denn Spielleut' haben immer guten Zug.
Lt ihn der Vater dann zur Nacht verbleiben,
Mag er mit Singen uns die Zeit vertreiben!"

Zufrieden mit der Antwort hinkte Hansli wieder
Zum Schlothor hin, wo, frierend, auf der Bank
Der Spielmann sa und des Bescheides harrte,
Und nun er den erfuhr, mit vielem Dank
Dem Knechte folgte in die warme Halle,
Wo bald sein Lied erklang in munterm Schalle.

"Das fahrende Gesindlein riecht's wohl schon von Weitem
Wenn etwas Gutes auf den Tisch gerth;
Gleich lt es links die breite Straen liegen,
Um nachzusehen, wo der Spie sich dreht.
Am liebsten, glaub' ich, haben sie die Gassen,
Da ihre Kessel in die Herdstatt passen!"

""Es sind die Vgelein, von denen ja geschrieben,
Sie sen nicht und ernten nicht, Mechtild!
Und doch ernhrt auch sie des Schpfers Gte!""
Entgegnete dem Mdchen Elsbeth mild.
""Nicht Allen hat der Herrgott es gegeben,
Mit Sing und Sang zu wandeln durch das Leben.""

"Die, so da singen, Herrin! sind mir gern willkommen,
Sie wissen stets so viel Gestzlein fein,
Mit denen unsre Herzen sie gewinnen
Und haben immer neue Melodei'n;
Des Letzten Sang summt mir noch heut' in Ohren,
Doch hab' die Worte dazu ich verloren!"

Inzwischen war der Tisch gedeckt und nun erfreuten
Sich Beide ob des Anblicks, den er bot;
Mechtildens Lob erhielt die Bratenschssel
Mit Blumenmalerei in Blau und Roth,
Indessen Elsbeth sich der Glser freute,
Die fr die Gste sie erwhlte heute. --

Wie gerne rhrt doch Frauenflei die zarten Hnde
Und achtet weder Mhe noch Beschwer,
Des Mannes Heim behaglich zu gestalten
Und still zu wirken fr des Hauses Ehr';
Was wir im Einzelnen als unntz hassen,
Die Frau wird sinnig es zum Ganzen passen. --

Noch rckte Elsbeth hier und dort an einem Teller;
Auch glttete gar sorglich ihre Hand
Das Tischtuch, da sich ja kein Fltchen zeige
Und ebenmig hing der rothe Rand;
Derweilen Mechtildis die Sthle stellte,
Auf deren jedem weich ein Kulter schwellte.

Nun nahte, fr die Herrin, sich die Zeit zur Schule,
Denn Benno gab nur selten einmal frei,
Und -- whrend Mechtildis noch heizen sollte,
Da warm der Saal und recht gemthlich sei --
Es mute Elsbeth fort zum Unterrichte,
Sonst zog der Kaplan ein gar schief Gesichte.

   * * *

Des kurzen Tages langer Abend sank hernieder,
Schon deckten dunkle Schatten Berg und Thal;
Im Schlosse war das Tagewerk vollendet,
Man wartete der Gste nun zum Mahl;
Leis' nur, im Frau'ngemach beim Lichtspahnglimmen,
Erklangen noch der Spinnerinnen Stimmen.

Doch um so lauter klang es dafr aus der Halle
Im Hofe, wo der Spielmann dem Gesind'
Auf einer Laute Lied fr Lied vorspielte
Und seines Sangs sich freuten Weib und Kind;
Denn Hansli that, wie es die Herrin wollte,
Nur, da den grten Krug er jenem holte.

Schanzunen, Leiche, Schwnk' und neue Trutzgestzlein
Sang froh zum Saitenspiel des Sngers Mund;
Es wrd' die Kehle doch zu schnelle trocken,
Sh man in einem fort des Kruges Grund.
Wohl blieb gar manch ein Liedlein ungesungen,
Wr' nicht der Wein, der es hervorgezwungen.

Der Spielmann wiederholte Hansli eben nochmals
Die Weise "von der Minne sem Born,"
Als er im Singen unterbrochen wurde
Vom lauten Halali aus Jochens Horn;
Zur gleichen Zeit erdrhnte auf der Brcke
Der Rosse Huf; der Jagdzug kam zurcke. --

Ein paar Minuten spter war der weite Zwinger
Von Kienholzfackeln flammenroth erhellt,
Es hallte durch das Schlo der Hifte Gren,
Zu dem die Meute die Begleitung bellt';
Derweil die Hrigen die Beute brachten,
So heut' der Vogt und seine Gste machten.

Mit seinem Blut den Schnee noch rthend, lag zur Strecke,
Fr Alt und Jung beliebte Augenweid',
Die Beute; jedes Stcklein ward besprochen
Und bas gerhmt des Tages gut Gejaid.
Der Achtzehnender freilich war entkommen,
Da er bei Reckingen den Rhein durchschwommen.

Ein waidgerechter Rehbock mute dafr ben.
Nun lag das schne Thier dahingestreckt
Im Schnee, bei einer Anzahl feister Hasen
Und einem Fuchs, der, aus dem Bau geschreckt
Vom nahgekommenen Gelut der Meute,
Sein warmes Pelzlein lieferte als Beute.

Vom Zwinger wandten sich Herr Heinz und seine Gste,
Von Hansli angefhrt, der leuchten mu,
Dem Palas zu, vor dessen Saale Elsbeth
Schon ihrer harrte mit dem Willkommgru.
Ein hellblau Kleid mit zugeschnrtem Mieder,
Verhllte keusch der Schnen zarte Glieder.

Als einz'gen Schmuck trug sie im wundervollen Haare
Ein schmales Schleifchen blaues Seidenband,
Das zu den goldnen Locken auf der Stirne
Ihr, wie sie meinte, stets am schnsten stand.
Doch halt! am kleinen Finger ihrer Linken
Verrieth sich noch ein Ringlein durch sein Blinken.

Des Vaters Gste nach Verdienst zu ehren, hatte
Die Tochter heute festlich sich geschmckt;
Auf ihren Zgen aber lag's wie Trauer
Und ihre Seele fhlte sich bedrckt,
Als so sie dastand, vor des Saales Schwelle,
Der Gste harrend, an der Hausfrau Stelle.

Da nherten sich Schritte; man hrt' lachen, sprechen
Im Gange drauen, so zum Saale fhrt.
"Mein Gott! ist das nicht Frulein Adelgunde?"
Frug Elsbeth sich, schier gar vom Schlag gerhrt;
Denn solchen Gastes dacht' sie nicht beim Decken,
Mocht' auch den Argwohn ihr noch nichts erwecken.

Sie fate jedoch Muth und trat ihr rasch entgegen,
Gelassen grend, whrend jene lacht',
Da, obwohl unerwartet hergekommen,
Sie doch um Herberg bitte fr die Nacht;
Was Elsbeth, der dies zwar nicht ganz behagte,
Dem Frulein nimmer abzuschlagen wagte.

Als letzter kam Herr Kuonrad; Elsbeths freundlich Gren
Vergalt er traut mit seinem Druck der Hand,
Inde ein Blick aus ihren blauen Sternen
Blitzschnell den Weg in seine Augen fand.
Ihm war die frohe Laune wieder kommen,
Sobald den Rckweg man zum Schlo genommen.

Geschftig half er jetzt der Herrin aus der Schale
Die Glser fllen mit gewrmtem Wein;
Der schimmerte im Glase wie Karfunkeln
und duftete gar fein nach Ngelein,
Die sie zum Trunk als gute Wrze mischte,
So da die Mden er von Grund erfrischte.

Und nicht nur dies. Er scheuchte auch davon den Aerger,
So ihnen der entkomm'ne Hirsch gemacht.
Es fllte Elsbeth fleiig drum die Glser
Und, als dem Frulein sie eins dargebracht,
Lie die sich schnell von ihrem Wort bewegen,
Das pelzverbrmte Schublein abzulegen.

Indessen noch die Herrn am Weine sich erlabten,
Belegte sie dann fr den schnen Gast
Am Tisch den Ehrenplatz zu ihrer Rechten,
Mit Glas und Teller, wie's dem Frulein pat;
Gleich drauf kam Mechtild, um ihr anzusagen,
Da fr die Gste schon sie aufgetragen.

Fromm kreuzte Elsbeth einen Augenblick die Hnde,
Eh' sie die Gste hin zum Tische bat,
Auf dem ein Schweinebraten duftend dampfte,
Den rings umkrnzte kstlicher Salat.
Nun lieen diese sich nicht lange bitten,
Bis sie vergnglich zu der Tafel schritten.

Nur Benno fehlte; er war noch zu Thal gegangen,
Wo spt ein kranker Bauer ihn begehrt'.
Den letzten Wegtrost sollt' er diesem spenden
Zu jener Reise, von der Niemand kehrt.
Es hatte zwar, das Jgermahl zu theilen,
Der Kaplan gern versprochen, sich zu eilen.

Der liebste Gast am Tisch ist der, so sich's lt schmecken,
Und hungrig denkt kein Waidmann auszuruhn;
Mit Krug und Schssel alle zu bedienen,
Gab Kunz und Mechtild heute viel zu thun;
Doch dafr rhmten auch die Herrn das Essen
Und blieb der Heurige nicht unvergessen.

Er ghrte noch; sein slich-herbes Prickeln bte
Als Sauser ber Alt und Jung Gewalt;
Sie nippten, schlrften, schnalzten mit der Zunge,
Froh prfend seinen geistigen Gehalt.
Ein kstlich Ding ist doch der Saft der Reben,
Wenn Gott dem Weinstock recht Gedeihn gegeben.

Vergnglich hob der alte Wasserstelz sein Glslein
Und trank auf seines Nachbars Gastfreiheit.
Herr Heinz bedankte sich und bat bescheiden,
Vorlieb zu nehmen mit der Kleinigkeit,
Die sie den werthen Gsten heute wagen,
In Krug und Schssel freundlich aufzutragen.

Drauf hob der Junker seins und zwar zum Wohl der Frauen,
Auf ihre Zucht und nimmermden Flei,
Mit welchen sie der Mnner Dasein schmcken
Und rastlos wirken zu des Hauses Preis.
Ein "Heilo ihnen!" scholl aus aller Munde,
Derweil die Glser klangen in der Runde;

Jetzt, whrend Adelgunde noch darber nachsann,
Wem zunchst wohl Herr Kuonrads Sprchlein galt,
Hob Elsbeth auch das Glslein, bat den Junker,
Inde ihr lieblich Antlitz sich bemalt
Mit tiefen Gluthen auf den Sammetwangen,
Den Dank fr's schne Sprchlein zu empfangen.

Ihr war es klar gewesen, wem sein Spruch gegolten,
Und nun verschwand schnell die Befangenheit,
So sie, als Adelgunde kam, beschlichen,
Wie einst in Zurzach bei der Festmahlzeit;
Doch dafr zeigten jetzt des Fruleins Mienen,
Da wohl auch dieser etwas klar erschienen.

Noch brachte Freiherr Udo ein gelungen Sprchlein
Dem grnen Wald und wackerem Gejaid,
Da froh die Herren nach dem Glase griffen,
Es leerend ihm zu ehrlichem Bescheid;
Dann aber ward das Waidwerk selbst besprochen,
Von manchem Scherz des Schlovogts unterbrochen.

Er und der alte Wasserstelz, sie berboten
Einander oft in spaigem Latein,
Drin' wohl bewandert Sankt Huberti Jnger;
Wir andern fabeln lange nicht so -- fein.
Bald wurde manches Stcklein aufgetischet
Das, wenn nicht wahr, doch den Humor erfrischet. --

Herr Kuonrad und Herr Udo plauderten indessen,
Wie dies bei jungen Herren immer geht,
Viel lieber mit den Frulein, die wie Blumen
Drein schauten, um die lind ein Zephyr weht;
Nur ab und zu sah man sie einmal nippen,
Zu netzen sich die blhend rothen Lippen.

In ppig-voller Reife prangte Adelgunde
Und ihrer Schnheit sich gar wohl bewut;
Die feinen Lippen zeigten Perlenreihen,
In schner Rundung wlbte sich die Brust,
Die Sammetwangen sah man rosig blhen,
Und aus den Augen dunkle Gluten sprhen.

Des Schlosses Herrin dafr, schlank und fein gestaltet,
Glich einer Blume, der im Kelch der Thau
Noch schimmert; unter langen, seidnen Wimpern
Erglnzte herrlich ihrer Augen Blau.
Zum edeln Antlitz mit den Engelszgen
Sah man der Jugend Liebreiz hold sich fgen. --

Mit leisen Zeichen, wie sie nur der Liebe eigen, --
Ein Blick, ein Hndedruck, ein halbes Wort, --
Wut bald Herr Kuonrad Elsbeth viel zu sagen
Und hielt im Athem sie in Einem fort.
Ging auch die Rede oft an Adelgunden,
Geschah dies blo, um Anstand zu bekunden.

Zwar rhmte lebhaft er des Fruleins tapfer Reiten;
Wie sie beim Hetzen ihm zur Seite blieb,
Wenn gleich die Pferde wie im Sturm hinflogen,
Und das Gezweig scharf auf die Reiter hieb;
Doch Adelgunde lauschte kaum den Worten,
Ihr war's, als ob die Blicke sich umflorten.

Sie hatte mehr und schneres gehofft zu hren,
Als solches Lob; das htt' sie ihm geschenkt,
Der ihr heut' selten mal ein Wrtlein gnnte,
Auf was sie immer auch die Rede lenkt'.
Es sollte ihr nicht weh thun tief im Herzen,
Nun sie ihn sah, mit diesem Kinde scherzen?

Als ob auf einmal sie nichts andres interessirte,
Als was Herr Heinz und auch ihr Vater sprach,
So rckte Adelgunde zu den Herren;
Doch hielt sie dabei Aug' und Ohren wach,
Um Elsbeth und den Junker zu belauschen,
Wenn sie zur Kurzweil Wort und Blicke tauschen. --

Herr Heinz sprach aber von der Thalgemeinden Offnung,
Nach deren Formel zweimal jedes Jahr
Geurtelt ward von Rheinheims "Kellerrichter;"
"Es lauten diese freilich ganz und gar
Nach uraltheimisch gngen Rechtssprchwrtern
Und Rechtsgebruchen, wie an wenig Oertern."

"Doch trennen sich die Alten ungern von den Schffen
Vermeinend, da sonst nirgend Recht gedeiht,
Als nur, wo auch dem Bauer Sitz und Stimme
Ein lngstveraltetes Gesetz verleiht;
Sie wollen nicht von ihrem Rechte lassen,
Zu dessen Praktik Reim und Sprchwort passen."

"Die Jungen freilich halten wenig mehr vom Brauche,
Sie holen sich ihr Recht bei mir im Schlo
Und wissen, unterm Krummstab ist gut wohnen,
Wenn es auch ihrer manchen schon verdro,
Da ich mich nie nach ihrer Offnung richte
Und nicht nach halb vergessnen Sprchen schlichte."

"Nur ist's nicht immer leicht, beim Amt den Ernst zu wahren,"
Erzhlte fort der Vogt und strich den Bart,
"Gar oft will sich ein Schalk hinzugesellen,
Der Scherz und Ernst eng miteinander paart:
So sollt ich jngsthin wieder Rechtens walten --
Und konnt mich doch des Lachens kaum enthalten."

"Ein Jude aus dem nchsten Stdtlein, so Ihr kennet
Begegnet jngst auf seinem Weg durch's Thal
Am Wege etlich meisterlosen Buben,
's war grade Sonntags, nach dem Mittagsmahl.
""Giebt's nichts zu handeln?"" ist des Juden Frage,
Derweil er zu den Chnaben trat am Hage."

""'s ist heute Sonntag, Jude! da wird nicht gehandelt,
Doch haben dafr wir zur Kurzweil Zeit!...""
""Sprich, glaubst Du, da der Herr ist auferstanden,
Vom Tod befreit fr alle Ewigkeit?""
"So sprach, ihn neckend, einer von den Chnaben,
Die schon den Juden in der Mitte haben."

""Htt' er 'nen Stuhl gehabt, wr' er gesessen!"""lautet
Die schlaue Antwort aus des Juden Mund.
Die Buben aber, keinen Spa verstehend,
Sie streichen dafr ihm den Rcken wund;
Es rhrt sie nicht des armen Schnaufers Klagen,
Sie fahren fort mit fragen und mit schlagen."

"Er jedoch hlt voll Eigensinn an seinen Worten
Und lt vom Stuhle nicht ein Beinchen ab;
Die Buben werden dringlicher im Fragen,
Es regnet Schlge hageldicht herab.
Der Jude aber lt sich nicht erweichen,
Er bleibt bei seinem Stuhle trotz den Streichen."

"Da, wie sie just im besten Zuge waren, fgt' sich's,
Da grad der Dorfvogt kam des Wegs daher.
Wie den die Buben sehen, geht's an's Laufen
Und ist natrlich nun die Strae leer,
Bis auf den Juden, der mit lautem Heulen
Dem Vogte zeigte die erhalt'nen Beulen."

"Voll Mitleid fr den Juden, und auf dessen Bitten,
Begleitet er ihn endlich hier herauf.
Da ich die Argen strenge ben mge,
Erzhlte selbst der Jud' mir den Verlauf
Der Sache; schwrend, da sein wunder Rcken
Ihn hindere, geziemend sich zu bcken." --

"Doch, Edler! Ihr versumet ja des Trunks zu pflegen,
Stot an! Wir zwingen noch ein Glslein Wein!
Im Fa, wo der gelegen seit dem Herbste,
Wird hoffentlich auch mehr zu finden sein!..."
Hier unterbrach Herr Heinz sich, denn gar willig
Tht ihm der Gast Bescheid, wie recht und billig.

Drauf aber, whrend Kunz die Glser wieder fllte,
Fuhr desto frischer er zu reden fort:
"Als ich den Juden frage, ob er Zeugen habe,
Da vor Gericht nicht gilt Hebrer Wort,
Schwrt er, da es der Dorfvogt wohl gesehen,
Von wem und wie die Unbill ihm geschehen."

"Wie jener dieses hrt, zieht er die Stirn in Falten
Und spricht: ""Gesehen hab ich nichts; ich fand,
Durch sein erbrmlich Flennen hingezogen,
Den Juden ganz allein am Wegesrand.
Doch, wer den Rcken ihm so blau geschlagen,
Gestrenger Herr! vermag ich nicht zu sagen!""

"Jetzt heult der Jud' erst recht und lamentirt so grulich,
Da es noch heut' in meinen Ohren gellt;
In seinem Aerger schalt er derb den Bauern,
Der, ihm zu leide, sich so blind gestellt,
Und dieser, dem das Schimpfen arg mifallen,
Zwingt kaum noch nieder seines Zornes Wallen."

"Ergtzend mich an ihrem Fr und Wider, hrte
Ich ihnen ab, bis die dort zu uns kam."
-- Er wies aus Elsbeth hin, die eben Mechtild
'ne Schssel Krpflein aus den Hnden nahm
Und artig sie dem Frulein prsentirte,
Das mit dem sen Backwerk sich servirte. --

"Natrlich ist's nun aus; ich heie Beide schweigen
Und sag' dem Juden, da er Jemand nennt,
Der ihm bezeugte, wer ihn so gebluet,
Weil sich der Dorfvogt ja zu nichts bekennt;
Da er's nicht konnte, wies ich ihm die Thre
Und hie ihn gehn, wohin sein Weg ihn fhre."

"Zufrieden seh' ich, wie sie miteinander gehen;
Da, -- sie sind kaum noch recht vor dem Gemach,
War's uns, als ob wir krftig klatschen hrten,
Begleitet von des Juden Weh und Ach!
Und wie ich Else folge, nachzusehen,
Tht der, von neuem heulend, drauen stehen."

"Die Backen haltend, schrie und klagte er in Thrnen,
Da ihm der Dorfvogt harte Streiche gab.
Der Jude dauert' uns, ich trat zum Fenster
Und ruf' dem Bauer nach, der, schon im Trab,
Nicht allzu ferne mehr des Schlosses Brcke,
Nach kurzem Zgern wieder kam zurcke."

"Ich fuhr ihn an, wie er den Juden schlagen durfte,
Statt da in Frieden er ging mit ihm fort?
Da schnitt der Schalk mir ein Gesicht und meinte,
Mich schlagend nun mit meinem eignen Wort:
""Der Jud' soll Zeugen schaffen, die es sahen,
Da er von mir die Streiche hab' empfahen!""

"Schier berrascht, will eben ich's dem Schelm verweisen,
Als sich des Juden Maul schon grob erfrecht
Und schreit, wenn ich nicht richte, wt' er einen
In Kostnitz oben, der sprch' sicher Recht.
Nun war's genug! -- Ich konnt' mich kaum noch halten,
Nicht selber meiner Knechte Amt zu walten!"

"Brauchst Dich nicht lang zu mhen! sage ich zum Juden,
"Wir haben ja hier oben auch ein Loch,
Drin' Du Dich mit dem Bauer magst vergleichen;
Thut's dieses nicht, bleibt Dir der Bischof noch!
Ich hoffe jedoch, werdet Euch vertragen,
Eh' dort die Ratten Euch am Felle nagen!"

"Trotz beider Flehen mute Else Jochen holen.
Ich bergab die Streitenden dem Knecht
Mit dem Befehlicht, sie im Loch zu halten,
Bis sie entschieden htten, wer im Recht. --
Am nchsten Morgen saen Beid' in Frieden
Und waren gute Freunde, als sie schieden..."

Ein drhnend Lachen hallte, als der Vogt geendet,
Aus aller Munde durch den weiten Saal,
Inde Herr Heinz dem Knechte schmunzelnd winkte
Und, als der nahgekommen, ihm befahl,
Nun wieder munter seines Amts zu pflegen,
Da er noch Durst verspr' nach Rebensegen.

In heitrer Tafelrunde saen sie zusammen
Und Frohsinn waltete im kleinen Kreis,
Denn viel der Stcklein gab Herr Heinz zum besten,
Die er gar launig zu erzhlen wei;
Inzwischen kam, der Herren Durst zu wehren,
Der "Neue" immer mehr und mehr zu Ehren.

Bald aber hielt es Elsbeth an der rechten Stunde,
Da sie dem Vater von dem Spielmann sagt,
Der in der Thurmthorhalle lngst schon harrte,
Ob der Gesellschaft nicht ein Lied behagt.
Da ging es nicht lang, ward dem Knecht befohlen
Den fremden Snger in den Saal zu holen. --

Halb hingestreckt lag lngst der Fahrende am Feuer
Und sprach mit Hansli, der ihm eifrig lauscht'.
Es war ein Mann von reichlich fnfzig Jahren,
Um dessen Haupt schon mancher Sturm gerauscht;
Nun Kunz erschien, hob er sich von der Streue
Und that, als ob die Einladung ihn freue.


Sechstes Kapitel.

In einem Zirkel von vergngten Menschen weilen,
Mit ihnen holder Eintracht sich bewut
Und freudig ihrem heitern Treiben lauschend,
Sein Theil zu haben an erlaubter Lust;
Wie schwinden jedem, welcher dies gefunden,
Gar eilig hin die viel zu kurzen Stunden!

So manches Trnklein aus des Apothekers Kche,
Blieb unverschrieben ewig deinem Mund,
Verweiltest fters du bei frohen Menschen
Und lachtest dich mit ihnen recht gesund;
Denn wo in Freude hell die Augen glnzen,
Mu sich das Herz, mu sich die Seele lenzen.

Und kommt es einmal, da du jene traurig schautest,
Mit denen du dich sonst so gern vergngt,
Bedenke: schweres Leid vergeht am schnellsten,
Wenn andrer Mitgefhl sich dazu fgt.
Versume nie, mit Frohen dich zu einen,
Doch hab' auch Thrnen, siehst das Leid du weinen. -- --

   * * *

In leicht Gewand gehllt, und in der Hand die Laute,
Trat, grend, bald der Spielmann in's Gemach. --
"He, Vglein federleicht! woher des Weges?
Welch Lftlein blies Dich unter unser Dach?..."
Rief, ihm zum Grue, laut Herr Heinz entgegen,
Doch war der Fremde darob nicht verlegen.

Ein kleiner Schalk nur blitzte aus den grauen Augen,
Nun er, sich neigend, zu dem Vogte sprach:
"Wei nicht, in welchem Busch mein Nest gewesen,
Ich fragte auch nie sonderlich darnach.
Da ich zur Welt kam, mt Ihr mir verzeihen,
Kann ich auch nicht die Alten benedeien!"

"So es den Herrn gefllig, mag ich wohl erzhlen,
Von wo ich komm', doch nicht, wohin ich will;
Da knnt' der Wind Euch besser Antwort geben!"
Und nun der Spielmann sah, da alles still
Bis auf den Vogt, der, ihn ermunternd, nickte,
Er zum Erzhlen drauf sich schnell anschickte. --

"Zum Nest hinaus geworfen, als ich kaum konnt' flattern,
Sucht' ich die Atzung auf gar manche Art.
Wie andern Vglein hat auch mir der Himmel
In seiner Weisheit 's Hungern nicht erspart,
Und mhsam erst ging es von Ast zu Aste,
Wie es dem armen Piepmatz grade pate."

"Doch, als die Flgelein mir mlig krftig wurden,
That ich in's Land hinaus den ersten Flug;
Auf schwankem Zweiglein hab' ich oft gesessen,
Mich nachher wundernd, wie nur dies mich trug.
Am Tag ging's lustig fort von Baum zu Baume,
Des Abends wiegt ich mich in heitrem Traume."

"Beim ersten Morgengraun stieg ich in's Blau der Lfte,
Es grte froh die Sonne mein Gesang.
Das Leben ist doch schn! pfiff ich mit andern,
Auf Treu und Glauben, ganze Tage lang.
Da nahm ein jhes End' das Jubilirens,
Der Winter kam, jung Vglein mute frieren."

"Von ungefhr kam ich zu einer Klosterpforten,
Und lud mich da fr Winter lang zu Gast.
Gern hieen mich die frommen Herrn willkommen,
Da mein Diskant zu ihrem Chore pat';
Wo es an hellen Stimmen schien zu fehlen,
So viel auch feucht sie hielten Mund und Kehlen."

"Sie gingen denn auch wacker dran, mir einzuben,
Was ihnen duchte Noth zur Singekunst;
Ich aber lernte gern und lie mich meistern,
Empfnglich fr der Lehrer Wort und Gunst.
Bald klang, wie Nachtigallensang im Rohre,
Mein Stimmlein tglich mit im Orgelchore."

"Da, als die Lfte wieder lind und milde wehten,
Vom Hang in tausend Bchlein schmolz der Schnee,
Die ersten Knospen aus den Stauden brachen,
Ward mir im Herzen, ich wei nicht, wie weh.
Des Klosters Futter wollt' nicht mehr behagen,
Zwar hatt' ich Ursach' nicht, mich zu beklagen."

"Doch eine Sehnsucht, bermchtig, unbesieglich,
Ri mich dahin; ich konnt' der Wolken Zug
Ob meinen Hupten stundenlang betrachten
Und sie beneiden um den freien Flug,
Mit welchem sie am blauen Himmelsbogen,
Gleich stolzen Schiffen, in die Ferne zogen."

"Noch hielt ich tapfer aus, bis am Sankt Seppentage,
Der heil'ge Joseph ist mein Schutzpatron,
Mein Sehnen ich nicht lnger mochte zwingen
Und heimlich aus dem Kfig flog davon.
Im Freien konnt' ich nun die Glieder dehnen,
Doch stillte das mir nicht des Herzens Sehnen."

"Willkomm! Willkomm! rief es aus jedem Busch entgegen.
Willkommen! Sag', wo bliebst Du denn so lang?
So scholl es frhlich aus viel hundert Kehlen
Und jubelnd stimmt' ich ein in ihren Sang;
Der Dompfaff sang die Mess' am Morgen frhe,
Der Chor ertnte hell von Bhl und Flhe."

"In voller Lenzespracht stand ringsum Wald und Anger,
Die Bchlein murmelten, es blitzt' der See;
Ein jeder Strauch trug schn ein Festgewndlein,
Aus zartgewebtem, duft'gem Blthenschnee,
Und lustig Lebens gab's auf allen Zweigen!
Dem Brschlein hing der Himmel voller Geigen."

Land auf,  Land ab, durch grne Thler, ber Hhen
Trug mich der Fe unermdlich Paar;
Allberall empfing mich lauter Jubel
Von der Gesellen leicht besohlter Schaar.
Vergessen war das Hungern, war das Frieren,
Ob eitel Kurzweil, Scherz und musiciren."

"Das Leben ist so schn! ward wieder flott gepfiffen,
Ich lud mich froh bei Frhlichen zu Gast;
Doch wenn ich mde Abends kam zum Lager,
Hielt neue Sehnsucht mir das Herz erfat;
Schlief dann ich ein, sah ich, in sen Trumen,
Ein traulich Httlein zwischen Blthenbumen."

"Am Morgen aber wurde wieder frisch gesungen,
Und ging dies so durch manche Woche hin;
Ein hbsch Gewndlein war mir eigen worden,
Auf das ich lange stolz gewesen bin,
Als ich, es war an einem Sonntag eben,
Der tiefen Sehnsucht Deutung sollt' erleben."

"Mit viel Gesellen hatt' auch ich den Zug genommen
Durch's Baierland in's schne Oesterreich.
Der Atzung gab's genug auf solcher Reise
Und wo wir ruhten, blieb uns herzlich gleich;
Ob wir Land auf, Land ab den Weg genommen,
Man hie uns berall gleich froh Willkommen!"

"Da kamen wir, noch frh am Tage, in ein Stdtlein,
Wo man uns Herberg wies im "gldnen Kranz;"
Der Zeche halber sang ich ein paar Weisen,
Drauf fiedelten die andern einen Tanz,
Und, eh' wir uns recht umsahn, war die Stuben
Euch dicht gedrngt voll Mdel und voll Buben."

"Nun gab es lustig Streiten bei dem jungen Volke,
Die einen wollten Sang, die andern Tanz;
Ein hell Gesichtlein drngte sich mir nahe,
Ich sehe noch der Sammetaugen Glanz, --
Und bat mich mit kirschrothem Mndlein leise,
Ihm doch zu singen eine schne Weise."

"Gar gern gefllig, hie ich da die andern schweigen
Und sang ein Lied, wie ich noch keines sang;
Vom Herzen lsten sich die Melodeien,
Gleich Perlen klar, in hellem, frischem Klang,
Denn meiner Sehnsucht Stern war aufgegangen;
Zwei Thrnlein blinkten auf des Mgdleins Wangen."

"Die Thrnen mut du trocknen! sprach ich zu mir selber
Und nderte die Weise und das Lied;
In sen Tnen fing ich an zu locken,
Wie es die Vglein drauen thun im Ried,
Den Blick konnt' ich dabei nicht von ihr wenden,
Da ihre dunklen Augen schier mich blenden."

