The Project Gutenberg EBook of Gedichte in Prosa, by Iwan Turgenjeff

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Title: Gedichte in Prosa

Author: Iwan Turgenjeff

Translator: Th. Commichau

Release Date: October 11, 2011 [EBook #37716]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK GEDICHTE IN PROSA ***




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     Iwan Turgenjeff

     Gedichte in Prosa



     bertragen von Th. Commichau

     Im Insel-Verlag zu Leipzig




Das Dorf


Der letzte Tag im Juli; auf tausend Werst im Umkreise rings Ruland --
der heimatliche Boden. Der ganze Himmel strahlt in einfarbigem Blau;
droben ein einzelnes Wlkchen -- halb schwimmend, halb zerflieend.
Windesstille, brtende Hitze... die Luft -- wrzig wie frischgemolkene
Milch!

Die Lerchen trillern; die Turteltauben gurren; lautlos gleiten die
Schwalben umher; die Pferde schnauben und kauen; die Hunde bellen nicht,
stehen da und wedeln friedfertig mit dem Schwanze.

Und nach Rauch riecht es, und nach Gras -- und auch nach Teer ein wenig
-- und ein wenig nach Leder. -- Der Hanf auf den Feldern ist schon hoch
aufgeschossen und strmt seinen schweren, aber sen Duft aus.

Eine tiefe, jedoch sanft absteigende Schlucht ffnet sich. An beiden
Abhngen mehrere Reihen dickbuschiger, zerborstener Weiden. In der Tiefe
der Schlucht rieselt ein Bach; kleine Kiesel auf seinem Grunde blinken
wie zitternd durch seine klaren Wellen hindurch. -- In der Ferne, am
Saume zwischen Erde und Himmel -- schimmert der bluliche Streif eines
groen Stromes.

Dem Zuge der Schlucht folgend -- hier auf dieser Seite saubere kleine
Speicher und Scheunen mit dichtverschlossenen Tren; dort auf jener fnf
bis sechs aus Fichtenstmmen gezimmerte Huschen mit gehobelten
Bretterdchern. Auf jedem Dache an hoher Stange ein Starkasten; ber
jeder Haustr ein aus Blech geschnittenes kleines Rlein mit
flatternder Mhne. Die Fensterscheiben, uneben und blasig, schillern in
Regenbogenfarben. Krge mit Blumenstruen sind auf die Fensterlden
gemalt. Vor jedem Huschen steht suberlich eine derbe Bank; auf kleinen
angeschtteten Erdhaufen liegen Katzen, zu einem Knuel zusammengerollt,
und spitzen die durchsichtigen feinen Ohren; hinter der hohen
Trschwelle winkt einladend der khle, dunkle Hausflur.

Ich liege hart am Rande der Schlucht auf einer ausgebreiteten
Pferdedecke; ringsumher lauter Haufen frischgemhten, betubend duftigen
Heues. Die fleiigen Hauswirte haben es vor ihren Htten
auseinandergestreut: dort mag es noch eine Weile an der Sonne
durchtrocknen; dann aber in die Scheuern damit! Wie prchtig wird sichs
darauf schlafen lassen!

Kraushaarige Kinderkpfchen lugen aus jedem Haufen hervor; groschopfige
Hhner scharren im Heu nach Fliegen und Kferchen; ein junger Hund mit
noch hellfarbiger Schnauze wlzt sich in einem Gewirr von Halmen herum.

Blondlockige Burschen in sauberen Grtelhemden und schwerflligen,
umsumten Stiefeln hnseln sich mit Scherzworten, die Brust gegen einen
unbespannten Wagen gestemmt -- und zeigen lachend ihre weien Zhne.

Aus dem Fenster schaut ein junges Weib mit vollem, rundem Antlitz; sie
lacht, halb ber die Scherze der Burschen, halb ber die in den
Heuhaufen sich balgenden Kinder.

Ein anderes junges Weib zieht mit krftigen Armen einen groen nassen
Eimer aus dem Brunnen herauf... Der Eimer wippt und schaukelt am Seile,
so da langgezogene, blitzende Tropfen an ihm herabgleiten.

Vor mir steht ein greises Hausmtterchen in einem neuen, karierten
Leinenrock und neuen Schuhen.

Drei Schnre dicker, hohler Glasperlen schlingen sich um ihren braunen,
faltigen Hals; ihr ergrauter Kopf ist mit einem gelben, rotpunktierten
Tuche umwunden, welches tief ber ihre trben Augen herabhngt.

Freundlich aber lcheln diese greisenhaften Augen; ihr ganzes runzliges
Antlitz lchelt. Hoch in den Siebzigern mu sie sein, das alte
Mtterchen... aber auch heute noch ist es zu erkennen: eine Schnheit
war sie zu ihrer Zeit!

Mit den sonnenverbrannten, auseinandergespreizten Fingern der rechten
Hand hlt sie mir einen Krug kalter, unabgerahmter Milch hin, die frisch
aus dem Keller kommt; der Krug ist auen mit Reif bedeckt, der wie
Perlen glitzert. Auf der linken Handflche reicht mir die Alte eine
groe Schnitte noch warmen Brotes. -- I nur, sei dirs gesegnet,
willkommener Gast!

Mit einem Male krht der Hahn und schlgt heftig mit den Flgeln; ihm
zur Antwort blkt nach einer Weile ein eingesperrtes Kalb.

-- Das nenn ich mir Hafer! ertnt die Stimme meines Kutschers...

O diese Gengsamkeit, diese Ruhe, dieser Wohlstand des freien russischen
Dorfes! Dieser stille Friede und Segen!

Und da denke ich mir denn so: was soll uns dann noch ein Kreuz auf der
Kuppel der Hagia Sophia in Byzanz und all das brige, um das wir uns so
hei bemhen, wir Stadtmenschen?




Ein Zwiegesprch

   Weder auf der Jungfrau noch auf dem Finsteraarhorn war je ein
   menschlicher Fu.


Die hchsten Gipfel der Alpen... Eine ganze Kette zerklfteter
Felsenmassen... Das Herz des Gebirgsstockes. ber den Bergen wlbt sich
blagrn, glnzend und stumm der Himmel. Strenger, schneidender Frost;
harter, flimmernder Schnee; aus dem Schnee hervor ragen rauhe Zacken
vereister, verwitterter Felsblcke. Zwei Kolosse, zwei Riesen recken
sich zu beiden Seiten des Horizontes empor: Jungfrau und Finsteraarhorn.
Und die Jungfrau spricht zum Nachbar: Was gibt es Neues? Du hast
freieren Ausblick. Was geht da unten vor?

Es vergehen einige Jahrhunderte: eine Minute.

Und Finsteraarhorn donnert zur Antwort: Dichte Wolkenmassen verhllen
die Erde... Warte!

Wieder vergehen Jahrtausende: eine Minute.

Nun, und jetzt? fragt die Jungfrau.

Jetzt sehe ich; dort unten ist alles wie ehedem: bunt, kleinlich. Blau
die Wasser; schwarz die Wlder; grau die zusammengetragenen Steinhaufen.
Um sie herumwimmeln noch immer diese Kferchen, du weit, die
zweifigen, denen es bisher noch nie gelang, dich und mich zu
beflecken.

Menschen?

Ja; Menschen.

Jahrtausende gehen dahin: eine Minute.

Nun, und jetzt? fragt die Jungfrau.

Die Zahl der Kferchen scheint abgenommen zu haben, -- grollt das
Finsteraarhorn; klarer ist es da unten geworden, die Wasser haben sich
verringert, die Wlder gelichtet.

Wieder verrannen Jahrtausende: eine Minute.

Was siehst du jetzt? spricht die Jungfrau.

Um uns her, in der Nhe ist es sichtlich reiner geworden, -- erwidert
das Finsteraarhorn; da hinten nur, in der Ferne, in den Tlern sind
noch Flecken, und dort bewegt sich noch etwas.

Aber jetzt? fragt die Jungfrau, als weitere tausend Jahre verrauschten
-- eine Minute.

Jetzt ist es gut, -- antwortet das Finsteraarhorn; -- rein ist es
berall und ganz wei, wohin man auch blickt... berall unser Schnee,
nichts wie Schnee und Eis. Erstarrt ist alles. Gut ist es jetzt, ruhig.

Gut -- wiederholt die Jungfrau. -- Allein, wir haben jetzt genug
geplaudert, Alter. Zeit ist's, einzuschlafen.

Es ist Zeit.

Sie schlafen, die gewaltigen Bergriesen; es schlft der grne,
leuchtende Himmel ber der auf ewig verstummten Erde.




Die Alte


Ich ging auf einem weiten Felde, allein.

Pltzlich war es mir, als ob leise, vorsichtige Tritte hinter meinem
Rcken vernehmbar wrden... Es folgte mir jemand.

Ich schaute mich um -- und gewahrte eine kleine, gebeugte Alte, ganz in
graue Lumpen gehllt. Aus ihnen hervor war nur das Antlitz der Alten
sichtbar: ein gelbes, runzliges, scharfnasiges, zahnloses Antlitz. Ich
ging auf sie zu... Sie blieb stehen.

Wer bist du? Was willst du? Bist du eine Bettlerin? Erwartest du ein
Almosen?

Die Alte gab keine Antwort. Ich beugte mich zu ihr herab und bemerkte,
da ihre beiden Augen mit einem halbdurchsichtigen, weilichen berzug
oder Hutchen bedeckt waren wie bei gewissen Vgeln: deren Augen werden
dadurch vor allzu grellem Licht geschtzt.

Bei der Alten aber blieb das Hutchen unbeweglich und lie die Pupillen
nicht hervortreten... woraus ich schlo, da sie blind sei.

Willst du ein Almosen? -- wiederholte ich meine Frage. -- Weshalb
folgst du mir? -- Doch die Alte blieb stumm wie zuvor, nur krmmte sie
sich ein wenig. Ich wandte mich ab und setzte meinen Weg fort.

Da, wiederum hre ich hinter mir dieselben leisen, gemessenen, gleichsam
schleichenden Tritte.

-- Wieder dieses Weib! -- dachte ich bei mir; -- warum verfolgt sie mich
denn nur? -- Doch gleich kam mir auch der weitere Gedanke: sie wird
wahrscheinlich in ihrer Blindheit den Weg verfehlt haben und folgt jetzt
dem Schall meiner Schritte, um zusammen mit mir zu menschlichen
Wohnungen zu gelangen. Ja ja, so wird's sein.

Allein, nach und nach bemchtigte sich meiner Gedanken eine seltsame
Unruhe: nun wollte es mir scheinen, als ob diese Alte mir nicht blo
folge, sondern da sie mich sogar lenke, mich bald nach rechts, bald
nach links stoe, und da ich ihr willenlos gehorchen msse.

Dennoch schreite ich weiter... auf einmal, gerade vor mir auf meinem
Wege, etwas Schwarzes, sich Erweiterndes... wie eine Grube... Ein
Grab! durchzuckte es mein Hirn. -- Dorthin also stt sie mich! Hastig
wende ich mich um. Wieder vor mir die Alte... aber jetzt sieht sie! Sie
blickt auf mich mit groen, boshaften, unheilkndenden Augen... mit
den Augen eines Raubvogels... Ich schaue ihr scharf ins Gesicht, in die
Augen... Wieder dieses trbe Hutchen, dieselben leblosen, stumpfen
Zge... Ach! denke ich... diese Alte -- ist mein Schicksal. Jenes
Schicksal, dem niemand entrinnen kann. Kein Entrinnen! Kein Entrinnen?
-- Welch ein Wahnsinn... Man mu es versuchen. Und ich wende mich
seitwrts, einer anderen Richtung zu.

Rasch eile ich vorwrts... Allein die leisen Tritte rascheln wie frher
hinter mir, nahe, ganz nahe... Und vor mir wieder die dunkle Grube.

Aufs neue wende ich mich nach einer anderen Seite... Und wiederum
dasselbe Rascheln hinter meinem Rcken und vor mir derselbe drohende
Fleck.

Und wohin ich mich auch kehre gleich einem gehetzten Hasen... immer
dasselbe, immer dasselbe!

Halt! denke ich, -- jetzt will ich sie tuschen! Ich will mich nicht von
der Stelle rhren! -- und augenblicklich setze ich mich an die Erde.

Die Alte steht hinter mir, nur zwei Schritt entfernt. -- Ich hre sie
nicht, aber ich fhle es, sie ist da. Und pltzlich sehe ich: der dunkle
Fleck dort in der Ferne, er schwimmt, er kriecht gerade auf mich zu! O
Gott! Ich schaue rckwrts... Die Alte hat ihren starren Blick auf mich
geheftet -- und Grinsen verzerrt ihren zahnlosen Mund...

-- Kein Entrinnen!




Der Hund


Wir zwei sind im Zimmer beisammen: mein Hund und ich... Drauen heult
wtender Sturm. Mein Hund sitzt dicht vor mir -- und schaut mir
unverwandt ins Auge. Und auch ich blicke in seine Augen. Es scheint, als
mte er mir etwas sagen wollen. Er ist stumm, er besitzt keine Sprache,
er versteht sich selbst nicht -- aber ich verstehe ihn wohl.

Ich verstehe, da in diesem Augenblick in ihm wie in mir ein und
dasselbe Gefhl lebt, da zwischen uns kein Unterschied besteht. Wir
sind vollkommen gleich; in jedem von uns beiden glht und leuchtet das
gleiche zitternde Flmmchen.

Der Tod fliegt heran, schwingt seine eisigen, gewaltigen Fittiche... Es
ist zu Ende!

Wer vermchte dann wohl zu entscheiden, welches Flmmchen in ihm und
welches in mir geglht hat? Nein! nicht Tier und Mensch tauschen diese
Blicke... Es sind zwei gleiche Augenpaare, die aufeinander gerichtet
sind. Und in jedem dieser Augenpaare, in dem des Tieres und dem des
Menschen -- schmiegt sich ein und derselbe Lebenstrieb bebend an den des
anderen.




Der Widersacher


Ich hatte einen Kameraden, der bestndig mein Widersacher war; zwar
nicht im Studium, auch nicht im Amt oder in der Liebe; nur unsere
Ansichten waren stets unvereinbar, und jedesmal, wenn wir uns trafen --
entspann sich zwischen uns ein endloser Wortstreit. Wir stritten ber
alles: ber Kunst, ber Religion, ber die Wissenschaft, ber das Leben
auf Erden und im Jenseits -- namentlich ber das im Jenseits. Er war ein
glubiger, schwrmerischer Mensch. Einst sagte er zu mir: Du
bespttelst doch auch alles; sollte ich jedoch vor dir sterben, dann
werde ich dir vom Jenseits her erscheinen... Wir wollen doch sehen, ob
du auch dann noch wirst lachen knnen! Und wirklich, er starb vor mir,
ein Werdender in der Blte der Jugend; doch Jahre vergingen, und ich
verga seines Gelbdes -- seiner Drohung.

Einst lag ich des Nachts im Bett -- und konnte nicht, mochte nicht
einmal einschlafen.

Im Zimmer wars nicht finster, aber auch nicht hell; ich begann in das
graue Halbdunkel hineinzustarren. Pltzlich erschien es mir, als ob
zwischen den beiden Fenstern mein Widersacher stnde -- und stumm und
traurig mit dem Kopfe nicke, auf und ab.

Ich erschrak nicht -- wunderte mich nicht einmal... vielmehr richtete
ich mich ein wenig auf und blickte, auf den Ellenbogen gesttzt, nur
noch schrfer auf die unerwartete Erscheinung.

