The Project Gutenberg EBook of Die Liebe der Erika Ewald, by Stefan Zweig

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Title: Die Liebe der Erika Ewald
       Novellen

Author: Stefan Zweig

Release Date: January 27, 2012 [EBook #38686]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE LIEBE DER ERIKA EWALD ***




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                        Die Liebe der Erika Ewald




            Von =Stefan Zweig= erschienen:


        =Silberne Saiten.= Gedichte. Mit Schmuck von Hugo
            Steiner. Berlin 1901.

        =Gedichte von Paul Verlaine.= Eine Anthologie der besten
            bertragungen. Berlin 1903.

        =Ausgewhlte Gedichte von Emile Verhaeren.= Nachdichtungen.
            Buchschmuck von Tho van Rysselberghe.
            Berlin 1904.

        =Paul Verlaine.= Eine Monographie. Berlin 1904.




                        Die Liebe der Erika Ewald

                                Novellen

                                   von

                              Stefan Zweig

                   Buchschmuck von Hugo Steiner - Prag

                          Egon Fleischel & Co.
                                 Berlin
                                  1904


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                    Die Liebe der Erika Ewald      1
                    Der Stern ber dem Walde      61
                    Die Wanderung                 77
                    Die Wunder des Lebens         87




Die Liebe der Erika Ewald




    Camill Hoffmann
          in inniger Freundschaft




    ...... Aber das ist die Geschichte
    aller jungen Mdchen, dieser sanften
    Dulderinnen. Sie sagen nie, da sie
    leiden. Die Frauen sind zum Dulden
    geschaffen. Es ist gewi so ihr Schicksal,
    sie erfahren es frh und sind darber
    so wenig erstaunt, da sie noch immer
    sagen, das bel sei nicht da, wenn es
    lngst gekommen......

    Barbey d'Aurvilly.


Erika Ewald trat langsam ein, mit dem vorsichtig-leisen Gang einer
Zusptkommenden. Der Vater und die Schwester saen schon beim
Abendessen; beim Gerusch der Tre blickten sie auf, um der Eintretenden
flchtig zuzunicken, dann klang nur wieder das Klingen der Teller und
das Klappern der Messer durch den matterhellten Raum. Gesprochen wurde
selten, nur hie und da fiel ein Wort, und das flatterte wie ein
aufgeworfenes Blatt haltlos in der Luft, um dann ermattet zu Boden zu
sinken. Sie hatten sich alle wenig zu sagen. Die Schwester war
unscheinbar und hlich; eine jahrelange Erfahrung, stets berhrt oder
bespttelt zu werden, hatte ihr jene altjngferliche stumpfe Resignation
gegeben, die jeden Tag mit einem Lcheln scheiden sieht. Den Vater
hatte eine langjhrige gleichfarbige Bureauttigkeit der Welt
entfremdet, und insbesondere seit dem Tode seiner Frau umfing ihn jene
harte Verstimmung und trotzige Schweigsamkeit, mit der alte Leute gerne
ihre physischen Leiden verbergen.

Auch Erika schwieg meistens an diesen eintnigen Abenden. Sie fhlte es,
da sich gegen die graue Stimmung, die sich wie dicke drohende
Wetterwolken ber diese Stunden legte, nicht ankmpfen lasse. Und dann
war sie zu mde dazu. Die qulende Tagesarbeit, die sie von Stunde zu
Stunde hetzte und sie zwang, Disharmonieen, tastende Akkorde,
unmusikalische Brutalitten mit rastloser Sanftmut zu ertragen, lste in
ihr ein dumpfes Ruhebedrfnis aus, ein wortloses Verstrmen aller
Empfindungen, die die Gewalt des Tages berwuchert hatte. Sie liebte es,
in diesen wachen Trumen sich selbst anzuvertrauen, weil ihr eine fast
berreizte Schamhaftigkeit nie gestattete, anderen nur eine Andeutung
ihrer seelischen Erlebnisse zu geben, ob auch ihre Seele unter dem
Drucke ihrer ungesprochenen Worte bebte, wie ein berreifer
Obstbaumzweig unter der Last seiner Frchte schwankt. Und nur ein
leichter, ganz unmerklich feiner Zug um die schmalen blassen Lippen
verriet, da Kampf und Ringen in ihr war und eine unbndige Sehnsucht,
die sich nicht von Worten tragen lassen wollte und nur manchmal ein
wildes Beben um den festgeschlossenen Mund legte wie von jhem
Schluchzen.

Das Abendessen war bald zu Ende. Der Vater erhob sich, sagte kurz einen
Gutenachtgru und ging in sein Zimmer, um sich die Pfeife anzuznden.
Das war so jeden Tag in diesem Hause, wo auch die gleichgltigste
Ttigkeit zu starrer Gewohnheit versteinerte. Und auch Jeanette, ihre
Schwester holte sich wie immer ihr Nhzeug her und begann beim
Lampenlicht, stark vorgebeugt wegen ihrer Kurzsichtigkeit, mechanisch zu
sticken.

Erika ging in ihr Zimmer und begann sich langsam zu entkleiden. Es war
diesmal noch sehr frh. Sonst pflegte sie bis tief in die Nacht hinein
zu lesen, oder sie lehnte in einem sen Gefhle am Fenster und blickte
hoch von oben ber die hellen mondscheinbeleuchteten Dcher, die sich in
lichter Silberflut badeten. Sie hatte da nie klare, zielstrebende
Gedanken, nur das unbestimmte Gefhl einer Liebe fr das Schimmernde,
Blitzende und doch so sanft Verstrmende des Mondlichtes, das die
Tausende von Scheiben blank spiegelte, hinter denen sich die Geheimnisse
des Lebens bargen. Aber heute empfand sie eine sanfte Mattigkeit, eine
selige Schwere, die sich sehnt von milden, warm anschmiegenden Decken
getragen zu werden. Eine Schlfrigkeit, die nichts anderes ist als
Sehnsucht nach sen, seligen Trumen, rann durch alle Glieder wie ein
sacht erkaltendes, betubendes Gift. Sie raffte sich auf, warf beinahe
mit Hast die letzten Kleidungsstcke von sich, verlschte die Kerze.
Einen Augenblick noch -- und dann dehnte sie sich im Bette....

Wie ein hurtiges Schattenspiel tanzten noch einmal die seligen
Erinnerungen des Tages vorbei. Sie war heute bei ihm gewesen.....
Gemeinsam hatten sie wieder geprobt zu ihrem Konzert, wo ihr Spiel seine
Geige begleiten sollte. Und dann spielte er ihr vor -- Chopin, die
Ballade ohne Worte. Und dann die sanften lieben Worte, die er ihr sagte,
die vielen lieben Worte!

Die Bilder eilten immer rascher vorbei, sie fhrten sie wieder nach
Hause zu sich selbst, um rasch wieder hinwegzuirren in die
Vergangenheit, zu dem Tag, da sie ihn zuerst kennen gelernt hatte. Und
bald strmten sie heraus ber die Enge der Zeit und des Erlebens und
wurden immer wilder und bunter. Noch hrte Erika, wie ihre Schwester
nebenan zu Bette ging. Und ein toller merkwrdiger Gedanke kam ihr, ob
er sie wohl auch zu sich gebeten htte. Ein frohes bermtiges Lcheln
wollte sich noch matt auf ihre Lippen schleichen, aber sie war schon zu
schlaftrunken. Und einige Minuten spter trug sie ein sicherer Schlaf zu
seligen Trumen.

              *       *       *       *       *

Beim Erwachen fand sie eine Ansichtskarte auf dem Bette. Nur ein paar
Worte waren darauf, mit fester energischer Schrift hingeworfen, Worte,
wie man sie auch an Fremde verschenkt. Aber Erika empfand sie als Gabe
und Glck, weil er sie geschrieben hatte; ihr war es gegeben, aus dem
Geringfgigen und Unscheinbaren die Ahnungen der wirklichen Flle sich
zu erschlieen. Und so sollte ihr diese Liebe nicht nur wie ein milder
Glanz werden, der jedes Wesen umleuchtet und erhellt, sondern so tief
sollte dieses verklrende Gefhl sich verlieren, da es wie ein Schimmer
wurde, der in innigem Durchglhen von innen emporzuwachsen schien aus
allem Leblosen und Unbeseelten. Schon von frher Jugend auf hatte das
dunkle Gefhl ihres ngstlichseins und ihrer zurckhaltenden Einsamkeit
sie gelehrt, die Dinge nicht als kalt und leblos zu betrachten, sondern
als verschwiegene Freunde, die Geheimnisse und Zrtlichkeiten dem
anvertrauen, der auf sie hrt. Bcher und Bilder, Landschaften und
Musikstcke sprachen zu ihr, der das dichterhafte Vermgen des Kindes
geblieben war, in bemalten Krpern, unbeseelten Dingen frohbewegte bunte
Wirklichkeit zu sehen. Und das waren ihre einsamen Feste und
Seligkeiten, ehe die Liebe zu ihr gekommen war.

So wurden ihr auch die wenigen schwarzen Schriftzge auf dem Blatte
Ereignis. Sie las die Worte so wie er sie zu sprechen pflegte, mit der
weichen und musikalischen Betonung seiner Stimme, sie suchte in ihren
Namen den heimlich-sen Reiz zu legen, den nur die Sprache der
Zrtlichkeit geben kann. Und sie horchte in den wenigen Stzen, die
ihrer Angehrigen wegen in khler, fast respektvoller Form gehalten
waren, den verborgen klingenden Unterton der Liebe und buchstabierte
sich so langsam und traumverloren durch die Zeilen, da sie beinahe
ihren Inhalt wieder vergessen htte. Und der war nicht so unwichtig. Sie
mchte ihm doch mitteilen, ob ihr geplanter Sonntagsausflug zustande
kme. Und noch ein paar unwichtige Worte wegen ihres gemeinsamen
Auftretens in einem lngst besprochenen Konzert. Dann ein freundlicher
Gru und eine hastige Unterschrift. Aber sie las die Zeilen immer wieder
und wieder, weil sie in ihnen die starke und drngende Empfindung zu
hren glaubte, die doch nur der Widerklang ihrer eigenen war.

              *       *       *       *       *

Es war noch nicht lange her, da diese Liebe zu Erika Ewald gekommen war
und den ersten Glanz in ihr blasses gleichgltiges Mdchenleben getragen
hatte. Und ihre Geschichte war still und alltglich.

In einer Gesellschaft hatten sie sich kennen gelernt. Sie gab dort
Klavierstunden, aber ihre diskrete und feine Art gewann ihr so sehr die
Liebe des ganzen Hauses, da sie nur mehr als Freundin betrachtet wurde.
Und er war dort zu einer Veranstaltung geladen, sozusagen als +pice de
rsistance+, denn sein Ruf als Geigenvirtuose war trotz seiner Jugend ein
ganz ungewhnlicher.

Die Umstnde erwiesen sich selbst als bereitwillig, um ihre
Verstndigung zu untersttzen. Er wurde gebeten zu spielen, und es ergab
sich als fast selbstverstndlich, da sie die Begleitung bernehmen
sollte. Und da wurde er zuerst auf sie aufmerksam, denn sie ging mit
soviel Verstndnis auf seine Intentionen ein, da er sogleich die
Feinheit und Innigkeit ihres Wesens ahnte. Und noch mitten im
strmischen Applaus, der ihrem Vortrag folgte, machte er ihr den
Vorschlag, ein bichen zusammen zu plaudern. Sie nickte leise, ganz
unmerklich leise.

Aber es kam nicht dazu. Man gab sie beide nicht so rasch frei, er konnte
nur ab und zu mit einem verstohlenen Blicke ihre berschlanke biegsame
Gestalt messen und einen schchtern-staunenden Gru ihrer dunklen Augen
auffangen. Ihre Worte gingen unter in Gewhnlichkeiten und
Hflichkeiten, mit denen man sie berhufte. Dann kamen wieder neue
Menschen und hunderterlei Ablenkungen anderer Art, da sie beinahe
die Verabredung verga. Aber als alles vorber war und sie sich empfahl,
stand er pltzlich neben ihr und fragte sie mit seiner sanften
zurckhaltenden Stimme, ob er sie nach Hause geleiten drfe. Einen
Augenblick war sie hilflos; dann lehnte sie mit so ungeschickten Worten
seine Mhe ab, da er seinen Willen schlielich leicht durchsetzen
konnte.

Sie wohnte ziemlich weit drauen in der Vorstadt, und es war ein langer
Weg in der mondhellen kalten Winternacht. Eine Zeitlang blieb ein
Stillschweigen zwischen ihnen; es war dies keine Unbehilflichkeit,
sondern nur die unbestimmte Furcht, die feiner durchbildete Leute haben,
eine Unterhaltung mit Banalitten zu beginnen. Dann begann er zu
sprechen. Von dem Musikstck, das sie gemeinsam gespielt hatten, und von
der Kunst berhaupt. Aber das war nur ein Anfang. Nur ein Weg zu ihrer
Seele. Denn er wute, da alle, die in der Kunst ihre letzten Schtze so
kniglich verschwendeten, die ihr volles Gefhl in die musikalische
Schnheit legten, im Leben ernst und verschlossen waren und sich nur dem
Verstehenden offenbarten. Und sie gab ihm auch wirklich in ihren
Ansichten ber Schaffen und Reproduzieren viel von ihren geheimen
psychischen Erlebnissen, vieles, das sie noch keinem anvertraute und
manches, das ihr selbst bisher noch nicht zum Bewutsein gekommen war.
Spter konnte sie es selbst nicht begreifen, wieso sie ihre stete, fast
ngstliche Zurckhaltung damals berwunden hatte, spter, als er ihr
nher getreten war, ihr Freund und Vertrauter wurde. Denn an jenem Abend
erschien ihr ein Knstler, ein Schaffender noch wie ein Gewaltiger, der
nie in das Leben tritt, sondern in Fernen lebt, unnahbar und berragend,
ein Verstehender und Gtiger, dem man nichts verschweigen darf. Bisher
waren nur schlichte Leute in ihren Kreis getreten, Menschen, die sich
zerlegen und berechnen lieen, wie eine Schulaufgabe, vorurteilsvolle
und konservative Ketzerrichter, denen sie sich fremd fhlte, und die sie
beinahe frchtete. Und dann: es war eine stille und helle Nacht gewesen.
Und wenn man in solchen schweigenden Nchten zu zweit geht, von
niemandem gehrt und gestrt, und sich die dunklen Schatten der Huser
ber die Worte senken und die Stimmen ohne Nachhall in der Stille
verwehen, da ist man so vertrauensvoll, als ob man zu sich selbst
sprche. Da wachen Gedanken aus den Tiefen auf, die in der bunten Unrast
des Tages ungehrt untergehen und denen erst die Stille des Abends
sanfte Schwingen gibt; und die Gedanken werden zu Worten fast ohne da
man es will.

Der lange Gang in der einsamen Winternacht hatte sie einander nahe
gebracht. Als sie sich zum Abschied die Hnde reichten, blieben ihre
blassen khlen Finger lange hilflos in seiner starken Hand liegen wie
vergessen. Und sie gingen wie alte Freunde voneinander.

              *       *       *       *       *

Sie begegneten sich noch oft in diesem Winter. Zuerst war es ein
gnstiger Zufall, der aber bald Verabredung wurde. Ihn reizte dieses
interessante Mdchen mit allen ihren Eigenarten und Seltsamkeiten, er
bewunderte die vornehme Zurckhaltung ihrer Seele, die sich nur ihm
offenbarte und sich zagend zu seinen Fen warf wie ein erschrecktes
Kind. Er liebte ihre tausendfachen Feinheiten, die schlichte Gewalt des
Empfindens, die jeder Schnheit willenlos entgegenpulste und doch vor
fremden Augen sich bergen wollte, um sich die reine Innigkeit des
Genusses nicht zu stren. Aber diese zarten und innigen Empfindungen,
die er so voll und hinreiend bei jemandem mitempfinden konnte, waren
ihm selbst fremd. Schon von Jugend auf, noch ein halbes Kind, war er zu
sehr von Frauen als Knstler verhtschelt und verfhrt worden, um in
einer vergeistigten Liebe Befriedigung zu finden; er empfand zu wenig
feminin, zu wenig jnglinghaft, weil die ganze unverstndige wunschlose
Se der Gymnasiastenliebe sich nie in sein frhreifes Leben
eingeschlichen hatte. Temperamentvoll und blasiert zugleich liebte er
mit jenem schroffen Begehren, das der letzten sinnlichen Erfllung
zustrebt, um dort zu verbluten. Und er kannte sich selbst und verachtete
sich wegen jeder Schwche, die ihn berwltigte, er empfand jede dieser
raschen Befriedigungen mit Ekel, ohne sich wehren zu knnen, denn
Leidenschaftlichkeit und Sinnlichkeit durchbebten sein Leben wie seine
Kunst. Auch die Meisterschaft seines Spieles wurzelte in dieser festen,
temperamentvollen Mnnlichkeit; die letzten verhauchenden Nuancen, die
wie leise Atemzge einer schlummernden Melancholie sind, muten seiner
energischen und doch zigeunerhaft-sen Bogenfhrung entgehen. Eine
leise Furcht stand immer versteckt hinter der packenden Gewalt, mit der
er zu berwltigen wute.

Und so furchtsam und ergeben war auch ihre Liebe zu ihm. Sie liebte in
seiner Person alle ihre Traumgestalten, die in den langen Jahren des
Alleinseins eine gewisse Wirklichkeit gewonnen hatten, sie verehrte den
Knstler, der sich in seinem Wesen verkrperte, weil sie den
mdchenhaften Glauben hatte, da ein Knstler auch in seiner
Lebensfhrung die priesterliche Wrde verwirklichen msse. Manchmal sah
sie ihn mit einem fremden und unsinnlichen Blick an wie ein seltsames
Bild, in dem man vertraute Zge empfinden will, und ihr Anvertrauen war
wie zu einem Beichtiger. Sie dachte nicht an das Leben, weil sie es nie
gekannt hatte, sondern es erlebt hatte wie einen haltlosen Traum. Darum
fehlte ihr auch jede Angst und jedes Bangen vor der Zukunft, sie glaubte
an ein sanftes und seliges Weiterklingen dieser unsinnlichen verehrenden
Liebe, die sie zuversichtlich machte mit ihrer knstlerischen Schnheit
und innigen Reinheit.

Manchmal berraschte sie sich dabei, da sie gar nicht das Bedrfnis
hatte zu sprechen, wenn sie bei ihm war. Er spielte oder schwieg, und
sie sa und trumte und fhlte nur, wie ihre Trume immer heller und
lichter wurden, wenn er sprach oder sie anblickte. Das war alles
verklungen, kein irrer Lrm drang mehr vom Tage herber, nur Stille,
Schweigen und silberne Feiertagsglocken tief im Herzen. Und ein
sehnschtiges Zrtlichkeitsbedrfnis, ein Erwarten von lieben und leisen
Worten, die sie doch eigentlich frchtete, bebte dann in ihr. Sie ahnte,
wie sie ganz in seinem Banne stand, wie er sie mit seiner Kunst
beherrschen konnte, Schmerzen und Jubel geben mit seinen lockenden
Tnen; sie fhlte sich wehrlos seinem Spiel gegenber, und so unsglich
arm, weil sie nichts geben konnte und nur empfing, mit offenen
zitternden Hnden bei ihm bettelte.

Es war eine unabnderliche Gewohnheit geworden, da sie mehrmals in der
Woche zu ihm kam. Zuerst waren es Proben zu einem gemeinsamen Konzert,
aber bald konnten sie die wenigen Stunden gar nicht mehr entbehren. Sie
ahnte gar nicht die Gefahr, die in der wachsenden Intimitt ihrer
Freundschaft lag, sondern lie die letzte Zurckhaltung ihrer Seele vor
ihm fallen und offenbarte ihm ihre verborgensten Geheimnisse als ihrem
einzigen Freunde. Sie merkte es oft gar nicht in ihrem heien, fast
visionren Erzhlen, wie er ihre Hnde in wachsender Erregung umspannte
und manchmal die Lippen brennend zu ihren Fingern herabsenkte, whrend
er ihr zu Fen lag und zuhrte. Und sie erkannte auch nicht, wie er
manchmal in den drngendsten und verlangendsten Tnen seiner Geige nur
zu ihr sprach, weil sie in der Musik immer sich selbst suchte und ihre
Trume. Ein Verstehen und eine Erlsung war ihr diese Zeit fr das
viele, das sie bisher nicht laut zu sagen wagte, und noch nicht mehr.
Sie wute nur, da eine solche stille Stunde viel Glanz hineinbrachte in
ihren den, arbeitsvollen Tag und einen lichten Schein in ihre Nchte.
Und mehr wollte sie nicht als still sein und selig sein; sie verlangte
nur einen reichen Frieden in den sie flchten konnte, wie zu einem
Altar.

Aber sie htete sich wohl, ihr Glck offen zu zeigen; ihre Lippen bargen
oft ein Lcheln reinster Seligkeit mit so herbverschlossener Gewalt vor
den Leuten und vor ihrer Familie, als sei es ein aufquellendes Weinen.
Denn sie wollte ihre Erlebnisse bewahren vor fremden Blicken wie ein
Kunstwerk mit hunderterlei flchtigen Zusammenhngen, das in plumpen
Fingern mit einem bangen Aufschrei zerbricht. Und sie baute khle und
abgenutzte Alltagsworte um ihr Glck und um ihr Leben, so da es durch
viele Hnde gehen konnte, ohne verkannt zu werden und in wertlose
Scherben zu zerbrechen.

              *       *       *       *       *

Am Samstag abend vor dem Ausfluge besuchte sie ihn wieder. Als sie
anklopfte, fhlte sie wieder jene merkwrdige Bangigkeit wie immer, wenn
sie zu ihm ging, und die sich immer mehr steigerte, bis er selbst mit
ihr war. Aber sie mute nicht lange warten. Er ffnete rasch, geleitete
sie in sein Studienzimmer, nahm ihr mit vorsichtiger Galanterie die
Frhlingsjacke ab und streifte respektvoll mit den Lippen ihre schne
feingederte Hand. Und dann setzten sie sich zusammen auf ein kleines
dunkles Samtsofa, das bei seinem Schreibtisch stand.

Es war schon dster im Zimmer. Drauen am Himmel verfolgten sich graue
Wolken hastig im Abendwind, und ihre Schatten trbten unruhig das matte
Dmmerlicht. Er fragte, ob er anznden solle. Sie verneinte. Das matte
se Licht, das nicht mehr erkennen und nur ahnen lt, war ihr so lieb
mit seiner sanften Melancholie. Sie sa ganz still. Man konnte noch die
geschmackvolle Einrichtung des Zimmers deutlich wahrnehmen, den
prchtigen Schreibtisch mit einer Bronzestatue, rechts einen
geschnitzten Geigenstnder, dessen Silhouette sich scharf von dem grauen
Stck Himmel abhob, das durch die Scheiben gleichgltig hereinblickte.
Irgendwo tickte eine Uhr mit schwerem abgemessenem Schlag, als sei es
der harte Schritt der mitleidslosen Zeit. Sonst war es still. Nur ein
paar bluliche Rauchstreifen von seiner vergessenen Zigarette stiegen
ebenmig in das Dunkel. Und durch das geffnete Fenster kam ein lauer
Frhlingswind zu ihnen herein.

Sie plauderten. Zuerst war es ein Lcheln und Erzhlen, aber ihre Worte
wurden immer schwerer im drohenden Dunkel. Er sprach von einer neuen
Komposition, einem Liebeslied, das sich an ein paar schlichte wehmtige
Volksliedstrophen anschmiegte, die er einmal in einem Dorfe gehrt
hatte. Ein paar Mdchen waren es gewesen, die von der Arbeit kamen, ihre
Stimmen klangen weit von ferne, da er die Worte nicht mehr verstand und
nur die leise, schweratmende Sehnsucht der Weise hrte. Und gestern war
die Melodie wieder in ihm erwacht, spt am Abend und war ihm ein Lied
geworden.

Sie sagte nichts, sondern sah ihn nur an. Und er verstand ihre Bitte.
Schweigend trat er zum Fenster hin und nahm seine Geige. Ganz leise
begann sein Lied.

Hinter ihm ward es langsam wieder hell. Die Abendwolken waren in Brand
geraten und glhten in purpurnem Glanz. Das Zimmer begann
widerzuleuchten von dem hellen Schein, der allmhlich dsterer und
gesttigter wurde.

Er spielte das einsame Lied mit wundervoller Gewalt, er verlor sich
selbst in seinen Tnen. Und er verlor sein Lied und behielt nur die
unendlich sehnschtige fremde Volksmelodie, die in allen seinen
Variationen immer wieder dasselbe stammelte, weinte und jauchzte. Er
dachte an nichts mehr, seine Gedanken waren fern und verwirrt, nur das
strmende Gefhl seiner Seele formte mehr die Tne und gab sich ihnen zu
eigen. Das enge dunkle Zimmer berflutete von Schnheit..... Die
roten Wolken waren schon schwere, schwarze Schatten geworden, und er
spielte noch immer. Lngst hatte er schon vergessen, da er dieses Lied
nur ihr als Huldigung spielte; seine ganze Leidenschaft, die Liebe zu
allen Frauen der Welt, zum Inbegriff des Schnen wachte in den Saiten
auf, die in seliger Inbrunst erschauerten. Immer wieder fand er eine
neue Steigerung und eine wildere Gewalt, aber nie die verklrende
Erfllung, es blieb auch im rasendsten Aufschwung immer nur Sehnsucht,
sthnende und jauchzende Sehnsucht. Und er spielte immer weiter, wie
einem bestimmten Akkord zu, einer abschlieenden Auflsung entgegen, die
er nicht finden konnte.

Pltzlich brach er jhlings ab.... Erika war mit einem dumpfen
hysterischen Schluchzen auf dem Sofa zusammengebrochen, von dem sie sich
in ihrer Ekstase erhoben hatte, wie angelockt von den Tnen. Ihre
schwachen reizbaren Nerven unterlagen stets dem Zauber einer
Gefhlsmusik; sie konnte weinen bei wehmtigen Melodieen. Und dieses
Lied mit seiner drngenden, aufpeitschenden Erwartung hatte in ihr alle
Gefhle erregt, ihre Nerven in eine furchtbare atemlose Spannung
versetzt. Wie einen Schmerz empfand sie die Wucht dieser
niedergehaltenen Sehnsucht, sie hatte ein Gefhl, als ob sie aufschreien
mte unter dieser engenden Qual, aber sie vermochte es nicht. Nur in
einem jhen Weinkrampfe lste sich ihre gesteigerte physische Erregung.

Er kniete bei ihr nieder und suchte sie zu beruhigen. Er kte ihr leise
die Hand. Aber sie bebte noch immer, und manchmal lief ein Zucken ber
ihre Finger wie von einem elektrischen Schlage. Er sprach ihr freundlich
zu. Sie hrte nicht. Da wurde er immer inniger und kte mit heien
Worten ihre Finger, ihre Hand und kte ihren bebenden Mund, der
unbewut unter seinen Lippen erschauerte. Seine Ksse wurden immer
drngender, dazwischen stie er zrtliche Liebesworte hervor und umfate
sie immer strmischer und verlangender.

Mit einem Male fuhr sie aus ihrem Halbtraum und stie ihn beinahe mit
Heftigkeit zurck. Er stand erschrocken und unsicher auf. Einen
Augenblick blieb sie noch stumm, wie um sich an alles zu besinnen; dann
stammelte sie mit unruhigem Blick und gebrochener Stimme, er mge ihr
verzeihen, sie habe fters so nervse Anflle, und die Musik habe sie
erregt.

Einen Augenblick blieb ein peinliches Schweigen. Er wagte nichts zu
antworten, weil er frchtete, eine niedrige Rolle gespielt zu haben.

Sie fgte noch hinzu, sie msse jetzt gehen, es sei schon hchste Zeit,
man wrde sie zu Hause schon lngst erwarten. Und zugleich nahm sie
ihre Jacke. Ihre Stimme schien ihm khl und fast frostig.

Er wollte etwas sprechen, aber es kam ihm alles so lcherlich vor nach
den Worten, die er ihr noch eben in seiner leidenschaftlichen
Trunkenheit gesagt hatte. Stumm und respektvoll geleitete er sie zur
Tre. Erst wie er ihr die Hand zum Abschied kte, fragte er zgernd:
Und morgen?

Wie wir verabredet haben. Ich denke doch?

Selbstverstndlich.

Er war freudig berhrt, da sie ber sein Benehmen ohne ein Wort
hinwegging, und bewunderte ihre feine Zurckhaltung, die ihm vergab,
ohne es merken zu lassen. Ein flchtiges Abschiedswort sagten sie sich
noch, dann fiel die Tre dumpf ins Schlo.

              *       *       *       *       *

Der Sonntagmorgen war ein wenig trbe und melancholisch gewesen. Ein
schwerer Frhnebel legte sein dichtmaschiges graues Netz ber die Stadt
und lie wie durch feine Ritzen ein leises Regenstieben auf die Strae
niederzittern. Aber bald begann es in dem dunklen Netz zu funkeln, als
ob sich eine schwere goldene Knigskrone darin gefangen htte, die immer
schimmernder und heller wurde. Und schlielich zerri das trbe Gewebe
unter der lichten Last, und eine frische Frhlingssonne leuchtete herab
und spiegelte tausendfltig ihr junges Antlitz in den blanken Scheiben
und nassen Dchern, in den glitzernden Wassertmpeln, den sanft
erglhenden Kirchturmkuppeln und in den heiteren Blicken der auslugenden
Leute.

Nachmittags war schon helles Sonntagstreiben in den Straen. Die
vorberrasselnden Wagen klapperten eine frohe Melodie, aber die Spatzen
wollten noch lauter sein und schrieen um die Wette von den
Telegraphendrhten herab, und dazwischen schrillten die Signale der
Straenbahn in hellem Durcheinander. Eine breite Menschenflut drngte
sich auf den Hauptstraen gegen die Peripherie zu wie ein dunkles Meer,
aber ein lichtes schimmerndes Blitzen war darin von weien
Frhlingskleidern und hellen Farben, die sich zum ersten Male wieder ins
Freie wagten. Und ber dem allen lag Sonne, eine warme, lichtflutende
Frhlingssonne mit einem blinkenden Leuchten.

Erika freute sich im Dahinschreiten, wie leicht und beseligt sie an
seinem Arm ging. Am liebsten htte sie getanzt oder getollt wie ein
Kind. Und ganz kindlich und mdchenhaft war sie in ihrem einfachen
glatten Kleide und dem aufgesteckten Haar, das sonst tief und schwer wie
eine wetterschwere Wolke ber der Stirne drohte. Und ihr bermut war so
berquellend und echt, da er auch seinen Ernst bald ins Wanken brachte.

Sie hatten ihren ursprnglichen Beschlu, in den Prater zu gehen, bald
aufgegeben, denn sie frchteten den grellen stimmenlauten
Sonntagstrubel, der in die feierliche Stille des prchtigen Parkes
bricht. Ihr Prater, das waren die breiten wohlgepflegten Alleen mit den
uralten Kastanienbumen, die weiten schweifenden Auen, die in dunklen
Waldungen enden und die hellen Wiesen, die sich in sattem Glanze sonnen
und nichts mehr von der Millionenstadt wissen, die in unmittelbarer Nhe
atmet und sthnt. Aber am Feiertag verliert sich dieser Zauber und
verbirgt sich vor den berstrmenden Scharen.

Er schlug vor, gegen Dbling zu zugehen, aber weit hinter den
eigentlichen netten Ort mit seinen freundlichen weien Huschen, die so
kokett aus der dunklen Umhllung schmucker Grten herausblitzen. Er
wute dort ein paar stille und stimmungsvolle Wege, die durch schmale
akazienbltenbeschneite Alleen sanft in die weiten Felder hinberfhren.
Und die gingen sie auch heute. Sie kamen in den stillen Ort mit seinem
fast lndlichen Sonntagsfrieden, der sie auf ihrem ganzen Spaziergange
wie ein milder unfabarer Duft begleitete. Manchmal sahen sie sich an
und fhlten, wie reich ihr Schweigen war, wie es die ganze selige
Empfindung des vollstrmenden Frhlings trug und mehrte.

Die Felder waren noch niedrig und grn. Aber der segensschwere Duft der
warmen spendenden Erde kam zu ihnen wie ein verheiungsvoller Gru.
Ferne lag der Kahlenberg und der Leopoldsberg mit seinem uralten
Kirchlein, von dem die Wand steil abfiel bis zur Donau hinab. Und
dazwischen viel reiches Land, meist noch braun und unbestellt und voll
gewrtiger Saat. Aber dazwischen schon viereckige Flchen mit gelber
werdender Frucht, die sich eckig und unvermittelt vom dunklen Erdreich
abhoben, wie abgerissene und zerschlissene Fetzen auf dem gebrunten
kraftvollen Krper eines arbeitsharten Werkmannes. Und wie ein blauer
Bogen darber ein heiterer Frhlingshimmel gespannt, in den die flinken
Schwalben mit zwitscherndem Jubel hineinsegelten.

Als sie durch eine alte breite Akazienallee kamen, erzhlte er ihr, da
dies Beethovens Lieblingsgang gewesen sei, auf dem er im Spazierengehen
viele seiner tiefsten Schpfungen zuerst empfunden habe. Der Name
stimmte sie beide ernst und feierlich. Sie dachten an seine Musik, die
ihnen ihr Leben in vielen begnadeten Stunden reicher und inniger gemacht
hatte. Alles schien ihnen bedeutender und grer, da sie an ihn dachten:
sie empfanden die Majestt der Landschaft, deren frhliche Heiterkeit
sie nur vorher geschaut, und der schwere satte Duft der sonneglhenden
fruchtschwellenden Erde gab ihnen das geheimste Symbol des Frhlings.

Ihr Weg ging weiter durch die Felder. Erika lie im Vorbergehen das
unreife Korn durch ihre Finger rauschen, aber sie fhlte es gar nicht,
wenn ab und zu ein Halm unter ihrer Hand zerknickte. Das Schweigen
zwischen ihnen gab ihr seltsame und tiefe Gedanken, in die sie sich
trumend verlor. Es waren milde und heimliche Liebesgefhle in ihr
erwacht, aber sie dachte nicht an ihn, der ihr zur Seite ging, sondern
an alles, das um sie war und lebte, an das Korn, das sich leise im Winde
wiegte und an die Menschen, denen es Arbeit und Glck schenkte; sie
dachte an die Schwalben, die sich am Himmel hoch verfolgten und an die
Stadt, die fern unten in einer grauen Dunstkapuze eingehllt
herberschaute, sie fhlte wieder die allumfassende Gewalt des Frhlings
in sich wie ein Kind, das mit frohen Sprngen zum ersten Male jubelnd in
das mildstrmende Sonnenlicht hinausstrmt.

Sie gingen lange in den Wiesen und Feldern. Inzwischen neigte sich der
Nachmittag seinem Ende zu. Es war noch nicht Abend, aber das scharfe
Licht ging allmhlich in eine weiche verhauchende Mattigkeit ber, die
sein Nahen verkndigte, und in der Luft zitterte ein leiser blarosa
Ton. Erika war ein wenig mde geworden und, um sich auszurasten und ein
wenig auch aus Neugier gingen sie in ein kleines Wirtshaus am Wege, aus
dem ihnen frhliche Stimmen in buntem Durcheinander entgegen klangen. Im
Garten setzten sie sich nieder; an den Nachbartischen saen Familien
aus der Vorstadt, bessere Leute mit gemtlichen Mienen und lauten
ungezwungenen Stimmen, die den Sonntag nach Wiener Art mit einem Ausflug
feierten. Rckwrts in einer Laube waren ein paar Musikanten, drei oder
vier Leute, die am Wochentag in der Stadt bettelnd herumzogen und nur
des Sonntags ein Dach ber sich hatten. Aber sie spielten die alten
abgeleierten Volksweisen recht gut, und wenn sie einen besonders flotten
und populren >Schlager< begannen, so fielen bald alle Stimmen ein und
sangen die Melodie aus voller Kehle mit. Auch die Frauen stimmten ein,
niemand genierte sich, alles war hier Gemtlichkeit und behbige
Zufriedenheit.

Erika lchelte ihm ber den Tisch zu, aber ganz verstohlen, da sich
niemand beleidigt fhlte. Ihr gefielen diese schlichten unkomplizierten
Leute mit den einfachen Empfindungen und Trieben, die sich nicht
verbergen konnten. Und ihr gefiel die behaglich-lndliche Stimmung, die
kein fremder Einschlag trbte.

Der Wirt, ein breiter, gutmtiger Mann kam mit jovialem Lcheln zum
Tisch her. Er hatte in seinem Gast einen vornehmeren Mann bemerkt, den
er selbst bedienen wollte. Er fragte, ob er ihm Wein bringen drfe, und
als das bejaht wurde, erkundigte er sich, ob das Frulein Braut auch
etwas wnsche.

Erika wurde blutrot und wute ihm im ersten Augenblicke nichts zu
antworten. Dann nickte sie nur verwirrt mit dem Kopf. Ihr >Brutigam<
sa gegenber, und obwohl sie ihn nicht ansah, fhlte sie seinen
lchelnden Blick, der sich an ihrer Verwirrung weidete. Sie schmte sich
eigentlich, wie ungeschickt sie sich benahm einer naturgemen
Verwechslung halber, aber sie wurde das peinliche Gefhl nicht mehr los.
Und mit einem Male war ihr die Stimmung verdorben, jetzt fhlte sie
erst, wie abgehackt und maschinenmig die Leute ihre Lieder abdudelten,
jetzt erst hrte sie das hliche Brllen und Poltern der Bierbsse, die
in toller Freude mitjohlten. Am liebsten wre sie weggegangen.

Aber da begann der Geiger ein paar seltsame Takte. Mit weichen sen
Strichen spielte er einen alten Walzer von Johann Strau, und die andern
stimmten schmiegsam in die weiche, liebe Melodie ein. Erika fhlte
wieder erstaunt, was fr zwingende Macht die Musik ber ihre Seele habe,
denn mit einem Male war eine Leichtigkeit in ihr und ein Wiegen und
Schweben. Und die Sigkeit der Melodie lie sie fremde Versworte
mitsingen, ganz leise mitsummen, ohne da sie es recht wute. Sie sprte
nur, da wieder alles gut und froh sei, und das Blhen des Frhlings
fhlte sie wieder und ihr eigenes tanzendes Herz.

Als der Walzer zu Ende war, stand er auf und ging. Sie folgte ihm gern,
denn sie verstand sofort seine Absicht, sich die packende Gewalt der
Melodie und ihre sonnige Innigkeit nicht durch einen den Gassenhauer
zerstren zu lassen. Und sie gingen den schnen Weg gegen die Stadt zu
wieder zurck.

Die Sonne war schon gesunken, nur hinter den Kanten der Berge, durch die
goldumglhten Bume sickerten feine Lichtbche von seltsam rosiger
Frbung hinab ins Tal. Es war ein wundersamer Anblick. Ein rtliches
Leuchten stand am Himmel wie von einem fernen Brande, und tief unten
ber der Stadt wlbte sich der Dunst in der intensiven Strahlenfrbung
wie ein purpurner Ball. Und alle Gerusche verklangen im Abend in
sanfter Harmonie: der ferne Gesang von heimkehrenden Ausflglern,
begleitet von einer Harmonika, das immer lauter werdende helle Gezirp
der Grillen und das unbestimmte Sausen und Rauschen und Raunen, das in
allen Blttern lebte, in allen sten wisperte und selbst in der Luft zu
surren schien.

Pltzlich, ganz unvermittelt, fielen ein paar Worte von ihm in ihr
feierliches, fast andchtiges Schweigen hinein: Erika, das war doch
komisch, wie Sie der Wirt meine Braut nannte.

Und dann ein Lachen, ein mhseliges gezwungenes Lachen.

Erika fuhr aus ihrer Trumerei. Was wollte er damit? Sie fhlte, da er
ein Gesprch beginnen, erzwingen wollte. Sie hatte Furcht, eine dumme,
sinnlose dunkle Angst. Sie gab keine Antwort.

Nicht, das war doch komisch? Und wie Sie rot geworden sind!

Sie sah hinber, um seinen Gesichtsausdruck zu betrachten. Wollte er sie
verspotten? -- Nein! Er war ganz ernst und sah sie gar nicht an. Er
hatte es absichtslos gesagt. Aber er wollte eine Antwort haben. Jetzt
fhlte sie erst, wie gezwungen er das gesagt hatte; wie um einen Anfang
zu machen. Es war ihr so bange, und sie wute nicht, warum. Aber etwas
mute sie sagen, er wartete ja darauf.

Mir war es weniger komisch als peinlich. Ich bin nun einmal so, da ich
Scherze nicht recht verstehen kann. Sie sagte es hart und abschlieend,
fast wie gereizt.