"Und sieh! Kaum war ich mit dem letzten Lied zu Ende,
War auch der Zhren letzte Spur davon;
Ein helles Roth zog auf die zarten Wangen,
Gleich Rosen, aufgeblht zu meinem Lohn.
Des Mgdleins Beifall wollt' ich mir erringen
Und htt' ich mssen Tag und Nacht durch singen."

"Es galten denn auch ihm nur meine schnsten Weisen;
Gar wenig scheerte mich der andern Lob.
Ein s Verlangen lie mein Herz erbeben,
So oft den schnen Blick sie zu mir hob,
Und ehe noch mein letztes Lied verklungen,
Hatt' ich mich tief der Maid in's Herz gesungen."

"Wie nun die Fiedler einen muntern Hopser spielten
Und sich die andern drehn in frohem Muth,
Naht schchtern mir die Holde sich bedankend,
Ihr lieblich Antlitz deckte tiefe Gluth;
Mir aber ward ganz wunderbar zu Sinne,
Das stille Sehnen hie auf einmal Minne."

"Der Geigen hell Erklingen zog auch uns zum Tanze,
Die Feine wiegte sich in meinem Arm;
Vor Freuden jauchzend schwang ich mich im Reigen,
Ihr Kpfchen lag an meinem Herzen warm.
Was mir die tiefen, dunkeln Blicke sagen,
Errathen hab' ich's, ohne viel zu fragen!"

"Da ward es mlig spt, die Fiedeln muten schweigen,
Und Alt und Jung zog in die Nacht hinaus.
Ich folgte heimlich mit der Maid am Arme,
Durch Gassen kreuz und quer zu ihrem Haus;
Was wir uns sagten, mget selbst Ihr denken
Und darum diesen Theil mir gndig schenken!"

"Das Paternoster, freilich, wurde nicht gesprochen!
Als spt und doch zu frh das Scheiden kam,
Hing sie in heiem Ku an meinen Lippen
Und war in Thrnen, da sie Abschied nahm;
Dann huschte sie in's Haus, durch einen Garten.
Ich wut' nicht, sollt' ich gehen oder warten."

"Doch ging es eine Weile, eh' ich mich konnt' trennen
Vom Ort, der Zeuge war von meinem Glck.
Ein nahend Wetter hie mich endlich gehen,
Und langsam suchte ich den Weg zurck,
Verfehlte aber bald die rechte Gasse;
Denn es war dunkel, wie in einem Fasse."

"Voll Zuversicht, die Gasse wieder aufzufinden,
So mich zurck zur Herberg fhren tht,
Schritt ich die Huserreihen still vorber,
Um nicht zu wecken, denn es schien mir spt;
War aber in dem Dunkel nichts zu wollen!
Nur ferne Blitze und des Donners Rollen."

"Ein halbes Stndlein vielleicht war drob hingegangen,
Da brach das Wetter los mit aller Macht;
Ich suchte schirmend Obdach zu ersphen,
So oft ein Blitz durchbrach die schwarze Nacht,
Und endlich sah ich, unfern mir, zur Linken,
Ein Heil'genbild in einer Nischen winken."

"In solchem Schirmen durfte ich mich sicher whnen,
War doch die Nische selbst noch unter Dach;
Gelassen sucht' ich ein behaglich Pltzchen
Und sann zufrieden meinem Glcke nach,
Derweil die Blitze grell den Himmel sengten
Und schwere Wolken berm Stdtlein drngten."

"Bald trumte ich gar s von einem sel'gen Leben,
Das mir die Zukunft wies in goldnem Schein.
Mein fahrend Dasein hatt' ich aufgegeben,
Sah hier am Orte schon ein Nestlein mein;
In welchem tht als Hausfrau lieblich walten,
Das Mgdlein, so ich heut' im Arm gehalten."

"Doch, whrend so ich trumte, ward das Wetter bser,
Die Fenster klirrten, da und dort ward's hell,
Auch eine Wetterglocke hrt' ich luten;
Die Donnerschlge folgten sich gar schnell.
Mich aber kmmerte kein Blitzezucken,
Durft' unter gutem Schirme mich ja ducken!"

"Da scho mit einem Mal ein Meer von gelben Flammen.
Herunter auf des Stdtleins Giebelreihn,
Von unheimlichem Knattern arg begleitet;
Draus lohte hoch ein rother Feuerschein,
Dem lautes Schreien folgte, so mir kndet,
Da in der Stadt des Wetters Strahl gezndet!"

"Bald wogte lautes Treiben durch die finstern Gassen,
Man konnte kaum sein eigen Wort verstehn;
Die einen schleppten Leitern, andre Eimer,
Mit denen sie in Hast zum Brunnen gehn,
Inde am Himmel eine Feuergarbe
Auf Meilen leuchtete in rother Farbe."

"Jetzt lockt' auch mich der Bse aus dem sichern Winkel!
Ich lie den guten Heiligen im Stich
Und trabte, gleich des Stdtleins bestem Burger,
Zur Lscharbeit fast auer Athem mich;
War freilich unntz, da ich also rannte,
Da ich den Pelz dabei mir arg verbrannte!" --

""Thu' einen Schluck, Gesell, und dann bericht' uns weiter,""
Sprach zum Erzhler hier der Wasserstelz.
Der Spielmann nahm den Krug, von Kunz geboten,
Und leerte ihn, mit einem "Gott vergelts!"
Zum Staunen Aller fast in einem Zuge,
Als ob nur etlich Trpflein in dem Kruge.

"Am Aermel sich die nassen Lippen trocken wischend,
Fuhr drauf er fort: "So flog ich denn dahin,
Nicht achtend auf das Wirrsal in den Gassen,
Da fast der Erste ich beim Feuer bin.
Hoch schwang ich einen Eimer in den Hnden,
Die Flamme leckte schon an allen Wnden."

Da, wie ich helfen will, dem Element zu wehren,
Packt meinen Nacken eine grobe Faust
Und hr' ich schreien: "Heda, greift den Strolchen!"
Inde ein Schlag auf mich herunter saust,
Der mich, so lang ich bin, zu Boden streckte,
Da mir das Feuer aus den Augen leckte."

"Der Fahrende ist an dem Brande schuldig!" hrte
Ich rufen, dann ging mir der Athem aus;
Ein schwerer Futritt raubte die Besinnung,
Die erst mir wieder ward im Bttelhaus.
Und nun, hochedle Herren, kam ein Leben,
Wie's schlechter nicht dem rmsten Hund gegeben!"

"Schon andern Tages stand ich vor des Stdtleins Richter,
Der flissentlichen Brandstiftung verklagt;
Da ich zur Nachtzeit nicht im Nest gewesen,
Ward ihm vom Herbergsvater eh' gesagt.
Dir winkt das Dreibein, dacht' ich, bist verloren,
Vom Schicksal als ein Opfer auserkoren!"

"Doch nahm ich mich zusammen und beschrieb dem Richter
Gewissenhaft, wie sich zum Brandplatz kam.
Da ich im Dunkel abends mich verirrte,
Vorm Wetter dann beim Bildstock Deckung nahm,
Und auch der Heil'ge mich beschirmet htte,
Lief nicht, zu helfen, ich zur Unglckssttte."

"Nur von dem Mgdlein und dem Gang mit ihr nach Hause
Mocht' nicht ich sprechen, sonst war alles wahr.
Der Richter jedoch nannt' es eitel Lgen,
Von weitem schon jedweder Wahrheit bar;
Wie ich auch schwur, es wollte nichts verschlagen,
Er lie mich mit der Folter peinlich fragen."

"So ward ich denn den Wasenknechten berwiesen,
Die bas sich freuten auf den Zeitvertreib,
Des fremden Vogels Federlein zu rupfen
Und ihn zu rsten bei lebend'gem Leib.
Mit Zittern trat ich in die Marterkammer,
Die bald auch wiederscholl, von meinem Jammer."

"Ein jeder Tag schier brachte neue Qual und Schmerzen.
Die Teufel steigerten mir Grad fr Grad
Die Marter, ach, ein zehenfaches Sterben!
Und grinsten hhnisch: "Bist noch gut fr's Rad!"
Als sie mich mit den heien Zangen kniffen,
Da zischend tief in's Fleisch die Eisen griffen."

"Doch, trotzdem sie die Qualen tglich fast erneuten,
Ich blieb dabei und sprach kein weiter Wort,
Als was dem Richter gleich schon ich bekannte,
Und was ich wiederholte fort und fort:
Da ich die Herberg blo deshalb verlassen,
Um Luft zu schpfen in des Stdtleins Gassen."

"Lag dann ich wieder einsam auf dem Stroh des Kerkers,
Wo ich vor Schmerz zur Nacht mich schlaflos wand,
Kam wohl mir in den Sinn, es mchte ntzen,
Wrd' etwas lockern ich der Zungen Band
Und frei bekennen, um des Mgdleins Willen
Sei spt der Herberg ich entschlpft im Stillen."

"Doch lieber htt' ich mir die Zunge abgebissen,
Eh' ich die Holde meinethalb verrieth.
Ich schwieg also und lie mich weiter martern,
Stumm wie ein Wild, das keinen Ausweg sieht.
Bist hin! dacht' ich, und hast nur zu errathen,
Ob sie dich hngen werden oder braten!"

"Als sie jetzt sahen, da ich Nichts verlauten lasse,
Da hielten sie mit Foltern endlich ein
Und gaben etwas Ruh' dem armen Krper,
Sich zu erholen von der schweren Pein;
Auch, da ich mich dem Rathe zeigen konnte,
Wenn der sein Urtel mir zu staben gonnte."

"Zum Sterben elend, sa ich nun in meinem Loche
Und sann, auf feuchtem Lager, fr mich hin,
Voll Sehnsucht auf mein letztes Stndlein harrend:
Ach, wenn ich nur des Leidens ledig bin,
Das mir mein traurig Dasein aufgebunden
So bleibt es gleich, was fr ein End ich funden...!"

"Doch whrend solchem Harren heilten meine Wunden;
Dem Schlaf, so lang entbehrt, sank ich in Arm;
Ich schwang mich, trumend, mit der Maid im Reigen,
Ihr rothes Mndlein kte mich so warm.
In trautem Plaudern kos'ten wir zusammen,
Bis ringsum stand die ganze Welt in Flammen!"

"Der Kette Klirren aber strte meinen Schlummer
Und ich besann mich, da nur Traum und Schaum,
Was statt des Mgdleins mich jetzt oft umkos'te.
Entsetzen packte mich im Kerkerraum;
Ich rang mir wund die kaum geheilten Hnde
Und flehte sthnend um ein schnelles Ende."

"Solch ein Erwachen war viel tausendfaches Leiden,
Verglichen mit der Folter argem Schmerz,
In hellem Wahnsinn ri ich an der Kette,
Die Kraft versuchend an dem harten Erz;
Ich war zu glcklich wohl im Traum gewesen,
Als da ich, wach nun, davon konnt' genesen."

"So qulte ich mich wochenlang, bis eines Morgens
Erschlossen ward die Thre und parat
Ein Weibel stund, umgeben von den Schergen,
Die mich begleiten muten vor den Rath.
Im Sonnenschein lief Volk in allen Gassen.
Ich, schier geblendet, wankte durch die Massen."

"Die Herren saen ernst auf schn geschnitzten Siedeln
Und sahen finster blickend auf mich her;
Der Wasenmeister mute rckwrts treten,
Da frei ich stand mit meiner Kette schwer.
Dann fing man zu verklagen an, zu fragen;
Ich mute ihnen nochmals alles sagen."

"Geduldig gab ich Red' und Antwort ihren Fragen,
Erzhlte alles wahr und unverwandt;
Die Herren aber machten strenge Mienen,
Als ich zum Schlusse keine Schuld bekannt.
Da bat ich denn, mein Urtel schnell zu sprechen
Und ber mich nur gleich den Stab zu brechen!"

"Nun flogen Red' und Widerrede hin und wieder,
Gar manches fremde Wort kam mir zum Ohr;
Schon stand ich lange, ihres Spruchs gewrtig,
Da trat ein altes Mnnlein langsam vor.
Man sah ihm an, das Gehen ward ihm schwierig,
Auch schwiegen Alle, auf sein Wort begierig."

"Mich streifte nur ein Blick aus seinen dunkeln Augen,
Die tief versenkt im faltigen Gesicht;
Dann wandte er sich zu den Rathscollegen,
Die lauschten still; sein Votum fand Gewicht.
Ich aber konnt' den Blick nicht von ihm trennen,
Mir war, als sollt' ich diese Augen kennen."

""Wollt nicht aburteln,"" kam es aus des Mnnleins Munde,
""Eh' Ihr zuvor auch mich gela'n.
In jener Unglcksnacht sah ich vom Fenster
Des Wetters Toben lange Zeit mit an;
Die Erde zitterte in ihren Grnden
Und jeder Strahl schien in der Stadt zu znden.""

""Da ist es leichtlich, da wir doch uns irren knnten
Und Wahrheit wre, was der Bursche spricht.
Ich fordre also Namens seiner Zeugen,
Ihm zu beweisen, eh' den Stab man bricht,
Da er es war, wie uns die Klage kndet,
Und nicht der Strahl, der uns das Haus gezndet.""

""Der Unschuld Blut vergieen, heit sich selber strafen;
Doch ist, Gottlob, noch Recht allhier der Brauch,
Da, wenn wir richten, wir nicht frchten mssen,
Es komme Unheil uns durch solchen Gauch.
Drum fordre Zeugen ich zum andern Male,
Dem Recht das Recht zu wahren hier im Saale!""

""So weit die Sonne scheinet in des Kaisers Landen,
So weit noch Christenglocke tnt im Reich,
So weit an Mutterbrsten Kindlein hangen,
So weit wir alle vor dem Herre gleich,
So weit am Himmel mahnen Blitzes Flammen,
Soll keinen rechtlos man zum Tod verdammen.""

""Wie wir durch Gottes Gnade Seligkeit erhoffen,
So ist's, nach altem Brauche, Richters Pflicht,
Beweise von dem Klger einzufordern,
Eh' man ein Urtel dem Verklagten spricht --
Traun! diesem Brauche wollen wir uns beugen:
Zum dritten Male fordre ich die Zeugen!""

""Hochedler Schulthei, wollet nun gebieten, nachdem
Die Mnner wir besiebnet, da man hrt,
Was jene wissen und ob jeder willig,
Die Aussage mit seinem Eid beschwrt;
Dann mget Ihr getrost das Urtel sprechen
Und -- trgt der Bursche Schuld, den Stab ihm brechen!""

"Nach diesen Worten hielt das Mnnlein keuchend inne;
Das Sprechen ward ihm sichtbar endlich schwer.
Er lie sich auf die nchste Siedeln nieder,
Wo nun er harrte, ob sie dem Begehr
Nach Zeugen, die ihr Wort beschwren sollten,
Im Rathe unverkrzt willfahren wollten."

"Doch mocht' des Alten Wort im Rathe Geltung haben;
Es dauerte nicht lange, ward erklrt
Vom Schulthei, der im Rath den Vorsitz hatte,
Da man die Zeugenabhr ihm gewhrt,
Und seien jene eidlich zu verhren;
Kein Irrthum drfe gutes Recht bethren."

"Ein Nicken von dem Alten galt als Dank dem Schulthei;
Dann rief ein Schreiber laut die Zeugen vor.
Es waren vier', die in die Schranken traten,
Doch ihre Namen ich schon lang verlor;
Nur Einen kannt' ich an den Fusten wieder,
Die mich beim Brande damals schlugen nieder."

"Wie nun die Zeugen reden sollten, stand der Alte
Nochmals vom Stuhle auf; es sprach sein Mund
Den vieren zu, der Wahrheit treu zu bleiben;
Gott sehe jedem Herzen auf den Grund
Und sei ihm selbst der Eidschwur des Gerechten
Nicht wohlgefllig, wie vielmehr des Schlechten!"

"So sprach er lang und breit, ein Pfaffe macht's nicht besser,
Der auf der Kanzel seine Predigt thut.
Mir war dabei, als sprch' aus seinen Worten
Es oft wie Mitleid fr mein junges Blut,
Und trafen mich die groen, dunkeln Blicke,
Fhlt' ich's wie Trost in meinem Migeschicke."

"Als er geendet, gab des Rathes drrer Schreiber
Dem ersten Zeugen zum Bericht das Wort.
Gar kurz erzhlte der, wie er getroffen,
Der ersten einen, mich am Unglcksort,
Und wie er mich als Fremden gleich erkannte,
Der nichts zu schaffen hatte, wo es brannte."

"Im Unmuth ob der Rede fate ich die Kette
Und hob die Hand beschwrend hoch empor,
Mit lautem Mund dem Rathe wiederholend,
Wie ich durch Zufall nur den Weg verlor,
Dann mit der Burgerschaft zu retten eilte,
Weil ich nicht fern vom Brand geborgen weilte."

"Mit harten Worten hieen sie mich jedoch schweigen;
Ich knirschte mit den Zhnen und blieb still.
Vergeblich, dacht' ich, ist des Einen Kmpfen,
Wenn um ihn jeder sein Verderben will.
Sein letztes Liedchen mag das Vglein singen,
Denn es sitzt arg verstrickt in bsen Schlingen!"

"Es sprach der Zeuge weiter: Weil solch fremd' Gesindel
Zu Allem fhig, habe der Verdacht,
Ich sei der Thter, Jedermann befallen,
Sonst htten sie mich dingfest nicht gemacht.
Von Andrem aber, schwur er, nichts zu wissen --
Er hat der Wahrheit ehrlich sich beflissen."

"Die andern drei besttigten des ersten Rede,
Sie auch bekrftigend mit Eid und Schwur.
Mir aber ward ganz wunderlich zu Muthe;
Ich glaub' die Augen zeigten Wassers Spur.
In allen Gliedern fhlt' ich frisches Leben,
Htt' schier den Mnnern einen Ku gegeben!"

"Ein eigenartig Ding ist doch des Menschen Wesen!
Der Klgste bleibt ein ungenesen Kind.
Sein bldes Aug' die Pfade nie erschauet,
So ihm zum Heil von Gott gebahnet sind!
Verzweiflung hielt mich wochenlang umfangen,
Da ich am liebsten in den Tod gegangen."

"Und nun, da schwach ein Stern am dunkeln Himmel blinkte,
Der wieder goldne Lebenshoffnung gab,
Entfalteten sich neu des Geistes Schwingen;
Ich hob mich khnlich ber's offne Grab.
Das Leben wechselt zwischen Furcht und Hoffen,
Bis endlich uns des Todes Pfeil getroffen!"

"Doch, eh's zur Freiheit ging, gab es noch bse Stunden,
Denn als die Viere ihren Spruch gethan,
Ward lange hin und her im Rath verhandelt, --
Ob sie den Vogel drften fliegen la'n.
Ein alter Rathsherr meinte vielbedchtig,
Ich sei ihm, trotz der Zeugen Spruch, verdchtig."

"Ein andrer rief, die Schuld sei unerwiesen, daher
Am besten auch, sie lieen mich gleich gehn,
Da nicht des Stdtleins Sckel erst noch Kosten
Fr solchen Strolches Unterhalt entstehn;
Nur sollten vorher sie mich schwren lassen,
Zu meiden fortan Banngebiet und Gassen."

"Da nun das Mnnlein sah, da nicht sie einig wrden,
Erhob es sich vom Stuhl mit ernstem Mund
Und sprach: Wenn trotz dem Schwure der vier Zeugen
Ich doch verdchtig scheine noch zur Stund',
So sollte man auch hier nach Recht verfahren,
Und damit Zeit und unntz Reden sparen!"

"Und das geschah denn auch. Die Rthe wurden stille;
Auf wohlverstandnen Wink des Schulthei schob
Der Freimann wenig sanft mich aus dem Saale.
Wie Nebel war's, was meinen Blick umwob,
Denn, schwach gemacht vom Foltern und vom Fasten,
Fhlt zentnerschwer ich meiner Fesseln Lasten."

"Die Spannung, zu erfahren, was sie nun beschlssen,
Hielt aufrecht mich indessen drau' im Flur,
Und immer strker kam mir der Gedanke:
Sie werden los mich geben mit dem Schwur,
Ihr Banngebiet auf ewig zu vermeiden;
Was ich geschworen htt' mit tausend Eiden."

"Dazwischen gab es von des Wasenmeisters Knechten
Noch manchen Puff, weil's nicht zum Galgen ging,
An den sie mich so gern gehangen htten;
Doch achtete ich solches nur gering;
Mein Trost war ja, es kann nicht lang mehr dauern,
Bis hinter mir des Stdtleins Thor und Mauern."

"Gleich einer Schnecke langsam, schlich die Zeit von hinnen;
Fast duchte mich, da drinnen sie im Saal
Mit meinem Spruche gar nicht fertig wrden;
Es schuf die Ungeduld mir harte Qual.
Jung Blut hat eben wenig Zeit und Weile,
Hofft, da Erfllung gleich den Wunsch ereile!"

"Da endlich ward des Saales Thre aufgerissen,
Ein Bttel rief den Wasenmeister an,
Mich wiederum dem Rathe vorzufhren;
Er selbst ging stolzen Schrittes uns voran.
Der Freiheit mich schon freuend in Gedanken,
Trat leichtern Sinn's ich dies Mal vor die Schranken."

"Wie vorher winkte jetzt der Schulthei seinem Schreiber,
Der gleich darauf mit wichtigem Gesicht
Und feierlichem Ton begann zu lesen;
Doch was er las, verstand ich leider nicht,
Am Schlu nur hie es: aus sothanen Grnden
Sei Deliquent das Urtel zu verknden."

""Dem Rubrikaten ist frh, nach dem Hahnenkrahte
Vom Freimann morgen vor der Rathhaus-Wacht,
Der Galgen auf dem Nacken einzubrennen,
Da er hinfro kanntlich sei gemacht, --
Nach solchem aber mittelst Ruthenhieben,
Von wegen Rechtens aus dem Thor zu schieben.""

"Schier sank ich hin ob diesem allzuharten Urtel;
Man forderte dafr noch meinen Dank,
Weil mich der Rath so gndig angesehen,
Da morgen schon ich wrde frei und frank.
Mein leiser Fluch mocht' ihnen dafr gelten,
Denn bessern Dank verdienten wohl sie selten."

"Bislang sah ich im Leben wenig solcher Stunden,
Wie ich sie durchgemacht in jener Nacht,
Die mich von der ersehnten Freiheit trennte;
In wildem Fieber hab' ich sie durchwacht,
Dem Stdtlein fluchend und dem strengen Rathe,
Der mich erst losgab nach dem Hahnenkrahte." --

"Es weicht die lngste Nacht am Ende doch dem Morgen;
Ist sie auch schwer und bang, der Tag erscheint.
Drum grm dich nicht, es mu die Noth sich enden,
Ob man sich auch von Gott verlassen meint.
So sprech' ich jetzo, alt und viel erfahren;
Doch damals war ich -- noch zu jung an Jahren!" --

"Es mochte lange Tag sein, als, wie Glockenluten,
Des Riegels Quitschen tnte mir zum Ohr,
Und mir der Freimann guten Morgen wnschte
Inmitten seiner groben Knechte Chor;
Dann ging es, langsam nur, durch enge Gassen
Dem Markt entgegen, zwischen Menschenmassen."

"Gar stolz hob ich den Kopf, als ob's zum Tanze ginge,
Als folgt' der Freimann mir, nicht ich, am Strick;
Doch schlug mir's Herz, es mchte aus der Menge
Am End' mich treffen jenes Mgdleins Blick,
Um das ich manchen Tag so schwer gelitten --
Ging's nur, ich wre schneller ausgeschritten."

"Die halbe Burgerschaft war auf dem Weg zum Markte
Doch ich schritt keck in meiner Unschuld Muth
Zum Richtplatz hin, nicht vor dem Henker bebend,
Denn mein Gewissen war ja rein und gut;
Auch als sie nun mich an den Schandpfahl stellten,
War mir ihr Schmhen, als ob Hunde bellten."

"Ja, als mit rothgeglhtem Eisen mir der Freimann
Des Stdtleins Dreibein auf den Nacken brannt',
Da zuckt' ich kaum, so da der Henker wthend
Mich hartgeschmorten Teufelsbraten nannt'
Und fluchend seinen Knechten aufgetragen:
Bis ich am Thor, aus Krften drein zu schlagen!"

"Schien freilich nicht vonnthen, sie auch noch zu hetzen,
Denn kaum war ich der Fesseln los und frei,
Als sie mich peitschend durch die Gassen jagten
Und mir die Menge folgte mit Geschrei.
Der Rcken brannte mir, wie Hllenflammen,
Gezeichnet kreuz und quer mit blut'gen Schrammen."

"Auf flinken Fen ging's die schmalen Gassen nieder,
Die Knechte hinter mir in wilder Jagd,
Als unfern ich dem Thor ersah das Huslein,
Wo Abschied nahm von mir die holde Magd.
Ein Fenster war verhngt und drau' der Blumengarten,
Stand welk, als mte er auf Pflege warten."

"Mit thrnenschwerem Blicke rannte ich vorber,
Dem Ende meiner Qual, dem Thore zu.
Ich jauchzte auf; die Jagd war berstanden,
Denn vor dem Thore lie man mich in Ruh. --
Nicht ohne meinen Fluch dem Nest zu spenden,
Schritt ich von dannen mit zerschundnen Lenden!"

"Nun war der Vogel frei, wenn gleich sie arg ihn rupften,
Und schier geknickt die jungen Flglein sein! --
Nur mhsam hielt ich mich noch auf den Fen
Und zog dahin im hellen Sonnenschein,
Bis endlich ich den grnen Wald erreichte
Und md' in's Gras sank, wo ein Eichstamm bleichte!"

""Letz' Deine trockne Kehle wieder, alter Weinschlauch!""
Fiel hier Herr Heinz dem Spielmann nun in's Wort,
""So Du nicht fabelst, bist ein braver Kerle,
Wenn sie Dir auch den Braten arg geschmort;
Manch einer htt' das Mgdlein angegeben,
Eh' halb so viele Pein er mocht' erleben!""

Und hastig griff der Spielmann nach dem vollen Kruge,
So Kunz ihm rasch auf Elsbeths Wink gereicht;
Erschttert von des Sngers bsem Schicksal,
Ward erst, als der nun schwieg, ihr wieder leicht
Und ging sie flink daran, mit eignen Hnden
Ein gut Stck Schinken ihm und Brod zu spenden.

Der Spielmann lie sich's schmecken; unterdessen aber
Ward leis am Tische ein Gesprch gefhrt,
In welchem Elsbeth fr den Snger kmpfte,
Weil de' Erzhlung sie gar tief gerhrt;
Indessen Adelgunde ihm gar wenig traute,
Ja, in dem Ganzen nur ein Mhrlein schaute.

Derweilen wurde Jener mit dem Essen fertig
Und bat von neuem nun den Vogt um's Wort;
Doch schien's, als ob der Zweifel leis ihn krnkte,
Denn also spann er die Erzhlung fort:
"Wrd' meinen Nacken nicht das Dreibein zieren,
So glaubt' ich selbst manchmal zu fabuliren!"

"Ist aber nur die Wahrheit, was mein Mund gesprochen!
Zwar wei ich auch gar manche schne Mr,
Zur Kurzweil holder Frauen ausersonnen,
Drob ihres Beifalls ich gar sicher wr.
Doch, mit Vergunst! Glaub' nicht, Ihr werdet schmhlen,
Weil ich gewagt, Erlebtes zu erzhlen."

"Nicht immer lstet es den Sinn, rckwrts zu schweifen;
Verwichen Leid und Freud' mit lautem Wort
Der Welt zu schildern, da auch sie erfahre,
Was sonst wir bergen am geheimsten Ort.
Dann kommt es wieder, da wir minder zaudern,
Von allem, was uns auf dem Herzen, plaudern."

"Wie schon erzhlt, hatt' ich den Schritt zum Wald gerichtet;
Dort warf ich mich todmde in das Gras.
Von Durst und Schmerzen aber arg gepeinigt,
Ging lange es, eh' ich des Schlafs genas;
Nur nach und nach sang mich der Wald in Schlummer:
Ich fhlte endlich weder Schmerz noch Kummer."

"Wei, nimmer recht, wie lange ich geschlafen hatte,
Als es mich dnkte, eine zarte Hand
Glitt sammetweich mir ber Stirn und Wangen;
Es war so angenehm, was ich empfand,
Da, in der Angst, mein Traumglck zu verjagen,
Ich es vermied, die Augen aufzuschlagen."

"Dann war es wieder, als ob kleine, weiche Finger
Mir gltteten das wirr zerzauste Haar,
Und, selig, fhlte ich auf meiner Stirne
Den warmen Druck von frischem Lippenpaar.
Ich konnt' mich kaum noch halten vor Entzcken;
Doch, da ich wachte, sagte mir mein Rcken."

"So lag ich lange, wie durch Zauberbann gebunden,
Inde' der Schlaf sich mlig ganz verlor,
Als es auf einmal meinen Namen hauchte
Mit ser Stimme und bekannt dem Ohr;
Wie warmer Odem streift es meine Wangen:
Das war kein Traum, was mich so hold umfangen."

"Nun tht es nichts mehr batten,  mut' die Augen ffnen.
Und was ersah ich? Meine traute Maid,
Sie knie'te dicht zur Seite mir im Grase;
Ich kannte gleich ihr braunes Linnenkleid.
Von meines Glckes Ueberma bezwungen,
Hielt wortlos ich die Liebliche umschlungen!"

"Bald aber berkam mich ein schier seltsam Rhren
Ob ihrer Liebe, die so heldengro
Mir auch die Treue zeigte, und ich schluchzte,
Gleich einem Kinde in der Mutter Schoo,
Um stets auf's neu', in seligem Vergessen,
Den Mund fest auf ihr Lippenpaar zu pressen."

"So tauschten wortlos wir denn ungezhlte Ksse,
Versenkte sich erglhend Blick in Blick;
Derweil ihr Antlitz ungefragt mir sagte,
Da es sich bla gehrmt um mein Geschick.
Wie konnt' ich ser lohnen denn die Schmerzen
Ihr anders, als von neuem sie zu herzen?"

"Doch wer vermcht' die Seligkeit mir nachzufhlen,
So ich empfand an meines Mgdleins Brust?
Die Engel vielleicht, wenn sie nicht uns neiden
In ihrem Paradiese um die Lust,
Die reine Herzen an einander finden,
Wenn sie in treuer Minne sich verbinden!"

"Zu bald nur wand die Holde sich aus meinen Armen
Und frug mich ngstlich: ""Joseph, kannst Du gehn?""
Es strich die Hand dabei durch meine Locken,
Wie leise Lftlein durch die Saaten wehn.
Mir aber kam nun die Erinn'rung wieder,
Und traurig wies ich auf die wunden Glieder."

