The Project Gutenberg EBook of Ini, by Julius von Vo

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Title: Ini
       Ein Roman aus dem ein und zwanzigsten Jahrhundert

Author: Julius von Vo

Illustrator: Franz Joseph Leopold

Release Date: November 12, 2011 [EBook #37994]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

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Ini.

Ein Roman aus dem ein und zwanzigsten Jahrhundert

von

_Julius v. Vo_.

_Berlin,_, 1810.
Bei Karl Friedrich Amelang.





Vorrede.

Jean Paul sagt: Friede mit der Zeit! sollte man fter in sich hineinrufen.
Wie uns ein qulender Tag nicht in den Hoffnungen unsers Lebens irret, so
sollte uns ein leidendes Jahrhundert nicht die entziehen, womit wir uns die
weite Zukunft malen. Wenn nun aber die Zeit gar unfriedlich ist, sollte da
nicht ein Blick in die Zukunft das bedrngte, oft zagende Herz trsten,
beleben, erheitern? Und eine bessere Zukunft naht so gewi, als die
Vergangenheit von der Gegenwart bertroffen wird. Wenigstens gilt die
Behauptung, insofern wir, von der immer mehr entwickelten Kultur, das Heil
der Sterblichen erwarten. Was wir aber noch nicht sehen knnen, trumen,
ist ja wohl poetisch und religis. Und

   Sind's gleich nur Welten aus Ideen,
   So baut man sie so herrlich als man will.

         _Der Verfasser._




Erklrung der Kupfer.

Das Titelkupfer stellt eine von Wallfischen gezogene Reiseinsel dar, wovon
Seite 294 die nhere Beschreibung.

Bei der Vignette, eine Luftpost abbildend, wre ein Ball von grerem
Umfang zu wnschen. Jedoch tragen die Adler, brigens etwas zu gro, ein
wenig mit.

Der Verfasser merkt an, da, ob er schon die Adler whlte, ihm deshalb
Zambeccaris Theorie nicht unbekannt war. -- Auch noch, wie ihm diejenige
philosophische Kompensazion, nach welcher die Mglichkeit hherer Wohlfahrt
der Erdenshne, billig in Zweifel gezogen wird, so wenig fremd ist, da er
sich vielmehr ihr zugethan erklrt.




Erstes Bchlein.

Die Trennung.


Ich Unglcklicher soll dich meiden, rief Guido wehmthig.

Wozu die Klage, entgegnete Ini. Mgen dich rstige Adler zum Pol tragen,
magst du dich in die Tiefen des Ozeans senken, mein Bild bleibt dir nahe.
Frei durchfliegt der Gedanke des Liebenden die Ferne, und die Region der
Phantasie ist eine wirkliche. Auch wre daheim dein Ziel nicht zu umarmen.
Das Anschaun der Welt, die Uebung der Kraft in Thaten, mssen jene Bildung
der Schnheit vollenden, deren Lohn meine Gegenliebe sein wird. Darum
scheide mnnlich!

Guido war ein Jngling von etwa zwanzig Jahren. Seine Herkunft blieb ihm
noch immer geheim. Die Sage machte ihn zum Fndling, und als solchen,
wollten die Gesetze, da die Landespflege ihn erziehen lie. Frh hatte man
ihn in das groe Knabenhaus gebracht, das am Meerstrande unweit Palermo
angelegt war, und wo die sinnigen Vorsteher, bis zum zwlften Jahre, fr
die Entwicklung des Krpers durch Laufen, Ringen, Schwimmen und fr die
Strkung des Denkvermgens durch Gimnastik des Kalkls Sorge trugen. In
vergangenen Jahrhunderten wrde auch der tiefsinnigste Geometer nicht
geahnt haben, was im Felde der Rechnung junge Knaben hier schon vermogten.
Allein es war berhaupt so weit damit gekommen, (zudem die mechanischen und
optischen Handwerke so leicht durch Maschinen, so einfach durch neue
Entdeckungen, so allgemein bekannt durch Schulen), da Hirten, welche die
Sternkunde gleich ihren Altvtern wieder trieben, sich bei Tage Teleskope
fertigten, zur Nacht den Himmel beobachteten, und die Finsternisse der
vielen neugewahrten Planeten und ihrer Trabanten ausmittelten.

Von da ward Guido dem treuen Gelino bergeben, dessen Villa nicht weit von
dem groen Lustgarten, der den Aetna einschliet, lag. Dieser Mann hatte,
ehe er sich nach dem Wohnplatz der Ruhe zurckgezogen, am Hofe zu Rom ein
Amt bekleidet und umfate die Kunst zarte Jnglinge auf die Bahnen der
Tugend zu leiten, mit Liebe.

Der Kaiser, gewohnt, wenn ihn nicht wichtigere Dinge abhielten, den
lieblichen Februar auf Sizilien zu verleben, hatte den jungen Guido gesehn
-- wie es schien -- Behagen an dem Knaben gefunden und ihm Frsorge
zugesagt. Ehrender Antrieb fr ihn.

Doch mchte es vielleicht nicht gelungen sein, die mit Guidos flammender
Lebenskraft verbundenen wilden Neigungen zeitig zu entwaffnen, wenn nicht
folgender Umstand hinzugetreten wre.

Neben Gelino wohnte seit einiger Zeit die edle Athania, Wittwe des
afrikanischen Helden Medon. Sie hatte nach des Gatten Tode ihren Sitz auf
dem lieblichen Eilande genommen und eine Pflegetochter mitgebracht, ber
deren Geburt auch viele Dunkelheit lag.

Guido sah das Mdchen in seinem siebzehnten Jahre. Ini zhlte kaum
vierzehn, doch prangte ihre Schnheit in ppiger Flle, ihr Verstand
entzckte.

Im ein und zwanzigsten Jahrhundert hatte man die Erziehungskunde einer
Arithmetik unterworfen, die schon lange genaue Anzeigen ergab und sich
immer mehr erweitete. Streben und Erfahrung hatten die Linie gefunden, bis
an welche die Natur Freiheit zu reinen Ausbildungen der Formen bedingt, und
wieder das Maas von Gegenwirkungen entdeckt, mit welchem ihr am
glcklichsten zu begegnen ist. Da nun zugleich die Chemie der hheren
Arzneikunst, diejenigen Krankheiten nach und nach in ihren Stoffen vertilgt
hatte, welche sonst das Geschlecht entstellten, da die edlere Verfassung,
jene Eigensucht, mit ihren leidenschaftlichen Ausgeburten, Neid, Ha,
niedrige Sinnlichkeit, meistens entfernte, so konnte sie auch nicht mehr,
wie Ehedem Antlitz und Haltung verunbilden. So mute von Geschlecht zu
Geschlecht die menschliche Schnheit sich lieblicher entfalten, und jene
harmonischen Gestalten, welche einst Bildner in Athen _aussannen_,
erblickte die Wirklichkeit da lange schon lebend, wo die Kultur waltete.
Ja, jene Statuen wurden bereits auf eine nie zuvor geahnte Weise
bertroffen, denn eine ganz neue Ideenmasse hatten die Menschen in sich
aufgenommen, welche der Schnheit einen neuen irdisch-gttlichen Ausdruck
zulegte. Wie wrden die Phidias und Raphael gestaunt haben, wre ihnen
vergnnt gewesen, aus dem Todtenlande wiederzukehren, und die Formen dieses
Zeitalters zu betrachten.

Die Schdelkunde, am Ende des achtzehnten Jahrhunderts entdeckt, sparsam im
neunzehnten vervollkommnet, doch im zwanzigsten und ein und zwanzigsten zur
tiefen Wissenschaft erhoben, leistete auch zur allgemeinen Veredlung
bedeutende Hlfe, wie wir in der Folge zeigen wollen.

Guido sah die junge Ini kaum, als er ahnte, von den Strahlen dieser
Schnheit werde ein neuer Frhling in seinem Gemthe aufblhen. Se
Betubung, schmachtende Unruhe, stellten sich als Vorboten der Liebe ein,
holde Trume umgaben ihn wachend.

Guido war im siebzehnten Jahre so stark und gewandt, da er manches
Raubthier mit unbewaffneten Hnden wrde berwunden haben. Er sprang in die
See, wenn ein Orkan ihre Wogen erhob, und kmpfte dann lchelnd mit der
emprten Flut. Er konnte im Laufen das fliehende Reh ereilen und den Gemsen
des Hochgebirgs nachklimmen. Dabei war er ein fleiiger Mathematiker, hatte
eine Karte von dem Meergrunde zwischen Sizilien und Kalabrien gefertigt,
die Beifall fand. Kriegerische Knste beschftigten seine Einbildungskraft,
und mit Chemie vertraut, gab er die Konstrukzion einer dichten
Gewitterwolke an, die ein knstlicher Wind ber ein feindliches Heer
treiben, wo sie in so viel Blitzen niederwrts sich entladen sollte, als
das Heer Kpfe zhle. Anmaaend, wie es unerfahrner Jugend wohl eigen ist,
hatte er, ohne seines Lehrers Darumwissen, den Entwurf nach Rom gesandt und
dem Strategion zur Prfung bergeben. Die Mnner aber, welche diesen Rath
bildeten, lachten allgemein, indem sie einwandten, die Gegner drften sich
ja nur smtlich mit Ableitern versehn und der Wolke spotten. Doch setzten
sie hinzu: der Jngling mge nicht ohne gute Anlage sein, und ihm gebhre
einige Aufmunterung.

Manches andere Wissen dagegen war unserm Guido noch fremd. Besonders konnte
er sich immer nicht an die Geschichte ketten, weil ihm gar zu winzig und
unbedeutend schien, was die vergangenen Jahrhunderte vollbracht hatten.

Nachdem er lange in sich verschlossen gewesen war, eilte er an einem
schnen Sommerabend zu Ini. Sie hatte den kleinen Marmorsaal in ihrem Hause
zum Aufenthalt whrend der Tageshitze bestimmt. Hier strmte ein
Springbrunnen gelutert Quellwasser, der andere gepreten Orangensaft, der
dritte Zuckeressenz aus mancherlei Wurzeln des Gartens gezogen. Einen
niedlichen Goldbecher mit Sorbeth, aus den Flssigkeiten gemengt, in der
Hand, stieg nun Ini auf das platte Marmordach, wo aus Vasen Blumen dufteten
und ihr Webestuhl sich befand. Sie malte fertig und bei der kunstvollen
Einrichtung des Stuhles ahmte sie ihre Malereien in Seidenarbeit nach. Wo
blieben die Gobelintapeten, lange zuvor berhmt, neben diesen Geweben!

Guido kam ihr nach auf die Zinne. Mdchen, rief er, seit ich dich sah, bin
ich erkrankt und genesen, die Lge wird mir Wahrheit, die Wahrheit Lge,
immer drngt es mich, dich zu sehn wie das Sehenswerteste, und ich fliehe
dich wie das Furchtbarste. Ich bin in des Aetna Tiefe gestiegen, doch die
Flammen deines Auges trag ich nicht. Deute mir das, hohe Schnheit!

Das Mdchen zog dunkle Falten der Stirne, die aber ihr frohes Auge Lgen
strafte. Mit verstelltem Unwillen entgegnete sie: ich glaube, du willst mir
gar mit Liebe nahn!

Guido rief: ich bin mir keinen Willen bewut. Dem Zuge deiner Schnheit
folge ich unterwrfig.

Ini sann einen Augenblick mit hochgertheter Wange nach. Dann sagte sie
lchelnd: den Worten soll ich Liebe glauben? Beweise sie durch die That und
ich will mich fragen, ob ich sie hren darf.

Entzckt von dem holden Strahl einer aus weiten Fernen schimmernden
Hoffnung, flehte Guido mit Ungestm, ihm die That zu nennen, wodurch er
seine Liebe zu bewhren htte?

Tritt nher, sagte Ini, nimm Platz, dort auf den Sessel von Elfenbein, da
ich dein Haupt von der Seite erblicke.

Guido gehorsamte still.

Ini zog ein ander Seidenzeug auf ihren kunstreichen Webestuhl, und in
wenigen Minuten hatte sie Guidos Abbild darin gewirkt. Hier, rief sie, des
sichtbaren Guido Umri, wie er zeugt von dem unsichtbaren, die Urkunde
seines geheimen Lebens, der Tag seiner innen waltenden Nacht.

Guido blickte hin. Die hchste Wahrheit hatte die Bildnerin getroffen. O
webe mir dein Bild, flehte er wehmthig, mit Entzcken will ich es von
hinnen tragen.

Das steht weit hinaus, erwiederte sie. Doch will ich nun ein zweites Gewebe
fertigen.

Sie ging wieder an die Arbeit, whrend der Jngling sich mit trunknen
Blicken an der hohen Gestalt weidete, und bisweilen rgerlich auf sein
Konterfei sah. Denn es wollte ihm nicht gefallen, ob er schon nicht wute,
warum.

Nach einer Viertelstunde hatte Ini geendet. Sie zeigte ihm ein neues
Seitenbild, das Guido in den Zustand der hchsten Verwunderung brachte. Er
sah seine Grundzge wieder, aber in einer bezaubernd schnen Idealitt.
Hher strebte des Schdels Mitte empor, regelmig wlbte sich das
Hinterhaupt, weit drang die reine Wellenlinie der Stirn hervor, eine
unbeschreibliche Veredlung wohnte in dem ganzen Profil, liebliche Anmuth um
den Mund, in dem klarer, tiefer, strahlender gewordenen Auge, redete der
volle, Ehrfurcht gebietende Ausdruck _jugendlicher Weisheit_, der in
frheren Zeiten nicht lebend anzutreffen war, den auch die Knstler, welche
einst den Apollon vom Belvedere oder den Antinous fertigten, noch nicht
dargestellt hatten. Indessen konnte ihn die Entwicklung der Menschheit erst
spt hervorbringen.

Guido blickte bald verlegen auf das Kunstwerk, bald auf die hochsinnige
Meisterin. Ich sehe mich hier in ein Gedicht verklrt, hub er an, was
willst du mir deuten?

Kein Gedicht, entgegnete das Mdchen, erreichbare Wahrheit. Du hast mir
sen Schmerz der Liebe geklagt. Gestalte dich nach diesem Bilde um, ich
gebe dir zwei bis drei Jahre Zeit, hast du dann diese Schnheit dir
anerzogen, soll meine Gegenliebe dein Lohn sein.

Wie soll ich das anfangen! rief der Befremdete. Bin ich Herr ber meine
Gestalt?

Du bist es.

Bin ich ein Schpfer?

Wenn dein Lieben wahr ist! Ich sage dir nichts mehr. Dem Geist deiner Liebe
hast du das Geheimni zu entwinden. Doch nicht allein sollst du umwandeln.
Ich werde mir auch ein Ideal meiner Gestalt entwerfen.

Eitles Mhn! wie knnte deine Phantasie einen schneren Traum erschaffen
als die Wirklichkeit!

Schmeichelei, oder, wenn es dir so scheint, Unvollkommenheit in deinem
Urtheil. Es wird sich strken, dein Tadel erwachen, und das Streben, mich
vor dem Tadel zu retten, mir wohlthun. Der Augenblick wo einem Mdchen zum
Erstenmale Liebe bekannt wird, giebt neue Aussichten in die Welt hherer
Anmuth. Nach einem Jahre sollst du mein Ideal sehen. Ehe nicht. Bis dahin
begnge dich auch, an mich zu denken.

Wie, ich soll dich in dem langen Zeitraume nicht erblicken?

Die erste Prfung! Auch eine nothwendig ungestrte Frist!

Unbegreifliche! -- Und dennoch erwacht mir die Hoffnung, ich werde den
hohen Sinn deiner Worte faen lernen.

Frage den Geist der Liebe, sein Orakel tnt in deiner Brust. Und nun
nichts weiter. Lebe wohl!

Ehrerbietig entfernte sich Guido, irrte umher in den lieblichen Thalen, bis
Nachtviolen die Orangenblthe berdufteten und der Vollmondschein durch die
Oelbume und Mandelstruche des blumigen Hgels winkte.

Wie auch der Sturm heiliger Empfindungen in ihm wogte, immer ward die Frage
laut.

Und der Liebe Geist antwortete ihm leise: So du der _Seele_ Schnheit
pflegst, wird sie sich in der _Gestalt_ verknden.

Guido kniete nieder vor der Gottheit in seiner eigenen Brust und flehte
innig um Lehre.

Wer so innig fleht, wird erhrt. Aus dunkeln Nachtgewlken enthllte sich
mit jedem Tage die Misterie reiner, bis die Pfade ihm von tausend
Morgensternen erhellt schienen.

Er machte sich mit den Schriften neuer gerhmter Weisen bekannt. Im ein und
zwanzigsten Jahrhundert gab es Wenige, die es zu dem Namen bringen konnten,
denn die Weisheit galt keine Seltenheit mehr. Auch sahe man nur wenige
Bcher, in der allgemeinen Sprache von Europa, vor hundert Jahren
eingefhrt, als man hier endlich die Thorheit beseitigte, ein und dasselbe
Ding auf so verschiedene Arten zu nennen, und dem, der bedeutendes Wissen
umfangen will, das halbe Leben im Studium der Mundarten abzufordern. Es gab
dagegen unermeliche Bchersammlungen in den alten Sprachen, aber sie
galten meistens Denkmler vorzeitlicher Irrthmer. Die wenigen, welche in
den Tagen hher gediehener Bildung noch den Namen Weisen errangen, waren
Mnner, die mit rstiger Kraft, aus den Schtzen der Vergangenheit, das
Beste, das Allgemeingltige sonderten, was sich denn auf wenige Bltter
bringen lie, nun aber auch die Mitwelt desto leichter in Stand setzte, die
Hhe des vorhandenen Wissens schnell zu erfliegen und mit starken Schritten
weiter zu dringen.

Auch die Geschichte des Menschengeschlechts hatten tiefe Forscher so
bearbeitet, da die Erscheinungen sich immer deutlicher in ihrem Ursprung
erklrten und da daraus, sowohl die Krfte als der Zweck des Lebens
deutlicher wurden.

Guido erbeutete nach und nach reiche Summen von Wissen, eine schon durch
die Mathemathik gestrkte Denkkraft, eine durch die Liebe entzndete
Phantasie, nehmen leicht auf, bewahren dauernd und fhlen mit jedem Tage
mehr, wie des Genius Fittig sich regt.

Bei diesem Geschft, das er mit heiligem Eifer trieb, kamen Empfindungen
ber ihn, deren Hoheit und Wrde er nie getrumt hatte. Stark fhlte er
alles Groe, edle That sprach ihn an, da er lebhaft sich in den Zustand
dessen denken mute, der sie verrichtet hatte, mit tief liebender Ehrfurcht
fllte ihn die Religion, er schwrmte fr alle Schnheit der Natur, um so
mehr, als er Inis Verwandtschaft darin zu erkennen whnte.

So floh denn das Jahr eilig dahin, und hatte sich Guido schon bei seinem
Anfang durch die Wunder der Liebe verndert gefunden, so schien er sich
jetzt gar nicht mehr das Wesen von Ehedem zu sein. Trat er seit einem
halben Jahre an den Spiegel, meinte er auch schon, hie und da htten sich
seine Formen umgewandelt. Doch war er mit sich selbst nicht einig, ob er
hier an Wahrheit oder Tuschung glauben sollte.

Das Jahr war endlich um, und er eilte mit hochklopfendem Busen zu Ini. Wie
gespannt ist das junge Herz, wenn es nach einer so langen Abwesenheit dem
Gegenstand heiliger Liebe wieder nahen darf.

Ini sa eben im Garten und rhrte die Zephirharmonika. Es war dies ein
Instrument, mit vielen langen Harfensaiten bespannt, die hoch in die Luft
reichten. Zu jedem Ton gehrten hundert gleich gestimmte Saiten,
hintereinander an wiederhallende Laden gefgt und vorne mit einer Blende
versehn. Unten befand sich ein Tastenwerk, wodurch jedesmal, nachdem man
schwache oder starke Tne hervorrufen wollte, die Blende, weniger oder mehr
entfernt ward. Nun berhrten die aufgefangenen Luftstrme die Saiten und
man vernahm jene reizende therische Schwingungen, welche frherhin schon
an den sogenannten Aeolsharfen bezauberten, nur da damals noch Niemand
Herr der Melodien zu werden verstand.

Guido trat in das Gartenthor, leicht aus Porphir gearbeitet, und nahm
seinen Weg durch einen, von hohen blhenden Rosenstruchen beschatteten,
Gang, an dessen Ende die Zephirharmonika auf einem frei emporragenden, nur
mit niedrigen Lilien und Anemonen bepflanzten Hgel stand. Die Tne wehten
ihm her durch die balsamhauchende Abendluft, ehe er noch das Instrument
sah. Er whnte, sie stiegen von glcklicheren Sternen nieder. Endlich
erblickte er Ini. Das Piedestal des Instruments, etwa zwanzig Schuh hoch,
war aus hell durchsichtigen Glassulen erbaut. Ein Maschinenwerk hob auf
den Sitz. Dieser, wie auch die Laden und Blenden waren mit goldfarbigem
dnnem Zeuge bedeckt und wolkenartig gestaltet. Ueber sie weg in geflliger
Rundung wlbten sich diese Zeuge. Die Saiten gewahrte das Auge in einiger
Entfernung nicht, und so schien es, Ini schwebe ob dem Hgel auf einem
Wolkenthron.

Eine Umgebung der Art mte jede Schnheit erhhen, um wie mehr wenn
erquickende Blumendfte, und zaubervolle Harmonien bestachen, um wie mehr
wenn die wirklich hohe Schnheit mit dem Blick der Liebe angestaunt ward.

Guido erschrack freudig, da er um die letzte Krmmung des Rosenganges trat,
und nun Ini ersah. Nieder mute er anbetend sinken. Ihre Gestalt lag in so
hoher Vollkommenheit in seiner Einbildung verwahrt, aber das erste Anschaun
jetzt belehrte ihn von neuer Trefflichkeit.

Sie wandte bald das Auge nach ihm hin. Nicht konnte man diese Bewegung eben
zufllig nennen, wohl hatte sie Tag und Stunde gemerkt, da das Jahr
umgelaufen wre, sie hoffte jetzt den Jngling erscheinen zu sehn, und wenn
sie ihn gerade so empfing, sind wir berechtigt, den Grund in ihrer
Weiblichkeit aufzusuchen.

Sie errthete -- da htten Abendsonne und Rosen sich beschmt abwenden
mgen, sie endete ihr Spiel, da konnte der Nachtigallenchor sich freuen,
weil er nun gehrt zu werden hoffte.

Sie stieg herab, winkte freundlich dem Jngling aufzustehen. Lchelnd und
gesammelter nahm sie seine Hand und fhrte ihn nach dem Zimmer im
Wohnhause, das mit ihren malerischen Geweben umhngt war. Hier befand sich
jenes Ideal von Guidos knftiger Schnheit, das sie gleich herbeilangte.

Du wecktest schne Krfte in dir, hob sie an, ihr Walten spricht in deinem
Auge, ein reiner Sinn erzog dir diese Reinheit im Antlitz, edle Gefhle,
hohe Einbildung, angenehme Affekten trugen den Ausdruck dieser Harmonie aus
Linien, Farben, Zgen zusammen. Eile emsig weiter auf der hold betretenen
Bahn, und das schne Ziel wird dir nicht entfliehn.

Guido empfand selige Wonne. Als sich seine Gefhle erst in Worte zu kleiden
vermogten, sagte er Ini, wie auch ihre Schnheit, ob er sie schon auf den
Gipfeln der Vollendung getrumt htte, unendlich erhht sei.

Sie ward verlegen, lchelte und holte eine zweite Malerei, welche auch ihre
Gestalt in einem Ideale bildete. Guido wollte die neue Versndigung gegen
ihre dermaligen Reize schelten, doch Staunen und Bewunderung schlossen
seinen Mund. --

Von der Zeit an sahen sich die Liebenden fter. Viel inniger noch wurden
ihre gegenseitigen Beziehungen und dennoch mehr Verstndigkeit
hineingelegt. Die Rckwirkung war fr jeden Theil segnend.

Gelino, der sorgsame Lehrfreund, hatte schon im Laufe jenes Jahres manche
Vernderungen bemerkt, welche Guido in seinem Charakter zeigte. Der
Uebergang war zu pltzlich gewesen. Die Fortschritte im Guten hatten zu
schnell geeilt, als da der lebenserfahrne Greis nicht richtig auf den
Grund davon htte schlieen sollen. Gleichwohl konnte er nichts weiter
ersphn, da Guido in diesem Zeitraume fast seine Wohnung nicht mied.

Auch Athania, die edle Erzieherin, war zu scharfsichtig, um nicht Ini bald
aus ihren Umgestaltungen zu errathen, wenn ihr gleich der Jngling ihrer
Liebe noch ein Geheimni blieb.

Doch da die Liebenden sich nachher fter zusammenstahlen, konnten sie der
forschenden Beobachtung nicht entgehen. Beide Alten waren schnell mit ihrem
Glauben aufs Reine und bei einer Zusammenkunft entstand folgendes Gesprch.

Gelino. Werthe Athania, mein Zgling scheint Ini zu lieben.

Athania. Eben wollte ich dir meine Bemerkungen ber diesen Gegenstand
vortragen.

Gelino. Ich gerathe in keine kleine Verlegenheit. Wohl hat diese Liebe,
ohne Zweifel die erste, und eben so gewi auf eine wrdige Art erwiedert,
Veredlung im Gefolge, dennoch mu ich darauf sinnen, wie sie am bequemsten
zu hindern sei.

Athania. Harte Strenge gegen die jungen Seelen.

Gelino. Aber nothwendig. Der Kaiser nimmt sich meines Guido, den er hier
kennen lernte, an, hat mir bei seiner letzten Gegenwart vertraut, wie er
ihn zu hohen Staatsmtern berufen wolle.

Athania. Und Ini ward mir von einer Afrikanerin bergeben, die ich nur
verschleiert sah, die aber auf einen hohen Stand schlieen lie, und bis
dahin die Tochter in einem Fndlinghause hatte erziehen lassen. Da sie
sich Inis Ehe zu bestimmen vorbehalten bat, lt sich um so eher erwarten,
als ich bald mit dem Mdchen nach Afrika beschieden bin. Gleichwohl drften
wir mit all' unserer Sorge nicht so viel an den Pflegbefohlnen erziehen wie
die Liebe.

Gelino. Darin stimme ich vollkommen ein.

Athania. Gestatten wir den jungen Leuten sich zu lieben, den Frhling ihrer
Jahre entzckt zu genieen. Doch werde ihnen auch gleich verkndet, wie
Besitz nimmer das Ziel dieser Liebe sein knne, wie sie sich an den Freuden
des Augenblicks und an wechselseitiger Erziehung zu gengen hat.

Gelino wandte noch manches ein, gab aber endlich nach, wobei denn noch
beschlossen ward, die jungen Personen sollten sich immer in einiger
Entfernung bewacht finden.

Athania sprach mit Ini, welche errthete.

Bald sammelte sich aber das Mdchen und entgegnete, wie sie sich eine
solche Ankndigung gar wohl gefallen lassen knne, da zwischen Guido und
ihr eigentlich ja nur das bildnerische Problem gelset werden sollte, die
hchst mgliche Schnheit zu erringen.

Athania war nicht wenig befremdet, als ihr dies nher erklrt wurde,
hoffte, da dem feinen Sinn der so etwas zu erfinden vermge, auch die
Selbstherrschaft nicht abgehen werde, wenn die Trennung geboten sei.

Gelino fand hhere Bestrzung an dem Jngling, da sich dieser so unerwartet
entdeckt sah. Doch fate er sich auch und erklrte: knne er Ini nimmer
besitzen, solle doch das Geschft, sich ihrer wrdig zu machen, sein Glck
heien. Dies lobte sein Fhrer mit Wrme.

Die Liebenden eilten einander mitzutheilen, was Jedes von ihnen eben gehrt
hatte. Guido war in trben Kummer versenkt. Ini zeigte eben nicht ihren
gewohnten heitern Muth, doch sagte sie mit Festigkeit: Ich verhie dir,
wenn du mein Ideal erreicht haben wrdest, dir mit Gegenliebe zu lohnen.
Bis dahin erwarte nichts, dann alles, was das Schicksal auch einreden mag.

Bald darauf kam ein Eilbote durch die Luft aus Afrika geflogen, und
meldete, wie Inis Mutter ihre Tochter zu sehen begehre. Er brachte zugleich
ein bequemes Fahrzeug mit, das die Reisenden nach jener Kste tragen
sollte.

Es war dies ein Huschen von dnnem Schilfrohr geflochten und mit Fenstern
aus einem ganz durchsichtig gemachten leichten Horne versehn. Zwei
Kabinette, eine Kammer fr die Dienerschaft und eine Kche, mit dem
nthigen kleinen Magazin von Speisen und Getrnken, waren im Innern
abgetheilt. Kostbare Teppiche schmckten mit andern Gerthschaften die
Kabinette. Das Dach war platt, mit einem Gelnder und Sitzen umgeben, sich
dort bei angenehmer Witterung aufzuhalten. An dies Dach waren die seidenen
Strnge befestigt, welche von der oben schwebenden Azotkugel niederhingen.
Man wute jetzt das Azot viel leichter und einfacher zu bereiten als im
Anfang der Luftschifferei. Auch hatte lange schon die Versuche, Adler zu
zhmen und an die Fahrzeuge zu spannen, Erfolg gekrnt. Man hielt auch
viele Institute zur Zucht und Einlehrung dieser Thiere. Postmter befanden
sich in allen Richtungen von Grad zu Grad, und wenn Reisende im Abstand
einer Meile, bei Tag mit einer lang flatternden Fahne, bei Nacht mit einem
Raketenschein sich meldeten, trafen sie alles bereit.

Das Fahrzeug, worin die Schne nach Afrika eilen sollte, war mit zwanzig
rstigen Thieren bespannt. Guido bat flehend um die Erlaubni, sie einen
Grad begleiten zu drfen. Athania und Gelino willigten ein. Er miethete
also eine kleine offene Gondel, wie sie zu Briefposten im Gebrauch war, die
nur an einem kleinen Ball hing und von zwei Adlern fortgeschaft werden
konnte. Diese ward an das grere Fahrzeug befestigt und die beiden Adler
einstweilen vorne mitgebraucht.

Man stieg an einem herrlichen Morgen ein, und lie das Fahrzeug sich hoch
erheben. Welche herrliche erquickende Empfindung, im reineren Aether oben,
welch' entzckendes Schauspiel, die Sonne, die dem Thale erst im
Purpurhauche am Ost sich verkndet hatte, nun schnell am tiefen Erdrund zu
gewahren, da der Flug ihr zuvor eilte. Die Reisenden sahen die klare
Sonnenscheibe des unbewlkten Himmels, doch unter ihnen schwand noch alles
in Dunkel, weil Siziliens hohe Fluren noch nicht erhellt wurden. Nur der
Aetna, welcher eben Flammen auswarf, entdeckte sich ihnen in feurigen
Verschlingungen. Bald aber trafen Fbos Strahlen die Hhen des Eilandes,
und kurze Zeit darnach lag es in seiner ganzen Gestalt erkennbar unter
ihnen, denn sie schwebten hoch genug, Sizilien vom silberfarbnen Meere
umgrtet, zu bersehen. Palermo, Messina und Sirakus waren kaum als Punkte
bemerklich, die Orangen- und Pinienhaine zogen sich in blauen Streifen an
den Gebirgen hin, die Thler waren in ein heitres Gelb verschmolzen. Der
Liebenden Busen wallte hoch auf in dem frohen Anschaun, und nur die nahe
Trennung strte ihre erhabenen Gesprche ber den erhabenen Gegenstand.

Frchte nichts, sagte Ini, ich komme gewi nach Sizilien zurck. Es wird
meine erste Bitte an die Mutter sein, meine Erziehung hier zu vollenden.
Ich schreibe dir, was sie beschliet, und du kmmst mir dann wieder
entgegen.

Die Reise ging schnell, da die Thiere munter die Flgel regten und man sich
in einer stillen Luftregion befand, wo sie keinem Widerstand entgegen zu
kmpfen hatten. Nach einigen Stunden lag die Blue des Meeres unter ihnen
und eine grne Linie an seinem mittglichen Rande bezeichnete Afrika. Der
Grad ist bereits berschritten, sagte Inis Erzieherin, es ist Zeit, da du
an die Rckkehr denkst, Guido. Diesem waren die Stunden wie Minuten
entwichen, er flehte um eine Zugabe von Frist. Man mu den Vertrag halten,
antwortete Jene, auch merkte der Knabe, den Guido von der Luftpost zu
Palermo mitgenommen hatte, an, die Adler drften ermden.

Guido stieg in den kleinen Kahn, vor welchen der Knabe die zwei Adler
gelegt hatte, die nun rckwrts gelenkt wurden. Tausend Lebewohl rief er
Ini nach, die ihren thrnenden Blick zu ihm wandte. Bald sah sie von der
kleinen Kugel nur einen hellen Punkt, den sie so lange als mglich mit dem
Sehrohre verfolgte.

Guido war sehr traurig als er wieder in seiner Wohnung anlangte. Nur die
Hoffnung, bald einer Nachricht von Ini entgegen sehen zu drfen, richtete
sein Gemth auf.

Man hatte um diese Zeit die Mittel, sich aus der Ferne zu unterhalten,
bedeutend vervielfacht. Telegraphen standen durch ganz Europa, in allen
Linien von namhaften Orten, aufgerichtet, und Jedermann konnte sich ihrer
gegen eine mige Zahlung bedienen. Die vervollkommnete Akkustik diente
hier aber mehr dem Gehr, als frherhin die wenig umfassenden Zeichen dem
Auge. Es gab Sprachtrompeten, welche bei Tag und Nacht, und fast bei jeder
Witterung, auf eine Meile deutlich hrbar tnten und durch welche man von
Station zu Station melden lie, was man wollte. Ueber Meere leisteten
dagegen die allgemein gewordenen Taubensendungen Hlfe. Ini hatte deshalb
von dem Manne, der die Taubenpost zu Palermo hielt, sechs dieser
gefiederten Boten mit sich genommen, um sie mit kleinen Briefchen am Halse
zurckfliegen zu lassen. In diesem Orte waren deren ebenfalls aus
Neu-Karthago, der jetzigen Hauptstadt von Afrika vorhanden, deren sich
Guido bedienen konnte.

Jeden Tag eilte er zu dem Manne und blickte aus seinem Thrmchen nach
Sden. Manche Taube kam geflattert, eins oder mehrere Papiere am zarten
Hals, doch lautete die Aufschrift an andere Personen. Endlich nach einer
Woche schwebte es wei daher und die rthlichen Fchen einer niedlichen
Turteltaube setzten sich auf den Schlag nieder. Das zahme Thier lie sich
willig ergreifen. An Guido, stand auf dem Briefchen. Hurtig ward es
abgenommen und geffnet.

Ini schrieb, wie sie von ihrer Mutter mit froher Zrtlichkeit aufgenommen
sei, und diese Mutter, die ganz still auf einem Landhause bei Neu-Karthago
lebe, auch ihre Liebe im reichen Maae verdiene. Sie setzte hinzu wie sie
nicht begreife, da diese Mutter, bei einem so warmen Herzen, ihre
Erziehung der Fremden habe bertragen knnen, und wie hier ein Grund
vorhanden sei, bedeutende Geheimnisse zu vermuthen, um deren Aufschlu sie
vergebens gefleht habe. Noch folgten begeisterte Schilderungen der
vorzglichen Eigenschaften dieser edlen Frau.

Guido, wie unendlich ihn der Empfang des Schreibens erfreute, ward tief
bestrzt, da darin von keiner Wiederkunft die Rede war. Er frchtete,
Mutterliebe werde die Tochter nicht wieder scheiden lassen, und Inis Herz
-- von dem er doch tglich mehr fr sich hoffte -- von ihm wenden.

Nach einigen Tagen langte ein zweiter Brief an. Hier schrieb ihm Ini, sie
kme nach Sizilien zurck. Schwerer, als sie es geglaubt htte, wrde die
Bitte darum ihr geworden sein, weil sie die Mutter einen Mangel an
Anhnglichkeit htte argwohnen lassen knnen, doch sei diese ihren Wnschen
mit der Erklrung entgegen gekommen, Athania werde mit ihr auf ungewisse
Zeit den vorigen Aufenthalt nehmen. Ini klagte noch mit schmerzlichem
Gefhl ber die nahe Trennung von einer Mutter, die so gut und weise sei.
Sie setzte hinzu, da sie -- sonderbar -- der verschleierten Mutter Antlitz
nimmer schauen drfe.

Guido war hoch entzckt ber den einen Punkt, wenn ihn schon der andere
nicht ganz ohne Unruhe lie, denn die Liebenden wollen nichts als sich
geliebt wissen, sogar eine Mutter nicht.

Nach einigen Tagen meldete ein Tubchen die Rckkunft auf Morgen an. Wie
flog Guido zur Adlerpost, die Kouriergondel zu dingen. Wie froh schwang er
sich zur Hhe!

Man lenkte bei diesen Luftfahrten nach Karten und Kompa, konnte also den
Strich nicht verfehlen, um so mehr als beides in sehr verbesserter Art
vorhanden war. Denn man bildete die Karten in erhabener Arbeit, so da sie
auf das Genaueste die Berge, Stdte, Felder u. s. w. darstellten. Alle
Verhltnisse der Lnge, Breite, Hhe waren richtig, wenn schon in bequemer
Verkleinerung, und so, da sie dem gewhnlichen Auge nicht erkennbar
wurden. Dann bediente man sich aber der jetzt so treflichen Mikroskope,
unter welchen alles deutlich ward. Der Kompa war mit Uhren, Zeitmessern
und andern Vorrichtungen dergestalt verbunden, da man, zumal auch die
Lngenfindung entdeckt war, in jedem Augenblicke den Punkt angegeben hatte,
in welchem man sich befand. Es konnte mithin unserm Guido nicht fehlen,
seinem Mdchen in der Luftregion zu begegnen.

Auch das Sehrohr entdeckte sie ihm schon auf weiter als zwei Grad' und er
ward zu seinem hohen Vergngen bald inne, da auch ihr schnes Auge an dem
nemlichen Instrumente lag, nach ihn auszusehen. So lchelten und
liebugelten sie einander schon zu, wenn gleich mehr als zwanzig Meilen
entfernt. Bis auf einige Meilen genaht, leisteten ihnen die akkustischen
Werkzeuge Hlfe, sich zu begren und sich se Dinge zu sagen. Herrliche
Erfindungen fr Liebende.

Endlich war das therische Huschen erreicht, in welchem die gefeierte
Schnheit sa. Guido konnte die Zeit nicht erwarten, aus seiner Gondel auf
das Dach zu springen. Er war zu eilig, versah es, und -- fiel.

In einer Hhe von viertausend Schuh fiel Guido nieder. Allein smtliche
Luftpassagiere waren gewohnt, eine Hauptbedeckung von einem dnnen Zeuge,
mit kleinen Stben aufgesteift, zu tragen, die sich bei einem etwanigen
Unfall, durch die natrliche Wirkung der Luft, breit entwickelte. So
erfolgte dann nichts weiter, als ein jhes Niedersinken von etwa hundert
Schuhen Tiefe, dann hing man gesichert am Fallschirm und schwebte langsam
der Erde zu. Der Postknabe flog mit seinen Adlern schnell niederwrts,
fischte den Jngling auf, brachte ihn wieder an Inis Fahrzeug, wo er
diesmal vorsichtiger einstieg, nur den Schaden hatte ausgelacht zu werden,
und -- was fr den Liebenden freilich wichtig genug ist, eine Minute
verloren zu haben.

Guido und Ini hatten einander unendlich viel zu sagen, wenn schon die
Weisheit es unendlich wenig genannt haben drfte. Noch eifriger
betrachteten sie einander: Der ganze Proze der Beiden legte es, wie wir
schon oft genug berhrten, auf Verschnerung an. Verschnt nun Liebe an
sich, ist sie die beste Lehrmeisterin in jeder Kunst, fachen zugleich
Trennung, Sehnsucht und Entzcken beim Wiedersehn sie um so hher an, so
konnte es nicht fehlen, da diese wenigen Tage sie ihren Zielen um etwas
nher gefhrt hatten.

Nicht lange darauf kam der Kaiser nach Palermo. Er lie sich den Jngling
vorstellen und bezeugte seine Zufriedenheit mit dem vortheilhaften Bericht,
welchen sein Erzieher ber ihn abstattete. Dann gebot er diesem, sogleich
eine Reise mit Guido anzutreten. Wenn diese vollendet wre, sollten sie
nach Rom kommen, und wrde dann der Jngling, bei einer neuen Prfung,
bestehen, verhie Jener, sollte er zu einem wichtigen Staatsamte berufen
werden.

So standen also die Sachen. Morgen sollte Guido scheiden. Ini empfahl ihm
nichts wrmer, als das Ideal nimmer zu vergessen, welches sie ihm nun auch
einhndigte. Sind die drei Jahre um, sprach sie, und wir haben Beide
erreicht, was wir wollten, dann liegt es schon in der ganzen Natur dieser
Schnheit, da wir uns besitzen mssen. Und nun scheide mit einem
mnnlichen Lebewohl.

Da es nicht sehr mnnlich war, und die ermannende Rathgeberin selbst im
Geheim der Fassung entrathete, ist zu vermuthen. Bei dem Allen lie die
hohe Wehmuth des Abschiedes auf lange Dauer wieder einen neuen Zug von
Schnheit zurck.

Guido sollte nicht immer durch die Hhen reisen, weil ihm die Tiefe dann
nicht kund geworden wre. Ein segelfertig Schiff im Hafen ward bestiegen,
das den Lehrer und Zgling nach der jetzigen Ostmark des Staates von Europa
tragen sollte.

Die Kunst zu schiffen hatte bedeutend gewonnen. Unendlich geringer war die
Gefahr dabei. Strand, Klippen, Meergrund hatte die viel erweitete
Geographie treflich bezeichnet, der gute Pilot wute den Strich, kannte die
Tiefen seines Fahrwassers genau. Nchtliches Dunkel bereitete kein
Hinderni, weil man die Fahrzeuge mit Reverberen umhing, die im Umkreis
einer Viertelmeile fast Tageshelle verbreiteten. Der Kampf mit Strmen
brachte Niemand mehr in Verlegenheit. Denn es gab Ankertaue aus feinen
Metalldrthen, welche groe Haltbarkeit mit geringem Umfang verbanden, und
befestigte dadurch das Schiff, mogte die See noch so emprt wogen. Bei
Windstillen, die frherhin den Seefahrer in zeitraubende Unthtigkeit
versetzten, halfen neuerfundene Ruderwerke, durch einen einfach kunstvollen
Mechanismus in Bewegung gebracht. Man baute auch weit grere Schiffe, was
um so eher anging, als die Hfen berall zu ihrer Aufnahme geeignet waren,
und benutzte den Raum darin geschickt. Es war endlich ein Lack erfunden
worden, der allen Eindrang von Wasser hemmte, daher die Waaren in den
Kellern ganz trocken lagen und zugleich in sehr groer Menge, denn rohe
Erzeugnisse zu verfahren, schmte sich der meisten Nationen Kunstflei, und
die verarbeiteten nahmen weniger Platz ein. Der obere Theil der Schiffe war
gemeinhin sehr vortheilhaft abgetheilt. Die Seeleute hatten Verfeinerung
genug angenommen, um sich nicht auf einseitige Beschrnkungen zu verstehn,
und der Lebensgenu war Jedermann zu wichtig, als da er irgendwo verbannt
gewesen wre. Deshalb fand man hier einen Konzertsaal, der auch zum Theater
umgeschaffen werden konnte, ein Lesezimmer, dessen Wandschrnke mit
Bchern, Karten und Instrumenten zum Behuf der Seefahrt und Naturkunde
gefllt waren. Eine breite Gallerie umlief das Schiff, besetzt mit
Fruchtbumen und Blumen in Tpfen. Hier lustwandelte man, ohne durch das
Arbeitgetse auf dem Verdeck gestrt zu werden.




Zweites Bchlein.

Die Reise.


Gelino bemhte sich whrend dieser Meerfahrt den Zgling in mancherlei ihm
noch unbekannten Dingen zu unterrichten. Das Vergngen der Bequemlichkeiten
mancher Art, die Zerstreuungen durch Musik und Bhne, wurden ihm sparsam
zugemessen; er mute dagegen hufig im Kristallthurm weilen, und die Natur
unter der Wogenflche beobachten.

Mit diesem Thurme hatte es folgende Bewandni.

Er war nur so gro, da etwa drei oder vier Personen, ein
scheideknstlerischer Apparat und mancherlei Beobachtungsinstrumente darin
Raum fanden. Von starken Bohlen viereckig gebaut, mit Seitenfenstern von
sehr dickem aber vollkommen durchsichtigem Kristall. Der Boden beraus
fest, um bei einem Stoe an Klippen nicht in Trmmern zu fallen. Die Decke
an einen dicken, hohlen Metalltau gebunden, der ins Innre lief. Zudem
vollkommen gegen den Eindrang der Fluthen gesichert.

Dieser Thurm ward nun ins Meer gelassen, indem er in der Gegend des
Steuerruders befestigt blieb. Durch seine Schwere ging er unter. Die
Hhlung des Taues setzte die unten befindlichen Personen in den Stand,
mittelst eines Sprachrohrs verlangen zu knnen, ob sie tiefer hinab
gesenkt, oder hher hinauf gezogen sein wollten. Die Chemie hatte lange
schon die Mittel entdeckt, eine verschlossene Luft durch Reinigen und
Erzeugen von Sauerstoff athembar zu erhalten. War das Meer nun nicht in zu
lebhafter Bewegung, so konnte man durch die Fenster alles weit um sich
entdecken, ja man bediente sich einer Art Lampen vor Hohlspiegeln, um die
Tiefe nthigenfalls noch mehr zu erhellen.

Welche Entdeckungen hatte die Naturkunde seit dieser Erfindung gemacht! Die
Welt im Ozean, von der Ehedem so wenig bekannt war, lag nun dem Auge des
Forschers offen da.

Furchtbar schien es dem Neuling, im tiefen Gebiet der Nereiden und Tritonen
zu hausen, auch nahten manche schlimme Gefahren. Die Meerungeheuer,
ergrimmt ber den seltsamen Besuch, wtheten bisweilen gegen des Thurmes
Fenster und suchten sie zu zerstren. Allein es mangelte auch nicht an
Vorkehrungen. Stacheln an den Ecken empfingen sie unfreundlich, so da sie
sich bald auf die Flucht begaben. Auch gab es Fallen mit einem knstlichen
Mechanismus, die hie und da einen Seelwen, einen Haifisch, einen Delphin
und andere erst seit dieser Erfindung bekannt gewordene Thiere
umklammerten, die denn als eine Beute fr die Schiffskche oder fr eine
Sammlung von Seltenheiten mit empor gebracht wurden. Bisweilen fanden sich
aber zu groe Thiere ein, und wenn der Thurm nicht eilig genug zur Hhe
gewunden ward, ging er mit seinen Bewohnern verloren.

Neue Steinarten auf dem Meergrunde, Fossilien, andere Gattungen von Perlen
und Korallen waren eben sowohl in groer Menge entdeckt worden, als man die
Ichtiologie bereichert hatte.

Hier blieb Guido halbe Tage lang, bte den kaltbltigen Sinn in
Lebensgefahr und rntete merkwrdige Kenntnisse. Von dem was er sah und
lernte, hielt er ein Tagebuch, brachte das Vorzglichere davon in einen
Auszug und sandte ihn durch mitgenommene Tauben an Ini.

Man gelangte in den Archipelagus. Die meisten Eilande wurden besucht. Sie
waren jetzt zum Theil von Hirten bewohnt, die ein dem alten arkadischen
hnliches Leben fhrten, denn Unschuld und fromme Sitte hatte man
einheimisch gemacht; zum Theil aber sahe der Reisende vortreffliche
Anstalten zur Bildung von Seeleuten und zum Schiffbau, wozu die Lage
einlud.

Guido gesellte sich bisweilen zu den Jnglingen und Mdchen unter den
Hirten. Jene trugen gemeinhin an einem Bande ein Sehrohr auf dem Rcken
weil sie in klaren Nchten die Beschftigung ihrer Urvter trieben und die
Sternkunde bereicherten. Daneben fertigten sie eine liebliche Art Flten
und begleiteten den Gesang froher Mdchen, deren Hand zugleich ungemein
wohltnende Citharen rhrte. Wie weit auch diese Musik der Zephirharmonika
nachstand, mit welcher Ini ihn bezaubert hatte, fhlte Guido dennoch die
Rhrung einfacher und tief empfundener Melodien. Natur und harmlose
Lebenssitte hatten auch diese Menschen so poetisch gemacht, da auf
Verlangen oder aus eignem Drang, Hirten und Hirtinnen Lied und Harmonien
auf der Stelle erfanden und vortrugen, was die Hrer in die Zeiten der
Amphion und Homer versetzte. Guido entwarf davon eine anziehende
Schilderung und sandte sie Ini.

Das Verlangen Athen bald zu sehen, regte sich nun lebhafter, denn zu viel
hatte ihm Gelino davon gesagt. Es wurde auch in kurzem gestillt, man
erblickte das alte Vorland Sunium, die Berggipfel Parnes und Brilessus, und
lag bald darauf im Hafen Pirus vor Anker.

Gelino unterrichtete ihn im Voraus ber die Erscheinungen, welche ihn auf
diesem merkwrdigen Erdfleck belehren sollten.

Im achtzehnten Jahrhundert, hub er an, ereignete sich in der Provinz
Frankreich jene bekannte Staatsvernderung, welche das Schicksal bestimmt
hatte, nach und nach allen Reichen am Erdboden eine neue Gestalt zu geben.
Nach langen blutigen Kriegen, die bis tief ins neunzehnte Jahrhundert
gefhrt wurden, kam der grte Theil von Europa unter eine Obergewalt,
welche aber die Unterregierung mehrerer Knige feststellte. Man nannte dies
Reich, das erneute rmisch-abendlndische und Rom wurde, wie es jetzt noch
ist, der Wohnsitz des Kaisers. Der schwerste Kampf war gegen die Albionen,
damals in Schiffahrt und Seekrieg berhmt, welche ungeheure, wenn gleich
meistens eingebildete, Reichthmer gehuft und den gigantischen Entwurf
gemacht hatten, die Handlung des ganzen Erdballs an sich zu bringen. Doch
nach einer gelungenen Landung flohen die Vornehmen mit ihren klingenden
Schtzen nach dem Indien am Ganges, und Calcutta ward die Hauptstadt ihres
neuen Reichs. Das Volk blieb verarmt zurck und mute unter fremder
Regierung seinem Kunstflei eine andere Richtung geben.

Doch bildete sich neben dem abendlndischen Kaiserthume auch ein neues
morgenlndisches. Einen Csar an der Spitze, der sich den griechischen
nannte, drangen die Vlker des Nordens hervor, mit eisernen Armen, in alt
scithischer wilder Kraft und dennoch mit den Knsten der vorhandenen Kultur
vertraut. Den Boden des ehemaligen Griechenlands hatten damals die
Ottomannen inne, ein krftig Volk, voll Religion und warmer Phantasie, doch
weit zurckgeblieben in den Wissenschaften. Sie muten bald aus Europa
weichen, wo ihr Sultan, durch mehrere Jahrhunderte, auf Constantins Thron
gesessen hatte. Allein ihr reizend Gebiet in Europa ward der Zankapfel
zwischen den beiden Gromonarchien. Neu-Griechen und Neu-Rmer machten ihre
Ansprche darauf mit dem Schwerdte gltig. Eine verheerende Fehde folgte
der andern, die Menschheit blutete. Man sah in den lachenden Gegenden nur
Ruinen, entvlkerte Wohnpltze, verwstete Auen. Umsonst mahnte Philosophie
der blutenden Menschheit zu schonen. Zu gewaltig fhlten sich die
Streitkrfte, zu entflammt waren die ehrgeizigen Gemther, stolzer gemacht
durch bedeutende Erfolge und immer weiter strebend in ungemessenen
Entwrfen.

Zuletzt veranstalteten beide Kaiser eine Unterredung zu Constantinopel.
Mein mu Europa gehren, sagte der Occidentale, die Natur seiner Grnzen
weist mich darauf an, ich ende den Kampf darum nicht und sollte das lebende
Geschlecht darin untergehn. Doch nimm dir vom alten Morgenland Roms, das
herrliche Klein-Asien, Sirien, dringe zum Euphrat vor, ja bemchtige dich
aller Lande, denen einst Cirus gebot. Ich will dir in deinen Eroberungen
treulich beistehn. Schon ist dein Asien dem Umfange nach, grer als mein
Gebiet, wie viel reichere fruchtbarere Provinzen kannst du ihm noch
zugesellen.

Die Khnheit des Plans gefiel dem Monarchen aus dem Hause Romanow. Da kamen
von den Strmen Obi, Lena, Jenisei, von den Seen Aral, Telegul, Baikal, von
den Altanischen und Sajanischen Gebirgen streitbare Krieger. Turalinzen,
Kirgisen, Teleuten, Abinzen, Tschulimische und Werchotomekische Tatarn
strmten ber den Kaukasus, Hlfsvlker aus den stolzen Spaniern, den
ehrgeizigen Franken, den markigten Germanen, den feurigen Polen, den
schlauen Italiern und andern Nationen zusammen gebracht, drangen ber die
Meerenge von Constantinopel vor oder landeten an den Ksten von Sirien.

Tapfer vertheidigten sich die Anhnger der Religion Muhameds. Doch
Uneinigkeit theilte ihre Kraft, sie waren der berlegenen Kunst nicht
gewachsen. Zwar kostete es Jahre, mhevoller Anstrengung und das Leben von
Hunderttausenden, endlich aber wurden bis zu Mesopotamien hin alle
alt-trkischen Besitzungen berschwemmt. Der Schach von Persien kam den
Glaubensverwandten zu Hlfe, ward so in die Kriege verflochten und erlag am
Ende des neunzehnten Jahrhunderts auch.

Nun ward Ispahan des neuen ungeheuren Staates Mittelpunkt. Man bemhte sich
mit Weisheit die Vlker zu gewinnen, indem ihnen nach und nach die
Wohlthaten der Kultur einleuchtend gemacht, und die verschiedenen
Religionen in einen, von Wahn gereinigten, und durch allgemeine Moral
veredelten, Kultus vereint wurden.

Bald aber sahe man sich genthigt neue Kriege im Ost zu beginnen. Die
Albionen in Indien waren mchtig geworden. Sie trieben nicht nur in allen
Gewssern zwischen Madagaskar und Japan ihr altes Spiel, sondern hatten
auch zu Lande ihre Herrschaft bis ber Tibet hinaus verbreitet, befehdeten
den Khan von Sina, und gaben den Neu-Persern (so nannten sich jetzt die
vormaligen Moskowier) zu vielen Klagen Anla. Die Waffen muten
entscheiden, ein hartnckiger Kampf durch mehrere Jahrzehende folgte. Doch
ein Monarch, Cirus Alexander genannt, drang zuletzt an den Ganges vor, nahm
Calcutta ein und die Albionen sahen sich abermal gezwungen ihr Reich bers
Meer zu verlegen. Sie whlten Neu-Holland, da Cirus Alexander ihnen auch
die Inselgruppe von Borneo wegnahm. Doch jenes groe Eiland, das nunmehr
den Namen Sd-Brittania empfing, sammt vielen andern und manchen neu
entdeckten am Pol, bildet jetzt ihr stattlich Reich und die kunstfleiige
und ppige Hauptstadt Botani-Bai ist zu der Bevlkerung einer Million
herangewachsen. Zu Calcutta, das sie eilig rumen muten, fand man eine
Abtei voll Grabmhler und Denkbilder groer Seehelden und Gelehrten. Denn
dies Volk war von uralten Zeiten her ungemein dankbar gegen Verdienste um
das Vaterland, und darum ist es ihm auch wohl gelungen mit anfnglich
geringen Hlfsmitteln bewundernswerthe Dinge zu vollziehn.

Nachdem das Neu-Persische Reich gestiftet und befestigt war, geno das
abendlndische Kaiserthum einer langen glckseligen Ruhe. Der Kaiser Marcus
Aurelius II. berief zu Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts die Frsten und
Weisen aus allen Landen, um eine Verfassung zu grnden, wie das Bedrfni
der vorgerckten Zeiten sie verlangte.

Hier wurde nun vorerst angetragen, den Namen abendlndisches Kaiserthum
aufzugeben. Was drfen wir Rom nachahmen? fragte man. Unser Reich ist an
Umfang, Reichthum und Gewalt, bei weitem grer als das Reich der Quiriten
in seiner ppigsten Blthe. Haben wir allenfalls in Asien mchtigere Feinde
zu frchten als sie, so fehlt es uns nicht an Bundgenossen, mit denen
vereint wir ihnen krftigen Widerstand leisten knnen. Da auch die reinste
Gemeinsache der Zweck dieses groen Landtags ist, so heie das Reich
knftig die Republik Europa.

Aurelius, weit entfernt, seine Rechte gekrnkt zu finden, sahe hier nur
seine Wnsche ausgesprochen.

Nur Gleichheit, sagte der weise Gekrnte, ist Verfassung des Rechts. Wenn
Spaltung des Willens Ehedem die Republiken erschtterte, und sie zuletzt in
Herrschaft der Willkhr untergehen lie, so kam das daher, weil die
Volksvernunft noch nicht hinlnglich gereift war, das Gute klar einzusehn.
Man nannte die Tugend Sttze der Gemeinsache, Ehre die des Alleinregiments.
Thrigter Irrwahn beide Begriffe zu scheiden. Heil der Zeit, welche endlich
einsah, Ehre knne allein der Tugend Preis werden und Tugend sei durchaus
nichts anderes als Huldigung der Vernunft.