Dann stellte sich wieder ein Schweigen zwischen beide. Aber es war keine
selige Stille vereinten Genieens mehr, wie frher, kein
sympathetisches Ahnen und Erfassen der ungeborenen Empfindung, sondern
ein schweres und dunkles Schweigen, das ein Verschweigen war von irgend
etwas Drohendem und Drngendem. Und sie hatte pltzlich Angst vor ihrer
Liebe, da sie auch so schmerzhaft und verzehrend werden sollte wie
jedes Glck, das ihr begegnet war, wie die wehmtigen und leisen Bcher,
ber denen sie weinte, und die doch ihr liebstes waren und wie die
brennenden Wellen der Tonfluten in Tristan und Isolde, die ihr hchste
Seligkeit bedeuteten und sie doch qulten wie ein Schmerz. Das Schweigen
drckte sie immer mehr und mehr und wurde wie ein dunkler, schwerer
Nebel, der sich schmerzhaft auf ihre Augen legte. Allmhlich befreite
sie sich erst aus ihrer Bangigkeit. Sie wollte ein Ende machen, ihn klar
und offen fragen.

Mir ist so, als wollten Sie mir etwas verschweigen. Was ist Ihnen?

Einen Moment blieb er ruhig. Dann sah er sie an mit dunklen,
unbeweglichen Augensternen. Er berlegte und sah sie nochmals an, tiefer
und sicherer, und seine Stimme klang seltsam voll und melodisch.

Ich habe es lange nicht gewut. Seit kurzem wei ich es erst. Ich --
sehne mich nach Ihnen.

Erika erbebte. Sie hatte die Augen zu Boden gerichtet, aber sie sprte,
da er sie ansehe, tief, fragend, durchdringend. Sie dachte nun an das
letzte Mal, wie sie bei ihm war und er sie gekt hatte. Sie hatte ihm
damals nichts gesagt, aber ihr Herz war ungestm erwacht, sie wute
nicht, ob in Zorn oder Scham. Und das Bangen hatte sie erfat, das sie
sonst sprte, wenn er so glhende und leidenschaftliche Lieder spielte,
jenes selige Grauen mit Abgrnden und Seligkeiten ohne Ende. Was sollte
jetzt kommen? O Gott, o Gott!.... Sie fhlte, da er weitersprechen
wrde und sehnte sich danach und frchtete sich doch. Sie wollte es
nicht hren. Sie wollte die Felder sehen, ja, den Abend, den herrlichen
Abend. Nur nichts hren, nichts hren. Nur die Stadt ansehen mit ihrem
dunklen Nebel, die Stadt und die Felder. Und die Wolken da oben....
Die Wolken, wie sie rasch am Himmel segelten! Ganz wenige waren noch
oben. Eins ... zwei ... drei ... vier ... fnf ... ja fnf
Wolken.... Nein! Nur vier waren es! ..... Vier.....

Aber da begann er zu sprechen.

Ich habe lange Angst gehabt vor meiner Leidenschaft, Erika! Ich habe
immer geahnt, da sie kommen werde und habe es nie glauben wollen. Nun
ist sie da. Ich wei es, seitdem Sie das letzte Mal bei mir waren, seit
gestern.

Einen Moment schwieg er und holte Atem aus tiefster Brust.

Und -- das macht mich traurig, unendlich traurig. Ich wei, da ich Sie
nicht heiraten kann, ich wei, es wrde mich meine Kunst kosten. Das
kann kein Fremder verstehen -- Sie werden es verstehen, meine liebe,
liebe Erika. Nur ein Knstler kann das verstehen, und Sie haben eine
reiche, unendlich reiche Knstlerseele. Und Sie sind auch klug. Wir
knnen nicht mehr weiter so zusammen verkehren .... es mu ein Ende
gemacht werden...

Er hielt inne. Erika fhlte, da er noch nicht zu Ende war. Am liebsten
wre sie vor ihm bettelnd hingesunken und htte ihn gebeten, jetzt nicht
weiter zu sprechen. -- Sie wollte jetzt nichts hren, nichts verstehen.
-- Nein, sie wollte nicht.... Und angstvoll begann sie wieder die
Wolken zu zhlen.... Aber die waren schon weg.... Nein, dort war
noch eine.... Eine, die letzte, rosig berhaucht wie ein stolzer
Schwan, der den dunklen Strom hinabsegelt.... Wieso fiel ihr das Bild
ein? Sie wute es nicht.... Ihre Gedanken wurden immer wirrer. Sie
fhlte nur, da sie blo an die Wolke denken wollte.... Die zog jetzt
fort, ja sie zog fort ber den Berg hin.... Sie sprte, wie ihr
ganzes Herz an ihr hing, wie sie sie am liebsten mit ausgestreckten
Hnden gehalten htte, aber sie ging ... sie lief, lief schneller,
immer schneller.... Und jetzt -- jetzt war sie verschwunden....
Und Erika hrte nun wieder klar und unabnderlich seine Worte, unter
denen ihr Herz in blinder Angst erbebte.

Ich wei nicht, ob du mich so ganz kennst. Ich glaube nicht, ich meine
immer, da du mich berschtzt. Ich bin kein groer Mensch, ich bin
keiner von denen, die .... die ber dem Leben stehen in ihrer
sicheren Selbstgengsamkeit. Ich wollte, ich wre so, aber ich bin es
nicht. Ich klebe am Leben, ich bin nicht eben viel mehr als einer, der
das begehrt, was er liebt. Ich bin nur so, wie alle Mnner sind, ich
verehre nicht nur die Frau, wenn ich sie liebe, ich .... verlange sie
auch..... Und .... mit Fremden will ich dich nicht betrgen. Ich
will nicht, da du mich verachtest. Du bist mir zu lieb dazu...

Erika war bla geworden. Nun erst verstand sie, was er meinte, und sie
wunderte sich, da sie nicht frher daran gedacht. Mit einem Male war
sie wieder ruhig geworden. Es war alles gekommen, wie es kommen mute.

Sie wollte ablehnend sprechen, aber sie vermochte es nicht. Das sanfte
>du< seiner Rede hatte sie eigentmlich berwltigt mit seiner
liebevollen Innigkeit. Sie versprte wieder, wie sie ihn liebte; das
Bewutsein kam ihr pltzlich, wie ein vergessenes Wort, das wiederkehrt.
Und sie fhlte auch, wie schwer sie ihn verlieren knnte, wie viel
geheime Krfte sie mit ihm verbanden. Wie ein Traum war ihr alles....

Er sprach weiter, und seine Stimme wurde mild wie eine Liebkosung. Sie
fhlte seine Hand in ihren zrtlichen Fingern.

Ich wei nicht, ob du mich geliebt hast, ob du mich so geliebt hast,
wie ich dich jetzt. Mit der letzten Hingabe und mit dem grenzenlosen
Vergessen an alle Kleinlichkeiten, mit jener heiligsten Liebe, die nur
schenken und nichts verweigern kann. Und ich glaube nur an die Liebe,
die Opfer bringt um ihrer selbst willen.... Aber nun ist alles zu
Ende. Und ich habe dich darum nicht minder lieb...

Erika war wie von einem Rausch befangen. Ein sanfter Schauer berlief
sie. Sie wute nur, da sie ihn verlieren sollte und nicht konnte. Und
da sie hoch ber dem Leben stand. Alles war so fern, so weit.
Abendstille lag ber den Tlern und sanfte Feierlichkeit, die Stadt war
fern und ihr Gebrause und alles, was an Wirklichkeit erinnerte. Sie
fhlte sich in sonnigen Hhen, weit, weit oben ber alle Hlichkeit und
Kleinlichkeit mit ihrer opferfreudigen, freien und spendenden Liebe, mit
ihrer seligen Macht des Glckverschenkens. Keine Gedanken, kein kluges,
rechnendes Besinnen war mehr in ihr, nur Gefhle, jauchzende,
berstrmende Gefhle, wie sie sie nie gesprt. Die Stimmung
berwltigte sie und ihr eigenstes Wollen. Und so sagte sie leise und
schlicht:

Ich habe niemanden auf der Welt als dich. Und dich will ich glcklich
machen.

Alle Scham war von ihr gewichen, wie sie zu ihm sprach. Sie wute nur,
da sie mit einem Worte viel, viel Glck verschenken konnte und sah nur
seine leuchtenden Augen und ihren dankbaren Glanz.

Und er beugte sich nieder und kte mit stiller Ehrfurcht ihren Mund.

Ich habe nie an dir gezweifelt.

Und dann gingen sie den Weg hinab, der Stadt, nach Hause zu.

              *       *       *       *       *

Langsam kamen sie wieder in die dunkle, tagesmde Stadt, und es war
Erika, als stiege sie von den leuchtenden Firnen eines seligen Traumes
ins harte, kalte und unerbittliche Leben nieder. Mit fremden und
ngstlichen Blicken trat sie in die nebelfeuchten Vorstadtgassen, die
vom hlichen und aufdringlichen Lrm und Dunst erfllt waren; und ein
Gefhl schmerzhafter de senkte sich auf sie herab. Sie fhlte sich
bedrckt von den rauchigen Husern, die sich dunkel ber ihr zueinander
drngten, ein finsteres Symbol des Alltagslebens, das sich mit
rcksichtsloser, drohender Gewalt in ihr Schicksal prete, um es zu
zermalmen.

Sie erschrak beinahe, als er sie pltzlich mit einem Liebeswort
ansprach, und sie erstaunte, da sie die zrtlichen Minuten und ihr
Versprechen beinahe vergessen hatte. Wie fremd ihr alles hier pltzlich
geworden war in dieser dumpfen, beengenden Umgebung, was ihr frher die
jhe Impulsivkraft einer Rauschstimmung entlockt hatte. Sie sah ihn an,
ganz vorsichtig von der Seite. Seine Stirne war kraftvoll gefaltet, und
um den Mund lag die Ruhe eines Selbstsicheren, alles war unbeugsame und
selbstgefllige Mnnlichkeit in seinem Gesichtsausdruck. Nirgends die
sanfte Melancholie, die sonst seine Krfte in eine schne Harmonie
bannte, nur triumphierende Hrte, die vielleicht eine lauernde
Sinnlichkeit war. Langsam wandte Erika den Blick. -- Noch nie war er ihr
so fremd und so ferne gewesen wie in diesem Augenblick.

Und pltzlich hatte sie Angst, tolle, unbndige Angst! Mit einem Male
wachten tausend erschreckte Stimmen in ihr auf, die warnten und lrmten
und sich selbst berschrieen. Was sollte jetzt kommen? Sie fhlte es nur
dunkel, denn sie wagte es nicht auszudenken. Alles emprte sich in ihr
gegen das Versprechen, das ihr eine Minute der Schwche entrissen hatte,
und ihre heie Scham brannte wie eine Wunde. Sie war nie sinnlich
gewesen, das sprte sie nun in allen Tiefen ihres Herzens, sie hatte
kein Begehren nach einem Manne, nur Abscheu vor der brutalen, zwingenden
Macht. Nur Ekel empfand sie in diesem Augenblick, und alles verfinsterte
sich vor ihren Blicken und bekam eine hliche und niedrige Bedeutung;
der leise Armdruck, den sie fhlte, die Liebespaare, die im Nebel
auftauchten und sich wieder verloren, jeder zufllige Blick, der sie im
Vorbergehen traf. Deutlich und zornig klopfte ihr Blut an den
schmerzenden Schlfen.

Mit einem Male ward ihr die tiefe Schmerzlichkeit ihrer Liebe bewut,
die unter den Enttuschungen bebte, wie unter zchtigenden Schlgen. Was
immer geschehen war, mute wieder Erlebnis werden. Die Sinnlichkeit des
Mannes mordete die sanfte Liebe des Mdchens und ihre heiligsten
Schauer. Das Glck, das wie schimmernde Abendwolken ber dem Dunkel
gehangen, war nun zerbrochen, und die Nacht begann aufzusteigen schwarz
und schwer mit drohender, leidvoller Stille und unbarmherzigem
Schweigen....

Ihre Fe wollten kaum weiter. Sie merkte, da er den Weg gegen seine
Wohnung nahm, und dieses Bewutsein betubte sie. Sie wollte ihm alles
sagen: wie ihre Liebe ganz anders sei als die seine, wie sie nur das
Versprechen gegeben im Banne einer Stimmung, der ihr nervses Empfinden
unterlegen, und wie sich alles in ihr aufbume gegen diese
vorbesprochene Liebesszene. Aber die Worte fanden keine Laute, nur
finstere und drngende Empfindungen, die ihre Seele qulten und
marterten, ohne sie zu befreien. Dunkle und bange Erinnerungen streiften
sie wie mit schwarzschattenden Schwingen. Und eine kam immer wieder,
eine seltsame und doch so alltgliche Geschichte von einem Mdchen, die
mit ihr zur Schule gegangen war. Die hatte sich einem Manne hingegeben,
und als er sie verlie, aus Rache und Zorn einem andern und dann
wiederum andern -- sie wute selbst nicht mehr, warum. Und Erika
erschauerte immer, wenn sie an dieses Mdchen dachte, durch deren Leben
die Liebe gegangen war wie ein dunkler Wettersturm; und das gewaltsame
Widerstreben in ihr war mehr als die erste Scham eines unbefleckten
Mdchens, das vor dem unbekannten Geschehen bangt, es war die schne
Schwche einer zarten und schwchlich-scheuen Seele, die das laute Leben
frchtet und seine brutale Hlichkeit.

Aber das Schweigen blieb kalt und scheidend zwischen den beiden, die
nebeneinander hergingen, Arm in Arm. Gern wollte Erika den ihren
losmachen, aber es war, als htten ihre Glieder jede Bewegungsfhigkeit
verloren, nur die Fe schoben sich in traumhafter Gleichfrmigkeit
nach vorwrts. Und ihre Gedanken wurden immer wirrer und schossen
durcheinander wie glhende Pfeile, die sich mit feinen brennenden
Widerhaken in ihrem Gehirn festbohrten. Und darber legte sich immer
dichter die schwarze Wolke der kraftlosen Furcht und der verzweifelten
Ergebung. Ein Gebet wagte sich immer wieder auf ihre Lippen, da jetzt
pltzlich alles vorbei sein sollte, ein groes, dunkles, schmerzloses
Nichts, ein Nichtfhlen und Nichtmehrdenkenmssen, ein Aufhren, jh und
unvermittelt, wie das Erwachen, das aus einem bsen Traum
befreit.....

Pltzlich blieb er stehen.

Sie fuhr auf und erschrak. Sie waren vor dem Hause, in dem er wohnte.
Eine Minute blieb ihr Herz ohne Schlag, ruhig, ganz unbeweglich. Aber
dann begann es wieder zu pochen, hastig und wild, mit hmmernder Angst
und steigender Schnelligkeit.

Er sagte ihr ein paar Worte, liebe se Worte. Sie hatte ihn beinahe
wieder gern in diesem Augenblick, so herzlich und feinfhlig sprach er
zu ihr. Aber als er ihren Arm fester erfate und ihren widerstandslosen
Krper mit sanfter Zrtlichkeit drngte, da kam wieder die alte dunkle
Angst, und sie war betubender und furchtbarer denn je. Es war ihr so,
als mte pltzlich in ihr die Stimme freigebunden werden und laut ihn
betteln und bitten, da er sie freigebe, aber ihre Kehle blieb stumm und
verschlossen. Halb bewutlos ging sie an seinem Arm durch das groe,
dstere Tor, jenen Schmerz des Unabwendbaren in der Seele, der so tief
ist, da man ihn nicht mehr als Leid empfindet.

Eine dunkle Wendeltreppe gingen sie hinauf. Sie fhlte die kalte,
muffige Kellerluft und sah die gelben, zitternden Gaslichter, die im
khlen Hauche bebten. Jede Stufe sprte sie, alle diese Bilder glitten
an ihr vorber, wie die Vorstellungen knapp vor dem Einschlafen,
flchtig und doch scharf, tief eindringend und doch wieder verfliegend
im nchsten Augenblicke.

Nun standen sie in einem Gang. Sie wute es, vor seiner Tr....

Er ging voraus und lie ihren Arm.

Einen Augenblick, Erika, ich will nur Licht machen.

Sie hrte seine Stimme von innen, wie er hineinging und dort ein Licht
anzndete. Der Augenblick gab ihr Mut und Erwachen. Die Furcht kam
pltzlich ber sie wie ein Fieberschauer, der die krampfhafte Starre
lste. Und blitzschnell strmte sie wieder die Treppe hinab, ohne in
ihrer wahnsinnigen Eile auf die Stufen zu achten, rasch, nur rasch
vorwrts. Ihr war noch, als ob sie seine Stimme von oben hrte, aber sie
wollte gar nicht mehr zur Besinnung kommen, sondern lief und lief, ohne
innezuhalten, immer vorwrts. Eine wilde Angst war in ihr erwacht, da
er ihr nachfolgen knne und eine Angst vor ihr selbst, sie mchte zu ihm
zurckkehren. Und erst, als sie mehrere Straen weit war und pltzlich
sich in einer fremden Gegend sah, blieb sie mit einem tiefen Seufzer
stehen, um dann langsam der Richtung ihrer Wohnung zuzuschreiten.

              *       *       *       *       *

Es gibt leere, inhaltslose Stunden, die Schicksal in sich bergen. Sie
steigen auf wie dunkle gleichgltige Wolken, die kommen, um sich wieder
zu verlieren, aber sie bleiben hartnckig und trotzig. Und wie ein
schwarzer, steigender Rauch lsen sie sich auf, werden ferner und
breiter, bis sie schlielich mit mattem, schwermtigem Grau unbeweglich
ber dem Leben schweben, ein Schatten, der sich unabwendbar und
eiferschtig an die Minute heftet und immer wieder seine drohende Faust
erhebt.

Erika lag auf dem Sofa in ihrem dunkel heimlichen Zimmer, den Kopf in
die Kissen gepret und weinte. Sie fand keine Trnen, aber sie sprte
sie in sich verflieen, hei, quellend und anklagend, und manchmal lief
der jhe Schauer eines Schluchzens ber ihren Krper. Sie fhlte, wie
ihr diese schmerzvollen Minuten Erlebnis wurden, wie mit der ersten
groen Enttuschung sich das Leid tief in ihre Seele einsog, die sich
ihm ahnungslos erschlo. Eigentlich bebte der Triumph in ihrem Herzen,
da ihr die Flucht gelungen war, noch im letzten entscheidenden
Augenblicke, aber es wollte keine helle, blinkende Freude und kein Jubel
werden, sondern blieb stumm wie ein Schmerz. Denn es gibt Naturen, in
denen alle groen Ereignisse und alle berragenden Geschehnisse mit der
allgemeinen Erschtterung der Seele auch die vorklingende dumpfe Saite
einer verborgenen Schmerzlichkeit und innigen Melancholie anschlagen,
deren Klingen so laut und drngend wird, da alle anderen Stimmungen
sich selbstlos in ihr auflsen. Und so war die Erika Ewald. Sie trauerte
um ihre Liebe, die jung und schn gewesen war, wie ein spielendes Kind,
das sich im Leben verliert. Und Scham war in ihr, heie brennende Scham,
da sie entflohen war wie ein stummes hilfloses Wesen, statt ehrlich zu
sein und zu ihm zu sprechen, khl und mit herbem Stolz, dem er sich
htte fgen mssen. Und sie dachte an ihn und ihre Liebe mit einem
seligen Schmerz und einer heien ngstlichkeit, und alle Bilder kamen
wieder und wirrten durcheinander, aber sie waren nicht mehr hell und
froh, sondern dunkel beschattet von der Wehmut der Erinnerung.

Drauen ging eine Tre. Sie erschrak jh und unvermittelt. ngstlich
horchte sie jedem Gerusch und suchte sich jede leise Klangerregung zu
deuten in einem unbestimmten Gedanken, den sie nicht recht zu denken
wagte.

Da trat ihre Schwester ein.

Erika war verwirrt. Sie erstaunte, da sie nicht daran, nicht an das
Nchstliegende gedacht hatte, da ihre Schwester kommen msse, und sie
sprte wieder mit einem merkwrdigen Gefhle, wie fremd, wie ungeheuer
fern ihr doch alle diese Leute waren mit denen sie lebte.

Die Schwester begann sie ber den Nachmittag zu fragen. Erika antwortete
ungeschickt, und wie sie merkte, da sie unsicher sei, wurde sie hart
und ungerecht. Man sollte sie nicht immer mit Fragen belstigen, sie
kmmere sich auch um niemanden. Und auerdem habe sie jetzt
Kopfschmerzen und wolle Ruhe haben.

Die Schwester erwiderte nichts, sondern ging aus dem Zimmer. Mit einem
Male fhlte Erika, wie ungerecht sie gewesen war. Und Mitleid empfand
sie mit diesem stillen, schicksalsergebenen Wesen, das nichts erlebte
und auch nicht bat darum, das nichts besa vom Leben, nicht einmal einen
reichen, adelnden Schmerz, wie sie selbst.

Das brachte sie wieder zu ihren Gedanken zurck. Und die zogen heran und
verloren sich wieder in der Ferne, schwere, schwarzbeschwingte Boote,
die sich durch die dunkle Flut gerungen ohne Lrm und Rauschen, ohne
Frbung und tiefeinschneidende Spur, nur von unbekannten und
unsichtbaren treibenden Gewalten gesendet und gelenkt. Aber ihre trbe
Stimmung zitterte in Erikas Seele fortschwingend dahin und lste sich
nach dunkelschweren Stunden in einer Mdigkeit, der sie sich willenlos
ergab.

              *       *       *       *       *

Die nchsten Tage brachten fr Erika nur Harren und Bangen. Im geheimen
wartete sie auf einen Brief, eine Nachricht von seiner Hand; sie sehnte
sich selbst nach einem Schreiben mit harten, unbarmherzigen Vorwrfen
und zornigen Worten. Denn sie wollte einen Abschlu haben, ein Ende, das
sich ber die Vergangenheit legte und ihr das geheime Hinbertreten in
ihre kommenden Tage verwehren sollte. Oder es sollte ein Brief sein mit
milden, verstehenden Worten, die zu ihrer Seele gingen und sie wieder
zurckfhrten in den Reigen der seligen Stunden, aus dem sie geschieden.

Aber keine Botschaft kam, kein Zeichen stellte sich zwischen sie und die
qulende Ungewiheit. Denn Erika war noch viel zu sehr im Banne ihrer
Empfindungen und Erregungen, um zu wissen, ob ihre Liebe zu ihm noch
lebte oder ob sie schon gestorben war oder sich am Ende im
Umwandlungzustande neuer Phasen befand, von denen sie noch nichts ahnte.
Sie sprte nur die Unruhe und Verworrenheit in sich, die fortwhrende
Spannung, die sich nicht lsen wollte und in ihr gereizte und hliche
Stimmungen erweckte. Nervs und mit Kopfschmerzen ging sie in die
Stunden, die ihr furchtbarer wurden als je, weil sie alles Falsche und
Unharmonische viel schrfer sprte. Und jedes Gerusch irritierte sie,
die Auenwelt wurde ihr unertrglich in ihrem lauten Hasten und Drngen,
und selbst die eigenen Gedanken verloren ihre sanfte, wohltuende
Traumhaftigkeit und bekamen harte einschneidende Spitzen. In jedem Dinge
verbarg sich ihr eine geheime Feindseligkeit und eine trotzige Absicht,
die sie verletzen wollte. Die ganze Welt, die sie umschlo, schien ihr
nur mehr ein groes, dunkles Gefngnis mit tausend verborgenen
Marterwerkzeugen und erblindeten Scheiben, die dem Lichte den Eingang
verwehrten.

Und diese Tage waren ihr unertrglich lang und wollten kein Ende nehmen.
Erika sa beim Fenster und wartete auf den Abend, der ihr ein wenig
Frieden brachte mit der sanften Milderung aller Kontraste. Wenn die
Sonne sich langsam hinter den Dchern zu senken begann, und immer matter
und mehr abgedunkelt die Widerscheine nachzitterten, wurde alles in ihr
stiller und ruhiger. Dann fhlte sie auch, da ihr ganzes Denken und
Fhlen jetzt anders und fremder werden wollte, da neue Geschehnisse und
neue Gefhle vor der Pforte ihres Lebens standen und lrmten und Einla
begehrten. Aber sie achtete ihrer nicht, denn sie glaubte, die Regungen,
die in ihr wuchsen und sich formten, seien nur die letzten
verscheidenden Zuckungen ihrer sterbenden Liebe.......

              *       *       *       *       *

So gingen zwei Wochen dahin, ohne da Erika eine Nachricht von ihm
empfangen htte. Alles schien vorber zu sein und vergessen. Ihre
Traurigkeit und Unbestndigkeit verlor sich noch nicht, aber sie
befreite sich von ihrer hlichen, gereizten Form und fand verfeinerten
und durchgeistigten Ausdruck. Die schmerzlichen Empfindungen lsten sich
leise und lind in schwermtigen Liedern, Melodieen mit tiefen,
verhaltenen Mollklngen und melancholisch wehklingenden Akkorden. Manche
Abende spielte sie so ohne Gedanken, sich in sanfter Abirrung vom
eigentlichen Motive zu selbstgeschaffenen Verbindungen hinwendend, immer
leiser und leiser werdend wie die Geschichte ihrer so leidvollen Liebe,
die nun langsam in Vergangenheit verrinnen wollte.

Auch begann sie wieder zu lesen. Jene herrlichen Bcher wurden ihr
wieder nahe, denen die Schwermut entstrmt wie ein schwerer betubender
Duft aus seltsam dunklen und melancholischen Blten. Die Maria Grubbe
kam ihr wieder zur Hand, der das harte Leben eine heilige und tiefinnige
Liebe zerstrt, und die unglckliche Madame Bovary, die nicht entsagen
wollte und ihr schlichtes Glck verstie. Und das unsglich rhrende
Tagebuch der Maria Bashkirceff las sie, zu der die groe Liebe nie
gekommen war, ob ihr auch ein reiches und sehnsuchtsvolles Knstlerherz
erwartungsvoll die Hnde entgegenhielt. Und ihre gequlte Seele tauchte
in diesem fremden Schmerze unter, um den eigenen zu verlieren und zu
vergessen, aber manchmal kam ein Erschrecken ber sie, in dem Furcht
sich dem Stolze verschwisterte; denn Worte kamen ihren Blicken entgegen,
die auch in ihrem eigenen Leben standen, und deren schicksalsschweren
Sinn sie verstand. Und nun fhlte sie, wie ihre Geschichte nicht
Ungerechtigkeit und Ha des Lebens verkndigte, sondern nur schmerzlich
war, weil ihr der frohe Tnzerschritt eines lachenden unbedeutenden
Temperamentes fehlte, der rasch vergessend die dunklen, aber
geheimnisreichen Abgrnde des Schmerzes berspringt. Nur ihre Einsamkeit
senkte sich noch drckend auf sie herab. Niemand stand ihr nahe. Eine
sonderbare Scham, sich mit ihren Tiefen und geheimen Schnheiten einem
Fremden zu geben, hatte sie von allen Freundinnen abgewandt; und ihr
fehlte auch der seligvertrauende Glaube der Frommen, der zu einem Gotte
spricht und ihm die verschwiegensten Gestndnisse zu eigen gibt. Der
Schmerz, der von ihr ausging, flo wieder in ihre Seele zurck, und
dieses unaufhrliche Sichselbstanvertrauen und Zergliedern gab ihr
schlielich eine dumpfe Mdigkeit und hoffnungslose Trgheit, die nicht
mehr mit dem Schicksal ringen wollte und mit seinen verborgenen
Gewalten.

Sonderbare Gedanken berkamen sie, wenn sie vom Fenster auf die Gasse
herabsah. Sie sah Leute in wildem Durcheinander, Liebespaare, die in
seliger Versunkenheit vorbergingen, dann wieder hastende Burschen,
vorbeischieende Radfahrer, rasch dahinrollende Wagen mit schwirrenden
Rdern, Bilder des Tages und der Gewhnlichkeit. Aber ihr war alles das
so fremd. Wie von ferne, aus einer anderen Welt schaute sie zu, als
knnte sie nicht verstehen, warum diese Wesen so eilten und drngten und
vorbeistrmten, wenn alle Ziele so klein und verchtlich waren. Als ob
es etwas Reicheres und Seligeres geben knne als den groen Frieden, in
dessen Bann alle Leidenschaften schlafen und alle Sehnschte; der doch
wie eine wunderwirkende Quelle war, in deren milder und geheimkrftiger
Flut sich alles Kranke und Hliche ablste, wie eine lstige Schicht.
Und wozu dann alle die Kmpfe und berwindungen? Und wozu die heie
nimmermde Sehnsucht, die niemanden zurckweichen lt?

So dachte die Erika Ewald manchmal und lchelte ber das Leben. Denn sie
wute nicht, da auch der Glaube an diesen groen Frieden nur eine
Sehnsucht ist, das innigste und unvergnglichste Begehren, das uns nicht
zu uns selbst gelangen lt. Sie glaubte ihre Liebe berwunden zu haben
und dachte ihrer, wie man eines Toten gedenkt. Die Erinnerungen bekamen
milde, vershnliche Farben, vergessene Episoden tauchten wieder auf, und
zwischen Wirklichkeit und sanfter Trumerei liefen geheime, verbindende
Fden hin und her, bis sie sich unlslich verwirrt hatten. Denn sie
trumte von ihrem Erlebnis wie von einem eigenartigen und schnen Roman,
den man vor langem gelesen; seine Gestalten treten langsam wieder heran
und sprechen die Worte, die bekannt sind und doch so ferne, alle Rume
werden wieder sichtbar, wie erleuchtet von einem pltzlichen
aufblitzenden Licht, alles ist wieder wie einst. Und Erika dichtete sich
in ihren Gedanken, die sich im Abend berauschten, immer wieder neue
Abschlsse dazu, aber sie fand keinen rechten, denn sie wollte ein
mildes und vershnliches Ende voll Hoheit und reifer Entsagung, mit
khlem freundschaftlichem Hndereichen und tiefem Verstehen. Langsam
gaben ihr diese romantischen Trume den innigen Glauben, da auch er
jetzt ihrer harre und in tausend seligen Schmerzen gedenke, und diese
Idee, die sich in ihr allmhlich zu einer unbeugsamen Tatsache
verdichtete, lie das Vertrauen immer sicherer sich entfalten, da alles
noch gut werden msse und da eine vershnende, abschlieende Konsonanz
die seltsam bewegte Melodie ihrer Liebe erlsen msse.

Nach langen, langen Tagen wagte sich jetzt manchmal ein Lcheln ber
ihre Lippen, wenn sie ihrer Liebe gedachte mit all ihren bitteren
Wunden, die nun vernarben wollten. Denn sie wute noch nicht, da ein
tiefer Schmerz wie ein finsterer Gebirgsbach ist, der sich unterirdisch,
mit unruhvollem Schweigen durch das Gestein whlt und in ohnmchtigem
Zorne lange an ungebahnten Pforten pocht und pocht. Aber einmal
zersprengt er die Wand und strmt mit haltlosem Jubel vernichtend und
kraftvergeudend in die blhenden Tale hinab, die sich in heiterem,
ahnungslosem Vertrauen gewiegt.........

              *       *       *       *       *

Es sollte alles anders kommen, als es Erika getrumt. Noch einmal trat
die Liebe in ihr Leben, aber sie war anders geworden; nicht mehr so
still und mdchenhaft nahte sie mit milden, segnenden Geschenken,
sondern wie ein Frhlingssturm, wie eine heie, begehrende Frau, die
brennende Lippen hat und die tiefrote Rose der Leidenschaft im dunklen
Haare trgt. Denn die Sinnlichkeit der Mnner ist nicht wie die der
Frauen; bei jenen glht sie vom Anbeginne, von den Jahren der ersten
Reife, aber zu manchen Mdchen kommt sie vorerst in tausend Verhllungen
und Gestalten. Sie schleicht sich als Schwrmerei ein und als selige
Trumerei, als Eitelkeit und sthetisches Genieen, aber einmal kommt
ein Tag, da wirft sie alle Masken von sich und zerreit die bergenden
Hllen.

Eines Tages war Erika alles bewut geworden. Kein lautes Ereignis hatte
ihr die Erkenntnis abgezwungen und auch kein Zufall. Vielleicht war es
ein Traum gewesen mit verwirrenden Lockungen oder ein Buch mit heimlich
verfhrender Gewalt, vielleicht eine ferne Melodie, die sie pltzlich
verstanden oder ein fremdes, blhendes Glck -- es war ihr nie klar
geworden. Sie wute nur pltzlich, da sie sich wieder nach ihm sehnte,
aber nicht nach gtigen Worten und schweigenden Stunden, sondern nach
seinen kraftvollen Armen und nach den heien Lippen, die einstmals
verlangend auf den ihren gebrannt, ohne da diese ihre stummen,
bettelnden Worte verstanden. Vergebens widerstrebte ihre mdchenhafte
Scham diesem Bewutsein; sie suchte der frheren Tage zu gedenken, die
nie auch nur ein schwacher Hauch schwler Sinnlichkeit durchzittert, sie
suchte sich vorzulgen, da diese Liebe schon lngst tot und begraben
sei, indem sie jenes Abends gedachte, da sie aus seinem Hause mit
innerlichem Abscheu geflchtet. Aber dann kamen Nchte, da sie ihr Blut
brennen fhlte von glhendem Begehren und ihre Lippen in die khlen
Kissen sich einknirschen muten, damit sie nicht sthnten und seinen
Namen hinausschrieen in die stumme, mitleidslose Nacht. Und da wagte sie
sich nicht lnger zu tuschen, und die Erkenntnis machte sie erbeben.

Nun wute sie auch, da die dumpfen Wallungen, die sie in allen diesen
Tagen empfunden, nicht das Absterben ihrer schnen und hellen Liebe
bedeutet hatten, sondern das langsame Keimen dieser drngenden Gewalten,
die nun ihre Seele durchwhlten. Und mit sonderbarer Scheu dachte sie
dieser Neigung, die so schlicht und alltglich gewesen war, und der doch
unablssig neue Schmerzen entsprossen, die feindlichen Kinder eines
dunklen Geschickes. In dieser Leidenschaft, welche wie ein spter Herbst
gekommen war, der seine Frchte in die leeren, frstelnden Felder wirft,
einte sich die Kraft der Unberhrtheit mit der Flle der unverbrauchten
Jugendtage, die nie unter den drngenden Krisen des Blutes gelitten.
Eine strmische, siegende Gewalt war in ihr, gegen die es kein
Widerstreben gab und kein Verweigern, weil sie ber alle Schranken
sprang und die letzte berlegung erttete.

Erika ahnte noch nicht, wie schwach sie gegen diese jhe Leidenschaft
war. Sie fhlte nur das Verlangen in sich siegreich werden, da sie ihn
wieder sehen msse, sei es auch nur von der Ferne, ganz von fern, ohne
bemerkt zu werden, ohne da auch eine Ahnung ihn berkommen knne, da
sie ihn sehe und ersehne. Sie holte sich wieder seine Photographie
hervor, die in einer versteckten Lade beinahe verstaubt war und brachte
ihr eine sonderbare Verehrung entgegen. Sie kte in glhender
Leidenschaft seinen Mund, dann stellte sie sie wieder vor sich hin und
begann wirre und heftige Worte zu sprechen, die sie ihm selbst sagen
wollte, da er ihr verzeihen mge, weil sie damals kindisch und
erschreckt gehandelt habe. Und dann erzhlte sie ihm in sich
bereilenden Stzen von ihrer Sehnsucht, und wie sie ihn wieder
unendlich liebe, mehr, als er es jemals werde verstehen knnen. Aber
alle diese Ekstasen befriedigten sie nicht, denn sie wollte ihn selbst
wiedersehen. Mehrere Tage lang wartete sie an den Ecken der Straen, die
er zu passieren pflegte, doch vergebens. Und so sehr steigerte sich ihre
Ungeduld, da manchmal, aber ganz furchtsam und unbestimmt, der Gedanke
in ihr erwachte, sie sollte zu ihm in die Wohnung gehen und sich fr ihr
Benehmen von damals entschuldigen. Aber da fand sie in den Tagesblttern
die Notiz, da er nchstens in einem eigenen Konzerte auftreten wolle,
eine Nachricht, die Erika wie mit einem seligen Rausche erfllte, denn
nun ergab sich die beste Mglichkeit, ihn zu sehen, ohne da er es
ahnte. Und langsam, furchtbar langsam verflossen ihr die Tage, welche
sie von dem festgesetzten, sehnlichst herbeigewnschten Abende trennten.

              *       *       *       *       *

Erika war eine der ersten im groen, mit tausend Lichtern flimmernden
Konzertsaale. Eine sehnschtige Unruhe, die Minuten zu Stunden dehnte,
hatte sie seit Tagesanbruch erfllt und durchschauert, seit jener
Stunde, da der Gedanke, da sich heute alles begeben msse, ihr den
Schlaf von den Lidern ri. Und dann war sie alle die Stunden durch
Traumland gegangen, ob auch die einzelnen Forderungen ihres Berufes sie
immer wieder aufschrecken lieen aus ihren sinnenden Erwartungen und
ihrer sanftruhenden Sehnsucht. Und als der Abend kam, nahm sie ihr
bestes Gewand und legte es mit einer gewissen feierlichen Sorgfalt an,
die nur Frauen haben, wenn sie den Blick des Geliebten erwarten. Eine
Stunde zu frh begab sie sich zum Konzertsaal. Wohl hatte sie zuerst
einen Spaziergang geplant, ein kurzes Rasten fr ihre Nerven, die zu
fiebern schienen, aber kaum da sie die Strae betrat, fhlte sie eine
dunkle Gewalt, die sie magnetisch einer Richtung zudrngte. Ihre anfangs
bedchtigen Schritte wurden unruhiger und beschleunigter. Und mit einem
Male stand sie, fast selbst berrascht, vor den breiten Stufen des
Konzertgebudes und schmte sich ihrer Unrast. Gedankenlos ging sie noch
ein wenig dort auf und ab. Und als die ersten Wagen behbig
vorrasselten, mhte sie sich nicht mehr lnger, sich zu bezwingen und
ging mit beherzter Miene in den eben erleuchteten Saal.

Nicht lange blieb drinnen dieses breite und leere Schweigen, das zu
frchtigen Trumen lud. Dichter und dichter drngten sich die Leute.
Erika sah nicht die einzelnen, sondern fhlte nur die hereinstrmende
Masse, fhlte vor ihren Augen die wandernden Streifen der farbigen
Toiletten, das dunkle Durcheinanderschieben und die vielen wechselnden
Gesichter, die ihr wie Masken schienen. Alles in ihr war Unrast und
Erwartung. In ihren Augen stand nur ein Name, ein Wunsch, ein Wort.

Und dann pltzlich begann das jhaufrauschende Murmeln und Bewegen, die
vorbereitende Unruhe vor dem Schweigen, das leise Knacken der geffneten
Opernglser, das Klappern der Lorgnons, das Regen und Bewegen, jenes
vieltnige Gerusch, das sich in strmischen Beifall lste. Sie fhlte,
da er eingetreten war, jetzt eingetreten war. Und schlo die Augen. Sie
wute sich zu schwach, ihn in dieser stolzen Minute schweigend zu sehen.
Sie htte ja jubeln mssen oder ihn rufen, aufspringen oder ihm
zuwinken, aber jedesfalls etwas Trichtes, Unberlegtes, Lcherliches
tun. Ihr Herz fhlte sie bis an die Kehle schlagen. Sie wartete. Sie
wartete, mit geschlossenen Augen alles sehend, wie er hinaufschritt, wie
er sich verneigte und jetzt, -- jetzt mute es ja sein -- zum Bogen
griff. Sie harrte, bis endlich die ersten Tne seiner Geige sich singend
erhoben wie langsam steigende Lerchen, die aus den Feldern zum Himmel
aufjubeln.

Dann schaute sie empor, leise, ganz vorsichtig, wie man in ein sehr
grelles blendendes Licht sieht. Und sie fhlte eine warme Blutwelle, wie
sie ihn sah, gleichsam emporgetragen von diesem dunklen, schweigenden
Meer, das die funkelnden Glser und suchenden Blicke wie zitternde
Schaumkmme durchglnzten. Und sie fhlte sein Spiel und wieder die
ganze zauberische Gewalt von einst. Und wie die Tne wuchsen und
anschwollen, so fllte sich auch ihr Herz. Lachen und Weinen war in ihr,
ein Fluten der Erregung, warme zitternde Wellen. Sie fhlte Jubel, Jubel
aus tausend sonndurchglnzten Springstrahlen in ihr Herz sprudeln, sie
fhlte es selbst aufschumen zu ihrer Kehle wie den jauchzenden Strahl
einer aufzuckenden Fontne. Wieder verfhrte sie die Stimmung der Musik
wie eine Blinde, die keinen Weg wei und sich willig der fremden und
lieblichen Hand vertraut. Und als dann der Jubel losbrach und dieses
dunkle Meer im Saale, das gleichsam in bezaubertem Schlafe gelegen war,
pltzlich in wilder, tosender Brandung aufschumte, als von allen Seiten
ein berwltigender Beifall drhnte, da rauschte ein jher Stolz in ihr
empor. Ihre Seele jubelte bei dem Gedanken, von ihm begehrt worden zu
sein. Alle Hlichkeit und Herbe jener Minuten war zerronnen in diesem
stolzen Bewutsein, in dieser siegenden Stunde seines Knstlertums.

So ward dieser Abend ein lauteres und tiefes Fest fr ihre suchende und
unruhige Seele. Nur eine Frage drngte sie, ob er ihrer wohl noch
gedachte. Und sie war ganz Demut in jener Stunde, eine Sehnschtige, die
nur begehrt, sich verschenken zu drfen. Sie dachte nicht mehr an sich
und nur mehr an ihn, sah nur sein Verlangen und seine Inbrunst in dem
lockenden Geigenspiel und nicht mehr Tne und Melodieen.