Der drben fuhr fort, mit dem Kopfe zu nicken.

Was gibts? begann ich schlielich. Triumphierst du? oder trauerst du?
-- Bedeutet dies eine Warnung oder einen Vorwurf?... Oder willst du mir
zu verstehen geben, da du unrecht hattest? oder da wir beide unrecht
hatten? Welches Los ist dir denn geworden? Hllenpein oder
Paradieseswonne? So sprich doch wenigstens ein einziges Wort!

Aber mein Widersacher gab nicht den geringsten Laut von sich -- nur wie
vorher nickte er blo immer traurig und still ergeben mit dem Kopfe --
auf und ab. Da lachte ich laut auf... und er verschwand.




Der Bettler


Ich ging die Strae hinunter... Ein drftiger, gebrechlicher Greis
hielt mich an.

Entzndete, trnende Augen, fahlblaue Lippen, zerfetzte Lumpen,
unsaubere Schwren... O, wie schrecklich hatte die Not dieses
unglckliche Geschpf verunstaltet! Er streckte mir seine gertete,
verschwollene, schmutzige Hand hin... Er sthnte, er chzte um Hilfe.

Ich begann alle meine Taschen zu durchsuchen... Aber weder Geldbeutel
noch Uhr, nicht einmal das Taschentuch war da... Ich hatte nichts
mitgenommen. Der Bettler aber wartete noch immer... und seine
vorgestreckte Hand bebte und zitterte vor Schwche. Verwirrt und
verlegen ergriff ich mit krftigem Drucke diese schmutzige, zitternde
Hand... Zrne mir nicht, Bruder; ich habe gar nichts bei mir, mein
Bruder. Der Bettler richtete seine entzndeten Augen auf mich; ein
Lcheln kam auf seine fahlen Lippen -- und dann drckte auch er meine
erkalteten Finger.

La es gut sein, Bruder, sagte er leise; auch dafr bin ich dir
dankbar. -- Auch das ist eine Gabe, mein Bruder.

Da fhlte ich, da auch ich von meinem Bruder eine Gabe empfangen
hatte.




Erfahren wirst du noch, wie Toren richten...

                                   _Puschkin_


Erfahren wirst du noch, wie Toren richten... Immer sprachst du die
Wahrheit, groer, vaterlndischer Dichter du, auch diesmal hast du wahr
gesprochen. Wie Toren richten und die Menge spottet... Wer htte es
nicht an sich selbst erfahren, so dies wie jenes? All dies kann -- und
mu ertragen werden; wer die Kraft dazu hat -- der mag es auch
verachten!

Doch es gibt Schlge, die hrter und mitten ins Herz treffen... Ein
Mann tat alles, was er vermochte; wirkte in unablssiger, hingebender,
ehrlicher Arbeit... Da wenden sich ehrliche Herzen verchtlich von ihm
ab; ehrliche Gesichter flammen auf in Unwillen bei Nennung seines
Namens. Hinweg! Fort mit dir! schallen ihm ehrliche junge Stimmen
entgegen. -- Dich und deine Mhe brauchen wir nicht; du schndest unser
Heim -- du kennst und du verstehst uns nicht... Du bist unser Feind!

Was soll dieser Mann nun tun? Fortfahren soll er im Bemhen, soll nicht
versuchen, sich zu rechtfertigen -- soll nicht einmal die Hoffnung auf
knftige gerechtere Beurteilung nhren.

Einst haben Landleute einen Reisenden verflucht, der ihnen die Kartoffel
brachte, den Ersatz des Brotes, die tgliche Nahrung des Armen... Aus
seinen Hnden, die er ihnen entgegenstreckte, schlugen sie die kostbare
Gabe, warfen sie in den Kot, traten sie mit Fen.

Jetzt nhren sie sich davon -- und kennen nicht einmal den Namen ihres
Wohltters.

Nun, wenn auch! Was soll ihnen sein Name? Auch als Namenloser bewahrt er
sie vor dem Hunger.

Wir aber wollen emsig darauf bedacht sein, da die Frucht unseres
Fleies wahrhaft ntzliche Speise sei. Bitter freilich ist ungerechter
Tadel aus dem Munde derer, die man liebt... Doch auch dies kann man
verwinden...

Schlage mich! aber hre mich an! sprach der athenische Feldherr zum
spartanischen.

Schlage mich -- aber sei gesund und satt! so sollen _wir_ denken.




Ein Zufriedener


Durch eine Strae der Hauptstadt eilt mit munteren Schritten ein noch
junger Mann. -- Seine Bewegungen sind freudig und lebhaft; seine Augen
leuchten, Lcheln spielt um seine Lippen, in frischer Rte strahlt sein
freundliches Antlitz... Er ist ganz Zufriedenheit und Freude.

Was ist mit ihm vorgegangen? Hat er eine Erbschaft gemacht? Wurde er im
Amte befrdert? Eilt er zu einem zrtlichen Schferstndchen? Vielleicht
hat er auch blo -- gut gefrhstckt, -- und das Gefhl der Gesundheit,
der vollen Kraft schwellt alle seine Glieder! Man wird doch nicht gar
seinen Hals mit deinem schnen achteckigen Kreuz geschmckt haben, o
polnischer Knig Stanislaus!

Nein! Er hat eine Verleumdung gegen einen Bekannten ersonnen, hat sie
eifrig in Umlauf gesetzt, sie, ebendieselbe Verleumdung, aus dem Munde
eines anderen Bekannten vernommen -- und _ihr selber Glauben geschenkt_.

O, wie zufrieden, ja wie brav ist in diesem Augenblick dieser
liebenswrdige, vielversprechende junge Mann!




Eine Lebensregel


Wenn Sie mal den Wunsch haben, Ihrem Gegner gehrig mitzuspielen und
ihn womglich zu krnken, sagte mir einst ein alter Schlaukopf, dann
werfen Sie ihm nur denselben Fehler oder dasselbe Laster vor, dessen Sie
sich selber bewut sind. -- Spielen Sie den Entrsteten... und tadeln
Sie ihn!

Denn erstens -- bringt dies dem anderen die Meinung bei, da Sie von
diesem Laster frei wren.

Zweitens -- darf Ihre Entrstung sogar eine aufrichtige sein... Sie
knnen aus den Vorwrfen Ihres eigenen Gewissens Nutzen ziehen.

Sind Sie beispielsweise ein Renegat -- dann werfen Sie Ihrem Gegner
vor, er sei ohne jede berzeugung! Sind Sie selber eine Lakaienseele --
dann sagen Sie ihm in vorwurfsvollem Tone, er sei ein Lakai... ein
Lakai der Zivilisation, der Aufklrung, des Sozialismus!

Man knnte vielleicht sogar sagen: ein Lakai des Lakaienhasses!
bemerkte ich.

Selbst dies! erwiderte prompt der Schlaukopf.




Das Ende der Welt

Ein Traum


Mir trumte, ich befnde mich in irgendeinem Winkel Rulands, in der
Einsamkeit, in einer einfachen Dorfhtte.

Eine gerumige, niedrige, dreifenstrige Stube; die Wnde wei getncht;
aller Hausrat fehlt. Vor der Htte eine kahle Ebene; in sanfter Neigung
breitet sie sich in die Ferne aus; ein grauer, einfrmiger Himmel hngt
darber wie ein hrenes Tuch.

Ich bin nicht allein; etwa zehn Menschen sind mit mir in der Stube.
Alles einfache Leute, einfach gekleidet; sie gehen in der Stube auf und
ab, schweigend, gleichsam schleichend. Jeder weicht dem anderen aus --
aber unaufhrlich begegnen sich ihre besorgten Blicke.

Keiner wei, warum er in dies Haus geraten ist und was die anderen
bedeuten. Auf jedem Angesicht lagert Unruhe und Bangigkeit... alle
treten abwechselnd an die Fenster und blicken forschend hinaus, als
warteten sie auf etwas von dorther.

Dann wieder gehen sie unausgesetzt auf und ab.

Zwischen ihnen bewegt sich ein kleiner Knabe; von Zeit zu Zeit wimmert
er mit dnner eintniger Stimme: Vterchen, ich frchte mich! -- Bei
diesem Wimmern wird mir kalt ums Herz -- und auch mich beschleicht
Furcht... Wovor? Ich wei es selbst nicht. Nur dies eine fhle ich:
heran kommt und nhert sich ein groes, groes Unheil.

Der Knabe aber wimmert in einem fort. Ach, knnte man doch nur hinaus!
Wie dumpf ists hier! Wie beklommen! Wie bedrckend!... Doch nirgends ein
Ausweg.

Dieser Himmel da -- gerade wie ein Leichentuch. Und kein Windhauch...
Ist denn die Lust erstorben? Pltzlich springt der Knabe ans Fenster und
schreit mit derselben klglichen Stimme: Seht! seht! die Erde ist
versunken!

-- Wie? Versunken! -- Wahrhaftig: vorhin war vor dem Hause eine Ebene
-- jetzt steht es auf dem Gipfel eines ungeheuren Berges! Der Horizont
ist herabgefallen, in die Tiefe gesunken -- und dicht vor dem Hause
starrt ein fast senkrechter, ghnender, schwarzer Abgrund.

Wir haben uns alle an die Fenster gedrngt... Der Schrecken erstarrt
unsere Herzen zu Eis. -- Dort kommt es... dort kommt es! flstert
mein Nachbar.

Richtig: rings um den fernen Erdrand begann es sich zu bewegen, hoben
und senkten sich kleine wellige Hgel.

Das Meer! durchfuhr es uns alle im selben Augenblick. Gleich wird es
uns alle verschlingen... Wie kann es blo so wachsen und in die Hhe
steigen? Bis zu diesem Felsgrat?

Allein es wchst, wchst mit rasender Eile... Schon sinds nicht mehr
einzelne, in der Ferne schwankende Hgel... Eine einzige geschlossene,
ungeheure Woge berflutet den ganzen Horizont.

Sie rast, rast auf uns zu! In eisigem Sturme braust sie heran, ballt
sich wie Hllennacht. Alles erbebt ringsum -- dort aber, in jener
hereinbrechenden Masse -- Drhnen, Donnern, tausendstimmiger, eherner
Schrei...

Ha! Welch ein Brllen und Heulen! Das ist der Schreckensschrei der
Erde...

Vernichtung ihr! Vernichtung allem!

Noch einmal wimmert der Kleine... Ich will mich an meine Gefhrten
klammern -- doch schon sind wir alle zerschmettert, begraben,
verschlungen, fortgerissen von dieser pechschwarzen, eisigen, donnernden
Woge!

Finsternis... ewige Finsternis!

Nach Atem ringend erwachte ich.




Mascha


Als ich noch vor vielen Jahren in Petersburg lebte, knpfte ich
jedesmal, wenn ich eine Droschke nehmen mute, mit dem Kutscher ein
Gesprch an.

Besonders gern unterhielt ich mich mit den Nachtkutschern, armen Bauern
aus der Umgegend, die mit einem gelbgestrichenen Schlitten und einem
rmlichen Karrengaul in die Hauptstadt kamen -- in der Hoffnung, dort
selber ihren Unterhalt zu finden, wie auch die Abgabe an ihre Gutsherren
erbrigen zu knnen. Einst nahm ich wieder mal einen solchen
Kutscher... Ein Bursche von etwa zwanzig Jahren, hochgewachsen,
stmmig, wie aus Kernholz; mit blauen Augen und frischroten Backen; sein
Haar quoll in blonden Locken unter der tief bis auf die Augenbrauen
herabgezogenen geflickten Mtze hervor. -- Und wie hatte er blo diesen
zerrissenen kleinen Kittel ber seine riesigen Schultern ziehen knnen!

Indessen, das hbsche, bartlose Gesicht meines Kutschers schien
bekmmert und betrbt.

Ich knpfte ein Gesprch mit ihm an. Auch aus seiner Stimme klang
Trbsal.

Nun, Freundchen, fragte ich ihn, warum bist du so traurig? Drckt
dich irgendein Kummer?

Der Bursche zgerte mit der Antwort.

Freilich, Herr, freilich, brachte er schlielich heraus. Und ein
Kummer, wie er nicht grer sein kann. Mein Weib ist gestorben.

Du hast sie wohl sehr geliebt... dein Weib?

Der Bursche wandte sich nicht zu mir um; er neigte nur ein wenig den
Kopf.

Freilich liebte ich sie, Herr. Acht Monat ists her, aber ich kanns
nicht vergessen. Es frit mir am Herzen... immerfort! Warum hat sie
auch sterben mssen? War doch jung! gesund!... An _einem_ Tage hat die
Cholera sie abgewrgt.

Sie war dir wohl ein braves Weib?

Ach Herr! seufzte der arme Bursche schwer auf. Und wie gut haben wir
zusammengelebt! Sie ist ohne mich gestorben. Kaum hrte ich es hier, da
man sie gar schon begraben htte, -- da jagte ich augenblicklich zum
Dorf, nach Hause. Ich kam an -- da wars schon nach Mitternacht. Ich
trete in meine Htte, steh mitten in der Stube still und rufe so ganz
leise: 'Mascha! meine Mascha!' Aber nur das Heimchen zirpt. -- Da kommt
mir das Heulen, ich werfe mich auf die Diele -- wie habe ich da mit den
Hnden auf den Boden gehauen! -- 'Du unersttliche Grube!' schrei
ich... 'Sie hast du verschlungen... dann verschling auch mich!' -- Ach
Mascha!

Mascha! -- setzte er mit pltzlich versagender Stimme hinzu. Und ohne
seine groben Zgel loszulassen, wischte er sich mit seinen
Fausthandschuhen die Trnen aus den Augen, schttelte sie ab, zuckte die
Achseln -- und sprach kein Wort mehr.

Als ich aus dem Schlitten stieg, gab ich ihm eine Kleinigkeit ber den
Fahrpreis. -- Er verbeugte sich tief, indem er mit beiden Hnden nach
der Mtze griff -- und fuhr dann langsam davon ber die glatte
Schneeflche der menschenleeren Strae, die der graue Nebel des
Januarfrostes einhllte.




Der Dummkopf


Es war einmal ein Dummkopf.

Lange Zeit lebte er in ungestrter Zufriedenheit; doch allmhlich
drangen Gerchte zu seinen Ohren, da er berall fr einen hirnlosen
Narren gelte.

Das betrbte den Dummkopf, und er begann sorgenvoll darber
nachzugrbeln, wie er wohl diese fatalen Gerchte aus der Welt schaffen
knnte.

Endlich erleuchtete ein glcklicher Gedanke seinen hohlen Kopf... und
ungesumt ging er daran, ihn in die Tat umzusetzen.

Auf der Strae begegnete ihm ein Bekannter -- der ber einen namhaften
Maler lobend zu sprechen begann...

Aber ich bitte Sie! rief der Dummkopf. Diesen Maler hat man ja lngst
zum alten Eisen geworfen... Das wissen Sie nicht? -- Von Ihnen htte
ich das nicht erwartet... Sie sind -- sehr zurckgeblieben.

Der Bekannte erschrak -- und pflichtete dem Dummkopf sofort bei.

Da habe ich heute ein herrliches Buch gelesen! sagte ihm ein anderer
Bekannter.

Aber ich bitte Sie! rief der Dummkopf. Schmen Sie sich denn nicht?
Dies Buch hat ja nicht den geringsten Wert; alle Welt macht sich darber
lustig. -- Das wissen Sie nicht? -- Sie sind -- sehr zurckgeblieben.

Auch dieser Bekannte erschrak -- und stimmte dem Dummkopf bei.