Dann bedingt aber die Verfassung, durch sich selbst, Volkswillen und
Alleinherrschaft so verbunden, da der Mann auf der Spitze, jenen
nachdrcklich ausspricht, und, wie er ihn von unten herauf vernahm, ihn von
oben hinunter in Erfllung gehen lt.

Es gab Zeiten wo die Frsten sich freuten, blindgehorsamen, vernunftarmen
Sklaven zu gebieten. Jetzt, dem Himmel sei Dank, finden wir nur Ehre darin,
freien, edlen, verstndigen Brgern vorzustehn. -- So sprach dieser
Monarch.

Du wirst auf deiner weitern Reise Gelegenheit finden, die Einrichtungen zu
sehn, welche nun in der monarchischen Republik gegrndet wurden, indem man
unablig strebte, Tugend und Ehre zu gatten, und zugleich die
Volksintelligenz und die Frstenintelligenz erzog. Viel Hohes, Groes,
Krftiges, Entzckendes ist daraus hervorgegangen, wenn gleich freilich
immer noch ein Grundsatz fr die Tugend der Brger mangelt, der ihre Tugend
gewi, cht und als solche erkennbar macht. Ihn zu suchen ist das hohe
Geschft der Zeit, wiewohl man noch nicht glcklich darin war.

Vor der Hand merke aber so viel von jenen Anordnungen:

Alle Vlker von Europa sollten zur Sitteneinheit erzogen werden.

Man fhrte darum Ueberall dasselbe Maa in Schwere und Umfang, dasselbe
Tauschmittel, dieselben Satzungen des Rechtes, ein.

Die allgemeine Sprache durch ganz Europa folgte.

Die Vlker hatten ihre besonderen Frsten, da Eine Obergewalt unmglich das
weite Ganze im Einzelnen berblicken konnte. Diesen Frsten blieb die
Wrdeerblichkeit zugestanden, um den Uebeln der Ehrsucht, List, Bestechung
auszuweichen, doch haftete sie nicht an dem erstgeborenen, sondern an dem
edelsten Sohn. Hierber mute das groe Rechtstribunal schlichten, welchem
der Kaiser vorsa und wo auch alle Streitigkeiten der Frsten gehoben
wurden, wodurch, wie das Staatswohl auch von selbst verlangte, ein
immerwhrender Friede in Europa bestand, ein wichtiger Triumph der Zeit,
wogegen die Vorwelt, in den Reichen, die jetzt nur, trotz ihren erblichen
Gebietern, als Provinzen betrachtet werden, traurige innere Kriege sah. So
hatte unter andern einst Deutschland einen Fderalismus gestiftet, wo aber
demungeachtet sich ein Frst gegen den andern der Waffen bediente. Doch,
damit die Erben von Thronen, sich ihres erhabenen Berufs wrdig machten,
muten die Vter, des Gemeinwohls halber, das frohe husliche Verhltni
aufgeben, sie um sich zu sehn. Zeitig wurden die Shne fernen
Erziehungsanstalten bergeben, wo sie, unerkannt und unter andern
Pfleglingen, nach den Grundstzen gebildet wurden, die die Weisheit fr die
besseren erkannte, und welche sie immerfort veredelten. Dann bekleideten
sie Aemter mannichfacher Art und wurden in Lagen gebracht, wo ihre schon
entwickelten Talente sich noch mehr krftigten. Endlich, mnnlich gereift,
an Leib und Geist prangend ausgestattet, erfuhren sie ihre hohe Bestimmung
und traten sie, von Schmeichelei und Lsten unverdorben, an. Dieser
Gebrauch ging in der Folge sogar auf die Frstentchter ber, und
keineswegs drfen die Kinder der Kaiser davon ausgenommen sein.

Was fr die Religion, den Landbau, die Wissenschaften, Knste, Handwerke,
die Ausrottung der Armuth, von Oben geschah, da sie Unten desto freier
gedeihen konnten, wird sich dir an seinem Orte verknden.

Ungeachtet der beschloenen und nach und nach durchgefhrten Identitt der
Europer, glaubte man dennoch, dieser oder jene Landstrich knne durch
seine Natur, und allenfalls durch gewisse Uebertragungen vom Alterthum,
sollte es auch nur das begeisternde Andenken sein, sich fr gewisse
Beschftigungen vorzglich eignen. So wurde den bildenden Knsten, deren
schnen, sittlichen Einflu man nicht verkannte, das alte Griechenland zum
Wirkungskreis angewiesen, und dabei, auf allgemeine Kosten, der lieblich
phantastische Plan ausgefhrt, Athen wieder aufzubauen. Du wirst diese
Stadt nun sehen und zwar mglichst genau nachgeahmt, so weit nur die
Alterthumskunde dazu Hlfsmittel anbot. Du wirst dich in die Zeiten des
Perikles zurck whnen, in seine Mauern tretend. Keiner von den Tempeln,
keins der ehmaligen ffentlichen Gebude mangelt. Bildhauer und Maler
treiben vorzglich ihre Kunst, und wenn der Hauptanreiz vor Zeiten in dem
groen vortheilhaften Absatz der Statuen und Gemlde bestand, welche der
alte Politheismus aus der halben bekannten Welt in Attika kaufte, hat auch
der neuere Kultus diesen Anreiz wiederholt, indem es ein Gegenstand des
Stolzes geworden ist, simbolische Darstellungen aus Athen zu besitzen,
deren wohl viele schon in Palermo oder Messina dir zu Gesicht kamen. Ohne
diesen begnstigenden Umstand wrden Athens neuere Bildner schwerlich die
Phidias und Apelles zurck gelassen haben, wie es wirklich geschehen ist.
Mitbewerbung ist jedoch, wie sich von selbst versteht, hiedurch nicht
aufgehoben, bei der allgemeinen Freiheit in Europa mag die Knste ben wer
da will, und wo er will, auch wetteifern die Maler in Italien sehr
glcklich mit denen am Ilissus, doch die Fertigkeit in Stein zu gestalten,
drang hier am weitesten, wie berhaupt auch die Vorkunde (Theorie) des
Schnen, in Athen am meisten einheimisch ist.

Bei den Worten _Vorkunde des Schnen_ erglhte der Zgling und dachte an
Ini, die sinnige Malerin. Es soll mich wundern, sagte er zu sich, ob die
Bildner zu Athen meine holde Geliebte an Zartheit und Imaginazion
bertreffen werden.

Man zog nun in die Stadt ein. Guidos Herz wallte hoch auf, bei den
rhrenden Erinnerungen an das edle Alterthum, so lebendig durch die
Nachahmung versinnlicht. Vor allen Husern standen Hermen, deren
Vollkommenheit Staunen erregte, das einfache und doch mit groem Eindruck
erfllende Ebenmaa der heiter-majesttischen Tempel, legte entzckende
Bewundrung auf.

Gelino besuchte mit seinem jungen Freund die Werkstatt des gerhmtesten
Meisters unter den Bildhauern. Der Mann fate den Jngling fest ins Auge,
und schien befremdet. Dann zeigte er willig seine reichen Vorrthe, zu
welchen die meisten Knstler von Belang ihre Arbeiten geliefert hatten, die
nun in den weitluftigen Slen dieser Werkstatt und unter vortheilhafter
Beleuchtung, dem Auge der Fremden ausgestellt sein sollten.

Was als Kunstvorwurf gelten konnte, wurde in Athen auch knstlerisch
behandelt und man band sich durch keine Vorliebe. Aus der alten
Griechenmithologie sah man nicht nur trefflich gelungene Nachbildungen
jenes Apollon, jener Venus, jener Niobe und anderer Statuen, die sich einst
glcklich durch die Jahrhunderte der Barbarei retteten und in spteren das
Morgenroth des Schnen wieder aufgehen lieen, sondern man hatte auch die
nmlichen Ideen auf andere Weise bearbeitet und der Vorsprung des Genius
ward daran sichtbar. Fbos hatte weit mehr Gttlichkeit, die Gttin von
Paphos mehr weibliche Anmuth, wenn frhere Zeiten dies schon unbegreiflich
fanden.

Auch aus der alten nordischen Gtterlehre whlten die Knstler Stoffe.
Odin, Wodan, die Valkiren, waren in trefflichen sinnlichen Verherrlichungen
aufgestellt, eben so Brama, Osir und was sonst dazu sich eignete.

Fr Sle und Grten der Groen in Europa fand sich immer Nachfrage, auch
hatte jede namhafte Stadt einen Park, zur Ergehung der Bewohner, angelegt,
den der Kunstsinn gern schmckte, berzeugt, dies wirke lebendig auf den
Flug der Gemther ein, und die so vervollkommnete Leichtigkeit der
Fortschaffung migte die Kosten.

Der regsamste Kunsteifer ward aber durch die Landesreligion unterhalten.
Ein Sinod von Weisen hatte frherhin fnfzigjhrige Sitzungen gehalten ber
diesen hchst wichtigen Gegenstand, etwas Allgemeingltiges, Dauerndes
festzustellen. Tausend Vorschlge hatte man geprft und verworfen, bis eine
ansehnliche Mehrheit sich fr die folgenden entschied.

Die christliche Moral, sagte der Sinod, ist die erhabenste, noch nicht
bertroffene Legislatur der Rechtsgefhle, doch die christliche
Glaubenslehre kann nur einem finstern Zeitalter anpassen. Wenn jene, ihrem
Geiste nach, und auf die ehrwrdige Urreinheit zurckgefhrt, nach
Jahrtausenden segnend auftreten kann, so ist diese, nach den ungemessenern
Begriffen vom Weltgebude, welche ein aufgehelltes Geschlecht errang, nicht
lnger brauchbar, wenn die Vernunft nicht mit sich selbst im Widerspruche
leben will.

Was ist hier aber zu thun? Ein Abstrakt bindet, uralten Erfahrungen
zufolge, die Herzen zu wenig, was durch die Phantasie zur Vernunft dringt,
nimmt nicht nur die Schwche, auch der krftige Sinn freundlicher auf,
vorzglich wenn es in das Leben der Handlung bergehn soll.

Verbannen wir daher vom _Denken_ alles Bildliche, doch zum _thtigen
Wirken_ mgen immer Dichtung und Knste uns lieblich begeistern.

Der mosaisch-christliche Theismus sei und bleibe die Grundlage unserer
neuen, und dennoch aus dem tiefen Alterthume empfangenen Religion. Wir
glauben an eine Gottheit, unbegreiflich den Formen, in welchen uns dermalen
unsere Natur zu erkennen gestattet. Auer dem Raume, auer der Zeit,
unendlich, ewig, allmchtig bezeichnen wir diese Gottheit, nichts Hheres
wissen wir zu nennen, wenn wir uns auch in tiefer Anbetung bescheiden, was
wir nennen nicht zu verstehn, und ein eitles Streben, das unsere Krfte
bersteigt, sein Wesen nher zu fassen, aufgeben.

Keine Ehrengebude dieser erhabenen Vermuthung! Unwrdig stellt sie die
Materie dar. Knnten hhere Wesen ihm Tempel weihn aus Erdsternen, Altre
darin aus Feuersternen, es priese ihren Urheber nicht. Nur Einigemal im
Jahre mag sich die dankbare Andacht unter dem himmlischen Gewlbe
versammeln, und sich selbst heiligen, in heiliger Empfindung. Wenn der Ball
sich wieder zu den Sonnenflammen dreht, ihren befruchtenden Segen zu
trinken, wenn wir rnteten, was die innere Gtterkraft der Auen nhrend
gestaltete, dann wimmle die Menge in Eintracht hinaus und huldige.

Doch da die ewige Gottheit, nicht wohnend im Raum, nicht schwimmend im
Strome der Zeiten, unserm jetzt auf diesen Erdstern angewiesenen Geiste,
nur im Simbol sich offenbart, so ist es hehr und wrdig, zu ehren, was wir
irrdisch-gttlich nennen, und sich, so weit der Staub vermag, bildete nach
dem Ideal des Allgttlichen, wie es im Busen der edleren Menschheit geahnet
wird.

Lat uns preisen, was schon das tiefe Alterthum pries, schon so viele
Millionen der Gestorbenen zur Tugend erwrmte, uns im Abbild erkennbare
Muster des Hohen giebt, es einen mit den Satzungen unsers Brgervertrags.
Lat uns Sttten des innigen Andenkens erbauen, die uns rhrender mahnen
und zur Nacheiferung weihen.

Moses, der hohe Urpriester der einigen Gotteslehre, der weise Erfinder
heiliger Gesetze, der krftige Held, ist werth unserer Ehre. Sei er uns
Heros des Rechtes, des Kampfes, wo uns geboten wird, gegen innere
feindliche Leidenschaft, oder uere Krieger die Waffen der Vernunft oder
des Armes zu erheben. In seinen Tempeln werde das Recht gelehrt,
gesprochen, in seinen Tempeln entflamme sich der Muth, wenn des Vaterlandes
Vertheidigung uns zum Schwerte ruft.

Jahrtausende nannten den Jngling in Palstina gttlich, der in wenige
Worte die Lehre der reinsten Menschlichkeit zusammen drngte. Er sei uns
der Heros des Brudersinns. Er liebte die Kinder, die Erziehung sei ihm
geweiht. Ehren wir sein Andenken, indem wir streben, von seinem Geiste
durchdrungen zu werden. Vor seinen Altren hre die brderliche
Versammlung, Moral der Gemeinschaft, und der Weisen Unterricht, klglich
die Keime im jungen Herzen zu pflegen. Hier werden die Jnglinge, das
aufblhende Mdchen oftmal geprft, in ihren Fortschritten zur Veredlung.

Schner zarter Mithos deiner himmlischen Liebe, o Maria, dir gebhrt eine
Sttte in unsrer Religiositt! Das Weib fhle sich erhoben, eine Heilige
ihres Geschlechts in Tempeln gefeiert zu sehn. Mag der poetische Flug in
Marmor und Farben, mag er im Gebiet holder Dichtung wetteifern, einem
gebildeten Volke schne Bildungen der hohen Maria zu geben. Ihr bringe die
Liebe Anbetung, und erhebe sich begeisterter zum Himmlischen, sie sei die
idealische Knigin aller Schnheit und die Knste machen sich ihr werther,
in dem lieblichen Wahn, von ihrer Glorie umstrahlt zu sein. Die Ehe knpfte
ihre innigen Bande, Maria vor deinen blumengekrnzten Altren.

Des ernsten Moses Priesterthum verwalten ergraute, ruhmgenannte Helden,
untadelhafte Volksrichter und Frsten, deren weise gepflogenes Amt die
allgemeine Liebe lohnte. Des sanften Christus Tempeldienst sollen die
edelsten Jugendlehrer verwalten, wenn sie dem Gemeinwesen eine bedeutende
Zahl trefflich gedeihender Zglinge gaben. Knstler, die verklrenden
Genius in ihren Werken offenbarten, ben den Kultus der schnen Heroin
Maria, Chre von unstrflichen Jungfrauen im Gefolge.

So geben wir dem Irrdischen hheren Adel, indem es mit den Ahnungstrumen
gttlicher Natur verwandter gemacht wird.

Diese Religion, anfnglich mit vielem Widerspruch der lebenden Generation
bekmpft, wurde bei den folgenden allgemein, und gab den Knsten reiche
Vorwrfe. Man sah den Heros des Rechtes und der Waffen, vielfach gestalten.
Die Idee desselben ward von dem strebenden Kunstsinn immer herrlicher
empfangen, und jene Kraftsumme, lange in dem Standbilde des Herkules der
Farnese bewundert, blieb bald gegen den vollendeteren, zugleich geistvoller
ausgeprgten Moses einer geistvolleren Zeit, zurck. Neben einer Anmuth und
einem Einklang der Verhltnisse, wie sie viele Jahrhunderte an jenem
Apollon rhmten, hatte die reifere Kunst den Christusdarstellungen eine
unbeschreibliche Hoheit und Milde, ber das gttliche Antlitz gegossen, so
da nicht nur der unterrichtete Kennersinn, sondern jeder im Volke, von dem
Gesammtausdruck auf das Innigste ergriffen, gerhrt wurde, und der Begriff
_vollkommene Menschlichkeit_ nach Maasgabe seiner geringeren oder
vollendeteren Bildung, schwcher oder erhabener vor seiner inneren Seele
schwebte. Nichts bertraf aber die Gestaltungen der Maria. Hier hatte sich
die reinste Poesie der Kunst entfaltet. Vor den schnsten dieser Statuen,
gingen die lieblichen Mdchen von Athen selten weg, ohne einen neuen Zug
eigner Schnheit mitzunehmen.

Wie staunte aber der schnheitsinnige Guido, von dieser Kunstsammlung
umgeben! Er schpfte in der gefhlten Begeisterung frohen neuen Unterricht
ber das Ebenmaa der Formen, und lernte Inis Gebote klarer verstehn. Hoch
mute er jedoch bewundern, da seine Geliebte, die sich nimmer in Athen
befunden, sondern ihr Studium vor den Kunstwerken in Sizilien gebt hatte,
zu einer Idee gelangt war, welche dennoch nher an die Vollkommenheit zu
reichen schien, als alles, was er hier erblickte.

Der gepriesene Meister trat wieder zu ihm heran. Jngling, nahm er das
Wort, von wannen du auch seist, du stammst aus einem Geschlechte, das durch
eine lange Reihe von Gliedern, hoher Entwicklung entgegen strebte.

Guido ward verlegen, da ihm nichts ber seine Herkunft bekannt war.

Der Bildner fuhr fort: Edler Einklang spricht aus deiner Gestalt, die Kunst
wrde nichts zuzugeben vermgen, wenn sie dich in Marmor darstellte, nur am
Haupte, an der Stirn, an Mund und Wange, bleiben einige Umrisse, einige
Linien zu wnschen brig.

Guido errthete, gab aber doch mit unbefangenem Selbstgefhl die Antwort:
Ich zhle noch nicht zwanzig Jahre, meine Entwicklung ist unvollendet. Wer
wei --

Dann bat er den Knstler, sein Profil so zu zeichnen, wie es die Forderung
der hheren Wissenschaft verlange.

Es geschah. Neugierig gespannt blickte Guido hin. Es dnkte ihm jedoch, der
Mann stnde in seinem Entwurf gegen Ini unvollkommen da. So berfliegt denn
der Liebe Genius weit die Lehren der Kunsterfahrung, sagte er sich mit
geheimen Entzcken.

Whrend dieser Unterhaltung bemerkte er, da viele Schler umher saen, die
ihn zeichneten, und geschmeichelt, weilte er lnger. Bei dem allen pflanzte
sich Eitelkeit nicht in seine Brust, dagegen hatte ihn Inis Reinheit
verwahrt.

Man begab sich nun in die Kunststtte des berhmtesten unter den Malern, so
reich an Schildereien als jene in Werken aus Marmor, Porphir und Elfenbein.
Voll hingen alle Wnde, und die lebendigen, farbigen Gestalten, zogen des
Jnglings Blicke noch mehr an. Gefllig erklrte ihm der Vorsteher
Bedeutung und Werth. Die Malerei, hub er an, stieg vor mehr als einem
halben Jahrtausend auf eine bedeutende Hhe, von welcher sie aber
spterhin, aus mannichfachen Ursachen, wieder herabsank. Im siebzehnten,
achzehnten, neunzehnten Jahrhundert gab es durchaus weder einen Raphael,
noch Rubens, noch Titian. Doch wenn die Ausfhrung krankte, rettete sich
das Urtheil durch die unfruchtbare Zeit, und bereitete vollkommenere
Schpfungen vor. Ein tiefdenkender Kunstrichter zu Ende des siebzehnten
Jahrhunderts, maa das Verdienst der ruhmvollen Maler, nach einer hchst
sinnig entworfenen Tabelle ab, wo Zeichnung, Zusammenstellung, Farbe und
Ausdruck, unter gewie Staffeln gebracht waren. Zwanzig Grade enthielt die
Tabelle, den achzehnten nahm sie bereits erreicht an, den neunzehnten noch
nicht, den zwanzigsten unerreichbar. Sie erkannte Raphael den Preis in
Zeichnung und Ausdruck zu, wenn dagegen Titian im Kolorit ihn bei weiten
bertraf, Rubens im Ausdruck mit ihm wetteiferte, und ihn in der
Zusammenstellung zurcklie. Es mute nun nothwendig der Wunsch nach einem
Gemlde entstehen, in welchem die richtige Hand, die blhende Einbildung
eines Raphael, mit der hohen Krftigkeit eines Rubens, und der sorgsamen
lieblichen Ausfhrung eines Titian gegattet waren. Lange jedoch ward er
umsonst gefhlt. Erst im zwanzigsten Jahrhundert, nachdem die Knste unter
der Aegide eines langen Friedens ungestrter aufblhen konnten, und eine
kluge Regierung dem Volke von Europa Reichthum genug erzogen hatte, sie
freundlich zu nhren, lie sich erst die Vorzeit wieder erreichen. Nun
eilten die Fortschritte glcklich. Die vervollkommnete Lehrmethode strkte
frh der Zglinge Fassungskraft, die mechanische Fertigkeit konnte zeitiger
errungen werden, die Scheidekunst erfand eine bei weitem vortheilhaftere
Bereitung der Farben. Um die Mitte dieses Jahrhunderts vereinten die
besseren Maler schon jene sonst getrennten Vorzge, gegen das Ende drang
bereits einer bis zu dem von Piles geahnten aber nie gesehenen Grad empor.
Jetzt darf kein Knstler ein Werk in diese Ausstellung bringen, in welches
er nicht richtigere Zeichnung, vollendeteren Ausdruck wie Raphael, mehr
Poesie der Verbindung wie Rubens, mehr Farbenidealitt wie Titian gebracht
htte. Siehe fhlender Fremdling, hier Werke der Art.

Er fhrte ihn nun zu einem groen Gemlde, das, nach der altnordischen
Mithologie, die Ankunft eines Helden in Odins Walhalla vorstellte. Guido
ward betroffen ob all der Wonne die in diesem Anblick ber ihn kam.
Entzckend war die Dichterphantasie, welche hier den Pinsel geleitet hatte,
einen Aufenthalt belohnter Seligen, den Sinnen erkennbar zu machen. Ein
lieblicheres Azur, wie unter Siziliens sanftem Himmel wlbte sich ber
Gefilde von unsglich rhrender Pracht. Blumen, Rasen, Bume, waren zwar
aus der uns bekannten Natur genommen, aber in sich so verschnt, so
reitzend zusammengestellt, da das Auge an die Natur einer andern Welt
glaubte. Man sah die ostindische Oelpalme, den antillischen Kampah-Baum,
die peruanische Balsamstaude, Cipressen, Granaten, Lorbeeren, Platanen,
aber die Massen in welche sie gefgt waren, machten einen unweit
anmuthigeren Eindruck, als er in irgend einer wirklichen Gegend empfunden
wird. In den mannichfachen Blumen lebte eine Wahrheit, da man an ihren
Duft in ser Tuschung glaubte, und zum Triumph des Urhebers, viele
streitend behaupteten, der Maler habe sie mit den Essenzen ihrer Gerche
versehen, so wie andere die Hand in die berckende Tiefe des Gemldes
ausdehnen wollten, und sie beschmt von der Leinwand wegzogen. Was aber dem
Ganzen am meisten das Fremdartige, bersinnlich, selig Erscheinende gab,
war die zarterfundene Beleuchtung. Eine tief am Horizont schwebende Sonne
sandte ihr Licht sparsam durch dunkel gedrngte Waldung an einer Seite.
Ihre Scheibe zeigte aber kein hellleuchtend Goldfeuer, sondern eine weie
sanftstrahlende Diamantenglut. Hiedurch wurden alle Tinten verndert und
nahmen einen therischen Charakter an, der mit sem Rausch erfllte, und
die Abscheidung von Schmerz und Erdenwahn freudigahnend empfinden lie.
Auch auf die menschlichen Gestalten wirkte das Zauberlicht so wunderbar,
da sie bei der uns verwandten Natur ihrer Formen, geistiges Leben zu
athmen schienen. Den eben angelangten Helden, in Kraft und Stattlichkeit,
den vollen Ausdruck edler Seelenhoheit im Antlitz, verklrte die staunende
berraschende Wonne der ihn rings umfangenden Glorie. Die Jungfrauen von
Wallhalla nahten ihm in der lieblichsten Anmuth, der holdesten
Freundlichkeit, brachten ihm den Trank der Unsterblichen und krnten sein
Haupt mit ewig blhenden Rosen. Ihre heiligen Reitze geboten zugleich Liebe
und schalten das Gefhl Verwegenheit. Die erhabenen Zge forderten knieende
Anbetung, die kindliche Unschuld untersagte ihnen gttlich zu huldigen.

So war dies Gemlde angethan, von dem Guido sich nicht abzuwenden
vermochte. Erst nach manchen Erinnerungen ging er weiter und trug die
Totalidee eines Helden in seiner Seele davon, der sich glorreich ber alle
Schrecken der Gefahr erhoben und eines unsterblichen Lohnes werth gemacht
hat.

Ihm wurde nun ein Christus gezeigt, der Jairus Tochter erweckt. Des
Heilands Gesicht zeigte keine Spur von allem was an Leidenschaft erinnert,
das reine menschliche Geprge stand da, doch von erhabner Liebe und festem
Gtterwillen unaussprechlich heilig beseelt. Das: Stehe auf! gebot sein
hohes Auge mit ruhiger Majestt, mild lchelte die mnnliche durch Anmuth
bewegende Wange. Der Uebergang vom Tod ins Leben war an dem Mdchen mit
bezaubernder Kunst ausgefhrt. Ein leichter Rosenhauch go sich ber das
noch starre Antlitz. Der Augenaufschlag war frommer Lichtgru, kindlicher
Engelsinn. Die kaum wieder regen Hnde strebten, sich zum Gebet zu erheben.
Ihr Vater, ihr Geliebter, sanken neben dem Sarge aufs Knie. Die ganze
siegende Haltung des Gemldes zwang jeden Zuschauer, der fhlenden Sinn
mitbrachte, die Anbetung in der nehmlichen Lage zu theilen. So geboten hier
die Maler dem Herzen. Guido nahm von dieser Staffelei einen noch weit
erhabneren Begriff von Tugend mit sich, als er bisher in ihm gelegen hatte.

Noch viele andere meisterhafte Werke wurden ihm gezeigt, von denen er
schwelgende Erinnerungen bewahrte. Er schrieb durch ein Tubchen an Ini von
seinem Entzcken, setzte aber hinzu: Du bist dennoch schner als jedes
Mariabild, jede Muse oder Valkire, die ich sah.

Gelino zeigte ihm nun das Parthenon, genau dem alten nachgeahmt, dessen
Sulengnge einst so groe Summen gekostet hatten. Phidias alte
Meisterstatue der Minerva aus Elfenbein, ward durch eine Heilandsmutter in
gediegenem Golde vertreten, der dieser Tempel nun geheiligt war.

Gelino, indem er ihm diese und andere Merkwrdigkeiten zeigte, hub an: Du
siehst Athen der Welt in seinen Schnheiten wiedergegeben, doch die
Sklavenhorden von Ehedem, das wilde, mit den Archonten kmpfende, den Pnix
mit Geschrei und Streit erfllende Volk der Vorzeit nicht. Diese
Erscheinungen dulden unsere besseren Tage nimmer. Wir knnten noch das
Odeon besuchen, wo die Meister der Tonkunde wetteifern, die Bhnen, wo man
Sophokles, Euripides und Aristophanes Schpfungen darstellen sieht, doch in
diesen Vorwrfen wird Athen anderweitig bertroffen, und die Reise eilt.
Wir wollen jetzt nach der Grnzfestung des Staats, lerne dort, wie man
mchtig der Feinde Angriffe wehrt. Nicht immer kannst du bei den lieblichen
Knsten weilen.

Diese Grnzfestung war jetzt die Citadelle bei Konstantinopel. Die
ehemalige Bevlkerung der Stadt hatte durch den politischen Wechsel um mehr
als die Hlfte abgenommen, und die Lage daneben, eignete sich zu ihrer
gegenwrtigen Bestimmung. Lange zwar hatte Europa keinen Krieg mit dem
Morgenlande gefhrt, aber die Neu-Perser geboten ungeheurer Macht, und die
Vorsicht empfahl, nicht unbereitet zu sein.

Doch ber der Meerenge winkte auch eine Feste von hnlichem Umfang, und
beim Ausbruch eines Krieges lie sich voraussehen, da sie einander
wechselseitig beschieen wrden; denn der Abstand der Citadelle von
Konstantinopel bis Neu-Troja, so nannte man jenen Ort, wurde von der
nunmehrigen Artillerie bequem abgereicht.

Schon lange hatte man dem Schiepulver neue Bestandtheile gegeben. Seine
Wirkung ging nicht mehr von der Elastizitt des sich entbindenden
Stickstoff- und Kohlenstoff-sauren Gases allein aus, man mengte dem
Salpeter noch Ammoniakgas und Knallsilber bei, deren unzeitigem und zu
leichtem Entbinden eine chemische Gegenkraft abhalf. Furchtbar traf dieses
Pulvers zerstrende Gewalt.

Die Metallrhre schossen Kugeln von funfzig bis zu dreihundert Pfunden auf
zwei oder drei Meilen, die Mrser warfen noch weiter, und schwerere Lasten.
Da aber der Erdkrmmung halber die Flche kaum eine Meile sichtbar ist, so
muten die Stcke auf hohe Berge geschafft werden, wenn sie in weiter
Entfernung ihr bestimmtes Ziel treffen sollten. Ein gutes Sehrohr war dann
an den Visirpunkt befestigt, und bei der scharfen Genauigkeit der
Drehewerke, womit sich die Richtung vollzog, konnte man das Ziel nur selten
verfehlen. Die Bomben, von ungeheurem Umfang, trugen deren andere in sich,
die abermal mit kleineren gefllt waren, welche zuletzt unvertilgbar Feuer
in sich trugen. Der Artillerist wute die Bahn, welche sie zu durchfliegen
hatten, dem Raume und der Zeit nach, auf die Sekunde zu berechnen,
besonders da auch ein Windmesser ihn von dem Widerstande, mit welchem die
Luft ihm entgegen streben wrde, vollkommen unterrichtete. Weil daneben,
bei Verfertigung des neuen Pulvers, mit einer so groen Gewiheit verfahren
wurde, da ein davon bereiteter Znder, jedesmal die Explosion in dem
Augenblicke vollzog, den der Konstabler wnschte, (eine Fertigkeit, welche
man Ehedem nicht errang), so ward, indem man nach einer feindlichen Stadt
warf, die Entzndung gemeinhin bewirkt, wenn die Bombe in der Hhe von
einigen hundert Schuhen ber den Dchern angekommen war. Nun breiteten sich
die greren Granaten der Fllung, deren Explosion nach Maagabe der Gre
des Orts erfolgte, so aus, da dieser mit den letzten Kugeln und den
Trmmern der schon gesprungenen, berdeckt wurde, wobei das nach allen
Richtungen sprhende Feuer die Verwstung vollendete.

Der nahe Ruin jeder belagerten Festung war unter diesen Umstnden
unvermeidlich. Allein die Festungen wurden dermalen auf Hhen angelegt, wo,
ohne Wasser zu finden, tief zu graben war. Man wlbte dann hundert Schuh
unter der Erde Straen aus, die durch Zuglcher von oben Luft empfingen,
und bestndig durch Laternen erleuchtet wurden. Von diesen waren
hhlenartige, doch gut gemauerte und mit Bequemlichkeit versehene,
Wohnungen seitwrts eingebrochen, in welchen die Soldaten, und was zu ihnen
gehrte, hausen konnten. Da geno man Sicherheit, mochten oben die Bomben
einschlagen. Auch alle Wlle hatte man ausgehhlt und mit Felsenlagen
hinlnglich gedeckt, damit sich die Wachen inwendig aufhalten konnten.
Uebrigens traf die Besatzung mit eben so furchtbaren Schlnden auch ihre
Widersacher, und so waren die Dinge sich wieder gleich; denn der
menschliche Geist entdeckt, wie das Zerstrungsmittel, auch die
Gegenwirkung.

Noch ist hier der schnellen Art zu denken, in der aus einer Festung, oder
aus einem Lager, nach dem Hauptquartiere irgend eines fernen Heeres, oder
auch nach der Hauptstadt, Briefe geschafft wurden. Luftposten, Telegraphen,
akkustische Anstalten, blieben dagegen, entweder an Geschwindigkeit, oder
Ausfhrlichkeit, zurck. In erreichbaren Abstnden befanden sich nehmlich
auf befestigten Hhen Kanonen, und Zielwnde. Nun sandte man eine Kugel ab,
an welcher eine Stahlkette und an dieser ein dichtes Kstchen geheftet war,
das die Briefe oder andere zu bermachende Gegenstnde enthielt. Die Kugel
schlug in die Zielwand, das Kstchen blieb zurck, ward von dort wachenden
Konstablern sogleich abgelset, und an eine andere Kugel gefgt, wodurch
denn hundert Meilen, in weniger als einer Viertelstunde, erreicht waren.

Die Citadelle bei Konstantinopel war, als die vorzglichste im Reiche, auch
am sorgsamsten gebaut. Ihre Wlle glichen Gebirgen, die Kellerstadt, mit
ihrem unterirrdischen Leben, bot den sehenswrdigsten Anblick dar. Es
fehlte nicht an Tempeln, Marktpltzen, Bhnen; die Gensse hatten auch
ihren Sitz in der Tiefe errichtet, und die treffliche Erhellung lie das
Tageslicht nicht vermissen. Um vorbereitet auf den Belagerungsstand zu
sein, mute auch fortwhrend im Frieden, die Besatzung hier wohnen, und,
indem sie zahlreich und gut belohnt war, hatte das viele Brger gelockt,
sich unten anzusiedeln, und ihr Leben zu gewinnen, indem sie jenen das
ihrige bequemer machten. So wuchs die Bevlkerung nach und nach dort
ziemlich an.

Bei der Vervollkommnung des Pulvers hatte man auch den Minenkrieg weiter
ausgedehnt. Es war nun nicht allein ausfhrbar, einen groen Ort auf Einmal
in die Luft zu sprengen, sondern man legte auch auerhalb Minen in schiefer
Richtung an, warf durch sie Massen von Erde dahin, und bedeckte die Festung
in kurzer Zeit mit einem ganzen Berg, wobei die Alterthumskundigen bewogen
wurden, an die Fabel der Giganten zu denken, welche einst den Ossa, Pelion
und Olimp auf einander thrmten. Allein die Gegenanstalten mangelten auch
hier nicht. Der Feind ward nicht dazu gelassen, die Festung unterhhlen zu
knnen. Weit hinaus vor den Festungswerken liefen Straen unter der Erde
hin, an Gre und Dauer vergleichbar den altrmischen Wasserleitungen. Von
ihnen gingen kleinere Gassen aus, welche mit ihren Nebensteigen ein
weitluftiges Gewebe bildeten. Hier zogen die Streifwachen rastlos umher,
und ersphten zeitig, was der Gegner unter dem Erdhorizont beabsichtete.
Dann drckte man, nach ihm hin, die Erde ein, seine Arbeiter erstickend.
Warf der Feind einen Berg auf die Festung, so war diese reichlich genug mit
dem Ammoniak- und Knallsilber-Pulver versehn, um sich davon zu befreien,
indem sein Schutt wieder auf der Feinde Hupter geschleudert wurde. Diese
hatten daher auch auf Laufgrben zu denken, welche in der Tiefe Sicherheit
gewhrten.

Guido sah alle diese Anordnungen bewundernd. Sein Gemth ward entflammt,
der Ruhm eine solche Feste einst glorreich zu vertheidigen, oder glorreich
einzunehmen, gewann einen hohen Reiz fr ihn. Sein mathematischer,
erfindungreicher Kopf wute auch von einer Menge Verbesserungen zu reden,
die man am Gescho, an den Minen und anderen Kriegverrichtungen gltig
machen knne. Gelino lobte dies feurige Umfassen eines hohen Gegenstandes,
setzte hinzu: ihn knne leicht der Kaiser einst beim Heere beschftigen,
und lobenswerth msse es dann sein, wenn er sich des hoffenden Vertrauens
wrdig mache. Bei dem allen sei aber nichts lebhafter zu wnschen, als da
die Vlker des gesammten Erdbodens dem Beispiele jener von Europa folgten,
und, ein Welttribunal zum Schlichten aller Streitflle unter Nationen
errichtend, die Kriege fr ewig aufhben.

Dies ist auch einer von Inis Gedanken, versetzte Guido, aber wodurch soll
dann die Kraft Ruhm erwerben? Dann ist keine so hohe Gestalt mehr
auszubilden, wie jene, die das Gemlde von Wallhalla in Athen zeigt. Nur
die Heldenseele prgt die erhabenste mnnliche Schnheit aus.

Auch die Seele des Tugendhaften, entgegnete sein Lehrer. Es giebt Feinde
genug in der eigenen Brust zu berwinden, der Sieg ber sie ist eben so
glorreich, ja vielleicht noch mehr.

Die Reise ging jetzt zu der nrdlichen Provinz hin, vor Zeiten das
europische Ruland genannt. Man bediente sich dazu einen von den
Frachtwagen, die sdliche Erzeugungen dorthin, und nrdliche nach den
mittglichen Gegenden brachten.

Zu dem Ende waren hier, wie meistens im ganzen Staate, herrliche
Kunststraen angelegt. Sie hatten eine Breite von zweihundert Schuhen, und
waren in der Tiefe von funfzig Schuhen, mit gestampftem Granit festgerammt.
Je mehr grere und kleinere Straen der Art es schon gab, je leichter fiel
es auch, deren neue zu bahnen und die Steine nach den Gegenden zu schaffen,
wo sie mangelten.

Auf der Strae von Konstantinopel waren Wagen mit zwei Rdern gebruchlich.
Jedes Rad hatte aber einen Durchmesser von funfzig Schuhen. Jede seiner
Speichen bestand aus einem migen Fichtenbaum, und war mit Eisen reichlich
verstrkt. Die brigen Theile hatten angemessene Verhltnisse. Durch die
gewaltige Hebelkraft solcher hohen Rder lie sich nun eine
auerordentliche Last fortbringen. Die von mehreren Eichenstmmen
zusammengefgte und mit zentnerschweren Eisenringen verbundene Achse hatte
eine Breite von funfzig Schuhen, und an dicken Ketten hing ein Prahmen im
Gleichgewicht, etwa sechs Schuh von der Erde, ber hundert Schuh lang,
gegen dreiig breit, und gegen funfzehn tief. Hierein wurde die ansehnliche
Menge von Waaren geladen, und die Kajte des Prahmens diente
Reisepassagieren zum angenehmen Aufenthalt, wie auch ber den Waaren ein
Verdeck zum Lustwandeln eingerichtet war. Bumchen auf Tpfen und Blumen
gewhrten einen lachenden Anblick und erhhten das Vergngen der Reisenden.

Die Art, in welcher die riesenhaften Karren gezogen wurden, hatte viel
Einfachheit. Zwlf Pferde waren genug. Diese gingen einige hundert Schritte
voraus, an lange dicke Taue gespannt, welche von der Achse ausliefen. Die
Rder gaben, wie schon bemerkt wurde, die mechanische Leichtigkeit.

Es versteht sich aber, da die Kunststraen horizontal fortliefen. Tiefen
zu fllen und sich durch Hhen zu brechen, war ja auch nur ein unbedeutend
Werk, seitdem die Menschheit sich mit dem neueren Pulver vertraut gemacht
hatte, das, auer den Kriegen, noch so mannichfachen Nutzen in Sprengungen
gewhrte.

Was konnte angenehmer sein, als auf einem solchen, durch Pferde bewegten
Prahmen, zu reisen. Zwar ging die Luftpost schneller, zwar konnten die
Meerfahrzeuge schwimmenden Pallsten verglichen werden, allein hier geno
man doch die Erheiterung, stets die nahe Landschaft und die
Merkwrdigkeiten der Gegend zu sehen. Auch war die Sicherheit die
vollkommnere, was immer das Gemth ruhiger lt. Unflle blieben nicht
denkbar, da auf allen Stationen der Zustand des ganzen Wagens geprft, und
das etwa Schadhafte hergestellt wurde. Das Schlimmste, was sich htte
ereignen knnen, wre ein Durchgehen der Pferde gewesen. Aber dies htte
nur um so zeitiger an Ort und Stelle gebracht, denn aus der Bahn dieser
Kunststraen konnten die Thiere nicht weichen. Sie waren zu beiden Seiten
mit hohen Gittern eingeschlossen, und nthigenfalls schnitten die vorn
reitenden Fuhrleute die Strnge ab.

Es ging immer in vollem Sprung. Auf jeder geographischen Meile befand sich
ein Pferdewechsel, durch Schsse und Flaggen zeitig benachrichtigt, in der
Nacht durch Feuersignale. So war das Abschirren und Anspannen das Werk
einer Minute, in der man auch einen Wasserstrom ber die erhitzten Rder
leitete, und sie inwendig mit einem schlpfrigen Oele versah. Reverberen
brannten in der Dunkelheit zu beiden Seiten des Wegs. So kam man in vier
und zwanzig Stunden gegen zwei geographische Grade weiter, a, trank und
schlief im Prahmen. Das einzige vorenthaltene Vergngen blieb, da man
nicht die Stdte und Drfer inwendig sehen konnte, denn allerdings muten
die Kunststraen umweg laufen.

Nach einigen Tagen langte der Wagen in Moskau an, wo sich sogleich viele
gierige Kufer zu den Sdfrchten drngten, welche er geladen hatte, und
die meistens frisch berkamen.

Der Umfang, die zahlreichere Bevlkerung dieses Orts, seine groen Fabriken
gaben die Vorwrfe, welche nun Guidos Aufmerksamkeit fesselten. Die meiste
Betriebsamkeit war auf die Anfertigungen fr die Heere gegrndet, welche in
der Nachbarschaft in ihren Uebungslgern standen. Hier waren die meisten
Soldaten versammelt, theils der Grnze gegen Asien halber, theils, weil die
rauhe Gegend sich zu ihrer Abhrtung eignete.

Mit der Werbung, Unterhaltung, Verfassung der Krieger, hatte es folgende
Bewandni:

Es galt Regel, da jeder europische gesunde Jngling sich ein Jahr lang an
den Waffenpltzen einzufinden hatte. Nicht Geburt, nicht erkornes Gewerbe,
verstatteten eine Ausnahme. Gegen das achtzehnte oder zwanzigste Jahr,
wurden sie in ihren Provinzen aufgerufen, und folgten dem Zuge zu den ihnen
angewiesenen Lgern.

Sie zhlten hier schon den Vortheil der Reise, und konnten bei ihrer
Heimkehr sich mancher Erinnerung freuen, auch das gesehene Merkwrdige auf
ihren anderweitigen Lebensberuf ntzlich anwenden.

Im Lager wurden sie zunchst geprft, ob sie in den Erziehungsschulen der
Heimath auch im Laufen, Ringen, Schwimmen, daneben im Gedchtnirechnen und
den ersten Elementen der Mekunde und Naturlehre unterrichtet worden. Auch
ber ihre wohlbegriffene Religions- und Brgermoral hatten sie Zeugnisse
abzulegen, und von Aeltern und Lehrern, die Bescheinigung einer sorgsamen
und von gutem Willen begleiteten Anwendung der Jugend, einzureichen.

Fiel diese Prfung zu ihrem Nachtheile aus, war die Abweisung von der Ehre,
einst das Vaterland vertheidigen zu helfen, die Folge. Hiemit war ein
drckendes Abwenden der ffentlichen Achtung verbunden, kein Mdchen von
Zartgefhl reichte einem solchen die Hand, nie durfte er hoffen, ein
ffentlich Amt zu bekleiden. War es ein Frstensohn, sah er sich von der
Erbfolge seines Vaters ausgeschlossen.

Diese harte Ahndung sowohl, als auch die Allgemeinheit guter Erziehung,
woran auch der Unbemittelte Theil nehmen konnte, machten einen solchen Fall
hchst selten.

Ward dagegen der Rekrut angenommen, empfing er ein Kriegergewand und
Waffen. Man theilte ihn einem Haufen zu, er bezog eine Lagerbaracke bei den
Veteranen, welchen die Uebung der Kriegsjugend oblag.

Hier ward er im Fechten und Schieen gebt, mute fleiig Laufen, oder
Lasten tragen, bei sprlicher Nahrung leben, den Schlaf entbehren, und sich
immer bedeutenderen Abmattungen unterziehen lernen. Die strengste Moralitt
gebot in diesen Lgern, schon durch die ganze Lebensweise, die keinem
Gedanken an Befriedigung roher Sinnlichkeit Raum gab, begrndet.

Nach einem halben Jahre ging er, von den Veteranen, zu seinem Haufen ins
groe Lager, mute nun den Dienst eines Fusoldaten verrichten.

Bestndig bte man hier, ohne Rcksicht auf Jahreszeit, Witterung,
Beschaffenheit des Bodens, oder Tag und Nacht. Die klugen Anfhrer lieen
mehr in der Dunkelheit als bei der Tageshelle thtig sein, suchten
absichtlich die schwierigen durchschnittenen Gegenden aus; nicht der
strenge Frost, nicht der drckende Sonnenstrahl, nicht strmende Regengsse
machten eine Abnderung. Denn sie sagten: Der Feind wird unsere
Bequemlichkeit nicht ins Auge fassen.

Das Fuvolk verfuhr in seinen Bewegungen folgendergestalt:

Jeder Einzelne war mit einem Spaten, einer Lanze und einem kleinen
Schierohre versehn. Das letzte trug durch den inneren gewundenen Bau und
das Ammoniakpulver, auf Tausend Schritte und hatte am Lauf ebenfalls ein
kleines Fernrohr, durch welches man auf den weiten Abstand zielen konnte.

Eine Stellung nahmen die Heerhaufen zu Fue gewissermaen nicht, sondern
eine Lage. Dies heit: sobald man sich im Bereich des feindlichen
Geschosses fand, oder es bei der Uebung voraussetzte, streckten sich die
Reihen auf den Boden hin, nachdem man in grter Eil mit den Spaten einen
Erdaufwurf von einigen Schuhen gefertigt hatte, der nun, den ohnehin durch
ihr Liegen auf dem Gesichte, nur wenig Zielraum darbietenden Soldaten, viel
Bedeckung gab. Ueber den Erdwurf legten sie ihre Rhre und gaben wirksame
Feuer.

Auf das Zeichen einer helltnenden Pfeife, sprangen sie pltzlich auf,
legten fnfzig Schritte gebckt, und im vollen Rennen, zurck, worauf sich
die Reihe wieder zu Boden warf, und die neue Erdwehr in einigen Sekunden
anfertigte. Die Schsse huben wieder an, wurden auf ein abermaliges Signal
eingestellt, um einen neuen Anlauf folgen zu lassen. So nahte man allmhlig
dem Feind, der schon durch die wohlgezielten Schsse aufgerieben sein
mute, wenn seine Vorkehrungen nicht einem solchen Angriffe entsprachen. Da
man aber nicht auf Sumnisse hoffen durfte, so hatten die Soldaten fr den
letzten Abstand auf zehn Schritten noch Feuerkrnze, die entzndet in
Feindes Glieder geworfen wurden, durch ihr Glutsprhen und den
athemraubenden Schwefeldunst Verwirrung anzurichten, whrend dessen die
Rhre der fertigen Schtzen erlegten, was noch brig war.

Diese Angriffe muten Berg auf und Thal ab vollzogen werden, man sich aber
auch dagegegen zu schirmen wissen.

In dieser Art bedroht, nahm man ebenfalls Platz an der Erde, und machte den
Aufwurf um so hher, als man hier verharren wollte. Scho der Feind, bogen
sich die Vertheidiger zurck, lieen sich auch gar nicht darauf ein, Feuer
zu geben, so lange jener hinter seiner Wehr lag. Wie er aber aufsprang,
befand man sich im Anschlag und verdnnte seine Reihen. War er nahe genug
gekommen, was nicht anders als nach groem Menschenverlust geschehen
konnte, begrte man ihn eher mit Feuerkrnzen, als er selbst daran dachte.
Waren Feuer und Dunst verflogen, vollendete man mit Lanze und Schwert seine
Niederlage. Auch bereiteten die militrischen Chemiker, deren einige jeder
Abtheilung von Hunderten zugesellt waren, Suren welche die Stickstoffe
schnell aufhoben. So bekmpfte hhere Kunst die hhere Kunst.

Neben diesen Uebungen mute das Fuvolk geometrische Mrsche vollziehen,
wodurch man Vortheile ber den Feind gewinnen konnte, und was sonst dahin
einschlug.

Nach einem Jahre konnte der junge Soldat seinen Abschied verlangen und zu
den Seinigen gehen. Gestrkter, mit mancher Kunde bereichert, kam er dort
an, und der Staat hatte berall Brger, welche im Nothfalle zu den Waffen
gerufen werden konnten. Auch fanden unter diesen noch jhrliche Uebungen
von einigen Tagen statt, damit jener Unterricht nicht zu sehr dem
Gedchtni entflhe.

Zeigte aber ein Jngling nach diesem Jahre Neigung, bei dem Heere zu
bleiben, so nahm man ihn, nach Maasgabe seiner besondern Anlagen, bei den
besonderen Truppengattungen auf, deren kunstvollerer Dienst eine lngere
Lehrzeit forderte.

Eigentlich ward der Krieg in den _Lften_, _auf_ der Erde, und _unter_ der
Erde vollzogen.

Der leichten Truppen Beruf wies ihnen die hhere Region an. Es wurde schon
erzhlt, wie diese Zeit Adler einbte, Azotgondeln fortzuziehen. Bei den
Heeren fand man vor allem groe Zuchtanstalten dieser Thiere. Es gab
kleinere Nachen und grere Gallionen, alle hingen aber an vielen kleinen,
damit verbundenen Steigekugeln, damit, wenn ein feindliches Gescho traf,
nicht gleich das Sinken folgte.

Jene hatten die Bestimmung, den Feind aus der Ferne, in seiner Zahl und
seinen Maasregeln zu ersphen. Da man hoch genug stieg, und die erweitete
Optik so wichtige Hlfe leistete, ergiebt sich, da dieser schon auf
zwanzig Meilen ein Gegenstand der Beobachtung wurde. Allein der Feind,
welcher seine Plane gerne hehlen wollte, sumte gewhnlich nicht, hnliche
leichte Fahrzeuge voranzuschicken, welche die diesseitigen zurckzutreiben
suchten. Und so ereigneten sich in der Hhe Vortrabgefechte, wie sie, um
Jahrhunderte frher, unter Husaren oder Kosaken bestanden.

Gewandt die Adler zu lenken, aus der steilen Entfernung, Gegenden und den
Truppenstand aufzunehmen, mittelst der Telegraphie dem Feldherrn davon
Meldung zu thun, dies waren die vorzglichen Obliegenheiten, in welchen
diese Leute sich tchtig zu machen hatten. Daneben muten sie eben so
fertig als das Fuvolk zielen knnen, um wo mglich ihres Gegenparts Adler
zu erlegen, wo dann die Eroberung unstt treibender Nachen ein Spiel ward.
Den meisten Ruhm brachte es jedoch bei dieser Truppengattung, wenn man in
Nacht und Dunkel ber Feindes Heer schlich, mit anbrechendem Tage ihn bei
aller Vorsicht erkundete, und unerreicht entfloh. Oder wenn man ber dichte
Wolken dahin schwebte und sich zu dem nmlichen Zweck in die klare Region
niederlie. Dies war indessen schwierig genug, weil dem Feinde die Vorsicht
auferlegte, bei Nacht sowohl als bei umzogenem Himmel, oben patrouilliren
zu lassen.

Die greren Gallionen entfernten sich nicht weit und blieben den Gefechten
vorbehalten. Sie luden Granaten mit reinem Knallsilber gefllt und
Feuerkrnze, lenkten dann ber einen Truppenhaufen, und lieen Verderben
auf ihn niederfallen. Die Kriegskunst lehrte aber, ihnen sogleich andere
entgegen zu senden, auch wurden aus der Tiefe, weitreichende Feldstcke mit
glhenden Kugeln, auf sie gerichtet. Hier mglichst auszuweichen, und dort
doch der Absicht ein Genge zu thun, strebte die Lufttaktik. Allerdings
langte man nicht immer glcklich mit den Theorien aus, die Fahrzeuge
geriethen in Brand, die Adler wurden getdtet, man war gezwungen sich mit
dem Fallschirm erdwrts zu wenden, und wenn der Feind sich unten befand,
auf Gnade und Ungnade sich zu ergeben.

Die regsten, leichtesten Bursche kamen denn zu diesen, im chten Sinne des
Worts, leichten Truppen.

Andere kamen zu der Reuterei. Diese hatte jetzt Pferde, welche man eben so
wohl zum Krieg abgehrtet hatte, als die Menschen. Eingehegte Wildnisse
waren der Ort ihrer Erzeugung. Dort liefen sie bis ins fnfte Jahr umher,
jeder Witterung blos gegeben, durch keine warme Stallung, kein regelmiges
Fttern, verwhnt. Schwer ward es dann sie zu bndigen, doch gelang es
endlich durch Gte und Strenge. Im schnellen Laufen bte man sie tglich,
dann muten sie auch verschiedene, vor ihnen in Gestalt von Soldaten zu Fu
und zu Pferde, zur Hhe gerichtete Gegenstnde, ber den Haufen rennen, in
Stickfeuer und Schwefeldunst gehen, von Furcht befreit, vertraut mit
Schmerzen. Dabei muten sie sich auf des Reuters Verlangen schnell zur Erde
werfen, denn auch hier war es im Gebrauch, wenn es die Umstnde wollten und
erlaubten, sich mit Erdaufwrfen zu sichern.

In frheren Zeiten galt es erschpfende Anstrengung, wenn Reuterei etwa
eine Viertelmeile im vollen Rennen zurcklegte. Jetzt hatten die wild
aufgewachsenen, durch Uebung immer mehr gekrftigten Kampfrosse, Athem
genug, dies mehrere Meilen zu vollbringen, obschon sie sowohl als der
Reuter gepanzert waren, und oft noch ein Schtz hinten auf sa, der denn im
vollen Laufe, entweder ber des Reuters Schultern, oder rechts und links,
feuerte.

Auf groe Abstnde bediente sich diese Waffe schon des Feuerrohrs, Hundert
Schritte vom Feind pflegte man eine Wurflanze in seine Reihen zu
schleudern, zwei andere Spiee, die ein leichter Mechanismus senkte oder
hob, waren an des Reuters Fen befestigt.

So geschah der Einbruch. Zuletzt strmten weite Pistolen noch kleine Kugeln
und Raketen, dann wthete das Schwert.

Doch der Feind traf auch Gegenmaanehmungen. Das Fuvolk zog in
bewundernswerther Geschwindigkeit Grben mit Lanzen ausgespickt, ber
welche die Kampfrosse fielen. Reuterei warf Fuangeln an dnnen Stricken
weit hinaus, den Gegner dadurch zu verwirren, sie aber auch gleich wieder
aufzunehmen, wenn es Verfolgung galt.

Die jungen Mnner, welche hier Anstellung fanden, muten, neben dem schon
vergangenen Lehrjahre, drei andere, bei den Uebungen im Reiten, im Schieen
vom Sattel, und dem Fechtkampfe auf Lanze und Schwert, verleben.
Mitgebrachte Vorkunde und glckliches Auffassungvermgen minderten
gleichwohl diese Zeit.

Weit bewundernswerther als andere Waffen, trat jedoch die Artillerie auf.
Wie wrden die Mnner aus dem achtzehnten und dem Anfange des neunzehnten
Jahrhunderts, welche dem groen Gescho vorstanden, haben staunen mssen,
wenn ihnen ein Blick auf ihre spten Nachfolger, von jenseits der Grber
her, wre vergnnt gewesen. Es wurde schon bei Gelegenheit der Festen
gemeldet, welche Kaliber die dermalige Zeit sah, allein auch im Felde
leiteten Metallehre, Scheidekunst und Bewegungstheorie, das Geschft des
Verderbens wundersam.

Vervielfltigt waren die Mittel, dem Rcklauf zu begegnen, und so konnte
der Konstabel sich leichter Rhre bedienen, wenn sie gleich schwere Ballen
fortzutreiben vermochten. Es gab viele derselben auf einem Gestell, die mit
Lademaschinen in unglaublich kurzer Zeit nach einander den Tod spieen.
Andere wieder, auf so hohen Wagen, da sie ber Fuvolk und Reuterei
emporragten und durch diese gedeckt, von hinterwrts ihre Zerstrung
aussandten. Es gab feuerfeste Wandelthrme, in vielen Stockwerken mit
Kanonen besetzt. Es gab bewegliche Reduten, auf allen ihren Seiten
Batterien. Wie schaffte man die fort? ist die Frage. O dergleichen htte
schon um Jahrhunderte frher vorhanden sein knnen, wenn damals nicht eine
so groe Geistestrgheit unter den Kriegern zu finden gewesen wre, wenn
nicht manche Vlker es vorgezogen htten, dem Verderben zuzueilen, als das
Genie ber die Maasregeln ihrer Rettung zu hren. Das war nun freilich
spterhin anders. Niemanden traf Verfolgung, weil er klger war, als der
Haufe, der Verstand war kein Monopol sondern Allmende. Pulverkraft schaffte
diese Wandelthrme, diese Wandelschanzen fort, und es ist gar so schwer
nicht, die Mglichkeit zu ahnen.

Die Artillerie zu Pferde hatte ihre Stcke nicht auf Wagen, sondern bei
sich an den Stteln, in kleine Theile zerlegt, die man in etlichen Sekunden
zum Ganzen vereinte. Sie bewegte sich noch schneller als die gewhnliche
Reuterei, indem sie die vorzglichsten Pferde empfing, und jener im
Ansprung voraus eilen mute, durch einige schnell angebrachte Lagen die
Bahnen aufzuhellen.