"Da beugte, tief errthend, sie sich auf die Seite
Und hob ein kleines Bndel aus dem Gras;
's war bald geffnet und ich schaute staunend,
Wie nun zum Vorschein kamen Krug und Glas.
Das letztre fllte sie und lie mich nippen;
Es war gleich Balsam fr die heien Lippen."

"Den wunden Nacken aber khlte sie mit Wasser
Aus einem Bach, der nah vorbei gerauscht.
Mit trunknen Blicken sucht ich ihr zu lohnen,
So oft das Tchlein frisch sie umgetauscht,
Und wre Wochen lang gern krank gelegen,
Nur, da die Gute meiner sollte pflegen."

"Dazwischen ftterte sie mich aus ihrem Bndlein,
Zufrieden lchelnd, als sie sah, wie's schmeckt';
Es sagte mir ihr herzig klingend Plaudern,
Da heute frh sie sich im Wald versteckt,
Um, voller Sehnsucht, nach mir auszusehen,
Bis mich ihr Blick von Weitem konnt' ersphen."

"Als ich die mden Schritte dann zum Walde lenkte,
Sei still sie mir gefolgt mit zagem Schritt,
Dem sanften Schlummer gern mich berlassend,
So lange meine Sicherheit dies litt.
Nun aber mahne dringend sie zur Eile,
Weil ich noch immer in dem Stadtbann weile."

"Aus meinem Glcke aufgescheucht, sah ich nun selber,
Wie nah' die Sonne schon dem Niedergehn;
Doch zugleich schaute ich auch reisefertig
Die Traute selber mir zur Seite stehn.
Hei! sprang ich Euch empor und ihr an's Herze,
Als ob ich dagelegen nur zum Scherze!"

"Voll Ernst doch wehrte sie des Mundes heiem Kusse,
Und machte sich aus meinen Armen frei,
Mich eifrig mahnend an die Flucht zu denken;
Denn wenn mich morgen nach dem Hahnenschrei,
Die Burger noch in ihrem Weichbild fingen,
So sei es sicher, da sie doch mich hingen."

"Da schwur ich ihr bei allen Heiligen des Himmels,
Wie ich sie nimmermehr verlassen knnt',
Seit mir gewilich worden, da das Schicksal
Mir ihrer Liebe ses Glck gegnnt;
Ich wollte eher Schmach und Tod erleiden,
Als sie im Leben fortan nun zu meiden."

"Mit dunklem Rothe auf den zarten, lieben Wangen,
Bekannte traurig sie in leisem Wort,
Da wohl auch ihr der Rckweg nicht mehr fromme,
Und sie mir folgen mt' von Ort zu Ort;
Was noch sie flsterte, mocht' kaum ich fassen,
Ich fhlte nur, sie wird mich nicht verlassen."

"In langem Kusse wollte ich's der Lieben lohnen,
Die aber hat ein ernst Gesicht gemacht
Und drngte wieder, endlich aufzubrechen,
Da fern wir seien, wenn der Tag erwacht.
""Der Vollmond,"" schlo sie, ""kommt zu guten Zeiten,
So da wir sicher auf dem Waldpfad schreiten.""

"Und nun, nicht weiter von mir einer Antwort wartend,
Schlug um das Bndlein sie ein festes Band
Und schwangs, ein heimlich Thrnlein trocknend,
Zum Gehen fertig, in der linken Hand;
Derweil sie mit der Rechten mich wollt' sttzen,
Auf holprigrauhem Pfad vorm Fall beschtzen." --

"Htt' nie gedacht, da Liebe halb so viel vermchte,
Wie ich, voll Staunen, damals es geschaut.
Begleitet von der Hoffnung goldnen Sternen,
Aus welche sie ihr knftig Schicksal baut,
Kehrt froh die Jungfrau Heim und Haus den Rcken,
Um, wen sie whlte, liebend zu beglcken!" --

"Das Abendroth vergoldete der Bume Wipfel,
Als wir uns endlich auf den Weg gemacht.
Zwar ging es langsam nur mit meinen Schritten,
Doch dmpfte mir den Schmerz die khle Nacht;
Auch kam der Mond mit seinem lieben Lichte,
Den Pfad uns weisend durch des Forstes Dichte."

"Wie wir so frbas zogen, lauschte ich der Treuen,
Die nun erzhlte, wie sie fleht' und bat
Den Oheim, jenes alte, strenge Mnnlein,
So fr mich Zeugen forderte vorm Rath,
Fr meine Unschuld doch ein Wort zu sprechen,
Da nicht sie ungehrt den Stab mir brechen."

"Seit lange Waise, wohnte sie beim Ohm im Hause
Und hielt sie dieser wie sein eigen Kind;
Doch solcher Bitte wollt' er nicht willfahren,
Denn fahrend Volk war ihm nur schlimm Gesind.
Er hie die Maid ein Gnslein, so da schnattert,
Was Abends es am Brunnen htt' ergattert."

"Da warf sie sich in Thrnen vor dem Oheim nieder
Und beichtete, indem sie ihm gestand,
Da ich es war, der sie nach Hause fhrte
Und dabei wohl den Rckweg nimmer fand;
Da leicht zu irren auf den dunklen Wegen,
Auch ziemlich fern der "gldne Kranz" gelegen."

"Nun erst errieth der Alte ihres Kummers Quelle;
Er sah die Schande, die das Kind bedroht,
Wenn ruchbar es im Stdtlein werden sollte,
Da einem Fahrenden den Arm es bot.
Mit harten Worten schalt er da die Arme,
So schier verging in bitterschwerem Harme."

"Doch hrte sie nicht auf, den Oheim anzuflehen,
Bis der, durch ihre Thrnen wohl gerhrt,
Ihr halb und halb versprach, fr mich zu reden,
Wenn mein Proze im Rathe wrd' gefhrt.
Ob mir es ntze, konnt' er nicht versprechen,
Weil gar zu schwer erschien ihm mein Verbrechen."

"Den Leichtsinn aber sollt' die Arme strenge ben;
Schon nchsten Morgen mute gleich sie fort,
Zu einer alten, menschenscheuen Muhme,
Die einsam hauste in dem nchsten Ort,
Half meinem Lieb kein Bitten und kein Flehen,
Bis nach dem Urtel wollt' er nicht sie sehen."

"So ging sie denn. Indessen frchtete der Alte,
Da doch die Folter mir ein Wort entlockt',
Von dem, was frei das Mgdlein ihm gestanden;
Htt' wohl damit ein Spplein eingebrockt,
Nach dem ihn wahrlich wenig lsten konnte,
Da seine Sippe sich in Ehren sonnte."

"Als jedoch er vernommen, da ich steif geschwiegen,
That's freilich nicht dem alten Herrn zu lieb,
Sann er auf Wege mich vom Strick zu retten;
Nur leider, da ich doch unschdlich blieb,
Und sorgte, da man so mein Urtel messe,
Da hinfr ich das Burger-Kind vergesse."

"Erzhlte schon, wie es der Alte angefangen,
Und man im Rathe ihm zu Willen war;
Nun erst erfuhr ich, da das Mnnlein frher
Im Stdtlein Schulthei war gar manches Jahr,
Und hrte, wie an ihn sich oft man wandte,
Weil Keiner besser Brauch und Rechte kannte."

"Doch diesmal schnitt der Kluge selbst sich in die Finger,
Als er den Burgern rieth, wie's anzufah'n,
Da sie mich doch der That verdchtig sprachen,
Wenn auch das Leben sie mir muten la'n;
Denn whrend er im Rathhaussaal gesessen,
Hat seine Maid den Buhlen nicht vergessen."

"Die Gute lohnte wahrlich mir das Schweigen besser,
Als es der Ohm vor Rath und Burgern that.
Ich war vor ihren Augen rein geblieben --
Und unverdchtig, trotz dem Spruch vom Rath;
Sie dachte seufzend meiner all' die Wochen,
Bis ihr vor Weh das Herzlein schier gebrochen."

"Als dann ihr Kunde von dem strengen Urtel worden
Und auch der Tagzeit, da es ward vollstreckt, --
Verlie die Maid, nach schweren Seelenkmpfen,
Das Haus der Muhme, lang vor Tag erweckt,
Um mir, im Walde wartend, aufzupassen,
Da ich im Elende nicht ganz verlassen."

"Im Walde wurde sie zwar von der Angst gepeinigt,
Ob ich vielleicht gendert meinen Sinn
In all dem Unglck und ihr zrnen mchte,
So da in Unmuth sich verkehrt die Minn' --
Und leis' bekannte sie mir so im Gehen,
Sie htte auch sich dessen vorgesehen."

"So plaudernd schritt sie neben mir auf rauhem Pfade,
Indessen still ich ihren Worten lauscht';
Sie drngte vorwrts, wollte nimmer rasten,
Bis endlich nah die Donau uns gerauscht.
Es war noch frh, fing eben an zu dmmern;
Im Walde hrten wir die Spechte hmmern."

"In meinem ganzen Leben sah ich keinen Morgen,
Der schner war und freundlicher gelacht
Hatt' mir der Sonnenstrahl noch niemals vorher;
Nur gab ich darauf jetzt zu wenig Acht,
Sah lieber in die Aeuglein meiner Trauten,
Aus denen tausend helle Sonnen schauten!"

"Am Donauufer gingen wir zur nahen Fhre
Stromabwrts nun im Morgensonnenschein.
Verschlafen lag der Ferge selbst im Nachen;
Wir muten erst den Wackern munter schrei'n,
Doch endlich schob der grmliche Geselle
Sein Schifflein in des Stromes grne Welle."

"In schneller Fahrt glitt bald der Nachen dann stromber
Und hinter uns lag jetzt des Stdtleins Bann, --
Doch schritten weiter wir entlang dem Ufer,
Bis unser Weg den nchsten Forst gewann;
Hier suchten wir ein Pltzlein an der Halde,
Das dicht umfriedet war vom stillen Walde."

"Aufathmend hielt die Holde endlich ein mit Gehen,
Wir sanken mde in das weiche Gras
Und mochten weder plaudern mehr noch essen,
Eh' neuer Kraft der Krper erst genas.
An treuem Herzen fand die Maid den Schlummer,
Im Schlaf noch lchelnd, da nun fort ihr Kummer."

"Bald lag auch ich vom festen Schlafe bernommen
Aus dem die Maid mich spt am Tag geweckt;
Die Augen reibend, sah ich, gar zufrieden,
Im Grase uns ein Tischlein fein gedeckt.
Sie frug mich, lchelnd, ob mir wohlbekommen
Das Schlflein, so schier gar kein End' genommen?"

Mich nicht besinnend, sprang ich auf und gab die Antwort
In heiem Ku ihr aus den rothen Mund;
Dann saen selig wir bei unsrem Mahle
Im grnen Walde, bis zur Abendstund'
Mir war zu Muth, als sei das holde Wesen,
All meiner Lebetag um mich gewesen."

"Als abermals der Mond gekommen, ward berathen,
Welch' Ziel zu whlen fr den flcht'gen Fu.
Nach Spielmanns Brauch lie ich 'ne Feder fliegen,
So fahrend Volk die Straen weisen mu,
Und, da stromabwrts sie sich fortgewendet
War aller Zweifel drber schnell beendet."

"Frisch ging es also weiter, zwischen Busch und Bumen
Den Wald dahin, im klaren Mondenschein;
Gar traulich wandelt es sich in der Stille,
Ist man alleine mit dem Mgdlein sein!
Die Bume lauschten, wenn wir Ksse tauschten;
Inde' uns nah der Donau Fluthen rauschten.

"So wanderten wir stundenlang in trautem Plaudern,
Nur hie und da von einem Baum erschreckt,
Der aus dem Schatten, wie ein menschlich Wesen,
Uns seine Arme lang herangestreckt;
Als sich im Morgenluft die Tannen wiegten,
Wir, frstelnd, nher uns zusammen schmiegten."

"Allmlig wich die Frhlingsnacht dem jungen Tage,
Des Mondes Bild verschwamm im hellen Blau;
Mit warmen Strahlen kte drauf die Sonne
Von Blatt und Halm den khlen Morgenthau.
Nun galts zur Ruh' ein Pltzlein auszusuchen,
Das bald sich fand, umkrnzt von grnen Buchen."

"Wir hielten ngstlich uns zum Walde, bis die Wunden
Mir fast geheilt, auch unser Bndelein
An Speis' und Trank nichts mehr zu weisen hatte,
Als einst wir, kurz entschlossen, quer feldein,
Da eben sich des Abends Schatten senkten,
Die mden Schritte auf die Strae lenkten."

"Ein Stdtlein, das vor Thorschlu grad wir noch erreichten,
Mut' Herberg geben, bis die Nacht vorbei,
Und weil der Snger berall willkommen,
Gab man uns Obdach und die Zeche frei.
Mit frischem Mund half auch das Mgdlein singen;
Htt' nie geglaubt, da es so schn mcht' klingen!"

"Doch schon am andern Morgen wanderten wir weiter
In's Land hinein, bis schier der Tag zu End'
Und wir in einem Flecken Herberg fanden,
Der rings umsumt von grnem Weingelnd'.
Dort muten wir den wackern Leuten singen,
Und tht uns solches manchen Heller bringen."

"Da konnten wir denn bald ein Saitenspiel erhandeln,
's ist dieses hier und dies auch noch das Band
An dem die Traute mein es stets getragen." --
Schier zrtlich nahm die Laute er zur Hand
Und lie, wohl seine Wehmuth zu bezwingen,
Mit raschem Griff die Saiten voll erklingen.

"Ihr liebes Hndlein lernte bald das Ding zu meistern,
Und liederkundig, wie die Holde war,
Erlernte ich von ihr gar manche Weisen,
Die mir im Sinn geblieben all' die Jahr.
Kein Wunder, da wir Alt und Jung berckten
Mit Sang und Spiel und alle Welt entzckten!"

"Gleich jungen Vglein schwoll uns ja im minnefrischen Herzen
Ein ganzer Himmel voller Sangeslust;
Es klang auch herrlich, was wir sangen, hatten
Den Frhling selber in der jungen Brust
Und gaben kaum so viel, als wir empfangen,
Wenn wir von Lenz und ser Minne sangen."

"Die Tage schwanden uns in eitel Freud' und Wonne
Gab manchmal auch es einen kleinen Span,
So glich das einem warmen Sommerregen,
Wenn Flur und Hain im Sonnengolde stahn.
Das Wlklein ging, so schnell wie es gekommen,
Inde' die Liebe nur noch zugenommen." --

Ein eigen Wesen jedoch blieb der Guten immer.
Das Mgdlein hielt sich ferne meiner Zunft
Und weilte eher unterm freien Himmel,
Als da ich einmal fr uns Unterkunft
Bei einem meines Vlkleins durfte suchen;
Sie hate dessen wstes Thun und Fluchen."

"Oft sa sie sinnend, wie von tiefem Traum umwoben,
Und frug ich da, was sie getrumt so lang?
Blieb wohl mit Lcheln sie die Antwort schuldig,
Griff etwa nach dem Saitenspiel und sang
Mit sem Munde, aber nur ganz leise,
Ein neues Lied zu einer alten Weise."

"Auch kannte sie die Namen von fast allen Blumen,
Und wut' von jeder eine schne Mr;
Das kleinste Kferlein selbst war willkommen,
So ihr des Weges kam von ungefhr.
Im stillen Hain umgaukelten uns Feeen,
Wie Sonntagskinder sie zuweilen sehen."

"Und wie ihr Auge nur das Schne sah in Allem,
So barg ihr Herz nur feinen, zarten Sinn;
Eh' ich mich de' versehn, war ich verwandelt,
So da ich ganz ein andrer worden bin,
Das rohe Wesen bald mir abgewhnte,
Worber meine Zunft mich weidlich hhnte."

"'s ist ja der Frauen schnstes Theil, in sanfter Weise
Zu wirken, da des Mannes strkre Kraft
Nicht blo nach ueren Erfolgen ringe,
Mit denen er sich oft nur Sorgen schafft;
Sie suchen gern, in sinnig zartem Walten,
Des Mannes Sinn auch edler zu gestalten." --

"Ein Jhrlein war vorbei, da wir zusammen hausten,
Der Minne nur und ihrem Sang geweiht,
Ein schner Leben mochte keiner fhren
So hoch der Himmel und die Erde breit;
Im Schlosse heut' zu Gast, im Stdtlein morgen,
Blieb meilenfern uns alle Noth und Sorgen."

"Doch, nun der Lenz dahin, ging's uns, wie noch gar vielen;
Wir bauten flink ein traulich Nestlein fein
Und sahen frhlich jener Zeit entgegen,
Da zwitschern sollt ein junges Vgelein,
Das freilich noch im Schoo der Mutter weilte
Und an das Licht zu kommen nicht sich eilte."

"Je kleiner's Nestlein, um so wrmer sitzt der Vogel!
War unsres klein, viel Glck doch wohnte drin;
Denn wo die Liebe Einkehr hlt und weilet,
Giebt's frohe Herzen und zufriednen Sinn.
Wei heut' noch nicht, was uns htt' fehlen sollen,
Des Einen Wnschen war des Andern Wollen!"

"Doch unser Glck hienied' ist eitel leichte Waare,
Ein leiser Sto und tausend Scherben sind.
Wir hatten uns zu lieb, drum hie es scheiden;
In Nacht und Nebel sank mein Glck geschwind.
Jung Vglein forderte der Mutter Leben
Und lchelnd hat sie es auch hingegeben."

"Will Euch mit meinem Schmerz verschonen, edle Herren!
Nur kurz vermelden, da es lange ging,
Eh' ich den harten Schlag verwinden mochte
Und die Betubung schwand, die mich umfing,
Als auf der Sen Leib die Schollen rollten,
Die mich am besten mit begraben sollten!"

"Allmlig aber fing es wieder an zu tagen.
Ein nie geahnt Gefhl ist mir erwacht,
Das lie mich freundlich auf das Kindlein blicken,
De' Kommen mir so herbes Leid gebracht.
Das Mgdlein hatte ganz der Mutter Augen,
Nur es zu pflegen wollt' mir wenig taugen."

"Gab mich drum gern zufrieden, als die braven Leute,
Bei denen just wir wohnten, auf mein Flehn
Erbtig waren, fr den Wurm zu sorgen,
So ich fr dessen Atzung wrde stehn
Und jhrlich ein Pfund Heller ihnen zahlte,
Da Pfleg' und was sonst nthig er erhalte."

"Nachdem ich dies versprochen, auch mich willig zeigte,
Zum wenigsten ein Mal im runden Jahr,
Selbst nach dem zarten Dinge schau'n zu wollen,
Kt' sachte ich des Kindleins feines Haar
Und zog, nach kurzgefatem Abschied von den Leuten,
Dann meines Wegs beim nchsten Morgenluten."

"Das Saitenspiel der Seligen und meine Trauer
Sie waren manchen Tag mein Weggeleit.
In Gram versunken zog ich meine Straen,
Jed' Sinnen der Vergangenheit geweiht;
Sollt' mal ich wo ein heiter Liedlein singen,
Mut' schier gewaltsam ich mich dazu zwingen!"

"Hatt' aber vordem nur mein Lied der Lieb' gegolten,
Wie sie die Herzen schwellt in ser Lust,
Da wir in ihr des Himmels Freuden ahnen,
So klang mir jetzt die Wehmuth aus der Brust;
Ich mute singen von der Minne Schmerzen,
Vom bittern Scheiden, tiefem Weh im Herzen."

Der Mdel helle Aeuglein schimmerten in Thrnen
Und mancher Knabe klagte mir sein Leid.
Ein guter Schmied ist Unglck, schweit zusammen
Das Weh im Rock mit dem im Grafenkleid,
So wir's verstehn die Saiten anzuschlagen;
Im eignen Schmerz nach fremdem auch noch fragen!"

"Als nach und nach der Herbst in's Land gezogen,
In falbe Bltter blies der rauhe Wind,
Am Hag die langen Spinneweben wehten,
Gleich Silberfden, die entflogen sind;
Da kam die Sehnsucht leise angeschlichen,
Mein Kind zu sehn, die nimmer ist gewichen."

"In jedem Wiegenbett whnt' ich mein eigen Tublein
Und suchte seiner Aeuglein hellen Blick;
Sah sanft an warmer Brust ein Kind ich schlummern,
So schmerzte mich jung Vgeleins Geschick,
Das ser Mutterliebe mut' entbehren --
Und ich entschlo mich endlich umzukehren."

"Hatt' manchen blanken Heller mir ja schon ersungen,
Mit dem ich hoffen durft' die Winterzeit
Bei meinem Kindlein sonder Noth zu leben;
Auch lag im Bndel lngst ein Kram bereit
Fr's Vgelein, von manchen schnen Sachen,
Ob dem es groe Aeuglein sollte machen."

"Und bald, des Wiedersehens mich im Voraus freuend,
Zog ich dem Dorf zu, drin das Mgdlein weilt;
Es war, als streckte Sehnsucht mir die Schritte,
So bin ich damals Tag und Nacht geeilt,
Bis endlich Dorf und Htte vor mir lagen,
Dem kleinen Ding ich frohen Gru konnt' sagen."

"Mit rothen Backen, wie die Englein in der Kirchen,
Schlief sanft es just, fuhr aber auf, erschreckt
Von fremder Stimme und erbrmlich schreiend,
Da wohl zu wenig lind mein Ku geweckt.
Trotz allem Kosen wollt' es nicht mich kennen,
Und erst die Pflegfrau stillte drauf sein Flennen."

"Doch wurden wir im Lauf des Winters gute Freunde.
Es wohl zu warten, krzte manche Stund',
Die sonst vergllt gewesen um die Mutter;
War tief im Herzen ja noch weh und wund,
Und manch ein Ku auf meines Kindleins Wangen
Galt ihr, die viel zu frh von mir gegangen."

"Als dann der Lenz kam, zog ich wieder in die Ferne
Mit Sang und Laute, wie das meine Art,
Mir Atzung suchend nebst so manchem Heller,
Den jedoch stets ich fr mein Kind gespart. --
Eh' aber noch der erste Schnee gefallen,
Sah mich man wieder nach dem Drflein wallen."

"Dies trieb ich volle sechszehn Jahre, liebe Herren!
Nur krzte ich die Fahrten Jahr fr Jahr;
Galt mir doch jede Stunde fr verloren,
In der ich fern von meinem Kinde war.
In seiner Nhe war mir Glck und Frieden,
Wie vor- und nachher nimmermehr, beschieden."

"Gleich einer frischen Rosen, die sich frh entknospet
Im Morgenthau, vom Sonnenstrahl begrt,
Die keusche Blte nur erst halb erschlossen,
Als ob im Traum der Lenz sie wach gekt,
So war mein Mgdlein, schn und fein gediehen
In holder Anmuth, ihm von Gott verliehen."

Es machte mich gar stolz, da ich der Schnen Vater;
Doch stolzer noch, sah ich, wie lieb und gut
Des Kindes Wesen mit der Zeit geworden;
Fern jedem jugendlichen Uebermuth,
War doch dem Frohsinn ihr Gemthe offen,
Von keinem Leide noch und Weh getroffen." --

"Ich aber war im Dorfe in den vielen Jahren
Schier sehaft worden, auch gar wohl bekannt
Im ganzen Gaue, als der Liederseppel,
Wie dorten mich ein jedes Kind genannt.
Auf keiner Kirme' durfte je ich fehlen,
Wenn ich nicht wollte, da sie all' mich schmlen."

"So schwand die Zeit uns hin, gleich wie im Mai die Wolken,
Wir lebten still in ungestrtem Glck;
Nur eines fehlte, 's war des Mgdleins Mutter.
Aus ihrem Grabe sehnt' ich sie zurck,
Um froh, wie ich, bei unserm Kind zu weilen,
Das hchste Erdenglck mit uns zu theilen."

Hier hielt der Spielmann pltzlich inne mit Erzhlen,
Als brchte er es nicht mehr weiter fort.
Kunz aber reichte ihm ein frisches Krglein:
"Da nicht die Kehl' am Ende gar verdorrt!" --
Inde Herr Heinzens freundlich-stilles Winken
Den Gsten rieth, ihr Glslein auszutrinken.

Sie thaten's auch. Doch mochte Keiner plaudern, hielten
Den Blick gespannt dem Snger zugewandt;
Sein schlicht Erzhlen aus dem eignen Leben
Gefiel wohl mehr, als Sagen, altbekannt.
Der Glser Klingen, sonst war nichts zu hren,
Schien Wirth und Gst' im Lauschen gleich zu stren.

"Gesegn' es Euch der Herrgott, edle Herrn und Damen!"
Hob bald der Snger an mit neuem Muth,
Doch einem leisen Beben in der Stimme --
"Ihr haltet es dem fremden Mann zu gut,
Wenn er vom Leid auch spricht, so er erfahren;
Gott wolle Euch in Gnaden davor wahren!"

"'s war wieder Frhling worden und die Sonne lachte
Vom blauen Himmel ber Wald und Ried;
Viel tausend Schnblein sangen jeden Morgen
Von Ast und Zweig ihr ses Minnelied.
Ein Jubeln war's, ein Durcheinanderklingen,
Was nur ein Stimmlein hatte, mute singen!"

"Da lockte mich die Mrzenluft, durchs Land zu streifen.
Dem Snger liegt das Wandern ja im Blut;
Waldvgelein und er ha'n gleiches Wesen,
Thun selbst in goldnem Kfig nicht lang gut:
In linder Lust mu es die Flglein dehnen,
Des Sngers Herz sich in die Ferne sehnen."

"Begleitet von dem Mgdlein bis zum nchsten Dorfe,
Gings frh am Morgen in den Lenz hinein.
Es sprhte, funkelte in jungen Saaten,
Gleich Adamanten im Juwelenschrein;
Im Busche grnten Faulbeerbaum und Erle,
Von jedem Zweiglein hing des Thaues Perle."

"Den Weg zu krzen, mieden wir die breite Straen
Als kaum wir vor des Drfleins letztem Haus,
Und, nun im Walde, pflckte sich mein Herzkind
Ein Bschlein Blumen, mir zum Abschiedsstrau,
In welches es auch manches Krutlein steckte,
Das, seiner Meinung nach, vor Unglck deckte!"

"Von ferne tnte laut des Gauchgucks frohes Rufen,
Das weithin hallte ber Berg und Thal.
Mein Mgdlein gab mir Urlaub soviel Wochen,
Als es erlauschen mocht' der Rufe Zahl;
Dann jedoch wollte mein es tglich warten,
Bis ich ihm wiederkehre von der Fahrten."

"Flink schritten wir, bei munterem Geplauder, frder
Durch junges Grn und hellen Vogelsang,
Als hoch ob uns der Thierburg alte Thrme
Herunter schimmerten vom Felsenhang
Und fernes Klingen eines Hifthorns sagte,
Da ihr Besitzer just im Walde jagte."

"Wir achteten nicht drauf. Das Mgdlein plaudert' frhlich,
Inde vom Rain es blaue Veilchen brach.
Schon war nun auch das nchste Dorf durchschritten,
Von wo zurckzugehn die Maid versprach;
Da war es aus mit unsrem trauten Plaudern,
Wir muten scheiden, half kein lnger Zaudern."

"Ein letztes Mal hatt' ich dem Kinde noch versprochen,
Zu Haus zu sein in der bestimmten Zeit;
Dann kt' ich seine berthrnten Wangen
Und schritt, vom Flennen selbst nicht all zu weit,
Mit felsenschwerem Herzen ob dem Scheiden,
Dem Thale zu, durch Haselbusch und Weiden."

"Von dort, den hellen Blick zur Hhe rckgewendet,
Sah ich mein Mgdlein stehn im Sonnenschein,
Und wurde mir, als hrte ich es rufen:
"Behet Euch Gott! Herzlieber Vater mein!"
Sein rothes Tchlein flatterte im Winde --
Ade, Ade, du mein vielses Kinde!"

"Es regnete im selben Sommer mir die Taschen
Voll blanker Heller, wie noch nie vorher.
War aber auch ein reiches Jahr gewesen.
In Tenn' und Keller blieb kein Pltzlein leer;
Gern lie das Volk drum seine Batzen springen
Fr Lieder, Sang und frhlich Saitenklingen."

"Da hielt ich mich denn nicht lang an des Kuckuks Rufzahl,
Es zog mich heimwrts zu auf Schritt und Tritt;
Im Rnzlein, so mir schwer zur Seit' gehangen,
Hatt' manchen Kram ich fr mein Herzkind mit.
Wie niemals aber, freut' ich mich im Gehen,
In einem fort auf unser Wiedersehen!"

"'s war frh im Herbste, als ich durch des Drfleins Gasse
Der Htte zuschritt, wo mein Kind gewohnt;
Da fiel mir auf, da meinem lauten Grue
Die Drfler nicht, wie frher, froh gelohnt,
Und Unheil schwanend, streckte ich die Schritte,
Bis bald im Stblein knarrten meine Tritte."

"Doch statt dem lieben Grue meines trauten Kindes
Begegnete mir scheu die Pflegerin.
Ihr traurig Willkomm wollte kaum vom Munde,
Es fuhr wie Todesngsten durch mich hin
Und ging es lange, eh' ich's mochte wagen,
Verzagten Sinnes nach dem Kind zu fragen."

"Mit wenig Worten, aber unter vielen Thrnen,
Erzhlte mir das Weiblein, da der Weih'
Am selben Tag mein Vgelein sich raubte,
Als ich im Lenz von ihm geschieden sei;
Doch soll es munter auf der Thierburg weilen
Und Tisch und Lager mit dem Herrn dort theilen."

"Da wich mein bang Gefhl des Zornes nrr'schem Toben,
Und Fluch auf Fluch fiel auf des Kindes Haupt;
In blindem Wthen schwor ich, mich zu rchen
An ihm, der mir mein einzig Kind geraubt.
Aufschreiend: "denen will ich's Nachtmahl wrzen!"
Wollt', rasend, schon ich aus dem Stblein strzen."

"Da wischte sich die Buerin 's Wasser aus den Augen
Und zog mich neben sich auf eine Bank.
""Stat Seppel!"" sprach sie, ""magst Dir's erst beschlafen;
Der auf der Thierburg wt' Dir schlechten Dank
Fr Deinen Eifer! Morgen magst Du gehen
Und es versuchen, deine Maid zu sehen!""

""Ich war schon selber dort, das Mdel aufzusuchen,
Hatt' jedoch bei dem Gange wenig Glck.
Ist Einer wie der Andere dort oben!
Sie wiesen mich am Thore grob zurck,
Und auf mein Flehn entgegneten die Wchter
Mit Schimpfen nur und spttischem Gelchter.""

""Dein Goldkind lebt gar fein! hie es; pack' Dich zur Hllen,
Sonst bluen wir Dir Deinen drren Leib!
Das Mgdlein soll uns bar erst Kurzweil schaffen,
Eh' es zum Teufel fhrt als runzlig Weib!
Dein Frulein lie sich gerne von uns fangen,
Sonst wr' es nicht allein im Wald gegangen!""