Ein wundervoller Mensch, mein Freund N. N.! uerte ein dritter
Bekannter zum Dummkopf. Eine wahrhaft vornehme Natur!

Aber ich bitte Sie! rief der Dummkopf. N. N. ist ein notorischer
Schurke. Seine ganze Verwandtschaft hat er gebrandschatzt. Wer wte
denn das nicht? -- Sie sind -- sehr zurckgeblieben!

Der dritte Bekannte erschrak gleichfalls, schenkte dem Dummkopf Glauben
und sagte sich von seinem Freunde los. Und was man auch in Gegenwart des
Dummkopfs loben mochte -- fr alles hatte er die gleiche Antwort.

Hchstens da er gelegentlich im Tone leisen Vorwurfs hinzufgte:
Glauben Sie denn immer noch an Autoritten?

Gift und Galle ist er! begannen nun die Bekannten ber den Dummkopf zu
urteilen. -- Aber welch ein Kopf! -- Und welche Redegewandtheit! --
setzten andere hinzu. -- O gewi, er hat Talent!

Das Ende war, da der Herausgeber eines Tageblattes dem Dummkopf die
Leitung des kritischen Teiles bertrug.

Da fing nun der Dummkopf an, alles und alle zu kritisieren, ohne seine
gewohnte Art noch seine bisherigen Ausdrcke irgendwie zu ndern.

Jetzt ist er, der einst Autoritten befehdete -- selbst eine Autoritt
-- und die Jugend beugt sich vor ihm -- und frchtet ihn.

Was sollten sie auch tun, die armen jungen Leutchen? -- Es ist ja -- im
allgemeinen -- fatal, sich beugen zu sollen... indessen, es unterstehe
sich nur mal einer und beuge sich nicht -- gleich sitzt er im Topf der
Zurckgebliebenen!

Leicht hats ein Dummkopf unter Hasenfen.




Eine Legende des Morgenlandes


Wer kennt nicht in Bagdad den groen Dschaffar, die Sonne des Weltalls?

Einst -- vor langen Jahren -- da er noch ein Jngling war, lustwandelte
Dschaffar in der Umgebung von Bagdad.

Pltzlich traf ein heiserer Schrei sein Ohr: es rief jemand verzweifelt
um Hilfe.

Dschaffar zeichnete sich vor seinen Altersgenossen durch Klugheit und
Besonnenheit aus; doch hatte er ein mitleidsvolles Herz -- und vertraute
auf seine Kraft. Er rannte dem Schrei nach und erblickte einen
hinflligen Greis, der von zwei Rubern gegen die Stadtmauer gedrckt
und beraubt wurde.

Dschaffar zckte seinen Sbel und strzte sich auf die Ruber: einen
schlug er nieder, den andern trieb er in die Flucht.

Der befreite Greis fiel seinem Retter zu Fen und sprach, indem er den
Saum seines Mantels kte: Tapferer Jngling, dein Edelmut soll nicht
unbelohnt bleiben. Dem Aussehen nach bin ich zwar ein armer Bettler;
doch nur dem Aussehen nach. Ich bin kein Mann aus niederem Stande, --
komme morgen in der Frhe auf den groen Bazar; am Springbrunnen werde
ich dich erwarten -- und dann sollst du dich von der Wahrheit meiner
Worte berzeugen.

Dschaffar dachte bei sich: Dem Aussehen nach ist dieser Mann ein
Bettler, ohne Zweifel; indessen -- nichts ist unmglich. Weshalb sollte
ich es nicht versuchen? und gab zur Antwort: Gut, mein Vater, ich
werde kommen.

Der Greis blickte ihm ins Auge -- und entfernte sich.

Am anderen Morgen, als es eben erst dmmerte, begab sich Dschaffar auf
den Bazar. Am Springbrunnen, auf dessen Marmorrand er sich mit den
Ellenbogen gesttzt hatte, harrte seiner schon der Greis.

Schweigend nahm er Dschaffar bei der Hand und fhrte ihn in einen
kleinen Garten, der rings von hohen Mauern umgeben war.

Mitten im Garten, auf einem grnen Rasenplatz, stand ein Baum von
ungewhnlichem Aussehen.

Er glich einer Zypresse; nur war sein Laub von azurblauer Farbe.

Drei Frchte -- drei pfel hingen an den schmalen, aufwrtsstrebenden
Zweigen: der eine von mittlerer Gre, lnglich und milchwei; der
andere gro, rund und feuerrot; der dritte klein, verschrumpft und
gelblich.

Leise rauschte der Baum, obwohl es windstill war; zart und klagend klang
sein Rauschen, wie der Ton des Glases. Es schien, als fhle er die Nhe
Dschaffars. Jngling! -- hub der Greis nun an -- pflcke dir nach
Belieben eine von diesen Frchten, doch wisse: pflckst du und it du
die weie -- dann wirst du klger werden als alle Menschen; pflckst du
und it du die rote -- dann wirst du so reich wie der Jude Rothschild;
pflckst du und it du aber die gelbe -- dann wirst du allen alten
Weibern gefallen. Entscheide dich!... und zaudere nicht. In einer Stunde
verwelken die Frchte, und der Baum selber versinkt in den stummen Scho
der Erde!

Dschaffar senkte sein Haupt und sann nach. -- Wie whle ich hier am
besten? sprach er halblaut vor sich hin, gleich als ginge er mit sich
selbst zu Rate. -- Wer allzu weise wird, knnte des Lebens berdrssig
werden; wer reicher wird als alle Menschen, wird ihrem Neide verfallen;
besser, ich pflcke und esse den dritten Apfel, den runzligen!

Und so tat er auch; der Greis aber lchelte mit seinem zahnlosen Munde
und sprach: O du weisester aller Jnglinge! Du hast das beste Teil
erwhlt! -- Was sollte dir auch der weie Apfel? Auch so bist du ja
klger als Salomo. -- Den roten Apfel brauchst du gleichfalls nicht...
Auch ohne ihn wirst du reich werden. Aber deinen Reichtum wird dir
niemand neiden knnen.

Sag an, Alter, entgegnete Dschaffar sich aufrichtend, wo wohnt die
ehrwrdige Mutter unseres gottgeliebten Kalifen?

Der Greis verneigte sich bis zur Erde -- und wies dem Jngling den Weg.

Wer kennt nicht in Bagdad die Sonne des Weltalls, den groen,
ruhmreichen Dschaffar?




Zwei Vierzeiler


Einst gab es eine Stadt, deren Bewohner in solch leidenschaftlicher
Weise der Poesie ergeben waren, da, wenn einmal einige Wochen
verstrichen, ohne da neue schne Verse bekannt wurden, sie eine solche
Miernte als ein ffentliches Unglck empfanden.

Dann zogen sie ihre schlechtesten Kleider an, streuten sich Asche aufs
Haupt, sammelten sich in Scharen auf den Pltzen und haderten unter
bitteren Trnen mit der Muse, weil sie sich von ihnen abgewendet habe.

An einem solchen Trauertage erschien der junge Dichter Junius auf dem
Platze, der von einer wehklagenden Volksmenge erfllt war.

Mit raschen Schritten bestieg er die eigens dazu hergerichtete Kanzel
und verkndete durch ein Zeichen, da er ein Gedicht vorzutragen
wnsche.

Sofort schwangen die Liktoren ihre Stbe. Ruhe, Aufmerksamkeit!
schrien sie laut -- und erwartungsvoll verstummte die Menge.

Genossen! Freunde! begann Junius mit tnender, aber etwas unsicherer
Stimme:

     Genossen! Freunde all! Der Dichtkunst Gnner ihr!
     Bewundrer alles des, was edel und vollendet!
     Lat euch vom trben Leid des Augenblicks nicht beugen!
     Die frohe Stunde naht... und Dunkel weicht dem Licht.

Junius hielt inne... aber als Antwort erscholl von allen Enden des
Platzes her Lrmen, Pfeifen und Hohngelchter.

Alle ihm zugewandten Gesichter flammten vor Unwillen, alle Augen
blitzten vor Zorn, alle Hnde erhoben sich, drohten, ballten sich zu
Fusten!

Mit solchen Stmpereien dachte er unseren Beifall zu erringen! schrien
zornige Stimmen. Herunter von der Kanzel mit dem unbeholfenen
Reimschmied! Fort mit dem Dummkopf. Faule pfel und Eier auf den hohlen
Narren! Gebt Steine! Steine her!

Hals ber Kopf flchtete Junius von der Kanzel... aber noch war er
nicht bis an sein Haus gelangt, als donnerndes Hndeklatschen,
Beifallsruf und Freudengeschrei an sein Ohr drang.

Von Zweifeln erfat, aber voll Sorge, erkannt zu werden -- denn es ist
gefhrlich, ein wtendes Tier zu reizen --, kehrte Junius auf den Platz
zurck.

Und was sah er?

Hoch ber der Menge, von deren Schultern getragen, stand auf einem
flachen goldenen Schilde, in einen purpurnen Mantel gehllt, einen
Lorbeerkranz auf dem wallenden Lockenhaar, sein Nebenbuhler, der junge
Dichter Julius... Rings aber schrie das Volk: Heil! Heil! Heil dem
unsterblichen Julius! In unserer Trbsal, in unserem groen Kummer hat
er uns getrstet! Er hat uns mit Versen beschenkt, ser als Honig,
wohlklingender als Zimbelton, wrziger als Rosenduft, klarer als
Himmelsblue! Tragt ihn in Jubel einher, salbt sein begnadetes Haupt mit
kstlichem Balsam, khlt seine Stirn durch sanftes Fcheln mit
Palmenzweigen, streut zu seinen Fen alle Wohlgerche arabischer
Myrrhen! Heil!

Junius nherte sich einem dieser Beifallsrufer. Sage mir doch, lieber
Mitbrger, mit welchen Versen Julius uns beglckt hat! Leider war ich
nicht hier auf dem Platze, als er sie vortrug! Wiederhole sie mir doch,
wenn du sie behalten hast, tu mir den Gefallen!

Wie sollte man -- solche Verse nicht im Gedchtnis behalten?
antwortete erregt der Gefragte. Wofr hltst du mich denn? So hre --
und jauchze, jauchze mit uns!

'Der Dichtkunst Gnner ihr!' so begann der gttliche Julius...

     'Der Dichtkunst Gnner ihr! Genossen! Freunde all!
     Bewundrer alles des, was edel, gro und herrlich!
     Lat euch vom schweren Harm des Augenblicks nicht trben!
     Die freudge Stunde naht -- und Tag verscheucht die Nacht!'

Herrlich, nicht wahr?

Um Himmels willen! rief Junius aus, das sind ja doch meine eigenen
Verse! -- Julius hat sich gewi unter der Volksmenge befunden, als ich
sie vortrug -- er hat sie gehrt und dann wiederholt, wobei er nur
einige Ausdrcke -- und keineswegs zum Vorteil -- vernderte!

Aha! Jetzt erkenne ich dich... du bist Junius, entgegnete
stirnrunzelnd der angesprochene Brger. Ein Neidhammel bist du oder ein
Dummkopf!... So berlege doch nur dies eine, Unglcklicher! Wie erhaben
heit es bei Julius: 'Und Tag verscheucht die Nacht!'... Bei dir
dagegen -- so recht abgeschmackt: 'Und Dunkel weicht dem Licht!' --
Welches Licht?! Welches Dunkel?!

Ja, ist das denn nicht ein und dasselbe? wagte Junius einzuwenden...

Ein einziges Wort noch, unterbrach ihn der Brger, und ich rufe das
Volk auf... das dich zerreien wird!

Junius schwieg wohlweislich still, indes ein grauhaariger alter Mann,
der sein Gesprch mit dem Brger gehrt hatte, auf den niedergeschlagenen
Dichter zutrat, ihm die Hand auf die Schulter legte und sprach:

Junius! Du gabst Selbstgeschaffenes, aber zur Unzeit; der andere gab
nicht Selbstgeschaffenes, doch zur rechten Zeit. -- Folglich hat er
recht -- dir aber bleibt der Trost deines reinen Gewissens.

Doch whrend das reine Gewissen -- so gut und so weit es irgend
vermochte... in Wahrheit jedoch nur sehr schlecht -- den Junius
trstete, der sich stumm in einen Winkel gedrckt hatte, schwebte in der
Ferne, unter tosendem Beifallsjauchzen, im goldenen Siegesglanz der
Sonne, strahlend in Purpur, beschattet vom Lorbeerkranz, von frischem
Balsamduft umweht, in feierlicher Langsamkeit, gleich einem Knige, der
zur Krnung schreitet, -- in gemessener, stolzer Haltung die Gestalt des
Julius dahin... und Reihen langer Palmenzweige hoben und neigten sich
vor ihm, gleich als wollten sie mit ihrem stummen Sichaufrichten, ihrem
demtigen Sichneigen die bestndig sich erneuernde Verehrung ausdrcken,
welche die Herzen seiner durch ihn bezauberten Mitbrger erfllte.




Der Sperling


Auf der Heimkehr von der Jagd durchschritt ich die Gartenallee. Mein
Hund lief vor mir her.

Pltzlich hemmte er seinen Lauf und begann zu schleichen, gleich als
wittere er vor sich ein Wild.

Ich blickte die Allee hinunter und gewahrte einen jungen Sperling mit
gelbgerandetem Schnabel und Flaum auf dem Kpfchen. Er war aus dem Neste
gefallen -- heftiger Wind schttelte die Birken der Allee -- und hockte
unbeweglich, hilflos seine kaum hervorgesprossenen Flgelchen
ausstreckend.

Langsam nherte mein Hund sich ihm, als pltzlich, von einem nahen Baume
sich herabstrzend, der alte schwarzbrstige Sperling wie ein Stein
gerade vor seine Schnauze zu Boden fiel und vllig zerzaust, verstrt,
mit verzweifeltem, klglichem Gezeter mehrmals gegen den
scharfgezahnten, geffneten Rachen lossprang. Er warf sich ber sein
Junges, um es zu retten, mit dem eigenen Leibe wollte er es
schtzen... doch sein ganzer kleiner Krper bebte vor Schrecken, sein
Stimmchen klang wild und heiser, Betubung erfate ihn, er opferte sich
selbst!

Als welch riesengroes Untier mute ihm der Hund erscheinen! Und dennoch
hatte er nicht auf seinem hohen, sicheren Aste zu bleiben vermocht...
Eine Macht, strker als sein Wille, ri ihn von dort herab.

Mein Tresor hielt inne, wich zurck... Sichtlich begriff auch er diese
Macht.

Schnell rief ich meinen verblfften Hund zurck und entfernte mich,
Ehrfurcht im Herzen.

Ja; lchelt nicht darber. Ehrfurcht empfand ich vor diesem kleinen
heldenmtigen Vogel, vor der berstrmenden Kraft seiner Liebe.

Die Liebe, dachte ich, ist strker als der Tod und die Schrecken des
Todes. Sie allein, allein die Liebe erhlt und bewegt unser Leben.




Die Totenschdel


Ein prachtvoller, glnzend erleuchteter Saal; eine zahlreiche
Gesellschaft von Herren und Damen. Ringsum lebensprhende Gesichter und
eifrige Gesprche... Die sprudelnde Unterhaltung dreht sich um eine
berhmte Sngerin. Man vergttert sie, nennt sie unsterblich... O, wie
herrlich hat sie gestern ihren letzten Triller hinausgeschmettert!