Das Laboratorium setzte in Erstaunen. Hier wurden unter andern die
Feuermaterien gemengt, deren Flammen sich berall vertilgend anhingen. Die
Artillerie bewarf zuweilen eine feindliche Reihe so damit, da ein dichtes
Glutmeer ber sie hinstrmte und der Erfolg ist denkbar. Ueberhaupt geizte
die Artillerie nach der Ehre, Schlachten und kleinere Gefechte zu
entscheiden, ohne da andere Massen Theil daran nahmen, was auch oft
gelang.

Den Krieg unter der Erde fhrten die Minirer. Reutereiangriffen, wie sie
jetzt angethan waren, dem schnellen Heranbringen mordender Batterien,
konnte fast nur eine wirksame Vertheidigung entgegen gestellt werden, wenn
der Boden an Stellen, wo sie vorberkamen, unterhhlet, und Mine an Mine,
mit reinem Knallsilber gefllt, gereiht wurde. Dann lieen sich Tausende
leicht zerreissen, nach den Wolken senden. Selten ward ein Lager bezogen,
wo die rstigen Krieger in der Tiefe, nicht sogleich die ganze Linie mit
ihren verborgenen Werken umgrtet htten. Brachten sie diese nun zum
Ausbruch, so schien es, als ob Vulkan neben Vulkan spie, und die fligen
Feuer strmten, der Lava gleich, weit umher.

Bei so erschwertem Zugang, hatte nun der Angreifer zu sinnen, wie er seinen
Kohorten, vor ihrem Sturme, den Boden sicherte. Dies konnte nicht anders
als unter seinem Rande geschehen. Daher muten die disseitigen Minirer
zeitig ihren Weg antreten. Groe Erdbohrer, durch Maschinen in Bewegung
gesetzt, dienten zu diesem Zwecke. Man beeilte sich, die hllischen Anlagen
aufzufinden und durch eine frhere Brandstiftung sie unschdlich zu machen.

Grausenvoller Krieg, schauderhafte Anwendung entsetzlicher Naturkrfte!
Doch dies frchterliche Verfahren war nothwendig geworden, man durfte sich
nicht ungestraft an Mordkunst berbieten lassen. Und die Mglichkeit
solcher Allvertilgung, mahnte desto lauter an, den Frieden zur ersten
Tugend der Menschheit zu erheben. Noch hrten aber nicht alle Vlker
darauf.

Wer nun von den jungen Soldaten in eine der kunstreichen Truppenarten
aufgenommen worden, und den Unterricht dreier neuen Lehrjahre empfangen
hatte, konnte nach Belieben wieder austreten, denn es war ntzlich, unter
den Brgern im Staate, auch eine Zahl so angelehrter zu wissen. Es war nun
eine Befreiung von gewissen Gaben und ein Ehrenzeichen ihr Lohn.

Wer aber noch lnger zu weilen Lust zeigte, trat ins groe Heer, wo sein
Dienst zehn Jahre whrte. Nach dieser Zeit ging er zu den Veteranen, welche
entweder die Besatzung der Festen bildeten, oder der Uebung junger Rekruten
oblagen. Denn es galt der Grundsatz: kein Krieger im offenen Felde drfe
mehr als dreiig Jahre zhlen. Man kannte den leichten, die Gefahr
hhnenden Sinn, welcher allein mit der Jugendkraft verbunden ist.
Nothfllen blieben Ausnahmen vorbehalten.

Die Befrderung zu hheren Stellen bestimmte die Dienstzeit. Im Frieden
ward dies durchaus nicht abgendert, eine Auszeichnung war da selten, weil
alle ebenmig gebildet wurden. Im Kriege galten Grothaten Pflicht, und
die Voraussetzung, Niemand werde ihrer ermangeln, wenn ihm die Gelegenheit
winkte. Es ist schlimm, sagte man, von Verdienst zu reden. Die Abwesenheit
desselben bei Vielen, wird stillschweigend eingestanden, wenn des Einzelnen
Lob darum ertnt.

Doch _Anfhrer_ groer Heerhaufen wurden nach Maagabe des hheren Genies
ausgewhlt, das sie beurkundeten. Sie muten in den Kriegsbungen, whrend
vieler Jahre, keinen Tadel verwirkt haben. Sie muten aus den Schulen ihrer
Theorien, welche sich bei den Heeren befanden, vortheilhafte Zeugnisse
mitbringen. Sie muten dann eine Zeitlang dort selbst den Lehrstuhl
besteigen, denn man wute gar wohl, wie auch der beste Kopf lehrend am
meisten lernt. Sie muten in gehaltvollen Schriften beweisen, da sie die
Kriegskunst nicht nur ihrem Umfange, und ihren einzelnen Abtheilungen nach,
ergrndend verstnden, sondern da sie sie auch mit neueren Ansichten zu
bereichern wten. Gute Erfindungen, durch welche das Heer einen wahrhaften
Vortheil ber die der Nachbaren errang, gaben endlich den Ausschlag, der
Zahl derer beigesellt zu werden, aus welcher man Heerfhrer whlte.

Dies geschah aber von Seiten des Heeres selbst. Die meisten Stimmen, im
Geheim ertheilt, entschieden. So konnten keine unreine Mittel angewandt
werden, ein solches Amt zu erlangen. Auch war es nicht ausfhrlich,
Hunderttausend Mann zu bestechen. Nur chte, keine Scheingenialitt, konnte
wohl mit ihrem Rufe so weit dringen, da die Mehrheit einer solchen Zahl in
ihren Wnschen gewonnen ward. Dann sandte der aus den Aeltesten
zusammengesetzte Rath des Heeres, die Wahl nach Rom, wo das Strategion,
eine Krperschaft alter Feldherrn und Kriegsgelehrten, ihre Grnde
untersuchte und danach abwog, ob sie dem Kaiser zur Besttigung vorgelegt
werden sollte, oder nicht. Diesem blieb zuletzt sein souveraines Ja oder
Nein.

So weise verfuhr dies Zeitalter bei der gewichtigen Frage: wer seinen
trefflichen Heeren gebieten sollte?

Wie trefflich diese Heere aber auch sein mochten, so kosteten sie dem
Staate nichts. Gewissermaaen nichts.

Denn jener zehnjhrige Dienst nach den Lehrjahren, er mochte bei den
knstlerischen Truppenarten oder nur bei dem einfacheren Fuvolke Statt
haben, (wo auch Viele blieben, die jene zu schwierig fr sich fanden,) ward
nicht allein mit Kriegsbung hingebracht. Dies htte man unnthig,
berflssig gefunden. Die groen Heere tummelten sich drei Monate im Jahr.
Und dabei whlte man nach einander Frhjahr, Sommer, Herbst und Winter.
Dies schien hinlnglich, das Handwerk fortgesetzt in seiner Gewalt zu
haben, und der Strenge jeder Witterung Trotz bieten zu knnen. Zudem hatten
diese Uebungen so viel Praktik als immer thunlich blieb. Zwei Heere
bildeten sich und verfuhren als Feinde gegen einander, auf alle Weise die
Wirklichkeit darstellend, nur da freilich die Rhre nicht mit Kugeln
versehen waren. Gleichwohl ging es dabei nicht ohne Gefahr ab, worauf es
auch bei Menschen, deren ganzes Wesen die Gefahr geringschtzen soll, nicht
ankommen mu. In der Hitze des Streits blieb hie und da ein Krieger, und
ward dann, als ob Ernst bestanden htte, an den Ehrensulen genannt, welche
der Nachwelt die Namen derer bergaben, die im Kampfe mit des Vaterlands
Feinden gefallen waren.

Nun hatte aber der Staat seit lange den Heeren Lndereien bergeben. In den
Provinzen, Polen, Moskau, Schweden, manchen Gegenden der vormaligen Trkei
von Europa, gab es berflssige Waldungen, unbewohnte Steppen, Morste, die
einer Austrocknung fhig waren, in Menge. Auch fanden sich hie und da
Bergwerke, zeither ungentzt und ergiebig. In den neun Monaten, wo nun die
Soldaten sich nicht mit den Waffen beschftigten, war ihr Beruf, zu
urbaren, zu bauen, zu sen, zu pflanzen, zu rnten. Dies war im Laufe der
Zeit schon weit gediehen, und die Krieger hatten ungemein wohlgepflegte
Besitzungen.

Nach den Lehrjahren wirklicher Soldat, empfing auch Jeder seinen Antheil,
den er fr sich bearbeitete, doch auch die Obliegenheit, einer
nebenliegenden Hufe seine Sorge zuzuwenden. Diese war Vermgen der
Gesammtheit, welche, durch die Menge derselben, sich eines hohen Reichthums
erfreute. Aus den Einknften davon, konnte nicht allein der Sold fr die
Rekruten und Veteranen, bestritten werden, sondern sie waren auch die
Quellen, aus denen man zum Behuf der anderweitigen Heeresnothwendigkeiten
schpfte.

Das Heer lie seine Magazine mit Korn fllen, und hufte hier immer
Vorrthe fr mehrere mgliche Kriegsjahre auf. Es zog seine Pferde in den
wilden Stutereien. Es lie seine Kupferminen, seine Eisen- und
Schwefelbergwerke bearbeiten, erzeugte Salpeter, Ammoniak und andere
Gegenstnde fr seine Waffenfabriken und chemische Laboratorien in
Ueberflu. Auf Kunststraen, welche es bauen half, schafte es mittelst ihm
zugehriger Prahmwagen sie leicht an die Orte, wo diese Fabriken angelegt
waren. Die Wolle seiner Schfereien, die Linnen seiner Flachsschollen,
kleideten die Soldaten. Die Veteranen, nach dem dreiigsten Jahre
keinesweges veraltet, trieben auch den Festungbau. Lobenswerthe
Einrichtungen in frheren Zeiten, wo man den Migang der Krieger willig
duldete und sie dadurch vielseitig verdarb, nie ins Dasein gerufen.

Gelino machte nun dem Zgling bekannt, wie er, als europischer Brger,
sich nun werde gefallen lassen, hier sein Waffenjahr anzutreten. Guido
hrte das mit innigem Vergngen, von jeher hatte das Kriegshandwerk fr
seine lebhafte Einbildung unsgliche Reitze gehabt, und immer hoffte er
einst Ruhm darin zu finden, wenn schon eben keine Aussicht zu ernstlichen
Kmpfen bestand.




Drittes Bchlein.

Guido im Heere.


Der Lehrer fhrte ihn einige Meilen von Moskau weg, wo eben die groe
Uebung des Heeres Statt fand. Wie begeisterte den Jngling der strahlende
Waffenglanz, der laute Donner so vieler Feuerrhre, deren Rauchwolken den
ganzen silbernen Himmel dunkel umzogen und wieder mit tausendfachem Blitz
erhellten. Am fernen Boden schlngelten sich der Minen Lavabche, wenn ihre
Erdberge emporstiegen.

Nachdem die Truppen die heutige Uebung geendet hatten, begab sich Gelino
mit seinem jungen Freund, zum Anfhrer. Er stellte ihm Guido vor und
bergab dabei ein Schreiben. Der Feldherr blickte den Jngling wohlgefllig
an, und brach darauf das Siegel. Nachdem er gelesen hatte, sagte er: Wohl
scheinst du es werth, Jngling, da der Kaiser dich selbst empfielt. Er mu
dich vortheilhaft kennen gelernt haben, groe Wrme spricht in seinem
Briefe, und deine Miene betrgt auch wohl kein Vertrauen. Doch verlangt
deines Beschtzers Weisheit unfehlbar nicht, da ich dir unverdienten
Vorzug einrume. Zeige jedoch Willen und Kraft, so kann die Ehre im Heere
geachtet zu werden, dir nicht entstehn.

Guido ward verlegen, da er von dem Briefe des Kaisers nichts wute. Doch
antwortete er mit bescheidenem Selbstgefhl: er achte sich zu sehr, eine
Auszeichnung zu verlangen.

Er hatte nun die Prfung zu bestehn. Seine seltne Gewandheit in
Leibesbungen erregte Staunen, er war so keck, die Behendesten im Laufen,
die Strksten im Ringen, die Rstigsten im Schwimmen, zum Wettkampf
einzuladen, und trug den Sieg davon. Eine Probe seiner geometrischen
Uebersicht abzulegen, schwang er sich an einen Luftball empor, und entwarf
binnen einer Stunde eine hchst genaue Charte des sichtbaren Landhorizonts.
Auch anderweitig bestand er, nicht nur zur Zufriedenheit, sondern zur
Bewunderung der Anwesenden, was dem Lehrer Gelino s schmeichelte.

Er empfing seine Waffen und begann die Uebungen froh. An Ini schrieb er:
Ich trage nun das Kriegerkleid. Neue Kraftbungen werden meine Formen
entfalten, der hohe Gedanke an Heldenthum, verbunden mit dem entzckenden,
verklrenden an dich, werden mir endlich die Gestalt vollenden, welche
deiner allein werth sein kann.

Sie antwortete: Gehe nicht leicht hin ber das Schwere. Sorge und wache.
Liebe strke dich!

Der Seegen einer Geliebten hat immer wunderbare Einwirkungen. Jedes
Geschft geht leichter von dannen, der Genius erwacht, trgt bald auf den
Gipfel des Vorhandenen und lt hhere Vollkommenheit umfassen.

Guidos nervigte Arme lernten die Kunstgriffe mit dem scharfen Spaten bald,
und fhrten Lanze und Schwert mit Geschicklichkeit, sein gebtes Auge
brauchte in wenigen Wochen das Feuerrohr so fertig, da er nie sein Ziel
fehlte.

Was sollen wir dich lehren, fragten die Veteranen, dir ist schon alles
bekannt, was der Fusoldat wissen mu, um zu seinem Haufen zu gehen.

Guido beruhigte sich aber dabei nicht. Er hatte nachgedacht, ob man nicht
ber den Erdwurf feuern knne, ohne das Haupt dem feindlichen Gescho zum
Ziel darzubieten. In der Optik fand er ein Mittel zu diesem Zweck. Er lie
sich ein hakenfrmiges Sehrohr fertigen, das die Lichtstrahlen in einen
Winkel brach, und sein Feuerrohr mit einem gebogenen Kolben versehn. Nun
blieb er ganz hinter der Erdwehr liegen, und sah durch sein Instrument
dennoch darber hin. Der Schu erfolgte da bei aller eignen Sicherheit. Er
zeigte den Veteranen, was er ersonnen hatte. Diese gaben ihm groen Beifall
zu erkennen, und sandten sein Feuerrohr an die Rathsversammlung des Heeres,
welche neue Erfindungen zu untersuchen hatte. Sie war von dem wichtigen
Nutzen der vorliegenden zur Stelle berzeugt, und schickte sie wieder durch
einen Eilboten dem Strategion zu Rom. Dieses antwortete bald: Man htte
sogleich alle Feuerrhre der Fusoldaten auf die vorgeschlagene Weise
umzundern.

Man sprach beim ganzen Heere von diesem Ereigni. Durchaus war es neu, da
ein Jngling, nur einige Wochen unter den Waffen, schon eine Abnderung
beim Heere veranlat hatte. Man untersuchte zwar alles willig, munterte
liebevoll auf, doch selten erfolgte die wirkliche Anwendung. Wenn es
diesmal auf einmthigen Beifall geschah, so lagen auch vor Jedermann die
Beweise der Trefflichkeit jener Erfindung.

Man sprach ihn auch zugleich von der Obliegenheit los, ein Lehrjahr bei den
Fusoldaten zu weilen. Es ward ihm frei gestellt, in eine andere Waffe zu
treten, und er whlte die Reuterei.

Grade waren Pferde aus der eingehegten Wildni angelangt, und der Fhrer
des Zuges klagte ber die Unbndigkeit des einen darunter, rathend, es als
unbrauchbar zu tdten. Guido bat um die Gunst, es versuchen zu drfen. Man
wollte sie lange nicht zugestehn, einwendend, schon die bewhrtesten Reuter
htten Unflle mit diesem Thiere gehabt. Jener lie aber nicht nach, zumte
und sattelte das Ro, bei allem Widerstreben, und schwang sich darauf. Es
bumte sich hoch, Guido drckte ihm mit starkem Arm den Kopf nieder. Es
ging, dem Zgel nicht mehr gehorchend, athemlos ins Weite. Guido ri ihm
den Kopf herum und brachte es zum Stehn. Endlich, die Kraft seines Meisters
gewahrend, bequemte sich die ppige Wildheit zum Nachgeben. Gelehrig folgte
das Pferd, wohin Guido wollte. Er ritt es vor aller Augen an einen
Bombenmrser, und lie ihn neben sich losbrennen. Ein gewaltiger Sprung zur
Hhe folgte, der Jngling sa fest und hielt sein Thier auch zugleich
wieder an, es khn mit dem Sporn fr die Unart strafend. Es schnaubte Wuth,
wagte aber, bei einem zweiten Schu, nicht mehr, von der Stelle zu gehn.
Endlich legte Guido das Feuerrohr zwischen seine Ohren, erlegte tausend
Schritte davon einen Habicht, der eben durch die Luft flog, und sein Pferd
rhrte sich nicht.

Alle Reuter jauchzten ihm Lobsprche, und er dachte geheim: Htte mich doch
Ini jetzt gesehn!

Eine freundliche Aufnahme in die Reihen war sein Lohn, und das Verlangen,
dies Pferd fr den Dienst behalten zu drfen, fand Bewilligung.

Er bewies sich bald so tchtig als Reuter, da die Veteranen urtheilten, es
bedrfe hier durchaus keiner Lehrzeit mehr. Deshalb bat er aber, zu dem
groen Heere gesandt zu werden, und das aus folgendem Grunde:

Der Csar von Neu-Persien hatte Asien im Besitz, mit Ausnahme von Japan und
China. Diese alten Reiche hatten in vorigen Kriegen immer glcklichen
Widerstand geleistet, jenes durch seine abgesonderte, meerumflossene und
durch Felsenksten sichere Lage, dieses mittelst seiner ungeheuren
Bevlkerung, und indem es, aufgeweckt durch die nhere Gefahr, das
Volksgenie auch geweckt und in den Kriegsknsten neuer Zeit mitgestrebt
hatte. Grade war aber eine neue Fehde ausgebrochen, und bei dieser
Gelegenheit ein Trupp chinesischer Tatarn versprengt worden, der, Unfug und
Verheerung bend, den Grnzen von Europa nahte.

Man sandte eine Heerabtheilung, meistens Reuterei, entgegen, im Fall sie
sich nicht entblden wrden, das diesseitige Gebiet zu betreten, und da
Guido sehnlich wnschte, dem etwanigen Feldzuge beizuwohnen, drang er so
lebhaft darauf, zum Heer gesandt zu werden, was auch geschah.

Der Ruf war ihm zuvor gegangen, neugierig sammelte sich die Menge, den
Jngling zu sehn, der eine genievolle Erfindung gemacht hatte und fr den
krftigsten Rossebndiger galt. Die Art, wie er unter den neuen Kameraden
auftrat, erwarb ihm auch gleich Vertrauen und Gewogenheit.

Es ging zur Grnze, wo eilig das Gercht einlief, schon wren mehrere
Drfer geplndert und verwstet worden. Der Anfhrer nahm seinen Marsch in
die Gegend, welche, die noch unkultivirteste in Europa, dichte Waldungen
durchschnitten.

So leicht der europische Stolz diesen Krieg gewrdigt hatte, so
furchtbar-schwer war er zu fhren. Die Waldungen deckten den Feind. Man
konnte sich nicht ber seine Zahl oder Stellung erkundigen, weil die
leichten Truppen, fr dies Geschft dem Heere zugetheilt, nicht von oben
herab durch die Kronen der Bume zu blicken vermogten. Die Tatarn verbargen
sich geschickt, drangen dann unvermuthet in wilden Haufen hervor, fielen
mit Ungestm an, und entfernten sich mit einer Schnelligkeit, die den
Vortheil auf ihre Seite brachte. Denn ihre Pferde, welche Klugheit bei
Zucht und Anlehrung der europischen auch thtig war, hatten den Vorzug.

Die berittene Artillerie lie sich in den Gehlzen nicht brauchen, wider
die kleineren Rhre bedienten sich die Feinde eines Schildes, mit einem in
China erfundenen Lack berzogen, der bei groer Leichtigkeit Reuter und
Pferd deckte, im Anrennen vorn, im Weichen hinterwrts Gebrauch fand.
Schlimmer wie alles das, konnte man ihre Pfeile ansehn, womit sie beraus
geschickt trafen, und den gepanzerten Mann entweder im Gesicht oder an den
Hnden verwundeten. Diese Pfeile waren in ein Pestgift getaucht, das nicht
allein den Getroffenen hinraffte, sondern auch sich epidemisch mittheilte.
Sie dagegen, war mit Recht anzunehmen, muten mit einem schirmenden
Gegenmittel versehen sein, da man von keinen Krankheiten unter ihnen hrte.

Gro war, bei allem anerzogenen tapfern Sinn, die Bestrzung, als der Tod
in den europischen Reihen wthete. Die Aerzte wuten keinen Rath, fanden
selbst ihr Grab. Der Anfhrer wagte einen verwegenen Streich, wurde aber
mit seinem Vortrab umzingelt und niedergehauen.

Die Truppen whlten einen neuen Gebieter, der einstweilen sein Amt
bernahm, bis die Besttigung darin eingelaufen sein konnte. Es war der
Sohn eines vornehmen Frsten, welcher demungeachtet der erforderlichen
Eigenschaften nicht ermangelte. Er hielt den Truppen eine krftige Anrede,
worin er die Nothwendigkeit bewies, die Ruber zu vertilgen, wenn dem
ganzen Lande nicht Untergang durch die Pest drohen sollte; mahnte jeden an,
den Sinn der Aufopferung in sich zu wecken, und zu denken, auf welchen
Wegen sich der entsetzlichen Gefahr begegnen lie. Der Feuerwille, im Kampf
dem Tode zu trotzen, lie sich auch berall wahrnehmen, doch die natrliche
Furcht vor der Pest bleichte jedes Antlitz, und im ganzen Lager tnte
Wehklage, da keine Minute verging, wo nicht ein Freund dem Freunde starb.

Guido schrieb an seinen Lehrer, der nun in Moskau geblieben war: Komme ich
um, so sage Ini, mein Leben sei mit ihrem Namen den Lippen entflohn,
vielleicht aber gelingt es mir, ruhmgekrnt wiederzukehren, denn ein
Wagstck ist mir beigefallen, das uns retten kann.

Er ging zu dem Heerfhrer, bat sich einen Luftnachen und einige
muthbewhrte Mnner aus. Du bist ja Reuter, was willst du unter den
Sphtruppen? fragte jener. Vertraue mir um was ich bitte, hie die Antwort,
ich will mein Leben daran setzen, den Tod vom Lager zu fernen.

Wohlan! Und mge das Glck dich geleiten.

Guido stieg hoch in die Lfte auf, begab sich ber den Feind und blickte
mit einem treflichen Fernrohre nieder, das ihm der Feldherr auf sein
Ansuchen noch mitgegeben hatte. Nach langer vergeblicher Mhe entdeckte er
in der Waldung einen kleinen offnen Raum, wo ein prchtig Gezelt stand.
Hier ist ohne Zweifel der tatarische Feldherr, sagte er zu seinen
Begleitern, dies wollte ich erkunden.

Jetzt schwebt er zurck ber das eigne Lager, und lie einen Brief
niederfallen, in welchem er den disseitigen Heerfhrer bat, einen Angriff,
wenn auch nur scheinbar, zu machen. Er sah nach einer halben Stunde, da
seine Bitte Gehr gefunden hatte, die Schlachttrompete klang, die Glieder
rckten aus.

Jetzt muten ihn die Adler wieder ber jenen lichten Raum bringen, hoch
genug, da, bei ohnehin trber Luft, er nicht mit bloen Augen zu entdecken
war. Sein gutes Fernrohr zeigte ihm aber bald, wie auf den Schlachtlrm ein
vornehmer Tatar aus dem Gezelte trat, zahlreich begleitet sich aufs
Kampfro schwang und vorwrts eilte. Nur wenige Einzelne umzingelten in
einiger Entfernung wachend das Hauptquartier.

Sogleich lie sich Guido, durch stille Luft und einbrechende Abenddmmerung
begnstigt, am Fallschirm nieder. Nicht weit von dem Hauptgezelt blieb er
an einer Eiche hangen, und kletterte von da zur Erde. Eine Wache entdeckte
ihn, doch ehe der unbesorgt gewesene Tatar zum Bogen greifen konnte, hatte
er Guidos Dolch in der Brust. Dieser legte nun seine Kleidung an,
verdachtloser weiter handeln zu knnen. Er ging einigen Anderen vorber,
die, seiner Kleidung halber, nicht Acht auf ihn gaben und gelangte
glcklich in das Zelt. Hier standen viele groe Flaschen mit der
tatarischen Ueberschrift: Gegengift. Dies war was Guido gewollt hatte. Er
nahm eine davon, und schlich weit rckwrts in den Wald, indem die Nacht
dunkler wurde. Endlich, niemand mehr gewahrend, zndete er ein kleines
Feuer an, was seinen Kameraden im Luftnachen zum Zeichen diente, sich
niederzusenken.

Dies geschah. Guido bestieg mit seiner Beute den Nachen, und man eilte
durch die Luft dem eignen Lager zu, wo man gegen Morgen erst anlangte, denn
das Gefecht hatte eine unglckliche Wendung genommen, die Europer waren
weit zurck gedrngt worden.

Er fand unglaubliche Verwirrung, auch der Feldherr war geblieben. Getrost,
rief er, ich bringe vorerst eine Hlfe, das Weitere wird sich finden.

Die Aerzte wurden berufen. Man untersuchte die Flasche, mittelte die
Bestandtheile aus, und traf sogleich Anstalt, das Mittel in groer Menge zu
fertigen. Zugleich ward es an den Pestkranken, die in groer Zahl
schmachteten, versucht, und alle sahen sich nach wenigen Stunden
hergestellt. Die Art des Gebrauchs enthllte sich schon aus der Natur
dieser Arzenei. Sie wurde auch schnell nach den rckwrts liegenden
Ortschaften gesandt, wohin sich das Uebel auch schon verbreitet hatte.

Hoher Freudejubel! Neuerwachter Muth im Heere, da keine Pestpfeile mehr zu
frchten standen. Guidos Lob klang in aller Krieger Munde. Kein Neid trbte
einen so rein verdienten Dank.

Die Aeltesten ordneten eine neue Heerfhrerwahl. Jeder im Heerhaufen nhrte
denselben Gedanken. Mag der Jngling selbst nicht das erste Lehrjahr
bestanden haben, sein Geist, seine Thaten erheben ihn zum Wrdigsten. Man
zog die Namen aus dem Helm, der unter allen Kriegern umhergegangen war.
_Guido_ stand auf jedem Papier.

Er war beschmt, verlegen -- doch klopfte sein Busen von nicht geringer
Freude. Was wird Ini sagen, wenn sie davon hrt! dachte er, dann -- gab
er Befehle.

Eine weite Umzingelung des Feindes schien ihm in diesen Waldungen das
Dienlichste. Jeder Krieger empfing eine kleine Viole von dem Gegengift, um
nun bei einer Wunde sogleich einige Tropfen davon anwenden zu knnen. In
der folgenden Nacht traten die Flgel ihren Weg an, um sich in den Rcken
des Feindes zu begeben. Zeitmesser und Kompa dienten, sich genau an den
Stellen einzufinden, wo es der Plan verlangte. Ein Morast, durch den die
Tatarn nicht dringen konnten, begnstigte an einer Seite den Entwurf, an
der andern lie Guido schnell eine Meile lang die Bume mit Knallsilber
umwerfen, da auch dort der Ausweg gesperrt wre.

Dann begann der Angriff von zwei Seiten in der nmlichen Minute. Die Tatarn
erschraken, da sie die alte Furcht vor ihren Giftpfeilen nicht mehr inne
wurden. Ja, Bestrzung verbreitete sich unter ihnen, als einige gewahrten,
die Verwundeten der Europer bedienten sich eines Gegenmittels. Die
nehmliche Entdeckung hatte auch den Neu-Persern eine Ueberlegenheit ber
diese Truppen gegeben und sie in die Nothwendigkeit gesetzt nach dem Norden
zu fliehn.

Man drang scharf ein. Die flchtige Eil der tatarischen Rosse half nicht,
da zu beiden Seiten der Feind anrckte. Im Nahekampf hatten die
europischen Waffen den Vorzug.

Jener Feldherr, seine miliche Lage erwgend, sammelte auf den Ton eines
weitschallenden Instrumentes eine groe Masse und suchte mit dieser
durchzubrechen. Guido, der dies vermuthete, begann an der Spitze einiger
Tausende ein Scheingefecht, floh und lockte die Feinde auf eine groe Mine,
deren Explosion in dem Augenblick erfolgte, als der Vortrab des Gegners den
unterwhlten Boden betreten hatte.

Grlich schauderhafter Anblick, als Tausend entwurzelte Eichen dem Aether
zuflogen! Doch wurde es auch Guidos Leuten verderblich, als die
Baumtrmmer, die zu Tausenden zerrissenen Gule und Menschen, wieder dem
Gesetz der Schwere gehorchten, und sich weiter verbreiteten als man
erwartet hatte. Manche darunter wurden getdtet, selbst Guidos Pferd von
einem groen Stamm aufs Haupt getroffen. Er entging jedoch den Gefahren
glcklich, und bestieg ein anderes Kampfro, die Niederlage der Tatarn zu
vollenden.

Ihr Feldherr gab die Hoffnung nicht auf, wandte sich nach einer andern
Gegend. Guido lie ihm aber keine Frist, fiel den Haufen von allen Seiten
an. Nicht berall konnten die chinesischen Schilde decken, groe
Verheerungen bewirkten die europischen Feuerrhre. Endlich traf Guido auf
den Feldherrn selbst, ein innig gefhlter Wunsch. Er rief ihm zu: la uns
beide kmpfen; wer fllt, dessen Schaaren sollen sich dem andern ergeben!

Der Tatarfrst war es zufrieden und warf seine Lanze. Sie wrde, wohl
zielend, Guidos Gesicht getroffen haben, wenn dieser sie nicht mit seinem
Schwerte hinweggeschlagen htte. Er scho, dem Tatar half sein Schild. Nun
gab Guido dem Pferde den Sporn, flog dicht neben seinen Gegner hin, ihm den
Degen in die Seite zu bohren. Es gelang nicht, weil der Andere auch mit
fechtender Geschicklichkeit den Streich abzuwenden wute. Guidos Pferd, im
Sprung, war nicht gleich aufzuhalten, der Tatar sandte einen Pfeil nach,
verwundete es tdtlich, und Guido mute auf den Boden springen.

Nun suchte der Feind ihn mit seinem Kampfrosse ber den Haufen zu rennen.
Ohne hohe Geistesgegenwart war Guido verloren. Doch er dachte an Ini, und
fhlte neue Kraft durch seine Adern strmen. Er wich rechts und links dem
schnaubenden Thiere aus, ersah den Augenblick und bohrte das Eisen in
seinen Bauch. Mit groem Getse fiel es in den Staub, nachdem es durch die
letzte krampfhafte Bumung den Reuter weggeschleudert hatte.

Dieser stand aber auch gleich wieder auf den Fen und Schwert gegen
Schwert wthete. Die Panzer vereitelten Hieb und Sto, an ihrer Kraft
brachen beider Klingen. Nur die Arme blieben den ergrimmten Kmpfern noch
brig. Den fabelhaften Riesen der Vorzeit gleich umschlangen sie sich
damit, und geriethen auf das Eis eines kleinen Sees, der dort lag.

Der Tatarfrst schien an Nervengewalt seinem Feinde nicht nachzustehen,
doch lebte ihm keine hohe Liebe daheim, in deren Anruf er seine Heldenkraft
verdoppeln konnte. Allein vor Guidos Seele stand Inis segnendes Bild und
neue Gtterflammen strmten in seine Brust. Mit des Bildes Erscheinung
lebte auch das Triumphgefhl in ihm auf. Es ward ihm ein Spiel, hoch den
Tatar empor zu heben und ungestm gegen die gefrorne Flche zu werfen. Der
Fall des Gepanzerten aufs Haupt war entscheidend, die Gebeine des Nackens
waren zerschellt, weit glitt der Leichnam auf das klare Eis hin.

Guido nahm das zertrmmerte Schwert, den Panzer und eine Diamantkette, die
an der Brust des Todten hing, alles an Ini zu senden. Die Europer lieen
Sieggesang ertnen, die Ruberhorden flehten um Gnade und lieferten die
Waffen ab.

Man fand groen Raub im Lager, den Guido unter die geplnderten Landleute
vertheilen hie. Edel genug waren seine Soldaten, nur Waffen sich zum
Andenken des Tages zuzueigenen.

Noch wurde auf die hie und da zerstreuten Feinde Jagd gemacht, von denen
auch keiner entkam. Die zahlreiche Schaar der Gefangnen bewachend
eingeschlossen, eilte der Heerhaufen zurck nach dem groen Lager. Das Volk
der Gegend erwartete Guido berall an den Wegen, und brachte dem Retter von
Tausend Schrecken sein Dankopfer in Freudenthrnen.

Unterwegs begegnete ihm ein Heer, reich mit Artillerie und andern
Erfordernissen versehn. Es war im Anzuge, da man aus den Berichten
entnommen hatte, jene Reuterei werde dem zu gering geachteten Feinde, nicht
vollen Widerstand leisten knnen. Auch befanden sich viele Aerzte im
Gefolge, die Natur der Seuche zu prfen. Krankheiten waren diesem Zeitalter
verhat und schrecklich, denn es war in Europa weit damit gekommen, sie
auszurotten. Seit Jahrhunderten wute man nichts mehr von Kinderblattern,
die Krankheiten von Ausschweifungen im Geschlechtstrieb, hatte man dadurch
verbannt, da einst zum Gemeinbesten, im ganzen Staate, an einem
ausgeschriebenen und der Menge geheim gehaltenen Tage, eine jede Person,
ohne Ausnahme, Untersuchung traf und ihre Heilung bewerkstelligt wurde.
Andere Welttheile waren klug genug, dieses Beispiel nachzuahmen und die
Uebel bestanden nur noch in der Geschichte. Dem Heere von Fiebern mancher
Art, widerstanden die durch gute phisische Erziehung und Migung in den
Leidenschaften, gesthlten Organisazionen. Geist und Krper bewegten sich
bei diesem Geschlechte zu viel, zu wachsam bte man die Sorge fr gesunde
Nahrung, als da Gicht und Podagra htten foltern knnen. Langer Gebrauch
der Milch bei den Kindern, viel frhes Laufen in freier Luft, bildeten die
Lungen vortheilhaft aus, daher konnten Brustkrankheiten nur hchst seltne
Erscheinungen sein. Jene Resultate von Verderbni der Sfte, in alten
Zeiten bekannt, die scheuslichen Wassersuchten, waren mit ihren Ursachen
verschwunden. Die Aerzte fanden unten diesen Umstnden wenig Beschftigung,
als bei zuflligen ueren Wunden, oder der auch nicht schwierigen
Geburtshlfe. Sie trieben dagegen Chemie, die jetzt sehr viel gebte, und
auf das Leben berall angewandte Kunst, und bekleideten demnchst, bei den
Erziehungsanstalten, heilsame Aemter. -- Immer hher reichte das Leben der
Menschen hinauf, immer gewhnlicher fhrte eine sanfte schmerzenlose
Entkrftung hinaus.

Wie hoch mute also die Erkenntlichkeit des Zeitalters gegen den Mann sein,
der die Verheerungen der Seuche durch seine tapfere List abgewendet hatte.
Indem die Aeltesten in dem anziehenden Heere, und die Naturkundigen, in
sein Lob ausbrachen, wich Guido bescheiden aus und entgegnete: Es war immer
doch nur zufllig, wenn ich das Gegenmittel fand. Htte ich es selbst
entdeckt, bereitet, dann wollte ich euer Lob annehmen.

Da er den Feind schon berwltigt hatte, freute jene Soldaten desto
weniger. Sie htten gern ihren Antheil bei dem Ruhm gehabt. Doch erklrten
die Mnner im groen Heeresrath einmthig, man msse beim Strategion darauf
antragen, da Guido einen Triumpheinzug zu Moskau hielt.

Wie wrde mir, dem Jngling, das ziemen, rief er. Nein, ich bitte um meine
Entlassung, da ich meine ferneren Reisen anzutreten denke. Giebt es aber
einst neuen Krieg, dann stell' ich mich.

Bescheidener! rief ein Unteranfhrer, du bist in solchem Fall nicht sicher,
da ein groes Heer dich zum Feldherrn erkiest. Zu laut ist dein Name von
Ohr zu Ohr gedrungen.

O, dies anzunehmen, mte ich noch weit mehr Wissen errungen haben,
antwortete Guido. Doch einige Vorschlge, zu Verbesserungen, an dem
schweren Gescho, und den Minen, bitte ich noch von mir anzuhren. Die
Erfahrung dieser Tage lenkte mich darauf.

Die knstlerischen Soldaten wurden hier ein wenig schwierig. Wie, er
diente nicht in unsrer Mitte, und hofft uns lehren zu knnen, was wir noch
nicht wissen?

Doch er eignete sich Theorien zu, entgegneten des Erfinders Freunde.

Ei Theorien! Sie sind nicht die Erfahrung!

Auch diese hat er gesammelt.

Aber nicht in zulnglicher Summe.

Man sieht, da die Mnner, bei allem Voraussein eine Tradizion von ihren
Urvtern durch den Zeitstrom gerettet hatten. Doch ganz so eigensinnig
waren sie nicht. Sie prften -- gingen vom Tadel zur Billigung ber -- und
nahmen an.

Guido hatte aber noch eine andere Idee umfat, die er gern zur Ausfhrung
bringen wollte. Die Musik beim Heere mifiel ihm. Manches, sagte er im Rath
der Anfhrer, habt ihr von mir angenommen, was den Nutzen zum Ziel hatte,
lat mich nun etwas fr die Schnheit thun, die ohnehin eine gute Wirkung
nicht verfehlen wird.

Aus der Kasse, welche zum Erproben neuer Erfindungen bestimmt war, wurden
ihm beliebige Summen zugewilligt, ber die nthige Personenzahl konnte er
entscheiden. Er ging eilig an die Ausfhrung, und der Arbeiter Gewandheit
stillte bald seine Ungeduld.

Er lie eine Luftgallione bauen, von funfzig Adlern gezogen, die fr einige
Hundert Menschen Raum enthielt. Zwei Silberpauken, migen Husern an
Umfang gleich, befanden sich darauf, und wurden mit eichenen Knebeln durch
Maschinen gerhrt. Zudem metallene Hrner von der Lnge einer Tanne, deren
hintere Mndung an einen groen Blasebalg gebunden war. Diesen konnten zwei
Mnner durch einen Schnellhebel leicht niederstoen. Jedes Horn hatte nur
einen Ton, und es galt gebte Aufmerksamkeit der Spielenden, ihn richtig
anklingen zu lassen, wenn das auszufhrende Stck es verlangte. Aehnliche
Trompeten waren auch in guter Zahl vorhanden, und Posaunen, welche sehr
tief und krftig ansprachen. Darber hing ein reingestimmtes Glockenspiel,
dem akkustische Kunst eine gewaltige Resonnanz gegeben hatte.

Guido sahe bald alles dargestellt, und bte ins Geheim seine Knstler zur
Fertigkeit. Dann sagte er den Heeranfhrern: Rcket aus mit den Truppen.
Ihr sollt eine Musik vernehmen, dem gesammten Heere, durch das Klirren der
Schwerter, selbst durch den lauten Donner eurer Kanonen, hrbar. Tne
ermuthigen in der Schlacht, fllen dem Tapfern mit noch edlerer
Begeisterung das Herz. Von derselben Melodie sollen alle Streiter
bezaubernd ergriffen werden. Man gehorchte ihm. Reuterei, Fuvolk und
Artillerie zog auf die Gefilde, in den Bewegungen eines groen Kampfes. Zu
den Wolken stieg der graue Dampf ihrer Rhre der Himmel war verhllt. Da
lie Guido das mchtige Feldorchester ber sie schweben, dreihundert
Klafter hoch, unsichtbar in dem wallenden Rauchnebel. Die Musiker hatten
die Ohren dicht verstopft, nicht Taubheit davon zu tragen.

Welch ein Effekt in der Tiefe, als der Sturm des Klanges niederbrauste, auf
Meilenfernen in gleicher Gewalt hrbar. Es war, als ob der Gott der
Heerschaaren in den Lften waltete, seine Treuen durch himmlische Melodien
zum unsterblichen Ruhm weihend. Entzckt, wonnetrunken, horchten die
staunenden Helden. Warum ist kein Feind da, den wir, von den Harmonien
umstrmt, bekmpfen knnen, riefen sie. Zu unberwindlichen Lwen erhbe
uns die wundervolle Magie.

Hatte er zuvor die Liebe der Soldaten gewonnen, so flogen ihm nunmehr alle
Herzen zu, denn diese Krieger bargen Schnheitssinn. Die Erfindung ward
auch einmthig angenommen, doch bestimmten die Anfhrer ihren Gebrauch nur
fr den Ernst, im Frieden sollte sich das Ohr der Soldaten nicht daran
gewhnen, damit einst in der Schlacht die Wirkung hher reichte.

Guido wandte sich nun heimlich von den Truppen, dem schmeichelhaften
Abschied zu entfliehn, und eilte nach Moskau, wo ihn Gelino freudig in die
Arme schlo.

Sich hier selbst mehr gegeben, prfte er seine Gestalt an Spiegeln, und
ward froher noch ber die jetzige Entdeckung, als in dem stolzen
Augenblick, wo es ihm endlich gelang, den Feldherrn der tatarischen Horden
zu berwltigen. Denn fast kannte er sich nicht gleich, so hatte seine
Schnheit zugenommen. Entwickelter zu einer reinen Uebereinstimmung,
stellten sich die Verhltnisse der Arme, des Leibes, der unteren Theile
dar, heller glhte das muntere Inkarnat der Wangen, durch die viele rstige
Bewegung in der gesunden Nordluft. In dem Auge strahlte ein unglaublich
frohes, edles Feuer, eine stolze Sicherheit, erzogen durch das siegende
Bewutsein vollbrachter Heldenthat, und die Wonne des Stolzes im
Selbstgefhl, wenn schon durch Bescheidenheit in gemessenen Schranken
gehalten, da keine Verzerrung einen Ausdruck von Eitelkeit entstehn lie,
der andere durch Tadel beleidigte. Der Hochsinn, bei den Gefhlen der Liebe
und den Entzckungen der Knste, hatte immer nur sanft des Oberhauptes
Rundung emporgehoben, die ungestme Heldengluth aber, in ihrer, besonders
den hohen Theil im Gehirn bewegenden Seelenthtigkeit, hatte sie schnell
hinausgedrngt, und wie es Guido schien, bis an die Linie welche Inis Ideal
verlangte. Dagegen wenn er sein Profil in zwei Spiegeln besah, konnte er
mit seiner Stirn noch nicht zufrieden sein. Denn dort war immer noch nicht
genug geschehen, noch lag sie nur in einer Perpendikulre mit dem Kinn, da
sie gleichwohl um ein Gutes htte vordringen mssen. Guido sagte sich unter
diesen Umstnden, was ich bisher dachte, war noch immer nicht genug, der
Summe nach, oft auch nur flchtiger Aufflug der Imaginazion. Ich mu
mehrere Gegenstnde in die innere Welt rufen, und durch fortfahrende
schwere Kraftbung des Denkens, des Gehirnes Masse vermehren. Dann habe ich
mich auch vorzglich mit Dingen zu beschftigen, die die Empfindung
ausschlieen, rein abgezogen sind. Nur so ist das vorliegende Mark des
Schdels thtig, wchst an und stt seine gestrkte Hlle weiter. Die
Hoffnung, auch das werde gelingen, erhob seinen Muth.

Er schrieb an Ini, ihr seine Trophen sendend:

Einem andern Mdchen drfte ich schon khn nahen, und um ihre Hand werben.
Denn ein stattlicher Ritter, leg' ich der Geliebten Feindes Waffen zu
Fen, und schmcke sie mit einer Eroberung. Du aber steigerst deinen
Vertrag, und darfst, du Gttliche, hhern Preis auf dich setzen. Je mehr
ich sinne und handle, je mehr lerne ich dich verstehn, je mehr begreife
ich, wie deine Idee menschlicher Wrdigkeit weit hinaus liegt, ber alles,
was schon Sterbliche thaten. Ich mte vor diesem reineren Erkennen
verzweifeln, deiner Forderung glorreich Genge zu thun, htte ich nicht die
Wunderkraft fhlen lernen, die dein Bild in meine Adern giet. So aber
beginne ich hoffend den neuen Lauf, lebt doch das Flehn in mir, das dich um
Beistand anrufen kann, wie in jenes Kampfes Stunde, wo gndig mich die
Gttin erhrte.

Gelino sagte darauf, la uns eine andere Wohnung beziehn, wo wir mehr
Schutz gegen die Klte finden. Der Winter ist strenge, immer hher deckt
sich der Boden mit Schnee.

Guido empfand die Unbehaglichkeit eben nicht, doch dem schwcheren Greis
nachgebend, folgte er willig.

Sie traten am Abend in ein gerumig Haus, dessen Zimmer trefflich durch
Oefen erwrmt und artig verziert waren. Willst du nicht deine Bemerkungen
ber die Reise aufzeichnen, und die Geschichte deines Feldzugs? fragte
Gelino. Der Jngling dankte ihm fr die Erinnerung, und eilte um so eher zu
schreiben, weil ernsthaftere Beschftigungen dem eben gefaten Vorhaben
entsprachen. Mit Ausnahme eines kurzen Schlafs, und einer Stunde beim Mahl,
wich er nicht von seiner Arbeit. Einigemal ward er darin gestrt, weil ihm
dnkte, das Haus bewege sich. Sollte das ein Erdbeben sein? fragte er den
Lehrer. Wei man denn hier nicht, wie in Italien, die Zeit und die Strke
einer solchen Naturerscheinung zu berechnen, oder sie abzuwenden von den
Stdten, mittelst tief gewhlter Brunnen, durch welche das tiefe Feuer
einen Ausweg findet?

Sei unbesorgt, erwiederte Gelino, hier sind die Erdbeben selten, und trte
ja der Fall ein, wrden die Naturkundigen schon zeitig warnen. Glaube
nicht, man sei hier noch so unwissend, wie in rohen Jahrhunderten einst
durch ganz Europa, wo Stdte zertrmmert wurden.

Gab es wirklich eine so unwissende Zeit? fragte Guido staunend.

Sieh da die Folge deiner Sumni, Geschichte zu lernen, strafte der Lehrer.
Lissabon und selbst unser Messina haben einst furchtbar dadurch gelitten.
Du weit viel, erfindest viel, dennoch schpfest du zu wenig aus dem
rechten Quell.

Du hast Recht, gab Guido zur Antwort hier sieht mein Streber noch ein
weites Feld. O ich mu auch die Naturkunde noch mehr treiben und manches
Andere.

Nun, wir werden auch ins gelehrte Deutschland kommen. Da magst du dich mit
Elementen vertrauen und deinem knftigen Denken neue Richtungen geben.

Der Zgling hatte nach dreien Tagen seine Arbeit vollendet. Freilich waren
darin nur hingeworfene Bemerkungen und kurze Uebersicht der Thatsachen zu
finden; die Ursachen der Erscheinungen aufzusuchen, fiel ihm noch nicht
genug ein; sein Wissen, wenn schon reich in der Menge, hatte zu vielen
poetischen Anstrich. Entzckt sein, hie ihm noch oft Bemerken. Gelino
beruhigte sich aber dabei, indem er wohl wute, aus dem jugendlichen Genie
knne erst die Grndlichkeit als eine Frucht der Jahre hervorkeimen. La
uns jetze eine andere Wohnung suchen, sagte Gelino.

Schon wieder? Ich meinte, diese sei dir bequem?

Eine noch bequemere.

Wie du willst, ich will ohnehin ein wenig ins Freie. Seit drei Tagen kam
ich nicht unter dem Dache weg.

Sie traten hinaus. Guido sah einen groen schnen Platz, ihm unbekannt. Was
ist das? fragte er, den Platz sah ich noch nicht, und glaubte doch ganz
Moskau durchirrt zu haben. Auch schien mir, unser Haus lge in einer engen
Gasse, da wir es neulich am Abend bezogen.

O wir sind nicht in Moskau, rief Gelino lchelnd.

Guido blickte ihn verwundert an.

Jener fuhr fort: Du bist in Petersburg. Das Haus war ein Schlitten. Du hast
nur einigemal einen kleinen Ansto gesprt. Sonst glitten wir in den drei
Tagen sanft ber den Schnee hieher.

Guido freute sich hoch. Ich gestehe, sagte er, wie mir vor dieser Reise ein
wenig bangte. Durch die Luft, frchtete ich, wrde es dir zu kalt sein, und
wie ein Wagen eine Bahn in der starren Winterdecke finden werde, konnte ich
nicht begreifen.

Sie besahen nun die schne Stadt, reich durch einen ppigen Handel, und
einen glnzenden Frstenhof. Guido nahm jedoch einen andern Nahmen an, denn
sein Ruf war vorangeeilt, und er wollte sich so wenig durch Schmeicheleien
betuben, als in seiner Lernbegier stren lassen.

Unter den mannichfachen Sehenswrdigkeiten, gefiel unsern Reisenden nichts
mehr als die Wintergrten, welche man hier angelegt hatte, um das Anschauen
grnender Natur nicht so lange zu entrathen, als der unfreundliche
Himmelstrich gebot. Fast jeder von den Reichen besa eine solche liebliche
Anstalt; die weitluftigste darunter war jedoch ffentlich, wurde von der
Gesammtheit erhalten, und es stand jedem Einwohner und Auswrtigen frei,
sich dort zu vergngen.

Eine dicke Mauer von Quadern umzog einen Raum von mehreren Tausend Schuhen
im Gevierte. Der ganze Boden war hohl, Pfeiler von groem Umfang trugen
seine Gewlbe, und durch viele Eisenfen, deren Zge und Rhren knstlich
umhergeleitet waren, empfing die geluterte, auf alle Weise fruchtbar
gemachte Erde, die auf dem Gewlbe lag, Erwrmung.

Von diesen Vorkehrungen ward jedoch Niemand oben etwas inne. Man trat durch
ein Thor in eine Vorhalle, die wieder zu einem gerumigen Saal fhrte,
schon milder in seiner Temperatur als jene. Durch doppelte und verhllte
Thren, damit die Klte nicht eindrnge, gelangte man weiter.

Aus diesem Saal fhrten andere Thren in eine breite Gallerie, deren hohe
bis zur Erde reichende Fenster, von Polkristall, nur nach Innen gingen.

Und wohin? Durch die starre Klte, wie Dezember und Januar unter dieser
Breite geben, trat man in die Vorhalle mit frierendem Athem, das Haar mit
Eis behangen. Aufwrter reinigten die rauhe Fubekleidung von Schnee, und
suberten des Ankmmlings Locken. Im andern Saale fand man den Pelz
beschwerlich, und gab ihn ab. In der Gallerie wehten milde Sommerlfte, das
Auge blickte froh durch die Fenster hinaus auf liebliche Grne, auf
Veilchen, Jonquillen und Rosen.

Ein angenehmes Parterre bot sich im Halbrund dar, reich an Florens Pracht,
mit holdem Duft labend, begrnzt durch dunkle Katalpenbsche, aus denen
reizende Marmorgebilde winkten.

Selige Ueberraschung! Frohes Athmen, se Wandlung durch den kleinen
Platanenhain, an silberhellen Bchen hin, ber beblmte Hgel, wo sich
hinter Teichen weite Aussichten in reizende Gebirglandschaften ffneten.
Der Staunende, nicht vertraut mit des kleinen Paradieses Kunst, begriff
nicht, was er sah, und rief die Fabeln der Wohnsitze mithischer Zauberinnen
und Hesperidengrten in die Erinnerung.

Der kurze Tag entfloh bald; wer vermogte sich von dem Heiligthume zu
trennen? Im Dmmerlichte gewannen die mannichfachen Schnheiten erhhten
Reitz, Nachtigallen flteten aus Blthenzweigen nieder, in Jasminlauben
horchten die Lustwandelnden ihrem Gesang. Bald stieg aber der Mond empor,
hoch im Norden am Aether hangend, und go seine Schimmer verklrend nieder.
O Ini, seufzte Guido tiefbewegt, knnt' ich an deinem Arme hier den Himmel
fhlen!

Und wie hatte der kluge Flei dies alles geschaffen? In den dicken Mauern
der Umgebung lagen, wie unten, Oefen verborgen. Die groen, hie und da
zerstreuten, Eichen und Fichten, waren durch Kunst der Natur nachgeahmt,
zum Theil hohl, um in den durchgefhrten Rhren Wrme auszuhauchen, damit
auch oben eine gleichmige Temperatur erzeugt wrde, zum Theil bestimmt
die hohe Glasdecke zu tragen, die sich zwischen ihnen in kleinen Gewlben
senkte und hob.

Glassteine, rein und klar genug, den Lichtstrahl nicht zu hemmen, und doch
von der nthigen Strke, um alle Klte abzuwenden, bildeten diese Gewlbe.
Kein Kitt verband sie, sondern man hatte im Bauen ihre Seiten durch Feuer
erweicht und sie sich so verschmelzen lassen. Die Anstalten mangelten
nicht, sie Auen vom Schnee und Inwendig von Dnsten zu reinigen, und so
war die glckliche Tuschung vollendet. Die weiten Aussichten hatte
allerdings die Malerei gestaltet, aber so trefflich, da das Auge
vollkommen betrogen wurde, um so mehr da es kleine Teiche klglich
hinderten, zu den, Fernen lgenden Wnden, zu dringen. --

Unterdessen kam in Moskau ein Schreiben vom Strategion zu Rom an. Eine
lange Berathung hatte es aufgehalten. Nicht gern wollte man so frh einen
Jngling belohnen, damit der Sporn zu hherem Streben nicht mangle, und
dennoch hatte dieser Jngling durch so frhe Thaten, Lohn verdient. Endlich
sandte das Strategion dennoch eins von den groen Ehrenzeichen, wie sie
Feldherren nach gewonnenen Schlachten empfingen. Man besann sich, da Guido
schon in sehr frhen Jahren Beweise seines erfinderischen Kopfes geliefert
habe und dies gab den Ausschlag. Ein aufmunterndes Schreiben, von des
Kaisers eigener Hand, lag bei.

Guido befand sich aber nicht mehr in dieser Stadt und Niemand wute dort,
wohin er gereiset sei. Er hatte dagegen die Weisung zurck gelassen, im
Fall Briefe an ihn berkmen, sie nach Sizilien zu senden, daneben die
Aufschrift, an Ini.

Diese empfing nun durch die Eilpost jene Gegenstnde. Gleich schmeichelhaft
fr Geliebte und Geliebten.

Sie wute, da er sich jetzt in Petersburg befand, und schrieb ihm, jenen
Brief zugleich beantwortend:

Gern seh ich dich in der Heldenreihe, doch mehr noch wrde es mich
erfreuen, wenn du beitragen knntest, da die Menschheit den unseligen,
ihre Natur entehrenden, Krieg verbannte. Ein Ehrenzeichen liegt fr dich
hier, ich sende es nicht, hoffend, du werdest zu edel denken, es zu tragen.
Es ist noch ein Rest alter Barbarei, wenn man solche Zeichen ausgiebt,
meine ich immer. Traurig wenn das Vaterland gebieten mu, Blut zu
vergeuden. Wer die schreckliche Pflicht bte, ihm zu gehorchen, wozu soll
er noch ausgezeichnet sein, da sein Anblick durch eine schauderhafte
Erinnerung empre. Verheimlichen, tief verheimlichen, sollte unsre Zeit die
unglcklichen Heldenthaten. Glaube auch, nur der reinste Menschensinn kann
deine Schnheit vollenden.

Dies gefiel freilich dem flammenden Jngling nicht ganz. Lob, warmes Lob,
htte er von dem Mdchen gehoft, das begeisternd mit Kraft weihte, und es
tnte nun so sparsam, so bedungen. Doch rumte er ihrem feinen Geist den
hheren Ausspruch ein, und antwortete nur, indem er diesem seine Ehrfurcht
darbrachte.

Er blieb noch einige Zeit in Petersburg, sich von dem Handel und dem
Zustande der Wissenschaften im Norden zu unterrichten.

Jener war sehr ausgebreitet, und wurde mit einer der Lage des Landes
angemessenen Klugheit geleitet. Die Bevlkerung war seit zwei Jahrhunderten
in den Gegenden an der finnischen Bai, am Ladoga und weien Meere bedeutend
angewachsen, aber doch nicht in dem Maae, da die groen Waldungen dadurch
so verdrngt worden wren, da das Holz, kein Gegenstand der Ausfuhr
bleiben konnte, wie es in vielen, noch dichter bewohnten Lndern, schon
lange der Fall war. Man blickte also auf diese Waldungen, als einen
vorzglichen Handelsvorwurf. Doch roh ihn zu verkaufen, war man zu weise.
Es wurden Schiffe in Menge gebaut, wodurch sich denn die dabei thtigen
Handwerker in groer Zahl nhrten. Andere Vlker, der Schiffe benthigt,
und berzeugt, sie wren nur in Petersburg am wohlfeilsten zu bekommen,
holten sie dann fleiig ab, und brachten Erzeugnisse, die zufolge des
Himmelstriches hier fehlten. Ausser dem nthigen Brotgetraide wurde durch
den Landbau ein Ueberflu an Hanf gewonnen. Auch diesen veruerte man
nicht im unverarbeiteten Zustande. Thaue und Strnge aller Art, wie auch
Segeltuche, wurden daraus gefertigt, und wegen ihrer Vollkommenheit berall
beliebt. Hiezu kamen, Pelzwerk, Juchten, Saffian, Kaviar, welche die
Lebhaftigkeit des Verkehrs mehrten.