""Also verhhnten sie mein Fragen nach dem Kinde,
Da bald ich, weinend, wieder thalwrts zog.
Glaub' freilich nimmer, da es gern gegangen
Wie einer von den Schergen oben log!
Und doch ward mir, seit jener Unglcksstunde,
Vom Mgdlein selber weiter keine Kunde.""

"So klagte mir das Weiblein unter heien Thrnen.
Ein jedes Wort zerri mir schier das Herz;
Ich selber ward jetzt stumm bei seinem Jammern,
Fand keine Worte meinem Hllenschmerz.
Nur Rache! Rache! tobte es da drinnen,
Der Rache nur gehrte all mein Sinnen." --

"Noch war es Nacht, als ich mich auf die Fe machte.
In stummer Wuth schritt ich der Thierburg zu,
Stand aber viel zu frh vor deren Mauern;
Denn Herr und Knechte pflogen noch der Ruh'.
Vom Thore trennte mich ein Felsgehnge,
Das steil abfiel wohl hundert Spieen Lnge."

Blieb darum am Gelnder bei der Brcke stehen,
Indess mein Blick des Abgrunds Tiefe ma.
Da tnte nahe mir ein lautes Ghnen
Und, wie ich hinsah, regte sich's im Gras.
Ein Bursche war's, der schien, wie ich, zu lauern,
Da sie erwachten hinter ihren Mauern."

"Bin wger nicht der Erste! sagte ich zum Burschen,
Als der sich frstelnd aus dem Grase hob.
Mit schlauem Lcheln jedoch meinte dieser,
Ich mcht' fr mich behalten solches Lob;
Denn er gehre zu des Burghofs Knechten,
Der halt beim Lichtgang sich versptet nchten."

"Dann lehnte er sich mir zur Seite an's Gelnder
Und sah, wie ich, hinunter in die Schlucht.
Mir brannt' die Zunge, nach dem Kind zu fragen,
Doch hielt ich sie zum Glcke noch in Zucht
Und fragte nur, um auch etwas zu sagen,
Ob in die Kluft er einen Sprung wrd' wagen?"

"Bin doch nicht nrrisch, wie die Waldfee, so wir fingen,
Als wir vor etlich Monden auf der Jagd
Im Thale durch des Burgbanns Forsten pirschten!
Noch heute seh' ich, wie die holde Magd,
Ein Blumenkrnzlein um das Haar gewunden,
Im Busche stand, umstellt von unsern Hunden.""

""War Dir ein Fang,"" erzhlte ungefragt der Bursche,
""Wie selten ihn das Glck dem Waidmann bringt!
Das Mgdlein kratzt und bi gleich sieben Teufeln,
Eh' unsrem Alten es zuletzt gelingt,
Die Widerstrebende auf's Ro zu setzen
Und im Galopp mit ihr hierher zu hetzen.""

""Das Vglein lie sich freilich nicht gar lange halten,
Flog in der zweiten Nacht ihm schon davon.
Sieh dort! Das Fensterlein in jenem Thurme,
Dran Eppich rankt,"" -- ich sah es leider schon, --
""Dort sprang's hinunter, ohne viel zu denken,
Da sich die Felsen dort am ghsten senken."

"Dies sprechend, deutete der Bursche auf die Felsen.
Mich aber berlief es hei und kalt;
Schier wie gelhmt lie ich die Arme sinken
Und wr' gestrzt, bot nicht die Brustwehr Halt. --
Will Euch nicht klagen, was ich da empfunden,
In meines Lebens allerschwerster Stunden!"

"Fll' ihm das Krglein wieder!" rief Herr Heinz dem Diener.
Doch schaudernd lehnte es der Spielmann ab,
Noch mehr des reich gegnnten Weins zu trinken.
Dann ward es stille, wie vor einem Grab;
Nur im Kamine prasselten die Flammen
Hell berm trocknen Eichenholz zusammen.

Bald jedoch klang's erschtternd von des Sngers Lippen:
"Das Kind! Mein liebes, ses Kind war hin! --
Ich hrte kaum drauf, was der Bursch noch sagte,
Dem wohl nur halbwegs ich bei Sinnen schien,
Und noch bis heute fllt's mir schwer zu glauben,
Da so der Herrgott lie mein Liebstes rauben!"

"In's Herz getroffen, lehnte ich am Rand der Tiefe
Und starrte schweigend in den grausen Schlund.
Mein Kind! Mein Kind! Es war mein einzig Denken.
Dort unten lag's zerschmettert auf dem Grund.
Glaubt, edle Herren! es mocht' wenig fehlen,
Da ich den gleichen Tod nicht auch tht whlen!"

"Der Bursche sah es nicht, wie ich in Weh versunken,
Zur Seiten stand, das Antlitz abgekehrt;
Erzhlte fort, bis ich den Kelch des Leidens
Mitsammt der Hefen tropfenweis geleert.
Er selber war es, so mein Kind begraben,
Als sie es spter todt gefunden haben."

"Zum Glcke kndete des Wrtels Horn vom Thurme,
Die Tagwacht drben an mit lautem Klang;
Sonst htte ich mich wahrlich noch verrathen,
Da ich nur mhsam meinen Schmerz bezwang
Und nicht viel fehlte, da ich laut geschrieen,
Dem bittern Leide unntz Wort verliehen."

"Als nun der Bursche schwieg und sich zur Brcke wandte,
Die chzend von der Windberg' niedersank,
Zog es mich unwillkrlich, ihm zu folgen
In's Thorstblein, dort sa ich auf der Bank
Und schaute zu, wie sie den Brei verschlangen;
Selbst mitzuhalten, sprt' ich kein Verlangen."

"Doch kam mir nun der Sinn, die Ueberlegung mlig;
Wollt' wissen, ob der Knecht die Wahrheit sprach.
Ich blieb drum, als sie mit dem Essen fertig,
Noch bei den Mgden, suchte nach und nach
Mit klugen Worten sie dahin zu bringen,
Da sie von selber an's Erzhlen gingen."

"Was mir der Bursch berichtete, war leider Wahrheit!
Mein ses Mgdlein ruhte lngst im Grab.
Statt dem von Thierburg sich zur Lust zu geben,
Es lieber sich dem grausen Tod ergab.
Ich aber hatte ihr geflucht, der Reinen,
Um nun, bis an mein End', dafr zu weinen."

"Als dann ich Kundschaft hatte, da der Burgherr tglich
Zur Wildhatz ritt in seinem Tann und Bann,
Schlich unbemerkt ich mich aus Thor und Zingel --
Alleine in der Welt, ein armer Mann!
Lag nichts mir mehr am Leben, wollte sterben;
Doch erst mut' ich den Burgherrn noch verderben."

"Der Zufall half mir, da ich gleich an's Werk mocht' gehen;
Denn, als ich traurig wieder thalwrts ging,
Sah ich den Weg allmlig sich verengen,
Indessen oben eine Felswand hing.
Wie Schuppen fiel es da von meinen Augen,
Mein Kind zu rchen, sollt' der Hohlweg taugen."

"In Freuden drob erklomm ich bald die steile Hhe
Und fand dort, wohl vom Blitze hingestreckt,
Schier nah dem Rande einen Baumstamm liegen,
De' knorrig Wurzelwerk den Boden deckt;
Hei! ging's nun dran mit Wlzen und mit Wiegen,
Bis Stamm und Wurzeln in die Tiefe fliegen."

"Nun war der Weg gesperrt, sie muten unten halten,
So lang das Hinderni nicht fort gerumt.
Schon sah ich Herr und Knecht zerschmettert liegen
Von schwerem Felsblock, den ich ungesumt
Mit Riesenkrften bis zum Schluchtrand rollte,
Von wo er wuchtig niederdonnern sollte."

"Dann warf ich mich in's Moos; doch pflog ich keiner Ruhe,
Es zog mich immer wieder, Stein auf Stein
Zum nahen Hang des Abgrunds hinzuwlzen.
Ich fhlte nicht der schweren Arbeit Pein,
Sah nicht, da Blut mir von den Hnden rannte,
Da ich nur ein Gefhl, die Rache, kannte."

"Wild pochte mir das Herz, ich jauchzte in Gedanken,
So oft ein Stein dem Rande nher kam.
Hei! will ich ihnen ein Memento singen,
Eh' sie der Teufel sammt und sonders nahm!
Des Sngers Rache sollten dran sie kennen
Und mt er selber in der Hllen brennen."

"Verschnaufend spitzte ich die Ohren. Halt! Sie kommen!
Fern tnt im Wald der Hifte heller Ruf:
Der von der Thierburg reitet aus zum Jagen,
Schon hrt ich trappeln seiner Rosse Huf.
Es ward mir schwer, den Ingrimm zu bezwingen,
Den Teufeln nicht die letzte Me' zu singen."

"Da ich mich nicht verrathen durfte, schwieg ich aber
Und lie sie nhern sich der Felsenwand.
Ein Sang war mir des Rdenmeisters Fluchen,
Nun der den Hohlweg so verrammelt fand.
Bald folgten, fluchend, jenem auch die andern,
Sah Graf und Knecht in meine Falle wandern."

"Der Burgherr schrie und tobte auf die Waidgesellen
So gaffend standen vor dem schweren Baum,
Anstatt dem Herrn den Weg rasch frei zu machen;
Dann sah er um sich in dem engen Raum.
Jetzt war es Zeit, mein armes Kind zu rchen,
Ein einz'ger Felsblock sollt' sie nieder brechen!"

"Da, als der erste Block zur Tiefe donnern sollte,
Den Satan tdtend unter seiner Last,
Sah ich von ungefhr des Grafen Antlitz
Und -- fuhr zurck, wie selbst vom Tod erfat!
Entsetzen packte mich, mut' inne halten,
Statt meiner grausen That zu End' zu walten."

"Mein fieberndes Geblte whnte klar zu schauen
Ein wohlbekannt Gesicht mit tiefem Blick:
Den alten Rathsherrn, der mich losgeredet,
Als meiner harrte einst des Henkers Strick.
Das Mnnlein, dem ich meinen Dank vermachte,
Da ich es um sein liebes Mndel brachte."

"Es rcht sich alles, rcht sich wohl schon hier auf Erden!
Was ich dem Alten that, das brannte jetzt,
Gleich Flammen, mir zum ersten Mal die Seele,
So da ich wie ein Wild, vom Hund gehetzt,
Den Blick nicht wendend, lief, was ich nur konnte,
Und erst im sichern Heim mir Ruhe gonnte." --

"Noch selben Abend gab ich Saitenspiel und Rnzlein
Der Buerin; das Singen hatt' ein End'.
Gebrochnen Muthes zog ich aus dem Dorfe,
Nur sinnend, wie auch ich ein Ende fnd'.
Den Tod ersehnend, schlich ich mich von dannen;
Der Herbststurm fegte schaurig durch die Tannen."

"So schleppte ich mich hin, das Nthigste erbettelnd,
Vergeblich hoffend auf des Todes Nahn.
Er blieb mir fern. Ich hatt' noch des Gefieders,
Das ich mir vorher erst sollt' rupfen la'n.
Nackt war der Vogel ja, zur Welt gekommen.
Fr's Grab braucht ihm kein Federschmuck zu frommen."

"Was sollt' er noch, nun ihm der Weih die Brut gewrget?
Gelhmt die Fittige der bittre Harm?
Hob stolze Hoffnung einst ihn auf zum Himmel,
Am Boden liegt er nun, da Gott erbarm!
Tht wohl am besten, sich im Hag zu ducken,
Da Niemand schauen sollt' sein letztes Zucken."

"Weil mich der Tod nicht fand, zog aus ich, ihn zu suchen,
Mit einer Sldnerschaar in's Polenreich. --
Die meisten fielen, wie das Gras im Heuet,
Nur mir blieb ferne der Geselle bleich;
Die Hand, in der das Saitenspiel erklungen,
Sie ward im Feld vom Tode nicht bezwungen."

"Es fehlte freilich wenig, lag Euch schon im Sande,
Von scharfem Hiebe blutend, hingestreckt,
Den klaren Sinn von Dmmerung umnebelt;
Doch hat Freund Hain mich damit nur geneckt.
Statt als ein tapferer Gesell zu sterben,
Soll ich, wie scheues Wild, am Hag verderben."

"Denn als die Anderen, die Kampfgefhrten suchend,
Tags nach dem Treffen ber's Blachfeld gehn,
Da finden sie auch mich und jeder eilte,
Voll Mitleid dem Todwunden beizustehn.
Ein frischer Trunk gab mir das Leben wieder,
Verwundert hob ich bald die schweren Lider."

"Da fgte sich's, da sie auch jenes Dreibein sahen,
So mir des Henkers Faust einst aufgebrannt,
Hei! war ihr Mitleid Euch nun schnell verflogen,
Als sie den Galgenvogel dran erkannt!
Ich hr' noch heut' ihr hhnisch Lachen klingen,
Mit dem sie, mir vorber, weiter gingen."

"Doch, dabei ging das letzte Federlein verloren,
Der nackte Vogel nderte den Sinn;
Sein stolzes Wollen bracht' ihm schlecht Gedeihen,
Was er erstrebt', de' ward ihm kein Gewinn.
Nun beugte er sich demuthvoll im Stillen,
Vor seines Schpfers weiser Macht und Willen."

"Es schwand die Kraft mir wieder und ich sank zusammen
In dumpfem Schmerz und bangem Herzeleid;
Auf leisen Sohlen kam die Nacht gewandelt
Und deckte mich mit ihrem dunkeln Kleid.
Dann schlug's wie Wellen ber mir zusammen,
Im Ohre Rauschen, in den Augen Flammen."

"Wie lange ich bewutlos lag, ich wei es nimmer,
Als ich auf einmal hrte, da man sprach.
Erwachend fand ich mich, zu meinem Staunen,
Auf Stroh gebettet unter Dach und Fach.
Der Tod war wiederum vorbeigezogen,
Ich schien ihm unwerth seines Pfeils und Bogen."

"Ein niedrig Scheunendach, durch dessen enge Luken
Die Sonne glnzte und des Himmels Blau,
Ein Bndlein Heu, an dem ein Esel kaute,
Und in den Ecken Spinneweben grau,
Das war der Ort, an welchem ich erwachte,
Nicht grad das Paradies, wie ich mir's dachte."

"Zu meiner Linken sah ich brtig Mannsvolk sitzen,
Beim Spiele, doch auch's Krglein in der Hand,
Derweilen Weib und Kind am Boden schliefen,
Bei einem Karren, der daneben stand.
Da zwischen fahrend Volk ich sei gerathen,
Lie unschwer mich der erste Blick errathen."

"Barmherzig hatte dies sich meiner angenommen,
Als ich dem Tode nah im Felde lag,
Und nun ich endlich wieder Leben zeigte,
Hielt's treulich bei mir aus manch lieben Tag,
Bis dann die Zeit kam, wo ich gehen konnte,
Mich nicht mehr matt am grnen Hage sonnte."

"Zum Danke dafr fuhr ich lang mit den Gesellen,
Die Kreuz und Quer in Stadt und Land herum;
Ihr Treiben aber wollt' mir nicht gefallen,
Fand viel der Haken, die gewaltig krumm;
Doch wenn ich warnte, bracht's mir Spott und Schelte,
Da ich die Freundschaft ihnen schlecht vergelte."

"So schwieg ich denn, bis es sich also fgte, da wir
Dem Dorfe nahe, wo ich glcklich war.
Nun hielt mich nichts mehr, lie das Volk im Stiche
In einer Mondnacht, wie der Tag so klar;
Das stille Httlein noch einmal zu sehen,
Konnt' meiner Sehnsucht ich nicht widerstehen." --

"Es taugte nichts. Ich fand mich fremde, schier vergessen,
Und statt zu mindern, frischte ich den Schmerz
Nur wieder auf, der manchmal doch geschlummert.
Des Menschen Herz ist wie ein Fels von Erz,
In welchem, unauslschlich tief, gegraben,
Was wir an Freud und Leid genossen haben."

"Am zweiten Morgen schon verlie ich drum die Htte,
Doch diesmal mit der Laute im Geleit.
Ich fand sie noch, ein trautes Angedenken
An freudige, wie kummerhafte Zeit,
Und halte sie seitdem in guten Ehren,
Gleich einem Freund, der hilft das Leid verwehren."

"In langen Fahrten zog ich singend durch die Gauen,
Und, wenn es anging, mehrtheils ganz allein,
Da ich dem Wesen meines eignen Vlkleins
Entfremdet war bis auf den bloen Schein;
Kam so gen Kostniz, wo der Kaiser tagte,
Und eine Zeitlang es mir bas behagte."

"Traun! gab's des bunten Treibens da gar viel zu schauen,
Vom Morgenluten bis zum Abend spat.
In stolzem Prunk die Frsten und die Pfaffen,
Viel schne Frau'n in ihrem besten Staat;
Die weite Stadt mocht kaum sie alle fassen,
So mit dem Kaiser dort zu tagen saen."

"Wo Frsten weilen, wei der Snger sich willkommen!
Sie leihen frohen Weisen gern das Ohr;
Auch wissen ihre Damen hold zu lohnen,
Singt man zum Saitenspiel was Schnes vor,
Und Frauenherzen mu der Snger rhren,
Soll reichen Sold sein Singen ihm erkren."

"So sang ich frhlich denn am blauen Schwabenmeere,
Wo blaues Aug' und blauer Trauben Saft
Das Herz erwrmen, unter blauem Himmel
Man sich in's Farbenspiel des See's vergafft. --
Ich wrde heut' noch dort die Saiten spannen,
Trieb scharfer Brandgeruch mich nicht von dannen." --

"Ein selten Vgelein lie sich im Garne fangen,
Von arger List und bsem Trug gestellt.
Thut nimmer gut, die Wahrheit grad zu singen,
Da lauten Ton's sie in den Ohren gellt;
Ach, wenn die Leute nach der Wahrheit fragen,
Bedenket erst, ob die sie auch vertragen!"

"Das Vgelein, ein Gnserich fernher aus Bheim,
Kam durch sein Schnattern bald auch arg in Noth;
Statt frei Geleite, so man ihm versprochen,
Verdammten sie's und zwar zum Feuertod. --
Mein' aber doch, einst kommt ein Schwan gefahren,
Den sie zu braten sich gewilich wahren!"

""Ein Unrecht ist's!"" entschlpfte es dem Mund des Junkers
So laut, da sich der Spielmann unterbrach
Und mit Erstaunen auf Herrn Kuonrad blickte,
Aus dessen Antlitz edles Zrnen sprach;
Herr Heinz doch that, als htt' er nichts vernommen,
Lie nur von Kunzen frischen Wein sich kommen.

Der Junker schwieg drum auch, dann sprach der Alte weiter:
"Es ward mir schwl am blauen Bodensee;
Denn jedes Mal, wenn ich den Freimann sehe,
Thut mir das Dreibein auf dem Nacken weh.
Wei es ja selbst, wie es zu Muth dem Herzen,
Das schuldlos leidet Henkerpein und Schmerzen!"

"Ich sagte drum Valet der Stadt und ihrem Treiben,
Den vollen Humpen und den schnen Frau'n,
Und zog den Rhein herab, die Pfaffengassen,
Mit Sang und Sagen frbas durch die Gau'n,
Bis sich von ungefhr das Steuer drehte
Und mich der Wind in Euer Thal verwehte." --

"Ein wunderlieblich Land mu ich den Kletgau preisen,
Mit seinen Fluren, seinen Rebenhhn;
Umkrnzt von goldnen Feldern, grnen Matten,
Liegt Dorf an Dorf, gleichwie ein Garten schn,
Um welchen rings sich wald'ge Berge bauen,
Von denen stolze Burgen niederschauen!"

"Es lernt der Wandrer da ein heiter Vlklein kennen;
Nach wackrer Arbeit liebt es Sang und Tanz,
Ist biedern Sinns und wger hochgemuthet,
Gleich seinen Eichen auf der Berge Kranz.
Hier fhle ich mich wohl, hier mcht' ich weilen,
Wr' mein Geschick nicht, durch die Welt zu eilen!" --

"Nun, Herre, kennet Ihr des Vgleins Flug bis jetzo
Und wisset, wo's die Federlein gela'n.
Ich hoffe, 's wird einst, nach der letzten Mauser,
Wie andre, neuen, schnern Schmuck empfahn;
Ist doch auch's Vgelein in Gottes Hnden,
Der Euch und ihm wll frhlich Urstnd spenden!"


Siebentes Kapitel.

Die Nacht ist hin. Von starkem Rauhreif wei besponnen,
Erschimmern rings in mrchenhafter Pracht
Der Bume Wipfel, purpurn bergldet
Vom Morgenroth, das fern im Ost erwacht;
Bald wird, sein leuchtendes Gespann am Wagen,
Der Sonnenball die kurze Tagfahrt wagen.

Lichtblauer Himmel wlbt sich ber Schlo und Landschaft
Und, wenn's auch kalt macht, ist die Luft doch still
Und rhrt nicht an des Waldes silbern Pfeitlein,
In dem die Sonne er begren will;
Als ob ihm nimmer die Erfahrung sagte,
Da er noch jedes Mal umsonst sich plagte.

Jetzt flammt es auf in hellen Blitzen weit im Osten
Getroffen von des Lichtes goldnem Hauch,
Erglnzt in allen Farben, glhend, funkelnd,
Ein herrlich Diadem, der Reif am Strauch.
Ein Meer von Gold ruht auf den schnee'gen Flchen,
Auf welchem glitzernd sich die Strahlen brechen. --

Da schn der Tag sich anlie, kam Herrn Heinz zu statten,
Weil Elsbeth, wie er selbst, die Gste bat,
Noch einen Tag das Jagdglck zu versuchen;
Was diese auch versprochen, eh' sie spat,
Da md' und schlferig die Lider hingen,
Vom Wein sich trennten und zur Ruhe gingen. -- --

Des Spielmanns schlichte Rede hatte gestern alle,
Nur nicht des Wasserstelzen Tchterlein,
Ernst angemuthet; dieses wollte lachen.
Mit krauser Stirne sah es unwirsch drein,
Als jener endlich schwieg und alle zaudern
Von heitern Dingen, wie vordem zu plaudern.

Doch bald gewann des Vogts gemthlich Wesen wieder
Die Oberhand. In froh gelaunter Weis'
Befahl er Kunz, den Spielmann wohl zu letzen
Fr sein Erzhlen nun mit Trank und Speis';
Es sei viel leichter, einen Korb verschwellen,
Denn Kehl' und Magen fahrender Gesellen.

Das Gleichni laut belachend, hrte sicher Niemand
Da unterdessen Junker Kuonrads Mund
Des Schlosses Herrin heimlich flsternd fragte,
Ob ihre Liebe auch so festen Grund, --
Als sie es eben von der Maid vernommen,
Die zu dem Spielmann einst in Lieb' erglommen?

Wohl zog's in dunklen Gluthen da auf Elsbeth's Wangen,
Doch sah sie klaren Blicks zu ihm empor
Und sprach in mildem Ernste, aber leise,
Da kaum erlauschen mochte es sein Ohr:
"Ich denke, Herr, es giebt nur Eine Minne
Und treufest wohnt sie tief im Herzen drinne!"

Als htte sie zu viel gesprochen oder vorschnell,
So hastig stand sie dann vom Tische auf
Und whlte selbst dem Spielmann von den Speisen;
Auch, in der Eil', die Kanne mit dem Knauf
Von Silber fllte sie mit Wein dem Alten,
Sah nicht, wie Mechtilds Blicke drob sie schalten.

Dann winkte sie dem Snger freundlich sich zu setzen.
Was der natrlich auch gar gerne that
Und sich behaglich bers Essen machte,
So da Kunz nicht ein zweites Mal ihn bat.
Bei Tische aber, nun der Ernst gebrochen,
Ward munter wieder hin und her gesprochen.

Nur einer horcht schweigend, und das war Herr Kuonrad,
Dem's wahrlich doch am Mundwerk nicht gebrach;
Er gab wohl hfliche, doch kurze Antwort,
Wenn Frulein Adelgunde zu ihm sprach;
Doch, wollte sie in ein Gesprch ihn ziehen,
So suchte, schlau, er solchem zu entfliehen.

Er merkte nicht, wie darob ihm das Frulein zrnte,
Denn seine Blicke zog's mit Allgewalt
Zu Elsbeth, die, der Wirthin Pflichten bend,
Ihm dann und wann mit einem Blick vergalt,
Der, mehr als tausend Worte, ihm enthllte,
Welch holdes Glck ihr junges Dasein fllte.

Sie wute lange, da ihr Herz ihm angehre
Und seines ihr; wenn auch mit keinem Wort
Ihr hold Geheimni noch die Lippen regte,
Verriethen Blicke doch des Schatzes Hort.
Verschwieg'ne Liebe ist ja doppelt theuer
Und brennt im Herzen wie ein lodernd Feuer. --

Wie schon erzhlt, gings wieder heiter zu am Tische;
Bei Scherz und Kurzweil floh die Zeit gar schnell.
Kunz mute weidlich laufen mit dem Humpen,
Wollt' er mit Ehr' bestehn als Schenkgesell;
Auch kam ihm dabei vor, der Herren Kehlen
Woll' heute jeder Grund und Boden fehlen.

Bald hrte laut man Udo zu dem Spielmann sagen:
"Hei, Alter! Sing' ein Liedlein von der Jagd;
Kennst sicher eines, das recht lustig klinget
Und frohen Waidgesellen bas behagt.
Bei Sang und Kanne lt sich traulich sitzen;
Sieh' nur, wie alle schon die Ohren spitzen!"

Gehorsam griff der Snger da zum Saitenspiele;
Doch, um zu zeigen, da er wohl verstand,
Was Hflichkeit vor edeln Damen fordert,
Bat, eh' er's rhrte mit gewandter Hand,
Er erst des Schlosses Herrin, ihm zu sagen,
Was fr ein Lied der Holden tht behagen.

Zartsinnig bat sie da ihn um der Lieder eines,
So einst sein Mgdlein sich ersann und sang.
Mit feuchtem Blick ihr lohnend, griff der Alte
Drauf in die Saiten, da es hell erklang.
Dann hob er, anfangs leise, an zu singen,
Da es, wie Kinderstimmen s mut' klingen:

"Am Hage blht jung Rslein roth;
De' litten Wind und Kfer Noth,
Wollt's Jeder ha'n zur Fraue;
Es blhn wohl auf der grnen Au
Viel Blmlein, roth und blaue."

"Zum Rslein heimlich sprach der Wind:
""La' um Dich werben, liebes Kind,
Ein Herr gehrt Dein zur Fraue.
Es blhn wohl auf der grnen Au
Viel Blmlein, roth und blaue.""

""Zieh' weiter!"" rothes Rslein sprach,
""Verschlossen bleibt Dir mein Gemach,
Solch Buhlen ich nicht traue.
Es blhn wohl auf der grnen Au
Viel Blmlein, roth und blaue.""

"Drauf, glden schn, ein Kfer kam,
Gab jungem Rslein sen Nam',
Als seiner holden Fraue.
Es blhn wohl auf der grnen Au
Viel Blmlein, roth und blaue."

"Doch Rslein sprach: ""Dich nehm' ich nicht
Goldkferlein! Dein Angesicht
Nur hin nach andern schaue.
Es blhn wohl auf der grnen Au
Viel Blmlein, roth und blaue.""

"Als aber kam ein Junker her,
Da wurde Rsleins Herze schwer;
Von selbst ward's seine Fraue.
Es blhn wohl auf der grnen Au
Viel Blmlein, roth und blaue."

"Dem Junkherrn gab es Duft und Blth',
Doch er war bald des Kosens md',
Zog wieder fort in's Blaue.
Es blhn wohl auf der grnen Au
Viel Blmlein, roth und blaue."

"Und wit Ihr, wer der Junkherr war?
Er heiet Lenz, nimmt jedes Jahr
Ein Rslein sich zur Fraue.
Es blhn wohl auf der grnen Au
Viel Blmlein, roth und blaue."

Wie ein geffnet Buch, drin wonniglich zu lesen,
Sa Elsbeth da und lauschte still dem Lied;
Der helle Sonnenschein aus ihren Zgen,
Verrieth dem Freund, was sie zu sagen mied,
Da, gleich dem Rslein, seit er hergekommen,
Auch ihrem Herzen sei die Lieb erglommen.

Was Wunder, da Herr Kuonrad sich nicht meistern konnte
Und, tief versenkt in Liebeslust und Weh,
Nur Augen hatte fr des Hauses Herrin,
So heute ihm noch schner schien, denn je.
Es brauchte wenig und, in Minne trunken,
Wr' vor der Holden er auf's Knie gesunken.

Ein selig Trumen nahm der beiden Herz gefangen,
Bis leis' der letzte Saitenton verklang;
Doch, als der Spielmann, Udo's Wunsch willfahrend,
Im nchsten Lied des Waidwerks Lust besang,
Und es erscholl, wie helles Hifthornklingen
Durch grnen Wald, da half auch Elsbeth singen.

Nur schchtern erst, doch bald mit voller, klarer Stimme,
-- Im Schlo war Lied und Weise lngst bekannt, --
Sang Elsbeth, da der Spielmann, hingerissen
Von ihren Tnen, alle Kraft gespannt
In schner Harmonie, um zu begleiten
Mit seinem Sange und dem Spiel der Saiten.

Es war ein Jubeln, war ein frohes Tirilliren,
Als hrte man der Vglein hellen Sang
Im blhnden Haine drauen und im Tanne,
Wenn dort das Halali des Waidmanns klang,
Um, fern im Echo, leise zu verhallen,
Und, wieder nah, von neuem zu erschallen. --

Gelt, Mgdlein, wenn die Liebe 's Kpflein euch verwirret,
Ihr s Geheimni, euch allein nur kund,
Das junge Herzlein zum Zerspringen fllet,
Und doch nicht plaudern darf davon der Mund:
Dann quillt in Liedern hell aus Brust und Kehle,
Im Sange jauchzend, was euch hebt die Seele? --

Beim zweiten Verse sangen darauf auch die Herren
Das Liedlein mit in nicht zu lautem Ba;
Wer nur allein noch schwieg, war Adelgunde,
Von bittrer Eifersucht geqult und Ha,
Hielt jedem Laute sie den Mund verschlossen
Und blickte finster vor sich hin, verdrossen.

Je frhlicher im Saal der Snger Stimmen klangen,
Um desto heier fhlte sie die Qual,
Geduldig sehn zu mssen, wie der Blick des Junkers
Sich immer wieder hin zu Elsbeth stahl;
Verschmhter Liebe unheilbare Schmerzen,
Sie nagten heimlich aber tief im Herzen.