Und da kam ihr eine seltsame und unendlich beseligende Antwort. Nach
langen Beifallsstrmen hatte er sich noch zu einer Zugabe entschlossen.
Und nur ein paar schlichte, langsame Takte hatte er gespielt, als Erika
erblate. Sie lauschte und lauschte wie gebannt. In herbem Erschrecken
hatte sie das Lied erkannt, das Lied jenes ersten seltsamen Abends, da
er es ihr zuliebe in die Dmmerung gestammelt. Und sie trumte von einer
Huldigung. Sie fhlte, da es ihr gesungen sei, zu ihr gesungen sei. Sie
hrte es nur als Frage, die ber alle andern zu ihr hinabtastete in den
Saal, sie sah eine Liedseele, die in den dunklen Saal flog, um sie zu
finden. Eine rasche Gewiheit schaukelte sie in selige Trume. Sie
verstand ein Gestndnis, da er ihrer, nur ihrer mehr gedachte. Und
Seligkeiten brausten auf sie nieder. Wieder war es die Musik, die sie
betrte und ber alle Wirklichkeiten hob. Sie fhlte einen Flug nach
oben, menschenhoch und erdenfrei. Fast so wie damals in jener Stunde,
als sie hoch ber der fernen, brausenden Stadt zusammen standen. Nur
hher noch, viel hher ber Schicksal und Welt, ber allen
Kleinlichkeiten und Bedenken. In den wenigen Minuten dieses Spieles
berflog sie in seligem Traume alle Schranken und Wirklichkeiten.

Der unerhrte Jubel, der seinem Spiele folgte, erweckte Erika erst
wieder aus ihren weltentrckten Trumen. Und in drngender Hast eilte
sie dem Ausgange zu, um ihn zu erwarten. Denn nun wute sie auch die
helle und sonnige Antwort auf ihre letzte Frage, die sie bengstigt und
sie zurckgehalten, sich ihm zu schenken -- nun war es ihr offenbar, da
er sie noch immer liebte und glhender wie einst, mit einer viel
schneren, wilderen und greren Liebe. Sonst htte er nicht all diesen
Menschen den leuchtenden Hymnus gesungen, den er ihr zur Feier und aus
ihrer Liebe geschaffen, dieses herrliche Lied, dessen Macht sie damals
berwltigt und besiegt hatte, ohne da sie es geahnt. Aber heute wollte
sie ihm die sorglich gehteten Frchte ihrer schenkenden Neigung zu
Fen legen, da er sie selig erhhe.....

Mit Mhe drngte sie sich bis zum Ausgange durch, wo die Knstler
herabzukommen pflegten. Wenige Flammen erhellten das matte Dunkel; dort
drngten die Menschen nicht in so wilder Hast, und sie konnte sich
ungestrt wieder ihren Trumen hingeben, die sich in seliger Sicherheit
wiegten. Sie htte es doch schon lange, so lange wissen knnen, da er
sie nicht vergessen knnte -- dieser Gedanke kehrte immer wieder und
einte sich mit frhlichen Verheiungen fr die kommenden Tage. Mit
bermtigem Lcheln dachte sie an seine berraschung, wenn er ahnungslos
die Treppen herabkme und sich pltzlich der Wunsch verwirklichte, von
dem er vielleicht eben getrumt. Und wenn......

Aber da kamen wahrhaftig schon Schritte, die immer lauter und nher
tnten. Unwillkrlich zog sich Erika mehr ins Dunkel zurck.

Lachend und plaudernd stieg er die Treppe hinab -- zrtlich hinabgebeugt
zu einer Dame in spitzenbesetztem Kleide, einer kleinen, netten Sngerin
von der Oper, die irgend eine alte Operettenmelodie trllerte. Erika
zuckte zusammen. Da bemerkte er sie. Instinktiv griff er nach dem Hut,
aber lie die Hand auf halbem Wege mig sinken. Ein bses, beleidigtes
und hhnisches Lcheln schien auf seinen Lippen zu lauern, aber er
wandte den Kopf zur Seite. Und dann fhrte er die kleine Dame im
Spitzenkleid zu seinem Wagen, half ihr hinein und stieg selbst ein, ohne
den Blick noch einmal zurckzuwenden zur Erika Ewald, die dort einsam
stand mit ihrer verratenen Liebe.

              *       *       *       *       *

Solche Erlebnisse erwecken oft mit ihrer jhen Gewalt ein Leid, das so
furchtbar und tiefeinschneidend ist, da man es nicht mehr als Schmerz
empfindet, weil man die Fhigkeit des Begreifens und des bewuten
Fhlens in seinem wilden Anpralle verliert. Man fhlt sich nur sinken,
aus schwindelnden Hhen atemlos, willenlos und widerstandsunfhig
herabsausen, einem Abgrunde zu, den man noch nicht kennt, den man aber
ahnt, nher, nher und immer nher kommen fhlt mit jeder Sekunde, mit
jeder verschwindend kleinen Zeiteinheit, die im wirbelnden Sturze
verfliegt, jenem furchtbaren Ende zu, von dem man wei, da es
zerschmettern und zerbrechen wird.

Erika Ewald hatte schon zu viel kleine Leiden ertragen, um einem groen
Ereignis ruhig ins Auge sehen zu knnen. Jene kleinen Schmerzlichkeiten
hatten ihr Leben erfllt, die ein seltsames Glckseligkeitsgefhl in
sich tragen, weil sie zu melancholischen, trumerischen Stunden leiten,
zu sanften Verzagtheiten und zu jenen sen Traurigkeiten, aus denen die
Dichter ihre innigsten und wehmtigsten Verse schaffen. Aber sie hatte
in jenen Stunden schon die mchtige Pranke des Schicksals zu verspren
geglaubt, und es war doch nur ein verrinnender Schatten seiner drohend
ausgereckten Hand. Sie hatte gemeint, die finstere Gewalt des Lebens
schon getragen zu haben und auf dieses Bewutsein baute sie ihre starke
Sicherheit, die jetzt zusammenbrach unter der Wirklichkeit wie ein
Kinderspielzeug in einer nervigen Faust.

Und darum verlor ihre Seele so ganz ihre bindenden Krfte. Das Leben kam
zu ihr wie ein Hagelschauer, der Saaten und Blten zerbricht. Nur mehr
de war vor ihren Blicken und Finsternis, weite undurchdringliche
Finsternis, die alle Wege versteckte, alle Blicke erblindete und die
hallenden Angstrufe mitleidslos verschlang. Nur mehr Schweigen war in
ihr, ein dumpfes, atemloses Schweigen, die Stille des Todes. Denn viel
war in ihr gestorben in einem einzigen Augenblick: ein helles heiteres
Lachen, das noch nicht geboren war, aber in ihr Leben wollte, wie ein
Kind, das zum Lichte strebt. Und viel Jugend, jenes sehnschtige
Empfangenwollen, das der Zukunft vertraut und Freude und Glanz hinter
allen verschlossenen Pforten ahnt, die ihr Verlangen sich erffnen soll.
Und viel lautere und weltvertrauende Empfindungen, das Sichhingeben an
alle Menschen und an die groe Natur, die nur Feste und Wunder ihren
glubigen Schlern offenbart. Und endlich eine Liebe, die unendlich
reich gewesen war, weil sie in den dunklen Quellen des Schmerzes sich
gebadet hat und durch wechselnde Gestalten gegangen ist, um die
Vollkommenheit zu finden.

Aber auch eine neue Saat war in dieser Enttuschung, ein bitterer Ha
gegen alles, was sie umgab und ein heies Rachebedrfnis, das noch nicht
wute, wie es sich Bahn brechen sollte. In ihren Wangen brannte die
Schmach, und ihre Hnde bebten, als mten sie jeden Augenblick
losfahren in zorniger Gewalt gegen irgend etwas. Die Schwchlichkeit und
Scham war von ihr gewichen, die drngende Macht des Handelns wurde immer
deutlicher und unruhiger in ihr; ein Wesen, das sich vom Schicksal immer
hatte formen und lenken lassen, wollte ihm nun entgegengehen und mit ihm
ringen.

Und dieser ziellose ungebrdige Trieb lie sie in den Gassen irren, ohne
einen Entschlu. Die Wirklichkeit lag in weiter, weiter Ferne. Sie wute
nicht, wohin sie ging, in ihren Fen war bleierne Mdigkeit, aber auch
eine irre Bewegung, die sie weiter stie. Immer mehr hllte sie sich in
ihre Gedanken, um den Schmerz, der jetzt wach werden wollte,
wegzudenken und ihn im raschen Gehen zu vergessen; doch sie sprte einen
Druck von Trnen, die noch nicht hervorbrechen konnten, aber innen
brannten und tropften.......

Auf einmal stand sie vor einer Brcke. Unten der Flu, schwarz und
langsam gleitend, mit vielen hellen, glitzernden Punkten. Sterne waren
das und Reflexe von den Brckenlaternen, die hinaufstarrten wie
aufgerissene Augen. Und von irgendwo ein leises unaufhrliches
Pltschern, die Strmung, die sich an einem Pfeiler bricht.

Einen Todesgedanken barg dieser Anblick, das fhlte sie. Ein Beben
berlief ihren Krper. Sie wandte sich um. Es war niemand in der Nhe,
hie und da schwarze Schatten, die vorberhuschten. Manchmal ein Lachen
aus der Ferne oder das Rollen eines Wagens. Aber in der Nhe niemand,
keiner, der sie hindern knnte. Wie leicht, wie rasch das war; ein
Griff, ein Schwung ber die Rampe, dann noch ein paar hliche ringende
Minuten unten, dort unten in dieser schweigsamen Dunkelheit und dann
Friede .... reicher, ewiger Friede, fern von allen Wirklichkeiten,
der beruhigende Trost des Nichtwiedererwachens....

Aber dann ein anderer Gedanke! Eine verunstaltete Leiche, die man aus
dem Wasser zieht, Neugierige, die sich belustigen, Gerede und Geschwtz
-- es tat ja nicht mehr weh! Aber einer war, der knnte es erfahren und
dann vielleicht selbstbewut lcheln, im Bewutsein eines Siegers.....
Nein -- das durfte nicht sein! Das Leben war noch nicht erschpft, das
fhlte sie, denn es konnte noch Rache bergen, den letzten tastenden
Versuch einer Verzweiflung. Und vielleicht war es sogar schn, und sie
hatte nur falsch gelebt, sie war gut und vertrauend gewesen, mild und
zurckhaltend, whrend man rcksichtslos, gierig und verschlagen sein
sollte, wie ein Raubtier, das sich von fremdem Leben nhrt.

Ein Lachen rang sich ihr aus der Brust, wie sie sich von der Brcke
abwendete, ein Lachen, vor dem sie erschrak. Denn sie fhlte, wie sie
sich selbst nicht ihre ungesprochenen Worte glaubte. Nur der Schmerz war
wahr, und der glhende brennende Ha, die blinde Sucht nach Rache. Wie
fremd sie sich doch geworden war, da sie sich nicht einmal selbst mehr
erkannte, wie schlecht und wie wertlos!

Ihr frstelte. Sie wollte an nichts mehr denken. Sie ging wieder tiefer
in die Stadt hinein ... irgend wohin .... nach Hause zu......
Nein -- nicht nach Hause! Mit Furcht dachte sie daran. Dort war alles so
finster und eng und dumpf, dort lauerten in allen Ecken Erinnerungen,
die mit hmischen Fingern auf sie deuteten, dort war sie dann ganz
allein mit ihrem groen Schmerz, dort konnte er seine schwarzen Flgel
dicht ausbreiten, sie umfassen und eng, ganz eng an sie pressen, da ihr
der Atem verginge.

Aber wohin? Wohin? Die Frage zermarterte ihr das Hirn. Sie wute nichts
anderes mehr, ihr ganzes Denken konzentrierte sich in dieses eine
Wort. --

Neben ihr lief ein Schatten.

Sie achtete nicht darauf.

Sie merkte es auch nicht, als er sich hart gegen den ihren neigte und
mit ihm eine Zeitlang parallel lief. Jemand ging neben ihr, ein
Freiwilliger, und betrachtete ihr Gesicht angelegentlich in dem Momente,
als sie vor einer Laterne vorbeikamen. Erst wie er sie hflich ansprach,
fuhr sie jh aus ihren Gedanken auf. Sie brauchte einige Momente, um die
Situation, in der sie sich befand, erst recht zu erfassen und antwortete
nicht.

Der Freiwillige, ein Kavallerist, sehr jung noch und ein bichen
ungeschickt, lie sich durch ihr Schweigen nicht einschchtern, sondern
redete in einem halb vertraulichen Ton, aber mit einer gewissen Reserve
weiter. Offenbar war er mit sich nicht recht im klaren, mit wem er es
eigentlich zu tun htte; sie hatte ihm nicht geantwortet und war doch so
vornehm -- solid gekleidet. Und andererseits wieder dieses einsame
langsame Spazierengehen spt in der Nacht -- ganz recht bekam er's nicht
heraus. Aber er redete unbekmmert weiter.

Erika schwieg. Instinktiv hatte sie ihn abweisen wollen, aber alle Dinge
von frher hatten sie auf seltsame Gedanken gebracht. Sie wollte doch
jetzt ein anderes Leben beginnen, nicht mehr dieses traumvolle
Dahindmmern und mige Sichsehnen, das ihr tausend Leiden geboren, es
sollte ja fr sie ein neues Leben beginnen, hei verwegen und voll
wilder Gewalt. Und dann dachte sie wieder an ihn -- eine Rache wollte
sie nehmen, eine furchtbare Schmach. Dem ersten besten, der gekommen,
wollte sie sich verschenken; weil er sie verschmht, die Erniedrigung
auskosten bis zum letzten bittersten und vielleicht tdlichen Tropfen.
Alles wurde rasch in ihr Plan und Entschlu, eine grausame
Selbstpeinigung, die eine neue Schmach whlt, um die alte brennende zu
vergessen .... wie sie zurecht kam, die Gelegenheit .... ein
junger Mensch, ganz jung, der nichts davon verstand, nichts wute, der
sollte es sein, der erste beste.....

Und pltzlich antwortete sie ihm mit so hastiger Liebenswrdigkeit, er
drfe sie begleiten, da er beinahe wieder schwankend wurde, mit wem er
es zu tun htte. Aber ein paar Fragen, das Opernglas, das sie vom
Konzert mitbrachte und ihr vornehmes Benehmen, vernderten seine
oberflchliche Haltung zu ihr. Er blieb recht befangen. Eigentlich war
er noch ein halbes Kind, das in einer Uniform sich so seltsam ausnahm,
wie in einem kriegerischen Maskenkostm; und seine bisherigen Abenteuer
waren so simpler Natur gewesen, da sie keine Abenteuer mehr waren. Zum
ersten Mal sah er sich einem wirklichen Rtsel gegenber. Denn manchmal
blieb sie Minuten still und unbeweglich, berhrte alle Fragen und ging
wie im Traum, bis sie dann pltzlich wie mit einer provozierten
Zrtlichkeit, die sie im Augenblick vergessen htte, mit ihm lachte und
scherzte; aber manchmal wollte es selbst ihm so erscheinen, als sei im
Lachen ein falscher Ton.

Und in der Tat kostete es Erika nicht geringe Mhe, die Rolle einer
Entgegenkommenden und Leichtsinnigen zu spielen, whrend ihr die
tollsten Gedankenreihen durch den Kopf schwirrten. Sie wute, was das
Ende sein wrde, und sie wollte es, aber eine geheime Angst beschlich
sie immer wieder, da sie gegen sich selbst frevle. Aber das Bedrfnis
nach Rache, das sich positiv nicht bettigen konnte, hatte hier ein
Mittel gefunden, sich zu entfalten, wenn auch in einer falschen
Richtung, die die Spitze gegen sich selbst kehrte, aber es war so
berstrmend und machtvoll, da sich ihre frauenhaften Empfindungen
vergebens dagegen aufbumten. Mochte geschehen, was da wolle, sollte
eine Reue kommen ..... nur nichts wissen von jener Schmach .....
nur vergessen, wenn auch in einem Rausch, einem knstlichen und einem
verderblichen .... aber nur nicht mehr daran denken mssen.....

So nahm sie auch gern den Vorschlag des Freiwilligen an, mit ihr in ein
Restaurant in ein separiertes Zimmer zu gehen, obwohl sie dumpf ahnte,
was das bedeutete. Aber sie wollte nicht daran denken ..... nur
nicht sich immer besinnen mssen.....

Zuerst kam ein kleines Souper, dem sie aber nicht zusprach. Aber Wein
trank sie, in gieriger Hast, Glas auf Glas, um sich zu betuben. Ganz
gelang ihr es noch nicht. Manchmal bersah sie die ganze Situation mit
furchtbarer Klarheit. Sie betrachtete ihr Gegenber. Das war eigentlich
der Rechte, besser htte sie sich ihn nicht wnschen knnen: ein guter
Kerl, von einer gesunden rotwangigen Derbheit, ein bichen eitel und
nicht zu klug .... der wrde nie ahnen, was in dieser Nacht geschehen
sei, was fr eine Rolle er gespielt in einem armen gequlten
Menschenleben ..... der wrde sie bermorgen vergessen haben. Und
das wollte sie.....

In solchen Augenblicken der berlegung bekamen ihre Augen einen
trumerischen Ausdruck, und in ihrem Gesichte zeichnete sich der dstere
Schatten eines inneren Schmerzes. Dann kam sie langsam ins Trumen
hinein .... ihre Finger zitterten leise .... sie hatte alles
vergessen, und die fernen versunkenen Bilder wollten langsam, ganz
langsam wieder auftauchen.....

Dann erweckte sie wieder pltzlich ein Wort oder eine Berhrung. Eine
Sekunde brauchte sie immer, um sich wieder recht in alles
hineinzufinden, aber dann fate sie wieder ein Weinglas und leerte es
auf einen Zug. Und dann noch eines und noch eines, bis sie sprte, wie
ihr der Arm schwer herabsank.....

Der Freiwillige hatte sich inzwischen herbergesetzt und ziemlich dicht
an sie angedrckt. Sie merkte es noch, aber scherzte ruhig
weiter........

Allmhlich aber begann sie die Wirkung des Weins zu fhlen. Ihr Blick
wurde unsicher und sah wie durch trbe Wolken eines schweren
breitverstrmenden Dunstes; und die zrtlichen und berredenden Worte,
die sie vernahm, schienen irgendwo von weiter, weiter Ferne herzukommen,
ganz verschwommen und verloren. Ihre Zunge begann zu lallen, und sie
merkte, wie trotz aller Bestrebungen ihr Gedankengang sich verwirrte und
ein Blitzen und Surren vor ihren Augen funkelte, gegen das sie sich
nicht zu wehren wute. Aber mit der Mdigkeit, die sie immer enger und
zrtlicher umfate, kam auch jene Schwermut wieder, halb die lallende
unmotivierte Melancholie der Trunkenen, und halb der Schmerz, der schon
den ganzen Abend ihre Brust durchstrmte und sich noch immer nicht Bahn
gebrochen hatte. Sie war ganz in ihr Leid verloren, stumpf und gefhllos
gegen die Auenwelt, taub gegen alle Worte und sanften Liebkosungen.

Der junge Bursch verstand ihr Verhalten nicht ganz und eine Unsicherheit
berkam ihn, was er mit ihr beginnen sollte; er hielt sie fr betrunken,
wollte sie jedoch bewegen, wach zu werden, weil er sich schmte, ihre
Trunkenheit sich zunutze zu machen. Aber ihre Apathie war nicht durch
Zureden, noch durch schmeichelnde Ksse zu lsen; er fchelte ihr
Khlung zu; als er aber versuchte, ihr Kleid zu ffnen, geschah etwas
Unerwartetes, das ihn erschreckte.

Denn im Augenblicke, da er sie umfate, fiel sie ihm pltzlich in die
Arme und begann furchtbar zu weinen. Es war ein unendlich schreckvolles
und leidvolles Schluchzen, nicht das wehmtige Duseln eines Trunkenen,
sondern in ihrem Weinen war eine elementare Gewalt; wie ein Raubtier war
es, das jahrelang im Kfig gefesselt war und mit einem Male in wilder
Gewalt die Schranken durchbricht, es war ihr ganzer heiliger und tiefer
Schmerz, der ihr nur dunkel bewut gewesen war und sich jetzt in
bebenden Schauern erlste. Erika weinte aus tiefster Brust, alles, alles
schien jetzt gut zu werden, da diese glhende Last der Trnen und die
drckende Brde der nichtentladenen Erregungen sich wie in mchtigen
Gewittersten von ihr losrang; sie weinte und weinte, jhe Schauer
liefen ber ihren hilflos angeschmiegten Krper, aber die heien Quellen
ihrer Augen schienen nicht versiegen zu wollen; es war, als splten sie
all das bittere Leid mit sich hinweg, das sich langsam angesetzt hatte
wie wachsende Kristalle, die sich verhrten und nicht weichen wollen.
Nicht ihre Augen weinten, ihr ganzer schmaler und biegsamer Leib erbebte
unter den harten Sten, und ihr Herz erbebte mit.

Der junge Mann war diesem jhen und peinlichen Ausbruche gegenber
gnzlich hilflos. Er suchte sie zu beruhigen, strich ihr leise und
zrtlich ber die dunklen Flechten; wie aber ihre Anstrengungen sich
immer verdoppelten, kam ein sonderbares Gefhl mitleidsvoller Zuneigung
ber ihn. Er hatte noch nie so weinen gehrt, und dieses unerhrte Leid,
von dem er nichts wute, dessen Gre er aber ahnen mute, flte ihm
eine achtungsvolle Furcht vor dieser Frau ein, die willenlos in seinen
Armen lag. Wie ein Verbrechen erschien es ihm, ihren Krper zu berhren,
der zu schwach war, den mindesten Widerstand leisten zu knnen; nach und
nach kam ihm dann auch zu Bewutsein, da er sehr groartig dabei
handle, und diese kindliche Freude an einem seltsamen Erlebnis strkte
seine Willenskraft. Er lie einen Wagen holen und begleitete sie,
nachdem er von ihr die Adresse erfahren hatte, bis zum Hause hin, wo er
sich mit freundlichen und beruhigenden Worten verabschiedete.

              *       *       *       *       *

Als Erika sich wieder in ihrem Zimmer befand, war auch der letzte Rest
des Rausches verflogen. Nur das Geschehene der letzten Stunden war ihr
unklar und verschwommen, aber sie dachte nicht mit scheuer ngstlichkeit
zurck, sondern mit friedevoller Ruhe. In diesen glhenden Trnen war
ihre ganze junge Seele gewesen mit all ihrem Schmerz: mit der groen
drckenden Liebe, mit der wilden und brennenden Schmach und der letzten,
beinahe vollbrachten Erniedrigung.

Langsam kleidete sie sich aus.

Alles hatte so kommen mssen; denn es gibt Menschen, die nicht zur Liebe
geboren sind, denen nur die heiligen Schauer der Erwartung blhen, weil
sie zu schwach sind, die schmerzhaften Seligkeiten der Erfllungen zu
tragen.

Erika dachte ber ihr Leben nach. Sie wute nun, da die Liebe nicht
mehr zu ihr kommen wrde, und da sie ihr nicht entgegengehen drfe; die
Bitterkeit des Entsagens nahte ihr zum letzten Male.

Einen Augenblick zgerte sie noch in geheimer unverstndlicher Scham;
doch dann lste sie die letzten Hllen vor dem Spiegel.

Sie war noch jung und schn. In ihrem bltenweien Krper lag noch die
hellschimmernde Frische frher Jahre, in sanfter, fast kindlicher
Rundung bebten ihre Brste, die in wilder innerer Erregung sich hoben
und senkten, leise und zart in rhythmisch verflieendem Linienspiel.
Strke und Geschmeidigkeit prunkte in den Gliedern, alles war
geschaffen und bereit, eine schenkende Liebe kraftvoll zu empfangen und
zu erhhen, Seligkeiten zu geben und zu nehmen im wechselnden Spiel, dem
heiligsten Ziele entgegen zu schaffen und das verklrte Wunder der
Schpfung in sich zu erleben. Und das alles sollte ungentzt und
unfruchtbar vergehen, wie die Schnheit einer Blume, die ein Wind
verweht, ein taubes Korn im unbersehbaren Garbenfelde der Menschheit?

Eine milde vershnliche Resignation kam ber sie, die Hoheit der
Menschen, die durch den grten Schmerz gegangen. Und auch den Gedanken,
da diese blhende Jugend einem, einem einzigen bestimmt gewesen sei,
der sie begehrt und verachtet habe, auch diese letzte schwerste Prfung
fand keinen Groll mehr bei ihr. Wehmtig lschte sie das Licht und
sehnte sich nur mehr nach dem leisen Glck milder Trume.

              *       *       *       *       *

Diese wenigen Wochen umgrenzten das Leben der Erika Ewald. In ihnen lag
alles beschlossen, was sie erlebte, und die vielen spteren Tage gingen
an ihr vorber, gleichgltig wie Fremde. Ihr Vater starb, die Schwester
heiratete einen Beamten, Verwandte und Freunde trugen Glck und Unglck,
nur in ihre einsamen Stunden lie sie das Schicksal nicht mehr ein. Ihr
konnte das Leben nichts mehr anhaben mit seiner strmischen Gewalt; die
tiefe Wahrheit war ihr bewut geworden, da der groe heilige Friede, um
den sie gerungen, nicht anders errungen wird, als durch einen tiefen
luternden Schmerz, da es kein Glck gebe fr den, der nicht den Weg
der Leiden gegangen ist. Aber diese Weisheit, die sie dem Leben
abgezwungen, blieb nicht kalt und unfruchtbar; die Fhigkeit zur
spendenden Liebe, die einst ihr Wesen in heien Konvulsionen
erschttert, zog sie nun zu den Kindern hin, die sie Musik lehrte und
denen sie vom Schicksal und seinen Tcken erzhlte, wie von einem
Menschen, vor dem man sich hten mu. Und so gingen ihre Monate, Tag fr
Tag dahin.

Und wenn der Frhling ins Land kam und warmer segnender Sommer, dann
berstrmten auch ihre Abende von inniger Schnheit....

Sie sa dann am Klavier beim offenen Fenster. Von auen zitterte ein
feiner wrziger Duft herein, wie ihn der erste Frhling bringt, und das
Brausen der Grostadt war fern wie ein Meer, das seine strmischen
Fluten gegen die weien Gestade wirft. Im Zimmer trllerte der
Kanarienvogel die lustigsten Lufe, und drauen vom Gang hrte man die
Knaben des Nachbars mit ihren tollen, bermtigen Spielen. Wenn sie aber
zu spielen begann, dann wurde es drauen still; leise, ganz leise ging
dann die Tr auf, und ein Knabenkopf nach dem anderen schob sich herein,
um andchtig zu horchen. Und Erika fand wehmtige Melodieen mit ihren
weien schmalen Fingern, die immer heller und durchleuchtender zu werden
schienen, dazwischen leise Phantasieen, bei denen verhallte Erinnerungen
anklangen.

Und einmal, als sie so spielte, kam ihr ein Motiv, dessen sie sich nicht
entsinnen konnte. Und sie spielte es immer wieder, bis sie es jhlings
erkannte; das Volkslied, die wehmtige Liebesweise, mit der er sein
Liebeslied begonnen.....

Da lie sie die Finger sinken und trumte wieder von der Vergangenheit.
Ganz ohne Groll und Neid waren ihre Gedanken. Wer wei, ob es nicht das
Beste gewesen, da sie sich damals nicht gefunden.... Und ob sie sich
vertragen? Wer kann es wissen?....... Aber ..... -- sie
schmte sich beinahe des Gedankens -- ein Kind htte sie gerne von ihm
gehabt, ein schnes goldlockiges Kind, das sie htte wiegen und warten
knnen, wenn sie allein war, ganz einsam war.......

Sie lchelte. Was fr dumme Trumereien das doch waren!

Und tastend suchten ihre Finger wieder das vergessene Liebesmotiv.......




Der Stern ber dem Walde




    Franz Carl Ginzkey
           in herzlicher Gesinnung




Einmal, als sich der schlanke und sehr soignierte Kellner Franois beim
Servieren ber die Schulter der schnen polnischen Grfin Ostrowska
herabneigte, geschah etwas Seltsames. Nur eine Sekunde whrte es und war
kein Zucken und kein Erschrecken, keine Regung und Bewegung. Und doch
war es eine jener Sekunden, in die tausende Stunden und Tage voll Jubel
und Qual gebannt sind, gleichwie der groen dunkelrauschenden Eichen
wilde Wucht mit all ihren wiegenden Zweigen und schaukelnden Kronen in
einem einzigen verflatternden Samenstubchen geborgen ist. Nichts
uerliches geschah in dieser Sekunde. Franois, der geschmeidige
Kellner des groen Rivierahotels beugte sich tiefer hinab, um die Platte
dem suchenden Messer der Grfin besser zurecht zu legen. Doch sein
Gesicht ruhte diesen Moment knapp ber der weichgelockten duftenden
Welle ihres Hauptes, und als er instinktiv das devot gesenkte Auge
aufschlug, sah sein taumelnder Blick, in wie milder und weileuchtender
Linie ihr Nacken sich aus dieser dunklen Flut in das dunkelrote
bauschende Kleid verlor. Wie Purpurflammen schlug es in ihm auf. Und
leise klirrte das Messer an die unmerklich erzitternde Platte. Obzwar er
aber in dieser Sekunde alle Folgenschwere dieser jhen Bezauberung
ahnte, meisterte er gewandt seine Erregung und bediente mit der khlen
und ein wenig galanten Verve eines geschmackvollen Garons weiter. Er
reichte die Platte mit geruhigem Gange dem steten Tischgenossen der
Grfin, einem lteren, mit ruhiger Grazie begabten Aristokraten, der mit
fein akzentuierter Betonung und einem kristallenen Franzsisch
gleichgltige Dinge erzhlte. Dann trat er ohne Blick und Gebrde von
dem Tisch zurck.

Diese Minuten waren der Beginn eines sehr seltsamen und hingebungsvollen
Verlorenseins, einer so taumelnden und trunkenen Empfindung, da ihr das
gewichtige und stolze Worte Liebe beinahe bel ansteht. Es war jene
hndisch treue und begehrungslose Liebe, wie sie die Menschen sonst
inmitten ihres Lebens gar nicht kennen, wie sie nur ganz junge und ganz
alte Leute haben. Eine Liebe ohne Besonnensein, die nicht denkt, sondern
nur trumt. Er verga ganz jene ungerechte und doch unauslschliche
Miachtung, die selbst kluge und bedchtige Leute gegen Menschen im
Kellnerfracke bezeugen, er sann nicht nach Mglichkeiten und Zufllen,
sondern nhrte in seinem Blute diese seltsame Neigung, bis ihre geheime
Innigkeit sich aller Bespottung und Bemnglung entrang. Seine
Zrtlichkeit war nicht die der heimlich zwinkernden und lauernden
Blicke, die jh losbrechende Khnheit verwegener Gebrden, die sinnlose
Brnstigkeit lechzender Lippen und zitternder Hnde, sie war ein stilles
Mhen, ein Walten jener kleinen Dienste, die um so erhabener und
heiliger in ihrer Demut sind, als sie wissend unbemerkt bleiben. Er
strich nach dem Souper ber die zerknllten Tischtuchfalten vor ihrem
Platze mit so zrtlichen und kosenden Fingern, wie man wohl liebe und
weichruhende Frauenhnde streichelt; er rckte alle Dinge ihrer Nhe
mit hingebungsvoller Symmetrie zusammen, als ob er sie zu einem Feste
bereite. Die Glser, die ihre Lippen berhrt hatten, trug er sich
sorgsam in sein enges dumpfes Dachlukenzimmer und lie sie im perlenden
Mondlicht nchtlich auffunkeln wie kstliches Geschmeide. Stets war er
aus irgend einem Winkel der geheime Behorcher ihres Schreitens und
Wandelns. Er trank ihre Sprache so wie man einen sen und
duftberauschenden Wein wollstig auf der Zunge wiegt, und fing die
einzelnen Worte und Befehle gierig wie Kinder den fliegenden Spielball.
So trug seine trunkene Seele in sein armes und gleichgltiges Leben
einen wechselnden und reichen Glanz. Nie kam ihm die weise Torheit, das
ganze Ereignis in die kalten, vernichtenden Worte der Tatschlichkeit zu
kleiden, da der armselige Kellner Franois eine exotische, ewig
unerreichbare Grfin liebte. Denn er empfand sie gar nicht als
Wirklichkeit, sondern als etwas sehr Hohes, sehr Fernes, das nur mehr
mit seinem Abglanz des Lebens reichte. Er liebte den herrischen Stolz
ihrer Befehle, den gebietenden Winkel ihrer schwarzen, sich fast
berhrenden Augenbrauen, die wilde Falte um den schmalen Mund, die
sichere Grazie ihrer Gebrden. Unterwrfigkeit schien ihm
Selbstverstndlichkeit, und die demtigende Nhe niederen Dienstes
empfand er als Glck, weil er ihr zu danke so oft in den zauberischen
Kreis treten durfte, der sie umfing.

So ward in dem Leben eines einfachen Menschen pltzlich ein Traum wach,
gleich einer edlen und sorgfltig gezchteten Gartenblte, die an einer
Strae blht, wo sonst der Wanderstaub alle Keime zertritt. Es war der
Taumel eines schlichten Menschen, ein zauberischer und narkotischer
Traum inmitten eines kalten, gleichtnigen Lebens. Und Trume solcher
Menschen sind wie die ruderlosen Boote, die ziellos in schaukelnder
Wollust auf stillen, spiegelnden Wassern treiben, bis pltzlich ihr Kiel
mit jhem Ruck an ein unbekanntes Ufer stt.

              *       *       *       *       *

Die Wirklichkeit ist aber strker und robuster als alle Trume. Eines
Abends sagte ihm der feiste Waadtlnder Portier im Vorbergehn: Die
Ostrowska fhrt morgen mit dem Acht-Uhr-Zug. Und dann noch ein paar
andre gleichgltige Namen, die er berhrte. Denn ein wirres Brausen und
Wirbeln war aus diesen Worten in seinem Hirne geworden. Ein paar Mal
fuhr er sich mechanisch mit den Fingern ber die geprete Stirn, als
wollte er eine drckende Schicht wegschieben, die dort lagerte und das
Verstndnis umdmmerte. Er machte ein paar Schritte; es war ein Taumeln.
Unsicher und erschreckt glitt er an einem hohen goldgerahmten Spiegel
vorbei, aus dem ihm ein fahles und fremdes Gesicht kreidig
entgegenstarrte. Die Gedanken wollten nicht kommen, sie waren gleichsam
festgemauert hinter einer dunklen nebligen Wand. Fast unbewut tastete
er am Gelnder die breite Treppe in den umdmmerten Garten hinab, wo die
hohen Pinien-Bume einsam standen wie finstere Gedanken. Noch ein paar
Schritte wankte seine unruhige Gestalt, gleich dem niederen und
taumelnden Flug eines groen dunklen Nachtvogels, dann sank er auf eine
Bank, den Kopf an die khle Lehne gepret. Es war ganz still dort.
Rckwrts zwischen den runden Struchern funkelte das Meer. Weiche und
zitternde Lichter glhten dort leise, und in der Stille verlor sich der
eintnig murmelnde Singsang fernpltschernder Brandungsquellen.

Und pltzlich war alles klar, ganz klar. So schmerzklar, da er fast ein
Lcheln fand. Es war einfach alles zu Ende. Die Grfin Ostrowska fhrt
nach Hause, und der Kellner Franois bleibt auf seinem Posten. War dies
denn so seltsam? Gingen nicht alle die Fremden fort, die kamen, nach
zwei, nach drei, nach vier Wochen? Wie tricht, das nicht berdacht zu
haben. Es war ja alles so klar, zum Lachen, zum Weinen klar. Er lachte
ganz laut in seinem jhen ingrimmigen Schmerz. Und die Gedanken
schwirrten und schwirrten. Morgen abend, mit dem Acht-Uhr-Zug nach
Warschau. Nach Warschau -- Stunden und Stunden durch Wlder und Tler,
ber Hgel und Berge, ber Steppen und Flsse und durch brausende
Stdte. Warschau! Wie weit das war! Er konnte es sich gar nicht
ausdenken, aber im tiefsten fhlen, dieses stolze und drohende, harte
und ferne Wort: Warschau. Und er.....

Eine Sekunde flatterte noch eine kleine trumerische Hoffnung auf. Er
konnte ja nachfahren. Und dort sich verdingen als Diener, als Schreiber,
als Fuhrknecht, als Sklave; als frierender Bettler dort auf der Strae
stehn, aber nur nicht so furchtbar ferne sein, den Atem derselben Stadt
nur atmen, sie manchmal vielleicht vorberbrausen sehen, nur ihren
Schatten sehen, ihr Kleid und ihr dunkles Haar. Schon zuckten eilfertige
Trumereien empor. Aber die Stunde war hart und unerbittlich. Er sah das
Unerreichbare nackt und klar. Er rechnete: hundert oder zweihundert
Francs Ersparnisse im besten Falle. Das reichte kaum die Hlfte des
Weges. Und was dann? Wie durch einen zerrissenen Schleier sah er auf
einmal sein Leben, fhlte, wie arm, wie klglich, wie hlich es jetzt
werden mute. de leere Kellnerjahre, zermartert von trichter
Sehnsucht, diese Lcherlichkeit sollte seine Zukunft sein. Wie ein
Schauder kam es ber ihn. Und pltzlich liefen alle Gedankenketten
strmisch und unabwendbar zusammen. Es gab nur eine Mglichkeit. --

Leise schwankten die Wipfel in einer unmerklichen Brise. Eine finstere
schwarze Nacht stand drohend vor ihm. Da erhob er sich sicher und
gelassen von seiner Bank und schritt ber den knirschenden Kies zu dem
groen, in weiem Schweigen schlafenden Hause empor. Bei ihren Fenstern
blieb er stehen. Sie waren blind und ohne ein funkelndes Lichterzeichen,
daran sich trumerische Sehnsucht htte entznden knnen. Nun ging sein
Blut in ruhigen Schlgen, und er schritt wie einer, den nichts mehr
verwirrt und betrgt. In seinem Zimmer warf er sich ohne jede Erregung
auf das Bett und schlief dumpfen traumlosen Schlaf bis zum rufenden
Morgenzeichen.

              *       *       *       *       *

Am nchsten Tage war sein Gebaren gnzlich in den Grenzen sorgfltig
gezirkelter berlegung und erzwungener Ruhe. Mit khler Gleichgltigkeit
erledigte er seine Pflichten, und seine Gebrden hatten eine so sichere
und sorglose Gewalt, da niemand hinter der trgerischen Maske den
herben Entschlu htte ahnen knnen. Kurz vor der Stunde des Diners
eilte er mit seinen kleinen Ersparnissen in das vornehmste
Blumengeschft und kaufte erlesene Blumen, die ihn in ihrer farbigen
Pracht wie Worte anmuteten: feuergolden glhende Tulpen, die wie eine
Leidenschaft waren, weie breitgekrnzte Chrysanthemen, die wie lichte
und exotische Trume anmuteten, schmale Orchideen, die schlanken Bilder
der Sehnsucht und ein paar stolze betrende Rosen. Und dann erstand er
eine prchtige Vase aus opalisierendem funkelndem Glase. Die paar
Francs, die ihm noch blieben, schenkte er im Vorbergehen einem
Bettelkinde mit rascher und sorgloser Gebrde. Und eilte zurck. Die
Vase mit den Blumen stellte er mit wehmtiger Feierlichkeit vor das
Kuvert der Grfin, das er nun zum letzten Male mit einer voluptusen und
langsamen Peinlichkeit bereitete.

Dann kam das Diner. Er servierte wie immer: khl, lautlos und geschickt,
ohne aufzuschauen. Nur zum Ende umfing er ihre ganze biegsame, stolze
Gestalt mit einem unendlichen Blicke, von dem sie nie wute. Und nie
erschien sie ihm so schn, wie in diesem letzten wunschlosen Blick. Dann
trat er ruhig, ohne Abschied und Gebrde vom Tische zurck und ging aus
dem Saal. Wie ein Gast, vor dem sich die Bedienten beugen und neigen,
schritt er durch die Gnge und ber die vornehme Empfangstreppe hinab
der Strae zu: man htte fhlen mssen, da er mit diesem Augenblick
seine Vergangenheit verlie. Vor dem Hotel blieb er eine Sekunde
unschlssig stehen: dann wandte er sich den blinkenden Villen und
breiten Grten entlang einem Wege zu, weiter, immer weiter wandelnd in
seinem nachdenklichen Promenadeschritt, ohne zu wissen, wohin.