Der Handel war jetzt ungemein begnstigt. Die groe Sicherheit der
Schiffahrt, die erhhte Vollkommenheit der Landtransporte, die
ausgedehnteste Freiheit, die Verbannung aller Privilegien, leisteten ihm
Vorschub. Die gleiche Gte des Geldes, von der Regierungsweisheit immer im
richtigen Verhltni zu den Sachen gehalten, die gleichen Maae der Dinge
verschafften ihm erweiterte Bequemlichkeit. Die Ehrliebe der Kaufleute,
welche einen Bankrottirer mit ewiger Verachtung wrde gestempelt haben,
befestigte den Kredit und es war unerhrt, da einer darunter sein Wort
nicht erfllt htte. So knpfte man Erdtheil an Erdtheil und erfreute sich
der mannichfachen Gaben der Natur Allenthalben.

Die Wissenschaften blhten in Petersburg an jedem Zweig, vorzglich aber
lag man der Naturkunde ob, und die reich ausgestattete Akademie lie den
Norden fleiig bereisen, neue Entdeckungen im Gebiet der Phisik zu machen,
oder die lteren zu berichtigen. Eine groe Zahl von Fossilien, erdigt,
salzig, metallisch und gemengt, vor dreihundert Jahren noch ganz unbekannt,
hatten diese Versendete in den Gebirgen gegen den Pol ausgemittelt, wie man
ihnen auch die erste Entdeckung der kstlichen, allenthalben gesuchten,
Polkristalle dankte. Denn die erste Reise zur Erdachse im Norden, war von
Petersburg geschehen. Die Naturgeschichte aller der Land- und Eisthiere,
jenseits dem achzigsten Grade Nordbreite gefunden, hatte diese Akademie
sinnreich bearbeitet. Hchst sehenswerth konnte man ihre Sammlung von
Petrefakten nennen, worunter, auer vielen Ichthioliten und Tetrapodolithen
auch ein vortrefflicher ganzer _Anthropolith_ war, mit Mergeltuf durchzogen
und in allen Theilen wohl zu erkennen. Ein versteinerter Mammouth befand
sich ebenfalls hier, wie viele Skelette dieses verschwundenen Thieres,
dessen ganze Organisazion man aber dennoch kannte.

Guido wohnte einer Vorlesung ber die Vernderung der Erdachse, und einer
andern ber die Abnahme des Meeres bei, hrte viel Staunenswrdiges, und
lernte ernster ber die groen Beobachtungen nachsinnen, welche
Jahrtausende der Vorwelt und Jahrtausende der Nachwelt umfassen. Man sprach
von einer Zeit, wo die hohe Tatarei noch unter der Linie gelegen hatte, und
von einer anderen, wo der Polpunkt in Irkutzk zu finden sein werde. Man
erzhlte von einem Volke, das vor Zehntausend Jahren in Siberien gelebt,
und sich eines ziemlichen Grades von Kultur erfreut habe. Die Monumente,
unter der Erde gefunden, die alten erhaltenen und endlich entzifferten
Schriften, hatten ein zweifelfreies Licht darber verbreitet. Man wute
genau, um welche Zeit Schweden aus der See hervorgetreten wre, und gab
wieder jene an, in welcher der finnische Meerbusen trocken liegen, und sich
zum Anbau eignen wrde.

Diese Akademie gab auch bisweilen der Stadt Petersburg ein ganz
eigenthmliches Fest, und gemeinhin in den lngsten Nchten, wenn kein Mond
schien. Sie hllte sie dann nmlich in ein knstliches Nordlicht, was eine
ganz zauberische Wirkung hervorbrachte. Denn die Gesetze dieser Meteore,
lange ein Geheimni, waren ergrndet worden, und man brachte die Materie
beliebig hervor, was jedoch nur in diesen Gegenden, und bei einem gewissen
Kltegrad anging.

Es herrschte hier ein Nachkmmling der Romanow, denn jenes Haus, da es sich
erobernd gegen den Orient gewandt hatte, wollte doch nicht ganz die
Vatererde aufgeben, wo einst Peters schpferischer Genius das erste Licht
besserer Aufklrung anzndete. Auch sah man Peters Standbild, einst von der
genievollen nordischen Semiramis erhht, noch wohlerhalten und vielgeehrt
an der alten Stelle.

Nach Genssen und Belehrungen mannichfacher Art, wandten sich unsere
Reisenden nach dem ehmaligen Polen, wo sie gegen den Frhling ankamen.

Gelino sagte: Dies Land war vor einigen Jahrhunderten durch eine
fehlerhafte Regierungsform sehr arm an Menschen. Der Landbau, wie sehr es
durch fruchtbaren Boden darauf angewiesen ist, ward unvollkommen getrieben,
die Handwerke und Knste lagen ganz danieder. Sklaverei der geringen
Klassen entehrte die Menschheit. Jetzt hingegen prangen seine Gefilde in
ppiger Erzeugung, wohlgebaute Stdte und Drfer zeigen reiche Bevlkerung,
Kunstflei in jeder Art ist regsam. Dies vermag langer Friede unter weiser
Verwaltung.

Guido ergtzte sich innig bei dem lachenden Anblick, der sich allenthalben
darbot. Groe Kunststraen und Nebenwege waren ohne Ausnahme mit mehreren
Reihen nutzbarer Obstbume beflanzt, deren Blthenschnee mit den
dunkelgrnen hochbegrasten Triften und fetten Kornfluren angenehm
wechselte. Nie hatte Guido so stattliche Heerden gesehn als hier weideten.
Er rief: Siziliens Landschaft ist mannichfacher, feinere Baumgattungen und
Fruchtarten schmcken sie, doch ein so frisches Grn labt dort die Blicke
nicht.

Gelino antwortete: Die Natur ist berall reich, der Mensch verstehe nur
ihre Winke gehorsam, und sie lohnt.

Der Zgling wunderte sich ber die vielen Kanle, mit denen das Land
durchzogen war, und die von Flssen und Fahrzeugen wimmelten. Wer hat alle
diese Arbeiten vollbracht, und zu welchem Ende? fragte er.

Der Lehrer gab ihm die Antwort: Das Land ist niedrig und zu Kanlen
geeignet, die auer der erleichterten Fortbringung auch durch Bewsserung
ntzen. Sehr einfach hat man sie aufgewhlt, und nach den Strmen geleitet.
Ehedem wandten die thrichten Menschen, die gewaltige Kraft in Entbindung
gewisser Gasarten, nur auf das Verderben an. Klglicher hat man spterhin,
durch das vervollkommnete Schiepulver, Erdlagen gebessert und Kanle
erschaffen.

Dies Land bringt, trotz seiner groen Bevlkerung, die ja auch nur die
Erzeugungen mehrt, wohl dreimal mehr Getraide, Obst, Honig und Schlachtvieh
hervor, als es selbst verbrauchen kann. Dieser Ueberflu ladet, wie
einleuchtend ist, zum Handel ein. Es giebt kein Land mehr in Europa, das
nicht weise genug wre, seine erste Subsistenz selbst hervorbringen zu
wollen, doch einige, wo es zufolge natrlicher Hindernisse nicht angeht.
Dahin gehrt ein Theil von Schweden und Norwegen, Lappland, Nowaja Semlia
und Spitzbergen. Die letztgenannten waren Ehedem wenig oder gar nicht
bewohnt, spterhin hat man sie zu Verweisungsorten fr Europer gemacht,
die unklug genug waren, sich nicht den Gesetzen unterziehn zu wollen. Diese
haben sich gemehrt, der Handel andere dahin gefhrt, und so sind auch jene
so weit zum Pol hinliegenden Gegenden jetzt bevlkert, und man wei sich
dort gut zu nhren.

Dies Land fertigt jedoch aus seinem berflssigen Korn, Backwerke aller
Art, die sich Jahre lang halten, und durch Befeuchtung geniebar werden.
Fleisch von Rindern und Schaafen wird durch Salz und Rucherung dauerhaft
gemacht, das Obst getrocknet, oder in geistigem Wasser aufbewahrt. Der
Honig dient, mannichfache Kuchen zu bereiten, welche beliebt sind. Endlich
fertigt man starke Biere, in Essenzen verkrzt, und gebrannte Wasser an.

Meistens gehn diese Gegenstnde nach den genannten Nordlndern, welche
deswegen doch nicht arm zu achten sind. Sie bieten wieder vortreffliche
Eisenwaaren, fertige Pelzkleidungen, Fett von Wallfischen und Robben feil,
und geben sich daneben fleiig mit dem Heringfange ab.

Die inlndischen Kanle, welche du hier siehst, geben nun all' dieser
Regsamkeit doppeltes Leben. Denn wenn die Fortbringung auf den groen
Prahmenwagen schneller von statten geht, so ist jene mit geringeren Kosten
verbunden, da auf den ebnen Nebensteigen, welche am Wasser hinlaufen, ein
Pferd betrchtliche Lasten zieht. --

In den Stdten nahm man die groen Brau-, Back- und Brennanstalten in
Augenschein, wo sich alles durch eine kunstreiche Behandlung und
Reinlichkeit auszeichnete. Und dennoch, bemerkte Gelino, melden alte
Schriftsteller, sollen vor einigen Jahrhunderten diese Stdte einen
scheulichen Anblick gewhrt, Unwissenheit und Unsauberkeit hier ihren
Wohnsitz aufgeschlagen haben.

Dem Getraide seinen geistigen Inhalt zu entziehn, verstand man
vortrefflich, denn chemische Naturkunde leitete die Grundstze. Liebliche
und dennoch unschdliche Einmengungen verbesserten den Geschmack.

Die Anstalten, Fleischwerk durch Rauch dauerhaft zu machen, hatten
Thurmhhe. Der Rauch ward durch lang empor gewundene Rhren geleitet, und
zog sich so feiner in die Massen. Durch fette Weiden wohl genhrt,
lieferten die Schlachtthiere schon ein ungemein nahrunggehaltiges Fleisch,
und beraus zart war der Geschmack der hier gerucherten Gnsebrste,
Schinken u. s. w. Leckermuler gaben ihnen den Rang vor allen brigen in
Europa.

Es lt sich deuten, wie das Volk in diesen Gegenden, ohnehin so
wohlhabend, auch durch diese Ursachen stark an Knochenbau und Muskeln
gewesen sein msse. --

Man langte endlich in der weitluftigen und freundlich gebauten Vorstadt
Praga vor Warschau an. Hier ereignete sich, sagte Gelino, um das Ende des
achtzehnten Jahrhunderts ein schauderhafter Auftritt, indem bei einem Sturm
fast alle Einwohner hingemetzelt wurden. Heil uns! da wir Blutszenen in
Europa gar nicht mehr, und an den Grnzen nur selten und nothgedrungen
erblicken; da auch, wenn ja Krieg besteht, die Vlkerbereinkunft ihn blo
auf die Heere ausdehnt. Der Soldat wrde sich entehrt halten, wenn ein
ruhiger Bewohner des Landes ber ihn klagte. Wenigstens denkt der Soldat
von Europa so.

Eine treffliche Ansicht stellte sich, da sie an den majesttischen, mit
Schiffen bedeckten, Strom kamen, in der mit ihren Vorstdten und Grten
unabsehlich ans Ufer hinlaufenden Stadt Warschau dar. Der jenseitige hohe
Rand war terrassenfrmig mit Pappelalleen geschmckt, von der Hhe winkten
Prachtgebude, Tempelkuppeln mit reicher Vergoldung, Obelisken,
Telegraphen- und Glockenthrme. Sternwarten, Luftpostzinnen und andere hohe
Gebude, wie sie jetzt in Stdten blich waren, hoben sich aus dem
Steinmeere in bezaubernden Verhltnissen empor. Man hielt berhaupt in
diesem Jahrhundert viel auf die Phisiognomie der Stdte, die schon in
weiter Ferne dem Wanderer verkndeten, was er im Innern zu finden hoffen
drfe.

Sie fuhren ber die prchtige Marmorbrcke, zu beiden Seiten mit
athenischen Bildsulen geziert. Guido wunderte sich, da er den Strom
hinaufblickte und in der Weite viel Feuer und Rauch aufsteigen sah. Der
Lehrfreund erklrte ihm die Erscheinung.

Vor Zeiten, fing er an, war der Eisgang auf diesem Strome sehr ungestm,
und es lie sich keine dauerhafte Brcke bauen, da man befrchten mute,
sie im Frhjahre zerstrt zu sehn. Jetzt ist man klug genug, das ntzliche
Feuerpulver auch hier anzuwenden. Wie eine Gefahr dieser Art droht, belegt
man die Winterdecke des Stromes mit einer Menge von Raketen, aus Pulver und
jener heftigen Feuermaterie gemengt, die auch im Kriege gebraucht wird, und
auf Eis und Wasserfluthen fortbrennt. Diese Raketen bedecken die ganze
Flche mit Funken, und schmelzen durch ihre Menge in kurzem alles Eis. Da,
obgleich der Frhling schon um ein Gutes vorrckte, noch hie und da
Schollen ankommen, so wirst du dort jene Thtigkeit inne.

Er setzte hinzu: Auch Ueberschwemmungen, durch Anhufen der Gebirgwsser
erzeugt, suchten Ehedem manche Lnder heim. Nun aber flieen sie durch
Kanle ab, oder durch die hohen Bewallungen an den Strmen, immer noch
benutzt, da man gute Fruchtbume darauf zieht. So trgt im Kampfe gegen die
feindliche Natur, der Mensch immer den Sieg davon, wenn er mit Vernunft den
Willen umfat.

Auf den Gassen der Stadt bemerkte Guido, da es hier ungemein viel schne
Weiber gbe. War gleich, wie oben im Eingang berichtet worden, das
Geschlecht berhaupt zu einer entwickelteren Anmuth erzogen, und die
europische Menschheit durch Gleichheit der Verfassung in einander
geflossen, so muten dennoch einige Unterschiede in der ueren Bildung
brig bleiben, deren Ursachen man in Abstammung und Gegendeigenheiten zu
suchen hatte. Der Lehrer erklrte: Schon im Alterthum wurden die
Sarmatischen Schnen gepriesen.

Guido fand bald darauf Gelegenheit, diese lieblichen Blthen im vereinten
Strau zu beobachten.

Zu Moskau, dem Hauptorte der Kriegprovinz, hatte er einen vorzglichen
Mosestempel bewundert, in welchem das Standbild des Gefeierten in einer
Gre, wie Ehedem der rhodische Kolo, prangte, und wo ein Heer von
Hunderttausend Mann auf einmal seine Andacht verrichten konnte. In Warschau
dagegen stand ein Heiligthum der Maria, durch seine geschmackvolle Pracht
weit berhmt. Die Jungfrauen im Lande hatten es aus ihren Mitteln erbaut,
und sich dafr das Recht vorbehalten, hier allein zu beten, und Feiergesang
anzustimmen.

Sie nahmen dann Platz auf dem Marmorboden, doch die Erhhungen welche der
Rotunde Innenwnde umliefen, konnten Mnner besteigen und Niemand mag
zweifeln, da sie nicht angefllt gewesen wren.

Gelino htte es vielleicht nicht unumgnglich nthig gefunden, seinen
Zgling dahin zu fhren; doch dieser hatte davon viel gehrt, und bewies
sehr redselig, man msse die Reisekunde auf jede Art bereichern.

Es war das Frhlingsfest der Maria, der Kultus hatte einige Aehnlichkeit
mit den Floralien der Alten. Im weien Gewand, blendend wie Schnee, fein
wie die Schleier der Arachne, die Sandale mit bunten Bndern an den bloen
Fu geknpft, die Locken mit jungen Blumen durchflochten, zogen die
Jungfrauen in den Tempel.

Guido befand sich im Gedrnge auf der Erhhung. S strmte der Duft
hinauf, die Treibhuser waren von ihren Orangenblthen und Rosen
geplndert, nimmer hatten Guido, selbst auf dem heimathlichen Eilande, so
holde Gerche gelabt.

Alle ohne Ausnahme waren schn, lieblich, anmuthig, denn die, welchen die
Natur diese Mitgift versagt hatte, pflegten an einem solchen Tage unplich
zu sein, um nicht so vielem Lichte die Schatten zu geben.

Hundert von den Jungfrauen unterhielt der Tempel fr den musikalischen
Kultus. Gestalt und wohltnende Stimme, waren die Bedingungen, unter
welchen man sie annahm. Gute Lehrer unterwiesen die Huldinnen, erst nach
bedeutender Fertigkeit durften sie ffentlich auftreten. Kein Instrument
begleitete ihre Lieder, und wie diese Zeit auch die Harmonika, die Flte,
die Harfe vervollkommnet hatte, den Zusammenklang Hundert reiner
wohlgebter Mdchenorgane, wrden sie immer nur gestrt, nicht erhoben
haben.

Sie sangen einen Himnus, der in die Sprache frherer Zeiten bertragen, so
weit es mglich ist, den hheren Ausdruck des Idioms im ein und zwanzigsten
Jahrhunderte wiederzugeben, ungefhr gelautet haben wrde:

   Himmlisch bist du o Jungfrau!
   Du liebtest himmlische Liebe,
   Und dein Himmel steigt nieder,
   In der Liebenden Busen.
   Hohe, Reine, Verklrte,
   Weihe, heilige mich!

   In des Geliebten Schnheit
   Deutet sich ewige Schne,
   Dem Gttlichen werd ich verwandt
   Glh ich von gttlicher Liebe.
   Hohe, Reine, Verklrte,
   Weihe, heilige mich!

   Deine Reinheit mich flle,
   Mache unstrflich den Busen,
   Gieb in Liebe mir Tugend,
   Da den Unsterblichen nahend
   Ewig Leben ich athme,
   In Gefilde des Lohnes
   Seligkeit bringe das Herz.
   Hohe, Reine, Verklrte,
   Weihe, heilige mich!

   Weg aus den Rumen der Tiefe,
   Schwinge dich, heiliger Fittig,
   Trage mich auf zu den Gipfeln
   Wo mich weihend umfangen,
   Lebens Reine und Hhe.
   Liebe ist Himmel im Staube,
   Liebe wohnt ber den Sternen,
   Liebe adelt die Jungfrau,
   O du, der Jungfraun Vorbild,
   Hohe, Reine, Verklrte,
   Weihe, heilige mich!

Als die Feier geendet hatte, schrieb Guido an Ini: Heute Mdchen, that dein
Bild hohe Wunder. Ich sah den lieblichsten Blumenkranz in Europa, verga
aber dennoch die Rose nicht, fr die ich glhe.

Der Triumph, den eine Geliebte ber fremde Schnheiten davon trgt, wird
auch von dem Liebenden hoch empfunden, seine Flamme lodert heller, ein
edles Selbstgefhl strmt in die Seele, im Bewutsein reiner Treue, und
prgt sich im Auge, auf der Wange, mit einem unvergnglichen Zauber aus. So
nahm denn Guido abermal einen neuen Zug der Schhnheit von hinnen.

Sie besahen noch den groen Markt, der hier um diese Zeit gehalten wurde.
Auf dem Gefilde von Wola, berhmt im Alterthum durch die Knigswahlen,
hatte man ihm den Sammelpunkt angewiesen, da in der Stadt kein Raum dazu
vorhanden war.

Einen weiten leeren Platz umlief ein berdachter Sulengang, hinter welchem
sich ungeheure Speicher, die Waaren einzunehmen, befanden. Auf vielen
Kunststraen hatte sie der Vlker Thtigkeit hergefhrt. Eine davon lief
nach Konstantinopel, von dort nach Sirien und dem rothen Meere. Hier kamen
die Araber, auf lange Reihen von Kamelen, Spezereien und Gold geladen. Auch
die Athener, welche auf Prahmwagen, Statuen in Marmor und Elfenbein, wie
auch treffliche Gemlde brachten. Die andere ging um die Kaspische See nach
Ispahan und den indischen Eilanden. Daher nahten die Neu-Perser, mit
Elephantenlasten kstlicher Gewrze, feiner Zeuge und Edelsteine. Eine
dritte Strae war dem Chinesen, durch die Mongolei, Songarei, und das
Kirgisenland gebahnt. Er brachte Farben, Porzellan und andere Gegenstnde
seines Kunstfleies, denn der Krieg hinderte seine Karavanen nicht. Von
Petersburg erst bers Meer, und dann auf dem Weichselstrom herbeigeschafft,
langten vortreffliche Schiffe zum innlndischen Gebrauch an, die auf einem
Bassin, zum Marktfelde geleitet, feil standen. Auf hnlichen Wegen waren
vom uersten Norden, Arbeiten in Eisen und Pelzkleidungen gekommen. Eben
daher vortreffliche Geschirre, Fensterscheiben und Bauwerkstcke aus dem so
spt erst entdeckten Polkristall. Auf den vielen Kunstpfaden durch
Teutonien langten noch unendlich mehrere Handelswaaren an. Von den
englischen Eilanden, wissenschaftliche und technische Instrumente aller
Art. Man sahe ganz fertige Sternwarten, mit knstlichen Triebwerken des
Planetensistems, deren Genauigkeit und Feinheit in Erstaunen setzte, indem
sie auer den vielen neugewahrten Planeten und ihren Begleitern, auch alle
Kometen dieses Sistems darstellten, denn den jetzigen vollkommenen
Teleskopen, entging keiner mehr davon, wie weit auch seine Bahn ihn von der
Sonne wegfhren mochte. Fing man doch schon an, das Leben im Monde zu
beobachten, und seine Naturgeschichte zu entwerfen. -- Ferner Thurmuhren,
mit reitzenden Glockenspielen, an deren Zifferblatt, sich auer den
Stunden- und Minutenweisern, ein vollstndig entworfener Kalender befand,
daneben Thermometer, Barometer und Eudiometer, welche Klte oder Wrme,
Schwere oder Leichtigkeit der Luft, so unterrichtend bezeichneten, da
dadurch die Witterungsvernderung auf mehrere Tage vorher kund ward, und
Jedermann bei seinen Beschftigungen sich darnach fgen konnte. -- Ferner,
Mhlen zum Stampfen, Zermalmen und Sgen zugleich, und mit einem artigen
Mobile perpetuum regirt. -- Ferner, zum Behuf des Landbaues, Pflge mit
einer geringen Kraft bewegt, die den Boden zehn bis zwlf Schuh tief
aufwhlten, die geruhete Erde oben, die entkrftete unten brachten, sie
zugleich puderartig zerrieben, und von grbern Bestandtheilen durch Siebe
reinigten. Eben so Pflanzmaschinen, welche die Getraidekrner in beliebiger
Weite und Tiefe gleichabstehend einsenkten, und so Aufwuchs und Gedeihen
ungemein erhhten. Eben so Wsserungbehlter, geeignet, aus fernen Seen,
Strmen oder Kanlen mit wenigem Kraftaufwande, Flssigkeit
herbeizuschaffen, und durch hidraulische Vorrichtungen, in weit
ausgebreiteten Fontnen niederstrmen zu lassen. -- Der Franke lieferte
chemische Apparate zu vielen Zwecken dienlich. Auch der Landmann konnte sie
hlfreich gebrauchen, damit bei groer Drre, aus Wasserstoff ein Wlkchen
zusammensetzen, und auf seine Scholle niederfallen lassen. Zudem Kchen, wo
in sehr sinnreich gestalteten Tpfen oder Pfannen, die Speisen beraus
schmackhaft geriethen, und man auch Schnee und Eis sogleich bereiten
konnte. Imgleichen Kleidungsmaschinen, die man beliebig mit Seide oder
Wolle versah, und sich dann hineinstellte. In wenigen Minuten webte nun das
Kunstwerk ein Kleid, den Formen des dargebotenen Krpers niedlich
angeschmiegt, ohne Rath, wie sich von selbst versteht, frbte es zugleich
in der eben gltigen Modetinte, und parfmirte es mit kstlichen Oelen. Die
chirurgischen Instrumente der Franken waren nicht weniger sehenswerth.
Unter andern erblickte man da knstliche Ohren und Augen mancher Art. Bei
nur geschwchter Hr- oder Sehkraft wurde jene durch Rhre, diese durch
Glser bis zum Normalzustand verstrkt; auerdem hatte man aber, ein hoher
Triumph menschlicher Kunst, nachgeahmte Trommeln, Eustachische Rhren,
Augenpfel mit ihren sechs Huten und drei verschiedenen Feuchtigkeiten,
welche mit den Nerven, durch tglich wiederholten Galvanismus in Verbindung
gebracht, Tauben und Blinden, Schall- und Lichtstrahlen wunderbar wieder
einfhrten. Ihre Weinlger wurden nur von den spanischen und
portugiesischen bertroffen, wo in langen Reihen, Tonnen lagen, jede grer
als Ehedem das Fa zu Heidelberg. -- Die Italiner hatten unter andern
groe Orgeln, fr die Tempel, feil, in welchen die vielstimmige Vox humana,
die gewohnten Religionsgesnge deutlich vortrug, willkommen fr Ortschaften
die nicht reich genug waren, Chre zu unterhalten. Zudem auch Orchester, wo
eine Klaviatur, Hundert Saiten- und Funfzig Blaseinstrumente in Bewegung
setzte, welche auch durch Walzen die beliebtesten Tonstcke und durch
akkustisch nachgeahmte Soprane, Alte, Baritone u. s. w. schne Lieder
ausfhrten. Der Besitzer konnte also seinen Gast, wenn er wollte, mit einem
vollstndigeren Konzert bewirthen, als es vor Jahrhunderten Knige mit
groem Aufwand vermocht hatten. -- Der emsige Deutsche wetteiferte mit
allen Europern in Allem, und sandte daneben die meisten Bcher zum Markt.
Bcher, die Materien abhandelten, von denen die Vorzeit noch keine Ahnung
hatte.

Aber auch aus Amerika, Afrika und Polinesien waren Kaufleute anwesend. Sie
fhrten edle Steine, edle Metalle, ganze Naturalienkabinette aus ihren
Landstrichen, artige Sinzialos, Jakos, indianische Raben, die fertig
redeten, Menagerien von Lwen, Tigern, Leoparden, Giraffen, Armadille,
welche man aber nicht erstand, wenn sie nicht auch zugleich in ergtzenden
Knsten abgerichtet waren. Es gab auch in groen, durchsichtigen, mit
Wasser gefllten Behltern, Fische aller Gattung aus der Fremde.
Hornfische, Chimren, alle Haiarten, Panzerfische, Seedrachen, Zitteraale,
Katdons, und die vielen Geschlechter, welche erst entdeckt worden, nachdem
die Taucherkunst ihre jetzige Vollkommenheit erreichte.

So hatte die vermehrte Kultur, die gesetzliche Sicherheit, und die
Leichtigkeit der Reisen, Menschen von allen Stmmen hieher gefhrt. Wollige
Neger, schon lange nicht mehr zur Sklaverei verdammt, tanzten lustig am
Abend und sangen Nationallieder. Braungelbe Sinesen und Japaner zhlten
sorgsam ihre gewonnenen Summen. Olivenfarbene Araber, Indier, Malaien,
kauten ruhig ihren Betel oder schmauchten ihre Pfeife zur Erholung. Kleine
migestaltete, aber doch sehr lebendige, Ostiaken, Samojeden, Eskimos
liefen neugierig gaffend umher. Rthliche Amerikaner, noch den Federbusch
der Altvorderen tragend, zeigten ihre Kraft im Ringen und Laufen.
Neuseelnder, Otaheiter, Sandwichinsulaner, Bewohner der erst spt
entdeckten Sdpolarlnder, die schwrzere oder hellere Haut seltsam
punktirt, saen in ihren mitgebrachten Binsenhuschen auf knstlichen
Matten, die ihnen abgekauft wurden, um sie in Grten aufzustellen.

Das Getmmel auf diesem Markt war unbeschreiblich, die Wechselgeschfte
verbanden durch Federstriche, Neu-York und Ulimaroa, den Hoffnungskap und
Miako, Lissabon und Peking. Noch ist hier des Komptoirs zu gedenken,
welches die Land- und Seetruppen hielten. Da sie sich durch eigene
Thtigkeit unterhalten muten, beschickten sie auch die Mrkte mit
berflssigen Erzeugungen. Unter andern boten sie Feuerrhre, groer und
kleiner Art, feil, welche von Vlkern, die noch keine Waffenmanufakturen
hatten, eingetauscht oder gekauft wurden. Man ging aber auch,
vorausgesetzt, da man reich genug war zu solchen Ausgaben, in ihre
vorhandenen Metallgieereien oder Schmieden, um sich, die Geliebte, den
Freund, in Erz oder Stahl bilden zu lassen. Augenblicklich drckten
geschickte Meister die Gestalt in Wachs ab, um sie gleich darauf in Thon
nachzuahmen. Das Metall flo schon in den Glhfen, eilig vollendeten
flinke Gesellen die hohle Form, und der Gu erfolgte. Durch knstliche
Mittel ward nun das Metall erkaltet, die Form zerschlagen, das Jahrtausende
hhnende Standbild heraus gewunden und glatt polirt. Noch geschwinder
gingen die Stahlschmiede, mittelst ihrer mechanischen Vorrichtungen,
Feinheit und Gewalt auf eine zuvor nie erdachte Weise verbindend, zu Werke.
Ein Frst aus Amerika, eben mit seiner jungen Gemahlin zugegen, lie sich
mit derselben in Silber darstellen. Guido htte weinen mgen, nicht Ini
hier zu sehn, und kein Kaisersohn zu sein, um ihre Statue in Gold zu
begehren.

Nach viel erworbnem Unterricht, durch Gelinos Lehren und eigne Anschauung,
wurde des Jnglings Reise fortgesetzt. Er wandte sich nach Teutonien, wo
das platte Land ihn noch weit mehr in Erstaunen setzte. Er sah hier keine
Drfer mehr, sondern nur die in einander flieenden Vorstdte weitluftiger
Orte. Gelino erklrte ihm die Erscheinung einer so groen Lebensflle in
folgender Art:

Das Klima in diesem Lande ist weit milder geworden, seitdem unntze Kriege,
verderbliche Immoralitt und Krankheiten, gegen welche die unvollkommene
Heilkunde wenig vermochte, nicht mehr die Zunahme seiner Bevlkerung
hemmen. Mit ihrem Anwuchs veredelte sich der Boden wovon eine mildere Luft
immer die Folge ist. Der Mais- und Reisbau sahen hier schon lange
erwnschten Fortgang, und zwei Ernten sind gewhnlich. Wenige Morgen nhren
eine Familie bequem, und werfen noch einen Ueberflu ab, von dessen
Verkauf, sie nicht erzeugte Nothwendigkeiten anschaffen kann. Das in dem,
vortrefflich zubereiteten, Boden durch Maschinen gepflanzte Wintergetraide,
gelangt um die Mitte des Junius schon zur Reife, und lohnt meistens
funfzigfltig. Man mht es durch kunstreiche Sichelwagen, die zugleich
abschneiden, aufladen und hinterwrts den Boden wieder pflgen, wodurch die
Arbeit gar sehr vereinfacht wird. Nun ist Zeit genug brig, das Feld wieder
mit Sommerkorn, Gartengewchsen, Ftterungkrutern zu bestellen, wovon der
Flei noch reichen Gewinn im Sptjahre zieht. Dies wrde aber nicht immer
glcklich von Statten gehn, htte man nicht das Mittel erfunden, die
angebauten Fluren, gegen Klte im Lenz und Nachsommer zu sichern. Wenn die
Witterungmesser einen Frost ankndigen, eilt der Landwirth sein Feld mit
groen Strohmatten zu berdecken. Bei den kleinen Landporzionen ist es
leicht dies Mittel anzuwenden. In Wintertagen fertigt das Gesinde aus dem
reichlichen Stroh die Matten, ber Bume spannt man sie zeltartig, Fluren
werden ebenhin damit bedeckt.

Bemerke, wie sorgsam jeder Eigner, von jedem Schuhgevierte, Ertrag zu
ziehen sucht. Ein Zaun von nutzbarem Strauchwerk, umluft verwachsen die
Scholle. Kleine Beeren und kleine Nsse mancher Gattung blhen darauf. Das
Feld ist mit edlen Obstbumen beflanzt, an die ppige Weinreben sich
hinaufwinden. Ihr Schatten fhrdet die Saaten nicht, bei einem so krftig
gemachten Boden, und beim Pflanzen trgt man kluge Sorge die Wurzeln nicht
zu verletzen, was bei den guten Maschinen zu diesem Gebrauche leicht wird.

Futterkruter, gewisse wohlnhrende Rbenarten, getrocknet Baumlaub, sind
dem Viehe bestimmt, und leicht zieht eine Familie davon so viel auf, um mit
Milch, Butter und Fleisch versorgt zu sein. In jedem Hause befindet sich
eine Kelter, eine Anstalt zum Brauen, eine Anstalt zum Fertigen gebrannter
Wasser, im Kleinen. Die Arbeit daran ist so vereinfacht, da auch ein Kind
ihr vorsteht.

So ist also fr den Unterhalt dieser Menschen reichlich gesorgt, und die
eitle Furcht ob einer zu groen Bevlkerung, in rohen Zeitaltern oft
angekndigt, wrde nur Lachen erregen. Jedes neue Glied, das in die
Gesellschaft tritt, kann auch einen neuen Spielraum ntzlicher Thtigkeit
finden und seinen Bedarf gewinnen. Nach den vielen Erfahrungen welche man
sammelte, nach den vielen lehrreichen Entdeckungen, welche gute Kpfe im
Erproben des Ausfhrbaren machten, ist jedermann lebendig berzeugt, die
Fruchtbarkeit des Bodens sei noch um ein Ansehnliches weiter zu treiben, ja
die Grnze, welche einst der klugen Pflege ein Ziel setzen knne, durchaus
nicht abzusehn. Und trte ja nach Jahrhunderten, der unerwartete Fall ein,
mehr Menschen erzeugt zu sehn, als der Landesertrag nhren knne, so wei
man gar wohl, das es noch schlecht bebaute Lnder genug in anderen
Erdtheilen giebt, wohin sich Kolonien senden lassen. Afrika enthlt in
seiner Mitte groe Wsten, die, einst urbar gemacht, unermeliche Ausbeute
liefern werden. Am Susquehannach, am Orinoko, am Amazonenflu sind
weitluftige Strecken bereit, neue Millionen aufzunehmen. So rstig auch
der Altbritte daran ging, Ulimaroa, welches den Umfang von halb Europa hat,
und die weitluftigen Inseln, Neu-Guinea und Neu-Seeland, an Bewohnern
reich zu machen, so hat doch, im Verlauf weniger Jahrhunderte, immer noch
nichts Erhebliches geschehen knnen, und Auswanderer wrden dort hchst
willkommen sein. Ja, wie die Lehrer der Wissenschaften behaupten, in denen
die Umgestaltung des Erdballs abgehandelt wird, und wo man die jhrliche
Meerabnahme nach unbezweifelten Erfahrungen berechnen lernte, wird nach
einigen Jahrhunderten, ohne das im achtzehnten einst gefundene Polinesien,
ein ungeheurer neuer Erdtheil, aus dem stillen Ozean, westlich von Amerika,
treten. Die unter dem Meere hinstreifenden Parallel- und Meridian-Gebirge
verbreiteten hierber schon in alten Zeiten Licht, jetzt hat man ihren
Zusammenhang deutlicher erkannt, und vermag berhaupt aus der Vergangenheit
genauer auf die Folge zu schlieen, weil sinnige Forscher, ihre
Beobachtungen der Nachwelt, ein schtzbares Erbe, vermachten. So ist jetzt
unter andern die Insel Owaihi, weit grer an Umfang, als zu der Zeit, wo
ein khner Seefahrer, Cook genannt, sie entdeckte. Die ziemlich groen und
hohen Eilande, westlich von Peru, hieen vor Jahrhunderten die niedrigen
Inseln, ein Beweis, wie damals die See hher an sie hinaufsplte. Das
Senkblei fllt in ihrem Bezirk immer seichter, die Meermoose nehmen zu, die
Taucher knnen dort in der Tiefe mit Leichtigkeit beobachten, und aus allen
diesen Umstnden lt sich die Richtigkeit jener Verkndung ahnen. Alle die
Inselketten in jenem Meere werden dann die Gebirgrcken des neuen Erdtheils
sein.

Guido sagte hier zu seinem Lehrer: Du drngst mein Nachsinnen in einen noch
tieferen Hintergrund. Es macht zwar froh, so viel neue Mglichkeit des
Lebens zu trumen, auch sehe ich nur Vortheil fr das Geschlecht darin,
wenn junge Lnder zum Anbau einladen, wenn die Kaspische See, das schwarze
Meer, das mittellndische Meer, trocken geworden, mit Stdten und Drfern
berset werden knnen. Wo soll das aber endlich hinaus? Wenn nun das
Wasser, nach manchen Jahrtausenden, ganz vom Erdball verschwnde, mte
nicht die Menschheit, an seinen Verbrauch unablig gebunden, jammervoll
untergehn?

Gelino lchelte und gab seinem Zgling die Antwort: Dies knnte wohl sein,
und wenn die hchste Entwickelung, der Menschheit Zweck ist, was wre denn
noch an ihrer Fortdauer gelegen, wenn sie das Ziel umfat htte, und es
etwa mit jenem Zeitpunkt zusammentrfe? Gleichwohl drfte sein Untergang
auch nicht einmal an das Verschwinden des Wassers gebunden sein. Denn, kann
der Erdensohn nicht bernehmen, was die Natur nicht mehr nthig erachtet,
fr ihn zu leisten, da sie ihn genug mit Krften ausstattete, und der
Gebrauch dieser Krfte hinlnglich erweitert ist? Knnen wir nicht lange
schon Wasser chemisch bereiten? Wird diese Kunst sich nicht vervollkommnen?
Freilich, neue Meere, um sie lustig zu beschiffen, drfte man nicht
hervorbringen lernen; doch Flssigkeiten fr den Hausbedarf, Regengewlke
zum Trnken der Gefilde, wovon ja schon manche Versuche jetzt gelangen,
scheinen keineswegs auer dem Bereiche der Sterblichen zu liegen. Doch du
wirst darber in Berlin manche Hipothese hren.

Blicke einstweilen sorgsam auf die Einrichtungen, die unser Weg dir zur
Ansicht darbietet. Du siehst alle Stdte in Teutonien voller Kunstflei,
voller trefflichen Schulen; prachtvolle Tempel und Bhnen zieren die
meisten. Bei so vielem Reichthum, als der kluge Landbau einer groen
Volkmenge, hier dem Boden entlockt, ist der Stdte Flor eine ganz
natrliche Folge. Der Ackermann nhrt den Handwerker, indem er ihm seinen
Ueberflu verkauft, und von ihm wieder die Lebensbedrfnisse holt, welche
er nicht allein hervorbringen kann. Letzterer bezieht wieder die Mrkte
anderer Gegenden, mit der Arbeit, welche ihm daheim nicht abgenommen wurde,
und schafft dafr ihre Erzeugungen herbei. Das Geld, berall werthhaltig
und durch weise Aufmerksamkeit der Regierungen, im richtigen Verhltnisse
zum Preis der Sachen, empfngt einen schnellen Umlauf, und regt auf
demselben die Betriebsamkeit unaufhrlich an.

Wie blhend wir aber diese Gegenden finden, so htten wir nur alte Bcher
zu fragen, um ber die Barbarei, welche noch vor drei oder vierhundert
Jahren sie drckte, belehrt zu sein. Damals fand man kaum jede halbe Meile
ein elendes Dorf, in dessen unreinlichen Strohhtten sklavensinnige
Halbmenschen wohnten.

In den Stdten lag der Gewerbflei krankend danieder. Europens Staaten
hatten sich nicht weise verbunden, um durch Handel gegenseitig ihre
Thtigkeit zu beleben und die Gensse auszutauschen; man sann nur auf
Uebervortheilung, die am Ende Allen verderblich war. Unnatrlich groe
Heere wurden auf den Beinen gehalten, wodurch dem Gemeinwesen so viel
jugendlich rstige Krfte entgingen. Diese Heere nhrten sich nicht selbst
durch Nebenarbeit, sondern muten Sold empfangen, wodurch die Regierungen
sich genthigt sahen, die Vlker mit Abgaben zu erdrcken. Unter solchen
Umstnden muten die meisten Lnder zur Hlfte Wsten bleiben; Tausend
harter Ungerechtigkeiten und Thorheiten, die natrliche Folge verkehrter
Einrichtungen, nicht zu gedenken.

Und die Menschen hatten doch damals, so gut wie in unseren Zeiten, die
gttliche Kraft der Vernunft, auch Philosophen in Menge, welche, die Natur
dieser Vernunft zu erkennen, sie gleichsam anatomisch zu zerlegen und
scheideknstlerisch in ihre Bestandtheile aufzulsen strebten. Es galt
demungeachtet von ihnen, was einer ihrer alten Dichter sang:

   Unselig Mittelding vom Engel und vom Vieh,
   Du prahlst mit der Vernunft, und du gebrauchst sie nie.

Unter diesen Gesprchen kamen die Reisenden durch einen kleinen Ort, wo sie
ein dichtes Volkgedrnge und lauten Jubel wahrnahmen. Sich von dem Anla
dieser Erscheinung zu unterrichten, nahten sie, und sahen einen Aufzug zum
Mariatempel wimmeln. Wohlgeschmckte Priesterinnen gingen, einen lauten
Chorgesang anstimmend, voran; dann folgte ein etwas gebeugter, doch
gleichwohl noch munterer Greis an seinem Stabe, am Arm ein Altmtterchen,
das zwar kaum noch den Fu von der Stelle zu heben vermochte, dem bei dem
Allen aber, aus einem mit Runzeln berpflgten Gesicht und dem ermatteten
Auge heitre Freude schimmerte. Um die schneeweien dnnen Locken des Paares
waren Blumenkrnze geflochten, eine lange Reihe folgte ihnen, bunt aus
Personen von dem verschiedensten Alter zusammengestellt, Greise und
Greisinnen, Mnner und Frauen in den Mitteljahren, viel blhende Jugend und
ein zahlreicher frhlicher Kinderschwarm.

Die befragten Zuschauer unterrichteten Gelino: wie das Paar die
Hundertjhrige Feier seiner Ehe beginge. Im fnf und zwanzigsten Jahre,
erzhlten sie, heirathete einst der Greis, seine Gattin zhlte damals
zwanzig. Arbeit, Migung, zufriedener Sinn, lieen sie ein so hohes Alter
erreichen. Die ihnen zum Tempel folgen, sind ihre Kinder, Enkel und
Urenkel, ein markig Geschlecht, den Stammltern mit inniger Liebe und
Ehrerbietung zugethan.

Tiefere Rhrung empfand Guido whrend seiner ganzen Reise nicht, als im
Anblick dieser Feier. Er versenkte sich in die Vorstellung der
Glckseligkeit jenes Patriarchen, hinschauend auf seine Nachwelt,
rckblickend in die wonnevolle Vergangenheit eines Jahrhunderts huslicher
Eintracht. Und wie Liebe alles gern auf sich bezieht, so trumte er mit
hochwogendem Busen, ein Eheleben mit Ini von langer Dauer und am spten
Lebensziele gekrnt von Urenkeln.

Sie langten bald darauf in der Gegend von Berlin an. Die Masten vieler See-
und Stromschiffe erhoben sich, einem Walde gleich, aus seinem breiten
Hafen, mit leichten bunten Flaggen geziert, spielend im frischen
Abendwinde. Die schne Bergkette, welche an einer Seite den groen Ort
umgab, stellte eine lachende Ansicht dar, bepflanzt mit Weingrten,
beschattet von Lustgehlzen und prangend mit heiteren Sommerwohnungen
reicher Brger.

Hier triumphirte, fing Gelino an, menschliche Kunst auf eine seltne Art
ber die widerstrebende Natur. Vor Jahrhunderten sah der Wanderer hier nur
eine langweilende, kaum von unbedeutenden Erhhungen, die nicht einmal
Hgel, sondern Niederungsrnder des Stromes waren, unterbrochene Flche.
Die Stadt lag gleichwohl schon in dem Sandmeere da, zeichnete sich durch
regelvolle Anlage, und, nach damaligen Begriffen, schne Prachtgebude aus,
wovon man noch manche Ruinen, sogar einige noch ziemlich erhalten sieht,
die dir, wenn wir ihre Pltze und Straen durchwandeln, zu Gesicht kommen
werden.

Da nun aber die inneren Kriege in Europa geendet hatten, und, als
nothwendig glckliche Folge, die Kultur stieg, auch Berlin, der Sitz des
europischen Bundesgerichts -- welches man hieher verlegte, weil Berlin
ziemlich den Mittelpunkt von Europa einnimmt -- sehr bedeutend wurde,
wollte der Schnheitsinn ihm eine anmuthigere Umgebung erziehen, so wie die
Weisheit nthig fand, seiner groen Einwohnermenge neue Quellen der
Erhaltung zu ffnen.

Beide konnten, wie fast immer, Hand in Hand gehen. Der berhmte Kanal, tief
genug um Meerfahrzeuge zu tragen, der die Elbe und Oder auf einem nahen
Wege verbindet, und bei Berlin vorber geht, wurde gefertigt, dazu der
Hafen, dessen blaue Wogen dort schimmern, an Gre einem migen Landsee
gleich. Ohne die Pulversprengungen und die neuerfundenen mechanischen
Hebewerkzeuge, mit welchen die Grunderde leicht aus der Tiefe zu winden
ist, und man die Strme gegen Versandung und Seichtigkeit schtzt, wren
solche Arbeiten unmglich gewesen; mit ihnen kam es nur auf Geld und emsige
Hnde an, die nicht mehr fehlten, als mit der Bevlkerung aller Kunstflei
mchtig heranwuchs. Auch wurde der Elbstrom, bis gegen die Bhmischen
Gebirge, ausgetieft, und eine groe Zahl gerumiger Schiffe, fhrte aus den
dort, lebhafter als je bearbeiteten Steinbrchen, die Quadern, womit des
Kanals Seitenwnde eingefat wurden. Die aus dem Hafen gewonnene Erde
diente nun, jene erhabene Bergkette aufzuthrmen. Ist ihre Hhe, gegen
Urgebirge gehalten, freilich nicht von groem Belang, so ist sie es doch
scheinbar, da sie sich aus der Ebene erhebt.

Indem, nach dreiig mhevollen Jahren, diese Werke ihre Vollendung sahen,
meinten die Zeitgenossen, sie wren immerhin, an Arbeit, mit den Piramiden
von Egipten zu vergleichen, bertrfen sich jedoch weit an Nutzen. Sie
hatten Recht: wer staunte nicht sie erblickend, und wie es sich von selbst
versteht, wurden Hafen und Kanal die Quellen groer Reichthmer fr Berlin.

Sie waren unter diesen Gesprchen bis an ein Thor gekommen, das auf groen
Sulen ruhte. Der Lehrer hatte einst, wie sich auch von seiner Vertrautheit
mit den berall vorhandenen Gegenstnden erwarten lt, Europa schon
durchwandert, und konnte daher seinem Zgling immer Auskunft geben. Dies
Thor, das Brandenburger seit dem Alterthum genannt, ist das schlechteste,
es bleibt jedoch als eine ehrwrdige Antiquitt stehen, und trotzt auch
schon drei Jahrhunderten durch seine Festigkeit. Dies darf um so mehr
befremden, als seine Erbauung noch in die Zeit fllt, wo Bruchsteine nur
mit schwerer Mhe auf rmlichen Spreekhnen herbeigefhrt wurden, und man
sich meistens der Ziegel bediente. Jetzt haben es freilich die Baumeister
bequemer, da der Elbkanal, von Pirna her, so groe Ladungen von Felsblcken
trgt, und nun knnen freilich die Tempel und Pallste leicht so stattlich
sein, als wir sie sehen.

Schon vor der Stadt hatte Guido zu seiner Verwunderung wahrgenommen, da
eine Menge leuchtender Kugeln ber den Husern schwebend erschienen. Nun
erklrte sich das. Man erleuchtete nehmlich die langen graden Straen mit
doppelten Hohlspiegeln von betrchtlichem Umfang, auf hohe Sulen gestellt.
Vor ihnen brannte eine kunstreiche, durch Luftzge verstrkte Flamme, deren
Licht aber, mittelst einer angelaufenen Kristallscheibe, sanfter erschien,
so da das Ganze den Vollmond um so tuschender nachahmte, als seine Karte
auf die Scheibe gezeichnet war. Die Wirkung glich eben so, und ein traulich
Silberlicht go seine Schimmer in die Straen und Pltze nieder. In der
Mitte der Lnge einer jeden Strae, brannte ein solcher Hohlspiegel, fr
die Erleuchtung nach beiden Seiten genug, doch so, da man sich mit seiner
Gre nach der der Strae richtete. Am Abend gab dies Heer von Monden der
Stadt von Auen ein sonderbar liebliches Ansehn.

Sie stiegen in einem bedeutenden Gasthofe ab. Nachdem jedem von ihnen ein
Badezimmer angewiesen worden, erfrischten sie sich in silbernen mit
Rosenwasser gefllten Wannen. Hierauf trugen wohlgekleidete Diener das Mahl
zur Nacht auf. Es bestand unter andern aus Kalbnieren von Archangel, sehr
von leckeren Gaumen beliebt, aus einer Surinamschen Schnecke, deren
gewundenes gesprenkeltes Haus einen Krbis an Gre bertraf, und aus
Vogelnesten, wohlerhalten von Tunkin gebracht. Wein von Cipern und Buenos
Aires, Sorbet in Ispahan verfertigt, perlten in Kristallflaschen. -- Warum
gebt ihr uns Speise und Getrnk aus ferner Zone? fragte Gelino einen
Diener, ob ihr gleich in eurem gesegneten Lande kstlichen Ueberflu
erzieht. Wird es uns doch wohlfeil in den Hafen gebracht, und gegen unsere
Erzeugnisse vertauscht, war die Antwort.

Sie gingen noch auf einen Ball, wo sehr schne, doch an Betragen beraus
sittsam zchtige, Mdchen tanzten. Gelino sagte: Ihre Formen sind zart und
athmen Harmonie, doch die frisch lebendige Flle, welche wir an den Grazien
in Polen sahn, mangelt ihnen dennoch. Allein der Abkunft ist dies
zuzuschreiben, ihre Vorltern lebten einst in argem Sittenverderb. Jetzt
dagegen giebt es nirgend auf der Erde keuschere Frauen, wie zu Berlin, und
zwar sind sie das aus lauter Geschmack. Die Feinsinnigen wissen, da man
nur durch Keuschheit sich die hchsten Freuden der Liebe bereitet. Darin
haben sich hier die Zeiten, gegen Ehedem, durchaus umgewandelt. Merke dir
brigens das lehrende Wort, Guido!

Dieser antwortete: Ich bedarf dessen nicht, Ini zeichnete es mir mit
heiliger Schrift in den Busen.

Am andern Morgen hub Jener an: Du sollst hier einer Sitzung des ehrwrdigen
Rathes, Bundesgericht von Europa genannt, beiwohnen, und hier berhaupt
lernen, welche Bewandni es mit unserer Verfassung hat.

Noch wenig hrtest du von den Knigen in diesem Erdtheil, wenn wir schon
einige mit ihren glanzvollen Umgebungen sahen. Dies ist aber ein groer
Segen fr die Menschheit. Im Alterthum war es ihre Sucht, von sich reden zu
machen, und sie whlten das Verderben, ber Fremde und Unterthanen
gebracht, unter dem Namen Heldenthaten. Jetzt, einem schneren Beruf
hingegeben, mu es ihr Ehrgeiz sein, da ihr Name wenig zur Sprache kmmt,
denn so wird der Beweis, da keine Noth ber ihr Land hereinbricht, am
besten gefhrt. Den Lohn fr eine musterhafte Verwaltung empfangen sie beim
Leben um so weniger, als Schmeichelei in Europa fr das tiefste Verbrechen
geachtet wird; doch nach ihrem Tode erkennt das Bundesgericht, wohin ihre
Urne gebracht werden soll. Haben sie die Bevlkerung gemehrt, erhoben sich
Landbau, Wissenschaft und Kunst in ihren Gebieten, kmmt sie in den Tempel
der Unsterblichkeit, den du einst in Rom besuchen wirst. Sahen sie aber die
Regierung als einen Genu, nicht als eine Pflicht an, gelangt sie in einen
gemeinen Todtenacker, und wird der Vergessenheit bergeben. Auch ist es
herkmmlich, da dann die Geschichte ihren Namen nicht nennt, sondern nur
sagt: In diesen Jahren herrschte ein Knig, dem das Gehorchen besser
gewesen wre.

Als nach vielen blutigen Jahren die neue Verfassung endlich gegrndet
werden konnte, wollte man erst die Knige whlen, und immer dem Weisesten
in irgend einem Lande die Krone geben. Allein die Schwierigkeiten bei der
Wahl mahnten ab, die Buhlerei um die Gunst des Volkes wrde heuchlerischen
Sinn hervorgebracht haben, und die Stifter des groen Bundes heiligten
berall die Wahrheit. Aurelius, der groe Kaiser, von dem du schon oft
hrtest, behielt demnach die Geburtfolge bei, doch traf er die
Einrichtungen so, da, was frherhin nimmer geschehen war, auch die Knige
zu ihrem Amte erzogen wurden.

Hiebei verfuhr man im Laufe der Zeit abweichend, je nachdem eingesammelte
Erfahrungen die Ansichten umwandelten. Bei einer Erziehung, die es, unter
sparsam eingepflanzten fremden Begriffen, auf mglichst vollkommene
Entwickelung der Eigenthmlichkeit anlegte, hat sich gezeigt, da sie dann
mit dem wirklichen Zustand der Dinge nicht vertraut genug wurden. Bei der
mglichst sorgsamen, wissenschaftlichen Bildung ist es wohl geschehen, da
die Staaten Mnner auf den Thronen erblickten, welche zu weit mit den Ideen
ber die Wirklichkeit hinaus drangen. Endlich kam man dahin, Eigenthum und
Fremdheit dadurch ins Gleichgewicht zu bringen, da die Frstenshne, frh
in ein Fndlinghaus gebracht, Herkunft und Beruf nicht erfahrend, solche
Pflege genossen, da an Krper- und Geisteskraft, vor allen Dingen Mnner
aus ihnen wurden. Anschaun der Welt, nach Studien, bei welchen ihnen viel
Willkhr gelassen wird, mu hauptschlich ihr Nachdenken ber die
brgerliche Verfassung wecken, sie gerathen in Lagen, wo sie, zum Handeln
gezwungen, ihre ganze Thtigkeit krftigen, hie und da giebt man ihnen,
nach dem Maae ihrer Fhigkeit, irgend ein Amt zu verwalten. Bisweilen
schpfen sie Unterricht in der Regierungskunde von Weisen, oder an einem
fremden Hofe lebend, wo sie sie ausgebt beobachten, und mssen sich dann,
unterrichtet ber ihre Bestimmung, einer Prfung des groen Rathes
hingeben. Fllt diese Prfung zu ihrem Vortheile aus, werden sie
regierungsfhig erklrt, wo nicht, sind neue Anstrengungen unerlssig.
Denn, da es die Klugheit untersagt, das niedrigste Amt im Gemeinwesen,
jemanden zu vertrauen, der nicht seine Tchtigkeit dazu auer Zweifel
gesetzt htte, so gilt dies allerdings um so mehr vom hchsten, und eine so
weit herangereifte Zeit als die unsere, kann sich nicht den Tagen roher
Barbarei gleich stellen, wo es fast allein dem blinden Zufall berlassen
blieb, ob ein Frst sein Amt begreifen werde oder nicht, wo das frhe Gift
der Schmeichelei ihre Herzen verdarb, wo die eigne Kraft so wenig Anreitz
zum eignen Gebrauch fand, weil die Kraft der Diener fr sie waltete, wo sie
bald ihre Leidenschaften zum Gesetz erhoben, bald sich Ekel an ihrem Amte
und ein sieches Leben erschwelgten, bald ganze Geschlechter in unsinnigen
Kriegen zertraten, bald ihres hohen Berufes vergessend, und mit elenden
Kleinigkeiten ergtzt, ihre Vlker jedem Sturm von Innen und Auen Preis
gaben. Hart muten solche Zeiten ihren Wahnsinn ben, und das Loos der
Knige fiel auch sehr traurig. Denn die reichen Gensse freuten sie nicht,
da sie keine Entbehrungen wrzten. Die Wahrheit kam ihnen selten zu Ohr,
und so im Dunkeln tappend, konnten sie fast nur durch ein Wunder, die ihrer
Zeit jedesmal zutrglichen Maanehmungen ergreifen. Wissenschaft, die ihnen
allein ein klares Auge htte erziehen knnen, um durch die dicke
Weihrauchumwlkung zu schauen, blieb ihnen meistens fremd. Immer waren sie
von Ehrgeitz und Raubsucht der Nachbarn bedroht, eine Kunst, damals Politik
genannt, und nicht viel besser als Schutz durch Trug vor Trug, ngstete sie
unaufhrlich. Jetzt dagegen schirmt sie die Moral des Vlkerrechtes, sie
sind nicht nur heilig dem Unterthan, sondern allen Vlkern, die das groe
Volk von Europa zusammenstellen, edel genug ist ihre Bildung um hhere
Glckseligkeit, als die sinnlichen Gensse oder eitlen blutigen Ruhm,
erkennen und empfinden zu lernen.

Es ist brigens hergebracht, da vor dem dreiigsten Jahre kein Frst das
Szepter in die Hand nehmen darf, wird ein Thron frher erledigt, folgt eine
Regentschaft.

Worin bestehn hauptschlich die Geschfte eines Knigs? fragte Guido.

Er hat die Satzungen der drei Rthe entweder zu genehmigen oder zu
verwerfen, und lt sie in jenem Falle mit Machtvollkommenheit zur
Vollziehung bringen, antwortete Gelino.

Aber knnten die Rthe nicht allein, durch Stimmenmehrheit, entscheiden,
und mit Gewalt zum Vollbringen ausgerstet sein? So bedrfte es keiner
Knige.