Und pltzlich -- wie auf den Wink eines Zauberstabes -- verschwand von
allen Kpfen und allen Gesichtern die zarte Hlle der Haut, und
augenblicklich erschienen die Schdel in ihrer Totenblsse, traten
Kiefer und Backenknochen in bleigrauer Farbe hervor.

Mit Entsetzen sah ich, wie sich alle diese Kiefer und Backenknochen
bewegten und rhrten -- wie sich diese rundlichen, knchernen Kugeln, im
Scheine der Lampen und Kerzen widerstrahlend, hin und her wendeten --
und wie sich in ihnen andere kleinere Kugeln drehten, die ausdruckslosen
Augpfel.

Ich wagte nicht, mein eigenes Antlitz zu berhren, wagte auch nicht,
mich im Spiegel zu betrachten.

Die Totenschdel aber drehten sich wie zuvor... Und mit derselben
Lebhaftigkeit, kleine rote Lappen zwischen den fleischlosen Kinnladen
gelufig hin und her bewegend, schwatzten die geschftigen Stimmen
davon, wie wunderbar, wie unbertrefflich die unsterbliche... ja, die
unsterbliche Sngerin ihren letzten Triller hinausgeschmettert habe!




Die Tagelhner und der Weihndige

Ein Gesprch


_Tagelhner_

Was drngst du dich zu uns? Was willst du? Du gehrst nicht zu uns...
Mach, da du weiterkommst!

_Der Weihndige_

Ich gehre zu euch, Brder!

_Tagelhner_

Das wre doch! Zu uns! Was fllt dir denn ein? Schau mal auf meine
Hnde. Siehst du, wie schmutzig die sind? Nach Dnger riechen sie und
nach Teer, -- deine Hnde aber sind wei. Wonach riechen die denn?

_Der Weihndige_ (seine Hnde hinhaltend)

So rieche doch!

_Tagelhner_ (sie beriechend)

Was ist denn das? Gerade als rchen sie nach Eisen.

_Der Weihndige_

Nach Eisen, so ist es. Volle sechs Jahre trug ich sie in Ketten.

_Tagelhner_

Warum denn das?

_Der Weihndige_

Darum, weil ich fr euer Wohl gearbeitet habe, weil ich euch befreien
wollte, euch geplagte, stumpfe Menschen; weil ich auftrat gegen eure
Bedrcker, revoltierte... Da haben sie mich denn gefangengesetzt.

_Tagelhner_

Gefangengesetzt? Ja, wer hie dich denn auch revoltieren?!


     -- _Zwei Jahre spter_ --


_Einer derselben Tagelhner_ (zum anderen)

Hr mal, Peter... Du weit doch noch, wie im vorvorigen Jahr so 'n
weihndiger Kerl mit dir schwatzte?

_Zweiter Tagelhner_

Freilich... na, und?

_Erster Tagelhner_

Nun, hngen werden sie ihn heute; so 'n Befehl ist gekommen.

_Zweiter Tagelhner_

Hat er denn wieder revoltiert?

_Erster Tagelhner_

Wieder revoltiert!

_Zweiter Tagelhner_

Na... Weit du was, Bruder Dmitry: la uns zusehen, da wir den Strick
kriegen, mit dem er gehngt wird; so was soll doch 'n mchtiges Glck
ins Haus bringen!

_Erster Tagelhner_

Hast recht. Wollen doch zusehen, Bruder Peter.




Die Rose


Es war in den letzten Tagen des August... Der Herbst hatte bereits
seinen Einzug gehalten.

Die Sonne ging unter. In pltzlichen, heftigen Gssen, doch ohne Donner
und Blitz, war eben ein starker Regenschauer ber unsere weite Ebene
hinweggezogen. Der Garten vor dem Hause glhte und dampfte, ganz
berflutet vom flammenden Abendrot und dem Na des Regens.

Sie sa am Tisch im Wohnzimmer und blickte in starrem Nachdenken durch
die halboffene Tr in den Garten hinaus.

Ich wute, was damals in ihrer Seele vorging; wute, da sie nach einem
kurzen, aber schmerzlichen Ringen sich in diesem Augenblick einem
Gefhle ergab, das sie nicht lnger zu bemeistern imstande war.

Pltzlich erhob sie sich, ging schnell in den Garten hinaus und
verschwand.

Es verging eine Stunde... und noch eine Stunde: sie kam nicht wieder.

Da stand ich auf, trat aus dem Hause und wandte mich nach der Allee,
durch welche -- wie ich bestimmt voraussetzte -- auch sie gegangen war.

Rings war alles in Dunkel gehllt; die Nacht war schon hereingebrochen.
Trotzdem war auf dem feuchten Kieswege, selbst durch den dichten
Schleier der Finsternis hindurch noch rtlich schimmernd, ein rundlicher
Gegenstand erkennbar.

Ich beugte mich herab. Es war eine junge, kaum aufgeblhte Rose. Noch
vor zwei Stunden hatte ich dieselbe Rose an ihrem Busen gesehen.

Behutsam hob ich die in den Schmutz gefallene Blume auf, kehrte zum
Wohnzimmer zurck und legte sie vor ihren Stuhl auf den Tisch.

Endlich kam auch sie zurck -- durchma mit leichten Schritten das
Zimmer und setzte sich an den Tisch. Ihr Antlitz war jetzt blasser, aber
auch belebter; unstet, mit einem Anfluge lchelnder Befangenheit, irrten
ihre gesenkten, scheinbar verkleinerten Augen umher. Da bemerkte sie die
Rose, ergriff sie, betrachtete ihre zerdrckten, beschmutzten Bltter,
blickte dann auf mich -- und nun, pltzlich innehaltend, erglnzten ihre
Augen in Trnen.

Warum weinen Sie? fragte ich.

Um diese Rose da. Sehen Sie doch, was aus ihr geworden ist.

Da versuchte ich es mit einer leisen Anspielung. Ihre Trnen werden
diese Flecken abwaschen, bemerkte ich mit vielsagender Betonung.

Trnen waschen nicht ab, Trnen versengen, entgegnete sie, wandte sich
zum Kamin und warf die Blume in die ersterbende Flamme.

Feuer versengt noch besser als Trnen, rief sie mit einer gewissen
Entschlossenheit, -- und ihre schnen Augen, in denen die Trnen noch
schimmerten, strahlten in mutvollem und beglcktem Lcheln.

Da wute ich, da auch sie versengt war.




Letztes Wiedersehen


Wir waren einst Freunde, enge, treue Freunde... Doch es kam ein
verhngnisvoller Augenblick -- und wir entfremdeten uns, wurden Feinde.

Viele Jahre vergingen... Da kam ich eines Tages auf der Durchreise in
die Stadt, in der er wohnte, und erfuhr, da er hoffnungslos
darniederliege und mich wiederzusehen wnsche.

Ich ging zu ihm, trat in sein Zimmer... unsere Blicke begegneten sich.

Kaum erkannte ich ihn wieder. Gott! Wie hatte das Leiden ihn entstellt!

Gelb, vertrocknet, mit vollstndig kahlem Kopf und dnnem, ergrautem
Bart, sa er in bloem, eigens fr ihn gefertigten Hemde da... Er
vermochte den Druck selbst des leichtesten Gewandes nicht mehr zu
ertragen. Hastig streckte er mir seine erschreckend hagere, gleichsam
abgenagte Hand entgegen und brachte mhsam einige unverstndliche Worte
hervor -- ob es ein Gru, ob es ein Vorwurf war -- wer mag es wissen?
Seine entkrftete Brust geriet in krampfhafte Bewegung -- und ber die
verengerten Pupillen seiner entzndeten Augen glitten zwei kmmerliche,
leidensschwere Trnenperlen.

Mir blutete das Herz... Ich setzte mich neben ihn auf einen Stuhl und
reichte ihm, whrend ich unwillkrlich den Blick vor dieser furchtbaren
Entstellung senken mute, auch meinerseits die Hand.

Allein mich berkam das Gefhl, als wre das nicht seine Hand, die die
meine umschlossen hielt.

Mir war, als se zwischen uns ein hohes, stilles, bleiches Weib. Ein
langer Schleier hllt sie von Kopf bis zu Fen ein. Ihre tiefliegenden,
matten Augen schauen ins Leere, stumm sind ihre bleichen, strengen
Lippen.

Dieses Weib schlo unsere Hnde zusammen... Sie vershnte uns auf
immer.

Ja... der Tod hatte uns vershnt...




Ein Besuch


Ich sa am offenen Fenster... morgens, frhmorgens am ersten Mai.

Noch war die Morgenrte nicht erschienen; aber die dunkle, laue Nacht
war schon einer khleren Dmmerung gewichen.

Noch war kein Nebel aufgestiegen, kein Lftchen regte sich, alles lag
noch in einfarbigem, stummem Schweigen... aber schon kndete sich das
nahe Erwachen an, und in der morgenfrischen Luft schwamm feuchter,
strkender Taugeruch.

Pltzlich flog durch das offene Fenster mit leisem Schwirren und
Rauschen ein groer Vogel zu mir ins Zimmer herein.

Ich fuhr zusammen und blickte empor... Es war kein Vogel, es war eine
geflgelte, kleine, weibliche Gestalt, in einem schlieenden, langen,
schillernden Gewande.

Alles war grau an ihr, mit perlmutterartigem Schimmer; blo die
Innenseite ihrer Flgelchen zeigte den zarten roten Hauch einer
erblhenden Rose; ein Kranz von Maiglckchen umschlo die flatternden
Locken ihres rundlichen Kpfchens, und gleich Fhlern eines
Schmetterlings wiegten sich zwei Pfauenfedern anmutig auf ihrer
lieblichen gewlbten Stirn. Sie flatterte einige Male an der Zimmerdecke
umher; ihr winziges Antlitz lchelte; es lchelten auch ihre groen,
schwarzen, glnzenden Augen.

Die mutwillige Lebhaftigkeit ihres launenhaften Fluges machte sie
funkeln und blitzen gleich Diamanten. In der Hand hielt sie eine
langgestielte Steppenblume: Kaiserzepter nennt sie das russische Volk,
-- auch hnelt sie wirklich einem Zepter.

Und rasch ber mich hinfliegend, berhrte sie mit dieser Blume mein
Haupt.

Ich haschte nach ihr... Doch schon war sie zum Fenster hinausgeflattert
-- und fort war sie...

Im Garten, aus dem Verdeck eines dichten Fliederbusches, rief ihr eine
Turteltaube girrend den ersten Frhgru zu -- und in der Ferne, wo sie
verschwand, begann der milchweie Himmel sich langsam zu rten.

Ich erkannte dich, Gttin der Phantasie! Ein Zufall fhrte dich zu mir
-- du flogst davon zu den jungen Dichtern.

O Poesie! Jugend! Frauen- und Mdchenschnheit! Nur noch auf Augenblicke
erscheint ihr in all eurem Glanze vor meiner Seele -- frhmorgens bei
Frhlings Erwachen!




#Necessitas -- Vis -- Libertas#

Ein Basrelief


Eine lange, knchrige Greisin mit eisenhartem Antlitz und
unbeweglich-stumpfem Blick kommt mit groen Schritten und stt mit
ihrer stockdrren Hand ein anderes Weib vor sich her.

Dies Weib ist von mchtigem Wuchs, krftig, voll, mit Muskeln gleich
einem Herkules, aber einem winzigen Kpfchen auf einem Stiernacken, --
ist blind -- und stt ihrerseits ein kleines, schmchtiges Mdchen vor
sich hin.

Dies Mdchen allein hat sehende Augen; sie strubt sich, versucht sich
umzuwenden, hebt ihre zarten, schnen Hnde empor; ihr lebensvolles
Antlitz hat den Ausdruck der Ungeduld und Entschlossenheit... Sie
mchte nicht willenlos gehorchen, nicht dahin gehen, wohin sie gestoen
wird... und dennoch mu sie sich unterwerfen und gehen.

#Necessitas -- Vis -- Libertas.#

Wer Lust hat -- mag es bersetzen.




Das Almosen


In der Nhe einer groen Stadt, auf dem breiten Fahrwege, ging ein
alter, kranker Mann.

Schwankend war sein Schritt; unsicher, schleppend und stolpernd tappten
seine abgemagerten Fe nur schwerfllig und matt vorwrts, als ob sie
einem fremden Willen gehorchten. Sein Gewand hing in Lumpen um seinen
Leib, sein bloes Haupt fiel auf die Brust herab... Ihn verlieen die
Krfte.

Er setzte sich auf einen Stein am Wege, neigte sich vornber, sttzte
sich auf die Ellenbogen, bedeckte mit beiden Hnden sein Antlitz, und
zwischen seinen gekrmmten Fingern hervor quollen Trnen und tropften in
den trockenen grauen Staub.

Er dachte vergangener Zeiten...

Er erinnerte sich, wie auch er einst gesund und reich gewesen -- und wie
er dann seine Gesundheit verlor -- und seinen Reichtum an andere
verschwendete, an gute und schlechte Freunde... Und nun, nun hatte er
nicht einmal ein Stckchen Brot -- alle hatten ihn verlassen, die
Freunde noch frher als die Feinde... Sollte er sich nun wirklich so
weit erniedrigen mssen, um Almosen zu betteln? Und Bitterkeit zog in
sein Herz, und Scham. Seine Trnen aber rannen und rannen und tropften
in den grauen Staub.

Mit einem Male hrte er, wie ihn jemand beim Namen rief: er richtete
sein mdes Haupt empor -- und erblickte vor sich einen Unbekannten.

Es war ein ernstes, wrdevolles, aber nicht strenges Antlitz; die Augen
nicht strahlend, aber klar; der Blick durchdringend, aber ohne Falsch.

Du hast deinen Reichtum verschenkt, lie sich eine sanfte Stimme
vernehmen... Gereut es dich nicht, wohlttig gewesen zu sein?

Es gereut mich nicht, antwortete der Greis mit einem Seufzer, wenn
ich auch jetzt freilich Hungers sterbe.

Wenn es nun auf der Welt keine Bettler gegeben htte, welche dir ihre
Hnde hinstreckten, fuhr der Unbekannte fort, wenn niemand der
Wohltaten bedrftig gewesen wre, httest du dann berhaupt wohlttig
sein knnen?

Der Greis gab keine Antwort -- und verfiel in Nachdenken.

So sei denn auch du jetzt nicht zu stolz, armer Bettler, hub der
Unbekannte wieder an, mach dich auf, strecke deine Hand aus, gib auch
du jetzt anderen guten Menschen Gelegenheit, durch die Tat zu beweisen,
da sie gut sind.

Der Greis fuhr auf und blickte umher... doch der Unbekannte war schon
verschwunden; -- in der Ferne aber erschien auf dem Wege ein Wandrer.

Der Greis trat auf ihn zu -- und streckte seine Hand aus. -- Dieser
Wandrer aber wandte sich mit mrrischem Blicke ab und gab ihm nichts.

Nach ihm kam aber ein zweiter -- und der gab dem Greis ein kleines
Almosen.

Und der Greis kaufte sich Brot fr den erhaltenen Groschen -- und s
schmeckte ihm der erbettelte Bissen -- und keine Scham qulte mehr sein
Herz -- im Gegenteil: eine stille Freudigkeit war ber ihn gekommen.




Das Insekt


Mir trumte, wir sen unserer zwanzig in einem groen Zimmer mit
offenen Fenstern.

Unter uns waren Frauen, Kinder und Greise...

Wir alle unterhielten uns ber ganz alltgliche Dinge und sprachen laut
durcheinander.

Pltzlich flog ein groes Insekt von etwa zwei Zoll Lnge mit scharfem
Summen ins Zimmer... flog herein, zog im Kreise umher und setzte sich
dann an die Wand.