              *       *       *       *       *

Bis zum Abend irrte er so unstet in trumerischem Verlorensein. Er sann
ber nichts mehr nach. Nicht ber Vergangenes und nicht ber das
Unabwendbare. Er spielte nicht mehr mit dem Todesgedanken, so wie man
wohl noch in den letzten Augenblicken den funkelnden, mit tiefem Auge
drohenden Revolver prfend in der wgenden Hand hebt und wieder senkt.
Lngst hatte er sich das Urteil gesprochen. Nur Bilder kamen noch, in
flchtigem Fluge, gleich ziehenden Schwalben. Zuerst die Jugendtage bis
zu einer verhngnisvollen Schulstunde, da ihn ein trichtes Abenteuer
aus einer verfhrerisch winkenden Zukunft jhlings in das Gewirre der
Welt stie. Dann die rastlosen Fahrten, Mhen um den Taglohn, Versuche,
die immer wieder miglckten, bis die groe finstere Welle, die man
Schicksal nennt, seinen Stolz zerbrach und ihn an einen unwrdigen
Posten warf. Viele farbige Erinnerungen wirbelten vorber. Und
schlielich glnzte noch die sanfte Spiegelung dieser letzten Tage aus
den wachen Trumen; und jhlings stieen sie wieder das dunkle Tor der
Wirklichkeit auf, das er durchschreiten mute. Er besann sich, da er
noch heute sterben wollte.

Eine Weile sann er ber die vielen Wege, die zum Tode fhren, und wgte
ihre Bitterkeit und Behendigkeit gegeneinander ab. Bis ihn pltzlich ein
Gedanke durchzuckte. Aus trben Sinnen fiel ihm jh ein finsteres Symbol
ein: so wie sie unwissend und vernichtend ber sein Schicksal
hinweggebraust war, so sollte sie auch seinen Krper zermalmen. Sie
selbst sollte es vollbringen. Sie selbst ihr Werk vollenden. Und nun
hasteten die Gedanken mit unheimlicher Sicherheit. In einer knappen
Stunde, um acht Uhr ging der Expre ab, der sie ihm entfhrte. Dem
wollte er sich unter die Rder werfen, sich zerstampfen lassen von der
gleichen strmenden Gewalt, die ihm die Frau seiner Trume entri. Unter
ihren Fen wollte er verbluten. Die Gedanken strmten und strmten
gleichsam jubelnd einander nach. Er wute auch den Ort. Weiter oben am
Waldhang, wo die rauschenden Wipfel den letzten Blick auf die nahe Bucht
verdunkelten. Er sah auf die Uhr: fast schlugen die Sekunden und sein
hmmerndes Blut den gleichen Takt. Es war schon Zeit, sich auf den Weg
zu machen. Nun kam mit einem Male Elastizitt und Zielsicherheit in
seine schlaffen Schritte, jener harte eilige Takt, der das Trumen im
Vorwrtswandeln erttet. Unruhig strmte er in die dmmernde Pracht des
sdlichen Abends der Stelle zu, wo zwischen den fernen bewaldeten Hgeln
der Himmel eingebettet war als purpurner Streif. Und er eilte vorwrts,
bis er an das Geleise kam, das mit seinen beiden silbernen Linien vor
ihm aufglnzte und seinen Weg geleitete. Und sie fhrten ihn in
gewundenem Zuge aufwrts durch die tiefen duftenden Tale, deren dunstige
Schleier das matte Mondlicht durchsilberte, sie lenkten ihn im
steigenden Gange in das Hgelland, wo man sah, wie ferne das weite
nachtschwarze Meer mit seinen funkelnden Strandlichtern aufglnzte. Und
sie zeigten ihm endlich den tiefen, unruhig rauschenden Wald, der das
Geleise in seinen sinkenden Schatten begrub.

Es war schon spt, als er nun schweratmend am dunklen Hange des Waldes
stand. Schauerlich und schwarz reihten sich die Bume um ihn. Nur hoch
oben in den durchschimmernden Kronen spann ein fahles zitterndes
Mondlicht in den Zweigen, die sthnten, wenn sie die leise Nachtbrise in
die Arme nahm. Manchmal zuckten seltsame Rufe ferner Nachtvgel in diese
dumpfe Stille. Die Gedanken erstarrten ihm ganz in dieser bangenden
Einsamkeit. Er wartete nur, wartete und starrte, ob nicht unten an der
Kurve der ersten ansteigenden Serpentine das rote Licht des Zuges
auftauchten wollte. Manchmal sah er wieder nervs auf die Uhr und zhlte
die Sekunden. Dann horchte er wieder nach dem fernen Schrei der
Lokomotive. Aber es war eine Tuschung. Ganz still wurde es wieder. Die
Zeit schien erstarrt zu sein.

Endlich glnzte fern unten das Licht. Er fhlte in dieser Sekunde einen
Sto im Herzen, wute aber nicht, ob es Furcht oder Jubel war. Mit jher
Gebrde warf er sich hin auf die Schienen. Zuerst fhlte er einen
Augenblick nur die wohlige Khle der Eisenstreifen an seiner Schlfe.
Dann horchte er. Der Zug war noch weit. Minuten mochte es wohl dauern.
Noch hrte man nichts auer dem flsternden Rauschen der Bume im Wind.
Wirr sprangen die Gedanken. Und pltzlich einer, der blieb und sich wie
ein schmerzhafter Pfeil in sein Herz bohrte: da er um ihretwillen starb
und sie es nie ahnen wrde. Da nicht eine einzige leise Welle seines
aufschumenden Lebens die ihre berhrt hatte. Da sie nie wissen wrde,
da ein fremdes Leben an ihrem gehangen, an ihrem zerschmettert sei.

Ganz leise keuchte von ferne durch die atemstille Luft der rhythmische
Gang der steigenden Maschine. Aber der Gedanke brannte unvermindert und
folterte die letzten Minuten des Sterbenden. Nher und nher ratterte
der Zug. Und da schlug er noch einmal die Augen auf. ber ihm war ein
schweigender blauschwarzer Himmel und ein paar rauschende Kronen. Und
ber dem Walde ein weier blinkender Stern. Ein einsamer Stern ber dem
Walde.... Schon begannen die Schienen unter seinem Kopfe leise zu
schwingen und zu singen. Aber der Gedanke brannte wie Feuer in seinem
Herzen und in dem Blicke, der alle Glut und Verzweiflung seiner Liebe
fate. Alle Sehnsucht und diese letzte schmerzliche Frage fluteten ber
in den weien leuchtenden Stern, der mild auf ihn niedersah. Nher und
nher schmetterte der Zug. Und der Sterbende umfing noch einmal mit
einem letzten unsagbaren Blick den funkelnden Stern, den Stern ber dem
Walde. Dann schlo er die Augen. Die Schienen zitterten und wankten,
nher und nher stampfte der ratternde Gang des fliegenden Zuges, da
der Wald drhnte wie von groen hmmernden Glocken. Die Erde schien zu
taumeln. Noch ein betubendes sausendes Schwirren, ein wirbelndes
Getse, dann ein schriller Pfiff, der ngstliche tierische Schrei der
Dampfpfeife und das gelle Sthnen einer vergeblichen Bremse.....

              *       *       *       *       *

Die schne Grfin Ostrowska hatte im Zuge ein eigenes reserviertes
Coup. Seit der Abfahrt las sie einen franzsischen Roman, sanft gewiegt
von der schaukelnden Bewegung des Wagens. Die Luft des engen Raumes war
schwl und getrnkt von dem drckenden Dufte vieler welkender Blumen.
Schon nickten von den prchtigen Abschiedskrben die weien
Fliedertrauben mde herab wie berreife Frchte, erschlafft hingen die
Blten an den Stengeln, und die schweren und breiten Kelche der Rosen
schienen zu welken in der heien Wolke der berauschenden Dfte.
Erstickende Schwle wrmte diese schweren Duftwellen, die trge
niederdrckten, selbst in der sausenden Eile des Zuges.

Pltzlich lie sie mit matten Fingern das Buch sinken. Sie wute selbst
nicht, warum. Ein geheimes Gefhl war es, das sie aufri. Sie fhlte
einen dumpfen schmerzlichen Druck. Ein jher, unverstndlicher
beklemmender Schmerz umprete ihr Herz. Sie glaubte ersticken zu mssen
in dem schwlen betubenden Dunst der Blumen. Und dieser ngstigende
Schmerz wich nicht, sie fhlte jede Schwingung der sausenden Rder, das
blinde Vorwrtsstampfen marterte sie unsglich. Eine pltzliche
Sehnsucht packte sie, den eilenden Schwung des Zuges hemmen zu knnen,
ihn zurckzureien von dem dunklen Schmerz, dem er entgegenstrmte. Nie
hatte sie in ihrem Leben eine hnliche Angst vor etwas Furchtbarem,
Unsichtbarem, Grausamem ihr Herz umklemmen gefhlt, als in diesen
Sekunden unverstndlichen Schmerzes und unbegreiflicher Angst. Und immer
wilder wurde dieses unsagbare Gefhl, immer enger der Druck um die
Kehle. Wie ein Gebet sthnte in ihr der Gedanke, da der Zug anhalten
mge.

Da pltzlich ein schriller Signalpfiff, der wilde warnende Schrei der
Lokomotive und das klgliche knirschende Sthnen der Bremse. Und
verlangsamt der Rhythmus der fliegenden Rder, langsamer und langsamer,
dann ein ratterndes Stammeln und ein stockender Sto....

Mhsam tappt sie zum Fenster, um die khle Luft zu trinken. Die Scheibe
rasselt nieder. Drauen schwarze, strmende Gestalten .... fliegende
Worte von wechselnden Stimmen: ein Selbstmrder.... Unter den Rdern....
Tot.... Auf freiem Feld....

Sie zuckt zusammen. Instinktiv trifft ihr Blick den hohen schweigenden
Himmel und drben die schwarzen rauschenden Bume. Und ber ihnen ein
einsamer Stern ber dem Walde. Sie fhlt seinen Blick wie eine funkelnde
Trne. Sie sieht ihn an und sprt jhlings eine Traurigkeit, wie sie
sie nie gekannt. Eine Traurigkeit voll Glut und Sehnsucht, wie sie in
ihrem eigenen Leben nie war...

Langsam rattert der Zug wieder weiter. Sie lehnt in der Ecke und sprt
leise Trnen ber die Wangen tropfen. Die dumpfe Angst ist gewichen, sie
fhlt nur noch einen tiefen seltsamen Schmerz, dessen Spur sie vergebens
nachsinnt. Einen Schmerz, wie ihn verschreckte Kinder haben, wenn sie in
finstrer undurchdringlicher Nacht pltzlich erwachen und fhlen, da sie
ganz einsam sind....




Die Wanderung




    E. M. Lilien
          dem Knstler und dem Freunde




Dunkle Gerchte waren durch das Land gezogen und seltsame Worte, als
sollte die Zeit sich erfllt haben und der Messias nahe sein. Immer
hufiger kamen Mnner von Jerusalem zu den kleineren Orten Judas und
erzhlten von Zeichen und Wundern, die sich ereignet hatten. Und wenn
sie zu wenigen beisammen waren, dann senkten sie ihre Stimmen
geheimnisschwer, um von dem seltsamen Manne zu knden, den sie Meister
nannten. Allerorts hrte man sie dann gerne und glaubte ihnen mit banger
Zuversicht, denn die Sehnsucht nach dem Erlser war drngend und reif
geworden im Volke, wie eine Blte, die ihren Kelch zersprengt. Und wenn
man der Verheiungen in den heiligen Bchern gedachte, so nannte man
seinen Namen, und ein hoffnungsfrohes Leuchten flammte in den Blicken.

Damals lebte auch ein Jngling im Lande, dessen Herz glubig war und
erwartungsvoll. Die armen Pilger, die des Weges von Jerusalem kamen, lud
er in sein Haus, da sie ihm vom Heilande berichteten, und wenn sie von
ihm sprachen und von seinen wunderseligen Taten und Worten, da fhlte er
einen dumpfen Schmerz im Herzen, denn sein Verlangen wurde jh und
ungestm, das Angesicht des Erlsers zu schauen. Tag und Nacht trumte
er von ihm, und seine rastlose Sehnsucht formte tausend Bilder seines
Antlitzes voll Gte und Milde, er aber fhlte, da sie doch nur
stammelnde Abbilder einer groen Vollendung seien. Und ihm war, als
mte alle Unrast und Schmerzlichkeit seiner jungen Seele schwinden,
drfte er nur einmal den leuchtenden Glanz tragen, der von dem Herrn
ausging. Noch aber wagte er es nicht, Heimat und Arbeit zu verlassen,
die ihn ernhrten, und dorthin zu gehen, wohin ihn seine Sehnsucht wies.

Einmal aber erwachte er pltzlich in tiefer Nacht aus einem Traum. Er
vermochte sich seiner nicht mehr zu besinnen, nicht einmal, ob er ihm
Glck gegeben oder einen Schmerz; er fhlte nur so, als ob ihn jemand
von ferne gerufen htte. Und da wute er, da der Heiland ihn zu sich
entboten. Im schwersten Dunkel erwuchs ihm noch der jhe Entschlu, da
er nun nicht mehr zaudern drfe, seines Herrn Angesicht zu schauen, und
der sehnschtige Drang ward so siegreich und mchtig in ihm, da er sich
sogleich ankleidete, einen starken Wanderstab nahm und, ohne jemandem
ein Wort zu sagen, aus dem schlummernden Hause ging, den Weg gegen
Jerusalem zu.

Helles Mondlicht lag auf der Strae, und der Schatten seiner hastenden
Gestalt eilte vor ihm her. Denn sein Schritt war beschleunigt und
beinahe ngstlich; es schien, als wollte er das monatelange Versumnis
in dieser einen Nacht wett machen. In ihm bangte ein Gedanke, den er
sich kaum zu sagen wagte: es knnte zu spt sein, und er wrde den
Heiland nicht mehr finden. Und manchmal berkam ihn auch die bange
Furcht, er knnte den Weg verfehlen. Aber dann gedachte er des innigen
Wunders, das er vernommen von drei Knigen aus fernem Lande, die ein
leuchtender Stern durch das Dunkel gefhrt. Und da verlie wieder die
lstige Schwere seine Seele, und der eilende Wanderschritt hallte sicher
und fest auf dem harten Pfade.

Einige Stunden eilte er so dahin, dann ward es Morgen. Langsam hob sich
der Nebel und zeigte das farbensatte Hgelland mit seinen fernen Bergen
und hellen Gehften, die zur Rast einluden. Er aber hielt nicht inne auf
seiner Wanderung, sondern strebte unablssig weiter. Langsam stieg die
Sonne hher und hher. Und es ward ein heier Tag, der sich schwer ber
das Land legte.

Bald wurde sein Schritt langsamer. Lichte Schweiperlen tropften von
seinem Krper, und das schwere Feiertagsgewand begann ihn zu drcken.
Zuerst legte er es ber die Schulter, um es zu bewahren, und ging in
rmlicher Gewandung dahin. Bald aber begann er die Schwere der Last zu
fhlen und wute nicht mehr, was er mit dem Kleide beginnen sollte. Er
wollte es nicht weggeben, denn er war arm und hatte kein anderes
Feiertagsgewand, so da er schon daran dachte, es im nchsten Dorfe zu
verkaufen oder als Pfand fr Geld zu geben. Aber als ein Bettler
mhselig des Weges daherkam, dachte er seines fernen Meisters und
schenkte das Gewand dem Armen.

Eine kurze Zeit ging er wieder rstiger, doch dann verlangsamte sich von
neuem sein Gang. Die Sonne stand schon hoch und hei, und die Schatten
der Bume fielen nur als schmale Streifen ber den staubigen Weg. Sehr
selten kam ein schwacher Wind durch die stockende Mittagsschwle, der
aber trieb den breitkrnigen und schweren Staub der Strae mit sich, der
sich an den schweiberstrmten Krper klebte. Und er fhlte ihn auch
auf den vertrockneten Lippen brennen, die lange nach einem Trunke
lechzten. Aber die Gegend war gebirgig und de, nirgends war ein
frischer Quell zu sehen oder ein gastliches Haus.

Manchmal kam ihm der Gedanke, er sollte umkehren oder doch wenigstens im
Schatten einige Stunden rasten. Aber eine immer wachsende Unruhe trieb
ihn weiter mit schwankenden Knieen und lechzenden Lippen seinem Ziele
entgegen.

Inzwischen war es Mittag geworden. Die Sonne brannte hei und stechend
vom wolkenlosen Himmel herab, und die Strae glhte unter den Sandalen
des Wanderers wie flssiges Erz. Seine Augen waren rot und geschwollen
vom Staube, der Gang wurde immer unsicherer, und die ausgetrocknete
Zunge vermochte nicht mehr den seltenen Vorberwandernden den frommen
Willkommengru zu erwidern. Lngst htten alle Krfte versagt, aber es
war, als triebe der Wille allein ihn noch vorwrts und die furchtbare
Angst, er knnte sich verspten und mchte das leuchtende Antlitz nicht
mehr schauen, das seine Trume erhellte. Und der hhnische Gedanke, da
er ihm schon nahe sei, nur mehr zwei armselige Stunden von der heiligen
Stadt, drohte ihm das Gehirn zu zersprengen.

Bis zu einem Hause am Wege schleppte er sich noch fort. Mit letzter
Kraft warf er den knorrigen Wanderstab gegen die Tr und bat die
ffnende Frau mit trockener und fast unhrbarer Stimme um einen Trunk.
Dann brach er ohnmchtig ber der Schwelle zusammen.

Als er wieder zur Besinnung erwachte, fhlte er wieder sichere und
frische Kraft in seinen Gliedern. Er fand sich in einem kleinen Raum von
wohltuender Khle auf einem Ruhebette ausgestreckt. Und berall die
Spuren einer mildttig-sorglichen Hand; sein glhender Krper war mit
Essig gewaschen worden und sorgfltig gesalbt, und neben seinem Lager
stand noch das Gef, aus dem man ihn gelabt.

Sein erster Gedanke galt der Zeit, und er sprang rasch vom Lager, um
nach der Sonne zu sehen. Die stand noch hoch, denn es war erst frher
Nachmittag, so da er wenig Zeit versumt hatte. In diesem Augenblicke
trat die Frau ins Zimmer, die ihm frher das Tor geffnet. Sie war noch
jung und dem Aussehen nach eine Syrierin; wenigstens hatten ihre Augen
jenen dunklen raubtierartigen Glanz der Frauen dieses Volkes, und ihre
Hnde und Ohrgehnge verrieten die kindliche Freude am Schmuck, die
allen diesen Frauen eigen ist. Ihr Mund lchelte leise, als sie ihm
Willkommen in ihrem Hause bot.

Er sagte ihr warmen Dank fr ihre Gastfreundschaft, wagte es aber nicht,
gleich vom Abschied zu sprechen, so sehr ihn auch sein Herz auf den Weg
drngte. Und nur ungern folgte er ihr in das Speisegemach, wo sie ihm
eine Mahlzeit vorbereitet. Dort hie sie ihn mit einer Gebrde sich
niederzulassen, fragte ihn dann nach seinem Namen und um das Ziel seiner
Reise. Und bald kamen sie ins Gesprch. Sie begann von sich zu erzhlen,
da sie die Frau eines rmischen Centurio sei, der sie aus ihrem
Heimatlande entfhrt hatte und hierhergebracht, wo ihr das Leben in
seiner Eintnigkeit, fern von ihren Stammesgenossen, wenig behage. Heute
bliebe er den ganzen Tag in der Stadt, denn Pontius Pilatus, der
Statthalter, habe die Hinrichtung dreier Verbrecher angeordnet. Und so
sprach sie noch allerlei gleichgltige Dinge mit viel Geschftigkeit,
ohne auf seine unruhige und ungeduldige Miene zu achten. Und manchmal
sah sie ihn mit einem eigentmlich lchelnden Blick an, denn er war ein
schner Jngling.

Zuerst bemerkte er von alldem nichts, denn er achtete nicht auf sie und
lie ihre Worte wie ein sinnloses Gerusch an sich vorbeistrmen. Sein
ganzes Denken verlor sich immer wieder in dem einzigen Gedanken, da er
weiterwandern msse, um noch heute den Heiland zu sehen. Aber der
schwere Wein, den er achtlos trank, gab seinen Gliedern Mdigkeit und
Schwere, und mit der Sttigung berkam ihn auch das sanfte Gefhl einer
trgen Behaglichkeit. Und als die sinkende Willenskraft ihn nach dem
Mahle zu einem matten Versuche zwang, Abschied zu nehmen, hielt sie ihn
mit Hinblick auf die drckende Hitze des Nachmittags ohne viel Mhe
zurck.

Und lchelnd verwies sie ihm seine Hast, die mit wenigen Stunden geize.
Wenn er schon Monate gezgert, drfe er doch nicht mit einem einzigen
Tage rechnen. Und mit ihrem seltsamen Lcheln kam sie immer wieder
darauf zurck, da sie allein zu Hause sei, ganz allein. Dabei bohrte
sich ihr Blick verlangend in den seinen. Und auch ber ihn war eine
seltsame Unruhe gekommen. Der Wein hatte in ihm dumpfe Begierden
geweckt, und sein Blut, das in dem kochenden, verzehrenden Brande der
Sonne geglht, pochte in seinen Adern mit einer seltsamen Schwle, die
sein Denken immer mehr berwltigte. Und als sie ihr Antlitz einmal nah
zu dem seinen neigte und er den verlockenden Duft ihrer Haare einsog,
ri er sie zu sich und kte sie in strmischem berschwang. Und sie
wehrte ihm nicht...

Und er verga seiner heiligen Sehnsucht und dachte nur derer, die er in
seinen fiebernden Armen hielt, einen langen schwlen Sommernachmittag
lang.

Erst die Dmmerung erweckte ihn wieder aus seinem Taumel. Jh, fast
feindselig ri er sich aus ihren Armen los, denn der Gedanke, er knnte
den Messias versumt haben um eines Weibes willen, machte ihn
furchterfllt und wild. In Hast nahm er seine Kleider, ergriff den Stab
und verlie das Haus nur mit einer stummen Gebrde des Abschieds. Denn
wie eine Ahnung war es in ihm, da er dieser Frau nicht Dank sagen
drfe.

In unaufhrlicher Hast strebte er Jerusalem zu. Der Abend war schon
gesunken, und in allen sten und Zweigen bebte ein Rauschen wie von
einem dunklen Geheimnis, das die Welt erfllte. Und ferne in der
Richtung gegen die Stadt zu lagen ein paar dunkelschwere Wolken, die
langsam im Abendrote zu glhen begannen. Und sein Herz erschrak in jher
und unverstndlicher Angst, wie er dieses grelle Zeichen am Himmel
erkannte.

Atemlos legte er den Rest des Weges zurck, und schon lag das Ziel vor
seinen Augen. Er aber dachte immer wieder, da er seiner Berufung untreu
geworden sei, um einer flchtigen Wollust willen, und die dumpfe Schwere
in seinem Herzen wollte nicht leichter werden, ob er auch die hellen
Mauern und blanken Trme der heiligen Stadt erblickte und die
leuchtenden Zinnen des Tempels.

Nur einmal hielt er inne auf seiner Wanderung. Nahe der Stadt, auf einem
niederen Hgel, sah er eine gewaltige Menge Menschen, die sich wirr
durcheinander drngte und so laut lrmte, da er die Stimmen selbst aus
der Ferne vernahm. Und ber ihnen sah er drei Kreuze ragen, die sich
schwarz und scharf von der Himmelswand abhoben. Diese aber war
berflutet von heller Glut, als sei die ganze Welt mit leuchtendem
Flammenschein bergossen und in drohenden Glanz getaucht. Und die
blanken Speere der Sldner glhten, als seien sie mit Blut
befleckt....

Ein Mann kam auf dem menschenleeren Weg daher, mit ziellosem, unruhigem
Gang. Den fragte er, was hier geschehe, um im nchsten Augenblick malos
zu erstaunen. Denn das Antlitz, das der Fremde vom Boden erhob, war so
schreckverzerrt und erstarrt, wie von einem jhen Schlage gerhrt, und
ehe sich der Fragende fassen konnte, strmte er in wilder Verzweiflung
davon, wie von Dmonen verfolgt. Verwundert rief er ihm nach. Der Fremde
wendete sich nicht um, sondern lief fort und fort, aber dem
Weiterwandernden dnkte es, als htte er in ihm einen Mann aus Kerijoth,
namens Judas Ischariot, erkannt. Doch er verstand nicht sein seltsames
Gebaren.

Den Nchsten, der des Weges vorberzog, befragte er ebenfalls. Der aber
war eilig und sagte nur, es seien drei Verbrecher gekreuzigt worden, die
Pontius Pilatus verurteilt habe. Und ehe er ihn weiter fragen konnte,
war er vorber.

Und da ging er selbst weiter gegen Jerusalem zu. Einmal warf er noch
einen Blick zurck auf den Hgel, der wie mit Blut umwlkt war, und sah
zu den drei Gekreuzigten hin. Zum Rechten, zum Linken und zuletzt zu dem
in der Mitte. Aber er konnte sein Angesicht nicht mehr erkennen.

Und er schritt achtlos vorber und wanderte zur Stadt, um das Antlitz
des Erlsers zu schauen....




Die Wunder des Lebens




    Hans Mller
          dem lieben Freunde




Die graue Nebelfahne hatte sich tief ber Antwerpen gesenkt und hllte
die Stadt ganz in ihr dichtes, drckendes Tuch. Die Huser verflossen
bald in einem feinen Rauch, und die Straen fhrten ins Ungewisse: ber
ihnen aber ging wie ein Wort Gottes aus den Wolken ein drhnendes
Klingen und ein surrender Ruf, denn die Kirchtrme, aus denen die
Glocken mit gedmpfter Stimme klagten und baten, waren zerronnen in
diesem groen wilden Nebelmeer, das Stadt wie Land erfllte und ferne im
Hafen die unruhigen, leise grollenden Fluten des Ozeans umschlang. Hie
und da kmpfte ein matter Lichtschein mit dem feuchten Rauche und suchte
ein grelles Schild zu beleuchten, aber nur das verschwommene Lrmen und
Lachen harter Kehlen verriet die Schenke, in der sich die Frierenden und
die des Wetters Unlustigen zusammengefunden hatten. Die Gassen waren
leer, und wenn Gestalten vorbeikamen, so war es nur wie ein flchtiger
Streif, der rasch in Nebel zerrann. Trostlos und mde war dieser
Sonntagmorgen.

Nur die Glocken riefen und riefen ohne Unterla, wie verzweifelt, da
der Nebel ihren Schrei erstickte. Denn die Andchtigen waren sprlich;
die fremde Ketzerei hatte Fu gefat im Lande, und wer nicht abtrnnig
geworden, war lssiger und matter im Dienst des Herrn, so da eine
morgendliche Nebelwolke gengte, um viele ihrer Pflicht zu entfremden.
Alte, verhutzelte Frauen, die ihre Rosenkrnze emsig surrten, arme Leute
in schlichtem Sonntagsgewand standen wie verloren in den tiefen dunklen
Hallen der Kirche, aus denen das schimmernde Gold der Altre und
Kapellen und das leuchtende Megewand wie eine milde und sanfte Flamme
entgegenstrahlte. Wie durchgesickert durch die hohen Wnde war der
Nebel, denn auch hier wohnte die traurig-frstelnde Stimmung der
verlassenen, versponnenen Straen. Und kalt, herbe, ohne den sonnigen
Strahl war auch die Morgenpredigt: sie galt den Protestanten und war von
wildem Zorn getragen, in dem sich Ha mit starkem Kraftbewutsein
vermhlte, denn die Zeiten der Milde schienen vorbei, und von Spanien
her kam den Klerikern die frohe Kunde, da der neue Knig mit
lobenswerter Strenge dem Werk der Kirche diene. Und mit den schildernden
Drohungen des letzten Gerichtes vereinten sich dunkle Worte der Mahnung
fr die nchste Zeit, die vielleicht unter einer zahlreichen Hrerschar
durch das raunende Gesthle weitergerauscht wren, so aber, in der
dunklen Leere drhnend und hohl zu Boden fielen, wie erfroren in der
nakalten schauernden Luft.

Whrend der Predigt waren zwei Mnner rasch beim Hauptportal
eingetreten, fr den ersten Augenblick unkenntlich durch den hoch
aufgeschlagenen hllenden Mantel und das tief ins Antlitz verstrmte
Haar. Der grere lste sich mit einem jhen Ruck aus der nassen Hlle:
ein klares, nicht aber ungewhnliches Gesicht, zu dessen wohlbehbigem,
brgerlichen Schnitt die reiche Kaufherrntracht wohl pate. Der andere
war absonderlicher, wenn auch nicht phantastisch gekleidet: seine
sanften und ruhigen Bewegungen harmonierten mit seinem etwas
grobknochig-buerlichen, aber gutherzigen Gesicht, dem die weie Wucht
der herabwallenden Haare die Milde eines Evangelisten verliehen. Sie
verrichteten beide eine kurze Andacht; dann winkte der Kaufherr seinem
lteren Begleiter zu, ihm zu folgen, und sie gingen langsam und mit
behutsamen Schritten in das Seitenschiff, das fast ganz im Dunkel lag,
weil die Kerzen unruhig im feuchten Raume zitterten und vor den farbigen
Scheiben die schwere Wolke lag, die sich noch immer nicht erhellen
wollte. Vor einer der kleinen Seitenkapellen, die meist Stiftungen und
Gelbnisse der erbgesessenen Familien enthielten, blieb der Kaufherr
stehen, und mit der Hand gegen einen der kleinen Altare hindeutend,
sagte er kurz: Hier ist es.

Der andere trat nher und legte die Hand ber das Auge, um die Dmmerung
besser zu durchdringen. Der eine Altarflgel trug ein lichtes Bild, das
im Dunkel nur noch weicher und milder in seiner Tnung zu werden schien
und den Blick des Malers sogleich fesselte. Es war die Muttergottes mit
dem vom Schwert durchbohrten Herzen, ein Bild, ganz sanft und
vershnungsvoll trotz seines Schmerzes und seiner Traurigkeit. Ein
seltsam ser Kopf war die Maria, nicht so sehr Mutter Gottes wie
trumerische blhende Jungfrau, der ein leiser schmerzlicher Gedanke die
lchelnde Anmut spielender Sorglosigkeit nimmt. Schwarze, dicht
herabflieende Haare umschlossen zrtlich angepret ein schmales,
blaleuchtendes Gesicht, aus dem die Lippen rot entgegenbrannten, wie
eine purpurne Wunde. Wundersam fein waren die Zge, und manche Linie,
wie der schmale und sichere Schwung der Augenbrauen legten einen fast
begehrlichen Schein und eine spielerische Schnheit ber das zarte
Antlitz, aus dem die dunklen Augen versonnen trumten, wie aus einer
andern vielfarbigeren und seren Welt, der sie ein banger Schmerz
entfhrt. Die Hnde waren sanft ergebungsvoll gefaltet, und die Brust
schien noch leicht schreckhaft zu erbeben vor der kalten Berhrung des
Schwertes, dem entlang die blutende Spur ihrer Wunde verstrmte. All
dies war in wundersamen Glanz getaucht, der ihr Haupt golden
berflammte, und selbst ihr Herz glhte nicht wie warmes rauschendes
Blut, sondern wie das mystische Licht des Kelches im farbigen Scheine
der sonnedurchleuchteten Kirchenscheiben. Und die flieende Dmmerung
nahm noch den letzten Schein der Weltlichkeit dieses Bildes, so da der
Heiligenschein ber diesem sen Mdchenhaupte so lebendig glhte wie
wahrhaftiges Schimmern der Verklrung.

Beinahe ungestm raffte sich der Maler aus seiner nachhaltigen und
bewundernden Betrachtung auf.

Das hat keiner von den Unsrigen gemalt.

Der Kaufherr nickte zustimmend mit dem Kopf.

Ein Italiener war es. Ein junger Maler. Aber das ist eine ganze
Geschichte. Ich will sie Euch von Anfang an beginnen, und Ihr selbst
sollt es sein, wie Ihr wit, der Ihr den Schlustein setzt. Doch seht:
die Predigt ist zu Ende, wir wollen fr Historien andern Platz suchen
als die Kirche, wiewohl ihr unser Bemhen und gemeinsam Werk gelten
wird. Lat uns gehn!

Der Maler blieb noch zgernd einige Augenblicke stehen, ehe er sich vom
Bilde abwandte, das immer leuchtender zu werden schien, in dem Mae, als
die rauchige Finsternis sich zu erhellen strebte und der Dunst immer
goldener um die Fenster sich wlbte. Und es war ihm fast, als wrde,
wenn er andchtig betrachtend zurckbliebe, die sanft-schmerzliche
Falte dieser Kinderlippen sich in ein Lcheln verlieren und neue
Holdseligkeit ihm offenbaren. Doch sein Begleiter war schon
vorausgegangen, und er mute seinen Schritt beschleunigen, um ihn noch
beim Portale zu erreichen. Gemeinsam, wie sie gekommen waren, traten sie
aus der Kirche.

Aus dem schweren Nebelmantel, den der Vorfrhlingsmorgen der Stadt
umgehngt hatte, war ein matter, silberner Flor geworden, der wie ein
Spitzengewebe sich an den gegiebelten Dchern verfangen. Das
enggesteinte Pflaster glnzte feucht-atmend wie Stahl, und schon begann
sich das erste Sonnenflimmern goldig darin zu spiegeln. Der Weg der
beiden ging durch die schmalen verwinkelten Gassen dem hellen Hafen zu,
wo der Kaufherr wohnte. Und da sie langsam dahinschritten, in Gedanken
und Erinnerung verloren, fhrte des Kaufherrn Geschichte schneller hin
zum Ziele als ihrer Schritte trumerischer Gang.

Ich hab Euch schon erzhlt, begann er, da ich in jungen Jahren in
Venezia war. Und um nicht lang zu zgern: ich trieb es nicht sehr
christlich. Statt meines Vaters Contor zu verwalten, sa ich in Schenken
mit dem jungen Volk, das dort den lieben Tag in Saus und Braus
verbringt, trank, spielte, wute auch schon manches freche Lied und
manchen bittern Fluch ber den Tisch zu donnern, wie die andern. An
Heimkehr dacht' ich nicht. Das Leben war mir leicht, wie meines Vaters
Worte, die er mir dringender und drohender von Hause schrieb: man
kannte mich und hatte ihn gewarnt, da mich das Luderleben noch
verschlingen wrde. Ich lachte nur, manchmal mit rgernis: ein rascher
Schluck von diesem dunkelsen Wein schwemmte mir alle Bitterkeiten weg,
und tat's nicht er, so tat's ein Dirnenku. Die Briefe ri ich auf und
bald entzwei: mich hatte ganz der bse Rausch gefat, ich dachte nie
mehr loszukommen. Doch eines Abends ward ich alles frei. Sehr seltsam
war's, und manchmal fhl' ich's heute noch so, als htte sichtbarlich
ein Wunder meinen Weg gebahnt. Ich sa in meiner Schenke: heut noch seh'
ich sie mit ihrem Qualm und Dunst und meinen Kneipgesellen. Auch Dirnen
waren mit, und eine war sehr schn; wir trieben's selten toller als in
dieser Nacht, die strmisch war und sehr unheimlich. Pltzlich, als eben
eine unzchtige Historie drhnendes Lachen weckte, trat mein Diener ein
und gab mir einen Brief, den der Kurier von Flandern gebracht hatte. Ich
war sehr rgerlich, weil ich die Briefe meines Vaters ungern sah, denn
sie mahnten mich unablssig an meine Pflicht und an ein christlich Tun,
zwei Dinge, die ich lngst im Wein ersuft hatte. Ich wollt' ihn nehmen:
da sprang der eine meiner Kneipgesellen auf, ein schner Bursch,
geschickt und aller ritterlichen Knste Meister. La doch den
Unkenschrei! Was geht's dich an! rief er und warf den Brief hoch, ri
seinen Degen rasch heraus und stie geschickt das niederflatternde Blatt
tief in die Wand, da die blaue geschmeidige Klinge zitterte. Er zog sie
vorsichtig zurck -- der geschlossene Brief blieb an seiner Stelle. Da
klebt die Fledermaus, lachte er. Die andern schlugen in die Hnde, die
Dirnen sprangen freudig zu ihm auf, man trank ihm zu. Ich lachte selbst,
trank mit, zwang mich zu toller Frhlichkeit, in der ich Brief und
Vater, Gott und mich verga. Wir gingen fort, ohne da ich noch des
Briefes dachte, zu einer andern Schenke, wo unsre Frhlichkeit zur
Torheit wurde. Ich war berauscht wie nie, und eine der Dirnen war schn
wie die Snde. --

Der Kaufherr blieb unwillkrlich stehen und strich sich mit der Hand
mehrmals ber die Stirne, gleichsam, als wollte er ein unerfreuliches
Bild von sich abstreifen. Der Maler merkte rasch die Peinlichkeit der
Erinnerung und sah ihn nicht an, sondern lie seinen Blick wie neugierig
auf einer raschsegelnden Galeone ruhen, die sich mit vollen Segeln dem
Hafen nherte, in dessen farbigem Gewirre die beiden langsam angelangt
waren. Das Schweigen dauerte nicht lange, und der Erzhler fuhr mit
Hastigkeit fort.

-- Ihr knnt Euch denken, wie es wurde. Ich war jung und verwirrt, sie
frech und schn. Wir gingen zusammen, und ich war voll Unrast und
Begierde. Aber ein Sonderbares geschah. Als ich in ihren buhlerischen
Armen lag und sich ihr Mund an meinen prete, da ward diese Zrtlichkeit
mir nicht wilder, gern erwiderter Genu, sondern in wunderbarer Weise
mahnten mich diese Lippen an den sanften Abendgru im Elternhause. Mit
einem Male, wundersam und kaum glaublich, fiel mir in den Armen der
Dirne meines Vaters zerknllter, zerstoener, ungelesener Brief ein und
mir war, als fhlte ich den Sto des Gesellen in meiner blutenden Brust.
Ich fuhr auf, so unvermittelt und bla, da mich die Dirne erschreckten
Blickes befragte, was mir zugestoen sei. Aber ich schmte mich meiner
trichten Angst, und ich schmte mich dieses fremden Weibes, in dessen
Bett ich gelegen und deren Schnheit ich genossen, ohne ihr den
trichten Gedanken eines Augenblickes anvertrauen zu wollen. Aber in
dieser Minute hat sich mein ganzes Leben gewandelt, und heut wie damals
fhle ich, da nur Gottes Gnade solches wirken kann. Ich warf ihr Geld
hin, das sie widerwillig nahm, weil sie frchtete, da ich sie verachte,
und nannte mich einen deutschen Narren. Ich aber hrte nicht mehr,
sondern strmte fort in die kalte Regennacht und schrie wie ein
Verzweifelter in die dunklen Kanle hinaus nach einer Gondel. Endlich
kam eine, die sich ihre Fahrt mit Gold aufwiegen lie, aber mein Herz
pochte in einer so jhen, unbarmherzigen und unbegreiflichen Angst, da
ich an nichts anderes dachte als an den Brief, den mir ein Wunder so
jhlings wieder in Erinnerung gebracht. Als ich bei der Schenke
angelangte, brach die Begierde nach diesen Zeilen aus wie ein zehrendes
Fieber; ein Rasender strmte ich jh in die Schenke, ohne der
freudig-erstaunten Rufe meiner Genossen zu achten, sprang auf einen
glserklirrenden Tisch, ri den Brief von der Wand und rannte weiter,
ohne das tolle Hohnlachen und zornige Fluchen hinter mir zu beachten. An
der nchsten Ecke entfaltete ich den Brief mit zitternden Hnden. Der
Regen strmte nieder vom verwlkten Himmel, und der Wind ri an dem
Blatt in meiner Hand. Ich lie aber nicht frher ab, als bis ich mit
berquellenden Augen alles entziffert hatte. Es waren nicht viel der
Worte: meine Mutter sei zum Sterben krank, und ich mchte nach Hause
kommen. Kein Wort des Tadels und Vorwurfs wie sonst. Aber wie brannte
mein Herz in tiefster Scham, als ich sah, da des Degens Klinge mitten
durch meiner Mutter Namen gestoen war.....

Ein Wunder, ein offenbarliches Wunderzeichen, nicht allem Volke
verstndlich, aber wohl dem, fr den es erstanden, murmelte der Maler,
als der Erzhler tiefbewegt in Schweigen versunken war. Eine Zeitlang
gingen sie wieder wortlos nebeneinander her. Fernber leuchtete schon
das prchtige Haus des Kaufherrn ihnen entgegen. Als der Kaufherr
aufblickend es bemerkte, fuhr er hastig fort.

Lat mich kurz sein, lat mich Euch verschweigen, in welchem Schmerz
und reuevollem Wahnsinn ich diese Nacht verlebte. Lat Euch nur sagen,
da mich der nchste Morgen knieend auf den Stufen der Markuskirche
fand, wo ich in brnstigem Gebete der Muttergottes einen Altar gelobte,
wenn sie mir vergnnen wollte, meiner Mutter Gru und Verzeihung zu
erlangen. Am selben Tage reiste ich ab, reiste Stunden und Tage der
Verzweiflung und Angst nach Antwerpen, strmte wild und verzweifelt zu
meiner Eltern Haus. Vor dem Tore stand meine Mutter, gealtert und bla,
doch wohlauf. Als sie mich sah, breitete sie mir jubelnd die Arme
entgegen, und ich weinte vieler Tage Sorge und vieler vergeudeter Nchte
Schmach an ihrem Herzen aus. Mein Leben ist seitdem ein anderes
geworden, ich darf beinah sagen ein gutes. Das Liebste, das ich hatte,
jenen Brief, habe ich eingesargt in den Grundstein dieses Hauses, das
meiner Hnde Arbeit geschaffen hat, und mein Gelbde habe ich zu lsen
gesucht. Bald nach meiner Ankunft lie ich den Altar errichten, den Ihr
gesehn habt, und bot alle Mhe auf, ihn wrdig zu schmcken. Da ich aber
unbekannt war in den Geheimnissen, nach denen ihr Eure Kunst zu werten
wit und der Muttergottes ein wrdiges Bild weihen wollte, so wie sie
mir ihr Wunder geoffenbart, schrieb ich an einen treuen Freund nach
Venedig, er mge mir den Tchtigsten der Maler senden, den er kenne, da
er mir das Werk meines Herzens wrdig vollende.