Trennungen, Partheigeist, Unruhen, sind dann, wie die Erfahrung bewies,
leicht die Folge. Wir wrden sie zwar weniger zu frchten haben, als jene
Zeiten, da beim Einzelnen die Sinnlichkeit selten, die Vernunft meistens
den herrschenden Zgel fhrt, aber wenn alle Gewalten in eine Spitze
auslaufen, ist die Rckwirkung nachdrcklicher.

Beschrnken brigens diese Rthe den Knig?

In Nichts, er kann sie sogar aufheben, mit andern Formen vertauschen, die
er zutrglicher findet. Doch seit lnger als einem Jahrhundert lie sie
jeder Monarch unangetastet weil er die Trefflichkeit der Einrichtung nicht
verkennen konnte. Denn, will sich der Monarch selbst am Besten befinden,
mu er am vollkommensten mit dem Ganzen verinnigt sein. Die Rthe sind das
Mittel dazu. Sie fllen den Raum vom Schlustein der Piramide bis an ihre
Ausbreitung, bilden diese vielmehr selbst. Unabhngige Gewalt ist den
Knigen darum verliehen worden, damit desto weniger Reitz zu ihrem
Mibrauch entstehen knne. Wer alles hat, kann nichts mehr fordern wollen.
Die gute Verwaltung ist ihnen durch die Umstnde auferlegt, denn verwalten
sie schlecht, verlieren sie mit dem Ganzen, und ihr Nachruhm schwindet auch
hin. Doch ein Opfer mssen sie fr den berwiegenden Genu von Rechten,
gegen andere Brger, bringen. Es ist hart, allein ihre Vernunft mu die
Gte des Opfers einsehn, und die Knige, auch ohnehin in Europa
Republikaner, werden es dadurch gewissermaaen noch mehr. Sie mssen sich
-- dies ist Reichsgesetz und wird im Fall der Widersetzung durch die
Gesammtkraft vollzogen -- der Sigkeit entbrigen, ihre Kinder um sich zu
sehn. Diese werden, wie du schon erfahren hast, besonders erzogen, und das
Gemeinwesen kann nur, vollkommen beruhigt, Machtvollkommenheit vertrauen,
wenn sie berzeugt ist, sie der Einsicht zu bertragen.

Welche Einknfte genieen die Knige?

Den Hunderttheil von allem Erwerb im Lande. Je bevlkerter und regsamer
das Land ist, je hher steigt ihr Gewinn, also liegt es in der Natur ihres
eigenen Vortheils, die Menschenzahl, durch Erweiterung der Subsistenz zu
mehren, und die mglichste Freiheit zu ihrer Bereicherung zu gestatten. Und
dies ist denn auch die beste Regierung. Geitz wre Thorheit, und Thoren
knnen die Throne einmal nicht besteigen, Verschwendung eben so, daher
sieht man Ueberall gute Haushaltung, weil ihr Vortheil, ihr Ruhm, sie den
Knigen auferlegt.

Fremdes Eigenthum an sich reien zu wollen, kann ihnen nicht einfallen,
denn die Unsicherheit desselben wrde ohne Zweifel alle Betriebsamkeit
lhmen, und sie um so viel im Ganzen verarmen, als sie im Einzelnen
ungerecht sich bereicherten.

Welche Ausgaben bestreiten die Knige?

Sie solden die Rthe, ihre Hofhaltung, und legen eine jhrliche Summe in
den Gesammtschatz von Europa, den Krieg bestreiten zu helfen, wenn er gegen
andere Erdtheile nothwendig wird.

Von den drei Rthen habe ich manches erfahren, doch wnschte ich, du
nenntest mir ihre eigentliche Bestimmung genau.

Sie sind mit der Religion oder Moral, was Eines und Dasselbe geachtet
wird, verbunden, und die Klugheit gilt auch wieder eben so viel. Die hhere
Religion, auch mit dem alten Namen Philosophie benannt, ist vom Irdischen
abgezogen, hat darauf keinen vom Staat gelenkten Einflu, jeder Einzelne
mag zu seiner inneren Wrdigung davon zu erkennen suchen, was er vermag,
die Feste des hchsten Wesens, vom Volke unter dem Himmelgewlbe begangen,
sind ohne Priester, ohne Kultus, jeder feiert dort mit dem Herzen. Alles
das ist dir bekannt, und du hast das heilige Grauen, die Wonneschauer
eingestanden, welche bei solchem Anla ber dich kamen. Doch die irdische
Religion, in drei Tempelsatzungen getheilt, bestimmt, das Leben schner mit
der Idee zu gatten, steigt auf zur Verehrung hoher Simbole und auch wieder
nieder in die Welt vorhandener Dinge, krftiger und erleuchteter zu
heiligen. Du knietest oft gerhrt im Christustempel, dem ersten von allen.
Seine Priester haben einen obern Sinod, aus den wrdigsten gewhlt, sitzend
im Obertempel, in der Hauptstadt des Monarchen. Christus ist uns Heros,
oder Beschtzer und Verklrer der Erziehung und des Brudersinnes. In seinem
Geist, und auf den Zeitfortgang merkend, haben also die Wrdigen aus denen
jener Sinod zusammen gestellt ist, ber Erziehung und Brudersinn zu wachen,
dem Volke Freiheit und Kunde zu ihrer Verbesserung, auf jede Weise zu
bereiten, es durch Rath und auch durch Beispiel zu erleuchten, dem Frsten
Nachricht von allen Fortschritten zu geben, Vorschlge darzubringen, wie
neue Stufen der Vollkommenheit zu ersteigen sind. Das Wort Erziehung hat
aber einen weiten Umfang. Es begreift nicht nur die Abhrtung und Bildung
der Jugend, auch die Erziehung des Geschlechtes durch hheren moralischen
Adel zu glcklicherer Wohlfahrt. Dies kann auf keinem anderen Wege
geschehen, als wenn Arbeitsamkeit zuvor den Gewinn der
Lebensnothwendigkeiten erhht. Daher stehen nicht nur die Schulen, sondern
auch der Landbau, und alle ntzlichen Handwerke, unter der Leitung des
Christustempels. Der obere Rath spaltet sich in die besonderen Kammern und
hlt in den einzelnen Bezirken untere Verweser, gemeinhin Tempeldiener
zugleich, welche heilsame Sorge tragen, und vorzglich ihrem Beruf darin
nachkommen, da sie den weisesten Aufflug in Allem beachten, ihm, nach
weisen Anzeigen, so viel als mglich die Richtung geben, und, indem alle
Weisheit in ihre Krperschaft strmt, diese auch wieder der Quell sei, aus
welchem das Volk schpfen knne. Der Brudersinn ist zum Gedeihen aller
Volkthtigkeit nothwendig, weil ohne ihn, ein Theil dem andern, berall
Hindernisse legen wrde. Er folgt jedoch aus ihrer hheren Vollkommenheit
von selbst, denn weil alsdann die Noth um das Mein und Dein, sich immer
mehr verringern mu, sind die Hauptwurzeln aller Feindseligkeit auch immer
mehr vertilgt. Ermahnungen in frommen, verstndigen, ffentlichen Reden,
Belebung des Funkens der Menschenliebe in jeder Brust, durch Lehre und
Beispiel, die rhrenden Knste zur Mitwirkung rufend, werden keineswegs
versumt; doch strebt man am mhsamsten, die Triebe der Selbsterhaltung und
Geselligkeit, dem Sterblichen durch die Hand der Natur gegeben, in Einklang
zu bringen, wobei das Uebrige sich ziemlich allein giebt. Du lerntest nun
bersichtlich den ersten Rath der Knige und seine ausgebreiteten
Verwaltungzweige kennen. -- Der zweite Rath hngt mit der Verehrung des
Moses zusammen. Dieser ist Heros der Gewalt, des Rechtes. Insofern sich
dies auf den Krieg bezieht, schweige ich, es wurde dir im groen Feldlager
kund. Reden wir von dem brgerlichen Eingriff. Wie schon in Europa uns ein
weit greres, vollstndigeres Leben zu Theil wurde, das immer neue
Verhltnisse schafft, und immer mehr, den Lebenserwerb bequemer
gestaltende, Einsichten hervorbringt; wie glcklich die, von Wahn
gereinigte und durch die Knste veredelte Religion, in einen reinen Antrieb
zum freien Guten umgewandelt ist; in welche zarte Mistik, die Grundlinien
der Brgerehre verwebt wurden; wie klar das, in frher Erziehung gebte
Kombinazionsvermgen, die Nothwendigkeit des Rechtes, in den viel
erweiteten und berichtigten Gesellschaftsbeziehungen, einsieht; wie sorgsam
weise Jahrhunderte zu fernen suchten, was gereizte Begierden wecken,
niedere Leidenschaften entflammen kann; immer war doch der Stoff des
Widerstrebens gegen das Gute, in der Sterblichen Brust nicht ganz zu
tilgen. Die Eigensucht will hie und da immer noch zum Schaden des
Gesammtvortheils auf _sich_ beziehen, und sind die Verbrechen gleich bei
weitem seltener als Ehedem, hren wir, Dank sei es den besseren Zeiten! nie
von solchen, die vor Jahrhunderten noch die menschliche Natur entweihten,
so wird das Gesetz doch bisweilen umgangen, und ein ernsterer Widerstand in
warnenden, auch drohenden Ahndungen, ist nthig. Er geht vom Mosestempel
aus. Hier wird Recht gesprochen ber den Frevler, wiewohl, von zehn Jahren
zu zehn Jahren, die Strafsatzungen haben gemindert werden knnen, indem die
traurigen Flle, wo sie eintreten muten, abnahmen. Hier werden auch
Streitigkeiten ber Eigenthum, bei denen kein bser Wille, sondern Zweifel
zum Grunde lag, geschlichtet. Doch nicht, wie vormals, hlt sich die
Gerechtigkeit verborgen. Oeffentlich im Tempel, vor der Menge Augen, bt
sie ihr wohlthtig Amt. Auch predigen die Richter dem versammelten Volke,
erklren das Gesetz, beweisen sein Heil, schrfen seine Wrde, und zeigen
vorzglich den Unverstand aller gesetzwidrigen Handlungen, wodurch denn der
erregte Ehrgeitz guter Vernunft, auch ein Sporn zur Tugend wird. Entsteht
eine Klage ber Gewaltthtigkeit -- die letzten Jahre zhlten sie sparsam
-- so dingt derjenige, welcher die Beschwerde zu fhren hat, einen Maler,
der die krnkende Handlung nach der Natur darzustellen hat. Das Gemlde
wird vor den Richtern hingehangen, und spricht zu ihrer Empfindung. So
braucht es der Anwalde Beredsamkeit nicht. Doch, der Recht verwaltenden
Priester Amt nicht freudelos zu machen, ist ihnen auch die schnere
Obliegenheit geworden, Lohn fr edle That zu spenden. Sie rufen den Brger
vor ihren Stuhl, den eine ntzliche Entdeckung verdient machte, der irgend
etwas erfand, wovon die Gesammtheit Vortheile ziehen kann, den Mann der
funfzig Jahre irgend einen Beruf rhmlich verwaltete, das Ehepaar, in einer
langen Reihe von Jahren durch husliche Tugenden ehrwrdig, den alten
treubewhrten Diener, und ertheilen ihm ffentlich Lob oder Ehrenzeichen.
Die ltesten, tadellosesten, weisesten unter allen Mosespriestern, bilden
in der Hauptstadt des Knigs den zweiten Rath. -- Im Tempel der Maria fleht
die Liebe, der Ehen heiliges Band wird dort geknpft, die schnen das Leben
schmckenden Knste, die Poesie, die aufgeblhte Jugend whnen sich in der
Obhut der Heiligen. Unter ihren Priesterinnen steht nun das ganze weibliche
Geschlecht. In alter Zeit wurde es herabwrdigend beengt, wir aber sahen
ein, da Vernunftwesen eine andere Stellung in der Gesellschaft gebhrt,
und ihre Moralitt so durchaus gewinnen mu. Darum ben sie eignen
erhebenden Kultus, werden in Reden edler Priesterinnen an die Gattinpflicht
gemahnt, ihnen die Grundstze der frhesten Kinderzucht erlutert, ihr Sinn
fr das Schne und Gute geschrft, wodurch sie an Anmuth und
Liebenswrdigkeit zunehmen. Bei uneinigen Ehen wird der Frauen Recht
wahrgenommen, im seltnen schlimmen Fall, Trennung verhngt. Strafe kann dem
Weibe nur von hier zuerkannt werden. Die edleren unter den edlen dieser
Priesterinnen, stellen des Knigs dritten Rath zusammen. Eine frhere Zeit
wrde ber den Rath von Frauen gelacht haben, und doch ist er so
angemessen. Auch hat ihr feiner Sinn schon des Guten unendlich viel
gestiftet.

Nenne mir die Bestimmung des Kaisers!

Er ist oberer Kriegsherr. Die gesammten Truppen stehen unter seinem
Befehl. Er wacht ber den Frieden der Republik, lt die Heere ins Feld
rcken, wenn der Kampf unvermeidlich wird, und endet ihn, wenn es ihm
gelang, die Feinde zur Vershnlichkeit zu bewegen. Die Gesetze der
Rekrutirung sind bleibend, nicht der Frsten sonstige Machtvollkommenheit,
nur ein allgemeiner Beschlu knnte sie umwandeln. Auch ziehn die Knige
nicht mit ins Feld, da sie ihre Staaten daheim zu leiten haben, wohl aber
die Shne, wenn gerade ihre Dienstzeit in den Ausbruch eines Krieges fllt.
Die Uebung der Truppen und Flotten, die Vervollkommnung derselben durch
besser erkannte Technik, stehen unter Kaisers Vorsorge, und das Strategion,
dir schon bekannt, prft, schlgt vor, entscheidet ber einzelne Flle,
theils allein, theils nachdem der Kaiser besttigte. Der Kaiser ist auch
Vorsitzer des Bundesgerichts, und hat seine Aussprche zu sankzioniren,
insofern von Streitigkeiten der Knige gegen einander, oder von
Wiederbesetzung eines erledigten Thrones die Rede ist. Wenn dies Gericht
nicht in Rom seinen Aufenthalt hat, so liegt auch die Absicht zum Grunde,
da es nicht dem Kaiser unbedingt unterworfen werden soll. Die
Telegraphenlinie kann ihm zudem in wenigen Stunden von den Verhandlungen
Nachricht senden. Der Kaiser hat auch sein Knigreich, und zwar das
grere, aus welchem seine Einknfte ihm zuflieen. Seine Vorfahren htten
bei ihrem groen Waffenglck leicht ganz Europa sich _unbedingt_
unterwerfen knnen, sie wollten es aber nur durch die gegenwrtige
Verfassung _bedungen_, wodurch das weite Reich bequemer regiert, und der
immer fortgehenden Entwickelung eine freiere Bahn gelassen wird.

Guido dachte, als sein Lehrer geendet hatte viel ber die Verfassung von
Europa nach, es drngten sich ihm manche Ideen auf, wie sie noch gesteigert
werden knnte, und er nahm sich vor, darber einen Entwurf aufzusetzen.
Gelino billigte das, ihm zusagend: wenn seine Vorschlge gut wren, er
sicher auf das Vergngen zhlen knne, sie in Ausfhrung gebracht zu sehn.

Sie gingen nach dem Pallast, wo das Bundesgericht oder Vlkertribunal seine
Sitzungen hielt. Es war ein Gebude, das durch seine Festigkeit auf ewige
Dauer berechnet schien. So viel besondere Reiche in Europa, so viel eherne
Bildsulen von einer Staunen erregenden Gre zierten das Dach. Sie hielten
sich umschlungen, ein Adler schwebte mit seinen breiten deckenden Fittigen
ber die majesttvolle Gruppe. Im inneren Marmorsaale empfand Guido fromme
Schauer der Ehrfurcht, als er die Versammlung der Greise sah, denen
schneefarbne Brte auf den Busen niederflossen. Er sahe zudem hier eben ein
rhrend Schauspiel.

Die Urne eines seit kurzem verstorbenen Knigs ward in den Saal gebracht,
von seinen vornehmsten Unterthanen getragen. Eine weinende Menge, aus der
Ferne gekommen, die der Saal nicht aufnehmen konnte, strzte nach,
einmthig flehend, dem Staube ihres Monarchen den Tempel der
Unsterblichkeit zu bewilligen.

Euer Flehen ehrt den Verstorbenen, antwortete der hohe Senat, allein es
darf uns nicht bestechen. Wo liegen die Beweise, da euer Knig das Grab
des Ruhmes verdiene?

Nun drngten sich besondere Sendungen der Rthe in den Staaten des Todten
hervor. Sie reichten Schriften ein, worin die Zunahme der Volkzahl whrend
seiner Regierung berechnet stand, in welchen dargethan wurde, da sich die
Klagen in den Tempeln des Rechtes, whrend eben diesem Zeitraume, ungemein
vermindert hatten; ferner, da auch nicht eine Ehe getrennt worden sei. Die
Papiere wurden laut verlesen. Bedchtig horchten die Greise, rhrende
Blicke auf die Urne wendend. Nach den Berathungen einer Stunde sprachen sie
einmthig aus: Seine Regierung war gut, da diese Erfolge Zeugni ablegen.
Dem Staube werde des Ruhmes Grab, wenn der Kaiser das Urtheil heiligt.

Die Todten wurden jetzt berhaupt nicht als Leichname begraben. Man wollte
den schauderhaften Zustand der Verwesung nirgend wissen, auch unter den
Rasenhgeln emprte er die Gefhle einer zartsinnigeren Menschheit. Hatte
der Verstorbene, nach einigen Tagen, die untrglichen Kennzeichen des
Todes, schafften ihn die Verwandten in ein Leichenhaus, wo durch einen
chemischen Proze alle Flssigkeiten verflchtigt, und die festen Theile in
Erde aufgelset wurden. Diese kam in die mitgebrachte Urne, und die
Leidtragenden brachten sie nach dem Todtengarten, den die Stdte mit
Baumpflanzungen und Blumen zu schmcken, wetteiferten, um sie dort
einzusenken. Ein Denkmal aber durfte auch dann nur die Stelle bezeichnen,
wenn die Mitbrger des Ortes, durch Stimmenmehrheit, den Verstorbenen
dieser Ehre wrdig achteten. Den Wohnplatz der Ruhe sollten nicht Lgen
entheiligen. Personen, welche dem Gesetz widerstrebend gelebt hatten, kamen
auf ein gesondertes entferntes Grberfeld, de, ohne Strauch und Blumen,
und die Stdte fanden einen Stolz darin, kein solches Feld auf ihrem
Gebiete zu wissen.

Das Bundesgericht meldete noch am Morgen, durch den Telegraphen, seinen
Ausspruch nach Rom. Am Abend langte die Antwort an. Der Kaiser lie durch
die akkustischen Rhre zurcksagen: Was eben berichtet sei, stimme ganz mit
den Kunden berein, welche ihm von der Amtsfhrung jenes Kniges auf
anderen Wegen zugekommen wren. Er ehre der Greise Weisheit, besttigte
ihren Spruch, und gebiete, die Urne nach Rom zu senden.

Am anderen Tag wurde sie nun mit Blumen und Lorbeeren festlich gekrnt,
dann unter hohem Geprnge, bei den Trauermelodien aller Glockenspiele und
dem Chorgesang aller Jungfrauen auf einem goldnen Wagen abgefhrt. Ein
Ausschu der Greise des Vlkertribunals begleitete ihn, wie Tausende der
angelangten Unterthanen, die sich das Recht nicht nehmen lassen wollten,
den Reliquien ihres geliebten Monarchen bis zum Tempel der Unsterblichkeit
zu folgen. Guido blickte dem Gewimmel mit froher Wehmuth nach, und gestand:
wie die Rhrung, welche er heute empfnde, jede bisher gefhlte, bertrfe.

Der andere Tag war jedoch noch merkwrdiger fr unsern Jngling. Denn jenes
Knigs Nachfolger, von dem Gerichte vorgeladen, stellte sich.

Er hatte das dreiigste Jahr erreicht, da jener in einem hohen Alter
verstorben war. Bescheiden trat er in den Saal.

Der Greis, welcher im Namen des Kaisers den Vorsitz fhrte, fragte ihn:

Wie wurdest du erzogen, Monarchensohn?

Zuerst in einem Fndlinghause in Spanien.

Hast du, dort entlassen, Proben deiner stattlichen Kraft, deines frh
gebten Denkvermgens, abgelegt? Hat dein Gemth sich in reinem Sinn
bewhrt?

Hier sind die Zeugnisse, welche ich empfing, jene Erziehungsanstalt
meidend.

Sie wurden vorgelesen und stellten den Rath zufrieden. Der Alte fragte
weiter:

Wo befandest du dich nachher?

Ich durchreisete Europa und Asien, zu Lande und durch die Luft, umschiffte
den Erdball.

Recht. Du hast deine Bemerkungen auf dieser Wanderung einst uns eingesandt.
Wir haben daraus auf den unterrichteten Denker geschlossen. -- Wohin
begabst du dich alsdann?

Zum Heere, wo ich vier Jahre verlebte.

Wann erfuhrst du deine knigliche Abkunft?

Im fnf und zwanzigsten Jahre, da der alternde Vater eine Sttze neben
sich sehen wollte.

Wie ward dir bei der groen Nachricht?

Ich fhlte die mir bis dahin unbekannten kindlichen Entzckungen mit
Innigkeit, doch erschrack ich, da einst das schwere Knigsamt mich
erwarte.

Gut und auch nicht gut! Der krftige Mann soll vor nichts erschrecken, der
Knig am wenigsten. -- Wie brachtest du deine Zeit neben dem Vater hin?

Ich wohnte den Sitzungen der Rthe bei, besah unsere Staaten, bis auf das
kleinste Dorf, suchte mich ber ihre Natur, ihre Gewerbe zu unterrichten,
den Mann von Verdienst kennen zu lernen.

Wohl! Machtest du oft Vorschlge zu Verbesserungen in deinem Lande?

Dazu fhlte ich mich noch zu schwach, meinte nichts hher umfassen zu
knnen, als der weise Vater.

Schlimm, Knigsohn, schlimm! Der Jngling soll nicht stehen bleiben,
sondern weiter dringen. Deine Erziehung konnte die Erfindungsgabe wecken.

Der Befragte errthete. Sanft munterte ihn aber der Alte auf und fuhr fort:

Willst du den Thron deiner Vter besteigen?

Wenn ihr, fromme Vter, mich dessen wrdig achtet.

Das kmmt nur auf dich selbst an. -- Was denkst du hauptschlich beim
Regieren zu thun?

Ueberall das Gute zu frdern.

Ei, dort falsche Bescheidenheit, hier groe Anmaaung. Rume nur zuvor
berall das Bse hinweg, so wird das Gute von selbst folgen.

Ich hoffe -- nicht zu irren -- wenn ich strenge den Vater zum Vorbild
whle --

So? Du hoffst demnach so gut wie der Vater zu regieren.

Ganz so freilich nicht.

O, ihn zu bertreffen mu dein Vorsatz sein, wie gerechtes Lob er auch
fand. Die neue entwickeltere Zeit lt dir ja ihr Licht flammen. Durch
deine Rthe empfngst du es, kannst seine Strahlen, in deiner Vernunft
gesammelt, wohlthtig zurckgieen. -- Bist du vermhlt?

Noch nicht.

Seltsam! Und aus welchem Grunde?

Ueber die rastlosen Arbeiten verga ich, mich nach einem geliebten Weibe
umzusehn.

So war deine Erziehung dennoch fehlerhaft. Die, welche sie leiteten, gaben
dir nicht Freiheit genug. Du bist das Werk Anderer geworden, und die
eigenthmlich waltende Kraft keimte zu wenig auf. Die Liebe hat ihren
Gtterfunken nicht in dir entzndet, darum so karger Aufflug deines
Herzens. Wir knnen des edlen Vaters wegen dir nicht nachsehn. Sein Ruhm
hat mit dem Wohl der folgenden Geschlechter in seinen Staaten nichts
gemein. Ich urtheile, da dein Land ein Jahrlang unter Regentschaft gesetzt
werden mu. Whrend dieser Zeit bemhe dich um Selbstvertrauen, um die
Kraft des Muthes, die Knigen ziemt. Vermhle dich liebend, dann kehre
wieder und hre unsern neuen Spruch. So mein Urtheil, habt ihr es zu
tadeln, Vter, so tretet auf und wir wollen die Stimmen sammeln.

Alles schwieg.

Nach einer Pause fing der Vorsitzer wieder an:

Euer Schweigen nennt meinen Spruch gerecht, der Telegraph soll ihn zur
Stelle nach Rom bringen.

Tief bestrzt stand der abgewiesene Thronfolger da vor der schauenden
Menge. Wohl nicht hatte er dies erwartet. Um so erschtterter mute er
sein, als der Gram ber des Vaters Tod ihn wirklich tief verwundet hatte.
Dennoch galt keine Einwendung gegen das Machturtheil, er durfte die
Ehrfurcht dagegen nicht verletzen, und sich, wie ihm geboten worden, auf
die neue Prfung vorbereiten.

Still ging er nach einer Verneigung mit seinem Gefolge davon. Das im Saal
versammelte Volk, sonst gewohnt, die Aussprche welche ihm gerecht
schienen, mit lautem Beifall zu begren, verhielt sich diesmal still, und
schonte so des Prinzen. Doch nicht, als ob es nicht vollkommen mit dem
Vlkertribunal wre zufrieden gewesen, sondern, weil es in diesem zarten
Betragen, den Manen des Knigs eine Huldigung darbringen wollte.

In lteren Zeiten wrde ein solches Bundesgericht wohl schwerlich seine
Bestimmung erfllt haben. Die Macht des Goldes htte ohne Zweifel seine
Sprche gelenkt. Allein man whlte die tugendhaftesten Mnner zu den
Richterstellen. Und das ein und zwanzigste Jahrhundert hatte in der Kunst,
die Tugend zu bilden, Fortschritte gemacht, die das achtzehnte oder
neunzehnte nicht ahnen konnte. Dann wechselte man sie oft und unvermuthet.
Ferner hatten sie den feinen Takt des Volkes zu frchten, das ber die
Gerechtigkeit ihrer Verhandlungen scharf fhlte, und ihre Ehrliebe htte
ein mibilligend Gerusch, seit lnger als einem Jahrhunderte nicht
erfolgt, kaum getragen. Eben auch stand dem Kaiser das Recht zu, den mit
der Strafe ewiger Entehrung zu belegen, der nicht furchtlose Tugend zu
seiner Richtschnur whlte. Endlich durften die Knige insgesammt, wenn ihre
Stimmenmehrheit das Verfahren dieses Gerichtes tadelnswrdig fand,
Einspruch thun, und sich selbst in seinem Pallaste versammeln, um statt
desselben zu richten, wo denn der Kaiser in Person vorsa und das Recht der
Billigung oder Verwerfung bte. Alle diese Maaregeln erhielten die Ehre
des Senats unstrflich.

Guido redete viel mit seinem Lehrer ber die Antworten des Thronkandidaten.
Er behauptete sehr keck, sie besser gegeben haben zu wrden, und Gelino
ermahnte ihn, im Gefhl seines Feuers auch nicht weiter zu dringen als
Bescheidenheit es gestatte.

Aber, rief der Jngling, war es denn nicht eben Bescheidenheit, was die
Vter an dem Knigsohn straften?

Allerdings, doch seine Geburt, sein Beruf, die Jahre welche er vor dir
voraus hat, leiteten des Tribunals Urtheil. Du aber, den kein Purpur
erwartet, sollst mehr streben als whnen erstrebt zu haben.

Ich strebe fort, guter Lehrer, entgegnete der Jngling, aber ich wei auch,
da ich schon erstrebte.

Dann ward er nachdenkend, und rief, in einigen Schmerz aufwallend: O es mu
gttlich sein, von einem Throne herab zu gebieten!

Beneide die Monarchen nicht, warnte Gelino, schwer ist ihr Amt.

Leicht, leicht! schwrmte Guido. Darf ich die Krfte zusammenfassen, kann
ich auch mchtig damit walten. Spannt mir nur Sonnenrosse an den Wagen, ich
will sie schon durch den Aether lenken!

Und doch lt jene Mithe den Verwegenen, der es unternahm, seinen
Untergang finden.

Ein Furchtsamer hat sie erdacht. An Phaetons Stelle flehte ich zu Ini, und
Gtterkraft durchglhte mich!

Wahrlich, die Prfung in jenem Tribunal scheint dich hoch zu entflammen.

Diese Bemerkung des Lehrers war richtig. Guido sann, von diesem Tage an,
fter einsam nach, warf Gedanken ber manche Vlkerangelegenheiten aufs
Papier, schnelle Rthe berzog seine Wange, wenn edle Monarchen und ihre
Thaten genannt wurden. Oft sprach er von dem Tempel der Unsterblichkeit und
erklrte, einen heien Drang zu fhlen, ihn zu sehn. Habe Geduld, versetzte
Gelino, wir werden nach Rom kommen.

Die Wanderer besuchten nun hier verschiedene Lehrsthle, denn, wie der
Norden von Teutonien fr das gelehrteste Land galt, nannte dies wieder die
hohe Schule zu Berlin die gelehrteste.

Ein Lehrer trug die Geometrie vor, handelte von den seit etwa drei
Jahrhunderten erfundenen neuen Lehrstzen, und lchelte dabei ber die
geringfgigen Konzepzionen eines Archimedes, Galilei, Newton, la Place.
Doch setzte er auch billig hinzu: Diese Mnner bleiben dennoch im
Verhltni zu ihren Zeiten vortreffliche Kpfe, da die unsrigen unendlich
mehr aussprachen, ist eine Erscheinung, welche durch den wissenschaftlichen
Fortgang und die immer mehr zusammengedrngten Volkmassen nothwendig wurde.

Guido, selbst ein gebter Rechner, bewunderte die arithmetischen Formeln,
welche ihm hier zu Gesicht kamen. Der Integral- und Differenzialkalkul
waren auch schon vollkommen ins gemeine Leben bergegangen, und die endlich
gefundene Quadratur der Rundung, erleichterte die Messung aller Gren noch
weit mehr.

Ueber die Mechanik vernahm er unerhrte neue Lehrbegriffe. Nur die
Ausfhrung mancher davon, konnte ihn noch zu mehr Bewunderung hinreissen.
Denn man beschlo whrend seiner Anwesenheit, einen groen Pallast, welcher
in der Strae, wo er gegenwrtig stand, keine vortheilhafte Ansicht darbot,
nach einem freien Markte zu schaffen. Sein Fundament ward gesttzt,
unterhhlt, gewaltige Hebemaschinen drngten das Gebude im Gleichgewicht
empor, Rollen, aus Marmorblcken gehauen, empfingen dasselbe, und in
wenigen Tagen war es unversehrt nach der neuen Stelle gebracht, wobei sich
an den nthigen Wendungen die schwierigste Kunst offenbarte.

Auf der Sternwarte eines durch neue Entdeckungen berhmten Astronomen,
hrte er mehrere Vorlesungen. Da man jetzt ber Tausend Millionen
Fixsterne zhlte, wogegen vor etwa drei Jahrhunderten deren nur fnf und
siebenzig Millionen angenommen wurden; da die Zahl der Ehedem bekannten
Dreihundert und neunzig Kometen verdreifacht ausgemittelt war, und ber die
Gesetze ihres Umschwungs, die Natur der sie umwallenden Dnste, kein
Zweifel mehr bestand; da die Vortrefflichkeit der Sehrhre schon die
Planeten der nchsten Sonnensterne erblicken lie, wute er lange; ganz
unerwartet erfuhr er hier aber, welchen bedeutenden Vorschub die Chemie der
Sternkunde leistete. Denn wenn sie zuvor den Wrme- und Lichtstoff nimmer
hatte wgen knnen, so war ihr dies nunmehr ganz bequem geworden. Es gab
Waagen, die in Theilbarkeit der Schwere Subtilitten gestatteten, die mit
denen, welche das Mikroskop in der Sichtbarkeit erzielt, verglichen werden
konnten. Nun hatte der genannte Sternkundige, Strahlen der Lichtmaterie,
welche uns von den, viele Billionen Meilen entlegenen, Fixsternen, nach
langen Jahrenreihen zustrmt, in luftleeren hohlen Krpern aufgefangen,
gewogen und scheideknstlerisch zerlegt. Er wies nun den Zuhrern seine
merkwrdigen Resultate vor. Es wurde durch sie erklrt, weshalb das Licht
vom Sirius wei, das vom Arktur rthlich sei, warum die Glanzfarben an den
Hauptsonnen, in den Sternbildern Orion, Leier, Kassiopea, Lwe, Eridan u.
s. w. so von einander abwichen. Aus der Natur ihrer Lichtstoffe schlo nun
der gelehrte Mann auf die ihrer Planeten, sogar auf die dort nothwendigen
Modifikazionen der anorgischen und organischen Krper, wodurch er einer
ganz neuen, erhabenen Wissenschaft, ihr bewundernswrdiges Feld ffnete.

In einem Hrsal der Naturkunde fanden sich unsere Reisenden auch mit
lebhaftem Antheil ein. Hier zhlte man die Mineralien, Pflanzen,
Sugethiere, Vgel, Amphibien, Fische, Insekten und Wrmer auf, welche bis
jetzt entdeckt waren. Gegen die Vorzeit hatte sich die Zahl mehr als
verdoppelt. Dies galt aber nicht von den Thieren des Meeres, von denen
einige Tausend Gattungen in den Registern der Phisiker genannt wurden, wo
man sonst nur Achthundert beobachtet hatte. Denn bei jeder Reise in den
Grund des Ozeans -- wo sich die khnen Erforscher der wundersamen Tiefe,
nach Maasgabe ihres Weiterdringens, einen Ruf bereiteten, wie Ehedem die
Colon, Magellan, Hudson, van Diemen, und Tiefgebrge oder Meerthler nach
ihren Namen benannt sahen -- wurde man Arten ansichtig, die bis jetzt den
Blicken verborgen geblieben waren, und nicht in die hhere Wasserregion zu
dringen pflegten. Guido erfuhr viel Seltsames davon, wandte aber der
Anatomie der Infusionsthiere noch grere Aufmerksamkeit zu, und die
meiste, den Lehren ber das Pflanzenleben. Hier spottete man jetzt der
Vorzeit, welche die Vegetabilien einst leblos nannte, ungeachtet
einsaugende und aushauchende Gefe sowohl, als die Erzeugung durch
Begatten, sie vom Gegentheil htte berzeugen knnen.

Die Geogenie behauptete Hipothesen, in welche die Bailli und Gatterer der
Vorzeit sich schwerlich wrden gefunden haben. Sie wollte genau angeben,
wann einst der Erdball, nur aus Urgebrgen bestehend, durch eine therische
Revolution von Wasserfluthen wre umfangen worden, die die Ursache aller
Lebenserscheinungen in sich tragend, in dem Maae abgenommen htten, als
diese aus ihren Mitteln hervorgebracht wren. Eben so berechnete sie die
endliche vollkommene Kondensazion der Flssigkeiten, und wies dann dem
erstorbenen Felsball eine Trabantenstelle bei einem weit ber den Uranus
hinaus entstehenden oder dann mit Lebenselement umflossenen Planeten an.
Andere Meinungen aber, leiteten die Geburt der Erde, von der Begattung
zweier Kometen her, da sie in den Aether geworfen worden, gewissermaaen in
Eigestalt, wo der Urgranit als das Gelbe, die Fluthen als das Weie zu
betrachten wren. Die allmhlige Umwandlung der Verhltnisse des Flssigen
zum Festen, nannte diese Meinung, den Wachsthum des Eies, und sein
Entfalten zum Kometen, wo einst das kindische Einherwandeln am Gngelbande
der Sonnenanziehkraft aufhren, und der kecke Jngling sich der Leitung
seiner feurigen Wrterin entziehen werde, nicht mehr wrmende Pflege von
ihr bedrfend. -- Freilich zeigte sich hier auch so gut wie vormals die
Beschrnkung des menschlichen Wissens, und Guido drngte den Lehrer bald
mit Fragen, auf die er keine Antwort hatte.

Die Philosophie sah dies gegenwrtig wohl ein und trug zur Belehrung nur
ihre eigne Geschichte vor. Die letzteren Sisteme, die jngsten Trume vom
Uebersinnlichen, muten nothwendig, nach einem um so grern Maastabe
angelegt worden sein, als die Erkenntni im Gebiet des Sinnlichen sich mehr
ausgebreitet hatte. Man trug sie vor, beschied sich abzusprechen und
berlie jedem Denker -- sich zum hchsten Wesen anbetend zu wenden.

Guido, bereits frh mit jugendlicher Weisheit ausgestattet, zeither, wie
wir schon berichtet haben, eifrig dem Studium der weisesten Schriften
dieser Zeit hingegeben, umfate nun, schnell in sich aufnehmend, was er
hier sah und hrte, und vollendeter wurde der tiefe krftige Denker. Die
Hochgefhle seines stammenden Thatentriebes, wurden dadurch wechselnd
gemildert und angefacht.

Wahre geistige Religion, in Bewunderung der Natur und Allmacht, lenkte sein
Gemth zum hheren Aufflug als je, und die Liebe, in ihrer immer reineren
Mistik, schmiegte sich an alles Empfundene und Gedachte.

Allein der Ausdruck eines so schnen Geistes prgte sich auch immer
vollendeter in seiner Gestalt aus. Er fhlte, sah es mit Frohlocken,
schrieb an Ini: Wenn sein Auge, vielmehr sein Herz nicht lge, msse er nun
sehr nahe an seinem Gtterziele stehn. --

Man besah noch das Innere von Berlin emsig. Ein altes Zeughaus lag in
ehrwrdigen Ruinen da. Es war nicht wieder erbaut worden, indem bei der
jetzigen, glcklichen Verfassung von Europa, in der Mitte des Staates keine
Waffenvorrthe nthig waren.

Ein Standbild Friedrichs II. zog Guidos Blicke auf sich. Sein Lehrer sagte:
Diesem Knig war freilich Neigung zum blutigen Ruhm vorzuwerfen, und er
fhrte Kriege, die allerdings zu vermeiden gewesen wren. Doch entschuldigt
der rohe Charakter seiner Zeit viel daran. Hingegen wute er den
Monarchenberuf, der sich mit dem Ganzen zum Vortheil Aller verinnigen, und
das Staatsschiff im Strome der Zeit dahin lenken soll, ohne seine Wogen
vorauseilen zu lassen, oder ihnen selbst voranzufliegen, so richtig zu
erfllen, da manche Zge seines Regentenlebens, sogar jetzt noch, jungen
Gekrnten Muster leihen drfen. Deshalb prangt auch nicht allein hier sein
Denkmal, sondern seine Reste wurden spterhin auch nach Rom gebracht. Du
siehst seine Urne dort im Tempel der Unsterblichkeit. Hatte sein Volk sich
zur Gre aufzuschwingen verstanden, wie sein Knig, so ging vielleicht
Europas schnere Entwickelung, von Friedrichs Monarchie aus.

An dem Marmorbilde einer Knigin des Alterthums, weilte der Jngling
bewundernd. Gelino unterrichtete ihn: Diese Huldin auf dem Throne, Luise
genannt, sei die schnste Frau ihrer Zeit gewesen. Auch wre die Vorliebe
fr ihre Gestalt hier so lebendig auf die Nachkommen bergegangen, da man
sie in den Marientempeln, durch Knstler von Athen, noch immer nachahmen
liee.

Es befand sich auch ein Pantheon in dieser Stadt, wo die Bildnisse
verdienter Mnner in diesen Gegenden, aus neuer und lterer Zeit
aufgehangen wurden. Man sahe hier Albrecht, Waldemar, Luther, Copernikus,
Guerike, Friedrich Wilhelm, Leibnitz, Kant, einen gewissen Rochow, einen
gewissen B*** -- -- doch der Verfasser dieses Werkleins mag es nicht
unternehmen, die noch anzugeben, welche sein prophetischer Traum sah,
mancher Aspirant der Unsterblichkeit wrde zrnen, sich zu vermissen.

Wir wollen nun mit unserer Reise mehr eilen, sprach Gelino. Hinlnglich
sahst du das arbeitsame Treiben kleiner Stdte und auf dem Lande in dieser
Erdgegend. La uns die schnelle Luftpost dingen.

Noch vor Aurora klang das Horn, die Reisenden warfen sich in die Gondel.
Morgenschlummer sank noch ber sie. Als sie davon aufdmmerten, lie sich
das Fahrzeug schon auf die Bhmische Bergkuppe nieder, wo sich die erste
Station nach Wien befand. Neue Adler flogen muthiger ber die lachenden
Ebenen hin, man sah die rauchenden Sudeten, gleich Altren, von denen dem
Ewigen der Andacht Opfer emporwallte; die Elbe, die Moldau gleich
geschlngelten Silberfden; Glockenklnge, Erntelieder, ineinander gewebt,
tnten zu ihnen herauf. Gegen Mittag schwebte das sonnenbeglnzte Prag
vorber, zwei Stunden danach nahmen sie auf einem Hgel in Mhren, wo die
zweite Luftpost erbauet war, ein erfrischendes Mahl. Dann ward wieder
angespannt und das Sehrohr entdeckte schon die ehrwrdige gothische
Piramide, Ehedem sammt ihrer Kirche dem heiligen Stephan geweiht, nun ein
Christustempel, noch dauerhaft genug, ferne Jahrhunderte zu sehen. Am Abend
zog man ber die Wipfel des Prater hin, vielen Lustwandelnden in der Hhe
begegnend, und der Fuhrmann senkte seine Passagiere auf die Platteforme des
Gasthauses, zum Ochsen genannt, nieder, das seinen alten Namen in dem
Betracht nicht gendert hatte, da ein Ochs zu allen Zeiten ein venerables
Thier bleiben wird.

Sie speisten noch weit leckerer zu Nacht als in Berlin, die Enkel waren
hierin den Vtern treu geblieben, auch das Bad enthielt mehr aromatische
Beimengungen, strkte die Lebensgeister und munterte hher zu Genssen auf.

Am andern Tag besahen sie die Stadt und das von Schiffen wimmelnde Bassin
der Donau, welches hervorzubringen, die alte Brigittenau zerstrt worden.

Gelino erzhlte seinem jungen Freunde: wie kunstreich-mhevoll denkende
Regierungen bewirkt htten, da Seeschiffe die Donau stromauf htten
befahren knnen, was in alten Zeiten, bei allem erfinderischen Flei, nicht
einmal mit kleinen Khnen sei thunlich gewesen. Eine Uebereinkunft mit
Griechenland, groe Summen und das Ausharren bei vieljhriger Arbeit,
htten dennoch allen Widerstand besiegt. Da der zu starke Fall des Stromes
alle Hindernisse legte, waren zu seinen Seiten hohe Dmme aufgefhrt, das
Flubette vertieft und gendert, und demnchst von dreiig Meilen zu
dreiig Meilen bis zum schwarzen Meere Wasserflle angelegt worden, die dem
von Niagara flchtig glichen. So hatte die Hidraulik die Fluthen zu einem
ruhigen Lauf gezwungen. Kam nun ein Schiff dem Strom entgegen -- entweder
vom Winde oder von Maschinenruderwerken geleitet -- bis an einen
Wasserfall, hob es eine Schleuse empor; im anderen Falle trug sie es
nieder.

Noch eine andere gigantische Arbeit hatte der Unternehmungsgeist hier
vollbracht. Lange schon waren die Einwohner der Meinung gewesen, jener
Zweig der Steiermrkischen Gebirge, unter den alten Namen, Kalenberg und
Leopoldsberg, bis ans Donauufer dringend, erklte die Gegend und mache die
Witterung unbestndig. Ohne ihn, war man berzeugt, msse das Klima so
freundlich sein, als unter gleicher Breite in Ungarn. Nicht nur auf sich,
sondern auch auf die Enkel blickend, hatten also die Grovter -- diesen
Namen zwiefach tragend -- eine Summe zusammengebracht, um funfzig oder
achtzig Jahre hindurch, einige Tausend Arbeiter und Lastthiere damit
verpflegen zu knnen. Weit hinauf gegen Steiermark zu, wurden nun die Berge
gesprengt, und zwar nicht mit Pulver, um die Stadt nicht zu erschttern,
sondern durch knstlich darin erzeugtes Eis, was auch frherhin begreiflich
gewesen wre, da man schon im achtzehnten Jahrhunderte, die Kraft, welche
eine Bombe, mit Wasser gefllt, das in Frost bergegangen ist, sprengt, auf
3351 Pfund berechnete. Die zerstckelten Felsen, schafften nun Prahmenwagen
von ungewhnlicher Gre, auf einer eigen dazu gefertigten Kunststrae aus
Eisenerz, nach Mhren. Da sie aber keine Brcke htte tragen knnen, mute
man sich entschlieen, einen hohlen Gang unter der Donau hin zu wlben,
gegen welchen die gepriesenen unterirdischen Kanle im alten Rom, nur ein
Spielwerk zu nennen waren. In Mhren ward das Gebirge wieder aufgefhrt.
Nun wehten die sdlichen Lfte freier, die aus Norden wurden betrchtlich
gehemmt.

Durch alle solche Maaregeln hatte die Bevlkerung der Stadt bis auf eine
Million zugenommen. Die alten Festungwerke vertilgte man lngst, wo sonst
die Vorstdtische Linie ging, begrnzte sich nunmehro die Stadt, die neuen
Vorstdte flossen nicht nur mit Schnbrunn, Dornbach, Nudorf, sondern
sogar mit Enzersdorf und Neuburg zusammen. Vergngungen und Wohlleben
wurden berall sichtbar. Guido besuchte an einem Abend den maskirten Ball.
Sein Lehrer folgte ihm nicht, hatte Daheim zu schreiben. Die alte Sitte,
sich scherzend zu verlarven, bestand noch, doch feinsinniger und
deutungreicher. Der Jngling erblickte viele Schnheiten, anziehend durch
liebliche Formen, bei allem dichten Gewande. Doch ruhte sein Auge mehr
neugierig als betroffen darauf. Eine aber darunter, wie Hebe gekleidet, das
Gesicht bis an den Mund verschleiert, regte seine Aufmerksamkeit lebendiger
an. Hchst edler Gang, bezaubernde Harmonie in allen Bewegungen, der untere
Theil des Gesichts, wo sich das Kinn in zarten Wellenlinien, der
ausdruckvolle, lchelnde Mund in zwei rosenhaft prangenden, sanft
gespannten Lippen, darstellten, begannen seinen Puls zu erhhen. Alles
mahnte ihn an Ini, nur eine etwas lngere Gestalt sah er hier. Er konnte
nicht umhin, der freundlichen Erscheinung im Gedrnge zu folgen, den
trunkenen Blick ihr nachzusenden, endlich bebend die Maske zum Tanz
einzuladen. Sein Verlangen ward erfllt, selig flog er mit der Schnheit
durch die Reihen. Ihre Berhrung traf ihn wie elektrische Funken. Gefhle
wie aus anderen Welten durchstrmten ihn. Die Musik, nur Melodien der Liebe
und Wollust athmend, nahm das noch Uebrige seiner Besonnenheit hin.

Wien, schon im Alterthum seiner Tonknstler wegen gerhmt, hatte auch
zeither hierin den Vorrang behauptet. Die Revoluzion der Musik, Ehedem kaum
geahnt, war von Wien ausgegangen. Wo sonst die Tne wild und dunkel
schwrmten, fand jetzt alles klare Bedeutung. Die Musik hatte, was ihr
immer fehlte, ihre Grammatik empfangen, auf diese grndete sich die
Uebereinkunft wegen ihrer Sprache. So konnten die bestimmten
Zusammenklnge, Figuren, Zeitmaae, Worte vertreten; Poesien, Reden u. s.
w. ausgefhrt werden, die der leicht Unterrichtete vollkommen verstand.
Einem Gtteridiom glich die herrliche Erfindung. Welchen Eindruck mute sie
hervorbringen!

Bei der Tanzmusik entstanden oft Klagen der Polizei, wenn sie zu ppige
verfhrerische Klangworte sprach. Wie jener Grieche einst die Saiten der
Lira verminderte, wie Gregor VII. bei dem Tempelchor auf grere Einfalt
drang, lie sich jetzt eine Censur die Tanzstcke vorzeigen, und strich
manche Notenphrase. Bei den maskirten Bllen sah sie indessen hie und da
nach, vielleicht zu sehr, und so ging dem zu weit hingerissenen Jngling,
die alte Strenge gegen leidenschaftliche Aufwallung, beinahe zu Grunde.

Guido knpfte, mit seiner Tnzerin im Nebenzimmer ruhend, warme
Unterredungen an. Sie war im Anfang einsilbig, antwortete jedoch immer mit
Witz und Gehalt. Auch tiefe, himmelvolle Empfindung verkndete sich in
ihren Worten. Guido sagte ihr, seiner nicht lnger mchtig: Ich liebe ein
Mdchen daheim, ach mehr wie das Gttliche in der Natur, nimmer wankte mein
Herz -- als vor deinem Anblick!

Die Verschleierte gab zu Antwort: Der Uebergang von Liebe zu Liebe lohnt
mit hoher Wonne. Der strafende Vorwurf, was kann er, als den neuen seligen
Taumel wrzen!

Guido rief: O wie unterwirft mich der Zauberklang deiner Stimme! Dein Auge
strahlt helle Glorien durch den Schleier. O warum darf ich es, warum die
Blthe der Wangen nicht sehn?

Hier nicht, entgegnete die Schnheit, doch folge nach meiner Wohnung.

Sie stand auf, eine ganz verhllte, ltliche, weibliche Maske, trat hinzu,
begleitete Jene.

Guido zauderte lange. Ein drngender Zug, den Himmel weissagend, gebot ihm
ihr nachzueilen, eine innere tadelnde Stimme hielt ihn zurck. Doch eine
weiche Hand, die die seinige ergriff, und mit therischer Wrme
durchglhte, lie keine Wahl mehr.

Unten harrte ein niedlicher Wagen. Die Masken stiegen in denselben. Guido
nahm rckwrts seinen Platz, man rollte dahin. Das Herz von sen
Erwartungen bebend, die Gewissensregungen niederkmpfend, sa der
Liebeglhende da, zur Rede kaum ermannt.

Man hielt an einem Gartenthor, das sich auf ein Zeichen ffnete. Holde
Blumendfte athmeten den Eintretenden entgegen. Der rthlich aufgehende
Mond schien durch die blhenden Orangenbume, die holde Maske fhrte Guido
nach einem Lusthause, wo eine kleine Lampe vor einem hohlgeschliffenen
groen Amathist brannte. Diese magische Helle verklrte alle Gegenstnde
umher. Kstliche Teppiche waren im Zimmer ausgebreitet, das Ruhebett im
Hintergrunde umflo eine knstliche Wolke, aus dem Rauche s betubender
arabischen Spezereien. Die Maske fhrte Guido hinein, alle Fibern und
Nerven erklangen in ihm. Er stammelte: Nun, nun, la mich dein Antlitz
schauen! -- Nicht ehe, bis du mir, ein Abtrnniger deiner vorigen
Erwhlten, ewige Liebe schwrst.

Guido erschrack heftig, seine Sinnenverwirrung nahm jedoch zu.

Dann, fuhr sie fort, bist du mein Gott diese Nacht, deine Io umarmt dich in
dem Zaubergewlk.

Guido schlug auf die Brust. Die Lippe wollte sich ffnen, doch seine Hand
hatte Inis Bild am Herzen verborgen, getroffen. Dies rief ihm Ermannung
durch die Seele. Er ri das Gemlde hervor, warf einen Blick darauf, hohe
Gewalt der Unschuld kehrte ihm zurck. Nein, Verfhrerin, rief er, Treue
ist schner als Wollust! Heil mir, dem der Muth zu fliehen erwacht!

Er eilte aus der Grotte, stark, krftig in wiedergekehrter Tugend. Es
schien ihm, als ob himmelse Stimmen ihn zurck riefen, er widerstand.

Am Gartenthor angekommen, fand er es verschlossen, was ihn peinigend
ngstete. Er wollte hinaus in die Freiheit, desto ehe Meister zu sein der
gefhrlichen Leidenschaft, in Gelinos Armen Schutz dagegen suchen, wenn die
eigne Kraft nicht mehr zulange. Seine Furcht war heftig, doch gerecht. Er
wute auch, der wahre Muth knne sich der Verfhrung nur entwinden, und
sein feiges Beben durchflammte Heldengefhl.

Umsonst bemht das Thor zu ffnen, weilte er mit Einemmale starr und
unbeweglich. Eine Melodie ergriff ihn so wunderbar. In holden Zaubertnen
redend, edler, siegender, wie alle die er in Wien gehrt hatte, doch schon
einst von ihm gehrt, lste sie gttlich seine innere Welt. Erinnernd, die
seligsten Bilder der Vorzeit im Gefolge, traf ihn die Melodie. Die Saiten
einer Zephirharmonika strmten sie nieder, dort in Sizilien hatte sie ihn
einst zu einem verklrteren Dasein emporgetragen. Was hie das? Was sollte
Guido denken?

Er konnte nicht mehr fliehn, wandte sich um, nach der Seite des Klanges
horchend. S lispelten die Zweige der blthenduftenden Linde, im strker
wehenden, warmen Abendwind. Hher schwebte der klare Mond, heller gossen
sich seine Strahlen auf die Wipfel nieder, Guido sah etwas ber diesen
Wipfeln, sanftleuchtend und rosig schimmern, und wandelte bebend den Pfad
dorthin. Die schwarze Maske trat ihm entgegen, nahm ihn bei der Hand,
fhrte ihn durch eine dunkle Krmmung, wo er aus den Blick verlor, was er
eben gesehen hatte, doch immer noch, die Melodie vernahm. Kein Wort konnte
die Lippe stammeln. Bald endete das Dickigt vor einem freien mondbeglnzten
Hgel, und vllig sichtbar in der ereilten Nhe, winkte das hohe
Instrument, dem hnlich, das Guido auf dem heimathlichen Eiland entzckte.
Die Hebe rhrte nun ihre Saiten nicht mehr, stieg herab, ach! wie einst Ini
im Abendschein. Guido sank aufs Knie, Ahnung, Verwirrung, Furcht und selige
Wonne zugleich im Busen. Des Mdchens weier Arm zog den Schleier vom
Antlitz -- o Himmel! -- Geliebte! Mehr vermochte der Jngling nicht zu
sagen.

Ini trat nher, erhob ihn lchelnd. Prfen wollt' ich deine Liebe, sprach
sie, Athania war Zeugin von Allem. -- Die schwarze Maske enthllte auch ihr
Gesicht.

O ich bin ein Unwrdiger, verdiene den Tod! rief Guido mit zerrissenem
Gemth.

Richte, Athania! sprach Ini wieder.

Die Erzieherin fing an: Mnnlich hast du der scheinbaren Verfhrung
widerstanden. Deine Flucht war Treue und Tugend. Nicht darf dich die Liebe
anklagen.

O Ini, brach Guido aus, der Schrecken in nie geahnten himmelvollen
Entzckungen verwirrt mir die Seele. La mich Besonnenheit sammeln, damit
ich mein Herz fragen knne, ob Schuld seine Reinheit trbt? Dann -- o dann
will ich entfliehn, mich ewig zu verbergen!

Frage, entgegnete hold das Mdchen.

Guido schwieg lange, mit tief gesenktem Blick; dann hob er das Auge langsam
empor, doch freier, klarer.

Freudig errthend rief Ini: So blickt nur die Unschuld auf. Du bist rein!

Ach, entgegnete Guido, wenn deine Gestalt mich einen Augenblick mir selbst
raubte, so konnte es auch nur diese, diese Gestalt. Ich habe mich nicht
anzuklagen, sie gebietet meinem Leben.

Er blieb deiner werth, fiel Athania ein, glckliche Freundin!

Wenn meine alten Bedingungen erfllt sind, ist er meiner werth; und ich
seiner, wenn ich selbst vollbrachte, was ich mir einst aufgelegt habe, war
Inis Antwort.

Sie nahm Guido bei der Hand, ihn in ein erleuchtet Gemach zu bringen. Er
folgte, immer noch mit einigem Zittern. Ich bin nach Afrika beschieden,
sagte sie auf dem Wege, ohne zu wissen, wie lange ich ausbleibe. Du kamst
nach Wien, der Abstand von Sizilien ist so weit nicht, ich beschlo, dich
hier zu sehn, zu prfen, miethete den Garten. Doch nur eine Stunde kann ich
noch weilen, dann steige ich in meinem Wagen auf und fliege zur Heimath.

Sie hatten das Gemach erreicht, hohe freudige Bestrzung ber des Mdchens
vollkommenere Schnheit in Guidos strahlendem Blick, aber auch das nmliche
se Staunen in Inis glhendem Auge. O, rief sie, viel, viel hat mein Guido
whrend seiner Entfernung gethan, die innere Schnheit auszubilden, der
letzte Sieg gttlicher Tugend machte dich verwandter noch mit meinem Ideal,
der unverkennbare Zug des edlen Triumphgefhls ist dir auf ewig eingeprgt.

O Ini -- ich wei mich nicht anzuklagen, und dennoch -- ich htte nicht
folgen sollen --

Ohne Gefahr kein Kampf, ohne Kampf kein Sieg.

Guido lie nun seinem Entzcken ber Inis neue hinreiende Anmuth freien
Lauf.