Es glich einer Fliege oder Wespe. -- Der Leib war von schmutzigbrauner
Farbe, ebenso die flachen harten Flgel; die gespreizten Fchen borstig
und der Kopf eckig und gro wie bei einer Libelle; und dieser Kopf und
diese Fchen -- waren leuchtend rot wie Blut.

Dieses seltsame Insekt drehte fortwhrend den Kopf, nach unten und oben,
nach rechts und links, bewegte die Fchen... dann pltzlich flog es
von der Wand ab, flog summend durchs Zimmer -- setzte sich von neuem und
machte wieder seine hlichen, widerwrtigen Bewegungen, ohne sich von
der Stelle zu rhren.

In uns allen erregte es Abscheu, Schrecken, ja sogar Furcht... Niemand
von uns hatte bisher etwas hnliches gesehen, alle schrien: Jagt doch
dies Ungeziefer hinaus! -- alle schwenkten von weitem ihre
Taschentcher... aber keiner wagte heranzukommen... und sooft das
Insekt aufflog, wich alles unwillkrlich zurck.

Nur einer aus dem Kreise, ein noch junger, bla aussehender Mann,
blickte auf uns brige mit unverhohlenem Erstaunen. -- Er zuckte die
Achseln, lchelte und konnte durchaus nicht begreifen, was mit uns
vorging und weshalb wir so aufgeregt seien. Er selbst konnte berhaupt
kein Insekt wahrnehmen -- hrte nicht das unheimliche Schwirren seiner
Flgel.

Pltzlich richtete sich das Insekt gerade auf ihn hin, flog auf, prete
sich an seinen Kopf und stach ihn dicht ber den Augen in die Stirn...
Der junge Mann stie einen schwachen Schrei aus -- und brach tot
zusammen.

Die entsetzliche Fliege flog unmittelbar darauf hinaus... Da erst
errieten wir, was dies fr ein Gast gewesen war.




Die Kohlsuppe


Einer alten Witwe war ihr einziger, zwanzigjhriger Sohn gestorben, der
beste Arbeiter im Dorfe. Die Gutsherrin, die Besitzerin dieses Dorfes,
hrte vom Kummer der alten Frau und machte sich am Tage der Beerdigung
auf, um sie zu besuchen.

Sie fand sie zu Hause.

Mitten in der Stube vor dem Tische stehend, schpfte sie mit langsamer,
mechanischer Bewegung mit der rechten Hand (die linke hing schlaff
herab) dnne Kohlsuppe aus einem rauchgeschwrzten Topfe und schluckte
einen Lffel nach dem andern davon hinunter.

Das Gesicht der Alten war abgehrmt und trbe; die Augen rot und
verschwollen... aber sie hielt sich gerade und aufrecht, wie in der
Kirche.

Herr des Himmels! dachte die gndige Frau bei sich, in solchem
Augenblick bekommt die es fertig zu essen... was haben doch all diese
Leute fr ein rohes Gefhl!

Und hierbei erinnerte sich die gndige Frau, wie sie selbst vor einigen
Jahren nach dem Verlust eines neun Monate alten Tchterchens vor lauter
Kummer darauf verzichtet hatte, ein prchtiges Landhaus in der Nhe von
Petersburg zu mieten -- und den ganzen Sommer in der Stadt zugebracht
hatte! -- Die Alte dagegen lffelte weiter an ihrer Kohlsuppe.

Endlich verlor die gndige Frau die Geduld. -- Tatjana! rief sie
aus... Das ist unerhrt! -- Ich fasse es nicht! Hast du denn deinen
Sohn gar nicht geliebt? Hast du denn nicht einmal den Appetit verloren?
-- Wie kannst du blo jetzt diese Kohlsuppe essen!

Mein Wassja ist tot, erwiderte leise die Alte -- und von neuem rollten
bittere Trnen ber ihre eingefallenen Wangen. Nun ist es auch mit mir
bald zu Ende: bei lebendigem Leibe hat man mir den Kopf abgerissen.
Darum kann ich aber doch die Kohlsuppe nicht umkommen lassen: sie ist ja
gesalzen.

Die gndige Frau zuckte blo mit den Achseln und entfernte sich. Fr sie
war das Salz billig.




Die Gefilde der Seligen


O Gefilde der Seligen! O Gefilde der Himmelsblue, des Lichtes, der
Jugend und des Glcks! Ich habe euch geschaut... im Traume.

Wir saen zu mehreren in einem schnen, reichgeschmckten Nachen. Einer
Schwanenbrust gleich schwoll das weie Segel unter den spielenden
Wimpeln.

Ich wute nicht, wer meine Gefhrten waren; allein, ich fhlte mit
ganzem Herzen, da sie ebenso jung, so froh und glcklich seien wie ich!

Ja, ich beachtete sie kaum. Ich sah rings nur ein uferloses, azurblaues
Meer, dessen zitternder Spiegel wie mit goldigen Schuppen bedeckt war --
und zu Hupten ein gleiches uferloses, gleich azurblaues Meer, -- und
darberhin zog im Triumphe und gleichsam lchelnd die freundliche,
heitere Sonne.

Von Zeit zu Zeit erscholl aus unserer Mitte ein lautes, frhliches
Lachen -- wie das Lachen der Gtter!

Dann auf einmal ertnten aus jemandes Munde Worte, Verse von wunderbarer
Schnheit und begeisternder Kraft... es schien, als ob der Himmel
selber deren Echo widerhalle und rings das Meer mitempfindend
erzittere... Und dann wieder herrschte selige Stille.

Leicht in die weichen Wellen tauchend, glitt unser Nachen rasch dahin.
Kein Lufthauch trieb ihn; ihn lenkten unsere eigenen freudig pochenden
Herzen. Wohin wir begehrten, dahin schwamm er, folgsam, gleich als wre
er beseelt.

Inseln, zauberische, halbdurchsichtige Inseln, im Schimmer von kostbaren
Edelsteinen, Rubinen und Smaragden, zogen an uns vorber. Aus den sanft
geschwungenen Ufern strmten berauschende Wohlgerche; einzelne dieser
Inseln berschtteten uns mit einem Bltenregen weier Rosen und
Maiglckchen; von anderen flogen unvermutet regenbogenfarbige,
langgefiederte Vgel empor. Und die Vgel kreisten hoch ber uns, die
Maiglckchen und Rosen zertauten in den Schaumperlen, die lngs der
glatten Wandung unseres Nachens dahinschwammen. Zugleich mit den Blumen
und den Vgeln schwebten se, se Tne herber... Mdchenstimmen
schienen darein verwoben... Und alles ringsumher: der Himmel, das Meer,
das Rauschen des Segels ber uns, das Gemurmel der Strmung hinter dem
Nachen -- alles redete von Liebe, von seliger Liebe!

Und sie, die ein jeder von Herzen liebte -- sie war da... unsichtbar,
doch nahe. Einen Augenblick nur -- und ihre Augen erglnzen, es strahlt
ihr Lcheln... Ihre Hand schliet sich in deine Hand und zieht dich mit
sich in ein unverwelkliches Paradies!

O Gefilde der Seligen! Ich habe euch im Traume geschaut.




Zwei Reiche


Wenn man in meinem Beisein das Lob des reichen Rothschild singt, weil er
ganze Tausende seines ungeheuren Einkommens fr Erziehung von Kindern,
fr Heilung von Kranken und Unterhalt von Greisen spendet -- dann erregt
dies meinen Beifall und rhrt mich.

Indessen vermag ich bei allem Beifall und aller Rhrung doch die
Erinnerung an eine arme Bauernfamilie nicht zu unterdrcken, welche eine
kleine verwaiste Nichte unter ihr elendes Dach aufnahm.

Nehmen wir Katja zu uns, meinte die alte Frau, dann geht unser
letzter Groschen drauf -- dann langts nicht mehr zum Salz fr die
Suppe...

Nun... dann essen wir sie eben ungesalzen, gab ihr der Bauer, ihr
Mann, zur Antwort.

Ein weiter Weg von Rothschild bis zu diesem Bauern!




Der Greis


Trbe, schwere Tage sind gekommen...

Eigene Leiden, Siechtum deiner Freunde, Klte und Finsternis des Alters.
Alles, was du geliebt, woran du mit ganzem Herzen gehangen -- welkt und
schwindet dahin. Der Pfad senkt sich bergab.

Was nun? Sollst du wehklagen? Dich hrmen? Nein, damit dienst du weder
dir selbst, noch den anderen... Wohl wird das Laub auf dem
verdorrenden, sich krmmenden Baume immer drftiger und seltener, --
aber grn ist auch dieses noch.

So verschliee denn auch du dich in dein eigenes Selbst, weile bei
deinen Erinnerungen, und dort, tief, tief unten auf dem Grunde deiner
innersten Seele, wird dein vergangenes, dir allein zugngliches Leben in
all seinem duftigen, immer noch frischen Grn und seiner quellenden
Frhlingspracht vor dir erglnzen.

Aber hte dich... schaue nicht vor dich, armer Greis!




Der Berichterstatter


Zwei Freunde sitzen am Tisch und trinken Tee. Mit einemmal erhebt sich
auf der Strae ein groer Lrm. Man hrt klgliches Sthnen, zornige
Verwnschungen und schadenfrohe Lachsalven.

Da prgeln sie jemand, sagte einer der Freunde, indem er zum Fenster
hinausblickte.

Wohl einen Verbrecher? Einen Mrder? fragte der andere. Hre mal, wer
es auch sein mag, wir drfen solch willkrliches Rechtsverfahren nicht
zulassen. Komm, wir wollen ihm beistehen.

Ein Mrder ist's aber nicht, den sie da prgeln.

Kein Mrder? Also ein Dieb? Das bleibt sich gleich, komm, wir wollen
ihn dem Pbelhaufen entreien.

Es ist auch kein Dieb.

Kein Dieb? Dann also ein Kassierer, ein Eisenbahnunternehmer,
ein Armeelieferant, ein russischer Mzen, ein Advokat, ein
gesinnungstchtiger Redakteur, ein ffentlicher Wohltter?...
Gleichviel, komm und la uns ihm helfen!

Weit gefehlt... sie prgeln einen Berichterstatter.

Einen Berichterstatter? -- Na, weit du was: dann wollen wir erst ruhig
unsern Tee austrinken.




Zwei Brder


Ich hatte eine Vision...

Es erschienen vor mir zwei Engel... zwei Genien. Ich sage: Engel...
Genien -- weil kein Gewand ihren nackten Krper verhllte und beide an
den Schultern mchtige, lange Flgel besaen.

Beide waren Jnglinge. Der eine hatte einen ppigen Wuchs, eine zarte
Haut und schwarzlockiges Haar. Seine Augen waren braun, feurig und von
dichten Wimpern beschattet; sein Blick einschmeichelnd, heiter und
verlangend. Bezaubernd und verfhrerisch war sein Antlitz, mit einem
Anflug von Verwegenheit und Tcke. Ein leises Zucken spielte um die
vollen, rosigen Lippen. Der Jngling lchelte, wie im Gefhl berlegener
Macht -- selbstbewut und doch nachlssig; ein herrlicher Blumenkranz
schmiegte sich sanft um seine glnzenden Locken, so da er die
sammetgleichen Brauen fast berhrte. Ein scheckiges Leopardenfell, von
einem goldenen Pfeil zusammengehalten, hing leicht von der rundlichen
Schulter bis auf die schwellende Hfte herab. Das Gefieder seiner
Schwingen spielte in den Farben der Rose; ihre Spitzen waren leuchtend
rot, gleich als wren sie in purpurnes, frisches Blut getaucht. Von Zeit
zu Zeit durchflog sie ein leichtes Zittern, begleitet von einem
angenehmen, silberhellen Rauschen, dem Rauschen eines Frhlingsregens.

Der andere Jngling war hager und von gelblicher Hautfarbe. Bei jedem
Atemzug wurden seine Rippen in leichten Umrissen sichtbar. Sein Haar war
fahl, dnn und schlicht; die Augen bergro, rund und blagrau... der
unheimlich glnzende Blick verriet Unruhe. Alle Gesichtszge hatten
etwas Scharfes; der kleine, halbgeffnete Mund wies Fischzhne auf; die
Adlernase war schmal, das Kinn vorspringend und mit weilichem Flaum
bedeckt. ber diese welken Lippen ist noch nie, niemals ein Lcheln
geflogen. Das war ein starres, furchtbares, mitleidsloses Antlitz! (Auch
das Antlitz jenes anderen, schnen Jnglings -- obwohl liebreizend und
sanft -- war ohne jeden Zug von Mitleid.) Um das Haupt dieses zweiten
schlangen sich einige taube, zerknickte hren, von einem verwelkten
Hlmchen durchflochten. Ein grober grauer Schurz wand sich um seine
Lenden; die Flgel auf seinem Rcken, tiefblau und glanzlos, bewegten
sich langsam und drohend.

Beide Jnglinge schienen unzertrennliche Gefhrten zu sein.

Sie lehnten sich Schulter an Schulter. Die kleine weiche Hand des ersten
ruhte wie eine Weintraube auf der mageren Achsel des anderen; die
schmale Hand dieses anderen wand sich mit ihren langen, drren Fingern
wie eine Schlange um die fast weibliche Brust des ersten.

Und ich vernahm eine Stimme. Sie sprach also:

Vor dir stehen Liebe und Hunger -- zwei leibliche Brder, die zwei
Grundpfeiler allen Lebens.

Alles, was da lebt, regt sich, um sich zu nhren, nhrt sich, um sich
fortzupflanzen.

Liebe und Hunger -- ihr Ziel ist das gleiche: zu wirken, damit das
Leben nicht versiege -- das eigene wie das fremde, -- ja, das gesamte
Leben.




Dem Andenken an Frulein J. P. Wrewskaja


Im Schmutz, auf belriechendem, fauligem Stroh, unter dem Dach eines
bauflligen Schuppens, der in notdrftiger Hast inmitten eines
verwsteten bulgarischen Drfchens zu einem Feldlazarett hergerichtet
worden war -- erlag sie in zwei langen Wochen dem Typhus. Sie war vllig
bewutlos -- und nicht ein einziger Arzt sah nach ihr; die kranken
Soldaten, die sie gepflegt hatte, solange sie sich auf den Fen hatte
halten knnen -- erhoben sich der Reihe nach von ihrer verseuchten
Lagerstatt, um in der Scherbe eines zerschlagenen Kruges einige Tropfen
Wasser an ihre brennenden Lippen zu bringen.

Sie war jung und schn; die vornehme Welt stand ihr offen; selbst die
hchsten Wrdentrger wandten ihr ihre Aufmerksamkeit zu. Die Frauen
beneideten sie, die Mnner machten ihr den Hof... zwei oder drei von
diesen waren in geheimer, tiefer Liebe zu ihr entbrannt. Das Leben
lchelte ihr; doch es gibt ein Lcheln, das schlimmer ist als Trnen.

Sie hatte ein Herz voll Sanftheit und Gte... dabei aber von einer
Kraft, einer Opferfreudigkeit! -- Den Bedrngten Hilfe zu leisten...
ein anderes Glck kannte sie nicht... kannte sie nicht -- und lernte
sie nicht kennen. Alles andere Glck ging an ihr vorber. Doch darein
hatte sie sich lngst ergeben -- und mit dem heiligen Feuer
unerschtterlichen Glaubens weihte sie sich dem Dienste ihrer
Mitmenschen. Welche unvergnglichen Schtze sie dort im geheimsten,
tiefsten Grunde ihrer Seele bewahrte, das hat niemand je gewut -- und
kann jetzt freilich niemand mehr erfahren.