Monate vergingen. Eines Tages stand ein junger Mann vor meiner Tr,
berief sich seiner Sendung und entbot mir Gru und Brief meines
Freundes. Der italienische Maler, dessen wunderbaren und seltsam
traurigen Gesichtes ich mich noch wohl besinne, glich durchaus nicht den
lrmenden und grosprecherischen Kumpanen meiner Venezianer Zechgelage.
Eher htte man ihn als Mnch empfangen, denn als Maler, weil sein
Habitus schwarz und lang war, seine Haare schlicht gereiht und sein
Antlitz von jener vergeistigten Blsse der Nachtwachen und Askesen. Der
Brief besttigte nur jenen gnstigen Eindruck und zerstreute meine
Bedenken ob der Jugend des Meisters; die alten Maler, schrieb mir mein
Freund, seien in Italien stolzer als Frsten, und es hielte schwer, sie
auch mit dem verlockendsten Angebot aus ihrer Heimat zu entfernen, wo
sie umringt seien von Freunden und Frauen, von Frsten und Volk. Diesen
jungen Meister habe nur der Zufall bestimmt: die Sehnsucht, wegen eines
ihm unbekannten Grundes Italien zu verlassen, sei ihm dringender gewesen
als alles Geldes Angebot, denn man kenne auch daheim des jungen Malers
Wert und wisse ihn zu ehren.

Es war ein stiller verschlossener Mann, den mir mein Freund gesandt.
Nie habe ich von seinem Leben etwas erfahren, nur dunklen Andeutungen
entnahm ich, da eine schne Frau schmerzlichen Anteil an seinem
Geschicke habe und er um ihretwillen die Heimat verlassen. Und, wiewohl
ich keinen Beweis dafr habe und mich solches Tun ketzerisch und
unchristlich anmutet, so meine ich, da jenes Bild, das Ihr gesehn und
das er im Verlauf weniger Wochen ohne Vorbild und mhsame Bereitung aus
der Erinnerung gemalt, jener Frau Zge erhalte, die er geliebt. Denn
immer, wenn ich zu ihm kam, fand ich ihn, wie er das gleiche se
Antlitz, das ihr gesehen, von neuem versuchte oder trumend in seiner
Betrachtung verweilte. Und als ich nach des Bildes Vollendung in
heimlicher Angst ob der Gottlosigkeit, eine Dirne als Gottesmutter zu
malen, ihm anbefahl, fr das zweite Bild eine andere Gestalt zu whlen,
da blieb er stumm. Und des nchsten Tages, als ich zu ihm ging, war er
ohne ein Wort des Abschieds von hinnen gereist. Ich trug Bedenken mit
diesem Bilde den Altar zu schmcken, doch der Priester, den ich
befragte, verstattete es ohne jegliches Besinnen.....

Und er hat recht getan, fiel der Maler beinahe erregt ein. Denn woher
sollten wir die holde Schnheit unserer lieben Frauen zu schildern
wissen, wenn nicht von der Schnheit jeder Frau, die uns begegnet. Sind
wir nicht nach Gottes Bilde geschaffen und mu nicht, um das
Vollkommenste darzubieten, das Vollendetste unter den Menschen eine,
wenngleich nur matte Folie des Unsichtbaren sein! Seht! Ich, den ihr
bestimmt, das zweite Bild zu schaffen, ich bin einer der Armen, die
nicht zu malen wissen ohne die Natur, denen es nicht gegeben ist, von
innen zu bilden, sondern die in mhsamer Nachzeichnung des Wahrhaftigen
ihr Werk erschaffen. Nicht meine Liebste wrde ich whlen, um die Mutter
Gottes wrdig zu bilden, denn es wre sndhaft, die Unbefleckte durch
einer Snderin Antlitz zu sehen, aber ich wrde nach Schnheit spren
und diejenige malen, deren Antlitz mir am meisten unserer Gottesmutter
Zge zeigte, wie ich sie in meinen frommen Trumen erschaut. Und glaubt,
obgleich eines sndigen Menschen Antlitz, wenn ihr in frommer Hingebung
es schafft, bleibt nichts von Schlacken der Begehrlichkeit und
Sndhaftigkeit in diesen Zgen, ja dieser wunderbaren Reinheit Zauber
wirkt oft weiter als ein Zeichen in der irdischen Frauen Angesicht.
Dies Wunder meint' ich oftmals selbst zu sehn.

In jedem Fall -- Euch traue ich. Ihr seid ein reifer Mann, der viel
geduldet und gelebt, und so Ihr keine Snde darin findet...

Im Gegenteil! Ich find' es lobenswert, und nur die Protestanten wie
andere Sektierer eifern gegen den Schmuck des Gotteshauses!

Da habt ihr recht. Doch bitt' ich Euch, beginnt bald mit dem Bild, denn
wie eine Snde brennt dies ungelste Gelbde auf mir. Durch zwanzig
Jahre verga ich an das zweite Bild: erst jngst, als ich meines Weibes
gramvolles Angesicht sah, wie sie am Krankenbette meines Kindes weinte,
fhlte ich diese Schuld und erneute mein Gelbde. Und Ihr wit, auch
diesmal hat die Muttergottes ein Wunder der Genesung dort gewirkt, wo
alle rzte sich mit Verzweiflung abgewandt hatten. Ich bitte Euch,
zgert nicht lange mit dem Werk.

Ich tue, was ich kann, doch frei herausgesagt, fast nie in meiner
langen Schaffenszeit ist mir ein Werk so schwer erschienen, denn wenn es
nicht als eines Stmpers leichtfertiges Gefge neben dieses jungen
Meisters Bild erscheinen soll -- von dessen Wirken ich mehr zu wissen
begehre -- mu Gottes Hand mit meinem Werke sein.

Der fehlt seinen Treuen nie. Lebt wohl! Und schreitet wohlgemut zum
Werk. Ich hoffe, Ihr bringt mir bald frohe Kunde ins Haus.

Der Kaufherr schttelte ihm vor seiner Pforte noch einmal innig die Hand
und sah vertrauensvoll in die klaren Augen des Malers, die wie ein
helleuchtender Gebirgssee, den verwitterte Zacken und Schroffen
umgrenzen, aus dem derbdeutschen, kantigen Gesichte entgegenblauten.
Der hatte noch ein entgegnendes Wort auf den Lippen, verschluckte es
aber mutig und fate mit festem Drucke die dargebotene Hand. In innig
verstehenden Gefhlen schieden die beiden.

Der Maler ging langsam den Hafen entlang, wie es stets seine Gewohnheit
war, wenn ihn nicht die Arbeit an seine Stube fesselte. Er liebte dieses
wilde farbenreiche Bild, darin die Arbeit ungebrochen pulste, und
manchmal setzte er sich auf einen Taupflock nieder, um irgend eines
Schaffenden seltsame Krperbiegung nachzubilden und der schwierigen
Kunst der Verkrzungen ein fubreit Weges abzuringen. Ihn strte nicht
der laute Ruf der Schiffer, das Rasseln der Wagen und das Meer, das sich
mit seinem gleichtnigen lallenden Geschwtze an die Ufer warf, ihm
waren jene Blicke gegeben, die zwar nicht leuchten vom Abglanz innerer
selbstgeschauter Bilder, die aber in allem Lebenden, so gleichgltig es
auch sich gebrden mag, jenen Strahl erkennen, der ein Kunstwerk zu
erleuchten vermag. Darum ging er auch immer ins Leben, wo es sich am
farbigsten ausstrahlte und verwirrende Flle wechselnder Reize
ausatmete; zwischen dem Matrosenvolk streifte er mit langsamen Schritten
und suchendem Auge, ohne da ihn jemand zu verlachen wagte, denn unter
dem vielen lrmenden unntzen Volk, das ein Hafen ansammelt, so wie der
Strand die tauben Muscheln und zerbrckelndes Gestein, fiel er durch
sein stilles Gebaren und die Ehrwrdigkeit seiner Mienen auf.

Diesmal aber stand er bald von seiner Suche ab. Des Kaufherrn Geschichte
hatte ihn im Tiefsten berhrt, weil sie leise auch an ein eigenes
Schicksal gestreift, und selbst der Kunst sonst so hingebender Zauber
versagte heute seinen Dienst. ber allen Frauenantlitzen, und ob sie
auch nur plumpe Fischergestalten waren, leuchtete der milde Glanz des
Muttergottesbildes von des jungen Meisters Hand. Unschlssig wandelte er
in trumerischen Gedanken eine Zeitlang dem sonntglich geputzten
Getriebe entlang; dann aber mhte er sich nicht mehr, dem sehnschtigen
Drange zu widerstehen, und durch das dunkle Netz der winkeligen Gassen
suchte er wieder zur Kirche zurck zu jener milden Frau wundersamem
Konterfei.

              *       *       *       *       *

Einige Wochen gingen seit jener Unterredung dahin, in welcher der Maler
seinem Freunde die Vollendung des Bildes fr den Altar der Gottesmutter
zugesagt hatte, und noch immer blickte die unberhrte Leinwand
vorwurfsvoll den alten Meister an, der sie beinahe zu frchten begann
und die Stunden immer lieber auf der Strae zubrachte, um nicht die
grausame Mahnung und den schweigenden Vorwurf seiner Mutlosigkeit fhlen
zu mssen. In diesem Leben regsamer Arbeit, das vielleicht sogar zu viel
gewirkt hatte, um prfend in sich selbst zu schauen, war seit jenem Tag,
da der Maler des jungen Meisters Bild erblickt, eine Wendung geschehen;
Zukunft und Vergangenheit waren jhlings aufgerissen und blickten ihn
an, wie ein leerer Spiegel, in den nur Dunkelheit und Schatten strmen.
Und nichts Furchtbareres gibt es, als den Schauer eines Lebens, das
schon auf dem letzten Grat seines Aufstieges aufblickt, vom mutvollen
Schreiten und dann von sinnender Angst befallen, es habe den Fehlweg
eingeschlagen, die Kraft verliert, die letzten leichtesten Futapfen
nach vorwrts zu machen. Mit einem Mal schien dem Maler, der in seinem
Leben schon hundert und aberhundert frommer Darbildungen gemalt, die
Fhigkeit zerronnen, eines Menschen Angesicht wrdig zu gestalten, da
es ihm selbst so schiene, als sei es gttlichen Wesens wrdig. Er hatte
Frauen gesucht, solche, die ihr Antlitz verkauften fr die Stunde der
Nachbildung, solche, die ihren Leib verkauften, Brgersfrauen und sanfte
Mdchen, deren Gesicht berleuchtet war vom durchglhenden Schimmer
innerer Reinheit; aber stets, wenn sie nahe vor ihm standen und er den
Pinsel ansetzen wollte zum ersten Strich, da fhlte er ihre
Menschlichkeit. Er sah die blonde gefrige Behbigkeit in der einen,
die wilde verhaltene Gier, sich im Liebeskampfe auszutoben, in der
andern, er fhlte die leere Gltte hinter den kurzen glnzenden
Mdchenstirnen und erschrak beim plumpen Schritt und bei der verbuhlten
Hftenbiegung der Dirnen. Und die Welt ward ihm mit einem Male so de,
alle diese Menschen, die er um sich sah: der Atem der Gttlichkeit
schien ihm ausgelscht, berwuchert von dem blhenden Fleische dieser
begehrlichen Frauen, die nichts mehr wuten von dem mystischen Magdtum
und den sanften Schauern unbefleckter Hingebung an die Trume einer
andern Welt. Er schmte sich, die Mappen aufzuschlagen, die sein eigenes
Werk enthielten, denn ihm schien, als htte er sich selbst wie von der
Erde entfernt und sei sndig gewesen, indem er plumpe Bauern zu
Blutzeugen des Heilands und grasse Weiber zu seinen Dienerinnen erwhlt.
Dumpfer und drckender wlkte sich diese Stimmung ber ihn herab. Er sah
sich als jungen Knecht hinter seines Vaters hartem Pfluge gehen, lange
bevor er zur Kunst entlief, mit harten Bauernhnden die Egge in die
schwarze Erde stoen und fragte sich, ob er nicht besser getan, gelbes
Korn zu sen und Kindern wohlgehteten Bestand zu wahren, als mit
plumpen Fingern an Geheimnissen und Wunderzeichen zu rtteln, die nicht
fr ihn geschaffen. Sein ganzes Leben schien ihm in den Fugen zu wanken,
emporgekeilt durch die flchtige Erkenntnis einer Stunde, durch ein
Bild, das seine Trume durchschwebte und seiner wachen Minuten Folter
und Seligkeit war. Denn es war ihm nicht mehr mglich, die Muttergottes
in seinen Gebeten anders zu empfinden, als sie auf jenem Bilde war,
welches so holdseliges Konterfei bot und doch so abgewandt war von der
Schnheit aller irdischen Frauen, die ihm begegnet, so verklrt in dem
Scheine fraulicher Demut mit gttlicher Ahnung. Aller Frauen Bild, die
er geliebt, verflo in dem trgerischen Dmmer der Erinnerung in die
wundersame Hlle dieser Gestalt. Und als er sich mhte, zum ersten Male,
nicht dem Wirklichen abzulauschen, sondern eine Muttergottes nach dem
Phantasiebilde zu schaffen, das ihn durchschwebte, Maria mit dem Kinde,
sanft lchelnd und in froher ungetrbter Seligkeit, da sanken seine
Finger, die den Pinsel fhren wollten, kraftlos nieder, wie vom Krampf
gelhmt. Denn der Strom versiegte, die Fertigkeit der Finger, des Auges
Worte zu sprechen schien hilflos gegenber jenem hellen Traum, den er
mit seinem inneren Blick so deutlich sah, als sei er aufgemalt auf einer
starren Wand. Wie ein Feuer brannte dieser Schmerz der Unfhigkeit, den
schnsten und treuesten seiner Trume in die Wirklichkeit tragen zu
knnen, wenn die Wirklichkeit nicht selbst aus ihrer Flle eine Brcke
bot. Und er stellte sich die bange Frage, ob er sich selbst noch
Knstler nennen drfe, da ihm solches geschah und ob er sein Leben lang
nicht nur ein mhsam bildender Handwerker gewesen sei, der nur Farben
nebeneinander gefgt, wie ein Krrner die Steine zu einem Bau.

Solche selbstqulerische Betrachtung lie ihn keinen Tag ruhen und
trieb ihn mit zwingender Gewalt aus seiner Stube, wo ihn die leere
Leinwand und die sorgsam bereiteten Utensilien wie hhnische Stimmen
verfolgten. Mehrmals wollte er dem Kaufherrn seine Not beichten, aber er
frchtete, da dieser zwar fromme und auch wohlgesinnte Mann ihn nie
ganz verstehen knnte und eher an eine ungeschickte Ausflucht werde
glauben wollen, als seine Unfhigkeit, ein solches Werk zu beginnen, wie
er sie schon in groer Zahl und zum allgemeinen Beifall der Meister und
Laien vollendet hatte. Und so irrte er gewhnlich ratlos und rastlos in
den Straen umher, geheim erschreckend, wie ihn der Zufall oder eine
verborgene Magie aus seinen wandelnden Trumen immer wieder vor jener
Kirche erwachen lie, gleichsam als binde ihn ein unsichtbares Band an
dieses Bild oder eine gttliche Kraft, die seine Seele selbst im Traume
regiere. Manchmal trat er ein, mit der geheimen Hoffnung, da er Makel
und Fehl entdecken knne und so der zwingende Zauber gebrochen sei; vor
dem Bilde aber verga er gnzlich des jungen Meisters Schpfung neidlich
nach Kunst und Handwerk zu messen, sondern er fhlte es wie Schwingen um
sich rauschen, die ihn auftrugen in Sphren sanfteren und verklrteren
Genieens und Anschauens. Und erst wenn er die Kirche verlie und
begann, seiner selbst und eigenen Bemhens zu gedenken, fhlte er den
alten Schmerz mit doppelter Gewalt.

Eines Nachmittags war er wieder durch die hellerleuchteten Straen
geirrt, und diesmal fhlte er seine qulerischen Zweifel milder werden.
Von Sden her war der erste Frhlingswind gekommen und trug, wenn auch
nicht die Wrme, so doch die Helle vieler heranblhender Lenztage in
sich. Zum ersten Male schien dem Maler jener graue stumpfe Glanz, den
sein eigener Gram ber die Welt gelegt, sich zu lsen und Gottes Gnade
in sein Herz zu rauschen, wie immer, wenn das groe Auferstehungswunder
in flchtigen Zeichen sich verkndete. Eine klare Mrzsonne wusch alle
Dcher und Straen blank, die Wimpel wehten bunt im Hafen, der zwischen
den sanft sich wiegenden Schiffen hervorblaute und im steten Lrmen der
Stadt brauste es wie jubelndes Singen. Ein Pikett spanischer Reiter
trabte ber den Platz; man sah sie heute nicht mit feindlichen Blicken,
wie sonst, sondern freute sich des sonnigen Widerspiels ihrer Rstungen
und der blinkenden Helme. Die weien Hauben der Frauen, die der Wind
mutwillig zurckschlug, wiesen frische und farbige Gesichter; ber das
Pflaster aber trappte flink der holzschuhklappernde Tanz der Kinder, die
sich bei den Hnden faten und singend in Ringelreihn sich drehten.

Auch in den sonst so dunklen Hafengassen, denen sich nun der immer
froher werdende Wandler zuwandte, flackerte ein leichter Schimmer, wie
ein sinkender Regen des Lichts. Die Sonne konnte nicht ganz ihr
leuchtendes Angesicht zwischen diese vorgeneigten Giebeldcher blicken
lassen, denn die neigten sich dicht zusammen, schwarz und verknittert,
wie uralte Hauben zweier Mtterchen, die in stetem geschwtzigem
Gesprche stehen. Aber von Fenster zu Fenster gab sich das spiegelnde
Leuchten weiter, wie wenn funkelnde Hnde flirrend hinabgriffen und es
hin- und herschnellten in bermtigem Spiel. Und manchen Fleck gab es,
da das Leuchten still und mild blieb, wie ein trumendes Auge in der
ersten Dmmerung des Abends. Denn unten, auf der Strae, lag das Dunkel,
unbeweglich und seit Jahren, nur selten im Winter unter schneeigem
Mantel geborgen. Und die da wohnten, trugen in ihren Augen die Unlust
und Traurigkeit steter Dmmerung; nur die Kinder, denen die Seele
brannte vor Sehnsucht nach Licht und Helle, lieen sich von diesem
ersten Strahl des Frhlings vertrauensvoll verfhren und spielten in
leichter Gewandung auf dem schmutzigen, holprigen Pflaster, in ihrer
Unbewutheit tief beglckt durch den schmalen, blauen Streif, der
zwischen den Dchern lugte und durch den goldenen Tanz der
Sonnenkringel.

Der Maler ging und ging, ohne ein Mdewerden zu fhlen. Es war ihm, als
sei auch ihm ein geheimer Jubel beschieden und als sei jedes
Sonnenfunkens flchtiger Schein Gottes leuchtender Gnadenstrahl, der zu
seinem Herzen ginge. Alle Bitternis war verloschen in seinem Angesicht,
das so milde und begtigend durchleuchtet war, da die spielenden Kinder
aufstaunten und ihn frchtig grten, weil sie einen Priester in ihm zu
sehen meinten. Er ging und ging, ohne an Ziel und Ende zu denken, denn
in seinen Gliedern drngte der neue Frhlingstrieb, wie in alten
verknisterten Bumen die Blten bittend an den haltenden Bast klopfen,
da er ihre junge Kraft aufschieen lasse ins Licht. Sein Schritt war
froh und leicht wie der eines Jnglings; frischer und lebendiger schien
er zu werden, obgleich der Weg schon Stunden whrte, und rascher
geschmeidiger Takt ma die rasch zurckgelegten Strecken.

Pltzlich hielt der Maler wie versteinert inne und fuhr sich mit der
Hand schtzend ber die Augen, wie einer, den ein blitzender Strahl
verletzt oder ein schrecksames und unglaubliches Ereignis. Aufschauend
zum sonneberleuchteten Schein eines Fensters hatte er den vollen Strahl
des zurckspiegelnden Lichtes schmerzhaft in den Augen gefhlt, aber
durch jenen Nebel von Purpur und Gold war eine seltsame Erscheinung, ein
wunderbares Trugbild auf dem wirrenden Scharlachschleier erschienen: die
Madonna jenes jungen Meisters, trumerisch und leise schmerzlich
zurckgelehnt, wie auf jenem Bild. Ein Schauer berlief ihn, die
grausame Angst der Enttuschung vereint mit jenem selig zitternden
Rausch eines Begnadeten, dem die wundersame Vision der Gottesmutter
nicht im Dunkel eines Traumes, sondern in Tageshelle erschienen, ein
Wunder, das viele bezeugten und wenige wirklich erschaut hatten. Noch
wagte er den Blick nicht zu erheben, weil er sich nicht stark genug
fhlte, um den niederschmetternden Augenblick unseliger Entscheidung auf
seinen zitternden Schultern tragen zu knnen, weil er frchtete, da
diese eine Sekunde sein Leben noch grimmiger zerstampfen knnte, als die
unerbittliche Selbstqual seines verzagten Herzens. Erst als seine Pulse
langsamer und ruhiger gingen und er nicht mehr schmerzvoll ihren
Hammerschlag in der Kehle sprte, raffte er sich auf und sah langsam,
unter der berschattenden, zitternden Hand zu jenem Fenster auf, in
dessen Rahmen er das verfhrerische Bild gesehn.

Er hatte sich getuscht. Es war nicht das Mdchen von des jungen
Meisters Marienbild. Aber die erhobene Hand sank darum nicht verzagend
herab. Denn auch das, was er erschaute, schien ihm ein Wunder zu sein,
wenn auch ein viel lieblicheres, milderes und menschlicheres, als eines
Gottes Erscheinung, die im glhenden Strahl einer begnadeten Stunde
erscheint. Nur eine ferne und verlorene hnlichkeit hatte jenes Mdchen,
das sich nachdenklich ber die leuchtende Brstung des Fensters lehnte,
mit jenem Altarbild: auch ihr Gesicht war von schwarzen Locken
umfaltet, und auch sie blhte in jener geheimnisvollen und
phantastischen Blsse, aber ihre Zge waren hrter, geschrfter, fast
zornig, und um den Mund legte sich ein verweinter und trotziger Zorn,
den nicht einmal der verlorene Ausdruck ihrer trumerischen Augen
migen konnte, aus denen eine alte und tiefe Trauer empordmmerte.
Kindischer Mutwille und vererbtes vergrabenes Leid funkelten zusammen in
dieser mhsam gebndigten Unrast. Eine Stille war in ihrem Ruhen, die
sich jeden Augenblick in einer jhzornigen Bewegung lsen konnte, etwas
Phantastisches und Abenteuerliches, ber das kein sanftes Trumen
hinwegtuschen konnte; und der Maler fhlte an einem gewissen gespannten
Ausdruck ihrer Zge, da in diesem Kinde schon eine jener Frauen zu
wirken beginne, die ihre Trume leben und mit ihren Sehnschten
verwachsen, deren Seele sich an die Dinge klammert, die sie lieben, mit
allen ihren Fibern und Fasern, und die sterben, wenn sie Gewalt von
ihnen lst. Mehr aber als alle diese Sonderbarkeit und Fremdheit in
ihrem Gesichte erstaunte ihn das Wunderspiel der Natur, das hinter ihrem
Haupte im bespiegelten Fenster die sonnige Glut aufstrahlen lie wie
einen Heiligenschein, der sich um ihre Locken sammelte und sie funkeln
lie, wie schwarzen Stahl. Und in diesem Spiel meinte er deutlich die
Hand Gottes zu spren, die ihm den Weg wies, sein Werk wohlgefllig und
wrdig zu vollenden.

Ein Karrenfhrer stie derb an den in Schauen versunkenen Maler an, der
verloren inmitten der Strae stand. Gottes Zorn! Knnt ihr nicht
achtgeben oder hat es Euch alten Kerl die schne Jdin da angetan, da
ihr gafft wie ein Lmmel und den Weg versperrt?

Der Maler fuhr auf, erschreckt, aber nicht verletzt durch den groben
Ton, den er berhrt hatte ber der Kunde, die ihm dieser belgekleidete
und ruppige Genosse brachte. Und ganz erstaunt richtete er das Wort an
ihn.

Das ist eine Jdin?

Ich wei nicht, aber man sagt es. Jedenfalls ist es nicht der Leute
Kind, sie haben es wo gefunden oder bekommen. Was schert's mich, meine
Neugierde hat's nie geplagt und wird's auch nicht sobald. Fragt den
Meister selbst, wenn ihr's wissen wollt, der wei sicherlich besser als
ich, wieso er dazu gekommen ist.

Der >Meister<, auf den er wies, war ein Wirt, der Besitzer einer jener
dumpfen, verrauchten Schenken, in denen nie ganz das Leben und Lrmen
erstirbt, weil Spieler und Matrosen, Soldaten und Miggnger sich dort
einquartieren, um sie nur selten wieder zu verlassen. Breit, mit
aufgequollenem, aber gutmtigem Gesicht stand er in der schmalen Tre,
wie ein einladendes Schild. Ohne viel Besinnen trat der Maler auf ihn
zu. Sie traten ein in die Schenke; der Maler setzte sich in eine Ecke an
einen der beschmierten Holztische, ein wenig unruhig und erregt, und als
der Wirt ihm das geforderte Glas vorsetzte, bat er ihn, einen Augenblick
mit ihm den Platz zu teilen. Und leise, um ein paar Matrosen, die am
Nebentische, schon ein wenig betrunken, vor sich hingrhlten, nicht
aufmerksam zu machen, sprach er sein Anliegen aus. Er erzhlte ihm in
fliegenden, aber innerlich bewegten Worten von dem Wunderzeichen, das
ihm erschienen und bat schlielich den Wirt, der erstaunt zuhrte und
sich anscheinend bemhte, mit seinem langsamen, vom Wein verqualmten
Fassungsvermgen dem Maler zu folgen, -- er mge gestatten, da ihm
seine Tochter als Folie eines Marienbildes diene. Er verga nicht zu
erwhnen, da durch die gegebene Verstattung auch der Vater teilhaftig
werde an dem gottesfrchtigen Werk und merkte wiederholt an, da er
bereit sei, den Dienst in barem Gelde zu vergten.

Der Wirt antwortete nicht gleich, aber er whlte mit seinem dicken
Finger unablssig in den breiten, aufgeblhten Nasenlchern. Endlich
begann er.

Ihr mt mich nicht fr einen schlechten Christen halten, bei Gott
nicht, aber das Ding ist nicht so einfach, wie ihr denkt. Denn wre ich
der Vater und knnte zu meinem Kind sagen, geh hin und tu so, wie ich
dir's befehle, ich sag' Euch, unser Handel wre schon erledigt. Mit
diesem Kind ist's aber eine eigene Sache..... Donnerwetter, was
gibt's denn dort!

Er war aufgesprungen, in hellem Zorn, denn er lie sich ungern in der
Rede stren. Am andern Tische hmmerte einer wie toll mit dem leeren
Krug auf der Bank und begehrte neue Fllung. Unwirsch ri ihm der Wirt
den Humpen aus der Hand und besorgte mit unterdrcktem Fluch die frische
Ladung. Gleichzeitig nahm er auch ein Glas und die Flasche mit, stellte
sie zum Tisch des Gastes und schenkte beide Glser voll. Mit einem Ruck
war das seine hinabgesplt, und wie erfrischt wischte er sich den
struppigen Schnauzbart ab und begann.

Ich will Euch sagen, wie ich zu der Judendirne kam. Ich war Soldat, in
Italien drunten und dann in Deutschland. Ein schlechtes Handwerk sag'
ich Euch, nie schlechter als heute und damals. Ich hatt's auch ber und
wollt' eben durch Deutschland nach Hause ziehn und ein ehrbares Handwerk
ergreifen, denn geblieben war mir just nicht viel; Beutegeld rinnt
zwischen den Fingern durch, und Knauser war ich nie gewesen. Da kam's
in einer deutschen Stadt; ich war just dort, als sich eines Abends ein
groes Getse erhob. Warum, wei ich nicht mehr, doch das Volk hatte
sich zusammengerottet, die Juden zu erschlagen, und ich zog mit,
verlockt von der Hoffnung, etwas zu erhaschen, auch aus Neugierde, was
geschehen mchte. Es ging toll zu, man strmte, mordete, raubte,
schndete, und die Kerle brllten vor Lust und Begierde. Bald hatt'
ich's satt und ri mich aus dem Haufen, denn mein ehrliches Kampfschwert
mocht' ich nicht mit Weiberblut besudeln und mit Dirnen nicht um Beute
streiten. Da, in einer Nebengasse, durch die ich heim will, springt ein
alter Jude mit langem, zitterndem Bart und verstrtem Gesicht, im Arm
ein kleines vom Schlaf aufgeschrecktes Kind, auf mich zu und stottert
eine Flut kauderwelscher Worte. Alles, was ich von seinem Judendeutsch
verstand, war, da er mir viel Geld bot, wenn ich sie beide retten
wollte. Mir tat das Kind recht leid, das mich erschreckt mit seinen
groen Augen anstarrte, der Handel schien nicht bel, so warf ich ihm
meinen Mantel ber und fhrte sie in mein Quartier. Ein paar blieben
stehn auf den Gassen und zeigten nicht bel Lust, auf den Alten
loszugehen, aber ich hatte mein Schwert blank und so lieen sie die
beiden ungeschoren. Ich brachte sie zu mir, und weil mich der Alte auf
den Knieen beschwor, verlie ich noch am selben Abend die Stadt, in der
Brand und Mord bis spt in die Nacht wtete. Weit am Wege sahen wir noch
den Feuerschein, in den der Alte verzweifelt starrte, whrend das Kind
ruhig weiter schlief. Lang blieben wir drei nicht zusammen: der Alte
wurde nach wenigen Tagen auf den Tod krank und starb auf der Reise.
Zuvor gab er mir noch alles Geld, das er bei seiner Flucht
zusammengerafft hatte und ein beschriebenes Blatt in seltsamen Lettern,
das ich in Antwerpen bei einem Makler abgeben sollte, dessen Namen er
mir nannte. Sein Enkelkind befahl er mir noch sterbend an. Ich zog
hierher und wies die Schriftzeichen vor, die seltsam wirkten: der Makler
gab mir eine stattliche Summe Geldes, mehr als ich erwartet hatte. Ich
war dessen froh, denn meines Wanderlebens wurde ich so frei, kaufte mir
das Haus und diese Schenke, und der tollen Kriegszeit hab' ich bald
vergessen. Das Kind behielt ich: es tat mir leid, dann hofft' ich auch,
sie wrde, wenn sie heranwachse, mir altem Hagestolz das Haus besorgen.
Doch das kam anders.

Wie Ihr sie jetzt gesehn, so ist ihr ganzer Tag. Sie gafft zum Fenster
in die Luft hinaus, spricht niemand an und gibt nur scheue Antwort,
gleichsam geduckt, als ob sie einer schlagen wollte. Mit Mnnern spricht
sie nie. Anfangs dacht' ich, sie wrde hier in meiner Schenke helfen und
so mir manchen Gast anlocken, wie es drben des Wirten junge Tochter
tut, die mit den Gsten scherzt und sie anfeuert, da sich ein Glas nach
dem andern leert. Doch die ist zimperlich: fat sie mal einer an, so
schreit sie auf und saust zur Tr hinaus wie ein Wirbelwind. Und suche
ich sie dann, so sitzt sie sicherlich irgendwo in einem Winkel
zusammengeknult und heult, da einem das Herz brechen knnte und man
dchte, es sei ihr, wei Gott was fr Leid geschehn. Ein sonderbares
Volk!

Und sagt, unterbrach der Maler den Erzhlenden, der immer
nachdenklicher in seiner Rede zu werden schien, ist sie noch Jdin oder
schon zum Glauben bekehrt?

Der Wirt kratzte sich verlegen den Kopf. Wit Ihr, hub er dann an,
ich war ein Soldat und wei von meinem Christentum selber nicht viel.
Selten war ich in der Kirche und bin's auch jetzt nicht, so sehr mich's
reut; und um das Kind da zu bekehren, schien ich mir immer zu tricht.
Ich hab's nie recht versucht, weil mir so schien, als sei's bei diesem
trotzigen Ding verlorne Liebesmh. Einmal hat man mir schon die Priester
auf den Hals gehetzt und mir die Hlle hei gemacht; ich habe sie
vertrstet, bis das Ding vernnftig werde. Doch damit hat's wohl noch
lange Zeit, obwohl sie heute schon ihre fnfzehn Jahre hinter sich hat,
denn sie ist ganz versponnen und trotzig. Wer kennt sich aus mit diesem
Judenvolk, es sind so seltsame Menschen; der Alte schien mir gut, und
die ist auch kein bles Ding, so schwer man auch an sie herankommt. Und
was dann Eure Sache anlangt, die mir nicht bel gefllt, weil ich meine,
da ein ehrlicher Christ nie genug fr sein Seelenheil tun kann und
jedes Bemhn dereinst gewogen wird .... ich sage Euch offen, ich habe
keine rechte Gewalt ber das Kind, denn wenn sie einen mit ihren groen
schwarzen Augen anschaut, hat man nicht rechten Mut, ihr was zuleide zu
tun. Doch Ihr werdet ja sehn. Ich will sie rufen.

Er stand breitspurig auf, schenkte sich noch ein Glas voll, das er
stehend hinuntergo und stapfte dann durch die Schenke, in die eben
wieder einige Matrosen eingetreten waren, die einen undurchdringlichen
Qualm aus ihren kurzen weien Tonpfeifen emporstieen. Vertraulich
schttelte er ihnen die Hnde, fllte ihre Glser und scherzte derb mit
ihnen. Dann erinnerte er sich seiner Absicht, und der Maler hrte ihn
langsam und mit schweren wuchtigen Schritten die Treppe emporstampfen.

Ihm war sehr seltsam zumute. Das selige Vertrauen, mit dem ihn diese
glckliche Bewegung beschenkt hatte, begann sich zu trben in dem
schwellenden Lichte dieser Schenke. Straenstaub und dunkler Qualm legte
sich ber das schimmernde Bild seiner Erinnerung. Und immer und immer
wieder die dunkle Angst vor der Snde, diese feiste und viehische
Menschheit, die sich berall mit den Gestalten der irdischen Trgerinnen
so erlauchter Gedanken vermengte, emporzutragen zu dem Thron seiner
frommen Trume. Ihm schauderte, aus welchen Hnden er die Gabe empfangen
sollte, zu der ihm geheime und offenbare Wunderzeichen den Weg gewiesen.

Der Wirt trat wieder ein in die Stube, und in seinem schweren breiten
schwarzen Schatten zeichnete sich die Gestalt des Mdchens ab, das
unschlssig und wie erschreckt von dem grhlenden Qualm an der Schwelle
stehen geblieben war und sich mit den schmalen Hnden wie hilfesuchend
an den Trpfosten festhielt. Ein derbes Wort des Wirtes, das sie
eintreten hie, scheuchte ihren flchtigen Schatten eher noch mehr in
das Dunkel des Treppenganges zurck, doch schon war der Maler
aufgestanden und auf sie zugetreten. Mit seinen beiden alten, derben,
aber doch so milden Hnden fate er die ihren und fragte sie leise und
vertraulich, indem er ihr voll in die Augen schaute: Willst du dich
nicht einen Augenblick zu mir setzen.

Das Mdchen sah ihn erstaunt an, im tiefsten berrascht durch diesen
tiefen Glockenton der Milde und geklrten Liebe, der ihr zum ersten Mal
aus dem verrucherten Dunkel der Schenke entgegenschlug. Und sie fhlte
die Milde seiner Hnde und die zrtliche Gte seiner Augen mit dem
sschauernden Erschrecken derer, die Wochen und Jahre nach Zrtlichkeit
hungern und sie eines Tages mit staunender Seele empfangen. Ihres toten
Grovaters Bild erstand jh in ihrem inneren Blick, als sie die
schneeige Milde dieses Hauptes umfate, und vergessene Glocken schlugen
an in ihrem Herzen und schlugen so laut und jubelnd durch alle Adern und
bis in die Kehle hinauf, da sie kein Wort der Antwort wute. Sie
errtete nur und nickte heftig, fast wie im Zorn, so eckig und hart in
der pltzlichen Bewegung. Bangend und erwartend folgte sie ihm an seinen
Platz und setzte sich halb an seine Seite, ohne die Bank recht zu
berhren.

Der Maler beugte sich zrtlich zu ihr nieder, ohne zu sprechen. Vor dem
klaren Blick des alten Mannes glhte jh die Tragdie der Einsamkeit und
stolzen Fremdheit auf, die so frh schon in diesem Kinde kmpfte. Am
liebsten htte er sie an sich gezogen und ihr einen segnenden,
beruhigenden Ku auf die Stirne gedrckt, aber er frchtete sie zu
erschrecken und frchtete die Augen der andern, die einander lachend die
seltsame Gruppe zeigten. Er verstand dieses Kind so ganz, ohne ein Wort
von seinen Lippen zu wissen, und ein brennendes Mitleid stieg in ihm
empor, wie eine heie strmende Flut, denn er kannte die Schmerzlichkeit
jenes Trotzes, die nur so hart und jhzornig und drohend ist, weil er
Liebe ist, eine groe und unfabare Flle der Liebe, die sich
verschenken will und sich verstoen fhlt. Sanft fragte er sie: Wie
heit du, Kind?

Sie sah vertrauend, aber verwirrt zu ihm auf. Noch war ihr alles zu
seltsam, zu fremd. Und ein schchternes Zittern lag in ihrer Stimme, als
sie leise und sich halb abwendend sagte Esther.

Der alte Mann aber fhlte dennoch, da sie Vertrauen zu ihm hege, es nur
noch nicht zu zeigen wage. Und sanft begann er:

Ich bin ein Maler, Esther, und ich will dich malen. Es wird dir nichts
bles geschehen, und du wirst manches Schne bei mir sehen und manchmal
werden wir vielleicht zusammen sprechen, wie gute Freunde. Nur eine oder
zwei Stunden wird es jeden Tag dauern, so lange, als es dir behagt.
Willst du zu mir kommen, Esther?

Das Mdchen wurde noch rter und wute nicht zu antworten. Dunkle Rtsel
taten sich pltzlich vor ihr auf, zu denen sie keine Wege fand.
Schlielich sah sie mit einem unruhig fragenden Blick den Wirt an, der
neugierig daneben stand.

Dein Vater erlaubt es und sieht es sogar gerne, beeilte sich der Maler
zu sagen. Von dir allein hngt die Entscheidung ab, denn zwingen mchte
und kann ich dich nicht. Willst du also, Esther?

Er hielt ihr seine groe gebrunte Bauernhand einladend entgegen. Sie
zgerte einen Augenblick, dann legte sie verschmt und wortlos ihre
kleine weie Hand zustimmend in die des Malers, die sich eine Sekunde
lang darum schlo, wie um eine gefangene Beute. Dann gab er sie mit
freundlichem Blick frei. Der Wirt staunte ber den so rasch
abgeschlossenen Handel und rief einige Matrosen von den Tischen herbei,
um ihnen das seltsame Geschehnis zu zeigen. Aber das Mdchen, das sich
verschmt im Mittelpunkt der allgemeinen Aufmerksamkeit fhlte, sprang
pltzlich auf und scho wie der Blitz zur Tre hinaus. berrascht
schauten ihr alle nach.

Donnerwetter, sagte der Wirt ganz verwundert, Ihr habt da ein
Meisterstck gemacht. Nie htte ich gedacht, da das scheue Ding
einwilligen wrde!

Und wie zur Bekrftigung go er wieder ein Glas hinab. Der Maler, dem
es unbehaglich zu werden begann in dieser Gesellschaft, die langsam
vertraulich wurde, warf Geld auf den Tisch, besprach mit dem Wirte alles
nhere und schttelte ihm dankbar die Hand, beeilte sich aber aus der
Schenke zu treten, deren Dunst und Lrm ihn anwiderte, und deren
saufende und grhlende Insassen ihn mit Ekel erfllten.

Als er auf die Strae trat, war die Sonne schon gesunken, und nur
mattrosa Dmmerung umhllte noch den Himmel. Der Abend war mild und
rein. Mit langsamem Schritt ging der alte Mann heimwrts und dachte der
Ereignisse, die ihm so seltsam und so begtigend dnkten wie ein Traum.
Und gottesfrchtige Stimmung umfing sein Herz, das selig zu erzittern
begann, wie nun von einem Turme die erste Glocke zum Gebete rief und
Glockenstimmen von allen Trmen der Runde einfielen, mit hellen und
tiefen, dumpfen und freudigen, klingenden und murrenden Stimmen, wie
Menschen in Freude und Sorge und Schmerz. Unglaublich dnkte es ihm
zwar, da ber ein Herz, das ein Leben lang schlicht im Dunkel geraden
Weges gegangen, noch spt die milden Leuchten gttlicher Wunder sich
entzndeten, aber er wagte nicht mehr zu zweifeln; und diesen Glanz
ertrumter Gnade trug er durch das Dunkel der verdmmernden Straen
heimwrts in ein seliges Wachen und einen wundersamen Traum....