Sie sprach: Das Weib kann daheim nur im Stillen sinnen, wo der Mann in die
Ferne schweift, handelt, wirkt. Doch ber sein Handeln und Wirken sinnt
eben einsame Liebe ungestrt, und frgt das ruhige Gefhl nach dem Rechten,
Guten, Wahren. Ich, die Malerin, ersann daheim deine Aufgabe. Mein Gefhl
weissagte ihre Lsung. Der Geist deiner Liebe mute ferner walten, und
redlich hat er gewaltet. Doch ist das Ziel noch nicht erreicht. Vielleicht
lange noch nicht. Sei nicht traurig. Die Zeit vor dir, die Kraft in dir,
werden mchtig fortgestalten. Nur vergi nicht, da du Gemth und Geist in
immer vollkommeneren Einklang bringen mut, den Preis der hchsten
Schnheit davon zu tragen. Noch gab' dein Gemth oft zu vielen Ausschlag.
Dieser Durst nach Heldenruhm, um den ich dich einst anklagte, wenn er
gleich dem Manne ziemt, mu sich der Betrachtung ber die schnere
Eintracht der Menschheit unterwerfen. Das Wissen, die hellere Uebersicht,
mssen diese Betrachtung rufen. Doch wenn Pflicht es gebeut, mut du
entsagen knnen, auch wirklich entsagen. Dies Wort verstehe wohl, dann wird
erst das Gttliche in Herrlichkeit den inneren Menschen durchstrahlen, und
von vollendeter Bildung die verklrte Gestalt zeugen. Roher Sinnenwahn,
niedere Leidenschaft gebieten nicht mehr in dir, durch den letzten Kampf
hast du dich ihnen ganz entwunden, des Denkers gereiftere Kraft wohnt auf
der weit vorgedrungenen Stirn, was den Linien im Antlitz sonst hie und da
ein Miverhltni erzog, ist viel ausgeglichen. Viel -- nicht vollkommen.
Noch Uebung im edlen Denken, im richtigen Empfinden, noch ein groer
Triumph ber selbstschtig Begehren, und ich hoffe, du stehst am Ziel.

Es folgte eine himmelvolle Stunde trunkner Unterhaltung. Sie floh wie ein
Augenblick. Dann mahnte Athania. Kein Flehen hielt Ini zurck. Sie erhob
sich im mondbeleuchteten therischen Wagen, flog unter den Sternen hin,
einem Seraph hnlich, in der Glorie aus Lunens Strahl gewunden, und schwand
dann in blauer dunkler Ferne dem entwichenen Meteor gleich.

Guido empfand die Nacht und den folgenden Tag hindurch, nur den Nachklang
der seligen Erscheinung, alles um sich vergessend; dann ermannte er sich,
und drang wieder, um den schnen Preis kmpfend, ins Leben. --

Die Reise ging nun nach Frankreich. Es wrde zu viele Zeit geraubt haben,
noch lnger in Deutschland zu weilen, ob gleich noch viel Sehenswerthes
brig blieb, das sie in Mnchen, Stuttgardt, Frankfurt u. s. w. htten
betrachten knnen, als besonders kluge Einrichtungen, Monumente alter
trefflicher Frsten, Volkfreuden. Doch sie muten es, nach dem einmal
gewhlten Plan, bei den grten Stdten bewenden lassen.

Unfreundliche Herbstwitterung strte die Reise in etwas. Wenn sich der
Luftwagen vom Posthause aufschwang oder bei dem folgenden niedersenkte,
hatten die Adler Mhe, gegen die Strme anzukmpfen. Auerdem hielt man
sich jedoch in der hheren Region, wo kein Wind mehr sauste, und die
angespannten Thiere konnten bequem ihren Pfad verfolgen. Gegen die Klte
schirmten artige Oefen von dnnem Blech, mit Papier geheitzt, und
Pelzhllen von Schwanenfell.

Am Rhein und in den Gegenden des ehemaligen Lothringens, freute sie der
laute Winzerjubel der unter ihnen tnte, eben so die berall noch dichter
als in Germanien angebaute Landschaft. Ohne Unflle erlebt zu haben,
erblickten sie bald das weitluftige Paris, dessen Vorstdte jetzt mit
Meaux, St. Denis, Versailles u. s. w. zusammenhingen.

Guido wunderte sich ber eine dnne spitze Sule von niegesehener Hhe, die
eine seltsame Gestalt hatte und fragte seinen Lehrer, was er davon zu
denken htte? Dieser erklrte ihm, wie die Pariser schon lange damit
unzufrieden gewesen wren, bei regnigtem Wetter ihre enggebaute Stadt so
unreinlich zu sehn. Die Erfindung htte sich in mancherlei Mitteln gegen
diesen Uebelstand erschpft. Es sei im Werke gewesen, die nahenden
Regenwolken jedesmal durch Kanonen von Luftbatterien zu zerstreuen und so
die Atmosphre der Stadt zu reinigen. Allein die Eigenthmer der Grten in
den Umgebungen, htten sich ber diese Maaregeln mit Recht beklagt,
weshalb man sie einstellen mssen. Endlich aber sei ein Projektant
aufgetreten, mit dem riesenhaften Entwurf eines Regenschirms fr die
eigentliche Stadt.

Die dnne Spitzsule, fuhr er fort, ist es. Eine Gesellschaft Aktieninhaber
besorgte die Errichtung; eine kleine Abgabe aller Einwohner, fr die
trockne Reinlichkeit willig gezollt, trgt den Zins und die fortlaufenden
Kosten. Die Sule steht genau in der Mitte von Paris. Zweitausend Schuh
hoch, besteht sie aus starkem Granit, auf einer hinlnglich festen
Grundlage. Dann folgen bis zur Spitze wohlzusammengefgte Eichenstmme, um
welche Eisenringe laufen. Eine Wendeltreppe von Auen fhrt vom Fu bis zur
Hhe.

Der ungeheure Schirm besteht aus einem von Hanffden gewebten Tuch, mit
wasserdichtem Firni berzogen. Wallfischrippen, durch Klammern verbunden,
spannen ihn bis zur Mitte, von da wird der gardinenartig aufgehobene Theil,
mittelst gewaltiger Taue, die nach allen Seiten in Abstnden von Hundert
Klaftern, zur Erde gehn, niedergezogen und wieder empor gebracht. Die
Erhebung der Wallfischrippen vollzieht ein ungemein kunstreicher
Mechanismus.

Indem er noch sprach, umdunkelte sich der schon trbe Himmel noch mehr, die
Gewlke nahmen gegen die Stadt ihren Lauf. Eine Fahne wehte pltzlich vom
Gipfel der Piramide, das Zeichen fr smmtliche Arbeiter an ihr Werk zu
gehn. Nun whrte es kaum zwei Minuten und das weite Gezelt breitete sich
ber die Tempel und Husermassen hin. Der Postillon trieb die Adler mchtig
an, um auch bald den Schutz zu genieen, und in kurzem befand man sich
unter der wohlthtigen Decke, auf welche der Platzregen mit dumpfhohlem
Getse niederschlug. Guido bewunderte am meisten die Rhren des Umkreises,
die das abstrmende Wasser auffingen, und in die verschiedenen, zu diesem
Zweck gegrabenen, Teichbassins leiteten, die wieder einen Abflu in der
Seine fanden. Er betheuerte: unter allem Merkwrdigen, was er noch auf der
Wanderung gesehen, stnde dieser Paraplu oben an. Es ist auch ein
Erdenwunder von Kunst, sagte Gelino.

Sie stiegen im Posthause ab, bergaben Trgern ihr Gepck, und eilten zu
einem Wechsler, wo der Lehrer Summen, fr ihren Aufenthalt nthig, in
Empfang nehmen wollte. Unterwegs stellte sich ihnen ein sonderbarer Anblick
dar.

Ein Mensch bettelte. Dies war so unerhrt, da das aufgeregte Mitleid keine
Grnzen kannte. Aus allen Husern eilte man hervor, den Unglcklichen mit
Wohlthaten zu berhufen, der sich auch bald in Besitz so vielen Geldes
sah, da er flehend bitten mute, nur einzuhalten.

Guido reichte ebenfalls hin, was er bei sich trug, und fragte den Lehrer:
wie so eine, die Menschheit entwrdigende, Erscheinung mglich sei? Dieser
erkundigte sich nher, und erfuhr: der Mann wre aus dem sdlichen Amerika,
und durch einen Schiffbruch um seine Habe gekommen.

Guido schauderte bei der Nachricht von einem Schiffbruch. Sie waren jetzt
beraus selten, nur ein bedeutender Fehler des Piloten konnte es dazu
kommen lassen. Denn bei den genauen Karten vom Meergrunde, der schon seit
mehr als einem Jahrhundert entdeckten Berechnung der Lnge, den herrlichen
Mitteln bei Nacht einen weiten Umkreis zu erleuchten, konnte man beliebig
jeder Gefahr entfliehn, auch der dauerhaften Bauart der Schiffe und der
Mglichkeit, fast berall vor Anker zu gehn, nicht einmal zu gedenken. Hier
hatte inzwischen ein Schiffer strafbare Nachlssigkeit verschuldet.

Das Betteln aber mute darum mnniglich so befremden, weil auch seit lnger
als einem Jahrhunderte es in Europa unerhrt war. Denn Staatsordnung,
Sitte, moralisches Gefhl hielten Jeden zur Thtigkeit an, und da Landbau
und Handwerke, durch tiefere Naturkunde und viel erweitete Technik, so
leicht, so berflssig die Lebensnothwendigkeiten hervorbrachten, so war es
auch der Betriebsamkeit des Einzelnen, sie mochte bestehn worin sie wollte,
nur ein Spiel, seinen Antheil zu erwerben. Die erhhte Bevlkerung, statt
diese Leichtigkeit zu stren; mute sie vielmehr, ihrer ganzen Natur nach,
frdern, woran man, nur bei irriger Kenntni der mglichen Fruchtbarkeit
des Erdbodens, zweifeln kann. Allein weise Anordnungen dachten auch auf
Krankheitflle Unbemittelter, auf Verstmmelte, auf hohes entkrftetes
Alter. Um nun in solchen Fllen ein Recht auf Untersttzung zu begrnden,
hatte jedes Kind, ohne Ausnahme, bei seiner Geburt, eine kleine Summe zu
erlegen, oder vielmehr die Aeltern statt seiner. Zudem jede einzelne
Person, einen geringen monathlichen Beitrag. Die Summen wurden klglich
bewirtschaftet, wuchsen dann sehr natrlich hoch an, und konnten viel
bestreiten. Um aber die monathliche Erhebung der Beitrge minder
weitluftig zu machen, hatte man sie in eine, durch ganz Europa gleichmig
aufgelegte, sehr geringe Akzise, verwandelt. Nun mochte sich Jemand aber in
Europa auch befinden, wo er wollte, seinen Aufenthalt ndern, so oft es ihm
gefiel, immer zahlte er unmerklich und behielt sein Recht. Die Summe des
allgemeinen Armenschatzes, den auch der ganze Erdtheil -- bei der
vervollkommneten Arithmetik, wovon schon die Rede war, hchst bequem
bersah -- mute auch darum so grer werden, als Reiche oder Wohlhabende,
bei der Geburt eines Kindes nicht den gewohnten Satz, sondern mehr
beisteuerten.

Gerieth nun Jemand in Noth, meldete er sich bei der nchsten
Sadtverwaltung. Diese untersuchte seinen Zustand genau. Einem gesunden
Menschen ward nicht das Mindeste schenkend gereicht, sondern er empfing die
Gelegenheit, durch diejenige Arbeit, welche er verrichten konnte, den
Unterhalt zu erschwingen. Krank dagegen nahm ihn ein Spital auf. Das Alter
von sechzig Jahren durfte auf eine angemessene Beihlfe zu der ihm noch
mglichen Arbeit zhlen, ber siebzig Jahr verpflegte man dagegen Greise
und Greisinnen ganz, was auch bei Krppeln und dergleichen geschah. Bei dem
allen hielt ein zartes Ehrgefhl die Geschlechter ab, eines ihrer Glieder
in die Nothwendigkeit zu versetzen, die ffentliche Wohlthtigkeit in
Anspruch zu nehmen; wenn es irgend mglich schien, verheimlichten sie den
Mangel in den einer der ihrigen gesunken war, machten es auch zum
Gegenstand ihrer Religion, Kranke und Alte selbst zu pflegen.

Ueberlegt man hiebei, da die meisten Ursachen, welche Armuth
hervorbringen, ja lange schon aus dem Wege gerumt waren, als
Kriegrubereien, unmige Auflagen, falsche Geldoperazionen der
Regierungen, Handelsverbindungen, in welchen ein Volk mit betrgerischer
Schlauheit, das andere mit Unkunde seiner eigenen Krfte auftritt,
gehssige Immoralitt des Einzelnen, die zu Verschwendungen leitet, ehrlose
Trgheit und Unempfindlichkeit gegen Achtung, die nicht erwerben mgen,
auch Almosen spendende Klster, den Miggang untersttzend; erwgt man
noch, da das furchtbare Heer der Krankheiten sich unendlich vermindert
hatte, so geht ganz von selbst hervor, wie ein Reisender Europa
durchwandeln konnte, ohne jemal das widrige unedle Schauspiel der Bettelei
wahrzunehmen. Guidos Befremdung erklrt sich demnach so gut, als das
mitleidige Zudrngen der Pariser.

Es whrte aber nicht lange, so erschien ein Polizeibeamter und fragte den
Armen zrnend: warum er nicht zur Stadtobrigkeit gekommen sei? Die Antwort
hie: Weil ich kein Europer bin, folglich nicht zu euren
Wohlthtigkeitsanstalten beigetragen habe, durfte ich auch nicht mit Recht
auf ihre Milde bauen. Der Diener des Gesetzes entgegnete streng: Es reisen
viele Brger anderer Erdtheile in Europa, und die Akzise gewinnt an ihrer
Zehrung. Wie unbillig wrde es daher sein, wenn irgend Jemand darunter sich
arm ankndigte, ihm Hlfe zu versagen. Du hast uns durch Mangel an
Vertrauen beleidigt und ein ffentlich Aergerni gegeben, dessen sich ohne
Zweifel der lteste Greis nicht mehr entsinnt. Behalte was man dir reichte,
verzehre es jedoch im Kerker. Dann wollen wir dir eine Summe geben, mit
welcher du dein Vaterland wieder erreichen kannst. -- Wider diesen Spruch
galt keine Einrede, denn er enthielt den Geist der Gesetze.

Gelino und sein Zgling drngten sich mhevoll durch das Volkgewimmel der
Straen, und um so mehr, da, wenn gleich am hohen Mittage, der Regenschirm
Dunkel verbreitete. Doch eben da sie auf einem groen Markt angekommen
waren, hatte das Unwetter geendet und die Bedeckung wurde wieder eingelegt.
Man verrichtete dies schnell, und neu, berraschend, blendend war die
Wirkung des pltzlich niederscheinenden Sonnenlichts.

Sie langten im Hause des Wechslers an. Gelino bergab ein Schreiben; der
Mann war sehr hflich und rief einige Trger, welche schwere Goldscke auf
einen Wagen luden. Der Lehrer sah alles nach, gab ihm Empfangscheine, und
nahm dann mit seinem Zgling Platz auf dem Wagen.

Dieser hatte befremdet und nachdenkend zugesehn. Nun fragte er: Woher die
groen Summen, und wozu? Gelino antwortete: Wir behalfen uns bisher mit
geringen Kosten, doch in Paris und London wollen wir einigen Aufwand
machen, damit du auch mit dem Leben des Reichthumes vertraut wirst.

Da empfange ich nur eine Auskunft, rief Guido. Woher, frage ich abermal,
die groen Summen?

Von dem nmlichen Wohlthter, der dich bisher in den Stand setzte, die
Welt reisend zu betrachten.

O dieser Wohlthter mu reich, sehr reich sein. Mein leichter Sinn fragte
noch wenig darum. Was gilts aber, es ist der Kaiser selbst, dem ich so
viele Zeichen der Milde verdanke?

Ja mein junger Freund, es ist der Kaiser. Was er von dir hrte, besonders
von deinen Thaten im Heere, erwrmte sein Herz noch mehr fr dich. Frage
nicht weiter, geniee, und vor allen Dingen, lerne, begreife, mache dich
der Gte ferner werth.

Guidos Nachsinnen ward ernster. Einige Minuten darauf brach er aus: O da
ich keine Eltern kenne, und so se Gefhle, wie die kindlichen, mir
versagt wurden! Erst bei den Fndlingen erzogen, hernach unter deiner
Leitung, die mich allerdings keinen Vater missen lie, ahnte ich tiefere
Empfindungen nicht. Allein, nachdem ich auf der Reise so oft das
entzckende Schauspiel eines engen Familienbandes sah, beweinte ich im
Stillen mein hartes Loos.

Gelino drckte ihm gerhrt die Hand. Geduld mein Sohn, vielleicht findest
du einst deinen Vater.

Strmische Ungeduld entbrannte in dem Jngling. Von sen Hoffnungen wogte
sein Busen. Er drang feurig in den Lehrer, ihm das Geheimni seiner Geburt
aufzuklren, wenn er anders den Schlssel dazu htte, oder wenn er nichts
genau wisse, ihm seine Vermuthungen zu nennen. Der Lehrer brach aber
gemessen ab, empfahl ihm ruhiges Erwarten der Lsung seines Schicksals. Es
war Guido bekannt, da er, wenn der Lehrer schweigen wollte, umsonst bat,
er mute sich also mit Geduld waffnen, obgleich die Neugier ber seine
Herkunft jetzt heier als je erwachte, und manche sonderbare Ahnung in ihm
aufstieg. Er trstete sich wohl ber den Mngel an Kindesliebe, weil ihn
Inis Liebe beseligte, und sein Herz so warm an den edlen Lehrer hing, doch
meinte er immer wieder, dies Herz sei weit genug noch mehr Liebe glhend zu
umfassen.

Gelino hatte schon zuvor nach Paris geschrieben, und einen Miethpallast,
wie es deren fr sehr reiche Wanderer gab, auf die Tage ihrer Anwesenheit
bestellt. Sie kamen nun dort, von den Dienern des Wechslers geleitet, an.
Er war aus rothem und weien Marmor gebaut, hatte ein stark bergoldet
Bleidach, das im Strahl der Sonne prangend leuchtete. Eine zahlreiche,
glnzende Dienerschaft, stand am Portal. Die innere Einrichtung entsprach
der ueren Pracht vollkommen. Man erblickte Zimmer, deren Wnde mit dem
kstlichsten Mosaik bekleidet waren, andere mit staunenerregenden
Meisterwerken der Malerei umhangen. Es befand sich ein Konzertsaal hier,
den die Standbilder der neun altgriechischen Musen, zu Athen gefertigt,
schmckten, und zum Personal des Pallastes gehrte zugleich das treffliche
Orchester, was sich auf Verlangen des Miethers hren lie. Eben so ein
kleines Theater, mit Schauspieler und Schauspielerinnen. Ferner eine groe
Bibliothek, der einige Gelehrte vorstanden. Der Speisesaal war mit
Silbergeschirren erfllt, goldne Lampen hingen von den Decken nieder. Das
Bad war den altrmischen hnlich, welche die Kaiser Trajan oder Tiber
anlegten. In der Kche bereitete man sich, wie einst bei Apicius, immer auf
eine groe Zahl von Gsten, doch viel schmackhafter noch als bei jenem
waren die Speisen zugerichtet, was jetzt um so mehr anging, da die
Kchenchemie eine eigne weitluftige Wissenschaft galt, ber die
Professoren, von Lehrlingen der Tafelkunde gehrt, lasen. Noch fand man im
Hofe Wagen aller Art, einen Stall trefflicher Pferde, einen andern mit
Adlern, und mehrere schne Gondeln, denn ein kleiner Kanalarm fhrte von
dort nach dem Strome. Auch ein schnes Landhaus mit weitluftigen Grten
gehrte noch zu diesem Miethpallast. Allerdings gab man aber auch eine
Miethe, die den zu findenden Bequemlichkeiten angemessen war.

Guido fragte: Wie ist es mglich, Unternehmungen der Art zu wagen?

Wirkungen des Reichthums, antwortete der Lehrer. Das ewige Zustrmen der
Fremden nach dieser Stadt, bringt so viel Geld hinein, und sie sendet es
wieder in die Ferne, um das alles herbeizuschaffen, was die Fremden ferner
anreitzen kann. Es prangen mehrere Gebude der Art, und selten stehen sie
leer, weil es vermgende Wanderer genug giebt. In den vergangenen
Jahrhunderten wren Erscheinungen der Art unmglich gewesen, weil man da
weder Freiheit, noch Thtigkeit, noch Kenntni genug, ber den beweglichen
Umlauf der Reichthmer, und ihre Vermehrung der Erzeugnisse whrend ihrem
schnellen Wirbel, hatte. Damals gab es wenige Reiche und unerhrt viel
Armuth. Jetzt sieht man Jene in groer Zahl und diese ist meistens
verschwunden. Groe Entwrfe im Handel oder anderer Art, klug und glcklich
ausgefhrt, bereichern um so leichter, da sie auf den allgemeinen Wohlstand
berechnet sind. Damit aber dennoch, nicht wenige Familien zuletzt so viel
wuchernd an sich reien knnen, da andere von ihnen abhngig sind, ist die
beraus weise Erbschaftsteuer eingefhrt worden, die den Zweck vor Augen
hat, den Erwerber zwar die Frucht seiner Thtigkeit vollkommen genieen zu
lassen, dagegen aber die Unthtigkeit der Erben, die von der Arbeit des
Todten mig schwelgen mchten, nach Mglichkeit abzuschneiden. Je
vermgender, je hher die Steuer vom Nachla, und sie steigt auch nach
Maagabe der nheren oder weitluftigeren Verwandschaft der Erben. Dies hat
zur Folge, da der Reichgewordene auch bei seinem Leben viel wieder in den
Umlauf giebt, und ihm wird auch, in Betracht des Gemeinbesten, und insofern
sie nicht unmoralisch ist, Verschwendung nachgesehn. Mag er bauen, reisen,
Knsten und Wissenschaften lohnen, dadurch empfngt das alles hheres
Leben.

Wo bleiben aber die Summen, aus dieser Erbschaftsteuer? fragte Guido?

Der Lehrer gab zur Antwort: Sie werden zum Vortheil des Landes auf
mannichfache Weise angelegt, so da sie den niederen Stnden wieder
zustrmen. Man grbt Kanle, wo sie noch fehlen, baut, macht Versuche mit
ntzlichen Erfindungen, wozu, wie du weit, auch andere Summen vorhanden
sind, unternehmende, aber nicht bemittelten Brger knnen Anleihen
nachsuchen. Kurz auch hier ist wieder der rasche Zirkelgang, des, die Dinge
und den Kunstflei darstellenden, Metalles, Endzweck. Htte die Vorzeit die
Wunder der Freiheit und Ruhe ahnen knnen, traun, sie wrde um einige
Jahrhunderte frher geeilt haben, den Thron der Vernunft zu erhhn, und in
einem Erdtheil, wo die Menschen schon lange sich durch Bildung hnlich
wurden, die unsinnigen Kriege einzustellen. Vielleicht ging das aber auch
nicht ehe an, bis der Zeitgeist alles von selbst schnerer Reife entgegen
fhrte. Wie langer, vorbereitender Aufklrung, bedurfte es unter andern zu
dem groen Schritte, die Religion an die Stelle der Kirchlichkeit zu
bringen. Freilich folgte er erst dem blutig geendeten Kampfe der Politik,
und htte ihm vorausgehen knnen, wodurch der Christenstaat ohne jene
schauderhaften Schlachten, wovon die Geschichte meldet, zu grnden gewesen
wre. Denn in der That, liest man einige alte Schriftsteller aus dem
achtzehnten Jahrhundert, in deren Kpfen bereits so viel Licht anbrach,
kann man nicht genug ber die seltsame Verstocktheit ihrer Zeitgenossen
staunen, welche es nicht ntzen wollten, das Heil, die Bestimmung der
Menschheit erkennen, Wahrheit und Irthum, Gutes und Bses unterscheiden zu
lernen. Indessen ist es nun einmal so. Das Genie der Verbesserung hat zu
allen Zeiten Widerspruch gefunden, oft mute der groe Mann erst begraben
sein, ehe das Recht seiner Aussprche erkannt wurde. Geht es doch bisweilen
noch jetzt nicht anders. Sind wir doch, trotz aller Religion und Erkenntni
zuweilen genthigt, mit Asien oder Afrika zu kriegen.

O schner Voranflug seines Zeitalters! rief Guido. O da ich der Menschheit
irgend eine Wohlthat ersinnen knnte, da die Nachwelt mein Andenken
segnete!

Der Friede mit anderen Welttheilen wre solch eine Wohlthat, antwortete
Gelino. Er fehlt der Menschheit. Allein die Leidenschaften werden nicht
berall so glcklich bekmpft als in Europa, und auch hier, wir wollen
nicht prahlen, gelang es noch nicht so weit damit, als wohl zu wnschen
wre. Im Geheim treiben sie oft ihr Spiel fort; denn wer sieht das Innere
der Seele, wenn die Menschen in der Tugendlarve heucheln. Es giebt doch hie
und da einen Frstenrath, einen hohen Priester des Gesetzes von gewichtigem
Ansehn, entscheidenden Einflu, der sein wahres Spiel birgt, und Zwietracht
mit der Fremde, oder Zwietracht im Innern hervorruft. Man mu auf seine
Tugend baun, wer vermag sie genau zu erkennen?

Hier fhlte sich Guido von einem Gedanken ergriffen, dem er in der Folge
eifrig nachhing. Jetzt antwortete er dem Lehrer: Die richtige Erkenntni
des Menschen scheint mir nicht unmglich, aber den Frieden aller Vlker zu
knpfen, ist schwer. Ich sehe nicht ein, auch wenn ich Kaiser wre, was ich
da thun wollte. Da mu das Schicksal selbst freundlich zutreten.

Nun das wird auch einst geschehn, antwortete Gelino. Auch gebieten ja die
Menschen dem Schicksal immer mehr, wie ihre Weisheit steigt. --

Die Reisenden erborgten in Paris vornehme Namen und knpften
Bekanntschaften an. Die angesehensten Einwohner, Knstler, Gelehrte, wurden
zu ihrer Tafel, zu ihren Konzerten, nach ihren Grten geladen, und baten
sie dagegen zu sich. Es war noch in Paris wie vormal, das Neue erregte viel
Aufsehn, alle Welt sprach davon. Nicht eben die Verschwendung des reichen
Jnglings konnte auffallen, doch er selbst, sein Verstand, mehr noch seine
Schnheit. Die Damen waren ganz entzckt, sie schwuren, nie eine so
vollkommene mnnliche Gestalt erblickt zu haben. Dies benutzten Maler,
Kupferstecher und andere Knstler, bildeten ihn vielfach ab, und wenn er
ausging, sah er beschmt berall Gemlde, Gipsabdrcke, Statuen von sich.
Auch Denkmnzen wurden auf ihn geschlagen und in den Gassen ausgerufen,
viele Damen trugen ihn in Gemmenringen am Finger. Er empfing auch verliebte
Zuschriften voller Witz, und bte wieder den eignen Witz, indem er die
zrtlichen Antrge so ablehnte, da sich die Schnen dennoch bezaubert
fhlten. Dadurch entstand viel neues Gerede, und eine gelehrte Dame
veranstaltete sogleich eine Sammlung dieser tugendhaft witzigen Billets,
die man eilig mit Stereotipen druckte, eines ungemeinen, Absatzes gewi.

Kurze Zeit nach seiner Ankunft hrte Guido von einem sonderbaren
Rechtshandel. Er hatte sich schon ber die Menge von Diamanten gewundert,
welche ihm Ueberall zu Gesichte kam; die Frauen der niederen Klassen waren
so damit bedeckt, da man auf Spatziergngen nicht nach der Seite blicken
konnte, wohin die Sonne schien, selbst die Dienstmdchen in seinem
Pallaste, trugen Haar, Ohren, Busen und Arme davon voll. Der Glaube, sie
mchten uncht sein, fand die Widerlegung der Kenner, allein man
benachrichtigte ihn: es sei in Paris ein Juwelenhndler vorhanden, der die
edlen Steine um einen tief geringen Preis verkaufe, dabei ein unerhrt
angeflltes Waarenlager hielt, und so auch den Pbel in Stand setzte, den
gepriesenen Schmuck zu tragen. Deshalb aber, wie man wohl denken kann,
verschmhten ihn nun die Damen der feinen Welt, und sich ohne
Juwelenschimmer zeigen, hie glnzen.

Die andern Kleinodienverkufer sahen sich zu Grunde gerichtet, feindeten
ihren Nebenbuhler an, belangten ihn vor Gericht. Hier begriff auch Niemand,
wie der Mann das Theure so wohlfeil losschlagen knne. Neue Prfungen ber
die Gte seiner Steine folgten, sie schlugen abermal zu seinem Vortheil
aus. Man fragte: Aus welchen Indischen Diamantengruben er kaufe? Er
antwortete: Dies habe er, zufolge der Handelgesetze, nicht nthig zu
erklren. Man verlangte aber wenigstens, ein fremdes Handelshaus zu nennen,
mit dem er Geschfte pflege, ein Schiff, das seine Waaren herbeifhre.

Dies konnte er nicht, und nun lag am Tage, seine Steine wrden nicht von
Auswrts gezogen. Er verfertigt sie selbst, riefen die Gegner, folglich
sind sie, trotz allen Proben, uncht.

Gut, sprach der Juwelier, ich verfertige sie, doch eine Unwahrheit ist eure
andere Behauptung. Untersuchet so lange ihr wollt, ihr werdet keinen andern
Gehalt finden, als ob die Steine von Golkonda oder Brasilien kmen. Ich
betrog nicht, verkaufte chte Diamanten, dem Kufer kann es gleich sein, ob
die Natur, ob ich sie hervorbringe.

Bei nherer Untersuchung fand sich, da der Mann, den lange schon in der
Chemie genannten Bestandtheil, _reinen_ Kohlenstoff, so zu verdichten
gewut hatte, da der wirkliche Diamant erzeugt wurde.

Das Gericht war im Anfang zweifelhaft. Die groe Zerrttung des Werthes der
Edelsteine, welche der glckliche Erfinder veranlate, machte ihm Bedenken.
Doch zuletzt entschied die Stimmenmehrheit: Dem Manne drfe keine Strafe
anheim fallen, auch die Fortsetzung seiner Kunst ihm nicht untersagt
werden. Mchten die Weiber gern schimmern, so wre ihnen die Gelegenheit
aufgethan, um wohlfeilen Preis ihren Wunsch zu erlangen. Gefiele ihnen der
wohlfeile Schimmer nicht, zeigten sie noch grere Thorheit als zuvor. Der
Mann knne dann zu ihrer Heilung beitragen, und wenn das andere Geschlecht
mehr auf Pflege der wahren Schnheit hielt, mehr dem Manne durch weibliche
Tugenden, als kindische Glanzfunken zu gefallen strebte, htte das
Gemeinwohl dem Knstler innig zu danken. Verlren brigens manche
Juwelenhndler, sei das zufllig, und das Gesetz knne ihres einzelnen
Vortheils halber, keine irrige Grundstze aufstellen. Dabei blieb es nun.

In der That, rief Guido, als er bald darauf einige mit Edelsteinen
berladene Frauenzimmer sah, mir scheinen sie selbst nicht mehr so
kstlich, als da ihre Seltenheit mich bestach.

So bist du denn auch von blinden Vorurtheilen nicht frei, fiel der Lehrer
ein. Doch mchte nur alles Schne so gemein werden, da man keine
Auszeichnung darin fnde, desto besser stnde es um die Menschheit. Zum
Glck ist es auch schon mit vielen Tugenden dahin gekommen. Was die Vorwelt
staunend gepriesen htte, blikten wir oft als gleichgltige Alltglichkeit
an. Wohl uns! --

Sie begaben sich eines Tages nach der groen Oper. Das Haus war ungemein
mit Zuschauern gefllt. Guidos Blicke suchten das Theater. Er sah vor sich
ein geflltes Parterre, Logen, Kronleuchter, so gut als neben und hinter
sich. Gelino lchelte. Wisse, sprach er da der Vorhang ein Spiegel ist,
der durch die ganze Mitte des Saales reicht. In diesen siehst du den Platz
der Zuschauer wiederholt. Hebt das Stck an, wird ihn eine Maschine empor
winden.

Dies erfolgte auch zu Guidos Befremdung, und nun zeigte sich die Bhne. Man
sah jetzt kein Licht mehr bei den Zuschauern, zum Vortheil der
Theatererhellung, die dem Tage vollkommen glich, waren sie smmtlich
erloschen, wie aber am Ende eines Aktes der Spiegelvorhang niederschwebte,
wurden sie alle durch eine elektrische Vorrichtung entzndet.

Die alte Mithe, Orpheus war der heutige Stoff. Im ersten Akt sah man eine
Landschaft und einen Meilenweiten Hintergrund, der unmglich gemalt sein
konnte. Guido begriff das nicht. Sein Lehrer erklrte ihm, wie dies
Opernhaus mit einem Schraubenwerke versehen sei, wodurch es der
Theatermeister, bei den Akten, die eine weite Tiefe darbieten sollten, bis
ber die Huser der Stadt hbe, da, nach weggenommener Hinterwand, man das
wirkliche Feld der Gegend erblickte.

Also schweben wir jetzt in solcher Hhe? fragte Guido.

Allerdings. Die Bewegung vollzog sich so sanft, da Niemand sie merkte.
Hat schon ein altrmischer Baumeister ein Schauspielhaus mit Achzigtausend
Zuschauer gedreht, wird die Mechanik unserer Zeiten es doch wohl erheben
knnen.

Ist das aber nicht mit Gefahren verbunden?

Frchte nichts. Die Polizei lt vor den Darstellungen alles Maschinenwerk
durch Sachverstndige prfen.

Im zweiten Akt zeigte sich die Hlle. Ungeheure, weite, brennende Klfte
und Abgrnde, in deren Flammen gepeinigte Verdammte klagten. Die Fernsten
erschienen ganz klein, doch waren es lebende Wesen, wovon sich Guido durch
ein Sehrohr berzeugte. Wie ist dies mglich? fragte er abermal.

Gelino antwortete: Das Opernhaus hat mit groen Kosten ein tiefes
Souterrain aushhlen lassen, was um so eher anging, da es auf der Hhe des
Montmartre liegt. Will man nun weite Gebude, oder Klfte und Abgrnde
darstellen, wird das Haus durch jene Schraubenwerke in die Tiefe gesenkt,
wo man sich nun der unterirdischen Entfernungen bedienen kann. Wir befinden
uns jetzt unter der Erdflche, die letzten Gestalten sind einige Tausend
Schuh von uns entfernt.

Im dritten Akt sah man den Himmel Fremdartige Farben, ungemein zarte
Umrisse aller Gegenstnde wirkten mit bezaubernder Schnheit. Ein anderer
Mond, andere Sterne mit einer tiefrhrenden Idealitt gezeichnet, blinkten
daher, was aber Guido am meisten in Verwunderung setzte, war, da ihre
Strahlen durch Euridizens und der anderen Schatten Krper leuchteten. Und
doch war Euridize die nmliche, welche er im ersten Akte gesehn, doch
bewegte sie sich lebend, sang. Er ward nun durch seinen Lehrer
unterrichtet: Alle Gestalten, die wir jetzt sehen, sind nur der wirklichen,
in einem Nebengemach befindlichen, Wiederscheine, durch ungemein
sinnreiche, optische Laternen, hervorgebracht. Daher mu das Licht diese
Euridize durchschimmern, denn, treu der Fabel, ist es wirklich nur ihr
Schatten. Da auch die Blumen, Gebsche, Hgel, so zarte Umrisse, so
seltsam fremdartige Farben zeigen, macht eine groe Platte von grnem doch
klaren Glas, welche davor hngt, wie jener Spiegel, im ganzen Umfang der
Bhne, ohne da wir sie wahrnehmen.

Musik, Gesang, Tnze waren den brigen Vorwrfen an Vollkommenheit hnlich,
und mit hohem Entzcken verlie Guido dies Schauspiel, sich lange noch
Orpheus, und Ini Euridize trumend.

Sie sahen auch das groe Trauerspiel. Der Dichter hatte in dem heutigen
Stcke eine Thatsache der Vorzeit behandelt, und viel gegen die Empfindung
wagend. Eine junge Monarchin, schn, liebenswrdig, geistvoll, ist mit
einem Gemahl verbunden, dem alle ihre Vorzge mangeln. Er kmmt eben zur
Regierung, belegt aber durch seine ersten Schritte, dem groen Amte
durchaus nicht gewachsen zu sein. Die Gemahlin erkennt die Richtung, welche
dem Volke zu seinem Wohl gegeben werden msse, die Kraft ihres Genius regt
sich khn, von Liebe zu den Unterthanen stammt ihre edelempfindende Brust.
Doch vermag sie nichts ber den Gemahl, der sie nicht versteht, ihren
schnen Sinn anfeindet, und in Roheit waltet. Tirannei und Zerrttung
drohen dem Reich, die Monarchin fhlt, sie knne ihm eine gedeihenvolle
Zeit blhen lassen.

Ein weiser Vertrauter ruft ihr zu: Besteige den Thron, herrsche, beglcke!
Sie schaudert. Sie kann nur ber den Leichnam des Gemahls jenen Stufen
nahn. Es ist ein Unwrdiger, doch sie seine Gattin. Ihr Zartgefhl emprt
der Gedanke an jeden Mord, um wieviel mehr an den des Gemahls! Ihr Herz
trgt solche Vorstellung nicht, ihre Einbildungskraft mu ihr entfliehn.

Der Vertraute spricht: Besteige den Thron, durch ein Verbrechen ihn mit
deiner Tugend zu schmcken. Wie edel ist dann dies Verbrechen! Es wird die
hchste deiner Tugenden, allen brigen, die Bahnen ebnend. Begehst du es
nicht, wie laut der Nation geheimes Flehn, wie laut der Beruf deiner
Geistesgre es verlangen, dann erniedrigt dein Sumen dich zur Frevlerin.
Alles Wehleiden der Millionen auf dein Haupt, ihr Fluch beugt dich
schwerer, da du ihn in Seegen httest umwandeln knnen.

Hier steht sie nun an dem furchtbaren Scheideweg. Eine khne Missethat --
und dann ein schnes Leben, dem Ruhm, gotthnlich ber ein geliebtes Volk
zu herrschen, geweiht. Eine feige Tugend -- und nichts als der Anblick
eines elenden geliebten Volkes. Hier steht sie -- weint, ruft sich selbst
um Kraft an, mahnt ihren Genius, Licht in dies schauderhafte Dunkel zu
werfen -- und -- strt endlich nicht, was der Vertraute vollbringen will.

Nun empfngt sie das Scepter, und hlt den Hoffnungen des Ruhmes Wort.

Zum Erstenmale ward heute das Trauerspiel gegeben. Die feinsinnige
Versammlung, sonst gewohnt, sich ber alles Schne oder Unedle ganz
bestimmt zu uern, die der Kunstwerke Vorzge, nach dem richtigsten Takt
mit Beifall lohnte, und ihre Mngel eben so durch Tadel strafte, wute --
unerhrt in den Annalen dieser Bhne -- heute sich nicht zu entscheiden.
Kein Lob, kein Mifallen, allgemeine Stille. So blieb es auch bei den
folgenden, immer gedrngt besuchten Vorstellungen.

Gelino wollte aber auch auf dem kleinen Theater des Pallastes etwas sehn.
Er sprach mit dem Vorsteher der Gesellschaft, die am liebsten bunte,
regellose Sachen auffhrte. Dieser trug ihm eine kurzweilige Posse an,
genannt:

Die Narrheiten vor Dreihundert Jahren.

Gelino war es zufrieden, und lud so viele Fremde, als der Raum nur fassen
konnte.

Als der Vorhang weggenommen war, wollten die Zuschauer fast vor Lachen
sticken, ber die nrrischen Kleidertrachten, der dargestellten Zeit. Wie
war es mglich, riefen viele, da sich die Menschen jemals so unbequem,
geschmackwidrig und lcherlich umhllen konnten! Eine Hauptbedeckung, grade
aufstehend, oben platt, einem umgekehrten Becher hnlich, oder gar ein
Dreieck mit abentheuerlichen Stlpen! Wie vielerlei Lappen hngen an den
Mnnern, der natrlichen Form ganz zuwider, mit hlichen Ecken, und
dennoch bel gegen die Witterung schirmend. Wie mu dies vielfache
Einschnren die Krper verunstaltet, ihnen nach und nach Kraft und
Gesundheit entzogen haben! Und so unanstndig, pfui, so unanstndig!
Frwahr diese Urvter muten grobe Narren sein!

Es wurden nun mancherlei Sittenzeichnungen dargestellt, wo denn aber das
Gelchter oft mit Abscheu und Mitleid wechselte. Man sah die Kirchlichkeit,
wo unverschmte Priester ganz widersinnige, unnatrliche, die Gottheit
herabwrdigende Mithen, einst einem tief rohen Zeitalter kaum anpassend,
immer noch als Wahrheiten lehren wollten, und das thrichte Volk
gauklerisch betrogen. Man sahe Frstenhfe, wo eine widrige Erziehung das
Oberhaupt rmer an Geist dastehen lie, als die Unterthanen am Fu der
Staatspiramide, wo es, statt mit der Weisheit, mit dem Vorurtheil umgeben
war, und bldsichtige engherzige Hflinge ihm eitel Lgen sagten, wo das
wahnsinnige Volk endlich durch heuchlerische Schmeicheleien alles verdarb.
Man bildete das Faustrecht vor drei Jahrhunderten ab, wo ein europisches
Volk das andere um nichtiger Ursachen willen bekriegte, und dies mute
jetzt grade so viel Widerwillen erregen, als eine Darstellung des kleineren
Faustrechtes, zwischen den Gauen des vierzehnten Jahrhunderts, wenn sie das
neunzehnte sah. Die Thorheiten, allerhand Sisteme der Philosophie zu
wechseln, durch Bcher voll Unsinn Irthmer auszubreiten, durch falsche
Finanzoperationen ganze Lnder verarmen zu lassen, durch Verschiedenheit
der Dingenmaae und Sprachen, den Ideentausch zu erschweren, berstrmte
eine witzige Satire mit dem wohlverdienten Spott. Am Ende begegnete sich
alles in dem Ausruf: O ihr grobe, grobe Narren der Vorzeit! Gelino
erluterte aber der Versammlung, da doch auch nicht jeder damals die
Schellenkappe getragen habe, nannte ehrwrdige Namen von Mnnern, die sich
ein groes Verdienst in Bezeichnung der besseren Pfade erworben htten, und
schlo: es sei fr die Menschheit nothwendig gewesen, durch dies dunkle
Labirinth zu gehen, um den Gegensatz erhellter Vernunft wohlthtiger zu
begreifen. --

Guido und sein Lehrer sahen noch Tausend Merkwrdigkeiten, welche
aufzuzhlen der Raum hier nicht gestattet. Unter andern folgende auf der
Anatomie, welche sie als eine der vorzglichsten Anstalten zu Paris
besuchten, und wohin sich jetzt eine groe Zahl gespannter Neugierigen
drngte.

Die Veranlassung war diese:

Vor funfzig Jahren hatte, zu Befremdung von ganz Europa, ein Brger in
Paris mehrere todeswrdige Verbrechen begangen. Das Gesetz zauderte lange
mit seinem Spruch, und wollte ihn endlich nach Spitzbergen verweisen,
wohin, wie wir schon wissen, solche Unglckliche kamen, deren Vernunft sie
nicht von der Schnheit eines gesetzlichen Lebens berzeugen konnte. Die
Kolonie in Spitzbergen hrte aber davon, und indem jeder Einzelne dort sich
rein gegen jenen Bsewicht halten konnte, schrieb sie an das Gericht und
verbat die Verunehrung.

Man wankte von einer Meinung zur anderen. Seit mehr als einem Jahrhundert
war in Europa keine Todesstrafe zuerkannt worden, es gab keine Henker und
Hochgerichte mehr. Dennoch hatte der Mensch die Todesstrafe vollkommen
verwirkt, und hatte er das furchtbare, grliche Schauspiel unerhrter
Frevel geben knnen, war das Beispiel einer eben solchen ffentlichen
Ahndung gerecht. Zuletzt entschied man denn fr seinen Tod, doch ber die
Art desselben konnte man sich nicht einigen.

Da trat ein Lehrer der Zergliederungskunde auf. Lat ihn durch seinen Tod
ntzen, sprach der Mann, er mag uns um eine wichtige Erfahrung bereichern.
Wir entdeckten eine geistige Flssigkeit, viel vervollkommnet gegen die,
welcher sich vormals die Anatomen bedienten, um thierische Organe dauernd
aufzubewahren. Sie erhlt einen Krper genau in dem Zustande, worin er ihr
bergeben wird. Ich rathe, wir fllen ein weites Gef mit diesem Fluidum.
Der Verbrecher werde entkleidet und darin ertrnkt. Dann soll aber das
Gef verschlossen werden und funfzig Jahre lang unberhrt bleiben. Nach
Verlauf dieser Zeit aber soll man den Krper wieder herausnehmen, und die
gewhnlichen Mittel, welche im Wasser Verunglckte oft ins Leben rufen,
anwenden. Meine Theorie weissagt, man werde sich nicht umsonst bemhn, denn
die Lebenskraft ist nicht entflohn, alle Theile sind in ihrer
Vollkommenheit erhalten worden, weil der Reitz des geistigen Feuers in
unsrer Flssigkeit, der Auflsung Widerstand leistet. Irre ich nicht, so
wird es merkwrdig sein, einen Mann zu sehen, der funfzig Jahre lang
schlief, er wird manches wissen, das die Alten und Geschichtschreiber
vergaen. Knftig knnte man sogar Jahrhunderte lang Leben aufbewahren, und
gewi mit Nutzen, denn oft geht auch, trotz dem Weiterstreben der
Menschheit, manches Gute unter, dessen Rettung aus der Vergessenheit
heilsam werden kann.

Der Arzt sah sich hufig bestritten, man lachte sogar ber ihn. Endlich
aber erklrte ein Geschichtforscher: er habe in einem alten Buche gefunden,
da einst im achtzehnten Jahrhundert, der Mann, welcher die ersten
Gewitterableiter erfunden, Franklin genannt, Fliegen von Madera, die im
Weinfasse nach Nordamerika gekommen wren, und zehn Jahre lang im Keller
gestanden htten, wieder lebendig gemacht habe.

Was wollt ihr nun? fragte der Arzt.

Fliegen und Menschen! spttelten seine Gegner.

Nun, es kmmt auf den Versuch an, hie es endlich, und man beschlo, den
Rath zu vollziehn, was auch geschah.

Das Fa mit dem Ertrnkten wurde in einem festen Gewlbe bewahrt, vor
dessen Thr der Rath sein Siegel legte. Ein Protokoll berichtete der
Nachwelt die Thatsache und bat daneben: falls der Verbrecher wirklich
wieder zum Dasein gelangen sollte, dann die weitere Strafe, in Betracht der
erlittenen Todesangst, aufzuheben. --

Jetzt waren die funfzig Jahre verstrichen. Der Tag des Versuches wurde
beraumt. Die Naturkundigen schrieben fr und gegen jenes, schon lange
gestorbenen, Arztes Meinung. Man stellte Wetten an, ganz Paris sprach von
nichts, als dem Manne im Spiritus.

Gelino hatte, durch bedeutende Frsprache, die Erlaubni des nheren
Zutritts fr sich und seinen Zgling empfangen. Man brach die Siegel, fand
das Gef unversehrt, das nun in den Saal der Anatomie geschafft wurde.

Auf Erhhungen saen die eingelassenen Zuschauer, die Naturkundigen hatten
sich um den Tisch, in der Mitte des runden Saales, gedrngt.

Der Krper ward aus seinem feuchten Grabe gezogen, auf den Tisch gelegt.
Alle Theile waren so frisch, als htten sie nur eine Stunde darin gelegen,
das Gesicht blulich aufgetrieben wie immer bei Ertrunkenen. Verwundernd
blickte alles hin, und harrte ungeduldig auf den Ausgang.

Die gewhnlichen Rettungsmittel fanden Anwendung, man brachte die
Flssigkeiten aus der Luftrhre, rieb, erwrmte, flte ein, u. s. w. Doch
verging eine Stunde nach der anderen, ohne da der Zustand des Kadavers
sich im mindesten umwandelt htte. Nicht wahr, wir hatten Recht? sagten die
Unglubigen, wer seine Wette verlohren glaubte, zog ein verdrielich
Gesicht.

Endlich rief ein junger Arzt: Vielleicht hindert der Spiritus, den die
Einsaugungsgefe aufnahmen, durch den zu groen Reitz den Umschwung der
Sfte. Suchen wir ihn in einem Schwitzbade auszufhren, das ohnehin durch
den hohen Grad von Hitze die Lebenskraft anregen wird.

Es ist nicht mehr die Rede von Lebenskraft, entgegnete der Vorsteher,
indessen kann man ein Uebriges thun.

Das Schwitzbad wurde geheitzt, einige krftige Mnner begaben sich mit dem
Krper hinein, und lieen die Temperatur hher treiben, als sie wohl einst
ein Blagden ausgehalten hat, whrend sie ihre Bemhungen unermdet
fortsetzten.

Vom Saale schickte man jeden Augenblick nachzufragen. Die Nachricht langte
an: der Kadaver schwitze. Ein Lebenzeichen! frohlockte der eine Theil: es
sind die Dnste des Bades, die sich anlegen, stritt der Andere.

Nach einer halben Stunde schrie ein Bote athemlos: Athem! -- Irrthum,
Irrthum! -- Seht ihr, seht ihr! -- Ich hab' es selbst empfunden.

Ein anderer sprang in den Saal, rief, mit eignem starren Puls: -- Puls --
Unmglich! Warum unmglich? -- Meine Hand fhlte ihn.

Man wute nicht woran man war, doch fing der Unglaube an, kleinlaut zu
werden.

Der Krper ward nun in dichte Pelze gehllt und wieder in den Saal
gebracht. Jedermann sah die unzweifelhafte Verndrung des Gesichtes, die
Blue war geschwunden, ein brennendes Roth berzog es, wenn sonst schon
sich keine Bewegung zeigte, es auch unempfindlich gegen Anrhren mit
spitzigen Instrumenten war.

Doch eine Feder, vor den Mund gelegt, flog weg, alle, welche an die
Pulsader griffen, bezeugten, ein leises Klopfen wahrzunehmen.

Dabei blieb es aber wohl sechs Stunden, so da der Zweifel wieder die
Stimme erhob, und jene Anzeigen Tuschung nannte. Dann schrie aber alles
pltzlich auf! Das eine Auge hatte sich geffnet und wieder geschlossen.
Nicht lange, so geschah das Nmliche mit dem zweiten, eine Stunde noch, und
das erste Wort floh von den Lippen, die funfzigjhrige Erstarrung
geschlossen hatte.

Niemand mied den Saal. Man verga ber die Neugier die gewohnte Nahrung zu
nehmen, immer das Auge auf den Krper geheftet. Die ganze Nacht verstrich
so, whrend hin und wieder die Sprache, doch verwirrt, hrbar wurde. Am
andern Morgen aber war die Besonnenheit vollkommen da, der wieder Lebende
sprach von seinem Verbrechen, seiner Reue, flehte um Erbarmen.

Man sagte es zu, schonte seiner auf alle Weise, pflegte, strkte. Er besann
sich in ein Fa geworfen worden zu sein, meinte aber, man habe ihn nach
wenig Minuten wieder herausgenommen, die Todesstrafe in eine andere zu
verwandeln. Man sah also, da ihm damals die eigentliche Absicht nicht
vertraut worden war. Er rief um seinen Anwald, nannte die Namen der
Richter, welche alle nicht mehr lebten, bis auf einen, der, ein
hundertjhriger Greis, sich mit im Saale befand, und ber das, den meisten
Unverstndliche, was der Mann sagte, Aufschlsse gab.

Er trat auch zu ihm. O Himmel! rief er, wie bleich, wie gerunzelt deine
Wangen, Richter, wie wei dein Haar! Was hat dich seit gestern so
verndert? Und all diese Leute, wie seltsam sind sie gekleidet! Wo bin ich?
Wohin brachtet ihr mich?

Man half ihm auf, fhrte ihn an ein Fenster. Er sah viele unbekannte
Gebude, vermite viele alte. Bin ich trunken? Wahnsinnig? Wo ist der
Pallast geblieben, der dort gestern noch stand? Wie kmmt so pltzlich der
groe Tempel nach jener immer leeren Stelle? Was soll ich denken?

Es war Zeit, ihm die Rthsel zu lsen, sein Verstand htte durch die
unbegreiflichen Erscheinungen in Zerrttung sinken knnen.

Wer malt nun aber sein Staunen! Funfzig Jahre htte ich geschlafen?
Unmglich!

Man zeigte ihm Bcher mit der laufenden Jahrzahl, rief einige Personen,
deren er sich als Jnglinge oder Kinder entsann, deren jetzige Gestalt
keinen Zweifel bestehen lie. Er konnte es dennoch immer nicht glauben, ihm
war, als sei er vor wenigen Minuten versunken, und rhmte wiederholt die
Sigkeit seines tiefen Schlummers.

Endlich mute er aber die Wahrheit erkennen, und wurde durch ganz Paris
gefhrt, wo Fenster und Dcher, wie sich denken lt, mit Zuschauern
berfllt waren. Geschichtforscher und Antiquare lieen ihm daheim keinen
Augenblick Ruh, und erfuhren auch in der That, manches ihnen Unbekannte,
durch seinen Mund.

Er hatte nun gehrt, die weitere Strafe sei ihm erlassen. Doch rief er:
Mein Gewissen klagt mich zu laut an, ich verdiene es nicht!

Man entgegnete: Mchte vor funfzig Jahren geschehen sein, was da wolle, die
Zeit htte einen Schleier darber geworfen, auch seitdem Erziehung und
Moral wieder so viel an Vollkommenheit gewonnen, das solche Verbrecher wohl
nicht mehr aufstnden. -- So gebhrt mir die Strafe jener Zeit. Sendet mich
in die Verweisung, entgegnete er.

Nein, nein, die Vorwelt wollte deine Begnadigung selbst, wenn du die lange
Verweisung aus der Gesellschaft berstndest.

Gut! Lat mich ein Jahrlang unter euch leben. Dann will ich, mein Gewissen
zu entladen, freiwillig abermal in das Gef. Ihr bergebt mich den Enkeln
auf Hundert Jahre. Weit ntzlicher kann ich einst jener Zeit sein, mir ist
es gleich, den Rest meiner Tage nun oder dann zu beschlieen, ja es ist
wohl im letzten Fall noch weit merkwrdiger. In diesem Jahre will ich mich
von den Vernderungen der Welt whrend meines Schlafes berzeugen, und ohne
Zweifel werde ich oft staunen.

Man konnte nicht umhin, den Zustand dieses Menschen von einer Seite zu
beneiden, und willfahrtete ihm brigens.

Guido und sein Lehrer warteten jedoch nichts mehr davon ab, sondern machten
sich auf den Weg nach England. Der Luftpostillion fuhr diesmal so schnell,
da Beide, unweit Paris ein wenig entschlummernd, nicht ehe als ber London
wieder erwachten, und deshalb auch den Damm zwischen Calais und Dover nicht
sahn, welchen man eben zur engeren Verbindung Frankreichs mit Brittanien
anlegte. Er lief von beiden Ksten ins Meer, von ungeheuren eingesenkten
Felsstcken erhht, und, damit der Seestrom den freien Durchgang behielte,
von Hundert Klaftern zu Hundert Klaftern mit Brcken aus Hangewerk
unterbrochen, die jedoch smmtlich hher waren, als das Gewlbe des Rialto
zu Venedig. Denn die grten Kriegschiffe fanden mit allen aufgezogenen
Segeln kein Hinderni.

London fanden sie jetzt wahrhaft reich, durch seine glckliche, zum Handel
bequeme Lage, und einen edlen Wetteifer im Kunstflei, ohne den unsinnigen
frevelhaften Vorsatz, alle brigen Nazionen der Erde zu Grunde richten zu
wollen.

Gelino sagte: Vor dem traurigen Ruin, den sich England Ehedem zuzog, sah
man hier auch Reichthum, doch, mehr dem Schein als der Wirklichkeit nach.
Das Land war seine ganze Habe mehr als dreifach schuldig. Das baare Geld,
oder vielmehr seine Darstellung in Papier, war in die Hnde von etwa
Dreiigtausend Glubigern der Nation zusammengeflossen. Ihre
Zinsforderungen befriedigen zu knnen, wurden dem brigen Volke unerhrt
drckende Gaben aufgelegt, Verarmung, Elend jeder Art, und endlich vllig
erschlaffte Staatskraft, muten die Folgen sein. Freilich retteten sich die
Wohlhabenderen nach Bengalen, und spterhin, wie dir bekannt ist, nach
Polinesien, wo das jetzt mchtige Reich durch sie gegrndet, und mindestens
die Kultur nach frherhin fast unbekannten Erdgegenden, verbreitet wurde;
doch die zurckbleibenden traf ein Anfangs hartes Loos, bis sie sich auch
wieder zum gemessenen Streben ermannten, und im freundlichen, auf ewigen
inneren Frieden gegrndeten Bund mit Europa, ein festeres Gedeihen als je
fanden.

Die alte Paulskirche stand noch, sogar, wiewohl verfallen, die
Westminsterabtei. Ueber das, dem Brande von 1660 zum Andenken errichtete,
Monument, hatte noch der Zahn der Zeit nichts vermocht.

Der Luxus war dem in Paris hnlich, die Reisenden bezogen wieder einen
Miethpallast der jenem nichts nachgab. Man hatte einen ffentlichen Garten,
wo das alte Eden nachgeahmt war und in der That Milch und Honig in Bchen
flo. Es gab aber auch Teiche von Portwein, Rum, Punsch, auf denen man in
Nachen aus buntfarbigen Konchilienschalen oder edlen Metallen fuhr, Bume
von denen man leckere Konfituren pflckte, gebratene Vgel die in der Luft
flogen (sie waren mit brennbarer Luft gefllt), gespickte Haasen, die
umherliefen (eben so in Bewegung gesetzt), Puddings, Robeefstcke,
Hammern, Austern, Bifsteeks von groem Umfang, die Pilzen gleich aus der
Erde wuchsen, (denn die Kche hatte unterirdische Gnge). Bisweilen regnete
es Limonade, hagelte Zuckerwerk oder fror ses Pistazieneis. Der Eintritt
in diesen Garten kostete aber, nach altem Mnzfu gerechnet, Hundert
Guineen.