Wozu auch? Das Opfer ist gebracht... das Werk ist vollendet.

Allein, es ist schmerzlich, denken zu mssen, da niemand wenigstens
ihrer sterblichen Hlle Dank sagte, obschon sie selbst in edler Scham
sich jeder Dankesbezeugung entzog.

Mge ihr teurer Schatten mir nicht zrnen, wenn ich dieses kleine,
versptete Blmlein auf ihr Grab zu legen wage!




Der Egoist


Er besa alle erforderlichen Eigenschaften, um die Geiel seiner Familie
zu werden.

Von klein auf gesund und reich -- und gesund und reich sein ganzes
langes Leben hindurch, beging er nie einen einzigen Fehltritt, verfiel
nie in einen Irrtum, versprach und versah sich nicht ein einziges Mal.

Er war ein tadelloser Ehrenmann!... Und stolz im Bewutsein seiner
Ehrenhaftigkeit, knechtete er damit alle seine Angehrigen, seine
Freunde, seine Bekannten. Seine Ehrenhaftigkeit war ihm ein Kapital...
und er nahm Wucherzinsen davon.

Seine Ehrenhaftigkeit gab ihm das Recht, erbarmungslos zu sein und nie
aus freien Stcken Gutes zu tun; -- und darum war er erbarmungslos --
und tat nie Gutes... denn das Gute auf Befehl -- ist nicht das Gute.
Niemals kmmerte er sich um jemand anders als um seine eigene, so
beraus musterhafte Person und war innerlich emprt, wenn die anderen
sich nicht ebenso eifrig um diese bekmmerten.

Und bei alledem hielt er sich nicht fr einen Egoisten -- und
verurteilte und verfolgte am allerschrfsten die Egoisten und den
Egoismus! -- Das wre auch! Fremder Egoismus behinderte ja seinen
eigenen!

Fr seine Person sich nicht der geringsten Schwche bewut, begriff und
duldete er solche auch nicht bei anderen. Er begriff berhaupt niemanden
und nichts, denn berall, von allen Seiten, unten und oben, hinten und
vorn war er von seinem eigenen Selbst eingeschlossen.

Er begriff nicht einmal, was Vergeben heit. Sich selbst etwas zu
vergeben, dazu bot sich ihm nie ein Anlaߠ... Aus welchem Grunde sollte
er dann den anderen vergeben?

Vor dem Richterstuhl seines eigenen Gewissens, vor dem Angesicht seiner
eigenen Gottheit -- da pflegte er, dieses Wunderwesen, dieser Ausbund
von Tugend, die Augen gen Himmel zu erheben und mit fester und klarer
Stimme auszusprechen: Ja, ich bin ein wrdiger, ein moralischer
Mensch!

Noch auf seinem Sterbelager wird er diese Worte wiederholen -- und
selbst dann wird nichts sich regen in seinem steinernen Herzen -- in
diesem Herzen ohne Makel und Fehl.

O Scheusal der selbstzufriedenen, unbeugsamen, wohlfeilen Tugend --
schwerlich kannst du berboten werden von dem nackten Scheusal des
Lasters!




Das Fest beim hchsten Wesen


Einstmals beschlo das hchste Wesen, in seinem azurblauen Himmelspalast
ein Fest zu geben. Smtliche Tugenden waren von ihm zu Gaste gebeten.
Aber nur die weiblichen... Herren waren nicht geladen... blo Damen.

Sie hatten sich sehr zahlreich eingefunden -- die groen wie die
kleinen. Die kleinen Tugenden waren ein wenig zuvorkommender und
liebenswrdiger als die groen; doch schienen alle sehr befriedigt --
und man unterhielt sich in der artigsten Weise, wie es sich fr so nahe
Verwandte und Bekannte eben schickt. Mit einem Male bemerkte das hchste
Wesen zwei schne Damen, die sich gegenseitig gar nicht zu kennen
schienen.

Der Gastgeber nahm die eine dieser Damen bei der Hand und fhrte sie zu
der anderen.

Die Wohlttigkeit! sprach er, auf die erste deutend. Die
Dankbarkeit! fgte er hinzu und wies auf die zweite. Beide Tugenden
gerieten in sprachloses Erstaunen: seitdem die Welt besteht -- und sie
besteht schon ziemlich lange --, begegneten sie sich zum erstenmal.




Die Sphinx


Gelblich grauer, oben lockerer, unten harter, knirschender Sand... Sand
ohne Ende, so weit das Auge reicht!

Und ber dieser Sandwste, ber diesem Meer toten Staubes erhebt sich
das gigantische Haupt einer gyptischen Sphinx.

Was wollen sie sagen, diese mchtigen, wulstigen Lippen, diese
starr-geschwellten, aufgeworfenen Nstern -- und diese Augen, diese
lnglichen, halb trumenden, halb wachen Augen unter dem Doppelbogen der
hohen Brauen?

Gewi, sie wollen etwas sagen! Sie reden sogar -- doch nur ein dipus
vermag ihr Rtsel zu lsen und ihre stumme Sprache zu verstehen.

Ha! Nun erkenne ich diese Zge... jetzt haben sie nichts gyptisches
mehr. Die weie, niedrige Stirn, die vorspringenden Backenknochen, die
kurze, gerade Nase, der hbsche Mund voll weier Zhne, der weiche
Schnurrbart nebst dem krausen Kinnbrtchen -- und diese weit
auseinanderstehenden kleinen Augen... dazu das Haar, wie eine Mtze den
Kopf bedeckend und in der Mitte gescheitelt... Ei, das bist du ja,
Karp, Sidor, Semjon, du Buerlein aus Jaroslaw, aus Rjsan, mein
Landsmann, ehrliche russische Haut! Seit wann bist du denn unter die
Sphinxe geraten?

Oder willst du vielleicht auch etwas sagen? Ja; du bist freilich auch --
eine Sphinx.

Auch deine Augen -- diese farblosen, aber tiefen Augen reden... Und
auch ihre Sprache ist stumm und rtselvoll.

Wo aber ist dein dipus?

O Jammer! Die Bauernmtze sich aufzustlpen, ist leider nicht
ausreichend, um dein dipus zu werden, o du allrussische Sphinx!




Die Nymphen


Ich stand vor einer herrlichen, im Halbkreis ausgebreiteten
Gebirgskette; junger grner Wald bedeckte sie vom Kamm bis zur Sohle.

ber ihr wlbte sich in durchsichtigem Blau der sdliche Himmel; aus der
Hhe sandte die Sonne ihre spielenden Strahlen herab; drunten, halb
verborgen im Grase, murmelten flinke Bchlein.

Da erinnerte ich mich einer alten Sage von einem griechischen Schiffe,
das im ersten Jahrhundert nach Christi Geburt einst ber das gische
Meer fuhr.

Es war um die Mittagsstunde... In ruhiger Gltte lag die See. Da
ertnte mit einem Male hoch ber dem Haupte des Steuermanns eine
vernehmliche Stimme: Wenn du dort an der Insel vorbeisegelst, dann
lasse laut den Ruf erschallen: 'Der groe Pan ist tot!'

Der Steuermann staunte... und erschrak. Als aber das Schiff an der
Insel vorbeifuhr, da gehorchte er und rief: Der groe Pan ist tot!

Und sofort erschollen als Antwort auf seinen Ruf lngs des ganzen Ufers
(obwohl die Insel unbewohnt war) schmerzliche Seufzer, Sthnen und
langgezogene Klagelaute: Tot, tot! Der groe Pan ist tot!

Diese Sage also war mir eingefallen... und da kam mir der sonderbare
Gedanke: Wie, wenn nun auch ich jetzt diesen Ruf erschallen liee?

Doch im Angesichte der rings mich umgebenden Lebenswonne widerstrebte es
mir, an den Tod zu denken, und so rief ich denn mit aller Kraft:
Auferstanden, auferstanden ist der groe Pan!

Und sogleich, o Wunder! -- erscholl als Antwort auf meinen Ruf lngs des
ganzen weiten Halbkreises grnender Berge ein frhliches Lachen, ertnte
freudiges Stimmengewirr und Hndeklatschen. Er ist auferstanden! Pan
ist auferstanden! riefen jugendliche Stimmen. -- Pltzlich jubelte
alles da drben laut auf, heller als die Sonne in der Hhe und lustiger
als das Spiel der Bchlein, die unterm Grase murmelten. Gerusch
hurtiger, leichter Futritte wurde vernehmbar, durch das Waldesgrn
schimmerte das marmorne Wei wollener Gewnder und die lebensfrische
Rte nackter Krper... Nymphen waren es, Nymphen, Dryaden,
Bacchantinnen, die von der Hhe ins Tal herniedereilten. Nun erschienen
sie alle gleichzeitig am Waldessaum. Lockenhaar fliet um die gttlichen
Hupter, edelgeformte Hnde schwingen Krnze und Tamburins -- und
Lachen, freudiges, olympisches Lachen eilt und wogt mit ihnen heran...
Vor ihnen her schreitet eine Gttin. Sie ist grer und schner als alle
anderen, -- ein Kcher hngt von den Schultern herab, in der Hand trgt
sie einen Bogen, auf dem verschlungenen Lockenhaar schimmert eine
silberne Mondsichel...

Diana -- bist du es?

Pltzlich aber macht die Gttin halt... und gleichzeitig hielt die
ganze ihr folgende Nymphenschar inne. Das helle Lachen erstarb. Ich sah,
wie sich das Antlitz der pltzlich verstummten Gttin mit einer
tdlichen Blsse bedeckte; ich sah, wie ihre Fe versteinerten, wie ihr
Mund in unbeschreiblichem Entsetzen sich ffnete und ihre Augen, starr
in die Ferne gerichtet, sich weit auftaten... Was hatte sie gesehen?
Wohin blickte sie?

Ich wandte mich nach der Richtung, nach der sie sah... Am uersten
Saume des Himmels, hinter dem flachen Streif der Felder flammte wie ein
feuriger Punkt das goldene Kreuz auf dem weien Turm einer christlichen
Kirche... Dieses Kreuz hatte die Gttin erblickt. Hinter mir vernahm
ich einen zitternden, langen Seufzer, dem Beben einer zerspringenden
Saite gleich -- und als ich mich wieder umwandte, waren die Nymphen
spurlos verschwunden... Der weit ausgedehnte Wald grnte wie zuvor, und
nur hie und da, durch das dichte Gezweig hindurch, leuchtete auf und
verschwand etwas Weies. Waren es die Gewnder der Nymphen oder stieg
Nebel vom Talgrund auf -- ich wei es nicht.

Wie schmerzlich aber empfand ich das Verschwinden der Gttinnen!




Freund und Feind


Ein zu lebenslnglichem Kerker Verurteilter entkam aus dem Gefngnis und
strzte in wilder Flucht einher.... Die Verfolger waren ihm auf den
Fersen.

Er rannte aus allen Krften... Schon begannen die Verfolger
nachzulassen.

Da, mit einem Male hemmt ihn ein Flu mit steilen Ufern -- ein schmaler,
aber tiefer Fluߠ... Und er kann nicht schwimmen!

Von einem Ufer zum andern schwebt ein dnnes, angefaultes Brett. Schon
hatte der Flchtling den Fu darauf gesetzt... Der Zufall wollte nun,
da drben am Flusse sein bester Freund, sowie sein erbittertster Feind
standen.

Der Feind sagte nichts, sondern verschrnkte blo die Arme; der Freund
dagegen schrie aus vollem Halse: Um Gottes willen! Was tust du? Besinne
dich, Wahnwitziger! Siehst du denn nicht, da dieses Brett vollstndig
verfault ist?! -- Es wird unter deiner Last brechen -- und du kommst
rettungslos um!

Es gibt aber doch keine andere Brcke... und hrst du nicht die
Verfolger? sthnte verzweifelt der Unglckliche und betrat das Brett.

Das lasse ich nicht zu!... Nein, ich lasse nicht zu, da du zugrunde
gehst! schrie der eifrige Freund und ri dem Fliehenden das Brett unter
den Fen weg. -- Der strzte jh in die reienden Wellen hinab -- und
ertrank.

Der Feind lachte befriedigt auf -- und ging von dannen; der Freund aber
setzte sich ans Ufer und zerflo in bitterlichen Trnen um seinen armen
-- armen Freund!

Sich selber jedoch die Schuld an dem Unfall beizumessen, das kam ihm gar
nicht in den Sinn... nicht einen Augenblick.

Er hrte nicht auf mich! Hrte nicht! schluchzte er trostlos.

Aber wenn auch! sagte er zum Schlu. Er htte ja doch sein ganzes
Leben lang im schrecklichen Kerker schmachten mssen! Wenigstens leidet
er jetzt nicht mehr! Jetzt ist ihm leichter! Gewi hat das Schicksal es
so gewollt! -- Und trotzdem, wie schmerzlich, rein menschlich
betrachtet!

Und die gute Seele vergo aufs neue bitterliche Trnen um den
unglckseligen Freund.




Christus


Ich sah mich als Jngling, fast noch als Knaben in einer niedrigen
Dorfkirche. -- Die Flmmchen der dnnen Wachskerzen glhten wie kleine
rote Punkte vor den alten Heiligenbildern.

Ein kleiner regenbogenfarbiger Lichtschein umgab jedes einzelne
Flmmchen. Es war dster und dmmerig in der Kirche... Vor mir aber
standen eine Menge Leute. Lauter schlichte, blonde Bauernkpfe. Von Zeit
zu Zeit neigten sie sich, beugten sich herab und erhoben sich wieder
gleich reifen Kornhren, wenn der sommerliche Wind wie eine sanfte Woge
ber sie hinstreicht. Mit einem Male kam jemand von hinten heran und
trat neben mich.

Ich wandte mich nicht nach ihm um -- aber ich fhlte sofort: dieser
Mensch ist -- Christus.

Rhrung, Neugier und Angst bemchtigten sich meiner im selben
Augenblick. Ich nahm mich zusammen... und sah meinen Nachbar an.

Ein Gesicht wie das aller anderen -- ein Gesicht, das allen
Menschengesichtern gleicht. Die Augen blicken ein wenig aufwrts,
andchtig und ruhig. Die Lippen sind geschlossen, aber nicht
zusammengepret: die Oberlippe ruht gleichsam auf der unteren; der kurze
Bart ist in der Mitte geteilt. Die Hnde gefaltet und unbeweglich. Auch
die Kleidung ist dieselbe wie bei allen brigen.

Wie kann das Christus sein! dachte ich bei mir. Solch einfacher,
einfacher Mensch! Es ist unmglich!

Ich kehrte mich ab. Doch ich hatte kaum den Blick von diesem einfachen
Menschen abgewandt, als mich wiederum das Gefhl berkam, als stnde
wirklich Christus an meiner Seite.

Noch einmal nahm ich mich zusammen... Und wieder erblickte ich dasselbe
Antlitz, das allen Menschengesichtern gleicht, dieselben alltglichen,
wenn auch unbekannten Zge.

Da wurde es mir pltzlich schwer ums Herz -- und ich kam zu mir. Nun
begriff ich erst, da gerade solch ein Antlitz -- ein Antlitz, das allen
Menschengesichtern gleicht -- Christi Antlitz sei.