Da von den Andern jedoch niemand darum wute,
Flo jenen gar vergngt der Abend hin
Bei frohem Sang und trautem Zwiegesprche,
Als ob es nur ein kurzes Stndlein schien,
Das man im Freundeskreise heut' verbrachte,
Nicht sich die Mitternacht schon nahte sachte. --

Am nchsten Morgen hatte kaum des Wrtels Hornruf
Den Herren dann gemeldet, da es tagt',
Als diese, wieder frisch, vom Lager sprangen,
Hinauszureiten mit dem Vogt zur Jagd,
Die heute, weil der Freund es also wollte,
Im Thal, der Wutach zu, sich ziehen sollte.

   * * *

Die Herren waren lngst zur Jagd davon geritten,
Als Adelgunde sich vom Lager hob.
Sie hatte unruhvoll und schlecht geschlafen,
Weil wirr ein Traum sich in den Schlummer wob,
Aus dem sie, fters aufgeschreckt, erwachte,
Da schon die Sonne durch die Scheiben lachte.

Voll Aerger drber, weil den Ausritt sie verschlafen,
Es hatte Adelgunde Zeit und Ruh,
Auf's neu' dem Unmuth sich zu berlassen,
Da gestern nicht der Junker immerzu
Nur ihrer Rede hrte, nicht ihn rhrte,
Was, ach, so hei, im Herzen sie versprte.

In schlecht verhehltem Mimuth grte sie verdrossen,
Als Elsbeth freundlich in das Zimmer trat,
Und lie das Frhmahl unberhrt erkalten,
Wie viel auch diese es zu kosten bat;
In dunklem Feuer ihre Blicke glhten,
So oft, die Lippen sich zu reden mhten."

Da, unversehens, that die Arge jedoch freundlich
Und gab mit Lcheln Elsbeths Bitte nach,
Sie etlich Treppen aufwrts zu begleiten,
In's eig'ne, prunkentblte Schlafgemach;
Wo vor dem Fenster sich ein Sller baue,
Von welchem man den ganzen Gau erschaue.

"Erlaubt mir Eure Hand, da ich Euch sorglich fhre, -- "
Sprach arglos Elsbeth, als es aufwrts ging
Und Adelgunde zauderte, zu folgen
Im Dunkel, das die Treppe hier umfing, --
"Den nchsten Augenblick schon sind wir oben,
Von Sonnenschein und frischer Luft umwoben!"

Dies sagend, reichte Elsbeth ihrem Gast die Rechte,
An deren Finger sie das Reiflein trug,
So, wie wir wissen, ihr Herr Kuonrad schenkte,
Als er besorgt um ihre Zukunft frug,
Und das, seit jener Stunde, sie getragen,
Ohn' da es Jemand einfiel, drob zu fragen.

Nun lag's, sammt ihren Fingern, in der Hand der Bsen,
Die, als sie's fhlte, voller Bosheit sacht'
Versuchte, ob es abzustreifen wre
Und, da dies anging, sich nicht lang bedacht',
Das Reiflein Elsbeth heimlich weg zu nehmen,
Eh' oben sie zum Licht des Tages kmen.

Zu gut nur, leider, war der Schlauen dies gelungen,
Wie ja dem bsen Vorsatz stets das Thun,
Nur allzu gern, auf halbem Weg begegnet,
Den Unheilsinnenden nicht lsset ruhn,
Bis er, im Banne finsterer Gewalten,
Sieht seinen Willen sich zur That gestalten.

Mit schadenfroher Miene stieg das Frulein vollends
Den Rest der Treppen aufwrts, Elsbeth nach,
Und trat, so unbefangen als nur mglich,
In deren sonnighelles Schlafgemach.
Ein trautes Stblein, nett und rein gehalten,
Gab's Zeugni fr der Herrin emsig walten.

Ein Tischlein, wie das Bett schneewei bezogen, prangte,
Aus Eichenholz gefgt, links an der Wand,
Auf deren Sims, geschmckt mit frischem Eppich,
Die Statue der Muttergottes stand,
Von Knstlerhand in Elfenbein geschnitten,
Ein zierlich Bild, vor Alter gelb wie Quitten.

Noch etlich Sthle mit gestickten Rckenlaken
Und, gleich dem Tischlein, etwas altersschwach,
Nebst ein paar schweren, buntbemalten Truhen,
Besetzten diese Wand der Lnge nach,
Inde die andere das Bettlein sumte,
Drin Nachts die Liebliche in Unschuld trumte.

Drau', vor des Stbleins Fensterthre, lag der Sller,
Ein Mauervorsprung mit nur niedrem Rand,
Fast einem Vogelneste zu vergleichen,
Das, festgeklebt, sich an dem Thurme fand;
Doch allso hoch, da schier es schwindlig machte,
Wenn man zum ersten Mal den Fu drauf brachte. --

Vom Sonnenschein umflirrt, der fast die Blicke blendet,
Betrat das Mdchenpaar des Sllers Raum;
Tief unter sich verschneite, weie Thler,
Die Wlder rings ein einz'ger Weihnachtsbaum,
Und fern im Sd', ein Anblick zum Entzcken,
Der Alpen sonnbeglnzte Silberrcken.

Gar manchmal schon war Elsbeth da gestanden, hatte,
Versunken in des schnen Anblicks Pracht,
Und sich der Fernsicht freuend, stundenlange
Hier oben in der Einsamkeit verbracht,
Um, berwltigt von dem hehren Schauen,
An Gottes Werken still sich zu erbauen.

Nun sollte auch der Gast den klaren Tag benutzen.
Und, whrend Elsbeth ihm die Namen nannt',
Von all den Bergen, Thlern in der Runde,
So weit ihr jene berhaupt bekannt,
Hier Umschau haltend, froher Laune werden,
Beim Anblick dieses schnen Stckleins Erden.

Doch Adelgunde schien nur wenig sich zu freuen;
Sie ma die Gute bald mit einem Blick
Der, mehr noch als die Worte, so ihm folgten,
Erkennen lie, wie gram sie dem Geschick
Drob war, weil dies, in leid'ger Lust am Necken,
Vergessen hatte, sie zur Jagd zu wecken.

"Gebt's auf, mir Namen vorzusagen," sprach sie mrrisch
"Die doch kein Mensch im Kopf behalten kann,
Als etwan Ihr, der, wie es scheint, das Fremde
Es angethan, und nicht der eigne Bann;
Denn sonsten braucht' ich Euch ja nicht zu fragen,
Den Wald zu zeigen, drin die Herrn heut' jagen!"

Da, etwas berrascht, wies Elsbeth mit dem Finger
Hinber, wo das Heidenschlchen stand;
Ein rmisches Gemuer, dessen Reste
Im Waldesdickicht einst ein Waidmann fand,
Als, mde wohl, er sich auf's Moos hinstreckte,
Das grn und weich die Mauertrmmer deckte.

"Dort drben, nah der Wutach, zieht des Wildbanns Grenze
Sich bis hinunter, wo der Lauffen rauscht;
Die Luft ist still und wenn auch wir es bleiben,
Mag's gehen, da Eu'r Ohr den Klang erlauscht
Von ihren Hiften, so, gleich fernem Singen,
Ich mehr denn eimnal bis hierher hrt' klingen!"

"Das glaub' ich gerne!" rief gereizt die Aufgeregte
In einem Ton, da Elsbeth, drob erstaunt,
Der Stolzen in die dunklen Augen schaute;
Doch hielt den Gast sie nur fr schlecht gelaunt,
Und that deshalb, als wre ihr entgangen,
Wie hmisch vorhin dessen Worte klangen.

Gelassen hob sie also wieder an zu sprechen,
Und ging's nicht lange, eh' es Elsbeth ducht',
Ihr harmlos Plaudern habe allen Unmuth
Des Fruleins, wie im Flug, hinweggescheucht.
Sie merkte nicht, wie listig und verschlagen
Die Schlaue forschend stellte Wort und Fragen.

Nach Kurzem, denn die Jugend kann ja nichts verhehlen,
Besonders wenn das Herz sich glcklich wei,
Gab Elsbeth, berlistet von des Fruleins Reden,
Der Schmeichelnden ihr s Geheimni Preis,
Da tiefes Roth der Holden Wangen deckte,
Als jene bald sie mit Herrn Kuonrad neckte.

Nun gar die Liebliche, auf Adelgundens Frage:
Ob sie den Junker minne und er sie,
Mit silberhellem Lachen, statt zu sprechen,
Dem Glcke ihrer Liebe Ausdruck lieh,
Da lie, nicht Herrin mehr des Zornes Wallen,
Die Fragerin jedwede Maske fallen.

"Vermeinet Ihr denn wirklich, da der Herr Euch minnet,"
Klang's giftig, schneidend aus des Fruleins Mund,
"Weil wger Ihr Euch ihm zur Kurzweil bietet,
Wie dies am Vrenentag wohl jedem kund?
Euch -- eines Dienstmanns Tochter, die zufrieden,
Wird einst zum Mann ein Grundhold ihr beschieden!"

Die Augen weit geffnet, stand die Ueberraschte,
Inde das Blut ihr aus dem Antlitz wich,
Ob solcher Rede keines Wortes mchtig;
Es ballten krampfhaft ihre Hnde sich,
Der Hhnenden gebhrend zu vergelten,
Sie eines Dienstmanns Tochter frech zu schelten.

Denn was die Arge sonst gesprochen, war der Keuschen
Ja unverstndlich; blieb es auch, Gottlob,
Bis jene, unter hhnischem Gelchter,
Des Junkers Reiflein in die Hhe hob
Und mit gedmpfter Stimme Worte nannte,
Da Elsbeths Antlitz wie in Gluthen brannte.

"Gebt mir das Ringlein her!" bat dringend die Gequlte,
Nach raschem Blick auf ihren Finger hin.
"Gebt mir den Reif zurck! -- Ihr knnt nicht wollen,
Da ich mein Leben lang im Unglck bin!
Ich dank's Euch noch in meiner letzten Stunde!
Gebt mir das Ringlein! -- Bitte, Adelgunde!"

Den Bitten taub, hielt jene aber dies nur fester
Und lachte hhnisch: "Sagt ich mir doch gleich,
Als ich das Reiflein diesen Morgen funden,
Da solche Fische nicht in Eurem Teich
Zu Hause sind; nun kann ich leicht mir denken,
Von wem Ihr Euch das Kleinod lieet schenken!"

"Denkt, was Ihr wollt!" entgegnete jetzt Elsbeth zrnend,
"Der Ring ist mein und halte ich ihn werth,
Als Angedenken traut gesprochner Worte,
Von denen keines mir das Herz beschwert;
Doch, die ich dennoch Euch mit Flei nun hehle,
Seit ich durchschaue -- Eure schne Seele!"

"Schaut lieber erst in Eure!" spottete die Arge,
"Wird wohl beim Sprechen nicht geblieben sein! --
Ha, ha! Was gilt's, ihr hebet an zu beichten
Die volle Wahrheit? -- Wie? Ihr saget Nein? --
Seht dieses Ringlein! -- Es fliegt von dem Sller,
Bleibt nur das kleinste Wort Euch unterm Gller!"

In Aengsten um den Ring, erfate, statt zu sprechen,
Die Schwergekrnkte jetzt des Fruleins Hand
Und hielt sie fest, bis Adelgund', weil strker,
Mit einem Ruck sie tckisch ihr entwand,
Um nun, begleitet von boshaftem Lachen,
Die ausgesprochne Drohung wahr zu machen.

Noch kam sie nicht dazu; denn schier von Sinnen strzte
Sich Elsbeth jhlings auf den bsen Gast,
Das Kleinod, wenn auch durch Gewalt, zu retten.
Ihr starker Arm hielt Adelgund' umfat,
So da die keuchend rang sich loszuzwingen,
Was jedoch nicht so leichtlich wollt' gelingen.

In blindem Eifer rangen beide, wortlos kmpfend,
Um den Besitz des Ringleins; Kraft bewut,
Die jugendschnen Glieder sich umklammernd,
Sprach aus den Blicken grimmen Hasses Lust,
Der Gegnerin, und koste es das Leben,
Mit nichten in dem Kampfe nachzugeben.

Minuten whrte schon das heie, stumme Ringen
Der Mdchen, als es Adelgundens Kraft
Gelang die rechte Hand sich zu befreien,
Aus Elsbeths leider doch zu schwachen Haft.
Und nun, adje, das Ringlein sollte fliegen.
Das Unrecht, wie so oft, zum Scheine siegen.

Da scholl ein geller Schrei zum Himmel, markdurchdringend,
Von beider Stimmen, wie aus einem Mund.
Des Sllers niedrem Rand zu nah gerathen,
Als just zum Wurf ausholte Adelgund',
War Elsbeth, durch des Stoes Widerprallen
Zurckgeschleudert, von dem Thurm gefallen.

Das hatte doch die Bse nicht gewollt. Aufschreiend
In banger Angst, durchrannte sie im Nu
Das Stblein, dann die dunkle Treppe nieder
Des Thurmes Ausgang und der Stelle zu,
Wo, wie ihr graute, da sie Schuld sich wute,
Vom Sturz zerschmettert Elsbeth liegen mute.

Doch, wie war sie erstaunt, als hier die Todtgeglaubte,
Gesund und heil an Gliedern, vor ihr stand!
Beschftigt schnell den Schnee sich abzuschtteln,
Vom faltenreichen, blauen Wollgewand,
Den Hans, wenn er den Zwingolf morgens kehrte,
Am Fu des Thurms seit etlich Tagen mehrte. --

Der Schneeberg, heute von der Sonne warm beschienen,
Lag locker da, in seiner Masse weich,
Ihm hatte Elsbeth es, nchst Gott, zu danken,
Da, zwar vor Schrecken gleich dem Tode bleich,
De' Nhe ihr das heie Blut nun khlte,
Sie, trotz dem Sturz, sich unbeschdigt fhlte. --

"Um Jesu willen!" keuchte Adelgunde angstvoll,
Ob Elsbeth etwa doch zu Schaden kam,
"Vergebet mir! -- Ich will dem Herrgott danken,
Weil er so gndig Euch in Obhut nahm,
Da Ihr, nach solchem Fall, Euch drft erheben
Mit heilen Gliedern ungekrzt am Leben!"

"Gewhrt Verzeihung --" bat sie leise, als ihr Elsbeth
Nicht sogleich Antwort gab, "wr' bler dran
Denn Ihr, htt' Euch ein Ungemach betroffen,
Da ich es war, die hob zu streiten an;
In kind'scher Lust Euch mit dem Ringlein neckte,
Nicht ahnend, da ich Euern Zorn mir weckte."

In Thrnen schaute Elsbeth auf und sagte milde:
"Gott wolle Euch verzeih'n, wie ich dies thu'!
Meint Ihr es aber ernst, so helfet jetzo
Das Ringlein suchen --" fgte noch sie zu
Und wandte dann sich, in dem Schnee zu sehen,
Ob das Verlorne nicht sich lie ersphen.

Da jedoch reichte, schamgesenkt die feuchten Blicke
Und tief gerhrt von Elsbeths Edelmuth,
Ihr Adelgund' das Kleinod mit den Worten:
"Ist unvonnthen, da Ihr suchen thut,
Was, ging's verloren, selber mich auch schmerzte.
Hier nehmt den Ring! -- Verzeihet, da ich scherzte."

Nun war ein Strom von Thrnen das beredte Zeugni,
Wie freudig berrascht sich Elsbeth fand,
Als ihr, fast zrtlich, gar noch an den Finger
Das Reiflein steckte Adelgundens Hand.
In langem Ku sah man die Lippen pressen
Sie auf den Ring, in seligem Vergessen. --

Am Abend, als die Herrn vom Jagen wiederkehrten,
Im Zwingolf laut ihr Waidmannsgru ertnt',
War Frieden; denn die beiden Schnen hatten
Sich lngst schon miteinander ausgeshnt,
Wenn gleich es Adelgunden schwer gefallen,
Zu meistern stolzen Herzens heies Wallen.

Im Kletgau heit ein Sprchlein: "Essen und Vergessen!"
Das oft im Leben sich verwenden lt.
Auch Elsbeth that es, sie verga der Thrnen,
Die Adelgunde ihrem Herz erpret',
Nicht daran zweifelnd, da des Junkers Liebe,
Wie heut sein Ringlein, ihr erhalten bliebe.

In solchem Glauben wurde bald sie wieder frhlich;
Doch, wenn das Zartgefhl es auch verbot,
Ihr glckgeschwelltes Herz dem Gast zu ffnen,
Verriethen nun der Wangen lieblich Roth,
Der Augen Glanz, so strahlten wie zwei Sonnen,
Da sie es sei, die sich den Sieg gewonnen.

   * * *

Mut nie vom Schicksal das fr dich erzwingen wollen,
Was seine Macht zu schenken dir versagt,
Willst nicht du deines Herzens Ruh' und Friede
Zum Leide wandeln und, vom Sturm gejagt,
Des Steuers ledig, mit gekappten Tauen,
Dein Hoffen, einem Schiff gleich, scheitern schauen. -- --

Am Abend ging es wieder frhlich zu im Palas.
Die Herren zechten und der Spielmann sang,
Von ihnen aufgefordert, heitre Weisen.
Stets sicher, da er Beifall sich errang,
Besang sein Lied den khlen Trunk im Kruge,
Den oft er leerte in gar gutem Zuge.

Zur Abwechslung, und auf den Wunsch von Adelgunde,
Die lieber lauschte, statt da selbst sie sang,
Gab Elsbeth eben jetzt ein Lied zum Besten,
Das voll und s von ihren Lippen klang;
Doch war's ein andrer Text und andre Weise,
Als sie der Spielmann sang, dem Wein zum Preise.

Mit angehaltnem Athem lauschten still die Herren,
Indessen vor der Thr, im dunkeln Gang,
Des Hauses Mgde sich versammelt hatten
Und lautlos horchten, wie die Herrin sang,
Um auch, sobald des Liedes Tne schweigen,
In frohem Beifall dankbar sich zu zeigen.

Sie kamen nicht dazu. Denn eh' das Lied zu Ende,
Stob, gleich dem Hhnervolk, bedroht vom Weih',
Die Schaar der Mgde furchtsam auseinander
Und gaben Gang und Thre pltzlich frei;
Ein Fackellicht warf auf die Mauersteine
Im Nherkommen ungewisse Scheine.

Gleich nachher machten auch die drinnen groe Augen
Und brach Elsbeth das Singen jhlings ab.
Den Leuchtspahn in der Faust, stand an der Thre
Der Wirth von Bechtersbohl, genannt der Schwab,
Dem Zweie folgten, die er mut' begleiten,
Wie wohl's ihm wenig Freud' schien zu bereiten.

Als erster trat der Kaplan ein, so schon seit gestern
Im Thale war, wo er sein Amt erfllt'.
Sie kannten ihn, trotz dem beschneiten Mantel,
In den er, frierend wohl, sich eingehllt;
Er sumte nicht den fremden Gast zu nennen,
Den Niemand auf dem Schlosse mochte kennen.

Zu spt, denn eben lie der Fremde sich vernehmen,
In tiefem Basse er zum Vogte sprach:
"Der Bischof lt Euch gndig Gru entbieten,
Durch seinen Dienstmann, Franz von Edlibach,
Dem Ihr, so hoff' ich, werdet drob verzeihen,
Da noch so spt er Euch in's Haus mut' schneien.

Voll Achtung hatte sich der Vogt da flink erhoben,
Wie es dem Dienstmann solches Herrn gebhrt,
Und nun empfing er aus des Boten Hnden
Ein Ledertschlein, vielfach eng umschnrt,
De' Siegel Krummstab und die Inful zeigte,
Bei welchem Anblick sich Herr Heinz verneigte.

Doch, eh' er's ffnete, bat er den Ueberbringer,
Den Mantel abzulegen und die Wehr'
Und mitzuhalten an der Tafelrunde:
"'s wr mir und hier den Freunden groe Ehr'!"
Das lie sich Edlibach nicht zweimal sagen,
Sa bald am Tisch und ruhte mit Behagen.

Bedchtig lste nun der Vogt die Schnur am Tschlein,
Indessen Elsbeth fr den spten Gast
Des Saales rauchgebeiztem Eichenbuffert
Ein Glas entnahm, das ring zwei Krglein fat',
In dem der Wein, wie blinkend Gold geschwommen
Als sie's, credenzend, hie den Herrn willkommen.

Die andern saen derweil schweigend an der Tafel
Und sahn dem Vogte zu, dem's endlich glckt',
Des Tschleins Inhalt an das Licht zu bringen:
Zwei Schreiben, die das gleiche Siegel schmckt',
Mit einer Aufschrift, deren Schnrkelzge
Der Vogt von lange kannte zur Genge.

So sah er denn auch bald, da eines nur der Schreiben
An ihn gerichtet sei; das andre trug,
Vom Bischof eigenhndig aufgeschrieben,
In schner Schrift Herrn Kuonrads Namenszug;
Dies bergab der Vogt dem Hausgenossen,
Noch ehe er das eigene erschlossen.

Als ob dem Junker bang, das Schreiben gleich zu ffnen,
Lag's eine Weile schon in seiner Hand,
Eh' er begann das Siegel zu erbrechen
Und flchtig forschte, was zu lesen stand.
Nach kurzem Blick drauf aber lie er's sinken
Und griff zum Glas, doch nicht um draus zu trinken.

Er rieb die Augen sich, fing wieder an zu lesen;
Da ward ihm hei und duchte es ihn schier,
Als ob die Schnrkel um ein Wort sich drehten
In wirrem Tanze auf des Briefs Papier.
Dies eine Wort -- will ihn die Hlle narren?
Es bannt' den Blick ihm, macht sein Herz erstarren!

Gleich einem, der sich schon dem Tode eigen glaubte,
Sa stumm Herr Kuonrad da, den scheuen Blick
Mechanisch auf des Oheims Schreiben heftend,
Drin schwarz auf wei zu lesen sein Geschick
Nun war, wie besser er's nicht wnschen konnte,
Eh' sich sein Herz in Elsbeths Blicken sonnte.

Das lastete jetzt bergeschwer auf seiner Seele
Und machte de, rathlos ihm das Hirn,
Inde sein Blut, in heien Wellen kochend,
Mit dunklem Rothe frbte Wang' und Stirn.
Der Brief erzitterte in seinen Hnden;
O, Fluch dem Schicksal, solch ein Glck zu spenden!

Was er sich einst ersehnte, nun war's ihm geworden,
Es lacht' das Glck ihn an! Doch tief verzagt
Und, ach, im Innern nichts als schmerzlich Ringen,
So sah er in Verzweiflung sich gejagt.
Wut' nicht, soll er entsagen, unterliegen,
Mit Mannesfestigkeit den Gram besiegen?

Wie selten doch gelingt es uns einmal im Leben,
Da das, was Jahre lang wir hei erstrebt,
Uns wirklich Segen bringt, wenn es errungen;
Was einst als hchstes Ziel uns vorgeschwebt,
So Manchen trieb, das Aeuerste zu wagen,
Wie oft bracht's Kummer nur, und bitter Klagen!

Noch war Herr Kuonrad unentschlossen, als auf einmal
Ein silbern Lachen tnte durch's Gemach,
So lieb und traut, wie es nur Eine konnte,
Das aber doch ihm nun das Herze brach,
Sah, er, wie sie, des gleichen Schicksals Beute,
sich ahnungslos des Augenblickes freute.

Nicht unfern ihm sa Udo, leis mit Elsbeth plaudernd.
Herr Kuonrad sah der Holden sen Mund
In Unschuld lcheln, Grblein in den Wangen,
Von denen er getrumt so manche Stund',
Da anmuthvoll die gleich zwei Rslein blhten,
Und nun ri es ihn auf aus seinem Brten.

Im selben Augenblick hob sich der Vogt vom Stuhle
Und, immer noch das Schreiben in der Hand,
Sprach freundlich er und allen wohl vernehmbar,
Den klaren Blick zum Freunde hingewandt:
"Ihr reiset morgen, lt der Bischof wissen;
Uns thut es leid, Euch gar so bald zu missen!"

Dies hrend, kam dem Junker blitzschnell der Gedanke:
"Der Freund hier ist's, der auch schon alles wei;
Ganz sicher hat der Oheim ihm berichtet!"
Es berlief ihn dabei kalt und hei,
So da er schweigend in sein Schreiben starrte,
Inde Herr Heinz von ihm der Antwort harrte.

Ein kurzes Ringen noch, doch qualvoll, schmerzensbitter;
Herr Kuonrad sah, es blieb mehr keine Wahl,
Als ungesumt sich muthig zu entscheiden
Und -- schnell entschlossen, krzte er die Qual,
Bedachte nicht, ob auch das Herz gewinne,
Wenn er sich Reichthum whlt, statt treuer Minne.

Ein kurzes Lcheln heuchelnd, stand er auf am Tische
Und sprach, zum Vogte hingewendet, laut,
Doch ohne aufzublicken: "Es ist billig,
Da frohe Botschaft man dem Freund vertraut:
Vernehmet denn, so Euch es mag belieben,
Was mir des Oheims gt'ge Hand geschrieben...."

Er las: "Wohledler und viellieber Herr und Neffe!
Zu wissen sei Euch und in Treuen kund,
Da mir gelang, den Knig zu vershnen,
So da er nicht mehr grollt zu dieser Stund';
Erachte auch, wollt' es nicht ungut nehmen,
Habt nunmehr bas gelernt, die Zunge zhmen!"

"Wenn dem so ist, so mget Ihr denn wiederkehren
Und ntzen Eures Herrn und Knigs Gunst;
Nicht immer leuchtet ja des Glckes Sonne
Und hoher Herren Gnad' ist fter Dunst,
Den, wenn wir uns am wenigsten versehen,
Ein leichter Windzug lt in Nichts verwehen."

"Und item, kann ich Eurem Herzen noch vermelden," --
Hier freilich stotterte Herr Kuonrad stark
Und ward bei jedem Worte ihm zu Muthe,
Als schneide er sich in das eigne Mark, --
"Da Euer Bslein, wie mich dnket, trauert,
Weil Eure Absenz gar so lange dauert."

"Ihr Jawort hab' ich, fr das Weit're wollet sorgen.
Sitzt nun am Rocken, dreht Euch selbst den Zwirn;
Doch traun, des Knigs schmucke Ritterleute
Verwirren etwan gern ein Frau'ngehirn;
Auch lie das Brutlein nicht ganz leicht sich werben
Und Euer Zgern knnte viel verderben."

"So reitet denn mit Gott in nchsten Tages Frhe,
Da ja Ihr ehstens wieder um uns weilt.
Mit Gru, Eu'r Oheim Otto, episcopus. --"
Herr Kuonrad schwieg; er hatte sich beeilt,
Den herben Trank in raschem Zug zu leeren,
Statt mnnlich seines Schicksals sich zu wehren.

Des Freundes Glck sich freuend, griff der Vogt zum Kruge
Und bracht' ein Wohl aus auf des Junkers Braut.
Hell klangen Krug und Glslein an einander,
Als jhlings ward ein kurzes Klirren laut:
In kleine Scherben lag das Glas zersprungen,
So eben noch in Elsbeths Hand erklungen. --

Die Arme hatte ahnungslos gelauscht dem Freunde,
Bis von der Braut im Brief die Rede war,
Da wollten pltzlich ihr die Sinne schwinden,
Es trbte sich das schne Augenpaar,
Und die noch erst so frhlich konnte scherzen,
Sie sa nun schmerzgeqult, die Hand am Herzen.

Indessen bald entschlossen all' ihr Leid zu hehlen,
Am ersten dem, der trug die Schuld darob,
Stand sie auch auf und griff nach ihrem Glslein,
Da alles sich zum Wohl der Braut erhob,
Das Heilo! freilich klang aus blassem Munde
Noch minder laut, als das von Adelgunde.

"Ihr freut Euch wger?" hrte Elsbeth diese fragen,
Als just ihr Heilo sie gar zaghaft sprach,
Da lie die weie Hand das Glslein fallen,
Da klirrend es in hundert Stcke brach. --
Zum Schmerz noch Spott, wer dieses je empfunden
Und schweigend trug, hat Schweres berwunden.

Mit aller Kraft das wehe Herz bemeisternd, sumte
Die Gute nicht, zu thun, was ihre Pflicht,
Hielt tapfer aus am Tische, freundlich sorgend,
Da es an Speis' und Trank gebreche nicht;
Bis Adelgunde spt zur Ruh' begehrte,
Weil nun der Abend ihr zu lange whrte.

Den Schwnken lauschend, die der Vogt so gut erzhlte,
Fiel Niemand auf, da bald das Mdchenpaar,
Nach stillem Gren, sich zu Gehen wandte,
Obschon es damals just nicht Sitte war,
Da, wenn die Herrn ins rechte Zechen kamen,
Die Damen darum ihren Rckzug nahmen. --

"Schickt mir den Fahrenden nach Wasserstelz hinber,"
Sprach Adelgund' auf Elsbeths "gute Nacht!"
"Er soll uns singen und zum Tanze spielen,
Bis frh das Taglicht durch die Scheiben lacht.
Was wr' das Leben, gb's nicht hin und wieder,
Sich zu vergessen, Saitenklang und Lieder!"

Die Worte klangen herb und schneidend, wie das Lachen,
So ihnen folgte, nun die Thr sich schlo;
Doch als sie dann allein, rang mancher Seufzer
Aus Frulein Adelgundens Brust sich los,
Es wachte lang die Stolze in Gedanken,
Eh', schlafbezwungen, ihr die Lider sanken. --

Von Elsbeths Augen aber blieb der Schlummer ferne.
Ein schneidend Weh im Herzen hielt sie wach,
Seit, lnger nicht mehr Herrin ihres Schmerzes,
Sie mden Schritts betrat das Schlafgemach,
Und dort, ein rhrend Bild! von Gram umfangen
Zusammenbrach mit berthrnten Wangen. --

Wer Frauenschnheit nicht in Augenblicken schaute,
Wo, leiddurchschttert, fast das Herz ihr brach,
Der marmorgleichen Zge stummes Wehe
Aus mdgeweinten Augen schmerzvoll sprach,
Und doch verklrt von berird'schem Schimmer:
Gewi, der sah die hchste Schnheit nimmer.

Vor Kurzem noch in einem Paradiese weilend,
Von Glck umstrahlt in ser Minnelust,
Die unverhohlen ihr im Busen glhte,
Trug Elsbeth einen Himmel in der Brust,
Der, lichtumflossen, ihre Jugend schmckte,
Mit reicher Seligkeit sie hoch beglckte.