Auch hatte ein neuer Graham ein himmlisches Bett aufgeschlagen. Wer nun die
Beschreibung davon lesen wollte, mute so viel zahlen, als fr den Eintritt
in jenen Lustgarten, daneben einen Eid schwren, nicht auszuplaudern. Guido
las, ward von den Vorstellungen unendlich zauberisch ergriffen. Der Lehrer
sagte: Wirst du einst im Mariatempel das Band ewiger Liebe knpfen, dann
bediene dich dieser Erfindung. Der Jngling loderte in Flammen, und
verwahrte dieses Wort treu.

Die Bhnen zu Coventgarden und Drurylane waren nicht mehr vorhanden, es gab
andere und in grerer Zahl. Das vorzglichste hie Shakespears Theater,
doch nicht nur der Name, sondern auch die Werke des alten Dichters hatten
ihr Andenken erhalten. Auch bestand neben der Vorliebe fr ihn, viel
Nazionalgeschmack von Ehedem. Die Identifikazionen mit dem brigen Europa,
hatten ihn nicht ganz aufgehoben, was auch in anderen groen Provinzen der
Fall, wiewohl im merklichen Abnehmen, war. Man gab Shakespears Trauerspiele
noch immer, jedoch bersetzt in die allgemeine Sprache des Erdtheils, deren
Vollkommenheit sie indessen nichts verlieren, sondern viel an Kraft,
Ausdruck, Bedeutung gewinnen lie. Die Theaterkunst trieb es so weit als in
Paris. Fhrte man den Sturm auf, sah der Zuschauer ein wirkliches,
sturmerregtes Meer auf welchem das Schiff scheiterte. Denn ein groes
Wasserbecken gehrte zu dieser Bhne, die man bei solchen Gelegenheiten
unmerklich an seine Ufer rollte. Im Hamlet war der Geist ein Riese, dessen
Haupt weit ber den Pallast emporragte, und den auch der Mond durchschien.
Bankos Gespenst in Makbeth und die Zauberinnen zerflossen vor aller Augen
in Nichts und dennoch hatten sie gesprochen, gehandelt. Dies war immer die
Wirkung kunstreicher Phantasmagorie, mittelst der unglaubliche Illusionen
hervorgebracht wurden.

Guido verlangte jedoch von den Ergtzungen weg, deren er schon so vielen
beigewohnt hatte, um die groe Flotte zu sehen. Wie in der Provinz Moskau
das Landheer den Hauptsitz hatte, waren Brittaniens Hfen, und vorzglich
London, der Aufenthalt von Europas Seemacht. Auf der Themse lagen die
meisten Orlogschiffe, welche zu ihren Uebungen in die Nordsee ausliefen und
gefahrvolle Ksten und Zwischenmeere besuchten, die Piloten und niedern
Mannschaften desto vollkommener zu unterrichten. Jetzt nahte das Sptjahr,
mit den um die Zeit der Nachtgleiche gewhnlichen Strmen, wo die
Hauptprfung Statt hatte. Diesmal sollte die Flotte von London ins Kattegat
gehn, eine andere von Portsmuth und Plimouth sich mit der Abtheilung welche
bei Kopenhagen zu liegen pflegte, verbinden, und dann wollte man zwischen
den Belten Seekmpfe halten.

Kadix, Toulon, Genua, Ankona, Korfu, Konstantinopel waren brigens auch
Kriegshfen, doch der obern Leitung der Admiralitt zu London bergeben
worden.

Die Flotte gehrte wie das Landheer dem Fderalismus. Ihre junge Mannschaft
zog sie aus allen Kstenlanden. Der Dienst eines Seesoldaten, wie sein
Unterricht, seine Entlassung oder Befrderung zu wichtigeren Stellen,
wurden nach Grundstzen verfgt, die jenen beim Landheere hnlich waren.

Der Staat zahlte keinen Sold, dennoch aber war die Seemacht wohlgerstet,
wohlgenhrt, besa sogar Schtze genug, um einen langen Krieg aus ihren
Mitteln fhren zu knnen. Dies machte, weil die Schiffe sechs Monate im
Jahre zum Handel gebraucht werden durften, den die Admiralitt, fr
Rechnung der Flotte, nach allen Erdgegenden trieb. Unbedingte Hafenfreiheit
durch ganz Europa machte ihn noch weit eintrglicher.

Guido meldete sich bei dem Befehlhaber der auszulaufenden Fahrzeuge, sagte
ihm, wie er sich zwar dem Kriegdienste zu Lande gewidmet habe, dennoch aber
einer Seebung als Freiwilliger beizuwohnen wnsche. Die Erlaubni wurde
auf seine Bitte zugestanden, nachdem er vorher bedeutende Proben seiner
Geschicklichkeit im Schwimmen, Fechten und Schieen nach dem Ziel, abgelegt
hatte.

Der Seekrieg wurde auf eine weit furchtbarere Art gefhrt als Ehedem. Man
zhlte auch drei Truppengattungen. Eine davon bestieg Luftfahrzeuge, suchte
brennende Stoffe auf die feindlichen Galleonen zu werfen und Masten oder
Segelwerk zu zerstren. Sie ward im Vollziehen und Abwenden nach Bedarf
gebt. Die andere diente in den Schiffen selbst auf mancherlei Weise. Es
gab Schtzen, welche dicht bepanzert an Strngen hingen. An den Masten
wurden sie staffelfrmig zur Hhe gezogen, damit ein dichter Rohrhagel
zugleich konnte abgesendet werden, und nach dem Feuer hinter die Brustwehr
zurckgesenkt, dort laden zu knnen. Einem feindlichen Schiffe nahe, muten
sie auf einer Fallbrcke hinber und mit dem Schwert wthen, blieben
demungeachtet aber an das ihrige gebunden, um sie im schlimmen Falle, eilig
wieder auf das eigene Verdeck zu ziehn. Es gab Schiffartilleristen, noch
kunstfertiger als jene auf dem Lande. Sie bedienten sich immer der
glhenden Kugeln, denen zweckmig ersonnene Oefen, in einem Augenblick die
nthige Hitze gaben. Auch lange Schwerter wurden in Bgen von oben nach
unten, und von einer Seite zur andern, aus dazu geeigneten trogartigen
Mrsern geworfen, Tauwerk und Segel zu verwsten. Es gab Schiffchemiker,
welche die Brandmaterien anfertigten, womit man noch wirksamer als selbst
durch die glhenden Blle zu zerstren strebte, und auch wieder Stoffe,
welche den verderblichen Lauf derer, welche der Feind sandte, hemmen
konnten, alles Resultate von Erfindungen welche die Vorzeit noch nicht
ahnte. Es gab Seemechaniker, die bewunderswrdige Maschinen lenkten. Dahin
gehrten die schnellen Ruderwerke, welche bei Windstillen dienten; die
knstlichen Steuer, geschickt ein Fahrzeug in unglaublich kurzer Zeit zu
drehen. Den Krieg unter dem Meere konnte man dennoch als den wichtigeren
betrachten. In den schon beschriebenen Taucherhtten galt da der schlaue
grimmige Kampf. Unter den Bauch der Schiffe suchte man anzulangen, mittelst
frchterlicher Bohrer Lecke zu bereiten, oder noch frchterlichere Petarden
anzuschrauben, deren Pulver auch im Wasser seine Kraft bte. Wer htte
nicht glauben sollen, bei so vielen Zerstrungsmitteln mte es in wenigen
Minuten um ganze Flotten geschehen sein, dennoch begrndeten die
Gegenmittel wieder ein Gleichgewicht der Krfte, und zeigte der Feind
dieselbe Kunst, hing die Entscheidung oft an Zuflligkeiten. Die
Befehlhaber gestanden auch, wie die Flotten von Afrika oder Amerika, eben
so wohlgerstet und mit kunsterfahrnen Kriegern bemannet wren, da also
hier von keinem berwiegenden Vorzug die Rede sei, und derjenige ein
wichtiges Verdienst um den Meerkrieg erwerben knne, der etwas aufzufinden
im Stande sei, das, den Fremden unbekannt, in der nchsten Fehde den
gewissen Ausschlag gbe.

Dies Wort warf einen Funken in Guidos Einbildungskraft, und lie sie
aufflammen. Sollte diese Aufgabe nicht zu lsen sein? fragte er sich. Und
warum nicht? Strebt doch alles hherer Vollkommenheit entgegen. Er sann
weiter ber diesen Vorwurf nach.

Die Flotte lichtete die Anker. Guido hatte von dem Lehrer Abschied
genommen, der in London zurckblieb. Bei einem wthenden Orkan stach man um
Mitternacht in See, doch die Fertigkeit spielte nur mit den Hindernissen.
Gegen den Wind kmpften die Ruderwerke, die Klippen und Sandbnke, nach
welchen zu steuern, mit gutem Bedacht geboten wurde, umlenkte Geographie
des Meergrundes und der Piloten Besonnenheit. So langten die Schiffe nach
wenig Tagen in den gefahrvollen Belten an, trafen bei einem dunkeln Nebel
auf jene, welche die feindliche Rolle gaben, und der Kampf begann.

Guido flog erst mit den Luftgondoliren empor, stieg dann wieder in sein
Schiff nieder, und senkte sich endlich mit den Tauchern in die Tiefe. Er
wollte von Allem genaue Kunde zurckbringen, Jedermann sah sich befremdet
durch seinen Eifer, seine Kraft und Ausdauer.

Es trat jedoch ein seltsamer Fall ein. Drei Schiffe von der Gegenparthei,
schnitten der diesseitigen Flotte ein Fahrzeug ab. Es fand sich umringt,
und von den Masten dort wehte das Signal, sich zu ergeben. Dies wollte es
nicht, den Vorwurf, unachtsam gewesen zu sein, abzulehnen. Man wandte alle
Mittel an, den Weg durch die Feinde zu nehmen, die wieder alle Vorkehrungen
trafen, es zu hindern; denn sie entflammte der Ehrgeitz, eine wohlgelenkte
Bewegung ausgefhrt zu haben.

Gefahren mangelten diesen, mitten im Sturm, im engen, klippenvollen Meere,
gehaltenen Uebungen keineswegs, auch fiel mancher Soldat in die emprten
Fluten, wo ihn weder das eigne fertige Schwimmen, noch die Hlfe der
Kameraden zu retten vermochte; doch die Rhre lud man nicht.

Allein auf dem bedrngten Schiffe -- Guido befand sich eben hier -- kam ein
Artillerist auf den Gedanken, die Widersacher dadurch abzuhalten, da er
ihre Segel und Ruderwerke zerstrte. Strafwrdig fllte er also sein
Gescho ernsthaft, und erprobte auch seine Fertigkeit so wohl, da ein
Fahrzeug drben bald auer Stand gesetzt wurde, seine Bewegungen
willkhrlich zu lenken.

Dies Verfahren machte aber, da die andern wtheten, und Gleiches mit
Gleichem bezahlten. Ohne da ihren Konstablern durch die Obern Einhalt
geschehen konnte, warfen sie glhende Blle ab. Das bedrngte Schiff hatte
ein doppelt berlegenes Feuer zu leiden, und mute sich nun auch ernst
vertheidigen, oder untergehn. Das Erste geschah mit zgelloser Hitze, die
jedoch nicht unbeantwortet blieb, und zur Folge hatte, da viele Soldaten
an beiden Theilen todt hinsanken. Nur mehr eiferten die Gemther, ergrimmt
setzte man den Kampf fort. Die Offiziere fielen smmtlich. Guido, dessen
kriegerisches Feuer im rasenden Getmmel hoch aufflammte, lenkte den
Streit, ertheilte so guten Rath, da man sich willig unter seinen
Oberbefehl stellte. Er drang geschickt auf das eine Fahrzeug ein, lie im
gltigen Augenblick die Fallbrcke werfen, strzte sich mit der Hlfte
seiner Leute auf das feindliche Verdeck, wo man sich dieser Khnheit
dennoch nicht versah, und sich ergab. Nun wiederholte er dasselbe bei dem
andern Schiffe, wo es eben so gelang, und fhrte die eroberten Schiffe im
Triumphe dem Admiral zu. Dieser zrnte, wie billig, verordnete Strenge
gegen die frevelhaften Urheber des blutigen Unfugs, wunderte sich aber
hoch, da der neue Freiwillige der Soldaten Vertrauen habe gewinnen, und
ihm mit so vieler Sachkunde und Geistesgegenwart habe entsprechen knnen.
Er begriff auch gar wohl, wie ohne die schnell beherzte Entscheidung, noch
mehr Leben wrde gefallen sein. Guido wurde mit Lob berhuft, und auf
allen Fahrzeugen rhmte das eilig umlaufende Gercht, den khnen, weisen
Jngling. Er bewhrte sein Genie auch noch hher, indem er in der That die
Erfindung machte, welche, so lange sie dem Feinde unbekannt blieb, ein
entschieden Uebergewicht im Kampf begrndete, und die lange vergeblich
gewnscht worden war. Sie bestand in einer einfachen, doch hchst wirksamen
und wohlberechneten mechanischen Vorrichtung, mittelst der man, ohne es
selbst zu verlieren, einem feindlichen Schiffe das Gleichgewicht rauben,
und es rettungslos umwerfen konnte. Als ein Geheimni vertraute er seine
Theorie dem staunenden Admiral. Dieser fand sie so wichtig, da er sogleich
die weiteren Uebungen aufhob, um nach London zurckzusegeln.

Dort angekommen, ward Guido eingeladen, vor einem engeren Ausschu der
oberen Leitung der Seemacht, Versuche mit der anzufertigenden entworfenen
Maschine zu halten. Sie betrogen die hohe Erwartung nicht; die Admiralitt
ertheilte ihm ein Ehrenzeichen und machte ihm bekannt: da dem Strategion
und dem Kaiser eine Nachricht von seinem bedeutenden Verdienst um den
Seekrieg wrde zugesandt werden. Bescheiden zog sich der Jngling zurck,
und drang in den erfreuten Lehrer, abzureisen. Das Ehrenzeichen trug er
nicht, sondern bermachte es Ini, mit der Bitte, es mit jenem
aufzubewahren. -- Diese hatte sich aber damals schon von Sizilien entfernt.

Man schlug nun den Weg nach Spanien ein. Hier fand Guido viele Monumente
mit traurigen Bezeichnungen, und berschrieben: Denkmal beweinter
Irthmer. Gelino gab ihm hierber folgende Auskunft: Spanien hatte vor
mehr als einem halben Jahrtausend einen hohen Gipfel des Wohlstandes
eingenommen. Freundlich durch die Natur begnstigt, sah man zahlreiche,
kunstfleiige, kluge Bewohner, seiner ppigen, reitzenden Gefilde pflegen,
in den weiten blhenden Stdten wohnten Thtigkeit und Ueberflu. Doch ein
Sistem frevelhafter Kirchlichkeit, weiter von Religion entfernt als irgend
in einem Lande und zu irgend einem Zeitraum der Verfinsterung, trat mit
widrigen Maaregeln seiner Regenten in Bund, und entvlkerte nach und nach
den gesegneten Erdstrich bis auf ein Drittheil der alten Menschensumme. Der
Zufall lie Spanien die ersten Vortheile von Amerikas Entdeckung ziehn,
weite reiche Landschaften eignete es sich dort zu, Gold- und Silberminen,
wie sie zuvor keinem Staate gehrten, wurden sein Eigenthum. Doch dieser
Umstand brachte, statt wiedererwachten Flor, nur tiefere Verarmung zuwege;
denn Spanien ergab sich dem Miggang, das Gold wich in die Fremde, man
sank in Schulden. Zuletzt schwelgten nur noch wenige Groen und die
Priester, die Geisteskraft lag in den Banden des wahnsinnigsten
Aberglaubens, die Regierung, trotz der meerumflossenen und durch die Mauer
der Pirenenkette gesicherten Lage von Spanien, konnte sich nicht mehr
vertheidigen. Die spterhin geistesentwlkten Nachkommen, blickten nun mit
Wehmuth in eine Vergangenheit zurck, die so viel Sumni, das Gute zu
erkennen, zu beklagen darbot. Sie meinten, wenn man der Kraft und Weisheit
billig Denkmale stelle, gebhre solches auch wohl zerrttenden Irthmern,
damit die schaudernden Enkel laut gemahnt wrden, auf edlem Pfad zu
wandeln.

Guido seufzte bei dieser Erzhlung, freute sich aber desto inniger ber das
nun paradiesisch angebaute Land, die prangenden Reisgefilde, die duftenden
Orangenhaine, die Weingrten, alle brigen, welche er je gesehn, an
Schnheit hinter sich lassend.

Madrit, sagte Gelino, wird dich entzcken. Ehedem soll es eine winklige,
ohne Geschmack aufgefhrte, und ber alle Beschreibung unreinliche Stadt
gewesen sein, spterhin ist sie jedoch von Grund auf neu erbaut worden, und
das, dem an sich lieblichen, und noch viel veredelten Klima angemessen.

Guido fand die Besttigung dieser Worte.

Hatten Polen und Teutonien, durch Kultur ihrem Boden Frchte erzogen, die
man sonst nur in Spaniens Breite sah, so hatte dies Land, durch glckliches
Streben und bei reicherem Segen der Naturkrfte, manche Erzeugnisse von
Afrika zu sich verpflanzt. Die Grten um Madrit sahen die edelsten
Feigengattungen reifen, der Pisang blhte lustig, die Dattelpalme, der
Kokosbaum breiteten ihre dichten Laubgewlbe in langen Blttern aus, die
Brodfrucht gedieh auf krftigen Stmmen und erhhte den Reichthum an
Lebensnahrung. Gewrzstauden mancher Art, sonst ein Eigenthum indischer
Eilande, wurden auch mit Erfolg gezogen und durchhauchten die Lfte mit den
angenehmsten Aromen. Madrit hatte sehr breite Straen, in welche, zur
erfrischenden Khlung, Kanle geleitet waren. Man wachte ber ihre
Sauberkeit mit fleiiger Sorge, spiegelhell wogten sie langsam zwischen den
marmornen Bekleidungen hin. Zu beiden Seiten prangten Baumgnge, und die
Straen hatten ihre Benennung davon, je nachdem es Pfirsich, Granatpfel,
die stattliche Benta von Senegal, der ntzliche Kapok, die schattige
Pflaumenpalme u. s. w. waren, welche dort in gleichfrmigen Reihen standen.
In Herbst- und Winternchten hllte sie am Stamm eine Decke ein, und oben
waren Frostableiter angebracht. Vor den Husern sah man auch in graden
Abtheilungen Blumenbeete, und von den platten, mit Gelndern versehenen,
Dchern, winkten allerhand liebliche Stauden in Vasen, wie sie auch, von
guten Steinwlbungen untersttzt, eine Erdlage fr Lustpflanzen trugen. Die
Einwohner brachten schne Morgen und Abende oben zu, verrichteten hier
mancherlei Geschfte. Oft klang die kastilianische Guitarre, noch, wiewohl
sehr veredelt, im Gebrauch, in sen Melodien herab, begleitet vom Sopran
liebeathmender Mdchen, oder der alte Fandango drehte sich auf den
Blumenmatten der Hhe.

Von den vielen Pltzen waren diejenigen, welche nicht zu Handelsmrkten
dienten, entweder mit Lustwldchen von Cedern oder ppigen sdlichen
Fruchtbumen bepflanzt, oder in anmuthige Wiesenplane umgeschaffen, oder
mit weiten klaren Wasserbecken geziert, auf denen bequeme Gondeln zu
Freudenfahrten einluden.

So glich Madrit einem groen Garten, und die Wohnungen der Menschen darin,
Pavillonen, Nischen u. s. w. Kaum lie sich ein reitzenderer Aufenthalt
ertrumen. Es gab auch Tempel aus Baumgewlben von seltner Hhe, unten mit
Meisterwerken der Bildhauerei geschmckt, und die Andacht darin hatte einen
feierlichen Zauber. Der groe Hang, die Lieblichkeit der schnen Natur zu
genieen, hatte auch mancher Bhne, aus Hecken erbaut, das Dasein gegeben.
Bei guter Witterung sah man hier Schauspiele unter dem freien Himmelsbogen,
oft noch ein Werk des Lope de Vega voll seltsamer Liebesabentheuer, die die
romantisch empfindenden Einwohner nicht vergessen hatten.

Dem Mansanares war ein Bett von mehr Tiefe und Umfang als Ehedem gehhlt
worden, er stand mit dem Minho, Guadiana, Guadalquivir u. s. w. in
Verbindung, welche, jetzt auch geeignet Seeschiffe zu tragen, der
Hauptstadt den Vortheil eines ausgebreiteten Handels verschafften.

Nur Buenretiro und Aranjuez entzckten Guido noch mehr, als das liebliche
Madrit, und er htte es beweinen mgen, nicht mit Ini in diesen Elisen
wandeln zu knnen. Denn Geschmack und Reichthum hatten wetteifernd sich
verbunden, die Grten dort, mit Allem, was Phantasie und Herz glhend
fllen kann, verschwenderisch auszustatten. Obgleich der Winter nahte, lie
ihn die noch berall grnende Wonne nicht ahnen.

Der Lehrer sagte aber: Fort von hier, mein Guido! Wenn diese Lust dich, dem
die ppigen Vergngungen von London und Paris langweilten, im Streben nach
Unterricht, mehr ankettet, weil die Natur hheren Theil daran hat, freut es
mich, doch deinem Zweck darf sie dich auch nicht entfhren. In tieferer
Wissenschaft kannst du hier nichts Betrchtliches erlernen, dies Volk hat
noch manchen Schritt zu thun, die alte Sumni einzuholen, um neben den
Teutonen, Britten und Franken zu stehn. Wir wollen nach Lissabon, doch auch
da nur kurze Frist weilen.

Guido folgte sogleich, er hatte Selbstbeherrschung genug, um zu wollen, was
er sollte.

Die Luftpost trug die Reisenden bald nach der westlichsten Hauptstadt in
Europa. Dort befand sich unter andern eine berhmte Vorkehrung gegen
Erdbeben. Weshalb Lissabon so groe Summen zu diesem Zweck aufgewendet
hatte, sieht man leicht ein. Die Anstalt wrde einem Brger des achtzehnten
oder neunzehnten Jahrhunderts so groes Staunen aufgedrungen haben, wenn
ihm ein prophetischer Geist davon htte Meldung thun knnen, wie Jedermann
im zehnten gefhlt htte, wenn damals die Rede von Feuerrhren und
Blitzableitern gewesen wre.

Doch eine andere Szene fesselte Guidos Aufmerksamkeit, wo mglich, noch
mehr. Da er nmlich am Ausflu des Tago umherging, kam etwas ber die See,
keinem Schiffe gleichend. Das Herannahen des Phnomens setzte ihn in nur
heiere Verwunderung. Er begriff nicht, wie ein Gegenstand von diesem
Umfange auf den Wogen schwimmen knne. Endlich sah er klar, da es eine
Insel sei, und halb Lissabon strmte hinaus, sie anzustaunen.

Sie kam noch nher. Fernrhre hatten die Versammlung Neugieriger schon
berzeugt, da sich viele Menschen darauf befnden, welche theils auf dem
Rasen und in den kleinen Gebschen sich ergingen, theils in einem
Wohnhause, das man auf dem Eilande erblickte, allerhand Zeitvertreib
hielten. Wer konnte aber das alles erklren? War ein Stck Land irgendwo
durch ein gewaltsam Naturereigni losgerissen worden, und schwamm es nun
zufllig gerade auf Lissabon her? Niemand wute, was er denken sollte.

Freundlich grten aber von der Insel Kanonenschsse, und die dankende
Antwort wurde vom Kasteel des Hafens nicht vergessen.

Endlich hielt die Insel. Sie hatte eine so geringe Tiefe, da sie unfern
der Kste ihren Lauf enden konnte.

Nun offenbarte sich aber, da Wallfische von ungeheurer Gre, deren Kpfe
und Rcken auch vorher, obwohl nicht deutlich, ber der Fluth bemerkt
worden waren, das Eiland gezogen hatten. Die Mnner, mit ihrer Lenkung bis
dahin beschftigt, spannten sie jetzt von den unerhrt dicken Geschirren,
warfen Anker von seltener Schwere, und banden die Thiere an ihren Tau.

Wallfische gezhmt, zum Dienst des Menschen angelehrt? rief Alles; in wem
erwachte zuerst der kecke Einfall? welche Mittel ersann er, ihm
Wirklichkeit zu geben?

Mit einem kleinen Nachen kamen nun einige Mnner ans Land, fast erdrckt
von Portugiesen. Sie zeigten auf einen hochbejahrten Greis in ihrer Mitte,
nannten ihn den Besitzer des unerhrten Seefuhrwerks. Alles ging diesen nun
um Auskunft an, er mute einen Balkon besteigen, zu der immer mehr
angewachsenen Menge zu reden.

Ich bin aus Nordamerika, Philadelphia mein Geburtsort, hub er an. Schon
mein Vater kam in frher Jugend auf die Vermuthung, es werde mglich sein,
sich Fischen mit seinem Willen verstndlich zu machen, und ihre geringe
Denkkraft, mit der vielumfangenden menschlichen, in Beziehung zu setzen.
Denn, dachte er, geht dies bei Thieren vom Lande an, wo ist der Grund, es
werde hier nothwendig milingen? Ohne Zweifel gab es einst Menschen, die
den verlacht haben wrden, der behauptet htte, man knne Ro oder Stier
zum dienenden Knecht machen. Genug, mein Vater begann sein Werk mit
unsglicher Mhe. Kleine Flufische in Becken waren es, womit er den Anfang
machte. Die Nachbarn fragten, wozu denn das je ntzen solle? Dies mochte
mein Vater auch noch nicht recht einsehen, doch machte ihn nichts irre, und
nach Jahren konnte er doch einen Hecht, einen Aal zeigen, welche auf seinen
Wink allerlei kleine Knste vollzogen. Der Neuheit wegen lief man herzu,
sah es an, zuckte hernach aber die Achsel ob der eiteln Mhe. Doch mein
Vater fuhr fort. Ein Zitterfisch, ein Kabliau und ein Hai, sehr jung
eingefangen, kamen an die Reihe. Er fand bei diesen Thieren grere
Gelehrigkeit, mit gebndigterem Muth bei dem folgenden Geschlecht
verbunden, das er zog. Mit dem dritten ging es noch weiter. In einem groen
Teich, den Meerwasser fllte, hatte der Vater eine Menge Kabliaue und Haie,
ruderte sich auf demselben umher, sie abrichtend. Sie kamen auf seinen Ruf,
empfingen Speise, entfernten sich wenn er es haben wollte, lieen sich
ergreifen, sprangen sogar in den Nachen, und schmeichelten ihrem Herrn,
indem sie aber zu bitten schienen, sie wieder in ihr Element zu entlassen.

Mein Vater geno keinen Vortheil davon, als da er von denen, welche die
seltsamen Knste seiner Thiere zu sehn begehrten, sich ein Zutrittgeld
erlegen lie, wodurch er aber dennoch eine artige Summe gewann.

Eines Tages blieb ein groer Hai ganz zufllig an dem Stricke hangen, womit
mein Vater den Nachen am Lande zu befestigen pflegte. Und so zog er diesen,
indem er fortschwamm, hinter sich. Das kann ein neues Kunststck geben,
dachte mein Vater, und fertigte Sielenzeug fr zwei Haie an. Erst thaten
die Thiere unbndig, eine Last hinter sich empfindend, und einen Zgel im
Mund, sie wollten ihre Bande zerreien, schossen gegen den Grund, was den
Nachen in Gefahr brachte. Doch fortgesetzte Liebkosung, Ftterung, wie sie
sie gern empfingen, und nach Jahr und Tag, gab mein Vater seinen Haien ein
Zeichen mit einer im Wasser bewegten Glocke, sie kamen, lieen sich Zaum
und Geschirr anlegen, und lenken, wohin man wollte. Gegen das Ende seines
Lebens fuhr der Alte aus seinem Teich nach dem hohen Meere, holte von einem
Kstenorte zum andern allerhand Waaren.

Ich, noch ein Knabe, sann dem Dinge weiter nach. Wie, wenn man Seeschiffe
so fortbringen knnte? Man drfte des entgegenwehenden Windes oft spotten,
htte nicht nthig zu kreutzen, wrde mehr Herr der Zeit, bedrfte der
kostspieligen Ruder nicht, und kme vielleicht schneller als mit ihnen
davon. Aber da bedrfte es grerer Thiere. Wenn indessen der Hai zum
Gehorsam zu bringen ist, warum sollte es nicht auch der Wallfisch sein?

Der Vater starb bald, ich nahm mein Erbe, und begab mich nach Kanada, mir
dort einen kleinen Meerbusen als Eigenthum zu verschaffen. Seine Enge vorn
lie ich mit einem Damm versehn, der durch eine Schleuse gesperrt werden
konnte. Eine Wohnung erbaute ich mir am einsamen Strand, machte Niemand zum
Zeugen meines Vorhabens, als einige Knechte, weil ich vor der Zeit nicht
davon geredet wissen, und von keinen Neugierigen berlaufen sein wollte.

Nun ruhte ich nicht, bis es mir gelungen war, vieler jungen Wallfische
habhaft zu werden, wobei mir Taucherhtten und dazu eingerichtete Fangwerke
dienten.

Dies gelang, aber mein weiteres Beginnen war mhevoll. Doch jung, krftig,
ausdauernd und mein Ziel mit festem Willen ins Auge gefat, lie ich mich
nicht ermden. Da ich kurz bin, sage ich euch, wie ich mein Vorhaben
funfzig ganzer Jahre lang treu verfolgte. Dann sahe ich mich aber auch
belohnt. Es war mir ein Schertz, eine Brigg oder einen Dreimaster von
wohleingefahrenen Wallfischen dahin schleppen lassen, ich sah jedoch auch
ein, wie die Kraft dieser Ungeheuer noch mehr leisten knne. Da fertigte
ich einen groen Flo, aus aneinander gefgtem Treibholz, bewarf ihn mit
durchsiebter fruchtbaren Erde und pflanzte allerhand Gras und Kruter
darauf. Einige erhhte Hgel konnten Katalpen und Akazien, andere
Fruchtbume tragen. Ein gemchlich Wohnhaus und Speicher zu Waaren folgten.
So entstand das knstliche Eiland welches ihr seht. Manches Jahr bte ich
erst die Fahrt in meiner Bai, dann lie ich den Damm mit Pulver
wegsprengen, die Insel zum Ozean bringen zu knnen, und langte damit
wohlbehalten auf der Rheede von Philadelphia an. Die Einwohner staunten wie
ihr. Man berzeugte sich aber bald von der Festigkeit und Sicherheit meiner
Fahrt und gab mir reiche Ladung nach Europa, die ich verlangte. Auch einige
Passagiere fanden sich, andere wagten es noch nicht, die Reise zu theilen.
Die meisten unter jenen Mnnern sind meine Knechte. Doch fahrt jetzt zu der
Schwimminsel hinber, erschaut ihre Bequemlichkeiten. Der Reisende merkt
kaum, da es weiter geht. Welch ein angenehmer Aufenthalt. Bei heitrer
Witterung lustwandelt man auf den Hgeln, schlummert im Grase, belustigt
sich mit Fischfang. Ist der Himmel unfreundlich ladet das Gebude ein, wo
sich mehr angenehme Einrichtungen finden, als auf dem grten Schiffe,
nicht Bchersammlung, Orchesterorgel, Lusttheater, Fechtboden u. s. w.
fehlen. Eine Taucherhtte hngt hinten am Eiland, da man sich auf der
Reise beliebig in die Tiefe senken, und dort umsehen kann. Dies alles wurde
erst in Philadelphia vollendet. Und prft auch meine groen Waarenspeicher.
Wohl mehr noch als ein Dutzend groe Schiffe, vermag ich zu laden,
wohlgeordnet, wohlgepackt, keinem Verderbni blosgestellt, und dennoch geht
meine Insel nicht tief, weil ihre Breite und Lnge im ausgleichenden
Verhltni zu den aufgebrdeten Lasten steht. Eiliger schieen die
Wallfische dahin, als der gnstigste Wind ein Fahrzeug zu treiben vermag.
Der Sturm kann ihnen nichts anhaben, er trifft sie nicht in ihrer Tiefe.
Das Eiland ist zu gro um ein Spiel der Wogen zu sein, zu hoch, zu fest,
durch Brandungen zu leiden; stranden kann es nicht leicht, und wenn auch,
es ruhet dann sicher auf dem Grunde und es sind Winden vorhanden, die es
bald wegschaffen. Seht, ihr Europer, dies alles kann des Menschen Flei
ins Werk richten!

Der Greis endete. Man konnte nicht Chaluppen genug finden, die Neugierigen
berzusetzen. Da Gelino und Guido nicht zurckblieben versteht sich. Man
fand alles, wie der Mann gesagt hatte, bewunderte am meisten die Sielen und
Zugketten der sechs Meerungeheuer, und sahe zu, wie sie gefttert wurden
und die Knechte auf ihren Rcken tanzen lieen.

Das Abladen der Waaren begann und der Mann verlangte an der Brse
Rckfracht nach Nordamerika. Sie fand sich, seine Maschinen machten Alles
in wenigen Tagen ab.

Whrend der Zeit erwachte in Guido eine heie Neigung, die Inselfahrt auch
zu theilen. Wir wollten ja ohnehin nach Westindien, sagte er zum Lehrer,
la uns Pltze miethen. Gelino hatte kein Ohr dazu, sein Alter empfahl mehr
Vorsicht als der jugendlich ungestme Muth. Zu wenig ist das noch erprobt,
mein Freund, antwortete er, Unflle, die der Mann selbst nicht erwartet,
knnten uns treffen. Erfahrung mu noch deutlicher ber den Gegenstand
reden, vielleicht litt diese Reise nicht von heftigen Strmen, er whnt nun
seine Anstalten ber alle Gefahr erhoben, und ein Andermal kann sie ihn
berwinden. Doch dies alles leuchtete unserm Guido nicht ein, sein
Verlangen wuchs nur am Widerstande und er drang so lange mit Bitten in den
Lehrer, bis er, obwohl bedenklich genug, einwilligte.




Viertes Bchlein.

Reise auer Europa.


Nun ward der Vertrag geschlossen, und das Eiland bezogen. Niemand fragte um
gnstigen Wind. Als die Ladung eingenommen war, lichtete man die Anker,
legte die Thiere vor, befreite das Eiland vom Grunde, und fuhr unter dem
jubelnden Nachruf der Menge ab. In wenigen Stunden sahn unsre Reisenden die
hohen blauen Felsenksten von Portugal nicht mehr. Guido war entzckt.

Freilich raubte die Jahrzeit der Reise manches Angenehme. Im Sommer wrde
sie viel reitzender ausgefallen sein. Aber so lebte man bereits in der
Mitte des Novembers, in Lissabon freilich nicht unbehaglich empfunden, doch
desto mehr, als man in den nrdlicheren Gewssern anlangte. Da gewhrten
die entlaubten bereiften Bume und das falbe, mit drren Blttern
berstreute Gras auf der Insel, eben keinen freudigen Anblick mehr, auch
war sie in kurzem ganz mit Schnee bedeckt. Der Inhaber hatte indessen auf
das Vergngen seiner Passagiere gedacht, mehrere lebendige Hasen, Fchse,
Kaninchen verborgen, von denen er jetzt welche heraus lie, damit man sie
jagen knne. Einige der Reisenden belustigte das weidlich, doch Guido
nicht, wohlthtige Schonung gegen Thiere lag in seiner Sinnesart. Er blieb
meistens bei Gelino im Zimmer, mit Wissenschaften die Zeit verkrzend.

Auf der hohen See wtheten einige Strme, die Balken der Gebude krachten,
die Wellen splten ihren weien Schaum ber die Ufer. Unbesorgt, rief der
Pilot, es hindert unsere Fahrt nicht! In der That war es auch also. Die
Wallfische schwammen dann tiefer, als die Wogen vom Sturm bewegt wurden, so
wenig ein Boot vom Kruseln eines Baches leidet, ward auch das Eiland vom
hohlen Gewhl des Atlantus verletzt. Haus und Speicher widerstanden.

Mit groen Reusen fingen die Knechte tglich kleinere Seefische in groer
Menge, welche sie in einer Art Futterbeuteln, von eines Zeltes Gre, den
Wallfischen gaben. Diese zehrten dann, ihren Lauf nicht unterbrechend.
Zeigten sie sich einmal widerspenstig, wollten eine andere Richtung nehmen,
als der an groen, mit Winden versehenen Pfhlen hngende, Zgel
vorschrieb, neckten einander beiend, oder wollten, dem Instinkt folgend,
der Fischjagd obliegen, strafte man sie durch zackige Mastbume deren
Streiche ein Hebel auf sie fallen lie. Die bndigenden Eisenstangen in
ihren Rachen wogen mehrere Zentner, und lieen ihnen, scharf durch die
Maschinen angezogen, die Lust des Ungehorsams bald vergehn.

Nur vierzehn Tage whrte die Fahrt, dann lag man auf der Rheede von
Philadelphia. Sie war schon mit Eis berdeckt, aber das Eiland brach sich
sowohl Bahn, als die Wallfische unter dem Rande hingleitend, ihn leicht
wegbrckelten. Dennoch fuhren die Reisenden auf Eisschlitten zur Stadt,
frohlockten ber das Vollbrachte und wurden mit freudigem Gru bewillkommt.

Gelino war froh, diese Reise berstanden zu haben. Sie hatte ihn mehr
gengstet, als er sich selbst merken lie.

Philadelphia hatte einen groen Umfang und viele Schnheiten der Baukunst
aufzuweisen. An Reichthum und Vergngungen gab sie keiner Stadt in Europa
von hnlicher Gre etwas nach, bertraf sie sogar. Denn die Kultur in
Nordamerika hatte eine Stufe erreicht, welche den Vorrang der europischen
streitig machte. Dies konnte auch nicht anders sein, da diejenigen Mittel,
welche einen raschen Gang der Bildung begrnden knnen, den Einwohnern
schon in sehr frher Zeit zu Gebote standen. Die ganze Halbinsel von der
Honduras-Bai, bis weit hinter der Beringsstrae und Kap Lisburn hinauf, wie
an der stlichen Seite hinter der Baffins-Bai, Grnland noch
eingeschlossen, war nach einem schon frhen glcklichen Kriege, zu einem
glcklichen Staat vereint, dessen viele weitluftige Lande, jedes seine
demokratische Regierungsform hatte, und wieder durch einen, dem
europischen hnlichen Fderalismus, sich zur vollkommneren Gesammtkraft
verbanden. Man war auch durch die Vortheile einer bequemeren Weltverbindung
bewogen worden, die neue europische Sprache einzufhren.

Von der Hauptstadt Wassington sprach alles, wie von einem Theben oder
Babilon, die Ufer der Strme Lorenz, Niagara, Ohio, Susquehannah,
Missisippi u. s. w. waren fast mit neuen Wohnpltzen beset. Mexiko,
Luisiana, Florida waren Erdenparadiese, nrdlicher konnte man den Zustand
der Dinge mit jenem in Spanien, Frankreich oder Brittanien vergleichen.
Gegen die Hudsons-Bai erblickte man die Landeinrichtungen von Polen oder
Moskau wieder. Im Innern des Landes waren die wichtigsten neuen
Entdeckungen gemacht worden, der Unterschied zwischen Nadovessiern, Huronen
oder Ueberkmmlingen aus der alten Welt schwand immer mehr, da diese Vlker
durch Heirathen sich verschmolzen und ihre Sitten ausgeglichen hatten, doch
war dies vielleicht auch der Grund, weshalb die Nordamerikaner, in der
Mehrzahl, an Schnheit den Europern nachstanden.

Guido und sein Lehrer schoben es aber bis zum knftigen Frhling auf, das
Land zu durchwandern. Es sollte zudem sehr flchtig geschehen, dann wollten
sie nach Sdamerika, jetzt ebenfalls ein eignes Reich, dann nach Ulimaroa,
den ostindischen Eilanden und China. Auch einen Besuch am Kaiserhofe zu
Calcutta gedachten sie abzustatten, und dann, ber Persien die Reise um den
Erdball zu vollenden. Afrika sollte ausgeschlossen bleiben, weil die
Miverstndnisse, schon einige Zeit zwischen den Hfen von Neu-Carthago und
Rom obwaltend, eine bedenklichere Ansicht gewannen.

Fr die Gegenwart faten sie den Entschlu, einer Reise zum Nordpol
beizuwohnen, wovon einst schon in Petersburg die Rede gewesen war. Sie
fanden mehrere Gefhrten, die sich eben in Philadelphia dazu bereiteten.
Niemand sparte an den nthigen Summen, und so trat man den Weg bald an.

Ueber das alte Land der Eskimos flog die Gesellschaft in Luftfahrzeugen
dahin, lie die Hundsonsstrae unter sich liegen. Weiterhin ward die Klte
in der hohen Region zu empfindlich. Man stieg nieder und bediente sich der
Schlitten mit Rennthieren. Sie fanden bis ber Jones-Sund hinaus noch
Anbau, freilich nur in zerstreuten Htten von Einwohnern, die im Sommer
sich vom Fang der Meerfische, und im Winter von jenem der Robben, Seekhe
und anderer Amphibien nhrten. Einen Beweis, da der Mensch nach und nach
den Willen aller Thiere beherrschen knne, fanden sie hier dadurch
abgelegt, da die Wlfe gezhmt und angelehrt waren, den Dienst der Hunde
bei den Wohnungen zu versehn. Auf den Jagden bediente man sich ihrer
allerdings mit noch grerem Vortheil. Und die Eisbren, in so furchtbarer
Gestalt, und einer Wildheit, von der Niemand sonst sich wrde haben trumen
lassen, sie sei je zu bndigen, fand man in Stllen, um mit ihnen dort zu
reisen, wo selbst das Rennthier oft erfror, nmlich jenseit des achtzigsten
Grades nrdlicher Breite.

Die Einwohner, die man wegen ihrer unglaublichen Abhrtung ehern htte
nennen mgen, ritten auf diesen wohlgesattelten Eisbren und legten artige
Strecken zurck, wer aber aus milderen Himmelstrichen kam, frchtete, sie
nicht lenken zu knnen, oder auch die zu strenge Klte im Freien, lie sie
also vor die Schlitten legen.

Fast gegen den zwei und achtzigsten Grad gab es noch ein Drfchen, bewohnt
von Verwiesenen aus Nordamerika. Ihre Huser waren auf hohe Sulen gebaut,
an welche Treppen hinauf gingen, um nicht von der, wohl an funfzig Schuh
reichenden, Verschneiung berdeckt zu werden. Man sah bei dem allen hier
Wohlstand, durch den Handel mit Kristall vom Pol, der schon bei den
Nordlndern jener Hemissphre zur Sprache kam, erzeugt, daneben durch den
Gewinn, welchen sie von neugierigen Reisenden, welche alljhrlich ankamen,
zogen.

Man hielt alles fr diese bereit, was ihnen zu Vollbringung ihres Vorhabens
nthig war. Die Schlitten, mit Teppichen aus dichtem Pelzwerke berall
versehn, mit Fenstern aus sehr dickem Kristall, mit kleinen Oefen, deren
Zge an den Wnden umhergeleitet waren, und die vermge ihrer guten
Einrichtung nur eines geringen Feuermaterials aus Papier bedurften, lieen
die entsetzliche Klte vergessen. Der Schnee hatte eine gefrorne Decke,
ber welche sie hingleiteten.

Meer oder Land waren vollkommen gleich. Einem Schlitten, den etwa vier
Wanderer einnahmen, folgte ein zweiter mit Lebensnothwendigkeiten fr die
ganze Dauer der Reise. Sie bestanden aus Suppentafeln, Gallerten, Austern,
Fischrogen und anderen Dingen, die viele Nhrkraft in kleinem Umfang
verschlieen. Doch nahm man auch Frchte in Spiritus, sogar einiges
lebendige Geflgel mit. Zudem vortreffliche gebrannte Wasser und
Weinessenzen. Ein dritter Schlitten enthielt Feuerungstoff, da ber diese
Linie weg, weder Holz noch Gestruche sichtbar wurden. Ein vierter Nahrung
fr die Eisbren.

Zwei Grad legte man bei dem geschwinden Lauf dieser Thiere in vier und
zwanzig Stunden zurck, wobei man ihnen achte zur Ruhe gnnte, sie ftterte
und ein Pelzzelt ber sie aufschlug. Auch verga man nicht einen kleinen
Ofen hineinzubringen. Sonst hatte die Natur fr sie durch die eigne zottige
Haut gesorgt.

Aus Hundert Schlitten bestand etwa die Karavane. Es versteht sich, da die
Reisenden schon lange keinen Tag mehr sahen. Doch Schnee, Mondschein,
Nordlichte oder Laternen machten, da man die dauernde Nacht keineswegs
hinderlich empfand, ja von diesem fremdartigen Schauspiele vieles
Wohlbehagen der Neuheit geno.

Magnetnadel und Gestirn deuteten den Weg. Unflle strten nicht. Acht Tage
noch, seit jenem Drfchen der Verwiesenen, und der Polarstern schwebte ber
Guidos Zenith.

Welche Empfindung, auf dem Achspunkte des Erdballs zu stehen, wo der
gleichmige Sternentanz uns umkreist, und der Vollmond (der unsern
Wanderern eben schien) nicht untergeht! Welche Flle neu angeregter Ideen!
Guido umfing den Lehrer mit flammenden Dank, da er ihm diese Entzckung
bereitet habe. Der Alte aber, wenn gleich vielfach in Kleidung, von
sibirischen Musen, Eidervgeln und Zobeln gehllt, auch das Antlitz mit
einer guten Larve versehn, konnte sich nicht lange aus dem Schlitten
entfernen, wogegen der muntere Guido Stundenlang umherschweifte, bis die
Erstarrung ihn mahnte, an den Ofen zu fliehn.

Die Reisegesellschaft fand jedoch noch andere Pilger vor, die aus Grnland
und Samojeden dem nmlichen Ziele zugeeilt waren. Wechselseitige
Untersttzung linderte die Beschwerden, gab den Untersuchungen mancher Art,
welche die Naturkundigen -- dies waren sie meistens -- anstellten, erhhtes
Leben.

Einer darunter hatte eine erzene Bildsule Newtons mitgebracht, sie hier
aufzustellen. Alle zollten dem Einfall gerechtes Lob. Wohl, riefen sie,
gebhrt dem Manne gerade hier ein Denkmal, der schon vor vierhundert Jahren
der Menschheit die Gestalt dieser Abdachung zu verkndigen wute.

Doch das Kristallgebirge am Pol ahnte Newton noch nicht. Die zackigen
Spitzen erhoben sich aus dem Schnee, wunderbar funkelnd im Strahl des
Mondes, oder vom rthlichen Nordlichte erhellt.

Viel Pracht der Menschen, viele hohe Schnheitzauber, der gerne lieblich
oder erhaben gestaltenden Natur, war an Guidos Blicken vorbergegangen,
allein diese diamantnen Kolossen auf dem unbersehbaren, ebnen, reinen,
weien Teppich, galten ihm dennoch wieder das Niegeschaute, Niebewunderte.

Sie umringten zuletzt einen tiefen Krater in ihrer Mitte. Es schien ein
Vulkan, die Lava am Rande lie es vermuthen. Wichtiger stellte sich ein
dichter grauer Nebel dar, aus der Tiefe steigend, und hoch in der Luft nach
allen Seiten zerflieend. An diesem Dampf und seiner Vermengung mit dem
ganzen Luftkreis der Sphroide hing die lebendige Simpathie des Magneten,
deren Geheimni aber nicht in diesem Traum der Zukunft aufgedeckt werden
kann, um nicht Entdeckern der Wirklichkeit vorzugreifen. Die Neigung der
Nadel hatte mit den inneren Bewegungen des magnetischen Vulkans, die auf
das grere oder geringere Sinken der Dampfsule wirkten, Verwandschaft.
Die Naturkundigen meinten, ein Herabsteigen in den rthselhaften Krater
werde noch einst viel wesentlichere Aufschlsse geben, endlich wohl gar die
Anziehekraft der Erde erklren lehren.

Whrend die Versammlung mit Instrumenten mancher Art forschte, die
Beobachtungen in Schlitten niederschrieb, mit lteren verglich, sich neuer
Ausbeute freute, (worber eine Zeit der halbjhrigen Nacht hinfloh, die
nach dem gewhnlichen Maa, vierzehn Tage enthlt) waren die Mnner welche
die Schlitten fhrten, beschftigt, Kristallblcke zu brechen, und auf die,
zum Behuf dieses Handels, noch mitgenommenen unbeladenen Schlitten, zu
laden. Sie hatten diesmal vorzglich geeignete Werkzeuge mitgebracht und
bemchtigten sich auch mancher Stcke von schner Seltenheit. Guido nahm
eins darunter, von ansehnlicher Hhe und Klarheit in Beschlag, er wollte es
fr Ini kaufen und ihr Standbild daraus fertigen lassen. Er meinte, da
dieser Kristall das Gold bei weitem an Glanz bertrfe, und dem Diamanten,
er mgte natrlich oder kunstverfertigt sein, gar wenigen Vorzug lie, so
mte dies das herrlichste Standbild auf dem ganzen Erdball werden. Und
seine Liebe setzte hinzu: Wie sehr verdient die erste Schnheit auch die
gediegenste Verewigung! Doch ein furchtbar schauderhaft Migeschick brach
ber Guido herein. Dort so hinaus gewagt aus den Kreisen der Menschen, fand
der Pilger auch einen mchtigeren, schwerer zu bekmpfenden Zufall.

Die Reisenden aus anderen Gegenden hatten sich schon entfernt, Guidos
Karavane machte sich fertig, den Rckweg zu nehmen. Da will der alte
Gelino, dem die Umgebung des Pols ziemlich fremd blieb, weil er sich kaum
aus dem erwrmten Schlitten wagte, doch die Glanzkuppen auch noch ein wenig
besehn. Sein Zgling schweifte umher; er tritt allein, wohlverwahrt, in das
Freie, geht weiter. Durch die Verschiedenheit der Wirkungen ergtzt, will
er ohne Zweifel andere Stellungen betrachten, dringt mehr vor, verirrt sich
zuletzt in dem Labirinth. Er whlt eine falsche Richtung, wieder zu den
Seinen zu gelangen, wo man unglcklicher Weise seine Abwesenheit spt
bemerkt.

Nach einigen Stunden kmmt Guido, dessen krftige Natur sich schon gewhnt
hatte, lange im Freien auszuharren; eben will man abfahren, die Bren sind
angespannt. Er findet den Alten nicht, ruft, sucht in der Nhe. Umsonst!
Bange um ihn, dringt er weiter und weiter, es koste was es wolle, den Greis
auszusphn.

Darber entfliehen Stunden. Die Reisegesellschaft sucht nun beide, doch mit
Vorsicht, und den Kompa zur Hand. Gelino wird bald gefunden, doch -- starr
am kalten Boden. Man bringt ihn zu den Schlitten, erwrmt ihn, wendet
Rettungsmittel an. Sie fruchten nicht. Der Greis ist dahin, erlag dem
Angriff tdtlicher Klte.

Die Erschrockenen beben nun fr den Jngling, denn so lange schon ist er
von der Wrme fern, hat auf Ruf und Zeichen sich nicht gestellt. Ein hohes
Feuer lassen sie empor lodern, Schsse sollen dem Verirrten seinen Weg
deuten, seine Diener schweifen weit umher, Guido wird nicht gefunden.
Endlich kann Niemand mehr an sein Leben glauben, die Sorge fr eigne
Rettung mahnt, abzufahren, denn die Lebensvorrthe sind berechnet. Man lt
jedoch, auf den undenkbaren Fall, einen kleinen Schlitten zurck, den Bren
davor, Speise, Getrnke und Feuerung. Den mag er nehmen und nacheilen, wenn
er ja wiederkehrt; keiner der Knechte entschliet sich, zu weilen.

Guido hat unterdessen auch fruchtlos den Rckweg gesucht, seine Angst um
den Alten ihn zu weit in die Entfernung getrieben. Die Schsse hat er nicht
mehr vernommen, kein Feuer erblickt. Endlich, nach vielen bangen Stunden,
fast verzweifelt in Gram, das Haar emporgestrubt durch die eigne Noth, da
er kaum noch ein Glied zu regen vermag, gelingt es ihm, auf den Polarstern
blickend und durch schnellen Lauf sein Blut in Bewegung erhaltend, nach dem
Platze zu kommen, wo die Karavane stand. Er sieht einen Schlitten, und
athmet wieder Hoffnung. Ohne weiter um sich zu sehn, wirft er sich hinein,
die wrmere Luft ist das dringendste. Vielleicht kam Gelino selbst, denkt
er, und entschlummert auf die schwere Ermdung pltzlich.

Beim Erwachen, das vermuthlich spt erfolgt, ist die Betubung, welche
vorhin ber ihn kam und seine Sinne abspannte, gewichen. Warm und regsam
wieder, peinigt ihn auch die Angst um den Entbehrten desto mehr. Ob er
zurckkehrte? Hinaus zu fragen!

Er meidet den Schlitten, wird aber keinen anderen inne. Keine Antwort auf
sein Rufen. Was heit das?

Wer nennt jedoch des Armen grausenden Schrecken, da er, kaum im Mondlicht
lesbar, die Worte an den Schlitten geheftet fand:

Unglcklicher! lebst du noch, so folge eilig. Der Br ist der schnellste,
wird uns einholen. Nothwendigkeiten lieen wir dir. Feuer sollen von Zeit
zu Zeit brennen, da du so weniger vom Pfade irrst.

Guido wute nicht, ob er trume. Ihm schauderte in der grlichen
Einsamkeit. Wo ist mein Lehrer? Nahmen sie ihn mit? Warum davon nichts? O
Himmel! nein, der htte mich nicht zurckgelassen! Und doch was soll ich
thun? Ich mu nachfliegen!

Er blickte in die Richtung des Wegs. Eine Flamme winkte in der Ferne. Sein
Kompa, wohlbezeichnet, lag im Schlitten. Wohlan!

Nun dachte er die Zgel des Bren zu ergreifen. Entsetzen! grausames
Entsetzen! Der Br lag erfroren.

Guido glaubte, eine Ohnmacht von vielen Stunden msse diesem Augenblick
gefolgt sein, denn als er wieder klar denken konnte, sah er von jener
fernen Flamme nichts mehr.




Fnftes Bchlein.

Guidos Einsamkeit.


So war er denn verlassen, am Eispol verlassen, in tiefer, grimmiger Nacht;
um ihn die Oede der kalten Wstenei, nichts ihm winkend, als Tod. Grausame
Gefhrten!

Ach! rief er aus, noch hab' ich selten mit dem Schicksal gekmpft. Mein
Leben lchelte froh, die Kriegsgefahr nahte blos, mich mit edlem Ruhm zu
schmcken, die Liebe erhob mich ber das Leben; doch nun, nun schlagen die
Gewitter desto zorniger ber mich zusammen. Hier retten nicht Muth noch
Kraft, hier mu ich enden! o Ini, Ini!

Doch sollte abermal ein Dolch in das gequlte Herz sinken. Indem er seine
Klagen laut hinausweinte in die starre Luft, um den Schlitten irrend die
Hnde blutig rang, sah er in einiger Entfernung einen dunkeln Strich auf
dem lichten Schnee, er nahte, es war eine menschliche Gestalt er kam hinan
-- es war Gelinos Leichnam!

Er sank daran nieder in wildem Ungestm, ber den neuen Schmerz den alten
Jammer vergessend, kte das kalte Antlitz mit heien Thrnen, dann ri er
den Krper auf, lud ihn auf die Schulter, trug ihn an den Ofen des
Schlittens, hoffte noch Leben in ihm zu wecken.

Wie man denken mag, war dies Streben eitel, auch kein Sturm der Klagen
rttelte den Todten auf. Doch mochte die traurige Auffindung glcklich fr
Guido sein, die regsame Mhe gab seinem doppelt schreckenerstarrten Blute
wieder Umlauf und zerstreute den Blick auf sein Elend, auch sah er zu dem
Feuer im Ofen, das er vielleicht sonst htte erlschen lassen.

Mit einem Schlummer aus Entkrftung mute dies Treiben zu Ende gehn. Neben
dem Entseelten, den Arm um ihn geschlungen, unter den nmlichen Fellen
womit jener bedeckt war, schlief Guido fest ein.

Da ging ein Traumgesicht an seiner inneren Welt vorber. Ini, noch von
hherer Schnheit umstrahlt, als neulich in dem Zaubergarten, trat aus
einer Rosenwolke zu ihm, nahm seine Hand und lispelte mit himmelvollem
Laut: Den Starken prfe schweres Leid. Weise forsche er in der reichen
Kraft, sie birgt Hlfe. Wir sehn uns wieder! Hier trat sie in die Wolke
zurck, die sie dicht umhllte und nach dem fernen Horizont zog, sich weit
als eine lichte Morgenrthe verbreitend. Ueber diese Morgenrthe ging dann
die Sonne auf, die Schneegefilde wichen ihr pltzlich, und ein lieblicher
Frhling blhte. Von dem duftendsten Baume sang eine Nachtigall in dem
Idiom der Melodie: Wir sehn uns wieder, und Guido erwachte.

Ihm war, als ob er die Berhrung der leisen Geisterhand noch fhle, als ob
sie neues Leben durch alle seine Adern gegossen htte. Er sprang auf, eilte
hinaus. Wir sehn uns wieder, umtnte es noch den getuschten Sinn
berall, von den leuchtenden Felsgipfeln schien ein Echo es zu wiederholen.
Ja! rief er frhlich, ich will mich kmpfend ermannen gegen mein Elend, du,
heilige Gttin! giebst mir Strke.