Der Stein


Saht ihr wohl schon einmal am Meeresufer einen alten grauen Stein, wenn
an einem sonnigen Frhlingstage zur Flutzeit von allen Seiten die
frischen Wellen gegen ihn anschlagen -- anschlagen, ihn umspielen,
umschmeicheln -- und sein bemoostes Haupt mit einem Sprhregen
glnzenden Perlenschaumes benetzen? Der Stein bleibt wohl derselbe Stein
-- aber auf seiner Oberflche erscheinen leuchtende Farben.

Sie zeugen von jener fernen Zeit, da der geschmolzene Granit eben erst
zu erstarren begann und noch ganz in feurigen Farben glhte.

So ward auch jngst mein altes Herz von allen Seiten von jungen
Frauenseelen bestrmt -- und unter ihrer liebkosenden Berhrung rteten
sich seine seit langem verblaten Farben, die Spuren ehemaligen Feuers!

Die Wellen sind wieder zurckgestrmt... die Farben aber sind noch
nicht verblichen -- mag auch scharfer Wind sie trocknen.




Die Tauben


Ich stand auf dem Rcken eines sanft abfallenden Hgels; vor mir
breitete sich schimmernd wie ein Meer von Gold und Silber ein reifes
Roggenfeld aus. Keine Wellen aber glitten ber dieses Meer; bewegungslos
war die schwle Luft: ein starkes Gewitter braute sich zusammen.

Um mich herum strahlte noch die Sonne hei und trbe; aber dort, hinter
dem Roggenfelde, gar nicht mehr fern, lastete eine schwarzblaue
Wolkenwand wie eine gewaltige Masse auf dem ganzen Halbkreise des
Horizontes.

Alles war verstummt... alles war erstorben unter der unheildrohenden
Glut der letzten Sonnenstrahlen. Nicht ein einziger Vogel war zu hren
und zu sehen; sogar die Sperlinge hatten sich versteckt. Nur in der Nhe
irgendwo raschelte und klatschte ein einsames groes Klettenblatt.

Wie stark der Wermut am Feldrain duftet! Ich schaute auf die blaue
Wolkenmasse... und unruhige Erregung bemchtigte sich meiner. Nur
schnell, schnell! dachte ich bei mir, blitze, du goldene Schlange,
grolle, Donner! rege dich, wlze dich heran, strme herab, drohende
Wolke, und lse diese beklemmende Dumpfheit!

Doch die Wolke rhrte sich nicht. Wie zuvor lastete sie auf der
schweigenden Erde... und nur noch mchtiger ballte und verfinsterte sie
sich.

Da mit einemmal erschien auf ihrem einfarbigen Blau ein schimmerndes
Etwas in gleichmiger, schwimmender Bewegung; man konnte auf ein weies
Tchlein raten oder auf eine Schneeflocke. Es war eine weie Taube, die
vom Dorfe herbergeflogen kam.

Sie flog, flog immer geradeaus, geradeaus... und verschwand hinterm
Walde.

Einige Augenblicke vergingen -- immer noch herrschte dieselbe furchtbare
Stille... Doch sieh! Jetzt schimmern zwei Tchlein, zwei Schneeflocken
schweben zurck: in gleichmigem Fluge flattern zwei weie Tauben
heimwrts.

Und jetzt, endlich, brach der Sturm los -- und der wilde Tanz begann!

Mit genauer Not erreichte ich das Haus. -- Der Wind heult und tobt wie
ein Rasender, gleich zerrissenen Fetzen jagen die fahlroten,
niederhngenden Wolken dahin, alles dreht sich wirbelnd, stiebt
durcheinander, wie eine senkrechte Sule peitscht und strzt wtender
Platzregen herab, die Blitze blenden in grnlichem Feuer, wie
Kanonenschsse krachen die Donnerschlge in kurzen Pausen, es riecht
nach Schwefel... Aber unter dem vorspringenden Giebel, hart am Rande
des Bodenfensters, sitzen dicht beisammen zwei Tauben -- jene, welche
nach ihrer Gefhrtin ausgeflogen war -- und die, welche sie heimgebracht
und dadurch vielleicht gerettet hatte.

Beide haben sich dicht in ihr Flaumgefieder eingehllt -- und schmiegen
sich Fittich an Fittich...

Ihnen ist wohl! Und auch mir ist wohl, wie ich sie so betrachte...
Obgleich ich ganz allein bin... allein wie immer.




Morgen! Morgen!


Wie leer und schal und wie nichtig ist doch fast jeder durchlebte Tag!
Wie geringfgig die Spuren, die er hinterlt! Wie gedankenlos-stumpf
verrannen all die Stunden, eine nach der anderen!

Und dennoch klammert sich der Mensch ans Dasein; ihn dnkt das Leben ein
Schatz, all seine Hoffnungen baut er darauf, er baut sie auf sich
selbst, auf die Zukunft... O, wieviel Glck erwartet er von der
Zukunft!

Warum aber bildet er sich ein, da die anderen, knftigen Tage dem
ebenverflossenen nicht gleichen wrden?

Doch das bildet er sich ja auch nicht ein. Ihm ist das Grbeln berhaupt
zuwider -- und er tut wohl daran.

Ei, morgen, morgen! -- damit trstet er sich, -- so lange, bis ihn
dieses Morgen ins Grab senkt.

Nun -- und liegst du erst einmal im Grabe -- dann hat dein Grbeln ganz
von selbst ein Ende.




Die Natur


Mir trumte, ich trte in einen groen, unterirdischen Saal mit hohen
Gewlben. Ein gewisses ebenso unterirdisches, gleichmiges Licht
erfllte den ganzen Raum.

Mitten im Saal sa ein majesttisches Weib in einem faltenreichen grnen
Gewande. Das Haupt auf die Hand gesttzt, schien sie in tiefes
Nachdenken versunken.

Ich begriff sofort, da dieses Weib -- die Natur selbst war, -- und wie
pltzlicher kalter Hauch rannen Schauer der Ehrfurcht durch meine Seele.

Ich nherte mich dem sitzenden Weibe und neigte mich ehrerbietig: O du
unser aller gemeinsame Mutter! rief ich aus. Worber sinnst du nach?
Gelten deine Gedanken dem knftigen Schicksale der Menschheit? Oder der
Frage, wie sie zur hchsten Vollkommenheit und Glckseligkeit gelangen
knne?

Langsam richtete das Weib ihre dunklen, strengen Augen auf mich. Ihre
Lippen bewegten sich -- und machtvoll erklang eine Stimme wie das
Drhnen des Eisens:

Ich sinne darber nach, wie den Beinmuskeln des Flohs eine grere
Kraft gegeben werden knne, damit er sich besser vor seinen Feinden zu
retten vermchte. Das Gleichgewicht zwischen Angriff und Gegenwehr ist
gestrt... Es mu wiederhergestellt werden.

Wie? entgegnete ich stammelnd. Daran denkst du? Sind denn aber nicht
wir -- wir Menschen, deine Lieblingskinder?

Das Weib runzelte leicht die Brauen: Alle Geschpfe sind meine Kinder,
sprach sie; ich sorge fr sie alle ohne Unterschied -- und ohne
Unterschied vernichte ich sie alle.

Aber Gte... Vernunft... Gerechtigkeit... stammelte ich wiederum.

Das sind Menschenworte, drhnte die eherne Stimme. Ich kenne weder
Gut noch Bse... Vernunft ist mir nicht Gesetz -- und was ist
Gerechtigkeit? -- Ich gab dir das Leben -- ich werde es dir wieder
nehmen und anderen Wesen geben, Wrmern oder Menschen... mir ist es
einerlei... Du aber wehre dich einstweilen -- und la mich in Ruhe!

Ich wollte noch etwas erwidern... doch da begann rings die Erde dumpf
zu sthnen und zu beben -- und ich erwachte.




Hngt ihn!


Das geschah im Jahre 1803, begann mein alter Bekannter, kurz vor
Austerlitz. Das Regiment, in welchem ich als Offizier stand, hatte in
Mhren Quartiere bezogen.

Es war uns streng verboten, die Bevlkerung zu beunruhigen und zu
drangsalieren; sahen uns die Leute doch ohnehin mit scheelen Augen an,
obgleich wir zu ihren Bundesgenossen zhlten.

Ich hatte einen Burschen, einen ehemaligen Leibeigenen meiner Mutter,
namens Jegor. Er war ein ehrlicher, stiller Mensch; ich kannte ihn von
klein auf und behandelte ihn wie einen Freund.

Eines schnen Tages nun erhob sich in dem Hause, in dem ich wohnte,
lautes Geznke und Wehklagen: der Wirtin waren zwei Hhner gestohlen
worden, und sie bezichtigte meinen Burschen dieses Diebstahls. Er
beteuerte seine Unschuld und rief mich zum Zeugen an... 'Er und
stehlen, er, Jegor Awtamanow!' Ich suchte die Wirtin von Jegors
Ehrlichkeit zu berzeugen, aber sie blieb taub gegen alles.

Mit einem Male scholl lautes Pferdegetrappel die Strae herauf: der
Oberbefehlshaber in eigener Person kam mit seinem Stabe vorber.

Er ritt im Schritt, eine dicke, massige Gestalt, mit gesenktem Kopfe und
Epauletten, die bis auf die Brust herabhingen.

Kaum hatte ihn die Wirtin erblickt -- als sie sich seinem Pferde
entgegenwarf, auf die Knie fiel -- und ganz auer sich, mit fliegenden
Haaren, meinen Burschen laut anzuklagen begann, wobei sie mit der Hand
auf ihn deutete.

'Herr General!' schrie sie, 'Eure Hoheit! Richten Sie! Helfen Sie!
Retten Sie! Dieser Soldat hat mich bestohlen!' Jegor stand auf der
Trschwelle, kerzengerade, die Mtze in der Hand, hatte sogar die Brust
herausgedrckt und die Hacken aneinandergenommen wie eine Schildwache --
und gab nicht einen Laut von sich! Mag sein, da ihn der Anblick dieser
ganzen, mitten auf der Strae haltenden Generalitt aus der Fassung
brachte, da er im Vorgefhl des ber ihn hereinbrechenden Unheils zu
Stein erstarrte -- mein armer Jegor stand blo da und blinzelte mit den
Augen, im Gesicht aber fahl wie Tonerde.

Der Oberbefehlshaber warf einen zerstreuten, finsteren Blick auf ihn und
brummte zornig: 'Nun?'... Jegor steht da wie eine Bildsule und zeigt
grinsend seine Zhne! Ein Unbeteiligter htte wirklich glauben knnen,
der Kerl lache.

Da sprach der Oberbefehlshaber kurz und bndig: 'Hngt ihn!' gab seinem
Pferde die Sporen und ritt weiter -- zuerst wieder im Schritt -- dann in
scharfem Trabe. Der ganze Stab rasselte hinter ihm her; nur ein
einzelner Adjutant wandte sich im Sattel um und warf Jegor einen
flchtigen Blick zu.

Den Befehl zu miachten, war ganz unmglich... Jegor wurde sofort
festgenommen und zur Exekution abgefhrt. Da brach er vllig zusammen --
und rief mit erstickter Stimme nur ein paarmal: 'Mein Gott! Mein Gott!'
-- dann halblaut: 'Gott droben wei es, ich wars nicht!' Bitterlich
weinte er, als er von mir Abschied nahm. Ich war in Verzweiflung.
'Jegor! Jegor!' schrie ich, 'warum hast du denn blo dem General nicht
geantwortet?' 'Gott droben wei es, ich wars nicht,' wiederholte der
rmste schluchzend. -- Selbst die Wirtin war entsetzt. Solch
frchterlichen Ausgang hatte sie gar nicht fr mglich gehalten, und nun
fing auch sie zu heulen an! Alle und jeden flehte sie um Schonung an,
versicherte, da sich ihre Hhner gefunden htten, da sie bereit sei,
alles aufzuklren...

Natrlich war alles dies vollkommen fruchtlos. Im Kriege, mein lieber
Herr, heits eben Mannszucht! Disziplin! Die Wirtin heulte immer lauter
und lauter. Als ihm der Geistliche bereits die Beichte abgenommen und
das Abendmahl gereicht hatte, wandte sich Jegor zu mir: 'Sagen Sie ihr,
Euer Wohlgeboren, sie mchte sich nicht so grmen... Ich habe ihr ja
schon verziehen.'

Als mein Bekannter diese letzten Worte seines Burschen wiederholt hatte,
flsterte er leise: Jegoruschka, mein Tubchen, du brave Seele! -- und
dabei rannen ihm die Trnen ber die gefurchten Wangen.




Was ich wohl denken werde...


Was ich wohl denken werde in dem Augenblicke, da die Sterbestunde
schlgt -- wenn ich dann berhaupt noch werde denken knnen?

Werde ich daran denken, wie schlecht ich mein Leben angewandt habe, wie
ich es verschlief, vertrumte, seine Gaben nicht zu genieen verstand?

Wie? Ist das schon der Tod? So schnell? Unmglich! Ich habe ja doch
noch nichts leisten knnen... Ich wollte ja eben erst an die Arbeit
gehen!

Werde ich an Vergangenes denken, im Geiste bei einigen wenigen kstlich
durchlebten Augenblicken verweilen, bei teuren Bildern und Gestalten?

Werden meine bsen Taten in meiner Erinnerung wach werden -- und wird
meine Seele von dem brennenden Schmerz verspteter Reue geqult werden?
Werde ich daran denken, was jenseit des Grabes meiner wartet... und
wartet dort berhaupt etwas meiner?

Nein... ich glaube, ich werde mich bemhen, gar nicht zu denken -- und
mich nach Mglichkeit mit irgendwelchen Lappalien abgeben, blo um meine
Aufmerksamkeit von der drohenden Finsternis, die sich schwarz vor mir
auftut, abzulenken.

Einst jammerte ein Sterbender mir unausgesetzt vor, da man ihm keine
Nsse zu essen geben wolle... und nur dort, in der Tiefe seiner
verlschenden Augen zuckte und zitterte etwas wie die gebrochene
Schwinge eines zu Tode verwundeten Vogels.




Wie frisch und duftig waren doch die Rosen...


Vor langer, langer Zeit las ich einmal irgendwo ein Gedicht. Ich verga
es bald wieder... die erste Zeile aber blieb mir im Gedchtnis:

Wie frisch und duftig waren doch die Rosen...

Winter ist es jetzt; der Frost hat die Fensterscheiben dick bereift; im
dunklen Zimmer brennt ein einziges Licht. Ich sitze da, in einen Winkel
gedrckt; in meinem Kopfe aber klingt es und klingt immerzu:

Wie frisch und duftig waren doch die Rosen...

Und ich sehe mich vor dem niedrigen Fenster eines russischen Landhauses
stehen. Sanft neigt sich der Sommerabend und wandelt sich zur Nacht, die
laue Luft duftet nach Reseda und Lindenblten; -- am Fenster aber sitzt,
mit geradeaufgesttztem Arm und den Kopf zur Schulter geneigt, ein
Mdchen -- und blickt schweigend und unverwandt zum Himmel auf, wie um
das Aufleuchten der ersten Sterne zu erwarten. Wie treuherzig
andachtsvoll sind diese sinnenden Augen, wie rhrend unschuldig diese
fragend geffneten Lippen, wie ruhig atmet diese erst im Erblhen
begriffene, noch vllig leidenschaftslose Brust, wie rein und zart sind
die Zge dieses jugendlichen Antlitzes! Kein Wrtchen wage ich an sie zu
richten, aber wie teuer sie mir ist, wie mein Herz pocht!

Wie frisch und duftig waren doch die Rosen...

Immer dunkler und dunkler wirds im Zimmer... Das herabgebrannte Licht
knistert, flchtige Schatten schwanken an der niedrigen Decke, drauen
heult und knirscht der Frost um die Mauer -- und mir ist, als vernhme
ich grmliches, greisenhaftes Geflster...