Auf heitern Auen schien es ihr ein wonnig Wandeln
In Blthenduft und frischer Lenzespracht.
O, schne Stunden, wo des Menschen Seele
Ein einz'ger Blick noch wunschlos glcklich macht,
Erwachter Liebe unschuldvolles Trumen
Gleich goldnem Morgenroth das Sein umsumen! --

Und nun war all' dies aus, in schwarze Nacht versunken,
Vernichtet ihres Herzens schner Traum,
Vom Sturm geknickt die duft'ge Frhlingsblthe
So furchtbar jh -- die Arme fat es kaum.
Sie rang in tiefem Weh die zarten Hnde
und schluchzte auf, doch hrten's nur die Wnde. --

Des Herzens erste Liebe gleicht gar oft der Blume,
Die uns am ersten Frhlingstage grt,
Ihr frh Erwachen aber -- kommt ein Sptfrost --
Dann unversehens mit dem Tode bt,
Als Opfer der paar warmen Sonnenstrahlen,
So allzufrh sich ihr in's Herzlein stahlen. --

In bangem Wachen lehnte Elsbeth schmerzversunken
Am Bett und starrte trostlos vor sich hin,
Indessen durch die grnen Butzenscheiben
Der volle Mond ihr fahl in's Antlitz schien,
Des Stbleins kalte Fliesen matt beleuchtet,
Die sie mit ihrem Thrnenna befeuchtet. -- --

Im Palas waren sie noch lange wach geblieben.
Es sa der Spielmann dort am Eichentisch,
Die Herrn mit Schwnken oder Sang vergngend,
Dazwischen seine Kehle, allzeit frisch,
Dem Kruge zusprach, wie in jungen Tagen,
Je lnger 's ging, mit desto mehr Behagen.

Herr Kuonrad war's allein, der nicht recht froh drein schaute,
Zum Lachen zwang sich, wenn der Vogt ihn neckt'
Mit witz'gem Worte oder muntrem Sprchlein,
In welchem, harmlos zwar, die Mahnung steckt',
So lang als mglich frhlich noch zu zechen,
Da Eh'- und Wehstand oft das Krglein brechen.

Er trank denn freilich auch am tapfersten von allen,
Doch ducht' ihn schal und wsserig der Wein;
Denn statt, gleich jenen, Frohsinn sich zu trinken,
Ging ihm wie Gift ein jeder Tropfen ein.
Auch schien es ihn nicht frhlich anzumuthen,
Da fters Benno's Blicke auf ihm ruhten.

So war es ihm gar lieb, als bald der Vogt frsorglich
An Morgen denkend, nun den Vorschlag that:
"Wir wllen heut' uns schon Behet Gott! sagen,
Da in der Fruh, beim ersten Hahnenkraht,
Die Herren ungehindert reiten knnen,
Inde wir andern uns noch Ruh' vergnnen!"

Herr Kuonrad stimmte gerne bei und bat nun hflich
Den Dank zu nehmen fr die Gastfreundschaft,
Die ihm der Vogt so berreich gewhrte,
Da schier vergessen drob er seiner Haft;
Auch -- Elsbeth besten Dank und Gru zu sagen,
Kam ihm der Muth, dem Freund noch aufzutragen.

Als endlich dann die Herrn genug getafelt hatten,
War es des Bischofs Bote Edlibach,
Von dem ein Stammbuch uns noch jetzt berichtet:
Er habe "ordlich schn verricht sein Sach,
Und ehrlich den Willkummen also trunken,
Da, statt in's Bett, daneben er gesunken."


Achtes Kapitel.

Der Jahre manches war gekommen und gegangen
Seit jenem Morgen, als mit Edlibach
Herr Kuonrad, bis ans Thor von Kunz begleitet,
-- Weil es noch frhe, schien sonst Niemand wach, --
Umwoben von kaltfeuchten Nebelmassen,
Mit schwerem Kopf Schlo Kssaberg verlassen. -- --

Nach hartem Winter war es endlich Frhling worden
Und wieder grnend prangten Wald und Ried.
In Wald und Fluren sangen Vogelchre
Den "Willekumm" in nimmermdem Lied;
Wie Gold begossen lagen Hhn' und Auen
Im Morgenlichte, herrlich anzuschauen.

Schaffhausens Storchenpaar, seit gestern wieder heimisch
Im wohlgeschtzten Nest auf der Abtei,
Verkndete mit schnarrendem Geklapper,
Da just zu Ostern Frhling worden sei,
Der Lenz mit Festgeprng' zur Stadt gekommen,
Wenn er auch nicht den Weg durch's Thor genommen.

Vom Thurm zu Allerheil'gen glnzte, weithinschimmernd,
Auf seinem Knaufe schon der Wetterhahn;
Die goldnen Federn glitzerten und sprhten,
Als htt's auch ihm der Frhling angethan.
Tief unten aber in den "Lchen" zogen,
Schier gar im Dmmer noch, des Rheines Wogen.

Ein Weilchen blo und dann lag auch die Vordergasse
Mitsammt der Oberstadt im Sonnenschein;
Ein breiter Strahl sah auf dem Herrenacker,
Aus Neugier wohl, in schmale Fensterreihn.
Gleich Demant blitzend rauschte in der Sonnen
Khl sprudelnd Na aus steingehaunen Bronnen.

Am lngsten hielt das Ampelnthrmlein sich im Schatten
Des trotz'gen Unnoth auf dem Emmersberg;
Von hohen Treppengiebeln halb verborgen,
War's anzuschauen wie ein grauer Zwerg,
Der seit Jahrhunderten am Gerberbache
Verdstert da stand unter steilem Dache. --

Noch pflogen Burgerschaft und eingesessne "Mauchen"
Des Schlummers, wohlbeschirmt von Thurm und Thor,
Der letztern Schlssel ruhten, wie gebruchlich,
Dem ltsten Stadtknecht unterm offnen Ohr,
Als hell vom Mnster her die Glocken klangen
Und aus den Federn nun die Schlfer zwangen.

Flink wurden berall die Lden aufgeschoben
Und konnte man gar manches Antlitz schau'n,
Das fr das Fest sich Wind und Wetter prfte.
Es schien, dem letztern wr' heut wohl zu traun,
Denn frisch und duftig kam am Himmelsbogen
Der Ostermorgen ber Land gezogen.

Zufrieden mit der Prfung, schollen frohe Gre
Nach links und rechts, mehr oder minder traut,
Wie grad der Nachbar sich zum Nachbarn stellte,
Der nebenan aus seinem Fenster schaut'.
Inzwischen riefen aber, um die Wette,
Die Glocken schon ein zweites Mal zur Mette.

Und nicht umsonst, bald standen Thor und Thren offen;
In Festgewndern zogen Frau und Mann,
Gesind' und Kinder feierlichen Schrittes
Dem Mnster zu, wenn nicht sie Sankt Johann
Den Vorzug gaben, oder "Mutter Nesen,"
Wie man das Kloster hie zu Sankt Agnesen;

Doch bald erschienen wieder einsam all' die Straen.
In Feiertagsstillschweigen lag die Stadt
Im heitern Morgenglanz des jungen Lenzes,
So Einzug hielt in seiner besten Wat;
Nur hoch vom Dach und Firstenwerk herunter
Die Vglein zwitscherten und sangen munter.

Sie waren in die Stadt gekommen, trotz der strengen
Verordnung hohen Raths, da jedes Thor
Am Sonntag Morgen fest verschlossen bleibe,
Auf da sich "ntzid" in die Stadt verlor,
Was frommer Burger Andacht konnte stren,
Eh', Punkt um Zehn, sich lie das Zeichen hren.

So lange mit der Glocke dieses nicht gegeben,
Durchzogen Schaarwachtsknechte mit der Wehr,
In Schwarz und Grn und blanken Beckelhuben,
Gemessnen Schritts die Gassen kreuz und quer
Und sahen drauf, da kein profanes Walten
Im Mauerring der Stadt sich mocht' entfalten.

In tiefer Ruhe sonnten Pltze sich und Straen,
Wie es so frommem Wesen zugehrt.
Vor ihrem "groen Gott im Mnster" konnten
Die Mnchen sammt den Laien ungestrt
In Andacht knie'n, wenn sie nicht lieber lauschten
Den Orgelklngen, so durchs Haus hin rauschten.

Froh bei sich selber, da die Fastenzeit vorber,
Hielt Alt und Jung beim Hochamt stille aus,
Bis Sang und Orgelklang verklungen waren;
Dann aber ging's im Sturme schier nach Haus,
Um da das Fest, bei buntgefrbten Eiern
Und leckrem Mahl, nach altem Brauch, zu feiern.

Indessen, lange weilte Niemand wohl am Tische.
Vom warmen Sonnenschein hinausgelockt,
Zog frohen Sinnes durch die offnen Thore,
Was Winterlang dem Ofen nah gehockt,
Und wer's vor Alter oder Brest nicht konnte,
Sich auf dem Bnklein vor dem Hause sonnte. --

Gleich vielen andern war an diesem Nachmittage
Auch Gtz von Randenburg, Schulthei der Stadt,
Mit noch zwei Herrn durch's Schwabenthor gewandelt,
Die, wie er selbst, der dumpfen Stadtluft satt,
Nun gerne einen Gang in's Freie thaten,
Um zu beschauen sich den Stand der Saaten.

Der Schulthei, eine Kraftgestalt in blauem Mantel,
Auf welchem sich des Kaisers Gnadenbild
An schwerer goldner Kette glnzend sonnte,
Erwiederte im Gehn die Gre mild,
So Seiner Herrlichkeit die Burger zollten,
Wenn auf dem Weg die Herrn sie berholten.

Zur Rechten ihm der Herr im schwarzen Ordenshabit,
Ein schimmernd Kreuzlein auf der breiten Brust,
Schritt Abt Johannes, Herr zu Allerheil'gen,
Sich seiner hohen Wrde voll bewut,
Grt' wohl auch er mit einem leisen Nicken,
Doch vornehm stets und mit gar frommen Blicken.

Links aber ging Herr Am Staad erster Burgermeister;
Der himbeerfarbne Mantel, vorn gestickt,
Fiel tief und faltig ber Brust und Schultern,
So da man kaum den Schwertknauf noch erblickt,
Auf dem die Linke ruhte. Einst, vor Jahren,
Trug er das Banner von Schaffhausens Schaaren.

Es hatte diesem Mann Schaffhausen viel zu danken.
Nothfesten Sinnes war er stets zur Hand,
Wenn's galt den Burgern Wunn und Waid zu mehren,
In Zwing und Bnnen weit umher im Land;
Auch kam sein Rath so Vielen schon zu Statten,
Die selbst im Rathhaus Sitz und Stimme hatten.

Die beiden Herren kamen von des Abtes Tafel;
Denn weil die Sonne warm durchs Fenster schien,
Bedurft' es wenig, um zu Drei'n, wie Christus
Nach Emmaus, vor's Thor hinauszuziehn,
Bei linder Osterlust und Blttersprieen,
Ein Stndlein lenzlustwandelnd zu genieen.

Gemchlich schreitend gingen ruhig sie des Weges
Und krzten im Gesprche sich die Zeit,
So ihnen, zwar just nicht sehr zu bemerken,
Vor Jahr und Tag schon in das Haar geschneit;
Der Gang, noch jugendfrisch und stolz gehalten,
Lie Lgen strafen auf der Stirn die Falten.

Den Dreien folgten etliche Geschlechterherren,
Schaffhauser Burger, doch von edlem Blut,
Wie die von Fulach, Imthurn, Stockar, Mandach:
Von altem Adel und mit Leib und Gut
Der Vter Sitten allzeit streng ergeben,
Gehrte nur der Stadt ihr wacker Streben.

Die Junkherrn gingen an der Seite ihrer Damen,
Gekleidet nach der Mode neu'stem Schnitt.
Am Hute prangten Federn, blitzten Steine,
In schnem Farbenspiel, bei jedem Schritt;
Auch waren zierlich ihre Handgewaffen,
Die brigens zumeist zur Schau geschaffen.

Die Damen aber trugen alle Sammt und Seide,
Und um den Hals sa, steif gedollt und wei,
Dem Schnee gleich blendend, eine Tellerkrause,
Bezeugend ihrer Grtelmgdlein Flei;
Auch sie erglnzten reich in Ketten, Spangen,
Mit denen sie zum Feste sich behangen.

In wechselndem Geplauder leicht sich unterhaltend,
Blieb dann und wann der Schnen eine stehn,
Um auszuathmen, frische Luft zu trinken
Und weit hin ber Berg und Thal zu sehn,
Wo holder Frhling rings die Landschaft schmckte,
Mit seiner Pracht die Blicke froh entzckte.

Am Arm der Eltern schritten jugendschne Frulein,
Die, wenn das Mndchen nichts zu plaudern fand,
Der Nachbarin Gewand und Schapel prften,
Ob nicht zu kostlich Spitzen dran und Band,
Errthend auch und schmig sich erzeigten,
Wenn schmucke Junkherrn grend sich verneigten.

In schlichterem Gewande gingen ernste Burger
Zur Seite ihrer redesel'gen Frau'n,
Die glcklich waren, mit dem Ehgesponse
Am Wege sich die Grten zu beschau'n,
Den Kindlein, welche jedes Paar umsprangen,
Zu stillen heier Sehnsucht froh Verlangen;

Schritt haltend, wandelten der zweite Burgermeister,
Herr Trllerey, ein Mann bewhrt im Rath,
Und Peyer im Hof, so des Seckels pflegte,
Seit ihn die Stadt vor Jahren darum bat.
Die Herren waren tief in Schwarz gekleidet,
Da man im Rath die hellen Farben meidet.

In leisem Sprechen ber das Gemeine Wesen
Erwogen beide ernst den Casus sie,
Wie es gekommen, da ihr Herr und Kaiser
Die Stadt ein zweites Mal als Pfand verlieh,
Indessen sie, die mitbehaft'ten Brgen,
Am ersten Loskauf noch genug zu wrgen.

Dicht hinter ihnen folgte Ott, der Sporenmacher,
Mit Habicht, dessen Haus am Gerberbach.
Selbst Roth, den Waffenschmied, litt's nicht zu Hause;
Er ging mit Meistern von demselben Fach
Nach Langem wieder vor das Thor spazieren,
Lockt' ihn auch nicht der Vglein Musiciren.

Sein Thema war es just, den andern vorzurechnen,
Wie viel die Stadt gewnn' vom Zoll am Rhein
Im Laufe eines Jahrs, als Meister Habicht
Mit schlauem Lcheln meinte: "Wenn der mein,
Des Wappenwidders Mannheit, Horn und Klauen,
Am Rathshaus wren neu vergld't zu schauen!"

Ein munter Liedchen trllernd zogen Handwerksknechte
Zum Thor hinaus, heut, voller Niedertracht,
Die Meister kaum mit einem Gru beehrend;
Sie mchten, nun der Frhling war erwacht
Und Finke und Amsel ihre Schnblein rhren,
Am liebsten gleich das Reisebndel schnren.

Den Schlu des Zuges bildete ein Huflein "Mauchen,"
Zu denen sich der Burger fremd verhielt,
Sie aber dennoch in der Stadt lie wohnen,
Weil ihre Arbeit ihm Gewinn erzielt'; --
Die Lust, mit Weib und Kind vor's Thor zu gehen,
War schon von weitem ihnen anzusehen.

Vergnglich, wie ein schwrmend Immenvlklein summend,
Das seinen Heimatort im Stiche lie,
Um frhlich in der lauen Luft zu tummeln,
Zerstreute sich die Menge, Wald und Wies'
Belebend oder gruppenweis' im Grase
Mit frohen Kindern spielend Hund und Hase.

Es war ein schnes Bild, voll Farbenpracht und Leben,
Was hier sich darbot und dem Blick erschien;
Ein Riesenteppich flo an Hhn und Rainen
Frischsaftig Grn gleich sanften Wellen hin.
Vom Blau des Himmels hoben sich die Dolden
Der Bume ab im Sonnenschein, wie golden.

Nun mal im Freien, lie wohl mancher sich verlocken,
Von all der Frhlingspracht ringsum im Land;
Ging, Umschau haltend, noch ein Endchen weiter,
Bis wo der Burgstall der von Fulach stand,
Allda ihn oft die Fernsicht lange bannte,
Eh', ungern nur, den Schritt er heimwrts wandte.

So war es Gtz und seinen Freunden auch ergangen.
In's Schau'n versunken standen die drei Herrn
Auf jenem aussichtsfrohen Punkt beisammen,
Den die Schaffhauser auch noch heute gern,
Dem Fremden als ein traulich Pltzlein preisen,
Wenn's gilt die Lage ihrer Stadt zu weisen.

Sie standen jedoch noch nicht lange, so gewahrte
Der allzeit frische Blick des Stadtschulthei,
Da auf der Strae etlich Reiter nahten,
Die, dicht geschaart um einen Zelter wei,
Sich mhten mit dem letztern Schritt zu halten
Und, wie es schien, zu dessen Schutze galten.

Den Herren nahgekommen, hielten jetzt die Reiter,
Indessen einer aus dem Sattel sprang
Und, Gtz sich nhernd, diesen frhlich grte,
Da weithin es und wohl vernehmlich klang:
"Zur guten Stund' hab' ich Euch treffen mssen,
Vieledler Freund! -- Lat Euch denn froh begren!"

Im selben Augenblicke hatte auch der Schulthei
Den Herrn erkannt, denn er ergriff die Hand,
Die dieser dar ihm streckte und sprach freundlich:
"Seid Gottwillkommen, Herr, in Stadt und Land!"
Dacht' hufig schon, Ihr httet ganz vergessen,
Da wir als Gast in Eurem Heim gesessen!"

"Erlaubet jedoch," dabei wies er auf die Freunde,
"Da ich die werthen Herren hier Euch nenn'! --
Herr Am Staad, unser erster Burgermeister,
Ein Ritter, wie ich wenige nur kenn',
Der unsrer Stadt mit seinem Schwert vor Zeiten,
In manchem Straue half den Sieg erstreiten!"

"Am goldnen Kreuze mget Ihr den Abt erkennen
Von Allerheil'gen! -- Fromm, wie Keinen mehr
Die Inful schmckt, so weit am Rhein wir wandern,
Auch, gleich Herrn Am Staad, mir befreundet sehr.
Sucht etwan Trost und Heil Ihr fr die Seelen,
Kann dreist ich Abt Johannes Euch empfehlen."

Als aber jetzt den Herrn er auch den Freunden nannte,
Erwies es sich, da der dem Namen nach
Den beiden lngst bekannt war als ein Ritter
Der burgenstolzen Landschaft Hegau; sprach
Doch fter man, auf ihrer Znfte Stuben,
Von dessen Richtagen an Hf' und Huben.

So vorgestellt, begrten sich die Herren hflich,
Indessen Gtz, der seine Pflicht gethan,
Es, whrend jene mit einander sprachen,
Geboten fand, dem Zelterlein zu nahn,
Doch gro erstaunt that, als auf dessen Rcken
Zwei Mgdlein saen, lieblich zum Entzcken.

"Beim groen Gott im Mnster!" fuhr es unwillkrlich
Von seinen Lippen. "Seh' doch einer her,
Welch' feine Waare unser Freund begleitet,
Als ob ihm nicht der Zoll im Wissen wr',
So wir Schaffhauser haben zu empfangen
Von solchen Aepflein, schn mit Purpurwangen!"

"Mt Euch den selber nehmen!" rief erfreut der Ritter,
"Die Mgdlein schulden wohl noch ihren Gru?"
Dann, diesen nahe tretend, bat er dringlich:
"Hei, Else! gieb dem Herrn fein einen Ku;
Hat auch zu Hause solcher Kindlein zweie,
Die gern die Wang' ihm kssen nach der Reihe."

In lieblichster Verwirrung ob der Bitte, blickten
Die Kleinen zaghaft auf die Herren hin,
Indessen jene, die er Else nannte,
Von argen Zweifeln schier befangen schien,
Ob richtig wohl den Vater sie verstanden,
Und man auch kssen tht in fremden Landen.

Schon aber trat der Schulthei, flink die Zweifel lsend,
Mit Lcheln an den Zelter hin und bat,
So freundlich dies nur mglich, selbst die Kleine,
Bis diese endlich ihm den Willen that,
Das rothe Mndlein spitzend, tief sich beugte
Und ihre Huld durch einen Ku bezeugte.

Viel leichter noch, lie dann das Schwesterlein sich rhren;
Als er auch dieses, wie es heie, frug,
Gab es die Antwort: "Kth' werd' ich gerufen,
Weil solchen Namen einst die Mutter trug!"
Doch, ihm zum Ku das Mndlein dar zu reichen,
Lie keines Wegs ihr Herzlein sich erweichen.

"Sind halt noch blde, wie dies jungen Volkes Art ist --"
Nahm nun der Ritter wiederum das Wort,
""Und reisemde;"" -- unterbrach der Schulthei,
""Sie sehnen allweg sich zum Herbergsort.
Wenn es Euch recht ist, wollet uns begleiten,
Wir werden allgemach der Stadt zu schreiten!""

Mit diesem Vorschlag einverstanden, schlo sich ihnen
Der Ritter gerne an, inde im Schritt
Die Knechte langsam mit dem Zelter folgten
Und Achtung hatten, da des Rleins Tritt
Auch sicher vor sich ging und nicht mocht' gleiten,
Weil jh bergab die Mgdlein muten reiten.

"Herr Schulthei!" lie da bald ihr Vater sich vernehmen,
"Was mich Euch treffen hie so unverhofft,
Ist nicht blo Zufall; denn ich mu bekennen,
Ich dachte Eurer diese Zeit her oft.
Vermein' ich doch, 's drft Euer Rath mir frommen,
Wenn Ihr erfahren, weshalb wir gekommen!"

"Da mir die Fraue starb, kam Euch wohl lngst zu Ohren.
Gott trste sie und schenk' ihr Ruh im Grab!
Die Arme ist zur selben Stund' verschieden,
In welcher Kthen sie das Leben gab,
Und hinterlie die Sorg' um ihre Pflege
Dem Mann, der weder Wege kannt' noch Stege."

"Gezwungen, einer Magd die Kindlein zu vertrauen,
Lie Haus und Hof mir wenig Zeit fr sie.
Doch, Gott sei Lob! 's ging besser, als ich dachte;
Sie wuchsen beide auf, wie Pflnzlein, die,
Vor Frost und Wind geschtzt, des Grtners Walten
Mit jedem Tage mehr und mehr vergalten."

"So schwanden Jahre, die ich gern gefesselt htte,
Um zu verhindern, da sie je mir fliehn,
Als neue Sorgen die Erkenntni brachte,
Da mlig mir es fr die Mgdlein schien,
Ihr leiblich Wohlsein drfe nicht gengen;
Wir mten Zucht und Wissen dazu fgen."

"Doch dies zu bieten, ist ein Bergschlo nicht die Sttte;
Auch viel zu rd' des Hauses Ingesind',
Mit welchem wir genthigt sind zu hausen.
Der Burgpfaff aber, leider fast gar blind,
Wird tglich grmlicher in seinem Wesen
Und hat schon Mhe, nur die Me' zu lesen."

"Das Schlimmste jedoch ists: es fehlt im Haus die Fraue,
So, einer Mutter gleich, mit weicher Hand
Die Mgdlein fein in Zchten halten knnte,
Aufmerkend, da sie, neben Spiel und Tand
Auch, wie es Frauen ziemt, erzogen werden
Und nicht die zarten Seelen sich gefhrden!"

"All' dieses, werther Freund, schuf mir schon lngst Gedanken,
Die mit der Zeit sich steigerten zur Qual,
Weil tglich schwerer es dem Herzen wurde,
Zu einen sich mit des Verstandes Wahl,
Die, wenn sie auch des Vaters Liebe krnket,
Mir doch die Kindlein selbst zum Heile lenket!"

"Es blieb mir so nichts weiter, als mich zu entschlieen,
Die weite Fahrt in Eure Stadt zu thun,
Verhoffend, da uns hier geholfen werde,
Fr meine Kchlein finde sich das Huhn,
Die Pflegerin, so, gegen Lohn natrlich,
Die Mgdlein mir erziehen wrd' gebhrlich."

"Und nun, da Ziel und Absicht Ihr der Reise kennet,
Herr Schulthei, ist zu rathen Euch nicht schwer,
Wewegen ich's zur guten Stunde nannte,
Als wir Euch trafen so von Ungefhr.
Seid Ihr es doch, auf dessen Rath ich zhle,
Eh' einen Horst ich fr die Meinen whle!" --

"Will berlegt sein!" nahm der Schulthei nun die Rede,
"Wenn ich Euch helfen kann, habt Ihr mein Wort!
Fr's Erste will es mir das Beste scheinen,
Da ich auf Kundschaft gehe, da und dort
Zu hren, wer von den Geschlechterfrauen
Gesonnen ist, sich Solches zuzutrauen."

"Bis dies geschehen, biet' ich gern mein Haus zur Herberg'
So werthem Gast, und hoffe Ihr nehmt's an,
Wie wir an jenem Abend, durchgefroren
Und reisemd' -- schon manchmal dacht' ich dran,
Es ohne langes Zgern angenommen,
Mit Ro und Tro auf Euer Schlo zu kommen!"

"So ich nicht irre, war es Eure eigne Base,
Die damals Ihr zum Ehgespons erwhlt.
Sie aber ward am Hof erzogen, whrend
In unsrer Stadt die Frauen bald gezhlt
Sind, die, auch wenn den Mgdlein Pfleg' sie gnnten,
Solch' feiner Schulen sich berhmen knnten."

Sich gleichwohl doch schon jetzt gefllig zu erweisen
Es hielt der Schulthei nun die Schritte sein
Ein wenig an, die Freunde zu erwarten,
-- Sie schritten im Gesprche hinter drein, --
Um ernstlich sich bei ihnen zu verwenden,
Da Rath und That auch sie dem Ritter spenden.

Eh' jedoch diese ihre Ansicht uern konnten,
Sah'n schon am Thor sie sich und eingezwngt
Von lautgeschwtz'gem Volk, das heimwrts strebte.
Als dann die Herrn sich durch den Schwarm gedrngt,
Der Stadtknecht half mit seinem Spiee wacker,
Gelangte man auch bald zum "Herrenacker."

Hier trennten sich Herr Am Staad und des Klosters Abbas
Vom Randenburger, nachdem sie noch fein
Versprochen hatten, Abends auf ein Stndchen
Zu ihm zu kommen, um ein Knnlein Wein
Im trauten Stblein bei des Wachsstocks Blinken,
Zum Willekomm' des werthen Gasts zu trinken.

Der Ritter aber und sein Reitertrpplein folgten
Herrn Gtzen, dessen steingebauen Haus,
Ein Erker zierte es, sie gleich erreichten.
Hei! zogen sich der Mgdlein Stirnen kraus,
Da von des Hausdachs Rinne grimme Drachen
Auf sie herniedersahn mit offnem Rachen.

Die Ungethme waren jedoch schnell vergessen,
Als Gtzens Huserin, Frau Hilda Rahm,
Im groen Flur des Hauses nun den Mgdlein
Voll milder Freundlichkeit entgegen kam
Und also herzig die Erstaunten grte,
Als ob sie beide lngst im Hause wte.

Da ging es nicht mehr lange, saen Wirth und Gste,
Bei Tische, den Frau Hilda heut' im Saal
Zu decken gut fand, wo, ohn' langes Zaudern,
Die Kleinen schmecken lieen sich das Mahl,
Bis vor dem Sandmann, der sich angeschlichen,
Die mden Aeuglein bald die Segel strichen. --

Der Abt und Am Staad hatten treulich Wort gehalten.
Es traten beide bei dem Schulthei ein,
da just die Nacht begann herauf zu dmmern,
und nun im Saale blinkte Kerzenschein;
doch trafen hier sie schon auch einen dritten,
der lngst als guter Hausfreund wohl gelitten.

Es war der Propst vom St. Agnesenstift, Herr Ulrich,
Der in der Dmm'rung, wie er fter that,
Dem Schulthei guten Abend bieten wollte,
Doch gern es annahm, als Herr Gtz ihn bat,
Ein Stndlein oder zweie zu verweilen,
Den Abend mit den Freuden heut zu theilen. --

Die Herren saen um den Erkertisch im Saale,
Beim blanken Zinnknnlein Schaffhauserwein,
Der, traf des Wachslichts Schein ihn nur ein wenig,
Hellroth erglhte, wie Rubinen fein.
Ein trinkbar Trpflein, das der Schulthei whlte,
Weil dabei sich's gut lauschte und erzhlte.

Das Letzt're that denn auch der Ritter heute fleiig.
Vor Jahren viel gereist, und nun im Zug,
Verstand er es, mit Anmuth zu erzhlen.
Was Wunder also, wenn die Zeit im Flug
Den wortlos Lauschenden dahin geschwunden,
Indessen ihre Freundschaft er gefunden!

Es waren drum die Herrn dem Schulthei gern zu Willen,
Als, da der Ritter schwieg, er diese bat
Des Freundes Kindlein helfend zu gedenken.
Sie gingen alsbald mit sich selbst zu Rath
Und berlegten ernst, auf welche Frauen
In diesem Falle wohl man knnte bauen.

Doch schien die Sache schwierig, sintemalen Zweifel
Sie bald beschlichen, ob auch all' den Frau'n,
So sich der Mgdlein anzunehmen willig,
Die Fhigkeiten vllig zuzutrau'n?
Frug sich man da auf Ehre und Gewissen,
Lie eine dies, die andre jenes missen.

Nach langem Sinnen war's der Propst, der endlich anhub:
"Wie mich bednkt, so handelt sich's nicht blo
Um eine Pflegerin fr unser Prlein,
Das missen mu den warmen Mutterschoo;
Wir brauchen Jemand, dem die Kunst verliehen,
Die Kindlein, wie es recht ist, zu erziehen!"

Zum Abt sich wendend fuhr er fort: "Ich kenne eine;
Ist zwar ein Nnnlein nur, doch sicher hat
Vom Nesenstift die Mutter Euch, Hochwrden,
Schon deren Lob gesungen frisch vom Blatt,
Da weit und breit sich keine Schwester finde,
Die so viel Geist mit Frmmigkeit verbinde!"

"Wenn Frauen ihresgleichen loben, mu was dran sein,
Da, wie man wei, sie sparsam damit sind!
Nun, ich traf selbst die Schwester, Schule haltend
In Burgerhusern, rhme drum nicht blind;
Doch nie noch sah ich so geschickt verkehren
Mit Kindern, oder hrte besser lehren."

"Wasmaen nun, hochwrd'ger Herr und liebe Freunde,
Des werthen Gastes Sache anbetrifft,
So meine ichs: man sollte ohne Sumen
Der Meisterin vom Sankt Agnesenstift
Den Vorschlag thun, die Mgdlein aufzunehmen,
Auf da in Obhut jener Nunn' sie kmen!"

Hier schwieg der Propst, erwartend, da der Abt jetzt spreche;
Doch weil derselbe noch zu denken schien,
Nahm bald Herr Gtz das Wort und meinte:
Herrn Ulrichs Rathe wre immerhin
Zu folgen; etwas Besseres zu finden,
Wrd' er nicht trauen sich zu unterwinden."