              *       *       *       *       *

Tage waren verflossen, und noch immer stand die Leinwand unberhrt auf
des Malers Staffelei. Nun war es aber nicht Verzagtheit mehr, die seine
Hnde fesselte, sondern ein sicheres inneres Vertrauen, das nicht mehr
mit Tagen rechnet und zhlt, das nicht hastet, sondern sich wiegt in
seliger Stille und verhaltener Kraft. Esther war gekommen, scheu zwar
und verwirrt, aber bald hingebender, sanfter und schlichter werdend in
dem wrmenden Lichte der vterlichen Gte, das der Seele dieses
schlichten und frchtigen Menschen zu entstrahlen schien. Sie hatten
diese Tage nur zusammen verplaudert, wie Freunde, die einander nach
langen Jahren begegnen und sich gleichsam wieder erkennen wollen, ehe
sie die alten herzlichen Worte wieder mit innigem Empfinden durchtrnken
und den Wert der alten Stunden erneuern. Und bald verband ein geheimes
Bedrfnis diese zwei Menschen, die sich so ferne waren und doch so
hnlich in einer gewissen Einfachheit und Einfalt ihrer Empfindung: der
eine ein Mensch, den das Leben gelehrt, da es in seinem tiefsten Grunde
nur Klarheit und Stille ist, ein Erfahrener, den lange Tage und Jahre
schlicht gemacht. Und die andre eine, die das Leben noch nicht empfand,
weil sie wie in einer Dunkelheit versponnen sich vertrumt hatte und
den ersten Strahl, der aus der lichten Welt zu ihr kam, im Innersten
auffing und in einfarbigem stillen Leuchten zurckspiegelte. Und beide
waren sie allein zwischen den Menschen; so wurden sie sich ganz nahe.
Der Geschlechter Unterschied sprach nicht zwischen beiden; bei dem einen
war der Gedanke erloschen und warf nur noch den Abendschein klrender
Erinnerung herber in sein Leben, und dem Mdchen war das dunkle
Empfinden ihrer Weiblichkeit noch nicht bewut geworden und wirkte nur
als milde, sehr unsichere und unruhige Sehnsucht, die sich noch kein
Ziel wei. Eine leise und schon erzitternde Wand stand noch zwischen
ihnen: die der Fremdheit des Volkes und der Religionen, die Zucht des
Blutes, sich immer fremd sehen zu mssen und feindlich, ein Mitrauen zu
hegen, das erst ein Augenblick groer Liebe berwindet. Ohne diesen
unbewuten Halt htte sich lngst das Mdchen, in der Liebe, versparte
und edelste Liebe nach vorwrts drngte, weinend an die Brust des alten
Mannes geworfen und ihm ihre heimlichen Schauer und werdende Sehnsucht,
den Schmerz und Jubel ihrer einsamen Tage gestanden; so aber verriet sie
das Geheimste ihrer Seele nur in Blicken und Verschweigungen, in
unruhigen Gebrden und Andeutungen, denn immer, wenn sie fhlte, wie
alles in ihr zum Lichte strmen wollte und sich in den klaren und
berstrmenden Worten innigster Empfindung verraten, da fate sie wie
eine dunkle unsichtbare Hand die geheime Kraft und prete die Worte
zusammen. Und auch der alte Mann verga nicht, da er in seinem Leben an
den Juden, wenn nicht auch gehssig, so doch mit dem Gefhl der
Fremdheit vorbeigegangen sei. Ein Zgern hielt ihn zurck, mit dem Bilde
zu beginnen, weil er hoffte, da ihm dieses Mdchen nur in den Weg
gewiesen worden sei, um zum wahren Glauben bekehrt zu werden. Nicht an
ihm sollte das Wunder gewirkt werden, sondern er sollte es wirken. Er
wollte in ihrem Blicke die tiefe Heilandssehnsucht sehen, die die
Gottesmutter selbst getragen haben mute, als sie mit seligem Erwarten
seiner Erscheinung entgegenbangte. Er wnschte ihr Wesen erst mit
Glubigkeit zu erfllen, um eine Madonna schaffen zu knnen, in der noch
die Schauer der Verkndigung beben, aber schon vereint mit dem sen
Vertrauen der Erfllung. Und rings dachte er sich eine milde Landschaft
in Vorfrhlingsstimmung, weie Wolken, die wie Schwne durch die Luft
wanderten, als zgen sie an unsichtbaren Fden den warmen Frhling
hinter sich, ein erstes zartes Grn, das der Auferstehung
entgegendrngte und schchterne Blumen, die wie mit dnnen Kinderstimmen
die groe Seligkeit verkndeten. Aber des Kindes Augen waren ihm noch zu
verschchtert und zu demutsvoll; die mystische Flamme der Verkndigung
und der Hingebung an eine dunkle Verheiung wollte sich noch nicht in
diesen unruhigen Blicken entznden, in denen noch der tiefe
verschleierte Schmerz des Volkes lastete und manchmal der flackernde
Trotz der Auserwhlten, die mit ihrem Gotte gehadert. Noch kannten sie
die Demut nicht und nicht die sanfte unirdische Liebe.

Er suchte sorgfltige und vorsichtige Wege, um den Glauben ihrem Herzen
nher zu tragen; denn er wute, wenn er ihn ihr hell und in seiner
ganzen Flle erglhend entgegentrge wie eine Monstranz, in der die
Sonne tausendfarbig funkelt, da sie nicht erschauernd niedersinken
wrde, sondern sich schroff und hart abwenden, um das feindliche Zeichen
nicht zu sehen. In seinen Mappen ruhten viele Bilder aus der heiligen
Geschichte; eigene und viele groer Meister, die er in seiner Lehrzeit
und auch spter noch manchesmal, von lebhafter Bewunderung berwltigt,
nachgezeichnet hatte. Die suchte er nun heraus, und sie betrachteten
gemeinsam, Schulter an Schulter die Bilder; bald fhlte er den tiefen
Eindruck, den manches der Bltter in ihrer Seele erzeugte, an der Unruhe
ihrer bltternden Hnde und den raschen Atemzgen, die warm an seine
Wangen wellten. Eine farbige Welt von Schnheit tauchte pltzlich vor
diesem einsamen Mdchen auf, das seit Jahren nur mehr die verquollenen
Gestalten der Schenke, die verrunzelten Gesichter alter
schwarzgekleideter Frauen und die schmutzige Plumpheit der schreienden
und sich balgenden Straenkinder gesehn hatte. Und hier waren sanfte, in
wunderbare Gewande gehllte Frauen von bezaubernder Schnheit, traurige
und stolze, begehrliche und vertrumte, Ritter in Rstungen und langen
Prunkgewanden, die mit diesen Frauen scherzten oder sprachen, Knige mit
langwallenden weien Locken, auf denen goldene Kronen schimmerten,
schne Jnglinge, deren Leib von Pfeilen durchbohrt sich am Marterstamm
niedersenkte oder unter Qualen verblutete. Und ein fremdes Land, das sie
nicht kannte und dessen Anblick sie s, wie eine unbewute
Heimatserinnerung berhrte, tat sich auf mit grnen Palmen und hohen
Zypressen, mit einem leuchtenden blauen Himmel, der ber Wsten und
Berge, Stdte und Fernen in gleichem tiefen Glanze lag und viel leichter
und freudiger zu sein schien, als dieser nrdliche, der selbst wie eine
einzige graue ewige Wolke war.

Nach und nach fgte er ihr kleine Erzhlungen bei. Er erklrte ihr die
Bilder mit den einfachen und so dichterischen Legenden des Testamentes
und sprach von den Wundern und Zeichen der heiligen Tage mit solcher
Glut, da er die eigene Absicht verga und das glubige Vertrauen,
welches ihm die ertrumte Gnade der letzten Tage verliehen, in
ekstatischen Farben verkndete. Und dieses alten Mannes begeisterter
Glaube erschtterte tief das Herz dieses Mdchens, die selbst sich nun
fhlte wie in einem erschlossenen Wunderlande, das sich jhlings aus dem
Dunkeln mit umfangenden Pforten geffnet. Strker und strker begann ihr
Leben zu wanken, das aus tiefster Nacht pltzlich in purpurner Dmmerung
erwachte. Nichts schien ihr unglaublich, seitdem sie selbst so seltsames
erlebt, nicht jene Legende von dem silbernen Sterne, hinter dem drei
Knige aus fernem Lande gingen, mit Pferden und Kamelen, auf denen eine
schimmernde Flut von Kostbarkeiten ruhte, -- nicht da ein Toter von
einer segnenden Hand berhrt, wieder zum Leben erstand, denn an sich
selbst schien sie hnliche Wundergewalt zu verspren. Bald blieben die
Bilder unbeachtet beiseite. Der alte Mann erzhlte aus seinem Leben,
manches Gotteszeichen mit den Legenden der Bcher vermhlend; vieles,
das er in den stummen Tagen seines Alters in sich versponnen und
vertrumt, hoben jetzt seine Worte ins Licht, ihn selbst erstaunend, wie
etwas Fremdartiges, das man prfend von eines andern Hand bernimmt;
gleich einem Prediger war er, der in der Kirche mit einem Gotteswort
begonnen, um es zu erlutern und zu durchleuchten; mit einem Male aber
vergit er Hrer und Ziel und gibt sich nur der dunklen Wollust hin,
alle die rauschenden Quellen seines Herzens in ein tiefes Wort strmen
zu lassen, wie in einen Kelch, in dem alle Se und Heiligkeit des
Lebens ist. Und ber das niedere Volk seiner betroffenen Hrer, die
nicht mehr reichen bis zu seiner Welt und murren und sich bestarren,
fliegt sein Wort hher und hher und ist selbst allen Himmeln nahe in
seinem verwegenen Traum der vergessenen Erdenschwere, die sich pltzlich
wieder bleiern an seine Schwingen hngt....

Der Maler schaute pltzlich um sich, wie noch umrauscht von dem
purpurnen Nebel seiner ekstatischen Worte; die Wirklichkeit wies ihm
wieder ihr geordnetes kaltes Gefge. Aber was er sah, war schn wie ein
Traum.

Zu seinen Fen sa Esther und schaute zu ihm auf. Sanft an seinen Arm
gelehnt und in diese stillen, blauen, geklrten Augen blickend, in denen
sich pltzlich so viel Licht gesammelt, war sie nach und nach an ihm
herabgeglitten, ohne da er es in seiner gottnahen Aufwallung bemerkte,
und kauerte an seinen Knieen, den Blick zu ihm erhoben. Alte Worte aus
eigener Kinderzeit rauschten wirr in ihrem Kopfe, Worte, die der Vater
an manchen Tagen im langen schwarzen Feiergewand, umhangen von weien
zerfaserten Binden, aus einem alten und ehrwrdigen Buche vorgelesen
hatte, und die auch so voll drhnender Feierlichkeit waren und voll
inbrnstiger Andacht. Eine Welt, die sie verloren und von der sie wenig
mehr wute, ward in dmmernden Farben wieder wach und erfllte sie mit
weher Sehnsucht, die Trnenglanz in ihren Augen erschimmern lie. Und
als der alte Mann sich zu diesen schmerzlichen Blicken niederbeugte und
ihre Stirne kte, fhlte er, wie ein Schluchzen ihre zarten kindlichen
Glieder in wildem Fieber schttelte. Und er miverstand sie. Denn er
meinte, da das Wunder sich vollendet habe und Gott in einem groen
Augenblicke seiner sonst schlichten und wortkargen Sprache die glhenden
Feuerzungen der Beredsamkeit geschenkt habe, wie einst den Propheten,
da sie zu dem Volke gingen. Und er meinte, dieses Schauern sei die bange
und noch frchtige Seligkeit einer, die den Heimweg zu dem wahren und
aller Seligkeiten Flle tragenden Glauben gefunden habe und die zittert
und schwankt, wie einer Fackel jh entflammte Flamme, die noch unsicher
hoch in die Luft tastet und wieder in sich zusammensinkt, ehe sie sich
klrt zu stillem geruhigem Leuchten. Dieser Irrtum umfing mit jubelnder
Freude sein Herz, das sich mit einem Male seinen fernsten Zielen nahe
whnte. Eine Weihe berkam seine Worte.

Ich habe dir von Wundern erzhlt, Esther! Viele sagen, da sie vor
Zeiten waren, ich aber fhle und sage, da sie noch heute sind, nur da
sie stiller geworden sind und nur in den Seelen derer erstehen, die sie
erwarten. Was zwischen uns war, ist ein Wunder, meine Worte und deine
Trnen, sie sind eines in einer unsichtbaren Hand, die sie aus unserem
blinden Innern gestoen, ein Wunder der Erleuchtung. Da du mich
verstanden, gehrst du schon zu uns; in diesem Augenblicke, da dir Gott
diese Trnen geschenkt, bist du schon Christin....

Er hielt erstaunt inne. Denn bei diesem Wort war Esther von seinen Fen
mit abwehrenden Hnden emporgefahren, wie um diesen Gedanken
zurckzustoen. Erschrecken flackerte in ihren Augen und der unbndige
zornige Trotz, von dem man dem Maler gesprochen. Sie war schn in diesem
Augenblick, da die Herbe ihrer Zge Trotz und Zorn wurde, die Linien um
ihren Mund wie Messerschnitte so scharf, und in ihren zitternden
Gliedern eine katzenhaft zur Verteidigung bereite Gebrde. Die ganze
Glut, die in ihr schumte, brach in einer Sekunde wildester Verteidigung
empor....

Dann ward wieder alles ruhiger. Sie schmte sich der Gewaltttigkeit
dieser wortlosen Abwehr. Aber die Wand, die schon ganz durchleuchtet
gewesen war von den Strahlen einer bersinnlichen Liebe, starrte wieder
schwarz und hoch zwischen beiden. In ihren Blicken war Klte, Unrast und
Beschmung, nicht Zorn mehr und nicht mehr Vertrauen, nur Wirklichkeit
und nicht mehr mystisch erschauernde Sehnsucht. Und schlaff fielen die
Hnde an ihrem schmalen Krper herab, wie Schwingen, die auf
hochrauschendem Fluge zerbrochen. Noch immer war ihr das Leben ein
Rtsel von Schnheit und Seltsamkeit, aber sie wagte nicht mehr den
Traum zu lieben, aus dem sie so niederschmetternd erwacht war.

Auch der alte Maler fhlte, da ihn ein voreiliges Vertrauen betrogen
hatte, aber es war nicht die erste Enttuschung seines langen suchenden
Lebens, das nur Treue und Vertrauen war. So kam ihn kein Schmerz an,
sondern nur Erstaunen und dann wieder fast Freude ber ihre rasche
Beschmung. Sanft fate er ihre beiden schmalen Kinderhnde, in denen
noch das Fieber glhte. Esther, du hast mich beinahe erschreckt mit
deiner jhen Aufwallung. Ich meine es doch nicht schlecht mit dir. Oder
denkst du das?

Sie schttelte beschmt ihren Kopf, um sich im nchsten Momente wieder
aufzurichten. Und ihre Worte wurden beinah wieder trotzig:

Aber ich will keine Christin sein. Ich will nicht. Ich -- sie wrgte
an dem Worte lange, ehe sie es mit gedmpfter Stimme sagte --
Ich.... Ich hasse die Christen. Ich kenne sie nicht, aber ich hasse
sie. Was Ihr mir gesagt habt von der Liebe, die alle umfat, ist
schner, als jedes Wort, das ich in meinem Leben je erhrt. Aber die
Menschen um mich sagen auch, da sie Christen sind, aber sie sind roh
und gewaltttig. Und .... ich wei nicht mehr alles klar, es ist
schon zu lange her .... aber wenn wir zu Hause von den Christen
sprachen, so war eine Angst und ein Ha in den Worten.... Alle haten
sie.... Und ich auch..... Denn wenn ich mit meinem Vater ging, so
schrieen sie uns nach und einmal warfen sie Steine nach uns.....
Mich selbst hat einer getroffen, da ich blutete und weinte, aber mein
Vater zog mich ngstlich fort, als ich nach Hilfe schrie.... Mehr
wei ich nicht von ihnen.... Doch, ich wei noch.... Unsere Gassen
waren dunkel und eng, wie die hier, wo ich wohne. Und nur Juden wohnten
darin.... Aber drben die Stadt war schn. Ich habe sie einmal hoch
von einem Hause gesehn.... Ein Flu war darin, der so blau und klar
vorberflo und drben eine breite Brcke, auf der Menschen in hellen
Gewandungen gingen, wie ihr mir sie auf den Bildern gezeigt habt. Und
die Huser waren mit knstlichen Figuren geschmckt und mit Gold und
Giebeln verziert. Dazwischen standen hohe, ach, so hohe Trme, in denen
die Glocken sangen, und die Sonne kam herab bis in die Straen. Es war
alles so schn.... Als ich aber meinem Vater sagte, er mge
hinbergehn mit mir in die helle Stadt, da wurde er ernst und sagte:
>Nein, Esther, die Christen wrden uns tten<.... Ich erschrak bei
dem Wort..... Und seitdem hate ich die Christen....

Sie hielt inne in ihren Trumen, denn es ward wieder alles licht in ihr.
Was sie lngst vergessen hatte, was verstaubt und verschleiert in ihrer
Seele gelegen, funkelte wieder auf. Sie ging wieder die dunklen
Ghettogassen entlang bis zu dem Hause. Und mit einem Male waren
Zusammenhnge da, alles wurde so klar, und sie erfate, da was sie
manchmal fr einen Traum hielt, Wirklichkeit und vergangenes Leben war.
Mhsam hasteten die Worte den klaren vorbereilenden Bildern nach.

Und damals dieser Abend.... Pltzlich ri man mich aus dem
Bett .... ich erkannte meinen Grovater, der mich in den Armen hielt,
mit bleichem zitternden Gesicht .... das ganze Haus brauste und
zitterte, die Luft war voll Schreien und Lrmen.... Aber jetzt
dmmert es mir auf, ich hre wieder, was sie schrieen: die Fremden, die
Christen.... Mein Vater schrie es oder meine Mutter.... Ich wei
nicht mehr.... Mein Grovater trug mich hinab in die Dunkelheit durch
schwarze Gassen und Straen.... Und immer das Lrmen und derselbe
Schrei: die Fremden, die Christen.... Wie hab' ich das vergessen
knnen!?... Und dann ein Mann, mit dem wir gehen.... Ich wei
nicht mehr, ich glaube, ich schlief.... Als ich erwachte, waren wir
tief im Land, mein Grovater und der Mann, bei dem ich lebe.... Die
Stadt sah ich nicht mehr, aber der Himmel war sehr rot, dort, von wo wir
gekommen.... Und wir reisten weiter...

Wieder hielt sie inne. Die Bilder schienen sich zu verlieren, langsamer
dunkler zu werden.

Ich hatte drei Schwestern.... Sie waren sehr schn, und jeden Abend
kamen sie an mein Bett und kten mich.... Und mein Vater war gro,
ich reichte nicht hinauf zu ihm, und so trug er mich oft in seinen
Armen.... Und meine Mutter.... Ich habe sie nie mehr gesehen....
Ich wei nicht, was mit ihnen ist, denn mein Grovater sah weg, wenn ich
ihn fragte und schwieg.... Und als er starb, wagte ich niemanden zu
fragen...

Und wieder hielt sie inne. Ein Schluchzen brach aus ihrer Kehle mit
weher Gewalt. Ganz leise fgte sie bei:

Jetzt wei ich alles.... Wie konnte das alles so dunkel sein fr
mich? Mir ist, als stnde mein Vater neben mir und sprche das Wort, das
er damals mir zur Antwort gesagt -- so deutlich klingt es in meinen
Ohren.... Nun frage ich niemanden mehr...

Ihre Worte wurden Schluchzen, stummes trostloses Weinen, das in ein
tiefes trauriges Schweigen verklang. Das Leben, dessen helles Bild sie
noch vor wenigen Minuten verfhrt, ghnte ihr nun wieder dumpf und
dunkel entgegen. Und der alte Mann hatte lngst Absicht und Ziel
vergessen ber der hingegebenen Betrachtung dieses Schmerzes. Stumm
stand er vor ihr, und ihm war so weh, als mte er sich zu ihr setzen,
um mit ihr zu weinen, was er nicht in Worten sagen konnte: da seine
groe Menschenliebe diesen Schmerz in ihr, den er unbewut erweckt,
fhlte als eine Schuld. Erschauernd sprte er die Flle von Segen und
lastender Schwere, die in einer Stunde sich die Hnde reichten, und die
schweren Wogen, die sich auf und nieder senkten, und von denen er nicht
wute, ob sie sein Leben erheben wollten oder in die drohenden Tiefen
ziehen. Aber er fhlte sich matt und stumpf gegen Furcht wie Hoffnung;
nur Mitleid fr dieses junge Leben erfllte ihn, vor dem noch so viel
Wege und Ziele sich breiteten. Vergebens suchte er nach Worten: sie
waren alle so schwer wie Blei und klangen wie falsches Metall. Was wog
ihre Flle gegen den Schmerz einer einzigen Erinnerung?

Traurig strich seine Hand ber ihr zitterndes Haar. Sie schaute auf,
verwirrt und zerfahren; mit mechanischer Gebrde ordnete sie sich ihre
Haare und erhob sich mit umherirrenden Augen, als mte sie sich wieder
zurechtfinden in der Wirklichkeit. Schlaffer und mder wurden ihre Zge
und nur in den Augen flackerte noch der dunkle Schein. Brsk raffte sie
sich zusammen und stie die Worte rasch hervor, um zu verbergen, da
noch das Schluchzen in ihnen vibrierte. Ich mu jetzt gehn. Es ist
spt. Und mein Vater erwartet mich.

Mit harter Gebrde schttelte sie grend den Kopf, raffte ihre Sachen
zusammen und wandte sich zum Gehen. Aber der alte Mann, der sie mit
seinen sicheren verstehenden Blicken beobachtet hatte, rief sie noch
einmal zurck. Mhsam wandte sie sich um, denn in den Augen leuchtete
ein feuchter Schimmer von Trnen. Und wieder fate der alte Mann mit
seiner bezwingenden innigen Gebrde ihre beiden Hnde und sah sie an.
Esther, ich wei, du willst jetzt gehen und nicht mehr wiederkommen. Du
glaubst mir und glaubst mir nicht, denn eine geheime Angst betrgt
dich.

Er fhlte, wie ihre Hnde sich sanfter und vertrauender in den seinen
lsten. Und er fuhr zuversichtlicher fort. Komm aber wieder, Esther!
Wir wollen alle Dinge ruhen lassen, die hellen und die traurigen. Morgen
werden wir mit dem Bilde beginnen und mir ist, als wollte es gelingen.
Und sei nicht traurig mehr, la das Vergangene schlafen und rttle nicht
daran. Morgen wollen wir mit neuer Arbeit beginnen und mit neuer
Hoffnung. Nicht wahr, Esther?

Sie nickte unter Trnen. Und sie trug die Ungewiheit und Bangigkeit vor
ihrem Leben wieder nach Hause zurck, wie vordem, nur mit dem Bewutsein
tieferer Flle und vielfacheren Inhalts, als sie bisher gemeint.

Der alte Mann blieb in tiefem Sinnen zurck. Der Glaube an das Wunder
war ihm nicht fremd geworden, aber das Wunder war ihm viel feierlicher
und gttlicher erschienen, da es ihm nur ein Spiel des Lebens von
gttlicher Hand dnkte. Und er entsagte dem Gedanken, Glauben an
mystische Verheiungen in einem Antlitz aufleuchten zu lassen, dessen
Seele vielleicht schon zu verzagt war, um noch zu glauben. Nicht mehr
berheben wollte er sich und Mittler Gottes sein, sondern nur schlichter
Diener, der ein Bild nach bestem Mhen schafft und es demtig am Altare
niederlegt, sowie ein andrer eine Gabe. Er fhlte den Fehler, den
Zeichen nachzugehen und sie zu suchen, statt zu warten, bis ihre Stunde
kme und sie sich ihm offenbarten....

Tiefer und tiefer neigte sich sein demtiges Herz. Warum hatte er Wunder
wirken wollen an diesem Kinde, die ihm niemand geheien? War es nicht
genug Gnade, da in sein Leben, das schon leer und kahl wurzelte wie ein
alter Stamm, der nur noch mit den sten sehnschtig ins Blau aufgriff,
ein andres junges Leben getreten war, das sich ngstlich und
vertrauensvoll an ihn schmiegte? Ein Wunder des Lebens war ihm
geschehen, das fhlte er; die Gnade war ihm geworden, die Liebe, die
seine spten Tage noch berflammte, geben und lehren zu drfen, sie
einzusenken wie einen Samen, der noch wundersam entblhen kann. Hatte
ihm das Leben nicht genug damit gegeben? Und hatte ihm nicht Gott den
Weg gewiesen, auf welchem er ihm dienen sollte? Eine Gestalt hatte er
seinem Bilde ersehnt und, sie war ihm begegnet; war dies nicht Gottes
Wille, da er sie zum Bildnis schfe, und nicht, da er ihre Seele einem
Glauben zufhrte, den sie vielleicht nie wrde verstehen knnen? Tiefer
und tiefer neigte sich sein demtiges Herz.

Der Abend kam in sein Zimmer und die Dunkelheit. Der alte Mann stand
auf; er fhlte eine Unrast und ein Bangen in sich, wie selten in seinen
spten Tagen, die sonst so lind waren wie khle klrende Herbstsonne.
Langsam entzndete er das Licht. Dann ging er hin zum Schrank und suchte
ein altes Buch. Sein Herz war aller Unrast mde. Er nahm die Bibel,
kte sie mit bebender Inbrunst; dann schlug er sie auf und las bis in
die spte Nacht....

              *       *       *       *       *

Das Bild wurde begonnen. Esther sa nachdenklich zurckgelehnt in einem
weichen, wohligen Lehnstuhle und hrte bald den erzhlenden Worten des
alten Malers zu, der ihr mit allerhand Geschichten aus seinem und
anderer Leben die eintnigen Stunden gleichmigen Sitzens zu vertreiben
suchte, bald trumte sie gelassen in die tiefe Stube hinein, deren Wnde
mit Gobelins, Bildern und Zeichnungen geschmckt immer wieder ihren
Blick anzogen. Die Arbeit ging nicht rasch vonstatten. Der Maler fhlte,
da alle diese Studien, die er machte, nur Versuche seien und noch nicht
die endgltige berzeugende Stimmung. Es fehlte ihm noch etwas in dem
Gedanken seiner Skizzen, das er in Worten und Begriffen sich nicht
klren konnte, tiefinnerlich jedoch mit solcher Deutlichkeit empfand,
da ihn oft eine fieberhafte Eile von Blatt zu Blatt trieb, die er dann
genau miteinander verglich, immer aber unzufrieden, so getreulich seine
Schpfungen auch sein mochten. Zu Esther sprach er nicht davon. Aber es
war ihm, als lge in ihrem harten Zuge, der sich selbst in den
Augenblicken sanfter Trumerei nie ganz von ihren Lippen ablste, ein
Widerspruch gegen die milde Erwartung, die seine Madonna verklren
sollte, als sei noch zuviel kindhafter Trotz in ihr, der noch nicht reif
sei, die se Schwere des Muttergedankens zu tragen. Er fhlte, da
Worte ihr nicht recht die Dsterkeit wrden abringen knnen, da sich
nur von innen diese Hrte wrde mildern knnen. Aber diese weiche,
frauliche Regung blieb ihrem Antlitz fern, wenn auch die ersten
Frhlingstage ihr rotes Sonnengold durch alle Fensterritzen ins Zimmer
warfen und die schpferische Regung einer ganzen Welt verkndeten, wenn
alle Farben auch weicher und tiefer zu werden schienen so wie die Luft,
die warm durch die Gassen wallte. Schlielich ermattete der Maler. Der
alte Mann war erfahren und kannte die Grenzen seiner Kunst, deren
berschreitung er nicht erzwingen konnte. Er gab den Plan auf, so wie er
ihn gefat hatte, rasch und der lauten Stimme einer pltzlichen
Intuition gehorchend. Und nachdem er die Mglichkeiten gegeneinander
abgewogen hatte, entschlo er sich, in Esther nicht den Gedanken der
Verkndigung zu malen, da ihr Antlitz nicht die Schauer der ersten
Zeichen der glubig erwachenden Weiblichkeit trug, sondern sie als
Madonna mit dem Kinde zu schaffen, dem schlichtesten und tiefsten
Symbole seiner Glubigkeit. Und er wollte sogleich damit beginnen, denn
die Verzagtheit begann sich wieder in seiner Seele einzufinden, da der
Glanz der ertrumten Wunder mhlich und mhlich mehr verblat war, ja
schon fast in die schwere, lastende Dunkelheit gesunken. Und ohne Esther
zu verstndigen, lste er die Leinwand, die einige flchtige Spuren
voreiliger Versuche trug ab und setzte eine neue an ihre Stelle, wie er
sich berhaupt mhte, dieser neuen Vorstellung in sich freien Weg zu
bahnen.

Als Esther am nchsten Tage sich in gewohnter Weise niedergelassen
hatte und sanft zurckgelehnt auf den Beginn der Arbeit wartete, die ihr
gar nicht unwillkommen war, sondern in die Armut ihres einsamen Tages
reiche Worte und freudige Minuten ste, hrte sie zu ihrer berraschung
die Stimme des Malers nebenan in freundlicher Wechselrede mit einer
derben, buerlichen Frauenstimme, die sie nicht kannte. Neugierig
horchte sie hin, ohne aber deutliches vernehmen zu knnen. Bald
verstummte die Frauenstimme, eine Tr fiel ins Schlo und schon trat der
alte Mann herein und auf sie zu, etwas Helles in den Armen tragend, das
sie beim ersten Anblick nicht erkannte. Und vorsorglich legte er ihr ein
kleines, nacktes, derbes Kind von mehreren Monaten in den Scho, das
sich anfnglich unruhig bewegte, dann aber unbeweglich blieb. Esther sah
mit erstarrten Augen den alten Mann an, von dem sie so sonderbaren
Scherz nicht erwartet hatte. Doch dieser lchelte nur und schwieg. Und
als er sah, da sich ihre ngstlich fragenden Blicke nicht von ihm
abwenden wollten, erklrte er ihr ruhig und mit bittendem Tone seine
Absicht, sie mit dem Kinde auf dem Schoe zu malen. Die ganze
Herzlichkeit und Gte seiner Augen legte er in diese Bitte. Die tiefe
vterliche Liebe, die er zu diesem fremden Mdchen gefat hatte und das
innige Vertrauen auf ihr unruhiges und glubiges Herz durchleuchteten
seine Worte und noch sein beredtes Schweigen.

Esthers Gesicht war blutig berloht. Eine unbndige innere Scham
zerqulte sie. Kaum wagte sie mit einem ngstlichen Seitenblick das
kleine, blhende, nackte Kind zu betrachten, das sie auf ihren
erzitternden Knieen widerwillig hielt. Die Strenge des ganzen Volkes, in
dessen Abscheu der Nacktheit sie erzogen war, lieen sie dieses
gesundfrhliche und jetzt ruhig schlummernde Kind mit Ekel und geheimer
Furcht betrachten; sie, die unbewut vor sich selbst ihre Nacktheit
verhllte, schauerte zurck vor der Berhrung dieses weichen, rtlichen
Fleisches wie vor einer Snde. Eine Angst war in ihr, und sie wute
nicht, warum. Alle Stimmen in ihr streckten ngstlich ihre rufenden Arme
aus, aber das harte, kurze Nein wollte nicht den milden begtigenden
Worten dieses alten Mannes entgegen, den sie mit wachsender Liebe
verehrte. Sie fhlte, da sie ihm nichts verweigern konnte. Und sein
Schweigen und die Frage seiner gespannt wartenden Blicke lasteten so
schwer auf ihr, da sie htte aufschreien mgen, blind, tierisch, ohne
Zweck und ohne Worte. Wahnsinnig packte sie der Ha gegen dieses ruhig
schlummernde Kind, das in den Frieden ihrer einzig stillen Stunde
hereingebrochen war und ihre trumerische Traulichkeit zerstrte. Aber
sie fhlte sich schwach und wehrlos gegen die gtige Weise dieses alten
geruhigen Mannes, der wie ein weier, einsamer Stern ber ihrem dunklen,
tiefen Leben stand. Und wieder, wie zu jeder seiner Bitten, neigte sie
demtig und verwirrt das Haupt.

Da sprach er nicht weiter, sondern machte sich daran das Bild zu
beginnen. Zunchst zeichnete er nur den Umri. Denn, um den inneren
Gedanken seines Werkes darzustellen, war Esther noch viel zu unruhig und
zu verwirrt. Der trumerische Ausdruck war gnzlich gewichen. In ihren
Blicken lag etwas Krampfhaftes und Gezwungenes, weil sie es unausgesetzt
vermied, dem Anblick des nackten schlafenden Kindes auf ihrem Schoe zu
begegnen und in endloser stumpfer Wiederholung die Wandhhe mit den ihr
innerlich gleichgltigen Bildern und Zierraten fixierte. Auch in ihren
Hnden war dieser Ausdruck der Gezwungenheit und Steifheit von der
Furcht aufgezwungen, sie mchte den Krper berhren mssen. Dazu fhlte
sie die Last schwer auf den Knieen, ohne eine Regung zu wagen. Nur ein
gespannter Zug in ihrem Gesichte verriet strker und strker die
qualvolle Anstrengung, so da der Maler schlielich selbst, obwohl er
nicht ihren ererbten Abscheu, sondern nur mdchenhafte Scheu
voraussetzte, ihr Unbehagen zu ahnen begann und die Sitzung unterbrach.
Das Kind schlief ruhig weiter, wie ein sattes Tier, und merkte nichts,
wie es der Maler mit sorgfltigen Hnden von dem Schoe des Mdchens
abhob und es im Nebenzimmer auf das Bett legte, wo es blieb, bis seine
Mutter, eine derbe hollndische Schiffersfrau, die fr einige Zeit nach
Antwerpen verschlagen war, es wieder abholte. Aber, ob man sie auch von
der krperlichen Last befreit, fhlte sich Esther doch noch von dem
Gedanken schwer bedrckt, da Tag fr Tag sie gleiche Bangigkeit
erfllen sollte.

Unruhig ging sie und unruhig kam sie wieder in den nchsten Tagen. Im
geheimen hegte sie die Hoffnung, da der Maler auch diesen Plan aufgeben
wrde und der Entschlu wurde drngender und berquellender, ihn mit
einem ruhigen Worte darum zu bitten. Aber nie vermochte sie es; ein
innerer Stolz oder eine geheime Scham hielten die Worte zurck, die
schon auf ihren Lippen zuckten, so wie schwungbereite Vgel, die prfend
ihre Schwingen flattern lassen, bereit, sich im nchsten Augenblicke
frei emporzustoen in die Luft. Aber whrend sie Tag fr Tag kam und
ihre Unruhe gewissermaen schon mit sich trug, wurde diese Scham nach
und nach eine unbewute Lge, denn sie hatte sich schon damit vertraut
gemacht, wie mit einer lstigen Selbstverstndlichkeit. Es fehlte nur
noch der Augenblick der Erkenntnis. Das Bild schritt inzwischen wenig
fort, obwohl der Maler ihr es mit vorsichtigen Worten andeutete. In
Wirklichkeit umfate sein Rahmen nur die leeren und unwichtigen Linien
der Gestalten und ein paar flchtige versuchende Tnungen. Denn der alte
Mann wartete, bis Esther sich mit dem Gedanken ausgeshnt htte und
suchte nicht zu beschleunigen, was er mit Sicherheit erhoffte. Vorlufig
krzte er nur die Stunden der Sitzungen und sprach viel von allerlei
gleichgltigen Dingen, die Anwesenheit des Kindes und Esthers unruhige
Erregung mit Absicht bersehend. Er schien heiterer und sicherer als je.

Und sein Vertrauen betrog ihn diesmal nicht. Denn einer dieser
Vormittage war hell und warm, das Fenster umschnitt mit seinen Kanten
eine lichte und durchsichtige Landschaft: Trme, die ferne waren und
doch ihren goldglnzenden Schein wie von nahe schimmern lieen, Dcher,
von denen der Rauch leise und sanftgekruselt sich in das tiefe und wie
damastene Himmelsblau verlor, weie Wolken, die ganz nahe standen, als
wollten sie sich niedersenken wie ein flaumiger flatternder Vogel in
dieses dunkelflutende Meer der Dcher. Und mit vollen Hnden warf die
Sonne ihr Gold herein, Strahlen und tanzende Funken, rollende Kreise wie
kleine klirrende Mnzen, schmale schneidende Streifen wie glnzende
Dolche, flatternde Formen ohne Deutung und Sinn, die mit springender
Behendigung wie kleine schimmernde Tiere ber die Bohlen sprangen. Und
dieses flirrende und prickelnde Spiel hatte das Kind aus dem Schlafe
geweckt, indem es wie mit seinen spitzigen Fingern an die geschlossenen
Augenlider pochte, bis sie sich auftaten und blinzelten und starrten.
Unruhig begann es sich auf dem Schoe des Mdchens zu bewegen, das es
mit unwilliger Gebrde behtete. Aber es strebte nicht von ihr weg,
sondern haschte nur ungeschickt mit seinen kleinen tppischen Hnden
nach diesen Funken, die es umtanzten und umspielten, ohne da es sie
fassen konnte und dieser Mierfolg steigerte nur seine Aufmerksamkeit.
Immer eiliger suchte es die kleinen dicken Finger zu bewegen, die vom
sonnigen Lichte rtlich durchleuchtet die warme Flut des Blutes
durchdmmern lieen, und dieses naive Spiel erfllte die ganze kleine
unfertige Gestalt mit wundersamem Liebreiz, der auch Esther unbewut
bezwang. Lchelnd und innerlich das vergebliche Bemhen berlegen
bemitleidend, sah sie diesem endlosen Spiele zu, ohne zu ermden oder
sich ihres Widerwillens gegen dieses unschuldige hilflose Wesen zu
erinnern. Zum ersten Mal webte ein menschliches und innig menschliches
Leben fr sie in diesem kleinen glatten Krper, dessen fleischige
Nacktheit und stumpfe Sttigung sie bisher nur empfunden; und mit
kindlicher Neugier folgte sie jeder Regung. Der alte Mann sah zu und
schwieg. Mit Worten frchtete er den Trotz und die vergessene Scham in
ihr wieder wachzurufen, aber ein befriedigtes Lcheln eines, der die
Welt und ihre Wesen kennt, wollte nicht weg von seinen milden Lippen.
Nichts Sonderbares sah er in diesem Wechsel, sondern nur ein Berechnetes
und Erwartetes, ein Vertrauen auf jene tiefrauschenden Gesetze der
Natur, die nie versagen und vergessen, Wahrheit zu werden. Er fhlte
sich wieder so ganz nahe einem jener ewigen, sich immer wieder
erneuernden Wunder des Lebens, das aus den Kindern die hingebende Gte
der Frauen mit einem Male erstehen lt, die wieder hin zu den Kindern
geht, von Werden zu Werden, und so eigene Kindheit nie verliert, sondern
zweimal lebt, in sich und in denen, der sie begegnen. Und war dies
nicht das Gotteswunder Marias, die Kind war, um nie Frau zu werden,
sondern weiterzuleben in ihrem Kinde? Hatte nicht jedes Wunder seinen
Spiegel in der Wirklichkeit und jeder erschaute Augenblick eines
werdenden Lebens einen Glanz des Unnahbaren und ein Brausen des
Ewig-Unverstndlichen?

Der alte Mann fhlte wieder tief jene Wundernhe, deren gttlicher oder
irdischer Gedanke ihn nun seit Wochen umprete, ohne ihn freizugeben.
Aber er wute, da dies eine dunkle und verschlossene Pforte war, vor
der sich alles Sinnen demtig wieder wenden msse, ohne mehr zu
erringen, als einen ehrfrchtigen Ku auf die versagte Schwelle. Und so
griff er zum Pinsel, um mit Arbeit die Gedanken zu verjagen, die sich
schon in dstre Wolkentiefen verloren. Wie er aber hinblickte, um der
Wirklichkeit das Nachbild abzulauschen, blieb er fr einen Augenblick
gebannt. Denn ihm war, als sei er bisher mit seinem Suchen in einer Welt
gegangen, die von Schleiern umhangen war, ohne da er es wute, und nun
erst glhte sie ihm in ihrer unmittelbaren Kraft und Verschwendung
entgegen. Vor seinen Augen lebte das Bild, das er gesucht. Mit
leuchtenden Augen und haschenden Hnden wandte sich das blhende
gesunde Kind dem Lichte entgegen, das seinen nackten Krper mit einem
mattschimmernden weichen Glanz bergo und ihm so seraphischen Schein
verlieh. Und ber diesem spielenden Haupte ein zweites, das sich
zrtlich betrachtend niederneigt und selbst gleichsam von dem Glanze
erfllt ist, den dieser helle lichterfllte Krper ausstrahlt. Und
schmale kindhafte Hnde, die behtend zu beiden Seiten warten, um alles
Unheil und Verderben von diesem Kinde abzuwehren. Und ber dem Haupte
ein flchtiger Glanz, der sich in den Haaren verfangen hat und gleichsam
von ihnen auszustrahlen scheint wie ein inneres Licht. Sanfte Bewegung,
vereint mit tndelndem Licht, Unbewutheit mit noch trumender
Erinnerung, alles rann zusammen in ein flchtiges und schnes Bild, das
nur hingehaucht schien und aus glsernen Farben geschaffen, die ein
Augenblick jher Bewegung zerschmettern kann.