Er sann nach. Nicht unmglich war es ja, da andere Reisende noch ankmen,
und ihn zu den Wohnungen der Menschen brchten, er mute sich erhalten, da
in diesem Fall sie ihn lebend fnden.

Der Schlitten ward untersucht, nachdem des Greises Hlle hinausgetragen
war. Lebensmittel? Ja, drftig, auf die Zeit eines Monats etwa. Auch
Feuerung. Langte bis dahin ein Retter an, war das Leben zu fristen. Also
muthig.

Er ging so sparsam mit seinem Vorrath um, als es nur sein konnte, gab sich
wechselnd Bewegung im Freien, und erwrmte die Glieder. Der Gedanke an
seinen Traum war ein Balsam. Er kam sich oft vor, wie eine Mumie, die
dieser Balsam vor Zerstrung bewahrte.

Es war um Neujahr, als der Eremit verlassen worden, der traurige Monat
schwand bald hin, noch mangelte ihm aber nichts, so krglich hatte er
gewaltet. Aber auch kein Wanderer nahte. Wozu jedoch den Trost der Hoffnung
aufgeben? Wir sehn uns wieder, hatte das Traumgesicht verkndet.

Noch ein Monat floh hin, nun war keine Speise mehr vorhanden. Nun glaubte
er das Gespenst des Todes schon zu sehn. Wo wir nicht mehr sterben, sagte
er sich, dort seh ich Ini wieder. Doch sein Auge fiel auf den Eisbren am
Schlitten. Daran hatte er noch nicht gedacht. Die Klte hatte ihn
vollkommen erhalten. Freudige Ueberraschung!

Er hieb mit seinem Schwerte ein Glied davon traf Anstalt es zu braten.
Herrliche Kost in der Noth! Das Thier war gro. Wirklich konnte er Monate
lang davon zehren.

Aber die Feuerung drohte auszugehn. Nur auf wenige Tage noch, nach dem
Maae von dort, wo Tag und Nacht gewhnlich wechseln, gab es Stoff die
kleine Flamme zu unterhalten. Wohlan, Ergebung!

Da wachte Guido einst von einem starken Getse auf. Was ist das? Er sieht
hinaus. Eine hohe Feuersule. Der nahe Vulkan speit Schlacken-Hagel um ihn,
Lava schlngelt sich in Bchen an den Gletscherkuppen, und versinket im
geschmolzenen Schnee.

Frchterlich erhabenes Schauspiel, doch freudebringend dem, der allein vom
Feuer Rettung hoffen kann. Warm ist die ganze Luft von der Flammensule,
glhende Schlacken genug, sie auf den Absatz eines Kristalls zu sammeln,
und den ganzen Ueberrest des Bren daran geniebar zu machen, der dann
weiter weggetragen wird, wo der Schnee nicht mehr an den Gluten zergeht.
Eben dies mu mit dem Schlitten, der schon tief einsank, mhevoll
geschehen.

Der Vulkan ruht, speit wieder, hrt auf. Die Erfahrung belehrt Guido, da
die Schlacken lange fortglhn, im Krater sieht er ungeheuern Vorrath davon.
Er darf nichts mehr fr sich vom Frost frchten, doch ach! die Hoffnung auf
Reisende kann er nicht lnger nhren, schon ist es im Mrz, wer wird sich
noch hieher wagen? Auch noch nie hatte ein Sterblicher im Sommer zum Pol
dringen knnen, durch das Treibeis auf dem Meer und berschwemmten Lande
abgehalten Zu einer Luftfahrt war es zu weit von bewohnten Ortschaften, man
frchtete den Mangel an Lebensnothwendigkeit.

Nun ich friste das Leben, so lange ich kann, dachte Guido, die Phantasie
immer noch mit seinem Traum gefllt.

Jetzt umschimmerte ihn ein rthlich Licht, das nicht mehr, wie sonst der
Nordschein, wich, sondern fortan blieb. Guidos Uhr, welche ihm allein hier
den Gang der Zeit sagte, lie ihn nicht zweifeln, das rthliche Licht sei
die Dmmerung des halbjhrigen Tages, der ber dem Rande der Sphroide
anbrechen wollte, denn die Tag- und Nachtgleiche des Frhlings war da.

Immer mehr Helle, ein glhenderer Schein, der in vier und zwanzig Stunden
um den sichtbaren Horizont lief, und an Herrlichkeit zunahm.

Gewi, gewi die Morgenhelle. Ich werde die Sonne noch einmal sehn, und
dann sterben.

Welche Pracht, da endlich die klare Scheibe aus dem fernen Rand emporstieg,
wo Aetherblau und Schnee sich schieden, nach jedem Umgang voller, endlich
ganz heraus getreten, um nun sechs Monat zu weilen! Guido verga in der
Trunkenheit des Entzckens, in die Zukunft zu schaun, der Anblick der
Gegenwart ri ihn allein hin. Je hher die Sonne stieg, je reitzender wurde
auch das bunte Feuerspiel jener bestrahlten Kuppen, die nun ihren Glanz
viel heller und in mannichfacheren Farben zurckgaben.

Noch konnte Fbos den Schnee nicht schmelzen, aber die Klte lie merklich
an Grimm nach. Bald ward aber der Boden feuchter und feuchter, die
Gletscher traten mehr hervor. Guido suchte einen breiten Felszacken, den
Schlitten und seinen Lebensvorrath hinauf zu retten, denn er befrchtete
strmende Flut.

Dies traf auch nach einem Monate ein, wo er denn sehr peinlich auf dem Fels
weilen mute, doch verlief sich das Wasser, und breite Thler entdeckten
sich Guidos Blicken, von brausenden Giebchen durchwogt.

Er stieg nach und nach am Gletscher nieder, den noch brigen Vorrath nicht
vergessend. Nicht ohne Gefahr, und manche Mhseligkeit duldend, konnte es
geschehn. Doch sah er auch, wie die immer scheinende Sonne nun aus der Hhe
mit wunderbarer Gewalt die Szenen umwandelte. Kaum waren niedrige erdige
Hgel von der Winterdecke befreit, als auch Gras und Kruter schnell sie
deckten, und zu Guidos froher Befremdung Geflgel ohne Zahl sich einfand.
Besonders sah er Heere von Eisvgeln, die sich ins hohe Gras bargen, und
ihn hoffen lieen, er wrde an ihren Eiern neue Nahrung finden, woran es
ihm nun entschieden gebrach.

Die Hoffnung betrog den khnen Ausdaurer nicht. Nest bei Nest ward
gefunden, die Eier waren schmackhaft und nhrend.

Seines Schlittens freute er nicht mehr. Der stand auf dem Gletscher, der
hoch ber ihn ragte. Aber es galt auch nicht mehr, sich gegen Klte zu
schirmen, sondern gegen flammende Hitze, die um so drckender war, als der
leuchtende Krper, von dem sie niederbrannte, nicht mehr unterging. Guido
empfand sogar Krankheitanflle von dem ungewohnten Wechsel, doch waren auch
Klfte in den Thlern vorhanden, wohin er sich bergen konnte, und er sumte
auch nicht, sie dicht mit Gras zu berdachen. Zudem badete er oft in den
kalten Giebchen, oder flchtete hinter Gletscher, ber welche auch der
anhaltende Sonnenschein nichts vermochte. Uebrigens hielt die Witterung den
gleichmigsten Schritt. Strme gab es an der Achse nicht, weil nur der
Umschwung des Erdballs sie erzeugen kann. Auch kein Regen sank nach dem
Frhling mehr nieder, klar blieb der Aether.

Nun entwarf Guido einen Plan fr die Folge. Ohne Zweifel, sagte er sich,
langen im nchsten Winter Reisende an, gelingt es mir, mich bis dahin zu
erhalten, bin ich nicht verloren; also, neuen Muth!

Er suchte von den Vogeleiern eine betrchtliche Menge zusammen, und trug
sie an jenen Gletscher hinauf, so weit er jetzt gelangen konnte. In
Vertiefungen, wohin die Sonne nicht drang, meinte er, wrden sie dauern.
Spterhin fand er junge Vgel in eben solcher Zahl, tdtete sie und grub
sie in den Schnee tiefer Hlen, der nicht zerging. Manche wohlschmeckende
Kruter und Wurzeln wurden dazu gelegt. Gras schnitt er fleiig ab,
breitete es auf den Boden. Gedrrt sollte es ihm einst zur Feuerung dienen.

Bald hatte er von dem allen so viel gesammelt, da er mit Zuversicht in den
nchsten Winter blicken konnte. Betrgt mich dann meine Hoffnung nicht,
sagte er zu sich, darf ich es nicht bereuen, das wundervolle Schauspiel
eines halbjhrigen Tags, der Erste von den Sterblichen, gesehn zu haben.

Nach gesammeltem Vorrath, gab er sich naturkundigen Untersuchungen hin,
entdeckte viel, wovon die Gelehrsamkeit noch nichts wute, schrieb das
Hauptschliche seiner Bemerkungen, so gut es gehn wollte, auf der
Innenseite eines Fells mit Kohlen von Wurzeln nieder, und erwartete
sehnlich das Sptjahr, da die Sonne schon merklich sank.

Nach grade fielen die aufgestiegenen Dnste in Regen, dann in Reifgestalt
nieder; die Zugvgel hatten sich entfernt. Schauderhafter wurde die
Einsamkeit, da alles Leben schwieg. Die Klte nahm merklich berhand, indem
die rtheren Sonnenstrahlen immer schwcher die Luft durchwrmten, und ehe
sie noch ganz untergegangen waren, verhllte schon der dichte Schneeflor in
den Lften ihren Anblick. Oede war der langen Nacht trauriger Anbruch.

Guido trug seine Vorrthe immer hher; nach jeden Schlummer bemerkte er,
wie der weie Teppich angewachsen war, auch durch den zunehmenden Frost
gehrtet. Das Verlangen nach Schlitten und Ofen wurde gro, meistens wrmte
er sich nur durch die angestrengte Arbeit, seine Nothwendigkeiten von
Zacken zu Zacken des Gletschers tragend, in dem Maae, als die
Schneegebirge die Thler mehr fllten. Dann zndete er mit seinem Feuerrohr
drres Gras an, und schlummerte.

Endlich nahm die Schneedecke jene alte Hhe wieder ein, Guido war zu seinem
Schlitten gekommen, und hatte auch diesen flchten knnen, indem er ihn nur
immer etwas aus dem letzten Schnee hervorzog. Er war vollgepackt mit
Vgeln, Eiern und Wurzeln, anderweitiger Vorrath davon in eine Hhlung des
Gletschers, nahe an seiner Spitze, gebracht. Das drre Gras stand in einer
hohen Piramide.

Gelinos Krper fand er nicht mehr. Den Platz auf einer flachen Steppe,
wohin ihn der Jngling neulich schaffte, hatte der Vulkan mit Schlacken und
Lava berdeckt, ohne Zweifel ihn so verzehrt. Ein erhaben Grab, in der
That! Die Freundschaft konnte ihm daheim es nicht so bereiten.

Nach und nach hrte das Schneien auf, grimmiger bleibender Frost folgte.
Mond, Sternenlicht, Meteore, brachten die Erscheinungen des vorigen Jahres
abermal hervor. Guido, wohl vertraut mit den feindlichen Umgebungen
widerstand ihnen vollkommen. Im Schlitten ging die gute Erwrmung nicht ab,
er hatte nicht nur Lebensmittel genug, sondern konnte auch damit wechseln.
So harrte seine Sehnsucht der Mitte des Winters entgegen, und wankte die
freundliche Hoffnung, richtete ihn die Weissagung des Traumes, an die er
schwrmend glaubte, wieder auf.




Sechstes Bchlein.

Schlu.


Nicht umsonst hoffte er. Noch vor der Mitte erging er sich einst zur
Bewegung, da vernahm sein Ohr fremde Laute. Er horcht, hher wallt und wogt
es in der Brust, er wendet das Auge nach dem Ton hin -- ein heller Fleck am
Horizont!

Der Mond schien eben nicht, nur vom Schnee Dmmerung. Desto deutlicher die
Flamme dort sichtbar, wie sie sich vergrerte. Der antreibende Zuruf
fahrender Mnner zu unterscheiden, oft ein Geheul von Bren.

Guido warf sich auf sein Angesicht. Du unbegreiflicher Gott, dem ich hier
oft den Geist empfahl, dein Geschick will mich wieder zu den Menschen
bringen. Dank, dank, wenn du auf mich siehst!

Der Schlittenzug kam nher, hielt jedoch seitwrts von der Stelle wo Guido
sich aufhielt. Dieser lief kaum noch athmend dorthin, blieb aber verwundert
stehn, als er seinen Namen vielfach nennen hrte. Wie wissen diese
Reisenden von mir? fragte er sich.

Der Zug enthielt mehr Fahrzeuge als im vorigen Jahre. Ein ansehnlicher Mann
war ausgestiegen, und rief: Ich mu Guidos Leichnam finden, sonst -- ich
mu seinen Leichnam finden, sonst kehre ich nicht nach Rom zurck,
wiederholte der Mann ngstlich.

Guido trat hinzu. Wer sucht mich? Ich bin Guido.

Unbeweglich in hohem Erstaunen blickte alles auf ihn. Niemand schien zu
glauben, zu begreifen. Er ist es, fing endlich einer aus dem Haufen an, im
vorigen Jahre die Reise theilend. Wir harrten lange auf dich, suchten,
gaben Zeichen. Da wir den Leichnam des Alten fanden, mute Jedermann auch
auf deinen Tod schlieen. Die eigne Sicherheit gebot uns Entfernung, doch
blieb noch ein Fuhrwerk da --

Gut, gut, fiel der seltsame Einsiedler ein, es gelang, mich zu erhalten,
da ich froh der Rettung entgegen athme, mgt ihr denken.

Ist es kein Wahn? Lebend? Lebend? brach nun jener angesehene Mann aus, dem
zeither Befremdung den Mund versiegelt hatte. Und kaum hoffte ich die
theuren Reste noch zu entdecken, hielt es unmglich --

Und wer bist du? fragte Guido, heie Verwunderung in der Stimme.

Lelio ist mein Name.

Wie, Lelio, der Vertraute des Kaisers?

Der nmliche! Um die Zeit, wo du von Lissabon dich nach Amerika gewandt
hattest, brachen die Kriegflammen mit Afrika aus. Umsonst waren alle
Bemhungen den Frieden zu erhalten. Das Heer, in Eilzgen aus Moskau nach
Kalabrien rckend, sollte einen Feldherrn whlen. Die einmthige Stimme
nannte dich!

Mich, mich! rief Guido mit entzcktem Staunen.

Dich! Vom Strategion wurde zur hohen Freude des Kaisers die Wahl
bekrftigt. Da sein Wort der Entscheidung nicht fehlte, versteht sich.

O wie viel Milde, wie viel Gte lie mir dieser Gromonarch schon
angedeihn. Ich Unglcklicher, der so selten ihn sah, noch nie ihm danken
konnte!

Eilboten flogen nach Portugall. Da warst du nicht mehr. Ein Schiff konnte
die schneller bewegte Insel nicht einholen. Da es zu Philadelphia anlangte,
hatte dich edle Neugierde zum Pol gefhrt. Man sumte nicht, dir
nachzusenden. Ueberall kamen die Boten zu spt, und erfuhren von der
rckkehrenden Karavane dein Misgeschick. Es ward nach Europa gemeldet. Mit
dem hchsten Schmerz vernahm es der Kaiser. Ihm schien unendlich viel an
den jungen Helden zu liegen, man begriff kaum, wie der sonst so
gleichmthige Mann beinahe dem Kummer erlag, wiewohl die Folge ihn gerecht
nannte. Es blieb am Ende nur der traurige Trost brig, deinen Leichnam zu
suchen, und ihn nach dem Tempel der Unsterblichkeit zu bringen. So wollte
es des Kaisers Machtwort. Im Sommer war es unmglich den Nordpol zu
erreichen, kaum aber brach der Winter an, als ich mich aufmachen mute, um
jeden Preis deine Hlle zu ersphn. O welch Glck wurde mir! seine Freude
wird so die Schranken berfliegen, als jener Gram, von dem immer noch sein
zerstrtes Herz sich nicht ermannen konnte.

Unbegreiflich! Wie hoch, wie unverdient ehrt mich der Kaiser! Was soll ich
thun, dieser Liebe wrdig zu sein!

Der Krieg begann. Die Flotte aus Brittannien nahm das Heer ein. Auf der
mittellndischen See traf sie jene gefrchtete aus Neu-Karthago. Eine neue
Erfindung, welche der Ruhm dir zuschrieb, machte, da der Sieg sich zu uns
neigte. Das Heer konnte in Afrika ans Land steigen. Doch hier wandte sich
das Glck. Die Unsrigen, mit groer Uebermacht im Kampfe, verloren eine
Hauptschlacht. Der Feldherr, dem man einige Schuld gab, sank. Nachdem der
Tapferen eine groe Zahl gefallen war, muten sie zurck auf die Schiffe.
Diese, nicht mehr gehrig bemannt, wurden verfolgt, liefen zu Neapel ein,
whrend die Feinde Sizilien besetzten, wo die rohen Negerhorden der
Afrikaner wilde Verheerungen begannen. Noch gelang es nicht, die Insel
ihnen wieder zu entreien.

Sizilien! o mein Sizilien! Ini, wo magst du weilen? Wie trben diese
Nachrichten meine Wonne!

Ein neues Heer steht jedoch in Italien. Eile, den Feldherrnstab zu
nehmen!

Fort, fort! schrie Guido, keine Minute lnger. Noch einen bethrnten Blick
warf er auf des Lehrers Grab, unter dem Lavahgel.

Die Karavane brach sogleich zum Rckwege auf. Was ihn nur beschleunigen
konnte, wandte man an, und nach zwei Wochen befand sich Guido schon wieder
in Philadelphia. Dort stand noch sein Kristallblock. Diesen nahm er mit auf
das schwimmende Eiland, zur Reise ber den Atlantus gedungen, die sogleich
angetreten wurde.

Er mied whrend dieser Zeit das Zimmer nicht, einen Plan zu dem Feldzuge
auszuarbeiten, selbst staunend ber die vielen genievollen, khnen,
niegekannten Hlfsmittel, die sich ihm aufdrangen, die hellen, gediegenen
Resultate von Wissenschaft, Denken, Lebensansichten, in einen Fokus
zusammenstrahlend. Nicht hatte er diesen ppigen Reichthum an Einfall in
sich geahnt, und schwelgende Gefhle erfinderischer Wollust rtheten sein
Antlitz flammender.

In Lissabon blieb jener Kristall. Guido stieg sogleich mit dem Vertrauten
des Kaisers in eine Luftgondel, nach Italien zu fliegen. Auf den Posten von
Alikante, Palma, Cagliari sah er, so viel es nur sein konnte, zu der
Anstalten Eil, und traf in so kurzer Zeit, als noch nimmer Reisende, zu Rom
ein.

Noch hatte er die Hauptstadt von Europa nicht gesehn, doch wrdigte sein
Drang sich dem Kaiser zu zeigen, das hergestellte Kolosseum, den mit Gold
gedeckten Tempel der Unsterblichkeit, den Bhnen, Termen, keines Blickes.
Kaum legte er ein ander Gewand an in der Herberge.

Der Vertraute eilte voran zum Pallast, dem Kaiser sein Glck zu melden.
Dieser breitete die Hnde dankend gen Himmel aus, schlo Guido, der gleich
folgte, bebend in seine Arme, und fhrte ihn stumm ins Strategion, das
grade eine Versammlung hielt.

Die Rthe bewillkommten ihren Gebieter mit Ehrfurcht, zugleich berrascht
bei der seltenen Bewegung die an ihm sichtbar wurde. Nicht gleich konnte er
noch zu Worte kommen, dann sammelte er sich, Guido in die Mitte des Saals
fhrend, und sprach:

Ihr Vter, ich stelle euch meinen Sohn vor!

Der Jngling starrte.

Entzcken loderte auf jeder Wange. Niemand vermogte zu reden.

Endlich fuhr der Kaiser fort: Lange genug lie ich ihn fern von mir
erziehen. Urtheilt, was mein Vaterherz empfand, wenn er mit so frhem Ruhm
sein jugendlich Haupt bedeckte. Von meinem Schmerz bei jener bangen Kunde
wart ihr Zeugen, und ahntet doch nicht, was meine Brust zerri, nicht sagte
ich es euch, denn immer noch schimmerte mir eine strahlende Hoffnung. Sie
hat Wort gehalten!

Guido umfate seine Knie, Tausend jubelnde Glckwnsche, nicht von
Schmeichelei, sondern von edlem Wahrheitsinn aufgelegt, wurden im Saale
laut. Die Nahverwandten brachen in se Freudenthrnen aus.

Nun fhre er das Heer, rief der Kaiser. Mit Schmerz entlasse ich ihn
wieder, doch des Vaterlandes Noth ruft. Nicht mein Sohn, der Held, durch
einmthige Wahl gerufen.

Er fhre es! rief alles.

Ja, mein erhabner Vater, ich eile ins Waffenleben und kehre nicht wieder,
als meiner Geburt und deiner Milde werth, stammelte Guido, in heiliger
Rhrung.

Der Vater umarmte ihn wieder. Nach seinem ersten Siege prfe ihn der
Vlkerrath, und erklre ihn zum Erben des Kaiserthrons, denn ich will
fortan des hohen Alters Sorge mit ihm theilen, sprach er.

Neuer freudiger Zuruf! Doch -- wenn Guidos Augen das Entzcken so vieler
neuerwachten Gefhle verkndeten, so berzog ein Dunkel seine Stirn, das
Jedermann wahrnahm, allein Niemand zu erklren wute.

Auch der Kaiser fand dies pltzliche Versinken in nachdenkenden Ernst
rthselhaft. Schnell aber fing er an: Ich errathe ihn. Er lie den edlen
Gelino am Pol, wie mein Vertrauter erfuhr. So lange vertrat mich der Greis
beim Sohn. Liebe weint dem zweiten Vater nach. Der Staat verdankt ihm die
Bildung seines knftigen Oberhaupts. Mehr als Siege gilt dies Verdienst.
Sucht den Leichnam, baut ihm ein Grab, das die Nachwelt ehre!

O, fiel Guido ein, sein Grab bleibe dort. Die Natur baute ihm selbst einen
Obelisk. Doch sein Standbild last uns daneben erhhn, wo Newtons Denkmal
steht.

Gewhrt, mein Sohn! rief der Kaiser, und was du sonst bitten willst, deine
Liebe vertraue mir.

Ha mein Vater! entgegnete Guido feurig und heiter, nach meiner ersten
Schlacht, ergreif ich deine Hand, dich an dies Wort mahnend.

Wohlan, sprach der Kaiser.

Man verlie das Strategion. Guido empfing die Feldherrnumgebung, hing noch
mit dem schnen Ungestm neuempfundener Kindesliebe, an der Brust des
klagenden Vaters, und ri sich dann mnnlich weg, der Stimme des Ruhmes zu
folgen.

Wehmuth, tiefe Wehmuth im Herzen mute er bekmpfen, bei allem Glck der
Hoheit, das ihn berrascht hatte. Ach, sagte er sich oft unterwegs, den
Feind berwinde ich wohl, doch mich, wie mich, wenn es den Streit gilt, den
ich unglckselig frchte.

Das Heer in Kalabrien nahm ihn mit jauchzendem Beifallgetse auf. O htte
uns Guido in Afrika gefhrt, rief alles, wir feierten Triumphe wo wir
gebeugte Ueberwundene seufzen!

Doch ein neuer Muth beseelt die Krieger. Freudig nahm man die neuen
Anordnungen auf, ihre Weisheit bewundernd. Guido lie keinen Augenblick
ohne Thtigkeit entfliehn. Jedem alten Gebrechen ward abgeholfen.
Begeisterung strmte in jede Brust.

Dann eilte er zur Flotte, die man ausgebessert hatte und gab Befehl die
Truppen einzuschiffen. Nicht weit von Palermos Vorland traf man auf den
Feind, der mit neuer Ueberlegenheit heranzog, in Hoffnung, selbst Italiens
Gestade zu betreten.

Der groe Kampf begann. Reiche Ernten hielt der Tod an beiden Seiten. Mit
Gtterkraft leitete der jugendliche Feldherr. Seine erfundene Vorrichtung,
noch jetzt vervollkommnet, brachte jedesmal Erfolg, wenn man einem
feindlichen Schiffe nahen konnte. Und das geschah oft, denn trotz dem
Flammenregen von Oben, trotz der Taucher Heimtcke in den Wogen, trotz dem
todbringenden Donner der Batterien, gegen welche die Kunst sich mit weiser
Besonnenheit vertheidigte, drang man desto khner an, nachdem Guidos
Fahrzeug das erste leuchtende Beispiel gegeben hatte.

Viele Galleonen der Afrikaner lagen im Meere, ihre Linie war durchbrochen,
die hartnckige Abwehr auf den Flgeln berwltigt, der feindliche Feldherr
den Heldentod gestorben. Der Nachfolger jedoch gab ber das eindringende
Entsetzen die Hoffnung auf, wollte den Ueberrest retten und lie die
Signale zum Rckzug wehen.

Einige Schiffe folgten, andere, deren Mannschafft zwischen Tod und Sieg
whlen wollte, nicht. Desto mehr Vortheil fr die Europer in jener
Uneinigkeit. Viele wurden umschlossen und muten, da dennoch kein Ausgang
zu finden war, und sie ein Fahrzeug nach dem andern in die Wogen versenkt
sahen, sich ergeben.

Guido lie sie nach Neapel bringen, sandte eine Abtheilung gegen Sizilien,
das Eiland vom Feinde zu reinigen und gab ihrem Anfhrer mit heiklopfendem
Herzen auf, von Athania und ihrer Pflegebefohlnen Kunde einzuziehn.

Dann folgte er den Flchtigen eilig. Manche davon fanden ihr Verderben noch
vor der Heimath. Die anderen kamen ans Gestade und stellten sich in festen
Verschanzungen auf, eine Landung abzuschlagen.

Guido kannte den Werth der Minute. Jene hatten sich noch nicht entwickeln
knnen, da sprang er schon mit Tausenden von Tapfern an die Ksten und
strmte ihre Wlle. Die Minire whlten erst Grber, als die schnelle
Khnheit schon ber sie hinaus gedrungen war. Bald waren auch Guidos Reuter
auf dem Boden und bahnten sich Wege. Seine Luftkrieger trugen den Preis
ber ihre Gegner davon, weil sie sich eines von ihrem Feldherrn ersonnenen
Geschosses bedienten, das jene noch nicht kannten. Bald war die Verwirrung
unter den Afrikanern allgemein, sie muten eine andere Stellung suchen, und
das europische Heer ward vollend ausgeschifft.

Guido, zweimal, doch nur leicht verwundet, ordnete eine zweite Schlacht,
die mit Anbruch des folgenden Tages begann. Die Afrikaner hetzten
angelehrte Tiger und Lwen in die Reihen, Guidos Schtzen erlegten sie
lachend. Tausende von Elephanten, in Harnische gekleidet, auf ihren Rcken
kleine Kastelle, donnerten daher ber den Boden. Sie waren dem Heere aus
Neu-Karthago zu Hlfe gesandt. Guidos Batterien standen so vortheilhaft,
seine groen Rhre wurden so gut bedient, da die Ungeheuer bald den Sand
mit ihren Kadavern deckten. Leichte Schtzen bedienten sich ihrer als
Wlle, und trafen, mittelst der von Guido erfundenen Glser, ungesehen
ihren Feind. Dichte Negerschaaren, wuthtrunken durch Opium und ein mit
vorberfliehender Tollheit fllendes Kraut, drangen gleich schwarzen
Hagelwolken daher und berzogen den Boden der hellen Gefilde mit Nacht.
Bald schwieg ihr Mordruf und Blutstrme rannen zwischen den dunkeln
Leichnamen hin.

Guido bestieg eine Luftgondel, aus der Hhe den Streit zu berblicken.
Zeichen lenkten den Fortgang. Plan, Technik, Zeitgeist berwogen hier, dort
die Zahl, die Tapferkeit drckte mit gleicher Schwere auf die Waage. Doch
entschied der Genius endlich, die Afrikaner flohen.

Guido ertheilte seine Befehle, zu kluger, nachdrcklicher Verfolgung, und
besah den Graus der Wahlstte. Nicht, wie vordem einst, durchglhten ihn
die Sieggefhle mit Entzcken, schwermthig sann er ber die verderblichen
Leidenschaften, welche Vlker anreitzen, sich zu erschlagen. O, wann wird
das enden! rief er, wann die Fahne des Friedens wehn, auf allen Hainen und
Auen, Brudersinn die Zwietracht ewig verbannen! Das einsame Jahr dort am
Pol, ihn abscheidend von Sinnenwahn und Tuschung, hatte sein Gemth noch
mehr in Einklang mit der besseren Weltmoral gebracht, die Inis reine Brust
athmete. Ging er auch noch mit frohem Heldenfeuer in den Kampf, sank nun
dennoch eine Thrne auf seinen Lorbeer, und alle Triumphjubel, alle
Glckwnsche konnten ihn nicht erheitern. Er ordnete brigens den Krieg wie
zuvor, und sandte abermal nach Rom Meldung; denn schon nach dem Siege auf
den Fluten war es geschehen.

Er empfing auch Nachrichten aus Sizilien. Das Eiland war genommen, die
meisten Truppen der Gegner dort gefangen, doch die Frage, welche sein Herz
so nahe anging, blieb ohne Auskunft. Man hatte von Athania seit lnger als
einem Jahre nichts auf Sizilien vernommen.

O Geliebte! seufzte Guido, so lange Zeit verstrich, ohne da ein Brief mich
gesucht htte. Solltest du die Feindschaft deines Vaterlandes theilen, und
den Jngling vergessen wollen, der, ein Europer, Afrika bekriegen mu?
Dies wre grausam, grausam!

Aber wenn auch deine Liebe noch fortglht, wenn sie hher als das Leben der
Phantasie emporflammt, was wird aus dem Kaisersohn werden? Die Schlacht ist
gewonnen, aber darf er auch mit diesem Flehn dem Vater nahn? Wird sein
frostig Alter die Hoheit meiner Liebe fassen? Wird er nicht zrnen, da in
des Helden Brust eine andere Leidenschaft, als die fr den Ruhm glhte?
Wird er nicht fordern, da ich eine Gattin aus den hohen Geschlechtern
erkiese? Doch mu ich ihm das Herz offenbaren.

Der Feind zog weiter ins Land; Guido gewann Freiheit, Neu-Karthago, die
stolze Wetteifrerin mit jener Stadt im tiefen Alterthum, der sie Namen und
Standpunkt abborgte, zu belagern. Der Hof hatte sich jedoch schon fliehend
entfernt, den Weg zu einer anderen groen Hauptstadt im Innern von Afrika
genommen. Diese lag an den Quellen des Senegal, war aber noch weit von der
Vollendung entfernt, welche man ihr zu geben dachte.

Es wird hier nthig, die Geschichte dieses Erdtheils in den letzten
Jahrhunderten nachzuholen.

Gegen das Ende des neunzehnten waren es endlich die Europer mde, Hohn und
Schmach von den Staaten Marokko u. s. w. zu dulden. Ein Heer setzte nach
Algier ber, nahm diese Stadt ein, zertrmmerte die Regierungen von Tunis,
Tripoli, und breitete sich nach und nach von einer Seite bis Egipten, von
der anderen bis Zanhaga aus. So wurde der gesammte Norden von Afrika eine
europische Kolonie, wohin groe Auswanderungen geschahen. Die Kultur
blhte auf, Neu-Karthago wurde gegrndet. Man untersuchte das immer noch
unbekannt gebliebene Innere. Doch vermochten die neckenden Streifereien der
Sultane von Darfur und Borun, die Anflle der schwarzen Nazionen von Gago,
Tombut, Bombakoo, die Unsicherheit der sdlichsten Wohnpltze, immerfort
Krieg zu fhren, und vertheidigend eroberte die bessere Kunst. Nach Hundert
Jahren gehorsamte halb Afrika.

Die Schwierigkeit, das groe Ganze zu berblicken, machte, da glckliche
Heerfhrer Knigreiche empfingen, wiewohl abhngig vom Mutterstaat. Mancher
Zwist unter ihnen selbst, der Stolz auf die Gesammtkraft, die meergetrennte
Lage, brachten sie aber zuletzt auf den Entschlu, ihr Verhltni von dem
europischen zu trennen, und selbst einen Kaiser zu whlen. Vergebens
kriegte Europa, sie behaupteten ihre neue und allerdings kluge Verfassung,
um so mehr, als die aufgeklrteren Mnner unter ihren Gegnern ihr selbst
Beifall gaben. In dem folgenden Frieden breitete sich aber die Herrschaft
der Christen in Afrika noch weiter aus, und gegen das Ende des ein und
zwanzigsten Jahrhunderts, gehrte, bis zum Vorland der guten Hoffnung,
alles unter die Obergewalt des Kaisers.

Er fiel in einer Schlacht gegen die Vlker von Monomotopa, und seine
Gemahlin, reich an Geist und Herz, leitete bei ihrer Tochter
Minderjhrigkeit die Staatgeschfte weislich, und suchte die noch wilden
Sitten der farbigen Nazionen in Einklang mit jenen der Ankmmlinge zu
bringen, was auch, obwohl langsam, gelang.

Doch Europa forderte Entschdigungen, welche man versagte, politische
Besorgnisse, das neue Reich knne zu furchtbar werden, traten hinzu, und
jener Krieg, von welchem oben die Rede war, entspann sich. Hegte schon
diese andere Semiramis milde Gesinnungen, war gleich der Kaiser von Europa
moralisch genug, die blutige Fehde zu verdammen, wollte sich einmal nicht
alles gtlich ausgleichen lassen, man mute die Waffen um Entscheidung
anrufen. --

Zu Guido zurck. Er belagerte Neu-Karthago mit aller schrecklichen Kunst.
Die Vertheidigung stellte sich jedoch eben so gewaltig entgegen, und manche
Woche verstrich, ehe ein Theil die Meinung schpfen konnte, er habe
Vortheile ber den andern errungen.

Unterdessen fiel der Kaiserin bei, der Krieg liee sich vielleicht, ohne
weitere, die Menschheit entehrende, Gruel enden. Sie hatte eine Tochter,
Ottona genannt, schn, liebenswrdig, und in herrlicher Bildung erzogen,
theils durch fremde, kluggeleitete Sorge, theils durch die Natur ihrer
holden Eigenthmlichkeit, die sich an den Knsten himmlisch entfaltete. Sie
sprach zu Ottona: Titus, des feindlichen Kaisers Sohn -- er fhrte jetzt
den Namen Guido nicht mehr -- wird gepriesen, wir fhlen die Gewalt seiner
Talente. Die Erziehung fern vom Throne, hat auch bei ihm sich bewhrt. Wenn
ich ein Eheband mit diesem Thronerben und dir, meine Tochter, knpfen
knnte, wre der Menschheit vielleicht geholfen.

Ottona sank bleich an ihrer Mutter nieder. Befiel dich pltzlich Krankheit?
fragte jene bebend, und rief um Hlfe. Nach einiger Zeit erholte sich die
Tochter aber, und hrte ergeben zu, da die Kaiserin fortfuhr:

Einen Sohn besitze ich nicht, der Streit um unsere Kaiserkrone kann einst
Unheil bringen. Europa hat Asien zu frchten, auch Afrika; denn Asien
enthlt eine Menschenzahl, wie diese beiden Erdtheile, nachdem jngsthin
China und Japan berwltigt wurden.

Doch, wenn Europa und Afrika sich vereinen, wenn _ein_ Vlkergericht ber
beide monarchische Republiken waltet, und beider Heere _eine_ Obergewalt
lenkt, dann stehen wir im Gleichgewicht gegen Asien da, nur Unklugheit
knnte dann noch je Krieg fhren wollen. Amerika hat lange schon auf jeden
Angriff verzichtet, und bndet die beiden Halbeilande nur zum Widerstand.
Asien wird dann, durch den ganzen Zustand der Dinge von selbst eingeladen,
auch seine Boten zu dem groen Tribunal senden, und ein ewiger Friede, der
Weisen alter, heiliger, noch nie erfllter Wunsch, kann seine Palme erhhn.

Ottona barg ihre Thrnen -- wute nichts zu entgegnen.

Entzckt dich etwa das frohe Bild einer solchen Zukunft, der Stolz deiner
erhabenen Bestimmung so, da Freude auf deine Wangen thaut? fragte die
Mutter.

Ini bat stammelnd um Zeit -- Ruhe, Fassung zu gewinnen, und ward entlassen.
Aus der Schnheit ihres Gemthes erklrte die Kaiserin ihr Betragen, und
eilte, einen Brief an ihren Gegner mit dem genannten Vorschlag zu senden.

Der Kaiser von Europa empfing ihn um die nmliche Zeit, als auch ein
Schreiben seines Sohnes angelangt war. Es lautete:

Mein erhabener Vater, du wolltest eine Bitte hren, nach meiner ersten
siegenden Schlacht. Dreimal hab' ich deinen Feind berwunden, auch wird
bald seine Hauptstadt fallen. Wohl mchte es bereits geschehen sein, wenn
ich dem Verlangen der Krieger, einen Sturm zu wagen, nachgegeben htte.
Doch ich erwarte Uebergabe auf Bedingung, damit nicht Kunst und Flor
verheert werden, und ich jenes Wthen der Neger in Sizilien, mit
europischer Gromuth vergelten mag. Aber die Bitte, mir gestattet von
hoher Vatermilde, ich nenne sie khn deinem Herzen. Viel habe ich gerungen
mit dem Vorsatz, allein ich bekenne, da hier meine Kraft am Ende war.
Vater, was ich bin, was deine Gte schon an mir lobte, da noch das groe
Geheimni mir nicht enthllt war, ist -- Schpfung der Liebe. Ein Mdchen,
von einer unbekannten Herkunft, doch hochgestellt ber alle Weiber an
Schnheit in Gemth und Form, erzog mich. Ohne sie wrde ich die Tirannei
eines siedenden Blutes nicht zu Boden gekmpft haben, ohne sie blieb mein
Wissen, mein Empfinden arm, Geist und Herz errangen keine Harmonie, ohne
sie schlug ich den stolzen Afrikaner nicht, dem es dann vielleicht in
seiner Uebermacht gelang, Italiens heitre Gefilde zu verwsten. Gestatte
mir, Vater, die Gttliche zu suchen, die in Afrika, ach, vielleicht in der
Stadt lebt, welche ich jetzt mit Kampf umringe. Menschlich fhlend kannst
du dem Gestndni nicht zrnen, wie nur dein Purpur mich freuen kann, wenn
ich auch Ini damit schmcke, wie alle meine Kraft, sonst vielleicht
geeignet der Vlker Zgel sicher zu lenken, am Grabe der Liebe stirbt.
Verzeihe -- ich mute flehn!

Der Thronerbe harrte mit banger Sehnsucht den Eilboten entgegen, die jeden
Tag, in den Hhen von Rom daher flogen. Als, der Zeit nach, Antwort auf
sein Schreiben anlangen konnte, verwunderte ihn seltsam der Befehl,
sogleich die Belagerung einzustellen, und in Eile an den Kaiserhof zu
kommen. Er sollte das Heer einem andern Feldherrn vertrauen, und dem Feinde
berall Waffenruhe gnnen.

Das letzte schien, nach den Umstnden, nicht weise, mchtige Verstrkungen
konnten aus dem Innern von Afrika nahen, doch, der treue Sohn gehorsamte.

Wunderbare Ahnungen durchbebten seine Brust, da er nun die Luftgondel
bestieg, ber das Meer nach Rom zu eilen.

Dort angelangt, fand er den Vlkerrath versammelt, den der Kaiser
beschieden hatte. Er mute gleich dort erscheinen. Der Vater sprach ihn
nicht zuvor, besuchte jedoch mit zahlreichem Gefolge den Tempel der
Unsterblichkeit, in welchen jene Mnner sich eingefunden hatten. Denn hier
sollte, der erhabneren Feierlichkeit willen, der junge Csar seine Prfung
bestehn.

Zum Erstenmal betrat er dies Heiligthum. Nicht aus Granit, nicht aus Marmor
bestand der Tempel, diese Stoffe schienen seinem Urheber zu wenig
dauerhaft. Eherne Quadern, durch Gluten verschmolzen, bildeten die dicke
Mauer, die weit gesprengte Wlbung der ungeheuren Rotunde, noch von
Erzsulen aus _einem_ Gu getragen. Mosaik von edlen Steingattungen, fr
die Ewigkeit dargestellt, Thaten meldende Inschriften, Namen, die in
flammenden Buchstaben glnzten, prangten da; gro war aber der noch leere
Raum. In die gleichfalls ehernen Kellergewlbe hinab, leiteten Stufen.
Unten befanden sich die Grber mit Aschenkrgen.

Der Vorsitzer des hohen Rathes winkte den Kaisersohn zu sich.

Dein Vater will die Herrschaft mit dir theilen. Heldenthum bewhrte schon
den wrdigen Feldherrn; wohnt in dir aber auch Kraft, die Vlker zu lenken?

Guido htte, einen Augenblick frher, in den trben Besorgnissen um seine
Liebe, durch des Vaters Schweigen ber ihn gebracht, wanken drfen an der
groen Frage -- ach, ohne Ini flog sein Genius keine Sonnenbahnen -- doch,
ein schauernder Blick, in diesem Tempel umher geworfen, ermannte ihn zur
feurigen, selbstvertrauenden Antwort.

Er fand Bewunderung, die weiteren gewhnlichen Fragen lsend, und bergab
auch noch Denkschriften, die mgliche Verbesserung der Jugendpflege, des
Brgervereins, in scharfsinnigen Planen entwickelnd. Sie wurden abgelesen,
und ihnen Beifall ohne Ausnahme gezollt.

Noch mehr rhmende Anerkennung fand der Entwurf, das Schauspiel mit dem
Kultus zu gatten. Edle That sollte auf diese Weise versinnlicht an den
Blicken der Menge vorber, und jeder Religionsfeier voran, gehn.

Am meisten jedoch ein Sistem der Schnheitmoral, bei deren befremdenden
Stzen und einer ganz neuen Formenlehre, die Vter nicht nur den ganzen Tag
hindurch prfend weilten, sondern auch die ersten Knstler und denkendsten
Kpfe in Rom herbeiluden, mit ihnen Rath zu pflegen.

Dies Sistem gab in seiner Darstellung die Zeichen an, nach welchen der
Einklang zwischen Geist und Gemth, die Achtung fr die Gesellschaft, die
Uebereinstimmung mit den Aufgaben der Tugend, die Fertigkeit im richtigen
Empfinden des Guten und Edlen, die Kraft zu Entsagungen; die dem inneren
Menschen entweder mangelten, oder ihn adelten, am ueren erkennbar wren.
Dann folgte eine Theorie der Moral. Sie wollte, da jedem Jngling, jedem
Mdchen in der Republik, gegen die Zeit der blhenden Entwicklung hherer
Krfte, ein Ideal nach seiner Anlage gefertigt wrde. Ein Vorbild der
Schnheit, vom Maler, die mglichst hohe innere Schnheit des Individuums
berechnend, nach den klaren Grundstzen der Lehre, sichtbar gefertigt. Dies
mte herrlicher wirken, als Gesetz, Beispiel und Religion, wenn die
Achtung, die Liebe, die Freundschaft, die Aufnahme in den Brgerkreis, die
Bekleidung mit einem Amt, immer an einen Vergleich des Ideals mit der
Wirklichkeit hingen, behauptete Guidos Denkschrift. Denn nun knne die
innere Unvollkommenheit sich nicht mehr bergen, die Abwesenheit des
Strebens zum Ziel der Schnheit, wrde sich in migestalteten Zgen
strafend verkndigen, und in gelungener Annherung die Lohnwrdigkeit sich
offenbaren. Je bekannter, je verbreiteter das Sistem wre, je weniger msse
die Gesellschaft, ohnehin schon bedeutend vom Widerstand sinnlichen Unfugs
gereinigt, noch davon zu frchten haben.

Nach langem Berathen hub der Vorsitzer an: Ist dein Sistem richtig, so hast
du der Menschheit ein Geschenk ertheilt, wie sie es seit Jahrhunderten
nicht empfing, wie kein Religionstifter es zu geben vermochte.

So danke sie es der Liebe! rief Guido flammend.

Der Vorsitzer schien dies Wort nicht gehrt zu haben, sondern fuhr fort:
Wohl, erhabener Jngling, gebhrt dir, eine Schnheitmoral zu predigen,
denn noch keinen Jngling, von so bezaubernden Formen, erblickten wir.

Wir alle nicht! tnte der einmthige Ausruf.

Guido senkte die Augen nieder.

Hast du, fing der Kaiser, der bisher nur geringen Antheil genommen hatte,
nun an, dich _auch_ nach einem Ideal gebildet?

Der Sohn zog es aus dem Busen. Es ging im Kreise umher. Entzckt hingen die
Blicke wechselnd an dem schnen Gemlde und an dem schnen Jngling. Eine
Thrne freudiger Bewunderung sank von der Wange des Kaisers nieder, denn
wohl dachte er der Gestalt des Sohnes vor drei Jahren, und fate kaum die
so hoch gereifte Liebenswrdigkeit.

Indem aber die Knstler vergleichend fortfuhren, das todte Muster und seine
lebende Nachahmung zu prfen, behaupteten sie: Nicht ganz, nur beinahe ward
das Ideal erreicht. Noch irgend ein geringes Etwas, das wir nicht zu nennen
vermgen, irgend ein vollendender Zug fehlt noch.

Dieser Meinung traten alle bei, auch der Kaiser. Letzterer fragte: Welcher
Maler entwarf dein Urbild?

Guido rief: Kein Maler! Die Liebe! Ein Mdchen, unendlich schner noch
durch eigenen Geistes Streben. O Vater! ihre Hand war der Preis meines
Ringens, soll er mir grausam entzogen werden?

Er sank vor ihm nieder. Die flehende Geberde sprach nur noch, sprach zu den
Greisen im Rath, Frworte erbittend, als der Monarch ernst und dster
schwieg.

Diese fanden des Jnglings Wunsch gerecht. Lohn der Liebe, meinten sie,
msse das groe Geschenk fr die Menschheit, ihr eigen Werk, vergelten.
Guido hatte auch die Schnheit seiner Geliebten gepriesen. Wer konnte sie
auch bezweifeln? Von diesem sich entsprechenden Paar, hoffte man eine edle
Nachkommenschaft der Csare. Man drang in den Alten.

Er entgegnete strenge: Hier waltet mein Vaterrecht, nicht der Staat!
Keineswegs mein Sohn, hast du dein Ideal errungen, alle rumen den
fehlenden Zug ein. Der Preis gebhrt dir also nicht. Doch entsage, entsage
dem Preis, und dieser Sieg innerer Hoheit wird den Mangel fllen.

Guido bebte starr und bleich. Ausdruck von Unwillen ward auf jedem
Angesicht kund.

Sanfter nahm der Monarch wieder das Wort. Glaube mein Sohn, auch mir hat es
einen schweren Kampf gegolten, dir den Lohn der Liebe zu versagen. Doch ich
weiche mit blutendem Herzen der Nothwendigkeit. Ewiger Friede kann durch
dich ber die Menschheit aufblhn.

Bei den Worten _ewiger Friede_ flammten der Vter Wangen. Guido starrte
noch zum Boden nieder.

Die Kaiserin von Afrika will dir ihre Tochter vermhlen. Lies alles auf
diesem Blatte, und juble dem Rufe des Schicksals entgegen. Auch Ottona ist
schn, wahrlich nimmer sah ich so verklrte Anmuth, blicke auf dies Bild,
von der Mutter dir gesandt.

Die Schmach der Treulosigkeit, in den Donnerworten enthalten, machte, da
Guido sein Auge verchtlich von dem Gemlde lenkte. Es fiel auf die feurige
Inschrift am Hochaltar: _Unsterblichkeit_.

Er stand auf, mied stolz die Versammlung, und rief die Worte zurck: Kommt
nach drei Tagen wieder, dann sage ich euch, ob ich um der Menschheit willen
ohne Ini leben kann.

Kein Freund mehr, an dessen Busen er weinen konnte. Allein schweifte er
umher auf den Gassen von Rom, sah bald diese bald jene Denkmale der alten
Zeit, herrlich die Erinnerung mahnend. O Curtius, du gabst nur das Leben,
nicht die Liebe auf, armer Szvola der der Tugend nur eine Hand darbrachte,
strenger Luzius Junius Brutus, eine Ini httest du nicht hingegeben!

Er kehrt nicht in den Pallast zurck, lief hinaus in die Gefilde, achtete
nicht auf das wilde Ungewitter das die Pinien um ihn zersplitterte, aber
dennoch nicht tobte, wie die Strme in seiner Brust. Endlich um Mitternacht
langte er vor einer Katakombe an, drang in ihre schaurigen Gnge, hnlich
der Farbe seines Jammers. Abgemattet von innerer Pein fiel er auf den Boden
hin, rief den Schlummer, ihn nicht mit kurzem Tod, mit ewigen Tod zu
umfangen. Der Schlummer nahte nicht. Guido sprach Verwnschungen gegen ihn,
gegen seine unglcklich hohe Geburt, gegen den tirannischen Vater, gegen
das Traumbild am Nordpol aus, das ihm lgend Wiedersehn zusagte und zu
leben bewog. O warum starb ich dort nicht, wimmerte er.

Zuletzt hatten sich die Krfte entspannt, ein tiefer Schlaf rettete den
Dulder vor lngerer Qual der Selbstkmpfe. In diesem Schlaf whnte die noch
thtige Einbildung, Gelino, den verstorbenen Lehrer zu sehn, wie er einen
strafenden Blick auf ihn warf, und wieder verschwand. Dieser Blick prgte
sich tief in des Jnglings Gemth, er sah ihn immer, noch am Morgen
erwacht, und auf den Gefilden ohne Zweck wandelnd. Eine marternde Angst
jagte ihn, in jedem Thale richtete er den Blick empor und glaubte immer das
Traumgesicht in den Wolken wieder zu finden, von jedem Hgel sah er Rom und
den sich erhebenden Tempel der Unsterblichkeit, dessen Anblick auch ein
Strafgericht ber ihn verhing. So trieb er es. --

Der Kaiser lie ihn besorgt suchen, man fand ihn nicht. So ging es am
zweiten, am dritten Tag, die Versammlung harrte bereits unruhig, gespannt,
Schlimmes frchtend.

Da trat Guido in den Tempel. Bleich, berwacht, verstrt, doch eine
unbeschreibliche Hoheit in Blick und Geberde, eine Harmonie, einen Zauber
in der Gestalt, die man jngst nicht an ihn wahrgenommen hatte, und Jeden
mit der Ueberzeugung durchdrang -- nun sei das Ideal erreicht!

Man errieht schon was er sagen wollte. Beifalljubel von allen Lippen und
Hnden, von denen des Tempels eherne Mauern und Denkmale tnend
wiederhallten, priesen in voraus.

Oft gab der Kaiser das Zeichen zu schweigen, umsonst, nur spt konnte er
vernehmlich fragen: Dein Kampf siegte, du whlst Ottona?

Um die Menschheit, antwortete Guido. Neuer Beifall, Beschlu des Rathes,
ihn zum Thronerben, zum Mitkaiser wrdig zu erklren.

Guido hrte das betubt, war sehr gleichgltig, als eine Kaiserkrone, mit
einem grnen Lorbeer umflochten, auf sein Haupt gesetzt wurde, ein Purpur
an seinen Schultern hing, und das alle Straen berfllende Volk, da er im
Prachtzug nach der Csarenwohnung kehrte, dem neuen Monarchen, dem Sieger
in Afrika, dem Sieger ber sich, dem Friedengeber der Menschheit, Glck
zurief! --

Alle Gefangenen, alle Schiffe und Waffen wurden eilig nach Karthago zurck
gesandt, die europischen Truppen nach Italien gerufen.

Guido schickte heimlich einen Eilboten an Ottona, lie ihr entbieten: den
Thrnen der flehenden Menschheit gehorsam, bringe er ihr nchstens seine
Hand, doch -- ein Herz habe er nicht mehr zu vergeben. --

Unterdessen traf man in Rom Anstalten zu seiner Reise nach Karthago. Sie
sollte mit der hchsten Pracht vollzogen werden, der Vater wollte den Sohn
begleiten.

Kurz zuvor ehe man aufbrach, kam der Eilbote zurck. Er schwrmte in dem
Bilde, das er von Ottona entwarf. Guido gebot, darber hinzugehn. Jener
berichtete: Die Kaisertochter habe sich der Kunde erfreut, denn auch sie
knne nur Fgung in das Schicksal, doch keine Liebe verheien. Wohl mir,
seufzte Guido.

Man trat den Weg an. Vor Karthago, wohin der afrikanische Hof zurckgekehrt
war, standen alle Gefangenen, fand Guido alle eroberten Trophen, im Hafen
wehten die Flaggen der Schiffe, die er jngst den Afrikanern genommen. Er
staunte. Die Mnner aus dem Strategion dort, ihm entgegen gekommen, sagten:
Dein Vater hat dir in Rom keinen Triumph ber Afrika bereitet, so will es
die Kaiserin selbst thun.

Umsonst verbat der Held. Alle glorreiche Zeichen seiner Siege gingen voran
im glnzendsten Zuge, zum Tempel, dem herrlichsten der Stadt, nun dem
_ewigen Frieden_ geweiht. Hier am Hochaltar erwartete die Kaiserin den
Eidam, neben sich Ottona in einen Schleier gehllt und sichtbar bebend. Die
Vornehmen, durch Guidos Anblick getroffen, sanken vor ihm nieder in
Huldigung.

Eben an diesem Tage begann das zwei und zwanzigste Jahrhundert.

Bescheiden nahte Guido dem Altar. Die hohe Mutter trat ihm entgegen,
Freudenthrnen auf der Wange. Hier, sprach sie, junger Csar, Oberherr von
Europa und Afrika, empfange meine Tochter. Sie hob den Schleier von Ottonas
Antlitz. Guidos tiefgesenkter Blick vermochte nicht aufzusehn. Nur der Ruf
einer wohlbekannten himmelvollen Stimme weckte seine Betubung!

Er sah auf die Braut -- -- O Himmel!

Ottona war Ini -- verklrt gestaltet wie ihr Ideal. -- Bei Athania hatte
die weise Frstin sie erziehen lassen.


_Ende_.






End of the Project Gutenberg EBook of Ini, by Julius von Vo

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     has agreed to donate royalties under this paragraph to the
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     returns.  Royalty payments should be clearly marked as such and
     sent to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation at the
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     the Project Gutenberg Literary Archive Foundation."

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electronic work or group of works on different terms than are set
forth in this agreement, you must obtain permission in writing from
both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael
Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark.  Contact the
Foundation as set forth in Section 3 below.

1.F.

1.F.1.  Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable
effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
public domain works in creating the Project Gutenberg-tm
collection.  Despite these efforts, Project Gutenberg-tm electronic
works, and the medium on which they may be stored, may contain
"Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate or
corrupt data, transcription errors, a copyright or other intellectual
property infringement, a defective or damaged disk or other medium, a
computer virus, or computer codes that damage or cannot be read by
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1.F.2.  LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES - Except for the "Right
of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project
Gutenberg-tm trademark, and any other party distributing a Project
Gutenberg-tm electronic work under this agreement, disclaim all
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LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE
PROVIDED IN PARAGRAPH 1.F.3. YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE
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LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR
INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH
DAMAGE.

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in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS' WITH NO OTHER
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law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be
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with this agreement, and any volunteers associated with the production,
promotion and distribution of Project Gutenberg-tm electronic works,
harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees,
that arise directly or indirectly from any of the following which you do
or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.


Section  2.  Information about the Mission of Project Gutenberg-tm

Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
electronic works in formats readable by the widest variety of computers
including obsolete, old, middle-aged and new computers.  It exists
because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
people in all walks of life.

Volunteers and financial support to provide volunteers with the
assistance they need, are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
remain freely available for generations to come.  In 2001, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.


Section 3.  Information about the Project Gutenberg Literary Archive
Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
Revenue Service.  The Foundation's EIN or federal tax identification
number is 64-6221541.  Its 501(c)(3) letter is posted at
http://pglaf.org/fundraising.  Contributions to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
permitted by U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
throughout numerous locations.  Its business office is located at
809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
business@pglaf.org.  Email contact links and up to date contact
information can be found at the Foundation's web site and official
page at http://pglaf.org

For additional contact information:
     Dr. Gregory B. Newby
     Chief Executive and Director
     gbnewby@pglaf.org


Section 4.  Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
spread public support and donations to carry out its mission of
increasing the number of public domain and licensed works that can be
freely distributed in machine readable form accessible by the widest
array of equipment including outdated equipment.  Many small donations
($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United
States.  Compliance requirements are not uniform and it takes a
considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
with these requirements.  We do not solicit donations in locations
where we have not received written confirmation of compliance.  To
SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
particular state visit http://pglaf.org

While we cannot and do not solicit contributions from states where we
have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
against accepting unsolicited donations from donors in such states who
approach us with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make
any statements concerning tax treatment of donations received from
outside the United States.  U.S. laws alone swamp our small staff.

Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
methods and addresses.  Donations are accepted in a number of other
ways including checks, online payments and credit card donations.
To donate, please visit: http://pglaf.org/donate


Section 5.  General Information About Project Gutenberg-tm electronic
works.

Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
concept of a library of electronic works that could be freely shared
with anyone.  For thirty years, he produced and distributed Project
Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.


Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
unless a copyright notice is included.  Thus, we do not necessarily
keep eBooks in compliance with any particular paper edition.


Most people start at our Web site which has the main PG search facility:

     http://www.gutenberg.org

This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
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