Sein Knnlein fassend, sagte nun auch Herr Johannes,
Zum Propst gewendet: "Euer Rath ist fein
Und steht bei Euch, da auch zur That er werde!
Legt selber nur ein gutes Wrtlein ein
Bei unsrer Schwester und, ich mchte wetten,
Sie werden bald im Stift den Mgdlein betten."

Stets gern gefllig, gab Herr Ulrich das Versprechen.
Er meinte nur, da auch der Rath der Stadt
Mit seinem Placet dann nicht zgern drfe;
Es gehe dies nicht immer rund und glatt,
Da Stift und Nunnen ja in manchen Dingen,
Vom gnd'gen Willen ihrer Stadt abhingen.

So war es mlig spt geworden und drum machten
Die Freunde bald sich auf die Socken leis
Und schieden. Vorher freilich hatte jedoch
Herr Ulrich wiederholt dem Stadtschulthei
Versprechen mssen, in den nchsten Tagen
Im Stift der Mgdlein wegen anzufragen. --

Die Herren waren fort. Doch Wirth und Gastfreund blieben,
Beim Weine sitzend, noch ein Stndlein wach.
Hell, berm Kohlfirst, hing am Sternenhimmel
Der Vollmond, dessen Strahlen nach und nach,
So wie sie durch die bunten Scheiben flossen,
In Farbenschein sich in den Saal ergossen.

Da war's der Wein wohl und die nchtlich stille Stunde,
Verwoben mit des Mondlichts Zauberbann,
-- Nicht wenig aber auch des Wirthes Wesen,
Derweil sein Takt Vertrauen ihm gewann, --
Was von des Gastes Herz den Riegel sprengte,
Und ihn sich rckhaltlos zu uern drngte.

Und einmal angefangen, glich's des Wildbachs Wellen,
Die, jach zu Thale strzend, nichts mehr hemmt,
Vom Regen hochgeschwoll'nen Wasserfluthen,
Die nun ihr Rinnsal pltzlich berschwemmt';
Als, mit dem Freund alleine, er erzhlte,
Was ihm sein Innerstes seit lange qulte.

"Es war ein Unglck, Schulthei," klangen herb die Worte,
"Als ich zur Frauen mir die Base nahm.
Denn anstatt Slde, heitern, frohen Tagen,
Ward Leid mein Theil und stndlich neuer Gram.
Selbst das, was Ihr bei uns gesehn von Frieden,
War nur ein Schein, da sich die Herzen mieden.

"Doch mut' es wohl so kommen! Arm von Hause, sah ich
Im Reichthum nur des Menschen hchstes Glck.
Als hernach fein dem Thoren es erblhte,
Erkannt' ich leider erst des Schicksals Tck',
Dem ich mit schwerem Herzeleid bezahlte,
Was voller Herrlichkeit ich einst mir malte!"

"So reich die Base war, so eisig war ihr Herze.
Der Milde bar und holder Frauen Art,
Die glcklich ist, kann andrer Glck sie schaffen,
Blieb herb ihr Wesen und wie Marmor hart.
Es gab bald Nichts, so ehrlich auch ich's meinte,
Was nicht, voll Eigensinn, sie mir verneinte."

"In gegenseit'gem Qulen, bis auf's Blut oft krnkend,
-- Noch heute berluft mich drob die Scham! --
Verbitterten wir elend uns das Leben,
Bis, immer hufiger, die Flucht ich nahm,
Um drau' im Forst, an gar zu bsen Tagen,
Mir Rettung vor Verzweiflung zu erjagen."

"Noch fter aber suchte ich, besonders anfangs,
Die Fraue zu begt'gen, ihren Stolz
Durch Nachsicht zu vermindern und mit Bitten;
Alleine, gleich dem Harnisch, wo der Bolz
Auch abprallt, es vermochte nie mein Sprechen,
Den starren Trotz und Eigensinn zu brechen!"

"So war ich rmer denn, als je zuvor im Leben,
Und wute, traun! wie tief den Mann es krnkt,
Wenn gutgemeinte Worte ihm die Fraue
Voll Hohn im Mund verdreht und, giftdurchtrnkt,
In's strackte Widerspiel der besten Absicht wandelt,
Weil, statt der Liebe er nur Gold erhandelt'.

"Mich nur nach Frieden sehnend, lie die Frau ich walten,
Trug ihre Launen, wie ein duldend Schaf,
Bis endlich, mde und zum Sterben willig,
Ich nichts mehr war, als ein gehetzter Sclav',
Der nahe dran, mit seinen eignen Hnden,
So jammervolles Dasein sich zu enden!"

"Doch kam es nicht so weit. Als uns ein Kindlein wurde,
Schien meiner Hoffnung wieder neu der Tag.
Im Handumdrehn war Gram und Leid vergessen,
Als mir im Arm das zarte Wesen lag
Und mir, dem jngst noch vor dem Dasein graute,
Mit klaren Aeuglein frisch in's Antlitz schaute."

"Glckselig ob dem Anblick, whnt' ich hoffnungsfreudig,
Es ziehe Frieden nun in unser Haus.
Ich tuschte mich; schon in den nchsten Tagen
Blies bs ein Sturmwind mir dies Lichtlein aus;
Eh' schien mir herber noch der Fraue Wesen,
Als all' die Zeiten vorher es gewesen!"

"Doch ich, gelobend mir, dem Mgdlein nun zu leben,
Lie sie gewhren, fgte mich und mied,
Noch mehr denn sonst, was Zwiespalt konnte bringen,
Als frh, beim zweiten Kind, der Tod uns schied,
Und zwar so jh, da ich's kaum glauben wollte,
Da schon die Erde auf den Sarg ihr rollte."

"Wohl schien mir da, als trge ich die Schuld alleine,
Da unsrem Bund nicht Glck noch Stern gelacht.
Und doch, beim heil'gen Blut! ich meint' es ehrlich;
Lie leider nur das Sprchlein auer Acht:
Ein' gute Heimstatt Glck und Frieden finden,
Wo sich in Lieb' der Menschen Herzen binden!"

"Nun aber," schlo er, "lat mich um Verzeihung bitten,
Weil ich es wagte treuem Freund so lang
Die Ruh' zu rauben. Freilich wei ich selber
Es nicht zu nennen, was mich heute zwang,
Da ich Euch beichten mute ohne Hehle,
Was sonst verschwiegen ruhte in der Seele." --

Bei sich den Freund bedauernd, hatte ernst der Schulthei
Dem Ritter zugehrt, bis er zu Ende war.
Jetzt lie es ihn jedoch nicht lnger schweigen.
Er war zu Gast einst bei dem jungen Paar
Und htte damals, meinte er, geschworen,
Da dies den Himmel sich schon hier erkoren.

Nun freilich er das Gegentheil davon vernommen,
Auch wohl so groes Unrecht nicht drin' fand,
Da nur nach Reichthum einst der Junker strebte
Und wahre Neigung nicht die Herzen band --
Befli er sich dem Freunde Trost zu spenden:
Vergessen soll man, was nicht mehr zu wenden.

Im Saale war der Mondenschein schon lngst verschwunden
Und auf dem Leuchter brannt' das Wachslicht tief,
Als Gast und Wirth sich von den Siedeln hoben --
Und Letzt'rer leise einem Knechtlein rief,
Dem dann die Weisung ward, sich flink zu rhren,
Den mden Herrn in's Schlafgemach zu fhren.

Der Schulthei selber aber ging noch nicht zur Ruhe.
Seit Jahren schon geheimen Knsten hold,
Wollt' eine Tinktur er noch schnell erproben,
Die ihm verwandeln sollte Blei in Gold,
Ward richtig sie gebraucht im Vollmondszeichen. --
Heut' lie sich hoffen, dieses zu erreichen. -- --

Herr Ulrich lste andern Tages sein Versprechen.
Er ging in's Stift, um fr die Mgdlein dort
Sein Wort bei der Aebtissin einzulegen;
Der Wrdigen zu sagen, da ein Ort,
Der besser, als Agnesenkloster passe,
In ganz Schaffhausen nicht sich finden lasse.

Klug wute im Gesprch er darauf hinzuweisen,
Welch' ein Gewinn fr's Stift es drfte sein,
Wenn dessen Frauen eine sich den Mgdlein
Als Lehrerin und Mutter wollte weihn;
Der Vater nenne manch Gehft sein eigen
Und sei der Mann, sich dankbar zu bezeigen.

Weil trotzdem mit der Antwort die Aebtissin sumte,
Erwhnte er noch, schlau, da selbst vom Rath
Der Herren etzlich gern es sehen wrden,
Wenn sie entschliee sich zur guten That;
Auch schon im Voraus drber einig wren,
Dem Stift das nth'ge Placet zu gewhren.

Auf solches Winken aber gab's nur eine Antwort.
Und so erklrte sie gar grmlich: sie
Sei einverstanden mit des Propstherrn Vorschlag;
Obzwar sie selber noch nicht wisse, wie
Es anzufangen und was zu geschehen,
Da sich das Stift solch' Gsten unversehen.

Inde auch dafr wute jetzt Herr Ulrich Hlfe.
Es mge die Frau Mutter, sprach er schlau,
Sich vorerst mit der Kusterin bereden;
Wenn die zu pflegen sich die Mgdlein trau',
So wrden sicherlich sie nichts vermissen,
Die Schwester ziere Tugend ja und Wissen.

Ein Weiteres zum Lob der Nonne noch zu sprechen,
Kam ihm die Oberin jedoch zuvor.
Wie schon gewohnt, so rhmte sie nun Jene,
Bis fast der Stiftspropst die Geduld verlor
Und froh war, als des Klosterglckleins Klingen,
Die Dame abberief zum Vespersingen. --

Mich aber soll es mahnen, diese Zeit zu nutzen
Und, Rckschau haltend, werther Freunde Gunst
Nicht allzusehr auf's Spiel zu setzen. Ist's doch
Geschehen, mgen sie verzeihn! Die Kunst,
Sich im Erzhlen weise zu beschrnken,
Ist nicht so leicht, als oft die Leser denken. --

   * * *

Als, an dem Morgen da Herr Kuonrad fortgeritten,
Des Vogtes Tochter spt zum Vorschein kam,
Im blassen Angesichte Thrnenspuren,
Die Zeugni gaben von des Herzens Gram,
Gab's Frida Anla, voller Spott zu fragen,
Ob sie sich nchtens lie vom Schrttlein plagen.

Da Elsbeth hierauf keine Antwort hatte, sondern,
Wie es sich schickte, nach den Gsten frug,
Vermehrte dies der Alten schlechte Laune,
Gleich einem Funken, der in's Pulver schlug,
Da kaum die Herrin sich zu athmen traute,
Weil selten noch so bs sie jene schaute.

"Bei Eurer Mutter selig, trst' sie Gott, die Gute!"
Hub lrmend Frida an, "da war der Brauch,
Da man vor Mitternacht das Pfuehl sich suchte;
Es hatte aber dann der Kaplan auch
Nicht leerem Kirchlein eine Me' zu lesen,
Wie heute Frh der Fall bei uns gewesen!"

"Es ging ja schier, als hausten wir in einer Schenken,
Drin' Alt und Jung beim Weine sitzend schmort;
Hat man genug, geht's, ohne Abschiedsnehmen,
In aller Still' bei Nacht und Nebel fort.
Ja wger! Wo die Frau im Hause fehlet,
Da bleiben halt die Mnner ungestrhlet!"

"Ein B'het Gott! htte wohl dem Junker nicht geschadet,
Hi, hi! Und wenn es jetzt auch hundert Mal
Des Bischofs Nistel ist, was sie ihm freiten! --
Hi, hi! Ich mein', es sollte seine Wahl,
Will einer nicht um andrer Schulden ben,
Ein jeder fr sich selbsten treffen mssen!" --

"Mir kam das Herrlein brigens nicht vor wie einer,
Der unverhofftem Glcke pltzlich nah --"
Hier jedoch hielt sie tief erschrocken inne,
Denn in den blauen Augen Elsbeths sah
Sie etwas schimmern, was wie Thrnen blinkte,
Der allzu Borstigen zu schweigen winkte.

Verwundert schaute Frida auf, ward aber irre,
Da, nun sie schwieg, die Herrin lchelnd frug,
Wewegen denn der Strom so jach versiegte,
Der eben noch gar hohe Wellen schlug;
Es blieb ihr nichts, als selbst sich zu gestehen,
Da, wie schon oft, sie wieder falsch gesehen.

Nun, noch mehr aufgebracht, lie drum sie ihrem Znglein
Von neuem flink den Lauf, nicht ahnend, da,
So oft sie von Herrn Kuonrad sprach, der Herrin
Es, einem Feuer gleich, am Herzen fra,
Die Arme mit sich rang, in heien Kmpfen,
Getuschter Hoffnung bitter Leid zu dmpfen.

Doch, wer sein Glck verschweigen kann und hehlen,
Dem ffnet seltner noch das Leid den Mund;
Stumm trug auch Elsbeth ihre Lieb' zu Grabe,
Versenkte tief sie in der Seele Grund;
Es nicht zu zeigen, was sie litt im Stillen,
Gelobte sich die Maid mit festem Willen. --

Sie hatte freilich noch am gleichen Tag, beim Abschied
Von Frulein Adelgunden manches Wort
Von Mnnertreu' und Aehnlichem zu hren,
Das krnkend sich in ihre Seele bohrt',
Doch blieb sie still und lie das Frulein sprechen,
Wollt auch das Herz in seinem Leide brechen.

Auch nachher qulte Elsbeth sich noch lange. Sie fand
Den Schlummer erst, wenn bald der Morgenstern
Zu bleichen anfing und der Hahnschrei mahnte,
Der neue Tag sei nicht mehr allzufern;
Vom Weinen md', ersehnte sie den Morgen,
Ihr Leid betubend durch des Tagwerks Sorgen.

Und Arbeit war noch stets der beste Sorgenbrecher.
Es fiel zwar auf, da bei der Mgde Lied
Der Herrin Stimme man nur selten hrte,
Wie auch, da sie die allzulauten mied,
Wenn Abends beim Gesangs die Wirtel kreisten;
Zu fragen -- mochte Niemand sich erdreisten.

Am Weihnachtsfeste aber, war es Elsbeth wieder,
Die, wohl zur Freude Aller, selbst den Sang
"Agnoscat omne saeculum" anstimmte,
Und glockenhelle aus der Brust es klang,
Als ob die Seele, frei von ird'schem Ringen,
Sich jubelnd auf zum Himmel wollte schwingen.

Als endlich allgemach der Winter nordwrts rckte
Und, fern aus Sd', der Frhling nher kam,
In Hof und Haus die Arbeit tglich mehrend,
War, gleich dem Schnee, verschwunden auch der Gram;
Die heimlich blagehrmten, zarten Wangen
Erblhten mlig aus, wie Rosenprangen.

Und nun der Lenz gekommen, pflegte Elsbeth wieder
Von Kunz begleitet, der ihr Krblein trug,
Am Fu des Bergs die Htten aufzusuchen,
Drin' sie, wie frher, nach den Armen frug,
Um mild des Krbleins Inhalt zu verwenden,
Bresthaften Hr'gen Speis und Trank zu spenden.

War sie mit diesen fertig, kam der Kinder Reihe.
Fr jedes hatte sie ein freundlich Wort;
Auch fehlten nicht die Schflein in dem Tschchen,
Denn eher lieen jene sie nicht fort,
Sie konnte stundenlang bei ihnen weilen,
Froh Scherz und Kurzweil mit den Kleinen theilen.

Am liebsten jedoch suchte sie in seinem Stblein
Den Kaplan auf, der meist am Fenster sa,
Es heit der Platz noch jetzt "des Herren Bnklein,"
Wo er, zur Abwechslung, mit seinem Glas
Im Thal des Reiches Strae observirte,
So schon zur Rmerzeit im Gau fortfhrte.

Wie vormals lauschte jetzt die Leidgeprfte willig
Dem Kaplan; fate dessen Lehre nun:
Da dem alleine es nur sei beschieden,
In wahrem Gottesfrieden traut zu ruhn,
Der, klglich whlend, ird'schem Glck entsage,
Mit eitler Weltlust nicht die Sinne plage.

Gab es denn Zweifel noch an solcher Worte Wahrheit,
Seit sie an sich erfuhr, wie schmerzlich jach
Das Schicksal ihren schnsten Traum zerstrte,
Gleich jenem Glase, das in Scherben brach?
Mut' sich dem Herzen nicht der Wunsch enthllen,
Was Benno lehrt, auch glubig zu erfllen? --

Im stillen Kloster, wie der Vater lngst dies wollte,
Erhoffte Gottergebnen Sinn's die Maid
Fr sich ein Glck, das Lebenslang gengte,
Nicht endete in bitterm Herzeleid;
Dies schne Ziel in Blde zu erlangen,
War nun der Frommen einziges Verlangen.

Wohl lag es schwer und bang auf ihrer jungen Seele.
Von Haus und Heim zu scheiden ging ihr nah',
Als eines Tags, vom Vater nur begleitet,
Mit jedem Schritt sie immer ferner sah,
Des Schlosses Thrme hinter sich versinken,
Die letzten Gre noch zum Abschied winken.

Der Trennung herbstes Weh empfand die Jungfrau aber,
Als, unweit Riedern, wo der Weg abzweigt,
Zum Punkt sie kamen, da dem scharfen Blicke
Der Schloberg sich ein letztes Mal noch zeigt;
Nach rckwrts schauend, mute hier in Thrnen
Die Scheidende sich an den Vater lehnen.

Und, selbst erschttert von dem Leid der Tochter, hatte
Herr Heinz sie dort gewhren lassen, eh'
Sein trstend Wort die Schluchzende ermahnte,
Sich nicht zu berlassen solchem Weh',
Da einer Heimat auf der Spur sie wre,
Von wo kein Abschied mehr das Herz beschwere.

Nach einer weitern Rast, am Fall des Rheins gehalten,
Ging's dann auf mden Rossen allgemach
Schaffhausen zu, das sie auch bald erreichten.
Hei! sahn die Burger hier dem Frulein nach
Und wollten schier dem eignen Blick nicht trauen,
Im Bann der Stadt so schne Maid zu schauen.

Die Schne freilich war am nchsten Tag Novize
In Sankt Agnesens frommer Frauenschaar.
Des Vaters Bruder hatte, weil er damals
Des Stiftes wohlbestellter Propstherr war,
Schon vorher dafr Sorge tragen mssen,
Da Oberin und Schwestern gern sie gren.

Ein letztes Stcklein Reben, das um Elsbeths willen
Der Vogt seit Jahren unverpfndet lie,
Es ward ihr Seelgerett', dem Stift zu eigen
Auf ew'ge Zeiten, wie's im Briefe hie;
Doch sollte dieses, nach kaum hundert Jahren,
Was Menschen ewig nennen, bs erfahren. --

Zufrieden sah sich Elsbeth so am Ziel des Wunsches,
Den ihre Seele sehnlich noch gehegt,
Seit holdern Wunsch ihr jhlings ward vernichtet,
Der Blume gleich, von Reif und Schnee belegt;
Wenn anfangs etwas ihr am Herzen nagte,
War es das Heimweh, was sie leise plagte.

Nach etlich Wochen aber war auch dies bezwungen:
Sie widmete als Nonne nun ihr Thun
Und Denken freudig den gebotnen Pflichten;
Der Schwestern Jngste lie es sie nicht ruhn,
Gebet und Arbeit stets vereint zu pflegen,
Im frommen Haushalt tchtig sich zu regen.

Ihr unmerklich war Jahr auf Jahr dahingeschwunden,
Inde sie selber tglich im Vertrau'n
Der Ob'rin zugenommen, so da diese
Der Schwester, als der Klgsten von den Frau'n
Im Stifte, das Amt der Kust'rin bertragen,
Mit der sie Rathes pflog in heiklen Fragen. --

Als ob dem Menschen nicht die ganze Welt zu eigen,
Baut jeder sich noch eine eigne drin',
Gestaltend sie nach seinem besten Knnen,
Entfremdend ganz, was auer ihr, dem Sinn.
Er fhlt sich wohl nur im gewohnten G'leise
Der selbst gezognen, oft gar engen Kreise.

So ging es auch der Nonne. Uralt dumpf Gemuer,
In welches selten mal die Sonne schien,
War ihre Welt in der sie, emsig waltend,
Lngst nicht mehr achtete der Jahre Fliehn.
Sie lebte im Bewutsein: Glck und Frieden
Sei reich vom Himmel ihr schon hier beschieden.

Und doch -- ein wunschlos Glck war's nicht, was ihr erblhte.
Wer drft' auch rhmen, da ihm dies gelacht
Nur eines Tages kurz gemess'ne Stunde?
Wem bliebe nicht, vom Glcke selbst entfacht,
Ein letzter Wunsch stets, der das wieder raubte,
Was glcklich schon man zu besitzen glaubte? --

Es wohnte in der Schwester Brust ein heimlich Etwas,
Das zu bezwingen sie hielt nicht fr Pflicht,
Das aber immer, wenn der Burger Kindlein
Zum Hochamt kamen, mit den Aeuglein licht
Durch's Gitter luegten, wo die Nonnen sangen,
Von neuem nahm der Kust'rin Sinn gefangen.

Der Kindlein Anblick rief zu jeder Zeit der Guten
Die Sehnsucht wach: doch wiederum ein Mal
Mit ihnen plaudern und sie kosen drfen,
Zu spiegeln sich in heller Aeuglein Strahl;
Wenn auch fr Stunden nur, sich zu gewinnen
Der kleinen Herzen unverflschtes Minnen.

Sie fand kein Unrecht darin, diesen Wunsch zu hegen,
Ihm zu gestatten, da er Keime trieb
Und stetig wuchs; ein letztes Glckverlangen,
Das heimlich noch der keuschen Seele blieb,
Sie hold umwob im angebornen Sehnen,
An Kindesherz das eigene zu lehnen.

Dem Wunsche selber fehlte freilich jede Hoffnung,
Da mehr er werde, als ein schner Traum.
Es schied des Chores Gitter gar zu neidisch
Die Lieblinge und sie bemerktens kaum,
Wenn Elsbeth ihnen leise einmal nickte,
Durch's enge Gitterwerk ein Grlein schickte. -- --

Es war am dritten Osterfeiertag, als Elsbeth,
Wie dies die Pflicht der Kusterin gebot,
Schon frh am Morgen bei der Ob'rin eintrat
Und diese ihr alsbald von ihrer Noth
Erzhlte, da fr Kindlein, reich von Hause,
Man Obdach bat in Sankt Agnesens Clause.

Der Stiftspropst habe gestern sie gar warm empfohlen
Und, wenn dies nun der Schwestern Wille sei,
Bei sich im Haus solch' junges Blut zu dulden,
So wre sie am Ende auch dabei,
Mit Raths Vergunst die Kindlein aufzunehmen,
Da Stift und Schwestern nicht in Nachtheil kmen.

Die Kindlein selber seien mutterlose Mgdlein,
Mit Zucht und Sitten wger unbekannt,
Und daher wohl des Vaters Wunsch begreiflich,
-- Des Ritters Name wurde nicht genannt, --
Die Kleinen bald in einem Haus zu wissen,
Drin' gute Ordnung sie nicht lnger missen.

Nun scheine jedoch, da der Propstherr fr die Kindlein
In ganz Schaffhausen keinen bessern Ort
Gefunden habe, als ihr armes Kloster;
Er htte gestern drum in einem fort
Ihr vorgeredet, bis sie halb versprochen,
Den Vorschlag zu erproben etlich Wochen.

Doch dieses auszufhren, tauge sie mit nichten
Und wr' zu alt. Zum andern aber klar,
Da von den Schwestern allen nur der Kust'rin
Man anvertrauen knnt' das Mgdleinpaar,
Weil sie der wen'gen eine sei im Kloster,
Die mehr verstnde, als das Pater noster.

Getraue sich die Schwester, solche Last zu brden
Und zu dem Custosamte auch die Pflicht
Der Pflegerin zu fgen -- wr's zu schtzen.
Die Antwort drauf verlange gleich sie nicht;
Wohl aber sei ihr lieb, am nchsten Tage
Zu wissen,  was die Schwester dazu sage.

Was weiter dann die Oberin noch sagen mochte,
Der Schwester ging's verloren. Hold bethrt
Vom Vorschlag mit den Mgdlein, erfate es
Die Ueberraschte kaum, was sie gehrt
Und schuf die Aussicht, da des Herzens Sehnen
Sich unverhofft erflle, ihr schier Thrnen.

Ihr freudiges Empfinden. jedoch rasch bemeisternd,
Gab eine Zusage die Kusterin noch nicht.
Doch zog es eilig sie zur stillen Zelle,
Um dort, mit tiefgesenktem Angesicht,
Am Betpult knieend, fr des Wunschs Gelingen,
Der Himmelsknigin den Dank zu bringen.

Dann aber flo, im Stundenglas der Froherregten,
Der Sand an jenem Tage langsam nur,
Es wollt' nicht Abend werden und der Morgen
Fand von durchwachter Nacht die Spur,
Als frh zur Ob'rin, die noch tief im Bette,
Sie wieder ging, nach fromm vollbrachter Mette.

Gewohnter Demuth voll, jedoch beredten Mundes,
Gab auf Befragen sie der "Mutter" kund,
Da sie gewillt sei, fr das Paar zu sorgen,
Der Mgdlein leiblich Wohl zu pflegen und
Mit allem Fleie, zu Sankt Agnes' Ehren,
Was ihr bewut, auch ihnen gern zu lehren.

Als ob sie dies erwartet, lauschte die Aebtissin
Der Schwester Worten, in Gedanken schon
Die Schenkung schtzend, so der Mgdlein Vater
Vergaben drfte, als verdienten Lohn
Fr Sorg' und Mhen, die dem Stifte wrden,
Solch' ungewohnte Last sich aufzubrden.

Mit ein paar Worten ihren Dank bezeigend, trug sie,
Weil wieder gichtkrank, gleich der Kust'rin auf
Statt ihrer, mit dem Ritter zu verhandeln,
Falls der und seine Mgdlein schon im Lauf
Des Tages kmen, Antwort zu verlangen,
Auch, ihn im Saal des Stiftes zu empfangen.

Voll freudigen Gehorsam's neigte sich die Gute;
Dann aber eilte sie, ein Stbchen rein
Zu lften und mit Hlfe einer Schwester
Zwei Betten zu beziehn mit Linnen fein,
Auf da die Mgdlein, wenn sie kommen wollten,
In trauter Ordnung Alles finden sollten. --

   * * *

Die Nonnen hatten just die Vesper abgesungen,
Als laut die Glocke klang am Klosterthor,
So da die Schwester Pfrtnerin im Eilen,
Ihr letztes Bischen Athem fast verlor
Und keuchend durch des Auslugs Gitter schaute,
Wer allso heftig sich zu klingeln traute. --

Es war der Ritter mit den Mgdlein, dem die Schwester,
Wie ihr die Kusterin heut frh befahl,
Ohn' lang zu fragen, Einla nun gewhrte,
Nur bittend, ihr zu folgen nach dem Saal
Und da in Gnaden etwas zu verweilen;
Sie werde flink den Herrn zu melden eilen.

Nach kurzem Grue folgten bald die Drei der Schwester
Gedmpften Schritts durch einen dstern Flur,
De' graue Wnde alte Bilder zierten,
Nothdrftig zeigend noch der Farben Spur,
Und berschritten eines Saales Schwellen,
Der fern lag Refectorium und Zellen.

Es war ein d' Gemach, doch lieen ein paar Fenster
Die Sonne ein und Duft von frischem Grn,
Das, windgeschtzt, im Klostergarten prangte,
In welchem, lrmend, etlich' Spatzen khn
Und bermthig nah' den Fenstern jagten,
Auch ab und zu bis in den Saal sich wagten.

Im Garten selber sonnte sich ein schlafend Ktzlein
Bei jungen Hhnern, die, im warmen Sand
Des Weges badend, laut sich unterhielten,
Da ihr Gepips das Ohr der Mgdlein fand,
Die, kaum im Saal, dem Vater flink entwichen,
Auf leisen Zehen zu den Fenstern schlichen.

Es drohte zwar des Ritters Finger leis den Schlimmen,
Als ihm vom Fenster her ihr Plaudern klang,
Das, wie das silberhelle, frohe Lachen,
Bis in die Zellen zu den Nonnen drang,
Die Frommen sicher dort im Beten strte,
Weil allzulaut ihr Ohr die Frohen hrte.

Bald aber achtete er nicht mehr ihres Treibens,
Nur darauf lauschend, was die Schwester sprach,
So Auftrag hatte, ihm hier mitzutheilen,
Da, weilen die "Frau Mutter" krank und schwach
Sich fhle, es der Kust'rin Amt gebhre,
Zu hren, was den Herrn zu ihnen fhre.

Dies sagend huschte sie davon, der Schwester
Es anzumelden, da die Mgdlein da.
Der Ritter harrte also guter Laune,
Da schon versorgt er seine Kindlein sah;
Bemerkte nicht, da die auf flinken Sohlen,
Zum offnen Fenster sich hinaus gestohlen.

Doch, da er es bemerkte und sie schelten wollte,
Ob der verwegnen, unbefugten That,
Vernahmen seine Ohren leise Schritte.
Rasch nun sich wendend, um zu sehn wer naht',
Ward ihm, als sollte er die Nahende erkennen,
Geliebten Namen seine Lippen nennen. --

War das ein Traumbild, oder ffte ihn der Himmel?
In ihrer Demuth, wie ein Cherub mild,
Stand vor Herrn Kuonrad, denn dies war der Ritter,
Ein ihm gar wohl bekanntes Frauenbild,
Das, trotzdem es ein Nonnenschleier deckte,
Erinnerung an sel'ge Zeiten weckte.

Wohl ebenso verwundert schien jetzt auch die Kust'rin,
Als, nahgetreten, sie die Blicke hob
Und in dem Harrenden den Mann erkannte,
Der einst in ihre Trume sich verwob,
Dem Herzen, das von ihm geliebt sich glaubte,
Auf lange hin den sen Frieden raubte.

Am liebsten wohl htte sie gleich den Saal verlassen;
Denn, statt der Freude, die sie drob empfand,
Da nah' dem Ziel sich ihre Sehnsucht wute,
Nahm jetzt die Reue jhlings berhand,
Im Busen einen Wunsch genhrt zu haben,
Der ihre Ruhe konnte untergraben.

In einer Sturmflut berquellender Gefhle
Gedachte sie voll Wehmuth all' der Zeit,
Die hier in stillem Frieden ihr entschwunden.
Sie lebte ruhig, frommer Pflicht geweiht,
Bis, schuldlos zwar, ein letztes Glckverlangen
Mit aller Kraft die Sinne nahm gefangen.

Nun zog auf's neue ihr ein schneidend Weh durch's Herze
Bei der Erinnerung, was sie empfand,
Als ihre Liebe sie betrogen wute
Vom selben Manne, der hier vor ihr stand,
Und wie berufen schien, ihr Leid zu bringen,
Wenn je sich hoben ihrer Sehnsucht Schwingen.