Wie eine Vision sah der alte Mann dieses Paar, das ein flchtiges Spiel
des Lichtes so verschwistert hatte und gleichsam aus fernem Traume fiel
ihm des italienischen Malers fast vergessenes Bild ein und seine
Gottesmilde. Und wieder schien es ihm, als hrte er gttlichen Ruf. Aber
diesmal verlor er sich nicht an Trume, sondern schenkte seine ganze
Kraft dem Augenblick. Mit heftigen Zgen hielt er dies Bewegungsspiel
dieser kindischen Hnde und die sanfte Neigung dieses sonst so harten
Mdchenhauptes fest, als wollte er sie der Vergnglichkeit des Momentes
fr immer entraffen, der sie zusammengefgt. Er fhlte Schpferkraft in
sich wie heies junges Blut. Sein ganzes Leben war ein Rinnen und
Rauschen, ein Einschlrfen des Lichtes und der Farbe in dieser Minute,
ein Formen und Umfassen seiner zeichnenden Hand. Und in dieser Minute,
da er dem Geheimnis gttlicher Krfte und unbegrenzter Lebensflle so
nahe stand wie noch nie, da sann er nicht ihren Wundern und Zeichen
nach, sondern lebte sie, indem er sie selbst erschuf.

Dieses Spiel whrte nicht allzu lange. Das Kind ermdete endlich bei dem
unablssigen Haschen, und auch Esther war befremdet, wie sie den alten
Mann pltzlich mit fieberhafter Glut und gerteten Wangen arbeiten sah;
wieder war in seinem Antlitz die gleiche visionre Helle, wie an dem
Tage, da er von Gott und seinen tausendfltigen Wundern zu ihr
gesprochen hatte, und wieder fhlte sie begeistertes Erschauern fr die
Gre, die sich so ganz in die schpferischen Welten verlieren konnte.
Und in dieses umfassende Gefhl verlor sich ganz die kleine Beschmung,
da sie der Maler in dem Augenblicke berrascht hatte, da sie ganz von
dem Anblick des Kindes erfllt war. Sie sah nur eine Flle des Lebens;
und die Vielfltigkeit und Gre solcher Momente lieen sie immer jenes
Erstaunen wiederempfinden, das sie zuerst gefhlt, als ihr der Maler die
Bilder ferner und unbekannter Menschen, traumhaft schner Stdte und
ppiger Landschaften gezeigt hatte. Und die Armut ihrer eigenen Tage und
der monotone Gleichklang ihrer seelischen Erlebnisse frbten sich am
Rausche des Fremden und von der Pracht des Fernen. Aber eigene
Schpfersehnsucht brannte tiefinnerst in ihrer Seele, wie ein
verborgenes Licht im Dunkeln, von dem niemand wei.

Dieser Tag war eine Wende in Esthers und des Bildes Schicksal. Der
Schatten war gesunken. Nun ging sie mit hellen und hastenden Schritten
zu jenen Stunden, die ihr so flchtig schienen, weil sie eine wechselnde
Reihe kleiner Erlebnisse aneinander ketteten, deren jedes ihr bedeutsam
war, da sie den Wert des Lebens nicht kannte und sich reich glaubte mit
den kleinen kupfernen Mnzen unwertiger Begebnisse. Unmerklich trat die
Gestalt des alten Mannes in den Hintergrund gegen den unbehilflichen
kleinen rosigen Krper des Kindes. Ihr Ha war jhlings in eine wilde
und fast gierige Zrtlichkeit umgeschlagen, wie sie Mdchen oft gegen
Kinder und kleine Tiere haben. Ihr ganzes Wesen erschpfte sich in
Beobachtung und Liebkosung, unbewut lebte sie den erhabensten Gedanken
der Frau, die Mutterschaft, in einem hingebenden leidenschaftlichen
Spiel. Der Zweck ihres Besuches entglitt ihr. Sie kam, setzte sich mit
dem kleinen blhenden Kinde, das sie bald erkannte und das ihr drollig
entgegenlachte, in den breiten Lehnstuhl und begann ihre innigen
Tndeleien, ganz vergessend, da sie um des Bildes willen gekommen und
da sie einst dieses nackte Kind wie einen Druck und eine Last empfunden
hatte. Das schien ihr so ferne, wie einer ihrer unzhligen falschen und
verlogenen Trume, die sie frher in der dunklen traurigen Gasse in
langen Stunden emsig aneinander gesponnen hatte, und deren Gewebe
zerflatterte beim ersten vorsichtigen Atemzuge der Wirklichkeit. Und nur
in diesen Stunden glaubte sie auch jetzt noch zu leben; ihr Verweilen zu
Hause war ihr eine Fremde, wie die Nacht, in die man schlafend
hinabtaucht. Wenn sie mit ihren Fingern die dicken fleischigen Hndchen
des Kindes umfate, fhlte sie, da dies kein blutloser Traum war. Und
das Lcheln war keine Lge, das ihr aus diesen blauen groen Augen
entgegenblinzelte. Das war alles Leben, und sie verzehrte sich in einer
inneren Gier nach Verschwendung an die Welt, die ein reiches und
unbewutes Erbteil ihres Stammes war und nach Hingebung, der fraulichen
Sehnsucht, ehe sie noch Weib war. In diesem Spiel barg sich schon der
Keim tieferen Verlangens und tieferer Lust. Aber noch war alles ein
tndelnder Reigen zrtlicher Einflle und inniger Bewunderung,
spielender Anmut und trichten Traums. Wie Kinder die Puppen schaukeln,
so wiegte sie dieses Kind, aber sie trumte dabei, wie Frauen und Mtter
trumen, -- in eine se zrtliche grenzenlose Ferne.

Der alte Mann fhlte die Wandlung mit der ganzen Flle seines wissenden
Herzens. Er sprte, da er ihr ferner wurde, nicht fremder, und da er
nicht mehr in ihrem Wunsche stand, sondern schon abseits, wie eine milde
Erinnerung. Und er freute sich dieses Umschwungs, so sehr er auch Esther
liebte, denn er sah junge starke und gtige Triebe in ihr, von denen er
hoffte, da sie schneller die Trotzigkeit und Verschlossenheit ihrer
ererbten Art zerbrechen wrden als sein Bemhen. Und er wute, da ihre
Liebe an ihn, den Alten, Absterbenden Verschwendung war, whrend sie in
junges Leben Segnung und Verheiung tragen konnte.

Wunderbare Stunden verdankte er dieser erwachten Zrtlichkeit Esthers zu
dem Kinde. Viele Bilder von bezwingender Schnheit formten sich vor ihm,
alle Paraphrasen eines einzigen Gedankens und doch alle verschieden.
Bald war es ein zrtliches Spiel: Esther mit dem Kinde tndelnd, selbst
ganz Kind in ihrer unbndigen Mitfreude, geschmeidige Bewegungen ohne
Hrte und Leidenschaft, milde Farben in sanfter Vereinung, zrtliches
Zusammenflieen zarter Formen. Und dann wieder Augenblicke der Stille,
wenn das Kind trge auf dem weichen Schoe eingeschlafen war und die
schmalen Hnde Esthers ber ihm wachten wie zwei Engel, wenn in ihren
Augen jene zrtliche Freude seligen Besitzes aufglnzte und die
verschwiegene Leidenschaft, das schlafende Antlitz mit Zrtlichkeiten zu
erwecken. Dann wieder Sekunden, da sich die vier Augen ineinander
einsenkten, unwissend, unbewut und suchend die einen, innig hingebend
und selig leuchtend die andern. Dann waren wieder Momente entzckender
Verwirrungen, wenn das Kind mit seinen unbehilflichen Hnden an der
Brust des Mdchens emportastete, von der es die mtterliche Spende
erwartete; dann rtete wieder die Scham Esthers Wangen wie rosiges
Licht, aber es war keine Angst mehr, die sie erfllte, und kein Unwille,
sondern nur eine verlegene Aufwallung, die in ein beglcktes Lcheln
zerrann.

Und diese Tage wurden die Schpferstunden des Bildes. Aus tausend
Zrtlichkeiten schuf er eine, aus tausend tndelnden, beseligten,
ngstlichen, glcklichen, innigen Blicken einen Mutterblick. Ein stilles
groes Werk wuchs empor. Ganz schlicht war es. Ein spielendes Kind und
eines Mdchens sanft sich niederneigendes Haupt. Aber die Farben waren
mild und klar, wie er sie nie gefunden, und die Formen standen so scharf
und klar, wie dunkle Bume gegen die heilige Glut des Abends. Es war,
als mte irgend ein inneres Licht verborgen sein, von dem sich jene
geheime Helle entznde, eine Luft in ihm weben, die weicher,
umschmeichelnder und klarer sei als die aller irdischen Welt. Nichts
berirdisches war darin und doch eine heimliche Mystik des Lebens, das
es geschaffen. Denn zum ersten Mal fhlte der alte Mann, der in seiner
langen emsigen Schaffenszeit stets sorglich Strich an Strich gesetzt,
ein inneres Wachsen und Werden an seinem Bilde, von dem er nichts wute.
Wie in der alten Volksmre die zauberischen Geister ihre Werke
erschufen, verborgen und doch mit so schaffender Eile, da des Morgens
die Menschen mit staunenden Augen die nchtige Vollendung schauten, so
fhlte der Maler, wenn er nach Minuten schpferischen Rausches vom Bilde
zurcktrat und es mit prfendem Auge betrachtete. Wieder pochte der
Gedanke des Wunders an sein Herz, das kaum noch zgerte, ihm Einla zu
gewhren. Denn dieses Werk schien ihm nicht nur seines ganzen Ringens
leuchtende Blte, sondern etwas viel Ferneres und Hheres, das sein
niederes Werk nicht wrdig sei zu tragen, wenn auch als seine Krnung.
Und seines Schaffens Heiterkeit senkte sich tiefer und wurde frchtige
Stimmung, ein Bangen vor diesem eigenen Werk, in dem er sich nicht mehr
wieder zu erkennen wagte.

So wurde auch er Esther ferner, denn sie schien ihm nur die Mittlerin
des irdischen Wunders, das er vollbracht. Mit alter Gte behtete er
sie, aber seine Seele erfllte sich wieder mit den frommen Trumen, die
er schon ferne geglaubt. Die schlichte Kraft des Lebens ward ihm mit
einem Male so wunderbar. Wer konnte ihm Antwort geben? Die Bibel war alt
und heilig, sein Herz aber irdisch und stand noch tief im Leben. Durfte
er da fragen, ob die Schwingen Gottes hinabrauschten bis in diese Welt?
Gingen noch heute Zeichen Gottes durch die Welt, oder waren es nur
schlichte Wunder des Lebens?

Der alte Mann berhob sich nicht, da Antwort wissen zu wollen, so
Seltsames auch in seinem Leben geschah. Aber er war seiner selbst nicht
mehr so sicher wie einst, da er an das Leben glaubte und an Gott und
nicht nachsann, wer die Wahrheit war. Und jeden Abend umhllte er
sorglich das Bild. Denn einmal in diesen Tagen, als er heimgekehrt war
und der silberne Schein des Mondes segnend ber dem Bilde hing, da war
es ihm, als htte die Gottesmutter ihm ihr Antlitz enthllt. Und wenig
fehlte, da er sich betend hingeworfen htte vor seinem eigenen
Werk.....

              *       *       *       *       *

In diesen Tagen aber geschah noch ein anderes im Leben Esthers, das
nichts Seltsames und Unwahrscheinliches war, aber doch wie ein
aufwirbelnder Sturm bis in die Tiefen ihres Lebens hinabgriff, da sie
erschauerten in wildem und unverstndlichem Schmerz. Sie fhlte die
ersten Mysterien der Reife und ward Weib aus einem Kinde. Viel ratlose
Verwirrung erfllte ihre Seele, die niemand fhrte und unterwies, die
einsam einen wundersamen Weg zwischen tiefen Dunkelheiten und mystischem
Leuchten ging. Und viel Sehnsucht ward wach, die keinen Weg wute. Ihr
unbndiger Trotz, der frher allen Gespielen abweisend ausgewichen war
und jedes unntige Wort mit ihrer Umgebung vermieden hatte, brannte wie
ein Fluch in diesen Tagen dunkler Verlorenheit. Denn so fhlte sie nicht
die heimliche Se, die in diesem Werden sich birgt, wie eine Saat,
deren Flle noch ferne ist, und nur der dumpfe, irre und so einsame
Schmerz blieb zurck. Und in diese Unwissenheit glnzten die Legenden
und Wunder, von denen der alte Mann ihr erzhlt, wie verfhrerische
Lichter, denen ihre Trume in die unsinnigsten Mglichkeiten gierig
folgten. Die Erzhlung von der milden Frau, deren Bild sie gesehen, die
Mutter ward nach wundersamer Verkndigung, durchbebte sie mit einer
jhen und fast freudigen Angst. Und doch wagte sie nicht zu glauben,
denn noch von anderem war da gesprochen worden, das sie nicht verstand.
Aber sie meinte, da in ihr selbst irgend ein Wunder wirke, weil sie
sich so verndert fhlte in ihrem ganzen Empfinden, weil die Welt und
alle Menschen um sie mit einem Male anders zu sein schienen, tiefer,
seltsamer und voll geheimer Triebe. Alle Dinge schienen zusammen zu
gehren und ein inneres Leben zu haben, das sich entgegendrngte und
wieder zurckstie, eine Gemeinsamkeit, von der sie nicht wute, wo sie
sich berge; ihr schien alles zusammenzuhalten, was so vereinzelt stand.
Und sie selbst fhlte diese innere Kraft, die sie hineinzog in das Leben
und zu den Menschen, aber sie war unsinnig und wute nicht, wohin sie
sich wenden sollte und hinterlie nur diesen gleichen drngenden,
pressenden und qulenden Schmerz unverbrauchter Sehnsucht und
unterbundener Kraft.

Was Esther bisher unmglich erschienen, versuchte sie jetzt in
verzweifelten Stunden, wenn ihre Verlorenheit sich erkannte und die
Sehnsucht nach einem Dinge, an das sie sich anklammern knnte, ihr Herz
berwltigte. Sie sprach mit ihrem Ziehvater. Bisher war sie ihm
ausgewichen, instinktiv, weil sie die Ferne fhlte, die zwischen ihnen
war. Aber nun stie sie dieser blinde Drang ber die Schwelle. Sie
sprach mit ihm von allen Dingen, erzhlte ihm von dem Bilde, griff tief
in sich hinein, um aus diesen Stunden etwas emporraffen zu knnen, was
ihm von Wert sein knnte. Und der Wirt, sichtlich erfreut ber diese
Wandlung klopfte ihr derb begtigend auf die Wangen und hrte zu.
Manchmal warf er ein Wort drein, aber es war so lssig und unpersnlich
wie die Gebrde, mit der er den zerkauten Tabak zur Erde spuckte.
Schlielich erzhlte er selbst in seiner ungeschickten Weise, was gerade
vorgegangen war, aber Esther horchte vergebens. Er wute ihr nichts zu
sagen, er versuchte es gar nicht. Alle Dinge schienen nur bis an seinen
Krper heranzukommen und nichts nach innen zu flieen, eine
Gleichgltigkeit gegen alles schlug ihr aus seinen Worten entgegen, die
sie mit Ekel erfllte. Was sie frher nur dumpf geahnt, wute sie jetzt:
es gab keinen Weg von solchen Menschen zu ihr und ihrer Seele. Es gab
ein Nebeneinandersein, aber kein Erkennen, eine de und kein
Verstndnis. Und er schien ihr noch der beste von all den Menschen, die
in dieser traurigen Kneipe aus und ein gingen, weil eine gewisse biedere
Derbheit in ihm war, die in manchen Augenblicken sogar Herzlichkeit
werden konnte.

Diese Enttuschung aber konnte die drngende Kraft dieser unbndigen
Sehnsucht nicht zerbrechen und die ganze Wucht strmte wieder zu den
beiden Wesen zurck, die Aufgang und Niedergang ihres Tages umspannten.
Sie zhlte die einsamen Stunden der Nacht, die sie noch vom Morgen
entfernten, mit Inbrunst und die Stunden des Tages, die vor ihrem
Besuche bei dem Maler lagen, mit fiebernder Glut, die sich auf ihrem
Antlitz verriet. Und einmal auf der Gasse warf sie sich ganz in den Arm
ihrer Leidenschaft, wie ein Schwimmer in eine aufschumende Flut, und
strmte wie verzweifelt durch die ruhig vorwrtsstrebenden Menschen, um
erst Halt zu machen, wenn sie mit gertetem Gesicht und verwirrten
Haaren vor dem Tore des ersehnten Hauses stand. Eine Unbndigkeit und
Lust an freier leidenschaftlicher Gebrde hatte in dieser Zeit der
Umformung Gewalt ber sie gewonnen und gab ihr eine wilde begehrliche
Schnheit.

Und diese gierige, fast verzweiflungsvolle Art ihrer Zrtlichkeit lie
sie das Kind vor dem alten Manne bevorzugen, in dessen freundlicher
inniger Milde etwas Ablehnendes, Abgeklrtes gegenber aller strmischen
Leidenschaft lag. Er wute nichts von der fraulichen Wandlung Esthers,
aber er ahnte sie aus ihrem ganzen Wesen, dessen so jh erwachte
Ekstatik ihn befremdete. Ihr Schranken zu setzen, versuchte er nicht,
weil er die elementare Kraft sprte, die sie vorwrts trieb in diese
zhe Leidenschaft. Und er verlor darum nicht die vterliche Liebe zu
diesem einsamen Kinde, wenngleich auch sein Sinn sich ganz wieder dem
fernen Spiel der geheimen Lebenskrfte zugewandt hatte. Er freute sich
ihrer Gegenwart und suchte sie sich zu bewahren. Das Bild war schon
vollendet, er sagte es aber Esther nicht, weil er sie nicht trennen
wollte von dem Kinde, das sie mit Zrtlichkeit gleichsam berflutete. Ab
und zu tat er noch einen Pinselstrich, aber es waren immer nur
unwichtige uerlichkeiten, ein Faltenwurf, eine leichte Schattierung
des Hintergrundes oder eine flchtige Nuance im Spiel des Lichtes. Dem
eigentlichen Gedanken des Bildes und seiner innerlichen Empfindung wagte
er nicht mehr zu nahen, denn der Zauber der Wirklichkeit war langsam
gewichen und das Doppelantlitz des Bildes schien ihm das vergeistigte
Wesen jenes wundervollen Schpfertraumes, der ihm immer weniger
Vollfhrung irdischer Kraft schien, je weiter zeitlich die Erinnerung
jenes Augenblickes zu verdmmern begann. Jeder Versuch der Verbesserung
schien ihm nicht nur Torheit, sondern Snde. Und im Innersten beschlo
er, nach diesem Werke, da seine Hand offenbarlich geleitet war, nicht
weiteres Stmperwerk zu schaffen, sondern seine Tage in tieferer
Frmmigkeit und in Ersphung der Pfade zu verbringen, die sein Leben
emporfhren knnten in jene Hhen, deren goldenes Abendleuchten er in
diesen spten Lebensstunden noch versprt hatte.

Esther sprte mit dem feinen Instinkte, den die Verwaisten und
Zurckgestoenen in ihren Seelen wie ein geheimes Netzwerk empfindsamer
Fden haben, das alle Worte und auch die verschwiegenen umspannt, die
leichte Entfernung des alten und ihr so lieben Mannes, und sie litt
beinahe unter seiner gleichen milden Zrtlichkeit; sie fhlte, da sie
gerade jetzt seines ganzen Wesens und der befreiten Flle seiner Liebe
bedurft htte, um ihre Seele mit ihren wachsenden Schmerzlichkeiten
offenbaren zu knnen und Antwort zu verlangen von den Rtseln, die sie
umringten. Sie horchte auf den Augenblick, da sie die Worte aus sich
befreien konnte, die in ihr drngten und berschumten, aber das
Erwarten ward endlos und machte sie mde. Und da wandte sie ihre ganze
Zrtlichkeit dem Kinde zu. Ihr ganzes Empfinden formte sie in diesen
kleinen unbeholfenen Krper, den sie mit heier Gewalt umfing und kte,
so ungestm und vergessend, da das Kind oft nur den Schmerz der
Umarmung sprte und zu klagen begann. Dann wurde sie zurckhaltend,
behtend, beruhigend, aber auch diese ngstlichkeit war Ekstase, sowie
ihr Empfinden kein mtterliches war, sondern ein ngstlich-suchendes
Emporwallen erotischer und dumpf sehnschtiger Triebe. Eine Kraft in ihr
drngte empor, und ihre Unwissenheit lie sie an diesem Kinde
verschumen. Es war ein Traum, den sie lebte, und eine schmerzliche
Betubung; sie hielt sich nur krampfhaft an dieses Wesen, weil es ein
warmes Herz hatte, das pochte, so wie das ihre, weil sie alle
Zrtlichkeiten, die in ihr glhten, an diese stummen Lippen verschenken
konnte, weil ihre Arme, in denen eine unbewute Sehnsucht war, ein
Lebendes umklammern konnten, ohne den Augenblick der Beschmung frchten
zu mssen, der sie berfiel, wenn sie sich nur mit einem einzigen Worte
einem Fremden anvertraut htte. Stunden und Stunden verbrachte sie so,
ohne zu ermden und ohne zu fhlen, wie sie sich selbst betrog.

Dieses Kind umschlo nun fr sie den Begriff des Lebens, nach dem sie
sich so wild gesehnt. Rings um sie verwlkten sich die Zeiten, sie
merkte es nicht. Abends standen die Brger zusammen und sprachen von der
alten Freiheit und dem guten Knig Karl, der sein Flandern so sehr
geliebt, mit Bedauern und heimlichem Zorn. Unruhe whlte in der Stadt.
Die Protestanten einten sich insgeheim, lichtscheues Gesindel rottete
sich zusammen, kleine Aufstnde und Zusammenste mit den Soldaten
huften sich, getragen von drohenden Botschaften aus Spanien; und in
diesem unruhigen Geznke wetterleuchteten schon die ersten Flammen von
Krieg und Rebellion. Die Vorsichtigen begannen schon jetzt ihren Blick
gegen das Ausland zu richten, die andern trsteten und beruhigten sich,
aber das ganze Land war mitgerissen in eine frstelnde Erwartung, die
sich in jedem einzelnen spiegelte. In der Schenke setzten sich die
Mnner in den Ecken zusammen und sprachen mit gedmpfter Stimme, und
zwischen ihnen durch scherzte der Wirt in seiner derben Weise von Krieg
und seinen Schrecknissen, doch das Lachen wollte allen nicht recht aus
der Kehle. Die sorglose Frhlichkeit der ppigen Menschen verlosch in
Angst und unruhiger Erwartung.

Esther fhlte nichts von dieser Welt, nicht ihre gedmpfte und
furchtsame Art und nicht ihr geheimes Fieber. Das Kind war still wie
immer und lachte sie in seiner unbeholfenen Weise an, -- so merkte sie
keine Vernderung in ihrer Umgebung. Ihr Leben trieb einer einzigen
Strmung nach in eine unselige Verwirrung; die Dunkelheit um sie lie
die phantastischen Trume ihrer leeren Stunden ihr als Wirklichkeit
erscheinen, so ferne und fremd, da sie fr immer verloren war fr die
khle besonnene Verstndigkeit der Welt. Ihre erwachte Weiblichkeit
schrie nach einem Kinde, aber dieses bange Mysterium wute sie nicht,
sondern sie ertrumte es sich in tausend Formen, in der schlichten
Wunderbarkeit der biblischen Legende, wie in der zauberischen
Mglichkeit einsamer Phantasieen. Htte ihr jemand dieses Rtsel des
Alltags in einfachen Worten erklrt, so htte sie vielleicht mit jenem
verschmt betrachtenden Blicke wie sie Mdchen in dieser Zeit haben, die
Mnner gemustert, die an ihr vorbeigingen. So aber dachte sie ihrer
nicht, sondern sah nur die Kinder auf den Straen spielen und dachte
trumerisch jenes seltsamen Wunders, das ihr vielleicht auch eines Tages
ein solches rosiges spielendes Kind schenken knne, ein Kind, das ganz
ihr gehrte und ganz ihre Seligkeit wre. Und so unbndig war der Wunsch
in ihr, da sie sich vielleicht dem ersten besten hingegeben htte, alle
Scham und ngstlichkeit vernichtend, nur um dieses ersehnten Glckes
willen; aber sie wute nichts von dieser schpferischen Einung, und ihre
Sehnsucht ging blinde und nutzlose Pfade in die Irre. Und so kehrte sie
immer und immer wieder zu diesem fremden Kinde zurck, das ihr schon wie
ein eigenes schien, so innig war ihre Zrtlichkeit geworden.

So kam sie eines Tages zu dem Maler, der mit geheimer Unruhe ihre
bertriebene und fast krankhafte Leidenschaft zu dem Kinde bemerkt
hatte, mit ihrem leuchtenden Gesicht und der funkelnden Unrast in den
Augen. Das Kind war nicht, wie gewohnterweise, zur Stelle. Das
beunruhigte sie, aber um es nicht einzugestehen, trat sie auf den alten
Mann zu und fragte ihn nach dem Fortgang des Bildes. Das Blut stieg ihr
in die Wangen bei dieser Frage, denn mit einem Male fhlte sie die
stumme Beleidigung aller dieser Stunden, in denen sie nie Aufmerksamkeit
weder ihm noch seinem Werke geschenkt. Die Vernachlssigung dieses so
gtigen Menschen drckte sie wie eine Schuld. Aber er schien nichts zu
bemerken.

Es ist fertig, Esther, sagte er mit einem leisen Lcheln, und sogar
schon lange. Nchster Tage werde ich es bergeben.

Sie wurde bla. Eine bse Ahnung befiel sie, die sie nicht auszudenken
wagte. Ganz leise und verschchtert fragte sie. Und ich darf dann nicht
mehr zu Euch kommen?

Er streckte ihr beide Hnde entgegen. Es war die alte milde bezwingende
Gebrde, die sie immer wieder gefangen nahm. So oft du willst, mein
Kind. Und je fter, desto lieber. Du siehst ja, da ich hier einsam bin
in meiner alten Stube und, wenn du da bist, dann ist es allein frhlich
und hell den ganzen Tag. Komm oft, recht oft, Esther.

Ihre ganze alte Liebe zu diesem Manne flutete auf, wie wenn sie nun alle
Dmme berrauschen wollte und sich in Worten ergieen. Wie gro und gut
war er! War seine Seele nicht wahr und die des Kindes nur ihr eigener
Traum? Ihr Vertrauen war wieder gro in diesem Augenblick, aber der
Gedanke ihres Lebens hing noch lastend ber dieser reifenden Saat wie
eine Gewitterwolke. Der Gedanke an das Kind peinigte sie. Sie wollte
diese Qual unterdrcken, sie prete das Wort immer hinab und hinab, aber
es quoll auf, ein wilder verzweifelter Schrei. Und das Kind.

Der alte Mann schwieg. Aber seine Zge wurden hrter, beinahe
unbarmherzig. Da sie in diesem Augenblicke, da er ganz ihre Seele sein
Eigen hoffte, seiner verga, das stie ihn zurck wie ein zorniger Arm.
Kalt und gleichgltig sagte er: Das Kind ist fort.

Er fhlte ihre Blicke gierig und in einer rasenden Verzweiflung an
seinem Munde hangen. Aber die finstere Gewalt in ihm zwang ihn, trotzig
und grausam zu sein. Er fgte nichts hinzu. In diesem Augenblicke hate
er dieses Mdchen, das so undankbar die viele Liebe verga, die sie von
ihm empfangen, und der gtige und so milde Mensch empfand die Wollust
einer Sekunde, sie zu qulen. Doch es war nur ein flchtiger Moment der
Schwche und eigenen Verneinung, der wie eine einsame Welle in diesem
unendlichen Meere der sanften Klrung verrann. Und, von dem Bangen ihres
Blickes mit Mitleid erfllt, wandte er sich ab.

Aber sie ertrug nicht dieses Schweigen. Mit wilder Gebrde strzte sie
an seine Brust und umklammerte ihn schluchzend und sthnend. Nie brannte
grere Qual in ihr, als in den verzweifelten Worten, die sie weinte und
schrie. Ich mu es wieder haben, das Kind, mein Kind. Ich kann nicht
anders leben, es ist ja das einzige kleine Glck, das man mir stiehlt.
Warum wollt Ihr mir es nehmen?.... Ich war schlecht gegen Euch, aber
verzeiht und lat mir das Kind. Wo ist es? Sagt es mir! Sagt es mir! Ich
mu es wieder haben.....

Ihre Worte verschlugen sich in ein tonloses Schluchzen. Tieferschttert
beugte sich der alte Mann ber sie herab, die in langsam erschlaffendem
Krampfe weinend seine Brust umklammerte und tiefer und tiefer herabsank
wie eine ersterbende Blte. Sanft strich er ber dieses lange, dunkle,
gelste Haar. Sei klug, Esther! Und weine nicht. Das Kind ist fort,
aber....

Es ist nicht wahr, nein, es ist nicht wahr, fuhr sie empor.

Es ist wahr, Esther. Seine Mutter hat das Land verlassen. Die Zeiten
sind schwer fr die Fremden und die Ketzer, aber auch fr die Frchtigen
und Treuen. Nach Frankreich sind sie oder nach England. Aber warum
willst du verzagen .... sei doch klug, Esther ..... warte ein
paar Tage .... es wird alles wieder gut werden...

Ich kann nicht, ich kann nicht, rchelte ihr irres Weinen. Warum hat
man mir das Kind genommen.... Ich hatte doch sonst nichts .... ich
mu es wieder haben .... ich mu, ich mu..... Es hatte mich
gern, es war das einzige Wesen, das mir, das ganz zu mir gehrte ....
wie soll ich jetzt leben.... Sagt mir doch, wo es ist, sagt mir....

Klagen und Schluchzen flossen zusammen in ein wirres und verzweifeltes
Reden, das immer leiser und sinnloser wurde und schlielich in ein
stumpfes Weinen verquoll. Wie wirre Blitze zuckten die Gedanken durch
dieses zermarterte Gehirn, das nicht Klarheit und Ruhe gewinnen konnte;
alle Empfindung und Betrachtung schwang in wahnsinnig kreisender Drehung
um diese eine schmerzhafte Idee, die nicht loszureien war aus ihren
Reden, sondern mitschwang und mitkreiste, rastlos mit unbarmherziger
wirbelnder Kraft. Das unendliche stumme Meer ihrer suchenden Liebe
rauschte empor als verzweifelter und lauter Schmerz. Und die Worte
strmten wirr und hei nieder, wie tropfendes und quellendes Blut aus
einer Wunde, die sich nicht schlieen will. Verzagt schwieg der alte
Mann, der versucht hatte, diesen Schmerz mit sanften Worten zu stillen.
Die elementare Gewalt dieser Leidenschaft und ihre finstere Glut
schienen ihm strker, als alle Kraft der Begtigung. Er wartete und
wartete. Manchmal schien der aufschumende Strom zu stocken und die
Erregung sich zu mildern, aber immer und immer stie ein Schluchzen
verlorene Worte empor, die halb Schrei und halb Weinen waren. Eine
reiche und blhende Seele verblutete in diesem Schmerz.

Endlich konnte er zu ihr sprechen. Aber Esther hrte ihn nicht. In ihren
feuchten und starren Augen stand ein einziges Bild, und ein Gedanke
erfllte ihr Empfinden. Wie aus Fieberphantasieen stammelte sie fort.
Wie lieb es lachte... Mir gehrte es ja nur, mir ganz allein.....
Diese vielen schnen Tage.... Ich war seine Mutter... Und ich soll
es nicht mehr haben... Wenn ich es nur sehen knnte, nur noch einmal
sehen..... Nur sehen, nur einmal..... Und wieder verlosch die
Stimme in hilfloses Schluchzen. Langsam war sie von der Brust des alten
Mannes herabgesunken und umklammerte mit den matten, durchschauerten
Hnden nur noch seine Kniee, ganz zusammengekauert in die flieende Flut
ihrer schwarzen Strhnen. Ihr zerknickter zuckender Krper mit dem
berwallten und versteckten Antlitz schien wie zerschmettert von
zornigem Schmerz. Und monoton, mit verlorenen erschlafften Gedanken
lallte sie das Wort immer wieder. Nur sehen ... nur einmal
sehen ... nur einmal ..... nur sehen.

Tief beugte sich der alte Mann zu ihr herab.

Esther!

Sie rhrte nicht ein Glied. Die Lippen lallten noch die Worte weiter
ohne Sinn und Betonung. Er wollte sie emporheben; ihr Arm, den er fate,
war kraftlos und ohne Regung wie ein abgebrochner Ast; schlaff fiel er
wieder zurck. Nur die Lippen stammelten eintnig und unbewut ihren
traurigen Spruch weiter. Nur einmal .... nur sehen ... nur einmal
sehen...

Da berkam ihn ein seltsamer Gedanke in seiner suchenden Ratlosigkeit.
Er neigte sich zu ihrem Ohre. Esther! Du sollst es sehen, einmal und so
oft du willst!

Sie fuhr auf, wie aus einem Traum gerttelt. Durch alle Glieder schienen
diese Worte zu flieen, denn jhe Bewegung erfate ihren Krper, und sie
richtete sich auf. Langsam schien die Klarheit wiederkehren zu wollen.
Noch war ihr der Gedanke nicht ganz klar, denn instinktiv glaubte sie
nicht an ein so groes Glck, das sich aus dem Schmerze wieder
erschlieen sollte. Unsicher sah sie den alten Mann an, wie mit
schwankenden Sinnen. Sie begriff ihn nicht ganz und wartete auf seine
Worte. Alles war ihr so unklar. Aber er sprach nicht, er sah sie nur mit
gtiger Verheiung an und nickte ihr zu. Lind umfate er sie mit seinem
Arm, als htte er Angst, ihr wehe zu tun. Es war also kein Traum und
nicht die Lge eines Augenblicks. Ihr Herz schlug und schlug in wirrer
Erwartung. Willig wie ein Kind ging sie an ihn gelehnt, ohne ein Ziel zu
wissen. Aber er fhrte sie nur ein paar Schritte bis zur Staffelei. Und
mit rascher Bewegung lste er das hllende Tuch von dem Bilde.

Im ersten Augenblicke blieb Esther reglos. Ihr Herz stand still wie
erstarrt. Aber dann strzte sie gierig auf das Bild zu, als wollte sie
dieses liebe lchelnde rosige Kind aus dem Rahmen reien, wieder zurck
ins Leben, um es zu wiegen und zu umschmeicheln, um die Zartheit seiner
unbeholfenen Glieder zu spren und das Lachen um diesen kleinen
trichten Mund zu erwecken. Sie dachte nicht, da dies nur ein Bild war,
ein Stck bemalter Wand, das nur der Traum des Lebens war, sie berlegte
nicht, sondern fhlte nur, und ihre Blicke flatterten in seligem
Rausche. Reglos blieb sie knapp vor dem Bilde stehen. Ein Zittern und
Reien war in ihren Fingern, die sich sehnten, die blhende Weiche
dieses Kindes wieder erschauernd fhlen zu knnen, ein Brennen in ihren
Lippen, den ertrumten Krper mit zrtlichen Kssen bedecken zu knnen.
Ein seliges Fieber durchlief ihren Leib. Und dann brachen die warmen
Trnen empor. Aber sie waren nicht mehr zornig und anklagend, sondern
wehmtig und beglckt, sie waren nur ein Quellen und berquellen von
vielen seltsamen Gefhlen, die pltzlich ihre Seele erfllten und
empordrngten. Leise lste sich der Krampf, der sie mit seinen harten
Hnden umklammert, und eine unsichere, aber milde und vershnliche
Stimmung hielt sie umschlungen und wiegte sie sanft und s in einen
wachen, wunderbaren Traum, der ferne war von allen Wirklichkeiten.

Der alte Mann fhlte wieder jenes fragende Bangen in seiner Freude. Wie
wundersam war dieses Werk, da es selbst diejenigen, die es geschaffen
und gelebt, so mystisch beseelte, wie unirdisch war diese sanfte
Erhebung, die ihm entstrahlte! War dies nicht wie die Bilder und Zeichen
der Heiligen, die man verehrte, und bei denen die Beladenen und
Bedrckten jhlings ihren Schmerz vergaen und heimgingen, von einem
Wunder gelutert und befreit? Und waren dies nicht heilige Flammen in
den Blicken dieses Mdchens, das ihr eigenes Bild besah, ohne Neugierde
und ohne Scham, sondern hingegeben und gottverloren? Er fhlte, es msse
ein Ziel geben, zu dem so sonderbare Wege fhrten, es msse ein Wille da
walten, der nicht blind sei, wie der seine, sondern hellsichtig und
aller seiner Wnsche Meister. Und wie fromme Glocken jubelten diese
Gedanken durch sein Herz, das sich erwhlt dnkte fr aller Himmel
leuchtende Gnade.

Vorsichtig nahm er Esther bei der Hand und fhrte sie weg vom Bilde. Er
sprach nicht, denn auch er fhlte das warme Quellen von Trnen, die er
nicht zeigen wollte. Ihm war, als ruhte auf ihrem Haupte noch ein warmer
flieender Glanz, wie im Madonnenbilde, und als sei in dem Zimmer bei
ihnen noch etwas Groes und Unsagbares, das mit unsichtbaren Schwingen
vorberrauschte. Er sah in Esthers Augen. Sie waren nicht mehr verweint
und trotzig; nur ein sanfter spiegelnder Flor schien sie noch zu
berschatten. Alles schien ihm heller, milder und verklrter ringsum.
Wundernhe und Heiligkeit wollte sich ihm in allen Dingen offenbaren.

Lange blieben sie noch beide zusammen. Sie begannen wieder zu sprechen,
wie in alter Zeit, aber ruhiger und geklrter, wie zwei Menschen, die
sich nicht mehr suchen mssen, sondern sich ganz verstehen. Esther war
still geworden. Der Anblick dieses Bildes hatte sie seltsam berhrt und
sie so selig gemacht, weil er ihr das Glck ihrer schnsten Erinnerung
wieder schenkte, weil sie ihr Kind wieder besa, aber nun viel heiliger,
viel tiefer und mtterlicher als in der Wirklichkeit. Denn nun war es
nur ganz mehr Hlle ihres Traumes, ganz eigen und ganz ihre Seele. Nun
konnte es niemand mehr nehmen. Dies Bild gehrte ihr allein, wenn sie es
sah, und sie durfte es ja immer sehen. Gerne hatte der alte, von
mystischen Ahnungen durchschauerte Mann ihr die zage Bitte verstattet.
Nun hatte sie Tag fr Tag gleiche Seligkeit und Lebensflle, ihre
Sehnsucht mute nicht mehr bangen und begehren; und diese kleine
blhende Gestalt, die den andern der Heiland der Welt war, war auch dem
einsamen Judenkinde unbewut ein Gott der Liebe und des Lebens.

So kam sie noch einige Tage. Doch der Maler besann sich seines Auftrags,
den er beinahe vergessen hatte. Der Kaufherr kam, das Bild zu
betrachten, und auch ihn, der nichts von den heimlichen Wundern dieser
Schpfung wute, berwltigte die milde Form der Muttergte und die
schlichte Weihe des ewigen Symboles in diesem Bilde. Begeistert drckte
er seinem Freunde die Hand, der alle Lobsprche mit bescheidener und
frommer Gebrde zurckwies, als sei es nicht sein eigen Werk, vor dem er
stand. Und sie beschlossen nicht lnger dem Altare seinen Schmuck
vorzuenthalten.

Am folgenden Tage schon schmckte das Bild den andern Altarflgel, der
verwaist gewesen. Und seltsam war nun dieses fremde Paar der beiden
Madonnen mit ihrer leichten hnlichkeit und so verschiedener Gebrde.
Wie zwei Schwestern schienen sie, von denen die eine noch der Se des
Lebens sich vertrauend hingibt, whrend die andere schon die dunkle
Frucht des Schmerzes verkostet hat und die Schauer ferner Zeiten kennt.
Aber ber beider Haupt leuchtete ein gleicher Schein, als ob ber ihnen
Sterne der Liebe glhen wrden, unter denen ihr Weg ein Leben lang ginge
durch Freude und durch Schmerzlichkeit.....