Wie frisch und duftig waren doch die Rosen...

Andere Bilder steigen vor mir auf... Ich hre den frhlichen Lrm
lndlichen Familienlebens. Zwei Blondkpfchen, eins an das andere
geschmiegt, schauen mich mit ihren hellen uglein munter an, die
frischroten Wangen zittern in verhaltenem Lachen, die Hnde haben sich
innig verschlungen, klare, jugendliche Stimmen schallen lebhaft
durcheinander; und weiter drinnen, im Hintergrunde des traulichen
Zimmers, gleiten andere, ebenso jugendliche Hnde mit behenden Fingern
ber die Tasten eines altvterischen Pianinos, und der Lannersche Walzer
vermag das Summen des patriarchalischen Samowars nicht zu bertnen...

Wie frisch und duftig waren doch die Rosen...

Das Licht wird trbe und verlischt... Wer hustet da so heiser und matt?
Zu meinen Fen liegt, fest zusammengekauert, in unruhigem Schlafe mein
alter Hund, mein einziger Gefhrte... Mich friert... Eisig durchbebt
es mich... und sie alle starben... starben dahin...

Wie frisch und duftig waren doch die Rosen...




Eine Seefahrt


Ich fuhr auf einem kleinen Dampfer von Hamburg nach London. Wir waren
unser zwei Passagiere: ich und ein kleiner Affe, ein Weibchen von der
Gattung der Seidenaffen, welches ein Hamburger Kaufmann seinem
englischen Geschftsfreunde als Geschenk sandte.

Das Tierchen war mit einer dnnen Kette an eine Bank auf dem Deck
angebunden, zerrte daran und piepte klglich wie ein Vogel.

Jedesmal, wenn ich an ihm vorbeiging, streckte es mir sein schwarzes,
kaltes Hndchen hin und richtete seine traurigen, beinahe menschlichen
Augen auf mich. -- Ich erfate seine Hand -- und da hrte es auf zu
piepen und zu zerren.

Es herrschte vollkommene Windstille. Rings breitete sich das Meer wie
ein unbewegliches, bleigraues, glattes Tafeltuch aus. Nur wenig war
davon sichtbar; ein Nebel lag darber, so dicht, da er die uersten
Mastspitzen verhllte und den Blick durch seinen weichen Schleier stumpf
und mde machte. Die Sonne hing wie eine trbrote Scheibe in diesem
Dunst; gegen Abend aber flammte sie auf und glhte in einem
geheimnisvollen, seltsamen Rot.

Lange, gerade Falten, den Falten schwerer Seidenstoffe vergleichbar,
glitten eine nach der anderen vom Bug des Schiffes abwrts, kruselten
sich und wurden immer breiter und breiter, gltteten sich endlich,
wippten und verschwanden. Zerschlagener Schaum schwoll unter den
gleichmig stampfenden Schaufelrdern empor; milchwei und leise
zischend zerflo er zu Schlangenstreifen, flo dann hinten wieder
zusammen und verschwand ebenfalls, vom Nebel verschlungen.

Unausgesetzt und ebenso klglich wie das Gewimmer des Affen bimmelte die
kleine Schiffsglocke am Steuer. Ab und zu tauchte ein Seehund auf -- um
gleich wieder kopfber unter der leichtbewegten Wasserflche zu
verschwinden. Der Kapitn, ein schweigsamer Mann mit einem
sonnenverbrannten, mrrischen Gesichte, rauchte seine kurze Pfeife und
spuckte verdrielich in die bewegungslose Flut. Auf all meine Fragen
antwortete er nur mit einem kurzen Gebrumm; mir blieb also nichts brig,
als mich wieder meinem einzigen Reisegefhrten zuzuwenden -- dem Affen.

Ich setzte mich neben ihn; er hrte auf zu wimmern und streckte mir aufs
neue seine Hand hin.

Feucht und einschlfernd umhllte uns beide der bestndige Nebel; und in
gleiches, gedankenloses Brten versunken saen wir eins neben dem
andern, wie zwei Verwandte.

Jetzt lchele ich wohl darber... damals aber empfand ich anders.

Wir alle sind Kinder einer Mutter -- und es tat mir wohl, da das arme
Tierchen sich so vertrauensvoll beruhigte und sich an mich schmiegte,
wie an einen Verwandten.




N. N.


Harmonisch und ruhig wandelst du den Weg durchs Leben, ohne Trnen und
ohne Lcheln, kaum durch eine gleichgltige Anteilnahme belebt.

Du bist gut und bist klug... und doch ist dir alles fremd -- und du
brauchst niemanden.

Du bist schn -- und doch vermag niemand zu sagen, ob du Wert auf deine
Schnheit legst oder nicht. -- Selbst bist du teilnahmlos -- und
verlangst keine Teilnahme.

Dein Blick ist tief -- und doch nicht gedankenvoll; leer ist es in
dieser lichten Tiefe.

So wandeln in den elysischen Gefilden, bei den erhabenen Klngen
Gluckscher Melodien, leidlos und freudlos harmonische Schatten.




Halt inne!


Halt inne! So wie ich dich jetzt sehe -- so bleib fr immer in meinem
Gedchtnis!

Von deinen Lippen schwang sich der letzte, begeisterte Ton -- deine
Augen glnzen nicht und strahlen nicht -- sie verdunkeln sich, berwltigt
von Glck, vom seligen Bewutsein jener Schnheit, die es dir gelang zu
verknden, jener Schnheit, nach der du deine triumphierenden, deine
ermatteten Arme ausstreckst!

Welch ein Licht, zarter und reiner als Sonnenlicht, fliet um deine
ganze Gestalt, um die kleinsten Falten deines Gewandes?

Welcher Gott hat mit liebkosendem Hauch deine entfesselten Locken
zurckgeweht?

Sein Ku flammt auf deiner weien, marmorgleichen Stirn. Da ist es --
das offenbarte Geheimnis, das Geheimnis der Poesie, des Lebens, der
Liebe! Da ist sie, da ist sie, die Unsterblichkeit! Eine andere
Unsterblichkeit gibt es nicht -- und braucht es nicht zu geben. -- In
diesem Augenblick bist du unsterblich. Er wird schwinden -- und dann
bist du wieder ein Hufchen Asche, ein Weib, ein Kind... Doch was liegt
dir daran! -- In diesem Augenblick -- standest du hher, standest ber
allem Vergnglichen und Zeitlichen. -- Dieser _dein_ Augenblick bleibt
unvergnglich. Halt inne! Und la mich teilhaben an deiner
Unsterblichkeit, la in meine Seele einen Abglanz deiner Ewigkeit
strahlen!




Der Mnch


Ich kannte einen Mnch, einen Einsiedler, einen Heiligen. Er lebte nur
in der Wonne des Gebets -- und in diesem seligen Rausche stand er so
lange auf den kalten Steinfliesen der Kirche, bis ihm seine Fe
unterhalb der Knie anschwollen und wie zu Sulen erstarrten. Er fhlte
sie nicht mehr, stand da -- und betete.

Ich verstand ihn -- vielleicht beneidete ich ihn auch -- aber auch er
soll mich verstehen und mich nicht verurteilen -- mich, dem seine
Freuden unzugnglich sind.

Ihm ist es gelungen, sich selbst, sein verhates Ich zu vernichten; doch
wenn ich auch nicht zu beten vermag, so ists doch nicht Eigenliebe, die
mich davon abhlt.

Mein _Ich_ ist mir vielleicht noch beschwerlicher und verhater, als ihm
-- das seine.

Er fand ein Mittel, sich selbst vergessen zu knnen... aber auch ich
finde ein solches, wenn auch kein dauerndes. Er lgt nicht... aber auch
ich lge ja nicht.




Noch wollen wir kmpfen!


Welch geringfgige Kleinigkeit vermag doch zuweilen einen Menschen
vllig umzustimmen!

Tief in Gedanken verloren ging ich einst auf der Landstrae.

Drckende Ahnungen lasteten auf meiner Brust; Mutlosigkeit hatte sich
meiner bemchtigt.

Ich erhob den Kopf... Vor mir, zwischen zwei Reihen hoher Pappeln, lief
der Weg schnurgerade in die Ferne. Und darberhin, ber ebendiesen Weg,
etwa zehn Schritt vor mir, von der hellen Sommersonne goldig umstrahlt,
hpfte im Gnsemarsch eine ganze Spatzenfamilie, so recht keck, vergngt
und unbesorgt!

Besonders einer von der Schar plumpste mit so verwegenen Quersprngen
einher, blhte sein Krpfchen und zwitscherte so frech, gerade als
schere er sich um keinen Teufel! Ein Held -- Zoll fr Zoll!

Und unterdessen kreiste hoch am Himmel ein Habicht, der vielleicht
gerade die Bestimmung hatte, diesen Helden aufzufressen.

Ich sah mir das an, schttelte mich vor Lachen -- und augenblicklich
waren die trben Gedanken verflogen: ich fhlte wieder Mut,
Widerstandskraft und Lebenslust.

Mag doch auch ber _meinem_ Haupte ein Habicht kreisen...

-- Noch wollen wir kmpfen, Teufel auch!




Das Gebet


Um was der Mensch auch immer beten mag -- er betet um ein Wunder. Jedes
Gebet luft schlielich darauf hinaus: Groer Gott, gib, da zwei mal
zwei -- nicht vier sei.

Nur ein solches Gebet ist das wahre Gebet von Angesicht zu Angesicht. Zu
einem Weltgeist, zum hchsten Wesen, zum Kantschen, Hegelschen
abstrakten, wesenlosen Gotte beten -- ist unmglich und undenkbar. Aber
kann denn ein persnlicher, lebendiger, leibhaftiger Gott auch wirklich
machen, da zwei mal zwei -- nicht vier sei?

Jeder Glubige ist verpflichtet zu antworten: Ja, er kann es -- und
ist verpflichtet, in sich selber diese berzeugung zu festigen.

Wenn sich nun aber sein Verstand gegen solche Unvernunft auflehnt?

Hier kommt ihm dann Shakespeare zu Hilfe: Es gibt mehr Ding' im Himmel
und auf Erden, Freund Horatio... usw.

Will man ihm aber im Namen der Wahrheit widersprechen -- dann hat er
blo die berhmte Frage zu wiederholen: Was ist Wahrheit?

Und darum: lat uns trinken und frhlich sein -- und beten.




Die russische Sprache


In Tagen des Zweifels, in Tagen drckender Sorge um das Schicksal meines
Heimatlandes -- bist du allein mir Halt und Sttze, o du groe,
mchtige, wahrhaftige und freie russische Sprache! -- Wenn du nicht
wrst -- mte man da nicht verzweifeln angesichts alles dessen, was
sich daheim vollzieht? -- Undenkbar aber ist es, da eine solche Sprache
nicht auch einem groen Volke sollte gegeben sein!




     Inhalt


     Das Dorf                                               5

     Ein Zwiegesprch                                       8

     Die Alte                                               9

     Der Hund                                              12

     Der Widersacher                                       12

     Der Bettler                                           14

     Erfahren wirst du noch, wie Toren richten             15

     Ein Zufriedener                                       16

     Eine Lebensregel                                      17

     Das Ende der Welt. Ein Traum                          17

     Mascha                                                20

     Der Dummkopf                                          22

     Eine Legende des Morgenlandes                         24

     Zwei Vierzeiler                                       26

     Der Sperling                                          30

     Die Totenschdel                                      31

     Die Tagelhner und der Weihndige. Ein Gesprch      32

     Die Rose                                              34

     Letztes Wiedersehen                                   36

     Ein Besuch                                            37

     #Necessitas -- Vis -- Libertas.# Ein Basrelief        39

     Das Almosen                                           39

     Das Insekt                                            41

     Die Kohlsuppe                                         43

     Die Gefilde der Seligen                               44

     Zwei Reiche                                           46

     Der Greis                                             46

     Der Berichterstatter                                  47

     Zwei Brder                                           48

     Dem Andenken an Frulein J. P. Wrewskaja              50

     Der Egoist                                            51

     Das Fest beim hchsten Wesen                          53

     Die Sphinx                                            53

     Die Nymphen                                           55

     Freund und Feind                                      57

     Christus                                              59

     Der Stein                                             60

     Die Tauben                                            61

     Morgen! Morgen!                                       62

     Die Natur                                             63

     Hngt ihn!                                            65

     Was ich wohl denken werde                             67

     Wie frisch und duftig waren doch die Rosen            68

     Eine Seefahrt                                         70

     N. N.                                                 72

     Halt inne!                                            72

     Der Mnch                                             73

     Noch wollen wir kmpfen!                              74

     Das Gebet                                             75

     Die russische Sprache                                 76




      Druck von Bernhard
      Tauchnitz in Leipzig




Anmerkungen zur Transkription:

Offensichtliche Druckfehler im Text wurden korrigiert, die Schreibweise
ansonsten aber wie im Original belassen.

Das Originalbuch ist in Frakturschrift gesetzt. Textauszeichnungen
wurden folgendermaen ersetzt:

     Sperrung:       _gesperrter Text_
     Antiquaschrift: #Antiqua#


Auflistung der gegenber dem Originaltext vorgenommenen Korrekturen:



Seite 17: Wenn Sie mal den Wunsch haben, ihrem Gegner gehrig
          --> Ihrem

Seite 73: auf den kalten Steinflieen --> Steinfliesen





End of the Project Gutenberg EBook of Gedichte in Prosa, by Iwan Turgenjeff

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or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.


Section  2.  Information about the Mission of Project Gutenberg-tm

Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
electronic works in formats readable by the widest variety of computers
including obsolete, old, middle-aged and new computers.  It exists
because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
people in all walks of life.

Volunteers and financial support to provide volunteers with the
assistance they need, are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
remain freely available for generations to come.  In 2001, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.


Section 3.  Information about the Project Gutenberg Literary Archive
Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
Revenue Service.  The Foundation's EIN or federal tax identification
number is 64-6221541.  Its 501(c)(3) letter is posted at
http://pglaf.org/fundraising.  Contributions to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
permitted by U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
throughout numerous locations.  Its business office is located at
809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
business@pglaf.org.  Email contact links and up to date contact
information can be found at the Foundation's web site and official
page at http://pglaf.org

For additional contact information:
     Dr. Gregory B. Newby
     Chief Executive and Director
     gbnewby@pglaf.org


Section 4.  Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
spread public support and donations to carry out its mission of
increasing the number of public domain and licensed works that can be
freely distributed in machine readable form accessible by the widest
array of equipment including outdated equipment.  Many small donations
($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United
States.  Compliance requirements are not uniform and it takes a
considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
with these requirements.  We do not solicit donations in locations
where we have not received written confirmation of compliance.  To
SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
particular state visit http://pglaf.org

While we cannot and do not solicit contributions from states where we
have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
against accepting unsolicited donations from donors in such states who
approach us with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make
any statements concerning tax treatment of donations received from
outside the United States.  U.S. laws alone swamp our small staff.

Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
methods and addresses.  Donations are accepted in a number of other
ways including checks, online payments and credit card donations.
To donate, please visit: http://pglaf.org/donate


Section 5.  General Information About Project Gutenberg-tm electronic
works.

Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
concept of a library of electronic works that could be freely shared
with anyone.  For thirty years, he produced and distributed Project
Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.


Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
unless a copyright notice is included.  Thus, we do not necessarily
keep eBooks in compliance with any particular paper edition.


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     http://www.gutenberg.org

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