Fast mit dem Himmel hadernd, schmerzte der Gedanke
Sie immer wieder, da das Mgdleinpaar,
De lautes Lachen aus dem Garten tnte,
Zu eigen dem, der einst ihr theuer war,
Und da das Schicksal ihr nun also lohnte
Fr ein Gefhl, das still im Herzen wohnte.

Doch ihm, der trug die Schuld, ihm grollte sie mit nichten
Um all' das Leid, das er ihr angethan.
Es regte leise sich im Herzen etwas
Fr ihn und klopfte, Mitleid flehend, an;
Denn chter Liebe lenzgeborner Schimmer
Mag zwar erblassen -- ganz erlischt er nimmer! --

Ein helles Roth, das Elsbeths Wangen berhauchte,
Gleich Rosen frisch, die man im Thaue brach,
Ward zur Verrth'rin dessen, was sie fhlte,
Und was ihr licht aus treuen Augen sprach,
Als endlich, leicht verneigend, sie es wagte,
Frommernsten Gru dem Ueberraschten sagte.

Da konnte sich Herr Kuonrad nicht mehr lnger halten
Und seinem Mund entfuhr's: "Ach, Elsbeth, kennt
Von eh'dem Ihr den Junker Kuonrad nimmer?
Verzeihet, wenn mein Mund den Namen nennt
Der Trauten, deren Bild mir nie entschwunden,
Obgleich ich's meiden mute, kaum gefunden!"

Es wehte aus den Worten schlecht verhehlte Trauer,
Die mit des Wiedersehens Freude rang,
Nun ihm, so unverhofft, nach langem wieder
Der Holden Stimme in den Ohren klang,
In milder Se sie, wie einst, ihn grte,
Als ob auf Kssaburg er heut' noch bte.

Doch nun, er freudig ihr die Rechte reichen wollte,
Versah's die Kust'rin; fromm den Blick gesenkt,
Glich fast sie einem Steinbild, stumm die Hnde
Im Aermelpaare des Gewands verschrnkt,
So da der Strm'sche sich besinnen mute,
Da Klosterfrauenbrauch es anders wute.

Verlegen lie er drum die Hand schnell wieder sinken.
Es wollt' ihn reuen, seiner Freude jach
Und ungeziemend Wort verliehn zu haben,
Als Elsbeth selbst das schwle Schweigen brach
Und ihn, mit ihrer Stimme Silberklange,
Zu sprechen bat, was er vom Stift verlange.

Jetzt athmete Herr Kuonrad freier auf und malte
Sein Unglck ihr mit wohlberedtem Mund.
's war eigentlich mehr eine Beichte, in der
Zerknirscht ein Snder ffnete den Grund
Schuldschwerer Seele, nimmermehr verhehlend,
Wie selbst er sich gestrzt in Leid und Elend.

Als jedoch auf die Mgdlein kam die Rede, wollte
Es nicht mehr glatt vom Munde; 's ward ihm schwer,
Der Kleinen wegen Elsbeth nun zu bitten.
Er drehte drum die Worte hin und her,
In Sorgen drob, ob sie sich willig finde,
Von ihm zu nehmen solch' ein Angebinde.

Sein Zagen da bemerkend, sah sie milden Blickes
In's Antlitz ihm so traut und seelengut,
Da bald die Scheu vor ihr verschwinden mute
Und ihm zur Bitte endlich kam der Muth,
Sie mchte, ihn von Sorgen zu befreien,
Den Kindlein ihren Schutz und Pflege leihen.

Jetzt kam die Reihe an die Kusterin zu zagen.
Wie, wenn sie die Gewhrung nun versagt',
Weil ihr bewut war, wem die Mgdlein eigen?
Von schweren Zweifeln sah sie sich geplagt,
Die lang nicht zur Entscheidung kommen lieen:
Soll das Gefhl, soll der Verstand beschlieen?

Vermochte sie noch, der es mhsam nur gelungen,
Da des Geliebten Bild, gleich einem Stern
Am Morgenhimmel, mlig blasser worden,
Als reine Braut zu gelten Gott dem Herrn,
Wenn in des Herzens innersten Verstecken,
Die Kindlein lngst Vergang'nes wieder wecken?

In solchem Zwiespalt mit sich, kam ihr keine Ahnung
Da lngst Herrn Kuonrads Blicke unverwandt
Aus ihr, die noch in Jugendschne prangte,
Geheftet ruhn, als wren sie gebannt,
Indessen ein Verlangen ihm erwachte,
Das bald den Muth zu khnerm Wunsch entfachte.

Ihr Sinnen unterbrechend, hob er an zu sprechen;
Es wies sein Wort auf jene Tage hin,
Die auf Schlo Kssaburg er froh verlebte,
Eh' ihn sein Unstern lie von dannen ziehn
Mit dem Bewutsein, da sein heimlich Scheiden
Zwei Herzen zwang, auf immer sich zu meiden.

"Mir wurde Strafe und ich bte strenge," sprach er,
"Fr das, was ich in Minneschuld verbrach;
Doch kam im Leiden mir auch oft die Frage, --
Das einzige, was meiner Hoffnung Bach
Nicht ganz versiegen lie, im Sand verrinnen, --
Kann Liebe nicht sich Lieb' zurck gewinnen?"

"Ein trunkner Knabe war ich, der sich selbst betrogen!
Heut' sehet Ihr den Mann um jene Schuld
Vergebung bitten in dem festen Glauben,
Da nicht erlschen konnte ganz die Huld,
So, holdem Lenze gleich, dem Knaben lachte,
An Slde reich, ihn wunschlos glcklich machte." --

Schier wie versteinert lauschte sie des Ritters Worten;
Es deckte Leichenblsse ihr Gesicht.
Bald kam zum Stolze auch noch das Gewissen,
Was sie erinnert' an Gelbd' und Pflicht,
Die, schwer geschdigt schon, sich drob empren,
Da sie nicht floh, statt solcher Red' zu hren.

Gesenkten Hauptes und den Blick am Boden haftend,
Erflehete von Gott die Arme Kraft,
Da nicht, im Kampfe gegen die Versuchung,
Die Seele falle in der Snde Haft, --
Indessen doch, in seligem Berauschen,
Sie's heimlich zwang -- dem lieben Mann zu lauschen.

Sekundenlang in wonnig Trumen nun versunken,
In das gewiegt sie seiner Worte Gift,
War ihrem Sein die Wirklichkeit entschwunden.
Sie sah sich, statt im den, stillen Stift,
Der Welt und allem Irdischen gestorben,
Auf einmal frei, von Liebe hold umworben.

Es klang so s dem Ohre, da Herr Kuonrad sagte:
"Es stnd' mir bel, was ich selbst verlor,
Erschmeicheln nun zu wollen, glatt zuredend,
Gleich einem alten, aberwitz'gen Thor.
Doch schwr' ich, da in all' den Jahren, Tagen,
Ein einzig Bild im Herzen ich getragen!"

"Und so ist's wahr! An dieses eine Bild zu denken,
Gab Kraft zu tragen bittern Vorwurf's Qual,
Die Jahre durch mir an der Seele nagte,
Den Frieden scheuchte und die Ruhe stahl,
Bis ich, mein elend Dasein abzukrzen,
Schon nahe war, mich in den Tod zu strzen!"

""O, haltet ein, Herr!"" bebten da der Kust'rin Lippen
So leise, da es kaum zu hren war,
Indessen schn, wie blitzende Demanten,
Auf ihren Wangen perlten Thrnen klar,
Die, sammt des Busens schnellem Wogen zeugten,
Da Schwur und Pflichten sich dem Mitleid beugten.

Dann, wohl der Schwche bang, gedachte sie zu fliehen,
Nicht weiter anzuhren, was er sprach;
Doch dazu fehlte ihrer Kraft der Wille.
Sie fhlte, wie das Blut ihr hei und jach
In's Antlitz stieg, nun sie der Ohnmacht dachte,
Die in Versuchung so die Seele brachte.

Da, whrend noch sie mit sich selber kmpfte, zrnte,
Erwuchs Herrn Kuonrad nun der Muth erst recht,
Es ging nicht lange, hrte sie ihn fragen:
"Darf ich das Bild Euch nennen, Elsbeth? -- Sprecht,
Knnt Ihr den Schwergeprften darum hassen,
Da ihm das Glck erscheint, und er's will fassen?"

"Ihr zrnt dem Manne nicht, wenn er, des Ort's vergessend,
Den sich zum Obdach frommer Sinn geweiht,
Zu Euch, als seinem guten Engel stehend,
Dem bervollen Herzen Worte leiht,
Die, leider viel zu schwach nur, Euch enthllen,
Welch schne Trume es zur Stunde fllen!"

"Es ist der Himmel selber, der den Weg mich fhrte
Zu Euch zurck! -- O, Elsbeth, saget an:
Gelang's Euch wirklich, Euer Herz zu meistern,
Da Liebe ihm sich nimmermehr darf nahn? --
Ich kann's nicht glauben -- drum erlaub' dem Zagen,
Dir Herz und Hand in Treuen anzutragen!" --

In Todesngsten bebend, aber hingerissen
Von seiner Worte zrtlicher Gewalt,
Hob die Gequlte da die Sonnenblicke,
Doch nicht zu ihm, de' Antlitz freudig strahlt, --
Nein, 's galt dem Christusbild im gldnen Rahmen,
Zu dem die Blicke ihre Zuflucht nahmen.

Sie wollte beten; doch Herr Kuonrad drngte flsternd:
"Du schweigst, Elisabeth? -- O, sag' nicht nein! --
La' Dir das Herz von meiner Liebe rhren! --
Der Oheim wird mir helfen, Dich befrei'n. --
Du wrst die Erste nicht und nicht die Letzte,
Die ihre Liebe ber Alles setzte! --

Es war genug. "Herr!" sagte sie, ihn ernst verweisend,
Schon allzulange hab' ich Euch gelauscht;
Denn was Ihr meint, das darf die nicht verstehen,
Die ihre Welt an einen Ort getauscht,
Wo das Gedenken an verwehte Trume
Verunheiligt die Gott geweihten Rume!"

"Verwehte Trume!" rief er da, ihr nher tretend,
"Verwehte Trume? Elsbeth, glaubst Du nicht,
Da sie uns wiederkehren, wenn die Liebe
Ihr heilig Band um unsre Herzen flicht? --
Mir sagt ein wonnig Ahnen, Glck und Frieden,
Wr Dir wie mir, fr Lebenslang beschieden!"

Ein schmerzlich Lcheln berflog das schne Antlitz,
Nun ihr sein Mund von Glck und Frieden sprach;
Es klang wie Vorwurf fast und doch auch bittend,
Als sie den Schmeichelnden jetzt unterbrach:
"Herr, Eure Rede gilt verlornen Zielen;
Ich bin zufrieden, wie die Loose fielen!"

"Der Welt und ihrem Glck hat unschwer zu entsagen,
Wer je erfahren mut', was beide werth!
In Gott allein und treuem Pflichterfllen
Wird Frieden nur und wahres Heil bescheert;
Noch mehr zu wollen -- ich fhl' kein Verlangen.
Die Zeit der Trume, Herr, ist mir vergangen!"

Sie schwieg. Herr Kuonrad aber lie sich nicht bedeuten;
Er legte sacht' die Hand auf ihren Arm
Und frug mit leiser Stimme, s  und nahe,
Da leicht sein Odem sie berhrte warm:
Sprach auch das Herz so, Elsbeth? -- Sag' mir offen,
War es dabei, als Du vergrubst sein Hoffen?" --

"Dem meinen ging es anders! Konnt' es nimmer zwingen,
Nur einen Tag, ja, nur minutenlang
Sein Sehnen zu vergessen! Seine Liebe
Lag nie im Banne leid'ger Pflichten Zwang,
Und -- Dir die Wahrheit vollends zu gestehen,
Ich selber lie es nur zu gern geschehen!"

"Du weit es, wahre Liebe kennet kein Vergessen,
So lang wir athmen, unser Puls noch schlgt;
Und sie ist's, die vereint mit Glauben, Hoffen,
Auf lichten Schwingen uns zum Himmel trgt. --
Dem Schnsten, was vom Paradies verblieben,
Du konntest ihm entsagen, nicht mehr lieben?"

"O, sprich ein Wort! Ein einzig Wort nur, das mir kndet,
Da auch Dein Herz der Liebe nicht verga,
Die Du so reich mich einstens ahnen lieest! --
Komm', sei mein trautlieb Weib; nein, mehr als das!
Mein guter Engel! -- meine Kniginne,
Der allzeit unterthan ich treu in Minne!"....

Beim letzten Worte war Herr Kuonrad, berwltigt
Von seines Herzens minneheiem Drang,
Auf's Knie gesunken vor der arg Erschreckten,
Schon sicher hoffend, da es ihm gelang,
Die Zagende allendlich zu gewinnen,
Da stumm sie vor ihm stand, in tiefem Sinnen.

Es war ein Wahn. Zwar, hingerissen vom Empfinden
Bestrmender Gefhle Allgewalt,
Schien Elsbeths Pflichtbewutsein leis zu wanken,
Als, flchtig, jetzt ihr Blick dem Manne galt,
Der vor ihr auf des Saales Fliesen knie'te,
In Demuth harrend, was nun sie ihm biete. --

In sich verloren und voll sel'ger Lust erschauernd,
Da tiefe Glut ihr aus den Augen strahlt',
Stand Elsbeth schweigend, whrend ihre Seele
Geschftig sich das Glck der Liebe malt'
In lichten Farben und so lenzeshelle,
Wie's nur vermag erregten Herzens Welle.

Doch rasch versank das Bild. Todtbitt're Wehmuth fllte
Der Armen Herz, nun die Besinnung kam,
Welch' weite Kluft sie von dem Manne trenne,
Der eine Liebe jetzt in Anspruch nahm,
Die, seit dem Himmel Treue sie geschworen,
Doch wohl ihr Recht auf irdisch Glck verloren.

Nun galt kein Zaudern mehr, sie mute berwinden
Und dem gehren, der ihr Trost gesandt,
Als jh des Herzens holder Liebesfrhling,
Kaum recht erblht, ein traurig Ende fand.
Gott soll auch fernerhin ihr Wirken bleiben,
Aus seinem Hause keine Macht sie treiben.

Im Rahmen dort das Bild, es schien ihr Kraft zu spenden,
Erinnernd gleich auch, da sie lngst verga,
Was Pflicht und Regel ihr zu thun gebieten,
Wenn sndhaft ein Gedanke sich verma,
Die Gottgeweihte Seele ihr zu meistern,
Fr irdisch Glck sich heimlich zu begeistern. --

"Herr Ritter!" klang es strengsten Tones zu Herrn Kuonrad,
"Vor unserm Orte ist man nicht gewohnt,
Mit Weltgeschften sich die Zeit zu rauben;
Auch blieb ich schwerer Strafe kaum verschont,
Wrd' ruchbar werden es der Schwestern Ohren,
Was ich mir bieten lie, der Pflicht verloren!"

"Euch hier zu sehen, hab' ich allweg nicht vermuthet,
Und htte mir geschwant, wer meiner harrt,
So bliebe frevler Wnsche eitel Sehnen
Mir allso vorzutragen Euch erspart.
Steht darum auf -- die aber lasset gehen,
So Anderm zu begegnen sich versehen!"

Betroffen stand er auf und wollte reden; doch sie,
Die fhlte, da es ihr an Kraft gebrach
Das Herz zu meistern, wandte sich zur Thre,
Da scholl ein silbern Lachen durch's Gemach
So froh, das es den Schritt ihr sogleich bannte
Und, stille stehend, sie die Blicke wandte. --

Sieh' dort! In kind'scher Lust, die Aeuglein freudeglnzend,
Schwung durch das Fenster sich das Mgdleinpaar,
Die purpurn angehauchten Sammetwangen
Licht berwallt von goldigblondem Haar,
Das, voller Ringeln, sich der Freiheit freute,
Weil Strhl und Schapel ihm nur selten drute.

Es war des Ritters Paar, das, md' des Spielens drauen,
Vergnglich plaudernd so den Saal betrat.
Ihr Kommen mochte nun den Vater mahnen,
Da ihretwegen er die Reise that,
Denn kaum, da seine Augen sie ersahen,
Hie leis ein Wink von ihm die Holden nahen;

Ihm selbst, dem eben es zu Muthe noch gewesen,
Wie einem der verurtheilt war zum Tod,
Erschienen nun zur rechten Zeit die beiden;
Sie sollten ihm jetzt helfen aus der Noth,
In welche ihn sein Minnewerben brachte,
Als er an sich, statt an die Seinen dachte.

Der Mgdlein Hnde fassend, war er rasch besonnen
Und sank, eh' noch die Kust'rin wehren konnt',
Mit den Verwunderten ihr schnell zu Fen,
Wohl hoffend, da der Unschuld es vergonnt,
Was ihm, trotz allem Flehn nicht mocht' gelingen,
Durch ihre stumme Sprache zu erringen.

"Gewhret wenigstens den Kindlein hier Erbarmen --"
So hrte leise man den Stolzen flehn,
"Und lat die Mutterlosen nicht entgelten,
Welch' schwerer Schuld der Vater sich versehn!
Gott wird Euch dafr lohnen, was den Kleinen
Ihr Gutes thut, und sind es gleich die Meinen." --

Er kam nicht weiter; denn was jetzt sein Blick erschaute,
Es bot Gewhrung de', was er begehrt'.
Voll milder Anmuth neigte Elsbeth freundlich,
Das Antlitz einem Engel gleich verklrt,
Sich zu den Mgdlein nieder, traut sie grend
Und frischen Munds die rothen Wnglein kssend.

Ein liebefroher Bild lie sich, frwahr! nicht malen,
Als es die Gruppe hier im Saale war:
In sem Selbstvergessen knie'te Elsbeth
Froh bei den Schchternen und strich das Haar
Aus Stirn und Wangen ihnen mit den Hnden,
Um stets auf's Neue Gru und Ku zu spenden.

Der Kleinen Schchternheit verschwand dann auch zusehends,
Wie wenn durch Nebel sich die Sonne brach,
Und machte Platz ergtzlichem Verwundern,
Das, groen Blickes, aus den Aeuglein sprach,
Die Mulchen roth nicht lnger mehr lie zaudern
Mit dieser Huldgestalt vertraut zu plaudern.

Sie selber sah, ein selig Lcheln auf den Lippen,
Zu Theil geworden ihr, was sie ersehnt',
Sah mit der Liebe treugemeinten Blicken,
Auf's Schwesternpaar, an ihre Brust gelehnt,
Und glich dem Baum, umringt von jungen Schossen,
Die, auch in Blthe, aus der Erde sprossen.

Herr Kuonrad aber hatte langsam sich erhoben;
Er stand, die feuchten Blicke unverwandt
Auf Elsbeth heftend, in ein Glck versunken,
Wie schner er bis jetzt dies nicht gekannt.
Was er ersehnte sich in manchen Stunden,
Hier war es unverhofft und reich gefunden.

Was Wunsch und Sorge ihm, auf Flgeln schien's entflohen;
Er selbst entrckt in ein ihm fremd Gefild,
Da Menschenglck und sel'ger Herzensfrieden
Nicht lnger sehnender Gedanken Bild.
Nein, sichtbarlich vor seinem Blick enthllte
Das Glck sich, wie es lngst sein Herz erfllte. --

Doch es kam anders, als der Glckliche sich trumte,
Denn, als die Kusterin, an jeder Hand
Der Mgdlein ein's, sich auch erhoben hatte
Und, hold den Sonnenblick ihm zugewandt,
Die Bitte that, die Kindlein ihr zu lassen,
So wollte dies der Eitle noch nicht fassen.

Im Wahne, Elsbeth lasse doch noch sich bereden,
Bat er, -- nicht darauf achtend, welche Qual
Ihr sein erneutes Werben machte -- leise
Die Milde, ihm zu folgen als Gemahl;
Indessen wie demthig er auch flehte --
Es galt zu ernten, was sein Treubruch s'te.

"Herr!" war die Antwort "lat mich dem, dem ich geschworen!
Mein Loos ist schner, als Ihr ahnen knnt;
Denn, freudig fhlt es meine Seele heute,
Es ward von Gott das Hchste mir gegnnt,
Was er an Seligkeit nur konnte geben:
Es ist das Glck -- fr andrer Wohl zu leben!"

"Wie einst der Herre hie die Kindlein zu sich kommen,
Will Eure Mgdlein gern ich nehmen an
In seinem Namen. Ich will fr sie sorgen,
Gleich treuer Mutter sie im Herzen ha'n;
Auch, was ich wei, 's ist nicht viel, beiden lehren
Zu ihrem Nutz und Sankt Agnesen Ehren!" --

Gerhrt von so viel Gromuth und doch nicht zufrieden
Kam zu der Reue nun auch noch die Scham,
Dem Ritter, da er die einst tuschen konnte,
Die jetzt so edel ihm entgegen kam;
Ja, statt, wie er verdiente, ihn zu hassen,
Gar darum bat, die Kindlein ihr zu lassen.

Doch whrend er noch sann, ihr Dank dafr zu sagen,
Nahm Elsbeth schon das Schwesternpaar zum Ziel,
Versprach den Mgdlein, wenn sie bei ihr bleiben,
Zu Scherz und Kurzweil schne Hel'gen viel;
Auch wollte sie die Leckermulchen laben
Mit Nonnenkrpflein, s wie Honigwaben.

Da glnzten denn gar froh vier blaue Kinderuglein,
Als wenn man helle Sternlein blitzen sah!
Es blieb kein Zweifel, beide waren willig;
Denn wie aus einem Munde klang ihr "Ja!"
Auf Elsbeths freundlich wiederholte Frage:
Ob hier zu bleiben ihnen es behage?

Erfreut von solcher Antwort, wandte sich die Gute
Herrn Kuonrad zu und bat, wie's schien in Hast,
Weil doch der Kleinen Sinn noch ndern knnte:
"Herr, lasset mir die Lieben hier zu Gast
Bis morgen; trau'n, sie sollen nichts vermissen,
Da wir Bescheid so braven Mgdleins wissen!"

"Euch jedoch bitte ich dann morgen her zu kommen
Und nach zu schau'n, wie es den Holden geht.
Wenn noch sie Willens sind, bei uns zu bleiben,
Eu'r Einverstndni vorgesehn! so steht
Ja nichts im Wege, drber zu verhandeln,
Wie wir, zum Heile ihnen, weiter wandeln."

Und nun ermahnte sie die Mgdlein, fein vom Vater
"B'het Gott!" zu nehmen, bis zum nchsten Tag,
Inde' auch sie zum Abschied sich verneigte.
Der Ritter aber stand, schier wie vom Schlag
Getroffen, als, die Mgdlein ihr zur Seiten,
Sein Blick die Edle sah zum Ausgang schreiten.

Die feuchten Augen wischend, whrte es fast lange,
Eh' sich der Stolze nach und nach besann
Und, jhen Scheidens bitter Weh verwindend,
Gedrckten Sinns verlie des Stiftes Bann,
Um nun den Freunden sein vor allen Dingen,
Wie's um die Mgdlein stand, Bericht zu bringen.

Da jedoch in der Kust'rin ihm die Maid begegnet',
Die seiner Liebe einzig Sehnen war,
Verschwieg der arg getuschte Ritter freilich
Den Freunden gegenber, ganz und gar,
Da, sich die Holde wieder zu erringen,
Er seine letzte Hoffnung sah zerrinnen. -- --

Als nchsten Tages, wieder um dieselbe Stunde,
Herr Kuonrad sich im Stifte melden lie,
War's, statt der Kusterin, die Ob'rin selber,
Die, unpa zwar, ihn nun willkommen hie,
Um Nachsicht bat, da Alter und Gebrechen,
Sie nicht schon gestern lieen mit ihm sprechen.

Dann, auf die Mgdlein kommend, war auch sie der Meinung,
Es thue Noth, die beiden zu erziehn,
Erwhnte auch, wie ihr der Propst gerathen,
Des Klosters Armuth und wies darauf hin,
Da schon im Rckblick auf sothane Nthen,
Die Schwestern gern den Kindlein Obdach bten.

Herr Kuonrad merkte sich's; denn als nun doch die Dame
Allendlich schwieg, erbot er sich, dem Stift
Den Niebrauch eines Hofs mit Vieh und Fabel,
Sammt Rebgelnde, Aeckern, Wald und Trift',
Auf doppelt so viel Jahre zu verleihen,
Als seine Kinder zu St. Agnes seien.

Die Ob'rin war's zufrieden; aber nicht er selber,
Der, in der Hoffnung, Elsbeth noch zu sehn,
Zum Abschied seine Mgdlein gren wollte,
Doch nur den Rath erhielt, fein abzustehn
Und lieber ohne Gru sich zu empfehlen,
Als Trauer damit schaffen ihren Seelen.

Da sie darauf bestand, so fgte er sich endlich
Und schied vom Orte, der sein Liebstes barg,
Mit schwerem Herzen, all' sein Hoffen bettend
Zu ew'gem Schlummer in der Seele Sarg;
Noch dabei froh, da doch der Trost geblieben,
In guter Hand zu wissen seine Lieben.

So war es auch. Voll hoher Freude, da der Himmel
Doch ihrem Wunsch Erfllung noch bescheert';
Was sie ersehnt', in trben Augenblicken
Liebden Daseins, nun dem Herz gewhrt,
Hielt Elsbeth treulich, was sie ihm versprochen,
Der, sich zum Schaden, ihr die Treu' gebrochen.

Wohl rief ihr anfangs oft, beim Anblick seiner Kinder,
Erinn'rung schlummernde Gedanken wach,
Die sie gestorben glaubte, malte Bilder
Verlornen Glckes ihr; doch nach und nach
Verscheuchten Sorgen um das Wohl der Kleinen
Jed' ander Denken aus dem Sinn der Reinen.

Stets frohen Muthes waltete sie all' der Pflichten,
Die wohl nur Mutterliebe sonst sich whlt;
Gab's mal zu rgen die oftmals zu Losen,
War blo der Mund es, der sie schmlt',
Mit mildem Worte wut' das Herz zu rhren,
Statt scharf und streng das Regiment zu fhren.

Und, gleich wie gute Saat dem Boden rasch entkeimet,
Wenn Gott sie schtzet, frhlich grnt und blht,
So auch gediehen unter Elsbeths Pflege
Die Mgdlein fein an Liebreiz und Gemth;
In Kunst und Wissen, sittig frommem Wesen,
Sich selbst zur Ehre, wie auch St. Agnesen.

Da ging es nicht gar lang, bis von der Burgern Frauen
So manche, die auch Mgdlein eigen nannt',
Weil noch der Stadt fr sie die Schule fehlte,
Nach kurzem Sinnen sich an Elsbeth wandt',
Und diese baten, jenen doch zu lehren,
Was selbst zu wissen leider sie entbehren.

Die Milde that es gerne. Doch, wenn sich die Schwestern
Nur freuten, da des Klosters Hab und Gut
Auf solche Weise zunahm, sah sie selber
In all' den Pfleglingen, die man zur Hut
Ihr anvertraute, einen reichen Garten
Voll zarter Pflnzlein, ihnen fein zu warten.

Der lieben Mhe Sold war wiederum die Liebe,
Die treulich jedes Herz der kleinen Schaar
Mit Zinseszinsen ihrem Liebling zahlte,
So da der Guten bald zu Muthe war,
Als htte ihr der Himmel schon hienieden
Die Wonnen ser Seligkeit beschieden. --

Es wuchs denn auch im Lauf der Zeit die Zahl der Mgdlein,
Bis da im Stift sich eine Schule schuf,
In welcher Elsbeth, auch noch als Aebtissin,
Voll Freuden ihrem kstlichen Beruf
Sich widmete, mit Liebe stets beflissen
Zu mehren ihrer Schler Zucht und Wissen. --

Schaffhausens Chronikschreiber haben, wohl zum Lobe,
Das "Gotteli von Kssaberg" genannt;
Doch wer ihn ihr verliehn den trauten Namen,
Der noch im Kletgau berall bekannt,
Das wird dem Leser nun von selber kommen:
Es gab ihn ser Kindermund der Frommen!

   * * *

Wo sanft die Gute ruht von ihrem edeln Wirken,
Kein Krenzlein oder Grabstein weis't den Ort;
Wr' auch ganz ungereimt, darnach zu suchen,
Denn lnger lebt im Wort des Liedes fort,
Was sich im Leben treu und cht erwiesen,
Als was -- in Gold auf Marmorstein gepriesen.

Anmerkungen.
Seite 16. "Heer" -- Pfarrherr, Seelsorger.
" 19. "Pfeitlein" -- Hemdlein.
" 26. "'ring, g'ring," -- leicht, ohne Mhe.
" 64. "hn" -- grollen, bse sein.
" 65. "Seelgerett'" -- fr das Heil der Seele nach dem Tode.
" 68. "Sankt Vrenen Tag" -- in Zurzach der 1. September.
" 68. "kuomli" -- angenehm, bequem.
" 87. "Zindal," "Palmat," "Saben" -- die ersten beiden Seidenstoffe,
      das letztere Linnen.
" 88. "hornin Noster" -- zum Zhlen der Gebete gebruchliche Schnur
      (Rosenkranz.)
" 88. "Hel'gen" -- Bilder, Heiligenbilder.
" 91. "Niftel" -- Nichte.
" 108. "Wannen" -- aus dnnem Flechtwerk hergestellte Gerthe zum
       Getreidereinigen.
" 117. "Kulter," "Pflumit" -- Polster, Bettpfhl, Federkissen.
" 134. "Ngelein" -- Gewrznelken.
" 175. "batten" -- helfen.
" 198. "stat" -- langsam.
" 213. "wger" -- wahrlich.
" 214. "Urstnd" -- Auferstehung.
" 231. "Gller"-- ein den Hals bedeckendes Kleidungsstck.
" 250. "Lchen" -- Stromschnellen im Rheine bei Schaffhausen.
" 251. "Mauchen" -- frher und wohl auch noch jetzt gebrauchter
       Ausdruck der Schaffhauser Brger gegenber den Nichtbrgern,
       Hintersssen.

Seite 252. "Wat" -- mittelalterlicher Ausdruck fr Anzug.
" 260. "Richtagen" -- Reichthmer.
" 260. "Huben," "Hube" -- Hofgut von ca 40 Morgen oder Juchart.
" 266. "Herrenacker" -- in Schaffhausen der Hauptplatz.
" 277. "Schrttlein" -- Alpdrcken.
" 313. "Gotteli" -- Verkleinerung von "Gotte," in Sddeutschland und
       der Schweiz, namentlich von den Kindern fr die Pathin oder
       ihnen sonst freundlich gesinnte Personen gebrauchtes Wort.








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Karl Friedrich Wrtenberger

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