Und auch in die Kirche folgte Esther dem Bilde, als sei es ihr eigen
Kind, das sie hier finde. Langsam verrauschte die Erinnerung in ihr, da
ihr das Wesen fremd war, und ein Mutterglaube erwachte, der einen Traum
zur Wahrheit werden lie. Stundenlang lag sie hingestreckt vor dem
Bilde, wie eine Glubige vor des Heilands Bild. Um sie lebte ein andrer
Glaube; die Glocken riefen mit ihren donnernden Zungen zu einer Andacht,
die sie nicht kannte, Priester, deren Worte sie nicht verstand, sangen
tiefe brausende Chre, die wie dunkle Wellen die Kirche durchrauschten
und aufflogen in die mystische Dmmerung, die wie eine duftende Wolke
hoch, hoch ber dem Gesthle hing. Und Frauen und Mnner, deren Glauben
sie hate, waren rings um sie, und ihre murmelnden Gebete berraunten
die leisen Zrtlichkeiten, die sie zu ihrem Kinde sprach. Aber sie
fhlte alles nicht, ihr Herz war zu verwirrt, um sich zu suchen und zu
ersphen; sie gab sich nur blind an diesen einen Wunsch hin, tagtglich
ihr Kind zu sehen und dachte nicht mehr an die Welt. Die Strme ihres
reifenden Blutes hatten sich geklrt, alle Sehnschte waren verloren
oder verstrmt in diesen einzigen Gedanken, der sie immer und immer
wieder hin zu dem Bilde trieb, wie ein magnetischer Zauber, den keine
Kraft zu lsen vermag. Nie war sie so selig gewesen, wie in diesen
langen Stunden in der Kirche, deren erhabene Feierlichkeit und geheime
Wollust sie fhlte, ohne sie zu verstehen. Und ihr einziger Schmerz war,
da ab und zu ein Fremder vor dem Bilde kniete und glubig aufblickte zu
diesem Kinde, das doch nur ihr, ihr allein gehrte. Dann flackerte der
alte unbndige eiferschtige Trotz wild in ihr auf, eine Wut brannte in
ihrer Seele, die sie zum Schlagen und zum Weinen treiben wollte; ihr
Sinn verwirrte sich mehr und mehr in solchen Augenblicken, sie wute
nicht mehr zu scheiden zwischen dieser Welt und der ihres Traumes. Und
erst, wenn sie vor dem Bilde hingestreckt ruhte, kam wieder die groe
Stille in ihr Herz. --

So war der Frhling mild und gtig gegangen, in dem sich die Schpfung
vollendet hatte, und es schien, als wollte nun der Sommer nach all den
Strmen und Blten ihr die groe, feierliche Mutterstille schenken. Die
Nchte wurden warm und hell, aber das Fieber war gewichen, und sanfte
zrtliche Trume neigten sich nieder auf Esthers Haupt. Nun schien ihr
Leben geklrt zu sein, ein gleiches Wiegen zwischen gleichen Stunden im
Rhythmus friedlicher Leidenschaft, und alle Ziele, die im Dunkel sich
verloren, wollte ihre hellen Wege deuten weit, weit in die Zukunft
hinein.

              *       *       *       *       *

Die Sommertage brachten endlich ihre leuchtendste Blte, das Marienfest,
Flanderns schnsten Tag. ber die goldenen Felder, die sonst emsige
Arbeitsmhe erfllt, schreiten die langen geschmckten Prozessionen mit
wehenden Wimpeln und sich bauschenden Fahnen. Wie eine Sonne leuchtet
die Monstranz ber die Saaten, welche des Priesters erhobene Hnde
segnen, und von betenden Stimmen ist so sanftes Gebrause, da die Garben
erzittern und sich demtig neigen und neigen. Hoch aber in den Lften
rufen die hellen Glocken unaufhrlich in die Ferne, und von
weitherberleuchtenden Kirchentrmen antworten die freudigen
Freundesstimmen, und ihr jubelndes Schwingen ist gewaltig, als ob die
Erde selbst singen wrde und die trotzigen Wlder und das rauschende
Meer.

Und dieser Glanz strmt aus dem blhenden Lande in die Stadt und
bersplt die drohenden Mauern. Das trostlose Gelrme der Handwerker
verstummt, die keuchenden Stimmen des Tagwerks schweigen; nur Spielleute
ziehen mit Pfeife und Dudelsack von Gasse zu Gasse und in ihr frhlich
Musizieren jauchzen die hellsilbernen Stimmen der tanzenden Kinder. Die
seidenen Gewande, die in den bergenden Spinden das ganze Jahr
vertrumen mssen, leuchten mit ihrem vergilbten Putz der Sonne
entgegen; feiertglich geschmckt einen sich plaudernde Gruppen zum
Kirchgange. In dem Dome aber, dessen ladende Pforten mit blauen
Weihrauchwellen und duftender Khle die Frommen empfangen, blht ein
Frhling von gestreuten Blumen und ppigen Guirlanden, die sorgsame
Hnde um Bilder und Altre gebreitet. Tausende von Kerzen durchleuchten
mit magischem Licht dieses duftende Dunkel voll Orgelbrausen und Gesang,
aus Tiefen und Hhen zittert geheimnisvolles Leuchten und mystische
Dmmerung.

Und dann scheint pltzlich diese fromme und frchtige Stimmung sich auf
die Straen zu ergieen. Ein Zug Andchtiger formt sich, die Priester
heben das vielberhmte Marienbildnis des Hauptaltars, das gleichsam
umrauscht ist von den Gerchten vieler vollbrachter Wunder, auf ihre
Schultern und eine feierliche Prozession beginnt. Und mit dem Bilde
tragen sie gleichsam die Stille unter die lrmenden Gestalten der
Strae, denn ein Schweigen und Neigen geht durch die Menge. Und so zieht
eine breite Furche der Andacht hinter dem Bildnis her, bis es wieder
zurckgelangt in die tiefe und khle Kirche, die es in ihr duftendes
Grab aufnimmt.

In diesem Jahre aber berschatteten trbe Wolken die fromme Feier. Seit
Wochen lastete ein dumpfer Druck ber dem Lande, dunkle und unbesttigte
Nachrichten mehrten sich, da die alten Privilegien fr null und nichtig
erklrt werden sollten. Die Geusen und Protestanten begannen sich zu
regen. Bse Gerchte kamen aus dem Lande: von den protestantischen
Predigern, die vor Tausenden auf freien Pltzen vor den Stdten
predigten und den bewaffneten Brgern das Abendmahl reichten. Spanische
Soldaten waren berfallen worden, und beim Sange der Genfer Psalmen
sollten Kirchen gestrmt worden sein. Noch war alles dies unverbrgt,
aber man fhlte das heimliche Flackern eines werdenden Brandes, und der
bewaffnete Widerstand, den die Besonnenen in ihren Stuben bei heimlicher
Beratung planten, artete in jhen Trotz und Unbotmigkeit aus bei den
vielen, die nichts zu verlieren hatten.

Der Festtag hatte jene erste schmutzige Welle nach Antwerpen gesplt,
jenen heillosen Pbel, der nie geeint ist und sich nur bei Revolten
pltzlich zusammenrottet. Finstere Gestalten, die niemand kannte,
tauchten mit einem Male in den Schenken auf, fluchten und drohten wild
den Spaniern und den Pfaffen. Aus den Winkeln und verrufenen Gchen
quoll seltsames tagscheues Volk mit trotzigem und gereiztem Gebaren. Die
Hndel mehrten sich. Ab und zu gab es kleine Zusammenste, aber sie
griffen nicht ber in die allgemeine Erregung, sondern erloschen wie
einsam aufzischende Funken. Noch hielt der Prinz von Oranien strenge
Zucht und berwachte dieses habgierige zankschtige und bswillige
Gesindel, das nur um des Gewinnes willen mit den Protestanten gleiche
Sache machte.

Die groe und prunkvolle Feierlichkeit der Prozession reizte nur den
Grimm der unterdrckten Instinkte. Zum ersten Mal mischten sich derbe
Scherzworte in den Sang der Glubigen, blinde Drohungen flatterten auf
und hhnisches Lachen. Manche sangen den Text des Geusenliedes auf die
fromme Melodie, ein junger Bursch ahmte zum Gaudium seiner Genossen mit
qukender Stimme den Prediger nach, andere grten das Bildnis mit
koketter Hutschwenkung, wie eine geminnte Dame. Die Soldaten und die
wenigen Glubigen, die sich zur Feier gewagt hatten, waren machtlos und
muten mit verbissenen Zhnen den Spott ertragen, der immer bermtiger
wurde. Und immer ungebrdiger wurde das ungezgelte Volk, seitdem das
Bewutsein seiner trotzigen Kraft erwacht war. Fast alle schon gingen in
Waffen. Und der finstere Wille, der sich jetzt nur in Flchen und
wuchtigen Drohungen Bahn brach, begehrte nach Taten. Wie eine
Gewitterwolke lastete diese drohende Unruhe am festlichen Tage und an
den folgenden ber der Stadt.

Die Frauen und die Besorgteren unter den Mnnern hteten seit den
rgerlichen und gefahrdrohenden Szenen bei der Prozession das Haus. Dem
Pbel und den Protestanten gehrte die Strae nunmehr allein. Auch
Esther war daheim geblieben in den letzten Tagen. Aber sie wute von all
diesen Strmen und Geschehnissen nichts. Sie merkte dumpf, da sich mehr
und mehr in der Schenke die Menschen drngten, da sich kreischende
Dirnenstimmen in den erregten Chor der streitenden und fluchenden Mnner
mischten, sie sah rings verstrte Frauengesichter und heimlich
tuschelnde Gestalten, aber eine dumpfe Lssigkeit allen Dingen gegenber
erfllte sie dermaen, da sie nicht einmal ihren Ziehvater darum
fragte. Sie dachte nur mehr an das Kind, an jenes Kind, das lngst in
ihren Trumen das ihre geworden war; alle Erinnerung verdmmerte in
diesem einen Bilde. Nicht mehr fremd schien ihr die Welt, sondern
wertlos, weil sie ihr nichts zu geben hatte; in dem Kindesgedanken
verlor sich ihre liebende Hingebung und das glhende Gottesbedrfnis
ihrer Jahre. Nur die eine Stunde, da sie sich zu dem Bilde, das ihr Gott
und Kind zugleich war, hinschlich, atmete sie wirkliches Leben, sonst
war ihr Tun und Treiben nur das sehnschtige Irren einer Vertrumten,
die an den Dingen wie eine Mondschtige vorbergeht. Tag fr Tag und
einmal auch eine lange und von heien Dften schwere Sommernacht, da sie
verstohlen aus dem Hause geflchtet war und sich in die Kirche hatte
einschlieen lassen, lag sie auf den Knieen vor diesem Bilde, das ihre
unwissende Seele sich zum Gott gekrnt.

Und diese Tage lasteten schwer auf ihr, denn sie versperrten ihr den Weg
zu ihrem Kinde. Whrend des Marienfestes erfllten festliche Mengen die
hohen Gnge und das orgelbrausende Kirchenschiff; gekrnkt und demtig
wie eine Bettlerin mute sie sich aus dem Gewirre der Frommen wieder zum
Ausgange wenden, denn Glubige umstanden unablssig an diesem Tage die
Marienbilder, und sie mute frchten erkannt zu werden. Traurig und fast
verzweifelt ging sie zurck und fhlte all die schwere Sonnenhelle des
Tages nicht, weil ihr der Anblick des Kindes versagt war. Neid und Zorn
packte sie beim Anblicke der unablssig heranpilgernden Scharen, die in
frommer Wallfahrt durch die hohe Pforte der Kathedrale in das blaue
duftende Dunkel traten.

Und trauriger wurde ihr noch der nchste Tag, da man es ihr versagte,
auf die mit gefhrlichen Gestalten durchzogene Strae zu gehn. Ihre
Stube, zu der der Lrm der Schenke aufbrauste wie ein dicker hlicher
Qualm, wurde ihr unertrglich. Ihrem verwirrten Herzen war ein Tag, da
sie das Kind auf dem Bilde nicht sehen durfte, wie eine dunkle finstere
Nacht ohne Schlaf und ohne Trume, eine Nacht nur mit Qual, Dunkel und
Sehnsucht angefllt. Noch war sie nicht stark genug, eine Entbehrung zu
tragen. Spt abends, als ihr Ziehvater in der Schenke mit seinen Gsten
sa, stieg sie ganz leise und behutsam die Treppen hinunter. Sie tastete
an die Pforte und atmete auf: sie war offen. Leise und schon mit einem
linden Gefhle lang entbehrter Lust schlpfte sie durch die Tre und
eilte der Kathedrale zu.

Die Straen, die sie im Laufen durchma, waren dunkel und voll dumpfen
Gedrhnes. Allerorts hatten sich einzelne Scharen zusammengerottet, und
die Nachricht von der Abreise des Prinzen von Oranien hatte alle
zgellosen Gewalten entfesselt. Die drohenden Worte, die tagsber nur
einzeln und unberlegt aufgezuckt waren, klangen jetzt wie Kommandorufe.
Dazwischen heulten die Trunkenen und sangen die Begeisterten die
Rebellionslieder, da die Fenster drhnten. Die Waffen wurden nicht mehr
versteckt, Beile und Haken, Schwerter und Pflcke blitzten im unruhigen
Fackelschein; wie eine gierige Flut, die nur noch minutenlang zgert,
alle Dmme mit Schaum und Wogen zu berspringen, so ballten sich diese
finsteren Massen zusammen, denen niemand zu wehren wagte.

Esther hatte nicht acht auf diese ungebrdige Schar, ob sie auch im
Vorbeischlpfen einmal einen rohen Arm zurckstoen mute, der nach
ihrem hllenden Kopftuche neugierig und begehrlich griff. Sie fragte gar
nicht, warum solche Raserei pltzlich die Rotten erfllte, deren Treiben
und Rufen sie nicht verstand; nur Ekel und Angst berkam sie, und ihr
Schritt beschleunigte sich mehr und mehr, bis sie endlich atemlos vor
der hohen, mit weien Mondschleiern berwebten Kathedrale stand, die
tief in die Schatten der Huser gebettet schlief.

Beruhigt und mit einem leise erschauernden Beben trat sie bei einer
Seitenpforte ein. Es war ganz dunkel in den hohen lichtlosen Gngen,
nur um die mattfarbigen Scheiben zitterte ein mystisches mondsilbernes
Licht. Menschenverlassen war das Gesthle. Kein Schatten schwankte in
den weiten atemstillen Rumen, und die Heiligengestalten standen vor den
Altren in schwarzem reglosen Erz. Und wie leise aufzuckendes
Glhwurmblinken flackerte aus der Tiefe, die endlos schien, das
schwankende Leuchten des ewigen Lichtes ber den Kapellen. Alles war
heilig und still in dieser unbewegten Ruhe, so da sie, erfllt von der
schweigsamen Majestt des Raumes, ihre tappenden Schritte frchtig
dmpfte. Mhsam tastete sie sich so zum Seitengange durch und lie sich
erschauernd, mit einem unendlichen und doch mystisch gedmpften Jubel
vor dem Bilde nieder, das in dem flieenden Dunkel aus dichten und
duftenden Wolken herabzublicken schien, unendlich nah und unendlich
ferne. Und nun dachte sie nicht mehr. Es war wie immer: das ganze
wirr-sehnschtige Fhlen ihrer werdenden Mdchenseele zerspann sich in
phantastische se Trume, die Inbrunst schien allen ihren Fibern zu
entstrmen und sich als berauschende Wolke ihrer Stirn zu umschmiegen.
Wie ein ses und sanft betubendes Gift waren diese langen Stunden
vereinter unbewuter Glubigkeit und unbewuter Liebessehnsucht, sie
waren eine dunkle Quelle, die selige Hesperidenfrucht, die alles
gttliche Leben erhlt und nhrt. Denn in diesen sen, haltlosen und
wollustdurchschauerten Trumen war alle Seligkeit. Einsam pochte ihr
erregtes Herz in die groe Stille der leeren Kirche. Vom Bilde kam ein
ganz leichter, heller, gleichsam silberdunstiger Glanz, wie von einem
tief innen strahlenden Lichte, aber sie erkannte ihr Kind in den
ekstatischen Trumen, die sie von den frierenden kalten Stufen
emportrugen in eine milde warme Sphre ertrumten Lichtes. Lngst wute
sie nicht mehr, da dies ein fremdes Kind gewesen sei, das sie nur
gekannt. Sie trumte den Gott in ihm und den Gott einer jeden Frau, das
eigene blutwarme Wesen ihres Leibes; dumpfe Gottessehnsucht, sucherische
Ekstatik und werdende Muttersehnsucht spannen zusammen das lgnerische
Netz ihres Lebenstraumes. Fr sie war nun Helle in dieser lastenden
breiten Dunkelheit, ein zartes Tnen harfte auf in der schauernden
Stille, die nichts wute von Menschenwort und Uhrenschlag. ber ihren
hingestreckten Krper ging die Zeit mit unhrbaren Schritten...

Ein jher Sto erschtterte mit einem Male die Pforte. Und ein zweiter
und dritter, da sie entsetzt auffuhr und in das furchtbare Dunkel
starrte. Und neue donnernde Ste, da das ganze hohe stolze Gebude
erzitterte und die einsamen Lampen wie feurige Augen durch das Dunkel
rollten. Wie hilfloses Schreien gellte das Feilen des gesprengten
Trriegels durch den leeren Raum, dessen Wnde sich die schaurigen
Gerusche wirr und heftig zuwarfen. Gieriger Zorn vieler Menschen
hmmerte an der Pforte, und ein Brausen erregter Stimmen drhnte in die
hohle Einsamkeit, als htte das Meer donnernd alle Dmme zerrissen und
stnde mit seinen anprallenden Wogen vor den chzenden Tren des
schlafenden Gotteshauses.

Esther horchte verstrt, wie aus einem Traume geschreckt. Aber da
schmetterte endlich das Tor nieder. Ein dunkler Strom Menschen quoll
heftig herein und fllte mit jhem Johlen und Toben die gewaltige Halle.
Und mehr, immer mehr. Tausende schienen drauen noch zu warten und sie
anzufeuern. Und trunkene Fackeln funkelten pltzlich hoch auf wie
gierige Hnde, und ihr irrer blutiger Schein fiel auf wilde, von
blindem Eifer verzerrte Gesichter, aus denen die Augen hei quollen wie
sndige Begierden. Nun ahnte Esther erst dumpf die Absicht der finsteren
Rotten, denen sie unterwegs begegnet war. Und schon knatterten die
ersten Axtschlge nieder in das Holz der Kanzel, Bilder sausten zu
Boden, Statuen knickten um, Flche und Hohnworte wirbelten auf aus
diesem dunklen Schwall, ber dem die Fackeln unruhig tanzten, wie
erschreckt von dem wahnwitzigen Gebaren. Wirr ergo sich die Flut gegen
den Hauptaltar, plndernd und vernichtend, schndend und entweihend.
Hostien flatterten zu Boden nieder wie weie Blten, eine ewige Lampe
sauste von wilder Faust geschleudert wie ein Meteor durch das Dunkel.
Und immer mehr Gestalten drngten nach, die Fackeln flackerten hufiger
und hufiger. Ein Bild fing Feuer und die Flamme leckte hoch auf wie
eine zngelnde Schlange. Irgend einer hatte die Orgel gepackt; die irren
Tne ihrer zerschmetterten Pfeifen schrieen gell und hilfesuchend durch
das Dunkel. Und Gestalten tauchten auf wie aus wirren und wahnsinnigen
Trumen. Ein toller Geselle mit einem blutigen Gesicht schmierte sich
unter dem tierischen Jubel der andern die Stiefel mit dem heiligen le,
zerlumpte Schelme stolzierten in reichbestickten Bischofstogen, eine
kreischende Dirne trug in ihrem wirren schmutzigen Haar einer Statue
goldenen Heiligenreif. Diebe tranken sich Wein zu aus den heiligen
Gefen, und am groen Altar kmpften zwei mit blinkenden Messern um
eine edelsteingeschmckte Monstranze. Dirnen tanzten geile und trunkene
Tnze vor den Heiligtmern, Trunkene spieen in die Weihebecken, Zornige
zerschmetterten mit ihren blinkenden xten, gleichgltig, was es traf,
vor sich hin. Das Lrmen schwoll in ein Chaos polternder Laute und
kreischender Stimmen; wie ein ekler und dichter Pestdunst qualmte das
Toben empor zu den schwarzen Hhen, die finster auf das springende
Leuchten der Fackeln herabblickten und unbeweglich, unerreichbar
schienen fr diesen verzweifelten Menschenhohn.

Esther hatte sich halb ohnmchtig in den Schatten des Altars versteckt.
Ihr war, als msse dies alles getrumt sein und pltzlich verschwinden,
wie ein trgerischer Spuk. Aber schon strmten die ersten Fackeln in die
Seitengnge. Gestalten, die in fanatischer Leidenschaft bebten, wie im
Rausche, sprangen ber die Gitter oder zerhieben sie mit drhnenden
Streichen, strzten die Statuen und rissen die Bilder von den Schreinen.
Dolche blitzten wie feurige Schlangen im zuckenden Fackellicht und
zerbissen zornig Schrnke und Bilder, die mit zerschmetterten Rahmen zu
Boden sausten. Nher und nher taumelte die Schar mit ihren qualmenden,
zuckenden Leuchten. Esther blieb atemlos und prete sich tiefer ins
Dunkel. Ihr Herz hrte auf zu schlagen vor Angst und qulender
Erwartung. Noch wute sie nicht recht, die Geschehnisse zu deuten und
fhlte nur Furcht, jhe unbndige Furcht. Ein paar Schritte kamen heran.
Und ein stmmiger wster Kerl zerhieb mit einem Schlage das Gitter.

Schon glaubte sie sich entdeckt. Aber erst im nchsten Augenblicke
erkannte sie die Absicht der Eingedrungenen, als am Nebenaltare eine
Statue der Madonna mit gellem Todesschrei zersplittert zu Boden sank.
Die Angst wurde in ihr wach, man wolle auch ihr Bild, ihr Kind
vernichten, und sie wurde Gewiheit, als Bild um Bild, im unsichern
Fackelschein unter Jubel und Hohn herabgezerrt, zerstoen und zertreten
wurde. Ihr ganzes Denken strmte brausend zusammen in die furchtbare
blitzartig aufzuckende Idee, man wolle das Bild ermorden, das in ihren
wirren Trumen lngst eines war mit ihrem eigenen lebendigen Kinde. In
einer Sekunde flammte alles auf wie in blendendes Licht getaucht. Ein
Gedanke, der Gedanke all ihrer Tage, tausendfach gedacht in diesem einen
Augenblicke, entzndete ihr Herz: Das Kind zu retten, _ihr_ Kind. Und in
dieser Sekunde umfingen sich in ihr Traum und Wirklichkeit mit
verzweifelter Inbrunst. Schon strmten die zelotischen Zerstrer auf den
Altar zu. Eine Axt flog hoch auf in der Luft -- und in diesem
Augenblicke verlor sie alles wache Besinnen und sprang schtzend mit
ausgebreiteten Armen vor das Bild....

Und wie ein Zauber war es. Dumpf schmetterte die Axt aus der kraftlos
niedersinkenden Hand zu Boden. Und aus des andern erstarrenden Faust
zischte die Fackel verlschend nieder. Wie ein Blitz fuhr es unter diese
berauschten lrmenden Menschen. Alles war verstummt, nur einem erstarb
in der Kehle der gurgelnde Ruf: Die Madonna ... die Madonna.

Kreidefahl und zitternd standen sie alle. Ein paar fielen betend in die
schlotternden Kniee. Keiner war, der nicht ins tiefste erschauert wre.
berwltigend war die wundersame Tuschung. Denn fr sie gab es keinen
Zweifel, da sich hier ein oft beglaubigtes und erzhltes Wunder
ereignet hatte, da die Madonna, die offenbarlich des Bildes Zge trug,
ihr Bild beschtzt hatte. Ihr aufgepeitschtes Gewissen ri sie mit, als
sie die Zge des Mdchens sahen, die ihnen nicht anderes schien als das
verlebendigte Bild. Und nie waren sie glubiger, als in diesem raschen
und flchtigen Augenblick.

Aber da strmten schon andere herbei. Fackeln erhellten die erstarrte
Gruppe und das Mdchen, das sich halberstarrt an den Altar prete. Lrm
berflutete das Schweigen. Rckwrts kreischte eine Dirnenstimme:
Vorwrts ... das ist ja nur das Judenmdel des Wirts. Und jhlings
war der Zauber gebrochen. In Scham und Wut strmten die Gedemtigten
hinauf. Eine rauhe Faust stie Esther zur Seite, da sie taumelte. Aber
sie raffte sich auf; sie kmpfte fr das Bild, als gelte es wirklich
eigenes blutwarmes Leben. Blindwtend und in altem Trotze schlug sie mit
einem schweren silbernen Leuchter gegen die Bilderstrmer; einer strzte
auffluchend hin, aber einer sprang erbittert vor. Ein Dolch zuckte wie
ein kurzer roter Blitz und Esther taumelte nieder. Und schon regneten
die Splitter und Stcke des Altars auf sie herab, die keinen Schmerz
mehr fhlte. Das Bild der Madonna mit dem Kinde und das der Madonna mit
dem wunden Herzen, beide fielen sie unter einem einzigen wtenden
Axthieb.

Und weiter strmte das Rasen; von Kirche zu Kirche eilten die Plnderer,
die Straen mit heillosem Lrm erfllend. Eine furchtbare Nacht sank auf
Antwerpen herab. Schrecken und Beben schlich in die Huser mit der
Kunde, hinter den verriegelten Toren schlugen ngstliche Herzen. Aber
die Flamme des Aufruhrs flaggte wie eine Fahne ber das ganze Land. --

Auch der alte Maler erschauerte in dieser Nacht in unbndiger Angst, als
er die Nachricht vom Bildersturm vernahm. Seine Kniee zitterten, und er
fate mit flehenden Hnden ein Kruzifix, um die Rettung des Bildes zu
beschwren, das ihm doch Gottes offenbare Gnade geschenkt. Eine wilde
und finstere Nacht qulte ihn der frchterliche Gedanke. Und im
frhesten Morgengrauen hielt es ihn nicht lnger zu Hause.

Vor der Kirche schlug seine letzte Hoffnung nieder, wie eine gefllte
Gestalt. Die Tore waren zerbrochen, Fetzen und Splitter, wie blutige
Spuren deuteten den mitleidslosen Weg der Bilderstrmer. Mhsam tappte
er durch das Dunkel zu seinem Bilde. Seine Hnde griffen nach dem
Schrein. Aber sie irrten, irrten ins Leere. Und sanken mde herab. Das
Vertrauen in seiner Brust, das viele Jahre sein frommes Lied zu Gottes
Dank und Gnade gesungen, verflog jh, wie eine gescheuchte Schwalbe.

Endlich fate er sich und schlug ein Licht an. Ein flchtiger Schein
zuckte vom Zndsteine auf und hellte ihm einen Anblick, der ihn taumelnd
zurckfahren lie. Auf dem Boden zwischen Trmmern lag des italienischen
Meisters traurig-ses Madonnenbild, die Madonna mit dem blutenden
Herzen, vom Schwertsto durchdrungen. Aber nicht das Bild, sondern die
Gestalt, die Madonna selbst.... Kalter Schwei stand auf seiner
Stirne, als das schnelle Aufleuchten wieder erlosch. Er glaubte einen
bsen Traum zu leben. Aber als er wiederum das Licht entflammte,
erkannte er Esther, die mit tdlicher Wunde hingestreckt war. Und durch
ein seltsames Mirakel offenbarte sie, die sein Madonnenbild im Leben
verkrpert, des fremden Meisters Madonnenzge und ihr blutendes
Schicksal im Tode.....

Es war dies ein Wunder, ein offenbares Wunder. Aber der alte Mann wollte
an keine Wunder mehr glauben. In dieser Stunde, da er sie, seiner
letzten Lebenstage mildleuchtende Blte tot sah, neben seinem
zerschmetterten Bilde war die glubig klingende Saite seiner Seele
zerbrochen. Er verleugnete den Gott seiner siebzig Jahre in einer
Minute. Konnte dies denn des weisen und milden Gottes Hand sein, die so
viel Schpferseligkeit und werdende Pracht nur schenkte, um sie wieder
zwecklos ins Dunkel zu reien. Dies konnte kein Wille sein, nur das
Spiel eines tndelnden Willens! Nur ein Wunder des Lebens und nicht
Gottes, ein Zufall, wie Tausende durch den Tag rauschen, sich
verschlingend und sich wieder lsend. Nicht mehr! Knnten denn Gott die
guten und lauteren Seelen so wenig sein, da er sie hinwarf im lssigen
Spiel? Zum ersten Male stand er in einer Kirche und verzweifelte an
Gott, weil er ihn gro und gtig geglaubt hatte und nun seine Wege nicht
mehr verstand.

Lange sah er nieder zu der jungen Toten, die so viel frommes Abendlicht
ber seine letzten Jahre gegossen. Und er ward milder und gerechter, als
er die verhaltene Seligkeit um ihre gebrochenen Lippen sah. Demut kam
wieder ber sein gtiges Herz. Durfte er denn wirklich fragen, wer dies
seltsame Wunder vollbracht, da dieses einsame Judenmdchen fr der
Madonna Ehre in den Tod gegangen war? Durfte er rechten, ob Gott, ob das
Leben dies gefgt? Durfte er die Liebe mit Worten umkleiden, die er
nicht wute, durfte er sich gegen Gott auflehnen, weil er sein Wesen
nicht verstand?

Der alte Mann erschauerte. Er fhlte sich sehr arm in dieser einsamen
Stunde. Er fhlte, da er in den langen Jahren einsam geirrt war
zwischen Gott und dem Leben, da er zwiefach hatte begreifen wollen, was
einfach und doch undeutbar war. Waren es denn nicht gleiche wundersam
wirkende Sterne gewesen ber dem tastenden Wege dieser aufknospenden
Frauenseele -- waren sie denn nicht in ihr und in allem Eines gewesen,
Gott und die Liebe?...

ber den Fenstern glhte leise das erste Morgenrot. Aber es erhellte ihn
nicht, denn er hatte keine Sehnsucht mehr nach neuen werdenden Tagen,
nach dem Leben, das er in so langen Jahren durchschritten, berhrt von
seinen Wundern und nie doch ganz durchleuchtet. Und ohne Bangen fhlte
er sich nun jenem letzten Wunderbaren nahe, das nicht mehr Tuschung und
Traum ist, sondern die ewige dunkle Wahrheit.

              *       *       *       *       *

  [  Im folgenden werden alle genderten Textzeilen angefhrt, wobei
     jeweils zuerst die Zeile wie im Original, danach die genderte
     Zeile steht.

  Gedichte von Paul Verlaine. Eine Antologie der besten
  Gedichte von Paul Verlaine. Eine Anthologie der besten

  so wenig erstaunt, das sie noch immer
  so wenig erstaunt, da sie noch immer

  Menschen und hunderterlei Ablenkungen anderer Art, da sie beinahe an
  Menschen und hunderterlei Ablenkungen anderer Art, da sie beinahe

  einem jhen Weinkampfe lste sich ihre gesteigerte physische Erregung.
  einem jhen Weinkrampfe lste sich ihre gesteigerte physische Erregung.

  abgeleierten Volksweisen recht gut, und wenn sie einen besondres flotten
  abgeleierten Volksweisen recht gut, und wenn sie einen besonders flotten

  Laute mit den einfachen Empfindungen und Trieben, die sich nicht
  Leute mit den einfachen Empfindungen und Trieben, die sich nicht

  wrde und sehnte sich darnach und frchtete sich doch. Sie wollte es
  wrde und sehnte sich danach und frchtete sich doch. Sie wollte es

  dunkeln Nebel, die Stadt und die Felder. Und die Wolken da oben....
  dunklen Nebel, die Stadt und die Felder. Und die Wolken da oben....

  wute nicht, da auch der Glaube an diesem groen Frieden nur eine
  wute nicht, da auch der Glaube an diesen groen Frieden nur eine

  Sehnsucht ist, das innigste und unvergnglichste Begehren, da uns nicht
  Sehnsucht ist, das innigste und unvergnglichste Begehren, das uns nicht

  griff. Sie harrte, bis endlich die erste Tne seiner Geige sich singend
  griff. Sie harrte, bis endlich die ersten Tne seiner Geige sich singend

  finden. Ein rasche Gewiheit schaukelte sie in selige Trume. Sie
  finden. Eine rasche Gewiheit schaukelte sie in selige Trume. Sie

  aus schwindelnden Hhen atemlos, willenslos und widerstandsunfhig
  aus schwindelnden Hhen atemlos, willenlos und widerstandsunfhig

  auskosten bis zum letzten bittersten und vielleicht ttlichen Tropfen.
  auskosten bis zum letzten bittersten und vielleicht tdlichen Tropfen.

  ein schmerzhafter Pfeil in sein Herz bohrte: da er um ihrerwillen starb
  ein schmerzhafter Pfeil in sein Herz bohrte: da er um ihretwillen starb

  beiden ging durch die schmalen verwinckelten Gassen dem hellen Hafen zu,
  beiden ging durch die schmalen verwinkelten Gassen dem hellen Hafen zu,

  Heimkehr dacht ich nicht. Das Leben war mir leicht, wie meines Vaters
  Heimkehr dacht' ich nicht. Das Leben war mir leicht, wie meines Vaters

  war's, und manchmal fhl ich's heute noch so, als htte sichtbarlich
  war's, und manchmal fhl' ich's heute noch so, als htte sichtbarlich

  klebt die Fledermaus lachte er. Die andern schlugen in die Hnde, die
  klebt die Fledermaus, lachte er. Die andern schlugen in die Hnde, die

  sondern strmte fort in die kalten Regennacht und schrie wie ein
  sondern strmte fort in die kalte Regennacht und schrie wie ein

  Dies Wunder meint ich oftmals selbst zu sehn.
  Dies Wunder meint' ich oftmals selbst zu sehn.

  anderen Sektierer eifern gegen den Schmuck des Gotteshauses!
  andere Sektierer eifern gegen den Schmuck des Gotteshauses!

  begehrte -- mu Gottes Hand mit meinem Werke sein.
  begehre -- mu Gottes Hand mit meinem Werke sein.

  hatte ihn im tiefsten berhrt, weil sie leise auch an ein eigenes
  hatte ihn im Tiefsten berhrt, weil sie leise auch an ein eigenes

  Laien vollendet htte. Und so irrte er gewhnlich ratlos und rastlos in
  Laien vollendet hatte. Und so irrte er gewhnlich ratlos und rastlos in

  Wunder, das viele bezeugten und wenige wirklich erschaut hatte. Noch
  Wunder, das viele bezeugten und wenige wirklich erschaut hatten. Noch

  dessen Rahmen ihn das verfhrerische Bild gesehn.
  dessen Rahmen er das verfhrerische Bild gesehn.

  den nicht einmal der verlorene Ausdruck ihren trumerischen Augen
  den nicht einmal der verlorene Ausdruck ihrer trumerischen Augen

  eine Flut kauderwlscher Worte. Alles, was ich von seinem Judendeutsch
  eine Flut kauderwelscher Worte. Alles, was ich von seinem Judendeutsch

  vergessen. Das Kind behielt ich: es tat mir leid, dann hofft ich auch,
  vergessen. Das Kind behielt ich: es tat mir leid, dann hofft' ich auch,

  Der Wirt kratzte sich verlegen den Kopf. Wit ihr, hub er dann an
  Der Wirt kratzte sich verlegen den Kopf. Wit Ihr, hub er dann an,

  schneiige Milde dieses Hauptes umfate, und vergessene Glocken schlugen
  schneeige Milde dieses Hauptes umfate, und vergessene Glocken schlugen

  und kann ich dich nicht. Willst du also, Esther?
  und kann ich dich nicht. Willst du also, Esther?

  und den Wert der alten Stunden erneuen. Und bald verband ein geheimes
  und den Wert der alten Stunden erneuern. Und bald verband ein geheimes

  mehr wute, ward in dmmernden Farben wieder wach und erfllten sie mit
  mehr wute, ward in dmmernden Farben wieder wach und erfllte sie mit

  unfertige Gestalt mit wundersamen Liebreiz, der auch Esther unbewut
  unfertige Gestalt mit wundersamem Liebreiz, der auch Esther unbewut

  werdenden Lebens eines Glanz des Unnahbaren und ein Brausen des
  werdenden Lebens einen Glanz des Unnahbaren und ein Brausen des

  des Lichtes so verschwistert hatte und gleichsam aus fernen Traume fiel
  des Lichtes so verschwistert hatte und gleichsam aus fernem Traume fiel

  erschauerten in wildem und unverstndlichen Schmerz. Sie fhlte die
  erschauerten in wildem und unverstndlichem Schmerz. Sie fhlte die

  geliebt, mit Bedauern und heimlichen Zorn. Unruhe whlte in der Stadt.
  geliebt, mit Bedauern und heimlichem Zorn. Unruhe whlte in der Stadt.

  benerken.
  bemerken.

  vorrberrauschte. Er sah in Esthers Augen. Sie waren nicht mehr verweint
  vorberrauschte. Er sah in Esthers Augen. Sie waren nicht mehr verweint

  umrauscht ist von den Gerchten vieler vollbrachten Wunder, auf ihre
  umrauscht ist von den Gerchten vieler vollbrachter Wunder, auf ihre

  qukender Stimme den Prediger nach, anderen grten das Bildnis mit
  qukender Stimme den Prediger nach, andere grten das Bildnis mit

  Seitenpforte ein! Es war ganz dunkel in den hohen lichtlosen Gngen,
  Seitenpforte ein. Es war ganz dunkel in den hohen lichtlosen Gngen,

  Ekstatik und werdende Muttersehnsucht spannnen zusammen das lgnerische
  Ekstatik und werdende Muttersehnsucht spannen zusammen das lgnerische

  ersten Axtschlge schon nieder in das Holz der Kanzel, Bilder sausten zu
  ersten Axtschlge nieder in das Holz der Kanzel, Bilder sausten zu

  zerlumpte Schelme stolzierten in reichgeflickten Bischofstogen, eine
  zerlumpte Schelme stolzierten in reichbestickten Bischofstogen, eine

  Dolche blitzen wie feurige Schlangen im zuckenden Fackellicht und
  Dolche blitzten wie feurige Schlangen im zuckenden Fackellicht und

  in der Kehle der gurgelnde Ruf: Die Madonna ... die Madonna.
  in der Kehle der gurgelnde Ruf: Die Madonna ... die Madonna.

  ihr Bild beschtzt hatte. Ihr aufgepeitschte Gewissen ri sie mit, als
  ihr Bild beschtzt hatte. Ihr aufgepeitschtes Gewissen ri sie mit, als

  zurckfahren lie. Auf dem Boden zwischen Trmmern lag das italienischen
  zurckfahren lie. Auf dem Boden zwischen Trmmern lag des italienischen
  ]





End of Project Gutenberg's Die Liebe der Erika Ewald, by Stefan Zweig

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1.F.5.  Some states do not allow disclaimers of certain implied
warranties or the exclusion or limitation of certain types of damages.
If any disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the
law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be
interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by
the applicable state law.  The invalidity or unenforceability of any
provision of this agreement shall not void the remaining provisions.

1.F.6.  INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in accordance
with this agreement, and any volunteers associated with the production,
promotion and distribution of Project Gutenberg-tm electronic works,
harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees,
that arise directly or indirectly from any of the following which you do
or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.


Section  2.  Information about the Mission of Project Gutenberg-tm

Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
electronic works in formats readable by the widest variety of computers
including obsolete, old, middle-aged and new computers.  It exists
because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
people in all walks of life.

Volunteers and financial support to provide volunteers with the
assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
remain freely available for generations to come.  In 2001, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
and the Foundation web page at https://www.pglaf.org.


Section 3.  Information about the Project Gutenberg Literary Archive
Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
Revenue Service.  The Foundation's EIN or federal tax identification
number is 64-6221541.  Its 501(c)(3) letter is posted at
https://pglaf.org/fundraising.  Contributions to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
permitted by U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
throughout numerous locations.  Its business office is located at
809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
business@pglaf.org.  Email contact links and up to date contact
information can be found at the Foundation's web site and official
page at https://pglaf.org

For additional contact information:
     Dr. Gregory B. Newby
     Chief Executive and Director
     gbnewby@pglaf.org


Section 4.  Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
spread public support and donations to carry out its mission of
increasing the number of public domain and licensed works that can be
freely distributed in machine readable form accessible by the widest
array of equipment including outdated equipment.  Many small donations
($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United
States.  Compliance requirements are not uniform and it takes a
considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
with these requirements.  We do not solicit donations in locations
where we have not received written confirmation of compliance.  To
SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
particular state visit https://pglaf.org

While we cannot and do not solicit contributions from states where we
have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
against accepting unsolicited donations from donors in such states who
approach us with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make
any statements concerning tax treatment of donations received from
outside the United States.  U.S. laws alone swamp our small staff.

Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
methods and addresses.  Donations are accepted in a number of other
ways including including checks, online payments and credit card
donations.  To donate, please visit: https://pglaf.org/donate


Section 5.  General Information About Project Gutenberg-tm electronic
works.

Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm
concept of a library of electronic works that could be freely shared
with anyone.  For thirty years, he produced and distributed Project
Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.


Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
unless a copyright notice is included.  Thus, we do not necessarily
keep eBooks in compliance with any particular paper edition.


Most people start at our Web site which has the main PG search facility:

     https://www.gutenberg.org

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including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
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